Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ieih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e e ücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk 50 Pf 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„—,„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. n ek V b Deutſche Unterhaltungs-ibliothek. —yyy— 3 6 ⁴ ſte Serie. ce⸗ Vee⸗ 8 Zehnter Band: Schmal geweckt. II. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Schmal gemeckt. Geſchichten und Novellen von GeTorge Heſekiel. Zweiter Theil. —44— Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Die Braut aus England. —'0— Heſekiel, Schmal geweckt. II. 1 I. Der gelbe Halon. Die Berliner Winterſaiſon von 1857 auf 1858 war ſtiller, namentlich als die der letzten fünf oder ſechs Jahre. Die Krankheit des Königs hatte nicht nur die Einſtellung der Hoffeſtlichkeiten zur Folge, ſondern nahm auch den meiſten Chefs der loyalen Adelsgeſchlechter die Luſt, den Winter in Berlin zu verleben wie in den Jahren zuvor. Dazu kam, daß die Häuſer des Landtages nicht im November, ſondern erſt im Januar zuſammenberufen wurden und endlich ſchreckte die große Geldcalamität, die von Amerika aus beinahe halb Europa überzog und in Berlin noch zahlreiche Opfer heiſchte, auch die moderne noblesse dorée von jeder außergewöhnlichen Ausgabe ab. Dceennoch würde die Saiſon etwas weniger ſtill geweſen ſein, wenn nicht die Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm mit der Prinzeß Victoria für den Schluß des Januars 1858 angeſetzt geweſen wäre. Für dieſe Feierlichkeit nahm die Berliner Geſellſchaft alle ihre Fonds zuſammen, die geiſtigen ſowohl wie die, welche zinstragend angelegt werden, ſeit das baare Geld nur noch das ſchmutzige 1* Tauſchmittel gemeiner Leute iſt, während das Vermögen anſtändiger Menſchen lediglich auf dem Papiere ſteht. Es konnte nicht fehlen, daß in dieſer ſtillen Saiſon jener glücklich ſituirte Theil der Menſchheit, der noch die Zeit und den guten Willen hat, für die Geſellſchaft zu leben, daß der oft nicht wußte, wo er ſeine Abende zu⸗ bringen ſollte. So mancher Salon, der in früheren Jah⸗ ren ſich wöchentlich ein, oder ſogar zwei Mal gaſtfrei den „Vorgeſtellten“ und auch denen, die ſich vorſtellen wollten, geöffnet hatte, blieb in dieſem Winter conſequent geſchloſſen und ganze Fenſterreihen, die einſt öfter in dem Licht der hundert Gasflammen eines glänzend erleuchteten Ballſaals gefunkelt, machten ſich nur noch durch ihre tiefern Schatten bemerklich. Ja, mancher unermüdliche Ritter der Geſell⸗ ſchaft, manch unerſchrockener Büffetſtürmer, mancher Held des Geſellſchaftstanzes, mancher beau phraseur ſah ſich in dieſer ſtillen Saiſon zu unrühmlicher Thatenloſigkeit verurtheilt. Solche Thatenloſigkeit aber fiel feurigen Ge⸗ müthern ſchwer zu tragen und in der Verzweiflung ent⸗ ſchloſſen ſich viele von dieſen Rittern der Geſellſchaft jene unmodernen Salons mit ihrer Gegenwart zu beehren, in denen weder die„lanciers“ noch überhaupt getanzt wurde, in denen kein langhaariger fremder Virtuoſe, mit einer gelben Galgenſchwengel⸗Phyſiognomie und auf dem Rad gebrochenem Deutſch im Munde, den Intereſſanten und das Piano ſpielte, in denen keine Fremde„von Diſtinction“ aufgeführt wurden, um ſich daſelbſt begaffen zu laſſen; Salons, in denen die Tiſche nicht mit glänzend eingebunde⸗ nen Büchern und Albums bedeckt waren, kurz, ganz alt⸗ modige, eigentlich höchſt unfeine Salons, in denen ſich die Bekannten des Hausherrn oder der Hausfrau einfach zuſammenfanden, um ſich zu unterhalten von dem, was ſie wirklich intereſſirte, endlich, um einer Geſelligkeit ſich hinzugeben, wie ſie unſere Väter liebten. Die Ritter der modernen Geſellſchaft wurden nicht von allen dieſen Kreiſen in gleicher Weiſe aufgenommen; wir müſſen im Gegentheil eingeſtehen, daß man nur in wenigen das Glück ganz zu ſchätzen wußte, und daß man in einigen ſogar ziemlich üble Miene machte und von einem Einbruch moderner Barbarei in das Heiligthum der alten guten Geſellſchaft flüſterte. Grade in dieſen Kreiſen aber herrſchte die altmodige Tugend der Höflichkeit noch ſo unbedingt, daß man ſein Mißfallen an der ganzen ungewohnten Er⸗ ſcheinung die Einzelnen nicht entgelten ließ und es den Perſönlichkeiten gegenüber ſoviel als möglich zu verbergen ſtrebte. Das war übrigens eine Höflichkeit ohne allen Anſpruch auf Anerkennung, denn diejenigen, denen ſie zu Gute kam, bemerkten ſie gar nicht und nahmen ſie hin wie ſchuldigen Tribut. Am höflichſten wurden die Ritter der modernen Bar⸗ barei in dem höchſt altmodigen Salon der Staatsräthin von Bechefer empfangen, vielleicht weil man da ihren Einbruch am ſchwerſten empfand und am ungeduldigſten trug. Was wollte die moderne Geſellſchaft auch in jenen ſtillen Räumen, aus denen die laute Luſt und das rau⸗ ſchende Vergnügen ſeit ſo vielen Jahren verbannt waren, oder wo vielmehr ſie eigentlich niemals geherrſcht hatten? Frau von Bechefer wohnte in einem jener alten Herren⸗ häuſer unter den Linden, die jetzt immer ſeltener werden, an denen aber auch nichts modern iſt, als allenfalls ihr äußerer Abputz. Das große Haus mit den tiefen Höfen hatte ein Jahrhundert früher der General von Bechefer gebaut, der aus Vitry, ſeiner franzöſiſchen Heimath aus⸗ gewandert war, um unter dem jungen Königsadler von Preußen zu dienen und an der Spree eine neue Heimath zu gründen. Es war die erſte Einrichtung des Hauſes im Weſentlichen dieſelbe geblieben und die Stille, die auf den breiten Treppen, in den langen Gängen und auf den tiefen Höfen herrſchte, wurde auch durch den fremden Diplomaten, den Geſandten einer Macht dritten Ranges, nicht geſtört, dem Frau von Bechefer auf die dringende Bitte einer intimen Jugendfreundin die erſte Etage ihres Hauſes vermiethet hatte. Der Herr Geſandte war ein ältlicher Junggeſell, der die Stille liebte, keine Feſte gab, keine unnöthige Dienerſchaft hielt, ſeine Geſchäfte mit einem einzigen auch nicht mehr jungen Secretair in muſter⸗ hafter Ordnung beſorgte und ſeine liebſte Erholung bei einer Partie Whiſt oder Lhombre fand, die er am Abend im nahe gelegenen adeligen Caſino zu ſpielen pflegte. Wer die Staatsräthin von Bechefer beſuchte, der wurde von einem ihrer eisgrauen Diener, die Köpfe dieſer Leute waren noch grauer wie ihre Livreen, durch eine ziemlich lange Reihe von Zimmern geführt, die einen beinahe un⸗ heimlichen Eindruck machten, weil ihre altmodige, etwas verblichene, wenn auch ſolide Pracht in der matten Be⸗ leuchtung geſpenſtiſch erſchien. Es waren reiche Tapeten, * * welche die Wände bedeckten, die Bilder und Statuen, welche da aufgehängt und aufgeſtellt, waren nicht ohne Werth, es gab ſogar mehrere ſeltene und geſuchte Stücke darunter, die Meubles waren durchaus gediegen und ge⸗ ſchmackvoll, wenn auch im Sinne einer längſt vergangenen Zeit; dennoch aber erſchien das Ganze in dem ſchwachen Schimmer der einzelnen Wachskerze, die auf hohem Silber⸗ leuchter jedes Zimmer erleuchtete, wüſt und unwohnlich. Fröſtelnd durchſchritten die meiſten Beſucher dieſe ſtillen Räume, ſich an dem Wagengeraſſel, das dumpf von der Straße heraufſcholl, erfreuend, dem einzigen Lebenszeichen, das ſie hier vernahmen. 3 1 Hinter dieſen öden Prachtzimmern aber lag nach dem Hofe hinaus die Wohnung der Frau vom Hauſe, bequem und behaglich eingerichtet, erleuchtet und erwärmt; auch altmodig und prächtig, aber erfüllt und durchweht von dem Hauche wahrer Vornehmheit, ſtiller Geſchloſſenheit und friedlicher Genügſamkeit. In dem mattgelb ausgeſchlagenen Salon der Staats⸗ räthin lief an zwei Wänden hin eine breite Polſterbank, reizende Blumenſtücke und Stillleben leuchteten farben⸗ prächtig von den Wänden nieder. Ein altes, aber ſchönes Inſtrument ſtand der einen Seite der Ottomane gegen⸗ über, der andern ein großer Ofen mit einem mächtigen Blumenkorb gekrönt. In der Ecke der Polſterbank, die aber ſoweit von den Wänden abſtand, daß ſie einen be⸗ quemen Gang freiließ, war der Sitz der Frau vom Hauſe, vor ihr ſtand der große Boule⸗Tiſch, an deſſen freien Seiten ſich Stühle mit hohen ſteifen Rückenlehnen ſich reiheten, die wie die Ottomanen mit gelben Kiſſen belegt waren. An einem der naſſen, regneriſchen, unangenehmen Abende, an denen der December des Jahres 1857 ſo reich war, ſaß die Herrin des Hauſes noch allein an ihrem Platz, obwohl die Pendule im Nebenzimmer, wo das Souper ſervirt wurde, bereits die Melodie der ſchö⸗ nen Bourboneſerin mit etwas dünner Stimme geflötet und die achte Stunde angezeigt hatte. Sonſt waren um dieſe Zeit die Getreuen des Hauſes ſchon verſammelt. Frau von Bechefer war keine eigentlich alte Dame zu nennen, obwohl ſie ſchon bejahrt war, ſie war eine fran⸗ zöſiſche Schweizerin von Geburt und hatte jugendliche Saltung und jugendliche Manieren ſich bewahrt, weil ihr Geiſt und Herz jung geblieben. Dieſe Friſche und geiſtige Zugendlichkeit traten um ſo anmuthiger bei ihr hervor, als ſie durch ihre Toilette durchaus keinen Anſpruch erhob, jünger erſcheinen zu wollen, als ſie war. Eine Robe von ſchiefergrauer Seide umſchloß ihre ſchlanke Geſtalt und unter einer ſchwarzen Spitzenhaube, die ſie nicht abgelegt ſeit ihres Gemahls Tode, blitzten ihre leuchtenden ſammet⸗ ſchwarzen Augen mit einem unbeſchreiblich milden Schein; ſonſt hatte ihr weißes, kleines Geſichtchen keinen Anſpruch auf Schönheit mehr, hatte ſolchen vielleicht nie gehabt, ja, der etwas große Mund und die dünnen Lippen wären häßlich geweſen, hätte ihn nicht jenes feine leiſe ſpöttiſche Lächeln umſchwebt, das eine geiſtige Ueberlegenheit mild andeutet, das jetzt ſo ſelten geworden iſt, welches aber die beſſeren Portraits unſerer Großväter oder Großmütter oft ſo — anziehend macht. Frau von Bechefer hielt in ihren zarten Händen jene ewige Stickerei, die ſo oft der Gegenſtand des Scherzes und des Spottes zwiſchen ihr und ihren Freunden war; denn ſelbſt die Aelteſten derſelben erinnerten ſich nicht, die Dame jemals ohne dieſe Stickerei geſehen zu haben, welche niemals fertig wurde. Nun, der Kammerherr kommt doch! ſagte die Dame befriedigt zu ſich ſelbſt, als ſie langſame, etwas ſchwere Schritte im Vorzimmer vernahm. Sie nickte dem ältlichen Herrn freundlich zu, der, in dem überaus einfachen Frack der Königlichen Kammer⸗ herren, gleich darauf in's Zimmer trat und ſich beeilte, der Dame etwas ceremonieuſe die Hand zu küſſen. Sie haben Dienſt gehabt heute, lieber Kammerherr, und kommen doch noch? Das iſt freundlich von Ihnen! ſprach die Dame mit einem Lächeln, das ihre ungeheuchelte Dankbarkeit ſehr anmuthig ausdrückte. Wahrlich, meine Gnädige, Sie haben nicht Urſache, erwiderte der Kammerherr raſch, mir dafür zu danken, ich mache mir eine Freude, wenn ich zu Ihnen komme! Es iſt die größeſte Freude für mich, mein alter Freund, entgegnete die Dame mit einem Tone, der genau die Mitte, zwiſchen Heiterkeit und Rührung hielt, das von Ihnen zu hören! Nun, neu kann Ihnen dieſer Satz doch nicht mehr ſein! meinte der Kammerherr, der mit leichtem Tone über die Sache wegwollte und hob ſein Lorgnon an die Augen, zugleich ließ er ſich neben der Dame auf die Polſterbank nieder und muſterte die leeren Stühle gegenüber. — 10— Was ſehen Sie da ſo Merkwürdiges? fragte Frau von Bechefer, welche die Abſicht des Kammerherrn, abzu⸗ lenken, ſogleich verſtanden hatte. Ich ſehe ſo Viele, die nicht da ſind! antwortete der freundliche Hofmann gutmüthig lachend. Nun, weil wir allein ſind, ſprach die Dame leiſe mit⸗ lachend, ſoll Ihnen dieſer alte Scherz verziehen ſein! Da iſt's gut, daß ich ihn ausgegeben habe, bemerkte der Kammerherr raſch, denn wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt unſer téte-à-téte bereits zu Ende, meine gnädige Frau! Die Dame warf einen ſeltſamen rapiden Blick auf den Cavalier, der Blick war indiscret, er verrieth eine ganze Geſchichte, es war, als wolle er ſagen: Menſchen⸗ kind, wie alt biſt Du geworden, ſonſt nahmſt Du es nicht ſo leicht, wenn Dein téte-à-téte mit mir geſtört wurde. In der That, vor vielen Jahren hatte man im engeren Kreiſe von einer zärtlichen Liaiſon zwiſchen dem Kammer⸗ herrn von Weißenbach und der verrwittweten Staats⸗ räthin von Bechefer geflüſtert. d Es iſt unſer verehrter Graf von der Muſik! ſagte der Kammerherr, indem er ſich erhob und dem eintretenden Herrn, der durch treue Pflege edler Muſik, durch gediegene Compoſitionen und freundliche Unterſtützung junger Ta⸗ lente weit berühmt war, ſein Compliment machte. In der Muſik iſt der Grafentitel viel zu wenig für Sie, ſprach die Hausfrau ſchmeichelhaft, und doch nicht ſchmeichelnd, in der Muſik ſind Sie wenigſtens Herzog, Excellenz. — — 11— Laſſen Sie mich immer Graf bleiben, gnädige Frau, entgegnete die Excellenz leicht, Markgraf, denn ich ver⸗ theidige nach beſten Kräften die Grenz⸗Marken der wah⸗ ren Muſik gegen allerlei zudringliches, aufdringliches und eindringliches Zeug, das ſich für Muſik auszugeben wagt. Doch hören Sie zu und ſagen Sie mir, was das iſt? Der Graf, der die Airs eines großen Herrn nicht affectirte, ſondern wirklich hatte, ging zu dem Inſtrument, ließ ſich nieder und begann zu ſpielen. Ihm allein war das verſtattet, ſonſt durfte Keiner der Beſucher des Hau⸗ ſes wagen, dieſe Taſten zu berühren. Der Excellenz war es einſt als der Preis für eine gar treffliche Compoſition geſtattet worden und ſelbſt dieſe hütete ſich, oft von ſolcher Erlaubniß Gebrauch zu machen, denn er wußte, daß Frau von Bechefer ſtets eine unangenehme Empfindung zu über⸗ winden hatte, wenn Jemand auf ihrem Flügel ſpielte. Sie hatte einſt ſelbſt erklärt, das Spiel eines Andern auf ihrem Inſtrument drücke ſich wie ein indiscreter Blick in ihre Seele. Sonſt hatte übrigens das Inſtrument nichts Beſonderes, im Gegentheil, es war alt und etwas ſtumpf. Was der Graf ſpielte war allerdings wohl geeignet, die Aufmerkſamleit der Hörer zu feſſeln, erſt klangen die Töne muthig, aber gehalten, faſt marſchmäßig, dann er⸗ huben ſich zwei Tongeiſter, die miteinander zu ringen ſchienen, ein unnennbares Weh lag in dem Zwieſpalt, endlich ſchien ſich der Sieg zu entſcheiden, in einen Triumph⸗ laut brach er aus und dann bebte eine ſo tief ſchmerz⸗ liche Wehmuth nach in leiſen Klängen, daß ſich Frau von — 12— Bechefer erſchüttert zurücklehnte und ihre Hände in den Schooß ſinken ließ. Was iſt das, lieber Kammerherr? fragte die Excellenz ſich wieder erhebend und das Inſtrument ſchließend. Der Gefragte ſchüttelte den Kopf. Ich will es Ihnen ſagen, rief der Graf mißmuthig und erregt zugleich, es iſt albernes, dummes Zeug, ich weiß nicht, ob ich geträumt habe, da ich's ſetzte, oder nicht, ſeit ich's aber gethan, verfolgt es mich, ich werde es nicht wieder los! Darf ich fragen, Excellenz, begann die Frau vom Hauſe.— Es iſt mir lieb, daß ich Ihnen nicht antworten muß — unterbrach der Graf mit eigenthümlichem Lächeln, es kommt noch Geſellſchaft und ich bitte um Ihr Schweigen über dieſe tolle Muſik. Der Geheime Commerzien⸗Rath Auligk, ein reicher ſchleſiſcher Fabrikherr und ſein Sohn ein höchſt liebens⸗ würdiger Kammergerichts⸗Referendarius, der die erfreuliche Ausſicht auf ein Rittergut und die Stellung eines Land⸗ rathes hatte, aber doch melancholiſch ausſah, traten zu⸗ ſammen ein. Ein feiner Beobachter hätte an ihrem Be⸗ nehmen bald erkennen müſſen, daß ſie hier nicht nur als Gäſte, ſondern auch als nahe Verwandte auftraten. Der Geheime Commerzienrath, ein kleiner, etwas ge⸗ ſchniegelter Herr mit klugen, kleinen Augen, hatte eine unbeſchreiblich glückliche Art, in kurzen, oft ſcharf zuge⸗ ſpitzten Sätzen zu reden; lebendig und anregend hatte er bald ein Geſpräch in Gang gebracht, welches noch lebhafter 17 17 — 13— wurde, als der Geheimerath Alberty, von dem eifrig re⸗ denden Frabrikherrn unbemerkt, in den Salon trat und plötzlich ſein großes, volles Geſicht, ſeine krumme Naſe und ſeine mächtigen geiſtvollen Augen vorſchob, um dem Commerzienrath wie gewöhnlich Oppoſition zu machen. Da wird eine Batterie demaskirt! bemerkte der Graf ſcherzend. Feuer! kommandirte der Kammerherr. Der Fabrikherr hielt das Feuer muthig aus und konnte ſich endlich gewiſſermaßen des Sieges rühmen, denn Ge⸗ heimrath Alberty trat einen glänzenden Rückzug an, einen Rückzug, um den ihn der Sieger beneidete. Sie haben geſiegt, lieber Auligk! entſchied Frau von Bechefer in letzter Inſtanz. Der Sieg war ſchwer! bemerkte der Kammerherr mit einigem Spott. Spotten Sie nur, Herr von Weißenbach, rief der Com⸗ merzienrath launig, was wollen Sie gegen einen geiſt⸗ reichen deutſchen Schriftſteller machen, der ſeit zwanzig Jahren kein Buch geſchrieben hat und all ſeinen Witz auf⸗ ſpart, um arme Laien und Fabrikanten zu vernichten. Haben Sie wirklich gar nichts geſchrieben, ſeit zwanzig Jahren, lieber Alberty? fragte Frau von Bechefer. Sie hatten einſt die Gewogenheit, meine Gnädige, ein Gedicht von mir anzunehmen! erwiderte der Geheimrath ernſthaft. Mein Gott, das iſt etwa fünf Jahre her, lachte die Dame, iſt das Alles? Der Geheimrath machte ein unglaublich geheimniß⸗ volles Geſicht, welches ſo komiſch zugleich war, daß alle Anweſenden lachten. Glauben Sie ihm nicht, mahnte der Graf lächelnd, er möchte uns jetzt glauben machen, daß er insgeheim an einem ungeheuren Werke arbeite, es iſt aber nicht wahr, er thut gar nichts. Es giebt Zeugen, bemerkte der Referendarius, die den Herrn Geheimrath um ſechs Uhr Nachmittags noch im Bett gefunden haben. Ich geſtehe, daß ich nicht ſehr fleißig bin, wehrte ſich der hart Angegriffene, die Faulheit iſt ein altes Laſter bei mir, ſchon in Quarta machte ich meinen braven Leh⸗ rern viel Verdruß damit, aber ich habe den Troſt, daß ich doch beſſer bin als mein Ruf. Unter allgemeiner Heiterkeit ſetzte ſich der Geheimrath nieder. Wir ſind heute einmal wieder ganz unter uns wie in alten Zeiten, meinte der Kammerherr. Das erſte Mal, glaube ich, in dieſem Winter, ſtimmte die Excellenz ein. Nur der Oberſtlieutenant fehlt noch im Kreiſe meiner getreuen Freunde, ſagte die Staatsräthin. Er verdient, daß er fehlt, rief der Commerzienrath, er hat uns die modernen Hunnen in dieſe ſtillen Räume gebracht, erſt ſeinen Bruder, dann deſſen Sohn, dann deſſen Neffen, und ſo immer weiter. Haben Sie bemerkt, verehrte Frau Muhme, daß ich neulich ihr Inſtrument verſchloſſen habe? Der lange Ulanenofficier mit dem pol⸗ niſchen Namen war eben im Begriff, uns einen Ohren⸗ ſchmaus zu bereiten. Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre gütige Da⸗ zwiſchenkunft, lieber Auligk, ſagte die Frau vom Hauſe, noch dankbarer aber war ich Ihnen, lieber Alberty; ohne Ihre Energie hätte ich wahrhaftig ein kleines Tanzver⸗ gnügen hier veranſtalten müſſen, die beiden jungen Diplo⸗ maten des Auslandes ſchnitten mir alle Entſchuldigungen mit einem Eifer und einer Geſchicklichkeit ab, die ihnen gewiß eine glänzende Carriere ſichern, wenn ſie nur einen Theil derſelben in ihren Geſchäften merken laſſen. Der Geheimrath wollte antworten; in dem Augenblick aber trat ein ſchönes, großes, junges Mädchen ein, ſie war ganz ſchwarz gekleidet, und wurde von allen Anwe⸗ ſenden mit eben ſo viel Freude als Auszeichnung em⸗ pfangen. Ihr folgte ein Diener mit einer Platte, die mit alterthümlichen Gläſern beſetzt war. Mit wahrhaft fürſtlicher Hoheit und doch milder Freund⸗ lichkeit bediente das junge ſchöne Mädchen die Gäſte, Je⸗ dem einſchenkend, was er zu ſeiner Erquickung wünſchte, Wein oder Waſſer, denn Thee wurde nicht genommen in dieſem Salon. Als die Gäſte bedient waren, reichte Fräulein Cäcilie mit hinreißendem Lächeln eine Flaſche dem Geheimrath Alberty, der ſein Glas bereits geleert hatte, die dieſer ent⸗ zückt empfing und durch eine Kußhand dankte. Fräulein Cäcilie aber nahm alsbald auf der Ottomane neben Frau von Bechefer Platz, welche ihr freundlich die in leichtem Roſenroth blühende Wange ſtreichelte. — 16— Ich habe vorher mich gerühmt, daß ich beſſer ſei als mein Ruf, ſagte der Geheimrath Alberty mit heiterer Miene und gewichtiger Stimme, das will ich jetzt beweiſen. Ich bitte Eure Excellenz um kurze Aufmerkſamkeit. Die kann Ihnen nie entgehen, lieber Alberty, erwi⸗ derte der Graf lächelnd, ſie wird nur zu ſelten von Ihnen in Anſpruch genommen. Der Geheimrath entfaltete ein gewaltiges Notizenbuch und nahm ein winzig kleines Blatt heraus. Alle lachten, der Geheimrath aber las, von Zeit zu Zeit der ſchönen Cäcilie über das Blatt hin Blicke zuwerfend, die durch ähnliche beantwortet wurden, folgende Verſe: Wer je der Dichtung Kränze Um kalte Herzen ſchlagg, Wer je den kalten Seelen Von Schmerz und Liebe ſang; Wer je des Geiſtes Blüthen Umſonſt zum Opfer brach, Dem ſchlägt bei meinem Grüßen Das Herz mit raſcherm Schlag. Der traure nicht verdroſſen, Er trete ſtolz hinaus Und ſprüh' in hellen Flammen Den Zorn im Liede aus. Es bleibt bei jedem Opfer Der Altar doch nur Stein, Des Opfers Düfte ſteigen Zum Aether ſtolz und rein. Die Blüthen ſind gebrochen, Vergoſſen iſt der Wein, Das Opfer iſt gefallen Nur auf, nicht für den Stein. Nur wenn der Stein erwarmen Beim Opferfeuer kann, Wird er zur Gottheit ſelber Und nimmt die Gabe an. Warft ihr um kalte Herzen Den Kranz der Poeſie Und wollte bei dem Opfer Der Stein erwarmen nie; O laßt's euch nicht verdrießen Und tretet ſtolz hinaus, Die helle Glut des Zornes Strömt ſie im Liede aus. Da im Salon der Frau von Bechefer noch nicht die moderne Sitte herrſchte, nach welcher demjenigen, der ſich die Mühe giebt, die Geſellſchaft durch Vorleſung einer Poeſie zu unterhalten, unter der Maske der Freimüthig⸗ keit allerlei Grobheiten geſagt werden, ſo empfing der Geheimrath manches freundliche Wort des Dankes für ſeine immerhin hübſchen, wenn auch nicht gerad bedeu⸗ tenden Verſe, doch wollte Niemand zugeben, daß das kleine Gedicht ſeinen Verfaſſer vor dem üblen Renommée der Faulheit ſchütze. Mich haben Sie doch nicht gemeint mit dem kalten Herzen, Herr Geheimrath? fragte plötzlich Fräulein Cäcilie freundlich. Heſekiel, Schmal geweckt. II. 2 18= Sie ſahen meine Cäcilie ſo an, als Sie zu leſen be⸗ gannen, als ſollte das Gedicht eine Beziehung enthalten? ſetzte die Staatsräthin ſcherzend hinzu. Verzeihen Sie, entgegnete der Geheimrath auffallend ernſt, ich beabſichtigte, mich über mich ſelbſt zu beluſtigen. Das Gedicht fand ich neulich beim Durchleſen alter Pa⸗ piere und ſteckte es in dieſer Abſicht zu mir, ohne es weiter anzuſehen, da ich mich des Inhalts ungefähr erin⸗ nerte. Beim Leſen aber iſt eine wehmüthige Erinnerung aus alter Zeit wach geworden; das Bild der Dame, an die das Gedicht gerichtet, trat vor meine Seele; mir iſt die Luſt zum Scherz vergangen. Sie liebten wirklich? fragte die Staatsräthin, die echte Theilnahme ihrer dunkeln Augen und die Bewegung in ihren Zügen ließen die Doppeldeutigkeit nicht aufkommen, die in der Frage lag. Ich liebte und wurde nicht wieder geliebt! antwortete der Geheimrath ernſt.. Der gewöhnliche Fall, wenn man wirklich liebt! ſagte der Commerzienrath, ſeine Doſe öffnend. Die Staatsräthin warf ihrem Verwandten einen un⸗ willigen Blick zu, der neigte ſich ſpöttiſch dankend vor ihr, dann wendete er ſich zu dem Geheimrath und ſprach mit einer ſeltſamen Miſchung von Ernſt und Laune: Danken Sie Gott, daß Ihre Liebe keine Erhörung fand, beſter Alberty, ſo ſind Sie vor dem Unglück einer Inclinations⸗ heirath bewahrt worden. Es erhob ſich lebhafter Widerſpruch, namentlich von Seiten der Damen, die von dem Kammerherrn und dem — 10— Grafen tapfer unterſtützt wurden; der Commerzienrath ver⸗ ſtummte vor dieſer Gegnerſchaft, aber der Sohn trat für den Vater in die Schranken und declamirte mit einer beinahe grimmigen Haſt alle möglichen Sätze und Ge⸗ meinplätze, Sentenzen und Witze gegen die Inelinations⸗ Ehe her, dann ging er auf die Convenienz⸗Ehen über und vertheidigte dieſelben ebenfalls mit einem ſo reichen Ma⸗ terial, daß den Hörern ſchier ſchwindelig dabei wurde, zumal da der junge Mann gar keine Pauſe machte, ſon⸗ dern in einem Athem fortſprach. Er ſchloß mit der ſar⸗ kaſtiſchen Bemerkung: das ſind die Anſichten meines Vaters. Traurig blickte die Staatsräthin auf den jungen Mann; wie alle Anweſende mißbilligte ſie den heftigen Ausbruch, es war aber die höchſte Theilnahme bei dieſer Mißbilligung, denn wohl war Allen bekannt, daß der Referendarius eine innige Neigung zu einer armen Verwandtin gehegt, daß ihn aber ſein Vater gezwungen, ſolcher Neigung zu ent⸗ ſagen. Dieſe Angelegenheit war halb vergeſſen, denn zwei Jahre waren verfloſſen ſeitdem und ſelbſt die Staatsräthin hatte geglaubt, der junge Auligk habe ſeine frühere Liebe ganz aufgegeben, da vor Kurzem deſſen Verlobung mit einer reichen Engländerin bekannt gemacht worden war. Dieſe Engländerin hatte der Commerzienrath ſeinem Sohne zur Gemahlin beſtimmt und derſelbe hatte ſich ohne Wider⸗ ſpruch gefügt, obgleich er die junge Dame nie geſehen. Der Königliche Herr Referendarius haben ein treff⸗ liches Gedächtuiß, erwiderte der Fabrikherr lachend auf den Ausfall ſeines Sohnes, und darum will der Vater den kleinen Mangel an Reſpect gern überſehen. 2* — 20— Der Sohn reichte ſeinem Vater die Hand mit bitten⸗ dem Blick; der drückte ſie ihm freundlich und meinte: Verſtehe Dich ſchon, aber laß nur die Braut aus Eng⸗ land erſt hier ſein, dann wirſt Du nicht mehr ſo grimmig ſagen: Das ſind meines Vaters Anſichten! ſondern ſehr freundlich: Das ſind meines lieben Vaters Anſichten, die ich vollkommen theile! Der Referendarius wendete ſich ab, die Staatsräthin ſchüttelte mißbilligend den Kopf, aber ſie wußte ſchon, daß es vergeblich ſein würde, die Pläne des Commerzienrathes zu bekämpfen; der war in ſeinem Hauſe ganz ein Vater nach altem Schrot und Korn, was ſchon der völlig unmo⸗ derne Gehorſam ſeines Sohnes bewies. Frau von Be⸗ chefer fühlte ſich ſehr unangenehm berührt, daß ihr Ver⸗ wandter fortfuhr, mit großer Behaglichkeit von der baldi⸗ gen Hochzeit ſeines Sohnes zu ſprechen. Wenn Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Wilhelm nach England reiſt, um die Prinzeß Royal heim⸗ zuführen, dann ſoll auch mein Sohn hinüber, ich halte etwas auf glückliche Tage, mein Sohn ſoll einen Hoch⸗ zeittag mit Seiner Königlichen Hoheit haben. Und werden Sie auch nach England reiſen? fragte der Graf. Ich weiß noch nicht, Excellenz, antwortete der Com⸗ merzienrath heiter, ich will erſt ſehen, ob Seine Königliche Hoheit der Prinz von Preußen hinüber geht, ich will als guter Patriot ganz genau dem Beiſpiel des Königlichen Hauſes folgen. In dieſem Augenblicke meldete der Diener, daß ſervirt 5 V .— 21 ſei. Bei Frau von Bechefer wurde ganz altmodig noch zu Abend geſpeiſt. Die Heirath des Prinzen Friedrich Wilhelm und der Prinzeß Victoria, flüſterte der Graf bedeutſam dem Com⸗ ⁵maeerzienrath zu, iſt eine Inclinationsheirath! Geworden, Excellenz, antwortete Der eifrig, geworden und ich werde meinem lieben Kronprinzen gar nicht hin⸗ dern, die ihm beſtimmte Braut mit der ungeheuerſten Inclination zu lieben, ſondern mich im Gegentheil ſehr freuen, wenn wir bürgerlichen Auligks auch in dieſem Punkte den Königlichen Hohenzollern mit Glück nachſtreben. Man ging zu Tiſche— der Graf führte die Dame vom Hauſe, der Geheimrath Alberty hatte ſich mit großem Geſchick des ſchönen Arms bemächtigt, den ihm Fräulein Cicilie lächelnd reichte. Er hatte den wehmüthigen An⸗ flug, der ihm bei dem Vortrag ſeines Gedichtes über⸗ kommen, gänzlich und glücklich beſeitigt. II. Naive Bekenntniſſe. — Am andern Morgen ging Frau von Bechefer, ſichtlich ſehr bewegt, auf und ab in ihrem Wohnzimmer, obgleich der Frühſtückstiſch bereits ſervirt war und der würzige Duft des Kaffees einladend aufdampfte. Fräulein Cäcilie blickte halb verwundert, halb miß⸗ billigend auf die Dame, denn es war nicht gewöhnlich, die Staatsräthin Morgens alſo zu ſehen. Ihr Kaffee verliert Geruch und Geſchmack, liebe Mutter! ſagte Cäcilie, indem ſie ſich erhob und mit ſanfter Gewalt die Dame an den Frühſtückstiſch zog. Frau von Bechefer gehorchte mit leichtem Widerſtreben, aber ſie ge⸗ horchte; es lag in dem Weſen des großen, ſchönen Mäd⸗ chens ein Etwas, dem man nicht gern Widerſtand leiſtete; Cäciliens Bewegungen waren ſo entſchieden, wenn auch immer ruhig und würdevoll, ihr Blick dabei zwar ſehr freundlich und milde, aber dennoch Gehorſam fordernd. Das junge Mädchen gehörte zu denjenigen weiblichen Weſen, denen das Herrſchen angeboren iſt, deren Gebot aber um ſo unbedingter Gehorſam findet, weil ſich ihr Befehl in einen freundlichen Blick kleidet. Gehorſam nahm die Staatsräthin ihren Kaffee. Was beunruhigt Sie ſo, liebe Mutter, fragte Cäeilie, Sie haben ſchlecht geſchlafen, Ihre Augen haben nicht den rechten Glanz, Sie ſind bleich, ſagen Sie mir Ihren Kummer. Ich wills Dir ſagen, mein Kind, entgegnete die Dame, Du ſollſt nicht nur die Mitwiſſerin ſein, ſondern auch Helferin bei meinem Plan. Es iſt der arme Haus Auligk, der mich beſchäftigt, ich kann's nicht laſſen, noch einmal mich für ihn zu verwenden bei ſeinem Vater. Ich be⸗ greife meinen Couſin nicht, zwar hielt er von je ſtreng auf Ordnung und Reſpect in ſeinem Hauſe, er war ſtets ſtolz darauf, in dieſer Beziehung ganz ſo zu ſein wie ſein Vater, aber trotz dieſer Strenge war er der liebevollſte — 22— und gefälligſte Gatte, der zärtlichſte und nachſichtigſte Vater gegen ſeinen einzigen Sohn. Der Bruder ſeiner Frau hatte Unglück in ſeinen Geſchäften und überlebte ſeinen Ruin nur kurze Zeit, ſofort nahm er die nachge⸗ laſſene Tochter des Unglücklichen in ſein Haus auf und erzog ſie, als ob ſie ſeine eigene Tochter wäre. Ich habe die arme Adelaide nur ein Mal auf einige Tage hier ge⸗ ſehen, vor drei Jahren, Du warſt damals noch in Lau⸗ ſanne, ſchön iſt ſie nicht, aber ſie iſt ſo lieb und gut, daß ich die Zuneigung, die Leidenſchaft, die Hans für ſeine Couſine hegt, wohl begreifen kann. Man brauchte die beiden jungen Leute nur ein Mal beiſammen zu ſehen, um von der gegenſeitigen feurigen Liebe überzeugt zu ſein, nur dieſer überaus kluge Herr Geheime Commerzienrath ſah nichts. Vielleicht wollte er nichts ſehen! bemerkte Cäcilie. Das wäre noch ſchlimmer, fuhr die Staatsräthin fort, nein, das iſt nicht denkbar, Auligk iſt härter und eigen⸗ ſinniger als ich glaubte, aber tückiſch iſt er nicht. Als Hans ſein zweites Examen beſtanden hatte, bekannte er dem Vater offen ſeine Liebe zu Adelaide und bat um die väterliche Zuſtimmung ſo zuverſichtlich, daß er es anfäng⸗ lich gar nicht glauben wollte, als ihm ſein Vater trocken erklärte, er müſſe ſich die Conſine aus dem Sinne ſchlagen, denn er habe ihm bereits eine andere Braut ausgeſucht, die ſchöne und reiche Tochter eines engliſchen Fabrikanten, mit dem er ſeit vielen Jahren in Geſchäftsverbindung geſtanden. Der arme Hans ſuchte damals in Verzweiflung meine Vermittlung nach, ich lieh ſie willig, wie Du wohl — 24— denken kannſt, doch blieb ſie ganz vergeblich, Auligk wies ſehr höflich, aber ſehr beſtimmt, meine Mahnungen zur Nachgiebigkeit zurück und verſicherte, daß ſeit Menſchen⸗ altern ſchon alle Ehen in ſeiner Familie glücklich geweſen und immer habe der Vater dem Sohne die Braut aus⸗ geſucht. Er hält die Liebe für ein untergeordnetes Er⸗ forderniß zu einer chriſtlichen Ehe, man heirathe, behauptet er, nicht um ſich zu lieben, ſondern um eine Familie zu begründen, da könne aber die Liebe nicht ausbleiben, bleibe ſie aber auch aus, ſo brauche die Ehe darum doch nicht unglücklich zu werden, wenn beide Theile nur ſtets der übernommenen Pflichten eingedenk blieben. Uebrigens habe er ſeinen Sohn ſo erzogen, daß er auf deſſen Gehorſam rechnen könne, ſein Sohn möge jetzt ſchwer kämpfen gegen ſeine Leidenſchaft für die Couſine, aber ein rechter Mann müſſe lernen, Herr ſeiner Leidenſchaften zu werden, ſein Sohn werde endlich Sieger ſein und ihm ſpäter ſeine Strenge danken. So raiſonnirte der Herr Geheime Com⸗ merzienrath, wie findeſt Du das, Cäcilie? Nun, liebe Mutter, entgegnete das ſchöne Mädchen einfach, es klingt etwas hart, aber mich will bedünken, als ob der Commerzienrath doch im Ganzen nicht Unrecht habe, ich fühle, daß eine Wahrheit in ſeinen Sätzen iſt. So, wirklich? findeſt Du das? meinte die Staats⸗ räthin gedehnt und ſicherlich unangenehm überraſcht. Sie hatte einen etwas ſentimentalen Anflug, welcher Cäcilien ganz fehlte. Offenbar verſtimmt fuhr ſie fort: So ganz mochte Auligk doch nicht auf den Gehorſam ſeines Sohnes rechnen, denn er fand für gut, die arme Adelaide aus —-—ÿ;—— ſeinem Hauſe zu entfernen; er ſchickte ſie als Geſellſchaf⸗ terin, als eine Art von Dienerin jedenfalls, mit einer ruſſiſchen Fürſtin nach Italien und Hans hat nichts wieder von ihr vernommen. Es iſt für mich tief rührend den Kampf zu beobachten, den der gehorſame Sohn in dem jungen Manne gegen den leidenſchaftlichen Liebhaber kämpft. Im vorigen Jahre erklärte er mir, er werde ſeine Couſine nie vergeſſen, ſei aber feſt entſchloſſen, ſeinem Vater Ge⸗ horſam zu leiſten und die junge Engländerin, die der ihm zur Gattin beſtimmt, zu heirathen. Das iſt tapfer, das gefällt mir von ihm, rief Cäcilie, das traue ich ihm zu, er ſieht ganz wie ein Mann aus und das kann man nicht von allen jungen Herren jetzt ſagen! Die Staatsräthin war nahe daran die Geduld zu verlieren, doch nahm ſie ſich zuſammen, ihr war der lei⸗ denſchaftliche Liebhaber viel intereſſanter als der gehorſame Sohn, ihr Ideal von Männlichkeit war darum auch ein ganz anderes, langſam fuhr ſie fort: Die Heftigkeit, mit der geſtern Hans die Gründe ſeines Vaters gegen die Inclinationsheirathen,— welches abſcheuliche Wort, um die höchſten und heiligſten Gefühle zu bezeichnen!— her⸗ declamirte, hat mir verrathen, wie tief die Leidenſchaft wurzelt in ſeinem Herzen. Ich finde es geradezu unſitt⸗ lich, daß er mit ſeiner heißen Leidenſchaft für Adelaide mit der fremden Engländerin vor den Altar tritt. Ich werde Auligk bitten, daß er dem armen Hans wenigſtens erlaubt, ehelos zu bleiben und ich denke, daß ich ihn dazu vermögen werde. Ich will das für ihn fordern als Be⸗ = 26 lohnung für den Gehorſam, den er gezeigt hat. Dieſes Argument, denke ich, wird der Commerzienrath gelten laſſen, das paßt in ſeine Idee, was meinſt Du? Liebe Mutter, erwiderte Cäcilie mit ihrer ruhigen Freundlichkeit, ich fürchte, daß Sie ſich vergeblich mühen und dann, wiſſen Sie denn, ob Hans Auligk, trotz ſeiner Leidenſchaft für dieſe arme Adelaide, geſonnen iſt, auf die Hand der Engländerin zu verzichten? Vergeſſen Sie doch nicht, daß ſie ſchön und reich iſt, vergeſſen Sie nicht, daß er Ihnen felbſt erklärt hat, er ſei entſchloſſen, ſeinem Vater Gehorſam zu leiſten. Fragen Sie ihn wenigſtens erſt, ob er Luſt hat, unverheirathet zu bleiben. Eine ſchöne und reiche Engländerin zieht er vielleicht doch dem eheloſen Stande vor.— Wie verſtändig Du biſt! rief Frau von Bechefer jetzt wirklich zürnend, und ſetzte ihre Taſſe hart nieder. In unbeſchreiblich freundlicher Weiſe bot Cäcilie der Zürnenden die Hand, die konnte auch nicht widerſtehen, ſie nahm dieſe volle, in allen Theilen kräftig aber tadel⸗ los ſchön entwickelte Hand und ſprach milde: Du biſt ein gutes Kind, Du haſt vielleicht auch Recht, was geht mich die Leidenſchaft des Hans an? Ich kann's aber nicht laſſen. Weißt Du, zu der Zeit, da ich jung war, prote⸗ girten die Frauen alle Leidenſchaften, abſonderlich wenn ſie ſelbſt über die Jahre hinaus waren. Ach, es war doch eine ſchöne Zeit, da ich jung war! Die Staatsräthin blickte ſinnend vor ſich nieder, gar jugendliche Erinnerungen mochten aufleben in ihrer Seele, ein feineres Roth färbte ihre Wangen und es blitzte wie eine Thräne verſtohlen an ihren Wimpern. Cäcilie ſpielte eine Weile mit dem Löffel, man ſah dem ſchönen Mädchen an, daß eine Mittheilung, eine Confidence, oder etwas dergleichen auf den vollen friſchen Lippen ſchwebe, daß aber eine gewiſſe Verlegenheit ſie da zurückhalte. Dieſer Ausdruck war ſo unverkennbar, daß die Staatsräthin aufblickend augenblicklich fragte: Wollteſt Du mir etwas ſagen, liebes Kind? Der Ton dieſer Frage klang befremdet, das junge Mädchen wurde purpurroth, dann ſah ſie bittend auf und fragte mit leiſer Stimme: Glauben Sie, liebe Mutter, daß der Geheimrath Alberty daran denkt, um meine Hand anzuhalten? Wie verſteinert blickte die Staatsräthin, endlich ſagte ſie hart: Ich würde ihn für toll halten, wenn er daran dächte.. Der Ton ſchien das junge Mädchen zu reizen, um hre Lippen zeigte ſich ein Zug, der ſtolzes Selbſtbewußt⸗ ein verrieth. Warum? fragte ſie kurz. Warum? entgegnete die Staatsräthin heftig, der alte Junggeſell? Er könnte Dein Vater ſein! Kind, wie kommſt Du auf den Gedanken? Er hat Aufmerkſamkeit für Dich, weil er gut erzogen iſt, weil Du ſchön biſt; mein Gott, Alberty heirathen! Ich bin überzeugt, daß er ſeit vieten Jahren nicht daran gedacht hat. Ich bin von dem Gegentheil überzeugt, liebe Mutter! erwiderte Cäcilie ſanft. i ſ — 28— Nun, dann kann ich einen Mann, den ich in vieler Beziehung hochſchätze, nur auf's Tiefſte beklagen, dieſer Thorheit wegen! verſetzte die Staatsräthin raſch. Iſt's eine Thorheit, mich zu lieben? warf Cäcilie ein. Gewiß, mein Kind, redete die Staatsräthin eifrig, wenn man fünfzig Jahre alt, wenn man ſchon graues Haar hat,„ wenn man Gourmand par excellence iſt, wenn man ſich an ein behagliches und etwas cyniſches Junggeſellenleben gewöhnt hat, wie unſer Alberty, dann iſt's eine Thorheit, ſich in ein noch nicht zwanzigjähriges ſchönes Mädchen, wie Du biſt, zu verlieben. Ah! geh Kind, Alberty iſt viel zu klug und zu bequem, um ſolch eine Thorheit zu begehen. Du irrſt Dich! Verzeihen Sie, liebe Mutter, entgegnete Cäcilie, die ihre ruhige Freundlichkeit wieder gewonnen hatte, daß ich Ihnen widerſpreche, es giebt aber Dinge, in denen ich mich nicht irre. Ich habe es bis jetzt immer gefühlt, wenn mich Jemand liebte, und es iſt das, wie Sie wiſſen, ſchon zwei Mal der Fall geweſen, ich weiß, daß der Ge⸗ heimrath mich von ganzem Herzen liebt, und möchte nur wiſſen, ob Sie glauben, daß er um meine Hand bitten wird? Das iſt entſetzlich! rief die Staatsräthin, ich begreife Dich nicht, Kind; haſt Du wirklich an dem armen Alberty eine Neigung wahrgenommen, die über die gewöhnliche freundſchaftliche Galanterie, die er Dir widmen kann, hinausgeht, ſo wäre es Deine Pflicht geweſen, ihm durch Dein Benehmen, durch Deine Haltung zu erkennen zu geben, daß er keine Hoffnungen hegen dürfe. Das wärſt — 29— Du meinem alten Freunde ſchuldig geweſen, ſtatt deſſen, oh! Kind, das iſt nicht gut, haſt Du mit ſeinen Gefühlen geſpielt! ich erinnere mich, daß Du mit keinem meiner Freunde je ſo freundlich und vertraulich verkehrt wie mit Alberty. Hegt dieſer geiſtvolle Mann wirklich eine Nei⸗ gung für Dich, ſo haſt Du ihm, vielleicht für immer, ſein Leben verbittert! Ihre Freundſchaft für Alberty macht Sie ungerecht gegen mich, liebſte Mutter, antwortete Cäcilie, begütigend ihre Hand auf die der Staatsräthin legend, ich verdiene den Vorwurf nicht, mit der Liebe eines edlen Mannes ein herzloſes Spiel getrieben zu haben; wenn ich ihm freundlicher als andern entgegen kam, ſo folgte ich dem Zuge meines Herzens, das mich trieb, dem Manne zu zeigen, daß es Mädchen giebt, welche echte Liebe wohl zu würdigen wiſſen, denn das iſt mir ſeit langer Zeit klar, daß der Geheimrath Alberty vielleicht in ganz früheren Jahren ſchwer gelitten hat unter der Herzloſigkeit einer Frau! Wie ſoll ich dieſe Rede verſtehen? ſprach Frau von Bechefer ſtreng, ſoll ich aus derſelben entnehmen, daß der Geheimrath Alberty, wenn er um Deine Hand anhielte, Deiner Zuſtimmung ſicher ſein könnte? Das könnte er! erwiderte das junge Mädchen feſt, die Entſchiedenheit der Erklärung durch einen betheuernden Blick ihrer großen ſchönen Augen noch verſtärkend. Mein Gott, iſt denn das möglich? rief die Staats⸗ räthin, Cäcilie, mein Kind, Du liebſt den Geheimrath Alberty? — 30— Ich liebe ihn, antwortete Cäcilie ruhig und freundlich, vielleicht fühle ich für ihn nicht die Leidenſchaft, die ſo oft von den Dichtern geſchildert iſt, aber ich fühle für ihn die innigſte Zuneigung, der mein Herz fähig iſt, ich ſehne mich, für ihn das zu werden, was, wie ich glaube, die Frau dem Manne ſein ſoll. Ich habe die feſte Zu⸗ verſicht, daß ich an ſeiner Seite ein Leben führen werde, wie ich's mir von jeher gewünſcht habe, und bin endlich überzeugt, daß Alberty allein der Mann iſt, der mir das gewähren kann. Deine Erklärung läßt nichts zu wünſchen übrig, mein Kind, entgegnete die Stäatsräthin, mit Mühe ihre Unzu⸗ friedenheit bekämpfend, Alberty kann ſtolz ſein auf ſeine Eroberung, ich will nur wünſchen, daß er ſein Glück zu ſchätzen weiß und Dich nicht vergebens auf ſeinen Antrag warten läßt. Das iſt nicht freundlich, liebe Mutter! ſagte Cäcilie leiſe und trocknete ſich die Augen. Mein Gott, es iſt nicht möglich, rief Frau von Be⸗ chefer ausbrechend, ſage mir doch, Kind, daß Du ſcherzeſt, ich will Dir gern verzeihen! Die ſchöne Cäcilie und der dicke Geheimrath Alberty, der berühmt iſt wegen ſeiner krummen Naſe! Die krumme Naſe iſt nicht ſchön, erwiderte Cäcilie offenherzig, ſie mißfiel mir auch anfänglich, jetzt habe ich mich daran gewöhnt, übrigens hat Alberty dafür Augen, um die ihn Viele beneiden, die ſchlanker ſind als er und auch ganz gerade Naſen haben. Sie haben ſelbſt oft ge⸗ ſagt, liebe Mutter, daß Alberty ſchön iſt, ſobald er redet. Man redet aber nicht immer, wenn man ſich verhei⸗ rathet hat. Frau von Bechefer wurde heftig und auch Cäcilie wurde warm. 4 Ich liebe nicht des Mannes Naſe, ſondern ich liebe ſeinen Geiſt und ſein Gemüth, antwortete ſie raſch, und Beides haben Sie oft genug gerühmt, liebe Mutter! Aber Alberty paßt nicht für Dich! Der Commerzienrath ſagt auch, daß ſein Sohn nicht für Adelaide paſſe. Sie ſind eben ſo hart gegen mich, wie mein Oheim gegen ſeinen Sohn, Sie haben mehr Theilnahme für Hans Auligk's Liebe zu Adelaide, wie für mich und meine Liebe zu Alberty. Aber, Kind, begreifſt Du denn den Unterſchied nicht? Hans geht an einer Leidenſchaft zu Grunde, es handelt ſich da um eine Leidenſchaft. Bei mir aber um eine herzinnige Liebe, verdient die nicht eben ſo viel Beachtung? Die Staatsräthin wußte darauf nichts zu erwidern, ſie ſtand auf, auch Cäcilie erhob ſich, ſie ſahen ſich einen Augenblick an, fielen ſich dann in die Arme und weinten Beide. Das gab ihnen die Ruhe wieder, zärtlich ſich um⸗ ſchlungen haltend, ſaßen ſie da und ſprachen weiter; der Staatsräthin aber war der Gedanke doch noch immer ſo fremd, daß ſie noch immer zweifelnd fragte: Iſt es wirk⸗ lich Dein Ernſt, liebes Kind? Ich glaubte nicht, daß Ihnen dieſe Liebe Kummer machen würde! entgegnete das junge Mädchen freundlich. — 32=— Es iſt ja eine Inclination, die Sie ſo oft vertheidigt haben, und für einen Mann, den Sie ſelbſt hochſchätzen. Liebes Kind, nahm die Staatsräthin nach einer kleinen Pauſe das Wort, laß mich noch Einiges bemerken. Der Geheimrath iſt ein achtungswerther Mann, geiſtreich und weltgewandt, galt vor Jahren für einen glücklichen Dichter und war ein gefürchteter Journaliſt. Man nennt ihn reich, wohlhabend iſt er in jedem Falle. In dieſer Be⸗ ziehung iſt alſo an Deiner Wahl nichts auszuſetzen. Er iſt viel älter als Du, er iſt häßlich, wenn Du es auch nicht findeſt. Der Spectakel über eine ſolche ungleiche Ehe wird groß ſein in der Stadt. Ich glaube, daß Ihr Euch Beide wenig daraus machen werdet, darum will ich davon ſchweigen, haſt Du aber wohl daran gedacht, daß Alberty in ſeinem langen Junggeſellenleben nicht nur eine Menge übler Gewohnheiten angenommen hat, ſondern auch, daß er im Laufe der Jahre ein verhärteter Egoiſt geworden iſt? Er denkt bei Allem, was er thut, zuerſt und ausſchließlich an ſich. Seiner Leckerhaftigkeit opfert er große Summen, ſeine theuren Cigarren ſind ſprüch⸗ wörtlich geworden unter ſeinen Bekannten. Wird er jetzt bei zunehmendem Alter dieſen gewohnten Genüſſen ent⸗ ſagen, oder vielmehr wird er es ohne Unmuth können? Wird er ſeine Einkünfte, die er allein für ſich verwendete bisher, wird er die mit Dir theilen können? Du weißt, daß Du nicht reich biſt. All das würde ich nicht bemerken, wenn es ſich hier um eine Leidenſchaft junger Leute han⸗ delte, da Du aber ſo vernünftig ſelbſt in Deiner Liebe biſt, ſo mußt Du Dir ſelbſt ſagen, daß Alberty's Liebe — 33— zu Dir bei ſchweren Entbehrungen und Entſagungen, die Du von ihm fordern mußt, nicht lange Stand halten wird. Zuerſt, liebe Mutter, entgegnete Cäcilie freundlich und mit der ihr eigenen Würde, muß ich den Geheimrath gegen den Vorwurf des Egoismus in Schutz nehmen, er iſt kein Egoiſt, ich weiß das, bei hundert Gelegenheiten verräth ſich ſein Herz; er hat eine warme Theilnahme für Alles, was die Aufmerkſamkeit eines edlen Mannes verdient; er trägt eine ſchöne Begeiſterung in ſich, das Leben mag ihm ſeine Ideale zertrümmert haben, die Be⸗ geiſterung iſt ihm geblieben. Allerdings aber liebt er es, mit ſcharfem Spott und mit kalter Gleichgültigkeit ſich auszuſprechen; mich hat dies anfänglich irre gemacht, bald aber habe ich beſſer ſehen gelernt. Er iſt mißtrauiſch ge⸗ worden gegen jede ſtärker betonte Gefühlsäußerung, wahr⸗ ſcheinlich hat er erkannt, wie oft damit Mißbrauch getrie⸗ ben wird. Wortreicher Enthuſiasmus iſt ihm fatal, Ueber⸗ treibungen verletzen ſein feines Gefühl für Harmonie. Eben weil er zu viel wahres Gefühl hat, deſto verhaßter iſt ihm jede gemachte Empfindung, dabei mag er ſich zu⸗ weilen täuſchen, er mag manches Gefühl für erheuchelt halten, was ächt iſt, wenn es ſich auch ungeſchickt vor⸗ trägt; im Allgemeinen aber bedient er ſich ſeines ſcharfen Spottes mehr gegen ſich ſelbſt, als gegen Andere. Gegen ſeine eigenen Gefühle iſt er am meiſten mißtrauiſch, mit Witz und Spott wehrt er ſich gegen ſein eigenes Herz. Nein, liebe Mutter, er iſt kein Egoiſt und damit fällt der erſte Einwand zuſammen. Seine Junggeſellengewohn⸗ heiten kümmern mich wenig, ſie ſind mir nie läſtig ge⸗ Heſeliel, Schmal geweckt. II. 3 — 34— weſen. Er trinkt gern guten Wein, er liebt eine feine Küche, er raucht theure Cigarren; ich werde mit ihm trinken, eſſen und auch allenfalls rauchen, wenn es ihm Vergnügen macht! Ich bin nicht reich, das iſt wahr, aber ich bin eine ſehr gute Wirthin, das haben Sie mir oft genug geſagt, liebe Mutter, und ſo denke ich, wird unſere Menagge ſich wohl einrichten. Du brauchſt mir nichts mehr zu ſagen, mein Kind, ſagte die Staatsräthin ernſthaft, ich kann nicht mehr an Deiner Liebe für Alberty zweifeln, denn wenn ein Mädchen den Charakter und das Weſen eines Mannes ſo genau ſtudirt, ihn ſo verfolgt in ſeinen Empfindungen und ſeinen Gedanken, wie Du gethan, dann muß eine tiefe Neigung in ihr ſein. Ich zweifle, wie geſagt, nicht mehr an Dei⸗ ner Liebe, aber ich bin doch traurig, denn ſelbſt das ſchärfſte Auge kann ſich täuſchen und in dieſem Falle, wo alle anderen Bedingungen fehlen, bin ich lediglich auf Dein Auge angewieſen mit meiner mütterlichen Sorge. Cäcilie beugte ſich nieder und küßte die Hand der Staatsräthin. Erwarteſt Du den Antrag des Geheimraths bald, mein Kind? Ich erwarte eigentlich keinen Antrag, liebe Mutter, antwortete das junge Mädchen ruhig, Alberty und ich haben uns längſt verſtändigt, allerdings nicht mit Worten, aber doch ſo, daß, wie in mir kein Zweifel mehr iſt, auch er keinen Zweifel mehr über meine Liebe hegen kann. Er drückte mir geſtern beim Abſchied die Hand und ſagte mir durch ſeinen Blick, daß er einen Schritt thun werde. * Darum fragte ich Sie, liebſte Mutter, ob Sie glaubten, daß er um meine Hand anhalten werde, denn was kann er weiter für einen Schritt thun wollen? Es war eine unbeſchreibliche Naivetät in dieſem Be⸗ kenntniß und Cäcilie ſah ſo ſchön dabei aus, daß die Staatsräthin ihr entzückt in's Geſicht ſah, zu gleicher Zeit aber gewann dieſer Liebeshandel für ſie auch einen romantiſchen Anſtrich dadurch, daß ſich dieſes ſeltſame Paar lediglich durch Händedrücke und Blicke verſtand. Dadurch war die treffliche Frau gewonnen, jetzt intereſſirte ſie ſich lebhaft. Selbſt der dicke Geheimrath mit ſeiner krummen Naſe erſchien ihr plötzlich von dem Zauberſchein der Romantik umſtrahlt, und mit einer Art von Schreck dachte ſie ſchon daran, daß ſich Cäcilie doch getäuſcht und die Augenſprache mißverſtanden haben konnte, ſie nahm jetzt eine Liebe unter ihren Schutz, welche ſie eine Stunde zuvor noch für ganz unſinnig erklärt hatte. Frau von Bechefer liebte das„alte romantiſche Land,“ jeder Hauch von daher wirkte unwiderſtehlich auf ſie. Mit regſter Theilnahme fragte ſie jetzt nach den verſchiedenen kleinen Umſtänden, die ein Liebesverhältniß, das verſtohlen und doch vor Aller Augen angeſponnen und fortgeſponnen wird, mit ſich zu führen pflegt, und erhielt überall ſo klare Antworten, daß ſie ganz entzückt war über den aller⸗ liebſten Roman, der ſeit Wochen um ſie herum geſpielt, ohne daß ſie davon auch nur eine Ahnung gehabt. Nur der ruhigen ſicheren Haltung und der vollen Unbefangen⸗ heit Cäciliens, verbunden mit der feinen Zurückhaltung und der Klugheit des Geheimraths konnte das gelingen. 3* 36— Die Staatsräthin war noch lange nicht des Fragens müde, als der Diener eintrat und ihr einen Brief prä⸗ ſentirte: Vom Herrn Geheimrath Alberty, der Bediente wartet auf Antwort! Der Brief mußte übrigens ſehr kurz ſein, denn die Staatsräthin legte ihn alsbald wieder zuſammen und ſagte dem Bedienten: Meine Empfehlung dem Herrn Geheimrathe, es würde mir ſehr angenehm ſein! Der Diener ging. Sehr feurig und dringlich iſt Dein Liebhaber nicht, liebes Kind, ſcherzte die Staatsräthin, er bittet mich in einigen Zeilen um eine Unterredung morgen Mittag um zwei Uhr!. Ohl ich verſtehe ihn vollkommen, entgegnete Cäcilie mit ihrer ruhigen Freundlichkeit, Alberty konnte nicht wiſſen, was ich mit Ihnen eben beſprochen, er wollte mir Zeit laſſen, Sie auf ſeine Werbung vorzubereiten, liebſte Mutter! Das iſt ſtark! rief die Dame wirklich erſtaunt, Du weißt ſeine Gedanken, das iſt Zauberei! Es iſt nur Liebe! erwiderte Cäcilie einfach. III. Ein Schlachttag. In Berlin giebt es, ſelbſt unter den Linden noch, ein Paar unter Kennern renommirte Weinſtuben nach alter — 37— Art, die weder in moderne Abfütterungsanſtalten, gemeine Reſtaurationen, wie man das nennt, noch in ſogenannte Delikateſſenkeller, die von Hamburg aus nach Berlin ver⸗ pflanzt wurden, ausgeartet ſind. Solche Weinſtuben zeich⸗ nen ſich durch eine große Stille aus; die Bedienung be⸗ ſorgt zum Theil der Eigenthümer ſelbſt, zum Theil der alte Küper mit dem Schurzfell angethan und der her⸗ kömmlichen rothen Naſe verſehen, die modernen jungen Herren mit ſchiefgeſcheiteltem Toupet und gebrannten Locken, wahre Carrikaturen des uralt deutſchen Kellners, kommen in ſtillen Räumen der Art gar nicht fort. Die Weinſtube, meiſt aus zwei Gemächern und einem kleinen Schreibceabinet beſtehend, iſt ſehr einfach aber bequem meublirt, an den Wänden prahlen noch keine rieſigen Gold⸗ rahmen, mit den neueſten unbeſchreiblich bunten Oel⸗ bildern darin, zu denen die Maler, wenn man dunklen Gerüchten Glauben ſchenken darf, Ochſenblut und Eigelb in natura verwenden, ſondern man ſieht da noch alte, waſſerfleckige Kupferſtiche in ſchmalen ſchwarzen Rahmen, das hohe Königliche Haus, den Feldmarſchall Blücher und den Einzug der Verbündeten in Paris darſtellend. Die Geſellſchaft, die ſich in ſolchen Weinſtuben ver⸗ ſammelt, beſteht meiſt aus ſogenannten Stammgäſten, aus Herren, die mit großer Regelmäßigkeit, entweder täglich zur beſtimmten Stunde, oder doch einige Male in der Woche zu erſcheinen pflegen und ſo bekannt ſind, daß ihnen der Kellner ihre Weinſorte ſowohl wie ihr Quantum ohne erſt lange zu fragen, vorſetzt. Die Speiſekarte ſolcher Locale enthält einige ſtehende kalte Speiſen, meiſt aber für jeden Tag nur ein warmes Gericht, das iſt dafür meiſt ganz trefflich bereitet und ſtimmt zu der Güte der Weine. In einer ſolchen Weinſtube finden wir den Geheim⸗ rath Alberty, wie gewöhnlich ſehr ſauber, aber auch ſehr nachläſſig gekleidet, er ſitzt noch allein an dem großen runden Tiſch und nippt ſeinen feurigen Burgunder aus einem hohen Kelchglaſe. Zum unbeſchreiblichen Erſtaunen des Kellners iſt er über eine Viertelſtunde vor ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zeit gekommen. Da der Geheimrath ſehr freundlich ausſieht und zuweilen lächelnd in ſein Glas blickt, ſo iſt der Kellner auf den Gedanken gekommen, derſelbe habe wohl in einer ausländiſchen Lotterie das große Loos gewonnen, dürfe aber nichts ſagen, weil es verboten in einer ſolchen zu ſpielen. Der Kellner theilt die Freude des Geheimraths und trinkt den Reſt aus einer Portweinflaſche, der recht gut noch ein Viertel ge⸗ geben hätte. Mit dem Schlage zwölf Uhr tritt der Major von Salmwerder ein, ein alter trefflicher Kriegsknecht, noch immer ſtraff militairiſch, obwohl ſeit 1815 außer Dienſt; jedes Kind unter den Linden kennt den greiſen Offizier, der nie anders über den Opernplatz geht, als die Finger ſalutirend an dem kleinen Schirm der Mütze, ſo Blücher's, Scharnhorſt's, Bülow's, York's und Gneiſenau's Stand⸗ bildern ſeine Ehrfurcht bezeigend. Etwas verdrießlich blickt der Alte mit dem weißen Schnauzbart heute, denn es ſtört ihn, daß da ſchon Einer an dem Tiſche ſitzt, an dem er ſonſt der Erſte zu ſein pflegt, doch hat er den kleinen Verdruß raſch überwunden, drückt dem Geheimrath kräftig die Hand und läßt ſich neben ihm nieder.. Aber was haben Sie deun heute vor, Herr Kamerad von der Feder? fragte er plötzlich und deutete verwundert auf die Ordenskreuze im Knopfloch des Geheimraths. Die Orden haben Sie zu verantworten, lieber Obriſt⸗ wachtmeiſter! entgegnete Alberty ernſthaft. Der alte Soldat ſetzte beinahe erſchrocken die Pontac⸗ flaſche nieder, ja, wirklich, der Major trank noch Pontac, er hatte in ſeiner Jugend beim Regiment„Gensd'armes“ gedient, ſeitdem war er dieſer Sorte treu geblieben. Viel⸗ leicht war er der einzige Menſch in Berlin, der noch Pontac trank. Haben Sie mir nicht neulich erzählt, daß ein rechter Preuße ſtets im vollſten Schmuck in die Schlacht gehen müſſe, da der Schlachttag ſein höchſter Ehrentag ſei, nun, lieber Obriſtwachtmeiſter, ich gehe Punkt zwei Uhr in's Gefecht. Der Major nickte zuſtimmend und erhob ſein Glas: Ich trinke auf Ihren succès, attakiren Sie nur mit vigeur, Herr Kamerad und befolgen Sie meine Maxime: Immer rran an den Feind— nein, nicht anſtoßen, nicht vor dem Ausgang Victoria ſchießen, das iſt gefährlich; am erſten Tage bei Leipzig ſchoß der Bonaparte auch Victoria, aber ich wünſche beſten Erfolg und rathe Ihnen, bei dem erſten abgeſchlagenen Angriff nicht ſtehen zu bleiben, laſſen Sie Sammeln blaſen, die Roſſe ein wenig verſchnaufen, und chargiren Sie auf's Neue. Nur nehmen Sie Diſtance, — 40— daß die Pferde nicht den Athem verlieren, ehe ſie an den Feind kommen. Lachend verſprach der Geheimrath, dieſen Rathſchlägen des erprobten Cavalleriſten genau nachzukommen. Der dritte Knopf von oben an Ihrer Weſte fehlt, den zweiten von unten haben Sie nicht eingeknöpft, auf Ihrem Hemd iſt ein Weinfleck, murrte jetzt der Alte, unzufrieden den Geheimrath anblitzend mit ſeinen großen Augen, deren Blau völlig ausgeblichen war. Ich gehe ja nicht zur Parade, Obriſtwachtmeiſter! ver⸗ ſetzte Alberty mit einem Anfluge von Unmuth; er liebte es nicht an ſolche Mängel erinnert zu werden, ſie ſtörten ihn, wenn er ſie bemerkte, aber er bemerkte ſie nur, wenn er darauf aufmerkſam gemacht wurde. Propre muß der Mann immer ſein, propre an Leib und Seele! das iſt mein Spruch! knurrte der Major. Iſt mir doch lieb, daß Sie die Flecken an meiner Seele nicht zählen können, ſcherzte der Geheimrath, der ſeine Laune ſchnell wiedergefunden hatte, was aber den Leib betrifft, ſo erinnern Sie ſich doch ein Wenig daran, lieber Obriſtwachtmeiſter, wie Sie ausſahen an der Katzbach! Der Sieg machte Alles blank! rief der alte Soldat, behaglich ſein Glas leerend und ſich an der glorreichen Erinnerung labend zu gleicher Zeit. Freundlich neigte er ſich jetzt zu ſeinem Nachbar und flüſterte: Habe eine Neuigkeit für Sie, können mir gratuliren, bin auf meine alten Tage noch'mal in's Militair⸗Wochenblatt gekommen. Der Geheimrath ſah den Alten fragend an. — 11— Ja, ja, fuhr der ſehr wichtig fort, indem er die Stimme erhob, Seine Majeſtät der König, unſer Allergnädigſter Herr, welchen Gott ſegnen wolle, haben geruht, mich zur Dispoſition zu ſtellen. Du lieber Gott, wer hätte das gedacht! Iſt mir eine rechte Freude geweſen, denn das a. D. hinter meiner Charge hat mich ſtets geärgert, ein ordentlicher Soldat iſt niemals außer Dienſt, auch wenn er den Abſchied hat. Zur Dispoſition aber klingt ganz anders, nun, Seine Majeſtät der König wiſſen, daß Aller⸗ höchſtſie ſtets über den alten Salmwerder disponiren können. Der Geheimrath gratulirte, beinahe gerührt von der Kindlichkeit, mit der ſich der Major über ſeine Stellung zur Dispoſition freute, die weiter keine Auszeichnung war, ſondern ihn nur von der Zahlung gewiſſer Steuern be⸗ freien ſollte. Jetzt füllten ſich die leeren Stühle um den großen runden Tiſch raſch, es waren lauter Herren, welche die erſte Jugend hinter ſich hatten, unter ihnen der berühmte Hiſtoriker des großen Churfürſten, der immer mit dem Major in Streit lag, weil er den Feldmarſchall Derff⸗ linger für einen größeren Feldherrn wie Blücher erklärte, der Buchhändler Maſchott den der Alte eigentlich nicht leiden konnte, weil er bei dem Lützow'ſchen Freicorps ge⸗ ſtanden, der Major war gegen alle Freicorps einge⸗ nommen,— der Geheime Reviſionsrath, den er mit„Du“ und„Franz“ anredete, weil er noch mit ihm in die Schule gegangen war und ſo noch einige höhere Beamte, die längſt mit dem a. D., wenn auch mit dem großen — 42— lateiniſchen R.*) hinter ihrem Namen und ohne eine Be⸗ zeichnung ihrer Sprechſtunden im Wohnungsanzeiger ſtanden. Im Jahre 1848 hatte ſich dieſe Geſellſchaft, durch übereinſtimmende patriotiſche Geſinnung zuſammengeführt, gebildet, wenn auch die meiſten der Herren ſchon viele Jahre früher dieſe Weinſtube zu beſuchen pflegten. Alberty war, obwohl auch fünfzig Jahre alt, bei Weitem der Jüngſte in dieſem Kreiſe, in welchem er außerordentlich angeſehen und wirklich geliebt wurde. Bis vor einiger Zeit hatte er auch lachend behauptet, daß er von Jugend auf bei alten Herren mehr Glück gehabt habe, als bei jungen Damen. Das Geſpräch wurde bald ſehr lebhaft, die neueſten politiſchen Ereigniſſe wurden durchgeſprochen, der Revi⸗ ſionsrath ſchalt auf ſeine Zeitung, die noch immer ihren alten Groll gegen den Kaiſer der Franzoſen ſpüren laſſe, das aber ſei boshaft, denn Louis Napoleon habe doch offenbar die ganze europäiſche Geſellſchaft gerettet; der Hiſtoriker wollte das nicht gelten laſſen, zeigte ſich im Gegentheil unzufrieden mit derſelben Zeitung, weil ſie nicht entſchieden genug gegen den napoleoniſchen Abſolu⸗ tismus Front mache und die Fiction der franzöſiſchen Bolksſouverainität nicht ſcharf genug darlege. Jeder der Anweſenden hatte Etwas an der Zeitung auszuſetzen, ſogar der alte Major, der ſeine ſtete Klage über das rieſen⸗ hafte Format derſelben beinahe jammernd vorbrachte. *) Das R. hinter einem Namen bezeichnet im Berliner Woh⸗ nungsanzeiger die Ritter eines oder mehrerer Orden. — 43— Eil rief Alberty lachend, Gott ſei Dank, daß ich nicht Ihr Journaliſt bin, Sie haben jetzt alle dieſe arme Zeitung getadelt; wem von Ihnen ſollen es die armen Journaliſten nun zu Dank machen. Iſt der Herr Profeſſor befriedigt, ſo ſchilt der Herr Reviſionsrath— verlangt mein„Herr Feind,“— denn der Buchhändler iſt der geborne Feind des Schriftſtellers— noch mehr Nachrichten aus Oſtin⸗ dien, ſo klagt der tapfere Freund zu meiner Rechten über das Format und ſo geht es weiter. Schelten Sie nur tüchtig auf die ſchlechte Kreuzzeitung, tüchtig meine Herren, es iſt doch Keiner unter Ihnen, der nicht eine Art von gelindem Fieber verſpürte, wenn die Zeitung nicht zur beſtimmten Stunde auf ſeinem Tiſche liegt. Das iſt richtig, gab der Reviſionsrath ehrlich zu, ich habe mich darauf ertappt, daß ich ſchon oft vor der Zeit gefragt habe, ob die Zeitung noch nicht da ſei. Sie haben als ehemaliger Journaliſt pro domo ge- ſprochen, lieber Alberty, ſagte der Profeſſor, aber Sie haben Recht, man iſt gegen Niemand ungerechter als gegen die Journaliſten; man verlangt von ihnen das Unmög⸗ liche, daß ſie es Tauſenden von Leſern zugleich recht machen ſollen. Das iſt um ſo ungerechter, fügte Alberty hinzu, als die Journaliſten immer nur ein paar Stunden Zeit zu ihrer Arbeit haben; ich ſage Ihnen, es iſt kein leichtes Stück, was eine Zeitungsredaction zu leiſten hat. Es iſt aber doch fatal, warf der Buchhändler ein, Dinge umſonſt zu ſuchen, die man zum Beiſpiel in einem — 44— Morgenblatte geleſen hat, über die man nun gern die Anſicht ſeines eigenen Journals wiſſen möchte. Fatal kann das ſein, vertheidigte Alberty weiter, aber es iſt unvermeidlich, in zwei Zeitungen ſtehet immer mehr als in einer, Sie dürfen aber nicht vergeſſen, daß bei Weitem die Mehrheit nur eine Zeitung lieſt. Das Geſpräch nahm eine andere Wendung, denn der Poſtrath erzählte von einer koſtbaren Silberarbeit, welche von den Ständen einer Provinz zum Hochzeitsgeſchenk für Se. Königliche Hoheit den Prinzen Friedrich Wilhelm beſtimmt war. Er hatte dieſelbe, erſt theilweiſe vollendet, in der Werkſtatt Hoſſauer's, des berühmten Hofgoldſchmiedes Sr. Majeſtät des Königs, geſehen. Alberty nahm keinen Theil mehr am Geſpräch, er war offenbar unruhig und blickte ſehr oft nach der großen Uhr und verglich ſie mit ſeiner Taſchenuhr. Die alten Herren bemerkten das endlich, als ſie ihn aber nach dem Grunde fragten, lächelte er ſie in jener geheimnißvollen Weiſe an, die dem Frager gleich die volle Gewißheit giebt, daß er keine Antwort bekommen wird. Endlich ſtand er auf, die Uhr zeigte zehn Minuten vor zwei Uhr, und verabſchiedete ſich; der alte Major drückte ihm mit einer gewiſſen Rührung die Hand, er wußte nicht, was Alberty vor hatte, der aber hatte ihm geſagt, ich gehe in die Schlacht, das war ihm genug; er hatte nicht weiter gefragt, aber er wußte, daß es ſich um eine Sache von großer Wichtigkeit handeln müſſe; das nahm ſeine Theilnahme in Anſpruch. Was hatte der Geheimrath heute? Er geht doch erſt — 15— um vier Uhr zu Tiſch? fragten die alten Herren unter ſich, ſehr erſtaunt über den frühen Aufbruch des Genoſſen, an dem ſie zwar allerlei auszuſetzen hatten, den ſie aber ebenſo wenig entbehren konnten, wie die Kreuzzeitung. Er geht in die Schlacht! ſagte der Major und füllte ſein Glas. Fragend ſahen ihn die Freunde an. Weiß nichts weiter, hat was ſehr Wichtiges vor, alle Orden im Knopfloch, leeren wir unſere Gläſer und wün⸗ ſchen wir ihm einen guten Erfolg! Das geſchah alsbald mit großer Pünktlichkeit auf das Kommando des Majors. Indeſſen ging der Geheimrath langſam die Linden entlang, grüßte nach rechts und links, denn er konnte nicht zehn Schritte gehen, ohne einen Bekannten zu ſehen und ſtand eine Minute vor zwei Uhr vor dem Hauſe der Frau von Bechefer. Die gnädige Frau erwarten den Herrn Geheimrath im blauen Zimmer! ſagte der Bediente, der ihm den Mantel abnahm, Alberty nickte und ſchritt raſch der Thür zu, die ihm der Diener bezeichnet hatte. Frau von Bechefer ſaß auf dem kleinen blauen Sopha, wie gewöhnlich gekleidet in ihrer ſchiefergrauen Robe und der ſchwarzen Haube. Freundlich nickte ſie dem eintretenden Geheimrath zu, und da er ſich beeilte, ihr die Hand zu küſſen, hielt ſie ihm ihre beiden Hände mit einer großen Herzlichkeit hin, reden aber ließ ſie ihn nicht, denn ſie begann ſofort: Schweigen Sie, lieber Alberty, ſagen Sie gar nichts, Sie können mir gar nichts ſagen, was ich — 16— nicht ſchon längſt wüßte, Cäcilie hat mir geſtern Alles erklärt, was mir nach meinen eigenen Beobachtungen noch zu erklären nöthig war. Die gute Dame log nicht, ſie war ſeit geſtern feſt überzeugt, daß ſie die ſtille Liebe der Beiden zu einander längſt bemerkt und das poetiſche Verhältniß nach Kräften begünſtigt habe. Setzen Sie ſich, lieber Alberty, fuhr die Dame lebhaft fort.— Der Geheimrath, der die Weiſe ſeiner Freundin kannte, nahm den Platz neben ihr ein und ſchwieg, leiſe über die ſonderbare Art lächelnd, in der ſich ſeine An⸗ werbung geſtaltete. Es iſt Ihnen gelungen, mein Freund, das Herz, die Liebe Eäciliens zu gewinnen, ich habe es lange nicht ge⸗ glaubt, und ſetzte Frau von Bechefer aufrichtig hinzu, auch nicht gewünſcht; das kann keine Beleidigung für Sie ſein, liebſter Alberty, bei einem jungen und ſchönen Mäd⸗ chen denkt man unwillkürlich an einen Mann, der ihr wenigſtens dem Alter nach näher ſteht, wie Sie Cäcilien. Da es nun aber alſo ſich gefügt, daß Sie durch Ihre geiſti⸗ gen Eigenſchaften, um deretwillen ich Sie ſtets geſchätzt und geliebt habe— Der Geheimrath küßte der Dame dankend die Hand.— Da Sie Cäciliens Herz gewonnen haben und um Cäciliens Hand bitten, das haben Sie zwar noch nicht ge⸗ than, ich weiß aber, daß Sie deshalb hier ſind, ſo ſehe ich das als eine beſondere gnädige Fügung Gottes an, durch die mir vielleicht große Sorge und meiner lieben Cäcilie viel Kummer und Herzeleid erſpart wird. Sie = werden mich gleich verſtehen, lieber Alberty, und dann begreifen, welche Freude es für mich iſt, daß ich Cäcilie an einen Mann verheirathen kann, der mein langjähriger Freund iſt, auf deſſen Discretion und Ehrenhaftigkeit ich mich vollkommen verlaſſen kann. Hören Sie mich an. Die Welt hält mich für reich, ich bin es, Bechefer hat mir ſchöne Güter hinterlaſſen, was würde ich nun einem jungen Manne, der um Cäciliens Hand bäte, antworten können? Ihnen, meinem alten Freunde, kann ich die Wahrheit ſagen, einen Fremden müßte ich belügen. Hören Sie, Cäcilie iſt nicht meine Tochter und ich bin nur die Nutznießerin des Bechefer'ſchen Vermögens, das nach mei⸗ nem Tode an die Kinder von Bechefer' Schweſtern fällt. Einige kleine Erſparniſſe, einigen Schmuck kann ich Cä⸗ cilien, die ich wie meine Tochter liebe, vermachen, ſonſt nichts. Ich ſelbſt bin ohne eigenes Vermögen in meines Mannes Haus gekommen, Cäcilie hat keine Mitgift, dieſe Nachricht kann Ihnen unangenehm ſein, wird Sie aber gewiß nicht von Ihrer Werbung abhalten, darauf kenne ich Sie. Der Geheimrath drückte die Hand der Dame. Auch Andere, fuhr Frau von Bechefer fort, würden ſich vielleicht uber den Mangel einer Mitgift hinwegſetzen, Cäcilie iſt ſo ſchön, ſo edel, daß ſie Liebe auch ohne Geld findet, aber man würde mich fragen, warum Cäcilie keine MNitgift habe; ich würde erklären müſſen, nicht nur, daß Cäcilie nicht meine, ſondern auch weſſen Tochter ſie iſt, das aber iſt ein trauriges, ein tieftrauriges Geheimniß, welches ich wohl einem bewährten Freunde, nicht aber einem Andern mittheilen kann. Ich habe der unglücklichen Mutter Cäciliens verſprochen und heilig gelobt, ihr Kind als das meine zu erziehen und ihm nie das Geheimniß ſeiner Geburt zu entdecken; geben Sie mir Ihre Hand, Alberty, daß Cäcilie nie etwas von dem erfährt, was ich Ihnen jetzt ſagen werde. Der Geheimrath gab ſeine Hand nicht; erſchrocken ſah ihn die Staatsräthin an. Verzeihen Sie, gnädige Frau, nahm er das Wort, ich betrachte Cäcilie als Ihre Tochter, ſie ſelbſt hält ſich dafür, die Welt weiß es nicht anders, wozu mir ein Geheimniß mittheilen, das für mich keinen Reiz hat? Die Staatsräthin kämpfte eine Weile mit ſich ſelbſt, ſie hatte einen faſt unwiderſtehlichen Drang, ihm jetzt das Geheimniß mitzutheilen, das ſie ſo lange treu bewahrt; es wurde ihr jetzt ſchwer zu ſchweigen, dennoch begriff ſie die Klugheit und das Zartgefühl des Geheimraths, und aufrichtig ſagte ſie: Es wäre mir eine Art von Erleich⸗ terung geweſen, lieber Alberty, wenn ich Ihnen dieſe traurige Geſchichte hätte mittheilen können, Sie haben aber Recht, es iſt beſſer, den Schleier ungelüftet zu laſſen. Es ſteht bei Ihnen, auf das Geheimniß zu verzichten, es iſt nirgends ein Mißſtand, wenn es verſchwiegen bleibt. Cäciliens Eltern ſind jetzt beide todt, Cäcilie iſt zu Lau⸗ ſanne mit Bechefer's Bewilligung als unſer Kind getauft worden, mein ſeliger Mann liebte Cäcilie ſehr, gewiß würde er ihr einen Theil ſeines Vermögens vermacht haben, wenn damals nicht ihre Mutter noch gelebt hätte, von der eine glänzende Verſorgung zu erwarten war, die — 49— Arme ſtarb raſch dahin, ehe ſie Verfügung treffen konnte. Bei Bechefer's Tode war ich ſeine einzige Erbin, ich habe ihm aber verſprechen müſſen, ſein Eigen an die Kinder ſeiner Schweſtern kommen zu laſſen. Man wird ſich bei meinem Tode nicht wenig wundern, daß ich meine Tochter Cäcilie, die ich ſo liebe, enterbt habe. Die Dame lächelte, der Gedanke hatte etwas Inter⸗ eſſantes für ſie, daß ſich nach ihrem Tode die Welt den Kopf darüber zerbrechen werde, warum ſie ihre Tochter enterbt habe. Der Geheimrath begriff dieſe Gedanken und ſagte lächelnd: Man wird mir die Schuld beimeſſen, man wird glauben, daß ich's nicht verſtanden, mich mit meiner Frau Schwiegermutter auf einen guten Fuß zu ſtellen. Schwiegermutter! hm! Die Staatsräthin verzog ſpöttiſch den Mund, offenbar war der Titel nicht ganz nach ihrem Geſchmack. Kann ich nun meine Anwerbung anbringen, gnädige Frau? fragte der Geheimrath aufſtehend. Ich bitte, lieber Alberty, entgegnete die Dame, indem ſie ſich ebenfalls erhob, ſparen Sie die Worte hier, kom⸗ men Sie zu Cäcilie und überſetzen Sie in gutes Deutſch, was Sie mit den Augen ihr ſo beredt geſagt. Sie nahm den Arm des Geheimraths und ließ ſich von ihm durch die lange Reihe der ſtillen verblichenen Prachtzimmer nach dem Salon geleiten.— Am andern Tage, kurz vor zwölf Uhr, trat der Ge⸗ heimrath Alberty eilig in die Weinſtube unter den Linden, zum ſprachloſen Erſtaunen des rothnaſigen Küpers aber Heſekiel, Schmal geweckt. II. 4 — 50— ſetzte er ſich nicht hin, ſondern legte nur Karten auf den großen runden Tiſch, vor jeden Stuhl eine, mit Ausnahme deſſen, den er ſelbſt einzunehmen pflegte. Dann drückte er dem Kellner einen harten Thaler in die harte Hand und befahl: Sorgen Sie dafür, daß die Karten liegen bleiben, bis die Herren kommen! und ging eilig davon. Den hat der große Lotterie⸗Gewinnſt reine verrückt gemacht, ſprach der ehrliche Burſche gleichmüthig vor ſich hin, ſteckte den Thaler ein und hielt verſchiedene ange⸗ ſchenkte Flaſchen ſchräge gegen das Licht, bis er endlich die Sorte fand, die ihm am Meiſten zuſagte. Schlag zwölf Uhr, wie täglich, trat der Major von Salmwerder ein, er ſtutzte beim Niederſetzen vor der weißen Karte, die auf ſeinem Platze lag; vorſichtig hob er ſie auf, hielt ſie in der gehörigen mittleren Entfernung vor ſeine Augen und las langſam:„Cäcilie von Bechefer, Geheimrath Dr. Alberty, Verlobte.“ Mit einem ſeltſamen Brummen legte der alte Kriegs⸗ knecht die Karte wieder hin; als er die andern bemerkte, ſtand er auf, ging langſam um den Tiſch und las jede einzeln noch einmal. Offenbar war ihm etwas nicht recht in der Sache, als er ſich aber wieder geſetzt und ſein erſtes Glas getrunken hatte, ſagte er freundlich ſchmun⸗ zelnd: Nun, junge Leute müſſen heirathen, der König braucht Soldaten und die Mariellen's ſind nicht blos zum Anſehen auf der Welt. Das alſo war die Bataille, in die der Geheimrath geſtern ging und hier haben wir den Rapport. Bin auch einmal in ſolche Bataille gezogen, ja, ja! hab' mich aber keiner Victoria rühmen können, 1 — 51— wurde abgeſchlagen und nahm in ſchmachvoller Verwirrung Reißaus. Kellner, ein Glas! Verwundert nahm der Küper ein Glas, der Major ſtellte es auf den Platz des Geheimraths, füllte es wie das ſeinige, ſtieß an und ſagte laut: Gratulire zur Victoria, lieber Herr Kamerad! dann trank er langſam hinter einander beide Gläſer aus. Na, nun iſt der Major auch verrückt geworden, meinte der Küper kopfſchüttelnd und rieb ſich ſeine rothe Naſe, ob der auch das große Loos gewonnen hat, wie der Geheimrath? IV. Theater und Geheimniß. Man gab im Schauſpielhauſe eins von den durchaus ungeſunden und verwerflichen Schauſtücken, an denen die moderne franzöſiſche Bühne ſo reich iſt, die man ſich auf deutſchen Theatern aber gefallen laſſen muß, weil den deutſchen Theaterdichtern die dramatiſche Zeugungskraft ganz verſiegt zu ſein ſcheint, die man ſich aber auch allen⸗ falls gefallen laſſen kann, weil ſie der deutſche Ueberſetzer mit größerm oder geringerem Ungeſchick des letzten ver⸗ führeriſchen Reizes, der in dem funkelnden Blitz der Sprache liegt, völlig entkleidet hat und weil in Deutſch⸗ land die Klatſchſucht ihre Rechnung nicht finden kann, hier wo man die Urbilder der Bühnenerſcheinungen nicht 4* — 529— kennt, auf die in Poris jedes Kind mit Fingern zeigt. Dennoch war das Schauſpielhaus gefüllt bis auf den letzten Platz, denn das blaſirte Publikum der großen Städte geht ja ſchon längſt nicht mehr in das Theater, um ſich an der mehr oder minder gelungenen Vorführung einer großen poetiſchen Schöpfung zu erquicken oder zu erfreuen, ſondern nur um etwas Neues zu ſehen, das in den öffentlichen Blättern oder in der Geſellſchaft beſprochen wird, vielleicht auch nur um in gewohnter Umgebung einige Abendſtunden leidlich hinzubringen. Selbſt die Theater⸗ beſucher, die noch ein mehreres Intereſſe haben, kommen ſelten der Dichtung wegen, ſondern um zu ſehen, was der oder jener gefeierte Virtuoſe, dieſe oder jene hochbe— lobte Künſtlerin aus der Schöpfung des Dichters gemacht hat. Die einzelne individuelle Leiſtung des einzelnen Dar⸗ ſtellers iſt das Einzige, was das Publikum noch allenfalls intereſſirt, daher ein Virtuoſenthum in Blüthe, das die letzten Reſte der dramatiſchen Poeſie auf der Bühne völlig überwuchert. Nicht die Schauſpieler, nicht die leitenden Vorſtände der Bühnen trifft der Vorwurf, ſolch' traurige Zuſtände geſchaffen zu haben, das Publikum ſelbſt iſt verantwortlich für den Verfall der dramatiſchen Kunſt. Das Publikum hat kein ernſtes, kein tieferes, kein ſittliches Intereſſe mehr am Theater und das iſt natürlich, denn die geiſtigen Bedürfniſſe, welche ſeit Ende des vorigen Jahrhunderts, ſeit der klaſſiſchen Periode unſerer Literatur, bis um die Zeit, da die Folgen der Pariſer Julirevolution ſich in Deutſchland allgemein geltend machten, die gebil⸗ deten Stände in's Theater führten, finden jetzt ihre Be⸗ — 53—. friedigung in einer Preſſe, die weit allgemeiner und weit erfolgreicher wirkt, als es der Bühne bei uns jemals möglich war. Bücher und Zeitungen ſind ſpottwohlfeil, die Leute leſen für den Preis eines einzigen Theaterbillets jeden Morgen ihre Zeitung ein ganzes Vierteljahr lang, ſie kaufen ſich einen ganzen Band dramatiſcher Poeſie für den Preis eines Theaterbillets. Was die Bühne nur wenigen Hunderten für theures Geld geben konnte, das giebt die Preſſe vielen Tauſenden für ein Spottgeld. Darum haben einſt in den großen revolutionairen Bewe⸗ gungen des letzten Jahrhunderts Theater und Schauſpieler noch eine Rolle geſpielt, ſelbſt 1830 war das noch, wenn auch ſchon in geringerem Maße der Fall, während in den letzten Stürmen von 1848 ſich Niemand um das Theater bekümmerte, ſo daß die Privattheater bankerutt machten und die beſſer fundirten Inſtitute große Verluſte erlitten. Das Theater hatte nichts mehr gemein mit den Strömungen und Gegenſtrömungen, welche das Volk aufregten und in gewaltigen Gegenſätzen gegen einander empörten. Das Theater iſt jetzt nichts weiter als ein großer Salon, in welchem man nicht nöthig hat, ſich vorſtellen zu laſſen. Darum iſt die Gefellſchaft gemiſcht und weil ſie gemiſcht iſt, iſt ſie intereſſant, namentlich für denjenigen Theil des Publikums, der ſeinen Tag der Einförmigkeit einer ernſten Berufsthätigkeit oder der täglich ſich erneu⸗ ernden Sorge für ein Hausweſen widmen muß. Die Einförmigkeit täglicher Beſchäftigung führt dem großen Salon des Theaters die meiſten Beſucher zu. Zu den fleißigſten Theaterbeſuchern der Reſidenz ge⸗ — 31— hörte der Geheimrath Alberty, er verſäumte, als großer Verehrer klaſſiſcher Muſik; ſelten eine in dieſes Gebiet fallende Aufführung im Opernhauſe, ſonſt ſah man ihn an jedem Abende im Schauſpielhauſe an einem beſtimmten Platz, von dem aus er in den Zwiſchenakten mit ſeinen Bekannten im Parquet verkehren konnte. Mit den Theater⸗ kritikern der Zeitungen, namentlich den ältern, Gubitz, Smidt und Rellſtab ſtand er auf freundſchaftlichem Fuß, aber auch die jüngern gaben etwas auf ſein ſcharfes, treffendes Urtheil und benutzten ſeine ſarcaſtiſchen Einfälle ſehr oft zur Verzierung ihrer Theaterfeuilletons. Seit ſeiner Verlobung führte der Geheimrath ſeine Braut jede Woche ein Paar Mal in's Theater, er freute ſich des Aufſehens, das Cäciliens Schönheit regelmäßig machte, wenn ſie an ſeiner Seite erſchien; er beluſtigte ſich über die Verwunderung der Leute, daß der alte dicke Geheimrath eine ſo junge und ſchöne Braut habe, noch mehr aber erfriſchte den vielerfahrenen Weltmann die köſtliche Naivetät, mit welcher Cäcilie ſich die Verhältniſſe zurecht legte, dabei immer mit feinem Gefühl das Rechte, meiſt auch das Richtige treffend. Selten verweilte der Geheimrath bis zum Schluß einer Vorſtellung. Die Staatsräthin liebte es, ihn und die Braut wenigſtens beim Abendeſſen zu ſehen, gewöhnlich ließ er ſich dann von Cäcilie ſagen, wie ſie ſich den Fortgang und den Schluß des Stückes denke und oft mußte er bekennen, daß der Verfaſſer nicht unweiſe gehandelt haben würde, wenn er ſein Stück zu Ende geführt hätte, wie ſich's Cäcilie gedacht. — 55— Man gab jenes elende Stück, in welchem der Ver⸗ faſſer den traurigen Muth bewieſen, die ſchmutzige Wäſche ſeiner eigenen Ehe mit einer bekannten Schauſpielerin dem Publikum vorzulegen; in Paris, wo die Perſönlich⸗ keiten bekannt, mochte das Stück des Scandals wegen intereſſant ſein, für das deutſche Publikum konnte es nicht den geringſten Reiz haben, es wurde eben gegeben, weil es in Paris Aufſehen gemacht hatte und von einigen deutſchen Theaterlieferanten in's Plumpe überſetzt worden war.„Unſeres Herrgotts ehrliches Deutſch,“ wie König Friedrich Wilhelm I. ſich ausdrückte, iſt nun einmal keine Sprache für die feine Niederträchtigkeit, für die höfliche Schande, für die gefirnißte Erbärmlichkeit und die artige Unzucht. Das Berliner Publikum ließ ſich das Stück wie hundert andere der Art gefallen und hätte ſich dabei ſehr gelangweilt, wenn es eben in's Theater gekommen wäre, lediglich um ein Stück zu ſehen. Während des zweiten Zwiſchenaktes traten mehrere Bekannte des Geheimrathes, die im Parquet ſaßen, an die Bande der Loge und unterhielten ſich mit ihm und ſeiner Braut, das Stück ſelbſt bot gewöhnlich nur den Anknüpfungspunkt der Unterhaltung und ſo war es überall im ganzen Hauſe, die Plätze vielleicht ausgenommen, wo Journaliſten, Theaterkritiker oder Schauſpieler, kurz Leute von Fach ſich zuſammen fanden. Mein Gott, da iſt ja der Commerzienrath! ſagte plötzlich Cäcilie und berührte den Arm ihres Verlobten, indem ſie ſich ein wenig vorbeugte. In der That brach ſich der Commerzienrath Auligk — 56— mit der vollen Gleichgültigkeit, die den Leuten eigen iſt, die Geld haben, Bahn durch die Umſtehenden und trat an die Bande der Loge. Guten Abend, liebe Cäcilie, guten Abend, lieber Ge⸗ heimrath, grüßte er in beſter Laune, bin etwas früher heimgekehrt aus England, als ich beabſichtigte, das junge Ehepaar läßt ſich allerſeits ganz gehorſamſt empfehlen: mein Sohn iſt ſehr glücklich, meine Frau Schwiegertochter ſehr zufrieden, habe die Ehre Ihnen hier meinen doppelten Collegen Herrn Stephenſon Armſtrong vorzuſtellen, iſt nämlich Kattunfabrikant wie ich, Schwiegervater wie ich, alſo doppelter College, der Schwiegervater meines Sohnes nämlich. Der lange Sproß Albions hinter dem Fabrikherrn verbeugte ſich zwei Mal mit ſteifer Würde. Mein College iſt ſehr böſe über ſeinen Landsmann, fuhr der Fabrikant mit großer Behaglichkeit plaudernd fort, den hieſigen Correſpondenten der Times, Wilkinſon, welcher in der Times geſchrieben, die meiſten Frauen und Mädchen in Preußen wären häßliche Vogelſcheuchen und ſelbſt die ſchönſten kämen dem engliſchen Mittelgut noch nicht gleich; findet das, trotz ſeines Patriotismus, ſehr unzart, will ſich mit dem Correſpondenten, den er Maſter U ilkinſen nennt, deshalb boxen. Wiſſen Sie denn, flüſterte der Geheimrath dem Eng⸗ länder zu, daß Maſter Wilkinſon trotzdem eine Preußiſche Dame geheirathet hat, die Tochter eines berühmten Theo⸗ logen? Der Engländer ſprach ſich ſehr grimmig über dieſe doppelte Unzartheit aus, der Fabrikant aber meinte, das gefalle ihm, denn das beweiſe doch, das Maſter Uilkenſen nicht unter dem Pantoffel ſeiner Frau ſtehe. Doch nahm er dieſe gute Meinung gleich wieder zurück und verſicherte, ſelbſt ein Zeitungscorreſpondent könne dem allgemeinen Schickſal der Männer nicht entgehen, vermuthlich verſtehe Frau Uilkinſen nicht engliſch.— Bei dieſem Ausfall auf das Pantoffelregiment ſah er den Geheimrath herausfordernd an, dieſer aber deutete mit einem lächelnden Blick auf ſeine ſchöne Braut, und nahm den hingeworfenen Handſchuh nicht auf. Der Com⸗ merzienrath ſchien Luſt zu haben, ſeinen alten Opponenten zum Kampf zwingen zu wollen, aber der Vorhang war aufgegangen und aus den Parquetlogen rechts ziſchten die Berichterſtatter der Zeitungen ſo drohend, daß der reiche Fabrikant ſich ganz indignirt nach jener Gegend wendete, aber doch für gut hielt, zu ſchweigen, oder viel⸗ mehr leiſe zu ſprechen, denn er fuhr fort, ſich mit ſeinem Gaſte, dem Engländer, der nur wenig deutſch verſtand, angelegentlich zu unterhalten. Im nächſten Zwiſchenakt empfahl ſich der Geheimrath mit ſeiner Braut. Wann dürfen wir das junge Ehepaar hier erwarten? fragte Cäcilie. Dieſe Nacht wird das neuvermählte, wenn auch nicht hohe Paar in Brüſſel ſein! antwortete der Commerzien⸗ rath, meine Anſicht war es eigentlich, daß meine Kinder erſt am neunten Februar, einen Tag nach Ihren König⸗ lichen Hoheiten dem Prinzen und der Frau Prinzeſſin X — 8 — 58— Friedrich Wilhelm hier eintreffen ſollte, weil ich ſie doch habe an einem Tage mit Ihren Königlichen Hoheiten Hochzeit halten laſſen; da meine Kinder aber in London keine Deputationen zu empfangen und auch weiter keine Gratulationen zu erwarten hatten, ſo werden ſie über⸗ morgen Mittag hier eintreffen und am Abend gedenke ich ſie der hochgeehrten Frau Muhme Staatsräthin feierlich vorzuſtellen. Sorgen Sie doch freundlich dafür, liebe Cäcilie, daß wir übermorgen ganz unter uns ſind, daß die modernen Barbaren mir die ſchüchterne junge Braut aus England nicht incommodiren, mein Sohn iſt entſetz⸗ lich eiferſüchtig. Ich komme morgen ſelbſt und bitte Ihre liebe Mama, für den Abend Keinen anzunehmen, der nicht zu uns gehört. Gute Nacht! Der Geheimrath führte ſeine Braut hinaus. Können Sie mir nicht ſagen, lieber Weißenbach, wen⸗ dete ſich im erſten Rang ein älterer Offizier, deſſen Uni⸗ form nicht die preußiſche war, an den neben ihm ſitzenden Kammerherrn von Weißenbach, den alten Freund der Staatsräthin, wer die junge Dame iſt, da uns gegenüber, ſie verläßt eben ihren Platz? Ihr ſcharfes Auge hat raſch eine unſerer erſten Schön⸗ heiten entdeckt, antwortete der Kammerherr lächelnd, die Dame heißt Cäcilie von Bechefer, neunzehn Jahre alt, wenn ich mich nicht irre, und ſehr reich. Der Herr, der neben ihr ſaß, Sie haben ihn wahrſcheinlich für den Vater der Dame gehalten, iſt ihr Bräutigam. Die DameV iſt ſehr ſchön, erwiderte der fremde Offi⸗ * — 59— zier nachdenklich, aber ſie hat eine Aehnlichkeit, die mich ungemein frappirt hat. Aehnlichkeit, mit wem? fragte der Kammerherr neugierig. Mit meinem durchlauchtigſten Erbprinzen! entgegnete der Fremde, dieſe Aehnlichkeit iſt ſo groß, daß ich im erſten Augenbkick, da ich die Dame bemerkte, glaubte, meine Durchlaucht als Frauenzimmer verkleidet zu ſehen. Ihre Durchlaucht iſt erſt ſiebzehn oder achtzehn Jahre? bemerkte der Kammerherr halb fragend mit großer Theil⸗ nahme. Noch nicht ſiebzehn, ſagte der Offizier, nein, dahin ziele ich gar nicht, Serenissimus hat auch nicht einen Zug von dem Erbprinzen, der Erbprinz ſieht der hochſeligen Frau Herzogin ſehr ähnlich, aber durchaus nicht ſeinem Herrn Vater. Ich wollte auch in dieſer Beziehung durchaus nichts andeuten, mein theurer Heribert, nahm der Kammerherr eifrig das Wort, denn ich kenne Fräulein von Bechefer ſeit ihrer früheſten Kindheit faſt, ihre Mutter die Staats⸗ räthin von Bechefer iſt ſeit vielen Jahren eine meiner intimſten Freundinnen, eine Frau, der auch die giftigſte Mediſance keinen Flecken anhängen kann. Um ſo wunderbarer iſt dieſe Aehnlichkeit! verſicherte der Offizier und wandte ſich der Bühne wieder zu. Der Kammerherr aber war nicht ſo ruhig, wie er zu ſein ſich den Anſchein gab. Er hatte den verſtorbenen Staatsrath von Bechefer geſehen, wenn auch nicht näher gekannt, übrigens gab es mehrere Portraits von ihm im Hauſe der Staatsräthin. Es war ihm öfter aufgefallen, — 60— daß Cäcilie weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich war, eine ganz andere Geſichtsbildung hatte. Er war natürlich nie ſo unverſchämt geweſen, eine indiserete Frage zu thun, aber er hatte doch zuweilen dieſer eigenthümlichen Erſcheinung nachgedacht. Aus allerlei Mittheilungen der Staatsräthin erinnerte er ſich wohl, daß dieſe in der Schweiz mit einer Prinzeſſin zuſammen erzogen worden, er erinnerte ſich aber nicht, jemals den Namen dieſer Prinzeſſin gehört zu haben. Die Mittheilungen des fremden Offiziers verſetzten ihn in eine faſt fieberhafte Unruhe, obwohl er als ein alter Hofmann dieſelbe vollkommen zu verbergen verſtand. Er kannte den Almanac de Gotha halb auswendig, ſeit vielen Jahren las er jeden Abend im Bett vor dem Einſchlafen ein Dutzend oder mehr Seiten in dieſem, ebenſo unentbehrlichen, als intereſſanten Buche. Die Tochter ſeiner Freundin ſah dem Erbprinzen ähnlich, der Erbprinz ſeiner hochſeligen Mama; dieſe längſt verſtorbene Herzogin aber hieß, wie der Kammer⸗ herr ganz genau wußte, Cäcilie. Zwar hieß die Staats⸗ räthin auch Cäcilie, dennoch war es dieſer Name, der den alten neugierigen Hofmann ganz beſonders frappirte. Die Aehnlichkeit und der Name zuſammen wirkten auf ihn, wie der Feuerfunke auf Zunder wirkt, er glühete vor Be⸗ gierde, das Räthſel zu löſen. Er hatte ſeine alte Freundin im Verdacht einer romantiſchen Liaiſon, vielleicht einer geheimen Ehe mit einem Brnder dieſer Herzogin Cäcilie, er wußte auch, daß ſie Brüder gehabt, er konnte ſich aber leider nicht mehr erinnern, in welchem Alter dieſe zur Zeit der Geburt Cäciliens geſtanden. Einen Augenblick — 61— fühlte er ſich verſucht, auf ſeinen Collegen den Geueral⸗ Intendanten Kammerherrn von Hülſen zu ſchelten, daß der nicht, wenigſtens für den erſten Rang, einige Exem⸗ plare des Gothaiſchen Almanachs angeſchafft habe, er hätte etwas Großes jetzt gegeben für einen einzigen Blick in das kleine Buch.— Hatte die Herzogin Cäcilie damals einen Bruder gehabt, einen Bruder nicht gar zu alt, nicht gar zu jung, dann war ihm das ganze Geheimniß klar, denn der Bruder war ſeiner Schweſter ähnlich, die Tochter der Staatsräthin ihrem Vater und ſo erklärte ſich denn auch die Aehnlichkeit mit dem Erbprinzen. Der Kammerherr entſchuldigte ſich gegen ſeinen Nach⸗ bar, den fremden Offizier mit einem plötzlichen Unwohl⸗ ſein, er war wirklich krank vor Neugierde, vor innerer Aufregung, er ging und lief, trotz ſeiner etwas podagri⸗ ſchen Füße, nach ſeiner, glücklicher Weiſe nicht allzu ent⸗ fernten Wohnung. Den Hut auf dem Kopfe, in den Mantel gehüllt, blätterte er mit zitternder Hand in dem erſten Jahrgange des Gothaiſchen Almanachs, der ihm in die Hände fiel. Verdrießlich, enttäuſcht, warf er das Büchlein hin, die Herzogin hatte zwei Brüder gehabt, Zwillinge ſogar, aber ſie waren im zarteſten Alter verſtorben. Das war eine ſchwere Enttäuſchung für den armer Kammerherrn, er hatte ſich ſchon im Beſitz eines großen Geheimniſſes geglaubt und ſah ſich plötzlich wieder ganz in der alten Unwiſſenheit. Warum ſieht auch der Erbprinz nicht ſeinem Vater dem Herzoge ähnlich, wie ſich's für einen ordentlichen Sohn ziemt! ſagte er ganz laut und beinahe zornig. — 62— Er mußte über ſich ſelbſt lachen, ruhiger legte er Hut und Mantel ab, darnach verglich er aber doch zur Vor⸗ ſorge noch einige ältere Jahrgänge des Almanachs, es konnte doch ein Irrthum vorgefallen ſein und er erinnerte ſich, daß er ſelbſt vor einigen Jahren einen kleinen Fehler gefunden und der Redaction des Almanachs von dieſer Entdeckung in einem ausführlichen Schreiben Kunde ge⸗ geben. Eine dem hohen Königlichen Hauſe nahe ver⸗ wandte Prinzeſſin, welche Maria Anna hieß, war im Al⸗ manach Marianne genannt worden: dieſen Fehler hatte er damals verbeſſert. Aber heute mußte er endlich ſeine ſonderbaren genealogiſchen Forſchungen aufgeben und ſich dabei beruhigen, daß die beiden Prinzen lange vor Cä⸗ ciliens Geburt jung geſtorben. Nachdem der Kammerherr eine Taſſe Thee getrunken und tief ſinnend eine halbe Cigarre geraucht hatte, geſtand er ſich ſeufzend ein, daß Cäcilie doch wohl nur zufällig dem Erbprinzen ſo ähnlich ſei; kein Prinz in dem Hauſe, aus dem die Herzogin Cäcilie entſproſſen, konnte ihm den geringſten Anhalt geben, er mußte ſich ſagen, daß die Staatsräthin mit keinem Prinzen aus dieſem Hauſe eine Intrigue der Art gehabt haben könne. Alle Aehnlichkeiten ſind Dummheiten! rief der Kam⸗ merherr. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, wie nahe er daran geweſen, das Geheimniß der Geburt Cäciliens zu entdecken, ſein Urtheil würde anders gelautet haben. Er hatte das Geheimniß in den Händen, aber der Schlüſſel fehlte ihm dazu. Der Erfolg rechtfertigt. Man hatte die Gewißheit, daß der Landrath Auligk mit ſeiner jungen Gemahlin aus England angekommen. Bald nach ſieben Uhr ſchon verſammelten ſich die Ge⸗ treuen der Staatsräthin von Bechefer in dem gelben Salon, eifriger als je den Gehorſam eines guten Sohnes bewundernd, der wirklich den Muth gehabt hatte, die liebſten Wünſche ſeines Herzens, eine ernſte Leidenſchaft für ein edles Mädchen, das ſeine Liebe erwiderte, der Pflicht des Gehorſams gegen ſeinen Vater zu opfern. Die Staatsräthin bewunderte ſolche Tugend ſehr wort⸗ reich, konnte ſich aber nicht enthalten, dabei doch ein ge⸗ wiſſes Mißvergnügen auszuſprechen. Gehorſame Söhne und conventionelle Ehebündniſſe waren nach ihren An⸗ ſchauungen eben nicht ſehr poetiſch und paßten nicht in die Romantik ihrer ſtillen Träume. Ein alter Obriſtlieutenant, der einen ſehr ungehorſamen Sohn hatte, beneidete den Commerzienrath mit lauter Stimme, und ſchwur, dem Landrath müſſe es, ſchon um dieſes Gehorſams willen, wohl gehen in ſeiner Ehe. Der Graf, der zwar höflich ſeine Billigung des kindlichen Gehorſams ausgeſprochen, der aber in der That gar nichts Außerordentliches darin ſehen konnte, hatte ſich an den Flügel geſetzt und ſpielte mit großer Präciſion einen von ihm componirten Hoch⸗ zeitsmarſch, der großen Beifall bei dem Geheimrath Al⸗ berty fand. Der Graf gab etwas auf Alberty's Urtheil — 64— und hatte an ihm den einzigen aufmerkſamen Zuhörer, denn die ſchöne Cäcilie, welche des Geheimraths Auf⸗ merkſamkeit hätte zerſtreuen können, erſchien immer erſt nach acht Uhr in dem Salon, um den Gäſten ein Glas Wein anzubieten. Der Kammerherr ſaß zerſtreuter als je neben ſeiner alten Freundin auf der Ottomane, es ſchlug ihm etwas das Herz, wenn er in das reine edle Geſicht der Staats⸗ räthin blickte, das grade durch die Hinneigung zu allerlei romantiſchen Extravaganzen der unſchuldigſten Art, die ſich bei ihr ganz ungezwungen mit der Spottluſt des acht⸗ zehnten Jahrhunderts vereinigt fand, ſeinen friſchen jugend⸗ lichen Charakter bewahrte. Der Kammerherr gedachte nicht ohne ein gewiſſes Schamgefühl an ſeine emſigen genealogiſchen Forſchungen im Almanac de Gotha und küßte die kleine Hand der Staatsräthin mit ſo feuriger Reue, daß dieſe ihm, an andere Zeiten und andere Ge⸗ fühle denkend, leicht mit dem Finger drohete, zugleich aber gar lieblich dazu lächelte. Cäcilie trat in den Salon; ruhig und würdevoll grüßte das ſchöne Mädchen nach allen Seiten, ihren früheren Eintritt, der wirklich einige Verwunderung erregt hatte, erklärte ſie durch die einfachen Worte: Auligk’s Wagen iſt eben vorgefahren! Ach, bitte, Excellenz, ſpielen Sie den Hochzeitsmarſch noch ein Mal, bat die Staatsräthin, unter den Klängen deſſelben ſoll das junge Paar hier eintreten. Der Graf ſchien zu zögern, er liebte es nicht, in dieſer Art Muſik zu machen. Die Aufregung der Staatsräthin — 65— mußte groß ſein, zu jeder andern Zeit würde ſie eine ſolche Bitte für indiscret gehalten haben. Eine Muſik von Ihnen, Excellenz, die ich noch nicht gehört habe? fragte Cäcilie mit hinreißender Freundlichkeit, dem Grafen und der Staatsräthin zugleich zu Hülfe eilend. Für Sie, liebes Kind, antwortete der Graf artig und mit tieferem Gefühl zugleich, componire ich einen eigenen Hochzeitsmarſch! zugleich aber ſetzte er ſich nieder und begann zu ſpielen. Im gelben Salon hatte Cäcilie noch keinen Wunſch geäußert, der ihr nicht ſofort erfüllt worden wäre, aber freilich war es auch eine außerordentliche Seltenheit, wenn das ſchöne Mädchen einen Wunſch ausſprach. Majeſtätiſch rauſchten die Klänge des Hochzeitsmarſches und als ſich die Thür öffnete, brach der Graf ſein Spiel plötzlich ab, nicht etwa mit einer jener grellen ſchneidenden Diſſonanzen endend, durch welche die modernen Virtuoſen Effect zu machen ſuchen, ſoudee nahm einen paſſenden Uebergang und ſpielte leiſe einen alten ſchönen Satz, dann ſein Thema kunſtreich variirend. Den muſikkundigen Ge⸗ heimrath Alberty feſſelte er dadurch ſo, daß er ſich um die Eintretenden gar nicht kümmerte, ſondern ganz Ohr auf ſeinem Platze blieb. Durch die Fortſetzung ſeines Spiels hatte der Graf eine große Verlegenheit überwinden helfen. Das junge Paar wurde nicht beim Eintritt der alleinige Gegenſtand der Aufmerkſamkeit und namentlich hatte die Staatsräthin Zeit, ſich von der erſten Beſtürzung zu erholen, denn als ſie die junge Frau, welche ihr der Landrath zuführte, in wohlgeſetzten Worten willkommen Heſekiel, Schmal geweckt. 11. 5 — 66— hieß, fiel ihr die plötzlich um den Hals und umarmte ſie halb lachend und halb weinend. Die Staatsräthin ſtand einen Augenblick höchſt betreten bei dieſem plötzlichen Aus⸗ bruch einer ganz unerwarteten Zärtlichkeit. Erſt als der Landrath ſagte: Kennen Sie denn Adelaide nicht mehr, liebe Tante? Es iſt ja meine Adelaide! erſt da erwiderte ſie die Umarmungen der jungen Frau, ohne noch recht den Zuſammenhang zu begreifen. Nun, ſind wir nun noch ein barbariſcher Vater, Frau Staatsräthin? fragte der Commerzienrath, indem er ſich vergnüglich die Hände rieb. Welch allerliebſte Comödie! rief der Kammerherr. Ich begreife nichts von alledem! betheuerte der Oberſt⸗ lieutenant ehrlich. Es ſcheint, daß der Herr Commerzienrath uns Alle und ſeinen Sohn zuerſt myſtificirt hat! bemerkte der Graf zu Alberty. Vielleicht auch ein abgekartetes Spiel zwiſchen Vater und Sohn, Excellenz? entgegnete der mißtraniſche Geheim⸗ rath leiſe.— Ich glaube, Sie irren ſich dieſes Mal! Der jüngere Herr Auligk litt wirklich! erklärte der Graf, die junge Frau durch ſein Lorgnon muſternd. Schön iſt die Dame nicht, neben Fräulein Cäcilie ſieht ſie etwas unbedeutend aus. Der Geheimrath verbeugte ſich in der Zerſtreuung, denn er hatte eben daſſelbe gedacht. Ah! Sie danken, lieber Alberty, ſcherzte die Excellenz, Sie nehmen ein Compliment, welches Cäciliens Schönheit galt, als Compliment für Ihren guten Geſchmack, haben keine Urſache, ich habe Fräulein von Bechefer für eine Schönheit erſten Ranges erklärt, lange bevor ſie Ihre Braut wurde. Die Vorſtellung der jungen Frau und des Herrn Stephenſon Armſtrong, den der Commerzienrath mitge⸗ bracht, war noch nicht zu Ende, als die lebhafte Dame vom Hauſe rief: Die Ueberraſchung iſt allerliebſt, liebe Adelaide, aber Couſin Auligk, eigentlich begreife ich den Zuſammenhang doch nicht. So geht's mir nun, klagte der Commerzienrath, glaube da endlich ein Mal ein tüchtiges romantiſches Stück ge⸗ leiſtet zu haben und nun verſteht mich dieſe Königin der Romantik nicht. Ahl hochgeſchätzte Frau Muhme, ledig⸗ lich um Ihnen zu zeigen, daß die Romantik noch nicht verſchwunden iſt aus dem Leben, daß ſie ſelbſt im Hauſe eines ganz modernen Fabrikanten noch Geltung hat, habe ich meine kleine Nichte von meinem Heerde verſtoßen und als ächter Tyrann meinem Sohne, der für die kleine Perſon ſchwärmte, verboten, auch nur an ſie zu denken, dafür aber ſich bereit zu halten, eine reiche Braut aus England heimzuführen, die ich ihm ausgeſucht. Ich habe mich nicht erweichen laſſen durch die Bitten meines Soh⸗ nes, obgleich mir der arme Schelm oft leid that in ſeinem Liebesjammer. Selbſt die Gründe einer Dame, die ich ſonſt ſehr hochſchätze, habe ich nicht gelten laſſen, ich ſpielte den Barbaren und Tyrannen, wie er in der Co⸗ mödie ſteht, prüfte aber dabei die Liebe der beiden jungen Leute zu einander und als ich ſie ächt fand, da ſchickte ich den gehorſamen Sohn nach England, ſich dort die 5* — 68— ihm beſtimmte Braut zu holen. Als Preis ſeines Ge⸗ horſams fand er in der Braut, die ich ihm ausgeſucht, die Liebe ſeiner Jugend, ſeine Adelaide. Denn die kleine Conſine, die ich ſo grauſam verſtoßen aus meinem Hauſe, die hatte mein College, Meiſter Stephenſon, freundlich als Tochter in ſein Haus aufgenommen und ihr Engliſch gelehrt, um ihr bis zur Hochzeit die Zeit zu vertreiben. Uebrigens will ich bekennen, daß ich gegen meinen Sohn härter geweſen bin, wie gegen meine Nichte. Ich habe Adelaide nicht verboten an Hans zu denken, ich verbot ihr nur an ihn zu ſchreiben, und ſagte ihr gleich, daß ich ſie gern als Tochter wieder aufnehmen würde in mein Haus, wenn die Liebe meines Sohnes die Probe beſtände und nicht erlöſche in den zwei Jahren der Trennung. Die Staatsräthin ſchien nicht ganz zufrieden mit der Romantik des Fabrikanten, ſie war mit der Heirath ein verſtandener als mit den Mitteln, die ihr Verwandter angewendet. Der Herr Commerzienrath hat ein ziemlich keckes Spiel geſpielt, meinte der Graf leiſe. Was ich billigen könnte, wenn es aus Princip und Ueberzeugung geſchah, mißbil lige ich entſchieden, wenn es im Spiel ſein ſollte; doch glaube ich, daß es dem feſten Herrn Ernſt geweſen mit der Prüfung; ich kenne ihn beſſer als er glaubt. Excellenz haben Recht, erwiderte der Geheimrath, das Ganze hat den Beigeſchmack einer ſchlechten Comödie, welche man„die Braut aus England“ betiteln könnte, in⸗ deſſen bin auch ich überzeugt, daß dieſer gute Sohn ſeine Couſine nicht bekommen haben würde, wenn er ſeinen Vater nicht durch ſeinen Gehorſam entwaffnet hätte. Des Vaters Benehmen kann ich nicht überall billigen, fuhr der Graf fort, das des Sohnes aber iſt tadellos. Tadellos ja, flüſterte der Geheimrath, aber beſonders lobenswerth iſt daran auch weiter nichts. Der Sohn liebt den Luxus, der Vater iſt ſehr reich; der Sohn kennt ſeinen Papa ſehr genau; ich finde den Gehorſam des Herrn Landraths ſo bewundernswerth gar nicht. Ein königlich preußiſcher Beamter kann von ſeinem Gehalt keine Renn⸗ pferde halten, das erklärt Vieles. Uebrigens will ich da⸗ mit nicht geſagt haben, daß es dem jungen Herrn Auligk nicht ſchwer geworden ſei, ſeiner Liebe zu entſagen, der verwöhnte Sohn eines reichen Mannes entſagt niemals gern einer Paſſion. Mir könnte vor Ihnen grauen, lieber Alberty, entgeg⸗ nete der Graf, nachdem er den Worten des Geheimraths einen Augenblick nachgedacht, Sie haben eine wunderbare Gabe, die Handlungen des Menſchen aus eigennützigen Beweggründen zu erklären, indeſſen weiß ich, daß Sie ſonſt auch höhere und beſſere Motive des Handelns finden und anerkennen. Gewiß, Excellenz, erklärte der Geheimrath eifrig, aber ſelbſt die beſſeren und bedeutenden Menſchen handeln oft unter dem Einfluß des Eigennutzes, gewöhnlichere Men⸗ ſchen, die Mehrzahl, kann ſich von dieſem Einfluß nur ſelten frei machen; von einem großen Ereigniſſe, von einem mächtigen Eindruck fortgeriſſen, vergeſſen Sie das liebe — 70— „Ich“ zuweilen und pflegen das hinterdrein oft genug zu bereuen. Das Geſpräch wurde unterbrochen, es ging an dieſem Abend, wenn auch nicht heiterer, ſo doch lebhafter in dem gelben Salon zu als ſonſt, und der Geheimrath Alberty hatte wieder Gelegenheit, ſich von der faſt magiſchen Ge⸗ walt zu überzeugen, welche der Erfolg auf die Gemüther übt. Die Staatsräthin hatte raſch Alles überwunden, was ihr anfänglich an dieſem Ereigniß fremd und ſtörend geweſen; wie die Uebrigen, wie namentlich der Landrath und ſeine junge Gemahlin ſelbſt, fand ſie die Handlungs⸗ weiſe des Commerzienraths vortrefflich, lediglich weil ſie den Erfolg für ſich hatte, weil das Glück zweier Menſchen die Folge geweſen. Mit ſchlauem Lächeln nahm der Ge⸗ heime Commerzienrath all die Complimente hin, die ihm geſagt wurden, er wußte ſehr gut, daß ſie ihm nur der Erfolg zu Wege gebracht, daß dieſelben Stimmen, die ihn jetzt prieſen, ihn hart getadelt haben würden, wenn ſich ſein Sohn z. B. in der Verzweiflung vor den Kopf ge⸗ ſchoſſen und ſo die Comödie in ein blutiges Trauerſpiel verwandelt hätte. Der kluge Mann wußte das, aber er wußte auch, daß er Glück hatte und darum hatte er zu⸗ verſichtlich ſpeculirt und— gewonnen. Ein Mann ſeiner Art hält ſein Glück für eine Tugend, für ein perſönliches Verdienſt und nimmt darum Complimente, die ſeinem Er⸗ folge gelten, ſtets als einen gebührenden Tribut mit voller Selbſtgefälligkeit auf. Der Geheimrath Alberty hatte die Freude zu bemerken, daß die ſchöne Cäcilie nicht durch den Erfolg geblendet war, denn ſie drückte ihm leiſe die Hand und flüſterte vorübergehend: Gott ſei Dank, daß dieſes leichtſinnige Spiel keinen böſen Ausgang genommen! Bei Tiſche unterhielt ſich die Staatsräthin trefflich mit Maſter Stephenſon Armſtrong, dem Adoptiv⸗Vater Adelaidens. Sie ſprach nämlich, da der Herr nur wenig deutſch verſtand, mit ihm franzöſiſch, was er gar nicht verſtand, aber gleichwohl nicht eingeſtehen wollte, dagegen antwortete er ganz tapfer engliſch, eine Sprache, die der Staatsräthin leider völlig fremd war. Der Commerzien⸗ rath hatte eine ungeheure Freude über dieſe Unterhaltung und that das Seinige redlich, dieſe Converſation der Mißverſtändniſſe zu befördern und auszubeuten. Ber blaue Zuſch. —=0—;— In dem großen Hauſe, nicht fern vom Thor und dicht am Strom gelegen, befand ſich ſeit undenklichen Zeiten eine ſehr reputirliche Wirthſchaft, welche von den Herren Füſilieren vom hochlöblichen Königlichen ſoundſovielſten Infanterie⸗Regiment, welche die Garniſon der braven Provinzialſtadt bildeten, mit ganz beſonderer Vorliebe und oft mit einem Eifer beſucht wurde, von dem man ſich hätte ein Stück für den Dienſt wünſchen können. Das Etabliſſement, wir müſſen uns des vornehmſten und modernſten Ausdrucks befleißigen, hieß kurz und gut die„Schwemme“, warunes ſo hieß, kann nicht mitgetheilt werden, da die„Schwemme“ ſchon im grauſten Alter⸗ thume exiſtirte, ſintemalen der Landwehrfeldwebel, die äl⸗ teſte Perſon am Orte, welche des Königs Rock trug, die „Schwemme“ ſchon fertig vorgefunden; über dieſen Feld⸗ webel hinaus aber reichten die militairiſchen Local⸗Tra⸗ ditionen nicht. Zwar wollte verlauten, die„Schwemme“ habe noch einen andern Namen, und einige fürwitzige „Einjährige“, welche dem Bataillon auch ſonſt viel zu ſchaffen machten, wagten dies mit einer Keckheit auszu⸗ ſprechen, die jedenfalls anerkennenswerther war, als ihre 76— Schnurbartsanfänge, ſich dabei auf die Thüre der „Schwemme“ berufend. Ueber dieſer Thüre ſah man nun allerdings in einer Art von Niſche eine fabelhafte Thiergeſtalt, welche die Einen mit großem Recht für eine Gans, die Andern aber mit noch größerem Recht vielleicht für ein Pferd erklärten. Unterhalb dieſer Thiergeſtalt aber bemerkte man eine Art von Schild, welchem man mit einiger Anſtrengung anſehen konnte, daß vielleicht einſt ein Mal etwas darauf geſtan⸗ den, was man jetzt nicht mehr ſehen konnte. Doch laſſen wir dieſe gelehrten antiquariſchen Unter⸗ ſuchungen bei Seite, treten wir ein in das alte Haus, ſtolpern wir etwas über den halbfinſtern Flurgang, der mit rothen, ſchon ausgetretenen Ziegelſteinen gepflaſtert iſt, und verfügen wir uns in die Gaſtſtube gleich zur Linken. Faſt lauter Blauröcke ſind's, die da an den Tiſchen ſitzen und den kühlen, weinſäuerlichen Breihahn trinken aus geräumigen Gläſern, dazu ihre Pfeife rauchen, oder gar ſchon eine Cigarre, deren miteingewickeltes Mundſtück eine Federſpule bildet. Die Cigarrenſorte war in jener Zeit, in der unſere Erzählung ſpielt, einer der höchſten Luxusartikel, den ſich die Füſiliere Sr. Majeſtät auch nur in ſehr leichtſinnigen Stunden geſtatteten. Nur wenige der vaterländiſchen Krieger machen ein kleines Kartenſpiel, welches den ebenſo bezeichnenden, als poetiſch empfindſamen Namen„Schafskopf“ führt; die Meiſten genießen ihr Bier lachend, luſtig mit einander plaudernd und ſich unterhaltend mit„ſchlechten Witzen“, wie ſie höchſt beſcheiden ſelbſt ſagen. Es geht nicht gerade — u beſonders fein zu in den Salons der„Schwemme“, aber „Alles in Liebe und Güte“, wie's in der alten Ko⸗ mödie heißt. Da tritt ein Mann herein, lang und hager, der ſtampft, nach rechts und links durch ſteifes Kopfnicken grüßend, mit ſtrammen Schritten mitten durch das dampferfüllte Ge⸗ mach und ſetzt ſich gravitätiſch nieder auf den einzigen Polſterſtuhl, der da zu ſehen, im letzten Fenſter vor einer kleinen Klappe, auf welcher der Moniteur der Provinzial⸗ ſtadt liegt, grau auf grau gedruckt und nicht ganz mit dem Format der Times übereinſtimmend. Jetzt erſt, nachdem er ſich geſetzt, nimmt der alte lange Menſch die wunder⸗ bar geformte Mütze vom Haupt und zeigt ſeinen mit kurz⸗ geſchnittenem weißen Haar beſetzten Schädel. Man konnte den Alten für einen Dorfſchulzen etwa halten; der lange blaue Rock mit großen Knöpfen, die rothe Weſte, das ſchmale ſchwarze Halstuch, die gelben Bockledernen und die Stulpenſtiefeln deuteten auf ſo etwas hin; dem wider⸗ ſprachen auch die drei⸗Medaillen oder Denkmünzen nicht, die auf dem Rocke prangten, wenn's aber ein Dorfſchulze war, dann hatte er gewiß gedient unter der ſchwarz⸗weißen Fahne, und zwar nicht als„Einjähriger“, das ſah man ihm auf den erſten Blick an. Der Alte mit den funkeln⸗ den Augen, dem's fortwährend um die Mundwinkel zuckte, die ziemlich weit von einander entfernt waren, der bei jedem Zucken zwei Reihen vortrefflicher Zähne zeigte, verrieth in jeder Bewegung den ſtrammen Preußiſchen Soldaten, den auch ein wenig geübtes Ange gleich erkennt. 78— Du, wer iſt der alte Kerl fragt ein angehender Soldat, auf gut Deutſch ein Rekrute, einen„Alten““. Na, hört mal, antwortet der mehr gemüthlich als höf⸗ lich, das Rindvieh hier kennt den blauen Buſch nicht! Rekrute, nimmt ein pockennarbiger Capitulant das Wort mit einiger Würde, mache Er dem blauen Buſch ſeine Re⸗ verenz, ſtell' Er ſich vor ihm hin, ſowie Er jetzt ſteht, krumm wie ein Fidelbogen, ich ſage Ihm, da kann Er den blauen Buſch kennen lernen. Jeder faſt ſagte ihm was, ſchließlich kam's heraus, daß der blaue Buſch durchaus kein Anderer war als eben der blaue Buſch; einzig und allein erfuhr der ſogenannte Rekrut, daß der alte Mann, der ſich da im Fenſter die Pfeife ſtopfte, eigentlich Buſch heiße, aber wegen ſeines blauen Rockes der blaue Buſch genannt werde, worüber er ſich natürlich auf's ſchrecklichſte wunderte. Was hätten ihm die Kameraden auch weiter von dem Alten ſagen ſollen? Als ſie zum erſten Male in die „Schwemme“ gekommen, hatte der blaue Buſch ſchon viele Jahre da im Fenſter geſeſſen an der nämlichen Stelle, hatte das Wochenblatt geleſen, ſich die Soldaten beſehen, ihre Reden mit angehört, mitunter auch ein Wort hinein⸗ geworfen in ihre Unterhaltung, auch ein paar Mal ſich's herausgenommen, junge Krieger, die ihm„maladrett“ und nicht„propre“ genug ausſahen, gründlich auszuhunzen, ſelten ſich aber in weitere Geſpräche eingelaſſen. Zwar ging eine dunkle Sage, der blaue Buſch ſei zwanzig Jahre Soldat geweſen und erzähle zuweilen Geſchichten aus ſei— ner Zeit, aber Niemand von der gegenwärtigen Generation — 79 hatte ihn erzählen hören. Dennoch war der alte Soldat, als ſolchen können wir ihn ohne Weiteres bezeichnen, ſehr beliebt bei den Füfilieren, und das hatte auch ſeinen guten Grund, denn der Alte hatte ſeine ſchwarzen Augen überall und hatte es verdammt ſchnell weg, wer irgend ein ordent⸗ licher Kerl war und dem Rock des Königs keine Schande machte. Sah er nun einen ſolchen Soldaten lange bei einem leeren Glaſe ſitzen, ſo was man„Glaskauen“ nennt mit dem Kunſtausdruck, oder ſah er einen mit der Pfeife im Munde und doch keinen Rauch, was hinwiederum„kalte Küche“ benamſet wird, ſo wußte er gleich, was die Glocke geſchlagen hatte. Gewöhnlich ließ er ſich dann ein volles Glas bringen, nahm das, ſtampfte damit auf ſeinen Ge⸗ genſtand los, tippte demſelben kräftiglich auf die Schulter: Mir mal Beſcheid thun, Kanrrad, auf Seine Majeſtäten Wohl, bin auch Soldat geweſen! Dann nippte er von dem Glaſe und reichte es ſeinem Gegenſtande. Danach aber kehrte er zu ſeinem Sitze zurück und überließ dem bisher Glas Kauenden das volle Glas. Das kam oft genug vor und Jeder nahm gern von dem Alten, der ſich ſo in Reſpect zu ſetzen wußte, die kaineradſchaftliche Gabe an. Noch öfter aber erlöſte er die Füſiliere aus der Qual der„kalten Küche“, dabei aber verfuhr er weniger förmlich, da rief er laut: Du von der zwölften Compagnie, tritt mal her, mein Junge, ſtopf Dir mal ein,'ne Pfeife Taback habe ich immer für'n ordent⸗ lichen Preußen und der alte Buſch führt keinen Galgen⸗ knaſter! Mit dieſen Worten ſchob er ſein Tabackspaquet, das er jeden Abend mitbrachte, dem Soldaten hin und — 80— hatte ſeine Freude d'ran, wenn der ordentlich einſtopfte, unten locker und oben feſt. Wie mancher Füſilier erinnert ſich noch mit Vergnügen an den Taback, den ihm der blaue Buſch gegeben. Es war ein Löwe auf den Viertelpaqueten, aber das wilde Thier ſchien den aus der„kalten Küche“ Erlöſeten ordentlich freundlich zuzulächeln von ſeinem grauen Papier. Aber mit Bier und Taback hatte die Freundſchaft des blauen Buſch noch kein Ende, er hatte ſ eine Augen überall, und wo ſeine Augen waren, da waren auch ſeine Ohren, und mancher brave Kerl fühlte beim Weggehen draußen im finſtern Flur die ſchwere Hand des Alten auf ſeiner Schulter und vernahm deſſen Stimme, welche ſagte:„Laß den Kopf nicht hängen, mein Junge, Geld iſt alle, kenne das, wie meinſt Du, kann Dir der alte Buſch mit einem Viergroſchenſtück unter die Arme greifen? er kann auch zwei vorſpannen zur Noth, mach' keinen Unſinn, Kerl, von einem alten Soldaten kannſt Du immer das annehmen. Giebſt miys wieder, wenn Du kannſt!“ So hat der blaue Buſch mancher Mutter Kind ge⸗ holfen, und'mal bei einer Gelegenheit verſicherte er feſt, daß er ſtets ſein Geld wiederbekommen habe; man kann ihm das glauben, denn er wußte ſehr gut was er that, ſeine Gefälligkeit kam immer nur ordentlichen Kerls zu gut und dafür hatte er ein Auge. Indeſſen ſchrieb er nichts auf, und wenn er hier und dort auch um ein paar Vier⸗ groſchenſtücke gekommen wäre, er konnte es ertragen, denn er hatte eine bürgerliche Ackerwirthſ chaft, die ihn gut nährte, aber geſagt hätte er's um keinen Preis, da war ihm des — 81— Königs Rock viel zu heilig, denn dem hätte er eine Schande zu machen geglaubt, wenn er zugegeben hätte, daß ihn Leute getragen, welche ein kameradſchaftliches Darlehen nicht heimgezahlt. Da ſaß nun der blaue Buſch, er dampfte tüchtig auf ſeiner kurzen Pfeife, auf deren Kopf das Bruſtbild Friedrich Wilhelms III. prangte, das Bild war nicht ſehr geſchmei⸗ chelt, aber es hatte doch einige Aehnlichkeit mit den wohl⸗ bekannten Zügen des geliebten Königs, und der blaue Buſch war, was Kunſt betraf, nicht gerade ſchwer zu befriedigen. Er hatte ſeinen Breihahn halb ausgetrunken und ſtudirte eifrig das Wochenblatt. Eben war er bei dem Artikel Frankreich, den er ſtets mit unterdrücktem Groll zu leſen pflegte, denn es war ein geſunder Franzoſenhaß in ihm. Hat er denn nichts anders zu thun? brummte er grimmig, als er heute wie ſchon viele Tage lang las, daß Louis Philipp einen Miniſterrath in den Tuillerien gehalten hätte und dann nach Neuilly gefahren wäre. Dummes Zeug! zürnte er für ſich, was geht uns das an? Warun ſchrei⸗ ben ſie denn nicht in's Blatt, wohin unſer König, unſer eig'ner König gefahren iſt? Das wäre doch noch was! Schwere Noth, was iſt das? Er legte das Blatt hin, denn an dem Tiſch, der ſei⸗ nem Fenſter zunächſt ſtand, hatten die beliebten„ſchlechten Witze“ der Füſiliere zu einem Streit geführt, der ſehr leb⸗ haft geführt wurde. Der blaue Buſch war ganz Ohr und ganz Auge. Er hatte es gar gern, wenn die„Grünſchnäbel“ etwas laut wurden, nur mußte Alles in den gehörigen Grenzen bleiben. Bald hatte er weg, warum es ſich bei Heſekiel, Schmal geweckt. II. 6 32— dieſem Streit handelte, und wurde etwas warm, was ſich durch das Rothwerden ſeiner Ohren zuerſt verrieth. Die Füſiliere waren über einen Kameraden her, der ein beſon⸗ derer Liebling vom blauen Buſch war, der ſchätzte in ihm das Muſter eines blanken Soldaten. Es war ein ſtatt⸗ licher Menſch, nicht ſehr groß, aber kernig und rothwangig, ſauber und friſch, exact im Dienſt und ein guter Geſell; der hatte ſich beikommen laſſen, zu behaupten, er werde weiter dienen und Unteroffizier werden. Mit einem unge⸗ heuren Gelächter hatten die Andern dieſe Anmaßung auf⸗ genommen. Der Füſilier antwortete derb und noch derber wurden die Kameraden; der blaue Buſch rückte ungeduldig hin und her auf ſeinem Stuhl. Plötzlich ſchrie Einer: Du kannſt Gott danken, Mondkalb, daß Du's bis zum Bur⸗ ſchen des Herrn Lieutenants gebracht haſt, weiter wirſt Du's im Leben nicht bringen. Lautes Gelächter belohnte dieſen Trumpf, aber der, welcher dieſen Trumpf ausge⸗ ſpielt hatte, ſollte ſich ſeines Triumphs nicht lange freuen, denn im ſelben Moment faſt ſtand der blaue Buſch am Tiſch mit zornrothem Geſicht und ganz grimmig rief er: „Euch ſoll doch gleich“— nun folgte eine kurze Erklä⸗ rung, die man füglich als das Gegentheil von einer Schmeichelei bezeichnen konnte, damit war indeß der Zorn des Alten zu Ende, und ſich an den Verhöhnten wendend, ſagte er: Laß gut ſein, mein Junge, und wenn Du's auch nicht weiter bringen ſollteſt als bis zum Burſchen Deines Herrn Lieutenants, es haben's Andere auch nicht weiter gebracht, die doch ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan und ehrenvolle Soldaten des Königs geweſen ſind; ja, Ihr — 89 junges Volk, ich denke, daß hier Keiner was gegen den alten Buſch hat, oder wie Ihr ihn nennt den blauen Buſch, was auch weiter nicht geſchimpft iſt, wollte mir's auch ſonſt verbeten haben! nun der blaue Buſch hat's auch nicht weiter gebracht, wenn Ihr's ſo meint, als bis zum Bur⸗ ſchen des Herrn Lieutenants von Gauvain. Hollah! wer hat was dagegen? Jetzt zeigte ſich's, wie geachtet und geliebt der blaue Buſch bei den Füſilieren war, ſie drängten ſich um ihn Alle und die Uebermüthigſten erklärten zuerſt, daß ihn Nie⸗ mand habe kränken wollen, es wäre eben Alles nur„ſchlech⸗ ter Witz“ geweſen. Vater Buſch! hieß es hier, Vater Buſch! hieß es da. Sie ſchmeichelten dem alten Kerl ſo lange, bis er windelweich wurde. Ja, derjenige, der vor⸗ hin den Trumpf ausgeſpielt hatte, behauptete jetzt, es müſſe doch ſeine eigene Bewandtniß haben mit ihm, denn ſonſt hätte er's gewiß bis zum Feldwebel gebracht, das hätte ihm ja gar nicht fehlen können, und Alle ſtimmten bei. Der blaue Buſch fühlte ſich grauſam geſchmeichelt, er zwinkerte mit den Augen und meinte, die Kameraden wären vielleicht nicht ganz auf der falſchen Fährte, es könne wohl ſein und vielleicht,— aber er wollte nichts geſagt haben. Da beſtürmten ihn denn die Füſiliere mächtig, ihnen zu erzählen, warum er nicht Feldwebel geworden. Einer holte ſeinen Stuhl vom Fenſter, ein Zweiter brachte ihm ſein Glas, und ehe ſich's der blaue Buſch verſah, ſaß er am Tiſch unter den jungen Leuten und erzählte in ſeiner Weiſe los:„Ein Mal iſt kein Mal, närriſche Kerls ihr, aber das ſage ich Euch, propre muß der Soldat ſein, propre 6* — 84=— wie Seine Majeſtät, Gott ſegne unſern Herrn! ſelber; wo bin ich denn ſtehen geblieben? alſo, wahrlich, es iſt ein Haufe Jahre her, von Euch Allen war noch keiner ge⸗ boren, anno zweiundneunzig, ja, ja, zweiundneunzig im Franzoſenkrieg, da wurde mein Herr Lieutenant von Gau⸗ vain auf einen alten Thurm commandirt mit dreißig Mann von unſerm Bataillon, Bataillon von Schenk, wenn Ihr's wiſſen wollt! Das ſtand beim Zekuly'ſchen Corps. Der alte Thurm, ich ſehe ihn noch vor mir ſo deutlich, als wenn die Geſchichte geſtern paſſirt wäre, war wichtig, wes⸗ halb weiß ich nicht, geht Euch auch nichts an, er hieß der Fuſtenberg und wichtig war er, denn der franzöſiſche Ge⸗ neral, Cuſtine hieß der Kerl, werde den Namen in meinem Leben nicht vergeſſen, konnte den Oberſt Zekuly nicht aus ſeiner Stellung vertreiben, wenn er den Thurm nicht hatte, das wußte mein Herr Lieutenant von Gauvain ſehr genau, er ſagte es uns auch ſelber und er vermahnte uns, daß wir uns als brave preußiſche Soldaten halten ſollten und dem Könige Ehre machen, denn wir würden gewiß ange⸗ griffen werden. So kam's denn auch! Am dritten Tage ſchon rückte der Franzoſe, der in Kreuznach ſein Haupt⸗ quartier hatte, vor in verſchiedenen Colonnen; mit zwei Bataillons aber griff er den alten Thurm, den Fuſtenberg, an. Ich ſage Euch, Kameraden, das war ein heißer, blu⸗ tiger Tag, es war der zwanzigſte März eintauſend ſieben⸗ hundert und zweiundneunzig; kaum helle war's geworden, als der Franzoſe ſtürmte, wir aber haben ihm gezeigt, was ein Preuße iſt! Herr Gott im blauen Himmel dro⸗ ben! mein guter Lieutenant, ich ſehe ihn noch und höre — 85— ſeine Stimme, wie er den Degen ſchwenkte und ſein: Der König ſoll leben! ſo friſch und ſtolz den Feinden entgegen rief. Das war ein harter Kampf, aber wir dreißig Preußen ſchlugen den Angriff der Franzoſen ſieg⸗ reich zurück! Kameraden, es war doch ein ſchöner Tag! Gegen Zehn ſtürmten die Franzoſen zum zweiten Male, da ging's noch ſchärfer, aber wenn der Herr Lieutenant von Gauvain rief: Der König ſoll leben! ſo antworteten Alle: Hoch! hoch! hoch! und ſo ſchlugen wir auch den zweiten Sturm ab. Eine Menge Todte lagen um den alten Thurm, aber bei uns ſah's auch nicht ſchön aus, mein Herr Lieutenant hatte vier Wunden an ſeinem Leibe, von uns war Keiner, der nicht wenigſtens ein Loch oder eine Schramme gehabt hätte, und dazu hatten wir uns verſchoſſen, keine drei Patronen mehr im ganzen Thurm. Es ſchlug gerade ein Uhr, ich weiß es, als wäre es geſtern geweſen, als uns der Herr Lieutenant von Gauvain er⸗ mahnte, wir ſollten uns halten und mit dem Bajonnet drauf gehen, denn wer für den König ſtürbe mit der Waffe in der Hand, der laſſe einen ehrenvollen Namen auf Erden und habe einen Freipaß in die himmliſche Seligkeit. Ach, du lieber Gott, wir hätten ja gern das gethan, aber es waren nicht zehn unter uns, die noch ohne Beſchwerde gehen konnten, es war unmöglich! Da er⸗ barmte ſich der Herr Lieutenant, er meinte, er müſſe ſeine Pflicht thun und die tapfern Soldaten dem König erhalten. Er capitulirte und verſprach den alten Thurm zu über⸗ geben, wenn man ihn mit ſeinen Leuten freien Abzug be⸗ willige. Das nahmen die Franzoſen an, aber ſie brachen 86— wie Schurken ihr Wort, denn ſo wie ſie in dem Hof waren, wo wir ſtanden, fielen ſie über uns her, riſſen uns die Kleider vom Leibe und ſchimpften uns, wahrlich! die Franzoſen ſind ein ſchändliches Volk. Einige Minuten bemühte ſich mein tapferer, lieber Herr Lieutenant noch, ſich bei dem feindlichen Offizier Gehör zu verſchaffen, als der ihn aber einen Cujon nannte, da fuhr er auf und ſchrie mir zu: Buſch! drauf! drauf auf die Schurken, es lebe der König! das war das letzte Wort, das ich von ihm gehört habe, denn im ſelben Momente ſchoß er mit ſeinem Piſtol den feindlichen Offizier nieder und warf ſich dann mit dem Degen, um ſich hauend und ſtoßend, in die Franzoſen, wer von uns noch konnte, der that's ihm nach. Endlich ſank er zuſammen. Mit zwei Kameraden bin ich dem Gemetzel entkommen, weil ich der Gelegenheit kundig war. Meine andern Kameraden wurden alle niederge⸗ ſtochen! Wie oft habe ich gewünſcht, bei ihnen zu liegen, als ich an ſchweren Wunden krank, ſieben Wochen bei einer mildthätigen Wittwe in Stromberg verſteckt lag! Gott hat's beſſer mit mir gemacht, beſſer als ich's ver⸗ diene, ſchloß der blaue Buſch mit tiefer Rührung ſeine Geſchichte, ich kriegte wegen meiner Bleſſuren den Abſchied, die Wittwe aus Stromberg wurde mein Weib, ſie zog mit mir hierher in meine Vaterſtadt, Gott habe ſie ſelig, ſie iſt geſtorben, nachdem ſie mir vorher einen Sohn ge⸗ boren, der hat beim Leib⸗Infanterie⸗Regiment geſtanden und iſt als ein braver Kerl bei Wartenburg an der Elbe geblieben anno dreizehn.“ Der blaue Buſch ſchwieg eine Weile, dann trank er — 37— ein Mal und die Füſilire ſahen wohl, daß eine Thräne in ſein Glas fiel, aber ſie ſagten nichts, gleich darauf aber ſtopfte ſich der Alte eine friſche Pfeife und ſagte ganz wie gewöhnlich: Da habt Ihr's! Jungens, nun wißt Ihr's auch, warum's der alte Buſch nicht weiter gebracht hat, als nur zum Burſchen des Herrn Lieutenants von Gauvain. Das war ein braver Offizier, Gott habe ihn ſelig! er ſtarb mit dem Wort: Hoch lebe der König! und wenn jeder Preuße ſo ſtirbt, ſo kann er ſich's gefallen laſſen, größere Ehre giebt's nicht, für Keinen, der den blauen Rock trägt, mag er nun General ſein, oder Offi⸗ zierburſche, das ſagt der alte Buſch! Seit jenem Tage kam der blaue Buſch noch oft in die„Schwemme“ und war wie vorher. Aber Jahre nach⸗ her noch, als er ſchon lange nicht mehr kam und längſt zu ſeinem Herrn Lieutenant von Gauvain in die himm⸗ liſchen Friedensquartiere abgerückt war, erzählten die Fü⸗ ſiliere noch immer, wenn ſie in der„Schwemme“ waren, vom blauen Buſch. Diejenigen, die ihn noch gekannt hatten, waren mächtig ſtolz auf ihn. Jetzt iſt nur der Unteroffizier Schmelzer noch im Dienſt von Allen, die den blauen Buſch einſt gekannt haben, das iſt aber jener Offizierburſche von damals, deſſen Zank mit den Kameraden, den blauen Buſch von ſeiner Vergangenheit zu reden veranlaßte, er iſt alſo doch Unteroffizier geworden. Der Tector des Königs. (Eine Geſchichte aus der franzöſiſchen Colonie zu Berlin.) 1. In einem ſtattlichen Hauſe unter den Linden hatte der Baron von Blankendorf die zweite Etage gemiethet für den ganzen Winter, den er in Berlin zubringen wollte, um Amanda von Weißenſee, ſeiner verſtorbenen Schweſter einziges Kind, in die Welt und an den Mann zu bringen. Der Baron hatte ſich nur ſchwer zu dieſem Winterfeld⸗ zuge entſchloſſen, er kannte die Koſtſpieligkeit eines ſolchen, und mit gar wehmüthigem Blick hatte der gute Haus⸗ halter die holländiſchen Goldgeharniſchten abgezählt, die ihn nach Berlin geleiten ſollten und von denen er voraus⸗ ſah, daß ſie auf dem Platze bleiben würden. Amanda von Weißenſee hatte keine Ahnung davon, daß der Oheim nur ihretwegen ſich entſchloſſen den Winter in Berlin zuzubringen, ſie glaubte ſich unentbehrlich in Blankendorf, hatte ſie doch ſeit ihrer Confirmation dem ſparſamen Oheim unentgeltlich als Wirthſchafterin gedient und ihm außerdem noch die Zinſen ihres kleinen Erbes überlaſſen, und der Oheim Blankendorf verſchenkte doch ſonſt nichts, das war ja zum Sprichwort geworden in der ganzen Gegend. Die Sache hatte auch allerdings ihren Haken— der Oheim hatte nämlich ein einfaches Exempel gemacht, das lautete: Amanda hat 10,000 Thaler, davon Zinſen 400, führt mir die Wirthſchaft, dafür ernähre und kleide ich ſie; reiner Gewinn: 400 Thaler. Weiter: die Wittwe des Kaufmanns Ranft in Frankfurt a. O. hat 40,000 Thaler, davon Zinſen 1600 Thaler, führt mir die Wirthſchaft, dafür ernähre und kleide ich ſie; reiner Gewinn: 16,000 Thaler. Dazu kommt: da ich eine Mißheirath ſchließe, ſo beſucht mich kein Edelmann mehr aus der ganzen Ge⸗ gend; ich habe ſie zwar ſtets ſehr mäßig bewirthet, aber ſo zweihundert Thaler jährlich hat es mich doch gekoſtet; zweihundert zu ſechszehnhundert macht achtzehnhundert Thaler, der Profit iſt zu bedeutend, ich verheirathe meine arme Nichte und heirathe die reiche Wittwe. Uebrigens hätte der Baron, wenn es ſo ſchlecht weg nur auf's Heirathen angekommen wäre, ſich die geſammten Koſten des berliner Winterfeldzuges ſparen können, denn Amanda von Weißenſee war ein ſehr hübſches, großes, etwas volles Fräulein von faſt vierundzwanzig Jahren, das für die erſte Schönheit in ſeiner Gegend galt, und trotz der Einſamkeit von Blankendorf, doch ſchon einen Anbeter gefunden und ein ernſthaftes Verhältniß geknüpft hatte; dieſer Anbeter war Monſieur Arnauld, einziger Sohn des reichen Seidenfabrikanten Thomas Robert Arnauld in Berlin. Der reiche berliner Seidenhändler beſaß in der Nähe von Blankendorf einen prächtigen Garten und eine aller⸗ liebſte Villa, wo er in heit'ver Weiſe mit ſeinen Verwandten — 93— und ſeinen Landsleuten von der franzöſiſchen Colonie in Berlin die Feſttage zu verleben pflegte. Dort war der junge Herr Arnauld, der ein Gelehrter war, auf ſeinen Spaziergängen dem Fräulein von Weißenſee begegnet, hatte, hingeriſſen von ihrer friſchen Schönheit und ihrem heitern, naiv⸗witzigen Weſen, ſein Herz an ſie verloren und ſich als Erſatz das ihrige ausgebeten, was denn auch ohne viele Umſtände zugeſtanden worden war. Fräulein Amanda hatte von je eine ſtille Neigung für gelehrte Männer gehabt, und der feine Franzoſe wußte in der Weiſe ſeiner Landsleute ſeine Gelehrſamkeit zu zeigen, ohne in die hölzerne Pedanterie zu verfallen, die damals noch den deutſchen Gelehrten faſt ungenießbar machte. Monſieur Arnauld und Fräulein von Weißenſee hatten auch längſt vor Beginn des Winterfeldzuges ſich gegen⸗ ſeitig ewige Liebe und Treue geſchworen und ihre Hoch⸗ zeit nur bis zu der Ernennung Monſieurs zum Profeſſeur, die nicht lange mehr auf ſich warten laſſen konnte, auf⸗ geſchoben. Sie machten, ohne indeß direct davon zu ſprechen, nicht gerade ein Geheimniß aus ihrer gegenſeitigen Zu⸗ neigung, und der Oheim Blankendorf hatte den Stand der Dinge auch bald genug durchſchaut. Man ſollte meinen, der alte ſparſame Herr müſſe froh geweſen ſein, für ſeine Nichte, der er ſich doch entledigen wollte, eine ſo gute Partie zu finden, dem aber war nicht alſo. Der alte Edelmann, der für ſeine Perſon gar kein Bedenken trug, eine Mißheirath abzuſchließen und durch — 94— eine Heirath mit einer reichen Krämerwittwe ſeinen Namen zu compromittiren; er machte ſich ein Gewiſſen daraus, ſeine Nichte dem Sohne des reichen Handelsherrn zu geben. Baron Blankendorf hatte ſeinem Schwager und ſeiner Schweſter verſprochen, ihr Kind ſtandesmäßig zu verheirathen, und hatten Geiz und Gewinnluſt auch manchen edeln Keim in ſeinem Innern erſtickt, ſo war er doch noch, wie ein ächter Cavalier, der Sclave ſeines gegebenen Wortes. Das wollen wir zu ſeiner Ehre ſo annehmen, obwohl Andere meinten, Baron Blankendorf ſei ſo gewiſſenhaft ſonſt nicht, und er pflege ſein Wort den Verſtorbeneu beſſer zu halten, als den Lebenden, denn er fürchte, daß Verſtorbene, denen er ſein Wort nicht halte, ihm als Ge⸗ ſpenſter erſcheinen und als grauſige Erſcheinungen ihn quälen und martern würden. Unmöglich war das nicht, denn wenn der Glauben entweicht, ſo läßt er hinter ſich die Thür auf, und ſtatt ſeiner ſchleicht ſich der Aberglauben ein. Geſpenſterfurcht, oder Gewiſſenhaftigkeit, kurz jeden Abend hielt der wackre Oheim der ſchönen Nichte eine Vorleſung über die Pflichten eines Edelfräuleins, über die ſchrecklichen Folgen der Mißheirathen und verwandte Ge⸗ genſtände, um ſie ihrer Liebe zu Monſieur Arnauld ab⸗ wendig zu machen. Fräulein Amanda lachte ganz munter zu dieſen Vorleſungen, die überhaupt ſelten von Erfolg gekrönt zu ſein pflegen, denn ſie hielt dieſelben gradezu für eine Eulenſpiegelei des wunderlichen Oheims, deſſen Heirathsprojecte mit der Krämerwittwe ihr bekannt waren, — 95— und der überdem den Beſuch des Monſieur Arnauld ſtets mit großer Zuvorkommenheit annahm. Im Herbſt hatte Baron Blankendorf, der Menſchen und Verhältniſſe in ſeinem Vortheil ſehr geſchickt zu be⸗ nutzen und auszubeuten verſtand, den Monſieur Arnauld gebeten, ihm eine möglichſt anſtändige und möglichſt bil⸗ lige Winterwohnung in Berlin zu beſorgen; und er hatte richtig gerechnet, denn Monſieur Arnauld, der die Schwäche des alten Herrn für eine ſogenannte fabelhafte Billigkeit kannte, hatte ziemlich theuer das Quartier unter den Linden gemiethet, es auf ſeine Koſten ſehr elegant meubliren laſſen und es dann dem Baron für eine wirklich fabelhaft billige Summe überlaſſen. Blankendorf ſchmunzelte und lächelte fein, als er die Einrichtung der Wohnung mit dem Preiſe verglich. 4 Deer Baron war ſchon einige Wochen in Berlin, er hatte ſeine Amanda überall gezeigt, Courmacher hatten ſich auch in Menge gefunden, aber Bewerber nicht, ob⸗ wohl der alte Herr mit großer Schlauheit von ſeiner Kinderloſigkeit und von Amanda, als der einzigen Freude ſeines Alters, zu ſprechen verſtand. Es wollte nichts ver⸗ fangen, ſo viel Lieutenants von der Cavallerie und der Infanterie der Baron auch auftrieb; entweder waren die Berliner ſchlauer, als der alte Oheim, und durchſchauten ihn, oder es lag an Fräulein Amanda's Benehmen, viel⸗ leicht an Beiden zugleich. Heute hatte Blankendorf wieder einen Verſuch gemacht, und zwar mit einem ſeiner entfernten Verwandten, der noch dazu Graf war, der aber hatte ſich den Schnurrbart — 96— in die Höhe geſtrichen und hatte mehr offenherzig, als höflich erwidert:„aber Baron, plagt Sie denn der Satan? was ſoll ich mit der Couſine? Mädchen ſüperbe, à la bonheur! aber ſie hat kein Geld, und ich habe dreißig⸗ tauſend Thaler Schulden, und daß Sie der Couſine nichts geben, cher baron, das iſt klar! Ueberdem hat dieſe theure Couſine auch eine liaison mit dem Profeſſor Arnauld, kenne ihn, nettter Burſche, bin ſeinem Vater noch das ſeidene Kleid für die kleine Cochois ſchuldig, die mir von Romberg von den Gensd'armes abſpenſtig gemacht hat, ſehr reiches Haus, die Arnauld, ſehr anſtändig, mahnt nie!“ Wüthend kam der Baron nach Hauſe, er trat in das Zimmer ſeiner Nichte. Wie geſagt, elegant und geſchmack⸗ voll hatte Arnauld die Wohnung ſeiner Dame eingerichtet. Mit blauem Damaſt war das große Zimmer decorirt, ein grauer Teppich mit blauen Figuren bedeckte den Fuß⸗ boden und blaue Seide die ſchwellende Ottomane und die breiten, hochlehnigen Stühle, welche den großen runden Tiſch umgaben, auf dem der Profeſſor täglich neue Bilder und Kunſtgegenſtände auszulegen pflegte zu Amanda's Unterhaltung. Wunderliche Porcellainfiguren ſtanden auf den braunen alterthümlichen Schränken, hohe Vaſen auf den Conſolen der rieſigen runden Spiegel, und in einer Ecke, die durch die blaue Damaſtdrapperie in eine Niſche verwandelt war, ſah man eine hohe Urne von vergoldetem Metall, aus der grünes Geſträuch üppig emporwuchs. Ein ächtes Rococcozimmer im beſten Geſchmack jener Zeit. Und in einem der Fenſter da ſaß auf einem Lehnſtuhl Fräulein Amanda von Weißenſee, zierlich friſirt und ge⸗ — 972— pudert, das runde, hübſche Geſicht friſch und frei, die Augen in Lebensluſt funkelnd. Knapp ſpannte ſich das ſeidene Kleid um die runden Formen bis zur zierlichen Taille, Hals, Bruſt und Arm nicht allzu ängſtlich ver⸗ ſteckend, während dann in weiten Falten bauſchend die Robe die ganze Breite des Stuhls einnahm, aber doch den zierlichen Fuß und einen Theil der wohlgeformten Wade ſehen ließ. Ein gut eingerichtetes Zimmer jener Zeit, zeigte eine weit größere Mannigfaltigkeit im Ameublement, als un⸗ ſere heutigen Einrichtungen. Eine breite halbrunde Otto⸗ mane war der Sitz der Damen, wenn ſie an dem großen Tiſch Platz nahmen, der in der Mitte des Zimmers zu ſtehen pflegte, der Ottomane gegenüber ſtand dann, eben⸗ falls im Halbkreiſe, eine Reihe von breiten Stühlen mit hohen ſteifen Rücklehnen, aber ohne Seitenlehnen. Das waren die Plätze der Herren. In den Ecken hatte man wirkliche Lehnſtühle, mit Lehnen für Rücken, Arme, Ohren u. ſ. w., in die Fenſter aber ſtellte man jedem ſolchen Lehnſtuhl gegenüber einen etwas niedrigeren, breiten Seſſel ohne jede Lehne. Auf ſolchen Seſſeln ſaßen die Herren, welche den Damen den Hof machten, je nachdem es die Dame erlaubte, oder die Kühnheit des Anbeters wagte, wurden ſie dem Lehnſtuhl, in dem die Dame ſaß, näher gerückt. Solche Tabourets nahmen auch die Töchter des Hauſes und rückten ſie dicht an Papa's, oder Mama's Lehnſtuhl, wenn ſie den Aeltern ſchmeicheln, oder ihnen etwas abſchmeicheln wollten. Auch die Kinder ſetzte man darauf, wenn man ihnen etwas lehren wollte, und zum Heſekiel, Schmal geweckt. II. 7 98— Stützpunkt für die kurzen Beinchen waren zwiſchen den Füßen des Seſſels Queerleiſten angebracht. Den gemei⸗ nen, ſogenannten Stuhl, das, was man heute darunter verſteht: ein wackliges, zerbrechlices Ding mit einem ſcharfkantigen, ſchmalen, martervollen Sitz und einer ſtets knackenden Lehne, die ſich mit mehr als neroniſcher Grau⸗ ſamkeit gerade in der Mitte des Rückens einbohrt, dieſen gemeinen Stuhl kannten unſere Väter gar nicht, denn ſelbſt in den Küchen, Kochſtuben und Bauernſtuben ſpreizten die braun angeſtrichenen Holzſeſſel ihre vier Füße weit aus⸗ einander und hatten einen breiten Sitz, der nur nach hinten ein Weniges ſchmäler zulief und eine ſtattliche Rücken⸗ lehne in Form einer Acht trug, geſchmückt mit einem herz⸗ förmig ausgeſchnittenen Loche. Der gemeine Stuhl iſt erſt eine Erfindung der billigen Herrlichkeit und der wider⸗ wärtigen Lumpeneleganz unſerer Tage. Alſo, Fräulein Amanda von Weißenſee ſaß in einem Lehnſtuhl am Fenſter und Monſieur Arnauld ſaß auf einem Tabouret vor ihr, und Amanda mußte heute ſehr nach⸗ ſichtig, oder Monſieur Arnauld ſehr kühn geweſen ſein, denn das Tabouret ſtand ſo dicht an dem Lehnſtuhl, daß es gar nicht näher ſtehen konnte, und Amanda hielt die Hand Arnauld's in der ihren, und beide lagen innig ver⸗ ſchlungen in dem Schooß der Dame, und das etwas lange, ernſthafte Geſicht des Franzoſen mit den dunklen Augen war ſo nahe an dem Amanda's, daß es nicht der geringſten Anſtrengung, von beiden Seiten, bedurfte zum Küſſen. Ein ganz gutes Gewiſſen hatten die Liebenden auch nicht, denn Amanda ſchlug ihre Augen etwas verwirrt — 99— nieder und der Profeſſor ſprang haſtig auf, als ſich plötz⸗ lich die Thür öffnete. So haſtig aber auch die Bewe⸗ gung des Profeſſors war, ſo wußte er doch außerordent⸗ lich geſchickt dabei ſein Tabouret aus der zärtlich vertrau⸗ lichen in eine achtungsvoll entfernte Poſition zu verſetzen. Der Baron trat ein; Blankendorf war ein alter Mann mit weiß gepudertem Kopf, ſein Geſicht war nicht ſchön, aber auch nicht häßlich, ſeine Augen klein und waſſerblau. In ſeiner Haltung und ſeinen Manieren war eine ſelt⸗ ſame Miſchung von angeborenem Anſtande und ſchlechten Angewöhnungen. Er trug einen blauen Rock, weil das blaue Tuch maſſenhaft im Lande für die Armee fabricirt wurde, und deshalb das billigſte war. Freilich verſicherte der alte Herr, er trage die Farbe der Uniform nur aus Patriotismus und aus purer Verehrung für den großen König. Der Profeſſor, der dem Edelmann einige Schritte mit tiefer Verneigung entgegenging, trug einen eleganten Rock von violettem Sammet mit goldbeſponnenen Knöpfen, mit Treſſen beſetzt, und mit weißer Seide doublirt, Man⸗ ſchetten und Jabot reich mit Spitzen beſetzt, Weſte, Unter⸗ kleider und Strümpfe von ſchwarzer Seide und Diamant⸗ ſchnallen auf den Schuhen; es war ein großer ſtattlicher junger Herr, der ſein eigenes Haar, und nur leicht ge⸗ pudert, in einem kleinen Haarbeutel trug. Monſieur Arnauld näherte ſich dem Baron in zierlichen Pas, lehnte ſeine Linke leicht auf das Stahlgefäß ſeines Degens, verbeugte ſich graziös, mit der Rechten den Hut, . 7* — 100— den er von der Conſole genommen, faſt bis zur Erde ſchwenkend. „Mein Herr Baron, ich habe die Ehre, Ihnen guten Tag zu ſagen!“ Das gelblich⸗graue Geſicht des Barons röthete ſich dunkel, als er den verhaßten roturier ſah, dem er das Mißgeſchick zuſchrieb, das ihn bei ſeinen Verſuchen, Amanda zu verheirathen, bis jetzt verfolgt hatte. Doch noch nahm ſich der Edelmann zuſammen, er blieb auf ſeinen Rohrſtock geſtützt, in der Mitte des Zimmers ſtehen, und nickte:„Guten Tag, Monſieur Arnauld, ſeid recht vergnügt, wie ich ſehe, eh!“ Arnauld verneigte ſich und antwortete, mit einem Blick auf die Dame, lächelnd:„In der Nähe von Mademoi⸗ ſelle Aimée——“ „Donnerwetter, Herr,“ ſchrie der Baron, froh etwas gefunden zu haben, an dem er ſeinen Groll auslaſſen konnte.„Laſſet hier Euren franzöſiſchen Kram bei Seite, meiner Schweſter Tochter heißt mit ihrem ehrlichen deut⸗ ſchen Namen Amanda, und den ſoll ihr Niemand nehmen!“ „Pardon, Monsieur le baron!“ verſetzte der Franzoſe launig, der in ſeiner Liebesſeligkeit das Donnerwetter auf der Stirn des Edelmanns nicht bemerkte,„Amanda iſt kein deutſcher Name, er kommt von dem lateiniſchen verbo: amare, Gerundium: amandus, amanda, amandum, amanda heißt eine Dame, die man lieben ſoll oder lieben muß, und inſofern konnte kein beſſerer und paſſenderer Name für Mademoiſelle gefunden werden; in Frankreich aber verſäumt man niemals die Pflichten gegen Damen, und — 101— darum iſt die Dame, die man lieben ſoll, oder muß, immer geliebt, aimée, heißt geliebt, bien-aimée; und ich habe ſo viel von dem Geiſt meiner franzöſiſchen Väter geerbt, daß Der arme Profeſſor konnte nicht weiter ſprechen, denn, außer ſich vor Wuth, unterbrach ihn der Baron, und ſchrie: —„Daß Ihr hier her kommt und meiner Nichte, der albernen Gans, den Kopf verdreht mit Eurem wälſchen Geſalbader, daß Ihr Unfrieden ſtiftet in einer edeln Fa⸗ milie, daß Ihr die Zukunft meiner Nichte gefährdet, hol' Euch der—“ „Nicht weiter, Herr Baron,“ rief Arnauld gebieteriſch und richtete ſich ſtolz auf, während ſeine Augen flammten; „beleidigen Sie mich nicht, ich komme hier her, als ein Ehrenmann, und bitte Sie um die Hand Ihrer Nichte, mit Erlaubniß von Mademoiſelle, welche mich liebt!“ Der Baron bebte vor Zorn, und ſprudelnd rief er aus:„ſcheert Euch im Augenblick zur Thür hinaus, Un⸗ verſchämter, was denkt Ihr denn? wißt Ihr, daß die Blankendorf und Weißenſee ſchon zur Zeit der Kreuzzüge edel waren? he! wißt Ihr nicht, daß ein Weißenſee ſchon vor vierhundert Jahren Kloſtervogt in Lehnin war? und daß ein Blankendorf anno 1419 von den Berlinern als Wegelagerer gefangen und hingerichtet wurde? wißt Ihr nicht, daß das Dorf Weißenſee von dem Conrad Weißenſee ſeinen Namen hat, der wegen Hochverrath in die Acht kam und ſeiner Güter für verluſtig erklärt wurde? wißt Ihr nicht, daß der große Churfürſt einen Blankendorf für den ſparſamſten märkiſchen Edelmann erklärt hat, weil er r. — 102— zum Frühſtück nur einen gebratenen Apfel und ein Glas Waſſer zu verzehren pflegte.—“ Arnauld konnte nicht anders, er mußte lachen, und Fräulein Amanda, die immer noch nicht recht wußte, ob der Oheim Scherz trieb, oder nicht, ſtimmte friſch und fröhlich in das Lachen ihres Geliebten ein. „Hinaus, Elender!“ befahl der Baron und hob den Stock, kaum aber bemerkte der Profeſſor die Bewegung des Barons, ſo röthete das heiße franzöſiſche Blut ſein bleiches Angeſicht, er ſprang einen Schritt vor, entwand dem alten Mann leicht den Rohrſtock, ſchleuderte denſelben weit in das Zimmer, und drückte den Baron ſelbſt in einen Lehnſeſſel, dann eilte er auf die beſtürzte Amanda zu, küßte ihr die Hand, verneigte ſich tief und entfernte ſich, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Sprachlos ſaß der alte Edelmann in ſeinem Seſſel, da trat Amanda zu ihm, und fragte nicht eben freundlich: „Sie müſſen krank ſein, Oheim, denn ſonſt könnte ich nicht begreifen, was Sie zu einem ſo, ſo, ſo auffallenden Be⸗ nehmen gegen Herrn Arnauld bewegen konnte, den ich ſchon lange liebe, und der heute gekommen war, um Sie um meine Hand zu bitten. Nehmen Sie ſich in Acht, Oheim, Herr Arnauld iſt geſtern zum Lector des Königs ernannt worden, und hat mit Erlaubniß Sr. Majeſtät um meine Hand angehalten!“ „Wie? Lector des Königs? Erlaubniß des Königs?“ ſtammelte der Baron beſtürzt. „So iſt es!“ entgegnete Amanda kalt und verließ das Zimmer. II. In der franzöſiſchen Straße wohnte der Profeſſor Arnauld, im Hauſe ſeiner Aeltern. Dorthin lenkte er in großer Aufregung ſeine Schritte; er hatte Mühe, ſein heißes Blut zu beruhigen, der Gedanke, daß der Baron ſeinen Stock gegen ihn aufgehoben, brachte ihn immer wieder außer ſich, und es bedurfte ſeiner ganzen Liebe für Amanda, um ihn zurückzuhalten, daß er nicht umkehrte und von dem Oheim ſeiner Braut blutige Rechenſchaft forderte. Noch ganz echauffirt trat der junge Mann in das Haus ſeiner Aeltern. Er nahm, wie gewöhnlich, ſeinen Weg durch das offene Magazin, in welchem der reiche Seidenhändler den Verkauf ſeiner Stoffe ſelbſt leitete. „Bon jour!« rief der Vater dem vorüber eilenden Sohne nach, der aber achtete des väterlichen Grußes kaum, ſtürmte durch das Magazin und lief in dem kleinen Stübchen hinter dem Magazin ſeiner Mutter gerade in die Arme. Die freundliche zierliche Frau, bürgerlich elegant gekleidet, flüſterte ihm heiter knipend zu:»Monsieur le lecteur du Roi!“ denn die Dame war ſehr glücklich über die geachtete Stellung, die ihr Sohn in der unmittelbaren Nähe des großen Monarchen gefunden. Die Familien der franzöſiſchen Colonie haben ſtets, wenigſtens bis 1806, gewetteifert mit den alten Unter⸗ thanen der Hohenzollern in der Verehrung für die Landes⸗ herren. Der Lector faßte ſich und küßte zärtlich die runde —, 104— Wange, die ihm die Mutter hinhielt, das Mutterauge hatte aber auch ſofort die Aufregung des Sohnes bemerkt, und den dringenden Fragen weichend, erzählte der junge Mann mit tiefſter Indignation die Behandlung, die ihm von dem Baron zu Theil geworden. Die Mutter war darüber wo möglich noch mehr empört, als der Sohn, und weinte helle Thränen, daß die allerliebſte Mademoi⸗ ſelle, die ſie ſchon ſo lieb gewonnen hatte, nun doch nicht ihre Schwiegertochter werden ſolle. Der Lector aber ſagte drohend,„ich gebe die Hoff⸗ nung nicht auf, der König wird ſich meiner ſchon annehmen!“ „Zu mir, Thomas, mein Sohn!“ ſagte plötzlich eine dünne, näſelnde Stimme aus dem Hintergrunde des Zimmerchens. „Ah, Großpapa!“ rief der Lector und trat zu dem Alten, der, ſeine große goldene Doſe in der Hand, in ſeinem Stuhle lag. „Wir gehen nicht zu dem Könige, mein Sohn,“ ſagte der Alte, indem er eine Priſe nahm und mit ſeinen leb⸗ haften dunkeln Augen unter den grauen Wimpern hervor freundlich aufblickte zu dem ſtattlichen Enkelſohne,„wir wollen den König nicht damit behelligen, le grand Frédéric hat mehr zu thun, und da das Königliche Haus ſtets in gutem Einvernehmen geweſen mit dem Hauſe Arnauld, ſo iſt es unſere Pflicht, die Alliance unſerer beiden Häuſer nicht auf das Spiel zu ſetzen, wenn es nicht unumgäng⸗ lich nöthig!“ Thomas Arnauld lächelte leiſe über die ächt franzö⸗ ſiſche Eitelkeit des Alten, der die Alliance der beiden — 105 hohen Häuſer Hohenzollern und Arnauld nicht einer Hei⸗ rath wegen auf's Spiel ſetzen wollte. „Sie wollen mir die Hand von Mademoiſelle verſchaffen, ohne Hülfe des Königs, Großpapa?“ fragte er. „Ich will das, Thomas, mein Sohn!“ nickte der Alte und nahm ſehr behaglich eine zweite Priſe, dann neſtelte er einen kleinen Schlüſſel, den er an einem ſchwarzen Bändchen um den Hals trug, los, reichte ihn ſeiner Schwiegertochter und ſprach:„Sie würden mich ſehr ver⸗ binden, liebe Margot, wenn Sie den Schrank dort öffnen, den oberſten Kaſten mit dieſem Schlüſſel erſchließen und mir die rothe Maroquinmappe reichen wollten.“ Madame Margot brachte alsbald eine ziemlich große Mappe, die mit einem breiten ſeidenen Bande umwunden war, der Greis öffnete ſie mit zitternder Hand, dann nahm er ein Pergament heraus, eins, zwei, drei, vier, fünf und mehr Blätter, alle mit großen Siegeln verſehen, die reichte er ſeinem Enkel:„Hier, Thomas, mein Sohn, das iſt Dein Eigenthum, und ich denke, Du wirſt zu Deiner Ver⸗ mählung mit Mademoiſelle de Weissensée nichts weiter von Seiner Majeſtät brauchen, als deſſen Glückwunſch, den er Dir in Anbetracht der alten Verbindung unſerer Häuſer nicht verſagen wird.“ Der Alte ſchwieg und blickte, die eben genommene Priſe zwiſchen den Fingern behaltend, lachend auf den jungen Mann, der, die Sonne des Glücks auf dem ſonſt ſo ernſten Geſicht, die Papiere überflog; die Hände über dem Buſen gefaltet, ſchaute die Mutter verwundert ihren Sohn an. ¹ 4 — 106 „Großpapa,“ rief der Lector endlich, die Papiere zu⸗ ſammen legend,„ſo wäre ich...“ „Der Baron Arnauld von Saint⸗Arnauld, Mitglied der Stände von Blois und ein franzöſiſcher Edelmann vom älteſten Blut!“ ergänzte der Greis mit freudigem Stolz. „Ah, Monſieur!“ rief Dame Margot jubelnd,„nun kann ihm der Baron ſeine Nichte nicht verweigern, denn er iſt auch ein Baron, mein Sohn iſt auch ein Baron!“ „Dein Sohn iſt kein Baron,“ ſagte plötzlich eine ernſte Stimme,„Dein Sohn iſt der Sohn des berliner Seiden⸗ händlers Thomas Robert Arnauld in der franzöſiſchen Straße!“— Es war der Vater des Lectors, der, in der Thür des Gemachs ſtehend, unbemerkt Zeuge der Scene geweſen war. „Mais, mon Dieu!“ rief die Mutter. „Mais, mon fils?“ fragte der Alte. „Mein Sohn,“ nahm der Seidenhändler ernſt das Wort, indem er in das Zimmer trat,„Deine Urgroßältern ſind als arme, um ihres Glaubens willen Vertriebene, flüchtig in dieſes Land gekommen, deſſen Herrſcher ſie gaſt⸗ frei aufnahmen; ſie haben ihrem Stande entſagt und in bürgerlich⸗ehrenhafter Thätigkeit ein Vermögen gewonnen, das der Fleiß Deines Großvaters und Deines Vaters gemehrt hat; mein Sohn, es lag ein Segen auf der bürgerlichen Thätigkeit unſeres Geſchlechtes in dieſem Lande, wirf dieſen Segen nicht von Dir, indem Du Titel und Namen annimmſt, die einem Lande angehören, das uns ausgeſtoßen hat, dem unſere Familie fremd geworden ———— —⸗—ꝛ—ꝛ——— — 107— iſt, ſeit Menſchenaltern; ich bitte Dich, mein Sohn, thue es nicht, laß dieſe verſchollenen Barone von Saint⸗Arnauld begraben ſein, ich fürchte, daß das entſetzliche Unglück, das ſie aus ihrem Vaterlande vertrieb, erwacht und auf's Neue über unſer Haus kommt!“ Der Alte nahm eine Priſe, dann rief er haſtig: „Nicht ſo ſchnell, mein Sohn, Thomas ſoll nur thun, was ſo viele gute Edelleute vor ihm gethan. Verarmte in Bretagne ein Geſchlecht, ſo gab das Haupt im Par⸗ lament ſeinen Degen ab und ging in fremde Lande; ſo lange er fern war mit den Seinen, ruhete der Adel, kehrte aber er oder Einer von den Seinigen zurück und war im Stande, die Stellung eines Edelmannes wieder einzunehmen, ſo forderte er vom Parlament in offener Sitzung ſeinen, oder ſeines Vaters Degen zurück, und war ein Edelmann, wie zuvor. So, mein Sohn, haben's unſere Väter ge⸗ halten, und ſo, wünſche ich, ſoll es unſer Sohn machen. Ich bin Seidenhändler geweſen, mein Leben lang, aber ich habe Handelsſchaft getrieben, wie ein Edelmann, und nicht wie ein Jude, und Du, mein Sohn, biſt ſtets mei⸗ nem Beiſpiel gefolgt, Thomas kann ruhig den Namen ſeiner edlen Väter führen, wir haben ihn unbefleckt erhalten!“ Der Alte winkte, er wollte allein ſein, und gehorſam entfernte ſich die Familie. Es iſt wahr, wie Edelleute, die ſie waren, führten einige jener Refugiés der franzöſiſchen Colonie ihre Han⸗ delsgeſchäfte. So verabredeten einſt zwei derſelben eine gemeinſchaftliche Unternehmung. Der Eine von ihnen ſtarb gleich nach Zahlung der Einlage, und ſeine Erben, — 108— die von der Speculation nichts wußten, ließen das Ca⸗ pital einziehen. Der Andere war viel zu ſtolz, um ſich auf die Speculation zu berufen, er zahlte das Capital zurück; einige Monate ſpäter war die Speculation geglückt, jeder Theilnehmer hatte neuntauſend Thaler gewonnen. Nun aber verlangte das eine Haus, das andere ſolle den ihm gebührenden Antheil an dem Gewinn der Speculation annehmen, das andere eben ſo ſtolze Haus weigerte ſich, in welcher Weigerung das erſte Haus einen Schimpf er⸗ blickte. Endlich klagte das erſte Haus, bezahlte große Koſten und verlor den ſeltſamen Prozeß. Seitdem führte dieſes Haus die Summe von neuntauſend Thalern als eine Forderung des andern in ſeinen Handelsbüchern noch lange Jahre fort. Die beiden Handelshäuſer beſtehen als ſolche nicht mehr, aber die Namen beider finden ſich jetzt noch in Berlin. Es waren wunderliche Handelsleute, dieſe Refugiés, aber ſie waren klug und glückliche Speculanten, und wur⸗ den reich, trotz, oder vielleicht wegen ihrer edelmänniſchen Grillen. Als der Lector allein war mit ſeinen Eltern, erklärte er gerade heraus, er werde dem Wunſche ſeines Groß⸗ vaters Folge leiſten und den Namen und die Titel ſeiner Väter wieder annehmen, und die Mutter ſtimmte ihm ſofort bei und nannte ihn ein über das andere Mal: „notre cher baron!“ Der Vater Seidenhändler kreuzte die Arme und fragte förmlich: Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, die alten Fami⸗ lientitel wieder aufzunehmen?“ „Das Glück meines Lebens, die Hand meiner Geliebten, Papa!“ ſtammelte der Lector, der ſeinen Vater ſehr liebte, zögernd.. Bedenken Sie ſich wohl, mein Sohn,“ ſprach der Vater faſt drohend,„Ihr Großvater kann Ihnen allerdings die Adelsbriefe vermachen, das iſt aber auch Alles, ich dagegen habe zu dem Erben meines Vermögens den Herrn Thomas Arnauld, aber nicht den Baron von Saint⸗Arnauld ein⸗ eingeſetzt, und, Sie kennen mich, mein Sohn, der Baron von Saint⸗Arnauld wird nie mein Erbe!“ Dame Margot überſchüttete ihren Gemahl mit einer Fluth von Vorwürfen, der aber blieb feſt:„es iſt ein Verhängniß, ein Unglück, das über unſer Haus kommt mit der Aufnahme der alten Namen und Titel!“ Mun, Vater,“ ſagte der Lector endlich ernſt,„es ſei, ich verliere Ihr Vermögen, Ihre Liebe bleibt mir doch, und ich will es wagen!“ „Meine Liebe bleibt Dir gewiß, mein Sohn,“ entgeg⸗ nete der Vater gerührt, und die Mutter ſchluchzte laut: „aber bedenke Dich, mein Sohn, wovon willſt Du leben mit Deiner Frau?“ „Vater,“ antwortete der Sohn mit faſt wehmüthigem Spott,„Sie haben das Schulgeld nicht umſonſt für mich bezahlt, und ich bin des Königs Lector.“ „Mein Sohn!“ entgegnete der Seidenhändler kopf⸗ ſchüttelnd,„der Lector des Königs kann ſchon die Frau eines Lectors erhalten, aber keine Baronin, beſinne Dich!“ „Aber,“ fiel jetzt die Mama Margot, die ſich die Thränen getrocknet ein,„ſoll denn die Mutter gar nicht — 10— mit reden, wenn es ſich um das Schickſal ihres Kindes, ihres einzigen Sohnes, handelt? Mein Gemahl, ich ver⸗ ſtehe Sie nicht mehr, Sie haben immer das Glück Ihres Sohnes gewollt, und nun wollen Sie plötzlich ſein Un⸗ glück; ſehen Sie denn nicht, daß Mademoiſelle Amanda das Glück Ihres Sohnes iſt, daß er ſie liebt, daß er ewig unglücklich iſt, wenn er ſie nicht bekommt, und daß er ſie nicht bekommen kann, wenn er nicht Baron iſt; gehen Sie, Sie ſind ein Barbar, ein Stein, ein Monſtre!“ Mama Margot war böſe, ſehr böſe, ſie verließ das Zimmer und ſchlug deſſen Thür heftig hinter ſich zu. „Ihre Mutter liebt Sie ſehr, mein Sohn,“ ſprach der Seidenhändler, als wolle er die Heftigkeit der lebhaften Franzöſin entſchuldigen,„aber,“ ſetzte er hinzu,„Ihr Vater liebt Sie nicht weniger, glauben Sie mir das, Thomas; können Sie die Hand der jungen, liebenswürdigen Dame erlangen, ohne Erniedrigung, ohne Beleidigung des Stan⸗ des, zu deſſen Zierden unſer Haus ſeit drei Menſchen⸗ altern gehört, ohne Aufnahme jener alten Famillientitel, an denen mehr Unglück und Blut klebt, als Sie glauben, lieber Sohn, ſo will ich die junge Dame als meine liebe Tochter herzlich willkommen heißen, anders nie, bedenken Sie ſich, Thomas, ehe Sie einen letzten Schritt thun!“ Vater und Sohn ſchüttelten ſich die Hand, ſie waren ſchmerzlich bewegt, aber ſie zürnten einander nicht, denn der Sohn wußte die Gefühle zu würdigen, die ſeinen Vater zu ſolcher Härte trieben; er hatte ſelbſt zu viel von dem Sinn ſeines Vaters. III. Am Nachmittage deſſelben Tages ſchritt Herr Arnauld haſtig die Linden hinauf und war ſo vertieft in ſeinen Gedanken, daß er das Zuſammenſtrömen der Menge gar nicht bemerkte und nichts vernahm von den ſchallenden Jubelrufen, die lauter und immer lauter ertönten. Der große König kam vom Brandenburger Thor her geritten, etwas vorwärts gebeugt ſaß er da auf dem großen Schimmel mit der Scharlachſchabrake, den berühm⸗ ten Krückſtock hielt er in der Hand und die wunderbaren großen blauen Augen leuchteten wie klare Sterne aus dem bekannten Angeſicht mit den ſcharfen Zügen. Eine Schaar jubelnder Schulknaben tanzte um den großen König her, und unaufhörlich klangen die hellen Stimmen: Der König ſoll leben, hurrah! der alte Fritz ſoll leben, Vater Fritz! hoch! hoch! Und aus allen Fen⸗ ſtern lugten frohe und ſtolze Geſichter, und überall ſtanden die Männer ſoldatiſch⸗ſtraff und die Frauen tief knixend, und dreimal ſtolz, daß dieſer große Mann ihr König war, ſo recht eigentlich ihr eigener König von Preußen. Immer lauter jubelten die Knaben; es war vielleicht dieſelbe Knabenſchaar, und vielleicht war's auch Mittwoch Nachmittag? welcher der große König freundlich barſch zu⸗ gerufen:„Geht in die Schule Jungens und lernt was!“ auf welche Anrede die kecke berliner Jugend bekanntlich in ein Jubelgeſchrei ausgebrochen war und erwidert hatte: „Hel der alte Fritze weiß nicht ein Mal, daß Mittwochs — 112— Nachmittag keine Schule iſt!“ und den lachenden Mo⸗ narchen bis in's Schloßportal verfolgt hatte. Monſieur Arnauld war ſchon dicht an dem Roß des Königs, aber das Falkenauge des Monarchen hatte ihn längſt erkannt, ehe er die Nähe des Königs ahnete, er ward ſeinen Herrn auch erſt gewahr, als der ihn anrief: „Er muß umkehren, ich will Ihn ſogleich im Schloß ſprechen!“ Der König ſetzte ſeinen Schimmel in Trab, laut ſchreiend jagte ihm die Jugend nach und im Doublirſchritt folgte ihm Arnauld. Eine halbe Stunde etwa war Herr Arnauld im Ca⸗ binet des Königs geweſen, als der Monarch klingette und zwei Leibhuſaren ausſchickte. Eine Stunde ſpäter erſchien der Baron von Blanken⸗ vorf zitternd und bebend, ſeine Nichte am Arm, im Vor⸗ zimmer des Königs, wo ſie einen Herrn fanden, den Fräu⸗ lein Amanda ſehr freundlich grüßte, der ſich aber ſeiner⸗ ſeits ziemlich kalt vor der Dame verneigte, Das war der Seidenhändler Herr Thomas Robert Arnauld, des Profeſſors Vater. Der Baron litt eine Höllenmarter der Angſt, endlich rief ein Officier aus dem Cabinet des Königs:„Baron Blankendorf, eintreten!“ Mit einem verzweifelnden Blick auf ſeine Nichte und ſchlotternden Knieen trat der Baron in die Höhle des Löwen. Kaum hatte ſich die Thür hinter ihm zugeſchloſſen, ſo eilte Amanda auf Arnauld's Vater zu und flüſterte haſtig: „Sie ſind Arnauld's Vater, lieber Herr, Sie haben ein⸗ .— 113— gewilligt, mich als Tochter anzunehmen, nicht wahr, Ar⸗ nauld iſt mir nicht böſe? ich kann nichts für die— Hef⸗ tigkeit meines Oheims.“ Amanda erglühte und erbleichte, als ſie ſprach und eine lichte Thräne hing an ihrer Wimper. Beinahe zärt⸗ lich tröſtete der Seidenhändler das zitternde Fräulein, dann ſetzte er mit dem ganzen Stolze eines ächten Preußen und der vollen Zuverſicht eines wahren Patrioten hinzu: „Beruhigen Sie ſich, liebes Kind, da der König ſich der Sache annimmt, ſo wird ſie bald ein gutes Ende nehmen und ich werde Sie bald meine Tochter nennen können!“ Und ſo war es, denn in dem Augenblicke öffnete ſich die Thür und der Officier ließ die Beiden eintreten; da ſtand der große König vor einem kleinen Tiſch mit Pa⸗ pieren und hinter ihm der Herr Lector Arnauld mit Freude ſtrahlendem Antlitz, vor ihm aber der Herr Baron, etwas eſſigfreundlich, aber doch ziemlich gefaßt, drein ſchauend. „Er nimmt's doch nicht übel, Arnauld,“ ſprach der König heiter zu dem Seidenhändler,„ich habe den Frei⸗ werber für Seinen Sohn, meinen Lector, Thomas Arnauld“ — der König betonte jedes Wort genau—„gemacht, der Baron Blankendorf giebt Seinem Sohne Fräulein von Weißenſee zur Frau, und damit das Vermögen der jungen Leute gleich iſt, ſo legt Er zu Seiner Nichte Vermögen aus eigenen Mitteln und verwandtſchaftlicher Liebe dreißig⸗ tauſend Thaler zu, nicht wahr, Blankendorf, das iſt doch Seine Abſicht?“ „Zu Befehl, Ew. Majeſtät,“ ſtammelte der Baron wehmüthig. Heſeliel, Schmal geweckt. II. 8 — 114— „Nun, Lector, reiche Er Seiner Braut die Hand und präſentire Er ſie Seinem Papa!“ Mit angenommener Barſchheit entzog ſich der König den Dankſagungen der Liebenden und entließ ſie ſofort. Der Baron ſtopfte die durch Amanda's Ausſteuer in ſeine Geldrollen gelegte Breſche bald durch ſeine Heirath mit der Frankfurter Kaufmannswittwe wieder zu, fühlte ſich aber ſehr ſicher vor Geſpenſtern, da ihm der König ſelbſt verſichert hatte, der Lector Arnauld ſei ein ächter, rechter, ein veritabler Baron. Arnauld's Großvater aber verſicherte noch oft, daß le grand Frédéric durch ſeine eben ſo kluge, als edle Handlungsweiſe die alte Alliance der Häuſer Hohenzollern und Arnauld unauflöslich ge⸗ macht habe. 2 Die Engelchriſtel. (Eine hiſtoriſche Novelle.) 8* I. Zie beiden Gevattern. Die Doppelſchlacht von Jena und Auerſtädt war ge⸗ ſchlagen, die Preußiſche Armee in voller Flucht nach der Elbe und der Oder, der Herzog Eugen von Würtemberg mit den Preußiſchen Reſerven ſchlug ſich blutig, aber auch unglücklich in und um Halle gegen den glücklichern Ber⸗ nadotte, der einſt die Krone für Waſa's letzten Enkel tragen ſollte. Die Preußiſchen Reſerven, trotz ihrer Niederlage bei Halle, noch immer ein bedeutendes Corps, retirirten über Deſſau gegen Magdeburg und trafen auf dieſem Marſche den Generallieutenant von Blücher, der zu Folge einer Beſtimmung des Fürſten Hohenlohe, den Oberbefehl über das Corps übernahm und dieſen Truppen ſchnell jenen trotzigen, erſt im Unglück recht leuchtenden Vaterlandsgeiſt, der ihn ſelbſt beſeelte, einzuhauchen verſtand. Blücher war den Jahren nach ſchon ein alter Mann, er hatte in den Campagnen gegen die franzöſiſche Republik bereits den Grund gelegt zu jenem hohen Ruhm, der ihn ſpäter umſtrahlen ſollte, er war damals ſchon, zwar noch — 118— nicht der Mann des Volkes, wohl aber der Mann der Soldaten und die zehntauſend Preußen folgten ihm mit einem ganz andern Geiſte, als bislang ihrem fürſtlichen Führer. Blücher führte die Seinigen zuvörderſt gegen die Oder zurück, um ſich mit dem Fürſten von Hohenlohe zu vereinigen, da er aber Kunde erhielt von der durch von Maſſenbach abgeſchloſſenen Prenzlauer Capitulation, da faßte er einen Plan, der ſeiner würdig war. Der König von Preußen hatte ſich mit dem Corps des Grafen Kalkreuth hinter die Oder in's eigentliche Königreich zurückgezogen; Blücher begriff in einer Zeit, wo leider die Mehrzahl der Preußiſchen Feldherren den Kopf verloren hatte, die Gefahr des Reichs, wenn der Feind durch die offenen Provinzen den König verfolge und mit einer Beſonnenheit und einer Geiſtesgegenwart, die man beiſpiellos nennen kann, beſchloß Blücher durch ſeine Bewegungen den Feind von dem Herzen der Mo⸗ narchie zu entfernen, die franzöſiſche Macht von der Oder abzuziehen und ſo der ruſſiſchen Armee Zeit zum Anmarſch und den Feſtungen Zeit zur Verproviantirung zu ver⸗ ſchaffen. Ueber die Elbe zurück, wenn's ſein muß über die Weſer, und muß capitulirt werden, lieber am Rhein, als an der Oder.— Das war Blüchers kühner Plan, kühn unter allen Umſtänden, großartig unter den damaligen. ö Sobald der alte Held dieſen Plan gefaßt hatte, ſchritt er auch zur Ausführung und warf ſich links in's Mecklen⸗ burgiſche, dort ſtieß er bei Strelitz ganz unvermuthet auf das Preußiſche Corps, welches Herzog Karl Auguſt von — 119— Sachſen⸗Weimar geführt hatte, mit dieſem vereinigt mar⸗ ſchirte er in Gewaltmärſchen der Elbe zu. Blücher hatte ſich nicht geirrt in ſeinen Vorausſetzungen, Napoleon war ſehr betroffen über dieſe unerwartete Be⸗ wegung, deren Bedeutung und Folgen er ſofort zu wür⸗ digen verſtand. Drei der beſten Feldherren des Kaiſers wurden mit ſtarken Corps zur Verfolgung entſendet, Mü⸗ rat, Soult und Bernadotte eilten herbei, den nachtheiligen Folgen von Blüchers kühnem Unternehmen zuvorzukommen. Unter unaufhörlichen Gefechten, den damaligen Groß⸗ herzog Mürat auf ſeiner linken, den Marſchall Soult auf ſeiner rechten Flanke, den Bernadotte aber hinter ſich, ſo erreichte der tapfere Blücher am 5. November Lübeck. Hier glaubte er, an die Trave gelehnt, ſich einige Tage halten zu können. Er mußte ſeinen Truppen, die vom Nothwendigſten ſelbſt entblößt, vierzehn Tage marſchirend und hungernd gefochten hatten, eine Ruhe gönnen. Die alte Reichs⸗ und Hanſeſtadt Lübeck hatte traurige Novembertage damals im Jahre 1806. Am Tage vor der Ankunft des Blücher'ſchen Corps in Lübeck, etwa um acht Uhr Morgens, eilte ein noch junger und ſtattlicher Mann, einfach aber ſauber bürger⸗ lich gekleidet, haſtig über den Lübecker Markt und trat athemlos faſt in die Gaſtſtube des Wirthshauſes zum Engel. Dort waren, wie's in ereignißreichen Zeiten zu geſchehen pflegt, trotz der ziemlich frühen Stunde, ſchon mehrere Gäſte verſammelt, die mit ihren bangen Befürch⸗ tungen nicht allein bleiben mochten daheim, ſondern im Austauſch derſelben Troſt ſuchten. Als der oben erwähnte — 120— Mann in's Gaſtzimmer trat, ſtockte das Geſpräch, das bis dahin ſehr laut und lebhaft geweſen, plötzlich und mit äugſtlich fragenden Mienen ſahen Alle faſt den Nachrichten des Eingetretenen entgegen. Der aber trocknete ſich die Stirn und ſchien mit ſeinen großen Augen irgend wen zu ſuchen in der Verſammlung, da er aber, wie's ſchien, nicht gefunden, was er geſucht, ſprach er mit tiefer tö⸗ nender Stimme:„Preußen hab' ich nicht geſehen, Nach⸗ baren, es muß das ein Irrthum ſein, aber Schweden, alles voll Schweden, ſie kommen aus dem Lauenburgiſchen und werden in weniger als einer Stunde hier ſein!“ Allgemeines Erſtaunen gab ſich unter den Bürgern kund. Die Annäherung von Preußen hatte man nach einem ſchon ſeit geſtern umlaufenden Gerüchte erwartet, oder gefürchtet, auch auf Franzoſen hatte man ſich allenfalls gefaßt gemacht, aber Schweden— die ehrlichen Lübecker ſchüttelten die Köpfe.. In Lübeck gab's dazumal, wie überall und zu allen Zeiten, verſchiedene Anſichten; die Einen hatten Anfangs October in den voreiligen Siegesgeſang der Preußen ein⸗ geſtimmt und waren jetzt nach der Niederlage ihrer Freunde bei Jena ſehr niedergeſchlagen und kleinlaut, obwohl ſie im Herzen noch immer für Preußen hofften, namentlich an die mächtige ruſſiſche Hülfe dachten und dem Preußen⸗ könige Sieg und Segen wünſchten. Eine viel zahlreichere Partei dagegen hatte ſeit län⸗ gerer Zeit ſchon den franzöſiſchen Kaiſer zu ihrem Abgott gemacht, ſie jubilirte bald laut, bald heimlich über den — 121— Doppelſieg bei Jena und Auerſtädt, ſie war noch in keine unmittelbare Berührung mit dem undankbaren Sohn der Revolution gekommen, ſie beugte ſich aus der Ferne vor dem flammenden Sterne Napoleon. Doch gab's unter den Lübeckern auch noch eine dritte Partei, größtentheils aus ältern Männern beſtehend, die, den Fall Preußens beklagend und Napoleons Größe nicht mißkennend, doch von ihm nicht viel Gutes erwarteten für den Freiſtaat Lübeck. Aengſtlich fragten ſie ſich: wird er unſere Neu⸗ tralität und Selbſtſtändigkeit achten und anerkennen? Dieſe Frage war Lebensfrage für Lübeck, denn, das be⸗ dachten aber die enthuſiaſtiſchen Verehrer des franzöſiſchen Kaiſers nicht, wenn Napoleon Lübecks Neutralität nicht anerkannte, ſo wurde es in das franzöſiſche Continental⸗ ſperrſyſtem verwickelt, engliſche Schiffe blokirten die Mün⸗ dung der Trave und vorüber war's mit Lübecks Handel; der letzte Reſt des alten hanſeatiſchen Glanzes unwider⸗ ruflich dahin. Jede dieſer drei Parteien hatte ihre Vertreter am heu⸗ tigen Morgen im Gaſtzimmer des goldenen Engels— aber alle waren gleich überraſcht durch die Ankündigung der ſchwediſchen Gäſte, es war kein Militair unter ihnen, der ihnen begreiflich gemacht haben würde, daß ſich die Schweden auf die Trave zurückziehen müßten, wenn ſie nicht durch die Franzoſen im Lauenburgiſchen, wo ſie ge⸗ ſtanden hatten, eingeſchloſſen ſein wollten. Nachdem der junge Mann, der die Nachricht von der Annäherung der Schweden gebracht, noch einige, mehr oder minder ängſtliche, Fragen im Gaſtzimmer beantwortet — 122— hatte, ſchritt er queer durch die Gäſte und trat in ein Nebengemach. Niemand achtete groß darauf, denn Alle hatten mit ihren eigenen Sorgen genug zu thun, nur Einer ſah dem jungen Mann nach und ſagte hingeworfen,„der arme Feilen⸗Jobſt, dem iſt auch ſeine Freude verſalzen!“ Drinnen im Nebengemach aber umfingen den Feilen⸗ Jobſt ein paar derbe Arme und ein rundes, friſches Mäd⸗ chen mit glänzend glattem Haar und fröhlich⸗kecken Augen drückte ihre vollen Lippen auf des Jobſt ſeinen Mund und ſagte dann halb ſchmollend:„na! wo bleibſt wieder, Du lieber, böſer Jobſt?“ Das hübſche Mädchen war die Engelchriſtel, oder ge⸗ nauer des alten Engelwirths einzige Tochter Chriſtine, des Feilen⸗Jobſt Braut. Der Feilen⸗Jobſt aber ant⸗ wortete ſeiner Braut nur durch einen Kuß, dann ſprach er, dem Engelwirth, der herzugetreten war, die Hand drückend:„Böſe Zeitung, Vater, ich komm von meinem Hof draußen, nicht die Preußen kommen, ſondern die Schweden!“ „Die Schweden?“ entgegnete der alte Mann kopf⸗ ſchüttelnd,„nun auch noch ſchwediſche Völker, Gott behüt uns und unſere Stadt in Gnaden, denn daß die Preußen, von den Franzoſen verfolgt, im Anzuge ſind, das wiſſen ſie oben im Rath ganz genau!“ Die Engelchriſtel hatte einen ihrer Arme um die Hüfte ihres Bräutigams und ihren Kopf an deſſen Bruſt gelegt, ſie ſeufzte ein paar Mal tief und ſprach dann offenherzig: „da iſt's wohl mit unſerer Hochzeit morgen nichts, Jobſt?“ — 123— Jobſt ſchwieg, man ſah ihm an, wie ſehr's ihn ſchmerzte, den lang und heißerſehnten Feſttag hinausſchieben zu müſſen, der alte Engelwirth aber antwortete für ihn: „freilich iſt's morgen nichts mit der Hochzeit, kann nicht ſein!“ „Hört, Vater!“ nahm der Jobſt das Wort. „Ihr müßt eben warten, bis wieder Ruhe iſt!“ warf der Engelwirth ein. „Nein, Vater, wenn's nach mir geht, ſo führe ich mein' Chriſtel zur Stunde zur Traue, denn wenn's viele fremde Volk in der Stadt iſt, kann ich meine Frau beſſer ſchützen, als meine Braut und ſie weiß auch, an wen ſie ſich zu halten hat, nicht, mein' Chriſtel?“ Die Engelchriſtel nickte:„Ja!“ ſie war zu jeder Stunde bereit, Hochzeit zu halten, die Ausſtattung war ja fertig und gewartet hatten ſie auch lange genug. Der Engelwirth aber ſchüttelte den Kopf und erklärte: das gehe nicht an, er habe ſeiner Tochter eine Hochzeit verſprochen und alle ſeine Gäſte darauf vertröſtet und wolle er nun auch eine Hochzeit ausrichten, daß man vier Wochen reden ſolle davon in der guten Stadt Lübeck— wenn nun in einigen Tagen die fremden Völker abgezogen wären und alles ruhig, dann wär's auch noch Zeit zum Hochzeitmachen. Die Engelchriſtel und ihr Bräutigam kannten den Alten zu gut, als daß ſie hätten weiter verſuchen ſollen, ihn auf andere. Gedanken zu bringen. Der Engelwirth war ein Reichsbürger vom alten Schlage, ehrenfeſt und wacker, der viel auf das hielt, was er ſeine Reputation — 124— nannte, der ſein Lübeck über Alles liebte und's viel lieber geſehen hätte, wenn ſein Kind einem Lübecker Bürgerſohne gut geweſen wäre. Er hatte zwar wider den Feilen⸗Jobſt nichts, ja er ſchätzte den ernſten, feſten, jungen Mann, aber es war in ſeinen Augen doch ein Makel, daß ſein Schwiegerſohn kein geborner Lübecker war, ſondern fern aus dem Reich hergezogen. Schwerlich hätte auch der Jobſt des Engelwirths Töchterlein zur Braut bekommen, wenn er nicht ſeinen ſoliden Reichthum dadurch documen⸗ tirt hätte, daß er von einer Lübeck'ſchen Patricier⸗Familie ein Gut, den ſogenannten Feilenhof, kaufte und baar bezahlte. Vor dem Gelde aber hatte der alte Engelwirth um ſo mehr Reſpect, je ſaurer er ſich's in ſeinem langen Leben hatte werden laſſen, Geld zu erwerben und ſein väterlich Erbtheil zu vergrößern. Engelchriſtel weinte wirklich, als der Vater hinaus⸗ gegangen war zu ſeinen Gäſten, ſie dachte nicht an die wohlgeſittete Ziererei mit dem Hinausſchieben des Hoch⸗ zeittages und war dem Feilen⸗Jobſt vielleicht drum noch lieber, denn ihm ſelbſt wars auch keineswegs recht, daß er unter dieſen ſchlimmen Umſtänden nun entweder ſeinen Hof draußen, oder ſeine Braut drinnen ohne Schutz laſſen mußte. Während die beiden jungen Leute noch über ihre traurige Lage und geſtörte Hochzeit nachdachten, begannen die Trommeln zu wirbeln, Getöſe wurde laut, funfzehnhundert Schweden unter dem Kommando des Grafen Mörner rückten ein. Obgleich dieſe Truppen die Barrièren und —.— — 125— Thore der neutralen Stadt geſprengt hatten, ſo machten ſie doch ihrer Nation Ehre, ſie betrugen ſich muſterhaft und wollten durch das Eindringen in die Stadt nur ihren Rückzug nach Travemünde ſichern, wo ſie ſich nach Stral⸗ ſund einzuſchiffen gedachten. Die Magiſtrate der Stadt Lübeck waren auf dem Rathhauſe in permanenter Sitzung verſammelt, denn erſt durch die Schweden erfuhren ſie genauer, daß ſich das Blücher'ſche Corps wirklich auf Lübeck zurück ziehe und von den Franzoſen hart verfolgt werde. Der Tag verging unter den bängſten Erwartungen; wie die drückende Schwüle, die einem Gewitter vorher⸗ zugehen pflegt, ſo lag die Ahnung des kommenden Unglücks auf der alten Stadt und die Bekanntmachungen und öffent⸗ lichen Auslaſſungen der Magiſtrate dienten nicht dazu, die Gemüther zu beruhigen. Der wackre Jobſt war im Laufe des Nachmittags noch einmal draußen geweſen auf dem Feilenhof, hatte dort Anſtalten getroffen, ſein Eigenthum ſo viel als möglich zu ſichern, dann war er in den Gaſthof zum Engel zurück⸗ gekehrt, um bei ſeiner Braut zu bleiben in den Stunden der Gefahr.— Der Feilen⸗Jobſt, meinten die Lübecker, müſſe der Engelchriſtel doch mehr als gut ſein, daß er ſeinen Hof allein laſſe in ſolcher Zeit, um ihr tröſtend und ſchützend zur Seite zu bleiben. Am Morgen des fünften Novembers begannen ſich die Befürchtungen der Lübecker zu verwirklichen, viertauſend Preußen rückten in Lübeck ein— Todtenſtille herrſchte in den Häuſern und auf den Straßen, die enragirteſten — 126— Preußenfeinde konnten ihre Theilnahme dieſen Soldaten nicht verſagen, die ſeit vierzehn Tagen beinahe ununter⸗ brochen gefochten hatten und auch jetzt ſich keine Zeit gönnten, ihren Hunger zu ſtillen, ſondern, trotz der Müh⸗ ſeligkeiten der überſtandenen Märſche und Gefechte, ſogleich anfingen, die am meiſten bedrohten Punkte in aller Eile zu befeſtigen. Die übrigen Preußiſchen Truppen bivoua⸗ quirten in den Dörfern zunächſt der Stadt. Es war Mittag vorüber, auf dem Markt war ein wildes Gedränge, der Generallieutenant von Blücher ſtieg vor dem Gaſthof zum Engel vom Pferde und nahm da⸗ ſelbſt ſein Quartier. Der Engelwirth, Engelchriſtel, das ganze Hausgeſinde waren in Thätigkeit und Feilen⸗Jobſt griff auch mit an, denn das ganze Haus lag voller Officiere. Zweimal war der Generallieutenant von Blücher wieder zu Pferde geſtiegen, um den Fortgang der Befeſtigungen an den Thoren zu beſichtigen und zweimal wieder in ſein Quartier zurück gekehrt, dann erſt befahl er ein Mittags⸗ Eſſen für drei Perſonen. Auf des Feilen⸗Jobſten Veranſtaltung war die Engel⸗ chriſtel aus dem großen Gaſtzimmer, und von der zahl⸗ reichen Geſellſchaft von Officieren entfernt gehalten wor⸗ den, ſie ſollte den alten Blücher ſelbſt bedienen, dort, meinte der Bräutigam, in den nächſten Umgebungen des Commandirenden, werde ſeine Braut weniger zu befahren haben. Uebrigens hätte Feilen⸗Jobſt ſeine Braut ruhig in das Gaſtzimmer unter die Preußiſchen Officiere ſchicken können, —.,.,—— — 127— Engelchriſtel hätte nichts zu fürchten gehabt, es lag der ganze Ernſt der Zeit auf den Geſichtern, auch der jüngern Officiere— männliche Faſſung, ſtolzer Soldatentrotz gegen das Unglück, Schmerz über das Schickſal des Vaterlandes, im ſchlimmſten Falle Erſchöpfung, oder Reſignation, das war's, was man an jenem Tage an den Preußiſchen Of⸗ ficieren bemerken konnte— keiner von ihnen dachte daran, mit einem hübſchen Mädchen zu ſchäkern. Der Engelwirth trat in's Zimmer des alten Blücher und lud ihn ein, ſich in's Nebenzimmer zu verfügen, wo bereits ſervirt ſei,„Excellenz entſchuldigen,“ ſetzte er hinzu, „daß nur mein Kind Dieſelben bei der Tafel bedienen kann, ich habe der Gäſte heute zu viel!“ „Schon gut, Alter,“ antwortete Blücher,„ich habe Euch viel ungebetene Gäſte in's Haus gebracht, iſt ganz meine Schuld!“ damit ſchritt der Commandirende in das Nebenzimmer, deſſen Thür der Engelwirth geöffnet hatte. Einen Augenblick ſpäter folgten ihm zwei andere Of⸗ ficiere, deren Namen ſpäter hochberühmt geworden— der Herzog von Braunſchweig⸗Oels und der Major von Müffling. Dieſe beiden Herren ſchwiegen während ſie ſpeiſten, und namentlich lagen finſtre Schatten auf dem Antlitz des Braunſchweigers, der alte Blücher aber hatte ſelbſt in jenen Tagen ſeine Laune nicht verloren. Während er ſpeiſ'te und tüchtig dazu trank, ſcherzte er mit der Engel⸗ chriſtel und ſprach lächelnd,„ei! ei! mein Kind, ſie iſt ſo hübſch und hat doch noch keinen Mann, wie geht das zu?“ Die Engelchriſtel aber blieb keine Antwort ſchuldig, ſie hatte ſchon mit manchem vornehmen Mann verkehrt — 128— und entgegnete trotzig:„Nun, wenn ich noch keinen Mann habe, wer iſt denn allein daran Schuld als Eure Excellenz!“ „Daß Dich das Donner!“ lachte Blücher,„wie meint Sie das, liebes Kind?“ „Nun, Eure Excellenz hätten nur nach Hamburg, oder nach Paris, oder ſonſt wohin zu gehen gebraucht, nur nicht nach Lübeck, dann wäre heute meine Hochzeit geweſen und ich ſchon ſeit drei Stunden eine Frau!“ Blücher ſah dem Mädchen eine Weile ſchweigend in die Augen, dann reichte er ihr ſeine Hand und ſprach halb ſcherzend, halb ernſt,„na, ſei Sie mir drum nicht böſe, Jungfer, Sie hat Recht und Sie kann mir's glauben, ich wäre viel lieber nach Hamburg, oder nach Paris ge⸗ gangen, wenn mich die verdammten Franzoſen nur hin gelaſſen hätten. Sie ſieht, Jungfer, nicht ich, ſondern die Franzoſen ſind eigentlich daran ſchuld, daß Sie noch keinen Mann hat!“ „Ja, Excellenz,“ antwortete die Engelchriſtel und wech⸗ felte die Teller. „Wer iſt denn Ihr Bräutigam, der Glückliche!“ ſcherzte Blücher weiter. „Der Feilen⸗Jobſt, das heißt, der Beſitzer des Feilen⸗ hofs, Alexander Jobſt!“ „Na, Kindchen, die Frau Jöbſtin ſoll leben!“ Blücher trank ſein Glas aus und die Engelchriſtel knixte,„und wenn ich,“ fuhr der alte Held fort,„lebendig aus Lübeck komme und Ihr ein Kind habt einmal, Jungfer, dann will ich Ihr Gevatter ſein und wenn's ein Junge iſt, ſo — 129— ſoll Sie ihn Gebhard Leberecht heißen nach mir und ich will einen tüchtigen Soldaten aus ihm machen!“ Die Engelchriſtel erröthete mächtig bei dieſen Worten, aber ſie faßte ſich bald und antwortete:„Danke Ew. Ex⸗ cellenz für die Ehre, ich werde Dieſelben an Ihr Wort erinnern!“ „So iſt's recht, Jungfer, und Sie ſoll ſehn, wenn Sie mich's zeitig genug wiſſen läßt und die verdammten Franzoſen nicht in Lübeck ſind, dann komme ich ſelbſt zur Taufe und trinke mir einen Haarbeutel!“ Ein Ordonnanzofficier, der mit einer Meldung kam, unterbrach das Geſpräch, welches die Engelchriſtel ſofort wörtlich ihrem Bräutigam mittheilte, der gleich ihr ſich des Verſprechens des alten Helden freute. Gegen Abend des fünften Novembers waren etwa ſechstauſend Preußen in Lübeck und die ehrlichen Hanſeaten bemerkten mit Schrecken, daß die Beſetzung der Thore mit Kanonen, die Aufrichtung von Bruſtwehren auf den feſten Vorſatz einer hartnäckigen Vertheidigung ſchließen laſſe, ein Vorſatz, der nur traurige Folgen für die arme Stadt haben konnte. An Ruhe war in Lübeck in der Nacht vom fünften bis zum ſechsten November nicht zu denken, ja, die ermat⸗ teten Preußiſchen Krieger ſchliefen oft ruhiger und ſanfter, als die um Ehre, Leben und Eigenthum beſorgten Lübecker Bürger. Im Gaſthauſe zum Engel war bei den fort⸗ währenden Meldungen, bei den gehenden und kommenden Ordonnanzen, Boten und Officieren, eine Ruhe nicht möglich, aber das laute Leben, das die ganze Nacht hin⸗ Heſekiel, Schmal geweckt. II. 9 — 130— durch im Gaſthauſe geherrſcht, theilte ſich unverzüglich allen Stadtheilen mit, als gegen fünf Uhr Morgens die Nachricht kam, daß das Preußiſche Detachement, welches in Schwartau geſtanden, um in der Nacht die aufwärts der Trave detachirten Truppen heranzuziehen, von den Franzoſen überfallen, niedergehauen oder gefangen wor⸗ den ſei. Das Dragoner⸗Regiment von Oſten und das Infanterie⸗ Regiment von Kuhnheim warew's, die auf dieſe Weiſe für Blücher verloren gingen. Nun donnerte der Generalmarſch durch alle Straßen der alten Stadt, einzelne Reiter ſprengten durch die Gaſſen, Waffengeklirrr und ſchallende Commandoworte überall. Die Bürger harrten hinter verſchloſſenen Thüren ängſtlich der kommenden Dinge, dennoch blieb's ruhig bis etwa gegen zehn Uhr Vormittags; um dieſe Zeit begann eine noch größere Thätigkeit unter der Preußiſchen Garniſon, die der General von Natzmer kommandirte und endlich verrieth der vom Burgthor her dröhnende Kanonendonner, in den ſich vernehmbar das Krachen der Büchſen und Musketen miſchte, daß das Trauerſpiel ſeinen Anfang genommen, daß die Franzoſen Lübeck angegriffen. Vor dem Burgthor, welches der Herzog von Braun⸗ ſchweig⸗Oels vertheidigen ſollte, entwickelte der Marſchall Bernadotte ſeine Kräfte; die Generale Drouet, Frere, Leopold Berthier und Pactod führten ihre Brigaden gegen das Thor, welches die Preußen durch ein mörderiſches Kartätſchenfeuer behaupteten, bis die franzöſiſchen Sap⸗ peurs, trotz des Gewehrfeuers, rechts und links von der — 131— Thorbatterie über den trockenen Graben vordrangen, die Kartätſchenbatterie umgingen, ſie in den Rücken nahmen und die Artilleriſten auf ihren Stücken niedermachten. Während der Kampf beim Burgthor alſo blutig fort⸗ dauerte und die Preußen wie Helden ſtreitend, nur ſchritt⸗ weiſe dem Feinde das Terrain überließen und in die Straßen zurück wichen, wo ſie jede Ecke, jedes Haus bei⸗ nahe benutzten, um ihren Gegnern Abbruch zu thun— forcirte die Avantgarde des Generals Legrand das Mühl⸗ thor und gerade als es zwölf Uhr auf den Thürmen Lübecks ſchlug, ſtürzten ſich die Landsleute Napoleons, die corſiſchen Chaſſeurs und die Scharfſchützen vom Po mit Blitzesſchnelligkeit durch das Mühlthor in die un⸗ glückliche Stadt und ſuchten in den Straßen feſten Fuß zu faſſen. Nun begann ein entſetzliches Gemetzel in den Straßen, jede Kirche, jedes bedeutende Gebäude, jeden Platz ver⸗ theidigten die Preußen hartnäckig, die Kugeln ſchlugen in das Rathhaus, wo der Senat verſammelt war, die Leichen häuften ſich, der wilde Tumult eines verzweifelten Kampfes erfüllte die friedliche Stadt. Erſt nach vier Stunden blutigen Handgemenges ver⸗ mochten franzöſiſche Tapferkeit und Uebermacht den Hel⸗ denmuth der Preußen zu brechen— das Soult'ſche Corps, vom Mühlthor kommend, vereinigte ſich in der Mitte der Stadt mit dem Bernadotte'ſchen, das durch's Burgthor hereingebrochen war, auch ſtießen etwas ſpäter die Truppen des Großherzogs von Berg dazu. Obwohl nun der Sieg der Franzoſen entſchieden war 9*£ — 132— und die Reſte der Preußiſchen Truppen allmälig gegen Ratkau hin abzogen, ſo dauerte doch das Schießen in der Stadt und der Kampf mit blanker Waffe noch ziemlich lange fort, denn entweder ſuchten ſich einzelne Preußiſche Detachements einen Rückzug zu öffnen mitten durch die Feinde, oder ſie wollten, an Sieg und Rettung verzwei⸗ felnd, ihr Leben theuer verkaufen. Während man alſo an mehreren Punkten der Stadt noch mit Erbitterung focht, begannen für das unglückliche Lübeck die Schreckniſſe einer Plünderung, die von einer mit Waffengewalt genommenen, erſtürmten Stadt, ſo ſelten abzuwenden ſind. Je ſchwächer das Feuern und das Kampfgetöſe wurde, deſto lauter erſcholl der Jubel der beuteluſtigen Franzoſen, er miſchte ſich mit den Bitten der beraubten Bürger, mit dem Jammergeſchrei mißhandelter Frauen und Jungfrauen, die die Sieger aus den Armen ihrer Gatten und Väter riſſen und ſie als Preis ihrer Tapferkeit in Anſpruch nahmen. Vor dem Gaſthofe zum Engel hatten bis zuletzt Preu⸗ ßiſche Huſaren von Uſedom gefochten, bis ſie endlich, in die Flucht geſchlagen, den Corſiſchen Chaſſeuren den Platz überließen. Von dieſen Chaſſeuren nun ſtürzten etwa zwanzig Mann in den Gaſthof, der ihnen durch ſein wohlhabendes Ausſehn Befriedigung ihrer Beuteluſt ver⸗ hieß. Die wenigſten dieſer wilden und von Natur räu⸗ beriſchen Soldateska begnügten ſich, das Silber auf den Tiſch und im Schenkſchrank zu nehmen; während Einige ſich an den vorräthigen Speiſen und Getränken gütlich thaten, ſchleppten Andre den alten Engelwirth herein und erpreßten durch Drohungen und Mißhandlungen eine be⸗ — 133— deutende Geldſumme. Wieder Andere durchſuchten das Haus von dem Boden bis zum Keller, brachen alle ver⸗ ſchloſſene Behältniſſe auf, zerſchlugen und zerſtörten muth⸗ willig was nicht transportabel und ließen dem rohen Uebermuth des Siegers ungeſcheut die Zügel ſchießen. Andere hatten die Mägde des Hauſes ergriffen, um Begierden bei ihnen zu befriedigen, die bekanntlich jener blutdürſtigen Wuth, die der Kampf in den Männern er⸗ regt, nahe verwandt ſind— plötzlich krachte durch dieſes Getöſe ein Piſtolenſchuß— die Chaſſeurs ſtutzten, der Schuß war in einem der obern Gemächer des Gaſthauſes gefallen; klirrend eilten ſie die Treppen hinauf, wildes Fluchen und Jammergeſchrei tönte ihnen entgegen, der weißliche Dampf, der aus einer offenen Thüre drang, verrieth den Corſen das Zimmer, in welchem geſchoſſen, ſie ſtürzten hinein— dort lag einer ihrer Kameraden, das abgeſchoſſene Piſtol in der Fauſt am Boden und ſtöhnte unter dem Fuß eines kräftigen jungen Mannes, der mit ſeinem Stock ſich des Säbels eines andern Chaſ⸗ ſeurs zu erwehren ſuchte, während ſein linker Arm ein bildhübſches Mädchen umfaßt hielt, das ihm ein Dritter entreißen wollte. Es war der Feilen⸗Jobſt, der ſeine Braut vor der zügelloſen Beſtialität der ſiegestrunkenen Chaſſeurs ſchützte. Die eben Eintretenden leiſteten ihren Kameraden ſo⸗ gleich Beiſtand, zwei von ihnen ſchlug Jobſt noch nieder, dann wurde er von ſeiner Braut geriſſen, er fühlte wie ſein Blut ihm heiß über das Geſicht ſchoß, er wankte nach dem Fenſter zurück und ſah noch, wie ein Chaſſeur einen — 134— Schritt zurückſprang und das Piſtol, nach ihm zielend, emporhob. In dem Moment des Abdrückens aber ſchlug eine kräftige Hand dem Chaſſeur das Piſtol in die Höhe, der Schuß fiel und klirrend ſplitterte die Kugel die Scheiben hinter dem armen Jobſt. „Was ſoll das?“ fragte eine barſche Stimme. Die Chaſſeure, zum Theil durch Jobſt verwundet, warfen dem barſchen Frager, der eine ſtattliche Generals⸗ Uniform trug, zornige Blicke zu, die corſiſche Rachſucht flammte in ihren dunkeln Augen— aber hinter dem alten General ſtanden mehrere franzöſiſche Officiere, ſie ſchwiegen. „Redet,“ befahl der General,„was hattet Ihr mit dieſem Manne? Ihr habt einen Sieg erfochten und wollt ihn beflecken durch Mißhandlungen an wehrloſen Bürgern!“ Jetzt trat die Engelchriſtel vor und ſagte heftig:„Herr General, dort mein Bräutigam wollte mich vor den Zu⸗ dringlichkeiten Ihrer Soldaten ſchützen, Sie können's ihm nicht verdenken, er iſt ſo ſchon böſe, weil geſtern ſeine Hochzeit ſein ſollte und wegen des Kriegs nichts daraus geworden iſt!“ „Was ſagt das Mädchen?“ fragte der General einen Officier; dieſer wiederholte beinahe wörtlich Engelchriſtels Rede in franzöſiſcher Sprache. „Ah!“ lachte der General nun,„armes Kind! tröſten Sie das arme Kind, Capitain, und laſſen Sie meinen Chirurgen holen für den armen Teufel von Bräutigam!“ Engelchriſtel kniete bereits am Boden und hielt das — 135— Haupt ihres ohnmächtig zuſammengeſunkenen Bräutigams in ihren Armen. Die Chaſſeure ſchlichen ſtill zur Thür hinaus, ſie hatten in dem General den alten tapfern Legrand, ihren Divi⸗ ſionair, erkannt und wußten, daß der keinen Widerſpruch vertragen konnte. General Legrand nahm ſein Quartier im Gaſthaus zum Engel, wodurch dieſes und ſeine Bewohner vor größerm Unheil, was bei der bekannten Rachſucht der Corſen nicht ausgeblieben ſein würde, bewahrt wurde. Uebrigens erklärte der franzöſiſche Arzt die Wunden Jobſt's für ſehr unbedeutend und verſicherte zu Chriſtels Troſte eine ſchnelle Heilung. Am Abend und im Verlaufe der Nacht wurde durch die höhern Officiere der franzöſiſchen Armee die Ordnung wieder hergeſtellt; die Lübecker hatten Zeit, ihre Verluſte zu berechnen und die Unglücklichen zu bedauern und zu beklagen, die ein Opfer des Todes, oder ſoldatiſcher Bru⸗ talität geworden waren. Am andern Morgen ergab ſich das von Munition, wie von Mundvorrath gleich entblößte Blücher'ſche Corps, zufolge einer in Ratkau geſchloſſenen Capitulation, kriegs⸗ gefangen an die Franzoſen. Im Laufe dieſes Tages war es, als der General Le⸗ grand die Engelchriſtel zu ſich rufen ließ. Engelchriſtel hatte ganz ihren gewöhnlichen heitern Muth wieder ge⸗ wonnen, ſeit ſie ſelbſt eingeſehen, daß die Wunden ihres Bräutigams wenig gefährlich, daß dieſer in einigen Tagen wieder ganz geſund ſein werde. Ohne Schüchternheit trat — 136— ſie in das Zimmer des Generals, der mehrere Officiere ſeines Stabs bei ſich hatte. „Ihr Bräutigam befindet ſich wohl, Mademoiſelle,“ redete Legrand die Engelchriſtel an, die in ganz erträglichem Franzöſiſch antwortete und zugleich dem General für ſeine Dazwiſchenkunft dankte. Legrand freute ſich ungemein, daß die Dirne, die ihm mit ihrem entſchiedenen und mu⸗ thigen Weſen gefallen, franzöſiſch ſpreche, er lehnte höflich allen Dank ab und ſagte dann:„es thut mir wahrlich leid, Mademoiſelle, daß erſt die Preußen und dann wir Franzoſen Ihrer Hochzeit hinderlich geworden— wäre Ihr Verlobter wohl genug, ſo würde ich Sie bitten, heute Hochzeit zu machen und einen alten franzöſiſchen Soldaten, mich ſelbſt nämlich, als Brautführer anzunehmen, doch ich weiß mich zu beſcheiden, indeß hoffe ich, Mademoiſelle wird ſich meiner erinnern und mich bei der erſten Taufe zum Gevatter nehmen, haben wir einen Knaben, ſo wollen wir einen tüchtigen Soldaten aus ihm machen!“ Der alte General lachte und ſeine Officiere lachten natürlich auch, die Engelchriſtel wurde allerdings etwas roth, aber ſchnell gefaßt, antwortete ſie keck:„da bedaure ich, daß Excellenz zu ſpät kommen, vorgeſtern hab' ich an dieſer ſelben Stelle dem Herrn General von Blücher ver⸗ ſprochen, ihn zum Gevatter zu nehmen und meinen Sohn nach ihm: Gebhardt Leberecht, zu nennen, wollen aber Ew. Excellenz beim zweiten—“ Engelchriſtel beſann ſich zu ſpät, ein allgemeines Ge⸗ lächter folgte ihren Worten— Legrand aber ſagte ſcher⸗ — 137— zend zu ſeinen Officieren: Sie ſehen, Mademoiſelle hat Muth und gute Vorſätze—“ Engelchriſtel mochte nichts weiter hören, ſie lief hinaus und ſetzte ſich an das Bett ihres Bräutigams, dem ſie mittheilte, was ihr widerfahren. Als einige Tage ſpäter der wackre Legrand von ſeines Wirths Tochter Abſchied nahm, ſchlang er ihr eigenhändig eine ſchwere goldne Kette zwölfmal um den glatten Nacken und bat ſie lachend, die Kette dem Kinde zu geben, deſſen Pathe er ſein ſolle, es ſei ihm gleichgültig ob's das dritte, oder vierte, oder ein noch ſpäteres ſei, aber ihr Gevatter wolle er nun einmal ſein. Dann küßte er mit ſoldatiſcher Gradheit die friſchen Lippen der Dirne, ſtieg zu Pferde und trabte von dannen. II. Zas Jahr 1813. Sechs Jahre faſt waren verfloſſen ſeit den im vorigen Capitel geſchilderten Ereigniſſen— das Gaſthaus zum Engel in Lübeck gehört einem Andern, denn der alte Engelwirth iſt geſtorben und ſein Schwiegerſohn draußen auf dem Feilenhof hat die ſtädtiſche Beſitzung verkauft, um ſich ganz und ungeſtört der Landwirthſchaft widmen zu können. Ueberdem mochte der Feilen⸗Jobſt nicht gern in der Stadt ſein und auch ſeine Frau, die noch immer von Jung und Alt die Engelchriſtel genannt wurde, ſchien nicht ungern in den Verkauf des älterlichen Beſitzthum zu willigen. Man wunderte ſich in Lübeck eine Weile, wes⸗ halb die junge Frau die günſtige Gelegenheit verſäumt habe, wieder in die Stadt zu kommen und aus welchem Grunde denn ſie ſich eigentlich auf dem einſamen Feilen⸗ hofe aller Geſellſchaft entziehe? Man wunderte ſich eine Weile, wie das zu geſchehen pflegt, dann vergaß man das junge Ehepaar, weil man nur ſehr ſelten etwas von ihm ſah oder hörte und dabei doch das Thun und Treiben auf dem Feilenhofe ganz des Geheimnißvollen entbehrte, das die Neugierde hätte reizen können. Indeß war's in der That eine ſeltſame Ehe, in welcher der Jobſt und die Engelchriſtel nun ſchon in's ſechſte Jahr miteinander lebten; das Leben in der Ehe war ein ganz anderes geworden, als ſich Chriſtel und mit ihr Alle, die ſie kannten, gedacht hatten. Der Jobſt war zwar immer ein mehr ernſter Mann geweſen, aber ſein Ernſt ſchloß gerade die wahre Heiterkeit nicht aus und Chriſtels immer munteres und aufgewecktes Weſen ließ ein recht friſches, freudiges Zuſammenleben erwarten. Dem aber war nicht alſo, Jobſt ſchien ſeit dem Vorfall mit den corſiſchen Chaſſeurs im Gaſthaus zum Engel ein anderer Mann geworden zu ſein, ſein Ernſt wurde trübe, ſeine ſonſt oft bewieſene Feſtigkeit ſah jetzt wie purer Eigenſinn aus und ſein ſonſt ſo gehaltenes, oft etwas feierliches Benehmen wurde ungleich und zuweilen peinlich. So fiel es auf, —ü¶ſö——— — 139— zwar nicht der Engelchriſtel, die in ihrer Unſchuld Alles der heißen Liebe ihres damaligen Bräutigams zuſchrieb, daß Jobſt, ohne Rückſicht auf dies allgemeine Unglück der Stadt zu nehmen, das nicht zu einem Freudenfeſte ſtimmte, gleich nach dem Abmarſch des Generals Legrand ſeine Hochzeitfeier mit einer Haſt und einer Aengſtlichkeit betrieb, die beide nicht natürlich waren. Als Jobſt nun endlich mit Chriſtel auf dem Feilenhof war, kehrte anfänglich zur Verwunderung, dann aber zur größten Betrübniß der jungen Frau der frühere Frieden und die wohlthätige Heiterkeit nicht zurück. Ja, Jobſt wurde ſichtlich immer trüber und war oft ganze Tage mit ſeiner Oeconomie beſchäftigt in Feld und Flur; dabei blieb er aber immer freundlich und immer zärtlich gegen die Chriſtel und nur wenn das treue Weib mit liebender Beſorgniß einmal in einer einſamen Stunde nach dem Grunde ſeines zunehmenden Trübſinns forſchte, dann konnte der Jobſt ſie rauh anlaſſen und gewöhnlich ging er darauf, indem er grimmig verſicherte, er ſei durchaus heiter und glücklich, davon. Chriſtel ſchwieg endlich und erfüllte treulich ihre Pflichten als Hausfrau, doch gab ſie darum ihre Hoffnung, den lieben, brummigen Mann, wie ſie ihn nannte, wieder zu erheitern, nicht auf. Sie freute ſich oft im Stillen zum Voraus, wie ſchnell der Jobſt wieder heiter werden ſolle, denn ſie glaubte ein untrügliches Mittel zu beſitzen. Die arme Chriſtel hatte ſich verrechnet, denn als ein⸗ mal wieder ein trauliches Stündchen kam und ſie dem lieben, brummigen Mann mit ſtolzer Freude bekannte, — 140— daß ſie ſich Mutter fühle, da wurde der Jobſt leichenblaß, vergeblich ſuchte er ſich zu faſſen, er wollte reden, ſeine Lippen bewegten ſich, aber Worte wurden nicht hörbar; er riß ſich aus Chriſtels Armen und eilte hinaus. Traurig ſah ihm das gute Weib nach; das war die trübſte Stunde, die ſie je erlebt, ſie weinte bitterlich und trocknete erſt ihre Thränen, als ſie den Jobſt zurückkommen hörte. Einige Monate ſpäter gebar Chriſtel einen Knaben— Jobſt war nicht von der Leidenden gewichen, tröſtend war er ihr zur Seite geblieben, den Knaben aber rührte er nicht an. Chriſtel war eine ſehr glückliche Mutter, und dabei vergaß ſie ihre Verſprechungen nicht, Jobſt mußte an den General von Blücher ſchreiben, ihm die Geburt dieſes Sohnes melden und ihn bitten, bei dem Kinde Pathen⸗ ſtelle zu vertreten. Es fiel der glücklichen Mutter nicht auf, daß Jobſt, als er ſich zum Schreiben niederſetzte, leiſe fragte:„Ich denke, der General Legrand ſollte Pathe ſein?“ ſie begnügte ſich zu antworten:„Nein, nein, ich hab's Sr. Excellenz verſprochen und wenn mir Gott noch einen Kinderſegen beſcheeren ſollte, dann erſt kommt der gute Legrand dran!“ Die Feder knirrſchte auf dem Papier, das hörte Chriſtel, daß aber der Jobſt mit den Zähnen dazu knirrſchte und einen ſchweren Fluch über den„guten“ Legrand murmelte, das hörte ſie nicht. Vom General von Blücher aber ging nach kurzer Zeit folgendes Original⸗Antwortſchreiben ein: — 141— Liebe Frau Gevatterin! Sie hat mir eine große Freude gemacht und ich über⸗ nehme die mir angetragene Pathenſtelle mit Vergnügen, ich möchte gern gegen jeden Lübecker ſo gefällig wie mög⸗ lich ſein, um die Stadt mit mir zu verſöhnen, obgleich Gott mein Zeuge iſt, daß ich nicht anders konnte und nicht aus böſer Abſicht, oder Leichtſinn das Unglück ver⸗ urſachte, das ich über die Stadt gebracht habe. Gott laſſe Sie, liebe Frau Gevatterin, viele Freude erleben an dem Knaben und wenn er halbwüchſig iſt, ſo ſchicke Sie ihn nur zu mir, ich halte mein Verſprechen und mache einen tüchtigen Huſaren aus ihm; grüße Sie Ihren Mann und behalte Sie in gutem Andenken Ihren Freund und Gevatter von Blücher. Dieſem herzlichen und gemüthlichen Briefe war ein ſchwerer ſilberner Becher mit den zwei Schlüſſeln, dem Blücher'ſchen Wappen, geziert, beigefügt. Chriſtel fühlte ſich durch Brief und Geſchenk hochgeehrt, Jobſt nahnes gleichgültiger auf, hatte aber nichts dagegen, daß der Knabe Gebhardt Leberecht getauft wurde. Uebrigens wurde Blüchers Brief bald bekannt in Lübeck und trug mit dazu bei, die Stimmung der wackern Han⸗ ſeaten gegen den alten Haudegen zu mildern; überhaupt wurde die deutſche Partei in Lübeck jetzt immer zahlreicher, während Napoleon, zwar noch viele Bewunderer zählte, aber doch durch die Präfectenwirthſchaft und die Con⸗ tinentalſperre den deutſchen Sinn ſowohl, als auch die kaufmänniſche Gewinnluſt der Hanſeaten vielfach kränkte. In Jobſt's Hauſe, auf dem Feilenhof, blieb indeß Alles beim Alten, er blieb zärtlich gegen Chriſtel, ſonſt aber wurde er immer trüber und trauriger; jedes Jahr gebar Chriſtel ein Kind und im Jahr 1813 hatte ſie bereits drei Knaben und ein Mädchen und ging mit dem fünften Kinde ſchwanger. Die Mutter, glücklich in ihren Kindern, mit der Beſorgung eines ziemlich großen Haus⸗ weſens hinlänglich beſchäftigt, hatte ſich an den Trübſinn ihres Gemahls gewöhnt, er hatte nichts Auffallendes mehr für ſie. Bei Geburt des zweiten Knaben hatte Jobſt zwar an den General Legrand ſchreiben müſſen, aber es war auf den Brief keine Antwort erfolgt, das hatte die gute Frau ſehr gekränkt, aber ſie hatte ſich bald zufrieden gegeben und dachte jetzt kaum noch an den guten alten Officier. Man ſchrieb 1813, als an einem kalten Januarabend heftig an das Außenthor des Feilenhofes geklopft wurde; Chriſtel, die ihre jüngern Kinder bereits zu Bett gebracht hatte und ſich mit den beiden älteſten Knaben allein in dem großen Familienzimmer befand, ſchickte eine Magd hinaus, nachzufragen nach dem ungeſtümen Klopfer draußen. Man hielt dazumal die Thüren gern feſt verſchloſſen, die gewaltige Kälte des vergangenen Jahres hatte viel Mangel und Noth erzeugt, fremdes Kriegsvolk, verhungert und elend aus Rußland heimgekehrt, bedeckte die Landſtraßen. Der Feilenhof lag ſehr einſam und Chriſtel war eine vorſichtige Hausfrau, zumal wenn Jobſt, wie's heute der Fall war, nicht ſelbſt das Haus hütete. Die Magd kam zurück und meldete, es ſtehe ein Po⸗ — 143— ſtillon draußen, ein Lübecker, ein Bekannter von ihr, der verlange Einlaß für einen kranken fremden Officier, der draußen im Schnee läge, weil ihm am Wagen eine Achſe gebrochen. Sogleich hieß die gutherzige Frau der Magd öffnen und einige Minuten ſpäter trugen zwei Männer in fran⸗ zöſiſche Capots gehüllt einen dritten, der ohnmächtig zu ſein ſchien, in das Familienzimmer und legten ihn auf dem Sopha nieder; dann bat der Eine die Hausfrau höflich um Erlaubniß, den Wagen in den Hof ſchaffen zu dürfen und ihnen einen Aufenthalt unter ihrem Dache zu gönnen, bis der Poſtillon von Lübeck zurück ſei mit einem andern Wagen. Die gutmüthige Frau gab gern ihre Einwilligung und eilte mit einer Flaſche Ungriſchwaſſer herbei, um dem Ohnmächtigen beizuſtehen; kaum aber hatte ſie die Züge deſſelben näher betrachtet, ſo fuhr ſie mit einem lauten Schrei zurück, faßte ſich aber ſchnell und fragte die beiden Andern:„Irr' ich mich, iſt's nicht der General Legrand?“ „Oui Madame,“ antwortete der Eine der Franzoſen erſtaunt,„monsieur le général Legrand!“* Chriſtel antwortete jetzt nichts, aber ihre Freude war ſichtlich groß, als der alte Krieger nach einigen Minuten die Augen aufſchlug und etwas ſpäter mit ſchon wieder ziemlich kräftiger Stimme fragte:„Wo ſind wir, Capitain?“ „Unter Freunden!“ antwortete Chriſtel franzöſiſch für den jungen Mann, der bis jetzt das Wort geführt hatte.“ „Ich entſinne mich,“ fuhr der General fort,„wurden wir nicht umgeworfen?“ — 14— „So iſt's, mein General!“ Aber Chriſtel in ihrer Freude, den Lebensretter ihres Mannes, den alten braven Herrn, den ſie vor ſechs Jahren ſo lieb gewonnen, bei ſich zu ſehen, ließ den beiden Fran⸗ zoſen nicht viel Zeit zum Zwieſprach. „Herr General,“ rief die muntere Frau,„Herr Ge⸗ neral Legrand, kennen mich denn Eure Excellenz gar nicht mehr? hab' ich mich denn in den ſechs Jahren meiner Verheirathung ſo ganz und gar verändert? ich habe zwar vier Kinder gehabt und mancherlei Trübſal und Sorge getragen—“ Der General ſchien ſich mühſam zu beſinnen, endlich ſprach er lächelnd:„Sind Sie nicht— „Ja, ja,“ unterbrach ihn Jobſt's Weib,„ja, endlich beſinnen ſich Excellenz, ja, ich bin die Chriſtel aus dem Engel, wo Eure Excellenz wohnten, Sie retteten ja meinen Mann, den Jobſt, vor den Chaſſeurs—“ „Oh! Madamo, ich freue mich,“ erwiderte der General, der jetzt erſt in ſeiner Erinnerung jenen für ihn ſo unbe⸗ deutenden, von ihm längſt vergeſſenen Vorfall wiederfand. „Ja,“ nahm Engelchriſtel in ihrer ungeſchminkten Natürlichkeit und weiblichen Redſeligkeit das Wort wieder, „ja, und Eure Excellenz verſprachen mir damals bei meinem zweiten Sohne Gevatter zu ſtehen, weil ich für den Aelteſten ſchon Seine Excellenz den Herrn General von Blücher zum Pathen hatte, damals verſprachen's mir Eure Excellenz und lachten noch ſehr und als ich den Jobſten, meinen Mann, deshalb an Sie ſchreiben ließ, als der zweite Burſche da, ich glaube er ſieht Eurer .— Excellenz etwas ähnlich, geboren war, da haben mir Eure Excellenz nicht einmal geantwortet.“ „Entſchuldigen Sie, Madame,“ rief Legrand lachend, „Ihr Brief hat mich ſicher nicht gefunden, ich bin weit herum geweſen, ſeit ich Lübeck verlaſſen, ich war in Polen, in Spanien, in Portugal und in Rußland—“ Die beiden andern Franzoſen konnten nicht aufhören zu lachen, beſonders weil der zweite Knabe, dem Engel⸗ chriſtel in ihrer Gutmüthigkeit eine Aehnlichkeit mit dem alten General vindicirte, blond und blauäugig war, wäh⸗ rend Legrand ſchwarze Augen hatte und brünett war. Chriſtel aber ließ ſich durch nichts ſtören, mit mütter⸗ lichem Stolze ſtellte ſie ihre beiden älteſten Knaben dem frranzöſiſchen General vor und nur die dringendſten Bitten der Excellenz konnten ſie abhalten, auch die beiden Kleinern aus der Wiege zu holen; dann tiſchte ſie gaſtfreundlich auf, was Küche und Keller vermochten und war überhaupt ganz glücklich, den Mann als Gaſt bedienen zu können, der ihrem Jobſt das Leben und ihr vielleicht noch mehr gerettet hatte. Während alſo ein reges, freudiges Leben im Feilen⸗ hofe herrſchte und Chriſtel in ihrer Naivetät und Gut⸗ müthigkeit die fremden Gäſte in eine höchſt behagliche und heitere Stimmung verſetzte und in dieſer erhielt, ſaß Jobſt mürriſch bei einer Kanne Bier in einem ſchlechten Wirthshauſe; er wartete ſchon ſeit einigen Stunden ver⸗ geblich auf einen Mann, mit dem er ein Geſchäft abzu⸗ machen hatte. Warten verbeſſert nie die Stimmung eines Mannes Heſekiel, Schmal geweckt. II. 10 und iſt dieſe ohnehin bös, ſo wird ein ungeduldiger Miß⸗ muth zuletzt Herr, der ein Tyrann iſt wie's Wenige giebt. Jobſt befand ſich eben ganz in der Gewalt dieſes Ty⸗ rannen, als Melchior Müller, ein heruntergekommener, ganz überſchuldeter und verarmter Lübecker Krämer in das Gaſtzimmer trat und ſich mit ſeiner Flaſche neben Feilen⸗ Jobſten niederließ. Wie nun manche Menſchen im Stande ſind, oft durch ihre bloße Gegenwart ſchon, wenn auch nicht immer, unſere übeln Stimmungen zu verſcheuchen, ſo doch uns zu einer größern oder geringern Herrſchaft über uns ſelbſt gewiſſer⸗ maßen zu zwingen, ſo giebt's wieder Andere, deren Ge⸗ genwart jede ſchlimme Laune in uns um einen oder mehrere Grade ſteigert. Zu dieſen Andern gehörte Melchior Müller, weuigſtens für Jobſt, der den Gruß des verarmten Krämers beinahe gar nicht erwiderte. Melchior Müller war ein kleiner Mann, dennoch mußte er ſonſt eine hübſche Figur gehabt haben, jetzt war er verfallen und ſein ſtierer Blick, wie das unaufhörliche Zittern der Hände verriethen den un⸗ verheſſerlichen Trunkenbold. Der zerlumpte Trunkenbold war vor wenigen Jahren noch ein ordentlicher und bemittelter Mann, er war da⸗ mals mit Jobſten faſt befreundet geweſen und der Engel⸗ wirth hatte ihn eigentlich zum Schwiegerſohn erkoren und hätte ihm die Chriſtel eigentlich lieber gegeben als dem Jobſt, der freilich die beſſere Protection der Tochter ſelbſt hatte. Seit den Ereigniſſen, deren Schilderung wir im erſten Kapitel unſerer Erzählung verſuchten, hatten ſich — 147— Jobſt und Müller ſehr ſelten und auch dann nur ſehr flüchtig geſehen. „Wie das Bier wieder ſchmeckt!“ begann Müller, der ſichtlich gern mit Jobſt ein Geſpräch angefangen hätte und doch auch nicht geradezu ihn weiter anreden zu wollen ſchien. Er ließ ſich ein Glas Rum bringen und leerte es auf einen Zug, um das Bier zu verbeſſern. „Jobſt,“ wendete er ſich plötzlich zu dem Verdrieß⸗ lichen,„was macht Eure Frau, die Engelchriſtel?“ „Sie befindet ſich wohl!“ antwortete Jobſt kurz. „Befindet ſie ſich, ſo, he! das freut mich,“ erwiderte Müller,„ich dachte,“ ſetzte er leiſe und mit jener allen Trunkenbolden eigenthümlichen unverſchämten Vertraulich⸗ keit hinzu,„ich dachte, ſie müſſe ſchlimme Tage haben draußen auf dem Feilenhofe, denn Ihr, Jobſt, Ihr, ſagt man, Ihr ſollt gar nicht mehr derſelbe Menſch ſein, wie ſonſt, immer mürriſch, immer verdrießlich, bei ſolch' einem Manne kann ein munteres Weib keine guten Tage haben!“ Jobſt ſchwieg ſtill, er ſchien ſelbſt der Anſicht Müllers zu ſein, obwohl die Chriſtel in der That, ihren beſchränkten Anforderungen au's Leben nach, gar kein trauriges, ſon⸗ dern eher ein heiteres Leben führte. Müller trank noch ein Glas Rum, dann ſagte er blinzelnd:„Ihr verachtet mich, Jobſt, weil ich herunter⸗ gekommen, weil ich ein Bettler bin—“ „Nicht deshalb, ſondern weil Ihr ein—“ „Weil ich ein Säufer bin,“ unterbrach Müller den Jobſt,„das bleibt ſich gleich, wenn ich kein Bettler wäre, wäre ich auch kein Säufer und wenn ich kein Säufer 10* wäre, wäre ich auch kein Bettler. Ihr verachtet mich, ſage ich, aus welchem Grunde iſt gleichgültig und doch bin ich der Einzige unter allen Lebenden, der Euch von dem Gram befreien kann, der Euch ſchier zu Boden drückt, der an Euch ſeit ſechs Jahren genagt hat— Ihr glaubt's nicht?“ „Nein!“ antwortete Jobſt lakoniſch. Müller trank ein drittes Glas Rum, dann verſetzte er ſpottend:„So glaubt's denn nicht, meinetwegen, aber denkt an den Beſuch, den Euch mein Vetter Fraſer machte, als Ihr im Engel verwundet lagt!“ Der Feilen⸗Jobſt wurde todesblaß, dann ſprach er tonlos in ſich hinein:„Der Fraſer hat mir einen ſchweren Eid geſchworen und iſt meineidig geworden, ich bin ver⸗ loren!“ „Mein Vetter iſt nicht meineidig geworden und Ihr ſeid ein Narr, Feilen⸗Jobſt, nehmt's nicht krumm!“ Jobſt ſtarrte den Müller mit unverholener Wuth an. „Glaubt Ihr nun, daß ich Euch von dem Jammer, der Euch verzehrt, befreien kann?“ „Nein,“ antwortete Jobſt kalt,„ich ſehe nur, daß mein Unglück doppelt iſt, weil Ihr darum wißt!“ „Pah! Unglück!“ flüſterte Müller wieder,„ſeid kein Narr, Jobſt, gebt mir zehn Thaler und Ihr ſollt von hier gehen wie neugeboren!“ „Ich gebe Dir keinen Schilling,“ erwiderte Jobſt,„von dem, was mich drückt und quält kann mich Niemand be⸗ freien!“ „Verſprecht mir einmal, Jobſt,“ begann Müller nach — 149— einer Weile wieder,„mir nichts zu thun und mich aus⸗ reden zu laſſen, wollt Ihr mir das verſprechen? hel ich will mich nachher an Eure Großmuth wenden, ich brauche nicht viel mehr, um mich zu Tode zu ſaufen!“ „Ich verſpreche es, redet!“ „Es war einmal in Lübeck, unterbrecht mich nicht, Jobſt, ein junger luſtiger Geſell, der hatte ein hübſch Geſchäft, war guter Leute Kind und des alten Engelwirths Ehefrau hatte ihn aus der Taufe gehoben—“ „Das waret Ihr, Müller!“— „Das war nicht ſchwer zu errathen, aber unterbrecht mich doch nicht, wo war ich denn ſtehen geblieben? ja, ſo— und der Engelwirth wollte dem luſtigen, braven Kaufmann ſeine hübſche Tochter zur Frau geben und die Tochter—“ „Die wollte Euch nicht!“ fiel Jobſt dem Sprecher ungeduldig in's Wort. „Oho!“ rief Müller,„Ihr ſollt mich nicht unterbrechen und überdem irrt Ihr Euch, denn die Tochter war mir wohl gewogen, wir hatten als Kinder ſchon Mann und Frau geſpielt— da kam aber ein fremder Geſell hierher, der kaufte den Feilenhof und wußte das Töchterchen zu kirren; jetzt ſah mich die Engelchriſtel nicht mehr an und auch der Pathe Engelwirth zuckte die Achſeln und meinte, er könne doch ſeine Tochter nicht zwingen, mich zu hei⸗ rathen. Ich ſah das ein, Jobſt, aber es wurmte mich und ich hatte nicht Ruhe weder bei Tag noch bei Nacht, denn ich hatte die Engelchriſtel mehr lieb gehabt als mein Leben und, Ihr könnt's glauben, der Branntwein und der Rum haben Mühe gehabt, dieſe Liebe herauszubrennen aus meiner Seele.“— Dem Hörer ſchauderte, Müller fuhr fort:„Da ich nun ſah, daß die Engelchriſtel verloren war für mich und nichts mehr zu hoffen, gar nichts mehr, da nahm ich mir vor, mich zu rächen, zu rächen an Euch, der Ihr mir Alles genommen. Tag und Nacht ſann ich auf Rache an Euch, aber ich erſann nichts, bis mir endlich der Pathe Engelwirth erzählte, die franzöſiſchen Chaſſeurs hätten Euch Eure Brant nehmen wollen, Ihr aber hättet ſie vertheidigt und mehrere Franzoſen verwundet, gewiß würden ſich die Franzoſen an Euch gerächt haben, wenn nicht der General auf Chriſtels Bitten Euch unter ſeinen beſondern Schutz genommen hätte. Dieſe Erzählung be⸗ nutzte ich zur Rache an Euch. Fraſer ging an Euer Kranken⸗ bette und erzählte Euch, der franzöſiſche General habe Euch vor ein Kriegsgericht ſtellen und Euch erſchießen laſſen wollen, aber die Chriſtel habe Euch das Leben ge⸗ rettet, dadurch, daß ſie ſich dem General Preis gegeben!“ Da Jobſt nicht antwortete und ihn unverwandt an⸗ ſtarrte, ſprach Müller weiter:„Seht, Jobſt, Ihr glaubtet das Märchen, es hätt's vielleicht jeder Andere auch ge⸗ glaubt und meine Rache war vollſtändig, denn Ihr mit Eurem Charakter konntet nicht glücklich mit einer Frau ſein, von der Ihr das glaubtet— ich kannte Euch ganz, Ihr wolltet es der Engelchriſtel nicht merken laſſen, und nun kam's, nun wußtet Ihr nicht, ob der älteſte Bube von Euch war, oder von dem General und ſo habe ich — Euch ſechs Jahre lang aller Freuden und alles Friedens beraubt, weil Ihr mein Lebensglück zerſtört habt; doch hat's mir keinen Gewinn gebracht, ich konnte die Chriſtel doch nicht vergeſſen, ich wurde ein Säufer und ein Bettler; jetzt ſeid großmüthig, Jobſt, verzeiht mir und gebt mir ſoviel, daß ich mich zu Tode trinken kann, dann geht heim und ſeid glücklich!“ Jobſt hatte dem jetzt ſchon halb Trunkenen mit einer beinahe fieberhaften Aufregung und Spannung zugehört, als Müller ſeine Erzählung geendet, wechſelte Farbe und Bläſſe mehrmals auf ſeinem Antlitz, bevor er mit erſtickter Stimme fragte:. „Alles Lüge alſo, was mir Fraſer erzählte?“ „Alles Lüge, pure blanke Lüge von mir,“ ſchwatzte der Trunkenbold,„ich wollte mich rächen an Euch, das iſt Alles, Ihr ſolltet Euch auch nicht an Chriſtels Beſitz freuen, weil er mir verſagt war— he! hatte ich Euch nicht gut beurtheilt? Ihr mußtet Chriſtel lieben, weil ſie ſich für Euch geopfert hatte, nämlich das glaubtet Ihr, obgleich der franzöſiſche General nicht daran dachte, Euch zu verfolgen, ſondern die Chaſſeurs beſtrafte; ja! ſeht, Ihr mußtet die Chriſtel lieben, Eure Retterin und konntet ſie, wie Ihr nämlich denkt, auch nicht lieben und als nun gar Euer Aelteſter geboren wurde und Ihr nicht wußtet, ob Ihr Vater zu ihm wäret und Euch dieſer Zweifel jede Frreeude verbitterte und jeden Genuß vergällte, da war ich gerächt. Freilich,“ fuhr der Trunkene nach einer Pauſe nachdenklich fort,„hat's mir nichts geholfen, ich bin doch verloren!“ — 152— Während Müller in ſeiner Trunkſeligkeit, oder viel⸗ mehr Trunkunſeligkeit fortlallte und ſchwatzte, war der Feilen⸗Jobſt wieder Herr ſeiner Empfindungen geworden zum erſten Male ſeit ſechs Jahren athmete er frei auf, das Gefühl geheimer Schmach, das ſo lange wie Felſen⸗ laſt auf ihm gelegen, war verſchwunden, mit Stolz und Rührung dachte er an ſein Weib und an ſeine Kinder, aber er dachte nicht daran, die Rache, die der unglückliche Menſch neben ihm an ihm genommen, zu vergelten; fein⸗ fühlend, großmüthig und entſchieden war Jobſr's eigent⸗ liches Weſen, er dachte jetzt nur daran, den armen Müller, der durch ihn, freilich ohne ſeine Schuld, ein Elender ge⸗ worden war, zu retten, wenn es noch möglich. „Müller!“ begann er. „Was wollt Ihr, Jobſt?“ „Wollt Ihr mich morgen auf dem Feilenhof beſuchen?“ „Daß ich ein Narr wäre, Jobſt,“ erwiderte der Trunkene, ſeine Sinne mühſam zuſammen nehmend,„auf dem Feilenhof, da iſt ja die Engelchriſtel und wenn ich die geſehen habe, dann muß ich viel, viel Rum trinken und Branntwein, um ſie wieder zu vergeſſen und ich habe wenig Geld, ſehr wenig, Jobſt; wenig,“ ſetzte er ſtumpf umherblickend hinzu,„wenig, das heißt gar nichts!“ Es lag etwas in den Worten des Unglücklichen, was dem Jobſt durch die Seele ſchnitt. „Ihr werdet mich morgen beſuchen, Müller, wir pro⸗ biren ein friſches Faß Rum, die Chriſtel iſt nicht zu Haus!“ „Die Chriſtel iſt nicht zu Haus? friſches Faß Rum! ich komme, Jobſt, ich komme, ich komme!“ — — 153— Müller war jetzt ganz betrunken, Jobſt aber ſtand auf und redete ſeinetwegen heimlich mit dem Wirth, dann entfernte er ſich und eilte mit langen Schritten und hoch⸗ klopfendem Herzen dem Feilenhofe zu. Der arme Mann konnte die Zeit nicht erwarten, ſein treues Weib zu ſehen, ſein Weib in ſeine Arme zu ſchließen, ſeine Kinder zu herzen und ſich zu letzen an ihnen, zum erſten Male ohne bittere Nebengedanken, zum erſten Male in reiner Vaterluſt. So erreichte er den Feilenhof und erſtaunte nicht wenig, vor dem Hofthore eine mit vier Pferden beſpannte Poſtchaiſe zu finden, er hörte im Hofe verſchiedene Stim⸗ men franzöſiſch ſprechen— erſt wollte er ſtracks hinein, er glaubte ſeiner Frau ſei ein Unglück paſſirt, aber als er die Chriſtel lachen und ſcherzen hörte, drückte er ſich in eine Ecke— das Herz ging ihm über, als er die Stimme der muntern Frau vernahm, es war ihm nicht möglich, ſie jetzt vor Zeugen zu begrüßen. Da kam Chriſtel mit dem General und den zwei an⸗ dern Männern, die Magd leuchtete. „Es thut mir leid, daß ich Ihren Gemahl nicht ge⸗ ſehen, Madame,“ ſprach Legrand, Abſchied nehmend,„Sie verdienen es ſo ſehr, glücklich zu ſein und ich hätte gern den braven Mann geſehen, der Sie ſo glücklich macht, leben Sie wohl und wenn ich Sie in dieſem Leben nicht wiederſehen ſollte, ſo vergeſſen Sie den alten Legrand nicht!“ Staunend vernahm Jobſt dieſe Worte; obgleich nichts Verdächtiges in ihnen lag, ſo würden ſie ihn noch vor ein paar Stunden, das geſtand ſich Jobſt ſelbſt, in ſeinem — 15— unſeligen Wahne beſtärkt haben, jetzt ſchienen ſie für die Unſchuld ſeiner Frau zu zeugen. Die Franzoſen fuhren ab, das Hofthor wurde ge⸗ ſchloſſen, Jobſt aber ging vor ſeinem Hauſe auf und nieder noch eine lange Zeit. Wie in den erſten Zeiten ſeiner heute verjüngten Liebe blickte er ſehnſüchtig hinauf nach dem Fenſter des Schlafgemachs. Endlich erſchien dort ein Licht. Jobſt öffnete die Pforte und eilte in ſein Haus! III. Der alte Zlücher. Wir übergehen mit Stillſchweigen die Herzensergießun⸗ gen zwiſchen Jobſt und Chriſtel und bemerken nur, daß die Letztere am andern Morgen mit freudeſtrahlendem Antlitz einen Frühſtückstiſch arrangirt, während Jobſt pfeifend und ſingend aus den Ställen zurückgekehrt; er wollte es nicht bemerken, daß die Knechte und Mägde ihm kopfſchüttelnd nachſahen und ſich gegenſeitig ihre Vermuthungen über den ſo plötzlich, über Nacht, verwan⸗ delten Herrn mittheilten. Denn Jobſt hatte im Stalle mit den Mägden geſcherzt und die Knechte geneckt, das hatte er, ſo lange er verheirathet, nicht gethan. Als Jobſt in das Haus zurückgekehrt war, begann er mit ſeinen Kindern zu ſpielen und beſchäftigte ſich abſon⸗ derlich mit dem Aelteſten, dem Gebhardt, dem Pathen des Generals von Blücher, oder Seiner Excellenz, wie die gute Chriſtel kurzweg ſagte. Jobſt fühlte, daß er ein Unrecht gut zu machen habe an dem Knaben. Etwas ſpäter kam ein Knecht Jobſtens mit einem leeren Wagen aus der Stadt zurück; auf dem Wagen aber ſaß Melchior Müller, zerlumpt, frierend, elend! „Guten Morgen, Jobſt!“ keuchte er, in's Zimmer tretend,„da komm' ich, aber gebt mir einen Schluck, der mich wärmt, denn ich kann kaum ſtehen, ſo ſchwach bin ich.“ Jobſt grüßte den Unglücklichen freundlich und reichte ihm ein Glas Rum, kaum hatte es Müller getrunken, ſo kehrten wirklich Wärme und Leben zurück in ſeinen Körper; er begann ziemlich verſtändig zu reden, zugleich aber be— merkte Jobſt wohl, daß eine finſtere Schwermuth das Geſicht des Trinkers verdüſterte, jedoch ſtellte er ſich, als bemerke er's nicht. Er nöthigte ihn an den Tiſch, Müller ſetzte ſich, aber er aß faſt nichts; der Branntwein erſetzt den Säufern Alles: Eſſen, Trinken. Dagegen ſprach er einer Flaſche Portwein, die ihm Jobſt vorſetzte, eifrig zu. Das hatte Jobſt gewollt— die äußerſt geſchwächte Organiſation Müllers vermochte nicht viel zu vertragen, er ward trunken und dann in ein Bett gebracht. Als er am ſpäten Nachmittag erwachte, ließ ihn Jobſt in ein ſtärkendes Bad führen und ihn reinlich kleiden. Müller verlangte dann ein Glas Rum und erhielt es ohne Widerſtand. Als er getrunken, fragte er:„nun, Jobſt, — 156— was wollt Ihr eigentlich von mir, daß Ihr Euch ſo um mich bemüht?“ „Das geht Euch nichts an, Ihr wolltet Euch zu Tode trinken, hier iſt zu trinken, trinkt, Ihr werdet bis zu Eurem Tode den Feilenhof nicht verlaſſen, was wollt Ihr auch drinnen in der Stadt?“ Müller ſchüttelte den Kopf; am Abend aber war er wieder betrunken, aber nicht von Rum, ſondern von Wein. Am andern Tage bekam er wieder Wein zu trinken, am dritten ſchon verlangte er nicht mehr nach Rum; am vierten ſetzte ſich Chriſtel zu ihm und ſchwatzte mit ihm; am fünften gab ihm Jobſt eine leichtere Sorte Wein und er merkte es nicht; am ſechſten ſpielte er mit den Kindern und redete ganz verſtändig mit Chriſtel und Jobſt über ſeine elende Lage; am ſiebenten ging er mit Jobſt in Ge⸗ ſchäften aus und ſo ging's fort, alle Tage beſſer. Freilich war er noch täglich betrunken, freilich litt er unſägliche Schmerzen, Folgen des entſetzlichen Branntweingenuſſes, aber Jobſt wie Chriſtel hatten Geduld und ſo kam's, daß im Verlauf eines halben Jahres Müller immer ſeltener und ſeltener betrunken wurde, immer leichtere Weine genoß und in immer geringeren Quantitäten; endlich trank er nur wie andere Menſchen auch trinken, ſein Körper kräf⸗ tigte ſich durch fortwährende Bewegung in freier Luft, durch kaltes Baden u. ſ. w., ſein Geiſt aber erſtarkte in nützlicher Thätigkeit und nach Verlauf eines Jahres hatten Jobſt und Chriſtel einen tüchtigen Wirthſchaftsſchreiber und Verwalter, kurzum einen ordentlichen Menſchen aus dem elenden Trunkenbolde gemacht. Während ſich Jobſt und Chriſtel auf ſo edle Weiſe an Melchior Müller rächten, wurden die großen Schlachten geſchlagen, die den Weltbeſieger Napoleon von ſeinem Throne ſtürzten und jubelnd verkündigte der kleine Gebhardt Jedem, der's hören wollte, ſein Herr Pathe habe die Franzoſen wieder tüchtig geſchlagen. 4 Die deutſche Stadt Lübeck dachte deutſch genug, um dem Schwerte, oder beſſer dem Säbel der deutſchen Nation, dem alten Blücher, nunmehr das Unglück ganz zu vergeſſen, was er ohne ſeine Schuld über die Stadt gebracht. Sein Name war in aller Munde, auch in Lübeck, und man pries den alten Haudegen in Lübeck wie dazumal überall in Deutſchland. Ganz ſtolz aber ſagte Chriſtel,„unſer Gebhardt, der Pathe des Generalfeldmarſchalls Fürſten Blücher von Wahlſtatt!“ Jobſt beluſtigte ſich außerordentlich über dieſe unſchul⸗ dige Eitelkeit ſeiner Frau. Es war im Jahr 1818, als Jobſt genöthigt war, in Geſchäften nach Berlin zu reiſen, er lud ſeine Frau ein, ihn zu begleiten und Chriſtel war willig, ihr Hausweſen und ihre Kinder der Sorge des getreuen Melchior Müller und der alten Magd zu überlaſſen, nur beſtand ſie darauf, daß der faſt dreizehnjährige Gebhardt ſie begleiten müſſe. Jobſt hatte nichts dagegen, weil er von dem kühnen Plane ſeiner Frau keine Ahnung hatte. Man reiſte ab und ſchon am erſten Tage nach ihrer Ankunft in Berlin ließ ſich Chriſtel, während Jobſt ſeinen Geſchäften nachgegegangen war, nach dem Palais des Fürſten Blücher führen. Furchtlos trat Engelchriſtel zu 4 — 158— dem Poſten vor dem Portal und fragte:„Iſt des Herrn Feldmarſchalls und Fürſten Durchlaucht zu Hauſe?“ Die Gardeſoldaten ſchauten die Fragerin verwundert an, in dem Augenblick aber rief eine laute Stimme aus einem der Fenſter:„Heda! Frauchen! hübſches Frauchen, was will Sie denn beim alten Blücher? komme Sie nur herauf!“ Chriſtel ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſondern trat in's Palais, es kam ihr ein Reitknecht, oder ſonſt ſo ein Diener entgegen, der führte ſie in das Zimmer des Fürſten. Da ſaß der alte Held mit den klaren Augen und dem eisgrauen Schnurrbart, mit der Vergette und der dampfen⸗ den Pfeife auf einem Rollſtuhle am offenen Fenſter. Es war der alte Herr ſelber geweſen, der die Chriſtel herauf gerufen hatte. Jetzt ſah er ihr neugierig entgegen und fragte mit ſeiner lauten, tönenden Stimme:„Na, mein hübſches Frauchen, da ſeid Ihr bei'm alten Blücher, na nu— friſch losgelegt, von der Leber weggeſprochen!“ „Ew. Durchlaucht verzeihen—“ ſtammelte Chriſtel doch etwas verlegen. „Ach was Durchlaucht, kikel, kakel, ich verzeihe gar nichts, Sie hat mir ja nichts gethan, rede Sie, wie Ihr der Schnabel gewachſen iſt!“ Chriſtel gab ihrem Gebhardt einen Puff und nun ging der in der That hübſche Burſche dreiſt auf den alten Feldmarſchall zu und ergriff ohne alle Blödigkeit ſeine Hand:„Guten Tag, Pathe Durchlaucht!“ „Donnerwetter!“ ſchrie Blücher,„na nu! Pathe?“ „Ja,“ nahm Chriſtel das Wort,„ja Durchlauchtigſter Herr Gevatter, ich bin die Chriſtel aus dem Engel in 1 * Lübeck, der Sie verſprachen Gevatter zu ſtehen beim älteſten Knaben und auch ehrlich Wort gehalten!“ „Alle Wetter,“ lachte Blücher,„das iſt hübſch, lieb⸗ wertheſte Frau Gevatterin, daß Sie an mich alten Kerl gedacht hat, das iſt ein guter Burſche, na, Gott grüße Dich, mein Sohn, Du ſollſt Huſar werden, willſt Du?“ „Ja, Herr Pathe, Feldmarſchall will ich werden!“ verſetzte der Knabe keck. „Donnerwetter, Junge, danke Gott, wenn Du erſt Lieutenant biſt und Sie, Frau Gevatterin, ſetze Sie ſich einmal da hin, da mir gegenüber— hel he!“ Ein Diener erſchien. „Bring' mal was zu eſſen und zu trinken, ich muß hier meine Frau Gevatterin bewirthen, aber was Gutes und mache den Leuten in der Küche ein bischen Beine!“ Jetzt ſchwatzte der alte Held gemüthlich mit dem Feilen⸗ Jobſten ſeiner Chriſtel, ließ den Gebhardt, über den er ſich außerordentlich freute, marſchiren und exerciren, ließ ihn und ſeine Mutter eſſen und trinken und beſchenkte ihn reichlich, als Chriſtel ſich endlich zum Abſchiede entſchloß. Der Gebhardt iſt nicht Huſar geworden, nicht einmal Soldat, denn der alte Feldmarſchall, ſein Pathe, ſtarb zu bald, als daß er ſein Verſprechen hätte halten können; aber der älteſte Sohn Jobſtens vom Feilenhofe iſt ſonſt ein tüchtiger und wackerer Mann geworden und iſt es würdig, der Pathe des alten Blücher zu ſein; unvergeßlich beibt ihm der alte greiſe Feldmarſchall und zum Andenken an ihn hat er ſeinen älteſten Sohn wieder Gebhardt Le⸗ berecht genannt. —8e ————y——— — 8— r———y—— ffffffffffffffſſſiſ 14 15 16 17 18 ———