Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von— Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 2 — 3„„—„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— ——,—— 29 Deutſche Unterhaltungs-Vibliothek. — (5 6 ⁴,Erſte Serie. ce⸗ Boe⸗ Neunter Band: Schmal geweckt. 1 gerlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. b Schmal gemeckt. Geſchichten und Novellen von George Heſekiel. 9 S6SO OOx⸗ Erſter Theil. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Der Wildhans. —,,— Heſeliel, Schmal geweckt. I. 1 J. Ber Köhlerknecht. Die Sonne ſtand heiß und hoch über der Meilerſtätte im Bergwalde, und vor dem Meiler ſtanden der Rede⸗ meiſter und ſein Sohn der Köhlerknecht; das waren zwei rieſige, ruſſige Geſellen die Beiden, und Jeder hielt einen gewaltigen Schürbaum in der Hand. Der Alte wie der Junge, ſie hatten gearbeitet ſeit Tagesanbruch, ſie hatten am heimlichen Plätzchen die Meilerſtätte geebnet, dann den Quandelpfahl eingetrieben und ihn mit Stangen unſteckt, alſo den Schluß des Meilers bildend; darauf hatten ſie die Rüſte geſchichtet rings herum, erſt die Fußſcheite, darauf die Schneidel und dann das Kopfholz, das, ſpitzig gelegt, die Haube des Meilers bildet; dann hatten ſie den Meiler geſchmalt, das heißt die Seiten zwiſchen den Scheiten mit ſchmalen Holzſtücken ausgefüllt und die Rüſtgabeln, gabelförmige Ruthen, ringsum eingeſteckt. So war der Meiler holzfertig geworden, den hatten ſie endlich mit Raſen bekleidet, ihn feſtgeſchlagen mit der Klopfſtange und darüber war der Mittag herangekommen. 1* Gerade als es ferne, im Walddorfe unten, zu Mittag läutete, zog der Redemeiſter die kleine Lederkappe vor der heißen Stirn und ſein Sohn faltete gleich ihm die Hände, dazu ſprachen ſie beide laut: Lieber Heiland Jeſus Chriſt Und Sanct Moritz, der Du der Helfer biſt Für alle frommen Köhlersleut', Sei uns gnädig zu dieſer Zeit. Hüte das Werk vor Wurmen, Hüte das Werk vor Sturmen, Gieb helle Augen und feſte Händ' Jedem, der Deinen Namen bekennt. Lieber Heiland Jeſus Chriſt, Sanct Moritz, der Du der Helfer biſt. Als die beiden Männer ſolchen uralten Reimſpruch gebetet, zog der Köhlerknecht den Zündſtock aus der Rüſte, der Redemeiſter aber ſchob die brennende Birkenrinde mit der Steckruthe in das Zündloch und ſetzte ſo den Meiler in Brand. Es dauerte auch nicht lange, ſo zeigte ſich weißlicher Qualm über der Haube, das war der erſte Kohlenſchweiß, und nun ſtanden die Männer mit ſpähendem Blick und wo ein Rauchwölkchen ſich irgend zeigte, einen Spalt, eine Lücke verrathend, da waren ſie raſch zur Hand, ſelbige zu füllen mit Erde und Raſen. So ſtanden die Beiden und warteten ihres Werkes, und die Sonne brannte heiß und es war eine ſolche Stille im Walde ringsum, daß man nichts vernahm als das Summen der Fliegen und Käfer. Und wie es ſo ganz ſtill war, da hub der alte Rede⸗ meiſter an zu ſprechen, und es war als wenn das Gefühl der großen Stille auch über ihn gekommen, denn er dämpfte ſeine Stimme, die eine mächtige war, und ſprach faſt leiſe zu dem Köhlerknecht: Mein Sohn, die drei Tage ſind um und noch immer ſprichſt Du nicht; was ſoll ich dem Kohlenvoigt ſagen, wenn er mich um meine Antwort frägt? Der Köhlerknecht ſtieß mit dem Schürbaum heftig in den Meiler, es war da ein Fleck, wo ſich die Raſendecke einſenkte, und das war ein Zeichen, daß das Feuer zu ſchnell brenne an dieſer Stelle,— als er aber abgedämpft, da wendete er ſich um zu ſeinem alten Vater und ſprach noch leiſer als der zuvor: Hat's denn die Kohlenvoigts Cläre gar ſo eilig, einen Mann zu nehmen? Der Redemeiſter ſchaute verwundert auf, ein halb fra⸗ gender, halb mißtrauiſcher Zug flog über ſein offenes, ehr⸗ liches Geſicht, dann fragte er: Weißt Du etwas von ihr? Ich weiß nichts von ihr! entgegnete der Köhlerknecht mürriſch. Nun, es iſt doch eine feine Dirne, drängte der Vater, Du bekämeſt ſicher ein gutes Weib an ihr und wir wären aus aller Noth. Es will mir nicht gefallen, Vater, wenn ſich ein Mädchen anträgt, das iſt gegen die Ordnung und es iſt eine gute Ordnung. Es iſt eine gute Ordnung, erwiederte der Redemeiſter, aber der Vater ſorgt für ſein Kiud, wie er kann, und der Kohlenvoigt iſt's, der Dir ſeine Tochter anträgt, nicht die Dirne ſelbſt. Jeder weiß, daß der Kohlenvoigt thun muß, wie ihm die Cläre heißt, daß bei ihm die Tochter Herr iſt über den Vater, das iſt zum zweiten Male gegen die Ordnung. Der alte Meiſter ließ den Kopf hängen, ganz beſiegt von der Anſicht ſeines Sohnes und ſprach mit einem faſt flehenden Blick auf den Rieſen: Du weißt, daß wir tief verſchuldet ſind, mein Sohn, daß uns der Kohlenvoigt in ſeiner Hand hat. Der Köhlerknecht ſchwieg. Du weißt, fuhr der Alte bänglich fort, wie leicht ge⸗ reizt der hochmüthige Mann iſt und wie er uns hart verfolgen würde, thäten wir ſeinen Antrag von der Hand weiſen. Der Sohn richtete ſich haſtig auf, er ſchien einen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben, die bisher ſcheu auf den Meiler gehefteten Augen blickten entſchloſſen: Vater, ſagte er ganz laut, ſorgt und grämet Euch nicht, ich werde nie vergeſſen, was der Sohn dem Vater' ſchuldig iſt; wenn Euch der Kohlenvoigt um Antwort frägt, ſo ſagt ihm, daß ich nicht abkönnte vom Meiler die Tage, wenn er aber morgen oder übermorgen die Cläre heraufſchicken wollte zu mir, ſo wollte ich gerne mit ihr reden. In heller Zufriedenheit ſtrahlte das Angeſicht des Alten, er ſagte nichts, aber er drückte dankbar die Hand ſeines Sohnes, doch der wendete ſich ab, er mochte nicht in ſeines Vaters Angeſicht die Freude ſchauen, während ſein eigen Herz in Gram und Schmerz zagte. Am ſpäten Nachmittage verließ der Redemeiſter die Meilerſtätte, der Köhlerknecht aber arbeitete haſtig an einer Windſchauer, denn die mußte fertig ſein vor Nacht, damit ſie den Meiler ſchütze vor dem ſcharfen Zuge von Oſten, von wo der Wind hereinblies durch die Lichtung und die junge Buchenſchonung noch nicht den rechten Schutz zu gewähren vermochte. Als die Sonne unterging, war das ſchützende Baum⸗ geflecht aufgerichtet, und als es dunkel wurde, da nahm der junge Wöllwerth ſein breites Meſſer und ſchlug damit dreimal auf ſein Handbeil. Das gab einen hellen, weit tönenden Klaug und war ein Signal, das den Köhlern eigen. Es ward immer dunkler, der Nachtwind rauſchte leiſe in den Buchenwipfeln hoch oben, der Köhlerknecht lauſchte und nickte befriedigt, als nach einer Weile ſein Signal beantwortet wurde. Danach dauerte es auch nicht lange und er vernahm einen luſtigen Geſang erſt in der Ferne, dann immer näher, bis der Geſang endlich ſchwieg, die Zweige im dichten Unterholz auseinander rauſchten und ein ſtämmiger Köhlerknecht auf die Meilerſtätte trat. Guten Abend, Wöllwerth, rief der Ankommende, mach daß Du fortkommſt, der Wildhans iſt ſchon zum Jäger hinunter, meinethalben kannſt Du die Nacht bleiben und brauchſt nicht für Deinen Meiler zu ſorgen, denn mein Bruder iſt bei meinem Werk bis zum Morgen. Der ſtämmige Burſche war der ſchwarze Brand, des Wöllwerthen geſchworner Freund, die Beiden hielten im⸗ mer zuſammen. Die Köhlerknechte gaben ſich die Hände, dann ſtürzte der Wöllwerth haſtigen Laufes bergein;— als er aber drunten im Waldthal war und der Mond nur matt durch die grünen Blätter ſchimmerte, da beugte er ſich nieder zu der Quelle, die dort durch das Farrenkraut lautlos hinrann, wuſch ſich Geſicht und Hände ſäuberlich rein von Dampf und Ruß, ſtrich ſich das Haar glatt, ſetzte ſeinen Hut trotzig tief in die Stirn und begann nun in dem Waldthal aufwärts zu laufen, als ſei er ein gejagtes Wild und der Bracken auf ſeiner Spur. Aber er lief nicht bis zum Ausgange des Thals, ſon⸗ dern ſchlug nochmals einen Richtweg ein über einen Berg⸗ kamm, und als er hoch aufathmend droben ſtand, da lagen unter ihm, vom Mondlichte beſtrahlt, das Jägerhaus und die Schmiede, und er hörte bis hinauf den Tactſchlag des Hammers auf dem Amboſe und ſah die rothe Gluth der ſprühenden Funken; er vernahm das Gebell der Hunde. Langſam ſtieg der Köhler den Berg hinab und ging nach der Schmiede, quer über die ausgefahrenen Gleiſe des Waldweges. Vor der Thür der Schmiede ſtund der Jäger und plauderte mit dem Schmied, dem er ein Paket gelb geſie⸗ gelten Taback mitgebracht vom Krämer im Walddorfe unten; der Jäger und der Schmied waren beide Männer in ihren beſten Jahren und hielten zuſammen wie gute Nachbarn pflegen, abſonderlich in der Einſamkeit des Berg⸗ waldes. Als der Jäger den Kohlenbrenner erſah, rief er luſtig: Auf Euch haben wir juſt gewartet, Wöllwerth, die Pathe iſt drüben bei meinem Kinde und die Mädchen haben mich halb todt geplagt, daß ich ihnen ſollte aufſpielen zum Tanze, ich aber bin müde wie ein armer Hund, den eine unglückliche Hand auf falſche Fährte gebracht! Da nun der Kohlenbrenner ſich gleich willig zeigte, die Geige zum Tanz zu ſtreichen, da faßte ihn der Jäger beim Arm und zog ihn mit ſich über den Weg nach dem Jägerhauſe, während er den Schmied ermahnte mit luſti⸗ gem Wort, ihnen hinüber nachzukommen, ſobald er ſein Werkzeug verlaſſen könne. Vor der niederen Thür der Jägerwohnung ſtund eine alte Linde, die ihre mächtigen Zweige weit über das ſchmale Schindeldach ſtreckte und mit ihrem umfangreichen Stamm die Thür faſt verbarg; war man aber eingetreten über die gaſtliche Schwelle des kleinen Hauſes, ſo über⸗ ſchaute man auch mit einem Blick den ganzen Raum— rechts die Küche, links das Wohngemach, durch keine Wand von einander geſchieden; Hirſchgeweihe und Rehkronen zwiſchen den Fenſtern, große und kleine Gegenſtände daran aufzuhängen; an der weſtlichen Seitenwand ein Riegel mit den Gewehren und dem Jagdzeuge des Jägers, ein paar alterthümliche Schränke, Tiſche und Bänke von eiche⸗ nem Holz, das war die einfache, innere Einrichtung der Jägerwohnung. Es war das Ganze ein weiter, halb gedielter und halb mit Backſteinen gepflaſterter Raum, der durch die beiden kleinen thönernen Lampen nur ſchwach erleuchtet war. Zwei offene Treppen an der Hinterſeite führten rechts in eine Giebelkammer, in der der Jäger mit ſeinem Kinde, links in eine zweite, in der der Jägerburſche ſeine Schlafſtätte hatte. — 10— Als der Jäger, von dem Kohlenbrenner gefolgt, in ſein Haus trat, erhob ſie eine Anzahl prachtvoller Hunde und ſprang freudig bellend an dem Herrn und dem ihnen wohlbekannten Wöllwerth empor; nur zwei herrliche nie⸗ derländiſche Steinbracken edelſter Zucht, ſchwarz und roth⸗ braun gezeichnet, hielten ſich vornehm zurück und erwar⸗ teten, neben einander ſtehend und mit klugen Augen um ſich blickend, die Liebkoſungen ihres Herrn, die ſie dann, wie eine Art von Huldigung, gnädig annahmen. Der Jägerburſch war auch da, und im Kuppel der Hirſchfänger mit dem Bügel verrieth, daß er ein hirſch⸗ gerechter Jäger ſchon ſei, trotz ſeiner Jugend. Der Jäger⸗ burſch ſah faſt ſo klug aus ſeinen ſchwarzen Augen, wie die niederländiſchen Steinbracken, und ſein Weſen und Aeußeres waren faſt ebenſo vornehm, wie das der edlen Thiere. Es bildete der ſchlanke Jägerburſch mit ſeinem zurückhaltenden Weſen einen wirklichen Contraſt gegen das gutmüthige, derbe Auftreten des Jägers, der die Hunde zur Ruhe wies, den Köhler zum Sitzen lud, die Büchſe ablegte und mit dem ſchallenden Jagdruf: Jo jo juh! die Mädchen aufjagte, wie er ſagte. Wöllwerth war müde, er war faſt zwei Stunden Weges gelaufen, von dem Meiler bis zum Jägerhauſe, aber er ſetzte ſich nicht; nicht der geſchäftige Jäger, der mit einer grünen Flaſche und einem Glaſe kam und ihm zutrank, wohl aber das ſpähende Auge des Jägerburſchen bemerkte die Unruhe, die den Köhler beherrſchte. Noch einmal erklang der rauhe Jagdruf des Jägers und ein ſchriller Pfiff auf dem Zeigefinger folgte, dann — — — 11— knarrte die Stiege zur Linken, der eigenthümlich anmuthige Ton jugendlicher Mädchenſtimmen ward laut und alsbald traten zwei junge Dirnen, einander an der Hand haltend, vor den Tiſch, um den die drei Männer ſtanden. Die Größere und Schlankere der beiden Mädchen hatte helle blaue Augen und ein lieblich ſanftmüthiges Weſen war in ihrem weißen Angeſichte, wie in den Be⸗ wegungen ihrer zarten Geſtalt; ihre Kleidung war gar einfach und ärmlich faſt, aber ſtund ihr doch gut, und zwiſchen den engen Aermeln des weißgeblümten Kattun⸗ kleides und dem Halstüchlein, deſſen Zipfel über der run⸗ den Bruſt in das Kleid geſteckt waren, ſchauten die glatten weißen Schultern ſo lieblich neugierig heraus, daß der blöde Köhler gar nicht hinzublicken wagte. Das war Käthchen, des Jägers ſtilles Kind. Die andere Dirne, die war ſchon ganz anders, der ſah man's recht an, daß ſie nicht im ſtillen Walde aufgewachſen, ſondern unten im lauten Dorfe, die war voll und rund, wie eine Wachtel beim Einfall, die hatte eine ſilberne Kette um den fleiſchigen Hals und daran hing ein gol⸗ dener Brillenducaten und klirrte gegen die ſilbernen Kett⸗ lein, mit denen der Bruſtlatz von Scharlachtuch zugehäkelt war; und der oberſte von den fünf oder ſechs Röcken, welche die Dirne einen über den andern trug, der war von kirſchrother Seide, und das Linnen ihrer weiten Hemd⸗ ärmel war ſo ſtattlich ſteif, daß es wie ein Holzſpahn knackte, wenn man's zwiſchen die Finger nahm; und dabei hatte die Walburga ſo prächtige dicke rothe Backen, daß man die lleinen freundlichen braunen Augen dahinter kaum — 12— bemerkte. Das war ein rechtes Kernmädchen, und ſo ſehr der Jäger ſein ſtilles Kind liebte, er hätte faſt gewünſcht, daß es der Pathin etwas ähnlich geweſen, denn der heitere Waidmann liebte fröhliche Geſichter, und die Walburga, die lachte immer und nicht blos im ganzen Geſichte, ſondern an der lachte Alles, das ganze Mädchen, von dem dicken ſilbernen Pfeil in ihrem dicken ſchwarzen Haarzopf bis zu dem rothen Zwickel in ihren blauen Strümpfen. Rings herum reichten die Mädchen den drei Männern die Hand und die Walburga drehte ſich dreimal um ſich ſelbſt wie ein Kreiſel, als ſie vernahm, der Köhler ſei ge⸗ kommen, ihnen eins aufzuſpielen zum Tanz. Und ſie ließ auch nicht lange Ruhe, der Jäger hatte ſich ſeine kleine Pfeife noch nicht geſtopft, als beim erſten Geigenſtrich Wöllwerths die Walburga wie raſend mit dem vornehmen Jägerburſchen auf der Diele herumwirbelte, und ihre vie⸗ len Röcke flogen, daß man die rothen Strumpfbänder mit den ſilbernen Schnallen ſehen konnte. Die kräftige Dirne ſang allerlei Schelmenreime hinein in den Tanz mit ſchallender Stimme, bei denen dem Jäger das Herz im Leibe lachte über ſein munteres Pathenkind, und jubelte um ſo ausgelaſſener, je ſüßſaurer ihr Tänzer drein ſchaute, den ſie in ihren nervigen Armen wie ein Spielwerk tummelte und drehte. Wöllwerth ſpielte ſeine Geige aus Leibeskräften und ſchaute nicht auf, denn der Jägerburſch tanzte jetzt mit Käthchen, und machte derſelbe gar kein ſüßſaures, ſondern Mein ſehr zärtliches Geſicht dazu, dem armen Wöllwerth aber hätte das Herz brechen mögen. 4 — 13— Walburga ſtand abſeit vom Tanz und ſtampfte den Tact dazu mit ihrem derben Fuß und ſang, daß ſie kirſch⸗ roth ward, und ſchnippte mit den Fingern, daß alle Ge⸗ lenke knackten. Endlich kam die Reihe auch wieder an ſie, mit zögern⸗ dem Schritt ging Käthchen hin zu dem Kohlenbrenner und ſetzte ſich erröthend neben ihm nieder auf die Bank; eine geraume Weile verging, ehe ſie ſprach, dem armen Wöll⸗ werth aber zitterte der Fidelbogen in der ſtarken Hand. Es iſt recht hübſch von Dir, Claus, daß Du ſo ſpät noch herunter gekommen biſt! ſprach Käthchen leiſe und ſah den armen Burſchen recht freundlich von der Seite an, der aber geigte drauf los, als wenn er dem römiſchen Kaiſer zum Tanze aufſpielte. In dicken Tropfen rann ihm der Schweiß von der Stirn und raſch wechſelte die Farbe in ſeinem Angeſicht. Endlich flüſterte er zagend: Du biſt recht gut, Käthchen, aber das hilft mir Alles nichts, ich bin doch ein unglücklicher und verlorner Menſch, wenn Du mir nicht noch heute ſagſt, daß Du mich zum Manne nehmen willſt, bald oder ſpät! Die Dirne ſann eine Weile, dann aber antwortete ſie ebenſo leiſe: Claus, ich bin Dir herzensgut, das weißt Du, aber zu meinem Manne nehmen kann ich Dich nim⸗ mer, ſchlag Dir doch das aus dem Sinn! Der arme Wöllwerth war todtenbleich, aber Niemand bemerkte es und unverdroſſen geigte er weiter. Iſt das Dein letztes Wort, Käthchen? Es iſt mein letztes, Claus, aber Du ſollſt mir drum nicht feind ſein, denn ich kann nicht anders, Gott iſt mein Zeuge. — 14— Die Dirne legte ihre ſchmale Hand zutraulich auf des Kohlenbrenners Schulter, im ſelben Moment aber fuhr ſie mit einem mühſam unterdrückten Schrei in die Höhe und ſtarrte nach dem Fenſter, das der Bank, auf der ſie neben dem Claus geſeſſen, gegenüber war. Wöllwerth geigte immer weiter, aber ſeine Augen folgten den Blicken Käthchens und er ſah deutlich eine dunkle Geſtalt hinter der Scheibe mehrmals auftauchen und wieder verſchwinden. Jetzt legte er die Geige hin und ſtand auf, Walburga dankte ihm herzlich für ſein Spiel und machte viele Worte dabei, der arme Menſch aber flüſterte beim Abſchied Käthchen in's Ohr: Gott ſchütze Dich vor dem Wildhans, Käthchen, er war's, der durch's Fenſter ſah! Des Jägers Kind wendete ſich verlegen ab. Wöllwerth nahm ſeinen Rückweg nicht über den Lauter⸗ berg, über den er hinabgekommen, ſondern ſchritt langſam auf dem befahrenen Waldwege abwärts, bis er an den Eingang des Waldes kam, wo ihm das ſtille Waſſer ent⸗ gegen kam, in dem er ſich beim Hinweg gewaſchen. In dieſes Waldthal bog er ein. Es war eine ſtille, friſche Nacht, aber dunkel, wie ſelten eine Auguſtnacht, und Einer, der des Weges weniger kun⸗ dig als der Wöllwerth, hätte nicht wagen dürfen, bei ſolcher Finſterniß durch den Klapperborn zu gehen, denn das Waſſer, ſo ſtill und friedlich es hinfloß, bildete tiefe Sumpfſtellen im Thale, und ſtieß im Biſchofsholz an einen weiten Elſenbruch; der Köhler aber kannte jeden Schritt auf dieſem gefährlichen Wege. Durch die Nacht ſchritt er dahin und von Bitterkeit — 15— war das Herz des jungen Mannes erfüllt; er hatte einſt beſſere Tage geſehen, ſein Vater hatte eigenes Waldland gehabt und auf eigenem Boden Kohlen gebrannt; es war aber ein Unſtern über der Wirthſchaft ſeiner Eltern ge⸗ weſen, das Waldland wurde verkauft, die Beſitzung im Dorfe mit Schulden beladen, und der alte Wöllwerth, einſt ſo ſtolz, daß er ein freier Mann auf eigener Erde, mußte als Redemeiſter unter dem fürſtlichen Kohlenvoigt für fremde Rechnung Kohlen brennen. Claus Wöllwerth liebte ſeit Jahren des Jägers Käthchen, und ſonſt hatte die feine Dirne dem ſtattlichen Burſchen auch nicht abge⸗ neigt geſchienen, ja, ſie hatte ihn bevorzugt vor vielen Andern, aber obwohl ſie noch immer freundlich war mit dem armen Menſchen, ſo hatte ſie doch ſeine Werbung ſtets von der Hand gewieſen. Im Anfang hatte Wöllwerth geglaubt, der Verluſt ſeines Erbgutes ſei der Grund der Zurückweiſung ſeiner Anträge und, ſeltſam, er hatte das halb und halb natür⸗ lich gefunden und in ſeinem Jugendmuth gehofft, ein Kohlengut laſſe ſich wieder erringen und mit ihm das Herz der Dirne. Seit einigen Monaten jedoch war der ſtattliche Menſch ſtill und trübſinnig, deun man ſagte, der verrufene Wild⸗ hans, der als gefährlicher Wilddieb in ſtetem Kampf ge⸗ weſen mit den fürſtlichen Jägern und namentlich mit Käthchens Vater, habe das Herz der jungen Dirne ge⸗ wonnen. Seit Claus Wöllwerth die erſte Kunde empfangen von dieſem Verhältniß, hatte er weder Ruhe noch Raſt. Er — 16— und der ſchwarze Brand, ſein geſchworner Freund, be⸗ lauerten abwechſelnd das Jägerhaus, bis ſie volle Gewiß⸗ heit hatten, daß Käthchen auf ſtillen Waldplätzen hier und dort mit dem Wildhans zuſammentreffe, und ihm Kuß und Umarmung geſtatte. Heute hatte Wöllwerth den letzten hoffnungsloſen Ver⸗ ſuch gemacht, Bitterkeit gegen die Dirne, die ihn ver⸗ ſchmäht, und brennenden Haß gegen den Wildhans im Herzen, ſchritt er durch die Nacht dahin. Er war eben an der Stelle, wo ſich der Weg durch den Klapperborn am Fuße des Buchenberges herumzieht und die alte Salzlecke oben die Grenze des Biſchofswaldes bezeichnet. Wöllwerth glaubte dort oben ein Geräuſch zu vernehmen, er ſah nichts, aber die ſcharfen Sinne des Waldſohnes ließen ſich ſo leicht nicht täuſchen. Halloh hoh! rief er mit lauter Stimme, daß es dröh⸗ nend im Waldthal wieder hallte, im ſelben Moment aber, da er an einer lichten Stelle heraustrat, blitzte es aus dem Dunkel droben hell auf und klatſchend ſtürzte der Koh⸗ lenbrenner in das moorige Waſſer des Klapperborns. Krachend rollte der Donner des Schuſſes über das Thal hin, hunderte von Vögeln flogen ſcheu und ſchreiend auf aus ihrer Nachtruhe und einige Minuten lang herrſchte lauter Aufruhr in dem ſchweigſamen Reiche der Waldnacht. Von dem Buchberge herunter aber ſchlich mit leiſem Tritt eine dunkle Geſtalt, bei der ſchwachen Beleuchtung ſah man nur den matten Schimmer eines Gewehrlaufes; die dunkle Geſtalt ſchlich der Stelle, wo der Kohlenbrenner mmeeetiie 1* — 17— im Waſſer lag, vorſichtig näher. Tod und Teufel! und eine ganze Litanei von Flüchen über die Finſterniß wurde vernehmbar, nach jedem Schritt blieb die Geſtalt ſtehen und lauſchte. Die Kugel muß ihm gerade durch's Herz gegangen ſein, hei! des Wildhans Kugel fehlt nimmer!— Der Wildhans war die dunkle Geſtalt, hier hatte er auf den Wöllwerth gelauert, den er in ſo vertraulicher Stellung mit Käthchen geſehen, als er durch das Fenſter des Jägerhauſes geblickt, hier ſollte ſeine Rache den ver⸗ haßten Nebenbuhler treffen. Endlich ſtieß der Fuß des Wilderers an den Körper des Kohlenbrenners, der auf dem Geſicht halb im moorigen Waſſer lag. Der Wildhans beugte ſich nieder, um den Körper tiefer in das Moor zu ſchieben, wo er unfehlbar verſinken und ganz verſchwinden mußte, ehe irgend eine Menſchenſeele an dieſen abgelegenen Ort kam; in dem Augenblick aber, als ſich der Wildhans niederbeugte, ſprang der todt ge⸗ glaubte Köhler plötzlich empor, warf den Wilddieb durch die Ueberraſchung rückwärts nieder und ſtürzte ſich mit einem heiſeren Wuthgeſchrei auf ihn, indem er zugleich mit ſeinen Fingern die Kehle deſſelben umfaßte und ihn zu erwürgen ſuchte.. Das war der erſte Erfolg der Liſt, deren ſich Claus bedient hatte, indem er ſich beim Aufblitzen des Schuſſes niederwarf und dann lauernd liegen blieb. Aber der Wildhans, obwohl nicht von dem herculiſchen Körperbau wie der Köhler, war wahrlich kein verächtlicher Gegner, nur auf einen Moment hatte ihn die Ueber⸗ Heſekiel, Schmal geweckt. I. 2 — 18— raſchung wehrlos gemacht, er fürchtete Tod und Teufel nicht, und mit eiſernem Griffe faßten ſeine Hände ſo ge⸗ waltig die Handgelenke des Köhlers, daß dieſer vom Wür⸗ gen ablaſſen mußte. Kein Wort ſprachen die beiden Todfeinde, ſie kämpften ſtumm weiter. Man hörte nur den dumpfen Schall der Fauſtſchläge, die der Köhler ſeinem Gegner in's Geſicht verſetzte, das tiefe Stöhnen und Schnaufen der beiden Kämpfer. Vergebens verſuchte der Wildhans Fauſtſtöße von unten auf gegen die Bruſt und den Leib des Köhlers, er war ſelbſt ſchon faſt betäubt von den Fauſtſchlägen und er fühlte mit Entſetzen, daß er unter dem Kniedruck ſeines Gegners, der centnerſchwer auf ſeiner Bruſt laſtete, immer tiefer verſinke in dem Moor. Rathlos, verzweifelt, krampfig faßte er um ſich, da fühlte er ſeine Finger etwas berüh⸗ ren, er fühlte, daß es ſeine Büchſe war, die ihm in der Ueberraſchung entfallen. Willig gab er jetzt ſeinen Kopf den furchtbaren Fauſt⸗ ſchlägen des Kohlenbrenners preis und machte krampfhafte Anſtrengungen, ſeine Büchſe zu ergreifen; Wöllwerth in ſeiner Berſerkerwuth bemerkte es nicht. Wildhans aber hatte ſein Gewehr oben bei der Mündung gefaßt, eine blitzſchnelle Bewegung und krachend ſchmetterte ein ſchwe⸗ rer Kolbenſchlag nieder auf das Haupt des Köhlers. Taumelnd ſchwankte Wöllwerth rückwärts, und in die⸗ ſem Moment riß ſich der Wildhans auf unter ihm und ſank ſtöhnend daneben auf feſtem Grunde nieder. Der furchtbare Kolbenſchlag hatte den Kohlenbrenner wirklich betäubt, aber das kalte Waſſer, das ihm in's — 19 Geſicht ſpritzte, als er zurückſtürzte, hatte ihn ſchnell wieder belebt. Bald ſtand er auch auf feſtem Grund, aber der rieſige Mann zitterte wie Espenlaub von der furchtbaren An⸗ ſtrengung und Aufregung des Kampfes, es ſchwindelte ihm, er vermochte nicht zu gehen, am Fuß des Buchen⸗ berges legte er ſich nieder, einen halben Schritt nur lag er von ſeinem ohnmächtigen Feinde. Eine Stunde und länger lag er ſo, dann ſtand er auf und dachte ſchaudernd an den entſetzlichen Kampf, den er gehabt; eiſige Kälte war in ſeinem Gebein, bebend blickte er nach der Seite, an welcher der Klapperborn lag, wo er den Wildhans erwürgt, wie ihm dunkel bewußt, mit wankenden Knieen mühſelig ſtieg er den Buchenberg hin⸗ auf, den weiteren Weg zu ſeinem Meiler wählend, er fürchtete ſich vor dem Klapperborn.. Als er die Sträucher des Bergkammes erklettert und ihm das Herz immer banger klopfte und die Füße ihm immer ſchwerer wurden, da klang es plötzlich von unten herauf: Jo ho ju, der Wildhans iſt da! und es ward dem Köhler ordentlich wohl um's Herz, als er die Stimme ſeines Todfeindes vernahm, ſchwer wie ein Berg fiel's von ſeiner Seele, und im Stillen dankte er Gott recht an⸗ dächtig, daß er den Wildhans nicht todtgeſchlagen und ihn nicht im Klapperborn erſäuft habe. Einige Minuten ſpäter und tiefe Stille lag auf dem Waldthal und den trüben Waſſern des Klapperborns. Auf der Dianenburg. Da wo ſich die Grenzgebirge immer flacher abdachen allgemach nach dem Innern des Landes zu, wo ſich hier und da, erſt wüſte Sandſchollen, dann auch endlich Felder hineinſchieben in den Forſt, da ſchwindet allgemach die Pracht des eigentlichen Bergwaldes und das Laubholz macht der Fichte Platz. Gerade auf der Scheide, wo der Laubwald aufhört und die Provinz der duftigen Nadeln beginnt, da liegt an einem ſtillen, tiefen, blanken See das fürſtliche Jagd⸗ ſchloß Dianenburg. Hoch und ſchlank erhebt ſich der Schloßthurm, wie das ganze Schloß von rothen, zierlich glaſirten Backſteinen erbaut, mit dem weißen Zinndache über die ſpitzen Tannen links, über die brauſenden Rieſengipfel der Eichen und Buchen rechts, und ſpiegelt ſeine vergoldete Wetterfahne in den klaren Fluthen des Dianenſees, die loſe lockend leiſe klopfen Tag und Nacht an die verwaſchenen Mar⸗ morſtufen, die zur Thurmthür führen. Ein weiter, grüner Plan war eingezäumt rings um die Dianenburg, und zu Dutzenden ſtolzirten Hirſche und Rehe um das Steinbild des Zweiunddreißigenders, den der hochſelige Fürſt an ſel⸗ biger Stelle erlegt, bevor es dem gehetzten Thier gelungen, die ſchützenden Wogen des Dianenſees zu erreichen. Dieſer glücklichen Jagd verdankte eigentlich die Dianen⸗ burg ihre Entſtehung. ———ꝑ— ——— — 21— Unter dem alten Regime war's auch gar luſtig zuge⸗ gangen drinnen in den weiten Räumen des Schloſſes, der hochſelige Herr jagte gern hier, und nach der Jagd tafelte er dann trefflich mit ſeinem genialen, leichtſinnigen Hofe; da wimmelte die Dianenburg von jenen glänzenden Ca⸗ valieren, die in Seide kniſterten und nach Lavendel duf⸗ teten, aber eine ebenſo ſpitze Klinge wie Zunge führten und mit beiden gleich ſchlagfertig waren; von jenen be⸗ zaubernden Damen, die ſo geiſtreich zu plaudern wußten, daß man ihnen ihre Liederlichkeit gar nicht mehr zum wurf machte; von jenen Geiſtlichen, welche den Götz dienſt der Toleranz erfanden, um ſich tolerirt zu machen; von jenen bunten Abenteurern aus Frankreich und Wälſch⸗ land, welche Bank hielten und abwechſelnd Ordensbänder und Stockprügel bekamen, die mit den Maulthieren in den Savoyerbergen groß geworden waren und die Welt doch s venetianiſche Nobili oder franzöſiſche Marquis durch⸗ ten;— nicht eben dianenhaft, aber luſtig ging's zu in Dianenburg, wenn der hochſelige Herr dort Hof hielt, mit ihm war das ganze Geſchleppe von franzöſiſchen hen und niederländiſchen Falkonieren, italieniſchen Mu⸗ ſikanten und Schauſpielern, üppigen Kammerjungfern und frechen Parademohren, deutſchen Bedienten und däniſchen Hunden. Solches Leben war freilich längſt dahin, und der re⸗ gierende Fürſt, der die Jagd nicht liebte, war nie nach der Dianenburg gekommen, wo ſich nur Prinz Moritz Dietrich, ein entfernter Vetter des regierenden Herrn, der im ganzen Ländchen kurzweg der Apanage⸗Prinz hieß und — 22— als preußiſcher Generalmajor in der nächſten preußiſchen Stadt in Garniſon lag, wenige Zimmer vorbehalten hatte, die er alljährlich einige Tage bewohnte, wenn er herüber kam, ein paar Hirſche zu ſchießen auf dem Anſtand. Sonſt war das ganze geräumige Schloß dem alten* Jagdjunker von Tornow überlaſſen, der als fürſtlicher Wild⸗ und Fiſchmeiſter über dieſen Theil der Wälder und Waſſer geſetzt war. Der geſtrenge Herr Wildmeiſter war einſt der Jagdpage des hochſeligen Herrn geweſen, und vier oder fünf grauhaarige Büchſenſpanner vom alten Regime, die das Gnadenbrod auf Dianenburg aßen, die wußten genug zu erzählen, was der geſtrenge Herr Wild⸗ meiſter für ein luſtiger Vogel geweſen— damals. Seit länger als zwanzig Jahren aber wurde die Luſtig⸗ keit des Jagdjunkers von Tornow auf der Dianenburg nicht allzuſehr gerühmt; er lebte auf dem fürſtlichen Jagd⸗ ſchloſſe einſam wie der Dachs in ſeinem Bau, führte ſei Geſchäfte ſehr regelmäßig, ließ Holz ſchlagen un Forſt ſchützen, Wild ſchießen, ſo viel das Geſetz verl oder der Bedarf der fürſtlichen Tafel, ließ die See rechten Zeit fiſchen, namentlich den Dianenſee, d blank und vornehm er auch ausſah, doch das fiſchreichſt Waſſer im Lande war. Kurz der Landjunker von Tornow war der beſte Wild⸗ und Fiſchmeiſter, den der Fürſt haben konnte, aber es war was Unheimliches um den alt gewor⸗ denen Junggeſellen; einſam ſtrich er freud⸗ und freundlos durch das Leben, wie durch den Forſt, und wer dem hagern Herrn mit den düſtern Augen und den gepuderten Haaren am Abend draußen begegnete auf der ſtillen Haide, der zog gar tief den Hut und machte, daß er weiter kam, denn des Wildmeiſters Jägergruß war ein halb verſchluckter Fluch, und die alterthümliche lange ſpaniſche Entenflinte, die er faſt immer trug, kam den Leuten ganz geſpenſtiſch vor, wenn der Mondenſtrahl drüber hinglitzerte und der Herbſtſturm heulte. Der Wildmeiſter ging ſtets allein im Walde, niemals ſah man einen Jäger bei ihm, niemals einen Hund, hat ihn auch Niemand ſchießen ſehen, aber die beſten Stellen kannte er drum doch im Walde, denn wenn der durch⸗ lauchtigſte Apanage⸗Prinz mit ſeinen Offizieren kam, dann ſetzte der Jagdjunker ſeinen alten Federhut auf, ſchnallte die vergoldete Kuppelsum den grünen Jagdrock und ſteckte den Hirſchfänger an mit dem großen Edelſtein im Knopf, den er vom hochſeligen Herrn bekommen; ſo führte er dann den Prinzen und deſſen Offiziere in den Forſt und ſtellte ſie an, und Jedem kam ſein Stück Wild zum Schuß, arauf konnte er rechnen. So ein Mann war der alte Jagdjunker von Tornow, er auf der Dianeuburg einſam ſaß als fürſtlicher Wild⸗ und Fiſchmeiſter. Seine Wohnung hatte der Wildmeiſter in dem zweiten Stock des Thurmes, da konnte er weit um ſich ſehen; die Forſt⸗ und Jagdbeamten aber hatten ihre Wohnungen in dem rechten Flügel unter den Zim⸗ mern des Apanage⸗Prinzen; die andern Räume des wei⸗ ten Schloſſes, die hohen Säle mit den rieſigen Kamin⸗ winkeln und den vielen Gypsfiguren waren wüſt, unbe⸗ wohnt, verlaſſen, die werthvolleren Stücke des Mobiliars längſt nach andern Schlöſſern abgeführt und die glänzenden — 24 Backſteinmauern umhüllten nur äußerlich den gänzlichen Verfall, und doch waren noch lange nicht hundert Jahre vergangen, ſeit der Grundſtein zur Dianenburg gelegt. Obwohl man vom 15. Juli ab Hirſche ſchießt, ſo pflegte doch der Apanage⸗Prinz erſt Ende Auguſt oder„ Anfang September nach der Dianenburg zu kommen, darum erregte es im Schloß nicht wenig Aufſehen, als der Wildmeiſter an einem Juliabend der Frau des Faſanen⸗ jägers, die eine Art von Beſchließerin des Schloſſes war, befahl, die Appartements Sr. Durchlaucht ſofort in Stand zu ſetzen. Die guten Leute ſtellten allerlei Vermuthungen an, und die grauhaarigen Büchſenſpanner, die das Gnaden⸗ brod auf Dianenburg aßen, putzten vergnügt ihre Ban⸗ deliere; denn wenn der Prinz im Schloß war, dann war, auch Leben da, dann gab's Trinkgelder und Hörnerſchall, Waffengeklirr und Geſang, und über die alten Leute kam die Erinnerung ihrer wilden fröhlichen Jugend. Aber dieſes Mal hatten ſ ſie ſich getäuſcht. 4 Am andern Tage gegen Abend fuhr ein mit vier Pe pferden beſpannter Jagdwagen in den Schloßhof und i auf der Rampe. Ein Livreejäger, der auf dem Vorderſitz geſeſſen, half einem ſchlanken, jungen Herrn ausſteigen, der etwas bleich und fatiguirt von der Reiſe ausſah, und ſich trotz der warmen Witterung, wie fröſtelnd, in einen langen, grauen Mantel hüllte. Der Wildmeiſter mußte die Ankunft des fremnd den Herrn von ſeinem Fenſter aus bemerkt, oder die Zeit vorher ge⸗ wußt haben, denn kaum hatte derſelbe den Boden betreten, — 25— als auch der alte Herr aus der Thür trat, den entſetzlich chiffonirten Federhut auf dem grauen Haar und den Hirſchfänger mit dem Edelſtein im Knopf im vergoldeten Bandeliere. 3 Willkommen auf Dianenburg, Herr Graf! Herr von Tornow, wenn ich nicht irre? entgegnete der junge Herr leicht. Der Wildmeiſter verbeugte ſich ſteif. Seine Durchlaucht war ſo gnädig, mir eine Empfehlung für Sie zu geben! Seine Durchlaucht haben hier zu befehlen! antwortete der Wildmeiſter, und ein Enkel des Grafen von Woldeyk bedarf keiner Empfehlung bei dem alten Walram von Tornow; Sie würden wiſſen warum, Herr Graf, wenn Sie Ihren Herrn Großvater noch gekannt hätten, er wurde an einem Tage mit mir Jagdpage des hochſeligen Herrn! Der Wildmeiſter führte ſeinen Gaſt in die für ihn in Bereitſchaft geſetzten Zimmer des Apanage⸗Prinzen. Einige Wochen wohnte der junge Graf von Woldeyk auf Dianenburg, ohne daß die Bewohner des Jagdſchloſſes mehr von ihm erfahren hätten, als ſeinen Namen. Der Livreejäger, der ihn begleitet hatte, wußte nichts von ihm und war nur für die Zeit des Aufenthalts des Grafen in Dianenburg in deſſen Dienſt. Der junge Herr wurde zwar zuweilen mit dem Wild⸗ meiſter, an deſſen Tiſch er ſpeiſte, wenn er gerade im Schloß war zur Zeit, geſehen, meiſt aber ſtreifte er ein⸗ ſam durch den hohen Forſt hinauf in's Gebirge; obwohl — 26— er nun bei dieſem Streifen ein leichtes Gewehr am Rie⸗ men trug, ſo hatte man ihn doch nie eine Jagdbeute heimbringen ſehen. Die Jäger hatten ihn dafür oft genug gefunden auf den ſchönſten Wechſelplätzen, wie er leſend im weichen Mooſe ruhte, oder in die grünen Blätter ſtarrte, unter deren Schatten er lag. Ein paar Tage hatte man geſprochen im Schloß von dieſem wunderlichen Beginnen, dann hatte man geſchwie⸗ gen, und jetzt konnte der junge Graf kommen und gehen, anſcheinend kümmerte ſich Niemand um ihn. Am Morgen des zweiten Tages war es, nachdem jener Kampf im Klapperborn ſtattgefunden, da ging der junge Graf von Woldeyk ſchon frühe aus, früher als gewöhn⸗ lich, und ſchlug die Richtung nach dem Biſchofswalde ein, der mit den ſchönſten Buchen beſtanden war. Es war eine ſchlanke, zierliche Geſtalt, dieſer junge Graf, der grüne Jagdrock mit den Aufſchlägen und dem Kragen von grü⸗ nem Samnt ſchloß ſich knapp und feſt um den eleganten Wuchs, die weißen glatt anliegenden Beinkleider von Ca⸗ ſimir und die weichen Stiefel von ſchwarzem Wildleder, die bis über die Kniee heraufgezogen waren, ſchienen faſt zu elegant für den Wald, und die kokette Art, mit der die ſchwarze Sammtcravatte geknüpft, verrieth mehr den Stutzer als den Waidmann; ein breiter grauer Hut be⸗ ſchattete ein bleiches, blaſſes Antlitz mit großen blauen Augen. So ſchön dieſe Augen nun auch waren, ſo ließen ſie den jungen Grafen doch viel älter erſcheinen, als er ſeinem — 2 72 Wuchs nach ſein konnte, und um den feingeformten Mund zuckte je zuweilen ein ſo böſes Lächeln, daß es ſchier un⸗ natürlich war bei einem ſo jungen Manne. Langſam ſchritt Graf Woldeyk auf thauigem Waldpfad dahin, er ſah nicht im Thau die Fährte des Wildes, er kümmerte ſich nicht um den Schrei des Raubvogels, der verſpätet auf nächtlichem Zuge, halb geblendet von der Morgenſonne, vergeblich ſeinen Horſt ſuchte; es war offen⸗ bar kein Jäger, der durch die Waldeinſamkeit dem Biſchofs⸗ holze zuwanderte; fiel wo ein Strahl der Sonne jäh ein in das grüne Dunkel, da ſtand er wohl einen Moment und ſchien die Beleuchtung zu bewundern, ohne ſich aber darüber zu erfreuen; der Jäger, der das täglich ſieht, wundert ſich über nichts im Walde, aber er erfreut i an Allem. Es war ein ſchöner, freier Waldplatz, wo der junge Graf unter einer herrlichen hochſtämmigen Buche ſtehen blieb und ſein Auge ſuchend über den grünen, buntbe⸗ blümten Raſenteppich ſtreifen ließ. Seltſam, ſagte der junge Mann halblaut, er iſt nicht hier; dann fuhr das böſe Lächeln über ſein Geſicht und leiſer noch ſprach er: noch ſeltſamer aber iſt es, daß ich mich wundere, ihn nicht zu finden. Der Jüngling riß ſeinen Hut heftig vom Kopfe, warf ihn auf das weiche Moos und ſtrich ſich die feinen langen dunkelbraunen Haare von der glatten Stirne und aus den Schläfen, durch deren zarte Haut die Adern bläulich ſchimmerten. Die leichte Vogelflinte, die er getragen, lehnte er an — 28— den Stamm der Buche, den Dachsranzen warf er von ſich, und legte ſich dann ſelbſt, wie zum Tode erſchöpft, nieder in das Moos. Aber er fand keine Ruhe. Er wälzte ſich bald auf dieſe, bald auf jene Seite, endlich lag er auf der Bruſt, und das blaſſe Geſicht in beide Hände geſtützt, ſchaute er träumeriſch über den grünen Waldplatz in das Gewimmel der braunen Stämme drüben. Es war eine tiefe Stille, geräuſchlos bewegten ſich die Halme der Gräſer, die Blätter der Bäume und Sträucher im leiſen Zuge der Morgenluft und gedämpft durch die grünen Schatten der dichten Laubkronen fiel der Sonnen⸗ ſtrahl in die Waldnacht. Vorſichtig trat ein Rehbock heraus aus dem Dickicht, die Büſche rauſchten kaum bei den glatten, eleganten Be⸗ wegungen des zierlichen Thieres, mit erhobenem, gekrön⸗ tem Haupt ging der Rehbock quer über den Waldplatz, der Graf dachte nicht daran, ihn zu ſchießen— nein, er war kein Waidmann; regungslos lag er und bewunderte nur die graziöſen Bewegungen der ſchlanken Glieder. Plötzlich hob das Thier ſein Haupt, eine Schauer flog durch den ſchlanken Leib und wie ein Pfeil ſchoß es da⸗ von, ein leiſes Rauſchen der Büſche verrieth die Richtung, in der es geflohen. Lange nachher erſt vernahm der junge Graf eine rauhe, aber nicht unangenehme Stimme,, die luſtig in den Morgen hineinſang: —— —.,— — 29— Es wollt' ein Jäger jagen Wohl in das Tannenholz; Was trifft er auf dem Wege? Ein Mädchen und die war ſtolz. Wohin du feines Mädchen, Wohin du Mädchen ſtolz? Ich geh' zu meinem Vater Wohl in das Tannenholz. Geh' du zu deinem Vater Wohl in das Tannenholz; Deine Ehre ſollſt du laſſen Bei einem Jäger ſtolz! Eh' ich mein' Ehr' ſollt' laſſen Bei einem Jäger ſtolz, Viel lieber wollt' ich meiden Viel Silber und rothes Gold. Es war eine Art von Befriedigung in dem Geſicht des jungen Grafen, als er den Geſang vernahm, aber er blieb liegen auf derſelben Stelle, ohne ſich zu regen, und als ihm gegenüber der Sänger aus den Büſchen trat, ihm ſchon von Weitem ſeinen Morgengruß zurief und raſch quer über den Waldplatz auf ihn zukam, da antwortete er nicht, ſondern muſterte nur mit feſten, forſchenden Blicken die Geſtalt des Waidmanns. Ein behender Burſch aber war das,— das war der elaſtiſche Tritt des Jägers im Bergwalde, das war die ſchlanke Geſtalt und die ſehnigen Glieder, die in Mühſal und Gefahr nur mehr und mehr erſtarken, wie der Stahl — 30— nur härter wird im Feuer,— der ſchlanke Menſch mochte an dreißig Jahre alt ſein und häßlich war er wahrlich nicht, ſein Antlitz, obwohl von heftigen Leidenſchaften durchfurcht, hatte einen edlen Schnitt; keck ſaß der ſchwarze Schnurrbart auf der Oberlippe, und die dunkelglühenden, tief in ihren Höhlen liegenden ſchwarzen Augen verriethen unbändigen Trotz, aber Geiſt; es war das ein Angeſicht, das ſelbſt durch die zahlloſen friſchen Flecken, Schwielen, Schrammen und Striemen, mit denen es in dieſem Augen⸗ blick bedeckt war, nicht verunziert wurde. Die Kleidung dieſes Waidmanns war nachläſſig, aber reicher und koſtbarer, als bei einem gewöhnlichen Jäger, ſeine Waffen, Gewehr und Hirſchfänger von ausgeſuchter Schönheit und in beſter Ordnung. Ein paar Schritte von dem jungen Grafen ſtand der Waidmann ſtill und ſchrie: Jo ho ju! der Wild⸗ hans iſt da! Das ſeh' ich! antwortete der junge Graf, ohne ſich zu rühren. Hört mal, ſehr höflich ſeid Ihr nicht, guter Freund! rief der Wildhans, luſtig lachend und einen ſeltſamen Blick auf den Grafen ſchießend, den dieſer nicht bemerken konnte. Der Wildhans lehnte jetzt ſeine Büchſe neben die Flinte des Grafen an den Baum und iner ſich zu ihm nieder in's Moos. Wo waret Ihr geſtern, Wildhans? feagte der Graf. So, habt Ihr mich vermißt? fragte der lauernd dagegen. — — 31— Der Graf erröthete und der Wildhans bemerkte es wohl, denn er war ganz nahe zu ihm gerückt; dem Gra⸗ fen mochte dieſe Nähe unangenehm ſein, denn er erhob ſich auf ſeinen Knieen, um aufzuſtehen,— da ſchnellte auch der Wildhans plötzlich empor, faßte den Grafen um den Leib und warf ihn rückwärts in's Moos, während er ſich zugleich auf ihn ſtürzte und ſeinen Mund mit Küſſen bedeckte. Hei, ſchrie der wilde Waidmann jubelnd, während er die ſchlanke Geſtalt in ſeinen Armen herzte, drückte und küßte, Schätzchen, meinſt Du, ich hätte nicht ſchon längſt gewußt, daß Du eine Frau und gar eine blitzhübſche Frau biſt; als ich Dich zum erſten Male ſah, wußte ich Dein Geſchlecht, und ſeitdem habe ich Dich an zwanzig Mal geſehen; indeß, der Wildhans achtet alle Geheimniſſe, wenn Du Dich aber nach mir ſehnſt, ſo will ich Dir zei⸗ gen, daß ich mich auch nach Dir ſehne und daß ich weiß, mit hübſchen Weibern umzugehen! Der Graf hatte ſich jetzt von der Ueberraſchung des Ueberfalls erholt, er ſtieß den Wildhans mit einer gewal⸗ tigen Kraftanſtrengung zurück und ſchrie: Wahnſinniger, fort, fort! Der Wildhans aber lachte hell auf, riß der verkleideten Dame keck die Cravatte ab und wie Feuer brannte ſein Kuß auf ihrer entblößten Bruſt; einen ent⸗ ſetzlichen Angſtruf ſtieß die gemißhandelte Frau aus und rang mit der Kraft der Verzweiflung gegen den wüſten Geſellen, aber was vermochte ſie gegen den Wildhans? Doch ihr Hilferuf war nicht ungehört verhallt— ein Schuß und ein lautes, ſchrilles: Hollah hail erſchallte — 32— ganz nahe. Der Wildhans ſtutzte und ließ das gefähr⸗ dete Weib aus ſeinen Händen, dann ſprang er fluchend empor, ergriff ſeine Büchſe und eilte in weitem Sprunge davon. Vor Zorn und Angſt weinend, vor Wuth bebend, lehnte die Dame an den Stamm der Buche, ihre zitternde Hand hatte die Flinte ergriffen, offenbar in der Abſicht, dem Buben, der ſie ſo unerhört beleidigt, eine Kugel nachzuſenden, aber Innihtlos ließen ihre Finger die Waffe fallen. Der alte Wildmeiſter von Tornow trat auf den Wald⸗ platz, ſein bekannter Jagdruf hatte den Wildhans ver⸗ ſcheucht. Der Wildmeiſter war der einzige Menſch, dem der Wildhans aus dem Wege ging. Um Gotteswillen, Durchlaucht! rief der alte Herr Die Dame faßte ſich ſchon etwas: Sie kamen zur rech⸗ ten Zeit, Herr von Tornow, ich danke Ihnen; noch einen Moment ſpäter, und ich war verloren! ſtöhnte ſie. Kurze Worte reichten hin, dem Wildmeiſter die Gefahr der Dame, die ſeinem Schutz anvertraut war, begreiflich zu machen; als aber der Name des Wildhans genannt wurde, zuckte der alte Herr ſo heftig zuſammen und wurde ſeiner Bewegung ſo ſchwer Meiſter, daß dieſelbe der Dame ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht entging. Kennen Sie den Wildhans näher? fragte ſie miß⸗ trauiſch. Der alte Mann ſtammelte einige Worte ohne Zuſam⸗ menhang, dann raffte er ſich mit einem Male zuſammen und ſprach voll Devotion: Ew. Durchlaucht wollen mir — — 33— geſtatten, Hochderoſelben im Schloß ausführlich darüber zu berichten! Die Dame ſchwieg, nahm Hut, Taſche und Gewehr aus der Hand des Wildmeiſters und wanderte, auf deſſen Schulter geſtützt, der Dianenburg zu. Sie erreichten das Jagdſchloß ohne weiteren Unfall. Kaum aber waren ſie daſelbſt angekommen, als der Wildmeiſter ſofort in dem Auftrage der Dame einen Jäger zu Pferde mit Briefen nach der nächſten Stadt ſendete. III. Cläre. An demſelben Morgen, an welchem der Wildhans im Biſchofsholz ſeinen frechen Anfall auf die Dame gewagt, wohl mehr von plötzlich auflodernder Sinnlichkeit hinge⸗ riſſen, als von einer beſtimmten Abſicht geleitet, ſtand Claus Wöllwerth, der Köhlerknecht, auf ſeiner Meilerſtätte und ſchaute gegen Morgen weit über den Wald, weit in den Wald, da, wo er ſeine Windſchauer aufgerichtet zum Schutze des Meilers gegen den Oſtwind. 1 Die Meilerſtätte lag, wie wir ſchon wiſſen, auf einem Bergkamme, und gegen Oſten zumal ſchaute man von da über eine weite grüne Fläche, die ſich ſtundenweit hindehnte, bevor ſich das bewaldete Terrain wieder erhob und höher und höher ſteigend endlich den Horizont begrenzte. Heſekiel, Schmal geweckt. I. 3 — 3414— Ringsum nichts als grüner Wald und blauer Himmel. Da oben ſtund der Köhlerknecht hoch wie ein König auf ſeinem Thron und ſchaute, wie der Morgenwind weit drüben über den Bergwald fuhr, ſich in die Baumwipfel niederſenkte und ſie bewegte; der Wald zu des Köhlers Füßen wogte und ſchwankte wie grüne Waſſerfluth; aber die Fiſche in der Waſſerfluth ſind ſtumm, und die Vögel im grünen Walde, ſie ſingen mit tauſend Kehlen, hart und fein, ſchrill und lieblich, jeder ſeine eigene Weiſe, und alle zuſammen doch in ſo voller Harmonie. Feſtlich gekleidet ſtund der Köhlerknecht droben und ſchaute hinein in das tiefe Thal; des Werkes am Meiler aber wartete emſig der ſchwarze Brand, der treue Freund; Wöllwerth trug ſeinen langen blauen Tuchrock mit dem rothen Unterfutter und den großen gelben Meſſingknöpfen, die gelbe Weſte und die Kniebeinkleider von ſchwarzem Leder, Schuhe und ſchwarze Tuchkamaſchen, das war die Feiertagstracht der Kohlenbrenner dort zu Lande. Die Tracht war nicht abſonderlich geſchmackvoll und gefällig, aber dem Claus Wöllwerth ſtand ſie doch gut, denn er war ein Rieſe ſchier an Leib und Gliedmaaßen und der ſtärkſte Mann in der ganzen Gegend. Und in dem Geſicht des Köhlers da war nichts zu leſen von der Trübſinnigkeit und dem ſtillen Gram der vergangenen Tage; ein feſter, ernſter Ausdruck männlichen Entſchluſſes aber war in dem braunen Angeſicht, in den braunen Augen zu leſen, und eine Art von Würde ſprach ſich aus in dem einfach feierlichen Weſen des Waldſohnes. Der alte Vater hatte dem Sohne den Beſuch der — 4 — 3 5— Tochter des Kohlenvoigts angekündigt für den heutigen Morgen, und der Sohn erwartete die Dirne, die er nicht liebte. Um die ſechste Morgenſtunde etwa erhub ſich unfern der Meilerſtätte ein heller Ruf, den der ſchwarze Brand alſobald beantwortete, denn das war des Kohlenvoigts Cläre, und die Antwort des ſchwarzen Brand ſollte ihr den Weg zur Meilerſtätte zeigen. Die Dirne mußte früh aufgeſtanden ſein, denn es waren über zwei Stunden Weges von dem Walddorfe bis zur Meilerſtätte Wöllwerths. Als der Köhler die Dirne erſah, ging er ihr raſch ent⸗ gegen, während der ſchwarze Brand ſich mit natürlichem Tact auf die andere Seite des Meilers begab. Wöllwerth nahm die Hand der Dirne und ſchauten ſich die Beiden eine Weile feſt in's Angeſicht. Schön war des Kohlenvoigts Cläre nimmer und an⸗ muthig noch weniger; von Blatternarben war ihr Ange⸗ ſicht zerriſſen, aber ihre klaren, faſt farbloſen Augen blick⸗ ten ſo klug und ſtolz, daß ſie faſt ſchön erſchienen. Cläre war allerdings kleiner als Claus, aber Claus war ein Rieſe und jedes andere Mannsbild wäre wie ein Kind neben dieſer Dirne erſchienen; geſund, voll und üppig in allen Formen trat Cläre mit faſt männlichem Weſen zu dem Manne, den ſie ſich ſelbſt auserkoren unter den Söh⸗ nen des Landes. Cläre war nicht anders gekleidet, als ſich die Dirnen im Berglande zu kleiden pflegen, aber an dem Stoff der 8 3* * — 36— Kleidung konnte man's wohl ſpüren, daß ſie des reichen Kohlenvoigts einziges Kind war. Ein Körbchen, aus grünen Weidenruthen geflochten, das mit einem ſaubern weißen Tüchlein zugedeckt war, trug das Mädchen in der linken Hand, und hielt ruhig den forſchenden Blick aus, mit dem der Köhler ſie be⸗ trachtete.* Wir haben allein mit einander zu reden, Cläre! ſprach Wöllwerth endlich mit einem unterdrückten Seufzer, komm, laß uns hier niederſitzen. Er führte das Mädchen zu der kleinen Köhlerhütte, die er ſich unter einem rieſigen Eichenbaum aufgeſchlagen; vor der Hütte war ein Raſenſitz, da ließ ſich Cläre nieder und der Köhler ſetzte ſich zu ihr. Liebe Cläre, begann der Wöllwerth etwas feierlich; die Cläre aber unterbrach ihn ſogleich und ſprach mit ſo⸗ norer Altſtimme: Laß Dir noch was Zeit, Claus, ehe Du ſprichſt; ich bin müde und hungrig vom Gang herauf, laß mich eſſen und trinken, danach ſpricht ſich's beſſer! Ein trübes Lächeln zog über des Köhlers Geſicht, als er die Dirne ſo ſprechen hörte; aber er mußte ſich doch ſelbſt ſagen, daß es ganz appetitlich ausſah, als ſie das Tüchlein von ihrem Korbe nahm, ein Brödchen von weißem Mehl hervorzog und eine Scheibe von goldgelbem Käſe. Leih mir Dein Meſſer, Claus! bat die Cläre einfach, und es war etwas in ihrem Weſen, was dem Köhler gar nicht uneben ſchien; die Dirne theilte ihr Frühſtück ganz genau in zwei gleiche Hälften, die eine reichte ſie dem Köhler und ſagte: Du wirſt wohl ſchon gegeſſen haben, — 37— Claus, aber verſuch, ob Du nicht noch einen Biſſen ver⸗ magſt; mir ſchmeckt's nicht, wenn ich allein eſſen ſoll. Und ſie aßen Beide, denn der Claus hatte in der That heute noch nicht gefrühſtückt, ſie aßen Beide und es ſchmeckte ihnen. Als ſie gegeſſen hatten, wiſchte ſich der Claus den Mund mit der verkehrten Hand, die Cläre aber mit dem Tüchlein, und nahm aus ihrem Korbe eine kleine Glas⸗ flaſche, auf der ſtand mit vergoldeten Buchſtaben:„Die Cläre ſoll leben, vivat hoch!“ Die Dirne aber zog den Stöpſel aus, ſprach zu dem Köhler: Dein alter Vater ſoll leben, Claus! that einen herzhaften Schluck und reichte ihm die Flaſche. Wöllwerth trank und der feurige Kirſchgeiſt that ihm wohl. Die Cläre ſtöpſelte die Flaſche vorſichtig wieder zu, wickelte ſie in das Tüchlein und legte ſie in den Korb, der neben ihr auf der Raſenbank ſtand, dann lehnte ſie ſich behaglich rückwärts an den Eichenſtamm, warf einen halb ſchlauen, halb unverkennbar zärtlichen Blick auf den ſtattlichen Burſchen und fragte: Nun, Claus, jetzt mag's. die rechte Zeit ſein, was haſt Du mir zu ſagen? Der Köhler war gar ſo feierlich nicht mehr, als zuvor; es war ihm ganz anders zu Sinne und recht treuherzig einfach meinte er, es nütze doch nichts, lange Reden zu machen, die Cläre würde ſchon wiſſen, warum es ſich handele zwiſchen ihnen, die Alten hätten's ja ſchon ab⸗ gemacht. Das ſchien der Cläre nicht zu gefallen; ihr Blick ver⸗ — finſterte ſich und halb ſpöttiſch ſprach ſie: Leider hab' ich ſelbſt für mich handeln müſſen und weiß alſo auch, warum es ſich handelt zwiſchen uns Beiden, aber ich denke nicht, daß ein Mann ſeinem alten Vater die Werbung überläßt! Nun, Cläre, nahm der Köhler das Wort wieder, ich wollte Dich fragen, ob Du Dich entſchließen kannſt, meine Frau zu werden, bald oder ſpät? Da blickten die Augen der Dirne viel ſanfter und zärtlicher als zuvor und ſolche Rede ſchien ihr zu gefallen, denn freundlich entgegnete ſie: Das iſt ein offenes gutes Manneswort, Claus, und darauf ſollſt Du eine ebenſo offene, gute Antwort haben, ja, Claus, ich kann mich mit Freuden entſchließen, Dein Weib zu werden, und zwar nicht ſpät, ſondern bald, recht bald, lieber heut noch als morgen! Bei ſolcher Antwort der Dirne wurde es dem armen Claus ganz wunderlich zu Sinne, denn es wollte ihn dün⸗ ken, als wäre das Alles gegen die Ordnung; die Cläre aber faßte ſeine Hand und ſprach mit ihrer tiefen klin⸗ genden Stimme: Jetzt haſt Du meine Antwort, Claus, und nun höre mir aufmerkſam zu, denn ich habe Dir mancherlei zu ſagen, was Du wiſſen mußt, damit Alles klar zwiſchen uns wird und Du nicht mit Mißtrauen gegen mich in den Eheſtand trittſt. Siehſt Du, ich weiß recht gut, daß es Dir nicht gefallen hat, wie ich durch meinen Vater um Dich werben ließ, als wäre ich ein Mann und Du ein Mädchen; ich weiß auch, daß Du mich nicht liebſt, ſondern mich nur nehmen willſt, um Deinen alten Vater aus Noth und Sorgen zu befreien; ich weiß ferner auch, — 39— daß Du Dein Herz an des Jägers Käthchen gehängt haſt, das ſich mit dem liederlichen Wildhans eingelaſſen hat, was bald oder ſpät zu einem ſchlimmen Ende führen muß; das Alles weiß ich, Claus, das Alles hab' ich längſt ge⸗ wußt, und dennoch nehme ich Dich freudig zu meinem Manne. Claus war ſprachlos vor Erſtaunen, das hatte er nicht zu hören gedacht; die Cläre aber fuhr freundlich und ruhig fort: Jetzt kann ich Dir Alles ſagen, höre alſo: meine Mutter, Gott habe ſie ſelig, hatte meinen eiteln, ſchwachen, jähzornigen, verſchwenderiſchen und doch gutmüthigen Vater immer ſtreng gehalten, und das war gut, denn ſo reich wir ſind, mein Vater hätte Alles durchgebracht, wäre die Mutter nicht geweſen; ich war eben aus der Schule, als ſie ſtarb, und ſchon fing's mit unſerer Wirthſchaft an den Krebsgang zu gehen und wer weiß, wohin wir gekommen wären, hätte ich mich nicht des Hausregiments bemächtigt an meiner Mutter Stelle. Die Herrſchaft über meinen ſchwachen Vater erlangte ich bald, ich hielt ihn an zur Beſorgung ſeiner Voigteigeſchäfte, ich führte ihm Buch und Rechnung, ich nahm Knechte und Mägde an und lohnte ſie ab, ich war Herrin über unſern ganzen Beſitz und mein Vater hatte bald ſolchen Reſpect vor mir, daß er ſich nicht getraute, einen Groſchen auszugeben, ohne meine Erlaubniß. Damit war er zufrieden, denn er ſah, daß Alles gedieh unter meinen Händen und er fühlte ſich wohl unter meinem Regiment, denn ich ließ es ihm an nichts fehlen und vergaß nie, daß er der Vater, obwohl er's ganz vergeſſen hatte. Da beneideten mich denn die Mädchen — 410— im Dorfe, und im Anfang dünkte ich mich auch nicht wenig, daß ich ſo ſchalten und walten konnte nach Gutdünken. Aber bald kam es anders, je älter und verſtändiger ich wurde, deſto ſchwerer wurde mir die Verantwortung, die ich auf mich genommen; ich war freundlos im Dorfe, denn die jungen Burſchen, die fürchteten ſich vor der Kohlen⸗ voigts Cläre, weil die weit und breit als eine herrſchſüch⸗ tige verrufen war. Claus, ihr Männer macht kein Ge⸗ heimniß draus, daß ihr gern den jungen Mädchen nach⸗ geht, nun, als ich mannbar wurde, ſchaute auch ich den jungen Burſchen gern nach, und andere Mädchen werden’'s wohl auch thun, wenn ſie's auch nicht ſagen, ich denke, das iſt nicht gegen die Ordnung. Hübſch war ich nicht, aber ich war reich, und obwohl man meine Herrſchſucht fürchtete, ſo fehlte mir es doch nicht an Freiern, aber was waren das für Geſellen? Es war keiner dabei, den ich hätte nehmen mögen, denn es war unter all den hübſchen Burſchen nicht ein einziger Mann. Wenn ich ſo einen genommen, ich hätte außer meinem Vater nur Einen weiter zu beherrſchen gehabt; das wäre einer andern Dirne wohl gerade recht geweſen, aber ich hatte an der Herrſchaft über meinen Vater ſchon zu viel, ich wollte einen Mann, der über mich Herr wäre, dem ich dienen und gehorchen müßte, ich fühlte, daß ich erſt glücklich werden würde im Gehor⸗ ſam gegen einen Mann und ich hatte ein gar brennendes Verlangen, einem Mann zu gehorchen. Da fiel mein Auge auf Dich, Claus, es gefiel mir ſchon, daß Du größer, daß Du ſtärker als ich, denn die meiſten Burſchen waren kleiner und ſchwächer als ich,— ich fühlte, daß ich nur — , — 41— einem großen und ſtarken Manne gehorchen könne. Ich hab's denn auch nicht fehlen laſſen, Claus, Deine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, aber es hat mir damit nie recht gelingen wollen, und ich habe oft bitterlich darüber ge⸗ weint, wenn ich allein war. Endlich merkte ich, woran es lag, ich hörte, daß das Jägerkäthchen es Dir angethan mit ſeinen blauen Augen und ſeinem weißen glatten An⸗ geſicht. Da hab' ich aufgehört, mich um Dich zu bemühen, obwohl mir's immer vorkam, als könntet ihr Beide nie als ein rechtes Paar zuſammen paſſen. Vergeſſen that ich Dich aber nie und nach einem Andern trachtete ich auch nicht. Da kam's endlich, daß ich den Wildhans mit der Tochter des Jägers fand im Mühlenthal, wie ſie ſich herz⸗ ten und küßten beim Mondenſcheine, und wie ich das ſah, da ſagte eine innere Stimme zu mir: der Claus iſt frei und er ſoll dein Mann werden. Eine feine Weile über⸗ legte ich mir die Sache, denn ich wußte wohl, daß Du nicht von ſelbſt zu mir kommen würdeſt, ich trat alſo zu meinem Vater und ſprach: Vater, ich bin in den Jahren, daß ich einen Mann nehmen kann, es gefällt mir keiner beſſer als der Claus Wöllwerth, geht alſo hin und ſprecht mit dem alten Redemeiſter darüber, macht eure Sache gut und bringt mir bald glatte Poſt. Mein Vater hatte auch gar nichts einzuwenden, zum erſten Mal ſeit langer Zeit gefiel's mir wieder, daß er ſo unbedingt meinen Willen that, und ſo iſt's denn gekommen, wie's gekommen iſt; heute haſt Du mich zum Weibe verlangt und ich habe mich Dir zum Weibe verſprochen, und ich fühle in meinem Herzen, daß ich's nicht bereuen werde, daß ich ſo und nicht — 42— anders gehandelt; daß Du es aber nicht bereuen wirſt, mich genommen zu haben, lieber Claus, das kann ich Dir verſprechen, wenn Du als ein rechter Mann mit mir umgehſt. Als die Dirne ſo geſprochen, ſchwieg ſie ſtill und war ganz roth im Geſicht, dem Claus aber kam es vor, als wäre die Cläre gar nicht häßlich, ſondern eigentlich recht hübſch, und flugs ſtand er auf, zog ſie an der Hand em⸗ por von dem Sitz, ſchloß ſie an ſeine breite Bruſt und küßte ſie zwei, drei Mal auf den Mund. Bei dieſen Küſſen wurde der Cläre ganz ſeltſam um's Herz, ſie ſchlug die Augen nieder und ward wirklich ſo anders, daß ſie ganz aumuthig anzuſehen war in dieſem Augenblick. Nun biſt Du meine Braut, Cläre, ſagte der Claus herzlich, komm, der ſchwarze Brand, der iſt mein beſter Freund, der ſoll auch der Erſte ſein, dem ich meine Braut zeige. Die Cläre gehorchte, und als ſie zum zweiten Male an den Meiler trat, da blickten ihre Augen nicht mehr ſtolz, ſondern ſie waren verſchämt niedergeſchlagen und war über die ſtattliche, mächtige, ſelbſtbewußte Dirne ein ſo bräutlich⸗mädchenhaftes Weſen gekommen, daß ſie ſelbſt nicht wußte, was eigentlich mit ihr vorgegangen. Als das Brautpaar den Glückwunſch des ſchwarzen Brand empfangen, da trat es ſofort den Weg zum Dorfe an, um den harrenden Vätern die gute Botſchaft ſelbſt zu bringen. Sie wandelten dahin im ſchattigen Walde und ſpürten 43— nichts von der glühenden Sonne, und die Cläre, der es ſonſt ſo fir vom Munde ging, die ſprach faſt gar nicht, und Claus Wöllwerth, der ſonſt ſo ernſte und ſchweig⸗ ſame Mann, der ſprach, als wollte er nachholen, was er am Sprechen verſäumt ſo lange, und die Cläre war glück⸗ lich, daß ſie ihm zuhören konnte. Es war ihr auch ein ganz eigenes wohlthuendes Gefühl, daß ſie nicht die Wege ging, die ſie wollte, ſondern daß ſie dem Claus folgte auf den Wegen, die der einſchlug mit unbewußter Sicherheit. Endlich kamen ſie zu dem Dorfe, da läutete es grade Mittag, Alles ſchaute dem ſtattlichen Paare nach, wie das die Dorfſtraße herunter kam, und Cläre war ganz ſtolz auf ihren Bräutigam, obwohl ſie des reichen Kohlenvoigts Tochter war und der nur ein armer Köhlerknecht. IV. Familiengeſchichten. Der Kammerherr Graf von Woldeyk war ganz plötz⸗ lich geſtorben und hatte ſeine Wittwe und ſeine Kinder in äußerſt mißlichen Umſtänden verlaſſen; die Woldeyks hatten von Generation auf Generation als Cavaliers ge⸗ lebt, wie ſich's ſchickte für ſie, ſie waren keine adeligen Branntweinbrenner und Productenhändler geweſen, ſie hatten nie experimentirt, wie weit ſich die Ertragsfähig⸗ keit ihres Grunds und Bodens erſtrecke; die Kriegsnoth — 44— war hinzugekommen, der Kammerherr war ein jüngerer Sohn, und der Majoratsherr handelte ſehr großmüthig, als er der Wittwe eine Rente von tauſend Thalern gab und den Sohn ſeines Bruders in ſein Haus nahm, ihn mit ſeinen eigenen Kindern erziehen ließ und beſtens für ſein weiteres Fortkommen in der Welt zu ſorgen verſprach. Die verwittwete Gräfin von Woldeyk hatte nur eine Rente von tauſend Thalern, aber dazu zwei Töchter von ſechszehn und ſiebenzehn Jahren, und war ſelbſt noch eine Frau, die durch ihre äußere Erſcheinung recht wohl zu Anſprüchen an das Leben und die Geſellſchaft berech⸗ tigt war. Sie hätte mit ihren Töchtern auf's Land gehen kön⸗ nen, in mehr als einem ländlichen Schloſſe ihrer Familie hätte ſie in ſtiller Zurückgezogenheit leben können, aber die Gräfin verabſcheute das Landleben für ſich ſchon und dann hätte ſich für ihre Töchter auf dem Lande ſchwerlich eine Parthie gefunden. In den Augen der Gräfin beſtand die Hauptaufgabe einer Mutter darin, ihren Töchtern, wie ſie ſich ausdrückte, ein glänzendes sort zu bereiten. Das war natürlich keine leichte Aufgabe, wenn man nichts beſitzt, als eine ſchmale Rente, aber die Gräfin Woldeyk war in ihrer Art eine treffliche Mutter, denn nach Jahresfriſt war Gräfin Joſephine mit einem ſehr reichen Dummkopf verheirathet, der ſich baroniſiren ließ und ſtets im tiefſten Reſpecte vor der Frau Gräfin Mutter erſtarb. — — — 45— Dieſe Parthie war ganz nach dem Geſchmack der Gräfin von Woldeyk, der Herr Sohn erfreuten ſich des beſon⸗ deren Wohlwollens der Frau Schwiegermutter und hatte das Vergnügen, dieſelbe für immer in ſeinem Hauſe bei ſich zu ſehen. Aber die jüngere Schweſter, die Gräfin Valerie, war nicht minder ein Gegenſtand der mütterlichen Fürſorge der Gräfin Mutter; wenige Monate nach der Hochzeit der Schweſter wurde ſie die Gemahlin des Lords Ascott von Malahide, der das Roſtbeaf von Alt⸗England in herkömm⸗ licher Froſtigkeit an drei bis vier deutſchen Höfen reprä⸗ ſentirte, zum Frühſtück römiſche Claſſiker las und Port⸗ wein dazu trank, übrigens eine recht gute Meinung von Alt⸗England, von ſich aber eine noch viel beſſere hegte. Wie es der Gräfſin Woldeyk gelungen, ihre Valerie zur Lady Ascott von Malahide zu machen, iſt ewig ein Geheimniß des ſorgenden Mutterherzens geblieben. Gräfin Valerie hat es nie ergründet und Se. Herrlichkeit ſelbſt haben ſich bis an ſein Ende darüber verwundert. Lady Ascott war fünf Jahre verheirathet und hatte mit ihrem Gemahl in London und Paris, in Italien und Deutſchland gelebt, ſie hatte das Leben genoſſen in ſeinen glänzendſten Erſcheinungen, die junge Lady war kaum zwanzig Jahr und todtmüde. Abermals ging der Lord in diplomatiſcher Miſſion nach Deutſchland, gleichgültig folgte ihm ſeine Frau, für die das Leben keinen Reiz mehr hatte, für die das Leben nur noch eine Laſt war. In dem wilden Strudel des rauſchenden Lebens hatte — 416— die Geſundheit der Lady gelitten, ſie blieb in einer Pro⸗ vinzialſtadt, um unter den Augen eines renommirten Arztes, der zu gleicher Zeit ein berühmter Univerſitätslehrer war, eine Kur zu brauchen, indeß ſich der Lord an den Ort ſeiner Beſtimmung begab. Die Dame ſollte und wollte in vollſter Zurückgezogen⸗ heit leben, aber trotz aller Müdigkeit war die Gewohnheit der Geſellſchaft ſo mächtig, daß ſie dennoch in gewiſſer Weiſe ein Haus machte und die erſten Perſonen der Stadt bei ſich ſah. So empfing ſie den Beſuch des Prinzen Moritz Dietrich, der als General die Garniſon der Stadt com⸗ mandirte. Der Prinz war damals ein Mann von faſt fünfzig Jahren; er war ein fein gebildeter, liebenswürdiger Mann, der mit ſeinem vornehm leichtſinnigen, etwas frivolen Weſen einer andern Zeit und Geſellſchaft anzugehören ſchien; ſeine äußere Erſcheinung hatte etwas Imponirendes und zog lebhaft an. Prinz Moritz Dietrich fühlte anfangs ein tiefes Mit⸗ leiden mit der blaſirten Lady, in deren ſchöne Augen er, der ſo leicht zu entzünden war, nicht lange ungeſtraft ſchauen ſollte. Dem klugen Weltmanne konnte der Grund der tiefen Verſtimmung der Lady nicht lange verborgen bleiben. Valerie war ſehr oberflächlich erzogen worden, Kenntniſſe fehlten ihr ganz; ihr Leben hatte keinen geiſti⸗ gen Inhalt, und als ihr die Welt nichts Neues mehr zu bieten hatte, überkam ſie der Ekel. Sie wußte nichts von den berauſchenden Genüſſen der — 47— Kunſt, nichts von dem tröſtenden und belebenden Einfluß der Poeſie, nichts von dem kräftigen Halt der Wiſſen⸗ ſchaft— und ebenſo arm wie ihr oberflächlich gebildeter Geiſt, ebenſo arm war auch ihr Herz. Der Lord von Malahide hatte ſie nie geliebt, er war auch nicht der Mann dazu, die Heirath hatte ihre Mutter gemacht, ſpä⸗ ter hatte ſie zärtliche Verhältniſſe genug gehabt, der Lord war faſt wie ein Franzoſe nachſichtig in dieſer Beziehung, aber unter all ihren Liebhabern war auch nicht einer ge⸗ weſen, der es verſtanden, dieſer ſchönen Statue wirkliches, geiſtiges Leben einzuhauchen. Der alternde Prinz war der Pygmalion Valeriens, er fand einen wunderbaren Genuß darin, die blaſirte Welt⸗ dame zu erziehen wie ein Kind. Jeden Abend trat er mit neuer Freude in das Zimmer der Dame, er las mit ihr, er zeichnete mit ihr, er legte vor ihr aus den reichen Schatz ſeines Wiſſens, ſeiner Erfahrungen, auf längeren Reiſen, durch ernſte Studien, durch den Umgang mit bedeutenden Menſchen angeſammelt. 3 Valerie fühlte bald den Einfluß, den der Prinz auf ſie übte, und gab ſich dieſem Einfluß unbefangen hin, denn es that ihr wohl, ſie fand wieder ein Intereſſe am Leben, und was für Herrlichkeiten ſtanden ihr zu Gebote, ſeit der Prinz ihr die Pforten geöffnet? ſie war zwanzig Jahr und hatte noch nichts geleſen. Immer inniger und vertraulicher ward das Verhältniß zwiſchen ihr und dem alternden Prinzen, der ſo viel geiſtige Jugend hatte, um die junge Frau, die im Leben zu früh gealtert, geiſtig zu verjüngen.. — 48— Inhalt gab der Prinz erſt ihrem Geiſte, aber dann auch ihrem Herzen, ſie verhehlte es nicht mehr, daß eine tiefe, innige, leidenſchaftliche Liebe für den Prinzen ſie er⸗ griffen habe, und der Prinz— der leichtſinnige alte Mann, er glühete für die zwanzigjährige Schönheit der Lady Ascott von Malahide. Sie liebten ſich und beſchloſſen einander anzugehören, trotz aller anſcheinender Hinderniſſe. Lord Ascott zeigte ſich zum erſten Male galant gegen ſeine Lady, er trat ſehr bereitwillig dem Vorſchlag einer Scheidung bei, der ihm von Seiten der Lady gemacht wurde, und Prinz Moritz Dietrich wurde insgeheim mit der Gräfin Valerie von Woldeyk, der geſchiedenen Lady Ascott von Malahide, getraut. Die Ehe mußte eine geheime bleiben, denn nach dem fürſtlichen Hausgeſetz durfte ſich Prinz Moritz Dietrich als apanagirter Prinz nicht vermählen. Wenige Monate indeſſen nach ſeiner Vermählung trat ein Ereigniß ein, das den Prinzen Moritz Dietrich jetzt beglückte beſonders ſeiner jungen Gemahlin wegen, und das ihn doch vielleicht abgehalten hätte, ſich mit ihr zu vermählen, wäre es einige Monate früher eingetreten. Die Prinzen des regierenden Fürſten, zwei hoffnungs⸗ volle, liebenswürdige Knaben, ſtarben raſch nach einander an einer Kinderkrankheit, und die wankende Geſundheit des Fürſten wurde dadurch ſo erſchüttert, daß er ſeinen Kindern in den Tod folgte. Ein kränklicher, ſchon bejahrter Prinz beſtieg den Fürſten⸗ ſtuhl und Prinz Moritz Dietrich war der nächſte Erbe. 49 Mit hohem Stolz und unverhehlter Freude zeigte der Prinz dieſen Glücksfall ſeiner jungen Gemahlin an, und von dem Moment an hatte Valerie ein neues weiteres Intereſſe am Leben; der Ehrgeiz ließ ihr Herz lauter, höher ſchlagen; heiße Sehnſucht, eine regierende Fürſtin zu ſein, ergriff ſie, ſie erkannte plötzlich die Seligkeit der ſtarken Seelen, die Herrlichkeit des Machtbeſitzes. Es war nun auch nicht länger nöthig, das Geheimniß der Ehe des Prinzen feſtzuhalten, denn ebenſo übel das Verhältniß des Apanage⸗Prinzen zu dem eben verſtor⸗ benen Fürſten geweſen, ebenſo gut ſtand er ſich mit dem Prinzen, der nun Fürſt geworden. Moritz Dietrich war ſofort zur Huldigung in die Re⸗ ſidenz gereiſt und hatte mit dem Fürſten Alles geordnet; im Spätſommer ſollte der Prinz nach Berlin gehen, ſei⸗ nen Abſchied begehren und dann mit ſeiner Gemahlin, als präfumtiver Erbe, ſeinen Aufenthalt für immer in der fürſtlichen Reſidenz nehmen. In dieſem Sommer war es,— die Prinzeſſin Valerie, wir müſſen ihr von nun an den ihr gebührenden Namen und Titel geben, wollte einige Wochen ganz in Stille und Zurückgezogenheit leben, um ihre Geſundheit vollkommen wieder herzuſtellen, um ſich ſo die Möglichkeit zu gewähren, dem Throne einen Erben zu geben und die Stammmutter einer neuen Linie des fürſtlichen Hauſes zu werden. Dieſelben Motive bewogen den Prinzen Moritz Die⸗ trich, in eine mehrwöchentliche Trennung von ſeiner jungen Gemahlin zu willigen, und in ſeiner phantaſiereichen Weiſe malte er ihr vor, daß ſie nirgendwo ſo einſam und ſtill Heſekiel, Schmal geweckt. I. 4 50 leben könne, als auf dem Jagdſchloß Dianenburg bei dem alten getreien Walram von Tornow. Der Prinz wußte die Herrlichkeit des Bergwaldes nicht großartig genug zu be⸗ ſchreiben, und wir haben geſehen, wie die Prinzeſſin Valerie unter dem Namen ihres Bruders, des Grafen von Wol⸗ deyk, in Dianenburg ankam und von dem Wildmeiſter, dem der Prinz ſein Geheimniß anvertraut, empfangen wurde. „Die Verkleidung der Prinzeſſin hatte einen doppelten Grund: erſtlich wollte der Prinz alles Auffehen vermeiden, bevor ſeine Vermählung publicirt, und dann berechnete der weltkluge Mann ſehr richtig, daß die Neuheit der Situationen, in die Valerie durch ihre Verkleidung gera⸗ then müſſe, ihr die lange Einſamkeit pikant und erträglich machen werde.. Der kluge Prinz hatte richtig gerechnet, die Geſund⸗ heit der Prinzeſſin kräftigte ſich von Tage zu Tage in der friſchen, balſamiſchen Wald⸗ und Bergluft, und die pi— kanten Situationen, in die ſie durch ihre Verkleidung ge⸗ rieth, halfen ihr die langweilige Einſamkeit ertragen, beſonders ſeit ſie auf ihren Streifereien mit dem Wild⸗ hans zuſammengetroffen war. Der kecke, übermüthige Wildſchütz hatte auf den erſten Blick ihr Geſchlecht erkannt, unwillkürlich fühlte er ſich zu dieſer Frau hingezogen, und es gewährte ihm einen eige⸗ nen Reiz, ihr zu erzählen von ſeinen kecken Streifereien, von ſeinen Nachtfahrten und Kämpfen mit den Gegnern, von den blutigen Raufereien und ſeinem ganzen wildbe⸗ wegten Leben im Walde. — 541— Die Prinzeſſin hörte dem Wildhans gern zu, es war ein ganz neues Bild, was der vor ihr aufrollte; er zeigte ihr eine Seite des Lebens, von der ſie bis jetzt keine Ah⸗ nung gehabt, keine Kenntniß haben konnte; das feurige Weſen des kühnen Jägers machte Eindruck auf ſie, den⸗ ſelben Eindruck, den es auf ſie gemacht haben würde, wenn ihr der Prinz eine Novelle vorgeleſen hätte, in welcher der Wildhans die Hauptrolle geſpielt, er beſchäf⸗ tigte ihren Geiſt, vielleicht auch in Etwas ihre Sinne, aber nicht ihr Herz. Wir haben geſehen, wie die letzte Zuſammenkunft der Prinzeſſin Valerie mit dem Wildhans endete. Gleich nach der Rückkehr ins Jagdſchloß hatte die Prinzeſſin dem Wildmeiſter befohlen, über den Vorfall an den Prinzen zu berichten und deſſen Befehle zu erbitten. Es war Abend geworden, als Prinzeß Valerie den Wildmeiſter wieder rufen ließ. Die Prinzeß kam dem alten Herrn in einen weiten Schlafrock gehüllt entgegen und ſagte: Sie finden mich in übelſter Laune, Herr von Tornow, ſeit dem frechen Angriff iſt mir dieſe Verkleidung im höchſten Grade läſtig; ich bin ängſtlich, ich habe meine Sicherheit verloren, es iſt mir, als erkenne jetzt jeder mein Geſchlecht, ich habe kaum den Muth, meinen Bedienten anzuſehen. Ich habe ſelbſt an den Prinzen, meinen Gemahl!, geſchrieben, hof⸗ fentlich willigt er in meine baldige Abreiſe, denn hier könnte ich ohne Aufſehen zu erregen, die Maske nicht fallen laſſen, und ich weiß, wieviel dem Prinzen, meinem 4* Gemahl, darin liegt, daß das Geheimniß für jetzt noch bewahrt werde. Die Prinzeſſin ſprach in heftiger Erregung, der Wild⸗ meiſter bemerkte, daß ſie ſich durch das Schreiben von Neuem in ungewöhnlichem Grade aufgeregt habe. Auf ihren Wink nahm er auf einem Seſſel Platz, während ſie ſelbſt ſich nachläſſig auf ein Polſter lehnte. Die Prinzeſſin ſchwieg eine Weile und betrachtete den alten Mann, der offenbar in nicht geringerer Aufregung als ſie ſelbſt war. Was haben Sie mir über dieſen frechen Menſchen, dieſen Wildhans, zu ſagen, Herr von Tornow? fragte Valerie endlich. Der alte Wildmeiſter verbeugte ſich reſpectvoll und begann mit eintöniger Stimme zu ſprechen, es klang ſeine Erzählung faſt, als ſage er eine auswendig gelernte Lec⸗ tion her. Eure Durchlaucht wollen verzeihen, wenn ich im Laufe meiner Erzählung Dinge berühre, die Höchſtihnen Schmerz machen werden; aber unter bewandten Umſtänden i*ſt es nicht möglich, ein Geheimniß länger zu bewahren, das ich mit mir begraben laſſen wollte. Am Hofe des hochſeligen Herrn befanden ſich als Jagdpagen zwei junge Herren von Adel, die in inniger Freundſchaft mit einander verbunden, die Lieblinge ihres Herrn waren, Thorheiten und tolle Streiche in Menge verübten und das Höchſte und Schönſte gerade nur gut genug für ſich hielten. Jeder von dieſen beiden Pagen hatte eine ſchöne junge Schweſter, und wie ihnen als älteſten Söhnen geſetzlich das Recht zuſtand, über die Hand der Schweſtern zu verfügen, ſo 33— hatten ſie verabredet, durch gegenſeitige Verſchwägerung ihren Bund noch feſter zu ſchließen. Einer ward der Bräu⸗ tigam der Schweſter des Andern. Der Eine dieſer Pagen war Graf Valerian von Woldeyk, Eurer Durchlaucht Großvater, der Andere war ich. Die Gräfin Clotilde, meine Braut— Wie die alte Tante Clotilde? rief die Prinzeſſin ver⸗ wundert. Der Wildmeiſter nickte und fuhr fort:— meine Braut war ziemlich kalt gegen mich, ſie hatte kein Temperament; ich betete ſie an, obwohl meine feurige Leidenſchaft ſtets nur kühler Freundlichkeit begegnete. Graf Valerian war glücklicher, er ſah ſeine Liebe durch die Gegenliebe meiner Schweſter belohnt. Die Bräute wurden bei Hofe vor⸗ geſtellt, ihre Schönheit erregte Aufſehen; meine arme Schweſter war ſehr unvorſichtig all den Huldigungen gegenüber, die ihr dargebracht wurden. Ich bekümmerte mich nicht um ſie, denn ich war mit meiner eigenen Leiden⸗- ſchaft beſchäftigt; Graf Valerian, verblendet von ſeiner Liebe, war entzückt über die allgemeine Bewunderung, die ſeine Braut fand. Der alte Wildmeiſter ſprach immer langſamer und ein⸗ töniger, faſt hinter jedem Wort machte er eine kleine Pauſe, man ſah, wie gewaltig ihn die Erzählung ergriff; die Prinzeſſin hatte ſich aufgerichtet und ſtarrte unverwandt in das hagere, bleiche Angeſicht des alten Mannes, der alſo fortfuhr: Prinz Franz Julius, der Vetter des hochſeligen Herrn, der ältere Bruder des Prinzen Ihres Gemahls, machte meiner Schweſter in auffallender Weiſe den Hof; ich habe nie erfahren, wie es ihm gelungen, doch er war ein ſchöner Mann, ſie ein leichtſinniges, leidenſchaftliches Kind, ich hätte ſie ſchützen müſſen, das war meine Bruderpflicht und ich kümmerte mich nicht um ſie. Der ganze Hof war hier auf Dianenburg, der Fürſt hielt die Hubertusjagd, unter all dem Tumult hatte ich noch weniger acht auf meine Schweſter als ſonſt. Der Dienſt hatte Valerian und mich noch länger als gewöhnlich im Vorzimmer des hochſeligen Herrn gehalten, mit einem freundlichen Hände⸗ druck ſchieden wir von einander. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Grunde ich nach dem Zimmer meiner Schwe⸗ ſter ging, ihre Dienerin lief mir im Vorzimmer ſo auf⸗ fallend ängſtlich entgegen und war über meinen plötzlichen Eintritt ſo erſchrocken, daß ſie mir weinend zu Füßen ſank; ich begriff nichts, ich fürchtete, meiner Schweſter ſei ein plötzliches Unwohlſein zugeſtoßen,— ich ließ das weinende Mädchen liegen und eilte in das Schlafgemach; entſetzt fuhr ich zurück, meine Schweſter, die Braut, die geliebte Braut meines Freundes, ſie lag in den Armen eines Mannes, der bei meinem jähen Eintritt auffuhr und den Degen, der auf dem Nachttiſch lag, blank zog im Mo⸗ ment kreuzten ſich unſere Klingen. Walram, mein Bruder! ſchrie das unglückliche Mädchen. Prinz Franz Julius, denn er war der Maun, trat bei dieſem Ausruf einen Schritt zurück und parirte meinen Hiebenicht, heiß ſpritzte mir ſein Blut in's Geſicht. Lant ſchreiend ſtürzte das Kammermädchen, einen Leuchter in der Hand, in's Ge⸗ 55 mach, ich erkannte den Prinzen und ließ erſchrocken meinen Hirſchfänger ſinken. Prinz Franz Julius war ein Mann von ſeltener Geiſtes⸗ gegenwart, zuerſt ſchloß er der Dirne den Mund, indem er drohte, ſie auf der Stelle nieder zu ſtoßen, dann band er ein Tuch um die blutende Armwunde, die ich ihm ge⸗ ſchlagen, kleidete ſich vollſtändig an, küßte meiner Schweſter, die bleich und ſtarr wie ein Marmorbild ausſah, die Hand und ſprach zu mir, als ſei nichts geſchehen: folgen Sie mir, Herr von Tornow! Er ging voran, ich folgte ihm ganz mechaniſch. Stecken Sie Ihren Hirſchfänger ein! befahl er nach einer Weile. Ich gehorchte. Wir kamen in die Treppenhalle, wo ein Poſten ſtand, der Prinz fragte nach dem Namen des wachhabenden Officiers, dieſen rief er, ſprach einige Worte leiſe mit ihm und zu dreien verließen wir das Schloß. Wir gingen an den See hinunter, an einer Stelle wo damals ein Roſengebüſch war blieb der Prinz ſtehen und befahl: Herr von Tornow, ich bin bereit Ihnen Genug⸗ thuung zu geben, legen ſie das Bandelier ab und nehmen Sie den Degen des Herrn Lieutenants! Der Prinz be⸗ fahl und wie bezaubert gehorchte ich, aber als ich den Degen in der Hand hielt, da ſchoß mir das Blut in's Geſicht, ich dachte an die Schmach meiner Schweſter, an den Jammer meines Freundes Valerian und mit blitz⸗ ſchnellen Ausfällen drang ich auf den Prinzen ein, ich wollte ſein Blut, ſein Leben. Der Prinz vertheidigte ſich umſichtig, aber er führte nicht einen Stoß gegen mich, obwohl meine blinde Wuth ihm mehrmals Gelegenheit — 56— gab, mich hors de combat zu ſetzen. Ich hörte nur, wie der Officier mir immer zurief: ſind Sie denn wahnſinnig, Herr von Tornow? Aber dieſe Warnung machte mich immer heftiger, plötzlich warf ſich der Officier mit eigner Gefahr auf mich, entriß mir den Degen und ſchrie: Sie müſſen zufrieden ſein, Sr. Durchlaucht bluten! keuchend ſtand ich ſtill. Der Prinz kam auf mich zu, ich ſah eine Thräne in ſeinem ſchönen Auge, er umarmte mich und ſagte leiſe: armer, armer Tornow, wie ſehr bereue ich, was ich gethan, haben Sie Mitleid mit Ihrer Schweſter! Da ſchoſſen auch mir die Thränen in's Auge, ich zürnte dem Prinzen nicht mehr, ich zürnte meiner Schweſter allein, ich hatte nur Mitleid mit meinem Freunde, mit Graf Valerian. Schweigend kehrten wir in das Schloß zurück. Auf der Treppe blieb der Prinz einen Augenblick zaudernd ſtehen, dann faßte er meine Hand und ſagte leiſe: Morgen nach dem Lever ſprechen wir uns! Ich verbeugte mich, mein Entſchluß war gefaßt; als ich mich allein ſah, be⸗ fahl ich, den Jagdzeugmeiſter zu wecken und hieß ihn einen Jagdwagen bereit halten an der hintern Pforte; tiefe Stille und Geheimniß ſchärfte ich dem alten Manne ein, dann ging ich zu meiner Schweſter, ich zwang die Unglück⸗ liche aufzuſtehen, ſich anzukleiden, und führte ſie nebſt ihrem Mädchen hinunter, wo der Wagen bereits hielt. Dem Jagdzeugmeiſter ſagte ich, von wo er am andern Tage den Wagen ſollte abholen laſſen, dann ergriff ich die Zügel und jagte mit den weinenden Mädchen hinein in die Nacht, hinein in den Wald. Unten in der Aue ſteht noch ein alter Thurm von dem Schloſſe Tornow, — 575 von dem mein Geſchlecht den Namen trägt; den Thurm bewohnte damals ein greiſer Jäger meines Vaters, der dort frei Quartier hatte, weil ſeine Tochter im Dorfe Tornow verheirathet war. Dahin nun brachte ich meine Schweſter, zu ihrer Bedienung ließ ich die Tochter des Jägers aus dem Dorfe holen, ihr Kammermädchen brachte ich über die Grenze. Mein Geheimniß wurde bewahrt, ich war auf der Dianenburg zurück, ehe man mich oder meine Schweſter vermißt hatte. Beim Lever ſagte ich dem Fürſten, daß meine Schweſter das Schloß verlaſſen habe, um eine kranke Tante, die nach ihr verlangt hätte, zu beſuchen. Prinz Franz Julius wagte keine weitere Auskunft von mir zu fordern; der ſchöne Fürſtliche Herr iſt heimgegangen, er welkte hin ſeit dem Tage, tiefer Kum⸗ mer ſaß ihm im Herzen, er hatte meine arme Schweſter wirklich geliebbt. Den Grafen Valerian nahm ich am ſelbigen Morgen mit mir in den Wald und ſagte ihm mit angenommenem Zorne, während mein Herz überfließen wollte in Liebe und Freundſchaft: Graf, ich muß das Verhältniß, das zwiſchen Ihnen und meiner Schweſter beſtanden, löſen, in gleicher Weiſe verzichte ich hiermit auf die Hand der Gräfin Clotilde, fragen Sie nicht weiter, denn ich werde Ihnen nie weitere Auskunft geben! Es war in der Nähe deſſelben Waldplatzes, wo ich Ew. Durch⸗ laucht heut Morgen fand; wie vom Blitz getroffen ſchwankte der Graf, er zog den Hirſchfänger gegen mich, dann warf er ihn hin znd umarmte mich weinend. Ich verging faſt vor Jammcgr, denn ich mußte den Namen makellos er⸗ halten, wmigſtens vor der Welt, den mir meine edlen — 58 Väter makellos überlaſſen. Wir treunten uns im heftigſten Zorne. Monate lang ſprachen wir kein Wort mit einan⸗ der, aber oft ſahen wir uns von weitem an mit Blicken, die wohl verriethen, daß die alte Freundſchaft noch leben⸗ dig in unſern Herzen. Einige Monate ſpäter trat ich in Trauer gekleidet zu dem Grafen und meldete ihm, daß meine Schweſter geſtorben ſei; er umſchlang mich innig, ich weiß nicht, ob er die Wahrheit geahnet, nie habe ich mit ihm wieder von meiner Schweſter geſprochen, aber er blieb mein treuſter und beſter Freund bis an ſein Ende. Das Kind, dem meine unglückliche Schweſter auf dem ein⸗ ſamen Thurme zu Tornow das Leben gegeben, ſie hat deſſen Geburt nicht überlebt, das Kind nahm die Bauern⸗ frau, des alten Jägers Tochter, zu ſich, und erzog es als ihr eignes Kind; dieſes Kind aber iſt der Wildhans. Prinzeß Valerie hatte die lange peinliche Erzählung des alten Edelmannes mit keinem Wort unterbrochen, ſie fühlte einen tiefen Reſpekt vor dieſem feſten loyalen Charakter, der ſeine Schweſter, ſeinen Freund, ſein eigenes Lebensglück daran gegeben, um ſeinen edlen Namen un⸗ befleckt zu erhalten, ſie ſtand auf und drückte ihm in ſtum⸗ mer Theilnahme die Hand. Der Wildmeiſter verbeugte ſich, küßte die Hand der Prinzeſſin und mandte ſich, zu gehen; in der Thür blieb er ſtehen, ſeine Augen waren naß und mit unterdrücktem Schmerz ſprach er: Ducchlaucht, dies war das Zimmer meiner armen Schweſter! ſo ſchied er. Fröſtelnd hüllte ſich die Prinzeſſin feſter in ihren Schlafrock, der eiſige Schauer der begrabenen Unglücks⸗ geſchichte umfing ſie mit kalten Armen. —— An der Pfaffenkabel. Nacht war es zum dritten Mal geworden ſeit dem Tage, da der Wildhans die Fürſtin überfallen; gegen Abend hatte ſich ein ſchweres Wetter entladen über dem Bergwalde, aber als die Donner verhallt und die Regen⸗ ſtröme verrauſcht waren in den Waldgründen, da war nicht eine friſche balſamiſche Kühlung geworden, wie ſonſt wohl nach ſolchem Donnerwetter, der Wind hatte ſich aufgemacht von Abend her und trieb ſchmutziggraue Regen⸗ wolken emſig vor ſich her. Waſſerſchwer bogen ſich die Blätter im Laubholz, ein Rinnſaal das ganze Waldland, überall tröpfelte, tropfte, floß und ſprudelte es und in den Thälern rauſchten die ſonſt ſo ſtillen Waſſer wie Bergſtröme. Je dunkler die Nacht wurde, deſto kälter und ſchauriger zog der Wind durch die Bäume und im Nadelholz ſtöhn⸗ ten die Fichten und Tannen gar ſeltſam vor ſeinem Druck, fröſtelnd lag das Wild in ſeinen geheimſten Schlupfwinkeln. Kein Sternlein war ſichtbar an dem grauen Himmel und wenn der Mond zuweilen hervorlugte hinter den Wolken, ſo machte ſein ungewiſſes Licht die froſtige Re⸗ gennacht nur noch unheimlicher. An der Waldecke über der Pfaffenkabel war ein Jagd⸗ ſchirm, weil hier das Dammwild auszutreten pflegte, um zu aſen, die Jäger aber den Auftrag hatten, das hohe Korn, das noch auf der Pfaffenkabel ſtand, zu ſchützen. — 60— Heute war nun wohl nicht an das Austreten des Wildes zu denken, dennoch war der Jäger im Jagdſchirme; es war der Jägerburſch mit dem vornehmen Weſen, den wir ſchon in der Jägerwohnung geſehen. Der lugte ſcharf aus, aber die Büchſe hatte er weggeſtellt und die pracht⸗ vollen ſchwarzen, roth gezeichneten niederländiſchen Stein⸗ bracken lagen wie zwei Steinbilder regungslos zu ſeinen Füßen. Ihre wie Edelſtein blitzenden Augen funkelten im Dunkel. Es war weit über Mitternacht. Da ertönte unterhalb der Kabel am Dohnenſtieg der Lockruf der Wachtel: wittwiwitt! wittwiwitt! Der Mond trat eben aus den Wolken und ſchien in das Angeſicht des Jägers, das in dem Augenblick bewegt von Zorn und Mitleid war. Das iſt das vierzehnte Mal, ſagte er ingrimmig; ſie wartet noch immer auf dieſen Teufel, das arme, arme, liebe Käthchen! ſetzte er weich hinzu. So beobachtete und bewachte der Jägerburſch ſchon den ganzen Sommer hindurch ſeines Herrn Kind, denn dem armen Kerl war's immer, als müſſe der Wildhans dem Käthchen ein Mal ein Leides thun und er dann in der Nähe ſein zu ſeinem Schutz. Wenn nun die dunkle Nacht kam und das Jäger⸗ käthchen ſich aus dem Hauſe ſchlich und mit haſtigen Schritten und laut klopfendem Herzen dem Ort zuflog, wo es ſich treffen wollte mit dem Wildhans, dann be⸗ merkte es nicht, daß ein treuer Menſch, die Büchſe im 6414— Arm und von den Hunden begleitet, ihm nachfolgte und über ſeine Sicherheit wachte. Der Jägerburſche aber, der lieber an ſeiner Liebe ge⸗ ſtorben wäre, als daß er ſie bekannt, ſo lange das Käthchen noch dem Wildhans anhing, der drückte oder verſuchte oft genug die treue Büchſe in der Hand, ja oft hatte der Jägerburſch ſchon angelegt, und der Wildhans ahnte nicht, wie hart er oft am Grabe hinſtreifte. Der Jägerburſch aber ſetzte machtlos das Gewehr ebenſo oft ab, als er es grimmig aufgenommen, und ſagte zu ſich ſelbſt: ſchieße ich den Teufel nieder, ſo wird ſie mich drum nicht lieben und ihn am Ende beweinen ihr Lebenlang, als wenn er ein Engel geweſen wäre. Seit einiger Zeit ſchon hatte der Jägersmann bemerkt, daß der Wildhans immer ſpäter kam zur Zuſammenkunft; zuweilen kam er auch gar nicht, und dann ſchlich Käthchen weinend heim in ihr einſam Kämmerlein, der Jäger aber hätte den Wildhans erwürgen mögen in ſeinem Grimm. Auch heute war das Käthchen hinausgeſchlichen in den naſſen Forſt, trotz der kalten Neheeinai⸗ und ſtand in dem langen naſſen Waldgras am Dohnenſtieg mit den kleinen zierlichen Füßchen, die der Jägerburſch ſo gern an ſeiner Bruſt erwärmt hätte. Zum vierzehnten Mal hatte ſie vergeblich dem Wildhans das verabredete Signal ge⸗ geben, und allemal, wenn ihr Wachtelruf: wittwiwitt! wittwiwitt! ſo ängſtlich heraufklang zu dem Jäger, drehte ſich dem das Herz um im Leibe vor Zorn über den Wild⸗ hans, und halb weinerlich, halb lächelnd ſprach er dann zu ſich ſelbſt: das arme, liebe, dumme Kind, was denkt es nur? bei ſolcher Regennacht lockt die Wachtel nim⸗ mer; da ſitzt ſie fein ſtill im Neſt und duckt ſich unter die Flügel. Noch ein Mal klang wie ganz verzagt und wehmü⸗ thig der Wachtelruf des armen Käthchen, und er ſchnitt dem Jäger durch die Seele,— da endlich rauſchte es vorwärts in den Büſchen und mit ſchallender Stimme ſang der Wildhaus: Ein Jäger aus Churpfalz * Der reitet durch den wilden Wald, Er reitet hin und her, So wie's ihm juſt gefallt. In ja ju, gar luſtig iſt die Jägerei Allhier auf grüner Haide. Ein Jäger aus Churpfalz Der ſchoß'n Hirſch, der ſchoß'n Haaſ'. Er traf ein Mädchen an— Und die war achtzehn Jahr. Ju ja ju, gar luſtig iſt die Jägerei Allhier auf grüner Haide. So zieh' ich auf die Jagd Und jag' bald dies, bald das; Ich treff' ein Mädchen an— Ein Jäger aus Churpfalz. Ju ja ju, gar luſtig iſt die Jägerei Allhier auf grüner Haide. Der Wildhans ging quer über die Pfaffenkabel nach dem Dohnenſtieg, nicht dreißig Schritt weit ging er an der Mündung der Büchſe des Jägers vorüber. — 63— Der ſtand ſtill und ſtumm. Was iſt das? fragte er ſich dann, der Wildhans ohne Gewehr, ohne Taſche? Ei, wie ſieht der denn heute aus, er ſingt laut in dieſem Revier? Auch Käthchen ſchien entſetzt über des Wildhans Ver⸗ wegenheit; ſie kam flüchtig wie ein Reh den Rain her⸗ auf: Hans, lieber Haus! rief ſie ſchon von weitem, um Gotteswillen, wenn Dich Jemand hört! Der Wildhans aber ſtellte ſich breitbeinig auf, ſchlug eine gellende Lache auf, daß es weithin hallte durch den Wald, und ſchrie dann mit Donnerſtimme: Jo ho ju! der Wildhans iſt da! Eine tiefe Stille folgte dieſem kecken Ruf, entſetzt trat Käthchen in den Rain zurück— da tönte ein heller Pfiff aus dem Forſt, ein kurzes Hundegebell folgte, der Jäger⸗ burſch ſah im Mondenſchimmer einen weißen Streifen über das Korn heranfliegen, das war ein großer ſchöner Jagdhund, der in großen Sätzen herüberkam und den Wildhans ſtellte. Der Jägerburſch erkannte ſofort den Leibhund des Oberförſters, er gab raſch ſein Signal und trat mit ſei⸗ nen Bracken aus dem Jagdſchirm hervor. Dicht neben einander in gleichem Schritt gingen die beiden Stein⸗ bracken vor, umkreiſten den Wildhans und der Ton ihrer tiefen Stimmen Kan laut zu dem hellen Gebell des weißen Jagdhundes Der Wildhans ſchien gar kein Bewußtſein der Gefahr zu haben, in der er ſchwebte; halt, ſagte er, die Baß⸗ ſtimmen, das ſind die ſchwarz und rothen Bracken des Jägers, weß Teufels Beſtie aber iſt dieſer helle Kläffer? Eilend kamen die Jagdleute von allen Seiten heran. Im Namen des Fürſten, gebt Euch gutwillig, Hans! befahl der Oberförſter, der von mehreren Jägern und Jägerburſchen begleitet war. Auf eine kurze Weile trat der Mond jetzt hinter den Wolken heraus, der gefürchtete Wildhans, der in einen leichten Mantel gehüllt war, ließ dieſen nachläſſig von der Schulter gleiten, antwortete nicht, ſondern lachte kurz und heiſer mit unnennbarem Hohn über die Beſtürzung der Forſtbeamten, die ſchier entſetzt bei dem Anblicke zurück⸗ fuhren, der ſich ihnen darbot. War das der gefürchtete Wildhans? Da ſtand ein Herr vor ihnen, ſchwarz gekleidet, mit weißem Gilet und weißer Cravatte, der mit der Hand⸗ ſchuh bekleideten Hand leicht den Rand ſeines Hutes be⸗ rührte und, dem erſtaunten Oberförſter ein vornehmes Compliment machend, ſprach: Sie irren ſich wohl, mein lieber Förſter; jetzt würden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie mich ſo ſchnell als möglich verließen, denn ich habe hier ein Rendezvous, und ich denke nicht, daß Sie von Sr. Durchlaucht bezahlt werden, um mich in meinen klei⸗ nen Vergnügungen zu ſtören. Der Oberförſter hatte ganz das Gleichgewicht verloren, er war ausgezogen, einen berüchtigten Wilddieb endlich abzufangen, und fand einen vornehmen Herrn; er ſah die Mbglichkeit nicht ein, etwas gegen den Wilderer zu un⸗ ternehmen, da derſelbe ganz ohne Waffen war; leiſe — 65— fluchend wandte er ſich ab, pfiff ſeinem Hund und ging ohne Antwort zu geben davon, ebenſo ſtumm folgten ihm ſeine Leute. Der vornehme Jägerburſche trat ſtill mit den beiden Steinbracken hinter den Jagdſchirm zurück. Das höhniſche Lachen des Wildhans geleitete die Jäger auf ihrem Rückzuge; kaum aber waren ſie zehn Schritte entfernt, da rief der Wildhans mit vornehmer Haltung: Lieber Förſter, einen Augenblick! beim breiten Blick ſteht mein Wagen; hätten Sie wohl die Güte, mir von dort durch einen Ihrer Leute meinen Regenſchirm holen zu laſſen, verſteht ſich gegen ein Douceur! Der Oberförſter gab keine Antwort, er konnte ſich noch gar nicht wieder finden. Als die Jäger entfernt und ſelbſt das Geräuſch ihrer Schritte verhallt war, ging der Wild⸗ hans gegen den Dohnenſtieg hinab und rief mit halblauter Stimme: Käthchen! Käthchen! Zitternd vor Froſt und Näſſe, Angſt und Liebe trat das Mädchen aus den feuchten Büſchen. Der Wildhans ſchlang ſeinen Arm um den Nacken der Dirne, küßte die weiße weiche Wange und flüſterte: Wie biſt Du ſo kalt, mein Lieb! Dann hüllte er das bebende, leiſe weinende Mädchen mit ſich in den weiten Mantel und ſprach weiter: Das iſt das letzte Mal, mein Herz, daß wir uns finden in dunkler Nacht auf grüner Haide; der Dich umfängt mit ſtarkem Arm, er iſt nicht mehr der verachtete Wilddieb, der gefürchtete Wildſchütz, geächtet und gefehmt; freue Dich, Mädchen, ein Herr bin ich geworden und morgen ſcheide ich aus dieſem Lande; Heſeliel, Schmal geweckt. I. 5 — 66— Du aber, Du ſollſt mit mir gehen, ſollſt prangen in Sammt und Seide, Du biſt meine Dame und ich will der Erſte Deiner Diener ſein! Käthchen antwortete nicht, ſondern legte ihr bethräntes Angeſicht feſt an die Bruſt des Wildhans und weinte leiſe. Der Wildhaus ſchien ungeduldig zu werden: Sprich doch, willſt Du mit mir? Ich muß Dir folgen, überall hin! antwortete das Mädchen gepreßt. Es war eine ſonderbare Aufregung in dem Weſen des Wildſchützen, bald führte er Käthchen einige Schritte mit ſich fort, bald blieb er unſchlüſſig ſtehen. Ich muß weit von hier, eh' es Tag wird, weit von hier, fort, fort! ſprach der Wildhans mit ſich ſelbſt und zauderte doch immer wieder; endlich ſchien er einen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben, er zog die Dirne haſtig mit ſich fort und bald verſchwanden Beide in dem Tannicht, durch das ein Weg nach dem„breiten Blick“ führte. Aus dem Jagdſchirm trat der vornehme Jägerburſch zum andern Mal vor und dicht neben einander folgte ihm das prachtvolle Hundepaar; der Jägerburſch ſchlug eben⸗ falls den Weg nach dem Tannicht ein. Der Regen hatte nachgelaſſen, aber es tröpfelte noch immer von allen Zweigen und naßkalt durchſchauerte die Nachtluft das Gebein. Der Wildhans hielt das Käthchen feſt um die ſchlanke Taille gefaßt, er hob und trug das Mädchen in ſeinem kräftigen Arm mehr neben ſich her, als daß es ging, je weiter der Wildhans kam, deſto größer ward ſeine Haſt. — 67— Er ſprach mit Käthchen kein Wort, und Käthchen war bang und ſtumm, todtenbang und wie verzaubert. Einzelne Worte aber ſprach der Wildhans mit ſich ſelbſt, Käthchen vernahm ſie nicht, ſie verrauſchten im Nachtwind. Schon ſchattete ſich vor dem Blick des eilenden Wild⸗ ſchützen das tiefere Dunkel des Laubholzes, das beim „breiten Blick“ wieder begann, gegen den Regenhimmel ab; er ſtrengte ſich zu noch größerer Eile an, er ſchien inſtinctartig vor einem nahenden Hinderniſſe zu fliehen, einem Hinderniſſe, dem er doch nicht zu entgehen ver⸗ mochte.. Jo ho hail klang es ſchrill und ſchneidend ganz nahe. Ein ſchwerer Fluch entrang ſich der faſt athemloſen Bruſt des Wildhans, er blieb, die Dirne im Arm, keuchend ſtehen und murmelte: Es iſt der Alte; o, daß ich kein Gewehr habe, heute thät ich ihn zuſammenſchießen, trotz des Grauens! Der Wildmeiſter von Tornow ſtand auf dem Sand⸗ wege vor dem flüchtigen Paar, die beiden Männer blitzten ſich an aus den Augen und ihre Blicke funkelten in der Dämmerung. Ueber den Wildhans kam das alte Grauen, das ihn ſtets beim Anblick des grauhaarigen Edelmanns ergriffen, dem er, ohne es zu wiſſen, ſo nahe verwandt war. Wildhans, ſprach der greiſe Cavalier und ſeine Stimme bebte, habt Ihr das Blut des Mannes vergoſſen, deſſen Wagen am„breiten Blick“ ſteht? 5* — 68— Der Wildhans zuckte zuſammen, aber frech erwiederte er, er habe keine Luſt zu antworten. Mörder! ſagte der alte Edelmann faſt tonlos, und doch hing ein ſo ungeheurer Schmerz an dem kleinen Wort, daß der Wildhans zuſammenbebte und ihm die Arme kraft⸗ los niederſanken. Mörder! wiederholte das Käthchen leiſe, ganz leiſe, und glitt ohnmächtig, langſam in ſich zuſammenſinkend, nieder auf den feuchten Sand.. Mörder! ſchrie der Wildhans dumpf und ſich mit Ge⸗ walt zuſammenraffend, wer nennt mich einen Mörder, er fiel in offenem, ehrlichen Kampfe von meiner Hand. Der Wildmeiſter machte eine unendlich verächtliche Be⸗ wegung: Lügner! Dieb! ſprach er, und der wieder heraus⸗ tretende Mond beſchien eine Thräne, die über ſeine welken Wangen floß. Der Wildhans, keines Wortes, keines Gedankens mäch⸗ tig, ſtand wie der Sünder bebend vor ſeinen Richter. Der Wildmeiſter, im heftigſten Kampf mit ſich ſelbſt, ſchien endlich einen Entſchluß zu faſſen: ich kann's nicht! murmelte er dann, ſprach zu dem Wildſchützen hart und kurz: Kein Kampf hat ſtattgefunden, die Piſtolen des armen Herrn Voiſenon liegen noch geladen im Wagen; Mörder, Räuber, Dieb, ein unerbittliches Verhängniß zwingt mich, Dich zu ſchonen, nimm den Wagen, fliehe, fliehe, ſo weit Du kannſt, Du wirſt dem Galgen doch nicht entfliehen, aber ich mag Dich nicht hängen ſehen, flieh'! Der alte Herr trat auf die Seite und ließ den Weg frei, und von Todesangſt erfaßt, ſtürzte der Wildſchütz — 69— fort, ohne ſich umzuſehen, dem Laubwalde zu, an deſſen Saum der Wagen ſtand. Meiner Schweſter Kind, es iſt ihr Sohn— ſprach der alte Mann leiſe jammernd;— Gott verzeihe es mir, wenn ich eine Sünde gethan, als ich ihn fliehen ließ! Auch er kehrte in der Richtung um, in welcher der Wildhans davon geeilt war, er hatte das Rollen des leichten Wagens auf dem feuchten Waldwege nicht ver⸗ nommen, auf dem der Wildhans ſaß und das ſchöne Roß mit Peitſchenhieben trieb, wie ihn die Angſt trieb mit böſen Erſcheinungen. Fort, fort ohne Ruhe und Raſt, der Grenze zu. Der unglückliche Greis war ſo ergriffen, daß er nicht vernahm, wie hinter ihm plötzlich Hunde anſchlugen; er eilte nach der Dianenburg zurück. Die Hunde aber, die hinter ihm anſchlugen, das waren die prächtigen niederländiſchen Steinbracken, ſie ſtanden vor dem armen ohnmächtigen Käthchen, das vergeſſen auf dem Sandwege lag. Der Jägerburſch nahm das unglückliche Kind auf ſeine Arme und trug es nach dem Jägerhauſe zurück; oft mußte der arme Burſch ſeine ſüße Laſt niederlaſſen in das feuchte Gras, wenn ihm die Kräfte verſagten, dann beugte er ſich nieder und küßte Käthchens kalte Hände, bis er ſich ge⸗ ſtärkt und auf's Neue die mühſelige, Stunden weite Wan⸗ derung antreten konnte. Nur auf Augenblicke kam Käthchen zur Beſinnung, dann klagte das arme Kind leiſe und ſchmerzlich in unverſtändlichen Worten und verfiel wieder in Ohnmacht. Es war faſt Tag, als der Jägerburſch in 70 die Jägerwohnung mit der Ohnmächtigen ankam. Ueber⸗ laut jammernd empfing ihn die dicke, luſtige Walpurga. Der Jäger war ſeinem Glück nicht daheim. VI. Mon cher Prince. Am folgenden Tage war's und faſt Mittag, als die Prinzeſſin Valerie, die das Zimmer nicht verlaſſen hatte ſeit ihrer letzten Begegnung mit dem Wildhans, heftig klingelte und ihrem eintretenden Jäger befahl, den Herrn Wild⸗ meiſter von Tornow in ihrem Namen um einen Beſuch zu bitten. Das ſchöne Weib ſah erhitzt und unruhig aus, die großen blauen Augen fuukelten und die innere Aufregung leuchtete in denſelben. Noch trug die Prinzeſſin halb und halb Männerkleidung, aber man ſah, wie unendlich läſtig ſie ihr nun ſein mußte; ſie hatte den rothſeidenen Schlaf⸗ rock dicht am Halſe zugeknöpft und einen kleinen weißen Kragen darüber geſchlagen; unter der üppig vollen Bruſt hatte ſte einen Shawl als Gürtel befeſtigt; das gab eine Art von Amazonentracht, deren Enſemble durch das wenig ſichtbare Beinkleid und die Stiefel nicht ſehr geſtört wurde, während das lange prachtvolle Frauenhaar, in einem loſen Knoten aufgeſchlagen, nur ſchlecht von der kleinen Troddel⸗ mütze verſteckt wurde. Unbegreiflich! rief die Prinzeſſin, drei Tage ohne Ant⸗ wort? Was denkt der Prinz? Geſtern ſchon mußte ich Antwort haben— vielleicht kommt er ſelbſt! Das böſe Lächeln, halb fatiguirt, halb zürnend, das bis jetzt um den Mund der Prinzeſſin gelegen, wich für einen Augenblick einem ſchöneren, einem leidenſchaftlicheren Ausdruck; für einen Augenblick ſtrahlten die großen Augen wie zwei Sonnen, aber dieſer Ausdruck ſchwand raſch und unbefriedigte, unzufriedene Sehnſucht, ſeltſam vereint mit kalter Gleichgültigkeit, ſprach ſich wieder wie gewöhnlich in dem Weſen der Prinzeſſin aus. Es war, als ſpotte die Dame über ſich ſelbſt, und ſie that es wirklich: es iſt lächerlich, ſagte ſie halblaut vor ſich hin, daß mir doch das Herz klopft bei dem Gedanken an den alten Mann, an den alten leichtſinnigen Mann,— daß er ein Prinz iſt, daß er ein regierender Herr wird, das thut's nicht, ich muß Andere ſo viel belügen, drum will ich gegen mich offenherzig ſein,— ich habe ſchönere Männer geſehen, als ihn; ich habe, moraliſch betrachtet, unſtreitig achtungswerthere Männer geſehen, als ihn; was nur iſt's, was mich an dieſen Mann feſſelt? was iſt's, was mich leidenſchaftlich aufregt ſchon bei dem Gedanken an ihn? Dankbarkeit, daß er mir den Weg zeigte zu den Schätzen der Wiſſenſchaft, zu den Perlen der Poeſie, zu den Kleinodien der Kunſt,— das iſt's nicht, ich bin nicht dankbar, ich bin von Natur undankbar; Dankbarkeit iſt keine Eigenſchaft, Dankbarkeit iſt eine Kunſt und ich habe die Kunſt nicht gelernt,— Dankbarkeit röthet auch die Wange nicht, Dankbarkeit macht das Herz nicht klopfen, — 272— und doch bin ich verliebt in dieſen alten, leichtſinnigen Prinzen, vielleicht mehr, als er verliebt in mich iſt. Was iſt das? Ich glaube, es kommt daher, weil der Prinz ſo durch und durch, ſo ganz und gar ein Mann iſt, ein Mann mit allen Vorzügen und allen Fehlern ſeines Geſchlechts; nicht ein Mann, wie er ſein ſollte oder ſein könnte, ſon⸗ dern ein Mann, wie er iſt, ein Mann, wie er lebt, und nicht ein Mann, wie er in den Büchern und Romanen ſteht; ein Mann, wie ſie nur das große Leben bildet, und nicht wie ſie groß werden in der Schule und unter Büchern und unter Entbehrungen. Es iſt eine ſinnliche Neigung, die ich zu dem Prinzen habe, ich glaube an keine wahre Neigung zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts, wenn ſie nicht zum Theil wenigſtens ſinnlich iſt; Sinnlichkeit, oder Narrheit und Heuchelei knüpft das Band zwiſchen den Geſchlechtern, aber freilich iſt's nicht die grobe, nicht die gemeine Sinnlichkeit, die Jeder kennt, der Bauer wie die Fürſtin, der König wie die Dirne, die meine ich nicht; es iſt jene geiſtige, feine, jene duftige Sinnlichkeit, die wie ein feines Parfüm das ganze Weſen durchdringt, die im geiſtigen Genuſſe ſchwelgt, in dieſer Sinnlichkeit iſt der Prinz mein Meiſter, mein Lehrer, und das erſchuf meine leidenſchaftliche Zuneigung zu ihm. Die Prinzeſſin hielt inne in ihrem Selbſtgeſpräch, ſie vernahm den Tritt des Wildmeiſters, ihr Auge blickte ruhiger: es iſt hübſch, wenn man klar über ſich und einig mit ſich iſt! ſprach ſie leiſe und ging dem alten Edel⸗ mann, der eben die Thür öffnete, freundlich einige Schritte entgegen. — 73— Der Wildmeiſter ſah auffallend bleich und erſchöpft aus. Sie ſehen übel aus, Herr von Tornow, leiden Sie? fragte Prinzeß Valerie freundlich. Ew. Durchlaucht verzeihen, entgegnete der Edelmann, indem er ſich auf einen Wink der Prinzeſſin niederließ, ich habe eine ſchlimme Botſchaft mitzutheilen. Der Prinz? fuhr die Dame auf. Seine Durchlaucht befinden ſich wohl, ſo viel ich weiß, beruhigte der Wildmeiſter. Ruhig lehnte ſich die Prinzeſſin in ihre Kiſſen zurück, der alte Edelmann fuhr fort und erzählte einfach, obgleich ſichtlich mit großer Anſtrengung: Ich war geſtern im Holz, um den Wildhans zu treffen, um ihn zu nöthigen, das Land zu verlaſſen, da fand ich im Walde an einer Stelle, wo ſonſt wohl nie ein Fuhrwerk zu finden, eine kleine Caleſche mit einem ſchönen Pferde beſpannt. Es war Niemand bei dem Fuhrwerk, aber die Koffer trugen das Wappen Sr. Durchlaucht, des Prinzen Moritz Dietrich, ebenſo wie ein Piſtolenkaſten, der auf dem Rückſitz ſtand. Es war ohne Zweifel der Wagen des Herrn Voiſenon, des Sekretairs Sr. Durchlaucht, der mir ſeine Ankunft geſtern Abend durch einen Brief meldete, nach welchem ich ihn in dieſer Nacht erwarten durfte. Er war der Ueber⸗ bringer der befohlenen Garderobe Ew. Durchlaucht. Mir fiel es auf, ſeinen Wagen an dieſer Stelle zu finden, ſtundenweit ab von dem Wege, den er nach der Dianen⸗ burg genommen. Ein dunkler für's Erſte unerklärlicher Verdacht ſtieg in meiner Seele auf; ich unterſuchte den Wagen genauer, ein Mantelſack war geöffnet, er war leer — 2— bis auf⸗wenige Wäſche. Ich wartete längere Zeit an dem Wagen, der Rückkehr des Herrn Voiſenon harrend, ich erwartete ihn eigentlich nicht mehr, denn mein Verdacht wuchs mit jeder Minute. Ich durchſuchte die Umgegend, da ſtieß ich auf den Wildhans; jetzt ward mein Verdacht zur Gewißheit und das Benehmen des Wildſchützen ließ mir keinen Zweifel mehr— der Elende hatte den un⸗ glücklichen Voiſenon ermordet. 6 Armer Herr von Tornowl flüſterte die Prinzeſſin von Entſetzen ergriffen. Der Wildmeiſter fuhr fort: heut hab' ich unter allerlei Vorwänden die ganze Gegend durchſtreifen laſſen, doch noch hat man keinen Leichnam gefunden. Und der Mörder? fragte Prinzeß Valerie. Ich habe ihn fliehen laſſen, verzeih' mir's Gott! Ihr habt recht daran gethan! tröſtete die Prinzeſſin. In dieſem Augenblick tönte der Hufſchlag eines ga⸗ loppirenden Roſſes von unten herauf. Prinzeß Valerie, der Unterbrechung einer unendlich peinlichen Unterredung froh, wandte ſich aufſtehend zum Fenſter: ein Piqueur meines durchlauchtigſten Gemahls! rief ſie in freudiger Ueberraſchung. Der Wildmeiſter erhob ſich. Der Prinz! der Prinz! rief die Prinzeſſin wieder und klopfte wie ein fröhliches Kind in die Hände, die künſtliche Drappirung des Schlafrocks fiel in der Bewegung der Freude auseinander, aber ſie bemerkte es nicht und ihr ganzes feines Angeſicht, ihr Hals, ihr Buſen war in das helle Roth der freudigſten Ueberraſchung getaucht. — 7— Sie eilte nach der Thür. Ew. Durchlaucht vergeſſen, daß nur der Graf von Woldeyk hier wohnt— mahnte der Wildmeiſter; die Prin⸗ zeſſin lief von der Thür wieder nach dem Fenſter. Eben lenkte der Wagen in das Gitter ein, und zierlich beſchrieb der Leibkutſcher, das Viergeſpann vom Bock lei⸗ tend einen tadelloſen Halbkreis vom Gitter bis zur Rampe. Prinz Moritz Dietrich, der ſeine Gemahlin am Fenſter bemerkt hatte, grüßte mit den Augen hinauf und verließ den Wagen ſchneller, als es ſonſt wohl ſeine Jahre und ſeine Corpulenz geſtattet hätten, auf der Treppe begegnete ihm der Wildmeiſter und grüßte ihn mit tiefer Verneigung. Der Prinz aber drückte ihm beide Hände kräftig und ſprach ſo eifrig, als ſei er nur des Wildmeiſters wegen nach Dianenburg gekommen: ma foi, theuerſter von Tornow, Sie ſehen mich enchantirt, daß ich das Vergnügen habe, Sie endlich wieder zu ſehen, mein alter Tapferer; bin recht glücklich, daß ich Ihnen ſelbſt danken kann für die Mühe, die Ihnen der Aufenthalt dieſes theuren Grafen von Woldeyk gemacht hat, charmanter Menſch das, nicht wahr? haben Sie ſich recht an ihn attachirt? nun, wir ſprechen ſchon ſpäter davon, wenn wir bei einem Glaſe Bordeaux der alten wilden und ſchönen Zeiten gedenken; Bordeaux— nicht wahr, mein theurer von Tornow, ich kenne noch Ihren Lieblingswein, weiß noch, daß mein guter ſeliger Bruder Prinz Franz Julius Sie immer zum Lord of Longkork ernennen wollte! auf recht baldiges Wiederſehen, mein theurer von Tornow! Der Prinz chaſſirte gewandt an dem Alten vorüber und eilte die Treppe hinauf. Unbeweglich ſtand der Wildmeiſter, dann ſprach er leiſe: er nennt ſeinen Bruder Franz Julius, und weiß nicht, daß ſeines Bruders Sohn als Dieb und Mörder flüchtig durch die Lande irrt, dem Galgen entgegen! Prinz Moritz Dietrich öffnete die Thür und Prinzeß Valerie lag an ſeiner Bruſt. Valerie war ſo erſt recht ſchön, an des Prinzen Bruſt war ſie an ihrer einzig rechten Stelle, neben keinem an⸗ dern Manne wäre ſie ſo ſchön erſchienen. Der Prinz war groß und ſetattlich, ſehr ſtark, aber voll imponirender Würde; Sie war üppig, aber doch ſchlank und ihr diſtinguirtes, geiſtvolles, kühnes Geſicht bildete den glücklichſten Gegenſatz zu dem runden vollen Antlitz des Prinzen, das beinahe mehr hochmüthig als vornehm erſchien, um deſſen etwas großen Mund ein ſtereotypes leichtſinniges Lächeln ſchwebte, das in ſeinen ſtarken Zügen den ſinnlichen Charakter des Fürſten verrieth, der viel genoſſen hat und noch viel Kraft und Luſt zum Genuß beſitzt; ein Geſicht, das gewiß ſehr unſchön geweſen wäre ohne dieſe großen blauen Augen, deren Ausdruck beſtändig wechſelte, aus denen bald die ſchneidige Klinge des Geiſtes aufblitzte, die der Franzoſe esprit nennt, bald die Flamme fliegender Begeiſterung loderte, bald vetiſch⸗tränmeniſches Wohlwollen traulich leuchtete. Waren die heftigen Bewegungen der Prinzeſſin edel trotz ihrer Raſchheit, ſo waren die edeln Bewegungen des Prinzen oft raſch trotz ſeiner ſtarken Figur. Sein ganzes — 77— Benehmen war gehalten und würdevoll und das Bewußt⸗ ſein eines vornehm wohlwollenden, aber überlegenen Gei⸗ ſtes, das ſich darin ausſprach, verſöhnte mit dem Ver⸗ letzenden, was das nicht minder ſtark prononcirte fürſtliche Standesbewußtſein haben mochte. Es war ein Chevalier aus der erſten Zeit des großen Ludwig, ein grand Seigneur der Fronde, und auch in ſeinem Aeußern verrieth der Prinz, daß ihn eine weite Kluft von der Gegenwart trenne. Er trug ſich ſauber mit einem Anſtrich von Aengſtlichkeit, die weiße Spitzen⸗ cravatte, das weiße geſtickte Gilet, das Unterkleid von weißem Caſimir, die weißſeidenen Strümpfe, der blaue mit Silber geſtickte Phantaſiefrack, die zahlloſen Ringe, die an den fleiſchigen Händen blitzten, das Alles verrieth einen Mann, deſſen Geiſt in einer Zeit heimiſch war, in welcher auch die Männer für ihr Aeußeres ſorgten und ihre Toilette noch nicht mit der lächerlichen Albernheit mißachteten, welche erſt die cultivirte Barbarei unſerer Tage erfunden hat. Der Prinz drückte das ſchöne Weib, das an ſeiner Bruſt lag, herzlich in ſeine Arme und ſtreifte die heißen rothen Lippen mit einem leichten Kuß, dann zog er Valerie neben ſich in. den alterthümlichen Sopha, ſchlang ſeinen Arm um ihren glänzenden Nacken und küßte feurig die runde bloße Schulter. Prinzeß Valerie litt das mit einer ſo zärtlichen Dul⸗ dung und ſo glänzenden Augen, daß der Prinz wohl ſehen konnte, wie innig ſeine Liebkoſungen erwiedert wurden, obwohl Valerie ſcheinbar paſſiv blieb. 278— Ein langes, eifriges Geſpräch folgte, der Prinz war von Allem, was Valerie ſagte, enchantirt und charmirt, fand das Ausſehen ſeiner Gemahlin prächtig, hatte Alles, was geſchehen, vorausgeſehen, plaiſantirte aufs Anmu⸗ thigſte und Leichtſinnigſte über das Abenteuer Valeriens mit dem Wildhans und küßte ſcherzend und lächelnd im⸗ mer wieder die ſchönen Hände der Prinzeſſin, jeden der ſchmalen, zarten Finger einzeln, und wurde weder ergriffen noch gerührt von der Erzählung des Wildmeiſters, die ihm Valerie in kurzen Worten wiedergab. Selbſt die Ent⸗ deckung, daß der Wildhans ſeines Bruders Franz Julius Sohn war, imponirte ihm nur mäßig, das duftige weiche Haar Valeriens, das er aus dem Knoten gezogen und nun durch ſeine Finger gleiten ließ, ſchien ihm weit amü⸗ ſanter, als die romantiſche Geſchichte; aber er fand es köſtlich, daß in dem romantiſchen Walde, in dem zerfalle⸗ nen Jagdſchloß, bei dem grauen Wildmeiſter, daß in dieſer Umgebung ſeine Gemahlin Geſchmack auch an dieſem „Genre“, wie er ſagte, gewonnen. Die Prinzeſſin wurde faſt böſe, als ihr Gemahl gar nicht ernſt werden wollte, und als ſie etwas pathetiſch ſchloß: ſo irrt nun Ihres Bruders Sohn als Räuber und Mörder in fremde Lande umher! da brach der Prinz in ein ſchallendes Gelächter aus. Beleidigt erhob ſich Valerie; der Prinz aber warf ſich vor ihr nieder und nöthigte ſie zum Sitzen, jedoch nicht ohne die günſtige Gelegenheit zu benutzen und das zier⸗ liche Knie der Dame zärtlich zu drücken: Pardon, meine Theuerſte! Sie müſſen dieſen etwas heftigen Ausbruch — 79— meiner Lachluſt verzeihen, und Sie werden es, wenn ich Sie verſichere, daß ich den armen ermordeten Voiſenon vor etwa einer Stunde geſprochen habe. Unmöglich! rief die Prinzeſſin. Foi de Gentilhomme!l verſicherte der Prinz. So eilen Sie, mein theurer Prinz, laſſen Sie den alten Wildmeiſter rufen, der ſich bittere Vorwürfe macht, daß er den Wildhans, den er für den Mörder hielt, ent⸗ fliehen ließ, weil er ſeiner Schweſter Sohn! Der Prinz erhob ſich, um die Klingel zu ziehen, als er aber im Vorübergehen einen Blick durch's Fenſter warf, rief er: Derangiren wir uns nicht, da kommt dieſer arme Voiſenon ſchon an und dieſer gute von Tornow iſt bei ihm.— Welch ſtattliches Paar, das? Valerie trat neben ihrem Gemahl au's Fenſter, und in der That, da ſchritt ein ſtattliches Paar heran; ein rieſenhafter Mann in langem blauen Rock und eine nicht viel kleinere Dirne, ebenfalls im Sonntagsſtaat, die einen kläglich ausſehenden, dürren alten Mann auf ihren ver⸗ ſchränkten Händen in den Schloßhof trugen; der Wild⸗ meiſter ging heftig ſprechend neben her. Mon Prince, erklären Sie mir! bat Valerie und legte ihre Hand auf den Arm, ihre Wange an die Wange des Prinzen. Meine himmliſche Valerie, meine ſüße Valerie! ich weiß nichts, als daß ich vor einer Stunde etwa, wie ſchon geſagt, dieſen pitoyabelſten von allen Ihren Anbetern, dieſen köſtlich tollen Voiſenon, in ganz derſelben Situation auf der Landſtraße fand; ich wollte ihn mit in meinen — 80— Wagen nehmen, aber der Schelm verſicherte mir, ſeine zerſchmetterten Glieder würden das Fahren nicht aushal⸗ ten. Da habe ich ihn— mich trieb die Sehnſucht nach Ihnen, ſüße Valerie— ſeinem Schickſal, oder vielmehr jenem Paar von Rieſenkindern überlaſſen, und irre ich nicht, ſo hat dieſer Schuft von Voiſenon ebenſowenig zer⸗ ſchmetterte Glieder als ich, ſondern er iſt nur, wie immer, in das rieſenhafte Frauenzimmer verliebt und es kitzelt ihn, endlich einmal von einem Frauenzimmer auf Händen getragen zu werden— denn das iſt dem häßlichen Affen noch nicht paſſirt. Bitte, mein theurer Prinz, rufen Sie Herrn von Tor⸗ now, damit wir erfahren, wie ſich die räthſelhafte Sache verhält! bat Valerie neugierig. Der Prinz klingelte und auf ſeine Einladung erſchien der alte Wildmeiſter, aber ſein Geſicht war finſter, finſterer noch als zuvor. Er erzählte, der Herr Secretair Voiſenon ſei von der Grenzſtadt aus in einem Einſpänner herüber⸗ gekommen, um Ihrer Durchlaucht Garderobe zu bringen; der Herr Secretair müſſe etwas verrückt ſein, denn er ſage, er habe die Romantik nicht ſtören wollen, darum habe er allein die Reiſe angetreten und ſich im Walde verirrt. Er ſei mit einem Jäger, der ihm begegnet, in Streit gerathen, habe mit ihm gekämpft und ſei von die⸗ ſem endlich nach längerer Gegenwehr überwältigt und rückwärts in einen Steinbruch geſtürzt worden. Der berüchtigte Wildſchütz, Wildhans geheißen, fuhr der würdige Edelmann fort, iſt der Jäger, mit dem Herr von Voiſenon gekämpft; er iſt flüchtig mit dem Wagen — 81— und mit der Garderobe Ihrer Durchlaucht. Herr von Voiſenon ſcheint die Nacht über in einer tiefen Ohnmacht gelegen zu haben, denn als heut Morgen meines Kohlen⸗ voigts Tochter von Ziegel⸗ Roden mit ihrem Bräutigam herüber kam, um für einen Freund um ein Mädchen zu. werben, das ſich bei dem Jäger im Mühlthal aufhält, da fanden ſie dieſen Herrn Voiſenon und trugen ihn auf ihren Händen hierher. Der Chirurg verſichert, bis auf einige Quetſchungen und Schrammen ſei dem Herrn Se⸗ cretarius kein Leides geſchehen. Der Wildmeiſter hatte das wie einen dienſtlichen Rap⸗ port geſprochen. Der Prinz ergötzte ſich, indem er der Prinzeſſin allerlei Scherze über den Zweikampf ihrer beiden Anbeter, des Wildhans und des Secretairs, zuflüſterte, die ſich als Nebenbuhler inſtinktiv gehaßt, ohne ſich zu kennen; die Prinzeſſin aber kam zu dem Wildmeiſter und ſprach tröſtend: Nun, mein theurer Herr von Tornow, freuen Sie ſich nicht, daß dieſer Bericht den Wildhans von dem Verdacht des Mordes befreit? Nein, Durchlaucht, verſetzte der alte Edelmann feſt, es tröſtet mich nicht, daß meiner Schweſter Sohn blos ein Dieb iſt und kein Mörder. Offenbar war nach dem Begriff des alten Herrn ein Mörder lange nicht ſo ſchlimm als ein Dieb. Der Prinz ging nun ſelbſt hinunter mit dem Wild⸗ meiſter, den er mit feinem Gefühl durchaus nicht zu trö⸗ ſten verſuchte, neckte ſeinen wunderlichen Secretair, der allerdings ungefähr wie ein Affe ausſah, auf's unbarm⸗ herzigſte, zwang ihn aufzuſtehen und umherzugehen; unter Heſekiel, Schmal geweckt. I. 6 — 382— hielt ſich dann ganz verſtändig mit dem Claus Wöllwerth, dem er ſofort die Kohlenvoigtſtelle ſeines Schwiegervaters zuſagte, ſcherzte endlich mit der Cläre, bei der er ſich bei der erſten Kindtaufe zu Gevatter bat und ihr ſchließlich einen von ſeinen vielen Ringen huldreich zum Geſchenke machte. Huldvoll entließ er die Leute, befahl, den alten penſio⸗ nirten Jagdleuten im Schloſſe Wein zu geben und ver⸗ fügte ſich wieder zu ſeiner Gemahlin. Claus aber, der nun erſt mit ſeiner Cläre nach dem Jägerhauſe im Mühlthale ging, um für den ſchwarzen Brand um die runde Walpurga, die Pathin des Jägers, zu werben, ſagte zu ſeiner Braut: Nein, Cläre, wie Du mit ſo einem vornehmen Herrn zu ſprechen weißt, das kann keine im ganzen Walde ſo wie Du!— VII. Ein Admiralsabend. Der regierende Fürſt hatte auf Bitte des Prinzen Moritz Dietrich einen Herrn von Curiſé zum Oberfloß⸗ meiſter ernannt. Dieſer Herr von Curiſé war auf ſeinen weiten Seereiſen mit dem Prinzen bekannt und vertraut geworden und hatte ſich auf deſſen Einladung entſchloſſen, die zweite Hälfte ſeines Lebens auf dem feſten Lande und zwar am Hofe des Prinzen zu verleben. Um den alten — 33— Freund zu erfreuen, ließ ihn Prinz Moritz Dietrich zum Oberfloßmeiſter ernennen, die einzige Charge des Fürſten⸗ thums die„zu Waſſer“ zu vergeben war. Der Fürſt und der Prinz, der Hof und die ganze Stadt endlich nannten den alten Seemann ſcherzend„unſer Admiral,“ was dieſer gutmüthig hinnahm, ſich aber alsbald dafür durch eine höchſtluſtige„Geſchichte der fürſtlichen Marine“ rächte, in welcher er mit wahrhaftem Humor das klägliche Leben, Leiden und Sterben eines Kahns ſchilderte, der an einer Kette im Schloßteich faulte. Der arme gichtkranke Fürſt, der von Schmerzen ge⸗ foltert, ſeit Jahren keine heitere Stunde gehabt, hatte ſich das Buch von ſeinem witzigen Vorleſer, dem Hofrath Schuſter, vortragen laſſen und dabei ſo gelacht, daß er auf eine Weile ſeiner Schmerzen ganz vergeſſen. Seit⸗ dem gehörte Herr von Curiſé zu den entſchiedenen Günſt⸗ lingen des Fürſten und jeden Abend mußte Hofrath Schu⸗ ſter bei Hofe ein Capitel aus den noch ungedruckten Me⸗ moiren des Herrn von Curiſé, vorleſen, die derſelbe unter dem Titel:„Grünes Land und blaue Wogen“ in der Fürſt⸗ lichen Hofbuchhandlung erſcheinen laſſen wollte. War ein ſeltſamer Menſch dieſer Herr von Curiſé, er hielt es z. B. für ſeine Pflicht, jeden Abend das Hof⸗ theater zu beſuchen, obgleich daſſelbe, ein fürſtlicher Kam⸗ merfourier hatte es in Entrepriſe, nicht eines Beſuches werth war und obgleich ſich weder die Narren von Co⸗ mödianten, noch die Meerkatzen von Schauſpielerinnen nach den weiſen Vorſchriften richteten, die der gute Herr von Curiſé allwöchentlich im fürſtlichen Morning-Chroniele 6* — 84— für ſie veröffentlichte. Nach dem Theater ſah man Herrn von Curiſé regelmäßig in der berühmten Reſtauration von Fuchſius, die durch ihn eigentlich erſt in Aufnahme ge⸗ kommen war. Dort ſaß der friedliche, wohlbeleibte Herr, behaglich ſchlürfte er ſeine Flaſche ſpaniſchen Weins und ermunterte die Leute, die ſich um ihn ſammelten, zum Theaterbeſuch. Bedeutenden Erfolg hatten ſeine Ermun⸗ terungen aber nicht, denn das Theater war wirklich zu ſchlecht und die Leute hörten lieber nach dem Theater Herrn von Curiſé über das Theater ſprechen, als daß ſie ſelbſt hingingen. Unſer Admiral war ſehr bald eine der populairſten Figuren der Reſidenz geworden und wenn man auch über ſeine Theaterſchrulle lachte, ſo hörte man ihn doch gerne und amüſirte ſich über die Hartnäckigkeit, mit der er darauf beharrte, die Reſtauration von Fuchſius ſein Kaffeehaus zu nennen, obwohl noch Niemand daſelbſt Kaffee getrunken. Ebenſo amüſant war's für die Beſucher von Fuchſius, daß Herr von Curiſé ſein ſtetes Getränk daſelbſt, den ſpaniſchen Wein, an den er ſich in den Ker⸗ kern der Inquiſition im ſpaniſchen Amerika wegen der feuchten Kerkerluft gewöhnt haben wollte, mit eiſerner Con⸗ ſequenz für Dünnbier ausgab, obwohl es für keinen Men⸗ ſchen ein Geheimniß war, daß Fuchſius auf Recomman⸗ dation des Herrn von Curiſé ſeine Weine direct aus den Kellern des Groß⸗Inquiſators in Santa fé de Bogota bezog.— Nur an zwei Abenden in der Woche war Herr von Curiſé niemals in ſeinem Kaffeehauſe zu finden; dieſe Abende waren Sonntag und Mittwoch. — 85— Sonntags befand ſich unſer Admiral ſtets im„Maſt⸗ korb,“ dieſen Namen hatte er einem Verein von Schrift⸗ ſtellern, Dichtern und Künſtlern der Reſidenz gegeben, den er geſtiftet. Jedes Mitglied theilte in dieſem Verein mit, was es künſtleriſch oder poetiſch geſchaffen, und konnte des Erfolgs ſtets ſicher ſein, wenn aus dem Maſtkorb ihm zugerufen wurde: Land! Land! Mittwochs Abends aber blieb unſer Admiral im Kreiſe ſeiner Familie, in ſeinem Hauſe; es war das der Tag, an dem ſich in ſeinen Sa⸗ lons, namentlich in dem alterthümlichen Bücherſaal, die Elite der Geſellſchaft der Reſidenz verſammelte. Da kamen die Damen, die Herren vom Hofe, die höheren Beamten, die Dichter, die Künſtler, Fremde von Diſtinc⸗ tion u. ſ. w., um keinen Preis hätte man einen Mittwoch Abend bei Herrn von Curiſé verſäumt, ja die Prinzeß Valerie ſetzte nie eine Soirée oder ein Hoffeſt für den Mittwoch an, um nicht in eine gefährliche Concurrenz mit dem„Admiralsabend,“ ſo nannte man dieſe Geſell⸗ ſchaft, zu gerathen. Am Mittwoch war auch nie Theater. Der heutige Admiralsabend war ganz außerordentlich glänzend und wo möglich noch zahlreicher beſucht als ge⸗ woöhnlich, beſonders war heute der Hofadel ſtärker als je vertreten, denn man wußte beſtimmt, daß Prinz Moritz Dietrich auf eine Stunde erſcheinen werde, und das war ein Ereigniß, denn der Prinz, aber faſt noch mehr ſeine Gemahlin, die Prinzeſſin Valerie, war bei der Kränklich⸗ keit des Fürſten ſchon jetzt der eigentliche Regent des — 26— Landes und ſeine ganze Zeit von den Staatsgeſchäften in Anſpruch genommen. Der leichtſinnige Apanageprinz war ein gewiſſenhafter Regent geworden. In einer Fenſterbrüſtung des blauen Salons ſtehen zwei Herren, in einer von jenen leichten Converſationen begriffen, in die der Fremde ſtets mit dem Einheimiſchen geräth, der ihn in eine Geſellſchaft einführt. Frage und Antwort. Der Fremde iſt ein langer ſchwarzgekleideter zuge⸗ knöpfter alter Herr mit ſpitzem Geſicht, der Einheimiſche, ein ſtattlicher Mann von einigen dreißig Jahren mit dunk⸗ lem Haar und dunklen Augen, äußerſt ſorgfältig gekleidet, trägt eine blaue Hofuniform, ein rothes Ordensband um die weiße Cravatte, und folgt, eine goldne Lorgnette vor dem Auge, den fragenden Winken des ſchwarzen Herrn. Und Jener dort mit dem rothen Bart und den männ⸗ lichen, wie aus Sandſtein gehauenen Zügen? Ach, das iſt unſer Peter Viſcher, der berühmte Erz⸗ gießer Bär, und neben ihm der kleine Herr mit dem wunderlichen Haartoupet, ſehen Sie, Profeſſor, der ſich da ſo ungenirt durch die Damen drängt und für jede einen gemüthlichen Scherz hat, das iſt der Hofarchäologe, der große Hieroglyphenentzifferer Blanc! Und die hübſche junge Dame da neben Herrn von Curiſé, mit den Roſen im Haar, ſehr lebhaft, jetzt eben iſt ſie von einer Wolke von jungen Herren umgeben? Ich weiß ſchon, iſt eine Nichte unſeres Admirals, ſoll ich Sie vorſtellen, lieber Profeſſor? — 87— Danke, ſieht mir nicht aus, als ob ſich das hübſche Kind viel um alte Gelehrte kümmere! Sie mögen Recht haben; da kommt die Schweſter unſeres Admirals, die gnädige Tante, wie ſie von allen Freunden des Admirals genannt wird; ich muß ihr mein Compliment machen,— entſchuldigen Sie! Der lange Profeſſor ſtand allein, der Legationsrath von Michalsky, der ſich in einer Privat⸗Angelegenheit ſeines Fürſten ſeit mehreren Wochen in dieſer Reſidenz aufhielt und ihn bei Herrn von Curiſé eingeführt hatte, war verſchwunden und faſt unheimlich fühlte ſich der arme Gelehrte in dieſem glänzenden Salon. Aber ſchon hatte der umſichtige Blick der Frau vom Hauſe ſeine Verlegenheit entdeckt: Frau von Curiſé ver⸗ ſtand es, für Jeden ihren Salon angenehm zu machen, ſie trat zu dem Gelehrten, der erſchrak beinahe vor dem Rauſchen der ſeidenen Robe, mit einem freundlichen Lä⸗ cheln in den leuchtenden Augen ſprach Frau von Curiſé: ich bitte um Ihren Arm, Herr Profeſſor, meine Tochter wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen, wir haben in vo⸗ riger Woche mit großem Intereſſe ihr treffliches Buch über Thorwaldſen und Oehlenſchläger geleſen! Die Augen des ſchwarzen Profeſſors ſtrahlten vor Freude und die Freundlichkeit, mit der Fräulein Claudia von Curiſé dem berühmten Aeſthetiker ihre hübſche Hand reichte, verſetzte dieſen in eine Art von Trunkenheit, in der er ſo trefflich ſprach, wie ſonſt nie auf dem Katheder. Doch dauerte des Profeſſors Converſation mit Fräulein Claudia nicht lange, man hörte einige volle Accorde an⸗ — 38 ſchlagen: Meine Tante Cäcilie ſingt, flüſterte das Fräu⸗ lein dem Profeſſor zu, meine Tante iſt eine Schülerin der Catalani, der Hofcapellmeiſter Hatſch begleitet ſie. Und Tante Cäcilie ſang: Tief in der Nacht voll Kummer 7 In öden Finſterniſſen Wälz' ich mich ohne Schlummer, Kann ohne Dich nicht ſein. Mein einſam Lager tränk' ich Mit Thränen unaufhaltſam, Ach, Dein ſo viel gedenk' ich— Und nimmer denkſt Du mein! Brauſender Beifall belohnte die Bravour, die vollen⸗ dete Präciſion, mit der die Dame die Barcarole geſungen. In dem Augenblick aber ging eine bedeutſame Bewegung durch die Geſellſchaft: der Prinz! die Prinzeſſin! flüſterte man; die Damen des Hauſes eilten durch die Reihen der Gäſte, um die durchlauchtigſten Herrſchaften zu empfangen, denen Herr von Curiſé bereits entgegen gegangen war. Den langen Profeſſor kümmerte das wenig, er war nicht muſikaliſch, ſchon während des Geſangs hatte er ein ſehr gelehrtes Geſpräch mit dem Alterthümler Blanc über deſſen nahe bevorſtehende ſechſte Reiſe nach Aegypten an⸗ gefangen, in welches die Herren ſich um ſo ungeſtörter vertiefen konnten, als vor ihnen der reiche Fabrikant Hol⸗ felder ſtand, der ſich, vermuthlich im Intereſſe großer Handelsſpeculationen, vergeblich bemühte, den Hofrath von Sellbey über die neueſten politiſchen Conjunkturen auszuhorchen. Allen Fragen des ſpeculirenden Kaufmanns —— — 89— ſetzte der gewiegte Staatsmann ein ebenſo undurchdring⸗ liches als vieldeutiges Lächeln entgegen. Prinzeß Valerie hatte in dem italieniſchen Salon auf dem Sopha Platz genommen; die Prinzeß iſt gealtert, ſeit wir ſie in der Dianenburg verlaſſen, die Jahre ſind nicht ſpurlos an ihr vorübergegangen, aber ſie iſt faſt ſchöner als damals, ſie hat mehr Fülle und ſcheint kräftiger. Nicht fern von ihr ſteht Prinz Moritz Dietrich, er iſt noch etwas ſtärker geworden, aber ſonſt völlig unverän⸗ dert; mit dem alten leichtſinnigen Lächeln, mit der alten Leichtigkeit macht er Fräulein von Curiſé, die er ſtets ſeine Reine Claude nennt, den Hof, oder ſcherzt mit der jüngſten der drei Schweſtern unſeres Admirals, deren helles Lachen für ihn etwas Anſteckendes zu haben ſcheint. Jetzt tritt unſer Admiral mit dem Legationsrath von Michalsky in den Damenkeeis, der ſich um den Prinzen gebildet. Gnädigſter Herr, Sie haben mir erlaubt, Ihnen mei⸗ nen Freund den Herrn Legationsrath von Michalsky zu präſentiren! Der Prinz wandte ſich, die beiden Männer ſchauten einander, beide ſichtlich überraſcht, in die Augen, ſie waren indeſſen ſo ſehr Herren ihrer Bewegung, daß Niemand ihre gegenſeitige Ueberraſchung bemerkt hatte; herablaſſend, aber angenehm herablaſſend gab ſich der Prinz, weltmän⸗ niſch fein der Legationsrath; ſie geriethen bald in ein eifriges Geſpräch. Sie ſtanden allein inmitten eines Kreiſes, der ſich ehrfurchtsvoll um ſie ſo weit gebildet, daß Niemand dem Geſpräch folgen konnte. — 90— Merkwürdig, wie ähnlich der Prinz unſerm Legations⸗ rath ſieht, ſagte der Bildhauer Bär zu dem berühmten Dichter Ehrenberg, der neben ihm ſtand. Es iſt der Prinz in's Brünette überſetzt! entgegnete der Dichter in ſeiner körnigen Weiſe. Ich möchte ſchwören, flüſterte ein langer Kammerjunker dem Bildhauer zu, der Legationsrath iſt der Sohn des Prinzen, und ſeine Mutter war eine ſchmucke Brünette! Wiſſen Sie etwass bitte, bitte, beſtes Kammerjunkerchen! fragte neugierig eine alte wohlbeleibte Hofdame, die das Kammerjunkerchen allerdings über die Taufe gehalten haben mochte. Die Aehnlichkeit war wirklich frappant, nur lag ſie nicht ſowohl in dem gleichen Schnitt der Züge oder in der Figur, ſondern viel mehr in den Bewegungen, in dem Weſen und ganz beſonders in dem ähnlichen Klange der Stimme. Man vernahm nur einzelne Worte des franzö⸗ ſiſch geführten Geſprächs, aber Beide ſprachen daſſelbe etwas altmodiſche, ſtark prononcirte Hoffranzöſiſch ſo gleich klingend, daß man glauben konnte, Frage und Antwort kämen aus einem Munde. Die Gruppe, deren Mittelpunkt der Dichter Ehren⸗ berg war, beobachtete ſcharf. Der Prinz führte den Le⸗ gationsrath zu der Prinzeſſin. Es iſt keine Täuſchung, die Prinzeſſin entfärbt ſich, ſie hat Roth aufgelegt, aber man ſieht trotzdem ihr Er⸗ blaſſen, ihre Lippen ſind farblos, das iſt ein zorniger drohen⸗ der Blick, den ſie dem Legationsrath zuſchleudert; dieſer — 91— ſcheint ebenfalls für einen Moment ſeine Faſſung verloren zu haben. Prinz Moritz Dietrich hat Alles geſehen, Alles be⸗ merkt, aber Andere haben's auch geſehen. Keine Scene, ich bitte! flüſtert Prinz Moritz faſt un⸗ hörbar ſeiner Gemahlin zu und Prinzeß Valerie erhebt ſich ſchnell gefaßt, nimmt Abſchied von den Damen und ſich dann zum Legationsrath wendend: Ihren Arm, Herr Legationsrath!. Der Diplomat führte die Prinzeſſin zu ihrem Wagen; als er zurückkehrte, wechſelte er einen raſchen Blick mit dem Prinzen, der darauf faſt noch eine Stunde im Salon verweilte, mit Dichtern und Damen, Gelehrten und Künſt⸗ lern heiterer Geſpräche pflegend. Nachdem er den Salon verlaſſen, verlief ſich die Ge⸗ ſellſchaft allmälig und nur die näheren Freunde des Hauſes ſammelten ſich in herkömmlicher Weiſe in dem alterthüm⸗ lichen Bücherſaal. In dem braun getäfelten Saal, deſſen Wände mit Bücherborden verſetzt waren, ſaßen fünf Herren um einen runden Tiſch, unſer Admiral, der Alterthümler Blanc, der Dichter Ehrenberg, der Bildhauer Bär und der Ka⸗ pellmeiſter Hatſch; die Dame vom Hauſe und Fräulein Claudia hatten auf dem Sopha Platz genommen und be⸗ lebten durch ihre Gegenwart nicht wenig die bald nur Funken ſprühende, bald tiefer eingehende Converſation der Herren. Als der Legationsrath, der den fremden Profeſſor erſt in ſeiner Equigage nach dem Gaſthof zurückgeſendet, in — 92— den Bücherſaal trat, rief ihm der Hofarchäologe Blanc mit rückhaltloſer Offenheit entgegen: iſt mir lieb, iſt mir lieb, Michalsky, daß ich Sie noch ſehe, ich glaubte, der zür⸗ nende Blick einer Prinzeſſin würde einen ſo loyalen Mann, wie Sie, auf der Stelle tödten! Aller Augen richteten ſich auf den Legationsrath, der aber nickte und lächelte den Damen zu, ließ ſich in einen hochlehnigen Armſtuhl nieder, in welchem außer ihm Nie⸗ mand ſitzen durfte, und füllte ſich einen prächtigen Glas⸗ Pokal mit ſtark duftendem kalten Punſch, zu welchem unſer Admiral das Recept in den Kerkern der ſpaniſch⸗amerika⸗ niſchen Inquiſition, während ſeines längern Aufenthaltes in denſelben, erfunden hatte. Der Legationsrath leerte, ſeiner Gewohnheit gemäß, ſeinen Becher zweimal raſch hinter einander, dann aber begann er, ein Lieblingsthema unſeres Admirals berüh⸗ rend, mit dieſem eine ſo eifrige Converſation, daß nicht weiter von dem Blick der Prinzeſſin geſprochen werden konnte. Frau von Curiſé und Fräulein Claudia blickten ein⸗ ander lächelnd an, ſie hatten verſtanden, daß der Lega⸗ tionsrath für's Erſte wenigſtens nicht gefragt ſein wollte. Die Geſpräche der Herren wurden nach und nach immer lebhafter, es wurden ſehr viele Gläſer von dem lieblichen ſpaniſch⸗amerikaniſchen Inquiſitionskerker⸗Punſch getrunken, die Damen entfernten ſich und wurden nur von Zeit zu Zeit an der Thür des Saals ſichtbar; durch das Schlagfeuer der Worte dampfte zuletzt köſtlicher Ci⸗ garrenrauch empor, lautes Gelächter, heitrer Scherz, hoch⸗ fliegende Pläne wurden vernehmbar, bis endlich unſer — 93— Admiral genügende Beweiſe unüberwindlicher Müdigkeit gegeben. Die Herren erhoben ſich nach und nach, nur der ägytiſche Hieroglyphenentzifferer war nicht vom Platz zu bringen. Durch allerlei diplomatiſche Künſte und das Verſprechen, ihm ſofort in ſeiner Wohnung eine alte Scharteke zu zeigen, gelang es dem Legationsrath endlich, ihn in ſeinen Wagen zu locken. Das war ein Admiralsabend.— VIII. Erklärungen. Der Wagen des Herrn Legationsrath's! meldete der Kammerdiener. Herr von Michalsky ſtand völlig ange⸗ kleidet vor dem Spiegel und beſpritzte ſich, ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß, mit einigen Tropfen fleur d'Orange, jenem ſoliden altmodiſchen Parfüm, das ſich vorzugsweiſe in den legitimiſtiſchen Familien des Pariſer Faubourg St. Germain, in Erinnerung an König Ludwig XIV., der es bekanntlich über die Maßen liebte, erhalten hat.— In dem Augenblick, da Herr von Michalsky die Treppe hinunterſtieg, wurde ihm ein parfümirtes Billet überreicht — es war von Frau von Curiſé, die den Diplomaten erſuchte, ſich zu einer beſtimmten Stunde des Vormittags zu ihr zu bemühen. Herr von Michalsky, der überhaupt pünktlich war und 94— Damen nie warten ließ, der in Frau von Curiſé überdem aber ſeine beſondere Freundin verehrte, regelte ſofort ſeine Morgenbeſuche anders und hielt zur beſtimmten Stunde vor dem Hauſe unſeres Admirals. Man führte ihn in das Boudoir der Dame vom Hauſe, und er ſchien nicht eben verwundert, neben der⸗ ſelben noch eine Dame zu finden. Dieſe zweite Dame war die Prinzeſſin Valerie. Der halb ſpöttiſche, aber halb auch gnädige Blick, mit dem die Prinzeſſin ſeinen Gruß erwiederte, ſagte dem Le⸗ gationsrath, daß die Freundſchaft der Frau von Curiſé ihm ſchon das geleiſtet, was die Diplomatie bona officia nennt. Beinahe ganz ohne Verlegenheit begann die Prinzeß: wir haben uns ſchon früher gekannt, mein Herr! Michalsky verbeugte ſich ſchweigend. Ach, reden Sie! rief die Prinzeß lebhaft. Ich würde nicht gewagt haben, daran zu erinnern! Mein Gott, das iſt faſt zehn Jahre her,— meine geſtrige Aufwallung war eigentlich ein wenig komiſch; der Prinz, mein Gemahl, hat mich beauftragt, Ihnen einige Fragen vorzulegen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie dieſelben beantworten oder auch nicht beantworten, ganz wie es Ihnen gutdünkt; ich wollte Ihnen nur bemerken, daß wirkliches Intereſſe für Sie meinen Gemahl zu dieſem Schritt vermocht hat und daß Sie nichts zu fürchten haben. Ich bin zu Befehl, Ew. Durchlancht! Frau von Curiſé wollte das Zimmer verlaſſen. Bleiben Sie, liebe Curiſé! befahl die Prinzeß, die wäre; ſie fuhr indeß fort: Ihre verſtorbene Mutter war — 95— Geheimniſſe, um die es ſich hier handeln kann, ſind die des fürſtlichen Hauſes und ich habe allein über die Mit⸗ theilung derſelben zu verfügen. Herr Legationsrath, ken⸗ nen Sie das Geheimniß Ihrer Geburt? Noch nicht, Durchlaucht! Noch nicht! alſo Sie ſind ihm auf der Spur, Sie ſtreben es kennen zu lernen? Tadeln Ew. Durchlaucht dieſes Streben? Nein, gewiß nicht; wie weit ſind Sie? Meine bisherigen Forſchungen führten mich an dieſen Hof und eine gewiſſe Familienähnlichkeit mit— Mit dem Prinzen, meinem Gemahl, unterbrach die Prinzeß lebhaft, verführte Sie zu einem falſchen Schluß! Der Legationsrath verbeugte ſich. Hören Sie, Ihre Nachforſchungen haben Sie richtig an dieſen Hof geführt; die von Ihnen erwähnte Aehnlich⸗ keit iſt unbeſtreitbar, aber der Schluß, den Sie daraus gezogen haben, iſt dennoch falſch. Sie ſind nicht der Sohn des Prinzen, meines Gemahls, wohl aber der Sohn des verewigten Prinzen Franz Julius, des Bruders mei⸗ nes Gemahls— Der Legationsrath richtete ſich ſtolz auf, ſeine Augen ſtrahlten und ſein Geſicht hatte plötzlich denſelben charac⸗ teriſtiſchen Zug von offenem Hochmuth, der dem Prinzen Moritz Dietrich in früheren Jahren namentlich ſo eigen geweſen. Prinzeß Valerie ſagte ſich ſelbſt, daß Michalsky dem Prinzen nicht ähnlicher ſein könne, wenn er deſſen Sohn — 96— ein Fräulein von Tornow, eine Schweſter des alten Wild⸗ meiſters von Tornow, den Sie ja noch gekannt haben. Michalsky nahm ſich mit Mühe zuſammen, er ſchien etwas fragen zu wollen, die Prinzeß aber ließ ihn nicht zu Wort kommen: ich weiß, was Sie fragen wollen; leider wird meine Antwort für Sie nicht ſo befriedigend ausfallen, als Sie vielleicht hoffen,... der verewigte Prinz Franz Julius war nicht vermählt mit Ihrer Mutter! Es entſtand eine kleine Pauſe, die Prinzeß blickte for⸗ ſchend, die Dame vom Hauſe theinahmvoll in das An⸗ geſicht des ſtolzen Mannes, der ſich ohne eine Miene zu verändern für einen Baſtard erklären hörte. Ew. Durchlaucht, entgegnete er nach einer kurzen Pauſe, empfangen meinen unterthänigſten Dank für die offene Mittheilung, die mich von der quälenden Unruhe befreit, welche mich ſeit Jahren bedrückt hat. Ich fürchte, begann die Prinzeß etwas milder, die Auflöſung des Räthſels, nach der Sie ſo lange geſucht haben, iſt nicht ganz zu Ihrer Befriedigung ausgefallen, indeſſen hat der Prinz mein Gemahl, mich beauftragt, daß er für ſeines Bruders Sohn, für ſeinen Vetter, gern etwas thun würde. So ſteht dem nichts im Wege, daß Sie den Namen Ihrer Mutter führen; die von Tornow ſind mit dem alten braven Wildmeiſter ausgeſtorben, man könnte von einem befreundeten Hofe für Sie einen Grafentitel verlangen, Sie haben in dieſer Beziehung nur dem Prinzen, meinem Gemahl, oder mir, Ihre Wünſche auszuſprechen. Der Legationsrath begann eine ziemlich geläufige Dank⸗ rede, die Prinzeß ſchnitt ihm aber wiederum das Wort — 97— ab: davon und von Ihren Wünſchen an einem andern Ort, jetzt, aber das ſpricht nicht die Prinzeſſin, ſondern Ihre alte Gefährtin, kann ich wohl ſagen, in den Wäl⸗ dern um Dianenburg, jetzt, lieber Legationsrath, können Sie uns nichts von Ihrem Thun und Treiben mittheilen, ſeit wir uns nicht geſehen? Der Legationsrath verneigte ſich, er fühlte ſehr gut, daß dieſe Frage nach ſeiner Vergangenheit eben ſo wohl zu dem Auftrage der Prinzeſſin gehörte, als die voran⸗ gegangene Erklärung. Ew. Durchlaucht, begann er, haben zu befehlen; das bunte Leben eines Abenteurers ſoll mit genau der Aufrichtigkeit, die Sie von einem ganzen Poeten und halben Diplomaten irgend erwarten können, vor Ihnen ausgebreitet werden. Das heißt, Sie werden mir einen hübſchen Roman erzählen? fragte die Prinzeß lächelnd. Durchlaucht, entgegnete Michalsky aufrichtig, ich werde Vieles verſchweigen, Manches in ein beſſeres, Einiges vielleicht in ein ſchlimmeres Licht ſetzen, aber ich werde nicht lügen; ſind Sie damit zufrieden? Vollkommen, es iſt mehr, als ich erwarten konnte, aber halten Sie auch Wort! Der Legationsrath blickte ſich einen Augenblick in dem Spiegel an, der über dem Fauteuil hing, auf dem die Prinzeß ihm gegenüber ſaß, dann begann er: Meine Jugend iſt Ew. Durchlaucht bekannt, ich bin unter den Bauern aufgewachſen, die um den alten Thurm von Tor⸗ now wohnten, von dem, wie ich nun erfahren, die Familie meiner Mutter ihren Namen hatte; ich war ein wilder, Heſekiel, Schmal geweckt. I. 7 — 98— unbändiger Geſell, das Blut, das in meinen Adern floß, ließ mich die ſo höchſt reſpectable Thätigkeit der Bauern verachten, im Wald aber war ich heimiſch. Ich fühlte mich, ohne eine Ahnung meiner Herkunft, vornehmer als meine Umgebungen, das machte mich unzufrieden erſt, dann trotzig,— im Wald betrachtete ich mich als einen Herrn, die Waffe war von je meine Freude, es drängte mich zur That, Kampf war meine Sehnſucht; ich jagte, die Jagd iſt eine Art Krieg,— was that's, daß ſie mich einen Wilddieb ſchalten?— ich habe nie den Gewinn geachtet, aber ich führte Krieg mit den Jägern und Forſtbeamten, ich mußte Krieg führen und ich war ſtolz, den Namen des Wildhanſen zu einem gefürchteten gemacht zu haben. Ew. Durchlaucht haben den Wildhans gekannt,— die Prin⸗ zeſſin lächelte und nickte,— Frau von Curiſé, meine gütige Freundin, wird verzeihen, daß ſich ein ehemaliger Wild⸗ ſchütz in ihre Salons gedrängt; ja ich bin mit Luſt Wild⸗ dieb geweſen, vielleicht wäre ich's noch, oder vielmehr wäre ich längſt im Zuchthaus vergeſſen als beſtrafter Wilddieb, wäre mir nicht eines Tages der Gedanke ge⸗ kommen, Kutſche und Pferde zu ſtehlen, um mit einer kleinen Jägersdirne, als ein vornehmer Mann, in die weite Welt zu fahren. Eines Tages nämlich begegnete mir im Wald ein ganz verwunderlicher Patron, ich weiß jetzt längſt, daß es der Secretair Sr. Durchlaucht des Prinzen geweſen und daß er nicht an den Folgen unſeres Zuſammentreffens geſtorben; mit ihm gerieth ich in einen Streit, in einen Kampf, und ich warf ihn endlich kurz und gut in einen Steinbruch, ich glaubte, er habe den Hals gebrochen. Ueber das, was in Folge dieſer Hand⸗ lung zunächſt mit mir geſchehen, bin ich mir eigentlich nie recht klar geworden; ich glaube, daß der alte Wildmeiſter von Tornow, mein Herr Oheim, mich gehindert hat, das hübſche kleine Jägermädchen mit mir zu nehmen; ich ſelbſt aber bin mit dem Wagen, dem Pferd, den Kleidern und dem Paß des Herrn Voiſenon glücklich nach Belgiſch⸗ Holland entkommen. In Lüttich— Was haben Sie dort mit meiner Garderobe gemacht, die Sie in dem Wagen gefunden haben müſſen? fragte die Prinzeſſin ſpöttiſch. Der Legationsrath aber war nicht aus der Faſſung zu bringen: ich habe ſie verkauft, Durch⸗ laucht, entgegnete er einfach, und, wie ich fürchte, bedeu⸗ tend unter dem Werth. Die Damen lachten, der Legationsrath fuhr fort: So war ich denn Wilddieb, Mörder, wie ich glaubte, Pferde⸗ dieb, Wagendieb, kurzum ein Dieb, aber glücklich über die Grenze; in Lüttich machte ich an einem öffentlichen Orte zufällig die Bekanntſchaft eines engliſchen Lords mit einem unendlich langen, blaſſen Geſichte und zwei großen, runden, nichtsſagenden waſſerblauen Augen darin, und gefährlich ſteifen und ſpitzen Vatermödern in der weißen Cravatte— Schweigen Sie, rief Prinzeß Valerie lebhaft, ich will Ihnen den Namen dieſes Lords ſagen; es war der Earl of Malahide. Der Legationsrath verbeugte ſich zuſtimmend; er hielt es für klug, die ihm wohlbekannte frühere Verbindung der Prinzeß mit dem Lord zu ignoriren. Die Prinzeß v 7* — 100— erkannte dieſe Zurückhaltung durch ein wohlwollendes Nei⸗ gen ihres ſchönen Kopfes an. Ich ließ mich, fuhr der Erzähler fort, von dieſem edlen Lord mit nach Paris nehmen; dahin trieb es mich, obwohl ich ſchwerlich etwas zu antworten gewußt haben würde, wenn man mich nach dem Grunde gefragt hätte. Es war meine Beſtimmung, nach Paris zu gehen und dort ein neues Leben zu beginnen. Der Lord hielt ſich nicht lange in Paris auf, aber er hatte mich an mehrere Fran⸗ zoſen ſeiner Bekanntſchaft empfohlen; man hielt mich für einen Engländer von guter Familie, meine Unkenntniß der franzöſiſchen Sprache verdeckte den Mangel alles Wiſſens, ein Mangel, der mich um ſo tiefer drückte, je ſchneller ich begriff, das Wiſſen die einzige Macht ſei, durch die ich mich aus der elenden Stellung eines gemeinen Abenteurers emporheben könne zu einer Bedeutung im Leben. Nun, wenn der Mann auch nicht Alles kann, was er will, viel kann er gewiß bei feſtem Willen. Vormit⸗ tags war ich, unter dem Vorwand, franzöſiſch und fran⸗ zöſiſche Lehrmethode zu ſtudiren, Zuhörer und nicht zah⸗ lender Schüler in einer öffentlichen Schule, Nachmittags war ich ſchlecht honorirter Lehrer in einer Fechtſchule und Abends las ich alle Bücher, die ich auf Empfehlung der Freunde des Lords von Malahide aus den öffentlichen Bibliotheken geliehen erhalten konnte. Das ging eine Weile, ich lernte Vieles, aber doch nicht viel. Bald wußte ich mir beſſer zu helfen, als ich z. B. italieniſch lernen wollte, holte ich mir die nöthigen Grammatiken und Wör⸗ terbücher aus den Bibliotheken zuſammen und lernte, was — 101— ich für mich lernen konnte, die Ausſprache lauſchte ich einem Maccaronikoch und einer mehr als mäßig häßlichen Dame, die einſt bei der Oper geweſen war, ab; ſobald ich mich aber nur etwas ſicher fühlte, kündigte ich mich als italie⸗ niſchen Sprachmeiſter an und lernte als Lehrer erſt die Sprache vollſtändig. Die lateiniſche Sprache iſt mir am ſchwerſten geworden und ſchwerlich würde ich's in derſelben zu einiger Vollkommenheit gebracht haben, hätte mich nicht ein alter Chorherr von St. Germain l'Auxerois einſt la⸗ teiniſch angeredet; einen ganzen Winter hindurch dispu⸗ tirte und las ich jeden Abend bis tief in die Nacht hinein mit dem freundlichen alten Herrn. Solches Leben habe ich mehrere Jahre hindurch getrieben, oft hungernd, immer darbend, ſtets gequält von dem brennendſten Ehrgeiz, aber auch oft geſtärkt und getröſtet von der Wahrheit des Satzes: Wiſſen iſt Macht! Nach fünf Jahren unermüd⸗ licher Arbeit, nach tauſend Liſten, nach tauſend Lügen und Verſtellungen, eine immer abenteuerlicher als die andere, in die mich meine Lage hineinzwang, konnte ich mir ſagen, daß mich mein Wiſſen zu einer Stellung im Leben be⸗ fähigte; in dem Augenblick dieſes Triumphes aber waren meine geiſtigen und leiblichen Kräfte erſchöpft und ich verfiel in ein hitziges Fieber. Der Legationsrath hielt einen Augenblick inne, ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, endlich fuhr er fort: In einer ärmlichen Manſarde des lateiniſchen Viertels war ich erkrankt, hatte ich die Beſinnung verloren, in einem reich ausgeſtatteten Schlafzimmer erwachte ich wie⸗ der zur Beſinnung.—— — 102— Ich habe nie erfahren, wie ich in dieſe reichen Umge⸗ bungen gekommen; meine Wohlthäterin beobachtete darüber ein eigenſinniges Stillſchweigen. Denken Ew. Durch⸗ laucht an kein Liebesverhältniß, es war nicht die Liebe, die das Kind der Liebe rettete und ſchützte, ich will kurz ſein. Als ich zum erſten Male das Bett verlaſſen hatte und ſchwach noch, aber doch lebensmuthig, in einer Sophaecke lehnte, ließen mich die Aerzte und Diener, die mich bis dahin ſorgfältig gepflegt, aber keine meiner Fragen beant⸗ wortet hatten, plötzlich allein. Leiſe wurde eine Flügel⸗ thür geöffnet, und zwei Koſaken rollten einen Lehnſeſſel bis dicht vor meinen Sopha. In dieſem Lehnſeſſel ſaß eine alte Dame in Seide und Pelz gehüllt, die, eine gol⸗ dene Lorgnette vor den Augen, mich aufmerkſam betrachtete. Befremdet ſtarrte ich dieſe befremdende Erſcheinung an, aber ich ſah nichts, als ein kleines weißes, abgemagertes Antlitz mit farbloſen, kalten, ſtrengen Augen und faſt blutloſen Lippen, in einer Haube von ſchwarzen Spitzen, alles Uebrige, bis auf die ſchmale, magere Hand, welche die Lorgnette hielt, war in ſchwarzer Seide und ſchwar⸗ zem Pelz verhüllt. Ich machte eine Anſtrengung aufzu⸗ ſtehen, die alte Dame aber winkte mir und ſprach kalt: bemühen Sie ſich nicht aufzuſtehen, Auguſtin, Sie ſind noch zu ſchwach dazu; die Aerzte wollten auch meinen Beſuch noch nicht zugeben, aber ſie ſind unzuverläſſig alle, alle Betrüger! Dann ſchwieg die alte Dame wieder, fuhr aber fort, mich durch ihr Glas zu betrachten. End⸗ lich ſprach ſie: Adieu für heute, Auguſtin; ſchonen Sie ſich, Sie ſehen noch ſehr elend aus, morgen werde ich — 103— Sie wieder beſuchen! Sie winkte ihren Koſaken, die bis dahin rechts und links neben ihr wie Bildſäulen geſtanden, und wurde, wie ſie gekommen, durch die Flügelthüren wieder hinausgerollt. Ich kann Ihnen nicht ſagen, welche Empfindungen ich hatte, als ich mich wieder allein ſah; ich quälte mich entſetzlich. Endlich kam ich zu dem Re⸗ ſultat, es finde eine Verwechſelung ſtatt, man halte mich für einen Herrn Auguſtin, der mir völlig unbekannt. Alle Fragen an die Aerzte und die Bedienung waren vergeb⸗ lich, ich ſtellte ſie ein. Täglich kam die alte Dame und machte mir ihren wortkargen Beſuch. Als ich mich ſtärker fühlte, wurden mir Bücher gebracht, die Dame kam nicht mehr zu mir, ſondern ließ mich um meinen Beſuch bitten; ich fand Sie in ihrem mit orientaliſchem Luxus aus⸗ geſtatteten Zimmer eben ſo wortkarg als früher. Ich blieb Auguſtin und verſuchte ich zu fragen, ſo wies ein kalter, ſtrenger Blick mich zurück. Sobald ich mich ganz geſund fühlte, war ich natürlich nicht der Mann, der das länger ertrug, ſondern ſetzte die Dame kurz und gut davon in Kenntniß, daß ich ihr Haus zu verlaſſen gedenke und ihr danke. Die greiſe Frau hörte mir aufmerkſam zu, dann fragte ſie kalt: haben Sie Aeltern? Nein. Geſchwiſter? Nein. Freunde? Nein. Was haben Sie denn? Muth, Jugend und Kenntniſſe! antwortete ich keck. — 104— Der wunderlichen Frau ſchien die Antwort zu gefallen, ſie ſah mich zum erſten Male freundlich an, wiegte eine Weile das kleine Köpfchen und ſprach dann: Sie werden hier bleiben, Auguſtin, bei mir; ich habe muthige Männer gern, der General war auch muthig, ſehr muthig, und der Capitain hatte viele Kenntniſſe und war eben ſo jung wie Sie— es zitterte eine ſeltſame Weichheit durch die Stimme der Dame, als ſie ſo ſprach— Sie werden hier bleiben, Sie werden ſich Herr von Michalsky nennen laſſen, Sie werden ſtudiren, Sie werden eine Carrière zu machen ſuchen, Sie werden ſich beluſtigen, kurz— Sie werden thun, was Ihnen beliebt. Nach Gefallen werden Sie in meinem Salon erſcheinen, ich empfange jeden Abend, ich werde Sie Auguſtin nennen, warum? das kann Ihnen gleichgültig ſein; mich werden Sie Frau Generalin nennen, warum? weil der General Zukof⸗ Michalsky mein Gemahl war; mein Kaſſirer wird Ihnen monatlich zweitauſend Rubel Silber zahlen, Adieu! Es lag etwas ſo Gebietendes in dem Weſen und in der Stimme der Generalin, daß ich unwillkürlich gehorchte und was hätte ich auch Beſſeres thun können? Ich ſagte mir: die Generalin hat vermuthlich einen Sohn oder auch einen Enkel in deinem Alter verloren, der dir vielleicht ähnlich war, kurz, ich nahm die mir vom Glück gebotene Stellung an. Nun begann mein zweites Pariſer Leben, ſo gänzlich verſchieden von dem erſten, glänzend, oft in den Genüſſen aller Art aufgehend, oft raſtlos nach einer politiſchen Bedeutung ringend, die mir trotz alles Glückes verſagt blieb. In der Regel ſah ich die Generalin täg⸗ — lich, äußerlich blieb mir die ſeltſame alte Dame ebenſo fremd, wie am erſten Tage, indeß bemerkte ich wohl, welchen Antheil ſie an meinem Leben und Treiben nahm; am liebſten war ich ihr, wenn ich mal eine Zeitlang ſo recht in Saus und Brkus lebte und recht toll wirthſchaftete. Einen wahren Genuß ſchien ſie zu haben, wenn ſie Schulden für mich bezahlen mußte. Ich erklärte mir das, vermuthlich erinnerten ſie ſolche Vorgänge beſonders leb⸗ haft an ihren Sohn oder Enkel, jenen Herrn Auguſtin, an deſſen Stelle ich getreten war. In der Welt wußte man übrigens von der Generalin nur, daß ſie die Wittwe des Generals Zukof⸗Michalsky und ſteinreich ſei. Ein vornehmer Ruſſe nur, der einſt meinen Namen hörte, fragte mich: Sie ſind ein Verwandter der berühmten Generalin? ein Compliment, das ich mit einer ſtummen Verbeugung erwiederte. In jener Zeit wurde ich mit dem Erbprinzen Adolar, meinem jetzigen Fürſten, bekannt, er verlieh mir den Titel, als ich in ſeinem Auftrage einige diplomatiſche Geſchäfte, die ihm eine ſehr bedeutende Summe retteten, geordnet; ſeinen Orden gab er mir, als ich die Unterhandlung, die wegen ſeiner Vermählung ge⸗ führt wurde, zu einem glücklichen Ende gebracht hatte. Das, Durchlaucht, ſind meine diplomatiſchen Großthaten; mein Ordensband war die letzte Freude der alten Generalin, einige Tage ſpäter ſtarb ſie plötzlich. Die Kaiſerlich Ruſ⸗ ſiſche Geſandtſchaft ließ ſofort überall Siegel anlegen und ich ſah mich der reichen Einnahme beraubt, die mir bis jetzt zur Verfügung geſtanden. Ich hatte keine An⸗ ſprüche zu machen, nur der mir lieb gewordene Name — 106— Michalsky blieb mir, mein Fürſt hat die Gnade gehabt, mich unter dieſem Namen meiner Wohlthäterin in den Adelſtand zu erheben. Die koſtbaren Geſchenke, die mir die Generalin von Zeit zu Zeit gemacht, ſetzen mich in den Stand, ein beſcheidenes Leben, das ich gerne der Kunſt, der Literatur und Poeſie widmete, noch einige Zeit in Paris fortzuſetzen; ſpäter wollte ich meinen Fürſten um eine Anſtellung bitten. Ich verſchob das Alles, weil mich eine tiefe, leidenſchaftliche Liebe an Paris feſſelte, doch das gehört nicht hierher. Einige Monate nach dem Tode meiner Wohlthäterin wurde mir von Seiten der Kaiſerlich Ruſſiſchen Geſandtſchaft die Mittheilung ge⸗ macht, die verſtorbene Generalin von Zukof⸗Michalsky habe mir eine Summe von einhunderttauſend Rubels⸗ vermacht und Se. Majeſtät der Kaiſer habe allergnädigſt geruht, Befehl zur Auszahlung derſelben zu geben. Ich war wieder ein reicher Mann, aber allerdings nicht lange, ich ſpielte unſinnig und verſchwendete maaßlos; Paris hat größere Vermögen in kürzerer Zeit verſchlungen, als das meinige war, aber ich zweifle, ob es Jemanden giebt, der einhunderttauſend Rubel auf eine genußreichere Weiſe verſchwenden kann, als ich es gethan.— Der Legations⸗ rath ſagte das mit ſolchem Ernſt und ſolchem Stolz, daß die beiden Damen laut lachten. Sie werden uns nicht erzählen, wie Sie Ihre ein⸗ hunderttauſend Rubel verſchwendet haben, mein Herr? fragte die Prinzeſſin.— Das würde mir allerdings einige Verlegenheiten be⸗ reiten! — — — 107— Wir erlaſſen es Ihnen, aber weiter! Meine Geſchichte iſt zu Ende, Durchlaucht; mein Fürſt ſchickte mich erſt als ſeinen Reſidenten nach dem Haag, wo ich unſern Admiral und ſeine liebenswürdige Familie kennen lernte, dann ſendete er mich hierher auf meinen Wunſch, weil ich hoffte, hier das Geheimniß meiner Ab⸗ kunft zu enthüllen. Die Prinzeß erhob ſich, der Legationsrath wurde mit ſehr gnädigen Worten und allen Zeichen beſonderen Wohlwollens entlaſſen. IX. Alte Bekannte. Der Winter war gekommen über die weiten Wälder um die Dianenburg, Froſt und Sturm hatten die letzten welken Blätter von den nackten Aeſten geſtreift, kahl und wüſt ſtand der Forſt in dem naßkalten Novemberwetter. Der Winterſturm pfiff eiſig um die ſteilen Kämme und fegte unwirſch über die Blößen und die kalten Ro⸗ dungen. Mühſelig zogen die ſichtlich ermatteten Roſſe den doch nur leichten Reiſewagen vorwärts in den ausgefahrenen Gleiſen des Waldweges, der Kutſcher ſchaute beſorgt um, ſo weit ihm das der Wind und die hereinbrechende Dun⸗ kelheit geſtatteten. Im Fond des bequemen Wagens ſaßen, behaglich in — 108— ihre Mäntel gehüllt, zwei Herren, die ſich lebhaft mitein⸗ ander unterhielten. Der gelehrte Alterthümler Blanc und ſein Freund, der Legationsrath von Michalsky, ſie befan⸗ den ſich indeſſen nicht auf einer Reiſe nach Aegypten, ſondern nur auf einer Reiſe nach der Dianenburg. Der Legationsrath hatte dringende Gründe, ſich trotz des Winters nach der Dianenburg zu begeben; er wollte dort nach den Familienpapieren des alten Wildmeiſters von Tornow forſchen, nach Papieren, deren er bedurfte, um ſeine Erhebung in den Grafenſtand zu beſchleunigen. Frau von Curiſé aber hatte dem berühmten Alterthümler, der zugleich ein enragirter Bibliophile war, von einer alten Schloßbibliothek auf der Dianenburg erzählt, ledig⸗ lich um dem Legationsrath eine angenehme Reiſegeſellſchaft zu verſchaffen. Denn das war bekannt in der Reſidenz, daß der Profeſſor Blanc gern hundert Meilen zu Fuß ging, nur um eine Bibliothek durchſtöbern zu können. Frau von Curiſé hätte dem Legationsrathe keinen an⸗ genehmeren Geſellſchafter geben können, als den wunderlichen Gelehrten, der in unverwüſtlich guter Laune fortplauderte, ohne ſich viel um die trüben Gedanken und die träume⸗ riſchen Stimmungen zu kümmern, in die der Legationsrath von Zeit zu Zeit beim Anblick von Gegenſtänden verfiel, die ihn lebhafter an ſeine wilde Jugend erinnerten. Als ſie ins Biſchofsholz einlenkten, erging ſich der Profeſſor eben des Breitern in einer Unterſuchung über die Schönheiten und Mängel einer Thiergruppe, die der be⸗ rühmte Bildhauer Bär ſo eben lebensgroß in Bronce für —,— —— — 109— den Prinzen Moritz Dietrich ausgeführt hatte, den Kampf eines Dachſes mit zwei Hunden darſtellend. Dahin liegt der Klapperborn! unterbrach der Legations⸗ rath plötzlich den Profeſſor und deutete mit der Hand aus dem Wagenſchlag. Die Leſer wiſſen, welchen furchtbaren Kampf der Wild⸗ hans einſt dort beſtanden. Iſt mir lieb! antwortete der Gelehrte und ſchaute ge⸗ fällig zum Schlage hinaus, da es aber ſchon faſt ganz finſter war, ſo kehrte er ſich raſch um und beſtürmte den Legationsrath mit ſo vielen Fragen über den Dachs und die Dachshunde, daß dieſer ganz wider Willen antworten, ſich ſeinen trüben Erinnerungen entreißen und andere Dinge denken mußte. Der Wagen ſchob ſich im weichen Wege und immer dichter werdenden Finſterniß mit mühſeliger Langſamkeit weiter, die Herren im eifrigſten Geſpräch begriffen, hatten nicht Acht, und hätten es vielleicht gar nicht bemerkt, daß der Wagen endlich ganz ſtill ſtand, wenn nicht der Kutſcher mit kläglicher Stimme erklärt hätte, er habe den Weg verloren. Bei dieſer Erklärung ſprang der Legationsrath aus dem Wagen, der Alterthümler zündete ſich ſehr gleichmü⸗ thig eine Cigarre an, die er aus einem Etui nahm, deſſen Deckel von Alter und Motten zerfreſſen war, das er aber ungemein ſchätzte, weil es ſeine ſechs ägyptiſchen Reiſen mit ihm gemacht hatte. Was ſollte der gelehrte Mann auch weiter thun? Im alten Memphis wußte er trefflich Beſcheid, aus dem ägyptiſchen Labyrinth hätte er, ohne — 110— Ariadne's Faden, den Ausweg gefunden, aber in den Wäldern um Dianenburg, höchſtens tauſend Jahre alt, Bagatelle gegen die Pyramiden, da überließ er gern ſei⸗ nem Gefährten die Sorge. Der Legationsrath brauchte blos eine Minute, um ſich zu orientiren, der Wildhans war zu gut bekannt geweſen hier. Ihr ſeid gleich oben am Biſchofswald falſch gefahren, ſagte er zum Kutſcher, wir ſind im Mühlthal, der Weg führt nicht nach der Dianenburg, aber gleichviel, er führt nach Ziegelrode und wir können dort nächtigen und morgen früh auf platter Chauſſee in zwei Stunden nach der Dianen⸗ burg fahren. Der Legationsrath ſtieg wieder in den Wagen und nahm ſchweigend die Complimente hin, die ihm der Pro⸗ feſſor über ſeine Gabe, ſich ſchnell zu orientiren machte, er war wieder ganz ſeinen trüben Gedanken verfallen. Dem Gelehrten ging die Cigarre aus, er ſchlief ein, immer ungeduldiger ſchaute Michalsky aus dem Schlage, endlos dehnte ſich die Strecke Weges, die bis zu dem Dorfe zurückzulegen war. Endlich vernahm man nicht fern Hundegebell, der Wald wurde lichter, erſt rechts, dann links, denn auf beiden Seiten ſchimmerte Licht durch die Bäume, die Pferde witterten den Stall, ſie ſtrengten ihre letzten Kräfte an und verſuchten, wiewohl vergeblich einen kurzen Trab. Der Wagen hielt vor einem Gehöft und der Profeſſor erwachte; er hörte, daß ein Mann, von dem er in der dichten Finſterniß nichts ſah als den glimmenden Tabak in der kurzen Pfeife, den Legationsrath mit tiefer Stimme — 111— einlud, die Nacht bei ihm zuzubringen, da er in der Her⸗ berge ſchwerlich die nöthige Bequemlichkeit finden werde. Die Herren ſtiegen aus und folgten dem Manne der freundlichen Einladung, der, nachdem er dem Kutſcher die nöthigen Anweiſungen gegeben, ihnen voranſchritt zu einem Hauſe, deſſen ſtattliche Umriſſe ſich dunkler gegen das Nachtdunkel abſchatteten. Der gaſtliche Führer ſtieß eine Thür auf und unſere Reiſenden traten in eine freie Halle, wie man ſie in den alten weſtphäliſchen Bauernhäuſern findet; rechts war der Heerd auf dem ein gewaltiges Feuer unter einem Keſſel brannte, links der rieſenhafte Eßtiſch von blankem Eichen⸗ holz. Cläre! rief der Mann im Eintreten. Was iſt's, Kohlenvoigt! erklang die Antwort und ein ſtattliches Weib trat hinter dem Heerd hervor, da ſie aber die Gäſte erſchaute, wiſchte ſie ſich die Hand an der Schürze ab, reichte ſie den Fremden treuherzig und hieß ſie: Gott willkommen! in ihrem Hauſe. Iſt mir lieb, wenn ich Euch willkommen bin, Frauchen! ſagte der Profeſſor, ſchaute ſich zwei Mal um und ſagte dann feierlich: Legationsrath, ſie befinden ſich hier in einem ächten weſtphäliſchen Bauernhofe, dieſen Raum nennt man den Luchtoort, wie ſie in des unſterblichen Möſers Schriften des Weiteren nachleſen können. Der gaſtliche Wirth ſtarrte den Profeſſor an, aber die Frau ſchrie laut auf, als ſie dem Legationsrath ins Antlitz ſah, faßte ſich indeß raſch wieder und eilte zu ihrem Heerd, um eine Beutelgrütze zum Abendimbiß zu bereiten. — 112— Michalsky hatte ſich niedergelaſſen und muſterte bald die Einrichtung des Hauſes, bald die beiden Leute, der Wirth aber hörte mit unverhehlter Bewunderung dem Profeſſor zu, der fortwährend auf ihn einredete: ſehen Sie geſchätzter rusticus, das Haus eines ächten weſtphäliſchen Bauern iſt, wie der unſterbliche Möſer in ſeinen Schriften anmerkt, ſtrohbedeckt in mächtigem Fachwerk von Eichen⸗ gebälk und bunt von Ziegeln erbaut. Merken Sie auf, ſehr geſchätzter rusticus, ob Möſer einen Bauernhof in ſeinen weſtphäliſchen georgicis, wie man ſie wohl nennen darf, richtig ſchildert. Er ſagt: ſeitwärts von dem gewölbten Thor des Vordergiebels ſtehen die Pferde, dann auf bei⸗ den Seiten nach der langen Dreſchtenne zu die Kühe, dann im Hintergrunde liegt auf bunt gepflaſtertem Grunde der Heerd; hier an dieſem traulichen Platz, von dem aus man das ganze Haus überſieht, ſammeln ſich Abends Mann und Weib, Kind und Geſinde,— und der Pro⸗ feſſor declamirte ſeinen Möſer luſtig weiter, der gaſtliche Wirth ſtand und ſchaute ihn verblüfft an, die Pfeife war ihm ausgegangen vor lauter Erſtaunen, die ſtattliche Frau hinter dem Heerde ließ den Legationsrath, der ſinnend auf der Bank ſaß, keinen Moment aus den Augen, rief aber doch, als der Profeſſor ihren Mann wieder: geſchätzter rusticus titulirte, ziemlich ärgerlich: Herr, mein Mann iſt fürſtlicher Kohlenvoigt und nicht rusticus! Iſt mir lieb, Kohlenvoigt, rief der Profeſſor freundlich, Kohlenvoigt, loyaler Freund, ſagte er dann zu dem Lega⸗ tionsrath, werdet ihr's vor Euch verantworten können bei einem Carbonari zu nächtigen? Der Profeſſor lachte V — 113— wohlgefällig über ſein Wortſpiel und fuhr im Möſer fort, der Legationsrath aber erhob ſich plötzlich und ſprach mit ernſter Stimme: Guten Abend, Claus Wöllwerth! Blitzſchnell drehte ſich der Kohlenvoigt herum und rief: das iſt eine bekannte Stimme! die ſtattliche Frau aber fuhr hinter dem Heerde hervor und mit blitzenden Augen ſchrie ſie: Kohlenvoigt, kennſt Du den Wildhanſen nicht mehr? Die Männer ſtanden ſich zum erſten Male wieder gegenüber ſeit jener entſetzlichen Stunde im Klapperborn, langſam erhob der Legationsrath ſeine Hand und ſtreckte ſie dem ehemaligen Feinde entgegen, der Kohlenvoigt zögerte— J, ſchlag nur ein, drängte Cläre, der Wildhans iſt ein Herr geworden, da wird er nicht alten Hader mit Dir ausfechten wollen! Feſt und bieder fiel die ſchwere Hand des Kohlenvoigts in die des Legationsraths, die Cläre aber redete eifrig weiter: Nun, Wildhans, oder Herr, oder wie Ihr Euch nennt, hab' ich's Euch nicht geſagt damals, daß Ihr zu einem Herrn geboren, und daß Ihr die arme Jägerkäthchen laſſen ſolltet;— doch die Frau ſetzte ihre Rede nicht fort, ſie ſprang plötzlich wieder zu dem Keſſel, das Abendeſſen ihres Kohlenvoigts war ihr viel wichtiger als alle Er⸗ zählungen von Vergangenheit und Zukunft. Iſt mir lieb, Legationsrath, begann der Profeſſor, nachdem er ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, daß Ihr hier alte Bekanntſchaften trefft,— aber der arme Profeſſor hatte heute immer Unglück, es hörte Niemand auf ihn, da reſignirte er ſich denn kurz, zündete ſich eine Heſekiel, Schmal geweckt. I. 8 — 114— Cigarre an, holte ſich einen zerriſſenen Kalender, der auf einem Fenſterſims lag und begann gemüthlich zu leſen. Auf der Bank drüben ſaß der Legationsrath und plauderte halbleiſe aber ſehr eifrig mit dem Kohlenvoigt, er war ſehr vertraut mit ihm, und von fünf zu fünf Minuten kam die Cläre hinter ihrem Heerd hervor und gab ihr Wort auch mit drein. Endlich aber erſchien die ſtattliche Frau wieder und trieb ein ganzes Rudel Kinder vor ſich, flachs⸗blond und blauäugig alle, die nannte ſie alle mit Namen ihrem Gaſt, die Maritſebie(Marie Eliſabeth) die Fielenor(Sophia Elenora), und endlich den Stolz des Hauſes, den„Dickkopf.“ In den weſtphäliſchen Gütern erbt das Gut auf den jüngſten Sohn, der deshalb der Dickkopf genannt wird. Kaum hatte der Profeſſor die Kinder erblickt, ſo hatte er ſeine Cigarre und ſeinen Kalender weggeworfen, zwei Minuten ſpäter balgte er ſich mit ihnen auf der Diele herum und die Cläre hatte den gelehrten Mann plötzlich ſo lieb gewonnen, daß ſie noch ein großes Stück Schinken mehr in den Keſſel that, als ſie ſich erſt vorgenommen. Das Abendeſſen war bereitet, die jüngeren Kinder wurden zu Bett gebracht, obwohl namentlich der dreijäh⸗ rige„Dickkopf,“ der den ſchönen Namen Sweethert(Süß⸗ herz) führte, auf's Entſetzlichſte brüllte, als man ihn von ſeinem neuen Freunde, dem Profeſſor trennen wollte. Die beiden älteſten Töchter Maritſebie und Fielenor blieben am Tiſch, an dem außer den Gäſten und den Wirthsleuten auch ſämmtliche Knechte und Mägde nach kurzem ehrlichen Tiſchgebet Platz nahmen und wacker zulangten von der kräftigen feſtlichen Abendſpeiſe. Dem verwöhnten Gourmand, das war der Legations⸗ rath allerdings etwas, ſagte ſein heimathliches Gericht allerdings nicht beſonders zu, deſto tüchtiger aß der Pro⸗ feſſor und ſtieg nur noch höher in den Augen der ſtatt⸗ lichen Cläre, die beinahe eine Art von zärtlicher Zunei⸗ gung, nicht für den gelehrten Mann, wohl aber für den harmloſen Kinderfreund und tüchtigen Eſſer faßte. Die Beutelgrütze war übrigens trefflich. Das iſt ein weſtphäliſches Gericht, Waizengraupen, Roſinen, gedörrte Pflaumen, Aepfel und Birnen werden in einem Beutel in einem Keſſel mit einem tüchtigen Stück Schinken zuſammengekocht und dann mit geſchmolzner Butter und Streuzucker angerichtet.. Bis ſpät hinein in die Nacht ſprach der Legationsrath heimlich mit Claus Wöllwerth, dem Kohlenvoigt, der Pro⸗ feſſor aber, der ſich mit der ſtattlichen Cläre noch eine Weile über die Kinder, namentlich aber über den Dickkopf, ſehr gemüthlich unterhalten hatte, mußte entſetzlich müde ſein, denn er, der ſonſt nie zum zu Bette gehen zu be— wegen war, gähnte verſchiedene Male ganz gewaltig laut und declamirte: die Uhr ſchlägt zehn, die Uhr ſchlägt zehn, ich möchte wohl zu Bette geh'n! Frau Cläre erfüllte auch bereitwillig den Wunſch des Gelehrten und führte ihn zu einer Bühne, wo ein ſtatt⸗ lich Bett für ihn zugerichtet war. Am andern Morgen in aller Frühe fuhren die Herren nach der Dianenburg. Als der leichte Wagen des Legationsrathes in den Hof der Dianenburg einfuhr, fand er nur mühſam ſeinen 8* — 116— Weg durch die rieſigen Holzhaufen, die kunſtverſtändig klafterweiſe aufgebaut, den ganzen Raum einnahmen. Der Schloßhof war zum Holzhof geworden. Endlich hielt der Wagen vor dem Schloſſe, die Rampe war verſchwunden, eine ſchmale Treppe führte zu dem engen Thürchen, das ſich furchtſam zu öffnen ſchien unter dem rieſigen Portal, deſſen weite Wölbung vorſichtige Sparſamkeit mit alten Backſteinen zugeſetzt hatte. Ueberall tiefe Stille. Niemand empfing die Reiſenden. rofeſſor Blanc ſchlenderte neugierig in die unbekann⸗ ten Räume des verfallenden Jagdſchloſſes hinein, er ſchien zu hoffen, daß ihn ſein guter Stern zu der alten Biblio⸗ thek führen werde, mit der ihn Frau von Curiſé geködert. Der Legationsrath trat, ohne Jemanden zu bemerken, aber auch ohne bemerkt zu werden, in offenbar bewohnte Räume; es war die Wohnung des Wildmeiſters. Langſam durchſchritt der von allerlei Erinnerungen mächtig beſtürmte Mann mehrere Gemächer, die mit Jagd⸗ geräthſchaften, Hirſchgeweihen, Waffen, Bildniſſen fürſt⸗ licher Perſonen und Jagdſcenen aller Art nicht elegant, aber in vornehmer Weiſe decorirt. Der Legationsrath ſchenkte all dieſen Dingen ungemein wenig Aufmerkſamkeit, es trieb ihn vorwärts, er ſuchte Jemand. Er brauchte nicht mehr zu ſuchen, die, welche er ſuchte, trat ihm plötzlich aus einem Seitenzimmer entgegen. Das war eine blaſſe magere Frau, die in dunkle Ge⸗ wänder gekleidet mit faſt unhörbarem Schritte ihm ent⸗ gegenglitt und mit leiſer Stimme fragte: Mit wem habe ich die Ehre? —— — 117— Es war ein ſeltſamer Blick, mit dem der Legations⸗ rath in das verblaßte Antlitz der frühe hingewelkten jungen Fraublickte. Die Augen der Damen ſchauten erſt gleichgültig, dann plötzlich belebten ſie ſich und ſchienen nun haſtig ängſtlich zu forſchen, zu ſuchen in den Zügen des Legationsraths. Der faßte ihre Hand, neigte ſich langſam nieder und drückte die ſchmalen Finger an ſeine Lippen. Sie ließ ihm ihre eine Hand, die andere aber legte ſie auf das Haupt des Legationsraths, als wolle ſie ihn ſegnen, und ſie zitterte heftig.. Ihr Auge war naß, aber eine Thräne weinte ſie nicht. Der Legationsrath richtete ſich auf— Käthchen!— ſagte er leiſe. Laſſen wir das, nahm die Dame lebhaft das Wort, darf ich um Ihren Namen bitten? Legationsrath von Michalsky. Ich danke Ihnen, Herr Legationsrath, ſprach die Dame matt, aber lieblich, darf ich um Ihren Arm bitten, mein Gemahl iſt in dem Salon, kommen Sie. Und ſie gingen neben einander und ſie führten einan⸗ der zärtlich am Arme— wer hätte ſie erkannt, den wüſten Wildhans und das arme, liebe Jägerkäthchen! In dem alten blauen Salon, deſſen Glasthüren ſich nach dem Dianenſee öffneten, war ein Dejeuner ſervirt, der Profeſſor Blanc und einige Herren in Jagduniform waren zugegen. Der Profeſſor hatte, außer einem alten Bertuch'ſchen Journal für Luxus und Moden, ohne Einband, kein einziges Buch entdeckt, war aber dafür in dieſen Salon ge⸗ langt, wo er von dem Wildmeiſter freundlich empfangen wurde. — 118— Der Wildmeiſter trat nun auch dem Legationsrath entgegen, der ihm von ſeiner Frau vorgeſtellt wurde. Der Wildmeiſter hieß den Gaſt, der ihm einen Brief des Prinzen Moritz Dietrich überreichte, gaſtfreundlich will⸗ kommen, der Wildmeiſter, der zu des Wildhans Zeiten der vornehme Jägerburſch beim Vater des Käthchens war, er erkannte ſeinen Nebenbuhler nicht. Mit zarteſter Aufmerkſamkeit geleitete der Wildmeiſter ſeine Gemahlin zur Tafel, mit der liebevollſten Sorgfalt bewachte er ihre Blicke, ihre Bewegungen. Der Legations⸗ rath ſah das Alles, er ſah noch viel mehr, er ſah, daß die ſtille bleiche Frau dem Tode zueilte, er ſah, daß ſie an gebrochenem Herzen gekrankt, daß ſie ihn, nur ihn geliebt und den Wildmeiſter wohl erſt in einem Gefühl von Dankbarkeit und aus Nachgiebigkeit gegen den Wunſch ihres Vaters zum Gemahl genommen habe. Die Wildmeiſterin vermied es, im Laufe des Tages mit dem Legationsrath allein zu ſein, aber verſtohlen fiel zuweilen ein leuchtender, warmer Blick auf den Mann, den ſie ſo ſehr, den ſie einzig geliebt, deſſen Verluſt ihr das Herz gebrochen. Als am Abend der Legationsrath mit den geſuchten Papieren aus dem Schloßhof fuhr und die Dianenburg verließ, ſagte er erleichtert aufſeufzend: Nun iſt der Wild⸗ hans todt! ganz todt! Iſt mir lieb! entgegnete der Profeſſor Blanc und warf verächtlich das zerriſſene Mode⸗Journal bei Seite, das die einzige Ausbeute ſeiner Reiſe bildete.— Die Zürgermeiſter von Prenzlau. — Sohwer, wie eine lange Nacht, lag's über dem geliebten Vaterlande, jenes große Unglück, das mit den ſchwarzen Tagen von Saalfeld, Jena und Auerſtädt über uns ge⸗ kommen war. Noch war jener ſchöne Morgenſtern nicht aufgegangen, der den hoffenden und harrenden Preußiſchen Herzen anzeigte, daß der Tag der Befreiung komme; noch hatte der Major von Schill nicht durch die Kühnheit ſeines Huſarenzuges bewieſen, wie trotzig und unverzagt das Preußiſche Herz noch geblieben, trotz all' den ſchweren Schickſalsſchlägen; noch hatte er nicht mit ſeinem Blut beſiegelt, was er und Tauſende mit ihm fühlten; aber es ging allbereits ein heimlich Rüſten durch das ganze alte Preußenland, ein geiſtig Rüſten zunächſt,— und die Herzen wurden bereitet in langer Prüfung, bevor die harte Hand der Märker und Pommern nach dem ſchneidigen Stahl faßte und nach der ſchweren Muskete, deren Kolbe ſo furchtbar„fluſchte“ in ihren mächtigen Fäuſten. In jener ſchweren Zeit haben ſo Viele gelitten und. geſtritten mit Gott für König und Vaterland, lange bevor dieſe heiligen Worte der Schild⸗ und Wehrſpruch Preußens wurden; geſtritten und gelitten im engen Kreiſe, in tiefer Stille. Niemand hat ihre Namen öffentlich genannt, die eherne Trompete der Fama hat ihren Ruhm nicht über die Lande geſchmettert; aber ein Auge hat ſie doch ge⸗ ſehen, und es iſt ihnen doch ihre Belohnung geworden in dem ſchönen Bewußtſein treu erfüllter Pflicht gegen König und Vaterland. Die Zahl jener Ehrenmänner wird immer kleiner im Lande. Werden doch auch die Reihen der Helden des großen Befreiungskampfes mächtig dünn ſchon; bald wird von denen, welche die Jugend zu dem Kriege der drei großen Jahre erzogen und bereiteten in der Stille, kaum Einer noch übrig ſein. Hand an die Mütze! vor dem ſtolzen Kämpen mit dem eiſernen Kreuz, oder der ſchlichten Medaille am verblichenen Bande; aber: Hand an die Mütze! auch vor denen, die Helden waren in trüber Nacht und als feſte Preußen ſtanden im tiefſten Unglück. Ach, es geht ſich viel luſtiger und beſſer auf den Feind, Schulter an Schulter im Donner der Feldſchlacht, wenn alle Tam⸗ bours den„Plumpſack“ hauen, als auf das Rathhaus zu dem feindlichen Kriegs⸗Commiſſair, der das Kalb verlangt und die Kuh dazu, und oft noch ganz andere Dinge. Es giebt da ein Heldenthum, das auch ſein Recht hat. Jedem das Seine! ſteht auf lateiniſch im Stern des hohen Ordens vom Preußiſchen ſchwarzen Adler; auf deutſch aber da ſteht's hoffentlich in allen Preußenherzen, und wo's nicht ſteht, da muß es hinein, je eher je beſſer, denn die Gerechtigkeit iſt's, die ein Volk erhöht. Da ging an einem Herbſttage des Jahres 1807 ein ſtiller, alter Mann durch eine der reinlichen Straßen der — 123— guten Stadt Prenzlau, der alten Hauptſtadt im Uckerlande; ſchlicht iſt ſein Gewand und ſchlicht ſein Weſen, aber es iſt eben Einer jener Helden, die Niemand kennt außer Gott. Kaum die Nächſten wiſſen's, wie viel Noth und Unheil der ſchlichte Mann abgewendet von ſeinen Mit— bürgern mit eigener Aufopferung; noch Wenigere wiſſen, wie raſtlos ſich der Getreue gemüht, die Wankenden zu ſtützen, die Muthloſen zu tröſten und zu ſtärken, die Ent⸗ ſagenden wieder zu begeiſtern; wie er unverdroſſen gear⸗ beitet, in die Herzen der Jugend die Liebe für König und Vaterland einzupflanzen und zu pflegen, daß ſie wachſe, gedeihe und Früchte trage. Es iſt uns nicht erlaubt, den Namen des edlen Pa— trioten zu nennen, der nun lange ſchon den letzten Schlaf ſchläft. Wir können nur ſagen, daß er einer ſeit Jahr⸗ hunderten in Prenzlau angeſeſſenen und angeſehenen Fa⸗ milie angehörte und bei der ſtädtiſchen Verwaltung ein kleines Amt bekeidete, welches ihm ſeine ſegensreiche pa⸗ triotiſche Thätigkeit im Stillen erleichterte, wenn es ihm auch weder größere Ehre noch große Einnahme brachte. Er tritt in ein ſtattliches Haus; er grüßt an der Küche vorübergehend, die alte Magd mit freundlichem Wort und öffnet die Thür zu dem wohlhabend bürgerlich eingerich⸗ teten Gemach, in welchem ſchon der Tiſch gedeckt ſteht, denn es iſt ganz nahe an Mittag. Mit einem:„Willkommen, Herr Vetter!“ wird er bei ſeinem Eintritt von Allen empfangen, die darin verſam⸗ melt ſind. Er reicht dem Hausherrn, der Hausfrau und den Töchtern herzlich die Hand, und ſeinem Geſicht ſieht — 124— man's an, daß er gern in dieſem Kreiſe weilt; die Familie aber iſt ſo freudig um ihn bemüht, daß er es wohl glau⸗ ben muß, wenn ihm verſichert wird, daß der Donnerſtag ein Feſttag ſei für das ganze Haus, weil da der Herr Vetter zum Mittagbrod komme. Als der Herr Vetter,— ſo wollen auch wir den alten Patrioten nennen,— die ſchmucken Baſen begrüßt hatte, wendete er ſich an die Hausfrau und fragte einigermaßen befremdet:„Ei, Frau Muhme, wo ſind denn die Knaben?“ Der Hausherr runzelte die Stirn, denn die Pünkt⸗ lichkeit, auf die er ſo große Stücke hielt, die ſtrenge bür— gerliche Hausordnung war verletzt durch die Abweſenheit der Knaben, und beinahe emfindlich ward der wackre Mann dadurch berührt, daß die Unpünktlichkeit ſeiner Söhne eine ſolche Frage des Herrn Vetters hervorgerufen. Glücklicher Weiſe ſtürmten eben zwei derbe Knaben von dreizehn und vierzehn Jahren in das Gemach, ſich haſtig entſchuldigend und leichter als ſonſt Verzeihung findend bei dem ſtrengen Vater, der ſich mit einem Verweis und einer dunkeln Drohung begnügte, um des Herrn Vetters Willen, deſſen Lieblinge die Knaben waren. Die Suppenſchüſſel wurde aufgeſetzt und des Tiſch⸗ gebet von der älteſten Tochter geſprochen; darnach aber kam gleich die Frage des Herrn Vetters, wo die Kinder ſich verſpätet. Mit hochrothen Wangen und leuchtenden Augen erzähl⸗ ten nun die Knaben haſtig und faſt immer zugleich ſprechend, daß ſie vor dem Thore geweſen, und ein Franzöſiſches Reiter⸗Regiment hätten vorüberziehen ſehen. Die ſchim⸗ —,— — 1— — 125— mernde Waffenpracht, die muthigen Klänge der Trompete, die ſchnaubenden Roſſe hatten einen gewaltigen Eindruck auf die Knaben gemacht, ſie konnten nicht Worte genug finden, die Herrlichkeit zu beſchreiben. Der ſtrenge Vater ſelbſt ſchien Freude an der kriegeriſchen Begeiſterung ſeiner Söhne zu empfinden, es regte ſich das alte Preußiſche Soldatenblut in ihm; deſto verwunderter war er, als er bemerkte, daß der Herr Vetter den Löffel hinlegte, den grauen Kopf ſchüttelte und die Knaben faſt traurig anblickte. „Nun, Herr Vetter, ich denke doch,“ nahm der Vater etwas raſch, gleichſam als müſſe er ſeine Söhne verthei⸗ digen, das Wort,„ich denke doch, daß es einem rechten Jungen wohl anſteht, ſich zu freuen an der Waffen Pracht und an der Roſſe Herrlichkeit?“ „Es ſei ferne von mir, ſolches in Abrede zu ſtellen,“ entgegnete der Vetter,„aber es iſt gewiß nicht gut, daß ſich der Menſch freue an ſeiner Feinde Waffenpracht und lobpreiſe ihrer Roſſe Herrlichkeit!“ Die Stimme des alten Mannes hatte einen tiefen und ſonoren Klang, und die Redewendungen, in denen er ſprach, ließen deutlich hören, daß er viel geleſen in alten Schriften und Büchern; bei aller Schlichtheit ging durch alle ſeine Reden ein Hauch von Feierlichkeit. Da der Hausherr ſchwieg, wie er es ſtets vermied, mit dem Herrn Vetter zu disputiren, weil er deſſen Ueber⸗ legenheit anerkannte, ſo wendete ſich das Geſpräch auf andere Gegenſtände; und wenn man die ernſte Freund⸗ lichkeit, die liebevolle Herzlichkeit und Theilnahme, die der alte Mann beinahe in jedem Wort verrieth, betrachtete, — 126 ſo konnte man ſich auch die an Verehrung grenzende Liebe der Eltern und die wahrhafte Zärtlichkeit der Kinder für ihn erklären.— Donnerſtags immer und im Winter zuweilen auch am Abend des Sonntags erſchien der Vetter in dieſem Familienkreiſe; es war der einzige, den er noch beſuchte, ſonſt lebte er anſcheinend einſam in ſeiner Wohnung, war einſam in ſeinem amtlichen Beruf und einſam auf ſeinen Spaziergängen,— anſcheinend, denn im Grunde lebte er mit allen Leuten, die ſeiner irgend bedurften, in fort⸗ währender und lebhafteſter Gemeinſ chaft. In ſeiner Woh⸗ nung, in ſeiner Amtsſtube, auf ſeinen Gängen, überall wußten ihn die zu finden, die ihn brauchten; die aber, die ihn nicht ſuchten, die wußte er zu finden. Der Vetter war nie verheirathet geweſen; er war alt geworden in allgemeiner Achtung, und es lebten nur We⸗ nige noch, welche ihn in ſeiner Jugend gekannt hatten. Wenn man ſich aber von ihm unterhielt, und die Frage aufgeworfen wurde, warum doch der Vetter nicht gehei⸗ rathet haben möge, ſo wurde ſtets geantwortet, er habe um die Mutter der Frau geworben, in deren Familie wir ihn fanden, habe aber einen abſchlägigen Beſcheid erhalten, und darauf ſei er der beſte Freund ſeines bevorzugten Mitbewerbers geworden. Wahr oder falſch, der Mann mußte in hoher Achtung ſtehen, von dem man das glaubte und nacherzählte. An jenem Donnerſtage aber rief der Vetter, als er, von Jung und Alt bis zur Thür begleitet, ſich entfernte, die beiden Knaben zu ſich und ſagte zu ihnen, die ſo ſtolz — 127— waren, daß ſie neben ihm hergehen durften:„Fritz und Franz, Ihr wackern Jungen, kommt doch am nächſten Sonnabend Nachmittag zwei Uhr auf die Regiſtratur zu mir, ich will Euch was erzählen; bittet die Mutter um Erlaubniß dazu, damit ſie keine Sorge hat, wenn Ihr verweilen ſolltet bei mir, und ſeid pünktlich zur Stunde da; jetzt geht heim und haltet Euch gut in der Schule! Guten Abend, liebe Jungen!“ Jubelnd kamen die Knaben in's elterliche Haus zurück, denn eine Einladung zum Vetter war ein Ereigniß, und ſo freuten ſich Beide noch weit mehr als ſonſt auf den Sonnabend Nachmittag. Ein kleines Glas Franzwein und ein Pfefferkuchen war die Bewirthung, welche der Herr Vetter ſtets für ſolche Gäſte in Bereitſchaft hatte, und dabei ſetzte er ſich mit ihnen hin und erzählte ihnen lange ſchöne Geſchichten von all' den alten mächtigen Markgrafen und Churfürſten von Brandenburg, oder von g, den großen, gewaltigen Hohenzollernkönigen von Preußen, gen 3 g 4 und, der Herr Vetter erzählte, ſagten die Kinder, Alles, als wäre er ſelbſt dabei geweſen! Sie waren, wie geſagt, ſchon öfter zu dem Herrn Vetter eingeladen worden, aber ſtets in ſein Haus; in ſeine große Hinterſtube, wo die Wände dicht voll Bücher ſtanden bis an die Decke hinauf, noch niemals aber in die Regiſtratur auf dem Rathhauſe. Dort hatten ſie ihn auch zwar ſchon aufgeſucht, wenn ſie ihm Beſtellungen etwa von den Eltern zu überbringen hatten; aber er hatte ſie dann ganz kurz abgefertigt und ſich in ſeiner Arbeit nicht ſtören laſſen. Es mußte alſo eine ganz beſondere Bewandtniß mit der Einladung auf — — 128— die Regiſtratur haben. Die Knaben waren neugierig und ihre Schweſtern wurden es auch, und ſelbſt die Eltern hätten gern gewußt, was die Einladung zu bedeuten hatte. Aber obwohl der Vater am Freitag Nachmittag dem Herrn Vetter vor dem Thore begegnete, und obwohl der Herr Vetter am Sonnabend Vormittag, ehe er nach der Re⸗ giſtratur ging, in's Haus kam und Mutter und Töchtern einen freundlichen guten Morgen wünſchte, auch einige Augenblicke plaudernd bei ihnen verweilte, ſo fragte ihn dennoch Niemand. 3 Am Sonnabend Nachmittag mit dem zweiten Glocken⸗ ſchlag klopften die Knaben an die Thür der Regiſtratur; die Mutter hatte ihnen weiße Krägen umgelegt, die kleinen Tuchmützen hielten ſie reſpectvoll in der Hand. Die Thür öffnete ſich und der Herr Vetter ſtand vor ihnen in der Kleidung, die er in ſeinen Arbeitsſtunden zu tragen pflegte, — eine alte, aber ſehr ſaubere blaue Tuchmütze mit vier⸗ eckigem Lederſchirm auf dem ehrwürdigen grauen Haupte, und die Aermel des langen blauen Rockes durch einen Ueberzug von ſchwarzer Leinwand bedeckt, um ſie beim Schreiben zu ſchonen, oder vor etwaigen Dintenflecken zu ſchützen.— Der alte Mann ſteckte die Feder hinter's Ohr, nahm die Brille ab, und ſagte mit gewohnter Herzlichkeit, indem er den Knaben die Hand reichte:„Seid mir willkommen, Ihr lieben Kinder; es freut mich, daß Ihr pünktlich ſeid, denn wer ein ordentlicher Mann werden will, der muß als Knabe lernen pünktlich ſein, und wer im Kleinen nicht getreu iſt, der wird es auch ſelten im Großen werden!“ — 129— Danach ſchloß er die Thür hinter ihnen und lud ſie ein, ihm zu folgen. Er führte ſie durch die gewöhnliche Schreibſtube und einige Kammern, wo Repoſitorien mit Acten ſtanden, in ein enges kleines Gemach, deſſen einziges Fenſter ver⸗ gittert war. Die eigenthümliche Luft, welche ſich in Ar⸗ chiven und Bibliotheken entwickelt, jener leichte Moderduft, der eben ſo mächtig auf die Einbildungskraft, wie auf die Nerven wirkt, hauchte auch durch dieſen Raum, obwohl der alte Herr das Fenſter zuvor ſchon geöffnet hatte, um die Atmoſphäre zu verbeſſern, und die reine klare Herbſt⸗ luft hereinwehte.— Die Knaben hatten Platz genommen auf alten hoch⸗ lehnigen Stühlen, deren gepreßte Lederüberzüge ſo ſchad⸗ haft waren, daß die Kälberhaare des Polſters da und dort heraushingen; ſie ſahen erwartungsvoll den Herrn Vetter an, der ein Käſtchen auf den Tiſch ſtellte und ſich dann auf einen Schemel ohne Lehne ſetzte, dicht vor ſie hin. „Viele Tugenden zieren den Menſchen,“ nahm der Greis feierlich das Wort, während er den Knaben mit einem Blick in's Geſicht ſah, den ſie nie vergaßen,„aber die köſtlichſte von allen iſt die Treue; ja, die Treue gegen Gott, die Treue gegen den König, die Treue gegen ſich ſelbſt. Keine Tugend geht über die Treue; aber es geht auch kein Laſter über die Untreue; die Untreue iſt das ſchändlichſte Ding, was es giebt am Menſchen. Die Pre⸗ diger und Lehrer lehren Euch die Treue gegen Gott und ſeine Gebote; danach aber kommt die Treue gegen den König und das Vaterland. Die Hand des Mannes, der Heſeliel, Schmal geweckt. I. 3 9 — 130— untreu erfunden wird gegen ſeinen Herrn, gegen ſeinen Fürſten, die ſoll abgehauen werden und ein Denkmal der Schande bleiben ſeinem Namen bis auf Kind und Kindes⸗ lind. Da— Der Greis hatte das Käſtchen geöffnet, das auf dem Tiſche ſtand, zwei braune Todtenhände hatte er daraus genommen und zeigte ſie den Knaben hin, die ſcheu zurück⸗ fuhren vor dem unvermutheten ſchauerlichen Anblick. „Sehet, meine lieben Knaben, Ihr fahrt ſcheu zurück vor dem häßlichen Anblick dieſer Todtenhände; Ihr ſollt Euch aber noch mehr entſetzen vor der Untreue, welche die Männer verübten, denen dieſe Hände einſt gehörten; vor dem Treubruch und dem Verrath, den ſie an dem Fürſten begingen, dem ſie den Eid der Treue ſchwuren und dazu die Hände, die Ihr hier ſeht, aufhuben, Gott zum Zeugen anrufend. Schrecklich iſt ein gebrochener Eid und verflucht die Hand des Meineidigen! Hört mir zu, Ihr Knaben, die Ihr noch jung ſeid, ich will Euch die Geſchichte von den ungetreuen Männern erzählen, denen dieſe Hände angehörten, damit ſie Euch Abſcheu einflöße vor der Untreue, und ſolcher Abſcheu vor der Untreue Euch geleite durch das ganze Leben!“ Der Greis legte die Todtenhände wieder in das Käſtchen, ſchloß den Deckel leiſe und erzählte wie folgt: „Im Jahre eintauſend vier hundert und fünfundzwanzig war es, nach der Geburt unfres Heilandes, als die Her⸗ zöge in Pommern, Herr Caſimir, Herr Otto und Herr Wartislaff damit umgingen, ſich dieſer guten Stadt Prenzlau zu bemächtigen, welche den Markgrafen von Brandenburg „— 131— mit heiligen Eiden der Treue und Botmäßigkeit zugewendet war, an welche aber die Herren in Pommerland Anſprüche zu haben meinten, weil von Pommern aus Prenzlau einſt gegründet worden und lange bei der Herrſchaft des Pom⸗ merſchen Greifen geblieben war. Prenzlau war damals eine ſehr feſte Stadt; hohe und ſtarke Mauern mit ſechszig Weichthürmen ſchützten ſie, und während ſie auf der einen Seite durch den Uckerſee und unwegſame Sümpfe gedeckt wurde, hatte ſie ſich auf der andern Seite durch eine dreifache Umwallung geſchirmt; drei Klöſter, ſieben Kirchen, fünf Hospitäler und ein ſtattliches Rathhaus zierten die Stadt, welche mächtig war durch ein zahlreiches Aufgebot ſtreitfähiger Bürgerſchaft. Unſere Vaterſtadt wäre ſicher geweſen, unangreifbar, aber die Bürgerſchaft war nicht einig unter ſich. Es hatten ſich Parteien gebildet unter den Bürgern, ein Theil lobte die vergangene Zeit, wo Prenzlau Pommeriſch geweſen, und hielt es heimlich mit den Herzogen zu Stettin und Wolgaſt; ein anderer Theil dagegen ſtand feſt in der geſchworenen Treue zu dem Landesherrn, dem Markgrafen von Brandenburg,— und beide Theile haßten ſich als Todfeinde. Ein dritter Theil der Bürger, der ſchlechteſte, trug den Mantel auf beiden Schultern und wurde von beiden Theilen gehaßt. Dieſe Spaltung ging wie ein tiefer Riß von Oben bis Unten durch die ganze Gemeinde, und auch von den drei Bür⸗ germeiſtern, welche die Stadt damals regierten, hielten es die beiden Aeltern, Zabel Grieben und Claus Beltz ge⸗ heißen, mit den Herzogen in Pommern, während es der dritte Bürgermeiſter und der Hauptmann über die Stadt⸗ 9* — 13³32— knechte, welcher letztere Michel Rodinger geheißen, ein waidlicher Mann war, zu dem rechtmäßigen Herrn ſtan⸗ den. Der Haß aber war ſo groß zwiſchen beiden Par— teien, daß der Bürgermeiſter Zabel Grieben dem Haupt⸗ mann Rodinger die Hand ſeiner Tochter Clara, welche ein ſchönes und frommes Frauenzimmer war und den Rodinger von Herzen liebte, verſagte, weil er eben keinen Brandenburgiſch Geſinnten zum Schwiegerſohn haben mochte. Als nun am Donnerſtage, den 15. Februar 1425, welchen Tag unſere Väter den„Wenige Rinnabend“ nannten, die drei Herzoge in Pommern wirklich heran⸗ zogen, da war die Freude groß bei ihren Anhängern in der Stadt, obwohl ſie dieſelbe noch nicht laut zu äußern wagten, denn in der Stadt lag mit einem reiſigen Fähn⸗ lein der Brandenburgiſche Kriegsobriſt Herr Hans von Arnim auf Boytzenburg, ein gar ſtrenger und ſtreitbarer Herr, mit dem nicht wohl zu ſpaßen war. Der ver⸗ ſammelte auch alsbald die Bürger auf dem Markt und ermahnte ſie, dem geſchworenen Eide treu dem Markgrafen die Stadt zu erhalten und ſich zur Abwehr zu rüſten, denn er werde ſie vertheidigen auf's Aeußerſte. Aber die Worte, die der von Arnim ſprach, machten eben nur auf die Brandenburgiſch Geſinnten Eindruck; die Andern lächelten ſtill, denn die Herzoge in Pommern hatten geheime Verſtändniſſe mit ihren Anhängern in der Stadt. Am Freitag begannen die Pommern die Stadt zu beſchießen. Herr Hans von Arnim antwortete luſtig mit ſeinen Stücken von den Mauerthürmen. Es war — —— — 133— dies aber nicht von Belang; ſie thaten ſich Beide wenig Schaden, und Herr Hans von Arnim wußte gar nicht, was er glauben ſollte, als auch am folgenden Tage, am„feiſten Sonnabend,“ wie man damals ſagte, die Be⸗ lagerer nicht mehr Ernſt zeigten. Am Sonntage vor Faſtnacht, den man zu jener Zeit„der Pfaffen Faſtnacht“ nannte, ſchwieg das Pommerſche Geſchütz ganz, und die Prenzlauer ergaben ſich unbekümmert den Freuden des Faſchings, der damals vor dem Beginn der großen Faſten mit allerlei Mummenſchanz und Gaſtmahlen gefeiert wurde. Am„Freß⸗Montage“ dauerte die Luſt in der Stadt fort und wurde von den Pommern kaum durch einige Schüſſe geſtört. Der Montag verging, und der Dienſtag, oder die eigentliche Faſtnacht kam. Sie wurde hoch gefeiert mit Schmauſen und Trinken und Tanzen. Die Pommern aber hielten ſich ganz ſtill in ihrem Lager. Lange nach Mitternacht erſt ſchwieg der Feſtjubel in Prenzlau; kaum aber lag die Stadt eine Stunde im tiefen Schlaf, da folgte eine furchtbare Aufweckung: die Sturmglocke begann zu heulen, Reiter jagten durch die Straßen und riefen zu den Waffen, ſchlaftrunken taumelten die Bürger auf, ein entſetzlicher Tumult durchtobte die Stadt. Die Pommern waren eingedrungen; Claus Köppen, ein Dienſtmann der Herzoge in Pommern, dem der ver⸗ rätheriſche Bürgermeiſter Zabel Grieben die Hut des ſtarken Blindower Thorthurms anvertraut hatte, öffnete dieſes Werk in der Nacht ſeinen Herzogen, und nun raſete der Kampf durch die Straßen. Herr Hans von Arnim wehrte ſich wie ein Löwe mit ſeinem Fähnlein, und Haupt⸗ — 134— mann Michel Rodinger that ſein Beſtes für Brandenburg! Aber die Uebermacht war zu groß, fechtend wurden die Brandenburgiſchen durch die Stadt getrieben. Endlich ſah Herr Hans von Arnim, der ſelbſt ſchon verwundet war, daß jeder Widerſtand vergeblich ſei; da marſchirte er mit ſeinen Leuten unverfolgt durch das Neuſtädter Thor ab und zog ſich auf ſein feſtes Schloß, die Boytzenburg, zurück. Die Pommernherzoge waren Herren der Stadt und ihre Anhänger waren oben auf, doch dauerte ihre Freude nicht lange; übermüthig betrug ſich das Kriegsvolk, und als die Bürger am Morgen zum ſchwarzen Kloſter be⸗ rufen wurden, um den Herzogen einen neuen Eid zu ſchwören, da ermahnte ſie gütig Herzog Caſimir vom Bal⸗ con herab, der ritterliche Herzog Otto aber fiel ihm in die Rede und rief zu den Bürgern hinunter:„Ihr wäret wahrlich werth, daß ihr übel gehalten würdet, ſo viele Ihr ſeid. Welch' eine Menge Volks! Hättet Ihr Euch als biedere Männer gewehrt, wäret Ihr Männer geweſen und keine Memmen, wir hätten die Stadt niemals ge⸗ wonnen!“ Dieſe Rede wirkte ſchrecklich auf die ungetreuen Männer, ſie hatten Lob und Dank erwartet von den Her⸗ zogen und fanden nun die verdiente Verachtung. Wird auch die Untreue genützt, der Verrath gebraucht, die Un⸗ getreuen und die Verräther ſelber fallen in Verachtung überall. Die Bürger ſchlichen beſchämt und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen heim, Jammer und Reue im Herzen. Das war am Aſchermittwoch 1425. Die Herzoge von Pommern aber— ſo fuhr der Greis fort— erklärten ein paar Tage ſpäter bei ihrem Abzuge, — 135— daß ſie den Prenzlauern nicht trauen möchten. Denn wer einmal die Treue gebrochen und ſeinen Herrn verrathen hätte, der thäte es auch wohl zum andern Male. Darum wollten ſie ſich vorgeſehen haben und ſetzten ihren Dienſt⸗ mann Claus Köppen als Hauptmann über die Stadt. Der aber ſaß fortan auf dem Blindower Thorthurm, den er in eine kleine Feſtung verwandelt hatte, und drückte die Stadt hart, er plagte die Bürgerſchaft mit ſeinem übermüthigen Kriegsvolk, das er bei ſich hatte. Das waren trübe Tage für unſere gute Vaterſtadt. Viele der Brandenburgiſch geſinnten Bürger verließen ihr Eigen und kamen zum Markgrafen Johann, ihn anflehend, daß er die Stadt wieder erobere. Aber die Pommeriſch Ge⸗ ſinnten litten ſchrecklich für ihre Untreue, und Zabel Grieben, der verrätheriſche Bürgermeiſter, war genöthigt, ſeine fromme Tochter Clara, die er dem wackern Rodinger ab⸗ geſchlagen, mit dem wüſten Claus Köppen, der Haupt⸗ mann über die Stadt war, zu verloben. Da hatte er nun einen Pommeriſch geſinnten Schwie⸗ gerſohn; aber er ſchaute gar trübſelig dazu, denn der Köppen war ein Strolch ohne Hab und Gut, und der frommen Clara brach ſchier das Herz vor Jammer, daß ſie einem ſolchen Manne angehören ſollte. Je länger, je toller wirthſchaftete das übermüthige loſe Geſindel in der Stadt; Claus Köppen drückte die Bür⸗ gerſchaft ſo, daß es zu blutigen Aufſtänden kam, die nur mit Mühe und Noth unterdrückt wurden; der Fluch der Untreue laſtete ſchwer auf dem armen Prenzlau. Aller Frohſinn erſtarb in den Häuſern und mit traurigen Ge⸗ — 136— ſichtern gingen die Bürger; daher kam es, daß noch heute ein Sprichwort unter den Leuten gang und gäbe iſt, welches ihr ſelbſt wohl öfter ſchon gehört haben werdet, daß man von Einem, der trübe vor ſich hinſtarrt, ſagt: der ſieht aus, als ob er Prenzlau verrathen hätte! Unter ſolchen Trübſalen war das Feſt Mariä Himmel⸗ fahrt, der 15. Auguſt, gekommen. Die Bürger feierten es mit ſchwerem Herzen; ſelbſt im Hauſe des Bürger⸗ meiſters Zabel Grieben wollte keine wahre Fröhlichkeit aufkommen, obwohl Hochzeit darin gehalten wurde, denn die Braut ſah bleich und verweint aus, und grämlich blickte Claus Köppen, der Bräutigam.— Um dieſelbe Zeit etwa, da die Trompeten in des Bürgermeiſters Haus klangen, welche die Hochzeitsgäſte zur Abendtafel luden, als es zu dunkeln begann, erſchienen im Weſten der Stadt, unfern von Kröchlendorf, gepanzerte Reiter, deren Zahl ſich mit zunehmender Dunkelheit bedeutend vermehrte. Dieſe Reiter bewachten ſorgfältig die ganze Gegend; man ſah aber bei ihnen kein Feldzeichen, man hörte auch keine Trommel, als ſpäterhin Fußvolk durch die Ortſchaften marſchirte. Hinter den Dörfern Groß⸗ und Klein⸗Sperren⸗ walde ſammelten ſich alle dieſe Truppen und zogen dann auf der Straße von Boytzenburg gegen Prenzlau, vor welcher Stadt ſie in einiger Entfernung Halt machten und Wachtpoſten ausſetzten. Der Mond ſchien nicht, es herrſchte tiefe Dunkelheit. Plötzlich lief ein leiſes Flüſtern durch die Reihen der Krieger: der Markgraf! der Mark⸗ graf! hieß es. Da nahte ein kleiner Reitertrupp, an ſei⸗ ner Spitze der Markgraf Johann von Brandenburg in — 137— voller Rüſtung mit der fliegenden ſchwarzweißen Feld⸗ binde und dem wie ein Stern durch die Finſterniß ſchim⸗ mernden Krönlein auf dem Helm; mit ihm waren Herr Gans, Edlerherr zu Putlitz, der berühmte Ritter Johann von Quitzow, Herr Haſſe von Bredow, Herr Hans von Arnim und andere Brandenburgiſche Edelleute. „Iſt er ſchon hier?“ fragte der Markgraf den Ritter, der das verſammelte Kriegsvolk bis jetzt befehligt hatte. „Er hat ſich noch nicht gemeldet, gnädigſter Herr!“ lautete die Antwort. „Steht! gebt das Feldgeſchrei!“ rief der vorderſte Wachtpoſten im ſelben Augenblick mit gedämpfter Stimme. „Maria Magdalena!“ antwortete der Kommende. „Wer kommt?“ fragte der Markgraf. „Michel Rodinger!“ erwiderte dieſelbe Stimme.„Es iſt alles in Ordnung, gnädigſter Herr, die Getreuen er⸗ warten Euch, aber wir müſſen die Neuſtadt umgehen, ſie iſt von den Pommern beſetzt.“ „Immerhin!“ verſetzte der Markgraf Johann. „Es iſt in der Nacht ſchlimm wandern, gnädigſter Herr, über Wieſen, Sumpf und Moor, durch Flußarme und Gräben; zu Pferd kommt Ihr nicht fort, und wer die feſten Stellen nicht kennt, der verſinkt in Moraſt!“ „Giebt es denn keinen andern Weg, Mann?“ fragte der kühne Fürſt. „Nur dieſer Weg führt zur Pforte,“ entgegnete Rodinger. „Und wie weit iſt's bis zu dieſer Pforte?“. „Eine halbe Stunde und darüber, denn wir müſſen Umwege machen, Herr!“ 6 — 138— „Das iſt böſe,“ meinte der Markgraf bedenklich,„da kommen wir ohne Pferde in die Stadt.“ „Die Unſrigen halten Pferde für Euch bereit am Thor!“ „So ſei es denn!“ rief der Markgraf entſchloſſen, und ſtieg von ſeinem gewaltigen Streithengſt;„obwohl ich in der Rüſtung nicht eben drauf eingerichtet bin, durch Waſſer und Moor zu waten!“ „Gnädigſter Herr,“ ſprach da der Rodinger,„ich bin ein ſtarker Mann, Ihr werdet Euch auf meinen Rücken ſetzen, ich werde Euch tragen und alle Andern müſſen mir nachgehen; aber immer nur Einer dicht hinter dem An⸗ dern; gingen zwei nebeneinander, ſo möchte der Eine ver⸗ ſinken an mancher Stelle; auch durch die Pforte kann immer nur ein Mann auf einmal eintreten.“ Der Markgraf gab ſeine Befehle, dann wendete er er ſich wieder an Ndänger und fragte:„Biſt Du Dei⸗ ner Sache gewiß? Kannſt Du für das Gelingen einſtehen?“ „Das Gelingen ſteht in Gottes Hand, gnädigſter Herr,“ erwiderte Michel Rodinger mit feſter Stimme; „aber ich kenne die unſicheren Stellen des Weges genau und gegen das Verirren habe ich mich geſichert. Seht Ihr jenes helle Licht? das iſt meine Richtung, es brennt in dem Giebelfenſter eines befreundeten Hauſes in Prenzlau.“ „Nun denn in Gottes Namen, vorwärts!“ ſprach der Markgraf. Michel Rodinger beugte ſich nieder, Markgraf Johann, in voller Rüſtung, ſchlug die gepanzerten Arme um ſeinen Hals, Rodinger umfaßte des Markgrafen Schenkel und ſchritt muthig vorwärts mit ihm in die dichte Finſterniß — 139— hinein. In langen Reihen folgten ihm, dicht aufgeſchloſſen, die Ritter und Reiſigen, eiſern wie Kettenglieder anein⸗ ander hängend. In ſeltſamen Windungen ging der Marſch, bald rechts, bald links, bald über eine Wieſe, bald über einen Bach. Wo der Weg feſt war, da ging der Mark⸗ graf, wo Moor und Waſſer, da trug ihn Rodinger. So kamen ſie langſam der Stadt immer näher; in der Neu⸗ ſtadt bellten die Hunde, vielleicht hatte ihre ſcharfe Wit⸗ terung die Kommenden entdeckt! Es ging wieder durch's Waſſer, der geharniſchte Markgraf laſtete ſchwer auf Ro⸗ dingers Rücken, der fing an zu ächzen unter der gewalti⸗ gen Bürde. „Seufze nicht, mein wackrer Knecht,“ tröſtete der Mark⸗ graf,„Deine Mühe ſoll Dir reichlich vergolten werden!“ „O Herr,“ ſtöhnte Rodinger,„geſtattet mir einen Augenblick ſtehen zu bleiben, der Athem fehlt mir!“ Er ſtand und der ganze leiſe klirrende Zug ſtand mit ihm. Die Mauerthürme der Stadt traten als dunklere Maſſen aus dem Dunkel der Nacht hervor, man war ganz nahe. Rodinger ſchritt wieder eine Weile fürbaß über die ſumpfige Wieſe, dann flüſterte er:„Nun kommt das Schlimmſte, Herr, wir müſſen zwei Arme der Ucker durchwaten.“ 3 Das Waſſer wurde tiefer und tiefer; der wackre Ro⸗ dinger ſtöhnte, ſchwer Athem holend, er fühlte ſeine Kräfte raſch ſchwinden; der Markgraf bemerkte es, wie gewaltig ſich ſein Träger mühete. „Steh feſt, mein Mann,“ ſagte er zu ihm,„bedenke, 1 — 140— daß Du die ganze Mark Brandenburg auf Deinen Schultern trägſt!“ Das Wort geht flüſternd von Mund zu Munde; von dem Erſten bis zum Letzten in dem langen Zuge ward es wiederholt, und noch heute iſt's nicht vergeſſen und klingt noch heute dem wackern Michel Rodinger zum ehren⸗ den Gedächtniß;— denn die Treue iſt's, ja die feſte Treue, die aushält bis zum letzten Hauch, die Treue trägt die ganze Mark Brandenburg und unſer ganzes Preußen! Rodinger hatte das Ufer erreicht und ſtand vor der Pforte. Der Markgraf glitt von ſeinem Rücken nieder und empfing den Wankenden in ſeinen ſtarken Armen, ihn ſtützend. Raſch ermannte ſich der Treue und ſchlug dreimal in die Hände, da öffnete ſich die Pforte und Markgraf Johann trat der Erſte ein in ſeine Stadt, dicht aufgeſchloſſen folgten ihm die Ritter und Reiſigen, Einer nach dem Andern. Es dauerte eine halbe Stunde, ehe ſie Alle eingetreten, Zzwei Tauſend Mann. Darauf wur⸗ den die bereit gehaltenen Roſſe beſtiegen, hinein in die Stadt ſprengten die Reiter, ihnen nach ſtürmten die Fußvölker. Brandenburg! Brandenburg über Alles! hallte der Siegesruf durch die Straßen. Rodinger hatte die Reiſigen des Markgrafen durch die ganze Stadt vertheilt, daß es den Pommern nirgend wo möglich war, ſich zu ſammeln, um Widerſtand zu leiſten; Prenzlau war genommen, eher faſt, als es die Vertheidiger wußten. Brandenburg hoch! ſchmetterten die Trompeten, Brandenburg hoch! ſchrieen die Getreuen unter den Bür⸗ — 141— gern, die herbeieilten mit ihren Waffen und ſich um das Banner des Landesherrn ſchaarten. Auf von ſeinem Hochzeitsmahle aber fuhr, als der Kriegsruf der Brandenburger an ſein Ohr ſchlug, der Pommerſche Stadthauptmann Claus Köppen; er riß ſich den Kranz vom Haupt, zog ſein Schwert und ſtürzte hinaus. Er ſchlug ſich mit einigen Knechten, obwohl ver⸗ wundet, bis zum Blindower Thorthurm durch, der ihn für den Augenblick ſchützte. Als der Tag graute, wurden die verrätheriſchen Bür⸗ germeiſter Zabel Grieben und Claus Beltz, die Ungetreuen mit ihren Hauptſchuldigen in's Gefängniß gebracht unter dem Jubel der Bürgerſchaft, welche ihnen zurief, als ſie vorüber geführt wurden:„So lohnt man den Verräthern!“ Dem Blindower Thurm konnten die Brandenburger wenig Schaden thun, da ſie kein ſchweres Geſchütz mit ſich führten; aber der berühmte Ritter Johann von Quitzow half mit gutem Rath. Es wurde nach ſeiner Anleitung ein Schmauchfeuer um den Thurm angezündet, zu welchem man Holz, Stroh und Heu aufſchichtete, die Flammen unaufhörlich nährend. Der Wind trieb den Rauch und die Glut gegen den Thurm, die Pommern mußten entſetz⸗ lich leiden. Am andern Morgen ſteckten ſie die weiße Fahne aus und übergaben das Bollwerk gegen freien Abzug. 3 Nun erſt war Markgraf Johann völlig Herr der Stadt und begann ſeine Herrſchaft mit Belohnung der Getreuen, aber auch, wie es ſeine Pflicht gebot, mit der Beſtrafung der Ungetreuen. Den Bürgermeiſtern Zabel Grieben und — 142— Claus Beltz wurde das Leben abgeſprochen. Um ſeiner unglücklichen Tochter willen bat der wackere Michel Rodin⸗ ger den Markgrafen, dem unſeligen Zabel Grieben das Leben zu ſchenken. Es war wohl edel, daß er für den Mann bat, deſſen Tücke ihn um das Weib, das er liebte, gebracht; aber der Markgraf Johann konnte im Hinblick auf ſeine Regentenpflichten dieſe Bitten ſeines treuen Mannes nicht wohl gewähren. Alle andern Bitten ge⸗ währte er ihm, und außer den beiden Bürgermeiſtern wurde Niemand am Leben geſtraft. Vergebens bat auch Clara ſelbſt für ihres Baters Leben. Der Markgraf trö⸗ ſtete ſie aus dem Chriſtenthum und ſprach zu ihr:„Du armes Kind, mich jammert Deiner Noth, aber wäre es mir möglich, Deinem Vater das Leben zu laſſen, ſo hätte ich es ſchon gethan auf die Fürbitte meines treuen Ro⸗ dinger; tröſte Dich Gott, Du armes Mädchen!“ Am andern Tage klang das Armeſünderglöckchen, die Bürgerſchaft in voller Waffenrüſtung bildete einen Ring auf dem Markt, in deſſen Mitte hielt Markgraf Johann hoch zu Roß mit ſeinen Rittern, und hinter ihm ſtand der Scharfrichter mit entblößtem Schwert. Alle Fenſter und alle Dächer ringsum waren dicht mit Menſchen be⸗ ſetzt. Da führte man die beiden Verräther mit gebundenen Händen in den Kreis, Jeder hatte einen Mönch zur Seite, der ihn tröſtete mit Gottes Wort. Zuerſt löſte nun der Scharfrichter die Bande des Bürgermeiſters Claus Beltz, und legte deſſen rechte Hand auf den Block und hieb ſie ihm ab. Hoch hob er die abgehauene Hand in die Höhe, zeigte ſie allem Volk und ein Herold rief mit lauter — 143— Stimme: Das iſt die Hand des Verräthers Claus Beltz, mit welcher er Sr. Churfürſtlichen Gnaden, dem Herrn Markgrafen, den Eid der Treue geſchworen, den er fre⸗ ventlich gebrochen, wofür er jetzt den Lohn empfangen wird, ſo möge es jedem Verräther gehen! Das Armeſünderglöckchen klang, Claus Beltz küßte zum letzten Male das Crucifix, kniete nieder und legte ſein Haupt auf den Block; eine Secunde ſpäter rollte es nieder in den Sand. Ganz wie mit Claus Beltz wurde danach mit Zabel Grieben verfahren. Da ſchwieg das Glöcklein, die Trompeten ſchmetterten, die Gerechtigkeit war vollzogen. Das aber iſt meine Geſchichte von den Bürgermeiſtern von Prenzlau!“—— Der Greis ſchwieg und ſah ſinnend eine Weile vor ſich nieder. Die Knaben ſaßen ſtill und rührten ſich nicht; es war aber in ihre junge Herzen eine Erkenntniß ge⸗ kommen, die ihnen blieb für das ganze Leben. Der Alte führte ſie danach ſchweigend hinaus; an der äußeren Thür drückte er Jedem die Hand und flüſterte:„Haltet die Treue heilig, die köſtliche Treue, und wenn Euch die Un⸗ treue lockt, dann denket der abgehauenen Hände der Bür⸗ germeiſter von Prenzlau!“ Damit ſchob er ſie ſanft über die Schwelle, und drückte die Thür hinter ihnen in's Schloß. Der Aelteſte jener beiden Knaben, iſt ein treuer Soldat des Königs, gefallen für das geliebte Vaterland; er liegt auf der weiten Ebene von Lützen begraben mit viel hun⸗ dert anderen tapfern Preußen. Der Jüngere lebt noch in rüſtigem Alter und reich an Ehren. Es war in dem — 144— traurigen Jahre 1848, da er in einem großen Kreiſe dieſe Geſchichte erzählte von ſeinem alten Vetter und den Bür⸗ germeiſtern von Prenzlau. Manch' Einer war in jenem großen Kreiſe, den die Erzählung des feſten Patrioten wieder befeſtigt hat in der ſchon wankenden Treue, der noch heute die Stunde ſegnet, da er ſie vernahm, denn die Treue iſt doch das Beſte, die rechte Treue, die aus⸗ hält bis an's Ende. Der bekehrte Hageſtalz. —“=e—— Heſekiel, Schmal geweckt. I. 4 G, 3 In einer Stadt, die Ihr Alle kennt, weil ſie durch das veritable Salz ihrer Halloren noch viel berühmter iſt, als durch das attiſche Salz ihrer gelehrten Univerſitätspro⸗ feſſoren, lebte vor etwa dreißig Jahren ein Gerichtsarzt, Namens Jungmann, der als ein liebenswürdiger Jung⸗ geſelle in den beſten Häuſern der Stadt gern geſehen und ſehr beliebt war. Doctor Jungmann war ſelbſt Dichter und dabei für ſeine Kreiſe das literariſche Orakel, von deſſen Ausſprüchen keine weitere Appellation möglich war, denen man ſich unterwarf, ſelbſt wenn ſie völlig unver⸗ ſtändlich waren, wie das bei Orakelſprüchen vorkommen ſoll. Doctor Jungmann war ein großer Verehrer Wieland's, und man flüſterte ſich als ein tiefes Geheimniß zu, er beſitze von Wieland einen rehledernen Handſchuh, den dieſer von Sophie von La Roche einſt zum Geſchenk er⸗ halten habe. Um dieſe Reliquie wurde der gute Doctor vielfach beneidet, noch mehr aber beneideten ihn die jun⸗ gen Herren in Halle, wegen der außerordentlichen Liebe und Theilnahme, deren ſich Jungmann von Seiten der Damenwelt zu erfreuen hatte. Für den Fremden war es etwas Unverſtändliches, für manchen blöden halliſchen 10* — 148— Flaumbart aber ein tiefer Schmerz, wenn Doctor Jung⸗ mann in ein Geſellſchaftszimmer trat, denn von dem Mo⸗ ment an, hatten die Damen nur noch Augen und Ohren, ja, oft auch noch etwas Beſſeres für ihn: die kleinen Mädchen, die noch Höschen mit Frangen trugen, drängten ſich lärmend um Onkel Jungmann und küßten ihm die Hände, diejenigen Mädchen, ſo man Backfiſche nennt, ſchüttelten ſich verlegen die Hand mit Onkel Jungmann und wurden puterroth, wenn er ſie leiſe am Ohrläppchen zupfte, oder ſich luſtig und ſpöttiſch nach dem Befinden der großen Puppe erkundigte. Die jungen Damen aber ſtreckten dem Onkel Jungmann von allen Seiten ihre wei⸗ ßen weichen Händchen hin, daß er ſich zum Handkuß nicht zu bücken brauchte, gaben ihm die reizendſten Schmeichel⸗ namen und hatten tauſend Fragen nach tauſend Commiſ⸗ ſionen, die ſie dem guten Doctor aufzutragen pflegten, obwohl derſelbe nie eine beſorgte. Andere junge Damen, die dem Doctor näher ſtanden, als Couſinen oder Pa⸗ thinnen,— und man hätte ein Regiment aus den Cou⸗ ſinen und Pathinnen des Doctor Jungmann formiren können,— reichten ihm unbefangen die weiße Stirn, die weiche Wange, oder die friſchen Lippen zum Kuß, je nach dem, Onkel Jungmann verſchmähte nichts. Es war wirk⸗ lich ein hübſcher Anblick dieſer ſechszigjährige Junggeſell unter all' der friſchen Jugend, geiſtig und leiblich ſelbſt friſch, immer ſauber gekleidet, nach altem Schnitt zwar, aber kleidſam für ſeine Geſtalt. Saß nun Onkel Jung⸗ mann endlich auf dem Sopha neben der Frau vom Hauſe, — wenn er nicht ihr Vetter oder ihre Pathe war, ſo — 149— hatte er ganz beſtimmt wenigſtens den Freiwerber für ihren Gemahl gemacht,— dann kletterte ihm zunächſt ein Fran⸗ genhöschen auf's Knie, der raiſonnabelſte der anweſenden Backfiſche pflanzte ſich ſteif und ſtumm an der Sopha⸗ lehne neben ihm auf, und nun erzählte der heitere Doctor erſt eine Stadtgeſchichte, dann erwähnte er der neu er⸗ ſchienenen Bücher, der neu erſchienenen Muſik, dann flü⸗ ſterte er halb ſtolz, halb kindlich verſchämt der Frau vom Hauſe zu, auch er habe wieder einen Beſuch von der Muſe erhalten, und nun tönte es rings im Kreiſe: Onkelchen, Sie müſſen uns Ihr Gedicht declamiren, Sie müſſen! oder ich ſehe Sie nicht wieder an: bitte Onkelchen? Ich gebe Ihnen auch einen Kuß! Das hatte der ſchlaue Dichter nur gewollt, er wollte nur gebeten ſein, er wollte nur einen ſüßen Preis aus⸗ geſetzt wiſſen, denn im Uebrigen brannte ihm ſein Gedicht auf dem Herzen und es würde ihn ſehr verſtimmt haben, hätte er es nicht mittheilen können. Frangenhöschen hüpfte nun von des Doctors Knie und Backfiſchchen öffnete die großen Augen noch etwas weiter als vorher, ohne jedoch die gerade Schulbankhal⸗ tung, Ellenbogen rückwärts an der Hüfte zu ändern, Doctor Jungmann aber ſtand auf, verneigte ſich zierlich zweimal nach rechts oder links und declamirte nun mit deutlicher, angenehmer Stimme eines jener wohlfriſirten Gedichte, wie ſie Wieland's Nachahmer auf ſchöne Weiber und bärtige Philoſophen, einſame Tannenbäume und Theekannen von Wedgewood mit gleicher Meiſterſchaft und einer Art von porcellainener Grazie zu machen ver⸗ — 150— ſtanden; mit denen ſie in ihrer Weiſe die gewöhnlichſten Verhältniſſe zu adeln ſuchten und wirklich ein Stück von der naiven Lüſternheit aus der griechiſch⸗franzöſiſchen Poeſie des vorigen Jahrhunderts in die etwas philiſter⸗ haften Kreiſe hausbackenen deutſchen Bürgerthums trugen. Zwei Gedichte waren es vorzüglich, die der gute Jung⸗ mann immer und immer wieder declamiren mußte, weil ſich ſo anmuthig mit ihm darüber ſcherzen ließ, das war ſein„Glück des Hageſtolzen“ und ſein„Strumpfband.“ Wir theilen das Letztere hier mit. Eine edle Dame, die als Frangenhöschen oft auf Onkel Jungmann's Knieen geſeſſen, und es noch wörtlich auswendig konnte, hat es uns zu dieſem Behuf überlaſſen. Es lautet: Am Putztiſch einer ſchönen Frau Sprach, als ſie ſich zum Balle ſchmückte, Ihr gold'nes Halsband ziemlich rauh, Zum Strumpfband, das es neben ſich erblickte: Laß dich ſo nah nicht bei mir blicken, Denn wiſſe, die Gebieterin Pflegt ihren Hals mit mir zu ſchmücken; Du aber— wo gehörſt du hin? Das Strumpfband ſagte höchſt beſcheiden: Gern geb' ich deinen Vorzug zu, Du biſt ganz golden, ich ganz ſeiden, Doch nütz' ich ihr ſo gut wie du! So gut als ich— was kommt dir frechen, Nichtswerthen Bändchen in den Sinn? Laß ſelbſt die Frau das Urtheil ſprechen! Schweig'! ſagte die Gebieterin, — 151— Und halt das Strumpfband mir in Ehren, So ſehr dich auch der Dünkel ſticht, Dich kann ich auf dem Ball zur Noth entbehren, Allein das Strumpfband wahrlich nicht!— Hatte Onkel Jungmann das Gedicht declamirt, ſo lächelten die jungen Damen gar anmuthig leiſe, Back⸗ fiſchchen empfing den mütterlichen guten Rath, ſich einer eben ſo deutlichen Ausſprache zu befleißigen, wie Onkel Jungmann, Frangenhöschen aber wurde vermahnt, ſich an der Beſcheidenheit des nützlichen Strumpfbandes ein Exempel zu nehmen, was Frangenhöschen auch verſprach und dann laut ſchrie: Gieb mir noch ein Stück Kuchen, Mama! Von allen Seiten aber ward dem Dichter der ungetheilteſte Beifall gezollt. 4 So war Doctor Jungmann in den Kreiſen der Damen, aber auch mit den Herren ſtand er ſich trefflich, den halb⸗ wüchſigen Jünglingen lehrte er hinter dem Rücken der Väter Tabak rauchen, den jungen Herren war er Ver⸗ trauter in ihren Liebesaffairen und Duellangelegenheiten, Schulden u. ſ. w., mit den Familienvätern trank er alten Rheinwein und ſpielte ſogar Domino mit ihnen. Kurz er war Allen unentbehrlich, Onkel Jungmann war das Factotum für jedes Alter und jedes Geſchlecht, und wenn er ein paar Dutzend Damen unter die Haube gebracht hatte, ſo vermittelte er auch wohl mal im Wege gütlicher Ueberein⸗ kunft eine Trennung, wenn's denn durchaus ſein mußte. Da verbreitete ſich eines Tages in Halle die Kunde, Onkel Jungmann werde nächſtens einige Wochen verreiſen und zwar nach Hamburg, wo der Mann ſeiner verſtor⸗ ——E— benen Schweſter,— ältere Leute erinnerten ſich noch ſehr wohl an Julchen Jungmann,— Chef eines bedeutenden Handelshauſes war. Dieſe Nachricht erregte allerdings Aufſehen, denn man wußte, daß Doctor Jungmann ſeit Menſchengedenken die Stadt nicht verlaſſen, und ſich ſtets mit dem beſcheidenen Antheil an Natur, den ihm der Logengarten auf dem Jägerberge gewährte, zufrieden be⸗ zeigt hatte. Aber es war wirklich ſo, Onkel Jungmann nahm acht Tage lang Abſchied in den Häuſern ſeiner Freunde, hörte hundertmal, wie ſehr man ihn vermiſſen, wie ſehr man ſich nach ihm ſehnen werde und glaubte es ſelbſt auch, denn Onkel Jungmann hatte das volle Be⸗ wußtſein ſeiner Bedeutung. Auch ihm mochte das Schei⸗ den aus mancher lieben Gewohnheit ſchwer werden, er war über ſechszig Jahre alt, drum war er weich geſtimmt beim Scheiden und die Damen ſeiner Bekanntſchaft waren es mit ihm, ja, Backfiſchchen weinte ihm im Stillen ein paar veritable kleine Thränen nach, denn es hatte ja bis jetzt noch kein Mannsbild gefunden, dem es ſein Herzchen voll dunkler Ahnung und heißer Sehnſucht hätte ſchenken können. Die gleichaltrigen Jungen waren doch gar zu unartig und erklärten ſo trotzig, ſie wollten nichts mit Mädchen zu thun haben, während die jungen Herren Backfiſchchen mit ihren kurzen Röckchen recht garſtig hoch⸗ müthig überſahen. Onkel Jungmann war Backfiſchchens erſte Liebe, Onkel Jungmann war außer Papa und den Herren Lehrern der einzige Mann, der ſich freundlich mit ihm beſchäftigt hatte, und nun reiſte er, reiſte ſo weit weg, nach Hamburg, was ja am Meere liegt, wie Back⸗ — — 153— fiſchchen aus der Geographieſtunde wußte, und das Meer iſt ſo gefährlich, wie leicht konnte da dem geliebten Onkel ein Unfall begegnen! Doch genug, Doctor Jungmann reiſte wirklich ab. Der wackere alte Junggeſell verlebte freundliche Tage in dem opulenten Hauſe ſeines Schwagers in Hamburg und ließ ſich die Genüſſe der großen Seeſtadt, die dem guten Binnenländer faſt alle völlig fremd waren, wohl behagen, noch mehr aber als alle die Herrlichkeit der Gaſtronomie behagte ihm Lieschen, ſeine Nichte, die er ſeiner ſeligen Schweſter Julie ſo ähnlich fand, daß er ſie immer küſſen mußte, denn es war bekannt, wie ſehr der Doctor ſeine ſelige Schweſter geliebt hatte. Eines Tages zeigte ihm der Schwager ein Bild von Lieschen, das ein berühmter Maler ſo eben beendet hatte; das Bild war reizend, zum Sprechen ähnlich, Onkel Jungmann aber ſagte zu ſeiner Nichte: Lieschen, die beſten Maler werden Stümper, wenn ſie Dich malen ſollen, aber auch ich bin Maler und ich werde verſuchen, Dich beſſer zu treffen! Die Nichte lachte etwas boshaft und ſchwieg, Onkel Jungmann, der wohl wußte, daß ſein Nichtchen jeden Morgen, bevor ihr Vater aufgeſtanden, Muſik zu machen pflege, legte am Abend auf ihr offenes Fortepiano fol⸗ gendes Gedicht, das ſie am Morgen finden ſollte: Meiner Nichte Reize ſchildern Kann kein Maler auf der Welt, Kaum der Dichter kann's in Bildern, Die Begeiſt'rung aufgeſtellt. Schau ich ihre Rabenlocken; Ihres weißen Halſes Pracht, Alle meine Pulſe ſtocken, Bei dem Blick in Licht und Nacht. 5 Ihrer Augen blaues Feuer, Zeugt vom Schatz in ihrer Bruſt; Unter dem beſcheid'nen Schleier, Iſt er ihr kaum ſelbſt bewußt. Doch man kann ja Zeugen nennen, Aus Erfahrung, die nicht trügt, Daß, wo blaue Flammen brennen, Stets ein Schatz verborgen liegt. Zu dem Purpur ihrer Lippen Laden dich zwei Perlenreih'n, Einen Kuß davon zu nippen, Ohne daß ſie's ahnet, ein. Ihres Buſens Hemiſphäre, Gleich Helenens Ideal, Füllte das rechte Maaß, Cythere, Deinen goldenen Weih'pokal! Schlanke Cedern, ſchlanke Tannen! Welch' ein hölzerner Vergleich, Ja, ihr Wuchs iſt zum Umſpannen Aber wolluſtwarm und weich. — Ihre kleine Hand zu drücken Macht den Dichter reich beglückt, Aber was gleicht dem Entzücken, Wenn ihr Händchen ſelbſt ihn drückt. — — 155— Ach, ihr liebes kleines Füßchen, Nur zu ſeh'n iſt Hochgenuß, Lieschen, oh mein ſüßes Lieschen, Reich dein Füßchen mir zum Kuß. Den Pantoffel will ich küſſen Meine Herzens⸗Königin, Mag doch alle Welt es wiſſen, Daß ich ganz ihr Seclave bin! Onkel Jungmann war ſehr zufrieden mit ſeinem wie⸗ landiſirenden, für unſere Zeit freilich etwas altmodiſchen Gedicht, und freute ſich nicht wenig auf den gewaltigen Erfolg, den es haben werde. Zu allen Zeiten waren wir Dichter nun'mal ſo eitel, und ſeit Amphion mit ſeinen Liedern nicht nur Löwen, Tiger, Bären, Panther und an⸗ dere wilde Beſtien bezwungen, ſondern ſogar Steine und Felſen bewegt hat, glauben wir alle Amphions zu ſein und denken durch unſere Lieder die grauſamen Tigerſeelen und die Felſenherzen unſerer Schönen zu bezwingen, müſſen aber recht oft die Erfahrung machen, daß die Geſchichte von Amphion und ſeinem Lied vollſtändig der Fabelzeit angehört, an die kein verſtändiger Menſch mehr, ſondern nur noch ein verrückter Poet glaubt. Auch der gute Doctor Jungmann ſah ſich getäuſcht, denn als er am andern Morgen mit ſeinem Schwager am wohlbeſetzten Frühſtückstiſch ſchwelgte, und eben die zweite Flaſche rothen Bordeaux entkorkte, von dem er achtungsvoll bekannte, daß in Halle ſelbſt Madame Per⸗ nice ihren Stammgäſten nicht ſolches Gewächs vorzuſetzen — 156— vermöge, da trat Lieschen ſchelmiſch lächelnd zu ihm und präſentirte ihm auf einer ſilbernen Platte ein niedliches Pantöffelchen von rothem Maroquin, die Nichte knixte gar anmuthig: Sie haben befohlen, lieber Onkel! Der gute Jungmann war zwar etwas enttäuſcht, er wußte ſich indeß zu faſſen, nahm das niedliche Ding von dem Teller, drückte es zärtlich dreimal an ſeine Lippen und ſteckte es in die Taſche. Der Schwager lachte gewaltig und trank ſein Glas aus, Lieschen aber reichte dem Onkel die friſchen Lippen und ſprach lieblich: Onkelchen, ich löſe mein Pfand ein! Doctor Jungmann aber war ſchlau, und küßte das holde Kind, als wenn er achtzehn Jahre geweſen und ſagte triumphirend: Den Kuß hab' ich, aber das Pfand behalt' ich auch! Lieschen drohte ihm ſchalkhaft mit dem Finger, als wollte ſie ſagen: wart' ich werde mich rächen! und wirk⸗ lich der Zufall rächte ſich ſchwer an dem unehrlichen Onkel. Doch wir wollen der Geſchichte nicht vorgreifen! Die heitern Tage von Hamburg waren vorüber und Onkel Jungmann verließ es nicht heiterer, als er bei der Hin⸗ reiſe ſein Halle verlaſſen, denn der ſchönen Nichte blaue Augen hatten's ihm nun einmal angethan. Als Onkel Jungmann aber einmal wieder im alten Halle war, in ſeiner behaglichen Wohnung in der kleinen Ulrichsſtraße, und ſich die liebgewordenen Gewohnheiten weich und zärt⸗ lich wieder um ihn ſchmiegten, wie ſein ſeidener Schlaf⸗ rock, da befand er ſich munter wie ein Fiſch, der in's Waſſer, in ſein Element, zurückgekehrt iſt. — 157— In allen Häuſern erzählte nun der gute Doctor von nichts als von Hamburg und deſſen Herrlichkeit; den Herren beſchrieb er die Auſtern und die Seefiſche, der⸗ gleichen Dinge man bisher, den Häring etwa ausgenom⸗ men, in Halle nicht geſehen, den Frauen erzählte er von dem unglaublichen Rindfleiſch, das gleich geräuchert wächſt, den rieſigen Gemüſepflanzen, die von den Vierlanden kommen, den ältern und jüngern Mädchen ſprach er von dem alten und dem neuen Jungfernſtieg, Backfiſchchen aber hatte er eine bis dahin in Halle völlig unbekannte Frucht, die er Apfelſine nannte, Frangenhöschen dagegen eine ganze Düte voll hamburger Boltjes mitgebracht. Da war hamburgiſche Freude und Herrlichkeit in der Steinſtraße, in der Bruno'swarte, am Klausthor und auf dem Strohhof, kurz in der ganzen guten Stadt Halle, denn ſelbſt der kleine Berlin und die Märkerſtraße waren nicht vergeſſen. Nach und nach kam indeſſen Alles wieder in's gewöhn⸗ liche Gleis, Frangenhöschen hatte die Boltjes natürlich längſt gegeſſen, auch Backfiſchchen hatte ſich nach langem Zaudern entſchloſſen, die merkwürdige Apfelſinenfrucht zu verſpeiſen, hatte aber, zum Andenken an den guten Onkel Jungmann, die ſchönen gelben Schalen, ſtatt der bisher in Halle gebräuchlichen spica vulgaris in ihren Wäſch⸗ kaſten gelegt, was die Wäſche trefflich parfümirte. Da wurde eines Tages Onkel Jungmann zu einem kleinen Familienfeſt zu Backfiſchchens Eltern geladen und wie gewöhnlich dann gebeten, ſein neueſtes Gedicht vorzutragen, wozu in herkömmlicher Weiſe Onkel Jung⸗ — 158— mann ſich willig finden ließ. Endlich, da ihm gar zu viel Küſſe verſprochen wurden, declamirte er auch ſein Gedicht vom„Glück des Hageſtolzen.“ Alles war Ohr, als aber der gute Doctor in der Hitze der Declamation ſein Taſchentuch hervorzog, flog noch etwas mit heraus und fiel einer jungen Dame, die eben verheirathet war, gerade in den Schooß. An dem Flüſtern und Kichern der Damen merkte Onkel Jungmann gleich, daß es etwas beſonderes ſein müſſe, und wehe! es war das rothe Maroquin⸗Pantöffelchen der ſchönen hamburgiſchen Nichte. Armer Onkel Jungmann, warum hatteſt Du die Ta⸗ ſchen nicht unterſucht, als Du Deinen ſchönſten blauen Frack mit den großen blanken Knöpfen zum erſten Male wieder anzogſt in Halle? Es ging Dir recht trübe, armer Doctor! Vergebens proteſtirteſt Du, vergeblich beriefſt Du Dich auf Deine verwandtſchaftliche Liebe zu der ein⸗ zigen Tochter von Julchen Jungmann, von der doch Je⸗ dermann in Halle wußte, wie ſehr Du ſie geliebt, Nie⸗ mand glaubte Dir. Man gratulirte Dir boshaft zu Deiner endlichen Bekehrung, man wollte nichts weiter wiſſen von Deinem Gedicht über das Glück des Hage⸗ ſtolzen. Die junge Frau, in deren Schooß Lieschens Pantoffel gefallen, ſagte ſogar: Wie können wir Ihren Verſen glauben, Onkelchen, da Sie ſich von dem Pantoffel ſo wenig trennen, daß Sie ihn in der Taſche mit ſich tragen? Ja, Lieschen war fürchterlich gerächt, denn ſelbſt Back⸗ fiſchchen ſah hinfort den bisher geliebten Doctor mit ganz — 159— andern Augen an und nahm ſich vor, die untreuen Män⸗ ner zu haſſen. Backfiſchchen iſt dieſem Vorſatz auch wirk⸗ lich treu geblieben, nämlich bis zu dem feierlichen Tage ihrer Confirmation, denn— doch da muß ich ſchweigen. Onkel Jungmann aber hieß ſeit jener Zeit in ganz Halle„der bekehrte Hageſtolz“ und merkwürdig, er ſchmun⸗ zelte ſtets ſehr vergnügt dazu, wenn man ihn ſo nannte, aber das Gedicht vom„Glück des Hageſtolzen“ declamirte er nicht mehr, das war das Einzige, was der alte Frauen⸗ diener und Dichter den Frauen abſchlagen konnte und darum bedauern wir um ſo mehr, daß keine der liebens⸗ würdigen Damen, die Onkel Jungmann noch als Back⸗ fiſchchen oder Frangenhöschen geliebt, es uns mitzutheilen vermochte; kleine Bruchſtücke, die ſie in treuem Gedächtniß bewahrt hatten, erinnerten uns an Wieland's Idris und an Göcking's Hageſtolzen⸗Epiſtel. Freundlicher Leſer, wenn Du nach der guten Stadt Halle kommen ſollteſt, ſo ſcheu den kleinen Gang nicht nach dem wunderſchönen alten halliſchen Gottesacker, dort findeſt Du an dem AOchteck von duftenden Oelweiden in der Mitte der parkähnlichen Anlagen einen kleinen vier⸗ eckigen Sandſteinwürfel, auf deſſen vorderer Seite ein ausgewaſchener Name nicht mehr leſerlich iſt, drei Acazien ſtehen in einem nach Morgen offenen Dreieck um den beſcheidenen Stein, darunter aber liegt Onkel Jungmann begraben, der luſtige alte Knabe. Ende des erſten Zandes. —— 4 “ 8