20 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) Eduard Oltmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und Ceſehedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen., 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ E. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirdr. 8 d 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt. 3„— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 MNk. Ff. 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, deſehnbegte⸗ ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 4 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Der Montenegrinerhaͤuptling. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzaͤhlung 8 von 2 Carl Herloßſohn, (Heinrich Clauren) Verfaſſer der: Fünfhundert vom Blanik— Emmy, oder der Menſch denkt, Gott lenkt u. ſ. w. 4 1 Zweiter Theil. Leipzig, 1828. Bei Adolph Wienbrack. Berichtigung. Im I. Theile 1. Abthl. letztes Capitel muß es (von dem Moͤrder Peter des III.) heißen: Teplow ſtatt Texlow. —— 4 Der Montenegrinerhaͤuptling. Oritte Abtheilung: Suleika. II. A 1. Der ſtrenge Winter von 1768 lag mit ſeiner erſtarrenden Gewalt uͤber Montenegro. Vom Gipfel des Monte⸗Coͤlo bis in die tiefſten Schluch⸗ ten herab ſpannte der tiefe Schnee ſeine Leichen⸗ decke. Grau war die Luft, nur ſelten drang die blaſſe Scheibe der Sonne durch die Nebelſchleier; die Fußpfade des Landes waren verſchneit, un⸗ wegſam das Gebirge. Alles weilte in den ſtillen Huͤtten, nur wenige Jaͤger zogen mit Lebensge⸗ fahr in die Waͤlder, um Baͤren und Woͤlfe zu jagen.— Der neue Governator hatte ſeither gewirkt nach Maaß ſeiner Befugniſſe; er wachte uͤber die Ordnung des Innern, ließ Mandate ergehen, worunter er ſich Governator von Czernogora und Czaar von Rußland zeichnete. Er hatte mit der Pforte ſelbſt einen Frieden auf 50 Jahre abge⸗ ſchloſſen und vortheilhafte Bedingniſſe erwirkt. Aus dem Auslande kamen haͤufig Botſchaften II. A 2 — 4— an ihn; einige Proclamationen Rußlands an das Volk der Montenegriner, worin der Uſurpator fuͤr einen Betruͤger erklaͤret und der Tod des wahren Peter III. in allen ſeinen Umſtaͤnden be⸗ ſchrieben und betheuert wurde, las er ſelbſt— obgleich er ſie haͤtte unterſchlagen koͤnnen, in oͤf⸗ fentlicher Volksverſammlung vor, widerlegte ſie Punkt fuͤr Punkt, und bewies dem Volke dar⸗ aus, um wieviel mehr er der Hilfe und ſeines kraͤftigen Schutzes beduͤrftig ſei. Er war ſich des Anſehens, das ihm ſein kuͤhnes Auftreten, ſeine Tapferkeit, ſeine uͤberwiegende Geiſteskraft ver⸗ ſchafften, zu ſehr bewußt, um ein Schwanken in der Sinnesart des biedern, treuen Volkes zu be⸗ fuͤrchten. Fuͤr den naͤchſten Sommer, bis wohin die Subſidiengelder angelangt, das geworbene Heer in Rußland ſelbſt organtſirt und die Mit⸗ wirkung der dem Unternehmen geneigten Hoͤfe bereitwillig aufgetreten ſein ſollten,— beſchloß er die feierliche Proklamirung ſeiner Rechte, den Ausmarſch ſeines Heeres durch Serbien, die Walachei, Moldau, nach dem fuͤdlichen Rußland. Die Pforte ſelbſt geſtattete den Zug durch ihre Provinzen. An vielen Hoͤfen hatte er wirklich — —— — — — 5 e— Glauben und auch insgeheim Verſprechungen er⸗ halten; ſeine Kuͤhnheit, verbunden mit den Aus⸗ ſichten, welche aus ſeiner in Montenegro bisher erlangten Stellung hervorgingen, ließen ihn ver⸗ wegen auf das Hoͤchſte bauen. Mißlang das große Unternehmen, ſo war er gewiß, ſeine Macht⸗ haberſchaft zu behaupten und er verzweifelte keines⸗ weges an dem Gedanken, ſich dereinſt zum un⸗ umſchraͤnkten Herrſcher, zum Koͤnige von Mon⸗ tenegro emporſchwingen zu koͤnnen. Die unter⸗ jochten uͤbrigen ſlaviſchen Provinzen des tuͤrkiſchen Scepters, Bosnien und Serbien, ſchien ihm leicht, von der Pforte loszureißen, und ſo einen eigenen großen Staat zu bilden. Die wechſeln⸗ den Kriege der Tuͤrken mit Oeſtreich und Ruß⸗ land gaben Hoffnung dazu.— Die Nationen waren leicht bereitwillig; es bedurfte nur eines Aufrufes und ſie empoͤrten ſich, wie es in neue— rer Zeit mehrmal der Fall war.— Er theilte ſchon im Geiſte ſeiner zu erlangenden Machtha⸗ berſchaft und in Vollmacht der ihm angebornen Rechte, ruſſiſche Orden an den Wladika und mehrere Volksoberhaͤupter aus, knuͤpfte ſo ein neues Band fuͤr ſein Intereſſe.— Jellena's — 6)— treue Liehe umſchloß manche Stunde ſeines Lebens mit heitern Hoffnungsſtrahlen; ſie war ſeinem Gemuͤthe, das in den großen Planen bruͤtete, baute und jagte, labend und ruhebrin⸗ gend. Sie glich einem milden Fruͤhlingsabend, der jede Kraft ſtaͤrkt und erheitert; in ihrer Naͤhe fuͤhlte er ſich wohl, die großen ſeltſamen Gewalten ſeines Buſens ſaͤnftigte ſie,— ließ ihn fuͤr Stunden vergeſſen, um wieder tagelang mit friſcher Kraft neu zu wirken. Das Volk ſah den Bund des Herrſchers und freute ſich, daß er Einer der Ihrigen werden wollte. Die Czerno⸗ gorzin als Czaarin, ſchmeichelte der Nationalei⸗ telkeit nicht wenig.— Es war ein unbeſchreiblich kalter December⸗ tag. Der Froſt lag ſchwer in der ſtillen Luft, die Sonne blinzelte durch ihre Nebelduͤnſte und mehrte noch die Kaͤlte; aus den Waͤldern hallte es wie Kanonenſchuͤſſe von den hundert⸗ jaͤhrigen Buchen und Birken, deren Saft im Innern erſtarrte und ſie ſo durch die Aus⸗ dehnung der Fluͤſſigkeit berſten machte. Hung⸗ rige Raubvoͤgel kreiſten uͤber den Bergen und Felshoͤrnern; der Schnee hatte eine gefrorne —, — o 7 e— Eisdecke angethan und brach ein unter dem ge⸗ wichtigen Fußtritte. Da fuhr der Governator in einem Schlitten auf dem einzigen fahrbaren Wege, welcher von Cewo nach Gneguſſi fuͤhrte, um hier, wie er es bei jeder oͤffentlichen Angelegen⸗ heit pflegte, einer Verſoͤhnungsfeier, die nach einer ſchon lang gehegten und blutig beſiegelten Blut⸗ rache folgte, beizuwohnen. Der Beleidiger war Djuro von Gorizza, den wir als Entfuͤhrer der ſchoͤnen Smilia, aus der erſten Abtheilung dieſer Geſchichte kennen. Vor fuͤnf Jahren hatte er in der Betrunkenheit und zum Zorne aufgereizt, im Handgemenge und mehr zur Selbſtvertheidigung, einen gewiſſen Marko von Sabnizza, welcher viele Verwandte zaͤhlte, getoͤtet. Sieben Menſchen waren waͤh⸗ rend der Dauer der Feindſeligkeiten von beiden Seiten gefallen und nur die aͤußern Kriege hat⸗ ten das gluͤhende Feuer erdruͤckt, das aber noch unter der Aſche zu ſchlummern ſchien, wie nur des erſten Luftzuges gewaͤrtig, um als gewaltige Lohe emporzuſchlagen. Auf des Statthalters Ver⸗ wendung hatte der Bruder des Erſchlagenen, Spiridion, nachgegeben und beide Theile ſich =e 8 s— zur Verſoͤhnung geneigt. In Gneguſſi ſollte dieſelbe am beſtimmten Tage vor ſich gehen. Unter freiem Himmel waren trotz der ſtren⸗ gen Kaͤlte, ſowohl die Betheiligten bereits, als auch eine Menge andern Volkes verſammelt, wie der Statthalter mit ſeiner Begleitung, dem Ar⸗ chimandriten, welcher die Verſoͤhnungsceremonien leiten ſollte, nebſt andern Prieſtern ankam und ſeinen Sitz einnahm. Ringsum brannten große Holzfeuer, darum ſtanden die Maͤnner, waͤrmten ſich, rauchten Taback und tranken Slibowitza*). Rechts vom Sitze des Statthalters ſtand die klagende, die vergebende Parthei;— links Dju⸗ ro mit ſeinen Vettern und Bundesbruͤdern. Alle die Maͤnner blickten finſter und wie grollend zur Seite, Jeder mied des Andern Antlitz, wie noch kaͤmpfend mit dem beſſern Selbſt uͤber die wilde Leidenſchaft, 3 Der Archimandrit, in deſſen geiſtlichem Be⸗ zirke der letzte Mann von der Parthei Djuro's getoͤdtet worden, war Praͤſident des Schiedsgerich⸗ *) Branntwein aus Pflaumen gebrannt, dort das gewoͤhnliche Getraͤnk. —— —* 9 e.—. tes. Er trat vor und hielt eine fromme Predigt uͤber das Evangelium von der Suͤndenvergebung zum Eingange der Feierlichkeit; dann bewegte ſich der Zug, den Goyernator und andere Haͤupter an der Spitze, nach der Kirche, um hier die Meſſe zu hören, die er las. Alle Glocken wurden ge⸗ laͤutet, alle Fahnen des Ortes wehten rings um das Kloſter, alle waren in koſtbaren Pelzen, reich geſchmuͤckt und in Waffen; aber kein Gewehr wurde losgeſchoſſen— keine Waffe glaͤnzte außer der Scheide; das zufaͤllige Losgehen eines Geweh⸗ res ſchon haͤtte die Feierlichkeit zerſtoͤrt, den Frie⸗ den vernichtet und die feindlichen Gemuͤther wieder auf Jahre in blutiger Wuth einander ent⸗ fremdet.— Hinter dem Statthalter ging die Partei Marko's, zwoͤlf Maͤnner in ſchoͤnen Klei⸗ dern, heldenmuͤthige Geſtalten, darunter ein Knees und ein Sardar; darauf folgte eine große Anzahl unbetheiligter Helden, hinter welchen ſich Djuro mit den Seinigen anſchloß, wie denn auf's Sorg⸗ ſamſte vermieden wurde, beide Parteien keinan⸗ der nur im Entfernteſten vor dem Ausgange des Verſoͤhnungsactes zu naͤhern. Jetzt wallte der Zug zwiſchen den blaͤtterloſen — 10 9— Baͤumen des Kirchganges nach der Thite des heiligen Hauſes: da blickte Stephan zufaͤllig nach dem Seitenfluͤgel des Kloſtergebaͤudes, wo es ſich an den dritten Thurm lehnt, ſein Auge traf im Zellenfenſter einen Kaloyer, der hinter den Schei⸗ ben herausblickte, ihn mit dem kreidebleichen Ant⸗ litze, den dunkeln Augen anſtarrte, und als ſchwanke der Boden weit hinter ihm zuruͤck, ſo erbebte er, und brach beinahe in die Kniee und ward blei⸗ cher als der Schnee.— „Dem Czaaren iſt nicht wohl,“ rief ein Sardar, der an ſeiner Seite ging und ihn beob⸗ achtet hatte; er unterſtuͤtzte ihn.— Man lief zuſammen. „Wer ſagt das?“ rief Stephan und trat feſt auf und warf einen drohenden Blick auf den Sardar und ſah im Kreiſe umher.—„Ich bin ausgeglitten!“ ſagte er und eilte voran in die Kirche.— Hier erklang feierlich die Orgel und ſtille Andacht lag auf den Mienen von Feind und Beleidiger.— Der Statthalter betete auch; ſeine wirren Blicke aber ſprachen zu deutlich die Uunruhe ſeiner Seele aus.— Jetzt war das Hochamt geendet: der Zug 8— oa 11— bewegte ſich wieder unter feierlichen Glockentoͤ⸗ nen zur Kirche hinaus nach dem Marktplatze. Die Kmeti oder Schiedsrichter hatten bereits das vergoſſene Blut berechnet; jede Wunde zahlte 10 Dukaten. Djuro hatte den Verbuͤndeten des Marko drei Wunden mehr geſchlagen und mußte alſo 30 Dukaten bezahlen. Schon fruͤher wur⸗ den an den Beleidigten 12 Maͤdchen, getragen von ihren Waͤrterinnen, mit zwoͤlf weißen Tuͤ⸗ chern zum Verſoͤhnungsgeſchenke geſchickt, um ſein Herz durch ihre Unſchuld zu ruͤhren und oli Verſoͤhnung zu ſtimmen. Jetzt wurde Djuro, der hinter dem Kreiſe ſtand, hereingelaſſen; er warf ſich am Eingange deſſelben auf die Kniee und rutſchte ſo bis zu dem Orte, wo der Governator ſaß und zu ſeiner Seite die Schiedsrichter mit Spiridion ſtan⸗ den, hin. An ſeinem Halſe hing das Mordge⸗ wehr, mittelſt welchem er den letzten Todtſchlag begangen; in ſeinem Antlitz aber malte ſich die Aufgeregtheit, die Verzweiflung des herben Ent⸗ ſchluſſes, man ſah die freie Seele blutig mit ſich kaͤmpfen und ſolcher Demuͤthigung widerſtreben.— Jetzt nahm ihm der Pope die Waffe vom X — 12 ο— Halſe und warf ſie weit hinaus außer den Kreis. Einige ſprangen ihr nach und zerbrachen ſie in kleine Stuͤcke. Nun ſtand Djuro auf, erklaͤrte ſeine Unterwerfung fuͤr den Ausſpruch des Ge⸗ ſetzes und fragte den Beleidigten, ob er der Rache entſagen wolle? zugleich kniete er nieder vor ihm. Dieſer wandte ſich hin und her, weinte, uͤber⸗ legte, blickte gen Himmel, zauderte; ſeine Seele ſchien von tauſend Empfindungen beſtuͤrmt, er glaubte, die Manen ſeiner Verwandten zu be⸗ leidigen, wenn er mit ihren Moͤrdern Frieden ſchließe. Die Freunde und Verwandten beider Parteien draͤngten ſich nun herzu, und ermahn⸗ ten ihn zur Eintracht: der Beleidiger lag noch immer zu ſeinen Fuͤßen und„zaudre nicht laͤnger, Du Herz von Eis!“ rief der Archimandrit und deutete mit der Hand nach dem Himmel. Und jetzt ſchien ihm das Herz zu ſchmelzen, der Ausdruck ſeines Geſichtes ward milder, ſeine Seele erweicht; mit der einen Hand hob er den Feind auf, mit der andern deutete er nach dem Himmel und ſagte:„Herr, Gott! ſei Zeuge, daß ich ihm vergebe.“— Beide umarmten ſich nun, waͤhrend die Luft von dem Beifallsjauchzen der Zuſchauer ertoͤnte, die ſich in trunkener Freude Alle umarmten.— Nun bewegte ſich der Zug, die Verſoͤhnten, welche ſich noch Arm in Arm umſchlungen hiel⸗ ten, an der Spitze, nach dem Hauſe eines Vet⸗ ters des Djuro, wo dieſer ein großes, koſtbares Gaſtmahl ausrichten ließ. Hammel, Kaͤlber und Schweine wurden ganz gebraten auf die Tafel gebracht; der Slibowitza und koͤſtlicher Wein floſſen in Stroͤmen, Geſang, Tanz und Spiel herrſch⸗ ten nach der Mahlzeit bis tief in die Nacht.— Der Governator, welcher bei Tiſche zwiſchen den beiden Verſoͤhnten obenan geſeſſen und von dem vielen Beſcheidthun beim Ausbringen der Geſund⸗ heiten und Betheurungen hoͤchſt aufgeregt war, ſchlich jetzt, waͤhrend Alles in einem großen anſto⸗ ßenden Saale tanzte, hinaus in die freie Luft. Er taumelte beinahe in der eiſigen Temperatur des Nachtfroſtes— ſchweigend lag die Welt ringsum, nur aus dem Hauſe toͤnte der Jubel und die Muſik, der Himmel war weißblau, ſeine Sterne blinzelten matt herunter. Ueber die Berge ließ der Governator ſeine Blicke ſchweifen und — 14 o— ſagte dumpf fuͤr ſich:„Schmelzt bald Euer Eis, ihr Rieſen— damit ich wieder handeln kann; der Winter nimmt die Kraft hemmend und er⸗ toͤdtend gefangen!“ Da klopfte ihm von der Seite etwas auf die Schulter, und erſchreckt zuſammenfahrend, blickte er auf: es war ein Moͤnch vom Kloſter, in ſeinem Ordensgewande.— „Gott zum Gruße, Steffano Piccolol“ ſagte eine Stimme in italieniſcher Sprache, die bekannt, aber auch erſchuͤtternd in ſeine Ohren drang.—„Wer,“ kreiſchte Stephan auf— und faßte den Kaloyer bei der Hand, riß ihn mit ſich einige Schritte vom Hauſe nach der Straße fort—„wer wagt es, mich ſo zu nennen?— Wer biſt Du, naͤchtlicher Rabe?“— Sein Stimme Ferbehte ihm; ſen Athem war Iusge gangen. „Kennſt Du mich nicht mehr, Hauptmauns — fuhr der Moͤnch fort—„wie Du, habe ich Venedig verlaſſen— ich komme, Dich hier zu gruͤßen; der Lieutenant Paolo war ja der Ein⸗ zige, von dem Du Abſchied nahmſt.“— „Paolole“ ſtockte Stephan—„Du biſt —( 15*— Paolo. Gut! ich kenne Dich, wie ich ſo Man⸗ chen kenne aus der Vergangenheit. Wenn Dir Dein Leben aber lieb iſt; ſo laß Deine Lippe ſtumm ſeyn wie ein Grab; kein Laut, kein Blick verrathe, daß Du mich einſtens geſehen, einſtens gekannt haſt. Verſteh mich wohl,“— fuhr er milder fort—„ich bin der Herrſcher hier, bin—“ er ſprach es nicht aus das Wort: Czaar— „ein Wink und Du biſt bleich, wie der Tod.“ „Wie kam es aber, Hauptmann?“— fragte Paolo, durch des Gohetnatöts Schrecken kühntr gemacht.— 3 „Wie es kam?“ wiederholte dieſer—„Dir ziemt es nicht zu fragen, das Fragen iſt an mir. Aber noch einmal; wehe Dir! wenn Du mich je gekannt— wehe Dir, wenn Dein Mund ſchwatzt.— Sprich! wie lange haſt Du mich in Venedig gekannt?“ „ Zwei Jahre,“ erwiederte Paolo. „Und fruͤher nicht?“ fuhr Stephan haſtig fort. „Nein!“ war die Antwort. „Dann glaube, daß ich bin, wofuͤr ich hier gelte“— ſprach nun Stephan ermuthigter.„Du — 16— warſt ein Schwaͤtzer, meine Geheimniſſe taugten nicht fuͤr Dich.— Ich habe Dich zwar nicht zu fuͤrchten,“ fuhr er im wachſenden Vertrauen und auf Selbſtbewußtſein pochend, fort—„Du biſt mir nicht ſchaͤdlich, nicht gefaͤhrlich: wie aber meine Plaͤne jetzt ſtehen, iſt's eine Grille von mir, wenn ich will, daß Du ſchweigeſt. Ver⸗ ſtehe— ich kann Dich vernichten— Du kannſt mir nicht ſchaden.— Als Freund aber heiße ich Dich willkommen,“— lenkte er ruhiger ein,„und damit Du einſtens Dich, ſelbſt vor Deiner Seele nicht, ruͤhmen koͤnneſt, als habe ein Kaiſer vor Dir gezittert, ſo wiſſe, ich war trunken, der Beſinnung nicht maͤchtig; da machte mich Dein ploͤtzlich Erſcheinen ſtutzen: nichts weiter.— Aber was bringt Dich hieher, armer Lieutenant?“— 1 „Folge mir in's Kloſter, in die geheime Zelle,“ erwiederte Paolo,„ich will Dir Alles ſagen.“ „Jetzt kann ich nicht“— verſetzte Stephan, „es wuͤrde Aufſehen erregen; in einer Stunde aber komme ich.— Wie gelange ich aber hinein? Ich will nicht bemerkt ſeyn: der Statthalter darf — 17 o— kein Geheimniß haben mit dem Kaloyer, vor den Augen des Volkes.“ „Ich will bei dem Kreuze am Wege dahin,“ antwortete Paolo,„Deiner harren— doch koͤmmſt Du gewiß?— Ich will auch ſchweigen.“— „Wurm, Du drohſt mir,“ fuhr Stephan wild auf—„aber ich will kommen, und hoͤren.“ Der Moͤnch ging, Stephan ſah ihm lange nach— dann ſtuͤrzte er hinein in das Haus, fluͤſterte ſeinem Diener einige Worte in's Ohr, ſetzte ſich hinter die Pokale und jagte das aufre⸗ gende Getraͤnk wild in ſich hinein, als wollte er die Erinnerung des letzten Momentes hinab⸗ ſchwemmen. So ſaß er die Stunde lang, trank und bruͤ⸗ tete: die Lichter neben ihm waren tief herabge⸗ brannt— die Muſik raſte aus dem Nebenſaale, Alles faſt war dahin geeilt; nur Ein ſchlaf⸗ und weintrunkener Mann ſaß am untern Ende der Tafel. Nun ſprang Stephan auf, hullte ſich in den Mantel, druͤckte den Kolpak auf die Stirne und ſchlich hinaus. Taumelnd trugen ihn die eiligen Schritte nach dem Kloſter hinab; der Schnee knarrte laut und unheimlich unter ſeinen II. B Fuͤßen— er ging; Gedanken durchflogen ihn, Ahnungen, Erinnerungen— keines haftete. Dort ſtand das Kreuz— etwas Graues regte ſich dabei; es war Paolo.„Biſt Du ſchon da, naͤchtlicher Rabe?“ ſagte Stephan.— „Still!“ heiſchte dieſer—„die Andern ſind noch wach.“— Er faßte ihn an der Hand und fuͤhrte ihn durch die verſchneiten Kloſter⸗ gaͤnge, eine knarrende Wendeltreppe hinauf.— Sie ſchlichen a fden Zehen durch mehrere Corri⸗ dors— an dem aͤußerſten Ende hielten ſie vor einer Zelle; Paolo pochte, dann ſchloß er auf. Stephan trat fruͤher hinein, die Thuͤre ging hin⸗ ter ihm zu, Paolo folgte ihm nicht.—„ Ver⸗ flucht! was iſt das?“ donnerte Stephan los.— Da ſtuͤrzte ein Menſch zu ſeinen Fuͤßen, ein Moͤnch, ſo viel die matte Lampe erkennen ließ, und umklammerte ſeine Kniee, und fand im Schluchzen kein Wort.„Steffano!“ rief es italieniſch— und mit einer Stimme, wie ein Ruf aus altem Grabe.—„Heiliger Gott!“ ſtoͤhnte er, und lehnte ſich an die Thuͤre; denn die Kniee wollten ihm brechen.„— Wer?“— „ Und es ſprang auf und klammerte ſich an 8* — 19— ſeinen Hals und ein bleiches Antlitz ſtarrte in das ſeinige und verwandelte ſein Auge in Eis und Lava.—„Kennſt Du Deine Clara nicht mehr,“ fuhr es fort,„Betruͤger, kennſt Du Dein Weib nicht mehr? Von Deinem Kinde, dem wimmernden Saͤugling, habe ich mich losge⸗ riſſen, und habe Dich geſucht, den Elementen habe ich getrotzt und bin in dieſe Thaͤler gedrun⸗ gen: und Du kennſt mich nicht mehr!“— „Clara!“ ſagte Stephan und die Stimme war ihm in der Erſchuͤtterung weich geworden— „was willſt Du von mir?“— „Was ich von Dir willl, eidbruͤchiger Ver⸗ raͤther!“ fiel dieſe ein in den herzzerſchneidendſten Toͤnen ihrer Stimme;„was ich will?— Deine Schwuͤre will ich, Deine Verheißungen; wie die Rachegoͤttin der Liebe bin ich Dir gefolgt, habe mich von Freunden und Verwandten, von der Heimath getrennt, von meinem, von Deinem Kinde losgeriſſen;— ich bin Dir gefolgt, um Dir in die Seele zu ſchreien. Stehe mir Rede! ſage, warum Du mich betrogen.“ „Wahnſinnige,“ fiel Stephan zuͤrnend ein, „Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“ B 2 — 0( 20— „Was ich ſpreche,“ fiel ſie ein im bitterſten Tone ihrer Vorwuͤrfe,—„ich weiß, ich fuͤhle es zu gut. Ich bin Clara, des Senators Toch⸗ ter, welcher Du Liebe geheuchelt, falſche Liebe geſchworen haſt; der Du Herz und Seele, Tu⸗ gend und Unſchuld geraubt, mit deren Herzen Du zuſammengewachſen warſt und wovon Du Dich losgeriſſen, ohne der Wunde zu denken, die blu⸗ tet und verblutet.— Biſt Du denn ſo ganz klein, ſo ganz falſch und ſchlecht geworden, daß Dein Gedaͤchtniß keine Farbe mehr hat, die an die vergangenen Tage erinnert? O Du bleicher Mann! Das war ein erbaͤrmliches Werk, ſo ein ſchwaches Weib zu vernichten.— Wahn⸗ ſinnig bin ich— ja wahnſinnig werde ich— wirſt Du mir nicht ganz, was Du einſtens warſt.“— „Erhielteſt Du meinen Brief nicht,“ gegen⸗ redete Stephan—„den ich Dir durch Paolo ſandte?— Ich habe Dir geboten zu warten; in meine Bahn ſollteſt Du nicht treten, nicht vor die Raͤder meines Sonnenwagens, ſie zer⸗ malmen Dich ſonſt; auf die Zukunft habe ich Dich vertroͤſtet: hier iſt Dein Platz nicht, jetzt — o* 21 o— nicht. Das Weib muß meinen hoͤhern Zwecken weichen.“ „Als wenn,“ fiel ſie im bitterſten Hohne ein,„meine Liebe nicht meine Seele, nicht Eins mit mir waͤre; als wenn die Liebe nicht auch Deine Seele waͤre; als ob es eine Trennung von ihr gaͤbe; als ob nicht mein Platz an Deiner Bruſt, am Throne ſo wie in der Huͤtte waͤre; als wenn meine Liebe nicht auch fuͤr Deine Schlachten taugte; als ob ich nicht uͤberall Dein begleitender Engel— oder, wenn Du mich verſtießeſt, Dein raͤchender Engel waͤre!— Armer Mann! hier bebſt Du vor dem Weibe; in den Tuͤrkenſchlach⸗ ten haſt Du gelaͤchelt, hier biſt Du bleich vor Deiner eignen Schandthat.“— „Du mußt fort,“ gebot erzuͤrnt der Gover⸗ nator—„Du mußt aus meinem Gleiſe, Weib! Denke, wer ich bin, was ich bin— harre der Zeit— kehre zu Deinem Kinde wieder. Wehe der Mutter, die ihrer Pflicht vergißt. Geh', ſag' ich Dir— bevor ich zuͤrne und ſtrafe,— und harre, bis ich Deiner bedarf.“— „Gebieten,“— fiel ſie ein,„kannſt Du hier, aber nur mir nicht, die ich Dein Loos in mei⸗ — 22 nen Haͤnden habe. Laß mich hintreten vor Dein Volk, laß mich es ausſchreien laut, welch' einen Heuchler ſie verehren, welch' einen Ge⸗ bieter ſie gewaͤhlt: der ein Weib betruͤgen konnte, taugt fuͤr keine Krone.— Und lehren willſt Du mich? An das Kind meines Lebens er⸗ innerſt Du mich?— Seltſam, daß die Erb⸗ ſuͤnde, daß die aͤltere, groͤßere Suͤnde Eine ver⸗ mahnt, die erſt von geſtern, die durch ſie entſtan⸗ den iſt.— Wo iſt mein Vater? ruft mir das Wimmern des Saͤuglings mit jedem Erwachen entgegen: wo iſt mein Vater?— Soll ich ihm Fluch uͤber Dich in die Ohren murmeln? Soll ich ihm Fluͤche ſprechen, Verwuͤnſchungen beten leh⸗ ren?“— Sie riß ihr Moͤnchsgewand herab, ſie athmete ſchwer, ſie wuͤhlte in ihren Locken, ſie warf ſich auf den Boden nieder und ſchien zu vergehen. Er war erſchuͤttert, bis in den Tod ergriffen. —„Clara,“ ſagte er mit weicherer Stimme— „ich kann Dir nicht helfen— kehre zuruͤck— zuͤrne dem Verhaͤngniß und nicht mir.“— „Du kannſt mir nicht helfen!“ wimmerte ſie, „Du willſt nicht!— O gedenke doch der ſchoͤ⸗ nen Zeit unſerer Liebe,“ fuhr ſie fort in den — — ⸗( 23— „rüͤhrendſten Toͤnen ihrer Stimme und erhob ſich auf die Knie vor ihm und faltete die Haͤnde.— „kenne Deine Clara wieder. Es war ja ein Paradies, wie Du es nannteſt; ich war Deine Erde und Dein Himmel, Deine Welt und Dein Thron. Kehre zuruͤck, komm zuruͤck. Der En⸗ gel mit dem Feuerſchwerte haͤlt nicht laͤnger Wache, er laͤßt uns ein, er laͤßt uns Beide wie⸗ der ein! Oder haſt Du je ganz des Einſtens vergeſſen? Biſt Du ſo todt, ſo hohlfuͤr alle Erin⸗ nerungen geworden? Sieh! dieſe Wangen zwar bleich und eingefallen, dieſe Augen zwar matt und erloſchen, dieſe Lippen zwar welk und ver⸗ blaßt— dieſe Arme, dieſe Bruſt, dieſe Stimme, — es ſind ja Deiner Clara Theile.— Die Lippen haſt Du einſt gekuͤßt, mit dieſen Locken einſt getaͤndelt, an dieſer Bruſt einſt geruht, — dem Geſange, dem Liebeslaute dieſer Stimme gehorcht. Du haſt es Alles vernichtet, Alles haſt Du verwelken, Alles erblaſſen gemacht! O kehre zuruͤck! Deine neue Liebe wird zum Feuer wer⸗ den, das meine Adern durchſtroͤnt und den Baum zu neuer Bluͤte lockt. Ol ich will Dich umſchlingen mit dem Meer meiner Liebe; jedem — 22., 24 Athemzuge lauſchen, jedes Wort in mich ſaugen und es zum Tone der Liebe, zum Strahle der Seligkeit verklaͤren! O Du ahneſt es noch nicht, wie reich das Herz eines Weibes an treuer Liebe iſt!— Ich will Deine Sonne, Dein Mond, Deine Luſt, Deine Seele ſein; ich will Dein Thau und Dein Regen werden, Dein Schatten in Deinem Schlafe. Ich habe Dir einen Sohn geboren, der Dein Ebenbild iſt; ich will Dir Kinder gebaͤren, ſie follen Dir alle gleichen,— ſie ſollen Dich umſchlingen, wie der Epheu die Ulme, bis ans Grab. Ich will ſie bil⸗ den, will ſie lieben, will ſie beten, will ſie fromm und tugendhaft ſein lehren; Alles fuͤr Dich, nur fuͤr Dich.“ Sie hielt inne, ſie lauſchte mit angehaltenem Athemzuge auf ſeine Antwort; er ſchwieg.„Sei barmherzig und zertritt die Welt des Reichthums nicht, die ich vor Dir ausbreite;“ fuhr ſie fort, und ſtand auf und ſchlang den Arm um ſeinen Nacken.—„Es duͤrfte zu ſpaͤt ſein, es duͤrfte Dir kein Himmel mehr geboten werden, wie dieſer. Du haſt Dich auf eine ſchwindelnde Hoͤhe geſtellt; die Ruhm⸗ ſucht ſteht an einem Abgrund, ein Fehltritt, und — 25.— Du ſtuͤrzeſt Dich zerſchmetternd hinab.— Die Liebe wohnt im Thale ſicher und geborgen, von den Stuͤrmen des Lebens nicht erreicht; ſie ſchlummert und traͤumet unter Bluͤtenbaͤumen, und jedes Erwachen iſt ihr ein neuer Lebens⸗ morgen.“— Er war tief in der Seele erſchuͤttert; ſein bebender Mund verſuchte dreimal umſonſt zu re⸗ den.— Endlich raffte er ſich auf, ſchlang den Arm um ihren Nacken und flehte weich:„Meine Clara,— ich kann bei'm ewigen Gott nicht!— Weiter muß ich, wie ich begonnen habe. Ohne Krone gibt es keine Seligkeit fuͤr mich. Wenn Du mich liebſt, kehre zuruͤck; Du vernichteſt Dich und mich mit Dir. Mit den Geiſtern, denen ich mich ergeben, laͤßt ſich kein kindiſch, verwegenes Spiel treiben.“ „Als wenn die Liebe nicht die Allgewalt der Schoͤpfung waͤre,“ fiel ſie ein;—„aber gut, Du willſt es; ich werde bleiben, hier bleiben in dem Gewande des Moͤnches und will Jahre lang harren, will Dir mit meinen Gebeten in Deine Gefahren folgen, bis die Zeit kommt, bis der Tag erſcheint, wo Du mich aus dem 26 Dunkel meiner Zelle holſt, und ſei es am Throne oder im Staube der Niedrigkeit, mir den erkauf⸗ ten Platz gibſt. Mann! ich gebe Dir Alles,— Du willſt gar nichts entgelten?“— „Es kann nicht ſein, Clara!“ troͤſtete er— „kehre zuruͤck nach Venedig zu Deinem Kinde, harre dort meiner Botſchaft, ich beſchwoͤre Dir meine Verheißungen.“— „Ha!“ ſchrie ſie ploͤtzlich, wie ſich beſinnend auf,„nun denke ich erſt daran, nun haſt Du Dich verrathen! Komm!“ ſtuͤrmte ſie und riß ihn an der Hand gegen den Tiſch, wo die Lampe brannte, vor das Kreuz, welches uͤber dem Bet⸗ ſchemel hing.—„Hier ſtehe mir Rede, im An⸗ geſicht des Gekreuzigten, von welchem Du Dich doch wohl noch nicht losgeſagt; denn ich glaube es, weil ich Dich heute beten ſah in der Kirche. Hier ſprich, ob Du keine Andre liebſt, als mich? — Eine Braut haſt Du hier erwaͤhlt,“ donnerte ſie fuͤrchterlich, da er ſchwieg,—„eine ſchoͤne, ſuͤße Braut des Landes: eine Andere, die Du vergiften, die Du verderben willſt!— Luͤge nicht, ſenke den Blick nicht, rolle das Auge nicht; ich wollte es nicht glauben, weil ich Deine —. 27— Treue nach der meinigen bemaß,— aber auf den bleichen Zuͤgen liegt Dein Geſtaͤndniß.“— „Ja!“ ſagte der Montenegrinerhaͤuptling jetzt feſt und ein Theil ſeines Stolzes, ſeiner maͤnnlichen Kraft kam uͤber ihn,—„ich habe zum Scheine Eine gewaͤhlt; das Verhaͤltniß hat es erheiſcht. Aber meine Seele hab' ich Dir nicht verpfaͤndet, raſendes, wahnſinniges Weib. Du haſt mich bisher nur liebend gekannt, lerne mich nicht in meinem Zorne kennen! Ich habe Dich geliebt— ich liebe Dich noch; aber mein Leben, mein Gluͤck, meine Anforderungen habe ich Dir damit nicht verkauft. Ich bin frei,— frei war meine Liebe, ein fieiwilliges Geſchenk die Deinige.— Laß mich nicht hart werden, laß mich nicht zuͤrnen. Kein Knabe ſteht vor Dir; der Mann ſchaudert zuruͤck vor Deiner raſenden Leidenſchaft. Darum gehorche!— Was ich Dir nahm, gab ich Dir wieder. Der Menſch iſt nicht ſeines Schickſals Herr und die Schwuͤre der Liebe muͤſſen hoͤhern Zwecken gehorchen; den Phoͤnix, der zur Sonne aufgeflogen, wirſt Du nicht mehr zur Taube umgeſtalten. Zum Han⸗ deln iſt der Mann; die Liebe iſt ſein Fruͤhling, — 28- aber das Leben hat noch drei Jahreszeiten, in denen er wirken muß.— Fluch dem Schwa⸗ chen, der weibiſch das Leben ganz in Liebestraͤu⸗ men vertaͤndelt! Die Kraft iſt ihm von Gott gegeben, und in meinem Buſen leben noch an⸗ dere Geiſter, als die kleinen Deiner Liebe.— Du biſt ein Weib! das bedenke wohl! Kehre zu⸗ ruͤck, harre meines Rufes; wenn ich ſiege und uͤberwinde, ſollſt Du den leeren Raum meines Herzens fuͤllen; mehr kann ich Dir nicht geben, und ſollteſt Du meiner fluchen. Vor Gott und meinem Gewiſſen bin ich rein!— Denk' an unſer Kind— Mutter!— Auch ich denke an die Pflichten meines Berufes.— Denk' an die Deinen; ſonſt kann ich ein Weib, das ihr Kind verſtoͤßt, nicht lieben.“— „Steffano!“ rief ſie tonlos, und das Ant⸗ litz war in ſeinen Mienen zerruͤttet. Die Au⸗ gen funkelten ihr duͤſter, ſie ſank vor ihm nie⸗ der.„Steffano!— ſoll ich zuruͤckkehren?“— Sie zog einen blanken Dolch, und hielt ſeine Spitze an den Schwanenbuſen.„Soll ich zu⸗ ruͤckkehren?“— wiederholte ſie. Er ſah die blitzende Waffe, er ſah das einſt — 29 o— geliebte Leben am Rand des Todes ſchweben; er ſchwieg, er bebte.—„Clara! Clara!“ rief er und rang die Haͤnde. „Soll ich gehen?“ ſprach ſie noch einmal mit hohler, dumpfer Stimme, und ſah ihm ſtarr in die Augen, wie nur des Winkes gewaͤrtig, um ſich den Stahl in die Bruſt zu ſtoßen. Er kaͤmpfte, er rang mit dem furchtbaren Augenblicke zwiſchen Tod und Leben. „Bleib'!“ ſagte er endlich leiſe;—„aber wehe Dir, wenn Du fruͤher aus der Verborgen⸗ heit trittſt, bevor die Stunde geſchlagen.— Gott ſei mir gnaͤdig!— Und haſt Du mich geſtuͤrzt, bin ich ein Opfer Deiner raſenden Leidenſchaft geworden: ſo komme mein Blut uͤber Dich, Du wirſt die Folgen vertreten.“— Sie ließ den Dolch aus der Hand fallen, ſie ſprang auf, ſie umſchlang ſeinen Hals, ihre Lip⸗ pen brannten mit dem ehemaligen Feuer an den ſeinigen; ſie jubelte auf, ihr Auge gluͤhte, das blaſſe Antlitz roͤthete ſich und ward wieder ſchoͤn. —„Gott iſt mein Zeuge!“ rief ſie,„ich habe Dir Alles vergeben, und Alles vergeſſen.“— „Morgen,“ ſagte er, den Sturm ihrer Ge⸗ —0 30*— fuͤhle beſchwichtigend,„morgen komme ich ent⸗ weder ſelbſt, oder ich ſende Dir einen Vertrau⸗ ten, der Dich an einen verborgenen Ort, in meine Naͤhe bringen wird: ſei verſchwiegen!“— Er druͤckte ſie an ſich, er ſah ſie mit einem Blicke von unnennbarem Ausdrucke an; einen Ge⸗ danken ſchien er nieder zu kaͤmpfen; er kuͤßte ſie noch einmal und riß ſich gewaltſam los. Draußen harrte Paolo ſeiner, um ihn durch die Kloſtergaͤnge zu fuͤhren. Er begleitete ihn nach dem Weg zum Dorfe hinauf und erzaͤhlte ihm, wie Alles gekommen, und entſchuldigte ſeine That. Stephan erwiederte nichts darauf— es wogten ganz andre Gedanken in ſeiner Seele: „Von Cattaro,“ fiel er jetzt ein in Paolo's Er⸗ zaͤhlung,„wie ſeid Ihr da bis hieher gelangt?“— „Wie geſagt,“ fuhr der Berichterſtatter fort, „es war auch Clara in Maͤnnerkleidung gehuͤllt; wir uͤberredeten einen Moͤnch des dortigen Klo⸗ ſters, uns Anzuͤge zu uͤberlaſſen und zugleich ein Empfehlungsſchreiben an den Archimandriten mit zu geben; wir ſchuͤtzten vor, das Land durchreiſen zu wollen, und meinten, es ſei zu unſerer Sicher⸗ heit erſprießlicher, dieß in Moͤnchskleidern zu thun. ee 31 e— So wurden wir hier freundlich aufgenommen. Es war in den erſten Tagen des Winters, als wir durch die Gebirge zogen, ich glaubte hundert⸗ mal zu ſterben: aber Clara's Muth wankte nicht, gab mir ſelbſt Kraft. Dies Weib hat wahrhaf⸗ tig eine große Seele.“— Sie ſtanden beim Kreuze; hier verabſchiedete Stephan den Begleiter und ſagte ihm zum Schluſſe:„Morgen ſende ich Dir einen vertrau⸗ ten Mann, er ſpricht gebrochen italieniſch: folge dieſem in Allem; Abends 4 Uhr erwarte ihn an der hintern Kloſterpforte. Clara weiß das Uebrige. Gute Nacht.“— Er langte vor dem Hauſe der Luſtbarkeit an, rief hier donnernd nach ſeinen beiden Tuͤrkenſkla⸗ ven, ließ den Schlitten vorfahren, hieß ſeine Begleitung aufſitzen und fuhr, trotz der Bitten der Verſoͤhnten, die Nacht durch da zu bleiben, und wider die Gefahr des naͤchtlichen Weges, hinein in die vom Fall der Lawinen und dem Hall der berſtenden Baͤume donnernde Winter⸗ nacht.— „Ich habe mich Dir verbruͤdert, Herr!“ ſagte Wuk Brankowitſch nach einem ſtundenlangen Ge⸗ ſpraͤche, das er insgeheim mit dem Statthalter in deſſen Gemache hielt,—„als Du mir mein Weib erretteteſt;— ich diene Dir gern. Du halfſt mir zur Braut, ich ſoll Dir von der Braut helfen; es iſt freilich traurig, ein ſchwa⸗ ches Weib ſo zu verſtoßen. Doch weil ſie wahn⸗ ſinnig iſt, und weil ihre Erſcheinung Deinem Rufe ſchaden koͤnnte, iſt es beſſer, ſie werde entfernt. Ich verſtehe Dich. Unredliches iſt gewiß nichts daran.“ „Nein, Freund,“ entgegnete der Czaar,„Du kennſt die tollen Sitten unſrer Laͤnder und die unbezaͤhmten Rechte, die unſre Weiber genießen. Sie lehnen ſich in wilder Leidenſchaft tauſend⸗ mal auf gegen ihre Maͤnner und haben Man⸗ chen ſchon vernichtet. Denke nur meines Weibes, das Rußlands Krone traͤgt!— Hier bei Euch iſt's beſſer; das Weib gehorcht und iſt gluͤcklich mit dem Maaße der Liebe, welches ihr der Mann gewaͤhrt.— Jetzt leb wohl— reiſe gluͤcklich— — e 33).— und— Wuk!— behandle ſie ſanft; ſie iſt doch immer ein ſchwaches Weib. Vergiß auch den Dolch nicht;— Du verſtehſt mich.“— 8 „Gut, ganz gut; Du ſollſt mich zufrieden wiederſehen,“ ſagte Wuk, verneigte ſich und ging. In einer Minute ſaß er in einem Schlit⸗ ten, den zwei raſche Pferde zogen; auf dem Sitze lagen mehrere Pelze— das leichte Fuhrwerk glitt pfeifend uͤber die Schneegleiſe nach Gne⸗ guſſi hin. Es war vier Uhr Abends— die Gegend lag im winterlichen Nebelgrau des Abends— an der hintern Kloſterpforte harrte Paolo:— da fuhr Wuk im Schlitten vor. „Seid Ihr der Venetianer Paolo?“ fragte er.— Dieſer bejahte und fuͤhrte ihn hinauf nach Clara's Zelle. „Ich bin,“ ſagte Wuk, hier angelangt,„der Montenegriner, vom Czaar geſendet, Euch an den bewußten Ort zu bringen. Huͤllt Euch in dieſe Pelze und Gewaͤnder; denn es iſt luſtig kalt draußen.— Was Ihr ſonſt mit habt, gebt her, ich packe es in den Schlitten.“ Clara raffte freudig ihre Kleidungsſtuͤcke zu⸗ . G — 34— ſammenz da fiel der Dolch aus einem Gewande.— Wuk raffte ihn auf.— „Gib mir den Dolch!“ ſagte ſie. „Er iſt unter den uͤbrigen Sachen,“ entgeg⸗ nete Brankowitſch,„gut aufgehoben; weiß auch nicht, wie Ihr fremden Möoͤnche Waffen braucht; die fuͤhrt der Diener Gottes nur in unſerm Lande.“— Clara ſtarrte den Sprecher an; das fremde Weſen des Mannes, die heldenmuͤthige, Ehrfurcht gebietende Geſtalt machten einen Eindruck auf ſie; ſie wagte nicht zu widerſprechen. Jetzt ſtanden ſie an der Schwelle. Paolo warf noch einen Blick in die Zelle zuruͤck— Clara's Kniee bebten beim erſten Schritte, den ſie hinaustrat. Sie wandte ſich um— ſah dem Czernogorzen, muthfaſſend, frei in die Augen und ſagte:„Wohin fuͤhrſt Du mich?“— „Wohin mein Gebieter, der Czaar und Go⸗ vernator, befohlen,“ erwiederte feſt der Branko⸗ witſch—„das muß Dir wohl bekannt ſein; iſt's nicht ſo: dann bin ich an einen Unrechten gerathen.“— „Ja, ja!“ rief ſie—„es iſt gut: ich folg — 35—— Dir.“— Sie gingen hinab. Es dunkelte ſchon ſtaͤrker— ſie warfen ſich in den Schlitten und huͤllten ſich dicht in ihre Pelze. Wuk ſprang auf den Bock und lenkte die Pferde raſch hinein in die einbrechende Nacht.„Schoͤn mag ſie ge⸗ weſen ſein,“ murmelte er vor ſich,„und leidend ſieht ſie aus;— aber ich kann ihr nicht nuͤtzen. Helf ihr Gott!“— Und der Schlitten glitt wie ein Schiff durch die Thalflaͤchen, auf eiſiger Bahn dahin. Die Sterne zogen matt auf am Himmel, die Nebelduͤnſte wogten uͤber die Huͤgel, Eulen kreiſten um das ſauſende Fuhrwerk, der Schnee kniſterte unter den Schlittenſchleifen wimmernd— die Lawinen donnerten von ferne— und die Fahrt ging raſt⸗ los fort. Clara war an Paolo's Seite entſchlummert. Der Brankowitſch ſah ſich fleißig um nach ihnen und trieb nun immer raſcher die Roſſe an. Nach Mitternacht hob ſich der halbe Mond blutroth am Himmel: ſie ſchliefen fort. Matt keuchten ſchon die Roſſe, der Fuͤhrer peitſchte ſie unablaͤſ⸗ ſig zu eiligerem Gange.— Jetzt brach der Morgen an. Elara erwachte: C 2 —(36— ſie ſah die Schneegefilde roſig angehaucht vom Schein des Taggeſtirnes— ſie beſann ſich und fragte endlich den Fuͤhrer:„Noch nicht ange⸗ langt?— Der Weg iſt weit. Fuͤhrſt Du uns auch den rechten?“ „Ei wohl!“ betheuerte Wuk gezwungen; denn der ſtille, ungekannte Jammer that ihm leid in der Seele;—„waͤhrend Ihr ſchliefet, ging der Schlitten durch den tiefſten Schnee, und wir ge⸗ langten nicht eine Stunde weit.“— Es wurde indeſſen Mittag und Wuk trieb die matten Pferde von Neuem an. Jetzt bogen ſie um einen großen, lang gedehnten Berg gegen das tiefe, flache Land herab, denn Wuk hatte den Weg nach Gluita, der blos des Winters fahrbar war, gewaͤhlt.„Fuhrmann!“ rief Clara wieder,„Du faͤhrſt mich an's Ende der Welt!“ Sie hatte kaum ausgeſprochen, da oͤffnete ſich die Gegend vor ihnen, und da lag, matt blin⸗ kend, nebelbedeckt, das adriatiſche Meer, unter ihnen das Staͤdtchen Gluita an der Kuͤſte— etwas entfernter ragten die Thuͤrme von Ca⸗ ſtell⸗Novo auf. „Verraͤtherei!“ kreiſchte Clara auf.—„O = 37— Fluch, Fluch uͤber Euch Alle.“— Sie fuchte bei dieſen Worten aus dem Schlitten zu ent⸗ fliehen. Wuk hielt den Schlitten an, befahl Paolo, ſich auf den Bock zu ſetzen und die Roſſe gegen Gluita zu lenken; er zog ſeine Piſtole und drohte ihn niederzuſchießen, wenn er nicht gehorchte;— er ſelbſt ſetzte ſich an Clara's Seite und hinderte ihr Entfliehen.„Kind,“ ſagte er troͤſtend,„folge dem Czaar und kehre nach Venedig zuruͤck; es war in Wahrheit unmoͤglich, daß Du bliebeſt, ſchon wegen des ſchlimmen Rufes, den Dein Be⸗ ginnen bei uns erregt haͤtte. Der Governator ſagte, Du ſollteſt ſeines Kindes wahren: thu' es doch um des Himmels und der Liebe willen. Eine Mutter, die ihr Kind verachtet, nennen wir bei uns eine Woͤlfin.— Wird es Zeit ſein, ſollſt Du wiederkommen duͤrfen.“— Clara kannte kein Maaß in dem Zuſtande ihres Schmerzes, ihres ſchrecklichen Gefuͤhles. „Sag' ihm,“ ſtoͤhnte ſie nun dumpf und hohl, „meine Leiche ſolle er morgen im adriatiſchen Meere ſuchen.“—„Dann machſt Du mir,“ ver⸗ ſetzte Wuk,„eine groͤßere Muͤhe; denn ich muß —— 8 4⁸ — e 38)e.— Dich ſonſt bis nach Venedig bringen.“—„ Alſo doch betrogen,“ wimmerte ſie,„ſchaͤndlich betro⸗ gen von dem Falſchen, und er log wieder ſo taͤu⸗ ſchend, ſo glaubwuͤrdig⸗fromm! Sag ihm— ich ſende ihm einen Fluch und mit einem Fluch wuͤrde ich zuerſt das Kind gruͤßen. Werth iſt er meiner Liebe nicht; ich werde von nun an ſeiner gedenken, wie man des Verbrechens ge⸗ denkt, das einſt an unſerer Seite ging.— Und dennoch, dennoch liebe ich den Suͤnder, den Moͤrder meines Lebensgluͤckes. O barmherziger Gott!— laß bald mich und mein Kind vom Hauche des Todes anwehen; denn auf Erden bluͤht unſer Fruͤhling nicht!“— Sie weinte laut und heftig. Jetzt hielten ſie vor dem Staͤdtchen ſtille und ſtiegen aus.„Hier iſt ein Paſſeport,“ ſagte Wuk, „und hier eine Boͤrſe: unten an der Bucht wer⸗ det Ihr Barken finden, auf deren einer Ihr leicht nach Caſtell⸗Novo gelangen koͤnnt. Und ſo lebt wohl! Baut auf Gott und den Himmel; denn wer die Schmerzen ſendet, iſt auch Gott, wel⸗ cher das Gute ſendet. Da er Euch, Madonna, ein Gluͤck gab, beſchloß er auch zu pruͤfen, ob — 4 — 22( 39— Ihr die Leiden zu tragen vermoͤget. Thut das, Madonna, thut es, und betet zum heiligen Baſilius; das iſt ein großer Heiliger; er wird Euch helfen.“— Jetzt erſt ſchien das ganze Bewußtſein der ſchrecklichen Lage uͤber Clara zu kommen; ſie ſtuͤrzte nieder in den Schnee vor Brankowitſch und flehte:„Fremdling! bring' mich zuruͤck; bei der Heiligkeit des Himmels, bei Deiner Seele, bei Dei⸗ ner Liebe beſchwoͤre ich Dich. Du haſt gewiß auch ein Weib, und ſie gebaͤret Dir Kinder. Denke, es kann Dir vergolten werden, und Undank, o! Undank iſt das giftigſte von allen Giften. Hab' Erbarmen, bring' mich zuruͤck;— verbirg mich irgendwo, wo mich Dein Gebieter nicht ſieht; ich will ſcheu ſein, wie eine Maus, will mich nicht re⸗ gen,— man ſoll nicht ahnen, daß ich lebe; nur in ſei⸗ ner Naͤhe will ich ſein. Und die Folgen, die verantworte ich alle, mit meinem Leben ver⸗ buͤrge ich ſie Dir.— Fuͤhre mich zuruͤck.“— „Ich habe geſchworen,“ verſetzte Wuk und wandte das Haupt hinweg, denn das Jammer⸗ bild machte ihn wehmuͤthig;„ſieh! ich kann den Schwur nicht brechen. Mein Herr und Bundesbruder hat gewollt, ich fuͤhrte es aus.— — 2⸗( 40 o— Er iſt ein wackerer Held, weiter weiß ich nichts. — Er muß ſeine Gruͤnde haben; von einem Manne ließe ich ihn nicht ſo ſchelten.— Kehre zuruͤck, Madonna! Der Mann muß bei den Waffen ſein, wie die Mutter bei den Kindern. Hoffe!— Der Himmel lohnt gerne fromme Hoffnungen.“— „Kalter Troͤſter,“ rief Clara bitter und wuͤhlt' im Bruſtlatz ihres Gewandes.„Wo iſt der Dolch?“ ſchrie ſie, dieſen vermiſſend. „Ihr wolltet doch nicht!“ ſagte Wuk er⸗ ſchreckt.—„Ich habe ihn verborgen, und Fluch jeder Menſchenhand, die gegen ſich ſelbſt raſ't! Die Erde und das Himmelreich wollt Ihr Euch verſcherzen,— weder ihn noch Euer Kind auch jenſeits wieder ſehen?— Madonna!— thut nicht, daß ich Euch verachten und ſagen muß: der Czaar hat Recht, daß er ein ſolches Weib nicht liebt.— Wollt' Ihr aber,“ lenkte er ſanf⸗ ter wieder ein,„ruhig nach Venedig zuruͤckkehren, dort bei Eurem Sohne harren, ihm ganz Mut⸗ ter ſein; ſo ſchwoͤrt Euch Wuk Brankowitſch, daß Ihr alle drei Monden, wenn unſere Han⸗ delsleute nach der Waſſerſtadt ſeegeln, Nachricht — 41 e— haben ſollt, und ſpricht der Gebieter dann das Wort: ſie ſoll kommenl! aus, dann bin ich's, der hinfliegt und Euch einholt.“— „Dem Saͤugling,“ ſagte Clara dumpf vor ſich,„habe ich geſchworen, wieder zu kommen;— ich will es; aber ſage,“ wandte ſie ſich mit dro⸗ hender, ernſter, zum Entſchluſſe aufringender Ge⸗ berde an Wuk,„ſage dem Tyrannen, ich kehre binnen Jahresfriſt wieder, und das Kind lege ich zu ſeinen Fuͤßen, als meinen und ſeinen Fuͤr⸗ ſprecher; dann ſoll er uns Beide zertreten, wenn er es kann.“— Sie riß ſich los und ſtuͤrzte gegen die Bucht hinab. Paolo, das ſtumme Werkzeug, das wider Willen in dieſen Conflict von Leidenſchaften und Schmerzſcenen gerathen war, folgte. Bald flog hre Barke uͤber die Bucht nach Caſtell⸗Novo. Der Czernogorze ſchuͤttelte mit dem Haupte und lenkte ſeine Roſſe zur Nuͤckkehr.— 3. Der Fruͤhling war gekommen. Von den Bergen donnerte der Schnee in großen Lawinen; — 42 o— das uͤppige Gruͤn deckte ſich auf und blickte la⸗ chend dem blauen Himmel entgegen.— Die Baͤume auf den Hoͤhen belaubten ſich; die Ler⸗ chen ſangen wieder in den Thaͤlern und uͤber den Bergen kraͤchzten luſtig die Adler.— In ſeinem Gemache ging der Statthalter mit langen Schritten nachſinnend auf und ab. Am Schreibepulte naͤchſt dem Fenſter lehnte der Knees Philipp, das Haupt geſenkt und nachdenklich.— „Die Subſidiengelder,“ ſagte Stephan ſtill vor ſich„ſind ausgeblieben; Jermalow meldet mir von Moskau, es ſei unmoͤglich, loszubrechen; denn der Zweifel an der Aechtheit meiner Perſon habe ſich neuerdings verbreitet, weil ein Aben⸗ teurer in Weißrußland aufgeſtanden iſt, der ſich ruͤhmt, Peter zu ſein.— Ich muß mich be⸗ ſchaͤftigen und das Volk zugleich; Ruhe gibt Anlaß zum Nachdenken, und dieſes ſchafft Zwei⸗ fel.“— Er trat zu Philipp:„Ich habe Dir meine Gruͤnde geſagt,“ ſprach er;„die Tuͤrken haben uns Spuß noch nicht geraͤumt und der Winter i*ſt ſchon daruͤber verfloſſen. Melde alſo, wie ich beſchloſſen. Ihr zieht Euch an der Grenze zu⸗ — 206 43— ſammen, ohne aber einzufallen, wenn man Euch nicht durch Angriffe Veranlaſſung gegeben. Ich gehe nach Cattaro, nehme die Fahrzeuge, welche wir von Venedig erhalten haben, und beunru⸗ hige die albaneſiſche Kuͤſte. An Beute ſoll es nicht fehlen. Es iſt dies kein offener Bruch des Friedens, und den Paſcha mahnt es doch an ſeine Pflicht.“— 1 „Bricht aber der Friede dadurch,“ gegenredete Philipp,„ſo ſind wir bei dem Zuge nach Ruß⸗ land nicht gedeckt und in das wehr⸗entbloͤßte Land faͤllt der Paſcha dann, verderblicher, als wir es gethan.“— „Die Pforte ruͤſtet ſich zum Kriege mit Oeſt⸗ reich,“ erwiederte Stephan.—„Sie muß dar⸗ nach ſtreben, Frieden mit uns, den gefaͤhrlichſten Nachbarn, zu halten. Ich weiß beſtimmt, es iſt dabei nichts zu wagen.“— „Wer befehligt die Expedition an die Grenze?“ fragte Philipp. „Ich habe ſie dem Wuk Brankowitſch zu⸗ geſichert,“ beſchied der Czaar;—„doch waͤre mir's lieb, wenn Du ihn begleiteteſt, mit Rath — 44.— und Klugheit.— Leb' wohl— in drei Monden, hoffe ich, ſehen wir uns ruhmvoll wieder.“— Der Knees ging und der Governator ſank nachdenklich in ſeinen Seſſel. Er heftete die Blicke ſtarr auf einen Punkt der Landcharte, die vor ihm an der Wand hing, und ſchien wie uͤber der Zukunft zu bruͤten.„Gluͤck!“ ſagte er end⸗ lich,„buhleriſches Maͤdchen, das ich ſo lange gehaſcht und jetzt erſt erhaſcht, bleibe mir treu, fuͤge dich meiner Kraft, gib ein guͤnſtiges Er⸗ eigniß und ich will nicht ſaͤumen, mich an deine Fluͤgel zu halten, und mit dir mich fortſchwine gen in Gefahr und Drang.“— Es pochte an die Thuͤre und herein trat Jel⸗ kena's Oheim.„Es gruͤßt Dich die Braut, Herr!“ ſagte er.—„Die Zeit der Trauer iſt bald verfloſſen, und die Zeit naht, wo Du die Gattin feierlich Dir antrauen wirſt. Gebiete, wann es geſchehen ſoll— ſie wird ihre ſchwar⸗ zen Gewaͤnder ablegen und in weißen Kleidern vor Dir erſcheinen. Das Volk freut ſich darauf.“ Stephan ſchwieg eine Weile verlegen, dann ſagte er:„Du haſt Unrecht, mich zu ermahnen, Alter. Das Weib, welches ich erwaͤhlt, wollte — 45— ich erſt dann durch des Prieſters Segen erlan⸗ gen, wenn ich Reich und Krone wieder beſitze. Sie ſoll nicht als Eine erſcheinen, die ich aus dem Zuſtande meiner fruͤhern Erniedrigung mit hinuͤber bringe. Nein! vom Throne herab will ich nach ihr verlangen, ſie darauf erhoͤhen, ſie erwaͤhlen vor Tauſenden und zeigen, daß ſie ein Edelſtein, wuͤrdig, in Rußlands Diamantenkranz geſchlungen zu werden. Der entthronte Monarch ſoll ſich keine Gattin mitbringen, von der man ſagen koͤnnte, er habe ſie in den Tagen ſeiner Hilfbeduͤrftigkeit gewaͤhlt, und ehre ihre Rechte blos aus Noth und Dankbarkeit.— Vom groͤß⸗ ten Throne Europa's will ich ſie verlangen unter allen Fuͤrſtentoͤchtern.— Heiſcht es aber Euer Gebrauch, ſo will ich mich ihr fruͤher und ſchon dann, wenn ich von dem jetzt ſtatthabenden Kriegsunternehmen zur See zuruͤckgekehrt bin, im Angeſichte des Volkes antrauen.— Doch moͤgt Ihr ſelbſt entſcheiden, was ruhmvoller, was Eurem wie meinem Stolze angemeſſener.— Ich ſpreche heut ſelbſt mit der Geliebten, ihr Wort ſoll uͤber meinen Willen beſchließen, den ich uͤbrigens immer gerne frei, halte. Sage das .—, 46 c— den Verwandten und allen Andern.— Leb' wohl.“— Deer Alte ging ſchweigend; am Abend ſchwang ſich der Governator auf ſein Roß und ſg zu der Geliebten.— Sie wandelte durch den Garten; ſie hatte Smilien und Anemonen gepfluͤckt, um ſich die Locken zu ſchmuͤcken. Da rauſchte es durch die Hecken, ſie flog dahin und wie ſie um die Ecke bog, lag der Geliebte an ihrer Bruſt. „Mein Gebieter,“ rief ſie,„ſei willkommen!“ Noch immer nennſt Du mich Gebieter,“ entgegnete er,„und doch iſt mir der Name ſo verhaßt aus Deinem Munde.“— „Du weißt ja,“ fiel ſie zaghaft ein,„wie die Gebraͤuche dieſes Landes es verbieten, den Ge⸗ liebten bei ſeinem Namen zu nennen. Nur dem Gatten ziemt es aus der Gattin Munde.“— „Hat man mir das Vorrecht gewaͤhrt,“ ver⸗ ſetzte Stephan,„nach den Sitten meines Landes vor der Hochzeit mit Dir umzugehen, ſo will ich auch noch dieſes erlangen.— Dein Oheim war bei mir,“ fuhr er fort, ſeinen Arm in den ihren legend, und ſo an der Holden Seite durch die 7 — 47— Gaͤnge wallend;—„er mahnte mich an die Vermaͤhlung. Was ſagt meine Jellena dazu?„— Er blickte ſie forſchend an;— ſie ſenkte das Haupt und ſchwieg.—„Ich habe keinen Wunſch gehegt,“ begann ſie endlich,—„ich nicht, o mein Herr! Wie Du es wiliſt Du kennſt mich ja als gehorſam.“ „Es ſchien,“ fuhr der Czaar fort,„als wolle mich der Alte erinnernz doch kenne ich meine Pflichten, die keine Mahnung dulden. Ich habe erklaͤrt, Dich dann als Weib vor dem Altare und der Welt unter Prieſtersſegen an die Bruſt zu druͤcken, wenn die Krone in meinen Locken funkelt; wenn ich ſie von meinem auf Dein Haupt ſetze; wenn die Kanonen die heilige Feier durch meine Reiche donnern. Des großen Peters, meines erhabenen Ahns, Catharina, ſtieg aus dem Kreiſe der Niedrigkeit auf den Thron, und war ein Segen dem großen Rußland, iſt ihm jetzt eine Schutzheilige im Himmel.— Zuvor will ich auch feierlich von der getrennt ſein, die ſich eine Schlange an meine Seele wand und mein Leben vergiftete.“ „Mein hoher Herr!“ fluͤſterte Jellena und ſah — ⸗( 48—. ihm innig mit den unbeſiegbaren Seelenblicken in das Antlitz,—„Du kennſt ja mein Gemuͤth, — ich ſtrebe ja nicht nach ſo Hohem.— Deine Magd waͤrmt ſic im Sthahle Deiner Huld und Liebe, und— „Du holdes, ſtill beſcheidenes Weſen!“— fiel der Czaar ein,„Du haſt heilige Rechte; meinen Schwur fuͤr Dich, mein Verſprechen vor Deinem Volke.— Wie es auch immer kommen moͤge. Bleibt Dein Geliebter nichts als Gover⸗ nator dieſes Landes,— wirſt Du ſein Weid, wie ſonſt, und verſchmaͤhen wirſt Du ihn dann wohl vu 4— „O ich will beten,“ ſagte ſie leiſe,„daß es der Himmel wenden moͤge zu dem Einen oder dem Andern, zu dem, was Deine Seele wuͤnſcht. Dem Onkel zuͤrne nicht;— er dachte vielleicht nur der Schande vor meinen Geſpielinnen.“— „Welcher Schande?“ fragte geſpannt der Haͤuptling. 4 „Ich bin,“— ſtockte ſie, und das Antlitz uͤbergoß ſich ihr mit Purpur und der Athem machte bang und ſchwer den Buſen aufwallen. „O mein Geliebter!“ brach ſie endlich los und umſchlang ſeinen Hals, und druͤckte das gluͤhende Antlitz an ſeine Bruſt. Er erblaßte beinahe im Gedanken und fluͤ⸗ ſterte in ſich hinein:„Lilie, habe ich Dich auch ſchon geknickt!?“ Aber er ſah ihr wieder laͤchelnd in das roſige Antlitz; er hob ihr mit den Fin⸗ gern ſcherzend die Augenlieder, die ſie tief herab⸗ druͤckte, um ihr mit gluͤhenden Blicken in die Seele zu ſchauen.„Meine Jellena!“ rief er mit Feuer,„Du machſt mich ſo ganz gluͤcklich! Laß die Frucht unſerer Liebe einen Sohn werden, und Rußland hat ſeinen Erben aus meinem Blute ſtammend.— Der Umſtand kann wohl noͤthigen, unſern Bund zu beſchleunigen. Harre, bis ich wiederkehre;— denn morgen reiſe ich nach Cattaro, ſchiffe mich ein und beunruhige mit unſern Fahrzeugen die Kuͤſten von Albanien.“— „So willſt Du wieder ſcheiden?“ klagte ſie erſchreckt.— „Nicht lange,“ troͤſtete er,„zwei Monden bleibe ich; ſie werden mir eine Ewigkeit waͤhren.“ „Wieder in den Kampf?“ ſprach ſie lang⸗ ſam und ſinnend; doch das iſt ja des Helden Pflicht und ſeine Lebensweiſe.— Zwei Monden I.. — 50— ſind erſchrecklich lang, wenn man liebt. Du haſt mir erzaͤhlt, wie es oft bei Euch im Lande ge⸗ ſchah, daß die Geliebte in maͤnnlicher Kleidung dem Gatten in die Schlacht gefolgt iſt und an ſeiner Seite gekaͤmpft hat.— O duͤrfte ich auch ſo mit Dir!— Ich habe Muth fuͤr Dich, Muth wie ein Mann, ich wollte Dein Schild ſein, allen Waffen wehren und Deiner Wunden pfle⸗ gen, vor denen Dich aber der Himmel in ſeiner Gnade behuͤten moͤge.— Und dem treuloſen Waſſer uͤbergibſt Du Dein Leben? Der Kampf iſt ja dort doppelter Tod.“ „Traure nicht, geliebtes Leben,“ troͤſtete er, „ich kehre ſicher heim; dort zu fallen, iſt mir nicht beſchieden. Czernogorzenmaͤdchen, Czaaren⸗ braut; harre des Siegers, nenne nur dieſen willkommen; aber den Gram verſcheuche.“ „Ich will nicht unmaͤßig klagen,“ ſagte ſie, und zwei Perlen glitten ihr leiſe aus den Wim⸗ pern;„denn daß Du wiederkehrſt, weiß ich hei⸗ lig und beſtimmt. Glaube mir, in meiner Bruſt liegt prophetiſch dieſe Ahnung, und jetzt, wo ich weiß, daß Du ſcheiden willſt, wuͤrde ſie mir Grauen erregen und das Herz erdruͤcken, drohte —⸗-A 51.— die Gefahr.— Wie Du mich zum erſtenmal im Kolo anblickteſt, wie Dein erſtes Wort mir klang, rief es mir ſchon im Herzen, daß ein anderes großes Loos nun beginnen und fuͤr ewig mein Leben umſchlingen wolle. Tod und Leben ahnete ich in dieſem Momente. Und jetzt bin ich ſo ſelig geworden, ſo ganz begluͤckt! Man kann auch zittern vor dem Gluͤcke.— Nur Eines fuͤrchte ich— ſo ergeben mir auch das Herz ſchlaͤgt.— Die Tage der Trauer koͤnnten doch noch kommen; die Nacht muͤſſe doch einſtens einbrechen uͤber dieſe Tage der Wonne.“— „Laß die Nacht kommen,“ vertroͤſtete Ste⸗ phan,„ſie uͤberraſcht uns Bruſt an Bruſt.— An Dein Herz leg' ich meine Lebensjahre; es wird ihnen zur leuchtenden, warmen Sonne wer⸗ den; unſchaͤdlich wird die Nacht uͤber uns ſchweben.“ „Ich moͤchte oft ſo herzlich gerne weinen,“ geſtand Jellena, ſich traulich an des Geliebten Wange ſchmiegend, wieder,—„die Thraͤnen wuͤrden mir ſelbſt wohlthun;— denn ich wollte wieder dabei jauchzen aus voller Bruſt; aber ich bekaͤmpfe mich, denn die Augen einer Braut des H 2 —(52.— groͤßten Czernogorzenhelden duͤrfen keine Thraͤnen faſſen. Bin ich ja ſo die Lilie, zu welcher ſich die Ceder neigt, die Taube, welche der Adler liebt.“— und ſie ſchlang die Hand in ſeine Locken, ſah ihm lange ſchweigend in die Augen und neigte die kleinen vollen Lippen, ſchwellend im reinſten Lebenshauch, aufgebluͤht wie Roſen vor innerſter Glut, angehaucht mit Feuer ihrer phanthaſierei⸗ chen Liebe, ſachte an ſeinen Mund, daß es war wie ein balſamiſcher Hauch eines warmen Blu⸗ menluͤftchens. „ Er lag an dieſer Bruſt und hing an dieſen Lippen in tauſend wechſelnden Gefuͤhlen; war ja in ſeinem Innern ein ewig Draͤngen von Fruͤh⸗ lingsgefühlen und Sonnengewitter, eine Ebbe und Fluth; die Sterne leuchteten da hinein in aller Macht ihres milden Strahles, aber auch das Entſetzliche toͤnte hinein mit aller Kraft ſei⸗ ner Erregung und Vernichtung. Es hatte dieſes Herz zwei unergruͤndliche Tiefen und war die eine gefuͤltt und in ihrer Sehnſucht geſtillt; ſo verlangte die andere ihre Gaben und Opfer, und Ebbe und Fluth wogten ſo durcheinander. Fuͤr b — ſolch doppeltes, reiches Verlangen genuͤgte die Erde wohl nicht mit ihren Guͤtern;“ oder war die Menſchenbruſt gar zu klein und ſchwach, um beide friedlich neben einander zu faſſen in ihrer Groͤße; und doch war es ja ein großes Herz!— Er riß ſich los.—„Ich muß ſcheiden, mein Leben!“ ſagte er mit einem wehmuͤthigen Blicke.„Noch habe ich heute manches Geſchaͤft zu ordnen. Darum leb' wohl und gedenke mein Jeden Abend will ich Dich umſchweben; nach des Tages Muͤhen will ich an Bord treten, nach der Gegend hin, wo Du biſt, und will Dir Gruͤße und Kuͤſſe, Worte der Bothſchaft meiner Liebe ſenden. Leb' wohl!“— Sie laͤchelte ihm durch die Thraͤnen, die ihr aus den Augen glitten, zauberiſch zu, ſie floͤtete: „Leb' wohl, mein Herr und Geliebter, und kehre gluͤcklich und bald zuruͤck: der Himmel moͤge Dich umſchweben mit ſeiner Liebe und Gnade, und Dir die Heiligen ſenden. Moͤge Dich ein Stern zum Siege fuͤhren, wie er die Koͤnige zur Wiege des Heilandes leitete.— Leb' wohl!“— Sie ging an ſeiner Seite, das holde Locken⸗ haupt auf ſeine Schultern gelehnt, durch die — 54— Gaͤnge; die Zweige der Myrten hingen herab und ſtreiften ihre Haͤupter; die Silberpappeln fliſterten in Silberklaͤngen, die Blumen nickten freundlich, jede hatte ihre Thraͤnenperlen Thaues im Kelche; jede ſah fromm und laͤchelnd nach dem Himmel auf, uͤber den ſich purpurner Wol⸗ kenſchaum ergoß. An dem Gartenpfoͤrtchen ſtand ſie ſtille; ſie hielt ſeine Hand und blickte ihm noch einmal voll ſeliger Wehmuth in die Augen. Da ge⸗ wahrte er ein kleines Kreuz von Ebenholz, wie es die Moͤnche im Baſiliuskloſter ſchnitzen, auf ihrer Schwanenbruſt ſich wiegen.„Schenk' mir das Kreuz,“ bat er, ohne zu wiſſen warum,— „ich will es an meinem Herzen tragen, mit den Blumen, die Du ſonſt mir gabſt.“ „Hier,“ ſagte ſie raſch und machte es los von der Perlenſchnur.— Ein blaues ſeidnes Band ſah ihm unter der Halsbinde hervor, ſie zog es heraus.„Was iſt das?“ fragte ſie.— — Es war die Schleife, die ihm Clara am letzten Abend in Venedig gab.— Er ſchrak zuſammen bei deren Anblicke.— „Das iſt ein boͤſes Zeichen fuͤr dieſe ſelige — 55— Stunde“, ſagte er ſich,„wie ein bleiches Geſpenſt taucht das Band auf und mahnt—“ Er ſtockte.— Sie gewahrte ſeine Verwirrung, ſie betrachtete ihn feſter.„ Es iſt dies Band,“ ſagte er endlich,„von meiner todten Schweſter, das einzige Angedenken, das ich von der laͤngſt Geſchiedenen beſitze; es hing ihr Bild an dieſem Bande, das ich in Frankreich verlor; und jetzt beſinne ich mich, daß ich heut den Dollman an⸗ zog, welchen ich ſchon lange nicht getragen; daran iſt es befeſtigt. Erſchreckt hat es mich aber, wie ein Gruß der todten Schweſter aus dem Jenſeits, und ſolche Gruͤße mahnen an— Trauer.“ „Nicht alſo—“ troͤſtete laͤchelnd die holde Horcherin;—„ laß es fuͤr einen Himmelsgruß, fuͤr einen ſeligen der Schweſter gelten, die ja nun ein Engel iſt und in Liebe niederblickt auf Dich.— Laß mich das Kreuz daran binden; die Heilige wird mir nicht zuͤrnen; und ſo ver⸗ maͤhle ich meinen frommen Wunſch mit den ih⸗ rigen; das Sinnbild unſers Glaubens iſt auch das Zeichen der hoͤhern Weihe.“ „Du biſt ein frommer, ſeliger Engel,“ rief er aus mit bebender Stimme;—„leb' wohl! 3 — 56 e.— jeb' wohl!“— Er druͤckte ſie heftig an ſich und riß ſich los. Auf das Roß ſchwang er ſich raſch und flog die Straße hinab, wie der Sturmwind. Sie ſah ihm lange nach, halb das ſuͤße Laͤ⸗ cheln, halb die Wehmuth in dem blaſſen Antlitz. Da trat von der rechten Seite Jemand gegen ſie— es war ein hoher, ſchoͤner Juͤngling, in ruſ⸗ ſiſcher Offizierstracht. Er gruͤßte ſie mit den Worten:„Heil Dir, Jellena, Du in Gott meine Schweſter!“— Sie bebte zuſammen, ſah dem Mann lange in das ſprechende, edelgezeichnete, aber blaß⸗an⸗ gehauchte Geſicht und rief dann, wie erſchrek⸗ kend und ihn erkennend:„Marko Pawlo⸗ witſch!“— „Ich bin es, Schweſter,“ ſagte er;„aus Pe⸗ tersburg kehre ich mit meinem Oheim zuruͤck nach der Heimath. Drei lange Jahre war ich ent⸗ fernt, und komme mit neuer Liebe ins Vater⸗ land. Da ſehe ich Dich, und kenne Dich kaum. Die Leute erſt ſagten mir; das iſt Jellena, Deine Jugendgeſpielin; und ſieh! die ich als zartes Wie⸗ ſenbluͤmchen zum letztenmale ſah, erſcheint mir nun als ſchoͤne Roſe.“— — ᷣ 57 e— „Sei mir willkommen, Du in Gott mein Bruder!“ ſagte Jellena weich und freundlich, indem ſie ihm die Hand zum Gruße reichte.— „Du haſt mich wieder erkannt,“ ſprach der Juͤngling freudig—„Du haſt deſſen, der ſich Dir noch als Knabe verbruͤdert hat, nicht ver⸗ geſſen— nimm meinen Dank.“ „Ich bin Dir Dank ſchuldig,“ gegenredete Jellena,„daß Du nach ſo langer Zeit, aus dem großen, fernen Lande, nachdem Du ſo viel Herr⸗ liches und Schoͤnes geſehen und erlebt, noch die Erinnerung an mich mitbringſt.“— „Die konnte nie ſterben— nie— nie!“ ſagte der Offizier;—„der Czernogorze haͤngt ja am Vaterlande mit derſelben Innigkeit, wie an Allem, was er dort liebt.“ Er hielt ein; ſchlug die Augen nieder, und ſchien ſich wie zerſtreut auf Etwas zu beſinnen. „War das nicht,“ fragte er endlich,„der da Abſchied von Dir nahm und zu Roſſe fort⸗ jagte, der Governator, Czaar Peter, der Aufer⸗ ſtandene?“ „Er war es,“ fluͤſterte Jellena verſchaͤmt. — 58— „Dein Braͤutigam,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Sie ſchwieg.— „Er hat die ſchoͤnſte Blume gefunden,“ fuhr der Marko langſam fort;„die Hohen dieſer Erde gebieten mit der Macht ihres Gluͤckes uͤber Al⸗ les, was das Vorzuͤglichſte iſt.— Ich bete fuͤr Dein Gluͤck— liebe Schweſter, und wenn es mich jetzt draͤngt, Dir Etwas zu geſtehen, was ich drei Jahre lang im verſchloſſenen Herzen trug, ſo zuͤrne mir nicht. Es ſoll Dich kein Wort von mir je mehr betruͤben; aber Du weißt, der Montenegriner muß offen und wahrhaftig ſein in ſeiner Seele.— Sieh, meine Schweſter,“ fuhr er zagend und im wehmuͤthigen Tone fort— „da ich ſchied, liebte ich Dich— Du gewahrteſt es nicht; ich, der bartloſe Knabe, konnte damals nicht um Deine Hand werben. Der Oheim ſagte, ich muͤſſe hinaus in die Fremde, muͤſſe die Welt kennen lernen, um meinem Vaterlande dereinſt zu nuͤtzen. Da wir hier damals Frieden hatten, geleitete er mich nach Rußland; dort nahm ich Kriegsdienſte, focht in mancher Schlacht und habe dieſe be und mit ihr den Orden er⸗ — — o 59— fochten.— Jetztt war die Zeit meiner Wander⸗ ſchaft vorbei! der Oheim mahnte zur Heimkehr; ich flog und freute mich: denn jetzt wollte ich vor Dich treten, und wollte werben um die Liebe, die ich ſchon laͤngſt gehegt.— Aber zuͤrne mir nicht, Jellena!— Ich habe es gewagt und werde es nie wieder ſagen.— Du liebſt— 3 ich komme zu ſpaͤt.— Wie ich in dies Land trat, die ſchwarzen Berge wieder ſah, jubelte ich auf, und uͤber ihnen ſchien mir ein hoher Stern, mein Stern zu ſterben— jetzt ging er unter, zugleich mit Deinem ſich ſenkenden Augenliede.— Leb' wohl, Du in Gott meine Schweſter,“ ſetzte er weicher und beruhigend hinzu—„lebe gluͤck⸗ lich!— Ja, Du biſt einer Krone werth.— Bleibe immer meine guͤtige Schweſter— und wenn Du einſt meiner Hilfe bedarfſt: dies Herz, dieſer Geiſt, dieſer Arm, ſie ſind Dein.“— „Marko!“ ſagte ſie ſchmelzend und wiſchte ſich die Thraͤnen von den Wangen. Sie ſtand eine lange Zeit ſchweigend; auch Er war ſtumm. Dann druͤckte ſie ihm heftig die Hand und floh raſch durch den Garten zuruͤck. — Der ſtattliche Juͤngling ging langſam durch —. 60 e— das Dorf hinab. Er begegnete ſeinem Oheim, einem Greis von ehrwuͤrdigem Anſehen.—„Iſt er es?“ fragte Marko. ₰ „Ich glaube, er iſt es nicht,“ ſagte ernſt und finſter der Oheim,—„ich ſah ihn eilig vorbeijagen, das alte Auge faßte nicht deutlich ſein Bild—: aber ich glaube, er iſt es nicht.— Laß uns warten, bevor wir Sicherheit geben und das freie Wort ſprechen.“— „Ob er es iſt— ob nicht,“ ſagte der Juͤng⸗ ling fuͤr ſich,„mir iſt es gleich: er iſt doch rei⸗ cher, als ich, er iſt ein Koͤnig; denn er iſt ge⸗ lebt.“— Sie gingen ſchweigend in ein Haus. 4. In ihrem Cabinet, nachlaͤſſig den bloßen, vol⸗ len, blendend⸗weißen Arm uͤber das roſa⸗ atlasne Kiſſen des Divans gelegt, ſaß die Kaiſerin. Vor ihr ſtand ein kleines Mahagoni⸗Tiſchchen, auf welchem Papiere, Buͤcher und daruͤber einige Goldmünzen lagen. Der zierliche Fuß ſpielte mit — 61 de— dem gruͤnſammetnen Schemel, welcher umge⸗ ſtuͤrzt da lag; die linke Hand ordnete die Locken; im ganzen Weſen der Kaiſerin lag eine Gleich⸗ gultigkeit, mit Nachdenken gepaart; das Auge aber, dieſer große, ſchoͤne Spiegel aller ihrer Leidenſchaf⸗ ten, ſah nach der Fenſterbruͤſtung, wo zwiſchen den gruͤn⸗damaſtnen Vorhaͤngen ein ſchlanker, hoher, ſchoͤner Mann in prachtvoller Uniform lehnte; es war Gregor Orloff. „Gregoriew!“ rief die Kaiſerin nach einer Weile, wie nachlaͤßig in Ton und Geberde;„meint Ihr, ich ſoll mir bange werden laſſen, wegen des Abenteurer's?“— „Nein, Majeſtaͤt,“ verſetzte Orloff laͤchelnd, indem er zugleich naͤher zum Divan trat und uͤber deſſen linke Seitenwand ſich vertraulich her⸗ uͤberlehnte.—„Der Commandant von Moskau hat bereits Befehl; ſobald er nur das geringſte Zeichen von Empoͤrung unter dem Jawulſchen Regimente verſpuͤrt, die Mannſchaft decimiren zu laſſen.“— „Aber, was wird mit ihm ſelbſt, dem Aben⸗ teurer?“ fragte die Kaiſerin weiter. „Ich habe bereits geſtern,“ verſetzte etwas — 62— ſpibig Gregor,„der Monarchin daruͤber Bericht erſtattet; doch ſchienen gerade Catharina's Au⸗ gen auf dem jungen polniſchen Obriſten zu ver⸗ weilen, der zur Audienz vorgelaſſen war. Und da ſich der groͤßte Theil der Aufmerkſamkeit un⸗ ſerer Seele dahin wendet, wo das Auge be⸗ ſchaͤftigt iſt; das Ohr gegen das Auge immer im Nachtheil ſteht, deſſen Auffaſſung lebendiger iſt; ſo—“ „Hat ſich Orloffs Auge diesmal gerade um⸗ gekehrt im Nachtheil befunden, und er ſich geirrt,“ verſetzte die Czaarin laͤchelnd und mit einem ſchmelzenden Tone der Stimme, der ihr immer eigen war, ſobald ſie gnaͤdig verſoͤhnend ſich in ihrer Vertraulichkeit zu ihrem Guͤnſtlinge herab⸗ ließ.—„Doch, ich wollte von dem Oberhaupte der Montenegriner hoͤren, und nicht vom ſchoͤnen Polenobriſt.“— „Die beiden Czernogorzen Pawlowitſch, Onkel und Neffe,“ berichtete Orloff etwas kalt und verletzt,„ſind nach Montenegro zuruͤckge⸗ kehrt. Dort ſollen ſie den Abenteurer entlarven. Der alte Pawlowitſch hat den ſeligen Peter III. gekannt bei Lebzeiten und weiß Euch gewiß die b — o 63 e— nooch taͤuſchendſte Aehnlichkeit zu unterſcheiden. Einem aus ihrer Mitte glaubt die Nation am eheſten, und gilt der Mann erſt fuͤr einen Betruͤger, ſo ſinkt er und ſeine ganze Sache in der Ach⸗ tung des Volkes, und von einem Schutze iſt wei⸗ ter keine Rede mehr.— Mit einem Morde, den ich, das Geſchrei ſo ſchnell als moͤglich zu ſtillen, vorſchlug; iſt dort nichts auszurichten: das Volk iſt zu dumm ⸗ehrlich. Und hieße es, der Anſchlag gehe von uns aus, wuͤrde das ſonder⸗ bare Geruͤcht von des vorgeblichen Czaaren Aecht⸗ heit nur weiter und entſtellter verbreitet und ſein Tod waͤre nur eine Beſtaͤtigung ſeiner Anſpruͤche und ſeiner Rechtmaͤßigkeit. Den Abenteurer aber richtet das Volk ſelbſt und laͤßt ihn ſinken.“— „Haͤtte ich doch nimmer geglaubt,“ fiel Ca⸗ tharina ein,„daß er, der ſo ſchwach im Leben war, noch jetzt Repraͤſentanten finden wuͤrde, die Energie haben und ihre Kraft fuͤr die Rolle eines Popanzes herleihen und ſie ausfuͤhren.“ „Die Krone iſt kein Popanz,“ gegenredete Orloff,„und dieſe zu erringen, ſpielt man gerne eine Zeit lang Knabenrollen; man kann es deſto leichter und bequemer, wenn man ſich einer beſ⸗ — 64 o— ſern Kraft bewußt iſt. Und ein kecker Gaſt ſcheint mir dieſer Stephan Maly jedenfalls.“— „Daß man aber auch nicht eine Spur uͤber ſeine Herkunft hat?“— bemerkte die Monarchin. „Keine, als die fruͤher galt,“ war Orloffs Antwort,„Hauptmann Apollo Uſchakow, der uns die Verſchwoͤrung zu Gunſten IJwans entdeckt hat, und nicht, wie man faͤlſchlich vor⸗ gab, in der Newa ertrank, iſt der kuͤhne Aben⸗ teurer. So weit die Vermuthung; waͤhrend an⸗ dere Stimmen, Leute die Apollo gekannt haben wollen, dawider jede Aehnlichkeit mit dem ver⸗ ſtorbenen Kaiſer beſtreiten. Und die Aehnlichkeit ſoll doch wieder ſehr auffallend ſein.— Doch Geduld— Fuͤrſtin!“ fiel er ſich ſelbſt in die Rede—„das iſt ein Feuerwerk, was der kecke Burſche abbrennt; nicht lang, ſo iſt's verpufft; Raketen ſind ſeine Kanonen.“— „Aber die Kuͤhnheit,“ bemerkte Catharina, „die durch ihre Großartigkeit den Schein des Rechtmaͤßigen erworben, der ſich das Gluͤck nicht ſo ganz unguͤnſtig gezeigt hat; meine diploma⸗. tiſche Spannung mit mehraren Hoͤfen, machen 2 65— die Sache, je mehr wir daruͤber nachdenken, im⸗ mer bedenklicher. Waͤre der letztere Fall nicht eingetreten; ſo war es ein Leichtes, Oeſterreich zu einem Einfalle nach Montenegro und zur Stillung des Aufruhrs zu bewegen.“— „Nein! nein! meine Gebieterin,“ behauptete Orloff,„Gewalt thut es hier ſicher nicht: der Abenteurer wird ſo zum Maͤrtyrer, mit ſeinem Tode ſeine Fabel glaubwuͤrdiger und noch als Todter ſpukt er eine lange Zeit. So wie ich es aber eingeleitet, muß er ſelbſt den Betrug geſtehen, und das zerſtoͤrt dann auch die letzte Spur von Groͤße, die dies Unternehmen vielleicht traͤgt.“— „Daß es die ſchon laͤngſt vergeſſene Geſchichte, die blutige That, die ſchon anfing in die Nichtig⸗ keit zu ſinken, wieder an's Licht zieht,“ meinte die Czaarin,„daß dieſes Geſpenſt wie eine Neme⸗ ſis auftaucht und daß der Schleier, den ich im innerſten Grauen um mich gezogen, abermals geluͤftet wird: dies iſt mir das Bitterſte dabei.— Orloff, Orloff!“ ſagte ſie nach einer Weile— „Du haſt fuͤr mich manche That vollbracht— Deine Liebe waͤhlte oft nicht aͤngſtlich:— Deine Liebe aber vergibt, wenn ich Dir nicht alle llI. E — 66— danken kann: wirſt Du aber auch die Folgen aller Mittel vertreten, deren Du Dich bedien⸗ teſt?“— Sie lehnte nachdenklich die Stirne in die Hand und ſchwieg. „Dieſe Wolke,“ ſagte Orloff und bog ſich naͤher herab und ſtreifte ihr mit dem Finger uͤber die weiße Stirne,„dieſe Wolke werde ich auch noch verwehen. Nur wenige Monden, und die Sonne laͤchelt mir dankbar aus dieſen Augen, und jeder Nebel ſchwindet.“— Sie blickte freundlich laͤchelnd auf zu ihm— er neigte ſich wonnebebend naͤher— ſeine Lip⸗ pen nahten den ihrigen, und des Guͤnſtlings Mund brannte in ſuͤßer Zaͤrtlichkeit auf dem Munde der großen, gnaͤdigen Kaiſerin. 5. Der Morgenwind des fuͤnften Tages blies luſtig in die Seegel der Schiffe. Am Maſte von der vorderſten Brigantine ſtand der Czaar, ſchwenkte den blanken Saͤbel ſpielend in der Luft und pfiff —( 67— dazu ein luſtig Lied. Da trat ihn Djuro von Gorizza an: „Herr!“ ſagte er,„es iſt der Seefahrer Glaube, daß ein Lied am Maſt gepfiffen, die Stuͤrme herbeilockt.“— Laͤchelnd wandte ſich der Czaar und klopfte traulich dem Djuro auf die Schulter.„Laß es gut ſein, Freund,“ ſprach er,„das Spruͤchlein kenne ich wohl: wenn ich Euch aber etwas her⸗ beilocke; ſo iſt’s gewiß fruͤher eine Priſe, als ein Unwetter.“ Die leiſe Morgenluft kraͤuſelte ſanft die Wel⸗ len empor und das Meer ſtreckte ſich in ſeiner Flaͤche endlos wie ein Rieſenleib hinauf gegen den Horizont. Links lagen die Kuͤſten von An⸗ tivari und Dulcigno mit den albaneſiſchen Vor⸗ gebirgen; rechts verkuͤndete der blaßrothe Streif in der Atmoſphaͤre die Naͤhe feſten Landes, des ewigen Kindes, Italien.— Die Chzernogorzen ſangen ihre luſtigen Lieder zum Ruderſchlage, waͤhrend ihr Fuͤhrer mit ſeinem Sehrohr in die weite, graue Ferne lugte. Er hatte nicht lange geforſcht, da rief er ploͤs⸗ lich:„Alle Seegel eingeſetzt! Suͤd⸗Weſt⸗Suͤd!“ E 2 — l 65 o Und wie ein Schwan die Fittige aufrauſchend, ſie nach dem Winde ſpannend, und ſo ſchneller die Luft durchtanzend, flog die Wanntne uͤber die Wellen hin. „Es iſt ein Kauffahrer,“ ſchrie Djuro,„wir haben ihm ſchon die Linie abgewonnen; aber Gebieter!“ unterbrach er ſich, indem er zuruͤck⸗ blickte,„iſt's gut, wenn wir uns allein an das große Fahrzeug wagen; waͤre es nicht beſſer, un⸗ ſere andern Schiffe abzuwarten, die noch weit zuruͤckgeblieben ſind?“ „Nein, Freund,“ rief Stephan, noch immer das Sehrohr vor dem Auge haltend—„ſo viel ich ſehe, iſt's ein tuͤrkiſches Kauffartheiſchiff, und hat tiefen Grund, folglich iſt's gut belaſtet: hoͤch⸗ ſtens vier Kanonen ſind drauf, und halten wir uns gut, koͤnnen wir's auch noch mit dieſem auf⸗ nehmen.— Zieht nur die Kreuzflagge auf; denn ſichtlich ſtreben ſie, uns den Wind abzu⸗ gewinnen.“ Und raſcher ſauſte der Kiel uͤber die ebenen Wellen, die Kreuzfahne flatterte ſtolz in der Luft; ſchwerfaͤllig nur ſchien das Tuͤrkenſchiff gegen Aleſſio zu ſtreben; der Golf der Drina deckte es — 69 f— aber bereits, waͤhrend die Piraten den friſchen Wind in ihrem RNuͤcken hatten. Jetzt waren ſie dem Kauffahrer auf Schuß⸗ weite nahe; eine Kanonenkugel ſauſte ihnen auch bald zum Willkommen entgegen, ohne jedoch zu treffen. Auf dem Schiffe ſelbſt herrſchte, obgleich es ſtattlich mit griechiſchen Matroſen bemannt war, Verwirrung, wie es ſchien; denn ſchwer nur ließ es ſich, ſeiner großen Laſt wegen, regieren und der Capitaͤn, ein Tuͤrke, in ſeinem prachtvollen Ge⸗ wand am Verdecke, die Pfeife in der einen, den Saͤbel in der andern Hand haltend, mochte das Kommando entweder nicht recht verſtehen, oder es gehoͤrte zu ſeiner Bequemlichkeit, ſeine Maß⸗ regeln nicht ernſter zu treffen. In den Mienen der griechiſchen Matroſen las man weniger Dro⸗ hendes, als die Einladung zu gemeinſchaftlicher Beute. Der Czaar ſtand mit ſeinen 40 Mann auf dem Verdecke und lenkte ſelbſt das Steuer. Ob⸗ gleich ihm zwei Kugeln entgegenſauſten, wovon die zweite den Schnabel ſeines Schiffes hart ſtreifte; lenkte er doch in gerader Richtung gegen die Vorderſeite des zierlich gebauten, bunt be⸗ = 70.— malten und bewimpelten Schiffes. Am Bord draͤngten ſich einige 30 Tuͤrken durch die kleinere Zahl der Griechen hin und her.— Sie formirten bald eine Linie und eine Reihe Gewehre blitzten den Montenegrinern entgegen. Stephan machte eine Scheinwendung, die Gewehre wandten ſich nach der andern Seite des Schiffes, dort des An⸗ griffes gewaͤrtig, und wie er die Aufmerkſamkeit ſo getaͤuſcht hatte, legte er raſch an der linken Vorderſeite an, warf die Strickleiter keck in die erſte Kanonenlucke und ſtreckte den darin mit der brennenden Lunte lauſchenden Tuͤrken mit einem Piſtolenſchuſſe nieder; ſo ſchwang er ſich hoͤher, Djuro und fuͤnf Andere nach. In dieſem Momente aber ſtuͤrzte ein Theil der tuͤrkiſchen Mannſchaft wieder an die Bordbruͤſtung diesſeits; der Capitain, ſeiner Gemaͤchlichkeit in etwas ent⸗ aͤußert, bog ſich herab mit halbem Leibe, ſtuͤrzte jedoch in demſelben Momente von Stephans Rohr getroffen, mit zerſchmettertem Haupte zu⸗ ruͤck. Auch die andern Montenegriner hatten gut getroffen.— Zwei Spruͤnge noch und den blitzenden Pallaſch vor ſich ſchwingend, ſetzte der Czaar uͤber Bord, hinter ihm Djuro und die — 71— fuͤnf Andern. Waͤhrend aber der Sechste und die Folgenden ebenfalls nach der Leiter ſtrobten, donnerte ein Kanonenſchuß aus der Nebenlucke, erſchuͤtterte ſo das große Schiff und ſtieß die Brigantine ab.— Stephan uͤberſah in dieſem Momente den Unfall und obgleich die Beſatzung ſchlau genug ihm jetzt vorne Raum ließ, um die ſieben Verwegenen deſto ſicherer in die Mitte zu bekommen, ſtellte er ſich doch an die Bruͤſtung des Bords feſt, rief Djuro zu, die Taue von der Strickleiter der Brigantine zuzuwerfen, und in Gemeinſchaft mit den Uebrigen wehrte er ſich mit blanken Saͤbeln, obgleich die Anzahl nun doppelt wild auf ihn einſtuͤrmte, und Piſtolen⸗ und Gewehrkugeln rechts und links um ihn ſauſten, ſo lange, bis ſeine uͤbrige Mannſchaft das Schiff erſtiegen hatte, und er nun kraͤftig unterſtuͤtzt, hineinſtuͤrmen konnte in die dichte Maſſe.„Griechenbruͤder! Chriſtenfreunde!“ ſchrie er,—„theilt mit uns die Beute, Ihr ſollt in Czernagorza ein beſſeres Loos finden, als welches Euch die Tuͤrkenhunde bieten.“ Und alsbald ließen die Meiſten derſelben ihre Waffen ſinken und ſtan⸗ den unthaͤtig oder unſchluͤßig. Aber die Mos⸗ — 72 e— lems wehrten ſich jetzt verzweifelt, und obgleich Stephan mit einem gewaltigen Hiebe des An⸗ fuͤhrers Haupt durch den Turban bis auf die Schulter ſpaltete, ſeine Czernogorzen, Mann ge⸗ gen Mann, wie Loͤwen fochten, und bei dem Um⸗ ſtande, daß die Tuͤrken gegen den Mittelmaſt und das Hintertheil des Schiffes eng zuſammen⸗ gepreßt, nicht weichen konnten, ſo die Montene⸗ griner jeden Schritt, den ſie vordrangen, erſt uͤber einer Leiche gewinnen mußten; ſo wehrten ſich die Tuͤrken bei der Ausſicht auf den ſichern Tod doch mit gedoppelter Wuth, und auf einem Walle von Leichen ſtehend, fochten die letzten zehn Mann noch wie Tieger.— Jetzt ſtanden nur noch fuͤnf, da ſprang die Thuͤr vom untern Raume auf, und heraus trat, von zwei Sklaven beglei⸗ tet, der Kaufherr des Schiffes, ein alter Tuͤrke mit grauem Barte und von großer, kraͤftiger Ge⸗ ſtalt; er brannte das Piſtol in ſeiner Rechten los, und die Kugel fuhr durch Stephans Locken. — Im Nu fiel ihn dieſer mit dem Saͤbel an, und wie gut auch der Moslem parirte und den Damascener ſchwang, er war bald entwaffnet und ſank zu Stephans Fuͤßen; mit ihm fiel Al⸗ — 78 o— les, was ſich noch wehrte. Siegesgeſchrei er⸗ ſchallte ringsum, denn auch die uͤbrigen Fahrzeuge der Czernogorzen waren indeß angekommen und hatten ſich an das erbeutete Schiff gelegt und es erſtiegen.— Und jetzt ſchwang Stephan ſein Schwert zum Todesſtreiche uͤber dem Haupte des Alten, welcher ſich inzwiſchen halb wieder aufge⸗ rafft und mit dem Handſchar nach ſeinem Sie⸗ ger geſtochen hatte,— als es ploͤtzlich die Treppe vom Raume heraufflog in bunten Gewaͤndern, mit herabgeworfenem Turban und geloͤſtem Raben⸗ haar, mit einem ſchneidenden Wehgeſchrei und — es war ein Tuͤrkenmaͤdchen, des Alten Toch⸗ ter— ſich auf den Vater niederſtuͤrzte, die Bruſt auf ſein Haupt druͤckte, die Glieder dehnte, ihn uͤberall damit zu decken, und aus dem Antlitz von uͤberirdiſchem Reiz zu dem Sieger empor blickte) flehend, in entſetzlicher Angſt den Corallen⸗ mund ſchmerzhaft verzogen, die Gazellenaugen halb mit Thraͤnen, halb mit ſtarrem Entſetzen gefuͤllt. Stephans Arm haftete in der Luft wie erſtarrt und feſtgebannt.— Er ſtarrte hernieder auf die ruͤhrende Geſtalt, die in dem gruͤnen Attas⸗Caftan, uͤber den ſich das Haar wie in — 74 ⸗— ſchwarzen Stroͤmen ergoß, in den weißen Bein⸗ kleidern, gelben Schuhen, dem reich geſtickten Guͤr⸗ tel, den reichen Perlenſchnuͤren um des Buſens, von der Gewalt des Augenblickes halb entfeſſelte Marmorhuͤgel, in uͤberirdiſcher Schoͤnheit da lag, ſelbſt beſiegend und dem Tode wehrend.—„ Er⸗ barmen, Chriſt!“ ſtoͤhnte endlich der blaſſe Mund, „hab' Erbarmen! es iſt mein Vater; toͤdte mich!“ — Aber noch ſtaunend uͤber des Blickes Allge⸗ walt, uͤber des Antlitzes ſiegenden Reiz, uͤber der Formen majeſtaͤtiſche Pracht, und wie von einem uͤbermenſchlichen Zauber angeweht, wie gefeit durch das Prachtbild und im Momente ſeiner Beſinnung ledig— hielt der Czaar das Schwert in ſeiner Hand, blickte hernieder und ließ es end⸗ lich langſam ſinken, ohne die Augen von der Jungfrau und dem unter ihr liegenden, leicht blutenden Greiſe zu erheben.—„Steh' auf!“ ſagte er endlich mit duͤſterm Blicke, und reichte ihr die Hand.—„Er ſoll leben.“— Jetzt ſprang Djuro, der mit den uͤbrigen Czernogorzen indeß das Schiff durchſucht, die Verſteckten aus ihren Winkeln hervorgezogen und die Beute in Beſchlag genommen hatte, auf Stephan los, ſah — 75)— die Beſiegten vor ihm und fragte:„Herr! ſollen die Gefangenen gefeſſelt werden?“— Da ſtuͤrzte die blaſſe Jungfrau mit dem auf⸗ wallenden Buſen wieder zu des Siegers Fuͤßen, und flehte:„Laß uns frei— Ibrahim iſt der reichſte Kaufmann von Aleſſio, nimm ein Loͤſegeld, Chriſt; o mache uns nicht zu Sklaven!“ „Steh auf, Jungfrau!“ ſagte der Czaar und ſchwieg, und ſtarrte wie fruͤher die ſchoͤne Tuͤrkin an und den Alten, der ſein Kind bruͤnſtig um⸗ ſchlungen hielt, in deſſen Antlitz noch Trotz mit der Liebe zum Leben kaͤmpfte und den nur der Tochter Todesgefahr ſchmiegſam machte. „Hah!“ lachte Djuro auf und ſchlang be⸗ reits, ohne Stephans Antwort abzuwarten, einen Strick um die weißen Haͤnde des Maͤdchens; „meint Ihr, wir werden Euch glauben? Seid Ihr nur erſt einmal frei, dann hat's gute Wege mit dem Loͤſegeld. Komm, Du wirſt eine ſchoͤne Sklavin unſers Governators werden.“ Da traf wieder ein flehender Blick Stephans Auge und er rief Djuro gebietend zu:„Fort mit den Banden; ſie ſind frei!“ Mehrere Czernogorzen waren inzwiſchen her⸗ — A 76— beigetreten; einer der Kuͤhnſten unter ihnen, der wilde Lazar, murrte laut und ſagte:„Das ent⸗ geht der Nation an Beute. Zehntauſend Beu⸗ tel iſt der Alte mit der Tochter werth.— Hauptmann, das kann ja nur Dein Scherz ſein!“— Und die Andern ſchrien mit:„Der Tuͤrke kann nicht freigegeben werden.— Da entzuͤndete dieſer Ungehorſam Stephans Gemuͤth, er warf drohend das Auge im Kreis umher und donnerte:„Wer will mir gebieten? Er trete heraus und befehle mir mit der blanken Waffe. Jetzt bin ich Euer Fuͤhrer und Euer Herr!— Der Tuͤrke aber mit der Tochter iſt nun frei, weil ich es will.„— Der Saͤbel bebte ihm in der Hand, ſein Auge brannte noch auf Lazar.— Die Widerſetzlichen ſchlichen mur⸗ rend davon, nur Djuro blieb. Um Stephans Leib hatte die Inngfrau furchtſam und bei der drohenden Aeußerung der Untergebenen, um das edlen Retters Leben ſelbſt bangend, ihre Arme geſchlungen. Er ſagte nun:„Fuͤr das Loͤſegeld, das alſo der Nation gehoͤrt, buͤrge ich.— Ibra⸗ him von Aleſſio— denke, ich habe Dir Deinen Sohn Osmin frei gegeben ohne Loͤſegeld; er —A— war mein Eigenthum, ich forderte nichts. Jetzt aber biſt Du der Schuldner des Cſemogolßene volkes.“— „Ja!“ rief jetzt der alte Ibrahim, Du biſt der blondhaarige Montenegriner⸗Paſcha. Du haſt mir Osmin's Leben geſchenkt. Segne Dich Allah dafuͤr. Du biſt edel, Du berdientiſ ein Moslem zu ſein.— „Suleika buͤrgt Dir fuͤr das Loſegeld, 7 ſprach jetzt mild und hoffnungfreundlich die Jung⸗ frau, die ihn noch iſeheeghd und ſeine Hand zwiſchen ihren Fingern hielt.“ „Diuro!“ wandte ſich der Governator jetzt zu dieſem,—„Du geleiteſt dieſe hier in einer Brigantine ſicher an's Ufex gegen Medna, ſetzeſt ſie an's Land und— „Chriſt! Erretter!“ flehte Suleika ſchmelzend, „willſt Du uns fremdem Schutz vertrauen?“— Stephan beſann ſich eine Weile, dann druͤckte er Djuro's Hand freundlich und ſagte:„Nicht als ob ich Dir mißtraute, Freund.— Doch koͤnnte es leicht der Fall ſein, wenn Du Dich ſo weit trennſt, daß ein ſtaͤrkeres Schiff Dich — 78— aufgriffe und Du haͤtteſt keine Hilfe in der Naͤhe. Das ganze Geſchwader iſt jetzt beiſam⸗ men; wir ſteuern insgeſamt gegen Medna und ſetzen dort die Gefangenen aus.“— Er ließ den Kauffahrer alsbald in Stand ſetzen, befahl, die Beute abzuzaͤhlen, den Griechen die Haͤlfte zu verabfolgen, vertheilte ſo, was an Waaren vorhanden war, unter die Mannſchaft und erklaͤrte das Geld und Gold fuͤr Eigenthum des Staatsſchatzes; ſeinen Antheil ſchlug er aus.— Im Abendrothe ſteuerte nun der Kauffahrer, von Czernogorzen bemannt, gegen das Land.— Die Leichen waren bereits in die See geworfen, das Verdeck gereinigt, und wie jetzt die See ſanft ſich auf- und abwaͤrts wiegte und von Roſen angehaucht war und die Sonne im Ruͤcken her⸗ unterſtieg hinter die Flut und den Horizont, der ſie abſchnitt,— ſaß Suleika am Verdecke, mit dem Ruͤcken an den Maſt gelehnt, und hatte des Vaters verwundetes Haupt im Schooße und ſtreichelte ſeine blaſſen Wangen. Sie war noch zehnfach ſchoͤner geworden in dem ſchmachtenden Anhauche ihres milden Frohſinnes, ihrer innerſten, wehmuthvollen Freude, in der Luſt, die ſich uͤber —=A 79 ⸗— das ſchoͤne, roſig angewehte Antlitz ergoß und dem neu errungenen Leben galt. Der Governator lehnte links am Steuerruder und blickte noch im⸗ mer ſchweigend und ſinnend hinuͤber. Sie war ſchoͤn, die Tuͤrkenjungfrau, das geſtand er ſich innerlich, ſchoͤn, wie er noch keine geliebt, keine geſehen. In den großen Augen ſchien die Nacht mit dem Feuer eines Kraters zu wohnen, und wieder der Himmelsthau der Milde, die feuchte Glut der Liebe, ſelig, ſanft und ſuͤß.— Dicht waren die Bogen der Brauen, oval gezeichnet, und das Augenlied ein weißes Roſenblatt, das wie einen ſchwarzen Blumenkelch verdeckt, und tief herab ſank die lange ſchwarze Wimper, wenn es ſank. Der zarte Zug um die marmorglatte, weiße Stirne kuͤndete den Schmerz, der ihn erregte, kuͤndete die Wonne, die ihn ſchuf, und die Locken ſchienen ſich neidiſch herab zu draͤngen, mißgoͤnnend den Neiz, welchen der Glanz des Antlitzes in ihrer naͤchtigen Naͤhe zu verbreiten wagte. Die Lippen waren ſchmal, doch voll und gluͤhender, als Co⸗ rallenblut; ihre Spalte verbarg ſelten der Zaͤhne ſchneeweiße, ebenmaͤßige Reihe. Und Hand und Fuß, und Bruſt und Nacken glichen in ihren — s 30 ⸗— weichen, gerundeten Biegungen einer ſchmelzend ſich wiegenden Melodie von unendlicher Sehn⸗ ſuchtsgewalt, die wie feſtgezaubert war in Eine, in dieſe Form. Um den Buſen wallte der Schleier aͤtherduͤnn, er war nicht weißer, als die zarte Fuͤlle, die er umſpannte; wie leiſer Luͤfte Athemzug Lilien⸗ und weiße Roſenblaͤtter wiegt auf dem Mooſe, ſo hob er ſich und ſenkte ſich, und der Odem, den er erregte, war ſelbſt Mu⸗ ſik. Und wie ſie mild und zart war die Geſtalt, ſo war ſie doch wieder ernſt und gewaltig kuͤhn in Haltung und Ausdruck, feſt und frei im Spiele der Mienen, und das leuchtende Auge ſchien zu ſagen: In dieſer Bruſt kann auch der Geiſt ei⸗ ner Pythia, der Ernſt einer Amazone wohnen. — Die ernſte Erde ſchien wie den Fruͤhlings⸗ himmel umſchlungen zu haben mit ſeinen bun⸗ ten, lieblichen Gewaͤndern, und die dunkle Nacht ſchien wie das Morgenroth in ſeinem blaſſen Purpurſchleier zu wiegen, und jetzt auch umfloß ſie der mildere Strahl der Sonne, die auf Meer und Himmel Millionen Roſen aufgekuͤßt hatte, zum Gutenachtgruße; ſie ſaß hier, wie eine Houri aus Mahoms Paradieſe, wie ſie die gluͤhende — e 31*— Phantaſie der Dichter des Morgenlandes ſchildert, aber nicht erreicht hat in glühender Schilderung. Stephan ſah hinuͤber bald nach dem Haupt, das wieder der Turban deckte, bald nach dem Antlitz ſo roſig und duftig umfloſſen, bald nach dem Ebenmaaß der Glieder, die der gruͤne Kaftan umſchlang, deſſen Farbe ſich harmoniſch zu den Farben der andern Gewaͤnder geſellte:— er ſah tief bewegt hinuͤber, und geſtand ſich innerlich, daß er noch keine ſo ſchoͤn geſehen.— Da zog das Ufer Albaniens naͤher in grauer Umhuͤllung, und uͤber ſeinen Bergen entglomm der Abendſtern, mild leuchtend, blaß und lieblich ſchimmernd— wie Jellena's Auge.— „Meine Jellena!“ rief der Czaar erinnernd vor ſich, und es uͤberbebte ihn wie ein leiſer Schrecken—„meine Gattin!— ich ſollte Dir Gruͤße ſenden mit dem Abendſtern;— wie konnte ich Deiner vergeſſen?!“— Er ſchwieg eine Weile und ſann vor ſich und legte die Hand an die gluͤhende Stirn; dann fuhr er fort:„Ich gruͤße Dich, Geliebte— ich gruͤße Dich.— Soll mir die Liebe nichts wei⸗ ter ſeyn, als eine Bluͤthe, die im Sommer wel⸗ II. F — o 82— ken muß, um im naͤchſten Lenze wieder zu bluͤ⸗ hen? Nein! Nein— Er ſtampfte dabei hef⸗ tig mit dem Fuße, daß Suleika aufſchrak und mit den leuchtenden Blicken ſanft zu ihm her⸗ uͤber ſah durch die ſilberne Huͤlle des Nacht⸗ dunkels.— Sie landeten: er ſetzte ſelbſt ein Boot an's Ufer und geleitete die Befreieten eine Strecke. Suleika's vier Sclavinnen hatte er ihr gelaſſen, auch dem Ibrahim einen mitgegeben. Jetzt ſchied er von ihnen. Der Greis dankte ihm mit den feurigſten Worten ſeiner Seele;— Suleika reichte ihm die Hand, druͤckte ſie heftig an ihre hochwallende Bruſt und floͤtete ſchmelzend: „Chriſt!— Suleika liebt Dich ewig!“ 3 Er flog gegen den Strand zuruͤck und be⸗ ſchickte das Schiff. Noch in derſelben Nacht verbrannte er die Flotille des Paſcha von Alba⸗ nien im Hafen von Aleſſio ſelbſt; kaperte am folgenden Tage im Golf der Drina alle vorhan⸗ denen Schiffe, flog ſchnell wie der Sturm die albaneſiſche Kuͤſte vom Cap Rendani nach Du⸗ razzo und bis nach Parga hinab und wieder herauf; ſchweifte weiter hinein in's adriatiſche — 2(83.— Meer, faſt bis an die Geſtade von Neapel: flog dann wieder zuruͤck und verheerte ganze Land⸗ ſtrecken an der albaneſiſchen Kuͤſte; nahm drei Caſtells unter Durazzo weg, kaperte im Ganzen 17 Kauffahrteiſchiffe und mehr als 20 kleine tuͤr⸗ kiſche Kriegsbriggs; von ſeinem Admiralſchiffe, zu welchem er einen ſchnellſegelnden Kauffahrer erhoben hatte, flatterte das ſchwarze Kreuz im weißen Felde.— Der Schrecken ging uͤberall vor ihm und kein tuͤrkiſches Schiff wagte es, bevor der Paſcha ſich nicht eine neue Flotille ge⸗ ſchaffen, in die See auszulaufen. Man nannte ihn den blondkoͤpfigen Czernogorzen, den Piraten⸗ admiral.— 1 6. In der Weinlaube ſeines Gartens ſchlief der Montenegrinerhaͤuptling auf den erbeuteten Tuͤr⸗ kenteppichen in lauer Sommernacht. Mit den Duͤften der Bluͤthen, dem warmen Koſen der Luͤfte kam ein Traum uͤber ihn, ſchoͤn und verfuͤhre⸗ riſch wie die phantaſtiſche Glaubenslehre Maho⸗ F2 — 34 ee— mets vom Paradieſe. Ihm war, als oͤffne ſich die dichte Blaͤtterwoͤlbung uͤber ihm und die Sterne ſaͤhen herein aus dem azurnen Grunde. Er ſtarrte wie hinauf, und es ſchien, als ſenke ſich das blaue Gewoͤlbe immer tiefer und tiefer, und die Sterne wuͤrden heller und klarer; dazu ſangen die Blumen des Gartens alle mit ſuͤßer Stimme und um die Weinlaube bildete ſich ein Kranz purpurner Abendwolken, weich und duftig und das Auge entzuͤckend in ihrer Pracht. Das Herz ſchlug ihm ungeſtuͤm, angſtvoll und den⸗ noch ſelig ſchwellte es wie eine Sehnſucht, ein liebendes Verlangen, das halb der Seele, halb den Sinnen zu gehoͤren ſchien; und er breitete die Arme begehrend aus nach den Wolken und den nahenden Sternen, die zu ſuͤßen Augen wur⸗ den, blau und ſchwarz, ſchmachtend und gluͤhend. Lauter klangen die Melodien— Nachtigallen ſchmetterten darein und die Wolken faͤrbten ſich roͤther und gluͤhender: da trat mit einem Male aus der Wolkenmitte, wie einem ungeheuren Ro⸗ ſenkelch entſteigend, Suleika's Geſtalt heraus, entbloͤßt bis zum Guͤrtel, umwunden von den Rabenlocken, verlangend, die Wangen geroͤthet, — 85— Seligkeit, Glut und holdes Schmachten in den Blicken, den Fruͤhlingſchein des Laͤchelns in den Mienen: herrlich prangend wie eine Houri des Paradieſes. Sie hatte einen goldenen Pokal in der Rechten; unverſtaͤndliche Worte lispelnd aus dem zauberhaften Munde, reichte ſie das Gefaͤß ſeinen Lippen dar und ließ ihn trinken, und er ſog Seligkeit fuͤr Leib und Seele ein mit gieri⸗ gen Zuͤgen; dann wand ſie ihm Roſen, die ſich aus Wolken bildeten, um die Stirn, und ſank endlich, wie ſein Verlangen in heißer Glut rieſig und gewaltig ſich hob und dem goͤttlichen Weſen entgegenſtrebte, an ſeine Bruſt; ihre Lippen brann⸗ ten flammend auf den ſeinen, die Glut des Au⸗ ges warf elektriſche Funken in das ſeinige, der bloße Marmorbuſen ſchwellte an ſeiner Bruſt, und ihr Herzſchlag ſchlug eine ſuͤße Melodie zu ſeinem Herzſchlag, daß es ihm war, als waͤren ſie eine Seele geworden; wie die Formen ſich an die Formen preßten und ſie umſchlangen, wie zu Einem Leib gezaubert. Um ſie herum legten ſich weich und warm, kuͤhlend und labend die Wol⸗ ken und ſchienen ſie zu wiegen, waͤhrend die Har⸗ monien einlullten. Und er erlag faſt im Drange — 86— des Fuͤhlenden; ſein Leib war ganz zur Seele geworden und die Seele dennoch wie in halbe Bewußtloſigkeit verſunken und verſchmolz im ſe⸗ ligſten Liebesgenuß in den Leib, an welchem jede Nerve bebte, jede Ader ſchwoll und das Blut zu den Melodien ſeinen Wellenſchlag ſtimmte und raſch dahin rollte wie im luſtigen Tanze. Jetzt wandte ſich die holde Umarmung wieder zur Seite, und er ſah weit uͤber ihrem Haupte hin⸗ ein in ein großes, praͤchtiges, ſonnenbeglaͤnztes Land. Fern am Horizonte gluͤhten tauſend Thuͤrme einer Stadt; auf allen flimmerte der halbe Mond und die Wogen des Menſchenge⸗ wuͤhls brauſten heruͤber. Ueber der Stadt aber im Wolkenkranze hing ein Thron von Gold und Diamanten ſtrahlend: auf dem Throne ſah er jetzt ſich ſelbſt ſitzend, den Turban des Sultans auf dem Haupte, den Saͤbel des Propheten um den Leib geſchlungen, das Antlitz frei und kuͤhn, ſieg⸗ reich und gebietend umherblickend. Millionen Menſchen aber knieeten um den Thron, wie ſeinem Winke gehorſam; und um ſeine Knie wand ſie, die holde Erſcheinung ſelbſt, ihre Schwanenarme und blickte in Demuth empor zu — 87— ihm, wie ſeiner Sclavinnen Eine.„Herrſcher der Glaͤubigen!“ fluͤſterte der Mund,„nur ich liebe Dich ganz; nur ich kann lieben!“ und auf dem ſchwellenden Munde, dem wogenden Buſen, den mit Perlen umwundenen Armen ruhten ſeine Blicke voll Verlangen; er neigte ſich tiefer, tie⸗ fer herab zu ihr: es ſchien unter ihm zu ſchwan⸗ ken, doch glitt das holde Bildniß vor ihm, und wie er ihr die Arme ausbreitete, ſie zu erfaſſen ſtrebend, ſtrauchelte ſein Fuß— er blickte nie⸗ der und— Jellena mit erblaßten Wangen, einem Todtenblicke, lag da, und heftete dieſen wie zum letztenmale auf ihn. Er ſchrak zuſammen — rief bebend ihren Namen und erwachte.— Noch ſtarrte er wirr und gedankenlos in die gruͤne Blaͤtterhuͤlle uͤber ſeinem Lager, welche der Morgenſchein roͤthete— noch folgte die Seele halb ſelig, halb erſchreckt dem zauberiſchen Traum⸗ bilde; noch ſchien das roſige Antlitz vor ihm zu ſchweben in der Verklaͤrtheit ihrer Reize— da faßte die Hand an das klopfende Herz und er⸗ griff Jellena's Kreuz, das an Clara's ſeidenes Band geſchlungen, ihm auf der Bruſt ruhte.— Er faßte ſich und fuhr mit der Hand uͤber die — — 23 885 ⸗— Stirne, als wollte er die bunte Nebeldecke der Traͤume hinwegwiſchen; dann erhob er ſich. „Wenn mich die Welt des Wachens ſcheu mit ihren verfuͤhreriſchen Reizen gewaltſam anlockt, ſo kommen noch die Traͤume und winden Netze und reichen mir Zaubertraͤnke.— Als einen Herr⸗ ſcher— als den Kaiſer des Orients ſah' ich mich“— fuhr er nachſinnend fort:„das iſt die lockendſte Blume, die mir der Daͤmon der Verfuͤhrung nur zeigen konnte.— Ehrgeiziges Herz, Du uͤberfluͤgelſt den raſchen Hang der Tha⸗ ten: wirſt Du denn nie geſtillt, nie befriedigt, wirſt Du zertruͤmmern, was kaum gebaut; willſt Du ſo leicht bauen, daß, wenn Du eine Hoͤhe erklommen, die Stufen unter Dir und Deiner Laſt einbrechen?— Wie mich das reizende Bild der Tuͤrkin ankirrte und zu beſeligen ſchien und der Traum faſt lohnender war, als je eine Wirk⸗ lichkeit es zu ſein vermag.— Aber nein! nein! Wie dich die Geſtalt auch jetzt noch verfolgt, wie das verfuͤhreriſche Weſen noch jetzt vor dei⸗ nen hellen Blicken ſchwebt: ſo reiße dich los, Seele— folge deiner Pflicht! Die du als Leiche ſahſt, ſchlingt dir den dauernden Kranz der Liebe — 89—; um die Stirne, und verheißt dir, wo das große ſo unbeſtimmt, ein kleineres aber ſicheres Beſitz⸗ thum.— Du holde Czernogorzenjungfrau, konnte, ich denn Deiner ſo lange vergeſſen?— Liebe iſt eine Bluͤte.— Nein! nein! ich will das wider⸗ ſpenſtige Herz bezwingen; es ſoll eine Frucht fin⸗ den, die es noch labt in ſpaͤtern Tagen. Gaͤhre nur bald aus, Herz, oder du brichſt ſonſt.— Es iſt die Zeit des Handelns!“— Er erhob ſich gaͤnzlich und ging mit langen Schritten durch die Hauptallee des Gartens auf und nieder. Sein Antlitz trug ein ernſtes Ge⸗ praͤge, noch webte der Schatten des Traumes ſeine Nebelbilder ihm in der Seele und wieder riß ſie ſich immer, wenn auch oft vergeblich, ge⸗ waltſam los und folgte dem Gange der Ideen „und Plaͤne, die der Zukunft und Gegenwart gal⸗ ten. Da eilte ein Diener aus dem Hauſe her⸗ bei und uͤberreichte dem Gebieter ein Schreiben; dieſer faßte haſtig darnach. Es war von Jer⸗ malow, ſeinem Freunde und Agenten in Peters⸗ burg; von Warſchau datirt und uͤber Trieſt ge⸗ kommen.„Ich bin,“ ſchrieb der Verbuͤndete, „jetzt hier und mit genauer Noth entkommen. — ⸗( 90— Aus dem ſiebenten Regimente war ein Offizier zum Verraͤther geworden. Orloff bekam Wind, und traf in der Stille ſeine Anſtalten: funfzehn Mitwiſſende und Verſchworne ließ er hinrichten; nur durch ein Wunder ward ich gerettet. Ob⸗ gleich ein großer Schrecken unter den Verbuͤnde⸗ ten ſich verbreitet hat; ſo iſt die Idee doch nicht aufgegeben und die Mittel ſind nicht kleiner ge⸗ worden. Nun iſt vor Anfang des kommenden Jahres an keinen Losbruch zu denken; Alles bruͤ⸗ ket jetzt dumpf und guckt ſcheu aus den Schlupf⸗ winkeln. Auf meinen Kopf haben ſie einen Preis geſetzt; auch ſind wieder mehrere Proklamationen ergangen. Geld kann ich Dir unmoͤglich ſchicken; Du magſt Deine Maßregeln darnach nehmen. Halte Dich nur noch dieſen Sommer und Win⸗ ter ruhig— der Fruͤhling bringt neue Hoffnun⸗ gen; denn der ſchlaue Jeſuit, Pater Joſeph, iſt noch in Moskau; auf ihm ruht kein Verdacht und er leitet die Sache ſo gut, wie ich. Freilich habe ich ihm die enormſten Verſprechungen ge⸗ ben muͤſſen; aber das koͤnnen wir dann halten, wie wir wollen. Heirathe um des Himmels willen nicht! Das wuͤrde Dir, wie ich beſtimmt und A 91 So— und klar einſehe, in der Meinung der Maſſe ſcha⸗ den. Heirathe nicht! Ich wiederhohle es noch einmal, wenn Dir Dein Gluͤck lieb iſt. Glaube nicht, daß ich ohne Grund darauf dringe.— Suche Dein Verſprechen auf jede Art zu umge⸗ hen oder hinauszuſchieben; wenn dis Halten auch fuͤr Deine dortige Stellung erſprießlich iſt, ſo vernichtet es doch Deine Plaͤne hier gaͤnzlich. Das kannſt und wirſt Du leicht ermeſſen. Suche aber bei Alle dem Dich in Deiner Lage zu befe⸗ ſtigen, daß, wenn hier Alles mißlingt, Dein An⸗ haltspunkt dort feſt ſei. An Mitteln wird es Dir eben ſo wenig fehlen, als ich Deinem Scharf⸗ ſinne zu Hilfe zu kommen brauche. Koͤnnteſt Du auf die Pforte ein und durch dieſe hierher wir⸗ ken, waͤre es ſehr gut. Scheue weder Muͤhe noch Zeit.— In kurzer Friſt, und ſobald nur etwas Erhebliches vorgefallen, ſchreibe ich Dir wieder. Schreibe mir bald, wie Alles ſteht, und wie Du Dich ſeither durchgewunden. Dein treuer Jermalow.“— Der Czaar hatte das Schreiben nicht ohne innere Bewegung geleſen: er uͤberflog es wieder⸗ holt, blieb bei jedem einzelnen Satze nachdenklich — ⸗⸗ 92— ſtehen und ſchien wie in ſeinem Geiſte Ideen und Plaͤne daraus zu folgern. Wie im Augen⸗ blicke geſtalteten ſich ihm die Auswege zu den Hilfsmitteln. Er lenkte mechaniſch die Schritte nach ſeinem Hauſe: da trat ihm Jellena's Oheim entgegen.„Die Waffen und Munition von Ve⸗ nedig ſind bereits vor acht Tagen angelangt,“ ſagte er,„man hat ſie in Gneguſſi in Empfang genommen. Die Italiener ſind noch hier und wollen das Geld dafuͤr.“— „Geld!“ fuhr der Czaar auf; faßte ſich aber nach einer Weile— und fuhr fort:„ hat man ihnen denn die Zahlung gleich verſprochen?“ Der Alte bejahte.—„Ich habe hier eben Briefe erhalten, die mich leider vertroͤſten;“ ſprach Stephan weiter;„kann der Nationalſchatz nicht aushelfen?“— „Ob ſo viel da iſt,“ gegenredete der Greis, „weiß ich nicht— auch muͤßteſt Du, Herr, es in oͤffentlicher Verſammlung vortragen, daß man Dir es als Anleihe herausgebe? weil, wie Du fruͤher bedungen haſt, der Krieg für Deine Krone blos auf Deine Koſten gefuͤhrt werden ſollte.“— — A 93— „Und das ſoll er auch,“ erwiederte Stephan raſch und ſtolz, im Augenblicke bedenkend, wie ihm, wenn er die erſte Auslage ſchon von den Geldern der Nation beſtreiten wollte, dieß in der allgemeinen Achtung vielleicht nachtheilig ſein koͤnnte.— Er ſchwieg eine Weile und ſchien zu ſinnen: da fie⸗ len ſeine Blicke wie zufaͤllig auf die Laube, wo er geſchlafen, und das Traumbild begann wieder in der Erinnerung ſeiner Seele aufzudaͤmmern— Der Alte unterbrach ihn, indem er unaufgefordert berichtete, wie dieſen Morgen auch Albaneſer das Loͤſegeld des Tuͤrken Ibrahim aus Aleſſio gebracht haben, und es ihm einhaͤndigen wollen. In dieſem Momente reifte der Gedanke in der Seele des Czaaren vollends.„Das Geld,“ ſagte er,„habe ich als Eigenthum des Staats⸗ ſchatzes erklaͤrt und mir gebuͤhrt nichts davon. Fern iſt es von mir, der Nation, die mich gaſt⸗ lich aufgenommen, zumuthen zu wollen, ſo große Laſten fuͤr meine Sache zu tragen. Es iſt Pflicht, daß ich mich fuͤr Euch opfre; nicht Ihr Euch ganz fuͤr mich.— Ich werde Euch genug zu lohnen haben. Weil ich aber in die⸗ ſem Briefe hier neuerdings von Rußland her, mit meinen Summen, uͤber die ich dort verfuͤge, vertroͤſtet worden bin; ſo kann ich die Venetia⸗ ner erſt in zwei Monaten bezahlen. Sie ſollen das Geld mit Zinſen bekommen. Allenfalls kann die Nation bis dahin fuͤr mich buͤrgen; daran iſt nichts gewagt. Sag das dem Wladika, und er moͤge die Verſchreibung deshalb ausfertigen.— Was verlautet,“ unterbrach er ſich ploͤtzlich,„von der Grenze her?— Hat Philipp ſeinen Auftrag ausgerichtet? Hat er Nachricht geſchickt?— „Der Paſcha iſt zu Allem willfaͤhrig,“ be⸗ ſchied der Alte;—„Philipp gedenkt bald zuruͤck⸗ zukehren.— „Ich werde heut oder morgen noch dahin abgehen,“ ſprach Stephan weiter;„melde das. Begleitung brauche ich keine. Ich komme bald zuruͤck.“— Er winkte dem Alten gruͤßend zum Abſchiede; doch dieſer blieb noch ſtehen und blickte ihn be⸗ deutend an, als habe er etwas auf ſeinem Her⸗ zen, was noch vorzutragen ſei. Stephan, der ſchon halb abgewendet war, ge⸗ wahrte dies und fragte, raſch ſich wieder umkehrend: „Haſt Du noch etwas von Wichtigkeit zu melden?“— — Al 95 e— „Ja, Herr!“ ſagte der Alte nach einer Weile beſtimmt und feſt;„der Czernogorze muß offen und kuͤhn in der Wahrhaftigkeit ſein.— Es iſt nichts von der Nation; es iſt etwas, was mich und Dich und noch eine Dritte betrifft. Jel⸗ lena iſt im ſiebenten Monate ſchwanger.— Wenn ich Dich, Herr, an Dein Wort erinnere; ſo ge⸗ ſchieht es nicht, um Dich zu mahnen, nur um zu erfahren, wie Du geſonnen biſt, zu handeln, und welche Abſicht Du haſt.“ „Die Vermaͤhlung,“ entgegnete der Czaar raſch und ſeine Verlegenheit ſchlau unterdruͤckend, kann ich nicht begehen; jetzt nicht. Dies belehrt mich der Brief hier.— Von Catharina muß ich zuerſt geſchieden ſein, bevor ich eine neue Ehe knuͤpfe; ſonſt ſchade ich mir ſehr in der Geſin⸗ nung meiner Anhaͤnger in Rußland. Das kannſt Du leicht bedenken— Freund!— Doch wird es nicht lange mehr dauern.“— „Bedenken kann ich es wohl,“ gegenredete etwas ſchneidend der Greis; doch vergib mir die freie Bemerkung, daß auch Du, wenn Du dieſe Folgen kannteſt, zu bedenken hatteſt, wie die Un⸗ ſchuld einer Jungfrau keine ſchwarze Tafel iſt, die man — 96 oe mit Kreide beſchreiben, die Kreide wieder wegloͤſchen kann, und wobei die Tafel ſchwarz bleibt, wie vorher.— Kennſt Du die Gebraͤuche des Lan⸗ des und das Loos, das einer Gefallenen nach ſolchem Fehltritt wird? Davor kann ſie ſelbſt die Hoheit Deines Schutzes nicht verwahren, denn ihr Fehler iſt eine menſchliche Suͤnde, die menſchlich gerichtet wird; Deine politiſchen Be⸗ weggruͤnde kommen da nicht in Anſchlag. Und wer der Anlaß war, daß Jellena fruͤher Mutter heißt, bevor ſie Dein Weib iſt, magſt Du Dir ſelbſt beantworten. Aber ihr Loos, das ſie er⸗ wartet, will ich Dir nennen.— Wenn ein Maͤd⸗ chen Mutter wird, ſo iſt dieſes nicht allein großes Wehe fuͤr die Familie, ſondern auch fuͤr die ganze Gemeinde. Sobald es verlautbaret, werden des⸗ wegen Gebete in den Kirchen gehalten, und man fuͤhlt die Sache als einen Schimpf und ein Un⸗ gluͤck, das die ganze Gemeinde betrifft. Sie wird aus dem Vaterhauſe verſtoßen; Niemand gibt ihr Obdach, Schutz oder Schirm; ſie, das un⸗ gluͤckliche Schlachtopfer der Schwaͤche oder Lei⸗ denſchaft, muß fliehen aus der heimathlichen Ge⸗ gend, ſich in den tiefſten Gebirgen in einer — 97— Hoͤhle verbergen, hier entweder vom nagen⸗ den Hunger, oder durch die Zaͤhne der wilden Thiere ſterben. Und gebaͤre ſie die Frucht ih⸗ rer Schande, ſo iſt dieſe ungluͤckſelig und ver⸗ flucht, wie ſie. Oft flieht ſie hier, dem Elend zu entgehen, nackt und hilflos in ein fremdes Land, oder ſie ſtuͤrzt ſich von einer Felſenſpitze im graͤßlichen Selbſtmorde herab!— Gott Lob! — dieſe Faͤlle ſind jedoch ſelten. Der Verfuͤh⸗ rer aber—“ Hier hielt der Alte, wie ſich be⸗ ſinnend, und das harte Wort, das er gegen den Maͤchtigen ſo eben auf der Zunge hatte, erwaͤ⸗ gend, ein. „Sprich es nur aus,“ ſagte dieſer gebieteriſch, „es iſt eine Erzaͤhlung, die Du gibſt, und kein eignes Urtheil.“ —„Den,“ fuhr der Greis fort,„trifft Schmach und Schande und Fluch in ſeinen Verwandten und in ſeiner Nachkommenſchaft. Die Muͤtter warnen ihre Kinder vor ihm, die Maͤdchen fliehen ſeinen Anblick, von den Maͤn⸗ nern haͤlt keiner Bruͤderſchaft mit ihm. Er iſt verachtet, weil er das erhabenſte Geſetz, den Schwur der Liebe, brechen konnte.“— II. G — ͤ 98.— „Das grauſamſte, unmenſchlichſte Geſetz, willſt Du ſagen,“ fiel Stephan aufgeregt ein, „das es gibt; ein entſetzlicher, fuͤrchterlicher Ge⸗ brauch iſt's. Wie unſchuldig iſt nicht oft das Weib, und wie ſo ganz ſchuldlos das neugeborne Kind! Das iſt Suͤnde gegen die Menſchheit und ihre erſten Rechte; der Gebrauch muß anders werden, anders werden; ſo wahr ich Herr und — Euer— erwaͤhlter Governator bin.“— „Ob es Dir moͤglich ſein wird,“ nahm der Alte achſelzuckend das Wort,„eine Sitte und das Gefuͤhl, das mit ihrem Halten verknuͤpft und ſo alt iſt, wie die Bevoͤlkerung dieſes Landes, aus⸗ zuloͤſchen und anders zu leiten, weiß ich nicht.— „Und waͤre der Gebrauch ſo alt, wie die Schoͤpfung“! rief Stephan heftiger werdend,„er iſt ſchlecht und unmenſchlich— er muß vertilgt werden in ſeiner letzten Spur. Und Eure Prie⸗ ſter ſelbſt muͤſſen den Aberglauben bekaͤmpfen. Ich will daruͤber mit dem Wladika ſprechen und eine Verſammlung der oberſten Geiſtlichen hal⸗ ten, wo ich dieſes mit noch andern Gebrechen zur Sprache bringen werde.“— „Unſer Land,“ warf hier der Alte, den ſeine ——— —— — ⸗-=(99*— Offenherzigkeit uͤberwaͤltigte, ein,„hat Jahrhun⸗ derte lang frei und gluͤcklich beſtanden, trotz die⸗ ſer Gebrechen.,— „Alter!“— fuhr Stephan auf und ſein Auge rollte, aber er faßte ſich gleich, erkannte gleich, wie wenig es rathſam ſei, die Ehrfurcht gegen den Greis zu verletzen(eines der fuͤr am ſchwaͤrzeſten gehaltenen Verbrechen in Montene⸗ gro) und ſchon ſo fruͤh den gebieteriſchen Herrſcher ſpielen zu wollen.—„Alter Vater!“ lenkte er ſanfter ein und trat naͤher zu dem Greiſe, „Du weißt, ich ehre Dich im Sinne der Ehr 1 furcht fuͤr das Alter, die mir als ein heiliger Gebrauch auch heilig iſt. Es gilt ja hier nicht, um unſere Abſichten zu ſtreiten.— Sag mir nur an, wie kam es, daß Jellena's Zuſtand bis jetzt noch unentdeckt blieb?, „Sie hat ſich in ein zinſames Gemach im hintern Theile ihres Hauſes zurücgrzagen,“ be⸗ richtete der Oheim,„und gilt fuͤr krank. Eine einzige treue Dienerin, die auch verſchwiegen iſt, lebt um ſie. Dort vertrauert ſie die Tage und verweint die Naͤchte 6 „Sie ſoll nicht laͤnger weinen,“ fiel der G 2 —( 100.— Czaar, von der ſchoͤnen Erinnerung ſeiner fruͤhern Gefuͤhle beſchlichen, herzlich ein;„nur noch kurze Zeit ſoll ſie die Einſamkeit dieſes Geheimniſſes tragen; ich bitte Dich, ich bitte ſie darum.“ „Es ſind ſchon drei Monate beinahe,“ meinte der Alte,„daß ſie Dich, den Gatten nicht ge⸗ ſehen.“ „Es wird bald, 4 betheuerte Jener.„Ich fliege jetzt nur an die Grenze und wieder zuruͤck. ann ſehe ich ſie; dann ſpreche ich die Geliebte. — In drei Monden iſt ſie meine Gattin; denn bis dahin hat ſich Alles entſchieden. Dann ziehe ich ſie heraus aus ihrer Verborgenheit: und was fuͤr eine Suͤnde bisher galt, ſoll bei ihr fuͤr eine Tugend gelten, und fortan nicht anders denn eine Schwachheit geruͤgt werden.— „Gut,“ ſagte bekraͤftigend der Greis und heftete die durchbohrenden Feueraugen, die ſeinem Weſen noch in ſeinen hohen Jahren eine kuͤhne Kraͤftigkeit gaben, auf den Czaar,—„ich habe Dein Verſprechen, Herr, und glaube Dir und baue auf dein Wort. Doch bedenke auch und vergiß es nicht, daß wir Czernogorzen die Luͤge haſſen, auch in unſerm Oberhaupte, und daß, — 101— wenn ſelbſt dieſes gefuͤndigt, wir es verachten Zuͤrne nicht— „Ich habe Dir's ſchon einmal geſagt,“ fuhr der Czaar hierbei auf,„daß ich keine Drohung, keine Befehle leiden kann. That ich's ſonſt nicht auf meinem Throne, thue ich's auch nicht hier: denn ich bin immer Selbſt geblieben, und bei Gott, hier nicht kleiner geworden, als ich es dort war.— Leb wohl und bedenke dies immer genau!“— Er entließ den Alten, warf ſich auf ſein? Roß und ſprengte, von einem einzigen Diener be⸗ gleitet, den Weg gegen Cettigne fort. Jerma⸗ lows Brief war an ſeiner Bruſt, oft nahm er ihn waͤhrend des Rittes aus ſeiner Taſche, las ihn, faltete die Stirne und murmelte vor ſich: „Heirathe nicht!“ und dann:—„Geld kann ich Dir nicht ſenden.“— Er erreichte am folgenden Tage das Hochge⸗ birge hinter Gljubotin— hier ſtand er ſtill und heftete lange die Blicke hinuͤber nach der albane⸗ ſiſchen Grenze.„Zwiſchen zweien habe ich ge⸗ ſchwankt bisher“— rief er aus,„jetzt brauche ich den dritten Anker, denn beide waren nicht — 2 102— feſt genug fuͤr das Schiff, mit welchem ewig die Stuͤrme ſpielen,— werden auch die drei nicht halten, nicht vielleicht——?2— Marko!l“ rief er dem Diener, der etwas weiter hinter ihm hielt,„wo, ſagteſt Du, ſtreift unſer Grenz⸗ kordon?“— „Ueber Podgoriza, Herr!“ berichtete dieſer, „ich habe dir's ſchon geſtern vermeldet; doch ſchienſt Du in Gedanken deſſen nicht zu achten!— Mich nahm es Wunder, daß Du den Weg hierher einſchlugſt. 8 „Ich glaube es,“ entgegnete laͤchelnd der Czaar, und fuhr zutraulich gegen den Diener fort:—„Marko! Du biſt eine treue, redliche Czernogorzenſeele. Ich habe Dich nicht ohne Grund fuͤr dieſen meinen Gang unter den Uebri⸗ gen erwaͤhlt. Schwoͤre mir nun heilige, unver⸗ bruͤchliche Verſchwiegenheit uͤber Alles das, was Du jetzt in meiner Begleitung ſehen und erleben wirſt: es iſt zum Beſten des Vaterlandes; das bedenke wohl.— Ich handle zwar geheim und verſchloſſen; aber die Nothwendigkeit will es ſo: denn nicht immer iſt das Offenbare auch das Raͤthlichſte.— Verſtehe mich wohl!— Du 54 — 103— biſt der tuͤrkiſchen Sprache, wie des Albaneſiſchen vollkommen maͤchtig; darum habe ich fuͤr meine Huͤlfe auch auf Dich das Augenmerk gerich⸗ tet.— Schleiche hinunter in das erſte tuͤrkiſche Grenzdorf: ich harre inzwiſchen Deiner hier und beſorge zwei albaneſiſche Anzuͤge, paſſend fuͤr mich und Dich. Hier iſt Geld! In zwei Ta⸗ gen muͤſſen wir bei Aleſſio ſeyn.“ „Bei Aleſſio?“ fragte raund de der Diener. „Staune nicht!“ fuhr der Czaar fort.„Du haſt mein Verſprechen, ich Deinen Schwur, das Uebrige wird ſich Dir enthüllenn Lit⸗— und ſchweige.“— Marko jagte den Berg hinab und Stephan blieb allein. Er ſtieg vom Roſſe und warf ſich in den Schatten des Waldſaumes nieder. Hier aberlegte er ungeſtoͤrt ſeine Plaͤne, und wog und ſchied ihre Beweggruͤnde ab. „Leicht iſt's,“ dachte er, und geſtand ſich's nicht ohne Grauen,„daß Rußland fuͤr mich ver⸗ loren geht. Und dann bin ich noch ein kleinerer, ſchwaͤcherer Governator in dieſem Lande, als ich es bisher mit den Hoffnungen auf meinen Thron und dem Dank der Nation, mit den Schmei⸗ — 104— chelausſichten ihres Stolzes war. In dem rau⸗ hen, freigeſinnten Lande dereinſt die Krone auf mein Haupt zu ſetzen, daran muß ich verzwei⸗ feln, wie ich das Volk und ſeinen unbeugſamen Geiſt bisher habe kennen lernen. Jetzt bin ich, als ihr Governator, nicht mehr, als ihr erſter Diener: Schlachten darf ich fuͤr ſie erfechten, im Innern keinen Strohhalm ordnen, kein Staͤub⸗ chen von dem ruſigen Gebaͤude ihres Herkom⸗ mens wiſchen; nicht einmal von einem laͤcherli⸗ chen, unmenſchlichen Herkommen wollen ſie mich eximiren. Will ich das Blut fuͤr Andre ver⸗ ſpritzen? Laͤcherlich! das konnte ich uͤberall, und ruͤhmlicher als hier und namhafter. Ich bin nicht gekommen in Eure Felſen, um Euer erſter Knecht zu ſeyn. Ihr habt mich falſch verſtan⸗ den. Selbſt der Wladika hat hoͤhere Macht, als ich: denn ſein Wort im buͤrgerlichen Leben iſt ſo ſtark und gewichtig, wie das meinige, und die Gewalt der Religion ſteht ihm auch noch zu Gebote.— Darum iſt es entſchieden— geht Rußlands Stern unter, wende ich mich hieher. Ein Buͤndniß mit den Tuͤrken, zerſchmettern kann es mich nicht, nur erhoͤhen; wirke ich fuͤr die, — e( 105)ee— ſo lohnen ſie mich. Und fuͤr den herrſchenden Geiſt?— wo gaͤbe es fuͤr dieſen einen weitern Plan, eine guͤnſtigere Ausſicht, als hier.— Daß mein duͤrſtender, raſtlos weiter fliegender Geiſt dieß gebeut, daß es wieder dieſer iſt, der zuͤgel⸗ los ſich den dritten Ausweg geſucht hat: ich weiß es— aber dießmal hat die Vernunft Alles erwo⸗ gen und heißt es gut; er geht unter ihrer Lei⸗ tung ſeinen Weg und die Nothwendigkeit bekraͤf⸗ tigt auch das Wie?— Ich bin zwar hineinge⸗ rathen in eine beginnende Gaͤhrung, in ein neues Kaͤmpfen aller Lagen und Verhaͤltniſſe; aber das geht nur Alles aus dem Vorhergehenden hervor, wie ich es fand. Anders leuchtete mir die Zu⸗ kunft, als ſie vor einem Jahre dort im Dome die Fahnen ſchwenkten und Peter dem Drit⸗ ten„Heil!“ riefen: ſie ſoll noch einmal anders leuchten.— Die Sehnſucht, welche mich nach Aleſſio treibt, hielt ich fuͤr Liebe; ſie iſt vielleicht noch etwas Anders: der Wink meines Genius.— Jellena mußte ich lieben(und ich liebe ſie noch), um mich an das Intereſſe der Nation zu ket⸗ ten, ſo lange ich deſſen bedurfte; jetzt hat ſich die Lage geaͤndert— ich darf mich nicht meinem — 106— Gefuͤhle hingeben; denn dabei bleibe ich ewig klein— ewig!— Reich iſt der Tuͤrke Ibra⸗ him; feßle ich ſeine Tochter an mich— ver⸗ ſpreche ich den Uebertritt zu ſeinem Glauben, ſo bin ich ihm verbuͤndet; mit dem Paſcha leitet er das Buͤndniß ein— und was das Noͤthigſte iſt— ſein Geld iſt mein Geld— und das brauche ich, eben ſo jetzt fuͤr Rußland und ſo lange ſeine Hoffnung noch dauert; als dann, wenn ich mit Montenegro breche.— Es iſt ent⸗ ſchieden.“— Er verſank weiter in ſein dumpfes Nachden⸗ ken: da weckten ihn die Adler, die hoch uͤber ihm in der blauen Luft kreiſchten und im wind⸗ ſchnellen Fluͤgelſchlage dahin ſchoſſen.—„Ihr erſcheint mir zum zweitenmale,“ ſprach er weiter, „als gute Boten gluͤcklichen Erringens.— Eines iſt gethan, das Kleinere; laßt mich nun das Groͤßere von Euch verkuͤndigt ſehen. Ich bin der alte Aar noch, und was mich ſonſt raſtlos in Traͤumen und leeren Verſuchen umhertrieb, es beginnt nun in's Leben zu treten. Die That gilt mehr, als das ſchwaͤrmeriſche Feuer; was ſonſt bunte Farben hatte, traͤgt jetzt truͤbe: aber es — 107—. iſt Wirklichkeit, lohnende Wahrheit, was ſonſt Traum war, und das ertraͤumte Ziel, den Glanz des Traumbildes und die Hoheit fuͤhrt es her⸗ bei. Durch das Dunkel fuͤhrt der Weg zum Lichte!“— 2 Marko kam lachend mit den Kleidern den Berg herauf.„Ein Jude!“ rief er,„mußte ſie mir geben. Ich ſagte ihm, hinter dem Dorfe weile mein Herr und er ſollte mir dorthin folgen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Wie ich ihn erſt tauſend Schritte vom Dorfe hatte, pruͤgelte ich ihn durch und gab ihm den Rath, fuͤr die Zukunft nicht ſo leichtglaͤubig zu ſein.“ „Das iſt nicht gut,“— ſagte Stephan, indem er nach den Kleidern faßte;„hat der Jude Dein Aeußeres gut im Gedaͤchtniſſe behalten, ſo kann er uns dereinſt, vielleicht in gefaͤhrlicher Lage, verrathen.“— 5 1 „Seid unbeſorgt, Herr,“ beruhigte der luſtige Marko,„wir muͤſſen ohnehin den Weg um den See von Szariak herum nehmen, denn das iſt der kuͤrzeſte nach Aleſſio. Scutari bleibt uns da weit links— und dieſe Seite beruͤhren wir nicht mehr.— Aber die Anzüͤge ſind ganz — 198.— gleich, Herr— keiner iſt vornehmer oder hat ſonſt ein Unterſcheidungszeichen.“ „Deſto beſſer!“ trieb Stephan, warf ſeine Montenegriner Tracht ab, die er einpackte und uͤber den Sattel des Pferdes ſchnallte, und ſtand bald als Albaneſer neben dem gleichfalls umge⸗ wandelten Marko da.— Der Abend ſenkte ſich roth uͤber die Berge— ferne glaͤnzten die Stroͤme und Doͤrfer im gol⸗ denen Strahle und die Waͤlder rauſchten feierlich und laut in der Abendluft. Das ſchoͤne Land Al⸗ banien ſchien dem Czaar mit holdem Willkomms⸗ laͤcheln entgegenzuwinken.— Sie aber ritten fort den Weg gegen Aleſſio zu.— 7 Ueber dem Golf der Drina brannte der Abend in magiſchen Farben. Die gelben Fluten des Bergſtromes ergoſſen ſich hinein in zwei Muͤn⸗ dungen und umſchlangen die gruͤnen Inſeln der Bucht mit Liebesarmen gleichſam, und ihre Farbe contraſtirte wunderbar zu der blauen Him⸗ melsdecke, den purpurnen Wolken und flammen⸗ — 109— den Wogen. Weiche Luͤfte kuͤhlten das Ergluͤ⸗ hen auf den Wangen der Natur; es war ein Abend, wie ihn nur jenes Klima hat, wie er unſere kaͤltere Zone nie entzuͤckt mit ſeiner all⸗ maͤchtigen Wunderpracht. Und das ſchoͤne Ufer mit den leiſ' anſchwellenden, ſmaragdgruͤnen Huͤ⸗ geln, den Citronen⸗ und Olivenwaͤldern, den Feigen⸗ und Maulbeerhainen, durchſchnitten von ſilbernen Kanaͤlen und Baͤchen, bebaut mit tau⸗ ſend und tauſend Landhaͤuſern relcher Tuͤrken und Albaneſer von Aleſſio, den prachtvollen Gaͤr⸗ ten, in deren Mitte ſich bunte Kiosks und Altane mit glaͤnzenden Daͤchern, flimmernden Halbmon⸗ den, chineſiſchen Porzellan⸗Einfaſſungen erho⸗ ben:— Das Land war in Wahrheit anzuſchauen, wie ein Garten Gottes.— Auf der Straße gegen Zadrin, nach der Montenegriner Graͤnze zu— hatte der Kauf⸗ mann Ibrahim ſein prachtvolles Landhaus. Das impoſante, hohe Vordergebaͤude begraͤnzten zwei Seitenfluͤgel, an welche ſich der Garten ſchloß, kunſtvoll und romantiſch, im barocken uͤppi⸗ gen Geſchmacke der Orientalen, und wieder na⸗ tuͤrlich durch die guͤnſtige Lage des Bodens— . — 140— angelegt. Wo die egyptiſchen Cypreſſen ſich im roſigen Daͤmmerſcheine, hinter der Silberpappel⸗ allee, zum dichten Bosquet vereinen, ſtille Ruhe, ſanftes Saͤuſeln, einſames Murmeln toͤnt; wo zwiſchen den Roſenſtraͤuchen fuͤnf Fontainen aus marmornem Becken die Silberſtrahlen gleich prachtvollen Lilien in die golddurchſchmolzne Luft treiben; wo tauſend entzuͤckende Duͤfte von den Straͤuchern, Blumen und den die Cypreſſen feſt umſchlingenden Winden wehen; wo die Nachti⸗ gallen ſcheu ſich naͤher wagen, durch die Gebuͤſche flattern, auf den marmornen Baſſins ſitzen, aus den cryſtallenen Wellen trinken und kuͤhner und entſchuͤchterter endlich die ſeelergreifenden Weiſen girren bald, und jubeln bald——— da ruhte auf dem ſeidenen Divan unter der Laube von durcheinander geflochtenen weißen und rothen Ro⸗ ſenbaͤumen, Suleika, kaum dem Bade, aus dem porphyrnen Becken des erſten Springbrun⸗ nens entſtiegen, leicht gehuͤllt noch in das Ge⸗ wand von luftduͤnnem, roſenfarbenem Schleierſtoffe, der die uͤppigen, ſchneeweißen Formen umſpielte, wie der Roſe Blumenſtaub die nachbarlichen Li⸗ lienblaͤtter, in ſchmachtender Erſchoͤpfung des hei⸗ — 111.— ßen Lebens, im linden Wohlbehagen des laben⸗ den Saͤuſelwindes; in dem Drange einer unge⸗ kannten Sehnſucht, im Traͤumen von irrdiſchen Wonnen, wie ſie die braͤutliche Feier der Natur in jedes Liebe verlangende Herz floͤßt.— Ihre Dienerinnen hatten ſich entfernt auf das Gebot der Herrinn waͤhrend ihrer Badezeit und jetzt ſchwelgte ſie in ſuͤßer Ruhe.— Der volle, rechte, bloße Arm diente dem Haupte zum Kiſſen und blickte mit ſeiner Schneepracht nur verſtohlen und theilweiſe aus der dichten Huͤlle von Ra⸗ benlocken, die ſich uͤber ſeine Fuͤlle, Bruſt, Hals und den Divan ergoſſen; die Augen waren halb geſchloſſen unter den langen Wimpern und ſchie⸗ nen ſchmachtend zwiſchen Schlummer und Wa⸗ chen zu kaͤmpfen; die linke Hand zupfte an den Roſenblaͤttern und hatte das Gewand und den holden Leib wie mit farbigen Flocken beſtreut; herabgeglitten von den Polſtern war der linke Fuß, bis an das runde Knie entbloͤßt und ſpielte, ſchwingend, im Silberſande und es war wieder nicht Ruhe, nicht Erſchoͤpfung, nicht Mattigkeit, die ſich uͤber die holdeſte Geſtalt ergoß, es war wie das Walten eines geheimen Verlangens, der — 112 ⸗— ſeligſten Liebesſehnſucht ſeligſte Traumzeit, das Erwachen aus der gluͤhenden Umarmung der Phan⸗ taſien, und wieder das weiche Zerſchmelzen in die Ruhe und ihre Umarmung, in das Erſter⸗ ben der Leidenſchaft, in das Vergluͤhen des wil⸗ den Begehrens.— Nur zweimal ſeufzte die Bruſt auf, melodiſch und wonneathmend, won⸗ nebegehrend ſie und ausſtroͤmend, als das Lied der Nachtigall raſcher, heftiger und hoͤher an⸗ ſchwoll und die Zweige durchgirrte und alle Bluͤ⸗ ten und Blaͤtter und den plaͤtſchernden, laut ſchwatzenden Waſſerſtrahl der Springbrunnen an⸗ zureden, zu beleben, zu treiben ſchien: jetzt aber— brach wie von ſelbſt eine Roſe aus der dichten Wand ab und fiel herab auf ihre Bruſt, ſie lelſ' erſchreckend; und ſo folgte eine zweite und dritte; und eine Hand ward ſichtbar durch das gruͤne Laub und— in dem Momente, wo ſie ſich halb erhob, aufzuſchauen—, rauſchte es auch um die Hecke und trat vor, und auf den Knieen lag alsbald, den Turban vom Haupte ſich ſtreifend, ſchoͤn in der albaneſiſchen Tracht — Stephan der Montenegrinerhaͤupt⸗ ling. — 113 e— Sie kreiſchte laut auf; aber mit der vierten Roſe, die er zwiſchen den Fingern hielt, erſtickte er, ſie auf ihren Mund preſſend, zur Haͤlfte noch den Laut, und fluͤſterte in dem Augenblicke, wo ſie ihn erkannte:„Willſt Du Deinen Befreier toͤdten, indem Du Deine Sklaven rufſt?“— „Du?!“ bebte ihr Mund, und die Augen erhoben ſich groß und ſtarrten ihn an— ſie richtete ſich ganz in die Hoͤhe und faßte das Schleierge⸗ wand und druͤckte es dichter vor die Bruſt.— Er ſah ihre Gewaͤnder neben dem Baſſin liegen und bog ſich dahin, ſie herbeizulangen 1 „Laß!“ heiſchte ſie;—„Biſt Du mit der Sinne Begierden gekommen; wuͤrden mich auch jene Kleider nicht dicht genug verhuͤllen. 24 „Deine Seele hat mich gelockt,“ entgegnete er, „Dein Stimmenton, Dein Augenſtrahl, wie die Nachtigall nur Duft und Farbe zur Roſe locken; nicht die Blume ſelbſt, hie nur derbürperte Geſtalt von Beiden iſt. 4 Er faßte ihre Hand und druͤckte lene gluͤ⸗ henden Kuͤſſe darauf.— „Und Du kamſt,“ fragte ſie und dihretr die II. 65. — 114— brennenden Augen auf ihn,„Du haſt der Ge⸗ fahr nicht geachtet?“— „Ich habe es fuͤr Dich gewagt,“ erwie⸗ derte er;„in dem Augenblicke, wo ich Dich zum erſtenmale ſah, meine Knie umſchlingend und flehend vor mir, entbrannte die Liebe in meiner Bruſt und hat fortgegluͤht. Sie hat mich von der Hoͤhe meines Herrſcherſitzes hieher ge⸗ trieben zu Dir durch tauſend Lebensgefahren— und waͤreſt Du noch weiter geweſen, uͤber den Dardanellen weit, im Lande Arabien, meine Sehn⸗ ſucht haͤtte mich doch dahin gefuͤhrt.“— „Chriſt!“ ſagte ſie, ihn unterbrechend— und in dem Stimmentone lag halb die Verwunde⸗ rung und das Staunen uͤber ſein Geſtaͤndniß, halb das ſelige Gefuͤhl des offenbarten Geheim⸗ niſſes; ihre Blicke brannten gluͤckverheißend auf ihm. „Kennſt Du keinen ſuͤßern Namen, keinen beſſern?“ fiel er ein,—„bin ich Dir nur ein Chriſt, der Feind Deines Glaubens und ſonſt nichts?— Sieh, wie ich der Herr jenes freien Volkes bin, von deſſen Siegen mit den Meinen zugleich Du gehoͤrt haben wirſt; ſoll ich Euch Alle haſſen, Alle befehden, fuͤr das Vaterland, * ⸗ — 0 115— fuͤr den Glauben, und ſieh! das Herz, welches in zwanzig Schlachten nicht gebebt, haſt Du uͤber⸗ wunden. Ich frage nicht, wer es iſt, den ich liebe, ich weiß nur, daß ich liebe,— Dich— Dich allein, aus Deines, meines, aus aller Voͤlker Mitte.“— „Chriſtenheld!“ begann ſie wieder,„ja ich ſtaune, daß Du es biſt, den unſere Maͤnner und Grreiſe, die Kinder ſelbſt mit Zittern nennen; der Du unſere Heere geſchlagen und dieſes Land faſt unterjocht haſt— daß Du es biſt, der mich liebt!— Kann Dein Herz ſo weich ſein zugleich wie die Nachtigall, und lieblich wie die Bluͤte des dunklen Akazienbaumes; und Du biſt doch der gefuͤrchtete Held von Montenegro, der Tauſende getoͤdtet hat, und nur meiner und meines Vaters ſchonte, der meinen Bruder befreit hat.— Du liebſt mich?“—. „Ja ich liebe Dich mit aller Glut meinerſtolzen, freien Seele,“ betheuerte er,„und wie mir Dein Leben mehr gilt, als das Leben all' der Tauſende, die ich verbluten ließ— ſei es auch Suͤnde, dies zu fuͤhlen, iſt es doch eine ſuͤße Suͤnde.— Darum will ich Dich zu meiner Gattin erhe⸗ ben, uͤber Montenegro ſollſt Du gebieten an mei⸗ H 2 4 a 116 e— ner Seite, ſeine Pracht ſoll zu Deinen Fuͤßen liegen— ich ſelbſt will Dein Sklave ſein.“— „Waͤre es mir geſtattet,“ fiel ſie ein und ließ ihm die Hand, die er an ſeinen Mund ge⸗ preßt hielt,„einen Chriſten zu lieben; Du waͤreſt der Einzige, den ich liebte. Deine Hoheit hat mich beſiegt und wie mein Geiſt beim Allah nicht ſchwach und gemein iſt, ſchließt er ſich gerne an das Große. 4 „ Noch dieſes,“ fiel er ein—„noch dieſes will ich geſtatten, ich will zu dem beten, welchen Du verehrſt; ich will den Turban auf mein Haupt druͤcken und den Koran leſen.— Dann aber zaudre nicht, folge mir und harre an mei⸗ ner Seite, bis ich mir den Thron errichtet, hier in dieſem Lande, nach welchem ich ſtrebe.— Ich muß Dich beſitzen, ſoll mir das Leben, Hel⸗ den⸗ und Beſitzthum einen hoͤhern Werth haben, als die Zunge einem Stummgebornen.“ „Viermal noch wird der Abend vor dem Freitage kommen,“ fiel ſie klagend und mit ge⸗ ſenktem Blicke ein,“ da naht der Sohn des Kadi ven Nariſſa; er iſt reich und jung. Der —= 11*s— waͤhlt mich zur Erſten ſeines Harems. So wollen es die Vaͤter und haben es beſchloſſen.“— „Weh mir!“ ſchrie Stephan lauter auf, als es raͤthlich war—„und kaͤme er mit der ganzen Macht Albaniens, kaͤme er mit dem Heere des Sultans ſelbſt, er ſoll Dich nicht beſitzen; Du ſollſt mein werden!“ „Und wie wollteſt Du es werden?“ ſiel ſie ſanft und betrübt, ſeufzend aus der tiefſten Tiefe der ſchoͤnen Bruſt, ein,—„es iſt beſchloſſen!“— „Zu meiner Gebieterin will ich Dich erhe⸗ ben,“ betheuerte Stephan feurig.—„Du woll⸗ teſt ſeine Sklavin werden? Nein, Suleika— nein! Dein hoͤherer Sinn waͤhlt das Hoͤhere. Bin ich Dir nicht liebenswerth; laß mich es werden; wie die Nachtigall um den Roſenbuſch, die Diosko⸗ ridenwinde um die Ulme, ſoll meine Seele um Dich ſchweben und ſich an Dich ſchlingen. Sieh! ich umſchlinge Dich mit dieſen meinen Armen, preſſe Deine ſelige Bruſt an mein klo⸗ pfendes Herz; druͤcke das gluͤhendſte Wort meiner Seele(es iſt der Kuß, der keine Sprache redet, und doch allen Geiſtern verſtaͤndlich iſt), auf Deine Lippen.— Ich preſſe Dich feſter und — 2*l 113.— feſter an meine Seele, laß die Engel Deines Paradieſes kommen, und ſieh zu, ob ſie mich Dir entreißen.— Weil Du mir Deine Liebe geſtandſt, dann ſchenke ſie mir auch. Vieles, ſagſt Du, ſchmuͤcke mich als Helden; es ſind nur gruͤne Blaͤtterkraͤnze; winde die Bluͤten, winde die Roſen hinein. Und Deinen Vater, Deine Bruͤder, und Alle, die Dir lieb und werth ſind, will ich erhoͤhen, will ich begluͤcken, wie es vielleicht der Sultan nicht vermag.— Wenn Du gebieteſt, ſollſt Du mich als Paſcha von Albanien ſehen. Der Rang ſelbſt iſt mir nicht unerſchwinglich. Ich will die Welt befehden, zwanzig Voͤlker be⸗ ſiegen. Alles nur fuͤr Dich— fuͤr Dich.“— „Deine Rede iſt ſuͤß und maͤchtig,“ fluͤſterte ſie und lag nachgebend an ſeiner Bruſt;—„aber bedenke das Wie?— bedenke das Wort des Vaters, er kann es nicht brechen, er wird es nicht, waͤr' es der Sultan ſelbſt, der es geboͤte.“— „Er wird es, ſobald er muß,“ fiel Stephan ein.—„Laß uns fliehen— komm' mit mir, werde meine Gattin zuerſt; Deinem Vater lege ich dann meine Bedingniſſe vor und er wird nachgeben, wenn er erfaͤhrt, weſſen Weib Du * — 119— biſt, und daß ich dem Islam zuſchwoͤren will um meinet⸗ und Deinetwillen.“— „Fliehen?“ wiederholte ſie noch einmal— und horch! da rauſchte es durch die Gebuͤſche; die ferne weilenden Sklavinnen hatten die Stimme der Herrin vernommen und nahten ſich.„Schnell!“ rief ſie, ſprang auf und zog ihn gegen das Baſ⸗ ſin,„lege Dich hier nieder, ich verberge Dich unter meine Gewaͤnder.“ Und wie er gehorchte, rauſchten auch die Kleider nieder uͤber ihn und er ruhte in ſeliger Beklommenheit unter der ſuͤßen Laſt.— Die Dienerinnen kamen.„Du riefeſt uns, Stern der Frauen?“ ſagte Eine.—„Der Ge⸗ bieter wandelt auch bereits im Garten und hat nach Dir gefragt.“—. „Ich will noch eine Weile hier allein ruhen,“ gebot Suleika's Stimme;„verlaßt mich und ſagt dem Vater, daß ich ſelbſt kommen wuͤrde.“ Die Maͤdchen rauſchten fort und die leichte Hand hob die Huͤllen wieder uͤber dem Ver⸗ borgenen. Sie neigte ſich laͤchelnd uͤber dem Ge⸗ beugten und wie ſie da ſchoͤn war, einer Roſe vergleichbar in menſchlicher Geſtaltung, der uͤber⸗ — 2( 120— irdiſche Zauber ſich ergoß aus und um ihr Weſen all; der duftige Schleier noch die Formen umſpielte; die Wange ſo gluͤhend, das Auge ſo brennend war: — da uͤberſtroͤmte ihn auch das allmaͤchtige Gefuͤhl, wie der Duft einer reichen Blumenflor ſenkte es ſich herab in namenloſen Wonnen; das Herz ſchlug ihm wild und ungeſtuͤm auf; er fuͤhlte es, wie er noch nie geliebt mit alſo gluͤ⸗ hendem Drange.„Stern des Abends!“ lispelte er, und erhoh die Arme und zog ſie hernieder zu ſich an die hochſchlagende Bruſt, und druͤckte die marmorne Woͤlbung ihres Herzſchlages an ſein Herz, den brennenden Corallenmund an ſeine Lippen, und ſtarrte ihr hinein, beſeligt und beſe⸗ ligend in das Auge, bis es in weicher, feuchter Glut zerſchmolz und wie durch einen Thraͤnen⸗ thau leuchtete.— „Willſt Du mir folgen?“ fragte mit gepreß⸗ tem Odem endlich ſein Mund, wie tauſend Kuͤſſe ſchon zur hoͤchſten Glut die Lippen entbrannt hatten.—„Willſt Du mir folgen, Du Leben meiner Liebe?“ „Ich will,“ lispelte ſie, und druͤckte das ro⸗ ſige Haupt nieder an ſeine Wangen und um⸗ -=. 121.— wand ihn mit ihren Rabenlocken, wie mit einem ſammtnen Schleier.—„Wann begehrſt Du es?“ „In vier Tagen,“— antwortete er in ſeli⸗ ger Beklommenheit,—„komme ich wieder zur ſelbigen Stunde an dieſen Ort; harre mein zur Reiſe geruͤſtet, nimm Deine Gewaͤnder und was Du ſonſt bedarfſt; denn es duͤrften doch mehr als drei Monden vergehen, bevor Du Hei⸗ math und Vater wieder ſiehſt. Sei treu und ſtark, und die Liebe wird Dich kroͤnen.“ Sie erhob ſich und ſtand jetzt vor ihm, die majeſtaͤtiſche Geſtalt, noch die Glieder umflattert von dem roſigen Schleier, noch die Rabenlocken verſtreut uͤber Bruſt, Hals und Leib, vieles ſo verbergend, vieles ſo zeigend in reizender Lau⸗ ſchigkeit, und ſie ſchien ihm wieder wie aus einer Roſe geſtiegen zu ſein, deren Farbe ſie noch um⸗ haucht hielt, deren Schooß ihr Mutterleib war; — und der Himmel uͤber ihnen gluͤhte dunkel⸗ blau und der Abendſtern trat heraus an ihm, der Waͤchter und Pfoͤrtner des hohen Hauſes, der Herold der lichten Nacht, der ihre Zeit ver⸗ kündet; ihm entgegen brannten die geoͤffneten Blumenkelche alle liebeheiß und ſeufzten in tau⸗ — 2 122.— ſend Duͤften ſeinen Strahlenkuͤſſen entgegen. Dazu rauſchten die Fontainen ſo ſchwatzhaft und luͤſtern, und die Nachtigallen girrten und jubelten ihre Melodien, dem Himmel, der Nacht, dem Abendſtern, den Roſen zu und entgegen. Ueber dem Horizont des Meeres aber brannte noch der rothe Punkt, welchen die Sonne ſcheidend dem Himmel auf die Wange gekuͤßt.— Stephan kniete nun vor dieſer Zauberin, die wie der Prachtpunkt all dieſer Pracht zu ſein ſchien, und hielt den weichen, warmen, pulſirenden Leib umſchlungen, wand ſeine Arme einem Guͤr⸗ tel gleich um ihre Huͤften und bebte in ſeliger Beklommenheit:„Meine Suleikal“— Sie ſtarrte ihn eine Weile wortlos an, dann fuhr ihre Hand uͤber ſeine Stirne und die Ro⸗ ſenfinger preßten ihm die Augenwimpern zu und hauchten wieder Kuͤſſe auf die geſchloſſenen Augen⸗ lieder. Dann hob ſie an:„Und Du biſt wirk⸗ lich der Czernogorzenheld,— den ſie Kaiſer nen⸗ nen? Du biſt es wirklich— der ſo weich und liebend fuͤhlt, und wie eine Blumenwinde hier um meinen Leib ſich rankt? Und Du haſt mich gewaͤhlt vor ſo Vielen?— Doch bin ich viel⸗ — 123 e— leicht auch Deiner nicht ganz unwuͤrdig; denn ſieh! ich bin vielleicht groͤßer im Herzen, feuriger im Muthe und reicher im Geiſte, als tauſende von den Weibern meines Landes.— Ich kenne die Sprachen der glaͤubigen Voͤlker alle, Perſiens und Arabiens Worte rede ich, wie die meinen. Ich habe Ferduſi und Hafis Lieder, und was Saadi ſang, in meinem Gedaͤchtniſſe.— Ich habe ſelbſt Lieder geſchaffen, welche ich ſinge zur Tamboura und der italieniſchen Mandoline, die meine Hand kunſtfertig ſpielt; ich webe Schleier, — und—“ dies fuͤgte ſie hold laͤchelnd hinzu und ſpielte in des Geliebten Locken—„weiß Blumenkraͤnze zu flechten.“— „O Du ſuͤßes, holdes Weſen!“ rief Ste⸗ phan und bedeckte Arm und Leib mit neuen Kuͤſſen. „Und ſieh!“ fuhr ſie fort—„iſt mein Italieniſch, das ich zu Dir rede, nicht auch ge⸗ wandt und ſchoͤn? Meine Zunge iſt fuͤgſam, wie die des Papageyen. Daß ich aber eines Helden würdig bin, verbuͤrgt mein Stolz, der ſeit der Kinderzeit mir im Herzen lebt und vom Vater oft getadelt ward.— Ich kann wohl lieben, — 124— aber nicht gehorchen. Fuͤr die einzige Gattin eines Helden tauge ich; nicht zur Sklavin eines Gebieters. Es wird mir leichter, zu herrſchen, als zu gehorſamen. Und frei ſei es Dir geſtan⸗ 4 den, daß ich ſchon, bevor Du kamſt, meinem Looſe an Ali's, des Braͤutigams, Hand entgegen⸗ zagte; daß ich mich ſtill nach Dir ſehnte und Dich herbeiwuͤnſchte, zum drittenmale als Er⸗ retter.— Und ſieh! Du biſt gekommen.“ „Ich bin gekommen,“ jubelte er,„weil mich Dein Stern gelockt hat.“— „Aber horch!“— fuhr ſie auf,—„ich vernehme das Geraͤuſch der Sklaven im Garten. „Eile! flieh! mein Vater wacht— und entdeckt er Dich— koͤnnte Dich Dein Verdienſt viel⸗ leicht kaum vom Tode retten.“— 3 Sie faßte ihn an der Hand und zog ihn um die Roſenlaube herum auf einem, durch enges Cypreſ⸗ ſengebuͤſch ſich windenden Pfade, nach der Mauer des Gartens. Er hielt noch berauſcht und ſelig ihren Leib umſchlungen; an den Gebuͤſchen blieb oft ihr Schleiergewand hangen, und verrieth durch die Daͤmmerung die geheimnißvolle Pracht der Formen.— Jetzt begegneten ſich zum Abſchiede — c( 125 he— noch einmal die Lippen; Schwur ward um Schwur getauſcht, Seele in Seele getaucht und ihr verpfaͤndet.— Sie druͤckte den Ungeſtuͤmen endlich los und er ſchwang ſich uͤber die Mauer. Wie er an der andern Seite herunterſprang, — hoͤrte er noch den Klang ihrer Stimme, den Ton ihres Abſchiedsgrußes.— Es war ſchon dunkle Nacht, als er am Walde bei ſeinen Roſſen und dem treuen Marko anlangte. Die Sterne am Himmel waren alle aufgegangen.— Der Mantenegriner ſprengte raſch durch die Felder hin, nach den Bergen ſei⸗ nes Landes.— Er ſchwieg lange, dann druͤckte er die Hand auf ſein noch immer wild ſchlagendes Herz und ſagte in ſich hinein: „Natur! Natur! Du haſt mir große Kraͤfte ge⸗ geben in Herz und Geiſt; aber auch viele, viele Diſſonanzen. Suͤnde iſt's, wenn Du mich zer⸗ ſchmetterſt und untergehen laͤſſeſt.— Ich kann mich allein nicht zuͤgeln, unmoͤglich! ich toͤdte ja ſonſt die Kraft, die mir noͤthig iſt zum Errin⸗ gen. Schickſal, dir iſt's vorbehalten! ſei du fuͤgſam.— Und die Vernunft, die Wahl des Mittels war es nicht allein, die mich den Weg — 126.— ½ hieher trieb!— Was ich als Nebengefuͤhl gel⸗ ten laſſen wollte, es iſt zum innerſten, groͤßten, erſten geworden. Dieſe Glut hat groͤßere Kraft, als der Verſtand!“— „Seht dort!“— unterbrach ihn Marko und zeigte nach der Seeſeite, wo der halbe Mond der Waſſerflaͤche entſtieg, wie ein weißer Lilienkelch.— Stephan ſah hinuͤber und fuhr zuſammen. Es war wie Jelleng's bleiches Antlitz, das ihm aus der blaſſen Scheibe des Nachtgeſtirnes ent⸗ gegenſah. Er jagte dem Roſſe wild die Sporen in den Leib und knirſchte dumpf in ſich:„Was hab' ich gethan?! Welt— Welt! Leben!— Ich bin vielleicht fuͤr eine Krone verdorben; wie an Gefuͤhl ein Baſtard von Engel und Teufel.“ — Sein Auge leuchtete wild rollend durch die Nacht und er ſprengte haſtiger den ſchwarzen Bergen entgegen.— * * 8. Er ritt voruͤber an der Gartenmauer ihres Hauſes; er ſah durch die Zweige, und im Fen⸗ — eel 122 ⸗— ſter lag ſie, das Haupt auf den Arm geſtuͤtz, blaß, wie der Mond, als er, einer Lilie gleich, aus dem adriatiſchen Meere ſtieg, und auf den Wan⸗ gen glaͤnzten Thraͤnen, als wenn es Tropfen waͤren, die von dem naſſen Schooße noch an der Mondlilie haͤngen geblieben waren.— Er warf ſich vom Roſſe, ſprang uͤber die Hecke und trat in ihr Gemach.— „Jellena!“ rief er, und das Mitleid, das ſeine Bruſt beſchlich, gab Liebe, Wehmuth und Weichheit in ſeinen Stimmenton,—„ſoll ich Dich weinend wiederſehen?“— Er bog ſich nieder auf ihre Schulter und fuhr fort in den milden Toͤnen:„Zuͤrnſt Du mir, Ge⸗ liebte? Glaubſt Du mich kalt und gefuͤhllos? — Denke, daß ich auch zu tragen habe, zu dulden und zu erringen!— Baue auf den Him⸗ mel, daß er es fuͤr mich wende, und es iſt auch fuͤr Dich gewendet.— Die Laſt, die ich trage, iſt nicht klein, und wie ich mit dem Schickſal zu ringen habe, das weiß keine Seele ſo gut, als die meinige.— Bete fuͤr die Wendung mei⸗ nes Gluͤckſterns in Rußland, und Du beteſt fuͤr mich!—— Warum ſchweigſt Duaber? Zuͤrnſt — 128— Du mir? Glaubſt Du, weil ich ſo lange ge⸗ ſchieden war, meine Liebe ſei erkaltet? Meinſt Du, nun da ich den goldnen Staub von der Blume geſtreift, ſei mir ihr Duft und ihre ſchoͤne Geſtalt gleichguͤltig?— Orlaß nur den Sonnen⸗ ſchein fuͤr meine Krone kommen, und ich werde ſelbſt zur Blume, die Farbe, Duft und Gold⸗ ſtaub auf Dich uͤbertraͤgt.“— „Mein Gebieter!“ ſchluchzte ſie jetzt leiſe und ihre Thraͤnen rollten ihr haͤufig die blaſſe, weiße Wange herab,—„nicht, daß ich Dir zuͤrne, daß ich Dich treulos halte! Ich weine nur uͤber mich und uͤber das thoͤrichte Herz, das ſeinen Fruͤhling, ſeine Himmelszeit fuͤr ewig ver⸗ langen wollte, das ſich jetzt nicht finden kann in die bittern Stunden des Entbehrens. O ich ſagte mir's ja ſchon fruͤher, daß ich das Veilchen bin, welches von der Sonne geliebt wird, und verwelken muß durch die Strahlen der Geliebten. Aber das ſchwache Herz will ſich noch nicht darein fuͤgen— es iſt ein ſehr, ſehr ſchwaches Herz.“— „Will das Herz leiden und muß es klagen,“ troͤſtete Stephan,„laß Deine Vernunft glauben, laß den Geiſt hoffen.“. — 129 e— „Auch nicht um mich allein,“ fuhr die Kla⸗ gende fort,„weine ich, daß der Fruͤhling ſo bald voruͤbergehen, daß die Wilen ſolches Schickſal ſpinnen mußten. Nur das arme Kind, dem ich Leben geben werde, wird zu ſeinen Thraͤnen die meinigen als erſte Nahrung ſaugen; wird viel⸗ leicht verlaſſen ſein.— Ach! mein hoher Gebie⸗ ter, ich beſcheide mich ſo gerne; Du nannteſt mich einſt ſelbſt ein frommes, ſtilles Gemuͤth.— Bei Gott!“ rief ſie hier aus und erhob die thraͤnenden Augen zu ihm und druͤckte die Hand auf ihre hochklopfende Bruſt,—„dieſe Thraͤ⸗ nen ſollen Dir kein Vorwurf ſein, ſie gelten nur meinem Schmerze, der ſo kommen mußte.— Ach! warum bin ich ſo ſchwach!“— „In dem Kinde, das noch nicht geboren iſt,“ betheuerte der Czaar einfallend,„leben heilige Rechte. Sein Anſpruch iſt groß, und wird es ewig bleiben; ſelbſt dann, wenn ich todt bin, wird ihm eine Krone als Pfand gegeben. Traure daruͤber nicht.“— „ und die kalten Menſchen!“ klagte ſie wei⸗ ter,„die mich verachten um meiner Liebe wil⸗ len; die es nicht fuͤhlen koͤnnen, was es hieß, I. J 4 — ⸗ 180— Dich geliebt zu haben; die den Fruͤhling mei⸗ ner Seele fuͤr eine Suͤnde halten,— die koͤnnte ich beinahe haſſen. Immerhin auch, daß ſie die Schuld mir beimeſſen; moͤgen ſie dieſelbe doch nicht Dir zugleich und dem Kinde meines Gluͤk⸗ kes, unſrer Liebe aufbuͤrden.“— „Das werde ich aͤndern,“ ſagte Stephan langſam,—„das kann ein Tag wohl Alles wenden. Ich will es!“— Er ſenkte das Haupt auf ſeinen Arm und ſaß ihr ſchweigend gegen⸗ uͤber; ſie war auch ſtumm. Er ſeufzte einige⸗ mal unbewußt auf; ſie lauſchte ſeinem Athem⸗ zuge.— 1d Endlich raffte ſie ſich auf, ſie legte wieder den Ton ihrer ganzen Liebe in die Stimme, ſie laͤchelte fromm und liebend, flehend und ein⸗ ſchmeichelnd durch die Thraͤnen.„Ich habe Dich traurig gemacht, mein Gebieter!?“ ſagte ſie und ſtreichelte ſeine Wangen;—„vergib mir— ſieh! ich flehe Dich darum. Mein Herz kann Deinen Schmerz viel ſchwerer ertragen, als den eigenen. Sei wieder froh und heiter; laß Jel⸗ lena die Trauer und die Thraͤnen, mich kleiden ſie wohl und gebuͤhren mir auch.— O mein theu⸗ — 131— rer Gebieter! Du brauchſt ja freudigen Muth fuͤr Deine Thaten; achte nicht der Grasmuͤcke Klagen, Dein Herz hat ja fuͤr den Schlachten⸗ donner nur ein Gehoͤr.“— „Du biſt ein Engel!“ ſagte er und ſprang auf und preßte ihr gluͤhend einen Kuß auf die Lippen;—„Du biſt ein heiliger Engel voll Guͤte und Milde. Dein Herz iſt ein himmliſches. — Dulde nur noch kurze Zeit; trage! es wird nicht lange waͤhren. Der goldene Morgen, der mir und Dir zum Gluͤcke ſtrahlt, iſt nahe.— Leb' jetzt wohl!“ Er preßte ſie heftig an ſich und flog hinaus.—- — Es war großer Markt in Cewo. Men⸗ ſchen aus allen Nahien draͤngten ſich durch die Straßen. Am Platze vor den Kaufmannsbuden war buntes Gewimmel. Auf der einen Seite ſaßen die Maͤnner auf der Erde, die Pfeife im Munde, die Flinte neben ſich gelegt und tranken Caffee und Wein, laut dazwiſchen ſprechend und ſcherzend. Es gab einen eigenthuͤmlichen, freu⸗ digen Anblick, dieſe kraͤftigen Geſtalten, dieſe baͤr⸗ tigen Geſichter mit der edlen Zeichnung und den feurigen Augen zu ſehen, in Fried' und Eintracht — 2 132 2— hier beiſammen. Mehrere waren um einen Wein⸗ krug gelagert und ſangen laut und volltoͤnend Hel⸗ denlieder.— Weiter oben waren die, welche mit Wauͤrfeln um Geld ſpielten. An der andern Seite befanden ſich die Taͤnzer im Kolo und ſangen zum Tone der Inſtrumente. um die Buden draͤngten ſich Weiber und Maͤdchen, theils die Pracht des Putzes, zu deſſen Bereitung Cat⸗ taro und Venedig, wie nicht minder die Tuͤrkei, ihre Induſtrie verwendet hatten, luͤſtern anſtau⸗ nend, theils einzelne Stuͤcke einhandelnd. Maͤn⸗ ner waren hier weniger zu ſehen, außer Braut⸗ leute, welche den Braͤuten Geſchenke, Maͤnner, die Weibern Hals⸗ und Ohrgeſchmeide, oder Vaͤter, die den Toͤchtern was zierlich iſt und nuͤtz⸗ lich, kauften. Deſto mehr draͤngte ſich die Mann⸗ ſchaft um die Buden, wo Waffen feilgeboten wurden; hier beſahen ſie die doppellaͤufigen Ge⸗ wehre, pruͤften ihr Gewicht, ſchwangen und bo⸗ gen die Saͤbel, hauchten auf den Stahl der Dolche, und thaten noch ſonſt, was einem waf⸗ fenkundigen Krieger ziemt.— Der Governator ſtand im Kreiſe mehrerer Hauptleute an des Archimandriten Seite und — 133— ſprach mit ihnen von Geſchaͤften. Naͤher draͤngte ſich jett ihm Marko Pawlowitſch, Jellena's erſter Geliebter, derſelbe, der aus Rußland mit Offiziersrange zuruͤckgekehrt war. Er horchte jedem Worte, welches Stephan ſprach, mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit.— Da ergriff einer der Umſtehenden die Gelegenheit, den Governator auf den Juͤngling aufmerkſam zu machen. Er that dies mit den Worten:„Hier, Herr! ſiehſt Du Einen, der die Uniform Deines Landes trug; er hat der Kaiſerin gedient, doch ſchon, da ſie ſich Alleinherrſcherin nannte und Du fuͤr todt galtſt.“— Stephan, gerade im Geſpraͤch, wandte ſeine Augen forſchend nach dem Juͤngling, reichte ihm die Hand und ſagte gleichgiltig:„Ich gruͤße Dich mit Gott!“ Darauf fuhr er wie fruͤher in ſeiner eifrigen Erzaͤhlung fort.— Wie er aber dabei immer im Kreiſe nach den Hoͤrern umher⸗ blickte, gewahrte er hinter denſelben einen alten Mann, welcher ihn auf eine auffallende Weiſe ſtarr anſah, mit ſtechenden Blicken, und einer Beſtimmtheit im Geſicht, die mehr als einer ge⸗ woͤhnlichen Theilnahme zu gelten ſchien. Eine Weile ertrug es der Erzähler geduldig, als es 8 — 2 134 e.— ihm aber laͤſtig zu werden und ihn zu zerſtreuen anfing, unterbrach er ſich— ſchob den einen Sardar, welcher vorſtand, zur Seite und ſagte: „Da iſt ein Mann, der mich ſchon lange auf⸗ merkſam anſieht— laßt ihn naͤher treten, wenn er was begehrt!“— Und zu dieſem— es war der alte Pawlowitſch, Onkel des Marko,— fuhr er fort:„Haſt Du etwas zu erbitten oder zu for⸗ dern, tritt naͤher vor den Governator und ſprich 14 „Zu erbitten habe ich nichts,“ ſagte der Greis ernſt, nicht keck in ſeiner Geberde, aber auch nicht demuͤthig;—„ich bin nur kuͤrzlich erſt aus Rußland heimgekehrt, und ſehe Dich zum erſtenmale hier, den einſtigen Czaar und neuen Governator. Gott erhalte Dich!“— „Wenn es nichts weiter,“ fiel Stephan la⸗ chend und ein großes, inneres Befremden, das in ihm aufſtieg, unterdruͤckend, ein:—„das ſei Dir unverwehrt!“ Und ſo achtete er nicht weiter des Alten, ſondern ſprach weiter zu ſeiner Umgebung. Spaͤter traten ſie an ſeiner Seite vor eine Gewehrbude. Der Governator ſuchte ſich da eine prachtvolle, venetianiſche Flinte aus; war bald üͤber den Preis handelseinig und befahl nur noch dem Verkaͤufer, ſie zu laden, weil er den Schuß und ſeine Wirkung verſuchen wollte. Dieſer lud ſie auch vor ſeinen Augen, ſtreute das Pulver auf die Pfanne und reichte ſie dem Czaaren dar Er ging mit mehrern Andern etwas weiter aus dem Menſchengewuͤhle, gegen eine Oeffnung der Straße, die zu einem mit Linden bepflanzten Huͤ⸗ gel fuͤhrte. Da wiegte ſich oben hoch in der Krone ein Rabe und kreiſchte hungrig nach den Fruͤchten und IFleiſchſtuͤcken, die er an vielen Buden ausgehaͤngt ſah.— Auf dieſen legte der Czaar an, zielte;— Alles war geſpannt uͤber den zu hoffenden, ſchwierigen Meiſterſchuß.— Er druͤckte los und die Flinte verſagte. Er ſpannte zum zweitenmale und das Gewehr ver⸗ ſagte abermals; und ſo geſchah es zum dritten, vierten und fuͤnftenmale. Schon war er, wie die Umgebung, ungeduldig; da draͤngte ſich' ein junger Knees aus ſeiner Begleitung, ſonſt ein vorlauter, kecker Menſch, an ihn, nahm ihm mit den Worte„ Erlaube, Herr!“ halb gewaltſam das Feuerrohr aus der Hand, ſprang einige Schritte vorwärts, legte auf den Vogel an; das Gewehr erkrachte auch mit ungeheurem Knalle, zerſprang in allen ſeinen Theilen und riß das Haupt des Schuͤtzen entzwei. Dieſer ſtuͤrzte als⸗ bald tödtlich getroffen nieder und verhauchte bald ſein Leben. Beſtuͤrzung und Getuͤmmel herrſchte ringsum, man lief herbei und draͤngte ſich um den Todten, wie um den Czaar. Dieſer war er⸗ blaßt und athmete ſchwer auf.—„Der Tod,“ ſagte er laut,„ging nah an meinem Haupte vor⸗ uͤber, jener warf ſich ihm entgegen!“— „Begrabt ihn!“ gebot er nach einer Weile, „und ſetzt ihm einen Leichenſtein auf meine Ko⸗ ſten. Schreibt die Worte darauf:„Als der bleiche Tod den Governator treffen ſollte, wand⸗ ten es die himmliſchen Maͤchte, und ließen dieſen verbluten, um das Opfer zu bringen, wofuͤr Pe⸗ ter der Dritte noch nicht reif war.“— Er ging ſchweigend nach ſeiner Wohnung. 9. Ueber die weiten Ebenen von rkowicz her⸗ unter, rechts am See von duea voruͤber, jagte Stephan in Albaneſertracht mit ſeinem treuen Marko nach den Ufern des Bojana⸗ — 0 137— fluſſes, immer das adriatiſche Meer zur ihrer Rechten habend. Sie uͤberſetzten bei Peredli den genannten Strom und weiter uͤber Aleſſio die Drina. Am zweiten Abend harrte unſer Held hinter der Gartenmauer Ibrahims des ver⸗ abredeten Zeichens. Endlich auch oͤffnete ſich eine geheime Pforte; Suleika lag in ſeinen Armen. Ein dichter, langer Schleier umwogte ihre ganze Geſtalt bis an den Boden; darunter funkelte ſie von Edelſteinen und prachtvollen Gewaͤndern.— Sie eilten zu den bereit ſtehenden Roſſen. Ste⸗ phan ſchwang ſich hinauf, hob ſie uͤber ſeinen Schooß auf das ſammtne Kiſſen, das am Sattel⸗ knopfe lag, und dem Vollmond, welcher ſich uͤber den Bergen von Czernagora erhob, ging es hur⸗ tig entgegen. So ritten ſie ſtumm, Keines hatte ein Wort geſprochen.— Schon als das Morgenroth am Himmel glaͤnzte, machten ſie an der Graͤnze Halt, um zu raſten Suleika warf einen Blick zuruͤck nach dem vaterlaͤndiſchen Boden.„Es iſt voruͤber,“ ſagte ſie ernſt.—„Allah mag mir vergeben, wenn ich geſuͤndigt.“ „Allah hat Dir vergeben,“ fiel Stephan lie⸗ —, 138— betrunken ein,„und der Chriſtengott und der Chriſtenheld nehmen Dich in ihren Schutz.“— „Und Deine Liebe,“ fuhr ſie wie oben fort, „ſoll mir nun Alles erſetzen. Wild iſt mein Herz, eigenſinnig, habſuͤchtig. Ich muß Dich auch allein beſitzen, wie ich nur Dir gehoͤre.— Wirſt Du mir treu ſein?“— „Ich werde es ewig!“ betheuerte er.— „Schwoͤre nicht!“— fiel ſie ein;„Allah nur weiß, ob Dein Sinn ſich einſtens nicht eben ſo zu einer Andern wendet, wie es fuͤr mich in raſcher Glut ſich erſchloſſen.— Halte es, wie Dein Herz verlangt. Nur Eines mußt Du wiſ⸗ ſen: Wenn Du treulos Dich von meiner Seite wendeſt, wenn Du mich verlaͤſſeſt, wenn Kaͤlte Dein Herz ausſtroͤmt, das jetzt ſo gluͤhend fuͤhlt, und Du mich vielleicht ganz elend und gebrochen glaubſt, dann werde ich's nicht ſein— ich werde nicht klagen, nicht zu Deinen Fuͤßen um Liebe wimmern! Ich werde Dich verachten. — Kalt wird ſich mein Herz von Dir wenden, Dir kalt entſagen, und ich werde geſtehen, daß ich von einer Blume getraͤumt, die keine Blume war; daß Du meiner Liebe unwuͤrdig warſt. — eo 139— Fluchen werde ich Dir nicht, aber ich werde Dich fuͤr erbaͤrmlich halten, wie einen Sklaven, in deſſen Bruſt kein edleres Gefuͤhl ſchlaͤgt, der ſchon da veraͤchtlich war, als er ſchoͤn zu luͤgen wußte.“ Sie ſchwieg und ſah ihn forſchend an.— „Ob ich ſtaunen ſoll, ob zuͤrnen,“ verſetzte der Held,„uͤber Deine kuͤhne Rede, ich weiß es nicht; denn Du biſt ja die allmaͤchtige Liebe, die mich unnennbar zauberiſch an ſich ſchließt in Ernſt und Trotz, in Milde und Lieblichkeit.— Iſt ſchon jetzt der Augenblick, zu zweifeln, zu bangen, zu drohen? Denkt die Blume im Lenz an das Verwelken? Nein! ſie bluͤht unbewußt, die Wehmuth wuͤrde ſie ſonſt fruͤhzeitig zerſtoͤren. Denkt die Nachtigall an das Ende ihrer Liebe, an das Ende der Sommertage? Nein! ſie wuͤrde nicht lieben koͤnnen; ihre Liebelieder wuͤrden zu Schmerzliedern werden. Und Du, die Du hoͤher biſt, als Blume und Nachtigall, willſt Dich von beiden uͤbertreffen laſſen. Vertrauen gibt Ver⸗ trauen. Dies bedenke, und eine Flamme naͤhrt. die andere Flamme; wo Liebe gluͤht, entzuͤndet ſie Liebe. Und waͤre die Glut der Sehnſucht, mit welcher ich nach Dir gerungen, nichts mehr, ( 140— als ein falſcher, kalter Gewitterſchein, dann waͤre auch die Glut, mit der ich mich in die Schlach⸗ ten warf, nichts mehr, als ein kalter Gewitter⸗ ſchein, den kein Sieg gelohnt haͤtte.“— „Du redeſt ſuͤß,“ entgegnete ſie,„Deine Worte ſind hold und beſiegend! Heil mir! bleiben ſie ewige Wahrheit. Weh Dir! ſind ſie Trug. Denn haſt Du nur einmal durch ein Wort, ja ſelbſt durch einen Blick nur meine Hoffnungen enttaͤuſcht: ſollſt Du keinen Himmel, keine Sonne, keinen Tag mehr finden!“ „Und was hat Dich ſo ernſt gemacht?“ fragte Stephan,—„Weib; Du waͤreſt vermoͤ⸗ gend, eine ſchwarze Ahnung in meine Seele zu locken. Verlangſt Du meine Schwuͤre, nimm ſie hin— oder was ſoll Dir ſonſt den Bund beſiegeln?“— „Nicht doch, mein Geliebter!“ ſagte ſie wei⸗ cher—„der Augenblick, wo ich vom Vaterland ſcheide,— gibt mir die Einſicht in das Loos meiner Zukunft. Was meiner an Deiner Seite harret, iſt mir ja ungewiß, und weil es ungewiß iſt, habe ich Dir geſtanden, wie meine Seele je⸗ den Wechſel faſſen und das Aeußerſte ertragen * — 2 141—— wird.— Das Leben an Ali's Hand war mir ge⸗ wiß und feſt beſtimmt in ſeinen Formen; ich war die erſte Sklavin, die gebietende Sklavin ſeiner Sklaven.— Bei Dir gilt es, um gleichen Rang und gleiches Recht zu ſtreiten.“— „Das ſoll Dir beides werden,“ ſagte freudig unterbrechend Stephan,„und ohne Kampf und Streit. Liebe tauſcht um Liebe alle irdiſchen Guͤter und den Himmel ihres Beſitzthums. Wenn Du erſt in meinen Hof einziehſt und ich Dich, die Gattin, eigenthuͤmlich an die liebende Bruſt druͤcke, wirſt Du es ganz fuͤhlen, was Du mir biſt.— Jetzt noch melde ich Deinem Vater die Botſchaft.— Mache Dich aber gefaßt, Liebe! weiter einzudringen zwiſchen dieſe unfreundlichen Gebirge und Felſenmaſſen. Keine lachende Land⸗ ſchaft Albaniens wirſt Du hier ſchauen,— es iſt ein rauhes Land.“— N m „Ich verſchmaͤhte ja,“ war ihre Antwort „die bluͤhenden Gaͤrten von Nariſſa, um dem Stern meiner Liebe zu folgen; und wo der vom blauen Himmel leuchtet, wird die Erde ſchoͤn wie das Paradies.“ Er druͤckte ſie an ſeine Bruſt, nahm ein — o 142— Papierblatt aus ſeiner Taſche und ſchrieb an Ibrahim folgende Zeilen:„Auf das Knie des „reichen Ibrahims!— Ich habe mir fuͤr Dein „Leben und das Leben Deines Sohnes, welches „ich errettet, Deine Tochter genommen. Sie iſt „in Liebe meine Gattin. Bedenke, daß der „blonde Montenegriner, der Hauptmann ſeines „Volkes, beſſer iſt, als der weichliche Ali von „Nariſſa.— Sende mir ſchnell und heimlich „300 Beutel,— die muß ich haben. Du „ſollſt noch Weiteres hoͤren; doch ſchweige.— Stephan Maly.“— Er gab den Brief ſeinem Diener, welcher damit nach Andricz hinabſchlich, um ihn von dort durch einen Boten nach Aleſſio zu befoͤrdern. Indeſſen ruhte er an der Bruſt ſeiner Ge⸗ liebten im ſchwellenden Graſe am Waldes⸗ ſaum unterm Eichenlaubdache, das geheimniß⸗ voll und wie der Liebe guͤnſtig rauſchte und die Geiſter in ſuͤße, ſanfte Ruhe, in das Stille hol⸗ der Heimlichkeit wiegte. Rings herum prangte der Himmel im Glanze ſeiner brennendſten Strah⸗ len, die Voͤgel zogen nach den Neſtern und Hor⸗ ſten, ihre Stimmen verſchmolzen leiſ' und leiſer N—a 143)ee— in den dichten Gebuͤſchen. Die Waldbaͤche rauſchten traulich.— Stephan ſank an die Bruſt Suleika's, und ſtroͤmte ſeine tauſendfaͤltigen Ge⸗ fuͤhle auf ihre Lippen aus. Der Abendſtern glomm am ſuͤdlichen Himmel auf und blinzelte verſtohlen nach dem in gluͤhender Luſt umſchlun⸗ genen Paare. Sie waren Beide ſelig, wie noch niemals; ihr offenbarte ſich zum erſtenmale das fuͤßeſte, ungekannte Geheimniß.— Er umſchlang ja die im Genuſſe des ſeligſten Beſitzes, welche ſeine Phantaſie und das ungeſtuͤme Verlangen am hoͤchſten erregt, welche ihm die ſchoͤnſte er⸗ ſchienen war von Allen, die er je geliebt.— Als der Diener zuruͤckkam, ruͤſteten ſie ſich zur Weiterreiſe. Im klaren Mondſcheine ging es die engen Pfade durch das Gebirge. Voran ſchritt Marko, in der albaneſiſchen Tracht, mit dem bunten Kleid und hohen Turban ſonderbar anzuſchauen; er fuͤhrte das Roß am Zuͤgel; auf dem ſammtnen Polſter, welcher den Ruͤcken von Stephans Araber deckte, wiegte ſich Suleika in ihren weit herabwallenden Schleiern, im Scheine des Mondlichtes reizend und geſpenſtiſch, wie eine Wila anzuſchauen. An der linken Seite ging — 144— Stephan, bereits in die Montenegrinertracht ge⸗ huͤllt, und hatte ihr ſeinen Arm hinauf gereicht, ſie zu halten, wenn ſie ſchwankte und das Roß ſtrauchelte.— Sie waren alle ſtumm, nur Su⸗ leika's Augen gluͤhten den ſeinigen oft entgegen durch den Schleier, und wenn Blick den Blick traf, zitterte die Liebeswonne nach im Drucke der Hand. So gelangten ſie, nachdem ſie viele unweg⸗ ſame Schluchten muͤhſam durchkrochen, viele Berge erſtiegen und Waldpfade, die ſchon Jahrhunderte lang unbetreten ſchienen, durchſchnitten hatten, auf eine von Felshoͤrnern umgebene, geraͤumige Flaͤche. Hier ſtand ein oͤdes, vor 15 FJahren ſchon verlaſſenes Kloſter. Die Moͤnche deſſel⸗ ben waren bei einem Einfalle der Tuͤrken zuletzt, trotz heldenmuͤthiger Gegenwehr, alle getoͤdtet wor⸗ den. Da das Kloſter nun ſo entfernt und un⸗ zugaͤnglich zwiſchen den beiden Gebirgsketten, die ſich zwiſchen Cettigne und Rieka durchſchneiden, lag, demnach meiſt den erſten Angriffen der ein⸗ fallenden Tuͤrken ausgeſetzt war:— hatte man es nicht wieder beſetzt; ſondern oͤde und den Zerſtoͤ⸗ rungen der Zeit uͤberlaſſen. An der Nordſeite auch, wo es gegen die Gebirge zu offen ſtand, —= 145*⸗— hatten die Elemente ſchon mit zerſtoͤrenden Zaͤh⸗ nen gewaltet; doch war das Mittelgebaͤude und der rechte Fluͤgel recht gut erhalten; eben ſo hatte man die Ringmauern zuletzt in guten, wenn auch fuͤr einen feindlichen Angriff nicht tauglichen Stand geſetzt. Die Gemaͤcher waren auf Stephans Be⸗ fehl in den letzten Tagen heimlich, bequem und mit tuͤrkiſchem Prunke, eingerichtet worden. Ein greiſer Italiener, den Stephan in ſeine Dienſte genommen und mit Schwuͤren an ſich gefeſſelt hatte, wie nicht minder vier tuͤrkiſche Sklavin⸗ nen bewachten das Haus, welches vorlaͤufig fuͤr den geheimen Aufenthalt Suleika's beſtimmt war. Von dieſen wurden ſie auch hier empfangen.— Als ſie in das ſchoͤngeſchmuͤckte Gemach traten, ſprach Stephan, die Geliebte an ſeine Bruſt druͤckend: „Hier biſt Du Gebieterin uͤber Leben und Tod— we⸗ nige Tage nur harre, und der Tag des Lichtes, Deiner und meiner Herrlichkeit wird kommen. Dieſe Nacht gehoͤrt uns und unſerer Liebe— morgen eile ich den Thaten und Ereigniſſen der Zukunft entgegen.“— Sie entlud ſich des Schleiers und ruhte bald an ſeiner Seite auf dem ſchwellenden Divan. Sie ſchmachtete an ſeinen Lippen und trank II, 3 4 K — 146— Wein mit dem Chriſten. Den Reſt der Nacht verbrachten ſie im Rauſche, in Traͤumen, in un⸗ gekannten Seligkeiten der Liebe.— Wie den Montenegrinerhaͤuptling des Lebens hoͤchſter und ſeligſter Genuß entzuͤckte,— leuchtete es doch dazwiſchen, wie ferner Blitz aus ſchwarzen Wol⸗ ken, Ahnung der Zukunft und ihrer Schatten; — denn er war nicht allein mit der Geliebten, ſein Gewiſſen ward ein verkoͤrpertes Weſen in drohender Geſtalt und draͤngte ſich zwiſchen die Umarmung der Liebe.— Am Morgen, wie er erwachte, lag Suleika noch ſchlummernd, uͤberirdiſch ſchoͤn im ruhigen Lichte ihrer Reize da; Lippe, Antlitz und Buſen waren geroͤthet von der Liebe genoſſenem Feuer. Er neigte ſeinen Mund auf die halb geoͤffnete Purpurſpalte des ihren; er kuͤßte ſachte ihre Locken, ihre Augenlieder, ihre Wangen und des Buſens ſchneeige Pracht und die weiße Mar⸗ morwelle, die der Buſen erregte, und ſchied.— Er ſchloß die Pforte der Ringmauer, welche das Gebaͤude umgab, und ritt mit ſeinem Marko uͤber Cettigne nach Cewo zu. Vierte Abtheilung: Die Verſchwoͤrung. K 2 1. An der Waldſtraße uͤber Cewd traf der Czaar mit dem Heerhaufen, welcher unter Wuks und Philipps Fuͤhrung die albaneſiſche Grenze blo⸗ kirt und gebrandſchatzt hatte, zuſammen. Sie kehrten mit Beute zuruͤck und mit den Geißeln, welche der Paſcha gegeben. Freudig begruͤßten ſich die Helden und Wuk that dem Herrn und Bundesbruder Beſcheid über die Kriegs⸗ thaten.— Wie ſie in den Straßen von Cewo einritten, bemerkten ſie ein lebhafteres Getuͤmmel und Durch⸗ einanderwogen der Menſchen, als gewoͤhnlich; faſt alle Sardars, Kneeſen und Woiwoden des Lan⸗ des waren verſammelt, auch ſonſt viel anderes Volk war zuſammengeſtroͤmt und ſtand in einzel⸗ nen Gruppen auf den Straßen und auf dem Platze vor Stephans Hauſe.— Wie Stephan durch die mi nauuchon begruͤßte man ihn, — 42, 150 da er doch an der Spitze der ſiegend heimkehrenden Bruͤder ritt, nicht mit Jubel; Alles wich zwar ehrfurchtvoll aus, betrachtete ihn aber wie neu⸗ gierig und ſeltſam geheimnißvoll. Er ward gleich vom erſten Augenblicke daruͤber betroffen; denn er erinnerte ſich nicht, eine Verſammlung zuſam⸗ menberufen, oder von einer auf des Wladika Be⸗ fehl geſchehenen Tagſatzung fruͤher gehoͤrt zu ha⸗ ben. Dieſe Nichtberuͤckſichtigung ſeiner Machtha⸗ berſchaft regte ihn auf und machte das Blut feu⸗ riger in ſeinen Adern rollen.— An den Lin⸗ den vor ſeinem Hauſe ſprang er vom Pferde. Einen jungen Woiwoden, der ihm geſchaͤftig und ehrerbietig vom Roſſe half, fragte er nach dem Zwecke dieſer Zuſammenkunft. Dieſer ſtockte eine Weile und ſagte dann: „Die jaͤhrliche Gemeinderechnung ſoll abgethan werden.“— 4 „So viel ich weiß und gehoͤrt habe,“ verſetzte Stephan, mit Groll und Befremden in ſeinen Mienen,„findet die ſpaͤt im Herbſte ſtatt, und heute haben wir den Tag des heiligen Sim⸗ phor.“— Der Woiwode zuckte die Achſen— — o 151— „Hat Euch der Wladika zuſammenberufen?“ fragte der Governator weiter. „Das nicht, Herr!“ berichtete der Mann, befangen, wie vorhin—„doch willſt Du nicht ſelbſt der Verſammlung beiwohnen? Im Land⸗ ſaale oben—“ „Vorſitzen, willſt Du ſagen,“ fiel Ste⸗ phan raſch und boͤſe ein.—„Nein! ich bin er⸗ muͤdet und will ruhen.— Die erſte Stimme mag der fuͤhren, welcher ſich berechtigt glaubte, eine Volksverſammlung berufen zu duͤrfen.“ „Ich glaube, man harrt Dein, Herr!“ fuhr der Woiwode fort. „Hat man gehandelt fruͤher ohne mich,“ grollte Stephan weiter—„kann man meiner noch laͤnger harren.“—. Mit dieſen Worten trat er in die Hausflur und draͤngte ſich durch die Menge, welche bereits daſelbſt und auf den Treppen harrend ſtand. Ein kleines Maͤdchen wand ſich jetzt von der lin⸗ ken Seite zu ihm durch, zupfte ihn an der Hand und reichte ihm ein verſiegeltes Papier. Er blieb ſtehen, riß das Briefchen auf und las von Jel⸗ lena's Hand folgende Worte:„Ich habe mei⸗ nem Gebieter einen Knaben geboren, der dem Antlitze ſeines Vaters entgegenweint.“— Er erblaßte unwillkuͤrlich, wie er das mah⸗ nende Wort faßte und bog ſich nun zu dem Maͤdchen herab, ihr in's Ohr fluͤſternd:„Sag, ich komme Abends.“— Das Kind verſchwand. Stephan ſetzte jetzt den Fuß auf die erſte Stufe, da fiel ihn Jelleng's Oheim an, faßte ihn am Arme und lispelte ihm mit einer wil⸗ den Bebung der Stimme in das Ohr:„Gover⸗ nator! Halte Dein Wort, oder ich toͤdte die Mutter und das Kind, um der Ehre des Hau⸗ ſes willen!“— „Alter!“ ſagte Stephan mie tzitternder Stimme und einem ſtechenden Blicke,—„Du biſt zu⸗ dringlicher, als der bleiche Tod. Aber ich will gleich jetzt“— Und von der Treppenhoͤhe don⸗ nerte er gegen die am Flur und vor dem Haus⸗ thore Verſammelten herab:„Verfuͤgt Euch alle in den Saal; holt den Wladika, wenn er be⸗ reits angekommen iſt; ich will die Sitzung ein⸗ leiten.“— Er flog in ſein Gemach, riß ſich haſtig die Kleider vom Leibe, legte ſeine ruſſiſche Uniform - e 153 e— und daruͤber die ſpaniſche Staatskleidung ſeiner Governatorwuͤrde an, und ſchritt dann noch haſtig eine Weile auf und ab in dem Zim⸗ mer.—— Indeſſen ſtroͤmten die Gemeindeoberhaͤupter und Vorgeſetzten alle in den großen Saal, nah⸗ men theils Platz auf den Baͤnken, die an den Waͤnden herumliefen, fuͤllten theils ſtehend den noch uͤbrigen Raum aus. Der Wladika ſaß auf dem Ehrenſitze in der Mitte mit dem Angeſicht gegen die Thuͤre gekehrt; links an ſeiner Seite war der Divan des Governators, vor welchem der Tiſch mit den Papieren, Freibriefen und der Geſetzrolle der Nation ſtand.— Jetzt trat Stephan herein, in ſeiner ſtattli⸗ chen Kleidung, den Federhut auf dem Haupte, gruͤßte fluͤchtig rechts und links und reichte, ſich niederlaſſend, dem Wladika die Hand. Eine Todtenſtille war in der Verſammlung; Alles ſtarrte geſpannt auf den Governator und wieder auf den alten Pawlowitſch und deſſen Neffen, welche links voran im Kreiſe ſaßen. Der Governator uͤberflog die Papiere vor ſich, zog den Degen, legte ihn quer uͤber den Tiſch, — 154*— ſtand auf, und frei und kuͤhn in der Verſamm⸗ lung umherblickend, hub er an: „Czernogorzenbruder!— Noch bevor ich frage, wer dieſe Verſammlung ohne mein Mitwiſſen zu⸗ ſammenberufen hat, und zu welchem Zwecke ſie zuſammenberufen worden iſt, will ich ein Wort ſprechen von mir und uͤber mich, ein Wort, das mein Gefuͤhl betrifft, eben ſo wie einen ur⸗ alten Gebrauch dieſes Landes.— Ich habe die Tochter des verſtorbenen Sardars Relja ſchon vor einem Jahre zu meiner Geliebten, zu mei⸗ ner Braut, zu meiner dereinſtigen Gattin be⸗ ſtimmt. Wie mich der Kampf fuͤr die Freiheit meines Volkes— ſo nenne ich Euch, Bruͤder, denn Ihr haltet mich als Euren Fuͤhrer und Diener— die meiſte Zeit an die Grenzen die⸗ ſes Landes gefuͤhrt habe, in Schlachten und Siege, auf welche ich ſtolz bin, weil ich ſie an Eurer Spitze, mit Euch und fuͤr Euch erfochten; weil ſich mein Gluͤck in Rußland fuͤr meine Anſpruͤche noch nicht guͤnſtig genug gewendet hat, daß ich hinziehen koͤnnte, den Thron betreten und die Czernogorzentochter als Kaiſerin an meiner Seite auf den Thron erhoͤhen; weil ich, um Rußlands — l 155— Volksgeſetze zu ehren, nicht Jellena zu meiner Gattin vor dem Altare mir antrauen laſſen konnte, bevor ich von der unwuͤrdigen Catharina durch eben des Prieſters Hand geſchieden worden bin:— darum habe ich es bisher verſaͤumt, die Braut auch zur Gattin zu erhoͤhen, zur Governators⸗Ge⸗ mahlin und zu mehr noch, ſo es Gott und Hel⸗ dengluͤck gewaͤhren, wie ich es verheißen habe und es auch halten will.— Nun hat mir aber meine Jellena in dieſen Tagen einen Sohn ge⸗ boren, welcher aus dem Blute der Czaaren ſtammt, welcher heilige Rechte mit auf dieſe Welt brachte, welcher mich begluͤckt und entzuͤckt hat.— Nun herrſcht aber auch bei Euch— ich ſage mit Be⸗ dacht bei Euch; denn ich fuͤr meine Perſon ſage mich in dieſem Punkte los von der Mit⸗ gemeinſchaft,— ein unmenſchliches, unreligioͤſes, unſittliches Geſetz, das da ein jedes Weib, wel⸗ ches gebaͤrt, bevor ſie getraut iſt, verſtoͤßt, mit Verachtung, Hohn, Tod und Fluch belaſtet.— Staunt nicht,“ unterbrach er ſich hier, als ein leiſes Gemurmel unter den aͤltern Gliedern der Verſammlung ſich regte—„ hoͤrt mich erſt ganz und dann entſcheidet!— Ich habe dieſen Ge⸗ — A 156.— brauch unmenſchlich und unſinnig genannt, weil er erſtens alle Regungen des Gefuͤhls, des Mit⸗ leids, der Menſchenliebe und der Barmherzigkeit mit Fuͤßen tritt; dann, weil er den Satzungen unſers Meiſters und Heilands, welcher da lehrte dem Suͤnder zu vergeben und wohlzuthun, den Gefallenen aufzuheben und die Unſchuld zu ſcho⸗ nen und der Verlaſſenen ſich zu erbarmen, ent⸗ gegenlaͤuft: endlich weil er das edle Czernogorzen⸗ volk zum Geſpoͤtte aller andern Nationen macht.— Im Welttheil Amerika lebt ein heidniſches, wil⸗ des, kriegeriſches Volk. Wenn es ſeine Nachbarn mit Krieg uͤberzieht und beſiegt, ſchlachtet es ohne Barmherzigkeit alle Maͤnner und wehrhaf⸗ ten Juͤnglinge; es ſchont ſelbſt der Jungfrauen und Weiber nicht; aber vor einem Weibe, das einen ungebornen Menſchen unter dem Herzen traͤgt, fuͤhlen ſie Ehrfurcht; ſie halten ſie fuͤr heilig und troͤſten ſie mit aller Liebe, deren das Gemuͤth eines Wilden faͤhig iſt, fuͤr jeden andern Verluſt.— Und das ſind Heiden, fuͤr welche der Erloͤſer nicht geſtorben iſt, fuͤr welche er das Blut nicht vergoſſen hat. Was thut dagegen 1 der freie, edle Montenegriner? Er treibt die Ver⸗ — 157— laſſene, Verfuͤhrte, einer ſchwachen Suͤnde Schul⸗ dige hinaus in die Einoͤde, uͤberlaͤßt ſie dem Hunger, den wilden Thieren, der Verzweiflung. Mit dem unſchuldigen, ungeborenen Leben, mit einem Menſchenleben, einer Menſchenſeele hat er kein Erbarmen und reißt ſich los von allem Ge⸗ fuͤhle; ſchaͤndet das Gefuͤhl ſeiner eigenen Liebe und die Empfindung, welche der Schoͤpfer in beide Geſchlechter gelegt hat.— Ja er flucht ſogar zweien Seelen und handelt ſchlimmer, als das wilde Thier, das blos den Koͤrper toͤdtet und die Seele unangetaſtet laͤßt.— Murrt nicht, Czernogorzenbruͤder— ſeht mich nicht ſo wild und drohend an— haltet mich fuͤr keinen Ver⸗ wegenen, Tollkuͤhnen, Raſenden; fuͤhlt in Eure eigene Bruſt, belauſcht die menſchliche Regung Eures Herzens, denkt Euch hinaus aus dem fluchwuͤrdigen Gebrauche, der Euch mit der Mut⸗ termilch anhaͤngt, aber aͤrger iſt, als die Erbſuͤnde, weil Ihr ihn mit dem Menſchenblute Unſchuldi⸗ ger zu waſchen gewohnt ſeid; fuͤhlt es ganz, daß Ihr Chriſten, daß Ihr Schuͤler und Soͤhne des barmherzigen, ewig milden, ſeinen Moͤrdern ſelbſt verzeihenden Meiſters ſeid; fuͤhlt es und klopft — 158 h— wieder an Eure Bruſt und geſteht Euch frei: ob Ihr niemals eine ſuͤndigere Regung gefuͤhlt, als die geheimer Liebe— als die des Erbarmens! Sagt mir, wie viele jener verſtoßenen Ungluͤck⸗ lichen werden Euch geſegnet, werden Euch ver⸗ ziehen, werden fuͤr Euch gebetet haben. Und haben ſie es, dann ſagt mir: ſchaͤmt Ihr Euch nicht dieſes Segens, dieſes blutigen Gebetes? Wollt Ihr Euch denen gleichſtellen, fuͤr welche der Heiland gebetet hatte, als ſie ihm Wunden ſchlugen?——— Nein! nein! und nimmer⸗ mehr.— Ich weiß und fuͤhle es, daß es nur dieſes Wortes bedurfte, um Euch die Pflicht der Vergebung, die Tugend der Milde zu lehren, um ſie Euch nur gegenwaͤrtig zu machen, um Euch zu bewegen, dieſen einzigen Flecken aus dem klaren Schilde Eurer Helden⸗ und Glaubenstu⸗ genden zu wiſchen.— Ich weiß es, ich habe nicht getraͤumt, habe nicht allein fuͤr mich und meine Braut geredet.“— Er hielt ein, lauſchte einen Moment; Alles war ſtumm.— Die Blicke der Meiſten hafte⸗ ten am Boden, in den Mienen war eben ſo Er⸗ — 159— regung, wie ſtarres Nachdenken zu leſen. Und der Redner fuhr fort: „Darum flehe ich Euch an, fordre es, will es: Ehret mein Weib, ſie, die es iſt nach den Geſetzen der Natur, die es wird dereinſt nach den Geſetzen des Glaubens! Ehret mein Kind, in welchem der dereinſtige Herrſcher von Rußland aufbluͤht; ehrt es, oder gewaͤhrt ihm mindeſtens menſchliche Rechte— ſonſt—“ hier ward ſeine Miene duͤſterer, die Stirne rollte ſich zuſammen, die Augenbrauen ſanken tiefer, die Augen leuch⸗ teten heller aus den dunkeln Wimpern—„ſonſt lege ich dies ehrenvolle Schwert, das Ihr mir vertrautet, nieder, nehme mein Weib und mein Kind und fliehe zu den Tuͤrken, den Barbaren, ſie werden mir vielleicht, trotz der Wunden, die ich ihnen geſchlagen, Erbarmen gewaͤhren; oder ich werde der Stunde fluchen, die mich in dieſes Land fuͤhrte, werde die Stunde verwuͤnſchen, welche mich nach großem Siege zu Eurem Go⸗ vernator erhoͤhte!— Dies iſt mein letztes Wort, meine letzte Bitte,— gerecht, wie das Recht des Erloͤſers.— Ihr habt zu entſcheiden!“— Er ſchwieg, er blickte fragend im Kreiſe — ⸗( 160— herum— es war eine Todtenſtille rings verbrei⸗ tet, er harrte lange auf Antwort. Endlich begann der wuͤrdige Erzbiſchof, das peinliche Schweigen brechend, folgends: „Daß es gerecht iſt, was Du forderſt, beant⸗ wortet Dir dieſe Stille, die Deine Rede hervor⸗ gebracht; es bekraͤftigt dies der Glaube, den ich im Namen Jeſu lehre. Ja, die Menſchlichkeit gibt dieſes Geſetz; aber bedenke auch wohl, daß wir dieſem fuͤrchterlichen Gebrauche, der ſo alt iſt, wie die Bewohner dieſes Landes, auch die Reinhaltung der Sittlichkeit unſerer Jungfrauen und Juͤnglinge zu verdanken haben; daß, wenn er einmal aufgehoben iſt, die Süͤnde dann als geſetzmaͤßig erlaubt erſcheint, die Leidenſchaft ein Bergſtrom wird und alle Ufer uͤberſchwemmt. Und wie willſt Du ein Gefuͤhl, das ſeit den Kin⸗ dertagen in Jedes Bruſt zum Sittlichkeitsgefuͤhl geworden iſt, ploͤtzlich ertoͤdten in jeder Seele, und eine neue Anſicht, gleich kraͤftig und ſtark, an de⸗ ren Stelle hineinpflanzen?— Nur ein Gott kann dies im Augenblicke bewirken! Und wenn wir Alle, die hier verſammelt ſind, Dir dies verſpre⸗ chen und uns darnach beſtreben; werden es auch —=. 161 ys.— die Andern des Volkes thun, die nicht ſo klar ſehen, die Weiber, welche eine Gefallene immer als ſchwarze Suͤnderin zu betrachten gewohnt waren? Wird Deine Gattin jedem veraͤchtlichen Blicke, jedem boshaften Worte entgehen koͤnnen? Die boͤſe Anſicht laͤßt ſich nicht zuͤgeln in jedes Menſchen Bruſt.“— „Dafuͤr,“ fiel Stephan feurig ein,„mogeſt Du, wuͤrdiger Prieſter des Herrn, Sorge tragen, und Deine Untergebenen moͤgen es Allen in Liebe predigen und im Namen Gottes gebieten.— Wer aber mein Weib— die Braut des Kai⸗ ſers,— meinen Sohn— den Erben der Krone — zu ſchmaͤhen, zu beſchimpfen wagt, wer ſich nicht befreunden kann mit dieſer Anſicht des Rech⸗ tes und den Geboten der Menſchlichkeit, der trete heraus jetzt und fernerhin, und meſſe ſeine Waffen mit den meinigen im Heldenzweikampf.— Ich bin allein der Schuldige, ich bin der Suͤnder, der Verfuͤhrer; ſie iſt rein und ſchuldlos, die ſchwache, liebende Seele.— Auf mein Haupt alſo, gegen meine Bruſt allein kehre Jeder die Pfeile des Spottes, des Schimpfes und des Fluches.“— Er wurde unterbrochen. Die Meiſten aus II. L2 — ⸗( 162 o— der Verſammlung ſtanden auf und riefen durch einander:„Nein! Governator! Gott erhalte Dich! Dies ſei ferne von uns! Wir ehren Dich, wie Deine Braut und Deinen Sohn! Segne ihn Gott!“— „Dank Euch,“ fiel Stephan freudig ein, und fuhr gebietend fort:„Gehe jetzt Einer ſchnell hinab nach dem Hauſe von Relja's Tochter, verlange ſie zu ſprechen in meinem Namen, und entbiete ihr, ſie moͤge heut erſcheinen, Mittags an der Tafel der Verſammelten, mit dem Saͤugling im Arme; ſie wird an meiner Seite ſitzen, wie mein ange⸗ trautes Weib.“— Ein Woiwode lief fort und Ruhe kehrte alsbald in die Verſammlung zuruͤck. Nach einer Weile allgemeinen Stillſchweigens und Erwar⸗ tens erhob ſich der Governator wieder und fragte nun nach den vorzunehmenden Geſchaͤften der Nation, dem eigentlichen Zwecke der heutigen Verſammlung; denn„die Nebenſache,“ meinte er,„ſei erſt abgethan.“— Da wurde es noch ſtiller ringsum, Viele ſtarrten ſchweigend und beklommen auf ihre Guͤr⸗ tel herab. Die Blicke der Meiſten aber waren — ⸗( 163.— auf den alten Pawlowitſch gerichtet, der indeß ſchweigend und befangen da ſaß, ſeines zu fuͤh⸗ renden Wortes vergaß, weil ihm der Feuereifer, die kuͤhne Rede, der freie, hohe Wille des Go⸗ vernators unwillkuͤhrlich Ehrfurcht in das Herz gepraͤgt hatten.— 4 „Was iſt es?“ wiederholte der Governator zum zweiten und zum drittenmale, indem er die Blicke im Kreiſe ſchweifen ließ,„was iſt es, das die Seele der edlen Czernogorzenhelden belaſtet, und wovon der Mund Meldung zu thun, noch verzagt?“—— Es trat wieder eine peinliche Stille ein; end⸗ lich erhob ſich Djuro von Gorizza, ſtrich ſich einigemal den Schnurrbart und begann fol⸗ gendermaßen zu reden: „Aug' im Auge, Mund gegen Mund muß der freie Czernogorze reden; ſo denkſt Du ſelbſt, Herr! Wie auch das Ende meiner Rede und die Schlußfolge dieſer Verſammlung ſich geſtalten mag— mir wirſt Du nicht zuͤrnen, Herr! ich will nur, da Alles ſtumm bleibt, Licht bringen in dies Gewirre und offene Anſicht in die Zwei⸗ fel.— Hier unſer Bruder, der alte, wackere L 2 — 164 ⸗— Pawlowitſch, welcher kuͤrzlich aus Rußland zu⸗ ruͤckgekehrt iſt, wo er lange gelebt hat, hegt Zweifel an der Aechtheit Deiner Perſon, hat ſie uns mitgetheilt und zur Ergruͤndung der Wahr⸗ heit aus Deinem eigenen Munde, haben wir dieſen Landtag beordert, und fragen Dich mit bruͤderlichem Wort, was Du zu entgegnen ha beſt darauf?“— Die Stille ward noch fejerlicherz der Czaar war bei Djuro's Worten verblichen, er riß ſich den Federhut vom Haupte, wuͤhlte ſich die Locken von der Stirne, athmete beklommen auf, ſagte mit einem Gemiſch von Wildheit und Schrecken in den Mienen, mit einem ſchmerzhaften Tone der Stimme: „Alſo mußteſt du dennoch kommen, ſchreck⸗ licher Tag, ſchwarze Stunde, wo ich an der Treue der Treueſten, an der Liebe der Edelmuͤ⸗ thigſten zu zweifeln genoͤthigt bin? Ja, ihr ſeid gekommen, Tag und Stunde, und ich geſtehe mir's weinend— weil ich hier nicht ganz die Treue gefunden, find' ich ſie nirgends wieder auf der weiten Welt. Schoͤner Traum, goldene 8 Hoffnung, ſtarke Zuverſicht, ich habe auf euch — ⸗⸗( 165— mein Haus von Felſen gebaut, aber ihr, die Saͤulen, ihr wankt, ihr werdet ſtuͤrzen und mich unter euch begraben.— Doch wer iſt's,“ fuhr er ernſter und ſtolzer fort,„der mein ganzes Volk bethoͤren und verleiten, der es aufwiegeln konnte und ſeiner Liebe und Treue, ſeines Dankes vergeſſen ma⸗ chen? Trete er hervor der Soͤldling Rußlands, der falſche Knecht der Catharina, den ſie wohl abge⸗ ſendet hat, mich zu morden, der aber ſchlau und feige mich fruͤher zu morden ſucht im allgemei⸗ nen Glauben, in der Treue!!“ Mit dem Schimpfworte Soͤldling kam Groll und Feuer in die Bruſt des alten Pawlowitſch; er ſprang auf, richtete frei und keck ſeine Augen auf den Governator und ſprach: „Kein Soͤldling, Herr! kein Knecht! Wehe Dir und Jedem, der es wagt, ſo von mir zu denken. Dies Haar iſt mit Ehren grau gewor⸗ den; in Rußlands Dienſten habe ich nie geſtan⸗ den, nie einen Kopeken Lohnes oder Verdienſtes dort erhalten. Deſſen kann mich ſelbſt der gif⸗ tige Neid nicht beſchuldigen! Nicht um Deiner Wuͤrde hier zu ſchaden, um Deines Amtes Dich zu berauben, Deine Tugenden zu ſchmaͤhen oder — 166— zu verkleinern, bin ich gekommen; nein! ich ge⸗ ſtehe es aus offener, redlicher Seele, Du biſt ein wackerer, edler Governator, wenn Du auch kein geborner Czaar, wenn Du auch nicht Peter der Dritte von Rußland biſt. Um mein Volk allein von einem nutzloſen Kampfe, vielleicht von ſei⸗ nem Verderben, wenn es an Deiner Seite nach Rußland zieht, abzurathen, habe ich ſie Alle hier berufen, habe ich vorgeſchlagen, Dich zu bitten, zu bewegen, Deine Abſichten und vorgeblichen Rechte aufzugeben, die zufaͤlligen, geringen Aehn⸗ lichkeiten Deiner Perſon nicht zu einem blutigen Buͤrgerkriege zu verwenden, welcher, wenn er auch gluͤcklich und fuͤr Deinen Vortheil geendet wird, Dir dennoch ein unrechtmaͤßig Eigenthum erwirbt.— Dies iſt mein freies Wort, meine redliche Meinung, mein offener Glaube!“— Stephans Augen leuchteten gluͤhender.„Czer⸗ nogorzen!“ begann er,„ich rede jetzt nicht zu Euch als Governator, nicht als der Kaiſer— ich ſpreche nur wie der Fremdling, der ich Euch einſtens kam. Bin ich ein Schurke und ein Betruͤger, als den mich nun Eure Blicke betrach⸗ ten, Eure Herzen erkennen; wer hat mich denn — 167— gehindert, zu Euch zu kommen, ohne ſolche An⸗ ſprüche als ich mich ruͤhmte? Was hat mich ungen, mit Anſpruͤchen und Rechten zu Euch zu u kommen, die Euch gleichgiltig ſein konnten? — Ihr wuͤrdet wohl die Gaſtfreundſchaft auch geehrt haben an dem namenloſen Fremdling; Ihr wuͤrdet mich freundlich aufgenommen haben, — das weiß ich beſtimmt, das glaube ich feſt, und kannte es fruͤher, weil mir der Ruf ſagte, welch ein Volk Ihr ſeid.— Und bin ich denn mit gewaffneter Macht gekommen; habe ich mich zu Eurem Anfuͤhrer aufgedrungen; habe ich Euch gezwungen, zu glauben, was Ihr bald und willig glaubtet; habt Ihr mich nur darum zu Euem Fuͤhrer erwaͤhlt, weil ich den Namen Kaiſer fuͤhrte? Warum bin ich jetzt ein Betruͤger, und war es nicht, wie ich an Eurer Spitze die Tuͤr⸗ ken ſchlug? Alſo jetzt blos, weil ich Euch tapfe⸗ rer erſchienen bin, als der ich mich nannte,— kann ich es nicht ſein? Bin ich dadurch, daß ich mich Fuͤrſt nannte, vom Anfang geſtiegen in Eurer Anſicht, und jetzt, wo ich mich behauptet, ploͤtzlich wieder geſunken? Haͤttet Ihr mich, wenn ich feig war, lieber fuͤr Peter den Dritten 22— 163— gehalten? Und warum habt Ihr bis jetzt keiner Luͤge gehorcht, die uͤber mich auftauchte? Habe ich Euch nicht redlich alle Ukaſe— welche gegen meine Perſon gerichtet waren, ge⸗ zeigt, treu und redlich Euch uͤberlaſſend, wie viel Ihr davon glauben wollt? Hat nicht Euer ſe⸗ liger Governator, hier der heilige Prieſter, Eurer Kirche Oberhaupt, nach guͤltigen und gewichtigen Briefen, mich als den anerkannt, frei mit eige⸗ nem Munde, aus eigenem Antrieb es geſtan⸗ den?— Und woher dieſer ploͤtzliche Sturz, woher dieſer ſchoͤne Wechſel des Vertrauens?— Aber wenn es ſchon ſein muß, wenn ich hier ſtehen ſoll, wie der ungehorſame Knabe vor dem ſtra⸗ fenden Lehrer, ſo ich vor Euch.— Wenn Ihr mir die Demuͤthigung zugedacht habt, vielleicht noch aus einem andern geheimen Grunde; ſo tritt denn vor, Du alter Schwaͤrmer, ſage mir frei mit freier Stirne gegen die meine, warum Du zweilfelſt, was Du vermiſſeſt an meiner Perſoͤnlichkeit? Der Kaiſer will geduldig wie ein Schulknabe antworten!“— „Noch einmal, Herr!“ verſetzte der Pawlo⸗ witſch,„verwahre ich mich gegen den Schein, — ⸗ 169— als ſei es perſoͤnlicher Zorn oder Haß gegen Dich oder eine Aufhetzerei Rußlands oder eines An⸗ dern. Ich geſtehe es, daß ich Dich ehre und hochachte, daß mein Herz nichts fuͤhlt, was ſich in Leidenſchaft gegen Dich regte. Nur meinen Augen traue ich, und deren Urtheil ſpreche ich aus. Ich habe den verſtorbenen Peter den Drit⸗ ten oft und vielmal geſehen, war oftmals in ſei⸗ ner Naͤhe und hoͤrte ihn reden.— Ich habe ihn geſehen auf der Todtenbahre liegen, wie der Blutſtrom ſeinem Munde entquoll.— Und wie ich auch die große Aehnlichkeit Deiner Perſon mit dem Verſtorbenen bewundere; meine Augen ſtraͤuben ſich doch dagegen und wollen nicht ge⸗ ſtehen, daß Du derſelbe biſt, den ich als Czaar Peter ſah und erkannte.— Hoͤher war ſeine Geſtalt noch als Deine, die nicht klein iſt; roͤ⸗ ther war die Farbe ſeines Geſichtes und voller daſſelbe; roͤthlich war ſein Haar, waͤhrend Deines blond iſt; nicht ſo ſicher und frei ſein Blick, als der Deine; nicht ſo behende und ſchmiegſam ſeine Geſtalt und deren Betvegun⸗ gen, wie bei Dir; nicht ſo voll und kraͤftig ſeine Stimme, wie die Deinige.— Das ſagen —( 170-— meine widerſpenſtigen Augen, wie auch der Mund anders ſprechen moͤchte.“— „und das ſind ſie alſo alle, Deine Zwei⸗ rie“ fiel der Governator ſpottlaͤchelnd ein.— „Nun will ich antworten: Gebt mir den Pur⸗ purmantel um die Glieder, laßt mich erſt meine Krone wieder auf's Haupt ſetzen, hoch zu Roß einherreiten durch die Reihen meines jubelnden Volkes. Dann ſage, Alter! ob ich nicht genug groß bin fuͤr Dein Maaß! Und blaß und ein⸗ gefallen ſei mein Antlitz, ſprichſt Du?— Ja, blaß iſt es geworden durch das Elend vieler Jahre, wo ich ein elender Fluͤchtling war; blaß iſt es jetzt im Erinnern vergangenen Schmerzes, im Ge⸗ fuͤhle des Schmerzes uͤber dieſe demuͤthigende Stunde. Frage Deine Bruͤder, ob ſich dieſe Wangen nicht ge⸗ röͤthet haben, wenn die Augen in das dichteſte Ge⸗ wuͤhl der Tuͤrkenſchlacht ſahen. Frei und kuͤhn iſt der Blick geworden; ja, wie die Gelegenheit zu Tha⸗ ten kam, lockte ſie das lang verſchloſſene Feuer aus der Bruſt hervor, und das Gefuͤhl der Tapfer⸗ keit, des eigenen Heldenwerthes, hat ihm die Glut gegeben. Stellt mich nur an die Spitze eines Heeres auf Moskau's Felder, Ihr ſollt — 171*.— das Auge noch anders leuchten ſehen. Fahl nennſt Du das Haar auf meinem Scheitel; die Zeit und der blaſſe Gram, der Herbſtreif der Sorgen, ſie haben es gebleicht.— Donnernd ſcheint Dir meine Stimme; ja, ſie hat Schlach⸗ ten lenken, ſie hat gebieten, ſie hat jubeln ge⸗ lernt. Die Nachtigall ſingt heller und lauter in der Freiheit, als im engen Kaͤfig, und meine Kaiſerſchaft einſtens war auch nur das Leben in einem goldgeſchmuͤckten Kaͤfig—!— Meinſt Du—“ Da knallte aber ploͤtzich ein Schuß unter dem Fenſter, es toͤnte von Fußtritten, Waffen⸗ geraſſel und lautem Stimmengemurmel auf der Straße. Zur Thuͤr ſtuͤrzte ein Woiwode herein und berichtete:„Der wilde Wuk iſt unten, mit Philipp an der Spitze der heimgekehrten Heeres⸗ macht! Sie haben gehoͤrt, wir wollten den Go⸗ vernator richten und aus dem Lande verbannen, auf Antrieb giftiger Verlaͤumdung. Sie wollen ihn frei haben, oder dies Haus ſtuͤrmen!“— Wild brach die Verſammlung auf, wild leuch⸗ teten alle Blicke uͤber das Drohende und Ver⸗ wegene einer ſſolchen Stoͤrung. Die Waffen 4 — 172.— klirrten, die Stimmen tobten durch einander. „ Laßt mich!“ rief Stephan laut dazwiſchen, „ich bitte Euch um Ruhe! laßt mich ſie beſchwich⸗ tigen.“ Er trat an der Seite des Wladika in's Fenſter. Kaum hatte ihn die Menge erblickt, als ſie die Waffen raſſelnd an einander ſtieß und ihn jubelnd begruͤßte.—„Im Namen der Nation,“ ſchrie er hinab,„ im Namen der Reli⸗ gion, der Freiheit und des Vaterlandes beſchwoͤre ich Euch, haltet Frieden! ehrt die Ruhe! Glaubt es nicht, was man Euch luͤgenhaft hinterbracht hat. Meine Perſon iſt nicht gefaͤhrdet! Wollt Ihr aller Liebe, aller Tugend vergeſſen und die Waffen kehren gegen Eure Bruͤder? Ehe ſoll dieſer Handſchar in meine eigene Bruſt ſich tau⸗ chen, ehe ich geſtatte, daß ein Tropfen Czerno⸗ gorzenblut um meinetwillen vergoſſen werde.— Wackerer Wuk und Du, Vater Philipp, noch fuͤnf Andre, Ihr kommt herauf und hoͤrt und ſeht; entſcheidet ſelbſt.“— Er hatte noch kaum ausgeſprochen, da machte es ſich wie eine verzweifelnde Loͤwin, der man ihr Junges geraubt, Platz durch das dichte Ge⸗ draͤnge, und im ſchwarzen Gewande, mit den 8 — 173+— geloͤſten Rabenlocken, bleich und in Todesangſt aufgeregt, aber noch ſchoͤn in den tauſend Spu⸗ ren einſtiger Schoͤnheit, den kaum gebornen Saͤug⸗ ling an der Bruſt, ſtuͤrzte mit lautem Wehge⸗ ſchrei Jellena herbei, ſchwankte gegen die Stu⸗ fen des Hauſes; ſank aber hier bei dem Rufe der unten verſammelten Menge, welche wieder⸗ hohlt ein:„Heil unſerm Governator! Hoch lebe unſer Held und General, der Czaar Peter!“ er⸗ ſchallen ließ, ohnmaͤchtig zuſammen.— „Unterſtuͤtzt mein Weib!“ gebot der Gover⸗ nator von oben, und Wuk mit den Andern draͤngte ſich in dem Momente ungeſtuͤm in den Saal.— Der Governator nahm ſeinen vorigen Platz wieder ein, und in dem Gefuͤhle, wie ſich jetzt die Umſtaͤnde fuͤr ihn guͤnſtiger wendeten, auch kuͤhner auftretend, begann er:„Daß ich aber der bin, fuͤr den ich mich gebe; auch wenn Ihr, welche ich fuͤr die treueſte Nation gehalten, mich verlaßt, wird die Zukunft lehren. Denn ſo ge⸗ wiß, als ich geboren wurde, wird ein Tag kom⸗ men, wo ich den Kreml und den Thronſitz meiner Vaͤter wieder ſchaue; wo die Glocken mir — 4.— laͤuten, die Kanonen mir donnern werden; wo ich in mein Erbe einziehen werde im Jubel des Volkes; wo es jauchzen wird:„„Jene Nation war es, die Ihn uns zu beſſern Tagen aufge⸗ ſpart; Heil den Verbuͤndeten!““— Oder wenn Ihr nicht alſo meint; wenn Ihr nicht glaubt; wenn ein einziger Zweifel bei Euch ſtaͤrker iſt, als alle Wahrheit:— dann entkleidet mich, be⸗ raubt mich der Ehrengewaͤnder, die Ihr mir ge⸗ geben, ſtoßt mich fort, treibt mich nackt hinaus.— Nackt? Nein, nicht nackt! Dieſe Uniform mit Orden geſchmuͤckt, welche Ihr durchſchimmern ſeht, wenn ich dieſes Kleid aufreiße, iſt mein; ich habe ſie hieher gebracht: ſie bleibt mein. Aber durch Europa will ich's klagend rufen, daß ich auch hier keine Treue gefunden!“— Er hielt ein; wie Wetterleuchten zuckten die Blicke durcheinander und wie ferner Donner rollte Gemurmel in der Verſammlung und ſchwoll hef⸗ tiger an. Der Czaar nahm noch einmal das Wort und ſprach, vorzugsweiſe gegen den Alten gerichtet:„Aber lege mir nur Deine Fragen vor. Es kann Deiner Eitelkeit nur wohlthun, einen Kaiſer ſo vor Dir ſtehen zu ſehn! Frage, ich will Dir Alles beſcheiden. Von der Hoͤhe des Kaiſerpalaſtes bis zur geringſten Huͤtte kenne ich Alles in meinem Petersburg; Oranienbaum und der Peterhof, Kronſtadt und meine Flotte, die treuen Regimenter alle, meine Freunde und Feinde, Alles ſteht mir ſo lebhaft hier im Gedaͤchtniſſe, wie eine klare Bilderreihe, Zug um Zug will ich Dir ſchildern; die Waͤnde meiner Gemaͤcher, meine Gewaͤnder, die Bilder, Fenſter und Tapeten meiner Schloͤſſer, alle weiß ich ſie genau zu zeich⸗ nen. Willſt Du aber das lebhafteſte Bild haben und zugleich das entſetzlichſte, ſo nenne ich Dir die weiße, ſchwarzaͤugige Hyaͤne, die ſchoͤne, bunte, ſchmeichleriſche Schlange, in deren Innerm aber ſichtbarlich Gift kocht, von deſſen Feuer ſtets, und ſelbſt wenn ſie laͤchelt, wilde Flammen durch das Auge emporzucken, ſie, die Fuͤrſtin Daſch⸗ kow, ſie, die mein beſtimmtes Todesurtheil mit Alexis Orloff in einer ſchwelgeriſchen Nacht in doppelter Wolluſt beſiegelte.“— „Herr!“ rief nuh der alte Pawlowitſch und ſtand auf und legte die Rechte auf's Herz— „wenn meine Augen auch noch laͤnger zweifeln, ſo glaubt doch mein Herz. Zuͤrne mir nicht! e 176— Ich rufe jetzt aus volleſter Seele: Heil un⸗ ſerm Governator! er iſt eines jeden Thrones wuͤrdig!“— Und„Heil dem Governator!— Heil dem Czaaren!“ erſchallte es donnernd im Kreiſe, daß des Saales Woͤlbung bebte und einzuſtuͤrzen drohte.— „Ich danke Euch!“ ſagte Stephan—„folgt mir zum Mahle und dann gehe ruhig Jeder an ſein Geſchaͤft. Binnen einem Jahrk muß es ſich entſcheiden, wie Ihr mit mir daran ſeid. Ein Jahr iſt nicht lang.“— Die ganze Verſammlung brach auf und ging au's frohe Gelag. Wie es auch in Stephans Bruſt ſtuͤrmte und durcheinander wogte und ſeine Seele das Beduͤrfniß nachzudenken fuͤhlte; ſo mußte er ſich doch gewaltſam zu allgemeinem Frohſinn aufringen und in den Jubel des Gela⸗ ges einſtimmen.— Jellena war nicht zugegen: man hatte die Ohnmaͤchtige nach Hauſe ge⸗ ſchafft.— .* Sie lag in ihrem Gemache auf der Ottomane; der Saͤugling ruhte ihr an der ſchwellenden Bruſt, zwei Thraͤnen brannten in ihren Augen; es waren verzehrende Thraͤnen, und dennoch wußte ſie nicht, wem ſie dieſelben weine. Da trat er herein, mehr ſchwankend, als feſt in ſeinem Gange, verſtoͤrt in ſeinen Mienen: die ſelig durchſchwaͤumte Nacht, die Reiſen der verfloſ⸗ ſenen Tage, der Rieſendrang ſeiner heutigen Er⸗ regungen; Alles hatte die aͤußern und innern Sinne mehr angeregt, als gewoͤhnlich. Er ſank neben ihr auf die Knie und den Saͤugling mit einem, ihren Hals mit dem andern Arme um⸗ ſchlingend, legte er fein Haupt in ihren Schooß, und blieb ſo lange ruhen, bethaut von den Thraͤ⸗ nen, die aus ihren Augen auf ihn herabſtuͤrzten.— Sie ermannte ſich endlich; ſie erhob mit ih⸗ rer zarten Hand ſein Haupt und ließ ſie ruhen auf der blaſſen Wange.„Zuͤrne mir nicht, mein Gebieter,“ hauchte ſie in der innigſten Zaͤrt⸗ lichkeit—„ich bin ja unſchuldig an Allem, was da kam; nimm aber meinen Dank, den Dank II. M — 178— meiner ewigen Liebe fuͤr das, was Du im Drange Deiner eigenen Gefahren fuͤr mich gethan, daß Du meiner doch gedacht.— Und ſieh doch! den Knaben, welchen ich Dir geboren— blicke ihn freundlich an, ſegne ihn: er iſt der Sohn auch Deiner Liebe!— Gedenke nur deſſen, den Du ja in Freuden erwarteteſt, dem Du mit Sehn⸗ ſucht entgegenſaheſt. Sieh', ich hab' ihn Dir ja geboren.— Vergiß der Mutter immer; glaube, ich bin gluͤcklich, wenn ich nur Dich freudig ſehe.— „Ich danke Dir,“ fiel er mit bebender Stimme ein—„ich danke Dir, Du einzig treues, ewig treues Herz.— Koͤnnte ich Dir Alles geſtehen; koͤnnteſt Du Alles ermeſſen, Du wuͤrdeſt weinen uͤber mich, nur weinen.— Glaube mir, ich bin nicht gluͤcklich— ich werde es wohl nie, niel— 3 Er ſtand auf und ging haſtig im Gemache auf und ab. Sichtbar faßte ihn der Drang ſei⸗ r Ideen, denn unruhig wogte es in ihm, jede ee war geſpannt, jeder Ausdruck d Zormen 6 Utſam aufgeregt.—„Ich muß vor— unpf und laut vor ſich;—„iſt der — 179— erſte Schritt gethan— ſo muß der andre fol⸗ gen. Heut haben ſie meine ganze Kraft gebro⸗ chen, dieſe ſtolzen Republikaner; ſie haben mich gedemuͤthigt. Was fuͤr ein Popanz der Gover⸗ nator iſt; nun hab' ich's ja geſehen. Zwar lie⸗ ben ſie mich auch; ſie haben es gluͤhend und frei gezeigt.— Aber wird dieſe Liebe ewig waͤhren? Und wollte ich der demuͤthige Volkstri⸗ bun bleiben; wollte ich dieſem begehrenden, blos zum Gebieten geborenen Herzen auch die Feſſeln anlegen, den Geiſt in dieſen Kerker ſchließen? Kann ich denn? Haͤtte ich den großen Anſpruch nicht mitgebracht; waͤre ich nicht als Kaiſer, als Verheißender mehr, denn als Flehender, gekom⸗ men, und erſchien ich dann nicht als laͤcherlicher Luͤgner; dann, dann— Aber nein! Der Stolz, den ich im Herzen trage vom Mutterleibe her, er laͤßt ſich nicht brechen, nicht ſogleich in Demuth ſchmelzen. Der Krater muß ſeine Lava urploͤt⸗ ſter ſtand. Papiere lagen da und zeug. Jellena hatte hier geſchri — 180— nach einem Blatte, welches vor ihm lag; ein Lied ſtand darauf, das ihre Schriftzuͤge trug; ſie hatte es gedichtet. Es war halb ein Gebet zum Vater uͤber den Sternen fuͤr den Geliebten und den neugebornen Sohn, und athmete doch wieder die weichſten Hauche der Liebe, die gluͤ⸗ hendſte, demuͤthigſte Leidenſchaft fuͤr den Einzigen ihres Herzens. Und aus dem Ganzen wehte der Odem frommer Ruͤhrung, heiligen Ergebens.— Es faßte ihn wehmuthvoll an dem Herzen; er neigte ſein Haupt tiefer und ſtarrte auf die Zei⸗ len.— Sie war vom Divan aufgeſtanden und ſchlich ſachte an ihn heran; ſie hielt das ſaͤugende Kind mit der linken Hand und bog ſich uͤber ſeine Schulter und ſah, wie eine Thraͤne aus ſei⸗ nem Auge auf das Blatt herabfiel. Ihr Odem beruͤhrte ſeinen Nacken, ihre Lippen kuͤßten ſeine Locken; er ſchlang ſchweigend den Arm um ſie, und zog ſie ſammt dem Kinde auf ſeinen Schooß; 56 ruhte auf ihrer rechten Schulter, des e Augen blickten traulich in die ſei⸗ Mutter Rabenlocken waren wie ein Schleier uͤber Beide verſtreut; ſie welche das Kind und den Mann — 181— an ihre Bruſt legt, beide ſchlummern laͤßt, beide mit ihrem warmen Mantel bedeckt, beider Schmer⸗ zen einwiegt und ſie troͤſtet in ſuͤßer Labung des Schlummers; und er ruhte da in ſeliger Weh⸗ muth lange— lange, und traͤumte fromm und gluͤcklich, und fuͤhlte ſein Herzblut ruhiger gehen, und ihm war, wie der Mutter Erde, ſo wohl, wenn der warme Regen des Himmels die Duͤr⸗ ſtende traͤnkt und erfriſcht.— Bald neigte ſie ihren Mund auf ſeine, bald auf des Knaben Stirne, und laͤchelte ſo ſelig, daß ſich das Abend⸗ roth ſelbſt zu freuen ſchien, wie es jetzt flam⸗ mend hereinbrach durch das Fenſter uͤber die ſchoͤne, den Schmerz verſchmerzende Gruppe.— Jetzt ſchien er wieder nachzudenken; ſeine Lip⸗ pen bewegten ſich— doch ohne Laut.„War⸗ um nicht?“ dachte er,„Beide muß ich beſitzen; dem Moslem iſt's geſtattet— nur unter Beider Pflege kann mein Herz, das ein ſtolzer Baum iſt und eine Blume zugleich, gedeihen in dem was gluͤhend entzuͤckt und friedlich Seoliet. Ja, ich will.“— Und ſo dachte er den Gedanken d des Erkſchluf ſes aus, und ſaͤumte wieder und zagte.— 8 — osl 132 ⸗.— Sie ahnete es nicht, daß er in dieſem Au⸗ genblicke das entſcheidende Loos warf uͤber ihr Lebensgluͤck, uͤber das ſeinige— uͤber ſeinen Untergang entſchied.— Er ruhte noch lange ſo an ihrer ſeligen Bruſt und fuͤhlte ſich ſo weich und bang, wie niemals, und fragte das Schickſal, warum es ihn nicht unter einem andern Sterne haͤtte geboren werden laſſen; warum es ihm fuͤr dies ſein Loos, dieſe beiden Toͤne in die Bruſt gegeben: den mil⸗ den, zu mild und weich fuͤr den Drang der Tha⸗ ten; den begehrenden, zu wild und groß fuͤr den beſchraͤnkten Raum und das beengende Ver⸗ haͤltniß.— Eine Magd Jellena's trat herein und uͤber⸗ reichte dem Governator ein Schreiben, welches, wie ſie berichtete, ſein Diener, nachdem er den Herrn fruͤher erſt uͤberall geſucht, hierher gebracht hatte. Stephan riß das Siegel haſtig auf— es war von Venedig couvertirt: darunter die Adreſſe aus Moskau. Jellena ſtand, wie er zu leſen begann, auf von ſeinem Schooße, ſetzte ſich wieder auf — 02 188+e— den Divan und ſang dem Knaben mit leiſer Stimme ein holdes Schlummerlied. Das Schreiben aber enthielt folgende Worte: „Lieber Obriſt, Stephan Maly! Wenn Euch „Jermaloff ſeither mit großen Verſprechungen „ergoͤtzt hat, ſo hat er Euch mehr getaͤuſcht, als „genützt. Es iſt ſo gut wie Alles verloren. Hal⸗ „tet mir die offene Sprache zu Gute! Seit dem „letzten Verſuche iſt faſt Alles vergeſſen und ge⸗ „laͤhmt. Jermaloff hat ſich davon gemacht, und „das war gut: ſie haͤtten ihn ſonſt hier gehaͤngt⸗ „Er hat zum Schluſſe noch die betraͤchtlichen „Geldſummen, welche vorlagen, mitgenommen, „und iſt, wie ich hoͤre, auch aus Warſchau ver⸗ „ſchwunden. Das iſt gerade nicht ſchlecht von „ihm,— wenn einmal nicht zu helfen war— „denn er ſchonte ſeine Haut; aber nicht wahr⸗ „haftig iſt es.— Mit dem Jeſuiten Joſeph „hat es auch nichts zu ſagen; der denkt an Euch „nicht im mindeſten, ſeit ſich ihm hier unter der „beſtehenden Ordnung glaͤnzende Ausſichten fuͤr 4 „ſeinen Orden gezeigt haben. Was wir von aus⸗ „waͤrtigen Cabinetten an Unterſtuͤtzung erhielten, „iſt kaum der Rede werth, und beſtand zumeiſt — 2 184 s— „in Verſprechungen.— Der gemeine Soldat— „das koͤnnt Ihr leicht ermeſſen— kann nichts „fuͤr ſich allein, ſo gerne er auch wollte.— „Dann bringt der neu⸗ausbrechende Krieg Alles „in Bewegung und lenkt die Aufmerkſamkeit an⸗ „derswo hin. Auch ſind drei Regimenter, die „zu Euren Gunſten ſtimmten, von hier verlegt „worden. Daraus koͤnnt Ihr ſo beilaͤufig den „Zuſtand der Dinge abſehen. Ich kann Euch „nur auf die Zukunft verweiſen, bis wir wieder „Frieden haben. Aufgeben ſollt Ihr es aber nicht; „denn aufgeben ſoll man eine Sache nur mit „dem Tode, welcher die letzte Auf⸗ und Ueber⸗ „gabe iſt. Bedenkt dies und es gruͤßt Euch hier⸗ „mit als ein alter Bekannter: Ismail Schiſch⸗ „kow, der Capitaͤn.“— Stephan hatte geleſen. Er ſtarrte kalt und ſchweigend auf das Blatt, keine Miene zuckte; es war, als haͤtte ihn ein kalter Donnerſchlag ge⸗ troffen, der nicht verletzt. Zwiſchen dem Drange aller andern Gefuhle aber ſchien ſich in ſeiner Bruſt ein Gedanke, ein Entſchluß emporzuar⸗ beiten und in ſeiner Seele klar zu werden Plötzlich ſprang er auf, rief laut, ohne daß er's — 185*— wußte:„Es iſt entſchieden!“ und ſchritt haſtig das Gemach auf und ab.— Jellena war erſchreckt aufgefahren; ſie nahte ſich ihm ſanft, lehnte ſich an ſeine Schulter und floͤrete, ihm die Wange ſtreichelnd, zu:„Was er⸗ regt meinen Herrn und Gebieter ſo heftig? Soll ich uͤber Deine Leiden noch mehr Thraͤnen wei⸗ nen?—. „Nein!“ ſagte er dumpf und tief aufath⸗ mend,„es iſt entſchieden, das Loos fuͤr die Zukunft geworfen! Bald ſollſt Du ruhig an meiner Bruſt ruhen, ſollſt mich allein beſitzen, wenn Du meinem Herzen auch Raum goͤnnſt fuͤr die Thaten, die es erfuͤllen und fuͤr den Gluͤcksſtern, der ihm von nun an allein zum Ziele leuchtet. Es muß entſchieden werden. An Eines halte ich mich. Hoͤre es, du dunkles Schickſal oben! Deinen erſten und den zweiten Anker haſt du mir entriſſen, ich halte mich mit meinem Leben und der Lebensangſt an den drit⸗ ten.— Leb wohl, Geliebte!“ wandte er ſich jetzt zu Jellena und kuͤßte ihr den Mund.— „Ich eile zum Kampfe mit meinem Verhaͤng niß, zur Saat hinaus. Bald ſiehſt Du mich — 187— „Geld und noch zehnmal ſo viel; gib mir die „Tochter wieder! Du biſt zwar ein Unglaͤubi⸗ „ger, ein Feind meines Glaubens und Volkes; „aber ich habe Dich menſchlich gefunden. Sei „es jetzt wieder.— Ibrahim.“— Er ſetzte ſich nieder, als er geleſen, und ſchrieb einen langen Brief an Ibrahim. Dann rief er den Boten, geſellte ihm noch einen ſeiner Die⸗ ner bei und ſprach zu Beiden:„Mit Eurem Haupte buͤrgt Ihr mir, daß dieſes Schreiben un⸗ verletzt an den Boten Ibrahims in Optocichi gelange. Sagt ihm daſſelbe. Geht mit Gott!“ — Er uͤberreichte ihnen den Brief, welchen er nach Landesſitte ſorgſam in ein weißes Tuch ge⸗ huͤllt hatte, und entließ ſie.—— Am folgenden Tage bezahlte er die Venetia⸗ ner fuͤr die Waffenlieferung. Zwoͤlf derſelben, welche als Wache dem Transport beigegeben und bis zur Zahlungsfriſt mit dem commandi⸗ renden Lieutenant zuruͤckgeblieben waren, nahm er in ſeinen Sold, kleidete ſie und bewehrte ſie. Er ließ ſie auf ſein Schwert und auf ſeinen Namen ſchwoͤren, gab ihnen, ohne erſt die Vor⸗ ſteher der Nation zu fragen, den Namen ſeiner wieder, und freudiger, ſo es Gott und Helden⸗ gluͤck gewaͤhren. Es wird die Erntezeit ſein.“— g Er flog nach ſeiner Wohnung. Vor dem Thore ſtand ein Landmann mit einem bepackten Maulthier. Er gruͤßte den Gebieter mit Ehr⸗ furcht, uͤberreichte ihm ein Schreiben und ſagte: „Ich bin von Optoeichi, an der albaneſiſchen Grenze. Ein Albaneſer gab mir dieſes Schrei⸗ ben vom Aleſſier Kaufmann Ibrahim an Dich, mit dem Golde, welches dieſes Maulthier geladen hat.— Er harrt dort an der Grenze, bis ich ihm Antwort bringe. Dies war ſein Beſcheid.“— Stephan nahm den Brief, befahl, das Gold in ſein Gemach zu tragen und ging ſelbſt hin⸗ auf, das große, feſt verſiegelte Schreiben zu le⸗ ſen. Es enthielt folgende Worte:„Czernogor⸗ „zen⸗Beg!— Hier folgt das geforderte Gold. „Mein Herz weint aber uͤber den Verluſt des „Kindes, welches Du mir geraubt. Du haſt „zwar mir und meinem Sohne das Leben ge⸗ „rettet, haſt Dir aber dafuͤr den koſtbarſten „Edelſtein meines Schatzes genommen. Wenn „Du edel biſt, wie ich glaube, ſo ſchreibe mir, „was Du beginnen willſt mit ihr. Nimm das — 188 ⸗— Leibwache. Fuͤr die gekaufte Ammunition ließ er ein Gebaͤude nah an ſeinem Hauſe raͤumen und verwahrte ſie daſelbſt. Eine Schildwache aus ſeiner Leibgarde ſtand daſelbſt Tag und Nacht. — Er reiſ'te bald darauf fort, ohne Nachricht uͤber den Zweck ſeines Zuges zuruͤckzulaſſen. Acht Mann ſeiner Garde begleiteten ihn. 3. Im Thal von Vitanechi hatte der wackere Wuk Brankowich ſein Haus und lebte hier die Friedenstage durch an ſeiner ſchoͤnen Mara Seite, die ihm inzwiſchen einen Knaben gebo⸗ cen.— Hieher kam eines Abends der Gover⸗ nator und ward freudig in dem weißen Hofe von dem Bundesbruder empfangen. Mara kam auch herbei mit dem holden Kinde und neigte ſich erroͤthend vor dem Herrn und Erretter, den ſie ſeit dem Vaas ihrer Befreiung nicht wieder geſehen.— Alle lagerten ſich im Garten unterm Schat⸗ — 189— ten dichter, fruchtbeſchwerter Pflaumenbaͤume, die, unter der Laſt ihrer reifen Fruͤchte ſich beu⸗ gend, ein dichtes, blaues Gezelt bildeten. Mara ſchaffte Wein und Speiſen herbei, und auf des Governators Wunſch lagerte ſie ſich endlich ſelbſt an der Maͤnner Seite und kredenzte ihnen die Weinkruͤge. Der Governator war lange nicht ſo froh geweſen. Stand ja ſein Hoffnungsbaum, in ſeiner Anſicht, gerade in der ſchoͤnſten Bluͤten⸗ zeit, und ſaß er ja jetzt traulich an der Seite des Mannes, welcher ihn am meiſten nachſt Jel⸗ lena in Montenegro liebte; welcher, wie zu hof⸗ fen ſtand, auch dereinſt fuͤr ſeine Plaͤne thaͤtlich wirken konnte. Sie ließen das Vaterland, die Hoffnung und die Zukunft leben, tranken auf beſſere Tage. Mara wagte es ſogar, der holden Jellena zu gedenken. Schon wollte Wuk, der da glaubte, dieſe Erinnerung duͤrfte den Czaar verletzen, ſeinem Weibe zren, als dere sfhar 4 liebte.— Auch ſie ſoll bald ſich erfreuen!“— „Mara!“— fiel Wuk ein, d„ — o 190— Leuten unſers hohen Gaſtes ihren Raſtort an⸗ gewieſen, ſie in der Geſindeſtube untergebracht und ſie reichlich mit Speiſ' und Trank verſorgt?“ Sie bejahte und der Gatte wandte ſich weiter fragend gegen den Governator:„Es ſind wohl Albaneſer⸗ ſklaven, die Du ſo ſtattlich gekleidet haſt?“— „Nein!“ verſetzte Stephan,„es ſind freie Italiener, in meinem Solde ſtehend, und als meine ſtete Begleitung gewaͤhlt. Noch will ich ihre Anzahl aber mit 50 Albaneſern vermehren.“— „So waͤre dies eine Art Leibwache,“ fragte Wuk weiter,„wie ſie die Koͤnige des Aus⸗ landes um ihre Perſon haben, weil ſie den un⸗ tergebenen Voͤlkern und ihrer Treue nicht ver⸗ trauen?“— „Hat Montenegro,“ erwiderte Stephan, „meiner Treue nicht vertraut, der Treue des Ein⸗ zelnen, hat mich gerichtet wie einen Verraͤther, auf einen einzigen Verdacht, dann iſt es raͤth⸗ lich, daß ich, der Einzelne, der ich hier kein ver⸗ pflichtetes, untergebenes Volk habe, den Vielen mich nicht ganz und allein vertraue.“— „Vergib, Herr!“ entgegnete Wuk bedenklich, „das neue Vertrauen haͤtte Dir wohl neue Treue - el 191— erworben, und wie feſt die alte an Dir hing, haſt Du ſelbſt geſehen. Es bedurfte ja nur elnes Wortes, ſie Dir wieder zu gewinnen.— Sie werden ſich jetzt gekraͤnkt fuͤhlen, um ſo mehr, daß Du den Soͤldling, den Fremden und den Albaneſer hoͤher achteſt, gleichſam als beſtaͤn⸗ digen Waͤchter ihnen gegenuͤber ſtellſt.“— 1„Bruder Wuk,“ beſchwichtigte der Czaar und klopfte ihm traulich auf die Schulter;„ich weiß, Du bleibſt mir treu ergeben und das in jedem Wechſel des Geſchickes. Du kennſt mich und weißt, daß ich wahrhaftig bin in meiner Seele; wenn ich aber von nun an vielleicht geheimniß⸗ voll und dem Scheine nach gewagt handle, zweifle an mir nicht. Oft liegt das Heimliche in den Mitteln zur Erreichung eines geheimen Zweckes. — Vielleicht kann ich auch Dir dereinſt zu Groͤße⸗ rem nuͤtzen, Dir einen ſchoͤnern Tag mit hohem Rang bereiten.“— „Mein Herz verlangt nur nach Deiner Liebe,“ ſagte Wuk ernſt;„was ich brauche, hab' ein reines Gewiſſen, dies Haus und rung, das geliebte Weib, ein Kind gutes Kugelrohr— mit vielen andern; — 192 er zum Ueberfluſſe. Du ſieheſt, ich bin ein ſehr gluͤcklicher Menſch!“— „Ich hoffe es erſt zu werden,“ entgegnete Stephan ernſthaft,„doch ſteht meine Zuverſicht jetzt feſter, als jemals.— Leb' in Gott! Bru⸗ der. Ich nehme Abſchied. Der Abend dunkelt ſchon. Ich muß aufbrechen; mein Weg geht noch weiter.“ „Wohin?“ fragte Wuk, und:„ Du willſt, die Nacht nicht gaſtlich weilen unter unſerm Dache?“ meinte Mara betruͤbt. „Ich kann nicht,“ ſagte der Czaar,“— es fordert mich fort in das Anſchaun meines Gluͤcks⸗ ſterns und zur Ermuthigung der reichen Zukunft. — Ich bitte Dich, Mara! ruf meine Leute zu⸗ ſammen!“ Dieſe ging und Wuk ſagte, ſich er⸗ hebend:„Weil Du denn nicht bleiben kannſt, will ich Dich mindeſtens geleiten.“— „Aber nicht weit,“ meinte Stephan, beguͤti⸗ gend laͤchelnd,—„bis an die Thalſchlucht dort. — Ich ſagte Dir vorher, oft liegt das Heim⸗ liche in den Mitteln zur Erreichung eines großen Zweckes. Zuͤrne mir nicht, Bruder!“ „Verwahre Gott!“ fiel Wuk ein;„Du, — ⸗ 198— Herr wirſt wiſſen, wie Du handeln ſollſt.— Es iſt nicht meine Sache, aufdringlich zu ſein.“ Mara kehrte zuruͤck; die Diener ſtanden bereit. Stephan kuͤßte zum Abſchied das holde Weib auf die weiße Stirne, ſegnete den Saͤug⸗ ling und ritt an der Spitze ſeiner Schaar und an Wuks Seite im traulichen Geſpraͤche die Thalſchlucht weſtlich hinan. Wo die Felswand ſich zum Ausgang abplattete und den Anfang zu den ſteilen, oͤden Felsſchluchten und unwegſamen Steingebirgen machte, nahm Wuk bruͤderlich und faſt mit weicher Ruͤhrung Abſchied von dem Go⸗ vernator. Dieſer ritt im Schein des daͤmmern⸗ den Abends, im weißen Lichte der Nebel, im blaſſen Strahle des auffunkelnden Mondes, mit ſeiner Leibwache weiter, ſo lange es der ſteile Pfad geſtattete.— Es war ſchon tief im Herbſte; das Laub⸗ holz auf den Anhoͤhen ſtand bereits in ſeinem gelben, hinfaͤlligen Schmucke; die Duͤnſte wogten uͤber den Hoͤhen, der Monte⸗Coͤlo, aus der dun⸗ keln Ferne wie ein Wolkenpunkt heruͤberſcheinend, war weißer zu ſchauen.— Raben flatterten mit grellem Geſchrei durch die milchweißen Luͤfte, 8 II. N — o 194 o— und aus den Waͤldern ſangen die Azeln ihre winterlichen Lieder.— Die Gegend ward immer oͤder, verlaſſener, unwirthbarer gegen das Klo⸗ ſtercaſtell zu, wo Suleika weilte.— Bald mußten die Wanderer von den Roſſen ſteigen, dieſe am Zuͤgel nehmen und ſo zu Fuße die ſteilen, unwegſamen Pfade und Abhaͤnge er⸗ ſteigen. Stephans Seele erfuͤllte immer mehr Frohſinn und Zuverſicht, je naͤher er ſeinem dunkeln Verhaͤngniſſe kam. Dieſe kraͤchzenden Raben, dieſe hinfaͤllige Natur konnten ſein inne⸗ res Hoffen nicht truͤben. Jede Ahnung war fern von ihm geblieben; er ſah mit freiem, aber ge⸗ blendetem Auge ſeinem ſchwarzen Looſe entgegen, wie einem Gluͤcksſtern, einer Hochzeitfreude oder einem Siegerthrone. Jetzt hatten die Wanderer bereits die innere Flaͤche der Felsgruppen, welche wie ein Wall um die Gegend des Kloſters aufgethuͤrmt waren, er⸗ ſtiegen. Dieſes ſelbſt lag im blaſſen Mondlicht mit ſeinen Thuͤrmen und Mauern, grau und duͤ⸗ ſter am Horizont vor ihnen. Da glaubte einer der Leute Stephans, der uns bekannte Marko, welcher an ſeiner Seite ritt, auf der naͤchſten Felſe nplatte im blaſſen Lichte etwas, das ſich regte, zu ſehen; er ſah hin, und erkannte bald ein menſchliches Haupt, das heruͤberzuſtarren ſchien. Das Haupt war in einem gelb und weißgeſtreifften Turban gehuͤllt.— Die ganze Figur, die auf der Felskante, mit dem Ruͤcken gegen den Abgrund jenſeits ſaß, ſchien ein Albaneſer.— Der Beobachter machte den Governator auf die Figur aufmerkſam.„Wer es auch immer ſei,“— ſagte dieſer erſchreckt, —„hier darf keiner lauſchen!“ Er legte ſein Kugelrohr an, ſchoß nach dem Menſchen, und alsbald verſchwand dieſer, in die hintere Fels⸗ abdachung herabſtuͤrzend.— Sie gelangten an das Kloſter,— mehrere Fenſter waren erleuchtet,— ſie glaͤnzten von ihr, dem ſchoͤnſten Stern der Frauen. In den an⸗ dern blinzelte duͤſter und blaß der Mondſchein oder ſie ſahen hohl und finſter und leer aus der Nacht ihrer Gemaͤcher. Der Governator oͤffnete die Pforte der Ring⸗ mauer.— Es ward laut in den Hallen und Gaͤngen.— Die Diener und Sklavinnen traten hervor und bewillkommten den Gebieter.— N 2 — 196 e— Im funkelnden Gemache lag Suleika auf der Ottomane— einfach und reizend geſchmuͤckt, zum Empfange des Geliebten. Er trat herein, ſie ſtuͤrzte in ſeine Arme, und zu Kuͤſſen wurden die Worte der Liebe, zur zauberiſchen Muſik ward der liebende Herzſchlag, der am Herzſchlag pochte. Das Auge ward zum Sonnenſtrahl, der mit dem Sonnenſtrahl ſich vermaͤhlte.— Ihre dunkeln Blicke ſchienen ihn wie verſchlingen zu wollen; er war ſchoͤn in der Blaͤſſe ſeines Ant⸗ litzes, welche der Drang der letzten Tage erregt hatte. Ihr hoch wallender, leicht verhuͤllter Buſen ſchlug ihm entgegen und druͤckte ſich feſt an das maͤnnliche Herz, das nun ganz das weiche Gefuͤhl, ganz den weiblichen Drang ſeiner doppelſeitigen Seele fuͤhlte und wieder gab. Er aß, trank, ſcherzte, buhlte und ſchlief an ihrer Seite.——— Seine Italiener fuͤhlten ſich wohl in den Armen der Tuͤrkenſklavinnen, welche ſie ſich aus⸗ gewaͤhlt. Die Freiheit des Herrn hatte die Sitte der Diener nicht aͤngſtlich beſchraͤnkt. Die Sinn⸗ lichkeit ließ in ihrem Rauſche jeden Glaubens⸗ -— 2 197 ee abſtand vergeſſen. Und ſo durchſchwelgten ſie die Nacht.—— 4. Der reiche Ibrahim von Aleſſio ſaß betruͤb⸗ ten Herzens in ſeinem rothdamaſtnen Divan. Der Kaffee ſchmeckte ihm nicht und jeden Au⸗ genblick verloͤſchte die Pfeife. Sein Sklaven⸗ knabe mußte gut aufpaſſen, um vom ſilbernen Kohlenbecken ſtets Feuer auf den Tabak zu legen; ſaͤumte er, ſo lehrte ihn der grollende Blick des Herrn, daß die kuͤrzlich empfangenen zehn Streiche auf die Fußſohlen leicht in zwanzig verwandelt werden duͤrften. Der greiſe Ibrahim fuͤhlte ſich nun, da der Sohn zu Iskodar, in der Leib⸗ wache des Paſcha's ſich befand, ſeine geliebteſte Tochter weit nach Montenegro entfuͤhrt war,— ſo ganz einſam und verlaſſen. Er harrte voll Sehnſucht des Albaneſers, welchen er als Boten an den blonden Czernogorzen abgeſchickt hatte; er rechnete die Zeit genau nach, wann er ihn fortgeſchickt, und wiederholte ſich's immer, daß er bei maͤßiger Eile ſchon zuruͤckgekehrt ſein koͤnnte. — 198— Da erſchallten ploͤtzlich Pferdetritte vom Hofe und lauter Stimmenjubel ließ ſich hoͤren. Auf einem ſchneeweißen Berberhengſte, der im rothen, mit Edelſteinen reich beſetzten Riemenwerke ſtolz einhertanzte, ſaß Ali, der Sohn des Kadi von Nariſſa. Er trug einen gelb brokadenen Kaf⸗ tan, ringsum mit Hermelin verbraͤmt, ein rothes, goldgeſticktes Unterkleid von demſelben Stoffe, weiß ſammtne Beinkleider, unten an die gelben Stiefeln feſtgeſchnuͤrt, oben durch den rothſaffia⸗ nenen, perlengezierten Guͤrtel, in welchem der blanke Handſchar aus goldner Scheide funkelte, abgeſchloſſen. Auf ſeiner hohen Stirne glaͤnzte der uͤberreiche Turban mit der Demant⸗Agraffe, welche den aufrecht ſtehenden, ſchwarzen Buſch hielt. Seine Geſtalt war hoch und kraͤftig, ſein Antlitz ſchoͤn und kuͤhn; Wildheit funkelte aus den ſchwarzen Augen, Drohung umſpielte die Lippen, welche der ſchon gefaͤrbte Bart umgab. Hinter ihm ritten ſeine Sklaven und die Skla⸗ vinnen, dann die Hochzeitgaͤſte und Brautgeleiter, um den Stern aller Jungfrauen von Aleſſio, Ibrahims einzige Tochter Suleika, die er zwar noch mit keinem Auge geſehen, fuͤr die er aber —- 199.— doch entbrannt war nach der gluͤhenden Schil⸗ derung ihrer Reize aus weiblichem Munde,— heimzuführen in ſeinen Harem. Unter den Saͤulen des Vorhofes ſprang er ab von dem ſchaͤumenden Roſſe und eilte die Stufen hinauf und die Gaͤnge entlang nach Ibrahims Gemache; ſein Saͤbel klirrte hinter ihm; die Gewaͤnder rauſchten majeſtaͤtſch. Wie er eintrat, ſprang Ibrahim nicht auf, ihn zu empfangen; denn er bebte vor der Erklaͤrung ſeiner Trauerbotſchaft, die, wie ſie ihm ſelbſt ſchwer auf dem Herzen laſtete, auch den Zorn des betrogenen Braͤuti⸗ gams auf ihn zu wenden drohte. Ali verbeugte ſich ſtolz und gruͤßte den Greis. „Ich heiße Dich mit Trauer willkommen!“ ſeufzte Ibrahim und vermied den Blick Ali's. „Trauer zum Hochzeitfeſte?“ fragte dieſer. —„Wie ſoll ich das deuten, Vater? Ich komme, mir die Braut zu holen.“ „Die Du ſuchſt,“— klagte Ibrahim,— „iſt nicht mehr da, dem Vaterherzen, der Braͤutigamsliebe hat ſie ein Raͤuber entriſſen. Wie ich es nicht ahnete, brach der Falke ein und entfuͤhrte die Taube.“ 1 — ol 200 e— „Ibrahim!“ rief Ali mit bebender Stimme und wie zweifelnd; ſeine Augen funkelten und die Stirne verdunkelte ſich.—„Ibrahim, haſt Du mir ſo die Brount geiwahit— Iſt es Wahrheit? Iſt— „Bei meinem Barte! beim Haupte des Pro⸗ pheten!“ ſchwur Ibrahim.—„So gedih, als ich unſchuldig daran bin.“ „Sorgſamer Vater!“ ſpottete Ali.—„Haͤtte ich Dir meinen ſchlechteſten Sklaven verkauft oder verſprochen, glaube mir, ich haͤtte ſeiner beſſer gewahrt, als Du des eigenen Kindes.“ „Liſt hat ſie mir geſtohlen,“ klagte Ibrahim weiter;—„ſie verſchwand eines Abends, und wie ich auch Boten noch dieſelbe Nacht uͤberall hinſandte, meine Fahrzeuge uͤber das Meer flie⸗ gen ließ, der Raͤuber entkam doch gluͤcklich mit ihr.“— „Und wer iſt der Hund,“ donnerte Ali auf, „welcher nicht verdient, ein Moslem zu ſein?“— „Der Czernogorzen⸗ Beg iſt's,“ erwiderte Ibrahim;„er hat mir's ſpaͤter gemeldet,— hier lies das Schreiben. Ich harre des heim⸗ kehrenden Boten.“ — ⸗( 201— Ali las und ſeine Augen funkelten noch wil⸗ der.„Beim Barte des Propheten!“ rief er endlich,—„nicht ruhen will ich, nicht dereinſt in's Paradies eingehen, wenn er nicht zu meinen Fuͤßen ausroͤchelt, der Raja, wenn ich mit ſeinem Haupte nicht die Dachſpitze meines Kiosks fuͤr die Raben ſchmuͤcke.“— „Schwoͤre nicht, Sohn,“ beſchwichtigte Ibra⸗ him—„er iſt maͤchtiger als wir; Albanien zittert bei ſeines Namens Nennung. Was mir aber am betruͤbteſten die Seele fuͤllt, iſt, daß es ſcheint, als ſei ihm mein Kind freiwillig und gerne gefolgt und habe die Flucht ſchon fruͤher beredet gehabt.“— „Ich habe es geſchworen,“ donnerte Ali— „und werde mir ſie wieder gewinnen.“— „Harre erſt der Heimkunft des Boten,“ lehrte Ibrahim—„von des Czernogorzen Großmuth iſt Alles, von ſeinem Zorne nichts zu erwarten. Er hat mir und meinen Kindern bereits einmal Freiheit und Leben geſchenkt;— jetzt, wo ich im die 300 Beutel geſendet, wird er mir die Toche⸗ ter vielleicht—“ „Wie es ſcheint,“ hoͤhnte Ali—„magſt Du — eA 202 o.— * gar nicht ſehr zuͤrnen, daß ſie der Czernogorzen⸗ Beg entfuͤhrt hat.— Doch zuͤrne ich! und wehe Dir und mir und uns Allen, wenn ich getaͤuſcht bin.— Welche Straße haſt Du den Boten geſchickt?“— „ Er muß von Andricz kommen,“ verſetzte Ibrahim. „Dann leb' wohl!“ rief Ali:„ich will mir ſelbſt die Antwort holen, waͤhrend Du war⸗ teſt. Bald ſollſt Du von mir hoͤren. Eher gebe ich das Leben auf, als ich der Braut entſage.“— Er flog hinab, warf ſich auf ſein Roß und befahl ſeinem Kaffeeſchenken, dem rieſigen Juſſuff, ihm zu folgen. So ſprengten ſie die Straße ge⸗ gen Montenegro fort.— — Jenſeits der Bojana, die ſich aus dem See von Szariak ergießt, iſt ein Wald, der an einer ſteilen Bergſtraße hinanfuͤhrt. Hier ritt im Abendſchein bereits der hohe Ali und ſein Kaffee⸗ ſchenk eilig nach Andricz zu und der Montene⸗ griner⸗Graͤnze.— Ihnen entgegen trabte jetzt ein Albaneſer auf einem Maulthiere, die Beine gekreuzt, ſingend und mit dem Kolben, welchen er als Waffe trug, — 203— ſpielend.—„Halt!“ donnerte Ali dieſen an— „kommſt Du von Montenegro? Trugſt Du einen Brief vom Aleſſier Ibrahim an den dortigen Beg— und haſt Du dreihundert Beutel abge⸗ liefert?“—„So iſt es Herr,“ entgegnete die⸗ ſer—„auch hat mir der Czernogorzen⸗Beg ein anderes Schreiben an Ibrahim gegeben.“— „Gib mir das Schreiben,“ gebot Ali.— „Herr,“ zauderte der Albaneſer,„ich habe Auftrag“— „Du haſt zu gehorchen!“ ſchrie Ali zorn⸗ blitzend und ſeine Hand faßte nach dem Saͤbel. Da reichte der Albaneſer eingeſchuͤchtert das Schrei⸗ ben heraus und Ali las:— „Gattin— Moslem— Paſcha— Ver⸗ rath— Sieg“— knirſchte er in langen Pau⸗ ſen, empoͤrt uͤber den Inhalt des Briefes.— „Der Plan iſt gut— die Braut bleibt ihm— der alte Ibrahim ſelbſt wird ſich gluͤcklich prei⸗ ſen.— Den Brief darf er nicht leſen,“ rief er endlich feſt und beſtimmt— ſein Auge zuckte auf— es traf Juſſuff, der hinter dem Alba⸗ neſer ſtand, ſeiner Flucht zu wehren.— Juſſuff verſtand den Wink ſeines Gebieters; er zog ſachte — 204 he— ſein kurzes Schwert und Augenblicks rollte des Albaneſers Haupt, mit einem Hieb vom Rumpfe getrennt, im Graſe dahin.— 1 „Gut getroffen,“ lachte Ali—„der konnte mich leicht verrathen mit dem Briefe, und der Plan war auch hochfahrend: das konnte ſelbſt der Paſcha billigen. Weh mir dann!“— Er ſetzte ſich wieder haſtig zu Roſſe und ſprengte mit ſeinem Diener weiter gegen Monte⸗ negro; den Erſchlagenen ſammt dem Maulthier ließen ſie auf offener Straße da liegen. Der Herbſthimmel hatte ſchon ſein blaſſes Gezelt naͤchtlich aufgeſchlagen, als ſie die erſten Berge Czernogora's erreichten. 5. Es waren bereits zwei Wochen vergangen und der Governator war weder in Cewo noch in Gne⸗ guſſi oder in Cettigne erſchienen. Man hatte ihn nirgends geſehen; man wußte nicht, wohin er ab⸗ gegangen. Ruhig ſchilderte der italieniſche Leibgardiſt vor 85 8 — o 205— 6 dem Zeughauſe, ſtolz auf die Montenegriner, die in ſeinen Augen nur Barbaren und Raͤuber ſchie⸗ nen, herabblickend. Was Wuk vorhergeſagt hatte, traf ein. Die Czernogorzen ſahen aͤrgerlich auf die Fremdlinge, welche ſich ihr Governator,— der doch eigentlich nichts war, als ihr erſter Buͤrger— einem Koͤ⸗ nige gleich zur Wache erwaͤhlt hatte. Dies Miß⸗ trauen ſchmerzte ſie um ſo mehr, als ſie ihm doch in letzter Zeit einen recht großen Beweis ihrer Treue und ihres Vertrauens gegeben hat⸗ ten. Auch war er in der Zeit in ſeinen Wor⸗ ten und Handlungen ſo geheimnißvoll und ver⸗ ſchloſſen geweſen; hatte ſich zuletzt mehrmal, ſelbſt ohne Mitwiſſen des Wladika, entfernt und nie daruͤber eine Rechenſchaft abgelegt. Da⸗ zu kam noch, daß trotz ſeiner letzten heftigen Rede im Convente, der Glaube an die Echtheit ſei⸗ ner Kaiſerſchaft nicht wieder ganz feſt gewur⸗ zelt war.— Jellena ſaß einſam traurend in ihrem Gemache. Ihre Blicke ruhten wehmuthvoll auf dem Saͤug⸗ ling in ihrem Schooße; ſie hatte lange und ſorg⸗ ſam nach dem Gebieter geforſcht— ſein Ver⸗ 5 — a 206)0⸗— ſchwinden aͤngſtigte ſie ſehr— da trat Marko Pawlowitſch, der edle, entſagende Juͤngling, der ihr ſchon mannigfache Dienſte geleiſtet, ja, der zum Beſten ſeines Nebenbuhlers in der allgemeinen Achtung und dem Vertrauen des Volkes fuͤr ihn gewirkt hatte— mit ihrem Oheim herein.— „Auf der Straße von Dulcigno,“ ſagte der Oheim ſchonungslos—„haben ſie einen Erſchlagenen gefunden, dem der Kopf abgeſchnitten und der ſeiner Kleider beraubt iſt.— Der Leich⸗ nam iſt von hoher Geſtalt und ſchlankem, kraͤfti⸗ gen Wuchſe:— unſer Governator“— warf er ſo beilaͤufig hin—„iſt auch verſchwunden; man muß jetzt auf Alles gefaßt ſein. Der Winter iſt vor der Thuͤre: weiß der Himmel, unter welchen Umſtaͤnden wir den Fruͤhling wieder ſehen.“— „Heilige Maria!“ rief Jellena aus bei den deutungsvollen Worten des Oheims und brach in die Knie;—„vielleicht der Czaar.“ Ihr Mund verſtummte, ihr Buſen wallte auf. Marko unter⸗ ſtuͤtzte ſie.— „So arg iſt's nicht“— troͤſtete der Oheim; „denn der Governator iſt's nicht. Wie aber der Mord mitten im Lande moͤglich ward, iſt ein —*⁴⁵ Raͤthſel. Daß er von einem Tuͤrken veruͤbt iſt, das wiſſen wir ſo gut, als daß der Czaar ſich unbe⸗ kannt wo aufhaͤlt— und ihm, iſt er nicht auf ſeiner Hut, ein Gleiches begegnen konnte.— Doch hat er ja eine Leibwache!“ fuͤgte er ſpot⸗ tend hinzu.— „Du zerreißeſt mir die Seele!“ wimmerte Jel⸗ lena und ihre Thraͤnen fielen heiß und reich auf den weinenden Knaben hinab.— Sie ermannte ſich wieder; ihr Auge ruhte ſeelenvoll und flehend auf Marko. Er verſtand den Blick und ſagte: „Ich gehe; binnen zwei Tagen ſollt Ihr ſichere Kunde haben! Lebt wohl— und ſtille der Glaube Eure Thraͤnen.“— Er flog fort, nahm einen Diener mit und eilte zu Roſſe hinaus gegen die feindliche Graͤnze des Landes. Der Oheim blieb bei der weinenden Jellena zuruͤck, und maß mit großen Schritten das Ge⸗ mach. Endlich trat er, wie ſonderbar bewegt, naͤher zu ihr, beugte ſich auf ſie herab, und ſagte mit bewegter Stimme:„Weine, weine, Kind! Die Thraͤnen werden Deine Angſt erleichtern. Nicht daß ich Dir zuͤrnte, ob Deines Fehltrittes;— ich bedaure Dich— aber weine nur! Dir iſt ein 207—e.— — o 208 ⸗— ſchweres Loos gefallen.— Ich ahne nur Schreck⸗ liches in der Zukunft.“— Er ging und ließ ſie mit ihrem Schmerze allein. Spaͤter, als ſie nach ihm fragte, hieß es: er ſei von einem Skla⸗ ven begleitet und bewaffnet fortgeritten. Wie der Abend tiefer und dunkler hereinbrach, das blaſſe Mondlicht ſich uͤber den Oktobernebeln wiegte, nahm ſie den ſchlafenden Knaben an die Bruſt, umhuͤllte ſich warm mit ihren Gewaͤndern und ging heimlich das Dorf hinab, nach dem Kirchhofe. Hier, wo der Vater ſchlief; wo der erſte Fruͤhlingstag der Liebe in ihrer Seele aufgegan⸗ gen; wo er ihr zuerſt die Ewigkeit ſeiner Treue beſchworen— wo ſeitdem auf dem Grabhuͤgel, der damals trockne Erde war, dichtes Gras ſproßte, die Roſen, die ſie damals gepflanzt, jetzt ſchon zum zweitenmale verbluͤht und entblaͤttert waren: hier weinte ſie ſich aus und betete zum Himmel um Kraft fuͤr die beaͤngſtigte Seele, um Muth fuͤr Alles, was ihr zu tragen noch aufbehalten war. Und das ſilberne Mondlicht beleuchtete ſie wie verklaͤrend, aus den Wolken ſchien ihr der Geiſt ihres Vaters Troſt zuzulispeln, die nackten Zweige der Linden rauſchten ihr zu:— ſie bebte nicht; — o 209— ſie war ganz Andacht und der Himmel gab ihrer Seele auch Kraft, Ergebung und den ſtillen, duldenden Sinn, den ruhigen Geiſt— fuͤr das Nachtſtuͤck ihres Lebens.— 4 Marko Pawlowitſch hatte gut eatcht— und hatte gefunden. In der Naͤhe von Stephans ge⸗ heimem Aufenthalte hatte er einen Italiener, wel⸗ cher Holz herbeitrug und zu des Czaaren Leib⸗ wache gehoͤrte, ertappt, dieſem die Wahl zwiſchen Gold und ſeinem Handſchar gelaſſen, ihm ſo das ganze Geſtaͤndniß uͤber den Aufenthalt des Czaaren, ſein Verhaͤltniß und ſeine Umgebung abgepreßt.— Er kam zu Jellena zuruͤck. Selbſt im Schmerze uͤber die Botſchaft, die er der Leidenden zu brin⸗ gen hatte, geſtand er erſt nach langem Draͤngen der auf das Aeußerſte Gefaßten Alles.— Sie weinte nicht— ſie klagte nicht. Das Haupt hatte ſie geſenkt, die Wange war noch mehr er⸗ blaßt— der Buſen flog nur einigemal heftig auf.— „Alſo eine Tuͤrkin liebt er,“ ſagte ſie end⸗ lich leiſe und ruhig—, eine ſchoͤne Tuͤrkin!— Ach! ich konnte es ja vorauswiſſen, daß das Veilchen ihm II. nicht genuͤgen wuͤrde; freilich, iſt es ja auch Herbſt⸗ — ⸗( 210— zeit, wo alle Blumen verbluͤhen; ich bin auch ſchon verbluͤht.’“— n Sie blieb ſtill— erwiederte nichts auf Mar⸗ ko's Troſtworte: ſie druͤckte ihm blos die Hand und machte ihn ſtaunen uͤber die Kraft ihrer Seele.— Nachts, wo ſie nach langem Bruͤten und Sinnen den erſten Schlummer gefunden, weckte ſie das Knarren der großen Pforte ihres Gehoͤf⸗ tes, dann Hufſchlag der Roſſe und bald darauf hoͤrte ſie auch des Oheims Stimme, zwiſ chen mehrern andern, die mit ihm zu kommen ſchienen.— Sie ſchienen in den Garten zu gehen; ahnend ſprang ſie vom Lager auf an die entgegengeſetzte Seite ihres Zimmers; der Mond ſchien hell. Im Garten ſtand ihr Oheim im Kreiſe von Lazar, dem aͤlten Pawlowitſch und noch vier anderen Czernogorzen. Sie ſprachen ſo laut, daß Jel⸗ lena jedes Wort verſtehen konnte. „Ich habe es ſelbſt geſehen,“ ſagte der Oheim;„im alten Kloſter wohnt er mit ſeinen Wachen und Tuͤrkenſklaven und ſcheint einen Schlag zu erwarten. Die Tuͤrkin hat er entfuͤhrt und lebt mit ihr da in verbrecheriſcher, glauben⸗ — 211.— ſchaͤnderiſcher Liebe. Meines Bruders Tochter hat er betrogen um Unſchuld und Seelenruhe, hat ihr die Treue gebrochen. Er iſt zwar unſer Herr— und iſt Kaiſer: aber er hat die fremde ſchlechte Sitte, die Treuloſigkeit gegen ein Weib, zu uns gebracht— hat uns Alle belogen. Sein boͤſes Beiſpiel wird Wurzel faſſen.— Ich ſage es Euch: er ſcheint mit den Tuͤrken in Verhandlun⸗ gen zu ſtehen; darum iſt es gefaͤhrlich fuͤr uns, wenn wir ihm nicht ſogleich die Herrſchergewalt abnehmen, ihn hierher beordern zur Rechtferti⸗ 1 gung, ihn in unſre Mitte, unter unſere Aufſicht ſtellen. Seine Verdienſte um die Nation kommen jetzt im Augenblicke geheimer Gefahr hier nicht in Betracht. Was iſt Eure Meinung?“— „Der Tod,“ fiel Lazar, welcher von Ste⸗ phans drohender Aeußerung bei der Meerexpedi⸗ tion und Ibrahims Gefangenſchaft her verletzt, noch geheimen Groll gegen ihn hegte, ein,„waͤre mei⸗ nes Dafuͤrachtens raͤthlicher. Lebt er und wir ſtuͤr⸗ zen ihn, theilt ſich das Volk, von dem ein gro⸗ ßer Theil ihn fuͤr einen Heiligen haͤlt; und Wuk kann noch einmal mit gewaffneter Hand ſeine Befreiung und Erhoͤhung verlangen. Sollen wir O 2 *— oe 212— uns der Gefahr eines blutigen Krieges in un⸗ ſerer Mitte ausſetzen?— Iſt er kalt, ſo iſt der Gegenſtand des Haders auch fort, und wir wer⸗ den Alle ruhig ſein. Die Fremden aber, ſeine Knechte, jagen wir aus dem Lande und wollen uns fuͤr die Zukunft huͤten.“— „ Nicht ſo raſch!“ fiel Pawlowitſch ein,— „und nicht ſo blutgierig. Ein aͤchter Kaiſer iſt er nicht,— das ſehe ich jetzt wieder klar. Toͤd⸗ ten duͤrfen wir ihn nicht, wollen wir nicht viel⸗ leicht ſein Blut ſuͤndhaft auf uns laden.— Ob er, wie zwar allerdings zu vermuthen ſteht, mit den Tuͤrken in Verbindung, iſt noch nicht erwie⸗ ſen. Er muß ſich ſelbſt entweder vom Verdachte reinigen oder bekennen.— Iſt er uns treulos, gut! laſſen wir ihn frei und reich beſchenkt aus unſern Bergen ziehen; denn der Czernogorze ver⸗ gißt nicht ſo leicht, was ihm die Dankbarkeit heißt, und ein Governator war er doch, der un⸗ ſern Dank verdient.“—— „So ſei es,“ beſchloß Jellena's Oheim und die Andern ſtimmten bei.„Wir erzaͤhlen morgen in der Verſammlung der Woiwoden, was wir wiſſen; entheben ihn vorlaͤufig, doch mit allen -= 213 ⸗— Ehren, ſeiner Wuͤrde, fordern ihn hieher und zie⸗ hen ihn zur Rechenſchaft. Du, Lazar, kannſt mit einer Anzahl Getreuer nach ſeinem Schlupf⸗ winkel hinziehen, ihm ehrenvoll ſeine Gefan⸗ genſchaft ankuͤndigen und ihn hieher geleiten. — Bedenkt, er iſt doch ein Loͤwe, und wenn wir ihn zornig machen, auch ſo kraͤftig wie ein Loͤwe.— Morgen, Freunde! verſammeln 35 uns im Hauſe des Pawlowitſch und werden das Uebrige beſprechen.“ Sie trennten ſich.— Jellena lag noch, wie zur Bildſaͤule erſtarrt, im Fenſter. Sie ſah die Maͤnner gehen— verſchwinden— ſah Alles wieder ſtumm werden,— den Mond ſchweigend herabblicken und die Nacht ihr dunkles Rad fort⸗ treiben.— Sie bruͤtete lange in ihren Gedanken uͤber ihren Entſchluß.— Endlich ſprang ſie auf, — ſchlug das Auge noch einmal wie betend zum Himmel auf, kuͤßte den Knaben, der roſig laͤchelnd in der Wiege ſchlief, bruͤnſtig,— huͤllte ſich in einen weiten, ſchwarzen Mantel, und ſchlich ſorg⸗ ſam leiſe aus dem Gehoͤfte hinaus, um den Ber⸗ gesabhang fort.— Die kuͤhle Nachtluft wehte ihr entgegen, der Mond ſchien klar, wie die —( 214— Winterſonne. Marko Pawlowitſch hatte ihr in ſeiner Erzaͤhlung den Weg genau und richtig ge⸗ ſchildert, und ſo wandelte ſie in der Nacht fort, die rechte Hand auf das Herz und den Dolch, der uͤber ihm ruhte, gepreßt.— Sie wollte Alles daran ſetzen, den Geliebten zu retten, oder mindeſtens zu warnen.— Sie zuͤrnte ihm nicht, ihr Schmerz ward Mitleid und ihre Liebe drang auf ſeine Errettung.— 4 6. Der Tuͤrke Ali ritt mit ſeinem Mundſchenken eben am Abhange eines Berges umher, die Ein⸗ gangsſchlucht zwiſchen die Hoͤhen zu ſuchen. Mehrere Oeffnungen der Felswaͤnde waren durch Schluchten geoͤffnet, gewaͤhrten aber bei ihrem Verfolgen keinen Ausgang, denn ſteil ragte ſtets eine neue Felswand entgegen und verſperrte bis an die Wolken die Ausſicht. Schon zuͤrnte Ali, daß ihn ſein Juſſuff irrig beſchieden und lenkte — 215.— eben ſein Roß, um weiter weſtwaͤrts die Ein⸗ gangsſtraße nach Montenegro zu ſuchen,— als es die ſteile Bergwand uͤber ihm ſeltſam durch das Gebuͤſch rauſchte, kniſterte und wie ein ſchwe⸗ rer Stein, der ſich oben losgemacht, herabkollerte. Ali's Pferd ſetzte ſcheu zur Seite und wie er auf⸗ ſah, gewahrte er aus einem bunten Knaͤuel, der vor ihm lag,— einen Menſchen ſich entwirren, der dreimal laut aufſeufzte, fluchte und ſich die Glieder nach mehreren Seiten hin dehnte, aber ſo that, als bemerke er die zu Roſſe nah haltenden Tuͤr⸗ ken nicht. Ali gab ihm mit ſeiner Reitgerte ei⸗ nen tuͤchtigen Hieb uͤber den hoͤckerigen Ruͤcken, und alsbald neigte ſich ein kleiner, rothhaariger, nach allen Seiten zu ſchief gewachſener Jude in ſtaubkuͤſſender Demuth vor dem Türkenherrn. „Wie biſt Du da hinauf und auf welche Weiſe herabgekommen?“ fragte Ali beinahe la⸗ chend uͤber die ſeltſame barocke Geſtalt, welcher die weiten, buntgeſtreiften Pantalons, der blaue Koller und die rothen Stiefel, zu dem gleich⸗ falls rothen, dichten Barte abſtechend, ein hoͤchſt komiſches Ausſehen gaben.— „Herr!“ ſagte der Jude wispernd und neigte — 216 da⸗— ſich faſt in das Gras,—„ich habe dieſe Reiſe ſchon ein paarmal gemacht. Einmal ſaß ich auf einer Felswand, die beinahe ſenkrecht war, da ſchoß ein Czernogorzen⸗Rajah nach mir; ich verſchlang mich kunſtvoll mittelſt der Gelenkigkeit meiner Glieder zu einem Knaͤuel, ſteckte zum Beiſpiel ſo den Kopf zwiſchen die Beine, zog dieſe an den Leib, bog die Fuͤße zuruͤck und umſchlang ſie mit den Armen a welches machte, daß ich gluͤcklich die bei⸗ nahe 200 Klafter betragende Anhoͤhe herabge⸗ langte. Heut guckte ich mich da oben wieder um, trat auf einen Stein, der loſe war und ausglitt, — dachte einmal, da ich im Sturze war, die Weiſe, hinab zu gelangen, ſei bequemer, ließ mich alſo gehen, wie mich denn auch der natuͤrliche Schwerpunkt meines Leibes zu Euren Fuͤßen in Demuth herabgebracht hat. Die Erfindung iſt in Wahrheit ſehr preiswuͤrdig, und wollt Ihr Euch, Herr! von derſelben Anwendbarkeit uͤber⸗ zeugen, ſo habt nur die Guͤte und befehlt Eurem langen Diener hier, ſich hinauf zu bemuͤhen und die Luftreiſe nach meiner Vorſchrift zu voll⸗ bringen.“— „Dummer Schwaͤtzer!“ lachte Ali, nicht we⸗ . 2ce 217— nig ergoͤtzt durch die laͤcherliche Erſcheinung und Sprache des Juden.—„Dazu hat mein Juſ⸗ ſuff zu wenig Gelenkigkeit in den Gliedern und könnte Dir viel eher als Berg dienen, auf deſſen Nuͤcken Du hinabkollerſt. Doch fuͤhre uns lieber die Bergſtraße, welche in's Innere des Landes bringt.“ 3 „Zu dienen, Gebieter!“ entgegnete der Jude und machte einen hohen Satz;—„da weiß ich uͤberall Beſcheid. Ihr ſucht hier beſtimmt Et⸗ was; ich merke es. Nun, ich ſtehe hier auch ſchon Wochen lang auf der Lauer und ſpionire nach Etwas.“— „Und wornach denn?“ fragte Ali, indem er bereits hinter dem Juden her ritt, welcher immer mehr links gegen die Berge hinfuͤhrte.— „Da hat,“ erzaͤhlte der Hebraͤer keuchend, denn er mußte neben Ali's Roß, um auszurei⸗ chen, mit ſeinen ſchiefen Beinen im Trabe lau⸗ fen;—„da hat alſo ein Czernogorzenſchurke vor ein paar Wochen zwei Albaneſeranzuͤge von mir eingehandelt, denn ich bin Schneider im Dorfe Lutka unten. Er ſagte mir, ſein Herr warte draußen hinterm Berge, er wuͤrde mir das — 218— Geld da zahlen und ich ſollte deshalb mitgehen. Der Bube ſah mir zu dumm aus, als daß ich ihn fuͤr einen Schurken gehalten haͤtte. Ich rrabte neben ihm einher und erzaͤhlte ihm noch mehrere beluſtigende Geſchichten. Wie wir hin⸗ ter dem Berge anlangten, war kein Herr, auch rings, ſo weit das Auge reichte, kein Menſch zu ſehen. Der Czernogorze ſtieg vom Pferde und fing an, mich dermaßen, indem er dabei von Herzen laut lachte, durchzupruͤgeln, daß ich mich fuͤr ein Stuͤck Tuch in der Walke hielt, auch vier Tage darnach ſo glatt und ſchlank gepruͤ⸗ gelt war, daß ich mir wieder duͤnn vorkam, wie ein Aal. Ich habe aber auf Rache geſonnen; ich habe hier wochenlang wie ein Spuͤrhund ge⸗ legen, und richtig ſah ich die Czernogorzen kurz darauf wieder aus Albanien von Szariak her zu⸗ ruͤckkehren in meinen Kleidern, welche ich gut kannte. Ich wollte ihnen damals weiter nach⸗ ſpuͤren, weil der Eine davon beinahe ausſah, wie der blonde Czernogorzen⸗Beg,— konnte aber meiner lahm geſchlagenen Knochen halber nicht 3 achfolgen. Weil aber der Fuchs, wenn er ſich einmal Huͤhner geholt hat aus dem Stalle, — 219— 4 zum zweitenmal gewiß wieder kommt, gedachte ich auch, wuͤrden die Czernogorzenbaͤren kommen. Und ſie kamen am fuͤnften Tage wieder, reiſ'ten in's Innere des Landes und kehrten bald darauf mit einem Weibe zurück, welches entweder geraubt oder entfüͤhrt war. Ich war diesmal kluͤger und meine Knochen heiler.— Ich folgte ihnen und er⸗ kannte richtig den blonden Czernogorzen⸗Beg, der ſich mit der Beute in's alte Kloſter am Stein⸗ gebirge einſchloß.— Da laure ich ſchon man⸗ chen Tag;— einmal ſchoß der Knecht des Blon⸗ den nach mir und haͤtt' ich nicht meine kluge Luftexpedition angewendet, waͤre ich todt. Trotz alle dem will ich aber lauſchen, und mich hier herumtreiben, bis ich Einen gefunden habe, der mir die Kleider bezahlt..) Ali hatte aufmerkſam den Worten des Er⸗ zaͤhlers, welche ihn durch einen ſeltſamen Zufall auf den rechten Weg brachten, gehorcht. Jetzt gebot er dem drolligen, geiſtesbeſchraͤnkten Juden, unter Androhung des Todes, ihm nach jenem Kloſter ſelbſt zu geleiten. So wichtig ihm auch 3 die Entdeckung war, konnte er ſich doch des La⸗ chens uͤber die Unwiſſenheit des Juden nicht ent⸗ — 220 oe— halten und fragte weiter:„Da Du aber ein Schneider biſt, war es ja kluͤger, ſtatt die Zeit hier zu verſaͤumen, neue Kleider zu machen und ſo inzwiſchen mehr zu verdienen, als Dir die geraubten Stuͤcke koſten?“ „Das wohl, Herr!“ meinte der Jude, aber ich muß in die gehoͤrige Ordnung kommen; erſt die Stuͤcke bezahlt haben, ſonſt iſt Alles aus dem Zuſammenhang geriſſen. Ich kann meine For⸗ derung nicht aufgeben und wenn mich der Czer⸗ nogorze ſelbſt todtſchlaͤgt. Auch habe ich zwei Piſtolen in den Taſchen, womit ich mich zur Noth wehren kann.“— Sie gelangten Abends bei'm Kloſter an. Ali ſah von allen Seiten die Mauern, ſah die Fen⸗ ſter erleuchtet und faßte ſeinen Plan.— In einer nahen Hoͤhle befahl er ſeinem Juſſuff und dem Juden, zu warten, zwang dem letztern ſeine Beinkleider ab, welche er uͤber die ſeinigen mit Muͤhe anzog,— nahm des Dieners Kalpak und ritt nach Cewo zu, in's Innere des Landes.— 7. Durch die ſchweigende Nacht rauſchte Jel⸗ lena uͤber das Steinfeld dahin,— lautlos, ohne Thraͤnen; nur ihr laut pochendes Herz redete von der Gewalt ſeines Dranges. Fern ſchimmerte jetzt das Kloſter nebelgrau aus dem Nebel der erſten Tagesdaͤmmerung;— ſie eilte raſcher dar⸗ auf los. Jetzt pochte ſie an die Pforte; einer von den Italienern oͤffnete und erſchrak nicht wenig, eine fremde Geſtalt in dieſer Einoͤde zu ſehen. Er gab ihr durch Zeichen zu verſtehen, zuruͤckzubleiben, und ſetzte ihr drohend ſeinen Saͤ⸗ bel auf die Bruſt. Sie ſtand unerſchrocken, wich der drohenden Waffe nicht aus und ſagte ernſt:„Wecke Deinen Herrn, ich habe mit ihm zu ſprechen.“ Der Italiener, welcher ſie nur halb verſtand, verharrte in ſeiner Stellung und wiederholte das drohende Zeichen.—„Ich komme, Deinen Herrn zu warnen; es handelt ſich um ſein Leben,“ fuhr ſie fort.„Gehorchſt Du nicht, muß er vielleicht ſterben.“— Der Ernſt des Maͤdchens, ihre ſchoͤne, gebieteriſche Geſtalt, ihre Beharrlichkeit und endlich die Worte:„Leben — ee 222— und Sterben,“ welche er verſtand, bewogen den Italiener, nachzugeben. Er ließ ſie in der ge⸗ oͤffneren Pforte ſtehen, und ſies hinauf, den Ge⸗ bieter zu wecken. So ſtand ſie da, legte die gluͤhende Wange an die kalte Mauer.— Der Froſt durchrieſelte ſie,— der bittere Augenblick, dem ſie entgegen harrte, machte ſie beben; ſie hielt ſich an die Wand, blickte zum weißen Himmel auf und lis⸗ pelte:„Kraft!“ Bald kam er, faſt noch ſchlaftrunken, im Nachtkleide heraus.— Er erſchrak, wie er ſie vor ſich ſah, daß ihm die Knie ſchlotterten. Er fuhr ſich uͤber die Stirne, als wollte er den vermeint⸗ lichen Traum dieſer Erſcheinung wegwiſchen.— Er hielt ſich an die andere Seite der Thorpfoſte. Das einzige Wort, welches er herausbrachte, war:—„Jellena!“— Sie raffte ſich auf in aller Gewalt ihrer kuͤhnen, ſtarkliebenden Seele, erzaͤhlte ihm be— ſonnen und deutlich das Geſpraͤch der Maͤnner, welches ſie belauſcht— gedachte mit keinem Worte ihrer Liebe; es war ein warnender Be⸗ richt und dennoch lag in ihm— wie in der — l 223 ⸗— Einfoͤrmigkeit des Weltmeers die Unendchtei — Liebe— ihr⸗ ewige Liebe.— Ihn ſchien der Bericht minder zu erſchuͤt⸗ tern, als es ihre Erſcheinung that. Er ſagte nur tonlos:„Ich danke Dir!— ich werde mich huͤten. Bald kommt ja ſo der Tag, wo Alles ſich entſcheidet, wo ich auch anders vor Dir ſte⸗ hen werde!“— Er ſtockte,— er brach in einen jammernden Ton der Stimme aus, erfaßte ihre kalte Hand und rief:„O vergib mir, vergib mir! Das Schickſal hat unſer Beider Weh ge⸗ ſponnen,— nicht ich.— Glaube nicht, ich ſei gluͤcklicher, als Du— glaub' es nicht. Flehe den Himmel um Erbarmen, um ſein Gluͤck an. — Die da drinnen ſchlaͤft, ſie hat Dir mein Herz nicht entwendet. Ich ſagte Dir einſt, Du wuͤr⸗ deſt dieſes Herz ewig beſitzen,— wenn Du mei⸗ nem Gluͤcksſtern Raum neben Dir goͤnnſt, und ſieh! er iſt dort!“—— „Lebe wohl!“ fiel ſie ein, die Unterredung zu verkuͤrzen, denn ſeine Vernichtung ſchnitt ihr in das Herz.—„Gibſt Du mir keinen Gru fuͤr Deinen Knaben?24— —o⸗ 224 „Du willſt gehen?“ ſagte er bebend und im Tone ſeiner tiefſten Liebesſchmerzen.—: „Ich muß, denn ich ging heimlich; auch war⸗ tet der Knabe auf die Mutterbruſt.— 9 Zuͤrnſt Du mir icht⸗ fragte er noch einmal. „Bei der Gnade des Allmaͤchtigen, beim Er⸗ barmen des Erloͤſers! ich zuͤrnte Dir nie, zuͤrne Dir nie— Doch leb' wohl! es wird Tag und mein Weg iſt weit.“— „Du willſt allein und fuͤrchteſt Dich nicht?”“— „Sch gehe mit Gott, ich gehe, die Mutter, zu meinem Saͤuglinge!“ Er druͤckte ihr einen Kuß auf den Mund mit aller Glut ſeiner ehemaligen Liebe; er lis⸗ pelte:„Gruͤß mir meinen Sohn— und betet Beide fuͤr mich!“— Die Stimme brach ihm, er konnte nicht weiter.— Sie ſah ihm noch einmal lange und ſtarr in die Augen, als waͤr' es der letzte Blick, der Abſchiedsblick fuͤr eine Ewigkeit. Dann riß ſie ich los.— Ihr Gewand flatterte in der kalten genluft.— Er ſtarrte ihr lange noch nach, ihn packte ein grimmiger Froſt und er ſchlug - 225— das Thor zu. Wie er uͤber den Hof zuruͤckging, blieb er ploͤtzlich ſtehen, ballte die Fauſt gegen die Himmelsdecke und rief:„Schickſal, du ht mich fuͤr eine Krone zu ſchlecht, fuͤr einen Raͤu⸗ ber zu gut gemacht,— fuͤr das Laſter zu edel, fuͤr die Tugend zu ſchlecht.— Ich muß ſehen, was ich ſelbſt werde durch mich. Aber heute muß es ſich entſcheiden.— Briefe von Ibrahim und dem Paſcha muͤſſen kommen; dann iſt's der letzte Sturm, den ich abzuwehren habe.“— Er ging hinauf, legte ſich noch einmal auf die ſchwellenden Kiſſen an Suleika's Seite, umſchlang in Innigkeit ihren Leib und verſuchte noch ein⸗ mal zu ſchlafen.—— In die Verſammlung, welche Pawlowitſch und Lazar mit Jellena's Oheim und den Uebri⸗ gen hielten, um den Gang der Angelegenheiten eines Weitern zu beſprechen, drang unangemeldet der Tuͤrke Ali.— „Staunt nicht,“ redete er die ihn forſchend Anblickenden anz—„ich komme als Eue Freund!— Euer Governator hat mir mein Braut geraubt, die will ich von Euch wieder zu⸗ II. S„S — ool 226— ruͤckerlangen und Euch dafuͤr einen Lohn bie⸗ ten, den Ihr mir ewig danken ſollt. Die Frei⸗ heit Eures Vaterlandes will ich Euch ſchenken; denn Euer Governator iſt ein Verraͤther. Saͤumt Ihr zwei Tage noch, ſo ſeid Ihr in der Gewalt der Tuͤrken und er nennt ſich Euren Paſcha.“— Alle waren verſtummt und ſahen den kecken Moslem verwundert an.„Hier!“ fuhr er fort, „leſ't dieſen Brief, den Euer Governator an den Kaufmann Ibrahim nach Aleſſio geſchrieben und den ich aufgefangen habe.“— Er zog das uns be⸗ kannte Schreiben hervor, reichte es Lazar'n und dieſer las laut in der Verſammlung Folgendes: „Auf das Knie des reichen Ibrahim!*) Was „ich Dir in dieſem Briefe ſchreibe, halte geheim „ſelbſt vor dem Sonnenlichte. Dank fuͤr das „Geld. Deine Tochter bekoͤmmſt Du nicht mehr „fuͤr den Ali von Nariſſa. Sie bleibt mein „Weib, das Weib eines Paſcha; ich theile ih⸗ ren Glauben. Eile zum Paſcha nach Iskodar und lege ihm folgende Bedingungen vor.— ) ſchreibe ihm dieſelben zwar ebenfalls, wie — **) Eine freundliche Briefformel. — s 227— „an Juſſuff⸗Beg nach Janina, doch thut es* „Noth, Du ſprecheſt und verhandelſt ſelbſt mit „ihm als mein Verwandter, mein Freund.— „Ich will Montenegro dem tuͤrkiſchen Scepter „unbeſchraͤnkt unterwerfen; ich will es ſo „thun mit Serbien, Bosnien und der Herzoge⸗ „wina; will zu Eurem Glauben uͤbertreten, wenn „Ihr erſtens mir dieſe vier Provinzen alle zu ei⸗ „nem Paſchalik, zweitens auf lebenslang und „erblich in meinem Sohn, drittens mit voller „Gewalt uͤber Leben und Tod, viertens unter „dem Titel eines Paſcha⸗Kralowitſch*) uͤberlaſ⸗ „ſet. Dafuͤr will ich Euch, um das Land leicht „zu erobern, an drei Seiten freien Eingang be⸗ „reiten, mich an die noͤrdliche Grenze zuruͤckzie⸗ „hen, zum Scheine mit Euch verhandeln und „im Namen der Nation uͤber folgende Punkte „uͤbereinkommen: 1) ſollt Ihr Moſcheen bauen „duͤrfen in Montenegro, Serbien und der Her⸗ „zogewina; 2) ſollen Tuͤrken Laͤndereien daſelbſt JP nben duͤrfen; 3) ſollten Euch die genannt „Laͤnder alle einen Haradſch zahlen, gleich groß, ) Koͤnig. die ihn die Griechen und Albaneſer zahlen; 4) ſollen ſie Euch, wenn Ihr Kriege fuͤhrt, „ mit 40,000 Mann zu Huͤlfe kommen. Da⸗ „fuͤr wird ihnen aber Freiheit des Glaubens ge⸗ „ſtattet, und bloß durch Gunſthezeigungen die „Freiwilligen zum Islam bekehrt.— Was „uͤbrig iſt, davon koͤnnen wir uns weiter ſchrei⸗ „ben: ich gehe von keinem der hier geſetzten „Punkte ab. Zu Buͤrgen ſchickt Ihr Geiſeln: ich „verpfaͤnde Euch dafuͤr ein Zeughaus in Cewo, „das Ihr von Euren Leuten, welche ſich zum „Schein in die Kleidung meiner Leibwache „huͤllen koͤnnen, in Empfang nehmen laſſen „koͤnnt.— Ibrahim, das iſt mein Plan: ſprich „mit dem Paſcha— leite Alles, dieſen Win⸗ „ter noch ſollen wir einig werden uͤber Al⸗ „les— wenn der erſte Schnee ſchmilzt, ſoll „es in's Werk geſetzt ſein. Zehn Tage harre „ich auf Antwort. Taͤuſcht Ihr mich aber— „ſoll meine Nache furchtbar ſein.— Der Go⸗ rnator Stephan— Peter III. von Monke⸗ 1 Er hatte geleſen; es folgte eine lange, dumpfe, todtenſtille Pauſe. Endlich unterbrach ſie Lazar — 220— mit einer Grabesſtimme.„Sterben!“ ſag und„Sterben!“ hallte es nach von dern Munde.— 4 „Nein!“ rief Pawlowitſch⸗ dazwiſchen werde entſetzt und ziehe frei aus dieſem Lande. Seine Schuld iſt bereits ſo groß, daß ihn die Liebe der Nation nicht wieder zu gefaͤhrlichen Thaten erhoͤhen wird.— Des Undanks moͤge er uns aber nie zeihen koͤnnen. An die Grenze wollen wir ihn ſicher und mit Ehren geleiten, auch be⸗ ſchenken, was an uns iſt. Der Montenegriner muß ſich ſelbſt ehren durch Großmuth.“ „ So ſei es,“ bekraͤftigte Jellena's Oheim. „Lazar zieht voraus mit einer Anzahlz ſie tren⸗ nen das geraubte Weib von ihm und geben ſie dem Tuͤrken zuruͤck; dann erklaͤren wir ihn als Gefangenen und in der Verſammlung morgenden Tages hier in Cewo ſagen wir ihm den Grund und zeigen ihm die Beweiſe ſeiner Verraͤtherei. Brich gleich auf, Lazar; wir Andern folgen bald.“— Sie gingen auseinander. 8. Stephan lebte inzwiſchen, uͤber ſeinen Pla⸗ nen bruͤtend, beinahe ſorglos. Seine Zuverſicht war faſt blind geworden, und je naͤher er ſich ber Kataſtrophe ſeines Wirkens zuwendete, deſto dunkler, verworrener wurden ſeine Anſichten— keine Angſt kam in ſeine Seele. Nur einmal, wo er an Suleika's Seite ſchlief, erſchuͤtterte ein dunkler Traum, in welchem er ſich matt, krank und nackt auf einer ſteilen Felſenſpitze aus⸗ geſetzt ſah, und die Voͤgel des Himmels ihn be⸗ reits als Todesbeute umſchwaͤrmten, ſein Inne⸗ res, ſo daß er erwacht aufſprang, hinaus lief auf den offenen Gang des Kloſters, lange in den Himmel ſtarrte und dann ausrief:„Wenn Alles nur ein Traum waͤre; Alles— und das Ende nahte vom Schlafe, das Erwachen und ich ſtuͤrzte in eine todte, kalte, leere Wirklichkeit hinab.— Es waͤre entſetzlich, wenn ich umſonſt gerungen haͤtte, umſonſt gebaut, gehofft und geſuͤndigt.“— Er ſeufzte tief auf und ballte die Haͤnde. Dann ging er zuruͤck in's Gemach und ſagte:„Iſt es Traum, ſo will ich ſuͤß traͤumen, den Traum —d 231*— und ſeine Bluͤten zuſammenraffen und genie⸗ ßen. Er legte ſich an Suleika's Seite, n weckte ſie mit Kuͤſſen und umſchlang ſie in wilder Glut ſeiner Liebe. —— Es war ein kalter, truͤber Herbſtmor⸗ gen; ſchon ſtanden die Baͤume alle kahl; nur einige Gebuͤſche hatten hin und wieder gelbes Laub; die Raben kraͤchzten dem erwachenden Son⸗ nenlicht entgegen, als der Zug der Czernogor⸗ zen, Ali an der Spitze, uͤber das Steinfeld her⸗ kam, ſich dem Kloſter naͤhernd. Sie gingen Alle ſchweigend und wie trauernd uͤber das Herbe des unwillkommenen und dennoch ſo noͤthigen Auftra⸗ ges.— Nur der Tuͤrke blickte in wilder Luſt und Freude.— Sie pochten an die Pforte des Kloſters. Ein albaneſer Sklave oͤffnete; Ali ſprang zu und riß ihn zu Boden, ſein Juſſuff knebelte ihn, und es ward auf ſolche Weiſe kein Laͤrmen gemacht. „Laßt mich mit meinem Diener allein hinaufge⸗ hen,“ ſagte Ali—„ich will mir die Braut in aller Stille holen; denn ſaͤhe ſie ſo viele Maͤn⸗ ner kommen, ſie machte vielleicht Laͤrmen und der — 0( 232— Beg ließe ſie ſich nicht ganz freiwillig entreißen.“ Man ſtimmte ihm bei; er ging mit ſeinem Juſſuff hinein.— Eine bange, lange Viertelſtunde verging; ſchwei⸗ gend harrten die Czernogorzen; kuͤhl und duͤſter war noch der Tag, die Sonne rang vergebens mit den Nebeln. Endlich kam Ali, die weinende, ihre Augen wild umherrollende Suleika gewaltſam an der Hand fuͤhrend. Sie ſah verſtoͤrt aus, als waͤre ſie ploͤtziich einem feſten Traume entriſſen worden. Hinter ihnen ging Juſſuff; er trug Etwas, in ein großes Tuch feſt verhuͤllt: Suleika's Klei⸗ der mochten es ſein. Ali hob das Weib auf ſein Roß, ſagte zu den Czernogorzen:„Ich danke Euch, Freunde! Harrt noch ein wenig hier; denn Euer Governator iſt noch nicht erwacht.“— So ſprengte er die Anhoͤhe hinab.— Die Czernogorzen warten mehr, denn eine halbe Stunde, als ploͤtlich im Innern des Klo⸗ ſters Geheul der Diener und Dienerinnen, Ge⸗ ſchrei, wildes Hin⸗ und Herlaufen entſtand. Einer ſprang jetzt vor die Pforte.„Laß Deinen Herrn herauskommen,“ rief Lazar, denn er hatte nicht —— — — 233*.— den Muth, ſeinem erſten Zorne entgegenzutre⸗ ten.— 1 it 2 „Bald darauf auch brachten ſie den Governator getragen, eingehuͤllt in die blutige Lagerdecke— eingehuͤllt wie in einen Sarg. Auf den Raſenhuͤgel legten ſie den Leichnam— denn ein Leichnam war es, was ſie brachten, das ſagten ihre ſtum⸗ men Winke, ihre Thraͤnen. — Wie erſtarrt ſtanden die Montenegriner Alle da; Lazar war es, der zuerſt ſich faßte und die blutige Decke erhob.— Weh! es war ein graͤßlicher Anblick— das Haupt fehlte am Leibe, aus dem Halſe quoll noch das Blut. Ali hatte den Schlafenden enthauptet; es war ſein Haupt, was Juſſuff trug; Jener wollte Schwur und Rache loͤſen.— Alle traten entſetzt zuruͤck und bedeckten den Leichnam wieder. So harrten ſie eine lange Weile wieder ſchweigend im Entſetzen. Jetzt kam Jellena's Oheim und Pawlowitſch mit den An⸗ dern; Jellena folgte ſcheu in der Entfernung mit ihrem Kinde.— Laut auf ſchrieen die Maͤnner, als ſie das Entſetzliche gewahrten, und laut auf ſchrie Jellena und ſank neben der Leiche nieder — s 234.— mit dem Kinde, und lag ohnmaͤchtig uͤber daſ⸗ ſelbe niedergebeugt.— Der Schrecken hielt noch ſein Leichentuch um Alle gebreitet und malte ſich in den Mienen und verſprach noch groͤßer zu werden bei dem Erwa⸗ chen des Weibes und ihrem Jammer.— Horch! da ertoͤnte Glockengeklingel von zwei Maulthieren den Berg herauf, und es naͤherte ſich reitend eine weibliche Geſtalt mit einem Kinde: ein Mann ritt neben ihr.— 1— Es war Clara mit ihrem Kinde: ſie kam wieder, wie ſie verſprochen.— Paolo mit ihr. „Wo iſt mein Gemahl?“ rief ſie gegen den Keris der ſie nicht durchlaſſen wollte— wo iſt Steffano?“— „Dort,“ ſagte endlich Einer und wies nach dem Verhuͤllten.— Sie ſtuͤrzte vom Roſſe, machte ſich Bahn hindurch, das Kind hielt ihr Arm;— ſie riß die Decke auf und ſchrie laut bei dem entſetzlichen Anblicke.— Aber ſie wimmerte nur noch einmal, denn ihr Blut uͤber⸗ ſteoͤmte den Todten; ſie hatte ſich den eigenen Dolch in die Bruſt gebohrt. Sie ſtieß den Kna⸗ — — 235— ben von ſich— umſchlang die Leiche und hant⸗ bald ausgehaucht.— Jellena war inzwiſchen erwacht.— Sie ber⸗ blickte Alles; ſie ſah ein zweites weinendes Kind zu ihren Fuͤßen— ihre Lippen bewegten ſich, man ſah, daß ſie betete. Endlich druͤckte ſie Cla⸗ ra's Kind an ihr Herz und rief:„Ich will Deine Mutter ſein. Jene Beiden, die ihn liebten, ha⸗ ben ſich den Leib erwaͤhlt; ich habe ein beſſeres Angedenken: ſeine Kinder, die ich zur Tugend und einem beſſern Looſe fuͤhren kann.“— „Bei Gott!“ rief der Saͤnger Philipp, der mittlerweile mit Wuk auch herbeigekommen war— „die Czernogorzentochter hat Alle uͤberwunden in treuer, reiner Liebe; ſie iſt hoͤher als die Heidin, als die fremde Chriſtin auch!“—— Und ſo endete Stephan Maly, auch Steffano Pikolo genannt, der Montenegriner⸗ haͤuptling. Er war, ſeinem eigenen Ausſpruche nach, zu ſchlecht fuͤr eine Krone und zu gut fuͤr einen Raͤuberhauptmann. Unter guͤnſtigern Ver⸗ haͤltniſſen haͤtte er, wie 50 Jahre ſpaͤter ein gluͤcklicher Emporkoͤmmling, vielleicht eine Krone errungen, nach welcher allein ſein Beſtreben — 236— ging.— Sein Angedenken lebt noch jetzt im Munde des Volkes zu Montenegro; Viele glau⸗ ben noch, er ſei wirklich Peter der Dritte ggeweſen.— Vielleicht gebe ich dem Leſer bei einer andern Gelegenheit naͤheren Aufſchluß uͤber das fruͤhere Leben dieſes merkwuͤrdigen Mannes. — Ende. V ——— ———— „½ 8 8