⸗ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Teſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden T 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſp hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v ag von Morgens Entgegennahme rechende Summe on mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— er: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wcr.— Pf. „ 3 4„„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, lorene oder defecte Buch ein T heil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. beſchmutzte, ver⸗ Johann Gottfried von Herder's ſaͤmmtliche Werke. Zur ſchoͤnen Literatur und Kunſt. Neunter Theil. ——— Stuttgart und Kuͤbingen, in der J. G. Cottaſſchen Buchhandln ⸗ 182 3. Johann Gottfried von Herder's Blumenleſe aus morgenlaͤndiſchen Dichtern. Herausgegeben durch Johann von Muͤller. Stuttgart und Tuͤbingen, in der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung 182 8. 1. Blaͤtter der Vorzeit. Dichtungen aus der morgenlaͤndiſchen Sage. Aus den zerſireuten Braͤttern, dritte Sammlung, 1787. Erſte Vorrede zu den juͤdiſchen Dichtungen und Fabeln. (Im Teutſchen Merkur 1781.) Die ebraͤiſche Nation hat ihre Mythologie und Dichtung, wie alle Voͤlker, die durch Spra⸗ ſche und Tradition bis ins hohe Alterthum reichen; nur es iſt dieſelbe nicht ſo bekannt, geſchaͤtzt und ausgebildet, als die Mythologie andrer, ſelbſt eini⸗ ger unſtreitig rauherer und wilderer Voͤlker. Die Urſache hievon liegt meiſtens in den Schickſalen der Nation, in der Lage ihrer aͤußern und innern Um⸗ ſtaͤnde, die auch die Anwendung ihres Ge⸗ ſchmacks und des Scharfſinnes, den ihr die Natur gewiß nicht verſagt hat, beſtimmt oder fehl⸗ geleitet haben. Ich gehe alles vorbei und fuͤhre nur das Eine an. Das alte Teſtament iſt bei ihnen das Buch der Buͤcher; alle Lehre, alle Weisheit muß demſelben irgendwo angefuͤgt, aus ihm, wo moͤglich, hergeleitet werden. Nothwendig mußte dieß den ſcharfſinnigen Koͤpfen des Volks einen 3 engen, zu engen Kreis geben. Man ſezte hinter den Text der Bibel, was unſtreitig beſſer allein geſtanden haͤtte: man kleidete in ein Bild, in eine Parabel, was lieber eine freie Dichtung werden mochte; man ſahe ſich endlich gendthigt, nach vielen Proben der Weiſen voriger Zeit Arten der Aus⸗ legung feſtzuſetzen, die eigentlich gar keine Aus⸗ legung, ſondern Anwendung, freie Dichtung mit Worten oder nur bei Gelegenheit Eines Worts des bibliſchen Texts waren, deren hoͤchſte Schoͤnheit alſo natuͤrlich dahin ging, mit Worten der Bibel etwas ganz anderes zu ſagen, als der urſpruͤngliche Sinn war; etwas Neues, unerwartet Scharfſinniges und Schoͤnes. Lehrer und Schuͤler wetteiferten hieruͤber; und die Sache iſt jedem bekannt, der nur Einen Bibel⸗Commen⸗ tar dieſes Volks, Eine Sammlung ihrer Spruͤche, Dichtungen und Fabeln geſehen, oder auch nur die Regeln der Auslegung und Erweiterung des Worts ihrer Vaͤter, die ſie ſelbſt geben, geleſen. Aber nun, was hatte dieſe Dichtungsart, dieſe Einkleidung und Anheftung ſcharfſtnniger Gedanken an die Sprache der Bibel— was hatte ſie fuͤr ein Schickſal, da ſte in die Haͤnde andrer Nationen fiel, die dieß alles fuͤr eigentliche Auslegung des Worts Gottes hielten? Wo der Nabbi am ſcharffinnigſten geweſen war, ward er am duͤmm⸗ ſten; eben wo er den feinſten Witz angebracht hatte, ſchien er ein raſender Schwaͤrmer. Man machte 9 laͤcherlich, was man hin und wieder gar nicht ver⸗ ſtand; und indem man den ſchoͤnen glaͤnzenden Staub auf dem Fluͤgel des Schmetterlings mit gro⸗ ben Haͤnden angreifen, ja gar zerſaͤgen und zer⸗ theilen wollte, freilich ſo ging der Schmetterling und ſein Fluͤgel verloren, und man beſudelte ſich nur die Haͤnde. Die die Geſchichte dieſes Volks und ſeiner Be⸗ handlung kennen, werden auch literariſch hieruͤber keine Beweiſe verlangen; eine Reihe Buͤcher, zum Theil ſehr neuer Buͤcher, ſind davon redende Be⸗ welſe. Doch warum dieß alles an dieſem Orte? Ich wollte hier nur eine kleine Probe vom dichteriſchen Witz und Scharfſinn, oder, wenn man will, von der Mythologie der Ebraͤer geben, meiſtens nur nach Maßgabe ihrer aͤlteſten Geſchichte. Der Reichthum derſelben, die ganze Bibel hinunter und an andern Orten, iſt groß, aber ſehr ungleich. Es thaͤte mir leid, wenn niemand etwas Scharfſinnk⸗ ges, etwas Geiſtiges und Feines in dieſen Dich⸗ tungen faͤnde; ſehr lieb aber waͤre mirs, wenn ich einen Weiſen, einen Gelehrten der Nation ſelbſt veranlaßte, die Perlen aus dem Grunde des Meers, die Goldkoͤrner aus dem ſchlechten Staube, hervor⸗ zuziehen, und uns reichere, ſchoͤnere Sammlungen zu geben, wie Hr. Mendelſohn theils mit eini⸗ gen Gedichten und Fabeln, theils mit einigen Spruͤchen und Geſchichten der Weiſen ſeines Volks 10 ſchon gethan hat. Zum Schluſſe erinnere ich nur Eins. Wenn die Dichtung mit Worten der „Bibel ſpricht und meiſtens die Worte in einem rneuen Sinn anfuͤhret, ſo iſt dieß theils ihr Zweck, ortheils im Ohr der Nation ihre beſondre Schoͤn⸗ wheit. Zweite Vorrede. „(In der dritten Sammlung zerſtreuter Bluͤtter 1787.) Nachſtehende Dichtungen maßen ſich keine Stelle unter Aeſops Fabeln an; vielmehr verbergen ſie ſiw unter dem beſcheidnern Namen der Dichtun⸗ gen aus Sagen. Denn aus Sagen oder aus der Geſchichte alter morgenlaͤndiſcher Voͤlker ſind ſie geſchoͤpft; ſie mußten alſo auch in ihrer neuen Geſtalt den Sitten und der Vorſtellungsart dieſer Nationen treu bleiben, ſelbſt wo dieſe von der unſern ſich weit entfernen. Zum kindlichen Ton der Sage gehoͤrte es auch, daß ſie kein poetiſches Splbenmaß haͤtten, und auf den Schmuck feinerer Voͤlker uͤberhaupt Verzicht thaͤten. Sie ſtehen be⸗ ſcheiden als Fremdlinge hier, und erwarten die freundliche Willfaͤhrigkeit, die man Auslaͤndern er⸗ weiſet, daß man naͤmlich in ihre Denkart eingehe, und ſte nur nach ihren eignen Geſetzen richte. Ich bin zu ihnen gekommen, auf Wegen wo ich ſo etwas nicht ſuchte; meiſtentheils naͤmlich im Studium morgenlaͤndiſcher Sprachen, Sagen, und Commentare. Hier war mir oft ein Bild, ein Gleichniß, eine Dichtung, das was jenem muͤden Propheten der Wachholderbaum in der Wuͤſte war; an ſich eine arme Geniſte, die ihm indeß Schatten gab und ihn ſtaͤrkte. Oder ohne Bild zu reden, ich traf in den Sagen des Morgenlandes, ſo un⸗ 12 ereimt ſte manchmal ſchienen, oft ſo dichteriſche Ideen an, die um eine beſſere Ausbildung gleich⸗ ſam fleheten, daß es mir ſchwer ward, ſie nicht aus⸗ zuzeichnen und in muͤßigen Stunden nach meiner Weiſe zu geſtalten. Niemand alſo vermiſche dieſe Dichtungen mit den Erzaͤhlungen der Bibel; ſie ſind voͤllige Apokryphen, entweder alte Sagen mehrerer morgenlaͤndiſchen Voͤlker, oder wenig⸗ ſtens aus Samenkoͤrnern dieſer Art entſproſſene Gewaͤchſe. In ihrer Ausbildung gehoͤren die mei⸗ ſten mir voͤllig zu; wenige nur ſind, wie ſie daſte⸗ hen, ganz in der Tradition gegeben.*) Alle andre⸗ aber ſtützen ſich ebenfalls, wie jeder Beleſene es wiſſen wird, auf Sagen; und je mehr ſie ſich auf ſolche ſtuͤtzen, je aͤchter ſie den Geiſt des Morgen⸗ landes, der in ſolchen herrſcht, auch in dieſer Nach⸗ bildung hauchen, deſto mehr erreichen ſie ihre Wirkung. Man hoͤrt in ihnen ſodann ein fortge⸗ ſetztes Maͤhrchen ſeiner Kindheit: die Dichtung ſchlingt ſich an das, was man von Jugend auf lernte, indem ſie den Schatten und Umriß beruͤhmter Ge⸗ genden und Namen gleichſam nur ausmahlet. Kind muß man alſo auch werden, wenn man dieſe Dichtungen, als morgenlaͤndiſche Fabeln oder Idyllen lieſet; und da einige derſelben bereits im teutſchen Merkur 1781 den Beifall von Perſonen erhalten haben, deren zwei oder drei mir ſtatt vleler ſind; ſo bin ich uͤber die jetzt hinzu gekommenen wenig verlegen. Sie ſind aus eben denſelben Quellen geſchoͤpft, und athmen den Geiſt einer und derfel⸗ ben Weltgegend. *) 3. B. die Kindheit Abrahams. Joſeph und Zulikg. Der Wanderſtab des Propheten, u. a, — Erſte Sammlung. Die Blaͤtter der Vorzeit. Im Hain der älteſten Sage irrte mein Geiſt um⸗ her, und kam an die Pforte des Paradieſes.„Was willſt du, Sterblicher, hier?“ ſprach jene glänzende Wundergeſtalt, die den heiligen Garten bewachte; aber gemildert war ihr Glanz, und ſtatt des feurigen Schwer⸗ tes hatte ſie einen Palmzweig in ihrer menſchlichen Hand. „Die älteſte Wohnung meines Geſchlechts zu ſehen,“ antwortete ich;„den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntniß und jene glücklichen Auen, auf welchen der Vater der Menſchen von allem Lebendigen einſt und von den Elohim ſelbſt kindliche Weisheit lernte.“ „Dieß Paradies iſt verblühet,“ ſagte die Wunderge⸗ ſtalt.„In einen unſterblichen Garten iſt der Baum des Lebens verpflanzt, und der Baum der Erkenntniß blür⸗ het allen Völkern der Erde. Erkenne meine Geſtalt, 7 Der Cherub ſprach's, verührend mich mit ſeinem Zweige, und erhob ſich in die Luft. Welche Geſtalt ſah jetzt mein Auge! welche Stim⸗ men der Schöpfung vernahm mein neu⸗geöffnetes Ohr! Alles Lebendige und die Könige ſeiner Geſchlechter, Adler und Stier, Menſch und Löwe, ſie trugen des Ewig⸗ lebenden Thron: Ein Glanz, Ein Lobgeſang in raſtloſer 14 Bewegung. Wohin der Adler flog, dahin keuchte der Stier, dahin wandte der Löwe ſich; und der Menſch, ihr aller freundlicher und jüngſtgeborner Bruder, Er war der Prieſter der Natur, der Aller Stimmen und Opfer dem Ewiglebenden darbrachte; den heiligen Wa⸗ gen der Erdeſchöpfung lenkte er. Mein Geiſt zerfloß in Harmonie des Lobgeſanges aller Weſen.— Da ſtand in mildenem Glanz der Cherub wieder vor mir. Der Palmzweig, der in ſeiner Rechten war zer⸗ filel: ſeine Blätter waren die unverwelklichen Blätter der älteſten Sage.„Empfange ſie,“ ſprach er,„lies und deute ſie deinen Brüdern.“ Das Geſicht verſchwand. Ich folge dem Wort der Wundergeſtatt, die, wle alle Geſtalten, ſo alle Stimmen der Schöpfung in ſich versinet und jedes entfäßkaſene Menſchengeſchlecht über⸗ kebt hat. Auf meiner Lippe ſey die Sprache der alten Zeit; meine kindliche Sage athme den Hauch vom Zwei⸗ ge des Paradieſes. Licht und Liebe. Im Anfange war alles wüſt' und leer, ein kalter Meeresabgrund; die Etemente der Diunge lagen wild durch einander. Da wehete Lebenshauch vom Munde des Ewigen und brach des Eiſes Ketten und regte wie eine brütende Taube die erwärmenden Mutterflüzel ſanft. In dunkler Tiefe regte ſich alles jetzt, aufringend zur Geburt. Da erſazien der Erſtgeborne, das ſanft erfreuende Licht. Das holde Licht, vereint mit der Mutterliebe, die über den Waſſern ſcowebete: ſie ſchwangen ſich auf zum Himmel und webten das goldene Blau: ſie fuhren hinunter zur Tiefe und fültten mit Leben ſie an: ſie trugen die Erd' empor, einen Gottes⸗Altar, beſtreuend ſie mit immerverjüngten Brumen: den kleinſten Staub beſeelten ſie. 15⁵⁰ Und ats ſie Meer und Tiefen und Luft und Erde mit Leben erfüllet hatten, da ſtanden ſie rathſchlagend ſtill und ſprachen zu einander:„Laſſet uns Menſchen ſchaffen, unſer Bild; ein Gleichniß deß, der Himmel und Erde durch Licht und Liebe ſchuf.“ Da fuhr Leben in den Staub: da ſtrahlte Licht des Menſchen göttti⸗ ches Antlitz an, und Liebe waͤhlete ſein Herz zu ihrer ſtillen Wohnung. Der ewige Vater ſah's und nannte die Schöpfung gut: denn alles füllte, alles durchdrang ſein immerwir⸗ kend Licht und ſeine holde Tochter, die belebende Lie⸗ be ſelbſt. * 1* Was murrſt du, müßiger Weiſer, und ſtaunſt die Welt wie ein dunkles Chaos an? Das Chaos iſt geord⸗ net; ordne du dich ſelbſt. Im wirkenden Leben nur iſt Menſchenfreude; in Licht und Liehe nur des Schö⸗ pfers Seligkeit.. Sonne und Mond. Tochter der Schönheit, hüte vor Neide dich. Der Neid hat Engel vom Himmer geſtürzt: er hat die holde Geſtalt der Nacht, den ſchönen Mond, verdunkelt. 8. 4 Vom Rath des Ewigen ging die ſchaffende Stimme aus:„Zwei Lichter ſollen am Firmamente glänzen, als Könige der Erde, Entſcheider der rollenden Zeit.“ Er ſprach's; es ward. Auf ging die Sonne, das erſte Licht. Wie ein Bräutigam am Morgen aus ſei⸗ ner Kammer tritt, wie der Held ſich freuet auf ſeine Siegesbahn: ſo ſtand ſie da, gebleidet in Gottes Glanz. Ein Kranz von allen Farben umftoß ihr Haupt: die Erde jauchzete: ihr dufteten vie Kräuter: die Blumen ſchmückten ſich— 16 Neidend ſtand das andre Licht und ſah, daß es die Herrliche nicht zu überglänzen vermochte.„Was ſollen,“ ſprach ſie murrend bei ſich ſelbſt,„zwei Fürſten auf Einem Thron? Warum muß ich die Zweite und nicht die Erſte ſeyn?“— Und plötzlich ſchwand, vom innern Grame verjagt, ihr ſchönes Licht hinweg. Hinweg von ihr floß es weit in die Luft und ward das Heer der Sterne. Wie eine Todte bleich ſtand Luna da, beſchämt vor allen Himmliſchen und weinte:„Erbarme dich, Vater der Weſen, erbarme dich!“ Und Gottes Engel ſtand vor der Finſtern da: er ſprach zu ihr des heiligen Schickſals Wort:„Weil du das Licht der Sonne beneidet haſt, Unglückliche, ſo wirſt du künftig nur von ihrem Lichte glänzen; und wenn dort jene Erde vor dich tritt: ſo ſteheſt du halb oder 1 ganz verfinſtert da wie jetzt.“ „Doch, Kind des Irrthums, weine nicht. Der Er⸗, barmende hat dir deinen Fehl verziehen, und ihn in Wohl verwandelt. Geh, ſprach er, ſprich der Reuenden tröſtend zu: auch ſie in ihrem Glanze ſey Königinn. Die Thränen ihrer Reue werden ein Balſam ſeyn, der alles Lechzende erquickt, der das vom Sonnenſtrahl Er⸗ mattete mit neuer Kraft belebet.“ Getröſtet wandte ſich Luna, und ſiehe, da umfloß ſie jener Glanz, in welchem ſie jetzt noch glänzt: ſie trat ihn an den ſtillen Gang, den ſie jetzo noch geht, die Königinn der Nacht, die Fuͤhrerinn der Sterne. Be⸗ weinend ihre Schuld, mitleidend jeder Thräne, ſucht ſte, wen ſie erquicke; ſie ſuchet, wen ſie tröſte. ** * „Tochter der Schoͤnheit, hüte vor Neide dich. Der Neid hat Engel vom Himmer geſtürzt: er hat die holde Geſtalt der Nacht, den ſchönen Mond, verdunkelt. Das 17 Das Kind der Barmherzigkeit. Als der Allmächtige den Menſchen erſchaffen wollte verſammelte er rathſchlagend die oberſten Engel um ſich. „Erſchaffe ihn nicht!“ ſo ſprach der Engel der Ge⸗ rechtigkeit;„er wird unbillig gegen ſeine Brüder ſeyn, und hart und grauſam gegen den Schwächern handeln.“ „Erſchaffe ihn nicht!“ ſo ſprach der Engel des Frie⸗ dens.„Er wird die Erde düngen mit Menſchenblut; der Erſtgebohrne ſeines Geſchlechts wird ſeinen Bruder morden.“ „Dein Heiligthum wird er mit Lügen entweihen,“ ſo ſprach der Engel der Wahrheit,„und ob du ihm dein Bildniß ſelbſt, der Treue Siegel auf ſein Antlitz prägteſt.“ Roch ſprachen ſie, als die Barmherzigkeit, des ewigen Vaters füngſtes liebſtes Kind, zu ſeinem Throne trar, und ſeine Kniee umfaßte.„Bild' ihn,“ ſprach ſie, „Bater, zu deinem Bilde ſelbſt, ein Liebling deiner Güte, Wenn alle deine Diener ihn verlaſſen, will ich ihn ſu⸗ chen, und ihm liebend beiſtehn und ſeine Fehler ſelbſt zum Guten kenken. Des Schwachen Herz will ich mit⸗ keidig machen und zum Erbarmen gegen Schwaͤchere nei⸗ gen. Wenn er vom Frieden und der Wahrheit irret, wenn er Gerechtigkeit und Billigkeit beleidigt: ſo ſollen ſeines Irrthums Folgen ſelbſt zurück ihn führen und mit Liebe beſſern.“ Der Vater der Menſchen bildete den Menſchen. Ein fehlbar⸗ſchwaches Geſchöpf; aber in Fehlern ſelbſt ein Zög⸗ king ſeiner Güte, Sohn der Barmherzigkeit, Sohn einer Liebe, die nimmer ihn verläßt, ihn immer beſſernd.— „Erinnere dich deines Urſprungs, Menſch, wenn du hart und undiltig biſt. Von allen Gottes⸗Eigenſchaf⸗ ten hat Barin herzigkeit zum Leben dich erwählt; und lebend reichte dir Erbarmu ng nur und Liebe dis mütterliche Bruſt. —x; Perders Werke z. ſchön. Lit. u Kunſt. IX. 2 18 Die Geſtalt des Menſchen. Der Schaffende ſtieg hernieder und alle Engel, die Fürſten der Elemente, ſahen auf ſein Werk. Er rief dem Staube. Zuſammen flog der Staub aus allen Theilen der Erde; der Engel der Erde ſprach: „ein ſterbliches Geſchöpf wird dieß Gebilde ſeyn, wo irgend auf Erden es lebt. Denn Erde iſt es, und muß zur Erde werden.“ 3 Er rief der himmliſchen Wolke; ſie feuchtete den Staub. Da wälzete ſich der Thon, und wölbete ſich mit innern Gefäßen und Kammern. Und der Engel des Waſſers ſprach:„Du wirſt der Nahrung bedürfen, künſt⸗ liches Geſchöpf; Hunger und Durſt werden die Triebe deines Lebens werden.“ Von innen formeten ſich Adern und Gänge; von auſſen mancherlei Glieder, und der Engel der Lebendigen ſprach:„mancherlei Verlangen wirſt du unterworfen ſeyn, kunſtreich⸗ſchönes Gebilde, die Liebe deines Ge⸗ ſchlechtes wird dich ziehen und treiben.“ Da trat Jehovah zu ihm mit ſeinen Töchtern, der Liebe und der Weisheit. Vaäterlich richtete er ihn auf, und gab im Kuß ihm ſeinen unſterblichen Athem. Erhaben ſtand der Menſch, und blickte freundlich umher: „Siehe,“ ſprach der Schöpfer,„alle Gewächſe der Flur, alle Thiere des Feldes habe ich dir gegeben: dein Vater⸗ lrand, die ganze Erde iſt dein, daß du ſie verwalteſt. Aber du ſelbſt biſt mein, dein Athem iſt mein; ich neh⸗ me ihn dir, wenn deine Zeit kommt, wieder.— Die Töchter Gottes, Weisheit und Liebe, dlie⸗ ben bei ihm, dem neuen Gott der Erde. Sie unter⸗ richteten ihn, lehrten ihn kennen Kräuter und Thiere; ſie ſprachen mit ihm als ſeine Geſpielinnen, und ihre Luſt war bei dem Menſchenkinde. 3 So lebet der Menſch hienieden ſeine Zelit. Dann ſinket er zuſammen und, gibt zurück den Leib den Els⸗ 1 19 menten, aus welchen er ward; aber ſein Geiſt kehrt wieder zu Gott, der ſeinen Athem ihm im Vater⸗Kuſſe gegeben. —— Der Weinſtock. Am Tage der Schöpfung rühmten die Bäume gegen einander, frohlockend ein jeglicher über ſich ſelbſt.„Mich hat der Herr gepflanzt,“ ſo ſprach die erhabene Ceder; „Beſtigkeit und Wohlgeruch, Dauer und Stärke hat er in mir vereint.“„Jehovahs Huld hat mich zum Segen geſetzt,“ ſo ſprach der umſchattende Palmbaum;„Nutzen und Schönheit hat er in mir vermählet.“ Der Apfel⸗ baum ſprach:„wie ein Bräutigam unter den Jünglin⸗ gen, prange ich unter den Baͤumen des Paradieſes.“ Und die Myrthe ſprach:„wie unter den Dornen die Roſe, ſtehe ich unter meinen Geſchwiſtern, dem niedri⸗ gen Geſtraͤuch.“ So rühmten alle, der Oel, und Feigen⸗ baum, ſelbſt die Fichte und Tanne rühmten ſich.— Der einzige Weinſtock ſchwieg und ſank zu Boden. „Mir, ſprach er zu ſich ſelbſt, ſcheint alles verſagt zu ſeyn, Stamm und Aeſte, Blüthen und Frucht; aber ſo, wie ich bin, will ich noch hoffen und warten.“ Er ſank danieder, und ſeine Zweige weinten. Nicht lange wartete und weinte er; ſiehe da trat die Gottheit der Erde, der freundliche Menſch, zu ihm. Er ſah ein ſchwaches Gewächs, ein Spiel der Lüfte, das unter ſich ſank, und Hülfe begehrte. Mitleidig rich⸗ tete er's auf, und ſchlang den zarten Baum an ſeine Laube. Froher ſpielten anjetzt die Lüfte mit ſeinen Reben, die Gluth der Sonne durchdrang ihre harten, grünenden Körner, bereitend in ihnen den ſüßen Saft, den Trank für Götter und. Menſchen. Mit reichen Trauben geſchmückt neigete bald der Weinſtoch ſich zu ſeinem Herren nieder, und dieſer koſtete ſeinen erquicken⸗ 2 20 den Saft, und nannte ihn ſeinen Freund. Die ſtolzen Bäu⸗ me beneideten jetzt die ſchwanke Ranke: denn viele von ihnen ſtanden ſchon entfruchtet da; er aber fraéuete ſich ſeiner ſchlanken Geſtart und ſeiner harrenden Hoffnung. Darum erfreut ſein Saft noch jetzt des Menſchen Herz, und hebt empor den niedergeſunkenen Muth, und erquicket den Betrübten. ** ½ Berzage nicht, Verlaſſener und harre duldend aus. Im unanſehnlichen Rohre quilt der ſüßeſte Saft; die ſchwache Rebe gebiert Begeiſterung und Entzückung. Die Baͤume des Paradieſes. Als Gott den Menſchen in ſein Paradies einführete, da neigeten ſich vor ihm des Paradieſes Bäume; jeder bot mit wehendem Wipfel dem Lieblinge Gottes ſeine Früchte dar, und ſeiner Zweige Schatten zur Erauickung. „O daß er mich erwählte,“ ſprach der Palmbaum,„ich wollte ihn ſpeiſen mit den Trauben meiner Bruſt und mit dem Weine meines Saftes ihn tränken. Von mei⸗ nen Wättern wollte ich ihm eine friedliche Hütte bauen und überſchatten ihn mit meinen Zweigen.“„Mit meinen Blüthen wollte ich dich beſtreuen, ſprach der Apfelbaum, und laben dich mit meinen beſten Früchten.“ So alle Bäume des Paradieſes; und Jehovah füh⸗ rete Adam freundlich hin zu ihnen, nannte ihm die Ramen aller, und erlaubte ihm den Genuß von allen, außer Einer Frucht vom Baum der Erkenntniß. „Ein Baum der Erkenntniß: ſprach der Menſch in ſich. Alle andere Bäume geben mir nur irrdiſche, leibliche Nahrung; und dieſer Baum, der meinen Geiſt erhebt, der die Kraͤfte meines Gemüthes ſtärkt, Er wäre mir verboten?“ Noch unterdrückte er den Gedan⸗ ken zwarz als aber das Beiſpiel und die Stimme der 21 Verführung zu ihm ſprach, da koſtete er von der bäſen⸗ Frucht, deren Saft noch jetzt in unſerm Herzen gähret. Alle ſchätzen wir gering, was uns vergönnet iſt, und ſehnen uns nach dem Verbotenen: wir wollen nicht gläcklich ſeyn durch das, was wir ſchon ſind; wir ha⸗ ſchen nach Etwas, das über uns iſt, hoch über unſerm Kreiſe. * X** „Du haſt den Menſchen ein hartes Verbot gethan, ſprachen die höhern Geiſter, als Gutt wiederkehrte: denn was iſt reizender einem Geſclöpf. dem du Vernunft gegegen, als daß es Erkenntniß lerne? Und deßhalb willſt du ihn, der dein Gebot bald übertreten wird. mit dem Tode ſtrafen?“ 8 „Wartet, wie ich ihn ſtrafen werde!“ ſprach der Gut tige:„ſelbſt auf dem Wege ſeines Irrthums, der mit⸗ Schmerzen der Reue ihn durch ſtechende Dornen führen wird, ſelbſt dort geleit⸗ ich ihn zu einem andern Baum, zum Baume eines höheren Paradieſes.“ Lilis und Ewa. Einſam ging Adam im Paradieſe umher: er pflegte der Bäume, nannte die Thiere, freuete ſich überall der fruchtbaren ſegenreichen Schöpfung, fand aber unter allem Lebendigen nichts, das die Wünſche ſeines Her⸗ zens mit ihm theitte. Endlich blieb ſein Auge an ei⸗ nem der ſchönen Luftweſen hangen, die, wie die Sage ſagt, längſt vor dem Menſchen die Bewohner der Erde geweſen waren, und die ſein damals helterer Blick zu ſchauen vermochte. Lilis hieß die ſchöne Geſtalt, die, wie ihre Sa weſtern auf Bäumen und Blumen wohnte, und nur von den ſchönſten Gerüchen lebte.„Alle Ge⸗ ſchöpfe,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„leben in Gemeinſchaft 22 unter einander, o daß mir dieſe ſchöne Geſtalt zur Gattinn wuͤrde!“ 4 Der Vater der Menſchen hörte ſeinen Wunſch und ſprach zu ihm:„du haſt dein Auge auf eine Geſtalt geworfen, die nicht für dich erſchaffen iſt; indeſſen, dei⸗ nem Irrthum zur Belehrung, ſey dir dein Verlangen gewähret.“ Er ſprach das Wort der Verwandlung, und Lilis ſtand da in menſchlichen Gliedern. Freudig wallete Adam ihr entgegen; ſchnell aber ſah er ſeinen Irrthum ein, denn die ſchöne Lilis war ſtolz, und entzog ſich ſeiner Umarmung.„Bin ich,“ ſprach ſte,„deines Urſprunges? Aus Luft des Himmels ward ich gebildet und nicht aus niedriger Erde. Jahrtauſen⸗ de ſind mein Leben: Stärke der Geiſter iſt meine Kraft, und Wohlgeruch meine himmliſche Speiſe. Ich mag dein niedriges Geſchlecht der Staubgebornen mit dir nicht vermehren.“ Sie entflog, und wollte nicht wieder zu ihrem Manne kehren. Gott ſprach:„es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey; ich will ihm eine Gattinn geben, die ſich zu ihm füge.“ Da fiel ein tiefer Schlaf auf Adam, und ein weiſſagender Traum wies ihm das neue Gebilde. Aus ſeiner Seite ſtieg's empor, mit ihm von einerlei Weſen. Freudig erwachte er, und ſah ſein zweites Selbſt; und als Gott die Liebliche zu ihm führte, ſiehe da be⸗ wegte ſich die Stätte ſeines Herzens, denn ſie war ſei⸗ nem HKerzen nahe geweſen.„Mein biſt du,“ rief er aus, „du ſollt Männinn heißen: denn du biſt vom Manne genommen.“ 3 Darum, wenn Gott einen Jüngling liebet: ſo gibt er ihm die Hälfte, die ſein iſt, das Gebilde ſeines Her⸗ zens, zum Weibe. Empfindend, daß ſie für einander geſchaffen worden, werden ſie beide zu Einem Bilde in täglich neuer Zufriedenheit und Jugend⸗Schönheit. Wer 2³3 aber fruͤhe nach fremden Reizen blickt und buhlt nach Weſen, die nicht zu ihm gehören, empfängt zur Strafe eine fremde Hälfte. In Einem Leibe zwo verſchiedne Seelen, haſſen ſie einander, zerreißen ſich und quälen einander zu Tode. Sammasl. Als Gott den Menſchen aus Staube geſchaffen und den verweslichen Staub gekrönet hatte mit ſeines Eben⸗ bildes Krone, ſtellete er ihn den Engeln dar und allen (Geſchöpfen. Die Schaar der Engel neigete ſich vor ihm als ihrem jüngern Bruder; ſie dienten ihm fröhlich bei ſeiner paradieſiſchen Hochzeitfreude. Nur einer derſelben, der ſtolze Sammael, ſpottete ſein:„Bin ich nicht, ſprach er, aus Licht geſchaffen worden, nicht aus Staube? Der Feuerſtrom, der vom Throne fließt, gab mir das Weſen und nicht die zer⸗ fallende Erde.“— Siehe, da wich von ihm der Strom des Lichts; wie Schnee zerſchmolz das Kleid, das ihn umgab und glänzend ſchmückte. Der ſtolzeſte Geiſt erſchien jetzt als der niedrigſte, da ihn die Kraft verließ, die ja nicht ſein war. Voll Zorn entwich er der Schaar der Himmriſchen, und drohte Rache den unſchuldigen Menſchen.„Da ich durch Euch, ſprach er, unglücktich worden bin, ſo ſollet auch Ihr durch mich unglücklich werden.“ Er hatte das Verbot gehört, das ihnen die Frucht des ſchädlichen Baumes unterſagte; er nahm die letzten Strahlen zu⸗ ſammen und wollte ſie noch in Engelgeſtalt verführen. Aber der Schnee zerſchmolz, den er zu ſeinem Kleide vieden wollte, und da er den Weg des Verführers ging, 2 ½ ſo erſchien er in Schlangengeſtalt; vom glänzenden Sey, raph blieben ihm nichts als ſchimmernde Farben. Eva ſah und bewunderte ſie, und ließ ſich bald ver⸗ führen: ſie aß vom Baume den Tod und reichte dem Manne die Frucht des Todes, Krankheit und Elend keimten jetzt für alle Geſchlechter der Erde. Der Vater der Menſchen erſchien. Er richtete die Verführten mit Erbarmen; die verführende Schlange aber ſtrafte er hart, verfluchend ſie zum tiof verabſcheue⸗ ten Wurm dey Erde.„Weil deine Freude es war“ ſprach er zu Sammael,„Unglückliche zu machen, ſo ſey künftig die Schadenfreude nur dein unglückſeliges Theil.“ Verbannet aus der Schaar der Seligen, verbannt von jedem ſegnenden Geſchäft, das Sammgel einſt im Himmmel geführt hatte, ward er jetzt— der Engel des Todes. Der Vogel unſterblicher Wahrheit. In Mitte des Paradieſes ſtanden die wunderbarſten Bäume der Welt, der Baum der Erkenntiß und der Baum des Lebens. Von dieſem zu eſſen war den Menſchen erlaubt; von jenem zu koſten war ihnen, um ihrer Kindheit wilten, verboten. Der einzige Phönix, damals noch der König des ganzen gefiederten Reichs, Er nur niſtete in dieſen Zweigen, und aß von ihnen unſterbliche Götterſpeiſe. Als Eva lüſtern zum Baum der Erkenntniß trat, und koſten wollte: da war's, als furchtbar auf dem Baum der geflügelte Zeuge der Wahrheit ſeine Stimme erhob, und alſo ſprach:„Betrogne wo irreſt du hin? was zu erblicken, öffneſt du die Augen? Dich nackt zu ſehen, wirſt du weiſe; dich arm zu fühlen, willſt du Göttinn werden!“— Aber Eva's Blick hing an der täuſchenden Frucht und 25 am liſtigen Verführer; ſie übertrat des Herrn Gebot, und hörte des weiſſagenden Vogels Stimme nicht. Als über alle Geſchöpfe des Paradieſes der Tod kam, ſonderte Gott den treuen Vogel aus, fortan auf ewige Zeit ein Zeuge der Wahrheit. Zwar mußte auch Er mit allen Lebendigen den Sitz der Unſchuld räumen: König der Vögel, die jetzt einander bekriegten, wollte er ſelbſt nicht mehr ſeyn: ſeinen einſt glücklichen, ruhigen Thron nahm ein Raubvogel ein, der blutbegierige Adler. Auch die Unſterblichkeit konnte ihm fortan in dery dicke⸗ ren giftigen Erdeluft anders nicht als durch Verwand⸗ lung werden. Aber durch eine Verwandlung, die nach⸗ Jahrhunderten erſt, und ſchnell und herrlich dann ihn wieder verjüngt. Wenn ſeine Stunde nahet, iſt ihm ver⸗ gönnt, ins Paradies zu fliegen: vom Baum des Lebens und vom Erkenntniß⸗Baum bricht er ſich dort die dürren, alten Zweige, in deren Flamme ſich ſeine Glieder löſen. Die Zweige vom Baume der Weisheit bringen ihm Tod, die Flamme vom Baume des Lebens neue Jugend. Dann zieht er wieder in ſeine Wüſte zurück, und trauert um das Paradies; der ſchöne, einzige, ſelten geſehene, noch ſelte⸗ ner befolgte Vogelunſterblicher Wahrheit. Der himmliſche Schaͤfer. Tief in der Mitternacht vor jenem Frühlingsfeſte, an welchem die erſten Zwillingsſöhne des Menſchengeſchlechts dem Schöpfer ein Dankopfer bringen ſollten, ſah ihre Mutter im Schraf einen wunderbaren Traum. Die weißen Roſen, die ihr jüngerer Sohn um ſeinen Altar gepflanzt, waren in blutige vollere verwandelt, die ſie noch nie geſehn. Sie wollte die Roſe brechen, aber ſie zerfiel vor ihrer Hand. Auf dem Altar, auf welchem ſonſt nur Milch geopfert ward, lag jetzt ein blutiges Lamm. Weinende Stimmen erhuben ſich ringsum, und Eine Stimme der Verzweiflung war in ihnen, bis alles ſich zuletzt in ſüͤße Töne verlor, in Töne, die ſie noch nie gehöret hatte. 26 Und eine ſchöne Aue kag vor ihr, ſchöner als ſelbſt ihr Jugend⸗Paradies; und auf ihr weidete in ihres Sohnes Geſtalt, ein weißgekleideter Schäfer. Die rothen Roſen waren um ſein Haar, und in der Hand hielt er ein Saitenſpiel, aus welchem jene ſüßen Töne kamen. Er kehrte liebreich ſich zu ihr, er wollte ihr nahen and verſchwand. Der Traum verſchwand mit ihm. Erwachend ſah die Mutter des Tages Morgenröthe wie blutig aufgehn, und ging mit ſchwerem Herzen zum Opferfeſt. Die Brüder brachten ihr Opfer, die Eltern gingen heim. Am Abend aber kam der jüngere nicht wieder. Angſtvoll ſuchte die Mutter ihn, und fand nur ſeine zer⸗ ſtreute, traurige Heerde. Er ſelbſt lag blutig am Altar: die Roſen waren mit ſeinem Blute gefärbt, und Kains Aechzen ſchallte laut aus einer nahen Höhle. Ohnmächtig ſank ſie auf des Sohnes Leichnam, als ihr zum zweitenmal das Traumgeſicht erſchien. Ihr Sohn war jener Schäfer, den ſie dort im neuen Para⸗ dieſe ſah, die rothen Roſen waren um ſein Haar; lieb⸗ liche Töne klangen aus ſeiner Harfe; alſo ſang er ihr zu:„Schaue hinauf gen Himmel zu den Sternen: wei⸗ nende Mutter, ſchaue hinauf Sieh ienen glänzenden Wagen dort! er führt zu andern Auen, zu ſchönern Paradieſen, als du in Eden ſahſt; wo die blutgefärbte Roſe der Unſchuld voller blüht, und alle Seufzer ſich in ſüße Töne wandeln.“— Das Traumgeſicht verſchwand; geſtärkt ſtand Eva vom blaſſen Leichnam ihres Sohnes guf Und da ſie Morgens ihn mit ihrer Thräne bethaut und mit den Roſen ſeines Altars bekräͤnzet hatte, begruben Vater und Mutter ihn an Gottes Altar, vorm Angſicht einer ſchönern Morgenröthe. Oft aber ſaßen ſie an ſeinem Grabe zu Mitternacht, und ſahen gen Himmel hinauf zum hohen Sternen⸗Wagen, und ſuchten ihren Schäfer dort. 27 Adams Tod. Neunhundert dreißig Jahr war Adam alt, als er das Wort des Richtersein ſich fühlte: Du ſollt des Todes ſterben. „Laß alle meine Söhne vor mich kommen,“ ſprach er zur weinenden Eva,„daß ich ſie noch ſehe und ſegne.“ Sie kamen alle auf des Vaters Wort, und ſtunden vor ihm da, viel hundert an der Zahl, und flehten um ſein Leben. „Wer unter euch,“ ſprach Adam,„will zum heiligen Berge gehn? Vielleicht daß er für mich Erbarmung fin⸗ de, und bringe mir die Frucht vom Lebens⸗Baum.“— Alsbald erboten ſich alle ſeine Söhne, und Seth der frömmſte, ward vom Bater ſelbſt zur Botſchaft aus⸗ erwählet. Sein Haupt mit Aſche beſtreuet, eilte er und ſäumte nicht, bis er vor der Pforte des Paradieſes ſtand.„Laß ihn Erbarmung ünden, Barmherziger,(ſo flehete er) und fende meinem Vater eine Frucht vom Lebens⸗Baum.“ Schnell ſtand der glänzende Cherub da; und ſtatt der Frucht vom Lebensbaum hielt er einen Zweig von dreien Blättern in ſeiner Hand.„Bringe dem Vater ihn,“ ſo ſprach er freundlich,„zu ſeiner letzten Labung hier: denn ewiges Leben wohnt nicht auf der Erde. Nur eile; ſeine Stunde iſt da!“ Schnell eilte Seth und warf ſich nieder und ſprach: „keine Frucht vom Baume des Lebens bringe ich dir, mein Vater; nur dieſen Zweig hat mir der Enger gege⸗ ben, zu deiner letzten Labung hier.“ Der Sterbende nahm den Zweig und freuete ſich. Er roch an ihm den Geruch des Paradieſes: da erhob ſich ſeine Seele:„Kinder,“ ſprach er,„ewiges Leben wohnt für uns nicht auf der Erde: ihr folgt mir nach. Aber an dieſen Blättern athme ich Hauch einer andern Welt, Erguickung.“— Da vrach ſein Auge: ſein Geiſt entfloh. 28 Adams Kinder begruben ihren Vater, und weinten um ihn dreißig Tage lang; Seth aber weinte nicht. Er pflanzete den Zweig auf ſeines Vaters Grab zum Haupt des Todten und nannte ihn den Zweig des neuen Lebens, des Auferwachens aus dem Todesſchlaf. Der kleine Zweig erwuchs zum hohen Baum, und viele Kinder Adams ſtärkten ſich an ihm mit Troſt des andern Lebens. So kam er auf die folgenden Geſchlechter. Im Gar⸗ ten Davids blühete er ſchön, vis ſein bethörter Sohn an der Unſterblichkeit zu zweifeln anfing;, da verdorrete der Zweig, doch kamen ſeine Blüthen unter andre Völker. Und als an einem Stamm von dieſem Baum der Wiederbringer der Unſterblichkeit ſein heiliges Leben auif⸗ gab, ſtreuete ſich von ihm der Wohlgeruch des neuenn Lebens umher, weit unter alle Völker. Zweite Sammlung. Der Schwan des Paradieſes. Von Jugend an, ſaget die heilige Sage, wandelte Henoch mit Gott, und war ein ſtiller Betrachter. Als Kind ſchon hatte ſein Engel ihn ins Paradies geführt. Er las in Büchern, ihm vom Himmel geſandt, die nicht auf irrdiſche Blätter geſchrieben waren; er las im Buch der Sterne, daher man ihn den Betrachter, Idris, nannte. 4 Einſt ſaß er einſam unter der Ceder; da wehete ſtille Begeiſterung ihn an: er ſah das nahe Schickſal ſeiner Welt, die bald in Fluthen übergehen ſollte; er ſah den Tag des ſtrafenden Gerichts. „O daß ich,“ ſeufzte ſeine Seele,„dieß der Nachwelt kund thun könnte!“ Da ließ ein glänzender Schwan vom Himmel ſich herab; dreimal umflog er des Betrachters Haupt, und kangſam kehrte er in die Wolken. Henoch kannte ihn: es war ein Schwan des Para⸗ dieſes, den er einſt in ſeiner Kindheit geſehen und ge⸗ liebet hatte. Eine Feder war ſeiner Schwinge entfallen; er nahm die Feder, und ſchrieb damit ſeine Bücher der Zukunft. Und als er kange, jedoch vergeblich ſeine Brüder ge⸗ warnet hatte, und das Licht in ihm an ſeinen Ort hin⸗ 30 aufzuſteigen begehrte, da nahm er ſeinen Sohn zu ſich und ſprach:„die Tage meines Lebens ſind zu Ende, drei⸗ hundert fünf und ſechzig kurze Tage. Vielleicht daß dir mein Sohn, der Gütige, den Reſt von meinen Jahren zu deinen Jahren zählt. Er ſprachs und ſegnete ihn, da waren um ihn und hoben ihn ſanft empor die Schwäne des Pargdieſes. Auf ihren Flügeln trugen ſie ihn hinauf, und Henoch war nicht mehr. Und als ſein Sohn Methuſalah ihn vergebens in den Wolken des heiligen Berges ſuchte, ſtand vor ihm ein Mann in glänzender Geſtalt. Ich war der Engel deines Vaters,“ ſprach er,„der ihn erzog, und ſchon als Kind zum Paradieſe führte. Dort iſt er jetzt; er hat viele Jahre gelebt: denn er iſt bald vollkommen worden. Darum gefiel er Gott und war ihm lieb, und ward hinweggenommen aus dem Leben.“ Er ſprachs und rührete die Erde mit ſeinem Stabe an; da ſtand ein blühender Mandelbaum, der frühe Bote des Frühlings. Noch ehe ſeine Blaͤtter ſproſſen. mit nackten Zweigen treibet er Blüthen hervor, und ver⸗ kündigt die fröhliche Zeit. Der Engel war verſchwunden, und Methuſalah, der ſeines Vaters Jahre genoß, und das höt Alter der Erdgebornen erreichte, jährlich ſah er in. dieem frühaufblühenden Mandelbaum die Jugend ſeines Vaters. 3 3 Der Rabe Noahs. Aengſtlich blickte Noah umher aus ſeinem ſchwim⸗ menden Kaſten und wartete, bis die Waſſer der Sünd⸗ ftuth fielen. Kaum ſahen der Berge Spitzen hervor, als er alles Gefieder um ſich rief:„Wer, ſprach er, unter euch will Bote ſeyn, ob unſre Rettung nah iſt?“ Da draͤngte ſich vor allen der Rabe hervor mit gro⸗ ßem Geſchrei; er witterte nach ſeiner Lieblingsſpeiſe. 51 Kaum war das Fenſter geöffnet: ſo flog er hin und kehrte nicht zurück. Der Undankbare vergaß des Retters und ſeines Geſchäfts; er hing am Aaſe— Aber die Rache blieb nicht aus. Noch war die Luft von giftigen Dämpfen voll, und ſchwere Dünſte hingen über den Leichen; die benebelten ihm ſein Geſicht, und ſchwärzten ſeine Federn. Zur Strafe ſeiner Vergeſſenheit ward ihm, auch ſein Gedächtniß wie ſein Auge düſter; ſelbſt ſeine neugebor⸗ nen Jungen erkennet er nicht, und genießt an ihnen keine Vaterfreude. Erſchrocken über ihre Haͤßlichkeit flieht er hinweg und verläſſet ſie. Der Undankbare zeugt ein undankbar Geſchlecht; entbehren muß er des ſchönſten Lohns, des Dankes ſeiner Kinder. Die Taube Noahs. Acht Tage hatte der Vater der neuen Welt auf die Wiederkunft des trägen Raben gewartet, als er aufs neue ſeine Schaaren um ſich rief, Kundſchafter auszu⸗ wählen. Schüchtern flog die Taube auf ſeinen Arm, und bot ſich an zur Sendung. „Tochter der Treue,“ ſprach Noah,„du wäreſt mir wohl eine Dienerinn guter Botſchaft; wie aber willt du deine Reiſe thun, und dein Geſchäft vollenden? Wie, wenn dein Flügel ermattet, und dich der Sturm ergreift, und wirft dich in die trübe Welle des Todes? Auch ſcheuen deine Füße Schlamm, und deiner Zunge widert unreine Speiſe.“— „Wer,“ ſprach die Taube,„gibt den Müden Kraft und Staͤrke genug dem Unvermögenden? Laß mich, ich werde dir gewiß eine Dienerinn guter Botſchaft.“ Sie entflog und ſchwebte hin und her, und nirgend fand ſie, wo ſie ruhen könnte; als ſchnell der Berg des Paradieſes ſich vor ihr erhob mit ſeinem grunenden Wipfel. Ueber ihn hatten nichts vermocht die Waſſer 32 der Suͤndituth; und der Taube war die Zuflucht zu ihm unverboten. Freudig eilete ſie und flog hinan und ließ demüthig ſich am Fuß des Berges nieder. Ein ſchöner Oelbaum blühete da: ſie brach ein Blatt des Baums, eilte geſtärkt zurück und legete den Zweig auf des ſchlum⸗ mernden Noah Bruſt. Er erwachte, und roch daran den Geruch des Para⸗ dieſes. Da erquickte ſich ſein Herz: das grüne Friedensvratt erquickte die Seinigen, bis ihm ſein Retter ſelbſt er⸗ ſchien, bekräftigend der Taube gute Botſchaft. Seitdem dann ward die Taube Dienerinn der Liebe und des Friedens. Wie Silber glänzen ihre Flügel, ſagt das Lied; ein Schimmer noch vom Gkanz des Paradieſes, das ſie auf ihrer Wanderſchaft erquickte. Abrahams Kin dih erit. In einer Höhle ward Abraham erzogen: denn der Tz⸗ rann Nimrod ſtellete ihm nach dem Leben. Aber auch in der dunkeln Höhle war das Licht Gottes in ihm! er Hachte nach und ſprach zu ſich:„wer iſt mein Schöpfer?“ Nach ſechzehn Jahren trat er hinaus, und als er zum erſtenmale Himmel und Erde ſah, wie erſtaunte er und freuete ſich! Er fragte alle Geſchöpfe rings umher: „Wer iſt euer Schöpfer?“ Sn Auf ging die Sonne; er fiel nieder aufs Angeſtcht. „Das,“ ſprach er,„iſt der Schöpfer: denn ſeine Geſtalt iſt ſchön!“— Die Sonne ſtieg hinauf und ſtieg hinab und ging am Abend unter. Da ging der Mond hinauf, und Abraham ſprach zu ſich:„das untergegangene Licht war nicht der Gott des Himmels: vielleicht iſts jenes kleinere Licht, dem dieſes große Heer der Sterne dient.“ 48* Aber auch Mond und Sterne gingen unter, und Abraham ſtand allein. Nn 53 2. Er ging zu ſeinem Vater und fragte ihn:„wer iſt der Gott des Himmels und der Erde?“ und Tharah zeigete ihm ſeine Götzenbilder.„Ich will ſie prüfen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, und als er allein war, legte er ihnen die ſchönſte Speiſe vor.„Wenn ihr lebendige Götter ſeyd: ſo nehmet euer Opfer.“ Aber die Götzen ſtanden da, und regeten ſich nicht. „Und dieſe,“ ſprach der Knabe,„kann mein Vater für Götter halten? Wohl! Vielleicht belehre ich ihn.“ Er nahm den Stab, zerſchlug die Götzen alle bis auf Ei⸗ nen, und legte ſeinen Stab in dieſes Götzen Hand und lief zum Vater:„Vater, ſprach er, dein erſter Gott hat alle ſeine Brüder getödtet.“ Zornig ſah ihn Tharah an und ſprach:„Du ſpotteſt meiner, Knabe, wie kann er es, da meine Hände ihn gebildet haben?“„O zürne nicht, mein Vater,“ ſprach Abraham,„und laß dein Ohr vernehmen, was dein Mund ſagte. Traueſt du deinem Gott nicht zu, daß Er ver⸗ möge, was ich mit meiner Knabenhand zu thun ver⸗ mochte, wie wäre Er der Gott, der mich und dich und Himmel und Erde ſchufe“— Tharah verſtummte auf des Knaben Wort. 4 Bald aber kam die That vor den Tyrannen Nim⸗ rod; der forderte ihn vor ſich und ſprach:„Meinen Gott ſollt du anbeten, Knabe, oder der brennende Ofen ſey dein Lohn.“ Denn alle Weiſen hatten bei Abra⸗ hams Geburt dem Könige geweiſſaget, daß Er die Gö⸗ tzen ſtürzen und des Königs Dienſt vernichten würde im Königreiche. Darum verfolgete der König ihn. „Wer iſt dein Gott, o König?“ ſprach der uner⸗ ſchrockene Knabe. Das Feuer iſt mein Gott,“ antwortete er,„das mäch⸗ tigſte der Weſen.“ „Das Feuer,“ ſprach der Knabe,„wird vom Waſſer ausgelöſcht; das Waſſer wird von der Wolke leicht geg Herders Werte z. ſchon. Lit, u, Kunſt. IN 5 3 ½ tragen; der Wind verjagt die Wolke und dem Winde beſteht der Menſch. So iſt der Menſch das mächtigſte der Weſen.— „Und ich der mächtigſte der Menſchen,“ ſprach der König.„Bete mich an, oder der glühende Ofen iſt dein Lohn.“ Da ſchlug der Knabe ſein beſcheidnes Auge auf und ſprach:„ich ſah die Sonne geſtern am Morgen auf⸗ und am Abend untergehn; befiehl, o König, daß ſie heut am Abend' auf⸗ und am Morgen untergehe: ſo will ich dich anbeten.“ Und Abraham ward in die Gluth geworfen. Aber des Feuers Kraft beſchädigte den Knaben nicht⸗ ein Engel nahm ihn ſanft in ſeinen Arm, und fächelte die Flammen von ihm ab, wie einen Lilienduft. Schöner ging der Knabe vom Feuer hinaus, und bald erſchien ihm SGott, und rief ihn aus Chaldäa, und weihete ihn zu ſeinem Freunde ein.. Und Abraham ward Stifter des wahren Gottes⸗ dienſtes des Einen Gottes Himmels und der Erde für alle Welt. Die Stimme der Thraͤnen. Drei Tage war Iſaak im Herzen ſeines Vaters todt: denn am vierten Tage hatte Gott ſich ihn zum Opfer erkoren. Schweigend zog Abraham gen Moriah hin, in den tiefſten Gram verſunken, als ihn die freunde liche Stimme des Kindes weckte:„Siehe mein Vater, hier iſt Feuer urd Holz; wo iſt aber das Lamm zum Opfer?“— „Mein Sohn,z, ſprach Abraham,„Gott hat ihm ſelbſſ erſehen ein Opferlamm!“ So gingen die beiden ſchwei gend mit einander. 1 Und als ſie kamen an die Opferſtätte und der d zar gebauet und alles bereitet war: ergriff der Vaß 35 ſeinen Sohn, und legte ihn auf den A itay, und faſſete das Meſſer in die Rechte, und ſah gen, Himmel hinauf. Der Knabe duldete, ſchwieg und blickte mit weinendem Auge zum Himmel hinauf. Die ſtumme Thräne im Auge des Baters und des, Kindes durchdrang die Wolken und trat zum Herzen Got⸗ tes mit großem Geſchrei.„ Abrahame rief der Engel des Herrn vom Himmel herab, Abraham, ſchone des Knaben und thue ihm nichts, Esgiſt genug!“ Freudig nahm der Vater den wiedergeſchenkten Suhn, das Opfer Gottes, zurück, und hieß die ſchrecklich⸗frohe Stätte:„Jehovah ſchautt“ Er ſchaut die ſtumme Thräne im Auge des⸗ Leidenden: er ſieht des„Herzens⸗ Jammer, der ängſtlicher ruft als alles Geſchrei. Dreifach iſt das Gebet der Menſchen zu Gott; und kräftiger iſt eines als das andre. 4 Ein Gebet mit ſtiller Stimme gefället ihm wohl. er höret's tief im Herzen, und nimmt's auch von der ſtammelnden Lippe gnädig auf. 1 Das Gebet der Noth mit großem Geſchrei durchdringt die Wolken, und häufet glühende Kohlen auf des Un⸗ terdrückers Haupt. Doch mächtig über alles iſt die Thräne des Verlaſſe⸗ nen, der feſt an Gott ſich halt und ſtirbt. Sie ſprenget Pforten und Riegel, und dringt zum Herzen Gottes und bringt den Blick des Schauenden hernieder. Das Grab der Rahel. Als Jakob von der heiligen Stätte wiederkehrte, auf welcher Gott ſich ihm einſt geoffenbaret hatte, da er in ſeiner Jugend den offenen Himmel ſah, da war ſein Herz voll Freude; denn Jehovah hatte ihm jetzt ſeinen Freun desvund aufs neue beſtätiget. Bald aber traf ihn ein bittrer Schmerz. Die Liebe ſeiner Jugend, Rahel, ſtarb bei ihrem zweiten Sohne, und da die Seele ihr entging, und ſie nun ſahe, daß ſie ſterben mußte, nahm ſie den letzten Athem noch zuſam⸗ men, küſſete das Kind, nannte ſeinen Namen:„Benoni, den Sohn der Schmerzen“ und ſtarb. 3 Und als ſie vor dem Ewigen erſchien, weinete ſie und ſprach:„Erfülle mir, o Vater, die erſte Bitte hier an deinem Thron. Laß mich zuweilen noch die Mei⸗ nigen ſehen, von denen du mich trennteſt, daß ich in ihrem Leiden ihnen beiſtehe und ihre Thränen lindre.“ „Dreimal ſoll dir dein Wunſch gewähret ſeyn,“ ſprach Gott,„daß du auf Erden deine Kinder ſeheſt, doch lindern kannſt du ihre Thränen nicht.“ Sie ging zum erſten hinab, und fand den alten Ja⸗ kob um ihre beiden Söhne ängſtlich trauern. Des Jo⸗ ſephs blutiges Kleid lag neben ihm:„mein graues Haar,“ rief er,„wird in die Grube fahren: mit Leide werd' ich zu den Todten wandern: denn auch Benoni wird mir jetzt geraubt.“ Seufzend ſtieg ſie wieder zum Himmel hinauf: bis ſpäterhin ihr Mann und ihre Söhne, als Abgeſchiedene, ſelbſt zu ihr kamen, und freudig ihr erzähleten, wie ſchön ſich all ihr Leid in Freude verwandelt habe. Sie trocknete die Thränen und ſtieg lange nach dieſem zum zweitenmal hernieder auf ihr Grab. Da ſahe ſie ihre Kinder ins Elend treiben, wie man die Heerde treibt Alles fand ſie verwüſtet, und auch ihr Grab war nicht verſchont geblieben. Eine Zeitlang blieb ſie auf dem öden Grabe, und lange hörte man auf ihm ein unſicht bares Aechzen. Sie ſtieg zum drittenmal hernieder: da floß um Beth; lehem der unſchuldigen Kinder Blut. Ihre Mütter wein ten und auf ihrem Grabe weinete Rahel laut:„ſie ſind, ſie ſind nicht mehr.“ Man hörte lang' am Grabe das weinende Aechzen:„ſie ſind nicht mehr.“ 37 Und als ſie wiederkehrte, ſprach der Allbarmherzige: „ruhe jetzt, meine Tochter, und quäle dein Herz nicht mehr mit deiner Kinder Leiden. Der Weg der Sterbli⸗ chen führt bald in Thäler, wo nur Klagen tönen; bald, wenn das Thal ſich wendet, wird die Klage ſelbſt Lob⸗ geſang. Vertrau mir deine Kinder an; ſie ſind auch meine Kinder: dein Herz iſt nicht gemacht, der Erdge⸗ bornen Schickſal zu tragen und zu lindern.“ Beruhigt blieb der ſchönen Rahel Geiſt ſortan im Paradieſe. Zwar fragte ſie die Neuankommenden um ihr vollendetes Geſchick auf Erden; doch nimmer kehrte ſie zu ihrem Grabe wieder, auf dem das Aechzen ihres mütterlichen Herzens nun kängſt verhallet iſt. Das Grabmal ſchweigt, und Rahel freuet ſich mit ihren Kin⸗ dern der ewigen Ruhe. Joſeph und Zulika. Als Potiphars Weib, die ſchöne Zulika, den Joſeph ergriff und alle ſeine Sinnen reizte: ſiehe da ſtand dem Geiſte des Jünglings die ehrwürdige Geſtalt ſeines Va⸗ ters vor Augen. „Die Namen deiner Brüder,“ ſprach Jakob,„werden auf zwölf Steinen des Bruſtſchildes glänzen, und in die Wohnung des Allerheiligſten zum Gedächtniß eingehen vor Jehovah. Du ſollteſt auch mit ihnen geſchrieben werden; willſt du, daß dein Name vertilget ſey, und du ein Hirte der Ehebrecherinn heißeſt?“ Alſobald kam Joſeph zu ſich und wand ſich los. Sein Herz blieb feſt in ſeiner Kraft; ſeine Händ' und Arme ſtärketen ſich. Die goldenen Träume ſeiner Kindheit traten ihm vor Augen. Und ſtatt Eines kamen nachher zwei Namen ſeines Geſchrechts auf die glänzenden Steine ins Angeſicht vor Jehovah. Der ſterbende Bater pries ihn und ſprach: 138 ein blühender Zweig iſt Joſeph; der Sohn einer Blühenden, die über der Quelle ſteht. Seine jungen Zweige ſproſſen, ſie ſvroſ⸗ ſen die Mauer hinauf— ein Lohn ſeiner zugend⸗ lichen Gottesfurcht und Keuſchheit. 5 — Der Streit der heiligen Berge. Als Gott ſein Geſetz zu geden auf Sinai ſtieg, tra⸗ ten vor ihn die Geiſter der Berge im Lande der Ver⸗ heißung.„Warum verſchmäheſt du uns, deine Erkor nen, und wähleſt den fremden Berg, einen dürren Fels der heidniſchen Wüſtenei zu deines Fußtritts Schemelt“ „Wer ſeyd ihr,“ ſprach Jehovah,“ daß ihr es wagt, der Schemel meiner Herrlichkeit zu werden? Schauet umher. Mein Tritt war dort auf jenen erſunknen Ber⸗ gen, auf den zerfallenen Hügeln der alten Zeit; wo iſt jetzt die Krone ihres Gipfels?“ „Aber auf euch, fuhr der Gnaäͤdige fort, will ich meine Herrlichkeit milder offenbaren: Du lachender Tha vor, ſollt das Antlitz meines Sohnes ſchaun und an ihn meine ſanftere Stimme hören. Berg Gottes, du fruchtbarer Karmel, auf dir ſoll einſt mein zweiter Knecht, Elias, wohnen und meinen Namen mit Feuer von Himmel den Menſchen kundthun. Du Libanon, ſoll mein Heiligthum baun, und du beſcheidner, ſchweigendel Zion, auf dir, dem kleinſten der Berge, ſoll einſt dieß Heiligthum ruhen, meines Namens ewige Wohnung Der Berg, da das Haus Johovahs iſt, wird höher ſeyl als alle Berge der Erde, über alle Hügel erhaben.“ Freudig verließen die Berge das Angeſicht Jehovaht ſie neideten den Sinai nicht mehr, und der kleinſte un ter allen, der demüthige Zion, ward in der Zukunft del größeſte der Berge. 3 —— 59 Die Worte des Geſetzes. Als Gott ſein Geſetz zu geben auf Sinai hinab⸗ fuhr, trat Moſes in die heilige Wolke vor ihn und ſprach:„Allgütiger, du willſt dein Geſetz Iſrael geben, daß alles Volk es vernehme; wie aber? werden auch die andern Völker und die kommenden Geſchlechter Gottes Stimme hören?“ „Sie haben ſie gehört,“ ſprach der Allmächtige,„jeder der Propheten und Weiſen, ſelbſt jedes Kind, wo es auf Erden lebt, hat daran ſeinen Theilt empfangen. Ihre Seelen ſelbſt ſind ein Nachklang meiner Stimme, der Stimme, die alle Welten füllt.“— Gott ſprach's und winkte dem Engel der Seelen, daß er den Fragenden ins Reich der innern Schöpfung führete. Hier ſahe Moſes, wie durch die Macht des ewigen Worts das Gebilde der Menſchheit ward: jedes werdende Weſen war die Wurzel eines Baums voll göttlicher Gedanken. „So viele, ſprach der Engel, hier Menſchenſeelen ſind, ſo viele ſend Auslegungen der Stimme, die dieſes Weltall ſchuf. Viele Seelen faſſen viel der Stimmen und deine Seele,(fuhr der Engel zu Moſes fort,) ſoll des Geſetzes Baum erfaſſen mit Wurzeln, Stamm und Zweigen. Jedwede Seele wird gerichtet werden nach dem, was in ihr war, nach dem Laut der Stimme, der ſie zum Leben rief.— Und der Engel nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Vorhöfe des Paradieſes.„Siehe,“ ſprach er, „hier werden die Ungevornen erzogen, und zu ihrem Le⸗ ben auf der Erde bereitet.“ Nachdem eine Seele Folg⸗ ſamkeit und Treue erwieſen, ſteigt ſie in dieſes oder jenes Zeſchlecht hinab, zu ihrem Lohn oder zu ihrer Strafe. Doch ehe jede derſelben niederſteigt, führet ihr Engel ſte umher, und zeigt ihr die Pforten der Hölle und des Paradieſes. Dort ſiehet ſie die Ungerechten gequält; hier dert ohne Gefühl und wird ein Thier des Feldes. 40 die Gerechten getröſtet. Welchen Eindruck nun das Kind bewahret und feſt hält, nach ſolchem bildet es ſich fuͤrder⸗ hin im Leben. Wem nur die Hölle im Gedächtniß ſchwebt, der wird ein Knecht; wer aber die Freuden des Paradie⸗ ſes ahnend in ſich empfindet, der wird ein Kind Jeho⸗ vahs und findet auf der Erde ſchon den Troſt des Para⸗ dieſes. Wer nichts von beiden in ſich erhält, verwil⸗ Da kam auch der Engel der Weiſen und nahm den Moſes bei der Hand und führte ihn in die Schule des Himmels. Siehe hier, ſprach er, die Seelen verſaminelt, zedwede ſteigt hinauf in jedem ſtillen Augenblick, da ſie das Wort des Ewigen in ſich lieſet. Sobald die Sinne ſchweigen und der Leib des Menſchen ſchläft, geht ſie zum Himmel empor und wird gewürdiget, den Sinn des Ewigen zerſtreuungslos zu hören. Die höchſten Engel ſchweigen mit ihren Lobgeſängen, bis alle Seelen ver⸗ ſammeit ſind, wie geſchrieben ſteht: Die Blumen ſind entſproſſen der Erde, Die Zeit des Geſanges iſt da, Die Turteltaube läſſet ſich hören auf unſrer Flur— Alsbald empfangen die Engel die Lobgeſänge derſelben, und flechten ſie dem Ewigen zur angenehmen Krone. Da ſiel Moſes nieder und ſprach: Wie hat Jehovah die Menſchen lieb! All ſeine Heilgen ſind um ihn herz Sie ſitzen ihm zu Füßen Und lernen von ihm ſelbſt ſein ewiges Wort. Die Buͤrgſchaft des Menſchengeſchlechts. Die Schuld der Eltern iſt durch ihre Kinder bei Gott verbürget. Was der Vater ſündigte, büßet oft der Sohn und der Enkel. Als Gott ſein Geſetz auf Sinai gab, ſprach er:„ſtei⸗ ket mir Bürgen, daß ihr es haltet.“ 3 41 1 Sie nannten ihm ihre gerechten Väter: allein Je⸗ hovah nahm die Bürgſchaft nicht an.„Sie ſind ſelbſt Schuldner geweſen, gleichwie ihr; gebet mir eure Söhne und Enkel zum Unterpfand.“ Die Seelen der Ungebornen, die alle um den Berg verſammelt waren, die Säuglinge an den Brüſten, die Kinder auf dem Schooſe der Mütter erhuben ihre Stimme und übernahmen die Bürgſchaft. Da ſprach der Ewige: heimſuchen will ich die Miſſethat der Vä⸗ ter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied; aber ſegnen will ich in die Tauſende der Geſchlechter. Anbetend neigete ſich Moſes und als Gott ihm vor⸗ uͤberging, rief eine Stimme:„Herr, Herr Gott, barmher⸗ zig und gnädig, der du vergibeſt Miſſethat, Uebertre⸗ tung und Sünde, und wenn du die Miſſethat der Väter an den Kindern ſtrafeſt bis ins dritte, vierte Glied, ſo ſegneſt du dafür in die Tauſende der Geſchlechter.“ Aarons Entkleidung. Mit ſchwerem Herzen entkleidete Moſes ſeinen Bru⸗ der Aaron auf Hor am Gebirge. Er zog ihm ſeine heiligen Kleider aus und zog ſie Eleaſar an; Aaron ſam⸗ melte ſich und ſtarb; denn auch er hatte geſündigt. Und Iſrael beweinete ihn dreißig Tage. Am dreißigſten Tage ſaß Moſes auf dieſem Gebirge und ſah im Traum ſeinen Bruder. Die Herrlichkeit Je⸗ hovahs glänzte auf ſeiner Stirn, und ein ſchöneres Prie⸗ ſtergewand umfloß ſeine neuverjüngten Glieder. Ein güldener Gürtel war um ſeine Bruſt; aber die zwölf Steine des Heiligthums waren nicht auf derſelben. Der Stab, der im irdiſchen Heiligthum geblühet hatte, war nicht in ſeiner Hand. 42 „Warum iſt der Stab deines Prieſterthums nicht in deinen Händen, mein Bruder?“ ſprach Moſes im Traum;“ und warum glänzen auf deinern Bruſt nicht mehr die zwölf Steine deines Volks zum Andenken vor Jehovah?“ Sie waren mir ſchwer genug, antwortete Aaron, als ich ſie auf Erden trug; jetzt iſt meine Bruſt erweitert und meine Seele erleichtert. Auch der Stab meines Stam⸗ mes iſt nicht mehr in meiner Hand: denn vor dem Gott aller Welt ſind alle Stämme und Völker. Ein Prieſter zu Salem bin ich anjetzt; im Lande des Friedens ein Prie⸗ ſter höherer Ordnung. „Das Geſicht verſchwand, und Moſes erneute die menſchenfreundlichen, tröſtenden Geſetze von der Ruhe des Sabbaths nach der Arbeit und dem Sabbathjahr der Befreiung für Unterdrückte und Arme, für Ver⸗ kaufte und Knechte und Thiere. Er erneute die Ge⸗ ſetze vom Laubhüttenfeſt und dem frbhtichen ewigen Ju⸗ eljahre. Der Tod Moſes. Als Moſes, der Vertraute Gottes, ſterben ſollte, und ſeine Stunde herannahte, verſammelte Gott die Engel um ſich her.„Es iſt die Zeit,“ ſprach er,„die Seele meines Knechts zu mir zu fodern, wer will mein Bote ſeyn?“ Die edelſten der Engel, Michael, Raphael und Ga⸗ briel, ſammt allen, die vor Gortes Thron ſtehn, baten und ſprachen:„wir ſind ſeine, Er iſt unſer Lehrer gewe⸗ ſen, laß uns nicht fodern dieſes Mannes Seele.“ Aber der abgefallene Samael trat hervor:„Hier bin ich, ſende mich.“ Mit Zorn und Grauſamkeit bekleidet, ſtieg er hin⸗ ab, das Flammenſchwert in ſeiner Hand, und freuete ſich ſchon der Schmerzen des Gerechten. Als er aber 43 waͤher zunihm trat, zerblickte er das Angeſicht Moſes. Seine Augen waren nicht dunkel worden, andeſeine Kraftewar nicht verfallen. Er ſchrieb die Worte ſeines letzten Liedes und den heiligen Namen; ſein Antltz gkänzete, bewaffnet mit Ruhe und Suimmelsklarheit. Der Feind der Menſchen erſchrack Sein Schwert zentſank ihm, und er eilte hinweg.„Ich kann dir die Seele dieſes Mannes nicht bringen,“ ſprach er zu Jeho⸗ vah;„denn ich habe an ihm nichts unreines funden.“ Da ſtieg Jehovah ſelbſt hernieder, die Seele ſeines Knechts von ihm zu nehmen und ſeine getreuen Die⸗ ner, Michael, Raphael und Gabriel, ſammt allen En⸗ geln ſeines Angeſichts, ſtiegen hinab mit ihm. Sie vereiteten Moſes ein Sterbelager, und ſtanden ihm zu Haupr und Füßen und eine Stimme ſprach:„fürchte dich nicht. Ich ſelbſt will dich begraben.“ Da vereitete Moſes ſich zu ſeinem Tode und heiligte ſich, wie Einer der Seraphim ſich heiligt, und Gott rief ſeine Seele:„Meine Tochter, hundert und zwanzig Jahre hatte ich dir beſtimmt im Hauſe meines Knechts zu wohnen. Sein Ende iſt gekommen: gehe heraus und ſäume nicht.“ Und Moſes Seele ſprach:„o du Herr aller Welt! Ich weiß, daß du biſt ein Gott aller Geiſter und al⸗ ler Seelen, und daß in deiner Hand ſind die Lebendi⸗ gen und die Todtea. Aus deiner Hand empfing ich das ſeurige Geſetz, und ſahe dich in den Flammen und ſtieg hinauf und ging den Weg des Himmels. Durch deine Macht trat ich in den Palaſt des Königes, und nahm die Krone von ſeinem Haupt, und that viel Wun⸗ der und Zeichen in Aegypten. Und führete dein Volk hinaus, und ſpaltete das Meer in zwölf Spalten, und verwandelte das bittere in ſüßes Waſſer, und offenbarte deine Geheimniſſe den Menſchenkindern. Ich wohnte unter dem feurigen Thron, und hatte meine Hütte un⸗ 44 ter der Feuerſäule, und redete mit dir von Angeſicht zu Angeſicht, wie der Freund mit ſeinem Freunde redet. Und nun, es iſt genug! nimm mich, ich komme zu dir.“— Da küſſete der gnädige Gott ſeinen Knecht, und nahm ihm im Kuſſe ſeine Seele. Moſes ſtarb am Munde Gottes, und Gott begrub ihn ſel⸗ ber, und Niemand weiß die Stätte ſeines Grabes. Dritte Sammlung. Die Opfertaube. Fröhlich kam der rohe Krieger Jephthah von ſeinem Sieg zurück. Er hatte vor der Schlacht ein unbedacht⸗ ſames Gelübde gethan, dem Herrn zum Opfer zu brin⸗ gen, was ihm aus ſeiner Hütte zuerſt entgegenträte. Und ſiehe, da kam ſeine Tochter ihm entgegen, ſein einziges Kind. Jauchzend trat ſie heraus mit Pauken und Saitenſpiel; doch bald war ihre Freude in Leid ver⸗ wandelt.„Ach meine Tochter,“ ſprach er,„wie beugeſt du mich? aber ich habe gelobt, und kann es nicht wi⸗ derrufen.“ Vergebens trat der Hoheprieſter hinzu, und belehrete ihn, daß Gott ein ſolches Opfer von ſeiner Hand nicht fodre, daß er verabſcheue das Blut des Kindes, das von der Hand des Vaters vergoſſen werde auf Gottes Altar. Der harte Krieger blieb auf ſeinem Wort, und kaum er⸗ laubete er noch ſeiner flehenden Tochter, mit ihren Ge⸗ ſpielinnen hinzugehen auf die Berge, und ihre Jugend daſelbſt zu beweinen. Und als ſie ſtatt des Jubelgeſangs, mit dem ſie ih⸗ ren Vater empfangen hatte, den Ton der Klage jetzt begann und ihren Tod bewillkonmte: ſiehe, da geſellte . 46 eine Turteltaube ſich zu ihr, und verließ ſie nicht, und girrete in inre Töne, als ob ſie ſie tröſten wollte. Aber Naémi vernahm die Stimme der tröſtenden Taube nicht, und nach zween Monaten kam ſie zu ihrem VBater und ſprach:„Haſt du gelobet, mein Vater, ſo thue mir, wie du geſaget haſt“ und ging wie ein Lamm zum Altare. Und als der Grauſame das Opfermeſſer faßte und ſeine Rechte erhob: ſiehe, da ſtand mit zürnendem Blick Abraham bei dem Altare und griff in ſeine Rechte: „Unbeſonnener,! ſpnach ern,„thue den Jungſrau nichts: Gott will kein ſolches Opfer von deinen Händen. Er nahm das meinige nicht an, das er einſt prüfend ſelbſt von mir verlangte; du aber, harter Mann, ſollſt ohne Kin⸗ der ſterben.“ Ex ſprach es und verſchwand. Und ſtehe, da flog die Turteltaube hinzu, und ward ſtatt der erretteten Jungfrau darch die Hande des Ho⸗ henprieſters für ſie ein Opfer. Freudig zog Naëmi jetzt mit ihren Geſpielinnen wie⸗ der auf die Berge, und danete Gott für ihre neuge⸗ ſchenkte Jugend. Aber ſie ſtarv bald, und auf ihrem Grabe girrete die andere Tuptettaute, der geoyferten Gatte; und alle Töchter Iirgets beweinten Naemi, und gingen jährlich hin zu klagen die Tychter Jephthah’s. und ihre Errettung zu feiern. 3 Die Geſaͤnge der Nacht. 3 Als David in ſeiner Jugend auf Bethlehems Auen ſaß: da kaim der Geiſt Jehovuhs über ihn, und ſeine Sinne wurden aufgethan, zu hören die Geſänge der, Nacht. Die Himmel erzäihtten Gottes Ehre, und alle Sterne traten in ein Chor: der Klang von ihren Sai⸗ ten berührete die Erde, zum Ende der Erde floß iyr ſtilles Lied. 47 „Licht iſt das Angeſicht Jehovahs,“ ſprach die un⸗ tergehende Sonne und die Abendröthe antwortete ihr: ich bin der Saum ſeines Kleides.“ Die Wolken über derſelben thürmeten ſich und ſpra⸗ chen:„wir ſind ſein Nachtgezelt“ und die Waſſer der Wolken im Abenddonner tönten:„die Stimme Jeho⸗ vahs gehet auf Wolken, der Gott der Ehren donnent, der Gott der Ehren donnert hoch.“ „Er ſchwebet auf meinen Fittigen,“ ſprach der ſäu⸗ ſelnde Wind; und die ſtille Luft antwortete ihme„ich bin der Athem Gottes, das Weben ſeiner erquickenden Gegenwart.“ 3 „Wir hören Lobgeſänge,“ ſprach die verlechzte Erde, „und ich bin ſtill und ſtumm?“ Der fallende Thau antwortete ihr:„ich will dich laben, daß deine Kinder neu erquicket jauchzen, daß deine Säuglinge blühen, wie die Roſe.“ „Wir blühen fröhlich,“ ſprach die erquickte Au: die vollen Aehren rauſchten drein und ſprachen:„wir ſind der Segen Gottes! die Heere Gottes gegen des Hun⸗ gers Noth.“ „Wir ſegnen euch von oben,“ ſppach der Mond: „ wir ſegnen euch,“ antworteten die Sterne. Die Heu⸗ ſchreck' girrete und ſprach:„er ſegnete auch mich mit einem Tröpfchen Thau.“ „Und tränkte meinen Durſt,“ antwortete die Hin⸗ dinn.„Er erxquickte mich,“ ſprach das aufſpringende Reſz. „Und gibt uns unſre Speiſe,“ träumete das Wild⸗ „und kleidet unſre Lämmer,“ blöckete die Heerde. „Ex erhörte mich,“ ſo krächzete der Rabe,„als ich verlaſſen war. Er erhorte mich,“ antwortete die Gemſe, „da meine Zeit kam, und ich ausriß und gebar.“ Die Turteltaube girrte und die Schwalbe, und alle Bögel ſprachen ſchlummernd nach:„wir haben unſre Neſter ſunden, unſre Häͤuſer; wir wohnen auf Gottes 48 Altar. Und ſchlafen unter dem Schatten ſeiner Flaͤgel, in ſtiller Ruh.“ „In ſtiller Ruh,“ antwortete die Nacht, und hielt den langen Ton; da krähte der Erwecker der Morgen⸗ röthe:„Thut auf die Pforten, die Thore der Welt;. es zeucht der König der Ehren heran. Erwacht ihr Men⸗ ſchen und preiſet Gott; der König der Ehren iſt da.“ Auf ging die Sonne, und David erwachte aus ſei⸗ nem pſalmenreichen Traume; ſo lang' er lebete, blieben in ſeiner Seele die Töne dieſer harmoniſchen Schöpfung, und er rief ſie täglich aus ſeiner Harfe hervor. Die Morgenrdͤthe. Haſt du die ſchöne Morgenröthe geſehn? Sie leuch⸗ tet hervor aus Gottes Gemach: ein Strahl des unver⸗ gänglichen Lichts, die Tröſterinn der Menſchen. Als David einſt, verfolgt von ſeinen Feinden, in einer ſchauerlichen Nacht auf dem Hermons Berge ſaß, den trauervollſten ſeiner Pſalmen ſpielend:„Löwen und Tiger brüllen um mein Ohr, der Böſen Rotte hat mich rings umgeben, und ich ſeh keinen Helfer!“ Siehe da ging die Morgenröthe auf. Mit glänzen⸗ den Augen ſprang ſie hervor, die frühgejagte Hindinn, und hüpfte auf den Bergen und ſprach zu ihm wie ein Engel auf den Hügeln:„Was grämſt du dich, daß du verlaſſen ſeyſt? Ich riß hervor aus dunkler Nacht; aus grauenvoller Finſterniß wird Morgen.“ Getröſtet hing an ihrem Blick ſein Auge, bis ſie zur Sonne ward, und Heil der Welt aufging mit ihren mäch⸗ tigen Flügeln. Frohlockend wandten ſich die Töne ſeines Geſangs, den er das Lied der Morgenröthe nannte, der frühe gejagten Hindinn. Auch 49 . äterhin ſang er oft dieſen Pfalin, und dankte ente ueh ſhs Lrzunſane die er in fruͤher Jugend über⸗ ſtand; und jedesmal kam mit dem Pſalm ihm Morgen⸗ roth in ſeine düſtre Seele. Tochter Gottes, heilige Morgenröthe, du blickeſt täg⸗ lich nieder, und weihſt den Himmel und die Welt— weiß täglich auch mein Herz zu deiner ſtillen Wohnung. Der Pſalmenſaͤnger. Der königliche Pſalmenſänger hatte ſeinem Erretter erben eins der ſchönſten Lieder geſungen, und noch rauſchte das heilige Lüftchen, das beim Aufgang der Sonne durch ſeiner Harfe Klang ihn täglich weckte, in dieſer Harfe Saiten; als Satan gegen ihn ſtund, und das Herz des Königes zum Stolz über ſeine Geſänge neigte.„Haſt du,“ ſprach er,„Allmächtiger, unter deinen Geſchöpfen Eins, das ſüßer als ich dich lobe?“ Da flog im offnen Fenſter, vor dem er ſeine Haͤnde ausbreitete, eine Heuſchrecke auf den Saum ſeines Kleides und fing ihren hellen Morgengeſang an. Eine Menge Heuſchrecken verſammelten ſich um ſie: die Nachtigall flog heran, und in kurzem wetteiferten alle Nachtigallen mit einander zum Preiſe des Schöpfers⸗ Das Ohr des Königs ward aufgethan, und er ver⸗ mahm den Geſang der Vögel, die Stimme der Heuſchrecke und aller Lebendigen, das Murmeln der Bäche, das Rau⸗ ſſchen der Haine, den Klang des⸗Morgenſterns, den ent⸗ zückenden Klang der aufgehenden Sonne. Verloren im hohen Einklange der Stimmen, die un⸗ aufhörlich und unermüdet den Schöpfer koben, verſtum⸗ mete er, und fand ſich in ſeinen Geſangen ſelbſt hinter Her Heuſchrecke, die noch auf dem Saum ſeines Kleides Herderà Werke z. ſchoͤn. Lit, u. Kunſt. IX. 4 50 girrte. Demäthig ergriff er dle Harfe und ſang: lo⸗ bet den Herrn, ihr alle ſeine Geſchöpfe lobe den Herrn, auch du, mein Innerſtes, du meine verſtummende Seele. Daoid und Jonathan. Als von Sorgen ſeines Reichs und vom Kummer uͤber ſeine Kinder verzehret, der Sohn Iſai auf ſeinem Sterbelager eutſchlief, ſiehe da kam im dunkein Thale des Todes der Freund ſeiner Jugend, Jonathan, ihm zuerſt entgegen.„Unſer Bund iſt ewig,“ ſprach er zur Geſtalt des alten Königes;„aber ich kann dir meine Rechte nicht reichen: denn du biſt mit Blut beſteckt, mit dem Blut auch meines väterlichen Hauſes, und ſelbſt mit Seufzern meines Sohnes beladen. Folge mir nach.“ Und David folgte dem himmliſchen Jünglinge. „Ach,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„ein harter Stand das Leben der Menſchen, und ein härterer noch das Leben der Könige. Wäre ich wie du gefallen, o Jonathan, mit unſchuldigem Herzen, im Lenz meiner Jahre; oder waͤre ich ein ſingender Hirt auf Bethlehems Flur geblieben! Ein ſchönes Leben haſt du indeß im Paradieſe gelebt; warum bin ich nicht mit dir geſtorben?“ „Murre nicht, ſprach Jonathan, gegen den, der dir die Krone ſeines Volkes gab, und dich zum Vater eines ewigen Königreichs machte. Ich ſah deine Arbeit und deine Leiden, und habe dich hier erwartet.“— Damit führete er ihn zu einem Strom im Paradieſe. „Trinke, ſprach er, aus dieſer Quelle, und alle deine Sorgen werden vergeſſen ſeyn; waſche dich in dieſem Strom, und du wirſt jung und ſchöner werden, als du in deiner Jugend warſt, da ich dich liebgewann, und wir einander den Bund der Treue ſchwuren. Aben 51 tauche tief in denſelben: er fließt wie Silber, und muß dich wie Feuer läutern.“ David trank aus der heiligen Quelle, und wuſch ſich im kryſtallenen Strom. Der Trank entnahm ihm alle Sorgen der Erde; aber die Welle des Stromes durchdrang ihn tief; wie Feuer glühete ſie in ſeinem Innern, bis er entſündigt daſtand, ſeinem himmliſchen Freunde gleich. Dem neuen Jünglinge reichte Jonathan jetzt die Harfe, und ſüßer als hienieden ſang er unter dem Bau⸗ me des Lebens:„David und Jonathan, lieblich im Le⸗ ben, ſind auch im Tode nicht geſchieden. Leichter denn die Adler, munterer wie die Rehe auf den Hügeln. Ihr Töchter Iſraels! weinet um uns nicht mehr; wir ſind gekleidet in unſrer Jugend Schmuck. Ich freue mich an dir, mein Bruder Jonathan: ich hatte drunten an dir Freud' und Wonne; doch hier iſt deine Liebe mir mehr als unſrer Jugend Liebe.“ Sie küſſeten einander und beſchwuren, untrennbar jetzt, den Bund der Treue auf ewig. Der Juͤngling Salomo. Zu ſeinem Lieblinge ſprach einſt ein gütiger König: „Bitte von mir was du willt: es ſoll dir werden.“ Und der Jüngling ſprach bei ſich ſelbſt:„Warum ſoll ich bitten, daß es mich meines Wunſches nicht ge⸗ reuen möge? Ehre und Anſehen habe ich ſchon: Gold und Silber ſind das ungetreueſte Geſchenk der Erde. Um des Königs Tochter will ich bitten: denn ſie liebet mich, wie ich ſie liebe; und mit ihr empfange ich alles an⸗ dre. Vor allen auch das Herz meines gütigen Wohl⸗ thäters: denn er wird durch dieſes Geſchenk mein Vater.“ Der Liebling bat, und die Bitte ward ihm gewähret. 4* * 52 Als Gott dem Jünglinge Salomo zuerſt im Trau⸗ me erſchien, ſprach er zu ihm:„Bitte, was ich dir ge⸗ ben ſoll, und ich will dir's geben.“ Und ſiehe, der Jüngling bat nicht um Silber und Gold, nicht um Ehre und Ruhm und langes Leben; er bat um die Tochter Gottes, die himmliſche Weisheit, und empfing mit ihr, was er je hätte bitten mögen. Ihr alſo weihete er ſeine ſchönſten Geſänge, und pries ſte den Sterblichen an, als die einzige Glückſeligkeit der Erde. So lange er ſie liebte, beſaß er das Herz Got⸗ tes und die Liebe der Menſchen; ja nur durch ſie lebet er auch nach ſeinem Tode noch dieſſeit des Grabes. Sglome in ſeinem Alter. Wolluſt, Reichthum und Ehre hatten Salomo in ſeinen männlichen Jahren alſo verblendet, daß er die Braut ſeiner Jugend, die Weisheit, vergaß, und ſein Herz zu allen Bethörungen lenkte. 1 Einſt, ars er in ſeinem prächtigen Garten ging, hörte er die Thiere ſprechen(denn er verſtand die Sprache der Thiere), und neigte ſein Ohr, zu hören, was ſie ſagten. „Siehe,“ ſprach die Lilie, den König;„er gehet mich ſtolz vorüber, und ich Demüthige bin herrlicher als er.“ Und der Palmkaum webete ſeine Lweige und ſprach: „Da kommt er der Bedrücker ſeines Landes, und den⸗ noch ſingen ſie ihm, daß er ein Palmbaum ſey. Wo ſind dann ſeine Früchte, ſeine Zweige, mit denen er Menſchen erquickt?“ Er ging weiter und hörte die Nachtigall ſingen zu ihrer Geliebten:„Wie wir uns lieben, ſo liebet Salos mo nicht: ſo wird er von keiner ſeiner Buhlerinnen ge⸗ liebet.“ Und die Turtertaube girrete zu ihrem Gatten:„Von ſeinen tauſend Weibern wird keine ihn betrauern, wie ich dich klagen würde, mein Einiger!“ Zärnend beſchleunigte der König ſeinen Schritt, und kam zum Neſte des Storchs, der ſeine Jungen erzog und ſie mit ſeinen Schwingen auffing, da er ſie fliegen lehrte.„Das thut,“ ſprach der Storch zu ſeinen Jun⸗ gen,„der König Salomo ſeinem Sohne Rehabeam nicht: darum wird auch ſein Sohn nicht gedeihen: Fremde werden herrſchen in dem, was er bauete.“ Da entwich der König in ſeine innerſte Kammer und war ſtill und traurig. Und als er alſo im tiefen Nachdenken ſaß, da trat die Braut ſeiner Jugend, die Weisheit, unſichtbar vor ihn, und berührte ſein Auge. Er fiel in einen tie⸗ fen Schlaf und ſah ein trauriges Geſicht der künftigen Tage. Er ſah durch die Antwort ſeines unweiſen Sohnes ſein Reich zertheilt; in zehn abgefallenen, von ihm un⸗ terdrückten Stämmen herrſchte ein Freinder. Verfallen ſah er ſeine Häuſer, ſeine Luſtgärten durch ein Erdbe⸗ ben verſunken, die Stadt verwüſtet, das Land verhee⸗ ret, und den Tempel Gottes im Brande. Erſchrocken fuhr er aus dem Schlaf empor. Und ſiehe da ſtand mit weinenden Augen die Freun⸗ dinn ſeiner Jugend ſichtbar vor ihm und ſprach:„Du haſt geſehen, was nach dieſem geſchehen wird, und zu alle dieſem haſt du den Grund geleget. Es ſtehet nicht mehr in deiner Macht, das Vergangene zu ändern: denn du kannſt dem Strome nicht gebieten, daß er ſich wende zu ſeiner Quelle, noch deiner Jugend, daß ſie zu⸗ rückkehre. Deine Seele iſt ermattet, dein Herz erſchö⸗ pfet, und ich, die Verkaſſene deiner Jugend, kann deine Geſpielinn nicht mehr ſeyn im Lande des irdiſchen Lebens.“ Sie verſchwand mit einem mitleidigen Blick, und Salomo, der ſeine Jugend mit Roſen bekranzt hatte, » 54 ſchrieb in ſeinem Alter ein Buch von der Eitelkeit aller menſchlichen Dinge auf Erden. El i as. Feurigen Geiſtes war Elias, und Feuerflamme war der Geiſt ſeines Prophetenamtes. Oftt ließ er dieſelbe niederſteigen vom Himmel und verzehrete im Eifer ſein eigenes Leben. Einſt als er müd' und matt zum Berge Horeb ging, und in der dürren Wüſte unter dem einſamen Wach⸗ holderbaum ruhte, da ſeufzete er:„Es iſt genug, ſo nimm nun, Herr, meine Seele.“ Und ein Engel Gottes ſtärkte ihn, daß er zum Ber⸗ ge gelangte, wo Gott die Laſt ſeines Prophetenamtes von ſeinen Schultern nahm und ihm befahl, einen an⸗ dern an ſeiner Stelle zu ſalben. Und als mit dem geſalbeten Eliſa Elias am Jordan ging: da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Roſſen, und ſcheidete die beiden von einander, und Elias fuhr im Wetter gen Himmel. Die erſte Geſtalt, die ihm in jener Welt erſchien, war Moſes, ſein Vorbild.„Du haſt geeifert,“ ſprach el (indem er in die läuternden Flammen des Feuerwagens ihm ſeine Rechte reichte),„du haſt geeifert, mein Brut der, mit Feuereifer und haſt viel erlitten von deinen Brüdern. Ich habe gelitten wie du; aber dennoch bat ich für ihr Leben, und opferte meine Seele an ihren Seelen Statt. Indeſſen komm zum Throne des Richters, des Allerbarmers.“ Erias ging mit bebenden Schritten zur Wolke des Thrones. „Was willt du hier, Elias?“ ſprach die Stimme aus der Wolke, und Elias ſprach:„Ich habe geeifert um Jehovah, den Gott Zebaoth, und war allein über brieben, und ſee ſtanden mir nach dem Leben.“ Da ginl 1 5⁵ ein Feuer aus der Wolke; aber der Herr war nicht im Feuer: und ein ſtarker, die Felſen zerreißender Wind ging vor Elias her; aber der Herr war nicht im Win⸗ de. Und nach dem Feuer und Wind kam ein ſanftes Sauſen, in welchem Jehovah war. Durchdrungen von ihm fühlte der Prophet ſein Innerſtes, daß ſchnell die Flamme ſeines Geiſtes wie Morgenröthe ſtrahlte.„Ru⸗ he,“ ſprach die Stimme,„und erguicke dich hier: denn der Herr iſt barmherzig und freundlich. Oft ſollſt du nie⸗ derſteigen zu den Menſchen, und ſie ſanfter belehren, und liebreich retten und tröſten.“ Seitdem beſuchte Elias die Menſchen oft, aber in einem andern als ſeinem ehemaligen Feuergeiſte. Un⸗ ſichtbar oder in fremder Geſtalt miſchet er ſich in das Geſpräch derer, die nach Weisheit forſchen, und verei⸗ nigt ihre Seelen. In häuslichen Geſchäften kehret er das Herz der Väter zu den Kindern, und das Herz der Kinder zu den Vätern! er errettet aus Gefahren, und antwortet dem Betenden erquickend und tröſtend. In der Perſon Johannes ging er als Morgenſtern vor der aufgehenden Sonne her; ja den Sohn der Liebe ſelbſt ſtärkete er auf jenem heiligen Berge der Entzückung und Verklärung. Der Wunderſtab des Propheten. „Gürte deine Hüften,“ ſprach Eliſa zu ſeinem Die⸗ ner Gehaſi,„als ihn die Sunamitinn um die Erweckung ihres Sohnes anflehte, und nimm dieſen Stab in deine Hand.“ So dir jemand begegnet, ſo grüße ihn nicht: und grußet dich jemand, ſo danke ihm nicht, und lege meinen Stab auf des Knaben Antlitz: ſo wird ſeine Seele wieder zu ihm kehren.“ Freudig eilte Gehaſt mit dem Wunderſtabe des Pro⸗ pheten, nach welchem er ſo kange getrachtet hatte: denn 56 längſt halte er ein Wunder zu thun begehret.„Wo eileſt du hin, Gehaſi?“ rief Jehu, der Sohn Nimſt, ihm zu.„Einen Todten zu erwecken,“ antwortete Ge⸗ haſt:„denn hier iſt der Stab des Propheten.“ Neugierig verſammelte ſich die Menge, und lief hin⸗ ter ihm her; aus allen Flecken und Dörfern, durch wel⸗ che er zog, eilete das Volk ihm nach, zu ſehen die Er⸗ weckung des Todten. Und mit leichten Schritten ging Gehaſi vor ihnen her, und als ſte gen Sunem kamen, trat er hinzu und legte den Stab auf des Knaben Antlitz. Aber da war keine Stimme noch Fühlen. Er kehrete den Stab um und legete ihn anders, rechts und links, oben und unten; der Knabe aber wachte nicht auf, und Gehaſi ward von der Menge verſpottet. Beſchämt kehrete er zurück zum Propheten, und zeigete ihm an und ſprach:„Der Knabe iſt nicht aufgewacht.“ Da nahm Eliſa den Stab und eilete gen Sunem, und ging hinein in das Haus und ſchloß die Thür zu vor ihnen allen. Und betete zum Herrn, und ſtieg hin⸗ auf und legete ſich auf das Kind, ſeinen Mund auf des Kindes Mund, ſeine Augen auf des Kindes Augen, und breitete ſich über daſſelbe, bis daß des Kindes Leib warm ward?— Womit erwärmte er den Todten? Mit ſeinem ſtillen, demüthigen Gebet, mit dem Athem ſeiner uneigennützigen, ſelbſtloſen Liebe. „Da nimm hin deinen Sohn,“ ſprach er zur Mut⸗ ter, und der eitle Gehaſi ſtand beſchämt. Der Thron der Herrlichkeit. Zu ſehr vertiefte ſich ein frommer Betrachter in die Anſchauung des Unerſchaffnen, und vergaß darüber die Geſchäfte ſeines Berufs, die nothwendige Bürde eines Sterblichen der Erde. 57 Einſt, als er in tiefem Nachſinnen vor ſeiner mit⸗ ternächtlichen Lampe ſaß, entſchlief er, und es eröffneten ſich ihm im Traum die Pforten des Himmels: er ſah, was er ſo lange zu ſehen gewünſcht hatte, den ewigen Thron. Um und um mit Feuer umgeben, ſchwebte der⸗ ſelbe auf ſiebenfach⸗dunkeln Wolken, aus denen Blitze fuhren, in denen Donner krachten; und vor und hinter ihm war Nacht.. Erſchrocken wachte er auf; aber noch nicht belehret. Er ſehnte ſich die Geſtalten des Thrones zu ſehen, und ſank abermals in ſeinen anſchauenden Schlummer. Die vier Lebendigen trugen den Thron: mit ihren Angeſich⸗ tern blickten ſie, und mit ihren Flügeln ſchwebten ſie nach allen vier Seiten der Schöpfung, vollbringend die Befehle Jehovahs. Feuriger Schweis rann in Strömen von ihnen herunter, und von der raſtloſen Bewegung waren ſie ſo betäubt, daß ſie nicht wußten, wie nahe ſie dem Thron ſtänden, und welche die Herrlichkeit ſey⸗ die ſie trugen. Eben wollte die menſchliche Geſtalt des heiligen Wagens zu ihm treten, als plötzlich ſein Traum⸗ geſicht verſchwand, ſo daß er noch unruhiger war, als er vorher geweſen. Er wünſchte die anſchauenden Engel zu ſehen, und der prophetiſche Schlaf umfing ihn zum drittenmale. Die Seraphim ſtanden da, zunächſt dem flammenden Throne; aber ihre Angeſichte waren verdeckt, verdeckt ihre Füße und ihr Geſang war ihm unvernehmlich! bis Einer derſelben zu ihm trat und ihn mitleidig anredete: „Und du Sterblicher wageſt es, anſchauen zu wollen, was wir nicht anzuſchauen vermögen? Genüge dich an dem Geſicht, das dir die Träger des Thrones gaben: denn auch du biſt mitten unter ihnen.“ Er ſprachs, und der Träumende erwachte. Eben flog eine Mücke vor ſeiner Lampe daher; ſie wagte ſich in die Flamme, und ſank mit verſengten Gliedern nieder.„War ich nicht thöricht,“ ſprach er zu 5⁸ ſich ſelbſt,„daß mich ein Engel belehren mußte, wovon mich dieſe verbrannte Mücke belehret?“— Er ent⸗ ſagte fortan den Betrachtungen der Seraphim, und ward das, wozu der Menſch hienieden erſchaffen iſt, ein ar⸗ veitendes Lebendiges unter dem Throne. Das heilige Feuer. Als Jeremias die Verwüſtung des Tempels betrauer⸗ te, waren alle dienſtbaren Engel des Heiligthums um ihn, und halfen ihm trauern. Auch Davids und Salo⸗ mo's Seelen ſtärkten ihn, und gaben ihm die ſüßen Ge⸗ ſänge, mit welchen er die Verwüſtung ihres Werkes und ihres Volkes beweinte.„Die Herrlichkeit Gottes,“ rief er,“ iſt von hinnen gegangen; der Herr iſt hingewi⸗ chen an ſeinen Ort.“ „Willſt du nicht,“ ſprach der Engel des Feuers,„die Flamme des Heiligthums bewahren; vielleicht daß ſich Jehovah erbarmne, und kehre wieder zurück zum Thron ſeines Hauſes.“ Und Jeremias nahm ſieben Prieſter zu ſich, und ver⸗ barg das heilige Feuer in eine tiefe Grube, darinnen kein Waſſer war. Nach wenigen Tagen kam er hinzu, und ſuchte daſ⸗ ſelbe; er fand aber kein Feuer, ſondern ein dickes Waſ⸗ ſer, und trauerte ſehr. Und der Engel des himmliſchen Lichtes ſtand vor ihm und ſprach:„warum trauerſt du, Mühſeliger? Nie wird das Feuer des Herrn wieder⸗ kehren an dieſen Ort. Aber aus dem Schlamm dieſes Waſſers werden lebendige Ströme entſpringen, die die ganze Erde befruchten. Es kommt die Zeit, da man nicht mehr wird zum Berge des Herrn gehen, noch zu dem Ort ſeiner irdiſchen Wohnung: denn ſein iſt die Welt. Aller Himmel Himmel mögen ihn nicht verber⸗ gen, und die Erde iſt ſeines Fußtritts Schemel. Aber 59 ein Licht wird aufgehen vom Herrn, und alle Völker werden im Glanz deſſelben wandeln, daß niemand ſeinen Bruder frage, wer Gott ſey? ſondern ſte ſollen ihn alle erkennen, klein und groß, und alle ſchöpfen aus dem Strome des Lebens.“ Der Engel verſchwand, und Jeremias ſtarb in der Verbannung. Als nach Jahrhunderten der zweite Tem⸗ pel gebauet ward, da war kein heiliges Feuer mehr in demſelben, und keine Lade des Bundes, auch keine Stim⸗ me, den Herrn zu fragen: das Allerheiligſte ſtand leer. Aber aus der finſtern Leere des Heiligthums entſprang ein Licht, und aus der trüben Quelle dieſes Tempels floſſen Ströme der Erquickung für alle Völker der Erde. Die Sternſe. Müde und matt war Daniel von ſeinen Geſichten der Zukunft, die ihm ſo oft ſeine Kraft genommen und ihn mit Schauder erfüllet hatten; als endlich Einer aus dem Rath der Wächter zu ihm ſprach:„Gehe hin, Daniel, und ruhe, bis das Ende komme, daß du auf⸗ ſteheſt in Deinem Theil am Ende der Tage.“ Gelaſſen hörte Daniel das räthſelhafte Wort, und ſprach zum Mann im leinenen Kleide, der neben ihm ſtand:„Meineſt du, Herr, daß dieſe Gebeine werden wieder grünen?“ Und der himmliſche Bote nahm ihn bei der Hand, und zeigte ihm den Himmel voll leuch⸗ tender Sterne.„BViele,“ ſprach er,„ſo unter der Erde ſchlafen, werden erwachen; die Lehrer aber werden leuch⸗ ten, wie des Himmels Glanz, und die, ſo viel zum Guten gewirkt haben, wie die unvergänglichen Sterne.“ Er ſprachs und berührte ihn mit ſeiner Rechten; und Daniel entſchlief unter dem Anblick des Himmels und ſeiner hellleuchtenden ewigen Sterne. Vierte Sammlung. r e it e. Aus der Treue gegen Menſchen erkennt man die Treue zu Gott. Pinehas der Sohn Jair, ein armer, aber redlicher Mann, wohnte in einer Stadt gegen den Mittag. Es kas men Männer zu ihm, die ihm Getreide aufzuheben ga⸗ ben; ſie vergaßen es abzuholen, und reiſeten weg. Was that Pinehas? Er ließ das Getreide alle Jahre ſäen und ernten und in die Scheune ſammern. Nach ſteben Jahren kamen die Männer wieder, und forderten ihr Getreide. Pinehas erkannte ſte bald, Und ſprach zu ihnen:„Kommt und nehmet die Schätze, die der Herr euch geſegnet hat; ſtehe da habt ihr das Eure.“ *** Simeon, der Sohn Schetach, kaufte von einem Is⸗ maeliten einen Eſet. Sein Sohn ward gewahr, daß am Halſe des Eſeis ein Sdelgeſtein hing und ſprach zum Vater:„Vater, der Segen des Herrn macht reich.“ —„Nicht alfo,“ artwortete Simeon;„den Eſel habe ich gekauft, aber den Sdelgeſtein nicht;“ und gab ihn dem Ismaeliten wireder. 4 —— 61 Der afrikaniſche Rechtsſpruch. Aſexander aus Macedonien kam einſt in eine entle⸗ gene goldreiche Provinz von Afrika; die Einwohner gin⸗ gen ihm entgegen und brachten ihm Schaalen dar, voll goldner Aepfel und Früchte.„Eſſet ihr dieſe Früchte bei Euch!“ ſprach Alexander;„ich bin nicht gekom⸗ men, eure Reichthümer zu ſehen, ſondern von euren Sitten zu lernen.“ Da führeten ſie ihn auf den Markt, wo ihr König Gericht hielt. Eben trat ein Bürger vor und ſprach:„Ich kaufte, o König, von dieſem Manne einen Sack voll Spreu, und habe einen anſehnlichen Schatz in ihm gefunden. Die Spreu iſt mein, aber nicht das Gold; und dieſer Mann will es nicht wiedernehmen. Sprich ihm zu, o König! denn es iſt das Seine.“ Und ſein Gegner, auch ein Bürger des Orts ant⸗ wortete:„Du fürchteſt dich, etwas Unrechtes zu behal⸗ ten, und ich ſollte mich nicht fürchten, ein ſolches von Dir zu nehmen? Ich habe Dir den Sack verkauft, nebſt allem was darinnen iſt; behalte das Deine. Sprich ihm zu, o König!“ Der König fragte den Erſten, ob er einen Sohn habe! Er antwortete: Ja. Er fragte den Andern, ob zer eine Tochter habe? und bekam Ja zur Antwort. „Wohlan,“ ſprach der König.„Ihr ſeyd beide recht⸗ ſchaffene Leute: verheirathet Eure Kinder unter einan⸗ der, und gebet ihnen den gefundenen Schatz zur Hoch⸗ zeitgabe; das iſt meine Entſcheidung.“ Alexander erſtaunte, da er dieſen Ausſpruch hörte. „Habe ich unrecht gerichtet,“ ſprach der König des fer⸗ nen Landes,„daß Du alſo erſtauneſt?“„Mit nich⸗ ten,“ antwortete Alexander,„aber in unſerm Lande würde man anders richten.“„Und wie denn?“ fragte der afrisaniſche König.„Beide Streitende,“ ſprach 62 Alexander,„verlören ihre Häupter, und der Schatz kä⸗ me in die Hände des Königs.“ Da ſchlug der König die Hände zuſammen und ſprach: „Scheint denn bei Euch auch die Sonne? und läßt der Himmel noch auf Euch regnen?“ Alexander antwortete: Ja.„So muß es, fuhr er fort, der unſchuldigen Thiere wegen ſeyn, die in Eurem Lande leben: dean uher ſol⸗ che Menſchen ſolite keine Sonne ſcheinen, kein Himmel regnen.“ Weingefaͤße. Eines Kaiſers Tochter ſprach zu einem Weiſen: Wie eine große Geſchicklichkeit iſt in dir, und du biſt ſo haͤß⸗ lich! Wie eine ſo große Weisheit in einem ſo ſchlech⸗ ten Gefäß! „Sage mir,“ ſprach der Weiſe,„in welchen Fäſſern habt ihr euren Wein liegen?“„In irdenen,“ ſagte ſie.„und ſeyd ſo reich! Bitte deinen Vater, daß er den Wein in ſilberne Faͤſſer lege.“ Sie that's, und der Wein ward Eſſig. „Warum haſt du meine Tochter zu ſolcher Thorheit vermocht?“ fragte der Kaiſer; der Weiſe ſagte ihm die Beranlaſſung und behauptete, daß in einem und dem⸗ ſelben Menſchen Weisheit und Schönheit ſelten beiſam⸗ men wohnen. „Ei, ſagte der Kaiſer, es gibt doch auch ſchöne Menſchen, die gelehrt und geſcheid ſind!“„Wenn ſie nicht ſchön wären, wären ſie wahrſcheinlich gelehrter und geſcheider. Ein ſchöner Menſcy iſt ſelten demüthig: er denkt an ſich, und vergißt darüber das Lernen.“ 63 Die Schlange. „Was haſt du davon? ſprach der Menſch zur Schlan⸗ ge, daß du unſer Geſchlecht verwundeſt, da du doch die böſen Folgen deines Zahns kenneſt? Du ſtichſt meine Ferſe; und ſchnell brennet das Gift durch alle meine Adern.“ Frageſt du mich darüber? antwortete die Schlange⸗ Frage die Afterredner, die böſen Verläumder deines. Geſchlechts darum, was denn ſie für Lohn haben? Das kleinſte Glied deines guten Namens verwunden ſie; und dein ganzes Glück leidet. Sie züngeln und ziſcheln zur Rom; und in Syrien thut man dir Qual an.“ Alles zum Guten. Immer gewöhne ſich der Menſch zu denken:„was Gott ſchickt, iſt gut; es dünke mir gut oder böſe.“ Ein frommer Weiſer kam vor eine Stadt, deren Thore geſchloſſen waren; niemand wollte ſie ihm öffnen: hungrig und durſtig mußte er unter freiem Himmel übernachten. Er ſprach:„was Gott ſchickt, iſt gut,“. und legte ſich nieder. Neben ihm ſtand ſein Eſel, zu ſeiner Seite eine drennende Laterne, um der Unſicherheit willen in der⸗ ſelben Gegend. Aber ein Sturm entſtand und köſchete ſein Licht aus: ein Löwe kam und zerriß ſeinen Eſet. Er erwachte, fand ſich allein und ſprach:„was Gott ſchickt, iſt gut.“ Er erwartete ruhig die Morgenröthe. Als er an's Thor kam, fand er die Thore offen, die Stadt verwüſtet, beraubt und geplündert. Eine Schaar Räuber war eingefallen, und hatte eben in die⸗ ſer Nacht die Einwohner gefangen weggeführt oder ge⸗ tödtes. Er war verſchonet. Sagte ich nicht,“ ſprach 64 er,„daß alles, was Gott ſchickt, gut ſey? nur ſehen wir meiſtens am Morgen erſt, warum er uns etwas des Abends verſagte. Drei Freunde. Traue keinem Freunde, worinn du ihn nicht gepruͤ⸗ fet haſt; an der Tafel des Gaſtmahls gibt's mehrere derſelben, ats an der Thür des Kerkers⸗ Ein Mann hatte drei Freunde; zween derſelben Niee bete er ſehr, der dritte war ihm gleichgültig, ob dieſer es gleich am redlichſten mit ihm meinte. Einſt ward er vor Gericht gefodert, wo er unſchuldig, aber hart verklaget war.„Wer unter euch,“ ſprach er,„will mit mir gehen und für mich zeugen? Denn ich bin hart verklaget worden, und der König zürnet.“ Der erſte ſeiner Freunde entſchuldigte ſich ſogleich, daß er nicht mit ihm gehen könne, wegen andrer Ge⸗ ſchäfte. Der zweite begleitete ihn bis zur Thür des Richthauſes; da wandte er ſich und ging zurück, aus Furcht vor dem zornigen Richter. Der dritte, auf den er am wenigſten gebauet hatte, ging hinein, redete fuͤr ihn, und zeugte von ſeiner Unſchuld ſo freudig, daß der Richter ihn ſosließ und beſchenkte. Drei Freunde hat der Menſch in dieſer Welt; wie vetragen ſie ſich in der Stunde des Todes, wenn ihn Gott vor Gericht fordert! Das Geld, ſein beſter Freund, verläßt ihn zuerſt und gehet nicht mit ihm. Seine Verwandten und Freunde begleiten ihn bis zur Thür des Grabes, und kehren wieder in ihre Häu⸗ ſer. Der dritte, den er im Leben oft am meiſten ver⸗ gaß, ſind ſeine wohlthätigen Werke. Sie allein begleiten ihn bis zum Throne des Richters; ſie gehen beglei⸗ 65 voran, ſprechen für ihn und finden Barmherzigkeit und Gnade. Die Krone des Alters. Wen der Schöpfer ehret, warum ſollten den nicht auch Menſchen ehren? Auf des Verſtändigen und Tu gendhaften Haupt iſt graues Haar eine ſchöne Krone.⸗ Drei Greiſe feierten zuſammen ihr Jubelfeſt und er⸗ zählten ihren Kindern, woher ſie ſo alt geworden? Der Eine, ein Lehrer und Prieſter, ſprach:„nie kuͤmmerte mich, wenn ich zu kehren ausging, die Länge des Weges: nie ſchritt ich anmaßend über die Häupter der Jugend hinweg, und hob die Hände nie auf zum Segnen, ohne daß ich wirklich ſegnete und Gott lobte: darum bin ich ſo alt worden.“ Der Andere, ein Kaufmann, ſagte:„nie habe ich mich mit meines Nächſten Schaden bereichert: nie iſt ſein Fluch mit mir zu Bette gegangen, und von mei⸗ nem Vermögen gab ich gern den Armen; darum hat mir Gott die Jahre geſchenkt.“ Der dritte, ein Richter des Volks, ſagte:„nie nahm ich Geſchenke: nie beſtand ich ſtarr auf meinem Sinn: im Schwerſten ſuchte ich mich jederzeit zuerſt zu überwinden; darum hat mich Gott mit meinem Alter geſegnet.“ Da traten ihre Söhne und Enkel zu ihnen heran, küſſeten ihre Hände, und kränzten ſie n.it Blumen. Und die Väter ſegneten ſie und ſprachen:„wie eure Jugend ſey auch euer Alter! Eure Kinder ſeyen euch, was ihr uns ſeyd, auf unſerm greiſen Haar eine blü⸗ hende Röſenkrone.“ * 5 * Herders Werke z. ſchon. Lit.u. Kunſt. IN. 3 5 66 Das Alter iſt eine ſchöne Krone; man findet ſie nur auf dem Wege der Mäßigkeit, der Gerechtigkeit Und Weisheit. Der Ueberwinder der Welt. Im fernſten Indien kam Alexander der Große an einen Strom des Paradieſes. Er trank von ſeinem er: quickenden Waſſer und labete ſich ſehr: er wuſch darin ſein Antlitz und ſchien verjüngt: er verfolgete den Strom durch ferne Wüſten, und kam an die Pforte des Para⸗ ieſes.„Thut mir auf,“ ſprach er,„denn ich bin der Ueberwinder der Welt, der König der Erde.“ Aber ihm ward zur Antwort:„du biſt mit Blut befleckt, weiche! Dieß iſt die heilige Pforte, wo nur die Gerechten hin⸗ eingehen.“ „So gebt mir,“ rief der König,„wenigſtens ein An⸗ denken, daß ich hier geweſen;“ man reichte ihm einen Todtenſchädel. Unwillig nahm er denſelben; der Schädel in ſeinen Händen ward immer ſchwerer, daß er ihn nicht mehr tragen konnte, ja daß ihn zuletzt alles Gold ſeiner Er⸗ oberungen, die Schätze Perſiens und des Indus nicht aufzuwiegen vermochten. Bekümmert rief er einen Wei⸗ ſen und fragte ihn, was das bedeute!„Das Men: ſchenhaupt biſt du,“ antwortete der Weiſe.„So lange deine Augen offen ſtehen, kannſt du nicht geſättigt wern den mit Gold und Silber; aber ſiehe! hier ſtreue ich Staub auf den Schädel und bedecke ihn mit einer Hand voll Erde: der Todtenſchädel wird leicht werden, wie jeder andere Schädel.“ Und er thats und es geſchah. Und bald ward der Spruch erfüllet. Alexander zog zurück mit ſeinem Heere, und ſtarv in Babel. Sein Reich zerfiel, und des Ueberwinders Haupt lag da wie ein anderer Schädel⸗ 67 Der Tag vor dem Tode. Ein Weiſer ſpricht:„thue Buße Einen Tag vor deinem Tode.“ Welcher iſt dieſer Tag, und wer weiß, wann er ſterben werde? Ein König lud ſeine Knechte zu einer großen Mahl⸗ Zeit ein, ſagte ihnen aber nicht die Stunde, wann die Mahlzeit ſeyn würde. Die Klugen bereiteten und ſchmückten ſich: denn ſie ſprachen:„es gebricht nichts in des Königs Hauſe: jeden Augenblick kann die Mahlzeit bereit ſeyn, daß wir gerufen werden.“ Die Narren aber unter den Knechten zerſtreuten ſich und ſagten: „es iſt noch lange hin, und ehe der Ruf geſchieht, ha⸗ ven win Zeit genug, uns zuzuſchicken und anzukleiden.“ Plötzlich geſchah der Ruf; die Geſchmückten gingen zum Feſte; die Narren wurden zurückgewieſen. Sie hat⸗ zuten die Ehre ſich ſelbſt geraubet. * 5 Salvmo ſagt:„Laß deine Kleider immer weiß ſeyn!“ Auch deine Sterbekleider ſind weiß; bereite dich und kleide dich in ſie täglich. Sey weiſe Einen Tag vor dei⸗ anem Tode. Der fruͤhe Tod. Frühmorgens ging ein Maͤdchen in den Garten, ſich einen Kranz zu ſammeln aus ſchönen Roſen. Sie ſtan⸗ den alle noch in ihrer Knoſpe da, geſchloſſen oder halb geſchloſſen, des Morgenthaues duftende Kelche.„Noch will ich euch nicht brechen, ſagte das Mädchen. Erſt ſoll euch die Sonne öffnen: ſo werdet ihr ſchöner pran⸗ gen und ſtärker duften.“ Sie kam am Mittage und ſah die ſchönſten Roſen vom Wurm zerfreſſen, vom Strahl der Sonne gebeugt, 58 erblaßt und welkend. Das Maͤdchen weinte über ihre Thorheit, und am folgenden Morgen ſammelte ſie ſich ihren Kranz früh. * 2 2* Seine liebſten Kinder ruft Gott früh aus dem Le⸗ den, ehe der Strahl der Sonne ſie ſticht, ehe der Wurm ſie berühret. Das Paradies der Kinder iſt eine hohe Stufe der Herrlichkeit; der gerechteſte Fromme kann ſie nicht betreten: denn ſeine Seele iſt befleckt geweſen. Der Lohn der zukuͤnftigen Welt. Richte nicht den Weg deines Lebens, alle ſeine Fuß⸗ ſteige ſind gut, ob du gleich das Ziet eines jeden nicht überſieheſt. Wäge auch nicht die Vorſchriften des Ge⸗ ſetzes, daß du etwa ſageſt: dieß Gebot iſt groß, darum will ichs halten: denn ſein Lohn wird groß ſeyn. Gott hat dem Menſchen nichr offenbaret, welches der Lohn eines jeden Werks ſeyn werde. Ein König wollte einen Garten pflanzen, und lud die Arbeiter dazu ohne Bedingung ein; er ließ einem jeden ſeine Arbeit frei und fragte am Abende nur, wor⸗ an er gearbeitet habe. Jeder zeigte, was er gethan! dieſer den Feigenbaum, jener den Oelbaum, der die Cy⸗ preſſe, dieſer den Palmbaum, den er gepflanzet. Der Hausvater gab einem ieden den Lohn nach ſeiner Arbeit, und ſo war ſein Garten mit mancherlei Bäumen be⸗ pflanzet. Sätten die Arbeiter gewußt, welcher Baum unter allen den größten Lohn brächte: ſo wäre des Haus⸗ vaters Abſicht nicht erreicht worden: der Garten wäre nicht mit mancherlei Bäumen bepflanzet. v 3 4 Ein Weiſer ward gefragat: warum iyn Gott alſo ge⸗ ſegnet habe in ſeinem Leben?„Weil ich die kleinſte 69 Pfticht wie die größeſte that, antwortete er, darum hat mich Gott alſo geſegnet.“ 3 Die Roſe unter Dornen. Ein frommer Mann, der tief gekränkt und verwun⸗ det mitten unter ſeinen Verfolgern lebte, ging traurig einmal auf und ab in ſeinem Garten, an den Wegen der Vorſehung faſt zweifelnd. Wie feſtgehalten blieb er vor einem Roſenbuſch ſtehen, und der Geiſt der Roſe ſprach zu ihm alſo:„Belebe ich nicht ein ſchönes Ge⸗ wächs? einen Kelch der Dankſagung voll ſüßer Gerüche dem Herrn im Namen aller Blumen, ſein Weihrauch⸗ opfer. Und wo erblickeſt du mich? Unter Dornen. Aber ſie ſtechen nicht; ſie beſchützen mich und geben mir Säfte. Eben dieß thun dir deine Feinde, und zollte dein Geiſt nicht mehr ſeyn und feſter, als eine hinfällige Blume?“ Geſtärkt ging der Mann von dannen; ſeine Seele ward ein Kelch der Dankſagung für— ſeine Feinde. Der Engel des Todes. Furchtbar erſcheint dem Scheidenden der Engel des Todes. Von ſeinem flammenden Schwert triefen vittre Tropfen; ſein Anblick iſt ſchrecklich. Iſt nichts, das uns davon zu erretten vermöge! Kann niemand das Paradies ſchauen, er ſchaue denn vorher den Engel des Todes? Nicht alſo. Wer Werke der Liebe und Güte gethan, wer Menſchen erfreuet hat und ihren Segen emprangen, der ſiehet den Tod nicht. Wie Auen des Paradieſes ſchweben die guten Thaten ſeines Lebens und erquicken ſein Herz und holen ſanft hinüver ſeine Seele. So ward Eltieſer, Abrahams treuer Knecht, von ſei⸗ 70 nem Herrn dazu geſegnet, daß er den Tod nicht ſähe, für die Freude, die er ihm im Leben bereitet. Auch Sa⸗ rah, Aſſers Tochter, als ſie dem Altvater Jakob die Nach⸗ richt brachte:„dein Sohn lebet!“ ſprach er:„der Mund, der mir dieß ſagt, erquicket werde er dafür in der Stunde des Todes.“ Und als Bitja, die Tochter Pharao's ſterben ſollte; damit man nicht ſpräche:„was hatte ſie zum Lohn für ihre Gutthat, daß ſie den Mo⸗ ſes erzogen,“ trat in ihrer letzten Stunde das Bild Moſes mit allen ſeinen Thaten ihr herrkich vor Augen; das Bild des Todes verſchwand voy dieſem Anblick. Wie man den Faden aus der Milch zieht, ſo ſchei⸗ det die Seele des Guten von ihrem Körper, im Anden⸗ ken deſſen, was ſie durch ihn Gutes vollbrachte; die Seele des Böſen ſcheidet hinweg, wie man ſpitzige Dor⸗ nen aus der Wolle reißet. II. — η — = — η 8 A Aus den zerſtreuten Blaͤttern, vierte Sammlung 1798. Vorrede. Das Roſenthal, dieſer Titel ſcheine keine Ziere⸗ rei, wenn ich bemerke, daß ein großer Theil dieſer Lehr⸗ ſprüche aus Sadi's Blumengarten oder Roſen⸗ thal und aͤhnlichen Sammlungen genommen iſt. War⸗ um ſollten auch Griechenland und Rom allein ihre An⸗ thologieen haben? Sind nicht die ſchönſten Blumen unſe⸗ rer Gärten morgenländiſcher, iſt unſre Roſe nicht per⸗ ſiſcher Abkunft? Als eigentliche Kunſtwerke verpflanzte ich indeſſen dieſe ſchönen Kinder der Phantaſte und des Verſtandes nicht. Sadi war mir in meinen jungen Jahren ein angenehmer Lehrer der Moral, deſſen Einkleidungen oft die ſchönſten Sprüche der Bibel wie in einem neuen Gewande zeigen. Ich lade alſo auch zu ihm als zu einem Lehrer der Sitten unter die Roſe der ſchoͤnſten 74 Vertraulichkeit ein, der Vertraulichkeit nämlich, die man mit ſeinem eignen Herzen pfleget. Stücke von ihm ſind zwar oft überſetzt; ſchon 1678 ſoll eine deutſche Ueberſetzung aus dem Franzöſiſchen erſchienen ſeyn, die ich nicht kenne: Olearius gab die ſeine 1697, und aus ihr ſind manche Sentenzen Sadi's in die Sammlung deutſcher Sinngedichte übergegangen. Da indeſſen dieſe Ueberſetzung ſelten iſt, und in Anſehung der Sprache unlesbar ſeyn möchte, ſo konnte ſie mich nicht hindern, daß ich aus Gentius Ausgabe nicht einige dieſer Blumen nach meiner Art pflegte. Gentius, dem wir die ebengenannte prächtige Ausgahe des Sadi zu dan⸗ ken haben, war auch ein Deutſcher. Wenn man in den rhapſodiſchen Gedanken dem Liebhaber billig auch verzeihet, jia gar von ihm fordert. des folgenden Stücks einigen Enthuſiasmus für dieſe Lehrart findet, ſo bedenke man, daß Luſt und Liebe zur Sache ſelten ohne Begeiſterung für dieſelbe ſey, die man Eur ſtae 6. Bau ch. Lob der Gottheit. Lob ſey dem ewigen, Gott! Ihm nahet, wer ihm ge⸗ 1 vorchet; Wer ihm danker, genießt zwiefach des Gebenden Huld; Wie der Athem, der ie uns zieht, das Leben erweitert, Wie der Athem, den wir wieder verathmen, erquickt. Seinem Knechte, dem wärmenden Oſtwind' hat er geboten, Daß er des Hauſes Flur köſtlich belege zum Feſt Mit ſchmaragdnen Tapeten. Er hat der Wolke beſohlen, Daß ſie mit Ammenbruſt Kräuter und Pflanzen erzieh', Zartgeborne Kinder. Zum neuen Jahre des Frühlings*) Bringt er den Blumen ein Kleid, Zweigen den blumi⸗ gen Hut. Seine Rechte verwandelt den Saft des Schilies in Zucker, Hebet den Dattelkern ſprießend zur Palme empor. *) Bei den Perſern fängt das neue Jahr mit dem Früh⸗ linge an. Die Gewohnbeit der morgenländiſchen Kö⸗ nige, ihren Dienern und Lieblingen als Hausgenoſſen Geſchenke und Kleider zu geben, iſt bekannt. 76 Worken und Wind und Himmel und Mond und Sonn⸗ beeifern Sich zum Dienſte für dich; diene mit ihnen, o Menſch! * Die an der Pforte des Heiligthums anbeten und feiern, Sprechen:„wir ehren dich nicht, Höchſter, wie dir es gebührt.“ Die des Erhabenen Glanz in ſeiner Schöne beſchreiben, Klagen, in Schrecken gehüllt:„Herr, wir erkennen dich nicht.“ Fragete mich nun Einer nach ſeinem Lobe, was ſoll ich, Ich Geiſtloſer von Ihm ſagen, der zeichenlos iſt? Liebende geben ſich hin zum Opfer ihres Geliebten, Und das Opfer verſtummt— Niedergebeuget das Haupt, ſaß einſt ein Verehrer der Gottheit Tief in den Ocean ſeiner Betrachtung geſenkt; Als er emporkam wieder vom tiefen Meer der Gedanken, Fragt' ihn traulich ein Freund: bringeſt du uns ein Geſchenk Aus dem Garten, in dem du geweſen? Ich war in dem Garten, 4 Sprach er, wo glänzend umher Roſen, die volleſten, blüh'n. Sehnend nahet' ich mich, mir Schoos und Buſen zu füllen, Meinen Freunden und dir, Freund, zum erquickenden Gruß. Aber betäubt und trunken vom Duft der himmallſchen Blumen, Ließ ich ſinken das Kleid, ſank mir die brechende Hand. ** * Die du dle Liebe ſingſt, o Nachtigall, kerne die Liebe Von der Mücke, die ſich ſtumm in der Flamme verzehre * 2 5* Ein Schlüſſel iſt ſie zu des Kaufmanns Scchatz. 77 O du, höher als jeder Gedank und jegliche Meinung, Höher als jedes Bild, jegliche Rede von dir, Siehe, wir hörten und laſen, was je von den Vätern ge⸗ ſagt war, Sprachen darüber lang'; aus iſt nun unſer Geſpräch, Unſer Leben am Ziel und unſre Beſchreibung am Anfaag Draußen der Pforte zu dir ſtehen und ſtaunen wir noch. Der Betende. Knechte dienen um Lohn, ein Käufer handelt um Waare, Sey im Gebet vor Gott weder ein Käufer noch Knecht. Lege das Haupt zum Boden und ſprich: Erzeige mir, Höchſter. Was dem Erbarmer gebührt, nicht was der Sünder verdient. Der Spiegel im Dunkeln. Wer aus Liebe zu Gott der Menſchheit Pflichten ent⸗ ſaget, Sidt im Finſtern und hält immer den Spiegel vor ſich. Das Schweigen. Lerne ſchweigen, o Freund. Dem Silber gleichet die Rede, Aber zu rechter Zeit Schweigen iſt lauteres Gold. Die Rede des Weiſen. Was nützet Ali's Schwert in ſeiner Scheide! Was nützet Sadi's Zunge, wenn ſie ſchweiat? Was iſt, o weiſer Mann, dle Zung im Munde! 78 Unaufgeſchloſſen kannſt du nimmer wiſſen, Ob edle oder ſchlechte Stein er hegt. Vor weiſen Männern ſchweigen, iſt oft Tugend; Oft iſt mit Redefai orvorihnn Noth. Das wahre Lob. V Wer der Sterblichen weiß, was das Herz des Sterblichen einſchließt? Wer als der Schreiber verſteht eine verſiegelte Schrift? Schmähe mich alſo nicht mir falſchem Lobe von außen; Lob, was ich ſelbſt mir gab, dieſes erfreuet mich nur. Staub und Edelgeſtein. Edel bleibet der Edelgeſtein, und läg' er im Staube; Flög' er gen Himmel empor, bleibet der Staub, was er iſt. Das Aeußere und Innere. Gab dem Zucker das äußere Rohr die liebliche Süße? Oder war ſie des Rohrs inn'rer verborgener Saft? Duftet der Balſam wohl, weil dir ein Krämer es ſagte! Oder erquicket er dich ſelber in eigner Natur? So der Weiſe. Der Plauderer gleicht der hallenden Trommel: Draußen ein fremdes Fell, drinnen ein leeres Gefäß Die Abkunftt. Rühme dich nicht des Stammes, von deſſen Natur du nicht mehr biſt; Was von dem glänzenden Feu'r ſtammet, wird Aſche genannt. 79 Vortheile der Schoͤnheit. Schönheit iſt eine göttliche Kraft; ſte raubet die Seelen, Zieht das Gemüth an ſich, daß es ſo willig ihr dient. Schönheit iſt eine Salbe dem ſchwer verwundeten Herzen, Schließet das Innere auf; nichts iſt verſchloſſen vor ihr. Wohin ein Schöner tritt; er wird mit Ehr' Und Gunſt empfangen, hätten ihn auch ſelbſt Die eignen Ettern von ſich weggebannt. **½ Eine Pfauenfeder lag zwiſchen Blättern des Korans, Stolze, ſprach ich, zu hoch iſt dieſe Stelle für dich! „Nicht! antwortete ſie„Wohin die ſchöne Geſtalt kommt, Iſt ſie an ihrem Platz: jeder vergönnet ihn ihr.“ E(Ein ſchöner, artiger, folgſamer Jüngking, Wär' auch ſein Vater widrig und verſchmäht; Er iſt wie eine Perle, die man gern Aus ihrer Muſchel zieht, und köſtlich ſchätzt. Gefaͤhrliche Schoͤnheit. Schönheit iſt ein mißlich Geſchenk. Sie machet den Lieb⸗ ling Eitel, und wenn ſie entflieht, käßt ſie ihn traurig und leer. Die gute Geſellſchaft. Im Bade reichete mie einſt In meine Hand des Knaben Hand Ein Stückchen Erde voller Wohlgeruch. „Biſt du,“ ſprach ich,„Ambra? biſt du Muscus? Denn trunken entzündet ſich an dir mein Herz.“ 30 „Ich bin,“ antwortet ſie,„nur ſchlechte Erde; Doch war ich ein'ge Zeit der Roſe nah, Und ihre ſüße Kraft ging in mich über; Für mich bin ich nur Erde, was ich bin.“ Lockmanns Weisheit. Von den Thoren hab' ich, ſprach Lockmann, Weisheit ge⸗ lernet; Was mir an ihnen mißfiel, hab' ich mir nimmer erlaubt. Gabe der Vernunft. Wem das Gehör der Vernunft verſagt iſt, kann er ihr folgen? Wen fortziehet das Glück, wird er nicht folgen dem Glück? Lleblingen Gottes allein wird Nacht zum helleſten Tage: Keines Armes Gewalt ſchaffet die Helle ſich ſelbſt. Der Weg zur VWiſſenſchaft. Sag', o Weiſer, wodurch du zu ſolchem Wiſſen gelangteſt! „Dadurch, daß ich mich nie andre zu fragen geſchämt.“ Der Edelſte. Als Chatem⸗Tai, der Freigebige, Geprieſen ward, er ſey der edelſte Der Menſchen, über ihn ſey keiner mehr, Sprach er:„Der bin ich nicht. Als ich einmal Vierzig Kamele meinen Gäſten gab⸗ Fand auf dem Feld'’ ich einen armen Mann, Der Dorn und Diſteln ſammelte, dafür Sic 81 Sich Mittagbrod zu kaufen. Unbekannt Sprach ich ihn an:„Warum Mühſeliger, Arbeiteſt du, und geheſt lieber nicht* Zu Chatem⸗Tai's Haus, wo jeder jetzt Im Ueberfluſſe ſpeiſet?“„Wer das Brod,“ Antwortet' er,„ſich ſelbſt erwerben kann, 4 Hat Chatem⸗Tai's Haus nicht nöthig.“„Der, Ihr Freunde, war ein Edlerer, als ich.“ Haus und Hof. Kleider, die uns ein König verehrt, ſind herrliche Kleider; Aber ein eigen Gewand, auch ein geringeres, ziemt. Köſtlich ſchmecken Gerichte bei Tafeln prächtiger Herren; Aber ein eigenes Mahl, ſicher und fröhrich, ernährt. Unwuͤrdiger Gewinn. Schmecket die Speiſe dir ſüß, die du durch Betteln er⸗ Ifit 2tsie kauft haſt? Zieret das Kleid dich wohr, das dir die Schande ge⸗ — reicht? * S 4 l 3. Nuſchirvan, der Gerechte, ſpeiſt' einmal Auf ſeiner Jagd im freien Felde. Salz Gebrach ihm„Holet,“ ſprach er,„Salz, Im nächſten Hauſe; doch bezahlt das Salz.“ „Wie?“ ſagten ſeine Diener,„großer König, Bekümmert dich die Kleinigkeit, das Salz?“ „Aus ſolchen Kleinigkeiten,“ ſprach Nuſchirvan, „Iſt aller Druck entſtanden, der die Welt drückt.“ Alles Uebel der Welt iſt aus dem Kleinſten entſproſſen; Klein war der Anfang ſtets jeder unedlen Gewalt. Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 6 82 Brach der König nur Einen Apfel vom Baume des Armen; Hieben die Knechte ſofort, nieder zur Wurzel, den Baum. Eignete er fünf Eier ſich zu; ſie nahmen der Hennen Hundert. Der Thäter entwich; aber die Sitte verblieb. „ Das Bleibende. Gleich dem Winde verfliegt das Leben mit ſeinen Geſtalten, Schmerz und Freude verrauſcht, Bttires und Süßes entflieht; Aber das Unrecht bleibt, das der Unterdrücker verübte, Unſere Qualen entflieh'n; ſeine begleiten ihn fort. Der Heuchler. Sage dem Heuchler: es iſt der Koran vom Himmel ge⸗ kommen, Daß er die Menſchen erzieh', nicht um bemahlet zu ſeyn Mit des Apoſtels Bilde. Der Prieſter ſonder Erkenntniß Gleicht dem niedrigen Fuß, ohne des Sehenden Haupt. Löblicher iſt der Sünder, der reuig zum Boden die Stirn neigt, Als der Andächtige, der ſtolz in die Wolken ſich hebt. Der Fromme und der Weiſe⸗ Werde vom Frommen ein Weiſer. Der Fromme rettet ſich ſelbſt nur; Aber der Weiſe hilft wem und worin er es kann Das Kleid des Geiſtlichen. MWiſſe, mein Sohn, ein geiſtliches Kleid iſt das Kleid des Erbarmens Und der Geduld; ihm ziemt Zorn und Gehäſſigkeit nicht . 8⁵ Kannſt du nicht Unrecht durden, ſo kege das Prieſter⸗ gewand ab; Oder du lügeſt ihm, und es wird Schande für dich⸗ Würde das Weltmeer trübe von Einem geworfenen Steine? Trübet ein Steinwurf dich, biſt du ein ſumpfiger Pfuhl. Der Tapfere. Der iſt der Tapfere nicht, der den zornigen Löwen her⸗ vorlockt. Der iſt's, der auch im Zorn gütig die Worte beherrſchte⸗ Der Papagai Gund Rabe. Ein Papaaai und Rabe fanden ſich In Einem Vogerbauer eingeſperrt.— Der Papaagai erſchrack vor'm häßlichen Geſellen, und ſprach voller Unmuth ſo: „Welch eine widrige Geſtalt! Sein Blick, ünd eeine Art. wie ſie abſcheulich ſind! 9 Rabe, waͤre zwiſchen mir und dir Ein Raum von Orient zu Occident.“ Wer dich am Morgen erblickt, dem wird die Schöne des 4 Morgens Nacht. Er beginnt mit dir einen unſeligen Tag. Ein Unho'der gehört nur mit Unholden zuſammen; Aber wo fändeſt du irgend noch einen wie dich? Und wie dem Papagai des Raben, war Dem Raven auch des Papagai Geſeltſchaft. Er ſreicht die Klauen, klaat ſein Schickſal an, Uind wünſchet ſich, in Würde zu ſpazieren Mit Seinergteichen auf der Gartenmaurr. Einem geiſtlichen Mann, dem Raben, o ſchändliche Strafe, „Findeſt du dich beleidigt von uns? So beleidigſt du Hier biſt du wie ein duͤrres Holz im Garten der Anmuth, Iſt's nicht einerlei Regen, der hier auf ſalzigem Boden 84 „Gütiger Himmel, was hab' ich verübt, daß dieſem Un⸗ edlen, Dieſem Thoren du mich ihm zum Geſellen erkorſt? Wäre ſein Bild an der Mauer gemahlt; ich flöge von dannen, Wär’ er im Paradies, flög' ich zur Hölle hinab, Die ihn mit Papagai'n, Schwätzern und Buben ge⸗ ſellt!“ So fand ſich einſt ein ernſter Derwiſch im Gelag der Luſtigen. Er ſaß betrübt Bei ihren Schwänken, bis ein Freier ſprach: uns auch: Warum kommſt du hieher? da wir nicht kommen zu dir. Wo eine Blume ſich fröhlich der andern vermählt; Biſt ein widriger Wind fuͤr unſre Segel, der Schnee bringt, Biſt ein unſchmelzbar Eis mitten in ſchmelzender Luft.“ Verſchwendete Muͤhe. Und regneten die Wolken Lebensbäche; Nie wird der Weidenbaum dir Datteln tragen. Verſchwende nicht die Zeit mit ſchlechten Menſchen; Gemeines Rohr wird nie dir Zucker geben. Kannſt du ein gutes Schwert aus weichem Thone dir ſchmieden? Aendert, von Menſchen gehegt, je ſich des Wolfes Natur? Diſtel und Dornen erzieht, Blumen den Gärten verleiht? Alſo verſchwende du dir nicht Samen und köſtliche Wartung: Böſes den Guten, und Gut's Böſen erzeigen, iſt Eins. 85 Vergangenheit und Zukunft. Slücklich, wer das Vergangene ſich vorſetzet zum Lehr⸗ 1„ Daß er der Zukunft nicht ſelber ein Warnender ſey. Alſo ſcheuet der Vogel den Ort, wo Vögel berückt ſind; Nimm Beiſpiele, damit du ſie nicht anderen gibſt. Strenge gegen ſich ſelbſt. Strenge gegen dich ſelbſt, beſchneide die üppigen Reben; Deſto fröhlicher wächſt ihnen die Traube dereinſt. Zweites Buch. Der Redner und Zuhdrer. Tadle den Redner nicht, für deſſen Rede das Ohr dir Fehlet; der Lehrer gibt Lehre, nicht Herz und Verſtand. Bring' ihm ein weites Gemüth, ein großes Feld der Begier mit, Daß er mit Blumen und Frucht fröhlich beſäe das Feld. Un wiſſenheit. Unwiſſenheit iſt vor dem Tode Tod. Lebend'ge Gräber ſind Unwiſſende; Wer nicht durch Lehre ſeinen Geiſt erweckt, Weiß nichts von Auferſtehung aus dem Schlaf. Scherz und Ernſt.. b Sage dem Klugen ein Wort; er wirds zur Lehre ſich nehmen: Selbſt dein ſpielender Scherz wird ihm ein warnende Ernſt. Lies dem Thoren dagegen auch tauſend Kapitel der Welsheit⸗ Seinem unweiſen Ohr dünken ſie nichtiger Scherz. 87 Wiſſenſchaft fuͤr Andere. Wer für Andre nur weiß, der trägt wie ein Blinder die Fackel, Leuchtet voran, und geht ſelber in ewiger Nacht. Die Ruͤſtung. Weisheit und Wiſſenſchaft ſind Waffen gegen das Laſter; Du, ein gewaffneter Mann, wilt ſein Gefangener ſeyr? Irrt der Blinde, ſo zeigt mitleidig jeder den Weg ihm; Stürzet der Seher hinab, wird er von allen verlacht. Wiſſen ohne That. Ohne die That iſt Wiſſen, wie ohne Honig die Biene: Sage der Stolzen:„warum ſchwärmeſt du müſſig und ſtichſt?“ Die Schlinge. Eine Schlinge kenn' ich; ſie fängt den ſchnelleſten Vogel: Eine Feſſel, ſte zwingt auch den gewaltigſten Mann. Lieb' iſt dieſe Schlinge; das Haar der Geliebten, die . Feſſel, Die uns Gedanken und Muth, Willen und Tugend beſtrickt. Der Honig. Der du nach Welsheit fliegſt, bewahre den Fuß und den Flügel Vor dem Honig der Luſt; oder du klebeſt daran — 88 Ungluͤckliche Krankheit. Unglückſeliger Kranker, der Honig und Zucker verlanget, Wenn ihm die Aloe nur Rettung und Hülfe verleiht! Kann das Auge geneſen, das haftend am Auge des Andern Nach dem Pfeile verlangt, der es mit Schmerze durchbohrt. Das Schwere. Leichter iſt es der Seele, die ſchwerſten Schmerzen zu dulden, Als dem Auge, ſich ſelbſt ſeinem Geliebten entziehn. Die Fahne und der Teppich. Zu Bagdad im Palaſte redet' einſt Die Kriegesfahne ſo den Teppich an: „Wir, Eines Herren Diener, ich und du, Wie anders gar iſt unſer Dienſt und Lohn! Ich, matt von Zügen, und mit Staub bedeckt, Bin ohne Raſt und Ruh, auf Reiſen ſtets, Und allenthalben der Gefahr voran. Du, fern von Wüſten, Staub, Gefahr und Müh, Von Schlkachten fern und von Belagerung, Weilſt hier am Hofe unter Jünglingen Und Jungfraun, ſchöner als der ſchöne Mond, Von Salben duftend, mir an Herrlichkeit Und Ehre weit voran. Ich, in der Hand Der Diener, jetzt der rauhen Winde Spiel, Jetzt eingefeſſelt und dahin geſtellt.“— Der weiche Teppich ſprach:„dagegen hebſt Du auch dein ſtolzes Haupt zu Sternen auf; Ich liege hier zu meines Herren Fuß Und bin als Sklave nur geehrt und reich. 89 Wer ehrſuchtvoll ſein Haupt erhebet, der Sucht in der Höhe ſelbſt Gefahr und Sturm.“ Kodniges Dien ſt. Rühme dich nicht des Dienſtes, den du dem König er⸗ zeigeſt, Gnade hält er es dir, daß er zum Dienſt dich gebraucht. Koͤnige und Weiſe. Weiſere Maͤnner bedürfen minder der Könige Freundſchaft, Als der König des Raths weiſerer Männer bedarf. Der taube Koͤnig. Stellteſt du taub dich, König? O zieh aus den Ohren 4 die Wolle; Uaebe Gerechtigkeit; oder dein Richter erſcheint. All des Adams Söhne ſind Glieder unter einander; Leidet ein einziges Glied, jedes empfindet den Schmerz. Biſt du allein nicht, der ihn empfindet, ſo nenn', du 4 3 Einz'ger, Dich nicht unſres Geſchlechts, nenne nicht König dich mehr. Die zertretene Ruͤcke. Weißt du nicht, wie der Mücke dir unterm Fuße zu 8 Muth ſey? Evben wie dir, wenn dich ein Elephante zertritt. Das Kamel und das Kind. Hundert der Meilen folgt das Kamel dem leitenden Kinde, Daß es den Hals auch nicht gegen den Zügel erhebt. 90 Aber führt der Weg das Gebirg' hinunter zum Abgrund, Reißet den Zägel es kühn, ſich zu erretten, hinweg. Löblich iſt es den Menſchen, dem leitenden Zaume zu folgen; Aber zum Abgrund hinab, wehe den Folgſamen dann Der maͤchtige Baum. Ueber den Himmel erhebt der Baum wohlthätiger Milde Seinen Gipfel, und weit breitet die Wurzel er aus. Willt du von ſeinen Zweigen dereinſt die Früchte ge⸗ . nießen, Haue den Stamm nicht um, rücke die Milde nicht auf. Stolz und Guͤte. Süß iſt der koloquintene Trank, den Güte dir darreicht; Bitter der Zucker, den uns murrend der Stolze verehrt Frohe Milde. Nicht leichtſinnig eröffne die Thür freigebiger Milde; Aber geöffnet ſchleuß nimmer mit Härte ſie zu. Nicht zum ſalzigen Pfuhl, es eilt der durſtende Pilger, Vogel und Ameiſ' eilt hin zum erquickenden Quell. Gottes Lieblinge. Wie du des Königes Huld durch ſeinen Liebling erlangeſt, Alſo des Ewigen Huld, wenn du die Menſchen erfreuſt. Schonung des Namens. Der große Alexander ward gefragt, Wie er ſo größ're Kön'ge übermocht? 91 „Durch Gottes Schickung, ſprach er; aber nie Beleidigte ich Einen Ueberwundnen, Daß ich von ſeinem König' übel ſprach.“ Groß zu achten iſt nicht, wer große Namen verkleinert: Strafe, Befehl und Macht, Reichthum und Hoheit vergeht. Aber der Name bleibet! Und willt du, daß deiner ge⸗ ehrt ſey, Sey der Verſtorbenen Ruhm dir auch im Namen geehrt. Der Schmeichler. Gegenwaͤrtig bei dir iſt jeder Schmeichler dem Lamm *— gleich, Der abweſend dich ſelbſt greich einem Wolfe zerrelßt. Traue dem Manne nie, der fremde Gebrechen dir autdeckt; Wiſſe, daß eben ſo gern andern er deine verräth. Der Verlaͤumder des Freundes. Achteſt du werth den Stein, der deigen Spiegel zer trümmert? Und ein verläumdender Feind machet den Freund dir verhaßt? Feinde und Freunde. Freund' und Feinde kommen von Gott; wie rinnende 3 Bäche Hat er in ſeiner Hand ihrer Geſinnungen Lauf. Trifft dich ein vöſer Pfeil: den Peeit ſchnellt frellich der Bogen, Aber bemerke die Hand, welche den Bogen reglert. 92 Vorwuͤrfe. Gottes Strafen entgehen kannſt du durch reuige Beſſ'⸗ rung; „Aber der Menſchen Schmach tilget auch Beſſerung nicht. Dulde den Vorwurf ſtill, und danke Gott für die Wohlthat, Daß du dich beſſer fühlſt, als dich ein Sterblicher wähnt. Gott und der Menſch. Gott ſieht die Fehler und decket ſie zu; der menſchliche Nachbar Sahe ſie nicht und erzählt, was er nicht ſahe, der Welt. Wüßten die Menſchen, o ewiger Gott, von Menſchen, was du weißt, Niemand der Läſternden mehr hätte vor Läſternden Ruh. Der gute Mann und der Suͤnder. Gehet der gütige Mann dem Sünder vorüber; er gehet Schonend vorüber, und deckt ſeine Gebrechen nicht auf. „Hab' ich gefehlet, warum willt du auch, Heiliger, fehlen? Daß du mich ſtolz und kalt, wie ein Ungütiger ſchmähſt.“ Die Luge. Im Unmuth hieß ein König Augenblicks Den Sklaven tödten, der ihm mißgefiel. Beraubet akler Hoffnung, ſtieß verzweifelnd Der Arme Läſtrung aus. So greifet der, Der nicht entflieh'n kann, ſelbſt ins ſcharfe Schwert. ₰ 9³ „Was ſpricht er?“ fragt der König.„Herr, er ſpricht: (antwortet ein verſtänd'ger Mann am Thron) Das Paradies iſt derer, die den Zorn Bezähmen, und dem Sterblichen verzeih'n!“ „So ſey ihm dann verziehen!“ ſprach der Fürſt. „Nicht alſo!“ fiel ein Höfling ein, Monarchen Muß man die Wahnheit fagen.„Herr! er ſchalt!“ „Und hätt' er auch geſcholten!“ ſprach der König. „Die Lüge dieſes guten Mannes war Mir nützlicher, als deine Wahrheit. Sie Beſänftigte mein Herz; du bringſt es auf.“ Des Menſchenfreundes Lüge in der Noth Iſt edler, als des Menſchenhaſſers Wahrheit. Der laugſame Pfeil. Druͤcke den Pfeil zu ſchnelle nicht ab, der nimmer zu⸗ rückkehrt: Glück zu rauben, iſt leicht; wiederzugeben, ſo ſchwer! Wirkung des Zornes. Mäßige deinen Zorn; es fallen die Funken des Zornes Erſt auf dich; auf den Feind, wenn ſie ja treffen, zuletzt. Gewalt und Guͤte. Weiche Seide zerſchneidet das ſcharfeinhanende Schwert nicht; Stärker als alle Gewalt iſt ein nachgebender Geiſt. 94½ Güte bezwang die Welt. Mit ſanſten freundlichen Worten Magſt du den Elephant leiten am einzigen Haar. Die Beleidigung. Schmettre den Stein nicht gegen die Mauer; er prallet zurück dir, Oder es reißt ſich ein Fels los von der Mauer auf dich. Der Beleidigte.. Wen du beleidiget haſt, und hätt'ſt du ihm, zur Verſöhnung, Tanſend Gutes erzeigt, traue dem Manne nie ganz. Zogſt du den Pfeil aus der Wunde, ſo bleibt doch lange der Schmerz nach; Und im tiefen Gemüth wohnet am tieſſten ein Groll. Der Muͤrriſche. Menſch von böſer Natur, du biſt in feindlichen Händen: Wo du auch ſeyſt, du entgehſt deinem Gefängniſſe nicht, Nicht den Klauen, die feſt dich halten. Und ſtiegſt du 8 gen Himmel, Nimmſt du den quälenden Geiſt, nimmſt du die Hölle mit dir. Der aufſteigende Seufzer. Nicht vom Walde, der brennt, ſteigt ſo zum Himmel der Raucy auf, Wle des geprelten Manns Seutzer gen Himmel ſich hebt. —OQQQO(O⏑ꝑ—ꝛ—ÿB3— 9⁵ Die Beſtimmung. Thränen und Seufzer löſchen nicht aus die Tafel des Schickſals; Bitten und Schmeichelei'n ändern kein Pünktchen auf ihr. Kümmerte ſich der Engel, der über die Winde geſetzt iſt, Ob ſein brauſender Hauch irgend ein Lichtchen verweh? Das Roß und der Eſel. Hurtiger Reiter, gedenke doch auch des leidenden Laſtthiers, Das, mit Dornen bedeckt, ächzend im Pfuhle verdirbt. Zufriedenheit. Willt du dir Hoheit wünſchen; du kannſt nichts höheres finden, 1 Als der Zufriedenheit unüberwindliche Macht. Habe der Reiche Gold; die Geduld des Armen iſt mehr werth, Als ſein goldener Schatz, welchen die Sorge bewacht. Theile Biram*) den Armen das größte Wild zum Ge⸗ ſchenk aus: Wieget der Halm doch mehr, welchen die Ameiſe bringt⸗ — *) Ein groter Jäger Orients. Drittes Buch. Morgengeſang der Nachtigall. Weißt du, was die Nachtigall ſingt? An jeglichem Morgen Singt ſie:„wer biſt du, Menſch, daß dich die Liebe nicht weckt? Siehe, das Lüftchen weht, es ſäuſeln die Blätter der Bäume; Jegliche Blume fühlt ſich neu geſtärket und jung. Jegliches Blatt der Roſe wird Zunge, den Schöfper zu preiſen, Zunge wird jegliches Laub; und du verſtummeſt, 6 Menſch?“ Der naͤchſte Freund. Näher als ich mir ſelbſt, iſt mir die Güte des Schö⸗ pfers; Wie dann, daß ich von ihm öfter mich fühle ſo fern! Kann ich den Freund, der in Armen mich hält, abwe⸗ ſend beweinen? Kann ich mich dem entziehn, der mir mich ſelber ge ſchenkt? Got⸗ 97— Gottes⸗ und der Koͤnige Furcht. Fürchteten Gott wir ſo, wie wir die Könige fürchten, Engel wären wir dann, machten zum Himmel die Welt. Die heitere Stirn. Suchſt du Hülfe des Freundes, ſo ſuche mit heitrem Ge⸗ ſicht ſie; Leichter gedeihet ein Wort unter der fröhlichen Stirn. Mußt du des Herzens Kummer auf Erden Einem ver⸗ trauen, Gehe zum Heitern, er iſt auch der barmherzige Mann. Der Verſtoßene. Allenthalben irret umher, wen Gott von der Thür ſtößt; Wem er ſie öffnet, den nimmt jeder mit Gütigkeit auf. Die eigene Weiſe. Jeglichem dünkt ſein Witz und ſeine Weiſe die beſte, Wie ſein eigenes Kind jedem am ſchönſten gefällt. Waͤre Verſtand und Geiſt von unſrer Erde verſchwunden; Glaubete jeglicher doch:„Meinen behielt ich zurück.“ Vernunft und Sprache. Reden erhöhet der Menſchen Geſchtecht hoch über die — Thiere; Sprichſt du ohne Vernunft, ſtehet das Thier dir voran. Kunſt und Gluͤ ck. Nicht durch Streben allein erlangt man Ehren und 4. Reichthum, Mehy als alle Gewalt fördert ein günſtiges Glück, Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 7 98 Hingen hundert der Künſte dir auch an jeglichem Haupd⸗ haar; Alle hangen umſonſt, kränzet das Schickſal ſie nicht Wiſſenſchaft ohne Anwendung. Wer ſich um Weisheit müht, und nicht anwendet die . Weisheit, Gleicht dem Manne, der pflügt, aber zu ſäen vergißt. Der Lechzende. Dem Lechzenden, der in den Wüſten irrt, Was hilft ihm Edelſtein und Perle? Nur Ein Tropfe Waſſers, ihn erquickend, wär' Ihm mehr als alle Perlen Orients. „Wollte der Himmel mir, noch eh' ich ſterbe, nur Eine Bitte gewähren:“(ſo ſprach ächzend ein Durſtiger einſt.) „Einen rinnenden Strom, der bis an die Kniee mir reichte, Daß ich mit Freuden in ihm füllte den trockenen Schlauch.“ Er ſahe nicht den Strom; und als man ihn. Verſchmachtet in der Wüſte liegend fand, Lag vieles Gold vor ihm, und dieſe Schrift: „Was half dem Tſafer Edelſtein und Gold: Verſchmachtet liegt er hier—“ Leben und Gut. Güter ſind uns gegeben, des Lebens Laſt zu erleichtern: Nicht das Leben, um uns ſchwer zu beladen mit Gut. 4 99 Gräͤcklich iſt, wer genießet und ſä't; wer ſtirbt und zu⸗ rückläßt, Hieß ein reicher, und war nur ein unglücklicher Mann. Der Handelsmann. Ein Kaufmann, der zweihundert laſtbare Kamel' und Knechte, Diener ohne Zahl, Und zahllos Gut beſaß, nahm einſt mich in Sein Haus, und ſprach die ganze Nacht hindurch: „Hier hab' ich einen Kaufbrief auf ſo viel Beſitz: hier eine Handſchrift auf ſo viel An Geld, mit guter Bürgſchaft. Dieſer iſt Mein Handelsfreund in der Türkei; ich denke Nach Alexandrien anjetzt zu gehn. 3 Die Luft iſt da geſund; nur fürcht' ich mich Vorm Meer bei Magrib. Immer aber muß, Eh' ich zur Ruhe mich begeben kann, Ich doch noch Eine Reiſe thun.“ „Wohin?“ Sprach ich. Ich führe parthiſchen Schwefel zum Indus: denn da gilt er vier. Sineſiſche Geſchirre bring' ich dann Zurück nach Griechenland; und Seidenzeug Von da nach Indien. Aus Indien Stahr nach Aleppo; aus Aleppo Spiegel Nach Yemen in Arabien; von da Kamlot nach Perſien und andres mehr.—— Dann geb' ich meinen ſchweren Handel auf Und ſetze mich in Ruh. Nun, Sadi, ſage Auch du mir, was du Guts gehöret haſt. „ Ich hörte, ſprach ich, auf dem Felde Gur Als einer Kargwane Führer vom 100 Kamele fiel und todt am Boden lag, Jemanden ſagen:„eines Menſchen Auge, Die enge Höhle, füllt nur zweierlei: Genügſamkeit, und wo nicht die, das Grab.“ Das Unerſaͤttliche. Weißt du, was nie zu erſättigen iſt? Das Auge der Habſucht: Alle Güter der Welt füllen die Höhle nicht aus. Falſchheit und wahrer Werth. Ein verſtändig nützlicher Mann iſt die güldene Münze; Wo ſie erſcheinet, kennt Jeder der köſtlichen Werth. Stand und Geburt dagegen, ſie ſind geprägetes Leder: Ueber der Grenze hinaus gelten ſie das, was ſte ſind. Der Reiche und Arme. Siehe den ſtolzen Reichen, den übergüldeten Erdklos; Siehe das gute Gold, ſchmählich mit Staube bedeckt. Und doch wundre dich nicht. Einſt ſtand in dürftigen Kleidern Moſes; es prangte vor ihm Pharao's goldener Bart.*) -— Das Gold. Leichter gewinneſt du Gold tief aus dem Schooſe der Erde, Als vom Reichen; er läßt eher die Seele von ſich. *) Die Morgenländer erzählen viel von dieſem prächtigen mit Gold und Edelgeſteinen durchflochtenen Königs⸗ barte, der jedermann Entſetzen eingeflößt haben ſoſl. 101 Mraͤßigkeit. Liebte der Arme den Fleiß und die Mäßigung: wäre der Reiche— Billig; die Erde ſäh keinen Bedrängeten mehr. 9 Mäßigkeit, du, ohne die kein Reichthum Auf Erden iſt, o mache du mich reich. Der Winkel der Geduld war Lockmanns Winker; Denn nie wird Weisheit ohne durch Geduld. Wuͤrnſche. Hätte die Katze Frügel, kein Sperling wär' in der Luft mehr. Pünr⸗ was jeder wünſcht, jeder; wer hätte noch was? Lied eines Wanderers. Traͤgt ein Kamel mich nicht; ſo trag' ich auch nicht wie ein Laſtthier; Glücklich bin ich; ich bin weder ein König, noch Knecht. Weiß vom Kummer der Noth, weiß nichts von Sorge des Reichthums, Athme den Athem frei, lebe mein Leben mir ſelbſt. Die Dornen am Wege. Viel ſind Dornen am Lebenswege, doch keine der Dornen Ritze von deiner Hand Eines Mitwanderers Herz. Der Koͤnig und der Bettker. „Dann iſt am wohlſten mir, ſo ſprach ein praſſender König, Wann mich auf Erden nichts, Gutes und Böſes nicht 1 kränkt.“ 10⁰² Maͤchtiger, ſprach ein Bettler, der nackt lag unter dem Fenſter, Iſt dieß Königes Glück, bin ich ſo glücklich wie du. Joſedh⸗ Als der Hunger Aegypten druckte, ſpeiſete Joſeph Wenig, und wußte ſtets, wie es dem Hungrigen ſey. Gebrauch der Guͤter. Aloeholz, das der Kaſten verſchließt, iſt jeglichem Holz gleich; Auf die Kohle gelegt, athmet es ſuͤßen Geruch; Reicher, gebrauche das Gut, das zum Gebrauche dir Gott gab; Wer nicht ſäet, dem wächſt nimmer ein fröhlicher Halm. Die lieblichſte Traube. Willt du wiſſen, o Mann, wem deine ſüßeſte Traube Wohl am ſüßeſten ſchmeckt? Sende dem Lechzenden ſie. Das offne Auge des Todten. Ein König ſah im Traum einſt ſeiner alten Vorfahren einen, der vor hundert Jahren Regieret hatte. Aſche war ſein Leib; Doch ſeine Augen, offen in dem Sarge, Sie blickten hell umher.— Er fragt die Weiſen, Was das bedeute? Und ein Frommeer ſprach: „Mit offnen Augen ſiehet er ſein Reich In fremden Haäͤnden, ohne Raſt und Ruh.“ 10³ O wie viele, wie hochberühmte decket die Erde; und ſie verließen auf ihr keine wohlthätige Spur! Aber Nuſchirwan lebt, noch unvergeſſen im Tode, 4 Er, der gerechte Fürſt, er, der gutthätige Mann. Folge Nuſchirwan du, und gewinne das Leben zum 6 Wohlthun,. Ehe die Stimme ruft:„nun iſt auch dieſer nicht mehr.“ Umſchrift der Krone des Koͤniges Koſru. Was ſind viele Jahre? was iſt das längeſte Leben? Sterbliche gehen ſtets über Geſtorbenen hin. Dieſe Krone, ſie trugen vor uns ſo viele Monarchen, Auf wie viele nach uns gehet ſie künftig hinab! Die nutzloſe Mißgunſt. Niedrige Seelen wünſchen dem Glücklichen Jammer und 8 Unglück, Schauen die Sonne mit Gram, die dem Zufriedenen lacht. Doch, wenn Eulen und Fledermäuſ' am Mittag erblinden Und verwünſchen das Licht; dunkelt die Sonne darum? Feindes Rath. Frage den Feind um Rath; doch nicht um dem Rathe zu folgen: Zeigt er zur Linken dir, gehe zur Rechten den Weg. Der Lehrer und Schuͤler. Lehre den Schüler, o Freund, nicht jede der Künſte, die du kannſt; Eine behalte dir vor, würde der Schüler dein Feind. 104 Mancher lernte die Kunſt des Bogens; ſie zu beweiſen Nahm er den Lehrer zuerſt, nahm ihn vor allen zum Ziel. „Verſtand und Gemuͤth. Mannes Verſtand zeigt oft auch Eine flüchtige Stunde; Mannes Gemüth bewährt oft mit den Jahren ſich erſt. Der Zufall. Ein ſeitnes Glück macht keine Regel, Einſt Gefiel dem Perſerkönig ſeinen Ring, Den ſchönſten Edelſtein, auf einer Kugel Zum Preiſe dem zu ſetzen, der ihn traf. Es ſchoſſen alle Kunſterfahrenſten; Und keiner traf den Ring. Ein Knabe traf ihn, Der unerfahren und von ungefähr Vom Dache ſchoß. Das Glück gab ihm den Preis. Schnell warf er Pfeil und Bogen hin in's Feu'r; „Daß,“ ſprach er,„ungekränkt mein Ruhm mir bleibe, Soll dieſer erſte Schuß mein letzter ſeyn.“ Langſames Gluͤck. Langſam kommendes Glück pflegt auch am längſten zu weilen; Schnelle Vortrefflichkeit ſtehet am eheſten ſtill. Bögel, entſchlüpfend dem Ei, ſind was ſie ſollen von Anfang; Langſam wächſet der Menſch, aber zum Herrſcher der Welt. 4 105 Freundſchaft der Koͤnige. Traue des Königes Huld, wie der hellen Stimme des Knaben: Jene zerſtöret ein Wahn, dieſe verändert ein Traum. Gelegenheit. „Waͤrſt du mit einer Schönen ſtill allein;. Verſchloſſen ſind die Thüren; alles ſchläft, Und deine Luſt erwacht. Die Dattel, ſagt Der Araber, iſt reif, und niemrand iſt, Der ſie zu brechen wehrt; wie? bliebe dann Noch dein Gewiſſen unbefleckt und rein?“ So fragie man einſt einen frommen Mann. „Und blieb' es,“ ſprach er,„rein; entging' ich auch Der böſen That; Nachreden und Verdacht Wär' ich doch nicht entgangen. Alſo flieh“ Die That nicht nur; flieh' die Gelegenheit.“ Anfang des Uebels. 1 Das junge Bäumchen, eh' es Wurzel ſchlägt, Entnimmſt du ſeinem Ort mit leichter Hand; Gewurzelt wird es kaum ein ſtark Geſpann Mühſam entreißen ſeinem feſten Platz. Dieſe Quelle bedecket ein Krug; doch laß ſie ein Strom ſeyn, Watet der Elephant ſelber mit Mühe durch ſie. Das Fluͤchtige. Geld in des Armen Hand, und Geduld in des Liebenden Seele, 3 Und das Waſſer im Sieb' eilet und fliehet davyn. 2. 106 Alte Bekanntſchaft. In einem Blumenkruge hatt' ein Kraut Den Roſenbuſch umſchlungen.„Wie dann,“ ſprach ich, „Kommſt du hieher?“„O laß mich,“ ſprach das Kraut, „Ich bin der Roſe Miterzogene 3 Vom Garten her, und alte Freundſchaft pflegt Nach Treue man zu ſchätzen nicht nach Werth.“ Viertes Buch. Der Trauerbote. Sey kein Trauerbote. Die liebliche Nachtigall ſinget Fröhlichen Frühling, und läßt Eulen den Leichengeſang. Der Geſang der Nachtigall. Hoͤre, die Nachtigall ſingt: der Frühling iſt wieder ge⸗ kommen! Wiedergekommen der Frühling, und deckt in jeglichem Garten Wolluſtſitze; beſtreut mit den ſilbernen Blüthen der Mandel. Jetzt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blühende Frühling. Gaͤrten und Auen ſchmücken ſich neu zum Feſte der Freude; Blumige Lauben wölben ſich hold zur Hütte der Freundſchaft. Wer weiß, ob er noch lebt, ſo lange die Laube nur blühet? Jebt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der bluͤhende Frühling. Gränzend im Schimmer Aurorens erſcheint die bräut⸗ liche Roſe; 108 Tulpen blühen um ſie, wie Dienerinnen der Fürſtin: Auf der Lilie Haupt wird Thau zum himmliſchen Glanze; Jetzt ſey fröhlich und froh; er entftieht, der blühende . Frühling. Wie die Wangen der Schönen, ſo blühen Liljen und 4 Roſen; Farbige Tropfen hangen daran wie Edelgeſteine. Täuſche dich nicht; auch hoffe von keinen ewige Reize. Jetzt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blühende Frühling. Tulpen und Roſen und Anemonen, es hat ſie der Sonne Strahl mit Liebe geritt, blutroth mit Liebe gefärbet; Du, wie ein weiſer Mann, genieße mit Freunden den STag heut, 3 Und ſey fröhlich und froh: er entflieht, der brühende Frühling. Denke der traurigen Zeit, da alle Blumen erkrankten, Da der Roſe das welkende Haupt zum Buſen hinabſank; Jetzo beblümt ſich der Fels; es grünen Hügel und Berge. Jetzt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blühende Frühling. Nieder vom Himmerthauen am Morgen glänzende Perlen; Balſam athmet die Luft; der niederſinkende Thau wird, Eh' er die Roſe berühnt, zum duftigen Waſſer der Roſe. Jetzt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blühende Frühling. Herbſtwind war, ein Tyrann, in den Garten der Freude gekommen; 4 Aber der König der Welt iſt wieder erſchienen, und herrſchet, Und ſein Mundſchenk beut den erquickenden Becher der Luſt uns. Jetzt ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blühende Frühling. 7 109 Hier im reizenden Thal, hier unter blühenden Schönen Sang, eine Nachtigall, ich der Roſe. Roſe der Freude, Biſt du verblühet einſt, ſo verſtummt die Stimme des Dichters. Drum ſey fröhlich und froh; er entflieht, der blüͤhende Frühling. Anmuth des Geſanges. Suͤßer Geſang, er hält die rollenden Wellen im Lauf auf: Feſſelt der Vögel Flug, zähmet der Thiere Gewalt. Süßer Geſang, er fängt das Gemüth der Menſchen. Sie haben Gerne den Mann um ſich, der ihre Sinnen erquickt. Verloren lauſcht das Ohr dem ſüßen Ton: „Wer iſt es, der zwo Saiten ihn entlockt?“ Er labet, wie der Wein beim Abendroth, Und Ohr und Seele ſchlürfen ſanft ihn ein. Mehr als die Schönheit ſelbſt bezaubert die liebliche Stimme; Jene zieret den Leib; ſie iſt der Seele Gewart. Macht des Geſanges. Felſen hallen zurück den Geſang der Flöte des Hirten, Horchend des Führers Ton hüpfet das wilde Kamel. Tuxpen entſchließen ſich, es entknoſpet die Roſe dem Dornbuſch, Wenn ſie der Nachtigall zärtliche Stimme vernimmt. Härter als Dorn und Fels, und wilder als wilde Ka⸗ 8 mele, Wäre des Menſchen Gemüth, das der Geſang nicht rührt. 110 Die Liebe. Sey gegrüßet, o Liebe, die uns ſo lieblich entzündet, Alle Verlangen uns ſtillt, alle Gebrechen uns heilt, Unſer Plato und unſer Galen. Der Sterblichen Zuflucht Und Erquickung, ihr Arzt, ſelber auch ihnen Arznei. Himmel erblicket um ſich das Auge, das Liebe belebet, Hüpfen ſieht es umher Hügel und Berge für Luſt. Könnt' ich berühren anietzt die Lippe meiner Geliebten, Kläng' ich, ein Saitenſpiel, hellen und fröhlichen Klang. Aber entfernt von ihr, und hätt' ich tauſend der Stimmen, Jede ſchweiget in mir; Zung' und Gedanke verſtummt. Iſt die Roſe verblüht, iſt ihre Schöne vorüber, Hörſt du der Nachtigall lockende Stimme nicht mehr⸗ Die laute Klage. Turteltaube, du klageſt ſo laut und raubeſt dem Armen Seinen einzigen Troſt, ſüßen vergeſſenden Schlaf. Turteltaub', ich jammre wie du, und berge den Jammer Ins verwundete Herz, in die verſchloſſene Bruſt. Ach die hartvertheilende Liebe! Sie gab dir die laute Jammerklage zum Troſt, mir den verſtummenden Gram. Die Blume des Paradieſes. Bringſt du den lieblichen Hauch von meiner Geliebten, o Zephyr? Mir ein ſüßes Geſchenk; ſage, wer gab es dir? Sprich! Hüte dich, Räuber, entwend' ihr nichts. Was haſt du 1 mit ihrem Auſgelöſeten Haar, was mit der Locke dein Spiel? Schöne Roſe, was biſt du zu ihr? Du blüheſt in Dornen, Sie iſt der Freuden Kelch, ferne von Dornen und Weh. Duftende Knoſpel was biſt du zu ihrer Lippe? Du welkeſt Morgen; es blüht ihr Kuß ewig in roſigem Thau. 4 111 O Narciſſe, was biſt du zu ihrem trunkenen Auge? Du verſchmachteſt, und ſie blicket den Himmel umher. 9 Cypreſſe, was biſt du zu ihrem geſchlankigen Wuchſe! Strebet in Edens Hain zarter ein Bäumchen empor? 9 Verſtand und o Liebe, was wähltet ihr, könntet ihr wählen? Einzig währtet ihr ſie, einzig und ewig nur ſie. Die Perle. Hin iſt unſer Noſami, die edle Perle. Der Himmel Schuf ſie aus reinſtem Thau, ſchuf ſie zur Perle der Welt. Stille glänzete ſie, doch unerkannt von den Menſchen; Darum leget ſie Gott ſanft in die Muſchel zurück. Die Labende. Als ich in meiner Jugend einmal,(noch wohnet das Bild mir In der Seele,) von Durſt und von der Hitze gedrückt, Lechzend im Schatten ſaß, und meine Leiden erwägte; Da ging eine Geſtalt gegen mir über hervor, Wie in der dunkeln Nacht die Morgenröthe. Sie reichte Freundlich dem Lechzenden ſüßen, erquickenden Trank War er mit Roſen gemiſcht, wie? oder trof von den Wangen Ihr die Roſe, die mir jede Erinnerung nahm Mieiner vergangenen Leiden? O, ſprach ich, ſeliges Auge, Das ſolch eine Geſtalt jeglichen Morgen erblickt. Waͤrſt du von Weine berauſcht, du wirſt nach Stunden 4 erwachen; Trunken von dieſem Trank ſchlummerſt du ewigen Schlaf. Der Abſchied. Gitter und ſüß iſt der Abſchiedskuß an der Lippe des Freundes, Süß mit der Gegenwart, bitter mit Trennung ge⸗ miſcht. Alſo röthet der Apfel ſich hier am Strahle der Sonne Weggewendet von ihr, blaſſet und trauret er dort. Mitten im etzten Kuſſe den Athem ſanft zu ver⸗ hauchen, Wäre der Liebenden Wunſch, wäre der Scheidenden Troſt. Das Unerſetzliche. An nichts Geliebtes mußt du dein Gemüth Alſo verpfänden, daß dich ſein Verluſt Untröſtbar machte. Innigſt liebt' ich einſt In jungen Jahren einen ſchönen Freund. Sein Antlitz war mir wie das Heiligthum, Zu dem man im Gebet ſich wendet. Süß War ſein Geſpräch; und ſeine Freundſchaft ſchien Mir meines Lebens köſtlicher Gewinn. Unter den Engeln vielleicht, nicht unter den Menſchen iſt Einer, Einer an Treue wie Er, Einer an Sitten wie Er! Er ſtarb. Da lag ich Tag' und Nächte lang Auf ſeinem Grabe, ſeufzete und ſprach: „An dem Tage, da dir des Schickſars Dorn in die Ferſe Stach, o wäre mir auch niedergeſchmettert mein Haupt! Daß mein Auge die Welt, die meinen Geliebten ente behret, Nicht mehr ſähe, daß ich unter der Erde mit dir Läge 113 Läge, wie jetzo weinend auf deinem Grabe mein Haupt liegt. O des unglücklichen Manns! denk' ich der ſeligen Zeit, Da, auf Roſen gebettet, mir kam der Schlummer: die Roſen Sind verblühet; ſein Grab iſt mir mit Dornen bedeckt.“ Nun ſchloß ich zu mein Herz, und hielt es Untreu, Nach Ihm mir einen Freund zu wählen: denn Wer unter allen Menſchen wär’ ihm gleich? 1* Freilich winket das hohe Meer mit reichem Gewinn dir; Aber die Welle des Sturms droht mit dem Tode dir auch. Mit der Roſe zu leben, iſt ſüß; doch ſtachliche Dornen Stehen umher, und Sie welket im ſchönſten Genuß. Geſtern ging ich einher wie ein Pfau im Garten der Freundſchaft; Heute wind' ich mich ein, wie ein gekrümmeter Wurm. Der geſellige Schmerz. Turteltauben im Haine zu Irak, girrende Tauben, Wen betrauret ihr? wen rufet dieß ſehnende Ach? Uns ſind auch die Herzen verwundet, und unſere Augen Weinen; es nahm uns Gott unſre Geliebten dahin. Täubchen, klaget mit uns; wir wollen mit euch auch . klagen; Süß iſt's, werden im Schmerz Einer dem Anderen Troſt. Das Grab. „Geh' zum Grabe der Freundinn, ſo ſprachen meine Geſpielen, „Weine daran, vielleicht findeſt am Grabe du Troſt.“ Laßt mich, ſprach ich zu ihnen, o ihr unſelige Tröſter, Hier nur in meiner Bruſt hat ſie ihr einziges Grab. Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunct. IN. 83 114 Das Leben der Menſchen. Suͤß iſt das Leben, doch ach! das Leben währet nicht . ewig;. Wenige Tage, ſo iſt's wie ein Gedanke dahin. Immer wanket die bittere Fichte des menſchlichen Hie⸗ ſeyns; Gkaub' es, und immer trägt Bküthe der Jugend ſie nicht. Schön iſt die Roſe, ſie duftet mit zart entknoſpetem Kelche Lieblich: jedoch du weißt, daß ſie in Kurzem verblüht. Alſo auch du, im zärtlichen Schooſe der Mutter Er⸗ zogner, Traue der Mutter Natur ſanften Verzärtelung nicht. Geh' nicht ſicher dahin, wie das Lamm mit hangendem Haupte Sorglos weidet; es ſind Heere der Wölfe dir nah. Braucht es, des Weiſen Ohr zu betäuben mit langer Erinnrung? Wer dann kennet ſie nicht, Wechſel und Fluthen der Welt? Athme der Frühlingswind; wo irgend auf Erden er wehe, Treibet der Herbſtwind ihn ſtürmend und ſchleunig hinweg. Hätteſt du alle Reiche der Welt, mit alle den Reichen Kaufteſt nimmer du dir Einen zu lebenden Tag. Alſo hefte das Herz, Freund Pilger, nicht an die Her⸗ berg'; Bauet der Reiſende ſich mitten im Reiſen ein Haus? Haſcheſt du nach Begierden hienieden; o glaube, Ge⸗ liebter, Nieden iſt nicht der Or:, der die Begierde vergnügt. Wer Gott liebet, der achtet die Welt nicht über Ver⸗ dienſt hoch; Denn er weiß es, ſie gibt keinen geſicherten Tritt. — 115 Thue du, was dir gebührt. Vor allem zähme die Zunge; Glaub' es, auf Erden gibt's keinen verderblichern Feind. Pftege der Wiſſenſchaft; kein Pfad iſt ſichrer dem Menſchen Als den lange der Fuß weiſerer Menſchen betrat. Hebe die Hände zum Thron, den alle betend umringen, Nichts iſt dem reinen Gemüth ſüßer, als beten zu Gott. Meide den Schmerz, je Einen der Freunde gekränket zu 8 haben, 8 Aber vor allen den Freund, welchem kein anderer gleicht. Sadi, du haſt die Welt mit dem Schwert der Rede gewonnen, Danke; du thatſt es nur zu des Unendlichen Ruhm. Deiner Geſaͤnge Ruf hat alle Länder erfüllet, Schnell wie der Tygris ſtrömt, mächtig und ſtürzend wie er. 3 Aber nicht jeder, o Freund, erobert im Sturm, was 4 er wünſchte;„ Gläck und Gedeihen, es wird ſelten in Kämpfen er⸗ langt. Troſt des Lebens. Im Ungemach verzage nicht den Tag zu ſehn, Der Freude dir für Sorgen bringt, und Luſt für Gram. Wie oft begann ein gift'ger Wind, und ſchnell darauf Erfüllete ver lieblichſte Geruch die Luft! Oft drohte dir ein ſchwarz Gewölk; und ward verweht, Eh' es den Sturm ausſchüttete aus dunkelm Schvos. Wie mancher Rauch, der ſich erhob, war Feuer nicht! Sey alſo ſtets, im Unfall auch, voll guten Maths. Die Zeit bringt Wunder an den Tag; unzählbar ſind Die Güter, die du hoffen kannſt, vom großen Gott. 116 Dank des Sterbenden. unter des Tygers Zahn hört' ich den Leidenden beten: „Dank dir, Höchſter, im Schmerz ſterb' ich, doch nicht in der Schuld.“ Muͤh' und Belohnung. Willt du den Honig koſten, und Bienenſtiche nicht aus⸗ ſteh'n? Wünſcheſt Kränze des Siegs, ohne Gefahren der Schlacht? Wird der Taucher die Perle vom Meeresgrunde gewinnen, Wenn er, den Krokodill ſcheuend, am Ufer verzieht! Alſo wage! Was Gott dir beſchied, wird niemand dir rauben; Doch er beſchied es dir, dir dem beherzeten Mann. Reichthum und Tugend. Warum wird vor der Rechten die Linke mit Ringen gezieret?. Weil ſich die Rechte mit Kraft und der Behendigkeit ziert. Der die Schickſale theilte, der ſonderte Tugend und Reichthum. Wem er das Eine verlieh', wollt' er nicht Alles ver leih'n. Die Cypreſſe und der Palmbaum. Schau die hohe Cypreſſe; ſie trägt nicht goldene Früchte, Aber ſie ſtehet dafür immer in fröhlichem Grün. Kannſt du, ſo ſey ein nährender Palmbaum; kannſt du . es nicht ſeyn, Sey ein Cypreſſenbaum, ruhig, erhaben und frei. III. A — 4 — — = O — — — 2— ᷣ z= — — = ‿ .,— — 8 — — — A 22 η Einige rhapſodiſche Gedanken. Aus den zerſtreuten Blattemn, vierte Sammlung 1792. Gewöhnlich hält man nichts von geringerem Werth, als Sprüche; wie bald, denkt man, iſt ein Spruch geſagt! wie bald eine ſogenannte Weisheitslehre vor⸗ getragen! Man verlegt ſie alſo in die Kindheit des menſchlichen Geſchlechts; man läßt ſie höchſtens als er⸗ ſten Unterricht, als eine Verſtandes⸗ und Sprachübung gelten. Vieles hievon iſt wahr; und die Zeit iſt allerdings längſt vorüber, in der man, durch räthſelhafte oder ſcharffinnige Sprüche, den Ruhm eines Salomo, oder des achten Weiſen Griechenlandes erlangen könnte. In⸗ deſſen hatte auch in den älteſten Zeiten die Sache eine andre Beſchaffenheit, und es kaſſen ſich Gründe anfüh⸗ ren, warum inſonderheit die Morgenländer ſo viel auf dieſe Spruchweisheit hielten. Ein Spruch nämlich ſetzt Weisheit, Weisheit ſetzt Erfahrung voraus; und ich wüßte kaum, was das menſchliche Leben dem Verſtande für eine beſſere Aus⸗ beute liefern könnte, als eben dieſe aus Erfahrung ge⸗ vildete, in eine anziehende Form gekleidete Weisheit. Wenn dieſe nun ein Spruch heißt: ſo ſind Sprüche gleichſam vas ganze Reſultat des beobachtenden menſch⸗ lichen Verſtandes; nur muß man Verſtand haben, ih⸗ ren Verſtand zu faſſen, und Gefühl haben, die Schön⸗ heit ihres Ausdrucks zu fühlen. Glaube doch niemand, daß an jedem Gegenſtande jeder daſſelbe ſehe und wahrnehme; ſonſt würde es 120 keine verſchiedenen Meinungen in der Welt geben. Glau⸗ be niemand, daß jede verwickelte Aufgabe im menſchli⸗ chen Leben jeder auf gleiche Weiſe ſich auflöſe, oder vielleicht nur irgend aufzulöſen, die Beſonnenheit und geläufige Uebung habe: denn wäre dieß, ſo würde es keine Blödſinnigen, keine Sklaven der Gewohnheit, keine gedankenloſen Nachſprecher geben. Je mehr man die Men⸗ ſchen in ihrer Gedanken⸗ und Handlungsweiſe verfol⸗ get, deſto mehr wird man inne, wie wenige unter ih⸗ nen ſelbſt denken, und wie ſchwer es auch dieſen We⸗ nigen werde, immer zu denken. Man rechnet ſo gern mit Ziffern; man bringt ſo gern den Traum einer Wahr⸗ nehmung unter die Formel einer allgeme inen Leh⸗ re, einer entweder von uns oder von Andern gemach⸗ ten Beobachtung, wodurch denn mit der leichteſten Mühe der rohen Materie gleichſam Geſtalt und Form wird. Die hellſehenden Geiſter, die ſolche Geſtarvenhder Beobachtung erſchufen, und auch der Sprache in glücklichen Formen einprägten; ſie waren, in welcher Zeit und unter welchem Volke ſie lebten, die Lock⸗ manns, Sadi, Aeſops, oder, wenn man will, die Salomonen und Solons ihrer und der folgenden Zeiten. Sie hatten Perlen aus dem Grunde des Meers geholt; ſie hatten aus einer rohen Maſſe geläuterte Goldmünzen gepräget, deren innerer Werth von Ver⸗ ſtändigen anerkannt, deren Summe nachher als ein Re⸗ ſultat des Verſtandes der Nation, als ein Schatz ihrer Sprache geſchätzt ward; ihre Sprüche blieben. Und warum hätten ſie nicht alſo geſchätzt werden ſollen? Beſitzt unſer Verſtand eine edlere Gabe, als dieſe Formenſchöpfung? Iſt es nicht ein Trug, wenn wir glauben, daß in einer Erfahrung jener all⸗ gemeine Satz, dieſe ſittliche oder politiſche Lehre ſchon liege? Sie liegen darinn, aber nur nach der Materie; die Zorm muß ihnen der menſchliche Geiſt erſt geben da man dand eben 78 ſicher ſagen kann, daß der menſch⸗ 121 liche Geiſt ſie in die Begebenheit hinein:, als daß er ſie herausdenke. Wie ſelten ſind nun(nochmals ge⸗ ſagt) dieſe eigenthümlichen, urſprünglichen Denker un⸗ ter den Menſchen! Man folgt ſo gern andrer Rath, ſieht, auch wenn man mit eignen Augen zu ſehen glaubt, ſo oft mit fremden Augen, und geht im Gängelwagen der Sprache. Für viele iſt es alſo das Höchſte, anzu⸗ wenden, was ſie gelernt haben; und das höchſte Ver⸗ dienſt um ſie beſteht darinn, daß man ſie nur das Wahre, das Richtige lernen laſſe, und ſie dieß wahr und richtig anwenden lehre. Immer alſo ſind mir die Erfinder feiner Sprüche, die Formenſchöpfer richtiger und feiner Reſultate, in je⸗ der Art der Beobachtung und Erfahrung als die wah: ren Geſetzgeber und Autonomen des menſch⸗ lichen Geſchlechts vorgekommen, die, indem ſie ſelbſt dachten und trefflich ſprachen, zugleich für andre. dachten, und ihrem Geſetz alſo zu denken, als einem ſchweigenden Imyverativ, durch die Form ihres Ausdrucks gleichſam Sanction gaben. Unter den Mor⸗ genländern findet ſich eine Menge dieſes geprägten Gol⸗ des verſtändiger Beobachtung und Erfahrung; woraus dann auch, wie aus ſo vielem andern, erhellet, wie alt die Cultur unſres Geſchlechts im Orient ſey! Ich denke noch der Zeiten mit Anmuth, in denen ich als Kind den Hiob, den Prediger Salomo, oder als Knabe den Aeſop, griechiſche und lateiniſche Gnomologen, und nachher in oder aus mehrerern Sprachen ſcharfſinnige Gedanken, ſchöne Einkleidungen einer anziehenden Wahr⸗ heit, kurz Beobachtungen, Sinnſprüche, Lehren in einer feingewählten Form des Vortrages las. Es ſchien mir, daß man nicht aus, ſondern mit ihnen denken lernen ſolle, und ich bemerkte mit Freuden, daß unter allen Nationen mehrere der würdigſten Männer dieſelbe Lieb⸗ haberei gehabt, und Apophthegmen, Sprüche, Maximen theils gus andern geſammelt, oder überſetzt, theils ihre 122 Gedanken ſelbſt in dergleichen Form zu bringen ge⸗ ſucht haben. Ein Verzeichniß derſelben zu geben, iſt dieſes Oeks nicht; mir genüget es anjetzt, da ich blos meine vorſtehende Sammlung der Sprüche Sa⸗ dies und andrer morgenländiſchen Dichter zu rechtfer⸗ tigen habe, einiges anzuführen, das den Urſprung der⸗ ſelben, ihren Werth oder Unwerth, ſodann auch ihren Gebrauch näher erläutert. 1. Unter dem Namen der morgenländiſchen Dicht⸗ kunſt begreift man gewöhnlich die Poeſie ſo verſchiede⸗ ner Völker und Zeiten Aſiens, als man in Europa ſchwerlich unter Einem dergleichen Hauptnamen begrei⸗ fen möchte. Die Poeſie der Ebräer, als die älteſte, faßt ſchon einen Zeitraum vielleicht von mehr als einem Jahrtauſende in ſich, und gehet der Literatur der Araber, Griechen und Römer größtentheils ganz vorher. Sie ward in einer Sprache geſchrieben, die ſich zur eigentlich wiſſen⸗ ſchaftlichen Cultur nie ausgebildet hat, weil ihr leben⸗ diger Gebrauch als einer Nationalſprache zu ſchnell un⸗ terging; man kann alſo dieſe Poeſie nicht anders, als. ein frühverblühtes Kind, die Tochter der Jugend eines zerſtreueten Volks betrachten, das ſeitdem nie ſeine Sprache hat fortbilden können. Ihr Eindruck aufs menſchliche Gemüth iſt, mit andern verglichen, kind⸗ liche Naipetät, Religioſität, Einfalt)). *) Ich bin hierüber kurz, theils weil die vorſtehende Sammlung nicht aus Ebräern genommen iſt, theils weil ich von der Gnomologle dieſes Bolks au einem andern Ort zu reden habe. 3 123 Die Poeſie der Syrer übergehen wir ganze ſie waren Versmacher, aber keine Dichter*). Deſto merkwürdiger iſt die Pweſie der Araber worden, die eine der Hauptrollen in der⸗ Welt geſpielt hat, ob ſie gleich an Schönheit der Formen im Ganzen jeder Dichtart, an die Poeſie der Griechen ſchwerlich reichet. Aus eigenthümlicher Wurzel entſproſſen, iſt ſie der reine Abdruck des Volkes, das ſie erfand, ſeiner weit umher verbreitet, und mit ſtolzer Hochachtung von den Arabern verehret, konnte und mußte ſie allerdings eine ſo künſtliche Geſtalt gewinnen, daß gegen ſie die Poeſie der Hebräer wie ein Kind daſtehet. Das Volk der Wüſte, nachher Ueberwinder und Beſitzer der Welt, ward auch in ſeinen Bildern ſtolz, reich und heftig; ihre Beſchreibungen ſind prachtvoll und glänzend, ihre Sentenzen gedrängt, künſtlich, und, dem Iskamismus zu Folge, andächtig und erhaben e*). Oft ward ein *) Eichhorn's Vorrede zu ſeiner Ausgabe von Jones commentar. poeseos Asiat. Lips. 1777. Imgleichen die Syrer, ein Fragment in Meuſel's Geſchichtfor⸗ ſcher. B. 5. S. 117. **) Citata ſiehe in Dahler's Handbuch der Literatur⸗ geſchichte an den gehörigen Orten. Es wäre ſchön, wenn Eichhorn eine charakteriſtiſche Geſchichte die⸗ ſer Poeſie, ſofern ſie in Europa bekannt iſt, uns in ſeinem Geſichtskreiſe gäbe. „*n) Die Sammlung dieſes Theils hat nur wenig arabi⸗ ſche Stücke; S. 88. 89. 91. 97.(die Liebe; die laute die Liebe, Klage; die Perle; der geſellige Schmerz.) 124 Scharfſinn auf den andern gepfropft, und aus einer fei⸗ nen eine feinere Wendung dergeſtalt ſublimiret, daß für uns Europäer eben der Geiſt ihrer weiſen Sprüche und Reden, auf den ſie es am künſtlichſten anlegten, gewöhnlich zuerſt verrauchet. Da überdem nun dieſe Nation im Ganzen immerhin in einer Art Barbarei blieb, in welche ſie, ſeitdem Türken und andre Völker ihre Eroberungen in Beſitz nahmen, noch tiefer hinab ſank: ſo wird ſelbſt in ihrer Poeſie ein ſonderbarer Kontraſt von Rohheit und Feinheit merkbar. Hohe Be⸗ ſchreibungen, edle Empfindungen wechſeln mit harten Geſinnungen, inſonderheit des Stolzes und der Rache, dergeſtalt ab, daß man oft nicht weiß, ob man einen Räuber oder einen Helden, einen Stolzen oder einen Wahnſinnigen reden höre. Welch ein weites Feld der Verſchiedenheiten in dieſer Dichtkunſt gibt auch ein Erd⸗ ſtrich von Samarkand vis nach Marokko, ein Zeitraum lange vor Mohamed bis auf unſre Zeiten, ein Abſtand von dem feinſten Hofdichter zur Zeit ſo vieler Khalifen und Färſten, die der Poeſie huldigten, bis zu einem Be⸗ duin der Wüſte, der auch ſeine weiſen Sprüche im Munde führet. Ueber eine Menge ſolcher Verſchieden⸗ heiten iſt ein allgemeines Urtheil ſehr mißlich. Die Poeſie der Perſer endlich, eine Tochter der arabiſchen, iſt die jüngſte und feinſte. Als Perſien von den Arabern unter den Khalifen Omar und Osman erobert ward, gewann ihre Poeſie unter dieſem Volk, das von einer leichtern Natur war, und Artigkeit, Mu⸗ ſik, Wohlleben liebte, bald eine neue Blüthe; inſonder⸗ heit ward Schiras in der Zeitfolge der Geburtsort mehrerer ihrer berühmteſten Dichter Scheikh Mos⸗ lgeddin Sadi, dem die meiſten Blumen unſrer Sammlung zugehören, war unter dieſen; daher es nicht unangenehm ſeyn wird, auch nur Etwas von ſeinem wenig bekannten Leben zu hören. Im Jahr 1193 ge⸗ poren, traf er gerade in die ungluͤcklichen Zeiten der 12⁵ Kreuzzüge von einer, der Türkenanfälle von der andern Seite. Den Kreuzziehern gerieth er ſogar zum Skla⸗ ven in die Hände, und mußte an den Feſtungswerken in Tripoli arbeiten. Ein Kaufmann von Haleb(Alep⸗ po) kaufte ihn für zehn Goldgülden los, gab ihm dar⸗ über noch hundert mehr, als Brautſchatz für ſeine Toch⸗ ter, die er mit ihm vermählte. Wir wollen hören, was der liebliche Dichter ſelbſt davon ſaget: Aus meines Freundes zu Damaskus Armen Ging unmuthsvoll ich in die Wüſtenei Jeruſalems, und lebte da mit Thieren; Bis ich den Franken in die Hände fiel. Sie ſchleppten mich nach Tripolis, wo ich Mit Juden 4* Wall aufführen mußte. So ſteckt’ ich lang im Koty, bis aus Aleppo Ein Maͤchtiger, einſt mein Mekannter, mich Anredete:„Wohin, o Musladin, Biſt du gerathen? Lebſt du hier?“ Ich ſprach: Als ich die Menſchen floh und auf den heiligen Bergen Gott nur ſuchte, gerieth unter Unmenſchen ich hier. Leichter, des Freundes Feſſel Prtragen⸗ als außer dem Gar Freiheit ſuchen, die uns ärgere ande gewährt. Mitleidig ſah er meine Sklaverei, Und kautte mich mit zehn Dukaten los, und führte nach Alepvo mich, und gab Mit ſeiner einz'gen Tochter mir noch hundert Dukaten. Ob nun Sadi glücklich war? Die Tochter war herrſchſüchtia, harten Sinns, Von frecher Zunae, meinem Rathe ſtets Zuwider; alſo daß die Ehe mir All' meines Lebens Süßigkeit verdarb. Suchſt du die Höll' hier unter Deun Hir Himmel: ſo ſuche die Pohnu Eines friedlichen Manns, dem ſich ein Dämon geſellt. „Biſt du nicht,“ ſprach ſte,„jener Sklave, den Mein Vater ſich mit zehn Dukaten kaufte? „Ja,“ ſprach ich,„ja! Mit zehnen fauft' er mich; Mit hundert hat er mich an dich verkauft.“ 126 Als der Jäger ein Lamm von Wolſes Schlunde befreite, und am Abend es ſich ſelber zum Biſſen erkor, Sprach das Lamm:„d ich dacht' es nicht, daß du, mein 4„Erretter,. Der mich vom Wolfe befreit, ſelber mir wäreſt ein Wolf.“ ——ꝛ—ꝛ—ÿ— ł— Sonſt wiſſen wir wenig von Sadi's Lebensumſtän⸗ den. Er führte das Leben eines Derwiſch, und brachte es größtentheils auf Reiſen zu. Er gedenkt an ſeine Flucht aus Schipas vor den väuberiſchen Türken, an ſeine Wallfahrten nach Mekka, an eine Reiſe nach Kaſchgar in Indien, wo er einen ſchönen Jüngling fand, der, als er den Namen Sadi hörte, ihn nicht von ſich laſſen wollte. Sadi antwortete ihm mit einer Geſchichte, und beehrte ſeinen Abſchiedskuß mit einem ſehr zarten Spruch auf den Abſchiedskuß der Freund⸗ ſchaft*). In ſeinem wandernden, freien Zuſtande lernte er, wie ſein Roſen⸗ und Fruchtgarten davon genugſa⸗ me Proben gibt, die Sitten aller menſchlichen Stände und Lebensalter ſeiner Gegenden, in Perſien, Syrien, Arabien kennen. Auch an Höfen hat er gelebt, wie ſein erſtes Buch zeiget, in deſſen herzlicher Zueignung an Abu⸗Bekr, König in Perſten oder in Damaskus, er ſich ſehr demüthig entſchuldigt, warum er ſo ſelten an ſei⸗ nem Hofe erſcheine. Kurz, Sadi ſcheint die Blüthe der moraliſchen Poeſie für ſeine Sprache, in der er außerordentlich rein und lieblich geſchrieben haben ſol l, gebrochen zu haben, wie denn ſeine Poeſte für eine Roſe derſelben Jahrhunderte lang gegolten hat und noch gilt; er trägt alſo mit Recht, trotz der Unfälle ſeines Lebens, den Zunamen des Glücklichen: denn dieß bedeutet Sadi. Sein erſtes Buch ſchrieb er im fünf und achtzigſten Jahre ſeines Lebens, da gewiß ſeine Er⸗ fahrung reif geworden war, und ſoll über hundert Jahre gelebt haben. Seine Landsleute nennen Feyduſi ihren *) S. der Abſchied. 427 erſten heroiſchen, Enweri ihren erſten elegiſchen, Sa⸗ di ihren erſten lyriſchen Dichter; und obgleich Ha⸗ phyz, von deſſen Gazellen dder Liebes⸗Oden wir zu einer andern Zeit Proben geben werden), hundert Jahre nach ihm in yriſchen Gedichten den höchſten Ruhm erhalten: ſo iſt doch des Sadi Ruhm und Werth in ſeiner Gattung dabei ungekränkt geblieben. Unweit Schiras liegt er begrabkn*), und er wird als ein *) Das Stück„die Blume des Paradieſes“ iſt von Ha⸗ „h y. 1— ***) Es wird nicht unangenehm ſeyn, die Beſchreibung dieſes Grabes aus einer der neueſten Reiſen über Perſien hier zu leſen: Eine engliſche Meile öſtlich vom Garten Dil! Guſchaje(Erweiterung des Herzens) iſt das Grab des berühmten Sadi. Es liegt am Fuße eines Berges, der Schiras gegen Nord⸗ oſt begränzt, und iſt ein großes viereckiges Gebäude, an deſſen oberem Ende zwei Alkoven in der Mauer angebracht ſind. Der zur rechten Hand iſt das Grab des Dichters, noch ganz in dem Zuſtande, wie da⸗ mals, da er begraben ward, von Steinen gebauet, ſechs Fuß lang und drittehalb breit. An den Seiten derſelben ſind verſchiedene Sentenzen in den alten Neskhi⸗Buchſtaben eingegraben, die ſich auf den Dich⸗ ter und ſeine Werke beziehen. Sadi lebte ungefähr n vor fünf hundert und fünfzig Jahren, und ſeine Werke ſtehen, wegen ihrer Moralität und wegen der darinn enthaltenen vortrefflichen Lehren, bei allen ori⸗ entaliſchen Nationen in großer Achtung. Ueber dem Grabe iſt ein Deckel, von ſchwarzem, mit Gold ge⸗ mahltem Holz, woran eine von den Oden des Dich⸗ ters in den modernen Nuſtalihk⸗Buchſtaben ſteht: und wenn man dieſes Bret wegnimmt, ſo ſieht man den leeren ſteinernen Sarg, worinn er begraben ward. Dieſen beſtreuen Sadi's Verehrer, die hie⸗ 128 Heiliger mit Recht verehret. Auch in ſeinem Buche von der Liebe und Jugend, bei deſſen Beſchluß er ſelbſt ſagt, daß, wenn Leila und Metznun wieder aufſtehen ſollten, ſie aus dieſem die Kunſt zu lieben lernen könn⸗ ten, überſchreitet er die Gränzen der Ehrbarkeit nie; und faſt jedes Wort, jede artige Wendung ſeines Vor⸗ trages iſt, nach dem beliebten Ausdruck der Morgen⸗ länder, eine Perle. Schöne Geſinnungen gleichen den Perlen und Edelgeſteinen; Loſe dahingeſtreut, glänzen ſie köſilich und ſchön. Aber verband ſie die Kunſt; ſo werden in Königes Krone Oder im Armband ſie Männern und Frauen zum Schmuck. 2. Oo alſo gleich über die Poeſie der Morgenländer mit mancher Unterſcheidung geſprochen werden muß: ſo hat und behält ſie doch allerdings ihren allgemei⸗ nen Hauptcharakter, der aus der Sprache dieſer Völker, aus ihrer gemeinſchaftlichen oder verwandten Religion, Regierungsform, Lebensweiſe, zum Theil auch aus ihrer Geſchichte und Abkunft ſehr wohl zu erklären ſtehet. Da wir uns hier blos an ihren ſpruchreichen, paraboli⸗ ſchen her kommen, ſorgfältig mit Blumen, Roſenkränzen und mancherlei Reliquien. Oben auf dem Grabe liegt, zu jedermanns Anſicht, eine ſehr ſchöne Ab⸗ ſchrift von Sadi's Werken, und an den Mauern ſind verſchiedene perſiſche Verſe von denen Perſonen an⸗ geſchrieben, die von Zeit zu Zeit hier geweſen ſind. Nahe bei dieſem Gebäude ſieht man Gräber verſchie⸗ dener frommer Leute, die hier auf ihr eignes Verlan⸗ gen beerdigt worden ſind.(Siehe William Frank⸗ in’s Bemerkungen auf einer Reiſe von Bengalen nach Perſien. Seite 48.) 129 ſchen Ausdruck zu halten hahben: ſo dünkt uns ein einzi⸗ ges Wort zureichend, den Charakter deſſelben in ſeinem Urſprunge und in ſeiner Natur zu bezeichnen“) Im vielartigen Gebrauche dieſes Wortes, das prägen, ein Bild aufdrücken, vergleichen, d. i. ein Gleichniß oder Bild durch das Gewicht eines Spruches ausdrücken, nachmals herr⸗ ſchen, d. i. ſein Wort aufdrücken, mit ſei⸗ nem Befehl bezeichnen heißt, liegt die ganze Ge⸗ neſis, Kraft und Anwendung deſſen, was ein Spruch, eine paraboliſche Rede ſeyn ſoll. „Poeſie,“ ſagt ein Autor, den der Geiſt des Alter⸗ thums, inſonderheit des Morgenlandes, vor vielen an⸗ dern belebte**),„Poeſie iſt die Mutterſprache des menſch⸗ „lichen Geſchlechts, wie der Gartenbau älter als der „Acker, Mahkerei als Schrift, Geſang als Deklama⸗ „tion, Gleichniſſe als Schlüſſe, Tauſch als Handel. Ein „tieferer Schlaf war die Ruhe unſerer Urahnen, und „ihre Bewegung ein taumelnder Tanz. Sieben Tage „im Stiltſchweigen des Nachſinnens oder Erſtaunens „ſaßen ſie, und thaten ihren Mund auf zu geflügel⸗ „ten Sprüchen.“ „Sinne und Leidenſchaften reden und verſtehen nichts „als Bilder. In Bildern beſteht der ganze Schatz menſch⸗ „licher Erkenntniß und Glückſeligkeit.“ „Leidenſchaft allein gibt Abſtraktionen ſowohl nals Hypotheſen Hände, Füße, Flügel; Bildern und „Zeichen Geiſt, Leben und Zunge. Allenthalben in der „menſchlichen Geſellſchaft zeigt ſich die Wirkung der Lei⸗ „denſchaften, wie alles, was noch ſo entfernt iſt, ein „Gemüth im Affekt mit einer beſondeern Richtung trifft; „wie jede einzelne Empfindung ſich über den Umkreis naller äußern Gegenſtände verbreitet; wie wir die all⸗ „ dw. **) Kreuzzüge des Philologen. S. 163. f. Herders Werke z. ſchoͤn. Lit, u. Kunſt. IX. 15⁰0 „gemeinſten Fälle durch eine perſönliche Anwendung uns „zuzueignen wiſſen, und jeden⸗ einheimiſchen Umſtand „zum öffentlichen Schauſpiele Himmels und der Erde „ausbrüten. Kurz, die Vollkommenheit der Entwürfe, „die Stärke ihrer Ausfüöhrung; die Empfängniß und „Geburt neuer Ideen und neuer Ausdrücke; die Arbeit „und Ruhe des Weiſen, ſein Troſt und ſein Eckel dar⸗ „an, liegen im fruchtbaren Schooſe der Leidenſchaften „vor unſern Sinnen vergraben.“ Was unſer Autor ſo überſtrömend und ſelbſt para⸗ voliſch ſagt, hat Bako, haben andere Philoſophen auf ihre Weiſe behauptet, und es wäre ſchön geweſen, wenn der gelehrte und ſprachenreiche Commentator der aſiati⸗ ſchen Dichtkunſt, Wilhelm Jones, darauf nähere Rückſicht genommen hätte. Er würde uns in ſeiner Gallerie orientaliſcher Bilder 8) jedesmal im Zuſammen⸗ hange gezeigt haben, wie nue der Verſtand das Bild praͤgt, Leidenſchaft oder Empfindung daſſelbe überträgt, ausmahlet oder ſchnell verläßt, und ſich zu einem andern wendet. Dieß geſchieht am Ohid wie am Euphrat, am gelben Strom wie an der Themſe; nur allerdings nicht allenthalben mit gleichem Geſchmack, in gleichem Maß, auf gleiche Weiſe. Die Sprache des Morgenlkänders, ſelbſt ihrem Bau und Genius nach, will Kürze; dieß hilft den Sen⸗ tenzen, den Machtſprüchen des Verſtandes und der Lei⸗ denſchaft ſehr auf; es macht ſie zu Blitzen, zu Pfeilen. Eben daher aber muß es auch geſchehen, daß Pfeil dem Pfeile, Blitz dem Blitze oft zu ſchnell nachfliegt; da ſich denn unſre kühlere Phantaſie bald an der Widerwärtig⸗ keit, bald am Uebermaß der Bilder ſtößt, und Gold auf Silber, Silber auf Gold geſetzt findet. Hier ſolleen — *) Von der Roſe und Nachtigall, nacht und Locke, Mort genröthe und Wangen, Rubin und Lippen u. ſ. Cap. V— VIII. Gomment. de poesi Asiat. 13¹1 wir bedenken, daß bei allen Völrkern, bei denen die Proſe, zumal durch Geſchichte, Redetunſt und Philoſo⸗ phie, nicht ausgebildet war, immer derſelbe Fall eintrat, und daß ſich überhaupt die leidenſchaftliche Sprache, das os divinum, magna sonaturum ein viel Mehreres erlaubt halte, als z. B. der erzählenden oder der ſchil⸗ dernden Poeſie zuſtehet. Auch bei den Griechen, wie ſchnell läuft Pindar ſelbſt bei ſeinen Sprüchen aus einem Gleichniß in's andre! wie kühn ſett er oft die widerwärtiaſten Bilder zuſammen, ſo daß unſre Spra⸗ che, die ſich ſehr kühne Zuſammenſetzungen ertauben darf ihm dennoch nicht nachfolgen kann. So iſtes mit mehreren lyriſchen Dichtenn der Griechen; ſo mit dem ſpruchreichen Chor ihrer Tragödie, weyn man es mit der Sprache der handelnden Perſonen vergleicht; und warum ſollte es in der Poeſie der Morgenländer an⸗ ders ſeyn müſſen, da ſie in Ründung und Kompoſition der Biider Lehrer Unſres Geſchmacks zu ſeyn nicht begehren? Beim feingebildeten Sadi iſt der Fall ſor⸗ cher Bilderhäufung viel ſeltner, als in andern, zumar arabiſchen Dichtern; und doch zweifle ich, ob er, ganz überſetzt, für uns ein durchhin lesbares Buch ſeyn würde. Eben die Zuſammenreihung ſcharfſinniger Gedanken und Sentenzen, die die Morgenländer als eine Perlenſchnur lieben, iſt uns fremd; wir löſen lieber die Schnur auf, und gebrauchen ihre Kleinode einzeln. Ferner. Der Morgenländer liebt, wie in Kleidern, ſo auch in Sprüchen, helle Farben: ſein heiterer Himmel verlangt dieſelbe; er kann das Grau und Schwarz nicht ertragen. Auch der Geſchichte webt er alſo helle Bilder, z. B. der Nacht, des Morgens, des neuen Jahres der Pracht, des Aufzuges ein, wie die Geſchichte des Nadir⸗Schach, des Tamerlan u. a. zeiget. Bei Sadi iſt dieß zwar der Fall nicht haͤufig; er erzählt ſo einfach, ais Aeſop und vockmann ſeine Geſchichte: wo er indeſſen die Stimme erhebt, matit er ſeine Gleich⸗ 132 niſſe, ſeine Lehren mit eben ſo lebhaften Farben. Ob ich nun dieſe gleich geſchwächet genug habe, ſo bittet er dennoch jedes ſchwache Auge, das an ſanftere Verflößungen ge⸗ wöhnt iſt, um Verzeihung; er ſchrieb nicht für uns, ſondern für Perſer. Iſt die Einfaſſung nicht gut: ſo ändere man ſie, und nutze den Edelgeſtein ſeiner Lehre⸗ Endlich reden die Morgenländer ſo oft und gern über Hinfälligkeit der Welt, über Eitelreit der Dinge, Kürze des Lebens, Wechſel des SGlücks und der Ehre, daß manchem rüſtigen Manne oder Jünglünge dieß eine verderbliche Predigt ſcheinen könnte. Hier entſchuldigt ſie ihre Weltgegend, ihre Regierungsform, ihre Reli⸗ gion und ganze Verfaſſung. Gehen ſie nicht auf den Trümmern der größeſten Königreiche, der reichſten Staa ten, der prächtigſten Denkmale der Vorwelt? und was predigen ihnen dieſe anders, als Nichtigkeit der Dinge, Eitelkeit aller Pracht und Reichthümer der Weltherl⸗ ſchaft? Vom Gebirge. Kaf an bis zu den Grenzen des Meeres, von dieſen vis zu den Wüſten Arabiens und der Thebaide ſehen ſie Gräber der Könige, Ruinen von Tempeln und Königsſtädten, bis ſich ihr Blick abermal mit Pyramiden und Gräbern der Könige endet. Del Verſtändige, der dieſe Dinge erbrickt, ſiehet Völker un ſich, jenen ſo ungleich, die einſt dieſe herrlichen Werk bauten. Sie ſind hinunter; ein träges Volk bewohn! ihre Gräber, und zerſtört, vom Joche der Armuth. der Unwiſſenheit und des Deſpotismus gedrückt, taͤglich ment an dieſen köſtlichen Trümmern. Mich dünkt, dieſe An ſicht könne uns ſchon Weisheit Sprüche über die Ver gänglichkeit der Dinge lehren. Vollends einem Muhamede ner, der in einer Religion und unter einer Regierungsfon lebt, welche eben beide die größten Zerſtörerinnen dieſer alte Weltherrlichkeit geweſen, der unter einer Regierungsfort lebt, in welcher nichts heilig und ſicher, alles der Willkür, der worfenißt ſchnellſten Wechſel, dem albernſten Ungefähr unten und das Höchſte immer au's Niedrigſte grenzet; einem ſolche 13⁵ iſt es wohl zu verzeihen, wenn er ſich ſeine Weisheit zum Ru⸗ hekiſſen macht, und ſich über die Vergänglichkeit der Dinge der Welt mit ihrer Vergänglichkeit tröſtet. Gut, daß wir Eu⸗ ropäer in einem jüngern Lande und einem jüngern Men⸗ ſchenalter leben; gut, daß wir uns nicht durch ein Opium ſolcher Lehre,„daß doch alles nichts, alles hinfällig, unvollkommen und eitel ſey,“ in den gefährlichen Traum wiegen laſſen dürfen, bei dem freilich das Hinfällige hinfallen, das Unvollkommene unvollendet bleiben muß, weil niemand Hand daran leget. Gut, daß wir nicht, dem Irrglauben der Morgenländer zu Folge, unſer Schickſal von oben erwarten, indeß Verſchmitzte oder Verwegene, Scheinheilige oder Freche die Genien ſind, die unſer Schickſal hienieden ſchreiben; vielmehr daß wir es für Würde, Natur und Charafter der Menſch⸗ heit halten, durch Vernunft und nach Billigkeit unſer Schickſal uns ſelbſt einzurichten und aufzuzeichnen: Eben hiezu aber wird uns Sadi, ob er gleich ein Derwiſch war, auch gute Winke geben. Und dann, da alles, was einen Anfang hat, doch auch ſein Ende finden muß, und nur ein Thor oder ein Kind ſich dieſes verbergen könnte; da vielmehr das Ende eines Schauſpiels, einer Muſik und Handlung uns den Schlüſſel zu ihrer gan⸗ zen Aufführung geben muß; wer wollte nicht zuweilen auch die Schrift eines ſchönen Grabmals leſen? ob man gleich freilich deßhalb nicht immer auf dem Todtenacker wohnen möchte. Auch in dieſem Punkt iſt Sadi kein trauriger Rabe, ſondern eine Nachtigall, ſingend der ver⸗ gänglichen Roſe. Laſſet uns hören, wie er ſein Werk ſchließt: Vollendet iſt mein Blumengarten nun Mit Gottes Huld. Was ich hineingepflanzt⸗ Gehöret mir; ich ſtahl es andern nicht. Rühmlicher ſtehet uns an ein eignes Kleid, das ergänzt iſt/ Als ein neues, ſo wir bettelnd von andern erborgt. Und ob nun Sadi⸗ ſeiner Lehre gleich, Die voldanziehendſte, die lieblichſte Einkleidung ſuchte; dennoch wird der Stumpfſinn Mit kecker Zung ihn brauſend alſo ſchmäh'n: 134 „Kein Kluaer iſt's, der an ſo leere Müh „Des Geiſtes Saft verſchwender, und den Rauch „Der Lampe, Nächte durch, dafür verſchlingt.“⸗ Ihr Guten und Verſtandtgen, ihr kennt Den Werth der Perlen, die ich hier verband, Der Arzenei, die ich mit Honig miſchte. Guten Rath zu ertheilen, verwandt ich vom eigenen Leben Manchen auten Theil; Freund, zur Erinnerung dir. Willt du folgen, wohlan!„Wo nicht, ſo hab' ic erinnert: Sadi wünſchet dir Gluck; wünſche du Sadi die Ruh'. 3. Ich kann dieſe rhapſodiſche Abhandlung nicht ſchlie⸗ ßen, ohne meine Gedanken, oder wenigſtens meinen Traum über den Werth vortrefflicher Sprüche geäußert zu haben. Wie wir“3 auch verbergen mögen, wir müſſen, wenn wir Menſchen ſeyn wollen, nach Grundſätzen handeln. Auch der Pöbel kann ſich ihnen nicht entziehen, ſo verderbt ſie bei ihm auch oft ſeyn mögen; ja wir finden ſolche eben bei der Gattung von Men⸗ ſchen, die nach bloßen Vorurtheilen handelt, am un⸗ verholenſten und ſtärkſten. Von Sancho⸗ Panſa an kennen wir eine Klaſſe Perſonen, deren ganze Weis⸗ heit ein Schatz von Sprüchwörtern iſt; und was ſind Sprüchwörter anders, als kurze, kräftige, oft ſehr ſinn⸗ reiche Volksſprüche, die als Grundſätze der Denk⸗ und Lebensart, als unzweifelhafte Axiome des geſunden Verſtandes und der Sittenweisheit gelten. Dieſe, wenn ſie gut ſind, verhöhnen zu wollen, finde ich ungerecht und unmenſchlich; vielmehr ſollte man das Gold in ihnen von den Schlacken läutern, ſie ſodann, wie man kann, zu Ehren bringen, und durch ſie unmerklich die wahre Bildung des größeſten Theils einer Nation fördern. Durch fremde, unverſtändliche, oder zu feine und gelehrte Grundſätze kann dieß nicht geſchehen: es geſchieht aber dadurc, wenn man in Reden an's Vols Oder in Schriften, die zunächſt für daſſetos geſchrieben 13⁵ wuͤrden, ihm die Lieblingsgedanken ſeiner Seele, die ge⸗ heimen Freunde ſeines Herzens und ſeiner Handlungs⸗ weiſe zu ſeiner Fortbildung gleichſam entwendet. In allen guten Volksſchriften, im Landprieſter von Wakefield z. B., und in einer der lehrreichſten Schriften, die unſere Sprache beſitzt, Lienhard und Gertrud, iſt dieſer natürliche Kunſtgriff ſehr wohl ge⸗ braucht. Benjamin Franslin, ein hochachtungs⸗ würdiger Name, hat ihn in ſeinen periodiſchen Blät⸗ tern und Kalendern für Nordamerika vortrefflich anzu⸗ wenden gewußt, und ſein einziger Aufſatz„die Wiſ⸗ ſenſchaft des guten Richards“ enthält einen ſorchen Schatz von Lebensregeln, daß man in mancher Rückſicht faſt auf's ganze Leben nichts mehr bedürfte. Auch zur Umbildung eines aadern Theiles der Nation, der in Vorurtheilen ſeines Standes, mithin oſt in ſchlechten Grundfätzen und Lebensregeln erzogen, nach ſolchen am ſchädlichſten handelt, ſehe ich, wenn deſſen Umbildung möglich iſt, kein andres Mittel als dieſes: „man kehre die ſeinigen gegen ihn ſelbſt, oder bringe ihm beſſere Führer ſeiner Gedanken bei, als die ſind, nach denen er ſonſt handelt.“ 5 Niemand, der auf ſich ſelbſt aufmerkſam geweſen, auch der gebildetſte Mann, wird an der Wirkſamkeit dieſer Buſenfreunde ſeiner Denkart zweifeln; vielmehr gehet die ganze Bildung, die Menſchen ſich ſelbſt oder einander gewähren können, dahin, ſolchen innern Rath⸗ gebern Sprache, Gehör, Kraft und Nachdruck, vor allen aber jene untrügliche Wahrheit zu verſchaffen, ohne wel⸗ che ſie ſchädliche Rathgeber werden. Welcher morali⸗ ſche Menſch hat nicht bei ſich bemerkt, daß bei man⸗ cher Kriſe ſeiner Gedanken ihm ein entſchiedner vortreff⸗ licher Grundſatz, der Spruch und das Beiſpiel eines ſtandhaften, gutmüthigen Mannes ausnehmend zu ſtat⸗ ten eam, und ihm zur ſtärkenden oder heilenden Arz⸗ nei, zur Geſundheit und Labung diente! Jetzt erhob 7 156 ſich dadurch ſeine niedergedrückte Seele, ſein Fuß trat feſter an ſolchem Stabe einer guten Erinnerung auf, ſein Schritt ward freudiger und kühner. Jetzt ſtählte ſich die Bruſt gegen die Pfeile des Neides oder der Verfüh⸗ rung, wie durch einen dargereichten Schild der Minerva; jetzt ſank die auftedernde Gluth des Haſſes, der Unge⸗ duld, der Rache und des Unmuths ſchnell nieder, wenn, wie heilige himmliſche Tropfen, einige kraftvolle, von uns anerkannte Worte eines Weiſen, als eines Engels in Menſchengeſtalt, ſie berührten. Dieß war das Zau⸗ bermittel, wodurch jene alten Helden, die Weiſen der Vorwelt, auf ihre Schüler und Nachfolger Wunder⸗ dinge wirkten; je mehr ſie wirkten, deſto kürzer waren ihre Sprüche und Lehren. Zeugniſſe davon geben die Pythagoräiſche und Stoiſche Schule, von welchen, in⸗ ſonderheit von der letzten, wir noch einen Reichthum der edelſten Samenkörner beſitzen, deren die menſchliche Seele und Sprache nur fähig ſeyn kann. Epiktets, Seneka's, Mark⸗Antonins und ſo vieler anderer Schrif⸗ ten ſind Schatzkammern dieſer, der vortrefflichſten menſch⸗ lichen Sprüche und Sentenzen; der Geiſt derſelben theilte ſich der ganzen Literatur der Alten dergeſtalt mit, daß Dichter, Redner, Geſchichtſchreiber, Kunſtrichter und Rechtsgelehrte daran Theil nahmen, und ſich dadurch jenen grundſatzreichen Aus druck ſchufen, ohne welchen alle Kunſt und Gelehrſamkeit ein leerer Schat⸗ ten bleibet. Man durchgehe die Sprüche, die Stobäus, Erasmus, Lipſius, Grotius, Neander und mehrere aus den Alten geſammelt, und denke an Sokrates, der, auch zu dieſem Zwecke, des Euripides Schauſpiele als eine Schule des thätigen Unterrichts anempfahl; ja man denke an den Stifter des Chriſtenthums ſelbſt, deſſen Evangelien, außer wenigen Begebenheiten und Wundern, faſt ganz aus kurzen Sprüchen und parabo⸗ liſchen Einkleidungen beſtehen, wodurch ſie eben auf's menſchliche Gemüth ſo ſonderbar wirkten. Noch jetzt 137 erholen ſich alle Menſchen von religiöſer Erziehung und Bildung an kurzen, kräftigen Sprüchen der Bibel oder geiſtlicher Lieder; dieſe ſind gleichſam die Muskeln und Nerven, durch welche ſich der ganze Bau ihrer Gedan⸗ ken lebendig reget. Und ſo wird auch ein ächter Schü⸗ ler der Alten, der mehr als Gelehrter ſeyn will, nach Grundſätzen derſelben, als ein klaſſiſcher Weiſer, han⸗ deln*). Mich dünkt alſo, wer zur Bildung einer Nation auch auf dieſem Wege beitragen will, der folge den alten Wei⸗ ſen, und bringe Grundſätze in menſchliche Seelen; oder er beſſere die darinn vorhandenen, und gebe ihnen An⸗ ziehung, Kraft, unbeſtechliche Wahrheit: denn ungebil⸗ det muß jeder Menſch, jedes Volk heißen, dem es ent⸗ weder an dieſen Grundſätzen fehlet, oder das ſie gering hält und nicht ausübt. Wie ſehr es nun manchen Zei⸗ ten und Völkern an ihnen fehle, zeigt die Erfahrung. Viele in der Jugend gelernte Grundſätze liegen ſo fern ab von unſrer Lebensweiſe, daß, weil wir ſie nirgends geübt ſehen, wir zuerſt ihnen, zuletzt allen Grundſä⸗ tzen den Glauben entziehen, und uns begnügen, nach Neigung und Gewohnheit zu leben. Da wir aber, wie angezeigt iſt, dennoch nie ganz als Thiere leben können, vielmehr insgeheim immer nach Grundſätzen, wenn gleich nach ſchlechten Vorurtheilen, handeln; wozu dieſer Un⸗ glaube an jede edlere Form der menſchlichen Denkart? Er erniedert die Seele eben ſo ſehr, als er das Herz verenget und lähmet. Laß es ſeyn, daß andern die ſchönſten Sprüche und Maximen bloß Worte bleiben; dir bleiben ſie das nicht, wenn du ihren Werth erken⸗ neſt, dich an ihnen freueſt, und in ihnen lebeſt. Nein, *) S. Heyne's ſchöne Vorrede zu Glandorfs Aus⸗ gabe der Pythagoräiſchen Sprüche: Sententiosa vetu- stissimorum gnomicorum quorundam poëtarum opP- Lips. 1770. . 138 ihr habt nicht vergebens geſchrieben, auch ihr Weisheit⸗ und Sittenlehrer neuerer Nationen, Montagne und Charron, St. Pierre und Fenelon, Racine und Diderot. Montesquieu und Rouſſeau; jenſeit des Meeres Bako, Sidney. Shaftesbu⸗ ry, Addiſon, Pope, Fielding, Sterne und ſo viele andre andrer uns näherer Länder. Nicht nur unter euren Völkern habt ihr Ideen, Grundſätze, Ma⸗ rimen in'’s Licht geſtellet, oder in Gang gebracht; ſon⸗ dern indem ihr ihrem Ausdruck zugleich klaſſiſche An⸗ muth und Präciſion gabet, ſeyd ihr damit Vernunft⸗, Spruch⸗ und Sittenlehrer der Menſchheit auf eine Reihe von Geſchlechtern hin geworden. Je mehr eure Denkart die Denkart Andrer wird, deſto mehr berichti⸗ gen, ſtärken und verfeinen ſich gerechte, gütige, edle Menſchengedanken: das Richtmaß ihrer Urtheile wird einſtimmiger und gerader, die Bleiwage ihrer Handlun⸗ gen ſicherer und feiner. Auch in Geſprächen der Ge⸗ ſellſchaft gebt ihr bei denen, die euch verſtehen und lieben, den Ton an, und bringet dadurch, ſtatt eines ſeythiſchen Geſchreies, bei dem jeder Bogel nach ſeiner Weiſe ſinget, melodiſche Harmonie in die Grundſätze und Gedanken der Menſchen. Denn, wie man ſich auch geberden möge, Unvilligkeit und Unvernunft, die Kin⸗ der des Eigennutzes und der Leidenſchaft, die barbari⸗ ſchen Feinde unſres Geſchlechtes und Wohlſeyns, ſte be⸗ ſtehen am Ende doch nicht gegen allgemein anerkannte Grundſätze, den Kanon ächter Menſchlichkeit und Wahrheit. Doch wohin verſchlägt mein Nachen? Er findet ſich auf der Höhe des Meeres, da er doch nur ein nie⸗ driges mit einigen kleinen Blumen beſärtes Ufer halten ſollte. Da will ich denn nur, was das Vermögen un⸗ ſerer Nation in dieſem Felde betrifft, noch dieſes hin⸗ zufügen. Von jeher hat ſich die Denkart der Deutſchen durch moraliſche Sprüche und biedere Grundſätze dergeſtalt 139 ausgezeichnet, daß wir ihnen ſogar manches Andere da⸗ gegen aufgeopfert haben, und nur neulich von dieſem Wege abgekommen zu ſeyn ſcheinen. An unſere alten Renner, Freidank, Waldis, Reinecke u. A., deren Sprache leider veraltet iſt, nicht zu gedenken, ſchlugen Opitz, Logau, Hagedorn, Haller, Gel⸗ lert, Utz, Leſſing, Gleim, Cronegk und andere noch lebende Dichter, die ich nicht zu nennen brauche, dieſelbe philoſophiſch⸗moraliſche Bahn ein, ſo daß wir gewiß an ſchöngeſagten Lehren keinen Mangel haben; um ſo mehr aber fehlet es uns vielleicht daran. daß die Geſinnungen und Sprüche dieſer Dichter auch in die Erziehung und Denkart, wenigſtens in das Gedächtniß und den Umgang der Nation, wie bei andern Völkern die Sprache ihrer Dichter, üvergegangen wären: denn ohne allen Zweifel kennen Engländer und Franzoſen ihre vorgenannten Schriftſteller zehnfach beſſer, als wir die unſern kennen, leſen, anführen und gebrauchen. Ueber die Urſachen davon ließe ſich ein langes Kapitel ſchreiben; beſſer wäre es, wenn man ſie wegräumen könnte. Dem moraliſchen Genius unſerer Nation alſo, der die alten Alexandriner ſeines Opitz's, Logau's, Hallers, Hagedorns, Käſtners ziemlich vergeſ⸗ ſen zu haben ſweint, widme ich, wie einer indiſchen Gottheit, auch dieſe wenigen, vielleicht ſchon welken Hexameterblumen zu gleichem Schickſal, und werfe ſie demüthig in den koniglichen Hauptſtrom unſres Bater⸗ landes, den ehrwürdig ſchleichenden Lethe. IV. Gedanken einiger 4 — — — — — — — Aus den zerſtreuten Blaͤttern, 1792. Sammlung rte S. vie Z wei Bluͤthen. Auf dem vergifteten Baume der Welt voll bitterer Früchte,. Blüh'n zwo Blüthen, vom Thau himnnkiſcher Güte bethaut. Dichtung die eine, ſie labet den Geiſt mit Waſſer des Lebens; 3 Freundſchaft die andre, ſie ſtärkt, heilt und er⸗ quicket das Herz. — Wiſſenſchaft und Tugend. Suche die Wiſſenſchaft, als würdeſt ewig du hier ſeyn; Lugend, als hielte der Tod dich ſchon am ſtraͤu⸗ benden Haar. 8 Verſchiedener Umgang. Sohn, die Freundſchaft mit den Böſen, Mit Gleichgültigen und Guten Sey dir ja nicht einerlei! Ein Tropfe Regenwaſſer Fiel auf ein glühend Eiſen, Und war nicht mehr. 144 Er fiel auf eine Blume, Und glänzt' als eine Perle, Und blieb ein Tröpfchen Thau. Er ſank in eine Muſchel Zur ſegenreichen Stunde, Und ward zur Perle ſelbſt. Freundſchaft. Wie der Schatte früh am Morgen Iſt die Freundſchaft mit den Böſen; Stund' auf unde nimmt ſie ab. Aiher Prennſchciten mit den Guten 8 dſchatte, von neuem Nie vom Roſte 3 D O wer erfand den Die kurze Sylbe Fre in ihr Des Lebens Troſt, den Retter von Gefahren, Vun Bram und F bſtbetrug und Noth; Der Leid und Freuden, Der Wu rer Augen Salbe, Des Herzens Arzt, von uns das be bre Selbſt. 3 14⁵ Die Kohle. Flieh ein ſchwarzes Gemüth; wirf weg die garſtige Kohle, Glühend drennet ſie dich; gluthlos beſchmutzt ſie die Hand. 5 Der treuloſe Freund. 0 wie tiefer ſchmerzet uns der Unfall, Wenn uns ſüße Worte ſchrau betrogen, Wenn uns Freundesdienſt in Unglück lockte, Wenn uns Hoffnung, Glaub' und Treue täuſchten! Mutter Erde, kannſt du Menſchen tragen, Die, wenn Unſchuld ihnen ſich vertraute, Sie mit ſüßer Freundſchaft Milch vergiften? Treuloſigkeit. bälteſt du es für Witz, den vertrauenden Freund zu betrügen? Wer den andern im Schlaf mordete, iſt er ein Held! Die Trennung. Jedes Ding, indem es auf die Welt teitt, Trägt in ſich den Samen der Zerſtörung. Iſt es Wunder, iſt es zu bedauern, Daß ein Leid, der Elemente Kunſtbau, Wiederkehrt in ſeine Elemente! Kannſt du nun mit deiyein eignen Körper Unzertrennlich nicht zuſammen wohnen;: Wie, daß du mit Freunden es verlangteſt? Wie zwei Bretter, ſchwimmend auf dem Weltmeer, Finden ſich und trennen ſich die Menſchen. Jede zarte Blume der Bekanntſchaft 3 Herdero Werte z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 10 146 Pflanzet ſchon der Trennung Dorn ins Herz dir. Ach! und Trennung von geliebten Freunden Iſt uns, wie des Todes dunkle Blindheit. Für die Krankheit gibt es keinen Arzt mehr. Die Verſtorbenen. Freund, du kiageſt um die, die keiner Klage bedürfen; Weder um Lebende klaget der Weiſe, noch um die Ge⸗ ſtorbnen. Fand in dieſer Umhüllung die Seele Jugend und Alter, Wird ſie es einſt auch finden in jeder andern Umhüllung. Kält' und Hitze, Vergnügen und Schmerz ſind Körper⸗ Empfindung; Alle das kommt und geht, und hat nicht bleibende Dauer. Trag' es geduldig, o Bharats Sohn. Der Weiſe, den nichts ſtört, Dem Vergnügen und Schmerz ein Ding iſt, der iſt⸗ un⸗ ſterblich; Was die Ge ſtalten formt, iſt unvergänglich und ewig Dreifacher Zuſtand. Was geboren ward, muß ſterben; Was da ſtirbt, wird neu geboren. Menſch, du weißt nicht, was du wareſt; Was du jetzt biſt, lerne kennen; Und erwarte, was du ſeyn wirſt. Beſtimmung der Natur. Was uns die Natur zu ſeyn vergönnt hat hr und minder kann der Menſch nicht werden, Auf des Berges Gipfel und im Thale 147 Bleibt er, was er iſt, und wird nicht größer. Schöpf er aus dem Brunnen oder Weltmeer, Dort und hier erfüllt er nur ſein Krüglein. Vorſehung. Der dem Schwane, dem Pfauen, dem Papageien das Kleid gab, Weiß und gefärbet und grün; hätt' er nicht Kleider für dich? Eher windet ſich nicht vom Mutterherzen der Säugling, Bis in der Mutter Bruſt Fülle der Nahrung ihm quillt. * Zwecke des Lebens. Zur Arbeit, Lieb' und zur Veredlung ward Das Leben uns gegeben. Fehlen die, Was hat der Menſch am Leben? Hat er ſie, Was fehlte ihm; worüber wollt' er klagen? Religion. Als in den alten Tagen der Herr der Schöpfungen Menſchen Bildet' und lehrete ſie die Götter verehren, da ſprach er: „Denkt der Götter, o Menſchen, ſo werden ſie eurer gedenken; Aber gedenkt auch euer einander, und ſchaffet das Glück euch. Wer von den Göttern Gaben erhält, und weihet der Gaben Keine zum Danke zurück, der begeht an den Himmli⸗ ſchen Diebſtahl.“ 148 Alſo wer nur für ſich das Mahl bereitet, der iſſet Brod der Suͤnde. Was lebt, empfing vom Brode das Leben, Brod erzeugte der Regen, den Regen gaben die Götter, Huld der Götter erwarben der Menſchen gütige Werke, Gütige Werke kommen von Gott; ſo lebet die Gottheit Agenthalben in allem mit ewig rollendem Kreiſe. Wer dem göttlichen Kreiſe nicht folgt, der lebet ver⸗ geblich. Unerbetene Wohlthat. Sieh, wie die goldene Sonne die Blume öffnet am Morgen, Sieh, wie der ſilberne Mond milde mit Thau ſie er⸗ quiekt, Ungebeten; ſo ſtrömt der erfriſchende Regen zur Erde Ungebeten; ſo thut auch der Gutmüthige Gut's. Die Sache der Menſchheit. „Dieß iſt einer von uns; dieß iſt ein Fremder!“ So ſprechen Niedere Seelen. Die Welt iſt nur ein einiges Haus. Wer die Sache des Menſchengeſchlechts als ſeine de⸗ trachtet, RNimmt an der Götter Geſchäft, nimmt am Verhäͤngt ſſe Theil. Der Fruchtbaum. Wenn die Bäume voll von Früchren hangen, Neigen ſie die Aeſte freundlich nieder. Wenn ein guter Mann zu Würden oaufſteigt; Neigt er ſich, damit er andern helfe. 149 Die Weihe des Fuͤrſten. Badeſt im Strome du dich? O König, die innere Seele Wäſcht kein Waſſer; ſie will einen lebendigern Strom. Treue heißt er, er rollt voll Mitgefühles die Wellen, Zwiſchen Ufern des Rechts, und der wohlthaͤtigen Hurd. Der Welteroberer. Wer von Weiberliebe nicht zerfließet, Und von Zornesfeuer nicht entflammet: Wen die ſtürmige Begier nicht fortreißt, Wer die kargverſchloßne Hand nicht kennet, Drei der Welten möchte der erobern.— Der Mann von Werth. Traͤgſt du einen Edelſtein am Fuße? Und der Mann von Werth iſt dir verachtet? Setze den und dieſen in die Krone Dir, o Fürſt; nicht ihnen, dir zur Zierde. Roß, Gewehr, ein Buch und ein Laute, Wort und Mann wird nach Verdienſt gewürdigt. Edelſtein und Glas. Möge der Juwer im Staube kiegen, Schimmre Glas auch in des Königs Krone; In des Künſtlers, in des Käufers Händen Wird erkannt, was Glas und was Juwel ſey⸗ 150 Z i er d e. Die Perle zieret nicht das Ohr; Die kluge Rede zieret's. Der Demant zieret nicht die Hand; Sie zieren gute Thaten. Der Ambra macht dich nicht beliebt; Gefälligkeit macht Liebe. Die Blume. Ein gütiger und weiſer Mann Iſt immer eine Blume. Wird ſie erkannt, ſo pranget ſie Im Diadem des Fürſten; Wo nicht, ſo blüht und duftet ſie Sich ſelber in der Wildniß. Verfuͤhrerinnen. Reichthum und Jugend und hohe Geburt und Mangel an Kenntniß, Jede von ihnen allein iſt zum Verderben genug; Sind ſie nun alle vereint, und jede von ihnen mit Argliſt Und mit Stolze gepaart; weh dem Beglücketen dar Stand und Umgang. Nicht der Stand entſcheidet über Gaben; Aber über Sittlichkeit der Umgang. Sieh den ſüßen Strom ſich mit dem Meere Miſchen; und er iſt fortan untrinkbar. 151 Wahre Lebensart. Wer den Freund aufrichtig empfängt, Verwandte mit 3 Achtung, Frauen mit Höflichkeit, Arme mit Gaben und Gunſt, Stolze mit Demuth, irrende Menſchen mit ſanfter Be⸗ lehrung, Weiſe nach ihrem Gemüth, der iſt der freundliche Mann. Die verſtaͤndige Natur des Menſchen. Auch ein Thier verſtehet Worte; Roß und Elephant verſtehet Seinen Führer; aber Menſchen Finden aus, was nicht geſagt ward, Sehn Bedeutung in einander, Sehn Gedanken ohne Wort. Der Liebling des Gluͤckes. Die Glückesgöttinn iſt ein junges Weib; Sie liebet keinen alten Ehgemahl, Der träg' und müſſig auf's Verhängniß hofft, Und ſeiner Sünden Schuld entkräftet trägt. Der Mann von edler Seele, von Entſchluß Und Kraft, der ſeine Thaten richtig wägt, Und fremde gütig richtet; unbefleckt Am Leben, in der Jugend Fülle, Mann Und Freund, er iſt der Göttinn Liebling. Das Licht. So wie die Flamme des Lichts auch umgewendet hinauf⸗ ſtrahlt; So vom Schickſal gebeugt, ſtrebet der Gute empor. 15²³ Der geworfene Ball. Wenn dem guten Menſchen ein Leid unſchuldig begegnet Iſt er in Schickſals Hand wie ein geworfener Ballz Nieder prallt er zu Boden, damit er über ſich ſteige, Da, wie ein Erdenklos ſtarrend der Böſe zerfaͤllt. Sache und Erfolg. Was dich reget, ſey die Sache, Die du thuſt, nicht ihre Folgen. Elend wird, wer ſie berechnet; Weivheit ruhet in der Handlung. Betruͤbniß des Gemuͤthes. Bei ſieben Dingen wird mein Herz betrübt, Wenn ich den ſchönen Mond am Tas dunker ſehe, Und welken ſehe eines Weibes Schönheit, Und ohne Blumen ſehe See und Wieſen, Und einen ſchönen Mann unweiſe handeln, Und einen mächt'gen nur nach Gelde ſtreben, Und einen guten immer arm erblicke, Und einen Günſtling nur verläumden höre. Gedeihen der Menſchheit. Abgetrennet vom Leibe gedeiht kein lebendes Glied mehr! Menſchen von Menſchen gerrennt ſind ein entfallenes 4 Haar. 3 Armuth. Armuth macht den Mann beſchämet, Schaam und Unglück macht ihn muthlos, 3 15⁵³ Muthlos wird er nnterdrücket, Unterdrücket wird er grämlich; Gram und Kummer ſchwächt die Seele, Seelenſchwäche vringt Verderben; Ach ſo ſenkſt du, vöſe Armuth, Endrich in das tiefſte Weh⸗ — Der fallende Tropfe. Wie ein fallender Tropfe, ſo iſt das Leben der Menſchen; Kaum einen Augenblick— hält ihn das Lüftchen empor. Herrſchende Sinnlichkeit. Wer den Sinnen wird gefangen, Der gefället ſich in ihnen. Aus Gjefallen wird Begierde, Aus Begierden Angſt und Thorheit. Er verlieret das Gedächtniß, Die Vernunft und mit ihr Alles. Wie der Sturm auf Meeres Wellen Mit dem ſchwachen Kahne ſpielet, Spielt Begierde mit Gedanken. Grück und Ruhe ſind verſchwunden: Denn nur der, o Menſch, iſt glücklich, Dem zerſtießen die Gefühle, Wie ins ſtille Meer die Ströme. — Wiſſen und Thun. Kinder ſprechen von Wiſſen und Thun als doppelten Dingen; „Beide werden nur Eins in des übenden Mannes Gemüthe, Deſſen Seele des Ewigen Sinn, die Seele der Welt iſt. 154 Hören und Sehen, Gefühl und Bewegung, Eſſen und Trinken, Schlaf und Wachen, Handeln und Ruh'n, und welche Vermögen 3 Sonſt er übe, ſie trüben ihm nicht die Stille des Geiſtes, Wie von der Meereswelle der Lotos nimmer befleckt wird. Verſchwendeter Werth. Wer auf dieſer Welt geboren, Nicht nach edeln Werken trachtet, iim dereinſt im weitern Leben 7 Der durchwühlt mit goldnem Pfluge Mühſam einen duͤrren Boden, Nur um uUnkraut drein zu ſäen. Einen Krug von Edelſteinen Setzet er zum Sandelfeuer, Schlechte Hülſen drinn zu kochen. Einen ſchönen Dattelgarten 4 Haut er ab, daß ſtatt der Palmen Er darinn ſich Neſſeln pflanze. Vollendung des Werks. Und ob ein Unerfahrner dich verlachte, Und ob ſich Unglück dir entgegen ſtellte, Du ſterbeſt über lang' und kurze Jahre; Verfolge kähn dein klugbegonnen Werk. Als Geiſter einſt am Berge Meru drehten, Wiewohl ſie Edelſtein' und Koſtbarkeiten fanden, Wiewohl ſie Gift in wilden Strömen ſchreckten, Sie ruhten nicht, bis daß die Götterſpeiſe Ambroſia ⁵) in ihren Händen war. — 3 *) Amortam bei den Indiern. Die Geſchichte davon, eine Eviſode des eviſchen Gedichts Mahabharat ſteht in Wilkins Anmerkungen zum Bagat Gita S. 146. u. f. Dieſes Lebens Frucht zu ſammeln: 155 Milde Geſinnungen. Wer freundlich mit den Menſchen lebt, Dem wird das Feuer Kühlung, Das Salzmeer wird ihm Labung ſeyn, Der Löwe wird ihm dienen, Die Schlange wird ihm Blumenkranz, Das Gift zur Götterſpeiſe. 4 Die Nachtigall und das Weib. Schönheit der Nachtigall iſt der Nachtigall liebliche Stimmez Schönheit des Weibes iſt ſantte, gerällige Treu“. Sie iſt das Herz des Mannes, des Hauſes Seele, die Mutter Ihrer Kinder, an ihr hanget die künftige Zeit. Andacht. Von Begierden frei und frei von Lohnſucht Thut der Weiſe Guts und weiß es ſelbſt nicht. Unbefangen vom Erfolg der Thoten Weiht er ſie der Andacht reinem Feuer. Gott iſt ſeine Gabe, Gott das Opfer, Gott des Altars Flamme, Gott der Opfrer, Und nur Gott kann ſeines Oofers Lohn ſeyn. Religion. Niemand ſchaden, Allen Hülfe leiſten, Jedermann ein heiliger Altar ſeyn, Iſt Religion. Und dieſe Freundinn Geht mit uns, wenn Alles einſt zurückbleibt. 1⁵6⁶ Abſchied des Einſiedlers. Erde, du meine Mutter, und du mein Vater, der Luſthauch, Und du Feuer, mein Freund, du mein Verwandter, der Strom, Und mein Bruder, der Himmel, ich ſag' euch allen mit Ehrfurcht Freundlichen Dank. Mit euch hab' ich hienieden gelebt, Und geh jetzt zue anderen Welt, euch gerne verlaſſend; Lebt wotl, Bruder und Freund, Bater und Mutter, lebt wohr v. Vermiſchte Stüͤcke aus verſchiedenen morgenlaͤndiſchen Dichtern. Meiſt ungedruckt. Al⸗Hallils Klagegeſang. Laßt mich weinen! das Weinen bringt nicht Schaude. Laßt mich klagen! denn klagen ſoll der Betrübte. O Humane*)! wie ſoll ich dich jetzt nennen? Himmliſche Namen haſt du; wer kann ſie ſprechen? Engel, die ihn ins Thal des Fodes führten. Gottesboten, ihr führtet ihn als Brüder Enren Bruder. Ich ſeh' ihn freundlich lächeln Mitten im Todesthal. Er warf die Hülle Leicht von ſich, und er ſah den offnen Laßt uns folgen, ihr Brüdere— 3 Vater, wird uns auch dort d ütte bauen.— O Humane, wie ſoll ich dich jetzt nennen? Himmliſche Namen haſt du; wer mag ſie ſpre Heil der keuſchen Mutter, die dich geboren! Denn ſie mehrte die Zahl der Engel mit dir. Wie der Bach, der das Paradies durchſchlängelt, War dein Herz; wie der Morgenſtern dein Inn'res. Sanft wohlthätiges Licht der Sonne, freundlich Wie die Sommernacht, wie der Silbermondſtrayl. Auge warſt du dem Fürſten, wie dem Armen; Eins nur kannteſt du nicht, das Gift der Schlangen. Worte des Troſtes gabſt du uns, nicht Wermuth: Heuchelteſt nie uns Demuth, nie uns Freundſchaft. *) Al⸗Hallil nennet ihn Houmana. Schaut, o ſchauet den Schmerz in meiner Sekele 8 ſt 160 Ungeſehen auch warſt du edel, übteſt Im Verborgenen Gut's, wie Gott, dein Vater. Nie erwarteteſt du, was du nicht ſelber Leiſten konnteſt, o du der Menſchheit Zierde. Und gewelket ſo bald ſind deine Blüthen! Deine Zweige, wie ſinken ſie zur Erde! Klagt mit mir, Jungfrauen! o klagt, ihr Knaben! Seine ſchöne Geſtalt iſt uns entnommen“ Nie eröffnet ſich uns ſein holder Mund mehr. Die maͤhende Zeit. Wo iſt deine Mutter? wo iſt dein liebender Vater? Wo die Freunde, die einſt mit dir die Jugend ge⸗ theilt?. Wo ſo viele, die um dich lebten? Sie blühten wie Bäume, Hart am Ufer; der Strom riß mit dem Ufer ſie hin. Alſo mähet die Zeit; ſie mäht zur Rechten und Linken, Dir vor den Augen, und du, Sterblicher, ſieheſt es niche? Werth des Kleinſten. Wenig zu wenig gelegt, wird bald zum ſteigenden Haufen: Tropfe nach Tropfe wird einſt mit den Jahren ein 3 Strom. Worte. Tugend und Kunſt ſind Worte, wo ihnen fehlet der Schauplatz; Ueber der Kohle nur gibt Aloe ſüßen Geruch. Das 161 Das wechſelnde Gluͤck. Aus zweien Tagen nur beſteht die Zeit: Aus einem heitern, einem ſtärmiſchen. In zweien Ordnungen veſteht die Welt: In einer ſichern, einer wechſelnden. Sag' alſo dem, der mit dem Glücke zürnt: Den Tapfern drückt das Ungemach zuerſt. Leichname ſchwimmen oben auf dem Meer, Indeß die Perle tief am Grunde ruht. Siehſt du nicht, daß der Sturm, wenn er ergrimmt, Die Ceder bricht und das Geſträuch verſchont? So manche Bäume trägt der Erde Schoos, Und dennoch ſteinigt man den Fruchtbaum nur. Am Himmel ſind der hellen Sterne viel; Doch Mond und Sonne werden nur verdunkelt. Du hielteſt viel vom Glück, da dir es gütig war,. Und fürchteteſt nur ſeine Uevermacht. Es ſchläferte dich ein, und täuſchte dich; Auf helle Nächte folgen dunkele. Feindſchaft zwiſchen Freunden. Fache den Funken nicht an, der zwiſchen Freunden er⸗ glimmt iſt; Leicht verſöhnen ſie ſich, und du viſt beiden verhaßt. Al⸗Hallil's Rede an ſeinen Schuh. Mit Tauſenden von meinem Volke zog Ich auch einher am Tage jenes Zorns, Der alle Ebnen Ubedars mit Blut Und Rach' erfüllte. Roſſe wieherten Beim Schalle der Trommeten; Staub erhob Zum Himmel ſich. Die Maͤcht'gen jubelten: Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. INX. 11 162 Die Ketten klirrten, die vor Abend noch Der Ueverwundnen Thräne netzen ſollte. Einmüthig reichten Untergang und Tod Die Hände ſich, und ſchritten vor dem Heer. Da ſchlug in mir das Herz noch eins ſo ſtark⸗ „O Rüſtung zum Verderben!“ ſprach ich, tief Im Winkel meiner Bruſt.—„Allmächtiger: Wir können keinen Floh erſchaffen, und Wir tödten Menſchen. Blut vergießen wir, Und loben dich.“ Mein Herz ſchlug ſtärker; ich Trat in den Sumpf. Vergeblich mühte ſich Mein Fuß, den Schuh hinaus zu ziehen. Feſt War er. Die tapfern Heece ſchritten fort; Die Lanzen blinkten; Schwerter funkelten; Ein Feldgeſchrei, ein wüſtes Sauſen füllte Mein Ohr; ich ſtand betäubt und ſprach alſo Zu meinem Schuh: „Wie? mein Begleiter, jetzt Berläſſeſt du mich, und erwarteſt lieber Den Moder hier? Und ſoll ich dich denn auch Berlaſſen, wie in dieſer Welt zuletzt Sich alles flieht? Du Guter, gingeſt freilich Nie mit mir böſe Wege; keinem Pfade Der Frevler drücketeſt du je dich ein. Die Augen, die von Blute ſtrömen, blieben Uns fremd; dem zügelloſen Sieger eilteſt Du nimmer nach. Wir gingen ſanfte Wege, Jetzt, wenn die Sonn' im Abendmeer erſank, Jetzt in den Schatten der friedſel'gen Nacht, Der Ruhegeberinn, der Reichen, die Urs ihre Schätz' am weiten Himmel zeiat, Und nieden uns der Freuden ſchönſte ſchenket. Dann ſagte leiſe mir der Mond in's Ohr: 165 „Sohn der Aéſcha, geh' zu deiner Treuen, Sie wartet deiner, lieblicher als ich.“— Die Wege gingen wir; nicht jene, denen Du ſtrenge jetzt unwillig dich entziehſt. Ich folge deinem Rath. Gehabt euch wohl, Ihr Helden jetzt durch Mord und Todſchlag!— Mögen Die dLöwen eure Siege brüllen! wetze Der Tiger ſeine Klau'n dazu; es ſingen Erſchlagne Heere drein, und Drachen ziſchen Aus Wüſtenei'n zerſtörter Wohnungen.— „Du ſtiller Mond, den ſie mit Mordgeſchrei Erſchrecken, ſcheine nicht auf ſie; und nie Umfange ſie mit deinem ſanften Arm, Die ſie verſcheuchen, du friedſel'ge Nacht.“ . Eigener Glaube. Suche, was deiner Natur gemäß iſt. Jegliches Weſen Wirkt in eigner Natur, in ihr nur ruhig und glücklich. Wer ſich der aͤußeren Wirkung ergibt, wird Feinden ge⸗ fangen; Auch in Religion. Der Glaube, der deines Gemüths iſt, In dir beſſer, o Freund, als des Fremden beſſerer Glaube⸗ Wahrheit und Recht. Wie die Strahlen der Sonne, ſo können des Rechts und der Wahrheit Strahlen verlöſchen nie; prob' es, ſie zünden von ſelbſt. 3 164 Lob und Lauͤge. Wer dlie Wiſſenſchaft der Güte vorzieht, Wird nie glücklich ſeyn; und wer der Menſchen Loben liebet, dient gewiß der Lüge. Waſſer des Lebens. Könnt' ich des Lebens Trank mit feigen Thvänen er⸗ betteln, Lieber geſtorben, als ihn ſchnöde mit Thränen erkauft. Der Unwiſſende. Wer nicht beſitzet ein Buch, das ſeine Zweifel zerſtreuet, Und wie im Spiegel die Welt ihm mit Belehrungen zeigt, Und den verborgenen Schatz in ſeiner Seele nicht auf⸗ ſchließt, Bleibet, ſo lange er lebt, ſtets ein unwiſſender Mang⸗ Die ſchweigende Nachtigall. „Warum, o Nachtigall, hörft du ſchweigend den kruͤch: zenden Raben? „„Weil eine Nachtigall gern neben dem Raben ver⸗ ſtummt.““ Nutzloſe Kraft. Ohne Gelegenheit iſt die Hand des Starken in Feſſeln: Rützet dem Löwen die Kraft, dem man die Klaue geraubt? 165 Das leuchtende Geſtirn. Wie das erhabne Geſtirn dem Wanderer leuchret im Thale, Und dem Schiffbrüchigen glänzt, alſo erhebe du dich; Nicht wie der niedrige Rauch, der emporſteigt, um in 1 der Höhe Zu verſchwinden; er iſt auch in der Höhe nur Rauch. Was in deiner Gewalt iſt. Niemand der Sterbrichen je zu kränken, das hab' ich in Händen; 1 Doch zu verhüten den Neid, ſteht nicht in meiner Gewalt. Mißbrauch. Tugend zu mißbrauchen iſt gefährlich, Weit gefährlicher, als keine haben. Dem Namenloſen. Al⸗Harlil's Rede. 9 daß mein Ohr dich hörte! Daß ich dich Zu meiner Rechten mit mir wandeln ſähe, Denn in mir weint mein Herz vor Unmuth, ich verhuͤlle Mein Angeſicht dem Läſtrer deiner Lehre. Wind iſt ſein Weſen, ein verſengender Wind aus der Wüſte, der den Hauch erſtickt, Und jede Pflanze rödtet. Trau' ihm nicht, Dem Höhner der Religion, o Jüngling! Er ſcherzt dir Thränen zu, und ſendet Peſt umher⸗ 166 Wie klapperndes Gebein am Rabenſtein Zu Nacht den Wanderer mit Grauſen füllt; So tönt, ſo hängt zuſammen ſeine Lehre, Ein Pfuhl in Mittagshitze— bleib ihm fern. Wer naht dem Lager eines Drachen? Wer Stürzt in den Abgrund ſich? Und ſahſt du je Den Adelaar im Sumpfe wohnen! Hörteſt Du aus Rauchfängen je die Nachtigall? Der eigene Schatten. Al⸗Hallil's Rede. Erfreue dich des Lichts auf deinem Wege, Du Erdenpilger, und geh' rüſtig tort, Daß dich die Nacht nicht ubereile. Sieh“. Dort jenen Knaben, der ſich ſeines Schattens, Des langen Schattens in der Abendſonne, Frohlockend freut. Er klopfet in die Hände, Daß dieß ſein Wahnbild ferne Hügel deckt, Und ſtehet ſtill und ſäumt. Indeſſen ſinkt Die Sonne; finſtre, kalte, ſchwarze Nacht Stürzt aus Frohlocken ihn in Herzensangſt, Aus Angſt des Herzens in Verzweifelung. Er höret Stimmen, Todesſtimmen. Jüngling, Wenn du dich deines eignen langen Schattens Erfreueſt, weh' dir! ſo iſt deine Sonne Dem Untergange nah. So lange Licht, Ein hohes Licht dich führt, vergiſſeſt du Des Wahnes hinter dir, und eileſt fort. O Herr der Welt; die Menſchen vor dir ſpielen Wie Kinder in dem Sande, nennen's Weisheit, 167 Und hochberühmte Kunſt; und meſſen ſich, uUnd zanken über ihres Schattens Schatten— Indeſſen du auf Wettern fährſt und Welten Zehntauſendmal zehntauſend ordnend lenkſt. Wer ſagt vor dir: Hier bin ich? Sind wir doch Ein Nichts, das du zu Etwas, und, o Vater! Das du zu ew'gem, ew'gem Zweck erſchufſt. Das Aeußere und Innere. Hängſt du Tapeten von ſieben Farben über der Thuͤr auf, Und dein inneres Haus iſt mit der Matte belegt? Dein Bruder. Wer iſt ein Bruder mir? Der in der Noth mir zu Hülf' kommt. Wuchſeſt du denn vom Baum, daß du es andern nicht biſt? Die Krähe. Wer nicht trachtet nach Gut, damit er auch andre be⸗ glücke, Wer für Kinder und Weib, Vater und Mutter nicht lebt, Wer ſich der Menſchen nicht, nicht ihrer Freuden er⸗ freuet, Iſt wie die Kraͤhe; ſie lebt arm von erſtohlenem Gut. Mitgefuͤhl. Fremde geſellen ſich gern. Wer nie verlaſſen geweſen, Weiß im Innerſten nicht, wie's dem Verlaſſenen ſey. 168 Falſche Hoffnung. Wer auf dem Wagen der Hoffnung fährt, hat Eine Ge⸗ fährtinn Sicher zur Seite. Das Glück? Nein doch: Dle Armuth, o Freund! Der ſchlafende Tyrann. Einen Tyrannen ſah ich am hellen Mittage ſchlafen; „Peſt des Menſchengeſchlechts, ſchlummere, ſchlum⸗ mere fort!“ Sprach ich.„Wer im Schlaf mehr, als im Wachen, der Welt nützt, Dem wünſcht jeder ſo gern ewigen Schlummer, den Tod.“ Strafe der Unſchuld. Sich des Böſen erbarmen, das heißt, den Guten ver⸗ abſcheu'n. Wer dem BVerbrecher verzeiht, ſtrafet die Unſchuld für ihn. Verrat h. Loöblich iſt es, verzeihen. Doch Menſchenauatern die Wunde Zu balſamen, es iſt gegen die Menſchheit Verrath. Unmaäaͤßigkeit. Naͤhre den Leib zu ſehr, ſo werden die Bande der Seele Santt von einander geh'n, dünner und dänn wie ein Haar. 169 Füͤttere deine Begierden; du nähreſt hungrige Wölfe: Reißen ſie einſt ſich los, wirſt du ihr Opfer zuerſt. Der Zorn. Laͤhre dich nicht zu Menſchen, ſo lange Zorn dich em⸗ vöret; Nur in der Ruhe gedeiht Menſchheit des Menſchen, 3 Verſtand. Der Adler. Sprich, warum iſt der Adler der König aller Gefieder? Weil er kein Thier zerreißt, und an Gebeinen nicht⸗ nagt. Die Gegenwart. Ein perſiſches Lied. Dunkler Ocean umgürtet Unſre Erd' und unſer Leben. Fluthen rauſchen über Fluthen, Auf den Fluthen ruhen Wolken, Dunkler Abgrund iſt die Zukunft. Nur die Gegenwart iſt ſicher; Jüngling, auf! genieße ſie. Siehe, dort auf Kafs Gebirgen Schwingt ſich Anka*) in die Wolken. Jeder Staub entſank der Schwinge, ²) Anka, ein fabelhafter, großer Vogel der moraenlän⸗ diſchen Dichter; das Sinnbild großer Anſtrebungen und der menſchlichen Seele ſelbſt. Kaf, das höchſte Gebirge Aſiens. 170 Und man ſagt, er ſey unſterblich. Wohin ſchwang er ſich? Wo iſt er? 1 Nur die Gegenwart iſt ſicher: Jüngling, auf! genieße ſie. Wie der Tag, ſo glänzt dein Antlitz, Wie die Nacht iſt deine Locke, Deine Lippen Morgenröthe. Morgenroth und Tag und Nächte, Auch die ſchönſten, flieh'n vorüber. Nur die Gegenwart iſt ſicher, Jüngling, auf! genieße ſie. Verſchwiegenheit. Auch den vertrauteſten Freund verſchone mit deinen Geheimniß; Forderſt du Treue von ihm, die du dir ſelber ver ſagſt? Wahre Wohlthat. Speiſe mit Wohlthat du den Bedürfenden; himmltſche Manna Koſtet er; rühr' es ihm auf, wird es ihm Aloe, Gift! Inſekten. Wie Ameiſen den Löwen, zernagen die Neider den Edlen.— 3 ——ᷣ ℳa „ v 2F Der unerkannte Kein kannte Fe Nie verachte den Mann, eh’ du ſein Inn'res erkannt haſt: Waͤhne den Buſch nicht leer, den wohl ein Tiger bewohnt. 171 Unnuͤtze Rede. Was nutzt dem Thoren weiſe Rede! was Nutzt ihm ein Zuſpruch, der ihn beſſern will? Denn kommt es hoch, ſo ſtützet er das Haupt Auf ſeine Rechte, nickt und gähnet: Ja! 5 und dehnet ſich, und möchte gern hinweg. Zur Rechten und zur Linken ſieht er Reichthum Und vor ihm Ehrenſäulen; hinter ſich Jungfrauen⸗ So der Thor. Er kennet alles, Verſteht und weiß. Was Weiſen Zweifel macht Iſt ihm gewiß. Wie durch ein Loch des Daches Das Mondlicht ſcheint, ſo ſcheint des Weiſen Rede In eines Thoren Herz. Gleichgültig iſt Der trocknen Thierhaur Sonnenſchein und Regen: Selbſt Glück und Unglück wirkt auf Thoren gleich⸗ Schamloſigkeit. Ein ſchamfoſes Geſicht iſt eine erlöſchende Lampe. Ein ſchamloſes Geſicht iſt ein entrindeter Baum. Adler und Eule.. Waͤre denn auch kein Adler im weiten Reich der Ge⸗ fieder⸗ Muͤßte die Eule darum ihre Gebieterinn ſeyn? —— 172 Trommel und Lauke. Rühre die Laute nicht, wenn ringsum Trommeln er ſchallen; Führen Narren das Wort, ſchweiget der Weiſere ſtill. Der Zutraͤg er. Wer dir zubringet, nimmt. Wer fremdes Geheime dir zuträgt, Wiſſe, der will von dir deine Geheimniſſe, Freund. Schwere des Goldes. Wer Gold ſiehet, und wär' er ſelbſt der Gerechtigkeit Waage Mit dem eiſernen Arm, neiget ſich nach dem Gewicht. Truͤglicher Weg. Willt du mit Nachbars Gunſt zum Paradieſe gelangen, Findeſt am Ende du dich ſicher zur Hölle geführt. Koͤnigsdienſte. Der Feu'ranbeter habe hundert Jahr Dem Gott gedienet, und ihn angefacht; Ergreift die Flamm' ihn Einen Augendlick, Bergeſſen iſt ſein Dienſt— er wird verzehrt. Gednl d. Durde, mein Freund. Geduld iſt die ſchönſte Zierde der Edeln. b Weißt du der Freude Thor ſchließet Ein Schlüſſel, Geduld. b ¹ 175 Freund, der Geduldigen Thor iſt ſtets geöffnet; es ziehet Durch daſſelbe hinein— wer? der Geduldigen Schaar. Drüͤcket dich Untall, ſtehe beherzt; Geduld iſt ein Panzer. „Aber mein Weg iſt beengt. Dulden dort weitet er ſich. Das geduldige Kamel. Uebereile dich nicht; das laufende Roß überwirft ſich, Und das geduld ge Kamel kommet im Schritte zum Ziel. Zu fruͤher Genuß. Wer ſeine Sagt aufiſſet im Keim, der nehm' in der Ernte Statt der Aehren denn auch einzeln mit Stoppeln vorlieb. Der heilige Wahnſinn. Sinſt kieß ein König in Arabien Sich„Meznu's Liebe zu der Laila“*) leſen, Wie er, ein kluger und beredter Mann, Sich ſeiner ſo vergeſſen, daß er liebend Der Welt entſagt' und lebt' in Einſamkeit. Der König ließ ihn kommen. Mezuu ſprach: „O König, ſäheſt du nur meine Lailal“ Der König ließ ſie kommen. Laila trat Vor ihn, ein blaſſes, hag'res Angeſicht. „O,“ rufte Meznu,„ſieh⸗o König⸗ Laila Mit meinen, nicht mit deinen Augen anl“ ³) Eine ſehr berühmte Liebesgeſchichte bei den Morgen⸗ ländern. 174 Die ihr nimmer geliebt, kennt ihr die Qualen der Liebe? Da ja keinem der Schmerz ohne die Wunde ſich naht. Gib mir Einen, o Fürſt, der ſelber erfahren, was ich litt, Daß mein Leiden ich ihm Tage nach Tagen vertrau⸗ Könnte die Turteltaube mich hören, ſie ſeufzete mit mir; Aber dem Glücklichen dünkt Leid des Unglücklichen Traum. Der König wandte ſich und ſprach gerührt:— „Der Liebe Wahnſinn iſt ein heil'ger Wahnſinn.“ Wiedervergeltung. Wer des Gefallenen nicht ſchonet, der fürchte Vergeltung Ihm, dem Gefallenen, reicht keiner den helfenden Arm. 1 Der kleine Feind. Wer einen kleinen Feind der Schwäche wegen verachtet, Läfſet den Funken gläh'n, weil er kein Feuer noch iſt⸗ Das Ungleiche. Zehn Arme liegen ruhig Auf Einer Streu beiſammen. Zwei Königen iſt immer Das weitſte Reich zu eng.„ Veraͤnderung des Orts. Reiſe! Verändre den Ort. Des Lebens reifeſte Frucht wird Durch Erfahrung, die dir Sinn und Gedanken ernent. Siehe das ſtehende Waſſer, und ſchau die rinnende Quele; Jenes modert, und dieß ſtrömet den helleſten Trant. 3 175 Bliebe die Sonne des Himmels an Einem Orte, der Perſer Und der Araber ſäh' vald mit Verdruſſe ſie an. Ginge der Mond nie unter, er brächte Schaden der Erde Flöge der Pfeil nicht ab, nimmer erreicht' er das Ziel Gold in der Grube wird wie leere Stoppel geachtet; Aroe, wo ſie wächſt, gleicht dem gemeineſten Holz. Die Probe. Der iſt nicht vollkommen gut, ihr Bruͤder, Der nicht gut ſeyn kann, auch unter Böſen. Der Maͤchtige. Waäͤr's dem Pöbel erlaubt, Daß er betrügt; Keinem der Edeln ziemt's. Glauben ſtellet man zu Fürſtlichem Wort, 8 Dem man die Treu'’ gelobt. Uund doch traue dich, Freund. Selten der Huld Süßer Verſprechungen; Trau' der lächelnden Stirv Traue dem Blick Gnädiger Augen nicht. Was der Mächtige will, Nicht, was er ſpricht, (Schwür' und gelobt' er auch:) Was der Mächtige will, Merke; du hörſt: „Pflüge den Sand mir hier!“ 176 Der gute Name. Der iſt nicht groß, der große Namen ſchmäht. Glück, Hoheit, Macht und Reichthum geh'n vorüber! Ein guter Name der Verſtorbnen bleibt: Den ehr auch du, daß man einſt deinen ehre. Der Strom. Wie ein Strom iſt die Begierde, Unſre Wünſche ſeine Wellen, Unvergnüglichkeit das Unthier, Das in ſeiner Tiefe ruht. Wie die Vögel auf den Wellen, Treiben vorwärts unſre Sinnen; Sie verachten, was ſie haben, Bis das Unthier ſie verſchlingt. Und die brünſtig tolle Liebe Iſt der Wirbel in dem Strom, Seine beiden Ufer heißen: Bittre Reu' und Traurigkeit, Nur der Menſch von reinem Heczen, Jeglicher Begier entſagend, Bleibet ſicher ſteh'n am Lande, Watet ſicher durch den Strom. Die Abkunft. Kanaan war ein Knecht, und ſtammte vom göttlichen 4 Noah, Abram, des Ewigen Freund, der doch von Heiden entſproß. Alfo 177 Alſo die ſchöne Roſe; ſie wächſt aus ſtachlichen Dornen, Alſo ein ſchönes Gemüth, edel in eigner Natur. Die Entzauberung. Lehre der Braminen. Bezwinge den Durſt nach äußerem Gut, du getäͤuſch⸗ ter Menſch! Entzaubere dir Verſtand und Herz; Der Gewinn an eigenen Thaten Rur dieſer beruhiget dich. Güter, Ehren und Jugend haſchet die Zeit hinweg; Täuſchungen ſind ſie, verſchwunden im Augenblick. Lerne das Ewige kennen, Und faſſ es in dein Herz. Wle ein zitternder Waſſertropf' an der Lotosblume, Unausſprechlich leiſe gleitet das Leven hinab. Auf dann! theile den Ocean der Welt In der tugendhaften Genoſſenſchaft, in ſtiller Fahrt. Tag und Nacht, Morgen und Abend, Winter und Frühling ſcheiden und kehren zurück. So ſpielt die Zeit mit uns; das Leben entflieht— Und deiner Erwartungen Wind weht ungehemmet fort? Denke der Wunderwelt, deren kleiner Theil du biſt! Denke, woher du kameſt? Woraus gebildet in deiner Mutter Schoos! Bedenk' es oft. Gerders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 1²³ Die ſieben Meere der Welt, die acht Urberge wer den bleiben; Brama, Indra, die Sonn' und Rudra dauern fort*); Nicht du, nicht ich. Ob dieß und jenes Volk Fortdaure, ängſtet dich das? In dir, in mir, in jedem Weſen iſt Wiſchnu**); Thöricht, wenn du dich je beleidiget glaubſt. Sieh jede Seel' in deiner eignen Seele, Und banne den Wahn des Verſchiedenſeyns hinweg. Auch deine Neigung ſetze nie zu feſt, Auf Freund und Feind, auf Bruder und Sohn. Sey gegen alle gleichgeſinnt, Wenn du erreichen willt des Ewigen Natur. Dein Leib iſt kraftlos; grau dein Haupt; In deiner Rechte zittert der Bambusſtab. Und noch iſt deiner Begierden Krug dir unerfüllt? Ausſchöpfen willt du mit deiner Scherbe den Ocean? Grab eines Edeln. Begraben haben wir bei Merwa jetzt Der Fremden Vater in der ſtürm'gen Nacht, Den Mühlſtein jedes Feindes, der mit ihm Zu kämpfen unternahm. Begraben haben wir den Mann, an dem Der Hunger oft erfahren(der das Land Feindſelig drückte), daß er mit ihm rang Und ihn erwürgte. *) Die Elemente der Welt. 2*) Die Gottheit, die die Welt erhält. 179 Von Anſehn war er dünne wie ein Schwert, Nur ſeine Bruſt und ſeiner Hüfte Sennen Sie waren nimmer welk noch matt. War er bei Ernſten ernſt, ſein Ernſt gefiel; Und wollteſt du's, ergetzte dich ſein Scherz. Du litteſt Unrecht; er erfreute dich Als Rächer; zog mit dir, wohin du gingſt, Trug willig, was du ihm nur legteſt auf. Beſuchten Freunde ſeine Wohnung, trieb Er ſtrenge ſein Geſind an, daß das Mahl Bereitet würd', und nahm ſie fröhlich auf. Klage eines Vaters um ſeinen Sohn. Fraget ein Mann dereinſt von ſeinem Bruder:„Wer ruht hier?“ O ſo ſtröme du Grab, ſtröme die Thränen ihm zu, Die ich weinte; der Vater beweint den einzigen Sohn hier. Klagend rief er:„Warum nahmeſt, o Gott! du ihn mir?“ Geſetz der Natur. Der Geborene wird zum Tode geboren! der Himmel Hat es geordnet ſo; keiner entgehet dem Schluß. Moſes ſtarb; ſelbſt Moſes, der Freund des göttlichen Ausſpruchs, Und ſo gehen auch wir, Einer und Alle dahin. Lebe du rein, o Menſch! der Reine wandelt zum Himmel, Und dort gilt es ihm gleich, lebt er hier kurz oder lang. 180 Des Heiligen Grab. Schreibt mit eiſernem Griffel auf diamantenen Felſen, Grabet den großen Riß tief in das innerſte Herz. Daß in der Grube hier der Weisheit Quelle verſiegt iſt, Daß in das Dunkel hier unſere Sonne verſank. Klagt ihr Kinder von Zion und weiget: die heiligen Tafein Sind zerbrochen; ſie ruhen hier in des Heiligen Gruft. VI. Ue ber ein morgenlaͤndiſches Dramg. —— Einige Briefe. Willt du die Bluͤthe des fruͤhen, dee Fruͤchte des ſpaͤtern Jahres, Willt du den Himmel, die Erde mit Einem Namen begreifen— Willt du was reizt und entzückt, willt du was ſaͤttigt und naͤhr, Renn' ich Sakontala dich, und ſo iſt alles geſagt. Goethe. Vorrede zur Sakontal a.*) Laͤngſt wußte man, daß die gelehrte Kaſte der Indier alte dramatiſche Gedichte beſaße; aus dem großen Reichthum ihrer Mythologie und epiſchen Maͤhrchen war ſolches auch leicht zu vermuthen; eine Blume aber, wie die Sakonrala, erwartete, und zwar beim erſten Funde, wohl niemand. Dem reich⸗ und vielverdienten W. Jones war dieſer gluͤckliche Fund beſchieden; ſein Name wird mit der Sakon⸗ tala bluͤhen, wenn manche ſeiner andern Beſtrebun⸗ gen vergeſſen ſeyn werden: denn auch darinn wal⸗ tete uͤber dieß indiſche Drama ein gutes Schickſal, daß W. Jones es nicht, wie er es mit andern ⸗ *) Zur zweiten Ausgabe, Frankfurt am Mayn 1303 bei Auguſt Hermann dem Jüngern. 3 Anm. d. Herausg. 184 Erzaͤhlungen und Poeſien gemacht, angliſiren, ſondern treu darſtellen wollte. Wörtlich uͤberſetzte er es zuerſt in Latein,(und es waͤre kein uͤbel ange⸗ wandtes Papier, wenn man dieſe woͤrtliche Ueber⸗ ſetzung öͤffentlich machen wollte) dann in's Engliſche treu und einfach. Ein zweites gutes Schickſal waltete uͤber die Sakontala, da ſie zur deutſchen Ueberſetzung dem gleichfalls vielverdienten und auch wie Jones zu fruͤh dahingegangenen G. Forſter in die Hand kam. Er, beider Sprachen und der Naturgeſchichte Indiens kundig, dabei ein Mann von Geſchmack und zartem Gefuͤhl, bereicherte ſeine Ueberſetzung mit Erlaͤute⸗ rungen, deren das engliſche Original entbehret; treffende Erlaͤuterungen auch fuͤr andre Poeſien der Indier, die ohne Kenntniß der Naturgeſchichte dor⸗ tiger Gegend einen großen Theil ihrer Anmuth ver⸗ lieren. Uns Deutſchen wird G. Forſters Name eben auch mit der Sakontala in lieblichem Anden⸗ ken leben. Eben deßhalb iſt bei dieſer Ausgabe an ſeiner Ueberſetzung nichts geändert, auch ſeinen Erlaͤute⸗ rungen nichts hinzugefuͤgt worden. Deutſchland hat an ihr viel Freude genoſſen, und ſo bleibe ſein Kranz unberuͤhret. Die juͤngere Generation lerne auch hier von dem Indier immer vertrauter mit dem Geiſte der Natur werden und genieße ferner an dieſer Sa⸗ kontala Freude. 185 Denn ſie verdienet's. Das einfache Maͤhrchen des entſcheidenden Ringes beut in der groͤß⸗ ten Mannichfaltigkeit eine Reihe Scenen dar, die von der ſanfteſten Idyllen⸗Anmuth im Hain der Ein⸗ ſiedler, zum hoͤchſten Epos eines Paradieſes uͤber den Wolken reichen. Mit Blumenketten ſind alle Scenen gebunden, jede entſpringt aus der Sache ſelbſt, wie ein ſchoͤnes Gewaͤchs, natuͤrlich. Eine Menge erhabener ſowohl als zarter Vorſtellungen fin⸗ den ſich hier, die man bei einem Griechen vergebens ſuchen wuͤrde: denn der indiſche Welt⸗ und Men⸗ ſchengeiſt ſelbſt hat ſie der Gegend, der Nation, dem Dichter eingehauchet. Im indiſchen, nicht eurepaͤiſchen, Geiſt muß man alſo auch die Sakontala leſen; die Idyllenſce⸗ nen z. B. mit der Sanftmuth und Naturliebe die⸗ ſes Volks, das in einer vom Himmel mit Naturge⸗ ſchenken ſo reich ausgeſtatteten Gegend lebt und ſich derſelben erfreuet. Ihm werden Scenen der Natur, der Vertraulichkeit mit Pflanzen und Thieren, end⸗ lich der ſinnlichen Liebe ſelbſt nicht langweilig. Ihr Blut ſprudelt nicht wie das Blut der von Gaͤhrung erhitzten Voͤlker. Die Goͤtterverehrung, die man dem Koͤnige erweiſet, ſo ganz in indiſchen Sitten und indiſcher Denkweiſe, wird man ſich gefallen laſ⸗ ſen; nicht nur, weil, wie der Theaterdirektor beim Eingange zu vernehmen gibt, das Drama ein Hof⸗ Divertiſſement ſeyn ſoll, ſondern auch weil eben 4 186 hieraus, aus dem Vornehmen und Göͤttlichen der Koͤnigswuͤrde, die hoͤchſten Schoͤnheiten des Drama entſprießen; auf einem niedrigern Boden konnten ſie nicht entwickelt werden. Dahin gehoͤrt der Anſtand des Koͤniges im Haine ſowohl als im Palaſt, in der Liebe ſowohl als in ſeinen Geſchaͤften; dahin die Zauberdecke, die auf ſeinen Fehl, die Vergeſſenheit ſeines Verſprechens gelegt wird; eine hoͤhere Macht haͤlt ihm die Sinne gefangen, ein Fluch hat ihm, je⸗ doch nur auf kurze Zeit, ſein Gedaͤchtniß geraubet; und auch dieſen Fehl buͤßet er eben ſo edel als ſchmerz⸗ lich. Dahin endlich gehoͤrt ſein Erwachen aus einer Traurigkeit, die zu nichts fuͤhret, ſeine Fahrt auf dem Wagen des Donnergottes, ſeine Belohnung— das Wiederfinden der Sakontala und ſeines heldenmuͤthi⸗ gen Knaben.— Auf der andern Seite, Sakontala, das Kind der Natur, aufgebluͤht im reinſten Aether, einem Schutz⸗ und Erziehungsort der Frauen. Wald und Blumen, die geheiligte Einſamkeit ſind das um⸗ zaͤunte Paradies, worinn dieſe unbekannte Hochge⸗ borne, als eine Blume, verborgen und ungeſtoͤrt ſich entfaltete, ihre unſchuldige Seele gebildet und ge⸗ pflegt von der Hand der Weisheit ihres Pflegeva⸗ ters;— und fuͤr wen? fuͤr den edelſten Mann; Er, der hochverehrte, angebetete Koͤnig— Sie, die von der ganzen Natur gefeierte weibliche Unſchuld und Liebe. Ich zweifle, ob menſchlich zartere und zugleich vor⸗ nehmere Ideen unſres Erdenweltalls koͤnnen gedacht 187 werden, als dieſe koͤnigliche Wuͤrde, dieſe Natur und Liebe, Indiens Heiligthuͤmer. Das Epiſche in ihnen iſt unuͤbertrefflich... und zugleich allenthalben das Wunderbare hoͤchſt natuͤrlich. Alles iſt in der indiſchen Natur belebt; hier ſprechen und fuͤhlen Pflanzen, Baͤume, die ganze Schoͤpfung iſt— Erſcheinung, des und des Gottes, in dieſer und jener Verwandlung. Nah und fern wirken Geiſter auf Geiſter; die ſie umge⸗ benden, darſtellenden Huͤllen und Formen ſind— Maja, eine liebliche Taͤuſchung. In dieſer Vor⸗ ſtellungsart, in der alles ſich ſo leiſe und zart beruͤh⸗ ret, kann mit Beibehaltung ewiger Urformen alles aus allem werden. Ein wechſelndes Spiel fuͤr die Sinne wird das große Drama der Wel; der innere Sinn, der es am tieſſten, innigſten genießt, iſt Ruhe der Seele, Goͤtterfriede. Sehr zu wuͤnſchen waͤre es alſo, wenn mehrere dramatiſche Stuͤcke der Indier, von Kalidas und anderen Dichtern, treu uberſetzt wuͤrden: ja es iſt zu verwundern, daß, ſtatt anderer weniger nutzbaren Bemuͤhungen, dieß noch nicht geſchehen, da W. Jo⸗ nes in ſeiner Vorrede zur Sakontala, und Fra Paolino da San Bartolomeo in ſeiner Reiſe nach Oſtindien*) deren eine Reihe anfuͤhren, ſolches *) Fra Paolino da San Bartolomeo Reiſe nach Oſtindien, überſetzt von J. R. Forſter. Berlin. 1798. B. 2. Kap. 2. S. 375⸗ u. f. 188 nicht ſchon geſchehen ſey. Bogierig ſchlug ich in W. Jones Werken) den Titel auf:„die Jah⸗ reszeiten, ein beſchreibendes Gedicht von Kali⸗ das;“ und fand beim Umſchlagen des Blattes nichts als ein Avertiſſement, daß dieß das erſte im Sanskrit gedruckte Buch und dieſer Ehre werth ſey, in jeder Zeile. Lieber haͤtte ich aus einer Ueber⸗ ſetzung dieß Lob ihm ſelrſt gegeben. So iſt wohl auch niemand, der ſich nicht, aus W. Jones engleſchen Reimen hinweo, jede indiſche Erzaͤhlung, jeden indi⸗ ſchen Hymnus in die einfachſte Proſe wuͤnſchte: denn, nach einem Gleichniß aus der Sakontala ſelbſt, paßt ſich die engliſche Reimkunſt zur indiſchen Dichtung, wie zehrendbrennend. s Waſſer auf die zarte Malli⸗ kablume, die es(wie die Engtaͤnder die Hindu's ſelbſl) ſengt und zerſtoͤret. Lieſet man die Verzeich⸗ niſſe indiſceerr Handſchriften in W. Jones Wer⸗ ken und in Ouſely's Kollektionen, die ſich in den Haͤnden ſprachgelehrter Britten befinden, und ſietzet, was aus ihnen uberſetzt worden, ſo hat man freilich zu mancher Verwunderung Anlaß.**) Doch, was nicht iſt, wird werden. Genug, daß dieſe Geiſtes⸗ und Gemuͤthsſchaͤtze der friedſel gſten Nation unſers Erdballs ſammt ihrer Sprache, der kaufmanniſchſten *) The Works of W. Jones. Vol. VI. p. 431. *½) What has deen donc for Major Ousely, ſagt ein Englaän⸗ der ſelbſt, who to a perfect aequaintance with classi- eal literature, unitgs a knowladge of Hebrew, Syriae, 189 Nation deſſelben Balles anvertraut ſind; fruͤher oder ſpaͤter werden ſie ſolche doch auch auf Gewinn anlegen. Du legteſt ſolche nicht darauf an, gu⸗ ter William Jones; dein Name, Praͤſident indiſcher Literatur, beſtehe ewig. Uebrigens iſt Sakontala, oder der ent⸗ ſcheidende Ring, ſeiner Abweichungen vom grie⸗ chiſchen, franzoͤſiſchen und engliſchen Theatercoſtuͤme ungeachtet, ein Drama, wie rgend eins es ſeyn mag, eine wahre, ja ich moͤchte ſagen, die zarteſte Schickſalsfabel. Das Leben im Hain und am Hofe ſind ſo treu geſchildert, die Charaktere ſo feſt und zart gehalten; unmertlich und unaufloͤslich den Sterblichen, wird der Knote zuſammengezogen und koͤniglich⸗goltlich gelétet. Die Sprache iſt geſchmuͤckt, blumenreich und nie doch uͤbertrieben, das Betragen der Perſonen und Staͤnde gegen einander, ſeyen ſie Goͤtter oder Menſchen, iſt ſo anſtaͤndig und artig, daß in allem dieſem das Stuͤck ſeines Gleichen ſu⸗ chen duͤrfte in allen Sprachen, unter allen Nationen. Auch die eingemiſchten Stimmen der Muſtk, die Zuͤge der Mahlerei, des Scmuckes, des Scherzes ſind eben ſo original als zierlich; die Begriffe der Reli⸗ gion endlick, zumal in den Wohnungen des Paradie⸗ Turkigh, A abic and Persian, which properly encou- raged would make his Oriental Collections a fund of elegant and useful information? Nothing. Jonathaa Seott. Schluß der Vorrede zum Bayar⸗Danuſch⸗ or Gardon of Knowiedge. Vol. I. 1799. 8 190 ſes, ſind(wer darf's laͤugnen?) ſelbſt paradieſiſch. Finde Sakontala auch in dieſer Ausgabe, wie in der erſten, viele Freundinnen und Freunde, empfange ſie auch bald aus den reichen Schaͤtzen Indiens drama⸗ tiſche Geſchwiſter, die ihr gleichen. Weimar, den 2. Mai 1803. J. G. v. Herder. Eireſt er Brieff. Sind Sie auch des Glaubens, daß kein mor⸗ genlaͤndiſches Volk ein eigentliches Drama gehabt habe— eine Behauptung, der man viele Urſachen unterzulegen wußte— ſo werden Sie wohl dieſem Glauben abſagen muͤſſen, wenn ich Ihnen ein mor⸗ genlaͤndiſches Schauſpiel, unter allen Schauſpielen der Welt eins der erſten ſeiner Art, anzeige.„Doch nicht ein Tſineſiſches? etwa eine Schweſter jenes Waiſenkindes, das Voltaire in franzoͤſiſcher Kleidung auf ſeine Buͤhne brachte? Eins aus jenen vierzig Baͤnden der Tſineſiſchen beſten Schauſpiele, die du Halde anfuͤhret und um die ſich von Europa aus niemand weiter bekuͤmmern mochte? Nichts aus dieſem Lande.“ Sakontala heißt mein Drama: ein indiſches Schauſpiel, von Kalidas gedichtet, von W. Jones herbeigeſchafft, und in's Engliſche, aus dieſer Sprache von G. Forſter in's Deutſche ſo gut uͤberſetzt, daß es ſich faſt beſſer als das engliſche Original lieſet.* Saͤumen Sie nicht *) Sakontala oder der entſcheidende Ring, ein indi⸗ ſches Schauſpiel von Kalidas, überſetzt von G. For⸗ Ker. Mainz und Leipzig. 1791. 192 zum Genuß dieſer unerwarteten Blume zu gelau⸗ gen; eine ſchwache Zeichnung derſelben, bei der ich mit Bedacht mehr verſchweige als darlege, ſoll nichts als die Luſt dazu in Ihnen vermehren. Duſchmanta, Kaiſer von Indien, ein Zweig aus dem Geſchlechte des beruͤhmten Puru, verfolgt auf der Jagd eine Gazelle: der Wagenfuͤhrer redet ihn an und ſchildert ihn, wie ein Grieche den jagen⸗ den Apollo ſchildern wuͤrde; die Flucht des Wildes, die Schnelle des Wagens ſind in wenigen Zuͤgen ſo anſchaulich gemacht, daß man ſofort vor dem Ge⸗ maͤhlde des Orts und der Handlung ſtehet.„Sie „„darf nicht getoͤdtet werden, ruft eine Stimme; „dieſe Antilope, o Koͤnig, hat in unſerm Walde „ihren Zufluchtsort!“ Alſobald haͤlt der Wagen: ein Einſiedler flehet den Koͤnig fuͤr die Sicherheit des heiligen Waldes an. Edel gehorcht der Fuͤrſt, und der Einſiedler ladet ihn ein in dieſe geweihete Freiſtaͤtte, in der die Pflegetochter eines verehrten Bramanen, in deſſen Abweſenheit, Gaſtfreundſchaft uͤbe. Duſchmanta nimmt die Einladung an, be⸗ merkt die Zeichen des Heiligthuns rings umher, ſteigt ab vom Wagen, legt ſeinen Koͤnigsſchmuck ab,⸗ und betritt den ehrwuͤrdigen Hain mit einer gluͤckli⸗ chen, ihm ſelbſt wunderſamen Ahnung. Welch ein ſchoͤner Eingang zur ganzen Begebenheit dieſes Drama! Leiſe und hoͤchſt natuͤrlich wird nicht nur Sakontala angekuͤndlgt, ſondern ihr auch im Gemuͤth des Leſers die heilige Sicherheit vorbereitet, die zu allem was ſolgt, ihr Schirm ſeyn muß: denn wenn in dieſem Halne das gejagte Reh ſeine Prei ſtaͤtte 193 ſtaͤtte findet, wie ſollte die eines ſolchen Schutzes nicht genießen, die als ein Kind des Himmels in dieſem Halne erzogen, in ihm als eine unerkannte, vom Hofe weit entfernte Blume bluͤhet? Sakontala mit ihren zwo Geſpielinnen erſcheint, und entzuͤckt des Koͤnigs Auge. Die Zarte pflegt der Blumen, nicht nur auf ihres Vaters Geheiß, ſondern aus ſchweſterlicher Neigung. Tief iſt das Gefuͤhl, das, dieß ganze Stuͤck hindurch, inſonder⸗ heit in weiblichen Seelen ſich gegen die bluͤhende Schoͤpfung aͤußert, und Sakontala iſt gleichſam die Koͤniginn dieſes Mitgefuͤhles. Liebliche Reden ſind's, die ihre Freundinnen ihr uͤber ihr Geſchaͤft und uͤber ſie ſelbſt ſagen. Eben finden ſie in ih⸗ rer geliebteſten Blume eine Vorbedeutung ihres nahen Gluͤcks, einer frohen Vermaͤhlung, und lieb⸗ koſen ihr auf die unſchuldigſte Weiſe. Aber eine ſummende Biene faͤhrt aus der Mallikablume, und will nicht von ihr laſſen. So wird auch im Klein⸗ ſten die zukuͤnftige Handlung nicht vorbedeutet, ſondern wirkſam eingeleltet. Denn eben dieſe ganze Scene, in welcher Sakontala ſich unſchuldig und liebenswuͤrdig zeigt, wird von Duſchmanta behorcht. Liebetrunken haͤngt ſein Auge an ihr, und ſein Gemuͤth quaͤlet ſich mit dem einzigen Zweifel, ob dieß ſuͤße Geſchoͤpf als eine Bramanentochter ihm auch verſagt ſeyn moͤchte. Endlich tritt er hervor, und es beginnt eine Scene der Gaſtfreundſchaft⸗ der beſcheidenſten Wohlanſtaͤndigkeit und einer pa⸗ radieſiſchen Unſchuld. Immer mehr wird Duſch⸗ manta von Liebe durchdrungen, und da es ſich in Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IN. 13 194 der kunſtloſeſten Unterredung gleichſam von ſelbſ entwickelt, daß ſie nicht des Bramanen, ſonden des beruͤhmten Koͤnigs Nauſika Tochter, Tochte einer Nymphe des niedern Himmels ſey, ſo fir⸗ det er den Wunſch ſeines Herzens erfuͤllet; ei entdeckt ſich durch ſeinen Ring, und da ein Geſchrei uͤber die Naͤhe eines wuͤthenden Elephanten die Unterredung trennet, bleibet er zuruͤck im Seufzen der Liebe. Ferne ſey es von mir, alle Auftritt ſo zu durchgehen; leſen Sie und Sie werden i dieſen erſten Scenen alle Symptome der Liebe von der leiſeſten Sehnſucht an, durch alle ſchuͤchtern Zweifel und Hoffnungen, bis zum Zutrauen, bis zu⸗ Gewißheit, ja was die Liebe Zartes, ſelbſt Buhlen⸗ des und Taͤndelndes hat, werden Sie in jedem Grade des Lichtes und Schattens, jungfraͤulich und koͤniglich bald ausgedruͤckt, bald nur mit einem Hauche be⸗ ruͤhrt finden. Duſchmanta und Sakontala ſind nach der aͤlteſten, heiligſten Weiſe Gandarwa durch Wort und Geluͤbde auf ewig verbunden. Aber nun ſchlinget ſich der Knote. Bei den Abzuge des Koͤniges erſchallen Trauerſtimmen: bie Freundinnen der Sakontala werden beſorgt: wit hoͤren, daß ein boͤſer Gaſt auf ſie, unwiſſend iht ſelbſt, einen wilden Fluch gelegt habe, der auf der Freundinn Bitte zwar gemildert, aber nicht wie derrufen worden. Kanna, ihr Pflegevater, iſt wie⸗ der gekommen, er, der wie ein hoͤherer Geiſt aus einer hoͤheren Ordnung der Dinge handelt. Hlet hoͤrt mein Auszug auf; leſen Sie, wie er Sakontals zu ihrer Abreiſe bereitet, wie er ihren Abſchied der /—Q—C—C—C—ℳ;;& 195 Nymphen kund thut und dieſe antworten; wie ſie ſelbſt Abſchied nimmt von den Pflanzen, von ihrem geliebten Madhawi⸗Strauch und dem Rehchen. Le⸗ ſen Sie die Lehren, die Kanna ihr und ihrem Fuͤh⸗ rer in's Gemuͤth legt; und nun die Kataſtrophe ihrer Aufnahme. Bemerken Sie, durch welche Vorberel⸗ tungen das Licht, in dem der Koͤnig hiebei erſchei⸗ nen muß, gemildert und gerichtet werde, wie Sa⸗ kontala ſich, wie ſich ihr Fuͤhrer, wie der Prieſter, wie ſich der Koͤnig ſelbſt betragen. Die Kataſtrophe ruͤckt fert; der Knote wird zuſammengezogen. Nach der hoͤchſten Beleidigung, die einem unſchuldigen Weſen zugeſuͤgt werden konnte, werden Sie alle Qualen der Reue, der Liebe, des endloſen Schmer⸗ zes, der nahe an die Verzweiſlung reicht, geſchildert und ausgedruckt ſinden. Geben Sie dabei auf jeden Zug acht; keiner iſt muͤſſig, ſelbſt nicht die der Er⸗ innerung wiederkommende Biene. Und dann ſehen Sie, wie aus der tiefſten Tiefe der Fuͤhrer des Goͤt⸗ terwagens den Leidenden hervorholt, durch ange⸗ flammte eigene Thaͤtigkeit ihn wieder zum Mann, zum Koͤnig, zum Gehuͤlfen der Goͤtter macht und ihn koͤniglich und gottlich lohnet. Kein Wort von mir zerſtoͤre Ihre Freude, ſich mit Duſchmanta auf dem Wagen Matali's, und dann unerwartet an einem Orte zu finden, der das Ziel der menſchlichen Phan⸗ taſie zu ſeyn ſcheinet. Werfen Sle alſo mein Blatt weg, und leſen das Buch, aber nicht europaͤlſch, d. i. um etwa nur den Ausgang zu wiſſen, mit fluͤchtiger Neugierde, ſondern indiſch, mit felnaufmerkender Ueberlegung, Ruhe und Sorgfalt; ſodann wuͤnſche ich daruͤber Ihre Gedanken. 196 Zweiter Brief. Iſt es moͤglich, daß Sie an der Aechtheit der Sakontala anders zweifeln koͤnnen, als ſofern man etwa aus Zartheit des Gemuͤths an einem unerwar⸗ teten Gute, das vor uns iſt, gleichſam liebend⸗ un⸗ glaͤubig zweifelt? Der Dichter Kalidas moͤge gelebt haben, wann er wolle; ein Europaͤer war dieſer Dich⸗ ter Kalidas nicht: daruͤber duͤrfen Sie Ihrem Her⸗ zen und Ihrer pruͤfenden Ueberlegung trauen. Welch ein weiter Geſichtskreis herrſcht in die ſem Werke! ein Geſichtskreis uͤber Himmel und Erde. Welch eine eigene Art, alles anzuſchauen, Goͤtter und Geiſter, Koͤnige und Hofleute, Einſied⸗ ler, Bramanen, Pflanzen, Weiber, Kinder, alle Ele⸗ mente der Erde. Und wie tief iſt alles aus der Philoſophte und Religion, der Lebensweiſe und der Sitten der Indler nach ihrem Klima, ihren Ge⸗ ſchlechterabtheilungen und ſonſtigen Verhaͤltniſſen geſchopft, ja in dieſe verwebet. So aͤffet man nich nach, auch wenn man das Syſtem und die Lebensan der Indier auf allen Fingern herzuſagen wuͤßte. Ue⸗ berdem iſt die Zeit, in welche dieß Stuͤck gehoͤtt auch fuͤr Indien nicht die heutige Zeit; die Sitten die darinn heerſchen, ſind nicht die heutigen Sitten Das Band, das Goͤtter und Menſchen, die ſichtbart und unſichtbare Welt knuͤpft, iſt ſo ſonderbar gefloce ten, daß wir es, der Denkart unſres Zeitalters nach zwar anſtaunen und erklaͤren, ſchwerlich aber erfir⸗ den und als eigne Schoͤpfung darſtellen koͤnnten Fuͤhren Sie mir nicht den Macpherſon intt ſi⸗ 197 nem Ofſian, oder den ungluͤcklichen Chatter⸗ ton mit ſeinem Rowley an; Dinge, die keine Vergleichung leiden. Macpherſon hat ſeinen Oſſtan nicht erfunden, und dem Rowley des kuͤhnen Juͤnglings ſahe man ſeinen Urſprung eben ſo leicht an, als man ihn mancher morgenlaͤndiſchen Geſchichte anſiehet, die uns die engliſchen Wochen⸗ blaͤtter als Einkleidung vortrugen. Wer aber, mit indiſcher Genauigkeit und bedeutungsvoller Zart⸗ heit, eine Sakontala erdichten koͤnnte, der waͤre mir der große Apollo, oder der indiſche Kriſtnu ſelbſt in wiedererſcheinender Wunderſchoͤnheit. Das Fremde ſelbſt iſt dem Stuͤck ein Siegel der Aechtheit;„wun⸗ „derbar, unglaublich ſogar, ſagte jener Kirchenva⸗ „ter, aber eben deßhalb iſt's wahr.“ Unglaublich, ſchreibe ich; aber nur dem mythi⸗ ſchen Inhalt nach unglaublich; was die Aechtheit des Stuͤckes betrifft, iſt nichts glaubwuͤrdiger als die Art, wie es zu uns gelanget. Leſen Sie noch⸗ mals die Vorrede Jones, und bemerken, wie unſchuldig er nur zur Nachfrage nach indiſchen Schau⸗ ſpielen, die er ſelbſt nicht zu finden glaubte, gekom⸗ men ſey. Sehen Sie die Rechenſchaft an, die er von ſeiner Ueberſetzung gibt,„wle er dieß Stuͤck „zuerſt Wort fuͤr Wort in's Lateiniſche gebracht, „wie er es darauf wieder woͤrtlich in's Engliſche „uͤberſetzt, und zuletzt, ohne irgend einen weſentli⸗ „chen Ausdruck ab⸗ oder hinzuzuthun, ſeiner Ueber⸗ „ſetzung nur die fremdartige Steifigkeit benommen „und die Arbeit fuͤr das Publikum als ein authen⸗ „tiſches Bild der alten Hindulſchen Sitten vollen⸗ 198 „det habe.“ Nun iſt ja von Herrn Jones ſo⸗ wohl ſeine Geſchicklichkeit, als Treue und Sorg⸗ falt, aus andern Ueberſetzungen gnugſam bekannt: ſein Kommentar uͤber die morgenlaͤndiſche Dichtkunſt enthaͤlt derſelben mehrere aus arabiſchen und perſi⸗ ſchen Dichtern, bei denen es noch niemanden einge⸗ fallen iſt, an ſeiner Redlichkeit zu zweifeln. Seine Ueberſetzung vom Leben Nadir⸗Schachs liegt vor uns, und in den Schriften der bengaliſchen Geſell⸗ ſchaft hat er als Praͤſtbent derſelben fuͤr die Treue und Aechtheit der mitgetheilten Alterthuͤmer auf eine Art geſorgt, wie mir ſonſt kein Beiſpiel bekannt iſt. Sie duͤrfen, um ſich hlevon zu uͤberzeugen, nur ſeine kurzen Anmerkungen zu einer von Wil⸗ kins uͤberſetzten Steinſchriſt, ſeine Vorleſungen an die Geſellſchaft, ja auch nur die fernere Vor⸗ rede zur Sakontala leſen. Uybefangen gibt er Anzeige, was er von dem Drama der Indier ſweiß, nennt die beſten Stuͤcke, die ihm genannt ſind, und ſpricht von den Schauſplelen der Indier nicht anders, als er von ihren heiligen, juriſtiſchen, medicinkſchen, morallſchen, philoſophiſchen Buͤchern ſpricht, in ſeinem Amt, als Vorſteher einer Geſellſchaft, die er in Be⸗ kanntmachung dieſer Schaͤtze zum Wetteifer mit an⸗ dern Nationen anmuntert. Jederzeit hat Herr Jones ſeine eigenen Nachbildungen von dem, was er woͤrtlich uͤberſetzte, tren unterſchieden, wo⸗ von Sie in ſeinem Buch uͤber die morgenlaͤndlſche Dichtkunſt ſowohl, als in ſeinen eigenen Gedichten, den klaren Beweis finden koͤnnen; nie hat er z. B. ſeine Hymnen auf einige indiſche Gottheiten, oder 199 andre Gedichte ſolcher Art fuͤr Urkunden der Voͤlker ausgegeben, aus denen er ſeine politiſchen Begriffe zog, welches denn auch ſeine Poeſie ſelbſt, die im hoͤchſten Grade engliſch iſt, zeiget. Wo finden Sie nun in der Sakontala den engliſchen Schnitt, den ſonſt dieſe Nation nie verlaͤugnet? Sie fuͤhren die Scene der Fiſcher, die den Ring bringen, und den luſtigen Mohawya an, und nennen ſie ſhakeſpeariſch; aber was iſt ſhakeſpeariſch? Iſt es die Natur ſelbſt, ſo ſhakeſpeariſiret dieſe in Indien ſowohl, als in England, ſo daß ich gerade im Gegentheil dieſe Sce⸗ nen im hoͤchſten Grade indiſch neunen moͤchte. Nichts uͤberhaupt, m. Fr., verfuͤhrt mehr als dergleichen Zweifelet, wir moͤgen ſie bei Griechen, Roͤmern oder Indiern anbringen; ſie verſtopft den Geiſt und gibt dem Geſchmack zuletzt eine falſche, kleinliche Richtung. Um hieruͤber auf einmal in den Glanz des Mit⸗ tages zu treten, muͤſſen Sie die anderweit bekannt gemachten urkundlichen Schriften der Indier, oder wenigſtens die unzweifelhaften Nachrichten von die⸗ ſen Schriften leſen, woruͤber ich Ihnen am Rande nur Eine Abhandlung bemerke*). Wenn Sie die⸗ ſen ungeheuern Vorrath indiſcher Literatur zu Bil⸗ dung der Sprache ſowohl als zum Anbau der ver⸗ ſchiedenſten Zweige des menſchlichen Wiſſens mit Erſtaunen bemerken, wird es Ihnen unerhoͤrt ſchei⸗ *) On the Literature of the Hindous, in den Asiat. Resear- ches Vol. I. p. 340. seq. Die däniſchen Miſſionsberichte, und viele Reiſende beſtätigen dieſe Anzeige in einzel⸗ nen Datis. 200 nen, daß ein ſo buͤcherreiches Volk auch Schauſpiele gehabt habe? Werden Sie nicht vielmehr mit mit wuͤnſchen, daß ſtatt ihrer unendlichen Religionsbu⸗ cher der Weda's, Upaweda's, Upanga's u, f. man uns mit nuͤtzlichern und angenehmern Schriften der Indier, vor allen mit ihren beſten Poeſien in jeder Art beſchenke? Dieſe machen uns den Geiſt und Charakter des Volks am meiſten lebendig, wie ich denn gern bekenne, aus der einzigen Sakon⸗ tala mehr wahre und lebendige Begriffe von der Denkart der Indier erlangt zu haben, als aus allen ihren Upnekats und Bagawedams. Frei⸗ lich muͤßten aus ihren ungehenern epiſchen Ge⸗ dichten nur Stuͤcke gezogen werden, aus ihrer Samm⸗ lung von Poeſien fuͤr die niedern Staͤmme(Saitia oder Kawija⸗Saſtra) nicht minder: denn warum wollten wir uns nicht gerne zur niedern Klaſſe der Sudra's geſellen, wenn die Schriften, die ſie auch uͤber Theile der Naturwiſſenſchaft und das buͤrgerliche Leben beſitzen, lehrreicher und unterhal⸗ tender ſind als die ewigen Buͤßungslehren und Goͤttergeſchichten der Bramanen? Dle leichten Poeſten der Indier lobt Herr Jones ſehr, gewiß ein guͤltiger Richter; ſo auch ihr ſeines Syſtem der Muſik und vieles andre. Die alteſten und ſchoͤn⸗ ſten Fabeln ſind bekanntermaßen indiſchen Urſprungs, und der feine Maͤhrchengeiſt des Volks zeigt ſich in ſeiner Mythologie genugſam. Daneben iſt die me⸗ taphyſiſche und moraliſche Spekulation bei ihnen bis zum hoͤchſten Grade getrieben, ſo daß, wenn jedes dieſer Felder mit gehoͤriger Oekonomie und einer fortgehenden Ruͤckſicht, was fuͤr uns Europaͤer merl⸗ wuͤrdig und intereſſant ſey, bearbeitet wuͤrde, eine Ernte vielleicht ganz unerwarteter Produkte zu hof⸗ fen waͤre. Sehr ungern las ich's alſo, daß Herr Jones, außer dem Geſetzbuch des Menun, kuͤnftigen Ueberſetzungen ſo gut als abſagt; ich hoffe aber den⸗ noch, daß der Genius ſeiner Natur wider ſeinen Wlllen in ihn zuruͤckkehren, und, wenn er mehrere Stuͤcke wie Sakontala findet, ſie jenen Eifer in ihm neu aufwecken werden, der ihn bisher uͤber die Literatur der Araber, Perſer, Indier ſo wirk⸗ ſam gemacht hat. Wie? einen Mann von ſeinen Talenten, von ſeiner vielumfaſſenden Sprachkunde, ſeiner Luſt und Liebe zur Erweiterung der Wiſſen⸗ ſchaft und zum Ruhme haͤtte das Gluͤck dahin ge⸗ ſtellet, wo er ſtehet, und er koͤnnte, auch bei andern Ruͤckſichten, ſeiner edeln Natur entſagen? Das Blatt iſt zu Ende. Haben Sie noch meh⸗ rere Zweifel, ſo entdecken Sie mir ſolche unver⸗ holen. Dritter Brief. Worruͤber, wie Sie Fläuben, ich lachen wuͤrde, das hatte ich bei der Sakontala ſelbſt gethan; ich hatte ſie naͤmlich aus Scherz und im Ernſt mit Ari⸗ ſtoteles Poetik verglichen und zu bemerken geſucht, ob Kalidas, der hundert Jahr vor Chriſto gelebt haben ſoll, den Ariſtoteles recht beherzigt, oder Ariſtoteles auf Kalidas gehoͤrige Ruͤckſicht genommen habe. Im Ernſt, m. Fr., halte ich eine ſolche Pruͤfung nuͤtzlich: nicht ge 2⁰² denn obgleich das Drama aller jetzigen Voͤlker in Europa ſo gut als voͤllig ohne den Ariſtoteles ent⸗ ſtanden iſt, mithin wir an ihnen unabhaͤngige Punkte der Vergleichung genug haben: ſo war es mir, weil doch Eins dieſer Theater vom andern geborgt hat und alle mehr oder minder in Bekanntſchaft mit einander geweſen, ſehr angenehm, ein in ſeiner Art vollkommenes Stuͤck elnes ganz fremden Thea⸗ ters zu erblicken, um daſſelbe dem Regelmaß des Ariſtoteles zu naͤhern. Je mehrere freie Punkte der Vergleichung wir haben, deſto leichter wird uns die Aufloͤſung der Frage:„was in Ariſtoteles Dichtkunſt blos Lokal⸗Geſchmack oder allgemeines, ewiges Geſetz ſey?“ ein Problem, das, wie ich glaube, noch nie reln aufgeloͤſet worden. Denn ob Leſſing gleich ſeinen Ariſtoteles gegen die An⸗ maßungen mehrerer franzoͤſiſchen Kritiker und Dich⸗ ter in Schutz inmen, und die Rechtmaͤßigkeit ſeiner Fordern gerettet hat: ſo iſt ſol⸗ ches doch as, gegen andre dramatiſche Dichter, z. B. glaͤnder und Spanſer, noch ehen, und doch bin ich uͤberzengt, daß bei jeder ſcharfen 33 ſammenhaltung und Pruͤfung die Wahrheit, auf welcher Seite ſie auch liege, anſehn⸗ lich gewinnen wuͤrde. Verſuchen wir's alſo mit un⸗ ſerm Indier! „Wie aber? Ariſtoteles Regeln betreffen kein Drama uͤberhaupt, ſondern nur ſeine Gattungen, das Trauer⸗ und Luſtſplel?“ Dieß kann uns nicht hindern; laſſen Sle uns bas Weſentliche beider Gat⸗ tungen betrachten, und es wird ſich der Hauptbegriff ſchon finden. 20⁵ Das Trauerſpiel iſt dem griechiſchen Welt⸗ weiſen die Nachahmung einer ernſthaften, vollſtaͤndigen, eine Groͤße habenden Hand⸗ lung, die nicht vermittelſt der Erzaͤh⸗ lung, ſondern vermittelſt des Mitleids und der Furcht, dieſe und dergleichen Leidenſchaften reinigt. Alſo die Nachahmung einer Handlung. Dieſe nennet Ariſtoteles die Fabel, d. i. eine Ver⸗ knuͤpfung der Begebenheiten des Drama, vergleicht ſie mit der Zeichnung in den bildenden Kuͤnſten, und gibt ihr in der dramatiſchen Kunſt mit allem Recht die oberſte Stelle. Er will, daß dieſe Handlung ernſthaft, ſodann vollſtaͤndig ſey, d. i. An⸗ fang, Mittel und Ende, zugleich auch eine Groͤße habe, welches letzte Erforderniß er abermals mit vieler Vernunſt erklaͤret. Ueber alles dieß iſt bei der Sakontala kein Streit: in ihr iſt Handlung, d. i. Verknuͤpfung der Begebenheiten zu Einem End⸗ zweck vom Anfange bis zu Ende. Die Handlung iſt ernſthaſt, vollſtaͤndig, ſte hat eine Groͤße; und da Ariſtoteles ſelbſt ſagt, daß dieſe ſich nicht durch Re⸗ geln beſtimmen laſſe, ſondern nach der Aufmerkſam⸗ keit der Zuſchauer eingerichtet werden muͤſſe: ſo koͤnnen wir's dem Dichter Kalidas zutrauen, daß er dieſe fuͤr ſeine Zuſchauer werde eingerichtet haben. Denn uͤberhaupt veraͤndert ſich bei dramatiſchen Stuͤ⸗ ken dieß Maß der Groͤße nach Umſtaͤnden, Gegenden, Zeiten. Uns dunkt zu lang, was unſern Vorfahren nicht alſo duͤnkte: ein mittelmaͤßiges franzoͤſiſches Trauerſpiel dauert uns Deutſchen laͤnger, als das 204 laͤngſte Stuͤck von Shakeſpear; oft wird uns in der Vorſtellung lang, was uns im Leſen ſehr kurz iſt, oft umgekehrter Weiſe. Kurz, ein dramatiſches Stuͤck ſey ein Ganzes von Anfange bis zu Ende, be⸗ lebt in allen ſeinen Theilen und Gliedern zu ſelnem dramatiſchen Endzweck; ſo hat es ſein Maß, ſeine Groͤße in ſich. Sakontala iſt ein ſolches Ganze, das keinen Theil zu viel oder zu wenig hat, und den Indiern, die daran Intereſſe fanden, gewiß uͤberſeh⸗ bar, ja im hoͤchſten Grade befriedigend ſeyn mußte. Die Fabel rollet ſich auf's eigenſte ab; hoͤchſt ein⸗ fach, ohne Epiſoden fortgefuͤhrt, laͤſſet ſie ſich Zeit, und doch eilt ſie mit jedem Wort, mit jedem neuen Begegniß zu Ende. Nicht andere Bewandniß ſcheint's mit dem an⸗ dern Theil der Ariſtoteliſchen Erklaͤrung des Trauer⸗ ſpiels zu haben, in Scenen, welche dahin gehoͤren: denn wenn dieß Drama durch Mitlelden und Furcht wirken ſoll— kann es eine zartere, und zuglelch lebhaftere Theilnehmung geben, als die wir gegen Sakontala in allen ihren Begegniſſen fuͤhlen? Aber auch gegen Duſchmanta? Hier, m. Fr., ver⸗ wirret ſich der Faden der Theorie, den wir nicht zer⸗ reißen, ſondern gemach entwickeln wollen: denn eben dadurch wird vielleicht der Unterſchied des Orients und Griechenlands ſichtbar. Duſchmanta hat den Wald, und in ihm ſeine ge⸗ liebte Sakontala verlaſſen, ohne die er nicht leben zu koͤnnen glaubt, die er als ſeine Vermaͤhlte in we⸗ nigen Tagen abzuholen verſprochen. Er holet ſie nicht; ein boͤſer Fluch iſt auf ſie gefallen, daß ihr Gemahl ſie vergeſſen, daß er ſie nicht anerkennen 1. 3 eAee 205 werde, bis er den ihr zuruckgelaſſenen Ring erblickt; und ungluͤcklicher Weiſe mußte ſie auch dieſen ver⸗ lieren. Sakontala weiß von dieſem Verhaͤngniſſe nichts; Duſchmanta eben ſo wenig; beide leiden al⸗ ſo unverſchuldet. Glauben wir dieſes nun ganz und rein, wie es der Dichter will und es wahrſcheinlich die Indier glaubten: ſo hat Duſchmanta eben ſo viel Anrecht an unſer Mitleid als Sakontala ſelbſt; und der Dichter hat gewiß nichts verſaͤumt, ihm die⸗ ſes zu erwerben. Aeußerſt hat er den Koͤnig ge⸗ ſchont und geehret; das Verſprechen, Sakontala abzuholen, iſt nicht vor unſern Augen geſchehen, und ehe ſie ankommt, erblicken wir ihn unter den edelſten Beſchaͤftigungen ſeines koͤniglichen Amtes. Sie ſteht vor ihm; er kennet ſie nicht: durch Macht des Schickſals iſt Wald und alles aus ſeinem Ge⸗ daͤchtaiſſe verſchwunden; alle ſeine Muͤhe, eine Spur davon in ſeiner Seele aufzufinden, iſt vergeblich. Selbſt da die Goͤtter ſie weggeruͤckt haben, ſchreibt er's der Zauberei zu. Aber der Ring wird gefun⸗ den; auf einmal faͤllt der Nebel von ſeiner Seele, und er iſt im entſetzlichſten Zuſtande. Kein Vergnuͤgen, ſelbſt keine ſeiner edeln Koͤnigsverrichtungen, die Goͤtter allein koͤnnen ihn daraus reißen. Der Dichter rechnete darauf, daß wir dieß alles, wie er es uns vorſtellt, glauben ſollten; Ariſtoteles aber rechnete darauf nicht. Er will, daß auf der Buͤhne alles natuͤrlich geſchehen, und ſich in einem fortge⸗ henden Faden aus der menſchlichen Seele ſelbſt ent⸗ wickeln ſollte. Die Maſchinen des Wunderbaren erlaubt er nur außerhalb der Handlung; ein 2⁰6 Theil von dieſer mußten ſie nie werden: denn in iſf muͤſſe jede Begebenheit aus der andern natuͤrlit folgen. So dachte Ariſtoteles; der indiſche Dichte konnte nicht ſo denken, oder ſein Held ward abſcher⸗ lich; ſelbſt Sakontala konnte ſodann, auch nach allen ausgeſtandenen Qualen der Reue, ihm zwar verge ben, nie aber ihn mehr mit ihrer erſten Liebe lieben, Weislich laͤßt Kalldas alſo die magiſche Decke der Vergeſſenheit uͤber den Koͤnig fallen, und legt von ’ Aufange des Stuͤcks alles darauf an, um uns in dleſe Reihe von Begebenheiten einer hoͤhe⸗ ren Ordnung einzufuͤhren. Nicht nur ſind Geiſtet allenthalben mit im Spiele, ſondern ehe der Koͤniz in den Wald tritt, iſt Kanna ſchon abweſend, un ein uͤber ſeiner Pflegetochter haͤngendes boͤſes Schic⸗ ſal von ihr zu entſernen. Sein Wunſch wird ihn durch die feierliche Verkuͤndigung gewaͤhrt, daß aut ihrem Schoos ein Goͤtterkind, ein Beherrſcher Ir⸗ diens, entſpringen werde; und nun iſt er uber je⸗ des zwiſchenliegende Hinderniß, wie ein hoͤherer Geiſt 8 hinwegſehend, ruhig. Dem Ausſpruch der Goͤttet gemaͤß, glbt er an Sakontala und ihren Begleiter Befehle, und laͤßt das Verhaͤngniß walten. Der Grieche forderte eine in jedem Theil natuͤrliche Entwickelung der Begebenheiten; der Indier legte es von Anfang bis zu Ende auf einen heiligen, goͤttlichen, wunderbaren Zuſammenhang der⸗ ſelben an, weßhalb, wenn man ſein Werk nicht Drama in griechiſchem Verſtande nennen wil, man es ein dramatiſirtes Epos nennen muͤßte, eine heilige Goͤtter⸗ und Koͤ⸗ 1 1 8 207 nigsfabel in allen Reiz der Vorſtellung gekleidet. Auf welcher Selte die ſchaͤrfere Vernunft ſey, daruͤber iſt wohl kein Zweifel; eben der ſchaͤrfere Ge⸗ brauch der Vernunft iſt's, der die Europaͤer uͤber alle Voͤlker der Welt, die im Reiche der Phantaſte leben, ſo hoch erhoben, und ſie ſo uͤberlegen wirkſam ge⸗ macht hat. Der griechiſche Weiſe legt es auch bet der Poeſie auf's Leruen an, und findet das Grund⸗ geſetz ſeiner vorſtellenden Kuͤnſte, die Nachahmung, nur deßhalb ſo angenehm,„weil nicht nur die Welt⸗ „weiſen, ſondern auch andre Menſchen gerne ler⸗ „nen, gern ihre Erkenntniß vermehren.“ Je zu⸗ ſammenhaͤngender und natuͤrlicher ſich nun Begeben⸗ heiten, Charaktere und Leidenſchaften entwickeln, deſto relcheren und reineren Stoff der Erkenntniß gewaͤhret das Drama; daher er auch ſelnem Trauer⸗ ſpiele den philoſophiſchen Endzweck geben konnte, „durch Furcht und Mitleld eine Reinigung der Lei⸗ denſchaften zu bewirken.“ Ein ſo hohes Ziel hatte das indiſche Drama nicht.„Wozu elne lange Re⸗ de?“ ſagt der Theater⸗Director, als Prologus der Sakontala;„wenn Sie mit Ihrem Putze fertig „ſind, Madame, ſo belleben Ste nur zum Vorſchein „zu kommen.— Inſofern ein erleuchtetes Publi⸗ „ kum von unſern theatraliſchen Talenten Vergnuͤ⸗ „gen empfaͤngt und ausdruͤckt, inſofern „und nicht weiter ſetze ich auf dieſe Talente einen „Werth.“ Die Schauſpieleriun gibt ihm Recht: ſie ſetzt die Seele der Zuſchauer durch Geſang in die Stimmung, die fuͤrs Theater gehoͤret, und der 2 Peicher ehanr das Wunderbare vielmehr die Seelen⸗ 208 entſcheidende Ring faͤngt vor dem Beſchuͤtzer aller frohen Kuͤnſte und ſeiner erleſenen Verſamm⸗ lung an zu ſpielen. So unariſtoteliſch dieß vom Theaterdirector gedacht ſcheinet, ſo hat es dennoch ſeine wahre Seite. Vergnuͤgen iſt immer der naͤchſte Zweck aller frohen Kuͤuſte, und das unent⸗ behrliche Mittel zu jedem hoͤheren Endzweck. Gefaͤllt ein Stuͤck nicht, unterhaͤlt es nicht durchaus unſre Seelenkraͤfte: ſo mag man in ihm weder lernen, noch ſeine Leidenſchaften reinigen. Nun hat aber inſonderheit das Wunderbare bei jedem Volke ſein eigenes Maß als Ingrediens zum Gefallen, zur Taͤuſchung. Auch die Griechen konnten deſſen nicht entbehren, und Ariſtoteles ſelbſt hat deßhalb ausdruͤcklich ein Gebot geſtelet:„In der Tragoͤdie muß man das Wunderbare gebrauchen: denn das Wunderbare iſt ſuͤß, obwohl das Unvernuͤnftige(d. i. was nicht klar aus der Vernunft folgt) eigentlich der Epopee gehoͤret;“ da denn alles zuletzt thells auf die Materie, theils auf die Macht des Dichters, theils auf die Natlon und das Zeitalter ankommt, fuͤr eai das Dramg ſpielet. Was Einem Volke, Einer Zeit unglaublich iſt, iſt's der andern nicht, bei kraͤfte der Zuſchauenden erhoͤhet, ihre Aufmerkſam⸗ keit ſtaͤrkt und ihr Vergnuͤgen, wie ein berauſchen⸗ der Goͤttertrank, bis zum hoͤchſten Grade vollendet. So ſcheint es mir mit dieſem und vielleicht mit meh⸗ reren indiſchen Stuͤcken geweſen zu ſeyn, well die Hindu's in dieſem Element lebten. Ihr Koͤnlg, der Stammvater aller Koͤnige ihres Relches(des erſten 209 erſten Reiches der Erde in ihrer Meinung), reichet dicht an die Region der Goͤtter, auch die Stamm⸗ mutter derſelben mußte alſo daher entſprungen ſeyn, und nur der entſcheidende Ring des Schickſals konnte ſie belde vermaͤhlt haben. In dieſer Region ward das Wunderbarſte natuͤrlich. Wollen Sie ſich, m. Fr., hlevon uͤberzeugen, ſo leſen Sie nur wenige Seiten im Bagavadam. Auf allen Blaͤttern deſſelben ſind Geiſter und Men⸗ ſchen, Goͤtter und Koͤnige nur Ein Reich, Eine Scho⸗ pfung; inſonderheit gelten die Gebete und Verwuͤn⸗ ſchungen der Einſiedler und Weiſen als unwiderruf⸗ liche Ausſpruͤche des Schickſals). Ja findet ſich nicht bei allen Nationen ein fruͤheres Zeitalter der Unſchuld, wo Goͤtter mit Menſchen lebten, Engel Patriarchen beſuchten? Da iſt der Begriff der Ue⸗ berirdiſchen noch nicht ſo hoch erhoͤhet, daß nicht eine Nymphe ſich zur Umarmung eines Helden herablaſ⸗ ſen, daß nicht ein Held dem Koͤnige der Geiſter zu Huͤlfe kommen, ein Sterblicher auf Indra's Thron ſitzen, auf ſeinem Wagen fahren, die hoͤchſten Goͤt⸗ ter des Sternenraums ſehen und von ihnen den Se⸗ gen empfangen koͤnnte. Da miſchen ſich Geiſter in's Gluͤck und Ungluͤck der Menſchen, und Menſchen von der erhabenſten Andacht und Betrachtung woh⸗ nen zunaͤchſt am Fuße des hoͤchſten irdiſchen Paradle⸗ ſes. Schoͤner, weiter Raum der Phantaſie! Au⸗ *) Die Geſchichte des Königs Paritſchitu, die einen gre⸗ ßen Theil des Bagavadam ausmacht, iſt, wie Sakon⸗ tala, ganz darauf gebaut. S. Sammlung Aſia⸗ tiſcher Originalſchriften, Th. I. Zürich 1790. Hardars Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 3 14 210 ßer ihm wuͤrden wir in der Sakontala jene Choͤre der Waldnymphen nicht gehoͤrt, den Wagen des Luft⸗ kreiſes nicht beſtiegen, und das vertrauliche Geſpraͤch des aͤlteſten Ehepaares der Welt im Paradieſe der ſeligen Geiſter nicht belauſcht haben. Der Idylllen⸗ geiſt der erſten, der hoͤchſte epiſche Geiſt der letzten Scenen dieſes Drama waͤre von der Erde verbannt geweſen, und ſie gehoͤren gewiß zum Erſten ihrer Art, was je der menſchliche Geiſt hervorbrachte. Glauben Sie auch nicht, m. Fr., daß das Wun⸗ derbare ſchlechthin die Belehrung aufhebe; es macht dieſelbe nur angenehmer, indem hinter ſeinem ge⸗ heimuißreichen Schleier der Verſtand gleichſam ver⸗ ſtohlen und deſto freiwilliger ſich ſelbſt belehret. Fragen Sie ſich, ob nicht, als Sakentala hoͤchſt un⸗ ſchuldig nach der Weiſe Gandarwa des Koͤnigs Ver⸗ maͤhlte ward, Sie ſich ſelbſt fuͤrchtend geſagt haben: „Blume der uUnſchuld, das ſollteſt du nicht thun! Du ſollteſt deinen Vater Kanna erwarten.“ Oder wenn Sie, zutrauensvoll wie Sakontala, damals noch nicht fuͤrchteten, ob Ihnen nicht wenigſtens in der entſetzlichen Scene, da der Koͤnig ſie ganz und gar verkennet, mithin ſie und das Kind unter ihrem Herzen außs hoͤchſte kraͤnket, da ſie, eine Koͤniginn, die rechtmaͤßige Gemahlinn Duſchmanta's, von ihrem Ringe, von jedem andern Beweiſe, von Goͤttern und Menſchen verlaſſen, in der niedrigſten Geſtalt da ſteht, ob Ihnen nicht, damals wenigſtens, die Lehre fuͤrchter⸗ lich in's Ohr geklungen habe:„Traue keinem verlieb⸗ ten Koͤnige, waͤre es auch ein edler Duſchmanta; unter dem Zauberſtabe der Zeit und der Entfernung, unter 1 211 Chören lobpreiſender Saͤnger, und im Taumelkreiſe des Hofes verlieren ſie ihr Gedaͤchtniß.“ Gewiß muͤſſen Sie es auch gefuͤhlt haben, wie eben das Wunderbare der vorausgeſetzten Verblen⸗ dung die ſtaͤrkſte Wirkung des tragiſchen Schreckens und Mitleidens hervortreibt, in⸗ dem der verblendete Koͤuig aus Unwiſſenheit, ja in der Meinung, daß er auf ſeinem heiligen Sitze ſehr rein und edel handle, da er ſich auch keinen Blick auf die Sakontala erlaubet, ein Verbrechen begeht, das er nachher ſo ſchwer buͤßen muß, ja ohne Zwi⸗ ſchenkunft der Goͤtter nie und nimmer abbuͤßen wuͤrde. Leſen Sie, was Ariſtoteles von ſolchen Scenen(Kap. 14.) ſagt, und Sie werden die Wirkung des Wunder⸗ baren hier ſehr dramatiſch finden. Es iſt ein Knote, der Aufloͤſung eines Gottes werth, weil Goͤtter ihn ſelbſt gekauͤpft haben: Sakontala wird entruͤckt(wir wiſſen nicht wohin?), aber wir ſahen fuͤr ſie keinen andern Ausweg. Auch iſt's der Goͤtter werth, daß Duſchmanta, nachdem er unter dem Rauſche ihrer Verblendung ſo lange gelitten hatte, durch ſie aus der tiefſten Tiefe emporgezogen werde. Ihnen, m. Fe., hat die Scene unwuͤrdig geduͤn⸗ ket, in welcher Matalt unſichtbar den Freund des Koͤnigs peinigt; aber wer iſt dieſer Freund des Koͤ⸗ nigs, dieſer weiſe Bramane? Doch immer ein hal⸗ ber, nur ein feinerer Hofnarr, als einſt die Hoſbe⸗ amten dieſer Art in Europa waren. Dem Koͤnige ſagt er zuweilen die Wahrheit, gerade hier aber ſagte er ſie ihm nicht, als dieſer, nach den gewoͤhn⸗ lichen Laufe der Dinge, die groͤßeſte Ungerechtigkeit 212 beging, und die Sakontala verlaͤugnete. Mohawya war mit im Walde geweſen, und er ſtand nicht un⸗ ter dem Zauber der Verblendung. Hinter dem, was der Koͤnig gelitten hat, duͤnkte mich's alſo die billig⸗ ſte Strafe, daß ſein Freund auch etwas leide, und fuͤr ſein Schweigen jetzt aus den Luͤften ſeine Stim⸗ me erhebe. Da uͤberdem die Thaͤtigkeit des Koͤnigs, der ſeinem Freunde beiſpringt,, zuerſt durch dieſen Aufruf geweckt wird, bis ſie ihre hoͤhere Beſtim⸗ mung findet; ſo ſteht auch als Uebergang dieſer lu⸗ ſtige Auftritt ſehr an Ort und Stelle. Das Drama verfolgt ſeine Handlung und die darinn verflochtenen Charaktere, wo es ſie findet, und in allen Nuͤan⸗ cen: Wald und Hof, Komiſches und Tragiſches iſt in ihm; es erſtreckt ſich uͤber Himmel und Erde. Unvermerkt ſind wir alſo zur Hauptfrage ge⸗ langet:„wie ſich Sakontala uͤberhaupt als Drama zu Ariſtoteles Begriffen von der thea⸗ traliſchen Poeſie verhalte, und zu welcher Gattung derſelben es gehoͤre? Iſt es ein Trauer⸗, ein Luſt⸗ oder ein ſogenanntes Miſchſpiel?“ Ich ant⸗ worte kurz: ein epiſches Drama. Alle ſind wir daruͤber einig, m. Fr., daß das eigentliche Lokal⸗ und Zeitmaͤßige der griechiſchen Schaubuͤhne kein Geſetz fuͤr alle Orte und Zeiten der Welt ſeyn moͤge. Denn da wir wiſ⸗ ſen, daß das Theater der Griechen nur aus dem Chor entſtanden ſey, und ſich daraus gleichſam zergliedert habe, daß eben dieſes Chores wegen die Einheit des Orts, die Kuͤrze der Zeit, das Einfache der Handlung 1 215 in ihm gegeben und vorausgeſetzt war(widrigen⸗ falls ſich beide auf ewig haͤtten ſchelden maͤſſen): ſo darf niemand Zweifel erregen, ob, wo kein grie⸗ chiſcher Chor, kein griechiſcher Markt oder Pa⸗ laſt ſtatt findet, irgend eine der Beſchraͤnkungen ſtatt finden muͤſſe, an welche unter andern Um⸗ ſtaͤnden auch bei den Grlechen gar nicht gedacht waͤre. Zuſammenhang der Theile alſo, Einheit, Fortgang und Intereſſe der Handlung iſt die Seele des Dra⸗ ma; keine kleinliche Ruͤckſicht auf Ort und Zeit, von der auch Arlſtoteles ſehr entferut war. Selbſt der einfachen Fabel redet, dieſer nichts weniger als das Wort; die zuſammengeſetzte oder verwickelte Hand⸗ lung nennt er die vorzuͤglichere, wie ſie es ihm denn auch ihrem Weſen und ihrer Wirkung nach ſeyn mußte. Den Griechen war, wie bekannt, Ein Thea⸗ terſtuͤck gewoͤhnlich zu kurz: ſie ſpielten mehrere nach elnander. Den Roͤmern war die griechiſche Komoͤdie zu einfach; ihre Theaterdichter, die von den Grie⸗ chen borgten, mußten alſo aus mehreren Stuͤcken ein Ganzes zuſammenheften. Alle europaͤlſchen Na⸗ tionen endlich brachten, ihrer Natur gemaͤß, Bege⸗ benheiten ganz ohne griechlſchen Zuſchnitt auf die Buͤhne, und geriethen ſogar, wenn ſie an Ariſtote⸗ les dachten oder die Grlechen nachahmen wollten, groͤßtentheils auf ſeltſame Mißverſtaͤndniſſe, Schein⸗ Abfindungen und Komplimente. Woher dieß alles? Well der aͤußere Zuſchnitt des grlechiſchen Theaters uns fremd iſt und bleiben wird, indem wir au ſeinem gottesdienſtlichen oder republikaniſchen Chor durch⸗ 214 aus keinen Antheil haben. Alle Begebenheiten der Buͤhne ſind uns Begebenheiten der Wel:; unſer Geſichtskreis iſt erweitert, unſere Theilneh⸗ mung zwar gewiß nicht urtheilvoller, feiner, tiefer als ſie es bei den beſten Griechen geweſen ſeyn mochte, aber bedingungsloſer und gleichſam unum⸗ ſchraͤnkter. Daher die Form der alten ſpaniſchen und engliſchen Stuͤcke; daher auch die Form dieſen indiſchen Drama. Hat Ariſtoteles dieſe Form nicht gekannt? iſt ſe etwa, wofuͤr man ſie oft hat ausgeben wollen, ein neuere Erfindung? Er kannte ſie wohl; ſteuet aber, wle er kann, dagegen, und ſucht das Dram ſeiner Nation in den Kunſtſchranken zweier unvermiſchter Gattungen, des Trauer⸗ un Luſtſpiels zu erhalten.„Nach den Regeln da „Kunſt,“ ſast er,„ſind Trauerſpiele, worinn das „Gluͤck in Ungluͤck verwandelt wird, die ſchoͤnſten „Die Fabeln von einer doppelten Zuſammenſetzun „die ſich durch einen entgegengeſetzten Gluͤckswechſt „der Tugend⸗ und Laſterhaften enden, ſind minde „ſchoͤn, und es iſt nur der Schwachheit der Zuſchaut „zuzuſchreiben, wenn man ihnen den erſten Plaß „zueignet:”“ denn nicht fuͤr's Trauer⸗, ſonden fuͤr's Luſtſpiel, meint er, ſchicke es ſich, daß N argſten Feinde zuletzt als Freunde auseinander N⸗ hen. Deßgleichen iſt er ſehr dagegen, daß mal das Drama zu einer Epopde verlaͤngere, ode eine Epopde mit ihren Epiſoden auf die Buͤbtt bringe, u. f. 215 Die Urſache, warum Ariſtoteles ſo ſtrenge ab⸗ ſchloß, erhellet von ſelbſt: denn mit dieſer Verlaͤn⸗ gerung und Vermiſchung des Drama ging nothwen⸗ dig die Schaͤrfe ſeines ganzen Kunſtbe⸗ griffs verloren⸗ Die verlaͤngerte Senne erſchlaffte, das zum Epos erwelterte Drama konnte nicht mehr ſo unverwandt auf jene Leidenſchaften der Furcht und des Mitleids, oder beim Luſtſpiel auf's Laͤcherliche ausgehen, es miſchten ſich viele und vielerlel Empfin⸗ dungen durch einander, und zuletzt artete alles in jene ſchlaffe philanthropiſche Mitempfindung oder in jene kalte Paſſtvitaͤt der Unterhaltung aus, die eigentlich eine Peſt der dramatiſchen Kunſt iſt. Es waͤre viel zu weitlaͤuftig, hier unterſuchen zu wollen, wiefern dieſes bei allen Nationen eingetroffen ſey, die ſtatt der Trauer⸗ und Luſtſpiele Maͤhrchen, Gemaͤhlde des buͤrgerlichen Lebens oder Abenteuer auf der Buͤhne geliebt haben, und noch lieben. Ohne Zwef⸗ fel war die Buͤhne nur ein Nachklang ihrer Empfin⸗ dungs⸗ und Denkweiſe auch außer dem Theater; ihre Dichter gingen der Geſchichte, der leichteren Unterhaltung nach, und das wahre dramatiſche Kunſtgefuͤhl der Griechen blieb manchem Volke ganz fremd. Welchen Platz man einſt den Indiern, wenn mehrere ihrer Stuͤcke bekannt ſind, unter den Thea⸗ terliebhabern anweiſen werde, mag die Zelt entſchei⸗ den; genug, daß dieß erſte Stuͤck, das wir von ihnen kennen, ob es gleich nur ein dramatiſches Epos iſt, in allen weſentlichen Theilen auſ's naͤch⸗ ſte und feinſte an die griechiſche Kunſt grenzet. Um zwei Perſonen, Sakontala und Duſchmanta, windet 8 216 und ſchlingt ſich alles; die hoͤchſte Mannichfaltigkeit ruhet auf der ſimpelſten Einheit. Noch haͤtte ich von den Charakteren und Farben des Stuͤcks Einiges zu ſagen. Jene ſind, nach indiſcher Art, nicht ſcharf, aber auch nicht un⸗ bedeutend, und jeder in ſeinem Grade idealiſch gezeichnet. Sakontala iſt alles, was eine indiſche Blume des Retzes, der Zucht und Tugend ſeyr kann; ſie verdient ihren hohen Rang durch ihr⸗ lange Pruͤfung, ihr ſpaͤtes Gluͤck durch ein lange er tragenes Ungluͤck. Duſchmanta iſt die Summe allet indiſchen Weltbeherrſcher in geprieſenen Tugenden und hen von ihrer Wuͤrde unabtrennlichen Fehlern. Kanna iſt das Ideal eines Heiligen und Welſen, in unmittelbarem Zuſammenhange mit der Gottheit. Die Goͤttinn Aditt will ihm von den letzten gluͤcklichen Ereigniſſen Nachricht ſenden; aber ihr Gemahl ſpricht: „durch die Kraft der wahren Gottesfurcht wird der „Lanze Auftritt dem Gemuͤthe Kanna's gegenwaͤrtig „ſeyn.“ Er ſinnet nach, und ſendet ihm mit ſei⸗ nen Gottes⸗Gedanken unmittelbare Botſchaft; kann etwas Erhabneres gedacht werden? Der Sohn der Sakontala und des Duſchmanta iſt wunderſchoͤn, kin⸗ diſch und prinzlich geſchildert; flos juventutis in principe, princeps juventutis. Die Anerkennung des Vaters iſt hier ſo ruͤhrend ſchoͤn, wie dort das Verkennen der Mutter ruͤhrend ſchrecklich war; nach der Weiſe Gandarwa(der ſeligen Geiſter) waren ſie im Haine der Jugend vermaͤhlt, in's Paradies der Gandarwa ward dle bei Hofe verkannte Sakontala gerettet, und da finden ſie ſich, Duſchmanta nach 217 vielen Buͤßungen und Verdienſten, endlich wieder; das ſeligſte Ehepaar, der Gott des Lichtes mit der Goͤttiun des Tages, Eltern der zwoͤlf Sternenbilder des unermeßlichen Himmels, ernenen ihre Verbin⸗ dung. Hoͤher konnte die Abkunſt der Beherrſcher Indiens nicht gefeiert werden, und wie duͤrftig mag die Tradition geweſen ſeyn, auf die der Dichter baute, die er ſo hoch idealiſirte!*) Die Farben des Drama in der Diktion, in Gleichniſſen und Bildern ſind die zarteſten und praͤch⸗ tigſten, wie ſie nur jenes Klima mit ſeinem Natur⸗ reichthum hervorbringen konnte. Selbſt Griechen⸗ land ſcheinet arm dagegen, noch mehr ſind's die nor⸗ diſchen Laͤnder. Auch die Reize der Muſik ſind nicht vergeſſen; aber ſe ertoͤnen nur hie und da als zarte Anklänge, nicht uͤberſtroͤmend. Die Indier haben alſo auch das gekannt, was Ariſtoteles den ge⸗ wuͤrzten Aus druck(oyo“„dνυισαμαμνον) des Dra⸗ ma nennt, wozu bei den Griechen Rhythmus, Har⸗ monie, Geſang gehoͤrte; denn wie ſehr dieß Drama *) Der Bagawadam ſagt nichts von dieſer Geſchichte, als:„Nelens Sohn war Duſchtanden. Auf der Jagd beſchlief dieſer die Sugundelei; ſte brachte den Sorü⸗ deminen zur Welt, den der Vater auf die Verſiche⸗ rung des Agaſſatani für den Seinigen erkannt. Die⸗ ſes Kind hieß Baraden, und von ihm ſtammt eure Familie ab.“(Sugen nämlich ſpricht zum Könige Parikſchitu.)„Baraden war einer der berühmteſten Eroberer, er unterwarf ſich alle Könige der Welt.“ Dieß iſt das Kind, das in der Sakontalg mit dem jungen Löwen ſpielet. 218 im Ausdruck gewuͤrzt ſey, werden Sie in der Vor⸗ rede zu ihm bemerkt haben.— Doch mein Brief wird ja faſt laͤnger, als Ariſtoteles Poetik ſelbſt iſt Hielten Sie es nicht auch, m. Fr., in mehreren Ruͤc⸗ ſichten beinahe nothwendig, daß Sakontala nicht daß einzige uͤberſetzte indiſche Schauſplel bleibe? Haben Sie eine Stimme, die ſo weit gelangt, ſo wenden Sie das Beſte an, das Sie vermoͤgen.— Noch lege ich meinem langen Brlefe ein paat Kleinigkeiten bei, die ſich zur Sakontala zwar nun wie einzelne Bluͤthen zum vollen Amra⸗Baum odet zur Madhawi⸗Pflanze verhalten; indeſſen beleben ſie doch alle der Geiſt Eines Klima. 219 Kama's Erſcheinung.*) Ueber den Wolken ſchwebte, von Flügeln der Weſte ge⸗ tragen, Deſſen Wagen, dem rings alles auf Erden gehorcht. Und leichtfertig lachte der Gott des murmelnden Meeres, Dem er mit Einem Wink Fluthen und Ruhe gebeut. Ihn zu beſchatten, ſtieg aus glänzenden Wellen der Mond auf; Und die Nachtigall ſang ihm ein willkommendes Lied. Goldene Bienen flogen voran, die Boten der Liebe; Jungfrau'n, ſchmachtenden Blicks, ſcherzten und buhl⸗ ten um ihn. Sey mir gegrüßet, o Gott! Du haſt die Holde be⸗ zwungen, Die mit dem ſchüchternen Blick einer Gazelle bezwang, Ihre Schwanengeſtalt, wie die glänzende Sambagom⸗ blume Seiden; die Lippe zart, wie der Tamarei⸗Kelch, Süßen Hauches; die Nachtigall ſchweigt der lieblichen . Stimme— Die, o gewaltiger Gott, haſt du im Scherze beſtegt. Wie die Maligra⸗Blume der Morgenröthe ſich aufthut, Thun ſich, blickſt du ſie an, zärtere Seelen dir auf. Tamajandrii. O wer ſchildert Tamaiandri's Reize, Brama's Meiſterwerk! In Millionen Jahren Hatte ſchaffend ſich der Gott geubet, Und aus aller Herzensfeßlerinnen Feinſten Reizen ſchuf er Tamajandri. *) Kama, der Gott der Liebe. Kama und die Anmuth, jeine Gattinn, Legten, als ſie die Geſtalt erblickten, Ihre Götterkränz' ihr an den Buſen. Da erhoben ſich der Wolluſt Hügel, Rund, wie Wilwamfrüchte, leiſe wallend, Wie der Ton der ſeufzendſüßen Laute. Fünf der Pfeile trägt der Gott der Liebe; Drei davon verſchoß er in den Himmel, Auf die Erd' und in des Abgrunds Reiche. Die zwei übrigen, o Tamajandri, Barg der Gott in deine holden Augen. . VII. Das Buch der gerechten Mitte, und Exempel der Tage. — Sineſiſch. —— Auz der Abdraſtea Das Buch der gerechten Mitte, Tſhong Yong genannt.) Was vom Himmel hinab dem Herzen angeformt iſt, heißt die vernünftige Natur; was dieſer Natur gemäß iſt, heißt Regel; die Herſtellung dieſer Regel heißt Erziehung. Sie darf keinen Augenblick mangeln; könnte ſie man⸗ geln, wäre ſie nicht Regel. Ein Weiſer alſo merkt und wacht auch auf das, was nicht geſehen wird; er fürch⸗ tet und ſcheut auch das, was man nicht höret. Denn eben das Geheime und Feine iſt tief verſteckt; der vollkömmene Mann ſpähet ihm nach im Innerſten Seiner. *) Confucius Neffe hat es zuſammen geordnet. Drei Ueberſetzungen ſind bei dieſer Probe, die der Anfang des Buches iſt, gebraucht worden, des P. Intor⸗ cetta in den Relations de divers voyages, Par. 1672. T. IV. mit dem Kommentar darüber in dem Confu- cius Sinar. Philosophus, Par. 1687, wo dieß Buch der zweite Theil der Scientiae Sinicae magnae iſt, und die umſchreibende Ueberſetzung in den Memoires concer- nant l'histoire des Chinois T. I. p. 459. Der Name des Buches heißt: Le juste milieu, oder Medium constan- ter tenendum. Gleichſam eine Sineſiſche Adraſteg. 224 Furcht und Zorn, Traurigkeit und Freude, ehe ſie auf⸗ ſchießen, gewähren einen Zuſtand der Ruhe, den man die Mitte nennt; auſgeſchoſſen im rechten Maß, ge⸗ mäß der Regel, heißen ſie Eintracht. Mitte iſt das große Fundament der Welt; Eintracht iſt die Regel des Weltalls. Aus beiden entſpringt der Be⸗ ſtand der Welt, aller Dinge Fortpflanzung. Confucius ſpricht: der Bollkkommene hält die Mitte; der Miſſethäter beleidigt ſie. Jener hat und hält ſie, weil er vollkommen iſt, dieſer beleidigt ſie aus Frevel. Confucius ſpricht: wie erhaben iſt dieſe Mitte! Von längſther trafen und hielten wenige ſie. Warum treffen und halten ſr wenige dieſen Weg! Die Rohen erreichen ihn nicht; die Klüglinge ſtrebes über die Mitte hinaus. Beide bleiben der Vollkom⸗ menheit fern; jene, weil ſie die Regel nicht erreichen; dieſe, weil ſie über ſie hinaus ſind. Alle Menſchen eſſen und trinken; wenige ſchme: cken. Wie zu beklagen iſt's, daß man die Mitte nicht kennet und hält! Confucius ſpricht: ua, der Kaiſer, wie klug war er! Er fragte die Seinigen um Rath. prüfte auch die gewöhnlichen Antworten; zu. böſen Rathſchlägen ſchwieg er, die guten kobte er, und wählte zwiſchen deiden äußerſten, ſein Volk zu regieren, die Mitte, das Beſte. Dadurch eben ward er Fug, der Kaiſer. Confucius ſpricht: Jedermann ſagt:„Ich bin klug!“ Sobald Leidenſchaft ihn antreibt, geräth er in tauſend Netze und Stricke; er fällt in die Grube, und weiß nicht hinaus. Jedermann ſagt:„Ich bin klug!“ und wenn er von ungefäaͤhr die Mitte trifft, weiß er ſie raum Einen Monat zu halten. Hoei, mein Schüler, der war ein Mann! Hatte er irgend eine Tugend er⸗ reicht, er hielt ſie feſt, ſchloß ſie in ſich und ließ nie von ihr. Er hielt die Mitte. Con⸗ 225⁵ Confucius ſpricht: Man kann Königreiche friedlich und glorreich regieren, Ehren und Gewinn aasſchlagen, auf nackten Schwertern einhergehen, und doch noch fern von der Mitte ſeyn, fern von der Stärke, ſie feſt zu halten. Was iſt Stärke? fragte Pu⸗lu, Confucius Schü⸗ ler. Confucius ſprach: Fragſt du nach Stärke der Nord⸗ oder Südländer? oder was für euch Stärke ſey? Die Südländer ſetzen ſie in Gelindigkeit und Sanftmuth. Sanft mit andern umgehen, auch die Widerſpenſtigen nie zu hart ſtrafen, dieß iſt ihnen Stärke, an der ihre Weiſen halten. Die Nordländer ſetzen ſie in Härte und Strenge. Auf Lanzen und Panzern ſchlafen, furchtlos ſterben, iſt ihnen Stärke; an der halten ihre Tapfern. Der Vollkommene bequemt ſich andern, und wird doch nie weich; mitten unter Gekrümmten ſtehet er aufrecht; o was gehört dazu für Stärke! Wenn im Reiche Tu⸗ gend und Geſetze gelten, nie ſtolz zu ſeyn; werden ſie verachtet, ſie nie zu verläugnen, ſelbſt nicht mit Todes⸗ gefahr, o was gehört dazu für Kraft! Confucius ſpricht: Verborgenes erforſchen, Wunder⸗ würdiges unternehmen, daß es die Nachwelt preiſe, iſt mein Werk nicht. Der Rechtſchaffene tritt den Weg an und verfolgt ihn; auf ihm ſtehen bleiben und ablaſſen, mag er nicht. Der Rechtſchaffene hält ſich am Regel⸗ maß der Mitte. Die Welt fliehen, weder geſehen noch erkannt werden und es nicht merken, dieß vermag der Heilige nur. Die Regel der Vollkommenen iſt weit und zart. Männer und Weiber können ſie wiſſen, und doch noch ihre feinſte Schärfe nicht kennen. Der Heilige ſelbſt wird finden, was er nicht weiß, was er nicht thut. Weisheit, wie glänzeſt du in Himmel und Erde! Noch will der Menſch dich verkennen, und murrt über deine Gaben. So erkenne er dich dann mindeſtens in den erwählten Seelen, die du bewohneſt. Die Welt iſt Herders Werke z. ſchon. Lit, u. Kunſt. IX. 45 226 zu klein für ihre Tugend, die Bosheit der Welt zu ſchwach gegen dieſelbe. Der Adler ſchwingt ſich in die Wolken; der Del⸗ phin ſtürzt ſich in die Tiefe des Meeres, ſo der Heilige. Er erhebe oder laſſe ſich nieder, ſo glänzt an ihm ſeine Tugend; er ſchreitet zum Ziele. Wie viel Schritte ge: hören dazu in den gemeinſten Pflichten! Von Kraft zu Kraſt, von Tugend zu Tugend ſteigend, kommt man zum Gipfel. Erforſche den Menſchen im Menſchen; jede Kennt⸗ niß, die nicht aus ihm kommt, gehört nicht für ihn. Vom Wälde ſelbſt, ſpricht der Dichter, nahm der Forſt⸗ mann den Stiel zur Axt, die den Wald fällen ſollte; vom Menſchen lernt der Weiſe, wie er Menſchen leite und beſſere. Fragt euer eigen Herz; beurtheilt nach euch andre. Die erſte Regel der Weisheit iſt, andern nie zu thun, was wir nicht wollten, daß ſie uns thäten. 4 Wie weit bin ich noch davon entfernt, ſprach Kien. Ich fordre mehr von meinen Kindern, als ich meinen Erltern thue, mehr von meinen Untergebenen, als ich 3 meinen Obern leiſte; ich erweiſe meinen ältern Bruͤdern nicht, was ich von meinen jüngern Brüdern erwarte; meine Freunde ſind in meinem Herzen nicht das, was ich in den ihrigen zu ſeyn wünſche. Glücklich iſt der, der gerechter und treuer iſt als ich; tauſendmal glück⸗ lich, der es an jedem Tage in Thaten, jeden Augen⸗ blick im Wort iſt! Deſſen Worte der That, deſſen Tha⸗ ten den Worten entſprechen, der, wenn ihm dieſe zu Gebot ſtehen, ſie nie aus vollem Munde ſchüttet, und wenn ihm an jenen etwas fehlet, ſich Gewalt anzu⸗ thun das Herz hat— ein ſolcher Mann, ſtehet er nicht feſt und ſicher? Der Vollkommene lebt ſeinem Stande gemäß und wünſcht keinen andern. Reich und geehrt, arm und verachtet, ein Verbannter, ein Bedrückter wird er ſei 227 nem Stande gemäß ſich würdig betragen, uberall zu⸗ frieden mit ſeinem Schickſal. Reich und geehrt, behan⸗ delt er die Untern nie unfreundlich; arm und niedrig, ſchmeichelt er den Obern nie. Vervollkommnend ſich ſelbſt, ſucht er nie die Schuld ſeiner Unfälle in Andern, und iſt daher nie unwillig, nie unzufrieden. Aufwärts klagt er nicht über den Himmel; drunten beſchuldigk er Menſchen nicht. Im Ebenen weilt er, erwartend des Himmels Anordnung; indeß der Unverſtändige Willkür verkangt und gefährliche Wege wählt. Confucius ſpricht: Dem Schützen gleicht der voll⸗ kommene Mann; wenn er nicht traf, ſucht er den Fehr in ſich, in ſeinem Gewehr, in ſeiner Kunſt, in ſich. Die nach Vollkommenem ſtreben, beginnen einen langen Weg; aber vom Nüächſten fangen ſie an. Zum Höchſten ſtreben ſie hinauf, aber vom Nächſten. Erkennt der Pöbel das Nächſte? Die Ode ſingt: Nicht lieblicher tönt die Harmonie der Laute, Als der Gatrinn Sinn, die Eintracht liebt. Bo Brüder mit einander friedlich wohnen, Da wächſt die Freude des Hauſes. Seliges Haus, Wo deine Gatrinn ſich an Söhnen und Töchtern Und Enkeln erfreut, da freu'n ſich Varer und Mutter Harmoniſch glücklich im ſpätſten Alter noch. 228 Exempel der Tage.*) 1. Das groͤßeſte Uebel des Staats, die Ratte in der Bildſaͤule. Hoan⸗Kong feagte einſt ſeinen Miniſter, den Ko⸗ ang⸗Tſchong, wofür man ſich wohl in einem Staat am meiſten fürchten müſſe! Koang⸗Tſchong antwor⸗ tete:„Prinz. nach meiner Einſicht hat man nichts mehr zu fürchten, als was man nennet: die Ratte in der Bildſäule.“ Hoan⸗Kong verſtand dieſe Vergleichung nicht; Koang⸗Tſchong erklärte ſie ihm alſo: „Ihr wiſſet, Prinz. daß man an vielen Orten dem Geiſte des Orts Bildſäulen außzurichten pflegt; dieſe hölzernen Statuen ſind inwendig hohl und von außen bemahlet. Eine Ratte hatte ſich in eine hineingearbei⸗ tet, und man wußte nicht, wie man ſie verjagen ſollte. Feuer dabei zu gebrauchen, getrauete man ſich nicht, aus Furcht, daß ſolches das Holz der Statue angreife; die Bildſäule in's Waſſer zu ſetzen, getrauete man ſich nicht, aus Furcht, man möchte die Farben an ihr ausköſchen. Und ſo bedeckte und beſchützte die Ehrerbietung, die man vor der Bildſäule hatte, die— Ratte.“ „„und wer ſind dieſe Ratten im Staat?““ fragte Hoan⸗Kong.„Leute,“ ſprach der Miniſter,„die weder Verdienſt noch Tugend haben, und gleichwohl die Gunſt des Fürſten genießen. Sie verderben alles; man ſiehet es, und ſeufzet darüber; man weiß aber nicht, *) So nennen die Sineſen ihre Staats⸗ und Sitten⸗Er⸗ zählungen, die oft voll lehrenden Witzes und Scharf⸗ ſinns ſind. 229 wie man ſie angreifen, wie man ihnen beikommen ſoll. Sie ſind die Ratten in der Bildſääule.“ 2. Das Pferd und der Koͤnig. Kin⸗Tſong, der König von Tſi, hatte ein ſchö⸗ nes Pferd, welches er beſonders liebte. Durch ein Ver⸗ ſehen des Stallknechts ſtarb das Pferd; der König ward darüber ſo zornig, daß er eine Lanze ergriff, den Knecht damit zu durchbohren. SGlücklicher Weiſe war Nan⸗STſe gegenwärtig, der ihm alſo zuſprach:„Prinz! bald wäre dieſer Menſch des Todes geweſen, ohne von der Größe ſeines Ver⸗ brechens überzeugt zu ſeyn.“ „Ueberzeuge ihn alſo,“ ſprach Kin⸗Tſong. Darauf ergriff Nan⸗Tſe die Lanze, wendete ſich zum Verbrecher und ſprach: „Kind des Unglücks! ſiehe, das ſind deine Verbre⸗ chen; höre ſie ſorgſam. Zuerſt biſt du Schuld am Tode des Pferdes, deſſen Verpflegung dir der König aufgetragen hatte. Du mußt alſo ſterben. Für's andre biſt du Schuld, daß der König, mein Herr, wegen des verſtor⸗ benen Pferdes ſich ſo entrüſtet hat, daß er ſelbſt Hand an dich legen wollte. Siehe, das iſt ein neues Verbrechen, größer als das vorige. Endlich muß es das ganze Land mit allen umliegenden Gegenden erfah⸗ ren, daß der König, mein Herr, um eines Pferdes wil⸗ len einen Menſchen getödtet hat; dadurch verliert er ſeinen guten Namen. Siehe, du Unglücksſohn! das iſt dein größtes Verbrechen; ſo viel andre Dinge zie⸗ het es nach ſich! Erkenneſt du es?“ „O laß ihn gehen!“ rief der König.„Um ſeinet⸗ willen wil ich meinen guten Namen nicht verlieren. Ihm ſey vergeben.“ 3. Der Verzweifelnde. Als Kung⸗Tſee(Confucius) in ſeiner froheſten Jugend, begleitet von einer Menge junger Lehrlinge, an die Grenzen des Reichs Tſi, wohin er ehrenvoll einge⸗ kaden war, gelangte, hörte er die Stimme eines Ven zweifelnden, der, unter einem Baume ſitzend, ſich ſeltſt entleiben wollte. Er ſtieg hinab vom Wagen und re⸗ dere ihn freundlich an.„Sohn des Unglücks,“ ſprach er,„entdecke mir, was dich quälet; vielleicht kaan ich dir helfen. Ohne Zweifet erlitteſt du viel Gram.“— „Biel Gram,“ antwortete der Verzweifelnde, und ſah ihn zuerſt ſtumm en.„Deinem Mitleid will ich ihn 1 1 erzählen, und dann— ſterben.“ „Von meiner Jugend an ſtudirte ich; dann wollte ich reiſen. Ich reiſete, verließ mein väterliches Haus irrete alle Königreiche zwiſchen den vier Meeren durch, kam zurück, da ſtarb mein Vater, da ſtarb meine Mutz ter, für die ich nichts gethan hatte.— Erſter Grarn.“ „Auf meinen Reiſen hatte ich geſucht, Weisheit zu erlangen, Menſchen erkennen zu lernen. Ich glaubte, ich wäre ſo weit, mich und Andre zu führen. Als die Zeit der Trauer vorbei war, reiſete ich, bot dem Ki⸗ vige von Tſi meine Dienſte anz und er verſchmähett ſie; er wollte mich ſogar nicht anhören.— Zweitet Gram.“ „Ich hatte Freunde in meinem Baterlande und in der Fremde; ich glaubte, daß ich mich auf ſie verlaſ ſen könnte. Verſchmäht vom Könige, wandte ich mich 1 zu ihnen und fand bei ihnen, ſtatt mitleidiger Freunde ſchaft, Gleichgültigkeit und Verachtang.— Drittet Eram.“ „Endlich der grauſamſte von allen. Ich hatte einen Sohn, die erſte Frucht meiner jugendlichen Ehe; und dite 2³ ſer Sohn, ſtatt ſeine kindlichen Pflichten gegen mich zu er⸗ füllen, irrt in der Welt umher, ſpricht, daß er weder Bater noch Mutter habe.“— „Das alles ſtellte ſich meiner Seele in letzter Nacht ſo ſchwarz dar.„Wie?“ ſprach ich zu mir,„du woll⸗ teſt ein Weiſer ſeyn und Andre zur Weisheit führen; du glaubteſt dich über die Pflichten gemeiner Menſchen erhoben, und warſt weder ein guter Sohn, noch ein gu⸗ ter Unterthan: denn du haſt nichts gethan, weder für deine Eltern, noch für deinen Fürſten, noch für dein Vaterland, noch für die Geſellſchaft. Kein guter Va⸗ ter warſt du ſogar, da du die Erziehung deines Sohnes vernachläſſigteſt und ihn zum ſchlechten Menſchen mach⸗ teſt.“— Dieß alles ſagte ich mir, haßte mein Leben, und begab mich an dieſen einſamen Ort. Laß mich ſterben.“ „Freund,“ ſprach Kung⸗Tſee,„nicht alſo. Das größte Uevel des Lebens iſt, am Leben zu verzwei⸗ feln; der Schaden erſetzt ſich nie. Vom erſten Fußtritt an in dein Leben haſt du dich verirret; du woll⸗ teſt ein Weiſer werden, ehe du ein Menſch warſt. Die nächſten Pflichten um dich mußteſt du erfüllen, ehe du in die entfernteren trateſt; daher alle dein Unglück.“ 5 „Indeß, mein Freund, halte nicht alles verloren. Ein heiliger Spruch iſt allen Lebenden in die Bruſt ge⸗ ſchrieben, und hat ſich durch alle Jahrhunderte bewäh⸗ ret; an ihn glaube!„So lange man lebt, muß man an nichts verzweifeln!“ Auf, Freund! Traurigkeit verwandelt ſich in Freude. Kehre zurück in's Leben, und kenne von jetzt an ſeinen Werth. Nutze jeden Augenblick deſſelben, und du wirſt, belehrt durch deine eigenen Fehler, weiſe und glücklich werden.“ Gerührt wandte ſich Kung⸗Tſee zu ſeinem Heere junger Schüler, die alle Weiſe werden wollten, und ſprach:„Lernt an fremdem Unglück.“ Er ſtieg in ſeinen Wagen, und bald ſahe man die 232 Zahl ſeiner Schüler um dreizehn vermindert. Sie ent⸗ fernten ſich ſtill, und gingen hin, Menſchen zu wer⸗ den, ehe ſie Weiſe und ehe ſie Gelehrte wurden. Auch der Verzweifelnde ermannte ſich und koſtete, neu⸗ verjüngt, den erquickenden Trank des Lebens. „ 4. Der Drache und der Strom. Als Kung⸗Tſee ſich im Reiche der Tſcheus aufhielt, beſuchte er den berühmten Stifter der Sekte Tao, den Philoſophen Lao⸗Kium. Auf einem Ru⸗ hebett empfing ihn dieſer und bewegte ſich kaum, als Kung⸗Tſee mit einigen ſeiner Schüler vor ihn trat. „Ich habe von Euch ſprechen hören,“ redete er Kung⸗ Tſee an;„man ſagt, daß Ihr die Maximen der alten 4 1 Könige, Weiſen und Geſetzgeber den Menſchen unſerer 3 3 Zeit einprägen wollt, und Euch deßhalb viel Mühe ge⸗ bet. Nutzloſe Mühe! Menſchen in's Leben zurückzurufen, die nicht mehr ſind. Der Weiſe bekümmert ſich um ſich ſelbſt und um die Zeit, worinn er lebet. Iſt dieſe ihm günſtig, ſo nutzet er ſie; wo nicht, ſo ziehet er ſich in die Stille, und läßt die Welt gehen, wie ſie geht. Wer einen Schatz hat, theilt ihn nicht jedermann mit; er bewahrt und nutzt ihn für ſich ſelbſt. Mache es auch alſo, junger Mann; ſo handelſt du weiſe. Jetzt ſcheinet es, biſt du anmaßend. Was ſollen uns die 1 Muſter der Alten?“ So fuhr Lao⸗Kium fort; Kung⸗ Tſee hörte aufmerkſam zu, und als er ſich wegbegeben, ſprach er zu ſeinen Begleitern, die ihn um ſein Urtheil vom Weltweiſen Lao⸗Kium fragten:„Geſehen habe ich den Lao⸗Kium, kenne ihn aber eben ſo wenig, als 23³ — den Drachen*). Der Fiſch, weiß ich, ſchwimmt; das Thier der Erde geht oder kriecht; die Vögel fliegen; was der Drache thut, weiß ich nicht. Auch wie man Thiere, Fiſche, Vögel fängt, weiß ich etwa; aber wie man den Drachen fängt, habe ich nie noch erfor⸗ ſchet.“— So ſprach er, und kam an einen Strom, vor dem er, wie andächtig, ſtille ſtand.„Seht,“ ſprach er,„die rinnenden Wellen! Sie rinnen Tag und Nacht, bis ſie ſich alle im großen Weltmeer vereinen. So wir. Von YNao und Schuns Zeiten kam die Lehre der Weisheit zu uns herab; laſſet uns andern ſie geben, damit dieſe auf ihre Nachkommen ſie fortpflanzen bis an's Ende der Zeiten. Wir haben empfangen, wir wollen geben und uns nicht zu den Weiſen zählen, die für ſich allein da ſind. Das Wenige, das wir mit⸗ theilen können an Wiſſenſchaft und Tugend, wird uns nicht arm, ſondern in andern reich machen. Menſchen und Zeiten ſind für einander; der fabelhafte Drache lebe für ſich allein. Denkt daran, Freunde! Wir ſind die Wellen im Strome der Zeiten.“ Der Vogelſteller. Auf einem Spaziergange kam Kung⸗Tſee mit ſei⸗ nen Schülern an einen Vogelheerd; ſie ſahen dem Vogel⸗ ſteller zu, wie er die im Netze gefangenen Vögel in Kä⸗ fige vertheilte. Es waren junge Vögel; ängſtlich ſuchten ſie ihre Freiheit, aber vergeblich. „Ich ſehe lauter junge Gefangene,“ ſprach Kung⸗ Tſee zum Vogelſteller;„wo ſind die Alten?“ *) Der Drache iſt das Sinnbild der höchſten Weisheit und Macht im Kaiſerthum Sing. 4 234 „Die Alten?“ ſprach dieſer;„die ſind zu klug und miß⸗ trauiſch, als daß ſie ſich fangen ließen. Nach allen Sei⸗ ten blicken ſie umher und nahen keinem Netz, keinem Kä⸗ fige. Die Jungen, die ſich zu ihnen halten, machen es wie ſie, und entgehen jeder Gefahr. Nur die Vorwitzi⸗ gen, die ſich von ihnen trennen, fängt man, und einige Alte etwa, die den Jungen nachſliegen.“ Kung⸗Tſee ſah ſeine Schüler an.„Habt ihr ge⸗ hört, was dieſer Mann ſagt? Wie bei den Vögeln, ſo bei den Menſchen. Anmaßende Kühnheit, ungemeſſenes Zutrauen auf ſich, Stolz auf die kleine Wiſſenſchaft, auf das wenige Verdienſt, was ſie erlangt hat, treibt un⸗ vorſichtig die Jugend in's Verderben. Sie verſteht al⸗ les, ſie iſt über nichts verlegen. Keinen Aelteren darf ſie zu Rath ziehen, da ſie alles beſſer weiß, als die Al⸗ ten. So fliegt ſie ihren eignen Weg, in's erſte beſte Netz, das ſie auffängt.“ „Einige Alte bewundern die aufſprühenden Funken der Jugend, vertrauen ſich ihr, folgen ihr ſogar, re⸗ den und handeln wie ſie, und finden am Ende ſich mit ihr in Einem Netze gefangen; das thörichte Alter ne⸗ ben der thörichten Jugend. Denkt, meine Freunde, an das, was der Bogelſteller ſagte.“ 6. Die Klagende. Mit zwei oder drei ſeiner Schüler reiſete Kung⸗ Tſee durch das Gebirge Tay⸗Tſchan. Sie hörten eine klagende Stimme in den Gebirgen; ſogleich ward Tſee⸗Kung geſandt, ſich um die Urſache des Jam⸗ mers zu erkundigen. Er kam zurück mit der Antwort: „Es iſt die Stimme einer Unglücklichen. Ich bin, ſprach ſte, ein Weib, die der Schmerz verzehrt. Drei geliebte Perſonen habe ich in dieſer Wüſte verkoren, 255 meinen Schwiegervater, meinen Gemahl und meinen Sohn; alle drei zerfleiſchte hier ein Tiger.“ „Und du wageſt dich hieher?“ ſprach ich zu ihr. „Fürchteſt du nicht auch, daß dich der Tiger verzehre? Warum an einem ſo gefährlichen Orte wohnen, in den Gebirgen? Wähle dir einen andern.“ „Das geſchieht nie,“ antwortete ſie.„Im Flecken, wo ich wohne, herrſcht Freundſchaft und Erbarmen; man ſtehet einander bei, man hilit ſich und genießt Friede. In der Ebene, habe ich gehört, ſind die Men⸗ ſchen feindſelig auf einander und böſe; in den Gebir⸗ gen hier lebt man einträchtig und glücklich. Ach! lie⸗ bey in die Klauen des Tigers fallen, als in die Hände und Zähne böſer Menſchen! Ich kam hieher, den Tod der Meinigen zu beweinen, meinem Schmerz Luft zu ſchaffen und meinen Thränen. Laß mich fortweinen! Es iſt Schmerz, was aus mir klagt; kein Murren, keine Beſchwerde gegen den Himmel.“ Sie wandte ſich von anir, und dort— ſeufzet ſie noch. 4 Gerührt ſaß Kung⸗Tſee in ſeinem Wagen, un⸗ beweglich.„Die Ungkückliche,“ ſprach er endlich,„ſollte allen Ungkücklichen ein Muſter ſeyn, zu klagen, ohne ſich zu beklagen, durch Thränen ſich⸗ Linderung zu ver⸗ ſchaffen, nicht murrend ſich zu empören. Sie hat ſich den Geſetzen des Himmels unterworfen, und ſagt uns über Tiger und Menſchen eine traurige Wahrheit. Aber ſie ſpricht auch von guten Menſchen in dieſen Gebirgen; wohlan, Freunde! wir wollen ſie beſuchen, uns ihrer freuen, und uns über die Menſchen in der Ebene trö⸗ ſten.“ So fuhr er weiter. 256 7. Die Katze und die Maus. Als Kung⸗Tſee einſt von ſeinem Nachmittags⸗ ſchlummer erwachte, nahm er, ſeiner Gewohnheit nach, das Inſtrument Kin ſogleich zur Hand, griff aber auf ihm ſo leiſe, ſchwache und, wie es ſeinen Schülern vor⸗ kam, traurige Töne, daß dieſe, die im Vorzimmer wa⸗ ren, ihn für krank oder mißmuthig hielten. Beſtürzt trat Tſeng⸗Tſee zu ihm, und entdeckte ihm ſeiner Freunde Beſorgniß. „Ich danke euch für eure Theilnehmung an meinem Befinden,“ ſprach Kung⸗Tſee,„und eben ſo für die Aufmerkſamkeit, die ihr auf die Töne der Muſik wen⸗ det. Sie ſind nicht leer verhallende Lufthauche, die einige Augenblicke dem Ohre ſchmeicheln, ſodann aber ohne Spur verſchwinden; Griffel ſind ſie, die der Seele eingraben, was durch ſie geſagt werden ſollte. Aber be⸗ ruhigt euch. Meine Töne waren nur ſchwach, nicht traurig. Eben ſah ich, als ich erwachte, die Katze und eine Maus in gegenſeitiger Aufmerkſamkeit auf einander. Den Ausgang dieſer Aufmerkſamkeit wollte ich erwar⸗ ten und beide Parteien darinn nicht ſtören: darum griff ich die Töne ſo leiſe.“ „Nicht wahr, meine Freunde, ihr würdet nie auf dieſe Urſache gekommen ſeyn, wenn ihr mich nicht ge⸗ fragt hättet? Ihr hättet mir vielleicht gar eine wich⸗ tige Materie, eine ſchwere Aufgabe Schuld gegeben, die mein Inneres beſchäftigte? So geht es bei tauſend Vermuthungen im Laufe des Lebens. Trauet ihnen nie blind, ſchreibt keiner Zerſtreuung, keiner gedankenvollen Miene zu viel zu, die vielleicht auch nur an die Katze und Maus denket. In allen Vermuthungen aber, die euch, vielleicht vergebens, ängſtigen, grübelt nicht für euch ſelbſt, ſondern, wo es ſeyn darf, fraget.“ —— 237 8. Der Eimer. Auf dem großen Platz, worauf uralters der Kaiſer der Tſcheu's mit ſeinen Großen über die Wohlfahrt des Reichs rathſchlagete, war in der Mitte ein Brunn, und neben dem Thron ſtand ein Eimer. Als Kung⸗ Tſee dieſen alten Reichspalaſt durchging, fragte er den Mandarin, der ihm ſeine Denkwürdigkeiten erklären ſollte, um die Bedeutung des Eimers.„Der Eimer heißt Y,“ ſprach der unwiſſend⸗ſtolze Mandarin,„d. i. Werk⸗ zeug der Verzeihung.„Verzeihen ſoll der Sohn des Himmels, der Kaiſer; dieß iſt ſeine erſte Tugend.“ Kung⸗Tſee, lächelnd über die Auslegung ſowohl als über die Staats⸗ und Sittenlehre, trat zum Brun⸗ nen mit dem Eimer. Sanft ließ er ihn hinab, und da der von Binſen geflochtene Eimer leicht war, ſchwamm er auf der Oberfläche des Waſſers, kein Tropfe kam in ihn.„Leeret ihn aus,“ ſprach Kung⸗Tſee zu den Nächſten, die um ihn ſtanden.„Ausleeren?“ ſagten dieſe; „er iſt leer!“— „Alſo,“ fuhr Kung⸗Tſee fort,„muß man es auf eine andre Art angreifen, wenn man in dieſem Ge⸗ fäß Waſſer aus dem Brunnen haben will.“ Mit Macht ließ er ihn von der Höhe hinab in den Brunnen wer⸗ fen. Der Eimer füllte ſich und ging unter.„Wo iſt er? ſprach Kung⸗Tſee und ſah in die Tiefe, als ob er ihn mit den Augen ſuchte.„Vergebens ſuchſt du ihn,“ rief man ihm zu;„der Brunn iſt tief, er liegt am dunkeln Boden.“ Da zog Kung⸗Tſee den binſenen Eimer empor, leerte ihn und ſprach:„Jetzt will ich die wahre Art zeigen, dieſen Eimer zu füllen und zu gebrauchen.“ Lang⸗ ſam, doch kräftig ließ er ihn am Seil, woran er hing, nieder; im Gleichgewicht ſchwebte der Eimer halb über, halb unter dem Waſſer, und füllete ſich zur Hälfte. 258 „Seht,“ ſprach er zu den Umſtehenden,„das Bild einer guten Regierung und überhaupt des Glücks in allen Dingen. Ein Fürſt, der die Geſchäfte zu weich an⸗ greift, bringt keines zu Stande; eine Obrigkeit, ein Hausvater, der ſeine Untergebenen nach Belieben ſchalten und walten läßt— ſie ſind der obenhin ſchwimmende „Eimer, in dem kein Tropfe Waſſers war.“ „Dagegen— übereilt und übentreibt man alle Ge⸗ ſchäfte; handelt man leidenſchaftlich, im Zorn oder in andern Affekten, ſo wirkt man freilich mächtig, gewiß aber auch verderblich. Das war der Eimer, den man hoch hinab mit aller Gewalt in den Brunnen ſtieß; er füllte ſich gleich, ging aber auch unter. Man ſah nicht mehr, wo er war.“ „Ein Regent, eine Obrigkeit, ein Hausvater, jeder Menſch endlich, der auf ſeinem Platz zu ſtehen weiß und ihn wuͤrdig ausfüllt; nie zu gelinde, nie zu ſtrenge, nachgebend und kräftig, fordernd das, was ihm gebührt, auf die leichteſte Weiſe— er iſt der halbgefüllte Ei⸗ mer, im Gleichgewicht ſchwebend. Er ſchwamm nicht unnütz über den Wellen, noch ſank er überfüllt zur Tiefe hinunter. Dieß iſt der Sinn des binſenen Eimers am Thron. Uralters that man bei jeder Thronbeſteigung vor dem neuen Monarchen, was ich jetzt gethan habe, und zeigte ihm damit das einzige Mittel, ſein Reich glücklich und wohl zu regieren— die Mitte, das Maß. Ich habe nur einen alten Gebrauch ausgelegt; nutze ihn jeder nach ſeiner Weiſe.“ Beſcheiden trat er zurück; der Mandarin ſchaͤmte ſich; die Umſtehenden gaben ihm Beifall. Er ſelbſt nutzte dieſe Erfahrung, bauete ſeine Sitten⸗ und Staats⸗ lehre darauf; er ſchrieb ſein Buch Tſchong⸗Yong, die rechte Mitte. Gleichſchwebend ſenkte er den bin⸗ ſenen Eimer in den Brunnen der Weisheit. 239 9. Die veraͤnderte Zeit. Als Kung⸗Tſee(Confucius) ſeine Staatsbedienung im Königreich Lu niedergelegt hatte, und, um anders⸗ wo nützlich zu werden, durch mehrere Provinzen zog, be⸗ gegnete ihm im Königreiche Tſu ein Einwohner deſſel⸗ ben, Cie⸗Mu. Um Staatsbedienungen zu entgehen, ſtellte dieſer ſich ſchwach; ſo ging er neben dem Wagen des Kung⸗Tſee und ſang: „Adler! Adler! wohin iſt dein ſcharfer Blick? Da das Reich einſt blühete, ſah man dich; Du verſchwandſt, als ſeine Größe ſank, Und unterſchiedſt die Zeiten. Anjetzt, zu welcher Zeit, Zu welchen Sitten erſcheineſt du? Das Vergangene ruft niemand zurück; Doch in die Zukunft kann man ſchau'n, Und ſie durch Vorſicht ändern. Adler, fleuch! Wer jetzt am Ruder ſteht, Darf weder ſeiner Würde Glanz behaupten, 1 Noch iſt ſein Name ſicher, ſein Güüct un⸗ ſein Leben elbſt.“ Confucius ſtieg vom Wagen, wollte ihn ſprechen; er war aber im Gedränge verſchwunden. * †* Er reiſete weiter, aus dem Königreiche Tſu ins Königreich Tſai, und kam an einen Strom. In eini⸗ ger Ferne ſah er zwei Feldarbeiter; zu denen ſchickte er ſeinen Schüler Tſu⸗lu, um ſich nach einer Furt durch den Strom zu erkundigen. Scham⸗Tſu(ſo hieß der Eine) fragte:„wer der Mann im Wagen ſey?“ und als er Kung⸗Tſee nennen hörte, ſprach er:„Der fragt mich? Hat er den Fluß nicht ſchon genug hin und her erprobet?“ Er trieb ſeine Ochſen an und zeigte ihm die Fuhrt nicht. 240 Tſu⸗lu ging zum andern. Kie⸗Nie(ſo hieß er), als er den Namen Kung⸗Tſe hörte, hielt er den Pflug ſtill und ſprach zu Tſu⸗lu:„Freund, wenn ich unſre Zeiten und Sitten betrachte, ſo dünken ſie mir ein her⸗ abſtürzender Strom, den niemand hemmen mag; je tie⸗ fer hinab, deſto reißender wird er und ſtärker. Euer Lehrer reiſt hin und her, Staatsübeln zu ſteuern, ſtatt der Verwirrung Ordnung herbeizuführen und eine gute Regierung; vergebens mühet er ſich. Die Zeiten werden ärger und ärger. Und ihr, was ziehet ihr mit ihm? Thätet ihr nicht beſſer, zu mir zu kommen, der ich mich Ehren und Würden entzog, und hier mein Feld pflüge.“ Er trieb ſeine Ochſen an, und zeigte ihm die Fuhrt nicht. Tſu⸗lu ging zum Wagen zurück, wiederholte ſei⸗ nem Lehrer, was dieſe beiden Ackerleute geſagt hatten: „Wie?(ſprach Kung⸗Tſee ſeufzend) iſt's ſo weit, daß der Menſch, ſtatt mit Menſchen, mit Ochſen und Vö⸗ geln lebe? Wohnt nicht jede Gattung bei ihres Glei⸗ chen? und iſt dieß nicht Naturordnung? Wenn ich mit den verſchiedenen Völkern meines Landes nicht leben darf, mit wem ſoll ich dann leben?“ „Man ſagt und klagt, daß Zeiten und Sitten böſe ſind und ſchlechter werden; wären ſie gut, ſo dürfte ich nicht umherreiſen, ſie zu beſſern.“ Er ſuchte ſich eine Fuhrt durch den Fluß und fuhr weiter. * ** Tſu⸗lu blieb auf dem Wege zurück. Er begegnete einem Greis, der einen Korb auf ſeinem Stabe trug.„Be⸗ gegnetet Ihr keinem Wagen?“ fragte er den Alten. „Ei, ſprach dieſer, Ihr ſeyd ein junger, ſtarker Mann; Ihr ſolltet etwas beſſeres thun, als Eurem Meiſter nach⸗ ziehn. An ihn denket Ihr allein, und wiſſet übrigens kaum Reis und Erbſen, Gerſte und Weizen zu unter⸗ ſcheiden.“ Hiemit ſetzte er den Korb nieder, und jätete Unkraut aus auf ſeinem Ackerlande. Tſu⸗ — 241 Tſurku ſetzte ſich zu ihm, und erfuhr, daß auch er, einſt ein Staatsdiener, ſich der Zeiten wegen, hie⸗ her auf's Land gezogen habe. Er führte ihn in ſein Haus, wo alles wohl eingerichtet war, ſtellete ihm ſeine Kinder vor, bewirthete ihn und ließ ihn, mitleidig über die Mühe, die ſich Kung⸗Tſee gebe, von ſich. Als Tſuzlu ſeinen Meiſter wieder fand, erzählte er ihm alles; Kung⸗Tſee aber ſchickte ihn zurück an den länd⸗ lichen Weiſen und ließ ihm ſagen:„Wenn verſtändige und geſchickte Männer ſich dem Staat entziehen, han⸗ deln ſie darinn recht oder unrecht? Deine Kinder er⸗ ziehſt du zu guten Sitten; haſt du keine Pflichten ge⸗ gen die Verfaſſung, die dich erzog? Du zerſtörſt alſo an deinem Theil die große Ordnung der menſchlichen Geſellſchaft. Nicht um ſich zu bereichern, noch um ſich zu erheben, ſondern um gerecht und billig zu ſeyn, dient ein Weiſer dem Staat.“ Tſu⸗lu kam mit dieſer Ant⸗ wort in das Haus des Greiſes; der war aber nicht daheim, ſondern auf dem Felde bei ſeiner Arbeit. G 10. Die beſte Art der Vorſtellung. Tſchuang⸗Vang, König von Tſou, entſchloß ſich, einen ungeheuer großen Wall aufführen zu laſſen. Dieſe unnütze Arbeit forderte viele Koſten und eine er⸗ mattende Mühe der Soldaten und Landleute; mehrere Reichsbeamte thaten alſo dagegen Vorſtellung, aber um⸗ ſonſt. Der hohe Wall ward betrieben. Tſchu⸗yurki, ein Mann von Geiſt, der ſich auf's Land begeben hatte, erfuhr, was bei Hofe vorging, und indem er den Acker bauete, ſprach er mit ſeinem Pflage: „Pflug! ich will hingehen und den König ſehen!“ Und antwortete ſich ſelbſt im Namen des Pfluges:„wie! biſt du deines Lebens ſatt? So viel große und ver⸗ Herders Werkez. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IN. 16 242 diente Männer ſind mit dem Tode belohnt worden, und du?— Er antwortete ſich ſelbſt wieder:„Ei, wenn die vornehmen Herren hinter dem Pfluge gegangen wä⸗ ren wie ich, würden ſie es vielleicht anders gemacht haben.“ Sofort ließ er den Pflug ſtehen, und ging, dem Könige ſeine Meinung zu ſagen. Kaum trat er hinein, ſo ſprach der König, der ihn kannte:„ohne Zweifel will mir Tſchu⸗yu⸗ki auch eine Vorſtellung thun!“ „Gewiß nicht, gnädiger Heer,(ſprach dieſer) wie käme mir das in den Sinn? Zwar iſt mir nicht un⸗ bekannt, was man zu ſagen pflegt, daß große Herren auch gnädige Herren ſeyn müſſen. Eben ſo wahr iſt's auch, daß, wie nur eine gute Erde den Thau aufnimmt, von dem ſie befruchtet wird, und nur ein gerades Holz zu einem Richtmaß taugt, alſo auch weiſe und tugend⸗ hafte Regenten gerne Vorſtellungen hören. Wahr iſt es auch, daß die Leute reden, als ob Eure Majeſtät ein Werk unternommen, das Dero Unterthanen zu gro⸗ ßer Laſt gereichet. Aber wer bin ich, der ich Eurer Majeſtät Gegenvorſtellungen thun wollte? Nein, ſage ich nochmals, das ſey ſerne von mir.“ Drauf wandte er ſich zu den gegenwärtigen Dienern des Kaiſers, und fuhr alſo zu reden fort:„So unwiſ⸗ ſend ich auch bin, habe ich doch ſagen hören, daß der König von Nu um ſein Reich gekommen, weil er dem Rathe des Kong⸗Tſchi⸗Ki nicht gefolget. Aus eben dem Grunde ward Tſin eine Beute des Königs von Tſu. Auch Son würde den Tſao nicht über⸗ wältigt haben, wenn dieſer dem Hi⸗ſu gefolgt wäre. Kurz, wir zählen drei Kaiſer und ſechs Könige, die dar⸗ um zu Grunde gegangen, weil ſie die Vorſtellungen klu⸗ ger Leute nicht leiden konnten.“ Kaum hatte er dieß geſagt, ſo eilete er zur Thür— Aber der König ließ ihn zurückholen.„Seyd ohne Furcht,“ ſprach er;„Eure Vorſtellung hat Eindruck auf 245 mich gemacht. Was mir bisher geſagt ward, und wie es mir geſagt ward, reizte mich zum Zorn; Ihr ſagtet mir nichts, das mich hätte entrüſten können. Ihr habt mir Exempel vorgehalten, die eben ſo wahr als tref⸗ fend ſind; ich ſtehe von meinem Vorhaben ab.“ Und ſogleich ward Befehl gegeben, die Arbeit liegen zu laſſen. Ja was noch mehr, der ſonſt ſo unleidliche Gebieter machte bekannt, daß er die als ſeine Brüder anſehen würde, die ihm nützliche Vorſtellungen übergäben. Im ganzen Reich erwarb ihm dieß Ruhm und Zutrauen; das Volk prieß ihn in Liedern, und— dieſe Aenderung hatte ein Landmann bewirket. 11. Der Staͤrkere uͤber den Starken. Als der König von U den Vorſatz gefaßt hatte, die Staaten von King anzugreifen, und ſeinen Vorſatz öf⸗ fentlich bekannt machte, ließ er zugleich wiſſen, daß, wer ihm deßhalb eine Gegenvorſtellung zu thun wagte, es mit dem Leben büßen ſollte. 4 Tſao⸗Tſe, der die Gefahren dieſes Feldzuges ein⸗ ſah, ſann auf ein Mittel, ſie dem Könige zu zeigen. Er ging deßhalb mit ſeinem Bogen früh in den Garten; der Morgenthau durchdrang ſein Kleid, und als er in der gewöhnlichen Stunde mit andern im Dienſt vor den König trat, bemerkte es der König.„Woher biſt du“ fragte er,„ſo naß und triefend?“ „Prinz,“ antwortete er,„ich komme eben aus dem Garten, wo ich etwas Sonderbares geſehen habe. Eine Heuſchrecke ſaß auf dem Baum, die, als fie ſich am Mor⸗ genthau erlabt hatte, fröhlich ihren Geſang anſtimmte. Hinter ihr ſaß ein Heuſchreckenfreſſer, den ſie nicht ſah; hätte ſie ihn geſehen, ſie würde ſo ruhig nicht geſungen haben. Ich aber ſah den Heuſchreckenfreſſer; verſtohlen 244 ſchlich er berbei, lauerte auf ſie, und glaubte ſie ſchon ertappt zu haben. Er ſah den über ihm ſchwebenden gelben Vogel nicht, der auf ihn Jaad machte; ich aber ſah den Vogel. Schon längte er ſeinen Hals, den Heu⸗ ſchreckenfreſſer zu verſchlingen, und ſah mich nicht, der unter dem Baum ſtand und eben— den Pfeil auf ihn adrücken wollte. Indem ich dieß alles ſah, dachte ich bei mir ſelbſt:„ihr armen Thiere atlle beſchäftigt mit der nahen Beute, glaubt ihr derſelben ſchon gewiß zu ſeyn, und ſeht die Gefahr nicht, die über euch ſchwebet. Sähet ihr ſie. ihr vergäßet der Beute, und eiltet, euch ſelbſt zu retten und euer Leben.“ „Ich weiß, was du ſagen willſt,“ ſprach der Koͤ⸗ nig.„Man laſſe das Reich King in Ruhe; wir ha⸗ ven mit uns zu thun.“ 42. Eigne und fremde Schuld. Kin⸗Tſong, König von Tſi,(er, der den Auf⸗ ſeher ſeines Lievlingspferdes mit eigner Hand erſtechen wollte)*) als er eines Tages reichlich getrunken hatte, warf ſeinen Königsſchmuck bei Seite, ſetzte ſich nachläͤß ſig hin, ergriff ein muſikaliſch Inſtrument und fragte die um ihn waren: ob ein tugendhafter König ſich nicht auch ein Vergnügen machen dürfe?„Warum nicht?“ antworteten ſie insgeſammt.„Wohlan,“ ſagte Kin⸗ Tſong, ſo laßt eilig den Wagen anſpannen und Yen⸗ Tſe herholen, daß er an unſerer Freude Theil nehme. Sogleich erſchien Den⸗Tſe, in Ceremonienkleidern „Wir haben es uns bequem gemacht,(ſagte der König. als Yen⸗Tſe vor ihn trat,) vergeſſen der Geſchaͤfte und genießen eine fröhliche Stunde. Habe es auch ſo *) Siehe S⸗ 22) 245: gut wie wir, Yen⸗Tſe, lege ab deine Kleider.“„Ver⸗ geben Sie mir, gnädiger Herr,“ ſprach Ven⸗Tſe,„das darf ich nicht; es iſt wider unſre Gebrauche. Man nimmt es für eine Regel an, daß ein Kaiſer, der ſich ſelbſt vergißt, das Reich nicht lange behalten könne; dieß gilt auch von Königen Fürſten, Dienern des Staats und Hausvätern. Im Tſchi⸗kung heißet's: es ſey einem Menſchen beſſer, daß er jung ſterbe, als daß er die Gebräuche veleidigt.“ Kin⸗Dſong ward ſchamroth, ſtand auf, und ſagte: „Ich bin ein Menſch ohne Wohlſtand, ich geſtehe es; aber woher kommt's? Weit ich olche Leute um mich habe. Sie haben alle an meinem Fehler Theil.“ „ Prinz,“ antwortete YNen⸗Tſe,„ihr Antheil an dieſem Fehler wird ſo groß nicht ſeyn. Wenn ein Re⸗ gent die Gebräuche in Ehren hält, ſo ſind die ihm Gleichgeſinnten gern um ihn; die andern gehen ihm gern aus den Augen. Eben ſo natürtich geſchieht das Gegen⸗ theil, wenn der Regent ſich vergißt. Strafen Sie ja nicht Ihr Verſehen an Fremden.“ Du haſt Recht,“ antwortete Kin⸗Tſong, legte ſeine königlichen Klei⸗ der wieder an, dankte Yen⸗Tſe und ließ ihn wieder heimfahren; gab auch fortan auf ſich Acht und genoß von denen, die um ihn waren, Achtung. 13. Der treue Diener, auch im Tode. „Die Fehler der Regenten, ſagt Lieu⸗hiang, ſind alle von Folgen; es ſind Schritte, die dem Verderben entgegenführen. Solche Fehler ſehen und dazu ſa wei⸗ gen, wenn man berechtigt iſt dagegen zu reden, iſt even ſo viel als die Wohlfahrt ſeines Herrn nicht lieben, mit⸗ hin kein getreuer, eifriggeſinnter Diener ſeyn.“ „Dieſer Eifer aber hat ſeine Grenzen Die allge⸗ meine Regel iſt, daß, wenn man dreimal Vorſtellung 246 gethan und nicht gehört worden iſt, man ſein Amt nie⸗ derlege und ſich entferne. Geſchieht dieß nicht, ſo ſetzt man Ehre und Leben in Gefahr; ein Verluſt, dem man billig zuvorkommen ſollte. Schweigt man dagegen, wenn ein Regent große Fehler begeht, ſo ſetzt man ihn ſammt dem Staat in Gefahr; dann muß man bei einem wah⸗ ren Eifer ſein Leben ſelbſt nicht achten. Nur darauf kommt es an, daß man das Gemüth des Herrn kenne, die Umſtände reiflich erwäge und ſich alles zu Nutz ma⸗ che, ſowohl ſich ſelbſt zu ſichern, als dem Regenten und dem Staat nützlich zu ſeyn.“ Lin⸗Kong, als er den Staat von Uei regierte, bediente ſich in geheimen Geſchäften des Mi⸗tſe⸗toan, der ein Menſch ohne Verdienſte und Tugend war, da⸗ gegen der verſtändige und tugendhafte Kiu⸗pe⸗yu kei⸗ nen Antheil daran haben durfte. Su⸗tſiu, damals Miniſter, gab ſich alle Muͤhe, jenen zu entfernen, die⸗ ſen dem Prinzen zu nähern; alles aber umſonſt. Als er dem Tode nahe war, rief er ſeinen Sohn zu ſich und ſagte:„ich befehle dir hiemit, daß nach meinem Tode die Trauerceremonien am gewöhnlſichen Orte nicht ge⸗ halten werden, ich bin dieſer Ehre nicht werth. Ich bin nicht ſo geſchickt geweſen, meinem Herrn den wich⸗ tigſten Dienſt zu leiſten, den Mi⸗tſe⸗toan von ihm zu entfernen. Wähle alſo nur den nordichen Saal da⸗ zu; und auch der iſt zu viel für mich.“ Als Su⸗tſiu todt war, erſchien der Fürſt bei der Trauerceremonie. Da er ſahe, daß man nicht den ge⸗ wöhnlichen Saal dazu gewählet, fragte er den Sohn um die Urſache, der ihm dann Wort für Wort erzählte, was der Vater auf ſeinem Todtenlager geſagt und ver⸗ ordnet. Lin⸗Kong ſtampfte mit dem Fuß, veränderte die Geſtalt und ſagte, gleich einem, der aus tiefem Schlaf erwacht:„mein Lehrer hat ſich in ſeinem Leben um⸗ ſonſt bemüht, mir einen treuen Diener zu verſchaffen und einen Böſewicht von mir zu entfernen. Er hat 247 ſich keine Mühe verdrießen laſſen, und ſelbſt nach dem Tode ein Mittel gefunden, ſeine Vorſtellung an mich zu wiederholen. Das heißt ein unermüdeter Eifer.“ Augenblicklich ließ er den Saal zu den Ceremonien än⸗ dern, ſchaffte den Mi⸗tſe⸗toan weg und nahm den Kiu⸗pe⸗yu zum Miniſter an. Das ganze Reich freuete ſich über dieſe Veränderung und befand ſich dabei wohl. 14. Die Stiefmutter. Unter der Regierung des Sven⸗Vang fanden die Wächter des Schloſſes einen eben erſchlagenen Mann auf dem Felde, und einige Schritte davon zwei Brüder, die man als wahrſcheinliche Urheber des Mordes ge⸗ fänglich einzog. Da der Todte nur Eine Wunde hatte, die alſo auch nur Einen Thäter vermuthen ließ, entſtand die Frage, welcher von beiden der Thäter ſey? Keiner der Brüder wollte die Schuld auf den andern kommen laſſen; jeder ſagte: er ſey der Mörder. Die Sache kam vor den König. „Beiden das Leben zu ſchenken,“ ſprach er,„hieße Mördern Gnade widerfahren laſſen; beide tödten zu laſ⸗ ſen, da nur Einer den Mord verübt haben kann, wäre wider die Geſetze und grauſam. Am beſten muß ſie die Mutter kennen; Einer muß ſterben; ihr urtheil ent⸗ ſcheide.“ In Thränen brach die Mutter aus, da ihr der Be⸗ fehl des Königs überbracht ward.„Indeſſen, wenn ich wählen ſoll und muß,“ ſprach ſie,„ſo ſterbe— der Jüngſte. Der Aeltere lebe.“ Der Richter wunderte ſich, daß wider die Gewohn⸗ heit der Mütter, die den Jüngſten gewöhnlich am mei⸗ ſten lieben, dieſe Mutter den Aelteſten wähle; darauf ſprach ſie alſo:„Der, dem ich das Leben rette, iſt nicht 248 mein leiblicher Sohn; er war meinem verſtorbenen Mann in der erſten Ehe geboren. Ihn wie meinen Sohn zu achten, verſprach ich dem Vater, und habe bisher mein Wort gehalten. Verletzen würde ich's, wenn ich jetzt zum Schaden des Aelteſten aus Mutter⸗Zärtlichkeit mein Kind, den Jüngſten, wählte. Ich fühle, was mir die Wahl koſtet.“ Weinen und Seufzen erſtickten die Worte..— Als dem Könige die Wahl der Mutter berichtet ward, ſchenkte er beiden Söhnen das Leben. 15. Umgang der Juͤnglinge. King⸗kuang, eine edle Frau, hatte nach dem Tode des Gemahls ihren Sohn Uen⸗pe ſorgfältig erzogen. Sie ließ ihn ſtudiren, und als er nach geendigten Stu⸗ dien wieder nach Hauſe kam, gab ſie auf ſein Betruͤgen Acht, vorzüglich auch, mit wem er umginge. Da ſle ſah, daß alle ſeine Geſellſchafter ihm mit ungemeiner Höflichkeit begegneten, ſchloß ſie daraus, daß ſie an Jah⸗ ren ſo wenig als ſonſt ihm gleich ſeyn müßten, mithin er von ihnen nichts kernen könne. Alſo als einſt ſich die Geſellſchaft entfernt hatte, ſprach ſie zu ihrem Sohn:„Als Kaiſer Vu⸗vang einſt aus dem Audienzzimmer trat, ging ihm eins ſeiner Knie⸗ bänder los, ſein Strumpfband fiel nieder. Er ſah um ſich und ward keinen gewahr, dem er glaubte, befehlen zu können, daß er ihm das Strumpfband aufhübe; lau⸗ ter verdiente, ehrwürdige Männer waren ſeine Geſelr⸗ ſchaft. Er bückte ſich daher ſchnell und hob es ſelbſt auf. Huen⸗kung hatte fortwährend drei Freunde um ſich, und außer ihnen fünf Bediente, die auf ſeine Fehler Acht geben mußten. Er hörte ſie an, und jeden, der ihm darüber etwas ſagte. Tſcheu⸗kong ehrte die . 249 Alten; er beſuchte ſie in ihren Häuſern auch in den klein⸗ ſten Straßen, und ſchickte ihnen von ſeiner Tafel. Dieſe drei großen Männer waren Prinzen und betrugen ſich alſo. Dadurch ward es ihnen leicht, ihren Rang zu vergeſſen und täglich vortrefflicher zu werden. Ihr hin⸗ gegen, mein Sohn, ſo jung und noch ohne Bedienung, ihr machet es anders. Ich ſehe lauter Leute um Euch, die Euch in allem weichen, Euch für ihren Overn er⸗ kennen; ohne Zweifel alle jünger als ihr, und noch nicht einmal ſo weit gekommen, als Ihr kamet. Was kann euch ein ſolcher Umgang nützen?“ Uen⸗pe nahm den Verweis mit Dank an und än⸗ derte ſeine Geſellſchaft. Er hielt ſich fortan zu ättern, verſtändigen, wichtigen Männern, begleitete ſie und war die Stütze, worauf ſie ſich lehnten. King⸗kuang, ſeine Mutter, hatte darüber große Freude.„Sehet meinen Sohn,“ ſprach ſie;„jetzt bekommt er ſeine rechte Geſtalt; er wird ein Mann.“ 6 16. Der Ich⸗Philoſoph. Eines Tages ging Uang⸗vongeming mit eini⸗ gen ſeiner Schüler durch die Hallen, wo zwei Sack⸗ träger mit einander zankten.„Du haſt weder Ver⸗ nunftnoch Gewiſſen,“ ſchrie der eine;„du keins von beiden,“ ſchrie der andre noch lauter.„Du biſt ein Betrüger!“ rief jener;„du haſt ein Herz voll Ränke, (pprach dieſer) aus dem Gerechtigkeit und Billig⸗ keit verbannt iſt.“ Uang⸗yvong⸗ming wandte ſich u ſeinen Schü⸗ lern.„Höret ihr,“ ſprach er,„dieſe Sackträger führen die Sprache der Philoſoxhie.“„Philoſophie?(erwie⸗ derte einer derſelben) ich höre ja nichts als Schreien und Schimpfen.“„Wie?“ ſprach Uang⸗vongeming, 8 250 „höret ihr nicht, daß ſie alle Augenblicke die Worte wie⸗ derholen: Vernunft, Gewiſſen, Herz, Gerech⸗ tigkeit? Wenn das nicht Philoſophie iſt, was iſt's denn?“„Es mag Philoſophie ſeyn, was braucht's denn aber beim Philoſophiren des Schreiens, des Schimpfens?“ „Das kommt daher,“ antwortete der Lehrer,„weil jeder von dieſen beiden nichts als des Gegners Fehler gewahr wird, die ſeinigen aber nicht ſiehet. O wie viel haben ſie ihresgleichen!“ „Das größte Uebel eines Menſchen,“ fuhr er fort,„iſt Hochmuth. Iſt ein Sohn hoffärtig, ſo iſt er nicht ehr⸗ erbietig gegen ſeine Eltern; ein ſtolzer Unterthan hört auf, ein guter Unterthan zu ſeyn. Ein ſtolzer Vater verliert den Vaterſinn; ein ſtolzer Freund die Geſinnung des Freundes. Was Tſun und Tanſchu wurden, wurden ſie durch Stolz; alle ihre Fehler waren Früchte dieſes faulen Baumes. Ihr, die ihr nach Weisheit ſtre⸗ bet, entfernt euch keinen Augenblick von der himmli⸗ ſchen Vernunft, die das Weſen unſrer Seele aus⸗ macht; ſie iſt an ihr ſelbſt rein und erleuchtet, und da⸗ mit ſie dieß bleibe, müßt ihr in allem das Ich von ihr entfernen. Das iſt genug. Verſchwindet dieſes nicht aus dem Grunde eures Herzens, ſo ſprießet der Stolz empor, die Wurzel aller Laſter. Woher waren unſre Vorfahren ſo tugendhaft und beliebt? Weil ſie das Ich unterdrückten; da ward ihnen die Demuth leicht, der Grund aller Tugend.“ 17. Treue im Dienſt.. Als Kung⸗Tſee an die Grenzen des Diſtrikts Schan⸗Fu kam, dem ſein geweſener Schüler Ming⸗ Tſe als Mandarin vorſtand, ſchickte er U⸗ma⸗ki vor⸗ aus, um ſich nach dem Zuſtand der Provpinz zu erkun⸗ 251 digen. U-ma⸗ki traf auf einen Fiſcher, der eben das Netz gezogen hatte, die gefangenen Fiſche ſonderte, und viele derſelben in den Strom zurück warf.„Warum thuſt du dieß?“ fragte U⸗ma⸗ki,„und machſt einen Theil der Arbeit vergeblich?“„Weil unſer Mandarin es ſo befohlen, die kleinen Fiſche in ihr Waſſer zurück⸗ zuwerfen, damit ſie größer werden. Hätte ich lauter kleine Fiſche gefangen gehabt, ich hätte es eben ſo ge⸗ macht; meine Arbeit ſollte mir nicht leid gethan haben.“ „Gute Verfaſſung.“ ſagte Kung⸗Tſee, da er dieß hörte,„gute Verfaſſung, wo der Untergebene dem Be⸗ fehlenden zutraut, daß er ihm nur Gutes befehle, und wo dieſer ihm nur ſolches befehlen will. Da gebietet man angenehm; da dient man freudig und mit Luſt.“ Er wandte ſeinen Wagen weiter. 18. Des Feldherrn Tafel. Als Tſu und Tſin gegen einander kriegten, gerieth die Armee des Reichs Tſu in einen Mangel an Lebens mitteln. Tſe⸗fa, ihr Feldherr, ſchickte deßhalb einen Courier an den König, dem er zugleich einen Gruß an ſeine Mutter auftrug.„Wie geht's der Armee?“ fragte dieſe, ſobald der Courier eintrat.—„Schlecht,(ant⸗ wortete er) da ihr Lebensmittel mangeln; die Erbſen werden dem Soldaten zugezählet.“„Und euer Gene⸗ ral, fuhr ſie fort, wie lebt dieſer?“„Auch ſchmal; er hat Abends und Morgens nichts als Kräuter, ein we⸗ nig verdorben Fleiſch und ziemlich ſchwarzen Reis.“ Sie ließ den Courier ziehen, und als einige Zeit darauf ihr Sohn Tſe⸗fa als Ueberwinder zurückkam, verſchloß ſie ihm die Thür ihres Hauſes. Tſe⸗fa, beſtürzt über dieſen Empfang, bat vertraute Freunde, ſeine Mutter um die Urſache deſſelben zu be⸗ 2⁵²2 fragen.„Sohn,“ redete ſie ihn an,„wiſſet ihr nicht, was König Nue that, als er wider Ou Krieg führte? als er auf ſeinem Zuge ein Geſchenk von Wein em⸗ pfing, theilte er's mit ſeinen Soldaten; ſo in einem an⸗ dern Feldzuge den Sack trocknen Reißes und Fleiſches, den man ihm reichte. Weder von Wein noch Reis be⸗ hielt er für ſich das Geringſte. Und Ihr, mein Sohn, konntet Morgens und Abends Tafel halten, indeß Euren Soldaten täglich einige Erbſen zugezählt wurden! Tſe⸗ fa mag immerhin überwunden haben; in meinen Augen iſt er kein vollkommener Feldherr.“ Tſerfa ſchämte ſich, und bekannte ſein Unrecht. Die Thür der Mutter ward ihm geöffnet. Beilage. Moent esquienu von den Sineſen.“) „Die Sineſiſchen Geſetzgeber gingen weiter als Ly⸗ rurg; Religion, Geſetze, Sitten und Lebensweiſe miſch⸗ ten ſich in einander. Die Vorſchriften, welche dieſe vier Hauptpunkte betrafen, nannte man heilige Gebräu⸗ ch ez auf der genauen Beobachtung dieſer Gebräuche be⸗ ruhete die ſineſiſche Regierung. Mit Erlernung der⸗ ſelben brachte man ſeine Jugend zu und verwandte ſeine ganze Lebenszeit darauf, ſie in Ausübung zu bringen. Die Gelehrten gaben darinn Unterricht, die Obrigkeiten predigten ſie; und da ſie alle kleinen Handlungen des Lebens umfaßten, ſo wurde, wenn man Mittel fand, ſie genau iws Werk zu richten, Sina gut regieret.“ „Zwei Dinge halfen dazu, dieſe Gebräuche dem Her⸗ zen und Geiſt der Sineſer leicht einzuprägen. Das Erſte iſt ihre Schreibart. Da dieſe äußerſt zuſammengeſetzt iſt, ſo machte ſie, daß während einem großen Theil des gebens der Geiſt einzig beſchäftigt war⸗ dieſe Gebräuche Kennen zu kernen, weil man leſen lernen mußte, um in Büchern und aus Büchern dieſe Gebräuche zu lernen. Das Zweite war, daß dieſe Gebräuche nichts Geiſtiges enthielten, ſondern bloß Regeln einer gemeinen Aus⸗ übung waren: ſo trafen ſie den Geiſt reichter und grif⸗ fen tiefer in ihn ein, als wenn ſie etwas Intellektuel⸗ kes geweſen wäͤren.“ *) Esprit des loix L. KIX. Chap. XVII. 254 „Daher verlor Sina ſeine Geſetze nicht, als es er⸗ obert ward. Da Lebensart, Sitten, Geſetze und Religion bei ihnen eins und daſſelbe waren, ſo ließ ſich dieß al⸗ les nicht auf einmal ändern; und da doch Einer, ent⸗ weder der Ueberwundene oder der Ueberwinder, ändern mußte: ſo war es in Sina immer der letzte. Denn weil ſeine Lebensart und Sitten, ſeine Geſetze und Re⸗ ligion nicht eins waren, ſo ward es ihm leichter, ſich nach und nach dem überwundnen Volk, als dieſem, ſich ihm zu bequemen.“ „Daher auch das Chriſtenthum ſchwerlich je in Sina aufkommen wird. Die Gelübde der Jungfrauſchaft, die Verſammlungen der Weiber in den Kirchen, ihr noth⸗ wendiger Zuſammenhang mit den Dienern der Religion, ihre Theilnahme an den Sakramenten, die Ohrenbeicht, die letzte Oelung, die Heirath einer einzigen Frau, al⸗ les dieß kehrt die Lebensart und Sitten des Landes um, und ſtößt eben ſo ſehr gegen Religion und Geſetze des Reichs an. Die chriſtliche Religion durch ihr Gebot der Liebe, durch ihren öffentlichen Gottesdienſt, durch eine gemeinſchaftliche Theilnehmung an den Sakramen⸗ ten ſcheint alles vereinigen zu wollen; die Gebräuche der Sineſer wollen, daß ſich alles ſondere.“ „Und da dieſe Sonderung am Geiſt des Deſpotis⸗ mus hängt, ſo wird damit auch eine der Urſachen klar, warum die Monarchie oder eine gemäßigte Regierung ſich mit dem Chriſtenthum beſſer vertrage als der Deſpo⸗ tismus.“ VIII. Ueber den Werth morgenlaͤndiſcher Erzaͤhlungen, zur Bildung der Jugend. Ueber den Werth morgenlaͤndiſcher Erzaͤhlungen, zur Bildung der Jugend.*) Im Fruͤhlinge des Lebens, wenn unſre junge Einbildungskraft aufwacht, ſind wir ungemein ge⸗ neigt, uns eine Welt zu denken, die nicht um uns iſt. In der, die uns umgibt, finden wir uns enge und den Gang der Dinge um uns her alltaͤglich; wir haſchen alſo gern nach dem Wunderbaren, ſetzen uns in Zeiten, die nicht mehr ſind, in Laͤnder, die wir weder geſehen haben noch ſehen werden, ja wir fuͤhlen eine Freude darinn, jedem Außerordentlichen, das uns vorkommt, den Zuſatz einer Rieſengroͤße zu geben oder es mit allen den Farben auszuſchmuͤcken, die unſer Herz daran liebet. Ein großer Theil vom *) Dieſer Aufſatz ſteht als Vorrede zum erſten Theil der Palmblätter, Gotha 1786, bei Ettinger, der ſchönſten Sammlung erleſener morgenländiſcher Erzählungen. Anm. d. Herausg. Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 17 258 Anmuthigen der Jugend liegt hierinn; in dem Zau⸗ berglanz friſcher Eindruͤcke naͤmlich, in der blen⸗ denden Groͤße, die uns das Neue der Welt ge⸗ waͤhret. Auch dieſe Anlage in uns iſt eine Gabe des Schoͤpfers, der jedes ſeiner Geſchoͤpfe bei jedem Schritt ſeines kurzen Daſeyns hlenleden mit den Faͤhigkeiten verſah, die fuͤr dieſes und fuͤr ſeine fol⸗ genden Zeitalter gehoͤrten. Denn im menſchlichen Leben entwickelt ſich ein Zuſtand aus dem andern: wie ſich die Tage ketten, ſo ketten ſich auch unſere Ge⸗ danken, und was der Fruͤhling nicht ſaͤete, kann der Sommer nicht reifen, der Herbſt nicht ernten, der Winter nicht genfeßen. Wie eine volle Knoſpe bricht alſo unſer Daſeyn zur Zeift der Jugend hervor, da⸗ mit es die ſpaͤtern Jahre des Lebens reifen. Unſere Gedanken und Wuͤnſche reichen in ihr weiter hinaus, als unſere Haͤnde je reichen werden. Gluͤcklich iſt dieſe Zeit der Jugend, auch in ih⸗ rem erſten ſchoͤnen Traum gluͤcklich. Sie ahnet viel, denn ſie kennet noch wenig; ſie hoffet viel, denn ſie iſt noch nie von den Schranken zuruͤckgeſtoßen, die unſere beſten Hoffnungen einſchraͤnken. Wir haben alſo dem Schoͤpfer fuͤr dieſen Morgen voll ſchoͤner Bilder, fuͤr dieß Paradies unſchuldiger Hoffnungen und Wuͤnſche ſehr zu danken. Aber wir haben auch Fleiß anzuwenden, daß wir dieß Paradies Gottes bauen, und uns nſcht in Wolken verlieren, die bei ihrer ſchoͤnen Geſtalt zuletzt in fuͤrchterliche Ungewit⸗ ter ausbrechen koͤnnten. Nichts hat der Menſch in ſich ſo ſehr zu bezaͤhmen als ſeine Einbildungskraſt, ☛ 259 die beweglichſte und zugleich die gefaͤhrlichſte aller menſchlichen Gemuͤthsgaben. Tauſend Uebel des Lebens, die uns in ſpaͤtern Jahren verfolgen, ja die wir mit uns in unſerer Bruſt umhertragen, entſpran⸗ gen daher, daß wir in der Jugend unſere Phantaſie verwoͤhnten, daß wir uns Luftgeſtalten ſchufen, die fuͤr dieſes Leben keinen Beſtand haben, weil wir ſie uͤbel zuſammenſetzten. Viele Jahre gehoͤren nach⸗ her dazu, uns von dem ſuͤßen Truge vielleicht bitter zu entwoͤhnen, und manche Menſchen bleiben bis auf den letzten Tag ihres Lebens mit ſich ſelbſt und mit andern gequaͤlte und betrogene Kinder. Worauf ſol⸗ len wir alſo unſere jugendliche Einbildungskraft rich⸗ ten, damit ſie ihres Ziels nicht verfehle und in der gehoͤrigen Laufbahn bleibe? Jedermann ſagt: auf Beiſpiele des Guten und Edlen; allein wo ſind dieſe? Waͤren ſie im gemeinen Leben vor uns, waͤren ſie auf allen Straßen, in allen Handlun⸗ gen und Geſchaͤften ſo zahlreich, daß wir nicht an⸗ ders als ſie uͤberail ſehen und ihnen gleichfoͤrmig handeln muͤßten, ſo lebten wir freilich in einer wahren Tugendſchule: denn nichts wirkt, auch ohne daß wir es gewahr werden, auf unſer jugendliches Gemuͤth mehr, als das Beiſpiel derer, mit denen wir leben. Dreimal gluͤcklich iſt die aufbluͤhende Seele, der, als ſie noch Knoſpe war, der Himmel eine ſo ſchoͤne Stelle verlieh! Vorbilder des Guten und Edlen ſtanden um den aufmerkſamen Juͤngling und druͤckten ſich mit der liebevollen Gewalt der Tu⸗ gend ſo ſanſt und zugleich ſo maͤchtig in ſein Herz, daß er, ohne es zu wiſſen, ihnen gleichfoͤrmig han⸗ 260 deln lernte, und auch ſo handeln wird, wenn ihre körperlichen Geſtalten ſich laͤngſt ſeinem Auge, ja viel⸗ leicht ſeinem Gedaͤchtniß ſelbſt entzogen haben. Aber woher ſollen wir dieſe Tugendbilder nehmen, wenn ſte nicht da ſind? oder was ſollen wir, wenn ſie feh⸗ len, an ihre Stelle ſetzen? Goldene Sitten⸗ ſpruͤche und Regeln ſind freilich von unſchaͤtz⸗ harem Werth: fruͤhzeitig gelernt, geben ſie unſerm Geiſt, wenigſtens unſerm Gedaͤchtniß einen ſchoͤnen Vorrath zukuͤnftiger Bemerkungen auf die Reiſe des Lebens; allein wie viel fehlt ihnen noch, daß ſie mit aller Macht des Beiſpiels wirken! Aus einzelnen Erfahrungen wurden ſie gezogen; in dieſe muͤſſen ſie alſo zuerſt zuruͤckkehren und ſich mit der Geſchichte gleichſam umkleiden, ehe ſie nur als lebendige We⸗ ſen vor uns erſcheinen, geſchweige zu unſerm inner⸗ ſten Bewußtſeyn ſprechen, und unſerm Geiſt oder Herzen ihr Bild eindruͤcken koͤnnen; außerdem blei⸗ ben ſie bloße Schattengeſtalten oder ſind leere Toͤne. Es iſt alſo bei ihnen, inſonderhelt wenn ſie auswen⸗ dig gelernt werden, Maaß und Vorſicht nicht genug zu empfehlen: denn ein Kind, das viele Sitten⸗ ſpruͤche auf der Zunge hat, ohne ſie weder dem Ver⸗ ſtande eingepraͤgt, noch mit der Anwendung verbunden zu haben, wird gar bald einem duͤrren Gewaͤchs gleich, das man ſtatt eigener Fruͤchte mit fremden Perlen bekraͤnzte. Alſo werde die Sittenlehre in Handlung geſetzt, oder ſie entſpringe vielmehr ſelbſt aus Handlung; und hier bieten ſich zuerſt die Einkleidungen an, die man aͤſopiſche Fabeln nennt. Nicht weil Ae⸗ 261 ſop dieſe Gattung des unterrichts erfunden, heißen ſie alſo: denn ſowohl im Orient als bei allen auch nur halb gebildeten Voͤlkern der Erde hat der menſch⸗ liche Verſtand dieſe angenehme Haͤlle, unter der er ſelbſt zu Begriffen gelangte, werthgehalten und gebrau⸗ chet. Nur weil die Griechen der aͤſopiſchen Fabel den wiſſenſchaftlichen Umriß gaben, und weil wir aus ihrer Hand eine gute Anzahl ſolcher Dichtungen em⸗ pfingen, die Aeſops Namen tragen, hat die ganze Gattung ſich unter dieſen Namen gezogen, ſtatt deſ⸗ ſen man eben ſowohl orientaliſche, Lockman⸗ niſche oder Pllpaiſche Fabeln ſagen koͤnnte. Und allerdings hat dieſe Einkleidung inſonderhelt fuͤr Kinder einen großen Reiz. Indem ſie Gegen⸗ ſtaͤnde der Natur, inſonderheit Thiere, ſprechen und handeln ſehen, wird ihr Hang zum Neuen und Wun⸗ derbaren aufgeregt, und mit einer oft unerwarteten nuͤtzlichen Lehre ſehr angenehm befriedigt. Sie em⸗ pfangen Unterricht von Lehrern, deren Zurechtweiſung ſie gern annehmen, und je mehr kleine Zuͤge von Sitten der Thlere und ihrer Lebensweiſe in die Fa⸗ bel verflochten werden, deſte mehr wird dieſe ein Blatt aus der lehrenden Naturgeſchichte. Indeſſen iſt's auch bei dieſer, wie bei allen dich⸗ teriſchen Einkleidungen, ſichtbar, daß ſie ihre engen Grenzen und einen ſehr beſchraͤnkten Spielraum habe. Nicht jede Lehre, die fuͤr die Jugend gehoͤrt, kann einem Thier in den Mund gelegt oder in ſei⸗ ner Handlungswelſe ausgedruͤckt werden; ja ich wage es zu ſagen, die edelſten eigentlichen Lehren fuͤr die menſchliche Tugend koͤnnen es gar nicht. Erfah⸗ 262 rungsſaͤtze und Regeln der Klugheit, wie z. B. der Staͤrkere den Schwaͤchern unterdruͤckt, der Schwaͤ⸗ chere ſich durch Klugheit und Liſt vertheidigt und der⸗ gleichen, finden im Reich der Fabel eine Menge der lehrendſten Beiſpiele; wahre Großmuth aber, eine Tugend, die waͤhlt, ſich ſelbſt beſtimmt und Leiden⸗ ſchaften uͤberwindet, liegt, wie jedermann weiß, ei⸗ gentlich gar nicht im Charakter der Thiere. Alſo muͤßte die Denkart dieſer erhoͤhet, ihre Sitten muͤß⸗ ten voͤllig humaniſirt werden, wenn ſie dergleichen Lehren anſchaubar machen ſollen; dann aber iſt's leicht begrelflich, daß, je menſchlicher die Fabel auf dieſe Weiſe wird, deſto mehr ihr Reiz und ihre ein⸗ dringende Kraft ſelbſt verſchwinde. Nur auf der Einfalt, ja gleichſam auf der naturhiſtoriſchen Wahr⸗ heit des vorgeſtellten Beiſpiels beruhet dieſe. Der Fuchs, der Loͤwe, der Tiger ſpricht nicht mehr uͤber⸗ redend fuͤr mich, ſobald er nicht mehr in ſeinem Cha⸗ rakter ſpricht und hanbelt. Es iſt der verkleidete Moraliſt, der, ohne damit taͤuſchen zu koͤnnen, die Geſtalt des Thiers annimmt und beſſer thaͤte, wenn er die Lehre, die mir kein Thier ſagen kann, auf eine beſſere Weiſe als Menſch ſagte. Der Menſch iſt des Menſchen erſter und vorzuͤglichſter Lehrer, und da dieſer ihn abermals mehr durch ſein Bei⸗ ſpiel als durch ſeine Worte unterrichten kann: ſo entſtehet die Frage:„woher ſind die unterrichtend⸗ ſten Beiſpiele des Menſchen zu nehmen?“ Ohne Zweifel aus der Geſchichte, wird man ſagen; aber auch hinzuſetzen muͤſſen, wenn die gewoͤhnliche Ge⸗ ſchichte ſolche liefert. Da unſre Geſchichte aber ſich 265 meiſtentheils mit ganz andern Thaten ganz anderer Menſchen beſchaͤftigt, als die zum Unterricht der Ju⸗ gend dienen, da ſie, der hergebrachten Gewohnheit nach, am weitlaͤuftigſten iſt, Thaten der Koͤnige zu beſchreiben, die ſie ſelbſt niemals gethan haben, oder ihre Feldzuͤge und Eroberungen zu ſchildern, die fuͤr die Jugend ſelten ein erbauliches Bild ſind, da ihre Begebenheiten entweder ſo ſehr an die Fa⸗ beln grenzen, daß es einer Offenbarung beduͤrfte, in jedem Fall die Wahrheit von der Luͤge zu ſchei⸗ den, oder in ihr endlich alles mit ſeinen politiſchen Ruͤckſichten ſo verwebt iſt, daß es einer herkuliſchen Muͤhe brauchte, aus dieſer dunkeln Tiefe Gold zu finden: ſo ſiehet ſich der Unterricht der Menſchen leider! auch hier meiſtens der eigenen Compo⸗ ſit ion uͤberlaſſen, wie er die Geſchichte ſtellen und wenden will, damit ſie zur Bildung des Geiſtes und Herzens nur einigermaßen einiges Gute enthalte. Man hat ſich alſo auf allerlei Art zu helſen ge⸗ ſucht, um aus der großen Menge deſſen, was in der Geſchichte fuͤr die Jugend unverſtandlich oder wenig erbaulich waͤre, Gutes zu ſammeln und zu bereiten. Plutarche haben Lebensbeſchreibungen herausge⸗ ſucht und ſchon Fenophon hat, auf Sokrates Wink, kein Bedenken getragen, das Leben ſeines Cyrus zu einer Cyrvpaͤdie zu verſchoͤnen. Ja wem ſind nicht durch alle Zeitalter die vielen Geſchichten bekannt, die nur deßwegen ſich mit der Fabel miſch⸗ ten, damit ſie doch wenigſtens lehrreich wuͤrden, und ein Ganzes zu Stande braͤchten, das das Stuͤck⸗ werk der buͤrgerlichen Geſchichte uns ſelten darſtellt. 264 Es war eine Zeit, da dieſe Geſchicht⸗Romane ſehr im Gebrauch waren; allein eine beſſere Zeit hat auch hier die Wahrheit von der lehrreichen Luͤge geſon⸗ dert. Wer erdichten will, dichte ganz: wer Ge⸗ ſchichte ſchreiben will, habe das Herz, die Wahrheit nackt zu zeigen. Denn was waͤre es endlich, was das Chronolo⸗ giſche der Geſchichte zur Bildung des Herzeus bei⸗ truͤge? Gewinnet eine edle That irgend etwas Be⸗ lehreudes dadurch, wenn ich weiß, daß ſie Phllip⸗ pus in Macedonien und kein andrer gethan habe? Der Chronolog zaͤhle ſeine Jahre, der Kritiker be⸗ richtige ſeine Dokumente, der Polltiker ſtelle ſie in Zuſammenhang ſeiner Welthaͤndel, und der Philo⸗ ſoph forſche ihrer allgemeinen Verbindung nach, dem Moraliſten ſind Facta nur Facta, Begebenheiten nur Begebenheiten. Er ſondert ſie aus und erzaͤhlt ſie, wie man eine Fabel oder ein Maͤhrchen erzaͤhlt, damit ſie eine unterrichtende Lehre anſchaulich ma⸗ chen, als menſchliche Beiſplele. Wenn ſeine Ge⸗ ſchichte ganz außer der Zeit, in einem erdichteten Lande ſich zutruͤge; und ſie iſt menſchlich wahr, unterrich⸗ tend, anſchaulich, ruͤhrend: deſto beſſer fuͤr ihn! deſto reiner iſt die Wirkung ſeiner Geſchichte. Daß nun unter dieſen moraliſchen Begebenhei⸗ ten, ſie moͤgen wahr oder erdichtet ſeyn, die mor⸗ genlaͤndiſche Erzaͤhlung einen vorzuͤglich⸗ſchoͤ⸗ nen Platz einnehme, daruͤber darf man nur das Ge⸗ fuͤbl der Jugend fragen. Ich bin mir der Zeit noch wohl bewußt, da ich in meiner Kindheit die Gel⸗ lertſche Erzaͤhlung las: 1 — 265⁵ „Als Moſes einſt vor Gott auf einem Berge trat, u. ſ. w.“ und wle tief mich damals ihre hohe Einfalt ruͤhrte. Auch iſt's nicht der Glanz des Wunderbaren allein, der in den morgenlaͤndiſchen Dichtungen das Auge des Juͤnglings an ſich ziehet, und ſein Gemuͤth wie mit einer goldnen Flamme beſtrahlet; vielmehr iſt's der reine Umriß, die hohe Simpllcitaͤt der Geſtal⸗ ten und Wahrheiten ſelbſt, dle ſich ihm unvergeßllch eindruͤckt. Unſere Geſchichte ſchleicht unter einem Gewirr klelner und feiner Beſtimmungen, des Stan⸗ des, der Lebensart, der Zeit, des Orts, der Perſo⸗ nen einher; dort ſind wenige Geſtalten beſtimmt ins Große gezeichnet. Der Sultan iſt Sultan; der Sklave ein Sklave; das Weib ein Weib; der Mann ein Mann. So iſt's mit den andern Charakteren des Richters, des Hoͤflings, des Einſtedlers, des Zauberers; ſie ſind alle ſo beſtimmt als die Thier⸗ charaktere der aͤſopiſchen Fabel. Dazu iſt dle Lehre, auf welche die Erzaͤhlung angelegt iſt, ſelten von der kleinlichen Art, die in unſern, inſonderhelt artigen, Erzaͤhlungen herrſchet. Die Dichtung iſt kuͤhn und groß; die Lehre, die in hr dargeſtellt wird, unge⸗ mein und euͤhrend. Der Ton endlich iſt, wie in al⸗ len orientaliſchen Schriften, ja der Bibel ſelbſt, morgenlaͤndiſch, d. 1. einfach, groß und edel. Und eben dieſe ungeſuchte Aehnlichkeit mit dem Ton der bibliſchen Geſchichte ſollte ſie uns, wie mich duͤnkt, fuͤr die Jugend noch mehr empfehlen: denn einmal iſt dieſe doch an einen ſolchen Ton gewoͤhnt, der ſei⸗ ner hohen und edlen Einfalt wegen maͤchtig auf ſie wirket. Warum ſollte man alſo nicht ſortgehen und 266 ihr mehr menſchliche Laſter, mehr menſchliche Tu⸗ genden und Lehren in einer aͤhnlichen Geſtalt zei⸗ gen? Ich habe mich alſo gewundert, warum man dieſe trefflichen Proben der morgenlaͤndiſchen menſch⸗ lichen Fabel, die hie und da zerſtreuet und zum Theil mit manchem Unrath bedeckt liegen, nichte laͤngſt fuͤr die Jugend geſammelt und ſie ihr nach ihrer Weiſe erzaͤhlt habe? Die beſten engliſchen Wochenſchriſten, der Zuſchauer, der Abenteuret u. f. haben einige derſelben zu ihrem Zweck zu nutzen gewußt, und die oben angefuͤhrte Erzaͤhlung Gellerts iſt aus dem Zuſchauer genommen, det ſie in wenigen Reihen ſehr einſach vortraͤgt. Ei⸗ nigen davon hat man ein ſchoͤnes poetiſches Ge⸗ wand gegeben, unter denen ich nur Abdallah und Balſora nennen darf, die in Wielande fruͤheren poetiſchen Schriſten einen reizenden Plah einnehmen. Das alles aber gilt nur die eine und die andere Geſchichte; die meiſten waren unuͤber⸗ ſetzt oder ſchlecht erzaͤhlt, oder ſtanden in Samm⸗ lungen, wo man ſie, wie der Hahn die Perle, auf⸗ ſuchte—— Hier ſind ſie nun geſammelt und durchgaͤngig neu erzaͤhlet. Zur Sammlung habe ich Anleitung gegeben; die Erzaͤhlung der Geſchichten iſt der Le⸗ ſer einem andern Verfaſſer ſchuldig. Er hat ſie fuͤr die Jugend eingerichtet, ſie alſo auch vorzuͤg⸗ lich klar und verſtaͤndlich erzaͤhlt, inſonderheit aber ſie von jenem falſchen Schwulſt entladen, den die Europaͤer lange Zeit fuͤr morgenlaͤndiſche Erhaben⸗ heit hielten. An ihrer weſentlichen Geſtalt iſt nir⸗ 267 gend etwas geaͤndert; daher jede Erzaͤhlung auch die Farbe ihres Vaterlandes beibehalten mußte. Sobald aber bei einigen derſelben unſere Nachbarn die Lieblingsfarbe ihrer Sehart dazu gemiſcht und Scherz oder Betrachtungen hingepflanzt hatten, wo der Morgenlaͤnder nicht ſcherzt, und ſchwerlich alſo betrachtet: ſo wird kein Leſer es uͤbel deu⸗ ten, wenn er in Erzaͤhlungen fuͤr die Jugend dieſe falſche Schminke nicht findet. Die Seele eines Kindes iſt heilig, und was vor ſie gebracht wird, muß wenigſtens den Werth der Reinigkeit haben. Fuͤr welche Jugend uͤbrigens dieſe Erzaͤhlungen ſeyen, muß ihr Inhalt ſelbſt ſagen; nach Jahren laͤßt ſich ſo etwas nicht beſtimmen und anordnen. Jeder Lehrer wird wiſſen, was fuͤr ſeinen Lehr⸗ ling gehoͤrt; jede Mutter wird wiſſen, was ſie ih⸗ rem Kinde daraus vorerzaͤhlen oder es ſelbſt leſen laſſen ſoll. Fuͤr Verſchiedene iſt hier Verſchiede⸗ nes; ich hoffe aber nichts Schlechtes. Und ſo dankt denn, ihr Kinder, die ihr dieſe Erzaͤhlungen leſet oder hoͤrt und euch daran freuet; danket dem, der euch dieſe Palm blaͤtter ſammelte, ihre Geſchich⸗ ten euch vorerzaͤhlte, und am ſchoͤnſten belohnt iſt, wenn ihr jedem Edeln und Guten, das ſie euch vorſtellen, mit unablaͤſſigem ſtillen Eifer nachzu⸗ folgen ſtrebet. Weimar, den 25. Febr. 1786. I. Der fliegende Wagen ober die ungebrauchte und mißbrauchte Macht. — Ein morgenlaͤndiſches Maͤhrchen. Einem Tagloͤhner zu Bagdad, der in den Gaͤr⸗ ten der Reichen arbeitete, war in ſeiner Kindheit ge⸗ weiſſagt, daß aus ihm was Großes werden wuͤrde. Da er nun nicht wußte, wie er's anfangen ſollte, um etwas Großes zu werden, geizte er und lebte kaͤrglich. Schon hatte er ſich von ſeinem Taglohn funfzehn goldne Denare geſammelt, die er, wenn er nach geendetem Tagewerk in ſeine gemiethete klei⸗ ne Kammer zuruͤck kam und ſeine Brodrinden gegeſſen hatte, vor Schlafengehen uͤberzaͤhlte, und ſtets da⸗ bei ausrief: wie wird aus mir etwas Großes? als an einem Feiertage, nachdem er ſeine Denare uͤberzaͤhlet hatte, ihm der Gedanke einkam, auf den Markt zu gehen, damit er die Herrlichkeiten der Welt, die nicht ſein waren, wenigſtens uͤberſchauen koͤnnte. Er gaffte hin und her, bis ein Ausrufer voruͤber⸗ sing, der, einen hoͤlzernen Wagen hinter ſich zie⸗ zhend, rief:„Wer kauſt? wer kauft einen Wunder⸗ wagen, auf dem man was Großes wird, fuͤr ſieb⸗ zehn Denare?“ Dem Tagloͤhner fiel der Ruf auf, als ob er ihm gaͤlte, zumal da die Summe, fuͤr die der Wunderwagen ausgeboten ward, der, die er tei ſich trug, faſt gleich kam. Er ließ ſich mit dem 272 Ausrufer ein in den Handel, gab ihm Einen Denar Maͤklerlohn und erſtand den Wagen fuͤr vierzehn De⸗ nare, vergaß aber zu fragen, worinn die Wunder⸗ kraft deſſelhen beſtehe, und wie man auf ihm etwas Sroßes werde? Froh uͤber ſeinen Kauf, ſchleppte er ihn nach Hauſe. Als der Abend kam, und er ſeine Brodrinden gegeſſen hatte, ſeine geliebten Denare aber nicht mehr uͤberzaͤhlen konnte, ſetzte er ſich weh⸗ muͤthig in den Wagen, ſchlug ſich vor die Stirn und ſprach:„Thor, der ich bin! Was ſoll ich mit dir, ungluͤckliche Maſchine, die mir den Schatz meines Lebens geraubt hat? Wer hindert mich, daß ich dich nicht zerſchlage, und ins Feuer werfe, da nie⸗ mand mich lehrt, wie ich in dir was Großes werde? Morgen fruͤh will ich den Ausrufer aufſuchen, und meine Denare zuruͤckfordern. Weigert er ſich, ſo ziehe ich ihn vor den Kadi.“ Zornig ging er zu Bette, und ſchlief unſanft, bis ihm im Traum ein Geiſt erſchien und ihm die liebliche Stimme:„Wun⸗ derwagen! auf dem man was Großes wird,“ vors Ge⸗ muͤth brachte. Mit dem erſten Strahl der Morgen⸗ roͤthe ſprang er auf und ellte zum Markte, wo er den Ausrufer ſogleich fand. 4 „Gib mir meine Denare zuruͤck,“ redete er ihn an,„und nimm deinen Wagen; oder ſage mir deſſen Wunderkraͤfte; wo nicht, ſo fuͤhre ich dich als einen Betruͤger zum Richter.“„Die Wunderkraͤfte weiß ich ſelbſt nicht,“ antwortete der Ausrufer, „komm aber zu dem, der ihn mir zum Ausbot gege⸗ ben hatte, und frage ihn ſelbſt.“ Er fuͤhrte ihn zu einem Kaͤnſtler, der im Geruͤcht der Zauberei ſtand, und 273 und als ihn der Tageloͤhner eben ſo hart wie den Maͤkler angeredet hatte, antwortete ruhig der Kuͤnſt⸗ ler:„Haſt du mich denn ſchon uͤber die Eigenſchaf⸗ ten des Wagens befragt? Du kauſteſt ihn, ohne ſie wiſſen zu wollen, und ich durfte ſie dir jetzt ver⸗ ſchweigen. Das will ich aber nicht. Nimm dieſe Gerte, ſetze dich nach Untergang der Sonne in den Wagen(denn am Tage hat er keine Kraft), be⸗ ruͤhre ihn mit der Gerte und ſprich:„Wagen, flieg⸗ auf! Wagen, flieg' auf!“ Nenne ihm dann den Ort, wohin du willſt, und du nirſt ſeine Wunder⸗ kraft erfahren.“ Freudig verließ der Tageldhner den Kuͤnſtler, konnte den Untergang der Sonne kaum erwarten, als er ſchon, die Gerte in der Hand, im Wagen ſaß, und die magiſchen Worte ausſprach, ohne ſelbſt noch zu wiſſen, wohin die Reiſe gehen ſollte? Ploͤtzllich hob ſich der Wagen, hoͤher und hoͤ⸗ her, faſt ſchon bis zur Milchſtraße empor.„Zum Garten des Sultans hinunter,“ ſprach er ſchnell zum Wagen, und der Wagen ſenkte ſich ſanft nieder. Auf einer Terraſſe vor einem offenen Fenſter blieb er ſtehen; der Tageloͤhner ſah und ſtieg zum Fenſter hinein; es war das Schlafzimmer der Toch⸗ ter des Sultans; ſie ſchlief bei einer brennenden Lampe. Wie war dem Tageloͤhner, als er vor ihr ſtand! und wie war ihr, als ſie Augenblicks er⸗ wachte! In der Tracht, worinn er erſchien, glaubte ſie einen Raͤuber vor ſich zu ſehen, und bot ihm ſo⸗ gleich alle ihre Koſtbarkeiten, wenn er ſich entfernte. „Ich bin nicht, fuͤr den du mich haͤltſt,“ ſprach der Mann mit der Gerte;„Iſrael bin ich, der En⸗ Herders Werke z. ſchoͤn. Lit. u. Kunſt. IX. 18 274 gel des Todes. Ich komme, deine Seele zu neh⸗ men, und deines Vaters, deiner Mutter, der Ve⸗ ziere, der Generale, des ganzen Hofes und Hauſes Seelen.“ Erſchrocken fiel ihm die ſchoͤne Prinzeſſinn zu Fuͤßen:„Womit, womit hat mein guter Vater 3 dieß ſchreckliche Gericht verdient?“„„Er und du koͤn⸗ nen es von allen abwenden,“ ſprach der falſche Iſ⸗ rael:„„denn Liebe zu dir zog mich in dieſen Pallaſt. Vermaͤhlt dein Vater dich mir foͤrmlich, ſo bleibſt du, ſo bleiben alle am Leben, und wir genie⸗ ßen hier im Pallaſt froͤhliche Tage. Naͤchſten Frei⸗ tag erſcheine ich hler um dieſelbe Stunde. Ret⸗ tet euer Leben.“ Er ſprach's und ging zum Fenſter, wo auf der Terraſſe ſein Wagen ſtand. Stolz ſetzte er ſich hinein.„Nach Hauſe,“ rief er und ſchlug mit der Gerte. Der Wagen hob ſich; die Prinzeſ⸗ ſinn ſah ihn auffahren, hoͤher und hoͤher, bis er nahe der Milchſtraße ihrem Auge verſchwand. Kei⸗ nen Augenblick zweifelte ſte, daß der Erſchlenene der Engel des Todes geweſen; kein Schlaf kam ihr mehr in die Augen, und am Morgen erzaͤhlte ſie die Geſchichte. Sogleich wurden die Veziere verſammelt; der Sultan, der zuerſt alles fuͤr einen Traum halten wollte, trug ihnen die Sache vor:„Herr,“ d 1 fen ſie einſtimmig,„ſetze dein und unſer aller Leben nicht in Gefahr; mache Anſtalt auf die Zeit, wenn er kommt, und vermaͤhle ihm deine Tochter.“ Die Prinzeſſinn ward gerufen; aus Liebe zum Vater und weil der Engel ihr ſeine Neigung zu ihr bekannt, auch nicht ſo ſchrecklich erſchienen war, als ſie iha 275 ſich ſonſt immer gedacht hatte, ließ ſie ſich das Opfer gefallen; alle Anſtalten wurden gemacht, und un⸗ . ter den verſchiedenſten Gemuͤtysbewegungen der Theilnehmenden Tag und Stunde erwartet. — Indeſſen machte ſich Haſſan, ſo hieß ber Tag⸗ loͤhner, auch zum Vermaͤhlungsfeſte bereit. Aus dem Zimmer der Peinzeſſinn hatte er eine Perlen⸗ ſchnur entwandt, und durch den Verkauf Einer Perle gewann er ſo viel, daß er ſich anſchaffen konnte, was er zu ſeiner hochzeltlichen Erſcheinung noͤthig glaubte. Er kaufte ſich einen gruͤnſeidenen Talar, einen Guͤr⸗ tel um die Bruſt, und Zeuge von allen Farben, ſei⸗ nen Wagen auszuſchmuͤcken, der ihm ſehr nackt ſchien. Ueber den Sitz woͤlbte er eine Art von Kuppole, ſetzte darauf zwei Laternen mit Lichtern; vor allem aber ſlocht er aus den geſtohlnen Perlen ſich ſelbſt eine Krone. Majeſtaͤtiſch ſetzte er ſich, als die Stun⸗ de nahte, in den Wagen, und rief:„zur Terraſſe des Sultans.“ Der Wagen hoh ſich, die Lichter brannten, viel falſche Steine ſchimmerten auf dem Verdeck des Wagens; ſo ſchwebte er eine Zeitlang uͤber der Terraſſe, auf welcher der Sultan mit den Vezieren und allen Großen ſeines Hofes verſam⸗ melt ſtand, ihn zu empfangen. Als ſie den ſchwe⸗ benden funkelnden Wagen ſahen, fiel alles nieder. „Sey gnaͤdig deinen Knechten!“ riefen ſie mit Ei⸗ ner Stimme, als Iſrael ſtolz aus dem Wagen trat und die Rechte der Tochter vom Vater begehnrte. Dieſer gab ſie ihm; ſie ſchleden in ihre Gemaͤcher, der Sultan mit ſeinem Hoſgeſinde in die ſelnen. So lebte Haſſan acht froͤhliche Tage mit ſeiner rei⸗ — 276. zenden jungen Gemahlinn, verſenkt und ertrunken in Ergoͤtzungen von Speiſe und Trank, von Muſik und Liebe, unbekuͤmmert um den Wagen, den er auf der Terraſſe gelaſſen und was aus ihm geworden. Ein ſchrecklich Ende hatte dieſer genommen. Ein Kuͤchenjunge hatte ihn geſehen, zerhackt und verbrannt; mit ſeinen Lappen hatte er ſich be⸗ kleidet. Kaum waren die erſten acht Tage des Wohlle⸗ bens voruͤber, als Haſſan wie aus einem Traum erwachte. Er ward gewahr, daß einige Verſchnit⸗ tene ihn ſcharf bemerkten; vorzuͤglich nahm Einer ihn ins Auge, deſſen er ſich ſelbſt als ſeines ehe⸗ maligen Bekannten erinnerte. Sodann trat Furcht, entdeckt zu werden, an die Stelle der Wolluſt und Freude; er frug nach ſeinem Wagen, und als er deſſen Schickſal erfuhr, wie fuͤrchterlich tobte er! Vergeſſend der Perſon, die er zu ſpielen hatte, ſah die Prinzeſſinn nur den groben Tageloͤhner in ihm, der wuͤthete und auffuhr. Ihn zu beſaͤnftigen, ließ ſie aus den Schaͤtzen ihres Vaters einen goldnen Wagen heranfahren, geſchmuͤckt mit Perlen und Diamanten, den ſie ihm anbot.„Meinſt du,“ ſchrit er,„daß ich Eures Erdenguts begehre; von himm⸗ liſcher Natur war mein Wagen; den ſchaffe mir wie⸗ der!“ Aber er war in Aſche verwandelt, und dem fuͤrchtenden Haſſan blieb nichts uͤbrig, als— die naͤchſte Nacht zu entwiſchen, damit er nicht entdeck wuͤrde. Zuruͤck in ſeine arme Kammer gelangt, und auch hier voll Angſt, in den Kleidern, die er an ſich trug 1 — . 277 entdeckt zu werden, verſchloß er ſich einige Tage, bis ihn zuletzt der Hunger wild aufbrachte. Schon wollte er ſich das Leben nehmen, als— Augen⸗ blicks die Erde bebte, und ein Gentus vor ihm ſtand, furchtbar im Anblick. Sein Haupt in den Wolken, aen Fuß auf der Erde, ſprach er wie Wirbelwinde —— zu Haſſan, der auf dem Angeſicht vor ihm lag: „Elender, dem ich dienen mußte! Ich der Genius der Luͤfte. Wo iſt der Wagen, an den ich gebannt war? in die Elemente iſt er zuruͤckgekehrt, und du, unwerth des Geſchenkes, vergaßeſt ihn ſchaͤndlich. Wohlan! mich haſt du dadurch befrelet, und zum Dank erſcheine ich dir, in einem Augenblick, der dein Leben enden ſollte. Nimm dieſe Kappe und die⸗ ſen Ring; die Kappe macht dich unſichtbar; der Ring, wenn du ihn druͤckſt, ſchafft dir in jeder Gefahr Huͤlfe. Nur habe ihrer beſſer Acht, als des Wagens. Du ſpielſt eine gefaͤhrliche Rolle, indem du den Namen des Todes⸗Engels angenommen haſt, und haſt deine Rolle bisher ſchlecht geſpielet. Huͤte dich vor ihm, und falle nicht in ſein Amt. Meine Elemente dienten deinem Wagen; aus meiner Hand empfaͤugſt du dieſe Geſchenke. Kein roͤdtender Geiſt bin ich, ſondern ein belebender Geiſt. Belebe!“ Der Genius verſchwand in die Luͤfte. Mehr von den Geſchenken des Geiſtes als von ſeiner Lehre durchdrungen, erhob ſich Haſſan, ſteckte den Ring an, und druͤckte die Nebelkappe ſich auf, freudig. Er verſuchte ſich in die Straßen; niemand ſah ihn. Er kam vor des Sultans Pallaſt, ging durch viele Gemaͤcher; niemand bemerkte ihn. Im Zimmer 278 der Prinzeſſinn ſaß er nieder; ſie ſah ihn nicht, bis er— die Kappe hinwegſchob.„Ei, mein Gemahl!“ ſprang ſie auf und lief ihm in die Arme,„wo kommſt du her? wo warſt du ſo lange? Biſt du noch un⸗ willig des Wagens wegen? bin ich Unſchuldige noch unter deinem Zorn?“„Denke mir daran nicht mehr,“ ſprach der vermeinte Ifrael.„Die Ge⸗ ſchaͤfte meines Berufs ſind zu vielfach und traurig. Von ſolchen komme ich her; ſchaffe mir Speiſe.“ Sogleich wurden die Tiſche bepflanzt mit den koͤſt⸗ lichſten der Speiſen und Getraͤnke; der Engel des Todes aß und trank ſich ſatt und froͤhllch. Er wurde gar freundlich. Deſto uͤbleren Verdacht faßten die Vezlere, als ſie ſeine ploͤtzliche Ruͤckkunft erfuhren; ſie hatten mancherlei auskundſchaftet.„Geruhe Eure Herr⸗ lichkeit,“ ſprach in der erſten Seſſion des Dlvans der erſte Vezier zum Sultan, der ihnen die frohe Wieder⸗ kunft ſeines genlaliſchen Schwiegerſohnes kund that, „geruhe, erhabener Monarch, ihn nur durch Etwas zu erproben. Was dir gefaͤllt, begehre von ihm; er kann, wenn er der wahre Iſrael iſt, er wird es dir nicht weigern.“ „So haͤtte ich dann,“ ſprach der Sultan(es war Winter),„etwa einen Appetit nach friſch ge⸗ wachſenen Aepfeln.“„Die werden Eurer Hoheit unendlich wohlthun!“ ſprach der Leibarzt und eilte zur Prinzeſſinn, ihr den Wunſch ihres Vaters und des geſammten Divans Bitte zu eröffnen.„Nichts weiter?“ ſprach Iſrael.„Hoͤren iſt gehorchen! — 279 Sage es deinem Vater im vollen Divan.“— Als 82 8 Narzane(ſo hieß die Prinzeſſinn) freudenvoll da⸗ hin eilte, druͤckte Jſrael den Ring, ein Genius trat hervor, der Befehl ward gegeben und— die Aepfel lagen da; eine Menge Aepfel, weiß und gelb und roth, von mancherlei Art, in jeder Stufe des Wachsthums. Das Gemach duſtete von Geruͤchen des Paradieſes.„Weißt du, woher ich ſie holte?“ ſprach der Genius, indem er ſie ausſchuͤttete.„Weit her! Aus den Gaͤrten der Peri's, wo Fruͤchte das ganze Jahr durch bluͤhen, wachſen und reifen.“ Er verſchwand; eben als er verſchwunden war, trat die Prinzeſſinn herein und ſah die Fruͤchte. Und als ſie ihr Vater ſah, wie ſtaunte er!„So lange habe ich regiert,“ ſprach er,„ließ jedes Jahr die beſten Fruͤchte Syriens kommen, und nie ſah ich eine die⸗ ſer Fruͤchte.“ Er dankte dem Schwiegerſohn, fuͤl⸗ lete den Buſen und Kleid mit ihnen, und eilte zu⸗ ruͤck in den Divan.„Nie,“ ſprach er,„ſage mir jemand etwas gegen Iſrael, hier iſt der Beweis ſeiner Wahrheit; wer von Euch ſchafft mir, und zwar in Einem Nu, ſolche Fruͤchte?“ Jetzt lebte das Ehepaar ruhig fort, ohne daß Haſſan den mindeſten Gebrauch ſeines Hutes und Ringes weder zum Boͤſen noch zum Guten machte. Er ließ ſich's wohl ſeyn, und weil er doch auch gebil⸗ det ſeyn mußte, ward er— ein Goͤnner der ſchoͤ⸗ nen Kuͤnſte; weiter focht ihn nichts an, bis aber⸗ mals ein Nothfall ihn zwang, an ſeinen Ring zu denken, ein trauriger Fall, der dem Sultan be⸗ gegnete, daß ihm ſeine gellebteſte Sklavinn vom Gei⸗ r 280 Als Nika naͤmlich, ſo hieß die Lieblingsſaͤnge⸗ rinn des Sultans, an einem ſchoͤnen Abende vor ihm ſaß, und die Laute ruͤhrte, begleitete ſie den Ton des Saitenſpiels mit ſo anmuthigen Toͤnen, daß der Koͤnig des Geiſterreichs der Abendroͤthe ſelbſt, von ihrem lieblichen Geſange herbeigezaubert, un⸗ geſehen ihrem Anblick, in den Strahlen ſeines Lich⸗ tes verborgen, vor ihnen weilte. Und weil eben die Hochzeitnacht ſeines Sohnes einbrach, den er mit der aͤlteſten Tochter ſeines Bruders, des Gei⸗ ſterkoͤnigs der Morgenroͤthe, vermaͤhlen wollte, ſchluͤpfte er ſie auf ſeinem letzten Strahl hinweg, in der Idee, ſie dem ſchlummernden Sultan Morgens in der fruͤheſten Fruͤhe wieder zu geben, wenn ſie indeß ſeine Hochzeitgeſellſchaft mit dem Zauber ihrer Stimme und ihrer Satten ergoͤtzt haͤtte. Der An⸗ ſchlag mißlang; vor der Abſendung durch einen der Genien der Morgenroͤthe hatte ſich ein ſchwarzer Schattengeiſt ihrer bemaͤchtigt und ſie fuͤnf Klaf⸗ ter tief in der Erde in ſeine Hoͤhle verborgen. Die Geiſter weder des Morgen⸗ noch Abendroths wuß⸗ ten ihren Aufenthalt: denn dahin drang keiner ihrer Strahlen. Der alldurchdringende Genius der Luͤfte allein wußte ihn; und gluͤcklicher Weiſe war er's, dem der Wagen gehoͤrt hatte, deß der Ring war, der die Verborgene wieder ſchaffen konnte. Als der Sultan ſie vermißte, und niemand ſa⸗ gen konnte, wohin ſie ſey? entſtand eine allgemeine „ , —— 281 Trauer bei Hoſe. Der Sultan, ſeines Lebens uͤber⸗ druͤſſig, entzog ſich den Geſchaͤften und ward unſicht⸗ bar. Ein allgemelnes Mißvergnuͤgen entſtand, der Aufruhr war nah, als— ſein erſter Bezier vor ihn trat;„Herr, erinnere dich deines Schwiegerſohnes! DOhne Zweifel iſt der Engel des Todes hiebei mit im Spiel.“ Die Prinzeſſinn ward gerufen; an Iſrael erging die vorige Bitte, und„hoͤren iſt gehorchen!“ antwortete er;„gehe hin und troͤſte deinen Vater.“ Er ſtrich den Ring; der Genius erſchien; dieſer, da er die Entfuͤhrte nirgend fand, wandte ſich zum Geiſt der Luͤfte, und mit Einem Stoß hatte dieſer ſie aus dem Abgrunde herauf, den ſchwarzen Erde⸗ geiſt toͤdtend. Auf Schwingen des Zephyrs ſetzte er ſte, die Laute in der Hand, auf ihrem Sopha nieder. Sie ruͤhrte die Saiten, der Koͤnig hoͤrte den Geſang und flog zu ihr; die Prinzeſſinn gleichfalls. Sie er⸗ zaͤhlte ihnen ihre Wundergeſchichte. Indeß ſtand der Genius der Luͤfte, der ſie wie⸗ dergebracht hatte, ernſt vor Haſſan da:„Du biſt meinem Nathe nicht gefolget. Wozu haſt du meine Geſchenke gebraucht, die ich dir anvertraute? Nur dem Muͤſſiggange, dem Hunger und der Wolluſt haſt du gedienet. Fuͤrchte dich! dir nahet ein Un⸗ fall!“ Er entſchwand, eben als die Prinzeſſinn ein⸗ trat, ihrem Gemahl dankend, ihm die Freude des Vaters verkuͤndend. Dieſer, der ſich vor Dank nicht zu laſſen wußte, bot ihm ſein Koͤnigreich an und machte ihn zuletzt— zum Mitregenten. Ach, waͤre er's nie geworden! Denn jetzt ſammelten ſich um ihn Schlangen 282 und Hyaͤnen des Neides, der Verfolgung. Die Schlangen zuͤngelten ihm Argwohn ins Ohr; die Hyaͤne ſtiftete Aufruhr.„Wie? elnem unbekannten Fremden, einem Betruͤger, einem Zauberer ſollten wir dienen?“ Die Veziere regten nicht nur Volk und Heer, ſondern auch einen maͤchtigen Nachbar auf, der das Reich bekaͤmpfte und bis vor die Haupt⸗ ſtadt drang; ſie mit dem Heere ſchlugen ſich zu ihm. Haſſan voll Zornes und voll Verzwelflung druͤckte ſeinen Ring; der Genius der Luͤfte ſtand vor ihm. „Du haſt meinen Rath nicht befolget,“ redete er ihn an, ernſt drohend,„und nicht gebraucht meine Ge⸗ ſchenke. Als Koͤnig der Voͤlker ſollte der Hut dich decken, um unſichtbar alle Klagen und Beſchwer⸗ den deines Volkes zu hoͤren; der Ring an deinem Finger ſollte ſie abthun: denn das ganze Geiſterreich ſtand zu deinen Befehlen. Deine Zeit iſt voruͤber; was willſt du?“„Waffen und Harniſch,“ rief Haſ⸗ ſan,„daß ich mich an meinen Feinden raͤche, und deinen brennenden Diener Sammiel*), der mich be⸗ gleite.“„Sofort,“ ſprach der Geiſt der Luͤfte, „biſt du aus meiner Hand, in der Gewalt des wah⸗ ren Iſfraels, deſſen Namen du ſtahleſt.“ Weg war der Ring von ſelnem Finger, weg die Kappe aus ſeinem Buſen; verſchwunden war der Geiſt der Luͤfte, und Sammiel ſtand vor ihm mit Schwert und Harniſch. Er kleidete ihn an, ſie ſchritten hin⸗ aus in's Lager. Wohin ſie traten, lagen Leichen um⸗ her; keinem Flehenden ward vergeben. *) Der brennende Wind der Wüſte. 28⁵ Als Lager und Feld eine Todtenſtaͤtte waren, auf der Haſſan wild umherblickte, ſenkte ſich eine ſchwarze Wolke vom Himmel nieder; Iſrael, der wahre Engel des Todes, ſtand vor ihm mit dem flammenden Schwert. Du haſt meinen Namen ge⸗ mißbraucht, Elender, und mein Amt unberufen ver⸗ waltet. Empfange den Lohn.“ Er beruͤhrte ihn mit dem flammenden Schwert, und Haſſan, voll der empfindlichſten Schmerzen, brannte zu einem Haufen ſtinkender Aſche hinunter.„Du, Sammiel, ſprach der Engel des Todes, was haſt du unter Menſchen? Entweich in die Wuͤſte.“ So traurig endete die Geſchichte auf dieſem Helden⸗ und Siegesfelde; dagegen trat der bele⸗ hende Genius der Luͤfte in Geſtalt eines bluͤhenden Juͤnglings zum erſchrockenen Sultan und ſeiner traurenden Tochter ein.„Traure nicht, Narzane, faſſe dich, Koͤnig; eines Unwuͤrdigen ſeyd ihr los, der meine Geſchenke nicht zu brauchen wußte. Auch eurer treuloſen Diener ſeyd ihr los; ſie liegen auf dem Felde. Vermaͤhle dich, Tochter, mit einem Edlen, der deiner Gemuͤthsart gleich ſey. Am Hochzeittage will ich dir erſcheinen, und du, guter Sultan, ſollſt in Gluͤᷣck und Friedé regleren. An Haſſan machte ich eine ungluͤckliche Probe, die euch zu erſtatten meine Pflicht iſt.“ Hiemit beruͤhrte er der Nika Inſtrument, die Laute; ſie erklang; auf dem lieblichſten Klang ihrer Saiten ſchwebte er langſam davon. Begeiſtert ergriff Narzane die Laute und ſang: 284 Himmliſche Gaben, ach wie ſelten, Wie ſelten nützen wir euch. Geiſter, höret uns nicht, wenn wir verlangen und 1 1 wünſchen! Aber auch ungewünſcht Bleibe zu großes Glück 6 Uns fern! Nicht mit dem Ringe, nicht mit dem Hut Wird uns ein größeres Herz. hal t. 2 5 Seite I. Blaͤtter der Vorzeit. Dichtungen aus der morgenlaͤndiſchen Sage. 5 Vorreden des Verfaſſers....... 7 Erſte Sammlung....... 13 Die Plätter der Vorzeit.... 13 Licht und Ließe........ 14 Sonne und Mond....... 145 Das Kind der Barmherzigkeit.... 17 Die Geſtalt des Menſchen...... 18 Der Weinſtock........ 19 Die Bäume des Paradieſes.„.. 20 Lilis und Eyva........ 21 Sammael........ Der Vogel unſterblicher Wahrheit... 24¼ Der himmliſche Schäfer...... 25 Adams Tod...... 227 Zweite Sammlung.......29 Der Schwan des Paradieſes.... 29 Der Rabe Noahs....„.. 30 286 Die Taube Noahs.. Abrahams Kindheit..„ Die Stimme der Thränen.„. Das Grab der Rahel.„.. Joſeph und Zulika. 4... Der Streit der heiligen Berge.„ Die Worte des Geſetzes... Die Bürgſchaft des Menſchengeſchlechts. Aarons Entkleidung... Der Tod Moſes.... Tritte Sammlung.... Die Opfertaube.. Die Geſänge der Nacht... Die Morgenröthe... Der Pſalmenſänger.. David und Jonathan.„. Der Jungling Salomo.“ Salomo in ſeinem Alter.... Elias.. Der Wunderſtab des Propheten. Der Thron der Herrlichkeit... Das heilige Feuer.... Die Sterne....... Vierte Sammlung..... Treue...... Der afrikaniſche Rechtsſpruch.. Weingefäße.....„ Die Schlange...„.. Alles zum Guten..„ Drei Freunde... 8.. Die Krone des Alters. 40 52² 287 Der Ueberwinder der Welt.. 66 Der Tag vor dem Tode.„. 67 Der frühe Tod....... 67 Der Lohn der zukünftigen Welt.. 68 Die Roſe unter Dornen.„. 69 Der Engel des Todes...„.. 69 II. Das Roſenthal. Vorrede des Verfaſſers... 73 Erſtes Buch....„.„. 75 Lob der Gottheit........,75 Der Betende.-..... 77 Der Spiegel im Dunkeln....... 77 Das Schweigen......„„ 77 Die Rede des Weiſen...... 77 Das wahre Loß........ 75 Staus und Edelgeſtein...... 78 Das Aeußere und Innere...... 75 Die Abkunft........78 . . . . . —₰ 8 Vortheile der Schönheit.. 4.. 79 Gefährliche Schönheit.... 79 Die gute Geſellſchaft..... 4. 79 Lockmanns Weisheit...... 380 Gabe der Vernunft...... 80 Der Weg zur Wiſſenſchaft..... 80 Der Edelſte....... 80 Haus und Hof........ 81 Unwürdiger Gewinn....„.. 81 Salz...„.*..„. 81 Das Bleibende........ 82 Der Heuchler........ 32 288 Der Fromme und der Weiſe. Das Kleid des Geiſtlichen. Der Tapfere.... Der Papagei und Rabe.. Verſchwendete Mühe. Vergangenheit und Zukunft. Strenge gegen ſich ſelbſt.. Zweites Buch..... Der Redner und Zuhörer.. Unwiſſenheit..... Scherz und Ernſt... Wiſſenſchaft für Andre... Die Rüſtung.... Wiſſen ohne That... Die Schlinge.... Der Honig.... Unglückliche Krankheit. Das Schwere.... Die Fahne und der Teppich. Königes Dienſte.. Könige und Weiſe.. Derktaube König.... Die zertretne Mücke... Das Kamel und das Kind. Der mächtige Baum.. Stolz und Güte.. Frohe Milde.... Gottes Lieblinge... Schonung des Namens. Der Schmeichler.... Der⸗Verläumder des Freundes. . 91 . 91 Feinde