Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſfe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Pdem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von für wöchentlich 2 1 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. auf 1 Mon 5. Aus tige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre igenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. chn r defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und —— Buntes Leben. Roman, aus dem Engliſchen uͤberſetzt 3 von Theodor Hell. Zweiter Theil. Berlin, verlegt bei Duncker und Humblot. 1827. 8 Buntes Leben. Zweiter Theil. E⸗ war in Algier gewoͤhnlich, daß die Kaufleute daſelbſt zu gewiſſen Zeiten den Dey um die Erlaub⸗ niß baten, einige ſeiner Sklaven fuͤr ihre eigene Garten⸗Arbeiten kaufen zu duͤrfen. So kamen denn auch eines Tages mehrere dieſer Kaufleute deshalb in den Hof des Khans. Ich hatte es oft verſucht, die Aufmerkſamkeit ſolcher Kaͤufer auf mich zu lenken, denn mir ſchien jede Ver⸗ aͤnderung meines Schickſals nur ein Mittel zur Verbeſ⸗ ſerung deſſelben; es war mir aber nie gegluͤckt. Die Kunde von meiner Spitzbuͤberei, wie man ſie nannte, war allgemein verbreitet, und niemand wollte daher etwas mit mir zu thun haben. Als nun jetzt ein ſol⸗ cher Ankauf wieder Statt finden ſollte, nahm ein alter Mann in zuͤdiſcher Kleidung mit einem langen, rothen Barte, der ihm bis auf die Bruſt herabhing, ſeine maͤchtige Pfeife aus dem Munde, und indem er mich mit dem Rohre derſelben, wie eine gemeine Waare, die man feilſchen will, beruͤhrte, fragte er II. A nach meinen Faͤhigkeiten und dem Preiſe, den man fuͤr mich fodere. Als ſie ihm den Streich erzaͤhlten, den ich dem Juden geſpielt haben ſollte, entgegnete er:„Kann ſeyn, ich will's ihm aber ſchon verweh⸗ ren, mir etwas aͤhnliches anzuſtiften; ich weiß recht wohl, wie man dieſe Chriſten behandeln muß; ich habe unter ihnen gelebt, und bin ihnen noch eine gute Portion tuͤchtigen Haſſes ſchuldig. Den will ich's ſchon entgelten laſſen.“ Er kaufte mich alſo, nahm mich mit ſich aus dem Khan, beſtieg ſeinen Eſel und befahl einem kurzlockigen, haͤßlichen ſchwarzen Sklaven, mich ihm nachzutreiben. Nun trabte er friſch vorwaͤrts, der Neger ſchlug auf mich mit einem Stocke, und auch ich lief was ich konnte. Mein Muth ver⸗ ließ mich ganz. Ich ſah einer grauſamen Sklaverei und der rachſuͤchtigſten und kaͤlteſten Tyrannei entgegen. Wir gelangten zu der kleinen Gartenthuͤr der hohen, eiferſuͤchtigen Mauer. Man trieb mich hinein und in das Haus, und uͤber den Hof in ein inneres Zimmer. Nun verſchloß der alte Mann die Thuͤr hinter mir, und begann:„Chriſt, haſt Du denn Liſſabon und den ſchrecklichen Tag des Erdbebens ganz vergeſſen— und mich auch mit? Wo iſt denn dein Reichthum? Wie biſt Du hieher gekommen?— Ich ſah Dich neulich, als ich am Hafen voruͤberging, und konnte auf dieſe Art allein Dir mit Sicherheit helfen.“ Wie groß war mein Staunen, mein Entzuͤcken mein Dank! Ich erzaͤhlte ihm Alles. — 3 „Ich will Dir beiſtehen,“ ſagte er darauf,„wir muͤſſen aber vorſichtig ſeyn. Biſt Du mein Haus⸗ und Garten⸗Sklave, ſo kann ich beſſer fuͤr Dich ſorgen, als es auf eine andere Weiſe geſchehen kann. Habe Ge⸗ duld. Ich helfe Dir, Du ſollſt deine Freiheit wieder erlangen.“ Ich kniete in meiner uͤbergluͤcklichen Erregung vor ihm nieder, und mein Herz knieete in mir vor dem Allmaͤchtigen, und dann huͤpfte es wieder freu⸗ dig in meinem Buſen, und mein Schritt war leicht und mein Blut floß ſchneller. Der Alte hob mich eifrigſt auf, und ſagte:„Ich mußte Dir Gutes mit Gutem vergelten. Da Du ein Chriſt wareſt, ſo ſchenkte ich Dir Reichthum. Es war mir Beduͤrfniß, Dich zu bezahlen und dann zu vergeſſen. Aber mein Geſchenk hat Dich nicht be⸗ gluͤckt, und ich habe Dich gefunden, gebeugt unter der Geißel des Aufſehers. Und ich ſollte deine Ket⸗ ten nicht loͤſen? Lege Dich dort hin, mein Sohn.“ Hiemit zeigte er auf ein Lager mit Kiſſen, und entfernte ſich. Bald kam er jedoch zuruͤck, und mit ihm ein weibliches Weſen, wie wir es auf Raphael's lieblichſten Gemaͤhlden finden. Stirn und Auge voll der heiligſten Schoͤnheit, geſcheiteltes Haar von Na⸗ benſchwaͤrze, die Lippen mit ſprechendem Schweigen, und die ſcharfen Konture ihres Stammes durch die zarten Verhaͤltniſſe ihres Geſchlechts zu Lieblichkeit gemildert. Sie trug einen dunkel purpurrothen Schleier, und er ſenkte ſich, wie bei Madonnenbil⸗ A 2 dern, in reichen Falten herab; darunter aber war ſie in ein blaßgelbes Gewand gekleidet, das mit einem ſilbernen Guͤrtel befeſtigt war. An der Hand fuͤhrte ſie einen zarten, ſchwarzaͤugigen Knaben, mit dichten Locken, die unter einer kleinen, ſchwarzen, ſchirmloſen Kappe dunkel und reich hervordrangen. Der Knabe hatte in ſeiner Kindheit ſchon die gebogne Adlernaſe, welche, wo es auch immer ſeyn moͤge, die ſtolzen Zuͤge des einſt auserleſenen Stammes ſtempelt. „Chriſt,“ ſagte der alte Mann;„ſieh' da das Kind, das Du gerettet haſt; ſieh' meine Tochter, die dankbare Mutter. Es war unſer Dienſtmaͤdchen, das in Liſſabon erſchlagen ward. Unſre geliebte Rahel, ſtaͤrker als jene, trug unſere Stamm-Mutter, die bettlaͤgrig war, hinweg. Noch lebt dieſe unter uns,⸗ als die aͤlteſte Perſon unſers Stammes.“ Das Kind ſchauderte vor meinem Sklavenkleide, meinem wirren Haare, meiner, von der Arbeit ſchmuzigen Geſichts⸗ farbe, zuruͤck. Aber die Mutter trat naͤher, betrach⸗ tete mich theilnehmend, ſprach einige Worte des Dan⸗ kes und Troſtes, und eilte dann hinaus. Als ſie wiederkam, folgte ihr eine Dienerinn. Dieſe brachte ein Gefaͤß mit Waſſer, damit ich mich reinigen, und koͤſtliche Speiſe und Getraͤnke, damit ich mich ſtaͤrken moͤchte.„Iſt denn das Wahrheit?“ fragte ich mich ſelbſt.—„War ich denn wirklich ſo gluͤcklich?— Nur freundliche Stimmen um mich her,— meine Feſſeln, von der Hand eines alten Mannes geloͤſet,— meine verfaulten Kleider nicht mehr an mir,— und das Bad, 5 das im kuͤhlen Schatten unter einem orientaliſchen Platanus im Garten lag,— und Oel und Gewaͤnder, — und weißes Linnen fuͤr mich, der zwei Jahre lang unter der Sklavenpeitſche geblutet hatte! Ja, noch einmal ſchien die Sonne wieder auf den dunklen Pfad meines Lebens. Um Aufſehn zu vermeiden, bekam ich die Klei⸗ dung eines gewoͤhnlichen Sklaven; da aber Benjamin vorgab, daß er ſich meiner bei dem Abſchreiben ſei⸗ ner Europaͤiſchen Correſpondenz bediene, ſo bemerkte man von der Gunſt, die er mir erzeigte, außerhalb wenig, und fuͤr ſo ſonderbar man auch dieſes wenige bei dieſem als Chriſtenhaſſer anerkannten Manne hielt, ward es doch bald nicht mehr beachtet. So lebte ich denn als ein Fremder in dem Hauſe und den Gemaͤchern einer Familie des Gott geliebten al⸗ ten Volkes, bei einem Greiſe, der mein Herr war, einem Knaben, der auf meinen Knieen herumkletterte, und einem Weibe, deſſen ganzes Weſen Theilnahme und Milde zeigte, deſſen Naͤhe anzog und Schutz zu gewaͤhren ſchien. Auch konnte ich in einen Garten gehen, wo Blu⸗ men dufteten und kleine bunte Voͤgel ihre Neſter bauten, und auf gruͤnen Zweigen flatterten und zwit⸗ ſcherten. Sehr oft wanderte ich dort im Nachdenken um⸗ her, und dann ſchwoll mein Herz wieder empor, und mein Geiſt hob ſich, und meine Phantaſte mahlte mir heitre Bilder. Es ſchien mir, als ſey ich durch mein ungluͤck gereinigt. Allen, in meiner Heimath mußte ich ja nun ein Gegenſtand ungewoͤhnlicher, inniger Theilnahme ſeyn, und welches tiefere Intereſſe mußte nun die ſanfte Marie fuͤr das wilde und eigenmaͤch⸗ tige Weſen fuͤhlen, das ſie geliebt hatte! Solche Dinge traͤumte ich taͤglich, und auch im Schlafe verließen ſie mich nicht. Liebliche Bilder gaukelten mir da ſtets vor, und in jeder Gruppe ſtand Marxiens himmliſche Geſtalt. Im Hauſe ſelbſt wendete ich einen großen Theil meiner Zeit auf das Studium des Arabiſchen an, um die laſtenden Stunden des langen, muͤßigen Tages zu toͤdten. Ich hoͤrte auch den Hebraͤern zu, lernte mehreres von ihren Redensarten, ſo wie von ihren Anſichten, und ſchaute mit Achtung auf die alten Gebraͤuche aus den Tagen Jakobs und ſeiner Kin⸗ dev. Es laͤßt ſich wol denken, daß ein Mann, der bei dem Verkehr mit den Chriſten ſo viel gelitten, der in ihren Gefaͤngniſſen geſtoͤhnt und unter ihren Marterwerkzeugen gejammert hatte, und der dieſen nur durch eines jener ſchrecklichen Gerichte entkom⸗ men war, die, ob auch allgemein in ihren Wirkungen, doch in ihrem Eintreten vernuͤnftigerweiſe nur fuͤr ganz ſpeziell angeſehen werden koͤnnen, die Chriſten mit der hoͤchſten Erbitterung haſſen mußte. Merkwuͤrdig war es daher, zu beobachten, wie dieſer wackre Mann bei der guͤtigen Behandlung ge⸗ gen mich mit ſeinem Judenthume kaͤmpfte und es beſiegte, denn Alles im Hauſe und der Familie trug den Stempel der tiefſten Verehrung fuͤr die Ge⸗ braͤuche ſeiner Vorfahren. Des Morgens, ehe das Kind in die Schule ging, gab ihm die Mutter ſtets Brot, das mit Honig und Zucker ſuͤß gemacht worden, und bediente ſich dabei der Worte:„ſo wie dieſes ſuͤß fuͤr deinen Gaumen iſt, ſo ſey das Lernen auch ſuͤß fuͤr deinen Geiſt,“ und dann gab ſie ihm noch manchen guten Rath, wie er fuͤr eine Mutter ſich ſchickte, namentlich ihn erinnernd,„daß Gott ein Freund von reinen Lip⸗ pen ſey.“ 6 Das heilige Gebraͤm, die geweihete Geſetzbinde, die Stirnbinden und die Armſpangen mit Spruͤchen aus den Geſetzbuͤchern, alles dies hielt der alte Mann ſehr in Ehren. Selbſt bei den gewoͤhnlichſten Hand⸗ lungen des taͤglichen Lebens konnte man bemerken, wie er es fuͤhlte, oder es ſich wenigſtens vorſtellte— was am Ende doch daſſelbe iſt— daß ein Engel zu ſeiner Rechten, ein anderer zu ſeiner Linken ſtehe⸗ Man mußte ſeinen eilenden Gang nach der Syna⸗ goge, und ſeinen langſamen Schritt, wenn er von dort zuruͤckkehrte, ſehen; ihn beobachten, wenn er mit der Huͤlle uͤber dem Kopfe allein betete, wie er ſein Haupt neigte, die Haͤnde auf das Herz legte, das jubelnde Erheben ſeines Leibes bei'm Ausſprechen des Segens, den, nach der Meinung der Juden, nur ei⸗ ner der Ihrigen allein berechtigt iſt, auszudruͤcken; ſein jammerndes Bekenntniß(Beichte), das tiefe Niederwerfen, und dann wieder das gluͤckſelige Ge⸗ fuͤhl ſeines Looſes, als des erwaͤhlten Volks, ſein lau⸗ tes Dankgebet fuͤr die ihm gewordene Geſetzgebung, und ſein flehendes Seufzen um Wiederherſtellung des Tempels. Man ſah hier einen Juden, den nur Unverſtand bemitleiden konnte, und uͤber den man nicht zu la⸗ chen vermochte. Ich erinnere mich unter andern eines Auftritts aus dieſer Zeit, an den ich noch heute nicht ohne achtungsvolle Verwunderung denken kann. Eines Abends war in dem Saale meines Wirths, der nach dem Garten zu ging, eine Verſammlung mehrerer Aelteſten ſeines Stammes, deren Anzahl ſich wohl auf zwoͤlf oder mehrere belaufen mochte. Sie waren alle bejahrt, aber in Geſichtszuͤgen ſo verſchie⸗ den, wie der Charakter der verſchiedenen Nationen, denen ſie angehoͤrten, es nur veranlaſſen konnte. Nicht alle ſahen traurig oder ſorgenvoll aus, nur drei dar⸗ unter ſchienen Kummer in dem Herzen zu tragen. Einer davon war mein Wirth, und der Andere ein juͤngerer Mann als er, mit bleichen Wangen, tief⸗ liegenden Augen und einem verworrnen ſchwarzen Barte. Endlich auch noch ein ſehr alter Mann, der fruͤher ſchoͤn geweſen ſeyn mußte, mit lichtgrauen, glanzloſen Augen, blaſſem Anſehn, und weiſſen lan⸗ gen Haaren am faltenreichen Kinn. So ſaßen ſie und ſprachen mit einander, und duͤ⸗ ſtere Lampen hingen uͤber ihnen, als jetzt ein Rabbi mit einem Fremden eintrat. Ein Mann von mitt⸗ 9 lerm Alter, naͤher der Jugend noch. Ich glaubte, dieſes Geſicht ſchon einmal geſehen zu haben, erkannte es aber noch nicht, denn der Gram kann tiefe und ganz veraͤndernde Pinſelzuͤge malen. Er verbeugte ſich demuthsvoll und traurig, und ſetzte ſich auf ei⸗ nen Fußſchemel. Nur der aͤltere blaſſe Mann ſprach mit ihm, und ſeine Stimme war zitternd und ſchwach. „Was hatte Dich, Fremdling, zu dieſem Wun⸗ ſche bewogen*“ Liebe zur Wahrheit. „Kannteſt Du die Strenge unſers Geſetzes?“ Ja. „Crieb Dich ein weltliches Intereſſe zu dieſer That?“„ Nein. „Biſt Du in Liebe verſtrickt zu einer der Toͤch⸗ ter Iſrael? Ich liebte eine der Toͤchter Iſraels, aber ſie iſt todt. „Und iſt es etwa das Nachhaͤngen einer eitlen Phantaſie, das Hingeben an den Schmerz der Liebe, womit Du unſer Heiligthum beſlecken willſt?“ Nein.— Ich ehrte Euren Glauben laͤngſt ſchon, ehe ich Jene ſah. Ich liebte ſie zuerſt nur deshalb, weil ſte eine Tochter dieſes Glaubens war. Euer Glaube iſt der meine. Ihr ſchaut empor mit Verehrung zu den lenkenden Planeten. Wenn Euer Stern hell ſcheint, blickt Ihr vertranensvoll; iſt er bleich, oder 10 gerothet, ſo zittert Ihr.— Eben ſo auch ich. Ihr glaubt, daß Engel mit Euch wandeln und Euch bewahren, und daß ſogar einige gegen Euch kaͤmpfen— ſo thu' auch ich. „Aber, Fremdling, ſo denken Millionen. Der Maure, der Wahnſinnige, ja ſelbſt der Chriſt kann 4 gleich mit uns denken in dieſen Dingen. Wuͤnſcheſt Du aber wahrhaft einer der Unſeren zu werden, ſo hoͤre genau auf unſern Glauben und meine War⸗ nung. Zuerſt alſo laß mich Dich daran erinnern, daß wir ein zerſtreutes, unterdruͤcktes Volk ſind, daß wir keinen Tempel, keinen Altar, kein Vaterland haben, daß man uns fuͤr verworfen, niedrig, veraͤchtlich haͤlt, daß man uns in's Geſicht ſpeit, uns mit dem Fuße ſtoͤßt, mit dem Stocke ſchlaͤgt, daß wir um Huͤlfe rufen und niemand uns rettet; daß der Meſſias noch nicht gekommen iſt; daß unſre Hoffnung auf ihn 18 ſtark iſt, gruͤn und hoch ſteht wie Palmbaum, aber es iſt ein Palmbaum, der allein ſteht in der Wuͤſte. Unſere Augen ſind wohl auf Ihn gerichtet, aber wir liegen lechzend und zum Tod ermattet auf dem duͤrren Sande umher. Willſt Du nun, Fremd⸗ ling, das Loos theilen eines ſolchen Volkes ⸗“ Eben deshalb ſeyd Ihr mir theuer. Ich ſehe es, wie Ihr euer hartes Geſchick liebt, wie Ihr eifer⸗ ſuͤchtig darauf ſeyd, daß nicht Jemand euern Kummer. zu theilen ſuche. Ich ſehe, wie Ihr nach Verach⸗ tung eifrig ſtrebt, und Euch freut unter der Geißel. Aber ich ſehe auch, wie Ihr eure Augen hoffnungs⸗ voll zum Himmel erhebt, und mein Herz ſagt mir, 11 daß die Hoffnung, welche ſolche Standhaftigkeit ſchenkt, ſichern, ob auch unſichtbaren Grund habe, und feſt gewurzelt ſey, um bis zu den Wolken hin⸗ auf zu reichen. Doch ſtill— und damit ſah er wild zum Himmel empor— ich bin deſſen nicht wuͤrdig ... ſeht... ſchaut, wie mein ungluͤcklicher Stern duͤ⸗ ſter und traurig bei jener truͤben Wolke ſteht! So ſchien er auch in der Nacht, als ſie Marjam einem Verwandten ihres Stammes vermaͤhlten, und mich verſticßen. Ich will daruͤber nachdenken: will auf die Berge gehn, den Himmeln naͤher, und wieder zu Euch kommen, wenn ich weniger irr bin. In dieſem Augenblicke ward laut und heftig an's Thor geklopft. Ein Sklave oͤffnete es ſogleich, und der Saal fuͤllte ſich ploͤtzlich mit Mauriſchen Be⸗ waffneten, bei denen ein Aga und ein Muhammedani⸗ ſcher Prieſter war. Die Eingangsthuͤr und das mit Teppichen verhangene Seitenzimmer ward von Einigen beſetzt, waͤhrend Andere die zitternde Synode umzin⸗ gelten und mit ausgeſtreckten Armen in geſpanntem Schweigen das Zeichen des Aga abwarteten, ſie gefan⸗ gen zu nehmen, oder zu morden. Waͤhrend dieſes un⸗ ruhvollen Auftritts war der Proſelyt von ſeinem Schemel aufgeſprungen und ſtand mit ruhigem Blicke und der feſten Haltung noch gezuͤgelten, aber entſchloſſenen Widerſtandes aufrecht da. „Wen ſucht Ihrs fragte er. Wuͤthend antwor⸗ tete ihm der Aga:„Den Muſelmann, den Apoſtaten, den nichtswuͤrdigen Tuͤrken, der ſich hieher geſchli⸗ 12 chen hat, um ſeinen Glauben abzuſchwoͤren, unſern großen Propheten zu verlaͤugnen und ſich zu den ver⸗ worfnen Irraeliten zu geſellen. Ihr muͤßt es ſeyn! Biſt Du es?— Ja, Du mußt es ſeyn.“ Es giebt der Art, die Ihr beſchreibt, niemand unter uns Ich bin kein Muhammedaner. „Woher denn dieſes Tuͤrkiſche Gewand?: Ein Reiſeanzug bloß. „Alſo Verkleidung?“ Keinesweges. Als er dies ſprach, warf er ſeinen Turban weg, und dichte, dunkelbraune Locken fielen auf ſeine Schultern herab. Er ſtand vor Aller Augen als ein Chriſt da. Und jetzt erkannte ich in ihm den jungen Deutſchen, mit dem ich eine ſo ſchmerzliche Unter⸗ redung nach dem Gaſtmahle bei dem Liſſabonner Kauf⸗ mann gehabt hatte. Mit inniger Theilnahme, aber huͤlfeberaubter Angſt, beugte ich mich naͤher in den Saal. Der Mollah hielt ſeine Schnur mit den Gebet⸗ kuͤgelchen in die Hoͤhe und rief dem Aga uͤberlaut zu, daß das Vergehen an dem Glauben des Propheten nur entweder durch ein augenblickliches Bekennen zu demſelben, oder den Tod gebuͤßt werden koͤnne. „Hoͤrſt Du es⸗?“ ſagte der Aga.„So erhebe denn jetzt deine Stimme, und rufe voll Freude laut aus: es giebt keinen Gott als Gott, und Muham⸗ med iſt ſein Prophet.“ Der Deutſche ſtand einen Augenblick ſchweigend, mit empor gerichteten Augen. Seine Gedanken ſchie⸗ 1 13 nen anderswo zu ſeyn,— weit hinweg, lange Jahre weit zuruͤck. Endlich antwortete er: „Als dieſe braune, gefurchte Stirn noch weiß war, und zart, und eingeſchmiegt in der Mutter Bu⸗ ſen, trug dieſe mich an ihrer Bruſt zur Taufe, und ich ward mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet, als Unterpfand, daß ich kuͤnftig nie mich ſcheuen ſolle, Chriſtum zu bekennen, den Gekreuzigten, und fortfab⸗ ren, ſein treuer Streiter und Diener zu ſeyn, bis in den Tod. So that es mein Vater, und meines Va⸗ ters Vater auch. Und ſo will denn auch ich eher ſterben, als meinen Erloͤſer verlaͤugnen.“ Die Juden⸗ aͤlteſten ſchauderten, als er dieſes ſprach, und der Maure ſchmaͤhte ihn:„Fand ich Dich aber nicht eben hier betend mit den Juden? Du haſt gar kei⸗ nen Glauben. Du biſt nicht werth zu leben. Die Schnur, Haſſan!“ Zwei kraͤftige Mauren traten mit der Todes⸗ ſchnur vor. „Noch eine Minute will ich Dir ſchenken, Elen⸗ der!— Bekenne den Propheten!“ Dieſer ſank auf ſeine Kniee, und die Thraͤne der Reue und Buße ſiel auf die von der Furcht un⸗ gebleichte Wange. Und er ſah hinauf zum Himmel, und unausgeſprochene Gebete ſtiegen heiß empor aus ſeiner erwaͤrmten Bruſt. Aus kurzen Ausrufungen vernahm ich nur etwas, von dem Erzfeinde, der ihn als Waizen zu ſichten geſucht habe, von ſeiner Scham, Reue, Hoffnung.„Gedenke meiner, mein 14 Herr, wenn Du eingehſt in Dein Reich.“ Ich weiß nicht, ob ein Engel ihm zulispelte:„Noch heute wirſt Du mit mir im Paradieſe ſeyn.“ Aber ich er⸗ innere mich noch, daß er mit einem Laͤcheln, ſo ru⸗ hig wie feſtes Vertrauen ſich der Hand des heilen⸗ den Arztes uͤbergiebt, ſich ſetzte, den Kopf an einen hoͤlzernen Pfeiler lehnte, und die ſtarken Henker kraͤf⸗ tig anzogen, und er nur ein einziges ſchnelles krampf⸗ haftes Roͤcheln ausſtieß, und dann, mit dunklem Ge⸗ ſicht und hervorſtarrenden Augen, ein erwuͤrgter Leichnam, zuruͤckſank. Das Fluchen des Aga, das Forttreiben der frem⸗ den Juden, und das Androhen an meinen Wirth wegen einer Geldſtrafe oder Baſtonnade auf morgen, folgte ſchnell dieſem Auftritte. Dann das Rauſchen der Gewaͤnder und das Schluͤrfen der Pantoffeln. Wenige Minuten noch, und die ſich entfernenden Toͤne verſchwanden ganz, und Benjamin und ich blieben mit dem Leichnam in dem, jetzt wieder ſo ſtillen und dunkelerleuchteten Saale. Wir uͤberließen uns unſeren Gedanken, und ſprachen nicht. Er⸗ glaubte, der Gott Abraham's habe Jenen vernichtet, als Strafe dafuͤr, daß er das Heiligthum befleckt: ich, der Erloͤſer habe ihn zmit liebender Huld dem Fuͤrſten der Macht entriſſen, ihn zwar mit bitterm Tode beſtraft, aber ein unſichtbarer Seraph ſeiner ſterbenden Lippe noch das reinigende Feuer des Le⸗ bens eingehaucht.„Was nun thun,“” fragte endlich Benjamin,„mit dem Leichname dieſes Suͤnders?— —— 15 Es waͤre Befleckung, ihn nur zu beruͤhren. Selbſt Wanga(der Neger) wird ſich ſcheuen ihm zu na⸗ hen.“— Laßt das meine Sorge ſeyn: antwortete ich.—„Unmoͤglich! Ihr werdet doch eure Hand nicht an ihn legen wollen?“— Ich will ihm ein Grab bereiten, und ihn zur Erde beſtatten.—„Nun wohl— aber außerhalb der Gartenmauer.“ Und ich that ſo— grub bei dem Fackelſchein ein ſchmales Grab, in unreinem Boden, zwiſchen Schmuz und Unrath. und ich ſchleppte den ſchwe⸗ ren Koͤrper dahin, und ſenkte ihn ſanft hinein, und legte dicht die Fuͤße, und uͤber die Bruſt die herab⸗ haͤngenden Arme, und oͤffnete die geballte Hand, und hob empor das verunſtaltete Haupt, und warf die lockere Erde daruͤber; und heimathloſe Hunde ſchnop⸗ perten umher und heulten. Ich aber wachte bei ihm bis zu Sonnenaufgang. Dann bhadete ich mich, und verbrachte den folgenden Tag damit, ſchwere Steine auf das armſelige unbeſchuͤtzte Grab zu waͤl⸗ zen. Tief hatte mich dieſe ſchauervolle Begebenheit ergriffen, und ehe ich noch alle meine Kraͤfte wieder⸗ ſammeln konnte, brachen neue Begebenheiten und neue Kuͤmmerniſſe uͤber das friedliche Haus herein, worin ich eine ſo freundliche Zuflucht gefunden hatte. Rahel war Wittwe, aber der Ruf ihrer Schoͤn⸗ heit groß, und Mehrere warben um ihre Hand. Die Ehe wird bei den Juden ſo hoch gehalten, daß ſie endlich durch ihren Vater die Vorſchlaͤge eines Ver⸗ wandten angenommen hatte, und da ſein Vermoͤgen 16 ſehr bedeutend, ſo war ein Rechtsverſtaͤndiger beru⸗ fen worden, um den Heirathskontrakt aufzuſetzen, und den Vertrag wegen der Mitgift zu ordnen. Alles dieſes war geſchehen, und die Verlobung vor⸗ uͤber. Auch der Hochzeittag war beſtimmt. Die Braut hatte ſich den Geſetzen gemaͤß vorbereitet. Die achttaͤgigen Baͤder und das letzte Bad, nach Sonnenuntergang, vor dem Tage der Hochzeit ſelbſt⸗ wo die Braut im Geleit mehrerer Matronen ſelbſt jedes Haar ihres Haupts in eine Ciſterne des rein⸗ ſten Waſſers taucht, war, der Vorſchrift gemaͤß, er⸗ folgt. Sie war geſchmackvoll angezogen, ihr Haar geſchmuͤckt und ſonderbar gelockt. So ſaß ſie in ei⸗ ner gruͤnen Laube im Garten, rechts und links ne⸗ ben ihr eine Jungfrau. Schon kamen die Gaͤſte. Jeder ſprach beim Eintreten:„Geſegnet iſt, der da kommt.“ Ihnen folgte der Braͤutigam mit einer er⸗ leſenen Schaar ſeiner Freunde, und er ſteckte den Trauring von reinem Golde ihr an den Finger,⸗ und der Rabbi ſagte laut:„Du biſt durch dieſen Ring dieſem Manne geweiht, nach dem Geſetze Iſraels,“ und fuͤgte dann mit feierlich milder Stimme das Gebet des hochzeitlichen Segens hinzu:„Gelobt ſeyſt Du, Herr unſer Gott, der Du Freude und Gluͤck, den Braͤutigam und die Braut geſchaffen haſt, Mit⸗ leid und Bruderliebe, Vergnuͤgen und Wohlergehen, Frieden und Geſelligkeit. Ich flehe zu Dir, Herr! laß in den Staͤdten Juda's und auf den Straßen Jeruſalems bald gehoͤrt werden die Stimme der Freude 17 Freude und des Gluͤcks, die Stimme der Braut und des Braͤutigams. Die Stimme des Entzuͤckens in der Brautkammer iſt ſuͤßer, als jedes Feſt, und Kin⸗ der ſind ſuͤßer, als der ſuͤßeſte Geſang.“ Das Ge⸗ bet war beendet, und der Becher mit Wein gefuͤll, gekoſtet und geſegnet, als ſich das Klopfen am Thore wieder hoͤren ließ. Die Braut und ihre Gefaͤhrtin⸗ nen entſſohen in die inneren Gemaͤcher des Hauſes. Und abermals traten die Maͤnner der Gewalt herein, und riſſen den heftig bewegten Beniamin fort, und fuͤhrten ihn vor den Dey. Nach einer Stunde kam er allein zuruͤck. Er ſprach nicht, ſetzte ſich aber nieder, und ſchien ſehr ſchwach zu ſeyn. Auf ſeiner gefurchten Stirn ſtan⸗ den große Tropfen, und Haͤnde und Leib zitterten. Ich fragte herzlich, wie es ihm gehe, was er wuͤnſche, und wie ich ihm dienen koͤnne.„Ruft mir Iſaak, meinen Nachbar, und Simeon, meinen Schwiegerſohn, herbei, daß ich mit ihnen ſpreche.“ Ich holte ſie. Iſaak war ein kleiner, dicker, kraͤftiger Mann, mit freundlichen, aber verſchmitzten Augen, einem ſchwarzen n gelockten Barte, und trug die ſchmuzige, ſchlechte Kleidung eines geringen Kraͤmers. Simeon war ein Mann von mittleren Jahren und ernſter Schoͤnheit, ſchwarzen Augen, lan⸗ gen Locken, ohne Bart. Simeon, ſagte der alte Mann, ich muß Euch eben ſo betruͤben und beunruhigen, wie mich ſelbſt. Iſaak, deine Klugheit muß uns helfen. Der un⸗ II. B reine Maure— meine Tochter; dein Weib, Simeon; — meine Tochter— er hat gehoͤrt, daß man ſie fuͤr ſchoͤn haͤlt— wir muͤſſen fliehn— noch wenige Tage koͤnnen wir ſeinem Willen uns entziehen— aber wir muͤſſen fort.“ „Wir haben zwar keine Schwerter oder Dolche, 5 ſagte Simeon, aber wir ſind Maͤnner!“ und er ſah dazu aus, als ob er wol auch toͤdten koͤnne. Iſaak aber verfluchte den Unreinen, und lachte, und ſagte, er wolle ſchon etwas anderes ausfinden, woran Jener denken moͤge.„Bleibt ruhig in Euren Haͤuſern, alle beide, ſetzte er hinzu, ich will ein Flaͤmmchen anblaſen, das ihn fein brennen ſoll, noch ehe morgen die Sonne untergeht. Es ſind da zwei wilde Burſchen vor Kurzem aus Stambul gekom⸗ men, die jetzt bei mir zu Hauſe ſitzen und trinken.. Sie ſcheinens nicht eben zum Beſten mit dem Dey zu meinen. Ich will nach Hauſe gehen, und ihnen Brantwein zu trinken geben.“— Ich bat um die Erlaubniß, Iſaak zu begleiten. Auf einem niedrigen Divan, mit unreinen Kiſ⸗ ſen aus ſchlechtem Zeuge, an einem verwitterten Tiſchchen, in einer Stube, die mit Schmuz uͤberzo⸗ gen, und durch eine irdene Lampe erleuchtet war, ſaßen zwei vierſchroͤtige Tuͤrken, mit glaͤnzenden Ge⸗ ſichtern und dummen, ſtarren Augen. Der eine hat⸗ te ſeinen Turban abgelegt, und eine einzige Locke hing wild von ſeinem geſchorenen Scheitel herab. Sie hatten Flaſchen in den Haͤnden, hoben ſie em⸗ —,— K 2 . — 19 vor, hielten ſie uͤber ihre aufgeſperrten Maͤuler, und goſſen den Wein in dieſe, ihn mit thieriſcher Heftig⸗ keit hinuntergurgelnd. „Juͤdiſcher Hund! Wein! Wein her! Allah ver⸗ gieb uns! Muhamed Reſul Allah.” Hier iſt Wein fuͤr meine Herren— ſagte Iſaak, und brachte zwei neue Flaſchen— wenn es aber der Dey erfuͤhre, ſo koͤnnte es... „Der Dey— was kuͤmmern wir uns um Eu⸗ ren Dey?“ Nun, er hat ſchon Leuten, wir Ihr ſeyd, mehr als einmal die Baſtonnade geben laſſen, wol auch Herren aus Stambul, um noch geringerer Urſache als dieſerwillen, mit der Schnur bedient, und drei⸗ mal hat er meinen kleinen Geldſack vollſtaͤndig ſeines ganzen Inhalts entledigt, den ich mir hier, und noch dazu mit ſeiner Erlaubniß verdient hatte, bloß weil er verboten, daß ich den Soldaten zu trinken geben ſoll. Das iſt wenigſtens ſein Vorwand. Aber Ihr Herren wißt ja, daß ich mir nun einmal da nicht helfen, daß ich nicht Nein ſagen kann.— Und damit kroch er demuͤthig zu ihnen, und ſie lachten wild auf, und goſſen neue lange Zuͤge von Wein hinunter. „Und der Burſche war doch nur ein Waſſertraͤ⸗ ger zu Ismir.“ So habe ich auch gehoͤrt, meine Herren. Aber er traͤgt den gruͤnen Turban. „Allerdings, aber er hat kein Recht, ihn zu tra⸗ B 2 gen. In Stambul wuͤrden ſie ihn ihm vom Kopfe herunter reiſſen.”“ Das wagt hier niemand. „Gieb mir Wein, juͤdiſcher Hund! Wie kannſt Du wiſſen, was ein Mann wagen kann?“ Man hat auch geſagt, ſein Schickſal ſey ihm prophezeihet worden, und er ſey unter einem gluͤck⸗ lichen Planeten geboren. Ich erinnere mich noch an den Tag, wo er zum Dey ausgerufen ward. „Wie ging denn das zu?“ Je nun, die Soldaten murrten wegen ihrer Bezahlung, und er trat als Redner vor, und feuerte auch zuerſt. Dann folgten Viele nach, und ergriffen den Dey Muſtapha, und brachten ihm mehrere Wunden bei, ſchleppten ſo den Leichnam durch die Straßen, mißhandelten ihn, und warfen ihn dann bei Seite. „Ha, ha, gut gemacht!“ ſagte der Tuͤrke im bloßen Kopfe, trank noch einmal, und ſtand dann breitſchultrig auf.„Leſen die Bekenner deines Ge⸗ ſetzes nicht in den Sternen? Wenigſtens entſinne ich mich, daß es in Kairo Einen gab, der mir vor⸗ ausſagte, daß ich in ſieben Jahren ein großer Mann ſeyn wuͤrde— und jetzt ſind es gerade ſieben Jahre.“ Run dann— ſagte Iſaak— ſo muß Dir irgendwo ein großes Gluͤck bevorſtehen. Das Leben unſers Dey's ſoll gefeit ſeyn; ſie behaupten, es koͤnne kein Gewehr ihn verwunden, als das von einem Manne, z der in der innern Biegung des Ellenbogens ein Mahl habe, aber noch nie ſah ich jemanden, bei dem dies . 21 der Fall war. Auch muß er ein Tuͤrke ſeyn, aber von einer Chriſtenſklavin geboren, und das Haar auf ſeinem Kopfe und das ſeines Bartes muß von verſchiedener Farbe ſeyn. Auch muß ihn einmal ein Schwerthieb getroffen haben. „Allah Akbar! ſieh her, Judenhund, ſieh her!“ — und damit zeigte er uns ein Mahl an der innern Biegung ſeines haarigen Armes, und ſtrich ſeinen dicken, wirren, rothen Knebelbart, zog dann die lange Locke ſeines dunkelſchwarzen Haars auf die Schulter vor, und zeigte auf eine tiefe Narbe auf ſeiner breiten, gebraͤunten Stirne:„Auch mit mei⸗ ner Mutter triffts, ſie war aus Chios. Dein Bru⸗ der hat die Wahrheit geſagt.“ Ich bitte Euch, Herr, flieht, flieht! Denn wenn der Dey alles das ſieht, ſo laͤßt er Euch nicht am Leben.— Wilder blickte der Tuͤrke auf, verlangte Wein, ſetzte ſich wieder zu ſeinem Gefaͤhrten, und trank mit dieſem, rauchte, dann ſchluckte er Opium, und ſprach mit ihm Tuͤrkiſch. Mehrere Male gaben ſie ſich die Hand, ſo wie es bei Schwuͤren unter ih⸗ nen gewoͤhnlich iſt, und mit Tagesanbruch gingen ſie zuſammen mit verzerrten Geſichtern und wilden Blicken in den Khan der Soldaten. Nachmittags aber hoͤrten wir Geſchrei und Schuͤſſe und Trom⸗ meln in der Stadt, und eine Stunde nachher ſahen wir einen wuͤthenden Haufen mit grimmigen Geber⸗ den und jubelndem Geſchrei, durch die enge Gaſſe kommen, und als ſie voruͤberzogen, erblickten wir unter ihnen einen verſtuͤmmelten blutigen Leichnam, der nackend von einem elenden, hinkenden Eſel fort⸗ geſchleift wurde. Sie ſchleppten ihn ſo aus der Stadt, und warfen ihn an der Mauer den Hun⸗ den vor. Es war dies aber der Leichnam des Dey, und ein neuer ward ausgerufen, und ich ſah ihn auf dem Markte am andern Morgen, auf einem grauen Kriegsroſſe. Es war einer der Tuͤrken, die ich in der Weinſchenke geſehen, nicht der Sprechen⸗ de, auf den es Iſaak angelegt, denn dieſer war ge⸗ toͤdtet worden, ſondern ſein Begleiter, der in dieſem Aufruhr geſiegt hatte, und von dem Gebruͤll der Krieger zu ihrem Anfuͤhrer, eigentlich zu ihrem Skla⸗ ven, erhoben worden war. So trieben es die Tuͤrken, und dies war die Regierungsart in Algier. Viele Tage nach der Ernennung des neuen Dey war die Unruhe und Verwirrung in der Stadt graͤnzenlos. Beſonders ſielen die Erpreſſungen auf die Haͤupter der armen unterdruͤckten Juden, und der bejahrte Benjamin beſchloß daher, aus Furcht vor einer ſtuͤrmiſchen und tyranniſchen Regierung, ſich heimlich zu entfernen, und bei ſeinen Bruͤdern in Egypten Schutz zu ſuchen. Er theilte mir dieſen Plan mit, und verſprach mir, daß er es mit dem Capitain eines Sicilianiſchen Schiffes, das eben im Hafen lag, verabreden wolle, mich bei deſſen Abfahrt heimlich mitzunehmen. Zugleich wuͤrde er mir ſo viel Geld auszahlen, als ich beduͤrfe, bis ich von Venedig Antwort haͤtte, wo ich ohne allen Zweifel nein Vermoͤgen noch geſichert und unangetaſtet fin⸗ den wuͤrde. Sein Entſchluß war, durch die Wuͤſte zu ziehen, und nachdem er ſich heimlich Dromedare und Fuͤh⸗ rer verſchafft, und alle andere Einrichtungen getrof⸗ fen hatte, erfoderte es jetzt die Nothwendigkeit, der bejahrten Debora den Plan mitzutheilen, und ſie zur Ausfuͤhrung vorzubereiten. Bei dieſer Gelegenheit durfte ich zum erſten Male in das Zimmer treten, wo ſie lag. Auf ei⸗ nem ſchmalen Kiſſen, in einem ſchmalen Bette, mit einer Decke von feiner Wolle, erblickte ich einen klei⸗ nen, verſchleierten Kopf. Der Schleier war gelblich weiß, und einige weiße Haare traten daraus uͤber die Stirne vor. Die Geſichtsfarbe war todtenbleich und ohne einen Tropfen Blutes, die Haut ver⸗ ſchrumpft und eingefallen; das Ganze ſo hinfaͤllig und zerbrechlich, wie das letzte Blatt eines Baumes, wenn der Winter beginnt. „Debora, liebe Mutter Debora!“" rief Benja⸗ min. Ihre Augen waren geſchloſſen, und ſie ant⸗ wortete nicht. Wir riefen lauter, und Rahel ruͤt⸗ telte ſie auf der andern Seite ſanft, und kuͤßte ſie auf den Backen. „Gut, recht gut,» ſagte die bejahrte Erſchei⸗ nung,„unter dem Palmenbaume. Laßt mich nur ſchlafen, es iſt unter dem Palmenbaume.— Judith wird's Euch zeigen.⸗ Liebe Debora, entgegnete Rahel, hoͤre nur: wrr haben Dir etwas Neues zu ſagen.— Eine Art glanzloſen Schimmers brach durch ihre halbgeſchloſſe⸗⸗ nen Augenlieder, als ſie ſich zu Rahel wandte. „Neues! Iſt der Meſſias gekommen? Hat ſich unſer Volk verſammelt?“ Nein, meine liebe Debora, abertwir wollen gen Jeruſalem zugehen, um dort zu leben und zu ſterben, und es nicht mehr zu verlaſſen. „Da geb' ich Euch meinen Segen. Benjamin, ſammle meine Gebeine in eine Kiſte, und lege ſie unter den Schatten der Mauern von Rama.”“ Glaubt Ihr denn, die Reiſe aushalten zu koͤnnen? „Koͤnnen trockene Gebeine fuͤhlen, mein Sohn? Zehn, zwanzig, hundert Jahre ſind ja nur Eine Wa⸗ che; nur eine kleine Nachtwache noch, und Ihr koͤnnt meine Gebeine fortbringen.“ Sie faßt es nicht,— ſagte Rahel, und in ihren großen Augen ſtanden Thraͤnen des Mitleids: ſie verſteht Dich nicht, Vater! und dann lehnte ſie wieder ihr ſchoͤnes Geſicht an dieſe verſchrumpfte Wange, und kuͤßte ſie, und lispelte ihr in das taube Ohr: Mutter, wir wollen eine Reiſe machen, eine lange Reiſe durch die Wuͤſte. Mit einem Schrei, einem durchdringenden, erreg⸗ ten, ungeſtuͤmen Schrei, antwortete ſie, und ſie wie⸗ derholte ihn haͤuftg und heftig, wollte nicht hoͤ⸗ ren, und ſich nicht beruhigen laſſen, bis ſie ganz — — 25 erſchopft und voͤllig ſtill ward. Rahel lehnte aͤngſt⸗ lich zitternd uͤber ihr, und Benjamin zupfte in rrampfhafter Furcht an ſeinem Barte. Aber der Engel des Herrn ſchwebte mitleidsvoll zu dem ſchma⸗ len Lager herab, und die beiahrte Debora richtete ſich auf, und ſprach mit ſchwacher, aber gelaſſener Stimme, unß oͤffnete ihre lichtberaubten Augen, und ſie glaͤnzten, als verſuchten ſie zu ſehen. „Meine Kinder! Hundert und zwanzig Jahre war die Zahl der Tage meiner Bekuͤmmerniß. Fuͤnf Geſchlechter habe ich geſehen, und das Leiden unter der Sonne gekoſtet bei vielen Wanderungen unter fremden Voͤlkern, und viele Jahre lang habe ich jetzt ſtill und in Finſterniß gelegen, und der Herr hat mein Gebet erhoͤrt. Mir wird's ſo kalt, meine — Kinder, und ich ſterbe. Schwoͤrt mir, daß Ihr meine Gebeine nehmen, und ſie in das Gewoͤlbe legen wollt, vor meines Vaters Hauſe, den Mauern von Rama gegenuͤber, ohnweit des Palmbaumes.“ Sie neigten ſich zu ihr herab, und ſchwuren es, und ſie beruͤhrte ſie mit ihren fleiſchloſen Haͤnden, und ſegnete ſie. Und ein ſonderbares Licht flammte wild auf in ihren ruheloſen Augen, ihre Stimme ward ſtark, und ihr Ton gleich dem eines beben⸗ den Geſanges, und ſie rief laut aus:„Ich ſehe es, meine Kinder, das verheißene Land: es iſt gruͤn und waſſerreich. Ich hoͤre die Geſaͤnge der Frauen beim Webſtuhl und die Stimmen der Kinder, das Ru⸗ fen auf den Bergen, und das Bloͤken von tauſend 26 Heerden, und das Summen der Bienen, und die Weingaͤrten ſind voll lachender Arbeiter. Eine Stadt glaͤnzt koͤſtlich mit Tempel und Blumen, und ihre Thore ſtehen offen; weißbaͤrtige Aelteſte reiten einher auf weißen Eſeln, und das Licht iſt, wie das Licht der Sonne, zehnfach; und ich, ich ſehe einen En⸗ gel ſitzen unter einem Eichbaum. Ja, die Bitterkeit des Todes iſt voruͤber. Die Erde hat ſich verwan⸗ delt wie ein Kleid; es iſt eine neue Erde, es iſt des Herrn Erde!“ und damit ſank ſie erſchoͤpft auf das Kiſſen zuruͤck, ſiel bald in Schlaf, und ſtarb ſo. Gleich darauf gingen wir aus dem Zimmer und ließen Rahel und eine Dienerinn bei der Leiche⸗ Man ruft die Leichenfrau herbei, und dieſe wuſch den Leichnam mit Roſen⸗ und Orangen⸗Waſſer, und bal⸗ ſamirte ihn ein. Sie naͤhete ihn dann in ein weißes Tuch und band die Kinnbacken mit leinenen Binden herauf. Dann ward der Koͤrper in einen Sarg auf eine Bahre in den Garten geſtellt. Die Aelteſten ka⸗ men und warfen Erde darauf. Nun umgingen ſie ſiebenmal die Bahre und ſangen den Agſten Pſalm und riefen laut aus:„Du warſt von Erde genom⸗ men und biſt wieder zu Erde worden.“— Benjamin und ſein ganzes Haus ſchloß ſieben Tage lang ſich ein; am Ende des ſiebenten Tages aber trat er mit den Seinen zur Bahre und betete:„Richter der Wahrheit, der Du recht richteſt, richte die Wahrheit. Denn alle deine Gerichte beſtehen in Gerechtigkeit und Wahrheit. Vergieb ihr ihre Suͤnden, und nimm 27 , ſie auf in deinen Garten.“ Nun pfluͤckten ſie Gras und warfen es hinter ſich, die Hoffnung der Wieder⸗ auferſtehung damit andeutend, und endlich ward der Sarg zugenagelt. In der folgenden Nacht, als Alles in der Stadt ſchlief und ringsum Ruhe war, wurden Dromedare und Eſel auf den wuͤſten Fleck bei der Gartenmauer gebracht, und der Sarg auf eins der erſteren gepackt. Die uͤbrigen Thiere wurden mit den anderen Effekten beladen, und ich hob Rahel und ih⸗ ren Knaben auf ihren Eſel. Ihr Geſicht war verbunden, aber ihre großen Augen blickten mir ein herzliches und ſchweigendes Lebewohl zu, als ich ihren Fuß ſanft druͤckte und ihr Gewand kuͤß⸗ te. Die gemietheten Araber brachen nun geraͤuſch⸗ los auf, und zuletzt kam der alte Beniamin noch zu mir. Ich fuͤhlte in dieſem Augenblick ſo aͤngſtliche Sorge um ihn, daß ich ihn gern begleitet haͤtte, und bat ihn auch, mir es zu erlauben; er aber ſagte: „Nein, nein, mein Sohn, gehe Du nun zu deinem Vater zuruͤck, und nimm ein Weib nach deinem Herzen, und moͤge der Gott Abrahams Dich ſegnen auf allen deinen Wegen. Es iſt recht ſchoͤn, daß Du mit uns willſt, aber uns koͤnnteſt Du nichts hel⸗ fen, und Dich wuͤrdeſt Du aͤngſtigen und Dir Nach⸗ theil bringen.“ So ſtand ich denn nun ſchweigend da. Und die Dromedare brachen auf und zogen lang⸗ ſam und ſtill und dunkel fort, und ich ſah ihnen nach bei'm Sternenlichte, und horchte auf ihren lei⸗ 28 ſen Tritt, bis ſich Alles fuͤr Geſicht und Gehoͤr in den Schatten und das Schweigen der Nacht verlor. Und ſo ſchloß ſich denn wieder ein Abſchnitt mei⸗ nes Wanderlebens. Bei Denen, die in Einem Lande und in Einer Gegend, und in gleicher Richtung und Theilnahme an den Freuden und Leiden ihrer Um⸗ gebungen fortleben, giebt es nur wenige geſellſchaft⸗ liche Bande, aber dieſe bleiben ſtets dieſelben, und ſo werden ſie alt, indem ſie Jahr vor Jahr auf Ge⸗ ſichter ſehen, die ſie von jeher kannten, und mit de⸗ ren Liebe und Haß, Gluͤck und Ungluͤck ſie mehr oder weniger verknuͤpft ſind, ja oft einen weſentli⸗ chen Theil ausmachen, bis ſie ſterben. Gab es auch irgend ein beſonderes Verhaͤngniß dabei, eine Veraͤnde⸗ rung der Lage des Einen oder des Andern, einen Ver⸗ luſt an Vermoͤgen oder der Geſundheit, lebt man doch mit dem leeren Beutel oder dem geſchwaͤchten Koͤr⸗ per ſeine Lebensgeſchichte fort unter Denen, mit wel⸗ chen man den bluͤhenden Eintritt auf dem fruͤhſten Pfad zuerſt beſchritt, und die uns nun mit ſtets be⸗ kannten Geſichtern und Stimmen, auf die wir ſo lange ſchon zu hoͤren gewohnt waren, noch auf dem dornigen Wege weiter begleiten. Verleiht dies auch dem Leben ſo Mancher eine gewiſſe Einfachheit, giebt es doch auch dem Anderer ein tiefes unausgeſetztes In⸗ tereſſe, das mit dem der Wenigen, neben denen ſie wirken, innig verbunden iſt, indem ſich deren Loos dann um ſo enger dem ihrigen anſchließt, und auf „ — 29 dieſe Art Eins von dem Andern Charakterfarbe und Beſtimmungsanſicht erhaͤlt, und es ihm wieder verleiht. Nicht ſo iſt es mit dem, der ungebunden durch die Welt ſchweift. Die Auftritte fliegen an ihm vor⸗ uͤber. Menſchen erſcheinen und verſchwinden. Das Laͤcheln des heutigen Tages hat wenig Zuſammen⸗ hang mit dem des geſtrigen oder morgenden, und wenig Verbindung kann er finden mit ſeinen Mit⸗ menſchen außer im freundlichen Gefuͤhle des theil⸗ nehmenden Wohlwollens, das wohl Betrachtungen in ihm weckt, aber todt und unfruchtbar bleiht in ſeinen Wirkungen. Beſſer iſt es fuͤr einen Solchen, in das Haus der Trauer zu treten. Da kann er verſuchen, eine Thraͤne zu trocknen, ein Sterbekiſſen weicher zu machen. Da kann er Mangel ſtillen, Nacktheit kleiden. Aber auch dieſe Auftritte veraͤndern ſich, die Gegenſtaͤnde ſeines Mitleids gehen voruͤber, und laſſen ihn allein, und niemand blickt mehr auf ihn, als nur Fremdlinge. Seine Einſiedelei, kann er ſie gleich auch wie eines Hirten Gezelt hinverpflanzen wohin er will, iſt doch die traurigſte, die einſamſte von allen. Abgeſchnitten von der Verbindung mit dem kleinen Kreiſe von Mit⸗ genoſſen, welchen die Vorſehung ihm anwies, irrt er umher wie ein verloren gegangenes Schaaf, und fin⸗ det keine gluͤckliche kleine Heerde, zu deren gruͤner Weide er ſich liebend mit lagern koͤnnte; ſondern wandert durch das Geraͤuſch volkreicher Staͤdte, zit⸗ tert bei jedem Rauſchen in der Wuͤſte, und findet weder Obdach noch Frieden, noch Naſt. Ihnen jagt er nach mit lechzender Hoffnung, eilt dorthin, weilt minutenlang bei dem Anmuthigen, oder verbirgt ſich, waͤhrend der Sturm bei ihm voruͤber faͤhrt. Sieht er etwas Gruͤnendes, ſo verſchlingt er es im Vor⸗ uͤbergehen, und trinkt aus dem Schlamm der Wuͤſte oder dem Pfuhl der Stadt, und eilt davon. Doch wieder zu mir ſelbſt zuruͤck. Umſonſt wuͤrde ich das Gefuͤhl zu ſchildern verſuchen, das mich er⸗ griff, als dieſe kleine Caravane von Fluͤchtlingen mir aus den Augen ſchwand. Wieder hatte ich unter ih⸗ rem ſchirmenden Dache der Ruhe genoſſen. Ein Mutterauge hatte dankbar auf mich geblickt. Ein Kind hatte mich lieben gelernt. Ein alter Mann hatte mich mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit behandelt. Und dieſe alle waren Juden; das alte Volk Gottes; die Verfolgten, Ausgeſtoßnen, die um ihres verachteten Glaubens willen bei weitem mehr gelitten haben, als irgend eine Sekte, irgend ein Volk unter der Sonne. Ich uͤberdachte mir immer mehr und mehr die Auf⸗ tritte, deren Zeuge ich hier geweſen war, und ſo Manches kam mir jetzt anders vor, als die Lehren es darſtellten, deren ich mich noch aus den Jahren meiner Kindheit erinnerte. Einige Tage verbarg ich mich bei Iſaak, dem Weinſchenker, und als das bedungene Schiff ſegel⸗ fertig war, entfloh ich in einer Nacht auf dieſes. Der Morgenwind wehte friſch und kraͤuſelte die blauen Gewaͤſſer, die ſchaͤumend aufwogten, ohne ſich 2 31 jedoch zu Wellen zu geſtalten, bis ich am Bord war. Als ich aber nun auf's Verdeck trat und ſah, daß wir ſchon weit hinweg waren,— und ich frei,— kein Land zu ſehn, keine Corſaren⸗Flagge,— kein mond⸗ gekroͤnter Maſt,— Italiens Toͤne auf jeder Lippe,— befreite Sklaven eine Morgenhymne ſingend,— und Capitain, Mannſchaft, Reiſende, Alles Chriſten,— o! wie brannte da mein Herz! Und als ich mit geſchlo⸗ ßenen Lippen mich uͤber den Bord beugte, brachte mein Geiſt Dank und Gebet dar. An dem Morgen, wo wir in die Bai von Nea⸗ pel einliefen, ſchien die Sonne mit ſo brennenden, goldnen, durchdringenden Strahlen auf Land und Meer, daß dort nur ein Wohnplatz fuͤr entzuͤckende Freude, heitere Liebe und ewige Jugend zu ſeyn ſchien. Die Kuͤſten, die Eilande, die weißen Haͤuſer in den gruͤnen Gaͤrten, die weißen Segel auf der ſchimmern⸗ den See, Alles laͤchelte. Wir nahten uns dem kleinen Hafen und anker⸗ ten. Ich ſehe ſie noch, die mageren, blaßen Maͤnner, die in ihren Boten zu uns ruderten. Ich hoͤre ihre hohlen Stimmen noch, mit denen ſie unſer Gepaͤck ſich erbaten, und das dumpfe Geſchrei der Hoffnung, womit ſie die gewaͤhrende Antwort erwiederten. In der Stadt war Hungersnoth. An den Por⸗ talen der Palaͤſte, den Stufen der Kirchen, den Pfor⸗ ten der Kloͤſter und den Thoren der Schaubuͤhnen la⸗ gen verhungernde Menſchen. Das geſchaͤftige Geſchwaͤtz des muͤßigen Armen hatte aufgehoͤrt. Todte lagen unter den Lebenden, und Hunde nagten an Menſchenfleiſch, nicht auf das ſchwache Schreien achtend, das ſie verjagen ſollte. Junge und ſchoͤne Frauen ſah ich in Unraths⸗ haufen wuͤhlen, und Hunde, die ihnen das Gefun⸗ dene wegriſſen und ſtreitig machten, als ihre gewohnte Rahrung. Kinder hoͤrte ich ſchreien und Muͤtter ra⸗ ſen, ja ſelbſt ſtarke Maͤnner ſah ich ſchweigend ſitzen, mit rollenden Augen, wahnſinnig aus Hunger. Und doch— es iſt Wahrheit— doch hoͤrte ich mitten unter allen dieſen Graͤueln Guitarrentoͤne; Frauen ſtanden auf Balconen mit ihren Geliebten und reiche Maͤn⸗ ner feierten Feſte; Frohe ſchmaußten, gingen und lachten in den Theatern; Mahler machten, von ihren Fenſtern aus, Studien von hohlen Wangen und ein⸗ geſunkenen Augen und jammervollen Geſtalten. Auch ich eilte durch dieſe ſchrecklichen Gruppen kummer⸗ voll, aber ſchnell hindurch. Einigen gab ich wol im Voruͤbergehen Allmoſen, voll und freigebig, ſo viel als ich entuͤbrigen konnte— welch ein Wort: ent⸗ uͤbrigen!— und ging dann in ein vornehmes Wirthshaus, ſpeiſete an einer reichbeſetzten Tafel, und ſtand davon auf, als ob es ein Verbrechen ſey, und nahm trocknes Brot und trank Waſſer. Immer aber noch ſchien es mir, als ſey ich einer Suͤnde ſchul⸗ dig, daß ich mein reichliches Brot eſſe, ohne daß ich es 33 es getheilt haͤtte mit einem Andern, hier unter den Sterbenden und Todten! Peſt in der vergifteten Luft, uͤber einer Stadt drohend herabhangend— der Feind vor den Tho⸗ ren— dieſes ſind fuͤr den Menſchen ſchreckliche Ue⸗ bel, aber leicht zu ertragen gegen Hungersnoth. Wen die Peſt verſchont, der kann ſich ja naͤhren und ſei⸗ nen Kindern Nahrung geben. In den Zwiſchenraͤu⸗ men des Schlachtendonners wird die reiche Tafel ge⸗ deckt, und der frohe Becher kreiſt. Aber Hunger iſt ein fuͤrchterliches Leiden. Der Saͤugling ſchreit an der vertrockneten, nahrungsloſen Bruſt der jammern⸗ den Mutter. Erwachſene Kinder ſitzen ſtill und bleich da. Maͤnner ziehen umher wie Woͤlfe, und heulen nach Beute, entreißen den Schwachen die Speiſe und kaͤmpfen um ſie mit dem Starken; ſie gehen mit dem errungenen Biſſen bei Seite an eine einſame Mauer, und ſehen ſich mit raſtloſen Augen uͤberall um, und verſchlingen ihn dann ganz mit wuͤthender Haſt. Ich entſinne mich, daß taͤglich auf dem Platze vor dem Schloße auf Befehl des Koͤnigs Brot ver⸗ theilt ward, aber nie gelangte es an den Lahmen, den Blinden, den Kranken, den Bejahrten, an das huͤlfloſe Kind. Dieſe lagen weit davon ab und ſtarben in dem Schein der Sonne, waͤhrend ſchwarzbaͤrtige, kraͤftige Boͤſewichter mit ſchweren Stoͤcken oder ſchar⸗ fen Meſſern ſich durchdraͤngten, die Gabe davon trugen und leben blieben. Viele auch trieben Wu⸗ cher, und ließen ſich eines Tages Lebensfriſt oft mit II. C der ganzen kleinen Habe der langſam Hinſterbenden bezahlen. Das Herz brach mir bei dem Anblicke ſolcher Auftritte. Moͤge es ſonderbar klingen, aber wahr iſt es, ich wuͤnſchte mir wieder, ein gefeſſelter, arbeit⸗ belaſteter Sklave zu ſeyn, mein ſchwarzes Brot zu eſſen, und waͤhrend der Nacht ruhig zu ſchlafen. Ich erwog den Entſchluß, die Stadt, und mit ihr dieſen Schauplatz des Jammers zu verlaſſen, aber mein Ge⸗ wiſſen ſagte:„Nein, das waͤre niedrig. Hier liegt es ja in deiner Hand zu helfen, zu retten! Oeffne deine Boͤrſe, und ſpeiſe die Hungrigen.“ Ich war weit hinaus gegangen, nach Portici, und uͤberlegte bei mir ſelbſt, was ich zu thun haͤtte. Meine Hand druͤckte ich an die klopfenden Schlaͤfe, und fuͤrchtete, mein Gehirn moͤchte vordringen aus ſeinen engen Kammern, wenn ich laͤnger bei dieſen herzzerreiſſenden Scenen weilte. Da kam ich an die lange Gartenmauer einer Villa, und mein Blick fiel auf einen Haufen ſchmuziger Bettler, in Lumpen ge⸗ huͤllt, verkruͤppelt, blind. Bleiche Muͤtter mit neu⸗ gebornen Kindern auf den Armen, und groͤßere, die auf der Erde ſpielten. Aber alle ſaßen ſchweigend und in ſich gekehrt, und ich bemerkte, daß keine ein⸗ zige Perſon jugendlichen oder mittlern Alters, oder kraͤftigen Weſens unter ihnen ſey. Als ich ihnen naͤ⸗ her kam, oͤffnete ſich die Gartenthuͤr, und Alle ſtanden ſo ſchnell auf, als es ihr Zuſtand erlaubte, um hin⸗ ein zu treten. ʒo 35 Ich blieb wol eine Stunde lang dort. Dann kamen ſie wieder zum Vorſchein, breiteten ihre ab⸗ getragenen Decken wieder aus, legten ſich darauf und ſonnten ſich an den waͤrmenden Strahlen. Ich fragte ſie, ob ſie regelmaͤßig ſo geſpeiſ't wuͤr⸗ den?„Ja,“ antworteten ſie.„Wir ſind unſer ſtebenzig, alle elend und gelaͤhmt, die Kinder ausgenommen, und die Dame hier im Hauſe hat uns ſeit Anfang der Hungersnoth ernaͤhrt. Ach! wenn Alle ſo waͤren wie die, wuͤrden die armen Leute wol Brot haben, und am Leben bleiben. Aber, Signor, das Laib Brot koſtet einen Silber⸗Dukaten, und fuͤr des armen Mannes Pfennig iſt alſo nichts auf dem Markte zu haben, und um die Kehricht⸗Haufen ſtreitet man ſich mit dem Meſſer in der Fauſt, und die Todten koͤn⸗ nen nicht einmal begraben werden.“ uUnd wer iſt die Dame? „Die Frau eines Engliſchen Lords, der Geſand⸗ ter hier am Hofe iſt. Sie hat zwei Kinder. Der heilige Januarius und die heilige Jungfrau moͤgen ſie ſegnen— ſie iſt gar zu gut.“ Ich eilte nach der Stadt zuruͤck, und ſogleich zu meinem Bankier, den ich noch nicht beſucht hatte. In jedem Buͤreau iſt nun einmal ein kaltes, ru⸗ higes Weſen, ein trockner Geſchaͤftsgang, und es muß ſo ſeyn. Die Geldwechsler ſehen eure eifrige Haſt, das aͤngſtliche Draͤngen, die Ausbruͤche des Gefuͤhls nur mit Kopfſchuͤtteln an. „Alyarez alſo?— Sieh doch einmal nach, Strazze D. C 2 von einem Briefe hinweg blickte, und, ohne mich anzu⸗ 4760“ ſagte der kalte, trockne Kaufmann, indem er ſehen, meine Anfrage bloß fuͤr eine Erkundigung nach dem Vermoͤgen einer Perſon betrachtete, bei deren Na⸗ men er ſich erinnerte, daß er einmal Geld von ihr in Verwahrung bekommen habe.„Strazze D. oder G.“— und ein kleiner, magrer Commis mit blaßen Lippen, nahm mit gewaltiger Muͤhe einen ſchweren Folianten in den ſchwachen Arm. „Alvarez!— nichts mehr gutgeſchrieben.— Sein Guthaben von 4000 Kronen, bezahlt am 18. Maͤrz 1760 an Giacomo Brunelli, ſeinen Kammerdiener.“ Jetzt ſprang mir die Wahrheit, die mir laͤngſt ſchon haͤtte ahnen ſollen, deutlich in's Auge. Mein Diener hatte mich beraubt und war mit dem Gelde entflohen. Tauſend Gedanken drangen nun mit neuen Schreckniſſen auf mich ein. War es dies allein nur? Hatte er mir nicht vielleicht noch groͤßern Schaden zugefuͤgt? Hatte er meine Gefangennehmung ver⸗ heimlicht? Hatte ich durch ihn gelitten, und verge⸗ bens gelitten?— Ich entdeckte mich dem Kaufmann als den Alvarez, den er einſt gekannt hatte. Er er⸗ kannte mich auch wieder, aber muͤhſam. Endlich aber recognoseirte er mich doch. Nun erzaͤhlte ich ihm ſchnell, wie es mir ergangen ſey, und bat ihn, ſeine Quittung nachzuſehen. Es geſchah.— Eine offenbare Betruͤgerei, welche bloß durch die Nachlaͤ⸗ bigkeit des Commis, der meine fruͤhere Handſchrift nicht damit verglichen, hatte geſchehen koͤnnen! — 37 Er geſtand es zu, entgegnete aber trocken, daß da nun nichts mehr zu thun ſey. Es war jetzt nicht der rechte Augenblick, meiner Galle Luft zu machen, ob ich gleich vor Zorn gluͤhte. Ich gab Anweiſung auf eine bedeutende Summe nach Venedig. Er nahm ſie, drehte ſie mehreremale mit zweifelhaften, verdaͤch⸗ tigen Blicken um, und es waͤhrte lange, ehe er ſich nur dazu entſchloß, ſie dahin abgehen zu laſſen. End⸗ lich ſagte er mir, ich ſolle in drei Wochen wieder nachfragen. Ob ich gleich fuͤr meine eigenen Beduͤrfniſſe bis dahin hinreichend mit Geld verſorgt war, hatte der Gedanke, die Nothleidenden und Hungernden un⸗ terdeß zu unterſtuͤtzen, mich doch ſo lebhaft ergriffen, daß ich ihn nicht aus meiner Seele verbannen konnte. Ich erinnerte daher den Bankier an meine fruͤ⸗ beren Geſchaͤfte mit ihm; ich bezeichnete ihm den Grund, weßhalb ich jetzt einer Summe Geldes benoͤ⸗ thigt ſey, und wie gern ich jedwede, noch ſo hohe Zinſen fuͤr das Anlehn zahlen wolle, indem ich mich, um ihn wenigſtens dadurch zu beſtimmen, auf meine, hoͤchſt anſehnlichen Fonds in Venedig berief. Er tauchte ſeine Feder in's Dintenfaß, und, indem er in der Weiſe auf mich ſah, als entlaſſe er mich und wolle zu ſeiner fruͤhern Arbeit ſich wieder wenden, ſagte er ganz ruhig:„Wir haben bloß Eine Art, Geſchaͤfte abzumachen. Ich kann Ihnen kein Geld darleihen. Was Ihr Vermoͤgen in Venedig betrifft, ſo muß ich Ihnen nur dies zu bedenken geben, daß, da Sie entweder hier wirklich um das Ihrige beſtoh⸗ len worden ſind, oder mir es wenigſtens ſo erzaͤhlt haben, dies ja auch derſelbe Fall in Venedig ſeyn kann.“ Ich Ihnen nur erzaͤhlt? erwiederte ich voll Grimm. Habe ich Ihnen nicht die plumpe Betruͤ⸗ gerei deutlich vor die Augen gelegt? Woher weiß ich, daß es mein Kammerdiener wirklich war, der die 4⁰00 Kronen bekam? Bankiers haben auch ſchon Betruͤgereien gemacht. Jetzt haͤtte ihn die Wuth beinah erſtickt. Er war ein hagerer, ſchwindſuͤchtiger Mann. Seine Wan⸗ gen wurden todtenbleich, er ſtuͤrzte an die Thuͤr und rief ſeine Leute. Sie kamen; aber mein iinſterer Blick, meine kraftvolle Geſtalt und mein ausgeſtreck⸗ ter Arm hielt ſie alle in ehrerbietiger Entfernung. Nur einen Strom von Schimpfreden ſtießen ſie ge⸗ gen mich aus. Endlich lispelte der kleine Commis ſeinem Herrn etwas zu, das dieſen zum Schweigen zu bringen ſchien. Doch ward ſeine Heftigkeit da⸗ durch nicht ganz geſtillt. Nicht lange, ſo wendete er ſich wieder zu mir und ſagte zornig und verachtungs⸗ voll:„Ja, ja,— jetzt beſinne ich mich— ganz recht — wenn der Herr wirklich der Ehrenmann iſt, fuͤr welchen er ſich ausgiebt, ſo exiſtirt hier jemand in der Stadt, der ihn kennen muß. Ich fuͤrchte aber, der Abenteurer, der, wie man ſagt, von ihrem Va⸗ ter aus dem Hauſe geworfen ward, wird es kaum wagen, einer ſo angeſehenen Perſon vor die Augen zu treten. Erkennt Signora Frankland, die Gemah⸗ lin des Engliſchen Geſandten, Sie fuͤr den an, wel⸗ 39 cher zu ſeyn Sie vorgeben, ſo ſollen Sie Geld von uns bekommen.“ Meine Schweſter! So dachte ich. Denn die⸗ ſer kuͤhne Gedanke ergriff mich ploͤtzlich. Ich uͤber⸗ legte nicht genau, was er ſagte. Es ſchien mir, als ich den Namen Frankland hoͤrte, doch gewiß, daß meine Schweſter des Mannes Weib ſey, der ihn fuͤhrte, ſo ſehr es mich auch wunderte, dieſen hier und in einer oͤffentlichen Anſtellung zu finden. Ich dachte mir, daß ſie vielleicht in Neapel eine ſonder⸗ bare und verunſtaltete Erzaͤhlung von einem ver⸗ ſchwenderiſchen und verlornen, von ſeinem erbitterten Vater verſtoßnen Sohne gehoͤrt, und ſich daſelbſt un⸗ ſtreitig, obgleich in ganz anderer Geſinnung als der wuͤthende Bankier ſich einzubilden ſchien, nach einem Alvarez erkundigt haͤtten, der ſo unerklaͤrlich und ploͤtzlich verſchwunden ſey. Alles dieſes flog pfeil⸗ ſchnell durch meine Seele, und ich entgegnete:„es wird mich ſehr freuen, Sie wegen Ihres Mangels an Hoͤflichkeit zu beſchaͤmen. Ich kenne den Namen Frankland wohl, und unſtreitig auch die Lady. 3„O ja, Sie haben unſtreitig Ihren raͤuberiſchen Verſuch, mit der ſchoͤnen Tochter des Signor Cecil durchzugehen, nicht vergeſſen.» Cecil!— Maria Cecil!.— Hier ward des al⸗ ten Bankiers Stimme laut,— vielleicht lachte er, viel⸗ leicht fluchte er, vielleicht hoͤhnte er mich,— ich weiß es nicht. Maſchinenmaͤßig ward ich durch einige derbe Faͤuſte, welche mich ſtießen und ſchoben, die ſchluͤpfrige Treppe hinabgebracht. Ich wanderte durch enge Straßen, unter todten Koͤrpern, an Hunden vor⸗ uͤber, die mich anfletſchten, waͤhrend ſie mit den Zaͤhnen und Klauen das Fleiſch von Menſchengebeinen abriſſen, und vor den glotzenden Augen kannibaliſcher Freßwuth, die mich aus verhuͤllten Geſtalten anſtierten, von denen man bloß die abgemagerten Knochen des ver⸗ zerrten Geſichts erblicken konnte.— Fort, fort ſtuͤrzte ich, achtungslos, mit einem Herzen aller Hoffnung baar.— Ich fuͤhlte es nicht, daß ich noch lebte;— ich kam an die Seekuͤſte,— blau lag ſie vor mir und reizend,— ich konnte den lieblichen Anblick nicht ertra⸗ gen,— ich wandte mich ab,— wanderte um den Veſuv, erreichte ſeine ſchwarzen Lavaſtroͤme und legte meine Bruſt auf dies finſtere und wuͤſte Bett.— Bis die Nacht einbrach, lag ich wehklagend dort,— dann klimmte ich bis zum Gipfel empor, des Pfades nicht achtend,— unbeſorgt, ob ich dabei umkaͤme. Und ich erreichte die kleine Ebene oben, auf Wegen, die wol vorher noch nie betreten waren. Selbſtvernichtung war mein einziger Gedanke,— mich in den Krater zu ſtuͤrzen,— ſchien ein paſſendes Werk fuͤr mich. Mit ſonderbarer wilder Luſt blickte ich auf die rothe Lava, wie ſie ſich langſam an des Berges Seite herab ergoß. Maſſen waͤlzten ſich uͤber Maſſen und fielen ſchwer herab, wie langſam ſich ſenkende dichte Wo⸗ gen. Und ein wildes Geraͤuſch ertoͤnte,— ein tie⸗ fes, dumpfes Bruͤllen,— ein Licht glaͤnzte,— ein ſlammenloſer, feuriger, heißverſengender Strahl. 41 Die Gluth der mich umgebenden Schlacken ward unertraͤglich;— alles was ich geiſtig gelitten hatte,— mein raſtloſes Aufklimmen,— Mangel an Nahrung, — es uͤbermannte mich, und ich ſank in Ohnmacht. Wie lange ich ſo bewußtlos da gelegen haben mag, weiß ich nicht, aber als ich wie aus einem Schlafe erwachte und um mich blickte, fand ich, daß ich auf loſer, ganz heißer Aſche lag; nicht weit von mir ein breiter Lavaſtrom, der jetzt, in dem Sonnenſcheine farblos, langſam eine dunkle, ſchwarze Maſſe fort⸗ trieb, waͤhrend hie und da fließendes Feuer gluͤhende Streifen oder breitere Strecken bildete. Ich ſtand auf und ſchlich mich erſchoͤpft von der Stelle meines naͤchtlichen Lagers. Meine Augen verdunkelten ſich, als ich den Weg hinab blickte, und ich ſiel wieder kraft⸗ los hin. Da traten ein Landmann, ein Moͤnch und ein Reiſender zu mir und erquickten mich mit Milch und Fruͤchten, und nach ein paar Stunden fuͤhlte ich mich zur Ruͤckkehr hinreichend gekraͤftigt. Ich konnte ihre Fragen uͤber mich nicht befriedigen, ob ich ihnen gleich herzlich dankte, und als ſie mir den Weg gezeigt hatten, allein hinabſtieg. Und war es moͤglich, auf die Scene unter mir zu blicken, und meine Augen fuͤr immer ſchließen zu wollen? Sorrento's Bergesarm dieſe blaue Bai um⸗ ſchließend, und gegen den wildern Ocean hin dieſe In⸗ ſeln deſſen kuͤhnere Wellen zuruͤckweiſend und ſie bre⸗ chend, daß ſie ſanft und koſend hineinſtroͤmen; und die weiße, ſonnige Stadt, und die gruͤne, mit Villen bedeckte Ebene da unten. Ich ſtand und ſchaute und weinte. Hunger ruhte auf der Stadt,— und Durſt war in meinem Herzen,— der brennendſte, unerſaͤtt⸗ lichſte Durſt, der Durſt nach Zuneigung,— die ſich ſehnet nach Blicken und Toͤnen der Liebe,— die bereit iſt, ihr ganzes Selbſt auszuſtroͤmen in erwiedernder Liebe. Aber der Quell, in welchem die Nahrung be⸗ ruhte fuͤr mein ganzes Leben, gehoͤrte einem Andern, und ſo war ich wieder verletzt in allen meinen Hoff⸗ nungen, ein Bettler ſelbſt in meinen Traͤumen, denn ich konnte mir nicht mehr eine phantaſtiſche Heimath meines Gluͤcks ſchaffen, weder jetzt, noch je. So ſchritt ich vorwaͤrts, in ſchwermuͤthigen Gedanken verloren, bis ich mich wieder bei der Villa befand, wo ich die geſaͤttigten Bettler geſehen hatte.— Da lagen ſie noch!— Was brauchte ich nach dem Namen des En⸗ gels zu fragen? Ich kannte ihn ohne dies. Maria Cecil— jetzt Frankland!— Sie wieder zu ſehen— eben hier wieder zu ſehen, ihre Stimme zu hoͤren, ob ſie ſchwaͤcher toͤne,— ihre Wange zu ſchauen, ob ſie blaͤſſer geworden;— eitler Gedanke!— ich beſprach mich mit mir ſelbſt, ich ermaß den Abgrund, in den mein Andenken verſunken war. Deutlich lag es vor mir, daß man mich fuͤr ein verkehrtes, eigenſinniges, ſelbſtfuͤchtiges, herzloſes Weſen halte, das wieder da⸗ von geflohen war auf Schwingen der raſtloſen Un⸗ ruhe, und uͤber gebrochene Eide lache, und alte Bande des Herzens hoͤhne; das ſein Vaterland, ſeine heiß gelobte Liebe, in einem Augenblick der Laune⸗ ohne eine Thraͤne, ohne einen Seufzer verlaſſen habe. Fuͤr ein ſolches Weſen hatte ſie mich gehalten, und mit jungfraͤulichem Stolz mich acpen zarten Bu⸗ ſen geriſſen, und einen braven Mann erkoren und ſich ihm vermaͤhlt, und war nun das Weib ſeines Herzens und die Mutter ſeiner Kinder. In dieſem Gedanken hatte ſie wahrſcheinlich Frieden gefunden,— und ich ſollte nun erſcheinen, und rechtfertigen mein unwuͤrdiges Ich, und einen Dorn ſtoßen in dieſes Herz?— Nein, nie— nie!— Dieſes Geluͤbde ſchwor ich in meinem Innern und habe es auf's heiligſte gehalten. Ich eilte in meine Wobnung, ſtaͤrkte und erfriſchte mich, und wartete ungeduldig auf die Nacht. Sie kam.— Ich nahm eine Maske vor, huͤllte mich in einen Mantel, bewaffnete mich und ging zu meinem Bankier. Ich ſah ihn allein in ſeinem Zimmer, bei einer Lampe leſend.— Ich trat durch das Thor— die ſorgloſen Diener waren abweſend, unachtſam, oder ſie ſchliefen.— In ſein Gemach nahm ich meinen Weg,— enthuͤllte mein Geſicht und ſetzte ihm den Dolch auf die Bruſt. Mit ſprachloſem Schrecken ſchaute er mich an.— Ein Kruzifix zog ich jetzt her⸗ vor, und ließ ihn darauf ſchwoͤren, daß er keinem menſchlichen Weſen unſer voriges Zuſammentreffen mittheilen, es nicht dulden wolle, daß jemand von den Seinen ein Wort davon erwaͤhne, und wenn es vielleicht ſchon geſchehen ſey, oder noch geſchehen ſollte, es gaͤnzlich ablaͤugnen, oder als Irrthum erklaͤren. Ich wirkte mit gleicher Kraft auf ſeinen geiſtigen Aberglauben wie auf ſeine koͤrperliche Furcht. Ich trieb ihn, ſelbſt den Fluch des Himmels auf ſein Haupt herab zu rufen, wenn er ſeinen Eid breche, und drohte ihm mit angenblicklichem Tode von mei⸗ ner ſichern Hand, indem ich ihm zuſchwor, daß ich ſelbſt vom fernſten Indien zuruͤckkommen und ſeinen Meineid in ſeinem Blute raͤchen wuͤrde. Kalter Schweiß ſtand ihm auf der Stirn, und leichenblaß waren ſeine Lippen, als er das Kruzifix kuͤßte, und das, was ich anbefahl, zu befolgen beſchwor. Ruhig und getroͤſtet verließ ich das Haus, und trat in die finſtere Straße. Mein eigenes Gluͤck war dahin, aber Maria's Gluͤck, wenn ſie deſſen genoß, ſollte nun doch wenigſtens nicht durch mich geſtoͤrt oder verletzt werden. Freilich haͤtte ich eine Welt darum gegeben, wenn ich ihr Alles haͤtte ſagen koͤn⸗ nen, und ihre Thraͤnen geſehen, und ihre Seufzer gehoͤrt, und gewußt, daß ſie aus Liebe und Mitleid fuͤr mich weinte und ſeufzte.— Aber ich ertrug es.— Ich gab es auf, dieſes ſtrafbare Gluͤck.— Ein wuͤr⸗ diges Opfer fuͤr den Frieden der Einzigen, die meine Seele anbetete. Ich bemerkte bald, daß ich in nicht geringe Ver⸗ legenheit kommen wuͤrde, bis ich ſelbſt nach Venedig gehn, oder mich mit dieſer Stadt in Verbindung ſetzen könne. Ich aͤnderte ſogleich meine Wohnung und Klei⸗ dung, und erſchien als ein fremder Matroſe, der ein Un⸗ terkommen ſuche. Der Hunger wuͤthete noch mit allen 45 ſeinen Schreckniſſen in der Stadt, und taͤglich ſielen Hunderte und wieder Hunderte ihm als Opfer. Ich ſagte bereits, wie, nachdem ich geſehen, auf welche Art die Dame in der Villa, von der ich da⸗ mals noch nicht wußte, daß es Maria ſey, ſo vorſich⸗ tig und ſorgſam Denen Unterſtuͤtzung hatte angedei⸗ ben laſſen, die ſich ſelbſt zu helfen außer Stande wa⸗ ren, auch bei mir der Gedanke, alle meine Kraͤfte zu aͤhnlicher Huͤlfe zu verwenden, ganz von meinem Geiſte Beſitz genommen habe. Mein vereitelter Verſuch, mir von dem Bankier Geld zu verſchaſſen, hatte mich der Mittel beraubt, meine Wohlthaͤtigkeit ſo weit auszudehnen, als es Anfangs mein Vorſatz geweſen. Taͤglich aber theilte ich nun doch noch meine Nahrung und einen Theil meines kleinen Beſitzes mit den Leidenden; aber die Huͤlfe, welche ich auf dieſe Art ſpenden konnte, war gering und gelangte nur an Wenige. Da durchzuckte mich ein ſonderbarer Gedanke, als ich in der Nacht wach auf meinem Bette lag.— Ich nahm mir vor, taͤglich mich dahin zu begeben, wo das Brot vertheilt wurde, um mit meiner Koͤrperkraft welches davon zu erringen, und es dann an die Huͤlfloſen wieder zu ſpenden. Zehn Tage hintereinander trieb ich es auch wirklich ſo. Regelmaͤßig erſchien ich auf dem großen Platze, und von allen den kraͤftigen Menſchen, die ſich dort verſammelten, errang ſich keiner auch nur die Haͤlfte des vertheilten Brots, das ich mir er⸗ kaͤmpfte. Dem Bejahrten und Kranken, dem Blin⸗ 46— den und Lahmen, der Frau und dem Kinde, wie ſie mir zuerſt aufſtießen, gab ich dieſe Nahrung, und ſtuͤrzte mich dann wieder mit angeſtrengter Kraft durch die Menge, bahnte mir einen Weg zu der Thuͤre, wo die Vertheilung geſchah, erhielt wieder Brot, ſpen⸗ dete es wieder aus, und trieb es ſo mehreremale. Leicht und dankbar ſchlug dann mein Herz an allen dieſen Tagen zu Gott, wenn ich wieder in meine Wohnung kam. Manchmal hatte ich dabei heftig zu kaͤmpfen,— zweimal erhielt ich einen Meſſerſtich. Mein durch die Sklavenarbeit gefurchtes und von der Afrikaniſchen Sonne braun gebranntes Geſicht, meine geringe Kleidung und eine Binde auf der Stirn, die meine Augen faſt ganz verhuͤllte, machten mich voͤllig unkenntlich. Ich konnte daher furchtlos die Stadt durchwandern, und auf mich zeigen laſſen, als auf ei⸗ nen Verbrecher, der Gnade erlangt habe, und jetzt unſtreitig ein heiliges Geluͤbde erfuͤlle. Fuͤhlte ich zes doch taͤglich, daß ich in der That eine geheiligte Pflicht uͤbe; ſchien es mir doch, als ob ich ein hoch⸗ geehrtes, obgleich geringes Werkzeug der Gnade Got⸗ tes fuͤr die Ungluͤcklichen ſey. Ein Zufall, welcher mich beinah Marien verra⸗ then haͤtte, beſtimmte mich endlich, die Stadt zu ver⸗ laſſen. Es war am letzten Tage, wo die Brot⸗Aus⸗ theilungen an das Volk ſtatt fanden, und Alles ſchien bereits fuͤr die Bevoͤlkerung Neapels ein freundliches Anſehn zu gewinnen. Ich hatte meine gewohnte Arbeit mit meinem 47 bisherigen Gluͤcke vollbracht, und ging von dem Platze vor dem Schloſſe durch die Straße Toledo, als ich unter der Menge einen vorbeirollenden unbedeckten Wagen ſah, worin ein Herr und eine Dame mit einer Amme und Kindern ſaßen. Ich war bereits aufmerk⸗ ſam auf den Wagen, ehe er mir noch nahe kam, denn ich habe ſtets den Anblick von Kindern geliebt. Eben aber, als er an mir voruͤber fuhr, entwiſchte eins der kleinen Geſchoͤpfe, in einer Neckerei mit der Amme, deren Arme und fiel aus dem Wagen. Ich ſtuͤrzte ſogleich herbei und ergriff die Zuͤgel der Pferde vor ei⸗ nem Wagen, der unmittelbar dahinter fuhr. Es gluͤckte mir mit Gefahr meines Lebens; und ſo wendete ich den Wagen von der Bahn ab, auf welcher er ret⸗ tungslos uͤber das Kind hinweg gefahren ſeyn wuͤrde. Ich war ſtark gequetſcht worden, beſaß aber doch noch Kraft genug, das kleine Maͤdchen in meine Arme zu nehmen, und es auf den ſichern Fußweg zu brin⸗ gen, bis der erſtere Wagen ſtill hielt, und Vater und Mutter zu mir eilten.— Maria Cecil! und Frankland! Ich ſah nicht auf; konnte es nicht; aber Ma⸗ riens Haͤnde beruͤhrten mich, als ſie das Kind aus meinen Armen nahm,— und als ſie ſah, daß es unverletzt ſey, kehrte ſie zuruͤck und fragte: ob ich es ebenfalls waͤre, und dankte mir mit tiefer Nuͤhrung, und ihr Herz, ein Mutter⸗Herz, lag in dem innigen Tone. Auch Frankland, ein Mann von edlem Anſtande, be⸗ zeigte mir auf's waͤrmſte ſeine Dankbarkeit, nicht ſo, wie nur zu oft ein Vornehmer es einem Geringen 48 thut, ſondern voll und innig dankbar, wie Mann zu Mann. Er ſah, daß ich verletzt war, und ſandte nach einem Wundarzt. Er ſah meine aͤrmliche Klei⸗ dung und gab mir ſeine Boͤrſe, ohne ein Wort des Dankes von meiner Seite. Er fragte, wo ich mich aufhalte, und Andere antworteten ſtatt meiner. Ich ſelbſt entgegnete kein Wort,— wagte nicht ein⸗ mal aufzublicken. Meine Bruſt hob ſich und kaͤmpfte mit den heftigen Pulſen meines im Innerſten be⸗ wegten Herzens. Tiefer zog ich die Binde uͤber die Stirn. Ich hob mich aus meiner gebeugten Stellung empor. Die Boͤrſe vertheilte ich unter die Umſtehenden, und ohne mir einen Blick auf eines jener geliebten Weſen zu er⸗ lauben, oder ihn nur einen Augenblick lang verſtohlen auf Die zu richten, welche meine Seele mit anbeten⸗ der Ehrfurcht liebte; ich eilte haſtig die Straße hinab, verlor mich bald unter die Menge, und trat wieder ein in mein aͤrmliches kleines Gemach, weinend,— Freudenthraͤnen weinend,— fuͤß, wie bei einer gu⸗ ten That. Wie gern durchwachte ich nun dieſe Nacht und dachte nach uͤber jeden, auch den unbedeutendſten umſtand bei jenem ſo ſchnell voruͤbergehenden Auf⸗ tritte! Wie oft habe ich in meinem ſpaͤtern Leben mir ihn wieder und immer wieder vor mein Auge zuruͤck gerufen! Welch ein Troſt fuͤr mich, es noch jetzt zu thun! Maria Cecil's Kind! Ich hatte meine braune Wange an die Kleine gelehnt,— hatte ihre Augen . 49 Augen geſehen, ihr liebliches Lockenhaar.— Weh mir! Ich verdiente Marien nicht. Der Gott, der es gut wie ein Vater mit ihr meinte, hatte ihr ei⸗ nen andern Gatten gegeben, einen beſſern. Ich wußte, daß Heinrich Frankland ein trefflicher Mann ſey,— ein wuͤrdiger Gatte fuͤr ſie. Und der Ge⸗ danke troͤſtete mich. Am folgenden Morgen verließ ich Neapel, und ging zu Fuß nach Rom. Ich hatte nach Venedig geſchrieben, und gebeten, mir Briefe und Anweiſun⸗ gen in dieſe Stadt zu ſenden, wohin ich mich jetzt verfuͤgen wuͤrde. Ich ſchritt vorwaͤrts, den Stab in der Hand, und mit baarem Gelde genug, um mich einige Tage kaͤrglich naͤhren zu koͤnnen. So geſchwunden auch meine Hoffnungen waren, ſo verzweiflungsvoll auch die reizloſe Ausſicht in mein ferneres Leben, ſo ver⸗ gaß ich doch, als ich auf dieſem reizenden Wege ein⸗ herzog, ganz, wie elend ich ſey, und dankte Gott, daß die Sonne freundlich uͤber mir leuchtete, und die Morgenluft mich ſanft anwehte. Auf jedem Schrit⸗ te begegneten mir Wagen und Mauleſelzuͤge mit Korn beladen, und die Fuhrleute und Treiber ſan⸗ gen ſo froͤhlich, als fuͤhlten ſie, wie willkommen ſie ſeyn wuͤrden in der Stadt, und die Arbeiter auf den Feldern und in den Weingaͤrten blickten empor beiem Klang der hellen Gloͤckchen der Maulthiere, und in. belten laut, als ſie voruͤberzogen. 50 Es iſt ein ſanfter Balſam fuͤr die Wunden un⸗ ſers Herzens, zu ſehn, wie der Sonnenſchein des Gluͤcks durch Wolken bricht, die lange Zeit duͤſter uͤber einander hingen. Es naͤhrt unſere Hoffnungen,— ja, es thut mehr, wir koͤnnen uns nicht daran freuen, Andere gluͤcklich zu ſehen, ohne gewiſſermaßen ihre Freude ſelbſt zu theilen. In ſechs Tagen hatte ich die Reiſe von Neapel nach Rom zuruͤckgelegt. Ich kaufte, was ich zur Nah⸗ rung bedurfte, auf den Marktplaͤtzen. Ruhig verzehrte ich mein Mahl an Quellen oder unter Schattenbaͤu⸗ men. Geſunder Schlaf erquickte mich bei Nacht auf der bloßen Erde, und ich erwachte leicht, geſtaͤrkt und dankerfuͤllt. Am Abende des ſechsten Tages ſaß ich am Fuße des hohen Obelisken, der an der ſchoͤnen Kirche des Laterans ſteht, und zog mein letztes Stuͤck⸗ chen Brot aus meiner Reiſetaſche. „Schenken Sie mir,“ rief eine blaſſe, halbtodte Geſtalt, die mit Muͤhe zu mir kroch,„ſchenken Sie mir, um aller Heiligen willen, nur einen Mund voll von dieſem Brot. Zwei Tage lang habe ich nichts gegeſſen, und bin dem Tode nahe. Von den Kirchen⸗ thuͤren und den Kloſterpforten werde ich fortgeſtoßen, und ſelbſt die Bettler wollen nichts mit mir zu thun haben, weil ich aus Venedig bin.“ Und von mir verlangſt Du Beiſtand? Kennſt Du mich? Die Augen des Mannes erweiterten ſich, ſein blaßer, von Schmerz verzogener Mund ſtand weit auf. Er konnte 541 nicht ſprechen.— Es war Giacomo Brunelli, mein treuloſer Diener, der jetzt vor mir in uͤberfuͤhrter Schuld und in Todesſchrecken knieete. Ich warf ihm Brot hin.„Da iß, Elender! iß, und ſtaͤrke Dich, um mir deine Verbrechen zu er⸗ zaͤhlen. Iß!— ich will beten.“ So trat ich ein in die weite Kirche des Late⸗ rans. Ich warf mich am Fußgeſtell eines der Rieſen⸗ bilder der Apoſtel nieder; beugte mein Haupt vor dem Altare bei'm heiligen Sakramente, und flehte Gott um Kraft an, dieſem Verworffenen die Verge⸗ hen zu vergeben, deren er ſich gegen mich ſchuldig gemacht hatte. Da uͤberſtroͤmte meinen ſtillergebenen Geiſt ein fuͤßer Friede, und ich fuͤhlte, daß, wer ver⸗ giebt, ſelbſt Vergebung erhalten wird. Nie kann der ſtrengſte Roͤmer von den Saͤulen aus vergoldeter Bronze, die jetzt vom chriſtlichen Altare herab auf mich glaͤnz⸗ ten, ſonſt aber den des Jupiters ſchmuͤckten, mit ei⸗ nem feſtern Tugendentſchluſſe aufgeſtanden ſeyn, als ich. Denn was iſt die Ausdauer des Stoikers gegen die fromme, entſagende Unterwerfung des eignen Wil⸗ lens, in dem trauernden, gedemuͤthigten Geiſte des reuevoll zu Gott flehenden Chriſten? Ach, bei mir blieben dieſe Gemuͤthsbewegungen, ſo entzuͤckensvoll, ſo heilſam ſie auch in dieſem Augenblicke waren, doch nur voruͤbergehend. Ein Irrlicht ſchimmerte mir durch das Dunkel der Nacht entgegen, und mit eif⸗ rigem Auge und ausgeſtreckter Hand folgte ich dem . D 2 52 Schimmer nach, bis ich wieder und immer wieder in die unreinen Suͤmpfe verſank. Nie bedurfte ich der Geiſtesſtaͤrke mehr, als in dieſem Augenblicke: denn erfahren ſollte ich, was mich durchſchauerte wie der kaͤltende Wind des ei⸗ ſigen Winters, was mich dahin gebracht hatte, allein zu ſtehen wie ein vertrockneter Baum, blaͤtterlos, in den Wurzeln erſchuͤttert, der finſtere Stamm ſchon zum Falle geneigt. Vater und Mutter waren todt! Sie lagen ver⸗ eint in Einem Grabe,— hier— in Rom. Sie wa⸗ ren ihrem Sohne nachgeeilt. Vereitelte Hoffnungen hatten ſie gebeugt. Roms ungeſunde Luft hatte mei⸗ nen Vater ergriffen. Er erlag ihr. Des Himmels Huld hatte meiner Mutter das traurige Leben in Wittwen⸗Einſamkeit gefriſtet. Wenige Monathe nach⸗ her war ſie im Grabe wieder mit dem Gatten verbunden. Nach der eigenen Ausſage des Boͤſewichts hatte er ſich meines Vermoͤgens in Neapel bemaͤchtigt und vorgegeben, daß er mir nach Sieilien folgen ſolle, wohin ich ploͤtzlich abgereiſtt ſey. Allem Anſcheine nach kamen im Jahre darauf meine Eltern nach Italien, und ſtellten uͤberall die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen nach einem Alvarez an. Brunelli hoͤrte zufaͤllig davon, und da er das ge⸗ raubte Gut bereits wieder verſpielt hatte, ſo glaubte er hier von Neuem etwas gewinnen zu koͤnnen, und ſtellte ſich Jenen alſo als meinen Diener vor, der mich bis Aleppo begleitet habe, wo ich in ſeinen Ar⸗ — 53 men geſtorben ſey.„Wenn ich morgen noch am Le⸗ ben bin,“ fuͤgte er gegen mich hinzu,„ſo will ich Ihnen zeigen, wo ſie begraben wurden.“ Hier ward er ohnmaͤchtig und ſchien dem Tode nahe. Sollte ich den ſich kruͤmmenden Wurm an der Schwelle des dumpfen Gewoͤlbes, wohin ſeine Gebeine nun auch bald mit denen tauſend Anderer geworfen werden ſollten, am Abende vor dem Schlafe, von dem er erſt durch den Schall der Drommete des Weltge⸗ richts wieder erweckt werden ſollte, zertreten?— Nein.— Es giebt viele Arten des Mordes. Ich war ja ſelbſt ein Moͤrder; Moͤrder meiner Eltern! Ich eilte zu einem Weinſchenker, verkaufte meinen Man⸗ tel um eine Kleinigkeit, und ſchaffte Wein. Damit ging ich zuruͤck und ließ ihm einen Zug davon thun. Ich ſchauderte wie bei'm Stiche einer Otter, als ſeine Lippen meine Hand kuͤßten, dann aber bezaͤhmte ich mich ſelbſt, und bat den Himmel wegen dieſes verbrecheriſchen Stolzes um Vergebung. In dieſer ſchrecklichen Nacht ſchloß ich kein Auge. Bis Tagesanbruch wanderte ich in der einſa⸗ men Gegend des Obelisk umher, und dann wollte ich den ungluͤcklichen Verbrecher wecken, um mich von ihm zu meines Vaters Grabe fuͤhren zu laſſen. Als ich aber auf dieſes elende Weſen herabblickte und es ſchlafend fand, haͤtte es Rache von mir ſchei⸗ nen koͤnnen, wenn ich es geweckt haͤtte. Ein barfuͤßiger, feiſter Kapuziner begegnete mir. Ich fragte ihn, wohin Fremde hier begraben wür⸗ 54 4 8& den?„Von welcher Nation?— Englaͤnder—„Alſo Ketzer! Die liegen bei den Heiden, am St. Pauls⸗ Thor.“. Dahin eilte 586 Ein gruͤner, wuͤſter, einſamer Platz unweit der Stadtmauer war es. Nur eine Py⸗ ramide, ein ſtolzes, von den Roͤmern aufgerichtetes Todten⸗Denkmal bezeichnete ihn, und umher lagen einige flache Platten ſchmuzigen Marmors auf unge⸗ weihten Graͤbern. Mit welcher Schmerzensfuͤlle beugte ich mich uͤber den weißen Stein!„Beavoir, Beavoir,“ ſo war es zweimal darauf eingegraben. Beavoirs, die im Gitter unter'm Marmorhelme in der alten Kirche von Beaulieu haͤtten liegen ſollen! Auch las ich ferner: „Errichtet als ein einfaches Denkmal ihres Schmer⸗ zes von Henrietten, der Gattin von Heinrich Howard, Koͤniglichem Schiffskapitain, als einzigem uͤberleben⸗ den Kinde dieſer ihrer beweinten Aeltern.“* „Wie reich doch dieſe Englaͤnder ſind!“ ſagte ein armer Burſche mit einem Spaten in der Hand, der einen Augenblick bei mir verweilte.„Da iſt ein jun⸗ ger Menſch hergekommen, hat die Leichen von den alten Herrſchaften hier ausgraben laſſen, ſie mit zur See auf ein Schiff genommen, und nach Eng⸗ land hinuͤber gebracht.— Als ob ſie dort beſſer laͤ⸗ gen, die armen Leutchen!“ Der Mann ging weiter, ohne meine innere Be⸗ wegung bemerkt zu haben. „Howard alſo vertrat Sohnesſtelle an ihnen;“ ſo 4 55 dachte ich.„Howard iſt mein Bruder,— der Gemahl meiner Schweſter.“— Ich knieete nieder und dankte Gott, daß dem ſo ſey. In fruͤheren Jahren hatte ich, wenn auch nur auf kurze Zeit, geſehen, wie viel die⸗ ſer junge Mann zu werden verſprach. Ja, auf die⸗ ſen Howards, dieſen Franklands, mußte des Himmels 4 Segen ruhen. Ein Wieſan wie ich, war nur der Erde verfallen. Der Becher meiner Leiden war jetzt voll: ich hatte ihn bis auf die Hefen geleert. Tief war meine Trauer, aber eine innere Unruhe jagte mich: ich wollte meinen eigenen, mich anklagen⸗ den Gedanken entfliehn. Deutlich lag es vor mir, oder ſchien mir wenigſtens ſo, daß Ehre und Pflicht mir geboͤten, nie meinen vaͤterlichen Namen mehr zu fuͤhren. Man hielt mich fuͤr todt,— ich war ver⸗ geſſen,— ſo mußte es bleiben. Aber lange durfte ich daruͤber nicht nachdenken, es haͤtte mich zum Wahn⸗ ſinn bringen koͤnnen. Ich mußte etwas aufſuchen, das meinen Geiſt ergriff, beſchaͤftigte, abzog; das blutende Herz heilte. Aus einer entferntern Niſche unweit des Thors ſchaute ein Kruzifix mit der duͤ⸗ ſtern Lampe davor auf mich herab. Aber nein,— ob ich auch gleich in der vorigen Nacht Troſt gefunden hatte im Gebet, ſchien es mir doch jetzt, als ob die Hoffnung, neuen Troſt darin zu finden, nur ein eitler Wahn ſey. Es lag ein Etwas auf meiner Seele, wie das Drohen der Verzweiflung. Dies nur fuͤrch⸗ tete ich jetzt, und war entſchloſſen, dagegen zu kaͤm⸗ 56 pfen. Haͤtte ich doch damals in der Lage, in welcher ich mich befand, den Vorſatz gefaßt, kein Gold mehr zu beruͤhren, ſondern ein Leben begonnen in muͤhſa⸗ mer Arbeit, und nur das Brot gegeſſen, das der Schweiß rechtlichen Beſtrebens mir verſchafft haͤtte! — Wie vielem Weh, wie manchem Verbrechen waͤre ich entgangen! Als ich zum Obelisk zuruͤckkam, war Giacomo Brunelli nicht mehr dort. Ich ſah ihn nie wieder. Ich ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, daß ich ſein elen⸗ des Leben noch einige Jahre lang gefriſtet, und daß er vielleicht Reue empfunden und mich fuͤr mein Mitleid geſegnet habe. Von der Poſt war ein Brief an mich, unter der Adreſſe des Signor Alvarez, abgegeben worden, und⸗ nur mit einer Art zweifelnden Verwunderns, wie man einen ſo aͤrmlich und wild ausſehenden Boten danach ſenden koͤnne, ward er nach langem goͤgern mir eingehaͤndigt. Da ich meinem Venetianiſchen Bankier den trau⸗ rigen Zuſtand, in welchem ich mich befand, genau beſchrieben, ſo hatte er eine Anweiſung auf ſeinen Roͤmiſchen Correſpondenten eingeſchloſſen, die mich aus jeder Verlegenheit zog. Das Geld in Em⸗ pfang nehmen, mir andere Kleider anſchaffen, und einen Wagen, der mich nach Venedig bringen ſollte, miethen, war das Werk weniger Stunden. So ver⸗ ließ ich denn die Stadt, in welcher ich den Abend vorher wie ein Bettler eingezogen war, mit jeder 57 Bequemlichkeit eines wohlhabenden Mannes verſehen, aber ohne Sinn fuͤr deren Genuß. Es war mir gleichguͤltig, wohin ich ging, und nur eine ganz zu⸗ faͤllige Begebenheit gab mir eine beſtimmte Richtung, uͤber welche ich mich bei der damaligen Stimmung meines Gemuͤths gar nicht zu verwundern hatte. Als ich am Tage meiner Ankunft in Venedig aus meiner Gondel ſteigen wollte, ſchwankte ſte, und ich ergriff, um mich feſt zu halten, den Arm einer Perſon, die in einem nahegelegenen Kahne ſtand. Ich vernahm ploͤtzlich ein lautes Aufſchreien, welches ich jedoch nicht verſtand. Da ich naͤmlich, als ein Frem⸗ der, mit der Flagge und Kleidung der Gondoliere der Lazarethkaͤhne gaͤnzlich unbekannt war, ſo hatte ich, ohne es zu wiſſen, einen dieſer Gondoliere be⸗ ruͤhrt, und mußte, da die Quarantaine⸗Vorſchriften in Venedig hoͤchſt ſtreng beobachtet wurden, zur Strafe fuͤr meine Unvorſichtigkeit, mir eine Einſperrung von vierzehn Tagen im Lazarethe gefallen laſſen. Zwei Reiſende befanden ſich damals dort mit mir, als ich wider meinen Willen in ihre Geſellſchaft gerieth. Ei⸗ ner trug einen Turban, einen Bart und uͤberhaupt— orientaliſche Kleidung, und ſprach mit Entzuͤcken von den Muhammedanern und Arabern. Er hatte Pa⸗ laͤſtina, Egypten, Armenien, Perſten und Arabien durchreiſt. Die Sittlichkeit, die Tapferkeit und die Gaſtfreundſchaft der Araber war ſein ſtetes Thema. Er hielt die Einfachheit, Abgeſchloſſenheit und Sparſam⸗ keit der morgenlaͤndiſchen Lebensweiſe fuͤr eben ſo wuͤrde⸗ voll als vernuͤnftig. Er wuͤrde gewiß wieder, ſagte er, in den Orient zuruͤckkehren, und dort ſein Leben beſchließen, wo er einſam und ungeſtoͤrt ſeyn, und ſich nach der aͤlteſten Art und Weiſe des menſchlichen Geſchlechts benehmen und kleiden koͤnne. Vergebens erzaͤhlte ich ihm meine harte Gefan⸗ genſchaft in Algier und die Auftritte, von denen ich dort Zeuge geweſen war. Er behauptete, daß der Afrikaniſche Maure dem Muhammedaner von Klein⸗ Aſien nicht im mindeſten gleiche, und die dortige ſchlechte Behandlung der Gefangenen nur eine Nach⸗ ahmung der granſamen Vorbilder in Genua und Venedig ſey. Er berief ſich aber auch auf verſchie⸗ dene andere dortige Sitten und Gebraͤuche, und fragte, ob das betrachtende, abgezogene Leben in Harems und Gaͤrten nicht etwas ſehr angenehmes habe. Es ſey ein voͤlliger Irrthum, wenn man glaube, daß alle einſame Stunden im Harem nur dem Muͤßiggange und der Sinnlichkeit gewidmet waͤren. In dieſen geheiligten ſtillen Raͤumen haͤtten die Arabiſchen Wei⸗ ſen, der Ruhm Cordovn's und Grenadass, ihre treff⸗ lichſten Werke niedergeſchrieben. Er verſicherte, daß die beſſeren Muhammedaner aufgeklaͤrte Deiſten waͤ⸗ ren, und ihr Leben in allen Dingen dem der Pa⸗ triarchen und Propheten gleich komme. Er ſchilderte ſie in weit vorzuͤglicherem Lichte als die Chriſten irgend einer Sekte, ſprach aber zugleich mit ſo gro⸗ ßer Ehrfurcht von jeder Tugend und allen edlen Cha⸗ raktern und Lebensweiſen, daß er meine Aufmerſam⸗ — 59 keit unwiderſtehlich feſſelte, und einen tiefen Ein⸗ druck auf mich machte. Er ſchlief auf der bloßen Erde, trank nur Waſſer, aß nichts als einfachen ge⸗ kochten Reis, und ſeine einzige Verſchwendung war die lange Tuͤrkiſche Pfeife und die Taſſe ſtarken Kaf⸗ fee's von Mokka. Ein gewiſſes Etwas in dieſen ſieten Lebensentſa⸗ gungen und in der Herrſchaft uͤber alle ſeine Hand⸗ lungen, nahm mich immer mehr und feſter fuͤr ihn ein. Der Andere war ein juͤngerer Mann, in Euro⸗ paͤiſcher Kleidung, welcher ſchnell durch Europa ge⸗ reiſtt war; der alle Dinge zwar nur oberflaͤchlich be⸗ trachtet, doch ganz andere Anſichten gewonnen hatte, ſo daß er aͤngſtlich auf Vorſtellungen hoͤrte, welche ihm irrig zu ſeyn ſchienen, die er aber doch, bei ſehr geringen Kenntniſſen, nicht gruͤndlich zuruͤckweiſen konnte. Mit Verdruß ſah er, wie ungluͤcklich ich mich zu fuͤhlen ſcheine, und wie bereit ich ſey, Alles aufzufaſſen, was meinen peinlichen Gedanken eine an⸗ dere Richtung geben, und mir ſelbſt die Ausſicht auf ein neues, erregendes und ungewohntes Lebens⸗Ver⸗ haͤltniß gewaͤhren koͤnne. Als wir daher eines Abends auf den Stufen am Waſſer ſaßen, und die Gegend bei der untergehenden Sonne ſo mild und friedlich vor uns lag, wandte er ſich folgendermaßen an mich:„Sie ſind ungluͤcklich. Ihren Geiſt druͤckt irgend etwas. Auf Ihrem Ge⸗ muͤthe ruht eine ſchwere Laſt. Gedenken Sie, daß, wohin Sie auch gehen moͤgen, dieſe Gefuͤhle Sie nie 60 verlaſſen werden. Ihr Herz wird aͤngſtlich klopfen, welches Kleid es auch decke, und ob die Sonne uͤber Ihnen in Arabien oder Italien aufgehe und ſcheide, ſo wird ſie doch auf daſſelbe ungluͤckliche Weſen ſchei⸗ nen, auf das ſie jetzt bei ihrem ſtrahlenvollen Unter⸗ gange ſo freundlich laͤchelt. „Damit will ich aber nicht ſagen, daß wenn Sie Ihre Reiſen mit betrachtendem Auge fortſetzen, dieſes Ihnen große Gefahr oder Mißvergnuͤgen bringen werde. Nein! ein ſolches Beobachten iſt heilſam fuͤr ein wundes Herz, und gewaͤhrt dem ſchwachen und ermatteten Geiſte Leben, Geſundheit und Staͤrke. „Ich ſelbſt habe dies duͤſtere Gemaͤhlde der Ara⸗ biſchen Wuͤſte mit einem feierlichen Gefuͤhle betrach⸗ tet, welches Worte nicht auszudruͤcken vermoͤgen, keine Beſchreibung mittheilen kann; mit einem Gefuͤhle, welches ich Erhabenheit der Schwermuth nennen moͤchte. Es beugt nicht nieder, es erweckt, erhebt, begeiſtert. Sie klagen, daß Sie allein in der Welt ſtehen. So geht es aber Tauſenden. Ueber Ihrem Auge ruht zuweilen ein Zug von finſterm Kummer, der von verborgenen Dingen ſpricht, die ich nicht enthuͤllen mag; aber bedenken Sie doch auch, daß Schuld keinen Flecken zuruͤck laſſen kann, den die Quelle der ewigen Gnade zu tilgen nicht im Stande waͤre. Vielleicht ruͤhrt Ihr ganzes Leiden aus einem gebrochnen Herzen her. Ihre Jugend⸗Ge⸗ liebte verließ Sie, oder Sie ſtrebten einem edlen Zwecke nach, den Sie nicht erreichen konnten, oder 61 Ihre Liebe ward nicht erwiedert. Sey die Urſache Ihres Kummers, welche ſie immer wolle, ich kann mit Ihnen fuͤhlen. Ich bin ſelbſt ein alleinſtehender, tiefgebeugter Menſch. Sie haben mich freilich laͤ⸗ chelnd und heiter geſehen; ſie haben gehoͤrt, wie ich mit Feuer und Leben ſprach, aber die gewoͤhnliche Stim⸗ mung meines Gemuͤths iſt trauernd, nachdenkend, die Einſamkeit ſuchend. Mich meinen Gedanken zu uͤber⸗ laſſen, iſt fuͤr mich keine muͤßige Erholung, es iſt mein Lebens⸗Princip, und ich habe mich ſo ſehr dar⸗ an gewoͤhnt, die Einſamkeit durch Nachdenken zu er⸗ heitern, und habe mir mit Gottes gnaͤdigem Bei⸗ ſtande ſo viele Muͤhe gegeben, dieſe Gedanken haupt⸗ ſaͤchlich auf des Ewigen Preis, auf Liebe zu den Men⸗ ſchen und den Frieden meiner eigenen Seele zu rich⸗ ten, daß ich mich veranlaßt fuͤhle, Ihnen von mei⸗ nem vergangenen und gegenwaͤrtigen Leben ſo viel zu erzaͤhlen, als noͤthig ſeyn duͤrfte, Ihnen ein Laͤ⸗ cheln abzugewinnen, und Sie zu beruhigen. „Weiſe, ſehr weiſe iſt der Ausſpruch, daß, ſeinen Traͤumereien ſich zu uͤberlaſſen, das Leben verſchwen⸗ den heiße. Allerdings ward das frohe Gefuͤhl, ſei⸗ nen Mitmenſchen nuͤtzlich zu ſeyn, der hohe Lohn des Nachruhms, eines geliebten Andenkens, eines ver⸗ ehrten Grabhuͤgels nie dem Manne gewaͤhrt, der ſich von dem ernſten Geſchaͤfte des Nachdenkens abwen⸗ dete, um ſich den Traͤumen ſeiner Phantaſie zu uͤber⸗ laſſen. „Kein ſchmerzlicheres Bewußtſeyn laſtet auf mir, 62 als die traurige Ueberzeugung, daß ich mit einem Geiſte geboren ward, den ich auszubilden vernach⸗ laͤßigte und deſſen Kraͤfte ich in dem ſelbſtiſchen, un⸗ fruchtbaren Vergnuͤgen, ſtill fuͤr mich nachzudenken, vergeudete. Laͤcheln Sie immer bei einer Reue, die aus einer Ueberſchaͤtzung meiner Faͤhigkeiten hervor⸗ gegangen zu ſeyn ſcheint. Ein altes Sprichwort ſagt nun einmal: Wenn nur ein Jeder den Andern beſſer machen wollte, ſo wuͤrde bald die ganze Welt beſſer ſeyn. Und der Zuſammenhang zwiſchen geiſtiger Kraft und ſittlichem Einfluſſe iſt eben ſo bekannt als unbeſtritten. Stellen Sie ſich alſo ſelbſt vor, was aus unſerer Erde werden muͤßte, wenn alle Geiſter bis zu dem hoͤchſten Grade ihrer Faͤhigkeiten vervoll⸗ kommet wuͤrden, und wenn von allen Seiten her das beſchaͤmende Auge des Wiſſens, die uͤberredende Stim⸗ me der Wahrheit, die ernſte Stirn tugendhafter Kraft, als ſittliche Antriebe auf das Menſchengeſchlecht wirk⸗ ten. Auch betrachte ich gar nicht das, was ich haͤtte werden koͤnnen, ſondern das, was ich jetzt noch bin. Ich kann nicht als Steuermann auf dem Lebensmeere dienen, aber doch immer noch meine kleine Flagge von der Klippe wehen laſſen, auf welcher ich ſtran⸗ dete, und bis die brandenden Wellen mein zerbrech⸗ liches Fahrzeug verſchlingen, ſoll mein Warnungsruf ihr brauſendes Toben uͤbertoͤnen. „Doch jetzt, und von Herzen gern, zu etwas minder Ernſtem. Ich will Ihnen die kleinen, obgleich nicht einflußloſen Begebenheiten meiner fruͤheſten 63 Kindheit nicht erzaͤhlen. Nicht viel uͤber acht Jahre aber war ich alt, als ich zuerſt den Bau meiner Luft⸗ ſchloͤſſer begann. Ich ging in eine kleine Schule in meinem Geburtsorte. Hier ſtreichelte mir der lateini⸗ ſche Lehrer wegen meines Fleißes und meiner Auf⸗ merkſamkeit die Wangen, waͤhrend der Schreibemei⸗ ſter mir mit dem Lineale meine armen, kleinen Fin⸗ gerknoͤchel bearbeitete, meine ſchlechten Rechnungen und ungeſchickten Schriftzuͤge verdrießlich auswiſchte, und mit ſchmaͤlendem Unwillen alle Hoffnung auf⸗ gab, daß er je ein nettes Schreibebuch von mir werde vorzeigen koͤnnen, oder daß ich im Stande ſeyn wuͤrde, eine Feder zu ſchneiden. Natuͤrlich haßte ich nun alle Schreibebuͤcher und Rechentafeln, und fand ſelbſt die trocknen Regeln der Syntax, die ich leicht aus⸗ wendig lernte, hoͤchſt angenehm. Oft ſchlich ich mich an den Vormittagen, wo geſchrieben und gerechnet ward, aus der Schule, und ritt dann in entlegenen Feldern, auf einem Stocke, herum. Das erſte, wor⸗ uͤber ich hier nachdachte, war das, mein Vergehen und meine Beſtrafung geheim zu halten. Mutter Krumbuckel und des Fortunatus Wuͤnſchhuͤtlein ſtan⸗ den mir bei. Ein aͤlterer Bruder hatte einmal einen Feiertag fuͤr mich erbeten. Sein Name mußte nun immer als Entſchuldigung bei meinem Lehrer gelten, und ward auch ſiets bereitwillig dafuͤr angenommen. Endlich entdeckte dieſer Lehrer aber mein muͤßiges Spiel. Vater und Mutter waren immer ſehr guͤtig und nachſichtig gegen mich geweſen. Ich kannte und theilte ihren Haß gegen jede Luͤge, wie es noch bei mir der Fall iſt. Wie groß mußte ihre Betruͤbniß⸗ wie tief ihr Kummer uͤber ein verhaßtes Huͤlfsmittel ſeyn, deſſen ich mich in noch ſo jungen Jahren und ſo ungeſcheut bedient hatte. Ich glaubte, ihren Un⸗ willen nicht ertragen zu koͤnnen, hielt es nicht fuͤr moͤglich, daß ich Vater und Mutter je wieder in's Auge ſehen koͤnne. So lief ich denn fort, nicht allein von der Schule, ſondern aus dem Hauſe. Eines Sommerabends um 6 Uhr ging ich mit Scham und Furcht, doch aber mit hoffnungsvollem Herzen, fort, richtete es geſchickt ſo ein, daß ich einen Umweg von funfzehn engliſchen Meilen machte, und nach dieſer gro⸗ ßen Anſtrengung mich endlich wieder in einem kleinen Staͤdtchen befand, das nur ſieben Meilen von meiner Heimath entlegen war. Ich kann mich noch, als ob es geſtern erſt geſchehen, daran erinnern, welche bange Furcht in meinem jungen Herzen pochte, als ich mich bei meiner Wanderung am folgenden Tage auf einer weiten, einſamen Ebene befand. Der Reiſende, der ſich in den oͤden Wuͤſten Afrika's bei ſeinen For⸗ ſchungen ſchutzlos und von aller Huͤlfe entfernt ſieht, kann die Bruſt nicht von bangerer Sorge beklemmt fuͤhlen als ich, kann dieſe Empfindung nicht mit kraͤftigerer Anſtrengung bekaͤmpfen, als ich es damals that. Ich war ein huͤbſches, nett gekleidetes Kind, aber barfuß und ſchmuzig⸗ geldentbloͤßt und hungrig, ſtand ich am Mittage in den Straßen von.. Was war nun zu thun? Ich erblickte das Zeichen eines gro⸗ ßen 65 ßen weißen Pferdes, das im Winde ſchwankte. Furcht⸗ ſam trat ich in den Hof, und fragte den Hausknecht, ob er mir Arbeit anweiſen koͤnne. Ich ſey jung, und lerne gern. Eigentlich war aber ein Pferd ein Thier fuͤr mich, das ich noch nie angegriffen hatte, denn mein Vater war alt, und hatte alſo das Reiten aufgegeben. Ich zitterte daher bei dem Geklirre der Hufeiſen, als die Pferde im Hofe geputzt wurden, und als der große Stallhund mich beſchnopperte, ward ich roth. Der Hausknecht lachte mich verwundert an, und zeigte auf einen dicken Mann, den Wirth. Von die⸗ ſem gravitaͤtiſchen, aber gutmuͤthigen Manne ward ich nun auf das genaueſte befragt, und ſo kam denn end⸗ lich die Wahrheit zum Vorſchein, die ich jedoch, wie ich mich noch entſinne, ihm mit ſo viel Vertrauen erzaͤhlte, als haͤtte ich nun Jemand gefunden, der mich aufnehmen, beſchirmen, und mein Geheimniß verſchweigen wuͤrde. Er nahm mich mit in ſeine Stube, und ich mußte mit ihm und ſeiner Frau eſſen. Es war eine freundliche, huͤbſche Frau, die muͤtterlich mir vorlegte, und zu mir mit feſſelnden und gewinnenden Worten und Toͤnen ſprach. „Sie koͤnnen leicht denken, daß man ſogleich einen Boten in meine Heimath ſandte. Die Ankunft einer Poſtchaiſe und die wohlbekannte Livree verkuͤn⸗ deten mir mein Schickſal. Ich ward nach Hauſe gebracht, ſtieg zitternd und ſchamroth aus dem Wa⸗ gen, ward befragt, etwas geſchmaͤlt, dann gekuͤßt, er⸗ hielt Vergebung und mußte zu Bett gehen. Am an⸗ II. E 66 dern Morgen fuͤhrte mich mein Vater an ſeiner Hand, die, wie ich mich noch entſinne, heftig zitterte, zu dem Schulvorſteher. Sie ſprachen einiges zuſammen, wovon ich nicht mehr vernahm, als der Hinzurich⸗ tende auf dem Richtplatze, von dem was der Geiſt⸗ liche oder Henker ſpricht. Die Thuͤr ſchloß ſich wie⸗ der hinter meinem kraͤnklichen, ſanften Vater, und ich erhielt augenblicklich darauf fuͤnfundzwanzig tuͤchtige Hiebe, mit einer neuen birkenen Ruthe. Vierzehn Tage lang konnte ich nur mit Muͤhe ſitzen, aber ich dachte wenig mehr an dieſe koͤrperliche Zuͤchtigung, als ich erfuhr, daß ich, zwanzig Meilen weit vom Hauſe, in eine hoͤhere Schule einer groͤßern Stadt gebracht wer⸗ den ſolle. Das Jahr, welches ich dort verlebte, ge⸗ hoͤrte unter die gluͤcklichſten meiner Kindheit. Der Lehrer war ein Geiſtlicher, und Fortſchritte ſeiner Schuͤler in den Klaſſikern waren ſein Stolz. Ich war ſtets der erſte in meiner Klaſſe. Dazu hatte ich immer Geld, ein kleines woͤchentliches Taſchengeld. Ich ſchloß jugendliche Freundſchaften, lief umher, ſpielte, ſchlief gut, und ward nie geſchlagen, doch muß ich auch dieſem Jahre das Ausſaͤen manches Samens anrechnen, der, ob ich ihn gleich von ſchoͤ⸗ nen und wohlduftenden Blumen bezog, doch, in einem nur zu leicht wuchernden Geiſte, alle andere frucht⸗ bringendere Gewaͤchſe faſt ganz erſtickte. Alle Kna⸗ ben wurden naͤmlich einmal im Jahre ins Schauſpiel gefuͤhrt. Dieſe Unterhaltung entzuͤckte und feſſelte mich ſo, daß ich mir kein groͤßeres Vergnuͤgen den⸗ 67 ken konnte. Ich ſchrieb nach Hauſe, und bekam freundlich aber unuͤberlegt, die Erlaubniß, ſo oft ins Theater zu gehen, als es mir der Lehrer erlauben wuͤrde, vorausgeſetzt, daß ich immer der erſte in der Klaſſe bleibe. Bei ſolchem Antrieb blieb ich immer Senior, und erhielt alſo woͤchentlich auch die Er⸗ laubniß, einer Vorſtellung beizuwohnen. Man gab damals ein abgeſchmacktes Melodram, das meine Phantaſie aufs lebhafteſte reizte, und an welchem ich mich nicht ſatt ſehen konnte,— Banditen und uͤber⸗ fallne Reiſende,— eine Huͤtte im Walde,— eine zerbrochne Leiter,— eine einſame Schlafkammer,— ein blutbeneztes Kiſſen,— der Geiſt einer blutigen Nonne,— ein Mordverſuch und endlich eine gluͤckliche Rettung, durch die ſanfte Hand eines huͤbſchen, zaͤrtlich liebenden Landmaͤdchens. „Gewoͤhnlich gingen wir Sonntags an einen ro⸗ mantiſch wilden Ort, wo wir zu ſpielen pflegten. Der Schloßberg, wie man ihn nannte, war ein alter buſchiger Huͤgel, mit Ueberbleibſeln von Mauern, Thoren und einem Brunnen. Hier ſtellte ich nun, als erwaͤhlter Fuͤhrer, meine kleinen Spielkameraden an. Wir trieben nicht eins, ſondern hundert Dinge, deklamirten aus dem Stegreife, fochten mit hoͤlzer⸗ nen Schwertern u. ſ. w. Nicht zu laͤugnen war es, daß manchmal ſtaͤrkere und minder verſtaͤndige Knaben dazu kamen, uns mit Steinen warfen, uns anſtelen und den Berg hinunterrollten; aber bei alle dem war auch ſo etwas noch eine wahre Luſt⸗ E 2 68 barkeit. Gern theilte ich Alles mit, was ich hatte. Ich half den Ungeſchickteren nach, und da ich mir Unterhaltungsbuͤcher zu verſchaffen wußte, naͤmlich Auszuͤge aus Romanen, Maͤhrchen und Schauſpielen, ſo ſuchten ſie mich eifrig auf, und ſtellten ſich dicht um das eine Licht her, bei dem ich las, oder draͤng⸗ ten ſich neugierig an meine Seite. Von einigen guͤtigen Freunden meines Hauſes ward ich auch in alle Monathskonzerte jener Stadt eingeladen, und lernte die ſuͤßen Toͤne lieben. „Ich muß zum Ende dieſes gluͤcklichen Jahres eilen, und erzaͤhle Ihnen nichts von unſerm Paſte⸗ tenbaͤcker und Semmelladen, dem Barbier mit der Brille und Perucke, der uns gegenuͤber wohnte, dem lahmen Raben, der hundert Jahr alt ſeyn ſollte, und fuͤr mich in den Kinderjahren ein Gegenſtand ſonder⸗ barer phantaſtiſcher Ehrfurcht war. Alles das wuͤrde ein Buch anfuͤllen, vielleicht langweilig fuͤr jeden Andern, aber nicht fuͤr mich. „Die Szene aͤnderte ſich. Ich kam in eine oͤf⸗ fentliche Schule, ein kleiner Mitbewerber um die Wuͤrde des ſchwarzen Rocks und weißen Unterge⸗ wands, und des Kragens, des ſtolzen Kragens. „Das Herz ſchlug mir gar gewaltig waͤhrend ich die ſteinerne Wendeltreppe in das Wahlgemach hinauf⸗ ſtieg, und nun vor ſechs ſchwarzbemaͤntelten ernſten Maͤnnern ſtand, als mich ein alter, freundlicher, aber ehrwuͤrdiger Vorſteher, nach vielem Raͤuspern, befrag⸗ te, ob ich ſingen koͤnne, und ich mit aller Anſtren⸗ 69 gung etwas harmoniſches herauszuſtammeln antwor⸗ tete,„alle Menſchen auf der Erde ſingen,“ und die⸗ ſer gutmuͤthig laͤchelte, und mich wieder hinausge⸗ hen hieß. „Was war das fuͤr ein Tag! Die aͤngſtlichen Formalitaͤten waren nun vorbei, meine Pruͤfung, wie ſie es nannten, voruͤber. Nur Freude und Verwun⸗ derung in meinem Herzen. Noch entſinne ich mich der gewoͤlbten Gaͤnge, des ſteinernen Vierecks, der hohen Spitzboͤgen, der ſtattlichen Kapelle, der vergit⸗ terten Fenſter, des Hinaufſteigens auf den luftigen Stufen zu dem hohen Saale, der vielen langen, ſchmalen, weißen Tiſche, des feierlichen Schweigens, der aͤlteren Gaͤſte, der Knaben in langen Gewaͤndern, der ehrfurchtsvoll umherſtehenden Diener, und des tief intonirten Gratias; dann auch wieder des froͤh⸗ lichen Geraͤuſches der ſpeiſenden Knaben, der Reihen von glaͤnzenden Paſteten, der vollen Portionen mit Leckerbiſſen, die von der groͤßern Tafel geſchickt wor⸗ den, mit dem freundlichen Winke des freundlichen alten Herrn, der ſie nicht aus den Augen ließ, und des frohen Auges des Knaben, der ſie erhielt und ſeinen Dank durch herzliches Laͤcheln ausſprach, und des gutmuͤthigen Dieners, der ſie mit verhaltenem Kichern ablieferte, und des nachſichtigen Untermei⸗ ſters, der durch den Saal ging und den Kopf ab⸗ wandte. „Dann zwiſchen den Gaͤngen, die Vorleſungen, und nachher das altvaͤterliche ſuͤße Gericht, der Apfel⸗ 70 kuchen— und alles dies in einer weiten mit Saͤge⸗ ſpaͤnen beſtreuten Halle, und hoͤlzerne Teller auf den Tiſchen, und das Bier in ſteifen ledernen Schlaͤu⸗ chen, und ein eiſenbeſchlagener Kuͤbel fuͤr den Ab⸗ hub, der ſtets den Armen oder Gefangnen geſchickt ward! Ja, ja, es war ein ſehr gluͤcklicher Tag! Einige junge Schulgefaͤhrten liefen mit mir noch an dem ſchoͤnen ſonnigen Abende fort, und zeigten die Gefaͤngnißwieſe und den gekreideten Ballhof, und den Schulſaal, mit des Lehrers thronaͤhnlichem Stuhle, und die ſonderbare Tafel an der Wand, mit der gemahlten Anmahnung: das Dintefaß, und das Schwert daruͤber, und drunter die Ruthe,— Lernen, oder Krieg, oder Streiche. „An einem duͤſtern dunkeln Abende verſammelten ſich nach den Ferien die Knaben, aus ihren verſchie⸗ denen, weit zerſtreuten Wohnorten, wieder in den Mauern des Collegiums. Schwerfaͤllig ſchloß ſich das gewichtige Thor hinter uns, und ernſt toͤnte die Glocke von der Kathedrale. In der That, haͤtte mich nicht ein Gefuͤhl von Stolz und maͤnnlichem Streben aufrecht erhalten, ich waͤre krank geworden, in dem Jahre das nun folgte. Man ſteckte mich in eine Klaſſe, wo ich Alles, was darin gelehrt ward, ſchon wußte; deſſenohngeachtet ward ich haͤufig ge⸗ zuͤchtigt, was bloß der Form wegen geſchah. Am haͤrtſten aber ward ich außerhalb der Schule behan⸗ delt. Ich ward ein ſtets geſchlagener Dienſtjunge, ein kleiner einheizender, ſchuhputzender, ſtubenkeh⸗ 741 render, handtuchtrocknender, brotroͤſtender, chokola⸗ denkochender, kamaſchenzuknoͤpfender Burſche. „Zum Studiren oder ſpielen, konnte ich nie mehr eine Minute gewinnen. Immer hatte ich dann et⸗ was zu beſorgen, und manche lange, kalte Winter⸗ ſtunde brachte ich damit zu, an der eiſenbeſchlagenen Hausthuͤre zu wachen, um gleich zu melden, wann der Lehrer wiederkomme. War es daher ein Wun⸗ der, wenn ich bei dem Uebergewichte meiner Phan⸗ taſie wachend zu traͤumen lernte, und mir ein kleines warmes Paradies in mir ſelbſt ſchuf? So that ich denn auch, und dies wuchs immer mehr mit mir auf. Noch nach dem Ablaufe meines Jahres als untrer Schuͤler, blieb mir dieſer Zeitraum voll ſteter Schlaͤge und tauſendfacher Entbehrungen gegenwaͤr⸗ tig, hing mir jener krankhafte Geſchmack unabwend⸗ bar an. b 3 „Um dieſe Zeit ward mein Vater ſehr krank, und blieb es lange. Als das letzte, kleinſte, verzo⸗ genſte aller ſeiner Kinder, das im Neſte gebliebene, waͤhrend die anderen weit Erwachsneren bereits aus⸗ geſlogen waren, liebte ich ihn wahrhaft zaͤrtlich. Die⸗ ſes Ungluͤck ergriff mich daher ſehr. Ich ward trau⸗ rig, und meine Traͤumereien bezogen ſich nun auf ihn. „Schwermuͤthig geſtimmt, mir bewußt, daß ich ein ſehr ſchwaches, furchtſames Kind ſey, dabei gei⸗ ſtig ermuͤdet und gebeugt, liebte und ſuchte ich Ruhe, ledes einſame Plaͤtzchen. Ward ich nicht dazu gezwun⸗ 72² gen, nahm ich nie an dem heitern Ballſpiele Theil. Meine Geſchicklichkeit war ſehr gering in jeder an⸗ dern koͤrperlichen Uebung in Spielen, beim Sprin⸗ gen, Klettern u. ſ. w. Doch ſah ich alle dem voll Bewunderung, Aufmerkſamkeit, und ſtets mit Ver⸗ gnuͤgen zu, wenn mich nur Niemand dabei mit Vor⸗ wuͤrfen oder Beleidigungen peinigte. Es thaten dies aber auch nur wenige. Die ſaͤrkeren unter meinen Schul⸗ kameraden waren zugleich freundlich und gut. Sie richteten meinen geſunken Muth wieder empor. Nur Einen Kampf hatte ich mit einem keckern, wildern Burſchen unter ihnen auszufechten. Er pruͤgelte mich tuͤchtig, hatte mich aber nachher ſtets herzlich lieb. „Einen einſamen Spazirgang um die Wieſe zu machen, ganz allein durch den ſchwarzen Foͤhrenwald auf dem Huͤgel herumzuſtreifen, oder am Ufer des Fluſſes und durch die doppelten Heckenreihen zu wan⸗ deln, im hohen Graſe zu liegen, unter einem Baume zu ſitzen, mich in einer Ecke des Ballhofes zu ſonnen, und etwas zu leſen das keine Anſtrengung koſtete, oder mir ſchon hundertmal wiederholte und feſt eingepraͤgte Phraſen abermals vorzudeklamiren, das waren meine Vergnuͤgungen. So naͤhrte ich meine Einbildungskraft nur mit angenehmen Dingen, und gleich einem Thoren machte ich mich ſelbſt zum bun⸗ ten Glaſe mit hellen und reichen Farben, um durch daſſelbe in unſer Erdentreiben voll Muͤhe und Arbeit zu ſchaun. Die Beſchaͤftigung in der Schule ward mir leicht. Vier der Geſchickteren unter uns lernten 73 zuſammen; einer las den Terxt, der andre ſchlug das Woͤrterbuch nach(ich jedoch nie), der dritte conſtru⸗ irte und ich uͤberſetzte, wenn ſie mir die Stammwoͤr⸗ ter jener kuͤnſtlich zuſammengeſetzten Beiwoͤrter an⸗ gaben, ſie in kraͤftigeres und lebendigeres Engliſch. So lebte ich in gluͤcklichem Muͤßiggange fort. „Ich liebte meine Lehrer, vorzuͤglich einen— und dann, ehe ich ſelbſt Senior ward, meinen ju⸗ gendlichen Beſchuͤtzer,— ohnſtreitig den reichbegab⸗ teſten Juͤngling auf der Welt;— ſein Anblick war Sonnenſchein fuͤr mich. Maͤnnlich und thaͤtig in ſeinem Benehmen, nahm er doch ungemeine Ruͤckſicht auf den Schwachen und weniger Lebhaften. Selten bekamen Knaben Erlaubniß aus dem Hauſe zu gehn, die nicht an den Dachsjagden und alle den anſtren⸗ genderen, gemeinſamen Uebungen Theil nahmen. Ich erinnere mich noch, wie er mich zu ſich rief, und mir ſagte, daß ich mich ſtets dafuͤr ſeines Namens bedienen ſolle, und dies mit einem milden Tone und einem Geſichte, aus dem wohlwollende Schoͤnheit ſtrahlte. Ich liebte ihn aufs innigſte, weinte als er die Schule verließ, und ſpaͤter, wo wir als Maͤnner uns wieder trafen. Noch jetzt denke ich an ihn mit ſchwellendem, dankbarem Herzen. „Doch die Zeit verging, und ich beſchaͤftigte mich, obgleich noch nicht ſechzehn Jahr alt, doch ſchon mit Din⸗ gen, die uͤber die Schuljahre hinaus waren. Ich fuͤhlte Liebe fuͤr mein Vaterland, las alle Reden unſrer Staatsmaͤnner, ſprach von Politik, und ver⸗ 74 ſchaffte mir neue Werke daruͤber. An eins erinnere ich mich, das alle Klaſſiker wochenlang verſcheuchte, — ſelbſt ein klaſſiſches— einen metriſchen Roman, die Geſaͤnge eines alten Minſtrels. Ich wußte ſie alle auswendig, und ſah Alles vor mir, jede Stelle, jede Perſon, ja ich vernahm jeden dieſer wilden, kriegeriſchen Toͤne. „Jetzt erhielt ich auch eine Einladung in einen kleinen, romantiſchen Kreis von Fremden, die auf die Wahl meiner Lebensart einen maͤchtigen Einfluß hatte. Es waren Schweizer, vertrieben aus ihrem beunru⸗ higten Vaterlande, und England dienend mit ihren Schwertern.— „Sie waren ſehr freundlich gegen mich. Ich ſah ſie oft. Mir lag ihre heimliche, fuͤr ſie ehren⸗ volle Oekonomie offen da. Ich war ein kluger Kna⸗ be, und hatte ein ſcharfes Auge. Noch denke ich an das kleine, flackernde Feuer im Kamin, den abgetra⸗ genen, engzugeknoͤpften gruͤnen Rock, die Abbildun⸗ gen ihrer geliebten, heimiſchen Gegenden, welche in der Stube hingen, die Floͤte, die Violine, die mathe⸗ matiſchen Inſtrumente, die ausgebreiteten Landkarten und Plane, das Geſpraͤch unter ihnen, von laͤngſt geſchlagenen, zwar verlorenen, aber wacker durchge⸗ fochtnen Schlachten, und die haͤufigen mit Seufzern begleiteten Erinnerungen an ihr fernes Land. Dann wieder,/ wie ihr Gemuͤth ſich ylozlich aͤnderte, wie ſie froͤh⸗ lich ſangen, leicht tanzten, ſich verkleideten, ſpielten und wuͤrfelten, und in Geſellſchaften, die glaͤnzen⸗ „—— ———ᷣ˖ʒQ—ꝛ—.ʃ4—.—jijͤ 75 den Anzuͤge, und das heitre Laͤcheln, und die Theil⸗ nahme an Conzert und Ball, und die Zuneigung, welche die Frauen fuͤr ſie zu haben ſchienen. „Ich aber ſtrebte jetzt nach Freiheit, nach Aus⸗ treten ins Leben;— Ruhm, Ruhm war mein Ab⸗ gott. In einem ſchwachen Koͤrper ſchlaͤgt das Herz um ſo waͤrmer. Ich ſah empor zu der gemahlten Tafel.„Schlage dein Lexicon auf“ ſagte das Din⸗ tenfaß;„komm!“ ſagte das nackte Schwert,„komm auf die Schlachtebne und die Berge.“ Als ich des Minſtrels Geſaͤnge geleſen, hatte ich mich mit phan⸗ taſtiſchem Stolze ſchon auf ein Barberroß, in einen glaͤnzenden Stahlharniſch getraͤumt, und meine Ein⸗ bildungskraft mit dem ergoͤtzt, was ich fuͤr ein un⸗ moͤgliches, unerreichbares Vergnuͤgen hielt. Jetzt pries ich die Aenderung in der Kriegskunſt, die ich damals verachtet hatte, pries ſie, weil ich wußte, daß im Todeskampfe der neueren Schlachten auch der Schwache mit unter den Scharen ſtehen koͤnne, ja, noch vor dem Starken, und daß die Krieger, ſo brav und kraͤftig ſie auch immer ſeyn moͤgen, doch nur mit liebendem und vertrauendem Stolze, auf einen hohen Sinn und lebendigen Geiſt blicken werden, moͤge er auch nur vielleicht eine ſchwaͤchere Geſtalt beſeelen. „So folgte ich denn dem ertraͤumten Gute, ſchob das Dintenfaß bei Seite, und guͤrtete das Schwert um. Doch nein, ich will es nicht bloß ge⸗ traͤumt nennen. Ich habe gelebt und meine kleine Ernte gehalten, von Haͤndedruͤcken und Becheran⸗ ſtoßen, und dankbarem Laͤcheln des rauhen Kriegers. Die hohe Glorie aber von Ruhm und Rang haben meine thoͤrichten, ehrgeizigen Hoffnungen nicht er⸗ reicht, und auch die ſanften Freuden, die in dem Le⸗ ben jugendlicher Liebe und Gegenliebe und fruͤher haͤuslicher Verbindung ſo ſchoͤn aufſproſſen, das Gluͤck des Gatten, die Nachkommenſchaft, ſind weit hinweg⸗ geflogen vor mir. Einſt, als ich noch jung, ſehr jung, waren mir ſolche goldne Ausſichten lieb und theuer; jetzt nicht mehr. „Jetzt bin ich am liebſten allein. Die albernen Kleinigkeiten eines bloß zur Schau getragenen Lebens machen mir kein Vergnuͤgen. Ich denke ſo gern an das Bivouak im Walde, an die Ebnen mit Gezelten, an das fahnenreiche Schlachtengepraͤnge. So ſitze ich an gedraͤngtvollen Tafeln, und ſchaue doch nur die Geſtalten der Entfernten und Verſtorbenen, und lauſche nur, ob ich die Stimmen Dieſer hoͤre. „Am ſtolzen Jahrestage wird der Becher voll⸗ gefuͤllt, und wir trinken ſchweigend auf das Anden⸗ ken der Gebliebenen. Dann folgt eine Pauſe— nicht lang— und dann wieder Scherz und Geſang, und das nennt man Nachruhm! Nachruhm fuͤr die, welche bluͤhten und laͤchelten unter uns, und fochten an unſrer Seite, und die wir kaͤmpfen ſahen mit toͤdtendem Durſte, und umkommen in ihrem warmen Herzblute. Nein, man muß nicht zu tief nachden⸗ ken uͤber ſolche Gegenſtaͤnde. Ein froͤhliches Herz . 77 iſt ein ſteter Feſttag!— Wollte Gott, ich beſaͤße eins. „Aber etwas habe ich doch gelernt, das mich be⸗ ruhigt, mir den Kummer verſcheucht, meine Einſam⸗ keit mit aͤtheriſchen Geſtalten und ſanften Jugend⸗ ſtimmen vergangener Tage belebt. Ich habe viele Gegenden beſucht, und vieles weit im Raume Aus⸗ einanderliegende geſehn, und kann mir alles nach Will⸗ kuͤhr wieder zuruͤckrufen. Es erſcheint mir dann wie die Gebilde in dem Glaſe des alten Zauberers. Ich betrachte es, und taͤuſche mich ſelbſt.. „Wachend zu traͤumen nennt man wol nur ein Spiel, aber es iſt doch auch eine Kunſt. Wir koͤnnen uns dadurch zu dem innigſten Danke fuͤr jede Seg⸗ nung erwaͤrmen, und unſer Gluͤck erhoͤhter fuͤhlen. Wir koͤnnen den ſchwachen Funken des Mitleids und der Liebe zu ſolchen Flammen anfachen, daß ſie die kalte einſame Bruſt erfreuen, und das gute Prinzip das in uns waltet, beſeelen, daß es weit und liebend hinausblicke, aus unſrer Einſamkeit auf die ganze Menſchheit. „Wohin wir uns nur wenden, finden wir Nahrung fuͤr dieſes ſchuldloſe Nachhaͤngen unſrer Phantaſte. Wanderte ich unter Nebeln und Unwetter durch die Straßen der großen Hauptſtadt meines Vaterlandes, ſo fand ich dieſen Nahrungsſtoff in der Orange, die in der Bude verkauft ward, in der Kokosnuß an ih⸗ rer Seite, und in dem in einer Ecke vor Froſt be⸗ benden Afrikaniſchen Bettler, der unter dieſen Son⸗ 78 nenerzeugniſſen geboren ward und vielleicht die er⸗ auicklichen Fruͤchte, die wir auf unſeren reichbeſetzten Tafeln vor langen Jahren aßen, ſammelte oder mit ihnen beim Sturm nach Europa ſegelte, und wach⸗ te, waͤhrend wir ruhig in unſeren warmen Betten lagen. „Dann wieder in den glaͤnzenden Kreiſen unſrer Salons— auf weißem Buſen in Gold gefaßt, der flimmernde Edelſtein,— ein Ding, das von ſchmuzi⸗ gen Haͤnden tief aus der durchwuͤhlten Erde hervor⸗ gezogen ward, wer weiß wann? und wo? und wer es ſchon trug? und zu welcher Zeit? und an welchem Orte? So auch die Musline, von Indiſchen Maͤd⸗ chen gewoben, und der reichgezierte Faͤcher, an welchem der kuͤnſtliche Chineſe vordem wol viele Tage arbeitete, und der koloſſale Elephant, der von kaͤhnen, nackten Menſchen, in irgend einem dichten Walde aufgejagt ward, um das Material dazu zu liefern.— Solchen muͤßigen Gedaßken haͤnge ich gern nach, und es macht mir Freuden über das ge⸗ ſellige Staatsgebaͤun und deſſen Wafeäten nachzu⸗ denken, und uͤber den wunderwirkenden Handel, und wie jede noch ſo kleine Muͤnze, die wir ausgeben, unter unſeren Nebenmenſchen gedeiht, und Huͤtten baut, und ſie mit frohen und fleißigen Haͤnden be⸗ voͤlkert. So folge ich in Gedanken auch dem Scherf⸗ lein, das Schulen auf Doͤrfern bauen hilft, die Bi⸗ bel auf die Spinden der Eltern legt, um die Namen und Geburtstage ihrer jungen Sproͤßlinge darin zu 79 ſchreiben und ihre Wanderungen, Anſiedlungen und Todesfaͤlle auf dem weißen Blatte vor dem heiligen Worte einzutragen; in welchem ſie dann von Gottes Liebe, Vaterſorge und Gnade leſen, und Sonnabends Abends vertrauensvoll ſich ſchlafen legen, und ihm ſchon fuͤr die Sonntagsruhe des naͤchſten Morgens danken. Solchen Gedanken uͤberlaſſe ich mich nur gar zu gern. „Nicht ſelten aber auch treten mir die Thraͤnen in die Augen, wenn ich an mein nutzlos verfloſſenes Leben denke. Wie ſo wenig kann ich doch meinen Mitmenſchen ſeyn! Ich ſtuͤrzte mich, erſt halb er⸗ zogen, in die Welt, ohne die mindeſten hoͤheren Kennt⸗ niſſe. Man hatte mich nie gelehrt, den Schimmer⸗ lauf der ſtrahlenden Geſtirne zu beobachten; nie mich gelehrt, beim erſten dankbaren Blicke jedes wundervolle Thier zu kennen, das auf der Erde wan⸗ dert oder in dem weiten tiefen Meere ſchwimmt, jedes kuͤhne oder ſchoͤne Weſen, das in der bewegten Luft ſich aufſchwingt oder flattert, jeden hohen em⸗ porſtrebenden Baum, oder jede zarte, ſchattenver⸗ breitende oder bluͤthentragende Pflanze, noch all' die verſchiednen Kraͤuter, die uns zur Nahrung dienen, und die vielen gruͤnenden Graͤſer fuͤr die Weide der Heerden. Wenig verſtand ich auch von den reichen Schaͤtzen der Minen, den mannichfachen Schichten der wundervollen Erde, den edlen Geheimniſſen des Ackermannes, und den maͤchtigen Gewalten des Scheidekuͤnſtlers. Ich blickte auf den kleinen Ma⸗ —— 80 troſen, wenn er ſein Fernglas nahm, auf den Bau⸗ meiſter, wenn er die kuͤhne und ſichre Bruͤcke zeich⸗ nete, oder die hohe Kuppel woͤlbte, auf den Mecha⸗ niker, der die Arbeit erleichterte, auf den geſchickten Arbeitsmann, ja ſelbſt auf den Landbebauer, der den wuͤſten Acker beſchickt, und den wachſenden Beduͤrf⸗ niſſen ſeiner Mitmenſchen wachſenden Vorrath ver⸗ ſchafft,— ich blickte auf ſie alle mit Achtung, mit Verchrung, mit anerkennendem und erlaubten Neide. Ich bin nun zu alt geworden, um mich mit irgend einem dieſer Gegenſtaͤnde mehr vertraut zu machen, als es allenfalls bloß ein geiſtiger Zeitvertreib ver⸗ ſtattet. Ich muß nun als das nutzloſe Weſen leben und ſterben, das ich nun einmal bin, muß dem alten Bettler helfen, dem jungen zulaͤcheln, und ſo durch dieſe Welt wandern, wohlwollend, aber allein, dank⸗ bar aber traurig, die Augen muthig emporgeſchlagen zu etwas hoͤherm und beſſerm, und immer betend zu dem leitenden Geiſte, der in Zuͤgen des Lichts den Willen und die Gnade des Gottes niederſchreibt, der uͤber die Menſchen waltet und ſie erloͤſet, der ſie kennt, und deshalb Nachſicht mit ihnen hat. „Ob ich auch krieche nur am Grund, und bin Gewurzelt an der niedern Erde hin, Drängt doch in mir ſich etwas ſtets hervor; Zu dem, was über mir, treibt nichts empor, und meine reinſte Liebe ſtrebt hinan, Zu ihm, zu ew'gen Rechtes Sonnenbahn. „Auch ietzt noch wird dieſes mein trauriges Ge⸗ ſtaͤnd⸗ 81 ſtaͤndniß eines verſchwendeten Lebens nicht ohne Nuz⸗ zen ſeyn, wenn es Sie zu einer wuͤrdigern Laufbahn beſtimmt. Ein helleres Licht ſirahlt in Ihren Au⸗ gen, hoͤhere Kraft ſchwellt Ihre jugendlichen Glieder. Fuͤr Ihr Alter ziemt es ſich nicht, auf den Polſtern des Vergnuͤgens auszuruhen, oder in der duͤſtern Zelle zu modern, oder ohne Zweck und Ziel die Erde zu durchwandern. Erheben Sie ſich!— Zu nuͤtzli⸗ chen Kuͤnſten, zu edlen Thaten, zu heiligen Studien, oder zu maͤnnlichen Kaͤmpfen,— zu Kaͤmpfen fuͤr das Vaterland, beſtimmen Sie fortan Ihr Leben. Dann werden Sie Schlaf und Frieden genießen, Ruhe und hohen Lohn erwerben. Vor allen Dingen aber halten Sie in Ihrer Bruſt den Chriſtenglauben feſt. Umguͤrten Sie ſich damit, wandern Sie mit ihm, legen Sie ſich ſchlafen mit ihm, ſprechen Sie nur durch ihn und mit ihm. Dann werden Sie in den Stunden der Arbeit, der Noth, der Gefahr⸗ nicht al⸗ lein ſeyn, Sie werden ſtets einen Fuͤhrer, einen Hel⸗ fer, einen Troͤſter finden. Sie wundern ſich, daß ein Weſen, gleich mir, ſich erdreiſtet, Ihnen guten Rath zu geben, daß ein traͤumendes Kind der Phan⸗ taſte dem Muͤßigen und Unbeſchaͤftigten Vorwuͤrfe zu machen wagt. Aber nehmen Sie dies immer von mir an. Was ich Ihnen ſage, iſt eben ſo gut, als erfuͤhren Sie es aus dem Munde eines Weiſern; es iſt ja die Frucht, die bittere Frucht— trauriger Er⸗ fahrung!“ 4 I. F 5 Gefaͤhrte blieb, und einige Wochen hindurch befand 8² Es war ſchon tief in der Nacht, als er ſeine Er⸗ zaͤhlung ſchloß. Ich konnte ſein Geſicht nicht mehr erkennen, aber aus ſeinem Tone hoͤrte ich, daß er weinte. Ich fragte ihn: Beſaßen Sie Freunde? „Sehr theure.“ Haben Sie je geliebt? „Liebe iſt etwas Heiliges.— Glauben Sie denn, daß ich gelacht und geweint habe wie andere Men⸗ ſchen, und gelebt bis graue Haare ſich in dieſe brau⸗ nen Locken draͤngten, ohne je geliebt zu haben?“ und was fuͤrchten Sie denn fuͤr mich? Weshalb oͤffneten Sie mir Ihr Herz? Iſt Reiſen nicht unſchul⸗ dig, nuͤtzlich? „Ich fuͤrchte, daß jeder Lufthauch aus einer Menſchenbruſt Sie drehe und wende. Als Sie dem alten Reiſenden da drinnen zuhoͤrten, konnte ich es ſe⸗ hen, wie Ihr, jedem Eindrucke offenes Gemuͤth ſich ihm zuneigte. Wie ein Chamaͤleon nehmen Sie ſtets die Farbe des Augenblicks an. Ich verſichere Ihnen, daß, wenn Sie der Wahrheit nachſtreben, Sie dieſe auf ſolche Art nicht finden werden. Sie eilen dem Gluͤcke nach, und es wird vor Ihnen fliehen. In ſich, in ſich muß Ihr Blick ſtets gerichtet ſeyn, und dann hinauf im Gebete zu den Hoͤhen des Himmels. — Dann wird die Taube ſich auf Sie niederlaſſen.“ Am folgenden Tage wurden wir aus unſerer Haft befreit, und der ſonderbare Traͤumer verließ Venedig eiligſt, um nach Hauſe zu ziehen. Der aͤltere 83 ich mich faſt unausgeſetzt in ſeiner Geſellſchaft. Er war ein ruhiger, angenehmer Mann. Dann und wann war es mir freilich ſo, als blicke ein Zug von Stolz aus ſeinen Reden hervor,— als glaube er, die Welt ſey mit Finſterniß verhuͤllt, und er einer der wenigen Weiſen, die auf ihr wandelten. Wenn ich jetzt an ihn zuruͤckdenke, wird es mir ganz deut⸗ lich, daß er einer von jenen Getaͤuſchten war, die, indem ſie ihr eigenes Feuer anſchuͤren, und ſich ſelbſt mit den Funken deſſelben umgeben, in ſtolzem Wohl⸗ gefallen bei deſſen Scheine umhergehn, bis ſie in Sorge und Noth am Boden liegen. Damals aber dachte ich nicht ſo. Ich hoͤrte ihm ſehr gern zu. Sein gebildeter Geſchmack, ſein reich begabtes Gedaͤchtniß, ſeine unerſchoͤpfliche Quelle von Anekdoten, ſeine Beſchreibungen von allen dem, was die oͤſtlichen Himmelsſtriche zauberiſches und hinrei⸗ Fendes haben, feuerten mich zu dem lebhafteſten Wun⸗ ſche an, an den Orten und unter den Nationen zu wohnen, die er ſo reizend ausmahlte. Wir lernen nur zu bald das kennen, was uns in Verſuchung fuͤhrt, und die Eigenthuͤmlichkeit unſerer Lage als einer ſol⸗ chen, die niemand begreifen kann, als wir ſelbſt, die wir niemand anderm eingeſtehen moͤgen. Wir verſte⸗ hen es dann nur zu gut, uns von alle dem abzuwen⸗ den, was uns Mißvergnuͤgen verurſachen koͤnnte. Ich hatte mein Geburtsrecht verkauft,— meine Liebe war entblaͤttert,— ich war ein Verbannter, Verwie⸗ ſener, Verſtoßener,— jeder Ort⸗ oder Lebenswech⸗ F 2 34 ſel, der das Andenken an alles dieſes begraben konnte, war mir mithin willkommen. An demſelben Tage, wo jener vom Zufalle mir gegebene Gefaͤhrte abreiſ'te, ſchiffte ich mich nach Ale⸗ randrien ein. Die armen Neapolitaniſchen Schiffer, welche die Korſaren mit mir zugleich gefangen ge⸗ nommen hatten, vergaß ich aber vorher nicht. Ich trug meinem Bankier die Loskaufung derſelben auf. Jener gab mir Briefe, Verhaltungs⸗Regeln, Rath⸗ und verſprach mir, daß er mich wieder aufſuchen wuͤrde, ſobald es ihm nur ſeine nothwendigen Ge⸗ ſchaͤfte erlaubten, nach Cairo zuruͤck zu kehren. Fuͤr den ermatteten Geiſt giebt es kein beſſeres Staͤrkungsmittel, als wenn die reine Himmelsluft uͤber die weißbeſchaͤumten Spitzen der blauen Wogen weht, die ſchwellenden Segel fuͤllt, und uns unter Scherzen vorwaͤrts treibt zu dem erſehnten Hafen. Mir war eine zeitlang, als haͤtte ich meine Kuͤmmer⸗ niß, meine Sorgen, mein Mißvergnuͤgen hinter mir gelaſſen in den finſteren Haͤuſern der alten Stadt. Keine Reiſe war ſchneller und gluͤcklicher, als die, welche uns nach Alexandria brachte. Berg, Klippe und Kapelle auf dem Felſen, ſind ſonſt die gewoͤhnlichen Gegenſtaͤnde, welche dem Seefahrer das Land bezeichnen, und ſchwarze, dunkelblaue und rothbraune Tinten begegnen zuerſt den Augen der Heimkehrenden oder vorwaͤrts Reiſenden. In Egypten weilt der Blick zuerſt auf einem langen, blaſſen, matt⸗ gelben Streifen. Kommt man naͤher, ſo ſteigt ein 8⁵ duͤnnes Ding empor wie aus nichts.„Die Saͤule!“ ruft man freudig aus. Und in der That ſteht die Saͤule des Pompejus vor uns. Und dann die Cita⸗ delle, und dann die weiße Stadt und die Palmbaͤume, und dann der Hafendamm, der Leuchtthurm und ſchlanke Maſten darunter,— und Boͤte kommen, mit Matroſen im Turban, baͤrtig, ſchwarzbraun, den Nacken bloß. Jetzt war ich— kein Gefangener; ein freier, furchtloſer, erfreuter Beſchauer; ein Mann von Vermoͤgen, mit Boͤrſe, Dienern und Planen zur Freude. Ein wohlhabender Kaufmann nahm mich herz⸗ lich auf. Es war ein junger, lebensluſtiger, ver⸗ ſchwenderiſcher Mann, muͤßig verſunken in all' die oͤſtlichen Sitten. Sein Geſpraͤch drehte ſich um Ara⸗ bien und deſſen Maͤhrchen, das Serail und deſſen Geheimniſſe, die braven Mamelucken und ihre feuri⸗ gen Roſſe. Wie bald, o wie nur zu bald gab ich, Chamaͤleon gleich, wie mich jener wachende Traͤumer genannt hatte, dem Einfluße der verfuͤhreriſchen Far⸗ benpracht nach, die er uͤber das Leben im Oſten ausgoß! Da er bei den Beys, beſonders aber bei dem Befehlshaber von Alerandria, in ſehr großer Gunſt ſtand, ſo hatte man ihm erlaubt, ſich der Pferde fuͤr ſich und ſeine Freunde zu bedienen. Arabiſche Wett⸗ renner, von aͤchter Gattung, feiner Zucht, die uns ſpielend die Hand beſchnopperten, die ſie beruͤhrte, fuͤhrte man uns vor; Geſchoͤpfe, die gleich Doggen daſtanden, mit ruhigen Augen, wenn man ſie aber 86 beſtieg, nicht mehr zu erkennen waren, ſo maͤchtig ſcharr⸗ ten ſie, ſchnaubten ſie, wehten mit den langen ſtol⸗ zen Schweifen, und ſchleuderten die fliegende Maͤhne, und flogen dahin vor dem nachgelaſſenen Zuͤgel mit feurigem Auge und weitgeſtrecktem Halſe. Wir kamen bei einer Schaar Mamelucken vorbei, die auf der ſandigen Ebene gelagert waren, und hiel⸗ ten ſtill, um ihr kriegeriſches Spiel mit anzuſehen. Mein Herz hob ſich von neuer Luſt, als ich ihre wei⸗ ten, weiß und dunkelrothen Gewaͤnder erblickte, und die reichen Geſchirre ihrer Pferde, die ſammtenen Decken mit der breiten Goldſtickerei, und ihre Waf⸗ fen, die krummen Klingen des Sarazeniſchen Halb⸗ mondes, und ihr Geſchrei,— Arabiſch! Sie kannten meinen Gefaͤhrten und hatten ihn gern. Als daher ihr Rennen voruͤber waren, luden ſie ihn ein, abzuſteigen. Wir traten in ein gruͤnes Zelt und ſetzten uns auf ſeidene Kiſſen. Man brachte Kaffee, und Pfeifen, und Scherbet in Eis. Sie frag⸗ ten mich nach meinem Vaterlande, und ihre ſchwar⸗ zen Augen ſahen mich hell und verſtaͤndig an. Unter dem kecken Knebelbarte glaͤnzten die weißen, feſten Zaͤhne der kraͤftigen und ſchoͤnen Krieger hervor. Sie erkundigten ſich nach unſeren Pferden, unſeren Waf⸗ fen, unſerer Art zu fechten, unſeren Sklaven, unſeren Frauen, und blickten ſich mit ſtolzem Laͤcheln einan⸗ der an und ſprachen raſcher zuſammen, als ſie ver⸗ nahmen, daß wir keine Harems haͤtten, daß die Frauen 87 bei uns unverſchleiert gingen, und daß freie Men⸗ ſchen Sklavenarbeiten verrichteten. Unter ihnen ſah' ich einen jungen Mann mit großen ſchoͤnen Augen, und lichtem uͤber ſeiner Ober⸗ lippe ſich kraͤuſelndem Haar, der mehr lieblich als ſtolz ausſah. Er hoͤrte hoͤchſt aufmerkſam zu, beobachtete mich genau und laͤchelte, als wuͤnſche er, mich noch naͤher kennen zu lernen. Malek war ſein Name. Dieſer Tag hatte meiner Phantaſie eine ſo voͤl⸗ lig neue, und alles Andere uͤberwiegende Richtung gegeben, daß ich, als ich zum Abendbrote mit dem Kaufmann nach Hauſe kam, reichlich aß, von ſei⸗ nem griechiſchen Weine ohne Ruͤckhalt trank, und mich ganz ſeinen unterhaltenden Erzaͤhlungen hingab. Am folgenden Morgen miethete ich mir ein, neben dem ſeinen, in einem kleinen, ummauerten Garten auf dem verwuͤſteten Theile der alten Stadt gelege⸗ nes Haus. Ich verſchaffte mir Kleidung, Turban und Pantoffeln eines Tuͤrken. Auch Pferde und Waf⸗ fen kaufte ich. Meine ganze Einrichtung war ſtreng nach Sitte der Muhammedaner gemodelt. Ich legte mich mit ganzer Seele barauf, von ihrer Geſchichte in ihrer kecken Abenteuerlichkeit und zauberiſcher Anziehungskraft mir Kenntniſſe zu erwerben, und neue Bilder, neue Gefuͤhle, neue Gedanken, neue Freuden, neue Hoffnungen erſchloſſen ſich mir. Es ſchien, als ob ich den trauernden, ſchwermuͤthigen, von Gewiſſensbiſſen gequaͤlten Charakter eben ſo ab⸗ 88 gelegt haͤtte, wie die Schlange ihre farbloſe Win⸗ terhaut. Ich war freigebig in meinen Einkaͤufen. Meine Bewunderung der muhammedaniſchen Sitten ſchmei⸗ chelte ſelbſt den ſtolzen Seelen dieſes Volkes, und ſie beſuchten mich,— ſchwatzten und lachten,— verga⸗ ßen ihr ſtrenges ernſtes Schweigen, wenn ſie auf meine dringenden Fragen antworteten, und wunder⸗ ten ſich uͤber einen Enthuſtasmus, den ſie wohlgefaͤl⸗ lig belaͤchelten, ob ſie ihn gleich nicht begreifen konn⸗ ten. Ich hatte mir vorgenommen, alle Kraͤfte mei⸗ nes Geiſtes, all' meine Anſichten, alle Faͤhigkeiten mei⸗ ner Einbildungskraft auf dieſen neuen Punkt zu rich⸗ ten. Dieſes Streben beſchaͤftigte mich ganz. So un⸗ erfreulich und verkehrt dies auch erſcheinen mag, ſo war es doch eine Folge des Uebermaßes der Leiden, welche ich empfand, wenn ich zuruͤckſah auf die vergangenen Tage meines unſeligen, wilddurchtobten Lebens. Nicht ſank ich ermattet herab, wie der Wolluͤſtling faͤllt,— nein, es war mit mir ganz anders. Kaum graute der Tag, als ich ſchon aufſtand und aus dem Hauſe ſprengte auf meinem Arabiſchen Roſſe in die ſandige Wuͤſte. Die Mittagshitze verlebte ich nicht ſchlafend, ſondern im ſelbſt gewaͤhlten, und daher anmuthigen Studiren. Der Scheik— der Erzaͤhler der Kaffeehausmaͤhrchen, — beſuchte mich taͤglich. Ein gelehrter Araber aus dem Gluͤcklichen Pemen machte meinen hochverehrten Lehrer. Die Frau meines Nachbars, des Kauf⸗ manns, war eine Griechinn aus Aleppo. Sie war 89 geſchickt und beredt, und eine leidenſchaftliche Liebha⸗ berin Arabiſcher Maͤhrchen und Gedichte. Sie beſaß eine gewiſſe ernſte, geiſtvolle Schoͤnheit, und ich hoͤrte ihr Stundenlang mit Vergnuͤgen zu. Malek, der ſanfte, dabei doch lebhafte Ma⸗ lek, flog auf ſeinem mondfarbigem Roſſe uͤber die Sandwuͤſte in eiliger Haſt zu mir, und wir ritten zuſammen, und ſpielten zuſammen das Spiel der Krieger mit Wurfſpießen und Lanzen, und dem ſtar⸗ ken Tatariſchen Bogen, und dem hlitzenden Piſtol, und dem blinkenden Stahle. Unter allen Mamelucken war Malek der ſanf⸗ teſte, wenn er in mildem beobachtenden Schweigen an meiner Seite ſaß. Er las mir aus den Arabiſchen Handſchriften vor, ſpielte auf der Zither und ſang in neuen ungeregelten Weiſen die Liebeslieder der Wuͤſte. Fuͤr ihn war ich hingegen ein Gegenſtand der innigſten lebhafteſten Theilnahme, denn als Knabe war er, in den Chriſtenlaͤndern, wie er ſie nannte, geweſen. Oft kam er zu mir, wenn ich aͤmſig mit Buͤchern und Schriften beſchaͤftigt war, ſetzte ſich mir gegen⸗ uͤber, ſah mich unausgeſetzt an, und bat mich um Vergebung. „Laß mich nur,“ ſagte er dann,„laß mich nur Dich anſehen. Ich ſtoͤre Dich, aber es macht mich gluͤcklich, hoͤchſt gluͤcklich. Ich kann dann beſſer an die Chriſtenlaͤnder denken. Oft wuͤnſchte ich, daß ich ſie nie geſehen haͤtte. Man hatte mir geſagt, ſie waͤ⸗ 90 ren finſter und neblicht. Das habe ich nicht gefun⸗ den. Sie waren gruͤn, mit großen, ſchattigen Baͤu⸗ men und vielen Gewaͤſſern. und euere Staͤdte, alle die kriſtallverzierten Haͤuſer, und des Nachts, alle die feſtlichen Lampen! Und ſchoͤne Frauen, die unver⸗ ſchleiert in euern Straßen umhergehen, und bluͤ⸗ hende Kinder! „Mein Herr, der Bey, verachtete das Alles; ich aber, ein unbaͤrtiger, vierzehnzaͤhriger Knabe, ſah es mit Vergnuͤgen, und ich erinnere mich noch eurer Saͤle, mit tauſend Farben ausgemahlt, und eure ſanftathmende Muſik, und die Taͤnzerinnen mit den weißen Nacken, und eine darunter, die immer auf mich laͤchelte, und mich Worte lehrte in ihrer frem⸗ den Sprache:„Herz,“— und dabei preßte er das ſeine—„Liebe“— und ſeine Augen fuͤllten ſich mit dem Glanze vergangener Wonnen,— und er ſeufzte und ließ das Haupt auf die junge Bruſt ſinken. Wie es ſchien, war er im Gefolge eines Bey in Frankreich und England geweſen, und hatte, ganz gegen die Art der meiſten Muhammedaner, alles mit Bewunderung betrachtet. Ueberdies erzaͤhlte er mir, daß er als ein Kind gefangen worden ſey, und noch ſchwache Bilder von Geſtalten und Geſichtern in ſei⸗ ner Erinnerung lebten, und von Trachten, Gegenden und Toͤnen, dem gleich, was er in Europa ſah und doͤrte. Seine Vorliebe fuͤr alles Europaͤiſche war merk⸗ wuͤrdig. Alles was ich von Europaͤiſcher Arbeit be⸗ 91 ſaß, unterſuchte er wiederholt und auf's genaueſte. Meine Buͤcher und Kupferſtiche,— wie ein Kind drehte er ſie um und um, und bei einigen kleinen Miniatur⸗Gemaͤhlden, die ich in Venedig, aus Mitleid gegen den Kuͤnſtler, gekauft hatte, konnte er Stun⸗ denlang verweilen. Ob er gleich noch ſehr jung war, ſchienen ihm doch die Vergnuͤgungen dieſes Alters gleichguͤltig. Er beſaß ein liebendes Herz, das die erkauften Schoͤnhei⸗ ten ſeines Harems nicht befriedigen, ja nicht einmal beruhigen konnten. Auch fuͤhlte er Hochachtung fuͤr die Chriſten. Ich ſah ihn nie dem niedrigſten derſelben veraͤchtlich be⸗ gegnen. Vor Anderen verbarg er dies Gefuͤhl, gegen mich aber ſprach er davon. Nicht ſo, als ob er Be⸗ lehrung wuͤnſche, ſondern er erzaͤhlte mir von einem ſchwermuͤthigen Manne, der von England aus mit ihnen auf Einem Schiffe abgeſegelt ſey. Dies ſey einer unſerer heiligen Maͤnner geweſen, und habe ſtets unſer Buch geleſen— ſo nannte er naͤmlich die Bibel— und ſey alle Naͤchte allein auf dem Ver⸗ deck herumgewandert. Ihn habe er einmal mit ei⸗ nem gelehrten Imam ſich ſehr ernſt, aber doch auch wieder ſo ſanft und mild ſtreiten gehoͤrt. Dieſer Mann habe auch Arabiſch und Perſiſch geſprochen, wie er es nie bei einem andern Chriſten gefunden, und ſich mit ihm auf's angenehmſte und forſchendſte uͤber die Gedichte des Orients und die Gebraͤuche der Voͤlkerſchaften deſſelben unterhalten. 9² Man kann ſich leicht denken, daß Malek, der junge und mir ſo herzlich ergebene Malek, wieder von mir geliebt ward. Wir waren ſehr oft bei ein⸗ ander. Meine Fortſchritte im Arabiſchen waren rei⸗ ßend, und es gab ſelten eine Frage, auf die nicht er oder mein Arabiſcher Lehrer, oder der Maͤhrchen⸗Er⸗ zaͤhler, oder die Frau des Kaufmanns mir genuͤgend antworten konnten. Nichts gewaͤhrt vielleicht einen duͤſterern, trau⸗ rigern Anblick, als die wuͤſte Sandebene um Alex⸗ andria. Haͤtten die dichten und ſchweren Nebel eines noͤrdlichen Klima noch dazu auf ihr gelaſtet, ſo haͤtte man das Leben hier nicht ertragen koͤnnen, aber der ſtets heitere Himmel Egyptens und die trockne, reine Luft geben dem Geiſte und Koͤrper Lebenskraft und Leichtigkeit. Oft gelangte ich bei meinen einſamen Spazirritten weit hinweg von den Mauern der Stadt; aber ob ich gleich allein war, fuͤhlte ich mich doch nie traurig geſtimmt. Ich konnte mit meinem edlen Roſſe ſprechen, und es antwortete mir durch ein freundlich ſtolzes Schuͤtteln der Maͤhne, wenn es den ſchoͤnen Kopf halb nach mir hin wandte; und wenn ich ihm auf der einſamen Ebene den Zuͤgel ließ/ ge⸗ waͤhrte mir das geſpitzte Ohr und das laute Wiehern neues Vergnuͤgen, und es beduͤnkte mich, wenn meine Hand ihm den hochgehobenen Nacken klopfte, als ob dieſe den Druck eines Freundes wiederempfange. Dieſes Gehenlaſſen war nicht ohne Gefahr. Man 93 warnte mich oft, aber ich weiß nicht, welche roman⸗ tiſche Furchtloſigkeit mich ergriffen hatte. Ich war ſo voll feſter Zuverſicht, als ob mein Leben gefeit waͤre. Das Feuer, die Schnelle, die Kraft des herr⸗ lichen Thieres, das mich trug,— ſeine ſeltene Farbe, — das ſchwaͤrzeſte Schwarz— die Arabiſchen Schrift⸗ zuͤge, welche mit Gold in meine alte krumme Da⸗ maszener Klinge, die ſchon ehedem von manchem Arme in der Schlacht verſucht worden, eingegraben waren,— alles dies gab mir eine kecke, geiſtige Hei⸗ terkeit, als ob ich aus dem Becher eines Zauberers getrunken haͤtte. Ich war voll Ideen merkwuͤrdiger Abenteuer und ritterlicher Vorfaͤlle. Die Wuͤſte war ja der Ge⸗ burtsort des Ritterthums, und eine erhabene Buͤhne fuͤr die Einzelgefechte des Sarazenen im Turban und des behelmten Ritters. Wo der Felſen zerſpalten und ſchwarz gefleckt war, als ob der Blitz ihn getroffen, und Feuer vom Himmel ihn geſengt haͤtte,— wo der Sand unfrucht⸗ bar und tief ſich weit ausſtreckte,— wo nur ein Baum ſtand, ein einſamer dorniger Baum, um darunter zu ſterben,— da traf ich auf den erſten wandernden Araber. Auf der himmelumguͤrteten Ebene, weit in der Ferne, erhob ſich ein beweglicher Staub, und tapfre Maͤnner haͤtten zittern koͤnnen, als ſie das neb⸗ liche Weſen Geſtalt annehmen ſahen.— Ein rieſen⸗ großer Krieger mit einer langen, bis an den Himmel reichenden Lanze, hielt auf ſeinem Roſſe einen Augen⸗ blick an, und ſprengte dann auf mich zu. Das„Sa⸗ laam aleikum“ war ſchnell auf meinen Lippen, aber ehe ich es noch ausſprechen konnte, hoͤrte ich das Ge⸗ ſchrei:„Rache, und keine Gnade!“ und die gewich⸗ tige Lanze vorſtreckend, galoppirte er in drohender Haſt, bis nahe an mich heran. Ich zog meinen Saͤbel, ließ meinem Roß den Zuͤgel, ritt weit ab von ihm, und behielt ſeine Lanze feſt im Auge, damit ich ſeinem Stoße auswei⸗ chen koͤnne. „Salaam aleikum!“ rief er nun mit rauher Stim⸗ me, ſenkte die Lanze, hielt den Zuͤgel an und ſtand friedlich vor mir. Er hatte mich fuͤr einen Tuͤrken gehalten, der unlaͤngſt das Blut eines Mannes aus ſeinem Stamme vergoſſen hatte. Aber ſeine Augen glaͤnzten freundlich, und ſeine weißen Zaͤhne laͤchel⸗ ten ob meines Pferdes. Er kannte es, wußte deſſen Namen und Abkunft, und wie ein benachbarter Scheik eines befreundeten Stammes, es an den Fakih Ach⸗ med von Yemen, fuͤr einen angeſehenen Fremden, verkauft hatte. Dann bat er mich, mit ihm zu den Zelten ſeines Stammes zu kommen,— und wir ritten neben einander, und ich mußte ihm zur linken Seite ſeyn. Er war ein Scheik,— ein Hirtenkoͤnig. Sein Unterkleid aber beſtand aus grober blauer Baum⸗ wolle; er trug einen kleinen ſchwarzen Turban und ein Obergewand von dicker, weißer Serge. Geſicht und Koͤrper waren mager, ſtarr aber ſtrotzten die Mus⸗ keln ſeines entbloͤßten braunen Nackens. Eine ſeiner 1 95⁵ kleinen Haͤnde hielt fluͤchtig den Zaum ſeines hagern, nettfuͤßigen und volladrigen Pferdes, nebſt der glaͤn⸗ zenden Pfeife zwiſchen ſeinen Fingern; die andere aber ſchloß ſich feſt und ſtark um ſeine Lanze von ungeheurer Laͤnge. Nicht weit waren wir geritten, als ich die Spiz⸗ zen einiger Palmbaͤume erblickte. Ihre faͤchergleichen Kronen ſchienen den Sand zu beruͤhren, als wir aber uͤber die wogenaͤhnliche Erhoͤhung hinweg waren, bil⸗ deten ihre hohen Staͤmme, mit Kamelen unter ih⸗ nen, und Hunden und Kindern und ſchwarzen Zelten, ein angenehmes Gemaͤhlde einer Heimath in der Wuͤſte, und Frauen ſtanden mit urnengleichen Kruͤgen an der Quelle, und braune Arabiſche Maͤdchen, die ihre groben Schleier beim Anblicke des nahenden Frem⸗ den uͤberwarfen, und in ihre Zelte eilten. Es war Abend. Ich ſtieg ab, und ſie breiteten eine Decke von Ziegenhaaren unter einen Baum, und wieſen mir den Ehrenplatz an, und ſchauten ohne Verwunderung oder Neid auf meinen reichen Anzug und die Verzie⸗ rungen meiner Waffen, ſprachen aber von meinem Roſſe und lobten es. Dann brachten ſie Datteln und Kaͤſe, neugebacknes Brot und eine Schale Kameel⸗ milch. Ich aß mit ihnen, und ſie brachen das Brot, beſtrichen es mit Butter und Honig, und legten mir mit ihren Haͤnden von ihren eignen Portionen vor. Als die Nacht einbrach, verſtand ich mich ſehr gern dazu, bei ihnen zu bleiben, und wir ſetzten uns alle im Kreiſe um ein Feuer. Die gluͤhenden Koh⸗ 96 len faͤrbten ihre lebhaften Geſichter hoͤher, und mit ſtaunendem Vergnuͤgen hoͤrte ich einer jener ungere⸗ gelten Erzaͤhlungen zu, die, obſchon tauſendmal wie⸗ derholt, doch ſtets noch Kraft genug beſitzen, den reizbaren Araber zu ergetzen und ſeine Phantaſie zu erregen. Nirgends und unter keinem Volke iſt der Triumph der Dichtkunſt ſo vollkommen, als in der ſandigen Einſamkeit der kahlen Wuͤſte und unter den rohen Wanderbeduinen. Von dem einfachen Zauber der Erzaͤhlung ergriffen, geben ſich dieſe gluͤcklichen, den Kindern aͤhnlichen Menſchen, ſelbſt den Taͤuſchungen der Fabel mit all' der Waͤrme und Aufrichtigkeit, die ihnen eigenthuͤmlich iſt, hin, und ſcheinen nach dem Wunſche des Erzaͤhlers, wie von einem Zauberſtabe beruͤhrt und verwandelt. Als der wild und finſter ſchauende Haufe mit ernſten Geſichtern und ſchlechten dunklen Anzuͤgen naͤher an einander ruͤckte, und den Staub und die gluͤhende Aſche von den nackten Fuͤßen hinweg⸗ ſchob, und das weite Oberkleid enger an ſich zog, wie der Nachtwind ſchaͤrfer uͤber den thaubefeuchte⸗ ten Sand ſtreifte, hatte ich die lebenvolle Szene, welche darauf folgte, nicht erwartet. Hier kam kein blendendes Licht, keine gemahlten Reize, keine ſeelenfeſſelnde Muſik zur Huͤlfe. Nur die Duͤſterheit der Nacht war vorhanden.— Die Stille einer gefahrvollen Wuͤſte, bloß von dem unruhigen Tritte des Pferdes an der Leine, oder dem leiſen Tone des 4 knie⸗ 8. 97 knieenden Kamels, das, mit geſchloßnem Auge und uͤber die Schulter ſeines Herrn vorgeſtreckter Naſe, ſein letztes Futter wiederkaͤute, unterbrochen. Deer Erzaͤhler war bloß ein gemeiner Kameltrei⸗ ber, von der Sonne verbrannt, und von langen Rei⸗ ſen in der Wuͤſte erſchoͤpft, auch hatte er eine rauhe, heiſere Stimme. Wenn er aber ſprach, die Augen auf einen Fleck gerichtet, den Mund weit aufgethan, ſo lauſchten die Zuhoͤrer eifrigſt jedem Worte, das er vorbrachte. Er ſchilderte ſeinen jungen Helden als einen Findling des Stammes Ad, den ein Kamel bei einer einſamen Quelle geſaͤugt. Dann ſey er aufgewachſen in dem Zelte eines edlen Scheiks, mit funkelnden Augen, und rothen Wangen und ſchwarzem Haare, ſtark und ſchoͤn wie der junge Hirſch, der auf den gruͤnen Huͤgeln ſpringt, und aus den ſchoͤnen Waſſer⸗ faͤllen des gluͤcklichen Yemen trinkt, ein Schwinger des gewichtigen Schwerts, ein Spanner des maͤchti⸗ gen Bogens, ein Weithinwerfer des Wurfſpießes, ein ſtolzer Fuͤhrer der Lanze. Von ſeinen Liebesabenteuern erzaͤhlte er, von der jungfraͤulichen Zillah, der Toch⸗ ter jenes Scheiks, ſchlank und anmuthig von Geſtalt, wie die hohe ſchoͤngeformte Palme, mit Augen wie die ſanfte Gazelle, und Lippen wie ein dunkelrother Faden, und laͤchelnden Zaͤhnen wie weiße Laͤmmer, wenn ſie eben geſchoren von der reinigenden Quelle zuruͤckkehren, und einem jugendlichen Buſen, voll und feſt wie die Granataͤpfel Aegyptens, und ihr maͤd⸗ II. G chenhafter Schritt, leicht wie das fluͤchtige Einher⸗ tanzen des ungebaͤndigten Fuͤllens. „Gelobt ſey Gott,“ riefen die Zuhͤrer,„der ſchoͤne Frauen ſchuf/— und ihre Augen glaͤnzten, und eine Art lieblichen Vergnuͤgens ſpielte um ihren ern⸗ ſten, baͤrtigen Mund, und aus den Zelten, wo die Frauen verborgen lagen, tönte es von Weiberſtim⸗ men:„Taib— Taib!“(ſchoͤn, ſchoͤn!) und als der Erzaͤhler ferner ſprach, und ein Ge⸗ maͤhlde entwarf, von einem waſſerreichen Thale, und Hainen mit ſuͤßen Datteln und ſchattigen Tama⸗ rinden, und ſtolzen Zedern, und Gaͤrten mit reizen⸗ den Fruͤchten, und Beeten der ſchoͤnſten Blumen, und ihrem Wohlgeruche, und von dem ſanften Dufte des Weihrauchs, und dem Singen der Voͤgel, und der Stimme Zillahs, ſanft wie die girrende Taube, da ward er wieder mit laͤchelnden Blicken heitrer Ruhe unterbrochen, und dem Ausrufe:„Taib, Taib!“ (ſchoͤn, ſchoͤn!) Als er nun aber den Helden ſchilderte, vorſchrei⸗ tend zu dem geſchäftigen Leben, und ihn darſtellte, als ein Kind kuͤhner Unternehmungen, mit gezucktem Schwerte und losgelaſſnem Zuͤgel, ein Tapfrer, ſich ſtuͤrzend auf zahlloſe Feinde, da riefen ſte laut:„Bis⸗ millah!“(im Namen Gottes!) ſich freuend ſeiner Er⸗ folge. Haͤtte der Feind ihn beſiegt und umzingelt, haͤtte er vergebens verſucht, ſeinen kuͤhnen Weg wie⸗ der zuruͤck zu ſprengen, ſie waͤren in feuriger Theil⸗ * 2 — 99 nahme aufgeſprungen, und haͤtten die Griffe ihrer Schwerter an den bewaffneten Huͤften erfaßt. Bei jedem ſeiner Siege riefen ſie:„Preis ſey Gott, dem Herrn der Schlachten!*— Und:„Preis ſey Gott, dem Herrn der Schlachten!e war auch ihr Ge⸗ ſchrei, als der Erzaͤhler nun von Beute und Gewinn ſprach, vom Golde und den Juwelen, den Maͤdchen und den ſchwarzen Sklaven, den ſeidnen Gewaͤndern und dem koͤſtlichen Putze. und ihre Augen glaͤnzten von Entzuͤcken, als er ihn nun darſtellte, ſtolz einhertrabend auf einem wei⸗ ßen Kriegsroſſe mit goldnem Sattel und perlenge⸗ ſticktem Zaum, einen Guͤnſtling des maͤchtigen Koͤnigs, in Purpurgewaͤndern, mit einer goldnen Kette und ſeiner ihm gegebenen Geliebten. Da ſchilderte er den Zug bei der Hochzeit, die verhuͤllte und mit Ju⸗ welen geſchmuͤckte Braut, duftend wie koͤſtliche Myr⸗ then und wohlriechende Spezereien, und glaͤnzend wie die Sonne, und die tanzenden Frauen, und die Geſaͤnge, und die wirbelnden Pauken. Als nun die Szene ſich aber wieder aͤnderte, und er gezeigt ward, als von einem zauberiſchen Moggrebyn in eine felſige Wildniß verlockt, und wie die wilden, gelben Loͤwen Numidiens, mit geſtraͤubten Maͤhnen und lautem Gebruͤll ſich ihm in maͤchtigen Spruͤngen nahten, heishungrig ihn zu zerreißen,— da ſchauderten Alle, und riefen in bebender Haſt laut:„La, la, la, iſtagh fer allah!“(Nein, nein, nein, Gott behuͤte— das ſey fern von ihm!)* G 2 100— Als ihn aber die guten Genien retteten, und ihn unverletzt zu dem heiligen Platze der weißen Graͤber und ſchwarzen Cypreſſen trugen, und er ſeine Ab⸗ waſchungen verrichtete in dem hellen Quelle dieſes geweihten Gartens, und ſein Gebetbuch ausbreitete, und niederſtel und anbetete, und gute Engel uͤber ihm ſchwebten mit glaͤnzendem Antlitz und weichem Fittig, da beugten ſie das Haupt, und beruͤhrten den Staub der Wuͤſte mit der Hand, und ſtreuten ihn auf ihre Scheitel, und ſagten wie zum Dankgebete: „Allah kareem!“(Gott iſt gnadenreich!) Ferner aber, als er nachher im Kampfe beinah durch Verraͤtherei umgekommen waͤre, ſchaͤumten ſie vor Wuth, und riefen den Fluch Gottes auf den Verraͤther herab; als aber in der Folge, ganz dem gewoͤhnlichen Gebrauche entgegen, der Erzaͤhler einen traurigen Ausgang begann, als er ihn ſchilderte, wie er ſich in einer verlornen Schlacht noch tapfer ver⸗ theidigt habe, aber niedergeworfen worden ſey von den Schwertern und Lanzen zahlloſer Feinde, die ihn von allen Seiten umgeben hatten, und ihn darſtellte, wie er unter den Hufen der Pferde ſeinen letzten Athem ausgehaucht habe,— da ließen ſie die Haͤup⸗ ter ſich ſenken auf ihre Bruſt, griffen traurig an ihre maͤnnlichen Baͤrte, und ſagten mit tiefem, lang⸗ ſamen Tone:„Moͤge Gott ihm gnaͤdig ſeyn,— moͤge er in Frieden ruhn!“ Und ſie blieben ſtill und feierlich geſtimmt, als ob ſie das furchtbare Rauſchen von Azraels dunkeln Schwingen gehoͤrt, und geſehn r 10¹ haͤtten, den Scherbet⸗Becher des Todes, und gefuͤhlt den eiſigen Pfeil. Es machte mir außerordentliches Vergnuͤgen, als dieſe unſerer Natur gemeinſchaftlichen Wunder meinem lebhaften Gemuͤthe ſo kraͤftig ſich darſtellten. Ich liebte dieſe Stuͤrme der Seele, das Laͤcheln und Weinen dieſer feurigen, baͤrtigen, bewaffneten Maͤn⸗ ner, die Augen von edlem Zorne gluͤhend, das Fleiſch in kalter Furcht erzitternd, und das Herz in ſanfter Zaͤrtlichkeit dahinſchmelzend. Und das alles nur durch eine bloße Erſindung der Phantaſie— eine Schoͤpfung des Barden in der Wuͤſte— wundervoll! O geſegnete Kunſt! gewiß erlaubt dich der Him⸗ mel, ja er laͤchelt dir freundlich zu. Du breiteſt ja vor dem armen, wandernden Kinde der truͤben, ein⸗ ſamen Wuͤſte, gruͤne Thaͤler aus, und ſchattende Baͤume, und ſchimmernde Fruͤchte, und duftende Blumen— Dinge die er nie ſah— und ſchenkſt ſei⸗ nem Ohre ſanfte Muſik auf ſchweigendem Sande,— Muſik von Waſſerfaͤllen und ſingenden Voͤgeln— Dinge, die er nie hoͤrte— und ſpendeſt ihm ſtatt ſeines leinenen Zeltes und ſchmuzigen groben Ge⸗ wandes, einen koͤſtlichen Palaſt mit Edelſteinen, und weiße, zartgewebte Kleider, und goldne Waffen, und ſilberhufige Roſſe, und weiße, ſchnelle Kamele mit ſchimmernden Saͤtteln!. Ja, du giebſt ihm noch Hoͤheres als alles die⸗ ſes,— Hoffnung, Furcht, Liebe, Haß, kraͤftige Theil⸗ nahme, das Klopfen des Herzens, das die unſterbliche 102 Seele erweckt, weihſt ihn ein zu denken an den Tod, und an Gott, und an ein Etwas nach dem Leben— das ihm zulispelt den Lohn fuͤr Treue und Tugend, — das der Furcht und der Liebe und der geduldi⸗ gen Hoffnung die Huͤlfe des erhabenen Himmels ver⸗ ſpricht, in dem Beiſtand der Engel und der Genien mit Talismanen verſehen, ſo heilig, daß Eblis und alle Zauberer deſſelben beſiegt zuruͤckfliehen zu den Tiefen ihrer Hoͤhlen, unter dem Bette des alten Oceans. Es war ſehr ſpaͤt. Bis tief in die Nacht hatte dieſe Erzaͤhlung, mit all' ihren kleinen, aufs Genauſte geſchilderten, und ſo eifrig angehoͤrten Zuͤgen, gedauert. Ihr folgte eine lange ſtille Pauſe. Noch ſtan⸗ den die Araber nicht auf, um zu ihren Zelten zu gehen, ſondern ſaßen in einem engen Kreiſe zuſam⸗ men, und ihre Augen ruhten auf den vergluͤhenden Reſten und der weißen Aſche des verloſchenden Ka⸗ melduͤngers. Roth ſtieg das letzte Mondviertel em⸗ vor, und breitete einen ſchwachen Hauch feierlicher Faͤrbung auf den blinkenden Sand. Die Felſen ſtanden ſchwarz, die Palmen hoch mit dunklen duͤſtern Blaͤttern, trauernd, und rauſchten ſchauerlich im Nachtwinde, und die Waͤnde der ſchwarzen Zelte flatterten ſchwerfaͤllig.— Plötzlich wieherte eins der Arabiſchen Pferde, und in weiter Entfernung antwortete ein gleiches Wie⸗ hern durch das Dunkel. In einem Augenblicke ſa⸗ ßen dieſe wilden Kinder des Huͤgels feſt in ihren Saͤtteln. Ich wollte mich auch ſogleich aufs Pferd werfen, aber ſie erlaubten es nicht, und bloß Zwei oder Drei ſchlichen ſich, in leiſem Trabe nach der Ge⸗ gend hin, woher der Ton gekommen war. Die Uebrigen ſaßen auf ihren Roſſen, in einer eng zu⸗ ſammengedraͤngten ungeregelten Gruppe, und ihre langen Lanzen ragten dunkel uͤber ihnen empor, wie ein einzelner Haufen hoch aufgeſchoſſnen Rohrs in einem einſamen Teiche. Auch die Weiber kamen in dichte Maͤntel ge⸗ huͤllt aus ihren Zelten, und ſtellten ſich mit fragen⸗ den und horchenden Geberden dicht an ihre Maͤnner. Selbſt die Kamele ſprangen aus der Ruhe auf. Jetzt kam der Scheik ſelbſt eiligſt zuruͤck.„Frem⸗ der“, ſagte er,„beſteig' dein Roß, und folge mir.“ Dann ſprach er mit den Seinen, und ſie ſtiegen ab, und ſteckten ihre Lanzen in den Sand, und banden ihre Roſſe daran— und Viele legten ſich ſogleich ſchlafen. Nur Wenige umſtanden mich, und hielten mir Zuͤgel und Steigbuͤgel, als Einem der mitgegeſſen habe von ihrem Salze, und an ihrem Feuer geſeſſen, und mit ihnen zugehoͤrt ihrer Lieblingserzaͤhlung. „Es iſt Malek der Mameluk, der mit dem ſcho⸗ nen Haar und den Taubenaugen, der auf dem mond⸗ farbnen Roſſe reitet. Er ſucht Dich. Er iſt dein Freund, und unſer Stamm kennt den Juͤngling. Bei des Propheten Barte, es iſt gut fuͤr Dich, daß er nicht mit einer Schaar Spahis kommt. Sie ha⸗ 10⁰4 ben das Blut unſers Volks vergoſſen, und wir wuͤn⸗ ſchen unſre Scharte auszuwetzen.“ Wir kamen nun dahin, wo er die beiden Araber, welche er mitgenommen, angeſtellt hatte, und etwa zwanzig Schritt davon hielt eine weiß eingehuͤllte Geſtalt, auf einem ſchneeigen, wild in das Gebiß beißenden Roſſe. Sie war allein, und der Mond verſilberte ſie, und ich erkannte Malek und Saladin. „Salaam Aleikum!“ rief der Scheik und ſeine Be⸗ gleiter, als ſie ihre Pferde wandten. Ich antwortete eben ſo ſchnell, und ein Satz meines Pferdes brachte mich an meines jungen Freundes Seite. Wie ich's ihn gelehrt hatte, druͤckten wir uns die Hand. Er erzaͤhlte mir, daß er ſehr beſorgt geweſen waͤre, und befuͤrchtet haͤtte, daß mich dieſe Araber fuͤr einen Tuͤrkiſchen Spahi halten wuͤrden, und ich ſo ein Opfer ihrer ſtrengen Begriffe ehrenvoller Rache geworden. „Ich habe mit dem Stamme zu thun gehabt,“ fuhr er fort,„und kenne ihn. Daher hielt ichs fuͤr's Beſte, erſt allein zu gehen und zu ſehen, ob Du durch einen gluͤcklichen Zufall noch am Leben waͤrſt, und ob ich Dich mit ihnen auseinanderſetzen koͤnnte. Denn es iſt ein ſehr wilder, ſtolzer, kuͤhner Stamm. Ihre Naͤubereien ſind ungemein keck, und erſt vor einigen Tagen erregten ſie einen Tumult im Bazar in der Stadt ſelbſt, wurden aber fortgetrieben, und Einer von ihnen ward in der Straße erſchlagen. „Haͤtten ſie Dir aber nur ein Haar gekruͤmmt, ſo wuͤrde ich ſchon Mittel gefunden haben, ſie dafuͤr zu beſtrafen. Indem er dies ſprach, ritten wir uͤber einen ſchattigen Sandhuͤgel, und auf der kleinen Ebne darunter lag eine Schaar Reiter. Einige lehnten mit dem Arme auf dem Sattel, andre ſaßen auf dem Boden, andre hatten ſich hingelegt und ſtuͤtz⸗ ten den Kopf in die Hand. Ihre Gewaͤnder waren glaͤnzend und vielfarbig, und ſie ſelbſt vielfach bewaf⸗ net. Die Gloͤckchen an den Decken und Zaͤumen ihrer Roſſe bewegten ſich ein wenig, mit ſchwachem, leiſen Tone, als verſuchten ſie die Feſtſchlafenden zu wecken,— und das Mondlicht beſchien ſie ſo hell, und ſanft und friedlich,— und dieſe Maͤnner und Roſſe lagen da, bereit zum Werke der Schlacht und des Blutvergießens. Sie ſprangen auf als wir uns nahten, und ſtiegen langſam in ihre hohen Saͤttel, und zogen uns ſchweigend nach, zuruͤck in die Stadt. Dies Abenteuer unter den Arabern erhoͤhte und belebte meinen Enthuſiasmus fuͤr alle oͤſtliche Sit⸗ ten und alte Gebraͤuche nur noch mehr. In Unter⸗ ſuchungen verſenkt, die mich ſo angenehm beſchaͤftigten, verſtrich meine Zeit froͤhlich, oder mindeſtens leicht. An das Vergangne dachte ich nie,— wollte wenigſtens nicht daran denken,— ich lebte bloß fuͤr die Gegen⸗ wart. Dadurch hatte ich eine Art von Heiterkeit gewonnen, welche die ſchnelle und angenehme Folge hatte, daß meine koͤrperlichen Kraͤfte und meine Ge⸗ 106 ſundheit gaͤnzlich wieder hergeſtellt wurden. Durch Leibesuͤbungen und Maͤßigkeit, ſo wie durch die koͤſt⸗ lichen Baͤder, ward mein Aeußeres auch wieder an⸗ muthiger. Ich war zwar nicht mehr Juͤngling, ſtand aber doch noch in den fruͤhſten Jahren des Mannes, und nicht ohne Stolz blickte ich in den Spiegel, der meinen Kopf mit dem Turban, und meine Zuͤge voll kriegeriſcher Schoͤnheit, den langen, ſchwarzen, ſeid⸗ nen Knebelbart, und das glattgeſchorne ſanfte Kinn, jedoch mit dem Anfluge des maͤnnlichen Blau, mir zuruͤckſtrahlte. Nirgends wird die Haut ſo ſchoͤn, rein, frei von jeder Haarwurzel und Flecken, als im Oſten. Ich wuͤrde dieſer unbedeutenden Dinge nicht erwaͤhnen, geſchaͤhe es nicht, um auf eine andre Szene in meinem ſtuͤrmiſchen Leben vorzubereiten, eine Szene, wovon ſich der Leſer, je nach ſeiner Ge⸗ muͤthsbeſchaffenheit mit Aergerniß, Verachtung oder Mitleid hinwegwenden wird. Meiner Gewohnheit nach benutzte ich alle Gele⸗ genheiten, die ſich mir zu Beſuchen in den Haͤu⸗ ſern der vornehmeren und wohlhabenderen Muhamme⸗ daner darboten. Deren gab es freilich nicht ſehr viele, denn im allgemeinen waren dieſe nicht reich, oder nicht aufgelegt mit Fremden ſich naͤher einzu⸗ laßen. Ein kurzer Morgenbeſuch, ein Sitz auf dem Divan, die Pfeife, die Kaffeetaſſe, oder vielleicht ein Spiel Schach, oder ein zufaͤlliger Ritt in Geſellſchaft, damit endete Alles. Nur ein Tuͤrkiſcher Kaufmann aus Konſtantinopel, ein vertrauter Freund des jungen 8 —,— —— 107 Handelsmanns, meines Nachbars, war ſehr geſellig und hoͤflich, und viel gereiſet. Da er reich und ge⸗ achtet war, ſo ward ich oft zum Abend in ſein Haus geladen. Er war ſehr beſorgt, mich zu unterhalten, und ließ oft irgend einen beruͤhmten Maͤhrchenerzaͤh⸗ ler holen, oder um meine Neugierde zu befriedigen, ein ſchlechtes Puppenſpiel in ſeinen Zimmern auffuͤh⸗ ren, oder miethete die gefeierteſten Taͤnzerinnen der damaligen Zeit in Alexandria. Bei ſolchen Gelegen⸗ heiten fanden dieſe Vergnuͤgungen nicht ſelten in einem großen Zimmer Statt, wo die Frauen ſeines Harems, hinter einem Vorhang, der ſie von uns trennte, ſo daß wir ſie weder ſehen noch hoͤren konnten, Zeugen dieſer Vorſtellung ſeyn durften. Das Zwei⸗ geſpraͤch der Puppen iſt in der Regel ſehr unanſtaͤn⸗ dig; da aber Alles mit Gelaͤchter und Luſtigkeit vor⸗ getragen wird, und das Ganze ein Anſehn von Kin⸗ derſpiel und Erbaͤrmlichkeit hat, ſo koͤnnen wir uns zwar daruͤber wundern, daß der ernſte Tuͤrke ſeine Frauen dieſe Unziemlichkeiten mit anhoͤren laͤßt, ſind aber nicht der Meinung, daß dadurch die Leidenſchaf⸗ ten erregt oder erhoͤht werden. Mit dem Tanze iſt es etwas ganz anderes. Die Taͤnzerinnen ſind in der Regel Zigeunerinnen einer beſondern und verachteten Klaſſe, und ihre gelbe Haut, die haͤßliche Geſtalt, die blaugefleckten Geſich⸗ ter, das fette Haar, verbunden mit ihrem geſchmack⸗ loſen und geraͤuſchvoll klingenden Schmucke, haben 3 108 ſelbſt fuͤr den gemeinen Mann wenig Anziehendes. Aber neuerdings war im Gefolge eines wolluͤſtigen Tuͤrken, der eine Pilgerreiſe nach Mekka machte, eine hoͤhere Gattnng dieſer Maͤdchen mit nach Alerandria ge⸗ bracht worden. Sie hatten zwar nie einen wirkli⸗ chen Beſtandtheil ſeiner Haushaltung ausgemacht, waren aber ſo freigebig bezahlt, und fuͤr ihre vor ihm gegebenen Darſtellungen ſo belobt worden, daß der Kaufmann, welcher aus ihren Talenten und Rei⸗ zen Gewinn zu ziehen ſuchte, ſie auf Spekulation mit nach Egypten nahm, in der Hoffnung, daß ſie den Beys und den Großen Cairo's gefallen ſollten, und ſein Tuͤrkiſcher Herr fuͤr ihn ein gutes Wort im Palaſte des Paſcha ſprechen werde. Dieſe Maͤdchen waren eines Abends zum Tanze im Hauſe des Kaufmanns gemiethet, und ich befand mich gegenwaͤrtig. Ich war reich gekleidet, und hatte meinen Sitz zur Rechten des Hausherrn, ſo daß der dortigen Sitte nach, Augen und Worte, Bewegungen und Geberden, bei allen ihren Geſaͤn⸗ gen und Taͤnzen, auf mich gerichtet waren. Der Taͤnzerinnen waren drei. Sie trugen reiche Kleidung von durchſichtigem, mit Blumen durchwirk⸗ ten Stoffe. Ihre aufgeſchlagenen, feinen muslinenen Schleier flogen leicht und ungezwungen uͤber ihre Schultern. Mit Edelſteinen beſetzte Guͤrtel, die ſich eng an ihre ſchlanken Taillen anſchloſſen, waren vorn mit großen runden goldnen Schloͤſſern befeſtigt. Wenn ſie mit einſchmeichelnder, verfuͤhreriſcher Anmuth ſich 109 bewegten, zeigte ſich jedes ihrer zartgeformten Glied⸗ maßen dem Auge, und ihr geflochtnes, dunkles Haar lag halb verborgen unter dem Schleier, wie ein ſchoͤ⸗ ner, lachender blauer Himmel unter leichtem Gewoͤlke. Mit lieblichen Stimmen ſangen ſie von den Liebes⸗ dichtern Perſiens und jungen Tuͤrkiſchen Minſtrels Geſaͤnge ſanfter Hingebung, und die Eine, ein junges, ſchoͤnes, glanzaͤugiges Weſen, ſang aus dem Steg⸗ reife die Beſchreibung eines Geliebten, wie ſie ihn ſuche, und bewegte fluͤchtig die goldnen Gloͤckchen an ihren kleinen Knoͤcheln, und breitete ihre reizenden Arme aus, und laͤchelte mich in freundlicher Hinge⸗ bung an. Ich konnte uͤber ein ſo ſchoͤnes und jun⸗ ges Maͤdchen, der das nun einmal gelehrt war, was ſie jetzt that, nicht zuͤrnen,— aber auf einmal kamen die Gedanken ungluͤcklicher Liebe, die Erinnerung an Die, die ich tugendhaft geliebt und verloren hatte, uͤber mich, und aͤnderten wie durch einen Talisman die Szene, erkaͤlteten mein heißes Blut, und machten mich zwar ungluͤcklich, aber erhielten mich rein. Ich dachte an mein einſames Daſeyn,— mein freudenlo⸗ ſes Lager,— mein kinderloſes Gemach;— ich trauerte im Schmerze daruͤber, und mein Haupt ſenkte ſich kummervoll. Auch meine Eltern traten vor mich, meine Eltern, mit Sorgen zur Grube geeilt vor ihrer Zeit. Es war mir Beduͤrfniß zu gehen, und mich in der Stille auszuweinen, zu ſeufzen, wo mich Niemand hoͤren koͤnne. Ich fluͤſterte meinem Wirthe zu, ich ſey unwohl,— gab der alten Matrone, die 110 den Tambourin an der Thuͤre ſpielte, meine volle Boͤrſe fuͤr die Maͤdchen;— die juͤngſte blickte vor⸗ wurfsvoll mir nach— aber ich achtete deſſen nicht, und eilte fort nach Hauſe. Der naͤchſte Morgen brachte die koͤrperlichen Uebungen und die Studien wieder mit, denen ich mich ſo enthuſiaſtiſch ergeben hatte. Ich ſuchte das Ver⸗ gangne zu vergeſſen, und brachte es durch fortdau⸗ ernde Beſchaͤftigung auch dahin. Alexandria war mir nicht bloß als Muhammedani⸗ ſche Stadt intereſſant, ich fand auch in ihr, wie un⸗ ter den Truͤmmern des alten Roms, hinreichende Nahrung fuͤr die muͤßigen und doch beſchaͤftigenden Betrachtungen, die mir nun einmal nothwendig ge⸗ worden waren, um meine peinlichen Gedanken zu verbergen oder abzulenken. Es gereichte mir zum Vergnuͤgen, mit meinem Roſſe unter dem Schatten jener Saͤule zu halten, die hoch und thurmaͤhnlich außerhalb der Thore, von dem unvergaͤnglichen Ruhme des tapfern, aber ungluͤcklichen Pompeius zu dem Auge ſpricht,— zum Vergnuͤgen, an der ſonnigen Kuͤſte zu reiten, wo die Koͤnigin der Schoͤnheit mit dem Thoren aus Liebe, helmlos aber gluͤcklich, in dem blumenbekraͤnzten, friedlichen Wagen gefahren war, von Alten geſchmaͤht, von Jungen beneidet. Nicht ohne innige Bewegung ſchaute ich in die tie⸗ fen Gewaͤſſer jenes Hafens, welche einſt den groͤßten Gebieter der Welt getragen hatten, als er, um ſein Leben zu retten, ſie durchſchwamm, mit der Schrif⸗ 111 tenrolle ſeines Kriegerruhms, hoch ſie haltend uͤber ihre ſchaͤumenden Wogen. Oftmals auch wandelte ich einſam auf den en⸗ gen Pfaden, welche die wuͤſte Seite der alten Stadt in jeder Richtung durchkreuzen, und hindurch zwi⸗ ſchen regelloſen, dunklen Haufen Sands und Gerdͤlls, bei dem ſpitzen Obelisk der Kleopatra und ſeinem niedergeſtuͤrzten Geſellen vorbei, zwiſchen in Truͤm⸗ mer fallenden Mauern und Saͤulen, oder den ſorg⸗ ſam ausgehauenen marmornen Muͤndungen der alten Ciſternen, die unten weit und tief und ferngeſtreckt liegen, oder voruͤber den hohen, eiferſuͤchtigen Gar⸗ tenvermachungen, uͤber welche das ſtaubige Dattelblatt ſchaut, oder in der Naͤhe eines Begraͤbnißplatzes der Moslemim, um die trauernden Beſucher zu beobachten, wenn ich ſeitwaͤrts ſtand, von meiner Tuͤrkiſchen Klei⸗ dung beguͤnſtigt. Eines Tages begegnete ich zwiſchen zwei hohen Gartenmauern, auf einem engen Pfade, zwei auf Mauleſeln reitende Frauen. Ihre weiten und falti⸗ gen Kleider, von dunkel violetter Farbe, verbargen mir gaͤnzlich ihre Geſtalten; kein Fuß, keine Hand, nichts war ſichtbar, als, durch die Geſichtsoͤffnungen des dicken weißen Schleiers, die Augen. Ein Sklave lief vor ihnen, und an den Steigbuͤgeln ein ſchwar⸗ zer Sklav; ein andrer fuͤhrte das Maulthier am Zuͤgel. Sie maͤßigten ihren ſchnellen Ritt, als ſie mich erblickten, und kamen mir langſamer nahe. Ich be⸗ merkte, daß ſie zu der Familie eines reichen und angeſehenen Tuͤrken gehoͤren mußten, und da ich bei meinen Wanderungen ſelten auf ein weibliches We⸗ ſen ſtieß, ſolche der gemeinſten Klaſſe ausgenommen, oder wenigſtens in den ſchmuzigen, gelblich weißen Gewaͤndern, die das Kennzeichen derſelben ſind, ſo ward jetzt meine Neugierde ſehr erregt, und ich em⸗ pfand den vollen Zauber, welchen eiferſuͤchtig und geheimnißvoll verhuͤllte Geſichtszuͤge auf eine leb⸗ hafte Phantaſie, der Natur der Sache nach, ausuͤben. Die Augen der vorderſten dieſer verſchleierten Damen richteten ſich auf mich, und begegneten mei⸗ nen Blicken, ohne ſich von mir zu wenden, oder ſich zu ſenken. Die Sklaven waren ohnſtreitig ſchon an ſolche verſtohlne Blicke zwiſchen ihrer Herrin und ihren ihr begegnenden Bewunderern gewoͤhnt, und ſahen daher achtlos vor ſich hin. Als eben die zweite Dame bei mir vorbei ritt, ſiolperte ihr Maulthier uͤber einen hervorragenden Stein, ſuuͤrzte nieder, und ſie ſelbſt fiel herab. Land und Sitte, Lage und Alles vergeſſend, flog ich hinzu, und hob ſie eher noch auf, als die ſchwerfaͤlligen, erſchrocknen Schwarzen ſich von ihrer Beſtuͤrzung hatten erholen koͤnnen. Die Dame war unverletzt,— die Geſtalt, welche ich aufhob, zeigte die reizende Rundung der Jugend,— der neidiſche Schleier wich zwar nicht, aber große, thauige Augen ſchauten daraus hervor, und ihr Athem ging raſcher, wie bei allen zarten Perſonen, wenn ſie erſchrecken. Das Blinken des Khanjars(Dolches) eines Skla⸗ 113 Sklaven, der ihn auf mich zuckte, erweckte mich zum vollen Bewußtſeyn meiner Unbeſonnenheit und Ge⸗ fahr.„La, la!“ rief eine ſanfte Stimme wie Blu⸗ men und Muſik. Den Streich mit aufgehobenem Arme abwehrend, ſetzte ich meine ſchoͤne, angſtvolle Buͤrde an den Boden nieder. Dann zog ich meine Klinge, und, als meine einzige Hoffnung, einen ſtol⸗ zen, kecken Ton annehmend, drohte Ich den Skla⸗ ven,— rief ihnen zu, daß, wenn Ich nicht geweſen, ihre Gebieterin hier den Tod haͤtte haben koͤnnen,— ſchwur, daß ich ihre unverzeihliche Sorgloſigkeit ih⸗ rem Herrn anzeigen, und ihnen tuͤchtig die Baſto⸗ nade zuziehen wuͤrde, und darauf baten ſie mich und ihre gute Herrſchaft auch, das nicht zu thun, und hoben ihre junge Dame empor auf den Sattel, und ſo ging es wieder fort mit ihnen. Jene aber ſandte mir noch aus ihren großen ſchoͤnen Augen, einen ſanften, ſchmelzenden, liebevollen Blick zu. Ich ging nach Hauſe, ließ mein Roß vorfuͤhren, nahm meine Lanze, meinen Wurfſpieß und Bogen, und ſpielte damit, bis die untergehende Sonne Sand und Meer vergoldete. Ich ſpielte allein, und der junge Nubiſche Sklave floh, leicht und lachend, vor meinen weithin treffenden Pfeilen. Liebe,— Schoͤnheit,— ſie waren nur Worte fuͤr mich,— bloße Worte. Was konnten die Reize und das Laͤcheln irgend eines Weſens fuͤr einen Menſchen ſeyn, der ſo geliebt und getrauert hatte, gleich mir? — Nichts! Was war ein Blick aus Frauenauge?— II. H 114 Nichts!— Und war er auch liebevoll?— vielleicht auch nicht. Weshalb auch? Sehen wir denn nicht freundlich den niedrigſten Diener an, der uns den entfallenen Schawl aufhebt? An dieſem Abende ging ich wieder zu dem Tuͤrki⸗ ſchen Kaufmanne, um denſelben in Geſellſchaft zu verle⸗ ben. Es war ein Maͤhrchenerzaͤhler da. Ein junger Griechenſklave mit einer Laute, oder Lyra. Seine Stimme war ſehr rein und wohllautend. Er er⸗ zaͤhlte uns eine kleine Liebesgeſchichte, ſo ſchoͤn und mit ſo vieler Waͤrme, und er ſang einige Lieder ſo ſuͤß, daß ich eine ſanfte Wehmuth mich durchſtroͤ⸗ men fuͤhlte, wie ich ſie nie geglaubt hatte wieder empfinden zu koͤnnen. Von einem jungen Perſiſchen Maͤdchen erzaͤhlte er, die fuͤr einen vornehmen Juͤngling in Damaskus gluͤhte. Sie war hoffnungslos, denn der Juͤngling war ein Fremder in dem Lande, und aus der Sekte der Sunniten, welche ihr ſtrenger und ſtolzer Vater haßte. Vergebens kaͤmpfte ſie mit ihrer Neigung,— verge⸗ bens, denn der Juͤngling wußte nichts von ihrer Liebe,— hatte ſie ſogar nie geſehen. So konnte ſie nicht laͤnger leben. Da beſiegte ſie ihren maͤdchen⸗ haften Stolz, und ſloh in niedriger Kleidung zu ſei⸗ nen ſeidnen Gezelten, und kuͤßte ſeine Fuͤße, und be⸗ gehrte als Sklavin bei ihm zu leben, als Sklavin ſich ſonnend in dem hellen Sonnenſchein ſeiner Blicke. und er hob ſie auf, und kuͤßte das liebende Maͤdchen, und nahm ſie an ſein Herz und in ſeine Heimath. 115 Alle Anweſenden waren durch dieſe kunſtloſe Er⸗ zaͤhlung geruͤhrt, und hinter dem Trennungsvorhange vor, hoͤrten wir leiſes Geraͤuſch ſanften Beifalls, mit den ſchrof gellenden Stimmen der aͤlteren laut auf⸗ jubelnden Frauen vermiſcht. Gedankenvoll und duͤſter ging ich in meine Woh⸗ nung zuruͤck. Sicherlich bin ich, ſo ſagte ich zu mir ſelbſt, nach Allem was ich in meinem ungluͤcklichen Le⸗ ben erfuhr, nach allem was ich liebte und verlor, ein Beweis gegen die Reize der Sinne und die Anfaͤlle der Leidenſchaft. Frauen ſind mir,— nichts; Frauen innerhalb der Mauern eines Harems,— geheiligte Gegenſtaͤnde, einem Andern angehorend; außerhalb deſſelben, eine oͤffentliche Schande, verſpottet ſelbſt von gemeinen Knaben, folglich weniger als nichts. Ich empfand Freude bei dem Gedanken, daß ich in einem Lande lebte, wo man nichts als Maͤn⸗ ner ſehe, wo die Sitten abſondernd, einſchraͤnkend waͤ⸗ ren, das Benehmen Aller ernſt und geſetzt in ihren Haͤuſern, ernſt und kriegeriſch außer denſelben. Doch konnte ich die Furcht nicht ganz verbannen, mein zufaͤlliges Zuſammentreffen mit jenen Tuͤrkiſchen Da⸗ men koͤnnte zu Verlegenheiten, ja ſelbſt zu Unan⸗ nehmlichkeiten fuͤhren. Ich hegte dieſe Furcht, wahr iſt's, doch miſchte ſich auch ſtark die Neugier darin, und je nachdem mein Gemuͤth ſich erhob oder her⸗ abſank, fuͤhlte ich eine heftige Begierde, dieſe ſcho⸗ nen Augen, von denen ich geglaubt, daß ſie zaͤrtlich auf mich geblickt, wieder zu ſehn, oder ſchauderte . H 2 7 116 bei dieſem unedlen Wunſche, ſo vergeblich und ſchuld⸗ los er auch an ſich war, als vor einer Art von Un⸗ treue an den Todten und Fernen. In Europa haͤtte ich gewiß die verſammelten Schoͤnheiten eines Hofes oder einer ganzen Stadt achtlos betrachten koͤnnen, hier aber reizten und beunruhigten das Geheimniß, der Schleier, der hoch ummauerte Harem, der bewa⸗ chende Eunuch meine nur zu leicht erregte Phantaſie. Als ich ein paar Abende darauf allein da ſtand, und eine umgefallene Saͤule betrachtete, welche ohn⸗ weit meiner Wohnung in dem Sande verſchuͤttet lag, ritt ein kleiner ſchwarzer Sklave auf mich zu. Die Spitze ſeiner kleinen Muͤtze glaͤnzte von Stickerei, ſein Turban war roſenfarben, ſeine Weſte und Bein⸗ kleider ſeiden und prachtvoll, und das Geſchirr ſei⸗ nes Eſels bezeugte, daß er als ein junger, kleiner Favorit⸗Eunuch bei einer vornehmen Herrſchaft diene. Er hielt ſtill, und ſah ſich forſchend und ſorg⸗ ſam uͤberall um, dann zog er mit dem dreiſten zaͤh⸗ nefletſchenden Laͤcheln ſeines Volks, einen kleinen Strauß unter ſeinem Dollman hervor, hielt ihn erſt an die Stirn, und legte ihn dann in meine Hand, aͤber die er ſich anmuthig neigte und ſie kuͤßte. Augenblicklich wandte er nun ſeinen muntern Eſel aus der Barbarei, und ſprengte davon. Kein Wort war geſprochen worden. Die Tritte nahender Kamele erinnerten mich daran, den Strauß zu ver⸗ bergen, und ich ſteckte ihn in meinen Buſen. Ich verſtand dieſe geheime Sprache zwar nicht, wußte aber ——,— 117 wol, daß ſie von Liebe ſpreche. Die Roſe redet von Schoͤnheit,— die Roſe ermahnt zu Verſchwie⸗ genheit. Mit Roſen ward ſtets der Altar der Iſis bekraͤnzt, und mit einem Kranze dieſer duftenden, bluͤhenden Gewaͤchſe, opferte der hohe Prieſter dieſer Göoͤttin ſtets in ihren geheimnißvollen Tempeln. Als ich auf meinem Zimmer war, und den myſti⸗ ſchen Liebesbrief, im Garten geboren, herauszog, und auf die lieblichen Blaͤtter, die nicht von Sibyllen⸗ hand, ſondern von jugendlichen Lippen geſchrieben, nicht von eherner Feder eingegraben, ſondern vom Balſam thauiger Kuͤſſe zart befeuchtet waren, ergriff mich ein innres Beben.— Was hatte ich zu thun mit dem Klopfen romantiſcher Leidenſchaft? Es trat jedoch ein, und fand Freunde im Innern, die aus dem langen Schlafe erwachten, und es begruͤßten, und mein ganzes Herz war voll unruhiger Bewegung. Nie haͤtte ich geglaubt, daß mich eine ſolche Kleinigkeit ſo ganz hinnehmen, mir entfremden, mich aufſtoͤren konne. Mehrere Tage lang konnte ich an nichts anderes denken; ich fuͤhlte nur Zweifel, Neu⸗ gier, raſtloſe Erregung. Wann konnte ich hoffen, wieder etwas von der geheimnißvollen Schoͤnen zu hoͤren? Wer war ſie? Ohnſtreitig die Eine, die ich in meinen Armen gehalten, deren Augen ich geſehn, deren Stimme ich gehoͤrt hatte. Ach! mein Bewußt⸗ ſeyn traf mich.— Hatte ich nicht bewundernd, feurig in dieſe Augen geblickt?— hatte ich nicht mit inni⸗ ger Zaͤrtlichkeit geſprochen?— hatte nicht mein ſanf⸗ 118 ter Druck der reizenden Geſtalt gehuldigt, die, eine liebliche Buͤrde, mir in den Armen lag? Nur einmal, einen Augenblick lang, ſel mir ein, daß vielleicht die ſchoͤne Almeh eine Abſicht auf mich habe, aber gegen ſie fuͤhlte ich eine Art ſtolzer, ruhi⸗ ger Gleichguͤltigkeit. So vergingen zehn Tage. Nichts geſchah. Ich begegnete den Damen auf ihren Maulthieren nicht wieder. Nicht wieder ſah ich den kleinen Sklaven. Es war voruͤber,— war verdrießlich, unangenehm,— ein eitler, ſchwacher, alberner Wunſch, ein Tuͤrkiſches Maͤdchen zu gefaͤhrlicher Liebe zu verlocken. Liebe? Nein, in meinen Gefuͤhlen lebte nichts, das dieſen Namen verdient haͤtte, und den Einwohnerinnen eines Harems iſt unſre hoͤhere Liebe unbekannt. Es war eine wilde Phantaſte,— das Gebild eines ver⸗ brannten Gehirns. Ich konnte und wollte ja das leicht vergeſſen. Freitags war, wie ich mich noch erinnere, ein Tag, an welchem die Frauen meiſt ausgehn, und unter den Graͤbern wandeln, und die von geliebten Perſonen mit Blumen bekraͤnzen. Dann kann man ſie bei ſolchen Gelegenheiten unbemerkt in verhuͤllten Gruppen, oder Paar und Paar gehen ſehen. Aber ihre Geſtalten ſind ſorg⸗ faͤltig in Gewaͤndern verborgen. Auch war es zu⸗ gleich ein Feſttag in der Stadt, und alle Muhamme⸗ daner in meinem Dienſte hatten ſich dahin begeben. 119 So wanderte ich in meinem Garten bei offenſtehender Thuͤre allein. Auf einmal glitten mit ſo ſchnellem Schritte, als ihre hindernden Kleidungsſtuͤcke es ih⸗ nen nur erlaubten, zwei weibliche Geſtalten durch das Thor, und eilten dem Hauſe zu. Mich feſſelte die Ausſicht auf ein Abenteuer, welcher Art es auch ſeyn moͤchte. Als ich den Haupt⸗ weg im Garten hinabgegangen, verſchloß ich deſſen Thuͤre, und folgte jenen Geſtalten ins Haus. Die eine entſchleierte ſich ſogleich, und zeigte ſich als ein Nubiſches Weih mit der ſchwarzbraunen Haut und dem breiten Geſichte jener Gegenden. Die an⸗ dre ſtand an der entfernten Seite des Zimmers, und war in einen gewoͤhnlichen weißen Mantel dicht ver⸗ huͤllt, an dem Rande des Teppichs hatte ſie aber ihre Pantoffeln ausgezogen, und ein ſchneeweißer, kleiner, mit zarten Adern ſchoͤn geſchmuͤckter Fuß glaͤnzte mir vom dunklen Grunde entgegen. 4 Ich nahte mich ihr mit hoͤflicher Eile. Sie bebte furchtſam und zitternd zuſammen, und lehnte ſich an die Wand; ihr Mantel oͤffnete ſich, und enthuͤllte feingewebte Beinkleider von Goldſtoff, einen mit Edelſteinen beſetzten Guͤrtel, und ein blaues Gewand mit zierlich eingeſtickten goldnen Blumen. Schlank ſchmiegte ſich das flimmernde Leibchen an, und die dunkle Unterweſte war bis dahin, wo des Buſens ſtolzes Heben es nicht mehr erfoderte, mit großen Juwelen zugeknoͤpft. Ihre kleine Hand hielt noch den Schleier uͤber das Geſicht; mit Henna gefaͤrbt, 120 aber lieblich, waren die zarten Finger, der Arm geruͤn⸗ deter Marmor, der das ſchimmernde Armband uͤber⸗ glaͤnzte. Ich ergriff die kleine Hand, zog ſie von ihrem neidiſchen Berufe mit zarter Gewalt hinweg, und ſchob den Schleier bei Seite. Ein Antlitz in bluͤhender Lieblichkeit neigte ſich in ſuͤßer, kindlicher Verſchaͤmtheit herab. Eine Muͤtze von blaßrothem, mit Perlen geſtickten und gebunde⸗ nen Tuch, ließ das eine Ende geſchmackvoll uͤber dichte Locken des dunkelſten Brauns herabhangen, und dahinter fielen lange Zoͤpfe eines ſeidnen Haars in reicher Fuͤlle herab. Ihre Stirn war alabaſter⸗ weiß, ihre Augenbrauen ſchwarz und ſchoͤn, aber darunter die ſanften Augenlieder, und die langen Wimpern, welche die niedergeſchlagenen Augen um⸗ ſchatteten, und die Schoͤnheitslinie des gebeugten Profils, und die roſigen Lippen, und das liebliche Kinn;— man konnte den Blick nicht feſt auf ſie hal⸗ ten, ſo reizend war ſie. Furchtſam ſtand ſie da, ob ihres Wageſtuͤcks, furchtſam und erſchrocken, und halb bereuend. wie zweifelnd, fuͤrchtend,— wie ein Kind, das von dem Arm der Mutter auf des eines Andern uͤbergegangen iſt, der ihm freundlich zugewinkt hat, dann aber erroͤ⸗ thet und ſchweigend das kleine Koͤpſchen haͤngt. Ich ſprach ihr mit ſanfter Frage zu, und ſie hob ihre großen, liebevollen Augen zu mir. Sie waren thauig und von dem dunkelſten Blau, und ſie 121 ſenkten ſich wieder, als ſie den Mund voll Wohllaut oͤffnete und leiſe fluͤſterte:„Fremdling, ich habe Dich gehoͤrt und geſehn,— laß mich in deinem Harem leben,— laß Fatime deine Sklavin ſeyn.“— und dann ſah ſie mit ruͤckkehrendem Muthe wieder em⸗ por, und die großen blauen Augen laͤchelten mich mit ſanfter Bitte an, und ihre Perlenzaͤhne glaͤnzten laͤ⸗ chelnd zwiſchen den geoͤffneten Lippen. Schweigend ſtand ich da, aber innig bewegt, und druͤckte ſie an mein Herz. Die ſuͤße Stille ward durch laute Stimmen und das ſcharrende Geraͤuſch einer herannahenden Menge unterbrochen, und der Schall eines draͤngenden Tumults toͤnte wild an meiner Gartenthuͤr. Das Blut entfloh den Adern der ſchoͤnen Fatime, und blaß ſah ſie wie ein marmornes Grabesbild, und gleich einer aufgeſchreckten Taube ſchlug aͤngſtlich ihr Herz. Sprachlos und ſchluchzend umſchlang ſie mich. Ein Italieniſcher Diener, der mir ſehr anhing, und mein Arabiſcher Gaͤrtner, gegen den ich immer freundlich geweſen, waren uͤber die hintere Mauer geſtiegen, und ſtuͤrzten jetzt in mein Zimmer. Als Fatime die nahenden Schritte hoͤrte, erhob ſie ſich von meiner Bruſt, huͤllte ſich eilig wieder in ihren Mantel und Schleier, und ſank im ſprachloſen Schrecken auf den Divan. Ich ging Jenen an die Thuͤr entgegen. „Das Maͤdchen,— das Maͤdchen“ rief der alte Araber:„gieb es heraus,— ſchick' es fort.“— 122 „Um Gotteswillen!“ ſchrie der Italiener;„verlie⸗ ren Sie keine Zeit!— ſie ſind wuͤthend,— ſie wer⸗ den die Thuͤr erbrechen,— ſie wollen ſie mit Ge⸗ walt haben, und dann kann es uns Allen das Le⸗ ben koſten.— Sie koͤnnen ſie nicht retten. Liefern Sie ſie aus!— Warum kam ſie her?— Verlang⸗ ten Sie es denn?— Es muß ein gemeines, veraͤcht⸗ liches Weſen ſeyn!— Schaffen Sie ſie fort,— dann iſt alles gut,— mit ein paar Beuteln iſts ab⸗ gemacht.— Sie haben nichts zu befuͤrchten, und das Maͤdchen koͤnnen Sie doch nicht retten,— das muß ſterben.“ Da ſtand das jugendliche Weſen auf.—„Ich will gehn,— meine Stunde hat geſchlagen,— Gott iſt gnaͤdig;— ich habe Dich in Gefahr geſtuͤrzt, Chriſt! vergieb mir!“ und ſie beugte ihr verhuͤlltes Haupt herab, und beruͤhrte meine Fuͤße. In dieſem Augen⸗ bkicke brachen die Thore mit gewaltigem Gekrach zu⸗ ſammen, und die beturbanete Menge ſtuͤrzte in den Garten. Es war der Poͤbelhaufen der Stadt, in groben Gewaͤndern, mit ſchmuzigen Geſichtern; ihre Augen glotzten gelb und wild, und ſie ſchrieen ingrim⸗ mig nach der Tochter Muhammeds. Ich trat mit dem Araber vors Haus. Er wehrte ſie ab herein zu draͤngen. Gluͤcklicherweiſe war er ein Gerichtsbeam⸗ ter, und trug, obgleich niedrigen Gewerbs, doch den hochgeehrten gruͤnen Turban. Ich blickte auf die wilden Ungeheuer, hoͤrte ihr wuͤthendes Schreien, und ſchon ſchien die kleine Taube innerhalb ihren 123 grauſamen Krallen preisgegeben. Schon ſah ich den Sack bereitet, und dachte an ihr Grab in den Wel⸗ len,— an ihr fruͤhes Grab. „Allah Acbar! rief ich mit geſpannter, faſt wahnſinniger Kraft, laut aus.„Allah Acbar— Muhammed Reſul Allah— la Illah Illalah.“ Und damit wendete ich mich, trat wieder ins Haus, und verſchloß die Thuͤre.— Ich war ein Renegat,— ein Uebergetretener,— ein Islamit! Erſchoͤpft ſank ich auf den Divan, in ſchmerz⸗ licher Geiſtesabſpannung.„Schoͤnes Maͤdchen— ſagte ich— ich habe dein junges Leben erkauft, es erkauft mit dem Preiſe meiner Schmach. Geh', ich bitte Dich, geh' dort hinein.“ Die Nubierin fuͤhrte ſie in die inneren Gemaͤcher. Noch hoͤrte ich die Menge laut unter einander ſprechen, wie in Zweifel und Verwunderung. Da trat mein Araber herein, und mit ihm ein Mullah. „Du weißt,“ ſagte der Mullah,„was Du ge⸗ than haſt.“— Bleich und unbeweglich ſah ich ihn an, und wie⸗ derholte das kurze Bekenntniß der Moslems. Er ging fort, und ich hoͤrte wie der Haufe ſich nach und nach zerſtreute, Einige mit unbaͤndigem Gelaͤchter, Andere mit dem leiſern Gemurmel unbefriedigter Mordſucht. Ich lag ſtill da und betete(zu wem und wie?) um den Tod. Ich ſelbſt wuͤrde ihm unter die rohen Menſchen, die blutduͤrſtend mein Haus umla⸗ gerten, entgegengegangen ſeyn; aber Fatime, das *³ 124 unſchuldige junge Weſen, waͤre in das tiefe Grab der finſtern, kalten, erſtickenden Wogen verſunken. War es ihre Schoͤnheit, an die ich dachte?— ihre Jugend?— ihre Liebe?— Vielleicht gab ihr alles dieſes eine reizendere Anmuth; aber ſie war ein Weib,— ſchwach aber nicht unedel,— auf den Tod verfolgt und huͤlflos,— ja, dies war es; denn als ich, zu je⸗ ner ſchrecklichen Wahl getrieben, meinen Erloͤſer zu verlaͤugnen wagte, fuͤhlte ich alle Liebe, alle Leiden⸗ ſchaft, alles bewundernde Entzuͤcken in mir ploͤtzlich verſchwunden, und ich ſchauderte kalt, und wieder⸗ willig und ſie haſſend, vor ihr. Waͤhrend der ganzen Nacht lag ich auf dem Di⸗ van. In der ſtillen dunkeln Morgenſtunde rief die tiefe Stimme des Muezzin vom Minaret der benach⸗ barten Moſchee laut zum Gebet, in jenem feierlichen Geſange, dem ich bis jetzt immer mit einem ſeltſa⸗ men, romantiſchen Vergnuͤgen zugehoͤrt hatte. Jetzt! ach! wie fand ich das Alles anders! Wie ein duͤſtrer, hoͤhnender Trauergeſang, drang er an mein Ohr, wie die verweiſende Stimme des kraͤhen⸗ den Hahns, der den gefallenen Petrus zum herz⸗ durchbohrenden Geſtaͤndniß erweckte, daß er ſeinen Herrn ſchimpflich verlaͤugnet habe! Er aber ging hinaus und weinte bitterlich, und fand ſo in Reue⸗ thraͤnen Troſt, Staͤrke und eine ſanfte ſichernde Ruͤck⸗ kehr zu Glauben und Hoffnung. Ich, ich konnte keine Thraͤne vergießen. Feuer brannte in meinem Herzen, brannte in meinem Hirne. Der Feind meiner Seele hatte den Sieg errungen. Ausgeſtoßen war ich aus dem gruͤnenden Garten der Glaͤubigen, und das feurige Schwert verwehrte mir die Ruͤckkehr.— Zuerſt beſuchte mich ein Sekretair des Bey, des Gouverneurs von Alexandria, um mir deſſen Wunſch anzudeuten, daß ich einen Namen annehmen moͤchte, der mich als einen Bekenner des Muhammedanis⸗ mus bezeichne. Er ließ mich daher erſuchen, mich Osman zu nennen. Ich legte die Hand auf die Bruſt, und beugte demuͤthig mein t Haupt⸗ Dann verließ er mich. Osman, der Name aus meinen Kinderjahren, meiner gluͤcklichen, milden, ſchutzerfreuten Kindheit, mein Chriſten name, mir in der heiligen Taufe er⸗ theilt, wo Zeugen ihr Wort verpfaͤndeten fuͤr mei⸗ nen feſten Glauben. Dieſer Name war ein altes Familienvorrecht der Mowbrays, und einem beruͤhm⸗ ten und tapfern Vorfahren verliehen worden, weil er im Zweikampfe unter den Mauern von Damiette einen gefuͤrchteten Sarazeniſchen Anfuͤhrer dieſes Na⸗ mens in demſelben Lande erſchlagen hatte, wo ich nun, ein unwuͤrdiger, entarteter Enkel, in die ver⸗ worfne Klaſſe der Renegaten herabgeſunken war. Von Allen, die noch wenige Tage vorher an mei⸗ nem Umgange ſich erfreut hatten, kam nur ein Ein⸗ ziger jetzt in meinem Elende⸗ meiner Entwuͤrdigung, zu mir. Als ich außerhalb in der Veranda ſaß, die nach 126 meinem Garten zu ging, hoͤrte ich Saladins ſtolzes Wiehern. Ich kannte es, und fuͤrchtete, auch Ma⸗ lek werde mit Verachtung an mir voruͤberreiten. Naͤher kam der Hufſchlag, aber der Schritt war nicht mehr der weithinhallende, erfreuliche, kraͤftige des edlen Roſſes, auf dem ein froher Juͤngling hei⸗ tern Sinns dahinſprengt; ruhig war der Gang, und die Thuͤr ward ſanft geoͤffnet, und Malek trat ſchwei⸗ gend, truͤben Augs herein, und umarmte mich. Dann ſetzte er ſich zu mir, und ſprach nicht, aber in jedem Blicke, jeder Bewegung, lag der Ausdruck treuer Beachtung, großmuͤthiger Theilnahme. Dieſer ſchweigende Beſuch war die erſte Freude, die erſte Erhebung fuͤr mein gebrochnes Herz. Mehrere Tage lang wagte ich keinen Blick in Fatimens Gemaͤcher, denn ich verband ihren Na⸗ men, ihre Geſtalt und Schoͤnheit eng mit meiner Suͤnde, meinem Ungluͤck. Der junge Italieniſche Kaufmann, ein Wolluͤſtling, ein verworfner Menſch, der nur von den groben, irdiſchen Vergnuͤgungen der Sinne ſprach, beſaß doch noch einen Raum in ſei⸗ nem unreinen Herzen fuͤr den Aberglauben ſeines Indulgenzen verkaufenden Prieſters, und bekreuzte ſich ſelbſt in andaͤchtigem Schaudern, als er hoͤrte, daß ich Tuͤrke geworden, und wollte mich nachher weder beſuchen noch ſehn. Auch Fatimens Vater zerriß ſeinen Bart, und fluchte ihr. Er wuͤrde ſich bemuͤht haben, mich und ſie zu toͤdten, aber der Bey war ein andaͤchtiger 127 Muſelmann, und ſehr fuͤr Bekehrungen geneigt, daher er ſich ſtets freute, wenn er von einem Pro⸗ ſelyten hoͤrte, unbekuͤmmert, ob dieſer etwas tauge oder nicht. Ueberdies war ich reich,— ſehr reich, und bei dieſen hochmuͤthigen Muhammedanern war Protection und Hoͤflichkeit und Gaſtfreundlichkeit und Alles, eben ſo kaͤuflich als Sklaven und Eſel. So verſtrichen ſieben Tage in gleicher Duͤſter⸗ heit. Endlich ging ich krampfhaft in Fatimens Ge⸗ mach. Sie lag auf einer dunkel carmoiſinen Otto⸗ manne. Weiß und ſchmucklos war ihr leichtes Ge⸗ wand, und ſie ſelbſt bleich wie der Kummer. Ihr langes Haar fiel aufgebunden in loſen Ringeln uͤber Geſicht und Geſtalt. Mit der Hand ſtuͤtzte ſie die ſinkende Wange. Sie ſprang ſchnell auf, ſiel mir zu Fuͤßen und kuͤßte dieſe. „Toͤdte mich, Herr! toͤdte mich! Du haſt mein Leben gerettet. Es hat jetzt keinen Werth fuͤr mich. Warum ſollte ich auch noch leben? Wozu? Ich habe Dich ungluͤcklich gemacht,— Du haſſeſt mich, Fatime hat alles verloren,— alles,— Heimath,— Vater und Geliebten,— o toͤdte mich!“ Ich hob die Lilie auf,— druͤckte ſte an mein Herz,— kuͤßte die blaſſe Wange, und umarmte zaͤrt⸗ lich die liebliche Trauernde. Ihr großes Auge, voll Thraͤnen ſtehend, blickte auf mich, als dankte ſie mir mit inniger Liebe fuͤr dieſe ſo natuͤrliche Handlung. Lang ſah ich ſie an. Wol zuckte die Verſuchung, dieſe Engelgeſtalt mit dem Todesſtahle zu durchboh⸗ 128 ren,— ſie dem mitleidsloſen Haufen der fanatiſchen Moͤrder zu uͤberlaſſen,— ihren vergifteten Pfeil auf mich. Hatte ich doch die Kette, die Peitſche, das graͤßliche Gefaͤngniß, die karge Koſt ſelbſt ertragen,— und hier, hier mußte ich fallen,— um dieſes Weſens Leben zu retten, vielleicht noch auf einen Tag,— oder ein Jahr,— im vergoldeten Gefaͤngniſſe. Des⸗ halb warf ich meinen Glauben hin, und nahm das Brandmal der Schmach und Schande? Jetzt fuͤhlte ich, daß ich damals haͤtte ſterben ſollen, ſterben in vergeblichem Streben ſie zu vertheidigen, und ſo mit ihr umkommen. Sie ſterben laſſen,— was haͤtte ich Beſſeres thun koͤnnen? Die Welt war uns Beiden gleich,— Beide ver⸗ worfen, ausgeſtoßen, verachtet! Ich nahm ſie in meine Arme, und meine heißen Thraͤnen ſielen auf meine offne Bruſt, und ſie trocknete ſie mit ihrem Haar, und umſchlang mich mit dem liebenden Blicke eines ſuͤßen Kindes, dem vergeben worden iſt. Heut verließ ich ſie noch, aber am folgenden Morgen zog ich ſie als mein Weib ans Herz, und liebte und achtete ſie. Jo, Fatime,— deine unſchuldige Freundlichkeit,— deine einfache, einzige, kindliche Liebe zu mir, rettete mich vor Verzweiflung und Wahnſinn. Ich begab mich nun ſogleich nach Kairo, miethete ein Haus daſelbſt, und lebte ſo zuruͤckgezogen wie ein wohl⸗ habender Muhammedaner. Um mein in Venedig befindliches Vermoͤgen beſſer zu verbergen, verband ich 129 ich mich mit einem Armeniſchen Kaufmanne, und gab vor, durch meinen Uebertritt, Alles was ich beſeſ⸗ ſen, verloren zu haben, mit Ausnahme einer kleinen Summe, von der ich einfach leben koͤnne, und die ich nun durch Handelsgeſchaͤfte zu vermeh⸗ ren ſuche. Hier gab es keinen Malek. Waͤhrend meines ganzen Aufenthalts in Alexandria, hatte ich mich mit den ausſchweifendſten Erwartungen auf eine Reiſe nach Cairo gefreut. In allen meinen Studien, allen meinen wachenden Traͤumen, hatte ich mich, wie auf ein belohnendes Ziel vorbereitet auf dieſe Stadt der Zauber, Moskeen, Bazars und Maͤhrchenerzaͤhle, wo Tuͤrke und Mogrebyn, des Tartars Kalpak und der ſchneeige Turban von Surate, die ſchoͤne Circaſſierin und die ſchwarze Tochter Abyſſiniens, der lebhafte Grieche und der truͤbaͤugige Kopte, wie der große haͤßliche Neger von Darfur, ſich mit einander miſchen, und mit ihnen Zuͤge und Kleidungen, Sprache und Sagen jener entfernten Laͤnder. Ach!— damals war ich frei! Zwar in Selbſtverbannung von meiner Heimath, meinem Vaterlande, doch noch ein Buͤrger der Welt, ſtehend, wie ich glaubte, auf einer kleinen 9 Anhoͤhe, und herabſehend auf Muͤhe und unruhe drunten, auf ferne Lande und verſchiedenen Glauben, mit dem Auge philoſophiſchen Mitleids. Ja, ſo verwor⸗ fen ich auch damals ſchon war, nannte ich mich doch ſeuſt einen Philoſophen, und hielt Chriſten, Juden, J 130 Tuͤrken und Unglaͤubige, fuͤr gleich blinde Wandrer auf dem Pfade zum Himmel. O! wie ſtraͤubte ſich unwillig meine Seele, wenn ich in der Moskee knieen mußte,— mich niederwer⸗ fen, wieder aufſtehen und von Neuem knieen,— Haͤnde, Finger, Daumen in gewiſſen Momenten dre⸗ hen und wenden, waͤhrend ich die vorgeſchriebenen Gebete mit der zahmen, ekelhaften, nachaͤffenden Sklaverei eines Gliedermannes vollzog: mit Ehrfurcht (und gegen Zahlung) die Amulets fuͤr Arm und Pferd annehmen, dem faulen, nakten, unanſtaͤndigen Santon Platz machen, und mich vor ihm beugen, den Roſen⸗ kranz der Gebete tragen, und wenn die Kuͤgelchen durch meine Finger glitten, leiſe Luͤgen murmeln mußte. Dies alſo war der flimmernde Deismus der Muhammeda⸗ ner, in welchem ſo Viele etwas Schoͤnes und Eigen⸗ thuͤmliches gefunden haben! Waͤre er aber auch mil⸗ lionenmal einfacher in ſeinen Formen, reiner in ſei⸗ nen Geboten, freundlicher in ſeiner Ausuͤbung ge⸗ weſen, jetzt erſt ſah ich, was ich verloren hatte— mein Herz zuckte mir bei Allem, worauf ich ſtieß, und was mich an das Chriſtenthum erinnerte. Der gemeine Franke in der enganliegenden Kleidung, in verfallner Geſtalt und abgetragenem Hute, der, ſo wie mein Roß ihm nahte, demuͤthig auf die Seite ſprang, war mir ein Gegenſtand des Neides; der Kapuziner auf Miſſion mit ſeinem weißen Barte, ſchwarzen Gewande, ledernen Guͤrtel und einfachen Stricke, ein Gegenſtand der Verehrung, und ich haͤtte 27 —— 7 131 nun wol, in der Angſt meiner Seele, ſelbſt nach dem ſpießenden Pfahle rufen moͤgen, wenn ich am Oſtermorgen durch das Quartier der Griechen ritt, und ſie von Haus zu Hauſe, aus Thuͤren und ſchirmenden Gittern, einander mit dem frohen Zurufe begruͤ⸗ ßen hoͤrte: Chriſtus iſt erſtanden! Kein Wunder, daß ich ſelten ausging, den gan⸗ zen langen Tag in meinem Harem zubrachte. Fa⸗ time hatte keinen Sinn, keinen Umgang, keine Kennt⸗ niß, keinen Gedanken an die Welt. Ich war ihre Welt, mit Hilla, der treuen Nubierin, und Mesru, dem Eunuchen⸗Knaben, welcher mir die ungluͤckſeli⸗ gen Blumen gebracht hatte, und dann zu uns ge⸗ flohen war; eine kleine Welt, und ſie liebte Alles in dieſer, mich aber als ihre Gottheit. und ſie ſaß zu meinen Fuͤßen, und ſah mir ins Auge; und hoͤrte mir zu, wenn ich von Dingen mit ihr ſprach, die ſie nicht kannte, mit unſchuldigem, hochverwunderten Blick. Dann ſprang ſie auf, und ſpielte um mich her wie ein Kind, mit Steinchen und Gloͤckchen und Kleinigkeiten, oder ſang in ſanftem, anmuthigen Takte, tanzend zu ihrer Tuͤrkiſchen Laute! Oftmals, wenn ich traurig und verſtimmt war, kam ſie und ſetzte ſich auf den Divan zu mir, und legte mein brennendes Haupt in ihren Schooß, und beugte ſich uͤber mir mit theilnehmend klopfendem Herzen, und ſah laͤchelnd auf mich herab, und er⸗ zaͤhlte mir Arabiſche Maͤhrchen, und Hilla und der kleine Mesru traten naͤher und hoͤrten entzuͤckt zu. ʃ J 2 132 Ich hatte einen Garten fuͤr ſie mit duftenden Blu⸗ men, und einen Springquell in Marmor gefaßt, und ein vergoldetes Haͤuschen, worin ſchoͤne Voͤgel, Fiſche, mit goldenen und ſilbernen Schuppen, die in criſtallnen Gefaͤßen ſpielten, und welche ſie mit ihrer Lilienhand fuͤtterte. Freundliches, ſuͤßes Weſen! Ich kann nicht ſagen, was ich alles fuͤr Dich haͤtte thun koͤnnen! Ich fand Dich als ein Kind, und als ein Kind ſtarbſt Du.— Ja, ſie ſtarb,— dieſes ſchoͤne junge Weſen,— ſtarb ſehr, ſehr bald. Nur zwei Jahre lebten wir zuſammen. Sie ſchenkte mir einen ſchoͤnen Knaben. Sie ſaͤugte ihn nicht bloß, er wuchs an ihrem Buſen auf wie die Roſenknospe am muͤtterlichen Stamme. Ich liebte das Kind, als ſey es ein kleiner Cherub, mir vom Himmel herab⸗ geſendet zur Erde, um bei mir zu leben, und mich zu beruhigen. Ich liebte die Mutter nicht minder, ja noch mehr,— aber ein neues Gefuͤhl war aufge⸗ bluͤht in meinem Herzen,— vaͤterliche Liebe. Lange Jahre von Schmerz und Arbeit und Thraͤnen hatten den harten Boden erweicht, und die Pflanze keimte empor, kraͤftig und hoch, wie der Baum des Zaube⸗ rers. Schoͤne kleine Seiden⸗Loͤckchen ringelten ſich uͤber des Knaben blauem Auge. Er ſtammelte, verſuchte zu gehn, theilte ſeine kleinen niedlichen Schlaͤge aus, immer lachend, immer ſcherzend. Sein Leben war nur Liebkoſung. Es lag eine Art von Gluͤck in dieſem Zuſtande; aber wenn dieſe unſchul⸗ digen Weſen ſchlummerten, uͤberſtelen mich andere 4 133 Gedanken. Erinnerung war fuͤr mich der Schnabel des Geiers, aus der Mythe, und in dem ſtillen Schwei⸗ gen der Nacht erſchallten Toͤne an mein Ohr, wie Rabengekraͤchz: „Mit ehrner Feder war's geſchrieben in die Bruſt: Es weilt bei Sterblichen niemals die wahre Luſt.“ Es war ein heiterer froher Tag— noch erinnere ich mich deſſen— voll Sonnenſchein und Geſang. Fatime war ungewoͤhnlich vergnuͤgt: ſie erzaͤhlte kleine allerliebſte Geſchichten, welche zum Laͤcheln reizen, ohne daß man weiß weshalb. Sie ſpielte auf ihrer Laute, fuͤtterte ihre Voͤgel, und ſtoͤrte das Waſſer des Springbrunnens, damit es heller aufſchimmre. Hilla hatte mit ihren leichten Arbeiten zu ſchaffen, und eine alte Arabiſche Matrone, die wir unſerm Harem zugeſellt hatten, lehnte ſeelenvergnuͤgt an der Wand, indeß der kleine Osman mit ihr ſpielte, und ihre verſchrumpften Backen kuͤßte, denn Kinder nei⸗ gen ihre reizende Friſche am liebſten zu dem runzli⸗ chen Alter, wenn dieſes nur freundlich gegen ſie iſt. Ich lag auf dem Divan und ſah alle dem zu. Welch einen durchdringenden, fuͤrchterlichen Schrei ſtieß das alte Weib aus!— Wie ſloh bei ihm je⸗ des Laͤcheln, wie verſtummte jeder Ton!— Ich ſtuͤrzte zu ihr,— ſie ſchrie noch immer, und wollte mir nicht antworten. Endlich hob ſie das roſige Kind empor, das ſchweigend und ſich verwundernd da ſtand. Sie hob deſſen kleine runde Aermchen, ſo ſchoͤn und 134 friſch, und zeigte auf eine kleine Geſchwulſt, und das Kind laͤchelte mir ins Geſicht.— Eine Peſtbeule an meinem theuern Knaben!— Es war ſo,— aber ich konnte, wollte es nicht glauben. Ich ſtieß das alte Weib zuruͤck, und ließ das Kind wieder ſpielen. Auch Fatime ſchalt ich, die erſchrockne, lie⸗ bende Mutter, und Hilla, und ſo ging ich ſelbſt hin⸗ weg.— Ich begegnete meinem Compagnon in dem Waarenlager.—„Ruͤhre dieſes Tuch nicht an— rief er mir zu— wir haben es erſt geſtern von Ro⸗ ſette erhalten. Ich habe einen Brief von dort her. Die Peſt iſt in dieſer Stadt mit ungeheurer Heftig⸗ tigkeit ausgebrochen. Schon am erſten Tage ſind einige und zwanzig Perſonen geſtorben.“ Aber ich hatte es ſchon beruͤhrt:— geſtern ſchon dem kleinen Mesru etwas davon zukommen la⸗ ßen, und er hatte eine Probe davon mit nach Hauſe genommen. Die Farbe war bellſchimmernd, und mein Kind hatte damit geſpielt. Ich floh zuruͤck in meine Wohnung,— ich ſtuͤrzte in den Harem. Das Kind lag krank und ſiebe⸗ riſch, an ſeiner jugendlichen Mutter Buſen. Seine ſchoͤnen Augen waren duͤſter und irr. Nach Huͤlfe ſandte ich,— nach Juͤdiſchen und Fraͤnkiſchen Aerzten. Sie kamen, und blieben von fern ſtehen, und gaben ihren dunkeln, unzuverlaͤßigen Rath.— Ich nahm den Knaben der Mutter,— ich legte mich mit ihm an die kuͤhlſte Stelle. Sanfte Brechmittel, kraͤftige Staͤrkungen wurden ihm von mir mit Hoff⸗ — 7— nung, mit Gebet dargereicht.— Es half keines,— Schmerz, heftiger Schmerz zog ſeine kleinen Glieder krampfhaft zuſammen. Ein brennender Durſt quaͤlte ihn dazu, und endlich,— ach endlich verirrte ſich ſein zartes Hirn. Der wilde Wahnſinn der Man⸗ neskraft iſt weniger erſchuͤtternd, als wenn man ſieht, wie Krankheit die aufdaͤmmernde Vernunft eines Kindes verdunkelt, oder wieder raubt. Dann ward er ohnmaͤchtig,— ſtarb fuͤr meine Angſt wol oft ſchon, ehe der wirkliche Tod kam. Nach ſechsunddreißig Stunden lag mein heißgeliebtes Kind, mit Peſtbeulen bedeckt, kalt in meinen zittern⸗ den Armen. Fatime, die ich oft von dieſen trauri⸗ gen Auftritten fortgeſchickt hatte, die aber waͤhrend der erſten vierundzwanzig Stunden eben ſo oft wieder⸗ gekommen war, hatte ſich bei dem Ende des Todes⸗ kampfes meines Knaben nicht gegenwaͤrtig befunden. Nur mit dem theuern Einzigen beſchaͤftigt— an nichts Anderes denkend— verſtrich mir die Zeit mit furchtbarer Schnelle. Jetzt dachte ich wieder an Fa⸗ timen, und ihre eigne Gefahr durchzuckte mir das Herz. Ha!— dort— im aͤußern Zimmer— die ſorglich vorgebeugte Geſtalt von Hilla und dem alten Arabiſchen Weibe, und der kleine Mesru, der todt auf einer Matte lag, beſtaͤrkten meine bange Ahnung. — Fatime lag im Sterben,— ihr truͤbes Auge kannte mich noch,— ihre Hand winkte mich hinweg,— um mich zu retten,— o Engel an Liebe!— und ich ank bei ihr nieder, und kuͤßte ihre erbleichende Lippe, 136 und hielt ſie noch lange umarmt, als ſie ſchon er⸗ kaltet war. Und ſchwarze Maͤnner zogen mich fort von ihr, und andere hielten mich, als ſie meine Fa⸗ time hinwegtrugen, und ſie irgend wohin begruben zur Verweſung. Eine Hirnentzuͤndung ergriff mich. Heftig, aber kurz. Nach einer Woche hatte ich meine Beſinnung wieder, und fand mich auf einem Lager liegend. Ein Mullah ſaß mit ſeinen Gebetkuͤgelchen mur⸗ melnd neben mir. Zwei meiner ſchwarzen Sklaven ſtanden ſchweigend an der Seite, und in der Tiefe des Zimmers erblickte ich Hilla und das alte Weib. Es giebt ſchmerzensvolle Lagen, welche keine Gewalt der Sprache beſchreiben kann. Nie kann ich mittheilen, was ich damals litt. O! wie fuͤhlte ſich mein Gemuͤth geſtaͤrkt, als ich wenigſtens wieder aufſtehen, mich bewegen und thaͤtig ſeyn konnte. Ich ging in die Stadt, und wanderte uͤberall umher, nach einem Orte ſpaͤhend, wo dem Anblicke nach, die Peſt am toͤdtendſten wuͤthete, hoffend, daß unter den unreinlichen Armen, und in den ſchmuzi⸗ gen Wohnungen, die Anſteckung doch ihre erwuͤnſchte Wirkung auf mich haben, und auch mich dem Grabe zufuͤhren werde. Vergebens war mein Sehnen, um⸗ ſonſt mein Streben. Wohin ich ging, ſah ich Ster⸗ bende. In jeder engen Straße hoͤrte ich in den ſchmalen Haͤuſern das Todesgeſchrei, und das Weh⸗ klagen der Weiber um einen Verſchiedenen, und an den Thoren begegnete ich der Bahre, welche duͤſter 137 ſchweigende Maͤnner mit eilendem Schritte bewans⸗ trugen. Mit kalter Ruhe und murrenloſer Gleichguͤltig⸗ keit gehen die Muhammedaniſchen Fataliſten finſter ihren Weg fort. Fuͤhlt Einer das Gift,— ſo kehrt er um, geht mit ernſter Reſignation nach Hauſe, legt ſich hin und ſtirbt. Die Verheerungen, welche die Peſt in dieſer reich bevoͤlkerten Stadt anrichtete, waren ſchrecklich, nie aber hoͤrte ich das trotzbietende Geſchrei ausgelaſſner Leidenſchaft,— nie ſah ich ein wildes Streben das Leben noch zu genießen,— nie emſige Pluͤnderer,— keine Gifttraͤnke wurden gebraut,— keine verbrecheriſche, ausgelaſſene Liebesfreude im Hauſe der Trauer. Wenn wir dieſe unthaͤtige Indolenz tadeln, die ſich truͤbe und widerſtandlos hinſetzt, und die Krankheit wachſen ſieht, ohne Anſtrengung anzuwenden ihre Fortſchritte zu hemmen, ſo kann uns wenigſtens der Blick auf die ruhige Entſagung des Muhammedaners lehren, die Pfeile der Truͤbſale zu erdulden, und den Becher des Todes zu trinken, oder wenigſtens den bittern Trank eines laͤngern, werthloſen Lebens an die ge⸗ taͤuſchte Lippe zu heben. „Warum,“ ſo ſagte ein bejahrter Tuͤrke mit ſilber⸗ nem Barte,„warum geberdeſt Du Dich wie ein wehklagendes Maͤdchen?— Um Deiner ſelbſt willen? oder um Derer willen, die zum Paradieſe hinuͤberge⸗ gangen ſind? Ich habe fuͤnf Soͤhne verloren,— Soͤhne, die mit mir in die Schlacht ritten. Sie ſind 138—qq; geſtorben, wie die Hunde, in ihren Betten. Soll ich den Herrn deshalb anklagen?— Er gab mir ſie— er hat ſie mir genommen; gelobt ſey ſein Name. und ſo ging ich denn wieder auf mein Zimmer, da meine Thraͤnen zu vergießen, und meinen gewaltigen Schmerz den theilnahmloſen Waͤnden vorzuſeufzen.“ Ich ritt außerhalb der Stadt nach der Seite der Wuͤſte zu. Dort raſete und wehklagte ich, von nie⸗ manden gehoͤrt, als von meinem ſich ſcheuenden Roſſe. Als ich eines Abends beim Pilgrimsteiche nach der Stadt zuruͤckkam, ſah ich unter einem Dattel⸗ baume einen einzelnen Mann liegen. Ein Eſel ſtand muͤd' und ſtumpf ihm zur Seite. Ich ritt zu ihm, und ſtaunte, als ich ihn bei meiner Annaͤherung Eng⸗ liſch ſprechen hoͤrte. Wehklagend und ſchmerzlich be⸗ tete er in abgebrochnen Worten,— um den Tod. Ich ſchwieg, und trat ganz nahe zu ihm. Er war ein um viele Jahre aͤltrer Mann als ich, und in den letzten Zuͤgen. Er kannte ſeine Lage,— die Peſt raffte ihn hin. „Waſſer!“— rief er mir auf Arabiſch zu:„Waſ⸗ ſer!“„Es koͤnnte Dich toͤdten,“— antwortete ich auf Engliſch;„vielleicht kannſt Du noch geneſen.“ „Nein, nein— auch wuͤnſche ich es nicht. Aber ach! wie gnaͤdig, wie barmherzig iſt doch mein himm⸗ liſcher Vater, daß er mir einen Chriſten, einen Lands⸗ mann ſendet, mir die muͤden Augen zu ſchließen, mei⸗ nen letzten Seufzer aufzunehmen, und meinem alten Vater zu hinterbringen, wo ich ſtarb. Ja, Fremd⸗ » — 139 ling, daß ich in Frieden ſtarb,— und gluͤcklich,— ſehr gluͤcklich!“ Ich ſah, daß hier keine Hoffnung mehr war, und weinte uͤber ihm, weinte Thraͤnen des Neides. Dann eilte ich zum Teiche, tauchte mein Schnupftuch ein, und legte es auf ſeine brennenden Lippen, und ſeine weiße, von dem Todesdurſte vertrocknete Zunge. „Dank, mitleidiger Fremdling! Ich lebe fuͤr einen Augenblick wieder auf. Hoͤre mir zu, ich bitte Dich innig. Doch ach! ich vergaß deine eigne Ge⸗ fahr.— Stelle Dich weit weg von mir: auf jener Seite wird der Wind ſchuͤtzen. Er weht uer hauch von mir hinweg.“— Ich that, warum er mich bat, damit ich ſeinem Vertrauen nicht entgegen ſey. Ich verbarg ihm, daß ich ein Tuͤrke, ein Renegat war, denn warum ſollte ich ſeine Sterbeſtunde mit dem eigennuͤtzigen Bekenntniſſe meines eigenen Schmer⸗ zes truͤben, und ihm durch das Geſtaͤndniß meiner Schande weh thun. „Hoͤre mich, Fremdling! Dieſe Schriften“— und er zog eine kleine Rolle aus ſeinem Buſen— „nimm ſie mir Dir, wenn Du nach England zuruͤck⸗ kehrſt, und wenn es Dir moͤglichſt iſt, ſo bitte ich Dich, gehe nach Irland. Frage in der Grafſchaft Donegal nach einem bejahrten Edelmanne, Namens Nugent. Er lebt in einem einſamen Landhauſe, ohn⸗ weit des Fleckens und Felſens Bundoran. Sag' ihm, daß Du ſeinen Heinrich ſterben ſahſt; ſag' ihm, daß ich nicht allein war. Ich meine das nicht von 140 Deiner Gegenwart; ſag' ihm nur dies: ſein Heinrich ſey nicht allein geweſen. Aber beruͤhre dieſe Pa⸗ piere jetzt nicht; raͤuchre ſie, dort ſind verloͤſchende Kohlen und Stroh nicht weit von hier.“ Von dieſer Anſtrengung erſchoͤpft, ſchloß er die Augen, und bewegte ſeine bleichen Lippen, ohne einen Ton weiter hervorbringen zu koͤnnen. Dann oͤffnete er ſie wieder und blickte mich an. Die Krankheit ergriff ihn immer mehr. Seine truͤben Augen wur⸗ den unſtaͤt, und ihr Ausdruck war der, wie beim Hin⸗ uͤberſcheiden vom Leben zum Tode. Selbſt beten konnte er nicht mehr. Nur abgebrochne Worte ſtieß er noch heraus, ſo wie ſie die Geiſtesverirrung ſtam⸗ melt:—„Wieder— das Grab— mein Herz— Aga⸗ the!“ Das letzte Wort ſeiner ſterbenden Lippen war Agathe.— War es denn wirklich ſo? war dieſer einſame, todmuͤde Mann, der jetzt mit hohlem Auge und abgemagerter Wange in der traurigen, ſchmuzi⸗ gen Vernachlaͤßigung eines erkrankten, huͤlfloſen Koͤrpers da lag— und jetzt, ein Leichnam, mit jenen giftigen Flecken, welche die ſchwarzgelbe Peſt von ihrer dunkeln Schwinge ſchuͤttet, bedeckt— war er denn wirklich der fruͤhſte und letzte Abgott der rei⸗ zenden Agathe? Ja, es war ſo.— Ich nahm die Lanzette, wel⸗ che ich ſtets bei mir fuͤhrte, vom Sattel meines Roſſes. Ich durchſtach die blaue, hoch aufgeſchwollne Beule an ſeinem Schenkel, und öoͤffnete dann mit wahnſinniger Hoffnung, daß dies mir den Tod, nach 7 5 141 dem ich ſtrebte, gewaͤhren muͤſſe, eine Ader meines nakten Armes, und impfte mich mit der ſchwarzen Feuchtigkeit ſelbſt. Einen Mantel warf ich uͤber den Leichnam, und ließ ihn unbeerdigt in der Ebene lie⸗ gen. Ich wußte, daß die Sonne des Himmels ſein Fleiſch loͤſen, die entbloͤßten Knochen bleichen werde. Welches ſchoͤnere Ende konnte der Staub begehren? Von dem ſpuͤrenden Schakal und dem raubenden Geier, war hier nichts zu fuͤrchten; dieſe ruͤhren ſelbſt bei der heftigſten Gier keinen Leichnam an, den die Peſt traf. Mit den Schriften, welche mir der ſterbende Hein⸗ rich anvertraut hatte, eilte ich ſchnell in meine ſtille Wohnung, noch begieriger ſie zu leſen, als zu ſter⸗ ben. Es lag ein trauriger aber kraͤftiger Troſt in dieſem letzten Auftritte, der mir zeigte, daß ein ein⸗ ſames und ſchmerzliches Leben auch einem andern, und ohnſtreitig weit ſchuldloſern Weſen als mir, zu Theil geworden war. Unmoͤglich war es, jemals den tiefen Eindruck zu vergeſſen, welchen Agathe auf mein jugendliches Herz gemacht hatte. Aller⸗ dings hatte die Zeit jenen fruͤhern Schmerz zu ru⸗ higer und feierlicher Nuͤckerinnerung an ihre Blicke, ihre Worte, ihre Stimme beſaͤnftigt, und ich dachte jetzt mehr mit ſanfter, liebender Innigkeit, als mit quaͤlender Sehnſucht an ſie. Ein weit peinlicheres Gefuͤhl hatte die erſteren Stunden toͤdtlichen Schmer⸗ zes bezeichnet, als ich entdeckte, daß Maria Cecil fuͤr mich verloren, auf immer fuͤr mich verloren ſey. 142— Aber all' dieſes Weh, ſo groß es auch war, kam doch dem nicht gleich, welches mein letzter Verluſt uͤber mich ausgegoſſen hatte. Ach! das Band ehelichen Ver⸗ haͤltniſſes iſt doch das ſtaͤrkſte! Wie fuͤhlt man ſich gefeſſelt an die unſchuldvolle Schoͤnheit, die liebend an unſerm Herzen lag, und ſuͤße Hoffnungen, und freundliche Plane, und liebende Geſtaͤndniſſe, uns in der dunklen Nacht zulispelt! Die Mutter unſers Kindes,— hinweggeriſſen aus unſeren umſchlingenden Armen, und gelegt in das finſtre Grab. Und der Raub an unſeren Vaterfreuden,— welch' ein Schmerz! Die Cherubsgeſtalt, die wir gehoben, und getragen, und geliebt haben, und gelehrt, die kleinen Arme zu oͤffnen und um unſern Nacken zu ſchlingen;— das leuchtende Auge, das ſprechende Laͤcheln, das ſtam⸗ melnde Streben der kleinen Zunge,— und der erſte Verſuch zu gehen, den wir bewachten, wie nur El⸗ tern es koͤnnen! Blume und Knospe, beide gebro⸗ chen, und mit toͤdtendem Fuße zertreten! Jeder Gatte, jeder Vater, der ſo gluͤcklich als ich war, und wieder ſo arm ward als ich, verdient inniges Mitleid. Ich auch konnte darum flehen, ob ich gleich wol kaum verdiente, daß mich ein Weſen liebe, wie es dieſe unſchuldigen Beiden thaten, und deshalb vielleicht verlor ich ſie, und war wieder allein gelaſſen, allein mit meinem Abfalle,— ein Re⸗ negat, ohne einen Gott, zu dem er bete! Mit ſonderbar aͤngſtlich neugierigem Gefuͤhle oͤffnete ich das kleine Paket mit Schriften. Viele 143 Jahre waren ſeit dem Verbrennen des Manuſeripts verfloſſen, das mir Agathe zugeſchickt hatte, als ſie aus Liſſabon floh, und das auf eine fuͤr mich ſo er⸗ greifende Art von den Flammen verzehrt ward, ehe ich deſſen Inhalt hatte leſen koͤnnen. Das erſte Papier, das ich in die Hand nahm, zeigte mir Aga⸗ thens wohlbekannte Schriftzuͤge. Unmoͤglich konnte ich dem heftigen, und ſo na⸗ tuͤrlichen Drange, es zu leſen, widerſtehn. Haͤtte mich der Verſtorbene gekannt, gewußt, daß auch mir Aga⸗ the theuer, daß mir die Geſchichte ihrer fruͤhern Liebe zum Theil von ihr ſelbſt vertraut worden ſey, er wuͤrde meine jetzige Anmaßung ſelbſt gebilligt haben. Billet von Agathen an Heinrich. „Heinrich!— Meine Mutter wuͤnſcht nicht, daß Sie jetzt zu uns kommen. In ein paar Tagen will ſie mit meinem Vater ſprechen. Wie lieb hat Sie meine theure Mutter, Heinrich!— wie liebe ich ſie auch deshalb! Ich hoffe, es ſoll recht bald geſchehen, denn ich kann mir es noch gar nicht denken, daß ich einen Tag verleben ſoll, ohne Sie geſehn zu ha⸗ ben. Ich glaube, daß mein Vater Ihnen wohl will, Heinrich. Ich ſah ihn noch nie eine Perſon ſo an⸗ blicken, wie er es Ihnen gethan. Mein Vater iſt viel freundlicher, als er das vorige Mal war. Er iſt mein Vater, und ich werde ihn gewiß recht zaͤrtlich lieben, wenn wir verheirathet ſind, Heinrich. Ich kann nicht ſchreiben; wenn ich an Sie denke, moͤchte 144* ich lieber ſprechen. Hoffentlich geſchieht dies in we⸗ nigen Tagen. 3 Ihre Agathe.“ Von Heinrich an Agathen. „Meine theuerſte, theuerſte Agathe. „Nur jenes ſchmerzliche Verbot fehlte noch, um mir zu zeigen, wie theuer mir das Gluͤck ſey, deſſen ich genoß— das Gluͤck, taͤglich bei Ihnen zu ſeyn, — Sie zu ſehn,— zu hoͤren. Ihre Agathe! O! wie dankt Ihnen mein Herz fuͤr dieſes Wort. Ja, Sie ſind mein. Die Engel des Himmels haben un⸗ ſere⸗Geluͤbde gehoͤrt und ſie eingetragen! Mein nun, mein, fuͤr immer mein! „Ich ſehe Sie in dieſem Augenblicke vor mir. Ich lege meine Feder mit Entzuͤcken hin, mit Selig⸗ keit blicke ich in Ihr reizendes Antlitz. Sie ſprechen mit mir— ja— es iſt Ihre Silberſtimme, die me⸗ lodiſch an mein Ohr toͤnt. Wie danke ich es dieſer maͤchtigen Huld, die dem Menſchen die Kraft verlieh, ſich dem Entfernten vorzuſtellen,— ihn ſich zu ma⸗ len,— nein, das was er liebt, mit Einem beſchwing⸗ ten Gedanken in ſeine Naͤhe zu zaubern. Doch ach! es iſt nur ein Schatten; reich zwar an den ſchoͤnſten Farben, aber doch nur ein Schatten.— Wir ſtrek⸗ ken ſehnſuchtsvoll die Arme aus, ſie ſinken leer und getaͤuſcht auf die einſame Bruſt zuruͤck, die Erſchei⸗ nung verſchwindet in der theilnahmloſen Luft. „Agathe! nur als ich Dich zuerſt ſah, begann ich zu leben. Wol lebte ich wie ein Kind vorher, ergetzt 145 * ergetzt von dem Gemaͤhlde dieſer gruͤnenden und bluͤ⸗ henden Welt, aber mein junges Herz ſehnte ſich nach etwas; wonach? wußte ich nicht. Ich konnte Stun⸗ denlang in meinem Kahne allein liegen, und in den blauen Himmel hinaufſchauen. Irgend ein Bewoh⸗ ner dieſer reinen Raͤume, ſo dachte ich mir, irgend ein ſchoͤnes befluͤgeltes Weſen mit Seraphsaugen, wuͤrde von oben herabſchweben, nahe, nahe zu mir, daß ich ſeine Engelsgeſtalt ſehen und lieben koͤnne. „Phantaſie ſoll truͤgeriſche, allzureizende Farben haben, ſoll Schoͤnheit mahlen koͤnnen, hinreißender als die Wirklichkeit. O! das iſt nicht wahr. Das Auge iſt die Wiege der Phantaſie, durch Schauen wird ſie genaͤhrt. Konnten Dichter jemals etwas ſo liebli⸗ ches, wie Sie ſind mahlen, oder in Gedanken, de⸗ nen die Sprache fehlte, ſich vorſtellen? Nein! Als ich zuerſt Sie erblickte, in Todesblaͤſſe und doch ſo ſchoͤn, als ich zuerſt mit tiefem Herzklopfen voll Verwunde⸗ rung auf Sie ſah, gewahrte ich auch, daß menſchliche Schoͤnheit dann am meiſten der der Engel gleiche, wenn das Gefuͤhl in Augen ſich zeigt, von Thraͤ⸗ nen der Beſorgniß ſchmerzvoll getruͤbt. Und Gott trocknete durch meine arme Mithuͤlfe dieſe Thraͤnen, und verbannte dieſe blaſſe Furcht. Und Sie ſahen dann auf mich, dankbar, ſanfter, als Laͤcheln es ge⸗ konnt. Agathe, in dieſem erſten Augenblicke unſers Begegnens fuͤhlte ich, daß ich den Edelſtein gefun⸗ den hatte, den ich ſuchte,— eine Engelsſeele in einer Engelsgeſtalt,— ja— Sie ſind mein! Schreiben II. K Sie mir, Geliebte, ſchreiben Sie mir ſo, als ob Sie mit mir ſpraͤchen. Ich kann dieſe Trennung nicht erdulden. Schreiben Sie mir, waͤr' es auch nur Eine Zeile; ſchreiben Sie mir was Sie thun, von Stunde zu Stunde. Warum zoͤgert Ihre Mutter, ehe ſie ſpricht? Dieſer Vater mit dem edlen Anſtande kann es nicht verweigern, uns gluͤcklich zu machen. Wie herzlich, wie freundlich ſprach er mit mir bei unſrer erſten Zuſammenkunft. Sagen Sie Ihrer theuren Mutter, daß ſie ihn um ſeine Einwilligung bitten, oder mich zugleich mit ihr meinen Antrag machen laſſen ſoll. Ich bin ja ſo ungluͤcklich, bis ich wieder freien Zutritt in Ihr Haus habe. Wozu dieſes Verber⸗ gen? Wozu dieſes Zoͤgern? Ich beſchwoͤre Sie, Agathe, draͤngen Sie Ihre Mutter; Sie wiſſen ja, daß Sie einem bloßen Blick von Ihnen, der einen ſchweigenden Wunſch ausſprach, nicht widerſtehen konnte. Ihr Sie liebender, aber ungluͤcklicher Heinrich.“ Aath⸗ an Heinrich. „Geliebter Heinrich! „Wie kann ich Ihnen je genug fuͤr dieſen Brief voll reiner Liebe danken? Worte werden es nicht koͤnnen, aber wenn wir wieder zuſammenkommen, wird Ihnen das Klopfen meines Herzens treulich ſagen, was ich fuͤhle. Tadeln Sie meine Mutter nicht. Ich bin durch ihren ungewoͤhnlichen Ernſt in Betreff Ihres jetzigen Nichtkommens uͤberzeugt, daß ſie wichtige Gruͤnde hat, meinen lebhaften Wuͤn⸗ 147 ſchen nicht nachzugeben. Glauben Sie mir, Hein⸗ rich, jede Stunde der Trennung iſt auch fuͤr mich ein Jahrhundert voll Schmerz. Ich ſoll Ihnen ſchrei⸗ ben, was ich von Stunde zu Stunde vornehme;— nichts, mein Heinrich, als an Sie zu denken, mit Liebe und Hoffnung zu denken. Manchmal fuͤrchte ich auch, ich weiß nicht was oder weshalo,— aber wir ſind ſo wahrhaft gluͤcklich geweſen!— Nein es iſt kein Verbrechen, gluͤcklich zu ſeyn, und zu lieben.— Aber warum, Heinrich, erzaͤhlt man uns ſo oft von ungluͤcklichen Liebenden? Vergeben Sie mir, ich bin ein Kind. Meine Thraͤnen ſtroͤmen auf das Papier. Ich kann mich dieſes Truͤbſinns nicht erwehren. Es iſt der Ueberſchwang meiner Liebe zu Ihnen. Mein Herz iſt zu voll, und jetzt, wo wir nicht mehr zuſammen kommen, mahlt mir meine Einbil⸗ dungskraft truͤbe Bilder vor. Sie borgt, wie Sie wiſſen, ihre Farben von allen Kleinigkeiten,— vom Tage, der Stunde, den Wolken, der Umgebung. „Geſtern waren wir auf Deveniſh,— Abends beim Sonnenuntergange. Jahreszeit und Umgebung waren dieſelben, wie damals, Heinrich, als Sie auf mein aͤngſtliches Schreien herbeikamen, und das Le⸗ ben meiner Mutter, an dem ich ſchon verzweifelte, retteten. Mein Vater wuͤnſchte dem Pater Ignazio, der ihn von Italien hieher begleitet hatte, den ſchlan⸗ ken Thurm zu zeigen. Ich finde kein Wohlgefallen an dieſem Pater, und doch iſt ſeine Unterhaltung ſehr anziehend, ſogar angenehm moͤchte ich ſie nen⸗ K 2 148 nen, wenn ich mit Ihnen ihr zuhoͤren koͤnnte. Auch ſein Betragen iſt beſcheiden und gebildet, aber ſein Blick iſt ſo ſpuͤrend und kalt. „Wie verſchieden war unſrer geſtriger Ven von denen, Heinrich, die wir ſo oft dort zuſammen gemacht haben! Meine Mutter fuͤhlte es, blickte mich zaͤrtlich an, legte ihre Hand auf meine Stirn, und ſagte, daß ich Fieber habe; aber mein Vater hoͤrte nicht auf ſie. Er war damit beſchaͤftigt, et⸗ was die Nuinen betreffendes ſeinem Italieniſchen Freunde zu erklaͤren, und in ſeinem Auge und Tone lag ein truͤber Ernſt, wie ich ihn nie zuvor an ihm bemerkt hatte. „„Dieſes Schloß,““ ſagte er, und zeigte auf die kahlen, eingefallenen Truͤmmer,„„das Sie auf dem gegenuͤberliegenden Ufer von Deveniſh ſehen—(wie oft, Heinrich, haben auch wir dahin geſchaut!)— gehoͤrte dem Lord Maguire. Die Koͤnigin Eliſabeth ließ ihn aufhaͤngen;— ſein Verbrechen war, daß er ein Schloß beſaß und es liebte, und die gruͤnen Flu⸗ ren umher, und die Landleute welche ſie bebauten. Jetzt wohnt die Nachteule darin, und die Mauern, wo ſonſt die Harfe Erin's erſcholl und man das laute Anſtoßen gaſtlicher Becher hoͤrte, hallen nur vom Tone des finſtern Gefluͤgels und des rauſchen⸗ den Epheu wieder. „„Hier, in dieſer alten Kapelle hre Dach, wo die Prinzen von Tyrone in Buße und Gebet knie⸗ ten, hoͤhnte Eliſabeth mit einer Art Appellationstri⸗ 1⁴9 bunal das verwuͤſtete, unterdruͤckte, blutende Land. Sie kamen bewaffnet, ſaßen mit Waffen zwiſchen dieſen Altaͤren des wahren Glaubens, und richteten Die, welche ihm anhingen. Und ſie riefen den be⸗ benden, vor Alter ſchwankenden Hausmeiſter des ver⸗ nichteten Maguire herbei, und ließen ihn aus ſeinem Buſen, wo er ſie auf ſeinem Herzen trug, die Rent⸗ liſten dieſer weiten Herrſchaft ziehn, welche ſein Herr mit ſeinem Leben verwirkt hatte, und laͤchelten fuͤhllos uͤber des Greiſes treue Anhaͤnglichkeit.— Eure gute Koͤnigin Beß!““ ſagte er, indem er ſich um— wandte, ſpoͤttiſch zu meiner Mutter. Sie zitterte und lehnte ihr Geſicht auf meine Schulter. Nun ging er eine Stunde lang allein mit dem Pater, zwi⸗ ſchen den Graͤbern und dem hohen Thurme umher. Ihr Geſpraͤch ſchien ſehr ernſt zu ſeyn, und ſich mit uns zu beſchaͤftigen, weil ſie ſich ſo oft nach uns umſahen. Wenigſtens that dieß mein Vater. Als ſie wieder zu uns kamen, waren ſie, dem Anſcheine nach, in einer gelehrten Unterredung uͤber Alter und Urſprung dieſes Thurmes begriffen. Mein Vater und der Pater ſchienen in ihren Anſichten ſehr ver⸗ ſchieden zu ſeyn, und ſogar warm dabei zu werden, doch duͤnkte michs, als ob der Pater mehr den Eifer mei⸗ naes Vaters ſchuͤre als ihn theile. „Abends, als wir wieder zu Hauſe waren, bat mich mein Vater, ihm etwas auf der Harfe vorzu⸗ ſpielen. Ich that es,— aber ach! Heinrich, wo waren Sie, um mir zuzuhoͤren? Ich fuͤhlte, daß 150 ich weder kraͤftig ſpielte, noch mir ſelbſt zutraute, eines jener Lieder zu ſingen, die Sie immer ſo gelobt haben. Doch ging Alles gut ab. Mein Vater hoͤrte nicht aufmerkſam zu, und bemerkte alſo mein zittern⸗ des, fehlerhaftes Spielen nicht, waͤhrend der Pater mir Complimente ſagte, mich lobte, und ſo voll Hei⸗ terkeit und Anekdoten war, und gegen meine Mut⸗ ter ſo artig und ſorgſam, ſo beſtrebt ſie zu unter⸗ halten und ſich ihr angenehm zu machen, daß ich das Gefuͤhl hatte, als habe ich ihm durch mein un⸗ begruͤndetes Mißfallen Unrecht gethan, und ihn jetzt fuͤr die gute Haltung, welche mir ſein unbefangenes Weſen gewaͤhrt hatte, dankbar ſeyn muͤſſe. Schrei⸗ ben Sie mir morgen ja wieder, lieber Heinrich. Ihren theuren Brief leſe ich wieder und immer wie⸗ der. Ich trage ihn in meinem Buſen, und mein Herz iſt froher und leichter. Er iſt ein Talisman des Friedens. 4 — Ihre in Liebe Ihnen ergebne Agathe.“ Heinrich an Agathen. „Ich ſchreibe Ihnen, mein Engel, voll Eile und Angſt.— Ich bin erſchreckt,— verwirrt.— Eben habe ich Ihren Vater geſehen;— ich hielt mein Pferd an, um ihn zu begruͤßen, und wuͤrde ge⸗ ſprochen haben.— Er dankte mir mit hochmuͤthi⸗ ger, ſtolzer Kaͤlte, und ritt davon, ſein Pferd ſporend,⸗ als ob ploͤtzlicher Verdruß oder Abneigung ihn er⸗ 151 greife. Was ſoll das bedeuten? Mein treuer Bur⸗ ſche Brian will, bis es Nacht wird, an der Straßen⸗ ecke warten, um Antwort von Ihnen zu bekommen. Sagen Sie Dennis, daß er Acht habe. „Ich ſah Sie, theuerſte Agathe, geſtern einige Male. Ich war hoch oben auf dem gruͤnen Huͤgel, uͤber der Wohnung mit dem Schieferdache. Welch' eine Wonne, von dort aus Ihre Geſtalt ſich bewegen zu ſehen! Sie kamen oft ans Fenſter, das nach dem See zu geht, und ſtanden lange dort. Oft gingen Sie auch aus dem Hauſe und kamen wieder, begoſſen Ihre Gewaͤchſe, und gingen auf dem freien Platze ohne Hut auf und ab. Theures Maͤdchen, bald muͤſſen wir uns finden, um uns nie wieder zu tren⸗ nen.— Aber dieſer Vater!— Agathe, er kann ja nicht zuͤrnen uͤber unſre Liebe, denn er hat ſelbſt geliebt.— Gegen meine Familie kann er nichts einwenden, und ob ich gleich nicht reich bin, kann ich mich doch wohlhabend nennen, und meine Aus⸗ ſichten ſind die trefflichſten. Ich weiß, daß das Land⸗ leben Ihrem ſanften, die Einſamkeit liebenden Charak⸗ ter am angemeſſenſten ſeyn wuͤrde, und fuͤr mich bleibt gar nichts zu wuͤnſchen mehr uͤbrig, wenn Sie nur bei mir ſind, feſt verbunden mit mir durch jene hei⸗ ligen Bande, die mir meine irdiſche Heimath in einen Himmel umwandeln koͤnnen. Dann will ich Dich verehren, Dich anbeten, wie die Gottheit mei⸗ nes Hauſes. Lebe wohl!— Ich kuͤſſe dieſe Zeilen, denn Ihr Auge wird ja auf ihnen weilen, und Ihren 15² theuern Brief druͤcke ich bald an mein Herz, bald an meine Lippen. Geliebte meines Lebens, auf ewig Ihr Heinrich.“ Agathe an Heinrich. „Wir ſind verloren, mein Heinrich,— vernich⸗ tet! Ach, wo nehme ich Kraft her, es Ihnen zu er⸗ zaͤhlen! Geben Sie mir Rath, Huͤlfe. Kaum war der Bediente nach Tiſche aus dem Zimmer gegangen, als ſich mein Vater ploͤtzlich an meine Mutter wen⸗ dete, und ſie fragte, ob es wahr ſey, daß man Sie als einen ſteten Beſuch, auf den Fuß eines aner⸗ kannten Freundes, hier angenommen habe. Sie ge⸗ ſtand, daß dieß der Fall ſey, erinnerte ihn daran, daß Sie ihr das Leben gerettet haͤtten, und ſchloß mit der Hoffnung, daß Ihnen auch kuͤnftig unſre Thuͤre wieder und fuͤr immer offen ſtehen moͤge. „Sie meinen damit, ſagte mein Vater, daß Sie ihn gern zum Schwiegerſohn haͤtten,— ihn mit Agathen verheirathen moͤchten? Lieber wollte ich ſie im Grabe, als in ſeinen Armen ſehen. Er iſt ein Nugent, ich haſſe den Namen,— er iſt ein Proteſtant, ich haſſe dieſe Sekte,— und jetzt, da ich ihn mit der Orange⸗ Lilie an der Bruſt geſehen habe, haſſe ich den Bur⸗ ſchen ſelbſt“— Mehr hoͤrte ich nicht; ich ſtand auf. Wie ich meine Kammer erreichte, weiß ich nicht, denn ich zitterte an allen Gliedern, mein Kopf ſchmerzte mich, mein Herz war gebrochen. Mehrere ₰ ₰ .——— 15³ Stunden lang lag ich auf meinem Bette. Meine Mutter ſaß weinend an meiner Seite. Ich kann nicht weinen. Ich ſeufzte nicht einmal. Ich bin verwirrt, erſtarrt,— ich kann nichts Zuſammenhaͤn⸗ gendes denken. Alles iſt finſter und truͤbe um mich, wie bei einer mondloſen Winternacht. Ich kann mich nicht regen. Ich ſtand kalt und ſchweigend, wartend auf das Licht vom Himmel. O Heinrich, die ungluͤckſelige Blume! Ich bin gewiß, daß mein Vater Ihnen wohl wollte. Er wird nachgeben, er muß. Wie bin ich doch ſo ungluͤcklich! Was hat denn Liebe mit Namen und Glauben und feſtlichen Blumen zu thun? Oft hat meine Waͤrterin, als ich noch Kind war, mir auch dieſelbe Blume an die Bruſt geſteckt, und mich ihre Orange⸗Lilie genannt; und an den Juliustagen, erinnere ich mich, trugen in den benachbarten Gehoͤften Einige dieſe Blumen, Andre nicht, Alle aber waren freundlich zuſammen, und die Kinder ſpielten mit einander, und der alte Dennis lachte, und holte mir auch ſo eine Blume. Und doch ſagen ſie nun wieder, es ſey ein Zeichen blutigen Haſſes. Nicht immer war es ſo; auch jetzt iſt es noch nicht,— laſſen Sie nur mei⸗ nen Vater in Ihr Geſicht blicken, dieſen ſtrahlenden Spiegel Ihres edlen Sinnes; wird er wol darin Haß oder Verachtung, Tyrannei oder Blutdurſt erblicken? Eben ſo gut koͤnnte er deren finſtre Spuren in den ſanften Zuͤgen des laͤchelnden Saͤuglings in der Wiege ſuchen. Und doch liegt mir eine ſchwere Laſt auf dem Herzen, Heinrich, doch iſt es ſorgenvoll wie das Grab, und mein Hirn erliegt unter dem Drucke der Angſt und des Schreckens. Leben Sie wohl!— Keinen Augenbiiaf wird aufhoͤren an Sie zu denken Ihre Sie liebende Agathe.“ Alle dieſe Briefe hatten kein Datum. Liebende denken micht an Zeit und Ort. Auch der naͤchſte war ohne daſſelbe, doch muͤſſen einige Wochen zwi⸗ ſchen ihm und dem vorhergehenden verfloſſen gewe⸗ ſen ſeyn. „Hochgeehrter Herr! „Ich bin zweimal in Ihrem Hauſe geweſen, habe aber Ew. Wohlgeboren nicht zu ſehen bekom⸗ men koͤnnen, denn man hat mich nicht vor Sie ge⸗ laſſen. Von dort hin ich fortgeſchickt worden, und was nun anfangen?— Ich, der ich dort dreißig Jahr gelebt habe, und alt dort geworden bin, und das junge Herzenskind liegt krank darnieder, und Ew. Wohlgeboren, der ſie liebt, haben das Fieber. Was ſoll ich nun thun? „Die Madam hat mir freilich ihr ganzes Geld gegeben, aber hilft mir das? was will ich denn allein nun anfangen? „Mir kommts vor, als wollten ſie eine Katholi⸗ kin aus dem armen jungen Geſchoͤpfe machen, und das ſoll mir fuͤr ihr Seelenheil ſehr lieb ſeyn; aber der Teufel hole den blaſſen Pfaffen, der immer Fran⸗ zoͤſiſch ſpricht. Ich dachte mir's gleich, daß von Dem — 155 nichts gutes kommen koͤnne. Seit er hier iſt, hat er noch nicht einmal eine ehrliche Fleiſchſuppe gegeſſen. Ho, ho, Pater Caſſidy iſt wenigſtens ein Dutzend werth ſo wie Der, obgleich der alte Caſſidy, der ſein Onkel war, auch den Teufel im Leibe hatte, mit Decem eintreiben. Ein guter Mann, aber er mußte ſeine Zehnten haben. Ich erinnere mich immer noch, wie er Biddy Heneſſy's Kuh davon trieb, gerade ſo, als ob er ein blutduͤrſtiger Orange⸗Bube ge⸗ weſen waͤre. Hole ſie all' der Henker,— ausge⸗ nommen Ew. Wohlgeboren, der mich aus dem Waſ⸗ ſer zog, wo ich ohne Sie erſoffen waͤre, und die gnaͤdige Frau, welche Sie an demſelben Tage retteten, und die keiner Fliege etwas zu Leide thut, und unſer junges Fraͤulein, das Sie immer geliebt hat, ſeit.. Ach! was iſt das fuͤr ein Herzblatt! Und jetzt iſt ſie krank. Ich wuͤnſchte, Ew. Wohlgeboren waͤren katholiſch; aber wie dem auch ſeyn moͤge, eine Heirath muß es doch geben,— und weshalb denn auch nicht?— Iſt denn Ew. Wohlgeboren nicht ganz fuͤr Sie gemacht? und ſo huͤbſch, als ich nur irgend einen Jungen auf dem Markte geſehen habe;— aber dem Herrn ſcheints nicht ſo ganz recht zu ſeyn,— ganz beſonders wegen der haͤßlichen Blume.— Hol' ſie denn der Henker, und ihre Farbe dazu, und alle Farben,— war's nicht meiner eignen Schweſter Bruder, der vom Buͤttel James Duff mit ſammt dem Bande gehangen ward, und es war noch dazu ein gruͤnes, das er an dem Tage trug. Nun, nun, ich will Ew. Wohlgeboren 156 gewiß noch zu ſehen bekommen,— darnach ſehne ich mich recht ſehr, denn ich bin ein einzelner Mann, und was ſoll ich anfangen? und mein Herr, ein O Neil, iſts, der mir das angethan hat.— Geſchahs denn nicht aus Liebe fuͤr Sie?— aber retteten Sie. mir nicht auch das Leben? „Ihr treuer Dennis, bis zum Tode— und das iſt keine Suͤnde, was auch der Pater O' Leary ſagen mag,— ich wuͤnſchte nur, Sie waͤren katholiſch.“ Vom Oberſten O'Neil. The Rock, 11. Oktober 1741. Werther Herr! „Ich habe Ihren Brief vom heutigen Dato er⸗ halten. Ihre Geſinnungen machen Ihnen Ehre. Ich wuͤnſche, es waͤre moͤglich zu glauben, daß dieſe— unter Denen, welche mit Ihnen gleiche Ueberzeugun⸗ gen haben, ſo allgemein waͤren, wie Sie vermeinen. Aus beſſerer Erfahrung muß ich dieß aber verneinen. Ihre warmen und freimuͤthigen Erklaͤrungen uͤberzeu⸗ gen mich, daß wenigſtens Ihre Empfindungen hin⸗ ſichtlich der Hochachtung fuͤr jene verfolgte Kirche, zu welcher ich und eine lange hinter mir liegende Reihe von Fuͤrſten meines Namens ſich ſtets aufs treuſte bekannt haben, aufrichtig ſind. 3 „Wenn ich auf meine Tochter blicke, kann ich mich weder uͤber Ihre Liebe wundern, noch bei den Umſtaͤnden, unter welchen Sie die erſte Bekannt⸗ ſchaft mit meiner Familie machten, in Staunen ge⸗ — 157 rathen, daß Sie auf die unbefangenen Gefuͤhle eines jungen, in der Einſamkeit erzogenen Maͤdchens einen tiefen Eindruck gemacht haben. Ich bemerke jedoch aus Ihrem Briefe, daß Sie bis jetzt eine neuere, in den Geſinnungen meiner Tochter eingetretene, ſehr wichtige Veraͤnderung noch nicht kennen. G „Ich muß Sie alſo davon benachrichtigen, daß ſie das katholiſche Glaubensbekenntniß angenommen hat, und jetzt ſich zur Roͤmiſchen Kirche haͤlt. Unter dieſen Beziehungen werden Sie leicht ſelbſt ermeſſen, daß ich auf Ihre Antraͤge nicht eingehen kann. Ich habe mich durch die feierlichſten Verſprechungen ver⸗ pflichtet, die Hand meiner Tochter nur einem der Bekenner des roͤmiſchkatholiſchen Glaubens, und bloß am Altar der Mutter Gottes, der gebenedelten heili⸗ gen Jungfrau, zu verwilligen. „Und ſomit habe ich, wie ich ausdruͤcklich erklaͤre, Ihnen wegen Ihrer Nichtannnahme als Schwieger⸗ ſohn, meinen Haupt⸗Grund ausgeſprochen. Aus meiner eigenen Ehe habe ich einſehen gelernt, welche traurige Folgen es hat, wenn Mann und Frau nicht gleicher Kirche angehoͤren. Sie werden mir zwar einwenden, daß ſolche Verbindungen ſehr haͤufig ſind, daß ſie auch nicht ſtets ungluͤcklich waren, und daß in den weſentlichen Dingen die Frommen beider Be⸗ kenntniſſe in Liebe und Hoffnung uͤbereinſtimmen. Aber dieß iſt ein Irrthum,— ein ſchrecklicher, ein toͤdtender Irrthum, Uebrigens giebt es auch noch, mein Herr, andere Ruͤckſichten, von denen ich wol wuͤnſchte, daß Andere ſie eben ſo hoch ſtellten als ich. Nie werde ich meine Tochter ſich vermaͤhlen laſſen, um durch ihre Nachkommenſchaft das Geſchlecht De⸗ rer zu vermehren, die uns beraubt, unterdruͤckt ha⸗ ben, ja, die dieß mir thaten, einem Fuͤrſten von Tyrone, aus deſſen Blute ſie entſprang.— Doch wiederhole ich es Ihnen nochmals, mein Hauptgrund beruht in Ihrem Glauben. Sie koͤnnen ſich daraus eine Folge ziehn, die ich nicht erſt deutlich auszu⸗ ſprechen brauche. Und doch waͤre es vielleicht beſſer, gerade herauszuſagen,— daß, wenn Sie in den Schooß der heiligen Mutterkirche zuruͤckkehren, Aga⸗ the, welche Sie liebt und mein Kind iſt, gluͤcklich ſeyn,— daß ſie die Ihrige werden wird. „Auf Vermoͤgen nehme ich keine Ruͤckſicht. Sie beſitzen deſſen wenig, und wuͤrden auch dieſes Wenige wahrſcheinlich alsdann noch verlieren. Ich kann Ih⸗ nen aber einen ehrenvollen Zufluchtsort, und eine bedeutende, achtbare Anſtellung zuſichern. Es giebt genug chriſtliche Hoͤfe, genug chriſtliche Laͤger, um ſolche Wanderer, wie Sie, freudig willkommen zu heißen. 8 „Doch ich vergeſſe mich,— dies war nur eine Art von Traum. Ich habe mir ſelbſt damit ge⸗ ſchmeichelt, Sie als einen patriotiſchen jungen Mann zu lieben;— doch nein,— wann verließ der Menſch je die Parthei des Reichen, Triumphirenden, Gluͤck⸗ lichen, um ſich auf die Seite des Armen, Unterdruͤck⸗ 159 ten, Trauernden zu ſtellen? Liebe iſt ſtark, doch nie ſo ſtark, um ein Wunder dieſer Art zu bewirken. Ihr ergebenſter Bryan O'Neil.“ Agathe an Heinrich. „Mein theuerſter, liebſter Heinrich! „Meine Hand zittert, indem ich dieſes ſchreibe. Welche ſchmerzlichen, truͤben Zeilen fuͤr ſo viele ver⸗ floßne Wochen! Vor vierzehn Tagen hatte ich einen Brief an Sie geſchrieben. Der arme Dennis ſollte ihn Ihnen bringen, aber ich habe Dieſen ſeitdem nicht wieder geſehn. Meine alte Amme ſagt mir, daß ſie geſehen, wie man ihm einen Brief abgenom⸗ men habe, wie mein Vater dieſen verbrannt, und ſehr erzuͤrnt deshalb geweſen ſey. Ich habe meine Mutter ſeit mehreren Wochen nicht allein ſprechen koͤnnen. Sie kommt nur mit meinem Vater zu mir, und ſo ſitzen ſie jeden Abend eine Stunde bei mir. Pater Ignazio iſt oft dabei; auch kommt er jeden Morgen eine Stunde und laͤnger zu mir, und ſpricht mit mir, und lieſet mir vor, und laͤßt Buͤcher da. Ich kann aber nie meine Aufmerkſamkeit ihm zuwen⸗ den,— meine Gedanken flichen davon,— immer, immer zu Ihnen.— Ich bin ſehr ungluͤcklich gewe⸗ ſen.— Ich denke wol, ich werde nicht lange mehr leben, — ach, ich mag ja gar nicht leben, wenn ich Sie nicht ſehen kann. Heinrich!— mein Geliebter,— ach, ſonſt...“ (Hier war der Brief abgebrochen, und ſchien 160 eine Zeitlang nicht fortgeſetzt worden zu ſeyn, bis es doch endlich wieder im Folgenden geſchehen war.) „Ich mußte abbrechen,— mein Kopf war ſo ſchwach und ſchmerzte mich ſo ſehr. Seitdem konnte ich aber nicht wieder zu einer Feder gelangen, bis heut; und nun will ich auf demſelben Bogen fortfahren. Ich bin wieder viel wohler; Sie aber, theuerſter Heinrich, ſind, wie ich gehoͤrt habe, krank geweſen. Gott ſey Dank, daß ich das ich nicht wußte; Sie ſind wieder geſund und ſchon ausgegangen. Ich danke Gott fuͤr dieſe Gnade. Auch hoͤre ich, daß mein Vater und Sie Briefe gewechſelt haben. O! wenn dem ſo waͤre! Vielleicht ſagen ſie es mir aber auch nur, um mich zu taͤuſchen. Aber es koͤnnte doch ſeyn. „Man hat mich zur roͤmiſchkatholiſchen Kirche bekehrt. Der Pater ſagte mir, er ſey uͤberzeugt, mein Vater werde ſeine Einwilligung in jeden mei⸗ ner Wuͤnſche geben, wenn ich dieſen ſeinen Glauben bekennte. Das war es aber nicht, wenigſtens, Gott iſt mein Zeuge, nicht allein.— Dieſer Glaube iſt ja recht gut. Ich weiß nicht, warum man ſich ge⸗ genſeitig ſo heftig ſtreitet.— Gott zu lieben und ſeinen Nebenmenſchen, und auf das Blut des Erloͤ⸗ ſers zu vertrauen,— das hat mich ja meine Mut⸗ ter ſchon gelehrt, und das lehrt mich der Pater nun auch. Und er ſpricht ſo ſanft und freundlich, und er iſt alt und gelehrt, und wie ich glaube auch gut, ob ich ihn gleich anfangs nicht leiden konnte. Auch 161 Auch traue ich ihm noch jetzt nicht,— ob ich gleich nicht recht weiß weshalb. Nicht er iſt Schuld an meinen Leiden, ſondern mein Vater. Er erzaͤhlte mir, daß mein Vater ſich vorgenommen gehabt, mein Ver⸗ haͤltniß mit Ihnen aufzuheben(denn er weiß es, und machte mir deshalb Vorwuͤrfe); wenn dies aber fehlſchluͤge, mich in ein auswaͤrtiges Kloſter zu bringen und fuͤr immer dort einzuſperren. Dort wuͤrde man mich zu dem katholiſchen Glauben ge⸗ zwungen haben; hier aber mein Vater, wenn ich darin nachgaͤbe, ſich auch erweichen laſſen, und mich Ihnen noch zugeſtehn. Er hat mir berſprochen, da⸗ bei ſeinen ganzen Einfluß anzuwenden, und dieſer iſt, wie ich ſehe, groß. Der Pater iſt ein wahrhaft heiliger Mann;— meine Mutter hat mit mir nie uͤber ihn geſprochen, ich leſe aber wol in ihren Augen, daß ſie bekuͤmmert iſt.— Sie laſſen ſie nie mit mir allein ſprechen, aber ſie hat mich ſeitdem hoͤchſt zaͤrtlich gekuͤßt; ol Sie koͤnnen nicht denken, wie voll Hoffnung ich mich fuͤhle. „Ich ſoll meinen Vater bitten, daß ermich Ihnen zur Gattin gebe. Er muß,— er wird es. Meine Mutter war Proteſtantin, Er Katholik; ich bin Beider Kind, ſie bitten Beide fuͤr mich, und ob auch an verſchiednen Altaͤren, doch zu demſelben Erloͤſer. Auch ich bete zu ihm fuͤr Beide, und fuͤr Sie, mein Heinrich, jeden Tag und jede Stunde. Leben Sie wohl,— doch nein, das klingt zu traurig,— Adieu! Ich empfehle Sie dem Ewigen bis wir uns wiederſehn, oder bis ich II. L wenigſtens Ihre Handſchrift ſehe.— Stets und liebend Ihre Agathe.“ Heinrich an Agathen. „Laſſen Sie mich, mein Engel, mit Ihnen ſpre⸗ chen, ich flehe darum. Ich ſah Sie vor drei Tagen; — Sie waren blaß, meine Agathe.— Ich war Ihnen nahe,— geſtern waren Sie mit Ihrer Mutter auf dem See; bitten Sie ſie, morgen Nachmittag mit Ihnen nach Deveniſh zu gehen. Ich muß Sie ſehen und die Verehrte. Schreiben kann ich nicht, was ich gern ſagen moͤchte. Das Wetter iſt mild. Huͤllen Sie ſich gut ein; Ihre Geſundheit, Ihr Leben ſind mein. Ihr innig treuer Heinrich.“ Heinrich an Arnold. Auf dieſem Briefe ſtand:„Mir mit anderen Pa⸗ pieren nach dem Tode meines trefflichen Freundes wieder zugekommen.“ 3 Mein theuerſter Georg! Ihr liebevoller Brief athmet die Waͤrme eines Weſens, das mir unter allen Menſchen in dem ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicke am nothwendigſten iſt, eines innigen Freundes. Bisher bin ich ganz unfaͤhig ge⸗ weſen, Ihnen darauf zu antworten. Mehr als ein⸗ mal habe ich es verſucht. Die Feder entſank meiner Hand, meine Thraͤnen floſſen auf das Papier, und ich gab es auf. Die Sonne meines Daſeyns iſt untergegangen, un⸗ — 14 den Hoffnung geblickt hatte, daß ſie ſich ſicher und 163 tergegangen fuͤr immer! Agathe kann nie die meinige ſeyn. Sie haben ſie geſehen, Georg, und ich entſinne mich noch wohl, was Sie uͤber ſie ſagten; aber was ich verlor, koͤnnen Sie doch nicht wiſſen. Die min⸗ deſte Ihrer Vollkommenheiten war die, die liebens⸗ wuͤrdigſte ihres Geſchlechts zu ſeyn. Ihr Bild, tief meinem Geiſte eingepraͤgt, wird zugleich meine Qual und mein Troſt ſeyn, bis an meinen Tod. Ich habe Ihnen geſchrieben, daß ich ſie verlor, aber ich muß Ihnen auch die traurigen Umſtaͤnde, welche dabei vorwalteten, erzaͤhlen. Nach meiner letzten Krankheit ſchrieb ich an Sie, und machte Sie bekannt mit der ſchmerzlichen Unterbrechung unſers Gluͤcks, und den Wolken, die ich vor die reizende Ausſicht zu lagern ſchienen, auf elche ich mit der thoͤrichten, und doch ſo hinreißen⸗ leicht zur Wirklichkeit geſtalten werde. Ach! es waren auch nur jene blauen Maſſen goldgefaͤrbter Wolken, welche Geſtalt und Feſtigkeit von Bergen anzuneh⸗ men ſcheinen uns zum Hohne, denn noch nie hat ein ſterblicher Fuß ihre ſonnenbeſtrahlten Gipfel er⸗ ſtiegen. Das Ganze iſt nur eine prunkende Erſchei⸗ nung ohne Halt. O! welch' ein ſchwaches Abbild des gehofften Gluͤckes zeichne ich da!— was haben Sonne und Berge zu thun mit der Geſtalt und dem Herzen, von der, die ich liebe? Sie werden ſich deſſen erinnern, was ich Ih⸗ nen uͤber das ungluͤckliche Begegnen mit Oberſt L 2 164 O⸗Reil ſchrieb, als ich von der jaͤhrlichen Prozeſſion zu Enniskillen zuruͤckkam, voͤllig unwiſſend, daß ich noch eine Orangen⸗Lilie an der Bruſt trug; von dem erſten Briefe, den ich an ihn ſchrieb, und auf den er nicht antwortete; von dem Uebelbefinden mei⸗ ner angebeteten Agathe und ihrer Einſperrung, welches mir der alte Dennis mittheilte; von meinem zweiten Briefe an den Obriſten; von ſeiner Antwort, dem Schrecken und der Unruhe, in welche ſie mich ſtuͤrzte, und wie ich Agathe dringend hat, mir eine Zuſammenkunft mit ihr und ihrer Mutter zu ver⸗ ſchaffen. Sie kamen auch zur beſtimmten Stunde an unſer geliebtes Plaͤtzchen. Ich war von fruͤh an ſchon mit Dennis dort geweſen, um allen Verdacht zu vermeiden. Ich ſah ihr Boot ſich nahen.— Sie lag wie⸗ der in meinen Armen, ſie, Agathe, von der ich jetzt. Monden lang getrennt geweſen war. Weinend, halb⸗ ohnmaͤchtig ſank ſie in dieſe Arme. Ich zitterte vor Liebe und Angſt. Ich trug ſie auf einen Sitz unter einem Grabdenkmale an der ſuͤdlichen Mauer der Priorei. Sobald ſie wieder in etwas zu ſich gekom⸗ men war, ſtroͤmten unſere Thraͤnen vereint, und wir waren gluͤcklich;— das Vergangene, das was uns drohte,— Alles war vergeſſen, oder wir dachten nicht mehr daran; waren wir doch wieder bei einander! So. verflog die Zeit. Agathens Mutter ſaß ſchweigend bei uns; wir fuuͤſterten leiſe und liebend einander zu. Meine Abſicht war geweſen, ihr den Vorſchlag zu 165 thun, mit mir zu fliehen, uns zu vermaͤhlen und dem Zorne ihres Vaters zu trotzen, indem wir uns in den liebevollen Schutz des meinigen warfen. In den entzuͤckensvollen Augenblicken des Zuſammenſeyns ſchien es mir aber Raub an der koͤſtlichen Gegen⸗ wart, aͤngſtlich an die Zukunft zu denken. Ich druͤckte innig ihre ſchoͤne Hand, und ſah ihr zaͤrtlich in das freundliche Auge; ich las alles, was ſie gelit⸗ ten hatte, auf der Blaͤſſe ihrer bolden Wange, und bemerkte mit dankbarem Entzuͤcken die leichte Roͤthe ruͤckkehrender Geſundheit, die zuweilen ihrer Schoͤn⸗ heit einen milden Schimmer lieh, der bezaubernder war, als der Glanz ihrer gewoͤhnlichen Bluͤthe. Wie ſchrecklich, wie wild, wie durchdringend war ihr Schrei, als ſie, in dieſem laͤchelnden Momente voller Sicherheit, die Augen aufſchlug und ihren Vater er⸗ blickte. Er war ſchnell um die Ecke der Ruine ge⸗ ſchritten, und ſtand ploͤtzlich da, ein Piſtol auf mich richtend, mit dem Blicke toͤdtenden, fuͤrchterlichen Zornes.— So viel ich weiß, haben Sie ihn nie geſehn. Er iſt ein langer, wohlgewachſener Mann, mit edlen Zuͤgen. Sein Auge iſt ſchwarz, feurig und ſtolz, ſeine Farbe bleich, wie der Tod. Seine Lippen ſind ſchmal und ohne Roͤthe. Er druͤckte ſie zuſammen, als wolle er den Daͤmon in ſeinem Innern bezwin⸗ gen, und zog dann noch ein Piſtol aus dem Buſen, bot mir die Griffe von beiden an, und hieß mich waͤhlen. 3 166— „So, und in dieſer Umgebung, werde ich Ihnen nie gegenuͤberſtehen,“ antwortete ich;„und wozu dies 2 —„Ich kenne Ihre Abſicht,“ entgegnete er;„Sie wol⸗ lenmir mein Kind, wollen mir deſſen Liebe rauben. Sollen wir armen Vertriebenen denn gar nichts be⸗ ſitzen? keine Heimath; nicht einmal das Laͤcheln De⸗ rer, die wir gezeugt haben? Sie haben mir mein einziges, armes Lamm geſtohlen: wenn es mich auch nicht liebt, ſo iſt es doch mein, und meine Freude iſt es, auf deſſen Unſchuld zu blicken, und zu wiſ⸗ ſen, daß es mein iſt.“ Agathe ſchlang ſich in hinreißender Schoͤnheit demuthsvoll um ſeine Knice. Ihr Haar flog aufge⸗ löͤſt und wild um ihre Schultern. Sie hatte ihre Augen mit der bezaubernden Innigkeit gehoben, und auf ihn gerichtet, die, wenn Suͤnder ſo zu Gott auf⸗ blicken, ihnen den Himmel erringen muß. Er ſtieß ſie zuruͤck. Ich hob ſie auf und ſchloß ſie in meine Arme. Er laͤchelte hoͤhniſch, und trat nahe zu uns.„Aga⸗ the,“ ſagte er,„ich willige ein, wenn dieſer treue Geliebter nur unſern Glauben annimmt, wie Du es thateſt;— hier, jetzt gleich,— bei den hier um uns her begrabenen Heiligen ſchwoͤre ich es, er ſoll der Deine, ſoll Mein ſeyn,— dein Gatte, mein Sohn, — und ich will euch Beide lieben, denn ich bin un⸗ gluͤcklich, und bedarf eines Weſens, das ich liebe.“ Die edle Agathe wandte ihr ſchoͤnes Auge von 167 den meinen, und loͤſte ſich aus meiner engen Um⸗ armung. „Vater,“ ſagte ſie,„ich gehe mit Ihnen, und denke nicht mehr daran.“ So giebt er Dich denn auf, dein treuer Ge⸗ liebter? „Nicht uͤber das blutende Herz ſeines ſilberhaari⸗ gen Vaters will ich ihn fuͤhren, um das mit den Lippen abzuſchwoͤren, was er in ſeiner tiefſten Seele fuͤr das Heiligſte haͤlt. Heinrich!“— und damit wandte ſie ſich wieder zu mir,—„ich ſchone Ihr Gefuͤhl. Verſchonen auch Sie mich mit der Pein, Ihre Gedanken ausgeſprochen zu hoͤren.“ Und nun trat ſie naͤher zu mir, und fuͤſterte mir zu:„Gelieb⸗ ter meiner Seele, wir werden uns in einer andern und beſſern Welt wieder finden, wo es kein Freien und Gefreitwerden mehr giebt. Dort werden wir Geiſter ſeyn, Heinrich, und Gott lieben und einan⸗ der.— Lebe wohl!—“ und ihre Arme ſchlang ſie um mich, mit der liebenden Innigkeit eines Abſchieds fuͤr ewig, und truͤb' und engelgleich blickte ſie auf mich, und kuͤßte mich, und verließ mich dann. Ich aber beugte mein Haupt in den Staub, und mein Herz war gebrochen.. und ſo ſoll ich denn dieſe Lichterſcheinung auf Erden nie wieder ſehen?— Iſt es nicht ſchon etwas Herrliches, ſie auch nur jemals geſehen zu haben?— Aber ſie haͤtte mein ſeyn koͤnnen, mit mir durch die⸗ ſes Thal des irdiſches Daſeyns wandelnd, ein Engel 168 an Guͤte, immer an meiner Seite. Vereinigt ſeyn mit Agathen! war ein Gedanke, mir eben ſo theuer, als es der jugendliche Iſaak dem treuen Patriarchen war. Auch von meiner Hand ward ein Opfer gefodert. Ich kuͤſſe die Strafruthe und murre nieht, aber trau⸗ ern werde ich, ja, Georg, trauern bis zum Tode. Die ganze Nacht brachte ich auf dem Eilande zu. Ich lag in einem ſteinernen Sarge, mein Haupt⸗ kiſſen nur der kalte Granit, der einſt ein Haupt trug, eingehuͤllt in das ernſte, feierliche Gewand; und als um Mitternacht der Mond voll und klar ſchien, ſtand ich auf und ging in der zertruͤmmerten Frei⸗ ſtaͤtte umher, und ſtand außerhalb unter den flachen Granitſteinen, wo die Neſſeln ſchwankten im Nacht⸗ hauche, jetzt ſilbern, jetzt wieder ſchwarz. Ruhelos ſtieg ich den ſchlanken Thurm hinan, und ſah dahin, wo am felſigen Ufer in weiter Ferne die weiſſe Woh⸗ nung ſo ſtill zu ruhen ſchien im milden Lichte des Mondes, und dachte, faſt bis zum Wahnſinn, an Agathen, und wußte, daß ſie auch noch wache, kum⸗ mervoll und tranernd uͤber zerſtoͤrte Liebe. Einen Monath lang lag ich dann in meinem Zim⸗ mer, mehr wie ein Todter, als gleich einem Lebenden. Als ich wieder ausging, erzaͤhlte man mir, daß die Familie O Neil weggezogen ſey. Agathe war wieder ſehr unwohl geweſen, und von der Amme hoͤrte ich, daß ſie in einem Anfalle von Irrſeyn aus dem Hauſe entflohen ſey, ſich ſelbſt auf das Eiland Deyeniſh gerudert habe, und man ſie dort wiederge⸗ 169 funden, wie ſie leidenſchaftlich meinen Namen ausge⸗ rufen. Doch war ſie, wie die Amme ſagte, vollkom⸗ men wiederhergeſtellt, ehe ſie mit den Eltern ihr Haus verließ. Nur habe ſie leidend ausgeſehen und ſey mager geworden. Es giebt nun wol Menſchen, welche ſagen wuͤr⸗ den:„Raffe Dich auf, Heinrich, wirf dieſe Abſpannung von Dir, ſetze Dir ein Ziel, das Dich reize und thaͤtig mache; beſiege dieſe Schwermuth, denke nicht mehr an Agathen, vergiß ſie*— Vergiß Agathen! Du mein Gott! Sie vergeſſen! So werden wenigſtens Sie, Georg, nie zu mir ſprechen. Sie haben ſie geſehen, und ich habe Ihnen geſagt, daß ihre liebliche Ge⸗ ſtalt nur ein ſchwaches Nachbild ihres viel treffli⸗ chern Geiſtes ſey. Sie wiſſen auch, daß ob ſie mir ſchon den Schmerz erſparte, jenes traurige, mar⸗ ternde, ewige Lebewohl auszuſprechen, das ſchon auf meiner bebenden Lippe ſchwebte, und das, als mein brennendes Hirn es faßte, und mein Herz an der nie heilenden Wunde blutete, mein ganzes Seyn erſchuͤt⸗ terte;— Sie wiſſen es, daß ich doch es ausgeſprochen haben wuͤrde, als die furchterliche Alternative mir aufgeſtellt ward.— So mußte ich denn alſo, jener Hoffnung auf irdiſches Gluͤck, an welchem meine Seele ſo innig hing, entſagen, und ich that es. Sie werden ſich noch erinnern, mein theurer Georg, wie wir als Knaben zuſammen in der lieblichen Abend⸗ daͤmmerung um das abhaͤngige Feld zu Portora wan⸗ delten, und uͤber unſere Plane kuͤnftigen Gluͤckes 170 ſchwatzten; auch erinnern Sie ſich wol noch, wie Sonnabend Abends, in der Stunde des Gebets, un⸗ ſer trefflicher, vaͤterlicher Lehrer uns die Wahrheit, den Sinn und die Verheißungen der Bibel einfach auszulegen pflegte, waͤhrend wir mit unſerm Griechi⸗ ſchen Teſtament verwunderungsvoll aber ehrerbietig vor ihm ſaßen. Sie beſinnen ſich noch, wie er uns ſagte, daß das Schaffot, das Beil, das Rad, der Pfahl und das Feuer voruͤbergehend waͤren, das Kreuz aber bleibe, welches tauſende der gebeugten und ge⸗ brochenen Herzen dennoch treu bis in den Tod truͤ⸗ gen, und alſo in Hoffnung und Liebe die Frucht des einfaͤltigen Glaubens pflegten. Wer haͤtte da gedacht, Georg, wie wir ſo froͤhlich mit einander ſprachen, daß einem von uns ſo bald eine Verſuchung nahen wuͤrde, bitterer als der Tod? Doch lag etwas in dieſem Kampfe, das mich ſehr betruͤbte. Meine unſchuldige, engelgleiche, meine chriſtliche Agathe weiß es nicht, ſoll es nicht wiſ⸗ ſen, daß das Maͤrtyrerthum, welches ich auf mich nahm, nicht die Folge einer engherzigen, aberglaͤubi⸗ ſchen Furcht, ſondern einer weit umfaſſenden dankba⸗ ren Liebe iſt, nicht die Folge eines blinden, engherzigen intoleranten Vorurtheils, ſondern eines klaren, all⸗ gemeinen, bruͤderlichen Gefuͤhls fuͤr die zahlloſen Geſchlechter der Menſchen. Frauen beſchaͤftigten ſich wenig mit den unruhigen Beſchluͤſſen und den Kaͤm⸗ pfen der Senate oder Laͤger; wir aber, die wir in den Buͤchern der Geſchichte ſorgfaͤltig geleſen haben, 4 *2— 171 wir wiſſen, womit buͤrgerliche und religidſe Frei⸗ heit nie beſtand, und nie beſtehen kann; und ob wir ſchon mit patriotiſchem Gefuͤhle uͤber die crimi⸗ nellen Strafen, welche unſere katholiſchen Mitbruͤder und Landsleute trafen, ſtets trauerten, deren Wider⸗ ruf gewuͤnſcht, und es empfunden haben, daß der Himmel fuͤr wahre Chriſten jeder Secte gleich weit offen ſteht, und daß Die, welche in einem Bekennt⸗ niſſe geboren und auferzogen ſind, dem ſie nun in Glauben, Liebe und Hoffnung treu bleiben, ehe be⸗ wundert, als verfolgt werden ſollten, ſo blicken wir doch auch auf die edlen Unternehmungen der prote⸗ ſtantiſchen Maͤrtyrer mit einer Liebe und Achtung zuruͤck, die in Zeit und Ewigkeit nicht untergehen kann. Und wiederum wuͤrden wir ja die Scheiter⸗ haufen um ihre ehrwuͤrdigen und heiligen Leiber an⸗ zuͤnden, wieder uns vor einer phariſaiſchen Prieſter⸗ ſchaft beugen, wieder die heiligen Blaͤtter des Lich⸗ tes und des Lebens dem Blicke der Unwiſſenden und Verlorengehenden verſchließen, wieder die Quelle des lebendigen Waſſers von den duͤrſtenden Lippen der Menſchen ableiten und einem verfuͤhrten Haufen das bittere Waſſer der Vernichtung verſchmitzt ver⸗ handeln, wieder des Menſchen Sohn krenzigen, welcher ſtarb, damit Alle leben moͤchten, und der uns die Wahrheit verlieh, um uns frei zu machen,— wenn wir freiwillig unſere entwuͤrdigten Glieder mit den ehernen Ketten wieder belaſteten, welche Haͤnde vom Himmel loͤſeten. 112 O, es giebt Kaͤmpfe, die toͤdtlicher ſind, als die, welche mit dem nackten Schwerte erfochten werden! Es giebt ein Scheiden, bittrer als das, wenn der Krieger ſich aus der liebenden Umarmung der Ge⸗ liebten mit dem Bewußtſeyn windet, daß er ſie nur verlaͤßt, um dem ſichern Tode entgegen zu gehen. Georg, das Leben iſt die Pruͤfung— fort zu leben, wenn wir Alles verloren haben, was das Leben mit Hoffnung ſchmuͤckte. Sie werden laͤcheln bei dem, was ich Ihnen jetzt ſagen will:— Warner hat mir einen langen, freundlichen, wohlgemeinten Brief geſchrie⸗ ben; er ſchreibt, ich duͤrfe nicht trauern; das ſey Suͤnde; wenn ich Gott wirklich liebte, muͤßte ich alle Dinge auf Erden fuͤr Staub und Koth halten, und ihren Verluſt fuͤr Gewinn; nur uͤber meine Suͤnden muͤſſe ich trauern, und mich uͤber nichts freuen, als uͤber die Mittel der Gnade und die Hoff⸗ nung auf Ruhm. Sie erinnern ſich Warners. Er war weiter, als wir; ein herrlicher, achtbarer, wohl⸗ thaͤtiger junger Mann. Jetzt iſt er Geiſtlicher, und einer der vorzuͤglichſten. Er hat eine ſchoͤne Pfarre in einer hoͤchſt angenehmen Gegend. Vor etwa drei Jahren verheirathete er ſich mit einer liebenswuͤrdigen Frau, die er lange vorher ſchon liebte, und die ihm zwei fuͤße Kinder geſchenkt hat. Ach, Georg! wie wenig kann Warner uͤber das urtheilen, was ich gelitten habe! Wer in dieſer Welt darf ſich wol erkuͤhnen, uͤber die Kaͤmpfe, die ein Anderer zu beſtehen hat, zu urtheilen? Der doͤchſte Troſt, ſowol fuͤr den ———„ ——ꝙ Suͤnder als Dulder iſt der, daß Gott allein die Her⸗ zen pruͤft und kennt; und die ſtets gegenwaͤrtige Ueberzeugung, daß er Frieden giebt, nicht wie ihn die Welt giebt, iſt unſere maͤchtigſte Stuͤtze. Ich werde Irland bald veelaſſen. Ich habe mir vorgenommen, einige Jahre zu reiſen, und fuͤrchte faſt, daß ich nie wieder dazu paſſen werde, dem geiſt⸗ lichen Stande mich zu widmen. Ich kann nicht Ei⸗ ner Sache mich hingeben; mein Geiſt iſt immer an⸗ derswo. Glauben Sie ja nicht, daß ich auch nur die entfernteſte Abſicht, ja ſelbſt nur den Wunſch habe, Agathen zu folgen. Wenn ich nur hoͤren koͤnnte, daß ſie geſund ſey, daß ſie freundlich behandelt werde, daß ſie wieder Geiſtesruhe gewonnen habe!— ja ich koͤnnte es auch wol ertragen, die Nachricht zu be⸗ kommen, daß ſie verheirathet ſey. Denn welch' eine Mutter wuͤrde Agathe ſeyn! und wie reich ſind die Troͤſtungen eines Mutterherzens! Die Gluth, womit der Gedanke an ihr Gluͤck mich durchdringen wuͤrde, erſchuͤttert mein krankes Herz zu ſehr,— ich weine, — mein Geiſt verirrt ſich,— ich fuͤhle es, daß ich nie, nie wieder gluͤcklich ſeyn kann. Ihr Freund 4 Heinrich Nugent.“ Noch fand ſich ein unvollendeter Brief an ſei⸗ nen Vater und viele von ſeinem Vater an ihn. Die letzteren legte ich wieder zuſammen, nachdem ich nur Anfang und Unterſchrift uͤberblickt hatte. Bloß um der Nachrichten von Agathen willen, hatte ich eine Verletzung der Pflicht, die mir oblag, mir erlaubt. Ferner fand ich andere einzelne Notizen, Bemerkun⸗ gen und Noten, von verſchiedenen Orten datirt, aus weit von einander entlegenen Gegenden. Aus ih⸗ nen ging hervor, daß er ſtets in Kummer gelebt habe, daß er aus der Religion den einzigen Troſt ge⸗ ſchoͤpft, daß ſeine verſchiedenen Pilgerſchaften, ſaͤmmt⸗ lich mit einem chriſtlichen oder menſchenfreundli⸗ chen Zwecke in Verbindung ſtanden, daß er Gefaͤng⸗ niſſe und Hospitaͤler, die Aufenthaltsorte der Ar⸗ muth und des Elendes, beſuchte, Almoſen ſpendete, und die Stimme des Troſtes ertoͤnen ließ, daß er ſehr oft unter Mauren und Heiden zur rechten Zeit gewichtige Worte geſprochen, und tiefen Eindruck auf deren Herzen gemacht habe, ſo daß die Stimme des Spottes ſchwieg, und die ſtolze Stirn gedemuͤ⸗ thigt ward. Folgende Notiz ohne Datum bemerkte ich, welche unſtreitig in Italien geſchrieben und um ſo merkwuͤr⸗ diger war, da ſie von einem Manne herruͤhrte, der lieber alle ſeine Hoffnungen auf irdiſche Gluͤckſelig⸗ keiten aufgeben, als zu dem katholiſchen Glauben ſich bekennen wollte: „Ich beſuche haͤuftg die offnen Kirchen in den Stunden, wenn kein Gottesdienſt darin iſt. Ein hoͤchſt preiswuͤrdiger, heiliger Gebrauch iſt es, die Thore des Tempels weit offen ſtehen zu laſſen. Wo koͤnnten ſonſt die armen Inſaſſen enger und geraͤuſch⸗ 175 voller Wohnungen die Abgezogenheit und Stille fin⸗ den, die ſo nothwendig, ſo beiraͤthig beim Gebete iſt? Stets ſehe ich dann dort einige Geſtalten ein⸗ ſam bei duͤſteren Altaͤren knieen. Die Grabſteine ſind paſſende Ruhebaͤnke fuͤr die Bejahrten und Verwitt⸗ weten. Mangel und Schmerz ſchauen auf ſie, wie auf Verheißungen des Friedens. Gewoͤhnlich ſind es ungluͤckliche, die ſich auf Augenblicke der Nuhe in die Schatten der Fluͤgel des Allmaͤchtigen hinein⸗ ſtehlen, und die Gluͤcklichen und Wohlhabenden allein laſſen, welche Gottes vergeſſen im Sonnenglanze. „Meiſt ſind ihre Gewaͤnder ſchlecht, ihre Ge⸗ ſichter gerunzelt, oder bleich. Gern miſche ich dann mein Weh mit dem ihren, und ob ich gleich nicht kniee bei dem Tone des heiligen Gloͤckchens, und nicht vor dem Bildniſſe mich kreuzige, ſo betet mein Geiſt doch in dem dunkeln Aſyle einer alten, ſtillen und feierlichen Kirche ſtets freier.“ „Wer ſtand wol je unter den ernſten Ruinen eines verwitterten Pfeilers, wo Menſchen knieten und ſeufzten, und Thraͤnen herabfielen auf graue Baͤrte, ohne daß ſich ſeine Bruſt hob, und ſein Auge emporblickte? Wie viele ehrwuͤrdige Geſchichten hef⸗ ten ſich an die gruͤnbemooſ'ten Steine, auf die Ihr tretet! Das zerbrochene Schild mit dem dunkeln Epheumantel daruͤber, wo das rothe Banner hing, welch' ein erhabner Gegenſtand fuͤr das Auge der Betrachtung! Solche dachloſe, truͤmmerreiche Stellen 176 ſind Tempel für das Nachdenken, aus denen wir demuͤthig und hoffnungsvoll treten,— in Frieden mit den Todten und den Lebenden.“ Dieſe letzte Bemerkung ſchien nicht lange vor ſeinem Tode niedergeſchrieben: „Sonderbar iſt es doch, daß mein Herz, ſo be⸗ laden es auch iſt, doch nach zwanzig Jahren ſich in dieſer ungluͤcklichen Kraft zu lieben, noch ſo jung fuͤhlt. Unſelig,— hoffnungslos war meine Liebe, und doch iſt ſie noch ſo ſtark, wie damals, als in meiner fruͤhſten Jugend ich ſie taͤglich mit dem An⸗ blicke der Geliebten naͤhrte. So einſam auch mein verlaſſener Pfad durch die Wuͤſte des Lebens war, ſo hat doch das Bild meiner geliebten Agathe meine ſtillen Stunden erheitert. Dies hat uns der Himmel hier erlaubt; es iſt ein Pfand fuͤr unſer Wiederfinden jenſeits.— Ja, wir werden uns wiederfinden,— dort, wo keine Trennung, kein Kummer,— kein Tod mehr iſt. Selbſt jetzt vielleicht erwartet mich der Bothe der Gnade,— die Peſt hat begonnen,— ſo Viele ſchreckt ſie, mir bringt ſie nur Hoffnung.“ und ſeine Hoffnung war nun Beſitz geworden,— ſein Glauben Schauen,— ſein Koͤrper lag hienie⸗ den, einſam, verweſend,— ſein Geiſt war aufgeflo⸗ gen, ſchneller als ein Pfeil, zu dem Gotte, der ihn gegeben, und er knieete nun am Throne des Koͤnigs der Ehren mit ſolchen Thraͤnen, wie ſie Die vergie⸗ 8 ßen⸗ 177 ßen, denen vergeben worden, u ſolcher Liebe, wie ſie die Gerechtfertigten nur empfinden. Wie niedrig,— wie gering,— wie ſchlecht,— wie verzweifelnd fuͤhlte ich mich, wenn ich mein Le⸗ ben, meine Liebe mit der ſeinigen verglich. Und der Tod nahte ſich mir nicht. Es war, als ob mein Leben gefeit ſey. Wiederum peinigte mich der Ge⸗ danke an meine Abtruͤnnigkeit aufs heftigſte, und doch fragte ich mich: Was wuͤrde dieſer Heinrich gethan haben, waͤre er an meiner Stelle geweſen? Wuͤrde er die liebliche Fatime geopfert haben? Haͤtte er ſie koͤnnen ſterben ſehen?— Eitle Fragen; bei einem Lebenswandel, wie er ihn fuͤhrte, konnte ſolche Ver⸗ ſuchung nicht uͤber ihn kommen; und waͤre es geſche⸗ hen, ſo wuͤrde dieſelbe allmaͤchtige Hand, zu welcher er taͤglich aufblickte, auf welche er ſich taͤglich ſtuͤtzte, ihm einen Rettungspfad gebahnt haben. Ich hatte gehofft, daß das Gift in meinen Adern ſich verbreiten und mein Ende herbeifuͤhren wuͤrde. Es geſchah nicht.— Mein Puls ging ſchnell,— mein Blut kochte,— meine Haut brannte,— mir war unwohl,— ich konnte kaum einen Biſſen eſſen, — und doch lebte ich, und hatte Kraft, und mein Geiſt war thaͤtig, und ſchien nur eine ſchaͤrfere, wach⸗ ſende Faͤhigkeit zu erhalten, mein Elend zu fuͤhlen. Ich ging raſtlos in den Bazars umher. Eines Ta⸗ ges, kaum eine Woche nach Heinrichs Tode, als ich nach Hauſe zuruͤckkehrte, ſah ich, wie ein Haufen Volks ſich angſtvoll nach dem Palaſte des Paſcha II.. M 178 draͤngte. Tuͤrken, Araber und Griechen durcheinan⸗ der, doch mehr Griechen, als ich mich je bei irgend einer Gelegenheit in Cairo oͤffentlich beiſammen geſehen zu haben erinnerte. Die Tuͤrken und Araber ſpra⸗ chen laut und heftig, und blickten wild auf die Grie⸗ chen; dieſe aber waren ernſt und traurig, jedoch druͤckten ihre Mienen eine Art von Triumph aus, zwar ſchmerzlich und truͤb, aber doch einen Triumph, ſo etwa wie der, womit ſiegreiche Krieger auf ihre gefallenen und verwundeten Gefaͤhrten blicken. Mitten unter der Menge entdeckte ich nun den Gegenſtand ihrer Theilnahme. Es war ein ſchlan⸗ ker junger Mann mit einem jener reingriechiſchen Geſichter, die ohne Widerrede einen wuͤrdevollern und ſchoͤnern Ausdruck haben, als die Zuͤge irgend eines Volkes auf der Erde. Er trug Moͤnchskleidung, und befand ſich eben auf dem Wege zu dem Tuͤrki⸗ ſchen Richter, um dieſem ſeinen Entſchluß bekannt zu machen, lieber als Chriſt zu ſterben, denn als ein Apoſtat zu leben. Der Tuͤrkiſche Richter hielt mit ſeinem grauen Maulthiere in dem Hofe des Pala⸗ ſtes, und hatte eben eine Unterredung mit dem Pa⸗ ſcha gehabt. Er beſchwichtigte die wildaufgeregte Menge, und ſuchte den ungluͤcklichen von ſeinem ſonderbaren Vorhaben abzubringen. Ich draͤngte mich naͤher, und blickte eifrig und unverwandt auf das ſich darſtellende Schlachtopfer. Der Grieche hob ſein Auge, und richtete es ruhig auf den ehrwuͤrdig aus⸗ ſehenden Tuͤrken. 179 „Ich komme,“ ſagte er,„aus der Wuͤſte Sinai. Vier Monathe lang habe ich als Vorbereitung zu dieſer Stunde auf dem heiligen Berge gefaſtet. Der Felſen war mein Bett, das Waſſer aus der kargen Quelle woraus die vierzig Maͤrtyrer tranken, und die taͤgliche Gabe der Kloſterbohnen meine einzige Nahrung. Ich habe zu meinen beleidigten Heiligen um Staͤrkung gefleht fuͤr dieſe Stunde. Ich bin bereit.“ Der Richter wuͤnſchte, wie man deutlich ſah, des Mannes Leben zu erhalten. Er ſchickte ihn wie⸗ der ins Gefaͤngniß zuruͤck, denn er war ſchon als ein Gefangner anzuſehen. Ich folgte ihm bis da⸗ hin. Auf dem ganzen Wege wiederholte er laut ſei⸗ nen feſten Entſchluß, und erklaͤrte ſeine Sehnſucht nach den ihn bedrohenden Leiden. Ich ging nach Hauſe, und dachte waͤhrend der ganzen Nacht mit Bewunderung an den jungen Griechen. Auch ich beſchloß nun, gleich ihm, den Muhammedaniſchen Glauben abzuſchwoͤren, und den Tod durch das Hen⸗ kerbeil mir zu erbitten. Als ich aber auf mein Zim⸗ mer kam, fuͤhlte ich, der bereits nach dem Tode ge⸗ rungen, ich, der einen von der Peſt ergriffenen Koͤr⸗ per umarmt, meine Adern geoͤffnet hatte, um das ſchwarze Gift mit meinem geſunden Blute zu mi⸗ ſchen, voll aufrichtigen Verlangens, daß es die Le⸗ bensſaͤfte in mir anſtecken moͤchte,— ich fuͤhlte, daß ich bei dem Gedanken an den Maͤrtyrertod ſchauderte. Ich warf mich auf meine Kniee und verſuchte M 2 180 ein Gebet der Vorbereitung. Es gelang mir nicht. Ich konnte den Worten keine Geſtalt verleihen; mein Herz konnte kein Gebet faſſen,— mein geiſtiges Auge nichts Helles oder Hoffnungvolles in der gefuͤrch⸗ teten Zukunft erblicken, und mein Fleiſch, mein fei⸗ ges Fleiſch, erzitterte. Mit der Morgenroͤthe ſtand ich auf und ging hinaus. Ich eilte zum Gefaͤngniſſe. Man hatte die Hinrichtung des jungen Griechen beſchloſſen. Er ward vorgefuͤhrt mit auf den Ruͤcken gebundenen Haͤnden, und ich erfuhr von der Volksmenge, daß waͤhrend der Nacht die Tuͤrken ſich alle moͤgliche Muͤhe gegeben hatten, ſeinen Entſchluß zu erſchuͤt⸗ tern. Vorzuͤglich hatte dies ſein vormaliger Herr und Goͤnner, ein vornehmer kriegeriſcher Bey gethan, auf deſſen Antrieb er vor zwei Jahren Tuͤrke gewor⸗ den war. Er aber war taub geblieben fuͤr alle Ver⸗ ſprechungen, alle Anlockungen. Mit Verachtung hatte er ſich von dem Anerbieten von Reichthum, Weibern, Beſitzthum, Pferden— alles Gegenſtaͤnde ſeines fruͤhern eifrigen Begehrens— abgewendet. Endlich hatten ſie die Wirkung der Tortur verurſacht. Auch dieſe er⸗ trug er. Allerdings zeigte ſein Geſicht durch außer⸗ ordentliche Blaͤße, was er gelitten hatte; ob er aber gleich ſchwach ſchien, ging er doch feſt einher. Auf dem großen, offnen Platze vor der Moskee des Haſ⸗ ſan hatte ſich die Menge verſammelt, um Zeuge des ſchrecklichen, grauſamen Todes zu ſeyn, zu welchem er auf Befehl des Paſcha beſtimmt war. Sein fruͤ⸗ 181 herer Herr hatte mehrere Verſuche gemacht, um dieſe fuͤrchterliche Strafe in die mildere und ſchnellere des Enthauptens verwandelt zu ſehen, aber ohne allen Erfolg, denn der Paſcha war ein grauſamer Mann und bigott. Der Grieche ward nackt ausgezogen. Ein Tuch um die Huͤften war die einzige Bedeckung fuͤr ſei⸗ nen entbloͤßten Koͤrper, welcher bewundernden Bild⸗ hauern zum vollkommenſten Muſter maͤnnlicher Schoͤn⸗ heit haͤtte dienen koͤnnen. Ich blickte auf dieſe herrliche Geſtalt, voll Leben, und Reiz,— und ſie mußte ſterben!— und ſo! und ſo jung! Die ſchrecklichen Henker warfen ihn nieder auf die Erde, und ſchnitten mit einem Scheermeſſer ihm eine tiefe Wunde fuͤr den Pfahl, der ihn erwartete, ein. Ehe ſie noch mit ihrem bereit gehaltenen Teige das ſtroͤmende Blut ſtillen konnten, hatten ſchon ein Dutzend Griechen, nicht achtend der Schlaͤge und Wunden, die ſie erhielten, ſich in den ſchweigenden Kreis gedraͤngt, und ihre Tuͤcher in den fuͤr ſie da⸗ durch ſo geheiligten Strom getaucht; aber die Tuͤr⸗ kiſchen Wachen goſſen ſogleich Waſſerkruͤge aus, um die koͤſtliche Fluth hinweg zu ſchwemmen, und viele ſeiner Landsleute wurden mit Stoͤcken und Saͤbeln auf's heftigſte zuruͤckgedraͤngt. Jetzt brachte man einen langen, zugeſpitzten Pfahl, dick wie ein Maͤnnerarm, und ſie ſtießen ihn in ſeinen ſich convulſiviſch windenden Kͤrper tief hin⸗ 182 ein, jedoch nicht bis wieder heraus, denn ſie hatten unten einen Halt angebracht, um dies zu verhindern. und jetzt ward er bei einem ſcheußlichen Jubel aller Umſtehenden, in die Hoͤhe gehoben und feſt in die Erde gerammt. O, großer Gott!— welch' fuͤrchterlicher Weg zum Grabe! Es war wahrhaft graͤslich,— ſein Ge⸗ ſtoͤhne,— ſeine zuckenden Lippen,— ſeine in Todes⸗ angſt verdrehten Augen,— der Schweiß auf ſeiner Stirn,— ſein Ausrufen des Namens Chriſtus, oft mit der Gluth des Glaubens wiederholt, die ein trauerndes, reuiges, flehendes Herz bezeugte. Drei Stunden hing er ſo da, ein erbarmens⸗ werther Anblick, und dann trat ein ſehr bejahrter Mann, mit weißen Haaren, und ſchwankenden Schrit⸗ ten, auf eine verſchleierte Frauensperſon gelehnt, an den Pfahl nahe heran. Die Tuͤrken ſchlugen den Alten und wollten ihn zuruͤcktreiben. „Ich bin ſein Vater,“ ſagte der alte Mann, „ſchlagt mich nicht,— Ihr muͤßtet mich denn gleich erſchlagen,— und dann ſeyd bedankt dafuͤr. Ich bin ſein Vater, laßt mich auf mein ſterbendes Kind ſchauen; und dies iſt ſein Weib. Laßt uns hier, ich bitte Euch!- Das ruͤhrte den Anfuͤhrer der Tuͤrkiſchen Wa⸗ chen doch. Er ſprach freundlich mit ihnen, und bat ſte, ſich nur eine Minute lang abzuwenden, und dann gab er das Zeichen, jenen vollends zu toͤdten. Da nahmen ſie ihre Haͤmmer, und ſchlugen vom Pfahle 183 das Querholz herunter, und er drang vorwaͤrts, und durch die weiße Bruſt hindurch, und der Geopferte neigte ſein Haupt auf dieſe, und ſtarb mit einem lauten, dem Tone nach frohen, Seufzer. Trotz der Todesangſt und Theilnahme, des ſchau⸗ dernd mich durchbebenden Schreckens, womit ich dieſe fuͤrchterliche Scene angeſchaut hatte, und ob ich gleich in der Nacht vorher gefuͤhlt, daß ich ſchon vor dem Schwerte des Henkers bebte, ward doch jetzt jede Nerve in mir, durch eine ſonderbare Umge⸗ ſtaltung meiner Gefuͤhle, zu einem gleichen Opfer an⸗ gereizt. Ich eilte vor,— ich rief laut:„Es giebt keinen Gott als Gott; aber der Meſſias war der Sohn Gottes, und Muhammed iſt ein Prophet der Luͤge!“ Ich umſchlang den Pfahl, und verlangte als ein zweites Opfer gerichtet zu werden. Waͤre die Wache nicht geweſen, wuͤrde mich die Volksmenge auf der Stelle getoͤdtet haben. Waͤhrend ich nun ſo daſtand, zum Opfer geruͤſtet, und den Spruch des Richters erwartend, der ſich in der Moskee des Haſ⸗ ſan befand, und zu dem einige aus dem Volke ge⸗ eilt waren, um meine augenblickliche Hinrichtung zu begehren,— nabete ſich ein bellfarbiges Roß, an das ich in dieſem Augenblicke nicht gedacht, das ich, ſeit ich Alexandria verließ, noch nicht wieder geſehen nooch erwartet hatte, und ich erblickte den edlen Malek. Er ſprach nicht mit mir; er ſah mit dem Aus⸗ drucke der tiefſten Theilnahme auf mich; den Sol⸗ daten und der Menge umher verſicherte er aber, daß 184 ich wahnſinnig, voͤllig wahnſinnig ſey, und nicht wiſſe, was ich ſage. umſonſt laͤugnete ich das, erſt ruhig, dann in Wuth, und verlangte den Tod. In dieſem Augenblicke kam der Richter herbei, und da er gehoͤrt, was Malek immer wiederholte, faͤllte er mir den Spruch, und befahl, daß ich hinweggebracht, und unter die Ungluͤcklichen, welche man fuͤr heilig hielt, und die in dem großen Khan, der deshalb mit⸗ ten in der Stadt angelegt war, aufbewahrt wurden, eingereiht werden ſollte. Ich ſagte bereits, wie meine Nerven angeſpannt geweſen, um den qualvollen Tod am Pfahle zu dulden, und daß ich kuͤhn und laut ihn begehret;— jetzt aber,— jetzt will ich frei be⸗ kennen, daß ich, als ich hinweggefuͤhret ward, etwas in meinem Innerſten empfand, das ſich nicht beſchrei⸗ ben laͤßt,— ein heimliches, inniges, freudiges Erbe⸗ ben meines verzagten Fleiſches;— es ſollte alſo noch nicht zerſtoͤrt,— nicht durchbohrt,— meine Seele, mein Geiſt noch nicht an die einſame, verlaſſene Kuͤſte ausgeſetzt werden, von deren duͤſterm Anblicke wir uns ſtets ſo furchtſam hinwegwenden, und un⸗ ſere zerriſſenen Segel aufſpannen, und wieder zuruͤck⸗ ſtreben in den ſtuͤrmiſchen Ocean des Lebens. Hier aber, in der neuen Scene meines Daſeyns, gab es kein Wellengetoͤs, kein Rauſchen des Stur⸗ mes. Es war ein Zuſtand, gleich dem eines Weſens, auf dem bewegungsloſen Meere des eiſigen Nor⸗ dens, wenn die lange finſtere Nacht eines Polarwin⸗ 3 ters uͤber einer ſtillen Wuͤſte aufgethuͤrmter Eisberge,⸗ — 185 ſchneebedeckter Kuͤſten und in Schlummer verſun⸗ kener Wogen bruͤtet,— ſchwarz, tief, ſchweigend, froſtgekettet. Hier lag ich vierzehn Monathe lang, die mir eben ſo viele Jahre ſchienen, auf einem La⸗ ger von Stroh in einem engen Gemache mit vergit⸗ tertem Fenſter. In Ketten lag ich. Sie hielten mich wie man es mit ungezaͤhmten Tigern in Kaͤfigen thut. Durch die Gitterſtaͤbe gaben ſie mir Brot,— auch Schlaͤge wuͤrden ſie mir gegeben haben, haͤtte aberglaͤubiſche Furcht es ihnen nicht verboten. Die Thuͤren zu dieſem traurigen Aufenthalte ſind ſtets offen. Der Fromme und der Zartfuͤhlende, der Herzloſe und der Hohnlachende, der Bewundernde und der Furchtſame wandern zu Stunden in und um dieſe ſonderbare Menagerie. Aufſeher zeigen die Geiſtesabweſenden. Hier Gelaͤchter auf dem Strohe, dort Geſchwaͤtz in den Wind geſprochen; hier Blicke und Fluͤche in wahnſinnigem Haſſe, dort Raſerei nach verlorner Luſt; und Alles in Worten, aus denen ſelbſt der aufmerkſamſte Zuhoͤrer keinen Sinn locken kann, oder auch manchmal ein ſchweigendes, finſteres Daliegen, aber mit einem Auge, das den Beſchauer drohend anſtarrt. Ol es iſt ein ſchauerlicher Anblick! Menſchen, deren Gedanken vor ihnen ſelbſt bereits zum Grabe, ja druͤber hinaus gegangen ſind, ver wirrt, aber nicht vernichtet, vielleicht auf ſie war⸗ tend in einer andern Welt,— unſterbliche Dinge, von menſchlichen Herzen erfaßt, und die mit Trom⸗ petenklange, und in Einer ſilberhellen Note, oder mit 186 fuͤrchterlichem Tone einſt alle auf einmal alle Erin⸗ nerungen an das Leben hier unten erwecken werden, in demſelben kurzen Augenblicke dem aufgeruͤttelten Gewiſſen Alles, was es eine Ewigkeit von Segen oder vergeblichen Jammers hindurch hoffen oder fuͤrchten wird, vormahlend. Mein Daſeyn war hier das unſeligſte. Dieſer Anblick, dieſe Toͤne erſchreckten mich. In der Nacht waren ſie vollends ſchauerlich. Oft beneidete ich dieſe armen Geſchoͤpfe. Denn in Einer Hinſicht muß man ſie beneiden,— ſie koͤnnen nicht ſuͤndigen, ſie koͤn⸗ nen von den ſtillen Geiſſeln des unruhigen Gewiſ⸗ ſens, die das blutende Herz zerreißen, nicht getroffen werden. Ach, dieſes Gewiſſen war wirkſamer in mir als je, denn es iſt dort die Sitte, an jedem Freitage die Wahnſinnigen aus, und zur Zeit des Gebets in die Moskee zu fuͤhren. Anfangs raſete ich, und ſtieß ſolche graͤsliche Worte aus, daß ich hoffte, dies ſolle mich zu noch engerer Haft bringen; im Gegentheile aber ſchienen ſie mich eben deshalb fuͤr ein Weſen zu halten, das Gott ſo heftig getroffen habe, daß ſie ihre Gebetkuͤgelchen fuͤr mich abbeteten, fuͤr mich rei⸗ chere Almoſen gaben, zu meiner vergitterten Zelle in groͤßerer Menge kamen, und alle fremde Muſelmaͤn⸗ ner, die aus entlegenen Gegenden anlangten, mit dahin brachten. Wie oft beſchuldigte ich Malek der Grauſamkeit, daß er mein Leben nur deshalb geret⸗ tet habe, um mich hier unter den Lebendigtodten zu laſſen, doch gab es auch hier ſelbſt fuͤr mich ruhigere 187 Momente, und wieder deren voll ſolcher Angſt, daß ich nicht ſagen will noch kann, daß ich wieder den toͤdtenden Pfahl verlangt haben wuͤrde. Nach eini⸗ ger Zeit hoͤrte ich auf, die Glaͤubigen in der Moskee zu beunruhigen und es machte mir Vergnuͤgen, ſie ſo demuͤthig und andaͤchtig zu ſehen. Mit Eifer hoͤrte ich auf den Koran, und wo ich in den Blaͤttern deſſelben das Licht der heiligen Schrift ſich abſpiegeln ſah, verweilte ich dankbar mehrere Tage dabei. In der Mitte des Hofes befand ſich ein Springbrunnen, der ſtets gangbar war. Ich bekam eine ſolche An⸗ haͤnglichkeit an ihn, als ob er ein lebendes Weſen geweſen waͤre; er bewegte ſich ja, blinkte und ſprach. Ich ſtand in einer Art freundlichen Verkehrs mit ihm. Durch die Staͤbe meines Kaͤfigs konnte ich ein Stuͤckchen vom Himmel erblicken. Stunden und wie⸗ der Stundenlang ſchaute ich hinauf. Flog ein Vogel daruͤber hin, ſo kratzte ich eine laͤngere Linie auf meine ſchwarze Wand. Sonne, Mond und Planeten zo⸗ gen ja auch in ihrem Laufe daruͤber hin. Ich gab genau auf ſie acht, und fuͤhlte den kurzen Augenblick ihres eiligen Voruͤbergehens wie eine Segnung fuͤr mich, und als ein Raub an der harten Tirannei des boͤſen Engels, der mich beſiegt hatte, und uͤber mir zu herrſchen und mein unſeliges Schickſal zu leiten ſchien. So waren vierzehn Monathe vergangen, und alle Hoffnung hatte mich verlaſſen, als eines Freitags, wie ſie mich aus der Moskee zuruͤckfuͤhrten, ein ge⸗ meiner Araber aus der Wuͤſte mir naͤher trat, und ⁸ι 188— nachdem er mich genau betrachtet, ein Stuͤck von dem Zuckerrohre das er eben aß abbrach, und es mir gab, und dabei laut ausrief:„Bismillah,“ heimlich und naͤher aber mir ins Ohr raunte:„Malek!“ dann aber ſich unter der Menge wieder verlor. Verwundert nahm ich das Stuͤck Zuckerrohr mit auf meine Zelle. Was konnte der Araber wollen? Vielleicht war Malek in der Naͤhe. Etwas Gutes hatte er mit mir vor, das fuͤhlte ich. Sollte er etwa gar mich frei machen wollen? Aber wie? Noch wußte ichs nicht, mußte mehr erfahren, baute aber doch ſchon heitre Luftſchloͤſſer. Die Hoffnung auf Freiheit erwachte und fuͤllte mein Herz mit Freude. Es war nichts ſeltnes, daß ein armer Menſch dem andern ein freundliches Geſchenk mit einem Stuͤck⸗ chen Zuckerrohr machte, und in dem Safte deſſelben lag eine angenehme Suͤßigkeit, die mich auch auf angenehme Gedanken brachte. Bald ſollte ich viel⸗ leicht wieder mit Malek auf gruͤner heiterer Flur mich finden. Als ich ſo dachte, zerbiß ich eine hohle ſaftloſe Roͤhre zwiſchen den Zaͤhnen, und ſtatt der ſuͤßen Fluͤſſigkeit fuͤhlte ich etwas Hartes zwiſchen ihnen. Es war ein dicht zuſammengerolltes Perga⸗ ment. Noch durfte ich es nicht leſen, und verbarg es bis zur Nacht. Erſt bei dem hellen Glanze des Vollmondes, der in dieſer gluᷣcklichen Nacht einige Minuten auf ſeinem Pfade uͤber meine lle ſtand, las ich, indem ich mich nahe an die er draͤngte, Folgendes im Arabiſchen: — 189 „Ich bin fern von Dir, und meine Seele hat in Finſterniß ſich befunden um Deinetwillen, denn ſie liebte Dich. Fuͤrchte Dich nicht. Vertraue Dich dem an, der Dir dieſes bringt. Er wird Dich zu mir fuͤhren.— Komm, wir wollen in Einem Zelte zuſammen wohnen, und in die Schlacht mit einander reiten,— komm ſchnell. Rapohe Ich hatte geglaubt, ſo langes Leiden haͤtte mich zu tief gebeugt, als daß mich etwas ſo ergreifen koͤnnte, wie es dieſer Brief that. Ich vergoß Freu⸗ denthraͤnen, mein Herz ſchlug in meiner Bruſt, als ſey ich wieder jung geworden. Am folgenden Tage war ich voll aͤngſtlicher Erwartung. Jeden Augen⸗ blick glaubte ich, der Araber werde kommen und mich beſuchen. Eifrig betrachtete ich jedes Geſicht, das durch das Thor hereintrat, und wendete mich dann ſtets mit getaͤuſchter Hoffnung weg. Am folgenden und dem dritten Tage trieb ich es eben ſo; ich ſchaute und harrte, und doch verfloß er wieder, ohne mir Troſt gebracht zu haben. Als nun eine ganze Woche ſo voruͤbergegangen war, dachte ich, der Araber ſey durch die damit verbundenen Schwierigkeiten und Gefahren, von dem ganzen Unternehmen zuruͤckge⸗ ſchreckt worden. Allerdings ſetzte er dabei ſeinen Kopf auf's Spiel, denn ſie bewachten mich mit der außerordentlichſten Genauigkeit. Auch hatte mein letzter Handelsgeſellſchafter ſich einen Firman von dem Paſcha zu verſchaffen gewußt, wodurch er, nach⸗ 190 dem er die Haͤlfte an dieſen abgetreten hatte, in den Beſitz meines ſaͤmmtlichen uͤbrigen Vermoͤgens, als dem eines Wahnſinnigen, geſetzt worden war. Am folgenden Freitage wollte ich eben wieder in die duͤſtere Pforten unſers Khans treten, als in dem benachbarten Bazar durch den heftigen Streit einiger Araber ein lauter Tumult entſtand. Die Auf⸗ merkſamkeit ward durch das Androhen blutiger Rache erregt, und ſchnell verſammelte ſich Alles um jene Gegend. Auch mein Aufſeher trat einige Schritte dem Auftritte naͤher, und wendete mir den Ruͤcken zu. In dieſem Augenblicke fluͤſterte man mir„Bis⸗ millahs und den Namen Maleks zu, und derſelbe Araber, den ich ſchon geſehen hatte, ergriff mich beim Arme, und zog mich mit ſich fort in ein einſames Gaͤßchen, wo ſchon zwei Dromedare knieten. Ein gemeines braunes Gewand uͤber mich werfen, mich auf eins der Dromedare ſetzen, auf das andere ſich ſchwingen undf orteilen, war das Werk eines Augen⸗ blicks. Wir ritten durch das Siegesthor, und nach⸗ dem wir einen Umweg durch die Wuͤſte gemacht hat⸗ ten, kamen wir an einen abgelegenen Ort, gerade Ghizeh gegen uͤber. Hier knieten auf ein Zeichen des Arabers, unſere Dromedare unter einem Dattelbaume nieder, und wir ſtiegen ab. Er nahm Brot und Datteln aus einem Sacke, und gab ſie mir zu eſſen, aber ſprechen wollte er nicht, noch ſonſt auf irgend eine Art meine Neugierde befriedigen. Gegen Abend gewahrte ich ein Boot mit mehreren Arabern. So 191 wie ſie nur gelandet hatten, ſchiffte mein Gefaͤhrte mich und die beiden Dromedare in demſelben ein. Als wir zum gegenuͤberliegenden Ufer fuhren, ſpra⸗ chen ſie viel und unter Gelaͤchter zuſammen, und als ich mir ihre mit Staub und Schweiß bedeckten Ge⸗ ſichter naͤher betrachtete, bemerkte ich, daß ſie es ge⸗ weſen, die jenen Tumult veranlaßt hatten, und daß ihr heftiger Streit nur verſtellt geweſen ſey, um meine Flucht dadurch zu befoͤrdern. Sobald das Boot das Land erreicht hatte, ſpran⸗ gen wir eiligſt heraus. Mein Araber ſchob mich wie⸗ der auf mein Dromedar, und ritt vorwaͤrts, ſo ſchnell es nur der derbe, ſchwerfaͤllige Trott dieſes Thieres erlauben wollte, bis wir aus der bewohnten Gegend hinaus waren, und die Wuͤſte erreicht hatten. Schon war es dunkel, als wir zu einer kleinen Quelle, ohn⸗ weit der Pyramiden, gelangten. Hier ſtiegen wir wieder ab. Nicht weit davon befand ſich eine enge natuͤrliche Hoͤhle in dem Felſen. Dahinein fuͤhrte er mich, zuͤndete eine Kerze an, die er mitgebracht hatte, und ſo ſah ich, daß ich mich in einem kelleraͤhnlichen Gemache, mit einer Mattendecke, ein oder zwei Kuͤr⸗ bisflaſchen und einem irdenen Kochgeſchirr verſehen, befand. „Ibrahim wird heut Nacht nicht zuruͤckkommen,“ ſagte mein Fuͤhrer,„ich ſah ihn durch das Sieges⸗ thor in die Stadt kommen, als wir herausſprengten. Wir koͤnnen alſo hier ſchlafen.“ Ibrahim war, wie ich nun bemerkte, ein San⸗ 192 7 ton, dies ſeine Einſiedelei, und ſie ſchien ganz fuͤr ein einſames, der Buße geweihtes Leben geeignet. Mir lag nun jetzt am meiſten daran, etwas von meinem Begleiter uͤber Malek und unſere gegenwaͤrti⸗ ge Beſtimmung zu hoͤren. Er war gewaltig kurz: „Malek iſt zu Djidda. Ich habe es ihm bei dem ſchwarzen Steine zu Mekka geſchworen, Dich ſicher zu ihm zu bringen. Was brauchſt Du mehr zu wiſ⸗ ſen?“ Nie iſt mir ein ſo ſchweigſamer Mann vorge⸗ kommen. Er that alles ohne ein Wort zu ſprechen, gleich als ob er ſtumm waͤre. Wenn er mit mir ſprach, geſchah's mit dem Auge oder einer Bewegung der Hand. Sein Blick war ſtets hoͤchſt ausdrucksvoll, ſeine Ge⸗ ſtalt klein und ſchwach, aber ſeine Muskeln kraͤftig und ſtark. Mit einigen herumliegenden Holzſtuͤcken machte er ein großes Feuer vor der Hoͤhle an, ſetzte mir Brot vor, lagerte ſich dann nahe an die Gluth, und fing an zu rauchen, ohne ein Wort zu ſprechen. Auch ich ſetzte mich ans Feuer; auf meine Fragen aber bekam ich keine andere Antwort, als ein Schuͤt⸗ teln mit dem Kopfe, oder ein Zuruͤckbeugen deſſel⸗ ben, welches die bejahende Bewegung iſt, und end⸗ lich deutete er auf die Hoͤhle, um anzuzeigen, daß ich mich zur Ruhe begeben ſolle; er ſelbſt aber legte ſein Haupt ruͤckwaͤrts auf einen Stein und ſchlief ſogleich ein. Schlafen konnte ich nicht im Gefuͤhle meines Gluͤcks. Gott weiß es, die Vergangenheit war ſchreck⸗ lich genug, die Zukunft voll Angſt, aber die Gegen⸗ wart 193 b wart war doch ſuͤß und erquickend fuͤr mein Ge⸗ muͤth. Noch geſtern der gefeſſelte Bewohner eines vergitterten Kaͤfigs, deſſen enger Raum, das niedrige Dach von Stein, meine Erde, mein Himmel, meine Welt; und jetzt frei!— die weite, graͤnzenloſe Wuͤſte vor mir, die große, blaue Woͤlbung des geſtirn⸗ ten Himmels uͤber mir, und nahe bei mir ein ehrfurchtgebietender, titaniſcher Koloß von Rieſen⸗ ſtufen, aufſtrebend in die Region des Lichts; dazu der b volle hellleuchtende Mond, der uͤber alle Gegenſtaͤnde ſeinen Silberſtrom friedlicher Herrlichkeit ergoß. Ich erklimmte die Pyramide, dieſen nie verſin⸗ kenden Huͤgel von Stein. Vom Nichtgebrauch ge⸗ ſchwaͤcht, konnten meine Glieder kaum dies Werk vollenden; endlich ſtand ich aber doch auf der lufti⸗ gen Spitze. War mir es doch, als haͤtte ich die Welt verlaſſen. Wo war auch die Welt: War ſie es dort, die weiße Dunſtwolke, die lang und ſchmal ſich unter mir ausdehnte?— war es jene duͤſtere, ver⸗ laſſene Ebene, von weitem ſo finſter und traurig, und in der Naͤhe ohne Leben, ohne Luſt, nur die weißen Strahlen des freundlichen Mondes zuruͤck⸗ werfend, ſo wie ein Leichnam das Licht der Wachs⸗ kerze, die von deſſen ſchweigender Bahre Finſterniß und ſolche Feinde, welche dieſe lieben, zuruͤckſchreckt?— Nein, die Welt war nicht mehr,— da gab es ja kei⸗ nen Ton, keinen Anblick eines Menſchen,— das Chaos war zuruͤckgekehrt, oder vielmehr jener gluͤck⸗ b II. N 194 liche Tag, als die Lichter ruhig am hohen Firma⸗ mente rollten, ehe noch Menſchen waren. Ein Seufzer des Nachtwindes hallte zwiſchen zwei loſen Maſſen des ungeheuern Steinhaufens. „Thor,“ ſchienen ſie mir zu ſagen,„wir ſind die Welt.— Konige, ſich bruͤſtend in ihrem Stolze,— Sklaven, hinſinkend bei der Laſt ihrer Arbeit, zogen uns aus den finſteren Tiefen, und ſtellten uns hier auf. Hunderttauſend ſolcher Dinge, wie Du, lebten bloß fuͤr dieſen Zweck. Um unſertwillen ſtanden ſie fruͤber auf, ſchliefen ſpaͤter ein,— mit heißen Thraͤ⸗ nen ſchrien ſie uͤber uns; Blut von ihren verletzten Haͤnden ſtroͤmte uͤber uns; ſie fluchten, ſtoͤhnten, er⸗ krankten, ſtarben; und dann ſtarb er, fuͤr den ſie ſo ge⸗ arbeitet hatten,— Alle ſind verweſet! Sie, an unſerm Fuße, eng zuſammengedraͤngt in ihren ſan⸗ digen Graͤbern,— Er, in dem tiefen, dunkeln Mit⸗ telpunkte dieſes maͤchtigen Denkmals, allein, in duͤ⸗ ſterm einſamen Stolze. Seit Jahrhunderten ſchon haben die Winde nun den Staub von ihnen allen verweht. Hier ſind ſie nichts, aber ihre Schatten ſtehen da, wo Du ſtehen wirſt und alle Menſchen. In Finſterniß und Froſt erwarten ſie die unvermeid⸗ liche Stunde. Du blickſt auf zu den glaͤnzenden Sternen, als wuͤnſchteſt Du ſie zu erreichen;— biſt Du bereit?— kannſt Du es wagen, deinen Tod zu wuͤnſchen?— Blickſt Du wirklich mit all' der Furcht⸗ loſigkeit einer ſchuldloſen, feſten Hoffnung empor?— Wo nicht, nieder, nieder von neuem zu der Welt. 195 Sie iſt dein Element, dein Himmel,— jene reine, heilige Region dort wuͤrde fuͤr Dich eine Hoͤlle ſeyn!” So toͤnte die Stimme des hinſterbenden Win⸗ des, und hinab in den demuͤthigen Staub ſtieg ich mit vorſichtigen Schritten,— fuͤhlend bei jedem furchtſamen Schwanken des Fußes und Feſthalten des ausgeſtreckten Armes, wie ich noch am Leben hange. Selbſt als ich mich auf meine Matte niederlegte und die Augen ſchloß, wagte ich zu hoffen, daß ſie ſich wieder oͤffnen moͤchten. Am Morgen wachte ich auf um in die Welt hinaus zu blicken, von der ich ſo lange ausgeſchloſſen geweſen war, oder vielmehr, um wieder das Leben zu beginnen,— ja, und zu finden, daß es noch Reize habe. Es giebt kein unangeneh⸗ mer ausſehendes Thier, als das dumme Dromedar; es giebt keinen traurigern, kahlern Anblick, als die Libyſche Wuͤſte, und doch fuͤhlte ich mich, als ich hinter meinem braunen ſchweigenden Fuͤhrer herritt, und daran dachte, daß ich wieder ein menſchliches Weſen ſehen ſolle, dem ich theuer ſey, wahrhaft gluͤcklich, und ich blickte auf den freien und offnen Raum, der mich nach allen Seiten umgab, mit ju⸗ belndem Entzuͤcken umher. Wir ritten waͤhrend dieſes ganzen Tages paral⸗ lel mit dem Laufe des Nils fort, jedoch ſo weit von allen angebauten Gegenden entfernt, daß man uns nicht bemerken konnte. Gegen Abend ſegelten wir in der Wuͤſte, wie Schiffe auf dem Meere, der gruͤnen Kuͤſte zu, welche dieſen Ocean von Sand N 2 196 umguͤrtet. Der alte Araber verließ mich bei einem kleinen Felſen, etwa eine Engliſche Meile von einem Dattelhaine, in welchem ich das Rufen des Vieh⸗ treibers hoͤrte, und wohin jener ging, um unſere Dromedare zu traͤnken, und fuͤr Futter zu ſorgen. Bald kam er wieder, gab mir einige trockne Datteln und einen ſchlechten Maiskuchen, mit einem trium⸗ phirenden Laͤcheln aber, als habe er etwas koͤſtliches angeſchafft, eine Kuͤrbisflaſche mit Kamelmilch. Dann machte er Feuer an, ſtoͤrte ſchweigend in der Aſche, an die er ſich ſetzte, und rauchte bis er in Schlummer ſank. Ich ahmte ihn in ſeiner Ruhe nach, und that daſſelbe. Nach einigen Stunden be⸗ ſtiegen wir wieder unſere Thiere, und ritten weiter. So reiſeten wir mehrere Tage, indem wir des Tages uͤber unſern Weg durch die Wuͤſte nahmen, und uns nur des Abends den bewohnten Gegenden naͤherten. Nur einmal begegneten uns einige Per⸗ ſonen in der Wuͤſte, und dies waren bloß etliche ſchwarzbraune Moggrebins in weißen Maͤnteln, mit weißen und ſpitzen Kaputzen. Finſter ſahen ſie aus dieſen heraus, und murmelten verdrießliche Galaani als wir bei ihnen voruͤber kamen. Immer werde ich an dieſe ſonderbare, ſchweig⸗ ſame Reiſe mit Vergnuͤgen denken. Es lag eine Ruhe darin, die fuͤr meinen geſchwaͤchten Geiſt nach alle dem, was ich ausgeſtanden hatte, ſehr heilſam war. Eben ſo verfinſtert man, wenn das geblendete Auge durch die geſchickte Hand des Staarſtechenden 197 wieder die Kraft zu ſehen bekommt, eine Zeit lang das Gemach, damit es, zu des Kranken großem Nach⸗ theile, nicht durch einen zu ſchnellen Blick auf glaͤn⸗ zende und anziehende Gegenſtaͤnde gereizt werde. Dies war mein Fall. Ich haͤtte es Anfangs wol kaum ertragen, wieder in die geraͤuſchvolle Welt zu ſchauen; der gelbe Sand aber und die grauen Felſen waren Gegenſtaͤnde, ganz geeignet fuͤr einen Geiſt, der eben, gleich dem meinen, von Feſſeln befreit wor⸗ den und von dem Blicke auf Dinge und dem Hoͤ⸗ ren von Toͤnen, die ihn faſt fuͤr immer zerſtoͤrt haͤtten. Am Abend des achten Tages kamen wir, am Fuße einiger weißen Huͤgel unweit des Fluſſes, und noch naͤher als es bisher der Fall geweſen war, bei einem Dorfe an, wenn man dies ſo nennen konnte. Die Wohnungen ſchienen naͤmlich alle unter ſchma⸗ len Vorſpruͤngen eines Felſens oder in der Hoͤhe deſ⸗ ſelben hoͤhlenfoͤrmig gearbeitet zu ſeyn, und nur zwei bis drei Perſonen wurden ſichtbar, welche verdachtvoll umherſchauten. Endlich kam Einer zu meinem Fuͤh⸗ rer, und nach einem kurzen Geſpraͤch mit ihm gebot mir mein Begleiter, vom Dromedare zu ſteigen und dem Fremden zu folgen, indem er mir ſagte, daß dieſer mir auf zwei bis drei Tage einen ſichern Ort, um mich zu verbergen, anzeigen werde, weil uns Gefahr drohe und ein Befehl erlaſſen worden, mich aufzuſuchen, und wenn man mich faͤnde, ſich meiner zu bemaͤchtigen. Der Araber, dem ich jetzt uͤbergeben worden war, brachte einen Eſel zum Rei⸗ 198 ten fuͤr mich, und ging raſch vor dieſem einher. Mehrere Meilen weit fuͤhrte er mich ſo durch eine wuͤſte und einſame Gegend. Kein Grashalm wuchs dort. Nur weiſſer Sand, oder brauner Kies, oder grauer Felſen zeigten ſich, uͤber die nicht einmal ein Inſekt ſummte oder ſchwirrte, um das Schweigen zu unterbrechen. Endlich hielt er in einem engen und tiefen Grunde ſtill, und klopfte dreimal in die Haͤnde. Verwundert ſchaute ich umher. Niemand war zu ſehen, kein belebter Gegenſtand, kein Pfad, außer dem, auf welchem wir herabgekommen waren. Allles blieb ſtill. Ich blickte auf den verſengten Boden, auf die unfruchtbaren Anhoͤhen, die ſich auf beiden Seiten erboben, und fragte, weshalb er an einer ſolchen Stelle Halt mache. Er laͤchelte. Ploͤtzlich ſtiegen zwei Maͤnner, dem Anſcheine nach wie aus der Erde, em⸗ vor und geſellten ſich zu uns. Sie ſprachen mit ein⸗ ander, und alsdann ließ mich mein Fuͤhrer vom Eſel abſteigen, beſtieg ihn ſelbſt, und ritt auf dem Pfade, auf welchem wir hieher gekommen waren, wieder fort, indem er mich mit dieſen finſter ausſehenden, wilden Menſchen allein ließ. Sie trugen Beide Dol⸗ che. Ich war unbewaffnet, folglich ganz in ihrer Gewalt. Da ich aber die Rechtlichkeit der Araber kannte, und bedachte, daß ich ja mit dem, der mich aus Kairo gebracht, gegeſſen und geſchlafen hatte, ſo zuͤrnte ich mit mir ſelber, daß ich glauben ge⸗ konnt, man habe mich verrathen. Nicht ohne ſon⸗ derbare Angſt ging ich aber auf ihr Geheiß und kroch 199 unter einem großen Felſenſtuͤcke durch eine enge Oeff⸗ nung, welche, wenn man ſie ſelbſt nur bis auf einige Schritte Entfernung anſah, ein bloßer Riß in einem Felſen ſchien, deſſen Tiefe man mit ausgeſtrecktem Ar⸗ me erreichen konnte. Und ſo befand ich mich gleich dar⸗ auf in einem weiten Raume zu den Fuͤßen eines andern Arabers, der aufgerichtet daſtand und eine brennende Fackel hielt, welche die Waͤnde beleuchtete, die von den mannigfachſten Farben, in heiterer und anziehen⸗ der Friſche glaͤnzten. Da ich aber aus der Tages⸗ helle des Sonnenſcheines und der blendenden Wuͤſte kam, war ich zu wenig meiner Augen maͤchtig, um irgend etwas deutlich unterſcheiden zu koͤnnen. Alle Gedanken, jede Ueberlegung, was dies wol ſeyn, und wohin man mich gebracht haben koͤnne, verlie⸗ ßen mich, und da ich ſo lange und ſo oft ein Spiel⸗ ball des Gluͤcks geweſen war, ſo ſielen mir alle die Maͤhrchen, welche ich in Alexandria und Kairo ge⸗ hoͤrt hatte, mit der Gewalt und dem Ergreifenden einer ſchaudervollen Wirklichkeit ein. Ich blieb ſte⸗ hen, und waͤre lieber wieder zuruͤckgegangen. Ueber⸗ zeugt war ich, daß Alles um mich her nur Blend⸗ werk ſey, eine fuͤrchterliche Taͤuſchung irgend eines Zauberers. Die anderen Araber waren indeß auch eingetreten, ſtanden auf, lachten wild untereinander, und fuͤhrten mich weiter.„Fuͤrchte Dich nicht,“ ſagten ſie,„dies iſt der Palaſt Pharao's.— Pha⸗ rao, Pharao!“ wiederholten ſie laut, und riefen Al⸗ lah mit leiſem Murmeln an. Noch konnte ich mich 200 nicht beſinnen, konnte noch nicht uͤberlegen. Alle Stu⸗ dien, welche ich zuletzt getrieben, waren Orientaliſch geweſen, mit ihnen war mein Geiſt genaͤhrt worden, und an die alten Egyptier dachte ich in dieſem Au⸗ genblicke nicht einmal. Selbſt der Name Pharao gab mir kein Licht, denn dort ſind alle Wunderdinge, alle ſonderbare Truͤmmer, alle einzelne Saͤulen, alle Baͤume von ausgezeichnetem Wachsthume oder Groͤße an einſamen Stellen, von Pharao herſtammend. Eben ſo die Metalle, die Edelgeſteine, der Glimmer in dem glaͤnzenden Sande, die feurige Fliege bei Nacht, und die gewaltige Fluth, der Stein, der vom Him⸗ mel faͤllt wenn Blitze drohen, und der unfoͤrmliche Hagel, ſollen von dem Geiſte irgend eines unruhigen Pharao herkommen. Segen, wie Unheil, alles lei⸗ ten ſie von dieſer gefuͤrchteten Quelle her. Der Mann mit der Fackel fuͤhrte uns nun durch einen langen Gang und gemahlte Gemaͤcher. Die fuͤrchterlichſten Dinge waren an die Waͤnde gemahlt. Schoͤn gefleckte Schlangen in endloſe Ringe ver⸗ ſchlungen, und nackte Maͤnner, die ſte hielten, und Schlachtopfer ohne Haupt vor ihnen knieend. Lange Reihen gebeugter Gefangener mit hinten zuſammen⸗ gebundenen Armen, und auf Lagern, gleich Todten⸗ bahren, lagen eingewickelte Leichname, waͤhrend Menſchengeſtalten mit Ungeheuerkoͤpfen von Hunden, Voͤgeln, dem Apis oder dem Crokodill, uͤber ſie ſich neigten, oder auf ſchwarzen Booten ſie fortfuhren und bewachten. Und hie und da, an Waͤnden und — 201 Pfeilern, erblickte man in Lebensgroͤße die Geſtalt ei⸗ nes Koͤnigs in reicher Kleidung, und neben ihm die einer laͤchelnden Zaubererin; aus ihrer Stirn ſproßte ein Schlangenkopf, in Zorn und Stolz ſich aufſprei⸗ zend, und daruͤber erhob ſich eine Kugel mit haͤßli⸗ chen Hoͤrnern, und auf einem Throne ſaß eine ſchauer⸗ liche Geſtalt in weißen Gewaͤndern mit unnatuͤrli⸗ chen Zuͤgen und geiſtergleich blauer Haut; und tau⸗ ſend Dinge waren rings umher gemahlt, in kleinen. Umriſſen, aber alle ſonderbar und glaͤnzend gefaͤrbt, Voͤgel, Thiere und Inſekten, der Papagei und dlie Eule, der Habicht, der Wolf, der Stier, der Haaſe, die Schnecke, der Hirſchkaͤfer und die Eidechſe, und Arme . ohne Leiber, und Fuͤße die allein gingen, und Koͤrper ohne Arme, die ſtanden oder auf den Ferſen ſaßen, noch Andere, welche knieeten und Libationen aus⸗ goſſen, und oft glaͤnzte ein einzelnes Auge ſchwarz und groß von der weißen Wand unter Beilen und Altaͤren und Ketten und cabaliſtiſchen Charakteren. Zitternd folgte ich, und bebend blieb ich ſtehen, als die wilden Toͤne einer gellenden Pfeife mir an das Ohr drangen. Es war ein durchdringender TDon, wie von frech hoͤhnenden, ſcharfen Klaͤngen. Jetzt lachten die Araber nicht mehr, ſondern trieben mich 3 mit ernſten Blicken fort. In einer dunkeln Ecke des innern Gemachs, auf welches eine kleine Oellampe ein ſchwaches Licht ergoß, ſaß ein grauer, beiahrter Mann. Er trug ein lichtblaues Gewand und einen dunkelrothen Turban. Ein weißer Bart ſiel auf ſeine 202 Bruſt herab, und mit geſchloſſenen Augen, und dem hin und her ſich Neigen einer Art des Irrſeyns, ſpielte er auf einer ſchlechten Pfeife, waͤhrend vor ihm drei große lebendige Schlangen, mit hoch auf⸗ gebeugtem Nacken und geſpreiztem Kamm, in ſchnel⸗ ler Kreisbewegung ſich drehten und ziſchten, als ge⸗ horchten ſie ihm und erfreueten ſich der Toͤne. Ich fuͤhlte, wie meine Vernunft vollends ſchwand. Ich hatte mich lange unter den Wahnſinnigen be⸗ funden, und auf ihre Raſereien gehoͤrt, wenn ein⸗ gebildete Schrecken ſie bedrohten; aber hier gab es etwas Wirkliches, von dem ich nie auch nur ge⸗ traͤumt hatte. Es ergriff mich durch Staunen. An Koͤrper und Seele erſchoͤpft, hielt ich mich fuͤr das Opfer irgend eines fuͤrchterlichen Zauberers, und der Schweiß ſtand dicht auf meiner Stirn. Wie ſuͤß iſt doch das ſchnelle Schwinden der Furcht! Wie dankbar fuͤhlen wir uns gegen Gott dafuͤr! Wie blicken wir in einer Art demuͤthigen Sinnes mit Beſchaͤmung, Mitleid und Selbſtverach⸗ tung auf uns ſelbſt, daß wir ſo ſchwach waren, ſo leicht gefangene Sklaven der Furcht, ſo vertrauens⸗ los auf die Gnade, die uns doch ſchon ſo oft nahe war! Man ſchließe daraus, was ich fuͤhlte, als ploͤtz⸗ lich ein dichter Vorhang zu meiner Rechten hinweg gezogen ward, und in einem hell erleuchteten kleinen Zimmer, auf einem Sopha ſitzend, mit der Pfeife in der Hand, und in einem offenen Buche, das vor ihm lag, leſend, ich meinen Freund erblickte, meinen ein⸗ — 203 zigen Freund— Malek,— und er aufſprang, und mich an ſeine Mannesbruſt druͤckte, und meine Wange kuͤßte, und ſein Haupt auf meine Schulter legte. Ich weinte vor Freude und Dankbarkeit, und laͤchelte doch auch uͤber meine eigene Schwaͤche. Aber,— der kraͤftige Malek, und ſeine glaͤnzenden Waffen, — eingemauert an dieſem ſonderbaren, ſchauerlichen b Orte; davon, und von ſeinem Vorhaben konnte ich mir keinen Begriff machen;— daß es freundlich fuͤr mich ſeyn muͤſſe,— nur dies wußte ich. Er entdeckte mir nun, daß er ſo ungluͤcklich ge⸗ weſen waͤre, den Haß des Paſcha von Kairo auf ſich zu ziehen, und daß er ſonach, grade an dem Tage, 3 wo es ihm gelungen, mich vom Pfahle zu retten, nach Diidda beordert worden ſey. Erſt ſeit kurzem habe er hier Gelegenheit gefunden, an meine Be⸗ freiung zu arbeiten, und ſeitdem auch erſt habe er einen gegen ihn gemachten Anſchlag entdeckt, nach welchem er, waͤhrend des Bairamfeſtes, das man jetzt in der Stadt feiere, habe ermordet werden ſollen. Die Urſache dieſer Feindſchaft liege in der Liebe der Soldaten zu ihm, und in ſeiner zufaͤlligen Vorzuͤglich⸗ keit in allen kriegeriſchen nebungen. Er ſey daher uͤberzeugt, daß, wenn er laͤnger unter oder auch nur bei dieſem blutduͤrſtigen Gouverneur verweile, er mit ſeinem Leben dafuͤr buͤßen werde. Ihm in einem Aufruhre oͤffentlich entgegen zu treten, dazu ſey er nicht ſtark genug, wenn er nicht Leben und Vermoͤ⸗ gen aller dieſer ihm ſo treu ergebenen Kameraden 204 auf das Spiel ſetzen wolle. Er ſey daher entſchloſ⸗ ſen zu fliehen, und bei einem Mongoliſchen Prinzen in Indien in Dienſte zu treten. Schon zweimal habe er in Kairo von einem wohlhabenden Eingebor⸗ nen von Surate, Anerbietungen hoher Ehrenſtellen und Reichthuͤmer erhalten, wenn er zu der Armee eines Nawabs oder Sultans in jener Gegend kom⸗ men wolle, der ſehr nach Tuͤrkiſchen Befehlshabern fuͤr ſeine zahlreiche Reiterei trachte. „Das Zelt habe ich immer geliebt, und Kriege, wie ſie hier beſchrieben ſind,“ wobei er auf eine große Schrift, die neben ihm lag, zeigte,„habe ich noch nie geſehen. Mein einziger Wunſch iſt nur noch ein Freund und Begleiter bei dieſem Unterneh⸗ men. Dieſer Freund mußt Du ſeyn. Wir haben zuſammen Roſſe beſtiegen, zuſammen mit kriegeriſchen Waffen geſpielt, zuſammen geſprochen, wie ich noch nie mit jemand Anderm geſprochen habe. Deine Un⸗ terhaltung, deine Art und Weiſe ward mir theuer. Ich kann ſie nie vergeſſen, habe es auch nicht ein⸗ mal verſucht. Immer habe ich an Dich gedacht, aber ich wuͤrde nie verlangt haben, daß Du eine Heimath verlaſſen ſollteſt, in welcher Du gluͤcklich warſt, weder deine ſchoͤne Fatime, noch deinen herr⸗ lichen Knaben. Ich hoͤrte davon, und freute mich innig, daß Du darin Troſt gefunden haͤtteſt. Auch wuͤrde ich Dich nicht von der Kuͤſte zuruͤck gehalten haben, haͤtte ich das weiße Segel erblickt, das Dich in dein theures Vaterland zuruͤckfuͤhren ſollte. Aber 205⁵ Du ſagteſt mir, daß Du es nie wieder ſehen koͤnn⸗ teſt. So ſcheinſt Du denn Alles verloren zu haben, was Du im Leben liebteſt. Ich habe nichts meiner Liebe wuͤrdiges gefunden, außer die Hoffnung der Freundſchaft, und den Stolz auf ſolchen Ruhm, wie er in der Schlacht erlangt werden kann. So komm: denn,— unſere Gleichheit im Leiden ſoll uns noch naͤher an einander feſſeln. Du ſchauderſt zuruͤck bei dem Gedanken, ein Muhammedaner zu ſeyn. Wes⸗ halb?— Muhammed und Meſſias, iſt das nicht Eins? — Sie ſind Beide Propheten,— nur Allah allein iſt groß,— iſt gut,— iſt uͤber Alles erhaben. Laſſe uns ihn anbeten und einander lieben.„Weißt Du, wo wir hier ſind? Dieſe gemahlten Raͤume ſind ein Grab, das Grab eines ſehr alten Volkes. Es war einmal ein bleicher Wanderer aus Weſten hier, ein gelehrter Mann, der mir von ihm erzaͤhlte, und daß es vor jedem Propheten gelebt, und Allah eben ſo angebetet habe, wie wir es noch jetzt thun, mit Furcht und Verehrung. Da ihn aber niemand jemals geſe⸗ hen, ſo haͤtte dies Volk ſeine Symbole in ſonderbare Formen, wie Du ſie hier vor Dir ſiehſt, verhuͤllt, und alle die kleineren Gemaͤhlde dort ſeyen nur der ge⸗ mahlte Ausdruck des Lobes deſſelben,— des Glaubens, — der Hoffnung. Er las mir viele Worte daraus, wie Freude, Macht, Beſtaͤndigkeit, Leben, Ewig⸗ keit, Unſterblichkeit, und zeigte mir, wie— eine Thraͤne gemahlt worden, und er las auch; Gott, 206 der allmaͤchtige, Gott, der Richter: was weiter als dies, Osman, brauchen denn auch wir zu wiſſen d⸗ Ich hoͤrte auf ihn, von Freude durchdrungen, daß ich wieder einem Weſen nahe war, das mich ge⸗ rettet und beſchuͤtzt hatte, und mir ſein Herz und ſeine Hand bot, den Lebenspfad an ſeiner Seite zu wandeln. Ich hatte keine andere Antwort, als einen Haͤndedruck und die Thraͤnen in meinem Auge.— Wir ſetzten uns auf den Teppich. Er klopfte in die Haͤnde, die Araber brachten Kaffee, wir erquickten uns, und ſprachen ruhig weiter. Dieſe Gemaͤcher im Innern der Erde, waren ſonſt Todten⸗Kammern. Dieſe Geſtalten und Figuren an den gemahlten Waͤn⸗ den waren die Goͤtter und Hieroglyphen, von denen ich ſchon als Kind geleſen und gehoͤrt hatte, und der alte Mann mit ſeinen gezaͤhmten Schlangen, die mir ein ſo unbeſchreibliches Schrecken eingejagt hat⸗ ten, war einer der gemeinen Abkoͤmmlinge der weit beruͤhmten alten Pſyllen, deren leicht errungene Zauber⸗ kuͤnſte ihnen einen arbeitsloſen Lebensunterhalt und eine Art Ehrfurcht beim Volke und den Furchtſamen verſchaffen. Auch ich lachte nicht ohne Schaamroͤthe uͤber meine eigene Furcht, wie wenn zur Nacht ir⸗ gend eine eingebildete Bewegung an den Tapeten uns das Herz aͤngſtlich klopfen laͤßt, und, wenn wir nun gewaltſam aufgeſprungen ſind und ſie beruͤhrt haben, wir dann zu unſerm Lager mit ruhigerm, gleichſchlagenden Pulſe zuruͤckkehren, und uns laͤ⸗ chelnd wieder niederlegen. 207 Von aller Angſt nun befreit,— in Maleks freund⸗ liches Auge blickend,— und feſt entſchloſſen, mein Schickſal an das ſeinige zu ketten, und mein Herz ſtets an einem ſo warmen und edeln, wie das ſeine, ſchlagen zu laſſen, ſagte ich ihm nichts uͤber meine Zweifel an der Rechtlichkeit dieſes Schrittes, die, ſo ſehr ich ſie auch niederkaͤmpfte, doch immer wieder leiſe mir zufluͤſterten, nicht ſo laut, um meinen Frie⸗ den ſtoͤren zu koͤnnen, aber doch hinreichend, um mich mißtrauiſch gegen deſſen Dauer zu machen. An den Waͤnden des Gemachs, in welchem wir uns befanden, waren die Vorſtellungen alle von hei⸗ term Charakter, wie Blumen, Vieh, und feſtliche Landleute, oder Schiffe mit bunten Segeln. Auch war es gut erleuchtet, und man brachte uns treffli⸗ ches Brot und Honig, Butter, Milch und ſaftige Fruͤchte. So ſpeiſeten wir denn froͤhlich zuſammen. Am andern Morgen kam der Araber, der mich von Kairo aus begleitet hatte, noch vor Tages An⸗ bruch zuruͤck, und wir verließen das Grabmal mit ihm, beſtiegen Eſel und ritten zu einer Stelle am Ufer des Fluſſes, wo, wie er ſagte, ein Boot bereit ſey, um uns hinuͤber zu unſeren Kamelen zu bringen. Eben, als wir dahin gelangten, ſahen wir, daß ein Haufe Tuͤrkiſcher Soldaten ſich unſerer Barke mit Gewalt bemaͤchtigt habe, und ſie mit ihrem Ge⸗ raͤth belaſte, um damit ſtromabwaͤrts zu ſchiffen. Das ſetzte uns ſehr in Verlegenheit, denn wir konnten jetzt auf dem Wege, auf dem wir hieher gekommen/ 208 ꝙᷓ nicht zuruͤck reiten, ohne daß uns eine andere Par⸗ thei dieſer Reiter, die nach jener Richtung hin kreuz⸗ ten, entdeckte und befragte. Einer aber von den Maͤnnern, die mit uns in dem Grabmale geweſen waren, bot uns an, uns fuͤr heute an einen ſichern Ort zum Verbergen zu bringen, wenn wir uns davor nicht ſcheuten. Malek antwortete, daß er uns nur fuͤhren moͤge, und ſo folgten wir ihm bis an den Abhang des naͤchſten Huͤgels. Hier zuͤndete er, vor einer kleinen rohen Hoͤhlung in dem unehnen Bo⸗ den, eine Fackel an, kroch in die Oeffnung an der Erde, und wir ihm nach. Mit Knieen und Haͤnden ſtießen wir auf Gegenſtaͤnde, die unter unſerer Laſt wie lederartiges Pergament oder zerbrochene Staͤbe kniſterten. Anfangs bemerkte ich nicht, was es ſey, aber bald zeigte es ſich, daß es Leichname ohne Saͤrge waͤren,„trockene Knochen, die wieder lebendig werden ſollen;— es war ſchaudervoll!— Endlich kamen wir in eine Art Gemach, wo wir aufrecht ſtehen konnten. An jeder Seite ſtanden hier in Reihen, zwoͤlf ſolcher bemahlter Saͤrge, worin die wohlhabenderen Todten einbalſamirt lagen. Wir oͤffneten einen derſelben auf dem die gemahlte Geſtalt ein weibliches Weſen darſtellte. So roh auch das Bildniß war, ſo hatte doch der Mahler den Wangen und dem Kinn eine Art jugendlicher Rundung zu geben verſtanden, ſo wie den Augen einen dunkeln Glanz, und den ro⸗ then Lippen ein freundliches Laͤcheln. In dem Sarge lag eine ſteif ausgeſtreckte Geſtalt, ſchmal und form⸗ los 209 los in das hundertfache Leinen gewickelt, und der ſchwarze Mumienmund und die Haͤnde waren ver⸗ goldet. Bei jedem Sarge lag ein Zweig des heili⸗ gen Syeomorus, wie es ſchien noch vollkommen er⸗ halten, aber bei der leiſeſten Beruͤhrung zerfiel er in Staub. Hier brachten wir den langen, langen Tag voll Ungeduld zu, und ſprachen nur wenig mit ein⸗ ander. Ich dachte an den Tod und an die Welt, als ſie noch jung war, und wie ſie kuͤnftig ſeyn werde. Hoch erfreut war ich, als es endlich, ſo wie die Abenddaͤmmerung hereinbrach, wieder von hier fortging. Unſer treuer Araber hatte ſich eine kleine Floͤße von Schilfrohr zu verſchaffen gewußt. Malek und ich wollten durch den Strom ſchwimmen, jener hielt uns aber davon ab, indem er uns ſagte, daß in dieſer Gegend ſehr viele Krokodille waͤren. So ſaßen wir denn ganz ruhig auf dieſem naßen und faſt unterſinkenden Fahrzeug, und gelangten endlich an das andere Ufer, wo wir unſere knieenden Kamele fanden, und ſie beſtiegen. Sie ſtanden eifrig und hoch auf, und trugen uns mit ſchneller Bereitwil⸗ ligkeit auf ihrem, ihnen wohl bekannten einſamen Pfade fort. Achtzehn Stunden lang ritten wir ſo, dann ver⸗ weilten wir ſechs Stunden unter einem hohen Felſen, der ſeinen nachmittaͤglichen Schatten lang und kuͤhl da⸗ hin ſtreckte. Hier aßen wir die kalten harten Eier, die man mitgenommen hatte, tranken von dem ſonnenwar⸗ men Waſſer in den Schlaͤuchen, rauchten die erfriſchende II. O 210 Pfeife, und ſchliefen. Dann ging es wieder funf⸗ zehn Stunden lang weiter, bis wir wieder an zwei kleinen Quellen von nußfarbigem, ſalzigen Waſſer drei Stunden ausruheten, und unter einem einſamen Acazienbaume, der ſich mit ſeinen dornigen Zweigen, oben ſonnenſchirmartig ausbreitete, aber nur einen ſchwachen, duͤnnen unterbrochenen Schatten gab, ei⸗ nen kurzen Schlummer genoſſen. Noch ein dritter ermuͤdender Ritt von ſechzehn Stunden brachte uns endlich an die Kuͤſte. Wo wir ſie beruͤhrten, bildete ſie gerade eine kleine Bucht, eine einſame, unbeſuchte Stelle, ohne Unterkommen, ohne Baum, ohne Waſſer, nur Sand und Felſen umher. Aber aus den glaͤnzenden Wellen ragte zu unſerm Entzuͤcken eine große ſchwarze Barke, mit einem ho⸗ hen Maſte und einem weißen Segel, hervor. Unſer Arabiſcher Fuͤhrer entfaltete ſeinen Turban und band ihn an einen Stab, drehte ihn hoch uͤber den Kopf, und ein kleines, muſchelartiges Boot ſtieß zu uns ab. Malek aber zog eine Boͤrſe und ein Piſtol hervor, und gab ſie unſerm treuen Fuͤhrer. Es war merkwuͤr⸗ dig, auf welche verſchiedene Art dieſer das gemeine, werthloſe, alte Piſtol und die reiche, wohlgefuͤllte Boͤrſe annahm. Die letztere ſteckte er ſchnell in ſeinen Guͤrtel, aber das roſtige Piſtol druͤckte er an Bruſt und Stirn, und blickte mit wahrem Stolze darauf. Dann ſiel er Malek zu Fuͤßen, dankte ihm und ſeg⸗ nete ihn, und auch ich erhielt meinen Antheil an ſeiner Segnung, ob ich gleich nichts beſaß, was ich 211 ihm haͤtte geben koͤnnen. Er beugte ſich mit dem Kopfe auf meine Hand.—„Euer Vater und Eure Mutter moͤgen geſegnet ſeyn!“ ſo lautete ſein ſchoͤ⸗ ner Abſchiedsgruß, als ich die Kuͤſte hinabgehn und ihn verlaſſen wollte. Mein Vater! Meine Mut⸗ ter!— die ich vor der Zeit in das Grab gebracht hatte! Ich weinte, und niemand wußte, weßhalb? und ob⸗ gleich Malek mein junger Pylades war, durfte und konnte ich es ihm doch nicht ſagen. Hoͤchſt anmuthig war es fuͤr uns, nach unſrer heißen und ermuͤdenden Reiſe durch die Wuͤſte, nun auf dem Verdecke des Schiffes auf unſeren Teppichen auszuruhen, und in die geſchwellten Segel zu blik⸗ ken, die uns ſchnell von dannen fuͤhrten; reizend, nun zu ſehen, wie ſich die Wogen im dichten, weit hin⸗ ſpritzenden Schaume am Vordertheile unſers Schiffes brachen, und die heiteren Toͤne der rauſchenden Waſ⸗ ſerwirbel am Hintertheile deſſelben zu hoͤren, welche eine ſchnelle Reiſe verhießen. Nach etwa zwoͤlf Tagen gelangten wir zu dem Hafen Loheia, an der Kuͤſte des Gluͤcklichen Ara⸗ biens, und warfen etwa eine Stunde von dey Kuͤſte Anker. Malek hatte einen vertrauten Freund in dieſer Stadt, einen Kaufmann aus Kairo, der wegen des Kaffeehandels ſich dort aufhielt. Gluͤck⸗ licherweiſe ſtand dieſer ſehr gut bei dem Emir oder Dola, und man erlaubte uns daher nicht allein zu landen, ſondern auch Vorkehrungen zu einer Reiſe nach Surate, am Bord eines großen Arabiſchen Schif⸗ 3 O 2 212 fes, zu machen, das einige Indiſche Banians dorthin mit einer Ladung Kaffee befrachtet hatten, welcher hier wohlfeiler gekauft wird, als zu Beit el Fakih, wohin man ihn von Moka und Hodeida verſchifft. Malek hatte ſtets gefuͤrchtet, man moͤchte von Kairo oder Judda nach Moka, dem gewoͤhnlichſten Einſchif⸗ fungsort nach Indien, geſchrieben haben, und dies ihm Unannehmlichkeiten, wo nicht gar Zuruͤckbehal⸗ tung und Gefangennehmung zuziehn. Er verlor alſo jetzt keine Zeit, den Handel richtig zu machen, und nach wenigen Tagen waren wir ſchon wieder fuͤr unſere weitere Reiſe zu Schiffe. Auf unſerm ſehr zahlreich bemannten Fahrzeuge befanden ſich mehrere Muhammedaner aus Hindo⸗ ſtan, welche die Pilgerſchaft nach Mekka vollzogen hatten, und nun wieder nach Hauſe zuruͤckkehrten. Nicht ohne das groͤßte Intereſſe blickten wir auf Die⸗ jenigen, unter welche wir uns nun ſelbſt begeben wollten, obgleich die meiſten aus einer niedrigen Klaſſe, krank, abgetrieben und ſchmuzig waren. Doch ſagte uns eine gewiſſe Anmuth der Geſichtszuͤge und Lieblichkeit der Bewegungen, verbunden mit dem feurigen Ausdrucke ihrer großen Augen, daß ſie ſanft, lebensluſtig, den Sinnenreizen ergeben waͤren, und in einem Lande des Ueberfluſſes und der Vergnuͤgungen lebten; wir wunderten uns nur ſehr, wie dieſe kleinen, zarten Haͤnde mit dem Zuͤgel des Schlacht⸗ roſſes und dem Griffe des kriegeriſchen Schwertes ſo vertraut ſeyn koͤnnten. 213 1 Vorzuͤglich befand ſich ein junger Mann von ſech⸗ zehn Jahren unter ihnen, der Neffe des einzigen wohlhabenden Indiers am Bord, Azim Caun— Sohn eines Omrah aus der Stadt Allahabad, eines alten treuen Anhaͤngers des ungluͤcklichen Moguls— der uns ſehr geſiel. Er war voll Anmuth und Feuer, verſtaͤndig und wißbegierig. Mit Eifer fragte er, und hoͤrte mit entzuͤckten Augen zu. Wenn er ſprach, geſchah es mit angenehmer, vertrauensvoller Furcht⸗ loſigkeit. Er war gerade der rechte Menſch, der uns die gewuͤnſchte Auskunft geben konnte. Unſer Aeu⸗ ßeres und unſere Waffen, einige Reiterei, die er zu Diidda geſehen hatte, und das Arabiſche, welches er hatte ſprechen hoͤren, ſchienen ihm fuͤr Tuͤrken und Araber einige Hochachtung eingefloͤßt zu haben; wenn er aber eine Vergleichung zwiſchen dem Anblicke bei⸗ der Laͤnder anſtellte, konnte er ſich nur mit Muͤhe eines hoͤhniſchen Laͤchelns uͤber Arabien enthalten, waͤhrend er mit ungezuͤgeltem Vergnuͤgen uns das Gemaͤhlde ſeines Geburtslandes entwarf. Vorzuͤg⸗ lich verweilte er gern bei der großen Schoͤnheit einiger der Toͤchter aus der Kaſte der Braminen, welche bloß von Denjenigen zur Ehe begehrt werden koͤnnen, die zu derſelben heiligen Familie, wie ſie ſelbſt, gehoren.„Hoͤrt einmal,“ ſagte er,„ich will Euch eine kleine Geſchichte von der Liebe erzaͤhlen, welche einer der Soͤhne Muhammeds zu einer der ſchoͤnſten dieſer Goͤtzendienerinnen trug.“ 214—q—˖— Die Erzaͤhlung des jungen Mongolen. Ihr werdet mir kaum glauben, wenn ich Euch ſage, daß es in meinem Geburtslande viele Nationen und Sprachen, und Voͤlker von allen Farben, giebt, die wieder in viele Staͤmme getheilt ſind, und auf dieſe Trennung ſo ſtreng halten, daß ſie ſelbſt nicht einmal die Speiſe beruͤhren, die ihnen einer aus ei⸗ ner andern Kaſte zubereitet hat, und wenn ſie vor Hunger umkommen ſollten. So verehren ſie auch den Stier, und halten den laͤppiſchen Affen fuͤr eine ihrer niederen Gottheiten, und beten die giftige Schlange an. Dieſe Voͤlker haben große und ſtatt⸗ liche Tempel von Stein, und alte, auf Baumblaͤtter geſchriebene Buͤcher, und ſind geſchickt in allen nuͤtz⸗ lichen Kuͤnſten und verſchiedener koſtbarer Handarbeit. Sie tragen koͤſtliche Edelgeſteine, und gehen oft nackt, den Schurz um ihre Lenden ausgenommen. Ihre Prieſter verheirathen ſich, und das Prieſterthum erbt auf ihre Kinder fort. Sie haben eine Kaſte, die zum Stande des Kriegers geboren iſt, und allein in den Schlachten ſicht; und der Sohn des Kaufmanns, Toͤpfers oder Landmanns wird gerade wieder das, was ſein Vater war, und heirathet die Tochter eines Mannes, der daſſelbe Gewerbe treibt, wie er. Wie wollt Ihr mir glauben, wenn ich Euch ſage, daß, obgleich dies das Land der Sonne iſt, wir doch Berge haben, die ſo hoch ſind, daß ſie von immerwaͤhren⸗ dem Schnee weiß erglaͤnzen; daß wir Waͤlder haben, — in welchen ſo ungeheure Baͤume wachſen, daß ihre Zweige wieder einen Wald fuͤr ſich ausmachen und Heerden von Elephanten Schutz darunter finden und mit ihrer ungeheuern Kraft ſich an die Staͤmme leh⸗ nen koͤnnen.— Aber den Elephanten kennt Ihr in eueren Gegenden ja ſelbſt nicht. Er iſt ein lebender Berg von Fleiſch, mit Pfeilern ſtatt der Beine, und hat die Kraft von vielen Pferden. Wir bauen Fe⸗ ſtungen auf ſeinen Ruͤcken, und legen Bogenſchuͤtzen hinein, und bekleiden das Thier mit dunkelrothen Behaͤngen, und ſo geht es damit kuͤhn in die Schlacht. Und wir reiten auf ihm zur Jagd, und er ſchuͤtzt uns vor dem wilden, geſtreiften Tiger, und tritt ihn unter ſeine Rieſenfuͤße. Und er hat einen langen, gefuͤgen Ruͤſſel, der ihm vom Kopfe herab⸗ hangt, und deſſen er ſich wie eines Armes bedient. Er kann damit den duͤnnſten Halm und den kleinſten Vogel aufheben, aber auch die umgefallene Kanone, und er kann Mauern damit einreißen, und Baͤume entwurzeln, und ſtarke Maͤnner in die Hoͤhe heben, und ſie ohne Anſtrengung aus dem Wege ſchleudern, und ihre Gebeine an dem Felſen zerſchellen. Und doch ſind ſie klug dieſe Thiere, und haben mehr Ver⸗ ſtand und Sanftmuth, als alle andere, ſo daß ein kleines Kind ſie leiten kann. Dies iſt Ein Wunder meines Landes, aber wir haben deren noch mehrere. — Wir haben breite und maͤchtige Stroͤme, und fruchtbare Thaͤler, gruͤn von jungem Reis, und glaͤn⸗ zend von den Gewaͤſſern die ihn naͤhren; und weite 216 Ebnen, wo Schnitter bei der Arbeit ſich freuen, wenn ſie die Garben des vollaͤhrigen Korns binden; und Felder mit der ſanften, weißen Baumwolle; und Gaͤrten mit ſonnigen Mangoes; und Hügel mit tau⸗ ſenden von weißen Heerden bedeckt, die langſam ih⸗ rem Futter nachgeben. Und tauſend und aber tau⸗ ſend junge Roſſe wiehern auf unſern Wieſen. Und wir haben Staͤdte, wohlhabend und ummauert, ſon⸗ der Anzahl; und Schaͤtze von Gold und Silber, und koſtbare Edelſteine und herrliche Gewebe, und Mi⸗ nen mit glaͤnzenden Diamanten. Ihr laͤchelt,— ich ſage Euch aber, daß dies keine Maͤhrchen ſind, wie eure Erzaͤhler in der Wuͤſte ſie erfinden, ſondern Wahrheit.— Dies iſt nur ein ſchwaches Gemaͤhlde meines Landes. Als der beruͤhmte Acbar, der Herr der Welt und Schatten des großen Allah, herrſchte, kam er einmal bei einer großen Jagd in die Thaͤler voll Felſen und dichten Wald, die Ihr an den hohen und ſtarken Thuͤrmen von Narwha aus erblicken koͤnnt. Um nun dies mannhafte Spiel in ſeiner kuͤhnern Art genießen zu koͤnnen, verbor er, daß die Wachen und Jaͤger ſich in dem Gehege mit Stangen und Fackeln und Geſchrei verbreiten moͤchten, um, wie gewoͤhnlich, das Wild aufzujagen; ja, er beſtieg nicht einmal ſeinen Elephanten, ſondern ritt davon auf ſeinem Perſiſchen Lieblings⸗Roſſe, einen engen Pfad entlang, der ihn, wie der Schall verkuͤndete, zu ei⸗ nem ſeichten Fluſſe fuͤhrte, der uͤber ein ſteiniges 217 Bett ſich ergoß. Nur einige ſeiner Lieblings⸗Om⸗ rahs durften ihm folgen. Ploͤtzlich zeigte ſich auf dem Wege ein Koͤnigstiger der groͤßten Art. Acbar war vor Allen voraus, und allein. Das Thier lag in wil⸗ der Schoͤnheit da, und das gluͤhende Auge und der gerollte Schweif drohte mit dem unheilbringenden Aufſpringen deſſelben. Die Aebar Nachfolgenden hiel⸗ ten ihren geliebten Kaiſer ſchon fuͤr verloren, und erhoben nun ihre Lanzen, um ihn an dem Ungeheuer zu raͤchen, als Aebar, wie ein Pfeil ſein Pferd nach vorwaͤrts ſpornte. Doch ehe das ſtutzende Thier auf ihn herfallen oder ſich wenden konnte, hatte er demſelben ſchon mit ſeinem ſcharfen Schwerte den Todesſtreich gegeben, und es ſtuͤrzte bruͤllend in ſein ſteͤmendes Blut. Selbſt die aͤlteſten Jaͤger hatten noch nie von einer ſo kuͤhnen That auch nur gehoͤrt. Sie riefen laut auf voll Verwunderung, prieſen den gnadenvollen Allah, ſprangen von ihren Saͤtteln, kuͤßten den goldenen Steigbuͤgel Aebars, und er⸗ klaͤrten ihn fuͤr den groͤßten und geliebteſten Diener des hohen Himmels. In dieſem Augenblicke eilte ein Weib aus einem Gebuͤſche von Bambus, das unter dem ſchlanken Rohre und dem hohen Graſe ohnweit dieſer Stelle ſich befand, hervor, ſiel vor Ac⸗ bars Pferd auf die Kniee und flehte folgendermaßen zu dieſem:„O! maͤchtiger Acbar, Du haſt mich zum zweitenmale aus dem Nachen des Todes geret⸗ tet. Aber jetzt, mein Fuͤrſt, bitte ich Dich ſelbſt um den Tod. Laß den Fuß deines Roſſes mich zertre⸗ 218 ten, oder einen Schwertſtreich mich dem Grabe zu⸗ geſellen; denn ich bin uͤberdruͤſſig meines Lebens.“ Acbar hieß ſie aufſtehen und ſich deutlicher er⸗ klaͤren, denn er kannte ſie nicht. 3 Und ſie ſtand auf vor ihm, und ſprach:„Vierzig Monden ſind vergangen, ſeit mein Herr in dieſer Gegend jagte. Und als er dabei ermuͤdet war, legte er ſich nieder unter den Schatten eines Tamarinden⸗ baumes, ganz allein, ohnweit des Palmenhaines, wel⸗ cher der Goͤttin Kali, der Koͤnigin der Zerſtoͤrung, ge⸗ heiligt iſt. Und die Hoheit meines erhabnen Herrn war unter der gemeinen Kleidung eines Jaͤgers ver⸗ borgen, und niemand kannte oder vermuthete ihn. Zur Stunde aber, als die Sonne unterging, kamen die heiligen Braminen und das Volk meiner Kaſte in dem Dorfe und meine ganze Familie dahin, mit dem Leichname meines mir Verlobten, eines bejahr⸗ ten Mannes, der eben geſtorben war;z und ſie errich⸗ teten einen Scheiterhaufen, um jenen zu verbrennen, und auch mich hatten ſie in ein gelbes Gewand ge⸗ kleidet, und mich bedroht und erſchreckt, und gehor⸗ chend ihrem Begehr, ſollte ich mit meinem Gatten verbrannt werden. Da erweckten der Laͤrm der Tam⸗ tam⸗Trommel und das Singen und die Stimme der Menge meinen Herrn, und er ſtand auf, und trat naͤher, und ſah mich, wie ich um den Scheiterhaufen wandelte. Und er ſchrie laut auf mit Donnerſtimme, und durchbrach den Kreis, und ergriff mich bei der Hand, und ſagte, daß ich nicht ſterben ſolle. Und d 219 ob Du gleich allein warſt, und niemand Dich kannte, ſo war dein Anſehn doch ſo erhaben, wie das einer Gottheit, ſo daß niemand Hand an Dich legte. Und einige Reiter kamen aus der Naͤhe herbei geritten, und erkannten deine Stimme. Und ſie zogen ihre Schwerter und wollten herſtuͤrzen uͤber die Menge, aber Du riefſt ſie an, und geboteſt, nicht Hand an⸗ zulegen, und ſprachſt freundlich mit den Meinen und dem Volke meiner Kaſte und den Braminen, und befahlſt, daß ich leben bleiben ſolle. Und aus Furcht vor deiner großen Macht und deinem Zorne ge⸗ horchten ſie Dir. Und ich fuͤhlte mich ſehr gluͤcklich, ob ich es gleich nicht wagte, meine Freude zu zeigen; und ſo lebe ich denn,— aber ach! wie? noch bin ich nicht achtzehn Jahre alt. Ich bin zugleich Witt⸗ we und Jungfrau. Verachtet als Wittwe, ungeſucht als Jungfrau;— man wendet ſich von mir,— ſchmaͤht mich,— legt mir die ſchwerſten und nie⸗ drigſten Arbeiten auf, beneidet mir ſelbſt meinen Un⸗ terhalt. Sie ſenden mich taͤglich in dieſen wilden Wald nach Holz, damit irgend ein reißendes Thier ſie von einem Weſen befreie, das ſie nicht zu ver⸗ nichten wagen, ſo ſehr ſie es auch wuͤnſchen. Sieh hieher, theurer Herr!“— und damit hob ſie einen . Schleier, der einſt weiß geweſen war, jetzt aber gelb und ſchmuzig, und zerriſſen und befleckt, und warf ihn uͤber ihr Haupt zuruͤck, und zeigte, wie all' ihr ſchoͤnes Haar abgeſchnitten worden ſey, und man ſie kahl und geſchoren zur Schande fuͤr ſie gemacht. 220 ⸗ Da gab Acbar Befehl, daß man ſie ſogleich als Dienerin fuͤr eine ſeiner Frauen in ſeinen Palaſt nach Agra bringen ſolle, und ritt zu ſeinen Gezelten und ſandte nach Abul Fazil, ſeinem Miniſter und Freund, und ſie ſetzten ſich zu einander und ſprachen. Der Fuͤrſt war ſehr betruͤbt in ſeinem Gemuͤthe wegen der Erzaͤhlung der Wittwe, die er ſo eben vernom⸗ men, und es fiel ihm ein, in ſeinem edlen Sinne, daß, wenn er alle Geheimniſſe und Myſterien der Religion des Brama ergruͤnden koͤnnte, er im Stande ſeyn wuͤrde, durch ſein ganzes weites Reich viel von jenem Aberglauben, wodurch es entſtellt werde, aus⸗ zurotten, und alle ſeine Unterthanen durch ein ge⸗ meinſames Band der Nachſicht und Liebe feſter mit einander zu vereinen. Dies beſprach er vertraut mit ſeinem treuen Rathgeber, und verlangte deſſen Mei⸗ nung und Beiſtand. Nun hatte aber Abul Fazil ei⸗ nen juͤngern Bruder, Namens Feizi, einen Knaben von ganz beſonderer Schoͤnheit und großen Gaben, erſt zehn Jahre alt. Dieſer kannte ſchon alle Ge⸗ braͤuche und Sitten der Hindu, ſprach deren Sprache, und hatte ihre Art ſich auszudruͤcken mit dem ſchnel⸗ len Nachahmungstalente ſeines Alters aufgefaßt. Der Kaiſer und ſein Miniſter beſchloſſen daher, daß die⸗ ſer Knabe,*) unter der Maske einer armen Waiſe aus dem prieſterlichen Stamme, in das Haus eines gelehrten Braminen, in der beruͤhmten Stadt Be⸗ *) Hiſtoriſch wahr. S. Maurice's Indian Antiquities. — —— 2241 nares, oder Caſi, der glaͤnzenden, eingefuͤhrt, und in allen jenen heiligen Myſterien und geheimen Grund⸗ begriffen ihres Glaubens, welche aller Unterſuchung Trotz zu bieten ſchienen, unterrichtet werden ſolle. Feizi war ein ganz ungewoͤhnliches Kind, dabei aber eitel und ehrgeizig. Mit Freuden ging er auf den Vorſchlag ein, und verſprach, das beſte Werkzeug zur Ausfuͤhrung des Vorhabens ſeines Fuͤrſten zu wer⸗ den. Schon konnte er das Roß lenken, ſchon das Schwert ſchwingen. So ſchwach auch der Bogen ſeyn mußte, den ſein Knabenarm ſpannen konnte, ſo hatte er doch ſchon eine Antelope auf der Jagd er⸗ legt, und ſein Lehrer bruͤſtete ſich damit, daß er den heiligen Koran und die Fabeln vom Papagei ſchon zweimal durchgeleſen habe. Auch beſaß er eine ſo große Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, daß weder Freude noch Verdruß, weder Liebe noch Haß, weder Furcht noch Entzuͤcken, auf den milden und ſtets beherrſch⸗ ten Zuͤgen ſeines jugendlichen Geſichts ſich zeigten. So ging er denn fort im vollſten Vertrauen, den Wunſch ſeines Goͤnners zu erfuͤllen, und feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich von nichts abhalten zu laſſen, ſeinen Plan auszufuͤhren, und ſich ſo hoch in Acbars Gunſt zu ſchwingen, als er jetzt die Ausſicht dazu vor ſich liegen ſah. Als er in das Haus des alten Saradwata trat, das in einem kleinen Bananen⸗Garten, am andern ufer des Ganges, der Stadt Benares gegenuͤber, lag, fuͤhlte er ſelbſt als Knabe doch, daß der Unterſchied 222 zwiſchen einem Palaſte und einer Huͤtte nicht ſo groß ſey, wie er ſich ihn vorgeſtellt hatte. Der Bramine lag auf dem beſchatteten Sitze vor ſeiner Thuͤre, ſtand auf, als er ſeinen jungen, verwaiſ'ten Zoͤgling ſich nahen ſah, und bewillkommte ihn mit wohlwollendem Laͤcheln. Er war bejahrt, doch ohne ein graues Haar, denn er war ganz ge⸗ ſchoren. Er trug bloß ein Tuch um die Lenden, und ſtellte ſo den nackten Philoſophen ſeines Volks vor, der nach ihrer Meinung weit uͤber die vornehm⸗ ſten Erdenfuͤrſten erhaben iſt. Feizi faltete die Haͤnde und breitete ſie nachher aus, dann ſtreckte er ſie von ſich, ergriff ſeinen Fuß und beruͤhrte ihn mit ſeinem Haupte. „Willkommen,“ ſagte Saradwata;„wenn Du mit duͤrſtender Lippe zu dem Ocean der Weisheit kommſt, ſollſt Du trinken und des Genuͤge haben. Du mußt deinen Gaumen mit dem zufriedenſtellen, was einfach iſt an Geſchmack, und dein Auge mit der Schoͤnheit der goͤttlichen Dinge, dein Ohr mit demuͤthigem Lernen; und deinen Geruch muß nur der Weihrauch der Tugend befriedigen. Denn Getraͤnk, welches be⸗ rauſcht, und Schoͤnheit, die vergaͤnglich iſt, und Un⸗ anſtaͤndigkeiten, welche entſlammen, und koͤſtliche Ge⸗ ruͤche, welche die Sinne bewaͤltigen und verfuͤhren, finden keinen Eingang hier.“ Nun rief er, und aus der Huͤtte traten ſein Weib, und mit ihr ein kleines Maͤdchen von fuͤnf Jahren, und ſie brachten zwei große Portionen ſchneeigen Reißes, auf dunkelgru⸗ —7† — 223 nen, glaͤnzenden Blaͤttern, die mit Faͤden von Baſt aneinander genaͤht waren, und ſtellten ſie vor Feizi, und laͤchelten ihm zu, und Saradwata ſagte:„Iß,⸗ mein Sohn!“ und Feizi antwortete: Ich kann in deinen Augen leſen, daß Du zu Denen gehdoreſt, wel⸗ che ſich wohl erinnern, daß, ſo wie die Sinnpflanze bei der leiſeſten Beruͤhrung zuſammenſchrumpft, ſo auch ein unfreundlicher Blick auf dem Geſichte des untergebenen Gaſtes Bekuͤmmerniß erweckt. „Mein Sohn, Gaſtfreundſchaft gern zu ſpenden, erwirbt uns den Segen von Lethima, unſerer Goͤttin.“ Moͤge der mildherzige Mann nie wiſſen, was ein Feind ſey! erwiederte Feizi. Dieſe wenigen Worte Feizi's erfreuten den alten Mann ſehr, und die ſo fruͤh ſich entfaltenden Kennt⸗ niſſe ſeines Zoͤglings belobend, wies er auf Weib und Kind, und ſagte:„Dieſe da, mein Sohn, iſt deine Mutter, und dieſe deine Schweſter, und dieſe Waͤnde ſind deine Heimath!*— So lebte denn Feizi mit ihm wie ein Sohn, und im Laufe von zehn Jahren ward er Meiſter in der Sanſkritſprache, und vollkom⸗ men in jedem Zweige der Kenntniß und in jeder re⸗ ligiͤfen Wahrheit oder Myſterie, welche in dieſer heiligen Sprache verhuͤllt lag. Nun war die Zeit erſchienen, wo der Kaiſer Feizi's Ruͤckkehr ungedul⸗ dig erwartete, und Abul Fazil ſandte heimlich einen Boten ab, der von ihm begehren ſollte, daß er alſo⸗ gleich an den Hof des Fuͤrſten komme, und ſo weit 224 ſie ihm bekannt waͤren die Hauptlehren des Glaubens der Braminen ihm eroͤffne. Es war in der Abendſtunde, als Mirza, Feizi's voriger Lehrer, welchem Abul Fazil dieſe Bothſchaft anvertraut hatte, in einem kleinen Kahne, ohne wei⸗ tere Begleitung als ſeinen Schiffer, bei einer Stelle ohnweit des Dorfes Ramnagur, der Stadt Benares gegenuͤber, ankam.— Hier landete er, ging allein weiter, breitete ſei⸗ nen Teppich am ufer auf einer einſamen Stelle aus, und ſetzte ſich, nachdem er ſeine Abwaſchungen ge⸗ halten, und das Opfer ſeiner abendlichen Andacht gebracht hatte, dort nieder. Dann nahm er eine kleine Muͤnze aus ſeinem Guͤrtel, und ſandte ſeinen Bootsmann ab, um ihm einen Buſch von den gelben Piſangfruͤchten und einen Krug mit friſcher Milch zu holen. Von dem Platze aus, wo er ſaß, konnte er die alte Stadt Benares ſehen, wie ſie in hohem Stolze und heiliger Schoͤnheit an den ufern des geheiligten Ganges ſich erhob. Zahlreiche Pagoden ſtiegen mit ihren pyramidaliſchen Thuͤrmen weit hoͤher noch em⸗ por, als ihre hohen Haͤuſer, und ſtrebten in den blauen Himmel, wie die Gebete Derer, welche ſie er⸗ bauten. Unmittelbar ihm gegenuͤber gingen viele breite und ſchoͤne Treppen zu dem Fluſſe hinab, und auch an anderen Orten den Fluß entlang fuͤhrten Pfade zu demſelben. Ihm kam es vor, als ob die ganze Bevoͤlkerung dieſer herrlichen Stadt in Bewe⸗ gung — 225 gung ſey nach den Ufern zu, und an das Waſſer. Tauſend weibliche Geſtalten, koͤſtlich und reich geklei⸗ det, mit Gefaͤßen von blankem Erz, ſtiegen zu dem gefeierten Strome hinab, oder von ihm herauf, oder beugten ſich uͤber die Gewaͤſſer, oder badeten ſich dar⸗ in, oder gingen an ihnen umher, oder tauchten Hals⸗ und Armbaͤnder von weißen, ſanft duftenden Mugriblumen, oder Kraͤnze von der gelben, tulpen⸗ foͤrmigen Chumpa darein, und zogen ſie dann mit hellen Tropfen wieder heraus, oder wuſchen ihre leichten, duͤnnen Gewaͤnder, und gingen dann einher mit dem feuchten Muſſlin, der ſich in dicht anſchlie⸗ ßenden Falten um ihre, nach dem Muſter vollkomm⸗ ner Schoͤnheit gebildeten Formen legte. In abgeſonder⸗ ten Gruppen tauchten die maͤnnlichen Braminen jeder Klaſſe und jedes Alters, von den Bejahrten und Hin⸗ faͤlligen und Gerunzelten bis zu den kleinen runden Gliedern des juͤngſten Knaben, ihre Koͤrper in den Fluß, und man konnte ſehen, wie alle die Gebraͤuche des Gottesdienſtes und der Gebete beobachtet wurden, und tauſend froͤhliche Toͤne und anmuthige Stimmen als Dankpſalmen froher Herzen und erfuͤllter Pflicht hoͤren, aus dem beſeligenden Gefuͤhle entſpringend, welches auf alle ihre reinigenden Uebungen folgt. Allah ſey geprieſen rief Mirza, Allah ſey ge⸗ prieſen! Und Thraͤnen fuͤllten ſeine bejahrten Au⸗ gen. Sie beten Dich, o Vater, zwar nur in Blind⸗ heit an, aber ſie beten Dich doch an. Du hoͤrſt von deinem hohen Throne das halb leiſe Klopfen jedes II. P 3 Menſchenherzens, dankbar zu Dir aufgewendet; und die Stimme des Schuldloſen und der Jugend iſt Muſik, von welcher deine Engel ſich nicht hinweg wenden, und die Thraͤne des reuigen Suͤnders iſt eine Perle, welche mehr wiegt vor deinen Augen, als alle die koͤſtlichen Opfer der Millionen von Altaͤ⸗ ren, welche jene armen Goͤtzendiener Dir zur Ehre erbauen. Segne, maͤchtiger Allah, ſegne das Vorha⸗ ben deines Dieners Acbar, des Herrn der Welt, wel⸗ cher darnach ſtrebt, dieſe irrenden Kinder durch das Wort der Weisheit, nicht aber durch das des Spot⸗ tes, durch die gruͤnen Zweige des Friedens, nicht aber durch das rothe Schwert der Verfolgung, auf den rechten Weg zu leiten. Als er ſo ſprach, beugte er ſein Haupt zur Erde. Der Schiffer kam zuruͤck, und ſetzte vor ihm, auf ein breites, ſeidenes Bananenblatt, roth und gelben Pi⸗ ſang, groß und reif, und zertheilte ihm die maͤchtige Pompelmuß, mit ihrem roſigen Kerne und koͤſtlichen Safte, und uͤberlieferte ihm in einem kleinen Gefaͤße, friſch aus des Toͤpfers Hand kommend, die weiße Milch, eben erſt gepreßt aus dem vollen Euter der zum Stalle ruͤckkehrenden Kuh. Und Mirza aß von dieſem einfachen Mahle in ruhiger Zufriedenheit, und ſtellte ſich, als er ſo in frohem Bewußtſeyn traͤumte, bey ſich ſelbſt vor, wie der Knabe Feizi, ſein Zoͤgling, den er belehrt und geliebt hatte, jetzt ein Mann ge⸗ worden, und bereits in dem ſonderbaren Schauſpiele des Lebens eine wundervolle Rolle geſpielt habe, und 1 227 jetzt wahrſcheinlich im Begriff ſtehe, die hoͤchſten Be⸗ lohnungen und Ehren zu erhalten, und ſeiner ausge⸗ zeichneten Beſtimmung naͤher zu treten. Unweit des Baumes, unter welchem Mirza ſaß, bemerkte er einen kleinen Altar, der, wie er aus deſ⸗ ſen Symbolen erkannte, dem Gotte Siwa, dem Zer⸗ ſtoͤrer, geweiht war, und aus dem kleinen Haine da⸗ hinter ſah er drei weibliche Geſtalten ſich dieſem nahen. Mirza war ein Mann, welcher alle Religio⸗ nen achtete, und lieber ein menſchliches Weſen in Demuth ſich vor einem Steine oder einem Haufen in der Sonne getrockneten Kothes niederwerfen, als mit Stolz und einem hochmuͤthigen Hohne voruͤber⸗ gehen, und vertrauenslos zu dem geſtirnten Himmel aufblicken, und laͤcheln ſah uͤber den unſichtbaren Gott. Er ging alſo an die andere Seite des Bau⸗ mes, um Jener Andacht nicht zu ſtoͤren oder zu un⸗ terbrechen. Da er aber doch neugierig war, die Art ihres Gottesdienſtes zu ſchauen, ſo blickte er unver⸗ wandt auf den Altar und die Nahenden. Die Hauptgeſtalt feſſelte aber ploͤtzlich ſeinen Blick. Dies war ein Braminiſches Maͤdchen von funfzehn Jahren. Ihre Farbe war in dem hellen, goldgelben Tone, welcher die hoͤchſte Klaſſe, das reinſte Blut, die Toͤchter der Sonne, bezeichnet. Auch ihr Gewand zeugte fuͤr ihren erhabnen Rang. Ein eng⸗ aanliegendes kurzes Oberkleid von blaßrother Farbe, das von ſehr feinem Gewebe und mit goldnen Blu⸗ men durchwirkt war, bedeckte kaum die jugendliche P 2 228 Bruſt und die ſchoͤn geformten Schultern. Ueber ih⸗ ren reizenden Wuchs breitete ſich ein ſehr langer Shawl von Muſſlin, ſo durchſichtig und zart, wie aus Luft gewoben, der vorn in reichen und anſtaͤndi⸗ gen Falten herabſtel. Oben aber, wo er Kopf und Haals bedeckte, und unten, wo er uͤber die zarten Kniee ſank, verſchleierte er nicht mehr, ſondern mil⸗ derte nur fuͤr das Auge die lebenswarme Lieblichkeit dieſer Theile. Ihr runder Nacken war glaͤnzend wie die heilige Muſchel des Wiſchnu, ihre Stirn hoch und frei, und ruhig, wie die Schoͤnheit des mitter⸗ naͤchtlichen Mondes; ihre Augenbrauen gezogen, wie der Bogen des knabenhaften Gottes, und Strahlen gingen aus von ihren ſchwarzen Augen, wie die ſchnellen Pfeile, womit er die jungen Herzen verwun⸗ det. Ihre Zaͤhne waren wie die milchweißen Blu⸗ men, und ihre Lippen wie die dunkelrothen Fruͤchte der Guava, und das Innere ihrer zarten, ſchoͤnen Haͤnde, und die kleinen Sohlen ihres ſchmalen Fuͤß⸗ chens waren gerdthet, als ob ſie die Nelkenroſen von Ghazipur gepfluͤckt haͤtte, oder mit leichtem, hin⸗ ſchwebenden Schritte uͤber die ſcharlachnen Knospen des heiligen Cuſagraſes gegangen waͤre. Ihr Haar glaͤnzte dunkel und voll, und ein goldner Reif ſtrahlte aus ihrem nach hinten ſchoͤn geordneten Haare. Und ihre Ohrringe und Halsketten und Armſpangen und Ringe um die zarten Knoͤchel waren von Perlen und Gold. Sie hielt einen Gebetkranz von heiligen Kuͤgelchen in der einen, und ein Gefaͤß mit Waſſer 229 und Blumen in der andern Hand. Nichts konnte anmuthiger ſeyn, als ihr reizendes Einhergehen. Sie laͤchelte auf die Maͤdchen neben ſich, und Mirza's Augen blendete ihre Schoͤnheit, wie ein ſtrahlender Dolch, der ploͤtzlich der Scheide entruͤckt wird. Als ſie vor dem Altare ſtand und das heilige Waſſer aus dem goldenen Gefaͤße goß, und damit die fuͤß duftenden Blumen benetzte, und ſie um das Sym⸗ bol des Gottes her ſtreuete, verbreitete ſich rings um ein feiner Wohlgeruch, und Mirza ſog ihn mit Ver⸗ gnuͤgen ein, und erhob ſeine Stimme und rief aus: Allah, hier betet ein reines, unbeflecktes, keuſches Kind in der Unſchuld ſeines Herzens an, und weiß nicht was! Sey Du ihr Lehrer, ihr Erhalter, rette ſie von den unreinen Gebraͤuchen des Siwa. Rette ſie von den Flammen jener fuͤrchterlichen Scheiterhaufen, auf wel⸗ chen dieſe Goͤtzendiener Dir das verhaßte Opfer der Ungluͤcklichen des lieblichen Geſchlechts bringen, die von der Wiege bis zum Grabe, die ſchwachen, freund⸗ lichen, huͤlfloſen Sklaven des unſrigen ſind. Aber hier ſchwieg er und horchte auf, denn er hoͤrte eine ſanfte Stimme, gleich der des ſingenden Vogels, wenn er ſeine wirbelnden Melodien von den ſchimmernden Bluͤthen ſeines Lieblingsbaumes ergießt. Und ſie ſagte zu ihren Begleiterinnen:„Wie gluͤck⸗ lich iſt doch mein Leben! Es gleicht dem Lotus, der froͤhlich und ſicher an einem ſtillen, verborgenen Ufer erbluͤht, unter dem Schatten eines heiligen Baumes. So ich, unter meinem geliebten Vater. Sein Dach 230 iſt mein Ruheplatz, ſeine Bruſt mein Zufluchtsort.“— Sprich vielmehr, entgegnete eine der jungen Gefaͤhr⸗ tinnen, es gleicht der jungen Antelope, aufgezogen in einem heiligen Haine, die von keiner Hand etwas zu fuͤrchten hat, und ſpielt und ſcherzt, und Allen ſie leckt in Liebe und Unſchuld. „Und welche Hand ſollte ich auch fuͤrchten? Pri⸗ hamwada! etwa die Deine?“— und ſie neigte ſich ſpielend darauf und kuͤßte ſie,—„bder die meiner geliebten Reti?“— und ſie wandte ſich und ſchlang den jugendlichen Arm um Reti's gebeugten Nacken, und kuͤßte deren ſonnige Wange. Weder meine noch jene. „Alſo die des alten, grauen Sarngarawa, mei⸗ nes Vaters aͤlteſten Freundes? oder die des blinden, runzligen Eremiten, der auf ſeiner Wildhaut unter dem alten Baume bei dem haͤßlichen Bilde des Ga⸗ neſa ſitzt?“ Nein, nein, bis jetzt haſt Du ihn noch nicht ge⸗ nannt, den wir meinen. Iſt Dir denn ſonſt niemand lieb und werth?— Siehſt Du ſonſt niemand taͤglich und ſtuͤndlich, und ſieht nicht eben ſo oft jemand recht freundlich nach Dir. Du haſt Vaſanta gewiß nicht vergeſſen, haſt ihn gewiß noch lieb! „Iſt denn nicht Vaſanta ſo gut wie ich ſelbſt⸗ — mein zweites Ich? Soll ich denn meine eigene Hand kuͤſſen? Das waͤr' ja daſſelbe; doch nein, es waͤre ſuͤßer und nicht ſo albern, die ſeine zu kuͤſſen. — Er iſt mein Bruder, wir ſind zuſammen aufge⸗ 231 wachſen, haben zuſammen geſpielt, zuſammen zu mei⸗ nes Vaters Fuͤßen geſeſſen, und auf deſſen Weisheit gehoͤrt.“ Ja, ja, liebe Letchima, das haſt Du in Unſchuld und Unwiſſenheit viel zu lange gethan. Er iſt frei⸗ lich dein Bruder, aber ſeine Beſtimmung iſt es nicht, unter dem Schatten der Baͤume muͤßig zu ſitzen. Er hat vieles zu thun, was ſich gehoͤrt fuͤr einen Mann. Eben hoͤrte ich, daß er nun bald in ein thaͤtiges geben treten werde, hoͤrte von weiten Reiſen und Pilgrimſchaften und Gefahren, und daß er in be⸗ ruͤhmten Staͤdten viele gelehrte Weiſe beſuchen werde. Du mußt Dich weniger an ihn haͤngen, weniger ihn lieb haben, dann wirſt Du ſeinen Verluſt leichter er⸗ tragen. „Was? Priyamwada! Vaſanta ſoll mich verlaſ⸗ ſen? ſeine Schweſter verlaſſen? O! das kann nicht ſeyn. Wir ſind wie zwei Fluͤgel. Der eine kann nicht fliegen ohne die Huͤlfe des andern.— Ich ihn weniger lieb haben? Sieh nur, Vaſanta, hoͤre ihn nur, und dann ſage mir, wie ich das anfangen ſoll.“ Letchima, ich weiß, daß Du die Götter fuͤrchteſt, und die goͤttliche Mutter, welche deinen Namen traͤgt, liebſt. Und ſo ſage ich Dir denn, daß Du dein Herz von dieſer heftigen Neigung fuͤr deinen Bruder Va⸗ ſanta losmachen mußt. So etwas kann nicht ſchuld⸗ los,— nicht gluͤcklich ſeyn. „Es iſt ja gluͤcklich, es iſt ja ſchuldlos: aber ihr ſprecht dunkel und unfreundlich.“ 232 Hore mich, Letchima, ich bin nicht unfreundlich, ich koͤnnte es ja nie gegen Dich ſeyn. Ich habe nichts auf der Erde geſehen, ich kann mir nichts im Himmel denken, das ich ſo liebte, wie Dich. Das Schickſal hat mich zum jungfraͤulichen Leben beſtimmt, und, Dank ſey dem Himmel, eben ſo auch meine Wahl; und auf dieſe Art, nur die zarte Blumenwelt liebend, waͤſſernd die durſtige Pflanze, beſchauend die bluͤhende Waſſerlilie, anknuͤpfend die duftende Winde, die ſich mit zarter Anmuth um den ſchattigen Amra⸗ baum ſchlingt, liegt mein ganzes Entzuͤcken in Hai⸗ nen und Gaͤrten, wo ich mir in jedem ſchoͤnen Ge⸗ waͤchſe das Bild und die Macht der großen Bhawani, der Mutter aller Dinge, vorſtelle. Du aber biſt mir die ſichtbare Goͤttin meiner kleinen Welt, eine ſchoͤne Apſara, entflohen den himmliſchen Raͤumen Indra's, und unſerer Liebe hier unten verliehen. „Sprich nicht ſo thoͤricht und kuͤhn, Priyamwada; ſo preiſt die zaͤrtliche Reti ihre goͤttliche Mutter, den geliebten, jugendlichen Cama, den Sohn der Maya.“— Ja, ich muß ſo mit Dir reden, denn ich habe Dir ein Geheimniß zu entdecken, das Dich tief ver⸗ wunden wird, wie der Pfeil die Seite des jungen Rehes. „Das Herz ſchlaͤgt mir, und mein rechtes Auge zittert.— O weh, das iſt ein boͤſes Vorzeichen, welches der Himmel abwenden wolle! Doch hoͤre: In ver⸗ — ——, 3 —xr —— 233 gangener Nacht ſaß ich auf den tieferen Stufen der heiligen Ciſterne, hinter dem Tempel, und bewachte die Lotosbluͤthen, die auf der Oberflaͤche ſchwammen, — denn in dem Halbdunkel der Nacht ſcheinen ihre Bluͤthenkronen von Roſenfarbe, oder blaſſem Gelb, oder reinem Weiß, ſanft wie heilige Gegenſtaͤnde,— und ich wand Mugriblumen zum Feſte des Durga, und ſprach fluͤſternd Mantras mir ſelbſt vor. Der Mond, kaum ſeit dreizehn Tagen wieder ſichtbar, ſtieg uͤber die ſchlanken, ſchwarzen Baͤume, wie im ſilbernen Bogen, herauf, als eine Stimme, ganz nahe bei mir, folgende ſonderbare Worte ſprach:„Sey mir willkommen! ich begruͤße deine wachſende Geſtalt. Ich liebe ſie, und ich ſchaue ſo gern auf mondfoͤrmig gereihte Schaaren mit Mondesſchildern und Mon⸗ desſchwertern;— mein Werk iſt nun bereits gethan, enden kann meine lange Verſtellung. Ich kann die Maske abwerfen und ruͤckkehren zu den Palaͤſten und ſeidenen Gezelten, und als dein Bekenner leben, Muhammed, du einziger Prophet des einzigen Got⸗ tes. Der Glaube der Braminen birgt kein Geheim⸗ niß, das nun nicht auch das meine waͤre. Ich kenne die reinen und hohen Wahrheiten, welche die aͤlteſte ihrer Vedas lehrt. Ich kenne die ſinſteren Verderb⸗ niſſe ihrer Prieſter, und habe ſie durchſpaͤht. Ich komme, maͤchtiger Acbar, dieſe Geheimniſſe deinem koͤniglichen Ohre anzuvertrauen, und deiner Macht und Weisheit eine Bahn zu ebnen, ihre Tempel von befleckenden Gebraͤuchen zu reinigen. Aber bitten 234 will ich Dich, es mit Schonung zu thun, denn ich liebe dieſes Volk. Ja, ob ich mich gleich darnach ſehne, den muͤßigen, regungsloſen Sitz unter dem Huͤttendache zu verlaſſen, und mich in den kriegeri⸗ ſchen Sattel zu ſchwingen, und den langweiligen Ton oft wiederholter Wahrheiten mit der lauten Stimme ſchmetternder Trompeten zu vertauſchen; ſo verehre und achte ich doch Saradwata eben ſo wie den guten Mirza, der meine Kindeslippen lehrte, den maͤchtigen Allah anzurufen. Ehe Du dreimal wieder deine ſilberne Schale fuͤllſt, ſchoͤner Planet, werde ich forteilen von hier, zu den rothen Thuͤr⸗ men Agra's.“ Letchima ſiel ohnmaͤchtig an Reti's Buſen, und ihre breiten Augenlieder verhuͤllten die Schoͤnheit ihrer ſchimmernden Augen, waͤhrend das Waſſer des Kummers von ihren langen ſchwarzen Wimpern tropfte. Blick' empor, meine Letchimal 5 „Nein, nein! der Baum meiner Hoffnung iſt ge⸗ brochen.“ So hoͤre weiter. Eine Zeit lang ſchwieg Va⸗ ſanta, denn jetzt erkannte ich ſeine Geſtalt auf den hoͤheren Stufen. Endlich weinte er laut und ſprach ſo von dir:„Ach, Letchima! Du liebſt mich wie dei⸗ nen Bruder, liebſt lmich, wie einen Bramachari, und ich Dich wiederum mit tauſendfach heißerer Liebe noch. Du ſollſt, Du kannſt, Du mußt die Meine ſeyn. Dich kann ich nicht laſſen,— Du biſt mein Lohn; —,— 23⁵ das Leben meines Herzens, die Hoffnung, deſſen Blatt, Knospe und Bluͤthe ich bewacht habe, als waͤre es— und es iſt dies ja auch— eine Pflanze des Paradieſes. Nicht dahingeben will ich die Frucht einer ſo ſchoͤnen Verheißung; das Klopfen ihres keuſchen Herzens, das in inniger Liebe zu mir ſchlaͤgt, nicht dahingeben fuͤr allen Reichthum und alle Macht Aebars. Der Thron und Himmel des gefuͤrchteten Indra, wie ſie ihn ſchildern, waͤre Armuth dagegen.“ Letchima hatte ſich bis dahin auf Reti's Schul⸗ ter gelehnt; jetzt wandte ſie ſich und verbarg ihr Ge⸗ ſicht daran, und umſchlang ſie und druͤckte ſie krampf⸗ haft an ſich. Endlich erhob ſie ſchweigend ihre truͤ⸗ ben Augen, und konnte vor Schmerz nicht ſprechen. Deinem alten Vater— ſprach Priyamwada weiter— wird dieſer Schlag Schande und Tod bringen, unſeren Goͤttern Schmach, unſerm Volke Verrath,... und Dix.... 4 „Weh, nur Weh m Ich kann mein Herz nicht aͤndern. Es iſt voll von ihm,— iſt es geweſen durch lange ſchuldloſe Jahre. Er iſt kein Heuchler, er kann es nicht ſeyn. Er liebt nur gute und edle Ge⸗ danken und ſpricht nur von ſolchen,— und er liebt alle gute Maͤchte, die uͤber den Sternen walten. Das weiß ich, denn ich habe ihn geſehen die Augen zu ihnen erheben, und ſie ſtrahlen von Dank und Preis. Und er betet auch. Denn ich bin ihm nach⸗ geſchlichen in ſeine Einſamkeit in der Tiefe des Wal⸗ des, und habe ſeine Sinne ſich demuͤthigen hoͤren, 4 236— und ihn das Haupt beugen ſehen in den Staub. und ſagte er denn nicht, daß er mich noch immer lieben werde?— Ach, nein, nein, es kann nicht ſeyn! und waͤre es doch,— Vaſanta iſt mein Bru⸗ der. Sieh, dort kommt er her. Wie die Mahdawi⸗ Pflanze will ich ihn umſchlingen, und er wird uns nicht verlaſſen. Ich koͤnnte, moͤchte nicht allein leben! Von dieſem Baume meiner Liebe getrennt, wuͤrde ich das Haupt neigen, meine Blaͤtter wuͤrden welken und die geknickte Pflanze ſterben.“ Mirza ſtand auf und lehnte ſich eifriger vor, denn er ſehnte ſich darnach, den folgſamen Knaben zu ſehen, der im kindlichen Alter zu ſeinen Fuͤßen geſeſſen hatte. Und ob er gleich heran gewachſen war zu der vollen Manneshoͤhe, mit der erhabenen, gedankenvollen Stirn und dem Auge voll ernſter Schoͤnheit, und der vorſtehenden Naſe edlen Stolzes, und der breiten Bruſt der Kraft, und den ſtarken und doch ſo gelenken Gliedern, erkannte ihn Mirza doch, erkannte ihn an dem Laͤcheln, das auf ſeinen Lippen ſpielte, als Letchima liebend in ſeine Arme flog, und der ſorgenvolle Mann ſich eine Zeit lang vergaß in dem vollen Glanze gluͤcklicher, kindlicher Freude. „⸗Vaſanta, Vaſanta, Du wirſt mich nicht ver⸗ laſſen! Sie ſagen mir zwar, daß Du fortgehen willſt, — ſie ſagen mir, Du ſeyſt nicht mein Bruder! Ach wir werden ſterben.— Mein Vater und Letchima werden ſterben.“ † 237 Feizi ſtaunte, zitterte und entwand ſich Letchi⸗ men: Woher weißt Du das? Maͤdchen! Welcher Sterbliche entdeckte dir das? Oder haben es die Maͤchte der Luͤfte verrathen?— Es iſt wahr, daß ich nicht dein Bruder bin, deine Götter ſind nicht die meinen, mein Vaterland iſt weit von hier, und ich gehe wieder in daſſelbe. Aber Du, Letchima, mußt mit mir dahin ziehen. Suͤß wie die Stimme der Cocila*) dem liebenden Raſala, iſt mir die deine. Gleich ihm kann ich nicht bluͤhen, kann nicht leben ohne Dich. Dies iſt unſere Beſtimmung. Dich hat mir der Himmel dort oben beſchieden. „Nun moͤge die Mutter der Goͤtter mir verzeihen, oder mich toͤdten! Vaſanta, ich habe von alle dem ſchon getraͤumt. Ich lag im vergangenen Ernte⸗ mond auf unſerm Terraſſendache und ſchlief, und in einem Traumgeſichte ſielen liebliche Blumen auf mich herab, von ungeſehenen Haͤnden geſtreut, und ſchoͤne Voͤgel ſangen, und herrliche Schmetterlinge flatterten, — und dann kam ein reizendes Kind; es flog auf einer Lury, deren Federn ganz golden, roth und purpurfarben waren, und einen Bogen trug es von Zuckerrohr und Blumen, und Pfeile in ſonnige Bluͤ⸗ *) Ein Indiſcher Singevogel. In Beziehung auf dieſe Indiſchen Bilder verweiſen wir auf die Sacontala, die Ge⸗ ſchichte von Nella Rajah und mehrere Mittheilungen in den Asiatic Researches. Hieraus wird ſich ergeben, wie viel zu der einfachen, wohlbekannten Erzählung von Feizi hinzu ge⸗ than worden. 238 then getaucht. Und es ſpannte ſeinen Bogen mit einer Senne, ganz mit ſtechenden Bienen beſetzt, und zielte mit einem Pfeil auf mein Herz. Ich wußte wohl, daß es Lama ſey, und lachte. Maya und Reti, ſeine Mutter und Gemahlin, ſtanden bei ihm und laͤchelten mir zu. Da erhob ſich ploͤtzlich aus der Wolke von Blumen und Voͤgeln und Schmetterlin⸗ gen eine Geſtalt, und blickte auf mich. Kaum aber weilte mein Auge auf ihr, als ich einen ſtechenden Schmerz im Herzen fuͤhlte. Da lachte Lama, und flog hinweg. Aber Reti kam naͤher, und nahm mich bei der rechten Hand, und legte ſie in die Hand Deſ⸗ ſen, den ich im Traume ſah, und band beide mit dem heiligen Cuſa⸗Gras zuſammen. Und ich trug ein neues Gewand, und als ich nieder ſah, bemerkte ich, daß der Zipfel meines Mantels an den des Juͤng⸗ lings befeſtigt ſey, und der Juͤngling glich ganz mei⸗ nem geliebten Vaſanta. O ſage nun nicht, daß meine Göotter nicht auch die deinen ſeyen. Das iſt nicht wahr, denn ich liebe ſie, und ſie lehren mich, Dich zu lieben, Vaſanta. Liebe mich alſo auch, liebe mich, und gehe nicht fort. Sieh, dort kommt mein alter Vater und ſucht uns,— ſag' ihm, daß Du ihn nie verlaſſen willſt, ſey ihm ein Sohn, ſey mir der Sohn meines Herrn!“ Maͤdchen, nicht laͤnger kann ich in der Huͤtte weilen: der maͤchtige Allah zuͤrnt uͤber mein Zoͤgern. Muhammed, der große Prophet Gottes, ruft mich in jedem Tone, den ich hoͤre;— der koͤnigliche Aebar 239 ſitzt ungeduldig auf ſeinem Throne,— flieh mit mir, Letchima, laß mein Herz deine kuͤnftige Heimath ſeyn. „Grauſamer Vaſanta; ich kann und will den Buſen meines Vaters nicht verlaſſen. Wie koͤnnte ich leben auf fremdem Boden, wenn ich wuͤßte, daß mein Vater trauerte und ſterbend laͤge?“ In dieſem Augenblicke nahte ſich der ehrwuͤrdige Saradwata. Obgleich hohen Alters, ſtand er doch aufrecht und ging feſt, obſchon langſam, einher. Die Falten eines Jahrhunderts entſtellten ſeinen nackten Koͤrper. Ein blaſſes, fiſchfarbiges Tuch wand ſich um ſeine Lenden, und der Strick des heiligen Zen⸗ naar hing herab von ſeinen knoͤchernen Schultern. Als Mirza die edle Geſtalt und die ſanfte Marmor⸗ haut Feizi's damit verglich, dachte er mit einem Seufzer an das Gewicht ſeiner eignen Jahre; aber als er wieder auf die ruhig milden Augen Sarad⸗ wata's blickte, und auf das raſtloſe, unruhige Be⸗ wegen der ſchwarzen, glaͤnzenden Kugeln, die unter den jugendlichen Brauen Feizi's rollten, fuͤhlte er, daß das Alter uͤber die Welt triumphirt, und daß eine ſuͤße Wehmuth darin liegt, leidenſchaftlos auf dem Gipfel des ſteilen Huͤgels zu ſtehen, zu dem wir Alle anklimmen muͤſſen, und nun freundlich zuruͤck zu ſchauen, ehe wir den naͤchſten und letzten Schritt thun, der uns in unſer Grab fuͤhrt. Wer beſchreibt aber Mirza's Kummer, als Feizi ſich nun ſelbſt zu Saradwata's Fuͤßen warf und das 240— Geſtaͤndniß ſeines langen Betrugs, ſein Vorhaben und deſſen Ziel aus warmem Herzen ergoß. Lange ſtand der alte Mann, bildſaͤulengleich, in ſchweigender Abſpannung da. Dann riß er ſich her⸗ aus aus ſeinen furchtbaren Traͤumen, und ſchaute flehend zum Himmel empor, und wieder herab, mit vorwurfsvollem Zuͤrnen auf Feizi. Er ſprach kein Wort, ſondern zog einen Dolch, der in den Falten ſeines Guͤrtels verborgen war, und wollte ſich ihn ſelbſt in die Bruſt ſtoßen. Der erſchrockene Juͤng⸗ ling hielt jedoch den ſchon gehobenen Arm. Dann aber knieete er wieder vor ihm nieder, und ſchwur ſein vorgehabtes Verbrechen mit allen Strafen der haͤrteſten Buͤßungen zu ſuͤhnen, wenn er ihm verſpre⸗ chen wolle, nichts gegen ein ſo geheiligtes Leben, wie das ſeinige, zu unternehmen. Jetzt brach der ehrwuͤr⸗ dige Bramin in Thraͤnen aus, und fragte in tief be⸗ wegtem Tone, ob er ihm zwei Bitten gewaͤhren wolle. „Verſprichſt Du mir dies,“ ſagte er,„ſo will ich le⸗ ben und Dir verzeihen.“ Mit feurigem Entzuͤcken verſprach Feizi ihm feier⸗ lich, ſeinen Willen zu befolgen. „So uͤberſetze denn die Vedas nie, und ent⸗ huͤlle nie einem Sterblichen das geheimnißvolle Sym⸗ bol unſeres heiligen Glaubens.“ Feizi beſtaͤtigte den Schwur mit den feierlichen Worten: Ich ſchwoͤre es bei Dem, von dem Ihr glaubt, daß er zu euerm Brama Folgendes ſprach: Im Anfange war ich, und ſonſt kein anderes Ding; 8 ich 241 ich war das, was da war, das hoͤchſte; dann bin ich wieder das, was iſt; und was bleiben wird, bin ich. — Bei dem erhabenſten Weſen, und bei dem Worte, das Allen heilig, ſo ſchwoͤre ich, weder dieſes noch anderes von eueren Geheimniſſen je zu verrathen. Letchima hatte in Schmerz und Kummer am Boden gelegen. Jetzt hob ſie Feizi empor, und bat um Saradwata's Segen. Und der alte Mann nahm ihre jugendliche Hand, und gab ſie Feizi, und ſprach: „Sey ihr, wie der ſchirmende Huͤgel von Malaya dem jungen Sandelbaume.“ und nun eilte der beiahrte Mirza herbei zu die⸗ ſen, und riß ſich ſeinen Bart aus vor Schmerz, und ſuchte durch Bitten und Drohungen und Vorwuͤrfe den Juͤngling von ſeinem Vorhaben abzuwenden. Aber die ſchoͤne Letchima hatte ihre jugendlichen Arme feſt um Feizi's Nacken geſchlungen, und der ehrwuͤr⸗ dige Saradwata hielt deſſen Hand mit dem Drucke vaͤterlichen Verzeihens. Da wandte ſich Mirza, mehr bekuͤmmert als erzuͤrnt, hinweg, und ging allein und ſchwermuͤthig zum Palaſte des maͤchtigen Ac⸗ bar zuruͤck. „ Wir dankten dem jungen Azim fuͤr dieſe einfache Erzaͤhlung. In Maleks ſchoͤnem Auge zeigte ſich erwartungsvolle Hoffnung, und ich konnte ſehen, wie ſein Herz an dem Vermiſſen eines Gluͤckes erkrankte, II. 3 Q 242 1 deſſen Mangel Diejenigen, welche nie liebten, nur zu fruͤh empfinden. Lange dachte ich daruͤber nach,— und an Aga⸗ the, an Heinrich, an Fatime, an die Macht des ge⸗ fluͤgelten kleinen Gottes in jedem Alter und un- ter jedem Volke. Ich habe ihn auf Waͤnden der Pa⸗ laͤſte gemahlt geſehen, wie er im ſpielenden Fluge die ehernen Waffen des Kriegers entwendete, und ihn als ſeufzenden Sklaven in ſeidenen Banden zu⸗ ruͤck ließ. Kaum hatten wir in dem, bei der Stadt Surate voruͤber ſtroͤmenden Fluſſe Anker geworfen, und wa⸗ ren eben mit dem Anſchauen dieſer neuen Erſchei⸗ nungen beſchaͤftigt, als das froͤhliche Begruͤßen zahl⸗ reicher Mannſchaften auf vielen Schiffen laut und jubelnd erſcholl. Ich kannte den Ton,— es war das ſtolze Huſſah der Britiſchen Seeleute, in wel⸗ 8 chem ihr Herz ſich ergießt. Die Nagen jedes Eng⸗ liſchen Schiffes waren mit muthigen Matroſen be⸗ ſetzt, die daran ſorglos hingen und ihre Huͤte hoch in die Luft ſchwenkten. 8 Ich blickte umher. Ohnweit davon lag ein Fran⸗ zoͤſiſches entmaſtetes Kriegsſchiff, ein wahres Wrak. Nahe dabei eine Brittiſche Fregatte, ſchwarz und zerſchoſſen, mit durchloͤcherten Segeln und beſchaͤdig⸗ ten Maſten. Ein Boot derſelben ſegelte nach der Kuͤſte,— es fuhr nahe an dem Hintertheile unſeres Schiffes vorbei. Gehalten und kraͤftig waren die Schlaͤge der glaͤnzenden Ruder, und die Mannſchaft zeigte den lachenden, herrlichen Anblick rauher, furcht⸗ loſer, treuer Seeleute. Und unter ihnen ſaß ein Poſtkapitain, den rechten Arm in einem ſchwarz ſei⸗ denen Halstuche tragend, und neben ihm ein mit Orden geſchmuͤckter, vornehmer Franzoͤſtſcher Offizier, mit dem er freundlich und ernſt ſprach, als ſuche er die Gefuͤhle ſeines Gefangenen auf zarte Weiſe zu ſchonen. Eben als das Boot in unſere Naͤhe kam, erhoben Beide das Haupt, um die fremde Bauart unſerer Arabiſchen Dhau zu betrachten. Das Freudengeſchrei meiner Landsleute hatte ſchon meine Augen mit Thraͤnen genaͤßt, aber doch erblickte ich durch dieſe Thraͤnen hindurch noch Ho⸗ ward's wohlbekannte Zuͤge,— Howard's, des tapfern, ſchon fruͤh ſo viel verſprechenden Knaben, und jetzt ein Schnitter auf dem Felde des Ruhms,— mein Bruder! Ach! nicht mein Bruder jetzt, noch jemals wieder. Er hielt mich fuͤr todt;— beſſer, daß er auch fuͤr immer dies glaubte, als mich ſo fand, wie ich war. Seine Laufbahn, ſein Leben, alles wuͤrdig und edel;— das meine, ſchwach, eigenſinnig, elend, ſchuldbelaſtet. Und was wollte ich nun hier,— was war ich jetzt?— ein Fremder in einer Niederlaſſung meiner Landsleute,— ein abtruͤnniger Rekrut fuͤr Miethlingsdienſte eines barbariſchen Fuͤrſten. Dies war alles, alles nun einmal ſo, und auch die Kraft beſaß ich nicht, mich von Malek zu trennen, deſſen Freundſchaft, das einzige, was mir in der weiten Q 2 244 Welt geblieben, mir ſo werth war, die ich feſthielt um jeden Preis. Wir landeten noch an dieſem Abende auf dem neuen und geraͤuſchvollen Schauplatze, und wurden in dem Hauſe eines wohlhabenden Kaufmanns aufge⸗ nommen. Jede Geiſtesſtimmung mußte ſich durch die Wunder, welche ſich hier uͤberall zeigten, erregt und erweckt finden. Duͤnkelfarbige und ſchwarze Maͤnner bewegten ſich in Menge umher, in ſanfte Gewaͤnder des weißeſten Cottons oder des duͤnnſten Muſſlins gekleidet, und Andere, die vornehmer zu ſeyn ſchienen und eine zwar ſchoͤne, aber doch gelb⸗ liche Geſichtsbildung hatten, wie ich ſie noch nie ge⸗ ſehen, gingen in den reich beſetzten Bazars eben ſo nackt umher, wie die haͤßlichen Traͤger, die unter ih⸗ ren ſchweren Laſten ſchwankten. Frauen ohne Schleier, ſchoͤn geſtaltet und reizend gebildet, mit geſtreiften oder farbigen Gewaͤndern, das Haar aufgerollt in große, glaͤnzende Knoten, und mit Blumen oder gol⸗ denem Zierrath geſchmuͤckt, und dicke, ſilberne Fuß⸗ ſchellen an den Knoͤcheln, und ſilberne Ringe an den Zehen, und Halsbaͤnder, und viele Armſpangen an dem obern Arme und Handgelenke tragend; und Bu⸗ deninhaber, auf ihren Matten ſitzend, und mit eiſer⸗ nen Griffeln auf getrocknete Blaͤtter ſchreibend. Und bedeckte Wagen fuhren bei uns vorbei, von milchwei⸗ ßen Ochſen gezogen, welche Gloͤckchen und ſchim⸗ mernde Halsbaͤnder hatten, und lange Hoͤrner mit Meſſing⸗Zierrathen an den Spitzen; und hochrothe — —— — Saͤnften, von wohlgeformten ſchoͤnen Maͤnnern mit ſchnellen Schritten und ſingendem Geſchrei getragen, und worin andere Maͤnner lagen; und kriegeriſch aus⸗ ſehende Edle, auf trefflichen Pferden mit reichem Ge⸗ ſchirr reitend, und neben ihnen her laufende Diener, wovon einer das Pferd kuͤhlte und die Fliegen ab⸗ wehrte, und ein Anderer einen hohen Schirm zwi⸗ ſchen der Wange des Reiters und der ſtechenden Sonne hielt; waͤhrend rieſenhaft uͤber alle Wagen und Pferde und hoͤher als der leichtgedeckte Bazar und die Huͤt⸗ ten, ſich ſchwerfaͤllig und langſam ein ſtattlicher Ele⸗ phant bewegte mit einem glaͤnzenden Haͤuschen und rothen Decken; und hundert Menſchen rannten vor ihm her mit ſilbernen Staͤben, und riefen die Titel eines kleinen Kindes aus,— eines beturbanten Kin⸗ des, das ernſthaft darauf ſaß, und dem eine Schaar paradirender Reiter folgte. Malek ergetzte ſich in⸗ nig an dieſen neuen Scenen, und ich ſelbſt ſchaute mit froher Bewunderung darauf und laͤchelte. Dieſes Gefolge, Suwarri genannt, war kaum an uns voruͤber, als ich an der Thuͤr der Faktorei Ho⸗ ward mit einem Engliſchen Reſidenten gehen ſah. Palankins folgten ihm, und er betrachtete ſich Alles mit den neugierigen Augen eines Neuangekommenen. Ich ſchaute auf ihn mit tiefergriffenem Herzen, und wollte eben mit Malek in unſere Wohnung bei dem Kaufmanne zuruͤckkehren, von wo aus wir mit einigen Dienern zu Fuß gegangen waren, um die Stadt zu beſehen, als auf einmal aus der Menge ein Geſchrei 246 erſcholl, und Alles in Schrecken davon floh. So wie der Platz dadurch frei war, erblickte ich einen nackten Mann, mit aufgeldſetem Haar und gezucktem Dolche, den er wild um ſich ſchwang, waͤhrend er mit ſchrecklichem Geſchrei fuͤrchterlich umher blickte. Kaum ward er die Europaͤer gewahr, als er auf ſie zu ſtuͤrzte. Ich bemerkte ſein Vorhaben, und eilte ſo ſchnell als ich konnte, eben dahin. Howard, wel⸗ cher nicht gewahr geworden, daß der Mann dieſe Richtung nehme, hatte ſich eben gewendet, um einige Perſonen hinter ſich wegen der Urſache dieſes Tu⸗ mults zu befragen; aber auch ſie entflohen, nebſt ſei⸗ nem Engliſchen Begleiter, und er blieb unbewaffnet und allein, als ihn jetzt der wahnſinnige Malaye niederwarf. Ich kam eben in dem Augenblicke hinzu, als der Dolch des Wahnſinnigen auf Howards Bruſt gezuͤckt war. Ein Saͤbelhieb von mir wendete den Tod von Howard ab, aber nun ſiel der Verruͤckte in ſeiner tollen Wuth mich an. Ich ſank, in meinem Blute mich badend, zu Boden, aber auch jener Elende ward von Howards Hand niedergeſtreckt und ent⸗ waffnet. Ich war ein dunkelfarbiger, baͤrtiger Mann, ma⸗ ger und vom Clima verwittert. Howard kannte mich nicht, kannte ſeinen Retter nie. Ich hoͤrte ſeinen innigen Dank, ſeine herzliche Sorge fuͤr mich, in der Sprache ausgedruͤckt, die ich zuerſt gelallt und immer geliebt hatte; ich hoͤrte ſein aͤngſtliches Forſchen bei dem — —yy 247 Wundarzte der Engliſchen Faktorei, der herbei geeilt war, uͤber die Beſchaffenheit meiner Wunde und die Groͤße der Gefahr, und ſeine Beſorgniß, die Doll⸗ metſcher moͤchten mir die ganze Fuͤlle ſeines Dankes wegen des Dienſtes, den ich ihm geleiſtet, nicht voll⸗ ſtaͤndig ausdruͤcken. O, es war eine ſelige Stunde, dieſe Stunde des Schmerzes und des ſtroͤmenden Blutes; ſelig, weil ich das Leben eines Menſchen gerettet hatte, den ich liebte; ſelig in der Hoffnung, daß meine Wunde toͤdt⸗ lich ſeyn werde. Doch dies war ſie nicht. Der Stoß war ſchwach und ſchlecht gerichtet geweſen. Wahn⸗ ſinn hatte den Elenden erſchoͤpft, und mein Saͤbelhieb ihn geſchwaͤcht. Er hatte bereits mehrere Perſonen im Bazar getoͤdtet, und die Soldaten mordeten ihn nun auf der Stelle. Meine Verwundung war ijedoch immer noch hef⸗ tig genug, um mich Wochen lang ans Lager zu feſ⸗ ſeln. Wenige Tage darauf ſegelte Howard nach Bombay. Ehe dies aber geſchah, wuͤnſchte er zu mir zu kommen und mich noch zu ſehen. Aber⸗ mals durch den Dollmetſcher dankte er mir innigſt, und machte mir ein Geſchenk mit einem Paar reich eingelegter Piſtolen, und wuͤnſchte, daß ſie nie fehlen moͤchten, um mir das Leben zu ſchuͤtzen, oder es mei⸗ nen Feinden zu rauben. Haͤtte er den Mann im Turban gekannt, der auf ihn blickte,— wie tief wuͤrde er mich verachtet haben! Doch nein, der wahr⸗ haft Gute, der wahrhaft Große, wird da oft Mit⸗ 248 leid empfinden, wo Andere Verachtung fuͤhlen. Er ging hinweg, und noch hoͤrte ich ihn, als er uͤber den Hausflur ſchritt, ſagen:„ein braver Burſche, ein edler Mann, dieſer Tuͤrke! ich wollte, ich haͤtte hier bleiben und mehr von ihm erfahren koͤnnen.“ Zu denken, daß er mich ſchon ſo gut kannte, daß er mich aus dem Grabe im Meere gerettet, meine eigene Schweſter geheirathet, und an dem Grabe meiner Eltern in Schmerz verſunken geſtanden habe, o! wie bitter waren dieſe Betrachtungen. Doch mit Macht kaͤmpfte ich gegen ſie. Auch lag in der ge⸗ genwaͤrtigen Beſchaffenheit meiner Verhaͤltniſſe, und in der einzigen Ausſicht, die ſich mir oͤffnete, ſo vie⸗ lerlei, was mich ohnedies ernſtlich und ſchmerzvoll be⸗ ſchaͤftigen konnte. Ich hatte mein Schickſal an Ma⸗ lek gekettet, und ich liebte ihn. Aber Malek war Muhammedaner! ach! und ich auch; wenn auch nicht in meinem Herzen, doch der aͤußern Form nach. Konnte ich denn jetzt, nachdem er mich von dem Maͤrtyrertode, den ich keck auf mich gerufen, aus der fuͤrchterlichen Gefangenſchaft, in welcher ich geſchmachtet, gerettet hatte, mich von ihm wenden und ſagen:„Malek, geh' nun deinen Weg allein, ich bin frei. Ich will nun gefahrlos und ſonder Furcht zu dem Bekenntniſſe meines Glaubens mich zuruͤck⸗ wenden, und den Schutz und die Pflege einer der Chriſtlichen Factoreien hier fuͤr mich auffodern.“ Nein, das konnte ich nicht, und aus Charakterſchwaͤche lebte ich lieber ſo fort, wie bisher, ein Menſch ohne 24⁴9 Vaterland, ohne Glauben, ohne einen Gegenſtand fuͤr das Leben, oder wuͤrdige Motive fuͤr irgend eine meiner Handlungen, ehe ich Maleks Achtung fuͤr mich verſcherzen, vielleicht auch nur ehe ich von ſeinem Umgange, ſeiner Freundſchaft mich losſagen wollte. Um ſo mehr ward ich in meinem Entſchluſſe, ſeinem Schickſale zu folgen, beſtaͤrkt, je unguͤnſtiger dieſes ſich in der That fuͤr ihn zu wenden ſchien. Die Kaufleute und Agenten hatten ihn hintergangen. Die beiden Dienſtverhaͤltniſſe, welche ihm ſo lockend geſchildert worden, waren die des Suja Daulah im Norden Indiens, und Hyder Ali's im Suͤden. Aber Suja Daulah war von den Englaͤndern beſtegt und zur Ruhe gebracht worden, und Hyder war nur ge⸗ gen Europaͤer mit Anerbietungen freigebig. Mit den politiſchen Verhaͤltniſſen meiner Landsleute in In⸗ dien war ich, bis wir hier ankamen, gaͤnzlich unbe⸗ kannt. Ich erfuhr alſo jetzt erſt, daß dieſe beiden Fuͤrſten geſchworene Feinde der Englaͤnder waͤren, und ſo freuete ich mich dann uͤber die Nachricht, daß die Lager Beider fuͤr Malek verſchloſſen ſeyen, denn dies erſparte mir die peinliche Nothwendigkeit, ihm mehr uͤber mich zu entdecken, als er bis jetzt wußte, denn nur unter dem Namen Alvarez war er zuerſt mit mir bekannt geworden, und hielt mich durchaus fuͤr keinen Englaͤnder. Madaji Seindia, ein Mahrattenfuͤrſt, ließ ihm vortheilhafte Anerbie⸗ tungen in ſeinem Heere machen; er verwarf ſie aber mit Verachtung und entſchloß ſich, nach langer Ueber⸗ 4 250 legung, als Abenteurer ſich zu den ſchwachen und gedemuͤthigten Ueberbleibſeln von Abdallahs Gewalt zu begeben, welche,— in der Perſon Nidijib Daulah's, noch fuͤr den jungen Kaiſer Juan Buckt einen kleinen Strich Landes im Norden von Delhi beſetzt hielten, und mit Muth und Unabhaͤngigkeit, den zahlloſen Horden der grauſamen Mahratten ſich entgegen ſtellten. Nicht alſo als reiche Sirdars, ſondern als zwei Krieger, welche nichts beſaßen, als ihre Pferde, Waf⸗ fen, und eine ſchwache Boͤrſe, zogen wir an jenen entfernten Hof. Die Lage deſſelben machte es un⸗ moͤglich, daß ich jemals den Engliſchen Truppen ge⸗ genuͤber ſtehen konnte, und ſo ſpornte ich in der That mit leichtem Herzen mein Roß, als am erſten Morgen unſrer Wanderſchaft eine Antelope auf der weiten Ebne vor uns aufſprang, und Malek in fro⸗ her Haſt ihr nachjagte und das edle Wild ſchoß, und die Hirten es in unſer kleines Zelt brachten. Noch an demſelben Abende entſiel, nach dem Kaffee, die Pfeife Maleks Hand, und er klagte uͤber Schwaͤche und Betaͤubtſeyn des Kopfes.— Auf ſeiner Stirn zeigte ſich eine dicke Geſchwulſt,— ſeine Haͤnde be⸗ kamen Krampf,— er ſiel in Zuckungen und ſchien große Schmerzen zu leiden, wobei er mich angſtvoll um Waſſer bat. Aus der Beſchaffenheit ſeines Dur⸗ ſtes ſchloß ich nur zu ſehr, wie gefaͤhrlich es ſeyn wuͤrde, ihn zu befriedigen; ich ſetzte mich alſo zu ihm, benetzte ſeine Lippen und hielt ſein ſchmerzendes Haupt. Ich weiß nicht, ob nicht unter allen ſchreck⸗ 251 lichen Dingen, welche ich erlebt habe, das ſchnelle Ab⸗ magern dieſes Geſichts voll edler, maͤnnlicher Schoͤn⸗ heit und natuͤrlicher Fuͤlle zu den ergreifendſten, fuͤrchterlichſten gehoͤrte. Selbſt die Hand, die ich in der meinen hielt, ward duͤnn und knochicht, und nach wenigen Stunden hielt ich einen Leichnam in mei⸗ nen Armen mit hohlen Wangen, und eingeſunkenen Augen und herabhangenden Kinnbacken; ſelbſt die zarte Naſe war ſcharf und ſpitzig, die ganze Geſtalt zuſammengeſchrumpft. Die Sonne ſtieg uͤber meinem Kummer empor, herrlich, wie ſie im Oſten immer aufgeht, und fand mich wieder ſitzend neben einer meiner verwelkten Hoffnungen;— tief fuͤhlte ich dieſe Wunde. Er ſtarb,— dies edle Weſen ſtarb,— und auch ich dachte nur Tod, denn ich liebte ihn. Ein Fluch iſt vom Himmel uͤber mich ergangen, und ich bin ſehr elend. Er iſt von mir geriſſen worden, weil er zu gut war fuͤr meine Naͤhe. Der lebensfriſche Malek, der am Morgen noch froh dahinritt,— todt!— Warum ſind die Baͤume ſo gruͤn in dieſem Lande? Warum die Voͤgel ſo bunt? und warum ſingen die Menſchen? wenn der Tod, herabgetragen auf den duftgeſchwaͤngerten Daͤmpfen des Windes, ſelbſt die Luft vergiftet, die wir athmen? Ich ließ ſeinen Leichnam an einen Begraͤbniß⸗ platz an dem Ufer des Stromes, etwas oberhalb Su⸗ rate, bringen. Einen Stein mit einem Turban ließ ich auf ſein Grab ſtellen. Schwarze Cypreſſen ſtan⸗ 252 den an dieſem Orte. Einen Monath lang wanderte ich dort umher, ohne mir meiner ſelbſt recht bewußt zu ſeyn. Mein Zelt war außerhalb der Mauer des Begraͤbnißplatzes, aber dicht an ihr aufgeſchlagen, und ich glaubte, nie wieder von da zu weichen. Mein Geiſt verweilte ſtets bei Gedanken an ein kuͤnftiges Daſeyn. Malek kannte unſern Ritus nicht, aber Ma⸗ lek war gewiß gluͤcklich im Himmel, denn Malek war gut geweſen auf Erden. Sein Lebenswandel war ſchlicht, und ſo war das Verheißene ſein, die Wunder und die Gnade werden ihm an dem Tage offenbar werden, wo alle Generationen, welche je⸗ mals lebten, vor dem Richterſtuhle des Erloͤſers der Welt ſtehen. Als ich nach einem Monathe einen Tag allein am Ufer des Fluſſes zubrachte, hoͤrte ich den Ton ei⸗ ner Kloſterglocke, jenes kurze, eigenthuͤmlich ſchnelle Anſchlagen, das in tauſend Ideenverbindungen mir ſo vertraut war, und ich in ſo verſchiedenen und von einander ſo entfernt liegenden Auftritten meines Le⸗ bens gehoͤrt hatte. Von dem Schalle geleitet, folgte ich einem gruͤnen Pfade, der unter hohe Kokosbaͤume leitete. Kein Menſch war hier zu ſehen. Ein rei⸗ zendes Duͤſter ruhete auf dem Abendhimmel, und als ich zwiſchen den Neihen dichter, ſchoͤner Baͤume wan⸗ delte, ſchien es mir, als ob der Hain eine Kathedrale ſey, mit ihrem helddunkeln, feierlichen Lichte, als ob ich durch das ſtattliche Schiff gehe, und die glatten hohen Staͤmme deſſen Saͤulen, und die ſich in ein⸗ * 253 ander ſchlingenden blaͤttervollen Zweige deſſen Go⸗ thiſche Boͤgen waͤren. Der Pfad endete bei einem kleinen, viereckigen, weißangeſtrichenen Gebaͤude, mit einem Kirchengiebel, einem Kreuze darauf, und einem ganz mit Moos bedecktem Steinpflaſter davor, waͤh⸗ rend aus den Fugen hohes Gras hervor ſproßte, ſich um jede einzelne Platte wand und webte, und ſie wie im Triumphe verhuͤllte. Ich trat in die Kapelle. Eine tiefe, ſchwermuͤ⸗ thige Stimme ſprach Gebete,— eine ſcharfe, naͤſelnde Stimme antwortete,— vier bejahrte Frauen, und zwei verkruͤppelte Maͤnner, ſaͤmmtlich eingeborne Chri⸗ ſten, knieeten demuͤthig mit ihren Roſenkraͤnzen da, und ſtießen die gewohnten ſchweren Seufzer aus. Als der Prieſter ſich am Altare umdrehte und die Haͤnde faltete, fielen ſeine Augen verwundrungsvoll und duͤſter auf mich. Es uͤberraſchte ihn, einen Mau⸗ ren an dieſer Stelle zu ſehen,— es ſchmerzte ihn der Gedanke an den breiten Weg, den ſo Viele in hochmuͤthiger Unwiſſenheit wandelten; deſſen unge⸗ achtet aber vollendete er ruhig und ehrerbietig die Vesperandacht, und ging nach deren Schluß in das Innere des Kloſters durch eine Seitenthuͤre, welche aus der Kapelle dahin fuͤhrte. Sonderbar hatte mich Stimme und Haltung des Moͤnchs ergriffen. Er war ein barfuͤßiger Carmeliterbruder, und aus ei⸗ ner Inſchrift erſah ich, daß hier eine kleine Miſſton der Propaganda ſich befinde. Die armen Schwarzen humpelten und hinkten fort zu ihren Huͤtten. Ich 254 gab ihnen Almoſen, und wol bemerkte ich, wie ſie ſich mit einer Art von Furcht bekreuzten, als ſie ſolche aus meiner Hand empfingen, welche ſie des Abhauens fuͤr werth hielten, da ſie den Koran be⸗ ruͤhrt habe. Der Diener des Prieſters beſchäftigte ſich noch eine Viertelſtunde damit, zwiſchen dem Altar und der Sakriſtei einher zu gehen, und Alles langſam und regelmaͤßig wieder an Ort und Stelle zu ſetzen; end⸗ lich aber trat er zu mir und ſagte, daß er nun, da es Nacht werde, die Thuͤren ſchließen muͤſſe. Ich befragte ihn nach den Einwohnern des Kloſters.„Es wohnt nur Einer darin,“ antwortete er,„Pater Fe⸗ dele, den Sie eben jetzt erſt geſehen haben.“— Kann ich mit ihm ſprechen?—„O ja, das kann Je⸗ dermann, nur aber jetzt nicht, denn die Abendſtunden bringt er ſtets allein auf dem Dache des Kloſters zu. Des Morgens aber geht er aus, zu der Quelle hier in der Naͤhe, und da kommen viele Leute zu ihm. Was wollen Sie bei ihm? Warum fragſt Du mich! Was willſt Du? Kennſt Du mich? „Ich nicht, denn ich ſah Sie nie vorher, aber der Pater iſt ein großer Hakim, und viele Einge⸗ borene aller Glaubensarten kommen zu ihm, und er heilt ſie auf der Stelle.“ Ach, Freund, mich kann er nicht heilen, doch wuͤnſche ich ſehr, ihn zu ſehen und zu ſprechen, und das noch heute Abend. „Gut, wenn es Ihnen ſo am Herzen liegt, will ich ihn holen.“ Und der Prieſter kam herab, und trat mir auf dem Steinpflaſter vor der Kapelle entgegen, als ich vom ufer, an welchem ich waͤhrend der Abweſenheit des Dieners umhergeſtreift war, wieder dahin zu⸗ zuͤck kam. Es war ein hoher Mann mit ernſtem Blicke, etwa ſechzig Jahre alt, barfuß und barhaͤuptig, nur ein ſchmaler, aber dicht bewachſener Kreis von dunkelgrauem Haar ſtach von der weißen Marmor⸗ platte ſeiner Tonſur auffallend ab. Seinen kraͤftigen, wohlgeformten Nacken trug er auf den maͤnnlichen Schultern, wie den eines Kriegers. Er hielt ſich feſt aufrecht, ging aber langſam einher. In ſeinen gro⸗ ßen Augen ſchimmerte kein Licht, kein freundliches Laͤcheln ſpielte um ſeinen ſchoͤn gebildeten Mund, und doch lag kein zuruͤckſtoßender Stolz weder in ſei⸗ nen dunkelen Augenbrauen, noch in der weit vorſte⸗ henden Naſe, die dieſen ſonſt ſo oft zu zeigen pflegt. Seine Wangen waren braun, gleich denen eines Ara⸗ bers, aber ſeine Zaͤhne weiß. Er nahm ſich edel aus, und das weiße Gewand, das öſtliche Koſtuͤm ſei⸗ nes Ordens, ob es gleich nur mit einem ledernen Guͤrtel und einem rohen Stricke umguͤrtet war, ſtand ihm doch ſehr gut. „Was wollen Sie, Fremdling?** Vater! ich wuͤnſchte mit Ihnen allein zu ſpre⸗ chen.— Er winkte mit der Hand, und ſein Beglei⸗ 256 ter zog ſich zuruͤck. Mit ruhig auf mich gerichteten Augen ſtand er ſtill. Ich ſtrebte, Worte zu finden, ein Geſpraͤch anzufangen, ein Bekenntniß abzulegen, — vergebens, meine Zunge klebte am Gaumen. Mein Mund war trocken, verſchloſſen. „Sie ſind nicht wohl!“ ſagte der Moͤnch, und trat naͤher zu mir.— Ich bin nicht gluͤcklich.— „Das bedeutet wol eben ſo viel,“ entgegnete er.„Der Tag war ſehr heiß, der Abend iſt es auch; kommen Sie mit herein, und ruhen Sie aus.“— Ich folgte ibm.— Sein Schritt war geraͤuſchlos, meiner der laute, ſcharrende eines Muhammedaners. Seine Zelle befand ſich zu ebener Erde, einer Verandah ge⸗ genuͤber; der Hof davor war mit Gras bedeckt, aber doch Platz zu Blumenbeeten gelaſſen. In der Mitte ſpielte und murmelte ein Springquell. Kaͤfige befan⸗ den ſich dort mit kleinen Voͤgeln, und ein Mina⸗ vogel huͤpfte furchtlos umher und plauderte. Mit⸗ ten aber unter dieſen freundlichen Gegenſtaͤnden wan⸗ derte ungefeſſelt ein Tiger.„Fuͤrchten Sie ſich nicht,“ rief mir der Moͤnch zu, als er mich zuruͤckbeben ſah, „ein Schooßhund kann nicht zahmer ſeyn, als dieſer. Ich habe ihn von klein auf erzogen.“ und der Ti⸗ ger nahete ſich uns, wie eine ſchmeichelnde Katze, und leckte des Moͤnches Hand, und rieb ſein ſchoͤn ge⸗ flecktes Fell an deſſen Kleide. Wir traten nun in die Zelle. Sie war reinlich und kuͤhl. Nackte Waͤnde und Boden. Eine Schlafſtelle, ein niedepey Tiſch und zwei kleine Stuͤhle von geflochtenem Rohr. Am Ober⸗ 257 Obertheile der Bettſtelle befand ſich ein kleines ſchwarzes Kreuz, mit der aus Elfenbein ſehr nett ge⸗ ſchnittenen Geſtalt des leidenden Erloͤſers. Ein Buch lag auf dem Kopfkiſſen. Eine Lampe mit einer Glasdecke, um ſte vor den Inſekten zu ſchuͤtzen, ſtand auf dem Tiſche, und neben ihr ein Teller, aus Blaͤt⸗ tern geformt, mit einigen Fruͤchten darauf. Ich ge⸗ noß in tiefer Stille etwas davon. Der Moͤnch ging wieder in die Verandah und kam mit einem Glaſe kalten Waſſers zuruͤck.„Trinken Sie,“ ſagte er, „es wird Sie beruhigen und Ihren Nerven zutraͤg⸗ lich ſeyn. Ich will Ihnen den Schmerz erſparen, das erſte große Geheimniß Ihres Kummers auszu⸗ ſprechen. Sie ſind ein Renegat, aber ein reuiger, das ſehe ich, und Sie wollen mir das bekennen.“ Nun ſprach er ploͤtzlich, nachdem er vorher Arabiſch mit mir geredet hatte, Italieniſch, und da er bemerkte, daß ich ihn verſtand, fuhr er in dieſer Sprache fort, mich zu beruhigen und zum Vertrauen aufzufodern. Ohne Ruͤckhalt entdeckte ich mich ihm. Aber ſagen Sie mir, rief ich aus, ſagen Sie mir, hochwuͤrdi⸗ ger Vater, leuchtet mir noch auch nur der ſchwaͤchſte Hoffnungsſtrahl? Kann ich je wieder vor einem Al⸗ tare der Chriſten knieen und aus zerknirſchtem Her⸗ zen beten? Wird das nicht Gotteslaͤſterung ſeyn? Welcher Engel moͤchte wol mein Gebet zum Sitze der Gnade tragen? Was kann je meine Schuld von mir gßwaſchen? Sie iſt eine nie zu vergebende Suͤnde, und muß dies bleihen! und doch ſoll es mir II. R 258 Troſt ſeyn, den Ueberreſt meines Lebens in irgend einer Art der Buße, der ſchwerſten, die Sie fuͤr mich erſinnen koͤnnen, zuzubringen. „Mein Sohn, Eine Thraͤne der Reue, die heiß aus verwundetem Herzen fließt, iſt dem Richterſtuhle der beleidigten Gottheit ein dankenswertheres Opfer, als ein langes, in harter Buße zugebrachtes Leben, voll kalten Ausdauerns im Schmerz, und freiwil⸗ gen Kaſteiungen. Die weißgekleideten Engel, welche zunaͤchſt dem Throne des Allmaͤchtigen ſtehen, neigen ihr entzuͤcktes Ohr herab zu dem Seufzer des reui⸗ gen Suͤnders, und ſtimmen mit frohem Hallelujah freudige Lobgeſaͤnge an, bei dem willkommenen Tone. Auch ich habe geſuͤndigt. Auch ich habe gleich Dir in Abſpannung der Seele getrauert, finſter und troſt⸗ los. Das Haarabſcheeren, die Geißel, das lange, zer⸗ ſioͤrende Faſten, das mitternaͤchtige Wachen, und das Niederwerfen des nackten Koͤrpers auf den kal⸗ ten Grabesmarmor,— auch ich habe es verſucht; aber ich fand keinen Frieden, keine Ruhe, keine Hoffnung. Da erſchien mir das heilige Licht, das mir dieſe ver⸗ lieh, ſo hell, ſo ſanft, wie der erſte milde Strahl des jungen Sommermorgens mit thauigem Auge. Sieh dorthin, mein Sohn!— und er zeigte auf das Kru⸗ ziſir,—„mit deinen Geiſtesaugen ſchaue dorthin. Von dort erſchien das Licht, und meine Schuld ward hinweg gewaſchen durch die reine Quelle, die aus dieſen Wunden floß, wo das Blut der Verſoͤhnung ſich miſchte mit dem heiligen und reinen Waſſer des 259 ewigen Lebens. Hier fand ich das Verſprechen der Vergebung, hier, Dulder, wirſt auch Du das der deinen finden!“ Und nun nahm er das Buch vom Kopfkiſſen, oͤffnete es, und ließ mich die heilige Bi⸗ bel in lateiniſcher Sprache ſehen. Er fuhr fort: „Nur Weniges iſt troͤſtender und beruhigender fuͤr ein Weſen, das von der Laſt ſeiner Suͤnden zu Bo⸗ den gedruͤckt wird, als in die kranken Gemuͤther ſei⸗ ner leidenden Mitmenſchen zu ſchauen. So hoͤren Sie denn, ob ich Ihnen, wenn ich Ihnen Einiges aus meinem vergangenen Leben erzaͤhle, ſo viel Troſt in Ihren bangen Sorgen geben kann, als ein Blick auf die Hoffnung und Zuverſicht, die ich in Vertrauen und Liebe mir zu erwerben gewußt habe, wol auch Ihnen gewaͤhren duͤrfte.“ Die Erzaͤhlung des Moͤnches. In Ferrara giebt es eine ſtille Halle und einen begraſeten Garten, wovon jene, wie ich mich noch wohl erinnere, vordem ſtets im frohen Echo erſchallte, und dieſer ein mit Myrthenhecken umzaͤunter Schutz⸗ ort fuͤr ſchoͤne Blumen und koͤſtliche Pflanzen und plaͤtſchernde Springbrunnen und marmorne Nym⸗ phen war, die unter ſchattigen Baͤumen in kalter keu⸗ ſcher Nacktheit ſtanden. Dort war meine Heimath. In dieſer Halle ſpielte ich als Knabe im Winter, und ſtrich in dieſem Garten im Sommer umher. Mein Vater war ein Edler jener Stadt, und ich ſein zweiter Sohn. Vermoͤgen, Rang und Freude waren R 2 260 daher ſchon von der Wiege an die Ausſicht fuͤr mei⸗ nen Bruder. Mich beſtimmte man fuͤr das Kloſter und die Moͤnchskutte. Ich ſollte Mitglied eines der angeſehenſten Orden werden, und mein Vater, ein hochmuͤthiger, ehrgeiziger Mann, pflegte nicht lachend, ſondern im vollen Ernſte mir zu ſagen:„Ambrogio, ich muß Dich im rothen Gewande ſehen, ehe ich ſterbe. Dann iſts, wie Du weißt, nur noch um ei⸗ nen Schritt zu thun, und die Erde liegt zu deinen Fuͤßen, und die dreifache Krone ragt uͤber alle Kro⸗ nen dieſer Welt. Was dann weiter kommt, wiſſen wir nicht; thut auch nichts; laß uns nur dies errin⸗ gen.“— Doch war mein Bruder Ricciardo des Va⸗ ters Liebling, denn er war ein Knabe mit ſeidenem Haar und ſeidenen Redensarten, und liebte ſeine ſei⸗ denen Kleider. Sonderbar war es allerdings, daß der Erbe von Schwertern und Schildern, von Macht und voller Boͤrſe, eine ſolche Gemuͤthsſtimmung be⸗ ſaß, denn wir hatten Roſſe und Falken, und weite Laͤndereien, wie nur ein kriegeriſches Gemuͤth es ſich wuͤnſchen konnte. Kaum war ich zwoͤlf Jahre alt, als mein Vater ſeinen Entſchluß wegen meiner Be⸗ ſtimmung zum Kloſter aͤnderte und mich auf die Uni⸗ verſitaͤt nach Padua ſchickte, damit ich dort mit dem Noͤthigen zu einem regulirten Kanonikus der heiligen Kirche ausgeruͤſtet wuͤrde. Fuͤnf Jahre brachte ich in Padua zu, wie ſie Studenten zuzubringen pflegen, froͤhlich genug, und alles Andere, nur nicht was zu meinem Studio ge⸗ hoͤrte, erlernend. Zu ſchwatzen, ſpaßiren zu gehen, mit Freunden zu ſchmauſen, leeren Vorleſungen zu⸗ zuhoͤren und daruͤber zu lachen, wenn ſie vorbei wa⸗ ren; an Feſttagen an den Kirchenthuͤren zu ſtehen, und die jungen Schoͤnen der Stadt, wenn ſie aus der Meſſe kamen und die Ringellocken ſchuͤttelten, und kuͤnſtlich die Schleier zuruͤckwarfen, und ihre reizen⸗ den Augen erhuben und auf die jungen Maͤnner um⸗ her blickten, zu betrachten,— damit vertrieb ich mir die Zeit. Nun ließ mich mein Vater nach Hauſe kommen, um bei einem großen Familienfeſte gegen⸗ waͤrtig zu ſeyn. Mein Bruder ſollte ſich vermaͤhlen. Ich ging. So klein auch die Entfernung iſt, ſo war ich doch, ſeit ich die Univerſitaͤt bezogen hatte, we⸗ der zu Hauſe geweſen, noch hatte mein Vater oder Bruder Padua beſucht, um den jungen, frommen Ambrogio zu ſehen. Das hatte mir unfreundlich ge⸗ ſchienen, und ich kehrte jetzt mit Widerwillen und in uͤbler Stimmung zuruͤck, da es mir noch uͤberdies eine unangenehme Empfindung erweckte, daß ich bei einer Hochzeitfeier, einem Auftritte voll Gelaͤchter und Geſang und Blumenſtreuen, zugegen ſeyn ſollte. Meine gewoͤhnliche Heiterkeit, die mir unter meinen univerſitaͤts⸗Kameraden ſo treu geblieben war, hatte mich mit einemmale verlaſſen. Es war, als ob ploͤtzlich ein Schleier hinweggezogen worden waͤre, und jetzt zum erſtenmale die Wirklichkeit meiner kuͤnf⸗ tigen Lebensbahn, in aller ihrer finſtern und freuden⸗ loſen Einſamkeit, deutlich vor mir liege. 8 262 An dem Tage, wo ich in Ferrara ankam, war Galla bei Hofe, und als ich eben bis in die Mitte der Stadt gelangt, erſcholl großartig der ſchmetternde Klang von Kriegsmuſtk, durch das Schweigen der gehaͤuften, erwartungsvollen, ſich leiſe zufluͤſternden Menge. Die Wachen ruͤckten dann vor, und hinter ihnen ein langer Zug der jungen Edeln der Stadt. Ich war als Student gekleidet, und ritt einen lang⸗ oͤhrigen, ſchwerfaͤlligen Mauleſel. Die Maſſe ſchlug auf ihn los, und draͤngte uns Beide nahe an die Mauer, um Platz fuͤr den Zug zu machen. Bei die⸗ ſem Anblicke konnte wol ein jugendliches Herz freu⸗ dig klopfen, und froh in der Bruſt ſich heben, aber mein Gefuͤhl war ein ganz anderes.— Galle durch⸗ ſteoͤmte mich. Ich blickte geſpannt auf die jungen Edelleute. Unter ihnen ſah und erkannte ich mei⸗ nen Bruder. Er hatte ſich ſehr veraͤndert, aber ich erkannte ihn doch gleich. Noch als Mann war er ſei⸗ den, wie ſonſt; ſein Anzug war einer der reichſten, er trug ſein Haar nicht nach Mannesart, ſondern in kleinen zierlichen Locken. Als er zwei Schritte von mir voruͤber ritt, roch ich den Parfuͤm ſeiner reich ge⸗ ſtickten Schaͤrpe. Sein Blick auf die Anderen umher und auf die Menge unter ſich, war ſtolz, ja ſelbſt hoͤh⸗ niſch, aber oͤfterer richtete er ihn mit wohlgefaͤlligem Laͤcheln auf ſeine wohlgebildeten Schenkel und ſtatt⸗ lichen Waden und ſammtenen Stiefel, oder hob ihn jeden Augenblick zu den Balkonen, wo die reizenden Damen ſtanden, mit einem Ausdrucke, der deutlich ſagte:„Bewundert mich, denn ich bin das, was der ſchoͤne Paris in Troja war.“ Kaum war er bei der Stelle vorbei, wo ich, an die Wand gedraͤngt, geſchoben und geſtoßen, dem Spotte und Gelaͤchter des Volkes aus⸗ geſetzt, hielt, als ich an einem Fenſter uͤber ihm ein Maͤdchen mit ernſten und faſt ſtrengen Zuͤgen be⸗ merkte, das aber doch uͤberaus ſchoͤn war. Er hielt jetzt hoͤflich den Zuͤgel an, ließ ſein Pferd vor dem Fenſter vorbei paradiren, und gruͤßte mit der Miene eines ſelbſtzufriedenen, ſeiner Sache gewiſſen Anbe⸗ ters; die Dame aber laͤchelte ihm nicht zu, ob ſie ſich gleich tief verbengte, wie jemand, der ſich gezwungen fuͤhlte, ſeine Huldigung anzunehmen und anzuerken⸗ nen. Ich fragte einen Buͤrger neben mir, wer die Dame ſey.„Lukrezia Bardi,“ entgegnete er,„an den jungen Herrn, der ſie eben gruͤßte, verlobt. Er iſt der Erbe des Hauſes Alberti; ſie nennen ihn Rie⸗ ciardo, ein niedliches Puͤppchen, aber nicht Mannes genug fuͤr ein ſo ſchoͤnes Fraͤulein, wie Lukrezia Bardi.“ So dachte ich auch, ſprach es aber nicht aus, ſondern ſchuͤttelte bloß den Kopf. Der Zug ging weiter; ehe er jedoch endete, ſchrie mein ungeduldi⸗ ger Eſel. Dies zog Aller Augen auf mich, und der Haufe jubelte, und Ritter niedern Ranges, welche hinterdrein ritten, machten rohe Scherze uͤber den Eſel des ehrwuͤrdigen Herrn, und Damen lachten aus ihren Fenſtern uͤber den luſtigen Unfall. Endlich erreichte ich unſern Palaſt. Einige der 264 alten Diener empfingen mich freundlich; aber ich ſah wie die juͤngeren einander zuwinkten, und ſpottweiſe das Zeichen des Kreuzes hinter meinem Ruͤcken mach⸗ ten. Mein Vater war bei Hofe. Als er zuruͤckkam, ließ er mich rufen, fragte nach meinem Befinden und meinen Studien, ſprach von meinen Ausſichten, und ſetzte dann, von dieſen Gegenſtaͤnden ſchnell ab: brechend, hinzu:„Ich ſchickte nach Dir, Ambrogio, damit Du Zeuge waͤrſt bei der Hochzeit deines Bru⸗ ders. Er wird, wie Du weißt, nach meinem Tode das Oberhaupt unſers alten Hauſes. Ich habe mir Muͤhe gegeben, ihm eine Gemahlin auszuſuchen, die unſers Namens wuͤrdig ſey. Sie iſt eine Bardi, mit denen in Florenz verwandt, und ein ſchoͤnes Maͤdchen von edler Haltung. Es iſt ein Gluͤck fuͤr ſie, an Ricciardo vermaͤhlt zu werden, denn einen ſchoͤnern und anmuthigern jungen Mann hat man noch nie in Ferrara geſehen. Noch heute druͤckte ſich unſer Herzog ſelbſt ſo uͤber ihn aus. Du wirſt ihn kaum wiedererkennen, Ambrogio, und er Dich wahr⸗ haftig auch nicht. Die Schultern ſtehen Dir ganz hoch herauf, und Dein Kopf beugt ſich vorn uͤber; das kommt vom Studiren. Und deine Farbe, wie hat ſich die veraͤndert! Sie iſt ja ſo bleich und gelb, als ob Du wenigſtens ſchon Cardinal waͤreſt.— Nun fuͤr einen Geiſtlichen hat das nichts zu ſagen,— es iſt um ſo beſſer;— eigen iſt es doch, wie die Tonſur Jemand verſtellen kann!— und unten haben ſie Dir die Haare ganz kurz weggeſchnitten. Du brauchſt — 265 bloß einen Eſel vor Dir herzutreibeu, und eine braune Kutte und Capuze, ſo iſt der heilige Franziskus fer⸗ tig. Geh' auf dein Zimmer, und ſorge dafuͤr, daß Dau einem hochzeitlichen Gaſte aͤhnlicher ſeheſt, ſonſt moͤchte deine edle Schwaͤgerin Lukrezia vor Dir er⸗ ſchrecken; ſie iſt ein Maͤdchen von hohem Verſtande und ſcharfer Beobachtungsgabe. Ich wuͤnſchte nicht, daß irgend jemand aus der Familie, ſelbſt Du nicht, ihr mißfalle, ob das gleich nicht viel zu bedeuten haͤtte, da euer Weg doch nie zuſammen gehen wird.“ Ich wagte nicht zu antworten, ſondern verbeugte mich und ging. In der Halle begegnete ich Ricci⸗ ardo. Er wußte, daß ich angekommen war, und gruͤßte mich, aber mit einer kalten Gleichguͤltigkeit, die mich verdroß; und ob er ſich gleich vorneigte, als wolle er mich kuͤſſen, ſo that er doch nur ſo, und zog ſich ſogleich wie voll Ekel wieder zuruͤck. und doch hatte ich Blut und Zuͤge meines Stam⸗ mes. Roher war vielleicht die Aehnlichkeit in mir ausgepraͤgt, aber maͤnnlicher, das fuͤhlte ich, und mein Koͤrper war geſchickter dazu, die Waffen zu tra⸗ gen. Aber jene Zeiten meines ſtolzen Hauſes waren voruͤber; ein leichtes Rappier, an einer ſeidenen Binde getragen, waren unſere jetzigen Waffen. Ich eilte auf mein Zimmer, die Stunde des Ge⸗ bets vorſchuͤtzend. Ich bemerkte Hohn bei ſeinem hoͤflichen Laͤcheln. Es drang in meine Bruſt, gebar Haß, und fand junge Scorpionen dort, bereit auf⸗ zuſtehen und ihn zu umziſchen. Vorher waren ſie 266 noch ungeboren, aber in dem Herzen hatten ſie doch bereits gelegen, ein Neſt unſeliger Leidenſchaften in einer finſtern Hoͤhle, und jetzt regten ſie ſich, als ſollte es der Augenblick ſeyn, wo ſie ins Leben traͤten. Als ich in meinem Zimmer umherwandelte, und an die Auftritte dieſes Morgens dachte, den erniedri⸗ genden Abſtand zwiſchen mir ſelbſt und den jungen Edeln, die courbettirend bei mir voruͤbergeritten wa⸗ ren, meine ſchivarze, ruſſige Schuͤlerkleidung und ih⸗ ren ſchoͤnen Anzug, mein dummes, langoͤhriges Maul⸗ thier und ihre herrlichen, hochfuͤßigen Roſſe, die mit ſtolzem Schuͤtteln der fliegenden Maͤhnen und ge⸗ ſpitzten Ohren und friſchem kraͤftigen Wiehern vor⸗ uͤber tanzten, und die Damen auch, die dieſen Rit⸗ tern zulaͤchelten, und die Marktmaͤdchen, die mit ge⸗ meinem Gelaͤchter mit Fingern auf mich gezeigt hat⸗ ten: da glaubte ich, mein Herz ſollte vor Unmuth und Bitterkeit zerſpringen. Der Abend kam. Tauſend bunte Lampen ver⸗ breiteten ihren reichen Glanz uͤber unſere Gaͤrten. Aus Bluͤthenlauben, welche junge wirbelnde Saͤnger und geſchickte Muſi ker verbargen, ſtiegen melodiſche Toͤne empor. Tafeln, mit den ſeltenſten Speiſen be⸗ ſetzt, wurden in unſerer Halle bereitet, und ganz Fer⸗ rara kam, um an dem fuͤrſtlichen Feſte Theil zu neh⸗ men, das mein Vater am Abende vor dem Hochzeits⸗ tage meines Bruders gab. In einem Theile des Gar⸗ tens war ein Orcheſter aufgebaut, wo ein regelmaͤßi⸗ geres Conzert aufgefuͤhrt werden ſollte, und Sitze 267 waren hier vorbereitet fuͤr die ausgezeichueſten Gaͤſte. Hier ſaß Donna Lukrezia mit ihren Freunden und Verwandten, und nahm die Gluͤckwuͤnſche in Empfang, wie man ſie den Braͤuten zu ſpenden pflegt. Ein Bothe meines Vaters rief mich herbei, um ihr vorgeſtellt zu werden. In der Pauſe, die auf eine rauſchende und wohlgewaͤhlte Muſik folgte, ward ich zu ihrem Seſſel gefuͤhrt. Sie empfing mich mit dem ernſten, gleichguͤltigen Laͤcheln, welches eine Vor⸗ ſtellung zugleich als ſolche anerkennt und doch auch ablehnt. Ihre Abneigung gegen die Verbindung und ihr Widerwillen gegen alle Mitglieder der Fa⸗ milie, trat mir klar entgegen. Mein Bruder lehnte aber uͤber ihren Seſſel mit der ſichern, beleidigend ſichern Miene, welche zu ſagen ſchien:„Du biſt ein feines, ſchoͤnes, bewundertes Weib, und Du biſt mein!“ Ach! wie ſchrecklich ward dieſes Band fuͤr ihn. Es giebt eine Art von Schoͤnheit, welche Ehr⸗ erbietung einfloͤßt. Eine ſolche beſaß Donna Lukre⸗ zia. Obgleich jung und maͤdchenhaft, hatte ſie doch Blick und Haltung einer Frau, in deren ſtrahlendſter Wuͤrde. Ich fuͤhlte, wie ſehr ſie mein Schuͤlerge⸗ wand, das mir bis auf die Fuͤße herabging, verach⸗ ten muͤſſe, und ſchaͤmte mich vor mir ſelbſt. Man bemerkte an ihr an dieſem Abende, wie ich mich noch gut erinnere, daß ihr Kleid ſich nicht ganz fuͤr eine Braut paſſe. Sie trug in der That einen Kranz von weißen Roſen in der ſtolzen, aufgeflochtenen Fuͤlle ihres Rabenhaares. Ihr Gewand war von reichem — 1 1 268 ſchwarzen Genueſiſchen Sammet. Diamanten glaͤnzten auf ihrem Buſen, aber ein ſchmales, ſchwarzſeidenes Band, deſſen daran befeſtigtes Kleinod ſich in dem⸗ ſelben verbarg, ſchien ihr theurer, als dieſes hoch⸗ zeitliche Geſchenk. Ihre Farbe beſaß eine Schoͤnheit, fuͤr welche wir keinen Namen haben. Es war nichts Weißes darin, und doch war ſie hinreißend. Ein Ton milchartiger Milde, der bei dem Kerzenlichte in alles verſchmolz, was die groͤßte Lieblichkeit nur Ma⸗ jeſtaͤtiſches haben kann. Ihre Augenbrauen, ihre Naſe, ihre Lippen waren ſcharf gezeichnet, faſt maͤnn⸗ lich, aber ſanfter; ein Modell zu einer edeln Roͤme⸗ rin oder einer Spartaniſchen Mutter, nur geboren fuͤr die Umarmung eines Helden. Ich ſtaunte ſie an, wie etwas Ueberirdiſches, uͤber uns Erhabenes, aber ich fuͤhlte keine Sehnſucht des Herzens, keinen Wunſch nach einem Laͤcheln von ihr. Ganz anders betrach⸗ tete ich die Brautjungfer, welche an ihrem Arme lehnte, oder vielmehr daran hing. Angelika war ein Maͤdchen mit ſchoͤnen, liebevollen Augen und lichtem, gelockten Haar. Auf ihren ſanften Wangen bluͤhte eine zarte Roͤthe. Die blaßrothe Roſe konnte im Morgentbhau nicht lieblicher bluͤhen, und der ſchneeige Muſſlin ihres Kleides ſtach kalt und aͤrmlich gegen die bezaubernde Weiße ihrer reinern Haut ab. In dieſer langen, langen Nacht(ob ſie mir gleich ein voruͤberfliegender Augenblick ſchien) beobachtete ich, ein blaſſer, zuruͤckgeſetzter Schüler, ſie unaufhoͤrlich. 269 Aus fernen, duͤſteren Winkeln folgten ihr meine Au⸗ gen, und weideten ſich an ihren Reizen. Frauen ſehen ſchnell, wenn man ſie verehrt, und dulden es nicht ungern. Sie wiſſen auch, wenn die⸗ ſes Gefuͤhl tief, hingebend und wahr iſt, und ſo ge⸗ waͤhren ſie nicht ſelten jenes gewiſſe, einem Laͤcheln aͤhnliche Etwas dem entfernt ſtehenden ſtummen Ver⸗ ehrer, das ſie dem eiteln, begehrlichen Gecken verſa⸗ gen, der ſtolz ſich an ſie draͤngt. Auch mir gewaͤhrte es Angelika. Ach warum?— Es ſollte nichts bedeu⸗ ten, und drang doch tief in mein Herz, und obgleich, noch ehe dieſe Nacht verging, ſich mir deſſen Nich⸗ tigkeit zeigte, ſo blieb mir doch das Andenken an dieſen freundlich milden Blick, der mein Anſtarren zaͤrtlich zu vergeben und zu erlauben ſchien, viele Jahre lang theuer. Sie tanzte an dieſem Abende mit einem jungen, von der Sonne verbrannten Krie⸗ ger, der eben von dem Feldzuge zuruͤckgekehrt war Sein Laͤcheln war maͤnnlich, ſein Schritt leicht und anmuthig. Wenn er aber nicht tanzte, ſo hatte ſein Einherſchreiten jene Feſtigkeit, die man durch Bergſteigen, oder ein feſtes im Sattel Sitzen erlangt. Ich zog mich noch weiter in ein kleines Behaͤltniß zuruͤck, und blickte mit Neid auf den Juͤngling, als ich Angelika mit freiem, freundlichen, unſchuldigen Gelaͤchter auf ihn hoͤren und ſeine natuͤrlichen Hoͤf⸗ lichkeiten beantworten ſah. Der Ball war zu Ende, die Menge hatte ſich verlaufen, und der graue Morgen ſchaute auf ſchwach⸗ — — 270 glimmende Lampen und verwelkte Blumengewinde, ehe ich den Garten verlaſſen konnte. Aber als ich auch auf meinem Zimmer war, konnte ich doch nicht ſchlafen. 4 Die Hochzeit ſelbſt ward drei Meilen von der Stadt auf einer Villa meines Vaters gefeiert, und ich ritt mit einer heitern Geſellſchaft dahin, ritt auf einem weißen Zelter, der meiner Mutter gehoͤrt hatte, und ruhig und gemeſſen zwiſchen den baͤumenden Roſſen der jungen Edelleute einherſchritt. So fuͤhlte ich denn mich ſelbſt wieder bezeichnet als den ton⸗ ſurirten Prieſter, ſah, wie man uͤber mich laͤchelte, oder der luſtige Haufe mich gar nicht beachtete. Die Landleute kamen uns mit Tambourins und Schaͤfer⸗ fidten und Caſtagnetten entgegen, und ſangen ein Weinleſelied, indem ſie ihren Zoll von friſchgepfluͤck⸗ ten, thauigen und duftenden Blumen darbrachten. Kaum waren wir abgeſtiegen, als das Gefolge der Braut ankam, und Alle im froͤhlichen Zuge ſich nach der Dorfkirche begaben. Dort waren Saͤnger vom Dome, und die Sakriſtane aus der Stadt hatten jedes Heiligenbild geſchmuͤckt und erleuchtet, und kuͤnſtliche Blumen und neue goldene und ſilberne Stoffe waren zur Zierde des Feſtes uͤberall ange⸗ bracht. Noch erinnere ich mich des Geſichts der Donna Lukrezia. Auf ihrer blaſſen Stirn wohnte der Schmerz eines Schlachtopfers, und hohl war der Ton ihrer Stimme. Aber ſie ſprach feſt und ohne Beben, und ihr ſtrenger Wille hatte den fuͤrchterli⸗ — 7 271 chen Schmerz tief in ihren Buſen zuruͤckgepreßt. Mit kalter Ruhe blickte ſie auf meinen Bruder; als ſie aber, nachdem die Trauung eben voruͤber war, ſich zu Angelika wendete, um dieſe zu kuͤſſen, ſah ich eine einzige ſchwere Thraͤne auf die roſige Wange fallen, welche gebleicht ward von der Beruͤhrung und ſchnell bethaut von den ſtroͤmenden Quellen ihrer erregten Bekuͤmmerniß. Und ich bemerkte, wie Beider Herzen an einander ſchlugen; leiſe, voll und ſelten hob ſich Lukreziens, aber Angelika's junges Herz bebte in ſte⸗ tem Zucken, das zuletzt in einer todtenaͤhnlichen Ohn⸗ macht endete. Lukrezia ließ ſie ſich nicht entreißen, ſondern hielt ſie in ihren Armen feſt; nur druͤckte ſie ſie enger an die Bruſt, als wolle ſie das Blut zwin⸗ gen, zuruͤckzuſtroͤmen, und tauchte eine Moosroſe in das Weihwaſſer, womit ſie die geſchloſſenen Augen⸗ lieder beſprenge, bis wieder das ſanfte, blaue, liebe⸗ volle Licht aus ihnen leuchtete. Unter ſchattigen Baͤumen waren rings um die Villa her feſtliche Tafeln gedeckt, und die braunen Landleute feierten dieſe traurige Ceremonie wie einen Feſttag, und die jungen Cavaliere auch, und alle ſchoͤne Maͤdchen von Ferrara ſchloſſen ſich an, und ſelbſt Angelika, ob ſie ſich gleich nur mit Schmerzen von ihrer geliebten, ſchweſterlichen Freundin trennte, laͤchelte doch einmal,— nein, blickte doch einmal freundlich auf mich, und laͤchelte zweimal dem jungen Krieger zu, mit welchem ſie am Abende vorher ge⸗ tanzt hatte. Meines Vaters Stolz war geſchmeichelt, 272 doch war er nicht heiter. Mein Bruder zeigte eine Miene voll eiteln, offnen, ungezuͤgelten Triumphes. Nach Sonnenuntergang ritten wir in die Stadt zuruͤck, und am folgenden Tage mußte ich wieder nach Padua, doch nicht mehr als derſelbe Menſch, wie ich es verlaſſen hatte. Angelika's Bild ſtand jetzt immer vor mir, in jeder Stunde,— ach, in je⸗ dem Augenblicke. Ich hatte noch nicht einmal mit ihr geſprochen, auch war es gar nicht wahrſcheinlich, daß es je geſchehen wuͤrde, denn was hatte ich bei einer Lebensbeſtimmung, die mich zum Meſeeleſen und dem Cblibate verurtheilte, mit Jugend und Schoͤnheit zu ſchaffen? Sie wuͤrde gelacht, mir ins Geſicht gelacht, und ſich dann zu ihrem jungen Krie⸗ ger gewendet haben. So verging mir ein Jahr in muͤßiger Gedankenloſigkeit. Ich lernte nichts, ich that nichts, als unter Baͤumen liegen, an unbeſuch⸗ ten Orten herumwandern und uͤber meine freuden⸗ loſen Ausſichten trauern. Ein krankhaftes, truͤbaͤu⸗ giges Anſehen ſtempelte mich mir ſelbſt zu einer al⸗ ternden Mitte in jugendlichen Jahren. Man rief mich wieder nach Hauſe, um bei dem Jahresfeſte der Hochzeit zugegen zu ſeyn, welches mein Vater ſehr unklugerweiſe zur Feier ſich aus⸗ erwaͤhlt hatte, da kein Gluͤck aus dieſer Verbindung entſprungen war. Sie beſaßen kein Kind, und der Charakter meines Bruders war wegen ſeiner allge⸗ meinen und geſetzloſen Ausſchweifungen voͤllig ver⸗ aͤchtlich geworden. Unterſtuͤtzt durch die Nachſicht mei⸗ 273 meines Vaters, verſchwendete er ſein Vermoͤgen in einem ausgelaſſenen Leben, und wandte große Sum⸗ men an eine Buhlerin in der Stadt, von dem ſchlech⸗ teſten und ſchamloſeſten Charakter. Wir wohnten Alle auf der Villa vor der Stadt. Es war die Nacht vor der Jahresfeier. Um Mitter⸗ nacht hatten wir uns getrennt, und ich wanderte in der langen Galerie allein und traurig auf und ab. Kein Ton war zu hoͤren. Ploͤtzlich erſcholl ein Schrei, ein fuͤrchterlich durchdringender Schrei, wie der, wo⸗ mit Gemordete zu ſterben pflegen, durch den weiten Palaſt. Augenblicklich war die Galerie mit Lichtern und erſchrockenen, verwunderten Menſchen angefuͤllt. Alle hatten den Schrei gehoͤrt, Niemand aber wußte, von welcher Richtung her er gekommen war. Aber nur ſehr kurz dauerte die Ungewißheit. Lukrezia ſtuͤrzte, im offnen Nachtgewande mit einer Nachtlampe und einem blutigen Dolche, unter uns, den Buſen entbloͤßt, das Haar entfeſſelt, in wilder, fuͤrchterlicher Verſtoͤrung. 3 „Ich habe es vollbracht,“ ſagte ſie, indem ſie vor meinem verſteinten Vater ſtill ſtand.„Die Toch⸗ ter eines Bardi war nicht fuͤr ein Haus der Schande erzogen. Die Tochter eines Bardi ſoll nicht von ei⸗ nem Buben befleckt werden, der das Bett einer As⸗ paſia theilt. Meines Vaters Blut ward auf dem Schlachtfelde vergoſſen, dort fioß auch das meines Bruders, und der einzige Mann, den ich je liebte, zieht jetzt einher an der Spitze ſeiner kriegeriſchen II. S 274 Schaaren. Gezwungen, Ihren Schwaͤchling von Sohn zu heirathen, beugte ich mich unter mein ver⸗ haßtes Loos, mit dem feſten Entſchluſſe, ein Opfer zu werden fuͤr das geſchwundene Anſehen unſers fuͤrſtli⸗ chen Hauſes, und ein reines, unbeflecktes Leben als ein ſolches Opfer zu fuͤhren. Ihr elender Sohn iſt dem Ehegeluͤbde untreu geworden. Thut dies das Weib, ſo mag der gebietende Gatte es toͤdten, wenn es ihm ſo gefaͤllt. Ich bin nicht eiferſuͤchtig auf etwas, das ich verachtet habe; ſeht alſo meine That nicht an, als ſey ſie die Folge der Wuth eines eifer⸗ ſuͤchtigen Weibes,— nein, ſie iſt die Rache einer keuſchen, ſtolzen, beleidigten Bardi.“ Und als ſie ſo ſprach, ward ihre Geſtalt hoͤher, oder ſchien es we⸗ nigſtens; eine furchtloſe Flamme brannte ruhig in ihrem ſchwarzen, feſten Auge, und die erweiter⸗ ten Naſenloͤcher ſprachen ihren ſtolzen, unverhehlten Zorn aus. Niemand in der Galerie wagte es, Hand an ſie zu legen.„Kommen Sie,“ fuhr ſie fort,„kommen Sie, und ſehen Sie Ihren Sohn.“ Und ſie fuͤhrte uns, und Alle folgten ihr. Auf dem ehelichen Bette lag mein Bruder, blutig und todt. Ich bemerkte es, wie ſie den Arm hob, um den ſchrecklichen Stahl ſich ſelbſt ins Herz zu ſtoßen, entwaffnete ſie, und brachte ſie in Sicherheit. Man ließ ſie ſogleich in ein be⸗ nachbartes Kloſter ſchaffen, und dort als eine Wahn⸗ ſinnige einſperren, um ihr ſo das Leben zu retten, und ihrer Familie die Schande einer Hinrichtung zu 275 erſparen. Der Stoß, den dies den Gefuͤhlen und Hoffnungen meines Vaters gab, verſenkte ſeinen Geiſt in tiefe Duͤſterheit, und unſere Villa ward ſo ſtill wie ein Kloſter. In mein Leben brachte dies Ereig⸗ niß aber eine Veraͤnderung, an der mich zu erfreuen, ich mich nicht erwehren konnte. Durch beſondere Verguͤnſtigung ward ich meiner Prieſtergeluͤbde ent⸗ bunden, und einſt zum Erben von meines Vaters Namen und Beſitzungen beſtimmt. Ich gab mich nun der Hoffnung hin, jetzt um die ſuͤße Angelika werben und ſie als Braut erringen zu koͤnnen. Seit dem Hochzeitfeſte hatte ich ſie nicht wieder geſehen; auch waren viele Wochen ſeit dem ungluͤcklichen Schickſale meines Bruders vergangen, ehe ich es wagte, eine Zuſammenkunft mit ihr zu ſuchen. End⸗ lich ging ich eines Abends zu dem Grafen Baldini, ihrem Vater, in Geſellſchaft. Sie liebte ihre Freun⸗ din ſo zaͤrtlich, daß ſie ſich von mir mit einem Schau⸗ dern wandte, als fuͤrchte und ſcheue ſich mich. Eine junge Gefaͤhrtin aber an ihrer Seite fuuͤſterte ihr ernſtlich zu, und ich ſah aus ihrem Auge und ihrer Miene, daß ſie vortheilhaft von mir ſprach, vielleicht ihr ſagte, wie fremd ich bisher meiner ganzen Fami⸗ lie geweſen ſey, und wie unfreundlich dieſe mich be⸗ handelt habe. Denn jetzt blickte Angelika auf mich, mit ſanftem Ruͤckerinnern an meine Bewunderung fuͤr ſie bei dem Hochzeitvorabende, und ſie laͤchelte und ſprach freundlich, als ich mich ihr wieder nahte. Welches Felſengebaͤunde von Hoffnung und Gluͤckſe⸗ S 2 276 ligkeit baute ich nicht auf dieſes ruhige Laͤcheln, dieſe Silberſtimme! Es war ſpaͤt geworden, als ich den Baldiniſchen Palaſt verließ; und als ich mein Haus erreicht hatte, kehrte ich um und wieder zuruͤck, nur in der Hoffnung, die verſchloſſenen Fenſter ihres fuͤr mich geheiligten Zimmers zu erblicken. Der Mond ſchien ſchwach. Da hoͤrte ich Toͤne in der Luft. Abgebro⸗ chene Laute einer Guitarre und den tiefen, ſchmel⸗ zenden Geſang einer Maͤnnerſtimme. Ich wandte mich um die Ecke der Gartenmauer. Da lehnte an ihr der bekannte, braune Krieger, und das Fenſter war offen, und aus ihm neigte ſich mit Augen von ſchuldloſer Liebe glaͤnzend, und lauſchendem Ohr und geoffneten Lippen, die Wange auf die Lilienhand ge⸗ ſtuͤtzt, die junge Angelika. Ich ſtarrte mit truͤbem Auge und brechendem Herzen auf ſie, wie auf mein verlornes Paradies; dann eilte ich fort. Am folgen⸗ den Morgen hoͤrte ich, daß ſie mit einander verlobt waͤren, hoͤrte, wie wahr ihre Liebe, wie begluͤckt ſie geweſen, und wie Eins fuͤr das Andere geſchaffen zu ſeyn ſcheine. Nicht Neid ergriff mich. Ich freute mich uͤber ſie, trauerte aber tief um meinetwillen. Ich ward krank. Dieſen Schmerz habe ich nie uͤber⸗ winden koͤnnen. Kein anderes Maͤdchen mehr konnte ich mit Augen der Liebe betrachten, ſondern hegte eine Art ſchwermuͤthiger Zaͤrtlichkeit fuͤr die Frauen im Allgemeinen, fuͤr das ganze Geſchlecht. Ich konnte auf ſie blicken, und von fern ſtehen und weinen. Ich ward menſchenſcheu und lebte nur meinen Studien. * — 247 In dieſer Stimmung zog der Beichtvater meines Va⸗ ters, ein Mann von duͤſterm, ſtrengen, zuruͤckhaltenden Weſen, meine hauptſaͤchlichſte Aufmerkſamkeit auf ſich, und goß in mein unbeſchaͤftigtes Herz ſeine eignen truͤben Anſichten uͤber unſer gegenwaͤrtiges Daſeyn. In meiner Phantaſie entfaͤrbte ſich nach und nach Alles. Ich that ein Geluͤbde, da Angelika nicht die Meinige ſeyn koͤnne, mein ganzes Leben eben ſo keuſch und ſtreng zu fuͤhren, als ſey ich in einem Ritterorden. Dieſe Zeiten waren aber voruͤber, und ſo ſtrebte ich in meiner Bibliothek und auf meinem einſamen Gemache nach Troſt. Ich verließ das Haus meines Vaters, und begab mich nach Mailand, um dort im Winter ein vollſtaͤndiges wiſſenſchaftliches Studium vorzunehmen, und es genau zu verfolgen, in der Hoffnung, daß dies vielleicht mein krankes Herz heilen koͤnne. Es war nicht unangenehm, daß ich mir eine große Stadt zu meinem Aufenthalte ge⸗ waͤhlt hatte, denn die Einſamkeit mitten unter einer Menſchenmenge, wo ſich ſo viele Gegenſtaͤnde draͤn⸗ gen, welche fuͤr den Mann von Gefuͤhl und Beob⸗ achtungsgabe Intereſſe haben, ia ſelbſt ein eifrigeres Streben erregen koͤnnen, ſchien ſich fuͤr meine Lage beſ⸗ ſer als alles andere zu paſſen. Waͤhrend meines Auf⸗ enthaltes in Mailand wohnte ich in dem Hauſe ei⸗ nes einfachen Buͤrgersmannes, der ſeinem Hand⸗ werke nach ein Baumeiſter war. Die Familie beſtand aus ihm ſelbſt, einem ſehr beſchaͤftigten Manne, den ich ſelten ſah, ſeiner Frau, einer ruhigen, haushaͤl⸗ 278 teriſchen, ſparſamen Wirthin, drei kleinen Kindern und einem jungen Maͤdchen, einer armen Verwand⸗ ten, die alle Dienſte einer Magd verrichtete, und auch mir aufwartete. Sie brachte mir meinen Be⸗ cher Chokolade, meine geſchmackloſe Suppe, meinen Fiſch an Faſttagen, meinen Flakon Wein, den ich allein trank, das Holz fuͤr meinen Camin, das Oel fuͤr meine Lampe. Clara war ihr Name. Sie war ein ausgezeichnet liebenswuͤrdiges Maͤdchen. Ihre Ge⸗ ſtalt ſchlank, ihr Gang leicht, ihre Augen jungfraͤu⸗ lich ſanft, und doch glaͤnzten die heiteren Strahlen eines froͤhlichen Herzens aus ihnen. Ihre Wangen beſaßen eine Bluͤthe, die in zehn Minuten eben ſo viel Male in reizender Lieblichkeit wechſelte. Es war kein Erroͤthen, ſondern das bloße Spiel ihres jugendlichen Blutes, wie es in roſigen Duͤften unter ihrer durchſichtigen Haut floß. Es war mir ange⸗ nehm, wenn ich nun ſo Tag vor Tag ganz allein unter meinen ſtaubigen Folianten ſaß und mich tief ins Studiren verſenkte, eine ſo reizende Erſcheinung ſich in meinem Zimmer hinein und heraus und darin umnher bewegen zu ſehen. Ich fand— oder bildete mir es ein— in dem Ausdrucke ihres Auges eine leichte Aehnlichkeit mit der ſchoͤnen Angelika, und dies ſchien mir hinreichende Entſchuldigung, auf ſie zu blicken und ihr gut zu ſeyn. So iſt mir's oft im Leben ergangen, und wo ich, in Weib, oder Mann, oder Kind eine Aehnlichkeit mit Angelika fand, ſchloß ich mich gleich inniger an, und ſuchte ſolchen Perſo⸗ 279 nen eine kleine Gefaͤlligkeit zu erzeigen. Hier waltete aber ein tieferes Gefuͤhl vor. Nicht Liebe, nein! aber etwas ihr Aehnliches, etwas eben ſo Beaͤngſti⸗ gendes. Wohl wußte ich, daß ein ſinſtrer und kraͤn⸗ kelnder Student voll verruͤckter Theorien und unge⸗ regelter Phantaſie, voll vergeblicher ſchmerzlicher Ruͤck⸗ erinnerungen und Luftſchloͤſſer bauender Traͤume, kein Gegenſtand zur Liebe fuͤr irgend jemand ſey, am wenigſten aber fuͤr ein gluͤckliches, heiteres, ungebil⸗ detes Maͤdchen niedrigen Standes, und doch wurde ich unruhvoll, eiferſuͤchtig, wahrhaft ergriffen von dieſem jungen Weſen. Jeder Blick, ja jede Bewe⸗ gung von ihr beobachtete ich, und legte ſie mir ſo oder anders aus, um nur irgend eine Anſicht heraus zu finden, aus der ich eine kleine Freude ſchoͤpfen, oder mir ſelbſt ein quaͤlendes Gift bereiten koͤnnte. Jetzt ſchien ſie mir freundlich zu laͤcheln, und mir hold zu ſeyn, oder mich zu bemitleiden; jetzt war ihr Laͤcheln wieder Gelaͤchter, womit ſie mich hoͤhnte; jetzt ihr Benehmen raſch und üubereilt und kindiſch; jetzt wieder ſanft und wohlmeinend. Wenn ſie meine Thuͤr ſchloß und ich dann ihren leichten Schritt die Treppe hinab oder auf dem Gange hoͤrte, oder lauſchte, wenn ſie mit den kleinen Kindern ſpielte und ſie kuͤßte, ward mein Athem unregelmaͤßig, und ich fuͤhlte eine Art ſchmerzhaften Vergnuͤgens. So oft ich ſie aber, wenn ich nun ſo allein ſaß, mit jungen Leuten ihres Standes, welche fuͤr den Meiſter arbeiteten, oder mit den Nachbarn, die ſie kannte, in ihrem ihr eignen heitern Tone ſprechen, oder Fremde, die ein Geſchaͤft im Hauſe hatten, beſcheiden hoͤrte, oder wenn ſie nach etwas geſchickt worden war und lange ausblieb, oder wenn ſie an einem Feſt⸗ tage niedlich geputzt irgend wohin ging, da ſchlug mein Herz ſo aͤngſtlich, war ſo beklommen, als wolle es zerſpringen.— Was war das? Ohne Zweifel Ei⸗ ferſucht, und doch hatte ich nie, nie, auch nur Ein Wort von Liebe mit ihr geſprochen. Ich verſuchte, meine Thorheit bei mir ſelbſt damit zu entſchuldigen, als fuͤrchte ich Gefahr fuͤr das ſchoͤne unſchuldige Weſen in einer ſo großen Stadt voll Verſuchungen; und namentlich fuͤhlte ich dies, als ich einige zier⸗ liche junge Leute aus der Stadt bei unſerm Hauſe voruͤberſtreichen, und das Maͤdchen bewundernd oder anlockend betrachten ſah. Noch erinnere ich mich, wie ich einmal mitten in der ſtillen Nacht Schritte und Stimme und freundliches Gefuͤſter zu hoͤren glaubte. Ich ward wahrhaft krank bis zur Ohnmacht,— warum? War dieſes krankhafte Gefuͤhl unſchuldig? oder beneidete ich voll Eiferſucht den beguͤnſtigten Liebhaber? Ich konnte meinen Zweifel, meine Angſt nicht ertragen; ich oͤffnete die Thuͤre meines Zimmers, und horchte, ob ich nichts lauter und deutlicher vernaͤhme. Kein Laut, kein Athemzug, kein Geraͤuſch in dem ganzen ſanft ſchlafenden Hauſe: alles nur eitle, geſchaͤftige, eiferſuͤchtige Phantaſie.. Welch' ein Thor, welch' ein ſtrafbarer Thor war 281 ich da! Waren bewundernde Blicke auf ein junges, ſchoͤnaͤugiges Maͤdchen das Mittel, die Gefahren fuͤr ſie zu vermindern? Ich will nicht behaupten, daß meine Blicke ihr Nachtheil brachten, aber ſie konn⸗ ten doch Einfluß auf ihren Fall haben. Ich hoffe, ſie hatten ihn nicht. Aber ſie ſiel. Eine ſchaͤndliche Hand pfluͤckte die ſchoͤne Roſe, und fuͤhrte ſie fort in irgend einen Schlupfwinkel der Ausſchweifungen. Ich gedenke noch daran, und es durchſchauert mich noch jetzt, wie der gute Inhaber des Hauſes und ſein Weib hereintraten, wie Vorwuͤrfe und Zuneigung fuͤr die Ungluͤckliche ſich miſchten, und die kleinen Kin⸗ der ſchrien, daß ſie ihre freundliche Pflegerin Clara verloren haͤtten. Seitdem habe ich nicht wieder mit Frauen ge⸗ ſprochen. Ich trauerte um das junge, liebliche We⸗ ſen, als ob es Mein geweſen ſey, meine Tochter, oder etwas noch Theureres. Ich ſage Tochter, denn mein Geiſt war im Vergleich zu ihrem kindlichen beiahrt. Ich habe an das arme Weſen gedacht, und fuͤr daſ⸗ ſelbe gebetet, an vielen entlegenen Orten, in gahlln⸗ ſen einſamen Stunden. In dieſer Zeit ſtarb mein Vater; ich ward Erbe ſeines Namens und ſeiner weitlaͤufigen Beſiz⸗ zungen. Die Welt war mir zuwider, und ich ent⸗ ſchloß mich fuͤr ein kloͤſterliches Leben. Die ſtrengen Regeln der ſchwermuͤthigen und finſtern Bruͤderſchaft des heiligen Bruno zogen mich an. Ich machte dem großen, herrlichen Kloſter der Karthauſe, unweit Pa⸗ 282 via, ein fuͤrſtliches Geſchenk, und zog mich dahin mit krankhaftem Glaubenseifer zuruͤck. Zu verwundern war es nicht, daß wenn ich in ſolcher Stimmung der Welt entſagte, ich den Frie⸗ den nicht fand, welchen ich in der kloͤſterlichen Ab⸗ geſchiedenheit geſucht hatte. Der erſte Eindruck war allerdings ſehr ange⸗ nehm, und ich nahm von meiner ſtillen, ſchweigſa⸗ men Zelle und meinem kleinen Gartenplaͤtzchen mit einem ſanften, beruhigten Gefuͤhle Beſitz, das mir fuͤr den uͤbrigen Theil meines Lebens Schutz und Frieden zulispelte. Sonderbar aber und maͤchtig ward meine Phantaſie aufgeregt, wenn man zu den Stunden des Gebetes in das Kloſter trat, und in ſchweigendem Geleite der verhuͤllten Bruͤder durch die Kirche ſchritt. Nicht Ein Wort, ſelbſt kein gruͤ⸗ ßender Blick, außer am Donnerſtage jeder Woche, wo wir zuſammen im Refectorio ſpeiſeten. Dann wurden die Kapuzen, wie bei der Meſſe, zuruͤckgeſchla⸗ gen, und jeder ſagte im ernſten Tone feierlich zu ſei⸗ nem Nachbar:„Bruder, wir muͤſſen Alle ſterben!!“ und ein Moͤnch las uns etwas von einem Heiligen vor, und der Fiſch und das Brot und Waſſer ward im unverletzten Stillſchweigen genoſſen, und man ging wieder fort und zerſtreute ſich Jedes in ſeine Zelle, bis die naͤchſte Woche wieder dieſen ausgezeich⸗ neten Tag, das Mahl des gemeinſamen Schweigens im Refectorio, herbeifuͤhrte.. In jeder Nacht, zu der ſchaurigen Mitternachts⸗ — —— 283³ ſtunde, ertoͤnte das ſchwache, traurige Gelaͤut des kleinen Gloͤckchens, und augenblicklich oͤffneten ſich die vielen Zellenthuͤren und ſchloſſen ſich ſogleich wieder, und wir glitten geraͤuſchlos in die duͤſtere Kirche zum mitternaͤchtigen Gottesdienſte, einem Dienſt in leiſem, ſchwermuͤthigen Gemurmel, und ſchweigend ſchlichen wir wieder zuruͤck, in unſeren weißen Gewaͤndern geſpenſtiſchen Geſtalten gleichend, welche, wenn ſie die Nacht hindurch umhergewan⸗ delt, vor Tagesanbruch zu ihren Graͤbern zuruͤck eilen. Mir ſagten dieſe ernſten Zellen, dieſes feierliche Schweigen zu, und ich vermeinte bleibende Freude in dieſen ſtillen Betrachtungen zu finden, die ich in meiner Schwaͤche, ſowol ihrer Entſtehung als ihrem Gegenſtande nach, fuͤr uͤberirdiſch hielt. So war ich bereits mehrere Wochen lang ein Inſaſſe des Kloſters geweſen, und fuͤhlte Alles, was ich nur von Ruhe erwarten konnte, ohne durch ir⸗ gend einen aͤußern Gegenſtand, ja ſelbſt durch kein Bild aus der Vergangenheit geſtoͤrt zu werden. Ich hatte die Erſcheinungen der Welt aus mir verbannt, und war wie eine glatte, toͤdtlich ruhige See gewor⸗ den, als eine Kleinigkeit— jedoch nein! ich kann ſo etwas, und was ſolche Folgen hatte, keine Kleinigkeit nennen— als der bloße farbige Schatten eines menſchlichen Angeſichts an einer Mauer jedes Gefuͤhl meines Buſens verwandelte, und wie ein ſtuͤrmender Wind aus der Tiefe empor Wellen und Ungewitter erhob. 284 — ꝛ;ͦ——— Ich erzaͤhlte Ihnen ſchon, daß wir an jedem Donnerſtage im Refectorio zuſammenkamen und ſpei⸗ ſeten, oder vielmehr faſteten, denn wir beruͤhrten nie Fleiſchſpeiſen. 9 Von einem marmornen Pulte herab, las dann einer der Moͤnche oder predigte, und in den Pauſen dieſer Vortraͤge ward die Linſenſuppe und das Stuͤck⸗ chen trocknen Brots, oder ein Apfel, oder eine Orange mit ſo zoͤgernder, vorſichtiger Beſonnenheit gegeſſen, daß ein lauteres Schluͤrfen oder ein toͤnenderes Knat⸗ tern alle Geſichter voll Unmuth auf den fleiſchlich⸗ geſinnten Mann hinwenden konnte. Im Refectorio hingen Gemaͤhlde. Ich hatte ſie nie aufmerkſam betrachtet. Sie ſchienen ſchlecht gearbeitet, und bis⸗ her hatte ich immer ſo geſeſſen, daß ich dem beſſern davon den Ruͤcken zugewendet. Dies war ein Ge⸗ maͤhlde von der Hochzeit zu Canaan in Galilaͤa. Der Haupteffert war gut, aber doch nicht ausgezeichnet, ein Geſicht befand ſich aber darauf, welches, wie ich es naͤher beſchaute, mir voͤllig das der ſchoͤnen An⸗ gelika zu ſeyn ſchien. Ihre Augen, ihr Mund, ſelbſt ihr Laͤcheln. Die Hand, welche dieſes ſchoͤne Por⸗ trait gebildet hatte, moderte ſchon ſeit zweihundert Jahren im Grabe, aber die Phantaſte rief mir doch zu, das Modell deſſelben lebe noch. Nur Angelika konnte es geweſen ſeyn. Wie erregte mich dies! Die Welt zog wieder ein in mein Herz, mit aller Ge⸗ walt ihrer laͤchelnden Verheißungen und ſonnigen Freuden. Frauen, Liebe, Ehe,— Gedanken und Bil⸗ 285 der dieſer Art ſtanden ſtets vor mir;— jetzt war je⸗ der Donnerſtag ein heiliger Tag fuͤr mein Herz;— aber wie kerkeraͤhnlich ward mir auch jetzt meine einſame Zelle,— wie ſthrecklich waren mir die langen Stunden, die ich dort allein lebte,— wie verhaßt das Meßbuch und die albernen Legenden von finſteren Heiligen,— wie ſchmacklos das karge Stuͤck meines taͤglichen Brotes,— wie verdruͤßlich das weckende Gloͤckchen,— wie widrig die Naſentoͤne und das Murmeln des taͤglichen Dienſtes,— wie haͤufig und doch wie vergeblich meine Verſuche, den langen Tag zu toͤdten, gleich dem Schulknaben, der in der Schul⸗ ſtube ohne ſein Spielgeraͤth eingeſchloſſen bleiben muß!— Ich zaͤhlte die Ziegelſteine meines Fußbodens, das Getaͤfel meiner Waͤnde, die Kieſelſteine in mei⸗ nem ellenlangen Garten immer und immer wieder nach allen Richtungen. Stundenlang zog ich Waſ⸗ ſer aus dem kleinen Brunnen herauf, und goß es wieder hinein. Der Tag, wo ich meinen Antheil Holz fuͤr die ganze Woche erhielt, war mir ein Feſt⸗ tag. Ich ſpaltete es in tauſenderlei Formen, und waͤhrend ich alle dieſe Aermlichkeiten verrichtete, dachte ich immer an ſchoͤne Geſichter und ſanfte Toͤne,— an Angelika, und auch an Clara; ja, eben ſo oft an Clara als an Angelika,— an ihre laͤcheln⸗ den Augen, ihre ſuͤßen Stimmen, und dann an Frauen⸗ liebe, und an Verlobungsfreuden. An jedem Don⸗ nerstage weidete ich mich an dem Gemaͤhlde, und freute mich an jedem andern Tage darauf, von der 286 mir laͤſtigen Meſſe hinweg in meine Zelle zu eilen, deren Thuͤre ich verſchloß, und wo ich nie betete, ſondern alle Gedanken an den Himmel verhannte, und die einließ, welche der Erde angehoͤrten. End⸗ lich aber griff doch die laͤſtige Einfoͤrmigkeit dieſes unnatuͤrlichen Lebenswandels meinen Geiſt an, er⸗ ſchuͤtterte ihn, und brachte eine Krankheit hervor,— es war Wahnſinn, aber doch eine Art von geregel⸗ tem Wahnſinn. Ich fuͤhlte, wie That und Sporn des Lebens mir nothwendig ſeyen.— Ich bedurfte des Raumes zum Athmen, der Thaten bedurfte ich. Als ich in einer Nacht auf meine Zelle zuruͤck⸗ ging, verlor ein Bruder, der vor mir her ſchritt, aus ſeinem Gewande ein Buch. Es war nur klein, wie ein Taſchenbuch, ſiel auf eine Decke, und machte alſo kein Geraͤuſch. Ich hob es auf und trug es in& meine Zelle. Es war die RNeiſebeſchreibung eines Venetianiſchen Abenteurers, der nach Indien gegan⸗ gen war und im Dienſte des großen Moguls ſich Ehrenſtellen und Vermoͤgen erworben hatte. Die Schilderungen der Scenen aus dem Oriente, ſo wie der dortigen Menſchen, waren lebendig, und Laͤger und Truppen und Schlachten, Alles war mit Leben und Feuer ausgemahlt. Die Ruhe des Kloſters war mir bereits zur Hoͤlle geworden: als ich dieſes Buch geleſen hatte, ſchien ſie mir es noch viel mehr, und 7† ich erinnere mich noch, daß, als ich am naͤchſten Morgen bemerkte, wie man an dem Glockenthurme arbeitete, ich die Leiter, welche die Maurer dort hat⸗ ten ſtehen laſſen, hinauf klimmte, und uͤber die weite, fruchtbare, durch jene beruͤhmte Schlacht ſo merk⸗ wuͤrdig gewordene Ebene von Pavia hinwegſchaute. Als ich dort oben ſtand, zog eine Schaar Reiter un⸗ ter mir, nach Mailand hin, vorbei, und die Roſſe baͤumten und ſchnaubten, und die Trompeten ſchmet⸗ terten freudig. Da beſchloß ich, als ich vom Thurme herabſtieg, aus dem Kloſter zu entfliehen, und die Ka⸗ puze wegzuwerfen, moͤge daraus entſtehen, was da immer wolle. Noch beſaß ich einen ſehr koſtbaren Familienring. In derſelben Nacht noch erklimmte ich die meinem Fenſter gegenuͤber liegende Mauer, und ſprang unbeſchaͤdigt und unentdeckt in die Ebne hinab. Mein Kleid und die Tonſur ſetzten mich in große Verlegenheit, und ſo wanderte ich mit einer ſonderbaren Miſchung von Entzuͤcken und Furcht nach dem Fluſſe zu. Ich hoͤrte Stimmen, und ſah zwei Maͤnner ſich in demſelben baden. Es war eine heiße Sommernacht. Die Kleider dieſer Maͤnner lagen hinter dem Buſchwerke, wo ſie vorher geſchlafen hat⸗ ten. Schnell warf ich mein Gewand des heiligen Bruno ab, zog die Kleider eines dieſer Landleute an, floh augenblicklich weiter und fuͤhlte mich nunmehr in Sicherheit. Ich ging nach Venedig.— Geld ver⸗ ſchaffte mir der Verkauf meines Ringes.— So ſchiffte ich mich nach Conſtantinopel ein, und reiſ'te von dort in Geſellſchaft eines Venetianiſchen Juve⸗ liers durch Perſien und Indien. Mit ſeinem Bei⸗ ſtande und nach ſeinem Unterrichte kleidete ich mich 288 als Muhammedaner, und da ich fuͤr Sprach⸗Erler⸗ nung große Geſchicklichkeit beſaß, erwarb ich mir auch hier bald ſo viel davon, als ich bedurfte. Ich brauchte die Vorſicht, mich in jeder Provinz, durch welche wir kamen, fuͤr einen Muhammedaner aus irgend einem entlegenen und ungekannten Diſtrikte auszugeben, und erreichte ſo in vollkommner Sicher⸗ heit die Ufer des Indus. Hier verſchaffte ich mir, mit Beihuͤlfe meines Neiſegefaͤhrten, Dienſte in der Armee des Prinzen Abdallah, der damals mit unge⸗ heuren Streitkraͤften gegen die Mahratten zog. Waͤh⸗ rend meiner Reiſe hatte ich Schwert und Lanze voll⸗ kommen brauchen gelernt, und da ich mich mit ihrer Art Krieg zu fuͤhren und den Erfoderniſſen des Ober⸗ befehls uͤber eine kleinere Schaar bekannt machte, ſo erhielt ich den uͤber zweihundert Mann Neiterei ohne Schwierigkeit, und zwei Jahre nach meiner Flucht aus der Karthauſe, war der ſchweigſame, tonſurirte Moͤnch in den wilden und baͤrtigen Anfuͤhrer einer blutduͤrſtigen Kriegerhorde verwandelt. Laſſen Sie mich bei dieſem Abſchnitte meines Le⸗ bens nicht verweilen. Ich koͤnnte es wol, aber ich erfreue mich deſſen nicht. Moͤgen die, welche von dem menſchlichen Herzen ſo hohe Begriffe haben, deſſen Freude daran, das Herzblut von Mitgeſchoͤ⸗ pfen zu vergießen, die man nicht perſoͤnlich kennt, und doch haßt, obgleich man ſie nie eher ſah, bis ſie uns nun als gedungene Gegner in Schlachtord⸗ nung gegenuͤber ſtehen, erklaͤren. Ol des Stolzes/ 8 des 1 289 des erregten Muthes und des wahnſinnigen Durſtes eines grauſamen Triebes, wie heftig werden ſie, wenn die Trommeten toͤnen und die Roſſe ſchnauben, und der ſtarke Arm das ſcharfe Schwert flammend aus der Scheide zuͤckt! „Das Thier, das hier zu meinen Fuͤßen ſchlum⸗ mert“— und damit zeigte er auf den Tiger—„iſt zahmer, iſt weniger grauſam als der Menſch. Es bruͤllt nach Futter, und toͤdtet nur um des Futters willen; der Menſch dagegen, aus dem ſtolzen Vor⸗ recht, Todeswunden auszutheilen und vielfaches Le⸗ ben zu rauben. Oft, ſehr oft ſindet ſich allerdings Vaterlandsliebe und Ritterehre auf dem Schlacht⸗ felde, aber in dem Dienſte, den ich leider erwaͤhlt hatte, gab es nur Geſchrei nach Pluͤnderung und Blut. Und doch erinnere ich mich noch, wie hoch⸗ muͤthig gluͤcklich ich umher jagte, und das laute„Al⸗ lah hus ausrief, und Hirnſchaͤdel ſpaltete, und wie mein Roß voll Wuth auf die Gefallenen trat, und den blutbefleckten Boden ſcharrte. Ich war gegen⸗ waͤrtig auf dem blutigen Schlachtfelde von Panniput, wo Abdallah, an der Spitze von 130,000 Mann, 200,000 Mahratten ſchlug. Noch gedenke ich ihrer weißen Turbane und ſchwarzen Geſichter, und ihres Geſchreis„Ram, Ram,“ und des hohlen Wiederhalls des harten Bodens von den Hufen ihrer zahlloſen Rei⸗ terſchaaren, und wie ich mit meinen wilden Mongo⸗ len in ſie einbrach und ihre Kleider von weißem Muſſlin mit dem Blute traͤnkte, das mein ſcharfes II. T 290 Schwert ihnen entſtroͤmen ließ, und ich ſehe die lei⸗ chenbedeckte Fläche noch vor mir, und das Herbei⸗ eilen der Hyaͤnen und Schakals, als die Sonne un⸗ tergegangen war, und ihr geſchaͤftiges Mahl im Schweigen der Nacht. 1 Vielleicht wuͤrde ich ferner ein gemeiner Schlaͤch⸗ ter meiner Mitmenſchen geblieben ſeyn, wenn ich nicht einen Auftritt erlebt haͤtte, deſſen Eindruck auf meinen Geiſt erſchuͤtternd und durchdringend war. Ich zog mit einem ſehr kleinen Reiterhaufen durch einen im Jahre vorher unterworfenen Diſtrikt, den man mir als voͤllig ruhig und friedlich geſchil⸗ dert hatte. Die Meinigen lagerten ſich an einer großen Ci⸗ ſterne, unweit der Landſtraße, und des Abends ritt ich allein einem entfernten Dorfe zu, das eine ſehr romantiſche Lage zu haben ſchien. Als ich naͤ⸗ her kam, hoͤrte ich die Toͤne der Heerden, und ſah Felder jungen Reißes vom ſanfteſten Gruͤn, und Ca⸗ naͤle voll des reinſten, kuͤhlſten Waſſers und ſtattliche Palmen und fedrige Kokusnuͤſſe und ſchattige Tama⸗ rinden, und neu erbaute freundliche Huͤtten unter ih⸗ nen. Die Einwohner zeigten ſich unweit derſelben, Einige gekleidet, Andere in ihrer reinlichen Nacktheit; — ploͤtzlich aber ſtuͤrzten ſie fort, als ſie mich erblick⸗ ten, und verbargen ſich. Ich ritt naͤher, und machte Zeichen mit der Hand, um ihnen Zutrauen einzufloͤ⸗ ßen. Endlich gelang es mir, und Einige naͤherten ſich mir, um mich zu begruͤgen. Durfte ich meinen 291 Augen trauen, oder war es nur eine fuͤrchterliche Vi⸗ ſion? Alle dieſe Menſchen, jung und alt, Weiber und Kinder, hatten ſolche Geſichter, wie ſie die Bild⸗ hauer und Mahler Todtenkoͤpfen zu geben pflegen. Keine Naſe war zu ſehen, beide Lippen waren ab⸗ geſchnitten, und ſfelettaͤhnliche Geſichter grinzten mich geiſtergleich an, ohne boͤſe Abſicht jedoch, denn ſie waren verſchuͤchtert und erſchrocken. Ich erfuhr nun, daß ſaͤmmtliche Einwohner aus einem Dutzend Dorfſchaften von den Soldaten Abdallahs ſo ver⸗ ſtuͤmmelt, ihre Scheuern gepluͤndert, ihre Huͤtten ver⸗ brannt, ſie ſelbſt aber gezwungen worden waren, dort zu bleiben, und das Land wieder zu ſeiner vorigen Schoͤnheit und Fruchtbarkeit zu bringen, und in ih⸗ ren Gaͤrten und Feldern einherzugehen, als ein Schre⸗ cken fuͤr diejenigen ihrer Landsleute, die vom Wider⸗ ſtand gegen die Gewalt dieſes barbariſchen Fuͤrſten traͤumen koͤnnten. Sie ſagten mir, daß ſie„Sudras“ Landleute ſeyen, und nie ein Schwert gezogen, ſoͤn⸗ dern bloß ihre Felder bebaut haͤtten. Ich ſprengte fort, weit, weit hinweg. Meine Waffen warf ich von mir, ich verkaufte mein Roß. Barfuß, als ein de⸗ muͤthiger Pilger, wanderte ich uͤber ſengende Ebenen, und durch dicke und gefaͤhrliche Waͤlder, eine Reiſe von drei peinlichen Monathen, bis ich die Chriſten⸗ ſtadt Goa erreichte. Hier warf ich mich vor einem Beichtſtuhle zu Boden, und begruͤßte die Buße fuͤr meine Suͤnden, die Faſten und koͤrperlichen Kaſteiun⸗ gen, welche mir aufgelegt wurden, mit Entzuͤcken. Alles T 2 292 vollzog ich, aber es brachte mir keinen Troſt, denn Schrecken war uͤber mich gekommen. Man ſprach die Abſolution uͤber mich, aber nicht im Himmel ſchien ſie mir verliehen, nicht jenſeits. Ich dachte an den zuͤrnenden, Rechenſchaft fodernden Gott, und zitterte. Noch gedenke ich, wie ich eines Abends, blaß von Furcht und weinend, vor dem ſteinernen Kreuze an einer einſamen Stelle unweit des Fran⸗ ziskanerkloſters lag. Da kam ein Reiſender zu mir, und ſprach mit mir ſo ſanft, ſo mild, ſo troͤſtend: „Gott“ ſagte er,„iſt die Liebe; Sie fuͤrchten ihn, und das iſt der Anfang der Weisheit, aber ihn zu lieben, iſt deren vollkommenes Ende. Sie weinen, ja, ich ſehe es, Sie weinen voll aufrichtiger Reue. Dann ſehen Sie hier die Antwort der Gnade, die Einla⸗ dung, die ſichere Verheißung derſelben.“ Und aus ſeinem Buſen zog er eine kleine lateiniſche Bibel. Er las ſie mit mir. Ich hoͤrte ihm mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu. So las er und ſprach daruͤber. Vier oder fuͤnfmal beſuchte er mich, und ſprach Worte von gleichem Werthe. Endlich gab er mir an dem Tage, wo er wieder abreiſete, auf mein dringendes Bitten, das Buch ſelbſt. Sein Name ſteht in Engliſcher Sprache darin.“— Er oͤffnete das kleine Buch, wo die leeren Blaͤtter waren, und ich las den Namen: Hein⸗ rich Rugent!—„Ich hatte bereits,“ fuhr er fort, „Kleidung und Pflicht eines Moͤnches wieder ange⸗ nommen, aber nicht im Orden des heiligen Bruno, denn dieſen Theil meiner Geſchichte habe ich mei⸗ nem Beichtiger nie entdeckt, und da ich dies einmal gethan, blieb ich dabei; aber mein ſteter Gebrauch dieſes heiligen Buches hat mir wahre Reue, Glau⸗ ben, Hoffnung, Erbarmen, Freuden, Frieden gegeben. Das Nichts von Formeln und Bußen, Haarabſchnei⸗ den, Enthaltſamkeit und ſelbſtpeinigendem Geißeln, wie vergebens iſt der Verſuch, damit den Himmel zu erringen! Ich ſehe und vertraue in Liebe auf den, der mich lehrt zu glauben und zu leben, da ich er⸗ kauft bin um theuren Preis.— Ich eilte nun, Goa und das Kloſter zu verlaſſen, wo ich natuͤrlich eine Menge, Gebraͤuche, welche ich nicht billigen konnte, mitzumachen genoͤthigt war, und doch ſo wenig geiſtigen Troſt erhalten konnte. Ich begleitete einen liebenswuͤrdigen, frommen Carmeliterbruder hieher. Nach einem Jahre ſtarb er, und ich erbte dieſen kleinen und friedlichen Aufenthalt. Indem ich die Formen der Kirche, an welchen die wenigen eingeborenen Chriſten hier ſehr hangen, und wodurch viele noch Unbekehrte ſich vorzuͤglich angezogen fuͤh⸗ len, fortwaͤhrend beobachtete, iſt es mir Gewohnheit und Freude, ruhig unter ihnen herum zu wandeln, an den Huͤttenthuͤren und unter den Baͤumen, und das Wort des Lebens zu lehren, und ſie ſchmecken zu laſſen, wie guͤtig der Herr iſt, was fuͤr eine Speiſe fuͤr die hungrige Seele, welch' ein Balſam fuͤr das verwundete Herz. Ich lehre ſie trinken aus dem Quell des Lebens, damit ſie nicht mehr duͤrſten, und Viele haben ihn errungen, den Segen des heili⸗ gen Geiſtes, der allein uns zeigen kann den Weg zum ewigen Leben. Sie ſehen, Fremdling, daß ich ſelbſt das wilde Thier zu Ihren Fuͤßen, das von Na⸗ tur ſo reißend iſt, dahin gebracht habe, mich zu lie⸗ ben und meine Haͤnde zu lecken. Um wie vielmehr ſollte der Guͤte Gottes, der nur unſer Herz verlangt, deſſen Klopfen in Dank und Liebe entgegen kommen. So hoͤren denn auch Sie, mein Freund! Schwaͤrzer, als der Flecken ihrer Miſſethat, ſo ſchwarz er auch ſey, war doch der meine. Ihre Reue iſt innig, denn ſie ſtroͤmt in Seufzern aus Ihrer Bruſt, und fuͤllt Ihre Augen mit Thraͤnen. Aber noch iſt die Hand der Gnade ausgeſtreckt uͤber Ihnen, ergreifen Sie ſie knieend. Der Quell ſteht offen, fliehen Sie zu ihm, und er wird Sie reiner waſchen, als Schnee. Zoͤgern Sie nicht; auf! und handeln Sie. Gehen Sie morgen in die Stadt, und ruͤſten Sie ſich zur Reiſe in Ihre Heimath. Fliehen Sie zu dem verlaſ⸗ ſenen Altare und klammern Sie ſich an ihn feſt. Nehmen Sie das Buch des Lebens, und machen Sie deſſen Verheißungen zu den Ihrigen. Gedenken Sie daran, daß die Bibel das heilige Vermaͤchtniß des ſterbenden Erlbſers fuͤr ſuͤndige Menſchen ward. Ich verlebte die Stunden dieſer Nacht in Am⸗ brogio's Zelle, und hoͤrte ihm zu. Auch mein verfloſ⸗ ſenes Leben ſchilderte ich ihm in der Kuͤrze. Er gab mir ſeinen Rath, ich knieete mit ihm nieder im Ge⸗ bet, und verließ ihn nach dieſer begluͤckenden und — — 295 merkwuͤrdigen Vigilie, erfriſcht und geſtaͤrkt. Nach⸗ dem ich mich kurze Zeit in meinem Gezelte ausge⸗ ruht hatte, begab ich mich in die Stadt. Was ich nur beſaß, ſetzte ich in Geld um, und kehrte dann zu dem milden Pater zuruͤck, deſſen mir freundlich angebotenen Aufenthalt ich fuͤr ſo lange annahm, bis ſich eine Gelegenheit zu meiner Ueberfahrt nach England zeige. In dieſer Einſamkeit entkleidete ich mich auch jedes aͤußern Zeichens meiner langen Ab⸗ truͤnnigkeit. Bei Seite legte ich das faltenreiche Ge⸗ wand, das weite Beinkleid, den ſtattlichen Turban, und zog die enge Weſte wieder an, ſetzte den klei⸗ nen Hut wieder auf. Den Bart ſchor ich mir, und Niemand wuͤrde den Osman von Kairo wieder in mir erkannt haben. Jeden Abend aber ſtahl ich mich zu den Cypreſſen, welche uͤber Maleks Grabe weh⸗ ten, und trauerte uͤber deſſen fruͤhen Tod. Meine Tage verfloſſen in reuevollem Kummer, oder vielmehr in reuevoller Freude, und mit tiefgefuͤhltem, dank⸗ baren Entzuͤcken hoͤrte ich auf Ambrogio's Stimme. So verging ungefaͤhr ein Monath in dieſem be⸗ gluͤckten Aufenthalte; dann hoͤrten wir, daß ein Schiff nach England ſegeln werde, und Ambrogio bedung die Ueberfahrt fuͤr mich. Kaum drei Tage vor der Abfahrt, als ich eben eine Kleinigkeit in dem Laden eines Amerikaniſchen Kaufmanns erhandelte, trat ein Enropaͤer in denſelben, deſſen Geſicht mir bekannt ſchien, ob ich mich gleich nicht ſofort beſinnen konnte, wo ich es jemals geſehen habe. Er redete mich als Alvarez an, und rief mir ins Gedaͤchtniß zuruͤck, daß er mich zuletzt in Venedig in dem Hauſe ſeines Com⸗ pagnons geſehen habe. Ich erfuhr zu meiner gro⸗ ßen Ueberraſchung und Freude, daß er demſelben Handelshauſe angehoͤre, das mein ungluͤckſeliges Ver⸗ moͤgen in Verwahrung hatte. Ich ergriff dieſe Ge⸗ legenheit, Vorkehrungen in dieſer Hinſicht zu ma⸗ chen, die mich fuͤr die Zukunft von aller Beſorgniß weegen deſſelben befreiten, und mir zugleich ein klei⸗ nes, aber hinreichendes Auskommen fuͤr meine uͤbrige Lebenszeit zu ſichern. Ich erfuhr, daß meine Anwei⸗ ſungen wegen Ranzionirung der Reapolitaniſchen Ma⸗ troſen in Wirkſamkeit geſetzt worden waͤren, und je⸗ der noch ein annehmliches Geſchenk erhalten habe. Ich ſchloß einen Vertrag ab, wonach der bei weitem groͤßte Theil meines Vermoͤgens zu einem Fonds an⸗ gewandt werden ſollte, um Chriſtenſklaven zu unter⸗ ſtuͤten und loszukaufen, und in einer beſondern Klauſel ſetzte ich feſt, daß jedem Renegaten, der ſei⸗ nem Mauriſchen Herrn entfliehen wolle, ein ſol⸗ ches Geſchenk gegeben werden ſolle, daß er im Stande ſey, in ſeinem Vaterlande wieder ein ehrli⸗ ches Geſchaͤft zu beginnen. Indem ich aber bedachte, daß Italieniſche Matroſen mehr als alle uͤbrige dem Ungluͤck der Gefangennehmung, und folglich den Verſuchungen zum Uebertritt ausgeſetzt waͤren, mein Geld auch bereits in Italien angelegt ſey, beſchraͤnkte ich meinen Plan auf dortige Eingeborene. Den Ue⸗ berreſt dieſes ſonderbar erworbenen, und ſo lange —— 297 gemißbrauchten Vermoͤgens ließ ich mir nach Eng⸗ land nachſenden, und indem dieſer Kaufmann mir den Namen ſeines Londoner Correſpondenten auf⸗ ſchrieb, verſprach er dies getreulich zu erfuͤllen. An dem Tage, wo ich Surate verließ, ſtand Pa⸗ ter Ambrogio lange am ſandigen uUfer, und ſah un⸗ ſerm Schiffe nach, als wir den Strom hinabfuhren, mir aber rannen Thraͤnen die Wangen herab, die ich nicht zuruͤckzuhalten ſtrebte, als ich an die Kuͤſte zu⸗ ruͤckblickte, wo der Mann Gottes ſtand, welcher Theilnahme an meinem Schmerze gezeigt hatte, und in ſeinem fruͤhen Grabe der edle, treue Malek ruhte. Das Schiff war nicht groß, der Reiſenden we⸗ nig, die Mannſchaften aber ordnungsliebend und ru⸗ hig. Ein wolkenloſer Himmel wöoͤlbte ſich uͤber der blauen See, und die Winde blieſen mild in unſre zahlreichen Segel. Ich las waͤhrend der Hitze des Tages in meiner Kajuͤte. Es war die heilige Schrift, welche ich unter Gebet las. Selbſt jeder tiefe Seuf⸗ zer dabei war Vergnuͤgen fuͤr mich. Ich erkannte meine Suͤnden deutlich; aber auch das Mittel dage⸗ gen, die feſte Hoffnung, und ſo fuͤhlte ich eine Zu⸗ verſicht und ein ſtilles Gluͤck, wie etwa der Ifraelit, als er von Arabiens Kuͤſte auf den brauſenden Ozean zuruͤckſah, der ſich vor ihm getheilt hatte, aber nun wieder pfadlos geworden war. In meinem Innern empfand ich die Gegenwart von Gottes alldurchdrin⸗ gender Gnade. Er wird mich leiten, ſo dachte ich, mein Gott wird mich fuͤhren. Gleich dem Iſraeli⸗ 298 ten, dachte ich nicht an das Wie, an Demuͤthigung, an Pruͤfung meines Herzens. So ſegelten wir in ſonnigem Frieden weiter. unſer Weg ging zwiſchen den Palmeninſeln hin, welche man die Maldiviſchen nennt, und wir fuhren gluͤcklich bei ihnen voruͤber. Als ich allein in meiner Kajuͤte war und mich aus den hinteren Fenſtern lehn⸗ te, die Wirbel beobachtend, die ſich durch unſre ſchnel⸗ le Fahrt bildeten, zog etwas, das auf dem Waſſer ſchwamm, meine Aufmerkſamkeit an ſich. Ich hielt es fuͤr einen verungluͤckten Matroſen, und lehnte mich weiter hinaus, um deſſen gewiß zu ſeyn, ehe ich Laͤrmen machte. Aber ich bekam das Ueberge⸗ gewicht, und ſtuͤrzte ins Meer. Niemand hoͤrte und vermißte mich. Als ich wieder empor tauchte, ſchwamm ich ei⸗ frig und ſchrie. Aber vergebens. Die weißen Se⸗ gel ſtrebten vorwaͤrts, und die Albatroſſe, welche hoch am Himmel hinzogen, ſenkten ſich, fuhren pfeilſchnell herab und beruͤhrten mich mit ihren breiten unbe⸗ nezten Schwingen, und eilten dann wieder empor, und dem fliehenden Schiffe nach. O Gott! es war ein ſchrecklicher Moment, ein fuͤrchterliches Gefuͤhl! — Der ſchwimmende Punkt, nach dem ich mich aus aus dem Fenſter gelehnt hatte, kam mir naͤher.„— Es war ein Stuͤck Bauholz. Ich erwiſchte es und klammerte mich daran. Mit meinen Armen um⸗ ſchlang ich es, und es trug mich mehrere Stunden lang. Mir ſchien es, als werde es irgendwohin rei⸗ 2= 299 ßend fortgezogen.— Aber wohin? Vielleicht noch weiter in den unermeßlichen Ozean. Kuͤſtenlos— ohne ein Eiland— ohne eine Spur— weit hinweg vom Laufe irgend eines Schiffs!— Ungluͤckſeliges Schickſal!— ſo ſollte ich alſo allein und jammervoll im Kampfe mit einem Elemente untergehen, auf dem ich nicht leben konnte? Waͤhrend ich in dieſer ſchrecklichen Lage war, ging die Sonne unter, und auf jenes Holz geſtreckt, lag ich ſo die lange finſtre Nacht in Furcht und Schrecken. Ich konnte meine Gedanken nicht ſammeln. Kaum hegte ich noch Hoffnung genug, fuͤr meine Erhaltung zu Gott zu flehen. Nur um Gnade jenſeit des Grabes, — nur darum rief ich zu ihm empor, rief empor im Namen des Erloͤſers; aber mein Glaube war ſchwach und wandelbar, denn ich kannte ihn ja nicht genug. Ich erinnere mich, daß in dieſer fuͤrchterlichen Nacht eine Menge Fiſche an mir voruͤberſchwamm. Die Finſterniß uͤber mir war allerdings ſehr groß, aber der Glanz des Waſſers verbreitete ein ſchau⸗ erliches Licht uͤber deſſen Oberflaͤche, und als dieſe Fiſche aus den Wellen in hohen, froͤhlichen Spruͤngen empor huͤpften, und die Luft durch die heftige Bewegung erſchuͤtterten, und dann wieder rauſchend untertauchten, und ſtets nur eine Hand weit von mir fortſchwammen, zitterte ich. Es lag etwas ſo graͤßliches in ihrem ſtummen Jubel. Eine Ewigkeit ſchien mir dieſe Nacht. Das er⸗ ſte daͤmmernde Anbrechen des Morgens gab mir Hoffnung. Ich konnte Land erkennen, und ward da⸗ 300 rauf zugetrieben. Sein Anblick war traurig, nicht aber fuͤr einen dem Ertrinken nahen Menſchen. Die Sonne ging uͤber demſelben auf,— eine einſame, ſandige Inſel, mit einem Felſen an der Kuͤſte, nicht ſehr hoch, aber ſchwarz. Eine ſanft wirbelnde Stroͤ⸗ mung fuͤhrte mich darauf zu. Ich erreichte eine Untiefe, wadete an das ufer, fiel auf mein Angeſicht nieder, dankte Gott und weinte. Durchnaͤßt, halb⸗ ohnmaͤchtig, erſchoͤpft, fuͤhlte ich mich doch danker⸗ fuͤlt und gluͤcklich.— Nach kurzer Ruhe ſtand ich 1 auf, und wanderte landeinwaͤrts. Alles war nur V Kies und Sand. Weiter vor ging ich, und immer nur unfpuchtbarer Boden! Ich ſtieg auf den hoͤchſten Punkt des nicht allzu hohen Felſens, und bemerkte in einer Hoͤhlung, am hintern Abhange deſſelben, eine gruͤnliche Faͤrbung. Aus einer kleinen Oeffnung † eines dunklern Bodens, quoll ein ſchwacher Quell ſanft ans Licht und einige duͤnne Grashaͤlmchen wuchſen umher, und begraͤnzten die ſchmale, Faden aͤhnliche Rinne, welche ſeinen Lauf umſchloß, mit einer blaß⸗ gruͤnen Einfaſſung, bis er wieder in den durſtigen Sand verſiegte. Mit der hohlen Hand ſchoͤpfte ich das Waſſer und trank, und legte mich dann an den Boden. Aber ploͤtzlich ergriff mich die Angſt, daß ich wohl nur aus dem Waſſer⸗Grabe gerettet worden— ſey, um hier in den langſam marternden Qualen des Hungers zu vergehen, und ich murrte und ſchaute vorwurfsvoll zum Himmel empor.— Nagender Hun⸗ ger ergriff mich. Ich riß einige Halme des elenden * 301 Graſes aus, und ſog daran, und befand mich noch ſchlechter. Die Inſel war klein,— kein andres Land zu ſehen, und ſie ſelbſt ſo unfruchtbar, daß nicht einmal ein Seevogel ſich auf ihr niederließ. Mit ungeſenkten Schwingen flogen ſie uͤber dem Eilande hinweg. Ich ging durch daſſelbe rund umher,— nirgends eine Spur von Leben,— nirgends Nah⸗ rung. Ich ſtieg auf einen kleinen Felſen, und ſaß traurig dort, und klagte laut, und jammerte in Ver⸗ zweiflung. Wo waren jene palmenreichen ſonnigen Inſeln, an denen andre Schiffbruch gelitten hatten und ruhige Tage fortlebten, und ſich Huͤtten bauten, und Gaͤrten anlegten, und ſaͤeten und ernteten, und Thiere aller Art zaͤhmten, und beteten und ſangen, und friedliche Sonntage feierten in ihren einſamen Paradieſen? In meiner froͤhlichen Kindheit hatte ich von der⸗ gleichen Dingen geleſen, aber die Wirklichkeit um mich her, bot jetzt einen finſtern, ſchwermuthsvollen Kontraſt dagegen dar. Ich ſah etwas aus der Meerestiefe herauskrie⸗ chen,— es war eine Schildkroͤte. Eilig flog ich hin⸗ ab.— Ich ergriff die Beute, drehte ſie auf den Ruͤcken, ſuchte mir ein ſcharfes Stuͤck Stein und ging wieder hin, um ſie zu toͤdten. Nie werde ich das vergeſſen. Selbſt jetzt, faſt wuͤthend vor Hun⸗ ger, war ich mir doch ſelbſt verhaßt, denn ich war mehr ein Raubthier als ein Menſch. Die Schild⸗ kroͤte lebte ſehr lange; ich glaubte, ſie koͤnne gar — 302—,— nicht ſterben. Sie winſelte, zuckte, ſtoͤhnte tief, und Waſſer, gleich Thraͤnen, floß aus ihren Augen. Ich brannte vor Ungeduld, mit dem empoͤrenden Geſchaͤf⸗ te zu Ende zu ſeyn. Dieſe Toͤne gaben mir ein Gefuͤhl, als ſey ich ein Moͤrder, und machten mich faſt wahnſinnig. Als ich ſie nun endlich todt glaub⸗ te, und mich an mein ſchauerliches Mahl begeben wollte, oͤffnete ſie den Mund, und das Herz ſchlug noch. Endlich aber lag ſie ganz ſtill. Ich zerſchnitt ſie nun, legte mich zu ihr, ſog das Blut, und riß das Fleiſch ab und verſchluckte es in wilder Haſt— konnte ein Tiger oder Wolf wol mehr thun? Was wuͤrde der Bramine geſagt haben, wenn er den Chri⸗ ſten ſo ſich naͤhren geſehen haͤtte?— Und giebt es auf unſerer Erde nicht ſelbſt Kannibalen?— O Gott! was fuͤr ein Weſen iſt der Menſch! Der Menſch, als bloßes Thier! Nichts iſt verworfener. Aber dann auch wieder der Menſch, die vernuͤnftige le⸗ bende Seele, wie erhaben, wie majeſtaͤtiſch! Eine lange, lange Zeit, Tag vor Tag, die ich nicht berech⸗ nete, naͤhrte ich mich ſo von Schildkroͤten, und die halbaufgezehrten Ueberbleibſel meines Mahls zogen die raͤuberiſchen Seevoͤgel auf ihrem Fluge herbei, und wir ſpeißten manchmal zuſammen. Bei dieſer Art von Leben und Nahrung ward mein Wſfen voͤl⸗ lig wild, thieraͤhnlich. Ein kleiner Vorſprung des Felſens ſchuͤtzte mich bei Nacht, wo ich darunter lag, und waͤhrend des ganzen Tages ſaß ich dort, und ſchaute in die See hinaus, ob nicht irgend ein Se⸗ 303 gel bei meinem wuͤſten, ſeeumguͤrteten Gefaͤngniſſe voruͤberziehe. Das einzige, was mir eine ſanfte Ru⸗ he gewaͤhrte, war das milde Vorquillen des Waſſers⸗ aus welchem ich taͤglich trank, und das erſte Ereigniß auf meiner einſamen Inſel, welches mich beſaͤnftigte und meinen Geiſt zu ſtilleren Gedanken zuruͤckfuͤhrte, mein Herz mit Dank fuͤllte und wieder Hoffnung in mir weckte, war das Aufkeimen eines jungen zarten Sproͤßlings eines Pflanzengewaͤchſes nahe an meiner Quelle. Wenige Tage darauf entdeckte ich, daß es der Keim eines Kokusnußbaumes ſey. Von dem Au⸗ genblicke an, wo er zuerſt ſich zeigte, ſetzte ich mich⸗ zu ihm, und ſorgte fuͤr ſeinen Wachsthum, und ſprach mit ihm, als koͤnne er meine Freude uͤber ſein Ent⸗ ſtehen und Gedeihen hoͤren. Es war ſonderbar, mit welchen ſtolzen und hoffnungsvollen Phantaſien er meinen unbeſchaͤftigten Geiſt erfuͤllte. Trotz alles deſſen, was ich erduldet hatte, war meine Geſundheit doch kraͤftig und verſprach eine lange Lebensdauer. Jetzt begann ich auch, geſammelt in Gebeten und Gefuͤhlen, mich wieder zu Gott zu wenden. Es war fuͤr mich ein Troſt in der Einſam⸗ keit, in der Naͤhe der Quelle und wo der junge Ko⸗ kusbaum ſeine Blaͤtter entfaltete, umherzuwandeln, und mir die Stellen der heil. Schrift zu wiederho⸗ len, die ich im Gedaͤchtniß behalten hatte. Eine ſolche Stelle aus einem Pſalm erfreute und troͤſtete mich beſonders ſtets wunderbar. Es war dieſe:„Und naͤh⸗ me ich Fluͤgel der Morgenroͤthe und fuͤhre bis ans 304 außerſte Meer, ſo wuͤrde mich doch deine Hand da⸗ bei leiten, und deine Rechte mich halten.“ Lebendig ſtiegen nun die Verheißungen fuͤr den reuigen Suͤnder in mir empor, und Zuverſicht und Hoffnung wurden wach, und mein Glaube gewann an Kraft, ſo daß er meine Seele erhob zu begeiſter⸗ ten Fluͤgen. Mein Leben mußte ich aber immer noch durch jene ekelhaften Nahrungsmittel erhalten. Doch gelang mir das Toͤdten der Schildkroͤten nun beſſer, und ich konnte menſchlicher dabei verfahren. Ich aß auch ſo wenig als moͤglich davon, und im⸗ mer erſt am Tage nach der Erlegung. Als ich eines Tages an dem Orte lauerte, wo die Schildkroͤten gewoͤhnlich an die Kuͤſte kamen, ward ich durch ein kleines Boot uͤberraſcht, das nach der Inſel zu ſich bewegte. Außer mir vor Entzuͤcken, brach ich in ein Jubelgeſchrei aus, und begruͤßte es mit lauter Stimme. Doch bekam ich keine Antwort, konnte auch niemand darin entdecken, ob ich gleich ſah, daß es beladen war, und gruͤne Zweige und Blumen un⸗ terſcheiden konnte. Ich ſchloß daraus, daß jemand in dem Boote entweder am Boden ſchlafend liege, oder ſich, da er mich erblickt, abſichtlich verborgen habe. Jetzt lief ich hinter den Felſenvorſprung, und legte mich an die Erde, damit ich Jenen nicht er⸗ ſchrecken, und wenn er bewaffnet und in feindlicher Abſicht kaͤme, uͤberlegen koͤnne, was zu thun ſey. Das Boot kam langſam naͤher, und die ſanft an⸗ ſtroͤmenden Wellen ſpuͤlten es ans Ufer. Niemand ſtieg 305 ſtieg ans Land, oder ließ ſich auch nur ſehen. Vor⸗ ſichtig ſchlich ich mich zu dem Fahrzeuge hin. Als ich mich naͤherte, ſchien es mir viel kleiner als vor⸗ her, und von zerbrechlicher, leichter Bauart; es war aber mit einer koͤſtlichen Ladung von Fruͤchten, Blu⸗ men und Kraͤnzen bis hoch hinauf befrachtet, und in der Mitte ſtand eine Lampe,— eine brennende Lampe.— Feuer,— dieſes heilige Weſen, das den Menſchen zum Menſchen, zum gebildeten Menſchen macht, ſeine Nahrung kocht, und ihn in der Art ſich ihrer zu bedienen, von dem Thiere des Waldes un⸗ terſcheidet!— Und aus dem Boote kam ein liebli⸗ cher Geruch von Gewuͤrzen und Blumen und Har⸗ zen und Sandelholz. Jetzt ſahe ich, daß es eine ge⸗ weihte Barke ſey, wie ſie in den nahgelegenen Mal⸗ diven, bei gewiſſen Feſten, als ein Geſchenk fuͤr die Geiſter der Winde, in die See gelaſſen werden. Mir kam dieſes Geſchenk wie ein Bote des Him⸗ mels, und obgleich in meiner erſten Hoffnung, ei⸗ ner Befreiung aus dieſer Verbannung, getaͤuſcht, er⸗ griff ich doch mit dankbarem Entzuͤcken dieſe herrli⸗ chen Schaͤtze des bezauberten Bootes. Mit ſtroͤmen⸗ den Wonnethraͤnen muſterte ich meinen unſchaͤtzbaren Reichthum, die milchigen Kokusnuͤſſe, die ſchmelzen⸗ den Plantanenfruͤchte, den ſuͤßen Mango, die Melo⸗ ne und die Pinie, und vor allen das noch groͤßere Geſchenk, reinerer Nahrung. Da gab es Reis und Korn, und milden Yam, und in der Barke lagen alle Sorten bunter Blumen verſtreut und zarte Pflan⸗ II. u 306 zen und brennendes Gewuͤrz. Als ich das kleine Boot naͤher unterſuchte, fand ich, daß es zu ſchwach ſey, um ein Floß oder Fahrzeug daraus zu bauen, das mich haͤtte hoffen laſſen, die Inſel, mit einiger Ausſicht auf Gelingen, verlaſſen zu koͤnnen. Ich zog es daher hoͤher hinauf ins Trockne, und zerbrach es Brett vor Brett, mit vorſichtigem Geize, um das Brennmaterial zu erhalten. Unweit der Quelle haͤufte ich meine vegetabiliſchen Reichthuͤmer auf. Die koſtbare, mir ſo heilige Lampe, ſtellte ich unter den Felſenvorſprung an mein Lager. Pflanzen und Samen verbreitete ich auf den bewaͤſſerten Stellen, nicht ſorglos zwar, aber doch mit großer Ungeſchick⸗ lichkeit in der Behandlung. Meine demuͤthigen Bit⸗ ten erhoͤrte Gott. Alles wuchs. Fruͤchte, Blumen und nahrhafte Kraͤuter, unſchuldige Speiſen, gruͤnten und bluͤhten rings um meinen Kokusbaum, welcher hoch uͤber ihnen ſtand, als Stammpflanze dieſes jungen Paradieſes. Ich koͤnnte lange verweilen bei dieſem Einſiedlerleben, denn ſo leer es auch dem Au⸗ ge der Welt ſcheinen moͤge, fuͤr mich beſaß es der Reize viele. Doch ich will nur noch von einigen Begebenheiten, oder vielmehr nur von Einem gro⸗ ßen Geſchenke ſprechen, das mir an dieſem einſa⸗ men Orte zu Theil ward, ihn mir in den reizend⸗ ſten Punkt der Welt verwandelte und mir zwanzig Jahre zu gleichem Segen gedeihen ließ, wie dem Volke Iſrael die vierzig, waͤhrend welcher es in der Wuͤſte wandelte. 307 In ungefaͤhr neun Jahren, von der Zeit ange⸗ rechnet, wo ich als ein einſamer Ausgeſtoßner an die Kuͤſte meiner wuͤſten Inſel getrieben worden war, hatte ſich ihr Aeußeres wunderbar veräͤndert. Der landende Schiffer, den der Zufall in ihre Naͤhe fuͤhr⸗ te, wuͤrde, wenn er auf ſie zuſteuerte, einen ſchoͤ⸗ nen Haufen von Kokusbaͤumen mit reichem federar⸗ tigen Laube erblickt haben, und wenn er aus ſeinem Boote geſtiegen und Land einwaͤrts gegangen waͤre, eine kleine freundliche Wildniß von Fruͤchten und Blumen, und ein rohes Huͤttchen unter dem hoͤch⸗ ſten der Kokusbaͤume, aus Zweigen geflochten und mit Blaͤttern gedeckt. Auch einen Mann haͤtte er gefunden, mit Haar und Bart von haͤßlicher Laͤnge, zum Theil mit abgetragenen Stuͤcken einer Euro⸗ paͤiſchen Kleidung, zum Theil mit einem Mantel angethan, der kunſtlos aus den Faͤden der Kokus⸗ nuͤſſe gefertigt war, einen Mann, der ſich jetzt davon naͤhrte, die Fruͤchte jenes Baums zu eſſen, und aus deren Schalen zu trinken. Ein einſames Leben, ein einſamer Tod ſchien mein ſicheres Schickſal. Und ach, meine Jahre konnten ſich bis zum hoͤchſten Men⸗ ſchenalter verlaͤngern, denn das Clima war bewun⸗ derungswuͤrdig heiter und rein, meine Diaͤt einfach; und meine Tage brachte ich in der freien geſunden Luft zu. Ich wußte nicht, wie die Zeit verſtrich. In der Kuͤhle des Morgens beſchaͤftigte ich mich in meinem wilden Gaͤrtchen. Bei der Hitze des Mit⸗ tags lag ich in einer Art von ruhiger Abſpannung, 8 u 2 5 308 im Schatten meiner Baͤume. Wie oft ſegnete ich die ſo nuͤtzlichen Kokusnußbaͤume, und fuͤr deren Stammyater, den Eingebornen meiner Inſel, fuͤhlte ich eine Ehrfurcht, wie ſie nur ein Goͤtzendiener ha⸗ ben kann, und der Indiſche Fakir ſie fuͤr den Ba⸗ nianbaum empfindet, unter dem er Jahrelang un⸗ beweglich ſich aufhaͤlt. Es gab keine Thiere, nicht einmal Gewuͤrme, auf der Inſel, aber Voͤgel kamen zu mir von den benachbarten Kuͤſten geflogen, und ſetzten ſich und girrten und bauten Neſter in meinem Garten, oder in dem ihren, wenn man will, denn es war Raum genug fuͤr ſie und mich, und Gott hatte uns vereint zu dem Beſitze geſchaffen. Ich ſorgte fuͤr dieſe kleinen Weſen und liebte ſie. Sie waren alle zahm, naͤmlich gegen mich. Sie ſangen und ſcherzten zuſammen, und bekuͤmmerten ſich we⸗ nig um mich. Des Abends wanderte ich an der murmelnden Meereskuͤſte, und dachte laut und wein⸗ te oft, wenn mich der Schmerz uͤbermannte. Eines Abends ſchwamm ein kleines Binſenkoͤrb⸗ chen ans Land. Ich griff freudig darnach, denn es kam ja von Menſchen. Ein ſchmuziges, nutzloſes Ding, das man aus der gereinigten Kajuͤte eines voruͤberſegelnden Schiffs geworfen hatte. Aber will⸗ kommen doch in einer Einoͤde gleich der meinigen. Vielleicht war auch das Schiff ſelbſt nicht fern, und ich erblickte es noch! Ich oͤffnete das Koͤrbchen. Es befanden ſich nur unnuͤtze Dinge darin. Etwas Saͤgeſpaͤne, Bett⸗ — 309 federn, zerbrochene Korke, Stuͤcke gebrauchten Pa⸗ piers; eins von den letzteren groͤßer als die anderen. Es war zuſammengeknifft,— ich oͤffnete es, und fand vier Blaͤtter aus einem gedruckten Buche in Quart, die man unſtreitig als Makulatur herausgeriſſen hatte. Es erfreute mich ſehr, etwas Gedrucktes zu beſitzen, etwas, das mir bei meinem Nachdenken Ge⸗ ſellſchaft leiſten koͤnnte. Wer beſchreibt aber mein Staunen, meine Freude, meinen Dank, als ich es genauer betrachtete, und fand, daß ich darin vier eng⸗ gedruckte Seiten einer alten Bibel beſitze! Ich eilte damit in meine Huͤtte. Die Sonne war ſchon untergegangen. Wie freute ich mich jetzt uͤber meine Lampe! Ich zog den Docht von Kokus⸗ faͤden weiter vor, und goß koͤſtliches Oel deſ⸗ ſelben Baumes darauf. Dann entfaltete ich meinen Schatz. Ich las ihn mit langſamer, feierlicher Aem⸗ ſigkeit. Er begann beim 5ten Verſe des 14ten Ka⸗ 3 pitels des Evangelii Johannis, und endete mit dem zoſten Verſe des 2ten Kapitels der Apoſtelgeſchichte. unſchaͤtzbares Bruchſtuͤck! Wie veraͤnderte dein Be⸗ ſitz den geiſtigen Anblick meines Schickſals! Denn groͤßer war die Veraͤnderung in meinem Herzen, meinem Geiſte, meinen Gefuͤhlen, bei weitem groͤ⸗ ßer, als die ſchoͤne und ſo bemerkliche in dem einſt unfruchtbaren, todten Sande um mich her, der jetzt mit Pflanzen, Leben und Schoͤnheit bekleidet war. Von dieſem Augenblicke an, gab es keinen Tag mehr, wo ich nicht Gott pries und ſegnete, daß er 3¹0 dieſe Broſamen vom Brote des ewigen Lebens zu mir geleitet habe, welche ſorglos von Denen in das Waſſer geworfen worden waren, die in reichem Ueberfluſſe an irdiſchen Schaͤtzent, die Perle, die fuͤr ihre Augen nie Werth gehabt hatte, verworfen oder fuͤr eine angemeſſenere Zeit bei Seite gelegt hatten. Ich ſage dies jedoch nicht aus Verachtung, oder zum Hohne meiner Mitmenſchen. Die Welt, das Fleiſch und der Teufel, die ſtarken Feinde, mit welchen ſie taͤglich zu kaͤmpfen haben, machten einem armen Ver⸗ bannten gleich mir, wenig zu ſchaffen. Die Zeit meiner wahren Bekehrung war gekommen. Ich war durch viele Suͤnden und Leiden, durch viele Gerichte und Anfechtungen gegangen, und ſie war nun da, dieſe Zeit. Lange und ſchmerzlich hatte ich nach ei⸗ nem Paulus verlangt, der auch von denen Dingen mit mir rede, von welchen er zu dem zitternden Felix ſprach, aber es war niemand vorhanden, der mich hoͤren, oder mir antworten konnte. Doch nein, was ſage ich da?— Ich ward gehoͤrt,— mir ward geantwortet. „Sorgt man im Himmel? Hegen wirklich Liebe, Des Himmels Geiſter für die Menſchen hier, und fühlen ſie bei Schmerz des Mitleids Triehe?— So iſt es. Unglückſel'ger als das Thier 3 Wär' ſonſt der Menſch.— O, unerſchöpflich ſchier Iſt Gottes Huld; ſo liebt er ſeine Kinder, Und jegliches Erſchaffne für und für, Daß Engel er herabſchickt, ſanfter, linder, Zum Menſchenheil, zur Rettung für die Sünder.“ .— — .= 311 „Wie oft verlaſſen ſie die Silberlauben Zum Schutz für uns, bedürftig deß ſo ſehr! Wie oft herbei zum Schirm für unſern Glauben Durchfliegen ſie der lichten Woiſen Meer, Und ſtehn uns bei im Kampfe noch ſo ſchwer. So wachen ſie für uns auf unſrer Bahn Und um uns ſteht ihr helles Sieges⸗Heer, Und alles— nur aus Liebe wirds gethan! O! warum nimmt ſich Gott ſo ſehr der Menſchen an?“ Da gab es keinen Tag, keine Stunde, wo mein Herz nicht den waͤrmſten Dank, fuͤr dieſes unſchaͤtz⸗ bare Geſchenk, zum Throne der Gnade emporſandte. Ich kniete nieder, und pries Gott, daß man mich leſen gelehrt hatte, kniete und dankte Gott, daß er dieſes heilige Buch aus dem eiferſuͤchtigen Verſchluß der Moͤnche und Prieſter genommen, und es zum Beſten der Menſchen in ihren lebenden Sprachen habe drucken laſſen. O Ihr, die ihnen dies koͤſtliche Buch des Lebens verſchließet, die Ihr den Armen ſolchen Unterricht in ihrer Kindheit verſagt, wie er ſie faͤhig macht, es zu leſen, wie ſchrecklich, wie ver⸗ dammenswerth in den Augen des Himmels iſt euer Verbrechen! Bedenkt doch nur, daß Ihr ihnen das vorenthaltet, was ihnen Chriſtus gab. Den Armen predigte er ja das Evangelium. Und wer ſind die Armen? Alle die in der Betruͤbniß ihres Geiſtes nach dem Brote des Lebens hungern, und von ihrer ſchweren Pilgerſchaft erſchoͤpft, nach dem Waſſer des Heiles duͤrſten. O! denkt an die einſamen und ſchmerzlichen Stunden von Tauſenden, ja von Mil⸗ lionen, denen aller geiſtliche Troſt verſagt iſt, die kein Diener des Herrn beſucht. O! geſegnetes Buch, das dem Wandrer auf fernem Ozean und in entlegenen Gegenden,— das dem Bette der Schmerzen und dem Kerker der Gefangenen,— das dem Lager des armen Betruͤbten, wenn er dem An⸗ ſcheine nach von aller Welt verlaſſen iſt, Troſt bringt! Auch ich ſtand allein in der Welt,— mein verdien⸗ ter Lohn!— und es gelangte doch zu mir: und als ich betete und las, da ſtand der Engel des Herrn neben mir, und verbreitete ein ſtrahlendes Licht auf das heilige Blatt. Ein Vers nach dem andern er⸗ quickte mein Herz, und jenes große Geheimniß, die Menſchwerdung Chriſti, ward mir offenbart, als ob es Stimmen vom Himmel mit Trompetenzungen ausgeſprochen haͤtten. Doch dies ſind zu heilige Gegenſtaͤnde, um ſich dem Schwunge der Phantaſie dabei zu uͤberlaſſen. Ich will nur ganz einfach verſichern, daß ich von dem Augenblicke an, wo ich dieſen Schatz beſaß, mich gluͤcklich fuͤhlte. Wahre Reue war mir geworden. Hatte ich noch irgend einen Schmerz, ſo war es nur dieſer, daß ich meine Liebe nicht praktiſch im Leben beweiſen konnte, und doch dachte ich, wenn ich auf die Welt zuruͤckblickte, und wie ſie mich verſtoͤrt und verwundet hatte, daß der Schatten der Fluͤgel des Allmaͤchtigen uͤber mir wehe, zu meinem Beſten, und dann war ich nicht nur beruhigt wegen meiner Ein⸗ ſamkeit, ich war ſogar eben ſo zufrieden mit ihr, als —, —;yÿ 313 der es ſeyn konnte, der, vom boͤſen Geiſte befreit, nun geheilt zu Chriſtt Fuͤßen in ſtiller Ruhe ſaß, und bloß bat, daß er immer dort moͤge bleiben koͤnnen. Der Theil der heiligen Schrift, welcher mir auf jene Art zugekommen, war meinen Bedurfniſſen ſo ganz ange⸗ meſſen, als ob ich ihn fuͤr dieſen Augenblick aus der ganzen Bibel haͤtte auswaͤhlen koͤnnen. Er enthielt auch in der That die ganze Summe unſers Glau⸗ bens und Hoffens. Er bevoͤlkerte mein einſames Eiland mit,— ach, womit?— ich ſage das, jedoch nicht uͤbermuͤthig und ehrfurchtswidrig— mit dem Erloͤſer der Welt und deſſen Juͤngern. Er erklaͤrte mir deſſen Einsſeyn mit dem Vater, die Troͤſtungen und die gegenſeitige Liebe zwiſchen Chriſtus und deſſen Gliedern; er gab mir deſſen Worte der Beruhigung, die Verheißungen des heiligen Geiſtes, und ließ mich die frommen Ge⸗ bete ſeines heiligen Mundes boͤren. Er zeigte mir das große, erhabene Opfer, das Begraͤbniß, die glor⸗ reiche Auferſtehung und die frohe Himmelfahrt, ſo wie das Herabſteigen in die Hoͤllenſchluͤnde, die Rede eines Juͤngers und das Geſchrei des reuigen Volkes. Mit dieſen, mich innig troͤſtenden Blaͤttern, ei⸗ ner Art Band zwiſchen meiner einſamen Inſel und der ganzen Chriſtenwelt, einem Bande, das hinauf⸗ reicht in glorreicher Herrlichkeit zur Gemeinſchaft der Heiligen im Himmel, lebte ich als Eremit noch eilf Jahre fort, meine Zeit nur nach dem Mondwechſel berechnend. Wie ſo ſtill war doch mein Leben,— wie ſanft und mild jede Stimme um mich her; das Rauſchen der Blaͤtter, das Plaͤtſchern der Wo⸗ gen, das Zwitſchern der Voͤgel! Hoffentlich ward mir mein öfteres Ueberſchreiten des Verbots, uns kein Bild von dem zu machen, was im Himmel iſt uͤber uns, vergeben. Ich weiß wol, daß kein Auge geſehen, und kein Herz es erfaßt hat, was Denen bereitet iſt, welche Gott lieben, aber ich konnte ſo gern hinauf blicken des Nachts zum Sternenzelte, und Morgens und Abends zu dem oͤſt⸗ lichen und weſtlichen Himmel, und mir einbilden, wie engelgleiche, weiß gekleidete Geſtalten freundlich herabblickten und mir winkten, zu ihnen zu kommen. Innig war auch das Vergnuͤgen, mit welchem ich an alle die dachte, die ich gekannt und geliebt hatte, und die nun entſchlafen waren. Ich rief ſie vor mich; Schatten zwar, aber ihre bleichen Geſtalten waren mir heilig, waren reizend⸗heilig. Auch in meinen Traͤumen hoͤrte ich Muſik, Muſik, wie ſie auf Erden nie in eines wachenden Menſchen Ohr getoͤnt hat, die Toͤne mild, vergebungsvoll, ſanftermuthigend. Wenn ich dann aus ſolchen Traͤumen erwachte, weinte ich ſtille, dankbare Thraͤnen dafuͤr zu dem Gotte der Gnade, und dachte mir, daß mir meine Suͤnden verge⸗ ben ſeyen, und hoffte, hoffte feſt, daß dies wahr ſey. Aus einem ſolchen Traume erwachte ich eines Morgens, und trat ſanft weinend aus meiner Huͤtte, um mein Fruͤhgebet zu verrichten. Da, als ich in die ruhige See hinaus blickte, bemerkte ich ein gro⸗ 315 ßes Schiff mit eingerefften Segeln, und ein Boot, das nach der Kuͤſte ruderte. Verſunken in entzuͤckens⸗ volle, ſinnenfeſſelnde Verwunderung, ſtand ich hinter einem Baume und beobachtete. Als das Boot ans ufer ſtieß, ſprangen die Matroſen froͤhlich heraus an das Land, und unter ihnen zuerſt ein ſonnenver⸗ brannter, kraͤftig ſchoͤner Knabe, gerade ſo, wie Ho⸗ ward damals, als er mich aus dem verſinkenden Schiffe rettete. Mit lebhafter Forſchbegier eilte er vorwaͤrts. Zuͤge, Stimme, Haltung, ganz wie damals. „Halt, halt, Mr. Howard, Sie koͤnnten ſonſt es leicht mit einem wilden Thiere zu thun bekom⸗ men! rief ihm ein rauher Seemann zu, und als er meine ſonderbare Geſtalt auf ſich zutreten, und mich die nackten Arme mit dem Rufe,„Gott ſegne Euch, meine Befreier!“ ausbreiten ſah, blieb er ſtehen, als glaube er, die Warnung ſey nicht ohne Grund; doch faßte er ſich ſchnell, ging auf mich zu, und begriff ſogleich, daß er hier einen ungluͤcklichen Schiffbruͤ⸗ chigen vor ſich habe. Aber er wußte nicht, wem er ſeine jugendliche, freundliche Hand entgegenſtrecke, und daß es ſein Oheim ſey, uͤber den er eine theil⸗ nehmende Thraͤne vergieße. Er wußte nicht, daß der Mann mit den tiefen Runzeln, der jetzt in dieſer Gruppe ſich verwundernder Matroſen niederkniecte und Gott dankte, und mit dem Aeußern, als ſey er irgend ein behaarter und ungezaͤhmter Wilder aus den Waͤldern, wie ein kleines Kind aufſchrie,— ſein Oheim ſey, ein Bruder des Weibes, das ihn geboren. 316 Sie wollten mich ſogleich mit an Bord nehmen, denn ſie glaubten, nicht genug eilen zu koͤnnen, um meiner Huͤlfsbeduͤrftigkeit beizuſpringen, und Nah⸗ rung und Kleider mir zu verſchaffen. Ich bat ſie jedoch, nur etwas zu verweilen, damit ich von mei⸗ ner belaubten Einſamkeit Abſchied nehmen koͤnne. Ein Matroſe ſchoß unter den Baͤumen auf meine armen Voͤgel. Ich bat ihn, es nicht zu thun, da ich ſo lange mit ihnen hier zuſammen gelebt haͤtte. Die Matroſen ſind kraͤftige Menſchen, aber auch ge⸗ fuͤhlvoll. Er that es nicht wieder, und fluchte auf ſich ſelbſt, daß er es vorher gethan. Auch hatte in der That dieſer ungewohnte Ton, der todtbringende Schuß der Vogelflinte mir das Herz durchbohrt, und einen Augenblick lang bedauerte ich uͤberlegungslos und undankbar, daß die Welt in meine ſchuldloſe Ein⸗ ſamkeit eingebrochen ſey.„Ich bitte um Verzeihung!“ ſagte der maͤnnliche, wackre junge Seemann,— und auch er erinnerte mich an die Vergangenheit,— denn er war das wahre Ebenbild des treuen Gottfried wie dieſer mit Thraͤnen am Quay von Southampton an dem ungluͤcklichen Tage ſtand, wo ich mich zuerſt von der Kuͤſte entfernte, die ich nie wieder als ein in Vaterarme neu aufgenommenes Kind erblicken ſollte. Alle dieſe Bewegungen, welche jene Entdek⸗ kungen mir verurſachten, vermiſchten ſich ſo natuͤr⸗ lich mit den Gefuͤhlen, die jedermann in mir bei dem Verlaſſen eines einſamen Verbannungsortes, wo ich zwanzig Jahre verweilt, vermuthen mußte, daß es 317 mir leicht ward, jenes Incognito beizubehalten, zu dem ich, um des Friedens und Gluͤckes ſo vieler Perſo⸗ nen in meiner Heimath willen, mich auf der Stelle entſchloß. Ich wundere mich nicht mehr uͤber das Gefuͤhl jenes beherzten Gefangenen, der den ihn er⸗ loͤſenden Sieger bat, ihn wieder in ſeine Zelle, wel⸗ che ihm durch Gewohnheit ſo theuer geworden war, einzuſchließen. Mehr mit Kummer als mit Freude ſtieg ich in das Boot, das mich aus meiner theuren Wildniß hinweg fuͤhrte. Selbſt in den wenigen Mo⸗ menten, wo dieſe Menſchen bei mir ſtanden, und ob⸗ gleich mein Herz dem jungen Howard mit Liebe zu⸗ gethan war, und ich faſt gleiches Gefuͤhl fuͤr den Ma⸗ troſen Gottfried hegte(denn er war allerdings der Sohn meines alten Dieners),— ſelbſt in dieſer kurzen Zeit ließ mein Entzuͤcken uͤber die Befreiung, bei dem Gedanken an die Trennung nach, und ich waͤre gewiß da, wo ich war, mit Vergnuͤgen ferner geblie⸗ ben. Wenigſtens glaubte ich es. Sie nahmen mich jedoch mit fort, und ſchickten dann Boͤte ans Land, um alle Fruͤchte aus meinem Garten zu ſammeln. Ich ſelbſt hatte die Kokusſchaale, aus welcher ich trank, mit mir genommen, und der ernſten und andaͤchtigen Schaar die vier heiligen Blaͤtter entfaltet, aus denen ich ſo viel Licht und Kraft und Troſt geſchoͤpft hatte; aber meine Lampe, meine geliebte Lampe, deren Flamme ich eilf Jahre lang unausgeſetzt genaͤhrt hatte, war bedachtlos von einer rohen Hand verloͤſcht worden. Der Capitain war ein großer, ſtarker Mann, von 318— ernſtem Anſehn und gleicher Haltung. Als er ver⸗ nahm, daß ich ein Kaufmann ſey, welcher Vermoͤgen in der Heimath beſitze— denn als ſolcher ſtellte ich mich ihm vor— ließ er mir eine Kazuͤte einraͤu⸗ men und verſorgte mich mit allen Beduͤrfniſſen. Ich brachte die Zeit der Reiſe faſt ganz zuruͤckgezogen zu. Man fand dieſes wegen meiner langen Leiden und Abgeſchiedenheit natuͤrlich. Auf alle an mich gerich⸗ tete Fragen antwortete ich kurz, und war ein ſtiller Beobachter. Meine Tage floſſen mir ſchnell bei einer einzigen entzuͤckensreichen Beſchaͤftigung hin; ich las naͤmlich in der heiligen Schrift. Nun verſtand ich das Wort jenes Philoſophen, welcher erklaͤrte, daß man ihn nur mit der Bibel und einer Lampe in einen finſtern Kerker verſchließen moͤge, und er doch ſtets ſagen wolle, was in der Welt vorgehe. Wie ſchwach waren noch meine Kenntniſſe bis dahin von der Fuͤlle der Schoͤnheit, Mannigfaltig⸗ keit, Erhabenheit in dieſem heiligen Buche geweſen! Alle meine Gebete richteten ſich darauf, daß ich den wahren Zweck, um deſſen Willen es den Menſchen gegeben worden, bei der Schoͤnheit ſeiner Worte nicht aus den Augen verlieren moͤchte, und es gab mehrere Stellen darin, die ich mir zu oft zu le⸗ ſen verſagte, damit ich daruͤber nicht der unendli⸗ chen Lieblichkeit und Erhabenheit dieſer begeiſterten Dichtung vergaͤße, welche in ihren einfachen, ſtren⸗ gen und hehren Toͤnen die Harfe eines irdiſchen Barden eben ſo weit hinter ſich laͤßt, als der zur Sonne *— Sonne blickende Adler auf ſeinem Fluge das be⸗ ſchraͤnkte Flattern des blinden Nachtgefluͤgels. S§ndlich erreichten wir das erſehnte Land,— ſa⸗ 3 hen die weißen Kuͤſten Englands,— und landeten. —„Heimath!' war der Ton jeder Lippe!— ach!— Jeh hatte keine Heimath, aber ich liebte dieſen Laut doch, und freuete mich, in die Seele der Anderen uͤber alle die Bilder, welche ſich vor ihre leuchtenden Augen ſtellten, wenn ſie ſtill an alle ihre Theuren daheim zu denken ſchienen.— So ward mir mein Vaterland auch eine Heimath,— war es doch ſein Boden, den ich betrat, und wo man mich begraben ſollte,— war es doch ſein Volk, das ich nun ſehen und lieben ſollte, als Bruͤder.— Ich reiſete ſogleich 3 nach London. Der Name des Correſpondenten des — Venetianiſchen Handelshauſes war mir nicht entfal⸗ len, und ich fand, daß man mir die kleine Summe, die auf ihn angewieſen worden, ſorgfaͤltig aufgehoben und noch vermehrt hatte. Der Laͤrm, das Geraͤuſch, das Menſchengewuͤhl der ungeheuren Stadt verwirrten mich. Ich kaufte mir durch meine Agenten eine maͤ⸗ ßige Leibrente, und ſchenkte mein uͤbriges Geld jenen 1.Sttiftungen, welche die heimathloſen, reuigen Mag⸗ 1 dalenen ſchirmen, und Bruſt und Wiege den unſchul⸗ digen Kindern geben, welche Furcht vor Schande oder grauſame Folge des Laſters zum Untergange aus⸗ ſetzt. Man mundert ſich gewiß nicht, daß ich jetzt den Wunſch fuͤhlte und ihm nachgab, mich von den Menſchen zuruͤckzuziehen. 320 Einmal beſuchte ich noch Beaulieu,— blickte auf das Wohnhaus,— ſchaute in die Kirche,— ſah die Graͤber Eduards, meines Vaters, meiner Mut⸗ ter, Vernons, Oberſt Hamiltons und Sommers,— erfuhr, daß Gottfried als Vater einer zahlreichen, wackern Familie in Zufriedenheit und Wohlſtand lebe, — erfuhr, daß Heinrich Hamilton als Admiral in der hoͤchſten Achtung ſtehe, und Frankland, welchem Gott Maria Cecil zum Weibe gab, einer der ein⸗ ſichtsvollſten, freigeſinnteſten und ehrenwertheſten Mitglieder des Britiſchen Senats ſey. Ein Elender⸗ wie ich war, der nur ein ſtrafbares, nutzloſes Leben gefuͤhrt hatte, wuͤrde unter ſolche Menſchen nur Kummer und ſchmerzliche Theilnahme verbreitet, nur eigene Beſchaͤmung ſich in ihrer Mitte erworben haben. Ich beſchloß alſo, mein heimathloſes Haupt ir⸗ gendwo zur Ruhe zu legen, wo ich den kargen Ueber⸗ reſt meines Lebens in einer Welt, welche ich ſo ge⸗ mißbraucht hatte, zu jenen Gebeten und Betrachtun⸗ gen anzuwenden im Stande ſey, die mich fuͤr eine andere und beſſere geſchickt machen koͤnnten, wo alle Thraͤnen werden getrocknet werden von jeder Wange. Nach Arbeit Schlaf, nach Seeſturm Hafenruh, Nach Kriegen Friede, Tod nach Leben, Euch ſehnt das Herz in wunder Bruſt ſich zu. En de. Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. “— — 1 b