Eduard Oltmann in Schloßgaſſe Lit. A. r. 256. SKCeih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe. hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet, wird.“. 19 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betrtg... Anllehe für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.—* „ 3 5. Auswärtige der Bücher auf ihre ei en verpflichtet. auf 14 Tage feſtge 5 Buntes Leben. Roman, aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Theodor Hell. Erſter Theil. Berlin, verlegt bei Duncker und Humbhlot. 1826. 1 Vorrede des Verfaſſers. ——VÿMʃ——— J. einem Zeitalter der Unruhe und Aufregung wie das gegenwaͤrtige, wo ſo viele Menſchen wan⸗ dern und ſo viele ſich wenigſtens nach dem Wan⸗ dern ſehnen, duͤrfte, wie ich geglaubt, das der Phantaſie entlehnte Leben eines ſchwachen und verkehrten Weſens, das ſich ſelbſt aus ſeinem Va⸗ terlande verbannte und viele Jahre lang Kummer und Gluͤckswechſel ertrug, weder ohne Intereſſe, noch vielleicht ohne Nutzen ſeyn. Wohl weiß ich, daß es einer geſchicktern Hand, einer zartern Behandlung als der meinen bedurft haͤtte, ein ſolches Gemaͤhlde aufzuſtellen. * Jungen, frohen und zufriednen Gemuͤthern wird dieſe maͤngelvolle Erzaͤhlung kein Vergnuͤgen 8 gewaͤhren; aber dieſe machen ja doch nur die un⸗ ſchuldige und gluͤckliche Minderzahl der Leſer aus.— In der Hoffnung aber, daß die Szenen und Schilderungen, welche die folgenden Blaͤtter mit⸗ theilen, eine von dieſer ganz verſchiedene Klaſe intereſſiren, eine ſchwermuͤthige Stunde vertrei- ben oder einen heilſamen Gedanken wecken wer⸗ den, will ich die innre Aengſtlichkeit verbannen, mit welcher ich dieſes „bunte Leben, 2 Und ſeine einzelne Begebenheiten“ dem ſo leicht beleidigten Auge des Geſchmacks und dem unfreundlichen Blicke der Kritik uͤbergebe. Vorwort des b Ueberſetzers. Nacffölgendes Werk, The Story of a liſe, erſchien gegen die Mitte des vorigen Jahres in London, und ward mit ſo großem Beifalle auf⸗ genommen, daß in kurzer Zeit mehrere Auflagen deſſelben erfolgten. Der Verfaſſer, deſſen Namen unbekannt blieb, hatte ſchon fruͤher zwei andre Werke,„Szenen und Eindruͤcke in Aegypten und Italien,“ und„Erinnerungen aus der Halbinſel,“ herausgegeben, welche ſich ebenfalls einer ſehr guͤnſtigen Aufnahme erfreut hatten, und durch die⸗ ſelben ſeine aus eigner Anſicht erhaltene Kenntniß . jener Gegenden, ſo wie ſeinen ſcharfſinnigen Beobachtungsgeiſt, beurkundet. Auch in dem vorliegenden, wie der Verfaſſer es ſelbſt bekennt, lediglich aus der Phantaſie ge⸗ ſchoͤpften Werke, iſt die haͤufig wechſelnde Szene der Begebenheiten ſo treu geſchildert, und die einzelnen ** Details ſind ſo geſchickt in das Ganze verfloch⸗ ten, daß es dadurch einen beſondern Werth er⸗ haͤlt, und gewiſſermaßen an die Reihe der Anaſta⸗ ſius, Hadſchi Baba, u. ſ. w. ſich anſchließt. Die Geſchichte des Mannes, welcher darin ſeine Abenteuer erzaͤhlt, iſt uͤbrigens auch an ſich ſo intereſſant, und es treten ſo anziehende Charaktere darin auf, daß die Leſer ſchon dadurch ſich werden angezogen finden; und die reuigen Selbſtan⸗ klagen, die mannigfachen Ungluͤcksfaͤlle, welche aus einem einzigen uͤbereilten Schritte und einer un⸗ kraͤftigen Gemuͤthsſtimmung hervorgehen, koͤnnen unſtreitig fuͤr Manchen von weſentlichem Nutzen ſeyn, den jugendliche Uebereilung oder aͤhnliche Gefuͤhlsrichtung zu gleichen Mißgriffen veranlaſ⸗ ſen koͤnnten. „Buntes Leben“ habe ich das Buch genannt, weil es in der That ein buntes Bild darſtellt, und die einfache Bezeichnung des Titels des Ori⸗ ginals„Geſchichte eines Lebens“ mir weit weni⸗ ger den Inhalt dieſer beiden Baͤnde zu charakte⸗ riſiren ſchien. Th. Hell. Einleitung. An einem ſchoͤnen Fruͤhlingsmorgen des Jahres 1790 kam ein aͤltlicher Fremder in der Stadt Sout⸗ hampton mit der Poſt an. Fuͤr gewoͤhnliche Beobach⸗ ter zeigte ſein Aeußeres nichts ſehr Auffallendes, außer daß man nach ſeiner ganzen Haltung ihn fuͤr einen Auslaͤnder anſehen mußte, denn er glich den anderen dieſer Art, welche man in jener Gegend oft zu ſehen bekam, aufs Haar, d. h. er war ſehr ſchmaͤchtig, mehr lang als klein, ein wenig nach vorwaͤrts geneigt, hatte eine bleiche Geſichtsfarbe und trug einen ſchlecht⸗ gemachten gruͤnen Rock. Als der Aufwaͤrter den Wa⸗ genſchlag oͤffnete, und bemerkte, daß dieſer der einzige Paſſagier ſey, trat er einen Schritt zuruͤck, knoͤpfte die Beinkleidertaſche zu, machte eine hoͤhniſche Miene und ließ ihn allein aus dem Wagen ſteigen. Aller⸗ dings war ſeine Vermuthung richtig, daß er fuͤr die⸗ ſen blaſſen Emigranten keinen Kork herauszuziehen haben werde; aber darin irrte er ſich doch, daß er I. A 2 jede Hoffnung zu einem kleinen Trinkgelde kleinmuͤ⸗ thig aufgab. Der Fremde, welcher ein ſehr nachden⸗ kendes Anſehn hatte, ſtieg aus dem Wagen, ohne daß es ſchien, als verlange oder erwarte er Beiſtand. Er ging ins Waſchzimmer hinauf, befahl daß das Fruͤh⸗ ſtuͤck in zwei Stunden fertig ſeyn ſollte und trollte ſich dann wieder ganz allein fort. Innerhalb der kur⸗ zen Zeit bis dahin, fand und miethete er eine kleine ruhige Wohnung, in einer dorfaͤhnlichen Vorſtadt, die man Orchard Lane nennt, rettete und kaufte auf dem Wege nach dem Wirthshauſe zuruͤck, einen durch⸗ gepruͤgelten halbtodten Hund,— fruͤhſtuͤckte,— be⸗ zahlte— gab dem ſtaunenden Aufwaͤrter einen Schil⸗ ling Trinkgeld, und als es 12 Uhr ſchlug, ruhte er ſchon von der Reiſe auf dem Bette aus, in welchem er zehn Jahre lang nachher noch friedlich geſchlum⸗ mert hat, und in dem er ſanft entſchlafen iſt. Geheimnißvoll war ſein ganzes Weſen. So wie er unbekannt und ohne jemand zu kennen, angekom⸗ men war, ſo lebte er auch fort. Neun Tage oder vielleicht Wochen lang beſchaͤftigte man ſich mit aller⸗ lei Vermuthungen uͤber ihn; dann ward man an ſei⸗ nen Anblick gewoͤhnt, und fand in ihm eins von den Geſichtern, die ſtets, ſo wie die Ebbe eintrat, auf der Platteform oder am Meeresufer zu ſehen waren. Dort erinnre ich mich auch, ihn als ein kleiner Knabe, wenn ich an meines Vaters Hand dorthin ſpaziren zu gehn pflegte, oft erblickt zu haben. Ich wuchs vom Knaben zum Manne herauf, und vergaß ihn. Als 3 ich aber nach mehrjaͤhriger Abweſenheit von Neuem am Meeresufer bei Southampton ſtand, ſiel mir ſein Ge⸗ ſicht wieder ein, und wie er gelebt hatte und dort herumgewandelt war— allein,— und auch vielleicht geſtorben war— allein. Als ich nach Hauſe ging, kam ich bei der Thuͤre vorbei, in welche ich ihn oft hatte eintreten ſehen. Ich mußte anklopfen und nach der alten Hauswir⸗ thin fragen. Sie war auch todt, aber eine Tochter von ihr, bereits uͤber funfzig Jahre alt, kam heraus und lud mich in ihr Beſuchzimmer ein, und beantwortete meine Fragen nach jenem Fremden mit Theilnahme und Vergnuͤgen. Quakeraͤhnlich in ihrem Anzuge, Quakeraͤhnlich(d. h. ſehr freundlich) in ihrem Beneh⸗ men, war ſie gerade von der Art von Leuten, wie wir deren einige wenige hie und da finden, die dazu be⸗ ſtimmt ſcheinen, den ungluͤcklichen und einſamen Per⸗ ſonen hoͤherer Staͤnde eine Art von Heimath zu be⸗ reiten, und ihnen, in den letzten Lebenstagen jene wohlwollende Sorgfalt, jene zarte Aufmerkſamkeit zu bezeigen, fuͤr welche Verwandten oder treue Dienſt⸗ boten nicht mehr vorhanden waren. Von ihr hoͤrte ich die eben mitgetheilten wenigen Nachrichten uͤber den erſten Morgen als er zu ihnen kam. Sie ſelbſt hatte ſie von dem armen Aufwaͤrter erfahren, der ſie ihr, nachdem er einen langen ſtrengen Winter hin⸗ durch in Krankheit und Elend, nur durch jenen Frem⸗ den unterſtuͤtzt, zugebracht hatte, mit Tiränen der Scham erzaͤhlt hatte. A 2 4— rente von 200 Pfund jaͤhrlich gelebt, und habe tauſend Pfund bei einem Bankier in London ſtehen gehabt. Waͤhrend ſeines Lebens erwaͤhnte er der letztern nie, und gab ſich immer fuͤr einen Mann aus, deſſen Ein⸗ kuͤnfte mit ihm ſelbſt abſterben wuͤrden, daher er auch ein kleines verſtegeltes Blaͤttchen manchmal vorzeigte, welches, zu Folge der Ueberſchrift, die zu ſeinem Lei⸗ chenbegaͤngniſſe beſtimmte Summe enthielt. Als man dieſes aber nach ſeinem Tode oͤffnete, fand man da⸗ rin einen kurzen letzten Willen, worinn er ſeiner Wirthin 1000 Pfund vermachte. Dieſe ſagte uͤbrigens, er ſey ein ruhiger, freund⸗ licher, ſanfter Mann geweſen, habe den Armen viel Gutes erzeigt, und ſich gegen jedermann ſehr aufmerkſam benommen. Seine Geſundheit ſey ſehr zart geweſen. Geleſen habe er viel, außerdem aber ſtill und fromm gelebt. Ueber religiͤſe Gegenſtaͤnde habe er ſelten geſprochen, und ſey wegen ſeiner ſchwa⸗ chen Nerven und Kopfleiden auch nur ſelten in die Kirche gegangen. Sie fuͤhrte mich eine Treppe hin⸗ auf, und zeigte mir die Stube, in welcher er ge⸗ wohnt hatte, die Kammer, in der er geſtorben war. In einem Glasſchranke befanden ſich einige alte Buͤcher, hiſtoriſche, geographiſche Gegenſtaͤnde und Reiſebeſchreibungen enthaltend, Burtons Zergliede⸗ rung der Schwermuth, Thomas a Kempis, Robin⸗ ſon Cruſoe und eine in ſchwarzes Leder gebundene Bi⸗ bel. Auch ein mit krampfhafter ſchwer zu leſender Es ſcheint, als habe er von einer kleinen Leib⸗ 8 — 5 Hand geſchriebenes Buch. Es ſchien ein ſolches zu ſeyn, in das man zuweilen auffallende Stellen aus anderen Buͤchern einzutragen pflegt, denn auf den erſten Blaͤttern fand ich bloß Auszuͤge aus Lieb⸗ lingsſchriftſtellern. Unter andern auch folgende Zei⸗ len aus einem alten Buche uͤber Sinnbilder, von Georg Withers! ——„und müßte Sturm nicht ſeyn, „So könnte Ruhe nicht ſo großes Glück verleihn.“ Gleich darauf aber bemerkte ich darin den An⸗ fang einer Erzaͤhlung, die einige Nachrichten uͤber ſein verfloßnes Leben zu enthalten ſchien. In die⸗ ſer Vermuthung ward ich durch das Leſen von ein paar Seiten immer mehr beſtaͤrkt. Auf mein drin⸗ gendes Bitten lieh mir die gute alte Dame das Buch aufs gefaͤlligſte, jedoch unter der Bedingung, daß ich ihr den Inhalt davon mittheilen ſollte. Dieſe Be⸗ dingung habe ich erfuͤllt, und nun hat ſie mir das ganze Manuſcript geſchenkt. Es enthaͤlt den Lebens⸗ lauf und die Schickſale eines ungluͤcklichen, eines nach Verdienſt ungluͤcklichen Mannes, eines wunder⸗ lichen, unbeſtaͤndigen Weſens.— Traurig und ver⸗ ſchuldet war allerdings ſein Leiden; wenn ich mich aber daran erinnerte, wie ich es als Knabe mit an⸗ geſehn, wenn ſich die Bettler vor ihm gebuͤckt hatten, und die ſpielenden Kinder ihm ins Angeſicht laͤchel⸗ ten, und die baarhaͤuptige Waiſe ſich zu ihm neigte und ihm die Haare glatt ſtreichelte, und das kleine 4 4 6 Almoſenmaͤdchen ihr Kruͤglein hinſetzte, um ihm ihr kindliches Knixpchen zu machen, ſo ſah ich nicht ein, warum ich uͤber einen ſo fruͤhen Schiffbruch der Hoffnungen, des Gluͤckes und Ruhmes eines Da⸗ ſeyns trauern ſollte, das unter anderen Umſtaͤnden, ſo ſehr auf Genuß und Ehre berechnet war. — 1 Buntes Leben. „Was iſt die Welt? und wonach ſtrebt der Menſch?“ Fanf und dreißig Jahre ſind voruͤber, ſeit ich, von Hoffnung gluͤhend und im Jubel der Freiheit, mit der erhebenden und begluͤckenden Gefuͤhlsſtimmung, der ſelbſt die Trennung von Denen die uns lieben, eine neue und hinreißende Erregung giebt, meine fried⸗ liche Heimath verließ. 4 Fuͤnf und dreißig Jahre! Noch toͤnt das„Gott ſegne, ſchuͤtze und bewahre Dich!“ meines bekuͤmmerten Vaters mit demſelben zitternden Tone, in welchem er es ausſprach, vor meinem Ohre. Noch iſt der haſtige Schritt meiner geliebten Mutter, mit dem ſie nach unſerer letzten umarmung forteilte, und das ſchoͤne, aber ungewoͤhn⸗ lich blaſſe Geſicht, das mit einem nur halb erlaubten Blicke aus dem Fenſter des Zimmers meiner Schwe⸗ ſter ſchaute, mir gegenwaͤrtig. Das Lebewohl von einer Menge Diener, das halb klagend, halb ermunternd erſcholl, ſetzte mich 2₰ * endlich in den Stand, ohne Verweilen mein Pferd zu beſteigen, und das arme Herz zur Ruhe zu bringen, das in mir ſo heftig ſchlug, als wolle es ſeinen be⸗ benden Kerker ſprengen. Nun ſloſſen meine Thraͤnen. Zwei Meilen lang ritt ich mit gewaltiger Haſt, um meine Gedanken zu zerſtreuen; dann hielt ich an, ritt langſamer, und blickte ſchmerzlich auf Baum und Buſch und Bach umher, als koͤnnten ſie meinen letz⸗ ten Blick, mein letztes Lebewohl zur Heimath zu⸗ ruͤckbringen. Als ich einen oft beſuchten Lieblingshuͤgel hin⸗ aufreiten wollte, faßte eine Hand mich mit innigem Drucke am Kniee,— es war Eduards Hand, meines juͤngern einzigen Bruders. Bis hieher war er vor⸗ ausgelaufen, um noch einen ſpaͤtern, laͤngern, ganz nur ihm angehdͤrenden Abſchied von mir zu nehmen. Bis oben auf den Huͤgel ging er ſchweigend und be⸗ klommen neben meinem Pferde her, mich immer noch mit ſeiner Hand feſthaltend, ſein ſtroͤmendes Auge bald feſt auf mich richtend, bald es zu Boden ſen⸗ kend. An der Ecke eines Waldwegs, der zu einem unſrer Sommerſpazirgaͤnge fuͤhrte, eilte er ploͤtzlich von mir fort, und ich verlor ihn augenblicks aus den Augen.— Wie liebte ich ihn!— Er war damals 14 Jahr alt— voll Talent, und was noch beſſer iſt, voll Guͤte;— ſeine freundliche Art war ſo innig, ſein ganzes Weſen ſo mild und gelaſſen. Er hatte nie die Welt geſehn,— der gluͤckliche Knabel er ſah ſie nie! Immer breitet ſich Sonnenſchein uͤber die Ver⸗ 4 —— * 9 gangenheit. Wie oft habe ich in meinem truͤben und begebenheitsreichen Leben mein muͤdes Auge geſchloſ⸗ ſen, um das, wus vor mir lag, nicht mehr zu ſehn, und ruͤckwaͤrts geſchaut auf meine fruͤhere Heimath, bis ich meine brennenden Augenlieder wieder den heiß hervorſtroͤmenden Thraͤnen des Schmerzes oͤffnen mußte. Jetzt weine ich nicht mehr; wer aber meine gerunzelten Wangen ſchaͤrfer betrachten will, kann wohl die tiefgegrabnen Thraͤnenbetten eines Lebens voll Zaͤhren darauf erblicken. Der Spiegel wirft mir jetzt das Bild einer Geſtalt zuruͤck, die ich kaum wie⸗ dererkenne. Meine dichten, ſchwarzen Lockenhaare ſind duͤnn und grau geworden. Mein großes dunkles Auge iſt eingeſunken. Die Kraft meiner Glieder, ſonſt mein eitler Stolz, iſt geſchwunden, und die Welt ver⸗ ſcheucht mich mit ihren rauſchenden Gewaͤndern, wie ein Weſen, das in ihrem frohen und aͤmſigen Ge⸗ draͤnge zu viel iſt. Doch ſtill! Dieſes Murren iſt Suͤnde.— Ich bin ein verlaßner einſamſtehender Mann, aber ich bin gluͤcklich: ja, gluͤcklich in meiner Hoffnung, und mahlte ich in dieſer Erzaͤhlung irgendwo das ertraͤumte Gut, das ich ſuchte, mit zu hellen Farben, ſo glau⸗ ¹ het ja nicht, daß ich noch jetzt es mir erwaͤhlen wuͤr⸗ de; glaubt nicht, daß wenn ich noch einmal meine juͤngeren Jahre verleben koͤnnte, ich belehret, gebildet, und wol auch gebeſſert, wie ich nun bin, ſo innig wie ſonſt an der Erde hangen wuͤrde. Mein Durſt iſt fuͤr immer geſtillt!— Doch zu meiner Erzaͤhlung. 10— Rach einer Stunde gelangte ich zu der alten Hafenſtadt Southampton. Zum erſtenmale befand ich mich nun in ihren ſchoͤnen und anmuthigen Straßen, die einmal zu ſehen, in meinen Knabenjahren, ein Feſttag fuͤr meine kindiſche Phantaſie geweſen war. Ich hoͤrte im Gaſthofe, daß das Schiff, mit welchem ich abſegeln ſollte, erſt Abends die Anker lichten wuͤr⸗ de, eilte alſo an das einſame Ufer, um den ſtreiten⸗ den Gefuͤhlen, die in mir kaͤmpften, freie Bahn zu verſtatten. Ich bin dem Leſer eine kurze Nachricht uͤber meine Familie und meine fruͤheren Jahre ſchuldig. Er wird alsdann uͤber das, was ich ihm mitzutheilen habe, beſſer urtheilen, es aus richtigerm Geſichtspunkte be⸗ trachten lernen, und indem er Vieles tadelt, mich doch auch um ſo mehr bedauern. Mein Vater, Walter Beavoir, wurde als einzi⸗ ges Kind ſeiner Eltern, in ſeinem ſiebenten Jahre be⸗ reits zur Waiſe, und verlebte ſeine Jugend unter der Vormundſchaft und Aufſicht des Sir William Mow⸗ bray, ſeines Oheims von muͤtterlicher Seite. In Eton ward er erzogen, und vollendete ſeine Studien zu Cambridge. Mit dem ein und zwanzigſten Jahre gelangte er zu dem Beſitz eines Vermoͤgens von 4000 Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte, das aber, bevor er 30 Jahr alt war, ſich bis auf 1200 minderte. Fruͤhe und ausreichende Erfahrungen lehrten ihn die Ver⸗ nunftloſigkeit und Leere eines nur dem Vergnuͤgen gewidmeten Lebens und die Nichtigkeit von Freund⸗ — 11 ſchaften kennen die in den Kreiſen der Zechenden oder auf den Schleichwegen der Sinnlichkeit entſtehn. Ehen werden, wie man ſagt, im Himmel geſchloſſen. Auch Er hatte Urſache, dies zu glauben:— nicht als ob meine Mutter ſeine erſte Liebe geweſen waͤre, oder Er der erſte Gegenſtand ihrer Zuneigung; nein, Beide hatten geliebt— Beide trauerten bereits uͤber ge⸗ trennte Verhaͤltniſſe. Aber ſie trafen ſich im Geraͤu⸗ ſche der Welt. Jedes ſprach eine Sprache, welche nur ſie gegenſeitig zu verſtehen ſchienen. Sie rede⸗ ten zu einander, wie Schwermuth ſich zu unterhal⸗ ten pflegt. Treues Mitgefuͤhl, das Kind eines blu⸗ tenden Herzens, heilt oft ſeinen verwundeten Mitge⸗ noſſen. Sie fuͤhlten ſich minder betruͤbt, liebten ſich heiter und heiratheten einander ohne Entzuͤckensrauſch. Daß ein ſolches Paar die ruhige Zuruͤckgezogenheit eines Aufenthalts auf dem Lande ſuchen mußte, war natuͤrlich. Und ſo geſchah es auch. Nicht weit von dem lieblichen Flecken Beaulieu, in der Tiefe des Neu⸗Waldes, lag das Haus, in welchem ich gebo⸗ ren ward. Eine nette, ſichre Wohnung, die ein recht feſtes Anſehn hatte, und darin!— ach darin lebte eine kleine Welt voll ſtiller Freude und Frieden. Zufriedenheit hatte ihren Wohnſitz im Herzen jedes Inſaſſen ſchon gefunden, oder ſich doch bereitet. Selbſt das Bellen unſrer Hunde am Hausthore toͤnte nur dem Willkommen, und das fremde Bettlerkind konnte ſich furchtlos und allein ihnen nahen. Aber ach! Mein theurer Vater gerieth in einen traurigen 12 Irrthum. Die Talente eines benachbarten Geiſtli⸗ chen, der mit der Sorge fuͤr meine Erziehung von meiner fruͤhſten Kindheit an beauftragt war, und die innige Theilnahme, die er an meinen Fortſchritten zeigte, beſtimmten meine Eltern, meine Ausbildung fuͤr die Welt ihm ganz allein zu uͤberlaſſen, ſo daß er mich von ihr unbeſleckt erhielte, bis ich, mit gepruͤfter Staͤrke bewaffnet, im Vertraun auf einen ſichern Triumph, jeder Verſuchung, mit der ſie mei⸗ nen Pfad umgarnen moͤchte, getroſt entgegen gehen koͤnne. Trauriger, ungluͤcklicher Irrthum! Vernon war am wenigſten dazu geeignet, den Charakter ſei⸗ nes Zoͤglings zu der felſenfeſten Staͤrke auszubilden, gegen welche die Wellen der wildbewegten Welt um⸗ ſonſt ankaͤmpfen und in ſich ſelbſt zuruͤckſinken ſollten. Er ſprach von Religion, und es war ein anmu⸗ thiger Geſang. Entzuͤckt horchte mein Ohr darauf. Er ſprach von Tugend, und es war immer noch je⸗ ner Geſang. Alles was er lehrte, ſprach er mit dich⸗ teriſchen Lippen, jeden Gegenſtand betrachtete er mit den Augen des Poeten. Wir laſen, und ein Theil ſeines Gefuͤhls, ſeiner Gluth, ging in mich uͤber. Wir ritten, gingen, wanderten durch den weiten Wald.— Wie kurz waren da die langen Som⸗ mertage! Der gruͤnbelaubte Baum,— der aufgeſcheuchte Hirſch,— das furchtſame Reh,— das Girren des kla⸗ genden Taͤubchens,— das Getoͤs der Art des Holz⸗ hauers,— das Gemurmel des Waſſers,— der Ton * * — 13 der Abendglocken,— und von allen laͤndlichen Klaͤn⸗ gen der ſanfteſte, das Wetzen der Senſe des Maͤhers/ wenn er ſpaͤt bei der mild leuchtenden Abendroͤthe ei⸗ nen Augenblick ruhte und dann wieder ſich nieder⸗ beugt und tief in dn Ahnner Gras ſchneidet,— ſol⸗ che Gegenſtaͤnde, ſolche Toͤne liebten wir. Das Beſte, was er mich lehrte, war Mitleid ge⸗ gen Arme. Oft ſah ich ihn an eines Armen Lager knieen; oft habe ich die ſtill verborgnen Gaben be⸗ merkt, die er mit einem ſanften Haͤndedruck ſpendete; denn Vernon ſcheute ſich nicht, den Armen zu berei⸗ chern. Ol er war ein Chriſt. Er iſt gewiß im Him⸗ mel! Ganz gewiß! Ich ſah ihn in ſein Grab legen, drei Jahre vor der Zeit, von welcher ich jetzt ſchreibe, und als ſey es geſtern, denke ich noch an die ern⸗ ſten Mienen der Haͤusler und die feuchten Wangen armen Frauen, und die frommen Blicke der Kin⸗ , wie ſie in der kleinen Kirche dicht gedraͤngt ſtan⸗ den und mit naſſen Augen auf des guten Mannes Sarg blickten. Armer Vernon!— Er war ein verwundetes Wild und entflohen aus der kalten Welt in unſerer Waͤl⸗ der Tiefe. Und ſo dankbar war er Gott fuͤr dieſes Aſyl, und ſo ſehr liebte er es, daß er vergaß, ich⸗ koͤnne es eines Tages verlaſſen. Warum ich's thun ſollte, ſah er nicht. Wie haͤtte er es auch? Ein ſchuldloſes Leben, ein friedliches Grab un⸗ term Raſen, die Liebe der Armen im Leben, ihr Be⸗ dauern im Tode, das war es, was er fuͤr mich auf 14 ſeinem Lager entwarf, und darum geſchah es, daß, ob er mich gleich Gott lieben lehrte, als das erſte ebot, er wenig an die Schwaͤche und Verdorben⸗ heit unſrer Natur dachte.. Er ſtarb, und ich betrauerte ihn. Die gaͤnzliche Abgeſchiedenheit, in welcher wir lebten, ließ uns Alle. ſeinen Verluſt tief empfinden. Denn taͤglich ſaß er an unſerm Kamin mit nfhen treuen, unbefan⸗ genen Hinnehmen unſerer Gaſtfreundſchaft, wie es ſeiner edlen Geſinnung ſelbſt angemeſſen war. Fuͤr mich war der Verluſt unerſetzlich. 4 Die einzigen Familien, mit welchen wir in naͤ⸗ herer Verbindung lebten, waren die eines Herrn Frank⸗ land und eines Oberſten Hamilton. Jener war ein gerader, braver Landedelmann, der ſein eignes G. bewirthſchaftete, und deſſen Weib und Kinder— zw an Alter von einander entfernte Toͤchter und ein Sohn— ganz ſo gerathen waren, wie ſie ein ſolcher Vater nur wuͤnſchen konnte. Der Oberſte war Wittwer und kinderlos. Er hatte mit Auszeichnung in mehreren Theilen der Welt gedient, und war eine edele Ruine eines braven Sol⸗ daten. Die Sprachen des Continents redete er fer⸗ tig und fließend, und waͤhrend ſeiner Dienſtzeit in Indien hatte er ſich einige Kenntniſſe des Arabiſchen und Perſiſchen erworben. Er ritt vortrefflich, und da er ſehr gefaͤhrlich am Schenkel verwundet worden, * —,-—— —— — 15 war dieß die einzige Leibesuͤbung der er nachhing. Bei der methodiſchen Eintheilung der Zeit, die den ehemaligen Commandanten bezeichnete, konnte man 4 ihn ſtets zu einer gewiſſen Stunde ſchon von weitem auf dem breiten Waldwege ſehen, der aus ſeinen wei⸗ lg ehentua fuͤhrte, auf einem Arabiſchen Lieb⸗ sroſſe reitend, gewandt wie ein zahmes Reh, aber kraͤftig und ſchnell wie der fliehende Hirſch, oder ſtolz und rothaͤugig wie daſſelbe Thier im zornigen Widerſtreite. Mein Vater und ich begleiteten ihn bei ſolchen Ritten nicht ſelten. Ich hatte ihn ſtets mit Feiner Art von ſchmerzlicher Verehrung betrachtet, denn ſein Weib und ſeine kleinen Kinder waren zur See um⸗ 3 gekommen, da das Schiff mit welchem ſie Indien ver⸗ laſſen hatten, auf dem Heimwege untergegangen. Unbe⸗ kannt mit ſeinem Verluſte, war er hinter ſeinen zaͤrtlich, geliebten Schaͤtzen hergeſchifft, und ohne es zu wiſſen uͤber ihr Grab in der Tiefe geſchwommen. Eine aͤltere Schweſter war zu ſeiner Troͤſtung herbei geeilt und theilte noch freundlich ſeine ſchwermuͤthige Heimath. Ob ich gleich den einfach herzlichen Frankland achtete und ſein verſtaͤndiger Sohn mir ſehr wohl ge⸗ ſtel, ſo zog ich ihnen doch die Geſellſchaft des Ober⸗ ſten Hamilton bei weitem vor. An Liebe dachte ich damals nicht. Denn obgleich die beiden Miſſes Frank⸗ lands ſchoͤn, liebenswuͤrdig, wohlgezogen und ſehr unterrichtet waren, ſo floͤßten ſie mir doch kein ande⸗ res Gefuͤhl, als jenes leichte Wohlgefallen ein, das wir ſtets an einer Couſine oder Schweſter eines 16 Freundes finden, die wir von Kindheit an taͤglich zu ſehen gewoͤhnt ſind. Eduard war noch zu jung, um damals mein Ge⸗ faͤhrte zu ſeyn; ich war daher ſtets beim Oberſten Ha⸗ milton, ſaß bei ihm, hoͤrte ihm zu, oder las ihm vor. Dann trieb ich mich auch wieder unter ſeinen W fen, Seltenheiten und Alterthuͤmern herum, ma wol auch außerhalb des Hauſes mit ſeinem Tatari⸗ ſchen Bogen, der Mongoliſchen Lanze und dem Da⸗ maszener Schwerte auf der Wieſe Verſuche, oder ſchoß, tiefer im Walde, mit ſeiner gezogenen Tyroler Buͤchſe, nach dem Ziele, oder mit dem verraͤtheriſchen Malayiſchen Blaſerohre nach einem ſpitzbuͤbiſchen Ha⸗ bicht; am frohſten war ich aber dann, wenn ich mit ihm durch die langen langen Gaͤnge unſers herrlichen Waldes dahin ſprengen konnte. Als wir eines Tages, nach einem dieſer ſchnellen Nitte, unſre trefflichen Gaule wieder zu Athem kom⸗ men ließen, bemerkte ich zwei Maͤnner, welche am Wege ſaßen und in ihrem Aeußeren ſo ganz von Al⸗ lem, was ich bisher geſehn hatte, verſchieden waren, daß ihr Anblick mir einen Ausruf des Staunens und Vergnuͤgens abndthigte. Einer von ihnen war ein Mann von mittleren Jahren, von ſehr brauner Geſichtsfarbe, ſehr ſchwar⸗ zen Augen, weißen Zaͤhnen und mit einem Barte, der ſein Kinn bedeckte und daran herabfloß. Uebri⸗ gens trug er große goldne Ringe in den Ohren. Schnitt und Farbe ſeines Anzugs waren orientaliſch und * 4 —— — — — ——— 17 und glaͤnzend. Lichtblau das Kleid, die Muͤtze roth, und um ſie ein faltiger Turban von weißer Leinwand geſchlungen. Sein Gefaͤhrte war ein aͤltlicher kraͤftiger Mann, mit einem finſtern, fremden Anſehn. Er trug klei⸗ nere Ohrringe, und ſeine Kleidung war gewoͤhnlich. Ein kleines viereckiges Mahagonikaͤſtchen mit leder⸗ nen Riemen, ein Buͤndel rother Pantoffel und ein großer Korb, der mit ſchlechten bunten Kupferſtichen, Fernglaͤſern, kleinen Spiegeln, Spielzeug und anderen Kleinigkeiten angefuͤllt war, lag zwiſchen ihnen. Der Oberſt ſah bald, wer ſie waren, und redete ſie dem gemaͤß an. Der Eine war aus der Levante, ein gewoͤhnlicher Verkaͤufer Tuͤrkiſchen Rhabarbers, ein Chriſt, wie er behauptete, und deshalb an einigen Orten vertrieben, in anderen aber als Tuͤrke geflohen und vermieden. Der Andre war ein alter wandernder Kraͤmer, aus der gluͤcklichen niedern Klaſſe, welche Heimath und Familie an den ſchoͤnen Ufern des Ko⸗ merſees beſitzt. Noch erinnere ich mich, wie feurig ſie antworteten und wie alle ihre Zuͤge ſich belebten, als der Oberſt ſich in der ihm eignen einnehmen⸗ den Weiſe mit ihnen mehrere Minuten lang, Ita⸗ lieniſch, uͤber ihr Vaterland und ihre Wanderungen unterhielt. Lachend dolmetzchte er mir ſeine Fragen und ihre Antworten. Dieſe waren ſaͤmmtlich unbe⸗ deutend, nicht aber ohne Einfluß, naͤmlich auf mich, und als wir nach Hauſe ritten, ſchuͤrte der Oberſt, ohne daß er es wußte, das Feuer nur noch mehr an, I. B 18 das der Anblick dieſer Fremden in meinem jugend⸗ lichen Buſen entzuͤndet hatte, wie ja dieß bei einem unbeſchaͤftigten Gemuͤthe nothwendig der Fall ſeyn mußte. Er war in heitrer Laune der freieſten Mit⸗ theilung, ich, aufgeregt und forſchend. Mit duͤrſten⸗ den Ohren trank ich Alles in mich, was ſeiner von Natur ſo beredten Lippe ſorglos entſtroͤmte. Ver⸗ gangne Szenen und Tage ſchienen vor mir wieder emporzuſteigen, ſo wie er von dem Entzuͤcken ſprach, mit welchem er in ſeiner fruͤhern Zeit Italien, die Griechiſchen Inſeln, die Levante und die ſtillen und vergeßnen Ebnen von Troia durchſtreift habe, und von der unvergleichlichen, prachtvollen Groͤße der Lage Konſtantinopels; von ihr, wie ich mich noch jetzt er⸗ innere, verſichernd, daß es der Muͤhe und Noth ei⸗ ner Reiſe dahin wol werth ſey, nur einen Tag, von Sonnen⸗Auf⸗ bis Untergange vom Verdeck eines Schiffes auf ihre Herrlichkeit zu ſchaun. Als wir auf ſeinem Schloſſe wieder angekommen waren, nahm er mich mit auf ſein Zimmer, brachte ein großes Porte⸗ feuille mit trefflichen Kupferſtichen herbei, das ich vorher noch nie geſehen hatte und zeigte mir mehre er⸗ greifende und hoͤchſt pittoreske Anſichten von Gegenden, ſo wie andre, auf denen majeſtaͤtiſche maͤchtige Rui⸗ nen ſo keck dargeſtellt waren, daß der Beſchauer ſchon ein Wehen des ehrfurchtvollen Schauers fuͤhlte, wo⸗ mit ihr Anblick ſelbſt das Herz erfuͤllt. Die Gegen⸗ ſtäͤnde waren alle aus Italien entnommen, und ich hielt nach dieſen Proben Italien fuͤr das Land, oder 19 vielmehr das Paradies, der Wunder. Hierbei fuhr er nun fort, mit heiterm Tone und gluͤhendem Auge, wie man beides an ihm ſelten ſah, weiter von ſeinen Reiſen zu ſprechen. Stundenlang haͤtte ich ihm zu⸗ hoͤren und dieſe Kupferſtiche betrachten koͤnnen; der Zufall fuͤhrte uns aber ein Blatt vor die Augen, deſ⸗ ſen Anblick ihn bewog, mit einer ploͤtzlichen tiefen Erſchuͤtterung den Karton zu ſchließen und mich mit einem kraͤftigen Haͤndedrucke zu entlaſſen. 1 Der Kupferſtich, der ihn ſo tief erregt hatte, ſtellte einen Sturm vor. Das huͤlfloſe Schiff kaͤmpfte den letzten Kampf mit der Gewalt des Elements. Der gekraͤuſelte Gipfel einer Rieſenwelle, an deren dunklen Buſen ein entmaſtetes, halbzertruͤmmertes Wrack lag, ſchien eben mit ſeiner zerſtoͤrenden Kraft uͤber daſſelbe herzuſtuͤrzen. Als ich ſchied, fuͤllten ſich meine Augen in un⸗ willkuͤhrlichem Mitgefuͤhle mit Thraͤnen; bald aber, jg faſt augenblicklich, kehrten meine Gedanken zu der Szene des heutigen Morgens zuruͤck. Alles was da⸗ bei und nachher geſprochen worden war, ſiel mir wie⸗ der ein. Der alte Kraͤmer hatte ſich ſchmerzlich uͤber unſer duͤſtres, wolkiges Klima beklagt, uͤber die Al⸗ bernheit unſrer Volksvergnuͤgungen, uͤber den Man⸗ gel an Muſik, das Entbehren von Wein und Oel. Wir ſtanden eben in den truͤben Tagen des Novem⸗ bers und die Waͤlder waren faſt blaͤtterlos. Die Tage fingen an kalt und duͤſter zu werden, ſelbſt das Wild ſchien in den offnen Waldſtellen ſich unbehag⸗ B 2 20— lich zu fuͤhlen, und ſtatt bis zum letzten Augenblicke in ſeinen ſonnigen Lagern zu bleiben und dann mit gelenkem Lauf und kuͤhnen Spruͤngen davon zu eilen, ſtand es mit halbgeſchloßnen Augen da, oder ſchlich mit zoͤgernden Schritten einher, das abgeſtorbne Gras abnagend und es dann in den halbgeoͤffneten Maͤulern, als geſchmacklos hin und her wendend. Alles hatte ein trauriges Anſehn. An die heiteren Ergoͤtzlichkei⸗ ten des Winters dachte ich nicht, nicht an das wohlge⸗ taͤfelte Beſuchzimmer und das lodernde Kaminfeuer, an die anmuthigen und verſtaͤndigen Unterhaltungen im Abendkreiſe um denſelben; meine Einbildungskraft floh nach ſonnigeren Klimaten, zum Geſange, dem Tanze, der Guitarre, der Maskerade und ihrem Ge⸗ raͤuſche, der zwiſchen den Baͤumen ſchwebenden Wein⸗ rebe, und dem geheiligten Oele. Auf ſtaͤdtiſchen Straßen erblickt man auslaͤndi⸗ ſche Geſtalten und Gewaͤnder oft, und vergißt ſie bald, aber nicht ſo iſt es in der ununterbrochenen Einſam⸗ keit des Landlebens. Junge Maͤnner, die auf Schulen geweſen ſind und mit ihren Kameraden dort Verkehr hatten, lernen Vieles, was ſie fuͤr die Welt vorbereitet und auf einem Wege, den kein Privatunterricht erſetzen kann, vorzuͤglich wenn man, wie es bei mir der Fall war, in der Kindheit keinen Spielgenoſſen hatte. Seit ich nicht mehr den Schmetterlingen nachjagte und nach Gruͤndlingen ſiſchte(und das endete fruͤhzeitig) hoͤrte ich auf, Knabe zu ſeyn. Eigentlich war ich —y 21 nie ein Knabe,— ein froher, wilder, ausgelaſſener, mit Baͤllen luſtig ſpielender Knabe, voll kindiſcher Liebe, Sorge und Freundſchaft, unter den jugendli⸗ chen Kaͤmpfen des Koͤrpers mit dem ſich entwickeln⸗ den Geiſte. Meine Spielkameraden waren Maͤn⸗ ner: mein guter, kraͤftiger Vater und der ſanfte Ver⸗ non. Doch hatte ich gluͤcklicherweiſe noch einen, und in dieſer Beziehung einen beſſern, ja, durch bloßen Zufall einen trefflichen— meinen Bedienten Gott⸗ fried. Er war zehn Jahre aͤlter als ich, und in mei⸗ nem fuͤnften Jahre, hatte man ihn als meinen Reit⸗ knecht ins Haus genommen. Seine Anhaͤnglichkeit an mich, war hoͤchſt einfach, aber eben ſo aufrichtig. In allen den Leibesuͤbungen, welche kein Andrer als er mich lehren konnte, ward ich bald vollkommen. Ich lief, ich ſprang, ich ſchwamm, ich kletterte, ich ſchwang mich von Mauer oder Baum mit Muth, Behendigkeit und feſtem Vertrauen auf mich ſelbſt, herunter. Mit der Jagdflinte bekam ich ein ſcharfes Auge und eine feſte Hand, eben ſo auch mit Pfeil und Bogen. Ich konnte ein Boot rudern und ſteu⸗ ern, und verſtand mit den Segeln umzugehn. Ich fuͤrchtete nichts, weil ich nichts kannte, was ich haͤtte fuͤrchten ſollen, und hatte dadurch bei den armen Waldbewohnern und bei Gottfried ſelbſt den Ruf eines gewaltigen Wagehalſes bekommen, weil ich zweimal im Mondſchein die grauen, epheubewachſenen Rui⸗ nen der Abtei Netley beſucht hatte, und man mich ebenfalls im Mondſcheine am Rufusſteine und bei der 22 ſtöhnenden Eiche zu Baddesley, ja ſogar einmal un⸗ ter der großen alten Eſche, welche die kleine und ſtille Kirche von Dibden uͤberſchattet, geſehen hatte. unter ihr ſoll naͤmlich eine alte chriſtliche Dame, welche, nach dem merkwuͤrdigen und blutigen Gerichte des grauſamen Nichters Jefferies, in ihren grauen Haaren gekopft ward, begraben worden ſeyn, und mit eiligem Schritte geht der Landmann, wenn er ſich ver⸗ ſpaͤtet hatte, ſtets bei dieſer unheimlichen Stelle vor⸗ uͤber. Allerdings liebte ich ſolche Wanderungen. Die Mauern der Abtei von Beaulieu, und jenes alte Ge⸗ baͤude, das man des Abtes Haus nannte, mit ſeinem antiken Giebel, ſeinem Gothiſchen Erker und leeren Riſche, ſeinen zahlreichen verfallnen Stiegen und lan⸗ gen Vorhallen, ſeinem gewoͤlbtem Saale und hochge⸗ bogten ſteinernen Thore, waren die Szenen eini⸗ ger meiner fruͤhſten Traͤumereien und gaben mei⸗ ner jungen Phantaſie Nahrung. Doch jetzt wendete ich mich ploͤtzlich von allen meinen gewohnten Ver⸗ gnuͤgungen ab: mein Leben ſchien mir unwuͤrdig, laͤſtig, unedel, ſtand vor mir, wie ein Sumpf im Walde, von dem ſich das Wild abkehrt, ſtill, ſihlam⸗ mig, gruͤn und undewegt. Indeß muß ich bekennen, daß ich meine Wuͤn⸗ ſche nicht ſehr ernſtlich in ſo weit naͤher betrachtete, um zu ſehen, wohin ſie mich fuͤhren ſollten, oder was denn eigentlich mein Zweck dabei ſey. Keine kriegeri⸗ — 23 ſche Glut beſeelte mich. Kein beſtimmtes, wuͤrdi⸗ ges Unternehmen ſpornte mich an. Ich hatte an kei⸗ ne Beſchaͤftigung gedacht, welcher ich mich zu wid⸗ men wuͤnſchte. Da meine Schweſter und mein Bru⸗ der durch eine anſehnliche Erbſchaft eines Oheims hinreichend verſorgt waren, ſo zeichnete mir mein ge⸗ ſichertes Vermoͤgen und der Wunſch meines Vaters einen Lebensweg vor, auf dem ich keine andre Be⸗ ſchaͤftigung haben ſollte, als mich einfach und gewiſ⸗ ſenhaft den leichten Pflichten eines Landedelmanns zu widmen, und die Rechte, wie das Gluͤck, meiner Paͤchter und armen Nachbarn zu beſchirmen. Jetzt aber hatte ein raſtloſer Feind den Weg zu meinem Herzen gefunden. Ich wurde verdruͤßlich, unzufrie⸗ den und folglich ungluͤcklich; denn meine Schwermuth erſchien mir ſelbſt damals als eine Art von ſchuld⸗ voller Undankbarkeit gegen den Himmel. Vor Vater und Mutter ſuchte ich ſie zu verbergen, aber Mr. Somers, Vernons Nachfolger, von dem Eduard taͤg⸗ lich Unterricht erhielt, bemerkte die merkwuͤrdige Ver⸗ aͤnderung in meinem Benehmen und die ſichtliche Nie⸗ dergeſchlagenheit, in welcher ich mich befand, bald, und ſprach mit mir daruͤber. Somers war ein treff⸗ licher Geiſtlicher, ein milder, einfacher, offner Mann. Doch hinderte mich meine zaͤrtliche Ehrfurcht und innige Anhaͤnglichkeit an das Andenken Vernons, ſeine guten Eigenſchaften ganz zu wuͤrdigen und ſei⸗ nen Rath gern zu befolgen. Wo konnte ich einen Freund, einen Vertrauten, 24 einen Rathgeber finden, der mich in meinen Planen unterſtuͤtzte? Was fragt ein Bruder denn noch lange, wenn er eine Schweſter beſitzt? Zu ihr ſloh ich, mit ihr wanderte ich in vertrauten Geſpraͤchen den gan⸗ zen Tag umher, und der noch ſehr junge Eduard hoͤrte uns freundlich zu und gab uns ſanfte Huͤlfsmittel an die Hand, um die Eltern mit meiner kurzen Abwe⸗ weſenheit einverſtanden zu machen. Ein Jahr nur, nur ein einziges Jahr! Nie hatte noch jemand ſo viel geſehn, als ich es in dieſem einzigen Jahre thun wollte. Nie war noch jemand mit einem ſolchen Vor⸗ rathe von Anekdoten und Schilderungen nach Hauſe zuruͤckgekehrt, als es mit mir der Fall ſeyn ſollte. Reiſen und Abentheuer erleben!— Ich dachte an nichts anderes, traͤumte von nichts anderm. Jede Erſcheinung bei Nacht ging von dem Ta⸗ buletkraͤmer und dem Rhabarberverkaͤufer aus, und eine lange Reihe von Kupferſtichen nach den Werken von Salvator Roſa, Claude, Pouſſin, deſſen Bruder und anderen Kuͤnſtlern bildeten das Uebrige.— Far⸗ ben, Gebaͤude, Felſen, Baͤume, Waſſer, Menſchen, Thiere, alles ſtand vor mir. Zu Zeiten ſchien auch Alles, wie in einer Camera obſeura lebendig zu wer⸗ den, aber in ſeinem kleinen Maaßſtabe zu bleiben, und oft erwachte ich halb lachend und halb ernſthaft, und bedauerte mit einer Art von kindiſchem Schmerze, daß die Welt kein Liliput aufzuzeigen habe. Die Zeit verſloß bei dieſem Reiſedrange, und dieſes brennende romantiſche Streben errang ſich alle Kraft einer un⸗ 4 25 X widerſtehlichen Leidenſchaft. Endlich beſchloß ich, mei⸗ nem Vater Alles zu entdecken. Scheuen konnte ich mich vor einem ſolchen Vater nicht, aber es that mir weh, ihm Mißvergnuͤgen zu machen, und mehr als Alles fuͤrchtete ich— denn ſo iſt nun einmal des Menſchen Art!— daß ſo nachſichtig, gefaͤllig und fuͤg⸗ ſam er auch ſey, er mir doch meine Bitte aufs be⸗ ſtimmteſte abſchlagen werde. Und das that er auch. Tauſendmal habe ich mir ſeitdem alle ſeine herzli⸗ chen und vernuͤnftigen Gegenvorſtellungen ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckgerufen. Er bot mir an, mich auf ei⸗ nige Zeit mit nach London zu nehmen, damit ich die Vergnuͤgen einer großen Stadt ſehen und genießen moͤchte, zeine Reiſe mit mir nach Wales zu machen, mich— ach! nur zu ſpaͤt dachte er daran— auf die Univerſitaͤt zu ſchicken. „Ol ich ſtrebe ja nicht bloß nach Veignägen: 9 antwortete ich ihm,„will nicht bloß Gegenden, Sit⸗ ten und Gebraͤuche meiner Heimath beobachten.“— Was die Univerſitaͤt betraf, ſo hoͤrte ich ihn ſelbſt ſagen, daß es ein Loos in der Lotterie ſey, ob jemand als Pedant oder Wuͤſtling, als Freidenker oder als Chriſt wieder zuruͤckkomme. Nein,— wenn man meine Wuͤnſche nicht erfuͤllte, wollte ich lieber zu Hauſe fortvegetiren; denn leben, ſagte ich, koͤnne man das doch nicht nennen. Mein Vater hoͤrte mir mit innigem Schmerze zu. Seine Augen ſchienen auf ein⸗ mal geoͤffnet. Er hob ſeine Haͤnde in der Spannung ſeiner Seele hoch empor, und faltete ſie krampfhaft. 26 Er ſah jetzt ſeinen eignen ungluͤckſeligen Irrthum ein, aber fuͤhlte auch meine Undankbarkeit, fuͤhlte ſie als eine Strafe Gottes. Auch ich ſah die Wunde ſeines Herzeus, ich, der den Pfeil abgeſchoſſen hatte. Als er ſein Geſicht abwandte, um ſeine Erſchuͤtterung zu ver⸗ bergen, warf ich mich an ſeinen Hals, weinte, kuͤßte ihn. Ich ſagte ihm, daß ich mich ſelbſt wegen des Antrags haſſe, der ihm ſo viele Schmerzen verur⸗ ſache, und noch mehr wegen des Tons, in dem ich ihn vorgetragen habe. Ich gab meinen Wunſch auf. Ich bannte ihn aus meinem Herzen, nicht bloß als ein Opfer meines Pflichtgefuͤhls, ſondern als etwas Verbrecheriſches, Unrechtes, etwas das zuerſt mir Suůn⸗ de, ihm Elend erzeugt habe. Es war mein aufrich⸗ tiger Ernſt, wenigſtens ſchien es mir ſo. Unſre Wie derverſͤöͤhnung war vollkommen, ein langdauerndes Ausſtroͤmen der Herzen und Gefuͤhle. Friede⸗ Zufrie⸗ denheit, Frohſinn, waren wieder hergeſtellt. Hen⸗ riette und Eduard, die in ihren ſchuldlos guten Her⸗ zen meinen Plan nie recht gebilligt hatten, ſahen wieder froh und gluͤcklich aus. Die einzige Perſon, welche an der Aufrichtigkeit, oder vielmehr an der Feſtigkeit und Beſtaͤndigkeit dieſer Entſagung zwei⸗ felte, war Somers. Er ſagte mir, als wir allein wa⸗ ren, daß er lieber gewuͤnſcht, ich haͤtte etwas von der Welt, die mich ſo angelockt, in paſſender, mir Schutz gewaͤhrender Begleitung geſehen, denn dadurch wuͤrde das Fieber meines Gemuͤths bald und vom Grunde aus geheilt worden ſeyn. — 27 Dieſe Aeußerung— ich muß es geſtehn— nahm mich ſehr Wunder, denn ich hatte ſtets auf ſeine be⸗ ſtimmte Mißbilligung, ja ſogar darauf gerechnet, daß er ſich meinem Plane geradezu entgegenſetzen werde. So ging es eine Zeitlang ruhig hin. Regelmaͤ⸗ ßig erhielten wir unſre Tage⸗ und Wochenblaͤtter. Ich ſiel meiſt ſogleich uͤber die Blaͤtter des Rambler (Herumſtreifer) her, anfangs nur, weil mich der Na⸗ me anzog, nachher aber, weil ich nie vom Leſen je⸗ ner herrlichen Verſuche wieder aufſtand, ohne mich, wie ich glaubte, weiſer, beſſer, und folglich gluͤckli⸗ cher zu fuͤhlen. Vielleicht giebt es aber keinen groͤ⸗ Fern und allgemeinern Irrthum, als die erhabene Liebe zur Tugend, mit einem einfachen, ſelbſt ſich ver⸗ laͤugnenden Gehorſam gegen ihre Vorſchriften zu ver⸗ wechſeln.. Nicht lange darauf trat jedoch wieder ein Um⸗ ſtand ein, der meine vorige Sehnſucht zuruͤckrief. Ein netter Burſche von dreizehn Jahren, Somers Neffe, welcher Midſhipman auf einer Fregatte war, die erſt vor Kurzem von einer langen Fahrt zuruͤckge⸗ kehrt, brachte einige Tage bei ſeinem Oheim zu, und ward alſo von dieſem mit an unſern Tiſch gebracht. Noch ſteht der kleine, unerſchrockne Burſche vor mir, in ſeiner dunkelblauen Jacke, mit den Ankerknoͤpfen und dem offnen uͤbergeſchlagnen Hemdkragen, ſei⸗ nem Alter angemeſſen. Jugend, Geſundheit und Ver⸗ ſtaͤndigkeit, verliehen ſeinen ſonſt nicht ausgezeichneten Zuͤgen, eine gewiſſe Schoͤnheit, vor allem aber hatte 28 das Brennen der ſuͤdlichen Sonne ſeine Wangen ih⸗ rer Roſen beraubt, und ſtatt ihrer, den braunen An⸗ ſtrich der Ehre darauf zuruͤckgelaſſen. Immer liegt eine gewiſſe Wuͤrde darin, der Ge⸗ gfahr entgegengetreten zu ſeyn, immer fuͤhlt man eine gewiſſe Hinneigung zu Denen, die Hartes erduldeten; wenn aber jemand Muͤhe, Gefahr und Noth freiwil⸗ lig aufſuchte und darin ſich brav zeigte, und dieſer jemand noch ein Knabe iſt, ſo ſehen wir ihn wie ein Wunder an. In ſeinem zarten Alter, war er ſchon bei einem heftigen Kampfe geweſen, zwiſchen der Fregatte, auf welcher er diente, und zwei Algieriſchen Kapern der ſtaͤrkſten Sorte, wovon der eine waͤhrend der Affaire geſunken, der andre mit großem Verluſte von beiden Seiten, genommen worden war. Seltſam war es allerdings, dieſe jugendliche und ſanfte Stimme kunſt⸗ los, und nicht unbefragt, von Kampf und Blut ſpre⸗ chen zu hoͤren. Hinreiſſend war es, ihm zuzuhdren, wie er ſo ganz anſpruchslos von den Geſichtern, Waffen und Klei⸗ dungen der Mauren und ſeiner Verwunderung und Freude erzaͤhlte. Auch als Reiſender hatte er viel geſehen. Er war mit ſeinem Kapitain an der Kuͤſte in Smyrna und Athen geweſen, und hatte in Liſſabon ſich faſt eine Woche bei dem Geſandten aufgehalten. Ob er gleich ganz ſanft und ohne Anſpruͤche ſchien, gleich⸗ am als ob Schiffsdisciplin und eine harte, maͤnnliche . 29 Lebensart ihn verſchuͤchtert haͤtten, ſo zeigte doch ein Funke in ſeinem brennenden Auge, was er mit Ka⸗ meraden und an der Spitze der Mannſchaft ſeines Schiffs ſeyn mochte, und auf jede Frage wußte er ſchnell und freimuͤthig Antwort zu geben. Ich frag⸗, te,— horchte,— ſtaunte. Zuweilen antwortete er mir mit einer Art von Laͤcheln und Verwunderung uͤber die Unwiſſenheit, welche meine Fragen verrie⸗ then, dann aber auch wieder mit einer Art von Ernſt und Beſchaͤmung, weil er ſie nicht verſtehen konnte; wohl bemerkte er aber, daß er der Gegenſtand mei⸗ ner Aufmerkſamkeit und Achtung ſey und ſchloß ſich waͤhrend der wenigen Tage, die er in unſerm Walde verlebte, eng an mich an. An die Beſchraͤnkung ei⸗ nes Schiffs gewoͤhnt, gewannen mir die Spazirritte, Umtriebe und Wanderungen, die ich fuͤr ihn erſann, ſein junges Herz. Er erzaͤhlte mir Alles, was er ge⸗ ſehn und gethan, gelitten und froͤhlich erlebt hatte, und als er Abſchied von mir nahm, geſchah es mit den treuherzigen Verſicherungen des Bedauerns, wel⸗ che den Wunſch ausſprachen, mich einmal wieder zu ſehn. Ich ritt von Bucklers Hard, wo er ein Boot be⸗ ſtiegen hatte, das ihn nach Portsmouth bringen ſollte, mit Somers wieder zuruͤck, und war dieſem nie ſo gut geweſen, als wenn er auf ſeinen Neffen mit offenba⸗ rem Stolze geblickt, und ihm mit jenem ernſten, aber ſuͤßen Laͤcheln der Hingebung zugehoͤrt hatte, welches deutlich auszuſprechen ſchien:„Junge! genieße Deines Gluͤcks/ ſo lange es Dir gegoͤnnt iſt!“ 30 Als ich in der Nacht darauf mein Lnger aufge⸗ ſucht hatte, floh mich der Schlaf. Das Kind, von welchem ich an dieſem Morgen Abſchied genommen hatte, war in Schlachten geweſen, in Seeſtuͤrmen, war zur Mitternachtszeit, in einem ſchaͤbigen Wacht⸗ rocke, auf dem ſchluͤpfrigen Verdeck herumgewandert und hatte nachdenken gelernt in Dunkelheit und Stille. Jene natuͤrliche Liebe, die wir Alle, nur Einer weni⸗ ger oder mehr, zu neuen, romantiſchen und ergoͤtzen⸗ den Eindruͤcken haben, war bei ihm in ſo fruͤhen Jahren geſaͤttigt worden, denn er hatte die Mauern des Parthenon in Athen erklimmt, hatte die vergoldete Kuppel der Moſcheen und die Turbane der Moham⸗ medaner geſehn; war unter Moͤnchskutten und in Kloͤſtern geweſen, hatte den Guitarren und Serena⸗ den zugehoͤrt. Unerquickt ſtand ich auf. Taͤglich im⸗ mer mehr verlor ich Eßluſt, Frohſinn, Geſundheit. Somers, ſo wie alle die Meinigen, bemerkten dieſe traurige Veraͤnderung. Nach langem Zaudern hatte mein Vater endlich beſchloſſen und eingewilligt, daß ich in dieſem Win⸗ ter, um Luft und Gegend zu veraͤndern, nach Liſſa⸗ bon gehen ſolle. Es war damals gewoͤhnlich, Kranke dahin zu ſchicken, damit das ſchoͤne Klima ſie heile, und mein Vater, welcher Liſſabon kannte, hoffte zu⸗ gleich, daß Schmuz und Unbequemlichkeit daſelbſt, ſo wie die Unwiſſenheit des Volks, mich fuͤr immer von der Luſt zu reiſen, heilen wuͤrden.. Oberſt Hamilton gab mir einen Empfehlungs⸗ —— 4 4 31 * brief, der mir waͤhrend meines dortigen Aufenthalts freundliche Aufnahme und Wohnung bei einem ſehr atlgeſehenen Portugieſiſchen Edelmanne verſchaffen ſoll⸗ te. Dies freute mich ſehr, da ich hoffen durfte, da⸗ durch die beſte Gelegenheit zu bekommen, Sitten und Gebraͤuche eines fremden Volks kennen und beurthei⸗ ken zu lernen. Kaum erfuhr ich dieſen, zwiſchen mei⸗ nem Vater, Somers und dem Oberſten verabredeten Plan, als ich voll Dankgefuͤhl, Hoffnung und Freude war, und mich ſo daruͤber ausdruͤckte, daß meines Va⸗ ters Beſorgniſſe ganz beruhigt wurden, und er erwar⸗ ten durfte, mich zur beſtimmten Zeit wieder zu Hauſe und von aller Reiſeluſt geheilt zu ſehen. So ſtand ich denn nun jetzt am ufer und ſchaute auf das Schiff, welches das Topſegel geloͤſ't hatte und ſich zur Reiſe fertig machte, froͤhlich in meiner Frei⸗ heit und reich in der feſten Ueberzeugung, wie theuer ich all' meinen Lieben zu Hauſe ſey. Die Sonne wollte eben untergehn, als der ge⸗ treue Gottfried, der mein Gepaͤck von Beaulieu mit⸗ gebracht hatte, mich ans Boot abholte. Er ſah ernſt und faſt traurig aus. „Ja, ja, lieber Herr, ſagte er, mir iſt dieſe Grille, ſich in fremden Laͤndern herumzutreiben, ganz und gar nicht recht. Ich werde nicht eher ruhig ſchlafen koͤnnen, als bis ich Sie wieder zu Hauſe ſehe. Eig⸗ ner Herd iſt Goldes werth, ſagt das Sprichwort, und ſo gut wie wir's zu Hauſe haben, finden Sie es nirgends wieder.“ 32— Es iſt ja nur ein Ausflug zum Vergnuͤgen, lie⸗ ber Gottfried! „Ach, ein Vergnuͤgen, das weit mehr Kummer gemacht hat, als es werth iſt. Das iſt ein ſchlechter Spaß, der gefaͤllt mir ganz und gar nicht,— und Allen zu Hauſe gefaͤllt er nicht— das wiſſen Sie ja ſelbſt Maſter Osman.“ Ich war in meinem Innerſten vergnuͤgt, ſchuͤt⸗ telte ihm die Hand und ſprang ins Boot. Als ich mich ſetzte und mich umſah, ging mir ſein Blick durch Leib und Seele. Gottfried hatte eine kraͤftige Ge⸗ ſtalt und maͤnnliche Zuͤge. Aber jetzt rannen ihm Thraͤnen, Kindesthraͤnen uͤber die derben Backen her⸗ ab, er ſaß bewegungslos da und ſah nach mir hin; gleich Einem, der an dem Grabe eines heißgeliebten Menſchen ſieht/ das eben zugeſchuͤttet werden ſoll. Einen Augenblick lang fuͤhlte ich, wie ich noch meinen hartnaͤckigen, unverſtaͤndigen Wuͤnſchen haͤtte entſagen, wie ich haͤtte nach Hauſe zuruͤckgehen koͤn⸗ nen, wo man mich ſo ſehr liebte, um von dort nicht wieder zu weichen. Aber die fluͤchtige Nuͤhrung ging voruͤber. Es war, als ob der bittende Blick meines beſſern Engels auf mir ruhte, aber die Daͤmonen in meiner Naͤhe waren ſtaͤrker. Sie zeigten mir Phan⸗ tome von Entzuͤcken, ſangen mir mit Sirenenſtim⸗ men von kuͤnftigen Freuden vor, und einige Minu⸗ ten ſpaͤter befand ich mich an des Schiffes Bord, das Southamptons ruhigſtilles Gewaͤſſer ſanft hin⸗ ab⸗ 3 33 abglitt, alle Segel eingezogen hatte, und ſich bloß vom Abendwinde ſchaukeln ließ. Mit welcher hohen, ernſten Feier, ſenkte ſich die Sonne an jenem unvergeßlichen Abende ins Meer! Geroͤthet war der Himmel,— gerdͤthet waren die Wogen,— roth, feurig roth die Mauern, der Schloß⸗ thurm und die ſchlanken Zinnen, ſchwarz aber die waldige Kuͤſte, und ſchwarz der tiefe Schooß jenes Waldes, aus dem ſich die Truͤmmer der alten Abtei Netley erhoben, hier nackend und gluͤhend roth, dort purpurn mit dem Mantel von Epheu bedeckt, und zum Theil wieder in ſo dunkelm und ſchauerlichem Schatten liegend, daß ich in meiner damaligen Stim⸗ mung dort allein zu weilen nicht gewagt haͤtte. Es war ſchon graues Sommer⸗Zwielicht gewor⸗ den, als wir bei dem kleinen runden Kaſtelle von Calshot vorbeikamen, das auf ſeiner ſchmalen Land⸗ zunge weit hinein in die See ragt, wie der treue und muntre Vaͤchter des Hauſes an ſeiner langen Kette ſich vorſtreckend. Silbern glaͤnzten alle die ſpitzen, kalkichten, ein⸗ zeln ſtehenden Klippen zwiſchen der Inſel Wight und den Küͤſten von Lymington, von den alten Seefah⸗ rern die Nadeln genannt, als wir mit einem kuͤh⸗ lern, lebendigern Winde, durch ihre engen Zwiſchen⸗ raͤume fuhren, uͤber uns der wolkenloſe Mond und um uns her die offnere See fuͤr freie Schifffahrt. I. C 34— Hinter mir meine Heimath— vor mir meine Hoffnung— ging ich auf dem Verdecke in gemiſch⸗ ten Gefuͤhlen der Schwermuth und des Entzuͤckens umher. Die erſte demuͤthigende Feſſel fuͤr mich, war der Angriff jenes mir bisher unbekannten Feindes— der Seckrankheit. Ich ſchwankte auf dem glatten ho⸗ hen Verdecke umher, indeß der heitre Schifſsiunge mit froͤhlichem Geſange feſt und ſicher auf dem ſchwindeligen Geſtell der hohen und ſchwankenden Raa ſtand; waͤhrend alle Augen ringsumher vor Freu⸗ de glaͤnzten, wie das Schiff luſtig und ſchnell uͤber die ſchaͤumenden Wogen glitt, waren nur die meini⸗ gen truͤbe. Jener Wangen roͤthete der Hauch der friſchen Luft, die meinen waren blaß, jener Sinn war froh, ihr Geiſt belebt, mein Herz belaſtet, ohne die Kraft ſeinem Schmerze ſich ganz hinzugeben; mein Verſtand verwirrt, herabgewuͤrdigt— ich ſchien an einem gaͤnzlichen Schwinden aller Staͤrke, ſowol der Seele, als des Koͤrpers zu leiden. Ich war der gebildetſte Menſch am Bord, aber ein Saͤugling waͤre nicht huͤlfloſer geweſen, als ich. Der kenntnißreiche Geiſt— der aufgluͤhende Genius— wo waren ſie? Was waren ſie?— Nichts, weniger als nichts fuͤr mich. Welch ein armſeliges Geſchoͤpf iſt doch der Menſch, wenn er aus ſeinem gewoͤhnlichen Pfade gedraͤngt wird. Der furchtloſe Araber auf der ſtuͤrmiſchen See, in einem gebrechlichen Boote, das mit jeder Woge un⸗ terzuſinken droht, und dann wieder der froͤhliche Ma⸗ troſe auf einem wilden Roſſe, das mit ſcheuer unge⸗ 3⁵ zuͤgelter Eile uͤber die Wuͤſte fliegt— gedemuͤthigt fuͤhlen wir uns, wenn wir ihrer denken. Ich ver⸗ ſuchte es, dem lachend gegebenen guten Rathe des ehrlichen Schiffpatrons, mit einem Laͤcheln des Dan⸗ kes zu antworten; aber ich fuͤhlte, wie mir das Leben ganz gleichguͤltig geworden war, ſo ſehr war ich ab⸗ geſpannt. Endlich kaͤmpfte ich in finſterm Stolze mit der Krankheit, gewann Grund, ward heitrer, ei⸗ tel auf meinen Sieg, und ehe zwei Tage vergingen, war ich wieder vollkommen froͤhlich. Wir waren nun ſchon weit jenſeits der dunkel⸗ blauen Gewaͤſſer, jenes ruheloſen Meerbuſens, wo die wilden Wogen in ihrem lauten Brauſen belebt zu ſeyn ſcheinen, und nur der kleinen Barke einen Durchgang verſtatten, als gehorchten ſie einer hoͤhern Macht, als der menſchlichen. Ich ward nicht muͤde, ſie zu betrachten, wie ſie in ſchwarzen Bergmaſſen ſich erhoben, vom Winde dann ihre weißen Gipfel kraͤuſeln ließen und in gaͤh⸗ renden Schaum zerſtoben. Es iſt ein ſchoͤner Anblick, den die Meeresflaͤche gewaͤhrt,— auch dann noch ſchoͤn, wenn Furcht bei Denen, die auf dem ſchauervollen Elemente ſchif⸗ fen, auf das hoͤchſte geſtiegen iſt. Und wenn es nun laͤchelt in ſommerlicher Lieblichkeit, bei Wind⸗ ſtille oder Sonnenſchein, giebt es wol einen reizen⸗ dern Anblick in der ſchoͤnen Schoͤpfung? So dachte ich, ſo denke ich jetzt noch; als ich aber damals bei Nacht, in meiner kleinen Kajuͤtte C 2 36— lag, als ichs fuͤhlte, wie die ſtarken Wogen gegen die bretterne Scheidewand anſchlugen, die kaum hinrei⸗ chend ſchien, mich vor ihrem wilden Drohn zu ſichern, da, glaube ich, fing ich zum Erſtenmale an, Furcht zu empfinden. Ich deckte mich dichter zu, und ver⸗ ſuchte ein kurzes, unzuſammenhaͤngendes, ſtilles Ge⸗ bet. Ich wußte, daß ich nicht auf dem Wege der Pflicht und des Gehorſams war,— ich fuͤhlte mich ſelbſt ſtrafbar,— aber ich vermied den Gedanken. So ging es dann voruͤber. Ich ſchlief ein, und traͤumte hoͤchſt anmuthig von lichten Waͤldern und murmelnden Baͤchen, und wie ich an ſchattigen Stellen laͤge, beim Geſang der Voͤ⸗ gel, und von Eduard— und Eduard laͤchelte mir zu und war freundlich gegen mich. 1 Da ſchalle ploͤtzlich wildes Getoͤs an mein er⸗ ſchrecktes Ohr,— ein Gekrach,— ein heftiger heu⸗ lender Schrei,— und Alles war ſtill. War es ein Felſen?— Wo waren wir?— Schiff⸗ bruch?— O! fuͤrchterlicher Gedanke!— Ich eilte aufs Verdeck. Allein fand ich mich dort, allein auf der dunkeln ſtuͤrmiſchen See⸗ Bei des Mondes mattem Schim⸗ mer, durch ein Sturmgewoͤlk, ſah ich ein andres Schiff vom Winde gejagt,— unſer Tauwerk zerſtoͤrt,— un⸗ ſer Bugſpriet zerbrochen.— Ein gewaltiger Wind wehte,— er riß die Segel von den Raaen,— ſie flo⸗ gen in Streifen durch den Sturm, wie zerriſſene Fahnen der Geſchlagenen und Fliehenden. Das Heu⸗ —— 2— 37 len und Toben des Windes in dem Tauwerk,— das laute Gepraſſel der herabfallenden Rollen,— das hef⸗ tige Anſchlagen des hin und her ſchwankenden Steuer⸗ ruders, welches niemand mehr leitete,— das Knar⸗ ren der Maſten;— es war mehr als fuͤrchterlich,— es war um wahnſinnig zu machen.— Kein Wunder, daß es mir in dieſer ſchrecklichen Stunde ſchien, als haͤtten die hohen brauſenden Wellen Stimmen,— wil⸗ de, furchtbare, gewaltige Stimmen, wie jubelnde, jauchzende Verfolger.— Ja, Geiſter walteten in die⸗ ſem Sturme,— auf den Wogen, in den Winden. Furcht war uͤber mich gekommen,— fruͤh uͤber mich gekommen, und ſie ſpotteten nun meiner. Ich kletterte eiligſt und mit Anſtrengung aller meiner Kraͤfte zur Campagne*) hinauf. Der Mor⸗ gen brach an. Ein roͤthlicher Schein in Oſten; ein finſterer Wolkenhimmel uͤber mir; die See hochge⸗ hend und ſchwarz, mit haͤufigen weithinſpruͤtzenden Fluthen von Schaum, die von den Gipfeln der auf⸗ gepeitſchten Wellen wild umher flogen. Das Schiff ward wuͤthend vom Sturme fortge⸗ trieben. Das Steuerruder war zerſchmettert, die Se⸗ gel zerriſſen, nichts ſtand dem brauſenden Sturme entgegen, als der ſich knarrend beugende Maſt und das raſſelnde Tauwerk. Immer neue Wellen ſchlu⸗ gen uͤber das Schiff. Jedesmal glaubte ich, es muͤſſe ſein Untergang ſeyn, die Woge werde es zertruͤm⸗ *) Der Hintertheil des Schiffes über der Kazjülte. Ueberſ. mern oder verſenken. Und doch trieb es vorwaͤrts, ſegellos, feſtgebunden an die ſtuͤrmenden Wellen. Wo waren meine kecken Traͤume von geſtern? Das Schrecken des huͤlfloſen Phaeton war uͤber mich gekommen,— das Schickſal des Ikarus lag vor mir. Gegen Abend ward es ruhiger. Der Himmel war lichter grau geworden. Die See blieb ſchwarz. Die großen Wogen machten eben ſo tiefen Ein⸗ druck auf mich, als vorher der wilde Aufruhr der Wellen. Jetzt ſtieg das Schiff auf einen Waſſerberg, dann ſank es in ein tiefes dunkles Thal hinab, als ſolle es dort fuͤr immer begraben werden. Jetzt begann ich auch Hunger und einen wuůͤthen⸗ den Durſt zu fuͤhlen! Sonderbare Lage. Mitten un⸗ ter den Vorraͤthen hefand ich mich, beſaß aber nicht Kraft, noch Geſchicklichkeit genug, mir Waſſer oder Speiſe zu holen. Ein kleines Stuͤck Zwieback, das auf den Fußboden gefallen und mit ſchmutzigem Fuße zertreten worden war, und die Naͤſſe, die ich aus ei⸗ nem halbtrocknen Wachtkittel ſaugte, ſtaͤrkten mich wieder. Aber unten konnte ich nicht bleiben. Die Kajuͤtte ſchien mir ein Grab. Ich ging aufs Ver⸗ deck zuruͤck, deckte mich mit Kleidungsſtuͤcken zu und ſchlief ein. Eine freundliche Hand weckte mich. Die Sonne ſchien warm auf meine geblendeten Augen. Ich war ſchwach und matt. Sehen konnte ich nichts, aber meinen Namen hoͤrte ich von einer wohlbekannten Stimme, mit einem Ausrufe der Verwundrung nen⸗ nen. Somers Neffe ſtand neben mir, hob mich mit ſeinen jngendlichen Armen auf, und hieß mich guten Muths ſeyn. Thraͤnen fuͤllten meine truͤben Augen, und als ſte reich entſtroͤmten, konnte ich meinen Befreier er⸗ kennen. Aber wie? Und wo? Wo war er hergekom⸗ men? War es ein Traum? Er zeigte dorthin, wo auf dem glanzerhellten Meere, ein großes, ſtattliches Schiff in ſtolzer, ruhiger Sicherheit lag. „Was hat es fuͤr eine Bewandniß mit dem Schif⸗ fe?“ rief eine rauhe, ernſte Stimme durch ein Sprachrohr. Der junge Howard bat einen ſeiner Matroſen, fuͤr mich zu ſorgen, nahm das Sprachrohr, das un⸗ ter der Campagne lag und antwortete kuͤrzlich alles, was ich nicht wußte, er aber verſtaͤndig errieth. „Das Schiff rannte in dem Sturme vergangne Nacht an eine Klippe, und die ſchwache Mannſchaft verließ es in dem Boot, das dazu gehoͤrte.**) *) Der Leſer wird wahrſcheinlich— und es iſt ihm ſehr zu verzeihen— entſchieden haben, daß die hier geſchilderte Lage eines Menſchen, während eines Sturmes, am Bord ei⸗ nes Schiffes allein gelaſſen und übrig geblieben, eine phan⸗ taſtiſche und ungereimte Erdichtung des Verfaſſers ſey. Aber in manchen Fällen geht die Wirklichkeit im Leben, weit über die Einbildungskraft des Dichters hinaus. Der umſtand, den . Er berichtete nun noch, daß das Schiff in Be⸗ griff ſtehe unterzuſinken, da das Waſſer ſchon uͤberall eindringe. Nach den Anordnungen ſeines Komman⸗ danten unterſuchte er hierauf eiligſt daſſelbe, nahm die Schiffspapiere an ſich und befahl ſeinem Unter⸗ gebnen einige Effekten von mir, aus meiner Kajuͤtte mitzunehmen. Dann half er mir mit ſo vieler Ar⸗ tigkeit, als ob ich eine Dame geweſen waͤre, in ſein kleines Boot hinabſteigen und ruderte von dem Wrack hinweg. Meine Nerven waren ſo heftig angegriffen, daß, als die kraͤftigen Matroſen ruͤſtig und froͤhlich uͤber den ſchwellenden Buſen der Wogen dahin ru⸗ derten, ich mich noch gar nicht ſelbſt uͤberzeugen konn⸗ te, daß ich gerettet ſey. Noch ſchienen Beſchwerden, Gefahren und Ereigniſſe mir zu drohen. Bald aber kamen wir gluͤcklich an die kriegeriſch geruͤſtete Seite der Fregatte, bald ſtand ich auf ihrem eichnen Ver⸗ deck, und bald ward ich in eine Kajuͤtte, ohnweit der des Kommandanten, auf deſſen unmittelbaren Befehl gebracht. Der Wundarzt folgte mir, man legte mich zu Bette, gab mir herſtellende Mittel und uͤberließ mich der Ruhe. Waͤhrend der im Sturme mich wild umgebenden Schreckniſſe, konnte ich nicht beten, aber hier brach mein Dankgefuͤhl in einen Strom inni⸗ ger Thraͤnen, und in ein leiſes, abgebrochnes, aber gluͤhendes Flehen zu Gott, aus. 4 ich hier benutze und beſchreibe, hat ſich im Jahr 1818 unter meinen Augen zugetragen. Verf. 2* 41 Am folgenden Morgen erwachte ich, durch einen langen, ſtaͤrkenden Schlaf, ganz wieder hergeſtellt, und der Kapitain ließ mich rufen. Er empfing mich mit guͤtiger, doch ruhiger Herzlichkeit. Howard hatte ihm mein Abentheuer erzaͤhlt. Ich brannte vor Verlan⸗ gen, dieſen zu ſehn. Man ließ ihn kommen, und als ich ihn in der Kajuͤttenthuͤre ſtehen ſah, mit ſeinem Hute in der Hand, auf Erlaubniß zum Eintreten war⸗ tend, ſprang ich tief ergriffen auf, und ſtuͤrzte in ſeine Arme.„Seyn Sie ruhig, Mr. Beavoir,“ ſagte der Kapitain.„Mr. Howard, Sie koͤnnen gehen.“ Ver⸗ gebens hatte ich verſucht ihn zuruͤckzuhalten, verge⸗ bens bat ich, daß er bleiben moͤchte. „Mein Herr, ich liebe ſolche Auftritte nicht. Ihr zartes Gefuͤhl iſt der Brauchbarkeit des Mannes nach⸗ theilig. Howard iſt der maͤnnlichſte Burſche auf mei⸗ nem Schiffe.“ Aber bedenken Sie, Herr Kapitain, daß ich ihm mein Leben zu danken habe! „Nein, mein Herr, Sie verdanken es der Vorſe⸗ hung und Gnade Gottes, und ich hoffe, daß Sie ſich lange daran erinnern werden. Wir ſind Alle leider nur zu geneigt, ihm die zweite Stelle in unſrer Liebe, unſerm Danke einzuraͤumen. Der junge Howard that nur ſeine Schuldigkeit, und wuͤrde daſſelbe gethan haben, wenn es auch nur gegolten haͤtte einen mei⸗ ner Hüͤhnerkorbe zu retten.“* Ungeachtet dieſes Vorwurfs, konnte ich doch nur mit Achtung und Theilnahme meine Augen auf den * Kapitain richten. Er war ungefaͤhr funfzig Jahr alt, aber ſein Haar war ganz weiß und in einen Zopf zuſammengebunden. Sein Geſicht war voll tie⸗ fer Runzeln. Auf der einen Wange hatte er eine Schramme, und noch eine tiefere auf der Oberſtirn. Seine Farbe war ſo dunkelroth, wie ſie allen Denen eigen iſt, die ihr Leben auf der See zubringen. Der linke Aufſchlag ſeines Rocks war nachlaͤßig auf der Bruſt zugeknoͤpft, und es hing ein Orden daran. Er beſaß das helle Auge, die ſtarken Glieder und den feſten Tritt eines wackern Kommandanten. Kaum hatten wir unſer Fruͤhſtuͤck beendet, als ich mit ihm aufs Verdeck gehen mußte. Es war ein Sonntagsmorgen. Unter einem Zelte aus Segeltuch, von dem ein Thell buntfarbig war, hatten ſich die Offiziere und die Mannſchaft zum Gottesdienſte ver⸗ ſammelt. 4 Hier las er die beſtimmten Gebete in einfach maͤnnlicher Art, mit ſolcher deutlichen, aber ruhigen Kraft, wie ſie eine aufrichtige Verehrung gegen ſei⸗ nen Gott und ein der Religion feſtanhangendes Herz einfloͤßt. Ich fuͤhlte, daß alle Augen auf mich ge⸗ richtet waren, und als ich die meinen aufſchlug, zeigte ſich mir ein Anblick von eigenthuͤmlicher Groͤße und Feierlichkeit. Die braunen, im Wetter abgehaͤrteten Geſichter der kraͤftigen Seefahrer, ihre entbloͤßten Haͤupter und wackeren Zuͤge, die langen aufgeloͤſ'ten Haare, die um die Maͤnner⸗Wangen wehten, und der bunte Schein, welcher von den rothen, blauen und —— 43 gelben Farben der Decke auf ſie herabgeworfen wurde, bildeten ein herrliches Gemaͤhlde. Nicht allein der Kontraſt, den dieſe Gruppe mit der in einer Dorf⸗ kirche bildete, ſondern auch der tiefe Ton der rauhen Quartiermeiſter⸗Stimmen, wie er ſich in den bar⸗ ſchen Befehlsworten auf die Fragen des Steuermanns mit den Gebeten vermiſchte, oder ſie uͤbertoͤnte, die Wache, die auf dem Vordertheile bereit ſtand, bei je⸗ dem ploͤtzlich entſtehenden Unwetter Anordnungen zu treffen, und daß alles dieſes auf den ruhelos anſchla⸗ genden Wellen wogte, machte einen wundervollen Ein⸗ druck auf mich. Ich fuͤhlte mich geſichert und dank⸗ bar, und dieſe Empfindung ging in gluͤhende Dank⸗ Gebete fuͤr meine Befreiung uͤber, ob ich gleich kaum von ihr ſprechen, oder auch nur an ſie denken konnte, ohne von neuen Schauern ihrer Schreckniſſe durchrieſelt zu werden. So angenehm auch dieſes Gefuͤhl der Sicherheit nach der Gefahr, und ſo neu es auch fuͤr mich war, dieſe vollkommne Ordnung, dieſes ernſte Schweigen und dieſen ſchnellen Gehorſam ſo vieler Weſen zu erblicken, die dem Willen eines Einzelnen untergeben, ſo lag doch darin auch Vieles, was mich niederdruͤckte, mich demuͤthigte. Des Kapitains Betragen war zwar guͤtevoll, aber er ſprach ſehr wenig, und ſeine Blicke waren ſtets ernſt. Stieg einmal ein leichtes Laͤcheln auf ſeine Stirn empor, ſo galt es nur einem alten, rauhen Seemanne, wenn er an ihm vorbei ging, oder einem furchtlos thaͤtigen Burſchen, wenn er, ſo wie 44 ſeine Stunde ſchlug, von der Spitze des Maſtes blitz⸗ ſchnell am Takelwerk herablief. Ich fuͤhlte dann, daß ich hier eine nutzloſe Null ſey, und allgemein dafuͤr angeſehn werde. Bei der Tafel ſaßen die eingela⸗ denen Offiziere(auch den jungen Howard bat man mir zu Liebe, dazu) ſtill und voll Zwang da. Nicht etwa, als ob ſie ihren Kommandanten nicht ſehr lieb gehabt haͤtten. Im Gegentheile lag in ihren Blicken, die hell aufleuchteten, wenn er mit ihnen ſprach, ein Etwas, das hohe Achtung und Ehrfurcht fuͤr ihn aus⸗ druͤckte. Man mußte dann darauf ſchwoͤren, daß ſie ihm gern gehorchten, und fuͤr ſein Leben mit Freu⸗ den das ihre hingegeben haͤtten, aber ihr ganzes We⸗ ſen war wie mit Ketten in die Vorſchriften und Ge⸗ braͤuche ihres Dienſtes gefeſſelt. Keine Lebensart kann trauriger ſeyn, als die ein⸗ ſame, ſultangleiche Abgeſchiedenheit eines Komman⸗ danten auf einem Kriegsſchiffe. Von den wenigen Tagen, welche ich am Bord verlebte, ging einer ganz ſo wie der andre voruͤber. Auf dem Verdecke ſprach man gar nicht, in der Ka⸗ juͤtte nur wenig. Kaum und ſelten fand ich Gele⸗ genheit, mit dem jungen Howard mich zu unterhal⸗ ten; ich ſah ihn wenig, und nur immer dann, wenn er mit Eifer ſeinem Dienſte oblag. Mit faſt eben ſo großem Vergnuͤgen, wie ich da⸗ heim empfand, als man mir verkuͤndete, daß ich meine Heimath verlaſſen koͤnne, hoͤrte ich jest den Ruf „Land!“ 45 Den Felſen von Liſſabon— in welchen Hafen die Fregatte zufaͤllig beſtimmt war— konnte man vom Maſtkorbe aus erblicken, und bald war ſein wolkiger ſchwacher umriß, auch vom Verdecke aus zu ſehn. Wir liefen bei Racht in den Hafen ein. Ich lag, ehe wir hineinkamen, bereits in meiner Hange⸗ matte, war aber zu unruhig um zu ſchlafen. Noch erinnere ich mich, wie ich da den alten Kapitain die Namen von Weib und Kind ausrufen hoͤrte. Aus ſeinem Tone ſchloß ich, daß er bete. Gatte und Va⸗ ter,— die hohen beſeligenden Vorzuͤge dieſer theuern Anrechte hielten mich noch laͤnger ſchlaflos. Erſt ge⸗ gen die Morgenwache konnte ich die Augen ſchließen, und dann beunruhigte mich ein Traum. Mir war es, als klimme ich wieder in dem ver⸗ laſſenen Schiffe am Maſte hinan— wieder heulte der Wind mir in's Ohr;— doch ach! wie ſchauderhaft verſchieden war der Anblick um mich her. Der Himmel leuchtete,— gluͤhte,— aber nicht von Blitzen durchzuckt, ſondern ununterbrochen fort,— eine weite, ſchauerliche Decke blaͤulicher Flamme. Die See war durchſichtig, wie Glas, obgleich Berge hoch. Und unter der Oberflaͤche der Waſſer lagen gehaͤuft Schaaren laͤngſt Verſtorbner, und erhoben ſich nun ungeſtuͤm von ihrem Lager. Bleich waren die Leichname, aber ſie ſchauten und ſchwammen mit offenen Augen und bewegten ſich wie Lebende. Alle ſahen ſie auf mich,— alle riefen ſie mich beim Na⸗ men. Millionenmal toͤnte es im aufwallenden Gemur⸗ mel, im heiſern Gelispel„Osman!“ in mein Ohr. Wie lange mochte ich das ertragen haben? Ich erwachte in Schauern. Kein Ton um mich her, als das ſanfte Anſchlagen der ſpielenden Flut, und durch die halbgeoͤffnete Thuͤr erblickte ich die Wachte, welche einer Bildſaͤule gleich mit aufmerkſamem Auge daſtand. Bald beruhigte ich mich wieder. Ich zog mich an. Ich flehte zu Gott, daß ich dieſe Schreckniſſe beſiegen, vergeſſen moͤchte. Ich fuͤrchtete, das Anden⸗ ken daran werde uͤber meinem theuer erkauften Freu⸗ denfeſte hangen, wie das Schwert des Tyrannen. Ich pruͤfte mich ſelbſt, und glaubte zu fuͤhlen, daß mein Vergehen doch bei alle dem, nicht ſo ſchwer und wol verzeihlich ſey; daß ich bereits hart dafuͤr beſtraft worden, und nun wol wieder mich glücklich und ſchuldlos fuͤhlen koͤnne; daß es fuͤr Maͤnner nicht paſ⸗ ſend, ſondern thoͤricht, nutzlos und unrecht ſey, duͤſteren Todesgedanken nachzuhaͤngen. Miteerleichtertem Her⸗ zen ging ich aufs Verdeck. Welche Szene ſtellte ſich da meinem entzuͤckten Auge dar! Wir lagen in einem ſtolzen, ruhigen Strome, mitten unter einer großen Flotte vor Anker. Ihre hohen, geſchnitzten und ſchoͤn vergoldeten Ster⸗ ne*), ihre gemahlten Ruder, ihre ſeidenen Flaggen, *) Das Hintertheil des Schiffes. Ueberſ. — 47 ihre Segel, die entweder an die ſchwarzen Raaen alle eng gereft waren, oder wie Blumengewinde an ihnen herabhingen, tauſende von Boͤten in ſonderba⸗ ren Geſtalten und Farben, mit weißen oder geſtreif⸗ ten Decken, und den Ruderern darauf, die froͤhliche Geſaͤnge erſchallen ließen,— alles das war neu und reizend. Wenn ich mich aber wendete, und die Stadt am ufer erblickte, wie ſie in herrlicher Pracht hoch ſich erhob, mit Thuͤrmen und Palaͤſten, Domen und Tempelfagaden, uͤber denen das Kreuz emporragte, und rings um dieſe edleren Gebilde die weißen, zahl⸗ loſen Wohnungen von vielen Tauſenden meiner Mit⸗ genoſſen, hier mit luftigen Balkonen und gruͤnen Jalouſieen geſchmuͤckt, dort auf ihren terraſſirten Gie⸗ beln kleine Gaͤrten und Pflanzungen tragend, und nun dahin ſchaute, wo unweit des Kaſtells auf der obern Hoͤhe eine einſame Palme mit ſchlankem, han⸗ gendem, aber feſtem Stamme emporgewachſen war, fuͤhlte ich das Maaß meines Entzuͤckens Uberfuͤllt. Wie herrlich glaͤnzten alle Gegenſtaͤnde in dem reichen Strome des vollſten Sonnenlichts, fuͤr mich beſonders, der vor nicht langer Zeit der ſchattigen Einſamkeit der Waͤlder entflohen war! Beim Abſchiede druͤckte der Kapitain mir die Hand mit vieler Freundlichkeit, und ich erwiederte den Druck voll Dankgefuͤhl. Vom jungen Howard ſchied ich, wie von einem Bruder. Doch verließ ich nicht ohne vieles Vergnuͤgen das Schiff, und ließ an die Stufen eines ſchoͤnen und volkreichen Quay's ru⸗ dern, von wo aus mich ein Galliziſcher Laſttraͤger, zu der Wohnung des Grafen von Alegrete, in der Rua de San Bento fuͤhrte. Trotz des hin und wieder aufgehaͤuften Straßenkoths, machte mir doch der ganze lange Weg die groͤßte Freude, und kaum vermochte ich es, mein Stau⸗ nen zu verbergen. Der barfuͤßige Franziskaner mit ſei⸗ nem geſchornen Kopfe, das gebraͤunte, ſchwarzaugige, weißzaͤhnige Volk, in ſeiner mir neuen Tracht, die vielen Neger mit ſchwarzem, glaͤnzendem Antlitz und Wollenhaar, die halbverſteckten Geſichter der ver⸗ ſchleierten Frauen, die hoͤhere Klaſſe der Maͤnner mit ihren aufgeſchlagnen Huͤten, bis an's Kinn in ihre Maͤntel gehuͤllt, die vergoldeten Wagen und die ſtar⸗ ken, kraͤftigen und glatten Maulthiere, die Markt⸗ Eſel und ihre klingenden Gloͤckchen, die rohen und knarrenden von Buͤffeln gezognen Karren, und rings⸗ umher die Stimmen und das Gedraͤnge der Beſchaͤf⸗ tigten, emſig Arbeitenden, indeß man uͤber all' dem Laͤrmen hinweg, das unaufhoͤrliche Gelaͤute der klei⸗ nen Glocken hoͤren konnte, die dort bis Mittags alle Augenblicke die nie ausſetzenden Meſſen ankuͤndi⸗ gen,— wie haͤtte dieß alles nicht einen tiefen Ein⸗ druck auf mich machen ſollen! Der Graf nahm mich mit unverſtelltem Vergnuͤgen auf, und verſprach mir, meinen Aufenthalt in Liſſabon ſo angenehm als moͤglich zu machen. Nach manchen herzlichen Fragen nach Oberſt Hamilton und nachdem er mit großem Staunen die fluͤchtige Erzaͤhlung meines juͤngſt erlebten Ungluͤcksfalls und meine wundervolle Erret⸗ — 49 Errettung gehoͤrt hatte, fuͤhrte er mich in das Zim⸗ mer, das ich waͤhrend meines Bleibens in Liſſabon bewohnen ſollte, und uͤberließ mich dann mir ſelbſt. Es war etwa zehn Uhr Vormittags. Alles im gan⸗ zen Hauſe— Geraͤthſchaften, Bediente, Gebraͤuche— war von dem, was ich verlaſſen hatte, ſo ganz ver⸗ ſchieden, daß ich vielleicht, wenn ich im tiefen Win⸗ ter angekommen waͤre, wenig Vergnuͤgen an dem Wechſel gefunden haͤtte; aber es war die erſte Woche des Septembers, das Wetter ungemein heiß, und alles um mich her trug das Anſehn der ſorgfaͤltigſten und verſchwenderiſchſten Anſtalten, um dieſe Unannehm⸗ lichkeit mit der mindeſten Unbequemlichkeit zu ertra⸗ gen. Das Zimmer war ſehr geraͤumig und mit den ſchoͤnen, duͤnnen zierlich geformten Backſteinen ge⸗ pflaſtert, die man ſo haͤufig in den Ruinen Mauri⸗ ſcher Palaͤſte findet. Drei breite Fenſter, hoch und bis auf den Fußboden herabgehend, gewaͤhrten die Ausſicht auf den Tago. Jetzt waren ſie innerhalb offen, außen aber die gruͤnen Jalouſieen ſorgſam ver⸗ ſchloſſen, und noch weiter vorn uͤber dem Vortritt hin⸗ gen dichte weitvorragende Blenden von grobem Ge⸗ webe, die unaufhoͤrlich von oben herab durch einen Negerknaben angefeuchtet wurden. Das Bett war ſehr hoch und breit. Von einem hohen Betthimmel aus weiſſem ſeidnen Damaſt, hin⸗ gen Muskito⸗Vorhaͤnge von weiſſer Gaze herab, ſo fein, als ob es Spinngewebe waͤren. Die Madratzen waren leicht und feſt, ſo daß kein Eindruck in ihnen I. D 3 zuruͤckblieb. Die Bettuͤcher von der feinſten Baum⸗ wolle, mit ſehr ſchoͤnen Beſetzungen von Indiſchem Muſſelin, die Kiſſen weich, rund und in gleicher Art be⸗ ſetzt. Dazu eine reich geſtickte ſeidne Decke. Die in der Wand befeſtigten Tiſche aus weißem Marmor, wurden von ſchoͤn gearbeiteten und vergoldeten Greifen⸗Klauen getragen, und zu ihnen paßten die ſchweren, ebenfalls vergoldeten Stuͤhle mit weiſſem Damaſt uͤberzogen. Breite Spiegel hoben ſich dunkel und kuͤhl uͤber den Tiſchen, in reichen, koͤſtlichen Rahmen empor, und die Waͤnde des Gemachs zeigten eine ſo reiche und in ſo lebhaften Farben gewirkte Tapete, daß ſie die Traͤume der Arabiſchen Maͤhrchen zu verwirklichen ſchienen. Baͤume, Fruͤchte, Blumen, Voͤgel, alles war glaͤnzend und ſchimmernd, wie in jenen ſonni⸗ gen Klimaten. An dieſes Gemach ſtieß ein kleines Badezimmer, das mit Marmor getaͤfelt und mit gro⸗ ßen, faſt uͤberſtroͤmenden Waſſerkruͤgen verſehen war, um ſogleich den ermuͤdeten Koͤrper wieder dadurch ſaͤrken zu köͤnnen. Auf einem Ebenholztiſche ſtand ein ſilbernes Waſchbecken und dabei viele enghalſige kleine Kruͤge, aus poroͤſem Tone, mit kaltem Waſ⸗ ſer gefuͤllt. Ich gehe bei dem Gemaͤhlde aller die⸗ ſer Gegenſtaͤnde faſt ins Kleinliche, weil wir ja oft durch die uns umgebenden Dinge in unſeren Hand⸗ lungen beſtimmt werden, und manche Kleinigkeiten durch unſre Sinne auf die Stimmung unſers Ge⸗ fuͤhls mit einwirken, und alſo auch auf unſer Beneh⸗ men entſchiednen Einfluß haben. 51 Vor allen Dingen aber zerſtoͤrt Luxus die Kraft, wenn nicht unſrer Grundſaͤtze ſelbſt, doch des Wider⸗ ſtandsvermoͤgens derſelben. So war ich denn nun hier, aber mit gerireer Kenntniß von der Welt, als ſie ein Knabe beſitzt, der den Reifen im Kreiſe ſeiner Geſpielen treibt; mit ei⸗ ner Einbildungskraft voll Flammen, einem ſchwellen⸗ den, eindrucksfaͤhigem Herzen, einem Geſichte und einer Geſtalt, dem Erbtheile eines hoch gewachſenen, kraͤftigen und fehlerloſen Vaters, mit ſeinem ſchwar⸗ zen Auge und maͤnnlich ſchoͤner Naſe, wozu bei mir noch das Laͤcheln und der Mund meiner Mutter kam, de⸗ ren Mienen ſtets voll Milde und Ausdruck waren. So war ich denn nun hier, meiner eignen ſchwachen Ver⸗ nunft und der Kraft meines Willens uͤberlaſſen. Weit ſeltner faſſen junge Weſen, die als Knaben unter ihren Geſpielen ſich herumtreiben und das Leben zeitig kennen lernen, eine falſche und uͤbel angewendete Zuneigung, als ſolche, die erſt ſpaͤt und kenntnißlos in die Welt eintreten, und daher ploͤtzlich den ſtuͤrmenden Anfaͤl⸗ len der Leidenſchaften von auſſenher ausgeſetzt ſind, waͤhrend ſie nicht wiſſen, oder vergeſſen, daß ſie in ihrem gluͤhenden Buſen, Feinde unter der Maske von Freunden hegen, die ſtets bereit ſind, ſie zu verra⸗ then und zu verfuͤhren. Doch— zu mir ſelbſt zuruͤck!— Ein ſchwarzer Diener brachte einen Teller mit Chokolade, Fruͤchten und Eis, ſtellte ihn auf den Marmortiſch und ver⸗ ließ das Zimmer, nachdem er mir angezeigt hatte, 4 D 2 52 daß ſein Herr puͤnktlich zur Mittagsſtunde ſpreiſe. Ich band mein Halstuch ab, machte meine Kleidung bequem, warf mich auf das Bett, und hing ſo der willenloſen Entfeſſelung der Gedanken nach, die ihre Reize, aber auch ihre Gefahren hat. Tauſend Bil⸗ der kreuzten bunt durch mein Gehirn, keins weilte laͤnger: alle waren glaͤnzend, wie die Farben der Ta⸗ pete um mich her, aber keines deutlich. Ploͤtzlich ſchlug ein Ton, wie ich ihn nie vorher gehoͤrt hatte, an mein Ohr. Ein zitternder Ton, voll tiefer und rei⸗ cher Melodie. Jetzt wurden die Toͤne leichter und ſuͤßer. Und nun wieder tief und voll. Eine Harfe— ja, ich fuͤhlte, daß es eine Harfe ſey,— es war kein regelmaͤßiges Spiel,— keine fortſchreitende Muſik,— bloß das Anſchlagen harmoniſcher Akkorde. Ich ſprang auf und eilte an's Fenſter, ſah aber, aus Furcht, daß man mich entdecken moͤchte, nur durch die Jalouſieen. Rechtwinklig ſtieß ein andres Haus, von gleicher Groͤße und Art, an das des Grafen. Leicht konnte ich das Fenſter des Zimmers unterſcheiden, woher die Toͤne kamen. Unterhalb lag ein Garten, welcher zu jener Wohnung gehoͤrte. Er war unbeſucht, heiß und ſtill. Ich trat auf den Vortritt hinaus und ſtarrte vergebens nach jenem Zimmer. Die Ialouſieen deſ⸗ ſelben waren feſt zugeſchloſſen, die aͤußere Blende her⸗ abgelaſſen. Nichts konnte ich ſehn. Die Toͤne hat⸗ ten geendet. Ich fuͤhlte Verdruß und Schmerz. War ich ja doch wol ſelbſt Urſach, daß ſie nicht mehr er⸗ klangen. Ich kehrte auf mein Lager und zu neuen Traͤu⸗ mereien zuruͤck.— Das Bild der Harfe waltete da⸗ rin.— Nach einer halben Stunde erklangen die Saiten von Neuem, und, wie mir es ſchien, bedeu⸗ tungsvoller.. Einem ſanften, klagenden, ungemein ruͤhrenden Vorſpiele, folgte ein ſo weicher, milder, zaͤrtlich trau⸗ ernder Geſang, daß er tief in meine Seele drang. Die Worte konnte ich nicht unterſcheiden, aber der hinreiſſende Wohlklang des Tons, die gefuͤhlvollen Wendungen der Muſik und die ſanften Schwebungen des hinſterbenden, ſuͤß verſchmelzenden Schluſſes, lie⸗ ßen mich in der hoͤchſten Aufregung zuruͤck. Wo war er hingeflohn, dieſer Ton, der reizendſten Suͤße? Hinauf? Ja, ja, aufwaͤrts, aufwaͤrts von der Erde. Ein Weihrauch war er fuͤr den Himmel, aber doch hatte ihn ein Sterblicher eingeathmet. Drei kurze Stunden hatte ich erſt an der fremden Kuͤſte verlebt, und ſchon einen tiefen Zug aus dem Becher der Circe gethan, der ſtets gefuͤllt iſt mit Gift fuͤr unſern Frieden! Als es Mittag war, rufte man mich zum Spei⸗ ſen. Alles war auch hier ſo neu und intereſſant, daß es gewiß ſelbſt eine kaͤltere Phantaſte, als die meine, haͤtte anziehen koͤnnen. Kaum hatten der Graf und ich, uns an die Tafel geſetzt, als mit geraͤuſchloſem Schritte ein blaſſer, alter Moͤnch, in ſeinem weiſſen Ordensgewande, herein ſchlich. Er ſtellte ſich dem Grafen gegenuͤber, murmelte ein kurzes, lateiniſches Gratias, und ſank dann in ſeinen Stuhl ſtillſchwei⸗ gend nieder. Ich ward ihm vorgeſtellt, und er be⸗ ehrte mich mit dem freundlichen Laͤcheln eines ruhi⸗ gen Willkommens. Ich vergaß Eſſen und Trinken, wenn ich auf dieſe ſonderbare, feierliche Geſtalt ſah. Der ſpitz zugehende Bart von duͤnnen grauen Haaren, das kleine ſchwarze Kaͤppchen, der einfache Strick um die Lenden, der Roſenkranz in ſeiner Hand, die San⸗ dalen an ſeinen Fuͤßen, auf alles dieſes blickte ich mit ehrfurchtvollem Gefuͤhle. Dies ward noch dadurch vermehrt, daß eben Faſttag war und obgleich weder der Graf, noch Pater Antonio etwas bigottes in ihrem Benehmen gegen mich hatten, machte mich doch die Bemerkung, daß man mehrere Speiſen beſonders fuͤr mich zubereitet hatte, und mir nur ſolche allein vor⸗ ſetzte, verlegen, und ſchlug mich in der That nieder. Von den aufwartenden Dienern waren drei Ne⸗ ger, und zwei aͤltliche Portugieſen mit pergamentnen Geſichtern, Schnupftaback⸗Naſen und jener ſchnuͤf⸗ felnden Stimme und jenem Naſen⸗ Tone, welcher den meiſten bejahrten Leuten dieſes Landes ſo eigen⸗ thuͤmlich und der zugleich ſo unangenehm iſt. Sie ſchielten auf meinen ketzeriſch gefuͤllten Teller, mit ei⸗ nem komiſchen Ausdrucke von Mißbilligung und doch auch von Neide; aber der gaſtfreundliche Eifer des Grafen, mir alles vorzuſetzen, was er den Gebraͤu⸗ chen meines Vaterlandes fuͤr angemeſſen hielt, und 55 die Freiheit meiner innern Ueberzeugung verſtatteten mir endlich mich daruͤber hinwegzuſetzen. Der Graf war ein kleiner Mann, von ſehr krankem, leidendem Anſehn, zarter Geſundheit und einnehmenden Sitten. Sein Auge war ausdrucksvoll und eindringend, ſeine Stimme nie laut, aber ſehr ſanft. Pater Antonio hatte ein duͤſteres, unterdruͤcktes, aber intereſſantes Aeußere. Die Tafeleinrichtung war ein ganz neuer Anblick fuͤr mich. Die Geraͤthſchaften waren alle von getriebener Arbeit mit Gegenſtaͤnden aus der Bibel. Das Brot ward in kleinen, rohgeſtalteten Stuͤcken praͤſentirt, von denen einige hochgelb ausſahen, weil ſie aus Indianiſchem Korne gebacken waren. Den Wein erhielten wir in dickbaͤuchigen Flaſchen, von durchſichtigem, aber ſehr dunkelgruͤnem Glaſe. Das Oel ſtand in engen, mit Binſen umwebten Flaͤſchchen vor uns. Unſern Wein tranken wir aus großen Po⸗ kalaͤhnlichen Glaͤſern und verduͤnnten ihn mit Eis⸗ waſſer. Pinien, Melonen und große purpurfarbne Trauben, lagen auf Schuͤſſeln von Silber, als ob ſie der Mahler gruppirt haͤtte. In der Mitte des Tiſches ſtand ein eleganter kleiner Aufſatz von Silber, ein ſich aufborſtendes Stachelſchwein, woran Zahnſtocher vom wohlriechendſten Sandelholze die duͤnnen und un⸗ ſchaͤdlichen Stacheln darſtellten, waͤhrend ſich in ei⸗ ner Ecke des Saals ſilberne Waſchbecken und Kruͤge mit ſchneeigem Linnen daruͤber zeigten, um nach dem Schluſſe der Tafel jedem Gaſte dargeboten zu wer⸗ den. Leicht kann man ſich denken, daß meine letzte ſo wunderbare Lebensrettung den Hauptgegenſtand der Unterhaltung ausmachte, und mein Wirth und der ehrwuͤrdige Pater gewannen dabei, durch ihre Freund⸗ lichkeit und die ruhige Heiterkeit ihres Geſpraͤchs, in meinen Augen ſehr. Wir ſprachen Franzoͤſiſch, da dieſe Sprache auch ſchon damals fuͤr alle gebildete Fremde das Mittel der geſelligen Unterhaltung war. Gluͤcklicherweiſe hatte ich mit Vernon, Oberſt Ha⸗ milton, meinem Vater und meiner Mutter, mich im Erlernen des Franzoͤſiſchen, als Zeitvertreib und nuͤtz⸗ licher Beſchaͤftigung, geuͤbt. Ich ſprach es daher nicht ſchlecht, und war uͤberhaupt faſt mit allen Sprachen des Kontinents ſehr wohl bekannt. Nachdem wir abgeſpeiſ't hatten, fuͤhrte mich der Graf nach einer Galerie, an deren einem Ende ein großes Feuſter war, das die Ausſicht auf den ſchoͤnen Fluß hatte, und eine halbe Stunde gingen wir hier gemuͤthlich auf und ab. Waͤhrend dieſer Zeit gab er mir eine kurze Ueberſicht der Lebensweiſe in Liſſabon, und aͤußerte ſein Bedauern daruͤber, daß dieſe duͤſtre Reſidenz ſich ſo wenig fuͤr meine Jahre und Leben⸗ digkeit eigne. „Meine traͤgen Landsleute/“ ſagte er,„gehen oder reiten nirgends hin, als zur Meſſe, dem Kaffeehauſe, oder ins Theater. Es wird fuͤr Sie ſtets ein Pferd bereit ſtehen, auch ein Boot, wenn ſie auf dem Waſ⸗ ſer fahren wollen, ſo wie ein Wagen, um ſie an je⸗ dem Abende, zur beſtimmten Stunde, in die Oper zu bringen, wohin ich mir die Freude machen werde, 57 Sie zu begleiten, denn dies iſt eins der wenigen Vergnuͤgen, an dem ich noch in meinen alten Tagen mit unermuͤdeter Liebe hange. Was die anderen Er⸗ ooͤtzlichkeiten oder Beſuche betrifft, ſo wuͤrde ich ſehr gern Ihr Fuͤhrer zu den nicht haͤufigen Gegenſtaͤn⸗ den geworden ſeyn, die etwa hier oder da der Muͤhe werth ſind, geſehen zu werden; da es aber hier viele von Ihren Landsleuten und andere Fremde giebt, deren Alter und ſonſtige Weiſe ſich beſſer dazu eignet, ſo will ich Sie von dieſen nicht zuruͤckhalten.“ Ich antwortete einfach und hoͤflich hierauf. Der ſtille Pa⸗ ter und der Graf verließen mich dann, damit ich meine Sieſte halten koͤnne, und ſo war ich mithin meiner gefaͤhrlichen Einſamkeit wieder anheim gegeben. Ich ſtand nun vom Lager meiner wachen Traͤume nicht eher auf, bis die Abendkuͤhle eingetreten war, dann ging ich auf das Dach des Hauſes. Koͤſt⸗ lich und wohlriechend ſtanden dort die ausgeſuchte⸗ ſten, geſuͤndeſten, beſtgewaͤſſerten Pflanzen und Ge⸗ ſtraͤuche, in langen Reihen, in großen ſchoͤngeſchmuͤck⸗ ten Toͤpfen von Vaſenform. Die Ausſicht auf die Schiffe und den Tago, ſo wie auf der andern Seite nach Almada hin, und deſſen Wein⸗ und Orangen⸗ gaͤrten, endlich auf die mit Menſchen angefuͤllten Quays unter mir; die Toͤne, welche der Stunde eigen⸗ thuͤmlich ſind, wo die Arbeit ihr angewieſenes Tage⸗ werk verlaͤßt und ſich den Schweiß trocknet, und die in einem anmuthigen Geſumme zu den Ohren herauf⸗ drangen: alles weckte in mir das Gefuͤhl der in⸗ —— ——:::———õ—— * — nigen Zufriedenheit, welches der hoͤchſte Geiſtesge⸗ nuß iſt. Die Sonne ging zur Ruhe,— bald brach nun die Daͤmmerung ein, und dann uͤberwoͤlbte die Nacht, ſo ſchoͤn in ihrem ſtolzen Gewande, von tiefem, ſtern⸗ geſchmuͤckten Blau, die dunkle Erde. Ich wollte, konnte in dieſer Stunde die ſtille, ehrwuͤrdige, ſchau⸗ rige Geſellſchaft der goldnen Sterne noch nicht mit den Lichtern der Buͤhue vertauſchen. Doch endlich gab ich den Auffoderungen dazu froͤhlich nach, ſprang in die von Mauleſeln gezogene Kaleſche(calega) und befand mich bald im großen Theater. Damals waren wenige Buͤhnen in Europa mit dieſer zu ver⸗ gleichen. Mir war der Anblick ganz neu. Ich hatte nie ein Theater geſehn, nie eine Oper gehoͤrt, konnte alſo keine Vergleichungen anſtellen, kein Urtheil faͤl⸗ len. Aber etwas Beſſeres konnte ich thun,— mich daran erfreuen. Die Szene war ſo eingerichtet, daß ſich das ganze Haus in tiefem Dunkel befand, waͤhn rend das vollſte und ſtrahlendſte Licht auf die Buͤhne geworfen ward. Das Orcheſter war außerordentlich zahlreich, und doch hoͤrte man keinen Hauch, keinen Strich, keine Note, bis die Ouvertuͤre mit aller ihrer erſchuͤtternden Kraft begann.— Man gab ein Jagd⸗ ſtuͤck und die froͤhlich belebten Szenen dieſes Ver⸗ gnuͤgens wurden eben ſo gut und beſſer dargeſtellt, als Feder oder Pinſel es zu thun im Stande gewe⸗ ſen waͤren. Der Austritt,— das Aufſpuͤren des Wilds,— 05 2 e die betaͤubende, aber froͤhliche Eil der vollen Jagd ſelbſt,— das wehmuͤthige Halalihorn,— die trium⸗ phirende Ruͤckkehr,— das heitre Feſt,— alles das hoͤrte das Ohr, erblickte das Auge. Dann kam eine Pauſe,— eine athemloſe Pauſe fuͤr den, der zum erſten Male ein Theater beſuchte. Das langſame Auf⸗ ziehen des ſchweren Vorhangs, die friſche Luft, die von der Buͤhne her drang,— das Erſcheinen der Perſonen,— die Buͤhnenanzuͤge,— die Entwicke⸗ lung der Vorſtellung ſelbſt,— die glaͤnzenden Rezita⸗ tive, die vollen Choͤre,— die leidenſchaftlichen, die ſanfthinſchmelzenden Arien:— wie alle dieſe Klei⸗ nigkeiten mich bezauberten! Die Gebraͤuche des Thea⸗ ters nicht kennend und mich ſelbſt vergeſſend, beugte ich mich weit uͤber des Grafen Loge vor, damit ich nur kein Wort, keine Miene, keinen Ton der Muſik verlieren moͤchte. Es war eine gewoͤhnliche Liebesge⸗ ſchichte, welche man darſtellte. Reichthum ſuchte das Wderz eines Maͤdchens, oder vielmehr deren Perſon zu gewinnen. Ueberredungen, Rath und Drohungen des kuͤhlen Alters, eine theatraliſche Pruͤfung des Ge⸗ liebten, ſeine Eiferſucht auf den glaͤnzenden Neben⸗ buhler, Streit der Liebenden, und endlich der Ver⸗ gebung ſuͤße Umarmung, wechſelten mit einander. Die Zauberei der Muſik war ſo groß, der Ge⸗ ſang ſo koͤſtlich, daß wenigſtens in meinen Augen, die Taͤuſchung vollkommen war. Meine Seele hing mit fieberhaftem Entzuͤcken, an den ſuͤßen Toͤnen. Vor⸗ zuͤglich erinnere ich mich noch, wie in der einen Szene, das treue Maͤdchen, in ihrem lieblichen An⸗ zuge, das Geſchenk des reichen Werbers auf die Erde warf, und voll Unwillen mit Fuͤßen trat; dann ſang ſie eine Arie, voll ſanfter Vorwuͤrfe und ſuͤßer Sehn⸗ ſucht, und auf ihren Liebesruf trat der Geliebte ein, und ſie ſank an ſeine Bruſt und ſeufzte dort in dem ſeligen Gelispel der Wiedervereinigung. Die Arie kam mir nicht neu vor,— die Harfe, das verſchloßne Zimmer, die unbekannte Sirene alles zuckte mir durchs Gehirn. Ich ſchlug mich in ploͤtzlicher, leiden⸗ ſchaftlicher Erinnerung, vor die Stirn, und wendete mein Auge ſchnell von der Buͤhne. Da traf es auf den forſchenden Blick einer Dame, von wundervoller Schoͤnheit, doch mit einer ſo duͤſtern und nachden⸗ kenden Miene, als komme ihr dieſer Reiz nur als eine unheilvolle Gabe vor. Ihre Augenlieder ſenk⸗ ten ſich ploͤtzlich und faſt ſchmerzvoll, und ſie druͤckte ſie feſt zuſammen, als verſuche ſie einen Gedanken oder ein Bild zu verbannen, das ſie beunruhige. Dann blickte ſie wieder empor, und ſchien, indem ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Buͤhne richtete, mich nicht mehr zu bemerken. Die Dunkelheit, welche im Hauſe herrſchte, war gerade dazu geeignet, beobachtende Blicke zu verber⸗ gen, und doch auch zu beguͤnſtigen, denn da ich dem Gegenſtande, der mich anzog, ziemlich nahe ſaß, ſo konnte ſie deſſen Reize nicht ganz verſtecken, ſondern hob ſie nur noch um ſo blendender hervor, wie man es auf den Bildniſſen der beſten aͤlteſten Meiſter fin⸗ — 61 det. Die Geſtalt der Dame war ſchlank und maje⸗ ſtatiſch, aber doch auch weiblich. Sie beſaß den vollen Buſen der vollendeten Frauenſchoͤnheit und ihr weißer, ſchoͤn gerundeter Arm ſtand im ſchoͤnſten Verhaͤltniſſe dazu. Ihr anmuthiger Nacken hob ſichkraͤftig aus ſanft ſich ſenkenden Schultern, und eine zarte Roͤthe war auf eine Wange gehaucht, die außerdem blaß und durchſichtig ſich zeigte. Ihre Naſe war ſo zart und hervorſtehend, ſo fein gebaut und doch ſo ausdrucks⸗ voll, wie man es hoͤchſt ſelten findet. Ihre Augen waren dunkel, groß, feurig und doch ſchmachtend, von weißen mit blaͤulichen Adern durchlaufenen Au⸗ genliedern bedeckt und mit ſo herrlichen Brauen ge⸗ ſchmuͤckt, wie ich ſie nie wieder ſah. um ihren ſchoͤnen Mund, ſchwebte kein Laͤcheln, aber die Zuͤge zeigten noch, wo in zuͤngeren Jahren ſein Sitz geweſen war. Sie trug ein weißes, weitfaltiges Gewand. Ueber ihrer hohen, blaſſen Stirne, war ihr ſchwarzes Haar ſanft geſcheitelt, ohne auch nur Eine Locke, und um das Haupt hatte ſie einen Kranz, von ſchwarzen, lor⸗ beerfoͤrmigen Blaͤttern. Ihr langer, weißer, mantel⸗ artiger Schleier, hing hinten vom Kopfe herab, und fiel nachlaͤßig, aber anmuthig uͤber ihre Schultern, ſo daß er der ganzen Geſtalt einen Anſtrich unausſprech⸗ licher Wuͤrde gab. So erſchien ſie mir denn, wie eine der trauern⸗ den Prieſterinnen eines zertruͤmmerten Tempels des Hymen, deſſen Alter uͤber den Haufen geſtuͤrzt und zerſtoͤrt, deſſen Fackel fuͤr immer verloͤſcht worden. und ſo war es auch. Ihr Gemahl, ein Sieiliſcher Edler, hatte ſie wegen ihrer Schoͤnheit geheirathet, und man ſagte, ein harter Vormund habe dieſe Ver⸗ bindung ausgeſonnen und ſie dazu gezwungen. Zwei Kinder hatte ſie ihrem unwuͤrdigen Gemahle geboren, aber ſie waren beide bereits wieder geſtorben. Zwoͤlf Jahre war ſie nun ſchon verheirathet. Ihr Gatte dachte an nichts, als Spielgeſellſchaften, und ſo war ſie denn ein bewundertes, bemitleidetes, eingeſperrtes, vernachlaͤßigtes Weib. Seit den letzten zwoͤlf Mona⸗ then hatte ſie ſich in Liſſabon aufgehalten, da der Fuͤrſt Belmonte einen Poſten bei der Neapolitaniſchen Geſandſchaft bekleidet. So viel erfuhr ich eiligſt von dem alten Grafen, der es mir, als das mittheilte, was man in den hoͤheren Kreiſen, ſich von ihm ſage. Ich blickte wieder auf ſie und fuͤhlte eine ſonderbare Verwirrung in mir, wenn ich dabei an die Harfe und die Stimme dachte. Konnte es denn ſeyn?— Jenes Weſen, konnte, mußte auch, hold und lieblich ſeyn. Aber ſie ſelbſt? O nein! Ich hoffte und fuͤrch⸗ tete es zugleich. Ich fuͤhlte den Wunſch in mir, daß meine unſichtbare Sirene ein Weſen ſeyn moͤchte, das ich lieben duͤrfte, ein jungfraͤuliches Geſchoͤpf, mit einem Herzen in all' ſeiner ſehnſuchtsvollen Fri⸗ ſche. Aber wie ſchoͤn, wie wahrhaft ſchoͤn, war nun auch wieder dieſe reizende, ſchwermuͤthige Frau! Wie unendlichen Werth mußte die Freundſchaft eines ſol⸗ chen Weſens haben. O, mehr als die Liebe vie⸗ ler anderer. 63 Meine Phantaſie erhob ſich zu dem Gedanken, daß ich ſchon jetzt dazu beſtimmt zu ſeyn ſcheine, auf ihre Seufzer zu hoͤren, und traͤumte von der Schuld⸗ loſigkeit eines ſolchen Mitleids. Ich konnte, wollte mich nicht erkuͤhnen, den Gra⸗ fen zu fragen, wo ſie wohne, und hielt mich feſt an der Ueberzeugung, daß ihr die bezaubernde Stimme angehoͤre, die mich mit ſo tiefer Nuͤhrung ergrif⸗ fen hatte. Wir fuhren nach Hauſe. Der Graf zog ſich bald darauf in ſein Zimmer zuruͤck, und ich eilte auf die Terraſſe des Hauſes, um die milde Luft und das ſanft beruhigende Helldunkel einer ſtillen Nacht zu genießen. Alles um mich her war friedlich, doch ach, in mir war es nicht ſo. Warum ſage ich jetzt, ach? Damals war mein Gefuͤhl ein ganz anderes. Da⸗ mals liebte ich dieſen Aufruhr in meiner Bruſt. Ich lehnte mich uͤber die Bruſtwehr herab, und ſchaute eifrigſt auf die Fenſter des Zimmers, wo nach meiner Meinung das bezaubernde Weſen nothwendig woh⸗ nen mußte. Sie waren offen. Ein Frauenzimmer ſaß einſam an einem derſelben. Die im Gemache brennende Lampe zeigte nichts, als daß ihr Kleid weiß und ihre Geſtalt ſchlank ſey, und warf einen Strahl auf eine vergoldete Harfe. Laͤnger als drei Stunden wachte ich hier, mit der Gemuͤthsſpannung, womit ein Liebhaber wacht. Aber ſie flohen ſchnell voruͤber, dieſe Stunden. Die 64— Lampe fing an matter zu brennen, der Nachtwind bließ kalt, und ſie, auf welche ich ſtarrte und die bis⸗ her bewegungslos dageſeſſen hatte, ſtand auf und verſchwand.. Mißmuthig ſchlich ich zu meinem Lager herab und fuͤhlte, als ich mich ſchlafen legte, daß Sorge ſich mit auf mein Kiſſen ſenkte. Der Morgen brach an. Ich ſtand wieder fruͤh auf, eilte auf meinen Balcon, ſtarrte nach dem Fen⸗ ſter und ſah die Dame meiner phantaſtiſchen Liebe vortreten. Doch wie groß war mein Staunen! Sie ſchritt heiter und laͤchelnd einher, mit aufgeloͤſttem Haare, und eine aͤltliche Duehna folgte ihr. Froͤhlich bewegte ſie ihre weißen Arme ruͤckwaͤrts, um die lan⸗ gen, vollen, koͤſtlichen Locken zu faſſen und ſie herauf zu binden. Ich hoͤrte ihre Stimme,— ſah ihre Zuͤge. Aber nein, dieß waren nicht die Toͤne, die ich erwartete; dieſe Augen, dieſe Lippen waren ſchoͤn, aber ſie be⸗ A. ſaßen nicht die Reize, die ich ſuchte. Kaum gewahrte A ſie mich, als ſie hoͤchſt verwundert ſchien, aber bald verwandelte ſich der Ausdruck ihres Geſichts und zeigte ofne Freude, und nach der Sitte der armen, eingeſperrten Frauen jenes Landes, verſandte ihr feu⸗ riges Auge jene Strahlen, machte die zarte Hand jene Bewegungen, wodurch der verwegne Werber her⸗ . ausgefodert wird. Mein Mein Herz hatte innigere Beduͤrfniſſe. Ich war jung, froh, reizbar, aber noch unſchuldig. Ich lachte auch und warf ihr mit der Hand Kuͤße zu, aber eilte dann, wie von einer verbotnen Sache hinweg, auf mein Zimmer. Von dem Bedienten, der mir aufwartete, erfuhr ich, daß es die verheirathete Tochter eines wohlha⸗ benden Kaufmanns, und daß ihr Gatte vor Kurzem nach Braſilien geſegelt ſey. Iſt ſie muſikaliſch; ſpielt ſie die Harfe? „O ja, ſie iſt eine ſehr vortreffliche Dame.“ So alſo— ſagte ich zu mir ſelbſt— werden Maͤn⸗ ner betrogen. Dieſer Geſang, dieſer Ton, ſie gehoͤr⸗ ten ihr an, ihr das ſtille Sinnen der Mitternacht, aber auch der Ton am Morgen ihr, und der Blick und die Zeichen ihr, und ihr Mann weit weg, auf ſtuͤrmiſcher See! Schlange, betruͤgeriſche Schlan⸗ ge!— ſinge, laͤchle, ſchmuͤcke Dich immer,— ich will nichts von deiner falſchen Liebe. So dachte ich und ſprach es bitter und bei mir ſelbſt aus;— und doch,— als das ſchoͤne Bild des Weibes, das ich in der Oper geſehen hatte, vor mir aufſtieg, hielt ich den Widerſtand fuͤr weniger verdienſtlich, fuͤhl⸗ te ich mein Herz der Strenge weuiger faͤhig, als es ſich erſt geruͤhmt hatte. Und doch— Sie, ſie war ganz Kummer und Tugend. Gedanken an ſie und an Suͤn⸗ de, konnten nie in meinem Buſen bei einander wohnen. Der Graf nahm mich noch an demſelben Mor⸗ gen mit zum Beſuch bei unſerm Geſandten, einigen I. E einheimiſchen und fremden Vornehmen und einem Paar der angeſehenſten Kaufleute. Alle benahmen ſich hoͤchſt freundlich gegen mich. „Und gehen wir nicht auch zum Prinzen Bel⸗ monte?“ wagte ich zu fragen. Nein. Er wohnte auf dem Lande. Der Graf wußte kaum wo, und war uͤberhaupt nur ſehr ober⸗ flaͤchlich mit ihm bekannt. Je mehr Schwierigkeiten ſich zwiſchen mich und die Bekanntſchaft, nach der ich mich ſo leidenſchaft⸗ lich ſehnte, ſtellten, je raſtloſer und unbezwinglicher wurden meine Wuͤnſche. Vergebens ſuchten ſo viele neue und anziehende Gegenſtaͤnde, welche mich um⸗ gaben, meine Gedanken anderswohin zu leiten. Doch beſuchte ich die reich mit Altaͤren geſchmuͤck⸗ ten Kirchen,— die duͤſteren und einſamen Kloͤſter,— ich ging in die Weingaͤrten, und ſcherzte mit den la⸗ chenden Winzerinnen,— ich lag unter den Orangen⸗ zweigen und kuͤhlte mich mit den ſprudelnden Ge⸗ waͤſſern der Quellen,— ich ritt auf dem Campo⸗ grande,— ich ſchiffte auf dem ſchoͤnen Strome und weidete mein Auge an dem heitern Anblicke der man⸗ nigfach wechſelnden Kuͤſte, wo gruͤne Gaͤrten, weiße Villen und graue Klöͤſter, ſich viele Meilen weit in den gelben Gewaͤſſern ſpiegelten. Abends ſtand ich in den Straßen, und horchte wie das Volk ſich um das Gemaͤhlde oder Standbild irgend eines beliebten Heiligen verſammelte und eine Litanei oder Veſper ſang. Ich aß mein Eis auf der 67 Bank vor der Thuͤr des Kaffeehauſes, und hoͤrte mit unthaͤtigem Vergnuͤgen den Toͤnen der Guitarre und der Kaſtagnetten, wie den traurigen Balladen der wandernden Muſiker zu. Regelmaͤßig beſuchte ich die Oper. Mit dem guten Pater Antonio las ich taͤglich Portugieſiſch, und unſer kleines Mittagsmahl wuchs an Intereſſe, je enger unſre Vertraulichkeit ward. Der Geſandte, der Konſul und die Engliſchen vornehmen Fremden, luden mich an ihre Tafeln. Ich beſuchte Abendgeſellſchaften. Viele Damen be⸗ fanden ſich darin, unter ihnen mehrere verheirathete, mit den friſchen Roſen und dem frohen Laͤcheln des heitern tanzluſtigen Lebenslenzes. Oefter ſprach ich dem Becher zu, und war waͤhrend des Tiſchgeſpraͤchs belebt und fuͤhlte mich angezogen; auch tanzte ich luſtig unter den jungen Leuten meines Alters, aber keiner der Maͤnner gewann als Freund mein Herz, keine der Frauen erwaͤrmte mich bis zur Rolle ihres Anbeters. Sobald ich meiner mir wieder ſelbſt be⸗ wußt ward, fuͤhlte ich ein brennendes Beduͤrfniß, und vergebliche Wuͤnſche, und doch— mochte ichs auch verſuchen, es mir vor mir ſelbſt zu verbergen— und doch ſtrebte ich nach nichts, deſſen Erreichen ſich mit meinen Grundſaͤtzen, meinem Gefuͤhle haͤtte vereini⸗ gen laſſen. Das Weib, deſſen Bild ſtets vor mir ſtand, gehoͤrt einem Andern an,— einem Andern, durch die heilgſten und feierlichſten Bande, beſaß ei⸗ nen Charakter, der jedenfalls weit uͤber dem der mei⸗ ſten ihrer Italieniſchen Landsmaͤnninnen ſtand, denn E 2 * ſie hatte nie, ſelbſt in Bezug auf bloße Hoͤflichkeit nicht, in den unwuͤrdigen Gebrauch des Cicisbeats gewilligt,— ein Umſtand, der, wie man ſagt, ſtatt das Werk ihres veraͤchtlichen Gatten zu ſeyn, vielmehr von ihm, je nachdem er gelaunt war, mit Aerger und Verachtung angeſehn, oder auf's gemeinſte laͤcherlich gemacht ward. Ihre Eingezogenheit graͤnzte alſo an's Kloͤſterliche. Ich war nicht keck genug, regelmaͤßige Erkundigungen ihrethalb anzuſtellen, und die Kunſt, die wir nur zu bald lernen, hingeworfene und ſchein⸗ bar ſorgloſe Fragen uͤber Dinge zu thun, welche uns doch ungemein wichtig ſind, hatte ich vergebens an⸗ gewendet. Ich konnte nicht erfahren, wo ſie lebte. Ach! das war alles wuͤſt und unrecht,— es trug die Frucht der Suͤnde in ſich, ob ich gleich bei Al⸗ lem, was ſie betraf, nur an das romantiſche Inte⸗ reſſe dachte, in ihre Augen zu blicken, ihre Geſtalt zu ſchauen, ihre ſuͤße Stimme zu hoͤren. Aber ſo wie die vergeblichen Wuͤnſche und die mir weit entruͤckte Wonne meine einſamen Stunden beunruhigten, ſpann⸗ te ſie auch zugleich alle moraliſche Kraft in mir ab. Es zwingt den Menſchen nichts, dieſe Irrthuͤmer des fruͤhern Lebens, an denen ſich Manche ergoͤtzen, uͤber welche Andere lachen, und woruͤber die Beſſeren und Meiſten trauern, offen an den Tag zu legen. Wenige, ſehr wenige Menſchen, ſtehen unter dem Got⸗ tesgerichte der fruͤheren Jahre, ohne auf die gluͤhende Pflugſchaar treten zu muͤſſen. Wohl Denen, deren Gewiſſen und das Eiſen nicht ſengt. 69 In allen Staͤdten findet man das ſprechende Augenwinken, das Bewegen der Lippen, die Stimme der Einladung beim Zwielicht. Dem Muͤßigen und Geſchaͤftsloſen ſteht ſtets ein Daͤmon nahe, welcher laͤchelt, wenn er das trugloſe Opfer gefangen ſieht/ und gekuͤßt und in die Gemaͤcher des Todes gefuͤhrt. Ach, Du meine waldumgebene Heimath, Du ſahſt nie die ſtarkgemiſchten Getraͤnke,— Du hoͤrteſt nie das Jubeln der Zuͤgelloſigkeit,— Du horchteſt nie auf den Geſang der Verlockung, oder blickteſt auf den wolluͤſtigen Tanz der falſchlaͤchelnden, warmumſchlin⸗ genden, aber kalt das Herz verpeſtenden Verfuͤhre⸗ rin,— der elendeſten unter allen Elenden!— Ich will nicht mit dem Tone der Verachtung von Dir ſprechen, denn der Mann iſt es,— dein Verfuͤhrer, der Mann,— der ſtets„viel ſchwerere Schuld und viel leichteres Weh“ davon traͤgt.— Heil Denen, die auf dem ſichern Pfade und in der ruhigen Pflicht eines ſtillen, zuruͤckgezognen Lebens, von beſchraͤnken⸗ den Verhaͤltniſſen umgeben, treu beſchuͤtzt einhergehn. Mehr aber noch Denen Heil, die man fruͤhzeitig be⸗ lehrte, woher ſie die einzige Ruͤſtung, gegen dieſe in einem Feuermeere geſtaͤhlten unſichtbaren Pfeile, ſich zu holen haben. Mit Freuden nahm ich den Vorſchlag des Gra⸗ fen an, die Stadt auf einige Wochen zu verlaſſen, und auf einem ſeiner Landhaͤuſer(quinta) ohnweit Cintra, jene Zeit zu durchleben. Als ich wieder allein in dem dichten Schatten der Waͤlder ſtand,— als 70 ich das Gemurmel der Baͤche, den Geſang der Voͤ⸗ gel hoͤrte,— als ich den kahlen Felſen hinanklomm, um den Aufgang der Sonne zu ſehen, oder ihr nach⸗ ſchaute, wenn ſie in das Bett des Ozeans ſank, ſchien ich mir ſelbſt den tyranniſchen Klauen mich be⸗ ſchmutzender Feinde entronnen zu ſeyn. Ich ſah ſo gern auf die ſchwarze Zypreſſe, welche in Portugal zu einer erhabenen Schoͤnheit, gleich der Ceder des Li⸗ banons heranwaͤchſt. Die knorrigen Zweige und die weiße, tiefgefurchte Rinde des Korkbaumes, die Re⸗ ben in den Gaͤrten der Quinta, welche hier an Spa⸗ lieren heraufgezogen waren und dort in wilden, un⸗ regelmaͤßigen Gewinden von Aſt zu Aſt hingen, alles dieß waren Gegenſtaͤnde fuͤr das dem Mahleriſchen geneigte Auge; eine unſchuldige Nahrung fuͤr daſ⸗ ſelbe, waͤhrend der ferne Sang der Waſſer holenden Landmaͤdchen, das Gloͤckchen der weidenden Ziege, oder das liebliche Glockenſpiel, das mit dem Bergluͤft⸗ chen von dem hochgelegenen Kloſter herablispelte, in mir das Gefuͤhl des Friedens weckten, und mich in eine ernſte, aber ſuͤße Stimmung verſenkten. Als ich eines Abends von einem langen koͤſtlichen Spazirgange zuruͤckkam, ſchlug ich einen Weg ein, von dem ich glaubte, er werde mich nach der Rich⸗ tung zu des Grafen Quinta hinfuͤhren, ob ich ihn gleich vorher noch nie betreten hatte. Es war in der Daͤmmerſtunde. Man konnte die Gegenſtaͤnde 71 nicht mehr ganz deutlich ſehn, und die Dichtheit des Waldes machte den Weg nur noch dunkler. Rings⸗ umher herrſchte ruhige, athemloſe Stille. Ich blieb ſtehn, ungewiß, ob ich weiter vorſchreiten, oder wie⸗ der ruͤckwaͤrts nach der Landſtraße mich wenden ſolle. Ploͤtzlich ſchallte der Ton einer Harfe durch die be⸗ bende Luft. Schon dieſer Anſchlag eines Tons trieb mir ſchnell das Blut durch die Adern.— Jede Nerve bebte. Wiederum hoͤrte ich das leiſe, ſanfte Vorſpiel ſuͤßen Verſprechens, die ſchwermuͤthige Arie, die wohlbekannte Stimme im ſchmelzenden Wohl⸗ laute.— Mit ſtummer, inniger, qualvollinniger Theil⸗ nahme horchte ich auf, und hielt mir die Bruſt, die laut geklopft haben wuͤrde,— jede innere Kraft war auf's hoͤchſte geſpannt.— Es endete.— Noch hoͤrte ich,— doch vergebens. Ich fuͤhlte mein Herz zu voll,— ich fuͤhlte, wie es ſchmerzte, matter ward, verging,— mein Blut gefror, mein Gehirn drehte ſich im Ring. Was fuͤr einen Ton ich von mir gab, ob einen halberſtorbenen Seufzer, oder einen lauten Schrei, ich weiß es nicht. Wie viele Zeit verfloß, ich weiß es nicht,— doch endlich oͤffnete ich bei dem ſanften Drucke einer weichen Hand, die meine blaſſe Stirn waͤrmte, mein truͤbes, ſtarres Auge.— War's moͤglich?— Ja!— ſie mit ihrer ſchwermuͤthigen, hinreiſſenden Schoͤnheit— ſie, die Einmal geſchaute, neigte ſich uͤber mich mit dem Blicke weiblichen Mit⸗ leids. Kaum hatte ſie bemerkt, daß ich wieder zu mir ſelbſt komme, als ſie den um ſie her Verſammelten einige Auftraͤge gab, und das Zimmer verließ. Es war ein Gartenpavillon. Ich lag auf einer niedrigen Ottomane. Eine aͤltliche, weibliche Bedienung, und zwei maͤnnliche Diener, ſtanden neben mir. Erſtere nahm die Stelle ihrer Gebieterin an meinem Lager ein, waͤhrend die Maͤnner mit den Huͤten in der Hand wartend daſtanden, unſtreitig um mich, wenn ich ge⸗ nuͤgend mich erholt haͤtte, wieder nach Hauſe zu be⸗ gleiten.„Es war nicht weit,“ ſagten ſie,„vom Walde bis hieher. Nur ein kleines Stuͤndchen. Ihre Ge⸗ bieterin hatte wegen meines ſichern und bequemen Fortbringens Befehle gegeben, und das kleine nette Maulthier, auf dem ſie taͤglich auszureiten pflege, werde mich unter ihrem Beiſtande mit minderer Un⸗ bequemlichkeit und Ermuͤdung als eine Trage oder ein Wagen nach Hauſe bringen.“ Ich fuͤhlte mich ſehr bald wieder bei Kraͤften, aber lange und vergebens weilte ich noch, in der Hoff⸗ nung, ſie werde wieder in den Pavillon kommen. Wie ſchwelgte mein Auge in dem Entzuͤcken, welches Alles in mir aufregte, als ich von meinem Lager um mich her blickte,— die magiſche Harfe,— der Sitz, den ſie erſt vor Kurzem verlaſſen hatte,— die kleinen und koͤſtlichen Pflanzen, die ausdruͤcklich dazu ausge⸗ waͤhlt ſchienen, damit ihre zarten und ſchoͤnen Blu⸗ men, nur die ſchnellverwelkenden Bluͤthen eines Som⸗ mertages waͤren,— auch das Buch, das gedffnet da lag.— Ich hob es auf, und las die Seite, auf welche ſie zuletzt geblickt hatte.— Ich bebte,— es war Shakſpeare. Von der Koͤnigin Katharine tiefem Kum⸗ mer las ſie, und meine Blicke ſielen auf die trauri⸗ gen Zeilen: „Im Schiffbruch an ein Königreich geworfen, Wo's Mitleid, Hoffnung, Freund', Verwandter Thränen Für mich nicht giebt, ja ſelbſt kein Grab— werd' ich Der Lilie gleich, ſonſt Blüthenherrſcherin Der Flur, mein Haupt auch neigen und vergehn!“ Ich, ich werde Dich bedauern! ſagte mein ſchnel⸗ ler klopfendes Herz, werde Dir Freunde, Hoffnung, Verwandter ſeyn— on vergiß das kalte Grab! „Gehen Sie,“ ſagte ich zu einem der Diener laut,„ſagen Sie Ihrer Gebieterin, daß ich mich hin⸗ reichend wiederhergeſtellt fuͤhle, um allein mich nach Hauſe zu begeben, und bloß Ihre Huͤlfe bis dahin annehmen werde, wo ich den bekannten Weg wieder⸗ finde. Sagen Sie ihr auch, daß ich hoffe, ſte werde mir die Erlaubniß vergoͤnnen, ihr meinen Dank fuͤr die ſo ausgezeichnete Gaſtfreundlichkeit ſelbſt zu bringen.“ Der Diener ging, kam aber ſogleich wieder zu⸗ ruͤck.„Signora freuen ſich ſehr, daß der gnaͤdige Herr in ſo weit wieder hergeſtellt ſind, muͤſſen aber darauf beſtehen, daß es bei der Anordnung wegen der Ruͤckkehr ſein Bewenden habe. Signora ſind begluͤckt, daß ſie Ihnen einen ſo unbedeutenden Dienſt haben erzeigen koͤnnen, fuͤr welchen der gnaͤdige Herr ihr in Perſon danken wolle, bedauern aber, daß ſie wegen der ſpaͤten Abendzeit nicht das Vergnuͤgen ha⸗ 73 — — 74— ben koͤnnen, ſeinen Beſuch anzunehmen, und empfeh⸗ len ihn des Himmels Obhut.“ 4 Ich hoͤrte begierig, aber unangenehm ergriffen, auf jede Sylbe dieſer Gegenbothſchaft, ſtand dann ſchwei⸗ gend auf, ſah mich rings in dem kleinen Tempel ih⸗ rer Einſamkeit mit dem forſchenden Blicke um, wo⸗ mit wir etwas, das uns umgiebt, fuͤr immer unſerm Gedaͤchtniſſe einzupraͤgen ſuchen, und ging dann lang⸗ ſam und widerwillig fort. Ein großes, ſchoͤnes Maulthier, der Barbarei ent⸗ ſtammt, mit gruͤnſammtnem Sattel und Steigbuͤ⸗ geln und reich geſticktem Zuͤgel, ſtand ſchon fuͤr mich bereit, und die Beiden bewaffneten, mit Fackeln ver⸗ ſehenen Begleiter, nahmen ihren Platz, der eine vor mir her, der andre an meiner Seite ein. Noch waren wir keine volle Meile von der Villa— entfernt, als ich ploͤtzlich Schwertergeklirr und Huͤlfs⸗ geſchrei unweit von mir hoͤrte. Die beiden Diener waren daruͤber ſehr beſtuͤrzt, fuͤhlten eine unmaͤnn⸗ liche Furcht, und drangen in mich, auf der Stelle umzukehren. Kaum vernahm ich jedoch noch ihre 6 Vorſtellungen und Bitten, denn ſchon hatte ich mein Maulthier aus ſeinem ruhigen Schritte zu ſeinem ſchnellſten Gange und der moͤglichſten Eile nach der Nichtung des Geſchrei's hin, angeſpornt. Bald gewahrte ich die Geſtalt eines gegen einen maͤchtigen Stamm eines beijahrten Korkbaums von den kuͤhnſten umriſſen gelehnten Mannes, der ſich muthig gegen drei Perſonen, die auf ihn eindrangen, 3 — ——— 75 vertheidigte. Das Helldunkel des ſternerhellten dun⸗ kelblauen Himmels, zeigte mir alle Bewegungen, die blinkenden Schwerter und die Funken, welche ihnen entſpruͤhten, waͤhrend abwechſelndes Anrufen der Hei⸗ ligen wie der Hoͤlle von dem entſchloßnen Beneh⸗ men des Angegriffenen zeugte. Unter die Streiten⸗ den mich ſtuͤrzend, befand ich mich im Augenblicke an ſeiner Seite, und nachdem einer der feigen Banditen ein Piſtol abgedruͤckt hatte, deſſen Kugel(die erſte welche ich jemals auf dieſe Art hoͤrte) mir ganz nahe am Kopfe vorbeiziſchte, ohne mich jedoch zu verletzen, flohen ſie mit lauten Fluͤchen davon, und nahmen die entgegengeſetzte Richtung der Fackeln, die jetzt langſam ſich naͤherten. „Tauſend Dank, edler Mann, fuͤr Ihre wackere Huͤlfe!“ ſagte der Fremde, der ſich erſchoͤpft und faſt athemlos auf ſein Schwert ſtuͤtzte.„Die Boͤſewich⸗ ter haͤtten mich doch wol noch uͤberwaͤltigt. Drei gegen Einen war doch gar zu viel. Dieſe Art von ehrlichen Leuten haben Muth genug, jemand die Kehle abzuſchneiden, um eine gut geſpickte Boͤrſe da⸗ vonzutragen.— Tauſend Dank alſo, mein Herr!“ Ich antwortete ablehnend; aber wie groß war mein Staunen, als ich an der Ehrfurcht und Bekanntſchaft der Diener, welche jetzt zoͤgernd naͤher kamen, in dem Manne, welchen ich bei dieſem ſonderbaren Kampfe gerettet hatte, den Fuͤrſten Belmonte, den Gemahl des himmliſchen Weſens, das mein junges Herz ſo beunruhigt hatte, erkannte. * — Ich betrachtete ihn genau. Er war ſchlank ge⸗ wachſen, voll Anſtand, und in der That ſchoͤn; in Perſon und Haltung anmuthig. Als er ſich aber ganz erholt hatte, verbreitete ſich eine kalte Hoheit, eine abgeſchliffene Ruhe uͤber jeden Zug ſeines Ge⸗ ſichts, und war in jeder, ſelbſt der leichteſten Bewe⸗ gung des Fußes, oder der Hand zu erkennen. Ein Blick jener ruhigen Verwunderung, die wol gern Kunde haben moͤchte, aber wegen des Ausgangs der⸗ ſelben ganz unbekuͤmmert iſt, zeigte mir die Nothwen⸗ digkeit, ihm eine kurze Erklaͤrung daruͤber zu geben, wie es zugehe, daß ich mich um Mitternacht, mit ei⸗ nem Maulthiere, auf welchem ſeine Gemahlin ge⸗ woͤhnlich zu reiten pflegte, und im Geleite ſeiner ei⸗ genen Diener auf der Straße befinde, die von ſeiner Villa herkomme. Ich erzaͤhlte ihm kuͤrzlich, daß⸗ nach der großen Hitze und Ermuͤdung am heutigen Tage, eine Ohnmacht mich ohnweit der Pforte ſeines Gar⸗ tens angewandelt habe, und man mir auf ſeiner Ge⸗ mahlin Befehl dort zu Huͤlfe gekommen ſey, indem 8 ſchließlich meine wahre Freude betheuerte, 4 ß mich die Vorſehung in den Stand geſetzt habe, die Verpflichtung gegen ſein Haus auf eine ſo ange⸗ nehme Art loͤſen zu koͤnnen. Er ſchien an meiner lebendigen Art des Ausdrucks Gefallen zu finden, denn er entgegnete augenblicklich, wie er ſich des Umſtands erfreue, der ihm das Ver⸗ gnuͤgen meiner Bekanntſchaft gewaͤhrt habe, und dieß um ſo mehr, da er hoͤre, daß ich ſein Nachbar ſey. . 77 Da nirgends Gefahr mehr vorhanden war, ſo drang er darauf, daß ich mit ihm wieder umkeh⸗ ren, und den noch uͤbrigen Theil der Nacht auf ſei⸗ ner Villa zubringen ſolle. Wir ruͤſteten uns alſo zur Nuͤckkehr, eine Wunde jedoch, welche er in den flei⸗ ſchigen Theil des Schenkels erhalten und in der Hitze des Gefechts nicht gefuͤhlt hatte, fing ihn jetzt an zu ſchmerzen. Ich verband ſte, hob ihn auf das Maul⸗ thier, und hielt den Schenkel mit meiner Hand, ſo wie wir uns jetzt langſam der Villa wider zuwand⸗ ten. Aus dem, was er mir nun erzaͤhlte, ergab ſich, daß er allein, zu Pferde, aus Liſſabon abgereiſ't ſey, und einen Freund beſucht habe, deſſen Villa unweit des Luſtſchloſſes Queluz gelegen. Hier habe er ſich allzulange aufgehalten, ſey unvorſichtig weiter gerit⸗ ten und dabei von den Raͤubern angefallen worden. Sie waͤren ſeinem Pferde in den Zuͤgel gefallen, da ſey er herabgeſprungen, nach dem Baume zu, an wel⸗ chen er ſich mit dem Nuͤcken gelehnt, entſchloſſen, ſein Leben theuer zu verkaufen. Auch habe er, bis ich gluͤcklicherweiſe dazu gekommen, den Naͤubern nöch Gegenpart gehalten. Wenn nun ſchon mir alles die⸗ ſes ſonderbar, verwirrend, aufregend vorkam, wie mußte es dieß erſt der Fall bei ſeiner Gemahlin ſeyn? In einem weiten und langen Nachtgewande, den Kopf feſt verbunden mit einer breiten weißen Binde dicht uͤber den Augenbrauen, blaß, ſehr blaß, aber ſchoͤn, als ob ſie eine von Liebe geknickte Bluͤthe, eine durch Vernachlaͤſſigung und Trennung Verwittwete „ waͤre, kam ſie aus ihrem Zimmer mit einem Lichte in der Hand herab, um die Urſache unſerer Ruͤckkehr und des Geraͤuſches im Hofraume zu erfahren. Mit der groͤßten Aufmerkſamkeit ſorgte ſie vor allen Din⸗ gen fuͤr Pſlege und Bequemlichkeit ihres Gemahls, indem ſie mir auf ſehr hoͤfliche, damenartige Weiſe, aber mit einem Tone dankte, den ich in meiner ſchnell entſtandenen Beaͤngſtigung mir ſo auslegte, als thue es ihr weh, daß ich meine Bekanntſchaft auf eine ſolche Art gleichſam aufgedrungen habe. Mit dem Laͤcheln eines freier aufathmenden Ge⸗ müͤths hönte ſie jedoch mich ihr und ihrem Gemahle gute Nacht ſagen, und hinzufuͤgen, daß ich mit Ta⸗ gesanbruche zu dem Grafen zuruͤckeilen muͤſſe, der unſtreitig um meinetwillen große Angſt werde ausge⸗ ſtanden haben. Der Fuͤrſt bat mich, ſeine Villa als ſtets fuͤr mich offenſtehend zu betrachten, und ob⸗ gleich, wie er hinzufuͤgte, die Fuͤrſtin niemand hier ſehe, ſo ſey er doch uͤberzeugt, daß ein Freund, der wie ich heut Abend, ſo ſonderbar bei ihnen eingefuͤhrt worden ſey, ſtets willkommen ſeyn werde. Sie gab durch eine Verbeugung ſchweigend ihre Zuſtimmung, und ich entfernte mich. Aber ſehr ruͤckhaltios genoß ich dieſer theuern Er⸗ laubniß. Der Fuͤrſt mußte einige Wochen lang auf dem Sofa liegen. Taͤglich beſuchte ich ihn da. Ich theilte ihm die Neuigkeiten mit, welche ich vom Gra⸗ 79 fen erfuhr, ich ſpielte Karte mit ihm und Schach, ich that Alles, was mich in ſeinen Augen angenehm ma⸗ chen konnte, damit ich nur die Seligkeit, die, wie ich glaubte, unſchuldige Seligkeit genießen koͤnne, ſeiner Gemahlin, Agathen, nahe zu ſeyn. Selten, ſehr ſelten, wendete ſie das Geſpraͤch an mich, und dann geſchah es ſtets in einer ruhigen, ar⸗ tigen, aber ſehr zuruͤckhaltenden Weiſe. Es ward mir zur Gewißheit, daß ſie dieſe Ge⸗ fuͤhle der Bewunderung, denen ich mich mit Ent⸗ zuͤcken hingab, und die zu verbergen ich mir verge⸗ bens ſchmeichelte, bemerke und ſie zu unter ranin ſuche. Der Fuͤrſt war fuͤr alle dieſe inneren Bewegun⸗ gen, welche ihr mein Geheimuiß verriethen, blind, denn ſein Herz war eben ſo kalt und fuͤhllos, wie die marmoraͤhnliche zarte Hand, mit welcher er die Steine auf dem Schachbret ſtellte. Gegen ſeine Ge⸗ mahlin nahm er, wenn er bei Tafel ſaß, eine Miene gleichguͤltiger, laͤchelnder Hoͤflichkeit aͤn, welche den herzloſen, untheilnehmenden Beobachter leicht taͤu⸗ ſchen konnte. Bei mir war das aber nicht der Fall. Dieſe Fuͤlle von Reizen,— dieſer Geiſt,— dieſes Herz,— nein, nein, das gehoͤrte nicht ihm, konnte ihm nicht angehoͤren. Mit Gefuͤhlen des Herzens darf man nie ein Spiel treiben. Sie war demuͤthig, mit jener ſtolzen weiblichen Unterwuͤrfigkeit, welche die Entdeckung, ja ſelbſt nur die Ahnung ihres un⸗ gluͤcklichen Zuſtandes ſcheut, und welche weit hin⸗ weg von ſich ſtoßen wuͤrde den dargebotnen Troſt jener maͤnnlichen Koketten, die den Augenblick belau⸗ ſchen, um zu ſchmeicheln und zu verfuͤhren. Nein, ſie liebte ihn nicht, konnte ihn nicht lieben,— ja ſelbſt nicht achten. Sie ſeufzte, aber nur insgeheim, und ertrug ihn. Sein Wohlgefallen an mir, ſeine Aufmerkſamkei⸗ ten fuͤr mich waren auffallend, und nach ſeiner Art, wie ich mir vorſtellen mußte, ungewoͤhnlich herzlich. Seine Unterhaltung war belebt, zierlich, ja ſelbſt zu Zeiten anziehend, vergebens aber gab er ſich Muͤhe, mich fuͤr ſich zu gewinnen. Ich haßte ihn wegen der Behundlung ſeiner Gemahlin, und entdeckte bald, daß ich ihn beneide, ach, nur zu bald, daß ich um ihren Beſitz mit ihm haͤtte kaͤmpfen moͤgen. Zufaͤllig erfuhr ich bei einer unſerer Unterredun⸗ gen, daß ſie einen ganzen Tag in dem Hauſe neben dem des Grafen in der Rua de San Bento zuge⸗ bracht habe, um Abends die Oper zu beſuchen, und daß ſie, als ſie zuerſt nach Liſſabon gekommen ſey, in dieſen Zimmern mehrere Wochen lang gewohnt habe. Wie ſchon geſagt, vermied ſie aufs gefiiſſentlichſte meine Blicke und Worte, und wußte ſo bewunderns⸗ wuͤrdig meinen Wuͤnſchen nach einem ungezuͤgeltern Ausbruche meiner Gefuͤhle entgegen zu arbeiten, daß ich waͤhrend dreiwoͤchentlicher taͤglicher Beſuche, ſie nicht einen Augenblick allein fand. Auf eine meiner unbefangnen Fragen, Shakſpeare betreffend, antwortete ſie ganz kalt im Franzoͤſiſchen, daß ſie mit der Engliſchen Sprache von Kindheit an . bekannt 81 bekannt ſey, indem ſie ſehr fruͤhzeitig darin unter⸗ richtet worden, und ſprach dann ſchnell von etwas anderm, als wuͤnſche ſie, daß von jenem nicht mehr die Rede ſeyn moͤchte. Ich erinnere mich auch, daß, ſo oft ich ſie bat, mich mit einer Arie oder einem an⸗ dern Muſikſtuͤcke zu begluͤcken, die Auswahl, die ſie traf, abſichtlich niederſchlagend war, denn ſie waͤhlte ſtets nur etwas leichtes und heitres, oder kaltes und gelehrtes. Nur einmal, als ich mit dem Blicke des bitterſten Vorwuefs auf ſie ſchaute, ſang ſie, mit beklemmtem Tone, etwas das meine aufgeregte Stim⸗ mung beruhigen ſo ollte, und ihre Augen zeigten den ſanften Ausdruck eines Weſens, das betruͤbt, innig betruͤbt uͤber den tiefen Eindruck iſt, den es her⸗ vorgebracht hat. O Himmel! Was litt ich nicht in dieſem kurzen Zeitraume meiner erſten Liebe,— denn Liebe war es, obſchon nicht jenes edle, belohnte Gefuͤhl,— das reine Hinſtroͤmen eines jugendlichen Herzens zu ſeiner jungfraͤulichen Gefaͤhrtin. Eine tiefe, leidenſchaftliche Bewundekung war es,— das Zucken eines kranken Herzens,— die Glut eines fieberhaft entzuͤndeten Gehirns. Ihr Bild ſtand immer vor mir. Meine Spazirgaͤnge, mein Verwei⸗ len zu Hauſe, meine Tage, meine Naͤchte, meine Traͤu⸗ me, alles war voll von ihr, war bezaubert durch ihre Geſtalt. Waͤr' ich Maler geweſen, ſo wuͤrde ich nach dem Gedaͤchtniſſe jede reizende Kleinigkeit, welche jedem 1. F ihrer lieblichen Zuͤge eine hinreiſſende Eigenthuͤmlich⸗ keit verlieh, gemahlt haben; ich wuͤrde den voruͤberge⸗ henden Reiz in all' ſeinem verſchiedenen und wech⸗ ſelnden Ausdrucke aufgefaßt und feſtgehalten haben, bis jeder Tag neue Gemaͤhlde der angebeteten Beherr⸗ ſcherin meines Lebens und meiner Liebe vervielfältigt haben wuͤrde. Dieſe ſonderbare Krankheit wuchs mit jedem Tage mehr. Ich verſuchte es nicht, ſie von mir abzuwehren. Ich naͤhrte ſie vielmehr noch mit den kuͤhnſten Hoffnungen, mit Wuͤnſchen, die ich verwarf, ſo wie ſie entſtanden, und die doch, da meine Phantaſie ihnen auch nur das Entſtehen erlauben durfte, mein Herz nicht ſchuldlos ließen. Ich ſagte es mir ſelbſt, ich fuͤhlte es in mir, daß ich lieber ſterben, als einen Gedanken, einen Wunſch naͤhren koͤnnte, der ihrer Ehre zu nahe traͤte;— ſollte aber der Fuͤrſt ſterben! ha!— wie konnte ich dieſen Gedanken uͤberwaͤltigen? Er war nicht unſterblich, fuͤr mich aber lag er ſchon im Grabe. Des Spielers Grab ward oft von Anderen gegraben; manchmal von den Betrogenen, Ungluͤcklichgemachten ſelbſt. Er war ein eingefleiſchter, ruͤckſichtsloſer Spieler. Er liebte dieſen Engel nicht, ward nicht von ihm ge⸗ liebt. Auf dieſem Wege lag Hoffnung. Dieß fuͤſterte mir mein boͤſer Genius zu, und da er es ein Mal ge⸗ than, ſo ſtieg dieß Phantom des Entzuͤckens in allen meinen traͤumeriſchen Nachtwachen auf, und trieb ſein Spiel mit mir. —— 83 Die Senſitiva erbebt bei der nahenden Beruͤh⸗ rung nicht mit ſchnellerm Erzittern, als ich, da ſie einſt durch den Salon eilte, in welchem wir ſaßen, und ich nur ihr Kleid bei meinem Stuhle voruͤber⸗ ſtreichen hoͤrte. 8 Endlich hatte mich dieſe folternde Leidenſchaft gaͤnzlich uͤberwaͤltigt und vernichtet, ich beſchloß da⸗ her, Agathen den Zuſtand meiner marternden Gefuͤhle zu entdecken, und ſie nur um einige Worte anzufle⸗ hen, bloß Worte, von denen ich leben, von denen meine Liebe Nahrung ziehen koͤnne, von Freundſchaft, Mitleid, Rath, etwas aͤhnlichem,— wenn ſie mich nur hoͤrte, mir nur antwortete! Der Fuͤrſt begann, nach und nach ſein Bein wie⸗ der gebrauchen zu koͤnnen, und ging nun wie ge⸗ woͤhnlich aus. Ich hoͤrte ihn eines Abends ſagen, daß er morgen verreiſen und erſt am folgenden Tage wiederkommen werde. Ich wußte gewiß, daß Agathe mich dann nicht erwarten wuͤrde, und wollte ſie alſo durch Ueberraſchung zu einer Unterredung zwingen. Jene koͤſtliche Abendſtunde trat ein, wo es noch geraume Zeit hin iſt bis zum Sonnenuntergange. Noch erblickt man den ſinkenden Sonnenball in ſei⸗ ner ganzen Pracht, eine ſtrahlende Welt von Licht. Aber ſeine Strahlen brennen nicht mehr, die freien Plaͤtze zwiſchen den Baͤumen des Waldes ſind nicht mehr gluͤhend heiß und das Auge blendend, ſon⸗ dern die langen Abendſchatten haben ſich anmuthig uͤber ſie hingeſtreckt, als wollten ſie Kuͤhlung geben F 2 —y— 84—— ¹ und empfangen. Garten und Quell, Wald und Strom, Haide und Felſen, Alles ladet ein zum Wandern, zum Denken, zum Dank dafuͤr, daß die Welt ſo ſchoͤn iſt. In ſolcher Stunde athmet die Muſik ſuͤßer. Und als ich mich der Pforte zu der Fuͤrſtin Villa wiederum nahte, hoͤrte ich auch wiederum den Ton der Harfe. Noch war er fern, aber doch hielt ich meinen unru⸗ higen Schritt an, und horchte auf die Weiſe. Die⸗ ſelbe war es, ganz dieſelbe, die ich fruͤher gehoͤrt, die ich ſo geliebt, die mich wahnſinnig gemacht hatte. Mit noch tieferm Gefuͤhle, wenn es moͤglich geweſen waͤre, ſang Agathe jetzt, und die letzten Toͤne ſchie⸗ nen hinwegzuſchmelzen, nicht in die Stille, ſondern in eine Entfernung, welche dieſe Melodie weiter,— weiter,— auf unſichtbaren Schwingen forttrug,— um nie zu vergehen. Sie endete, und ich trat naͤher. Ich ſchlug ei⸗ nen Weg ein, welcher ſo zum Pavillon fuͤhrte, daß ich, ohne ſelbſt geſehen zu werden, doch zuerſt den Blick hineinwerfen konnten 3 Die Harfe hatte ſie weggelegt, und ſaß nun auf einem niedrigen Stuhle von Griechiſcher Form. Sie hatte ſich weit zuruͤckgebogen, und ihre Fuͤße, die ſie abereinandergeſchlagen, vor ſich hingeſtreckt, ihre Haͤnde waren gefaltet und ruhten auf ihrem Schooße. So zuruͤckgelehnt, wie jemand der ſorglich nachdenkt, blickte ſie gerad' vor ſich hin. Ein mildes Licht war uͤber ſie ergoſſen; eine ſtille Strahlenglorie ſchien uͤber dem ganzen Gemaͤhlde zu ruhen. Ihr weißſeidnes 8⁵ Kleid war um den Buſen her loſer entfaltet, und ein vierektes Tuch von weißen Spitzen um ihr Haupt geſchlungen, ſo daß es leicht die Stirn bedeckte und hinten ungebunden herabſtel, nach einer alten, in mei⸗ nen Augen außerordentlich ſchoͤnen Mode. Doch ſah ich ſie heut zum erſten Male an ihr, und was haͤtte an ihr mir anders als ſchoͤn erſcheinen koͤnnen? Ich ſtand ſtill und blickte mit athemloſer Bewun⸗ derung ſie an. Dann eilte ich ſchnell vorwaͤrts, fiel vor ihr auf die Knie, ergriff ihre ſchoͤne Hand, kuͤßte ſie und weinte darauf in einer noch nie gekannten Agonie unverhaltnen, ſtuͤrmiſchen Hingebens. Sie wollte aufſtehen, war aber ſo uͤberraſcht, daß die Kraͤfte ihr verſagten und ſie erſchoͤpft auf den Seſſel zuruͤckſank. Ich ſchaute auf, in ihre dunkelen Augen. Thraͤnen glaͤnzten darin. Einzeln, perlen⸗ gleich rannen ſie auf ihre Wangen und tropften dann auf die meinen herab. Heiß waren ſie, als ob der Lichtſtrahl ihres gluͤhenden Auges noch in ihnen brenne. „Agathe, ſagen Sie mir nur, daß Sie meiner ungluͤckſeligen Leidenſchaft verzeihen, ſagen Sie mir nur, daß Sie mich nicht haſſen, daß ſie meiner als eines Freundes gedenken wollen,— als eines lieben⸗ den, ſich ſelbſt vergeſſenden Freundes,— als eines Weſens, dem die wenigen Stunden, welche er in Ihrer Naͤhe verlebte, Jahre der Pein und des Entzuͤckens, ſuͤ⸗ ßer Verzweiflung und qualvoller Seligkeit waren.“— Beavoir! ich kann, ich darf nicht auf Worte, auf Toͤne hoͤren, gleich dieſen.* * 4. 1 „Haben Sie Mitleid mit mir. O! ſagen Sie, daß Sie Mitleid mit mir haben.“ Ich bin ein Weih und habe geliebt. „So lieben Sie einen Andern!“ Ich bin Gattin. „Sie lieben einen andern.“ Verſchonen Sie mich, ich beſchwoͤre Sie, ver⸗ ſchonen Sie mich. Ach! verſchwenden Sie die ſanf⸗ ten Gefuͤhle Ihres jugendlichen Herzens nicht an eine ſo ſtrafbare, ungeregelte Liebe. Wenden Sie ſie da⸗ hin, wo Sie es mit Ehren thun koͤnnen,— wo ſie hoffen duͤrfen,— wo ein reines, jugendliches, liebe⸗ warmes Herz in Unſchuld der Fuͤlle des Ihrigen ent⸗ gegen ſchlaͤgt. Ich bin Gattin und darf Sie nicht hoͤren.— Mit dieſen Worten ſtand ſie ſchnell auf. Kommen Sie, fuhr Sie fort: laſſen Sie uns von hier fort gehn. Ich mag, ich darf Sie nicht laͤnger anhoͤren, Beavoir! Mein Wunſch, mein Flehn iſt es, daß Sie nie, nie mehr an mich denken moͤgen, ſelbſt nicht als Freund. Sie ſind fuͤr Freundſchaft nicht geeignet. Ihre Freundſchaft wuͤrde bald zur ſtuͤrmiſchen Leidenſchaft heranwachſen,— zur ſtrafba⸗ ren Liebe,— Verbrechen fuͤr Sie, Elend fuͤr mich. Leben Sie wohl. Ich kniete nieder und faßte ihr Gewand. „Hoͤren Sie mich nur einen Augenblick, nur ei⸗ nen einzigen Augenblick! Ich will ja ruhig, zuruͤck⸗ haltend, entſagend ſeyn; aber fliehen Sie mich we⸗ nigſtens nicht. Ich denke ja weder an Betrug, noch Sie es ſchuldlos gewaͤhren koͤnnen.“ 87 Gewalt. Ungluͤcklich bin ich, und doch muß ich treu ſeyn. Sie ſind unſchuldig und doch die Urſache von all' meinem bittern Weh. Der Himmel ſchuf Sie ſo liebenswuͤrdig, ſchuf Sie ſo zum Gegenſtande der Anbetung. Dieſe Kaͤlte iſt nicht Tugend, ſie iſt Ty⸗ rannei,— ſtolze Frauenſuͤnde. Sie ſehen die unend⸗ lichen Leiden ihres Schlachtopfers. Ein Wort, ein Blick, ein kleines mitleidvolles Laͤcheln, ſo wie Sie es taͤglich ſchuldlos verſchenken, und verſchenken koͤn⸗ nen, und mein armes dankbares Herz wuͤrde in ho⸗ hem Entzuͤcken von einem ſolchen Almoſen leben““ Beĩvoir! Sie wiſſen nicht, was Sie verlangen. Ich hege eine ſo lebhafte, ſo innige Empfindung fuͤr Sie, wie ſie nur wahres Mitleiden gewaͤhren kann, aber nennen Sie ſie ja nicht Liebe. Dieſes bloße Wort wuͤrde nur wieder eine noch nicht vernarbte Wunde in meiner Bruſt eroͤffnen. Mit tiefem Schmerze muß ich Ihnen das ſagen. Niemand hat es noch geahnet. Dieſes Geheimniß ſey fuͤr Sie ein Heilungs⸗ mittel. Verlaſſen Sie mich, ich beſchwoͤre Sie, ver⸗ laſſen Sie mich! Soll ich Sie nicht von nun an noch aͤngſtlicher vermeiden, ſo verlaſſen Sie mich.— Ich ſtand auf. 4 „Gut denn, ich gehe. Ich gebe Ihnen dieſes Pfand meines Gehorſams. Aber ich gehe mit der in⸗ nigen und gluͤhenden Hoffnung, daß ich den ſuͤßen Lohn eines ſo freundlichen Blickes und Wortes dafuͤr erhalte, wie ich es ſchuldlos begehren kann, wie 88 Mit einem tief innigen Blicke ſchwermuͤthigen Danke blickte ſie auf mich und entgegnete: Und nun ſey der heutige Auftritt vergeſſen. „Vergeſſen!— O! er ſoll in mir leben; nicht ein Tag, eine Reihe von Tagen, von feſtlichen Ta⸗ gen, fuͤr das Auge und das Ohr der Seele. In je⸗ der Stunde meines wachenden Lebens ſtehe er vor mir; er lebe in meinen Traͤumen. O! verzeihen Sie mir mein erſtes, mein letztes Vergehn.“ Nun neigte ich mich naͤher zu ihr hin, und druͤckte meine Lippen ehrfurchtsvoll auf ihre ſchoͤne reine Stirn. Dann eilte ich hinaus, denn ich durfte in ihrer be⸗ zaubernden Naͤhe nicht laͤnger weilen. Wir ſahen einander wieder— doch jetzt, wo ich meine Leidenſchaft kundgegeben hatte, diente ihr die Gegenwart Andrer nicht mehr zum Schutze. Meine Blicke, meine Worte, jede Handlung von mir, war ſtete Anbetung fuͤr ſie; vergebens ihr Flehn, ob ſchweigend, doch hochberedt ausgedruͤckt. Entſchloſſen vermied ſie jede geheime Zuſammenkunft; anderen konn⸗ te ſie nicht entgehn, ſie haͤtte denn mit ihrem kal⸗ ten, ſpoͤttiſchen Gemahle davon ſprechen muͤſſen, und daß ſie dieß nie thun werde, wußte ich gewiß. So ging ich grauſam meinen Weg, ohne an einen Aus⸗ gang zu denken; ein ſtrafbarer waͤre mir nicht einge⸗ kommen. Als ſie mir eines Abends ein Buch wie⸗ 89 dergab, in dem ich ſie auf eine ſchoͤne Stelle auf⸗ merkſam gemacht hatte, legte ſie ein Briefchen an mich zwiſchen dle Blaͤtter. Ich eilte ſchnell nach Hauſe. Hier ſchloß ich mich auf mein Zimmer ein, kuͤßte und oͤffnete das Briefchen mit Entzuͤcken. Sie ſchrieb. „Herr Beavoir! Iſt dieß edel! Iſt dieß maͤnn⸗ lich? Ihre Ehre, Ihr Zartgefuͤhl flehe ich an. Laſ⸗ ſen Sie mich nicht vergebens flehn. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeiten ſind mir peinlich, ja unertraͤglich. A. B.“ Ich antwortete darauf. „Geliebtes, angebetetes Weib! Glauben Sie denn, daß es mir moͤglich iſt, den Pfeil herauszuziehn, der meine Ruhe getoͤdtet hat⸗ Doch warum ſpreche ich ſo, als wolle ich mich beklagen? Meine Ruhe iſt da⸗ hin, ja! aber aus ihren Seufzern im Sterben ent⸗ ſprang eine Liebe, die nichts zerſtoͤren kann, noch ſoll. Vergebens Ihre Blicke, die ſich bald in kaltem Ta⸗ del abwenden, bald ſo bezaubernd bitten. Verge⸗ bens! Sie wollen nicht Mitleid mit mir haben? Agathe, Sie muͤſſen es. Sie nur wohnen in mei⸗ nem Herzen. Sie wiſſen, Sie fuͤhlen das. Ich ver⸗ lange keine hoͤhere Gunſt, kein ſtolzeres Gluͤck, als das, Ihr Freund zu ſeyn; ja, Ihr Freund, um jeden Schlag Ihres Herzens zu belauſchen, und mit dem meinen zu beantworten. Du biſt ſchoͤn, Agathe, himmliſch ſchoͤn! aber ehe wir uns ſahen, lauſchte ſchon mein Ohr deinen Engelstoͤnen, weihte Dir ſah ich Dich, und unſere Augen trafen ſich.— Sie haben den Abend in der Oper nicht vergeſſen, nein, Sie koͤnnen ihn nicht vergeſſen haben. Wie trieb mich Ihr geliebtes Bild von dieſer Stunde an um⸗ her, bis zu der begluͤcktern, wo ich bei dem Drucke Ihrer Hand erwachte. O kehre wieder, Augenblick der Seligkeit, kehre wieder! Taͤglich moͤchte ich je⸗ nen Tod wieder ſterben, um ſo ſanft wieder erweckt zu werden. „Nur ein Mal war mir das Gluͤck guͤnſtig. Nur ein Mal wagte ich es Ihnen zu Fuͤßen mein volles, uͤberſtroͤmendes Herz auszugieſſen. Allerdings wollten Sie mich da nicht hoͤren, aber, Agathe, Sie weinten! Ihre brennenden Thraͤnen haben meine Wange ge⸗ kuͤßt— und indem Sie es thaten, ward ich auf ewig Ihr Sklav. Sie haben einen Andern geliebt. Lebt er noch? Iſt dieß, ſo iſt er Ihres Andenkens nicht werth. Hier, hier zu Ihren Fuͤßen, nur in Ihrem Anblick lebend, hier ſollte die Stelle ſeiner Anbe⸗ tung ſeyn. O, laß ihn kommen, daß mein Herz kaͤmpfe mit dem ſeinen, und Dein der Preis ſey.— Oder iſt er todt? Dann will ich mit Dir trauern, erfahren von Dir, wie er ausſah, wie er ſprach, wie er Dir ſich weihte, deine Liebe gewann. Aga⸗ the, es giebt eine zweite Liebe; eine Liebe der gleichen Stimmung,— ſtark, unvergaͤnglich, weni⸗ ger zerſtoͤrbar als gewoͤhnliche Liebe. Pfropfe dei⸗ nen zerriſſenen Myrthenkranz in mein jugendliches ſchon mein Herz ewige Ergebenheit, und dann erſt 4 —.— 91 Herz: liebe mich, Agathe, wie einen Freund; ſchuld⸗ los; nur liebe mich, dann will ich demuͤthig, ru⸗ hig, freundlich ſeyn. Der innere Kampf iſts, der mich jetzt verzehrt, und mich Dich ſo wild verehren laͤßt, daß Du davor zuruͤckbebſt. Wenn mich Dein Laͤcheln beſaͤnftigt, deine balſamiſche Stimme heilt, werde ich ſo ruhig ſeyn, wie das eingelullte Kind an der Mutter Bruſt. Schaff' es ſo, meine theuerſte, theuerſte Agathe. Wenn Sie mir dieß vergeben— o, und Sie muͤſſen es!— wenn Sie mir dieß vergeben, ſo ſpielen Sie mir heut Abend etwas vor— Sie haben es ſeit vielen Abenden nicht gethan— aus Mitleid, aus bloßem Mitleid ſpielen Sie mir jene ſuͤße Weiſe.— Thun Sie es— es wird mein kran⸗ kes Herz heilen. Ich will Sie nicht peinigen, Sie nicht mehr verfolgen, gewaͤhren Sie mir nur dieß. Schlagen Sie mir es ab, ſo wird meine ungluͤckliche Liebe wieder gewaltſam hervorbrechen. Sie haben geſehen, wie der reißende Loͤwe, geht ihm eine Ge⸗ liebte zur Seite, nicht mehr wild iſt, ſondern in fro⸗ hem Stolze einherſchreitet wie ein Lamm. Seyn Sie auch guͤtig gegen mich, Agathe, und es wird auch ſo mit mir ſeyn. Fuͤr ewig dein, Dir treu ergebner Osman.“ Am Abende fanden wir uns.— Ich ſpielte Schach mit dem Fuͤrſten, und dann gingen wir im Zimmer umher. Agathe ſaß ſtill und in Gedanken verloren, ſeitwaͤrts. Ich beherrſchte mich gut, warf keinen lan⸗ gen und ſchmerzvollen Blick auf Sie, redete Sie kaum an, legte keine Betonung in meine Worte. Sie fuͤhlte, daß ich mich gut benahm. Ein Mal, und nur ein Mal ſah ich ſie durch den ihr gegenuͤberſte⸗ henden Spiegel auf mich blicken, wie etwa eine zaͤrt⸗ liche Mutter auf ein krankes eigenſinniges Kind, aber im Augenblicke veraͤnderte ſich auch der Ausdruck ihres Auges, und man ſah es, wie ihr Geiſt ſich in verfloſ⸗ ſene Jahre und langvoruͤbergegangne Szenen verlor. „Agathe,“ ſagte der Fuͤrſt,„Du vernachlaͤßigſt Deine Harfe ganz.“ Ja ſeit Kurzem,— antwortete ſie, indem ſie aufſtand und nach der Harfe ging. Ich ſah wie ſie die Augen emporſchlug, und bemerkte jenen kalten Schauder durch ihre ganze Geſtalt, welcher tiefgewurzelten Kummer anzeigt. Ich fuͤhlte das tief⸗ wagte aber nicht um meine Lieblingsmelodie zu bit⸗ ten. Sie ſpielte nun einiges, jedoch mit kalter Gleich⸗ guͤltigkeit und ohne Gefuͤhl, dann aber phantaſirte ſie in leiſen, traurigen, nnſtaͤten Toͤnen, als ſpiele ſie etwas, das niemals regelmaͤßig componirt worden fey/ bis ſie endlich Folgendes ſang: Nie ſtirbt gebrochner Liebe Glaube, Sein Sitz iſt ein gebrochnes Herz, Es lebt gleich einer ſtillen Taube Bis Leib und Seel ſich trennt im Schmerz. Süß iſt das Girren der einſamen Taube, Süß iſt der Kummer im gebrochnen Herz. Als ſie den einfachen Geſang endete, ſah ich ihre Augen in Thraͤnen ſchwimmen. Ich hielt mich feſt— 93³ geſtern noch haͤtte ich ſie vielleicht an meinen Buſen gedruͤckt und dieſe Thraͤnen hinweggekuͤßt— heut aber fuͤhlte ich nur Ehrerbietung, ſprach wenig, und ging ſtill fort.— Aber am folgenden Tage kehrte die Glut und Kraft meiner Leidenſchaft zuruͤck. Ich dachte an den Blick voll Mitleids, den ſie auf mich geworfen hatte, und wußte wohl, daß dieß Gefuͤhl mit Liebe verwandt ſey. Der Spaͤtherbſt iſt eine der ſchoͤnſten Jahreszei⸗ ten in Portugal. Der Boden iſt nicht mehr ausge⸗ dorrt,— die Blaͤtter der immergruͤnenden Baͤume ſind nicht mehr zuſammengeſchrumpft,— Hitze und Trockenheit ſind voruͤber,— der Wieſenſaffran, das Herbſtſchneegloͤckchen und viele ſuͤßduftende Blumen bluͤhen ſo ſchoͤn, wie nach dem erſten Regen, waͤh⸗ rend das junge Gras aufſprießt und die neuen Blaͤt⸗ ter ausſchlagen und die ganze Gegend unter der hel⸗ len, freundlichen milden Octoberſonne lacht. Wir hatten eine kleine Landparthie gemacht und das Kloſter auf dem Gipfel des Eintra⸗Berges be⸗ ſucht; der Fuͤrſt, der Graf(denn ich hatte ſie einander naͤher bekannt gemacht) Pater Antonio, Agathe und ich. Wir ritten auf Maulthieren oder Eſeln, ich aber befand mich faſt waͤhrend der ganzen Zeit, das heißt an jeder ſteilen oder ſchwierigen Stelle, zu Fuß ne⸗ ben Agathen, um ſie zu beſchuͤtzen, Acht auf ſie zu haben, und ihr unablaͤſſig und ſchnell zu Huͤlfe zu kommen. Auf dieſen engen Felſenpfaden kann man nur einzeln hintereinander herreiten. Leicht ward es 94 mir, es dem bloßen Zufall zuſchreiben zu laſſen, daß ich dicht hinter Agathen folgte, und ſo erſchienen meine Aufmerkſamkeiten fuͤr ſte, als ganz natuͤrlich. Ihr nur waren ſie peinlich, ob es gleich ſich deutlich zeigte, daß ſie durch die zarte, aber unleidenſchaftliche Innigkeit jeder meiner Handlungen beſaͤnftigt und zu einer mildern Stimmung gebracht worden war. Zu⸗ erſt gelangten wir durch einen Wald von hohen Baͤu⸗ men. Eichen, Pinien, der Korkbaum und viele an⸗ dre Arten bildeten ihn; auch bei Waſſern kamen wir vorbei, laut murmelnden und ſchweigend ſtroͤmenden, die bald aus den Felſen ſprangen, bald uͤber kuͤhle, gruͤnende, mooſige Stellen dahin glitten. Nun ging es durch dichtes Gebuͤſch von Wachholderbaͤumen, und endlich gelangten wir jenſeits aller Vegetation, und erreichten den hohen nackten Berggipfel, auf welchem die Kapelle ſteht. Als wir an dieſer einſamen Stelle in mitten der rauhen Felſen ſaßen, und auf die weißen Haͤuſer von Cintra herabſahen, die aus dem tiefen Schooß des Waldes hervorblinkten, und dann auf den weitausgebreiteten ruhigen Ozean ſahen, der die Sonne glaͤnzend zuruͤckſpiegelte, ergriff uns Alle ein ſtummes Entzuͤcken. Agathens Auge ſtrahlte in neuer Schoͤnheit, mit dem Ausdrucke vollkommnen Gluͤcks.— Nach einiger Zeit gingen die Anderen in das Kloſter, und ſie blieb der Kuͤhlung, Ruhe und der ſchoͤnen Ausſicht wegen, auf der ſteinernen Bank vor demſelben ſitzen. Ich leiſtete ihr Geſellſchaft. Schwei⸗ gend ſaßen wir da, aber es giebt ein ſo beredtes —— —————᷑—᷑—ÿ—̃˖—˖—- 95 Schweigen,— eine Art ſuͤßen und geheimen Behn⸗ gens in dem Gedanken, daß das menſchliche Weſen uns zur Seite gleichen Geſchmack, gleiche Gefuͤhle hegt, und die gleiche Stimmung der Gemuͤther ſich beurkundet. Lange waͤhrte es, ehe ein Wort geſprochen ward. Endlich ſagte Agathe zu mir:„Osman, ſehen Sie dort die laͤchelnde See? Der Mantel der Finſterniß wird ſie nach wenigen Stunden ſchon umhuͤllen. So iſt das Leben— und ſo iſt die Liebe.“ Auf ſtand ſie nun, trat in die Kapelle ein und ging in eine dunkle Seitenhalle, wo ein kleiner, von einer matten Lampe erhellter Altar ſtand, vor dem ſie auf die Knie ſank. Hier blieb ſie eine ganze Stunde be⸗ wegungslos, und betete ſtill. In ihren Zuͤgen lag, als ſie wieder hervortrat, ein ruhiger, gefaßter Aus⸗ druck, der mich entzuͤckte, aber auch mit Ehrfurcht erfuͤllte. Als wir den Berg herabſtiegen, fuͤhlte ich ſuͤße Zufriedenheit in mir. Das Thal unter uns wogte in Duft und Kuͤhle. Die dichten Schatten des Abends lagerten ſich um uns, ehe wir die Heimath erreichten, und alles war ſtill,— ſelbſt meine wilde, ſtrafbare Leidenſchaft war es. Noch an demſelben Abend ward beſchloſſen, daß wir am folgenden Morgen ſchon um vier Uhr fruͤh aufbrechen wollten, um dem Feſte Allerheiligen, einem der groͤßten Jahresfeſte dieſes Landes, beizuwohnen. „Ihre Lanosleute,“ ſagte der alte Graf zu mir, 8 „entfernen ſich zwar in der Regel von dem duͤſtern Schauſpiele, das an dieſem heiligen Tag jedes Jahr zuruͤckkehrt, und fluͤchten ſich auf ihre Landhaͤuſer. Ich wuͤrde das wohl auch gern thun, aber ich wage es nicht, denn das Auge der Inguiſition ſieht ſcharf und uͤberall hin. So erſchuͤtternd es auch fuͤr je⸗ mand ſeyn muß, der ſo weich iſt wie Sie, ſo iſt es doch auch fuͤr den Reiſenden, beſonders fuͤr den gluͤck⸗ lichen, freien, privilegirten Englaͤnder gewiß ſehr in⸗ tereſſant, einmal die feierliche Szene eines Auto da Fe mit anzuſehn.“ „Der Todeszug der armen Schlachtopfer unter⸗ ſcheidet ſich von dem aller gewoͤhnlichen Exekutionen, und ob er gleich auch truͤbe Stimmung erweckt, iſt er doch ſchauderhaft intereſſant und wirkt peinlich niederſchlagend auf den Geiſt. Hier in dieſen Umge⸗ bungen kann ich meine Gefuͤhle frei ausſprechen. Der gute Pater Antonio theilt ſie, und wer weiß, ob nicht der Tag bald erſcheint, wo wir Beide un⸗ ſre Liebe fuͤr alle Sekten des Chriſtenthums, wel⸗ che in einfacher Glaubensaufrichtigkeit den Pfad zu dem Kreuze wandern, an welches der allmaͤchtige Erloͤſer aller Menſchen geſchlagen ward, hart ver⸗ buͤßen werden.“. Der Morgen brach an. Der Fuͤrſt und Agathe⸗ welche bei Hofe erſcheinen mußten, fuhren voraus. 8 In — 97 In einem andern Wagen der Graf und Antonio. Ich ritt allein. Der truͤbe Gedanke an das Auto da Fe ward bei mir durch das Unterhaltende und Anmuthige, das in den verſchiedene Scenen und munteren Grup⸗ pen, welche die Straße fuͤllten, ſich zeigte, gaͤnzlich verdraͤngt. Sie war mit Landleuten und Bauern ganz bedeckt, welche ſaͤmmtlich in ihrem ſchoͤnſten Sonntagsſtaate einherzogen. Das bunte Wams, die glaͤnzenden Schnallen, der bebaͤnderte Hut, das ſchlei⸗ fenreiche Mieder, das ſilberne Kreuz, das mit einem Netz bedeckte oder glaͤnzend aufgeſtrichne Haar, die geſchwaͤtzigen Alten und die ſchaͤkernden Jungen, Alles laut und froͤhlich und friſch vorwaͤrts ſchreitend. Der feine Wohlgeruch der Narziſſe duftete aus jedem Blu⸗ menſtrauße, und der hochaufgethuͤrmte Korb mit Trauben ward jedem Voruͤbergehenden mit heiterm einladenden Laͤcheln dargeboten. Alles war nur Freude. In den Vorſtaͤdten ſtanden friſche gruͤne Zweige vor jedem Weinhauſe, und zahlreiche Gruppen muͤßiger und froͤhlicher Maulthiertreiber lachten und zechten um den geraͤuſchvollen Eingang her. In den Stra⸗ ßen der Stadt ſelbſt hingen ſeidene Teppiche aus allen Fenſtern, und bluͤhende Gewaͤchſe ſtanden auf allen⸗ Bortritten der Fenſter. Jetzt ſchaute das ergraute Haupt einer gelbhaͤutigen Dueha, jetzt das Locken⸗ haar und das gluͤhend ſchwarze Auge einer ſchoͤnen feurigen Bruͤnette, jetzt wieder der wollige Kopf, die ſchwarze glaͤnzende Wange und das weiße, rollende I.. G 98 Auge eines Negerſklaven erwartungsvoll hervor. Al⸗ les war nur Freude. Mitten unter dieſen unſchuldigen Theilnehmern an den Vergnuͤgungen des bevorſtehenden Feſtes ſah„ man aber auch fette, dickwanſtige, mitleidslos um⸗ herſchauende Moͤnche und einige ſchmuzige froſtig laͤ-⸗ chelnde Prieſter, waͤhrend taumelnde Gerichtsdiener und thaͤtige junge Chorknaben mit einer Art von ei⸗ friger und freudiger Wichtigkeit umherſchwankten oder liefen. 4 Ohngefaͤhr 8 Uhr war es, als wir ankamen. Der Fuͤrſt und Agathe ſollten nach der Feierlichkeit bei dem Grafen ſpeiſen, und Abends wollten wir ſaͤmmt⸗ lich in die Oper gehen. Von ſo vielem ſchon vorhandenen und bevorſtehendem Vergnuͤgen war ich hoch aufgeregt. Ich konnte nicht ruhig ſitzen bleiben. Ich wuſch mich, zog mich anders an, und ging dabei ſtets im Zimmer auf und ab. Dazu ſchluͤrfte ich in eben der unruhevollen Art meine Chokolade, laͤchelte zu der Kaufmannstochter hinuͤber, und vergaß in der That, daß an dieſem Tage irgend jemand ungluͤcklich ſey, oder ſeyn koͤnne, bis der Ton der Stimme des Grafen und des wackern Moͤnchs, welche in der an mein Zimmer ſtoßenden Kapelle ei⸗ frig beteten, den freien Flug meines Geiſtes hemmte, 4 und als ich ſie feierlich Gott fuͤr die armen Ungluͤck⸗ lichen anflehen hoͤrte, welche heute ſchuldlos leiden ſollten, machte ich mir ſelbſt Vorwuͤrfe wegen meines Leichtſinns, und mein Herz ſagte ein aufrichtiges Amen. 99 Aber die Umgebungen reizen uns ſtets ſo auf und das Gefuͤhl fuͤr Luſt iſt ſo lebendig in uns, daß ich, als ich nun allein ausging, und quer uͤber den In⸗ quiſitionsplatz ſchreitend, das Schaffot, und dabei den entweihten Altar, die Marterwerkzeuge, den Pfahl, die Ketten, den Scheiterhaufen, die ſinſte⸗ ren Soldaten, die wild umherblickenden Diener der Inquiſition und die gedraͤngte Menge von Bett⸗ lern und Menſchen aus der Hefe des Volks ſah, die beim Anblick Derer ſich freuten, die wenigſtens einen Augenblick lang noch ungluͤcklicher waren, als ſie ſelbſt, zwar ein tiefes Schaudern fuͤhlte,— aber doch auch wie⸗ der, als ich in die naͤchſtliegende Kirche trat und zum erſtenmale den vollen tiefen Chor einer unermeßlichen Menge von Moͤnchen hoͤrte, die nach ihren verſchle⸗ denen Orden ſich ſchon zu dem feierlichen Zuge ge⸗ ſtellt hatten, und deren Geſang, als ſie nun theilweiſe ſchwiegen, von weiblichen Stimmen fortgeſetzt ward, die hinter den hohen und verborgenen Gittern her⸗ vortoͤnten, ein gewiſſes feierliches Vergnuͤgen em⸗ pfand, deſſen Andrang ich mich, waͤhrend die Orgel fortfuhr ſich in lobpreiſenden Klaͤngen zu erheben, und Jene ihre heiligen Hymnen weiter ſangen, nicht er⸗ wehren konnte. Endlich traten die Moͤnche alle heraus, und jeder trug eine angezuͤndete dicke Kerze von weißem Wachſe. Schwarz, braun und weiß waren die Ge⸗ waͤnder der verſchiedenen Orden mit weißen, gruͤnen oder rothen Kreuzen darauf. Ihre kahlen Haͤupter glaͤnzten ehrwuͤrdig, und wie ſie voruͤberzogen, ſtand 100 das Volk ebenfalls unbedeckten Haupts, beugte ſich und bekreuzigte ſich mit leiſem andaͤchtigen Gemur⸗ mel nach den Heiligenfahnen gewendet. Und jetzt brach ein Freudengeſchrei aus, als der Patriarch und ſein ſtolzer Zug und die reich ge⸗ ſchmuͤckten Herren des Hofs von einer andern Seite her erſchienen. Kriegeriſche Muſik begann augen⸗ blicklich, und die koͤniglichen Wachen zu Roß und zu Fuß ließen ihre durchdringende Trompeten erſchallen, und ruͤhrten ihre Trommeln. Und hinweg uͤber alle dieſe Toͤne der Freude hallte laut das heitere Getoͤn heller Glocken, die zu offnen Kirchen und reich ver⸗ zierten Kapellen einluden. Die ganze weite Stadt hindurch war jede Straße mit frohen und vorwaͤrts eilenden Menſchenſchaaren angefuͤllt. Aber ploͤtzlich fuͤhlte ich in meiner Bruſt eine leichte Anwandlung von Unwohlſeyn; mir war's als ob ich ſchwanke oder ſchwindlich geworden ſey.— Doch nein— jeder Ton ward nun ploͤtzlich ſtill oder abgebrochen, wie das von Furcht erſtickte Lachen ei⸗ nes eingeſchuͤchterten Irren;— noch ein anderer Ton ließ ſich hoͤren,— dumpf, leiſe rollend,— leis, aber doch hoͤrte ihn jedes Ohr, und dann hob ſich die Feſte der Erde empor und ſchuͤtterte fuͤrchterlich zu⸗ ſammen, und die Glocken toͤnten, ſchrecklich anzuhoͤ⸗ ren, das Todtengelaͤut eines Volkes. Der Unter⸗ gang, der fuͤrchterliche, unerhoͤrte Untergang rauſchte nahe herbei uͤber den wilden Haufen.— Thuͤrme und hohe Palaͤſte wankten und ſielen,— die unge⸗ — 101 heueren Steine ſchlugen hell und furchtbar an ein⸗ ander, und ſtuͤrzten dann donnernd herab. Finſterniß brach ein; Wolken von Staub, dicht und ſchwer, ſo daß man ſie fuͤhlen konnte.— Menſchen wurden zer⸗ ſchmettert,— Fluͤchtige gehemmt,— Bangigkeit geen⸗ det,— Geſchrei geſtillt: und ich,— ich mitten in dieſen Schrecken. Wie ſoll ich meinen Zuſtand beſchreiben? Mich duͤnkte ich ſey der Gegenſtand welchen der Engel der Zerſtoͤrung ſuche,— ich zuerſt und mehr als Alle. Ich ſelbſt ſchien mir die einzige Urſache dieſes fuͤrchterlichen Gerichts zu ſeyn. Das Geheul und Geſchrei toͤnte ſchaudervoll in meine Ohren;— die ſtarrenden Augen weit aufgeriſſen von Schrecken, alle ſchienen ſie auf mich zu blicken.— Ich hatte das Maaß menſchlicher Verbrechen nun angefuͤllt, um meinetwillen war das Ende der Welt ſchneller herbeigekommen:— die Trompete, jetzt ſollte ſie erſchallen,— jetzt,— jetzt war der letzte le⸗ bende Athem voruͤber, und die Throne wurden ge⸗ ſtellt und die Buͤcher geoͤffnet. Mein Herz ſtand vor Furcht ſtill, und ich eilte wahnſinnig umher, um ei⸗ nen Ort zu finden, wo ich mich verbergen,— mein Schickſal nur um einen Augenblick, einen einzigen kleinen Augenblick verſchieben,— um Gnade flehen koͤnnte. Ich ſtuͤrzte zu einer Kirche.— Dort kniete die Menge, ſtoͤhnte und ſchlug ſich die Bruſt.— Da borſt die Decke und ſtuͤrzte herab, und zerſchmetterte und begrub ſie. Einer fliehenden Schaar eilt' ich nach zum Ufer des Fluſſes. Ein ſteinernes Kreuz — 102 ſtuͤrzte von dem Giebel einer Kapelle auf eine junge Mutter, dicht neben mir, herab, und erſchlug ſie. Ihr Kind ſiel in ſeinen Windeln unbeſchaͤdigt vor meine Fuͤße— Ich ſtand ſtill und hob es auf, da⸗ mit der unſchuldige Wurm vor dem Richterſtuhle des Ewigen fuͤr mich beten moͤge. Weiter floh ich nun nach dem Fluſſe. Sonderbare Wege der Vorſehung, oder des Schickſals, oder der Beſtimmung! Vor meinen Augen, nur drei Schritte weit, ward der ſchmale Uferrand mit der dicht darauf gedraͤngten Menge in einem Nu verſchlungen. Eine ungeheure Maſſe ſchwarzer Gewaͤſſer waͤlzte ſich brauſend an die un⸗ gluͤckliche Stelle, uͤberſchwemmte ſie Haͤuſer hoch, und ſank dann mit dem lauten und graͤßlichen Tone er⸗ ſtickender Vernichtung in ſich zuruͤck. Ich wendete mich und floh uͤber die Gefahr drohenden Truͤmmer, und von ihnen hinweg. Reißend und weit war mein Lauf. Ich weilte nicht bei den Schaaren, die das offne Feld gewonnen hatten, und ſich nun auf ihre Kniee, auf ihr Geſicht, in allen Stellungen des Schreckens, der Angſt und des Gebets, niedergeworfen hatten. Ich blieb nicht bei Denen ſtehen, die, in thoͤ⸗ richter Sehnſucht mit ihrer Furcht kaͤmpfend, ihre blaſſen Geſichter auf ihre vernichteten Hoffnungen zu⸗ ruͤckwendeten. Nicht dachte ich daran, einem menſchlichen We⸗ ſen zu helfen:— das ſchien mir zugleich vergebliche und kecke Anmaßung. Eben ſo leicht koͤnnte Einer hoffen, Lazarus Hand zu beruͤhren, der in Abrahams — —— B ———y— 103 Schvoos ſitzt, als ſelbſt dem Guten zu helfen, zu die⸗ nen, ihm zu nahen, oder das Loos des Verderbens zu wenden von dem Suͤnder. Und doch hatte ein ganz anderer, augenblicklicher Antrieb mich veranlaßt, das Kind aufzuheben, und ich druͤckte es noch dicht an mein klopfendes Herz. Vorwaͤrts, vorwaͤrts floh ich, bis ich mich ſelbſt, in ſchneller und doch zoͤgernder Bangig⸗ keit unter dem hohen Mittelbogen der Liſſaboner Waſ⸗ ſerleitung hindurch eilend, allein, allein an dem Ufer eines klaren friſchen Baͤchleins wieder fand, das mit freundlichem Murmeln ſanft uͤber ſein felſiges Bett floß, und, im Sonnenſtrahle glaͤnzend, die Wurzeln der Blumen waͤſſerte, uͤber deren Honigkelchen fleißige Bienen ſummten. Hier warf ich mich nieder in das Gras. Ich konnte Gott nicht danken oder ihn preiſen, oder ihn anflehen, aber es war mir als ob ich Sicherheit in dem Anblicke des Waſſers und der Blumen, und Gefaͤhr⸗ ten in dieſen ſuͤßen Naturtoͤnen ſuche und faͤnde. Auf der Stadt lag das Verderben; aber hier, hier ſollte auch ich gerettet werden, ſeys auch nur um der Bienen willen. Kaum war ich bei dieſen Gedanken etwas wieder zu mir ſelbſt gekommen, und hatte meine kleine Buͤrde auf den Raſen neben mich gelegt, als meine Auf⸗ merkſamkeit durch eine feierliche Stimme gefeſſelt ward, die in einer unbekannten, rauhen Sprache aufs eifrigſte und gluͤhendſte betete und Gott dankte. Ich ſah um mich, konnte aber Anfangs niemand entdecken, endlich aber bemerkte ich, in einer verborgenen Stelle hinter einigen Myrthenbuͤſchen, eine ſeltſame, abſto⸗ Fende Geſtalt.— Ein bejahrter Mann, mit einem wirren, ſchmu⸗ zigrothen Barte, einem ſchielenden, wilden Blicke und triefenden Augen, ſaß dort und murmelte Worte ohne Zuſammenhang vor ſich hin, und neigte dann und wann den Kopf nach vorn und beruͤhrte mit der Stirn den Boden. Eine ausgeldͤſchte große Kerze lag neben ihm. Er trug eine hohe Muͤtze, wie die eines Biſchofs, und ein weites hellgelbes Gewand. Flammen, Teufel und Fratzen von jeder Art, wie die ſchwaͤrzeſte Phantaſie ſie nur erdenken konnte, waren auf eine unfoͤrmliche Art darauf gemahlt, in der Mitte aber ein abgehauener Kopf unter brennen⸗ den Reisbuͤndeln vorgeſtellt. Als ich mich bewegte, ſchreckte er auf. Er ermannte ſich, ergriff die Kerze neben ſich wie eine Waffe, und ſtand ploͤtzlich auf, aber von Schwaͤche uͤbermannt ſiel er zuruͤck. Doch rief er mit lauter Stimme:„Ha! folgt Ihr mir mit eurer Chriſtenrache bis hieher? Moͤge der Gott Jakobs euch verſchlingen in ſeinem Zorne„— ich habe nicht gekniet und euer goldenes Kalb ange⸗ betet. Mit Sadrach, Meſach und Abednego bin ich getreu geblieben. Ihr wolltet mich ſchleudern in euern brennenden Feuerofen, doch, ſeht! ich bin be⸗ freit worden aus euern Hinden.„ Ich nahte mich ihm mit freundlicher Beſorgniß. „Zuruͤck,“ rief er,„zuruͤck, ſage ich! zuruͤck in ZFeuer brennendes Sodom,— ja, der Herr mein Gott wird Euch zerſtoͤren und Feuer regnen laſſen vom Himmel auf eure Haͤupter. Ich bin kein Feind.— Ich moͤchte Dich gern retten, Dir helfen. „Biſt Du ein Chriſt?“ Ja. „Dann biſt Du mir gleich den Philiſtern und Cananitern. Ich ſpeie meinen Haß gegen Dich aus, und wenn er mir auch Tod braͤchte und Verderben. Ungluͤcklicher Mann, ich bemitleide Dich von Grund meiner Seele. Vertraue mir. Du kannſt es; ich bin ein Englaͤnder. „„Ach,“ ſagte der Ungluͤckliche mit langdauerndem Ausrufe und zweifelndem Blicke:„Ein Englaͤnder! Ich habe mein Volk Gutes ſagen hoͤren von dem eltern. Ihr zieht uns nicht bei den Baͤrten, Ihr verbrennt uns nicht und ſingt eure Hymnen dazu, wenn wir in unſerer Todesangſt jammern. Aber Ihr ſeyd auch Chriſten,— wie ſoll,— wie kann ich Euch trauen? Du wirſt von hier fortgehen, läͤcheln, und dem geſchornen Moͤnche ſagen: dort iſt ein juͤ⸗ diſcher Hund in jener Hoͤhle, geh, und hole ihn wie⸗ der zum Roͤſten, geh und hole den alten juͤdiſchen Hund, und laß uns zuſehn, wie er ſchmort.— Ja, ja, das mußt Du thun, das wirſt Du thun. Und ſie 1 werden wieder dieſe Kerze anzuͤnden, und ſie mir in —— 106 —, die Hand geben, und mich zwingen damit meinen ei⸗ genen Scheiterhaufen anzuzuͤnden. Ach die Chriſten! die Chriſten! Sie haben kein Mitleid im Herzen.“ Alles dies hatte ihn aufs hoͤchſte angegriffen und. erſchuͤttert; nach langem Zureden brachte ich es aber doch dahin, daß er auf mich hoͤrte und mir traute. Ich zog ihm ſeine Kleidung aus, welche ihn ver⸗ rathen haben wuͤrde, brach die Spitze von ſeiner ho⸗ hen Muͤtze ab, wand mein Halstuch um ſeine bren⸗ nende Schlaͤfe, und theilte die Kleider, welche ich an⸗ hatte, mit ihm. Gluͤcklicherweiſe war ich, nach der Sitte der Jahreszeit und des Landes, an dieſem Mor⸗ gen in einem weiten Mantel ausgegangen. Ich hatte ihn mit einem Haken am Halſe befeſtigt, ſo daß er waͤhrend des ganzen fuͤrchterlichen Auftritts und mei⸗„ ner Flucht, um mich gehangen hatte, ohne daß ich es ſelbſt gewußt. Nun bedeckte ich ſchnell den alten. Mann damit, der ruhig Alles mit ſich geſchehen ließ, und deſſen unwillkuͤhrliche Thraͤnen mir dabei warm auf die Hand ſielen. Ich holte Waſſer in meinem Hute, und gab ihm zu trinken, wuſch dann ſein ha⸗ 3 geres, unreinliches Geſicht, und zog ihm meine Schuhe an ſeine blutende Fuͤße. 8 Doch jetzt ſing das kleine Kind laut zu ſchreien an, und ich eilte zu der Stelle zuruͤck, wohin ich es gelegt hatte, nahm es in die Hoͤhe und ging dann wieder damit zu dem armen Juden, an de deſen S Seite ich mich ſetzte. f 107 Sobald er das Geſicht und die Windeln des Kindes geſehen hatte, ſchrie er auf: „Ha! dies iſt ein Kind meines Volks, meines Ge⸗ ſchlechts, ein hebraͤiſcher Sproͤßling. Jetzt ſey mir geſegnet, junger Wann; Du haſt zwei Mitglieder des auserwaͤhlten Stammes gerettet. Der Gott Abra⸗ hams wird Dir gewiß dafuͤr lohnen.“ Ich hatte nicht bemerkt, daß dieſes Kind von juͤ⸗ diſchen Eltern ſey, und erzaͤhlte ihm, wie deſſen Mut⸗ ter umgekommen. Er betrachtete das Kind genauer, und nachdem er ein Kleinod an deſſen Halſe ent⸗ deckt und mit ſorgfaͤltiger aber unruhiger Aufmerk⸗ ſamkeit unterſucht hatte, ſtieß er einen tiefen Seuf⸗ zer aus, und ſagte: „Es iſt meine Tochter Rahel— meine holde Tochter— die erſchlagen worden iſt in der Stadt. Sie der ſchoͤnſte Zweig meines ganzen Hauſes: ſie, die wie ein glaͤnzender Pfeiler war im Tempel, ſie iſt geſtie⸗ gen hinab in das Grab, vor mir, der ſie gezeugt hat; gegangen dahin, wo die Gottloſen aufhoͤren mit ih⸗ ren Qualen.“ Und er nahm den Knaben von mei⸗ nen Armen, und druͤckte ihn innig an ſeine Bruſt, und ſein wirrer Bart ſiel freundlich und ſchmeichelnd uͤber denſelben, und der Knabe war ſtill. Bald darauf durchdrang der laute Schrei eines Weibes die ruhige Luft, und ein Maͤdchen, mit auf⸗ geloͤſtem Haar und zerrißnem Gewand, und ofnem Buſen und emporgehobnem Haupte und Wangen, blaͤſſer als der Tod, eilte an uns mit der Schnelle 108—; des Schreckens voruͤber, und ein Mann, ein Mann verfolgte es. 4 Ich ſtuͤrzte mich ihm entgegen wie der erzuͤrnte Loͤwe, aber er kehrte ſich nicht daran. Mit Heftig⸗ keit und außerordentlicher Kraft ſtieß er mich von ſich weg, und eilte ſeinem furchtſamen jungfraͤulichen Raube nach. Eiligſt folgte ich, ſtolperte aber, fiel, und ward ſelbſt nun von einem Haufen Naͤuber angegriffen, die, nachdem ſte mich durchſucht und mir Uhr und Ringe abgenommen hatten, mich mit Haͤnden und Fuͤßen an einen Baum in der Naͤhe banden, mir den Mund verſtopften, und ſich nun unter den Schatten des Baumes lagerten, um die anſehnliche Beute, wel⸗ che ſie gemacht hatten, zu theilen. Vorher jedoch that I jeder einen langen vollen Zug aus einem Wein⸗ ſchlauche, den ſie mit einer Art jubelnder Bewegung ergriffen und druͤckten. Der Naͤuber, welcher das Maͤdchen verfolgt hatte, kam ehe die Theilung begann, mit einem blutigen Meſſer und einem finſtern, haͤmiſchen Laͤcheln auch wieder zuruͤck.. „Die wird nie eines Mannes Frau werden,“ ſagte er und wiſchte ſein Meſſer an dem lockern Ende des Weinſchlauchs ab, worauf er in wilder heißhungriger Haſt ſich ein Stuͤck ſchlechten gelben Brotes abſchnitt. „Was haſt Du denn mit ihr angefangen, Ja⸗ kob? — 109 Ich habe ihr die Kehle abgeſchnitten. „Ey, ey, da haſt Du Dir ſelbſt im Lichte ge⸗ ſtanden,“ ſagte ein Dritter. Oh, ſie machte mir gar zu viel umſände. „Nun, ſo haſt Du eine arme junge unſchuldige Dirne vor der Zeit in den Himmel geſchickt.“ So viel ich weiß, nur zum Teufel; da hat er wenigſtens vor der Hand ein Maͤdchen ſtatt meiner. Nun ſchritten ſie mit Fluchen und Laͤrmen voll wilder Luſt zur Vertheilung des Geldes und der Sachen, die ſie geraubt hatten, und zogen deshalb Looſe aus einem alten Hut ohne Kraͤmpen. Hernach verſchwanden zwei von ihnen, kamen aber bald wie⸗ der und brachten einen groͤßern Weinſchlauch, und den zerbrochnen Boden eines gemeinen braunirdnen Krugs, einen bloßen Scherben, als Trinkgefaͤß mit, voraus ſie denn nun fortfuhren in vollen Zuͤgen zu zechen. Sie trugen kurze weite Leinwand⸗ Beinkleider voll Theerflecke, und blaue Jacken, mit Ausnahme jedoch des Raubmoͤrders, uͤber deſſen breite herkuli⸗ ſche Schultern eine wollne blau und weiß geſtreifte Jacke oder Weſte hing, wie ſie die Seeleute tragen, und welche den Wuchs genau ſehen laͤßt. Dieſer war in der That rieſenhaft. Die Bruſt war halb offen und rauh, ein Auge halb geſchloſſen, und das andre mit dem wilden Blicke ausgelernter Bosheit um⸗ herſchauend. Sein Nacken glich dem eines Stiers, ſein ſchwarzes verwirrtes, ſchmuziges Haar, ſein rother, ſtar⸗ 110 ker Bart und eine Zahnluͤcke in der Mitte des Mundes gaben ſeinem Laͤcheln einen unausſprechlich furchtbaren Ausdruck. Deutlich ſah man, daß Alle zu einer geſetzlo⸗ „ſen Bande gehoͤrten, und wahrſcheinlich lebenslang Bukaniers oder Seeraͤuber geweſen waren. Es war ſchaudervoll, ſie uͤber das Erdbeben ſcherzen und das Wanken des feſten Bodens mit der Bewegung ihres Schiffs vergleichen zu hoͤren. Sie ſangen Bruchſtuͤcke aus alten Liedern, z. B. Spielt, Bettler, ſpielt, Heut wird was erzielt. Der Chor eines andern klang, wie ich mich noch vollkommen erinnere, ſo: Trinkt die Flaſche leer, Kümmert uns nichts mehr, Mag die Welt gehn wie's ihr beliebt, Donnre Himmel doch, Heule Hölle noch, Wenns nur noch Wein in der Flaſche giebt. Nie werde ich dieſen ſchrecklichen Auftritt ver⸗ geſſen! So fuhren ſie fort tuͤchtig und ohne Unter⸗ laß zu zechen. Endlich wurden ihre Augen matt, ſchwer, unſtaͤt, Einer nach dem Andern ſank in Schlaf, 3 und ſo lagen ſie auf dem Boden in den widerli⸗ chen Stellungen trunkner Schlaͤfer, laut ſchnarchend. Es gelang mir endlich durch angeſtrengte Be⸗ muͤhung einen Arm frei zu machen, und dann den andern. Ich konnte auch ein Meſſer erlangen, das ſie unweit des Baumes hingeworfen hatte, und 111 durchſchnitt nun zuerſt den Strick um meine Huͤf⸗ ten, und dann die Banden an den Fuͤßen. Nun ſchlich ich mich leiſe fort, und ſuchte das arme Maͤd⸗ chen auf. Aber ich fand ſie als einen Leichnam keine Huͤlfe konnte mehr retten. Ich eilte von dem traurigen Anblicke hinweg. Zum Ufer des Baches flog ich nun, wo ich den Juden mit dem Kinde ge⸗ laſſen hatte,— keine Spur von ihnen. Obſchon der Schauder, womit ich auf die Ver⸗ worfnen, denen ich nur eben entgangen war, geſehen und ſie gehoͤrt, mich tief durchdrungen, ſo hatte die⸗ ſer Auftritt doch auch in ſeiner Graͤßlichkeit mir Unwillen und Ekel erregt, und dadurch meinem Geiſte einige Spannkraft wieder mitgetheilt. Agathe!— der Graf!— Jetzt dachte ich an Beide. Beſonders aber an ſie. Mein ganzes Herz war von Furcht und Schrecken zerriſſen. Ich eilte in die Stadt, oder vielmehr zu deren Truͤmmern, zuruͤck, bei Tauſenden ihrer ungluͤcklichen Einwohner voruͤber. Weit von ferne ſtanden, oder knieten ſie, oder lagen auf dem Boden. Jammernde Toͤne, in Schmerz gerungene Haͤnde, erſchrockne und beſtuͤrzte Kinder, Muͤtter im dumpfen Jammer, Maͤn⸗ ner in der Raſerei der Verzweiflung, das ſah, das hoͤrte ich. Auf den in Truͤmmern liegenden Markt⸗ platz begab ich mich. Flammen ſtiegen von allen Seiten empor, hier in breiten Maſſen, dort in duͤn⸗ nen, leckenden Zungen, alle bleich ſo wie die Sonne ſie hellglaͤnzend wieder beſchien. Straßen gab es 11² nicht mehr. Haufen, kegelföͤrmige oder breitere Hau⸗ fen von Steinen, Ziegeln und Gerdͤll. Hier halbe Haͤuſer die dem Tageslichte ihre Zimmer offen zeig⸗ ten, dort Theile von Kirchen mit ihren reich ge⸗ ſchmuͤckten Altaͤren, von den goldenen Sonnenſtrah⸗ len beſchaͤmt. Nur einige wenige Menſchen, die Liebe oder Geiz, Tugend oder Laſter dazu angetrieben hatte, konnte man unter den ſchwarzen Truͤmmern und den bleichen Flammen, wie die Schatten aus der Hoͤlle des Dante, ſich herumbewegen ſahn. Die kinderloſe Mutter,— den verwaiſeten Liebenden— den wankenden Kranken,— den einſamen chriſtlichen Moͤnch,— den treuen Diener,— und zwiſchen dieſen Redlichen, den kecken Raͤuber,— den blutigen Moͤrder, — den heuchelnden Verfuͤhrer,— den wildaufiauch⸗ zenden Brandſtifter. Menſchen von allen dieſen Ar⸗ ten trieben ſich eifrig oder vermeſſen unter den ein⸗ geſtuͤrzten Haͤuſern und den Todten, und mitten un⸗ ter den huͤlflos ſtoͤhnenden Verwundeten umher. Noch erinnere ich mich genau, daß ich bei dem Schauſpiel⸗ hauſe vorbei kam. Die eine Haͤlfte davon war ein⸗ geſtuͤrgzt, die andere ſtand gaͤnzlich offen, und eine bleiche Flamme lekte eben noch an der prachtvollen Dekoration eines Feſtſaals, die auf der verlaßnen Buͤhne heruntergelaſſen war. Wenn ich jetzt noch ſo daran denke, kommt es mir wie ein ſchaudervolles, neckendes Gemaͤlde vor, das eine zweigeſtaltete Per⸗ ſon darſtellt; auf der einen Seite eine reich geklei⸗ dete 6 1 —.— 113 dete Dame in aller Schoͤnheit, auf der andern ein Skelett in ſeiner ganzen Haͤßlichkeit. Fort wanderte ich nun, ſchneller, wilder, in⸗ nerlich ſchaudernd, aber nicht mehr fuͤrchtend. End⸗ lich kam ich an eine Stelle, wo ich Engliſch ſprechen hoͤrte, und eine Anzahl Matroſen damit beſchaͤftigt fand, der Flamme zu wehren, die ſich eben einem großen und anſehnlichen Vorrathshauſe nahte. Un⸗ ter ihnen erkannte ich bald den jungen Howard, der ſie voll Thaͤtigkeit anfuͤhrte. Er ſtaunte, als ich ihn rief, und begruͤßte mich mit der herzlichſten und groͤß⸗ ten Freude. An demſelben Tage, wo ich das Schiff verlaſſen, war er abgeſegelt, und erſt geſtern Abends wieder auf dem Fluſſe angekommen. Man hatte ihn im Dienſt, vier Stunden nach dem Erd⸗ ſtoße, der die Stadt zerſtoͤrt, an die Kuͤſte geſchickt. Hier hatte er mich geſucht, und nach den Antwor⸗ ten, die er vernommen, fuͤr eins der Schlachtopfer gehalten. Ich erfuhr von ihm, daß mein trefflicher Wirth, der alte Graf, getoͤdtet worden, Vater Anto⸗ nio aber entkommen ſey. Er zeigte mir den naͤchſten und ſicherſten Weg zu der Straße, welche ich ſuchte, und die ich ohne ihn nicht gefunden haben wuͤrde. Da⸗ hin eilte ich nun, um Erkundigungen uͤber Agathe einzuziehen. Sie lebte, und war von Vater Antonio in ein Nonnenkloſter nach Belem gebracht worden. Ihr Gemahl, der Fuͤrſt, befand ſich unter den Todten.. Und mußte es hier, mußte es in einem ſolchen I. H —— Augenblicke,— mitten unter ſo vielen brennenden Wohnſtaͤtten der Unſchuld und des Friedens,— mit⸗ ten unter ſo vielen verlaſſenen Lagern ſchuldvoller Neigung,— mitten unter den Todten und Sterben⸗ den,— den Jammernden und Wahnſinnigen,— wo Tauſende noch lebten in aͤngſtlicher Furcht, wie zit⸗ ternde Espen, ob nicht ein neuer Erdſtoß komme, der Alles vollends begrabe;— mußte es hier und jetzt ſeyn, daß der Gedanke, mich mit Agathen zu vermaͤhlen, ſie zu beſitzen, in einem Herzen aufſtieg, das noch am Morgen dieſes Tages voll Verzweiflung faſt gebrochen war, als gaͤhne der Abgrund der Hoͤlle ſchon herauf, um es zu verſchlingen, und dann wie⸗ der voll Dank geſchlagen hatte, fuͤr des Lebens wun⸗ dervolle Rettung, und voll Unwillen gegluͤht bei dem mordenden Wohuͤſtling und dem ſchimpflichen Trun⸗ kenbolde? Aber es war ſo. Ich floh in das Kloſter nach Belem,— eine Unterredung ward mir aber natuͤrlich nicht verſtattet. Nun begab ich mich in das der weißen Bruͤder. Vater Antonio trat eben aus dem Thor. Er veranlaßte mich, ſogleich wieder mit ihm nach der Stadt umzukehren, und alle unſere Kraͤfte zur Huͤlfe fuͤr die Nothleidenden und die Pflichten des Mitleids zu verwenden. So ruhten wir drei Tage und Naͤchte nicht. Ein ſchnell eingenommenes Mahl im Refectorio, einige Stunden unterbrochenen Schlafs auf der Bank in ſeiner Zelle, und dann wie⸗ der an die Arbeit zuruͤck. Der ruhige, ſchwache — 115 Moͤnch war voll Staͤrke und Thaͤtigkeit. Ich war nur paſſiv nuͤtzlich, wunderte mich aber mit innerer Zufriedenheit ſelbſt daruͤber, daß ich zu zweckmaͤßiger Huͤlfe gezwungen und angeleitet ward. Vergebens wuͤrde ich ein Gemaͤhlde von allen dem, was ich ſah, verſuchen. Ich erinnere mich noch, daß ich Zeuge der Hinrichtung von zweien jener trunkenen Naͤuber war, die mich an den Baum gebunden hatten. Ein Haufen Matroſen unter Anfuͤhrung des jungen Ho⸗ ward hatte ſie ergriffen und in die Stadt gebracht, wo ſie auf Befehl der Behoͤrden ſogleich gehaͤngt wurden. Gleiches geſchah einer Menge anderer Boͤ⸗ ſewichter. Leider war der Moͤrder des jungen Maͤd⸗ chens nicht mit dabei. Nach und nach ward die Ordnung wieder her⸗ geſtellt, die Feuerbruͤnſte wurden geloͤſcht, man ſtellte Wachen an die Truͤmmer, die Eigenthuͤmer nahmen das ihre wieder in Obacht, Arbeiter aller Art waren mit Wiederherſtellungen beſchaͤftigt, die Vorſtadt aber blieb noch ein weites wildes Feld des Schreckens und der Verwuͤſtung. Im Zwielicht des Abends, nach vier Tagen, war es, als mir, wie ich allein nach Belem zuruͤckging, ein Mann in einem weiten Mantel mit einem brei⸗ ten heruntergeſchlagenen Hute entgegentrat, mich beim Ermel zupfte und in ein einſames zerſtoͤrtes Haus einzutreten bat. Ich zoͤgerte, folgte ihm aber endlich, da das Dringende ſeines Benehmens mir freundlich ſchien, dennoch nach. Kaum waren wir H 2 116 außer aller Gefahr geſehn und geſtoͤrt zu werden, als der Fremde ſeinen Mantel aufſchlug, den Hut abnahm, und ſich mir als den vom Scheiterhaufen geretteten Juden entdeckte. Eiligſt ſprach er zu mir:„Ich ſegle dieſe Nacht aus den Laͤndern der Chriſten fort. Du— Du biſt kein Chriſt. Ich komme zu Dir mit Schaͤtzen, Schaͤz⸗ zen wie ſie mir Gott gegeben hat. Es iſt das Ver⸗ moͤgen von Moͤnchen und Inquiſitoren. Ich allein entdeckte den Ort, wo Alles verborgen lag. Es iſt jetzt mein und Dein. Denn ich ſchwor es dem Gotte meiner Vaͤter, daß ich es mit meinem Befreier thei⸗ len wolle. Verrathe den, der Dir es gibt, nie einem Sterblichen.“ und damit gab er mir ein kleines Kaͤſtchen in die Haͤnde, beugte ſein Haupt daruͤber, hob es wieder empor, wendete ſich ploͤtzlich um und verſchwand. Ich war beſtuͤrzt und verlegen. Was ſollte ich mit dem ſonderbaren Geſchenke anfangen? War es ehrlich gehandelt, wenn ichs behielt? Gab es eine Moglichkeit, es zu verbergen? Ich ſah ein, daß mein Rang und meine Lage dieß nicht ſchwer machen wuͤr⸗ den. Auf mich konnte kein Verdacht eines Raubes fallen. War es aber denn auch ein Raub? Ein Schatz, den die Inquiſttion geſammelt hatte, der Ort, wo er verborgen gelegen, von einem Manne entdeckt, der unter ihren Martern gejammert hatte, und ihrer letzten Gunſt, dem Tode in Flammen, nur durch ein Wunder entgangen war. Er war gewiß kein Naͤu⸗ — 117 ber, was fuͤr Bedenklichkeiten auch ich noch haben konnte und ſollte. Ich eilte nach Hauſe. Die Zelle des guten Vaters war leer, bloß eine kleine eiſerne Lampe brannte ſchwach in dem ungeſchmuͤckten Ge⸗ mache, und dieſe hing gerade uͤber einem großen Kruzifixe. Der dicke, tropfende Docht hing oben von dem ſchwarzen Rande derſelben heraus uͤber das blaſſe, blutige, von der Dornen⸗Krone zerſtochene Haupt. Ich ſtieg auf den hoͤlzernen Stuhl und oͤffnete mein Käſtchen. Diamanten vom reinſten Waſſer ſchimmerten unter dem blaſſen Lichte, und ſtrahlten es in tauſendfachem Glanze zuruͤck. Konnte mein jugendliches Herz durch ein ſo elen⸗ des Ding, wie Reichthum iſt, verfuͤhrt werden? Und ein Reichthum, der heimlich erworben, heimlich be⸗ wahrt nur mit ſteter Furcht genoſſen werden konnte Und ich— dem es auf der Erde an nichts mangelte, der eine wohlgefuͤllte Boͤrſe und einen freigebigen Vater hatte! Wozu bedurfte ich des Geldes? Aber der Teufel fluͤſterte mir etwas ein, von Mangel an eigner Kraft, von etwas, das meine Selbſtſtaͤndig⸗ keit vermehren koͤnne. Selbſt liebende Eltern kon⸗ nen nicht die Handlungen eines vermoͤgenden Man⸗ nes beſchraͤnken. Ich moͤchte mich nun verheira⸗ then, oder weiter ziehn, niemand koͤnne Nein zu mir ſagen. Ich ergriff die glaͤnzende Lockung und verwahrte ſie in meinem Buſen. Nur ein paar kurze Wochen noch, dachte ich, und Agathe kann doch 118 die Meine ſeyn, ſchuldlos, ehrenvoll! Ich will dieſe Zeit hindurch ſuͤßen Traͤnmen von meinem kuͤnftigen Gluͤcke nachhangen. Das Schrecken des Erdbebens war voruͤber,— es hatte einen verbrecheriſchen Einfluß auf mich gehabt, wenn ich darauf zuruͤckblickte. Ich glaubte nun, daß man das kurze, ungewiſſe Leben ohne langes Bedenken genießen muͤſſe, daß man, wo auch nur immer der guͤtige Himmel zu winken ſcheine, die Freuden aufzuſuchen und zu ergreifen habe. In einer ſolchen Gemuͤthsſtimmung ſaß ich, et⸗ wa vierzehn Tage nach der Zerſtoͤrung des ſchoͤnen Liſſabon, in der Geſellſchaft eines unſrer Engliſchen Kaufleute, deſſen ganzes Vermoͤgen bei dieſem trau⸗ rigen Falle, der ſo Viele ins Ungluͤck ſtuͤrzte, geret⸗ tet worden war. Er hatte wahre Großmuth gegen die minder Gluͤcklichen und gegen alle arme Noth⸗ leidende in den erſten Tagen des Elends bewieſen; doch jetzt, wo ſchon einige Zeit verſtrichen war, hatte die Gewohnheit, dieſe zweite Natur, wieder ſeinen Tiſch mit den ausgeſuchteſten Speiſen beſetzt. Die Saucen, die Weine, die Fruͤchte waren wie gewoͤhn⸗ lich die auserleſenſten; die vom Jammer geſandten Gaͤſte waren mit anderen Wohnungen verſehen wor⸗ den, oder von dem traurigen Schauplatze ihres Ver⸗ luſts hinweggeſegelt; die armen Einwohner, die er in der That reichlich unterſtuͤtzt hatte, hatten ſich auch endlich von Thuͤr und Fenſter bei ihm verloren, 119 und ſo befanden ſich denn wieder nur die wenigen Auserkornen in ſeiner Naͤhe. Alles was wieder Muth machen, was Freude verſprechen konnte, war willkommen. Er hatte mich mit einem laͤchelnden Ge⸗ ſichte geſehen, und mich daher zu Tiſche gebeten. Ich erinnere mich an dieſe Parthie noch ſehr wohl. Der anerkannte Matador dabei, der Mann, der uns Alle unterhalten ſollte, ſaß an der Spitze der Tafel; vor ihm ſtand das ausgeſuchteſte Gericht, ein„Din- don farci aux truffles,“ und er bekam das erſte Glas aus jeder neu entſtoͤpſelten Champagnerflaſche. Es war Herr Beauregard, ein Franzoͤſiſcher Edelmann zwiſchen 50 und 60 Jahren. Ein hungriges Skelett von einem Manne, mit eingefallenen bleichen Wan⸗ gen, einer ungeheuern Habichtsnaſe, mit Schnupfta⸗ back ausgeſtopft, und dadurch in ihren unwillkuͤhrli⸗ chen Ergießungen fuͤr das Auge im hoͤchſten Grade beleidigend. In Liſſabon waͤhrend des Erdbebens geweſen zu ſeyn, es uͤberlebt zu haben, und daraus nun fuͤr ſeine ganze Lebenszeit einen Gegenſtand der Unter⸗ haltung machen zu koͤnnen, war etwas, das ihn au⸗ ßer ſich ſelbſt zu ſetzen ſchien. Jetzt wollte er nun im vollen Ernſte die Urſache dieſer Erſchuͤtterung aus einander ſetzen, und brachte da alle Arten von entzuͤndbarer Luft vor,— ſchwefelartige Mineralien, — horizontale Lager,— perpendikulaire Riſſe,— Erdbraͤnde,— Durchſeigungen von Waſſer,— Ent⸗ zuͤndung,— Entſtehen von hoͤchſt verduͤnnter Luft u. ſ. w., und ſchloß mit der Bemerkung, daß er den Erdſtoß erwartet, und genau voraus geſehen habe, daß er nun gluͤcklich voruͤber ſey, ſehr wohlthaͤtig wirken werde, und wir auf lange Zeit ſicher vor etwas Aehnlichem waͤren. Der gut gelaunte Wirth hoͤrte mit großer Aufmerkſamkeit deſſen Reden, und der letzten Verſicherung mit beſonderm Vergnuͤgen zu, indem er ausrief:„Ja, ja, mein Lieber, Sie haben vollkommen Recht, das iſt ja ganz deutlich.— Bea⸗ voir, geben Sie den Wein her.— Beauregard, auf Ihre Geſundheit!“ und zugleich ſchluͤrfte er ein Glas Clairet mit wahrer Trinkerluſt hinunter. Nun zog Beauregard wieder ſein ſcheußliches Schnupftuch hervor, breitete es mit beiden Haͤnden aus, hielt inne, ehe er trompete, und ließ einen leich⸗ ten Scherz uͤber die Prieſter, oder eine luſtige Zwei⸗ deutigkeit fliegen, worauf er denn ſein ganzes Ge⸗ ſicht in das ſchmuzige Tuch huͤllte, um ſein jubeln⸗ des Laͤcheln zu verbergen, wie Alles laut auflachte uͤber ſeine Reden, und ihm mit der ungenirten Vertraulichkeit zutrank, die zu einem ſolchen Auf⸗ tritte gehoͤrt. Und nun ſang er— dieſer alte Mann— ſang ein Franzoͤſiſches Trinklied, etwas von Liebe und Wein, und dem Wunſche ſeines Herzens, ſein Leben zwiſchen beiden zu theilen, er, eine klapperduͤrre Ge⸗ ſtalt, und eine ſchmale blaue Lippe fuͤr den Kuß der Venus und den Becher des Bachus!— Aber ich war eben ſo ſtrafbar als er. Ich trank und lachte 2 121 uͤber ihn und mit ihm, beſtritt, ſo viel ich mich erinnere, einige Brocken, die er uͤber Materialismus von ſich gab, und glaubte recht wohl daran zu thun, ja daß ich ihn, weil er hoͤflich laͤchelte, beſtegt habe. An ſeiner Seite ſaß ein junger Mann, deſſen Blick, Art und Stimme ſehr anziehend waren. Er hatte offenbar Anſichten und vertheidigte Grund⸗ ſaͤtze, die jedem unter uns ſehr fremd und voll finſtern, ſchwermuͤthigen Irrthums waren. Er konnte die letztvergangenen fuͤrchterlichen Ungluͤcks⸗ faͤlle und die Leiden ſo vieler unſchuldiger Weſen nicht mit Gottes Guͤte, oder vielmehr mit Gottes Allmacht reimen. So viel ich noch weiß, entgegnete ich ihm, daß, da Mannsalter und Kraft, Jugend und Schoͤnheit, Kindheit und Unſchuld, wie uns Al⸗ len wohl bekannt, taͤglich und in jedem Erdtheile durch ſchnellen und in ſo fern vorzeitigen Tod ab⸗ gemaͤht wuͤrden, dieſelbe Thatſache ſo vieler einzel⸗ nen Schlaͤge des Schickſals, wenn ſie auf eine ſeltne Weiſe in einen ſo kurzen Zeitraum gedraͤngt wer⸗ de, nichts gegen die Guͤte des maͤchtigen und gna⸗ denvollen Weſens beweiſen koͤnne, das allen Men⸗ ſchen einmal den Tod und den abgeſchiedenen See⸗ len ewige Wohnungen beſtimmt habe. Der junge Fremde laͤchelte mir zu, zwar trau⸗ rig, aber doch anmuthsvoll. Der Abend endete, wie es an allen aͤhnlichen zu geſchehen pflegt, mit Ueberfüͤl⸗ lung, Doppelſehen, und trunkner Schlaͤfrigkeit; ich hatte aber ſehr wenig gethan, und dieſer junge Mann, * faſt gar nicht getrunken. Wir gingen alſo zuſammen nach Hauſe. 1 Auf dem Platze vor dem Kloſter der weißen Bruͤ⸗ der in Belem, deſſen mit reichem Bildhauerwerk und hohen Spitzbogen geſchmuͤckte Fagade einen tie⸗ fen Schatten auf den vom Mond erhellten Boden warf, ſchieden wir. Er nahm meine Hand, hob ſie in der ſeinen hoch empor, und zeigte auf einen ent⸗ fernten matt blinkenden Stern. „Mein Geſchick,“ rief er aus,„iſt mit jenem blaſ⸗ ſen Planeten verknuͤpft.— Mein Lauf wird bald voruͤber ſeyn.— Schickſal! ſinſtres Schickſal! Ich bin an die heiligen Orte gewandert, ich habe den Him⸗ mel mit Gebeten beſtuͤrmt, aber die Maͤchte der Hoͤlle ſind ſtaͤrker.— Ich habe ihren finſtern Dienſt ſtets gehaßt,— ich habe getanzt und bis zur Tollheit ge⸗ ſchwaͤrmt, aber immer klangen ihre Ketten mir ins Ohr, und das Eiſen fraß an meiner Seele. Lebt wohl, junger Fremdling! Der Himmel gebe Euch eine gluͤcklichere Laufbahn. Moͤge euer aufſteigen⸗ der Stern hell leuchten, euer Loos hier Segen und jenſeits der Himmel ſeyn. Aber haltet euern Sinn kraͤftig aufrecht, guͤrtet Euch mit feſtem Entſchluſſe. Ich habe gebetet und geweint, gefaſtet und geſtoͤhnt, lange finſtere Naͤchte hindurch, und gefunden, wenn ich von meinem Wachen aufſtand, wie der Feind mei⸗ ner ſpottete, bereit ſtehend in ſeiner Staͤrke, und mich fortriß zum Verderben.“ 2 —— ———y — „Die Zeit iſt voruͤber, und ich gehe nun ruhig, traurig weiter. Der Krieg der Elemente, Peſt und Schwert ſind fuͤr mich— nicht mehr. Sie koͤnnen meine letzte Stunde nicht beſchleunigen, eben ſo we⸗ nig aber giebt es auch einen ſchuͤtzenden Engelsfluͤgel im Himmel, der mich vor dem Pfeile meines ſiegen⸗ den Feindes ſchirmen koͤnnte.“ Ich wuͤrde ihn durch irgend ein Wort zu troͤ⸗ ſten verſucht haben, aber er eilte ſchnell hinweg, und ließ mich allein mit dem Schatten und dem Mond⸗ ſchein und dem Hauche der Nacht. Ich ſchauderte. Es lag etwas ſo Feierliches in dem melancholiſchen Tone der feſten Ueberzeugung von ſeinem Ungluͤcke. Ich hatte eine Art von ange⸗ nehm einwirkender heiterer Verachtung gegen die Geſinnungen des alten Franzoſen empfunden. Ich hatte tiefen Schrecken gefuͤhlt, als der junge Deutſche Enthuſtaſt die Gnade und Allmacht des Schoͤpfers anzugreifen gewagt hatte. Als er mir aber ſein, aus tiefer Verzweiflung hervorgehendes Vertrauen ſchenkte, fuͤhlte ich mich von Kummer durchdrungen.— Er war gewiß ſeines Verſtands nicht ganz maͤchtig. Dies ſchien mir ſicher, doch hatte ich ihm nicht ohne eigne innere Ergreifung zugehoͤrt. Etwas Furcht miſchte ſich offenbar in meinen Unglauben. Ich ſah zu den Sternen empor, und zog das Gewand uͤber die kalt werdende Bruſt. Ich dachte an den wilden Sturm und die gaͤhnenden Wogen,— an die bebende Erde/ die zuſammenſtuͤrzende Stadt und den Untergang von 21 Tauſenden,— an meine zweimalige Rettung.— War ich vom Geſchick auserwaͤhlt?— Es war doch ſelt⸗ ſam— ſehr ſeltſam. Ich eilte in meine Zelle durch den Kreuzgang ſchnell dahin, damit ich dem dum⸗ pfen Echo meiner Schritte entfliehen moͤchte, legte mich auf mein hartes Lager, griff nach meinem Kaͤſt⸗ chen, vergaß meine Furcht, und ſprach mir ſelbſt von dem Gluͤcke der Zukunft,— von Agathen,— vom Laͤ⸗ cheln der Zaͤrtlichkeit und Schoͤnheit,— von einer Heimath der Seligkeit und Liebe. Als am naͤchſten Morgen die Glocke laͤutete, ſtand ich froͤhlich auf und eilte in das Kloſter, wo ſie ver⸗ weilte, deren Geſtalt mit ſtets gegenwaͤrtig war. Ich hatte das mehrere Tage hinter einander regelmaͤßig gethan. Sehen konnte ich ſie zwar nicht, aber doch vielleicht den Ton ihrer mir ſo wohlbekannten Stimme beim Geſange der Hymnen unterſcheiden. Jeden⸗ falls hatte das bloße Gefuͤhl, daß ich in ihrer Naͤhe war und mit ſtiller Liebe ihr huldigte, fuͤr mich einen zauberiſchen Reiz. Sie gab gewiß nach, ja, ſie gab mit Freuden meinen Wuͤnſchen Gehoͤr, wenn der kurze Zeitraum ihrer Abgeſchiedenheit als Wittwe voruͤber war, und verband dann ihr Schickſal auf ewig mit dem meinigen. Sie wußte, daß ich ſie liebte,— anbetete, wie der Perſer ſeine Sonne anbe⸗ tet. Sie wußte es, und darum ſloh ſie mich noch. Eine magre, runzelige Laienſchweſter aus dem Kloſter naͤherte ſich mir, als ich die Kapelle verließ, und ſchob mir ein verſiegeltes Packet in die Hand. —Q—ᷓ 125 Alles ſtuͤrzte uͤber mich zuſammen. Sie war fort! Wann? In der vergangenen Nacht. Wohin? Nie⸗ mand wußte es, als die Aebtiſſin. Ich wollte dieſe auf der Stelle ſprechen, ſie nahm mich aber nicht an. Ich raſete an dem friedlichen Portale, und rufte laut durch das kalte Gitter in den leeren Sprachſaal. Niemand bemerkte mich, oder ſchien mich zu bemer⸗ ken. Nun fooh ich ans Ufer des Fluſſes. Ein Schif⸗ fer hatte in der Mitte voriger Nacht Perſonen aus dem Kloſter an Bord eines Schiffs ſich begeben ſehen, das an dieſem Morgen mit dem fruͤhſten abgeſegelt war. Wohin, wußte er aber nicht. um dieſelbe Stunde hatten mehrere Schiffe die Anker gelichtet, und man konnte ſie noch an der Muͤndung des Fluſ⸗ ſes ſehen, von wo ſie ſich nach ihren verſchiedenen Beſtimmungen, gleich den weit ſich ausbreitenden Lichtſtrahlen, die in einer dunkeln Nacht von einem Leuchtthurm ausſtroͤmen, trennten. Kein Boot, ſagte der Schiffer, koͤnne jetzt eins derſelben noch erreichen. Ich warf mich auf ein Pferd, ritt eiligſt nach Cintra, und den Berg daſelbſt ſo ſchnell hinan, als das Thier nur laufen konnte. Dann ſprang ich ab, klimmte angeſtrengt auf die hoͤchſte kahle Felſenſpitze, und beobachtete alle dieſe weiße Segel, ohne zu wiſ⸗ ſen warum, oder auf welches ich ſehen ſollte, bis der Vorhang der Nacht uͤber die ſchwindende Szene meiner vorgeſpiegelten Hoffnung ſank. Dann trat ich ins Kloſter und bat um Aufnahme. Die geſchwaͤtzi⸗ gen, pedantiſchen alten Moͤnche hatten keinen Sinn fuͤr einen ſo von Leidenſchaft durchtobten Gaſt, noch weniger aber fuͤr ſeine Unterhaltung, ſo daß man mich mit einem Brote, Waſſerkruge, Kruzifixe und einer Lampe bald allein ließ. Run öͤffnete ich erſt das Siegel an meinem Paͤckchen, welches mir als das einzige uͤberbliebene Band zwiſchen mir und dem entſchwundenen Idole meines Herzens erſchien. Ich fand einen kurzen Brief, und ein ziemlich ausfuͤhrliches Manuſkript darin. Der Brief lautete ſo⸗ „Osman! 5 „Sie lieben mich. Ich kann Ihre Liebe nie erwiedern. Ihre Glut beunruhigt und erſchreckt mich. Nichts reines, nichts friedliches liegt in Ihrer Leidenſchaft. Sie durchbohrt das Herz wie das Ge⸗ ſchrei des Seevogels, lauter und wilder als der Sturm. Ich ſchaue auf Sie mit Innigkeit und Sorge, aber mit Furcht. So fliehe ich denn in ein entferntes Kloſter. Ich wiederhole es Ihnen, ich kann, ich konnte nie Ihre Liebe erwiedern. So lange mein verſtorbener Gemahl lebte, konnte ich um ſei⸗ netwillen mich Ihren Augen nicht entziehen. Ich mußte auf ihre leidenſchaftliche Stimme hoͤren, Ih⸗ ren brennenden Blick ertragen. Oft habe ich im Stillen uͤber den zu langſamen Verfall dieſer unſe⸗ ligen Reize getrauert, die Ihre wilde Leidenſchaft zuerſt aufregten, und mir, ihrer Beſitzerin, ach, nur Schmerz bereitet haben. Der Kontraſt zwiſchen Ih⸗ — 127 rem warmen Gefuͤhle und meines Gemahls kalter Gleichguͤltigkeit war verlockend, ſehr verlockend fuͤr mein Herz. So allein haͤtte Ihre Liebe mich zu al⸗ lem bewegen koͤnnen. Und ſo geſchah es auch; aber in den letzten fuͤrchterlichen Auftritten dieſer Zeit lernte ich wieder mir ſelbſt Rechenſchaft ablegen, mich ſammeln, und ſo kehre ich denn mit vollem und treuem Herzen zu meiner fruͤhſten, meiner einzigen/ meiner kalten aber angebeteten Liebe zuruͤck. »Hoffend und glaubend, daß dieß gewiß alle jene Taͤuſchungen, die in Ihren wachenden Traͤumen mein Bild mit eitlen Wahngeſtalten unerreichbaren Gluͤcks verknuͤpfen, verſcheuchen werde, habe ich meine traurige Lebensgeſchichte in der Beilage fuͤr Sie nie⸗ dergeſchrieben. „Immer werde ich Ihrer denken, und fuͤr Sie beten. Agathe.“ Wieder und immer wieder las ich diefen Brief, und vergoß Zaͤhren darauf. Schien er guch alle Hoff⸗ nung aus meiner Bruſt zu reißen, ſo dachte Agathe ja doch meiner, betete fuͤr mich. Inbruͤnſtig kuͤßte ich dieſe Zeile und ihre Unter⸗ ſchrift, dann oͤffnete ich das Manuſkript und las Folgendes. „In meinem Geburtslande gibt es einen gro⸗ ßen See, welcher Lough Erne genannt wird. Un⸗ 128 3 zaͤhlige Inſeln ſchmuͤcken ſeinen Silberbuſen. Gruͤn treten ſie vor das Auge, und eben ſo auch die ſanft anſteigenden Huͤgel an allen Kuͤſten umher. Als ich dort lebte in der fruͤhſten Kindheit, das geliebte und geliebkoſete Eigenthum einer zaͤrtlichen Mutter; unbekannt und unbekuͤmmert in dieſen Gegenden wohnte, mein kleines Liedchen traͤllerte, wie der Vogel wirbelt oder das Laͤmmchen bloͤkt, aus Ueber⸗ maß von Freude,— da glaubte ich, daß der Himmel ſelbſt ſo ausſehen muͤſſe, wie dieſes ſchoͤne Land, und gute Menſchen in ſich faſſen, wie meine Mutter, und froͤhlich ſingende Kinder gleich mir. Eine einzige Stelle in der ganzen Landſchaft hatte ein Anſehn von Ernſt und Schwermuth. Schon fruͤh fuͤhlte ich eine Art von Beklemmung, wenn ich auf ſie blickte, und dieſe Empfindung wuchs mit mir und gewann Staͤrke aus mancher Erzaͤhlung, die mir meine alte Amme vorſchwatzte. „Dieſes kleine Eiland, Deveniſh genannt, liegt nicht weit von dem Theile des Ufers, wo unſer ſchoͤnes Haus ſtand. Es gewaͤhrte einen todten, duͤ⸗ ſtern und minder erfreulichen Anblick, als alle uͤbri⸗ ge Inſeln des Sees. Das Gras darauf war ſpar⸗ ſamer und niedriger, und hie und da zeigte ſich ſan⸗ diger Boden. Die Ruinen einer ehemaligen Abtey ſtanden mitten auf der einſamen Inſel, und unweit da⸗ von hob ein duͤnner runder Thurm aus alter Zeit ſeine graue Saͤulenform, wie ein Denkmal, das an irgend einen ruhigen aber bleibenden Schmerz erinnert, in die 129 die Hoͤhe. Nahe bei dieſen Ueberbleibſeln war ein großer Kirchhof. Die flachen, durch die Feuchtigkeit ausgewit⸗ terten Grabſteine waren ringsum ſo dicht mit Ge⸗ rank und Neſſeln umſtrickt, daß man kaum einen Namen entziffern konnte. Doch ward der Ort noch zum Begraͤbnißplatze gebraucht, einige alte Iriſche Familien(naͤmlich arme) hielten ihn heilig und hehr, und ich ſah nicht ſelten wenige Trauernde und ei⸗ nen einſamen Prieſter im Boot einen Leichnam hin⸗ uͤberfuͤhren. Schnell ward dann ein Grab gegraben, ſchnell wurden die Gebete fuͤr den Todten geſprochen, und man eilte ſo ſchnell als moͤglich wieder von dort weg, brachte auch wol noch ſpaͤter einen fla⸗ chen Stein, und bedeckte damit das Grab, aber der Regen ſtroͤmte bald darauf nieder, und verwiſchte das armſelige Andenken, die Neſſeln wuchſen empor und daruͤber hin, und ſo vergroͤßerte es nur den duͤſter anzuſchauenden Garten des Todes. Noch gibt es, un⸗ ter dem Unkraute dort, eine ſeltſame alte Reliquie, einen langen engen ſteinerner Sarg, der daſteht ohne Inwohner. Die alten lebendigen Chroniken auf dem Lande ruͤhmen die Eigenſchaften dieſes Ueberbleib⸗ ſels als eines prophetiſchen Pruͤfſteins, woraus man gegenwaͤrtiges und kuͤnftiges Schickſal ergruͤnden koͤnne; und der Legende nach koͤnnen Die, welche es wagen ſich hineinzulegen, ihr kuͤnftiges Wohl oder Wehe, daraus abnehmen ob er fuͤr ſie paßt oder nicht, und nach den Lagen, in welchen ſie ſich darin befinden und wenden. Aber warum verweile ich bei ſolchen I. J 130 Kleinigkeiten und aberglaͤubiſchen Dingen? Warum mahle ich die Inſel Deveniſh ſo genau aus? Weil ich, wie ſchon geſagt, von fruͤh an große Furcht vor derſelben hatte, weil ich, wenn ich ſie anſah, nicht ſo froͤhlich ſingen konnte, als wenn ich anders wohin blickte, weil ſie mir nachher der Zauberaufent⸗ halt, die Laube meiner unſchuldigen Seligkeit, ward, ſpaͤter endlich der traurige Zeuge des Mordes dieſer Seligkeit und der wuͤſte, duͤſtre, troſtloſe Zeuge mei⸗ ner wahnſinnigen Klagen. „Ich war noch Kind. Mein Vater reißte in ein fremdes Land. Wohin, wußte ich nicht. Er ſtand in Spaniſchen Kriegsdienſten, war aber von Zeit zu Zeit auch zu diplomatiſchen Sendungen gebraucht worden, und in Neapel, wo er ſich im Gefolge des Spaniſchen Geſandten an dieſem Hofe befand, hatte er meine Mut⸗ ter kennen gelernt, und ſich mit ihr verbunden. Sie war die Tochter eines Engliſchen Legations⸗Sekre⸗ tairs, und aus einem guten Hauſe Irlands, wo ſie auch als Kind erzogen worden war. Daß er Katho⸗ lik, und ſie aus einer proteſtantiſchen Familie war, ſetzte ihrer Verbindung kein Hinderniß entgegen. Sie waren Beide jung, liebten ſich, verſchmaͤhten oder uͤberhoͤrten alſo alle Einwendungen ihrer Freunde, und vermaͤhlten ſich. „Nach einiger Zeit vernachlaͤßigten meiner Mut⸗ ter Freunde dieſelbe, und da mein Vater, der in einigen Dingen bloßer Weltmann war und nur der Verfolgung ſeiner ehrgeizigen Plane nachhing, der 131 beengenden Gegenwart ſeiner Frau muͤde zu werden anfing, ſo nahm er ſie mit nach England, wo er ſie in dem Hauſe, in welchem ich— das dritte und einzig uͤbrig gebliebene Kind— geboren ward, in der peinlich⸗ ſten Art von Wittwenſtande zuruͤckließ. Gebeugt und ungluͤcklich lebte meine Mutter in trauernder und truͤber Eingezogenheit. Nur fuͤr mich war ſie noch auf der Welt. Ich war ihre Freude, ihr Schatz, ihre Sorge. Sie war eine ſehr gebildete, talentvolle Frau, eine treffliche und geliebte Lehrerin fuͤr eine liebende und fleißige Schuͤlerin. Man beſuchte uns ſelten, aber dann geſchah es von den erſten und aus⸗ gezeichnetſten Familien, regelmaͤßig zwei oder drei⸗ mal des Jahres. Dies that dem Stolz meiner Mut⸗ ter auf ihre Geburt wohl, aber fuͤhrte durchaus zu nichts. „Dieſe Nachbarn, welche entweder in der klei⸗ nen, einige Meilen entlegenen Stadt, oder in den naͤheren zerſtreuten Haͤuſern wohnten, beſaßen weder die Bildung noch die Sitten, die ihr geftelen, oder mit denen ſie ſich haͤtte angenehm vertragen koͤnnen. Da wir keinen maͤnnlichen Schutz hatten, verſanken wir bald in Dunkelheit, und man ließ uns unſern eignen Pfad ruhig fortgehen; man nannte uns ſelten, und dachte nicht an uns, wie man mir ſagte, außer etwa, wenn irgend ein haͤmiſcher Menſch, um ſich und die Geſellſchaft zu unterhalten, einige fluͤchtige Bemerkungen uͤber die alberne Ziererei der eingezogen lebenden Miſtriß O'Neill hinwarf. 4 3 2 132 „Ein kleines gruͤnes Boot lag hinten in unſerm Garten, an der Wurzel eines Baumes befeſtigt, und bei ſchoͤnem Wetter war es ein Lieblingszeitvertreib meiner Mutter, mich mitzunehmen, und rings um unſern ſchoͤnen See herum zu fahren. Ein alter freundlicher Diener fuhr uns dann, und beſorgte auch unſern kleinen gruͤnen Wagen, ſo wie zwei kleine Pferdchen, begleitete uns auch ſtets, ſo oft wir aus⸗ waͤrts waren. So lebten wir denn friedlich hin. Als ich ungefaͤhr neun Jahr alt war, kam mein Vater, wie ich mich erinnere, einmal zu uns, und blieb einen Monath da. Er war ein langer, finſter und ernſt ausſehender Mann, ſprach aber ſehr ſanft und freund⸗ lich mit mir. Ich breitete immer Blumen vor ihm aus, und dann nahm er mich eine Minute lang auf ſeine Knie, kuͤßte mich, und ſetzte mich dann wieder nieder. Ich verſuchte jede kleine Kunſt, mir ſeine Gewogenheit zu erwerben, und meine arme Mutter ſchien ſich ſehr daruͤber zu freuen. Ich ſpielte das Stuͤckchen, das ich am Beſten konnte, ſang die an⸗ muthigſten meiner Lieder, ſcherzte und ſchmeichelte bis er mein weißes Kaninchen, meine Tauben und meinen ſchoͤnen Stieglitz mit beſah, und hielt ihn beim Aermel feſt, um auf meine ſuͤßfloͤtende Lerche zu hoͤren. Alles that ich zwar vielleicht mit Abſicht, aber doch mit Liebe, denn ich wußte ja, daß er mein Vater war, und meine Mutter hatte mich immer fuͤr ihn beten laſſen, ehe ich mich niederlegte. Kinder ſehen jedoch ſehr ſchnell. Ich bemerkte, daß ſein 133 Auge niemals mit wirklicher Zaͤrtlichkeit auf mir weilte. Er ſtreichelte mich und kuͤßte mir mechaniſch die Wange. Mit meiner Mutter ſprach er viel und beſorgt, und dann ſchickten ſie mich aus dem Zimmer zu meinen Spielen, und wenn ich vor dem Fenſter im Gar⸗ ten vorbeilief, hoͤrte ich, daß die Stimmen darin ernſt und eifrig klangen. Endlich reiſ'te er wieder ab, und ich blieb mit meiner Mutter allein. Mo⸗ nathe lang fuͤllten ſich dann ihre Augen oft, und wie es ſchien unwillkuͤhrlich, mit Thraͤnen; ich eilte zu ihr und kuͤßte ſie hinweg, und dann druͤckte ſie mich an ihren Buſen. „So ſtrichen Wochen, Monathe und Jahre vor⸗ uͤber. Ich war ſechzehn Jahr alt, ein geſundes, gluͤck⸗ liches, zufriedenes Weſen; weiblich aber noch furchtlos; 0 weit uͤber meine Jahre gebildet, aber demuͤthig und 6 unſchuldig, unbekannt mit den Gaben, welche mir die Natur verliehen hatte.— Nun aber, welch ein gluͤcklicher Tag, welche glaͤnzende Erſcheinung! Doch ich greife mir vor. „Meine Mutter und ich, hatten den ganzen Tag auf dem See zugebracht, und der alte Dennis, unſer treuer Diener und Begleiter bei allen Ausfluͤgen, ruhte auf ſeinem Ruder, dicht an der Inſel Deve⸗ niſh, deren reizende Wirkung im tiefen Blau des Sonnenunterganges ich unter der Leitung meiner — guten Mutter aufmerkſam betrachtete, damit ich den eigenthuͤmlichen Ton fuͤr meine Gemaͤhlde aͤhnlicher Gegenſtaͤnde auffaſſen moͤchte. „Ploͤtzlich ſchwankte der Kahn, als wolle er um⸗ 134 ſchlagen. Der alte Dennis hatte etwas aus dem Vuaſſfer langen wollen, und war ſelbſt hineingefallen. Meine Mutter ſuchte ihn zu retten und hatte glei⸗ ches Schickſal. Ein Augenblick, und ſie waren ſchon 1 weit vom Kahne entfernt. Im hoͤchſten Grade er⸗ ſchrocken, aber doch ſchnell und eifrig, ſuchte ich nach der Stelle hinzurndern, wo meine Mutter mit den Wogen kaͤmpfte. Ich legte mich uͤber Bord, langte nach ihr, aber ſie entſchluͤpfte meinen Haͤnden. Mit dem Mißlingen dieſer Anſtrengung verlor ich auch alle Gegenwart des Geiſtes. Verſtoͤrt ſchrie ich laut auf, ſchrie um Huͤlfe, aber keiner nahte! Dennis, der, weil er lahm war, nicht ſchwimmen konnte, vereinte ſein Geſchrei mit dem meinigen, ſo oft er wieder einmal uͤbers Waſſer kam. In dieſem fuͤrchterlichen Augenblicke hoͤrte ich den Ton von Ruderſchlaͤgen, l kraͤftig, eilend. Ein Kahn ſchoß auf die Stelle zu. Meine Mutter ward mit Kraft und Geſchick hinein⸗ —— gehoben, nun gings zu Dennis, und ihm wiederfuhr) gleiche Rettung, doch mit ſo vieler Schwierigkeit und Bewegung des kleinen Kahns, daß ich fuͤr alle Drei 6 zitterte. Der fremde Juͤngling rief mir zu, mich dem Ufer zu naͤhern, da es beſſer waͤre die Verungluͤck⸗ ten fuͤr jetzt ans Land zu bringen, und ſie wo moͤg⸗ lich in eine Huͤtte zu ſchaffen. „So angſtvoll auch dieſer Augenblick war, ſo bemerkte ich doch, wie edel, wie lieblich edel dieſer rettende Juͤngling ausſah, wie ſanft, wie maͤnnlich, wie gefuͤhlvoll ſanft der volle Ton ſeiner Stimme „— war. Ich ſah auf ihn, und folgte ſeinem Geheiße mit einer Art von dankbarer, entzuͤckter, hingeriſſener Verwunderung. Er nahm meine Mutter in ſeine Arme, trug ſie aus dem Kahne, legte ſie auf einen Sitz von Gras und that nachher mit derſelben Sorg⸗ falt daſſelbe fuͤr den alten Mann. Dann eilte er hinweg, kam aber in wenigen Minuten mit einem Landmanne und deſſen Frau zuruͤck. In deren Huͤtte trug dann er und dieſer jene Beiden, und ließ mich darauf mit der gutherzigen Baͤuerin allein, um meine Mutter anders zu kleiden und zu pflegen, waͤhrend er gleiches bei dem alten Dennis vollzog. In zwei Stunden war meine Mutter ſo weit wieder herge⸗ ſtellt, daß ſie nach Hauſe zuruͤckkehren konnte, und ſie aͤußerte auch den lebhafteſten Wunſch darnach. „Wir hatten nur eine(engl.) Meile weit zu fah⸗ ren. Unſer junger Fremder ließ uns Alle in ſeinen Kahn ſteigen und uͤbertrug es dem Landmanne, un⸗ ſere naſſen Kleidungsſtuͤcke nachzubringen. Meine Mutter, welche zum Theil meine Kleider trug, theils ſich in einen Friesrock der Baͤuerin gewickelt hatte, lag warm in meinem Schooße. Dennis ſaß mehr vorn im Kahne, und dankte ſeinem jungen Retter mit ſtetem Preiſe laut. Ich beugte mich uͤber meine Mutter mit einer Art von ſeliger Zufriedenheit, daß ein mir ſo theures Weſen, dem Grabe ſo nahe, durch Gottes Gnade daraus gerettet worden ſey, und mein Herz in ihr ſeinen hoͤchſten, ſeinen einzigen Schatz zuruͤck erhalten habe. Ach! vor zwei Stunden ſein ——— — 136 einziger. Aber neue Empfindungen waren in meinem jungen Herzen rege geworden, und als ich aufſah, um der milden Stimme zu antworten, die nach der Lage unſers Gartens fragte, fuͤhlte ich wie es ſchneller, ſehr ſchnell, aber bebend ſchlug. Alles vereinte ſich um meiner jugendlichen Liebe zu ſchmeicheln. Er war, ich kann faſt ſagen einer der erſten Juͤnglinge, die ich jemals geſehen hatte. Er kam wie ein Schutzengel, floh herbei auf das Geſchrei der Verſinkenden, war der Lebensretter meiner Mutter. Die moraliſche Schoͤnheit ſeiner frommen That war ſchon viel, war hinreichend um ihm Achtung zu erwerben,— aber ach, aus ſeinem ſchoͤnen, reinen Auge glaͤnzte ein Sonnenſtrahl, wie ich ihn nie bei einem ſterblichen Weſen erblickt habe. Das ſanftwaͤrmende Licht ſeiner dunkelblauen Au⸗ gen, die von Geſundheit gebraͤunte Bluͤthe ſeiner jugendlichen Wangen, ſeine zartgeformte Naſe, ſein ruhiges, freundliches Laͤcheln, ſein langes goldbrau⸗ nes Haar, das nach der damaligen Sitte in dichten Locken uͤber beide Schultern fiel, ſein voller, ſchoͤner, anmuthiger Hals, ganz offen der Luft, mit keiner Beengung als einem breiten ſchwarzen Bande um den geſtickten und herabfallenden Hemdkragen, und ſeine feſte, maͤnnliche und doch zierliche Haltung, ſo, und noch tauſendmal ſchoͤner war er, denn Licht und Glanz verbreitete er, wohin er ſah, wie er ſich be⸗ wegte, was er ſprach. „An demſelben Abende, wo er, nachdem er uns „,— 7— gluͤcklich zuruͤck gebracht hatte, noch einige Minuten in unſerm Zimmer ſaß und unſern heißen Dank mit ſtiller verlegener Freude annahm, dann dem Him⸗ mel laut dankte, daß gerade ihm das Gluͤck zu Theil worden ſey, uns einen, ſeinerſeits ſo kleinen und ein⸗ fachen Dienſt zu erzeigen, wo er endlich um Erlaubniß bat wiederzukommen,— an demſelben Abende noch weihte ich ihm mein ganzes Herz. Ich liebte ihn,— liebe ihn noch, und werde ſein theures Bild mit ins Grab nehmen. Wie dieſe Liebe nun immer mehr wuchs, kann ich nicht beſchreiben. Solche Liebe kennt nicht den traͤgen Gang zweifelhaften Werbens, keine Hoffnung, keine Furcht; Herz ſtroͤmt in Herz, Augen blicken in Augen, die Lippen oͤffnen ſich nur, um von Liebe zu ſprechen. Nein, da giebt es keine Mißverſtaͤndniſſe, ſelbſt nur ſeltenes Erroͤthen bei ei⸗ ner erſten, furchtloſen, unſchuldigen, erlaubten, ja beguͤnſtigten Liebe. Sie kennt keine Schuld, keine Scheu, nicht den kleinſten Zweifel. Meiner Mutter geſtattete es ihr Herz nicht, die Beſuche ihres Ret⸗ ters kalt aufzunehmen. Bei jedem neuen gewann er ſie immer mehr und mehr. Er war der aͤlteſte Sohn eines Edelmanns, aus einem alten Hauſe in der be⸗ nachbarten Grafſchaft, doch ohne bedeutendes Ver⸗ moͤgen. Man hatte ihn fuͤr die Kirche beſtimmt, und er wohnte eben mit einem Geiſtlichen am Ufer des Sees, um ſich zur Univerſitaͤt vorzubereiten. „Er war neunzehn Jahr alt. Nach wenigen Wochen bat er um meine Hand und mein Herz, und bot die 138 ſeinen dafuͤr. Ich ſollte warten, bis er ordinirt ſey. Ich ſollte es verſchwiegen halten, bis er die Einwilligung eines liebenden, nachſichtsvollen Vaters und meiner eignen Mutter erhalten habe. Doch nein, ich ſollte mit meiner Mutter ſprechen. Und ich that es. Was konnte ſie ſagen? Wie konnte ſie zwei jungen Weſen, die ſich einander gleich Engeln liebten, wie wir, Rein ſagen? Ihr Laͤcheln druͤckte ihre Einwilligung oder vielmehr ihre Hoffnung aus — wie ſie zart es nannte— aber ihr Seufzer zeugte von ihrer Beſorgniß. „Wir fuͤrchteten nichts. Oft waren wir mit meiner Mutter auf dem See, und ſchifften, oder lach⸗ ten, oder ſangen, oder ſahen uns liebend an. Mehreremale fuhren wir zu dem alten Eiland De⸗ veniſh, und ſetzten uns unter den Schatten ſeiner Rui⸗ nen um zu zeichnen. Dann klimmte wohl Heinrich auf den hohen einſamen Thurm, und erzaͤhlte mir von der ſchwindelnden Hoͤhe herab, was er Schoͤnes in weiter Ferne ſehe. „Heinrich! Agathe! Wie ſuͤß, wie reizend war es fuͤr uns, einander ſo zu nennen, und ſo da zu ſiz⸗ zen, Hand in Hand innig geſchlungen, und mit der freien Hand uns die Locken aus dem Geſichte zu ſtreichen, und nur uns einander in die Augen zu ſehen. „Warum ſchlug mein Herz ſo aͤngſtlich, als mir meine Mutter aus einem Briefe vorlas, daß mein Vater morgen ankommen werde? Er kam, dieſer fin⸗ ſtre, hante Vater.“ —§õ — —yy—— ——. Ich ward hier von einem lauten Pochen an die Thuͤre meiner Zelle im Leſen unterbrochen.„Kommen Sie, Seüor! um des Himmels Willen helfen Sie uns!“ Mit Aerger und Eil warf ich das Manuſkript weg und folgte dem Rufe. Ein reiſender Kapuziner, der dieſe Nacht im Kloſter beherbergt worden, hatte, wie es ſchien, Kraͤm⸗ pfe bekommen. Er war ein ſtarker Mann, und ſeine Kraft und Heftigkeit machten es ſo ſchwer ihn zu halten, daß die wenigen Bewohner dieſes abgelegenen Kloſters nicht im Stande waren, dies ohne Beihuͤlfe zu thun. Es giebt faſt keinen ſchrecklichern Anblick, als wenn ein ſtarker Mann in Convulſionen liegt. Das Weiße des aufwaͤrts gewendeten Auges, das Zaͤh⸗ neknirſchen, der Giſcht aus den bleichen Lippen, die geballte oder um ſich greifende Hand, und die mit fuͤrchterlicher Kraft verdrehten Glieder ſtellen ein ſchauderhaftes Bild dar. Immer ſcheint es dann, als ob unſichtbare Daͤmonen den Menſchen quaͤlten, und er trotz aller Abſpannung ihnen dennoch einen verzweifelten Widerſtand entgegenſetze. Ich erinnere mich nicht mehr, wie lange der jetzige Auftritt waͤhr⸗ te, denn ſobald der Augenblick der Erſchoͤpfung bei jenem Manne eintrat, floh ich in meine Zelle zuruͤck. Von dem einfachen Tiſche, wehte mir, als ich die Thuͤre oͤffnete, ein Haufe Aſche entgegen, und der lange Docht der flachen eiſernen Lampe lag glim⸗ mend auf der hoͤlzernen Platte deſſelben, wohin ich 140 die Lampe, nachdem ich ſelbſt ſie von der Wand ab⸗ genommen, geſtellt und unvorſichtigerweiſe ſo ver⸗ laſſen hatte. Nur zu deutlich uͤberſah ich dieſes Miß⸗ geſchick.— Das Manuſkript war verbrannt! Es war mir, als ob ich Agathen noch einmal verloren haͤtte. Ich fluchte, ſtampfte mit den Fuͤßen, riß mir voll Ingrimm die Haare aus, ſtieß mit dem Kopfe gegen die Wand, und vergoß Thraͤnen einer ohnmaͤchtigen unſinnigen Wuth. Das Manuſkript war unwieder⸗ bringlich verloren,— die Geſchichte dieſes herrlichen Weibes, ihrer Liebe, ihres Kummers, verloren fuͤr mich auf immer. Brennende Neugier folgte auf mei⸗ nen Grimm, und Vermuthungen haͤuften ſich in meinem Hirne. Starb ihr Geliebter durch des Va⸗ ters Hand? Fiel er unter den Truͤmmern? Und ihre Treue? Wie und wann ward ſie zum Bruche der⸗ ſelben gezwungen? oder that ſie es freiwillig? Ihre Mutter, lebt ſie noch, und ihr grauſamer Vater? — Ich ging mit eiligen Schritten in meiner Zelle auf und ab, und ſchuf mir tauſend Fortſetzungen 1 ihrer Erzaͤhlung in wilder Phantaſte. Dann kam ein neues Gefuͤhl uͤber mich,— Ei⸗ ferſucht. Eiferſucht auf einen ungluͤcklichen Juͤng⸗ ling, den ich nie geſehen hatte, Eiferſucht auf den erſten Eindruck, den er durch ſeine ſchnelle und ei⸗ frige Huͤlfe auf ſie gemacht, Eiferſucht auf das gluͤ⸗ hende Gemaͤhlde ſeiner Schoͤnheit, auf ihre Blicke, ihre Worte, ihre innige, gluͤckliche Liebe. Auch Neid— entſtand in mir. Ich hatte die Leidenſchaft der Liebe 8 141 wol empfunden, aber ſolche Liebe nie, nie. So hatte ich denn bisher vergebens gelebt, und die Zeit ſchien entflohen, die Jahreszeit des Lebenslenzes vor⸗ uͤber. So konnte ich nie lieben, wie Er, wie Beide. Ein einziger Troſt trat nur zuweilen zu mir, doch nur zoͤgernd und peinyvoll gewaͤhrte ich ihm Einlaß. So viel war gewiß, daß Agathe mir nie eine ſolche Glut ihres Herzens haͤtte bieten koͤnnen, wie ſie dem brennenden Verlangen des meinigen genuͤgt haben wuͤrde. Doch Anfangs erleichterte dieſer Gedanke ſelbſt keinesweges meine laſtenden Ketten. Wilde Leidenſchaft und herber Schmerz hatten ſie geſchmie⸗ det, ſie feſſelten mich an den Kerker der Verzweif⸗ lung. Ich verſchloß mich nun in die Zimmer, die ich zu Cintra miethete, oder wanderte allein in den tiefen Schatten dieſer romantiſchen mir ſo theuer ge⸗ wordenen Einſamkeit umher, heut in Wahnſinn, mor⸗ gen in Abſpannung, jeden Tag ſorgenvoll und un⸗ gluͤcklich. Etwa acht Tage nach dieſem Vorfalle brachte man mir einen Brief, in deſſen Aufſchrift ich So⸗ mers Hand erkannte. Ich oͤffnete ihn mit aͤngſtli⸗ chem, ſchmerzlichem Gefuͤhle. Er lautete ſo: „Mein theurer Freund! „Ihr Brief vom 6. November gewaͤhrte Ihrem 3 ganzen vaͤterlichen Hauſe den groͤßten Troſt. Alles war in großer Beſorgniß Ihretwegen, bis er endlich * 142 unſre bangſte Furcht zerſtreute. Ihr Vater und Ihre Mutter waren zu derſelben Zeit durch einen andern Schmerz ſehr bekuͤmmert, und daher ganz und gar nicht wohl. Ihre Schweſter war ſehr ſchwach und niedergeſchlagen. Ich kann Ihnen verſichern, daß die Nachricht von Ihrem Wohlſeyn und Ihrer durch Gottes Gnade bewirkten Rettung uns Alle geſtaͤrkt und neu belebt hat. Wir hoffen, daß Sie nach Em⸗ pfang dieſes Briefes Liſſabon ſogleich verlaſſen und nach Hauſe zuruͤckkehren werden. Ihre Gegenwart wird von Allen heiß erſehnt, und wird fuͤr Alle ſehr beruhigend ſeyn. So wie Familienkreiſe kleiner wer⸗ den, ſollten ſie ſich enger zuſammenziehn. Ein ſehr theures Mitglied des Ihrigen iſt ploͤtzlich daraus ge⸗ riſſen worden.— Ihr liebenswuͤrdiger Bruder Edu⸗ ard iſt nicht mehr.“ Ich ließ den Brief fallen, bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden, ging verzweiflungsvoll in der Stube auf und ab, weinte und ſchluchzte bitterlich. Ob ich gleich allein war, bedeckte ich doch mein Ge⸗ ſicht. Endlich hob ich das ungluͤckvolle Papier wie⸗ der auf und fuhr fort zu leſen. „Er ſtarb in der Nacht des erſten November nach einer zwoͤlftaͤgigen Krankheit. Er litt viel, bis auf die letzten zwei Tage, wo ſchon der Brand in⸗ nerlich eingetreten war und er ruhiger ward. So blieb er auch bis zum Verſcheiden. Ich bin kein ganz junger Mann mehr, und mein Schickſal hat es gewollt, daß ich bei den letzten Stunden vieler Per⸗ 14³ ſonen zugegen war, noch aber ſahe ich niemand fe⸗ ſtere Zuverſicht in Glauben, Liebe und Hoffnung zeigen, als Ihren armen Eduard. Sein geduldiges Ertragen der heftigſten Schmerzen, ſeine beſtaͤndige Sorge, das Gemuͤth ſeiner Mutter zu ſchonen, ſeine Furcht den Dienſtbothen zur Laſt zu fallen, und ſeine innige Dankbarkeit fuͤr jede kleine Aufmerkſamkeit ruͤhrte uns Alle aufs tiefſte. Die Beſchaffenheit ſei⸗ ner Krankheit war bis den Tag vor ſeinem Tode ſo qualenvoll, daß er weder ſelbſt leſen, noch dem Vor⸗ leſen zuhoͤren konnte; aber oft betete er in lispelnden abgebrochnen Ausdruͤcken, oder ſtill mit geſchloſſenen Augenliedern, oder mit dem ruhigen Aufwaͤrtsblicken des Demuͤthigen. Am letzten Tage ſeines Lebens las er des Morgens etwas aus der kleinen Handbibel, die Sie ihm an ſeinem zehnten Geburtstage geſchenkt hatten; da er aber immer ſchwaͤcher und matter ward, machte er das Buch zu, hielt es jedoch noch immer mit geſchloſſenen Augen in den Haͤnden, und druͤckte es mit Waͤrme und Innigkeit an ſich. Ich kniete an ſeinem Lager und las ihm ein Kapitel aus dem Evangelio St. Johannis vor, und betete mit ihm. Er antwortete noch ſchwach auf meine Fragen, und dankte mir mit großer Herzlichkeit. Gegen Abend ſagte er zu mir in wahrhaft feierlichem Tone: „Gott zu vergeſſen, iſt eine große Suͤnde: die Urſa⸗ che aller uͤbrigen, der Grund zu allem Elend und Verderben. So iſt mir's gegangen.“ Ich fluͤſterte ihm zu, ruhig zu ſeyn, und ſagte ihm, daß ja jeder 144 Menſch, der jemals gelebt, auf gleiche Art gefehlt habe. Ich ſetzte auch hinzu, daß dafuͤr die Verſoͤh⸗ nung Chriſti genuggethan habe.„Ich weiß das,“ ſagte er,„ja, ich weiß an wen ich glaube, und doch fuͤhle ich große, große Angſt. Es iſt nicht Furcht,— aber es iſt eine ſchwere Sache um den Tod, es iſt ein großer Schmerz, Alles was man liebt auf der Erde zuruͤck zu laſſen. Aber ich weiß auch, daß dies das Beſte fuͤr mich iſt, ſonſt waͤr es ja nicht ſo.“ „In der letzten Nacht ſeines irdiſchen Daſeyns wachte ich an ſeinem Lager. Er ſtarb wie er gelebt hatte. Gegen Mitternacht hoͤrte ich einen ſanften Ton, wie von ſtillem, unterdruͤcktem Weinen. Ich wollte ihn in ſolch' einem Augenblicke nicht ſtoͤren. Als einige Zeit darauf Alles ruhig war, ſchlug ich den Bettvorhang zuruͤck, um nach ihm zu ſehen. Sein ſanfter Geiſt war ſchon der Erde entflohn. So iſt er, glaube ich, unter milden Thraͤnen ver⸗ ſchieden. Ich kann nicht mehr ſchreiben. Kommen Sie, kommen Sie in das Haus der Trauer, es wird auch fuͤr Sie gut ſey. „Ihr treuer Freund „George Somers.“ In das Haus der Trauer! rief ich aus, und meine Thraͤnen floſſen heißer: in das Haus der Trauer! O Somers, der Osman den Sie kennen, der Bruder des ſanften, milden Eduard, ach! wo iſt der hin? Ich blicke in mich ſelbſt,— ich ſinde ihn nirgends. Der innere Osman iſt ein Weſen mit — hei⸗ 4 145 heißen, wilden, ruheloſen Wuͤnſchen, mit einem be⸗ gehrenden, nie befriedigten Herzen; ein Weſen, das weder Troſt gewaͤhren noch empfangen kann, das nicht in der reinen Naͤhe jener Trauernden weinen und klagen darf. Meine ſonſt ſo gluͤckliche Heimath wuͤrde mir jetzt nur das Gemaͤhlde verlorner nie wie⸗ der zu erlangender Seligkeit gewaͤhren! So weinte ich lange uͤber das fruͤhe Scheiden Eduards. Stundenlang konnte ich auf meinem La⸗ ger liegen und an ihn denken, und wenn nun die erſchoͤpfte Natur in Schlummer ſank, ſo ſtellte ſich mir das Bild Eduards in einem weißen blendenden Gewande mit einer Krone von Gold dar. Sein jugendliches Geſicht war bleich, aber nicht ſchauerlich bleich. Sein Blick auf mich zeigte Bekuͤmmerniß; wenn er ihn aber empor hob, ſenkte ſich ein Engel laͤchelnd auf ſeine geoͤffneten Lippen, und aus ihnen ſtroͤmte die Melodie heiliger Lobgeſaͤnge athemlos. Wochenlang ſah ich keinen meiner Bekannten und ſprach mit niemand. Einmal ließ ich nur Va⸗ ter Antonio zu mir, deſſen Verſuche mich aufzurich⸗ ten aber auch vergebens waren. Der Wiederherſtel⸗ ler der Kraft meines Geiſtes war ein ſchwaches Werk⸗ zeug,— ein kleines Kind, gerade in dem Alter wenn das Lallen verſtaͤndlich und der Gang gefahrlos wird. Es tappte mit ſeiner kleinen Hand an die Thuͤre meines Gemachs, und als dieſer kleine ſchwache Arm ſie mit vieler Anſtrengung geoͤffnet hatte, lief es rings um meinen Tiſch, um etwas aufzufinden, das I. K 146 ſeinen kindlichen Verſtand beſchaͤftigen koͤnne. Dann kletterte es mir auf die Knie, ſchaute mir mit freund⸗ licher Bitte ins Geſicht und ſpitzte die kleinen Lip⸗ pen, um mir einen Kuß zum Dank zu geben. In⸗ nig kuͤßte ich es, innig druͤckte ich es an mein Herz, und von der Stunde an ließ ich, ſo lange ich noch in Cintra war, das kleine Weſen nur ungern von mir. Ich wiegte es auf meinen Armen, ließ es auf meinen Knien reiten, gab meine Backen zu ſeinen niedlichen Schlaͤgen luſtiger Beſtrafung her, ſang ihm vor, lachte es an, liebkoſete es. Ich kann das herzliche Vergnuͤgen, das ich in der Geſellſchaft dieſes kleinen, laͤchelnden Cherubs fuͤhlte, gar nicht beſchreiben. Es lag ein ſo inniger STcroſt darin, daß ich wußte, ich koͤnne es, ohne al⸗ len Zweifel, ohne die leiſeſte Furcht irgend einer mo⸗„ raliſchen Einwirkung auf Gluͤck oder Ungluͤck fuͤr das Kind und mich ſelbſt, ſo recht von Herzen lieben. In gewoͤhnlichen Verhaͤltniſſen haͤtte man dieſes Hingeben eines einzelnen einſamen Mannes an die Gefuͤhle ſeines Herzens fuͤr unſchaͤdlich und ſchuld⸗ los anſehen koͤnnen; aber hier, wo eine Familie fuͤr meine gluͤckliche Nuͤckkehr betete, wo ich eine be⸗ ſtimmte Pflicht als Sohn und Bruder zu befolgen hatte, ward dies Zuruͤckweichen von derſelben, dies Zoͤgern, zur ſchmachvollen Suͤnde. Das fuͤhlte ich„ auch, aber ich beſaß nicht die Kraft, aus meiner in⸗ nern Beſchaͤmung eine beſſere That hervorgehen zu laſſen. 4 4 147 ungefaͤhr um dieſe Zeit begann ich jene Art re⸗ ligiöſer Anſicht anzunehmen, die ſeit langer Zeit in Millionen Seelen, beſonders jugendlichen, die vorherr⸗ ſchende geweſen iſt und es noch lange bleiben wird. Dichter und Philoſophen haben ſie nach ihrer Art ihnen geheiligt, und tauſend glaͤnzende Maͤhrchen, nur zur Verfuͤhrung entworfen, ſind von den melodiſchen Harfen erklungen und aus dem Munde der weiſeſten Maͤnner gefloſſen. Mir daͤuchte naͤmlich, die einzige Art der Gottesverehrung ſey die, von der Natur aus und durch ſie zu dem Gotte der Natur zu blicken. Rechtlich zu leben, ſey ſein einziger Dienſt. Ach⸗ der Dienſt, der aus ſolcher Anbetung entſpringt, iſt nie treu, nie beſtaͤndig.— Ob die Sonne in ihrer Pracht emporſteigt oder in ihrem Glanze untergeht, ob der Mond in ſeiner Helle dahin wandelt, ob die Sterne ſanft flimmern, ob der Donner furchtbar rollt, ob der Blitz im Schooße der naͤchtlichen Wolke flammend zuckt, ob das Meer aufbrauſ't im Ungeſtuͤm, ob die Winde ihre Stimmen erheben, ob der Berg eine ehrwuͤrdige Krone von immer ſchmelzendem Schnee traͤgt, ob der hallende Waſſerfall im naͤchtlichen Rauſchen hinabſtuͤrzt in den Abgrund, ob ſich die tiefen Schatten eines friedlichen Hains, oder gruͤne Thaͤler mit lockender Lieblichkeit vor uns ausbreiten, das Herz wird verfuͤhrt, die Hand nur wird gekuͤßt, und Natur angebetet, wenn wir denken, wir beten Gott an. Nur die Erhabenheit und Mazeſtaͤt ſeiner Weltordnung befaͤngt unſere K 2 148 Sinne— die Stimme des Ordners, des Geſetzgebers ſelbſt wird uͤberhoͤrt— an das was der Richter dort oben begehrt, nie gedacht. Bei ſolchen Szenen fuͤhlen wir das Angenehme einer Art von Tugend. Weil wir nichts thun, koͤn⸗ nen wir auch nicht groͤblich ſuͤndigen; aber wir tre⸗ ten dann wieder ins wirkliche Leben, und ſind die⸗ ſelben ſchwachen, elenden Geſchoͤpfe geblieben die wir waren, als wir es verließen, außer wo der Geſchmack uns zur Huͤlfe kommt, denn in der That ſind die Dichter eine Art von Gebetbuch, Bewunderung iſt das Geſchaͤft unſers Lebens, und ein nakter Materia⸗ lismus unſer Gott. So wars auch mit mir. An eine Gottheit, die uͤber goldnen Wolken, in einer Re⸗ gion des Lichts und der Seligkeit thronte, dachte ich ohne große Furcht; aber vor einer milden, gna⸗ denvollen, demuͤthigen, reinen, auf unſrer Erde wan⸗ delnden, von Menſchen geſehenen Gottheit, ſchau⸗ derte ich an dem einen Tage mit geheimen Schrek⸗ ken, am naͤchſten mit vergchtender Unglaͤubigkeit zuruͤck. Doch zu meiner Erzaͤhlung.— Da ich mich ſelbſt ungluͤcklich und unwohl, und eben ſo wenig geneigt als geſchickt fuͤhlte, in einer ſolchen Stim⸗ mung nach Hauſe zuruͤckzukehren, ſo ſchrieb ich, daß meine Geſundheit ſehr gelitten habe, welches 1 auch in der That der Fall war. Ich ſetzte hinzu, daß ich unter dieſen Verhaͤltniſſen nicht im Stande ſey, meiner Eltern und meine Wuͤnſche zu befriedi⸗ 149 gen, und nach Anzeichen von Schwaͤche der Bruſt befuͤrchte, laͤnger in einem ſuͤdlichen Klima bleiben zu muͤſſen, als ich fruͤher gedacht haͤtte. Zugleich bat ich, daruͤber ſich nicht zu aͤnſtigen, denn der Fall ſey weder ungewoͤhnlich noch in irgend einer Art lebensge⸗ faͤhrlich. So viel es ſchriftlich geſchehen konnte, ſtimmte ich aufrichtig in den Schmerz der Meinen wegen Eduards Verluſt ein. Denn ich hatte den Knaben wahrhaft und innig geliebt und ſehr auf. ihn gerechnet. Als eine Art von Bindemittel zwi⸗ ſchen mir und der Hoffnung eines Chriſten hatte ich ihn betrachtet, und ſein Hinuͤbergehn von der Erde ſchien mir, vorzuͤglich meinen damaligen Gefuͤhlen nach, mich in unermeßlicher Ferne vom Himmel abzu⸗ ſcheiden. Rachdem ich dieſen Brief fortgeſchickt hatte, ſiel ich in meiner eignen Achtung ſchnell und tief, denn ich fuͤhlte, daß ich mein Uebelbefinden ſo ſehr uͤbertrieben hatte, daß mein Brief nur eine geſchrie⸗ bene Luͤge ſey. War es denn moͤglich, daß ich ſolche Erdichtungen erſinnen und mittheilen konnte?— und zu welchen Zwecke?— und an wen? An die, die mich als Kind herzten, als Knaben liebten, ſtolz auf mich als Mann waren! Ach! das erſte Ausſprechen einer Unwahrheit oͤffnet ſtets dem einfachen Suͤnder die Schleuſen der Suͤnde in ihrem weiteſten Um⸗ fange, und Elend in ſeiner ganzen Verzweiflung. 150 Die ruͤckkehrende Poſt brachte mir Briefe von meinem Vater und Henrietten. Mein Vater ſchrieb: „Mein theuerſter Sohn. „Es bekuͤmmert mich ſehr, daß Du nicht auf der Stelle zu uns zuruͤckkommen kannſt, und um ſo mehr noch, wegen des Grundes zu dieſe Verzoͤgerung. So ſehr wir uns auch Alle nach deiner baldigen Ruͤckkehr ſehnen, ſo verlange ich doch aufs ernſtlichſte von Dir, daß Du die Reiſe nicht eher unternimmſt, als bis die Klugheit es erlaubt. Ich weiß ja, daß Du da, wo Du jetzt biſt, freiwillig nicht eine Stunde laͤnger verweilen wirſt, als Du mußt. Jede Beziehung zu deinem gegenwaͤrtigen Aufenthalte muß ja, der Na⸗ tur der Sache nach, ſo traurig ſeyn, daß wir an deinem lebhafteſten Wunſche ihn zu verlaſſen gar nicht zweifeln koͤnnen, und Du wirſt Dich deshalb noch einmal ſo wohl zu Hauſe befinden. Die vielen ſchaudervollen Szenen, deren Zeuge Du unlaͤngſt warſt, und deine eigne wundervolle Erhaltung da⸗ bei, haben ohne Zweifel tiefen und heilſamen Ein⸗ druck auf dein Herz gemacht. Ich bin froh dar⸗ uͤber, daß mein Osman dadurch noch beſſer werden wird. Wir haben unlaͤngſt auch eine ſchwere Lehre erhalten, und am Sterbebette deines armen heim⸗ gegangenen Bruders gelernt, wie ſelbſt ein bloßes Kind noch, bei feſter Hoffnung im Herzen, ruhig dem Fuͤrſten der Schreckniſſe entgegenſehen kann. Wir erholen uns, obgleich nur ſehr langſam, von dem tiefen Kummer, in welchen uns dieſer Verluſt ge⸗ * — —’— ſtuͤrzt hat; denn im erſten Augenblicke wareu wir taub gegen die Stimme des Troſtes, und wendeten uns mit der natuͤrlichen Ungeduld des Beraubten und Un⸗ gluͤcklichen von den beruhigenden Worten des armen Somers hinweg. Oberſt Hamilton, der immer von Dir ſpricht, hat ſich ſehr freundſchaftlich benommen. Der alte Frankland hat auf ſeine eigne verkehrte Art wahre nachbarliche Theilnahme gezeigt, und die Toͤchter haben ſich ganz als Schweſtern gegen Hen⸗ rietten betragen. Deine Mutter huͤthet noch immer das Zimmer. Sie war ſehr angegriffen, ſo daß ſie in ein ſchleichendes Nervenſieber verfiel, das jetzt erſt nachzulaſſen anfaͤngt. Sie verſichert Dich ihrer in⸗ nigſten Liebe, und laͤßt Dir ſagen, daß ſie Tag und Nacht fuͤr deine gluͤckliche Ruͤckkehr betet. Somers, der eben jetzt bei mir ſitzt und der in dieſen trauri⸗ gen Zeiten naͤchſt Gottes Beiſtand unſere einzige Stuͤtze und unſer treuer Troͤſter geweſen iſt, ſendet Dir ſeine herzlichſten Gruͤße. Ich aber bin ewig, mein theuerſter Sohn, dein Dich liebender Vater Walter Beavoir. „Der arme Gottfried empfiehlt ſich auch.“ Henriettens Brief. „Mein geliebter Osman. „Ich kann Dir es nicht beſchreiben, wie groß unſre Angſt nach der erſten Nachricht von der fuͤrch⸗ terlichen Zerſtoͤrung Liſſabons, bis zu der Ankunft des unſchaͤtzbaren Briefes war, der uns deine Ret⸗ 1⁵² tung meldete.— Wunderbar!— Du wurdeſt er⸗ halten, da wo Tauſende ihren Tod fanden, und der arme liebe Eduard ward mitten aus dem Wohn⸗ platze der Ruhe und Sicherheit hinweggeriſſen! Gott ſey Dank, daß Du gerettet wardſt! Euch Beide zu ver⸗ lieren, wuͤrde den Becher unſrer Leiden zum Ueber⸗ fließen angefuͤllt haben. Unſre gute Mutter iſt noch ſehr ſchwach und nervenkrank, und fragt im Tone der Angſt und des Zweifels, ja zuweilen ſelbſt des Vorwurfs, unaufhoͤrlich nach Dir. Soll ich Dir's be⸗ kennen, mein geliebter Osman, ob ich es gleich nie⸗ mand merken laſſe,— deine lange Abweſenheit be⸗ truͤbt und verwundet mich. Ich liebe Dich zaͤrtlich, Osman, das weißt Du. Ich erwarte Alles von Dir. Ich bin ſtolz auf Dich,— aber ich kenne deine Ge⸗ muͤthsſtimmung beſſer, als irgend jemand hier. Ich zitterte fuͤr Dich, als Du uns verließeſt, ob ich es gleich nicht wagte, mich deinem heißen und ſo na⸗ tuͤrlichen Wunſche entgegenzuſetzen. Ich ſelbſt habe gar keine Welterfahrung: Zuruͤckgezogenheit iſt mein Loos, und ich kann wirklich und mit Dank ſagen, daß ich mir dieſes, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde, ſelbſt waͤhlen wuͤrde. Bei deinem Geſchlechte iſt es, ſoll es vielleicht anders ſeyn. Aber jetzt vergib mir, mein theuerſter Osman, ich ſah deutlich, ſah es mit Schmerzen, daß Du ohne den Schild und Bruſthar⸗ niſch, das Schwert und Helm, die uns allein retten, allein beſchuͤtzen koͤnnen in Kaͤmpfen, die nicht den Leib toͤdten, in die Welt gingſt. — „Nein, Osman, nicht dein Geſundheitszuſtand haͤlt Dich von uns, deinen treuen, deinen einzigen Freunden, noch entfernt. Das iſt es nicht! Ich ſage Dir nochmals, daß ich keine Welterfahrung habe, aber ich bin uͤberzeugt, daß Du uns nicht die wahre Urſache angegeben haſt, warum Du noch laͤnger in Portugal verweilſt. O, Bruder! was iſt das? Was kann das ſeyn? Ich habe gehoͤrt, oder vielmehr ge⸗ leſen, daß ein Mann, welcher liebt, Alles vergißt und verlaͤßt, um dem Gegenſtande ſeiner Leidenſchaft nachzufolgen, daß man dann nicht mehr an Vater, Mutter, Bruder und Schweſter denkt, ja, daß ſelbſt Pflicht, Ehre und Gefuͤhl dem Altare der Liebe geop⸗ fert worden ſind. Kann dieß denn ſeyn? Ich habe zu mir ſelbſt geſagt: Dann, lieber Himmel, laß mich entweder nie lieben, oder wieder geliebt werden. Aber vergib mir, vergib mir! Glaube nicht, daß ich auch nur Einen unfreundlichen Gedanken an jemand he⸗ gen koͤnnte, den ich ſo lieb habe wie Dich. Ich kenne dein warmes Gefuͤhl, dein lebhaftes Temperament, dein empfaͤngliches Herz. Ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, Du liebſt! Ach! Osman, uͤberlege,— wenn dem ſo iſt. Wohin kann das fuͤhren? Wie enden? Eine Fremde, eine Andersglaubende! Du wuͤrdeſt ihr, unſer, dein eignes Ungluͤck bereiten! Solche Liebe kann kaum ſchuldlos ſeyn; doch ach, geliebter Bru⸗ der, wenn es unheilige Liebe waͤre, o ſo flieh dieſe ſchreckliche Schlinge, zerbrich dieſe unedlen Feſſeln, kehre ſchtel zu uns zuruͤck. Du wirſt Laͤcheln und 154 Frieden mit Dir bringen, und wir Alle werden in unſrer Heimath gluͤcklich ſeyn. „Ich habe Dir tauſend Dinge zu ſagen,— vor Allem aber habe ich Dir jedes Wort und jeden Blick unſers verklaͤrten Eduards waͤhrend ſeiner traurigen Krankheit aufbewahrt. Oft ſprach er von Dir mit Thraͤnen, wenn er ſich dem ſchmerzlichen Gedanken uͤberließ, daß es unmoͤglich ſey, Dich vor ſeinem Tode noch zu ſehn. Komm, Osman, komm zu dem ſanften Lichte des Friedens und der Treue. Somers iſt es gelungen, dieſen Segen uͤber unſern beraubten Kreis zu verbreiten, und hier wird dein fieberiſch gluͤhender Geiſt Ruhe ſinden. Ich ſehne mich innig, Dich zu umarmen. Deine Dich zaͤrtlich liebende Schweſter . Henriette.“ Zagernd gehorchte ich der Auffoderung. Ich be⸗ dung meine Reiſe in einem nach Plymouth beſtimm⸗ ten und von wenigen Kriegsſchiffen convoyirten Schif⸗ fe nach England. Das Wetter war ſchoͤn, der Wind guͤnſtig. Es war ein reizender Anblick, ſo viele Segel zu ſehen, welche uͤber heimeilenden Kie⸗ len ſi ch blaͤhten, und ich verſuchte in meiner Bruſt alle die neuen, fremden und ſchwermuͤthigen Gefuͤhle, mit welchen ich jetzt zu der Heimath der theuren Meinigen zuruͤckkehrte, zu erſticken und aus meinem Geiſte zu verbannen. Wir waren ſchon beim Leuchthurme von Seilly voruͤber, als ploͤtzlich der Wind ſich erhob, und der 15⁵ im Kanale gewoͤhnliche dicke Nebel ſich einſtellte. Wir wurden waͤhrend der Nacht weit von unſerm Curſe abgetrieben, verloren uns von den Conveyſchiffen, und fanden zu unſerer großen Beſtuͤrzung uns des an⸗ dern Morgens nahe an den Franzoͤſiſchen Kuͤſten. Eine Franzoſiſche Fregatte entdeckte uns, machte Jagd auf uns, und an demſelben Abende noch ſaß ich in einem Gaſthofe in Breſt mit einer Anzahl Franzdſiſcher Ofſiziere bei einem koͤſtlichen Mahle, ſtieß mit vollen Champagner⸗Glaͤſern an, die ihren Perlenſchaum hoch aufſpritzen ließen, und jagte bei jeder neuen Flaſche irgend ein National⸗Vorurtheil oder eine kleine Feindſeligkeit von dannen. Die Art wie unſer kleines Kauffahrteiſchiff von dieſem wohlgeruͤſteten Kriegsſchiffe genommen wurde, obzwar von allen gewoͤhnlichen Umſtaͤnden begleitet, zeigte eine ruhige Regelmaͤßigkeit, die mich in unge⸗ meine Verwunderung ſetztet. Man feuerte eine Kanone auf uns ab,— wir legten bei, unſer Schiffsmeiſter ging aufs Verdeck, wiſchte ſich den Angſtſchweiß mit dem Aermel von der Stirne, und fluchte nach ſeiner eigenen Art und Weiſe, auf Wind, Nebel, die Begleitſchiffe und die Froſchfreſſenden, Holzſchuhetragenden Franzoſen. Doch als das Boot der Fregatte ſich an die Schiffsſeite legte, ward er ploͤtzlich ſtill. Man warf die Strick⸗ leitern aus, und er ſtand mit einem verdruͤßlichen aber demuͤthigen Anſehn auf dem Schiffsgange. Ein luſtiger junger Franzoͤſiſcher Ofſizier ſprang aufs 156 Verdeck, nahm ſeine Doſe mit der Miene eines Mannes heraus, der eben ſeine Parthie gewonnen hat, ſchnupfte mit heiterm und lebendigem Anſtande, und erforſchte waͤhrend deſſen, mittelſt eines ſtam⸗ melnden Schiffsjungen, der zu einer Art Dollmet⸗ ſcher diente, Alles was die Ladung, Mannſchaft u. ſ. w. betraf. Indem er ſo ſprach, ſah er ruhig um ſich her, und ließ nicht einmal unſere Paar Ma⸗ troſen feſtnehmen, ſondern ſtellte bloß einen ſeiner Leute ans Steuerruder, vertheilte die uͤbrigen unter die unſeren, ließ die Segel wieder aufziehen, und nun gings nach der Kuͤſte zu. Ich war der einzige Paſſagier, die einzige Stands⸗ perſon an Bord, und kaum hatte man mich ihm ge⸗ gezeigt, als er ſich auch ſchon ſehr artig verbeugte, mir eine Priſe anbot, mit den Achſeln zuckte, laͤ⸗ chelte, etwas von„la fortune de la guerre“ ſagte, mich verſicherte, daß ich in Frankreich ein„beau pays“ einen„charmant séjour' und„de jolies fem- mes“—„Ah! ha! spirituelles, aimables, irès aima- bles“ finden wuͤrde, und daß es dort ſehr guten Wein gebe.„Seyn Sie nur ruhig, ſeyn Sie nur ruhig, Sie werden zufrieden, ſehr zufrieden ſeyn“ wieder⸗ holte er mehr als ein Mal. Alles Privateigenthum ward aufs ſorgfaͤltigſte geachtet; außer der Gefan⸗ genſchaft widerfuhr mir nicht die geringſte Unan⸗ nehmlichkeit, und dieſe war fuͤr jemand, der nicht Soldat war, und den man auf eine ſo artige Weiſe wie mich gefangen genommen hatte, kein Grund zur — ——,ð———————an Verzweiflung. Soll ich die Wahrheit bekennen? Ja, ſo unkindlich und hart es auch klingen mag, ich war mit dem Zufalle gar nicht unzufrieden, der mich jetzt unter den Feinden meines Vaterlandes zuruͤckhielt. Ich entging dadurch der gefuͤrchteten Ruͤckkehr in meine friedliche und tugendhafte Heimath, bei der ich mir in der That wie eine Art von freiwilligem Ver⸗ bannten vorkam. Kein Wunder alſo, daß ich am Quay von Breſt mit den Gefuͤhlen eines Menſchen landete, der uͤberall geiſtige Aufregung geſucht hatte, und nun unter gebildeten und hoͤflichen Feinden Neu⸗ heit, Unterhaltung und einige Zerſtreuung fuͤr ſeine duͤſtre unruhige Stimmung erwartete. Ich unter⸗ zeichnete das Verſprechen nicht zu entfliehn, ohne Zoͤ⸗ gern. Es geſchah in einer alten unbequemen Kanz⸗ lei, und die ganze Sache ward ohne viele Umſtaͤnde abgemacht. Wenige Minuten nachher aber befand ich mich ſchon, mehr als Reiſender denn als Gefang⸗ ner, in dem Saale der Goldnen Kugel, mit den Eh⸗ rentiteln eines„Mylord Anglais,“„brave enfant,““ „bel homme“ und vor allem„trèés-riche.“ Die Offiziere der Fregatte ſpeiſten zuſammen am Lande, und da unſre Ladung von bedeutendem Werthe ge⸗ weſen war, und der Antheil, den ſie an den Priſen⸗ geldern zu erwarten hatten, jede Bedenklichkeit we⸗ gen der Koſten des feſtlichen Mahles verbannte, luden ſie mich ein, mit daran Theil zu nehmen. Da ſaß ich denn an der leckern Tafel mit Fran⸗ zoſen, heiter geſtimmt, und ihnen durch eben dieſe 158 Heiterkeit, mit der ich ihre ausgelaſſene Froͤhlichkeit und vorſetzlichen Unſinn mit anhoͤrte, ſchmeichelnd. Wir gingen dann ins Theater, wo Moliere's Tartuͤffe mit einer Wahrheit des Tons, des Blicks und der Be⸗ wegung dargeſtellt ward, welche ehe der Vorhang ſiel, ſchon einen halben Franzoſen aus mir gemacht hatten. Nun ward ich von meinen neuen Gefaͤhrten, mit williger Hingebung meinerſeits, zu einem Spiel⸗ tiſche gefuͤhrt. Hier kann ich mir aber keinen Vor⸗ wurf machen. Als ein Fremder entſchuldigt, und in der Vorausſetzung, daß ich nicht unbedingt uͤber mein Geld disponiren koͤnne, ob man mir gleich von allen Seiten welches anbot, brauchte ich bloß einen Zu⸗ ſchauer dabei abzugeben. Mit Recht nennen die elenden Sklaven des La⸗ ſters des Spiels, den Ort ihrer abſcheulichen Zuſam⸗ menkuͤnfte die Hoͤlle,— es iſt auch eine Hoͤlle, aber eine kalte, mitleidloſe, erſtarrende Hoͤlle. Kalt nenne ich dieſes Laſter, weil es alle edlere und beſſere Ei⸗ genſchaften des Menſchen erkaltet. Scheint es doch, als ob der, welcher einmal der toͤdtenden Einwirkung dieſer unſeligen Neigung ſich hingegeben hat, ſeine ganze Natur aͤndere, ſie, ſo ſchlecht ſte auch vorher ſeyn mochte, noch vollends verſchlimmere. Die Gat⸗ tin, die liebenswuͤrdige Gattin liegt auf einſamen verwaiſttem Lager, das ſie mit ihren Zaͤhren benetzt, das unſchuldige Kind blickt vergebens nach den Lieb⸗ koſungen eines Vaters empor, der Freund— nein, ———— 159 er hat keinen Freund, keinen, den er nicht vor dem Altare des Teufels, den er anbetet, zu opfern bereit waͤre. Wie ſehr erinnere ich mich noch dieſer Szene! Das kecke Wagen, der aͤngſtliche Gluͤckswurf, das un⸗ terdruͤckte jubelnde Laͤcheln, die geballte Hand, die eingebiſſene Lippe, der Schlag vor die Stirne, die blaſſe regungsloſe Verzweiflung, die wahnſinnige Wuth, das raſtloſe Auge des Zweifels, des Verdachts, des Neids, der Ausbruch des Haſſes und Zornes!— Von dieſem letztern gab es ein trauriges Beiſpiel. Der am feinſten ausſehende junge Mann unter der Geſellſchaft foderte, von ſeinem Verluſte erbittert, und das Laͤcheln des Gewinners als eine Beleidi⸗ gung anſehend, dieſen auf der Stelle. Sie gingen mit Sekundanten fort. Bald wurden wir abgerufen, ach! um den Krieger ſterben zu ſehen, wo kein Ruhm das ſinkende Haupt kroͤnen kann. Er lag ſprachlos auf einem Sofa, ſein Kleid war blutig, ſchwarzroth von geronnenem Blute, aber ſeine Wange bleich— er ſtarb ohne eine weitere Bewegung. Von dieſem Augenblicke an that ich den Schwur, Wuͤrfel oder Karten als eigentlicher Spieler nie wieder zu beruͤh⸗ ren, Dieſer Schwur iſt einer der wenigen, die ich gehalten habe. Waͤhrend meines zweijaͤhrigen Aufent⸗ halts in Frankreich ging ich ſelten auch nur ſo weit von ihm ab, mich zu dem kleinen Geſellſchaftsſpiele mit zu verſtehen, das damals der allgemeine Zeitver⸗ treib war.. Man ſandte mich nach Blois, einer Provinzial⸗ 160— ſtadt, wo ich zufaͤllig der einzige Gefangene war⸗ Mir ſelbſt kam es ſonderbar vor, wie ſchnell und leicht ich in den kunſtvollen geſchaͤftigen Muͤßiggang verſank, der damals in Frankreich Mode war. Doch muß ich inſofern den Franzoſen Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen, daß ſie nicht bloß ein hoͤfliches, ſondern auch ein gutmuͤthiges Volk ausmachen, immer wohl⸗ wollend, immer zn dienen bereit. Man wirft ihnen vor, nicht aufrichtig zu ſeyn. Dem iſt aber nicht ſo. Sie ſind ein warmes Volk, leicht erreget, und ſo lange ſie dieß ſind, die Sachen ſehr ernſtlich nehmend; aber ein fallendes Blatt kann dann auch wieder den Strom ihrer lebhaften Phan⸗ taſte ablenken. Iſt man entfernt von ihnen— ſo wird man vergeſſen; tritt man aber wieder unter ſie, ſo iſt auch gleich die freundliche Erinnerung da, und man wird ſo herzlich wie ſonſt behandelt. Ihr Leicht⸗ ſinn iſt zu unterhaltend, als daß man ihn ihnen nicht verzeihen ſollte. Wenn der Handſchuh einer Dame auf die Erde faͤllt, ſo wird er nicht bloß auf⸗ gehoben, nein, man ſtuͤrzt ſich darnach mit einer wil⸗ den, komiſchen Haſt hin, als ob es etwas hoͤchſt koſt⸗ bares waͤre, das man den Flammen entreißen muͤßte. Soll man eine Dame zu Tiſche fuͤhren, ſo wird die Hand ausgeſtreckt, der Kopf auf eine Seite, die ganze Figur rechtwinklig gedreht, der Fuß auf der Spitze vorgeſtellt. Wie? wollen ſie denn etwa eine Menuet tan⸗ 161 tanzen? Das nicht— ſie wollen ſich blos zu Tiſche ſetzen. Begegnet uns ein Franzoͤſiſcher Bekannter des Morgens, ſo iſt er charmé, enchanté uns zu ſehen, und iſt avec permission ſo kuͤhn ſich die Freiheit zu nehmen, und zu fragen, ob wir uns geſtern Abend im Schauſpielhauſe amuͤſirt haben. Schreibt er ein ganz gewoͤhnliches Billet, ſo iſt er mit der groͤßten Hochachtung und der tiefſten Verehrung, oder, ohne alle Ausnahme und mit der innigſten Anhaͤnglichkeit, der ganz eigenſte u. ſ. w. Dieß alles ſind nur Formalitaͤten, und ein Fremder hat es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn er mehr Werth darauf legt, als damit angedeutet werden ſoll. Eine Zeitlang befand ich mich in Frankreich ſehr wohl, trank fruͤh Kaffee, dinirte richtig zur Mittags⸗ ſtunde, war regelmaͤßig im Theater abonnirt, und ging dann, ſehr aufgeweckt, zu den koͤſtlichſten petits soupers. Die Franzoͤſinnen geſielen mir und entzuͤck⸗ ten mich durch ihre Lebhaftigkeit, ihre Ungezwungen⸗ heit und die, obwol nicht unanſtaͤndige, Nuͤckſichtlo⸗ ſigkeit ihrer Reden, und bald bemerkte ich, daß dieß Benehmen(von Englaͤndern) oft ſehr alberner Weiſe ſo mißverſtanden ward, als hielten ſie weniger ſorg⸗ faͤltig auf ihre Ehre. Sie ſprechen ſtets zierlich und lebhaft, mag nun die Rede von einem Herzen oder einem Herzbettchen ſeyn; uͤber niedergeſchlagene Au⸗ gen, Wangenverfaͤrben und Herzensbeklemmung, uͤber dieſe wahren Zeichen nicht allein der Liebe, ſondern auch I. L 162— der leidenſchaftlichen Liebe— daruͤber lachen ſie herzlich, zeigen ihre weißen Zaͤhne und zucken unwillkuͤhrlich triumphirend die Achſeln. Ihre Eitelkeit kann be⸗ friedigt werden, ihr Herz aber ſelten geruͤhrt. So lange ich mich in ihren reizenden Kreiſen befand, ſuchte und fand ich Vergeſſenheit meines ungluͤcklichen Selbſt. Ueberall war ich, im Boudoir, im Zimmer, im Salon— und uͤberall ward ich durch die Beina⸗ men spirituel, homme d'esprit, gai, poli, tout à fait Frangais beehrt. Was ſind doch die Maͤnner fuͤr Schauſpieler, fuͤr veraͤchtliche Schauſpieler! Ich lachte und laͤchelte, war ein foͤrmlicher Weltbuͤrger, aber des Nachts, wenn ich in die Einſamkeit meines Zimmers trat, ſchlug mein Herz bang und ſchwer. Dann druͤckte mich ein ſchreckliches Gefuͤhl der Ent⸗ behrung. Ich ſtreckte die Fuͤhlfaͤden nach jeder Seite hin aus, aber ſie konnten keinen Halt finden, und ſanken vergehend und todt herab. Nur am Ufer des Fluſſes, bei einſamen Spazirritten, im Hinaufblicken zum ſchoͤnen blauen Himmel, fand ich einigen Troſt. Auch der Blick und Ton, mit welchen ich die Gruͤße der voruͤbergehenden Landleute erwiederte, waren ſanft und dankbar, und Herz und Natur walteten in den fluͤch⸗ tigen Strahlen der Freude, welche meine erheiterten Zuͤge belebten, wenn ein ſchwarzaͤugiges Landmaͤd⸗ chen mir begegnete und zulaͤchelte. Fuͤr die Stadt⸗ ſchoͤnen, die Modehaͤndlerinnen, Waͤſcherinnen, Naͤ⸗ therinnen, Kammermaͤdchen dagegen, war ich, ganz 163 wider die Sitte meiner Gefaͤhrten, voͤllig Eis. Nur eine einzige Anekdote, meinen Umgang mit Frauen in dieſer Zeit betreffend, will ich noch, ehe ſich der Schauplatz meines Lebens wieder veraͤndert, hier kurz mittheilen. In der Geſellſchaft, wo ich mich taͤglich einzu⸗ ſtellen pflegte, befand ſich auch ein allerliebſtes Maͤd⸗ chen von achtzehn Jahren, voll Anmuth, Reiz, Ge⸗ ſchmack und Leben. Mochte ſie ſitzen, ſtehen, oder ſich bewegen, ſtets unterſchied ſie ſich vortheilhaft von allen ihren Umgebungen. Alles, was ſie trug, ſtand ihr; Alles, was ſie ſprach, geſiel. Sie war eine aͤchte Bruͤnette mit brennenden Augen, und zwei Reihen weißer, ſchoͤngeformter Zaͤhne glaͤnzten zwi⸗ ſchen ihren Roſenlippen. Ihr Wuchs war vollkom⸗ men. Hand und Fuß bezaubernd ſchoͤn. So wie ſie jetzt mir noch im Geiſte vorſchwebt, kann ich ſie wahrhaft reizend nennen. In meinem Verhaͤltniſſe zu ihrem Umgangskreiſe lag es, daß ein ſolches Maͤdchen mir auch abſichts⸗ los freundlich begegnen mußte, denn ich war jung, fremd, gefangen, beſaß Talent und Takt in der Unter⸗ haltung, und meine Geſtalt ſtieß nicht eben ab. Sie blickte mich, wie geſagt, freundlich an, und es war mithin nicht mehr als Schuldigkeit dieß durch freund⸗ liche Blicke von meiner Seite zu vergelten. Doch that ich dieß, wie ich mich wohl erinnere, mit voͤl⸗ L 2 164 lig ruhigem Herzen. Nie ſuchte ich Eindruck auf ſie zu machen, denn ich hatte nichts von einer maͤnn⸗ lichen Kokette an mir; auch habe ich ſtets das Be⸗ ſtreben, Andere fuͤr ſich einzunehmen, um dann auf die eigne Gewalt zu gefallen wieder laͤchelnd zuruͤckblik⸗ ken zu koͤnnen, aus vollem Herzen verachtet. Die Augen der Eiferſucht aber ſahen, oder wollten wenig⸗ ſtens Manches aus ſeltſamen und ganz verkehrtem Geſichtspunkte ſehen. Als ich daher eines ſchoͤnen Abenoͤs nach einigen frohen Stunden aus einer der heiteren Geſellſchaften, zu welchen ich ein fuͤr allemal geladen war, nach Hauſe zuruͤckging, hoͤrte ich hin⸗ ter mir mich laut und barſch rufen. Ich drehte mich ſogleich um. Da kam eiligſt und bewegt ein junger Mann auf mich zu, von dem ich zwar oft hatte ſpre⸗ chen hoͤren, den ich aber erſt an dem heutigen Abende in der Geſellſchaft geſehen hatte. Es war ein Spa⸗ niſcher Edelmann. „Habe ich Sie endlich!“ rief er aus,„ziehen Sie, und vertheidigen Sie ſich!“ Sie vergeſſen, mein Herr! ich bin Gefangener, folglich ohne Waffen. Richtig, das hatte ich vergeſſen.“ Es entſtand jetzt eine Pauſe. Ich ſprach keine Sylbe. Endlich begann er mit mattem und abgebrochnem Tone und leiſer als vorher:„Lieben Sie Julie von Roche⸗ fort?“ Seüor, ich denke nicht daran. „Aber Sie dachten ſonſt daran. Sie haben ihr Herz geraubt. Sie blickt freundlich auf Sie, hoͤrt auf Sie, liebt Sie.” Das kann ich unmdoͤglich glauben. Aber wozu dieſe ſonderbaren Fragen, Senor? Sie iſt freundlich mit wem ſie will. Ich habe keine Rechenſchaft da⸗ von abzulegen. Senoor, enden wir dieſes Geſpraͤch! „Nein, Sie muͤſſen mich hoͤren! Wie? Alles wol⸗ len Sie mir rauben? Mich mit einem Herzen, aller Seligkeit, aller Hoffnung baar, fortſchicken! Das thaten Sie und nicht einmal hoͤren wollen Sie mich! — Aber Sie ſollen es, frecher Raͤuber!“ Seüor, Sie raſen! Ich weiß von Juliens Liebe nichts, und mag nichts davon wiſſen. „Unwahr! unwahr wie die Hoͤlle!— Sie koͤn⸗ nen ſie nicht erblicken ohne ſie anzubeten, ſie kann Sie nicht ſo anlaͤcheln, ohne daß Sie ſie liebten, ohne daß ſie in Entzuͤcken uͤber ihre himmliſchen Reize geriethen.“ Bloße eiferſuͤchtige Traumbilder eines Liebha⸗ bers in Fieberhitze? Ich bin Ihr Nebenbuhler nicht, ich liebe Julien nicht. „Wie? Sie fluͤſterten ihr Schmeicheleien zu und erwarben ihre Zuneigung, und jetzt wollen Sie ſie verlaſſen?“ Rehmen Sie doch um des Himmelswillen Ver⸗ nunft an. Ich habe nie weder die mindeſte Theil⸗ nahme von ihr zu gewinnen geſucht, noch ſie in der That gewonnen. Sie iſt mir gegenuͤber ſo rein, wie 166 friſchgefallener Schnee. Glauben Sie mir, Julie denkt nicht an mic. „Und doch, und doch! Ich ſah ihren auf Sie gerichteten Blick, ſah wie die ſchoͤne Hand Ihren dargebotenen Arm druͤckte und die Bruſt ſich in der ſtummen Sprache der Liebe hob.“ Ihr Auge taͤuſchte Ihren unruhigen Geiſt. „Nein, nein!“”* Nun ſtand er einen Augenblick, auf ſeinen ent⸗ bloͤßten Degen geſtuͤtzt, blaß und ſtumm da. Thraͤ⸗ nen ſchwammen ihm im Auge, und tropften einzeln und ſchwer herab. Dann trat er naͤher zu mir, ſteckte ſeinen Degen in die Scheide, faßte mich krampfhaft bei der Hand, und blickte mir feſt in's Geſicht. „Gut denn. Ich haͤtte ſie mit inniger, treuer Liebe hegen und pflegen moͤgen, wie eine Nachtigal⸗ lenmutter ihr ungeſtedertes Neſthuͤnchen. Der Glanz ihres Laͤchelns, die Muſik ihrer Stimme wuͤrde mir dieſe todte Welt zu einem Paradieſe gemacht haben. Es ſollte nicht ſo ſeyn. Ich vertraue ſie nun Ih⸗ nen. Sie ſind der Gatte ihrer Wahl. Sie wird Ihnen reizende Kinder ſchenken, Engel werden um Ihren Tiſch ſitzen, und ich— ich werde einſam trau⸗ ern, verlaſſen um mich her ſchauen in der weiten Welt mit mattem Auge. Erinnern Sie, wenn Sie gluͤcklich ſind, erinnern Sie ſie daran, thun Sie das! — Ich will nicht in Haß von Ihnen ſcheiden.— Leben Sie wohl!“— So ſagte er, ging aber doch nicht.— Dann trat er mir wieder naͤher, und ſetzte mit dem ſchmerzlichen Tone eines gebroch'nen Her⸗ zens hinzu: „Ich bitte Sie, junger Englaͤnder, machen Sie ſie gluͤcklich!— recht gluͤcklich!— gewiß auch gluͤck⸗ lich!“ Nun eilte er pfeilſchnell fort.— Ich konnte ihm nicht folgen. Die maͤnnliche Geſtalt, das edel ſchoͤne Geſicht, das Helden⸗Auge in Thraͤnen ſchwim⸗ mend, und das dunkle Haar, das auf ſeine blaſſe Wange herabſiel, ſie ſtehen noch vor mir. Ich habe nicht ein Wort von dieſer ſeltſamen Unterredung ver⸗ geſſen. Vergebens verſuchte ich zu ſchlafen. Mit Ta⸗ gesanbruch ſtand ich auf. Ich wußte nicht, wo er wohnte, und lange waͤhrte es, ehe ich ſeinen Gaſt⸗ hof fand. Seine Bedienten beſchaͤftigten ſich damit, den Reiſewagen zu packen. Ich fragte eiligſt nach ihrem Herrn. Er hatte ſchon vor drei Stunden die Stadt verlaſſen, war noch in der Nacht allein fort⸗ geritten. Mit ungeduld erwartete ich die Stunde, wo ich mit Julien ſprechen konnte. Ich fuͤhlte mich bei dem Gedanken gluͤcklich, daß es in meinen Haͤnden liege, die tiefe Anbetung der ſtummen Liebe des ed⸗ len Spaniers ihr zu entdecken. Ich mahlte mir ihren Stolz— ihr Entzuͤcken, die Freude, mit welcher ſie einem ſolchen Manne Herz und Hand geben werde. Endlich erſchien der Augenblick. Ich ward in ihr Boudoir gefuͤhrt. Sie war in ein hoͤchſt elegan⸗ * 168 tes Negligee gekleidet. Ein Papagei ſpreizte ſich ihr auf der Hand und pickte Zucker aus derſelben, ein kleiner Mops ſaß neben ihr auf einem ſeidenen Kiſſen, und ſchaute zu ihr auf. Ich bat ſie, den Vogel wegzuthun, da ich ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Sie that es mit einer Art ſcher⸗ zenden Gehorſams, und alle ihre Zuͤge glaͤnzten von Erwartung. Mein Herz ward warm— meine Spra⸗ che beredt— ich erzaͤhlte den ganzen Vorfall mit Feuer— und ſchwieg dann. Sie brach in ein lau⸗ tes, ungezuͤgeltes Gelaͤchter aus.„Und das iſt al⸗ les?— der arme Mann!— und ſo wird er dem Tode entgegengehen.“— Ja, ja, ganz gewiß, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf.—„Es waͤr' ja auch gar nichts großes an der Sache, wenn er ſich nicht ſelbſt umbraͤchte.— Nein, das iſt gar zu allerliebſt,— gar zu drollig,— ſolch einen Spaß habe ich noch nicht ge⸗ habt,— das ging nun einmal nicht anders an.— Ha, ha, ha!“ Und wieder brach das teufliſche Ge⸗ laͤchter aus, und ward von dem Bellen des Mopſes und dem Geſchrei des Papagei begleitet. Ich verließ das Boudoir,— das Haus,— die Stadt ſogar, und zog in ein Bauerhaus eine Meile davon entfernt, duldete kein Weib in meiner Naͤhe, außer wenn ſie ſo haͤßlich war wie eine Here, las alle Buͤcher, die auf das weibliche Geſchlecht ſchimpf⸗ ten und bildete mir ſelbſt ein, daß ich ein geſchwor⸗ ner Feind deſſelben ſey. Nur einige wenige Freunde ließ ich von Zeit zu Zeit in meiner Einſamkeit zu, um mit ihnen zu trinken und gegen die Weiber zu laͤſtern. Einige lachten daruͤber und beſtaͤrkten mich in dieſem Ge⸗ fuͤhle, als einer Art humoriſtiſcher Sonderbarkeit; Andere aber hielten mich fuͤr einen halben Bar⸗ baren. Doch ein alter ernſter Militaͤr, der mehr Ehrlichkeit als ſeine uͤbrigen Landsleute beſaß, Men⸗ ſchen lieben konnte, ohne ihnen zu ſchmeicheln, und ſie ſchaͤtzen, ohne es ihnen ſtets zu ſagen; ein Mann, der mich, waͤhrend ich unter den uͤbrigen Inſekten der Geſellſchaft herumflatterte, faſt kaum bemerkt hatte, beſuchte mich taͤglich, und ſteckte mich mit ſeiner Verachtung der Welt ſo vollkommen an, daß ich, ein ſo unwuͤrdiges Weſen als nur je darauf her⸗ umwanderte, daſſelbe Lied anſtimmte, und ein ſoge⸗ nannter Menſchenhaſſer ward. Doch mein Herz— wie oft, wie unablaͤſſig widerſprach ſein heftiger Schlag der kalten und bittern Sprache der Lippen! Ich ſehnte mich innigſt darnach, zu lieben und ge⸗ liebt zu werden. Selbſt die ſchmerzlichen Leiden der Liebe, ſchienen mir die erfreulichſten und ausgezeich⸗ netſten Anſiedler in der Mannesbruſt. Ich ſchaute in der Welt umher. Da gab es kein Auge außer dem von Agathen, das meinem lie⸗ benden Blicke haͤtte begegnen koͤnnen, und dieſes, ach! konnte es doch nicht ſprechen, wie mein Herz es erſehnte! Wenn ich ſie aber nur einmal haͤtte wiederſehn, nur einmal noch ihre Stimme hoͤren koͤn⸗ nen, welche Wonne waͤre das fuͤr mich geweſen! Ja⸗ ———ͤͤͤͤ 170 wenn ichs vermoͤchte, wollte ich gehn, und wandern, und ſie aufſuchen. Eintreten wollte ich in jedes Kloſter Italiens,— irgendwo wuͤrde ich doch ihre Stimme wieder hoͤren,— den Ton, den ich nie ver⸗ geſſen konnte,— und wenn ſie grauſam meine Bitte verweigerte, wenn ſie ſich ſo hart zeigte, mir ſelbſt eine einzige Zuſammenkunft am Kloſtergitter zu ver⸗ ſagen, wollte ich doch nicht von der Stelle weichen, die ihre Gegenwart heiligte, von einem Tage zum andern dort leben und mit der Melodie ihrer Mor⸗ gengeſaͤnge meines Herzens Sehnen naͤhren. Um dieſe Zeit, wo mein Geiſt ſich ſo unablaͤſ⸗ ſig mit ihrem Bilde beſchaͤftigte, war es, daß ich zu⸗ erſt an die Moglichkeit dachte, meine Freiheit zu er⸗ langen. Aber wie? Sollte ich mein Wort brechen? lieber dann als Gefangner ſterben. Und erhielt ich nun auch meine Befreiung, wohin mußte ich nicht zuerſt und augenblicklich im Gefuͤhl der Pflicht, der Ehre und der Liebe zu den heiligen Banden des Blutes, fliehen? Und als welch ein veraͤndertes, gede⸗ muͤthiges Weſen ſollte ich in meines Vaters Haus zuruͤckkehren? Konnte ich wol je wieder in der ru⸗ higen Behaglichkeit des ſtillen Waldes wandeln und eine Zufriedenheit heucheln, die ich nie wieder fuͤhlen ſollte? Bis jetzt hatte ich die koſtbaren Juwelen in dem Kaͤſtchen noch nicht beruͤhrt.— Freundlich laͤchelte mir der Gedanke daran zu, gleich der Lampe des Alaodin, gleich den Schwingen des — — 82 171 thoͤrichten Ikarus. Schon ſchien ich den Fittig zu regen und vergaß die ſchwarze bodenloſe See unter mir. Was fuͤr ein boͤſer Daͤmon mir den Gedanken einfluͤſterte, klein und gering im Ent⸗ ſtehen, ſtrafbar und ſchaͤndlich in der Ausfuͤh⸗ rung, und von dauernden und wiederholter Verwuͤn⸗ ſchungen begleitet, ich weiß es nicht. Aber der Ge⸗ danke entſtand in mir, alle Bande, die mich an die Welt feſſelten, zu ſprengen, Heimath, Familie, Va⸗ terland aufzugeben, ſelbſt den Namen, den mir die Geburt gab, wegzuwerfen, allein zu leben, zu wan⸗ dern, zu bleiben, zu lieben, zu meiden, ohne Ver⸗ antwortlichkeit gegen irgend jemand, und doch— o! uͤber die ſchmachvolle Sophiſterei des betruͤgeriſchen Herzens!— doch liebte ich noch, war mir bewußt, daß ich ſie liebte, meine Eltern, die mir das Daſeyn ſchenkten, meine Schweſter, die mit mir aufwuchs, die Freunde, die mir wohlgewollt hatten, die Wal⸗ desraͤume, wo ich in fruͤher Kindheit mich gefreut und geſpielt hatte. Von ferne her mußte ich noch, wie ein herumirrender Geiſt, uͤber meiner Heimath, die ich fuͤr immer verlaſſen hatte, wachen und unge⸗ ſehene Gemeinſchaft mit ihr halten!— Je laͤnger ich uͤber dieſen haͤßlichen Vorſatz nachdachte, um ſo ſtaͤrker ſchien ſeine wilde Anziehungskraft zu werden. Der erzuͤrnte, geſchlagene Knabe kann das Haus des grauſamen Vaters, den er nur als einen harten und unfreundlichen Zuchtmeiſter kennt, fliehen; der Mann mit zarten Nerven und ruheliebendem Tem⸗ Beduͤrfniß der Heilung darin und daher keine Geißel von Skorpionen, ſondern nur das ſolch einen Gedanken faſſen; Wenn ich ruͤckwaͤrts ſah, ſchauderte ich. Ach! waͤre es doch nur bei dem zweckmaͤßigſte in Geld zu ſetzen. Bis dahin war ich noch reichlich mit Geld verſehen, und indem ich mir nun einen falſchen Paß, Kaufmanns Alvarez aus dem ſchaffte, nahm ich meine Ma wohl ſchon in Savoyen war aus dem kleinen Landhauſe, unter dem Namen eines Spaniſchen Amerika ver⸗ aßregeln ſo gut, daß ich ehe meine Entfernung wo ich mich ſehr oft mehrere Tage lang von aller Geſellſchaft entfernt gehalten hatte, entdeckt wurde. Und hier koͤnnten konnte? Daß jemals Friede kehrte? Daß mich noch ein lebt?— Aber mein Gemuͤth war ſo ſonderbar be⸗ ſchaffen, daß, obgleich Schmerzes und der Beſchaͤmung, des Kummers und des Leidens mir auf meiner nun beginnenden Lebens⸗ bahn beſchieden waren, ſie doch auch durch Momente der Freude unterbrochen wurden, auf die ich, ob ich ſie gleich ſchulbbewußt genoß, doch als auf reine Augenblicke zuruͤckſehen kann. Luft und Licht, Erde und Waſſer waren mir ja nicht unterſagt. Sie ſind es ſelbſt dem verworfen⸗ ſten Sterblichen nicht. Die heiße Stirn wird ge⸗ kuͤhlt, der einſame Pfad erhellt, die kalte Hand ge⸗ waͤrmt, die durſtende Lippe benetzt, und alle Men⸗ ſchen— ſchlafen. Die freudigen Gefuͤhle, mit denen ich die roman⸗ tiſchen Wildniſſe und Thaͤler Savoyens durchſtreifte, waren neu und erhebend. Die Alpen! o wie be⸗ geiſternd iſt es, zu ihnen empor zu blicken, den rei⸗ nen Schnee auf ihren Gipfeln zu ſehen, die gruͤnen Weideplaͤtze zu erblicken, die man ihren ſchroffen Sei⸗ ten abgewonnen hat,— die breiten, dichten, dunkeln Decken der Waͤlder zu betrachten, welche die Natur pflanzte und die deren ſteinige Oberflaͤche verbergen oder wilder machen,— die Fluͤſſe zu ſchauen, die an ihren Fuͤßen ſtroͤmen, hier tief, blau und ſchmal, dort breit und ſeicht, in ſpielenden Wellen flimmernd, oder mit weißem Schaum und lautem Getͤs durch Einoͤden den Weg ſich bahnend. Solche Anblicke wir⸗ ken wohlthuend, dieſe Naturſzenen ſind eine Art 174— von Himmel auf Erden— auf Erden, denn ge⸗ fallene Geiſter koͤnnen unter ihnen wandeln, und auf ſie ſchauen mit Thraͤnen der Liebe, und einſchlum⸗ mern laſſen ihre boͤſen Leidenſchaften. In einem Dorfe der Grafſchaft Maurienne, wo ich anhielt, war ich Zeuge einer Szene, welche einen ſo tiefen Eindruck auf mich machte, daß ſie noch wie neu in meinem Gedaͤchtniſſe lebt, und ich mich daran erfreue. In dem Zimmer, wo ich ſaß, befand ſich ein Fenſter einem andern deſſelben Gaſthofs recht⸗ winklig gegenuͤber, ſo daß das letztere gerade auf eine enge Gaſſe gerichtet war. Die Einwohner jenes Thals ſind in ihrem Aeußern, wie in allen ihren Verhaͤltniſſen, arm und elend, und doch giebt es un⸗ ter ihnen wieder Weſen, welche noch tiefer auf der Stufenleiter menſchlicher Noth ſtehen, ſo daß das Herabſehn bei Vergleichung ihres Schickſals ſelbſt den aͤrmſten dieſer Landleute auch Zufriedenheit ge⸗ waͤhrt. Dieſer armen Ungluͤcklichen giebt es zweier⸗ lei. Sicher liegt auf ihnen irgend ein Fluch, wie wir geſehen haben, daß er die Kinder und Kindes⸗ kinder des von Gott auserwaͤhlten aber dann verwor⸗ fenen Geſchlechts verfolgte. Doch weiter. Einige dieſer traurigen Geſchoͤpfe nennt man Goitres. Ein ſtarker aber noch zuruͤckgezogener Kropf, ſchwillt nach und nach zu einer ungeheuren Groͤße an, und tritt hervor oder haͤngt an dem beklemmten Halſe. Eine ſchmuzige ungeſunde Geſichtsroͤthe, ein truͤber Blick, und ein langſamer, ſchleppender Gang laſten⸗ den, hoffnungsloſen Elends zeichnet ſie aus und ver⸗ leiht ihnen Namen und Aeußeres einer beſondern Racec. Noch Andere gibt es von noch verſtellterm Anſehn. Sie ſind zwergartig gewachſen, aber der Kopf iſt ungeheuer groß und das Geſicht breit. Ihre Haut iſt glaͤſern und angeſpannt und hat die kranke gelbe Farhe einer allgemeinen Geſchwulſt. Das Auge iſt groß, ſtier und glaͤſern, das Weiße darin todt, truͤb und gelbſuͤchtig, und der Blick ſchweift un⸗ ſtaͤt umher und ſtarrt dann wieder wie bei einem Bloͤdſinnigen. Das Herz ſank mir vor die Fuͤße, als ich auf dieſe elenden Menſchen blickte, und mein kuͤhner Geiſt wagte die Frage: Ach, warum, warum ſind dieſe ſo?— Sie betteln bei den Reiſenden, und mancher wendet ſich mit Abſcheu ab, einige geben ihr Schaudern offen zu erkennen, waͤhrend ſogar an⸗ dere(wohl ſelbſt nicht Menſchen) ſie ſchlagen, wo ſie dann mit dem demuͤthigen Blick und dem tiefen Beugen eines Hundes zuruͤckweichen. Selbſt Da⸗ men, Sonnettenleſende Damen, greifen nach dem parfuͤmirten Schnupftuche oder dem Riechſlaͤſchchen, und wenden ſich von ihnen hinweg. Ich uͤberlegte mir eben alles das im muͤßigen verſtimmten Sinne, als ich ein junges, gutgekleidetes Frauenzimmer ſich dem Fenſter des Gaſthofes nahen ſah, und es die Hand ausſtreckte mit Almoſen fuͤr den armen Cretin, der an einer ſonnigen Mauer gegenuͤber lag, und aufſtand und heruͤber kam, um es in Empfang zu nehmen. Die Dame warf ihm „ 176 eine Silbermuͤnze in den Hut, aber ſo langſam, daß ich wohl ſehen konnte, die Thraͤnen des Mitleids, welche ihr Auge feuchteten, entſtroͤmten ihrem Herzen. Der arme Cretin ſiel auf die Knie, ſtieß ein irres Gelaͤchter aus, und ein ungewohnter Glanz ſchien ſein Auge zu erhellen. Sie ſah immer noch mit trauriger, mitleidsvoller Milde auf ihn, und fragte dann das aufwartende Maͤdchen in der laͤndlichen Herberge, die recht lieblich und friſch neben ihr ſtand, nach dem Armen. Doch, Du unvergleichlicher Engel! ich kannte Dich noch nicht. Ich bemerkte deine aͤußere Lieblichkeit noch nicht, denn dein ſittli⸗ cher Reiz leuchtete ſo hell aus deinen mitleids⸗ vollen Blicken, daß ich, als ich auf Dich ſchaute, an den Himmel und nicht an die Erde dachte. Nach zwei bis drei Minuten verließ ſte das Fenſter, der Cretin ſtarrte aber immer noch auf das Zimmer, nicht bettelnd, ſondern verwunderungsvoll. Jetzt fiel ſein Auge auf den Wagen, der abgeſpannt an der Thuͤre ſtand. Nun ging er hinuͤber in den Stall⸗ dann zuruͤck, und ſchnell, ſchnell wieder fort. Die Geſellſchaft, welche aus einem aͤltlichen, dicht einge⸗ wickelten und offenbar unpaͤßlichen Manne, einer Dame gleichen Alters und jenem intereſſanten Maͤd⸗ chen beſtand, kam heraus, und wollte ſich eben in den Wagen ſetzen, als der Cretin athemlos zuruͤck⸗ kehrte. Er hatte einen Strauß von Feldblumen in der Hand, und in einer kleinen, offnen pappenen Schachtel einige glaͤnzende Steine, die er wahrſchein⸗ lich lich aus einer benachbarten Felſengrotte geholt hatte. Er lief, und hielt ſie ſeiner Wohlthaͤterin hin. Sie nahm den Strauß mit freundlichem Laͤcheln. Da man erſt anſpannte, ſo hielt er noch lange ſeinen kleinen Schatz von glaͤnzendem Kryſtalle und Glim⸗ mer, als das koſtbarere Anerbieten ſeines Dankes ihr vor, und ſprach dazu eifrig einige unverſtaͤndliche Laute. Als aber der Wagen nun fort und bei ihm vorbeifuhr, und er mit ſeiner verſchmaͤhten Gabe al⸗ lein auf der Straße ſtand, warf er ſeine Steine in den Weg, ſchuͤttelte ſeinen breiten Kopf⸗ und verſank in daſſelbe duͤſtre, kranke Hinſtarren wie vorher. Ar⸗ mer Ungluͤcklicher! Er fuͤhlte einen Engel in ſeiner Naͤhe, und haͤtte ihn gern angebetet. Geh, Du kran⸗ kes Kind, geh, ſpiele mit dem tanzenden Sonnen⸗ ſtrahle auf dem flimmernden Bache, pfluͤcke den wil⸗ den Thymian, fange das ſchwirrende Heupferd, und mache Muſik auf dem gellenden Kuͤhhorn. Dein Wiſſen und dein Gefuͤhl ſtehen uns naͤher, als die unſeren dem der niedrigſten jener geſchaffenen Geiſter, die uns unſichtbar umſchweben. Dein Herz iſt viel⸗ leicht minder ſchlecht, als das des Beſten und Ange⸗ ſehnſten unter uns Allen. Armes Geſchoͤpf! Du durchkreuzeſt den Pfad eines kalten Weſens, das, um Vergnuͤgen aufzuſuchen, die Welt durchreiſt, und da es an Dir nichts finden kann, was ſeiner herzloſen Bruſt auch die mindeſte Anregung gebe, nun ſeine er⸗ baͤrmliche Schreibtafel herauszieht und Dich als ei⸗ nen Gegenſtand des Schreckens, als ein Ekel er⸗ 1. M * 178 weckendes Gebild darin eintraͤgt. Was doch die Men⸗ ſchen im Angeſicht des hohen Himmels fuͤr Betrug ſpielen! Doch ich faſſe mir ſelbſt in den Buſen. Wen kann ich, wen darf ich richten? Ich, ein Wandrer, der ſich ſelbſt verbannte, der Heimath und Liebe der Seinen vergaß und dahin gab, und dieſe nun trauern laͤßt und ſich quaͤlen, um einen letzten und einzi⸗ gen Sohn, der verloren ging aus ſeiner Eltern Armen! 4 So wie ich Chambery verließ, fing ich an meine Reiſe zu Pferde fortzuſetzen, um die Naturſchoͤnhei⸗ ten unterwegs mehr zu genießen, und reißte ſo bis Turin. 1 An einem duͤſtern Nachmittage verließ ich das Doͤrfchen Lanslebourg, um den Mont Cenis zu be⸗ ſteigen, und dieſe Nacht in dem Hospitium auf dem Gipfel des Berges zu ſchlafen, wo ich gegen Son⸗ nenuntergang anzukommen hoffte. Das Aufwaͤrts⸗ ſteigen war anhaltend, auf ſteilen, engen und ſteini⸗ gen Umwegen, und lange Zeit ging es durch Waͤlder von ſchwarzen, hohen Tannen. Kaum hatte ich noch den dritten Theil meines Weges zuruͤckgelegt, als der Himmel ſich wie ein weites Leichentuch geſtaltete, ge⸗ rade auch wie dieſes mit einem weisglaͤnzenden Sau⸗ me aus lichteren, von der Sonne beſchienenen, Wol⸗ ken. Eine Zeitlang war Alles ruhig— dann aber erwachten die Winde und wehten heftig, und mit im⸗ mer zunehmender Staͤrke. Alles was ich rings um⸗ her betrachtete, verkuͤndete Sturm, einen ſolchen wie er auf dem Lande Verwuͤſtung zu verbreiten pflegt. Der ſich dichter einhuͤllende Reiſende, das Pferd mit gebognem Nacken, geſpitzten Ohren, fliegender Maͤhne, ſchuͤchtern und furchtſam, die Ziegen, die von ihren hohen und ſteilen Weideplaͤtzen herabſprangen, der wehende Schleier der Baͤuerin, das hohe wild wo⸗ gende Gras, das Raſcheln der Blaͤtter, das Nieder⸗ beugen der Zweige und ſelbſt die feſte Haltung der bebenden Tanne, alles war Warnung fuͤr Aug' und Ohr. Auch ſchlief der Donner nicht lange mehr,— er brach hervor nach einer aͤngſtlichen Pauſe des wil⸗ den Stuͤrmens,— brach laut hervor,— fuͤrchterlich, als ob die Saͤulen des Himmels ſtuͤrzten. Aus der ſchwarzen Wolken ſchauerlichen Riſſen gluͤhte der zuͤckende Blitz, jetzt weiß und voll mit blendender Helle, nun blau und ſgpitz, der ſchnellſte Pfeil des entruͤſteten Todes. Und Regen, ſtroͤmender Regen floß herab, und der tobende Wind ballte ihn zu wil⸗ den Guͤſſen, und an hohen Baͤumen brachen die ſtol⸗ zen Kronen, oder ihre Wurzeln riſſen, und ſie ſtuͤrz⸗ ten quer uͤber den ſchwimmenden Pfad. So wuͤthete es anhaltend und heftig. Ich war zeitig abgeſtiegen, und mein Pferd ſcheu geworden und mir entſlohen. Lange ehe eine dieſer Tannen ſtuͤrzte, hatte ich mich an eine der ſtaͤrkſten gelehnt, aber ein praſſelnder Blitz traf, ſpaltete und entzuͤndete ſie ſo, daß ich voll Schrecken, aber unbeſchaͤdigt, an der niedergeſchmet⸗ terten ſtand. Ich eilte nun zu einem vorſpringenden Felſenſtuͤcke, das mir einen Zufluchtsort darzubieten M 2 N 188 ʒ ſchien; ob es mich aber gleich gegen den Regen deckte, duͤnkte mich doch die uͤber mir lagernde Maſſe ſtets zu beben und den Einſturz zu drohen. Ich konnte es darunter nicht aushalten und eilte auf einen kah⸗ len, ſteinichten Fleck, wo ich mich niederkauerte bis die höͤchſte Wuth des Sturmes aufgehoͤrt haben wuͤrde. Ich fuͤhlte wol dann und wann ein tiefes, zittern⸗ des, erhebendes, aber auch zugleich ſchauervolles Ver⸗ gnuͤgen an der fuͤrchterlichen Groͤße dieſes Kampfes der Natur; aber die vorwaltende Empfindung war Schrecken, ſo wie ich ihn ſchon in Mitte der gaͤhnen⸗ den Wogen und auf der wankenden Erde hatte ken⸗ nen lernen. Ihr, die ihr aus euren verſchloſſnen Fenſtern im warmen Studirzimmer einen Sturm mit anſeht, kommt, und haltet ſeine mitleidloſe Wuth aus. Ihr Dichter und Gelehrte, kommt zu der zer⸗ ſchmetterten Tanne im Alpenwalde, und ihr werdet zittern, gleich mir.. Nach und nach minderte ſich die Heftigkeit des Sturmes, doch die ganze Nacht hindurch war ein ſo graͤßliches Wetter und ein ſolcher Sturm, daß ich mich nicht von der Stelle ruͤhren konnte. Gegen Morgen hoͤrte der Regen auf, der Wind ſchwieg, und es ward wieder ruhig. Noch in der duͤſtern Daͤm⸗ mmerung fand ich mein Pferd wieder, das nicht weit von mir mit geſenktem Haupte und zerriſſnem Zuͤgel da ſtand. Ich trieb es vor mir her. Es war heftig kalt, und das Juwelenkaͤſtchen, welches ich der Si⸗ cherheit wegen immer bei mir trug, erkaͤltete mir die * 181 Bruſt. Es ſchien mir eine Laſt, eine ſchuldbeladene Laſt. Aber der Wurf war einmal geſchehen. Ich konnte es jetzt nicht mehr von mir thun. Endlich erreichte ich das Hospitium, und ward getrocknet, gewaͤrmt, geſpeiſet. Den ganzen langen Tag und die folgende Nacht ſchlief ich nun einen erquickenden Schlaf. Als die Sonne am andern Tage wieder hoch ſtand und hell auf den Schnee ſchien, und ſich in dem blauen See badete, der die Felſengipfel abſpie⸗ gelte welche ihn umgaben, machte ich mich wieder auf den Weg. Schnell ſtieg ich, mitten unter jenen Anſichten und Naturtoͤnen, welche den Reiſenden ſo ſehr anziehen, bis an den Fuß des Mont Cenis hin⸗ ab. Waſſerfaͤlle toͤnten in mein Ohr, Alles ſah friſch und gruͤn aus, der Baum, der Buſch, die Pflanze, der Grashalm ſtanden im Glanze, die Thraͤnen die ihn erquickt hatten trocknend. Voͤgel ſangen, und jeder vorbeieilende Maulthiertreiber jubelte in Freude. So trat ich in Italien ein, und durch liebliche Thaͤ⸗ ler, bei waldbekraͤnzten Huͤgeln, aus denen bald Felſengipfel oder alte Schloͤſſer ragten, oder von de⸗ ren zackigen Spitzen ſchoͤne Kloͤſter herabſchimmer⸗ ten, eilte ich froͤhlich vorbei, bis ich von einem off⸗ nen hohen Punkte, weit hinaus blicken konnte uͤber die ſonnigen Ebenen mit gruͤnen Feldern und glaͤn⸗ zenden Fluͤſſen, mit Heerden anf ruhiger Weide; und mitten in dieſen ſchoͤnen Anſichten,— Leben, Men⸗ ſchentreiben,— die Stadt, weit und hochgethuͤrmt ſich verbreitend, und kleine dunkle Huͤtten neben 182 Waͤldchen und flimmernden Baͤchen zerſtreut. Ein ſolcher Anblick gewaͤhret gewiß das ſchuldloſeſte Ver⸗ gnuͤgen. Es iſt ſo ungemein belohnend, auf einer einſamen hohen Stelle zu ſtehn und herabzuſehn auf die bewohnten Orte! Wir fuͤhlen, oder glauben es zu fuͤhlen, daß wir die unbekannten Einwohner lie⸗ ben. Aber Liebe will nie dem Nachbar Uebels zufuͤ⸗ gen, und doch ſteigen wir herab, und verſcheuchen ihr Gluͤck und ihren Frieden und ihre Unſchuld durch Beduͤrfniſſe, die wir ihnen bringen, und Kriege und jedes ſtraͤfliche Geluͤſt, das den Leidenſchaften ſchmeichelt. Auch ich that es,— ſtieg hinab, waͤrmte mich an der Himmelsſonne, und war, gleich der Schlange am Feuer des Holzhauers, doch ſchon bereit mit meinem ruheloſen Stachel die mitleidige Hand zu durchbohren, die den Erkaͤlteten erwaͤrmt und wieder ins Leben gebracht hatte. In dem ſchoͤnen Turin und dem wohlhabendern Malland verweilte ich nur kurze Zeit, und eilte dann nach Venedig, den Ort wohin ich ſtrebte, um mein unſeliges Schickſal durch ein vorſetzliches Verbre⸗ chen zu beſtegeln, womit ich die ſchuldbelaſtete Frei⸗ heit eines einſamen Wanderlebens, eines Zuſtandes, der mich von der Menſchentheilnahme ausſchloß, erkaufen wollte. Gleich nach meiner Ankunft gelang es mir durch einige Geſchicklichkeit und Kunſtgriffe(denn mit dem * 183 Beſitze von Reichthum hatte ich auch ſchon dieſe krummen Wege kennen gelernt) meine Juwelen ſo zum Verkauf auszubieten, daß zwei der angeſehnſten Kaufleute einander insgeheim dabei uͤberbieten muß⸗ ten. So erfuhr ich, nicht ohne Zittern, daß ihr Werth wenigſtens 200,000 Venetianiſche Zechinen be⸗ trage, eine Summe, die mir Ueberfluß zuſicherte. Ich verkaufte ſie alſo, und legte die erhaltenen Gel⸗ der ſo ſicher und ſo geheim an, daß nur auf meinen ausdruͤcklichen Befehl, und mit einem beſondern Zei⸗ chen auf jeder Anweiſung, etwas davon erhoben wer⸗ den konnte. Damals waren ſolche geheime Ueber⸗ einkuͤnfte in Venedig ſehr gewoͤhnlich, und die dor⸗ tigen Kaufleute konnten dem mit Gelde verſehenen Fremden guͤltige Wechſel an ihre uͤber den ganzen Erdkreis verbreiteten Korreſpondenten ausſtellen. So war ich denn nun reich und allein, frei zu thun und zu wollen was mir beliebte, zu wuͤnſchen und zu genießen, und dieß noch dazu in Venedig, dieſem großen Palaſte voll Vergnuͤgungen und Zaubereien, unter Sirenen, deren Stimmen toͤnen,„wie der ſuͤße Schwanengeſang hinſterbender Luſt, deren dunkle, ſtrah⸗ lende Augen verfuͤhreriſch aus den weißen Faldettas glaͤnzen, unter Umgebungen, wo man keine raſſeln⸗ de Toͤne hoͤrt, wo man mit leichter Muͤhe uͤberall hingelangen kann, denn leicht iſt die Arbeit des Gon⸗ doliers. Sanft und anmuthig beruͤhrt ſein Ruder den ruhigen Waſſerpfad, und wo man auch, auf ſein Kiſſen gelehnt, hinſehen mag, nirgends hoͤrt und ſieht *½ 184 ————— man fluchende Fuhrleute oder grauſam gepeitſchtes taumelndes Vieh in der ſtillen Stadt. Venedig iſt fuͤr das Vergnuͤgen geſchaffen. Ei⸗ nige Tage lang muß ich, will ich gluͤcklich ſeyn. Laßt mich noch heute beginnen. Wie iſt doch Alles ſo ſchoͤn, ſo wahrhaft ſchoͤn umher! Selbſt das Waſ⸗ ſer ſcheint ein Gemaͤhlde. Palaͤſte und Tempel und ſanft wehende Wimpel, und Schaaren muͤßiger Men⸗ ſchen, bunte Trachten, Alles ſpiegelt die helle Ober⸗ flaͤche zuruͤck! So rief ich aus, ſtaunte, bewunderte, und ſchwamm ſchnell und leicht den großen Kanal herab, und dann verließ ich ihn, und kam in die brei⸗ tere Waſſerflaͤche vor dem Quai oder kleinen Markus⸗ platz, wo auf einer hohen antiken Siegesſaͤule die bronzenen Fluͤgelloͤwen ſtolz einherſchreiten, als ob ſie fliegen wollten. Ganz nahe ſteht der Palaſt des Dogen mit ſeinen engen Bogengaͤngen, ſei⸗ nen beiden großtrefflich verzierten Mittelfenſtern, mit Baldachinen von Stein und Statuͤen und Bas⸗ reliefs darunter, und ſeinem Dache, eingefaßt mit reicher, zackiger Verzierung. Wachen gingen unten umher, Nobili ſtanden auf den Balconen, eine un⸗ geheure Menge Gondeln wimmelte am Quai, und einige offne Barken mit Maͤnnern und Frauen der niederen Klaſſen, die ſich hineindraͤngten. Weiter aber entfernt vom Ufer lagen Boͤte von ſeltſamer phan⸗ taſtiſcher Form, mit Vorder⸗ und Hintertheilen, hoch gewoͤlbt, und mit Zierrathen geſchmuͤckt, hier nur Muſcheln, dort Blumen, anderswo wieder Fruͤchte, * 185 und alle vergoldet, mit ſeidnen Wimpeln, und wohl⸗ gekleideten Ruderern, und Muſik darauf und Ge⸗ ſaͤnge, und dem ganzen frohen Geraͤuſche eines Feſt⸗ tags. Als wir dem Quai nahe kamen, und nun lang⸗ ſamer fuhren unweit des Landungsplatzes an den Marmorſtufen, ſagte der Gondolier:„der Signor iſt ſehr gluͤcklich, eben in dieſer Zeit des Jahres hier zu ſeyn. Heute gibts eine Fregatte zu ſehen, etwas ſehr Merkwuͤrdiges fuͤr den Herrn. Nach der Hoch⸗Meſſe wird ganz Venedig auf dem Waſſer ſeyn,— der Doge, und die Nobili und alle ſchoͤne Damen. Wenn der Signor nun jetzt in die St. Markuskirche gehen will, wird er die Hoch⸗Meſſe hoͤren, und ich will mit ihm gehen, oder hier am Quai auf ihn warten: mein Kamerad bleibt indeſſen in der Gondel.“ Schoͤnen Dank, mein Freund, gehen will ich, aber allein. Sage mir aber doch erſt, was bedeutet denn die kleine hochgewoͤlbte Bruͤcke dort, zwiſchen den Mauern des Palaſts des Dogen und des ſchoͤ⸗ nen Gebaͤudes gegenuͤber?“ „Oho, das iſt die Seufzerbruͤcke.“ Wie? „Die Seufzerbruͤcke.“ Ei, gibt es denn Seufzer in Venedig? „Ach, gar viele, Signor, und auch Thraͤnen.“ Und nun ſang er wieder ſein froͤhliches Lied und un⸗ terbrach es nur um mich auf eine voruͤberrudernde Barke aufmerkſam zu machen, worin ein fetter Moͤnch, E 186 ein Bauer und ein Harlekin unter ſtetem Gelaͤchter ihre tollen Streiche trieben. Aber die Bruͤcke, mein Freund, warum heißt ſie die Seufzerbruͤcke? „Warum? weil das große Gebaͤude da, das Ge⸗ faͤngniß iſt, und in dem Palaſte dort die Gefange⸗ nen alle ihr Urtheil erhalten. Dann ſteckt man ſie eben da in den Kerker, und weil ſie dabei die Bruͤcke paſſiren muͤſſen, ſo nimmt man an, ſie ſeufzten, wenn ſie noch einen Blick auf unſere ſchoͤne Stadt werfen. So hat man mirs erzaͤhlt, Signor; aber ſie koͤnnten eben ſowol dort die große und beſuchte Bruͤcke auch ſo nennen, denn am Gelaͤnder drauf lehnt ſich manche Bruſt wol Stundenlang, die ein blutendes Herz in ſich ſchließt, wenn das Auge zu dem dort oben ſieht. Da Sie aber wiſſen, Signor, daß kein Blinder den andern das Sehen lehren kann, ſo macht man ſich nur ſelbſt ungluͤcklich um⸗ ſonſt und um nichts, alſo—“» und damit ſang er wieder ſein luſtiges Stuͤckchen, und durch die ge⸗ draͤngt liegenden Boote ſich windend, brachte er mich dicht an den Landungsort. Von hier kam ich bald nach dem edlen St. Markusplatz. Dort wimmelte alles von glaͤnzenden Anzuͤgen und heiteren Geſichtern, und obgleich der Gedanke an die Seufzerbruͤcke in mir emporſtieg, wie eine fluͤchtige Viſion duͤſterer Wolken vor dem geiſtigen Auge, ſo verſcheuchte ich ihn doch ſogleich, und ſah mich mit Freude, oder wenigſtens etwas dem aͤhnlichen, um. 187 Alle Vergnuͤgungen, die dem Reichthume zu Ge⸗ bote ſtehn, um die fluͤchtigen Stunden genußreich zu machen, lagen mir jetzt offen, denn ich war reich. Noch an demſelben Morgen hatte ich den Schatz meines Bankiers geſehen, die Geldſaͤcke, die Gold⸗ klumpen, die Juwelen, die Haufen blanker Muͤnzen. Geiz beſiel mich als ich darauf blickte, aber ich be⸗ ruhigte mich ſelbſt wieder durch den Gedanken, daß ich ja auch wohlhabend ſey. Als ich durch die Bo⸗ gengaͤnge ſtrich, ſah ich Kupferſtiche an einer Wand. Einer davon, bunt ausgemahlt, eine Hebe darſtel⸗ lend, lieblich mit den ſtrahlenden Blicken und den bluͤhenden Wangen, wie ſie den Blitzetragenden Ad⸗ ler, wilden Blicks und doch ſo zahm geworden, aus ihrer ſchoͤnen Hand fuͤtterte, ſiel mir beſonders auf. Ich blieb ſtehn um das Kupfer naͤher zu betrachten, doch wie durch Zauber ward mein Auge ſchnell davon weg auf ein anderes gezogen, das dicht darunter hing. Es war von einem Nieeeerlaͤndiſchen Kuͤnſtler. Zwei Wuchrer ſaßen da, mit Pelzmuͤtzen und abge⸗ ſchabten Roͤcken, mit Brillen auf der Naſe und Goldwagen in den zitternden Fingern, und der Tiſch zwiſchen ihnen war voll von unordentlich aufgehaͤuftem Gelde. Hier bereits in kurze, dicke, ſchwerausſe⸗ hende Packete gebracht und verſiegelt, dort noch of⸗ fen liegend,— Gold,— alles Gold, und die alten Maͤnner ließen es durch die Finger ſchluͤpfen und blickten darauf mit dem kalten, harten, grauſam fro⸗ hen Laͤcheln des Geizes; hoch oben aber an einem 188 kleinen Fenſter in der Wand ſah man eine andre Geſtalt, die auf ſie und ihren Zeitvertreib herab⸗ ſchaute. Es war der Tod mit ſeiner fleiſchloſen Kinnlade und ſeinem nimmer muͤden Grinſen. Und er ſtrekte den langen, knoͤchernen Arm ſeines Skeletts weit her⸗ aus, ein Stundenglas haltend, in welchem der Sand ſchon faſt abgelaufen war, und woran die Worte zu leſen:„Du Thor! noch in dieſer Nacht!“* Ich wendete mich ab, mit dem Gefuͤhle des Koͤnigs in dem Maͤhrchen unſers großen Moraliſten der keck zehn Tage lang geſagt hatte:„Morgen will ich gluͤcklich ſeyn.“ Ich ging nachdenkend mei⸗ nen Weg weiter, mitten durch die Haufen gedan⸗ kenloſer Lacher, bis zu meiner Gondel. Da ſaß ich unter ihrer ſchwarzen Decke, wie ein geblen⸗ deter Traͤumender. Die wehenden Tuͤcher, und das jubelnde Geſchrei, und die lauten Signalſchuͤſſe, die bei allen hohen Feſten die Stimme des Krieges nach⸗ ahmen, als ob ſie deſſen ferne Schrecken verſpotten wollten,— ich ſah und hoͤrte ſie wol, hatte aber keine Gedanken dafuͤr. Zu Hauſe erwarteten mich ein mit Leckerbiſſen beſetzter Tiſch, und die erleſenſten Weine gluͤhten in kryſtallnen Gefaͤßen. Der Anblick machte mich krank. Ich aß ohne Genuß, trank ohne Geſchmack,— denn ich war allein. Ich ſah auf die Straße hinaus und ſah zwei Bettlerknaben ſpielen, und der zerlumpte Vater ſonnte ſich an der Mauer und lachte ihnen mit vaͤterlichem —ʒ;—O—:—— ——L—ꝛ—ÿ—T—ℳ ꝛ ꝛ—— 189 Wohlgefallen zu. Und noch ein anderer alter Mann in Lumpen ſaß dabei, der ſich wieder uͤber das freute was der Vater ſagte, und ich konnte aus ihren Zuͤ⸗ gen leicht ſchließen, daß drei Generationen, alle bet⸗ telnd aber froh, unter mir weilten. Ach! wie ſank mir da das Herz!— allein— und ich ſelbſt hatte mein Schickſal beſtimmt,— dazu beſtimmt,— hatte mich an die Einſamkeit verkauft— mein angebornes Recht an Herzen, Namen, Blutsverwandte, Vater⸗ land verkauft! Alles dieß verkauft! Und fuͤr was? „In dieſer Nacht, Du Thor!— Fuͤr was?— um ein ſchmackloſes Mahl und ein bangendes Herz! Aga⸗ the!— da, da, gab es noch eine Hoffnung— an ihrem Buſen ruhend konnte ich hoffen, war ich deſ⸗ ſen gewiß, gluͤcklich zu ſeyn. Ich wollte ſie ſuchen, finden, die meine nennen.— Aber hier war ſie nicht, und ſo konnten in dieſem Augenblicke meine Gedan⸗ ken keine Ruhe finden. Selbſt meine Bedienung mußte veraͤchtlich laͤcheln uͤber das einſame Mahl— das ungetheilte Lager— den Becher Weins den nie⸗ mand kredenzte. Die Erinnerungen alle,— der Sturm,— der Traum,— das Erdbeben,— der Verkauf meines Ichs, — der fuͤndige Schatz,— und der letzte Sporn mei⸗ ner armen erniedrigten Seele, der Kupferſtich mit dem hagern, drohenden Warner:„Du Thor! noch in dieſer Nacht!“— es war zu viel fuͤr mich.— Wo ſollte ich Troſt ſuchen?:— Ich erinnere mich noch meines lauten, wilden Geſchreis. Sonderbar, daß 190 ich durch mein ganzes Leben hindurch ſolche Auf⸗ tritte tief im Gedaͤchtniſſe behalten habe!— Die⸗ ſelben Blicke, dieſelben Worte und Reden, Ordnung und Folge derſelben, ſelbſt die Art und Weiſe der Sprechenden, als ob ich noch ſpraͤche, ſaͤh und hoͤrte. „Hoͤrt niemand?— Mein neuer flinker Bedien⸗ ter ſtuͤrzte herein.—„Vergnuͤgungen, Freund! ſchaffe mir Vergnuͤgungen,— mach' daß ich darunter er⸗ liege. Ich werde nicht lange hier bleiben, und muß Alles genießen was die Stadt Schoͤnes gewaͤhrt. Die Gondel ſoll an der Treppe zum großen Theater auf mich warten, und gib mir meinen Mantel und De⸗ gen. Ich will allein dahin gehn. Thur was ich Dir befahl— ſchaff' Unterhaltung!⸗— So ſprach ich, nahm den Mantel um und wanderte durch enge Straßen und uͤber Marmorbruͤcken, meinen Weg mit jener Eil des Wißvergnuͤgens fortſetzend, die ſehr gut mit der geſpannten Erwartung beſtehen kann, irgend eine kleine Zerſtreuung zu finden, um die verdruͤßliche Laune oder Erſchoͤpfung zu vertreiben. In der letzten langen, engen Gaſſe die zum Opern⸗ hauſe fuͤhrte und welche eben jetzt faſt leer war, bat man mich um ein Almoſen. Die Bittende war eine leicht gekleidete hinkende Frauensperſon von blaſſem, kraͤnklichem Ausſehn. Mit einer Art wilder Haſt ſprach ſie. Es iſt nicht allein fuͤr mich. Zu Hauſe habe ich Kranke und Sterbende. Um der heiligen Jungfrau Willen, Signor, erbarmt Euch!— Die Rei⸗ chen haben keine Boͤrſen bei ſich. Mein Billet war —— ——˖——:Q— — 191 ſchon bezahlt, und ich hatte alſo keinen Heller in der Taſche. Eine Viertelſtunde weit nach dem Gaſthofe zuruͤckgehen? Unmoͤglich— und noch dazu konnte ig alles— und faſt ſchien es ſo— ein Betrug, eine erdichtete Ungluͤcksfabel ſeyn. Die lispelnde Aengſt⸗ lichkeit ihrer erſten Bitte verwandelte ſich jetzt in ein durchdringendes heftiges Anliegen, und ein Wehe⸗ ruf folgte mir. Das that mir ſelbſt weh. Ich fuͤhlte in meiner Bruſt einen Streit zwiſchen der Waͤrme des Mitleids und der Kaͤlte des Unglaubens. Bequemlichkeitsſinn aber gab dem letztern Gefuͤhle das Uebergewicht, und ich eilte von der Bittenden ſchnell hinweg,— ins Theater. Der Vorhang ging in die Hoͤhe. Nichts konnte erheiternder und hinreißender ſeyn als dieſe Muſik. Die Oper beſtand ganz aus Serenaden, heimlichen Zuſammenkuͤnften, betrogenen Vormuͤndern und ſuͤßem Liebesgeſchwaͤtz. Die Prima Donna war eine glaͤn⸗ zende Theaterſchoͤnheit, und bot alle Reizmittel auf, welche Unſchuld nicht kennt. Der Oper folgte ein Ballet, voll von anmuthigen Gruppirungen und Ver⸗ ſchlingungen, und den ſuͤßen Schwebungen des lok⸗ kenden Entfliehens um wiedergefunden zu werden, und den Liebesblicken und innigen Umarmungen, und den Blumengewinden und Shawls von ſchneei⸗ gen Armen emporgehalten, und der heitern Muſik waͤhrend aller Taͤnze. Ich ſaß in meiner Loge und ſah unverwandt auf die Buͤhne, und hoͤrte auf die Muſik, aber die Ge⸗ 192 ſtalt der Bettlerin ſtand vor mir und ihr Weheruf toͤnte waͤhrend des ganzen Abends in mein Ohr. So⸗ bald der Vorhang fiel, ging ich mit dem langſamen Schritte der Beſchaͤmung, aber mit innerlichem Drange die Ungluͤckliche wieder aufzufinden, nach Hauſe. Sie war nirgends zu ſehn. So wanderte ich weit in der Stadt umher. Es war eine kalte aber helle Nacht. Ich konnte ſie nicht finden. An⸗ dre Bettler fragte ich.„Wie? eine lahme, blaſſe, aͤrmlich gekleidete Frauensperſon?— O deren gibts hier in Menge.“— Ich ging doch weiter. Ein in einen Mantel gehuͤllter Fremder, der bei Nacht in Venedig herumſtreift, wird wol ſchwerlich fuͤr je⸗ mand gehalten, der Almoſen austheilen will; daher war's kein Wunder, daß eine Menge Geſindel und alte verkappte Frauen, trotz meiner Schwuͤre und Weigerungen, mich anſielen, um mich in verworfne Schlupfwinkel einzuladen, und ſo kam ich muͤde und voll Verdruß auf mein Zimmer zuruͤck. Ich legte mich nieder, und als ich den Schlaf meinen Augen⸗ liedern ſich naͤhern fuͤhlte, dankte ich mit matter Stimme fuͤr die nahende Wohlthat. Mittag war's als ich erwachte. Ich hatte tief, ruhig und erquickend geſchlafen. Die Sonne ſchien zwar hell, die Luft war aber ſehr lieblich, und bewegte leis und erfriſchend die Fluthen. Wie Diamanten, die das feinſte Glas zerſchneiden, hoben ſich die Wel⸗ 193 Wellen ſanft, und die ganze Flaͤche glaͤnzte in hin⸗ reißender Schoͤnheit. Man konnte dieſen Anblick nicht genießen, ohne ſich angenehm von ihm durch⸗ drungen zu fuͤhlen..— Ich brachte den ganzen uͤbrigen Tag in meiner Gondel zu, beſuchte erheitert Tempel und Palaͤſte, und ließ ihren Zauber auf mich einwirken. Endlich kam der Abend. Mein Blut war bis dahin ſo leicht durch meine Adern gefloſſen. Ich ſpeiſte mit Wohlbehagen. Reiſende Muſiker unter⸗ hielten mich dabei durch ihre Toͤne. So hatte ich ja Geſellſchaft; denn Muſtk, ſelbſt die einfachſte, an⸗ ſpruchloſeſte, iſt Geſellſchaft. In harmoniſchen Toͤ⸗ nen fuͤhrt ſie uns die mannigfachſten Bilder vor; macht ſie uns traurig, ſo fuͤhlen wir, daß wir es bloß durch Sympathie mit einer Menge Menſchen ſind, ja, wenn die Weiſe alt und volksthuͤmlich iſt, mit einer zahlloſen Menge Lebender und Todter, mit dem erſten, der ſie komponirte oder ſang, mit demſel⸗ ben Weſen, deſſen Kummer eine belebte Einbildungs⸗ kraft beſeelte, und der zuerſt dieſe Melodie aushauch⸗ te,— und dann mit allen freundlichen Zuhoͤrern, die ſich gern der ſchuldloſen Taͤuſchung hingeben; und iſt die Weiſe froh und heiter, ſo erfreuen wir uns eben ſo mit Tauſenden, und unſer geiſtiges Auge ſieht laͤ⸗ chelnd alle dieſe Gluͤcklichen unter unſeren Neben⸗ menſchen. Zu Nacht war ich wieder in der Oper. Ich ging nochmals durch die mir unvergeßliche Stra⸗ ßee, ſah mich aber vergebens nach der Geſtalt um, I. N 194 die ich ſo gern erblickt haͤtte; doch fuͤhlte ich mich durch den Gedanken beruhigt, daß ich ihr in der That ſo ſehr zu begegnen wuͤnſchte, und daß, wenn es geſchaͤhe, ich ihr auf das freundlichſte beiſtehen wolle. Das Theater war aufs glaͤnzendſte erleuchtet, denn es war abermals ein Feſttag. Alle Zuſchauer waren maskirt. Keinen Ton konnte man von der Darſtellung hoͤren, ausgenommen wenn einmal eine Favoritarie geſungen ward, wo denn eine augen⸗ blickliche Stille eintrat. Dann aber ertoͤnte auch ploͤtzlich wieder das luſtige Geraͤuſch der froͤhlichen Menge, gleich den ſchwaͤrmenden Bienen um ein un⸗ erſchoͤpfliches Beet honigtragender Blumen.— So konnte ich denn auch nicht finſter dabei ausſehen.— Masken trieben ſich in allen Theilen des Opernhau⸗ ſes umher. Die Thuͤren der Logen, wo die geachtet⸗ ſten und bekannteſten Perſonen ſaßen und mit ihnen verkehrten, oͤffneten und ſchloſſen ſich mehrmals in je⸗ der Minute, um Ankommende herein⸗ und Abgehende hinaus zu laſſen. Auch die meine, wo ich allein zu ſeyn geglaubt hatte, fuͤllte ſich bald mit Neugierigen. Beſuche kamen und gingen in ſchneller Folge. Ich ging auch, kam aber bald in Domino und Maske zuruͤck. In den Kleidern und Charakteren herrſchte wenig Verſchiedenheit, faſt gar kein Beſtreben, die letzten zu halten. Ein paar Masken rannten in der luſtigen Derbheit Venetianiſcher Landleute umher, au⸗ ßerdem ſah man aber nur Tuͤrken, Juden, Schaͤfer, Schaͤferinnen und einige alte Spaniſche und Ita⸗ V 41 195 lieniſche Koſtuͤms, die ſich mit Feuer und Leben ge⸗ genſeitig unterhielten. Wenige nur ſcherzten mit verſtellter Stimme unter einander, die Meiſten ſpra⸗ chen wie gewoͤhnlich. Fuͤr mich hatte uͤbrigens die⸗ ſer Auftritt den vollen Reiz der Neuheit, und ich ſchaute ihm mit ſo vielem Selbſtvergeſſen zu, als ich mir es nur wuͤnſchen konnte. Es war mir eine neue Geſtaltung, in der ich die wunderbare und ausdrucks⸗ volle Schoͤnheit des Menſchenantlitzes ſtudirte. Nie erſcheint ein Frauenmund ſo reizend und bezaubernd, als wenn er mit jedmoͤglicher Veraͤnderung des Aus⸗ drucks unter der ſchwarzen, geheimnißvollen Maske ſich bewegt. Die Rubinenlippen und den Perlen⸗ Schatz, und die reizenden Gruͤbchen, und das kleine, weiße, ſanft gerundete Kinn, dieſe an ſich ſo lieb⸗ lichen Gegenſtaͤnde, erblickt man nie in ſolcher Vollkommenheit, als wenn ſie im ſchelmiſchen Ab⸗ ſtiche zu der ſchwarzen Maske uͤber ihnen holdſelig laͤcheln. Viele ſcherzhafte Fragen hatte ich abzuweh⸗ ren, endlich aber lud mich eine weibliche Maske ein, meinen Platz zu verlaſſen, und fuͤhrte mich, da ich mit ſorgloſer Nachgiebigkeit ihrer Leitung folgte, in die Lo⸗ gen, wo es am frohſten herging. In einer afektirte ſie, wie ich wol bemerken konnte, eine Art von Ver⸗ traulichkeit mit mir, um irgend einen aͤngſtlichen Liebhaber eiferſuͤchtig zu machen. Er ward auch ſelbſt von mir, einem Fremden, leicht errathen. Seine Be⸗ muͤhungen, die Stimme zu verſtellen, verungluͤckten, ſein angenommener Charakter verſchwand und der N. 2 196— Liebe verachtende, hochmuͤthige Tuͤrke ſchmolz aus ſeinem barſchen Tone zu einem ſeufzenden Sklaven herab. Nun verließ ſie mit triumphirendem Laͤcheln auf der ſchoͤnen Lippe die Loge, und vollendete ihre Sirenenlockung, indem ſie mich bat, ſie zu ihrer Gon⸗ del zu fuͤhren. Schon wollte ich in die Gondel treten, als die Geſtalt der blaſſen kranken Bettlerin vor uns ſtand, und um Almoſen bat. Mit mißmuͤthigem herzloſen Tone befahl ihr meine ſchoͤne Begleiterin, ſich fort⸗ zupacken. Ingrimmig zuͤrnte ich uͤber eine Hand⸗ lung, die im Grunde doch nur das Seitenſtuͤck zu der war, welche ich geſtern Abend ſelbſt begangen hatte. So urtheilen wir uͤber Andere! Mein Blut war durch den froͤhlichen Tumult erwaͤrmt worden— es erſtarrte jetzt ploͤtzlich. Ich entzog der Maske meinen Arm und ließ ſie allein in die Gondel ſteigen, ver⸗ beugte mich und ging, und als ich ging, ſah ich noch, wie die Lippe, die jetzt eben noch ſo geroͤthet und ſo hinreißend war in ihrer Schoͤnheit, nun blaß ward, und wie ſie ſie einbiß. Sie ſprach nicht, nahm aber ihre Maske ab, enthuͤllte mir das Geſicht und laͤ⸗ chelte. Die zuckenden Nuͤſtern, die gluͤhende Wange, das blitzende Auge und die marmorbleiche Stirn, voll dunklen angeſchwollenen Adern, ſie ſprachen den laut⸗ loſen Zorn eines verſchmaͤhten Weibes aus. Ich ſchauderte vor ihrer furchtbaren, ſchreckensvollen Schoͤnheit zuruͤck, und fuͤhlte mich erſtarren, als ob ich das Meduſenhaupt mit den Schlangenlocken an⸗ 197 geblickt haͤtte, und zu Stein geworden ſey. Ich wende⸗ te mich um, zog meine Boͤrſe und gab ſie haſtig der ſtau⸗ nend dankenden Bettlerin. Der Ton ihres Dankes ſchon brachte mich wieder zu mir ſelbſt; er war innig, aufrichtig, verwunderungsvoll. Sie fiel auf ihre Kniee und betete zur heiligen Jungfrau, betete— ach! vergeblich!— daß mein Daſeyn gluͤcklich ſeyn moͤge.. „Ah,“ ſagte der Gondolier, als ſie aufſtand, und matt hinweghinkte,„das Almoſen iſt gewiß gut an⸗ gewendet. Ich weiß es noch recht gut, Signor, wie der vornehmſte Nobile in Venedig, Goldboͤrſen fuͤr ein einziges Laͤcheln von ihr wuͤrde gegeben haben. Wie? wer war ſie denn? Freund! „Die erſte Taͤnzerin in Italien, die manchmal auch auf einige Zeit hieher kam. O! da habe ich ſie oft im Theater hier tanzen ſehen. O ja, ſehr oft. Aber ſie hat Ungluͤck gehabt. Lange iſt ſie von hier fort, irgendwo im Auslande geweſen, und arm und kruͤppelhaft kam ſie wieder. Im Anfange that man ihr auch hie und da noch Gutes. Dann verlor ſie aber ihre beſte Freundin, die ihr Dach und Fach gab, und Unterſtuͤtzung bei Denen fuͤr ſie ſammelte, die ihr bekannt waren, und ſo Leib und Seele in ihr zuſammenhielt— und nun bettelt ſie. So oft ich mir etwas im Kanale verdient habe und auf ſie ſtoße, gebe ich ihr allemal eine Kleinigkeit, und das iſt mehr als alle vornehme Herrn, die ich noch je fuhr, gethan haben, Sie ausgenommen, Signor.“ 198 Weißt Du wo ſie wohnt? „Ja, Signor.“ Dann hole mich morgen Mittag mit deiner Gondel zu ihr ab. Ich hielt puͤnktlich Wort. Es war ein ſehr ſtil⸗ ler und heißer Tag. In den kleinern Kanaͤlen, wo das Waſſer keinen Strom hat, und wenige Gondeln ab und zu fahren, war dieſes mit Schaum und Schmuz bedeckt, haͤßlich anzuſehen, und von dem unangenehmſten, ungeſundeſten Geruche. In einem der engſten und ſchmuzigſten Kanaͤle hielt mein Gon⸗ delier, vor einigen zerbrochnen hoͤlzernen Stufen, die in einem Hauſe ohne Thuͤre zu einer elenden Woh⸗ nung fuͤhrten und rief:„Gianetta!“ Ein kleines in Lumpen gehuͤlltes Kind, rief ihm ſein Gianetta nach, aber es erfolgte keine Antwort. Wir ſtiegen aus, und traten in das Haus. In einer buͤſtern Kammer mit Fenſtern, die mit Papier verklebt waren und welche auf eine kleine Neben⸗Gaſſe gingen, fanden wir Gia⸗ netta. Sie kniete bei einem Kohlentopfe, auf wel⸗ chem ein Gefaͤß mit Suppe ſtand, die ſie mit einem Spohne umruͤhrte. Ein gelbausſehender todtkran⸗ ker Mann lag, muͤhſam und laut ſtoͤhnend, auf ei⸗ ner Strohmatratze mit einer Decke. Auf einer an⸗ dern, neben ihm, ſaß eine blaſſe Frauensperſon, und gab einem neugebohrnen Kinde die Bruſt, waͤhrend dderrei andre auch noch ſehr kleine Kinder, an dem Fen⸗ ſteer ſtanden und auf die dampfende Suppe blickten, das juͤngſte aber ein Stuͤckchen Brot aß, und einen ab⸗ — 199 gebrochnen Biſſen davon der armen Gianetta vor den Mund hielt, welche freundlich und liebevoll ge⸗ gen das Kindlein den Kopf ſchuͤttelte. Unſer Ein⸗ treten ſtoͤrte die Gruppe. Gianetta ſtand auf, wollte aber dann wieder niederknien um ihren Dank zu ſtammeln. Ich hielt ſie von dieſer unziemlichen Aeu⸗ ßerung zuruͤck. „Signor,“ ſagte ſie nun,„Ihre Guͤte hat uns Alle gerettet. Ich habe ſchon eine andre Wohnung fuͤr die armen Kranken gemiethet, und wenn ich ſie mit etwas Nahrung geſtaͤrkt habe, ſollen ſie dorthin gebracht werden! Der kranke Mann blickte ſprachlos mit naſſen Augen auf mich, und die ſtillende Mutter druͤckte ihr armes Kind feſter an ſich, und brach in ſolche Dankesworte aus, wie Muͤtter fuͤr die Rettung ihrer Kinder weihen. Waͤrmer uͤberfluthete das Blut mein Herz. Ich fuͤhlte eine augenblickliche, erlaubte Freude. Ich ging mit und beſah mir die neue Wohnung, miethete aber dann noch eine beſſere. Ich ließ einen Arzt ho⸗ len und bat den Gondolier einen theilnehmenden zu beſorgen. Dann blieb ich zugegen, als ſie unter meinen Augen fortgebracht wurden, ſah ſie in rein⸗ lichen und geſunden Zimmern und bequemen Betten, und ging endlich nach Hauſe und genoß mein Mit⸗ tagseſſen in ruhigem Dankgefuͤhle. Als es dunkel ward, trat ich hinaus auf meinen Balkon und blickte hinauf zu den Sternen und dann wieder hinab auf 200 — die dunkeln, ſpiegelgleichen Kanaͤle, die in ihren ſtil⸗ len Tiefen jene entfernten Planeten zuruͤckſtrahlten, als ob ſie unten auch mit den blaſſen Strahlen von Gold erleuchtet waͤren, die uͤber uns ſo mild ſchei⸗ nen, und den Himmel mit Edelſteinen ſchmuͤcken, wenn es rings umher Nacht iſt. 3 In tiefes Nachdenken verloren verſtrichen mir ſo mehrere Stunden. Immer mehr minderte ſich die Zahl der einzelnen Lichter, welche auf dem Waſſer flimmerten und glaͤnzende Streifen darauf goſſen, die ſpaͤt zuruͤckkehrenden Gondeln bezeichnend. Endlich war Alles regungslos und ſchweigend. War es Phantaſie des entzuͤndeten Gehirns?— Nein!— Traͤume ſind dem Traͤumenden Wahrheit. Und ſo war es auch dieſer wachende Traum, die Er⸗ ſcheinung dieſer Nacht fuͤr mich. Sie kam— Agathe kam— in der Geſtalt, in der Lieblichkeit, in derſelben Kleidung kam ſie, in welcher ich ſie zuerſt geſehen hatte. Sie ſtand hoch aufgerichtet in einem von ihr ſelbſt geleiteten Boote. Sie blickte auf mich wie es unter mir langſam vor⸗ uͤberglitt uͤber dem dunklen Gewaͤſſer. Ich hoͤrte ihn wieder, den wohlbekannten Geſang, von Agathens Stimme geſungen.— Ihre Lippen waren geſchloſſen, ihr Blick war feſt auf mich gerichtet, aber ſchwei⸗ gend.— Sie endeten, die ſo wohl gekannten, heiß⸗ geliebten Toͤne, und kein Boot ſah ich mehr, keine Agathe,— nur ein lichter Schein eines ſanften mil⸗ den Glanzes war da ergoſſen wo das Boot voruͤber⸗ — 201 geſchwommen.— Ich blickte tief bewegt zum Him⸗ mel empor, und ſah einen hellen, ſehr hellen Stern. Er bewegte ſich; er ſtrahlte einen Augenblick lang mit dem Schimmer von tauſend Edelſteinen, dann ſchoß er herab durch den erhellten Himmel, und ver⸗ ſchwand. In dem Augenblicke ergriff mich ein innerer Froſt; er rann blitzſchnell durch meine Adern, und ſchlug an mein Herz wie mit dem eiſigen Scepter des Todes, und ein Requiem hoͤrte ich, deutlich, fei⸗ erlich, duͤſter und ernſt; Die tiefen leiſen Toͤne der ſingenden Prieſter, und die Klaͤnge des Mitleids ſanft und trauernd von Frauen ausgeathmet. Endlich folgte Schweigen der Nacht auf dieſe ſonderbaren, koͤrperloſen Stimmen; ich eilte zu Bett, und ſtellte eine hellleuchtende Lampe auf den nahen Marmor⸗ tiſch. Mein Schlaf war, bis die willkommene Mor⸗ gendaͤmmerung erſchien, aͤngſtlich unterbrochen und ſieberhaft. 4 Agathe war todt— daran konnte ich nicht zwei⸗ feln— ſie lag„in ihrem kalten Grabe einſam und allein.“ Meine Geliebte!— o meine Geliebte! Ruhelos und verzweiflungsvoll ging ich in mei⸗ nem Zimmer umher,— der Tag ſchritt vor,— die Mittagsſonne ſchien. Ueberallhin drangen ihre Strah⸗ len und erhellten Alles. Ich konnte die Jalouſieen nicht ſchließen, ich konnte weder Dunkel noch Ein⸗ ſamkeit ertragen. Zu den Leidenden eilte ich, denen ich geſtern wohlgethan hatte. Der arme kranke 5 202 Mann, und die vor Kurzem erſt entbundene Mutter ſchliefen noch. Ihr tiefer Schlummer war ein ſol⸗ cher wie ihn Gott zum Troſte ſendet, und nicht ohne geheime Freude ſah ich auf die weichen Betten und die weißen Decken und die ſchattenden Vorhaͤnge. Die arme Gianetta ſaß in der anſtoßenden Kammer und arbeitete, und die kleinen Kinder lagen neben ihr reinlich und ruhig. Sie war voll Dankes, und ich benutzte dieſes Gefuͤhl um ſie nach den Urſachen zu fragen, welche ſie in eine ſo traurige Lage gebracht, da ich nicht ohne die groͤßte Verwunderung gehoͤrt, daß ſie als eine der erſten Ballettaͤnzerinnen vormals in ganz Italien gefeiert geweſen ſey. Sie gab es offen zu, doch ſchwieg ſie, nachdem ſie mir volles Vertrauen verſprochen hatte, einige Minuten; dann aber blickte ſie auf mich, mit ruhigem Laͤcheln und unter Thraͤ⸗ nen, welche ihr unwillkuͤhrlich aus den Augen dran⸗ gen und die ſie entſchloſſen trocknete, und erzaͤhlte mir ihre Geſchichte wie folgt. Gianetta's Geſchichte. „Man hat Sie allerdings recht berichtet, Sig⸗ nor. Vor einigen Jahren noch war ich als die erſte Taͤnzerin der großen Oper in Neapel beruͤhmt, und bin auch in anderen großen Staͤdten mit entſchie⸗ denem Beifalle aufgetreten. Geboren ward ich un⸗ * — 203 ter ſehr beſchraͤnkten aber gluͤcklichen Verhaͤltniſſen, gering an Rang, aber reich eben im Mangel von Beduͤrfniſſen. Mein Vater war ein Neapolitaniſcher Landmann der beſſern Klaſſe, der geachtete Beſitzer einer kleinen Pachtung, eines Weingartens und einer Weinpreſſe, auf der reizenden Hoͤhe, welche ſich uͤber der kleinen alten Stadt Pozzuoli erhebt. Pozzuoli liegt bei Bajaͤ, Signor, und iſt ein ſehr reizender Aufent⸗ halt. Auf beiden Seiten graͤnzt es an eine kleine Bai, und viele alte Ruinen finden ſich dort. Aber Baiè iſt auch ein ſehr beruͤhmter Ort,— alle Reiſende wiſſen das,— Sie ſind wol auch dort geweſen*“ Niemals, aber ich hoͤrte und las davon. „Schoͤn, Signor, wenn Sie aber einmal hin kom⸗ men, werden Sie ſelbſt ſagen, daß es wenige reizendere Gegenden in der Welt gibt. Und dort ward ich denn geboren, und dieſe ſchoͤne Landſchaft erblickte mein Auge zuerſt, und machte ſo die erſte Bekanntſchaft mit der Welt. Mein Vater war, wie geſagt, ein bloßer Landmann, aber ein ſchoͤner, wohlausſehender, heiterer Mann. Meine Mutter war eine Siziliane⸗ rin. Mein Vater lernte ſie in Meſſina, wo er, als er noch im Dienſte ſeines jungen Herrn ſtand, ſich eines Sommers einige Wochen aufhielt, kennen und heirathete ſie. Als jedoch mein Großvater ſtarb, gab er dieſen Dienſt auf und nahm Beſitz von der vaͤter⸗ lichen Pachtung. Meine Mutter war eine ſehr ſchoͤne Frau, und dabei ungemein froͤhlichen Gemuͤths. Man hat mir geſagt, daß ich ihr in allen Dingen ſehr 204 aͤhnlich geweſen ſeyn ſoll. Ich hatte viele Geſchwi⸗ ſter, war aber die Erſtgeborene, der Liebling. Aus mei⸗ nen fruͤheſten Jahren erinnere ich mich weiter nichts, als daß ich jeden Tag und immer gluͤcklich war. Son⸗ tags und Feiertags war ich ſo geputzt, als nur ein ſchoͤnes buntes Leibchen, ein ſilbernes Kruziftr und Baͤnder im glatten Haar ein Kind machen koͤnnen, wenn es von einer froͤhlichen und guten Mutter ange⸗ kleidet wird. Ich war huͤbſch,— ſehr huͤbſch,— und mild und freundlich. Kein Wunder, daß es jeder⸗ mann auch mit mir war. Ich bat nie um etwas, das ich nicht erhalten, und wobei man mir nicht noch die Wangen geſtreichelt hatte; dagegen beſaß ich auch nichts, das ich nicht eben ſo gern ſelbſt wegge⸗ geben haͤtte. Ich lernte weiter nichts als leſen, und wußte bloß das Vaterunſer, und einige Gebete und Hymnen an die gebenedeite Jungfrau, den heiligen Januarius und die heilige Agathe auswendig. Ein⸗ mal in der Woͤche wurden die Kinder vor der Ves⸗ per in der Sakriſtei der Kirche befragt; der Pfarrer war aber ein ſo guter, freundlicher alter Mann, mit dem wir alle unſern herzlichen Spaß hatten, und ihn zum Gegenſtande unſrer gutgemeinten Neckereien machten, daß ich natuͤrlich nichts lernte. „Meine ganze Zeit verſtrich damit, daß ich um meine ſehr geſchaͤftige Mutter war, das heißt, daß ich ihr immer nachlief und ihr mehr ſchoͤn that als half, wenn ſie unſern kleinen Haushalt in Ordnung brachte, oder Gemuͤſe fuͤr unſern Tiſch holte, oder 205 vorm Beſuch der Sonntagsmeſſe ihr beſtes Leibchen ſchnuͤrte und ihr langes Haar in ein weitloͤcheriges, Sizilianiſches Netz ſteckte. Außerdem trieb ich mich mit den Maͤdchen meines Alters umher. War es heiß, ſo ſaßen wir im Schatten der Haͤuſer oder Baͤume und ſpielten mit Steinchen und Muſcheln und Kieſeln, oder kuckten in unſre Pappſchaͤchtelchen voll bunter Schmetterlinge. Kam die kuͤhle Abend⸗ ſtunde, ſo nahm ich meine kleinen Geſpielen mit und tanzte an ihrer Spitze nach der geraͤuſchvollen Muſik meines Sizilianiſchen Tambourins, und ſtrich mir die dicken Flechten meines dunkelbraunen Haars von der Stirn, wenn ſie mir uͤber die freudefunkelnden Augen ſielen.. „Nicht weit von unſerer Huͤtte, in einem meinem Vater zugehoͤrenden Weinberge befanden ſich anſehn⸗ liche Ruinen eines alten Roͤmiſchen Amphitheaters, und tiefer unten wieder die marmornen Ueberbleibſel eines alten Jupitertempels. Ich erinnere mich noch wohl meiner eifrigen und aͤngſtlichen Nachforſchungen in den gewoͤlbten, dumpfwiederhallenden Gaͤngen des Amphitheaters und unter den Saͤulen des Tempels; ſobald aber der Gewohnheit die Furcht gewichen war, wurden ſie Lieblingsſpielplaͤtze fuͤr mich und meine kleine Geſellſchaft, und man konnte uns dort nur getroſt aufſuchen. „Noch gedenke ich auch deſſen, wie einzelne Truͤmmer ſelbſt uns dort Stoff zu den angenehmſten Spielen verſchafften. Vorzuͤglich ein großes Stuͤck 206 eines herabgeſtuͤrzten Frieſes mit Figuren darauf. Sie ſtellten eine tanzende und auf dem Tambourin ſpie⸗ lenden Bacchantin vor, welcher mehrere andere mit Thyrſusſtaͤben folgten, worauf Baechus und Ariadne kamen, auf einem Wagen um den kleine Kinder mit Blumengewinden tanzten, und dann folgten wieder Geſtalten mit Lyren und andere mit Blumenkoͤrben. „Nicht dachte ich damals daran, als ich, noch ein bloßes Kind, mit mimiſchem Stolze es verſuchte, die anmuthige Stellung der Tambourinſchlaͤgerin nachzuahmen, und an meine Geſpielinnen Ranken mit Weinblaͤttern vertheilte, und alle Feldblumen, die ich nur auftreiben konnte, zuſammenholte um Blu⸗ mengewinde daraus zu machen,— nicht dachte ich da⸗ mals daran, wohin mich dieſe Stunden heiterer Froͤh⸗ lichkeit fuͤhren wuͤrden. „Eines Abends nach einem ſehr heißen Tage, in der Zeit der Weinleſe, wo eben die Sonne in all ih⸗ rer ſtrahlenden Pracht herabſank, fuͤhrte ich meine kleine Schaar von Spielkameraden durch den Wein⸗ berg zu dem Amphitheater. „Mein Vater, die anderen Arbeiter und die Kna⸗ ben ſtanden auf den Leitern, um die Trauben von den belaſteten Gewinden abzunehmen, und hielten inne als ſie uns ſahen, und warfen uns einen Theil ihrer Ernte zu, und wir aßen davon, und betraͤu⸗ felten uns ſelbſt mit ihrem rothen Safte, und tanz⸗ ten dann wieder froͤhlich fort. 207 „An dieſem Abende ſaßen zwei Fremde unter den Ruinen. Das war nicht eben etwas ſeltenes. Oft ſahen wir Reiſende dort, und ſie munterten uns ſtets durch ein lachendes Viva! auf. Wie ge⸗ woͤhnlich zogen wir alſo auch dieſesmal mit furcht⸗ loſem Laͤcheln und wilderm Tanze bei ihnen vor⸗ uͤber. Die Fremden ſtanden jedoch auf und riefen uns zu ſich. Der eine, ein ſehr alter Mann, fragte mich weitlaͤuſig uͤber meine Namen, mein Alter, meine Eltern, und ſchenkte mir eine kleine Silber⸗ muͤnze. Dann baten ſie uns, wieder fortzuſpielen. Wir thaten es auch, aber doch nicht ſo unbefangen, nicht ſo natuͤrlich als zuvor, wie ich mich recht gut erinnere. Ja, ich moͤchte faſt ſagen, ich habe ſeit⸗ dem nicht wieder geſpielt. „Gleich am Tage drauf kam derſelbe alte Herr mit einer ſehr feinen Dame von mittlerm Alter in unſere Huͤtte und ſprach mit meiner Mutter. Dieſe ließ mich holen. Die Dame lobte meine Schoͤnheit außerordentlich, und bat, daß ich tanzen und mein Tambourin ſchlagen moͤchte. Verlegen und erroͤthend drehte ich mein laͤrmendes Inſtrument, und machte einige linkiſche Bewegungen. Denn ich war nicht wohlgemuth. Mein Geſchick war aber beſtimmt. Es ſollte ſo ſeyn. Die Dame war entzuͤckt, ich war in ihren Augen göttlich,— ſchoͤn,— ganz dazu ge⸗ macht,— noch ein Jaͤhrchen unterricht, und die erſte Taͤnzerin Neapels ſollte aus mir werden. Die Morelli wuͤrde gar nichts gegen mich ſeyn. Waͤhrend 208— die Dame alles dieſes ſo herauspolterte, hielt ſie mich um den Leib gefaßt, ſtrich mir die Locken von der Stirn, und nannte mich eine Venus, eine Pſyche, und gab mir noch andere uͤbertrieben liebkoſende Na⸗ men, deren Sinn ich gar nicht verſtand, der alte Herr aber ſah mit einer Lorgnette auf mich, als ob ich eine Statue oder ein Gemaͤhlde ſey, und gab mir noch eine Silbermuͤnze. Endlich gingen ſie fort. Die Dame aber beſtand darauf, daß ich ſie beſuchen muͤßte, und daß ſie mir ihre Freundſchaft bezeugen wolle, und nahm einen kleinen geſtrickten Shawl von ihren eignen Halſe, legte mir ihn ſcherzend um, und gab mir einen Kuß. Sie hatte mich allerdings ſehr fuͤr ſich eingenommen. Sie war ſchoͤn, ihre Stimme ſanft, ihr Benehmen freundlich. Mittelſt eines Vet⸗ ters meines Vaters zu Neapel, der einen Kramladen dort hatte und ſehr zu der Sache rieth, ward nach einigem Widerſtreben von meiner Eltern Seite, die Angelegenheit in Ordnung gebracht, und ich aus meiner ſtillen aber gluͤcklichen Heimath geriſſen, um fuͤr die Buͤhne beſtimmt zu werden. „Noch erinnere ich mich des letzten Abends, den ich in meinem vaͤterlichen Hauſe zubrachte. Wir ſa⸗ ßen auf der ſteinernen Bank vor der Thuͤr, unter dem alten Weingelaͤnder. Ein junger Nachbar be⸗ ſuchte uns, ein Burſche von ſechzehn Jahren, der immer mit mir geſpielt hatte, bis er groͤßer gewor⸗ den und nun zur Arbeit mußte; an Sonn⸗ und Feſt⸗ tagen hatte er aber immer noch ein nettes Straͤuß⸗ chen 209 chen fuͤr ſeine kleine Gianetta in Bereitſchaft, und wenn er mit ſeinen Maulthieren nach Neapel ging, brachte er mir gewiß ſtets ein neues Band mit zuruͤck. „Er ſo wenig als ich hatten je an Liebe dabei gedacht. Immer ſang er recht huͤbſche luſtige Lieder, wenn er zu uns kam. An dieſem Abende aber that er es nicht. Verſuchen wollte er es zwar, aber ich konnte ihm ins unverſtellte Herz ſehen, und ſehen wie traurig es war, und da wurde ich es ſelbſt mit. Fuͤr mich war das eine ganz neue Empfindung, und eine ſuͤßere, als ich noch je gekannt hatte. Er konnte nicht einmal ſprechen. Aber er ſaß da, und ſpielte auf ſeiner Guitarre einige abgebrochne Gaͤnge aus halbvergeſſenen Liedern, und wol auch nur ſo fuͤr ſich. Wir alle horchten ſchweigend darauf, und ich konnte mein Herz klopfen hoͤren. So blieb er bis es ſpaͤt war, und blieb noch, als die Alten ins Haus gegangen, kuͤßte mich, und ſchrie laut auf, und ſagte, ich wuͤrde ihn nun doch vergeſſen, und ſchluchzte, als er endlich langſam fortging. Ich rief ihm nach, als er ſchon weg war, und konnte vor Kummer und Betruͤbniß die ganze Nacht nicht ſchlafen. Ach, der arme Giuſeppe!— Ich glaube doch, ich haͤtte Giu⸗ ſeppe heirathen ſollen. „Am folgenden Morgen regnete es ſehr, und ich hoffte, daß die Dame nicht nach mir ſchicken werde. Noch ein Feſttag zu Hauſe— nur noch einer— aber es ſollte nicht ſeyn. Da kam eine Saͤnfte fuͤr mich und ein alter weiblicher Dienſtbote dabei. Vater und I.. O 210 Mutter ſahen mich, wie ich einſtieg, ſo ſchmerzlich an, als ob das Alles gegen ihre zaͤrtliche Liebe und beſ⸗ ſere Ueberzeugung geſchaͤhe. Ich ſelbſt fuͤhlte mich voll Zweifel und Widerwillen, und es that mir in⸗ nerlich weh, meine kleinen Bruͤder und Schweſtern fragen zu hoͤren:„Wohin geht denn Schweſterchen? Schweſterchen,— wohin gehſt Du denn?“— Noch nie hatten die Maulthiergloͤckchen mir ſo traurig ge⸗ klungen wie jetzt, als es nun fortging. Vergebens ſuchte mich die alte Perſon zu beruhigen und zu lieb⸗ koſen. Alle meine jungen Spielkameraden ſtanden auf der Straße und riefen: Viva Gianetta! aber nicht froͤhlich, denn ſie waren betruͤbt, ſtanden ver⸗ wundert da und ſahen mir lange nach. Und oben auf dem Huͤgel ſah ich Giuſeppe allein ſtehn, an eine alte Saͤulentruͤmmer gelehnt— armer Giuſeppe!“ Hier hielt ſie in ihrer Erzaͤhlung inne, dann faßte ſie ſich wieder, nicht ohne Anſtrengung, und fuhr fort:„Die Dame, zu der ich kam, war die Gattin eines reichen Edelmanns, und eine der groͤßten Freun⸗ dinnen des Theaters. Der alte Herr von dem ich vorher ſprach, ſtellte eine Art von Cicisbeo oder viel⸗ mehr Cicerone vor, den ſie wegen ſeiner Talente ach⸗ tete und um ſich duldete. In allen Gegenſtaͤnden des Geſchmacks zog ſie ihn zu Rathe; bei der Frage uͤber den Werth eines Gedichts, eines Geſangs, einer Statue, eines Gemaͤhldes, berief man ſich allemal auf ihn, und er hatte die entſcheidende Stimme. — 211 „Damals war ich eben dreizehn Jahr alt, und ſchon zeigte ſich bei mir die liebliche Fuͤlle der Ge⸗ ſtalt und die Rundung der Glieder, welche in dieſem Himmelsſtriche den fruͤhen Uebergang des Maͤdchens zur Jungfrau bezeichnen. Nun dann, Signor, meine Beſchuͤtzerin und die anderen Damen kuͤßten mich, und zogen mir ſchoͤne Kleider an, und ordneten mein laͤndlich einfaches Haar, und drehten meine natuͤr⸗ lich fallenden Locken nach ihrem Geſchmacke. Ueber⸗ dieß lehrten ſie mich, wie ich meine an Arbeit auf dem Lande gewohnten Haͤnde weiß und weich machen koͤnne, wie ich ſitzen, mich bewegen, ſtehen, umher⸗ ſehen, mich verneigen, und— tanzen muͤſſe. War's ein Wunder, daß ich auf meine Schoͤnheit eitel ward? Leider geſchah es auch. Ich erwarb mir hiernaͤchſt die Leichtigkeit und Anmuth der Bewegung einer Sylphide. Bald, ach nur zu bald— waren alle meine laͤndliche Neigungen dahin. Anzug, Nahrung, Lager, der Wagen, in dem ich fuhr, vor allem aber das Se⸗ hen von Opern und glaͤnzenden Ballets, alles dieß vereinte ſich um die leicht befriedigte, ſchuldloſe Ein⸗ fachheit des Landmaͤdchens zu vernichten.— „Ich ſehnte mich nun hoͤchlich nach dem Augen⸗ blicke, wo ich ſelbſt auf der Buͤhne erſcheinen ſollte. Allerdings hatte ich etwas Furcht, aber noch mehr Ehrgeiz. Es ſchien mir ein Vorzug, auf welchen eine Koͤnigin ſtolz ſeyn koͤnnte, die Goͤttin der Liebe auf der Buͤhne darzuſtellen, und Schoͤnheit unter ſo bezaubernden Verhaͤltniſſen auf einem mit ſtaunenden O 2 212 Zuſchauern angefuͤllten Theater darbieten zu koͤnnen. Endlich kam mein Debuͤt. Ich ſollte fuͤr das erſte Mal in einem kleinen Ballett, welches Mohammeds Paradies ſchilderte, auftreten. In ihm erſchienen vorher alle erſte Taͤnzer, und dann am Schluſſe erſt ich, als die juͤngſte und ſchoͤnſte der Houris. „In ein leichtes Gewand von ſo zartem Ge— webe gekleidet, daß meine ſchoͤne Geſtalt gleichſam nur durch einen Schleier verhuͤllt wurde, erſchien ich auf der Buͤhne auf einem ſich langſam herabſenken⸗ den, von Wolken getragenen Wagen, und ein kleiner Knabe als Cupido gekleidet, mit ſilbernen Schwin⸗ gen und Koͤcher und Bogen, fuͤhrte mich vor. Die ganze Schaar von Figurantinnen wich, ſtellte ſich bei Seite und hielt in ihrem labyrinthiſchen Tanze ein. Eben erhob ich mich zu der ſanften Bewegung magiſcher Leichtigkeit, mit welcher ich beim Verſtum⸗ men des rauſchendſten Beifalls einer zahlloſen Menge vorwaͤrts ſchweben ſollte, ehe mein pas seul begoͤn⸗ ne, als ich in der Gruppe der Figurantinnen, die in Stellungen voll des erleſeſten Geſchmacks geord⸗ net waren, die Geſtalt eines lieblichen kleinen Maͤd⸗ chens erblickte, das ein Tambourin uͤber den Kopf hielt, und, mit gehobenem Fuße und ruͤckwaͤrts ge⸗ neigtem Kopfe— ganz wie die auf dem fruͤher gedach⸗ ten Relief— auf den Wiederbeginn einer abgebrochnen Muſik zu horchen ſchien. Mein Herz ward weich und voll. Ich brach in einen Strom von Thraͤnen aus und ſank bewußtlos in die Arme der Naͤchſtſte⸗ 213 henden, die mein Unwohlſeyn bemerkten. Man brach⸗ te mich von der Buͤhne hinweg, liebkoſete mich, gab mir ſtaͤrkende Mittel, ſprach mir Muth zu, und fuͤhrte mich wieder vor. „Ich zitterte, als ich auf die Verſammlung blickte. Nichts als Koͤpfe und mich anſtarrende Au⸗ gen. Aber die Bravas und das laute Klatſchen, ſo wie die freundlichen Worte in meiner Naͤhe, gaben mir endlich wieder Vertrauen. Ich tanzte furcht⸗ ſam, aber doch anmuthig, und ſahe wahrſcheinlich ſo ſchoͤn aus, wie nur irgend jemals eine Buͤhnen⸗ Venus ausgeſehen haben mag. Donnernder Beifall belohnte meine gelungene Anſtrengung. „Weiter alſo. Die guͤtige aber unvorſichtige Dame, die mich aus meiner kleinen rebenbekraͤnzten Heimath hinweggenommen, wo ich froh, ſchuldlos und unbefangen geweſen war, und nur zu meiner und des blauen Himmels uͤber mir herzlicher Freude getanzt hatte, lebte nur noch einige Monathe lang, um in mir, wie ſie vorausgeſagt hatte, die Zierde der Buͤhne zu erblicken. Sie ſtarb dann ploͤtzlich, und hinterließ mich ohne Fuͤhrerin und Schutz. Ei⸗ ner der aͤlteſten und beſten Saͤnger der großen Oper⸗ ein verheiratheter Mann, ſchlug mir vor, zu ihm und ſeiner Frau, einer alternden Perſon, die aber ſtets ſehr viele Aufmerkſamkeit fuͤr mich gehabt hatte, zu ziehn. Gern folgte ich. Ich hatte einen ſehr wei⸗ chen Charakter. Dieſes Paar gewann daher bald eine voͤllige Herrſchaft uͤber mich, ſo, als ob ich ihre 214 Tochter, oder vielmehr ihre Sklavin geweſen waͤre. Ich bezog einen anſehnlichen Gehalt. Ich wuͤnſchte gegen meine Eltern hoͤchſt freigebig zu ſeyn, aber ſie ließen mich nur wenig fuͤr dieſe verwenden. Man bewunderte mich, und ich ward eitel. Jene wachten jedoch mit ſolcher Eiferſucht uͤber mich, daß, obgleich uͤberall wohin ich kam, viele glaͤnzende Augen mir Liebe zuſtrahlten, auch nicht ein einziger Mann die Gelegenheit ſich verſchaffen konnte, anders als in ihrer Gegenwart mit mir zu ſprechen. Die juͤngeren Taͤnzer, ſo wie die Aufpaſſer hinter der Szene, die muͤßigen jungen vornehmen Herren, wurden ganz beſonders von ihnen bewacht. Ihr Argusauge verfolgte mich uͤber⸗ all hin. Auf jeder Probe, bei jeder Vorſtellung ſtand Eins oder das Andre neben mir mit dem ſcharfen Blicke des immer wachenden Luchſes. Kein Kloſter⸗ leben konnte ſtrenger ſeyn. Sie ließen mich unauf⸗ hoͤrlich die ſchwierigſten Pas, die gefaͤhrlichſten Ba⸗ lancen, die nie endenden, ſchwindlichen und wahr⸗ lich nicht anmuthigen Pirouetten machen, Tag vor Tag, jedesmal Stundenlang, ſo daß mir endlich mein Schickſal verhaßt ward, und ich von Herzen eine Aenderung meiner Lage wuͤnſchte. Waͤre nicht noch an jedem Abende das Opfer des lauteſten Beifalls und das eitle Vergnuͤgen, mich im Spiegel zu be⸗ ſchauen, mein Troſt geweſen, ſo waͤre ich in der That verzweifelt. Ich ſehnte mich nach Liebe. Manchmal dachte ich an den braunen, kraͤftigen Giuſeppe, aber er war ein Landmann, mit rauhen von Arbeit gehaͤr⸗ —— 215 teten Haͤnden, und dem groben Rocke der Armuth. Ich dachte an ihn, doch ſtets mit Bedauern, daß ich ihn in Anzug und Sitte nicht aͤndern, ſeine Hand nicht weißer machen, ſein dickes ſchwarzes Haar nicht locken und ihm Wohlgeruͤche ſpenden koͤnnte. Sie hatten mir mit den verwirrten Redensarten ihrer Mahler und Bildhauer den Kopf verdreht. Ich mußte einen Adonis— einen Paris zum Geliebten haben. Nun, ſie gaben mir auch endlich einen Geliebten, köͤſtlich gekleidet, fein von Sitte, mit der zarteſten Hand und dem ſchoͤnſtfriſirten Haare, auch gehdrig parfuͤmirt— aber achtzig Jahr alt. Sie verkauften mich an einen Greis. So ließen ſie mich dann alle Abende tanzen und herablaͤcheln auf die Menge, und dann kam ich nach Hauſe auf mein verhaßtes Lager, wo ich weinte, unbemerkt weinte, aber doch von ih⸗ nen auch noch hier bewacht. So ſchleppten ſie mich von Stadt zu Stadt. Oft verwuͤnſchte ich mein har⸗ tes Schickſal, aber Ruͤckkehr zu meiner Huͤtte war unmoͤglich. Man hatte meinen Eltern genug gege⸗ ben um ihre Habſucht zu reizen, aber doch noch ſo wenig, daß ſie die erdichteten Maͤhrchen von meiner Verſchwendung, meinem Stolze, meiner Nichtach⸗ tung gegen ſie, bereitwillig geglaubt hatten. In Flo⸗ renz, in Mailand, in jeder Stadt, wohin wir nur kamen, fand ſich bald ein alter oder verhaßter Be⸗ werber um meine Gunſt, und man zwang mich zum Laͤcheln der Unterwerfung. 216 „Hier in Venedig fand ich zuerſt in einem rei⸗ ſenden Engliſchen Lord, einen Befreier und Be⸗ ſchuͤtzer. Er war jung und wohlhabend. Ob mich gleich meine geldgeizigen Begleiter bereits wieder ei⸗ nem grauen reichen Patrizier opfern wollten, dul⸗ deten ſie doch, in der Hoffnung, daß ſie auch den Englaͤnder vielleicht anfuͤhren koͤnnten, deſſen Be⸗ ſuche. In ſeiner Huldigung fuͤr mich lag eine Art, eine Maͤnnlichkeit, die von Allem, was ich bis dahin geſehen hatte, ſo verſchieden war, daß er mir, ob er gleich weder ſchoͤn war, noch eine milde angenehme Sprache hatte, dennoch geftel, und ich alſo beſchloß, mich ihm anzuvertrauen, und ihn um ſeinen Schutz anzuflehen. Ich erzaͤhlte ihm, bei der erſten Unter⸗ redung, die ich mit ihm allein haben konnte, meine Lage, und den Zwang, den jene Beiden uͤber meine Perſon und meinen Gehalt ausuͤbten. Ich bot mich an, in ſeine Arme zu fliehn, und immer in ſeinem Dienſte zu leben. Mit der Waͤrme des Unwillens hoͤrte er mir zu, und verſprach mir mit Freundlich⸗ keit, mich zu befreien. Dies that er auch ſchnell und entſchloſſen. Eines Abends nach der Vorſtel⸗ lung, als mein grauer Anbeter nebſt meinen eifer⸗ fuͤchtigen Waͤchtern mich zur Gondel fuͤhrte, ward ich ploͤtzlich von den ſtarken, aber auch zaͤrtlich um⸗ ſchlingenden Armen eines großen, maskirten Mannes emporgehoben und in ſchweigender Eile in eine enge Straße getragen, an deren Ende eine Gondel lag. Es war ſinſtere Nacht. Keine Lampe brannte dort. 217 Ich ſah aber vier Gondoliers, und bemerkte, daß es eine Gondel der groͤßern Art, und mithin zu unſrer Flucht beſtimmt ſey. Wir eilten auch ſo ſchnell fort, daß ich bereits zu Fuſina in einem Wagen ſaß, ehe ich noch außerhalb der Stadt zu ſeyn glaubte. „Mein Befreier brachte mich nach England, und raͤumte mir eine bequeme Wohnung in London ein. „In keinem Lande kann die Lage eines Frauen⸗ zimmers, das ihrer Ehre beraubt worden iſt, anders als ungluͤcklich ſeyn; in England aber, dem wahren Paradieſe freier, keuſcher und unbefangner Maͤdchen, und geliebter und von wackeren Maͤnnern geehrter Frauen, iſt das Loos einer Unterhaltenen doppelt ver⸗ worfen. Ach! welch ein elendes Loos! Ich lebte dort als eine ſchoͤne Einſiedlerin, von den Beſſeren geflo⸗ hen, oder wenn ich in dem Wagen, den man mir hielt, ausfuhr, von den Damen in den Parks ent⸗ weder mit einer Art von kraͤnkender Theilnahme, oder verachtendem Laͤcheln, oder achſelzuckendem Mit⸗ leiden betrachtet, je nachdem nun ihre verſchiedenen Charaktere ſie zu dieſem oder jenem ſtimmten. Ach, wie viel litt ich nicht, wenn ich auf Muͤtter, Toͤch⸗ ter und weibliche Freundinnen in bluͤhenden Grup⸗ pen voll beſcheidener Reize blickte! Dann fuͤhlte ich mich erſt recht einſam und verworfen. Mein Be⸗ ſchuͤtzer war gut, maͤnnlich, zart, nach ſeiner Art lie⸗ bevoll, und ſehr großmuͤthig. Er ſchenkte mir Schmuck und Kleider und Leckerbiſſen, brachte auch wol manch⸗ mal zwei oder drei vertraute Freunde mit zu mir. 218 Einſt fanden ſich dabei auch zwei Damen ein, die ebenfalls in meiner Lage waren; aber ihr Benehmen war ſo gemein, daß ich, ſo einſam ich auch lebte, doch ſehr erfreut war, als ſie nicht wiederkamen. „Mein Leben war ſo elend, daß, wenn ich zum Fenſter hinausſah, und die armen Maͤdchen gegen⸗ uͤber erblickte, welche die Thuͤrſtufen ſcheuerten und dabei lachten und ſcherzten und ſich freundlich zu⸗ nickten, ich tiefes Weh der Liebe, und Neid fuͤhlte, nicht ihr zwar muͤhſeliges, aber doch heitres Leben theilen zu koͤnnen. Viele darunter waren auch in der That in Geſicht und Geſtalt ſehr ſchoͤn, und wuͤrden, die rothen Haͤnde und den ungeſchickten Gang abgerechnet, wol leicht mehr Anbeter gefunden haben als Tauſende uͤber ihrer Sphaͤre. Ihr eigen⸗ thuͤmlicher aber aͤchter Stolz ſetzte mich in Verwun⸗ derung, denn ſie laͤchelten dem einfachen Herzgelieb⸗ ten ihres eigenen Standes recht offen und herzlich zu, waͤhrend ſie die verfuͤhreriſchen Blicke und Zei⸗ chen feingekleideter Pflaſtertreter kraͤftig zuruͤckzuwei⸗ ſen wußten. „Eben ſo erfuhr ich zufaͤllig, aber nicht ohne große Beſchaͤmung, daß es fuͤr eine Perſon in mei⸗ nen Verhaͤltniſſen ſogar ſchwierig ſey, auch nur eine anſtaͤndige weibliche Bedienung zu miethen. Das nimmt mich auch nicht Wunder. Ein ſehr huͤbſches, beſcheidenes kleines Weſen der Art wartete mir auf. Ich hatte ſie lieb, hegte ſte, und beraubte ſie doch. Denn ich lehrte ſie, ihre Reize kennen zu lernen, eitel — 219 auf ihren Anzug zu ſeyn, an Anbeter zu denken, und ſie war— verloren. 4 „Eines Abends kam mein Lord ſpaͤt und brachte zwei Freunde zum Mittagseſſen mit. Es war Fruͤh⸗ ling, herrliches Wetter, und ſo aßen wir bei offnen Fenſtern. Zwei fremde Balladenſaͤnger hatte der Laͤrmen und die Lichter angezogen, es ward ihnen zu ſingen erlaubt. Waͤhrend eines Geſangs war ich ſonderbar bewegt. Da mir aber das Lied, welches ſie ſangen, ganz neu war, und die Stimmen der Beiden aufs angenehmſte verſchmolzen, ſo wußte ich nicht weshalb, ſondern bloß, daß ich die ganze Zeit uͤber nur an unſere Huͤtte und die Steinbank davor, und das Weingelaͤnder und an alle meine kleinen kindli⸗ chen Vergnuͤgungen hatte denken koͤnnen. Endlich ging einer unſerer Gaͤſte ans Fenſter, und fragte ſie. „Ich bin aus Genua“ ſagte der Eine, und dieſer da, mein armer Spießgeſelle, aus Neapel; noch ein ganz junger Burſche, Signor, aber blind. Ein Algierſcher Seeraͤuber nahm uns beide gefangen, und ließ dem braven Jungen da die Augen ausſtechen, weil er ei⸗ nen von deſſen Lieblingen im Gefechte getoͤdtet hatte. Ein Engliſches Schiff nahm den Seeraͤuber bald darauf wieder, und ſetzte uns in Freiheit. Da ſind wir denn hier ans Land geſtiegen, und warten auf eine Gelegenheit wieder nach Hauſe zu kommen. Wir ſind ganz arm, und ſingen bloß um des lieben taͤgli⸗ chen Brotes willen.“ 220 „Hier habt ihr einen Kronenthaler, ihr armen Teufel,“ ſagte gutmuͤthig der Englaͤnder, und fragte dann weiter:„Wie heißt Du denn, Du armer blin⸗ der Burſche?— Giuſeppe, Signor; Giuſeppe aus Pozzuoli.’ „Ich erinnere mich nur noch des Zuckens durch mein Herz, und wie es zerriß.— Seitdem ward es nie wieder geheilt.— Viele Wochen lang war ich dem Tode nahe, und als ich endlich wieder genas, fand ich, daß ich waͤhrend meiner langen Krankheit zu zeitig niedergekommen, und nur noch ein Schat⸗ ten meines fruͤhern Ichs ſey. Jenen ploͤtzlichen Zu⸗ fall hatte man auf meinen damaligen Zuſtand ge⸗ ſchoben. Mein Beſchuͤtzer hatte regelmaͤtzig nach mir fragen laſſen und fuͤr mich geſorgt, aber er ſollte ſich des eheſten mit einer Dame von Rang und Ver⸗ moͤgen vermaͤhlen. Dieß beſtaͤtigte er endlich auch ſelbſt, nachdem er mich einigemal beſucht hatte, auf eine ſehr zarte Art; bot mir noch ferner ſeinen Bei⸗ ſtand aufs großmuͤthigſte an, ſetzte aber hinzu, daß wir uns nicht wieder ſehen koͤnnten, und rieth mir nach Italien zuruͤckzukehren. Auf der andern Seite aber ſchlug man mir ein Engagement bei der Engli⸗ ſchen Oper vor, und als ich vollig wiederhergeſtellt war, nahm ich es an. Kraͤfte und Schoͤnheit kehrten wieder,— wenigſtens theilweiſe; aber immer ſtaͤrker mußte das Roth auf meine blaſſen Wangen aufge⸗ legt, und immer tiefer die ſchwarze Linie unter den Augen gezogen werden, um dieſen welche Sorge 221 und Kummer ſchon verduͤſtert hatten, wieder Feuer zu verleihen. „Da trat ich denn in Ihrer Oper auf, vor Ih⸗ rem edlen, glaͤnzenden und nachſichtigen Publikum auf“(ſie errieth, daß ich ein Englaͤnder ſey, und dieß drang mir doch zum Herzen, ob ich es gleich ſtets mit Kopfſchuͤtteln ablehnte);„trat auf mit ungewoͤhn⸗ tem Laͤcheln, und dem wogenden Arm, und dem leich⸗ ten ſylphenartigen Schritt, und dem ſchmachtenden Herabbeugen des Nackens. Gebrochen war zwar mein Herz, aber ich ſuchte es vor mir ſelbſt zu ver⸗ bergen, und da ich bemerkte, wie wieder ſo Viele von meinen Reizen gefeſſelt und bezaubert wurden, ward ich wieder eitel, hoͤrte auf das Gefluͤſter der Bewun⸗ derung und erlaubte wieder einem Beſchuͤtzer ſich mir zu nahen. Er war jung, reich, und, wie ich glaubte, wirklich in mich verliebt. Bald aber zeigte er ſich bloß als den Sklaven der Mode, kalt wie die Kette, die er trug. Nur fuͤr Hazardſpiele, Jagd⸗ getoͤs, Klubs, Mittagstafel, Rout(Aſſemblée) und Ball hatte er Sinn. Ich war nur ein Anhaͤngſel dabei, erſt als Neuheit geprieſen, dann aus Stolz beibehalten. Ich mußte die Theater beſuchen, in den Parks umherfahren, mich in den Gaͤrten ſehen laſſen, und dieß bloß um ſeine erbaͤrmliche Eitelkeit zu befriedigen, bloß damit man auf mich als ſein Eigenthum mit den Fingern zeige. In unſeren Pri⸗ vatverhaͤltniſſen aber war er kalt, eigenſinnig, gleich⸗ guͤltig, ſelbſt bitter. Ich war eine verwelkende Roſe 222 und er ſchuͤttelte noch roh die Blaͤtter ab, und trat ſie mit Fuͤßen. Es war kein Wunder, daß mich ein ſolcher Mann im Ungluͤcke verlaſſen wuͤrde. „So kam es denn, eines Tages, als ich in meinen Wagen ſteigen wollte, um meine freudenloſe Fahrt zu beginnen, daß die Pferde ſich ſcheuten, ich vom Fußtritt glitt, ſiel, und mir den Knoͤ⸗ chel aufs heftigſte verletzte. Ich konnte fuͤr dieſe Zeit nicht mehr tanzen, und ſo verließ mich dann nach wenigen Wochen mein Beſchuͤtzer, ohne mir irgend eine Unterſtuͤtzung, als das wenige was ich beſaß, zu hinterlaſſen. Kleider und Schmuck waren ſchnell verkauft, doch bezog ich eine kleine Wohnung bei einer fremden Putzmacherin, und befand mich durch ihre weiſe Sparſamkeit im Stande, mein Leben in dieſer traurigen Lage zu friſten, und Mutter eines ſchoͤnen Knaben zu werden. Ich ſchrieb an den Va⸗ ter deſſelben, meinen letzten Beſchuͤtzer, bekam aber keine Antwort. Da verſiel ich in die groͤßte Duͤrf⸗ tigkeit, und wußte kaum wovon ich leben ſollte. Auf⸗ treten konnte ich zwar wieder, mein Knoͤchel war aber fuͤr den Tanz nicht mehr kraͤftig genug. Der Direk⸗ tor der Buͤhne erbarmte ſich jetzt meiner, und enga⸗ girte mich, da ich noch Geſtalt und Geſicht beſaß, die ſich bei Gruppirungen ſehr gut ausnahmen, bloß fuͤr ſol⸗ che darſtellende Parthieen, wo man mich denn bald als Juno, bald als Koͤnigin, bald als weiblicher Genius, in einem Wagen, auf dem Throne, oder in Wolken 223 8X—xx;— ſah, und wo ich nur reizend zu zuͤrnen oder lieblich zu laͤcheln hatte, je nachdem es der Charakter foderte. „Ich ſaͤugte dann meinen kleinen Knaben, ehe ich mein armſeliges Zimmerchen verließ⸗ und dachte an ihn waͤhrend der ganzen Zeit meiner Abweſenheit, und ſo bald nur die Vorſtellung voruͤber war, legte ich meine goldpapierne Krone von mir, und wuſch das brennende Roth ab, und druͤckte mir meinen ar⸗ men Kopf, der vom Lampenrauche ſchmerzte, oder von der langwierigen gezwungenen Lage, wenn ich vielleicht auf einem ſchmalen Brette, in einem Wagen von Pappdeckel unter leinwandnen Wolken, hatte ſitzen muͤſſen, und eilte ſchnell zu der Wiege meines vaterloſen Kleinen. „Große Sorge wegen der Geſundheit des armen unſchuldigen Kindes veranlaßte mich wieder, an deſſen Vater zu ſchreiben. Ich ſtellte ihm die Aus⸗ gaben waͤhrend meiner Krankheit, die Schuld an meine Wirthin, das Uebelbefinden meines— ſeines Kindes vor, und daß ich, bei meiner geringen Beſol⸗ dung als Figurantin, nicht die Mittel beſaͤße, dieſem die noͤthige Huͤlfe angedeihen zu laſſen. „Eine harte Antwort erfolgte. Er verlaͤugnete ſein Kind, wuͤrdigte mich tief herab. Eine unbe⸗ traͤchtliche Banknote lag dabei, und die Weiſung, mich damit fuͤr mich und mein Kind fuͤr abgefunden zu halten, ihm nicht mehr laͤſtig zu fallen, und ihn nie als Vater des letztern zu nennen. 224 „Sagen kann ich es nicht, was ich an dieſem Abende litt. Ich war eben als Cleopatra angezogen, als mich dieſer harte Schlag traf. Mit brennen⸗ dem, gebrochnem Herzen zog ich auf der Buͤhne in einem hohen Wagen einher, von beſchwingten Genien gezogen, waͤhrend Liebesgoͤtter mir zu Fuͤßen laͤchel⸗ ten und hinter mir in heiteren Gruppen ſich ein⸗ ten. Im tiefen Schmerze ſtellte ich ſo die leichtſin⸗ nige, heißliebende, wolluͤſtige Cleopatra dar. Der Beifall war rauſchend, doch ſtuͤrmte er nicht wilder daher als das Weh in meiner Bruſt, als ich ſo da⸗ ſitzen mußte mit freundlichem Laͤcheln, und mit Liebe⸗ gluͤhenden Augen auf meinen Antonius ſehen, und ihn in aͤchttheatraliſcher umarmung eng und lange, und mit dem Schein immer erneuten Entzuͤckens, an mein Herz druͤcken. Alles das that ich, und im Innerſten dachte ich nur an den Tod, um unertraͤg⸗ lichen Leiden, grauſamer Herabwuͤrdigung zu ent⸗ gehn, und mich ſelbſt an dem fuͤhlloſen Verworfenen zu raͤchen. Vergeblicher Gedanke, als ob ein ſo ent⸗ artetes Weſen wie ich noch einen edlern Schmerz haͤtte fuͤhlen duͤrfen, nicht tief bereits ſelbſt unter der Reue geſtanden haͤtte? In meinen ſchmuzigen Shawl gehuͤllt, ging ich an dieſem Abende meinen naſſen und kalten Weg in meine ungewaͤrmte Woh⸗ nung zuruͤck, kaufte mir im Voruͤbergehen vor einer Apotheke eine ſtarke Doſis Laudanum, und ſchluckte ſie hinunter, ehe ich an meine Thuͤr kam. Kaum war ich in meinem Zimmer, ſo nahm ich meinen klei⸗ — 225 kleinen lieben Knaben, gab ihm, da er laut darnach ſchrie, die Bruſt und beſchwichtigte den Durſtigen. und ſeine kindlichen Augen laͤchelten, und ſeine zar⸗ ten Haͤnde druͤckten den muͤtterlichen Buſen. Da— weh mir! ein ſchrecklicher Gedanke zuckte mir durchs Gehirn!— Es iſt Gift! Gift!— nicht die Lebens⸗ milch der Mutter— Gott im Himmel!— ich habe die ſuͤße Quelle vergiftet!— Ich ſtuͤrzte zu meiner Wirthin, warf ihr das Kind in die Arme, ſchrie ihr zu, es zu huͤthen, holte einen Arzt und eine Amme mit reinerer Nahrung, ſagte ihr, daß die meine ver⸗ flucht, daß der Lebensſtrom in mir mit dem ſchwar⸗ zen Tranke des Todes vermiſcht ſey. In wilder Haſt ſprach ich das, und eilte fort. Aber mit mit⸗ leidsvoller Eile ſtuͤrzte man mir nach, brachte mich zuruͤck, ließ mich das Gift wieder von mir geben, und bereitete mir ein Lager, von dem ich lange nicht wieder aufſtand. Ich ward zum Gerippe, meine Au⸗ gen lagen tief in ihren Hoͤhlen, meine Wangen wur⸗ den bleicher noch, und um mein Elend auf den hoͤch⸗ ſten Grad zu treiben, machte meine guͤtige Wirthin Bankerott, mußte ihr Haus verlaſſen, und in einem Gewoͤlbe mit Italieniſchen Blumen Dienſte nehmen. Sie gab mir aber immer noch ſo viel als ſie von dem Nothduͤrftigſten erſparen konnte, und ich bezog ein kleines Zimmerchen in einer ungeſunden Gaſſe. Ich konnte kein Unterkommen, keine Beſchaͤftigung finden— denn ich hatte keine weiblichen Arbeiten er⸗ lernt. Ueberdies war ich ſchwach, lahm und hatte I. P 226 ein kleines Kind auf den Armen. Bald ſank ich ganz zur Bettlerin herab. Mich und meinen Knaben deck⸗ ten nur noch Lumpen. Des Tags uͤber lebten wir auf der Straße, und ſchliefen bei Nacht da, wo das nie muͤde Mitleid Derer, die ſelbſt arm waren, es uns verſtattete. Als ich eines Tages, vor Froſt bebend, an einer Thuͤrſchwelle ſaß, ging eine ſehr wohlgeklei⸗ dete ſchoͤne Dame vorbei und gab mir eine halbe Krone mit den Worten:„da, arme Frau, hat ſie et⸗ was; wer weiß, ob mir's nicht auch einmal ſo geht.“ — Ich hatte ihre Zuͤge nicht gleich wieder erkannt, Zeit und Anzug hatten ſie ſo ſehr veraͤndert, aber ihrer Stimme erinnerte ich mich gleich. Es war Suſanne, mein kleines huͤbſches Dienſtmaͤdchen, das ich ſo lieb gehabt, das ich— beraubt hatte; Su⸗ ſanne war es, jetzt in eine keck umherblickende, aber wahrhaft ſchoͤne Buhlerin verwandelt. Noch aber lag eine gewiſſe Unruhe in ihrem Auge, noch ſprach die wechſelnde Farbe der Wange, das ſchmerzliche Bewußtſeyn verlorner Unſchuld aus. Ein Dolch haͤtte mir nicht tiefer in die Bruſt dringen koͤnnen, als dieſer Anblick. Meine Erſchuͤtterung ſetzte ſie in Verwunderung; als ich ſie aber mit ihrem Namen rufte, erkannte ſie mich nach einem noch zweifelnden Blicke wieder, hob mich auf, und konnte vor Stau⸗ nen und Thraͤnen nicht ſprechen. Sie rief nach ei⸗ nem Wagen, ließ mich einſteigen und fuhr mit mir ſogleich in ihre Wohnung. Hier war ſie waͤhrend eines ganzen Winters meine Pflegerin und Ernaͤhrerin. —;ʒ—⸗₰·/⏑—j 227 „Sechs Monathe lang wohnte ich mit in dem Zimmer der armen Suſanne, denn kaum war ich ei⸗ nige Tage bei ihr, als ich einen Huͤftſchmerz bekam, der mich zwanzig Wochen lang die Stube huͤthen ließ. Schlug je ein heiß fuͤhlendes Herz in dem Bu⸗ ſen eines menſchlichen Weſens, ſo war dieß der Fall bei ihr. Sie ſorgte fuͤr mich, ſie leiſtete mir Dienſte, als ob ich noch ihre Herrſchaft waͤre, mir, die ich ihr doch den Weg zum Verderben gebahnt hatte. Aber wiſſend was ſie litt, Zeuge ihrer unſeligen Le⸗ bensweiſe, mit dem Bewußtſeyn, daß ich zum Theil die Urſache ihres Falles war, und doch taͤglich das Brot von ihr eſſend, das ſie als Sold fuͤr ihre wi⸗ derwaͤrtigen Opfer verdiente, Brot, das ſie mit dem tiefen Seufzer der Sorge, oder der brennende Roͤthe der Scham gewann, mir aber mit dem freundlichen Laͤcheln der Milde bot, alles dieß wiſſend und fuͤh⸗ lend, war ich die ſtete Beute von Gewiſſensbiſſen und Selbſtanklagen. Endlich— und ich weine noch Freudenthraͤnen wenn ich daran denke— endlich ward Suſanne durch Gottes Gnade dieſem trauri⸗ gen Lebenswandel entriſſen. Sie war in einem Dorfe geboren und erzogen worden, und hatte beſonders unter der Aufſicht einer guten alten Großmutter geſtanden, fuͤr deren Andenken, und fuͤr Alles was ſie gewohnt geweſen war zu thun und zu ſagen, Su⸗ ſanne noch ſtets eine zaͤrtliche Ehrfurcht behalten hatte; und obgleich Eitelkeit und Leidenſchaft jene Grundſaͤtze zertruͤmmert hatten, die ſie ſonſt wol P 2 228 aufrecht erhalten haben wuͤrden, ſprach ſte doch auch noch jetzt in ihren erniedrigten Verhaͤltniſſe von die⸗ ſer lieben Verwandten mit kindlicher Liebe. „Da gabs noch ihr Nadelkiſſen, eine Scheere und einen Fingerhut, die ſie ſorgfaͤltig aufgehoben hatte, und ein kleines altes, ſchwarz eingebundenes Buch, mit metallnen Klappen, das ſie oft ergriff und be⸗ trachtete, und dann wieder mit einem tiefen Seuf⸗ zer hinlegte. „Ich erinnere mich noch, wie ſie eines Abends in ihr Zimmer kam, mit einem jungen Manne von angenehmen und anſtaͤndigem Aeußern, welcher zwar von Suſannens Neizen bezaubert, aber doch etwas beſchaͤmt zu ſeyn ſchien. Sein Auge ſiel unwillkuͤhrlich auf das Buch, denn ich hoͤrte ihn ſagen: Was macht das Buch hier? Sie thun wol, als ob ſie darin laͤſen?— Manchmal doch, entgeg⸗ nete Suſanne, wenn ich es wage, aber ich habe mich ſeit einiger Zeit, ach! ſeit lange, nicht wuͤrdig genug dazu gefuͤhlt. Dies ſprach ſie mit traurigem, inni⸗ gem Tone, tief erroͤthender Wange und Thraͤnen im Auge. Der junge Mann legte zwei Guineen auf den Tiſch, verſicherte ihr voll Herzlichkeit, daß ſie bei ſolcher Gemuͤthsſtimmung dieſes Buch ohne Be⸗ denken leſen koͤnne, da es ja das Buch der Erbar⸗ mung ſey, und eilte hinweg. „Am folgenden Tag trat ein ganz einfacher Mann, ein Markthelfer aus einer Handlung, ein, der ſich, als ſie noch in Dienſten geweſen um ihre Liebe bewor⸗ —— —; ben, und da er alle ihre beſſere Eigenſchaften des Herzens wie des Gemuͤths kannte, ihren Fall lange herzlich beklagt hatte. Er ruͤckte mit ſeinem ſonder⸗ baren Antrag, den er ihr frei und offen machte, daß er ſie naͤmlich, wenn ſie ihre Lebensart verlaſſe, hei⸗ rathen wolle, ehrlich vor. Es waͤre doch Jammer⸗ ſchade, ſagte er, daß ein ſo junges Menſchenkind ver⸗ loren gehen ſolle, und daß er es alſo auf gut Gluͤck bis an ſein Lebensende mit ihr verſuchen wolle. Sie zoͤgerte lange, denn ſie wollte ihn nicht betruͤgen, ihn zu keiner Uebereilung veranlaſſen; er drang aber im⸗ mer mehr in ſie, und ſo nahm ſie endlich ſein Aner⸗ bieten dankbar an. Bald waren ſie verheirathet, und ich dankte Gott fuͤr dieſe Gnade. Sie behielten mich noch immer bei ſich und erzeigten mir ſehr viel Gutes, da ich aber bald darauf hoͤrte, daß ein Schiff eben nach Venedig zuruͤckfahren wolle, ergriff mich der Gedanke gewaltſam, daß ich darauf vielleicht in mein Vaterland wieder kommen koͤnne. War Almo⸗ ſen empfangen, einmal das mir beſtimmte Loos, ſo mußte mir dieſes doch in meinem Vaterlande noch ertraͤglicher werden, und ſo war ich, obgleich gaͤnz⸗ lich hulflos, ohne Geſchick zu irgend einer Beſchaͤf⸗ tigung und mit einem verkruͤppelten Beine, das mir jede ſchwere Arbeit unmoͤglich machte, dennoch ent⸗ ſchloſſen, Die nicht laͤnger zu belaͤſtigen, die mich bis⸗ her ſo großmuͤthig unterſtuͤtzt hatte. Meine Bitte ward erfuͤllt. Dort liegt er der gute Schiffsherr, der mich vor vier Jahren von England hieher brachte, mich hier ernaͤhren half, und das Mitleid Anderer fuͤr mich in Anſprach nahm. Aber ſeine eignen Kraͤfte, ſein Einſuß auf Andere und ſein geringes Vermoͤgen ſind nun ſelbſt ein Raub von Ungluͤcks⸗ faͤllen geworden. Schiffbruch und andere Verluſte, Krankheit und Huͤlfloſigkeit haben ihn nicht allein dem Mangel, ſondern dem gaͤnzlichen Untergang Preis gegeben. Fuͤr ihn und ſein Weib in Kindesnoͤthen und fuͤr ſeine verhungernden Kleinen bettelte ich mit ſolchem Ungeſtuͤm. Wenig iſts, das ich fuͤr mich be⸗ darf, nichts fuͤr eins der Meinen— denn mein eig⸗ nes liebes Kind iſt todt— mein Vater iſt todt, und meine Mutter auch. Fremde ſind im Beſitz unſerer Huͤtte, unſers Weinbergs. Meine Bruͤder und Schwe⸗ ſtern haben ſich in der Welt zerſtreut, ich weiß nicht wohin; und mein armer blinder Giuſeppe erſingt ſich irgendwo vor den Thuͤren ſein Brot. Bis mein Un⸗ gluͤck meinen lieben Wohlthaͤter dort ergriff, war ich wol ſchon elend, aber ich hatte mich darin ergeben. Ich wußte recht gut, daß mit von Kummer entſtell⸗ ten, abſchreckenden Zuͤgen, meinem lahmen Fuße und in dem zerriſſenen Gewande der Armuth, die Hoff⸗ nung vergeblich ſeyn wuͤrde, Theilnahme unter dem gewoͤhnlichen Haufen der Wohlhabenden und Selbſt⸗ ſuͤchtigen zu erwecken. Schoͤnheit in Thraͤnen und Seufzern, Lieblichkeit, ob auch arm und klagend, wird auch ſelten des Beiſtandes verfehlen, freilich ihn auch oft nur von Denen erhalten, die auf Vergeltung ih⸗ rer Saat und gezwungenen Lohn rechnen. Vergeben —x Sie mir, Signor, dieſe grillenhaften Aeußerungen; ich ſpreche aus Erfahrung eines verbitterten Daſeyns, und freue mich dennoch, daß dieſes unfreundliche Ge⸗ fuͤhl durch Ihre edle Großmuth in ein wohlthuende⸗ res umgewandelt worden iſt. Ich bin zu Ende⸗ Einige Jahre hindurch werde ich mich nun noch im Winter in der Sonne warmen, oder im Sommer im Schatten mich niederlegen, gemeinſchaftlich mit anderen Bettlern durch Kloſterſpenden mein Leben friſten, und dann das kalte aber ruhige Bett finden, das mir niemand rauben kann.“ Nein, nein, rief ich aus, mindeſtens ſollen Sie ſtets eine Wohnung haben, und Mangel ſoll Sie nicht treffen. Was Sie mir erzaͤhlen, iſt ſonderbar und traurig; aber Ihr Schickſal iſt eine merkwuͤrdige Aus⸗ nahme von dem ſo vieler Mitgenoſſen ihrer heiteren Kunſt. Denn im Allgemeinen muͤſſen doch gewiß Die, auf welche wir in unſeren vollgeſtopften Theater mit ſo vielem Entzuͤcken ſehen und hoͤren, wol ſelbſt ei⸗ nen großen Theil des Vergnuͤgens mitgenießen, das ſie rings umher verbreiten. Sie koͤnnen ſich nicht oft verſtellen, koͤnnen nicht oft leiden. Sie lachen, ſind froͤhlich, haben weder Grillen noch Sorgen. „Ach nein, Signor,“ entgegnete Gianetta.„Glau⸗ ben Sie mir, dem iſt nicht ſo. Einige dieſer jungen Perſonen ſind allerdings eine Zeitlang heiter und un⸗ beſonnen bei der Neuheit ihrer Lebenslage, andere ſind bei ihrem leichten Blute von Natur luſtig und ausgelaſſen; auch findet man wol hie und da, ob⸗ 232 gleich ſelten, einen alten komiſchen Darſteller, einen heitern Philoſophen in ſeiner Art, aber die meiſten fuͤhlen ſich elend, ſehr elend. Nothwendigkeit und Stolz bekriegen ſich unaufhoͤrlich in ihnen, und Ge⸗ wohnheit macht ihnen die Bravos, Vivats und das Bei⸗ fallklatſchen zur unentbehrlichen Nahrung. Stellen Sie ſich nur einmal des Abends an die Seitenthuͤren der Theater, und betrachten Sie die hineingehenden Ge⸗ ſtalten, mit Geſichtern von Schwermuth gefurcht, oder von Ausſchweifung entſtellt, oder von wirklichem Man⸗ gel gebleicht. Und nun ſetzen Sie ſich vor die Buͤhne und ſchauen ſie auf das gemahlte Bild. Der Galee⸗ renſklave in Ketten, geſchmiedet an ſein ſchweres Ru⸗ der, arbeitet nicht mit widerwilligerm, duͤſtererm Sinne, als Viele hier. In den erſten Zeiten meines Dienſtes auf den Brettern habe ich oft uͤber die ſin⸗ ſteren, ſchmuzigen, gelben Geſichter dieſer armen Leute gelacht, die mittelſt ein wenig Roth dann in Göͤtter oder Schaͤfer, Prieſter oder Baechanten umgewandelt wurden, und mit Goͤttinnen, Grazien und Nymphen tanzen mußten, die mit ihnen an Schoͤnheit wettei⸗ ferten, ehe Schminke und Mahlerei ihr Werk vollen⸗ 4 det, und die Buͤhnenlampen uͤber ſie das Licht und den Glanz ergoſſen hatten, bei dem der Puls junger und mit allen dieſen Kuͤnſten nicht vertrauter Zu⸗ ſchauer ſo ſchnell und voll Entzuͤcken ſchlaͤgt. Glau⸗ ben Sie mir, nichts iſt ſo peinlich erſchoͤpfend, als⸗ die Anſtrengungen Derer, welche Abend vor Abend, ohne Unterlaß, dazu berufen ſind, lachen und irgend 233 einen beliebten froͤhlichen heitern Charakter darſtellen zu muͤſſen. Kommt nun noch bei dieſen Armen irgend ein haͤusliches Ungluͤck dazu, ſo iſt es herzzerreißend ſie zu ſehen und zu hoͤren. Ich erinnere mich noch recht wohl an unſern Buffo in Neapel, einen lebendigen, guten, angenehmen kleinen Mann. Er hatte ein jun⸗ ges Weib, das er wahrhaft liebte, und das eben zu Anfang des Carnevals im Kindbette ſtarb. Er war außer ſich, verlor Schlaf, Appetit, Geſundheit. Ge⸗ ſellſchaft konnte er nicht mehr ertragen. Aber er war Vater von vier huͤlfloſen Kindern und ohne Vermoͤgen. und ſo mußte er denn ſingen und ſyringen, und mit dem Kopfe wackeln und den Fingern ſchnipſen, und Bocksſpruͤnge auf der Buͤhne machen. So jung und unbeſonnen ich auch damals noch war, blutete mir doch das Herz wenn ich ihn ſo ſah. Vorzuͤg⸗ lich eines Abends ſtuͤrzte er, von einem Donnerſtur⸗ me des Beifalls begleitet, von der Buͤhne, ſchlug ſich die Haͤnde vors Geſicht, zuckte mit konvulſiviſchem Stoͤhnen an allen Gliedern und eilte aus dem Thea⸗ ter. Am andern Morgen fanden ſie ihn auf ſeines Weibes Grabe liegend, lachend, und er lachte noch als ſie ihn fortfuͤhrten— und lachte als ſie ihm ſeine lieblichen Kinder zeigten— und lachte fort bis er ſtarb. Aber kein Wort ſprach er mehr mit irgend jemand;— ſtill vor ſich, ohne einem Weſen ein Leid zu thun, ging er am Meeresufer in der Sonne um⸗ her, und mitleidige Perſonen gaben ihm etwas, und die Kinder zogen ihm nach, und er lachte ihnen zu, 234 und bei jedem Blicke und bei jedem Tone, daſſelbe traurige, herzdurchbohrende Lachen.— Nun, er iſt todt, der arme Mann. Nein, Signor, glauben Sie mir, daß wahre Bekenntniſſe, wahre Schilderungen aus dem Leben einiger Perſonen, von dem was ſie hinter den Couliſſen ſahen und fuͤhlten, gar heilſame Lehren fuͤr Diejenigen ſeyn wuͤrden die, hingeriſſen und bezaubert, vor denſelben ſitzen.“ Jetzt kam der Arzt, beſuchte die Kranken und be⸗ richtete, daß der arme Mann ſchwerlich geneſen und wol in einigen Tagen ſchon hinuͤberſchlummern werde. Gianetta ſetzte ſich wieder an ſein Bett, und ich fuhr nach Hauſe. Es war gut fuͤr mich, daß ich die traurige Er⸗ zaͤhlung dieſer armen Ungluͤcklichen gehoͤrt hatte; ſie leitete meine Gedanken von meinem eignen Schickſale ab; je mehr ich aber daruͤber nachdachte, deſto uner⸗ traͤglicher ward mir der Gedanke, noch laͤnger in Ve⸗ nedig zu bleiben. Denn ganz Venedig war nur eine Schaubuͤhne— nichts als Masken und Vermum⸗ mung— Geſang und Muthwille— ſtetes Herum⸗ treiben in dieſer Art der Luſt, woran jedermann Theil nahm, nur nicht die hinter dem Vorhange, die auf dem Sterbebette und in dem Gefaͤngniſſe, und die Elenden in den dunkelen Winkeln der gaͤnzlichen Ent⸗ behrung und Verworfenheit. Fuͤr die von Geſundheit ſtrotzenden Adern, fuͤr — 235 die Boͤrſe voll Gold, war alles Sonnenſchein und Feſt. Auch ich war jung und reich, aber Sonnen⸗ ſchein und Feſt gab es doch nicht fuͤr mich. Aus mir ſelbſt verſtoßen, hatte ich nur eine ſonderbare, ſchwermuͤthige Freude daran, von Ungluͤcklichen zu hoͤren, nach ihnen auszuſchaun, ſie zu lieben. Ich traf daher ſogleich die freigebigſten Vorkehrungen fuͤr den kuͤnftigen Unterhalt der armen Gianetta und der Huͤlfloſen, mit welchen ſie lebte, und verließ dann die Stadt. Es war Nacht,— nicht eine ſchoͤne helle Nacht, — der Mond ſtand hoch, und war ziemlich voll,— ſein Licht aber bleich und matt;— auch der Himmel war nicht blau, und kleine ſchwarze Wolken jagten ſchnell an ihm voruͤber. Langſam ſchifften wir auf der ſtillen Brenta. Ich ſaß außen, in meinen Mantel gehuͤllt, regungslos. Hie und da ſtanden blendend weiße Villen an ihrem ſchattigen ufer, ſchweigend und geiſtergleich unter ſchwarzen Baͤumen. Ploͤtzlich befanden wir uns, bei einer ſchnellen Wendung, vor einer einſam liegenden Kapelle, aus welcher Lichter glaͤnzten und Toͤne ſchallten. Durch die offne Thuͤre konnte ich die Koͤpfe und Gewaͤnder der Prieſter und die Kerzen in ihren Haͤn⸗ den erblicken. Ich ſprang an's Land und ging auf die Kapelle zu. Als ich in den Chor trat, hoͤrte ich das Gellen von Werkzeugen auf dem hohlen ſteiner⸗ nen Fußboden, die ſchwere Hacke und den leichtern Spaten. Die Todtengraͤber waren mit ihrer Arbeit zu Ende, blieben aber noch ſtehen, und wendeten ſich, und beugten das Haupt und bekreuzten ſich als das Requiem begann. Traurig und feierlich ſangen es die barhaͤuptigen Prieſter, und ſie ſtanden um einen breiten ſchwarzen Stein, der eben wieder in ſein ge⸗ ſtoͤrtes Bett eingefuͤgt worden war. Fuͤr wen— ſo fragte ich, als der Geſang auf⸗ hoͤrte— fuͤr wen ſingen Sie dieſe Todtenmeſſe? „Das wiſſen wir nicht, Signor. Es war eine an⸗ geſehene Fremde, die zwei Jahre in tiefer Einſam⸗ ſeit dort auf jener Villa gelebt hat.“ 4 Woher gebuͤrtig? 3 „Oh, eine Italienerin, aber aus dem Suͤden. Wie man ſagte, aus Neapel.“ Alſo wol von hohem Stande? „Wir kannten ſie bloß unter dem Name Lady Agathe.— Aber, beim heiligen Antonius! was iſt Ihnen denn? Sie werden ja ganz blaß! Iſt Ihnen nicht wohl?2“ Es iſt nichts— hier iſt Gold— Ihre Kerze — laſſen Sie mich— ich mochte gern allein ſeyn— ich kenne die Dame.— Ol ich bitte Sie, laſſen Sie mich allein hier. 4 Ich verweilte in tiefen Schmerz verſunken bis zum Morgen an ihrem Grabe. Dann ging ich zu ihrer Billa und durchſtrich den Garten. Ich ſprach mit niemand, fragte niemand, ſondern ſchaute nur 6 umher, und pfluͤckte Blumen, und hob verwelktes Laub auf, und ließ es wieder fallen, und blieb ſtehn 237 und horchte auf den Fruͤhgeſang der Voͤgel und trank aus der hellſprudelnden Quelle, und lag auf dem gruͤnen Raſen daneben, und ſtuͤtzte meinen ſchwin⸗ delnden Kopf, und badete meine brennenden Augen, und ſtand dann auf und ging hinweg— ſchnell und weit hinweg. Ich weilte nirgends, ruhte nicht eher, als bis mein Diener mir ſagte, daß ich nun da ſey, und auf die Stadt der Sorgen zeigte, da, in Rom,— in Rom, wo der Untergang uns entgegenſtarrt und die ſchwarzen Cypreſſen wehen. Als ich die kalte, breite Steintreppe hinanſtieg und in die weiten und duͤſteren Gemaͤcher eines großen aber unbeſuchten Albergo (Gaſthauſes) eintrat, fuͤhlte ich, daß dies eine ange⸗ meſſene Heimath fuͤr einen Wanderer mit zerſtoͤrten Hoffnungen, gleich mir, ſey.— Man brachte mir Eſſen, ich aber wandelte auf und ab und ſetzte mich nicht dazu nieder. Ich brach Brot, und trank in krank⸗ hafter Haſt einen Becher Wein nach dem andern, und dachte laut, und ſprach mir ſelbſt Troſt zu, und war froh mich in Rom zu wiſſen, und nahm meine Lampe und ging an mein Bett, und ſchob die ſchwe⸗ ren dammaſtnen Vorhaͤnge bei Seite und legte mich nieder und ſchlief feſt und lange.. So bin ich denn in Rom! das war mein erſter Gedanke, als ich erwachte.— Meine Agathe, das Phantom meines Entzuͤckens, iſt von mir geſlohen, iſt hinabgeſtiegen ins Grab mit ihrer Schoͤnheit. Wie vergaͤnglich ſind doch dieſe ſtolzen Weſen mit lebendigem Athem! Ein Morgenhauch toͤdtet die junge Knospe, welche nur erſt die Hoffnung von geſtern ge⸗ bar. Ich habe abgerechnet mit dem Leben, ich will nun unter den Todten weilen. Ich bin allein, da, wo eine verwaiſ'te Stadt einſam trauert. In ihren ſtillen Raͤumen, den Zeugen ihres Untergangs, will ich umherwandern. Ich bin in Rom!— und ich riß das Fenſter auf, und ſah hinaus. Ich blickte in eine Straße, in eine ganz gewoͤhnliche Straße. Moͤnche, in einer Gruppe zuſammen ſtehend, ſchnupften Tabak; kraͤnklich aber verſchmitzt ausſehende Kraͤmer ſtanden vor den Thuͤren ihrer Allerleibuden fuͤr Reiſende; arme und hinterliſtige Muͤßiggaͤnger lauerten an den Thuͤren der Gaſthoͤfe, und eine haͤßlich ausſehende braune Volksmaſſe von breitſchultrigen Maͤnnern und ſchwarzaͤugigen Frauen mit ſtarken Geſichtszuͤgen ſtrich mit alle der geſchwaͤtzigen Geſchaͤftigkeit und dem Schmuze des gemeinen Marktlebens durch die Straße. Und dies war Rom. Ich ſchloß das Fenſter, tief in der Seele verwundet. Was hatte ich denn erwartet? — Was es auch geweſen ſeyn mochte, ich fuͤhlte mich in dieſem Augenblicke gleichſam verſpottet, betrogen. Jetzt klopfte es an meinem Zimmer. Ein Mann mit hagerm Geſichte und vorragenden Augaͤpfeln ſteckte den Kopf herein, und kam dann ſelbſt nach. Er trug ein Buch unterm Arme und eine große Rolle Kupferſtiche in der Hand. „Der Signor iſt ein Fremder, ein Reiſender. Jal! es gibt nur Ein Rom in der Welt, Signor.— Ich werde ſo gluͤcklich ſeyn, Sie uͤberall herumzu⸗ 239 fuͤhren. Ich habe die Ehre ein Cickrone zu ſeyn. Zu den Antiquitaͤten, in die Kirchen, die Galerien, uͤberallhin wollen wir gehen. Sie koͤnnen meiner Dienſte gar nicht entrathen, und es iſt ein Gluͤck fuͤr Sie, daß ich eben unbeſchaͤftigt bin. Alle Fremde von Geſchmack, alle gebildete Reiſende verlangen nur mich.“ Mein Bedienter trat ein und befreite mich von dieſem Manne. Gegend Abend, wo ich noch im⸗ mer wie ein ſorgenvoller Gefangner zu Hauſe ſaß, kam mein Wirth, und ſagte, daß jetzt die Zeit ſey, wo Alles was reich und vornehm in Rom, auf dem Corſo in Equipagen ſich ſehen laſſe. Ob ich nicht auch ausgehn wolle? Allerdings, aber nicht dahin. Noch muß es ein anderes Rom geben, dahin will ich gehen, dahin ſoll man mich ohne vieles Reden fuͤhren und dort allein laſſen. Und es gab wirklich ein anderes Rom!— Wir gingen zum Forum. Nicht ſanftes Licht ſtroͤmte umher, nicht der faͤrbende Strahl eines rothen oder gelben Sonnenuntergehens, Alles war duͤſter grau, als ob wir in das Thal der Schat⸗ ten des Todes ſchauten, und die Gegenſtaͤnde um⸗ her ernſt und ſchauerlich. Zwei oder drei an einan⸗ der lehnende Saͤulen unter wirren ſchwarzen Truͤm⸗ mern von Frieſen und Cornichen, auch Triumphboͤgen — finſtre Boͤgen mit niemand neben oder unter ih⸗ nen— die Erde ungleich und trocken braun— ein Paar ſchwarze Baͤume, und eine einſame, luͤckenvolle Ruine, wo die verſammelte Menge ſonſt ihre ge⸗ 240 raͤuſchvollen Spiele feierte, von hochgethuͤrmter, ſchwerfaͤlliger Majeſtaͤt. Rom, Augen uünd Ohr ge⸗ ſpannt, auf jedem Sitze und Tritte in ihr, Rom trat hervor aus dem ſtolzen Schauſpiele, und bedeckte in weiter Toga und entbloͤßten Hauptes den ganzen Raum umher, und ſchritt dann weiter durch die Mar⸗ morſtadt— bleiche Geiſtergeſtalten aber ſind es nur. Rom mit gierigem Blicke zum Kapitol eilend! Reges captivi! Imperator triumphans!(Gefangene Koͤnige! der Heerfuͤhrer im Triumph!) Bleiche Gei⸗ ſtergeſtalten alles! Der Kranz des Triumphators! ein Schattenweſen! 8. P. Q. R.(Rom's Senat und Volk), Buchſtaben! Selbſt die Sprache dieſes Se⸗ nats, die von jeder Roͤmer⸗Lippe floß und vertraut in in jedes Roͤmers Ohr klang, todt, von dem eifrigen Gelehrten nur bei der mitternaͤchtlichen Lampe er⸗ forſcht und ehrfurchtsvoll mit volltoͤnender aber zwei⸗ felhafter Ausſprache geredet. Es lag etwas innerlich Beſchwichtigendes fuͤr mein verwundetes Herz darin, wenn ich ſo ſtumm zwiſchen dieſen Ruinen wanderte, oder auf und neben ihnen ſaß. Konnte ich nun auch nicht leben um die Gegenwart zu genießen, oder hoffnungsvoll in die Zukunft zu ſchauen, ſo lag doch das Vergangene of⸗ fen da vor mir; zuruͤck durch die lange Nacht der Jahrhunderte konnte ich ungeſtoͤrt ſchreiten, und die maͤchtigen Todten erwecken und mit ihnen ſprechen, auf ihre Trommeten hoͤren, mit ihnen in die Schlacht ziehn und mit ihnen nach dem Siege jubeln, ſchwei⸗ gend 241 gend und aufmerkſam in der feierlichen Senatsſiz⸗ zung ſtehen, oder mich in den Buchenſchatten ſtrecken und laͤcheln, weinen oder taͤndeln, je nachdem der Dichter es mir gebot. Die Nacht war ſchon weit vorgerüͤckt, als ich mei⸗ nen einſamen Pfad heimwanderte. Ich ſchritt lang⸗ ſam und gluͤcklich einher, denn ich dachte nicht an mein verworfenes Selbſt. Als ich mich dem Ende einer langen, finſtern Straße naͤherte, hoͤrte ich Waſ⸗ ſer rauſchen, das in der Stille der Nacht ſtets mit einer gewiſſen Feierlichkeit oͤnt. Weiterſchreitend kam ich auf einen kleinen freien Platz, und ſtaunte als ich um mich ſchaute. Der Meeresgott der Alten ſtand vor mir auf ſeinem Muſchelwagen wie eine drohende Erſcheinung, und unter Felſentruͤmmern und ſchaͤumenden Gewaͤſ⸗ ſern baͤumten ſich die Seepferde hoch und wild in die Luft und Tritonen hielten ſie an den gewoͤlbten Haͤlſen zuruͤck. In Niſchen daruͤber ſtanden in Ge⸗ waͤnder gehuͤllte ernſtblickende Geſtalten— und zu allem dieſem die Nacht, und ſie ſelbſt weißer Marmor! Ja, Nom iſt die Stadt fuͤr alle Wanderer, die Vergeſſenheit ihrer ſelbſt und die Geſtalten vergangener Tage ſuchen. Gehet dann aus, in Stunden wenn die Anderen zu Hauſe ſitzen,— gehet aus, und lebet in ihrer ſchwei⸗ genden Geſellſchaft. Denn iſt es nicht auch Geſell⸗ ſchaft vor einer herrlichen Bildſaͤule zu ſtehen und zu denken? Ihr Anblick, ihre Gegenwart uͤben ihre Macht uͤber die aufſteigenden Gedanken. Niedrige I. 3 Q 242 Dinge und doͤſe Vorſaͤtze entfliehen aus den dun⸗ klen Schlupfwinkeln des Herzens fort, weit hin⸗ weg, und laſſen uns, waͤhrend dieſer ſchuldloſen und gluͤcklichen Augenblicke, die wir unbewußt in gedan⸗ kenvollem Staunen verleben, in Reinheit und Frie⸗ den. Nicht nimmt es mich Wunder, daß ſo viele Menſchen in der Anbetung dieſer ſtummen Idole gelebt haben und geſtorben ſind. Ueber einer mar⸗ mornen Stirn ſcheint eine beſchützende Majeſtaͤt zu ſchweben, eine hohe nicht der Erde angehoͤrende Ruhe um ſie her. Keinen Laut erwartet man in dieſen langen, mit den ſteinernen weißen Geſtalten bevoͤlkerten Galerien zu hoͤren, als Aeols⸗Harfentoͤne, wie die Luft ſie manchmal auf den magiſchen Lyren weckt, welche die Menſchen ſchufen um jene im Fluge zu faſſen. Viele haben auch Gemaͤhlde geliebt— und wes⸗ halb nicht? Liebet immer ein Bild und liebet es gluͤck⸗ lich! Es kann nicht auf Euch zuͤrnen— nicht von Euch fliehen, kann nicht laͤcheln und dann ſterben. Ja,— es wuͤrde zu weitlaͤufig ſeyn, die milden Frenden zu ſchildern, die wie ſanfter Thau auf mein brennendes Hirn ſanken, und dort einen koͤſtlichen Balſam bereiteten, der dann heilend auf mein zer⸗ riſſenes Herz tropfte. Jetzt, wo ich darauf in der Er⸗ innerung zuruͤckblicke, kann ich nicht behaupten, daß es Friede war; aber es war doch Ruhe, eine Wohl⸗ that, ein Zug ſchuldloſen erlaubten Vergnuͤgens fuͤr die duͤrſtenden Lippen der beſtraften Schuld. Mein Leben ſtrich mit Leſen, Herumwandern und Traͤumen 243 hin. Geſundheit und Geiſt gewannen dabei. Ich band mich an keine Regel. Meine Eintheilung der Nacht wie des Tages, die Stunden der Ruhe wie der Beſchaͤftigung, wurden von dem augenblicklichen Gefuͤhle beſtimmt. Auf meine langen Wanderungen unter den zerſtoͤrten Grabmaͤlern und Waſſerleitungen, meine naͤchtlichen Spaziergaͤnge im Forum, meine einſamen Beſuche der Galerien Roms, blicke ich noch jetzt ſelbſt in dem ſtillen Gluͤcke meines Einſiedlerle⸗ bens mit vorwurfsfreier Freude zuruͤck. Immer habe ich die Einſamkeit geliebt, denn ich hatte ſtets Kum⸗ mer zu bergen und an meinem Leid mich zu weiden; aber in Rom ſind die Umgebungen in ſolchem truͤ⸗ ben Einklange damit, daß Sorge und Leid dem Herzen noch einmal ſo vertraut und theuer werden. Taͤglich beſuchte ich die Peterskirche und weilte trau⸗ ernden Geiſtes darin. Es war kein Gebet,— es war nicht Buße,— es war nicht Furcht,— nicht Liebe,— ſondern nur das ſchweigende, entſagende Trauern eines kranken Herzens. Nicht wenn die helle Sonne in den herrlichen Tempel ſchien und ich ihren ſtolzen Glanz nicht ertragen konnte, nicht wenn der Hochaltar geſchmuͤckt war, und der Pabſt die heilige Meſſe ſang, und das mit Stolen und Mitren angethane Conelave, und ſtahlgewappnete blin⸗ kende Wachen darum ſtanden und eine ganze Stadt auf dem marmornen Fußboden kniete, befand ich mich wohl darin, ſondern nur in der ſchwermuͤthig⸗ ſten Stunde des Abends. Dann hatte die duͤſtre 922 5 244 Majeſtaͤt des Doms etwas Erhabenes, Wundervolles. Dem Auge des Geiſtes that ſich ein endloſer Raum auf, denn in der Seitenhallen tiefſter Tiefe ſah man nur Schatten, und in der Mitte des Schiffes einen. Kranz von Licht, kleine weiße unſchaͤdliche Flaͤmmchen,. ein ſchwach unterhaltnes Feuer, deſſen matte Strah⸗ len auf allen Seiten in Finſterniß dahinſtarben. Be⸗ ſchwingte Engel flogen in dunklen Gewaͤndern um einige naͤhere Heiligenbilder, und Rieſengeſtalten lehn⸗ ten weißgeſtreckt an den hohen Pilaſtern, und das Herz ſchlug, und man hielt an im Gehen und wagte nicht aufzutreten— zu hingeriſſen um zuruͤck, zu furchterfuͤllt um vorwaͤrts zu ſchreiten— denn es duͤnkte uns wie ein Thor, das aus dem Leben fuͤhrt — wie die ſtille ernſte Pforte einer andern Welt. Als ich eines Abends in Mitten dieſer Tempel⸗ Einſamkeit ſtand, hoͤrte ich ein ſehr leiſes Murmeln und tiefes Athemholen und innige Seufzer aus einer Maͤnnerbruſt, und dann wieder ernſte, aber milde Toͤne bei jeder Pauſe. Es war ein Beichtſtuhl wor⸗ aus dieſe Toͤne ſchallten, es war das Ergießen eines verwundeten Herzens und die troͤſtende Stimme des abſolvirenden Prieſters. Es machte einen tiefen, maͤchtigen Eindruck auf mich, und einige Tage lang konnte ich an nichts an⸗ deres denken. Ich vergaß die Nonnengefaͤngniſſe, die Moͤnchs⸗Sklaven, die Marterkammer und den Holzſtoß der Inquiſttion. Nur an die geheiligte Huͤlfe, an den Beiſtand dachte ich, der, wie es mir 245 ſchien, ſeine Treue und Sorgfalt uͤber den beichten⸗ den Suͤnder breite. Mein Verſtand ſagte mir frei⸗ lich, daß Entſuͤndigung durch einen Menſchen nur eine Form ſeyn koͤnne, und noch anderer Einwirkun⸗ gen beduͤrfe. Aber ich trug mich mit einem laſten⸗ den, verhaßten Geheimniſſe. Man wuͤrde mich doch mindeſtens hoͤren,— vielleicht mir Troſt verleihen, die Huͤlfe wenigſtens, mich meines Kummers zu ent⸗ laſten,— mir Worte, Toͤne der Troͤſtung ſpenden. So huͤllte ich mich denn eines Nachts in mei⸗ nen Mantel, und ſchlich fort mit der Buͤrde meines Geſtaͤndniſſes, feſt entſchloſſen, es in der Beichte ab⸗ zulegen. Ich hatte mir es ſo ausgedacht, daß ich es gaͤnzlich verſchwieg, ein Proteſtant zu ſeyn, aber die Thatſachen, meine Flucht von der Heimath und den Meinen, Agathen, den erworbenen Reichthum(ohne jedoch die Quelle, woher er ſtamme, anzugeben) und meinen gegenwaͤrtigen einſamen Zuſtand, beichtete. Der Prieſter hoͤrte ſchweigend bis zu Ende. „Und kann denn Ihre Kirche Ihnen keinen Troſt oder Rath geben? fragte der Unſichtbare. „Mich haben Sie nicht getaͤuſcht, aber Sie taͤuſchen ſich ſelbſt aufs ſchrecklichſte. Kehren Sie heim zu Ihrem angſtvollen Vater, zu Ihrer weinenden Mut⸗ ter, treten Sie offen der verdienten Beſchaͤmung ent⸗ gegen,— dieß ſey Ihre einzige, die beßte Buße fuͤr Sie. Gehen Sie mit unbedecktem Geſicht und bit⸗ teren Thraͤnen in Ihre verſcherzte Heimath. Die wil⸗ den Schmerzen Ihrer unheiligen, ſtrafbaren, aber nicht zu bezaͤhmenden Liebe, haben Ihre Beſtrafung in ſich ſelbſt getragen, und ob ich Sie gleich kaum von mei⸗ ner Verachtung losſprechen kann, will ich doch den Zorn der Kirche nicht gegen Sie aufrufen, will Sie nicht verrathen. Suͤhnen Sie Ihre Suͤnden durch Mitleid gegen Arme, und geben Sie ſich Muͤhe Ih⸗ rem Nebenmenſchen wohl zu thun. Vor allen Din⸗ gen aber, treiben Sie ſich nicht weiter in Rom herum.“ Ruhelos, zerfallen mit mir ſelbſt und der ganzen Welt, kehrte ich in meine Wohnung zuruͤck.— Kein Wort der Suͤhne,— kein romantiſches Ereigniß,— keine Vorſchrift koͤrperlicher Buße,— kein Haarab⸗ ſchneiden, keine Pilgrimſchaft;— entdeckt, und, ob auch bemitleidet, doch verachtet,— und dennoch ſein Rath eben ſo mild als weiſe. Aber nach Hauſe zu⸗ ruͤckzukehren und zu bekennen, daß ich gefehlt habe, und umarmt zu werden und Verzeihung zu erhalten, — ja, es klingt lieblich,— aber der Stolz meines Herzens erhob hoch ſeinen Skorpionen⸗Kamm bei dem bloßen Gedanken daran. Einſam, wie der verlorne Sohn, gleich ihm voll Scham, gleich ihm voll Kum⸗ mer, aber gleich ihm auch entſchloſſen, nicht zum Va⸗ ter zuruͤckzukehren, ſollten auch Trebern nur ſein Theil bleiben. Freilich waren meine Trebern golden, wa⸗ ren ſo, daß mein hungernder Geiſt, mein leeres, ſich ſehnendes Herz ſich damit weiden konnten; aber doch beneidete ich, wenn ich daran dachte, ſelbſt die Die⸗ ner, deren Zuneigung meines Vaters Laͤcheln taͤglich belohnte; und ich Armer hatte ja niemand, der freund⸗ 247 lich auf ihn blickte, als gemahlte Weſen, die guten Engel, die trauernde Magdalena und den weinen⸗ den Petrus. Eine Folge meiner Beichte war aber doch der ſchnelle Entſchluß, Rom zu verlaſſen, und ſo ſchlug ich denn den Weg nach Neapel ein. In einer ſchwarzen, unfreundlichen Nacht, unter dichten Regenguͤſſen erreichte ich Terracina. Das Gaſthaus war voͤllig dunkel. Kein Licht erwartete uns au der Thuͤr. Wir riefen,— niemand antwor⸗ tete.— So traten wir denn ins Haus. Schritte und Stimmen ſchallten tumultuariſch von oben her⸗ ab. Mein Bedienter und ich tappten die Treppe hinauf, und gelangten, durch den Laͤrmen geleitet, in eine große duͤſtre Stube. Auf einem langen Ti⸗ ſche ſtand eine kupferne Lampe. Der Wirth⸗ die Wir⸗ thin, der Koch, einige ſchmuzige Sbirren, ein Paar Po⸗ ſtillons und Maͤgde, und zwei bis drei Bauern, wa⸗ ren um einen aͤltlichen Herrn und eine Dame ver⸗ ſammelt, welche ich ſogleich fuͤr Englaͤnder erkannte. Wir haben alle von Muͤttern gehoͤrt, denen Moͤrder den Saͤugling von der Bruſt riſſen, und glauben, ihr Jammer koͤnne nicht uͤbertroffen werden; wohl moͤglich! aber wie ſoll ich dieſen ungluͤcklichen Vater mit Worten ſchildern? Es war ein huͤlfloſer gelaͤhmter Mann, der in einem Stuhle ſaß, von wel⸗ chem er ſich nicht aufbewegen konnte; aber ſein fle⸗ 248 hendes Geſchrei,— ſeine grauen unordentlich zer⸗ ſtreuten Locken,— ſein irres Auge,— die aufgeriſ⸗ ſene Weſte, und das krampfhafte Klopfen ſeines Her⸗ zens,— der ſtockende Puls und das laute Anerbie⸗ ten ſeines Vermoͤgens, und das wahnſinnige Ausru⸗ fen, Maria! Maria! meine Tochter! o meine Toch⸗ ter! vollendeten ein ergreifendes Bild. Sein Weib umarmte ihn ſchweigend mit konvulſiviſchen Thraͤ⸗ nenguͤſſen. Dabei alle Uebrige hineinſchwatzend oder mit gleichguͤltiger Ruhe laͤchelnd, die widrigen ge⸗ meinen Sbirren, hart und theilnahmlos ſcherzend, der dicke Wirth, der auf ungeſchickte Art troͤſtete, die lachenden Poſtillons, die muͤrriſch ausſehenden Landleute, und nur die Frauen mit gewinnendem An⸗ theile in ihren Blicken. Ich erfuhr bald die Urſach ſeines Jammers. Seine Tochter war aus dem Wirths⸗ hauſe fortgeſchlepypt, und von den Banditen auf die Berge entfuͤhrt worden. Vergebens ſagte man ihm, daß wenn er die Loͤſeſumme bezahle, welche dieſe be⸗ ſtimmen wuͤrden, er ganz gewiß morgen ſeine Toch⸗ ter unverletzt zuruͤckerhalten wuͤrde; jetzt, jetzt gleich, wollte er Alles daran wenden, wenn die Sbir⸗ ren nacheilen und ſie jetzt zuruͤckbringen wollten. Die Idee, ſeine Tochter nur einen Augenblick lang unter Naͤubern zu wiſſen, war ihm eine Pein, eine Marter. Nun bot auch ich ihnen Belohnung, und trieb ſie an, ihre Pflicht zu thun. Sie ſollten mir nur einen Wegweiſer mitgeben, oder nur den Weg zeigen, 24⁴9 ich wollte auf der Stelle allein gehen, das Loͤſegeld mitnehmen und das Maͤdchen wiederbringen. Sie lachten mich kalt und veraͤchtlich an, behaupteten, daß es zu ſpaͤt ſey: ich waͤre ein Fremder, ſonſt wuͤrde ich nicht davon reden zu den Banditen zu gehen,— und noch dazu allein. Sie lachten laut, und ich ver⸗ wuͤnſchte ſie, nahm meine Waffen und ging fort. Aber der Regen ſtroͤmte herab, es war voͤllig finſter. Ich konnte nicht einen Schritt vor mich ſehen. Ich rief, aber niemand antwortete, nur der Wind heulte und die See brauß'te. Wieder ging ich ins Gemach und trat zu dem Vater, der dort nun in ſtummer, tiefer Zerſtoͤrung da ſaß, und nichts von den Speiſen anruͤhrte, die man ihm vorgeſetzt hatte. Ich ergriff ſeine Hand, und verſprach ihm, morgen mit Tages Anbruch Alles zu thun, was ich koͤnne, und redete ihm zu, zu hoffen und ruhiger zu ſeyn. Dankbar blickte er durch Thraͤnen auf mich, waͤhrend die Mutter laut ſtoͤhnte. Alles war aus dem Zimmer gegangen, bis auf ein kleines ſchwarzaͤugiges, braunes Maͤdchen; und dieſes gab mir ein Zeichen mit ihr fortzugehen. Als wir im Vorſaale allein waren, fragte ſie mich: „Haben Sie Muth?0— Zu allem, was dieſes Maͤd⸗ chen retten oder ihr helfen kann!—„Run denn, ſo gehen Sie in Ihr Schlafzimmer, und bereden Sie die alten Leute, auch zu Bett zu gehen; um Ein Uhr, wenn der Mond aufgeht, nehmen Sie Ihre Waffen zu ſich, und wenn man ein Steinchen an ihr Fen⸗ ſter wirft, ſo ſpringen Sie aus dieſem. Es iſt zwar 250 hoch, aber der Boden unten weich. Ich habe aͤltere Perſonen als Sie, gluͤcklich herunterſpringen ſehn. Nur mit Muͤhe konnte ich Vater und Mutter bewegen, zu Bett zu gehen, und unter keiner Bedin⸗ gung raͤumten ſie mir mehr ein, als daß ſie, ange⸗ zogen bleibend, ſich auf die Matratzen legen wollten. Es war faſt Mitternacht, als ich auf mein Zim⸗ mer kam; ich lehnte mich an das Fenſter, um den erſten Schimmer des aufgehenden Mondes ſogleich zu erblicken. Der Regen ſiel weniger ſtark und hoͤrte endlich ganz auf, und der Vollmond ſtieg blutroth empor. Ich befeſtigte nun meine Piſtolen in dem breiten Guͤrtel, den ich trug, und zog den Riemen meines Degengehaͤnges dichter an, und dachte ein Gebet, und fuͤhlte mich dann durch das Unterneh⸗ men geehrt und begeiſtert. Eine ſchwarze Wolke hatte lange uͤber mir gehangen, jetzt ſchien der blaue Him⸗ mel auf einmal wieder hell hindurch zu ſchimmern. Vater und Tochter,— ſie ſollten mir danken, mich ſegnen,— ich konnte vielleicht mein armes Herz feſt⸗ ankern in dieſer friedlichen Familie, jedenfalls doch ein Maͤdchen retten, eine Gefangene befreien, den Herzen bejahrter Eltern Freude verſchaffen,— oder — ſterben. Nein, nein, nicht ſterben bei einer That des Er⸗ barmens; nein, nicht ſterben,— und wenn es ge⸗ ſchaͤhe, waͤre es doch ſchoͤn, auf ſolche Art ein Grab zu finden. Der Stein ſlog leicht und ſchuell ans Fenſter. — Einen Augenblick darauf ſtand ich an der Seite mei⸗ ner Fuͤhrerin. Aus der ſpitzen Kaputze einer dicken braunen Fiſcherjacke ſchauten ihre entſchloßnen Augen, und ihre weißen Zaͤhne ſchienen ein Laͤcheln auzudeu⸗ ten, als ſie ſah wie gewandt und flink ich den Sprung vom hohen Fenſter herab machte. „Folgen Sie mir,“ ſagte ſie,„ſo leis und ſtill als Sie koͤnnen. Thun Sie Alles, was ich thue. Ich verſichere Ihnen, Jene geben das Maͤdchen nicht um Geld los. Es war der ſchwarze Sebaſtian, der ſie fortſchlepypte. Ich kenne ihn. Aber ſie iſt geret⸗ tet, meine Liſt und Ihr Muth nehmens mit Jenen auf. Ich kenne den ſchwarzen Sebaſtian.“ Ich folgte ihr Schritt vor Schritt einen engen Bergweg hinauf. Jetzt wich der naſſe Boden unter unſeren Fuͤßen, jetzt mußten wir uns an ein Felſen⸗ ſtuͤk anhalten, jetzt wieder an einen Strauch. Es war die Arbeit einer Stunde. Wir ſprachen kein Wort. Gefahr und Luſt an dem Abenteuer waren neu und angenehm fuͤr mich. Mein Geiſt beſchaͤftigte ſich damit, ſich die Geſtalten der Banditen auszu⸗ mahlen. Ich ſtellte mir ihr verwundertes Aufſprin⸗ gen, den wilden Angriff, das Klirren der Schwer⸗ ter, den Knall des Schuſſes vor, und mein Muth wuchs immer mehr, und ich fuͤhlte den raſchen Herz⸗ ſchlag kecken Entſchluſſes. „Wir ſind nun ganz nahe;“ wisperte das kleine 252 Wirthsmaͤdchen:„warten Sie einen Augenblick hier, ich will ſehen, ob ſie wach ſind.“ Sie verſchwand, und ließ mich auf dem Gipfel des ſteilen Felſens, der ſich uͤber Terracina erhebt, allein. Sehen konnte ich von da den weiten mond⸗ erhellten Ozean und die dunklen, ſich kruͤmmenden Kuͤſten, und die Vorgebirge und Buchten bis weit hinaus. Die Regentropfen bliukten ringsumher ſanft und perlenartig, und die Luft war voll Wohlgeruch. Wie wuͤrde den Dichter dieſe Stelle und Stunde und die friedliche Ruhe umher angeſprochen haben! Wie haͤt⸗ ten Liebende dieſe ſtille, bezaubernde Szene genoſſen! — Meine Fuͤhrerin kam wieder, und fuuͤſterte eilig und voll Freuden:„Sie ſchlafen, ſie ſchlafen! der ſchwarze Sebaſtian ſchlaͤft, und Spalatro und Pietro auch, und die arme junge Dame!— Ihre Piſtolen, Signor, ſchonen Sie ſie nur nicht.“ und ſo faßte ſie mich am Guͤrtel und fuͤhrte mich ſchnell fort. Wir kamen an ein ſchwarzes verfallnes Gemaͤuer, von Roͤmern einſt erbaut. Sie fuͤhrte mich um daſ⸗ ſelbe, und ſtellte mich dann dahinter. Dort lagen ſie auf Steinen umher. Und abermals fuuͤſterte ſie: „Der mit den langen Haaren iſt Sebaſtian, und der kurze rothe Mann dort, Spalatro.— Ach, bei der heiligen Jungfrau, ſie waren ſonſt Beide brav!— Nur immer zugeſchoſſen, Signor,— Pietro wird da⸗ von laufen,— aber treten ſie leiſe auf,— naͤher,— noch naͤher,— nun, zielen Sie gut! Ich ſtand uͤber ihnen, in jeder Hand ein Piſtol, 253 und der bleiche Mond ſchaute auf uns herab mit ſei⸗ nem heiligen Lichte, und ſie ſchliefen in dieſem. Auf Kampf und Blut und tuͤchtige Gegenwehr hatte ich mich gefaßt gemacht, aber nicht darauf. Es waren freilich Verworfene, Raͤuber, Moͤrder: aber die blut⸗ geroͤthete Hand hatte nun vertrauensvoll die Beute fahren laſſen, die Augen der Gier waren geſchloſſen. Wie ſchauerlich war dieſer Moment!— der kleinſte Druck meines Fingers und ich ſandte zwei Seelen unbekehrt vor den Richtſtuhl des Himmels. Ich haͤtte eben ſo leicht es wagen moͤgen, einen lichtgekleideten Engel deſſelben zu durchbohren, als dieſe finſteren, fluchbelaſteten— Schlaͤfer. „Wacht auf!“ und ſie ſprangen eiligſt empor, und das gezogene Schwert, und der blinkende Dolch, und der ange⸗ legte Karabiner bedrohten mich mit Tod. Als ſie meine bewaffnete Stellung und mein entſchloſſenes Benehmen ſahen, hielten ſie inne. Ich hoͤrte, von der Luft herbeigetragen, eine Verwuͤnſchung von weibli⸗ cher Stimme, als das Wirthsmaͤdchen entfloh, aber die Entfuͤhrte ſprang auch auf vom Boden, faltete die aufgehobenen Haͤnde und kniete da in Todesangſt. Ich begehrte, daß man mich hoͤre.„Ihr ſchlieft auf eurer Wacht,“ rief ich ihnen zu;„meine Piſtolen be⸗ ruͤhrten ſchon eure Schlaͤfe, aber ich habe euer Blut nicht vergoſſen.“ Hier feuerte der auf mich, den mir das Maͤdchen als Pietro bezeichnet hatte; er ſiel todt von meinem Piſtolenſchuſſe zu Boden. Der ſchwarze * 254 Sebaſtian hob ſein Schwert gegen mich; das meine wen⸗ dete es ab, und meine linke Hand hielt noch immer ein Piſtol dem rothen Spalatro entgegen.„Hoͤrt mich. Ich komme von dem Vater dieſes Maͤdchens. Ueber⸗ laßt ſie mir und beſtimmt ihr Loͤſegeld. Es ſoll euch ausgezahlt werden.“ Die großen, dunklen Augen des Anfuͤhrers der Naͤuber ſchauten mich rollend voll Verwunderung an. Er ſchuͤttelte das lange, ſchwarze Hagr von ſeiner oliven⸗farbnen Wange und fragte mich:„Wer ſind Sie?“— Ein Mann, ein Frem⸗ der.—„Und Sie haben dieſen gefahrvollen Dienſt freiwillig unternommen? Weshalb?“— Weil es meine Pflicht war.—„Nehmen Sie ſie hin!— Sie haben mir das Leben geſchenkt. Ich haͤtte mein Schwert nicht gegen Sie gezuͤckt, waͤrs nicht um des albernen Pie⸗ tro willen geweſen. Zwoͤlf heimathloſe Jahre voll Mord, Beſchwerde und Gefahr, fuͤr Gold und Wei⸗ ber!— Fuͤr Gold!— Morgen alſo das Loͤſegeld,— geben Sie mir die Hand daraunf⸗— zweitauſend Dukaten.“ Nicht aus Furcht oder Bedenken bewillige ich es. Ich konnte ſie mir mit meinem wackern Schwerte erkaͤmpfen, aber ich will, um der Dame ſelbſt willen, bei meinem erſten Anerbieten des Loͤſegeldes fuͤr ſie beharren.— Und damit gab ich ihm die Hand und er druͤckte ſie. Es war ein Mann voll kraͤftiger Schoͤn⸗ heit. Ich habe ſelten jemand geſehen, deſſen ſtarke, ſchoͤn geformte Glieder, deſſen hohe Geſtalt unzer⸗ ſtoͤrbarere Dauer verſprochen haͤtten.— Da knallte es nahe,— ein Schuß,— und er ſprang krampfhaft in die Hoͤhe und ſiel wieder regungslos nieder, und erhob ſich nicht mehr, und hoͤrte nicht die Vorwuͤrfe und Verwuͤnſchungen des kleinen, ſchwarzaͤugigen Maͤdchens, als ſie nun zu ihm trat, ſich uͤber ihn beugte, und nach ihrem theuern Antonio fragte,— ihrem gemordeten Antonio,— und in Wehklagen uͤber ihn ausbrach, und Jenen verfluchte, daß er ſie fortgeſchleppt aus dem Brautgemach, von ihrem An⸗ tonio, und ſie getragen auf ſein Felſenneſt und ſein teufliſches Lager, und ihre Bluͤthen zerſtoͤrt auf ewig. Der rothe wilde Spalatro ſtand waͤhrend deſſen bewegungslos und ſtaunend da, wie der erſchreckte Stier, der nicht weiß, ob er fliehen, oder ſich auf ſei⸗ nen Gegner ſtuͤrzen ſoll. Ploͤtzlich aber wandte er ſich, und floh eiligen Laufs die einſame dunkele Seite des Berges hinab. Im Silberlichte des Mondes lagen die beiden blutbenetzten Koͤrper, und die Dame war aufgeſtanden und hatte meinen Arm ergriffen, das Maͤdchen aber ſtand noch uͤber Sebaſtians Leichnam, und ihre be⸗ friedigte Rache jubelte ob des Todten. Anfangs bat ich ſie vergebens, uns wieder herabzufuͤhren. Sie zuͤrnte auf mich, daß ich ſchwach und feigherzig ge⸗ weſen. Dann lachte ſie laut auf und freute ſich an dem Gedanken, daß ihre eigene Hand ſte geraͤcht. Endlich geleitete ſie uns einen gebahntern Weg, und bei jedem kleinen Heiligenbilde und ſteinernen Kreuze blieb ſie ſtehen, und kniete auf dem nakten Felſen nieder und betete ihren Roſenkranz. Wir beide folg⸗ ten ihr ſchweigend, da von meiner Gefaͤhrtin Seite die Stille nur dann und wann durch heiße Dankes⸗ worte und Fragen nach ihrem Vater unterbrochen ward. Der Tag war bereits angebrochen, als wir in das Staͤdtchen zuruͤckkamen. Das Wirthsmaͤdchen eilte in eine offenſtehende Kirche um zu beichten, und ich fuͤhrte die junge Dame in den Gaſthof. Am Thore lehnten traͤge die gaͤhnenden Sbirren, in den Maͤnteln in welchen ſie geſchlafen hatten, und ſtaun⸗ ten als ſie uns ankommen ſahen. Ich blickte ſie verachtungsvoll und zuͤrnend an, und ſie wagten es alſo nicht, uns aufzuhalten oder zu befragen. Nun oöͤffnete ich die Thuͤre zum Schlafzimmer der Eltern, und die Tochter eilte unter Freudenthraͤnen hinein. Als ich hinter ihr die Thuͤr ſchloß, hoͤrte ich noch den Jubel der Umarmung und die geſtammelten Worte des dankbaren Entzuͤckens.— Natuͤrlich be⸗ ſuchte ich dieſe Familie in Neapel wieder, und ward eben ſo natuͤrlich mit der groͤßten Herzlichkeit aufge⸗ nommen. Die Dankbarkeit des gluͤcklichen Vaters ſchien keine Graͤnzen zu kennen. So wie ich nur ins Zim⸗ mer trat, glaͤnzte ſein Auge voll Freude; gern ſprach er dann mit mir, aber wenn er auch ſchwieg, weilte ſein Blick mit wohlwollendem und wahrhaft vaͤter⸗ lichem Ausdrucke auf mir. Wochen brauchte es, ja Monathe, ehe ſich Maria Cecil, voͤllig wieder von dem Schrecken erholte und ihren natuͤrlichen milden Gleich⸗ 257 Gleichmuth wiedergewann. Ihr Vater erzaͤhlte mir ſelbſt, mit mehr Freude als Verwunderung, daß durch die Wuͤrde ihrer reinen Schoͤnheit und die ru⸗ hige vertrauende Haltung ihrer ſtillen Ergebung ſelbſt den Naͤubern Ehrfurcht fuͤr ſein Kind eingefloͤßt worden ſey. Ich erfuhr auch, daß die ſeltſame Kuͤhnheit, mit welcher ich, durch meine Verweigerung das Blut der Schlafenden zu vergießen, ihr Leben und das mei⸗ ne auf die Spitze geſtellt, einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht habe.— Marie Cecil! Wie ſoll ich ſie beſchreiben? Zuerſt alſo, daß ſie das holde mitleids⸗ volle Weſen war, das ich in dem Savoyiſchen Dorfe geſehen, wo ſie dem armen Cretin ſo freundlich eine Gabe gereicht hatte. Dieß entdeckte ich zu meiner groͤßten Freude, als ich am Tage nach jener merk⸗ wuͤrdigen Nacht, ihr in den Wagen ſteigen half. Et⸗ was Eigenes in ihrer Miene, ihrem Auge, rief mir, wie Erinnerung an vertraute Toͤne, jenen Auftritt zuruͤck. Ich haͤtte zwar, und wenn mein Leben da⸗ ran gehangen haͤtte, es nicht vor Gericht beſchwoͤren koͤnnen, aber innerlich haͤtte es doch mein Herz durch ſein klopfendes Gefluͤſter beeidet. Ich ſagte ſchon, daß es lange dauerte, ehe dieſes liebliche Weſen ihre gewohnte Gemuͤthsruhe wiedererhalten konnte, lange ehe ihrem ermatteten Geiſte das ſanfte Licht des Mondes jenen ſeligen Frieden wiedergab, den der guͤ⸗ tige Gott dadurch ſich verbreiten laͤßt, uͤber alle We⸗ ſen, die auf ihrem Lager wachen oder ſchweigend in I. R 258 ſolcher ſtillen Nacht umher wandern. Ihr waren die Ideenverbindungen, die ſich an dieſes milde, lieb⸗ liche Licht knuͤpften, traurig und ſchrecklich,— To⸗ desſchuͤſſe und ſtroͤmendes Blut, und bleiche Leich⸗ name, und Frauenaugen in wahnſinniger Rache gluͤ⸗ hend! Doch endlich kehrte dieſer Friede ihr zu⸗ ruͤck, und als er nahte, glich er einer Taube, die von Schrecken aufgeſchuͤchtert davon geflohen war, aber nun verſtohlen zu dem geliebten Neſte zuruͤckkehrte, und als ſie nun wieder den Ruheplaß und die Hei⸗ math gefunden, dort weilte, und leiſe girrte, und froͤhlich um ſich ſchaute. Lange waͤhrte es, ehe ich eine Art von Neigung fuͤr Maria Cecil fuͤhlte. Sie ſchien mir eine ver⸗ laßne Lilie, eine Perle aus dem Ozean, ein ſanftes, zuruͤckgezogenes, unſchuldiges, gleichſam geheiligtes Maͤdchen, eine haͤusliche Tochter, ihre Eingezogen⸗ heit liebend, nonnenhaft, nichts vom Geraͤuſche der Welt kennend. Sie war nicht ſchoͤn, aber doch auch wieder mehr als ſchoͤn. In einem hellerleuchteten Ballſaale konnte ſie leicht uͤberſehen werden. Ihre Umriſſe waren nicht zierlich, ihre Geſichtszuͤge weder fein noch re⸗ gelmaͤßig. Ihre Augen! die Farbe derſelben habe ich nie erforſcht,— aber ſie waren ſchoͤn, hell, freund⸗ lich, liebevoll, unſchuldig liebevoll, wie die von gluͤck⸗ lichen Kindern. Wenn ſie ſprach oder zuhoͤrte, er⸗ hob und richtete ſie dieſe Augen ohne Errͤthen feſt auf mich oder wer ſonſt mit ihr verkehrte. Ich weiß 259 nicht, ob ſie Muſik verſtand, zum mindeſten habe ich ſie nie weder ſingen noch ſpielen gehoͤrt; aber wenn ſie ſprach, geſchah es mit einem angenehmen Tone, ſanfter als irgend ein Geſang. Ich weiß auch nicht, ob ſie zeichnete, aber ich habe ſie ſo innig Felſen, Baͤume, Gewaͤſſer, Menſchen und Ruinen betrachten ſehen, als ſey dieß der Fall. Sie war ſtets ehe die Sonne den Nachtthau von den flimmernden Blaͤt⸗ tern ihrer Blumen abgetrocknet hatte, ſchon mitten unter dieſen, und pfluͤckte dann einen Strauß davon fuͤr ihren ſchlafenden Vater. Dieſer ſtand ſpaͤt auf, und ging nie aus, ſondern ſaß gewoͤhnlich an einem Fenſter, das die Ausſicht auf den herrlichen Meerbu⸗ ſen hatte; und ſie las ihm dann ſtundenlang vor, oder ſtickte ihm zur Seite, oder ging mit ihrer Mut⸗ ter im Garten ſpaziren, oder ſpielte zaͤrtlich mit einem kleinen, huͤbſchen, freundlichen Kinde, der Toch⸗ ter ihres Gaͤrtners. Abends machten ſie gewoͤhnlich einen Ausflug an die freie Luft, doch ſelten auf dem oͤffentlichen Corſo. Manchmal wanderten wol auch Maria und ihre Mutter zu Fuß zwiſchen den Gaͤr⸗ ten auf der reizenden Hoͤhe des Pauſilippo umher. Da bin ich oft gegen Sonnenuntergang mit ihnen gegangen. Dieſe Tageszeit iſt uͤberall ſchoͤn; wenn man ſie aber in Neapel, unweit der Stadt, entwe⸗ der allein, oder gleich mir in der koͤſtlichſten Geſell⸗ ſchaft genoſſen hat, ſo wird man ihrer lange mit dankbaren, aber auch mit ſchmerzlichen Thraͤnen ge⸗ denken. Das treue Maͤdchen, das meine Bekennt⸗ R 2 260 niſſe ließt, wird hier uͤber meinen Treuebruch laͤcheln, veraͤchtlich laͤcheln; aber weshalb? Agathe! o nein, ich hatte ſie nicht vergeſſen, nicht ihre engelgleiche Schoͤnheit, nicht ihren hohen, reinen, keuſchen Sinn, nicht ihr fuͤhlendes Herz. Nein, in dem eigenthuͤm⸗ lichen Charakter meiner erſten Neigung konnte ſie nie eine Nebenbuhlerin erhalten. Mein jetziges Ge⸗ fuͤhl war nicht das der gluͤhenden Liebe, ſondern weit heiligerer Art, ein ſolches, das ſtillſchweigend in mir em⸗ porwuchs, nie hervorſtrahlte aus meinen liebenden Augen, nie in gluͤhenden Worten uͤber meine Lippe ſtroͤmte. Ich bedurfte gegen meine Fehler, meinen Kummer, des Schutzes in einem tugendhaften Herzen. Ich be⸗ durfte eines ſchuldloſen Buſens, um meine klopfen⸗ de Schlaͤfe daran zur Ruhe zu lehnen. Ich be⸗ durfte es, reuig wieder in mein Vaterland zuruͤckge⸗ fuͤhrt zu werden, meine Heimath wiederzuſehen als ein willkommen geheißner Wanderer, und in der ru⸗ higen und einfachen Ausuͤbung geſelliger Tugenden zu leben und zu ſterben. Ich konnte nicht freiwillig ſo fortleben, wie ein vom Mehlthau getroffner vertrock⸗ neter Baum, ohne Zweige, ohne Blaͤtter, ohne Bluͤ⸗ the, ohne Frucht. Dieſer Gedanke brachte mich zur Verzweiflung. Mein waren die Gaben des Reich⸗ thums, es war mir Beduͤrfniß ſie anzuwenden, ſie mitzutheilen. Ich hatte Kummer und bedurfte Mit⸗ leid. Immer hatte ich mich nach Einſamkeit geſehnt; nun, ich war jetzt einſam und ungluͤcklich. So warb ich denn um ſie und gewann ihr Herz. Lange und 261 ſelig war dieſes Werben. Sie beſaß viele Geiſtes⸗ bildung, eine reiche Fuͤlle von Gedanken und eine reine Phantaſic. Wir laſen zuſammen, ſprachen zu⸗ ſammen, oͤffneten einander unſre Herzen uͤber Alles, nur nicht uͤber— die Liebe. Als wir ſo eines Tages Alle zuſammen ſaßen, wurden Mr. Cecil die Zeitungen gebracht, und er las unter den Todesanzeigen Folgendes laut vor:„Auf ſeinem Landgute bei Beaulieu, in Neu⸗Wald, Hamp⸗ ſhire, ſtarb der Obriſt Friedrich Hamilton, Adjutant des Koͤnigs, in ſeinem neunundfunfzigſten Jahre. Er hat ſein anſehnliches Vermoͤgen ſeiner Schweſter Mrs. Charlotte Hamilton fuͤr ihre Lebenszeit ver⸗ macht, nach deren Tode aber ſoll es an Osman Beavoir, Esg., den einzigen Sohn von Walter Beavoir, Esgq., zu Beaulieu, fallen. Das Teſta⸗ ment iſt vom Jahre 17553. Stirbt Mrs. Ha⸗ milton, ſo duͤrften Schwierigkeiten eintreten, da Mr. Beavoir aus Blois in Frankreich, wo er auf ſein Ehrenwort als Kriegsgefangner lebte, ver⸗ ſchwunden iſt, und man ſeitdem nichts wieder von ihm gehoͤrt hat. Ohne allen Zweifel iſt er geſtorben; ſeine tiefgebeugte Familie gibt aber immer noch die Hoffnung nicht auf, daß er noch lebe. Seine Be⸗ kannten in Blois glauben, daß er ſich in Folge eines ſehr unangenehmen Verhaͤltniſſes ſelbſt den Tod gegeben habe. So viel iſt gewiß, daß er eine heftige Neigung zu einer jungen ſchoͤnen Dame in Blois gefaßt hatte, die, bei dem unvertilgbaren Vorurtheile ihrer Nation, 262 alle ſeine Bemuͤhungen mit kalter und fuͤhlloſer Art von ſich wies.“ 2 Ich brauchte die Wahrheit nicht erſt durch Worte einzugeſtehn. Ich ward von ihnen ſogleich als Os⸗ man Beavoir erkannt. Meine außerordentliche, und nicht zu unterdruͤckende Bewegung bei jener Nach⸗ richt, hatte mich verrathen. Welche Beſchaͤmung, wel⸗ che tiefe Verachtung gegen mich ſelbſt, fuͤhlte ich und las ich in allen Blicken, als ich aufſtand und ſchnell das Zimmer verließ! Ein kurzer Gang unter lautem Nach⸗ denken in dem balſamiſchen Garten gab mir die Nuhe wieder, welche ſtets die unmittelbare Folge des feſten Entſchluſſes iſt, die reine, unverfaͤlſchte Wahr⸗ heit zu bekennen. Ich bat Mr. Cecil um eine Un⸗ terredung unter vier Augen. Er war ein Engliſcher Landedelmann aus der angeſehenſten, obgleich nicht reichſten Klaſſe. Sein Geſchmack war gebildet, ſein Geiſt edel, uͤbrigens war er kraͤnklich, von zarter Con⸗ ſtitution, hatte bereits graues Haar und ſein Nacken war von Schwaͤche gebeugt. Nur in dem Glanze des Auges leuchtete noch der, nun zur Ruhe gekom⸗ mene, hohe Beamte und vormalige tapfre Jaͤger her⸗ vor. Ich erzaͤhlte ihm unverhehlt— Alles. Noch erinnere ich mich ſeiner Entgegnung.„Ich, Herr Beavoir, habe Ihnen gar nichts zu vergeben. Ich fuͤrchte nur, daß Sie ſich ſelbſt es nie werden vergeben koͤnnen. Fuͤr den romantiſch ritterlichen Fremden aus Neu⸗Spanien, fuͤr den Retter meiner Tochter und den hoͤchſt angenehmen Freund meines 263 Hauſes hatte ich eine innige, immer wachſende Theil⸗ nahme empfunden. So ſtark auch meine Gruͤnde gegen die Verbindung meiner Familie mit der eines Auslaͤnders ſind, ſah ich doch die entſtehende Zunei⸗ gung nicht mit Mißvergnuͤgen, und hatte mir vorge⸗ nommen, dem Gluͤcke meiner Tochter auf keine Art in den Weg zu treten; aber ich bekenne es Ihnen, Sir, daß der Augenblick, wo ich in Ihnen einen Englaͤnder aus einem alten und trefflichen Hauſe, von dem man ſo hohe Erwartungen zu hegen berech⸗ tigt war, entdeckte, ſie mir in einem ganz andern und abſtoßenden Lichte erſcheinen ließ. Wie vermag ich wol das Gluͤck meiner Tochter einem Manne an⸗ zuvertrauen, der das Heil ſeiner Familie ſo gering geachtet, der ſeinen Stolz als Mann von hoher Ge⸗ burt, ſeine Ehre als Gefangner und ſeine Vater⸗ landsliebe als Englaͤnder vergeſſen hat? Sir, Sie haben mich ungluͤcklich gemacht. In dem Alter worin ich ſtehe, wenn die Haare erſt grau geworden ſind, da ergreift uns eine Entdeckung, eine Taͤuſchung wie dieſe, gar gewaltſam. Laſſen Sie ſich einen gu⸗ ten Rath geben,— reiſen Sie nach Hauſe,— werfen Sie dieſen unrechtmaͤßigen, Sie entehrenden Reich⸗ thum von ſich,— ein Beavoir, ein Mann aus Nor⸗ maͤnniſchem Stamme, und theilt die niedrige Die⸗ besbeute eines Betteljuden! Das begreife ich nicht, — die Agathe, von der Sie ſprechen, iſt die einzige Entſchuldigung fuͤr 8 unbeſonnenes, hartherziges Benehmen.“ 264 Und ich ertrug dieß, ertrug dieß Alles mit offnem Auge. Ich ſah auf ihn, in harter Buße entſchloſſen⸗ meine eigne Beſchaͤmung mit anzuhoͤren,— meine Wangen waren feucht, und doch konnte man nicht ſagen, daß ich geweint haͤtte. Das Waſſer ergoß ſich nur convulſiviſch aus meinen Augen, und ſtroͤmte her⸗ ab, und bezeichnete mich als einen Schuldigen, der jetzt aber zuruͤckkehren wolle auf den Weg der Beſſerung. Da ſtreckte er die Hand nach mir aus, ergriff die meine, und verſank wieder in ſeine gewohnte Herzlich⸗ keit.„Was Sie da gethan haben, iſt freilich ſchlecht, recht ſehr ſchlecht; aber Sie troͤſteten mich in meiner Noth, Sie retteten meine Tochter,— Sie haben manche Stunde einem alten kranken Manne durch Ihren Umgang verſuͤßt,— und das kann ich nicht vergeſſen. Meine Thuͤre ſoll Ihnen nie verſchloſſen ſeyn,— kommen Sie wie bisher, aber nicht jetzt gleich,— jetzt nicht,— gehen Sie jetzt nach Hauſe. An meine Tochter aber, bitte ich Sie, denken Sie nicht mehr. Sie muß Sie vergeſſen, ſie wird es.“— Aber ſie that es nicht. Sie beſaß die Engelseigen⸗ ſchaft wahrer Unſchuld. Sie konnte den Suͤnder be⸗ mitleiden, ihm verzeihen; ihn ſtrafbar finden, aber— doch noch lieben. Mehrere Tage verfloſſen, ehe ich mich wieder in ihre Naͤhe wagte. Und doch waren dieß nicht Tage hoffnungsloſer oder verzweifelnder Entmuthigung. Ich hatte mich abgewendet von mei⸗ ner bisherigen unſeligen Laufbahn,— ich ſollte wie⸗ der Osman Beavoir ſeyn, wieder jene mir ſo theuren 265 Zuͤge ſchauen, wieder in dem dunklen Walde ge⸗ hen, wo ich ſonſt mit Vernon wanderte, und das Grab meines heiligengleichen Eduard, ich ſollte es beſuchen! Da weinte ich heiße Thraͤnen zum Himmel, mir Maria Cecil zu ſchenken. Einem ſo frommen Gebete mußte ja Erhoͤrung werden, denn wer koͤnnte wol nach dem Vereine mit Seelenreinheit ſtreben, ohne dieſe ſelbſt zu lieben? An einem kuͤhlen Abende trat ich in ihren Garten. Der erſte Gegenſtand, der mir entgegen kam, war Maria ſelbſt. Als ſie die Au⸗ gen aufſchlug und mich erblickte, blieb ſie ſtehn,— etwas ſchien ſie zur Nuͤckkehr zu draͤngen ⸗— aber dieſes Gefuͤhl, welcher Art es auch geweſen ſeyn mochte, war voruͤbergehend, augenblicklich. Ruhig ging ſie vorwaͤrts:— ſie ſtreckte die Hand aus,— ſie bat mich, mit ihr zum Vater zu gehen, ſie ſprach vom Wetter,— zeigte auf einige friſch aufgebluͤhte Blumen,— liebkoſete ihren kleinen Hund und fuͤhrte mich ins Haus. Dann aber kehrte ſie wieder in den Garten zuruͤck. Ich ſaß wol eine Stunde lang bei Mr. Cecil. Er war ruhig und freundlich.„Reiſen Sie noch 2“ fragte er.„Sehr bald“ antwortete ich.„Aber—“ „Was?“—„Darf ich denn noch hoffen, und auf eine nicht ferne Zukunft hoffen?“—„Wenn wir uns dann wiederſehen, haben wir noch Zeit genug davon zu ſprechen. Eilen Sie jetzt zu Ihren Eltern. In Jahr und Tag werde ich auch wieder in England ſeyn, und dort wie uͤberall, werde ich Ihnen ſtets mit dem 266 Gefuͤhle eines warmen, und, ich darf bei den großen Dienſten, die Sie mir geleiſtet haben, wol hinzu⸗ ſetzen, eines dankbaren Freundes entgegenkommen.“ Es war ſchon dunkel, als ich von ihm fortging. Ich fand Marien noch auf einer Terraſſe im Gar⸗ teen, welche die Ausſicht auf den Meerbuſen hatte. Man erblickte nichts mehr als das dunkle Waſſer und eine große truͤbe Wolke, die darauf zu ruhen ſchien. Kein Stern war am Himmel ſichtbar, doch ganz nahe blitzten ein paar bunte Blumen durch das Graue der einbrechenden Nacht, und wenn man ſchaͤrfer auf ſie blickte und ihren Duft einathmete, bemerkte man, daß man an einer Laube ſich befinde. So kam ich dicht zu Marien, und konnte ſehen, ſelbſt in der duͤſtern Daͤmmerung ſehen, daß ſie blaß und nachdenkend ſey. 2 Sie geben mich alſo auf,— verachten mich,— werden mich vergeſſen? „Nein, nein.“ 5 Sie verurtheilen mich,— halten mich fuͤr ſchlecht? „Nein— Ihr Vater, Ihre Mutter und Ihre Schweſter, beſonders Ihre Schweſter, haben mich ge⸗ dauert.“ Koͤnnen Sie mir vergeben? „Ich Ihnen vergeben?— Niemand kann ver⸗ geben als Gott, aber auch er nur kann richten. Ach! wenn ich doch Ihre Schweſter waͤre! Und weshalb? 267 „Sie wird ſo gluͤcklich ſeyn.“ Meine theure Marie, koͤnnten Sie mich denn noch lieben?. „Gehen Sie in ihre Heimath und umarmen Sie Ihre Schweſter. Ich habe keinen Bruder. Aber es giebt noch Namen, die ſuͤßer ſind als der eines Bru⸗ ders,— Geliebter— Gatte!— Nein, ich will Sie nicht hintergehen. Ich habe,— ol ich habe Sie ge⸗ liebt. Ich haͤtte Ihnen mein ganzes Herz geben koͤn⸗ nen. Jetzt und das ganze Leben hindurch wuͤrde es nur allein fuͤr Sie geſchlagen haben. Vielleicht,— ach! wuͤrde es,— aber ol jenes ungluͤckliche Ge⸗ ſtaͤndniß!““ Hoͤren Sie mich, himmliſches Weſen; ich will nicht mit wilder Haſt in Sie dringen. Ich habe ge⸗ fehlt, wie ein Wahnſinniger gehandelt,— ich habe geliebt in der erſten Glut ungezuͤgelter Leidenſchaft. — Doch hier in Ihrer Naͤhe bin ich ſelig geweſen, friedlich und ſelig.— O! Sie wiſſen das wohl. Tag vor Tag hat mein Aufblicken zu Ihnen in Ihrer Ruhe und Heiligkeit, einen friedensreichen Balſam in mich ergoſſen, bis meine Liebe zu Ihnen Eins ge⸗ worden, und noch iſt, mit der zu dem Hoͤchſten. Und wollten, koͤnnen Sie denn, in einer ſolchen Stunde wie die heutige, einen Menſchen zuruͤckſto⸗ ßen, der ſich an Ihr Strahlengewand feſthaͤlt, deſſen Sehnen es nur einzig iſt, mit Ihnen zu leben und Frieden zu ſinden? Marie, mein irdiſches Gluͤck, meine ewige Seligkeit, Alles was ich hier und dort 268 je noch ſeyn kann, haͤngt an einer Antwort von Ih⸗ ren Lippen. Nein,— noch nicht,— noch ſollen Sie nicht Nein ſagen. Stellen Sie ſich mich wie⸗ der vor, als einen Wanderer, wieder als einen Ver⸗ triebenen, als ein einſames in ſeiner Bluͤthe ver⸗ welktes Weſen,— als ein Weſen von dem ſich die Gnade wendete,— vor dem ſie ihre Taubenaugen verſchloß. Mein boͤſer Daͤmon iſt nahe,— er horcht auf Ihre Antwort, und fuͤllt den Becher des Wehs und traͤufelt das Gift der Verzweiflung in raſchen Tropfen hinein. „Ach! Sie reden irre,— ſuͤndlich irre,— ſpre⸗ chen Sie nicht ſo mit mir,— Sie waren ja der Retter meines Lebens.“ O! nennen Sie mich nicht ſo. Soll ich allein der Dankbarkeit, weil ich Ihr Leben rettete, Ihr ſuͤ⸗ ßes Ja verdanken, ſo werfe ich es weit von mir hin⸗ weg, und will mich beſtreben, den Klang des Worts zu vergeſſen.— Aber nochmals beſchwoͤre ich Sie, geben Sie mir nur Hoffnung, nur einen Strahl,— einen Schimmer einſtigen Gluͤcks. Ich hege keine kuͤhnen, romantiſchen, gluͤhenden Wuͤnſche. Nennen Sie mir nur die Zeit meiner Buße, ich will ſie ganz ausdauern,— Monden, Jahre, ich will Ihnen die⸗ nen in dieſen am Altare der Tugend, und wenn in dem vollen Tempel Alle ihren Gott um irgend einen zeitlichen Segen anflehen,— will ich nur beten fuͤr Sie, nur fuͤr Sie. „Ich bin an ſo etwas nicht gewoͤhnt, bin ein 269 einfaches, ſtilles, ungelehrtes Maͤdchen. Offen alſo ge⸗ ſtehe ich Ihnen, ja, ich habe Sie geliebt, und will es Gott, daß wir uns wiederſehn, ſo werden Sie er⸗ kennen, wie innig. Es iſt ſpaͤt,— Leben Sie wohl!“ Ich nahm die Hand, die ſie mir darbot, und kuͤßte ſie mit bebender Zaͤrtlichkeit, als ob es die einer Hei⸗ ligen waͤre. Und war ſie es denn nicht auch? Ja, rief mir meine entzuͤckte Seele zu, ja, ſie liebt Dich,— ach! das iſt die Sprache der Unſchuld. Ihr weltlichen Suͤnder, wenn die Schuld Euch ſchwer auf dem Herzen laſtet,— wenn Leiden und Gewiſ⸗ ſensbiſſe euern gedemuͤthigten Geiſt niederbeugen,— ſo geht nicht zu Denen, die ſtolz ſind auf ihre Rein⸗ heit, nicht zu Denen, die, bloß von Furcht abgeſchreckt, mit hartem Sinne auf dem ſchmalen Pfade wandeln; ſondern ſucht die unſchuldige Jugend, oder das be⸗ reuende Alter auf: Beider Haͤnde ſind, gleich Haͤnden vom Himmel, immer noch ausgeſtreckt fuͤr Euch. Rings um mich glaͤnzte jetzt ein ſtrahlendes Licht froͤhlicher Hoffnung. Mein Entſchluß war ſchnell ge⸗ faßt. Die Reiſe nach Hauſe,— die Freude, die zaͤrt⸗ liche Liebe verzeihender Eltern,— das frohe, offne Herz einer liebenden Schweſter,— das ſchnell vor⸗ uͤbereilende Jahr,— der Familie Cecil Ruͤckkehr und die Erneuerung meiner Bewerbung,— einſtimmende Eltern, und der Tag, wo ſie die Meine ſeyn ſollte, — die Waldumgebung, der heilige Tempel, die Worte der Weihe,— ol ich war zu gluͤcklich; Alles das mahlte ſich mir ſo reizend aus waͤhrend der durchwachten Nacht! — 270 Nur Einen Tag noch ſollte ich in Neapel blei⸗ ben. Mr. Cecil hatte ernſtlich darauf beſtanden, daß ich nicht Abſchied nehmen ſollte, und ich es verſpro⸗ chen. Und doch hoffte ich noch, auf eine unbemerkte Art einen letzten Blick der Liebe auf Marie zu rich⸗ ten, und ſo nahm ich denn Abends ein großes Se⸗ gelboot, und ſchiffte mich ein. Weit fuhr ich hinaus, und glitt auf dem Buſen der ruhigen Bay, und ſah um mich, auf alle die reizenden Kuͤſten, ſo theuer mir wegen ihrer eigenthuͤmlichen Schoͤnheit, wegen ihres anmuthigen Klima, aber doppelt theuer, weil Mariens Auge auf ihnen geruht, weil ihre Lippe ihre Schoͤnheit geprieſen hatte, und ſie mit mir in dieſem lieblichen Aufenthalte umhergewandert war. Hier hatte ihr Arm auf dem meinigen geruht, und ich hatte ſie zulaͤcheln ſehn den ſpielenden Kindern, und ſie ſeufzen hoͤren, wenn ein Elender voruͤberging. Und jetzt,— Marie,— ich ſah ſie auf der Ter⸗ raſſe,— war's auch nur ein Umriß von ihr,— Phan⸗ taſie vervollſtaͤndigte das Gemaͤhlde. Der Gartenhut von weißem Italieniſchem Ge⸗ flecht, rund wie die Landmaͤdchen ihn tragen, und die ſanften Augen und die dunkelbraunen Locken darunter, und das leichte Sommergewand von Mus⸗ lin, und die gruͤnen Baͤnder die es laͤſſig feſthielten, — wunderſchoͤner Engel!— wie durfte ich zu hoffen wagen, daß Gott mir dieſen ſeinen Liebling gewaͤh⸗ ren wuͤrde? An dieſem Abende aber wenigſtens noch dachte ich mir Dich als die Meine. Noch an die⸗ — 271 ſem Abende ſchlug vielleicht dein Herz mitleidsvoll und liebend und hoffend fuͤr den unwuͤrdigen Osman. Beide blickten wir auf daſſelbe erhabne Schauſpiel, — Beide auf den Untergang der Sonne. Haͤtte ein kuͤhner Mahler, mit nachahmender Glut aber ſchwa⸗ cher Kraft, dieſe Szene auf die Leinwand gebracht, der Kenner wuͤrde ausgerufen haben!„Unnatuͤrlich!“ Juwelchmoſaik war der von leichten Wolken um⸗ ſchwebte Himmel, in jeder brennenden Farbe, die uns bekannt, und in tauſend namenloſen; und im Hinter⸗ grunde breiteten ſich die gluͤhenden Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne glorreich aus, bis ſie ſich in der obern Luft verloren. Und nun aͤnderte ſich die Sonne wieder. Tiefer und tiefer ſenkte ſich der große Sonnenball, dahineilend wo er angebetet wird, und der Himmel ward zum glaͤnzenden Gelb des Topas. Und wieder eine ſanftere Miſchung, Bernſtein, blaſſer Bernſtein war die Farbe, in welcher ich, als ich noch einmal hinſchaute, zum letzten Male die gleichſam em⸗ porſchwebende Geſtalt Mariens erblickte. Der Abendhauch wehte ſanft,— die Schiffer ſangen ihr froͤhliches Abendlied. „Es iſt eine ſchoͤne Nacht zum Segeln, Sig⸗ nor,“ ſagte der Steuermann:„ſollen wir aus der Bay hinausfahren?“ Nachts herumzuſegeln war ein ſo gewoͤhnlicher Zeitvertreib fuͤr mich geweſen, daß er mich meiſt immer ſo fragte. Ja, antwortete ich, und dachte bei mir ſelbſt, daß ich ſo die Nacht zubringen, nach den Sternen blicken und auf 272 die Wogen horchen wollte. Eben waren wir aus der Bay, als ploͤtzliche Windſtille eintrat, und das Segel ſchwer herabhing, und die Matroſen es lachend niederließen und mich fragten, ob ich ſie nicht ſchlafen laſſen wolle bis zum friſchen Morgen⸗ winde. Ich wollte ſie nicht muͤhſam und anhaltend zuruͤckrudern laſſen, ſagte ihnen daher, ſie moͤchten machen, was ſie wollten. Sie rauchten alſo und ſan⸗ gen, und erzaͤhlten ſich ihre kleinen Geſchichten, und endlich hoͤrte ich keinen Ton mehr als das Aufath⸗ men der Maͤnner, die ſich des Schlafes erfreuten. Lange Zeit lag ich nun auch ruͤckwaͤrts gebeugt da, die Augen lediglich auf jene entfernten Welten gerich⸗ tet, von denen wir dereinſt mehr verſtehen werden. Endlich ſprach ich, leiſe fuͤr mich, die Bekenntniſſe meines Herzens aus, und ergoß mich in Dank zu Gott, und betete innig und fuͤhlte Vergebung, und fuͤhlte Hoffnung, und dachte an die Heimath ohne Furcht, und dann an die ſchoͤne Marie, im hochzeit⸗ lichen Gewande als meine Braut, und ich neben ihr kniend am Altar, und ſelten in meinem Leben bin ich ſeliger und vertrauensvoller dem Schlafe in die Arme geſunken als damals. Schnelle Tritte weckten mich. Ueber mir ſtand ein brauner Maure, der turbantragende Algirer. Seine Knie preßte mich auf der Bruſt, ein nackter ſtarker Arm griff mir an die Kehle, und der andre zuckte eine bloße Sichelklinge und drohte mir Tod. — Aber ſie ſank nicht herab.— Ein Mohrenſklave brach⸗ 273 brachte Handſchellen und Ketten. Ich war ein Ge⸗ fangner des Mauren. „Allah Ackbar!—„Allah Ackbar!“ rufte es laut, und die armen Neapolitaniſchen Matroſen eulten bitterlich; ich war gebunden und ſtumm. Sie ruderten eilig mit uns fort, und ihr ande⸗ res Boot hielt nahe an uns. Es waren ſchwarz⸗ braune Maͤnner, mit kleinen rothen Kappen auf dem Scheitel, und haarlos bis auf den wilden Knebelbart. Ihre Haͤlſe waren nackt und kraͤftig. Aus ihren Guͤr⸗ teln ragten Piſtolen und Dolchgriffe. Sie lachten, wie ſie die Ruder hoben, und riefen im wilden Chor: Allah Ackbar! In der erſten noch grauen Fruͤhdaͤmmerung ge⸗ langten wir zu einem großen bewaffneten Schiffe. Ein goldner Blumentopf mit gruͤnen und gelben Roſen war an deſſen Hintertheile gemahlt. Oben hing eine blutrothe Flagge, mit darauf geſticktem hal⸗ ben Monde ruhig herab. Als wir auf das Verdeck kamen, ſtand eben die Mannſchaft vom Schlafe auf. Ei⸗ nige kaͤmmten ſich den Bart aus, Andere lockten ſich ihn, Dieſe ſalbten ſich den geſchornen Kopf, Jene ſchoͤpf⸗ ten Waſſer und verrichteten die vorgeſchriebenen Ab⸗ waſchungen, und Alle ſahen auf uns, als wir bei ihnen vorbeigetrieben wurden, mit hoͤhniſchem Grin⸗ ſen, wilden Augen und verachtendem Haſſe. So ge⸗ feſſelt und elend ich auch war, ſo weckte doch die Neuheit dieſes Anblicks, und Etwas das mir alte Be⸗ ſchreibungen neu verwirklichte, eine Art von heimli⸗ I..„ S 274 chem Vergnuͤgen in mir. Jetzt aber ward es heller; und eine Stimme, laut, tief und weich erſcholl, und außerdem vernahm man keinen Ton, ſelbſt nicht das Geraͤuſch eines Gewandes; als ich einmal mit meinen Ketten klirrte, waren alle Augen auf mich gerichtet, und auch ich ruͤhrte mich nicht mehr. In dem kurzen Aufrufe unterſchied mein Ohr ſechsmal die Worte„Allah Ackbar,“ und noch vernahm ich die:„Mahommed Reſul Allah,“ und„la Illah Illalah.“ Da ſprangen die Mauren alle auf, und ſtanden da mit nackten Fuͤßen und der offnen Hand zu friedlicher Begruͤßung, und ſie hoben die Haͤnde zu den Achſeln, kreuzten ſie uͤber der Bruſt, und beteten ſchweigend oder mit heiſerer Stimme, dem Vorbeter nach. Bei jeder Pauſe brachen ſie in ein lautes Amen aus, und achtmal warfen ſie ſich nieder und beruͤhrten mit der Stirn das Verdeck. Neben dem Aga in ſeinem breiten Turban befand ſich der ſchwarze Sklave, und alle Geſichter waren nach dem heiligen Mekka gewendet. Der Auftritt machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fuͤhlte gleich dem gro⸗ ßen Mahler*), als er unter den Banditen gefangen war, daß dieſer Anblick eine Minute lang das Gefuͤhl des Elends hinwegzaubern koͤnne. Als ich nun auf⸗ 4 *) Salvator Roſa. In dem Leben dieſes Mahlers, nach der Lady Morgan von mir überſetzt, iſt dieſe Szene nä⸗ her beſchrieben. Ueberſ. 275 merkſamer die Gruppe betrachtete, duͤnkte es mich, als ob ein Geſicht darunter mir bekannt ſey. Ein großer Knebelbart von dunkelrothem, dicken Haar uͤberſchattete faſt ganz einen haͤßlichen Mund, in wel⸗ chem ein Zahn fehlte. Das eine Auge war geſchloſ⸗ ſen, das andre ſchielte heimtuͤckiſch unter dem falti⸗ gen Turbane vor. Aus der blauen, oben kahlen, Tuͤr⸗ kiſchen Jacke ragte ein dicker, ſtaͤmmiger Hals, und darunter breiteten ſich ein paar derbe Schultern mit herkuliſcher Staͤrke aus. Schenkel von gleichem Verhaͤlt⸗ niſſe trugen die Rieſengeſtalt; die Stimme des Men⸗ ſchen glich keiner der uͤbrigen, und ſein Niederwerfen und Nachrufen geſchah mit ungeſchicktem verdruͤßlichen Zwange. Ich konnte mich nicht irren. Es war der Raͤuber aus Liſſabon,— der Schaͤndliche,— er, der das ſchoͤne Maͤdchen gemordet hatte. Kaum waren die Gebete vorbei, als wir auf den hintern Theil des Schiffes uns begeben mußten. Der Rais war ein kleiner, duͤnner, blaſſer, grauſam ausſehender Mann. Das Verdeck war ganz voll Menſchen. Aber man hoͤrte nichts, als abwechſelnd ſeine Stimme, die ſeines Dolmetſchers und die zit⸗ ternden Antworten eines armen Neapolitaners, der mit mir war gefangen genommen worden und die lingua franca ſprach. Zu Zeiten entſtand eine lange Pauſe; dann vernahm man das Gurgeln des Waſſers, in der Pfeife des Rais, ſo wie der Athem langſam heraufgezogen ward. Der Erfolg von alle dem war, daß man mir die Kette abnahm, und mir S 2 verſprach, wenn mein Löͤſegeld bezahlt wuͤrde, mich frei zu geben, und daß auch alle die, welche mit mir gefangen worden, befreit werden ſollten, wenn ich fuͤr ſie bezahlen wollte, was ich denn zugeſtand. Nun kam der verſchmitzt ausſehende Dolmetſch zu mir, und wies mir einen von den uͤbrigen Gefangnen ab⸗ geſonderten Platz und Teppich an, gab mir auch Kaffee und Brot und kauerte ſich wie ein Aufpaſſer mir zur Seite. Waͤhrend dieſes ganzen Tages konnte ich nicht allein ſeyn, nicht ruhen. Man ließ mich nicht uͤber meine Lage nachdenken, ich war aber, noch an eben dem Tage, Zeuge einer ſonderbaren Szene des Tuͤrkiſchen Deſpotismus. Es entſtand naͤmlich ein ploͤtzlicher Aufruhr und lautes Geſchrei und Alle ſpran⸗ gen auf, und ſchleppten den Renegaten herbei. Dieſer hatte, wie es ſchien, den ſchwarzen Koch geſchlagen, das Eſſen umgeworfen und den Steuer⸗ mann beleidigt. Alles war ploͤtzlich ſtill, als die bei⸗ den Anklaͤger ihre Klage vorbrachten, der Gefangne fing an etwas hervormurmeln zu wollen, aber das Stillſchweigen Aller aͤngſtigte ihn, und er ward furcht⸗ ſam, und das wilde Auge blickte bang. Der Rais blies den Rauch ſeiner Pfeife ruhig und langſam vor ſich hin, und die lange Roͤhre guͤrgelte laut. Dann trat ein ſtummes Laͤcheln auf ſein Geſicht, und er machte eine Bewegung mit der Hand, und man band des Gefangnen Arme hinten zuſammen, und zwang ihn zu einer knieenden Stellung. Nun trat ein großer Mohr vor, mit weißen rollenden Augen „ * 277 und erhob das blinkende Schwert, und das graͤßliche Haupt ſiel von dem erſten Streiche. Seewaſſer ward nun uͤber den blutigen Boden gegoſſen und der Leich⸗ nam in den Ozean geworfen, der grimmig blickende 1 Kopf aber auf einer Pike auf dem Verdecke befeſtigt⸗ Alle zerſtreueten ſich darauf, wuſchen ſich die Haͤnde, verſammelten ſich um die Maſten her, tauchten mit den Fingern in ihre Schuͤſſeln, und lachten laut, wenn ſie uͤber ſich blickten zu dem graͤßlichen War⸗ nungszeichen. Mir gab der Anblick Stoff zu nachdenkender Ver⸗ wundrung. Gerichte der Menſchen hatten geſchwie⸗ gen, aber das Auge des Himmels den verfolgt, wel⸗ cher Blut vergoſſen. Die Strafe war ihm, wie ein Spuͤrhund mit verwundetem Schenkel, raſtlos nach⸗ gehinkt, und hatte ihn endlich aufgefunden in der Hoͤhle, unter wilden und harten Seelen gleich der ſeinen, wo er ſich ſicher geglaubt hatte. Nichts aber hatte mich mehr in Verwunderung geſetzt, als die Schnelle der Execution. Kaum zwei Minuten waren verfloſſen, nachdem die Hand des Rais den Wink zum Tode gegeben, und es gab kein Flehn, kein Zau⸗ dern. Still, wie ein wildes Thier, von drohendem Feuer eingekreiſ't, kniete er mechaniſch bei dem Drucke der Hand des Andern nieder und bot ſeinen geboge⸗ nen Nacken dem erwarteten Schwerte. Es war in der That ein Anblick von hinreißen⸗ der Schoͤnheit, als wir in den Hafen von Algier ein⸗ fuhren, und die vielen weißen Haͤuſer und Minarets 278 und Dome, und die vergoldeten Halbmonde auf ih⸗ nen, vor uns lagen, und wir hinter ihnen eine gruͤne Ebene voll Gaͤrten und Orangenwaͤldchen erblickten, mit kleinen Villen dazwiſchen, und im entfern⸗ teſten Hintergrunde die Berge Afrika's. Ich kuͤm⸗ merte mich wenig wegen meiner Gefangenſchaft; ſie mußte kurz ſeyn, das wußte ich, und, da man mich allgemein fuͤr reich hielt, auch leicht, wo nicht gar angenehm. Die Lage, in der ich mich durch ſie be⸗ fand, war anziehend und ſonderbar, und tauſend neue Geſtalten und Gegenſtaͤnde gab es, um die Bilder⸗ ſammlung meines Geiſtes zu fuͤllen, und mir Stoff zum Nachſinnen in muͤßigen Augenblicken zu gewaͤhren. Verſchiedne Umſtaͤnde beſtimmten mich fuͤr jetzt den Namen Alvarez beizubehalten, und mich fuͤr einen wohlhabenden Reiſenden vom Spaniſchen Amerika aus⸗ zugeben. Fuͤrs erſte hatte ich unter dieſem Namen große Summen in der Neapolitaniſchen Bank nie⸗ dergelegt, welche ausreichten das Loͤſegeld fuͤr mich und die Bootsmannſchaft zu bezahlen; und da fuͤrs zweite mein wahrer Name und meine ſonderbaren Abenteuer nur der Familie Cecil bekannt waren, ſo wollte ich mich nicht an den Engliſchen Conſul wen⸗ den, und mit einem Fremden mich in demuͤthigende Auseinanderſetzungen einlaſſeen. Nach dem Landen nahm mich der Dolmetſch mit in das Haus eines gemeinen Juden. Dieſer trug eine Brille, ein Ding das vorn auf ſeiner vorragenden Naſe ſaß, und durch welches, oder uͤber welches hinweg er ſah, je nach⸗ —„ —y 279 dem ſchaͤrfere Aufmerkſamkeit oder ſchnell entſtehen⸗ der Verdacht in ſeinem ſcharfſinnigen aber raſtloſen Geiſte auf einander folgten. Er war etwa ſechzig Jahr alt, mit hellen, feurigen glaͤſernen Augen. Sein Bart war ſchwarz, ein Schwarz das nie grau werden konnte, zugeſpitzt und ſtarr. Er trug ein ſchmuzig ſchwarzes Kaͤppchen auf dem Kopfe und ein blaues, abgetragenes, unreinliches Gewand. Jakob war ſein Name, und bis ins Kleinlichſte fragte er den Dolmetſch und den Neapolitaniſchen Matroſen, und dann mich durch Beide aus. Endlich ging er in ein inneres Zimmer, und wir hoͤrten Riegel klirren, und Schloͤſſer aufſchließen. Dann kam er mit Sil⸗ bermuͤnze wieder heraus, zaͤhlte langſam die Summe, die ich bedurfte, auf, und nahm dagegen meine Hand⸗ ſchrift in Empfang. Jetzt erwaͤhnte er ſeines Gar⸗ tenhauſes, und erſuchte mich, es zu miethen bis die Galeotte mit dem Loſegelde aus Neapel zuruͤckkaͤme. Mit tiefen Verbeugungen war er zu allen Dienſten bereit, und ſo ward ich denn bald in einem ſchoͤnen Garten mit hohen Linden und breiten Mandelbaͤu⸗ men heimiſch, mit Schatten und Gras, Blumen, ei⸗ nem Springquell, einer kuͤhlen Grotte und einer Terraſſe, auf der man liegen und mit den Sternen ſich befreunden konnte. In Einer Sache nur hatte ich mich beteogen. Da ich einmal Gefangner, obſchon von Rang war, ſo ward es mir nicht erlaubt aus meinem gruͤnen Gefaͤngniſſe zu gehen, ausgenommen um einen kurzen Spazirgang mit dem Juden oder dem Dolmetſch zu machen. Hierbei konnte ich nun nur wenig von dem ſehen, was ich in den Sitten und Gebraͤuchen der Mauren Anziehendes und Neues erwartet hatte. Wir begegneten bloß dem barfuͤßigen Landmanne mit ab⸗ getragener Jacke und zerriſſenem Turban, wie er ſei⸗ nen mit Fruͤchten beladenen Eſel zum Bazar trieb. Und auch er ſelbſt ging bei uns mit hochmuͤthiger, unfreundlicher Miene vorbei; hoͤrten wir aber den ſchluͤrfenden Gang des locker beſchuheten Tuͤrken oder den Pferdetritt des Mauriſchen Soldaten, ſo mußten wir ſchnell an die Seite gehn, und wenn wir bei verſchleierten, zu den Graͤbern ziehenden Weibern voruͤberkamen, durften wir nicht einmal die Augen erheben, um ihre verhuͤllten Geſtalten zu be⸗— trachten. Doch floſſen mir vierzehn Tage in dieſer Art nicht unintereſſant, ja ſelbſt heiter hin, denn alle 3 meine Gedanken waren in Roſenlicht getaucht und auf Heimath, Verſoͤhnung und Hochzeit mit Maria Cecil gerichtet. Eines Abends, als ich muͤßig auf dem Divan ruhte, der kleine ſchwarze Sklave, den man mir als Bedienung gelaſſen hatte, Kaffee praͤſentirte, und ich die lange Pfeife, die ich zum Zeitvertreibe hatte ſchmauchen lernen, eben von der Lippe genommen hatte, um jenen zu trinken, trat Jakob ploͤtzlich ins Zim⸗ mer, nicht mit dem gewohnten demuͤthigen Reſpeet und ohne Papuſchen(Pantoffeln), ſondern wild und ungeſtuͤm. Seine glaͤſernen Augen brannten vom ———— 281 Feuer der Wuth, er ſchmiß mir die Kaffeetaſſe aus der Hand und zerbrach ſie, warf meine Pfeife hinweg, buͤckte ſich, nahm ſeinen Pantoffel vom Fuß und ſchlug mich damit in wahnſinniger Wuth ins Geſicht. Stau⸗ nen hatte mich gefeſſelt, ich blutete heftig, und als ich uͤber meinen vorgehaltenen Arm hinwegblickte, ſah ich den Dolmetſch mit Mauriſchen Soldaten, die mich lachend ergriffen und fortſchleppten. Jakob lief auf dem ganzen Wege bis zur Stadt neben uns her.„Mein Geld, mein Geld, Du Chriſtenhund, Du Spitzbube! Mein Bruder Benjamin hat mir es wohl geſagt, trau ihnen nicht, den Hunden!“ Und nun trat er naͤher auf mich zu, und ſpuckte mich an, und die Soldaten lachten uͤber ihn und mich.„Dein Geld in Neapel! Chriſtenhund, Du haſt kein Geld. Niemand kennt Dich. Du haſt mich beſtohlen!“ Ver⸗ gebens verſuchte ich, zu ſprechen, vergebens ſagte ich ihm, daß dieß ein Mißverſtaͤndniß ſeyn muͤſſe; ver⸗ gebens redete ich von Venedig und meinem dortigen Vermoͤgen, er war taub und wollte mich nicht hoͤren. Endlich brachten uns die eiligen Schritte der draͤn⸗ genden Wachen in den Palaſt des Dey. Er war ein großer, dicker, einaͤugiger Mann mit einem gruͤnen Turban und carmoiſinrothen Ober⸗ kleide. Eine Menge wohlgekleideter Mauren ſtand gedraͤngt um ihn, und das Gemach war mit trotzi⸗ gen kriegeriſch ausſehenden Maͤnnern gefuͤllt. Er be⸗ hielt ſeine Kaffeetaſſe unausgetrunken in der Hand und nahm die Pfeife vom Munde, als der Dolmetſch 282 ihm unſre Angelegenheit vortrug, und der alte Jude beugte ſich entweder bis auf den Boden vor dem Dey, oder machte mir Gekbaͤrden der grimmigſten Drohungen. Als der Dey Alles ruhig mit angehoͤrt hatte, wollte er ſich vor Lachen ausſchuͤtten; der ge⸗ prellte Jude war ein Gegenſtaud, der ſeine Tuͤrkiſche Phantaſie ungemein kitzelte, doch mitten in ſeiner Freude machte er eine Bewegung mit der Hand, und einige ſchwarze Sklaven traten naͤher, warfen mich nieder, und befeſtigten meine Fuͤße durch einen Strick, den ſie mit einem Stocke anzogen. Nun wurden meine Fußſohlen hoch hinaufgerichtet, und ich ſo hart mit der Baſtonade belegt, daß die Natur ſich in Geſchrei und Stoͤhnen unaufhaltſam ausſprechen mußte. Hierauf brachten ſie mich in ein großes Ge⸗ baͤude, wo viele weiße Sklaven wohnten, legten mir einen Ring um den Schenkel und hingen eine Kette von fuͤnfundzwanzig Pfund Gewicht daran. Man beraubte mich der Kleider, die ich trug, warf mir eine Jacke und Hoſen von grobem ſchwarzen Zeuge uͤber, und legte mich auf ſchmuziges Stroh. Zuletzt erhielt ich noch eine Portion ſchwarzes Brot und blieb in Schmerz, Finſterniß und Verzweiflung allein. Selbſt mein Mauriſcher Herr und die anderen Chriſtenſklaven erkannten in mir nicht mehr denje⸗ nigen Werth, deſſen ſich doch noch Tauſende ungluͤck⸗ licher Leidender, die mit mir in gleicher Lage waren, erfreuten. Das Mitleid wendete ſich mit hoͤchſter Verachtung von einem Menſchen, der durch eine 4 283 Luͤge Freiheit und ein Wohlleben von zwoͤlf Tagen habe erkaufen wollen. Nirgends fand ich Mitgefuͤhl. Ich war ſelbſt hier auch allein,— und jetzt war es keine freundliche Einſamkeit,— es war Sklaverei,— Peitſche,— ſchwere Arbeit,— Hunger,— ſchmuzi⸗ ges Lager,— Verluſt jeder Hoffnung der Befreiung oder Flucht. Haͤtte ich auch jetzt in meine Heimath ziehen wollen, ſie waͤre vor mir geflohen, wie die Er⸗ ſcheinung eines Traumes;— jetzt da ich das Gute zu erkieſen gedachte, ſchien die Stunde der Gnade voruͤber! Welch eine Nacht brachte ich zu! Welche Naͤchte,— welche Tage nachher! Denn es waren de⸗ ren viele, ehe ich von dem Strohe aufſtehen konnte, auf welchem ich lag. Endlich konnte ich mit Muͤhe auf die halbwunden Fuͤße treten, und da ward ich fortgetrieben mit den Anderen. Taͤglich mußten wir drei Engliſche Meilen weit ins flache Land, um den faulenden Grund eines großen, leeren Waſſerbehaͤl⸗ ters zu reinigen, einer Art von See, der zum Ver⸗ gnuͤgen des Deys wieder angefuͤllt werden ſollte. Hier, in der brennenden Sonne, mußten wir uns ausziehn und in den Sumpf hinabſteigen, von wo aus wir den ſchwarzen, dicken, ſtinkenden Schlamm haufenweis in unſeren Armen und an der Bruſt ge⸗ halten heraufbrachten. Iſt eine ſolche Arbeit fuͤr je⸗ des menſchliche Weſen furchtbar herabwuͤrdigend, ſo kann man ſich denken, wie ſie es vollends fuͤr mich war, einen jungen Mann von Stand und Vermoͤ⸗ gen, einen Verzaͤrtelten, auferzogen in der Mutter 284 Schooße, unausgeſetzt ihr nahe zu jeder Zeit, und nur von ihr in den Schlaf gewiegt, einen Juͤngling mit verſchwenderiſchen Angewoͤhnungen, einen ſentimenta⸗ len Reiſenden, einen wilden Enthuſiaſten, ſtets ge⸗ naͤhrt von jeder ſchoͤnen Kunſt.— Fragt man, was ich that?— Ob ich nicht zuruͤckſprang wenn die Peitſche auf meinen Ruͤcken fiel? Ob ich nicht Mit⸗ tel ſuchte mich ſelbſt zu toͤdten?— ob ich trauerte, krank ward, abzehrte?— Nichts von alle dem: mein Geiſt ſank mit meiner Lage, ſank immer tiefer herab. Ich arbeitete und fluchte, aber ich arbeitete doch demuͤ⸗ thig fort. Ich draͤngte mich eifrig nach meiner kar⸗ gen Portion ſchwarzen Brotes, und jubelte mit den Uebrigen wenn ein paar verfaulte Oliven als ein Lek⸗ kerbiſſen dazu gegeben wurden, und beugte mich mit den Uebrigen bis zum Boden, wenn der Dey ſeine Gaͤrten beſuchte, und rief mit ihnen aus:„Lange lebe unſer Herr und Gebieter Muley Abdallah!“ Entbloͤßt von Allem was das Leben wuͤnſchenswerth machen kann, war ich doch zufrieden, mindeſtens noch zu leben, denn ich fuͤrchtete mich vor dem Tode. Ich ſpreche nicht von der Furcht der Feiglinge, denn im Treffen, oder im gefaͤhrlichen Kampfe, mit heißem Blute und erregten Geiſte, wuͤrden vielleicht We⸗ nige mehr Muth gehabt haben als ich; aber hier fuͤhlte ich, obſchon in dem tiefſten Abgrundez des Elends, doch die Wahrheit der Worte des großen Shakeſpeare: ——— „Das ſchwerſte, kümmerlichſte Erdenleben, 6. Das Alter, Krankheit, Mangel, Kerkernoth, Auflegen kann,— es iſt ein Paradies Doch gegen das, was wir vom Tode fürchten.“ und ſo ertrug ichs denn mit meinen Ketten un Schlaͤgen.— Eines Morgens, als der Dey an uns vorbeiritt, fielen ihm meine Geſtalt und Geſichtszuͤge auf. Er ſandte einen Offizier zu mir, und ich mußte von mei⸗ ner Schlammarbeit hinweg, ſo ſchmuzig ich auch war, vor ihn kommen. Hier trug er mir denn an, daß wenn ich den Turban aufſetzen und Mohammedaner werden wolle, ich in die Tuͤrkiſche Leibwache kommen ſolle, und leicht mein Gluͤck machen koͤnne.„Nein,“ entgegnete ich,„ich bin als Chriſt geboren, und will als Chriſt ſterben.“ Man ſtellte mir vor, daß ich mir die Sache uͤberlegen und morgen eine ent⸗ ſcheidende Antwort geben ſolle. und ſo ging ich denn wieder dieſe Nacht in das gedraͤngt volle, ver⸗ ſchloßne Haus, auf mein ſchmuziges Stroh, zu dem kargen ſchwarzen Brote, dem erſtickenden Geſtank und dem ſteten Gezaͤnk der ewig klagenden Italieniſchen Sklaven. Wie viele Wege zu einer beſſern Lage, gluͤcklichen Aenderungen, kuͤnftiger Flucht eroͤffnete mir dieſer Vorſchlag.„Nichts weiter,“ ſo dachte ich, „nichts weiter als in dem Hauſe des Rimmon mich zu verbeugen, und doch mein inneres Herz immer zum Gotte meiner Vaͤter aufzurichten.“ Es reizte mich, wenn ich ſo nachdachte. Das glatte Krieger⸗ 286 roß, das Wohlleben unter den Waffen, die Beobach⸗ tungen, das Studium ihrer Sprache und Sitten, und der Alles kroͤnende Augenblick des dereinſtigen Entflie⸗ hens, wenn die wachſamen Augen nicht mehr auf jede meiner Handlungen gerichtet waren, zog mir durch den Sinn. Aber Erinnerung an tauſend lange, aus der Acht gelaſſene Dinge, haͤuften ſich dagegen auf: die kleine alte Kirche zu Dibden, und die ſchwarze Eſche und die graue hingerichtete Dame; auch Ver⸗ non, ſeine Stimme, wenn er die Sonntagsandacht las; das Brot beim Abendmahle, das ich zum erſten⸗ male aus ſeiner zitternden Hand empfangen hatte, das fromme Beben ſeiner Sprache und die ehrfurchts⸗ vollen Gefuͤhle, mit denen ich meine Lippe an den heiligen Kelch gebracht; auch Eduard, der aus der beſſern Welt dort oben, ein Seliger, auf mich her⸗ abblickte,— nein,— ſo verworren und wild auch meine Begriffe von Religion waren, ſo wankelmuͤ⸗ thig mein furchtſamer, zweifelnder Glaube, ich dachte an dieſe fruͤheren Tage, und druͤckte meine gellenden Ketten an mich, und ſtreckte meine muͤden, zerſchlag⸗ nen Glieder aus, und ſchlief auf meinem Bette von Stroh, ſo ſanft, wie nur ein Koͤnig auf ſeinen Eyder⸗ daunen, oder lieber wie ein Kind in ſeiner Wiege. Froh ſtand ich auf und geſtaͤrkt. Laͤchelnd, aber ent⸗ ſchloſſen, ſprach ich meine Weigerung aus. Dreimal an dieſem Tage ward ich bis aufs Blut gepeitſcht, zweimal ſiel ich ohnmaͤchtig von der ſchweren Laſt eines maͤchtigen Steines nieder, aber mein Herz war * „ leicht, und Vorahnungen von Gluͤck ſpielten um meine erwachte Phantaſie. Ja, ich war jetzt in ge⸗ wiſſer Art ein Maͤrtyrer um des Glaubens willen. Der Verſucher war mir nahe getreten, und ich hatte * ihn von mir gewieſen. Ich durfte wieder denken an V Heimath und reine Gegenſtaͤnde,— an Eduard in ſeinem Grabe, an Agathe, die Hinuͤbergeſchiedne, an Maria Cecil, mein lebendes Gluͤck, wo ſie auch ſeyn mochte. So verſtrich mein Daſeyn viele Monathe lang, und in Geduld war ich Herr meiner Seele. Ende des erſten Bandes. Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. ——-— — VN Anzeige der Verlagshandlung. Folgende in demſelben Verlage erſchienene, aus dem Engliſchen uͤbertragenen Werke, haben ſich eines aus⸗ gezeichneten Beifalls erfreut, an welchem das Ver⸗ dienſtliche der Ueberſetzung, nach einſtimmigem Ur⸗ theile der Kenner, nicht ohne Antheil geblieben. Auch iſt durch dieſe Ueberſetzungen die Aufmerkſamkeit zuerſt in Deutſchland auf Schriftſteller des Auslandes ge⸗ lenkt worden, deren Werke zum Theil jetzt zu den verbreitetſten gehoͤren und auch im Original geleſen werden. Niemand wird dieſe Ueberſetzungen mit denen verwechſeln, die jetzt, auf die geringen Mittel der unterſten Staͤnde berechnet, als Markt⸗ waare in Deutſchland ausgeboten werden; waͤhrend man, ohne die Geſchmacksrichtung zu tadeln, welche dadurch befoͤrdert wird, doch wuͤnſchen duͤrfte, daß Dieienigen, in deren Haͤnden nur wenige Buͤcher kommen, mehr auf des Vaterlandes Dichter— die des Namens werth ſind— hingewieſen wuͤrden. Schriften von Waſhingt. Irving, in Deutſcher Ueberſetzung von S. H. Spiker. Bracebridge⸗Hall, oder die Charaktere. Zweite, verbeſſerte, wohlfeile Ausgabe. 2 Baͤnde. kl. 8. 1½ Thlr. Daſſelbe, fein Papier, groͤßer Format(zu den folgenden ſchoͤp⸗n Ausgaben paſſend). 2 Baͤnde. 8. geh.......... 2 Thlr. Erzaͤhlungen eines Reiſenden. 2 Bde. 8, geh. . 3 Thkr. Skizzenbuch von Gottfried Crayon. 2 Bde. 3 Thlr. Jonathan Oldſtyle's Briefe.... 15 Sgr. Romane von Walter Scott, in gleichförmigen Ausgaben; gr. 12. 1821— 23. geh. Robin der Nothe; uͤberſetzt von W. A. Lindau. 3 Thle. Zweite verbeſſ. Auffage... 3 ½ Thlr. Das Kloſter, uͤberſetzt von K. L. Methuſ. Muͤller. 3 Theile....... 3 ½ Thlr. Der Alterthuͤmler; uͤberſetzt von W. A. Lindau und M. M. 3 Baͤnde...... 33 Thlr. Der Piratv; uͤberſetzt(vollſtaͤndig und mit Anmer⸗ kungen) von S. H. Spiker. 3 Bde. mit 1 Lhürfe. 3 3 ½ Thlr. Quintin Durward; uͤberſetzt(mit hiſtoriſch Anmerkungen) von S. H. Spiker. 3 Bde. 3 Thl 31 Kenilworth, a romance. 3 VeI. A4 Thlr. Heer⸗ und Querſtraßen, oder Erzaͤhlungen, 9 22. ſammelt auf einer Fußreiſe durch Frankreich, von einem fußreiſenden Gentleman. A. d. Engliſchen (Highways and Byways or tales an the road- side) uͤberſ. von Willibald Aleris. 2 Bde. r. 12. geheftet......... Ehlr. Caribert, der Baͤrenjaͤger; vom Verfaſſer der „Heer⸗ und Querſtraßen.“ Aus dem Engliſchen uͤberſ. von Willibald Alexis. gr. 12. geh. 1 ½ Thlr. Zu den bedeutendſten neueren Erſcheinungen im Gebiet der deutſchen Romanen⸗Litteratur gehoͤren: Bruchſtuͤcke aus Bertholds Tagebuch; her⸗ ausgegeben von Oswald. 8. 1826. geh. 14 Thlr. Daſſelbe fein Papier..... 2 Thlr. Die Geaͤchteten. Novelle von Willibald Alexis. 8. 1823. geh........... 12 Thlr.