—— 5 ☛ — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur CEduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 SLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3. 22. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ägt: . ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ſenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Theagenes und Charikleia. Theagenes und Charikleia. Ein Roman aus dem Griechiſchen des Heliodoros, uͤberſetzt von Karl Wilhelm Goͤttling. Frankfurt a. M., in der Andreaiſchen Buchhandlung. 18.2 2. Wenn der alte, vor anderthalb Jahrtau⸗ ſenden geſchriebene Roman, den wir in einer neuen Ueberſetzung hiermit darbieten, in unſerem Zeitalter, das, obgleich an Poeſie blutarm, am romantiſchen uͤberreich ſeyn will, einer Empfehlung bedarf, ſo findet er ſie vielleicht in der Gunſt, in welcher er bei zwei ausgezeichneten Dichtern der Vorzeit, Cervantes und Racine, geſtanden. Man hat es daher fuͤr zweckmaͤßig gehalten, dieſer Ueberſetzung, welche in einem Alter des Ueberſetzers entſtanden, welches fuͤr die hei⸗ — vI.— teren Spiele der Phantaſie empfaͤnglicher iſt, als dasjenige, in welchem er jetzt ſteht, die Urtheile jener beiden Dichter als Paß mit auf die Reiſe in die Welt zu geben. Cervantes hielt dieſen Roman des He⸗ liodor hoͤher, als ſein letztes, liebſtes Werk, an dem er noch»mit einem Fuße im Steig⸗ buͤgel des Todes« gearbeitet, Perſtles und Sigismunda. In der Vorrede zu ſeinen Novellen ſagt er: er gedenke dem Leſer noch ein Buch zu geben, die Abentheuer des Per⸗ ſiles und der Sigismunda, das vielleicht ſogar mit Heliodor ſich meſſen koͤnne. Tras ellas, si la vida non me dexa, te ofresco los Trabajos de Persiles, libro, que se atreve a competir con Heliodoro, si ya por atrevido no sale con las manos en la cabeza. Die Einwirkung des griechiſchen Roman's auf den ſpaniſchen iſt wohl nicht zu leugnen, wenn auch an eine foͤrmliche Nachahmung von Seiten des originellen — VII— Spaniers zu denken, wie neuerdings ge⸗ ſchehen, abgeſchmackt waͤre. . «· 3.** Dem franzoͤſiſchen Dichter gab in ſeiner Jugend ein Zufall den griechiſchen Roman in die Haͤnde, den er ganz verſchlang, wie ſein Sohn von ihm berichtet. Er machte ſich ſo viel mit dem Heiden zu ſchaffen, daß ſein Lehrer Claude Lanzelot dem Buche das Schickſal wirklich angedeihen ließ, welchem ſich Heliodor ſelbſt mit Aufopferung eines Bisthums ſiegreich entgegengeſetzt hatte. Es ward den Flammen üuͤberliefert. Einem neuen Exemplar ging es nicht beſſer, bis Racine aus einem dritten den Roman woͤrt⸗ lich auswendig lernte und es dann dem eifrigen Lehrer mit den Worten brachte: „da, nun koͤnnt ihr das dritte auch verbren⸗ nen!« Erklaͤrlich iſt, wie Racine bei dieſer Liebe zu Heliodor ſein erſtes, uns verlorenes Schauſpiel, Theagenes und Charikleia, nach ihm hat dichten koͤnnen, obgleich fuͤr ein — VIII— Drama hoͤchſtens der Schluß etwa gepaßt haͤtte. der neuen Ueberſetzung einige Theilnahme verſchaffen, ſo iſt der Wunſch des Ueberſetzers erfuͤllt. Erſtes Buch. Kaum lachte der Tag herein und beleuchtete Helios die Berggipfel: da kamen Männer im Rauberaufzug auf dem Gebirg allmählich zum Vorſchein, das ſich an den Ausfluſſen des Nil, dicht an der herakleoti⸗ ſchen Mündung erhebt. Ein Weilchen ſtanden ſie ſtill und wandten zuerſt rechtshin auf das drunten ruhende Meer ihre Augen: und wie die hohe See, die zuerſt ihre Blicken trafen, von allen Schiffen leer, keine Beute verſprach, richteten ſie nach dem nahen Strande den Blick. Und dort war folgendes. Ein Fahrzeug lag an Tauen vor Anker, aller Mannſchaft ledig, aber voll von Ladung: das konnte man ſchon von fernher ſchließen; denn die Laſt drückte das Waſ⸗ ſer bis an den dritten Gurtel des Schiffs hinan. Am Geſtade ſelbſt war alles bedeckt mit friſch Ver⸗ wundeten: einige eben verſchieden, andere halbtodt, mit noch zuckenden Gliedern, bezeugten, daß die Schlacht ſo eben geendet. Aber es ſchienen nicht Zeichen einer ordentlichen Schlacht: ſondern halb waren es die Reſte eines unglückſeligen Feſtes, das ſo geendet hatte. Hier Theagenes u. Charikleia. 1 Tiſche noch voll von Gerichten: dort andere am Bo⸗ den, die den Händen mancher als Waffen im Kampf gedient(denn er war plötzlich hereingebrochen); noch andere hergeſtürzt über Menſchen, die ſich darunter verborgen gewähnt: umgeworfene Becher hier, dort andere welche den Händen mancher entſunken waren, gefaßt zum Trinken oder zum Hinſchleudern gleich Steinen; denn das unaufhaltſam Plötzliche des Un⸗ glücks zwang lehrend zu dem neuen Gebrauch der Be⸗ cher als Geſchoſſe. Hier lag einer vom Streitbeil gefällt: den traf ein Stein, wie der Strand ihn eben geboten: den ſchmetterte die Keule nieder, dem ſengte die Fackel das Gebein, und ſo Andere auf andere Art. Die Meiſten waren unter Bogen und Pfeil er⸗ legen. Tauſenderlei Geſtaltungen hatte die Gottheit auf die kleine Stäͤtte zuſammengedrängt: Wein und Blut gemiſcht, Krieg geſendet zum Gaſtmahl, Mord und Gelag, Trank⸗ und Menſchenopfer vereint und alles dieß zum Schauſpiel vor den äͤgyptiſchen Räu⸗ bern ausgebreitet. Die auf dem Berge drüben hatten ſich nemlich als Zuſchauer niedergeſetzt und konnten die Scene nicht begreifen. Sie ſahen die Beſiegten und nir⸗ gends Sieger: einen glänzenden Kampfgewinn: die Beute aber noch nicht hinweggenommen, das Fahr⸗ zeug verlaſſen und ledig von Männern, ſonſt aber unberaubt, als ob es wie im Frieden ſich wiege. Weil ſie nun gar nicht begriffen, was geſchehen, ſahen ſie nur auf Gewinn und Beute und brachen auf, ſich 2 ſelbſt als Sieger zu zeigen. Kaum waren ſie auf, als etwas weiter abwärts von der Jacht und den Leichnamen ein noch unbegreiflicheres Schauſpiel ihren * — 3— Blick traf. Ein Mädchen ſaß am Felſenhang, von unendlicher Schönheit, die jeden ſicher eine Göttin dünkte. Sie trauerte um das Vorgefallene; aber edle Hoheit athmete ſie dennoch. Lorbeer umkränzte ihr Haupt: ein Köcher hing um ihre Schultern: un⸗ term linken Arm ruhte der Bogen: die Hand ſonſt hing nachläßig herab: den andern Arm hob ſie zum Haupt empor während das rechte Knie den Ellenbo⸗ gen ſtuͤtzte, und ließ die Wange in der Hand ruhen, ge⸗ ſenkt den Blick und ſorglich auf den daneben liegen⸗ den Jüngling gerichtet. Der war benetzt vom Blut ſeiner Wunden und ſchien ſich, wie tief im Schlaf, nur wenig zu regen: denn der Tod war ihm nah. Aber auch ſo noch blühte er in männlicher Schöne und um ſo glänzender ſtach die Weiße ſeiner Wange ab gegen den blutigen Purpur aus der Wunde. Hinab zog ſeine Augen die Gewalt des Schmerzes und doch hinan das Antlitz der Jungfrau. Und ſo zwang er ſie, daß ſie dieſes ſchauten. Endlich ſammelte er ſeinen Geiſt, athmete aus tiefer Bruſt und begann leiſe:„O du Süße, ſo biſt du mir wirklich gerettet? Oder wardſt auch Du ein Opfer des Kampfs, und weigerſt dich nicht, mich auch im Tod nicht zu ver⸗ laſſen, daß dein Bild und deine Seele noch weilt um mein Schickſal?“—„Bei dir,“ ſprach die Jungfrau, „ſteht mein Geſchick, ob ich gerettet bin oder nicht. Kennſt du dies?“— ſie zeigte auf das Schwert auf ihren Knieen— nes war unthätig bis jetzt; dein Ath⸗ men hielt es ab von ſeiner Beſtimmung!“ So ſprach ſie und ſprang auf vom Felſen. Die auf dem Berge drüben, von Verwunderung und Erſtaunen durch den Anblick wie vom Blitz ge⸗ troffen, bargen ſich, einer hinter dem andern, in das Gebüſch. Denn größer noch und göttlicher ſchien ſte ihnen aufgerichtet, als durch die heftige Bewegung ihre Pfeile klirrten und ihr goldgewebtes Gewand der Sonne entgegenleuchtete und ihre Locken bachan⸗ tiſch unter dem Kranze wallten, weit den ſchlanken Rücken hinablaufend. Alles dies machte ſie ſelbſt ſchon beſtürtzt: mehr aber noch, als der Anblick, das Unbegreifliche der Sache. Einige meinten, es ſey eine Göttin, Göttin Artemis vielleicht oder die vater⸗ ländiſche Iſis; Andere ſahen eine Prieſterin in ihr, die in gottbegeiſterter Wuth den ungeheuren Mord vollbracht. Dergleichen dachten ſie, die Wahrheit ſelbſt erkannten ſie nicht. Die Jungfrau aber warf ſich heftig an dem Jüngling nieder, ſchmiegte ſich feſt um ihn, weinte, küßte ihn, wuſch ihn jammernd rein und meinte ihn dennoch nicht recht zu beſitzen. Als die Aegypter dies ſahen, aͤnderten ſie Sinn und Meinung:„Wie wären das einer Göttin Werke?“ ſprachen ſie,„wie ſollte eine Gottheit einen todten Leichnam ſo ſehnlich lieben!“ Damit ermuthigten ſie einander zum Verſuch, die Wahrheit zu erkunden. Sie rafften ſich auf, rannten hinab und fanden das Mädchen noch um die Wunden des Jünglings ſorgend. Noch hielten ſie ſich in ſcheuer Ferne und wagten weder zu reden noch zu handeln. Das ſchallende Geräuſch und der Schatten, den ihre Augen gewahrten, hießen die Jungfrau aufblicken; ſie ſenkte aber, als ſie ge⸗ ſehen, ſogleich den Blick wieder, nicht im geringſten erſtaunt ob der ungewohnten Geſichtsfarbe und des Räuberiſchen, das ihr Aufzug verrieth. Sie war ganz der Sorge um den Gefäaͤllten hingegeben. So —— „ überſieht aber die reine und ächte Liebe alles, was von auſſen hereinbricht, ſchmerzliches oder ſüßes, und zwingt den Sinn nur das eine geliebte zu ſehen und zu denken. Während des waren die Räuber vorgeſchritten 3 und ihr gegenüber gekommen: da blickte die Jung⸗ frau wieder auf und als ſie die Männer ſchwarz von Farbe und wilden Blicks gewahrte, begann ſie alſo: „Seyd ihr die Schatten der hier liegenden, ſo zürnt ihr uns mit Unrecht, denn ihr habt euch ja meiſt ſelbſt umgebracht. Ihr wenigen, die wir getöͤdtet, ſeyd gefallen nach dem Recht der Nothwehr gegen ſchmachvollen Anfall auf die Unſchuld. Seyd ihr aber Lebende, ſo kommt ihr, wiewohl die Weiſe eures Lebens räuberhaft erſcheint, dennoch zur glücklichen Stunde. Löſt uns von dem Jammer, der uns um⸗ fängt und endet mit unſerem Mord das Trauerſpiel!“— So ſprach ſie im tiefſten Schmerz. Jene aber, die nichts von dem Geſagten verſtanden, ließen die bei⸗ den— ihrer eigenen Schwäche vertrauten ſie die Wache— rannten nach der Jacht, leerten ſie von ihrer Ladung und trugen— vieles andere, was in großer Menge da war, überſahen ſie ganz— nur Gold, Silber, edle Steine und ſeidene Stoffe, ſo viel ein jeder vermochte, heraus. Als ſie nun genug zu haben meinten und ſo viel zuſammengebracht hat⸗ ten, daß ſelbſt Raubſucht geſättigt ſchien, legten ſie die Beute am Strande nieder und ſonderten ſie in Traglaſten und Theile, doch nicht nach dem Werth des einzeln, ſondern nach gleichem Gewicht. Ueber den Jüngling und die Jungfrau wollten ſie hierauf entſcheiden: indem nahte aber ein anderer Räuber⸗ haufen: zwei Reuter führten den Zug. Wie das die erſten gewahrten, erhoben ſie nicht eimal ihre Hände zur Abwehr, nahmen nichts von der Beute, um nicht verfolgt zu werden, und flohen in vollem Lauf: wa⸗ ren ihrer doch nur zehn und ſahen dreimal ſo viel herankommen. So wars um des Mädchens Freiheit zum zweitenmale geſchehen, obgleich noch keiner Be⸗ ſitzgenommen. Die Räuber aber, die es auch zur Beute drängte, wurden durch das Unbegreifliche des Schauſpiels und aus Erſtaunen bisher feſtgehalten. Den vielen Mord ſchrieben ſie den vorigen Räubern zu. Die Jungfrau aber in dem fremden, prächtigen Gewand, welche die gräßlichen Vorfälle um ſich her, wie nicht geſchehen, überſah, und einzig um die Wun⸗ den des Jünglings ſich bemuͤhte, ſein Leiden als ihr eigenes betrauernd, bewunderten ſie um ihre Schön⸗ heit und ihren hohen Sinn; vor dem Jüngling aber, wenn auch verwundet, fühlten ſie Scheu. So herr⸗ lich an Geſtalt und Größe lag er da und hatte nun vor kurzem ſich ſelbſt wieder gefunden und ſchaute 4 frei, wie ſonſt, umher. Endlich nahte ſich der Räu⸗ berhauptmann, legte Hand an das Mädchen, befahl ihr aufzuſtehen und ihm zu folgen. Sie verſtand nichts von dem, was er ſprach, doch ſchloß ſie von ſelbſt den Befehl, zog aber den Jüngling ſich nach und ließ ihn nicht; dann zückte ſie das Schwert auf ihre Bruſt und drohte ſich ſelbſt zu tödten, wenn man nicht beide zuſammen hinwegführte. Der Hauptmann, der eini⸗ ges aus ihren Worten, mehr aus ihren Geberden verſtand und zugleich bedachte, wie er den Jüng⸗ ling als Gehülfen zu Großem gebrauchen könne, ſtieg mit ſeinem Schildträger von den Roſſen und ſetzte die Gefangnen hinauf, während er den andern die Beute zu ſammeln und ihm nachzufolgen befehlend, ſelbſt zu Fuß nebenher ging und feſthielt, wer von den beiden ſchwankte. So war der Vorfall nicht ohne Bedeutung. Sklav erſchien der Herr und freiwillig diente der mächtige ſeinen Gefangenen. So weiß die Gewalt edlen Anſtandes und der Schönheit Bild ſelbſt Ränuberſinn niederzuhalten und ſelbſt über die Roh⸗ heit zu herrſchen. Wohl zwei Stadien waren ſie längs 5 dem Strande fortgegangen, als ſie zu der Steile des Gebirgs einbogen, das Meer zur rechten laſſend. Und wie ſie mit Mühe die Höhen überſtiegen hatten, wendeten ſie ſich zu dem See, der ſich an der andern Wand des Gebirgs hinzieht. Mit dieſem See ver⸗ hielt ſich's alſo. Die Hirtenbrüche wird der ganze Ort von den Aegyptern genannt; in der Gegend dort nemlich ſind Höhlungen, in welche Lachen des Nils einſtrömen und einen See bilden, der, in der Mitte unermeßlich tief, an höhern Stellen in einen Sumpf ausgeht. Denn was beim Meer der Strand, das iſt bei dieſem See der Sumpf. Da hauſt denn nun alles, was von Aegyptern dem Raube ſich ergibt. Auf das wenige Land, das aus dem Waſſer ragt, ſtellt einer ſeine Hütte, ein anderer lebt nur im Na⸗ chen: ihm iſt derſelbe Fahrzeug und Haus zugleich. Drin wirthſchaften die Weiber und gebären auch. Und kommt ein Kind zur Welt, zieht mans erſt mit der Muttermilch auf, ſpäter mit den Fiſchen des Sees, an der Sonne gedörrt. Merkt man, daß es zu lau⸗ fen lüſtet, ſo bindet man ihm einen Riemen um die Knöchel ſo lang als zureicht, um bis ans Ende des Kahns oder der Hütte ſich zu bewegen, und giebt ihm 6 eine Fußfeſſel als einen gewiß neuen Führer. Und ſo wird denn jeder Hirt in dieſem See geboren, nährt ſich von ihm und hält ihn für ſein Vaterland als einen guten Schutz für Räuber. Darum ſtellt ſich auch bei ihnen ein ſolches Leben ein. Das Waſeer iſt ihnen eine Schutzmauer und hinter dem vielen Schilf ſitzen ſie wie hinter einem Wall. Sie haben, nur wenige Wege einſchneidend, die in vielen Windungen hin⸗ irren, ihnen ſelbſt durch die Bekanntſchaft leicht find⸗ bar, für andere aber äußerſt ſchwierig zum Durch⸗ fahren, ſich vor möglichem Ueberfall ein ſtarkes Boll⸗ werk geſchaffen. So ohngefähr verhält ſich's mit die⸗ ſem See und den drin wohnenden Hirten. Wie nun die Sonne ſchon im Sinken war, kam der Räuberhauptmann mit ſeinen Geſellen dort an. Einige halfen unſeren jungen Leuten vom Roß und legten die Beute in die Nachen. Der größte Haufen aber der Räuber, die zu Haus geblieben waren, kam zum Vorſchein, indem einer nach dem andern aus dem Schilfe kroch und zu den übrigen lief, und empfing den Hauptmann wie einen König. Als ſie aber die Fülle von Raub und die Schönheit des Mädchens ge⸗ wahrten, das ſie wie ein göttlich Weſen betrachteten, vermutheten ſie, daß irgend ein Heiligthum oder ein reicher Tempel von ihren Geſellen geplündert ſey. Daß man die Prieſterin ſelbſt mitgeſchleppt, ſchloſſen ſie in ihrer Unwiſſenheit wegen der Jungfrau. Den Hauptmann aber geleiteten ſie, unter lautem Preiſen ſeiner Bravheit, in ſeine Wohnung. Dies war eine kleine Inſel, welche, abgeſondert von den andern, nur für ihn und wenige ſeiner Trabanten zu einem Aufenthalt abgeſtochen war. Dort angelangt befahl er der Menge, nach Haus zu gehen, und foderte ſie für den folgenden Tag alle zu ſich. Er ſelbſt aber mit wenigen ſeiner gewohnten Genoſſen allein ge⸗ laſſen, ertheilte bald darauf den andern eine Mahlzeit, nahm ſelbſt Theil und übergab dann die jungen Leute, wegen der Sprache, einem griechiſchen Jüngling, der vor kurzem ſein Gefangener geworden, räumte eine Wohnung neben der ſeinigen ein und befahl ihm ſowohl für das übrige Sorge zu tragen, als die Jungfrau vor allem rein zu bewahren. Er ſelbſt, von den Beſchwerden des Tages ermüdet und um das Vorge⸗ fallene ſorgend, legte ſich ſchlafen. Wie's nun ſtill im Sumpfe ward und die erſte Stunde der Nacht hereinbrach, da nützte das Mäd⸗ chen bei der Ruhe der Lärmenden die Gelegenheit zum Weinen. Denn die Nacht regt wohl mehr das Unglück auf, weil in ihr weder Sehen noch Hören die Aufmerkſamkeit theilt, ſondern den Traurigen unbeſchäftigt allein läßt. Alſo viel fur ſich ſelbſt ſeuf⸗ zend— ſie lag abgeſondert, wie es geboten war, auf einem Lager— und ſich recht ausweinend, ſprach ſie: „Apollon, wie ſchwer und bitter rächſt du unſer Ver⸗ gehen! Iſt das, was ſchon geſchah, dir nicht genug? Getrennt von den Meinen, von Seeräubern gefangen, nach des Meeres tauſenderlei Gefahren, nun zum zweitenmale Landräubern hingegeben, um noch her⸗ beres zu erwarten! Wann wirſt du enden? In un⸗ beflecktem, reinem Tode, iſt mir das Ende ſüß; ſoll aber jemand in Unkeuſchheit mir nahen, mir, der nicht einmal Theagenes, ſo komme ich der Schande mit freiwilligem Tode zuvor; rein will ich bleiben, wie ich bin, meine Reinheit als ein ſchönes Eigenthum — 10— mit in's Grab nehmen. Und ſo iſt denn auch kein Richter ſtrenger als du!“— Noch ſprach ſie ſo, da fiel Theagenes ihr in's Wort:„Halt ein geliebte Cha⸗ rikleia, du mein Leben! Wohl ſind gerecht deine Thränen; aber du reizeſt damit mehr, als du meinſt, die Gottheit. Nicht ſchelten, ſondern anflehen mußt du; nicht durch Schmähungen erweichen ſich die Göt⸗ ter!“ Sie aber ſprach:„Du haſt recht! Wie iſt dir aber?“—„Leichter und beſſer ſeit dem Abend, wo die Pflege des Jünglings das Brennen meiner Wun⸗ den kühlte.“—„Und morgen ſoll dir noch leichter wer⸗ den“ ſprach der, welchem die Obhut vertraut war, nein Kraut will ich dir geben, das am dritten Tag deine Wunden ſchließen wird. Selber hab' ichs durch die That geprüft; denn ſeit ſie mich hierher gefangen brachten, bedurfte es, wann einer von den Unterge⸗ benen dieſes Hauptmanns im Treffen verwundet war, zur Heilung nur weniger Tage, wenn ich mich des genannten Krauts bediente. Daß ihr mir aber am Herzen liegt, darf euch nicht wundern, denn ihr ſcheint mein Geſchick zu theilen und ſo bedaure ich euch Grie⸗ chen, ſelbſt als Grieche.“—„Ein Grieche? O Göt⸗ ter“ riefen die Fremden freudig zugleich aus“ nun wird wohl unſer Unglück milder!— Und wie nennt man dich?“ fragte Theagenes.„Knemon.“—„Und wo heimiſch?“—„In Athen!“—„Und welches Schickſal verfolgt dich?“—„O ſtill! Was regſt du's auf und brichſt des Unglücks Pforten ein!, entgegnete der mit dem Tragiker:„es wäre wohl nicht an der Zeit, die Geſchichte meiner Leiden Eurem Unglück zuzufügen. Auch möchte der noch übrige Theil der Nacht nicht zur Erzaͤhlung hinreichen, — 11— da ihr uͤberdieß des Schlafes bedürft und der Ruhe von Euren Anſtrengungen.“ Wie ſie nun dennoch 9 nicht nachlieſſen und auf alle Weiſe ihn zu erzählen baten, meinend es ſey der gröſte Troſt, gleiche Schick⸗ ſale zu vernehmen, begann Knemon dergeſtalt: „Mein Vater war Ariſtippos, Athenäer von Ge⸗ burt, ein Mitglied des oberen Rathes, mittleren Vermögens. Als es nun geſchah, daß meine Mutter ſtarb, ſah er ſich nach einer zweiten Gattin um, weil man ihn darum verdachte allein auf mich ſein ſchwankend Vaterglück zu bauen, und führte ein artiges aber un⸗ glückbringendes Weibchen heim, Namens Demänete. Denn ſo wie ſie nur einzog, machte ſie ſich ihn ganz zu eigen und überredete ihn allein nach ihrem Willen zu thun, ſchon mit ihrer Schönheit den Alten lockend und nun vollends ihm ſchmeichelnd; ſie konnte aber, wie nie ein Weib, für ſich einnehmen und verſtand die Kunſt zu buhlen aus dem Grunde; ſeufzte, wann mein Vater ausging, eilte ihm entgegen, wann er kam, ſchalt, wann er ausblieb, als ob ihm bei jeder Zögerung der Tod drohe, umfing ihn bei jedem Wort, in ihre Küſſe weinend. Durch alles dies war mein Vater eingegarnt und athmete nur allein in ihr und ſah nur ſie allein. Sie nun ſchien anfangs auch auf mich gleich einem Sohn zu achten, kam auf mich zu, wie dem Ariſtippos zu lieb, küßte mich auch wohl und verhieß ſtets mir gewogen zu ſeyn. Ich dagegen neigte mich zu ihr ohne Ahnung der Wahrheit, wun⸗ derte mich nur über ihre mütterliche Zuneigung zu mir. Wie ſie mich aber dreiſter umfing und ihre Küſſe heißer wurden, als ſich ziemte, und ihr Blick uͤber die Gränzen der Sittlichkeit hinausglühte: da ſchöpfte — 12— ich ſchon oft Verdacht, mied ſie und erwehrte mich ihrer Nähe. Was ſoll ich ermüden durch die Schil⸗ derung des übrigen? Die Verſuchungen, in die ſie mich führte, die Verheißungen, die ſie mir gelobte, wie ſie bald mich ihren lieben Jungen, bald ihren Sü⸗ ßen nannte, dann wieder ihren Erben und gleich da⸗ rauf ihr Leben— wie ſie unverſtellt ſchöne Namen mit Lockenden paarte, und, an welchen Dingen ich be⸗ ſondere Freude fand, beachtete; dies offenbarte ſie bei Unbefangenen als Mutter, bei Gewitzigten aber 10 deutlich als Liebende. Das endete denn auf folgende Weiſe. Als das große Panathenäenfeſt gefeiert ward, wo die Athenäer der Athene ein Schiff zu Lande zu⸗ führen, trat ich gerade ins Jünglingsalter. Wie ich nun der Göttin den herkömlichen Päan geſungen und den hergebrachten Feſtzug beendet, kam ich wie ich war im Feſtgewand mit Mantel und Kränzen in unſere Wohnung. Da gerieth ſie, ſobald ſie mich gewahrte, außer ſich, verbarg nicht mehr ihre Liebe, ſondern eilte in unverſtellter Gluth auf mich zu und rief, mich umſchlingend:„O mein zweiter Hippolytos, du mein Theſeus!“ Wie glaubt ihr, daß mir damals war, da ich noch jetzt beim Erzählen erröthen muß? Als es Abend ward, ſpeiſte mein Vater im Prytaneion und wollte, wie bei einem ſolchen Feſt gewöhnlich, bei dem allgemeinen Trinkgelag auch übernachten. Da nahte ſie mir des Nachts und begehrte Unwürdiges. Wie ich nun auf alle Weiſe mich widerſetzte und gegen alle Schmeicheleien, Verſprechungen und Drohungen anſtrebte, ſeufzte ſie tief und ſchwer auf und eilte hinaus. Und ſo begann denn nun, dieſe einzige Nacht verſchiebend, die Schändliche ihre Verfolgungen ge⸗ —☛☚ gen mich. Zuerſt ſtand ſie nicht auf vom Lager und als mein Vater kam und fragte, was das bedeute, ſtellte ſie ſich krank und entgegnete anfangs nichts. Wie er aber dringender ward und wiederholt fragte, was ihr ſey, begann ſie:„Unſer Sohn, der muſter⸗ hafte Jüngling, der mir— die Götter ſind Zeugen!— oft mehr am Herzen lag als du ſelbſt, hatte irgend woher erfahren, daß ich ſchwanger, was ich dir bisher verbarg, bis ich es ſicher wüßte. Da erſah er ſich deine Abweſenheit und, wie ich ihn nach gewohnter Art warnte und zur Sittlichkeit ermahnte, nicht den ganzen Sinn auf Buhldirnen und Trinkgelage zu richten— all das wußte ich von ihm, verſchwieg's dir aber um nicht in den Verdacht einer Stiefmutter zu kommen— wie ich ihm nun alſo zuſprach, allein mit ihm, um die Scham ihm zu ſparen, da trat er— ich ſchaͤme mich, das an⸗ dere zu ſagen, was er gegen mich und dich in ſchand⸗ baren Worten ausgeſtoſſen— mit dem Fuß mir auf den Leib und brachte mich in den Zuſtand, welchen du ſiehſt.“ Wie er das hörte, ſagte er kein Wort, fragte nicht und dachte nicht an Vertheidigung, ſondern über⸗ zeugt, daß ſie nicht unwahr rede, die durch mich ſo darniederläge, ſchlug er mich, wie er ſogleich mich traf, mit Fäuſten und ſchändete mich, ſeine Diener rufend, mit Geiſſelhieben, mich, der weder wußte, noch überhaupt im Allgemeinen ahnete, weshalb ich gepeitſcht ward. Als ſein Zorn ſich endlich geſättigt, ſprach ich: „O mein Vater, jetzt, wenn auch vorher nicht, werde ich doch den Grund dieſer Hiebe erfahren?“ Er aber, noch mehr gereitzt, rief:„O des Spottes, von mir will er noch ſeine ſchändlichen Thaten erzählt haben!“ Damit eilte er, hinweggewandt, zur Demänete. Die 11 — 14— aber— denn noch war ihre Rache nicht geſättigt— legte mir folgende zweite Falle. Sie hatte ein Mäd⸗ chen bei ſich, Thisbe, kundig die Laute zu ſpielen und von Antlitz nicht unſchön eben. Die ſchickte ſie gegen mich aus und befahl ihr ſich zu ſtellen, als ob ſie mich liebe, und alsbald liebte mich Tisbe: ſie, die mich ſonſt, wenn ich ihr nahe trat, wegwies, lockte mich jetzt auf alle Weiſe mit Blicken, Winken und Zei⸗ chen. Nun war ich Thor ſicher, ungeheuer ſchön zu ſeyn, und nahm ſie endlich des Nachts mit in mein Ge⸗ mach. Und wieder beſuchte ſie mich, und noch einmal, und zuletzt ward ihr Kommen Gewohnheit. Und wie ich ihr nun einſt recht anrieth, ſich zu hüten, daß ihre Herrin ſie nicht entdecke, ſprach ſie:„O Knemon, wie erſcheinſt du mir thörig in deinem Wahn, es ſey gefährlich, wenn ich, eine Dienerin und Sklavin über Männerbeſuch entdeckt werde! Welcher Strafe hältſt du denn ſie werth, die eine Freigeborne ſich rühmt, ihren geſetzlichen Gatten hat und dennoch buhlt, obgleich ſie den Tod als Strafe ihres Vergehens kennt?“— „O halt ein, ich mag dies nicht glauben!“—„Nun, iſt dirs genehm, ſo laſſe ich dich den Buhlen auf der That betreffen.“„Wenn du wollteſt— ſprach ich— „Wie werde ich nicht wollen“, erwiderte ſie,„da du ſo von ihr geſchändet wardſt, und ich ſelbſt nicht we⸗ niger, da ich das Aeußerſte täglich von ihr erdulden muß, wenn ſie eine leere Eiferſucht an mir kühlt. Wohlan, wenn du ein Mann biſt, überraſche ſie!“ 12 Als ich das ihr verſprochen, ging ſie hinweg. Die dritte Nacht darauf weckte ſie mich aus dem Schlaf und verkündete mir, daß der Buhle drin ſey. Der Vater ſey weggereiſt, weil ihn ein plötzliches Geſchäft 4 4 — 15— auf's Land gerufen, jener aber ſey, der Verabredung mit der Demänete gemäs, eben hineingeſchlüpft. Auch müſſe ich zur Vertheidigung bereit ſeyn und bewaffnet hineingehen, damit der Frevler nicht entfliehe. So ihat ich und mit einem Dolch bewehrt ging ich— Thisbe führte mich und hatte Fackeln angezündet— zum Schlafgemach. Wie ich davor ſtand und der Schein einer Lampe herausfiel, öffnete ich, die angelehnte Thür, zornig, wie ich war, aufreiſſend, und flog hinein mit den Worten:„Wo iſt der Schändliche, der theure Geliebte der keuſchen Reinen?, Mit die⸗ ſen Worten trat ich hinzu, als ob ich beide durchboh⸗ ren wollte. Da wandte ſich auf der Lagerſtatt— o all ihr Götter!— mein Vater um, ſank zu meinen Füßen und ſprach:„O Kind, halt ein, erbarme dich deines Vaters, ſchone dies graue Haupt, das dich erzog! Gekränkt habe ich dich, aber nicht um mit dem Tode dafür zu büßen! Gib dich nicht ganz deiner Wuth hin und beſudele deine Hände nicht mit Vater⸗ mord!“ Und ſo flehete er fort in ſeinem Jammer und ich ſtand, wie vom Blitz getroffen, ſtarr, ver⸗ ſteint: nur Thisben ſuchten meine Augen, die lange ſich hinweggeſtohlen, ich ſah bald auf das Lager, bald im Zimmer umher, unfähig zu reden und zu handeln. Da entſiel mir der Dolch aus den Händen und eilig flog Demänete herbei und riß ihn hinweg. Mein Vater aber, nun außer Gefahr, legte Hand an mich und gebot mich zu binden, während ihn Demänete eifrig mit den Worten anreizte:„ ſagte ich das nicht voraus? Wie man vor dem Jüngling ſich hüten müſſe, wie er bei gelegener Zeit uns nachſtellen werde? O ich ſah ſeinen Blick, durchſchaute ſeinen Sinn!“ Er aber — 16— entgegnete:„Wohl ſagteſt du's vorher, aber ich glaubte dir nicht!“ Da hielt er mich denn in Banden und geſtattete mir nicht einmal, etwas zu ſagen, oder auseinander zu ſetzen, wie es war. 13 Am Morgen aber führte er mich, gebunden wie ich war, vor das Volk und ſprach— das Haupt mit Aſche beſtreut—„Nicht zu ſolcher Hoffnung, o Athe⸗ näer, zog ich dieſen mir auf; ſondern im Wahn, er werde ein Stab meines Alters ſeyn, gab ich ihm von ſeiner Kindheit an eine männlich freie Erziehung, lehrte ihn der Wiſſenſchaften Anfangsgründe, brachte ihn zu den Vorſtehern der Sprengel und Geſchlechter um ihn unter die Jünglinge einzuzeichnen und ihn ge⸗ ſetzlich zu Eurem Mitbürger zu erklären. So war mein ganzes Leben nur Eine Sorge um ihn. Nach⸗ grade kam aber das alles bei ihm in Vergeſſenheit: erſt beſchimpfte er mich und ſchändete mit Schlägen dieſe meine rechtmäßige Gattin; endlich fiel er Nachts, ein Meuchler, mich an, und ward in ſo fern ein Vatermörder, als nur das Geſchick ihn abhielt, in⸗ dem ein plötzlicher Schrecken das Gewehr ſeinen Hän⸗ den entfallen ließ. So flüchte ich nun zu Euch und fehme dieſen, auf Selbſtrache, die mir nach Geſetz erlaubt war, verzichtend. Euch überlaſſe ich alles, überzeugt, daß es beſſer ſey durchs Geſetz als ſelbſt durch Kindesmord ſein Recht zu nehmen!“ Dabei vergoß er Thränen und auch Demänete ſchluchzte laut, gleichſam um ihren Schmerz um mich zu zeigen: nannte mich einen Unglücklichen, der zwar mit Recht aber zu früh, den Tod erleide, der von finſteren Geiſtern getrieben ſei gegen ſeine Eltern. Doch das Weinen beabſichtigte ſie nicht allein: auch zeugen ſollten 7 ihre Thränen gegen mein Vergehen, durch ihre Be⸗ kümmerniß wollte ſie die Anklage erhärten. Als ich verlangte, daß auch mir das Wort vergönnt werde, trat der Sachführer zu mir und fragte mich kurz: ob ich auf meinen Vater bewaffnet losge⸗ gangen? Als ich darauf geantwortet:„Ja, das that ich; aber hört auf welche Weiſe!“ da ſchrien alle laut auf, und erklärten, ich ſey aller Verthei⸗ digung baar und verluſtig und verurtheilten mich dieſe zur Steinigung, jene zur Auslieferung an die Schergen, um ins Verlies geſtürzt zu werden. Wie ich nun während des Getümmels und der Zeit wo ſie zur Beſtimmung meiner Strafe, die Hände emporhoben, unaufhörlich rief:„O meine Stief⸗ mutter, meine Stiefmutter iſt Urſach meines To⸗ des; ums Leben bringt ſie mich ungehört!“ da blieb das Wort bei vielen haften und es kam ſie ein Verdacht der Wahrheit an. Aber auch da ward ich nicht gehört. Denn das Volk war be⸗ fangen im unendlichen Getümmel. Da die Stim⸗ 14 men gezählt wurden, waren derer, die für Tod entſchieden hatten gegen tauſend und ſiebenhundert, theils durch Steinigung, theils durch Sturz ins Verlies. Der übrigen waren gegen tauſend, die mich, etwas auf den Verdacht gegen die Stiefmutter gebend, auf ewig aus dem Vaterlande verwieſen. Aber dennoch ſiegte das Urtheil dieſer. Mit allen übrigen zuſammen gehalten waren ihrer freilich we⸗ niger, aber weil jene für verſchiedenes geſtimmt, ſo waren dieſe Tauſend mehr für ihr Theil. Und ſo ward ich denn vom väterlichen Heerd geſtoßen und aus dem Lande, das mich erzeugt. Aber Theagenes u. Charikleig. 2 — 18— auch die gottverhaßte Demänete entging der Ver⸗ geltung nicht. Auf welche Weiſe, ſollt ihr ein an⸗ dermal hören. Für jetzt müßt ihr des Schlafs genießen: es iſt weit in die Nacht hinein und ihr bedürft einer langen Ruhe.„O du beunruhigſt uns mehr,“ ſprach Theagenes,„wenn du in der Erzählung die ſchändliche Demänete ungeſtraft läſſeſt.“„So hört denn,“ ſprach Knemon,„da es euch alſo genehm iſt. Ich nun ging wie ich war nach der Verurtheilung hinab zum Peiräeus, traf ein lichtendes Schiff und machte die Fahrt nach Aegina, wo ich Vettern meiner Mutter wußte. Dort angekommen fand ich, die ich geſucht, und lebte nicht unleidlich anfangs. Am zwanzigſten Tag nachher kam ich, nach Gewohnheit luſtwan⸗ delnd, zum Hafen hinab: gerade ſchwamm eine Jacht daher. Ich ſtand ein Weilchen ſtill und forſchte von wannen ſie komme und wen ſie führe: Da ſpringt— noch war der Steg nicht feſtgelegt— jemand heraus und umſchlingt mich heranfliegend. Charias wars, meiner Geſpielen einer.„O Knemon, herrliche Botſchaft bring' ich dir!“ ſprach er„Rache ward dir an deiner Feindin! Demänete iſt todt!“ „Aber gemach, o Charias!“ erwiderte ich,„warum übereilſt du dich ſo mit der ſchönen Botſchaft, als ob du mir etwas zu hinterbringen habeſt, was zu ſcheuen ſey? Melde auch, wie es geſchah! O wie fürchte ich, ſie möge eines natürlichen Todes geſtor⸗ ben ſeyn und entgangen dem, deſſen ſie werth war!la —„Nicht durchaus,“ ſprach Charias,„floh uns, wie Heſiodos ſagt, die Gerechtigkeit. Mag ſie vielleicht etwas auf kurze Zeit überſehen: ſie zieht — 19— die Rache mit ſich in der Zeit. Auf ſo gottloſe aber wirft ſie ein ſcharfes Auge und ereilte ſo denn auch die verruchte Demänete. Mir iſt nichts von dem was geſagt oder gethan ward entgangen, weil Thisbe, wie du weißt, in ihrer Verbindung mit mir alles erzählte. Denn als das ungerechte Loos deiner Aech⸗ tung geworfen war, da verbannte ſich dein armer Vater, den es reute, was dir geſchehn, auf ein einſames Landgut und verbrachte dort ſeine Tage, ſich ſelbſt zehrend am Herzen, wie der Dichter ſagt. Aber jene trieben alsbald die Erinnyen und ſie liebte dich noch wahnſinniger in der Ferne und weinte un⸗ aufhörlich, ſcheinbar über dich, aber in Wahrheit über ihr eigenes Unglück. Tag und Nacht rief ſie: „Knemon!“ nannte dich ihr ſüſſes Kind, ihr Leben, daß ſelbſt Frauen ihrer Bekanntſchaft, die ſie zu be⸗ ſuchen kamen, ſie bewunderten und lobten, wie eine Stiefmutter ſo wahrhaft muͤtterliche Gefuhle zeige. Auch zu tröſten und aufzurichten ſuchte man ſie; allein ſie ſagte: ſolch ein Unglück ſey untröſtbar und keine andere wiſſe, welcher Stachel ihr im Herzen wühle. Und war ſie irgend allein, ſo ſchalt ſie heftig 15 auf Thisben, daß ſie ihr nicht nach Gewiſſen gedient, hielt ihr vor, wie eifrig ſie ſich bewieſen für die furchtbare That, wie ſie für ihre Liebe ſo gar nichts gethan, allein das Theuerſte ihr zu rauben ſich ſchneller gezeigt, als ein Gedanke; ſelbſt zur weitern Ueberlegung ihr nicht Zeit gegönnt. Und ſo hatte ſie offenbar etwas gegen Thisben im Werke. Die aber, ihren Groll und tiefen Schmerz gewahrend, der ſie zu allem fähig machte, da ſie eben ſo im Zorn wie in der Liebe raſend war, beſchloß ihr eilig zuvor⸗ zukommen, ihr Unglück zur eigenen Rettung benuz⸗ zend. Sie trat zu ihr hinein mit den Worten:„wa⸗ rum doch, o Herrin, ſchiltſt du immer vergeblich dein Mädchen? diente ich dir doch jetzt, wie immer nach deinem Willen, dem Geſchick iſts beizurechnen, wenn irgend etwas nicht nach Wunſch geſchah. Doch bin ich bereit, ſo du gebeutſt, ein Heilmittel deiner jetzigen Schmerzen zu erfinden!“— Da ſprach ſie: und welches, du Liebe, mag wohl gefunden werden, da der, welcher heilen konnte, hinwegſchwand? und ich durch die unverhoffte Menſchlichkeit der Richter ſo ganz vernichtet bin? denn wäre er geſteinigt, wäre er nur todt; gewiß, auch mein Schmerz waͤre mitgeſtorben. Hoffnungsloſes reißt ſich vom Herzen und wenn nirgend mehr der Sehnſucht eine Stätte gegönnt iſt, ſo endet die Qual der Bekümmerten. So aber träume ich ihn zu ſehen, meine ihn hier zu hören, ſcheue mich vor ihm, wie er die frevelhafte That mir vorhält. Dann iſt mir wieder, als nahe er mir und wäre ganz mein, oder als käme ich ſelbſt zu ihm, wo in der Welt er auch ſeyn möchte. Das brennt, das wüthet in mir! O ihr Götter, wohl iſt gerecht, was ich leide! Warum überredete ich ihn nicht, ſtatt ihm nachzuſtellen, warum flehte ich nicht zu ihm, ſtatt ihn zu verfolgen? Er wandte ſich hinweg anfangs— und natürlich; die Gattin eines andern, ſeines Vaters, ſcheute er. O er wäre freundlicher geworden mit der Zeit und durch Ueberredung umgewandelt. Aber ich Grauſame, ich Herzloſe!— Nicht wie eine Liebende, wie ſeine Herrin raſ'te ich, weil er meinem Gebot nicht folgte und Demäneten verachtete, die er doch weit an -— 21— Schönheit übertraf. Ach, o ſüße Thisbe, und welches Heilmittel meinſt du, das ſo leicht ſey?—„Her⸗ rin!“ begann dieſe„in den Augen des Volks verließ Knemon die Stadt und zog aus Attika hinweg, dem Ausſpruch gehorſam; mir aber die ich Alles um dei⸗ netwillen unternehme, iſt nicht entgangen, wie er hier vor der Stadt ſich noch verborgen hält. Sicher kennſt du Arſinoe'n, die Flötenſpielerin? Bei ihr lebt er. Nach dem Unglück nimmt das Mädchen ihn bei ſich auf, verheißt ihm mitzuziehen und hält ihn ſo lange bei ſich, bis alles bereitet iſt.“ Da ſprach Demänete:„O ſelige Arſinoe ob der früheren Liebe zu Knemon und der Aechtung mit ihm in der Zukunft! Doch, was kann das mir helfen?“—„ Viel, o Herrin! Ich werde mich ſtellen Knemon zu lieben und Arſinoen bitten— ſie iſt mir von der Kunſt ſchon längſt befreundet— mich des Nachts ſtatt ihrer zu ihm zu führen. Geſchieht dies, dann magſt du weiter ſorgen, Arſinve zu erſcheinen und ſtatt jener ihn beſuchen. Meine Sorge ſoll es ſeyn, ihn berauſcht zu dir zu bringen. Und haſt du erlangt, wonach du dich ſehnſt, dann iſt billig, daß deine Liebe geſtillt ſey. Manchem ward beim erſten Mal der Sehnſucht Feuer gelöſcht; denn der höchſte Ge⸗ nuß iſt der Liebe Sättigung. Doch bleibt ſie bei dir, was die Gottheit verhüte, ſo mag, nach dem Sprichwort, eine zweite Fahrt beginnen und neues Sinnen. Jetzt ſorgen wir fuͤr die Gegenwart.“ Das billigte Demänete und flehte nur noch um 16 ſchleunige Ausführung des Beſchloſſenen. Da ſoderte ſie, daß nur ein Tag von der Herrin ihr zum Voll⸗ bringen gegönnt werde, ging zu Arſinoe und ſprach: —- 22— „du kennſt doch Teledemos.“ Als dies jene bejaht, fuhr ſie fort:„O, ſo nimm uns heute bei dir auf; ich verſprach ihm eine Nacht. Er wird früher kom⸗ men; ich aber wann ich meine Gebieterin zur Ruhe gebracht!“ Und nun eilte ſie zum Ariſtippos aufs Land und ſagte:„Herr, ich komme als Anklägerin meiner ſelbſt, thue mit mir was dir gut ſcheint. Dein Sohn iſt durch mich verloren: nicht ſelbſtthä⸗ tig habe ich gehandelt, aber doch als Mitſchuldige. Mir war bekannt, daß meine Herrin ungeziemend lebte, dein Bett dir ſchändend, und nur um mich ſelbſt bange, wenn die Sache durch einen andern entdeckt würde und im Schmerz über dich, daß ein Lohn dir werde für die Liebe, womit die Gattin du umfingſt, ſcheute ich mich dennoch, dir es zu er⸗ öffnen, verkündete es darum dem jungen Herrn; ich kam Nachts zu ihm, daß keiner ſonſt es erführe, und erzählte, wie ein Buhle die Nacht bei der Her⸗ rin weile. Der aber— du weißt, wie ſie ſchon früher ihn gekraͤnkt— greift, im Wahn, ich habe geſagt, daß eben jetzt der Buhle bei ihr ſei, in unaufhaltſamem Zorn glühend, nach dem Dolch, achtet all meiner Verſuche, ihn zu halten und von ſeinem jetzigen Irrthum abzubringen nicht, oder hält ſie für Reue und ſtürmt wüthend in das Schlaf⸗ gemach. Das übrige iſt dir bekannt. Jetzt aber kannſt du deinem Sohn ſelbſt in der Entfernung Ge⸗ nugthuung verſchaffen und Rache nehmen an der, die euch beide betrog. Noch heut will ich dir Demäneten ſamt ihrem Buhlen zeigen außerhalb der Stadt und noch dazu in einem fremden Haus.“—„Zeigſt du mir das wirklich,“ ſprach Ariſtippos, nſo iſt die — 23— Freiheit dein Lohn. Ich würde wieder aufleben in der Rache an dieſer Feindin. Wie ich auch längſt mir ſelbſt grollte und den Vorgang ahnete, ſchwieg ich dennoch aus Mangel an Beweis. Doch was iſt zu thun?“— Sie fuhr fort:„du weißt doch den Garten, wo das Denkmal der Epikureer? dorthin komm gegen Abend und verzeuch!“ Mit dieſen Wor⸗ 17 ten eilte ſie hinweg zur Demänete und ſagte: Schmücke dich! reizender noch mußt du ihm nahn! Alles was ich verhieß, iſt bereit!“ Da umſchlang ſie Demänete und that nach ihrem Rath. Als es Abend ward nahm Thisbe ſie mit ſich und führte ſie, wie es beredet war; gebot ihr dann, da ſie nahe genug waren, ein wenig zu warten, wäͤhrend ſie ſelbſt vor⸗ aus ging und Arſinven bat, in ein anderes Haus zu gehen und ihr Ruhe zu gönnen. Denn, meinte ſie, der Jüngling erröthe, als jüngſt erſt in die Ge⸗ heimniſſe der Aphrodite eingeweiht. Wie dieſe gehorcht, nahm ſie Demäneten und ging mit ihr hinein. Dort wies ſie ihr das Lager an, nahm die Leuchte hinweg— daß ſie nemlich nicht von dir, der damals in Aegina war, erkannt würde— und rieth ſchweigend des Ge⸗ nuſſes Bild ſich zu erhöhen.„Ich eile zum Jüngling,“ ſprach ſie,„und bringe ihn dir. Er ſitzt hier nahe bei, beim Weine!“ Leiſe tritt ſie heraus, findet den Ariſtippos am obgenannten Ort und treibt ihn hineinzutreten und den Buhlen zu feſſeln. Er folgt ihr, ſtürmt ins Zimmer, und wie er beim ſchwachen Schimmer des Mondes die Lagerſtatt mit Mühe ge⸗ funden, ruft er:„So hab' ich dich, du Gottver⸗ haßte!“ Plöͤtzlich wirft Thisbe während ſeiner Rede ſo heftig als möglich die Thüre zu und ſchreit:„O — 24— wie ungeſchickt! da entfloh uns der Buhle! ſieh dich vor, o Herr, daß du zum zweitenmal nicht betrogen wirſt.“ Er aber:„Sei ruhig! die Schändliche hab' ich, die ich vor allen wollte!“ und faßte ſie feſt und führte ſie der Stadt zu. Da durchſchaute ſie, wie begreiflich, alles was um ſie vorging zugleich, den Verluſt deſſen, was ſie erſehnt, die Schande ob des anſtößigen Vorfalls, die Rache der Geſetze: ſchmerz⸗ lich betrübt, daß ſie entdeckt, zuͤrnend, daß ſie be⸗ trogen worden, entzog ſie bei dem Brunnen an der Akademie— du weißt es, wo die Feldherren den Heroen nach vaterländiſchem Gebrauch opfern!— urplötzlich dem Greis ihre Hände und ſtürzte ſich grade hinab. So endete ſie ſchändlich, die Schändliche. Ari⸗ ſtippos aber ſprach:„ſo habe ich denn meine Rache an dir nach dem Spruch des Geſetzes voraus!“ und berichtete den Tag darauf alles aus Volk. Und kaum war ihm verziehen, als er auch ſchon umher⸗ ging zu ſeinen Freunden und Bekannten, mit ihnen zu berathen, ob er auf irgend eine Weiſe deine Rückkehr auswirken könnte. Ob etwas dafür geſchehen, weiß ich nicht zu ſagen, denn ich ſchiffte früher hin⸗ weg in eigenem Geſchäft, wie du ſiehſt. Doch darfſt du verſichert ſeyn, daß das Volk die Rückkehr dir gewährt und dein Vater dich zu ſuchen kommt. Denn das verſprach er. So verkuͤndete mir Charias. Das ubrige aber, wie ich hierher gekommen und welche Schickſale mich verfolgen, das bedarf einer längeren Erzaͤhlung und längerer Zeit. Dazu weinte er: auch die Fremden weinten, jenen zum Vorwand, aber es gedachte jeder des eigenen Leids. Und nicht leicht wohl wären ihre Thränen verſiegt, wäre nicht ein Schlummer herab⸗ geſchwebt und hätte mit der wehmüthigen Sehnſucht auch die Thränen geſtillt. So ruhten denn dieſe. Thyamis aber— ſo hieß der Räuberhauptmann,— der den größten Theil der Nacht geſchlummert, ward gerade um dieſe Zeit, von unruhigen Träumen er⸗ ſchreckt, alles Schlafs beraubt und quälte ſich niit deren Deutung in wacher Sorge. Denn um die Zeit da die Hähne krähen,— ob ſie nun, wie man ſagt, aus natürlichem Vorgefühl der Rückkehr unſerer Sonne zur Begrüßung des Gottes ſich anſchicken, oder ob ſie aus Wärme und aus Verlangen nach Bewegung und baldigem Futter die Hausgenoſſen mit ihrem gewohnten Ruf zum Tagwerk wecken— nahte ſich ihm dieß gottgeſandte Geſicht. Er war zu Memphis, ſeiner Paterſtadt, im Tempel der Iſis und alles ſchien ihm wie von Fackelglanz zu leuchten. Voll von allerlei Thieren waren Altäre und Opfer⸗ heerde, und mit Bl.ut genetzt. Vorhöfe und Hallen tönten vom Geräuſche der Menſchen und allerlei Lerm. Wie er aber hineintrat ins Heiligthum, da ſchritt die Göttin heran übergab ihm Charikleien und ſprach:„Thyamis, dieſe Jungfrau geb' ich in deine Hand. Du wirſt ſie haben und nicht haben; unge⸗ recht wirſt du ſeyn und das fremde Mädchen tödten; ſie aber wird nicht todt ſeyn!“ Wie er das geſehen, blieb er ungewiß, wandte bald ſo, bald ſo die Deu⸗ tung. Endlich gab er's auf und drehte die Auslegung — 26— zu ſeinen Gunſten. Das: ndu wirſt ſie haben und nicht haben,“ erklärte er:„zum Weibe und dann nicht mehr als Jungfrau,“ das ndu wirſt ſie tödten,“ bezog er auf die jungfräulichen Wunden, an denen Charikleia nicht ſterben werde. So legte er den Traum aus, weil ihn die Sehnſucht darauf leitete. 19 Gleich mit der Morgenröthe entbot er die erſten unter ihm zu ſich und befahl, den Raub, den er hochklin⸗ gender Kriegsbeute nannte, zuſammen zu tragen. Auch den Knemon ließ er zu ſich holen, und gebot ihm die Gefangnen zu bringen. Während des Gangs rief das Mädchen laut:„Welch Schickſal erwartet uns nun?“ und flehte den Knemon an, wenn er etwas zu thun vermöchte. Der aber verſprachs und rieth ihnen gutes Muths zu ſeyn; nicht ganz Barbar an Sitte ſey der Hauptmann— ſo belehrte er— ſondern etwas mildes ſey in ihm, ſein Geſchlecht von den höheren und nur nothgedrungen habe er ſein jetziges Leben ergriffen. Wie ſie angelangt und auch der übrige Haufe ſich zuſammen gefunden, ließ ſich Thyamis auf einem erhöhten Sitz nieder, indem er ſeine Inſel wie einen Volksverſammlungsplatz be⸗ trachtete; dabei befahl er dem Knemon auch den Ge⸗ fangnen das, was er ſagen werde, zu berichten— denn dieſer verſtand ſchon die Aegyptier, Thyamis aber nicht völlig die Hellenenſprache;— hierauf begann er: Männer, Streitgenoſſen, Meinen Sinn kennt ihr, den ich immer euch zeigte, wißt, daß ich der Sohn des Oberprieſters zu Memphis bin, aber nach der Entfernung meines — 27— Vaters verdrängt vom heiligen Amt, das mein jün⸗ gerer Bruder widerrechtlich an ſich riß. Zu euch floh ich an ihm Rache zu nehmen, meine Würde aber wieder zu erlangen; von euch des Führeramts gewür⸗ digt, habe ich bisſheute ſo gelebt, daß ich von allem nichts zum voraus mir nahm. War irgend Theilung von Schätzen: ich ehrte Gleichmaaß: wurden Kriegs⸗ gefangne verkauft: ich überließ es allen zugleich. denn ich meinte, ein wackrer Führer müſſe nur an Thaten den meiſten, an Belohnung gleichen Theil haben. Von den Gefangnen ordnete ich euch ſelbſt die Männer zu, die ſchwächeren zum Verkauf bietend. Rein hab' ich mich erhalten von Grauſamkeit gegen Weiber: ich entließ die Freigebornen um Lösgeld oder im Mitleid um ihr Unglück; geringere, welche nicht die Gefangenſchaft, ſondern Gewohnheit zum Sklavendienſt zwang, vertheilte ich zum Dienſt unter euch. Jetzt fodere ich Eins aus der Beute von euch: dieſe fremde Jungfrau: ſie, die ich wohl mir ſelbſt zutheilen durfte, ziehe ich vor durch gemeinſame Zu⸗ ſtimmung von euch zu erhalten. Es wäre zu thörig, daß, wer Gewalt über die Gefangne ſelbſt hat, gegen den Willen ſeiner Freunde etwas zu beſitzen ſchiene. Auch fodere ich ſie von euch nicht über Gebühr; zum Erſatz verzichte ich auf die Theilnahme an all der übrigen Beute. Denn das Geſchlecht der Hohen⸗ prieſter verabſcheut eine Liebe, die im Staube kreucht. Nicht zur Frohn meiner Luſt, ſondern zu meiner Ab⸗ kunft Fortdauer erkohr ich dieſe für mich ſelbſt. Auch 20 die Gründe euch aus einander zu ſetzen bin ich ver⸗ pflichtet. Vor allen ſcheint ſie mir von edler Ge⸗ burt. Ich bezeuge es durch den vorgefundenen Reich⸗ — 28— thum und dadurch, daß das gegenwärtige Unglück ſie nicht niederbeugt; ſie hob ihren Geiſt gegen das Schickſal von Anfang. Dann ahne ich in ihr eine edle, ehrenwerthe Seele. Denn wenn ſie durch ihre Schönheit alles beſtegt, ſo gebietet das Schamhafte ihres Blickes Ehrfurcht: wie ſollte ſie nicht mit Recht die Ahnung zu etwas Höherem emporheben! Was aber das bedeutendſte iſt: ſie ſcheint mir irgend einer Gottheit Prieſterin zu ſeyn. Hält ſie nicht ſelbſt im Unglück, das heilige Gewand abzulegen und die Kranze, für ſchmachvoll und ungöttlich? Und welche Ehe wäre paſſender, ihr Anweſenden, als wenn der Abkömmling hoher Prieſter einer geweihten Prieſterin ſich verbindet? Alle jauchzten ihm Beifall und wünſchten der Hochzeitfeier glückliche Fügung. Er aber nahm das Wort von neuem und ſprach: Ich danke euch; aber wir thäten wohl, zu er⸗ forſchen, wie es um die Geſinnung dieſer Jungfrau ſteht. Sollte hier blos der Herrſchaft Gewalt An⸗ wendung finden, ſo wäre mein bloſer Wille genug; wem die Gewalt zu Gebot ſteht, hat nicht nöthig zu fragen. Aber hier gilts eine Ehe und der Wille beider Theile muß zuſammenſtimmen!“— Hierauf wandte er die Rede und fragte: Und wie wäre dies, Mädchen, meine Hausfrau zu ſeyn?— Zugleich befahl er, wer ſie ſeyen und welches Geſchlechts zu verkuͤnden.— Sie aber, eine Weile den Blick an den Boden heftend, zuweilen das Haupt wiegend, ſchien auf Antwort und Gedanken zu ſinnen; dann ſchaute ſie zuweilen auf zu Thyamis und blitzte dem noch mehr ins Herz mit ihrer Anmuth— denn röther war ihre Wange, als ſonſt, vom Drang ihrer Seele und lebendiger gluͤhte der Blick.— Als Knemon ihr endlich es ausgelegt, ſprach ſie:„Mehr glaub ich, ziemte meinem Bruder Theagenes hier die Antwort; denn unter Männern ziemt Schweigen dem Weib und Männern das Wort. Weil ihr aber auch mir das 22 Wort vergönnt, ſo gebt ihr dadurch das erſte Zeichen der Menſchlichkeit! Lieber durch Ueberredung, als Gewalt wollt ihr billiges verlangen. Weil dann auch der Sinn all eurer Worte auf mich zielt, ſo muß ich wohl aus den Geſetzen, welche Jungfräulichkeit und ich ſelbſt mir auferlegt, heraustreten und antworten auf die Frage des Gewalthabers wegen der Ehe, und dies im Beiſeyn ſo vieler Manner. Unſer Schick⸗ ſal iſt vor allem dieſes. Jonier ſind wir von Herkunft. Als die vornehmſten der Epheſer wurden wir in reifem Alter— das Geſetz ruft ſolche Geſchlechter zum Prie⸗ ſterthum— ich der Artemis, mein Bruder hier dem Apol⸗ lon geweiht. Als die jährliche Feier nahte und unſere Zeit zu Ende war, führten wir den Opferzug auf Delos, um dort den Wettkämpfen in Muſen und Turnkünſten vorzuſtehen und vom Prieſterthum nach Landesſitte abzuſtehen. Eine Jacht ward geladen mit Gold und Silber und Gewändern und allem andern was zu den Kämpfen und zum Volksfeſt nöthig ſchien. Und ſo fuhren wir ab, während unſere Eltern theils aus hohem Alter, theils aus Aengſtlichkeit vor dem Meer und der Fahrt daheim blieben. Andere Bürger ſtiegen in Menge theils mit in dieſelbe Jacht, theils bedienten ſie ſich eigener Nachen. Wie nun die Fahrt zu meiſt vollbracht war: da ſtürzt mit einmal ein Ungewitter herein, und ein wüthender Sturm — 30— und drein ſich miſchende Regenſtröme und Wetter⸗ flammen wühlen das Meer auf, jagen das Schiff aus ſeiner Bahn— denn der Steuermann gab es auf im übermächtigen Sturm, trat's der Gewalt ab und ließ das Schickſal ſteuern. So flogen wir hin im raſtloſen Sturm— ſieben Tag und ſieben Nächte: da trieben wir endlich an die Küſte, wo wir von euch gefangen wurden. Auch den vielen Mord habt ihr geſehen. Als nemlich die Schiffleute bei dem Dank⸗ feſt, das wir ob unſerer Rettung zu feiern gedachten, auf uns ſtürzten und uns tödten wollten um der Schätze willen, da blieben wir bei dem großen Un⸗ glück und Verderben aller unſerer Genoſſen, während jeder mordete oder gemordet ward, allein von allen übrig— o wär' es nimmer geſchehen!— als ein trauriger Reſt. Eins war unſer Glück, daß ein Gott uns euch in die Hände führte, und— die den Tod erwarteten, verſehen ſich jetzt einer Hochzeit; ich werde ſie keinesweges ablehnen; denn daß eine Gefangne der Ehe ihres Machthabers werth gehalten wird: das überſteigt wohl jegliches glückliche Geſchick. Aber daß eine Gottgeweihte dem Sohn eines Ober⸗ prieſters— vielleicht, wills die Gottheit, bald ſelbſt einem Oberprieſter— zugeſellt wird, das ſcheint wahrhaftig nicht ohne Fügung der göttlichen Vorſehung. Eins bitt' ich, gewähre mirs, o Thyamis! geſtatte, daß ich erſt in eine Stadt gehe, wo ein Altar oder Tempel dem Apollon geweiht iſt, und das Prieſter⸗ thum und ſeinen Schmuck dort ablege. Schöner wär es in Memphis, wenn du die Würde der Oberprie⸗ ſterſchaft wieder erworben; freudiger wäre dann die Hochzeit, wann die Siegesfeier verbunden würde; 84 — 3à1— ſie krönte die Wiederherſtellung. Doch dir überlaſſe ich die Entſcheidung ob dies früher geſchehen ſoll. Nur werde vorher das Geſetz meines Vaterlandes erfüllt. O ich weiß, du gewährſt es mir; du lagſt von Kind⸗ heit an heiligen Bräuchen ob und ahnteſt der Götter Recht.“ Da endete ſie die Rede und begann zu wei⸗ 23 nen. Von den Anweſenden ſtimmten alle andern bei und riefen laut: ſo müſſe es werden und jauchzten: ſie ſeyen bereit dazu. Auch Thyamis ſtimmte bei, theils gern, theils ungern. Denn in der Sehnſucht nach Charikleien dunkte ihm ſelbſt die jetzige Stunde eine unendliche lange Zeit des Aufſchubs und doch bezauberte und zwang ihn ihre Rede, wie Sirenen⸗ lied, zum Gehorſam. Zugleich äußerte auch der Traum ſeinen Einfluß und ſo war er ſicher, daß in Memphis ſeine Hochzeit ſey. Damit hob er die Be⸗ rathung auf, nachdem er vorher die Beute vertheilt und manches von Werth, was ſie ihm freiwillig ab⸗ traten, zu ſich genommen. Dann gebot er, am 24 zehnten Tage ſich bereit zu halten, indem ein Zug gen Memphis geſchehen ſolle. Die Griechen ließ er in der vorigen Wohnung; auch Knemon wohnte wieder bei ihnen, wie es angeordnet war, doch von nun an nicht mehr als Wächter, ſondern als Geſellſchafter. Auch eine beſſere Mahlzeit als gewöhnlich war, ver⸗ ordnete Thyamis und ließ auch wohl Theagenes aus Achtung für ſeine Schweſter mit Theil nehmen. Er ſelbſt beſchloß Charikleien nicht oft anzuſehen, damit das Anſchauen die Sehnſucht, die er innen trug, nicht noch höher entflamme und ihn hinreiße zu einer That, die gegen die Beſtimmung und jene früheren Verheißungen ſey. Darum vermied Thyamis den —-— 32— Anblick der Jungfrau, indem er meinte, es ſey nicht möglich ſie zu ſehen und ruhig zu bleiben. Wie nun alle hinweg waren und einer da, der andere dort in einen Winkel des Sees geſchlüpft, ging Knemon et⸗ was fern vom See, um das Kraut, das er am vori⸗ 25 gen Tag dem Theagenes verſprochen, zu ſuchen. Da benutzte Theagenes die Ruhe und weinte und klagte. Zu Charikleia ſprach er nicht ein Wort, nur unauf⸗ hörlich rief er die Götter zu Zeugen. Als ſie aber fragte, ob er ihr gemeinſames altes Unglück beweine, oder ob ihm noch ein neues zugeſtoßen ſey, da rief Theagenes:„Und was ſoll es neueres geben und ungerechteres, als daß man Schwüre bricht und Ver⸗ heißungen? daß Charikleia mein vergißt und der Hoch⸗ zeit mit andern ſich hingibt?— O gemach, ſprach das Mäͤdchen, beuge mich nicht ſelbſt mehr als das Schickſal! Haſt du doch Proben genug meiner Ge⸗ ſinnung in Thaten der vergangenen Zeit, ſo ſauge denn nicht aus Worten Verdacht, die der Zeit ſich fügten und der Nothwendigkeit. Wenn nur nicht das Gegentheil geſchieht und du vielleicht ſelbſt dich ab⸗ wendeſt, ehe du mich abgewandt findeſt. Unglücklich zu ſeyn bin ich willig; aber aus der Keuſchheit Grenzen mich zu locken ſoll nichts ſo gewaltig ſeyn in Ueber⸗ redung. Nur in Einem kenne ich keine Grenzen, in der Liebe zu dir, aber in reiner. Nicht einem Buh⸗ len mich hinzugeben, ſondern einem Gatten mich zu weihen, ergab ich damals mich zuerſt und habe mich rein erhalten bis heut ſelbſt von deiner Umarmung, hab dich oft zurückgedrängt, wenn du ungeſtüm warſt; denn ich ſorgte darum, wie der Bund, der vom Anfang unſer Ziel und bei allem heilig beſchworen war, in — 33— geſetzlicher Weihe vollzogen werden möchte. Und wie biſt du nicht wunderlich, mir zuzutrauen, daß ich den Barbaren dem Griechen, dieſen Räuber dem Ge⸗ liebten vorzöge?“—„Was ſollte dann die köſtliche Rede?“ ſprach Theagenes.„Daß du mich zu deinem Bruder machteſt, war ſehr klug und hielt den Thyamis von Eiferſucht gegen uns fern und ver⸗ gönnte uns ungeſtört bei einander zu ſeyn. Auch das war mir einleuchtend mit Jonien und der Fahrt gen Delos, weil es die Wahrheit und das, was wirklich geſchehen, verhüllte und die Hörenden in Irrthum leitete. Aber dieſe bereitwillige Zuſtim⸗ 26 mung zur Hochzeit und dieſer offenkundige Vertrag, dieſe Beſtimmung der Zeit vermocht' ich weder zu erklären, noch wollt' ichs. O verſunken wollte ich lieber ſeyn, als dies Ende aller meiner Schmerzen und Hoffnungen um dich zu ſchauen!“ Da umſchlang ihn Charikleia und küßte ihn tauſendmal und be⸗ netzte ihn mit ihren Thränen:„O wie gern ſprach ſie, ſehe ich dieſe Sorgen um mich! darin offenbart ſichs, daß deine Liebe zu mir nicht gebrochen ward durch das viele Unglück! Aber glaube mir, Thea⸗ genes, wir würden jetzt nicht mit einander reden können, wenn nicht alles ſo gekommen wäre. Du weißt ja, die Glut mächtiger Leidenſchaft facht gegen⸗ ſtrebender Kampf nur an; aber nachgiebige Worte, die ſich der Richtung des Willens fügen, hemmen den erſten glühenden Ausbruch und ſättigen die flammende Begier durch das Süße der Gewährung. Denn un⸗ geſtüm Liebende halten das Verſprechen für den erſten Schritt, wähnen ſich im Beſitz durch die Verheißung und werden ſanfter in ſchwebender Hoffnung. Das Theagenes u. Charikleia. 3 — 34— bedacht' ich und verhieß mich in Worten, überlies aber das andere dem Geſchick und der Gottheit, die gleich Anfangs unſere Liebe zu beſchirmen übernahm. 85 Oft verfügte ein einziger Tag oder zween, oder ge⸗ währte das Schickſal für die Rettung, was Menſchen nicht erfanden mit tauſend Rathſchlägen. So überhob auch ich mich für jetzt des Bedenkens und ſtellte das offenbare Verſprechen der dunkeln Zukunft anheim. Aber dieſe Liſt, mein ſüßer Freund, müſſen wir gleich einer Laſt ertragen und davon ſchweigen nicht allein gegen die Andern, ſondern auch gegen Knemon. Denn er iſt zwar menſchenfreundlich gegen uns und ein Grieche, aber er iſt ein Gefangner, und wie es ſich fügte, wohl ſeinem Gebieter mehr zugethan. Denn weder lange Freundſchaft noch der Verwand⸗ ſchaft Band giebt uns ein ſicheres Unterpfand ſeiner Treue gegen uns. Deshalb müſſen wir vor allen läugnen, ſollt er auch einmal Verdacht über unſer Verhältniß ſchöpfen;— denn auch die Lüge iſt zu⸗ weilen recht, wenn ſie dem Sprecher nutzt und dem Hörer nicht ſchadet.“ 27 Während mit ſolchem und ähnlichem Charikleia ihn freundlicher ſtimmte, kam Knemon eilig herein⸗ gerannt; ſeine Blicke verkündeten große Beſtürzung. „Theagenes,“ ſprach er,„ hier bring' ich dir das Kraut; leg es auf und heile deine Wunden. Aber ihr müßt zu andern Wunden euch bereiten und zu aͤhnlichen Gefechten.“ Als der ihn bat, deutlich, was er meine, zu offenbaren, erwiderte jener: „Nicht Zeit iſts jetzo zum hören! es wäre zu fürchten, daß wirkliche Thaten unſere Worte ereilten. Folge mir ſchnell; auch Charikleia folge mit!“ So nahm er R —— ſie beide mit ſich und führte ſie zum Thyamis. Den traf er eben Helm⸗putzend und Speer⸗ſchleifend. „Zur guten Stunde,“ ſprach Knemon„treffe ich dich bei den Gewehren! Waffne dich ſelbſt und laß es die übrigen thun; denn eine Menge von Feinden, wie noch nie gegen uns war, naht heran. Nur ſo weit iſts fern noch, daß ichs vom nächſten Hügel hervorſchimmern ſah. Ich komme, eilig ihre Ankunft dir voraus zu melden; doch habe ich nichts uͤber⸗ ſehen und im Fluge bis hierher, wem ich konnte, geboten ſich fertig zu halten.“ Da ſprang Thyamis 28 auf und fragte:„Wo iſt Charikleia?“ als ob er um ſie mehr fürchtete, als um ſich ſelbſt. Und wie Kne⸗ mon auf ſie zeigte, die ſich an die nahe Schwelle zurückgezogen, rief er:„Nimm ſie, und fuͤhre ſie allein in die Höle, wo auch unſere Schätze in Si⸗ cherheit aufgeſpeichert ſind: bring ſie hinab, Freund, verdecke, wie es gewöhnlich iſt, den Eingang und komm ſchnell zurück! Für den Krieg will ich ſorgen!“ Seinem Schildhalter befahl er ein Opfer zu berei⸗ ten, damit der Kampf wie nach Verſöhnung der vater⸗ ländiſchen Götter begönne. Knemon that was ihm geboten war und führte die klagende Charikleia, die ſich oft nach Theagenes umwandte, hinweg und drängte ſie hinab in die Höle. Dieſe war aber nicht ein Werk der Natur, wie ſie oft uͤber und unter der Erde von ſelbſt ſich öffnen, ſondern ein Kunſtwerk der Räuber, welches die Natur nachahmte: eine Grotte von ägyptiſchen Händen mit Mühe zur Bewahrung der Beute ausgehölt. Sie war aber 29 alſo eingerichtet. Eng und dunkel war der Eingang, aber ein heimlich Gemach unter der Thüre verſteckt, — 36— ſo daß die Schwelle eine neue Pforte ward zum hinabſteigen, wenn es erfodert wurde. Leicht fügte ſie ſich ein und leicht ſprang ſie auf, theilte ſich aber ſogleich in gewundene Gänge ohne Ordnung. Denn die Pfade und Krümmungen zum innern Raum irrten anfangs künſtlich, jede füͤr ſich geſchieden, hin, ſtießen dann manchmal zuſammen, ſich wie Wurzeln in ein⸗ ander wirrend, und vereinten ſich in einer weiten Halle in der Tiefe, wo ſie endeten. Dahinein fiel auch ein halbes Licht durch eine Oeffnung, die an des Sumphes höheren Stellen zu Tage ausging. Wie Knemon Charikleien da hinabgebracht, leitete er ſie an der Hand, während er durch Betaſten ſich zurecht fand, in das Ende der Grotte, ſprach ihr Muth ein und verhieß ihr noch gegen Abend mit Theagenes zu kommen: er werde nicht geſtatten, daß er mit den Feinden kämpfe, ſondern er ſolle ſchon der Schlacht entgehen. Nicht ein Wort ſagte ſie, wie Todes⸗ noth hatte das Unglück ſie getroffen, als ob mit Theagenes die Seele ihr entzogen wäre. Leblos und ſchweigend verlies er ſie und kam aus der Grotte wieder empor. Da fügte er die Schwelle ein: — Thränen entſielen ihm, um ſeinetwillen, daß er ſo zu handeln gezwungen worden, um ihretwillen, weil ſie ſo unglücklich, daß er ſie wie lebendig be⸗ graben, daß er das anmuthigſte Weſen unter den Menſchen, Charikleien, in Nacht und Finſterniß verſtoßen müſſen.— Dann rannte er zum Thyamis und traf ihn heiß nach Kampf dürſtend und ſammt Theagenes glänzend gerüſtet, während er, die ſich ſchon um ihn verſammelt, zu höherer Wuth durch Worte entflammte. In ihrer Mitte ſtehend ſprach er:„Kampfgenoſſen! Vieler Worte bedarfs nicht, euch anzufeuern. Iſt ja Erinnerung bei euch unnö⸗ thig, da ihr Krieg zu eurem Lebenszweck gewählt und der Feinde urplötzlicher Anfall drein haut in lange Reden. Denn wer, den Feind im Nacken, nicht augenblicklich auf Gegenwehr bedacht iſt, kommt ſicher mit dem Nöthigen zu ſpät. Wißt ihr auch, daß es nicht um Weib und Kinder geht, was allein wohl genug wäre, manchen zum Kampf zu entflam⸗ men— uns liegt das minder am Herzen, da wir das nur als unſer Eigenthum betrachten dürfen, was uns zu erſiegen vergönnt wird,— ſondern um das Daſeyn ſelbſt und unſere Seelen. Denn nie endete ein Krieg gegen Räuber mit Verträgen und endlicher Verſöhnung: ſiegend müſſen wir entweder leben oder ſterbend unterliegen. So laßt uns Leib und Seele wetzen und hineinſtürmen in die Feinde!“ Dies ge⸗ 30 ſagt, ſah er ſich um nach ſeinem Schildknappen, rief ihn auch oftmals bei ſeinem Namen:„Thermuthis!“ Als der nirgend zu finden war, drohte er fürchterlich und rannte im Flug nach ſeinem Kahn. Denn ſchon war der Kampf hereingebrochen und die ſchon ſah man verloren, die am äußerſten Ende wohnten, wo der See begann. Denn die Eindringenden zündeten die Nachen und Hütten der Erſchlagenen oder Fliehenden an. Von da lohte die Flamme hinüber ins nahe Schilf, fraß das Rohr dort in Haufen und erhob ein unbe⸗ ſchreibliches, für die Augen unerträgliches Flammen⸗ licht, fürs Gehoͤr ein laut knatterndes Getös. Ueber⸗ all ſah und hörte man des Krieges Bild, wie die Ein⸗ wohner wüthend und gewaltig den Kampf beſtanden, wahrend jene durch ihr Uebergewicht und den unver⸗ mutheten Anfall ſehr im Vortheil waren, hier einen Theil auf dem Lande niederſtießen, dort einen Andern mit Nachen und Wohnung zugleich verſenkten. Von alle dem erhob ſich dumpf ein Hall in der Luft von Streitern zu Land und zu Waſſer, von Mordenden und Gemordeten; mit eignem Blute rötheten dieſe den See; jene umſchlang Waſſer und Feuer zugleich. Als das Thyamis ſah und hörte: da fiel ihm ſein Traum aufs Herz, wo er die Iſis ſah und den gan⸗ zen Tempel gefüllt mit Fackelſchein und Schlachtopfern und meinte, das ſey es, was er jetzt erblicke und deutete ſich das Geſicht ganz anders als vorher, daß er Charikleien haben und nicht haben werde, wie ſie im Kampf ihm entriſſen werde, und daß er ſie morden und nicht verwunden werde, wie es durchs Schwerd geſchehe und nicht nach Aphroditens Brauch. Da ſchalt er die Göttin trügeriſch und es dünkte ihm für ſchrecklich, wann ein anderer Charikleien beſitzen ſollte: halt zu machen gebot er denen, die mit ihm waren und um die kleine Inſel rings verborgen auf der Stelle den Kampf zu erwarten und durch das Schilf einen verſteckten Anfall zu bilden— denn mit ſolcher Abwehr müſſe man ſich bei der Menge der Feinde genügen laſſen;— er ſelbſt aber kehrte wie wahnſinnig um nach ſeiner Wohnung, als ob er den Thermuthis ſuchen und zu den Göttern ſeines Heerdes flehen wolle, und geſtattete keinem ihm zu folgen. Denn unbeugſam iſt das Gemüth eines Bar⸗ baren, wo es auf etwas hinſtiert: ſelbſt, wenn es auf eigene Rettung perzichtet, erſt muß es alles ihm Theure vernichten, entweder im Wahn ſelbſt nach dem Tod es ſich zuzugeſellen oder um der Hand des — 39— Feindes und deſſen Uebermuth es zu entreißen. So auch vergaß Thyamis alles deſſen, was jetzt zu thun war— ſchon umrangen ihn die Feinde wie mit Nez⸗ zen;— glühend von Liebeswuth, Eiferſucht und Zorn kam er an die Höle, ſtürmte in vollem Lauf hinab, rief laut hinein und fluchte ägyptiſch— ein Mädchen antwortete gleich am Eingang in helleniſcher Zunge, die Stimme leitete ihn hin— mit der lin⸗ ken faßte er ihr Haupt und ſtieß das Schwerd ihr in den Buſen.— Da ſank ſie in bitterem Schmerz;: jammernd ertönte ihr Ruf zum letztenmale. Er ſelbſt raffte ſich auf, fügte die Schwelle ein, warf ein wenig Erde drüberhin und ſprach weinend:„Hier mein Brautgeſchenk für dich!“ eilte dann zu den Nachen, wo die andern zur Flucht ſich ſchon bereite⸗ ten: ganz nahe ſchon ſah man die Feinde. Da kam auch Thermuthis und brachte das Opfer; den ſchalt er und ſprach: er habe ſchon früher das köſtlichſte aller Opfer gebracht: beſtieg den Nachen, Thermuthis mit ihm ein Ruderer als dritter. Denn mehr ver⸗ mochten die Nachen des Sumpfes nicht zu tragen: ſie waren aus einem Stück, roh gearbeitet vom Ende eines Stammes. Theagenes und Knemon fuhren in einem andern Kahn hinweg, andere in anderen Nachen und ſo auf ähnliche Weiſe alle. Wie ſie von der Inſel ein wenig entfernt waren— denn ſie ſchiff⸗ ten mehr umher als weit den Feinden entgegen— machten ſie Halt und ordneten die Kaͤhne an der Spitze, wie um die Feinde kämpfend zu erwarten, kamen aber nur wenig heran— nicht einmal den Wellenſchlag (der feindlichen Ruder) hielten ſie aus— ſahen nur hin und flohen: nicht einmal das Kampfgeſchrei — 40— hielten manche aus. Auch Theagenes und Knemon entfernten ſich, nicht zumeiſt durch Furcht bewogen. Thyamis allein— hielt er nun die Flucht für ſchänd⸗ lich oder ertrug er's nicht, Charikleien zu überleben— 32 ſtürzte ſich wild in die Feinde. Und ſchon waren ſie an einander, da ſchrie einer:„Das iſt Thyamis! laſſe keiner ihn entweichen!“ Und im Nu rundeten ſie die Kähne zum Ring um ihn her und ſchloſſen ihn in die Mitte. Während er ſich wehrte, hier einige mit dem Speer verwundete, dort andere niederſtach geſchahs wie ein Wunder: kein einziger drang mit dem Schwerd ein oder ſchwang es nur: ſondern jeder wandte ſeine ganze Vorſicht an, ihn lebend zu fahen. Der aber hielt ſie lange von ſich ab, bis der Speer ihm entwunden war, den viele zugleich gefaßt. Auch ſeinen Schildknappen verlor er;— er hatte wacker gekämpft, ſchien aber, wie zum Tod ver⸗ wundet, der Verzweiflung ſich hinzugeben und ſtürzte ſich ſelbſt in den See, tauchte aber, ge⸗ wandt im Schwimmen, außerhalb der Schußweite in die Höhe und ſchwamm mit Mühe ins Schilf— keiner dachte an ſeine Verfolgung. Denn ſchon hatten ſie den Thyamis gefangen und die Haft des einen Mannes galt ihnen fur vollſtändigen Sieg. Obgleich die Zahl ihrer Freunde geringer geworden, freuten ſie ſich dennoch mehr über ihres Mörders Leben, als der Verluſt der ihrigen ſie ſchmerzte. So ſtellen aber Räuber höher die Schätze als ſelbſt das Leben; und der Freundſchaft und Verwandſchaft Name 33 hat ein Ende beim Gewinn allein. Alſo gings auch denen. Es waren dieſelben, die vor Thyamis und ſeinen Genoſſen die Flucht ergriffen an der hera⸗ = 41—= kleotiſchen Mündung. Im Zorn, daß man ihnen fremdes Eigenthum genommen— denn der Verluſt jener Beute ſchmerzte ſie wie eigenes Beſitzes,— ſammelten ſie ihre Geſellen, die daheim geblieben waren, riefen die umliegenden Ortſchaften dazu auf, unter Verheißung gleicher, gewiſſenhafter Ver⸗ theilung des zu Erobernden und erhoben ſich als Führer des Zugs. Den Thyamis aber fingen ſie aus folgender Urſach lebendig. Petoſtris, ſein Bru⸗ der, war in Memphis. Der hatte durch Liſt das Amt des Oberprieſters, das nach vaterländiſchem Brauch dem Thyamis anheim fſiel, an ſich geriſſen, obgleich er der jüngere war. Da erfuhr er, daß ſein älterer Bruder einen Räuberhaufen befehlige— aus Furcht nun, er möge Gelegenheit ſuchen und einmal hereinbrechen oder die Zeit möge ſeinen Betrug entdecken: zugleich im Gefühl, daß er in Verdacht beim Volke ſey, den Thyamis, der nir⸗ gend ſich zeigte, umgebracht zu haben: ſandte er in die Dörfer der Räuber umher und verhieß denen, welche ihn lebendig herbeibrächten allerhand Reich⸗ thum und Heerdenvieh. Das gewann die Räuber: ſelbſt in der Hitze des Kampfs hielten ſie das An⸗ denken an den Gewinn feſt und erkauften, als einer ihn erkannt, ſein Leben um vieler Tod. Gefeſſelt brachten ſte ihn ans Land, nachdem ſie die Hälfte der Mannſchaft ihm als Wache beige⸗ geben, während er ſelbſt ihre vermeinte Menſch⸗ lichkeit verfluchte und mehr ſeine Bande verabſcheute als den Tod. Die übrigen wandten ſich zu der kleinen Inſel, um die geſuchten Schätze dort zu finden, durchliefen ſte, ließen keinen Theil derſelben — 2— undurchſtöbert: wie ſie aber nichts von dem gehoff⸗ ten fanden, höchſtens geringfügiges, was etwa oben in der Grotte unter der Erde zuruck geblieben war, warfen ſie Feuer in die Wohnungen und eilten, weil der Abend nahte, der ihnen vor dem Weilen auf der Inſel bange machte, aus Furcht vor einem Hinterhalt der Entkommenen zu ihren Genoſſen zurück. Zweites Buch. So ſtand die Inſel in heller Flammenlohe. Bei⸗ 1 den, Theagenes und Knemon, blieb das Unglück verborgen, ſo lange die Sonne über der Erde ſtand. Denn des Feuers Helle ſchwächt der Tag, wenn des Gottes Strahlen ſte beleuchten. Als ſie aber hinabſank und die Nacht hereinbrach: da ge⸗ wann die Flamme ſiegend ihren Glanz und leuchtete weit hinaus: ſie ſelbſt bogen ſich— auf die Nacht vertrauend— aus dem Schilfe und ſahen, wie das Feuer flammend auf der Inſel wüthete. Da ſchlug ſich Theagenes die Stirn und zerraufte ſein Haar.„Jetzt hinweg mit dir, Leben!— rief er— vorbei, zerriſſen ſey alles! Furcht und Gefahr, Sorgen, Hoffnung und Liebe! Charikleig iſt hin, Theagenes verloren! So war ich fruchtlos ein Feiger, habe ertragen die unmännliche Flucht, um mich dir zu retten, ſüße Freundin! Ich will nicht gerettet ſeyn, wenn du begraben liegſt. Gräßlich! nicht einmal nach dem gemeinen Geſetz der Natur, nicht in meinen Armen hauchteſt du die Seele hin, wie du gewollt, ſondern des Feuers Beute— 5 — D— weh mir!— biſt du geworden. Das ſind die Fak⸗ keln, die ſtatt der hochzeitlichen ein Gott mir ange⸗ zündet! Vernichtet iſt die Schönheit unter den Men⸗ ſchen, daß nicht einmal ein Reſt der reinen Anmuth übrig iſt im Leichnam. O dieſe Grauſamkeit, dieſer unausſprechliche Neid der Gottheit! Nicht einmal zum Letzten darf ich ſie umſchlingen: geraubt ſind Amir die letzten todten Küſſe!“— So ſprach er und ſuchte nach ſeinem Schwerde. Das wand ihm aber Knemon ſchnell aus der Hand und ſprach: „Was ſoll das! Theagenes, um die Lebende klagſt du! Charikleia iſt dir gerettet— ſie lebt, ſey ge⸗ troſt!“—„Das ſagen Narren und Knaben, Kne⸗ mon, du machſt mich unglücklich, daß du den ſüße⸗ ſten Troſt mir raubſt,“ erwiderte Theagenes, aber Knemon beſchwor es und erzählte ihm alles, den Auftrag des Thyamis, die Grotte— wie er ſie hinabgebracht, wie die Höle eingerichtet, wie nicht zu fuͤrchten, daß das Feuer hinabgekommen ſey in die Tiefe, ſondern erſtickt in den zahlloſen Windun⸗ gen. Da athmete Theagenes wieder auf und eilte nach der Inſel, ſah ſie ſchon im Geiſt, die ent⸗ fernte, bildete ſich die Höle zur Hochzeitkammer und ahnete nicht, was für Thränen ſein dort war⸗ teten. Eilig ſchifften ſie fort— ſie ruderten ſelbſt durch die Fluth; denn ihr Steuermann ſchoß beim erſten Zuſammentreffen vor dem Schlachtruf wie vor einem Geſpenſt hinab. Da und dorthin irrten ſie ab vom Weg: ſie waren in ihrer Unkunde dem Ruder nicht gewachſen und ein Wind fiel ein, der ihnen etwas entgegen war; dennoch ſiegte das Ringen ihrer Seele über die Ungeſchicklichkeit. Mit Muͤhe und vielem Schweiß landeten ſie 3 an der Inſel und rannten, ſo ſchnell ſie vermochten nach den Wohnungen. Die fanden ſie ſchon ver⸗ zehrt und nur noch an der Stätte kenntlich; der Stein aber, der als Schwelle die Höle verdeckte, ſchimmerte durch. Denn der Sturm, der ſich erhob und in die Hütten wehete— ſie waren von leich⸗ tem und noch dazu im Sumpf erzeugten Rohr ge⸗ flochten— ſengte bald ſie nieder, in gewaltiger Eile vorüberziehend und deckte den drunter liegen⸗ den Boden auf: denn die Flamme verzehrte ſich ſchnell und löſte ſich in Kohlen auf, waͤhrend die meiſte Aſche mit dem Winde hinwegflog und die wenige zurückgebliebene vom Zuge faſt gelöſcht war und zum Betreten abgekühlt. Sie fanden halbver⸗ brannte Fackeln, zündeten das übrige Rohr an, öffneten die Mündung und liefen hinab; Knemon voran. Nicht weit waren ſie vorgeſchritten, da ſchrie Knemon plötzlich auf:„O Zeus! Was iſt das? Wir ſind verloren, Charikleia iſt gemordet!“ Die Fackel entfiel ihm zur Erde und erloſch. Da bedeckte er ſeine Augen mit den Händen, ſank aufs — Knie und weinte. Theagenes aber ſtürzte, als obs mit Gewalt ihn hinſchleuderte, auf den Leichnam, hielt ihn lange feſt und umſchlang ihn ganz mit ſeinen Armen. Knemon, der ihn ganz dem Schmerze hingegeben ſah, und wie begraben im Unglück, zog, in der Furcht er möge ſich ein Leides thun, das Schwerd ihm aus der Scheide, das an der Hüfte hing, ließ ihn allein und ſprang hinan, die Fackel anzuzünden. Wahrend des ſchrie Theagenes ſchmerz⸗ 4 lich klagend auf:„O unerträgliches Elend, gottge⸗ ſandtes Unglück! Welch' unerſättliche Erinnys raſ't in unſerm Jammer einher, daß ſie Flucht aus dem Vaterland uns auflegt, Gefahren des Meeres, Gefahren der Seeräuber drein ſchleudert, oft uns Mördern in die Hände gibt und das Eigenthum uns raubt! Eins war übrig ſtatt aller übrigen: auch das iſt hinweg! Da liegt Charikleia, einer feindlichen Fauſt Beute ward die Geliebte: klar iſts, wie ſie rang um ihre Reinheit, mir wollte ſie ſich bewahren und da liegt ſie dennoch die Jammer⸗ volle! Vergeblich war ſie ſo ſchön— mir ſelbſt iſt ſie nichts mehr. O ſo ſprich noch ein letztes Wort zu mir, du ſüße, wie du ſonſt gethan: ſieh doch ob du nur ein wenig noch athmeſt.— O weh! Du ſchweigſt! Um den weiſſagenden, gottbegeiſter⸗ ten Mund webt Schweigen, Finſterniß um die Fackelträgerin! Chaos umgiebt die, die ſonſt im Heiligthum der Gottheit weilte. O ihr dunkeln Augen, die ihr alle ſonſt durch Schönheit nieder⸗ blitztet, euch ſah der Mörder nicht, ich weiß es ſicher. Und wie ſoll man dich benamen? Braut? Warſt du doch nicht mir verheißen! Gattin? Biſt du doch unvermählt! Wie ſoll ich dich nennen, wie noch dich anreden, als mit dem ſüßeſten aller Na⸗ men Charikleia? Sey getroſt meine Charikleia, dein Freund iſt treugeſinnt, bald haſt du mich wieder; mein Leben bring ich dir zum Todtenopfer und mein Blut, das dir lieb war, zum Weih⸗Erguß. Unſer ſelbſtgeſchaffnes Grab ſey dieſe Höle, und ſo wird uns im Tod vergönnt ganz bei einander zu ſeyn, wenn auch die Gottheit im Leben es ver⸗ 5 ſagte!“ Mit dieſen Worten wandte er den Arm, — — 4,— um das Schwerd zu ziehen und als er's nicht fand, brach er in die Worte aus:„O Knemon, wie machſt du mich elend! Selbſt gegen Charikleien biſt du ungerecht, daß du der ſüßeſten Gemein⸗ ſchaft ſie zum zweitenmal beraubſt.“ Noch war er mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, da ſcholl aus der Tiefe der Höle der Klang einer Stimme, die„Thea⸗ genes“ rief. Ohne Schrecken vernahm er das und und ſprach:„Ich komme, geliebte Seele, ich weiß, daß du noch um die Erde ſchwebſt, du vermagſt's nicht, ſolch ſchönen Leib— aus dem Gewalt dich hinwegtrieb— zu verlaſſen, oder es ſchrecken dich vielleicht nächtliche Gebilde, weil du nicht begraben biſt.“ Waͤhrend des trat Knemon mit den bren⸗ nenden Fackeln hinzu: da erſcholl von neuem der⸗ ſelbe Klang; es tönte:„Theagenes!“„Ihr Götter,“ ſchrie Knemon auf,„war das nicht Charikleiens Stimme? Sie iſt gerettet, glaub' ich, Theagenes! denn aus der Tiefe der Höle, wo ich ſie, wie ich weiß zurückließ, trifft der Klang mein Ohr!“„Hörſt du nicht auf,“ ſprach Theagenes,„mich ſo oft zu täuſchen?u„Dich täuſch' ich und bin wohl ſelbſt ge⸗ täuſcht,“ antwortete er,„ob wir wirklich Charikleien in dieſem Leichnam gefunden haben.“ Damit wandte er der Leiche das Antlitz empor, ſah hin und ſchrie auf: „Furchtbare Götter, was iſt das? Thisbe's Antlitz!“ es zog ihn rückwärts: Schauder faßte ihn, er ſtand wie gelähmt. 1 Theagenes lebte auf und wandte zur frohen Hoffnung den Sinn, erweckte den ohnmächtigen Knemon und beſchwor ihn, eilig zur Charikleia ihn hinzuführen. Nach einer Weile kam Knemon zu ſich — 48— ſelbſt und beſchaute den Leichnam noch einmal. Es war wirklich Thisbe. Das Schwerd, das neben hinge⸗ ſunken war, erkannte er am Griff— Thyamis hatte es in Heftigkeit und Eile beim Mord in der Wunde zurückgelaſſen. Einen Brief, der unter der Schulter aus dem Buſen hervorſah, nahm er auf und verſuchte die Schriftzüge durchzugehn. Allein Theagenes ge⸗ ſtattete es nicht in ihn dringend:„Laß erſt uns die Geliebte holen, ſo nicht auch jetzt ein Gott uns täuſcht. Das magſt du nachher wohl erfahren!“ Knemon gab nach: ſie nahmen Brief und Schwerd mit und eilten zu Charikleia. Die taſtete ſich mit Händen und Füßen dem Strahl entgegen, eilte auf Theagenes zu und hing an ſeinem Halſe.„Hab ich dich, Theage⸗ nes?u„Lebſt du mir, Charikleia?“ frugen ſie oft— ſtürzten zuletzt an den Boden und umklammerten ein⸗ ander, ſprachlos ſich umſchlingend. Wenig fehlte ſie hätten ganz verathmet. So gränzt aber über⸗ mäßige Freude oft an Schmerz und Luſt ohne Maß zieht nicht ſelten Trauer ſich nach. Des waren auch ſie gefährdet— die ſich gegen alle Hoffnung gerettet ſahen— bis Knemon den ſandig naſſen Boden aufritzte und mit den holen Händen die ſich ſammelnde Feuchtigkeit auffing, ihr Geſicht damit beſtrich und die Naſe berührte und ſie ſo wieder ins Leben brachte. 7 Wie ſie feſt ſich umſchlungen fanden und auf der Erde liegend, richteten ſie haſtig ſich auf und errötheten vor Knemon— Charikleia am meiſten, weil er ein Zeuge war des vorgefallenen— und baten ihn um Verzeihung. Der lächelte und um ſie heiterer zu ſtimmen, ſprach er: ndas iſt lobenswerth nach mei⸗ nem Richterſpruch und jedes andern, der zu der — — 49— Liebe Panier geſchworen, gern in ihrem Kampf erlag und ihre unverſchuldeten Niederlagen in Ehren kennt. Aber das kann ich nicht loben, Theagenes,— ich ſchämte mich wahrlich es mit anzuſchauen,— daß du das fremde Mädchen, das nichts dich anging, ſo un⸗ männlich beweinteſt und auf ſie dich niederwarfſt, während ich ſelbſt ein langes und breites dir berich⸗ tete, wie die Geliebte dir lebe.“„Hör' auf, ſprach Theagenes, mich gegen Charikleien zu necken, die ich in einer fremden Leiche beweinte, im Wahn, ſie ſelbſt liege vor mir. Als aber ein wohlthätiger Gott den Irrthum uns offenbarte, magſt du nur ſelbſt deiner übergroßen Mannheit gedenken, womit du erſt mein Unglück beweinteſt, dann bei der unver⸗ mutheten Erkennung der Leiche hinweg rannteſt, wie vor Göttererſcheinungen auf der Bühne, und bepan⸗ zert und beſchwerdet ein Weib, noch dazu ein todtes, flohſt, ein tapferer attiſcher Fußkämpe.“ Da lachten 8 ſie gezwungen, nur wenig— ſelbſt nicht ohne Thrä⸗ nen, ſondern, wie in einem ſolchen Zuſtand natürlich, unter Zähren.— Nach einem Weilchen ſprach Cha⸗ rikleia— verlegen unterm Ohr die Wange ſich rei⸗ bend:—„Ich preiſe ſie glücklich, die Theagenes beweinte und küßte, wie Knemon ſagt, wer ſie auch ſey. Aber ſagt, wenn ihr nicht gleich argwöhnen wollt, mich ängſtige die Liebe, wer war denn die Glückliche, die der Thranen des Theagenes gewürdigt ward, und warum wardſt du verführt, die Fremde ſtatt meiner zu küſſen? Das möcht' ich wiſſen, wenns dir ſelbſt bewußt iſt.“„Du wirſt dich wundern 74 antwortete er.„ Thisbe, ſagte Knemon, ſey es, jene Athenerin, die Lautenſpielerin, die Ränkeſchmie⸗ Theagenes u. Charikſeig. 4 — 50— derin gegen ihn und Demänete. Als Charikleia er⸗ ſtaunend frug:„wie war es möglich, Knemon, daß dieſe mitten aus Hellas nach den äußerſten Küſten Aegyptenlands entrückt ward wie durch Zauber? Und wie konnte ſie uns verborgen bleiben als wir hinab⸗ ſtiegen?“ antwortete ihr Knemon: ndas weiß ich nicht zu ſagen. Was ich von ihr noch erkundet, iſt folgendes: Als Demänete nach jenem Betrug ſich ſelbſt in den Brunnen geſtürzt und mein Vater den Vorfall ans Volk berichtet, ward ihr anfangs verziehen. Er ſelbſt war bedacht, meine Rückkehr vom Volk zu erlangen, und auszuſchiffen, mich zu ſuchen. Thisbe aber be⸗ nutzte ſeine Unruhe zu ihrer Gemächlichkeit und bot bei Gelagen ſich und ihre Kunſt aus, ſonder Scheu. Da geſchah's einmal, daß ſie Arſinoen überbot in Be⸗ gleitung zu deren Flötenſpiel, wie ſie denn geläufig die Laute ſchlug und anmuthig in die Cithertöne ſang. Heimlich empörte ſich buhlende Eiferſucht gegen ſie mit unendlichem Neid: mehr noch, als ein reicher Kaufmann aus Naukratis, Nauſikles mit Namen, ſie umfing, der Arſinve, die er früher ſchon gekannt, ſich entwindend, denn er ſah, wie beim Flötenſpiel ſie die Wangen aufpuſtete und im gewaltigen Blaſen die Naſenlöcher unlieblich ſich dehnten, das Auge verquoll und aus ſeinem ſonſtigen Platz gedrängt ward. 9 Da ſchwoll ihr Zorn und aufglühend in Eiferſucht ging ſie zu Demänetens Verwandten, Thisbe's Ränke gegen dieſe aufzudecken. Manches hatte ſie ſelbſt wohl geargwöhnt, einiges vertraute ihr Thisbe in ihrer Freundſchaft. Da ſtanden ſie auf gegen meinen Vater, die zum Geſchlecht der Demänete gehörten, drängten mit vielen Schätzen die gewandteſten Redner zur An⸗ — 3— klage, ſchrie'n: ungerichtet und ungehört ſey Demaͤ⸗ nete aus dem Weg geräumt und erwieſen, daß der Ehebruch nur als Deckmantel des Mords zuſammen⸗ geſchmiedet worden, foderten den Buhlen lebend oder todt zu ſehen oder auch nur ſeinen Namen ge⸗ nannt, und verlangten endlich Thisben zur Folter. Als er ſie aber nicht ausliefern können, weil ſie das voraus geſehen, wie das Gericht noch beiſammen war, und— ſo wars mit dem Kaufmann verabredet— die Flucht ergriffen hatte: da gerieth das Volk in Unwil⸗ len, erkannte ihn zwar nicht als Mörder— denn er ſetzte alles, wie es ſich verhielt, aus einander— ſtieß ihn aber wie einen Theilhaber an den Ränken gegen Demänete aus der Stadt und beſtrafte ihn mit Ver⸗ luſt ſeiner Güter: das nahm er hin als Lohn für den Verſuch einer zweiten Heurat. So ſchiffte die ſchäͤnd⸗ liche Thisbe— die nun unter meinen Augen gebüßt hat— von Athen hinweg. Dies hab' ich allein er⸗ fahren, ein gewiſſer Antikles in Aegina that mir's kund, mit dem ich auch nachmals gen Aegypten ſchiffte, ob ich etwa in Naukratis Thisben fände, um ſie mit⸗ zunehmen und den Verdacht und die Anklage meines Vaters zu vernichten und Rache zu fodern für die Ränke gegen uns alle. So treffe ich denn nun hier mit Euch zuſammen. Warum und wie, und was ich in der Zwiſchenzeit ausgeſtanden, ſollt ihr in Zukunft hören. Auf was Art indeß Thisbe in dieſe Grotte gekommen und von wem ſie getödet, das bedürfte wohl eines Gottes Erklärung. Doch, iſts euch ge⸗ 10 nehm, ſo beſehen wir den Brief, den wir in ihrem Buſen fanden; ſicher lehrt uns der ein mehres.“ Sie ſtimmten ein: da entfaltete er's und begann: der Inhalt war folgender: Knemon, ihrem Gebieter, wünſcht Thisbe Heil, erſt ſeine Feindin dann ſeine Rächerin. Vor allen bin ich dir frohe Botin des Endes der Demänete. Durch mich ward's ihr zu Theil um dei⸗ netwillen. Auf was Weiſe, will ich ſelbſt erzahlen, ſo du mich aufnimmſt. Dann ſag' ich dir, daß ich auf dieſer Inſel ſchon zehn Tage weile, von einem der Räuber gefangen. Schildträger des Hauptmanns rühmt er ſich zu ſeyn, und hält mich eingeſchloſſen; nicht einmal aus der Thuͤre ſehen läßt er mich: wie er ſelbſt ſagt, aus Liebe mir dieſe Pein bereitend, doch, wie ich vermuthen kann, nur aus Furcht, es möge mich ihm jemand entreiſſen. Aber— das gab ein Gott— ich ſah dich voruber gehen, mein Gebieter, und erkannte dich und ſende dir dieſen Brief insge⸗ heim durch die Alte, meine Hausgenoſſin, ihr be⸗ deutend, wie ſie ihn dem ſchönen griechiſchen Freund des Hauptmanns einhändigen möge. D entreiß mich dieſen Räuberhänden, nimm mich auf als deine Magd! Rette mich, wenn du magſt, und höre, wie ich gezwungen that, worin ich unrecht zu handeln ſchien: wie ich freiwillig that, wodurch ich deine Fein⸗ din büßen lies. Steht dein Zorn unwiderruflich ffeſt, ſchalte uͤber mich, wies dir gut dünkt! Sei's auch der Tod, wenn's nur von dir kömmt. Beſſer iſts von deiner Hand zu fallen in helleniſcher Beſtat⸗ tung, als ein Leben bittrer als der Tod, und, die Buhlſchaft eines Barbaren zu ertragen, graͤßlicher denn attiſchen Haß!"⸗ ₰ Das waren Thisbe's und des Briefes Worte. Knemon aber ſprach:„O Thisbe, du haſt wohl ge⸗ than zu ſterben! So biſt du ſelbſt uns ein Herold deines Unglucks, giebſt uns die Erzählung aus dei⸗ nen Wunden. So hat dich aber ſicher die rächende Erinnys auf der ganzen Erde umhergetrieben und ra⸗ ſtete nicht eher mit gerechter Geißel, bis ich, der Gekränkte, der fern in Aegypten war, als Zuſchauer deiner Buße hinzutreten konnte. Aber was war's, das du wieder im Briefe geſchmiedet gegen mich und ausgeklügelt, deſſen Ausführung die Gottheit dich entrückte? Die Todte ſelbſt hab' ich noch in Verdacht und ich fürchte ſehr, auch Demänetens Ende möge erdichtet ſeyn und die Boten mich betrogen haben: du ſelbſt kommſt über's Meer, um ein neues attiſches Trauerſpiel in Aegypten an mir zu üben!“—„Hörſt du nicht auf,“ ſprach Theagenes, nallzu mannhaft zu ſeyn und Bilder und Schatten zu ſcheuen? Sagſt du nicht etwa auch, daß ſie mich und meine Augen mir bezaubert, und der doch keine Rolle im Spiel hatte. Aber jetzt liegt ſie als wahrhaftiger Leichnam da; darum ſey alſo immer ganz getroſt, mein Kne⸗ mon! Wer aber dein Gönner ſeyn mag, der ſie gemordet, und wie ſie hierher zu liegen kam und wann, das iſt mir ein unauflösliches Räthſel!“ Sonſt weiß ich nichts zu ſagen,“ ſprach Knemon, der ſie getödtet, iſt aber ſicher Thyamis, wenn das Schwerd zeugen darf, welches wir bei der Wunde fanden. Ich erkenne es als ſeines: hier iſt das Kennzeichen am Ge⸗ fäß, ein in Elfenbein erhobener Adler!“„So weißt du auch,“ fuhr Theagenes fort,„nun zu ſagen, wie und wann und aus welchem Grund er den Mord be⸗ — 54— ging?“„Wie ſollt ich das wiſſen?“ entgegnete der, nhat mich doch dieſe Höle nicht zum Seher geſtempelt, wie etwa in der Halle zu Pytho oder bei Trophonios die Eintretenden gottbegeiſtert reden ſollen!“ Da ſeufzten Theagenes und Charikleia plötzlich auf im Ruf:„O Pytho und Delphö!“ und weinten. Knemon aber erſchrack und konnte nicht begreifen, was ihnen beim Namen Pytho widerfahren. 12 Das hatte ſich mit dieſen zugetragen. Thermu⸗ this aber, des Thyamis Schildknapp, traf, als er verwundet aus der Schlacht ans Land ſchwamm, beim Einbruch der Nacht auf ein Fahrzeug vom Schiffge⸗ fecht, das im See umherſchwamm, ſetzte ſich hinein und eilte nach der Inſel zur Thisbe. Dieſe hatte er vor wenig Tagen, als der Kaufmann Nauſikles ſie brachte, aus einem Hinterhalt geraubt; bei dem Kriegslärm aber und der Feinde Einbruch, als Thya⸗ mis ihn ausſandte, das Opfer zu holen, brachte er ſie aus dem Getuüͤmmel, führte ſie— um ſie ſich zu retten— heimlich in die Höle und lies ſie in Verwir⸗ rung und Eile am Eingang zurück. Dort traf ſie Thyamis— ſie war vorn geblieben, wo ſie hineinge⸗ ſtoſſen war, theils aus Furcht vor der gegenwärtigen Gefahr, theils aus Unkunde der Gänge, die in die Tiefe führten— und todete an Charikleiens Statt Thisben. Zu dieſer nun eilte, als er der Kriegs⸗ gefahr entgangen, Thermuthis, und rannte, wie er an der Inſel gelandet, ſo ſchnell er konnte nach den Huütten. Da war aber nichts, denn Aſche. Mit Mühe fand er die Oeffnung am Steine, zündete das Rohr an, was die Glut noch verſchont hatte, rannte hinab und rief ſie mit Namen:„Thisbe!“ Das war allein ſein Griechiſch. Wie er ſie am Boden ſah, ſtand er lange ſtarr— endlich vernahm er Geräuſch und ein dumpfes Tönen, das aus den Windungen der Höle kam, denn Theagenes und Knemon redeten noch zu einander— da meinte er, das müßten This⸗ be's Mörder ſeyn und wußte nicht, was er beginnen ſollte: ſeine Räuberſeele und Barbarenwuth ſpornte ihn vorwärts— mehr noch ſeine hoffnungsloſe Liebe— daß er gleich mit den gewähnten Thätern zuſammen zu treffen eilte; Mangel an Waffen aber und einem Schwerd zwangen ihn wider Willen zur Mäßigung. Alſo ſchien's ihm gerathener zu ſeyn, anfangs nicht feindlich aufzutreten, und erſt, wann ſich Rache füge, die Feinde anzugreifen. So hatte er's beſchloſſen, als er vor Theagenes hintrat, wild und furchtbar um ſich ſchauend und im Blick den ver⸗ borgenen Willen ſeiner Seele offenbarend. Als ſie den Mann gewahrten, halbnackt heranſtürzend, blu⸗ tend, im Blicke Mord: da barg ſich Charikleia in die tieferen Windungen der Höle, vielleicht aus Furcht, mehr noch aus Scheu vor dem nackten, häßlichen An⸗ blick des Heranſchreitenden; Knemon aber zog ſich auch allgemach zurück, erkannte zwar den Thermuthis, doch überraſchte es ihn, im Wahn, er wolle etwas Gräßliches gegen ihn beginnen. Den Theagenes hin⸗ gegen ſchreckte der Auftritt nicht ſowohl als er ihn ſtaunen machte: er ſtreckte das Schwerd ihm entgegen, wie zum Hieb, wenn er Tollkühnes begänne.„Halt!« fprach er,„oder ich haue zu! daß ich noch nicht zu⸗ ſchlug, geſchah, weil du mir bekannt ſcheinſt und dein Beginnen noch im Zweifel ſteht!“ Da warf ſich Thermuthis flehend zur Erde,— mehr durch der Umſtände Drang zum Bitten veranlaßt, als durch Sinnesweiſe— und rief den Knemon zum Beiſtand heran. Es ſey Pflicht ihn zu retten, redete er zu ihm, da er nichts verbrochen, ſein Freund bis zum heutigen Tage geweſen und zu Freunden zu kommen 14 vermeint habe. Das erweichte den Knemon: er ging hinzu, richtete ihn auf, wie er Theagenes Knie umfaßt hielt, und fragte unaufhörlich, wo Thyamis ſey. Da erzählte er alles, wie er hineingebrochen in die Feinde, und in deren Mitte ſich ſtürzend, gekämpſt und weder ihrer noch ſein ſelbſt geſchont, wie er je⸗ den, der ſeiner Fauſt genaht, niedergeſtochen, ſelbſt aber geſchützt ſey durch den Ausruf, welcher männig⸗ lich gebot, des Thyamis zu ſchonen, und endlich, wie er nicht zu ſagen wiſſe; was aus dieſem geworden, da er ſelbſt verwundet ans Land geſchwommen. Jetzt aber ſey er gekommen, Thisben in der Höle zu ſuchen. Da fragten jene, warum und wie ihm Thisbe ſo ans Herz gewachſen, daß er ſie ſuche. Auch das verkün⸗ dete ihnen Thermuthis und erzählte, wie er ſie den Kaufleuten entriſſen, wie er ſie bis zum Raſen liebe und die Zeit her verborgen gehalten; beim Einbruch der Feinde aber in die Höle hinabgebracht und nun von Jemand ermordet finde, den er nicht kenne aber gern erführe, um die Urſache zu erkunden. Da fuhr Knemon eilig heraus:„Thyamis iſt der Mörder!“ — es dräͤngte ihn, ſich vom Verdacht zu reinigen— und hielt zum Zeugniß das Schwerd empor, was ſie beim Morde gefunden. Als Thermuthis das erſah— noch troff es vom Blute— wie das Eiſen noch warm den friſchen Mord hinweggeiferte, als er's erkannte für — 57— Thyamis Schwerd: da ſeufzte er auf, ſchwer und tiefbeklommen ob der unbegreiflichen That: trübes Schweigen umfing ihn: er wankte zur Oeffnung der Höle, und als er dort zum Leichnam der Getödteten gekommen, legte er ſein Haupt an ihren Buſen und rief: no Thisbe!“ das allein wiederholte er oft, bis er halb nur den Namen lallte, zuletzt ganz verhauchte und ſeiner unbewußt entſchlief. Wahrend des umfing 15 Theagenes und Charikleien und Knemon das Nach⸗ denken über ihren ganzen Zuſtand; man ſah ihnen an, daß ſie auf etwas ſannen; aber die Schaar der vergangenen Schmerzen, das Gewirr der Gegenwart und die Unbeſtimmtheit der Zukunft, trübte das Nachdenken der Seele. Meiſt ſahen ſie einander an, jeder erwartete, daß der andere etwas ſagen ſolle, wandte dann hoffnungslos den Blick zur Erde, ſah tiefathmend wieder auf und erleichterte ſich durch Seuf⸗ zer das Weh. Endlich neigte ſich Knemon zur Erde, Theagenes ſank auf einen Stein, uͤber ihn warf ſich Charikleia: ſo hielten ſie lange den nahenden Schlum⸗ mer ab, im Streben einen Entſchluß für die Gegen⸗ wart zu beſtimmen; endlich fügten ſie ſich der Er⸗ ſchlaffung und Mattigkeit, unwillkührlich dem Geſetz der Natur gehorchend und ſanken in einen ſüßen Schlaf im Uebermaas der Trauer. So wird auch wohl der Seele Trachten dem Leiden des Leibes bei⸗ zuſtimmen gezwungen. Kaum hatten ſie des Schlum⸗ 16 mers ein wenig gekoſtet, nur etwa den äußerſten Rand der Augenlieder zu beſänftigen, als Charikleien in dieſer Lage ein Traum erſchien. Ein Mann, wildes Haars und trübes Blicks, deſſen Fauſt blutete, hieb mit dem Schwerd ihr das rechte Auge aus. Plötzlich 8 65 — 358— ſchrie ſie auf und rief zum Theagenes: ihr Auge ſey ihr entriſſen. Alsbald war dieſer wach auf ihren Ruf: ihn ſchmerzte ihr Leiden als ob er Theil habe an ihrem Traum. Da fühlte ſie mit der Hand im Antlitz, nach dem, was ſie im Traum verloren und ſuchte überall: und wie's ihr als Traum erſchien, ſprach ſie:„Ein Traum war's; ich hab das Auge, ſey ruhig, Theagenes!“ Da athmete er wieder auf bei ihren Worten und ſprach:„du haſt wohl gethan, deine Sonnenſtrahlen zu erhalten. Aber was war dir denn? Welches Schrecken umfing dich?“„Ein Mann, ſprach ſie,„verwegen und tollkühn— ſelbſt deine unbeſiegte Kraft fürchtete er nicht— ſtürzte auf mich mit dem Schwerd, wie ich auf deinen Knien lag: und es war als habe er mir das rechte Auge ausge⸗ ſchlagen. O wär's doch im Wachen nicht im Traum geweſen, o Theagenes!“„Verſündige dich nicht!“ antwortete der, und fragte, warum ſie alſo rede. „Weil es beſſer wäre, daß ich eines meiner Augen einbüßte, als nun um dich ſorgen zu müſſen! Ich fürchte ſehr, der Traum meint dich, der mir Auge, Seele und Alles iſt.“„Sey ruhig,“ ſprach Kne⸗ mon— er hatte alles gehört, von Charikleiens Schrei erwacht—„mir ſcheint der Traum einer andern Deutung zu bedürfen. Sag, haſt du noch Aeltern?“ Und als ſie das bejaht mit dem Seufzer:„O daß ſie es noch wären!“ Fuhr er fort:„Nun ſo glaube nur, dein Vater iſt geſtorben. Das ſchließe ich folgen⸗ dermaßen. Daß wir in dieſes Leben treten und die⸗ ſes Lichts theilhaftig werden, verdanken wir den Er⸗ zeugern, ſo daß unterm Augenpaar, als dem Sinn des Lichts, der das Sehbare uns darſtellt, die Traͤume — 69— Vater und Mutter andeuten.“„Auch das iſt ſchmerz⸗ lich, meinte Charikleia; doch ſey es lieber wahr, als jenes. Mag dein Spruch vom Dreyfuß ſich beſtäti⸗ gen und ich als falſche Seherin erſcheinen.“„So— wird es ergehen, du darfſt mir glauben,“ fuhr Kne⸗ mon fort.„Aber wir ſelbſt ſind wahrhaftig im Traume, daß wir Geſichte und Einbildungen erwä⸗ gen, während wir unſeren eigenen Zuſtand ganz und gar überſehen, ſo lang uns Umſicht noch vergönnt wäre, da der Aegyptier— er meinte den Thermuthis— entfernt iſt, und ſich an ſeiner geſtorbenen Liebe er⸗ baut und ausweint.“ Da nahm Theagenes das Wort: 17 „Knemon, ein Gott hat dich uns zugeführt und zum Geſellen unſeres Unglücks gemacht: wohlan ſo beginne du einen Rath! Du biſt der Gegend und Sprache hier kundig, wir dagegen für nöthiges Nachdenken noch abgeſtumpfter, weil wir noch tiefer in des Un⸗ glücks Wogen verſanken.“ Ein Weilchen hielt Kne⸗ mon ein, dann ſprach er:„Wer vom Unglück mehr heimgeſucht ward, iſt ungewiß, o Theagenes; denn auch mich hat des Schickſals Dämon übergenug be⸗ ſtürmt. Weil ihr aber den hier Erfahrenern in mir auffodert, ſo hört denn! Dieſe Inſel iſt, wie ihr ſeht, verlaſſen und niemand darauf als wir. An Gold, Silber und Kleidung iſt Ueberfluß— denn alles was hier zu Haufen in der Höle liegt, das haben Thyamis und ſeine Geſellen vom Raub an euch und anderen aufbewahrt— von Speiſen aber und anderen Be⸗ dürfniſſen haben ſie uns nicht einmal den Namen ge⸗ laſſen. Bleiben wir darum, ſo erwartet uns Tod aus Hunger, oder Tod im Gefecht, wenn etwa die Feinde wieder nahten, oder— beim Zeus!— ſelbſt — 60— auch die unſrigen. Denn wenn ſie ſich etwa geſam⸗ melt und— den Schatz hier haben ſie ſicher nicht vergeſſen— herankämen um ihres Beſitzes willen, wir würden dabei dem Verderben nicht entgehen, oder wenn es menſchlicher käme, ihren Abſcheulichkei⸗ ten doch hingegeben ſeyn. Denn ſchon ſo iſt die Sippſchaft dieſer Raubhirten gewiſſenlos, wie viel mehr jetzt, da ſie des Führers beraubt ſind, der ihren Sinn zum milderen ſtimmte. Verlaſſen, fliehen müſſen wir dieſe Inſel wie ein Todesnetz oder Ge⸗ fängniß. Erſt wollen wir den Thermuthis entfernen, unterm Vorwand, daß er forſchen und ſich Mühe geben ſoll, etwas von Thyamis zu erfahren; denn leichter können wir für uns ſelbſt ſorgen und thun was Noth iſt: und überdieß iſt es gut, den Menſchen wegzu⸗ ſchaffen, deſſen Seele, von Natur unverläſſig, raub⸗ ſüchtig und ſtreitliebend, einen Verdacht wegen Thisbe's gegen uns nährt und mit Nachſtellen nicht 18 eher enden wird, bis er ſeine Zeit ſich erſteht.“ Das erhielt Beifall und ſollte ausgeführt werden. Auf⸗ gebrochen gegen die Mündung der Höle— ſchon drang etwas Tageslicht herein— weckten ſie den Thermuthis, der feſt vom Schlaf befangen war, theil⸗ ten ihm, ſoviel rathſam war, von ihrem Vorſatz mit, und überzeugten den leichtgläubigen Menſchen leicht: dann legten ſie Thisbe's Leichnam in eine Hölung, trugen die Aſche von den Hütten ſo viel da war her⸗ bei, erfüllten den Brauch nach Pflicht, wie es die Zeit vergönnte und gaben ſtatt allem, was die Sitte heiſchte, Thränen und Klagen ihr zum Opfer. Dann ſandten ſie den Thermuthis ab, wie ihr Beſchluß es foderte. Der aber kehrte, als er wenig fürbaß ge⸗ — 6— gangen, alsbald wieder und ſagte: allein gehe er nun und nimmermehr, um ſich in die große Gefahr des Nachforſchens zu begeben, wenn Knemon nicht Theil nehmen wolle an der Unternehmung. Als Theagenes den Knemon furchtſam zaudern ſah— denn man merkte, wie er höchſt verlegen ward als er des Aegypters Worte ihnen verkündete— redete er ihm alſo zu:„Wie warſt du ſtark in Ueberlegung, aber dein Muth iſt ſchwach. Das hab ich an man⸗ chem ſchon bemerkt, jetzt aber vor allen. Ei ſo waffne den Muth dir und richte den Sinn dir auf zu männlichem Weſen. Scheint es doch jetzt noth⸗ wendig, ſich alſo zu fuͤgen, auf daß nicht ein Ver⸗ dacht unſeres Entweichens ihn befällt: ſo gehe für's erſte mit ihm, Gefahr iſt ja nirgend, wenn ein mit Schwerd und Panzer Bewaffneter mit einem Unbe⸗ waffneten geht: magſt ihn dann, deine Zeit erſehend, heimlich verlaſſen und zu uns ſtoßen, wohin wir's verabreden werden. So laß uns denn einen Ort hier in der Nähe beſtimmen, wenn du einen kennſt, wo Bürgergeſetz gilt.“ Das ſchien dem Knemon wohlgeſprochen und er nannte Chemmis als einen ſol⸗ chen Ort, der reich und bevölkert, und am Ufer des Nils zum Schutz gegen die Raubhirten auf einem Hügel gebaut ſey; entfernt ſey er, wann ſie über den See gekommen, nicht viel weniger denn hundert Stadien. Geradaus gen Mittag gewandt müſſe man gehen.„Freilich iſt das ſchwierig,“ erwiderte 19 Theagenes,„wegen Charikleien hier, die nicht weit zu gehen gewohnt iſt, dennoch wollen wir aufbrechen und uns in Bettler umwandeln, die Nahrung heiſchen.“ „Beim Zeus!“— ſagte Knemon—„dazu habt ihr — 62— ganz die verzerrten Geſichter, Charikleia am meiſten, der ſo eben erſt das Auge ausgeſchlagen ward. Ihr in eurem Aufzug ſcheint mir„eherne Becken und Schwerder“ aber nicht„Gaſtmahlbrocken“ zu fodern.“ Dabei lief ein gezwungenes Lächeln über ihre Lippen hin. Und als ſie mit Eiden beſchworen, was feſtge⸗ ſetzt war, daß keiner willkührlich ſich trennen ſolle, und die Götter zu Zeugen angerufen hatten, thaten ſie nach ihrer Verabredung. Knemon nämlich und Thermuthis ſetzten mit Sonnenaufgang über den See und wandten ſich in einen tiefen Wald, wo das Dik⸗ kicht nicht leicht Bahn öffnete. Thermuthis führte— ſo hatte es Knemon gerathen und verordnet: zum Vorwand diente ihm die Erfahrenheit jenes in den Irrwegen, ihm die Führung des Wegs zu uüberlaſſen; mehr aber galts ihm, um auf ſeine Sicherheit und Gelegenheit zum Entrinnen zu denken. Da ſtießen ſie im Vordringen auf eine Heerde: die Hirten waren hinweggeflohen und hatten ſich im dichteren Walde verſteckt. Sie ſchlachteten einen der Widder, die die Heerde führen, und fielen über das Fleiſch her, das ſie am Feuer dörrten, welches die Hirten zuvor ſich bereitet. Doch warteten ſie nicht einmal, bis es hinlänglich gahr: ſie wurden gedrängt von der Foderung ihres Magens. Wie Wölfe oder Raub⸗ füchſe riſſen ſie jedesmal hinweg, was geſchnitten und nur wenig am Feuer geroͤſtet war. Vom Halb⸗ gebratnen träufte ihnen während des Genuſſes noch Blut aus dem Munde. Und als ſie ſich nun auch in Milch geſättigt, hielten ſie ſich an die weitere Reiſe. Schon war's um die Zeit des Feierabends: als ſie einen Hugel erſtiegen, hinter welchem Thermuthis — 632— den Ort wußte, wo, nach ſeiner Vermuthung, man den gefangenen Thyamis entweder noch feſthalte oder getödet habe: da klagte Knemon, er habe ſich durch das gierige Schlingen den Magen verdorben, auch mache ihm die Milch ſehr zu ſchaffen. Er mahnte den anderen vorauf zu gehn, er werde ihn ſchon wieder einholen. Das hatte er einmal und wieder und zum drittenmal gethan, als es glaublich erſchien. Dazu klagte er, wie ſchwer es ihm werde, ihn einzuholen. Wie er den Aegyptier endlich daran gewöhnt, blieb 20 er zuletzt heimlich aus und rannte ins dichtere Ge⸗ büſch, ſo ſchnell er konnte über Hals und Kopf fort⸗ ſtürzend. Der andere ruhte als er auf die Höhe des Berges gelangt, derweil auf einem Stein aus, den Abend und die Nacht zu erwarten, wo ſie, der Ver⸗ abredung gemäß, im Orte ſich um Thyamis bemuͤhen wollten. Dabei forſchte er, ob nicht Knemon endlich komme, um ein Bubenſtück an ihm auszuführen. denn noch war der Verdacht nicht aus ſeiner Seele gewichen, als ob er Thisben gemordet: er dachte nach, wie ihm beizukommen ſey und auch gegen Theagenes und ſeine Begleiterin trieb ihn dann thieriſche Wuth. Als Knemon nimmermehr erſchien und die Nacht unvermuthet hereinbrach: da entſchlief Thermu⸗ this und verhauchte im letzten ehernen Schlummer; eine Viper ſtach ihn, vielleicht nach dem Willen der Moiren, daß er ein Ende finden möchte, das ſeinem Sinn angemeſſen ſey. Knemon hingegen verſchnob, wie er den Thermuthis verlaſſen, nicht eher in ſeiner Flucht, bis das hereinbrechende Dunkel der Nacht ſeine Eile hemmte. Da verkroch er ſich an demſel⸗ ben Ort, wo es ihn traf und thürmte Zweige, ſo 6— viel er nur vermochte auf ſich. Da lag er drunten, ängſtete ſich erſt ſchlaflos ab, in jedem Ton, jedem Windzug oder Blattgerauſch ahnte er den Thermuthis; übermannte ihn dann endlich der Schlaf ein wenig, ſo war's ihm ſtets, als fliehe er, als blicke er häufig zurück nach dem, der ihn doch gar nicht verfolgte: er ſehnte ſich zu ſchlafen und verwuͤnſchte dennoch, wonach er ſich ſehnte: ſeine Träume ängſtigten ihn mehr, als die Wirklichkeit. Auch war's ihm, als ob er auf die Nacht zürne, ſie ſchien ihm länger als alle andern. Als er endlich fröhlich den Tag begrüßte, verſchnitt er ſich erſt ſein Haar, wo es zu lang, wie es bei den Hirten wegen des räubermäßigen Anſehens als Schmuck galt, daß er nicht als ein Flüchtling oder Verdächtiger den Begegnenden erſchiene. Denn die Raubhirten ziehen unter andern, um ſich furchtbar zu machen, auch das Haar über die Augen herein und wirren es ineinander, wann es bis auf die Schultern fällt. Sie wiſſen wohl, daß langes Haar die Schön⸗ heit nur freundlicher, Räubergeſichter aber ſo furcht⸗ 21 barer macht. Als nun Knemon ſich ſo viel des Haars entledigt, als ein ehrbarer Jüngling weniger haben muß denn ein Räuber, eilte er gen Chemmis, wohin er und Theagenes ſich beſchieden. Als er dem Nil ſchon nahe gekommen und nach Chemmis überſetzen wollte: da gewahrte er einen Greis, der am Ufer umherirrte, weit dem Strom entlang auf und ab⸗ eilend: als ob er ein Geſchäft mit dem Fluß habe. Sein Haar floß nach Prieſterart herab und war blen⸗ dend weiß: ſein Bart wallte in ehrwürdigen Locken. Gewand und ſonſtige Kleidung ſah mehr griechiſch aus. Knemon hielt ein wenig an, wie der Alte ſo — 65— oft vorüberlief und es nicht einmal zu merken ſchien, daß jemand nahe— ſo ganz war er ſeinen Sorgen und ſein Sinn nur der einen Betrachtung hingege⸗ ben— trat ihm endlich unter die Augen und grüßte ihn erſt. Als der aber erwiderte, daß freundlicher Gruß ihm wohl Noth thue, da das Geſchick eben nicht freundlich ihm erſcheine, wunderte ſich Knemon und ſprach:„Biſt du ein Grieche oder ein Fremd⸗ ling, und woher dann?“„Weder ein Grieche noch Fremdling, ſondern von hier ein Agypter.“„Wo⸗ her aber dein griechiſch Gewand?“„Mein Unglück,“ ſprach er,„hat mir dieſen glänzenden Anzug auf⸗ erlegt.“ Als aber Knemon verwundert fragte, wie man im Unglück ſich ſchmücken möge, und darüber Belehrung heiſchte, erwiderte der Alte:„Ach du bringſt mich von Ilios auf einen ganzen Schwarm von Unglück, deſſen unendliches Surren über dich einſtürmte! Aber wo ziehſt du hinaus, Jüngling, und woher? Wie kommſt du, ein Grieche nach der Sprache, nach Aegyptenland?“„Das iſt luſtig,“ fiel Knemon ein,„von deinen Begegniſſen erzählſt du nichts, obwohl zuerſt befragt, und forſcheſt dennoch nach den meinigen?“„So ſey's dir ge⸗ währt, da du ein griechiſcher Mann ſcheinſt und auch dich ein Unglück, wie es das Anſehen hat, um⸗ wandelte, und du ſo gern mein Schickſal vernäh⸗ meſt. Verlange ich doch ſo ſchon ſchmerzlich, mich vor jemand auszureden, und hätte wohl dem Schilfe hier, nach dem Sprichwort, mein Leid geklagt, hätte ich dich nicht getroffen. Laß uns aber dies Ufer des Nils und den Nil ſelbſt verlaſſen, denn ein Ort, den die Mittaghitze anglüht, iſt kein an⸗ Theagenes u. Charikleia. 5 genehmer Hörſal für eine lange Erzählung. Gehen wir nach dem Orte, den du uns gegenüber liegen ſiehſt, wenn dich nicht etwas nöthigeres abhält. Ich bewirthe dich aber nicht an eigenem Heerd, ſondern bei einem wackeren Mann, der mich als Hulfefle⸗ henden aufgenommen. Dort magſt du denn, ſo du willſt, mein Schickſal vernehmen und wechſelſeitig mir auch deines offenbaren.“„Gehen wir denn,“ ſprach Knemon,„mein Weg führt mich ſo zu je⸗ nem Ort, wohin ich, um einige meiner Bekannten 22 zu erwarten, beſchieden ward.“ Damit traten ſie in einen Nachen— es ſchwammen deren eine Menge am Ufer, welche um Lohn zum Geſchäft des Ueberfahrens bereit lagen— und ſetzten nach dem Flecken über. Bald gelangten ſie zu der Her⸗ berge, in welcher der Alte abgetreten war und fanden den Herrn des Hauſes nicht daheim. Doch wurden ſie gar freundlich empfangen von der er⸗ wachſenen Tochter des Wirths und den Dienerin⸗ nen, ſo viel ihrer im Hauſe waren, welche den Fremden wie einen Vater ehrten. So mochte ih⸗ nen vom Herrn geboten ſeyn. Denn die eine wuſch die Füße und klopfte den Staub von ſeinen Schen⸗ keln, eine andere ſorgte für die Lagerſtatt und be⸗ reitete weiche Polſter: eine dritte brachte ein Bek⸗ ken und zündete Myrrhen an: noch eine andere trug einen Tiſch herbei mit Weizenbrot und aller⸗ lei Fruchten belaſtet. Da ſtaunte Knemon:„Sicher ſind wir in des wirthlichen Zeus Behauſung ſelbſt gekommen, Vater, ſo ſorgfältig iſt die Bewirthung und zeigt das Wohlwollen der Geſinnung deutlich.“ „Nicht in des Zeus Behauſung ſelbſt,“ ſprach er, ſondern zu einem, welcher den Zeus der Fremden und Hülfeflehenden wohl kennt. Denn auch dieſer Mann, mein Sohn, führt ein umherſchweifendes Kaufmannsleben und viel ſind der Städte, der Sitten und Gebräuche der Menſchen, die ihm be⸗ kannt werden. Darum hat er, wie begreiflich iſt, andere und auch mich vor wenigen Tagen, da ich in der Irre umherſchweifte, aufgenommen unter ſein gaſtliches Dach.“ „Und welche Irrfahrt iſt's, von der du ſprichſt?⸗ „Meiner Kinder ward ich von Räubern be⸗ raubt— ſahe die Böswichter und konnte es nicht hindern, irre umher an der Stelle und hauche mein Leid in Klagen aus. So mag's einem Vogel ſeyn, wenn eine Schlange ſein Neſt erklimmt und die Brut hinwürgt vor ſeinen Augen: heran zu kom⸗ men wagt er nicht und fliehen kann er nicht. Liebe und Leid kämpft in ihm; zwitſchernd umflattert er die Stürmung ſeines Neſtes und unbarmherzigen Ohren, denen die Natur das Mitleid verſagte, ertönt in vergeblichem Flehen ſein mütterlich Klag⸗ lied.“ „O wollteſt du nicht erzählen, wie und wann du dieſen ſchweren Kampf beſtandſt?⸗ ſprach Knemon. „Nachher,“ antwortete jener,„ jetzt iſt Zeit auch des Magens zu pflegen. Dad wußte Home⸗ ros und nannte ihn, weil alles ihm nachgeſetzt werden muß, treffend„den Ungebändigten.“ Aber vor allen laß uns den Göttern ſpenden, wie es ägyptiſcher Weiſen Sitte iſt; denn nie ſoll Leid — 68— mich uͤberreden, das zu unterlaſſen; oder ſolche Macht an mir ausüben, daß es ſelbſt den Gedan⸗ 23 ken an die Gottheit mir verdrängte.“ Mit dieſen Worten goß er das reine Waſſer aus der Schale. „Das weihe ich,“ ſprach er, nden vaterländiſchen und helleniſchen Göttern, vor allen dem pythiſchen Apollon, und zuletzt dem Theagenes und der Cha⸗ rikleia, der guten und ſchönen; denn auch dieſe zähle ich nun unter die himmliſchenl“— und dazu weinte er, als ob er ihnen einen neuen Weihetrank mit ſeinen Thränen bringen wollte. Knemon ſtaunte, als er die Namen hörte, ſchaute den Alten von oben bis unten groß an und ſprach:„Was ſagſt du? Theagenes und Charikleia ſind in Wahrheit deine Kinder?“„Kinder wurden ſie mir, mein Freund, ohne Mutter! Ein göttlich Geſchick hat ſie mir ver⸗ heiſſen, die Wehen meiner Seele haben ſie mir zu Kindern geboren und zur Natur ward die Neigung; ſeitdem nannten und erkannten ſie ſelbſt mich wie Vater. Aber woher kennſt du ſie denn?“„Ich kenne ſie nicht blos,“ erwiderte Knemon,„ich verkünde dir auch ihre Rettung!“„Apollon,“ ſchrie jener auf, „wo in aller Welt ſind ſie? zeig ſie! für meinen Heiland will ich dich halten und den Göttern gleich.“ —„und was ſoll mein Lohn ſeyn?“ fragte der an⸗ dere.„Dank, für jetzt. Das iſt ja fuͤr einen ſinni⸗ gen Mann das ſchönſte Geſchenk, ich kenne viele, die ſolche Gabe, wie einen Schatz im Herzen wahrten. Kommen wir aber in die Heimath— und das iſt nicht fern mehr, wie die Götter mich bedeuten, dann ſollſt du Reichthum erhalten, ſo viel du magſt.“ „Zukünftiges und Unſicheres verſprichſt du mir, da — 69— du's auf der Stelle vergelten kannſt.“„So nenne mir's, was du etwa vor Augen ſiehſt. Wie gern gäb' ich ſelbſt einen Theil meines Leibes hin!" „Nicht eines Gliedes ſollſt du dich entäuſern: ich habe alles, wenn es dir zu erzählen geliebte, woher ſie ſind, wer ihre Eltern, wie ſie hierher gekom⸗ men und welche Schickſale ſte gehabt.“„Du ſollſt ihn haben,“ erwiederte er,„dieſen Lohn, der groß wie kein anderer, ſelbſt wenn du aller Menſchen Schätze gefodert hätteſt. Doch gegenwärtig laß uns der Koſt ein wenig genießen; denn du wirſt noch lange hören und ich noch lange erzählen müſſen.“ Da aßen ſie von den Nüſſen, Feigen, eben gebrochenen Dat⸗ teln, und ähnlichen Früchten, die der Alte gewöhnlich ſpeiſte— denn Lebendiges beraubte er, nach Art ägyptiſcher Weiſen, nie des Lebens— und tranken auch, der Alte Waſſer, Knemon auch Wein. Nach einem Weilchen begann dieſer:„Du weißt, Vater, wie gern ſich Dionyſos an Geſpräch und Unterhaltung erfreut! Mein ſelbſt hat er ſich jetzt bemächtigt und drängt mich zu hören und den verheißenen Lohn zu fodern. Es iſt Zeit, daß du dein Drama, wie von der Bühne herab in Worten darſtellſt!“—„Du ſollſt es hören. Aber auch der wackere Nauſikles ſollte bei uns ſeyn, den ich oft, wenn er mir anlag, die Geſchichte ihm zu offenbaren von einem zum an⸗ dern hinhielt.“ Da fragte Knemon als er den Na⸗ 24 men Nauſikles vernahm,„wo er jetzt denn ſey.“„Auf die Jagd hinaus!“ Und wie er wieder fragte:„Auf welche?“ berichtete jener:„Auf die Jagd der verderb⸗ lichſten Thiere, Menſchen heißen ſie und Hirten, füh⸗ ren aber ein Räuberleben und ſind gar nicht zu bän⸗ — 70— digen, denn ihres Sumpfs bedienen ſie ſich als Hölen und Raublöcher!“„Und was beſchuldigt er ſie denn?“ „Des Raubs einer attiſchen Geliebten, die er Thisbe nannte.“„O weh!“— ſprach Knemon— ſchwieg aber plötzlich, als ob er ſich ſelbſt ertappe. Wie nun der Alte fragte:„Was fehlt dir?“ Da wandte Knemon das Geſpräch mit den Worten:„Ich bewun⸗ dere ihn nur, wie er ſelbſt oder auf weſſen Hand er den Zug gewagt.“„Dem großen König, o Fremd⸗ ling,“ fuhr jener fort,„verwaltet Orvondates Aegyp⸗ ten als Satrap, unter deſſen Obmacht dem Häupt⸗ ling Mitranes dieſer Ort hier zugefallen iſt. Den hat nun Nauſikles um großen Lohn mit Pferd und Fußvolk aufgeboten. Ihn ſchmerzt der Raub des attiſchen Mädchens nicht blos als ſeiner Geliebten und treffli⸗ chen Tonkünſtlerin, ſondern weil er ſie dem König von Aethiopien zuführen wollte, daß ſie, wie er ſagte, deſſen Gemahlin Geſpiel und Geſellſchafterin in Hel⸗ lenenſitte ſey. So alſo beraubt der vielen und großen geahnten Schätze, regt und bietet er alle Maſchinen auf. Ich ſelbſt habe ihn beſtärkt zur That in der Hoffnung, daß er auch meine Kinder mir rettet.“ Da fſiel ihm Knemon ins Wort:„ZJetzt habe ich ge⸗ nug von Raubhirten, Satrapen und Königen oben⸗ drein; denn faſt hätteſt du mich unvermerkt ein Weil⸗ chen an der Welt Ende mit deiner Erzählung gezogen. Dies Zwiſchenſpiel gehört, nach dem Sprichwort, nicht zum Dionyſos, was du da vor mir entfaltet haſt. So komm endlich, deinem Verſprechen gemäs, auf die Erzählung, denn jetzt hab' ich auf den Wegen des phariſchen Proteus dich ertappt, nicht daß du, wie der dich wandelteſt in lügenhafte und ungewiſſe — 11— Geſtaltungen, ſondern weil du mich hinzuhalten ver⸗ ſuchſt.“„Du ſollſt's erfahren,“ ſprach der Alte, „aber mein eigen Schickſal muß ich einſchaltend dir zuvor berichten, nicht ſophiſtiſch, wie du wähnſt, die Erzählung verſchlingend, ſondern wohlgeordnet und feſt an einander hangend dir den Vortrag zu bereiten. Mieine Vaterſtadt iſt Memphis; mein und mei⸗ nes Vaters Name Kalaſiris. Mein Leben, jetzt un⸗ ſtät, war vor nicht gar langer Zeit, noch dem Prie⸗ ſteramt geweiht; auch ein Weib erkohr ich mir nach dem Brauch der Stadt; aber ich verlor ſie nach dem Geſetz der Natur. Als ſie nun für ein anderes Ge⸗ ſchick entſchwunden war, lebte ich eine Weile frei von Ungemach in der Freude an den beiden Söhnen, die ſie mir geſchenkt. Da wandte der Sterne himmliſcher unabwendbarer Umſchwung mein Geſchick und auf mein Haus deutete Kronos abholdes Leuchten: ihm nach folgte der Wandel meines Glücks. Die Wiſſen⸗ ſchaft zeigte ihn mir voraus, ihm zu entrinnen ver⸗ lieh ſie mir nicht; denn wohl iſts vergönnt der Schick⸗ ſalsgöttinnen unverrückte Gränzen voraus zu ſchauen; unmöglich ihnen zu entgegnen. Doch iſt ein Gewinn in ſolchen Fällen das Zuvorwiſſen, weil es die Glut des Unglücks kühlt. Denn ein ungeahnetes Mißge⸗ ſchick, mein Sohn, iſt unerträglich: ein voraus er⸗ kanntes trägt ſich leichter. Dort faßt bange Furcht den Sinn und drückt ihn nieder; hier aber gleicht die Gewohnheit ſich aus mit dem Verſtande. Mit mir 25 trug ſich denn folgendes zu. Ein thrakiſches Mäd⸗ chen in der Schönheit Blüte— der Anmuth zweiten Preis hätte ſie nach Charikleien erhalten— Rhodopis — 72— mit Namen— nicht weiß ich woher, und wie ſie durch ein böſes Geſchick ihre Heimath verlaſſen hatte, zog in Aegypten umher. Auch in Memphis prangte ſie, viele Dienerſchaft und vielen Reichthum zur Schau tragend, und ausgeſchmückt mit allen buhle⸗ riſchen Reizen. Keiner war, der ſie erblickt und ſich nicht ihr ergeben hätte. Ein ſo unentweichliches unbekämpfbares Zaubernetz der Liebe breitete ſich aus ihren Augen. Häufig kam ſie in den Tempel der Iſis, wo ich Oberprieſter war und zeigte eifrig ihre Andacht in Opfern und reichen Weihegaben. Ich erröthe, es auszuſprechen; doch ſey's geſagt: auch meine Herrin ward ſie durch öfteres Anſchauen: ſie ſiegte über die Seelengewalt, der ich im Leben mich geweiht. Wie ich auch immer den Augen meines Lei⸗ bes die Augen meiner Seele entgegenſtellte, ich er⸗ lag endlich beſiegt unter der Laſt meiner Liebespein. Da gedachte ich, daß dies Weib der Beginn ſey mei⸗ ner zukünftigen von Gott mir vorgekündeten Leiden. Ahnend, wie ſie Werkzeug ſey des Geſchicks,— und ein verſuchend Spiel des Schickſals, wie ein Gott in ihre Geſtalt ſich gehuͤllt wie in Maskengewand, erkannte ich, daß das Prieſteramt, in dem ich von Kindheit an aufgewachſen, nicht befleckt, daß die Heiligthümer und Altäre der Götter nicht entweiht werden dürften. Was ich gefündigt, nicht in Thaten — da ſey Gott vor!— ſondern in ſträflicher Sehn⸗ ſucht, das wollts ich entgelten in ſelbſtverſchuldeter Buße. Zum Richter ſtellte ich mir die Vernunft, er⸗ kannte mir die Acht zu ob meiner ſündigen Luſt und ſchied, ein Gottgebeuter, aus dem Vaterlande. So gab ich dem Zwang der Moiren nach und vergönnte ihnen nach Willen über mich zu verfuͤgen und floh zugleich die furchtbare Rhodopis. Denn, Freund, ich fürchtete, daß im Drängen des damals walten⸗ den Geſtirns, ich ſelbſt noch zur ſündhafteren That gezwungen würde. Was mich aber vor allen und ganz beſonders hinwegtrieb, das waren meine Söhne, von denen die dunkele Weisheit der Götter mir oft verkündet, daß ſie mit gewaffneter Hand ſich bekam⸗ pfen würden. Solch grauſes Schauſpiel zu meiden— wahrlich, auch Helios ſcheint es zu meiden, deſſen Strahlen eben eine Wolke deckt!— meinen Vater⸗ augen den ſchauderhaften Mord der Söhne zu ſparen, ächtete ich mich ſelbſt von Land und väterlichem Heerd, offenbarte keinem, was mich trieb, ſondern gab vor, daß ich nach Großtheben mich aufmache, um den einen meiner Söhne zu beſuchen, der dort bei ſeiner Mutter Vater lebte. Thyamis hieß er, Freund!u.— Wiederum ſtaunte Knemon, als der Name Thyamis ſein Ohr traf; er faßte ſich aber und ſchwieg um des Forterzahlens willen. Der andere aber fuhr in ſeiner Rede folgendermaßen fort:„Ich übergehe meilſe ſonſtigen Irrfahrten, lieber Jüngling, denn es trägt nichts aus zu dem, wonach du forſcheſt. Da vernghm ich, daß eine griechiſche Stadt ſey, 26 Delphö, dem Apollon heilig, ein geweihter Platz für alle Götter, eine Werkſtatt weiſer Mäͤnner, fern vom Getümmel des Volks. Dahin zog's mich. Als eine paſſende Zuflucht für Prieſter ſtellt' ich die Stadt mir zum Ziel, welche für heilige Handlungen und Weihen beſtimmt war. Durch den kriſſäiſchen Meer⸗ buſen geſchifft, landete ich in Kirrha und eilte vom Schiffe gleich der Stadt zu. Und wie ich nahte, da — 4— umfing's mich auf der Stelle wie Göttergruß; aber auch ſonſt ſcheint die Stadt eine Wohnung höherer Weſen zu ſeyn, vor allen durch die Natur der Umge⸗ gend. Denn gleich einer Veſte erhebt ſich kunſtlos und natürlich der Parnaſſos und umgürtet an ſeinem Fuße die Stadt mit ſeinen Schluchten.“„Sehr richtig erzählſt du,“ ſprach Knemon,„wie einer, dem wahrhaft pythiſche Weihe zu Theil ward.„So auch ohngefähr beſchrieb mir mein Vater, als Opfer⸗ führer von der Athenäer Stadt geſandt, die Lage von Delphö.“„So biſt du ein Athenäer, mein Sohn?“„Ja,“ antwortete er.„Und dein Name?“ „Knemon.“„Und welches iſt dein Schickſal?“„Nach⸗ her ſollſt du's erfahren, jetzt halte dich an die Erzäh⸗ lung!“„Das ſoll geſchehn,“ erwiderte jener.„Ich ging alſo hinein in die Stadt, pries ſie um ihre Rennbahnen, Marktplätze und Quellfaſſungen, vor allen die kaſtaliſche, aus der ich mich auch beſprengte, und eilte zu dem Tempel. Denn mich beflügelte die Rede der Menge, die mich bedeutete, daß jetzt die Zeit ſey, wo die Seherin ſich erhebe. Da trat ich ein, das Antlitz geneigt und bei mir ſelbſt ſtill betend: Da ſprach die Pythia folgendes aus: Her von des Nils reichhalmigem Strand hat der Fuß dich getragen, Fliehend der Moiren Geweb, fern aus dem heimiſchen Land. Dulde mit Muth! Bald geb' ich zurück der ägyp⸗ tiſchen Heimath Dunkeles Schollengefild! Freund ſey mir jetzo und hold! — à5— Wie das verkündet worden, warf ich mich nieder 27 am Altar auf mein Antlitz und beſchwor den Gott, ſtets mir freundlich geſinnt zu ſeyn. Der große Haufe der Umſtehenden aber prieſen den Gott ob des weiſen Spruchs bei meinem erſten Eintritt. Mir wünſchten ſie Glück und machten ſich ſeitdem auf manche Art um mich zu ſchaffen: ich komme als ein Freund des Gottes, wie einſt Lykurgos der Spar⸗ taner, meinten ſie: und als ich im Bereich des Tem⸗ pels zu wohnen wünſchte: da geſtatteten ſie mirs und beſchloſſen aus dem Volksſchatz mich zu ſpeiſen; kurz zu reden: ich entbehrte nichts angenehmes: bald war ich im Tempel, bald unterrichtete ich mich üͤber die Opfer, welche Fremde und Einheimiſche viel und mancherlei den ganzen Tag bereiten, um den Gott ſich hold zu machen, bald unterhielt ich mich mit Weiſen. Denn nicht wenig dieſes Fachs ſtrömen um den Tempel des pythiſchen Gottes zuſammen, und ſo iſt die Stadt, vom muſenführenden Gott begeiſtert, ein ſelbſtentſtandener Muſenſitz. Anfangs verbrei⸗ teten ſich unſere Forſchungen über mancherlei Gegen⸗ ſtände: der eine fragte, wie wir Aegypter unſere heimatlichen Götter verehren, ein anderer warum bei anderen andere Thiere für göttlich gehalten wer⸗ den, und bat zugleich um die Erzählung davon. Ein dritter erkundigte ſich nach der Erbauung der Pyra⸗ miden, ein vierter nach den Windungen der Irrhö⸗ len. Mit Einem Wort: ſie erließen mir nichts mit ihren Fragen von dem, was in Aegypten iſt. Denn die Belehrung von Aegypten und jeglicher Bericht darüber iſt ſehr anziehend für ein helleniſch Ohr. Zuletzt ward auch nach dem Nil und ſeinen Quellen 28 — 76— gefragt und welches ſein eigenthümliches Weſen iſt vor anderen Flüſſen; warum er zur Sommerzeit allein von allen Strömen anſchwillt. Der Gebildet⸗ ſten einer brachte die Frage an mich. Und wie ich nun erzählte, ſo viel mir ſelbſt davon bewußt war und was in den heiligen Büchern davon geſchrieben ſteht, nur den Prieſtern zu wiſſen und zu leſen ver⸗ gönnt: wie ich auseinander ſetzte, daß er ſeinen Ur⸗ ſprung nimmt in den Berggipfeln Aethiopiens, welche die äußerſten ſind von Libyen, da wo die öſtliche Himmelsgegend endet und die ſüdliche beginnt: wie er zur Sommerzeit ſich mehrt, nicht, wie einige meinen, weil die Paſſatwinde ihn entgegenwehend zurückdrängen, ſondern weil dieſelben Winde um die Sonnenwende alle Wolken von Norden nach Süden drängen und jagen, bis ihnen endlich, in der heißen Zone zuſammengeballt, jede weitere Fahrt abgeſchnit⸗ ten wird, indem durch die ungeheure Gluth jener Striche die kurz vorher geſammelte und verdichtete Feuchtigkeit ausdampft, und in ſtrömenden Regen⸗ güſſen niederſinkt: wie da dem Nil der Muth ſchwillt und er kein Iluß mehr ſeyn mag, ſondern aus den Ufern tritt und, indem er wie ein Meer Aegypten überſchwemmt, zugleich die Felder düngt: wie er darum, weil des Himmels Regen ihn ausrüſtet, ſo ſüß zu trinken iſt und ſo angenehm ſich anfuhlt, weil er nicht mehr warm, wie bei ſeinem Urſprung, aber noch lau, weil er daher entſprang,— das iſt auch der Grund, warum unter allen Fluſſen von ihm allein keine Dünſte aufſteigen, was ſicher der Fall ſeyn würde, wenn er, nach der Anſicht angeſehener Grie⸗ chen, wie ich höre, vom ſchmilzenden Schnee ſeinen — z), Zuwachs bekäme:— wie ich alſo dies und dergleichen 29 durchging, ſprach der Prieſter des pythiſchen Gottes, der höchſt vertraut mit mir geworden war— Chari⸗ kles mit Namen:—„Trefflich haſt du geredet! ich ſelbſt pflichte dieſer Meinung bei, die ich auch in der Donnerſtadt von den Prieſtern des Neilos vernahm.“ Da ſprach ich zu ihm:„So warſt du dort?“„Frei⸗ lich,“ antwortete er,„weiſer Kalaſiris.“„Und welch Geſchäft führte dich hin?“„Ein Ungluͤck mei⸗ nes Hauſes, entgegnete er, das mir aber zum Glück ward.“ Als mich dieſer Widerſpruch befremdete, fuhr er fort:„du würdeſt nicht ſtaunen, wenn dir bekannt wäre, wie die Sache ſich gefügt. Du ſollſt es aber erfahren, ſobald du Luſt haſt.“„So erzähle nur jetzt gleich, ſprach ich; denn jetzt hab' ich Luſt!“ „So höre denn,“ begann Charikles, indem er aus der Menge mich hinwegzog;„ſchon längſt trug ich Verlangen— denn es war nothwendig— dich zum Theilnehmer meiner Schickſale zu machen. In meiner Ehe wurden mir keine Kinder beſchieden. Spät end⸗ lich und weit in meinem Alter ward ich durch mein brünſtig Flehen zum Gotte Vater eines Töchterleins genannt, während die Gottheit mir voraus verkün⸗ digte) daß es nicht mir zum Glück ausſchlagen werde. So ward ſie reif zur Ehe und ich gab ſie dem Freier— es waren ihrer viel,— den ich für den ſchönſten hielt; aber in derſelbigen Nacht, in welcher der Gemahl ſie umfing, da endete die Unglückſelige. Blitz oder Menſchenhand ſchleuderte Feuer ins Braut⸗ gemach und noch war der Hochzeitjubel nicht verhallt, da tönte der Todtenſang und vom Hochzeitlager ward ſie ins Grab getragen; die Fackeln, welche zur — 78— Brautfeier geleuchtet, zundeten ihr den jammervollen Holzſtoß. Und noch eine Wunde fügte die Gottheit dieſem Trauerſpiele zu: ſie raubte mir des Mädchens Mutter, die in nie verſiegenden Zähren hinabſank. Da konnt' ich das gottgeſandte Unheil nicht mehr tragen: zwar ſchied ich nicht freiwillig aus dem Leben, wohl bewußt, daß Gottgeweihten ſolche That Schande bringt, aber ich ſchied aus dem Vaterlande und floh mein verödetes Haus. Denn leichter vergißt ſich der Schmerz, wann der Seele Erinnerungen den Augen fernab liegen. Viel war ich umhergeirrt, da kam ich auch in dein Aegyptenland und nach der Donner⸗ ſtadt ſelbſt, um die Waſſerſtürze des Nils zu beſchauen. 30 Jetzt haſt du den Grund meiner Reiſe dorthin, o Freund; du erhältſt aber in ihr noch einen Zuſatz meiner Erzählung oder wahrer, die Hauptſache darin. Ich ſchweifte in der Stadt umher mit meiner Muſe ſchaltend und kaufte manches ein, was bei den Grie⸗ chen ſelten iſt— denn ſchon war der höchſte Schmerz durch die Zeit verharſcht und ich beeiferte meine Rückkehr ins Vaterland— da trat ein Mann mich an, ehrwürdig ſonſt von Anſehen und im Antlitz Einſicht zeigend, über das Jünglingsalter eben hinaus, von Farbe aber völlig ſchwarz. Er grüßte mich und begehrte etwas mit mir zu reden, ſprach aber nicht fertig Helleniſch. Als ich zum Hören bereit mich zeigte, führte er mich in einen nahen Tempel und ſprach:„Ich ſah dich einige Kräuter und Wurzeln kaufen, indiſche, äthiopiſche und ägyptiſche. Biſt du nun geſonnen derlei Dinge ehrlich und ohne Be⸗ trug zu erhandeln, ſo bin ich bereit, dir's zu geben.“ „Nur zu, antwortete ich, zeig doch!«„Sieh aber zu, fügte er pei, daß du im Handel nicht zu genau biſt.“„So gib dir ſelbſt den Rath nicht zu hoch zu bieten!“ Da nahm er einen Beutel unterm Arm hervor und zeigte einen unendlichen Schatz von edlen Steinen. Perlen waren drin, groß wie Haſelnüſſe, in vollkommener Rundung und von blendender Weiße. Smaragden und Hyacinthen, jene blühend wie die junge Saat im Lenz, während ein ölartiger Glanz durchſchien, dieſe glichen der Farbe des Meerufers, welches über einem glatten Felſen hindurchſchimmert und drunten alles veilchenblau färbt, kurz, alle ver⸗ breiteten einen buntgemiſchten Glanz, der das Auge letzte. Als ich das erblickte, ſprach ich:„Mach, daß du andere Käufer dafür findeſt; denn ich und mein Vermögen würden kaum einem von dem, was ich geſehen, zureichen!“„Und wenn du's denn zu kaufen nicht im Stande biſt, ſo wirſt du doch wohl als ein Geſchenk es zu nehmen im Stande ſeyn?u „O ein Geſchenk zu nehmen habe ich Kräfte genug, doch ſeh ich nicht ein, warum du mein. ſpotteſt.“ „Ich ſcherze nicht: es iſt mein großer Ernſt, entgeg⸗ nete er, und ich ſchwöre dir bei dem Gott, der hier ſteht, alles dir zu geben, wenn du außerdem noch ein Geſchenk annehmen wollteſt, viel köſtlicher noch, als dies.“ Ich lachte dazu. Und als er nach der Urſach fragte, ſprach ich:„das iſt lächerlich genug, mir, wenn ich ſo große Geſchenke annehmen wollte, noch eine Belohnung zu verſprechen, welche dieſe Geſchenke noch weit überſteigt!“„Vertraue mir!« fuhr er fort, vaber ſchwöre auch ſelbſt das Geſchenk ſo anzuwenden, wie ich dich bedeuten werde.“ Ich ſtaunte unſchlüſſig; endlich ſchwur ich, in der Hoff⸗ — 80— nung auf ſolche Schätze. Als ich nun den Eid geleiſtet, wie er mir vorgeſagt, nahm er mich mit zu ſich und zeigte mir ein Mädchen von unbegreif⸗ licher, göttlicher Schönheit. Sieben Jahre, ſagte er, ſey ſie; mir aber ſchien ſie ſchon reif zur Ehe. So erhöht unendliche Schönheit ſelbſt der Größe Ausdruck. Staunend ſtand ich da; ich wußte nicht, wie mir geſchehn und konnte am Schauſpiel meine 31 Augen nicht erſättigen.— Er aber begann alſo zu reden:„dies Mädchen, welches du ſiehſt, ſetzte die Mutter— den Grund ſollſt du ſogleich nach⸗ her erfahren— in ſeinen Windeln aus und über⸗ lies ſein Loos der Ungewißheit des Geſchicks. Ich kam hinzu und nahm es auf; denn es ſchien mir gottlos, eine Seele, die einmal Menſchengeſtalt erhielt, zu überſehn in der Gefahr. Auch das iſt ein Geſetz der weiſen Büßer bei uns, deren Jün⸗ ger aus früherer Zeit ich zu ſeyn mich rühme. Und auch außerdem ſtrahlte dem Kinde etwas Hohes und Göttliches aus den Augen: ſo hell und freund⸗ lich ſah's mich an, als ich's beſchaute. Ein Ge⸗ ſchmeide lag dabei von edlen Steinen— was ich eben dir zeigte— und ein Gürtel aus ſeidenen Fäden gewebt: vaterländiſche Schrift und die Ge⸗ ſchichte von dem Kinde war drein geſtickt. Das war die Mitgabe der Mutter, die darin zugleich für Erkennungszeichen geſorgt. Wie ich's geleſen und nun erfuhr, woher und was ſie ſey, trug ich ſie fern von der Stadt in ein entlegenes Landgut und gab ſie meinen Hirten zu erziehen, ſchärfte ihnen aber ein, es niemand zu entdecken. Die Mitgabe behielt ich bei mir, daß man darum dem — 81— Madchen nicht nachſtellen möchte. So war ſie fürs erſte geborgen. Als aber im Fortgang der Zeit des Maͤdchens Blüthe und hohe Anmuth uͤber Gewöhnliches hinausleuchtete— und Schönheit bliebe ja ſelbſt unter der Erde nicht verborgen; auch da, glaub' ich, flammte ſie hindurch— da fürchtete ich, ihr Geheim⸗ niß möge entdeckt und ſie ſelbſt umgebracht werden, während auch mir Unannehmliches dadurch zu Theil würde; ich brachte es alſo dahin, als Botſchafter zum Satrapen von Aegypten geſandt zu werden und bin hier in Begleitung des Mädchens, um ſowohl deren eigenes Schickſal zu beſtimmen, als jenem, was ich jetzt noch nicht gethan, das vorzutragen, was mich hergeführt. Denn er hat mir angedeutet, daß er heut mich anzuhören gedenke. Dir aber und den Göttern, die es alſo gefügt, vertraue ich das Mäd⸗ chen auf die Bedingungen, die wir beſchworen: ſie als eine Freie zu bewahren und einem freien Manne zum Weib zu geben, dem du zugleich die Binde überliefern wirſt, die du von mir mit erhältſt oder lieber von der Mutter, die ſie ihr mitgegeben. Ich bin ſicher, daß du halten wirſt an dem, was wir be⸗ ſprochen, ich vertraue auf deinen Schwur und deine Geſinnung, die ich die vielen Tage, ſeit du hier lebſt, als eine wahrhaft helleniſche erkannt habe. So viel konnte ich dir jetzt in der Eile entdecken; 32 mich rufen Geſchäfte meiner Botſchaft; ausführlicher und gründlicher ſollſt du morgen in des Mädchens Geſchichte eingeweiht werden, wenn du im Tempel der Iſis dich einfindeſt.“ 3 Ich that nach ſeinen Worten und nahm das Maͤdchen, ſie in ihre Schleier hüllend, mit zu mir. Theagenes u. Charikleia. 6 —&— Den ganzen Tag war ich um ſie geſchäftig mit Lieb⸗ koſungen und dankte den Göttern für ſie und nannte und erkannte ſie auf der Stelle als meine Tochter. Den folgenden Tag morgens machte ich mich eilig auf zum Tempel der Iſis, wohin ich von dem Fremdling beſchieden war und wandelte lang dort umher; als er aber nimmermehr erſchien, ging ich zum Satra⸗ penpallaſt und erkundigte mich ob jemand den äthiv⸗ piſchen Botſchafter geſehen. Da belehrte mich einer, wie er abgereiſt oder beſſer, hinweggetrieben ſey vor Untergang der Sonne, indem der Satrap ihm den Tod geſchworen, wenn er da nicht über die Grenze ſey. Und als ich um die Urſache fragte, berichtete man: darum, daß er gefodert in ſeiner Botſchaft, die Smaragdbergwerke nicht anzutaſten, weil ſie an Aethiopien gehörten. Da wandte ich mich unmuthig und niedergeſchlagen, wie einer, der einen ſchweren Schlag empfing, weil ich des Mädchens Verhäͤltniſſe nicht wiſſen ſollte, wer, woher und weſſen ſie ſey.“ —„Das iſt kein Wunder,“ ſprach Knemon,„mir ſelbſt thut es leid, das nicht zu hören. Dennoch höre ichs noch vielleicht.“„Du ſollſt es hören,“ er⸗ 33 widerte Kalaſiris.„Erſt ſoll aber erzählt werden, wie Charikles fortfuhr. Als ich, ſo ſprach er, in die Wohnung trat, kam das Mädchen mir entgegen ohne Worte zwar, denn ſie verſtand noch nichts von griechiſcher Sprache; aber ſie grüßte mich mit der Hand und ſchon ihr Anblick ſtimmte mich heiterer. Es uberraſchte mich, daß auch ſie, gleich einem gu⸗ ten wohlgearteten Hündlein, die jedem ſchmeicheln, ſelbſt wen ſie nur kurze Zeit kennen, mein Wohlwol⸗ len für ſie ſo ſchnell inne ward und mich wie einen — — — — 85— Vater ehrte. Da beſchloß ich, nicht ferner in der Donnerſtadt zu hauſen, daß eines Gottes Scheel⸗ ſucht mich nicht auch dieſer zweiten Tochter beraubte. Ich fuhr den Nil hinab ins Meer, traf ein Schiff dort und zog heim. So iſt denn nun das Maͤdchen bei mir, iſt meine Tochter und führt meinen Na⸗ men. Denn um ſtie dreht ſich meines Lebens ganze Sorge. In anderen Dingen ſchon ſteht ſie höher als meine Wünſche: ſo ſchnell verſchlang ſie die Griechen⸗ ſprache und ſproßte auf zur Blüthe wie ein ſchlanker Zweig; an Schönheit des Körpers aber hat ſie alle ſo übertroffen, daß jedes griechiſche Auge und jedes fremde zu ihr hingezogen wird. Und wo ſie im Tempel, Kampfſpiel oder Verſammlung erſcheint, da wendet ſie, wie auf ein wahrhaftiges Urbild, auf ſich Aller Augen und Sinn. Aber ſie, die ſo vollkom⸗ mene, kränkt mich mit unheilbarer Trauer. Von Ehe will ſie nichts hören, hinbringen ihr Leben in ſteter Jungfräulichkeit, nur zu Artemis' Prieſterin ſich weihen. So ergibt ſie dem Waidwerk ſich und übet des Bogens Kraft: mir iſt das Leben unerträg⸗ lich; ich hoffte ſie meiner Schweſter Sohne zu geben, einem recht artigen, hübſchen Jüngling, in Sinn und Wandel jugendlich wacker und nun hinſchmach⸗ tend durch ihre harte Entſcheidung. Nicht durch Schmeichelei, Verheiſſungen und Vorſtellen vermogte ich ſie zu überreden. Ja, was das ärgſte iſt, ſie entweicht mir nach dem Sprüchwort, mit meinen eigenen Flügeln und hält mir die Erfahrung vor, die ich vielfältig, zur Leitung ihrer Wahl fürs beſte Leben, im Geſpräch ihr mitgetheilt. Sie vergöttert die Jungfräulichkeit und hebt ſie bis zu den Unſterb⸗ — 84— lichen empor, nennt ſie ewigrein, lauter und fehllos; Eroten und Aphroditen und jedes hochzeitliche Feſt verwünſcht ſie. So rufe ich denn dich zu Huülfe! Darum nahm ich die Zeit wahr und den Anlaß, den. mir der Zufall bot, um weitläuftiger gegen dich zu ſeyn— und ſo erzeige mir dieſe Gunſt, mein guter Kalaſiris! Wende irgend eine Kunſt, einen ägypti⸗ ſchen Zauber gegen ſie. Ueberrede ſie mit Wort und That, daß ſie ihre Natur erkennt, daß ſie ein Weib iſt. Dir iſt ja die Sache leicht, wenn du nur willſt; denn ſie hält ſich nicht fern von der Männer Unter⸗ redung, iſt meiſt in ihrer Umgebung aufgeblüht und wohnt mit dir in einer Wohnung, innerhalb der Ringmauern mein' ich, und im Bereich des Tempels. Laß mich nicht vergebens bitten, geſtatte es nicht, daß ich kinderlos, ohne Troſt, ohne Erben im freu⸗ deloſen Alter dahinlebe: beim Apollon ſelbſt und deinen heimathlichen Göttern!“„Mir floſſen die Thränen, Knemon, als ich's vernahm; denn auch ſeine Bitte war nicht thränenlos. Ich verhieß, wann 34 ichs vermöchte, ſie zu üͤberzeugen. Noch waren wir in Betrachtung daruber verſunken, da ſtürzte jemand herein mit der Nachricht, der Opferfürſt der Aenia⸗ nen warte ſchon längſt an der Pforte und rufe nach dem Prieſter, daß er das Opfer beginne. Als ich 3 den Charikles fragte, wer denn die Aenianen ſeyen und was fur einen Feſtzug und welches Opfer ſie 3 brächten? begann er:„die Aenianen machen den edelſten Theil von Theſſalien aus, den wahrhaft helleniſchen, vom Hellen, dem Sohn Deukalions: am maleiſchen Meerbuſen erſtreckt ihre Gegend ſich 2 hin; als ihre Mutterſtadt aber verehren ſie Hypate — — 85— (die höchſte), wie ſie ſelbſt meinen vom Erhaben ſeyn und vom Herrſchen über die anderen ſo genannt; nach anderer Meinung aber, weil ſie unterm Oeta gelegen iſt. Das Opfer aber und den Feſt⸗ zug ſenden die Aenianer alle vier Jahre, wann der pythiſche Wettkampf iſt— dieſe Zeit haben wir jetzt, wie du weißt— dem Neoptolemos, Achilles Sohne. Denn hier ward er, am Altar des pythiſchen Gottes ſelbſt, durch Trug ermordet vom Oreſtes, Agamem⸗ non's Sohne. Dieſer Feſtzug aber übertrifft alle an⸗ dern; denn in dem Opferfürſten verehren ſie einen Nachkommen des Achilles. Ich traf ſchon geſtern mit dem Jüngling zuſammen und in der That ſcheint ihm Achilles' Abkunft aufgeprägt, ſo herrlich an Ge⸗ ſtalt und ſo ſchlank in ſeiner Größe iſt er zu ſchauen, daß der Anblick ſeine Abkunft bekräftigt.“ Und als ich mich wunderte, wie er, vom Geſchlecht der Aenia⸗ ner, ſich als Achilleiden rühmen könne, Homeros Dichtung anführend, des Aegyptiers, der den Achilles aus Phthia entſpringen laſſe, belehrte mich Charikles: „Der Jüngling und überhaupt die Aenianer ſtrei⸗ ten ſich um den Helden: Thetis, gibt er vor, habe, aus Malea's Buſen ſteigend, dem Peleus ſich ergeben und jener Ort um den Meerbuſen ſey von Alters her Phthia genannt worden, die anderen redeten die Unwahrheit, die aus Ruhmſucht den Helden an ſich ſelbſt zu reißen gedächten. Ueberdies rechnet er ſelbſt ſich zu den Aeakiden und nennt ſeinen Ahn den Meneſthios, den Sohn des Spercheios und der Po⸗ lydora, Peleus Tochter, der vor allen mit Achilles vor Ilios gekämpft und die erſte Schaar der Myrmi⸗ donen überkommen, ob der Verwandtſchaft. Und 4 2 — 386— wie er denn durchaus alles um ſeinen Achilles flicht und durchaus ihn den Aenianern zu eigen machen will, ſo nimmt er auch als Zeugniß für ſeinen Beweis dieſes Sühnopfer, dem Neoptolemos geſandt, in welchem, wie er ſagt, den Aenianern alle Theſſalier nachgeſtanden hätten, zum Zeichen, daß ſie näher ſeyen jenem Heldengeſchlecht.“„Laß ſie gewähren“ ſprach ich,„o Charikles, ob ſie ſich's einbilden oder wahr reden. Aber laß doch vor allen den Opferführer hereinrufen: ich habe einen wüthenden Drang ihn 35 zu ſehen!“ Charikles ſtimmte ein: und herein trat der Jüngling, in Wahrheit etwas achilleiſches ath⸗ mend, tragend wie dieſer den Blick und Anſtand. Aufrecht ſtrebte ſein Nacken, ſeine Locken flogen von der Stirn wie Mähnen empor. Muth ver⸗ kündete die Naſe und edelfrei ſchnoben die Nüſtern; ſein Auge, nicht ganz blau, neigte ſich mehr vom blauen ins ſchwarze: ſtolz blickte er umher und einnehmend zugleich, wie wenn Meereswellen eben zur Ruhe ſich ausglätten. Und als er uns nach Sitte gegrüßt und das gleiche von uns erhalten, ſprach er: es ſey Zeit dem Gott das Opfer zu brin⸗ gen, daß man auch dem Helden ſein Suͤhnopfer und den Weihezug nachher vollenden könne.“„Es geſchehe wie du ſagſt,“ ſprach Charikles und wandte ſich, indem er aufſtand, zu mir:„Auch Charikleien ſollſt du heute ſehen, wenn du nicht ſchon früher ſie ſahſt.“ Denn heimiſche Sitte ſey's, daß auch die Prieſterjungfrau der Artemis theilnehme am Zug und Sühnopfer des Neoptolemos. Ich aber, o Knemon, hatte das Mädchen ſchon oft geſehen, wann ſie beim Opfern war oder nach heiliger Kunde „— „— —&— forſchte. Dennoch ſchwieg ich in Erwartung der Zukunft. Sogleich eilten wir in den Tempel; denn alles war ſchon für das Opfer der Theſſaler bereitet. Und als wir nun um den Altar ſtanden und der Jüngling ſchon das Opfer begann, da er⸗ tönten, wie der Prieſter für ihn flehte, aus der Tiefe dieſe Worte der Pythia herauf: Sie, der zuerſt Reiz wurde verliehn, doch am Ende der Preis auch Ihn, der der Göttin entſproß, feire ſie, delphi⸗ ſches Volk! Siehe, ſie meiden mein heiliges Haus und zertheilen die Fluthen, Fern zu des Sonnengotts dunkelem Lande gewandt. Auf blüht dort für die wackeren Kämpfer die loh⸗ nende Palme Weiß von dem dunkelen Haupt ſchimmert der heilige Bund! Wie das die Gottheit verkündet, umfing 36 Staunen alle die Umſtehenden, weil ſie nicht be⸗ griffen, was der Spruch zu ſagen habe: jeder be⸗ zog die Deutung anders; wie jeder es wünſchte, ſo nahm ers denn. An die Wahrheit traf keiner. Denn Götterſprüche und Träume werden erſt durch den Ausgang entſchieden. Damit drängten ſich denn die Delphier zu dem prächtig bereiteten Zug begierig hin und vergaßen den Spruch, der ſo ſchwer zu ergründen war. ————B—F—ꝛ—B—B—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—.— Drittes Buch. 1 Als nun der Zug und das ganze Suhnopfer vorüber war.“—„Ei, das iſt noch nicht vorüber, Vater,“ unterbrach Knemon;„das hat ja deine Erzählung mich noch nicht ſchauen laſſen, ſondern nur über alle Maaßen die Luſt zum hören in mir aufgewiegelt, daß ich ein Augenzeuge jenes Feſtes geweſen zu ſeyn wünſchte: und du übergehſt mich ſo, nach dem Sprichwort, wie einer, der nach dem Feſte kommt: öffneſt und ſchließeſt mir wieder die Buͤhne.“ „Lieber Knemon,“ ſprach Kalaſiris,„ich wollte dich mit ſolchen Auſſendingen nicht behelligen, drum eilte ich auf den Hauptpunkt der Erzählung, den du gleich Anfangs foderteſt. Daß du aber ſo nebenbei gleich einen Bühnenzuſchauer abgeben willſt, darin zeigſt du dich deutlich als Attiker. So will ich dir denn den Feſtzug, berühmt vor allen um ſeiner ſelbſt und ſeiner Folgen willen, in der Kürze erzählen. Es führten die Hekatombe die Geweih⸗ ten, welche Tracht und Aeußeres der Landleute ſich — — 89— angeeignet. Ein Gürtel zog jedem den weißen Rock bis an das Knie hinan, der rechte Arm ſammt Schulter und Bruſt war entblößt und ſchwang ein zwieſchneidiges Beil. Schwarz waren alle Stiere, ihr Nacken ſtramm, in mäßigem Bug ſich erhebend; das Horn ſpitzte ſich ſchlank in rechter Größe zu, bei manchen umgoldet, bei anderen mit blumigen Kränzen umflochten, eingebogen die Knie und die tief herabhängende Wamme berührten ſie im Schrei⸗ ten. Es war aber eine wahrhaftige Hekatombe, die Zahl ihres Namens war wirklich voll. Ihnen folgte eine bunte Schaar anderer Opferthiere, jegliche Thierart eigens nach der Reihe geführt, während Flöten und Syringen ein Lied zur Weihe und Kunde des Opfers ertönen ließen. Auf dieſe Heer⸗2 den und die Männer, die ſie trieben, folgten theſ⸗ ſaliſche Jungfrauen, ſchön, und tiefgegürtet, auf⸗ gelöſt ihr Haar. In zwei Chöre waren ſie getheilt: der eine Chor trug Blumenhörner mit Blüthen und Fruͤchten gefüllt; der andere Chor, der aus Korbträgerinnen beſtand, hauchte mit ſeinen Kör⸗ ben voll Backwerk und Würze Wohlgeruch in die Gegend. Dabei waren aber die Hände dieſer Mäd⸗ chen nicht beſchäftigt; auf dem Haupte trugen ſie die Laſt, indem ſie in geraden und ſchrägen Reihen hinter und neben einander ſich hielten, alſo, daß ſie zugleich zu ſchreiten und zu tanzen ſchienen. Den Takt dazu gab der andere Chor im Liede an; denn dieſem war es überlaſſen, das ganze Weihlied S. Thierſch Pindar Einl. S. 107. — 90— anzuſtimmen. Das Weihlied pries die Thetis und den Peleus; dann ihren Sohn und endlich ihres Sohnes Sohn. Hierauf, lieber Knemon!“— „Was Knemon!“ rief dieſer aus;„wieder bringſt du mich um das Beſte, Vater, indem du den Hymnos ſelbſt übergehſt und mich nur zum Zu⸗ ſchauer, nicht auch zum Hörer machſt!“„Du ſollſt ihn hören— erwiderte Kalaſiris— da dir's ſo ge⸗ nehm iſt. Der Geſang lautete ohngefähr ſo: Thetis beſing' ich im Lied, Thetis mit goldnem Gelock, Nereus göttliches Kind, welcher im Meere gebeut, Peleus holdes Gemahl, wie es Kronion gewollt: Biſt uns des Vaterlands Paphia, Wonne des Meers, Haſt uns der Schlacht Kriegsgott, ſtuͤrmend im Lanzengeſaus, Haſt des helleniſchen Lands flammenden Blitz uns geſchenkt, Unſern Achilleus, den Held', ewigem Ruhme ge⸗ weiht. Pyrrha gebar zum Sohn Held Neoptolemos ihm, Troja's ſtürmenden Feind, Retter dem Dangerheer. Sey denn günſtig geſinnt, Held Neoptolemos uns, Hochbeglücket anjetzt ruhend im pythiſchen Land! Aufnimm unſeres Lieds Weihegeſänge mit Huld, Schirme vor jeglichem Weh freundlich die heimiſche . Stadt. Thetis beſing ich im Lied, Thetis mit goldnem Gelock! — — 91— So ohngefähr lautete der Hymnos, lieber Knemon, ſo viel ich mich entſinne. Die Chöre hielten den Takt ſo genau und der einfallende Klang ihres Schrittes ſtimmte ſo zu den Tönen des Liedes, daß das Auge das ſchauenswerthe überſah, nur dem Gehör ſich hingab, und die vorhandenen Men⸗ ſchen beſtändig den fortſchreitenden Jungfrauen folgten, als ob ſie von den Tönen des Liedes nach⸗ gezogen würden: bis hinter ihnen die Reuterſchaar der Jünglinge und ihr leuchtender Führer ein Schau⸗ ſpiel der Schönheit gab, das herrlicher war, denn alle Töne. Die Zahl der Jünglinge erſtreckte ſich auf funfzig, abgetheilt waren auf jeder Seite fünf und zwanzig, die mit ihren Speeren den Opferführer in der Mitte umringten: Stiefel ſchloſ⸗ ſen ſich dem Knöchel an mit purpurnen Riemen geſchnürt. Um die Bruſt floß ein weißer Mantel von goldener Spange gehalten: ein blauer Streif umkreiſte den unteren Saum, die Roſſe waren alle theſſaliſch, tragend im Blick den freien Sinn ihrer Heimath; ſie zürnten über die Zügel, wie über einen Zwinger, hineinknirſchend und ſte beſchäumend; dennoch gewannen ſie's über ſich, ſie als die Voll⸗ ſtrecker des Willens ihrer Reuter zu ertragen. Mit ſilbernen und verguldeten Platten und Stirnbän⸗ dern waren ſie geziert, wie zum Wettſtreit mit den Jünglingen. Doch all' dies herrliche Schauſpiel überſah und verließ das Auge der Zuſchauer und jeder wandte ſich auf den Führer— mein theurer S. Thierſch Pindar Einl. S. 106. Theagenes war's. Als ob das Flammen eines Blitzes uns zuerſt ganz geblendet: ſo üͤberſtrahlte uns ſein Anblick. Auch er war zu Pferd und ge⸗ rüſtet— eine eſchene Lanze ſchwang er mit eherner Spitze— doch zog er einher ohne Helm, im bloßen Haupt; ein purpurner Mantel umhüllte ihn: in Gold war hineingewirkt der Kampf der Lapithen mit den Kentauren; die Spange aber ſtellte eine Athene dar von Elfenbein, welche ſich mit der Gorgo Haupt die Bruſt ſchirmte. Ein leichter Windzug erhöhte den Reiz; denn ein ſanftes Wehen wühlte leiſe in ſeinem Haar den Nacken hinab, ſcheitelte die Locken an ſeiner Stirn und ſchmiegte den Saum ſeines Mantels an Rücken und Schenkel des Pferdes. Man hätte ſagen mögen, das Roß ſelbſt ſey ſich der Schönheit ſeines Herrn bewußt, und fuhle, wie es ſelbſt ſchön den ſchönſten Reuter trage. So bog es den Nacken in Wellenform, hob mit ſpitzem Ohr das Haupt, während es die trotzigen Brauen über den Augen umherzückte. So trug es ſtolz ſeine Bürde und ſich ſelbſt einher. In ruhigem Galop anſpringend wiegte es ſich bald auf dieſer bald auf jener Schulter, während es mit der Spitze des Hufes leiſe die Erde berührte und zu ruhigem Takt ſeinen Gang abmaß. Alle ſtaunten ſchier ob dem Anblick und alle gaben den Siegespreis der Mäͤnnlichkeit und Schönheit dem Junglinge. Ja freiere Mädchen, welche die Neigung ihrer Seele ſittig zu verbergen nicht im Stande waren, warfen ihn mit Früchten und Blumen, um einen Dank von ihm, wie ſie meinten, zu erhaſchen. Denn nur ein Urtheil herrſchte bei allen: noch nichts ſey unter den Menſchen erſchienen, das Thea⸗ genes Schönheit überträfe. „. Als die dämmernde Eos mit Roſenarmen empor⸗ 4 ſtieg— würde Homer ſagen— als aus dem Tempel der Artemis die ſchöne und kluge Charikleia heraus⸗ fuhr, da erkannten wir, daß auch Theagenes ein⸗ mal zu übertreffen ſey: daß er in ſo weit uͤber⸗ troffen werde, als eine unendliche weibliche Schön⸗ heit holdſeliger iſt, denn die erſte männliche. Sie fuhr auf einem bedeckten Wagen, der von einem Paar weißer Stiere gezogen ward. Ein langes, purpurnes Gewand, worein goldene Streifen ge⸗ webt, umhüllte ſie. Ein Gürtel umſchlang ihre Bruſt, in welchem der Künſtler all' ſeine Kunſt verſchloſſen: weder früher, noch ſpäter hatte er etwas ähnliches zu ſchaffen vermocht. Die Enden zweier Schlangen waren auf dem Ruͤcken verbun⸗ den, die Köpfe grüßten einander unter dem Buſenz in einem gleichrunden Knoten verſchlungen ließ ſie der Künſtler durch den Knoten fallen und als Band⸗ enden an der Hüfte hinabſinken. Man mußte ſagen, die Schlangen ſchienen ſich nicht blos fort⸗ zuwinden, ſondern wänden ſich leibhaftig. Aber ſie ſchreckten nicht durch grimmigen falſchen Blick, ſondern wie im trunkenen Schlummer ſchienen ſie hinzuſchweben, wie am Buſen des Mädchens in ſüßer Luſt entſchlafen. Gold war ihr Stoff, ihre Farbe dunkel; denn in das Gold war Schwarzes hineingearbeitet durch Kunſt und ſollte das ungleiche und veränderliche der Schuppenhaut andeuten, in⸗ dem das Hellgoldene mit dem Dunkeln abwechſelte. 9— So war der Jungfrauen Guürtel, das Haar aber nicht völlig aufgeſchlungen und nicht völlig feſſellos: dicht wallten die Nackenlocken hinab über Schultern und Rücken: das Haar auf Scheitel und Stirn, flammend wie Sonnenroſen, umkränzten zarte Lor⸗ beerzweige und geſtatteten nicht, daß die Lüfte es unſittig zerſtörten. Sie trug in der Linken einen goldigen Bogen, während über die rechte Schulter ein Köcher hing; in der andern Hand eine glühende Fackel; aber in ſolchem Glanz ſtrahlte der Schein ihrer Augen weiter als der Fackeln Schimmer.“— „Ja, das iſt Theagenes und Charikleia,“ fuhr Kne⸗ mon heraus!—„Wo ſind ſie in aller Welt? Zeige ſie!“ beſchwor Kalaſiris ihn bei allen Göt⸗ tern; er meinte, Knemon ſehe ſie wirklich.“„Va⸗ ter,“ antwortete jener, nich glaubte ſie ſelbſt ab⸗ weſend zu ſehen, ſo wahr hat deine Erzählung die mir geſchildert, die ich ja ſelber kenne.“„Ich weiß nicht, ob du die geſehen haſt, die an jenem Tage Hellas ſchaute und die Sonne, ſo bewundert, ſo hochgeprieſen, ſie für die Männer, er für die Frauen der höchſte Wunſch. Gleich wie Götter⸗ ſeligkeit dünkte ihnen die Verbindung mit einem der beiden, nur daß die Einheimiſchen mehr den Jüngling, die Theſſalier die Jungfrau mehr be⸗ wunderten: was jeder heut zuerſt geſehen, das ward von ihm höher geprieſen; denn ein nie ge⸗ ſehener Anblick erregt leichter Staunen, als ein ge⸗ wohnter. Doch, o der lieblichen Täuſchung, des ſüßen Wahns! Wie haſt du mich aufgeregt, Knemon, daß du die Geliebten zu ſehen und mir zu zeigen ſchienſt! Aber überhaupt glaub' ich, täuſcheſt du V V V — 95— mich. Verſprachſt du doch im Anfang unſerer Rede daß ſie kommen und ſich zeigen würden; und fo⸗ derteſt dafür zum Lohne ihre Erzählung; und es iſt Abend ſchon geworden und Nacht, und nirgends vermagſt du ſie zu zeigen.“ Jener aber antwortete: „Sei getroſt und gutes Muths, ſie kommen wahr⸗ lich. Vielleicht begegnete ihnen jetzt ein Hinderniß und ſie kommen ſpäter, als verabredet ward. Und wären ſie auch da, ich zeigte ſie dir nicht eher, bis ich meinen ganzen Lohn dahin habe. Wenn dir's alſo ſo eilig iſt um ihren Anblick, ſo erfülle deine Botſchaft und bringe die Erzählung zu Ende.“ „Ich ſelbſt,“ fuhr der andere fort,„bin der Sache überdrüßig, die das Andenken meiner Schmerzen mir erneut und meinte, auch dir ſey es laͤſtig und des langen Redens übergenug. Da du aber gern zuzuhören ſcheinſt und unerſättlich biſt in anziehen⸗ den Geſchichten, wohlan, ſo laß uns die Rede da fortſetzen, wo ich aufgehört. Doch erſt laß uns die Leuchte anzünden und den nächtlichen Göttern dieſen Schlaftrunk bringen, ſo daß wir, wenn der Sitte ihr Recht geſchehen, ruhig in die Nacht hinein wachen mögen.“ So ſprach er. Da ward eine brennende Leuchte 5 von einer Dienerin auf des Alten Geheiß hereinge⸗ bracht. Hin goß er das Trankopfer, rief dabei andere Götter, vor allen aber den Hermes an und bat um eine traumheitere Nacht und flehte, daß ihm ſeine Lieben im Schlummer erſcheinen möchten. Als er das vollbracht, fuhr er alſo fort:„Wie nun, mein lieber Knemon, der Zug das Mahl des Neoptolemos umgangen und die Juͤnglinge dreimal ihre Roſſe rings umher geritten hatten, da ertönte hell der Frauen, hallend der Männer Ruf und wie auf einen Schlag wurden die Stiere, Ziegen, Schafe geopfert, als ob eine einzige Hand ſie alle ſchlachtete. Einen ungeheueren Altar beluden ſie mit unzähligen Scheitern, häuften das zum Opfer zerforderliche zu oberſt und erſuchten dann den Prie⸗ ſter des pythiſchen Gottes das Trankopfer zu be⸗ ginnen und den Altar zu zünden. Charikles aber bedeutete, wie das Trankopfer ihm gezieme, allein den Altar müſſe der Opferführer zuͤnden und die Fackel aus den Händen der Tempeljungfrau em⸗ pfangen. So wolle es heimiſche Sitte. Mit dieſen Worten begann er das Trankopfer. Das Feuer aber nahm Theagenes. Da erkannten wir durch die That, lieber Knemon, daß die Seele etwas Göttliches und von oben uns eingeboren. Sehen und Sehnſucht fühlen, war eins bei den beiden: als ob die Seele gleich beim erſten Zuſammen⸗ treffen das gleiche Weſen gefunden und in ſein würdiges Eigenthum hinuübereilte. Lautlos ſtanden ſie erſt und heftig bewegt: zögernd gab ſie die Fackel, zögernd nahm er ſie: die Augen hefteten ſie feſt auf einander, als ob ſie früher ſchon ſich gekannt und geſehen und nun ſich's im Andenken zurüͤck riefen: dann lächelten ſie leiſe und heimlich, bloß durch den freundlichen Blick es verrathend; doch bald, wie in Schaam über den Vorfall, glüh⸗ ten ſie hoch auf, erblaßten dann, als die Sehnſucht wohl in's Herz ſtrömte: kurz in tauſenderlei For⸗ men änderte ſich ihr Antlitz in wenig Zeit und be⸗ —q — 97— ſtändiger Wechſel in Blick und Farbe verrieth den Sturm ihrer Seele. Den meiſten blieb das, wie begreiflich, verborgen, indem ein jeder auf etwas anderes Achtung und Sinn richtete. Auch dem Charikles blieb's verborgen, der eben das heimiſche Gebet und den Zuruf verkündete. Ich ſelbſt aber gab mich allein der Betrachtung der beiden jungen Leute hin; mir war, ſeitdem jener Seherſpruch auf den opfernden Theagenes im Tempel verlautete durch ihre Namen eine Ahnung der Zukunft aufge⸗ regt*) worden. Doch vermocht' ich das übrige des Spruchs noch nicht dazu zu reimen. Spät endlich und wie mit Gewalt riß Thea⸗ 6 genes ſich von der Jungfrau los, ſteckte die Fackel hinein und zündete den Holzſtoß. Dann löſte ſich der Zug: die Theſſalier eilten zum Freudenmahl, von der andern Menge zog jeder in ſeine Wohnung. Charikleia aber warf ein weißes Gewand über und begab ſich mit wenigen ihrer Bekannten zur Behau⸗ ſung im Bereich des Tempels; denn ſie wohnte nicht bei ihrem vermeinten Vater, weil ihre Sitt⸗ ſamkeit ſie jederzeit ins Einſame zog. Ich nun, aufgeregter von dem, was ich gehört und geſehen, begegnete dem Charikles in dieſen Gedanken:„Sahſt du ſie?“ frug er,„Charikleien? meinen und der Delphier Schmuck?“„O, auch ſchon früher hab' ich *) Charikleia von xder(Reiz) und e2(Preis, Ruhm.) Theagenes von Ois(Göttin) und pνμ(ent⸗ ſtehen, entſprießen). Siehe oben den Orakelſpruch. Theagenes u. Charikleia. 7 — 98— ſie oft geſehen,“ erwiderte ich,„ſo oft ſie mir beim Tempel begegnete, und zwar nicht bloß ſo im Aufſtoßen, wie man ſagt; hab ich doch ſchon manchmal mit ihr geopfert und hat ſie mich ge⸗ fragt um göttliche und menſchliche Dinge und ich ſie belehrt, wenn ihr etwas auffiel!“„Nun Freund, wie geſiel ſie dir heut? hat ſie den Prachtzug in etwas herausgehoben?“„Wie du redeſt, ſagte ich, ₰ Charikles, als ob du mich fragteſt, ob denn auch wirklich der Mond hervorglänze unter den Ster⸗ nenl!“„Auch den theſſaliſchen Jüngling hab' ich preiſen hören,“ fuhr er fort.„Ja, den zweiten Preis und den dritten geben ſie ihm; aber als die Krone und das wahrhaftige Auge des Zugs er⸗ kannten ſie deine Tochter.“ Da freute ſich Chari⸗ kles, und mein Zweck war's in der That, daß der Mann in alle Wege mir vertrauen ſollte. Lächelnd fuhr er fort:„Jetzt geh ich zu ihr: iſt dir die Sorge für ſie angenehm, ſo ſiehe mit zu, ob ihr von des Volkes Zudringlichkeit nicht etwas geſche⸗ hen.“ Mit Freuden ſtimmt' ich ein und zeigte, daß ſein Wunſch mir am Herzen liege vor jedem andern Geſchäft. Als wir hinein kamen, wo ſie wohnte, trafen wir ſie drinnen unruhig auf ihrem Lager, die Augen im Thau der Liebe gebadet. Und wie ſie den Vater nach Gewohnheit bewillkommnet, antwortete ſie ihm auf ſeine Frage, was ihr fehle, daß ein Kopfſchmerz ſie beunruhige und ſie gern allein ſey, wenn man's ihr verſtatte. Da erſchrak Charikles; er ging mit mir hinaus und empfahl den Dienerinnen Ruhe. Als wir aus dem Hauſe waren, begann er:„Was heißt mir das, beſter — — 99— Kalaſiris? Welche Krankheit hat mein Töchterlein befangen?“„O wundere dich nicht, wenn ſie unter ſo vielem Volk einherziehend ein giftig Auge auf ſich zog!“ Da lachte er ſpottend und ſprach:„So glaubſt auch du an ein Augengift!“„Wenn etwas wahr iſt, entgegnete ich, ſo iſt's dieſes, denn es verhält ſich alſo: dieſe uns umſtrömende Luft dringt durch Augen, Naſe, Athem und andere Oeffnungen in unſer Inne⸗ res und bringt ihre Beſchaffenheit von außen mit hinein. Wie ſie nun eingeſogen wird, ſolchen Zu⸗ ſtand pflanzt ſie in die Menſchen, die ſie einnehmen. Schaut nun jemand neidiſch auf Schönes, ſo wird die umhüllende Luft von derſelben feindſeligen Eigen⸗ ſchaft erfüllt und wirft ſich im Wehen voll bitteres Weſens auf den Nachbar. Der feine Stoff aber dringt bis auf Knochen und Mark hinein. So wurden durch Neid ſchon viele ſiech und er erhielt deswegen den eigenen Namen Augengift. Dabei magſt du noch das beachten, Charikles! Wie viele wurden durch Stoff der Augenkrankheit oder der Seuchen angefüllt, die niemals die Kranken berührten, nicht daſſelbe Lager, denſelben Tiſch mit ihnen theilten: die Luft allein führte das ihnen zu. Vor allem aber beſtätigt die Entſtehung der Liebe meine Worte. Bloß Geſe⸗ henes gibt ihr das Daſeyn und wie durch Luftſtöße wird ihnen die Sehnſucht in die Seele geſchleudert. Es iſt auch ganz begreiflich; denn das Geſicht, von allen unſeren Oeffnungen und Sinnen das beweglichſte und feurigſte, wird für Ausflüſſe empfänglicher und ſaugt mit glühendem Hauch die Ausbrüche der Liebe.— Soll ich dir des Beiſpiels wegen vorſtellen, was in 8 den heiligen Büchern über die Thiere ſteht, ſo heilt — 100— ja der Brachvogel die Gelbſuͤchtigen. Denn wenn ein ſolcher Kranker den Vogel anſieht, ſo flieht dieſer, wendet die Augen und ſchließt ſie, nicht wie man glaubt, aus Neid ob ſeines Nutzens, ſondern weil er ſo geſchaffen iſt, daß er durch Anſehen die Krankheit wie einen Strom in ſich zieht und einſaugt: deshalb flieht er den Anblick wie eine Wunde. Vom ſogenannten Baſilisk unter den Schlangen, der* allein mit Athem und Blick alles verſengt und peinigt was ihm ſich naht, haſt du vielleicht gehört. Wenn nun manche die Geliebteſten, und denen ſie wohlwollen, ſo vergiftigen, ſo iſt's kein Wunder. Sie haben dieſen Neid von Natur und thun, nicht, was ſie wollen, ſondern was ſie natürlich müſſen.“ Dazu hielt er ein wenig ein; endlich ſprach er: „dieſen Zweifel haſt du ſehr klug und glaublich mir gelöſt. O wenn doch auch ſie einmal die Sehnſucht fühlen ſollte und die Liebe; dann, weiß ich, würde ſie geſunden und nicht krank bleiben! daß ich auch dafüͤr dich zu Hülfe gerufen, weißt du. Jetzt aber brauchen wir nicht zu fürchten, daß ſie ſo etwas er⸗ griffen, die Ehehaſſerin, die Liebeleere! Aber wahr⸗ lich, an ſolcher Vergiftung ſcheint ſie zu leiden. Sicher wirſt du ſie auch von dieſer befreien wollen, da du mein Freund und in Allem ſo erfahren biſt.“ Ich verſprach, nach Kräften ihr zu helfen, wenn ich ihr 10 Leiden bemerken ſollte. Und als wir noch in ſolchen Betrachtungen waren, da eilte jemand auf uns zu mit den Worten: Freunde, als ob ihr zu Schlacht oder Krieg, nicht zum Feſte gerufen wäret, ſo zau⸗ f dert ihr ja: und der ſchöne Theagenes rüſtet es zu — —r — 101— und herniederſchaut der Helden größter Neoptolemos. Kommt heran! und ſchiebt das Mahl nicht bis zum Abend hinaus, da ihr allein von allen noch fehlt.“ Da neigte ſich Charikles an mein Ohr, und ſprach: der ladet recht mit dem Prügel ein! Wie ungelegen kommt er und noch dazu benebelt! Aber laß uns gehn; wir müſſen fürchten, daß er uns endlich noch Schläge angedeihen läßt!“„Du ſcherzeſt wohl, ſprach ich; aber laß uns gehn.“ Als wir hinzu ka⸗ men, lagerte Theagenes den Charikles an ſeine Seite und auch mir erzeigte er um Charikles Ehre. Was ſoll ich dir läſtig fallen und das übrige vom Feſte er⸗⸗ zählen, die Mädchentänze, die Flötnerinnen, den Waffentanz der Juünglinge und anderes, was Thea⸗ genes zu den ansgeſuchten Speiſen verordnet hatte, um das Gelag lebendiger und zechfreudiger zu machen: was dir zu hören nothwendiger und mir zu erzählen angenehmer iſt, war folgendes: Theagenes wollte ſich fröhlich zeigen und zwang ſich, die Gäſte zu er⸗ heitern; aber mir verrieth ſich, wohin ſein Sinn ihn trug: bald wandte er den Blick umher, bald ſeufzte er tief auf ohne Urſach: jetzt ſtarrte er hin, wie in Gedanken und gleich darauf änderte er ſich plötzlich zu großer Heiterkeit, als ob er zum Bewußtſein käme und ſich ſelbſt ermunterte, zu jeder Umwandlung gleich bereit. Denn der Sinn eines Liebenden iſt wie eines Trunkenen, wandelbar und ohne feſte Statte. Darum iſt auch der Liebende zum Trunk und der Trun⸗ kene zum Lieben geneigt.— Und als er endlich 11 voll ſchien von verdrüͤßlicher Langweile, da ſchien er auch den übrigen Gäſten offenbar unwohl; Charikles, der nichts als ſeine Ungeſelligkeit bemerkte, ſagte — 102— leiſe zu mir:„Auch den hat ein giftig Auge ange⸗ blickt: es ſcheint ihm daſſelbe widerfahren zu ſeyn, was Charikleien.“„Ja, bei der Iſis!“ ſprach ich, „ganz daſſelbe, und zwar ganz natürlich und begreif⸗ lich, da auch er nach ihr im Zuge hervorleuchtete!“ Das redeten wir zu einander. Als nun die Becher umher geben ſollten, trank Theagenes jedem, wenn auch wider Willen, einen Freundſchaftstrunk zu. Als er nun zu mir gekommen und ich ihm ſagte: „Deine Freundſchaft halt' ich hoch!“ den Becher aber nicht annahm, da ſchaute er mich ſcharf und gluͤhend an; ich verachte ihn, meinte er. Das be⸗ merkte Charikles und ſprach:„Des Wein's und der Fleiſchſpeiſen enthält er ſich.“ Und als jener nach der Urſache fragte, fügte er hinzu:„ Er iſt aus Memphis, ein Aegypter und Oberprieſter der Ifis.“* Als Theagenes von Aegypten und Oberprieſter hörte, erfüllte ihn plötzlich hohe Freude und, gleich denen, die einen Schatz gehoben, ermannte er ſich, foderte Waſſer und ſprach, nach dem er getrunken:„So nimm denn dieſen Brudertrunk, weiſer Mann, in dem ich das köſtlichſte dir zutrinke. Dieſer Tiſch ſoll unſere Freundſchaft weihen!“„So ſey es,“ ſprach ich,„herrlicher Theagenes! Ich hatte dich ſchon lange lieb.“ Dabei nahm ich und trank. Damit war das Mahl zu Ende und jeder ging in ſeine Woh⸗ nung, während mich Theagenes mit größerer Wärme liebkoſte, als unſere Bekanntſchaft erwarten ließ. Als ich nun in meine Wohnung kam, warf ich mich anfangs ſchlaflos auf mein Lager und erwog die Sorge um die jungen Leute auf und nieder, was das letzte des Orakelſpruchs bedeuten könne, aufſpü⸗ rend. Um Mitternacht ſah ich Apollon und Artemis, wie ich wähnte— wähnt ich's oder ſah' ich's wirk⸗ lich?— er führte mir den Theagenes, ſie die Chari⸗ kleia zu, nannten mich beide bei Namen und ſprachen: „Jetzt iſt es an der Zeit, in dein Vaterland zurück⸗ zukehren; denn alſo will es der Moiren Satzung. So wandere denn ſelbſt hinweg und nimm dieſe als Reiſegenoſſen mit dir, halte ſie wie deine Kinder und bringe ſie von Aegyptenland wohin und wie es die Götter wollen.“ Mit dieſen Worten eilten ſie 12 hinweg und zeigten mir dadurch, daß das Geſicht nicht im Traume, ſondern im Wachen mir erſchienen war. Das wußt ich alſo nun wohl, daß ich ſie wirk⸗ lich geſehen, aber zu welchen Menſchen und in welches Land die Götter ſie geſendet haben wollten, das wußt' ich nicht zu enthüllen., Da nahm Knemon das Wort:„Vater dies wirſt du nachher erzählen, wenn du ſelbſt es anders erfahren haſt, aber auf welche Art meinteſt du denn, daß die Götter dich bedeutet, wie ſie nicht im Traum gekommen, ſondern wirklich dir erſchienen?“„Auf dieſelbe Art, mein Kind, die ſchon der weiſe Homeros andeutet; die meiſten aber übergehen den deutſamen Spruch: Wohl erkannt' ich von hinten der Fuͤße Tritt und der Schenkel: Leicht hinfloß er im Gang.“ „Von dieſen Meiſten ſcheine ich auch einer zu ſeyn. Und, das mir vorzuwerfen, Kalaſiris, haſt du wahrſchein⸗ lich der Verſe gedacht. Ich verſtehe wohl den gewöhn⸗ lichen Sinn davon, ſeit man mich mit ſeiner Leſung — 104— bekannt gemacht; aber die darin verſteckte Bedeutung iſt mir unbekannt.“ Nachdem Kalaſiris ein Weilchen eingehalten und ſeine Gedanken zu myſtiſcher Weihe erhoben, fuhr er fort:„die Götter und Dämonen, mein Knemon, gehen bei uns ab und zu, wandeln ſich wenig in an⸗ dere Geſchöpfe, ſondern meiſt in die Geſtalt der Menſchen, und ſo regen ſie uns durch die Gleichheit mehr zu Gedanken auf; denn wenn auch Ungeweihte ſie ſelbſt verkennen, ſo entgeht doch nie ihre Erkennt⸗ niß dem Weiſen. An den Augen mag man ſie erken⸗ nen, ſtets ſchauen ſie feſt und ſchließen nimmermehr das Augenlied; mehr aber noch am Gange, welcher nicht durch Vereinzelung oder Fortſetzung der Fuͤße geſchieht, ſondern in einem luftigen Schweben, einer ſchrittloſen Eile, indem ſie eher die umgebende Luft zerſchneiden, als durchwandeln. Darum ſtellen auch die Aegypter die Bildſäulen ihrer Götter mit an einan⸗ der geſchloſſenen und wie vereinten Füßen hin. Das wußte Homeros, der, als ein Aegypter, in die heilige Lehre geweiht, ſymboliſch in ſeiner Dichtung es hingeſtellt, daß es die erkennen möchten, welche es zu verſtehen im Stande ſind. Von der Athene ſagt er: Und fürchterlich ſtrahlten die Au⸗ gen; vom Poſeidon aber das: Wohl erkannt' ich von hinten der Füße Tritt und der Schenkel; Leicht hinfloß er im Gang. Als ob er wie im Gehen verfließe. Denn dies bedeutet das: Leicht hinfloß er im Gang; — 105— nicht aber, wie einige irrig verbinden: Wohl er⸗ kannt' ich ihn leicht.“„Das haſt du mir klar 14 gemacht, du trefflicher Mann,“ ſprach Knemon,„daß du aber den Homer einen Aegypter nennſt, das hat wohl von allen bis heut noch keiner vernommen: ich wage meinen Unglauben nicht auszuſprechen, ob ich gleich ſehr erſtaunt bin; ſo bitte ich dich denn, über⸗ gehe den Grund dieſer Worte nicht.“„Wie wohl, lieber Knemon, ſolches zu erzählen nicht ganz an der Zeit iſt, ſo magſt du's dennoch als Einſchaltung ver⸗ nehmen. Dem Homeros, mein Freund, mögen an⸗ dere ein anderes Vaterland geben, mag jede Stadt des weiſen Mannes Heimath ſeyn wollen; in Wahr⸗ heit gehört er uns, war ein Aegypter. Theben, das er ſelbſt„das hundertthorige“ nennt, war ſeine Va⸗ terſtadt. Sein Vater war ſcheinbar ein Oberprieſter, wirklich aber Hermes. Sein angeblicher Vater war ein Oberprieſter, deſſen Gattin, als ſie eine heimath⸗ liche Weihe vollbrachte und im Tempel ſchlief, der Gott erkannte und ſo den Homeros zeugte, welcher auch ein Mal jener ungleichen Umarmung trug; denn dem einen ſeiner Schenkel entquoll gleich bei der Ge⸗ burt ein großer Schwall von Haaren; darum überkam er auf ſeinem Zug von den anderen Völkern und auch von den Hellenen, wo er ſeine Dichtung ſang, den Namen. Er ſelbſt ſagte ſeinen eigentlichen nicht, nannte auch weder Vaterland noch Abkunft: ſondern diejenigen, ſo von dem Mal ſeines Leibes unterrichtet waren, haben den Namen emporkommen laſſen.“ „Um welchen Zweck aber, Vater, verſchwieg er ſein Heimathland?“„Entweder aus Scham, weil er geächtet war; denn ſein Vater trieb ihn hinweg, als — 106— er vom Jünglingsalter unter die Geweihten eingetre⸗ ten, weil man ihn als Baſtard erkannte an dem Ma⸗ kel ſeines Leibes, den er trug: oder er that es aus Klugheit, indem er die eigene Heimath bergend jede 15 Stadt ſein Vaterland nannte.“„Schön und wahr erſcheint mir deine Rede; mir beſtätigt ſie nun auch das Schrankenloſe und jedem Reiz ſich öffnende in des Mannes Dichtung als ägyptiſch, ſo wie auch das Ungeheure ſeines Weſens nicht alle und jede ſo hoch übertroffen hätte, wenn er nicht wirklich einer gött⸗ lichen oder übermenſchlichen Grundlage theilhaftig geweſen wäre. Wie du aber die Götter nun ſo home⸗ riſch geſpürt, lieber Kalaſiris, ſo erzähle was weiter ſich begab.“„Faſt daſſelbe, Knemon, was vorher ge⸗ ſchehen war: Schlafloſigkeit von neuem und Berathun⸗ gen und theure Sorgen der Nacht. Ich war in freudiger Hoffnung, etwas gefunden zu haben, was ich nicht erwartete, die Erwartung in meine Heimath zurück zu kehren. Es ſchmerzte mich der Gedanke, Charikles ſeiner Hoffnung zu berauben: ich war unſchlüſſig, wie die jungen Leute zuſammengebracht und dazn vermocht werden könnten, auf die Fahrt zu denken, ich kämpfte bei mir, wie wir die Flucht verheimlichen, wohin uns wenden ſollten, und vor allem zu Land oder Meer. Kurz, ein Wogendrang von Sorgen umfing mich: ich ängſtete mich ſchlaflos den Reſt der Nacht hindurch. Und nur grauend ſchien der Tag herein, da hallte des Vorhofs Thüre und ich hörte mich von jemand gerufen. Als der Diener fragte: Wer klopft da? Sag dein Begehr!“ berichtete der Rufer:„Theagenes, — 107— der Theſſalier!“ Ich freute mich, als der Jüngling mir genannt ward und gebot, ihn herein zu laſſen, im Glauben, das Geſchick ſelbſt bringe mir den Anfang zur Ausführung des Plans, den ich vor hatte. Ich ahnete, daß er, der beim Gaſtmahl mich Aegypter und Oberprieſter nennen hören, mich zum Gehülfen ſeiner Liebe zu gewinnen komme; ging's ihm doch, mein' ich, wie vielen, welche alle Weisheit der Aegypter für ein' und dieſelbe halten in leerem Wahn. Denn die eine iſt gemein, kreucht auf der Erde, könnte man ſagen, iſt Pflegerin von Geiſtes⸗ gebilden, webt um die Leichen Abgeſchiedener: ſie macht ſie ſchwinden mit Kräutern und richtet mit Zaubergeſängen wieder auf, weder hat ſie an ſich guten Zweck, noch führt ſie ihre Jünger zu ſolchem, und kämpft oft mit ſich ſelbſt im eigenen Gebiet. Schmerzliches leiſtet ſie allenfalls und kleinliches, ſpiegelt lügenhaftes als wirklich vor und raubt der Hoffnung Wahn; ungöttliche That bringt ſie an's Licht und dient ungezügelter Luſt. Die andere aber, mein Sohn, iſt wahre Weisheit, deren unächte Tochter nur jene iſt; die üͤben wir Geweihte, wir vom Prieſtergeſchlecht, von Kindheit an: die ſchaut hinauf nach dem Himmel, iſt Freundin der Götter, hält ſich feſt an der Geiſter Natur: ſie forſcht nach der Ge⸗ ſtirne Bahn und erringt der Zukunſt Wiſſenſchaft: fern läßt ſie jene irdiſchen Frevel; nur zu dem Schönen und Guten bietet ſie dem Menſchen die Hand. Da⸗ rum eilte ich zu rechter Zeit meinem Vaterlande zu, um vielleicht— was ich früher dir erzählte— das zu vermeiden, was mir durch ſie verkündet worden, den gegenſeitigen Kampf meiner Söhne. Das ſey — 108— aber den Göttern allein und den Moiren anheim ge⸗ ſtellt, bei denen die Macht iſt, das zu thun oder zu laſſen. Hatten ſie doch, wie es ſchien, die Flucht aus meinem Vaterlande mir weniger um deswillen, als um die Charikleia zu finden nur verordnet. Und wie das geſchah, ſollſt du ferner vernehmen. 17 Als Theagenes hereingetreten und ich ſeinen Gruß erwidert, hieß ich ihn zu mir auf das Lager ſitzen und fragte:„Welche hohe Noth fuͤhrt dich zu mir?“ Da rieb er ſich lange die Stirn und ſprach:„Ein Kampf iſt mein ganzes Weſen; doch erröthe ich, es auszuſprechen!“ Und dann ſchwieg er. Da hielt ich⸗ es für Zeit, ihn ſtaunen zu machen und ihm gleichſam zu weisſagen, was ich wußte. Ich ſchaut' ihn freund⸗ lich an und ſprach:„Wenn du ſelbſt auch zögerſt, es zu ſagen, unſerer Wiſſenſchaft und den Göttern entgeht nichts.“ Ich hielt ein wenig ein, zählte be⸗ deutungsloſe Zeichen an meinen Fingern ab, wühlte mein Haar auf nach Art der Gottbegeiſterten und ſprach: ndu liebſt mein Sohn!“ Da ſprang er auf zu der Verkündigung: und als ich vollends„Chari⸗ kleien“ hinzu ſetzte, da glaubte er, mich begeiſterten Götter und faſt hätte er niederſtürzend mich ange⸗ betet; wie ich das nicht zuließ, nahte er mir und küßte vielmal mein Haupt und dankte den Göttern, daß er nicht getäuſcht worden in ſeinem Wahn. Ich ſolle ſein Retter werden, rief er aus; oder er müſſe vergehen, wenn Hülfe und zwar ſchnelle Hülfe ihm verſagt werde: ſo wuthe der Schmerz, ſo flamme die Sehnſucht in ihm, der zum erſten Mal die Liebe fühle.. Er ſchwur, noch nie Frauenumgang gehabt zu haben 7 — 109— und betheuerte es hoch. Alle ſeyen ihm ſtets zuwider geweſen, ſelbſt Ehe und Liebe, wenn er davon gehört, bis nun Charikleiens Anmuth ihn höhne, daß ſein Wille nicht ſtark, ſondern ſein Blick noch kein liebens⸗ würdig Weib geſehen. Zu dieſen Worten weinte er, ein Zeichen, wie gewaltſam die Jungfrau ihn be⸗ ſiegt. Da umfing ich ihn:„Sey getroſt, nun du einmal zu mir dich geflüchtet! Steht ſie doch ſelbſt nicht höher, als meine Weisheit. Wohl iſt ſie ſtreng und wehrt der Liebe den Eingang, verachtet Aphro⸗ diten und die Ehe, mag ſelbſt deren Namen nicht hören. Aber um deinetwillen muß alles verſucht wer⸗ den, weiß doch die Kunſt ſelbſt die Natur zu zwingen. Nur mußt du gutes Muthes ſeyn und meiner Leitung für Nothwendiges dich anvertrauen. Er verhieß alles zu thun, wie ich's ihm beföhle, und wenn ich ihm in Schwerder ſich zu ſtürzen geböte. Noch war er ſorglich darum bemüht und verſprach 18 mir zum Lohn ſein ganzes Vermögen, als jemand vom Charikles kam und ſprach:„Charikles verlangt deinen Beſuch. Er iſt hier ganz nah im Apollonion und bringt dem Gott einen Lobgeſang, weil er im Traume erſchreckt ward.“ Spggleich ſtand ich auf, entließ den Theagenes und fand, im Tempel ange⸗ kommen, den Charikles auf einer Bank, höchſt trau⸗ rig, und unaufhaltſam ſeufzend. Ich trat hinzu und frug:„Warum ſo in Gedanken und ſo finſter? Er aber entgegnete:„Wie ſoll ich nicht, da Träume mich ängſtigten und meine Tochter ſich noch übler befin⸗ det, wie ich höre, und die ganze Nacht ſchlaflos hin⸗ gebracht hat? Nun liegt mir freilich auch ihr Krank⸗ — 110— ſeyn am Herzen, vor allen aber, daß am morgen bevorſtehenden Haupttag des Kampfſpiels, wo die Dianenjungfrau nach Sitte den ſchwergewappneten Läufern die Fackeln zünden und den Dank austheilen muß, nur unter zwei Dingen die Wahl bleibt; ent⸗ weder muß ſie durch Wegbleiben die Sitte der Hei⸗ math verletzen oder wider Willen erſcheinen und noch gefährlicher gereizt werden. So tritt vor allen jetzt helfend dazwiſchen, wenn du es auch früher nicht thateſt, bring ein Mittel, handle bieder an uns und unſerer Freundſchaft, edel an der Gottheit. Ich weiß, daß es dir leicht wird, von ſolchem Neidgift zu heilen, wenn du willſt. Oberprieſtern iſt ja ſelbſt die Erhaltung des Höchſten nicht unmöglich.“ Ich geſtand meine Nachläſſigkeit, auch ihn beſchwatzend, und bat, mich nur den heutigen Tag gewähren zu laſſen; ich müſſe etwas zur Heilung bereiten.„Jetzt aber laß uns zum Mädchen gehen,“ fuhr ich fort,„daß wir's genauer ſehen und ſie nach Kraften tröſten. Dabei wünſchte ich, lieber Charikles, daß du mancherlei bei der Jungfrau von mir redeteſt, und mich ihr durch deine Empfehlung bekannter machteſt, daß ſie in grö⸗ ßerem Vertraun zu mir, getroſter ſich der Heilung hingibt.“„Das ſoll geſchehen,“ ſprach er,„und ſo ig laß uns denn gehen!“ Als wir vor Charikleien hintra⸗ ten— doch wer kann das alles erzählen? Sie war ganz bezwungen von ihrer Leidenſchaft, hinwegge⸗ flohen war die Blüthenanmuth ihrer Wangen und ge⸗ löſcht ihres Blickes Flammen in der Fluth der Thrä⸗ nen, doch nahm ſie ſich zuſammen und zwang ſich auf alle Weiſe zu gewöhnlichem Blick und Ton hinauf. Charikles umfing ſie, küßte ſie tauſendmal und ver⸗ ſ —,— — 111— ſchwendete jegliche Liebkoſung.„Mein Töchterchen, mein zartes Kind, mir, deinem Vater birgſt du was dich qualt? Augenneid erregt dir Schmerz und du ſchweigſt, als ob du gefehlt und biſt ſo fehllos doch und haben ſich giftige Augen an dir verſehen. Aber ſey getroſt! den weiſen Kalaſtris hab' ich gerufen, der dir ein Heilmittel bringt: ein gewaltiger Mann, und erfahren wie keiner in göttlicher Kunſt! Ein Prophet i*ſt er ſeines Fachs und lag dem geweihten Wiſſen ſeit ſeiner Kindheit ob; und was das beſte iſt, mein ſehr lieber Freund. So wirſt du wohl thun, ihn ohne Anſtoß aufzunehmen, dich ihm hinzugeben, wenn er mit Zauberſprüchen oder ſonſtiger Heilung dir naht: haſt du doch ſonſt des Umgangs tiefſinniger Männer dich nicht geſcheut!“ Charikleia ſchwieg und nickte, als ob ſie gern meine Berathung zuließ. So vertrugen wir uns denn gegenſeitig, während Charikles noch heimlich mich mahnte an das, wozu er ſchon früher meine Sorge und Einſicht angerufen, ob ich etwa Cha⸗ rikleien Sinn für Ehe und Männer beizubringen ver⸗ möchte. Ich hieß ihn getroſt ſeyn mit dem Verſpre⸗ chen, daß ſein Wunſch nicht lange unerfüllt bleiben ſolle.— Viertes Buch. 1 Am folgenden Tag endete das Kampfſpiel fuͤr die Pythier. Für unſere Helden begann's erſt: Eros V war Turnwalt und vertheilte den Dank und offen⸗ barte den beiden Streitern, die allein er zugelaſſen, daß ſein Kampf der höchſte von allen. Es fügte ſich aber alſo. Hellas ſchaute zu: richtend ſaßen die Amphiktionen. Und als denn die andern Turnſpiele feierlich geendet: Wagenrennen, Ringen und Fauſt⸗ kampf, da gebot der Herold Raſt mit dem Ruf: hervor die Gewappneten! Sieh' da leuchtete plötzlich die Dianenjungfrau Charikleia empor am Ende der Rennbahn. Selbſt wider Willen war ſie gekommen um der Heimathſitte zu genügen; mehr aber noch, wie's mir ſchien, in Hoffnung den Theagenes wo zu erſchauen: in der linken trug ſie eine brennende Fackel, mit der andern hielt ſie einen Lorbeerzweig empor. Wie ſie hervortrat, wandten alle Zuſchauer nach ihr ſich hin. Aber keiner kam Theagenes Auge zuvor. Denn ſcharf iſt ein Liebender im Erkennen 1 — 1413— der Geliebten. Dazu hatte er ſchon früher vernom⸗ men, was geſchehen werde, und ſo war ſein Sinn nur der einen Beachtung hingegeben. Ganz zu ſchweigen vermochte er dennoch nicht, ſondern heimlich ſagte er zu mir— er hatte ſich vorſätzlich neben mich geſetzt:—„Das iſt ſie, Charikleia!“ Ich gebot ihm Stille. Auf den Ruf des Herolds ſchritt herein ein prächtig 2 gerüſteter Mann, in ſtolzem Bewußtſeyn, der, allein ausgezeichnet, wie es ſchien, ſchon in manchem Strauße angebunden hatte: keinen Gegner hatte er, keiner wagte, glaub ich, den Kampf. Da entließen ihn die Amphiktionen, denn kampflos duldete das Geſetz nicht, den Kranz zu erhalten. Er aber foderte, daß der Herold jedweden, der es wolle, zum Renn⸗ kampf lade. Das geſtatteten die Amphiktionen und der Herold rief: daß herbei kommen möge, wer es wolle. Da ſprach Theagenes zu mir: nder ruft mich!“ Und als ich entgegnete: wie meinſt du das? ſagte er: „So wie es ſeyn muß, Vater! In meiner Anwe⸗ ſenheit und vor meinen Augen ſoll kein andrer aus Charikleias Händen den Siegerdank mir nehmen!“ „Und die Schaam bedenkſt du nicht, wenn du ſieglos würdeſt?“ fuhr ich fort.„Wer könnte denn ſo un⸗ ſinnig eilen, daß er mich überliefe, wann's Charikleias Anſchaun und Nähe gilt? Wen könnte ihr Anblick wohl ſo beflügeln und ſelbſt himmelan reißen? Weißt du denn nicht, daß die Mahler den Eros mit Flügeln bilden, deutend auf die Gewandheit der von ihm eingenommenen? Und ſoll ich noch ruhmredig ſeyn: keiner rühmt ſich bis heute mir's im Wettlaufen vor⸗ gethan zu haben!“ Theagenes u. Charikleig⸗ 8 — 114— 3 So ſprach er und ſprang auf. Dann trat er vor, kündete ſeinen Namen und ſein Vaterland und loſte ſich die Stelle ſeines Laufes, zog dann die volle Rüſtung an und ſtand dürſtend nach dem Wettlauf in den Schranken und wartete nur mit Mühe und wider Willen auf der Drommete Zeichen. Ein herrliches, mahleriſches Schauſpiel, wie Homeros etwa den Acchilles, die Schlacht am Skamandros kämpfend, darſtellt. Ganz Hellas war bewegt in voller Erwar⸗ tung und wünſchte dem Theagenes Sieg, als ob ſelbſt jeder mitkämpfte. Denn die Schönheit reizt die Zuſchauer leicht zur Theilnahme. Auch Charikleia war in hoher Bewegung. Ich beobachtete ſie aus der Menge heraus und ſah, wie oft ſie die Farbe wechſelte. Denn wie der Herold zu aller Ohren die Läufer ver⸗ kündete und ausrief:„Ormenos aus Arkadien und Theagenes aus Theſſalien!“ die Schranken ſich aufthaten und weithin die Bahn ſich öffnete, daß der Blick des Auges ſie nicht erreichte: da vermochte das Maäͤdchen nicht länger ihr Beben zu bergen, ſie wankte im Stehen, ihre Knie zitterten, als ob ihre Seele mit Theagenes aufbräche, um im Lauf ihm zu helfen. Alle Zuſchauer waren in geſpannter Erwartung, ganz erfüllt vom Wettkampf: ich aber vor allen, der künftig um ihn wie um den eigenen Sohn zu ſorgen beſchloſſen hatte.“„Das iſt kein Wunder,“ ſagte Knemon,„ daß ſolche in banger Erwartung waren, die ſelbſt zugegen, es ſelbſt geſehen: fürchte ich doch jetzt ſelbſt um Theagenes, darum bitte ich dich, ſage bald, ob er als Sieger ausgerufen worden..“ 4„Als die Hälfte der Rennbahn durchlaufen war, lieber Knemon, da wandte er ſich kurz mit leichtem — 1415— Seitenblick auf Ormenos, richtete den Schild empor, hob den Nacken und ſchoß— blos auf Charikleiag war ſein ganzer Blick geſpannt— wie ein Pfeil nach dem Ziel und flog dem Arkadier um ſo viel Klaftern zuvor, als nachher als Vorſprung gemeſſen ward. Los rannte er auf Charikleien und ſtürzte ihr mit Fleiß gewaltſam an die Bruſt, als ob er den Sturm des Laufs nicht zu zügeln vermöchte. Als er den Lorbeer empfing, entging mir nicht, daß er die Hand des Mädchens küßte.“„O du gibſt mir das Leben,“ ſprach Knemon, ndaß er ſiegte und ſie küßte. Aber wie gings weiter?,„Aber Knemon, du biſt nicht allein im Zuhören unerſättlich, auch der Schlaf vermag nichts über dich; ſchon iſt kein geringer Theil der Nacht vorüber und noch hältſt du mich wachend feſt und erläſſeſt nichts von der langen Erzählung.“ „Vater, ich bin immer dem Homeros bös geweſen, daß er meint, man könne neben andern Dingen auch der Liebe ſatt werden; der Liebe, die, nach meinem Urtheil, gar keine Sättigung duldet, ſey's nun, man gibt ihrer hohen Luſt ſelbſt ſich hin, oder hört nur davon. Wer aber Theagenes und Charikleias Liebe gedenkt, wie könnte der ſo felſenhartes oder eiſernes Herzens ſein, daß es ihm nicht Freude machen ſollte, ein ganzes Jahr lang zuzuhören. So halte dich alſo wieder an die Erzählung.“„Theagenes, mein lieber Knemon, erhielt alſo den Kranz, ward als Sieger verkündet: aller Frohlocken begleitete ihn. Charikleia aber war durchaus beſiegt, ſte war ge⸗ fangen in Liebe mehr als vorher, da ſie Theagenes wieder geſehen. Denn der Wechſelanblick regt der Sehnſucht Gedanken auf und entflammt den Sinn, — 116— wie Zunder das Feuer. Als ſie heim gekommen, brachte ſie dieſe Nacht zu wie die frühere, vielleicht noch ſchmerzlicher. Auch mich floh der Schlummer im Grübeln, wohin wir uns wendeten, um die Flucht zu verbergen, und in welche Gegend die Gottheit die beiden haben wollte. Daß wir zu Meer fliehen mußten, das ſah ich wohl ein, denn damit ſtimmte der Spruch in den Worten, daß ſie die Fluthen zertheilen Fern zu des Sonnengotts dunkelem Lande gewandt. Allein wohin ſie bringen, dafür fand ich nur eine einzige Auskunft, wenn ich die Binde einmal über⸗ käme, welche mit Charikleia ausgeſetzt worden, worein ihre Erzählung geſtickt war, wie Charikles gehört haben wollte. Dort mußte ich vermuthlich das Va⸗ terland, und, wie ich vermuthete, die Eltern des Mädchens erfahren: vielleicht ſendete ſie dorthin das Geſchick. Als ich am Morgen zu Charikleien kam, fand ich die andren vom Hauſe, vor allen aber den Charikles, in Thränen. Da trat ich hinzu und fragte: „was iſt denn vor?“ Er antwortete:„die Krank⸗ heit meiner Tochter wird heftiger, ſie hat eine noch ſchlimmere Nacht als die vergangene gehabt.“„Sey ruhig!“ fuhr ich fort,„und ihr alle geht hinaus. Bringe nur einer einen Dreifuß, Lorbeerzweige, Feuer und Weihrauch heran! Und keiner beunruhige uns, bis ich rufe!“ Das gebot Charikles und es geſchah. Wie ich nun in Ruhe war, begann ich, wie auf der Bühne, meine Schauſpielerei, den Weihrauch opfert ich und ſchwang dann— etwas wie ein Gebet zwiſchen — 117— den Lippen murmelnd— mit dem Lorbeerzweig der Charikleia vom Haupt bis zu den Fuͤßen auf und ab, hörte dann endlich langſam, kindiſch, wie vom Schlaf befallen halbtrunken auf, nachdem ich mich und das Mädchen mit Poſſen überhaͤuft. Sie aber wiegte oft das Haupt und lächelte ſpottend, wie um mir zu zei⸗ gen, daß ich mich irre und ihr Weh nicht kenne. End⸗ lich ſetzte ich mich neben ſie und ſprach:„Sei getroſt meine Tochter; deine Krankheit iſt unbedeutend und leicht zu heilen: ein neidiſch Auge hat dir's angethan, vermuthlich als du im Feſtzuge daher kamſt, mnehr aber noch als du den Dank austheilteſt. Ich vermuthe auch, wer dir's am meiſten angethan: Theagenes iſt's, der in Rüſtung wettlief. Ich ſahe wohl, wie oft er dich anſchaute, und wie ſein Auge nach dir hin glühte.“ Da ſprach ſie:„Der mag Friede haben, hat er mich nun ſo betrachtet oder nicht. Wer iſt er denn aber und woher? ſah ich doch, daß viele über ihn ſtaunten!“„Daß er ein Theſſalier iſt ſeines Geſchlechts, das haſt du ſchon fruͤher vom Herold ge⸗ hört, als der ihn verkündete. Den Achilles gibt er für ſeinen Ahn aus: das ſcheint mir auch wahrhaftig, wenn man die Größe und Schönheit des Jünglings als ein ſicheres Zeugniß für ſeinen achilleiſchen Adel rechnen darf. Nur daß er nicht ſo auffahrend und männlich ſtolz iſt wie der, ſondern ſeines Sinnes Stolz durch Anmuth mildert. Aber möge er, wenn er auch noch ſo ſchön, noch ſchmerzhafteres erdulden, als er ſelbſt verübt, da ſein Blick ſo giftig und er durch ſein Anſchauen es dir angethan.“ Da ſprach ſie:„Vater, ich danke dir deine Sorge um mich; aber was verwünſcheſt du ſo umſonſt den, der vielleicht — 118— nicht gefehlt hat? Ich leide nicht an Neidgift ſondern an einem andern Weh, ſcheint's.“„So verhehlſt du's, Kind, und ſcheueſt dich es zu ſagen, daß wir dir Hülfe bringen könnten? Bin ich dir nicht ein Vater dem Alter nach, ja mehr noch durch Wohlwollen; Bin ich nicht deines Vaters Bekannter und Herzens⸗ freund? Sprich's aus, was dich quält, du darfſt dich mir vertrauen, beeidigen will ich dir's, wenn du's verlangſt. Sag es friſch!— und thu' dem Schmerz nicht Vorſchub durch Schweigen. Jedem Schmerze, den man ſchnell erfährt, iſt abzuhelfen, aber ein lang hinaus verſchobener faſt unheilbar. Denn Schweigen iſt des Schmerzens Amme. Ausgeſprochen gibt ſchnel⸗ len Troſt!“ — Da ſchwieg ſie ein Weilchen; in ihrem Antlitz wechſelten die tauſend Wallungen und Stürme ihrer Seele.„Schone mein heute,“ ſprach ſie dann: du ſollſt es ſpäter hören, wenn du es nicht ſchon vorher weißt, da du ja ein Seher ſeyn willſt.“ Ich ſtand auf der Stelle auf und ging hinaus, um dem Mäd⸗ chen unterdeß Zeit zu laſſen, mit ihrer Schaam ſich zu befreunden. Da fand ich Charikles:„Nun,“ frug er,„was haſt du mir zu ſagen?“„Alles ſteht treff⸗ lich,“ erwiderte ich;„morgen wird ſie von ihrer Qual befreit: und noch etwas unterzieht ſie ſich, was dir angenehm iſt: ſie iſt nicht dagegen, einen Arzt zu rufen.“ Mit dieſen Worten rannte ich hin⸗ weg, damit Charikles nichts mehr fragen ſollte. In geringer Entfernung vom Hauſe ſah ich den Theage⸗ nes gerade um den Tempel und die Ringmauern ſchleichen; mit ſich ſelbſt im Geſpräch, als ob ihm ſchon — 119— genug wäre, ſelbſt Charikleias Wohnung nur zu be⸗ trachten. Ich wandte mich und ging an ihm vorüber, als ob ich ihn nicht geſehen.„Grüße dich, Kalaſiris, rief er,„ſo höre doch; auf dich hab ich eben gewartet!“ Schnell wandt' ich mich um und ſprach:„Sieh, der ſchöne Theagenes und ich ſah ihn nicht!“„Ach was ſchön!“ rief er aus, niſt mir Charikleia doch nicht ge⸗ wogen!“ Ich zürnte ihm mit den Augen.„So hörſt du nicht auf, mich und meine Kunſt zu verſpotten? die ſie ſchon gefangen nahm und dich zu lieben zwang, daß ſie nach deinem Anblick ſich ſehnt, als ob du einer der Götter wärſt?,„Was ſageſt du da, Vater? Charikleia mich ſehen— und warum führſt du nicht gleich mich zu ihr!“ Dabei lief er voran. Ich aber hielt ihn beim Mantel und ſprach.„Halt du! wenn du auch ein ſcharfer Renner biſt. Eile mit Weile! Es iſt ja hier nichts feil, daß jeder, wer da wollte, nur zugreifen dürfte! Viel Nachdenken iſt noth, daß wir ſittig es vollbringen, viel Zubereitung, daß wir ſicher gehn. Kennſt du denn den Vater der Jung⸗ frau nicht, wie er der erſte iſt unter den Delphiern? Sind die Geſetze dir unbekannt, die ſolchen Frevlern den Tod beſtimmen?“„Ei ich ertrüge den Tod wohl, wäre Charikleia mein. Doch laß uns zum Vater gehn und ſie zum Ehebund fodern. Ich denke die Verbindung mit uns iſt des Charikles nicht un⸗ werth!“„Das wird nicht gehn,“ ſprach ich; nnicht, weil an dir etwas zu tadeln möglich wäre, ſondern weil Charikles ſeiner Schweſter Sohn das Mädchen längſt verſprochen hat.)„Der ſoll an mich denken, wer er auch ſeyn mag. So lang ich lebe, wird kein anderer Charikleias Bräutigam. So ſoll dieſer Arm — 120— und mein Schwert nicht feiern.“„Ruhig! des be⸗ darfs gar nicht, folge mir nur und thue, was ich dich heiße. Jetzt geh' heim, und gib Acht, daß du nicht oft in meiner Nähe erſcheinſt. Nur heimlich und allein mache deine Beſuche!“ Da ging er niederge⸗ ſchlagen hinweg. 7 Als Charikles den andern Tag mich traf und erkannte, eilte er auf mich zu und kuͤßte mich oft an die Stirn.„Das nenn' ich Weisheit, das nenn' ich Freundſchaft!“ rief er unaufhörlich.„Du haſt ein großes Werk vollbracht; bezwungen iſt ſie, die unbe⸗ zwingliche: beſiegt die unüberwindliche. Charikleia liebt!“ Da gab ich mir ein Anſehen, zog die Brauen in die Höhe und ſchritt ſelbſtbewußt einher:„Es war offenbar,“ ſprach ich,„daß ſie ſelbſt meinem erſten Verſuch nicht widerſtehen konnte: etwas von höhrer Wirkung hab' ich gar nicht aufgefuührt. Aber woraus habt ihrs denn erſehen, daß ſie liebt?u Daß wir deinen Rath folgten. Die angeſehenſten Aerzte rief ich herbei, wie du es wollteſt, zur Unterſuchung und verhieß ihnen all mein Vermögen zum Lohn, wenn ſie ihr zu helfen vermöchten. So bald ſie heran gekommen, fragten ſie,„was ihr fehle?“ Sie aber wandte ſich hinweg und antwortete ihnen nicht ein Wort: Nur Homer's Worte rief ſie be⸗ ſtaͤndig aus Peleus' Sohn Achilleus erhabenſter Held der Achaier! Da ergriff der kluge Akeſtinos— du kennſt ihn wohl!— ihre Hand ſelbſt wider ihren Willen und ſchien den Puls um ihr Leiden befragen zu wollen, — 121— der ja des Herzens Regungen offenbaren ſoll. Lange zog er's prüfend in Betrachtung, ſchaute ſie von oben bis unten an und ſprach dann:„ Charikles, du haſt uns vergeblich hergerufen! Bei der vermag Weisheit des Arztes nichts.“„O all' ihr Götter!“ ſchrie ich auf,„was ſagſt du! So ſtirbt mir mein Töchterlein und geht hoffnungslos dahin?“„So ſey doch ruhig,“ fuhr er fort,„und höre!l“ Und damit nahm er mich ſeitab von dem Mäadchen und den andern und ſprach:„Unſere Kunſt verheißt Schmer⸗ zen des Leibes zu heilen; die der Seele aber nicht unbedingt, ſondern, wenn ſie mit dem Leib zugleich leidet, wird auch ſie durch Lindrung geheilt. Das Mädchen nun iſt freilich krank, aber nicht an Leib. Weder ihre Säfte ſind zu gehäuft, noch beſchwert ſie Kopfweh, noch entflammt ſte ein Fieber, noch iſt ihr ſonſt am Leib etwas ſiech, weder ein Theil noch im Ganzen: gar nichts: des ſey verſichert.“ Als ich aber in ihn drang und ihn zu ſagen beſchwor, was er etwa wüßte, ſo fuhr er fort:„Weiß es denn das Mädchen nicht ſelbſt, daß es ein Seelenleiden und daß ihr Weh offenbar die Liebe iſt? Siehſt du nicht, wie ihr Auge ſchwillt, ihr Blick umherflammt, wie ſie bleichen Geſichts dennoch nicht über innere Schmer⸗ zen klagt; ihr Sinn iſt unſtät, laut redet ſie, was ihr einkömmt und erſchöpft ſich in grundloſer Schlafloſig⸗ keit, während die ſtrotzende Kraft ihr hinſchwindet. Da mußt du einen ſuchen, der ſie zu heilen vermag, Charikles! das könnte aber blos ihr Erſehnter.“ Mit dieſen Worten verließ er mich. Da lauf ich denn zu dir, mein Gott und Heiland, der nach meiner und ihrer Ueberzeugung allein uns retten mag. — 122— Denn als ich ſie unabläſſig beſchwor, mir zu ſagen, was ihr fehle: antwortete ſie nur, daß ſie nicht wiſſe, was ihr wiederfahren, Kalaſiris werde wohl allein ſte zu heilen verſtehn. Zugleich bat ſie, dich zu ihr zu rufen. Da ſchloß ich denn gleich, daß deine Weis⸗ heit ſie gezwungen.“„Aber weißt du denn auch, wen ſie liebt ſo gewiß, wie du ihrer Liebe gewiß biſt?“ fragte ich ihn.„Wie und woher ſollte ich das denn wiſſen! Lieber wäre mirs als alle Schätze, wenn ſie den Alkamenes liebte, meiner Schweſter Sohn, den ich ſchon längſt, ſo viel an meinem Willen lag, ihr als Bräutigam verlobte.“„Man muß es verſuchen, den Jüngling ihr zuführen und zeigen.“ Das war er zufrieden und ging hinweg. Bald begegnet' er mir wieder im Getümmel des Marktes und ſprach: „Du wirſt ein verdrüßlich Ding hören! Das Mäd⸗ chen ſcheint wahnſinnig zu ſein, ſo wunderlich gebär⸗ det ſie ſich. Ich führte ihr, wie du rietheſt, den Alka⸗ menes zu und zeigte ihr ihn noch ſchöner geſchmückt als zuvor. Sie aber, als ob ſie der Gorgo Haupt erblickt oder ſonſt ein Ungeheuer, ſchrie laut und heftig auf, wandte den Blick auf des Zimmers andere Seite, ſchlang beide Hände wie ein Band um ihren Nacken, und drohte ſchwörend, ſich ein Leid zu thun, wenn wir nicht gleich hinweg gingen. Sie hatte es kaum geredet, als wir auch ſchon von ihr waren. Was ſollten wir auch thun bei ſolch ungeheurem Vorfall? Aber dich flehen wir von neuem an, laß ſie nicht ver⸗ gehn in ihrem Schmerz und verſage ihr die Bitte nicht.“„Lieber Charikles,“ nahm ich das Wort, ndu haſt dich nicht geirrt, das Mädchen wahnſinnig zu nennen. Meine Mächte regen ſie auf, die ich — 123— gegen ſie ausgeſandt, und ſie ſind wahrlich keine der geringſten, ſondern wie das Mäadchen ſie haben muß, um zu dem gezwungen zu werden, wogegen ihr Weſen und ihr Wille ſtreitet. Doch ſcheint's als ob ein feindlicher Gott mir entgegen wirke in der Sache, und ankämpfe gegen meine dienſtbaren Geiſter. Darum thut's vor allen noth, daß du den Gürtel mir zeigeſt, den du nebſt den andern Kennzeichen, als mit dem Mädchen ausgeſetzt, inne haben willſt. Sehr fürchte ich, daß ſie mit Zauberei erfüllt und Beſchwö⸗ rungen drauf gezeichnet ſind, welche die Seele empö⸗ ren: ſicher hat ein feindlich Weſen urſprünglich ſie beſtimmt, liebelos zu leben und ohne Nachkommen.“ Er war's zufrieden und brachte kurz darauf den 8 Gürtel. Als er meine Bitte, mich allein zu laſſen, mir gewährt und ich in meine Behauſung gekommen, ſchob ich keinen Augenblick auf, und überlas die Binde, auf welcher äthiopiſche Schrift— nicht die gewöhnliche, ſondern Königsſchrift— eingeſtickt war, die der ſogenannten ägyptiſchen heiligen Schrift gleich kommt. Im Durchſehen fand ich folgendes in der Schrift geſagt. „Perſina, ich der Aethiopen Königin, ſtickte meiner Tochter;— wie ſie auch heißen mag, — mein iſt ſie nur durch meine Schmerzen!— dieſe Thränenſchrift als letzte Gabe.“ Ich erſchrack, Kne⸗ mon, als ich Perſinas Namen gewahrte, dennoch las ich das folgende, was ſo lautete:„daß ich ſchuldlos war, als ich bei deiner Geburt dich ausſetzte und deinem Vater Hydaspes deinen Anblick barg, des 424— ſey Zeuge, Helios unſer Urahn! Dennoch, daß ich rein einſt vor dir erſcheinen möge, meine Tochter, wenn du gerettet wirſt, und vor deinem Retter, wenn die Gottheit einen dir zuführt, und vor dem ganzen Menſchengeſchlecht, enthülle ich dir jetzt den Grund deiner Ausſetzung. Anſere Ahnen ſind von den Göt⸗ tern, Helios und Dionyſos: von Heroen Perſeus und Andromeda und nächſt ihnen Memnon. Die einſtigen Erbauer unſrer königlichen Burg ſchmückten dieſe mit der Ahnen Bildern. Andre Bilder und Thaten waren in den Männerzimmern und Gallerien dargeſtellt, das Frauengemach aber war mit Perſeus' und Andromedas Liebe geſchmückt. Da geſchah es, als das zehnte Jahr herannahte, ſeit Hydaspes als Gattin mich erkannt und wir noch immer nicht ge⸗ ſegnet waren mit Kindern, daß ich um Mittagszeit allein war: ein Sommerſchlaf hatte mich hingeſtreckt. Da nahte ſich mir dein Vater in Liebe: ein Traum gebiete ihm das, ſchwor er. Da fühlte ich alſobald mich ſchwanger. Die Zeit aber bis zur Geburt war Ein Volksfeſt, Ein Dankopfer für die Götter, weil der König einen Erben ſeines Geſchlechts hoffte. Wie ich aber glänzendweiß dich geboren und du ſtrahlteſt in der Farbe, die fremd iſt dem Aethiopengeſchlecht: da erkannt ich wohl den Grund: denn bei meines Gatten Umfangen zeigte das Bild meinen Augen die Andromeda in voller Nacktheit— denn eben führte ſie Perſeus von dem Felſen— und ſo ward das Kind— ach! nicht zum Glück— ihr gleich geſtaltet. Ich erkannte, daß ich ſelbſt mich von des Todes Schmach befreie,— denn niemand hätte mir geglaubt, wenn ich den Vorgang enthüllte; deine Farbe zieh mich der — 125— Sünde,— und dich dem Zufall des Geſchicks preis⸗ geben müſſe, welcher immer vorzüglicher iſt, als offenbarer Tod oder gar Baſtardname. Du ſeyeſt ſogleich geſtorben nach der Geburt, gab ich bei deinem Vater vor, und ſetzte dich im Verborgenen heimlich aus, mit dir zugleich Reichthum ſo viel ich vermochte für deinen Erretter, und ſchmückte dich ſelbſt außer andern noch mit dieſem Gurtel, der ſo traurig von dir und mir erzählt und in den ich dich eingebunden habe; geſtickt hab' ich ihn unter blutigen Zahren, da meine erſte Geburt ſo thränen⸗ reich iſt. Aber du, meine ſüße Tochter— mein biſt du bis auf deine Schönheit!— gedenke, ſo du gerettet wirſt, deiner edlen Geburt, ehre die Keuſch⸗ heit, die allein weibliche Natur adelt und ſchmucke den königlichen Sinn, den du von deinen Eltern überkamſt. Gedenke vor allen den Kleinodien, die dir mitgegeben worden, einen Ring zu bewah⸗ ren, den dein Vater einſt beim Verlöbniß mir ge⸗ ſchenkt: der Königsſpruch iſt in den Reif gegraben, heilig iſt er durch einen Pantarbesſtein von gehei⸗ mer Kraft in der Faßung: das hab ich dir offen⸗ bart: die Schrift bot ſich mir als Mittel, da das Geſchick in lebendigem Zuſammenſeyn dich zu ſehen mir verbeut: Achl vielleicht bleibt ſtumm, was ich geſchrieben, und folgenlos, vielleicht iſt dies zum Heil! denn des Schickſals dunklen Gang kennen die Menſchen nicht. Und ſo ſoll dir dieſe Schrift— O vergeblich biſt du ſo reizend, vergeblich mahnt mich deine Schönheit— wenn du gerettet biſt, Kennzeichen ſeyn; wo nicht— möge das meinen * — 126— Ohren verborgen bleiben— deine Grabſchrift und deiner Mutter pflichtgeweihete Zähren!“ 9„Wie ich das inne ward, mein Knemon, da erkannte ich bewundernd der Götter Fügung. Freude und Trauer erfüllte mich mit einem. Ein nie empfun⸗ denes Gefühl umfing mich: ich freute mich unter Thränen, daß die Seele mir bei der Offenbarung der Dunkelheiten und der Löſung des Götterſpruchs hinſtrömte, in Bekümmerniß um den Ausgang der Zukunft und in Trauer über das Menſchenleben ob ſeiner Unſtätigkeit und ſeinem Schwanken, daß es bald hieher ſich wendet bald dorthin. An Cha⸗ rikleias Schickſal zeigt ſich's am Höchſten. Mich faßte der Gedanke an manches: wer ſie gezeugt, wer ſie angenommen, wie weit ſie von ihrem Va⸗ terland entfernt worden. Den Namen einer un⸗ ächten Tochter warf ihr das Loos zu, beraubte ſie ihres ächten Aethiopiſchen Königsgeſchlechts. Un⸗ ſchlüſſig ſtand ich da, im Mitleid um das Ver⸗ gangne, wagte ich ſie um die Zukunft nicht glück⸗ lich zu preiſen; bis ich endlich, die Gedanken mir ernuͤchternd, erkannte, daß ich nicht zögern müſſe, ſondern an's Werk mich halten. Ich traf Chari⸗ kleien allein; der Schmerz hatte ſie überwunden. Ihr Geiſt zwang ſich zum Ermannen, während ihr Körper ganz erlag, ſich dem Siechthum hingab und zu ſchwach war, der Macht zu widerſtehen. Als ich hinaustreten laſſen die zugegen waren und ihnen verboten uns zu ſtören, als ob ich das Mädchen beſchwören und beſprechen müſſe: Da begann ich alſo:„Nun iſt's Zeit, Charikleia, daß du offenbarſt, — 4127— was dich quält; ſo verſprachſt du's ja geſtern: ver⸗ birg es nicht dem Manne, der dir wohl will und der es wohl zu wiſſen vermag, wenn du ſchweigſt.“ Sie nahm meine Hand, küßte ſie und benetzte ſie mit ihren Thränen.„O weiſer Kalaſiris! gewähre mir vor allem die Bitte: laß mich ſchweigen und unglücklich ſeyn! Kennſt du doch ſelbſt meine Krankheit: ſo erlaß mir denn die Schaam, laß mich verhehlen, was zu erdulden ſchaamvoll, auszuſpre⸗ chen noch ſchaamvoller iſt: ſchon der Schmerz ſelbſt in ſeiner Größe qualt mich, mehr aber noch das Gefühl, daß ich den Schmerz nicht niederkämpfen konnte und eine Leidenſchaft mich beſtegt, die ich ſonſt immer verdammt, die ſelbſt durch Hören ſchon der Jungfräulichkeit reinen Namen verletzte. Da richtete ich ſie auf und ſprach:„Um zweier Gründe willen, meine Tochter, thuſt du wohl, dein Gefühl zu verhehlen. Einmal brauche ich nicht das zu wiſſen, was längſt ſchon meine Kunſt mir verkündet: dann iſt dein Gefühl natürlich, daß du errötheſt auszuſprechen, was ſittige Frauen verhehlen. Nun du aber einmal die Liebe gefühlt und dich Thea⸗ genes' Anblick gefangen— denn alſo offenbaret mirs der Götter Stimme,— ſo wiſſe denn, daß dich nicht zuerſt und allein dies Gefühl einnahm, ſon⸗ dern daß du es theilſt mit vielen trefflichen Frauen mit vielen gar ſittigen Mädchen. Denn Eros iſt der Götter höchſter: die Götter ſelbſt bezwingt er ja nach der Sage. Nun ſo ſieh denn, wie die Sache am beſten eingeleitet werde. Glücklich frei⸗ lich, wen nimmer die Liebe berührt; wen ſie feſ⸗ ſelt: wende den Sinn zu ehrbarem Verlangen. — 128— Darin darfſt auch du mir nach Gefallen trauen. Hinweg mit dem häßlichen Namen ſinnlicher Begier! dafür der Vereinigung geſetzlich Band: im Ehbund ende das Weh!“— Unter dieſen Worten zerfloß ſie faſt in bangem Schweiß, mein Knemon. Man ſah, wie die Gefühle in ihr wechſelten: Freude erfüllte ſie an dem, was ſie vernommen, Beſorgniß um das, was ſie hoffte, und ſie erröthete, daß ſie gefangen war. Nachdem ſie geraume Zeit geſchwiegen, ſprach ſie:„O mein Vater, den Ehbund nennſt du mir und heißeſt mir ihn vorziehn, als ob ſo ſicher wäre, daß mein Vater einſtimmen werde und mein Gegner ſich da⸗ rum bemühen.“„Der Jüngling iſt uns ſicher,“ erwiderte ich;„mehr vielleicht, als du, iſt der ge⸗ fangen, von gleicher Gluth, wie du, entzündet: denn, wie es ſcheint, ſo haben Eure Seelen beim erſten Eindruck ſich würdig erkannt und in gleiches Gefühl ſich verſenkt. Auch ihn habe ich dir zu Liebe mit Sehnſucht erfüllt durch meine Wiſſen⸗ ſchaft. Aber dein vermeinter Vater gedenkt einen andern dir zum Bräutigam zu geben, den Alkame⸗ nes, den du wohl kennſt.“„Lieber das Grab,“ ſprach ſie,„als mit Alkamenes verbunden. Ent⸗ weder Theagenes wird mein, oder der Tod nimmt mich auf. Aber woher weißt du, ich bitte dich, daß Charikles nicht wirklich mein Vater, ſondern nur vermeintlich iſt?“„Durch dieſen Gürtel“— ich zeigte ihn.—„Und wie und woher erhieltſt du den? Seit er mich in Aepypten von meinem Pfleger überkam, weiß ich nicht, wie er ihn hieher gebracht: 2 — 129— er nahm und verbarg ihn in einer Truhe, daß die Zeit ihn nicht verzehre.“„Wie ich ihn erhalten, magſt du nachher erfahren, für jetzt ſag mir ob du verſteheſt was darauf geſchrieben?, Sie geſtand mir ihre Unbekanntſchaft damit.„Dein Geſchlecht und deine Heimath und dein Schickſal verkündet es.“ Und als ſie mich beſchwor, ihr das zu ent⸗ hüllen, da ließ ich ſie alles wiſſen, las ihr die Schrift und überſetzte ihr's wechſelweiſe Wort für Wort. Wie ſie nun ſich ſelbſt kannte, hob ſich ihre 11 Seele, ob ihrer Herkunft,„und was iſt nun zu thun?“ fragte ſie näher tretend. Da begann ich denn meinen Entſchluß ihr deutlicher zu machen und enthüllte ihr alles, wie es ſich verhielt.„Ich ſelbſt, meine Tochter, bin bei den Aethiopiern ge⸗ weſen aus Drang nach ihrer Weisheit. Auch Per⸗ ſinen ward ich bekannt, deiner Mutter. Denn der königliche Hof hegte ſtets der Weiſen Geſchlecht. Ich ſelbſt nun war noch höher angeſehen, weil ich die ägyptiſche Weisheit durch die äthiopiſche erhöhte. Als ſie nun erkannt, daß ich hinweg zu ziehen mich bereitete, da offenbarte ſie mir all dein Geſchick, nachdem ſie ſich meiner Treue durch Schwur ver⸗ ſichert. Den Weiſen des Landes wage ſie es nicht anzuvertrauen, ſagte ſie; mich aber beſchwor ſie vor allen die Götter zu befragen, ob du gerettet ſeyſt; dann, in welches Land der Zufall dich ge⸗ führt; denn nie habe ſie im Volke etwas von ſolch' einem Mädchen vernommen, ſo viel ſie ſich auch abgemüht. Und als ich nun durch die Götter be⸗ Theagenes u. Charikleig. 9 — 130— lehrt, ihr verkündet, daß du lebeſt und wo, da beſchwor ſie mich noch einmal, nach dir zu forſchen und dich ins Vaterland zurück zu holen. Denn unfruchtbar bleibe ſie und kinderlos ſeit den Wehen, die dir das Leben gaben. Sie ſey bereit, ſo du erſchienſt, deinem Vater den Vorfall zu verkünden; wiſſe ſie doch, daß er ihr glauben werde, da er die lange Zeit ihres Zuſammenlebens ſie genug geprüft; mit Freude werde er ſeine Nachfolge ſo unerwar⸗ tet in Kindern geſichert ſehen.“ Das ſprach ſie und beſchwor mich es zu voll⸗ führen, indem ſie oft mir den Eid bei der Sonne vorhielt, den keiner unſerer Weiſen übertreten darf. So komme ich denn meinen Schwur zu löſen. Zwar habe ich darum nicht meine Ankunft hier be⸗ eilt, ſondern, durch der Götter Fügung, hab ich es als größte Frucht meiner Irrfahrt gewonnen, und habe ſchon lange, wie du ja weißt, danach mein Streben gerichtet. Schon vorlängſt hab' ich nichts unterlaſſen, dir ſittige Achtung zu erweiſen; ſchweigend wartete ich auf fügliche Zeit, die mir durch eine Liſt den Gürtel zuführen ſollte, zur Be⸗ glaubigung, was ich dir eröffnen würde. So iſt dir denn vergönnt, wenn du vertrauend mit uns von hier zu fliehen gedenkſt— ehe du noch ge⸗ zwungen gegen deinen Willen in etwas dich fügen mußt, da Charikles die Verbindung mit Alkamenes betreibt— ein hoch Geſchlecht, Vaterland und Aeltern zu gewinnen: den Theagenes als Gatten, der bereit iſt, uns zu folgen, wohin wir wollen: magſt ein fernes Fremdlingsleben vertauſchen mit — 131— Aechtheit und Fürſtenthum, mit dem Geliebten herr⸗ ſchend, wenn man den andern Göttern und dem Ausſpruch des Pythios trauen darf. Zugleich er⸗ innerte ich ſie an den Spruch und erklärte ihr ſeine Bedeutung. Charikleia kannte ihn wohl, da er von vielen geſungen und unterſucht worden war. Sie ſäumte und ſagte darauf:„da du weißt, daß die Götter es alſo wollen, ſo gehorche ich; und was muß geſchehen, Vater?“„Stellen mußt du dich als ob dir die Ehe mit Alkamenes zuſage.“ Da ſprach ſie:„O das iſt ſchwer und ſonſt auch ſchänd⸗ lich, ſelbſt nur dem Namen Verheißung nach einen andern dem Theagenes vorzuziehen. Doch weil ich den Göttern und dir mich ergeben habe— aber welchen Zweck hat dies Verſtellen, und welche Weiſe wird verhüten, daß es Ernſt nicht werde?“— „Das ſoll die Sache dich lehren,“ ſprach ich;„man⸗ ches, was man Frauen vorher ſagt, bringt Aufent⸗ halt; auf der Stelle angegriffen wird es oft mu⸗ thiger hinaus geführt. Folge nur meinen Einge⸗ bungen! und füge dich für jetzt dem Charikles we⸗. gen der Hochzeit, er thut nichts, als was ich ihm eingebe.“ Sie verſprach's und in Thraͤnen verließ ich ſie. Kaum war ich aus dem Zimmer, als ich Cha⸗ 13 rikles über alle Maßen traurig ſah und durchaus niedergeſchlagen.„Wunderlicher Menſch,“ ſprach ich zu ihm,„wo du dich freuen und vergnügt ſeyn ſollteſt, und den Göttern Dankopfer bringen, daß dir endlich dein altes Gebet erhört worden, da Charikleia durch viele Kunſt und Weisheit durch = 132 mich dahin gebracht worden, daß ſie ſich hinneigt zum Wunſch der Ehe, da gehſt du finſter und weinend einher, es fehlt nur, daß du Klaggeſang erhübeſt: ich weiß nicht was dir fehlt 2u Da ant⸗ wortete er:„Warum ſollt' ich nicht! da mein ge⸗ liebtes Kind vielleicht eher mir hinſtirbt, als daß ſie, wie du ſagſt, zur Ehe ſich fügt! wenn ich auf Traͤume etwas geben ſoll, und vor allen an⸗ dern auf den, welcher in voriger Nacht mich ſchreckte, wo es mir war, als ob ein Geyer, aus Pythios Hand entlaſſen, urplöͤtzlich herabſchwebte, mein Töchterlein mir vom Buſen raubte, ſie weit hinans in ein fernes Land zu tragen, das von dunkeln ſchattengleichen Geſtalten wimmelte. Zuletzt ver⸗ mocht ich zwar nicht mehr zu erkennen, was damit geſchah, weil der ungeheure Raum dazwiſchen mein Geſicht hinderte dem Flug zu folgen.“ 14 Als er das geſagt, merkt' ich wohl, wohin der Traum ziele; führte ihn aber ab von ſeiner Muth⸗ loſigkeit und entfernte ihn von allem Verdacht für die Zukunft.„Du ein Prieſter,“ ſo ſprach ich, „und zwar des vorkundigſten aller Götter, ſcheinſt mir der Träume Bedeutung nicht gehörig zu ver⸗ ſtehen. Dein Geſicht verkündet dir die baldige Hochzeit deines Kindes und deutet unter dem Geyer den Bräutigam an. Und daß es mit dem Beifall des pythiſchen Gottes geſchieht, während er den Gatten ihr zuführt, ſchiltſt du das Geſicht und läſſeſt den Traum dich muthlos machen. Deshalb, mein Charikles, laß uns ehrſam ſchweigen und dem Willen der höheren Machte begegnen, daß wir das Mädchen noch mehr zur Folgſamkeit leiten.“ Und als er fragte,„was ſie wohl noch folgſamer zu ſtimmen vermöchte,“ fuhr ich fort:„wenn du ein treffliches Kleinod beſitzeſt, ein goldiges Kleid, oder ein werthvolles Geſchmeide, das bringe ihr als Gabe vom Bräutigam und heitere deine Charikleia durch dieſe Geſchenke auf. Denn Gold uͤnd Edel⸗ ſteine haben einen unwiderſtehlichen Reiz für Frauen. Auch ein übriges noch mußt du zum Feſt bereiten; denn bald muß die Hochzeit ſeyn, ſo lang noch die durch die Kunſt erzwungene Sehnſucht des Mädchens nicht entflohn iſt.“ Da lief er hinweg mir zuru⸗ fend:„Ich will's an nichts fehlen laſſen, verlaß dich drauf!“ Er eilte das Wort zur That zu ſtempeln. Und, wie ich nachher erfuhr, er vollzog, was ich ihm geheißen, ohne Verzug: prächtige Klei⸗ der brachte er ihr und auch das äthiopiſche Ge⸗ ſchmeide, das Perſina als Charikleiens Kennzeichen mit ausgeſetzt, als Brautgabe vom Alkamenes. Ich aber ſtieß auf Theagenes und fragte ihn, wo die andern ſich herum trieben, welche den Feſtzug mit gefüllt? Da berichtete er mich, die Mädchen ſeyen ſchon hinweg gezogen: man habe ſie wegen der langſameren Reiſe voraus geſandt; ſeine Jünglinge aber ließen ſich nicht mehr halten in ihrem Unmuth und trieben heim zur Ruͤckkehr. Wie ich das vernahm, gab ich ihm an die Hand, was er jenen ſagen und was er ſelbſt thun müſſe, gebot ihm auf das Zeichen der ſchicklichen Zeit zu achten, was ich ihm geben würde, und eilte dann ihn verlaſſend in den Tempel des Pythios, um den 15 — 4— Gott zu bitten, durch einen Spruch mich bei der Flucht mit den jungen Leuten zu führen. Aber die Gottheit iſt ſchneller als Gedanken, und naht denen zu helfen, die nach ihrem Willen thun, und kommt oft im Wohlwollen dem Wunſch zuvor. So kam der Frage, die ich noch nicht ausgeſprochen, Pythios durch eine Antwort jetzt zuvor und gab mir durch die That die Leitung an die Hand. Denn beſchäftigt in meinen Sorgen und zu der Verkün⸗ derin eilend hielt eine Stimme mich an, wie ich vorbei ging:„Lieber, ſpute dich, Fremde verlangen nach dir! Sie bringen eben mit Flötengetön dem Herakles ein Feſtopfer.“ Ich hielt ein, als ich das vernahm. Denn ſolch heiligem Ruf darf man nicht ausweichen. Und als ich Weihrauch geopfert und Waſſer geſpendet— ſie ſchienen erſtaunt über mein köſtliches Opfer!— baten ſie mich dennoch Theil zu nehmen am Feſte. Auch das ließ ich mir gefallen: hingeſtreckt auf das Lager von Myrthen und Lorbeer, was die Fremden bereitet, ſprach ich folgendermaßen, nachdem mein gewöhnliches ich gekoſtet, zu ihnen:„Ihr Lieben, jetzt hab ich am angenehmen Mahl Theil genommen, bin aber noch unbekannt mit Euch. So iſt's denn an der Zeit zu offenbaren wer ihr ſeyd. Mein' ich doch, faſt ſelbſt bei Landleuten iſt es Sitte, daß Genoſſen eines Opfers und Mahls, die„das heilige Salz“ den Beginn ihrer Freundſchaft machen ließen, nicht ſcheiden dürfen, bevor ſie ſich einander kennen!“ Da erzählten ſie, wie ſie Phöniker ſeyen aus Tyros, Kaufleute ihres Fachs, und nach Karchedon in Li⸗ byen zu ſchiffen gedächten: wie ſie ein Schiff führ⸗ — 135— ten reich beladen mit indiſchen, äthiopiſchen und phönikiſchen Waaren; jetzt aber brächten ſie dem tyriſchen Herakles dies Opfer als Siegesdank, weil dieſer Jüngling— ſie zeigten auf den, der gegen mir über lag— den Kranz ſich im Ringkampf erworben, und Tyros zur Siegerin unter Hellenen verkündet.„Denn als wir Malea vorüber geſteu⸗ ert und bei widrigem Wind an der Kephalener Kuſte landeten, da ſchwur dieſer bei unſerem Gott, daß ein Traum ihm den künftigen Pythierſieg ver⸗ heiße, überredete uns ſo auszubeugen von dem beſtimmten Weg und hier zu landen, bewährte mit der That die Verkündigung; als wackrer Sieger zeigt er ſich, der vorher Kaufmann war. Und ſo gibt er dem Gott, der ihm erſchienen, dieß als Siegs⸗Dank⸗ und Abzugsfeſt; denn morgen früh, mein Beſter, gedenken wir zu lichten; wenn die Winde nach unſerem Wunſche wehen.“„Seyd ihr das im Ernſt geſonnen?“ ſprach ich.„Freilich wohl,“ antworteten ſie.„So habt ihr mich zum Begleiter, wenn ihr wollt; denn ein Geſchäft gebeut mir die Fahrt nach Sikelien. Und die Inſel liegt am Wege, wenn ihr nach Libyen ſegelt.“„So du willſt,“ entgegneten ſie,„ſo ſoll es dir als einem Weiſen und Griechen an nichts fehlen; ſind wir doch, wie wir ſelbſt uns überzeugt haben, mit einem gottgeliebten Manne zuſammen.“„Ich bin entſchloſſen, wenn ihr einen Tag mir gönnt zur Bereitung.“„Du ſollſt den morgenden haben,“ ſprachen ſie,„nur finde dich zu Abend am Meere ein; denn Nächte ſind der Fahrt am günſtigſten: ſie entſenden mit Landwinden wellenlos die Nachen.“ — 136— Ich verſprach alſo zu thun, nachdem ich mir vor⸗ her durch Schwur hatte verſichern laſſen, daß ſie nicht eher hinweg fahren wollten, als ſie es ver⸗ ſprochen.“ 16 Da verließ ich ſie unter Pfeifenſchall und Tanz, den ſie nach dem wirbelnden Ton der Wald⸗ pfeifen, nach aſſyriſcher Weiſe hüpfend, übten. Bald W hooben ſie ſich in leichten„Schwüngen in die Luft, bald kauerten ſie fortwährend ſich an die Erde, und drehten ſich um ſich ſelbſt, wie beſeſſen einher⸗ kräuſelnd. Als ich Charikleien beſucht, die am Buſen noch Charikles Geſchmeide trug und betrach⸗ tete, und nachher den Theagenes und beiden einge⸗ geben, was jeder zu thun habe, ging ich nach Hauſe und erwartete, was geſchehen werde. Da geſchah denn folgendes. Als Mitternacht die Stadt in tiefen Schlaf geſenkt, da drang Waffengetös zur Wohnung der Charikleia. Theagenes führte dieſen Kampf der Liebe, indem er heimlich die Jünglinge des Feſtzugs zuſammen geſchaart. Urplötzlich ſchrien ſie gewaltig auf, ſcheuchten durch das Getös ihrer Schilder, wie mit Donner, die ein, welche etwas davon merkten, drangen mit lohenden Fackeln ins Haus, brachen mit leichter Mühe das Hofthor ein, weil ſchon früher die Riegel zu leichterem Oeffnen bereitet waren, raubten die Charikleia, welche be⸗ reit und von allem unterrichtet freiwillig der Ge⸗ walt ſich hingab, und trugen vieles Geräth, was das Mädchen wünſchte, mit ſich hinweg. Als ſie außerhalb des Hauſes waren, erhoben ſie das Kampfgeſchrei und ließen in dumpfem Klang ihre — 457— Schilder erdröhnen, zogen durch die ganze Stadt und ſetzten die Einwohner in eine unſägliche Furcht: denn ſie wußten ſchon vorher, daß die Unzeit der Nacht ſie noch furchtbarer machen werde, während der Parnaſſos den Hall ihres Erzes zurücktönte. So zogen ſie durch Delphö unaufhörlich einer nach dem andern Charikleia ſchreiend. So wie ſie aus der Stadt waren, ritten ſie, 17 ſo ſchnell ſie vermochten, in's lokriſche und ötäiſche Gebirge. Theagenes aber und Charikleia thaten, wie vorhin beſchloſſen worden, und flohen, abge⸗ ſondert von den Theſſalern, zu mir, zu meinen Knien ſanken ſie, hielten ſie lange umfaßt, bebend in Zagheit und immer wiederholend: nrett' uns, Vater!“ Charikleia, das Aug' am Boden, mochte nur dies eine ſagen, in hoher Schaam über die eben begonnene That. Theagenes aber fügte noch manches hinzu:„Rett' uns,“ ſprach er,„Kalaſiris, die wir fremd und ohne Heimath zu dir flehen, auf daß wir, von allen beraubt, nur allein uns ſelbſt einander gewinnen. Rette zwei Menſchen, die dem Geſchick nur anheim gefallen ſind und ge⸗ fangen in reiner Liebe. Freiwillige Flüchtlinge ſind wir, aber wohlgemuth und all' die Hoffnung unſeres Heils dir vertrauend.“ Mich erſchütterten die Worte, ich weinte über die beiden, mehr aber in der Seele als mit den Augen, ſo daß es ihnen verborgen blieb, mich aber doch erleichterte. Ich hob ſie auf und umfing ſie: gab ihnen gute Hoff⸗ nung für die Zukunft, weil ein Gott den Anfang begünſtige und ſagte endlich:„Ich eile nun die — 138— Sache vollends zu beenden; ihr aber erwartet mich hier und ſorgt vor allen, daß niemand euch ge⸗ wahrt. Mit dieſen Worten eilt' ich hinaus. Aber Charikleia faßte mein Kleid und hielt mich feſt: „Vater, das iſt ein Beginn der Ungecechtigkeit, ja des Verraths, wenn du hinweggehſt und mich allein läßeſt, mein ganzes Schickſal dem Theagenes übergebend und nicht bedenkſt, wie treulos ein Liebender wacht, wenn er das Geliebte in ſeiner Gewalt ſieht und vor allen, wenn er frei iſt vom Anblick derer, die er ſchonen muß. Aufflammt er noch mehr, glaub' ich, wenn er das erſehnte waf⸗ fenlos vor ſich ſieht. So entlaß' ich eher dich nicht, bevor du für jetzt, und für die Zukunft noch mehr, durch einen Eid mich ſicherſt vor Theagenes, daß er nie mir naht in Minnegedanken, bis mein Ge⸗ ſchlecht und meine Heimath wir gefunden: und verhindert ein Gott dieß, nur mit meinem Willen zur Gattin mich macht; ſonſt nie.“ Ich ſtaunte freudig über ihr Wort und erkannte, daß es alſo geſchehen müſſe; und während ich auf häuslichem Heerd ein Altarfeuer zündete, und Weihrauch opferte, ſchwor Theagenes. Doch, fügte er hinzu, thue man ihm Unrecht, die Treue ſeines Weſens durch vorbedingende Eide zu beengen; denn er könne die That nicht loben, die durch Scheu vor dem göttlichen gezwungen ſcheine. Dennoch ſchwur er beim pythiſchen Apollon, bei Artemis und Aphro⸗ dite ſelbſt, alles gewiß zu vollführen, wie Chari⸗ kleia es gewollt' und vorgeſchrieben. Das und manches andre außerdem verſicherten ſie einander bei der Götter Zeugniß. Ich aber laufe zum — 139— Charikles und finde das Haus voll Lärmens und Klagens; Diener waren ſchon zu ihm gekommen und hatten den Raub des Mädchens verkündet, die Bürger liefen zu Hauf und umſtarrten den Charikles, der, in Thränen, nicht begriff was ge⸗ ſchehen und unfähig war zu jeder That. Da ſchrie ich hinein:„Ihr Unglücklichen, wie lange ſitzt ihr denn, gleich Unklugen, ſtumm und thatlos hier, als ob euch in dem Unglück auch der Verſtand be⸗ nommen wäre. So waffnet euch und verfolgt die Feinde! Ergreift die Uebermüthigen und ſtraft ſiel“ Da ſprach Charikles:„O, es iſt vielleicht nicht nöthig jetzt ſich zu waffnen. Denn ich erkenne nun, daß ein göttlicher Zorn mir dieſe Buße auf⸗ erlegt, die vom Gott, als ich unzeitig ins Heilig⸗ thum einmal trat und meine Augen ſchauten, was ſie nicht geſollt, mir verkündet ward: weil ich ge⸗ ſehen, was nicht mir gebühre, ſollt ich des Anblicks meines Liebſten beraubt werden. Doch ſelbſt„ge⸗ gen Geſchick“ ſey zu ſtreiten vergönnt, ſagt man ja; damit wir erfahren, ob man jemand verfolgen müſſe oder wer der Urheber des Lärms iſt.“„Dein prächtiger Theſſaler,“ ſprach ich,„den du auch mir zum Freunde machteſt und ſeine Jünglinge. Du wirſt keinen mehr von ihnen in der Stadt finden, die noch dieſen Abend ſich hier aufhielten. So mach dich auf und ruf das Volk zum Rath!“ das geſchah. Und die Hauptleute kündeten eine Rath⸗ verſammlung an, mit Drommetenton die Stadt bedeu⸗ tend, und gleich war das Volk da und gab das Schauſpiel einer nächtlichen Berathung. Da trat Charikles in ihre Mitte und bewegte die Menge — 140— zu plötzlichem Ausruf des Schmerzes nur durch ſeinen Anblick. Ein ſchwarzes Gewand umhüllte ihn, Staub war auf Kopf und Antlitz geſtreut. Alſo ſprach er:„Delphier, ihr wähnt vielleicht, wenn ihr das Uebermaaß meiner Leiden ſeht, daß ich um mich anzuklagen in eure Mitte trete und dieſe Verſammlung berufen; doch nicht alſo! Ob⸗ wohl ich oft ſchon bis zum Tode unglücklich war: jetzt bin ich einſam, gottgeſtraft: mein Haus allein iſt uͤbrig: geleert von dem, was das theuerſte mir war vor allem Lieben. Dennoch aber hält der allen gemeinſame Verrath, die allen vereitelte Hoff⸗ nung mich noch aufrecht, daß man die Forſchung nach meiner Tochter mir gewährt; vor allen aber die Stadt, von der ich Rache an den Frevlern vollbracht zu ſehen erwarte: wenn uns nicht auch der freie Sinn, und der Zorn über eine dem Va⸗ terland und den heimiſchen Göttern angethane. Schmach von den theſſaliſchen Knaben hinwegge⸗ nommen iſt. Denn das iſt das ſchmählichſte, daß Knaben eines Opferchor's, gering an Zahl und die⸗ nend beim Feſtzug, die erſte Stadt der Hellenen mit Füßen treten und davon eilen, nachdem ſie den Tempel des Pythios ſeines herrlichſten Schmuk⸗ kes beraubt, meiner Charikleia, o meines Augen⸗ lichts! O des unverſöhnlichen Zorns der Götter gegen mich! Meiner erſten, ächten Tochter Leben löſchten ſie mir, ihr wißt es, mit der Brautfackel aus! Ihre Mutter nahmen ſie im grenzenloſen Schmerz mit hinweg; mich trieben ſie aus der Heimath. Aber alles war zu tragen, als Charikleien ich gefunden. Charikleia war mein Leben, Hoff⸗ — 141— nung, Fortdauer meines Geſchlechts, Charikleia mein einziger Troſt, mein Anker. Und den hat der Sturm zerriſſen und hinweggeführt, der über mich hereinbrach: doch nicht blos ſo, nicht im Zu⸗ fall allein; grauſam gerade da, wo faſt es Zeit war zu frohlocken, vom ehelichen Lager faſt! war die Hochzeit doch eben euch verkündet!“ Noch redete er, ganz in Thranen verſunken: 19 da unterbrach ihn Hegeſtas, der Hauptmann und drängte ſich durch.„Anweſende!“ ſprach er,„Cha⸗ rikles mag jetzt und hernach weinen, laßt uns aber nicht in ſeinem Weh mit verſinken, daß der Strom der Thränen uns nicht allgemach hinwegſchwemmt und wir die Zeit verpaſſen bei einer That, die aller Eile bedarf, wie im Kriege. Gehen wir jetzt hin⸗ weg aus der Verſammlung, ſo iſt noch Hoffnung, die Feinde zu erreichen, ſo lange ſie in Erwartung unſerer Zuruͤſtung ſorgloſer die Flucht betreiben. Wenn wir aber, wie Weiber in Mitleid verſunken, ihnen noch mehr Vorſprung durch unſer Zögern geſtatten, ſo bleibt nichts uns übrig als uns ver⸗ lachen zu laſſen, und zwar von Knaben. Wir müſſen ſie kreuzigen, ſobald wir ſie ergreifen, ſag' ich, und ihre Nachkommen ehrlos machen, damit die Rache auf's ganze Geſchlecht ſich erſtrecke. Das mag leicht geſchehen, wenn wir die Theſſaler bewegen zum Unwillen gegen die, welche etwa entkommen ſollten und gegen ihre Nachkommen, indem wir ihnen durch ein Geſetz den Feſtzug unterſagen und die Söhnung des Helden, die wir aus unſerm ei⸗ genen Schatze beſtreiten wollen.“— Noch lobte man dieſen und beſtätigte es durch 20 — 12— Volksbeſchluß: da ſprach der Hauptmann:„Auch das entſcheidet, wenn's euch gut dünkt, daß die Tempeljungfrau nie mehr denen erſcheine, die in Rüſtung wettlaufen! denn, wie ich vermuthe, da flammte zuerſt beim Theagenes der Frevel empor: er hatte den Raub gleich beim erſten Anblick, wie es ſchien, beabſichtigt. So iſt's gut, auch für die Zukunft einer ähnlichen Handlung vorzubeugen!“ Und wie das mit Stimme und Hand bei allen durchgegangen, gab Hegeſias das Zeichen zum Auf⸗ bruch, die Drommete ſchmetterte den Feindesgruß, die Scene wandelte ſich in Krieg: unaufhaltſam lief man vom Sammelplatz zum Kampf, nicht blos die waffenfähige kraftvolle Mannſchaft, ſondern auch viele Knaben und halbe Jünglinge erſetzten die Jahre durch Kampfbegier und wagten jenen Zug zu theilen; ja viele Weiber dachten männlicher als ihre Natur geſtattete, nahmen was ſich darbot zur Wehr und liefen mit, aber vergeblich; ſie erkannten, daß das wirklich von Natur ſchwache Geſchlecht hinter der That zurückbleibt. In des Greiſen Kampf ge⸗ gen das Alter hätte man ſehen können, wie der Sinn den Leib fortzog und die Schwäche von dem Willen geſcholten ward. So ſchmerzte Charikleias Raub die ganze Stadt: Ein Streben beſeelte ſie zu williger Verfolgung; nicht den Tag erwartete ſie; ihr ganzes Volk ſchüttete ſie aus. Fuͤnftes Buch. In ſolcher Bewegung war nun die Stadt der 1 Delphier und that denn, was ſie nun eben gethan haben mag; ich hab' es nicht erfahren. Mir gab indeß die Verfolgung jener Jünglinge Gelegenheit zur Flucht. Ich nahm meine beiden jungen Leute, führte ſie an's Meer in derſelben Nacht noch wie ſie waren und brachte ſie an das phönikiſche Schiff, welches eben die Anker lichten wollte. Denn da das Frühroth hereindämmerte, glaubten die Phöniker den Eid, den ſie mir geſchworen, nicht mehr zu übertreten, da ſie nur einen Tag und eine Nacht zu warten ſich verpflichtet. Freudig nahmen ſie alſo uns auf und bald eilten wir aus dem Hafen, an⸗ fangs durch Rudern; wie aber ein heller Wind vom Lande wehte, kleine Wellen ſich drunter kraͤu⸗ ſelten und wie am Schiffe hinlachten, da ließen ſie von den Segeln das Fahrzeug tragen. Und die kirrhäiſchen Buchten, des Parnaſſos Fuß, die aäͤtoli⸗ ſchen und kalydoniſchen Felſen eilten wie am hin⸗ — 14— fliegenden Schiffe vorüber; die nach Geſtalt und Namen ſpitzigen Inſeln und das zakynthiſche Meer erhoben ſich endlich, wie die Sonne zum Untergang ſich neigte. Doch, was zieh ich das ſo unzeitig in die Länge! Was vergeſſ' ich mich und dich und dehne die Erzählung wahrhaftig ſelbſt zu einem Meere aus, während ich das andere übergehe! So kaß uns hier einhalten in der Rede und den Schlaf ein wenig koſten. Denn, wie unverdroſſen du auch zuhörſt, wie wacker du auch gegen den Schlaf ankämpfſt, lieber Knemon, doch glaub' ich, daß du dennoch unterliegſt, wenn ich meine eigenen Leiden nur bis weit in die Nacht hineinzöge. Ueberdies, mein Kind, laſtet das Alter auf mir, und das Sinnen über mein Geſchick ſchwächt mir die Ge⸗ danken und drängt mich zum Schlummer!“„So halte denn ein, Vater, ſprach Knemon, nicht als ob ich die Erzählung los werden wollte, denn ich glaube, wenn du auch viele Nächte und mehrere Tage dazu nähmſt, nimmer dergleichen Regung zu ſpüren: ſo wenig ermüdend, ſo anziehend iſt ſie. Aber ſchon vorlängſt umſummt mich Lärmen und Getös eines Auflaufs um's Haus; zwar war ich nicht ohne Unruhe, doch ſchier gezwungen zu ſchwei⸗ gen, immer fortgeriſſen von der Luſt an deiner Rede.“„Ich habe nichts bemerkt, ſprach Kalaſiris, mag nun mein Gehör durch's Alter abgenommen haben— denn dies macht ja ſo manches ſiech, be⸗ ſonders die Ohren— oder war ich beſchäftigt in der Erzählung. Doch ſcheint mir Nauſikles, des Hauſes Herr, zu kommen. Was mag er ausge⸗ richtet haben, ihr Götter?“—„Alles nach Wunſch,“ rief Nauſikles, plöͤtzlich zu ihnen hereintretend. „Deine Sorge um mein Vorhaben iſt mir nicht entgangen und wie deine Seele gleichſam mit mir ausgezogen iſt. Schon an deiner früheren Neigung zu mir erkannt' ich das, und jetzt in den Worten, die ich eben dich reden hörte. Wer iſt aber der Fremdling?“„Ein Grieche,“ berichtete Kalaſiris, „das andere ſollſt du nachher vernehmen. Iſt aber dir etwas recht gutes geſchehen, ſo gib ſchnell es kund, daß du Theilnehmer deiner Freude habeſt.“ „Auch ihr,“ ſprach Nauſikles,„ſollt's morgen früh erfahren. Für jetzt ſey euch geſagt, daß eine beſ⸗ ſere Thisbe mein geworden, denn ich muß der Reiſe Mühen und meine Sorgen durch kurzen Schlummer verwinden.“ Mit dieſen Worten eilte 2 er hinweg, um zu thun wie er geſagt. Knemon aber war bei Thisbe's Namen ganz erſtarrt. Un⸗ ruhig wandte er ſich mit ſinnender Seele auf dem Lager und brachte, ſtets tief aufſeufzend, die Zeit in Angſt zu, daß ſelbſt Kalaſiris es endlich ge⸗ wahrte, den ein tiefer Schlaf befangen hatte. Da richtete ſich der Alte auf und fragte, auf den Arm geſtützt, was ihm denn fehle, und aus welchem Grund er zur Unzeit alſo ſich gebärde, daß er einem Beſeſſenen nichts nachgäbe?“„ Ei, ſoll ich nicht beſeſſen ſeyn,“ rief Knemon,„da ich höre, daß Thisbe noch lebt!“„Welche Thisbe denn? frug Kalaſiris,„und woher kennſt du ſie und ängſtigeſt dich um ihr Leben?“ Da ſprach er: ndu ſollſt das alles nachher hören, wenn ich meine Geſchichte er⸗ zähle. Aber jenes Mädchen habe ich mit dieſen meinen Augen tod geſehen und habe ſie bei den Theagenes u. Charikleia. 10 1 V — 146— Raubhirten mit dieſen Häaͤnden begraben.“„So ſchlaf du ein,“ erwiderte Kalaſiris,„wie das ſich verhält, werden wir baldigſt hören.“„Kann ich denn?“ rief der andere.„So halte dich ruhig!“ „Ich ſterbe, wenn ich nicht gleich herausgehe und auf irgend eine Art vom Nauſikles erfahre, welcher Irrthum ihn befallen hat, oder auf welche Art nur bei den Aegyptern Todte wieder aufleben.“ Darü⸗ ber lachte Kalaſiris ein wenig und gleich über⸗ mannte ihn wieder der Schlaf. Knemon aber eilte aus dem Zimmer. Ihm ging's natürlich wie einem, der in Nacht und Dunkel in unbekanntem Hauſ' umherirrt: in allem ſah er Thisbe's Geſpenſt und ſuchte ſeiner Angſt zu entgehen: bis er zuletzt end⸗ lich, nachdem er oft an einem und demſelben Ort . ſich herumgewunden, ein Weib vernahm, das leiſe und klagend, wie eine Nachtigall im Frühling, ihr traurend Lied in die Nacht weinte. Vom Klageton zum Gemach geleitet, legte er ſein Ohr an die Thüren, wo ſie in einander ſich fügten, und horchte. Folgendes vernahm er noch von ihren Klagen:„Ich Unglückſeligſte glaubte Räuberhänden entgangen, dem gefürchteten blutigen Tod entriſſen zu ſeyn und nun mit dem Geliebten leben zu dürfen, wär's auch ein irrendes Fremdlingsleben, mit ihm wäre es ſuͤß mir geweſen! Nichts iſt mir ja zu ſchwer, das ich mit ihm nicht zu tragen vermöchte. So hat aber das unerſattliche Geſchick, welches gleich vom Beginn an mich umfing, ein freundlich Loos mir vorgehalten und dann mich verrathen. Der Sklaverei wähnte ich mich entflohen und ſchon wie⸗ der bin ich Sklavin; dem Gefängniß— und ſchon — 147— wieder bin ich bewacht. Auf einer Inſel ſaß ich in Finſterniß: hier iſt daſſelbe, nur wahrhaftig noch bitterer, weil der mir genommen iſt, der mich tröſten wollte und konnte. Eine Räuberhöle war bis geſtern meine Wohnung: ein tiefes Verlies. Und was iſt dieſe Wohnung beſſeres als ein Grab? Alles erleichterte dort mir die Gegenwart des Geliebten. Dort klagte er um die lebende und beweinte mich in ſeinem Wahn wie eine todte, trauerte um mich wie um eine gemordete. Auch das iſt jetzt mir genom⸗ men! Hinweg iſt der Gefährte meiner Leiden, der meinen Schmerz wie eine Laſt theilte! Einſam und verlaſſen, gefangen und leidvoll, hingegeben der Will⸗ kühr eines herben Schickſals, dulde ich nur das Leben in der Hoffnung, daß mein ſüßer mir gerettet ward. Aber, o du mein Leben, wo biſt du? Welch Schick⸗ ſal ward das deine und dienſt auch du, o freies Herz, das nur der Liebe unterthan war? O erhalte dich mir und ſchau deine Thisbe einmal wieder! So wirſt du mich auch wider deinen Willen nennen müſſen!“ Nicht länger vermochte ſich Knemon zu halten, 3 als er dies vernommen; er ertrug's nicht, weiter zu hören! Das erſte bezog er anders, das letzte aber beſtätigte ſeinen Glauben, daß es wirklich Thisbe ſey und wenig hätte gefehlt, ſo wäre er gleich an der Thüre niedergeſunken. Mit Mühe hielt er ſich auf⸗ recht und lief aus Furcht, von jemand entdeckt zu werden— denn ſchon kraͤheten die Hähne zum an⸗ dern Mal— in hoher Verwirrung fort, ſtrauchelte mit den Füßen, bald rannte er plötzlich gegen Wande, ſtieß ſich den Kopf an Pfoſten und Geräth, was etwa 6 fff — 448— von der Decke hing, gelangte endlich nach langer Irr⸗ fahrt in das Zimmer, wo ſie wohnten und warf ſich haſtig auf ſein Lager: ſein Körper bebte: ſeine Zähne klapperten unaufhörlich und leicht wäre er in äußerſte Gefahr gerathen, wenn nicht Kalaſiris es gemerkt, ihn umhuͤllend erwärmt und mit allerlei Reden ge⸗ tröſtet hätte. Als er ein wenig ſich erholt, entdeckte ſich dieſem auch der Grund.„Ich bin verloren!“ rief er aus,„die böſe Thisbe lebt leibhaftig!“ Und 4 damit ſtarb er abermals hin. Da hatte denn Kala⸗ ſiris abermals Mühe, ihn zu ermannen. Den Kne⸗ mon aber neckte ein muthwilliger Geiſt, dem auch ſonſt menſchliche Dinge zu Spott und Hohn ſind, der nicht geſtattet, daß man ſelbſt das freudigſte ohne Trauer hinnimmt; was bald mit Luſt erfüllen ſoll, da webt er Schmerzen drein: ſey's nun, daß der auch jetzt ſeine Tucke zeigte, ſey's, daß das Men⸗ ſchenherz die unvermiſchte reine Freude nicht zu faſſen vermag: Knemon entſetzte ſich vor dem, was ſein Wunſch am höchſten hielt, für furchtbar nahm er die freundlichſte Fügung. Denn nicht Thisbe war das klagende Fräulein, ſondern Charikleia. Ihr war aber alſo geſchehen. Als Thyamis ſieglos gefangen worden und bewacht ward— die Inſel war aber in Flammen aufgegangen und die drin wohnenden Raub⸗ hirten hinweggeeilt— da waren Knemon und Ther⸗ muthis, des Thyamis Schildknapp, fruh durch den See geſchifft, um zu erforſchen, was die Feinde mit dem Hauptmann begönnen. Es ging ihnen wie oben erzählt ward. Nur Theagenes und Charikleia blieben noch in dem Höler zurück, ihnen war dies hohe Un⸗ glück zur größten Luſt. Denn nun fanden ſie ſich — 149— zum erſtenmal einſam, von jedem Stoͤrer fern, ganz hingegeben ungehindertem Koſen nnd Umfangen: fern ſchwand alles in ſeeliger Vergeſſenheit. Sie hingen lange an einander, wie angewachſen; aber in unſchuldiger, jungfräulicher Liebe, nur in feuchten warmen Zähren ſich netzend, nur in reinen Küſſen einander nahend, denn Charikleia mahnte den Thea⸗ genes, wenn Jugenddrang ihn bewältigte, an ſeinen Eid. Er ſelbſt aber ermannte ſich auch ohne Mühe: ſittig hielt er ſich feſt, der Liebe Unterthan, aber Herr über Sinnenluſt. Als endlich ihr Vorhaben ihnen einfiel, da mußten ſie's genug ſeyn laſſen. Und Theagenes begann alſo: n daß wir bei einander bleiben, meine Charikleia, und das uns zu Theil werde, woran unſer Herz hängt, das mögen die grie⸗ chiſchen Götter uns verleihen! Weil aber unbeſtändig der Menſchen Geſchick iſt und bald hierhin bald dorthin ſich neigt, weil viel wir erfahren, viel noch zu hoffen haben; vor allen aber, wie mit Knemon verabredet ward, zum Flecken Chemmis eilen müſſen, weil ein unbekanntes Geſchick unſrer wartet und noch jetzt wohl ein großer unendlicher Raum zwiſchen dem erſehnten Lande liegt: ſo laß uns Kennzeichen be⸗ ſtimmen, durch die wir geheimnißvoll unſere Anwe⸗ ſenheit erkennen und, wenn wir einſt getrennt werden ſollten, uns ſuchen mögen. Denn ein guter Weg⸗ weiſer auf der Irrfahrt iſt ein Freundeszeichen, das man zum Wiederfinden feſthält.“ Charikleia ſtimmte 5 ein und ſo ward beſchloſſen, daß, wenn ſie getrennt würden, an Tempel oder ausgezeichnete Bildſäulen, Hermen und Steine an Kreuzwegen Theage⸗ nes„der Pythier,“ Charikleia„die Pythierin“ an⸗ — 150— ſchreiben, dabei ob ſie rechts oder links hin gezogen, die Stadt oder den Ort und das Volk ſammt Tag und Stunde beſtimmen ſollten. Und träfen ſie irgendwo zuſammen, ſo werde dem einen ſchon genug ſeyn, den andern nur zu ſehen; denn keine Zeit vermöge ja die Kennzeichen ihrer Liebe aus der Seele zu tilgen. Dennoch zeigte Charikleia den Ring ihres Vaters, der mit ihr ausgeſetzt worden, Theagenes eine Narbe am Knie von einer Eberjagd. Als Worte zum Erken⸗ nen bezeichnete ſie„die Fackel“ er„den Lorbeer.“ Dann umarmten ſie ſich und weinten wieder; Thrä⸗ nen waren ihr Spendopfer, Küſſe ihre Eide. Damit gingen ſie aus der Höle und berührten keins der Kleinode, die drunten lagen. Denn Reichthum durch Raub hielten ſie für ſchimpflich. Was ſie aber ſelbſt aus Delphö mitgebracht und die Räuber ihnen ge⸗ nommen, das packten ſie zuſammen. Charikleia kleidete ſich noch um, legte Geſchmeide, Kranz und Weihekleid in eine Reiſetaſche und warf, um ſie zu verbergen, andere geringere Dinge drüber. Bogen und Köcher aber gab ſie dem Theagenes zu tragen, eine ſuͤße Laſt für ihn und recht eigentlich die Waffe des Gottes, der ihn beherrſchte. . Eben an den See gekommen und in Begriff, einen Nachen zu beſteigen, gewahrten ſie eine bewaffnete 6 Menge, die nach der Inſel ſteuerte. Schwindel er⸗ griff ſie beim Anblick, ſprachlos ſtanden ſie da, als ob das Schickſal, das ſo unabläſſig ſie verfolgte, ſie fühllos gemacht. Endlich als die Nahenden eben landen wollten, beſchwor Charikleia zu entfliehen und ſich in der Höle zu verbergen, wo ſie jenen vielleicht — 151— entgingen. Und damit eilte ſie voraus. Theagenes aber hielt ſie und ſprach:„wie lange wollen wir der Schickung entfliehen, die überall uns verfolgt? wei⸗ chen wir ihrer Fügung! Laß uns dem Ausbruch uns hingeben! Gewinnen wir doch nur ein endloſes Irren, ein umherſchweifend Leben, nur wechſelnden Triumph des Schickſals über uns! Siehſt du nicht, wie es zur Acht Beraubung fügt, wie es ſich abmüht, auf dem Lande noch höheres Unglück gegen uns aufzubringen, als die Schrecken ſeines Meeres waren? Jetzt Kampf, dann Räuber! Kaum hielt es uns in Gefangenſchaft, als es wieder vereinſamt uns zeigte. Da hielt es Befreiung uns vor und ungehinderte Flucht und ſieh! jetzt läßt es unſere Mörder uns erſcheinen. An ſol⸗ chem Kampf hat es ſeine Luſt. Als Schaubühne und Drama gilt ihm unſer Leben. Was machen wir ſeinem Trauerſpiele nicht ein Ende und geben uns den Mör⸗ dern preis, damit es uns nicht das furchtbarſte Ende der Tragödie bereitet und uns zwingt, durch eigne Fauſt zu fallen!“ All dem geſagten ſtimmte Charikleia nicht bei: 7 „Mit Recht, meinte ſie, zürne er zwar auf das Schick⸗ ſal, aber das freiwillige Hingeben an die Feinde ſey nicht zu loben. Denn noch ſey's ja ungewiß, ob man ſie alſobald ergreifen und töden werde;— denn nicht mit einem ſo aufrichtigen Gott haben ſie zu käm⸗ pfen, der ein ſchnelles Ende ihres Unglücks vergönnte, ſondern weit eher ſey zu erwarten, daß er ſie noch für Sklaverei aufzuheben gedenke. Und wem ſey die nicht bitterer als jeder Tod? Barbaren hingegeben ſeyn zu unſäglicher namenloſer Schmach!“„Der laß 6 f — 452— uns auf alle mögliche Weiſe ausweichen,“ fuhr ſie fort, laß uns Hoffnung faſſen zum Glück bei Betrach⸗ tung der fruͤhern Erfahrungen! Wurden wir doch ſchon aus unglaublicherem Geſchick gerettet!“„So laß uns thun wie du willſt,“ ſprach Theagenes und folgte ihrer Führung, als ob er gezogen wuͤrde. Den⸗ noch entgingen ſie durch dieſe Flucht in die Höle ihren Feinden nicht. Während ſie hinblickten auf die, ſo vor ihnen herannahten, entging ihrem Blick, daß ſie von einer Abtheilung der Feinde, welche von einer andern Gegend der Inſel nahte, umgarnt waren. Staunend hielten ſie ein: Charikleia lief auf Theagenes zu und umſchlang ihn, auf daß ſie, ſollte ſie ſterben, nur in ſeinen Armen ſtürbe. Da drangen einige herein mit wie zum Schlag gehobe⸗ nem Gewehr, wie aber die beiden mit ihrem An⸗ blick die Nahenden beſtrahlten, brach ihnen der Muth, ihre Fäuſte ſanken. Denn vor der Schön⸗ heit ſcheuen ſich ſelbſt Barbarenhände: ſelbſt ein wilder Blick erheitert ſich bei ſo anmuthigem Schau⸗ 8 ſpiel. Man nahm ſie feſt nnd führte ſie zum Hauptmann, um die ſchönſte Beute ihm eilig zuerſt zu bringen. Aber es ſollte auch das die einzige ſeyn; denn keiner ſtieß auf etwas anderes, wie ſie auch von Küſte zu Kuſte die Inſel durchſtrichen und wie auch Bewaffnete, gleich Netzen, von allen Sei⸗ ten ſie umzogen. Denn alles ſonſt war ganz vom Feuer im vorigen Kampfe verzehrt und die gebor⸗ gene Höle wußte keiner. So wurden denn ſie zum Führer des Zugs gebracht. Das war Mitranes, Wachthaber des Oroondates, welcher im Namen des großen Königs Aegypten verwaltete; durch — 153— viele Verſprechen vom Nauſikles, wie ſchon erzählt worden, bewogen, kam er, Thisben aufzuſuchen, auf die Inſel. Wie nun Theagenes und die Seine herangeführt vielmal die Götter um Hulfe riefen, da keimte im Nauſikles eine kaufmänniſche, ent⸗ ſchloſſene That: er ſprang heraus, rannte hinzu und ſchrie:„das iſt Thisbe, die mir von den ver⸗ dammten Raubhirten genommen ward! Dir, Mitra⸗ nes, verdank ich's und den Göttern!“ Zugleich be⸗ mächtigte er ſich Charikleiens und zeigte übermäßige Freude und gebot ihr ja ſich ſelbſt Thisbe zu nen⸗ nen, wenn ſie gerettet ſeyn wolle, heimlich und in griechiſcher Zunge ſie bedeutend, daß die Anweſen⸗ den nichts verſtanden. Der Streich gelang. Denn Charikleia, welche ſein Griechiſch verſtanden und gern im Sinn des Mannes handeln wollte, ging in ſeinen Zweck ein; als Mitranes ſie nach ihrem Namen frug, nannte ſie ſich Thisbe. Da lief Nauſikles auf ihn zu, küßte ihm vielmal die Stirn, pries ihn um ſein Gluͤck und ſchmeichelte dem Bar⸗ baren, wie er ſchon eher köſtliche Thaten im Kriege verübt und nun auch den jetzigen Zug ſo glücklich beendet. Dem aber ſchwoll der Kamm vom Lobe— der Name ließ ihn auch nicht an der Wahrheit der Sache zweifeln;— die Schönheit machte ihn zwar ſtaunen, denn ſelbſt aus dem ſchlechten Kleide glänzte ſie, wie des lichten Mondes Schein aus Wolken hervor; dennoch hielt die Schnelle des Be⸗ trugs ſein begehrliches Blut in Schranken; hatt' er doch all' ſeine Reue ſchon vorher verkauft:„da nimm ſie! Sie iſt dein,“ ſprach er,„und führe ſie hinweg!“ Damit gab er ſie in ſeine Hände, doch — 154— mit ſtetem Blick auf ſie: man ſah's ihm an, daß er wider Willen und nur weil er früher ſchon ſeinen Lohn empfangen des Mädchens ſich entſchlug. „Der aber, wer er auch ſey,“ redete er zum Thea⸗ genes,„iſt unſere Beute; er folge uns in Gewahr⸗ ſam. Gen Babylon ſoll er kommen, er ſchickt ſich zum Diener für die Tafel des Königs!“ 9 Nach dieſen Worten fuhren ſie über den See, trennten ſich dann von einander, indem der eine, Nauſikles, nach Chemmis mit Charikleien ging, Mitranes aber zu andern ihm untergebenen Orten einbog und nichts eiligeres that, als den Theage⸗ nes mit einem Schreiben zum Oroondates in Mem⸗ phis hinzuſenden. Alſo lautete der Brief; Orvondates, dem Satrapen, Mitranes der Wachthaber. Einen helleniſchen Jüngling, zu herrlich um mir zu dienen, werth allein, daß des göttlichen großen Königs Augen auf ihm ruhen und ſich von ihm bedient ſehen, hab' ich zum Gefangnen gemacht. Dir ſende ich ihn zu und überlaſſe es dir, ſolch köſtlich Geſchenk unſerem gemeinſchaftlichen Herrn zuzuführen, wie der königliche Hof noch nimmer ſah und nimmer ſchauen wird.. 10 Das war ſein Schreiben.— Kaum aber dämmerte der Tag herein, als Kalaſiris mit Knemon zum Nauſikles eilte, um etwas von dem zu erfah⸗ ren, was ihnen noch unbekannt. Auf ihre Frage, was er ausgerichtet, erzählte Nauſikles alles, wie er auf die Inſel gekommen, ſie leer gefunden und — 4155— und anfangs niemand begegnet ſey, wie er endlich. den Mitranes hintergangen und an Thisbe's Statt eine Jungfrau erhalten, und wie er beſſer gethan dieſe zu nehmen, als die andere zu ſuchen. Denn der Unterſchied ſey nicht gering, etwa wie zwiſchen Gott und Menſch. Keine ſo hohe Schönheit ſey vorhanden, unmöglich ſey's ſie zu beſchreiben: das werde ihr Anblick ſelbſt zeigen. Wie ſie das ver⸗ 11 nommen, kam ihnen gleich eine Ahnung der Wahr⸗ heit. Sie beſchworen ihn alsbald die Jungfrau herein bringen zu laſſen: denn ſie erkannten Cha⸗ rikleiens namenloſe Schönheit. Als ſie herein ge⸗ führt ward, ſenkte ſie anfangs das Haupt und ihr Anblick zeugte von Unmuth; aber als Nauſikles ſie gutes Muthes ſeyn hieß, hob ſie's ein wenig— und ſah und ward geſehen. Da erhob ſich in allen ein froher Schmerz und wie auf ein gegebenes Zeichen von Einer Wunde getroffen, riefen ſie oft⸗ mals aus:„O Vaterla und„Meine Tochter!“ und Knemon:„Wahrlich Charikleia und nicht Thisbe!“ Nauſikles aber verſtummte und wie er den Kalaſiris weinend Charikleien umarmen ſah, konnte er die Entwickelung der Scene in ſeiner Verwirrung nicht begreifen, bis Kalaſiris, mit un⸗ aufhörlichen Küſſen ihn bedeckend, endlich ausrief: „O du herrlicher Mann! Mögen die Götter dafür dir gewähren, was deinen Wünſchen gänzlich ge⸗ nügt! Retter biſt du mir meiner Tochter, die ich nimmer wieder erwartet, haſt mir den ſüßeſten Anblick wieder geſchenkt.— Aber o Charikleia, meine Tochter, wo haſt du den Theagenes gelaſſen?“ Da ſchluchzte ſie laut bei der Frage und ſprach nach — 156— einem Weilchen:„Gefangen führte ihn einer hin⸗ weg, der auch mich dieſem übergab!, So bat Kala⸗ ſiris den Nauſikles, ihm zu ſagen, was er vom Thea⸗ genes wiſſe, wer ſein jetziger Herr und wohin der ihn geführt. Alles erzählte ihm Nauſikles— er merkte wohl, daß ſie das ſeien, von denen der Alte oft zu ihm geredet und die zu ſuchen er weinend umher irrte. Noch fügte er hinzu, daß ihnen, den unbemittelten, die Wiſſenſchaft davon wenig helfen werde, da es wunderbar ſich fügen muſſe, wenn Mitranes den Jüngling entlaſſen ſollte, für den er viele Schätze bekommen werde.„Wir haben noch Kleinode,“ ſprach Charikleia heimlich zum Kalaſtris;„verſprich nur ſo viel du willſt. Das Geſchmeide, das du kennſt, iſt 12 gerettet; ich trage es bei mir!“ Da ermuthigte ſich Kalaſiris und, damit im Nauſikles ein Verdacht we⸗ gen der Wahrheit oder der Dinge, welche Charikleia heimlich bei ſich trug, ſich nicht regen möchte, ſo be⸗ gann er:„Lieber Nauſikles, ein Weiſer iſt nie arm, ſein Wille iſt ſein Reichthum, von den Göttern er⸗ hält er ſo viel, als zu fodern ihm gut ſcheint. So ſage alſo nur, wo Theagenes Gebieter iſt, die Goͤtter werden uns nicht verlaſſen, ſondern ſo viel verleihen, als zum Beſchwichtigen perſiſcher Geldgier hinreichen mag.“ Da lächelte Nauſikles:„So könnteſt du ja gleich mich überzeugen, daß du wie durch Zauberei urplötzlich reich werden kannſt, wenn du mir vorher den Preis dieſer Jungfrau aufbrächteſt. Weißt du doch, daß Perſer und Kaufleute gleiche Liebe zum Geld tragen!“„Wohl weiß ich's,“ entgegnete Ka⸗ laſiris,„er ſoll dir werden. So willſt du alſo deiner Menſchenliebe die Kroneaufſetzen, unſeren Bitten zu⸗ — 4157— vorkommen und die Auslieferung meiner Tochter freiwillig mir zuſichern? Vor allen muß ich aber ein Betopfer veranſtalten!“„Mir iſt's Recht,“ ſprach Nauſikles,„beſſer aber wäre es noch vielleicht, wenn du am Altare ſelbſt die Götter anflehteſt— ich bin eben im Begriff ein Dankopfer ihnen zu bringen— ſie um Reichthum für mich bäteſt und ihn dann ſelbſt behielteſt!“„Scherze nicht,“ erwiderte ihm Kalaſiris nund vertraue nur! Vor allen aber fang an und be⸗ reite das Opfer: wir wollen erſcheinen, wenn alles bereitet iſt.“ Alſo thaten ſie, und bald kam einer vom Nau⸗ 13 ſikles, der eilig zum Opfer rief. Sie aber— was ſie thun wollten, war ſchon beredet— kamen freudig heran: die Männer mit dem Nauſikles und einer Menge anderer Geladener— denn feſtlich war ſein Opfer bereitet:— Charikleia aber mit Nauſikles' Toch⸗ ter und den anderen Frauen, die durch vieles Bitten und Zureden ſie endlich uͤberredet hatten mitzugehen, dennoch hätte man ſie nicht leicht dazu vermocht, wenn ſie nicht unterm Vorwand des Opfers eines Gebets für Theagenes ſich zu entledigen gedacht. Wie ſie nun zum Tempel des Hermes gelangt waren— denn dieſem brachte Nauſikles das Opfer, weil er vor allen ſich ihm, als dem Gott des Markt⸗ und Kaufweſens gewidmet— da beſchaute Kalaſtris als⸗ bald die Opferthiere und, wie es in der Kürze ihm vergönnt war, die Eingeweide und, während in den Zügen ſeines Geſichts das bunte Geſchick der Zukunft freudiges und truͤbes ſich offenbarte, ſtreckte er leiſe betend die Hände in das Altarfeuer und that, als — 158 pb er aus den Flammen zöge, was er laͤngſt ſchon bei ſich trug.„Das geben die Götter durch uns dir als Löſegeld der Charikleia, o Nauſikles!“ So ſprach er und händigte einen der königlichen Ringe ihm ein, ein köſtliches, göttliches Werk! Elektron V war der Reif, ein äthiopiſcher Sternamethyſt glühte aus der Faſſung, groß wie ein Mädchenauge, an Schönheit weit über dem iberiſchen und bretan⸗ niſchen. Denn dieſer röthet ſich in zarter Farbe und gleicht einer Roſe, wenn ihre Blätter eben aus dem Kelche brechen und über die erſten Son⸗ nenſtrahlen erröthen. Aber ein äthiopiſcher funkelt ächt und tief wie Fruhlingsluſt und wenn du ihn in der Hand dreheſt, da wirft er einen goldenen Strahl, der nicht das Auge flammend blendet, ſon⸗ dern in freudigem Glanz leuchtet. Auch achtere 4 Kraft wohnt in ihm, ſein Name iſt nicht erlogen, er wacht über des Geiſtes Helle beim Trinkgelag. 14 Und das thut jeder Amethyſt aus Indien oder Aethiopien. Einen ſolchen nun gab Kalaſiris da⸗ mals dem Nanſtkles, aber er übertraf ſie alle noch. Denn ein Bild war drauf geſchnitten, deſſen erho⸗ bene Geſtalten mit dem Leben wetteiferten. Das Bild war alſo: ein Knäblein weidete Schafe und ſtand auf einem niedern Felſen zum umſchauen; er leitete aber die weidende Heerde mit den Tönen ſeiner Schalmei und ſeine Lämmer gehorchten ihm auch, wie es ſchien, und hielten ſich bei einander auf der Weide; man hätte glauben ſollen, golden ſey das Vließ, das ſie belaſtete; ſo anmuthig machte es aber nicht die Kunſt, ſondern die natür⸗ liche Röthe des Amethyſts die auf ihren Rücken 2 — 459— blühte; auch zartes hüpfen der Lämmer war dar⸗ geſtellt; denn manche liefen haufenweis den Fels hinan, andere ſchwärmten in wilden Kreiſen um den Hirten her und machten den Abhang zu ihrem länd⸗ lichen Tanzplatz; noch andere frohlockend im Glanz des Amethyſts wie im Sonnenſtrahl, zerwühlten mit hohen Sprüngen den Felſen; ja manche von den älteren und muthigeren ſchienen über die Faſ⸗ ſung hinaus ſpringen zu wollen, waͤhrend die Kunſt ſie einſchloß und Lämmer uͤnd Felſen von der Ein⸗ faſſung wie mit goldner Hürde umgeben wurden. Der Fels aber war ganz natürlich und nicht nach⸗ gebildet; denn der Künſtler hatte den höheren Theil des Steines ſo geſchnitten, daß er in Wahrheit darſtellte, was er im Sinn hatte, er wollte deut⸗ lich einen Stein aus dem Stein herausbilden. Alſo war der Ring. Nauſikles nun im Staunen über 13 den Vorfall, mehr noch in Freude über das hohe Geſchenk— denn er ſchätzte den Stein für ein ganzes Vermögen— nahm das Wort:„Ich ſcherzte nur, mein guter Kalaſiris, meine Foderung des Löſegeldes waren bloße Worte, mein Wille aber, die Tochter dir umſonſt zurück zu geben. Weil aber, wie ihr Weiſen ſagt„unverwerflich ſind der Unſterblichen ehrende Gaben,“ ſo nehme ich dieſen gottgeſandten Stein an, überzeugt, daß vom Her⸗ mes, dem ſchönſten und gutſten der Götter nach ſeiner lieben Gewohnheit auch dieſer Fund mir kömmt. Aus dem Feuer hat er wahrlich das Ge⸗ ſchenk dir dargereicht; kann man doch ſehen, wie die Flamme um ihn leuchtet! Aber auch ſo iſt mir's ein köſtlich Kleinod, das den Geber nicht beraubt — 4160— und den Empfänger glücklich macht.“ Als er's nach dieſen Worten in Sicherheit gebracht, wandte er ſich mit den übrigen zum Feſte. Den Frauen gab er abgeſondert den innern Raum des Tempels, die Männer aber hieß er ſich in die Vorhalle lagern. Wie nun die Luſt der Speiſen gebüßt war und die Schüſſeln den Bechern weichen mußten: da ſangen die Männer Kampflieder dem Dionyſos zu Ehren und ſpendeten Trankopfer: die Frauen ſangen im Chor der Demeter ein Danklied: Charikleia aber weilte fern und that nach eigenem Herzeusdrang: ſie betete brünſtig für Theagenes Rettung, nur Theagenes möge ihr erhalten werden. 46 Wie nun die Trinkluſt in hellere Freude aus⸗ brach und jeder der eigenen Luſt ſich hingab, da 4 nahm Nauſikles eine Schale lauteres Waſſers und ſprach:„Mein guter Kalaſiris, jungfräulich reines Nymphenwaſſer, wie dus's liebſt, unberührt von Dionyſos, und alſo wahrhaft jungfräuliches noch, trink ich dir zu! Und brächteſt du uns die Rede, nach der wir lechzen, zum Gegentrunk, ſo labteſt du uns mit dem ſchönſten Freudenbecher. Die Frauen drin ſtellen, wie du hörſt, zur Abwech⸗ ſelung mit dem Trinkgelag einen Chortanz an; für uns aber würden deine Fahrten das Mahl am ſchönſten ſchließen, anmuthiger wären ſie uns als aller Tanz und Flötenton, haſt du doch ſo oft, du weißt es, mich hingehalten, weil dein Unglück dich niederbeugte. Du könnteſt ſie nicht für eine ſchö⸗ nere Zeit aufbewahren als heut, wo die Tochter dir hier vor Augen ſteht, der Jüngling aber ſpäter, — 161— wenn auch nicht jetzt, mit der Götter Huͤlfe dir er⸗ ſcheinen wird und vor allen, wo du mich bös mach⸗ teſt durch neuen Aufſchub der Erzählung.“„Ei geprieſen ſeyſt du, Nauſikles,“ fiel Knemon ein,„daß du, der eine vollſtändige Muſik herentboten, jetzt ſie überſiehſt und den platten Burſchen überläſſeſt, während du ſelbſt wahrhaft begeiſternden, mit himm⸗ liſcher Luſt verbundenen Dingen dich hingibſt. Du ſcheinſt mir dich prächtig auf's göttliche zu ver⸗ ſtehen, daß du Hermes neben Dionyſos ſtellſt, ein Gaſtgelag mit der Rede Luſt würzeſt. Hab' ich doch ſchon ſonſt die Pracht deines Opfermahls be⸗ wundert: wie könnte man aber den Hermes heite⸗ rer ſtimmen, als wenn man ſein eigenthümlichſtes, die Rede, zum Feſte bringt.“ So fügte ſich denn Kalaſiris, theils dem Knemon zu gefallen, theils um Nauſikles für die Zukunft ſich günſtig zu ſtim⸗ men, und erzählte alles, indem er das früher an Knemon ſchon erzählte abkurzte und verallgemeinte, manches auch mit Fleiß überging, was Nauſikles nicht anziehen konnte, nach ſeinem Urtheil, das übrige aber, noch unerzählte, alſo begann: Wie 17 ſie nun auf dem phönikiſchen Schiff aus Del⸗ phö entflohen, ſey ihnen anfangs die Fahrt nach Wunſch ergangen und ein beſtändiger Wind habe ihnen in den Rücken geweht: als ſie aber in den kalydoniſchen Sund gekommen, ſeyen ſie nicht wenig durch das von Natur unruhige Meer beunruhigt worden. Knemon bat, auch das nicht ſo ſchnell zu 4 übergehen und ihn zu belehren, wenn er etwa ei⸗ nen Grund jenes ſtürmiſchen Weſens dort anzuge⸗ ben wiſſe. Da begann er denn:„Das ioniſche Theagenes u. Charikleig. 11 K — 162— Meer engt ſich bei ſeiner ſonſtigen Weite hier zu⸗ ſammen und ſtrömt wie durch eine Mündung in den kriſſäiſchen Buſen ein: es möchte ſich gern mit dem ägäiſchen Meer verbinden, aber die Landzunge der Peloponneſier ſchneidet ihm den weiteren Weg ab durch die Fürſorge der Götter, um, wie es ſcheint, gegen das Ueberſtrömen nach jenſeits eine Mauer zu bilden. Dadurch entſteht, wie natürlich, ein Rückſtrömen, das dieſen Sund mehr aufregt, als die andern Buſen, indem der Zufluß oft auf den Rückfluß ſtößt, ſo das Waſſer ſtürmen macht und die zornglühenden Wellen ob des Gegendruckes zu aufbrauſendem Wogendrang anregt.“ Als man dieſem lauten Beifall gegeben und die Anweſenden die Sache als wahr bezeugt, hielt ſich Kalaſiris an den Fortgang ſeiner Erzählung.„Als wir nun dieſen Meerbuſen überflogen,“ ſo fuhr er fort,„und die ſpitzen Inſeln entſchwanden, da meinten wir das zakynthiſche Vorgebirge zu ſchauen, das wie eine dunkele Wolke unſeren Augen entgegeneilte. Da gebot der Steuermann die Seegel einzureffen und bedeutete auf die Frage, warum er unſere Eile beſchränke, da das Schiff in günſtigem Winde fahre, daß wir bei ſo ſeegelblähendem Wind in den erſten Stunden der Nacht landen würden und fürchten müßten, im finſtern auf Riffe unterm Meer zu gerathen. So ſey's gut auf dem Meere zu übernachten und den Wind uur ſparſam zuzu⸗ laſſen in dem Maß, daß es gerade genug ſey um 18 am Morgen zu landen. So ſprach der Steuer⸗ mann; es begegnete uns aber nichts, lieber Nauſi⸗ kles! Mit dem Aufgang der Sonne warfen wir — 463— auch die Anker aus. Die Einwohner aber, welche um den Hafen wohnten, der nicht weit von der Stadt entfernt war, ſtrömten herbei, uns zu be⸗ trachten als etwas ganz außerordentliches: ſie ſtaun⸗ ten, wie es ſchien, uber das leicht bewegliche Fahrzeug, das ſchön und groß aufgezimmert war, und freuten ſich, phönikiſche Kunſtarbeit kennen zu lernen, wunderten ſich aber noch mehr über unſer ausgezeichnetes Glück, daß wir eine ſo heitere Fahrt ohne Ungemach gehabt in ſo ſtürmiſcher Zeit, wo die Plejaden ſchon untergegangen. Alle anderen eilten nun aus dem Schiff, während es an Tauen befeſtigt ward, in die Stadt der Zakynthier, um Markt zu halten. Ich aber ſah mich— denn vom Steuermann hatt' ich vernommen, daß ſie auf der Inſel überwintern würden— nach einer Wohnung um und ging dort am Ufer umher, weil ich das Schiff für einen unpaſſenden Wohnort hielt wegen der Unruhe der Schiffleute; die Stadt ſelbſt aber, als nicht ſicher genug, wegen der Flucht meiner jungen Leute vermeiden wollte. Nach einem Weil⸗ chen erblickte ich einen alten Fiſcher vor der Thüre ſeines Hauſes ſitzen und Maſchen eines zerriſſenen Netzes ausbeſſern. Ich trat hinzu und ſprach:„Sey mir gegruͤßt, Freund, und ſag mir doch wo man eine Wohnung bekommen könnte!“„Gleich da am Vorgebürge iſt's an einem Felſenriff hängen geblie⸗ ben und zerriſſen,“ antwortete der.„Je, das hab ich nicht wiſſen wollen,“ erwiderte ich.„Du thäteſt mir aber einen Gefallen und eine wahre Liebe, wenn du entweder mich ſelbſt aufnähmſt oder zu einem andern mich führteſt!“„Ich ſelbſt nicht; =— 464— ich war gar nicht mit auf dem Zuge; Tyrrhe⸗ nos macht ſo dumme Streiche nicht und ließ vom Alter ſich alſo übermannen.„S iſt meiner Jungen Einfalt, weil ſie die Riffe nicht kennen, wo ſie das Netz nicht hinziehen dürfen!“ Da merkt' ich endlich, daß dick es dem vor'm Gehör lag und ſchrie ver⸗ nehmlicher:„Ich grüße dich, und bitte uns Frem⸗ den eine Wohnung anzuzeigen!“„Ei, ſey mir auch gegrüßt,“ entgegnete er,„und bleib, ſo dir's be⸗ liebt, bei uns, wenn du nicht einer von denen biſt, die ein ſehr gemächlich Haus verlangen und Die⸗ nerſchaft in Menge bei ſich führen!“ Als ich ihn bedeutet, daß ich nur zwei Kinder habe, ich ſelbſt der dritte ſey, da rief er aus:„das iſt ja ein praͤchtig Verhältniß, denn bei mir findet ihr nur eins mehr. Ich habe nur noch zwei Knaben, die bei mir wohnen— die älteren haben ſelbſt ge⸗ heurathet und machen ein Haus für ſich— die vierte iſt die Wärterin der beiden Knaben; denn die Mutter iſt ihnen vor kurzem geſtorben. So ſtehe denn nicht an, mein Beſter, und mache keine Umſtände, als ob wir etwa nicht gern dich auf⸗ nähmen, einen Mann, der gleich beim erſten Auf⸗ tritt ſeine Braoheit beurkundet.“ So ließ ich's denn geſchehen. Bald darauf nahm mich Tyrrhenos mit Theagenes und Charikleien freundlich auf und räumte uns den weniger feuchten Theil ſeiner Woh⸗ nung ein. So brachten wir die Winterzeit nicht unangenehm zu, am Tage bei einander lebend, ge⸗ trennt aber, wann's zum Schlafen ging, Charikleia bei der Wärterin, ich und Theagenes beſonders, während Tyrrhenos mit ſeinen Knaben in einem — 105— andern Zimmer ſchlief. Wir aßen aber gemeinſchaft⸗ lich, indem wir das uͤbrige gaben, Tyrrhenos uns mit Braten aus der See ſattſam verſorgte. Bald fiſchte er allein, bald nahmen wir ſelbſt zum Zeit⸗ vertreib Theil am Geſchäft ſeiner Fiſcherei, die er auf mancherlei Weiſe für jede Tageszeit angeord⸗ net. Es war aber auch ein ganzer Netzkundiger und Hauptjäger, ſo daß die meiſten, was Erfahrung in ſeinem Fach war, fuͤr Wohlwollen des Glücks hielten. Aber es heißt ja: unglückliche müſſen überall unglucklich ſeyn. Selbſt hier in der Abge⸗ ſchiedenheit machte uns Charikleiens Schönheit zu ſchaffen. Der tyriſche Kaufherr nämlich, der py⸗ 19 thiſche Sieger, mit dem wir geſchifft waren, kam heimlich zu mir, ſetzte mir zu und beſchwerte mich mit Bitten indem er Charikleien von mir, als ihrem Vater, zur Ehe verlangte. Dabei ſtrich er ſich gewaltig heraus, redete von ſeinem gar edlen Geſchlecht, zählte mir bald ſeinen Reichthum vor, wie dies Kauffahrteiſchiff ſein Eigenthum und wie die meiſte Ladung drin ihm gehöre, wie reich er an Gold, hochgeſchätzten Steinen und ſeidenem Stoff ſey. Als bedeutenden Zuſatz ſeines Ruhms nannte er auch ſeinen pythiſchen Sieg und dazu noch vieles andere. Während ich ſelbſt immer un⸗ ſere jetzige Armuth vorſchützte und daß ich die ge⸗ liebte Tochter nimmer einem hingeben könne, deſſen Land und Volk ſo weit von Aegypten entfernt ſey: ſprach er:„davon ſchweige nur, lieber Vater, Mit⸗ gift und unzählige Schätze und aller Reichthum iſt mein, wenn ich das Mädchen habe. Volk und Va⸗ terland will ich mit dem euren vertauſchen, will — 4166— ablaſſen von meiner Fahrt gen Karchedon und hin⸗ 20 ſchiffen mit euch, wohin ihr wollt.“ Da ſah ich denn, daß der Phöniker nicht nachließ, ſondern in V Begier über alle Maßen aufflammte, alſo daß ich keinen Tag ihn durch das vorgeſchützte mehr hinzu⸗ halten vermöchte und nur ſchöne Verſprechungen ihn beruhigen könnten— wir hätten wohl gar ſonſt auf der Inſel eine Gewaltthat zu fürchten gehabt. Darum verſprach ich ihm, alles zu thun, wenn ich nach Aegypten gekommen wäre. Wie ich den auf dieſe Weiſe ein wenig losgeworden, drängte die Gottheit Wogen auf Wogen, wie es heißt. Denn Tyrrhenos nahm mich wenige Tage nachher heimlich auf den Strand, wo er ſich einkrümmte, und ſprach:„Lieber Kalaſiris! Beim Poſeidon, dem Seegott, und den andern Göttern des Meeres ſchwöre ich dir, daß ich dich wie einen Bruder, deine Kinder aber wie meine eigenen anſehe. Ich komme dir jetzt ein Unglück zu melden, das heran⸗ zieht; es iſt ſchlimm, aber ich darf es nicht ver⸗ ſchweigen, da du Einen Heerd mit mir getheilt und es durchaus wiſſen mußt. Eine Bande Seeräuber lauert auf das phönikiſche Schiff, ſie haben ſich an der Seite des Vorgebürgs, das ſie verdeckt, feſtge⸗ ſetzt und ſpahen abwechſelnd nach der Abfahrt des Fahrzeugs. So ſieh denn zu, ſey wachſam und denke, was zu thun ſey. Denn um deinetwillen, mehr aber noch um deiner Tochter willen, denken ſie auf ein ſo ſchändliches Werk, nach ihrer Ge⸗ wohnheit. Da ſprach ich zu ihm:„Mögen die Götter dich dafür belohnen! Aber wie haſt du denn den Streich erfahren, Tyrrhenos?“„Durch mein — 167— Handwerk,“ erwiderte er,„bin ich den Männern be⸗ kannt geworden und ſo oft ich ihnen Fiſche bringe er⸗ halte ich immer beſſere Bezahlung als ſonſt wo. Wie ich geſtern nun Weiden ſuchte zu den Fiſch⸗ reuſſen, trat mich der Häuptling an und fragte: ob ich nicht wiſſe, wann die Phöniker abfahren würden? da merkte ich das verfängliche ſeiner Frage und ſprach:„Sicher weiß ich's nicht zu ſagen, Trachinos! Aber ich glaube, ſie werden erſt im Frühling abziehen.“„Wird denn auch das Mädchen mitfahren, das bei dir wohnt?“„Das iſt mir unbekannt,“ erwiderte ich;„was haſt du denn aber für Sorge drum?“„Weil ich ſie einmal geſehen raſend liebe. Ich weiß noch nie, daß eine ſolche Schönheit mir aufgeſtoßen wäre und habe gewiß ſchon viele hübſche Gefangne erſchnappt.“ Da ſuchte ich denn ſein ganzes Vorhaben auszu⸗ holen und fragte:„Warum willſt du dich denn da mit den Phönikern noch verwickeln und raubſt ſie nicht ohne Blutvergießen noch vor der Abfahrt aus meinem Hauſe?“„Auch Räuber,“ erwiderte er, nhaben ein Gewiſſen und handeln rechtſchaffen gegen Freunde. Ich will dein ſchonen, damit du nicht Verdruß haſt, wenn man nach den Fremden bei dir ſucht. Dann will ich auch auf Einen Streich das beſte haben, die reiche Ladung des Schiffes und des Mädchens Ehe, wovon ich eins einbüßen muß, wenn ich zu Lande den Straus ausführte. Und ſonſt auch iſt's nicht ohne Gefahr ſo nah an der Stadt, weil man ſo bald es merken und uns nach⸗ ſetzen könnte!“ Da lobte ich ſeine Klugheit ſehr und verließ ihn, um dich in Kunde zu ſetzen von der — 168— angeordneten Nachſtellung dieſer böſen. Und ſomit bitte ich dich inſtändig für dich und die deinigen Sorge zu tragen.“ Ich ging beklommen hinweg auf dieſe Nachricht und wechſelte mancherlei Beſchluͤſſe bei mir ſelbſt, bis mir zufällig der Kaufherr wieder aufſtieß und durch ſein Reden über ſein Anliegen mir einen Entſchluß an die Hand gab. Ich verbarg ihm von dem, was Tyrrhenos mir geſagt, ſo viel mir gut dünkte und ſagte blos einen Theil davon: es ge⸗ denke einer der Einwohner das Mädchen zu rauben, gegen den man ſich gar nicht wehren könne.„So möchte ich,“ fuhr ich fort,„durch deine frühere Be⸗ kanntſchaft und den jetzigen Umſtand bewogen, das Mädchen lieber dir verſprechen, wenn du vor allen mir gelobſt in unſerem Lande zu wohnen. Alſo müſſen wir eilen— wenn es dir überhaupt ange⸗ nehm iſt— unſere Abreiſe von hier zu beſchleunigen, ehe Gewalt uns zuvorkommt.“ Da freute er ſich höchlich und ſprach:„Brav mein Vater!“ und da⸗ mit küßte er mich auf die Stirn und frug, wohin gefahren werden ſolle; denn wenn auch das Aus⸗ ſchiffen noch nicht an der Zeit ſey, ſo ſtehe ihnen doch frei zu einem andern Hafen ſich zu wenden, um dort der bereiteten Nachſtellung zu entgehen und die Sicherheit des Frühlings abzuwarten.“ „So wollen wir denn, wenn mein Wille Gewicht hat, bei einbrechender Nacht abfahren!“ ſprach ich. Da ging er hinweg und ſprach:„alſo geſchehe es!“ Wie ich heim kam, eröffnete ich dem Tyrrhenos kein Wort davon, zu meinen Kindern aber ſagte — 169— ich, daß wir, wenn der Abend hereindunkele, wieder das Fahrzeug beſteigen müßten. Als ſie über ſolche Eile ſich wunderten und nach dem Grunde fragten, vertröſtete ich ſie, ſpater es ihnen zu ſagen; jetzt aber ſey es alſo nothwendig. Als wir darauf geſpeiſt und uns ſchlafen ge⸗ 22 legt, erſchien ein Greis mir im Traum, abgezehrt ſonſt; aber der aufſchürzende Gürtel zeigte im kräf⸗ tigen Schenkel noch den Reſt ſeiner Jugendkraft: ein Helm bedeckte ſein Haupt, klug und vielge⸗ wandt blickte ſein Aug' umher, während er den einen Fuß, wie von einer Wunde erlahmt, ſich nach⸗ zog. Heran trat er zu mir und lächelte ſpottend: „Wunderlicher Menſch,“ ſo begann er,„ſo gar nicht beachteſt du mich allein; alle, die an der Ke⸗ phalener Inſel vorüber ſchifften, haben meine Hei⸗ math begrüßt; meines Heldenruhmes recht inne zu werden, war ihnen Ernſt und du allein haſt ſo unachtſam dich gezeigt, haſt ſelbſt den gewöhnlichen Gruß mir verweigert, der ſo nahe dir wohnte. Da⸗ für ſollſt du denn bald mir büßen, gleiches ſollſt du dulden, wie ich, ſollſt Feinde finden auf Land und Meer; die Jungfrau aber, die du geleiteſt, ſollſt du grüßen von meinem Weibe: ſie wünſcht Heil ihr und Seegen, weil Sittigkeit ihr über alles geht und verkündet ihr ein fröhliches Ziell! Da ſprang ich zitternd auf ob des Geſichts und als Theagenes frug, was mir begegnet, ſprach ich: „Vielleicht verſäumen wir die Abfahrt! Der Ge⸗ danke regte mich auf und raubte den Schlaf mir. Aber erhebe dich und bereite das nöthige: ich will — 170— Charikleien holen., Da kam das Mädchen auf mein Geheiß und auch Tyrrhenos ward's inne, daß er aufſtand und frug, was das ſolle?„Deine Ah⸗ nung ſoll's!“ bedeutete ich ihn,„wir ſuchen unſern Verfolgern zu entgehen. So ſey denn auch dir Heil beſchteden, du treuer Mann! und erzeige uns noch die letzte Gunſt! Schiffe gen Ithaka und ver⸗ ſöhne im Opfer den Odyſſeus, daß er abläßt vom Zorn gegen uns, der ihn erfaßt hat, weil wir ihn überſahen. Er erſchien mir dieſe Nacht und hat's mir verkündet!“ Das verſprach er treulich und geleitete uns unter heißen Thränen bis an's Schiff und wünſchte uns eine glückliche, erwünſchte Fahrt: 3— Was ſoll ich länger euch behelligen? Als der Morgenſtern herein ſchien, lichteten wir die Anker, nachdem die Mannſchaft anfangs ſich ge⸗ ſträubt, endlich aber dem tyriſchen Kaufherrn nach⸗ gegeben, der ſie bedeutete, daß man einem Rauber⸗ ſtreich, der ihm angeſagt worden, nur entgehen müſſe. Er ſelbſt aber wußte nicht, daß er die Wahrheit in dieſer Lüge ſagte. Heftige Stürme verfalgten uns denn und ein furchtbares Wetter, während unſäglicher Wogendrang unſeren Muth verſuchte und faſt uns verſchlungen hätte, wenn wir an's kretiſche Geſtade micht geſchleudert wären: war doch eins der Steuer verloren und die meiſten Seegelſtangen zerbrochen. So ward denn beſchloſ⸗ ſen zu Ausbeſſerung des Fahrzeugs und zu unſerer eigenen Erholung einige Tage auf der Inſel zu weilen. Und als wir das vollbracht, ward die Fahrt von neuem beredet für den erſten Tag, wann der Mond der Sonne noch am Himmel begegnet. 171— Nachdem wir gelichtet umſäuſelte uns ſchon Früh⸗ lingswehen auf der Fahrt und der Steuermann leitete das Fahrzeug Tag und Nacht gen Libyen: man müſſe an's fortſchießen ſich halten, meinte er, und ſtät das Meer überfahren, da der Wind ſich günſtig zeige: denn es ſey Eile noth, Land oder einen Hafen zu erreichen: ein Raubſchiff ſey das Fahrzeug, das er vom Verdeck erſpäht habe. „Denn ſeit wir,“ fuhr er fort,„vom kretiſchen Vorgebirge abfuhren, folgte es uns auf der Spur und zieht unverwandt uns nach, als ob's an die⸗ ſelbe Fährte gebunden wäre, ich hab's oft uns umkreuzen ſehen, wann ich das Schiff zuweilen mit Fleiß aus der Richtung brachte.“ Das brachte ei⸗ 24 nige auf; ſie riethen zur Wehr ſich bereit zu halten, andere beachteten es wenig und meinten es ſey ja Brauch, daß auf offenem Meere den größeren Schiffen die kleineren nachzögen, weil jene von kundigeren geſteuert würden. Wie man noch von beiden Seiten ſich ſtritt, war der Tag ſchon ſo weit herab, wo der Landmann den Stier vom Pfluge ſpannt. Da ließ der Wind nach vom großen An⸗ drang und hielt nur ein weniges an, das wirkungs⸗ los und ſanft in die Seegel blies und mehr in ihnen flatterte als ſie fortdrängte. Zuletzt löſte ſich's in völlige Stille auf, als ob es mit der Sonne hinabſaͤnke oder, um wahrer zu reden, unſe⸗ ren Verfolgern zu Gebot ſtände. Denn die im Ka⸗ per blieben, ſo lange die Fahrt unter wehendem Wind fortging, wie natürlich, weit hinten zurück, da unſere größeren Seegel mehr Wind faßten. Als aber die Windſtille das Meer glättete und die — 12— Noth zum Ruder greifen hieß, da waren ſie ſchnel⸗ ler uns nach als man ſagen kann; ſaßen doch, wie ich glaube, alle, die drin waren, am Ruder und trieben ihr leichtes Fahrzeug, das den Rudern. 25 beſſer gehorchte. Schon waren ſie nahe heran, da ſchrie einer von den Mitreiſenden aus Zakynthos: „Ja, das iſt er, ihr Männer, wir ſind verloren! Es iſt das Raubſchiff! Ich erkenne Trachinos' Fahr⸗ zeug!“ Es bebte das Schiff ob dieſer Kunde und mitten in der Meeresſtille brach ein Unwetter he⸗ rein, das in Lärmen, Geſchrei und Umherrennen ſich austobte. Dieſe verſteckten ſich im unteren Schiffsraum, andere ermuthigten ſich auf dem Verdeck zum Kampf, noch andere gedachten ins Boot zu ſpringen und zu entrinnen, bis in ihrem Zögern der Kampf ſelber zwingend ihnen zuvorkam und ſie mit allem bewaffnete, was der Zufall ihnen zur Wehr bot. Ich und Charikleia umſchlangen den Theagenes und hielten mit Mühe ſeine hohe Be⸗ geiſterung und Glut für den Kampf zurück: ſie mit dem Flehen, ſich nicht durch den Tod von ihr zu trennen, ſondern in einem Schlag und Schwerd⸗ hieb den Tod mit ihr zu theilen; ich hingegen, weil ich in der Kunde, daß Trachinos unſer Geg⸗ ner ſey ein Glück für die Zukunft ahnte. Und alſo geſchah's auch. Die Räuber nahten und ſchifften muthig heran und um zu verſuchen, ob ſie ohne Blut des Schiffes ſich bemächtigen könnten, enthiel⸗ ten ſie ſich noch ihrer Geſchoſſe, ſchifften im Kreis umher und ließen es nicht von der Stelle, wie Belagerer, als ob ſie das Schiff durch Vertrags⸗ recht einzunehmen gedächten. Dabei riefen ſie: — 173— „Ihr Ungluͤckſeligen, wollt ihr denn raſend ſeyn und gegen ſo unbezwingliche, übermächtige Ge⸗ walt eure Hände erheben und in offenbaren Tod euch ſtürzen? Noch ſind wir menſchlich gegen euch geſinnt, geſtatten euch, ins Boot zu ſteigen und euer Leben zu retten, wohin ihr wollt!“ Das hiel⸗ ten ſie uns vor; die auf dem Schiffe aber waren muthig, ſo lange ſie noch in gefahrloſem, unbluti⸗ gem Streite kämpften, und ſchworen, nimmermehr herauszugehn. Wie aber ein kühner Räuber in's 26 Schiff ſprang, mit dem Schwerde drein hieb, wer ihm aufſtieß, und belehrte, daß Krieg mit Mord und Tod entſcheide, und auch die andern nun alle heranſprangen, da gingen die Phöniker in ſich, ſanken auf die Kniee und flehten ihrer zu ſchonen, darum, daß ſie zu thun gedächten, was man be⸗ föhle. Da ſchonten ſie, obwohl ſchon in Mordluſt — denn des Blutes Anblick ſchaͤrft das Verlan⸗ gen— auf Trachinos' Befehl gegen alle Hoffnung der Niedergeſunkenen und ein Waffenſtillſtand ward ohne Bedingungen und der in der That ſchon ſchwer drückende Kampf ward unter dem Baſtardnamen des Friedens aufgelöſt unter Verträgen, die furcht⸗ barer waren als der Kampf ſelbſt. Denn mit ei⸗ nem einzigen Untergewand, ſo war's befohlen, ſoll⸗ ten ſie das Schiff verlaſſen, und Tod ward dem gedroht, der das überträte. Iſt doch das Leben den Menſchen höher denn alles; auch die Phöniker, be⸗ raubt ihrer reichen Hoffnungen im Schiffe, eilten als ob ihnen nichts genommen wäre, ja als ob ſie ſelbſt gewännen, einer dem andern zuvor in das Boot; jeder ſtrebte früher des Lebens ſich zu ver⸗ — 474— 2 ſichern. Als auch wir nun eilten, dem Befehl Folge zu leiſten, da hielt Trachinos Charikleien feſt und ſprach:„Mit dir, du herrliche, hat dieſer Kampf nichts zu ſchaffen: um deinetwillen ward er unter⸗ nommen. Lange ſchon, ſeit ihr Zakynthos verließt, zieh ich dir nach, beſtand um deinetwillen ſolch ein Meer, ſolche Gefahr. Sey getroſt und wiſſe, daß du mit mir Herrin biſt von allem!“ Alſo ſprach er. Sie dagegen— denn ſie iſt ein gar kluges Geſchöpfchen und weiß in die Zeit ſich zu ſchicken — benutzte meine leiſe Erinnerung; ſie verſcheuchte ihren Blick, den die Vorgänge eingeſchüchtert hat⸗ ten und zwang ihn zum verführeriſchen Schimmer. „So ſey den Göttern gedankt,“ ſprach ſie,„daß ſie deinen Sinn zur Menſchlichkeit gegen uns neigten; willſt du mich aber wahrhaftig getroſt ſeyn und bleiben ſehn, ſo gib mir das erſte Zeichen deines Wohlwollens! meinen Bruder da und meinen Va⸗ ter rette mir und geſtatte nicht, daß ſie das Schiff verlaſſen; ich kann ja nicht leben von ihnen ge⸗ trennt!“ Mit dieſen Worten ſank ſie auf ihre Kniee und hing lange flehend an ihm, weil Trachi⸗ nos hohe Luſt fühlte in ihrem Umſchlingen und ſorglich ſeine Zuſage hinausſchob. Als endlich ihre Thränen ihn zum Mitleid rührten, und ihre Blicke ihn zum Sklaven zwangen, da hob er das Mad⸗ chen auf und ſprach:„den Bruder ſchenk' ich dir ſehr gern, denn ich ſehe in ihm einen Jüngling in voller Männlichkeit, der unſerem Bund ein brauch⸗ barer Genoſſe wird. Der Alte aber iſt ſonſt läſtig; doch dir zu Liebe mag er bleiben!“ —— — — 175— Während das beſprochen und verhandelt wurde, 28 war die Sonne ganz hinabgeſunken: Dämmerung endete den Kampf des Tages mit der Nacht. Da brauſ'te urplötzlich das Meer auf, ſei's nun, daß die Zeit ſelbſt dieſen Wechſel erzeugte, oder daß der Wille des Geſchicks ihn herbeirief. Sauſen hereinſtürmendes Windes ward vernommen und gleich auch flog der Sturm drauf, heftig und ge⸗ waltig wie nie, und ſchreckte die Räuber zu nie⸗ geahntem Getümmel ein; denn ſie hatten ihr eige⸗ nes Fahrzeug verlaſſen, waren jetzt im Frachtſchiff unterm Raub der Ladung überraſcht, ſo daß ſie ſich mit der Größe des Schiffs nicht zu bethun wußten. Denn jedes Schiffsgeſchäft verſah, wer eben dazu kam. Jeder wagte ſich, ſein eigner Leh⸗ rer, an ein andres Werk: und ſo refften denn einige in verwirrter Eile die Seegel ein, andere verwickelten unkundig die Taue, waͤhrend ein uner⸗ fahrner den Schnabel überkam, ein anderer den Schwanz erhielt oder den Hals. So brachte uns nicht der Wogen Gewalt in höchſte Gefahr— denn die waren noch nicht in ganz entfeſſelter Wuth— ſondern das Ungeſchick des Steurers, der ſich in Kraft hielt, ſo lange noch etwas Tageslicht herein⸗ ſchimmerte, alles aber aufgab, als die Finſterniß den Sieg gewann. Schon waren wir nah am Sinken und nicht weit vom Scheitern, als anfangs manche Räuber in den eigenen Nachen wieder hineinzukom⸗ men ſuchten: dennoch gingen ſie bald ab, als Wo⸗ genſchwall ſie übermannte und Trachinos ſie überre⸗ dete, wie ſie tauſend herrlichere Böte ſich ſchaffen könnten, wenn ſie die große Jacht und den Reichthum — 176— drin retteten. Zuletzt zerhieb er ſogar das Tau, mit welchem er an's Schiff befeſtigt war, indem er ſie bedeutete, wie ſie dadurch des Sturmes Gewalt nur verdoppelt an ſich zögen, und zugleich ihnen ſichere Ausſicht auf die Zukunft gab, weil es ja verdächtig ſey mit zwei Schiffen andern Fahrzeugen entgegen zu ſeegeln, da man ſicher fragen werde, wer im andern Schiff gefahren. So erſchien er ihnen verſtändig und in Einer Sache doppelt ſeine Klugheit zu zeigen, als ſie eine kurze Erleichterung ſpürten, ſeit er den Nachen entlaſſen. Dennoch wurden ſie noch nicht ganz vom Schrecken befreit; wechſelnder Wogendrang trieb ſie einher, vieles vom Schiff verloren ſie und hatten Ge⸗ fahren in aller Geſtalt zu beſtehen, bis dieſe grauſe Nacht endlich verging und wir am folgenden Tag ge⸗ gen Abend auf eine Küſte an der herakleotiſchen Mün⸗ dung des Nils ſtießen. So betraten wir ungluͤckſeli⸗ gen Aegypten ohne es zu wollen, die andern mit Jauchzen, wir in tiefem Schmerz. Oft ſchalten wir das Meer ob ſeiner Rettung, daß es uns um einen unbeſcholtenen Tod gebracht und nun einem fürchter⸗ licheren Lande und Schickſal überlieferte, da wir der ruchloſen Willkühr der Seeräuber hingegeben waren. Denn was thaten die verruchten, als ſie noch kaum das Land berührt hatten? Um dem Poſeidon ein Dankopfer zu bringen— ſo war ihr Vorwand— brachten ſie tyriſchen Wein, und was noch ſonſt im Schiffe war, heraus. Ausſandten ſie Männer, die aus den umliegenden Orten Schlachtvieh kaufen ſollten und gaben ihnen des Goldes übergenug mit, ſie be⸗ deutend, nur gleich den erſten Preis, der gefodert 29 würde, zu geben. Und ſobald nur jene zurückkamen, — eine ganze Heerde treibend, und von den Zurückgebliebenen empfangen waren, die alsbald ein Feuer zündeten, die Opfer⸗ thiere ſchlachteten nahm Trachinos ſprach:„Vater, i und will heut, wie du ſiehſt, die Hochzeit feiern, mein liebſtes Feſt mit binden. Auf daß du ſelbſt nun beim Gaſtmahl nicht finſter mir ſeyſt, weil du nichts davon gewußt und das Mädchen, von dir belehrt, freudig erfährt, was ge⸗ ſchehen muß: ſo lensmeinung vorher zu ſagen; nicht, als ob du ſie mir beſtimmen helfen ſollteſt, denn mein Wille ver⸗ bürgt mir mein Recht, ſondern weil ich es ſonſt für gerathen und huͤbſch halte, daß die Braut ſich hinge⸗ gebener bereite, erfährt.“ Ich ga mich erfreut und dankbar für der Götter höchſte Gunſt, daß ſie meiner Tochter den eigenen Gebieter zum Gatten erkoren. zu überlegen, was hier zu thun ſey, kam dann wieder und bat, er ſolle nen und das Schiff der Jungfrau zum Brautgemach aufſchmücken, keinen hineinlaſſen ſie zu ſtören, damit man Zeit habe für Brautſchmuck und ſonſtige Zier zu ſorgen. Das ſey Mädchen, geſchmückt mit Adel und Reichthum, und, was das höͤchſte, in Menge vorhanden ſich mit zieren ſollte, da uns Zeit und Ort ein glänzenderes Hochzeitmal verſagten.“ Da zerfloß Trachinos ganz in Freude und verſprach Theagenes u. Charikleig.— — 177— Schaafe und Schweine vor ſich her⸗ und das Feſtgelag bereiteten: da mich abſeits von den andern und ch freie deine Tochter mir zum Weibe dem Dankopfer der Götter zu ver⸗ hielt ich's für billig„ dir meine Wil⸗ wenn ſie vom Vater ihre Hochzeit b ſeinen Reden Beifall und ſtellte Dann ging ich ein wenig abſeits, 30 ja das Feſt noch weihevoller anord⸗ ja ſchmählicher als alles„ wenn ein Trachinos' Braut, mit dem was ja 12 1 — 18— alles zu ordnen. Und alsbald befehligte er Leute, die alles bringen was noth ſey, ſonſt aber dem Schiffe ſich nicht nahen ſollten. So that man denn, wie es geboten war: Tiſche trugen ſie heraus, Miſchbecher, Teppiche, von ſidoniſcher und tyriſcher Hand gewuͤrkt und ſonſt anderes, was zu einem Gelag gehört, das ſchleppten ſie alles in Ueberfluß täppiſch auf den Schul⸗ tern heraus, ein reiches Beſitzthum von vieler Mühe und Sparſamkeit geſammelt und jetzt vom Schickſal zum Hohn für rohes Gelag preisgegeben. Indeß nahm ich Theagenes mit mir und ging zu Charikleien, die ich in Thränen fand.„O meine Tochter,“ redete ich ſie an, ndieſe Fälle ſind dir ja bekannt und nicht fremd. Weinſt du denn alſo um neues Weh oder noch um das alte?n Da offenbarte ſie mir alles:„vor allem, was mir bevorſteht, und die verhaßte Zärtlichkeit des Tra⸗ chinos, zu der ihm die Zeit wohl den Muth gibt: ruft doch ein plötzlich Mißgeſchick ſo oft des Ueber⸗ muthes Thaten auf. Doch dem Trachinos ſoll ſeine Liebe bald verleidet werden: ein früherer Tod ſoll mich ihm entziehen. Der Gedanke an dich nur und Theagenes hat mich zu Thränen gebracht, daß ich von euch vor dem Naturgeſetz noch ſcheiden ſoll!“„Deine Ahnung iſt wahr,“ entgegnete ich,„denn Trachinos wandelt das Feſt aus dem Opfer in deine und ſeine Hochzeit. Mir, als dem Vater, hat er ſeinen Plan offenbart, und weiß ich doch ſchon lange ſeine raſende Glut fur dich, ſeit Tyrrhenos im Land der Zakynthier mit mir eurer Seelen an der Zukunft Grauen nicht zuvor er⸗ läge, da es möglich war, der Falle noch zu entgehen. Weil denn, meine Kinder, die Gottheit dies vereitelt davon geſprochen; ich verſchwieg's euch, daß die Kraft — 479— und wir am Rande des Untergangs ſtehen, wohlan, ſo laßt uns eine wackere kurzendende That wagen, drauf ſtürzen auf die jähe Gefahr und ſo entweder tapfer und freiſinnig ſiegen oder unbefleckten männli⸗ chen Tod gewinnen!, Als ſie zu thun verſprochen 31 wie ich geböte, unterrichtete ich ſie von meinem Vor⸗ haben und verließ ſie dann in voller Zubereitung; zu dem Räuber eilt' ich, der der zweite war nach Tra⸗ chinos— Pelöros hieß er, glaub' ich— und bedeu⸗ tete ihn, wie ich etwas gewinnreiches ihm zu ſagen habe. Da horchte er ernſtlich auf und führte mich an einen Ort, wo uns niemand vernehmen konnte. „Hör' an, mein Sohn, in Kürze!“ begann ich,„denn der Drang der Zeit geſtattet nicht viele Worte. Meine Tochter liebt dich: das iſt natürlich, der würdigere hat ſie beſtegt. Sie ahnt aber, daß der Hauptmann das Feſt in Hochzeit zu wandeln gedenkt; denn der⸗ gleichen hat er angedeutet in ſeinem Befehl, daß ſie ſchöner ſich ſchmücken ſolle. So ſieh denn wie du das hinderſt und lieber ſelbſt das Mädchen dir erringſt; denn ſie will lieber ſterben, als Trachinos angehören!“ „Da ſey ruhig!“ erwiderte er,„mich ſelbſt hat das Mädchen ſchon lange gefangen; nur eine Gelegenheit wünſchte ich, daß Trachinos mir entweder freiwillig die Jungfrau abtreten müßte als Ehrenlohn, den ich zu fodern habe, weil ich zuerſt das Schiff beſtieg; oder dieſe Fauſt ſoll ihm die Hochzeit verbittern, daß ihm der gebührende Lohn wird!“ Ich lief hinweg, als ich dies vernommen, damit kein Verdacht erregt würde, und tröſtete meine Kinder durch die Botſchaft wie der Plan ſeinen Weg verfolge. — 180— Bald nachher ward geſpeiſt und als ich merkte, daß ſie ſchon benebelt waren und zu trotzigem Weſen aufgelegt, ſagte ich heimlich zum Peloros— ich hatte mich mit Fleiß neben ihn gelagert:—„Sahſt du ſchon wie geſchmückt das Mädchen iſt?“ Wie er das ver⸗ neinte, fuhr ich fort: ndu kannſt ſie ſehen, wenn du verſtohlen in das Schiff ſchleichſt; denn du weißt doch, wie Trachinos das verpönt hat? Wie Artemis ſelbſt ſiehſt du ſie ſitzen. Aber ſchau ſie nur jetzt nicht in ſinnlicher Gier, auf daß du nicht dir und ihr den Tod zur Morgengabe bringſt!“ Der zauderte keinen Augen⸗ blick, ſtand auf, als ob ein Bedürfniß ihn noͤthige und eilte heimlich in das Fahrzeug. Da ſchaute er Charikleien— den Lorbeerkranz auf ihrem Haupt, ſchimmernd im goldgewirkten Kleide; ſie war im del⸗ phiſchen Weihgewand, daß es Sieger⸗ oder Grab⸗ ſchmuck ihr ſeyn ſollte— und all das glänzende Ge⸗ ſchmeide, das zu bräutlicher Huld ſie emporhob: und entbrannte im Anblick, wie zu erwarten war, da Sehnen und Eiferſucht auf ihn einſtürmten. Man ſah's alsbald an ſeinem Blick, wie er zurückkehrte, daß eine raſende That in ſeiner Seele keimte. Denn kaum lag er an ſeinem Platz, als er begann:„aber wes⸗ halb bekomm ich denn den Ehrenlohn für mein erſtes Einſteigen nicht?“„Weil du ihn nicht gefodert haſt!“ antwortete Trachinos.„Auch iſt die Beute ja noch nicht vertheilt.“„So fodere ich das gefangne Mädchen!“ Als Trachinos darauf erwiderte,„Nimm alles, nur dies nicht!“ fiel Peloros ihm ins Wort:„So brichſt du das Geſetz der Bande, das dem, welcher zuerſt ein feindlich Schiff beſteigt und ſomit den Kampf um alles zuerſt wagt, die Auswahl nach Willkühr geſtat⸗ —,— — 181— tet?,„Das breche ich nicht, mein guter,“ fuhr Trachinos fort,„ſondern ich ſtütze mich auf ein zwei⸗ tes Geſetz, das dem Untergebenen dem Herrn nachzu⸗ ſtehen befiehlt. Ich liebe das Maädchen und habe ſie zu meinem Weib erkohren von allen und thuſt du nicht, was ich dir gebiete, ſo ſoll ein Wurf mit dieſem Becher bald dich heulen lehren!“ Da wandte ſich Peloros zu den Anweſenden:„Seht da der Mühe Preis! So geht endlich jeder von euch ſeines Ehren⸗ lohns verluſtig und erfährt die Kraft dieſes Tyrannen⸗ geſetzes!“ Und nun— was gab's zu ſchauen, Nau⸗ ſikles? Gleich einem Meer wogten die Männer, wie plötzlich an einer Klippe brandend, auf; ein ſo unſin⸗ niger Zorn regte ſie zu namenloſem Mordgetümmel an; denn Wein und Wuth hatten ſich ihrer bemeiſtert. Ein Theil neigte ſich dieſem, ein anderer jenem zu. 33 Hier ſchrieen ſie: der Hautmann müſſe geehrt, dort, das Geſetz dürfe nicht gebrochen werden. Zuletzt holte Trachinos aus, den Becher auf Peloros zu ſchmet⸗ tern. Der aber— er war drauf vorbereitet— ſtößt den Dolch ihm in die Bruſt. Da ſank er hin im To⸗ desſtoß und nun brauſete unter den andern unverſöhn⸗ lich der Kampf: ſchonungslos hieben ſie auf einander ein: dieſe, um den Hauptmann zu rächen, jene um Peloros und das Recht zu ſchützen. Ein Wuthgeſchrei war's! Knüttel, Steine, Becher, Fackeln, Tiſche flogen und fällten. Ich aber machte mich ſo weit da⸗ von, als möglich, und erkohr mir das gefahrloſe Schauſpiel von einem buſchigen Hügel herab. Selbſt Theagenes und Charikleia nahmen am Kampfe Theil. Sie thaten, wie wir früher verabredet hatten: denn der Jüngling kämpfte anfangs mit dem Schwerde für — 182— eine der Partheien: gottbegeiſtert erſchien er allen; das Madchen aber, wie ſie den Kampf zuſammenſchla⸗ gen ſah, ſchoß ihre Pfeile aus dem Schiffe, die gut trafen und nur Theagenes ſchonten. Und ſie ſchoß nicht auf eine Parthei der Schlacht, ſondern wer zu⸗ erſt ihr aufſtieß, den faßte ſie; ſie ſelbſt ward nicht geſehen, unterſchied aber deutlich die Kämpfenden an der Feuerſtatt, daß einige ihr Unglück gar nicht begriffen, andere aber ahneten, daß es gottgeſandte Wunden ſeyen: bis nach dem Fall der anderen Thea⸗ genes allein blieb im Kampfe mit Peloros, der ein kühner Mann und geübt in tauſenderlei Mord. Da vermochte Charikleia mit ihrem Bogen nicht mehr beizuſtehen; ſchmerzlich trieb ſie die Luſt zu helſen, allein ſie fürchtete zu fehlen, da der Kampf Mann für Mann in heißer Nähe ſich bewegte. Doch unterlag zuletzt Peloros; denn weil Charikleia jetzt thätig nicht mitkämpfen konnte, ſo ſchoß ſie ihre Rede als helfenden Pfeil hinüber:„Halt' dich wacker, mein Geliebter!“ Da überwog Theagenes weit den Peloros; als ob ihre Stimme ihm Kraft und Muth verlieh und ihm verkündete, daß noch ein Kampfpreis ſeines Streites lebe. Aufweckte er ſeine Seele, die in vielen Wun⸗ den ſchon ermattet war, drang ein auf Peloros und hieb mit dem Schwerd nach ſeinem Schädel, fehlte zwar den— denn er bog ſich— ſtreifte aber die Schulter oben und hieb ihm die Hand ab da, wo ſie dem Armbug ſich anſchließt. Da wandte ſich jener zur Flucht: Theagenes verfolgte ihn. 34 Und was weiter ſich begeben, weiß ich nicht zu ſagen, außer daß ſeine Ruͤckkehr mir zwar verborgen v- — 183— blieb,— weil ich auf dem Hügel geblieben war und nicht wagte, in der Nacht den feindſeligen Ort zu betreten— aber Charikleien nicht. Als es Tag ward ſah ich ihn gleich einer Leiche hingeſtreckt, ſie aber ſaß in Zähren neben ihm, ſchien ſich ſelbſt neben ihm töden zu wollen und nur ein geringer Hoffnungsſtrahl, daß der Jüngling dennoch ihr vielleicht gerettet werde, ſie noch abzuhalten. Und ich unglückſeliger konnte nicht ſie ſprechen, nichts erfahren, mit meinem Troſt ihr Unglück nicht erleichtern, für die Zukunft nichts beſorgen für das Weh, das jetzt nach Meergefahren auf dem Lande unverzüglich ſie heimſuchte! Denn kaum als ich den Tag erblickt und von meinem Hü⸗ gel herabſtieg, da eilte ein Haufen ägyptiſcher Räuber, wie es ſchien, von dem Gebuͤrg herab, das drüber ſich erhebt. Beide Kinder waren ſchon umringt und wurden bald darauf abgeführt, während jene aus dem Schiffe ſchleppten, ſo viel ſie tragen konnten. Ich folgte auf anderen Wegen von fern nach, mein und ihr Geſchick beklagend, konnte nicht helfen und mochte doch auch nicht hinzutreten, um mich für die Hoffnung einer Hülfe aufzuſparen. Doch reichten meine Kräfte nicht zu, weil das Alter mich hinderte, in der ſteilen Gegend es Aegyptiern gleich zu thun.— Jetzt hab' ich wenigſtens meine Tochter wiedergefun⸗ den durch der Götter Gunſt und deine Freundlichkeit, mein Nauſikles! ich ſelbſt habe nichts gethan und nur meine Thraͤnen und endloſen Klagen für ſie zum Opfer bringen können.“ Da brachen ſeine Thränen wirklich hervor, auch die Anweſenden weinten und das Gaſtmahl endete in Schmerz, der dennoch ſüß war — denn der Reben Kraft iſt den Thränen hold— bis — 184— Nauſikles den Kalaſiris endlich tröſtend anſprach: „Vater, ſey nur frohes Muthes! deine Tochter haſt du ja ſchon wieder und nur dieſe Nacht hält dich noch ab, auch den Jüngling wieder zu ſehen. Denn morgen gehen wir zum Mitranes und werden auf alle Weiſe verſuchen, den tapfern Theagenes zu löſen.“„Wollte das Gott!“ ſprach Kalaſiris,„jetzt aber iſt's Zeit das Mal zu enden. Denket der Gottheit und bringt im Trankopfer die Bitte um Erlöſung!“ 35 Da wurden die Trankopfer rings gehalten und aufbrach das Gelag. Kalaſiris aber ſuchte Charikleien und wie er in der vorbeiziehenden Menge nach ihr ſpähend ſie nicht fand, berichtete ihn endlich ein jun⸗ ges Weib. Er fand ſie im Tempel am Fuße der Bild⸗ ſäule hingegoſſen, wie ſie, als zum langen Gebet ſich Wehmuth geſellte, in tiefen Schlaf geſunken war. Die Zähren zerdrückend bat er den Gott ihr Schick⸗ ſal zum Guten zu kehren, weckte ſie leiſe und führte die erröthende— weil unbewußt ein Schlaf ſie über⸗ fallen— ins Haus zurück. Dort ging ſie, von ihm getrennt, ins Frauengemach und legte ſich mit Nau⸗ ſikles junger Tochter zur Ruh, um ſorgend über ihr Geſchick hinzuwachen. Sechstes Buch. Kalaſtris und Knemon ruhten derweil im Männer⸗ 1 flügel und wie nun der Reſt der Nacht zögernder als ſie wünſchten, dennoch aber eher, als ſie geahnt, ent⸗ ſchwunden war, weil ſie großentheils unter dem Feſt und der endloſen Erzählung vorüber geeilt:— da kamen ſie— das wirkliche Tagslicht erwarteten ſie gar nicht— zum Nauſikles und baten ihn, zu ſagen, wo Theagenes ſey nach ſeiner Vermuthung und ſie eilig dorthin zu geleiten. Er gab nach: machte ſich auf, ſie zu führen. Charikleia flehte inbrünſtig folgen zu dürfen, mußte aber nothwendig daheim bleiben, während Nauſikles ihr verſicherte, daß ſie nicht weit gehen und bald mit Theagenes zuruͤckkommen würden. So blieb ſie zurück in wogender Spannung, traurend über die Trennung und doch in freudigem Hoffen. Die Männer waren kaum auf freiem Felde und zo⸗ gen ſich nun an des Niles Ufern hin: als ſie ein Krokodil erblickten, das von der rechten zur linken — 186— über den Weg kroch und in den Strudel des Fluſſes mit ungeheurer Schnelle hineinſchoß. Die andern beachteten den Vorfall als etwas gewöhnliches ohne Erſtaunen; nur daß Kalaſiris verkündete, wie ihnen dies ein Hinderniß ihrer Reiſe bedeute; Knemon aber erſchrack gewaltig ob des Anblicks, ob er gleich das Thier nicht deutlich hatte ſehen können, und vielmehr nur ein Schatten auf der Erde an ihm vorüber ge⸗ ſchwebt war: wenig fehlte, daß er nicht davon lief. Da ſprach Kalaſiris, während Nauſikles unmäßig lachte;„ich wähnte, nur zur Nacht mache die Furcht⸗ ſamkeit dir zu ſchaffen und nur die Finſterniß dich za⸗ gend vor Geräuſch; aber du biſt auch am hellen Mit⸗ tag, wie's ſcheint, ein Held und nicht blos Namen, die du hörſt, ſondern auch Erſcheinungen, wie ſie bei jedem Fußtritt ganz unverdächtig ſich darbieten, bringen dich in Aufruhr.“„Und welches Gottes oder Geiſtes Namen,“ frug Nauſikles,„hält denn unſer wackrer Knemon nicht ab?“„Ob auch Gottes oder Geiſtes Namen,“ fuhr der andere fort,„weiß ich nicht zu ſagen. Vor eines Menſchen, und was das wun⸗ derlichſte iſt, nicht einmal vor eines Mannes Namen, oder eines, der ob ſeiner Mannheit allbekannt iſt, ſondern vor dem Namen eines Weibes und zwar eines todten, wie er ſelbſt geſteht, ſchaudert er. Denn in der Nacht, wo du zu uns kamſt, mein guter, als Retter der Charikleia— da hatte er den Namen gehört, weiß der Himmel wie oder woher, und ver⸗ gönnte mir darum nicht den geringſten Schlaf, fiel unaufhörlich vor Furcht in Ohnmacht, daß ich zu thun hatte, ihn wieder aufzubringen. Und wenn ich ihn traurig machen oder erſchrecken wollte, ſo ſagte ich den —— * — 1487— Namen, lieber Nauſikles, damit du noch zu lachen hätteſt.“ Dabei nannte er Thisben. Da lachte aber Nauſikles nicht mehr; er erſchrack 2 bei dem Namen und blieb lange ſinnend ſtehn, in Zwei⸗ fel, welcher Grund, oder welche Fügung oder was immer dem Knemon beim Namen der Thisbe begegnen möge. Da jubelte Knemon auf:„Siehſt du, lieber Kalaſiris, wie mächtig der Name iſt? wie er für mich nicht allein ein Schreckbild iſt, wie du meinſt, ſondern auch dem Nauſikles? und wahrlich eine völlige Umwandlung des Zuſtandes, gerade das Gegentheil iſt erfolgt. Ich lache, weil ich weiß, daß ſie tod iſt; den tapfern Nauſikles hingegen, der andere mit hohem Gelächter verſpottete“—„Halt ein,“ ſprach Nauſikles, du biſt genug an mir gerächt, Knemon! Aber nun bei den Göttern der Gaſtlichkeit und Freundſchaft, bei Salz und Tiſch, das euch freundlich— wie ich glaube— in meinem Hauſe geboten ward, woher habt ihr Thisbe's Namen, mögt ihr ſie nun kennen oder fürchten oder blos euer Spiel mit mir treiben!“ „Das iſt deine Sache, Knemon,“ ſprach Kalaſiris; „haſt du das doch ſchon ſo oft mir erzählen und die Reihe deiner Schickſale gönnen wollen und immer mit allerlei Ausflüchten mich hingehalten: ſo magſt du's jetzt zur guten Stunde dem Nauſikles hier mit zu Liebe thun und mir zugleich der Reiſe Mühen erleich⸗ ter.“ Knemon gab nach und erzählte alles kurz, was er ſchon früher Theagenes und Charikleien eröffnet, wie Athen ſeine Heimath, Ariſtippos ſein Vater: wie er Demäneten zur Stiefmutter erhalten. Auch De⸗ mänetens ruchloſer Liebe zu ihm erwähnte er, wie ſie — 488— ihren Zweck verfehlt und nun ihm nachgeſtellt, This⸗ ben ihre Dienerin zur Nachſtellung ausgeſandt: auch die Art und Weiſe fügt' er hinzu, wie er aus der Heimath geächtet ſey: wie das Volk über ihn als einen Vatermörder dieſe Strafe verhängt: wie bei ſeinem Aufenthalte in Aegina erſt ſeiner Jugendgenoſſen einer der Demänete Tod verkündet, und daß auch ſie von Thisben verrathen ſey: wie dann Antikles ihm geſagt, daß ſeines Vaters Güter eingezogen worden, weil Demänete's Verwandte gegen ihn aufgeſtanden und das Volk zum Verdacht aufgereizt, daß er ſelbſt ſie gemordet: wie Thisbe endlich von Athen entflohen, mit ihrem Geliebten, dem Kaufmann von Naukratis. Endlich ſetzte Knemon noch hinzu, daß er mit Antikles zu Thisbe's Aufſuchen nach Aegypten geſchifft, um ſie nach Athen zu führen, wenn er ſie träfe, dann ſeinen Vater von der Verleumdung zu befreien und ſich an ihr zu rächen. Nachdem viel und mancherlei Geſchick in der Zwiſchenzeit über ihn eingeſtürmt: ſey er zuletzt von Seeräubern gefangen worden, dann ihnen entron⸗ nen und an Aegypten gelandet, wo er wieder von den Raubhirten feſtgehalten worden. Dort ſey er mit Theagenes und Charikleia zuſammengetroffen. Dann erzählte er Thisbe's Ermordung, und alles, wie es ſich ſpäter begab, bis dahin, wo Kalgſtei und Nau⸗ ſikles alles wußten. 3 Da drängten im Nauſikles ſich mancherlei Gedan⸗ ken: bald gedachte er ſein Verhältniß zu Thisben aus⸗ zuſprechen, bald beſchloß er wieder es zu verſchieben: endlich entſchied er ſich für's letzte, theils aus eignem Entſchluß, theils durch einen andern Zufall verhin⸗ — — 4189— dert. Denn ſie hatten wohl ſchon ſechzig Stadien gemacht, und waren dem Ort, wo Mitranes wohnte, ſchon nahe, als ſie einem Bekannten des Nauſikles begegneten und ihn frugen, wohin ihm ſo eilig der Sinn ſtehe. Er antwortete:„Nach meiner Eile fragſt du, Nauſikles? Als ob dir unbekannt wäre, daß nur auf Einen Zweck mein Trachten jetzt ſteht: der Iſias der Chemmiterin bringe ich, was ſie mir ge⸗ boten. Für ſie nur bau' ich das Land; alles opfre ich ihr: um ſie wach' ich Tag und Nacht, nichts ihr ver⸗ ſagend, ſey's auch Laſt und Mhe für mich, was meine Iſias großes oder geringes mir gebeut. Und jetzt eile ich ihr dieſen Vogel, wie du ſiehſt, dieſen Nil⸗ flammingo zu bringen: das Gebot meiner Geliebten.“ „O an welche wohlwollende Geliebte biſt du gefeſſelt,“ ſprach Nauſikles,„und wie geringfugig ſind ihre Ge⸗ bote, daß ſie nur einen Flammingo dir gebeut, und nicht den Vogel Phönix ſelbſt, der aus Aethiopien oder Indien zu uns kömmt.“ Da erwiderte er: ndas thut ſie wie immer, mir und meiner Liebe zum Hohn. Aber wohin geht euer Weg und was habt ihr vor?“ Und als ſie ihn berichtet, daß ſie zum Mitranes eilten, fuhr er fort: ndas iſt vergebens und eure Eile um⸗ ſonſt: da jetzt Mitranes nicht dort ſich aufhält, ſon⸗ dern gegen die Raubhirten ausgezogen, welche den Flecken Beſſa bewohnen, weil ein gefangener Jüng⸗ ling, ein Grieche, den er nach Memphis zum Oroon⸗ dates geſandt, um ihn, glaub' ich, dem großen König als Geſchenk zu geben, von den Beſſäern und ihrem Häuptling, Thyamis, den ſie eben dazu ernannt, aus einem Hinterhalt geraubt worden iſt.“ Mit dieſen Worten eilte er davon:„mich treibt's nach meiner Iſias,“ rief er,„vielleicht ſchauen ihre Augen ſchon lange nach mir aus und bringt mir mein Weilen wohl gar ein Liebes⸗zürnen; denn ſie iſt gar gewandt, mit grundloſen Beſchuldigungen, Anklagen und ſchmollendem Weſen mich zu quälen.“ Als ſie das vernommen, ſtanden ſie lange lautlos da ob der unvermutheten Vernichtung ihrer Erwartung. End⸗ lich aber beruhigte ſie Nauſikles wieder: wie man wegen eines für kurze Zeit nur vereitelten Vorhabens nicht an allem gleich verzagen und die Mittel verſäu⸗ men müſſe, die unſern Händen zu Gebote ſtehen. Für jetzt müſſe man nach Chemmis heimkehren und berathen, was zu thun ſey; dann ſich bereiten zu einer weitern Reiſe, um Theagenes zu finden, mögten ſie nun erfahren, daß er ſich zu den Raubhirten oder andern ſonſt gewandt habe: vor allen aber nir⸗ gend die gute Hoffnung ſinken laſſen. Schien doch ſelbſt jetzt es nicht ohne göͤttliche Einwirkung geweſen zu ſeyn, daß ſie einem Bekannten begegnet, und nun doch wenigſtens die Nachricht ſie leiten könne, wo Thea⸗ genes zu ſuchen ſey: da ihrer Reiſe Ziel auf den Flecken der Raubhirten ſie nun hintreibe. 5 Das uberzeugte ſie leicht, beſonders da, wie ich glaube, noch eine Hoffnung bei der Botſchaft mit aufleuchtete, indem Knemon heimlich den Kalaſiris darin beſtärkte, daß Thyamis den Theagenes gerettet. Somit ward die Rückkehr beſchloſſen. Charikleien trafen ſie an der Hausthür, wie ſie weit nach ihnen hinſpähte nach allen Himmelsgegenden, und als ſie Theagenes nicht bei ihnen erblickte, weinte ſie laut — — 191— und ſprach:„Allein, o Vater, wie ihr weggingt, kommt ihr wieder? ſo iſt alſo Theagenes tod? habt ihr etwas zu verkünden, ſo ſagt es ſchnell, bei allen Göttern! und verlängert mir nicht das Unglück durch die Zögerung eurer Botſchaft ins Unendliche hinaus; es iſt ja menſchlich die raſche Offenbarung des Un⸗ glücks, daß die Seele auf Einmal dem gräßlichen ſich hingibt und ſchnell den Schmerz ausweinen läßt.“ Da unterbrach Knemon die leidende und ſagte:„Wie biſt du doch ſo ängſtlich, Charikleia, immer geneigt alles ſchlimm zu deuten, auch wenn's nicht wahr iſt, und das iſt noch das Beſte! Theagenes lebt und iſt geret⸗ tet, nach der Götter Willen,“ zugleich bedeutete er ſie wie und wo. Da nahm Kalaſiris das Wort: „Daß du nicht geliebt, zeigt deine Rede. Sonſt wäre dir bekannt, daß ſelbſt Dinge, die nicht zu fürchten ſind, Liebenden dennoch Angſt erregen und wie ſie nur dem Zeugniß der eigenen Augen trauen in ihrer Liebe. So bereitet denn ſchon ihre Trennung liebenden Seelen Furcht und Kämpfe. Der Grund iſt, weil ſte gegenſeitig überzeugt ſind, daß nimmer Liebende ſich von einander entfernt halten, wenn nicht ein trau⸗ riger Zufall ſie hindert. So wollen wir der Chari⸗ kleia gern verzeihen, mein Freund, daß ſie der Liebe Leiden recht gründlich empfindet. Laßt uns aber hineingehen und nachdenken über das, was zu thun ſey. Und zugleich nahm er in väterlicher Sorge Cha⸗ 6 rikleien bei der Hand und führte ſie hinein. Und Nauſikles, der gern ihre Sorgen zerſtreuen und auch. ſelbſt eine Veränderung herbeiführen wollte, bereitete — 192— ein glänzenderes Mahl als gewöhnlich. Sie waren allein und nur ſeine Tochter dabei, er hatte auch das Mäͤdchen zierlicher als gewöhnlich herausgeputzt und anmuthiger geſchmückt. Als er nun meinte, daß ſie befriedigt ſeyen am Feſte, da begann er folgender⸗ geſtalt zu ihnen zu reden.„Die Götter ſind Zeugen, ihr Freunde, daß es Ernſt mir iſt, was ich jetzt euch ſage. Es wäre mir lieb, wenn ihr beſtändig hier bei mir bleiben und leben wolltet: theilen ſolltet ihr mein Vermögen, theilen mein liebſtes; hab' ich euch doch nicht wie fremde Gäſte ſondern wie Freunde ſonſt, die mir wohl bekannt und verwandt, gehalten und halte in nichts euch für eine Laſt; auch bin ich gern bereit, ſo ihr eure Angehörigen aufzuſuchen ge⸗ denkt, ſo lange ich nur vermag, euch zu helfen. Aber ihr wißt auch, daß ich Kaufmann bin und daß dieſes mein Fach iſt, das ich anbaue, und längſt ſchon heller Weſtwind weht, der das Meer der Schifffahrt öffnet, und den Kaufleuten günſtige Fahrt verkündet. So ruft auch mich die Nothwendigkeit wie mit Herold⸗ ſtimme zur Fahrt nach Griechenland. Darum ſo thätet ihr wohl, mir zu ſagen, wozu ihr euch ent⸗ ſchloſſen habt, daß ich zu eurem Zweck auch den mei⸗ nigen vereinen möge. 7 Ein Weilchen ſchwieg Kalaſiris zu dieſen Wor⸗ ten; dann ſprach er:„O Nauſikles, mögeſt du zur guten Stunde deine Fahrt beginnen und Hermes Gewinn und Poſeidon ſichere Fahrt als Theilnehmer und Geleiter deiner Geſchäfte dir bereiten; mögen ſie auf allen Meeren in leichtem Zug und gutem Wind dich entſenden, jede Bucht dir zu wirthlichem Hafen — — 493— jede Stadt zugänglich und Geſchäften günſtig bereiten; da du uns bleibend pfilegteſt, uns entläſſeſt, da wir gehen wollen und ſo der Gaſtlichkeit wie der Freund⸗ ſchaft Geſetze bewahrſt. Schmerzlich iſt es uns, von dir und deinem Haus uns zu trennen, das wir als das unſrige betrachten durften. Doch erheiſcht die Nothwendigkeit, daß wir vor allen der Auffindung unſrer Lieben nachgehen: ich nämlich und hier Chari⸗ kleia; was aber Knemons Meinung iſt, ob er mit uns in der Irre zu wandern gedenkt zu unſerm Troſt ſich bereitend, oder ob ihm anderswohin der Sinn ſteht, mag er ſelbſt uns ſagen.“ Knemon war im Begriff, darauf zu antworten: ſchon ſchwebten die Worte auf ſeinem Munde: als er plötzlich zu ſchluchzen begann und heiße, ſtrömende Thränen ſeine Zunge hemmten: bis er endlich den Odem wieder ſammelte und ſeufzend alſo begann:„O des endloſen Wechſels menſchliches Geſchicks, das jegliches Wandels voll iſt, an welchem Strudel von Unglück, den du ſo oft über viele andere, wie über mich ausgeſtrömt, haſt du deine Luſt! Genommen haſt du mir Familie und Vaterhaus, aus der Heimath und theuren Vaterſtadt mich geſtoßen: nach Aegypten— alles einzelne will ich verſchweigen— mich verſchlagen, Raubhirten mich hingegeben; gabſt mir eine kleine freundliche Hoffnung zu der Verſöhnung, daß ich Männer traf auch unglückliche freilich, aber doch Hellenen, mit denen ich die künftige Zeit zu leben gedachte, und auch dieſen Troſt zerſchneideſt du mir, wie es ſcheint. Wohin mich wenden? was thun? Charikleien ver⸗ laſſen, die ihren Theagenes noch nicht aufgefunden? Das wäre gottlos und unrecht. So ſoll ich ihr fol⸗ Theagenes u. Charikleia. 13 — 194— gen und mit aufſuchen? Wäre das finden gewiß, ſo mögte die Mühe ſüß ſeyn in der Hoffnung freudiges Lebens. Wenn aber ſchon die Zukunft und mehr noch das Unglück ungewiß iſt, wenn es ungewiß iſt, wo endlich meinen Irrfahrten ein Stillſtand werden ſoll, warum dürfte ich nicht von euch und der Freund⸗ ſchaft Göttern Verzeihung erhalten, wenn ich jetzt an die Rückkehr in Heimath und Vaterhaus denke, da ja ſelbſt einer der Götter die Zeit mir ſo glücklich fügt, indem Nauſikles hier, wie er ſagt, nach Hellas ſeegeln will? Sonſt mögte, ſollte meinem Vater viel⸗ leicht unterdeß etwas menſchliches zugeſtoßen ſeyn, das Vermögen ganz ohne Nachfolger und Erben dahin gehn. Denn ſollte ich auch in Armuth leben, ſo wäre es ſchon lobenswerth und genügend, wenn in mir ein Sproß unſerem Geſchlecht erhalten würde. Aber, Charikleia, zu dir ſpricht vor allen meine Ver⸗ theidigung und meine Bitte um Verzeihung: ſo gib ſie mir, ich bitte dich darum; bis zu den Raubhirten werd' ich dir folgen und Nauſikles bitten, wie groß auch ſeine Eile ſeyn mag, ein Weilchen noch zu war⸗ ten: ob ich vielleicht, wenn ich Theagenes dich über⸗ geben könnte, treu als Wächter ſeines Pfandes er⸗ ſchiene und mit freudiger Hoffnung eines guten Ge⸗ wiſſens von euch ſchiede. Und verfehlen wir unſern Zweck, was Gott verhüten wolle, ſo iſt auch ſo mir wohl zu verzeihen, da ich auch dich nicht allein laſſe, ſondern einem wackern Beſchützer und Vater, dem Ka⸗ laſiris, hier dich übergebe.“ Charikleien war aus mancherlei Anzeigen nicht entgangen, daß Knemon für Nauſikles junge Tochter glühe— iſt doch eines liebenden Auge ſo ſcharf, den zu entdecken, den gleiche — 195— Sehnſucht beſeelt— und bemerkte zugleich, wie Nauſikles nach ſeinen Aeußerungen die Verbindung gern ſehe und lange ſchon dafür ſich bemühe, indem er den Knemon auf alle Weiſe zu kirren ſuchte: zu⸗ gleich hielt ſie Knemon nicht einmal für einen paſſen⸗ den unverdächtigen Begleiter ihrer Reiſe und ſprach alſo:„Wie es dir gut deucht! Für das, was du früher Gutes an uns gethan, folgt dir unſer ſchul⸗ diger Dank. Allein für die Zukunft erheiſcht die Nothwendigkeit es nicht, daß du um uns dir Sorge machſt und fremdes Geſchick ſelbſt gegen den Willen mit erträgſt. Mag dein Athen, deine Familie und dein Haus dich wieder beglücken: verſäume ja nicht den Nauſikles und die Gelegenheit, die ſich dir dar⸗ bietet, wie du ſagſt, zu benutzen. Ich und Kalaſtris wollen ſchon gegen das Geſchick ſo lange kaͤmpfen, bis wir ein Ende unſerer Irrfahrt finden: und wenn auch keiner der Sterblichen ſich unſrer annimt, ſo wollen wir vertrauen, daß die Götter unſere Be⸗ gleiter ſind.“ Da begann Nauſikles:„ Möge es Charikleien 8 nach Wunſch ergehen und ihr die Götter Begleiter ſeyn, da ſie ſo hochgeſinnter Seele und ſo ſinniges Gemuths iſt. Du aber, lieber Knemon, ſey nicht mehr darüber in Sorgen, daß du Thisben nicht nach Athen bringſt, da du an mir ſelbſt den Thater ihrer heimlichen Entführung aus Athen haſt. Denn der Kaufherr aus Naukratis, Thisbes Geliebter, bin ich. Auch klage mir nicht über Armuth, indem du Dürftigkeit künftig zu gewarten habeſt. Denn, ſo es dir lieb iſt wie mir, ſollſt du Reichthum, Heimath — 196— und Vaterland wieder erhalten durch meine Fuͤhrung. Willſt du ſie zur Gattin, ſo traue ich dir dieſe meine Tochter Nauſikleia an: und eine wackere Mitgift ſoll dein ſeyn, ſo wie ich auch nicht zweifle, daß du dein eigenes Vermögen wieder überkommen ſollſt, ſeit dein Geſchlecht, Haus und Volk mir bekannt ward.“ Da zauderte Knemon keinen Augenblick; was er längſt als nie erreichten Wunſch und Sehn⸗ ſucht in ſich gehegt, das erhielt er jetzt ſo unverhofft und über ſeine Erwartung hinaus:„Mit Freuden nehm' ich alles das an, was du mir bieteſt!“ Und gleich gab ihm Nauſikles ſeine Töchterlein in die Rechte die er ausſtreckte und verlobte es ihm. Seinen Leu⸗ ten gebot er den Hochzeitreigen zu ſingen und begann ſelbſt den Tanz, um das Feſt ſelbſt zu einer Hochzeit aus dem Stegreif umzuſchaffen. Alle andern waren beim Tanze, ſie feierten das unerwartete Hochfeſt im Frauengemach; die Lampen flimmerten im Braut⸗ haus: da machte ſich Charikleia von den andern los, ging in ihr gewöhnliches Zimmer: und als ſie die Thüren feſt verſchloſſen, zerraufte ſie— uͤberzeugt daß niemand ſie ſtören werde— im wüthenden Schmerz ſich ſchonungslos die Locken und riß ihr Ge⸗ wand:„Wohlan,“ ſo rief ſie,„auch wir wollen dem Dämon, der uns verfolgt, einen Reigen aufführen, wie er ihn verlangt: Ein Lied der Thränen will ich ſingen, raſender Schmerz ſey mein Hochzeittanz. Aber Finſterniß ſoll mich umfangen, dunkle Nacht mein Thun umhüllen!“— da warf ſie an den Boden die Leuchte—„denn welch' ein Brautlager hat er mir bereitet? welch' ein Frauengemach mir angewie⸗ ſen? Einſam bin ich hier, getrennt vom Bräutigam, — 497— der nur dem Namen nach mein iſt.— Im Reigen ſchwärmt Knemon, iſt Bräutigam!— Und Thea⸗ genes ſchweift in der Irre— gefangen, wohl gar gefeſſelt. Und ſo waͤre es noch gluͤcklich; nur gerettet möge er mir ſeyn! Nauſikleia iſt Braut, von mir ge⸗ trennt, die noch geſtern mir Lagergenoſſin war. Charikleia nur iſt allein, verlaſſen! O ich zürne ja jenen nicht; du, Schickſal, und ihr, o Götter, mö⸗ gen ſie thun, wie ihr Wunſch iſt: nur daß ihr uns nicht gleiches vergönntet, bis in's unendliche unſer Leiden hinausziehet, daß es jegliches Leiden über⸗ ſchreitet. Doch was raſe ich jetzt ſo vor der Zeit! Mag auch das übrige vollendet werden, wie die Götter es wollen. Aber du, Theagenes, o du meine ſüßeſte Sorge, biſt du nicht mehr und ich erfahre das — o möge ich nie dieſe Gewißheit haben— dann werde ich nimmer zaudern, dir mich zu vereinen. Jetzt ſey dieß dein Opfer!“— damit zerraufte ſie von neuem ihr Haar und warf ſich auf das Lager—„Und das ſey dein Trankopfer aus den Augen, die du liebſt.“ Und bald waren die Kiſſen naß unter ihren Thränen.—„Biſt du mir aber gerettet und wohl, ſo komme heran, o Freund, und tröſte mich durch dein Erſcheinen im Traum. Aber auch da, du guter, ſchone meiner und bewahre dein jungfraͤulich Maͤdchen zu geſetzlichem Ehband: nahe mir ſelbſt im Schlummer nicht. Sieh', dieſe Umarmung gilt dir. Ich wähne dich zu ſehen und nahe dir zu ſeyn!“ Mit dieſen Worten warf ſie heftig ſich mit dem 9 Antlitz auf die Kiſſen und umſchlang ſie mit ihren Händen: dazu ſchluchzte ſie und ſeufzte tief, bis im —— Uebermaas des Schmerzes ein ſinnumnebelnder Schwin⸗ del ihrer Seele Bewußtſeyn umdunkelte und ſie unver⸗ merkt in einen Schlummer hinuber trug, der ſie bis an den lichten Tag feſthielt. Selbſt Kalaſiris wun⸗ derte ſich und kam, als er ſie nicht wie ſonſt geſehen, zum Schlafgemach, um ſie zu ſuchen: klopfte heftig an die Thüren und weckte Charikleien, indem er ſie unaufhörlich bei Namen rief, aus dem Schlafe. Sie erſchrack über das plötzliche Rufen, eilte in der Ge⸗ ſtalt wie ſie war, an die Thüre, ſchob den Riegel zuruͤck und öffnete dem Alten den Eingang. Wie er ſie erſah mit wirren Locken, das Gewand um den Buſen zerriſſen und das Auge noch ſchwimmend, und ſchmerzlich ſtarr umherblickend, wie ſie es vor dem Schlummer gethan: da erkannte er die Urſache, führte ſie wieder auf die Lagerſtätte, warf ihr einen Mantel über und ſprach, nachdem er ihren Anzug geordnet:„Was iſt das, Charikleia? Wie fühlſt du dich unglücklich über Gebühr? Wie läſſeſt du dich vom hereinbrechenden Ungluͤck ſo ganz niederdrücken! Ich kenne dich nicht mehr, die ſonſt ſo muthig und erge⸗ ben im Unglück ſich mir zeigte! Hör' auf mit dieſer allzugroßen Muthloſigkeit. Erkennſt du nicht, daß du Menſch biſt, ein Geſchöpf, das ſtets bewegt und in ſchnellem Stoßen des Sturms bald hierhin bald dorthin geſchleudert wird? Warum härmſt du dich ab bei fröhlicher Hoffnung? Schone auch uns, mein Kind, ſchone wenigſtens Theagenes, wenn du dein ſelbſt nicht ſchonen willſt, dem das Leben allein mit dir wünſchenswerth iſt, nur in deiner Rettung das Daſeyn Werth hat. Ueber dieſe Worte erröthete ſchon Charikleia, mehr noch als ſie ſah, in welchem 14 — 199— Zuſtand man ſie angetroffen. Lange ſchwieg ſie, wie ſehr auch Kalaſiris um eine Antwort in ſie drang: endlich nahm ſie das Wort:„Wohl zürnſt du mit Recht, aber doch iſt's verzeihlich vielleicht, mein Va⸗ ter! hat mich unglückliche doch nicht ein gemeines, neu aufgeregtes Verlangen in dieſen Zuſtand gebracht, ſondern ein reines ſittiges nach dem— der, wenn auch in Unſchuld— doch mein Gemahl iſt, nach Theagenes, der mich betrübt, weil er nicht bei mir iſt, mehr aber noch darum mich ängſtigt, ob er noch lebt oder nicht.“„Darum habe keine Sorge,“ ſprach Kalaſiris,„weil er lebt und bald bei dir ſeyn wird, mit dem Willen der Götter, wenn wir den Sprüchen, die vom Gott euch verkündet wurden, und dem trauen dürfen, der uns geſtern die Nachricht gab, daß er von Thyamis gefangen, als er nach Memphis geſandt werden ſollte. Iſt er aber gefangen, ſo iſt auch klar, daß er noch lebt: da er ja mit Thyamis Freund und bekannt iſt. So dürfen wir aber nicht zögern, ſon⸗ dern muͤſſen ſo ſchnell als möglich gen Beſſa eilen, damit du deinen Theagenes, ich aber noch meinen Sohn außer ihm finde, denn du haſt wohl ſchon frü⸗ her gehört, daß Thyamis mein Sohn iſt.“ Sin⸗ nend antwortete ihm Charikleia:„Wenn du einen Sohn Thyamis haſt und der wirklich dein iſt und nicht ein anderer, ſo erklimmt unſere Gefahr jetzt den höchſten Gipfel.“ Als Kalaſtris ſich darüber wunderte und nach dem Grunde fragte, begann ſie alſo:„Du weißt doch, daß ich von den Raubhirten gefangen worden bin. Da trieb denn auch den Thy⸗ amis die Schönheit, die an meinem Antlitz ſo un⸗ glückſelig zu haften ſcheint, zum Verlangen nach mir: — 200— und ſo iſt zu fürchten, er möge ſich, wenn wir bei unſerm Suchen auf ihn ſtoßen, erinnern, daß ich dieſelbe, die er früher ſchon geſehen, und vielleicht die Ehe, der ich damals als ſie mir drohte, durch Ausflüchte entging, zur Wirklichkeit zwingen.“„Wird doch Begier,“ erwiderte Kalaſiris, nnicht alſo mächtig ſeyn, daß ſie ſelbſt den Anblick des Vaters nicht ſcheuen, daß ein Sohn vor des Erzeugers Augen ſich nicht ſchämen und den geſetzwiidrigen Wunſch, wenn er einen hat, niederdrücken ſollte! Und doch, warum, was hindert dich, nicht irgend eine Erfindung aus⸗ zudenken um dem zu entgehen, was dir droht? Du ſcheinſt ja ſo gewandt im Ausklügeln von Ausflüchten und Winkelzügen gegen diejenigen, welche dich er⸗ greifen.“ Da beruhigte ſich Charikleia ein wenig und ſprach:„Ob das dein Ernſt iſt oder Scherz, mag jetzt dahin geſtellt ſeyn: Ich werde aber den Kunſt⸗ griff, deſſen ich mich ſchon früher mit Theagenes be⸗ diente, und welchen das Schickſal unterbrach, auch jetzt unter günſtigem Erfolg anwenden, denn als wir aus der Räuberinſel hinwegzufliehen gedachten, be⸗ ſchloſſen wir die Kleider mit abgetragenen zu ver⸗ tauſchen und Bettlern ähnlich in Oerter und Städte zu gehn. Wenn dir das auch als räthlich erſcheint, ſo laß uns unſer Aeußeres wandeln und Bettler ſeyn. Denn ſo ſind wir weniger den Nachſtellungen derer ausgeſetzt, zu welchen uns das Geſchick führt: in ſolchem Aufzug iſt die Armuth ſicher und eher Mitleid als Beneidung erregt die Dürftigkeit. Die nöthige Nahrung erhalten wir Tag für Tag noch leichter; — 201— denn im fremden Land, bekommen unbekannte ſelten zu kaufen; warum man bittet, das geben mitleidige gern.“ Das war Kalaſiris zufrieden und trieb zu eiliger Bereitung der Reiſe: dann gingen ſie zu Nauſikles und Knemon, verkündeten ihnen die Abfahrt, zogen am dritten Tag nachher aus, weder ein Laſtthier, wiewohl es ihnen geboten ward, noch ſelbſt einen Menſchen zur Begleitung geſtattend. Weil indeß Nauſikles und Knemon und ſonſt noch eine Menge von Hausgenoſſen ihnen das Geleit gaben, ſo war auch Nauſikleia nicht davon abzuhalten, nachdem ſie ihren Vater inſtändig gebeten hatte, es ihr zu vergönnen; die Anhänglichkeit an Charikleien be⸗ ſiegte die bräutliche Schaam. Gegen fünf Stadien hatten ſie zuruͤckgelegt; da umfingen ſie einander zum letztenmal, wie das Geſchlecht der einzelnen es ge⸗ ſtattete und gaben ſich die Hände. Lange weinten ſie und wünſchten einander froheres Geſchick in der Trennung: während Knemon noch um Verzeihung bat, daß er nicht mitwandere, da das Brautgemach ſo eben ihm erſt aufgethan ſey: er werde ſie aber ſchon bei Gelegenheit noch treffen, ſetzte er windig hinzu: und ſo trennten ſie ſich, jene nach Chemnis zu gehn: Charikleia und Kalaſiris wandelten ſich erſt in Bettler⸗ aufzug, indem ſie ſich in die vorbereiteten Lumpen einmummten. Dann beſudelte Charikleia ihr Antlitz, und ſchwärzte ſich durch Rußeinreiben und Beſchmuz⸗ zung mit Erde; den Zipfel eines unſcheinbaren Schleiers ließ ſie von der Stirn über das eine Auge fallen und zog ihn zu ordnungsloſer Verhüllung — 202— herein; ein Ränzlein hing ihr unterm Arm, wie eine Taſche für Broſamen und Brocken anzuſehen, eigent⸗ lich aber, um das geweihte Kleid von Delphö und die Weihebinden ſammt den mit ausgeſetzten mütter⸗ lichen Kleinoden und Abzeichen aufzunehmen. Kala⸗ ſiris wickelte den Köcher Charikleiens in zerriſſenes Leder, und trug es wie ſonſt einen Pack quer auf den Schultern. Vom Bogen löſte er die Senne, und machte ihn, ſobald er in gerader Richtung ge⸗ bogen war, zum Stab für ſeine Hand: bog ſich ſchwer und mit ganzer Macht auf ihn, wenn er je⸗ manden zu begegnen vermuthete, und ſorgte für einen noch gekrümmteren Rücken, als ſein Alter ihn nö⸗ thigte. Auf dem einen Fuß hinkte er und Charikleia führte ihn zuweilen an der Hand. Als ſie in ihre Verwandlung ſich gefunden, und unter wechſelſeitigem Spotte ſich einander ob ihres Aufzugs geneckt, riefen ſie die Gottheit, die ſie heimſuchte, an, endlich ihres Unglücks Lauf zu hemmen und es mit dieſem genug ſeyn zu laſſen: und eilten nach dem Flecken Beſſa, wo ſie den Theagenes und Thyamis zu finden meinten: ſich dennoch aber be⸗ trogen. Denn kaum hatten ſie beim Untergang der Sonne Beſſa ſich genähert, als ſie eine Menge dar⸗ nieder geſtreckter Leichen eben gemordeter gewahrten: die meiſten waren Perſer, das erkannten ſie an Ge⸗ wand und Waffen, und nur wenige von den einhei⸗ miſchen. Daß ein Krieg hier ſeine Bühne aufge⸗ ſchlagen, ahnten ſie wohl; aber wer Freund und Feind, wußten ſie nicht: bis ſie im voruͤbergehen und betrachten der Leichname— ſie fürchteten — 203— immer, der ihnen theure möge darunter ſeyn; denn die Seele iſt ja ſo ängſtlich, um das fürchterlichſte von dem geliebteſten zu ahnen— ein altes Weib trafen: die den Leib eines der einheimiſchen um⸗ ſchlang und allerlei Klagen erhob. Sie beſchloſſen darum, die Alte anzugehen und etwas zu erfahren, wo möglich. Sie ſetzten ſich zu ihr und ſuchten ſie anfangs zu tröſten und ihre übermäßige Trauer zu lindern: dann, als ſie auf dieſes einging, frugen ſie, um wen ſie traure und was der Krieg bedeute. Kalaſiris redete mit ihr ägyptiſch. Da erzählte ſie alles mit kurzen Worten. Um ihren gefallenen Sohn weine ſie: abſichtlich ſey ſie zu den Leichen gekommen, damit jemand ſie durchſtoße und ſo vom Leben befreie; bis dahin aber wolle ſie dem Sohne das gebührende Opfer, das in ihrer Macht ſtehe, darbringen, Thränen und Klagen. Ueber den Krieg erzählte ſie folgendes: nſie 12 brachten einen fremden Jüngling, ausgezeichnet an Schönheit und Größe zum Oroondates, dem Statt⸗ halter des großen Königs, nach Memphis. Mitranes, der Wachthaber, ſandte ihn, wenn ich nicht irre, als einen Gefangenen und eins der höchſten Geſchenke, wie man ſagte. Da kamen die Leute aus unſerem Flecken— ſie zeigte hin wo er lag— dazu, erkannten ihn— ſey's nun, daß ſie die Wahrheit ſagten oder einen Vorwand erdachten— und raubten ihn. Wie das Mitranes erfuhr, empfand er es natürlich ſehr übel und überzog die zwei vorigen Tage den Flecken mit Krieg. Es iſt aber im Orte ein gar ſtreit⸗ bares Geſchlecht, Räuberei war beſtändig ihr Leben — 204— den Tod verachten ſie ganz und haben darum ſchon oft manchem andern, wie mir jetzt, Männer und Söhne entriſſen. Wie ſie daher den Angriff erfahren, legen ſie mehre in Hinterhalt, greifen die Feinde an und überwältigen ſie: indem ein Theil gerade und von vorn eindringt: ein anderer von hinten aus dem Nachhalt mit Geſchrei auf die unvorbereiteten Perſer ſtürmt. So fällt da Mitranes kämpfend unter den vorderſten und mit ihm fallen faſt alle, weil ſie um⸗ ringt waren und nicht einmal ein Ort zum fliehen ihnen offen ſtand. Auch von den unſrigen fallen einige: und unter den wenigen iſt nach dem grauſa⸗ men Willen der Gottbeit mein Sohn; ein perſiſcher Pfeil traf ihn in die Bruſt, wie ihr ſeht. Um den gefallenen weine ich unglückſelige jetzt: um den ein⸗ zigen noch lebenden, der mir übrig iſt, werde ich auch weinen müſſen, da auch er geſtern mit den an⸗ dern nach der Stadt der Memphiter ausgezogen iſt.“ Kalaſiris frug um die Urſache des Zuges und die Alte erwiderte— wie ſie von dem noch erhaltenen Sohne gehört hatte:— nweil ſie königliche Krieger und den Wachthaber des großen Königs umgebracht, wußten ſie wohl, daß ihnen ob böſes Vergehens jetzt keine kleine ſondern die höchſte Gefahr drohe, da Oroondates, der Statthalter in Memphis, mit ſehr vieler Mannſchaft verſehen, und wenn er das erführe, gleich beim erſten Andrang den Ort einſchließen und den Untergang aller Einwohner als Strafe verhängen werde. Weil denn nun die höchſte Gefahr über ſie hereinbrach, beſchloſſen ſie, ſo großes Wagniß durch noch größeres, wo möglich, zu ſichern und der Rü⸗ ſtung des Oroondates zuvorzukommen, unvermuthet — 205— einzudringen und ihn ſelbſt noch dazu umzubringen, wenn ſie ihn in Memphis träfen, oder wenn er außer Landes wäre— da ein athiopiſcher Krieg, wie es heißt, ihnen eben zu ſchaffen macht— um ſo leichter die Stadt von Vertheidigern leer zu überraſchen, ſich ſo einſtweilen der Gefahr zu entziehen, und dann dem Thyamis ihrem Hauptmann durch die Sicherung der Oberprieſterſchaft dienſtlich zu ſeyn, die gegen das Geſetz ein jüngerer Bruder an ſich geriſſen. Und wenn ſich's fügt, daß es mißlingt, dann wollen ſie ſtreitend ein Opfer des Kampfs werden und nicht ſchnöde ſich fangen laſſen, daß ſie perſiſcher Schmach und Beſchimpfung anheim ſielen. Aber wo gedenkt ihr hin, ihr Fremdlinge?“„Dort in den Flecken,“ berichtete Kalaſiris. Es iſt nicht rathſam,“ fuhr ſie fort, ndaß ihr bei ſo ſpäter Zeit und unbekannt denen euch nahen wollt, die darin geblieben ſind.“„So du uns aber geleiten wollteſt,“ ſprach Kalaſiris, „hätten wir auch Sicherheit wohl zu hoffen!“„Jetzt hab' ich nicht Zeit,“ entgegnete die Alte,„denn ich bin geſonnen, eine nächtliche Beſchwörung zu voll⸗ bringen. Iſt's euch alſo nicht zuwider— und doch iſt's nothwendig, wenn ihr nicht wolltet— ſo tretet ein wenig abſeits von dem Leichname an eine Stelle und dauert die Nacht lang aus. Wenn der Tag graut, werde ich euch als Bürgin eurer Sicherheit geleiten.“ Alles was ſie geſprochen, deutete Kalaſiris Cha⸗ 13 rikleien aus, nahm ſie dann und führte ſie weg. Nicht lange waren ſie über die gefallenen hinaus, als ſie an einen niedrigen Hügel kamen, da legte er — 206— ſich nieder und ſchob den Köcher unter ſein Haupt. Charikleia aber ſetzte ſich: die Reiſetaſche war ihr Sitz. Und eben war der Mond herauf, der mit hellem Glanz alles beleuchtete— es war ſchon der dritte Tag nach dem Vollmond:— als Kalaſiris, der ſonſt ſchon alterſchwach und nun beſonders vom Weg ermüdet war, in Schlummer ſank. Charikleia dagegen, welche die Sorgen wach erhielten, ward Zuſchauerin einer Scene, die nicht beſonders heimlich, den Aethiopiern aber ſehr gewöhnlich iſt. Denn die Alte, die ſich in ungeſtörter, ungeſehener Einſamkeit wähnte, ſchaufelte zuerſt eine Grube: dann zündete ſte einen Scheiterhaufen an der andern Seite: zwi⸗ ſchen beides legte ſie ihres Sohnes Leiche, nahm dann einen irdenen Miſchbecher von einem dabei ſte⸗ henden Dreifuß auf und goß Honig in die Grube; dann ſpendete ſie aus einem zweiten Milch, Wein aus einem dritten. Dann warf ſie ein Gebäck aus Weizenteig, das zur Geſtalt eines Mannes gebildet und mit Lorbeern und Fenchel umwunden war, in die Grube. Dazu hielt ſie ein Schwert empor, ſchwang es wie wahnſinnig umher, rief den Mond mit barbariſchen, dem Ohre fremden Tönen an, ritzte ſich dann den Arm, benetzte mit dem Blute einen Lorbeerzweig und ließ es in den Scheiterhaufen tröpfeln. Dann neigte ſie ſich unter mancherlei andern wunderſamen Geberden zu ihres Sohnes Leiche, raunte ihr etwas in's Ohr, weckte ihn ſomit auf und zwang ihn durch ihre Zauberei, aufrecht zu ſtehen. Charikleien, die bisher furchtlos zugeſchaut, überlief doch jetzt ein Schauder; aufgeſchreckt ob des ungewöhnlichen Vorfalls, weckte ſie den Kalaſiris und — 207— ließ ihn Theil nehmen an dem Schauſpiel. Sie ſelbſt nemlich, weil ſie im dunkeln lagen, konnten nicht geſehen werden, ſahen dagegen alles was beim Feuer und dem Scheiterhaufen vorging; ſie hörten ſelbſt in der geringen Entfernung leicht das, was ſie ſprach, da die Alte ſchon vernehmlicher ihre Leiche befragte und die Fragen waren: ob ſein Bruder, ihr noch übriger Sohn, heil wieder zurückkehren werde. Die Leiche erwiderte nichts. Mit Winken nur gab ſie der Mutter undeutlich zu verſtehen, daß ihre Hoffnung erfüllt werde, ſtuͤrzte dann urplötzlich zuſammen und ſank auf's Antlitz. Da wandte ſie den Leichnam um und ließ nicht ab mit Forſchen, raunte noch⸗gewal⸗ ſameres und zwingenderes, wie es ſchien, in die Ohren, ſprang mit gezücktem Schwert einher, bald zum Scheiterhaufen, bald zur Grube und erweckte ihn von neuem. Als er wieder ſich erhoben, fragte ſie abermals darum, gebot ihm aber nicht durch Zeichen, ſondern durch Reden die Verkündung unzweideutig zu offenbaren. Wie die Alte daran war, bat Cha⸗ rikleia den Kalaſiris ſehr, näher zu treten zu dem Werke, und von Theagenes etwas zu erforſchen. Doch hinderte er's, ſchon das Zuſehen ſey gottlos; doch müſſe man jetzt aus Nothwendigkeit es dulden. Unwürdig ſey's eines Oberprieſters, Freude an ſol⸗ chem thun zu zeigen oder gar dabei zu ſeyn; in jeg⸗ lichem Opfer und reinem Gebet enthülle ſich die Zukunft: nur ſo ungeweihte kröchen wahrhaft an der Erde um todte Leichname, wie jetzt des Geſchicks Fügung an der Aegygtierin ihnen zeige. Noch ſprach er das: da keuchte der Leichnam wie 14 aus dem Grabe oder einer tiefen Kluft hohl und — 2⁰8— heiſer:„Dein hab' ich erſt geſchont, o Mutter: hab's getragen, wie du menſchliches Leben entheilig⸗ teſt, der Moiren Satzung gewaltſam übertratſt; bleibt doch die Scheu gegen Eltern, ſo lang ſie's vermag, ſelbſt abgeſchiedenen! Nun du auch die niedertrittſt, wegſtößeſt, nicht zufrieden mit dem gottloſen gewaltſamen Beginnen, den Frevel bis in's ungeheure treibſt: eine Leiche zwingſt, nicht nur ſich aufzurichten und mit Winken zu deuten, ſondern ſelbſt zu ſprechen, uneingedenk meiner Beſtattung mich hinderſt, den andern Seelen mich zu vereinen, nur eignem Bedürfniß fröhnend: wohlan, ſo vernimm denn, was ich lange zu verkünden dir zugedacht: Weder dein Sohn wird heil zurückkommen, noch du ſelbſt gewaltſamem Tode entgehen. Haſt du dein Le⸗ ben in ſo heilloſem thun vergeudet: mag dir auch das ſchmachvolle Ende, das allen dieſen Frevlern gebürt, bald zu Theil werden. Ja, außer dem allen haſt du dich nicht begnügt, für dich allein ſo unausſprechlich geheimnißvolles in Nacht und Schweigen zu bedecken: vor welchen Zeugen haſt du der todten Zuſtand ver⸗ rathen? Einem Oberprieſter— doch das iſt noch wenig; denn der iſt weiſe genug, ſolch thun in ewi⸗ gem Schweigen zu verſiegeln; iſt er doch ſonſt von den Göttern geliebt, und wird ſeine Söhne, die, zu blutigem Kampf das Schwert gezückt, im Zweikampf zu ſtreiten gedenken, durch ſein Erſcheinen trennen und beruhigen, wenn er eilt;— aber was noch greulicher iſt, eine Jungfrau iſt Zeugin deſſen, was mit mir geſchehen iſt, und vernimmt alles, ein Mädchen das Liebe umhertreibt, und um eines Ge⸗ liebten willen die ganze Erde faſt umirrt, mit dem — 2⁰09— ſie nach tauſend Muͤhen, tauſend Gefahren an der Erde letzten Gränzen in ungetrübtem königlichen Glücke leben wird.“ Nach dieſen Worten brach er zuſammen. Die 15 Alte aber, die wohl einſah, daß die Fremden ihre Zuſchauer geweſen, rannte mit dem Schwerte und wüthend, wie ſie war, gegen ſie los und raſte nach allen Seiten, wo die Gefallenen lagen, im Wahn, daß ſie unter die Leichen ſich geborgen. Sie machte Miene, ſie zu morden, wenn ſie aufgefunden wären, weil ſie hinterliſtige und feindſelige Zuſchauer ihrer Hexerei geworden: bis ſie endlich in ihrer Wuth beim unvorſichtigen durchſuchen der Leichname einen aufragenden zerbrochenen Speer ſich in die Lenden rannte. Da ſank ſie hin: ihres Sohnes Verkündung vor ſeinen Füßen durch gerechte Strafe erfüllend. —— Theagenes u. Charikleia. 14 Siebentes Buch. 1 Kalaſtris und Charikleia, die ſo großer Gefahr entgangen waren, entſchlugen ſich aller Furcht und machten ſich eiliger— ſchon das, was ihnen verkün⸗ det worden, trieb ſie dazu an— auf den Weg nach Memphis. Sie waren ſchon nahe dabei, als das, was die Leichenzauberin ihnen verkündet, auch ſchon dort in Erfüllung ging. Denn als Thyamis ſeine Bande von Beſſa heranfuhrte, hatten die in Mem⸗ phis nur wenig Zeit, ihm vorher die Thore zu ver⸗ ſchließen: ein Krieger von denen, die im Kampf bei Beſſa entflohen waren, ahnte wohl den Zug und hatte die in der Stadt benachrichtigt. Thyamis befahl an einer Stelle der Stadtmauer die Waffen abzulegen und ließ das Heer von der Anſtrengung des Marſches ausruhen, während er Miene zur Belagerung machte. Die in der Stadt ängſteten ſich anfangs vor dem nahenden Haufen; als ſie aber beim ſchauen von der Mauer erkannten, daß ihrer nur wenige ſeyen, die anrückten: da ruüſteten ſie ſich und regten die wenige Mannſchaft auf, die zur Bewachung der Stadt zurückgelaſſen war, Bogenſchützen und Reuter; waffneten das Volk mit jedem, was ſich eben darbot, um herauszufallen und gegen die Feinde zur Schlacht zu ſtürmen. Ein Greis, der hochgeachtet war, hin⸗ derte es noch und zeigte, wie es noth thue, daß, wenn auch Oroondates, der Statthalter, zufällig wegen des Zugs in den äthiopiſchen Krieg abweſend ſey, man dennoch ſeiner Gemahlin Arſake das Vorhaben erſt mittheilen müſſe, auf daß man die Krieger, die in der Stadt ſich fänden, mit ihrem Willen leichter und freudiger ſammeln möge. Das ſchien ein guter Rath und alle ſtrömten zur Königsburg, wo die Statthalter wohnten, wann der König nicht anwe⸗ ſend war. Arſake war übrigens großer und ſchöner 2 Geſtalt und unternehmendes Geiſtes; aber ſtolz ob ihres Adels, wie man wohl von einer Schweſter des großen Königs erwarten mag; ſonſt auch im Leben nicht rein, ſondern unſittiger heißer Luſt er⸗ geben. So war ſie auch unter anderem dem Thya⸗ mis Urſach ſeiner Flucht aus Memphis geworden. Denn als dem Kalaſiris von den Göttern ſeiner Söhne Geſchick verkündet worden und er ſelbſt aus Memphis heimlich ſich ächtete und verſchwand— ſey's, daß er ſelbſt für tod gehalten ward:— da wurde Thyamis als älteſter Sohn zur Oberprie⸗ ſterſchaft berufen und feierte eben öffentlich ſein Antrittsfeſt, als Arſake im Tempel der Iſis den anmuthigen und blühenden Jüngling gewahrte, den das vorhabende Feſt noch verſchönte: ihre unreinen Augen trafen ihn und Winke, die noch mehr ver⸗ hießen. Und auf all' das achtete Thyamis gar nicht, der von Natur und von Jugend auf ein keuſches reines Leben gefüͤhrt: er war weit entfernt zu er⸗ rathen, wohin das ziele, was ſie that und legte es vielleicht ganz anders aus, da er ganz mit der Weihe beſchäftigt war. Seinem Bruder Petoſiris, dem ſchon lange die Eiferſucht ob der Prieſterſchaft im Herzen lag, entging indeß die Anmuthung der Arſake nicht: er nutzte ihre unſittige Verſuchung zum Grunde eines Verraths an ſeinem Bruder. Heimlich tritt er Orvondates an und verkündet dem nicht uur ihre Leidenſchaft, ſondern lügt noch hinzu, daß Thyamis eingegangen ſey. Der aber traute ihm leicht, weil Arſake längſt ſchon in ſeinem Verdacht war, ſetzte ſie ſelbſt indeß nicht zur Rede, theils weil ſeine Klage nicht beſtimmt war, theils auch, weil er aus Furcht und Scheu vor dem könig⸗ lichen Geſchlecht, ſelbſt wenn er etwas argwöhnte, es unterdrücken mußte. Dem Thyamis hingegen ſchwor er ſeit dieſer Angabe fort und fort den Tod und ruhte nicht eher, bis er ihn geächtet und 3 Petoſiris in die Prieſterſchaft eingeſetzt. Das war in früheren Zeiten geſchehen. Jetzt nun, da das Volk in Arſake's Wohnung ſtrömte, den Einfall ihr verkündend, von dem ſie ſelbſt ſchon gehört, und verlangte, daß ſie den vorhandenen Kriegern mit hinaus zu ziehen verſtatten ſollte: erwiderte ſie: daß ſie dies ſo geradhin nicht geſtatten könne, da ihr noch unbekannt ſey, wie ſtark die Anzahl der Feinde, wer ſie eigentlich ſeyen und woher? und außerdem ſelbſt der Grund, darum ſie herzö⸗ gen. So müſſe man denn bis auf den Wall vor⸗ — 2143— gehen, von dort aus ſich alles betrachten und dann in Verbindung mit andern nach Macht und Er⸗ kenntniß verfügen. Das ſchien ein guter Rath und hinaus ſtrömten alle, wie ſie waren, auf die Mauer. Dort ließ Arſake ein Zelt von ſilber⸗ und goldge⸗ webten Teppichen aufſpannen, ſchmückte ſich präch⸗ tig und hieß dann, ſitzend auf einem erhöhten Stuhl und umgeben von ihren Leibwächtern in goldenen Harniſchen, im Heroldzeichen zu friedlicher An⸗ ſprache die erſten und angeſehenſten von den Fein⸗ den heran an die Mauer kommen. Thyamis und Theagenes waren von der Menge gewählt, ſchritten heran und ſtellten ſich unter die Mauer, geruſtet ſonſt, ober ohne Helm. Da kündete der Herold: „Arſake redet zu euch, Oroondates des erſten Statthalters Gemahlin, des großen Königs Schwe⸗ ſter! Was wollt ihr? wer ſeyd ihr, und ob welcher Anſprache habt ihr des Anfalls euch unterfangen?" Da erwiderten ſie, daß das Volk Beſſäer ſeyen; von ſich ſelbſt aber kündete Thyamis, wer er ſey, wie er, rechtlos von ſeinem Bruder Petoſiris und dem Oroondates des Oberprieſterthums hinterliſtig beraubt, nur darum von den Beſſäern wieder her⸗ angeführt werde. Ueberkomme er wieder die Prie⸗ ſterſchaft, ſo ſey Friede und heim zögen die Beſſäer, nirgend Unbilden ſich erlaubend, wo nicht, ſo müß⸗ ten ſie ſich den Waffen und dem Kampf als Richter überlaſſen. Könne ja doch ſelbſt Arſake, wenn ſie Gefühl für Sitte habe, jetzt Rache nehmen für den Verrath, den Petoſiris an ihr geübt und für den böſen Leumund, mit dem er lügenhaft den Orvon⸗ dates befangen, alſo, daß er ſie bei dem Gatten in — 2414— Verdacht unſittiger, niedriger Luſt gebracht, ihm felbſt aber Aechtung aus dem Vaterlande tückiſch bewirkt. Darüber ſtaunte das ganze Volk der Memphiten, als ſie Thyamis erkannten und nun den Grund ſeiner plötzlichen Aechtung, die ihnen anfangs, als es vorfiel, verborgen geblieben, aus ſeiner Rede ahnten und als Wahrheit erkannten. 4 Arſake aber ward vor allen erſchüttert in der Seele; ein Meer von Regungen umringte ſie: Zorn er⸗ füllte ſie gegen Petoſiris und während ihre Seele das früher geſchehene ſich zurückrief, ſammelte ſie ſich zur Rache. Und wie ſie wieder Thyamis er⸗ blickte und dann wieder Theagenes, da trennte ſich ihr Herz in zwei Hälften und theilte ſich in die Sehnſucht und Liebe zu beiden. Dort erneute die alte Gluth ſich; hier traf ein noch heftigerer Pfeil ihre Seele und ſo entging ſelbſt den umſtehenden ihre Unruhe nicht. Ein Weilchen hielt ſie ein: dann ermannte ſie ſich, wie einer, den der Schlag getroffen, und begann:„An der Kriegswuth ſeyd ihr krank, ihr guten! Alle Beſſäer, aber auch ihr! und ſeyd doch ſo ſchmucke, anmuthige und edle Jünglinge! Wie ich ſehe und leicht ahnen mag, ſtürzt ihr euch ſelbſt in offenbares Verderben, das ſelbſt für Räuberkühnheit zu groß iſt. Reichtet ihr ja nicht einmal für den erſten Andrang der Schlacht aus, wenn es dran ging. Denn das wird die Gottheit verhüten, daß des großen Königs Macht zu ſchwach ſeyn ſollte, ſelbſt wenn den Statthalter ein Ohngefähr hinweggeführt, um euch mit den Reſten des Heeres ganz zu umſtellen. Doch, mein' ich, bedarf es nicht einmal des Opfers von vielen, — 215— da ja der Grund des Zugs eine Sache einzeler iſt, nicht öffentlich und gemeinſam, alſo auch für ſich ſelbſt der Streit entſchieden und das Endurtheil der Götter und ihrer Gerechtigkeit angenommen werden mag. Daran geſchieht meine Meinung und 1— Wille, daß ſich die andern Memphiter und Beſſäer ruhig halten und nicht einander ohne Anſage mit Krieg überfallen ſollen. Von denen aber, die ſich ſtreiten um die Oberprieſterſchaft, ſoll der Sieger im gemeinſamen Zweikampf als Dank das Prieſter⸗ thum überkommen.“ Wie Arſake alſo geſprochen, erhoben die in 5 der Stadt ein Geſchrei alleſammt und gaben dem Vorſchlag Beifall, theils zum Verdacht gegen Peto⸗ ſiris ob ſeines böſen Willens aufgeregt, theils die ſo ganz unerwartete Gefahr vor ihren Augen er⸗ wägend, welche jeder einzelne von ſich entfernte durch dieſen Kampf anderer. Den meiſten von den Beſſäern indeß ſchien es nicht zu gefallen: wollten ſie doch ihren Hauptmann der Gefahr für ſie nicht hingeben: bis Thyamis ſie endlich zur Ein⸗ willigung überredete, ſowohl die Schwäche als die Kriegsunkunde des Petoſiris ihnen berichtend, als ſie darum beruhigend, wie ihm ſelbſt der Preis des Kampfs ob der langen Erfahrung anheim fallen werde. Das ſchien auch Arſaken den Muth zur Feſtſetzung des Zweikampfs zu geben. Sie gedachte alſo ganz unverdächtig ihren eigenen Zweck zu erreichen, Petoſiris ſollte gelegentlich ihrer Rache dienen, wenn er mit dem weit kräftigeren Thya⸗ mis kämpfte. Alſo war zu ſehen, wie ſchneller, — 216— 1 als Menſchenrede es ausgeſprochen hätte, das voll⸗ bracht ward, was jener Befehl erheiſchte; denn Thyamis eilte mit ganzer Seele dem Zweikampf entgegen und nahm ſeine übrigen Waffen, wie es die Ordnung verlangte, freudig auf, während Theagenes ihn befeuerte, den Helm ihm auf das Haupt ſetzte mit dem wallenden Buſch und glühend im goldigen Glanze, und ſonſt die Rüſtung ihm feſter ſchnallte. Petoſiris hingegen ward mit Zwang aus den Thoren auf Arſakes Geheiß gezogen, wäh⸗ rend er ſelbſt ſchreiend Einwendungen machte und mit Gewalt gewaffnet ward. Als ihn Thyamis erblickte begann er:„Lieber Theagenes, ſiehſt du nicht, wie Petoſiris vor Furcht bebt?“„Wohl ſeh ich's“ entgegnete der„aber wie wirſt du dich neh⸗ men bei dem Vorhaben? denn es iſt ja nicht ein gewöhnlicher Feind, dein eigener Bruder iſt ja der Gegner!“„Wohl geſprochen,“ erwiderte er,„und ganz ins Ziel meiner Seele getroffen! Zu beſiegen gedenk' ich ihn, ſo die Götter mir's geſtatten, nicht zu töden. Wird ja doch Groll und Zorn ob erlitte⸗ ner Unbild nicht ſo mächtig ſeyn, daß ich um Blut des eignen Bruders, um Mord und Frevel am leiblichen Geſchwiſter Rache für vergangenes und für ein Ehrenamt in der Zukunft eintauſchen mochte!“ „Das heiß ich brav geredet und nicht unkundig ſeyn der Menſchennatur! Aber wohlan, was haſt du noch zum Beſorgen mir aufzutragen?“„Der vorſtehende Kampf iſt von wenig Belang, weil aber das menſchliche Geſchick oft ſo viel und wunderbar ſich ändert, ſo ſollſt du, wenn ich ſiege, mit in die Stadt ziehen und leben unter den erſten Bürgern. — 217— Wenn aber etwas gegen unſere Hoffnung ſich be⸗ geben ſollte, ſo führe dieſe Beſaäer, die ein großes Wohlwollen zu dir tragen, und dulde das Räuber⸗ lleben ſo lang, bis die Gottheit einen rechtlichen Ausweg dir zeigt!“ Dabei umarmten ſie einander mit Thränen und 6 Kuſſen. Der eine ſetzte ſich gleich am Ort nieder um zu betrachten, was geſchehen werde und gab ſich ſo ohne ſeinen Willen der Arſake hin, in ſei⸗ nem Anſchauen zu ſchwelgen, die ihn von allen Seiten ſich betrachtete und ihren Augen die volle Luſt geſtattete. Thyamis aber eilte dem Petoſiris entgegen. Allein der hielt nicht einmal ſeinen An⸗ fall aus, ſondern wandte ſich bei der erſten Re⸗ gung den Thoren zu und gedachte in die Stadt zu ſchlüpfen. Damit gewann er jedoch nichts, die um⸗ ſtehenden vertraten ihm das Thor und die auf der Mauer riefen einander zu, ihn nirgend aufzuneh⸗ men, wohin er eindränge. So lief er denn, ſo ſchnell er vermochte, rings um die Stadt, warf ſo⸗ gar die Waffen hinweg. Hinter ihm lief auch Thea⸗ genes her, theils weil Thyamis ihm am Herzen lag, theils weil er es nicht aushalten konnte, nur einen Theil von dem zu ſehen, was vorging, doch ohne Waffen, damit nicht jemand den Verdacht hege, er wolle Thyamis helfen am Werk. Darum legte er da, wo er ſaß, an der Mauer vor Arſake's Au⸗ gen Schild und Speer nieder und gab ihr das ſtatt ſeiner anzuſchauen; dann folgte er dem Lauf jener beiden, während Petoſiris zwar unerreicht blieb, aber doch auch nicht viel im Laufen voraus hatte, — 218— ſondern immer halb ergriffen ſchien und nur ſo viel entfliehen konnte, als der gerüſtete Thyamis einem waffenloſen natürlich nachſtehen mußte. Einmal und noch einmal waren ſie ſo um die Mauer ge⸗ rannt; als aber der dritte Umlauf begann— ſchon ſauſete Thyamis Speer im Rücken ſeines Bruders: er drohte ihm: ſtehen ſoll' er oder ſein Speer ihn treffen! die ganze Stadt ſtand um die Mauer wie in der Bühne als Richter des Kampfs: da be⸗ gann, mochte nun irgend eine Gottheit oder ein Zufall, der uber menſchliches waltet, wirken, ein neues Zwiſchenſpiel hereinzubrechen in der tragiſchen Handlung wie zum Gegengewicht dieſes Drama: Kalaſiris erſchien zu ſelbigem Tag und Stunde, wie durch Zauberei, als Theilhaber des Laufs und als unglückſeliger Zuſchauer beim Kampf ſeiner Söhne um Leben und Tod. Hatte er ſo viel doch erduldet und geſtrebt, hatte er ſich Aechtung und Schweifen in der Fremde auferlegt, um dies uner⸗ trägliche Schauſpiel zu meiden, und war dennoch überwunden vom Schickſal und gedrungen, das zu ſchauen, was die Götter ihm vorlängſt verkündet: von fern ſchon ahnte er's, als ihre Namen ſo oft genannt wurden und war nun gezwungen zu an⸗ haltenderem Lauf, als ſeine Jahre geſtatteten, um dem letzten Zuſammentreffen der beiden zuvorzu⸗ 7 kommen und ſein Alter ſelbſt zu überwinden. Wie er nun heran war, und ſich ihnen genähert hatte, rief er beſtändig:„was ſoll das, Thyamis und Pe⸗ toſiris?“ oftmals auch:„Was ſoll das, meine Söhne?“ Sie aber erkannten das Antlitz ihres Vaters nicht, theils weil er noch in die Bettler⸗ — 219— lumpen gehullt war, theils weil ſie ſelbſt ganz voll waren des Kampfs, und rannten ihn vorüber wie einen Landſtreicher oder der ſonſt ſich hervorgemacht. Die auf der Mauer hingegen bewunderten ihn, wie er ſein ſelbſt ſo wenig ſchonte und ſich zwiſchen gezückte Schwerder warf: andere verlachten ihn als einen unſinnigen, der ſo umſonſt nur einherlief. Da der Alte inne ward, wie die Schlechtheit ſeines Anzugs das Erkennen hindere, entblößte er ſich von den umhüllenden Lumpen, ließ ſein heilig Haar feſſellos hinabfallen, warf die Laſt von ſeinen Schul⸗ tern und den Stab aus ſeinen Händen und ſtand nun vor ihnen, ehrwürdig und prieſterhaft anzuſchauen, ſenkte ſich langſam nieder und hob die Hände wie zum flehen empor:„O meine Kinder,“ ſchluchzte er in Thränen, nich bin Kalaſiris, bin euer Vater! Haltet ein! Hemmt die Wuth der ewigen Moiren! Ihr habt ihn wieder, der euch zeugte, haltet ihn auch in Ehren!“ Da erlahmte ihre Kraft, faſt wären ſie niedergeſtürzt: beide ſanken ſie hin vor ihrem Vater, umſchlangen ſeine Kniee und ſchauten recht ſcharf hin, um ſeiner recht feſt zu werden. Und wie ſie erkannt hatten, daß die Erſcheinung Wahr⸗ heit und nicht ein Luftgebild: da wurden mancherlei ſtreitende Gefühle in ihnen wach: ſie freuten ſich, daß der Vater ſo gegen alle Erwartung ihnen ge⸗ rettet: die That, worüber ſie betroffen wurden, erregte ihnen Reue und Scham. So ſtanden ſie in zwiefachem Kampf, ungewiß, wohinaus es end⸗ lich gehen werde. Noch bewunderten dies alles die Städter: ohne Wort und That, lautlos wie auf Gemälden, ſtanden ſie da in ihrer Unkunde und — 220— ſtaunten ob dem Schauſpiel: ſiehe da geſchah eine neue Verwandlung der Bühne. Charikleia war Kalaſiris auf dem Fuß nachgefolgt, hatte Theage⸗ nes von fern erkannt— denn ſcharf iſt der lie⸗ benden Aug' im Erkennen: ſey's eine Bewegung, ſey's die Haltung nur: ſelbſt wenn von fern, ja vom Rücken aus, ein ähnlich Gebild ihm erſcheint— und wie vom Anblick bezaubert eilte ſie wie wahn⸗ ſinnig auf ihn zu, umſchlang ſeinen Nacken, hing feſt an ihm und liebkoſ'te ihn mit Wehmuth und Thränen. Er aber, der ihr zerlumptes Anſehn ge⸗ wahrte und ihren elenden Aufzug, das zerriſſene, fleckige Gewand, ſtieß ſie von ſich mit den Armen wie eine Bettlerin und in der Irre ſchweifend; ja zuletzt, als ſie nicht nachließ und die Ausſicht nach Kalaſiris und ſeinem Thun ihm ſperrte, ſchlug er ſie ſogar. Da ſprach ſie leiſe:„O mein Pythier! Gedenkſt du der Fackel nicht!“ Da traf das Wort wie ein Pfeil Theagenes' Seele; er erkannte die Fackel als eines der Denkworte, die ſie mit einan⸗ der verabredet; zugleich traf der Glanz ihn aus Charkleiens Augen, die wie ein Strahl aus Wol⸗ kendunkel ihn anglühte: Da umfaßte er ſie und ſchlang ſie in ſeine Arme. So war zuletzt der ganze Theil der Mauer, wo Arſake ſaß, mit wogen⸗ den Buſen und nicht ohne Eiferſucht auf Chari⸗ kleien ſchaute, voll eines wunderreichen Bühnenge⸗ mäldes. 8 Geendet war der unnatürliche Kampf zwiſchen den Brüdern, und der Streit, der ſeine Entſchei⸗ dung nur durch Blut erwartete, war vom tragiſchen — 221— zu frohem Ende gediehen. Ein Vater, der ſeine Söhne gezücktes Schwerdes gegen einander im Zweikampf erſah, beinah des Todes ſeiner Kinder vor den eigenen väterlichen Augen ſich unterziehen müſſen, ward ſelbſt hier Stifter des Friedens. Was die Moiren ihm verhängt, war ihm zu flie⸗ hen nicht gegoͤnnt worden und dennoch führte ihn ein freundlich Glück zur rechten Stunde der Ent⸗ ſcheidung zu. Zwei Brüder erhielten ihren Vater nach zehnjähriger Irrfahrt zurück, bekränzten den, der Urheber war des blutigen Streites über die Ober⸗ prieſterſchaft, mit eigner Hand nachher, umwanden ihn mit der Weihe Zeichen und führten ihn trium⸗ phirend ein. Vor allen aber war der liebende Theil im Drama, Theagenes und Charikleia, zur Bluͤte der Luſt gediehen in ihrer Schönheit und Anmuth: ſo ungeahnet waren ſie einander wieder⸗ gegeben und wandten die Stadt mehr als alle an⸗ dere zu ihrer Betrachtung. Heraus wogte alles Volk aus den Thoren und Menſchen jegliches Alters füllten die ausgedehnte Ebene. Jünglinge und die zu Mannern eben heranreiften eilten zu Theagenes: um Thyamis drängte ſich des reifern Alters Blute und die kräftigen Männer, denen Thyamis Bild noch lebendig war. Was jungfräulich war in der Stadt und ſchon von bräutlicher Wonne träumte, das umringte Charikleien; aber Greiſe und Prieſter alle umſchaarten den Kalaſiris. Es erſtand ein Weihezug aus dem Stegreif, nachdem Thyamis ſeine Beſſaͤer entlaſſen, ihnen gedankt ob ihrer treuen Anhänglichkeit und hundert Stiere, tauſend Schafe und jeglichem zehen Drachmen bald nachher — 222— ihnen verheiſſen, wann der Mond ſich füllen werde. Dann beugte er den Nacken unter ſeines Vaters Arm, um ihm den Gang zu erleichtern und des Greiſen Fuͤße zu ſtützen, welche die unerwartete Freude faſt gelähmt. Auch Petoſiris that daſſelbe von der andern Seite und ſo ward der Alte unter Fackelſchein in den Tempel der Iſis gebracht, wäh⸗ rend froher Lärm und jauchzender Zuruf ihn um⸗ dröhnten, während viel der Syringen und geweih⸗ ten Pfeifen dreinhallten und die wilde Jugend zu frohem Tanze riſſen. Auch Arſake that das ihre bei dem Vorgang: ein eigener Zug von Lanzen⸗ trägern umſtarrte ſie in ſtolzem Gepränge: des Ge⸗ ſchmeides und Goldes warf ſie viel in den Iſis⸗ hort: dies zum Schein weshalb es die andern tha⸗ ten, aber nur am Theagenes hing ihr glühender Blick, an ſeinem Anſchauen erſättigte ſie ſich; den⸗ noch war ihre Freude nicht rein; weil Theagenes Charikleien am Arm führte und des Volkes Zu⸗ dringen ihr abwehrte, drang ein bitterer Pfeil der Eiferſucht in Arſake's Herz. Als Kalaſiris innerhalb des Heiligthumes war, ſank er nieder auf ſein Antlitz, ſchmiegte ſich zu den Füßen des Bildes und blieb lange in dieſer Lage, daß faſt Ohnmacht ſich ſeiner bemächtigte. Da nahmen die Umſtehenden ihn auf und als er mit Mühe ſich emporgerichtet, ſpendete er der Göttin betend ein Trankopfer, nahm die Prieſterbinde von ſeinem Haupte und wand ſie ſeinem Sohn Thyamis um: ſey er ſelbſt doch alt, ſagte er zum Volk, und ſein Ende nahe; dem älteren Sohne gehöre geſetzlich 1— 223— das Zeichen der Oberprieſterſchaft und ſey dieſer ja an Leib und Seele gleich geſchickt zu Foderung des Prieſterthums. Da jauchzte das Volk und 9 zeigte ſeine Zuſtimmung im Beifallrufen, er ſelbſt aber ging in eine Abtheilung des Tempels, die den Hohenprieſtern zukam und blieb mit ſeinen Söhnen ſammt Theagenes und Charikleien drin. Die übrigen gingen jeder heim. Auch Arſake ſchied hinweg, aber nur mit Muhe; ſtets wandte ſie ſich von neuem, um ſcheinbar der Göttin noch mehr Opfer ihrer Ehrfurcht darzubieten. Endlich riß ſie ſich dennoch los, wandte aber, ſo oft es geſtattet ward, nach Theagenes den Blick. Wie ſie aber in die königliche Burg gelangt war, eilte ſie unge⸗ ſäͤumt in ihr Schlafgemach, ſank, gekleidet, wie ſie war, auf ihr Lager und blieb lange ſprachlos; war doch das junge Weib ſchon ſonſt unſittiger Sehn⸗ ſucht hold und nun vollends von Theagenes unent⸗ rinnbarer Anmuth, die all ihr erſchienene Geſtalten weit niederhielt, hochaufglühend. Die ganze Nacht wandte ſie die müden Glieder von einer zur an⸗ dern Seite, ſeufzte oft und tief, richtete ſich dann empor, bog ſich wieder auf den Kiſſen zuſammen, warf dann einen Theil ihres Gewands hinweg und ſank wieder heftig auf das Lager hin. Ohne Vorwand rief ſie dann ihrem Mädchen und entließ es wieder ohne Auftrag und wahrhaftig ihre Liebe wäre innen zur Raſerei geſtiegen, wenn nicht eine Alte, Namens Kybele, ihrer Kammerfrauen eine, die der Arſake in Liebesabentheuern ſtets zu Willen war, ins Gemach geſtürzt, denn es entging ihr nichts von dem, was vorgegangen, da eine Lampe — 224— leuchtete und Arſaken gleichſam die Liebesgluth anfachte— und alſo begonnen hätte:„Was iſt dir, Fürſtin? Welch neues Leid betrübt dich? Weſſen Anblick bringt meinem geliebten Zögling wieder Schmerzen? Wer iſt ſo übermüthig und wahn⸗ ſinnig, daß deine hohe Schönheit ihn nicht beſiegte, dem nicht Götterſeeligkeit dein liebeathmend nahen, der deinen Wink nur und Willen überſähe? O ſprich es aus, mein ſüßeſtes Kind! Iſt doch keiner ſo diamantnes Herzens, daß er unſerem Reiz wider⸗ ſtünde! Sprich es aus, und alsbald ſoll was du möchteſt erfüllt ſeyn. Haſt du doch wahrlich das 10 ſchon oft erprobt!“ Das und ahnliches hielt ſie ihr vor, wand ſich kriechend vor ihr auf den Knieen und trieb ſie mit tauſend Schmeicheleien zum Ge⸗ ſtändniß ihres Leidens. Da hielt ſie ein Weilchen ein, dann ſprach ſie:„O Mutter, verwundet bin ich, wie noch nie, und wenn ich auch in ähnlichen Sorgen ſchon deines Beiſtands mich freute, ſo weiß ich nicht, ob du auch jetzt mich aufzurichten ver⸗ magſt. Der heutige Kampf vor unſeren Mauern, der ſo ſchnell entbrannte und eben ſo ſchnell ge⸗ dämpft ward, iſt allen übrigen unblutig vorüberge⸗ gangen und zum Frieden ausgeſchlagen; mir ward er Beginn eines ernſtlicheren Kampfes, nicht, wo ein einziges Glied mir etwa verwundet wäre: die Seele ſelbſt hat er mir getroffen, weil er den frem⸗ den Jüngling zu meinem Unglück mir erſcheinen ließ, der neben Thyamis beim Zweikampf einher⸗ eilte. O du kennſt ihn, Mutter, den ich meine! Nicht gering war der Abſtand, mit dem er durch ſeine Schönheit die andern niederſtrahlte: o auch — 225— ein fuͤhlloſer, den Anmuth nimmer reizt, häͤtte es empfunden und deine gewiegte Erfahrung nicht? Meine Wunde, du liebe, kennſt du nun: ſo biete denn alles auf, jeden Reiz, jede Lockung deiner alten Erfahrung, wenn du willſt, daß dein Zögling nicht vergehe; ich könnte nicht leben, wenn er nicht mein wird!“„Den Jüngling kenn' ich, entgegnete die Alte;„hoch iſt er an Bruſt und Schulter, den Nacken hebt er grade und frei über die andern empor, ſeine Scheitel überragt ſie alle; ſicher und ſcharf iſt ſein Blick, anmuthig und ſtolz zugleich. Locken umwogen ihn ganz; bräunlich erſtes Haar umkräuſelt ihm die Wange. Ein frem⸗ des Mädchen, nicht unſchoͤn gerade, aber eine freche Dirne, wie es ſchien, lief plötzlich auf ihn zu und umſchlang ihn und hing an ſeinem Halſe. Meinſt dunicht dieſen, o Fürſtin?“„Er iſt's, herzliebes Mütterchen! Auch ihrer haſt du recht bezeichnend gedacht, der elenden, deren Schönheit im Buhl⸗ haus vom Pöbel zugeſtutzt ſeyn mag, die ſie ſo ſtolz macht— und dennoch iſt ſie ſeliger als ich, wenn der zum Geliebten ihr beſchieden ward!“ Da lächelte die Alte kurz und ſpöttiſch:„Ruhig, ſüße Herrin! Bis heut iſt ſie dem Fremden ſchön erſchienen, vergönn' ich ihm aber, dir und deiner Anmuth ſich zu nahen, ſo wird er Gold um Erz umtauſchen, wie das Sprichwort ſagt, und hinweg⸗ ſtoßen das lüſterne Dirnchen, das umſonſt ihn locktel“„O wenn du das vermöchteſt, liebe, liebe Kybele: ich genäſe zweier Wunden, der Liebe und Eiferſucht; an jener labt' ich mich: dieſer würd' Theagenes u. Charikleig. 15 — 226— ich überhoben!“„Was ich kann ſoll geſchehn,“ er⸗ widerte jene;„vor allem aber komme wieder zu dir, ſey ruhig und ängſte dich nicht ſehnend ab vor 11 der Zeit! Sey reich an Hoffnung!“ Da nahm ſie das Licht, ſchloß die Thüre des Gemachs und ging hinaus. Und kaum graute der Tag, als ſie der königlichen Verſchnittenen einen nahm und noch eine Dienerin, ihnen mit Opferkuchen und anderen Spenden ihr zu folgen befahl und dann zum Iſis⸗ tempel eilte. Sie ſtand im Vorhof und erklärte, daß ſie ein Opfer zu bringen gedenke für Arſake, ihre Gebieterin, die, von Träumen geängſtigt, ihr Geſicht begütigen wolle. Da verſagt es ibr der Tempeldiener einer und entließ ſie wieder, weil Trauer im Tempel walte. Denn der Oberprieſter Kalaſiris, der nach langer Zeit wieder heimgekom⸗ men, habe mit ſeinen Lieben den Abend ſehr feſt⸗ lich zugebracht und ſich ganz dem Uebermaß der Freude und Seelenluſt hingegeben. Nach dem Feſt habe er der Göttin viel geopfert und zu ihr ge⸗ betet, dann zu ſeinen Söhnen lange geſprochen, wie ſie gegenwärtig ihn zum letztenmal ſähen, ihnen recht an's Herz gelegt, die jungen Griechen die mit ihm gekommen, ſo viel ſie vermöchten zu bedecken und ihnen nach Kräften zu Willen zu ſeyn: habe ſich dann zur Ruhe gelegt und— mögen nun durch der Freude Uebermaß die Luftporen zu ſehr aus⸗ gedehnt und wieder erſchlafft ſeyn, wie bei der heftigen Erſchütterung eines ſo alternden Körpers ſich erwarten ließ, oder die Götter auf ſein brünſtig Flehen ihm dieſe Gunſt erzeigt haben— beim Ruf der Hähne habe man ihn entſchlafen gefunden, — 227— da ſeine beiden Söhne, ſeitdem der Greis es ihnen vorverkündet, die ganze Nacht gewacht hätten.„Und nun, ufügte er hinzu,„haben wir Leute ausgeſandt, um alles uͤbrige Geſchlecht von Hohenprieſtern und geweih⸗ ten Männern her zu entbieten, auf daß nach vaterländi⸗ ſcher Sitte ihm das Recht ſeiner Beſtattung zu Theil werden möge. Darum müßt ihr euch entfernen; denn es iſt weder geſtattet zu opfern, noch ſelbſt den Tempel zu betreten außer den geweihten, während der ganzen ſieben folgenden Tage.“„Und wo werden denn die Fremden untergebracht?“ fragte Kybele.„Eine Wohnung ſoll ihnen bereit gehalten werden außerhalb des Tempels, ſo hat der neue Oberprieſter Thyamis geboten. Und ſiehe! da kommen ſie ſelbſt heran, dem Geſetz gehorſam heben ſie ſich ſelbſt für jetzt aus dem Heiligthum hinweg.“ Kybele bemächtigte ſich dieſes Zufalls und machte ihn zum Anfang ihrer Beute:„So dürfte es wohl jetzt, ehrwürdiger Gottesdiener, wohlgethan ſeyn, daß auch wir den Fremden gu⸗ tes erwieſen oder vielmehr Arſake, des großen Königs Schweſter. Weißt du doch, wie ſehr ſie den Griechen hold iſt und ein Muſter bei Aufnahme von Fremden. So ſag denn den jungen Leuten, wie auf Thyamis Geheiß in unſerem Schloß eine Behauſung ihnen bereitet iſt.“ Das that der Tem⸗ peldiener, nichts ahnend von dem, was Kybele tief in der Bruſt verſchloß: eine Wohlthat meinte er den Fremden zu erzeigen, wenn er ſie in die Statt⸗ halterei wieſe und zugleich denen, welche es ſich ausbaten, die unſchädliche Freude zu gewähren, wo jene nichts einbüßten. Niedergeſchlagen und Thränen — 228— in den Augen nahten ſich beide, da begann der Tempeldiener:„Unrecht iſt, was ihr thut und nicht den Geſetzen unſerer Heimath gemäß, den Tod eines Oberprieſters, der euch ja vorher war ver⸗ kündet worden, zu beklagen und zu beweinen, den ihr freudig und jauchzend hättet entlaſſen ſollen, daß er eines beſſeren Geſchickes theilhaftig ward und die Götter ihn empfingen, wie das göttliche und heilige Wort uns verheißt. Indeß iſt's euch verzeihlich, da ihr den Vater, wie ihr ſagt, euren Sorger, eure einzige Hoffnung verloren habt. Doch iſt euer Geſchick nicht ganz troſtlos. Denn Thya⸗ mis ſcheint nicht allein die Prieſterweihe von ihm uͤberkommen zu haben, ſondern auch ſeine Sorge um euch. Denn er gebot vor allen, euch zu beruͤck⸗ ſichtigen. Eine prächtige Wohnung iſt euch bereitet, wie ſie wohl ſelbſt ein einheimiſcher Vornehmer ſich wünſchen wurde, wie viel mehr Fremdlinge, die jetzt in mißlichem Geſchick zu ſeyn ſcheinen. Folgt ihr denn— er zeigte auf Kybelen— und betrach⸗ tet ſie als eure gemeinſame Mutter, übergebt euch 12 ihrer Führung!“ Alſo ſprach er. Theagenes aber und ſeine Begleiterin waren bereit, weil dieſer un⸗ verhoffte Zufall tief auf ihr Gemüth wirkte, theils weil ſie ſich freuten vor der Hand wenigſtens einen Aufenthalt und Zufluchtsort zu finden: ausge⸗ ſchlagen hätten ſie es aber, wie natürlich, wenn ſie das verhängnißvolle jener Wohnung geahnet hätten und wie der ehrenvolle Antrag ihnen zum Unglück gereichen werde. So verſchlang aber ihr nie ra⸗ ſtend Geſchick, das jetzt im Raum weniger Stunden geruht und zu augenblicklich vergänglicher Freude — 229— ſie aufgeregt, wiede, das ſchmerzliche in einander und überlieferte ſie in Feſſeln wie Gefangne ihrer Feindin, die unterm Mantel menſchenfreundlicher Gaſtfreiheit die jungen des Treibens der Zeit un⸗ kundigen Fremden in Banden ſchlug. Denn alſo umhüllt ein umſchweifendes Leben Fremdlinge mit bewußtloſem thun wie mit Blindheit. Als ſie dem Statthalterſchloß genaht nun in die prächtige Vor⸗ halle traten, die mehr ſchon als irgend ein ſonſtig Haus prunkte und von bunten Hallebardieren und allem Schmuck der Dienerſchaft ſtrozte, ſtaunten ſie und wurden beklommen ob der Betrachtung eines ſolchen Wohnorts, der weit über ihr jetziges Ge⸗ ſchick erhaben war. Sie folgten indeß der Kybele, die ſie oft ermuthigte und getroſt ſeyn hieß, ihre lieben und ihre Kinderchen ſie nannte und welch freundliche Zukunft ihrer warte betheuerte. Endlich als ſie in die Wohnung, wo die Alte ſich aufhielt, abgeſondert und für ſich, gebracht worden, begann ſie, nachdem die Anweſenden ſich entfernt und ſie allein ſich zu ihnen geſetzt hatte, alſo:„Liebe Kin⸗ der, die Urſach eurer jetzigen Niedergeſchlagenheit iſt mir erklärbar: da ja der Tod des Oberprieſters Kalaſiris euch betrübt, der Vaterſtelle an euch ver⸗ trat. Indeß thätet ihr wohl, mich wiſſen zu laſſen wer ihr ſeyd und woher: daß ihr aus Griechenland und von gutem Herkommen, iſt mir bekannt: euer Anblick ſchon zeugt dafür. Euer Blick iſt frei, euer Antlitz, wohlgebildet und anmuthig, bürgt mir für euren Adel. Aber aus welcher Gegend von Hellas ſeyd ihr, aus welcher Stadt und wer überhaupt und wie ihr hierher euch verirrtet, das verkündet — 230— mir zu eurem beſten, auf daß ich Arſaken, meiner Gebieterin, der Schweſter des großen Königs und Gemahlin des Oroondates, aller Statthalter erha⸗ benſten, die den Hellenen hold iſt und der Anmuth, und freundlich gegen Fremde, euer Schickſal er⸗ zähle und ihr ſelbſt in größerer Ehre, die man euch ſchuldig iſt, vor ihren Augen erſcheinet. Sprecht ihr doch zu einer Frau, die nicht ganz euch ent⸗ fremdet iſt: auch ich bin Griechin von Herkunft, Lesbos iſt mein Vaterland. Mich brachte Gefan⸗ genſchaft hierher, aber mir iſt wohler als in meiner Heimath, bin meiner Herrin alles in allem, nur Athmen und Sehen thut ſie ohne mich; ſonſt bin ich Herz ihr und Ohren und Alles; denn ich kenne immer alle guten und ſchönen für ſie heraus und bewahre treu all' ihre Geheimniſſe.“ Da ſtellte Theagenes die Worte der Kybele mit dem, was geſtern vor Arſaken geſchehen war, zuſammen und erwog es bei ſich; er gedachte wie unverwandt und verlangend ſie immer ihn angeblickt, daß ihr nnſittig Weſen herausleuchtete und verſprach ſich dabei nichts gutes. Schon war er im Begriff, der Alten etwas zu erwidern, als Charikleia ihm heimlich zuflüſterte:„Gedenk' der Schweſter, ſo du redeſt!“ Er verſtand was ſie meinte und begann alſo:„daß wir Hellenen ſind, Mutter, weißt du ſchon. Wir ſind Geſchwiſter, denen Räuber ihre Eltern entriſ⸗ ſen, und nun aufgebrochen ſie zu ſuchen; aber unſer eigen Schickſal iſt härter als ihres: grauſamen Maͤnnern waren wir hingegeben, beraubt all' unſerer Habe, die nicht unbeträchtlich war, ſind wir ſelbſt nur mit Mühe gerettet; da fuͤhrte ein freundlicher — 231— Wille der Gottheit uns dem göttlichen Helden Ka⸗ laſtris zu: ſo kamen wir hierher, um mit ihm zu leben. Und nun ſind wir, wie du ſiehſt, von allen verlaſſen und allein übrig, haben ihn, der ſich als Vater uns zeigte, der es wirklich war, noch ver⸗ loren zu unſeren Eltern. Das iſt unſer Schickſal. Dir danken wir aber herzlich ob der Aufnahme und Gaſtfreundlichkeit; noch mehr würdeſt du uns dir verbinden, wenn du uns vergönnen wollteſt, allein zu leben und verborgen, uns überhuͤbeſt der hohen Gunſt, von der du eben ſprachſt, uns Arſake's Bekanntſchaft zuzuführen. Nicht in ein ſo glänzend reichathmendes Loos bring ein ſo fremdes irre⸗ ſchweifend armes Leben. Du weißt es ja: nur Be⸗ kanntſchaften und Entgegenkommen in gleichem Ge⸗ ſchick ſind lieb und willkommen.“ Kaum hielt ſich 14 Kybele bei dem geſagten. Denn ſogar auf ihrem Antlitz that ſich ein Strom von hoher Freude kund, als ſie das Wort Geſchwiſter vernahm: ſie war ſicher, daß Charikleia nun weder Hinderniß noch Anſtand an Arſake's Liebe nehmen werde. „Schöner Jüngling!“ begann ſie,„deine Meinung über Arſake wird ſich ändern, wenn du ihr dich nahſt. An jeglichem Menſchenloos nimmt ſie hohen Theil und vor allen naht ſie gern helfend ſich de⸗ nen, die ein unfreundliches Geſchick aus glückliche⸗ rem Leben riß. Iſt ſie gleich Perſerin von Ab⸗ kunft, dennoch trägt ſie helleniſchen Sinn und eilt mit Freuden ſolchen entgegen, wie ihr ſeyd, wenn ſie von dorther kommen; helleniſche Sitte und Um⸗ gang ſind ihr über die Maßen werth. Darum be⸗ ruhige dich! Was Männer nur verlangen mögen, — 232— ſoll dir werden in Ehren. Deine Schweſter hin⸗ gegen ſoll ihre Geſpielin werden und Freundin. Aber mit welchem Namen ſoll man euch melden?“ Als ſie„Theagenes“ und„Charikleia“ vernommen, gebot ſie ihrer zu warten und eilte zur Arſake, nachdem ſie vorher der Thürhüterin— auch das war eine Greiſin— eingeſchärft keinen hineinzulaſſen und auch den jungen Leuten den Ausgang zu ver⸗ wehren. Als die andere gefragt:„Auch deinen Sohn Achämenes nicht, wann er käme? Eben iſt er, kurz nach deinem Weggang zum Tempel, aus⸗ gegangen, ſein Auge ſich zu ſalben; denn ihn ſchmerzt, wie du weißt, ſeine Wunde noch,“ ward ihr erwi⸗ dert:„auch den nicht! Schließ die Thüren, behalte die Schlüſſel und ſage, ich trage ſie bei mir!“ So geſchah es. Und noch war Kybele nicht lange hinweg, als Theagenes und Charikleien die Einſamkeit Zeit gab zu Thränen und Gedanken über ihr Schickſal. Ihre Klagen begannen faſt mit denſelben Worten und Empfindungen. Sie ſtöhnte fort und fort: „O mein Theagenes!“ er dagegen:„O meine Charikleialu Dann er von neuem:„Welch Ge⸗ ſchick hat wieder uns ergriffen?n Und ſie:„Und welchem Unglück werden wir abermals entgegen gehn?“ Und dabei umfingen ſie einander jedesmal und küßten ſich in Thränen. Zuletzt gedachten ſie des Kalaſiris und trugen ihre Thränen in den Schmerz um dieſen über, vor allem aber Charikleia, der in längerer Zeit größere Sorgfalt und mehr Wohlwollen von ihm zu Theil ward.„O daß Ka⸗ laſiris wir verloren!“ ſchluchzte ſie laut.„Des theuren Vaternamens bin ich quitt! Stets iſt's ja — 233— der Gottheit Freude, mir den Gruß des Vaters zu verſagen. Ihn kenn' ich nicht, der mein wirk⸗ licher Erzeuger war, den, der mich zur Pflegetoch⸗ ter annahm hab' ich— weh mir!— verrathen; verloren den, der mich aufnahm an ſeine Bruſt und rettete, und nun geſtatten mir ſelbſt die Prie⸗ ſter nicht, ſeinem Fall in Thränen das gebührende Opfer zu bringen. Aber dennoch, du mein Retter und Erhalter!— laß mich auch Vater ſagen!— bring ich dir, wenn auch die Gottheit es verſagt, wo und wie ich's vermag, meine Thränen dar und dieſe Locken zum Todtenopfer!“ Damit riß ſie mit Gewalt in ihrem Haar; Theagenes aber hemmte ſie und hielt in flehender Bitte ihre Hände. Den⸗ noch fuhr ſie fort, das Schickſal anzuklagen:„Was ſollen wir noch leben, da keine Hoffnung unſerem Blick ſich zeigt? der uns Führer in der Fremde, Stab im Irrſal, Begleiter ins Vaterland war, den Eltern uns zuführte, Troſt im Unglück, Aus⸗ weg und Erlöſung aus dem Verhängniß uns ge⸗ währte, der in allem uns Anker war, Kalaſiris iſt hin und hat dieß unglückſelige Paar zurückgelaſſen auf der fremden Erde, wie verarmt an gutem Rath! Jede Wanderfahrt, jeder Schiffzug iſt uns verſagt in unſrer Unerfahrenheit, denn heimgegangen iſt das liebreiche, weiſe und wahrhaft ehrenwerthe Herz, das kein Ende fand in Wohlthaten gegen uns!“ Noch klagte ſie jammernd dies und anderes, 15 während Theagenes den eignen Schmerz halb her⸗ vorquellen ließ, halb aus Schonung gegen Charikleien — 234— hinabdrängte, als Achämenes herantrat und, als er die Thüren verſchloſſen fand, die Hüterin frug: „wozu das?“ Seiner Mutter Werk ſey es, ward ihm geſagt. Da ſtand er denn an der Thüre und konnte die Urſach nicht begreifen. Endlich hörte er Chari⸗ kleien klagen, bog ſich an das Schlüſſelloch und ſah, was vorging.„Wer ſind die drin?n frug er abermals die Hüterin. Sie wiſſe ſonſt nichts, erwiderte ſie, als daß es die Fremden ſeyen, ein Mädchen und ein Jüngling, die eben bei ſeiner Mutter eingekehrt. Da blickte er nochmals hinein, um ſie genauer zu betrachten. Er kannte Charikleien nicht, aber ihre Schönheit erſchien ihm wunderherrlich: wie ſchön ſie ohne Thränen ſeyn werde, begriff er wohl und ſo ſank er vom Staunen ohne ſein Wiſſen in unendliche Liebe. Den Theagenes meinte er zweifelhaft und wie im Dunkel zu kennen. Da kam Kybele wieder zurück; ſie hatte alles, wie es mit den jungen Leuten gekom⸗ men, verkündet, hatte Arſaken hoch geprieſen ob ihres Glücks, das ſo hohe Gaben wie von ſelbſt ihr bringe, was durch tauſenderlei Liſt und Nachdenken keiner wohl gehofft, wie ſie ihren Lieben zum Haus⸗ genoſſen ſelbſt habe, ohne Furcht ihn ſehen und von ihm geſehen werden könne. Arſake athmete hoch auf ob ſolcher Bothſchaſt und war nur mit Mühe den Theagenes gleich zu ſehen, durch die Erinnerung zurückgehalten: nicht ſo blaß und ſo ſchwimmendes Auges, wie ſie vom Wachen ſey, möge ſie dem Jüng⸗ ling erſcheinen, nur dieſen einen Tag möge ſie ſich ruhig verhalten, und ihre ſonſtige Schönheit wieder⸗ 16 gewinnen. So kam ſie von ihr, die zu fröhlichem Muth und freudiger Hoffnung von ihr aufgeregt — 235— war, zuruͤck: was ſie thun und wie ſie an die Frem⸗ den gelangen möge, war beredet:„Was ſinnſt du denn, mein Kind?“ begann ſie zum Sohne.„Wer die Fremden drinn ſeyn mögen und woher,“ war die Antwort.„Ich darf nicht— halte du reinen Mund, ſag niemand davon, ſchließ es in dich und nah dich den Fremden nicht zu oft. So will es die Gebie⸗ terin!“ Da ging er hinweg: er verſtand ſeine Mut⸗ ter wohl; ein nenes Liebesabentheuer für Arſaken vermuthete er im Theagenes. Im weggehn ſprach er zu ſich ſelbſt:„Iſt er's denn nicht, den ich neulich vom Mitranes, dem Wachthaber, erhielt, um ihn zum Oroondates zu bringen, der ihn an den großen König ſchicken ſollte, den die Beſſäer und Thyamis mir abnahmen, um den ich faſt Lebensgefahr ausſtand, indem allein ich von den Führern zu entrinnen ver⸗ mochte? Trügen mich denn meine Augen? Aber mir iſt ja beſſer, ich ſehe ja ſo ſcharf wieder, wie ſonſt.— Und auch Thyamis ſoll ja hier ſeyn, habe ich geſtern gehört; durch Zweikampf mit ſeinem Bruder ſoll ihm ja die Oberprieſterſchaft zugeſprochen ſeyn. Ja, er iſt's! Aber für jetzt muß dieſe Erkennung noch ver⸗ ſchwiegen bleiben; achten will ich aber, wohinaus der Herrin Wille mit den Fremden geht.“ Das war ſeine heimliche Rede. Kybele trat indeß hinein und 17 fand Spuren von Thränen bei den jungen Leuten. Als ſie die Thüre öffnen hörten, nahmen ſie ſich zwar zuſammen und eilten Haltung und Blick in gewohn⸗ ten Zuſtand zu bringen; allein die Alte ſah durch: die Thräͤnen ſchwammen noch im Auge.„Aber, liebſte Kinder,“ rief ſie aus,„was weint ihr denn ſo zur Unzeit, wo ihr euch freuen, euer Geſchick preiſen — 236— ſolltet? Hat doch Arſake gar ſchoͤnes und wünſchens⸗ werthes mit euch im Sinn, hat ſie's nicht vergoͤnnt, daß ihr morgen ſie ſehen ſollt, füͤr jetzt aber für eure Aufnahme und Befriedigung geſorgt? So laßt denn auch dies unnütze und wirklich kindiſche weinen! Seht euch nur an« und bringt euch in Ordnung, ihr müßt ja Arſake's Willen nachgeben und euch fügen!“ Da nahm Theagenes das Wort:„Das Andenken an Ka⸗ laſiris' Tod, o Mutter, hat uns traurig geſtimmt; daß ſein vaterlich Herz uns entriſſen ward, brachte uns zu Thränen!“„O Einbildungen! Kalaſiris, ein vermeinter Vater, ein Greis, der dem Geſetz der Natur und Zeit nachgab!— Haſt du doch alles nun ſtatt des einen! Einfluß, Reichthum, Lebensreiz und Genuß in Jugendblüte! Glaube nur, dein Glück iſt's, vor Arſake in Ehrfurcht dich zu beugen; aber folgt meinem Rath, wie ihr euch nahen und ſie grüßen mögt, wenn ſie das geſtattet; wie ihr euch betragen und ihr gefällig euch erweiſen müßt, wenn ſie etwas verlangt; denn ihr Sinn iſt herriſch, wie du weißt, und königlich, in ſelbſtbewußter Jugend⸗ fülle und Schönheit, und erträgt nicht, wenn ihrem 18 Verlangen etwas verſagt wird.“ Theagenes ſchwieg dazu; ihm ahneten unheimliche, unglückbringende Dinge. Bald darauf traten Verſchnittene herein; ſie brachten die Reſte— wie ſie angaben— der Statthaltertafel auf goldnem Geſchirr; aber es über⸗ ſtieg alle Pracht und Sinnenluſt.„Damit empfängt und ehrt die Herrin für jetzt die Fremden l“ ſagten ſie, ſetzten es hin und ſchritten ſogleich wieder hinaus. Sie koſteten, theils auf Kybele's Zureden, theils weil ſie einſahen, daß ſie dieſe Aufnahme nicht zurück⸗ — 237— ſtoßen dürften, nur wenig von dem aufgetra⸗ genen; und ſo geſchah's den Abend und die andern Tage alle. Den andern Tag— es war die erſte Stunde des Morgens wohl— kamen die gewöhnlichen Ver⸗ ſchnittenen zu Theagenes:„die Herrin ruft dich, Glückſeliger,“ ſprachen ſie,„wir ſollen dich zu ihr führen. So komm denn und nimm dein Glüͤck, was ſie ſelten nur wenigen vergönnt!“ Er ſchwieg ein wenig und ſtand endlich, wie mit Gewalt gezogen, auf:„Bin ich allein entboten,“ frug er, noder hier meine Schweſter auch?“„Du allein,“ erwiderten 4 ſte;„jene will ſie für ſich ſehen; denn jetzt ſeyen vor⸗ nehme Perſer bei Arſaken und ſey es auch ſonſt Sitte, Männer und Frauen geſondert vorzuſtellen.“ Da neigte ſich Theagenes zu Charikleien und ſprach leiſe zu ihr:„Nichts angenehmes! das erregt Verdacht!“ Sie erwiderte ihm aber, jetzt durfe er ſich nicht ſträuben, ſondern vor der Hand ihr nachgeben und ſich ſtellen, als ob er alles nach ihrem Willen zu thun geſonnen ſey. Da folgte er ſeinen Führern. Ihrem Unterricht, wie er eintreten und ſie anreden, wie jeder eingeführte das Knie beugen müſſe, erwiderte er nichts. Beim Eintritt fand er ſie auf erhabenem 19 Thron; ſchimmernd in purpurnem, goldleuchtendem Gewand, belaſtet mit köſtlichem Geſchmeide und ſtolzblickend unter der Pracht ihres königlichen Tul⸗ bends blühte ſie in allem Reiz des Schmuckes: Halle⸗ bardiere umſtanden ſie, vor ihr ſaßen die erſten Rä⸗ the; aber ſeinen freien Sinn beugte das nicht. Als ob er die verſtellte Ehrfurcht, die er mit Charikleien — 238.— verabredet, ganz vergeſſen, ſpornte es ihn nur mehr auf zu edlem Stolz ob dem prahlenden Schau⸗ ſpiel dieſer Perſer. Kein Knie beugte er, er neigte ſich nicht einmal. Stolz gerades Antlitzes ſprach er: „Gegrüßt ſey mir, Arſake, königlich Blut!“ Da zürn⸗ ten die Anweſenden; ein mißbilligendes Murren begann ob Theagenes' Tollkuhnheit und Frevel; doch lächelnd nahm Arſake das Wort:„Verzeiht ihm, dem unerfahrnen Fremdling, der ſo ganz als Grieche ſich gibt und vom dortigen Trotz gegen uns angeſteckt iſt!“ damit nahm ſie den Tulbend vom Haupt, ob es gleich die Anweſenden zu hindern ſuchten; das iſt nemlich Grußeserwiderung bei den Perſern.„Ge⸗ troſt! Fremdling,“ ſprach ſie zu ihm durch den Dol⸗ metſcher— ſie verſtand helleniſch, ſprach es aber nicht—„ſage was du wünſchteſt; es ſoll dir ge⸗ währt ſeyn!“ Damit entließ ſie ihn, durch einen Wink die Verſchnittenen bedeutend. Die Hallebardiere geleiteten ihn. Da erkannte ihn Achämenes, der ihn zum zweitenmal erſah, deutlicher noch und ſtaunte ob der hohen Ehre, die ihm ertheilt ward, den Grund indeß wohl ahnend. Dennoch ſchwieg er und that wie er beſchloſſen. Arſake indeß bewirthete die Vor⸗ nehmen unter den Perſern, ſcheinbar ſie wie gewöhn⸗ lich zu ehren: eigentlich feierte ſie das Feſt von Theagenes erſcheinen, ſandte ihnen nicht allein die gewöhnlichen Gerichte, ſondern auch Teppiche und bunte Lagerdecken, Werke von ſidoniſcher und lydi⸗ ſcher Hand. Auch Sklaven gab ſie hin zur Bedie⸗ nung, ein Mädchen Charikleien, dem Theagenes einen Knaben; ioniſcher Abkunft waren ſie, ihr Alter in der Blüthezeit; vor allen aber mahnte ſie Kybelen — 239— oft, recht eilig ihrem Drang zu genügen: ſie trage die Sehnſucht länger nicht; ließ doch dieſe ſo nichts un⸗ verſucht und umgarnte Theagenes auf alle Weiſe. Offen freilich verkündete ſie ihm Arſake's Willen nicht, aber in Umwegen und Räthſeln brachte ſie ihn zum ahnen: ſie erhob ihrer Fürſtin freundliche Sorge um ihn, ſchilderte in gewandter Rede ihren Liebreiz, nicht den bloß, der allen frei und offen von der Klei⸗ dung unverhüllt zu ſchauen vergönnt ſey, ſondern auch den ſüßeren drinnen, ihre zierliche freigewandte Sitte, wie ſie Freude an anmuthigen trotzig wilden Jünglingen habe. Durch all dies probte ſie, ob er buhleriſchen Lockungen ſich hingebe. Theagenes dankte ihrer Sorge und lobte ihre Liebe zu Griechenland und was dergleichen war: das verführeriſche, das ſie ungehörig mit einflocht, überging er mit Fleiß, als ob er's gar nicht verſtände. Da verſagte der Alten die Stimme: ihr Herz ſchlug in Schrecken, als ſie bedachte, wie er wohl ihr Anmuthen errathe aber die Lockung dreiſt zurückweiſe, wie Arſake ihr geklagt, daß ſie es in liebender Raſerei nicht mehr zu tragen, ſich nicht mehr zu halten vermöge, wie ſie nach der Ver⸗ kündigung ſich ſehnte, womit ſie von Kybelen auf ſo mancherlei Weiſe war hingehalten worden: hatte ſie doch bald geſagt: der Jüngling ſey noch zu ſchüchtern, bald: es ſey ihm eine Unbaslichkeit zugeſtoſſen. Der fünfte und ſechſte Tag war alſo vorübergegangen und 20 Charikleia ein und das andere Mal zu Arſaken ſchon gerufen worden, die aus Liebe zu Theagenes ſie mit Ehre und Fürſorge empfing: da ward ſie gezwungen deutlicher mit Theagenes zu ſprechen und offenbarte ihm ohne Rückhalt jene Liebe, verhieß ihm, wenn er — 240— einwillige, tauſend Herrlichkeiten und ſetzte endlich hinzu:„Wie zaghaft! Iſt's nicht lockend genug? Ein ſo ſchöner kraftbluͤhender Jüngling ſtößt ein gleich reizendes Weib zurück, die für ihn hinſchmilzt und ergreift, was ſich ihm beut, nicht mit Haſt wie einen hohen Fund? Iſt doch nichts zu fürchten bei der Sache, der Gatte iſt nicht daheim und ich, ihre Amme, die das Geheimniß allein in der Hand hat, ſorge für die Zuſammenkunft. Kein Hinderniß iſt da, weder Braut, noch Gattin. Und ſelbſt darüber ſetzte mancher ſchon ſich hinweg, der Verſtand hatte und meinte nicht damit ſeine Angehörigen zu verletzen, ſondern ſich ſelbſt Vortheil zu bringen, da Reichthum ihm zuſtrömt und der Genuß ſüßes Verlangens. Zu⸗ letzt miſchte ſie auch Drohungen ihrer Rede ein. Hohe Frauen, die der Jünglingsliebe hold ſind, verzeihen nimmer und zürnen unverſöhnlich, wo ſie Widerſtand finden: ſie rächen, wie begreiflich, dieſe Verachtung als ein Verbrechen. Und ſo bedenke denn noch, daß ſie Perſerin iſt und ein königlich Blut, wie du ſelbſt ſie angeredet, daß ſie Macht und Vermögen genug beſitzt, den ihr holdgeſinnten zu ehren und einem trotzig widerſtrebenden zu vergelten. Und du biſt fremd und verlaſſen und ohne Beſchützer. So ſchone denn dein ſelbſt und ſchone ſie! Sie iſt werth deiner Schonung, da ſie in Verlangen für dich glüht, das ihr billig gewährt werden mag. Scheue den Zorn ihrer Liebe und die Rache verſagter Luſt! Weiß ich doch manche, die es ſchon gereut. Ich habe grö⸗ ßere Erfahrung im Werk Aphroditens als du. Dieß graue Haar— ſieh her!— hat ſchon mit manchem Jüngling gekämpft; aber einen ſo ungerührten, — 241— widerſpenſtigen kenn' ich nicht!“ Damit wandte ſie an Charikleien ihre Rede— ſie war gezwungen in deren Gegenwart ſolches zu reden—„Red' auch du, meine Tochter! ihm zu, den ich gar nicht deinen Bruder nennen mag. Auch dir ſoll die Sache zum Vortheil ausſchlagen; du ſollſt nicht weniger geliebt und mehr geehrt werden, des Reichthums übergenug erhalten; eine glänzende Vermählung wartet dein. Das iſt ja ſelbſt im Glück wohl wünſchenswerth und nun vollends Fremden, welche vom Mangel jetzt ge⸗ drückt ſind.“ Halb ſpottend und bitter ſah Chari⸗2 kleia ſie an:„Es wäre freilich ſehr ſchön und wün⸗ ſchenswerth, wenn die treffliche Arſake nicht ſo etwas erfahren hätte oder dann wenigſtens den Schmerz mit Kraft ertrüge; indeß da etwas menſchliches ihr begegnet und ſie ſo ganz beſiegt iſt, ihrem Verlangen unterthan, ſo möchte auch ich dem Theagenes rathen, der Sache nicht zu widerſtreben, wenn es mit Si⸗ cherheit geſchehen könnte und er nicht ſich und ſie ſelbſt in ungeahntes Unglück bringt, wenn das an's Licht käme und der Statthalter das geſetzwidrige der That irgend erführe!“ Da ſprang Kybele auf, umhalſte und küßte Charikleien tauſendmal:„So recht, liebes Kind,“ rief ſie,„daß du Mitleid hegſt mit einem weiblichen Weſen, welches dir gleich geſchaffen iſt, und zugleich um die Sicherheit des Bruders ſorgſt. Aber darum ſey ruhig! Die Sonne ſelbſt, wie das Sprichwort ſagt, ſoll nichts erfahren!“„Sey nur ſtill vor der Hand,“ ſprach Theagenes,„und laß uns die Sache berathen!“ Und kaum war Kybele hinaus, als Charikleia begann:„O mein Theagenes, Theagenes u. Charikleia. 16 — 242— ſolch ein Gluck führt die Gottheit uns zu, in welchem mehr Unglück als Freude liegt. Doch iſt's der Klug⸗ heit gemäß, auch Mißgeſchick ſo gut man's vermag zum beſten zu kehren. Ob du nun gewillt biſt, das Werk ganz zu vollbringen, weiß ich nicht zu ſagen, ob ich gleich nicht ſehr mich ſperren will, wenn nur darin allein unſere Rettung liegt. Hältſt du aber ihr Verlangen nach Recht für unſtatthaft, ſo ſtelle dich als einwilligend, halte mit Verheißungen das Verlangen der Barbarin hin und uͤberhebe uns ihren Nachſtellungen durch Aufſchub. Kühle die Gluth ihrer Seele durch Hoffnung und lindere ſie durch Verſprechen. Die Götter werden uns ja in der Zeit dann eine Rettung gönnen! Nur, mein Theagenes, erniedrige dich in dieſem Nachdenken nicht zum Be⸗ ſchluß des unheiligen Werkes.“ Theagenes lächelte: „Selbſt im Unglück verläugneſt du nicht die den Frauen eingeborne Krankheit der Eiferſucht. Wiſſe denn, daß ich nicht vermag, ſo etwas ſelbſt nur zu heucheln. Es iſt gleich erbärmlich, eine Schändlichkeit zu be⸗ gehen, wie auszuſprechen. Ueberdem hat es ſo etwas reizendes für mich, daß Arſake es aufgeben muß: ſie wird uns dann nicht mehr beſchwerlich fallen. Und muß etwas erduldet werden: ſo ſtehen wir den Stürmen, wie Geſchick und Sinnesmuth ſchon ſo oft mich gelehrt!“„Du wirſt uns in großes Unglück 22 bringen!“ ſprach Charikleia und ſchwieg. Während ſte das mit einander beriethen, hatte Kybele Arſaken ſchon wieder mit Fittigen der Hoffnung aufgeregt, ſie könne das beſte hoffen, hatte ſie geſagt, Theagenes laſſe ſo etwas ahnen, und war dann wieder heim ge⸗ gangen. Den Abend war ſie dann ruhig, aber Nachts = 43— rief ſie Charikleien, die ſtets ihre Lagergenoſſin war, oft auf, ihr ja beizuſtehn, und frug am Morgen den Theagenes wieder, was er beſchloſſen. Der ſchlug es frank und frei ab und betheuerte, daß auf keine Weiſe etwas zu erwarten ſey: da lief Kybele voll Gedanken zur Arſake, und als der Theagenes' Trotz verkündet war, herrſchte ſie den Dienern zu, die Alte über Hals und Kopf hinaus zu werfen, eilte in ihr Gemach, ſank auf ihr Lager, gegen ſich ſelbſt wüthend. Und kaum hatte Kybele den Frauenſaal verlaſſen, als ihr Sohn Achämenes ſie niedergeſchlagen und in Thränen fand:„Iſt etwas unheimliches, etwas ſchlimmes vorgefallen, Mutter?“ frug er, nhat irgend eine Bot⸗ ſchaft die Herrin übel gelaunt? ward irgend ein Un⸗ glück vom Heer berichtet? haben die Aethioper im jetzigen Krieg Oroondates unſerem Herrn etwas an⸗ gethan?“ Und dergleichen fragte er vielerlei.„Schwaͤz⸗ zer!“ rief ſie und eilte hinweg. Er ließ aber nicht nach, folgte ihr, nahm ihre Hände und bat ſie ſchmeichelnd, ihrem eignen Sohn doch zu offenbaren was ſie betrübe. Da nahm ſie ihn mit ſich und führte 23 ihn abſeits in einen Winkel des Gartens:„Einem andern hätte ich mein und meiner Herrin Leid nicht offenbart“— ſo begann ſie;— aber weil ſie ſelbſt im höchſten Wogendrang der Leidenſchaft iſt und ich in Todesgef ehr ſchwebe— denn ich weiß wie Arſake's Schmerz uno Wuth an mir ſich auslaſſen wird— ſo muß ich's denn wohl ſagen, ob du vielleicht eine Hilfe für deine Mutter, die des Tages Licht dir ſchenkte und mit dieſer Bruſt dich auferzog, erdenken mögeſt. Den Jüngling, der bei uns wohnt, liebt die Gebie⸗ terin, aber nicht in erträͤglicher hergebrachter Liebe, ſon⸗ — 244— dern unheilbar, und wir haben uns bis jetzt getäuſcht, daß ſie zu heben ſey. Das bedeutete die viele Sorg⸗ ſamkeit und ausgeſuchte Aufnahme der Fremden. So iſt er aber ein alberner, tollkuühner und unbändiger Junge, der's uns rund abſchlug, und ſo weiß ich, daß ſie ſelbſt nicht leben kann und mich töden wird, weil ich ſie mit Verheißungen getäuſcht und hintergan⸗ gen. Das iſt's, mein Sohn, und wenn du helfen kannſt, ſo hilf mir. Wo nicht, ſo beſtatte deine todte Mutter!“ Da begann er:„Was iſt mein Lohn, Mutter? Denn jetzt iſt's nicht Zeit zu zaudern und meine Hülfe in Umwegen und zirkelnden Reden dir zu verſprechen, da du ſo unglücklich biſt und faſt dem Tode nahe!“„Erwarte Alles, was du magſt, ent⸗ gegnete ihm Kybele. Zum Erzmundſchenk hat ſie dich ſchon mir zu Ehren ernannt. Dringſt du aber noch auf eine höhere Würde, ſo ſprich nur. Zahlloſer Reichthum ſoll dein ſeyn, wenn du der Retter der unglücklichen biſt.“„Lang habe ich das geahnt, Mutter, und gemerkt: aber ich ſchwieg in Erwartung der Zukunft. Doch verlang' ich weder Ehre noch Reichthum, wenn ſie das Mädchen— Theagenes Schweſter mein' ich,— mir zur Gattin gibt, dann ſoll ihr alles nach Wunſch gelingen. Mutter, ich liebe das Madchen ohne Maß und es wird die Ge⸗ bieterin, die dieſen Schmerz, wie groß er iſt, aus eigner Erfahrung kennt, gern mir beiſtehen in derſelben Wunde und vollends, wenn ich ihr ein ſolches Glück verheiße!“„Zweifle nicht,“ entgegnete Kybele,„gewiß wird die Herrin dir dies als Dank ohne zögern ver⸗ ſtatten, wenn du ihr Retter und Wohlthäter wardſt, und vielleicht überreden wir das Mädchen auch ſchon ſo. Aber wie willſt du helfen?“„Ich ſage eher nichts davon, bis die Herrin mir durch Eide das zugeſichert hat. Und du verſuche nur gar nichts an dem Mäd⸗ chen— weiß ich doch, daß auch ſie hoch hinaus will und übermüthig iſt— damit du die Sache nicht ver⸗ derbeſt!“„Alles ſoll geſcheh'n!“ ſprach ſie, und lief zu Arſaken ins Gemach, fiel ihr zu Füßen und ſprach: „Sey wohlgemuth! Es ſteht alles gut mit der Götter Willen. Geſtatte nur, daß mein Sohn herein trete!“ „Er komme,“ rief Arſake,„nur hintergeh' mich nicht abermals!“ Achämenes trat herein und als die Alte 24 das ganze ihr vorgetragen, ſchwor ihm Arſake zu, die Schweſter des Theagenes ihm zu vermählen. Dar⸗ rauf begann Achämenes:„Nun ſoll er Ruhe haben, dieſer Theagenes, da er Sklav iſt und gegen die eigne Gebieterin gefrevelt hat.“„Und wie das?u fragte ſie dagegen. Da erzählte er alles, wie nach Kriegs⸗ recht Theagenes gefangen und ſeiner Freiheit verluſtig ſey: wie Mitranes ihn zum Oroondates geſandt um dem großen König überbracht zu werden: wie er ſelbſt — Achämenes— um ihn dorthin zu führen, ihn überkommen, dann wieder verloren durch den Anfall, welchen die Beſſäer und Thyamis gewagt, wie mit Mühe er allein entronnen. Zur Beglaubigung zeigte er Arſaken Mitranes' Schreiben an Oroondates, welches er mit Vorbedacht bei ſich führte; auch habe man ja Thyamis, wenn es noch anderer Beweiſe be⸗ dürfe, als Zeugen. Da athmete Arſake wieder auf: ſie zögerte keinen Moment, verließ ihr Gemach, ſetzte ſich in dem Saal, wo ſie die Staatsgeſchäfte zu be⸗ ſorgen pflegte, zurecht und befahl den Theagenes zu rufen. Als er hereingetreten, frug ſie: ob Achäme⸗ — A⁴& — 246 nes ihm bekannt ſey— ſie deutete auf ihn, der nahe bei ſtand. Das bejahte er:„Auch wohl, daß er dich als Gefangnen überkam?“ Auch das beſtätigte Theagenes.„So biſt du mein! das wiſſe! Und ſo ſollſt du Sklavendienſte verrichten, meines Winks gewärtig ſeyn ſelbſt gegen deinen Willen! Deine Schweſter verlob' ich hier dem Achämenes, der mir der nächſte iſt, theils weil ich ſeine Mutter ehre, theils weil er ſelbſt mir zugethan iſt: und nur ſo lang will ich's aufgeſchoben wiſſen, als Tage hin⸗ reichen, um das Feſt recht glänzend zu bereiten!“ Wie eine Wunde trafen Theagenes dieſe Worte. Er erkannte, daß es hier nicht offnen Kampf gelte, ſon⸗ dern daß man ausweichen müſſe, wie der Wuth eines wilden Unthiers.„Herrin!“ begann er,„den Göttern ſey gedankt, daß wir, dem edelſten Stamm entſproſſen— wahrlich es heißt Gluͤck im Unglück!— nicht andern, ſondern dir als Sklaven verfallen ſind, die uns, die wir fremd und heimathslos erſchienen, ſo mild und freundlich beachtete. Was meine Schweſter anlangt— ſie iſt nicht Kriegsgefangne, auch nicht Sklavin, gibt ſich aber gern freiwillig dei⸗ nem Dienſt und dieſem Namen hin, wenn dir es Freude macht— thue, was dir recht erſcheint.“ Man ordne ihn den Tafeldienern zu, herrſchte Arſake und Achämenes lehre ihn das Mundſchenkenamt, auf daß er bald an den Königdienſt ſich gewöhne!“ Da gingen ſie hinaus, Theagenes düſterſchwei⸗ gend: ſein Blick hatte ſich in der Betrachtung, was nun zu thun ſey, verloren, Achämenes lachte, und neckte Theagenes:„Der ſo ſtolz ſonſt war und aufge⸗ — 247— blaſen, der mit dem unbeugſamen Nacken, der allein freie, der nicht ertrug, ſein Haupt zum Gruß zu neigen— biſt du beugſam jetzt geworden und fügſt dich handgreiflichen Beweiſen?“ Arſake entließ unterdeß alle anderen und begann zur Kybele allein folgendermaßen.„Nun iſt ihm jeder Vorwand be⸗ nommen: geh hin zu dem übermüthigen und ſag ihm, daß, ſo er uns ſich fügſam zeigt, und nach unſerem Willen thut, die Freiheit ihm Lohn ſeyn und er künftig neidenswerth in Freude leben ſoll. Beharrt er beim Gegentheil und verachtet dieß liebende Herz, ſo ſoll er fühlen den Zorn ſeiner Herrin, ſoll die ärgſte Skla⸗ verei und die niedrigſte ihn einjochen, ihm ſoll jede erſinnliche Züchtigung werden.“ Kybele kam und meldete Arſake's Gebot: ſie ſelbſt ſetzte noch manches aus eignem Antrieb hinzu, was ſie geeignet glaubte, die Deutlichkeit recht zu erhöhen. Da rief ihr Thea⸗ genes zu, ein wenig zu verziehen, zog Charikleien allein bei Seite und begann:„wir ſind verloren, Charikleia! uns iſt jedes Seil zerriſſen, jeder Anker der Hoffnung durchaus entrückt: nicht einmal frei iſt unſer Name; abermals ſind wir Sklaven geworden — er fügte hinzu auf welche Weiſe— und der ſchimpf⸗ lichen Willkühr einer Barbarin hingegeben; wir thun entweder, was ſie uns gebietet, oder laſſen uns zu den Verbrechern zählen. Und das wäre alles zu ertragen; aber das härteſte: dich hat Arſake dem Achämenes, der Kybele Sohne, verlobt: es ſoll nimmer geſchehen oder meine Augen ſehen es nicht, ſo lang ich Schwert und Waffen noch zu führen vermag. Aber was iſt zu thun, welcher Ausweg zu ergreifen, daß ich mein Hingeben an Arſaken und dein furchtbares an Achä⸗ — 248— menes vermeiden möge?“„Geſtändeſt du eins zu, verſetzte Charikleia, ſo koͤnnteſt du mein anderes wohl verhindern!“—„Halt ein!“— rief Thea⸗ genes—„möge des finſtern Geiſtes Macht, der uns verfolgt, nie ſo gewaltig ſeyn, daß mich, der Charikleien nie berührte, das umfangen einer Frem⸗ den beflecken ſollte.— Aber ſieh!— da find' ich ein Wagſtück— iſt doch die Nothwendigkeit immer Erfinderin der Gedanken!“— wandte ſich drauf zur Kybele und ſprach:„Verkünde deiner Gebieterin, daß ich allein und ohne alle Zeugen mit ihr zu reden 26 wünſche!“ Jetzt habe ſie's, jetzt wolle Theagenes ſich fügen, meinte die Alte und brachte der Arſake die Botſchaft. Und als ihr geſagt worden, nach der Tafel den Jüngling herein zu bringen, that ſie nach dem Befehle. Dann empfahl ſie den Gäſten, ihrer Herrin Ruhe zu gönnen und nicht das Frauengemach zu beunruhigen: darauf führte ſie Theagenes hinein. Alles andere war finſter; denn die Nacht brach ſchon herein und begünſtigte die Verborgenheit: nur eine Leuchte brannte im Gemach. Sie ſelbſt ſtellte ſich, als er hereingetreten war, abſeits; aber Theagenes hielt ſie:„Herrin, auch Kybele möge nahe bleiben; ich weiß, wie treu ſie ein Geheimniß bewahrt.“ Dann nahm er Arſake's Hände und begann:„Meine Herrin! Nicht war's auch früher Uebermuth gegen deinen Willen, daß ich deinem Gebot mich nicht fügte, mein Sinnen war nur darauf gerichtet, wie es ſicher ge⸗ ſchehen möge. Jetzt nun, da ein freundlich Geſchick mich dir zum Sklaven hingab, bin ich um ſo mehr bereit, dir in allem zu Willen zu ſeyn. Nur eine Bitte gewähre mir, haſt du ſo vieles und großes mir doch — 240— verheißen! Nimm die Verlobung Charikleiens an Achämenes zurück! denn— alles andere nicht zu gedenken— ſo iſt's ungerecht, daß die, welche die edelſte Geburt ſchmückt, einem Sklaven ſich geſellen ſoll— oder ich ſchwöre dir beim Helios, der Götter herrlichſtem, und bei allen andern Göttern, daß ich deinem Willen mich nimmer hingebe! Und ſo Chari⸗ kleia mit Gewalt gezwungen wird, ſo ſollſt du mich eher von eigner Hand fallen ſehen!“ Da erwiderte ihm Arſake:„Glaube mir doch, daß ich alles dir opfern möchte, wenn ich ſelbſt dir ganz mich hinzugeben gedenke! Aber ich habe es fruͤher beſchworen, dem Achämenes deine Schweſter zu geben!“„Wohl, theure Herrin! Meine Schweſter magſt du, wer ſie auch ſey, ihm geben; aber meine Verlobte, meine Braut — warum nicht meine Gattin?— wirſt du— das weiß ich— ihm nicht geben wollen und könnteſt es ſelbſt nicht mit deinem Willen!“„Was ſagſt du da?“ frug ſie erſtaunt.„Die Wahrheit,“ entgegnete er. „Charikleia iſt nicht meine Schweſter, ſondern, wie ich geſagt, meine Braut. So biſt du deines Eides entbunden und kannſt es ihm ſelbſt beweiſen, wenn du vergönnteſt, meine und ihre Hochzeit zu feiern!“ Es ſchmerzte ſie, als ſie nicht ohne Eiferſucht vernahm, wie Charikleia ſeine Braut, nicht ſeine Schweſter ſey; dennoch ſprach ſie:„Es ſey, wie du ſagſt! Und Achämenes wollen wir durch eine andere Verlobung beruhigen!“„Auch ich bin dein,“ erwiderte Thea⸗ genes,„nach dieſem Beſchluß!“ damit bog er ſich hin, ihre Hände zu küſſen; aber ſie neigte ſich, reichte ihm die Lippen und küßte ihn. So ging Theagenes geküßt hinweg: er ſelbſt hatte nicht geküßt. Alles — 230— erzählte er Charikleien, als die Gelegenheit ſich ihm bot, während auch ſie manches nicht ohne Eiferſucht vernahm, und unterrichtete ſie auch von dem Zweck ſeiner ſchmählichen Verheißung, wie er viel mit Einem Mal zu erlangen gedenke. Dem Achämenes ſey der Gedanke an Hochzeit verſcheucht und für Ar⸗ ſake's Verlangen für jetzt Vorwand zum Aufſchub ge⸗ wonnen:„Und die Hauptſache— fügte er hinzu— Achämenes wird, wie natürlich, großen Lärm begin⸗ nen im Schmerz über ſeine getäuſchte Erwartung, und im Zorn, daß ich ihn bei Arſaken in der Gunſt überwogen: denn ihm wird nichts davon verborgen bleiben, da ſeine Mutter zugegen war, die ich mit Vorbedacht an der Unterredung theilnehmen ließ, daß ſie dem Achämenes alles verkündete und zugleich eine Zeugin wäre meiner Vertrautheit mit Arſaken — ſey's auch in Worten nur. Wohl mag es freilich genügen in reinem Bewußtſeyn nur der Götter Gnade hoffend ſich hinzugeben: aber ſchön iſt's auch, ſelbſt die Menſchen um uns für etwas zu beſtimmen und in freier Rede und Handlung dies zugemeſſene Leben zu durchwandeln.“ Er fügte hinzu, wie ſehr man erwarten könne, daß Achamenes Arſaken nachſtellen werde— er, den das Geſchick zum Sklaven geſtem⸗ pelt—(denn ſtets iſt dem herrſchenden der beherrſchte feindlich entgegen) und nun ſey er vollends gekränkt, ein Eid ihm gebrochen, er wähne andere ſich vorgezo⸗ gen in ſeiner Liebe, ſey Mitwiſſer des ſchändlichſten und geſetzwidrigſten Vorfalls, brauche nichts zum Vorwand zu erdichten, was ſo viele ſchon im Zorn gewagt, da die Wahrheit ſelbſt ihm die Rache in die Hände gebe. Das und manches andere überrechnete 27 er vor Charikleien und hatte ſie wirklich etwas ge⸗ faßt geſtimmt, als er am folgenden Tag vom Achä⸗ menes geholt ward, um an der Tafel Dienſte zu thun. So hatte Arſake geboten, die ihm zugleich ein präch⸗ tiges Perſergewand ſchickte. Das zog er an und ward mit goldenen Ketten und edlen Steinen um den Hals halb gutwillig, halb gezwungen geſchmückt. Und als Achämenes ihm das Mundſchenkenamt zu zeigen und ihn darin zu unterweiſen ſuchte, da ſchritt Thea⸗ genes auf einen Dreifuß zu, der die Becher trug, nahm eine prächtige Schaale hervor und ſprach: „Ich brauche keinen Lehrer, will meine Herrin ſchon mit eignem Geſchick bedienen und mich nicht zu ſo leichtem Ding erſt unanſtellig zeigen. Dich, mein beſter, hat das Schickſal zu ſolchem Lehrdienſt ge⸗ zwungen; mir heißt ſchon Natur und Gelegenheit, was ich zu thun habe!“ Damit kredenzte er mit ge⸗ wandtem Anſtand der Arſake; leichtgefällig ruhte die Schale auf den Spitzen ſeiner Finger. Mehr als je reizte der Trank ſie auf zu ſuͤßem Wahnſinn der Liebe: feſt und unverwandt hing, während ſie ſchluͤrfte, ihr Blick am Theagenes: mehr ſog ſie der Liebe in ſich, als des Getränkes, und trank vorſätzlich die Schale nicht ganz aus, mit Fleiß reichte ſie grußend den kleinen Reſt dem Theagenes. Schmerzlich ver⸗ wundet ſtand Achämenes gegenüber, Zorn und Eifer⸗ ſucht füllten ihm die Seele, daß ſelbſt Arſake es wahrnahm, wie er ſie anfunkelte und denen neben ihm heimlich zumurrte. Als das Mahl geendet war, begann Theagenes:„Um die erſte Gunſt fleh' ich dich, Fürſtin, an! Laß mich nur im Dienſt dieß Perſerge⸗ — 252— wand tragen lu Arſake ſagte es ihm zu. Da kleidete er ſich wie ſonſt und ſchritt hinaus. Auch Achämenes eilte hinweg, ſchalt Theagenes tüchtig ob ſeiner Keck⸗ heit, wie kindiſch ſein dreiſtes Weſen ſey, wie die Herrin es ihm nur das erſte Mal als einem fremden und unerfahrnen überſehen habe, bleibe er bei ſeiner 4 Tollkühnheit, ſo werde es nicht gut. Das rathe er ihm als Freund, beſonders da er nun bald mit ihm verwandt und ſeine Schweſter nach der Gebieterin Verheißung heimführen werde. Dergleichen ſprach er noch manches: Theagenes aber ging, den Blick auf den Boden geheftet, an ihm vorüber, als ob er nichts hörte: bis Kybele zu ihnen trat: welche ihre Herrin zum Mittagſchlummer zu bringen eilte. Und als ſie ſo finſter ihren Sohn erblickte, frug ſie nach der Ur⸗ ſach.„Je, der junge Fremdling,“ erwiderte er, nſteht höher als wir, der geſtern und heut ſich einge⸗ ſchlichen, ſoll Mundſchenk ſeyn, giht uns Tafelmeiſtern und Mundſchenken rundweg den Abſchied und reicht ihr die Schale und ſteht nahe ihrem königlichen Leib, während er unſere Würde— nur dem Namen nach iſt ſie's!— hinwegdrängt. Und daß er geehrt wird und Theil nimmt an höherem und geheimerem, wozu wir ſelbſt feig genug ſchweigen und ſogar be⸗ huͤlflich ſind; das iſt noch das weniger kränkende? ob es gleich ſchon kränkend genug iſt Aber es ſollte das doch wenigſtens ohne Verachtung gegen uns geſchehn, die wir Förderer und Helfer der trefflichen Geſchich⸗ 28 ten ſind! Doch darüber ein andermal! Für jetzt, Mutter, will ich meine Braut, die üͤber alles mir theuere Charikleia ſehen, ob ich die Kränkung meiner Seele an ihrem Anſchauen verbannen möge.“„Deine — 253— Braut, mein Kind!“ frug Kybele,„ſo ſcheinſt du über das geringſte bei dir zu zürnen, während das größere dir in Unkunde entgeht! Charikleien bekömmſt du nicht zur Gattin!“„Was redeſt du?“ fuhr er auf,„bin ich nicht werth, meine Mitſklavin zu freien? Warum, o Mutter?“„Wir ſind ſelbſt ſchuld und unſere ſtrafbare Ergebenheit und Treue für Arſake. Hatten wir doch ſie und ihre Sicherheit höher denn uns geachtet, hatten ihrem Verlangen das eigne Heil nachgeſetzt und nur ihrer Luſt gefröhnt! ſiehe da kommt der hohe und herrliche Geliebte nur einmal in ihr Gemach, nur ſein Anblick bringt ſie dahin, die Eide, die ſie dir geſchworen, zu brechen und ihm Charikleien zu verloben, die er nicht ſeine Schweſter ſondern ſeine Braut nennt.“„ Und das hat ſie ihm verheißen, Mutter?“„So iſt's mein Sohn!“ er⸗ widerte Kybele,„war ich doch ſelbſt dabei und hörte es! In wenig Tagen wird ſie ihre Hochzeit glänzend feiern. Dir verſprach ſie eine andere zur Hausfrau zu geben!“ Da ſchnaubte Achämenes, rieb wüthig die Hände und ſprach:„Ha, eine bittere Hochzeit will ich ihnen allen bereiten! Nur verhilf mir zu einem hinlänglichen Aufſchub der Hochzeit, und ſo jemand nach mir verlangt, ſo ſage nur, ich liege ſehr krank auf einem Landgut. Braut nennt der hohe Herr ſeine Schweſter! Als ob wir nicht faßten, daß es nur geſchieht, um mich abzuweiſen! denn wenn er ſie umfängt, wenn er ſie küßt, wie jetzt, ja wenn er ein Lager mit ihr theilt: ſo iſt der Beweis freilich klar, daß es nicht ſeine Schweſter, ſondern ſeine Gattin iſt. Laßt mich nur ſorgen und die Götter der Eidſchwüre, die verhöhnt ſind!“ — 254— 29 So ſprach er, von Zorn, Liebe und Kränkung aufgeſtachelt; ſchon ein anderer wäre dadurch aufge⸗ reizt und nun vollends ein Barbar. Den Gedanken, der ſich ihm aufdrängte, beleuchtete er nicht mit 4 Vernunftgründen, die erſte Hitze hatte darüber ent⸗ ſchieden: als der Abend kam, nahm er heimlich ein armeniſch Roß, wie ſie zu Feſtzügen und Feierlich⸗ keiten für den Statthalter gepflegt wurden, und jagte zum Oroondates, der damals lei Großtheben das Heer gegen die Aethioper zuſammen gezogen hatte, jede mögliche Kriegsrüſtung und Mannſchaft aufbot, und ſchon bereit war, gegen ſie aufzubrechen. Ach te s Buch. Der Aethioper König hatte unterdeß den Oroonda⸗ 1 tes uͤberliſtet: der eine Preis des Kampfes war ſchon ſein, indem er die von jeher ſtreitige Stadt Philä durch ein ſchnelles Zuvorkommen ſich errungen und ihn da⸗ durch ſo verwirrt hatte, daß er ihn zwang, ſeinen Zug in aller Eile zu ordnen und manches nur oben⸗ hin zu betreiben. Die Stadt Philä liegt nämlich am Nil etwas oberhalb der kleinen Waſſerſtürze. Von Syene und Elephantine iſt ſie ohngefähr hundert Sta⸗ dien entfernt. Vertriebene Aegyptier hatten ſie einſt eingenommen und bevölkert und alſo Aethiopiern und Aegyptiern einen Zankapfel geſchaffen. Jene be⸗ haupteten, die Waſſe ſtürze ſeyen die Gränze von Aethiopien: die Aegypter hingegen verlangten: Philä, weil ihre flüchtigen Landleute es bewohnten, ſolle, als ihnen heimgefallen, ſich unterwerfen. So wech⸗ ſelte die Herrſchaft der Stadt beſtändig: wer ſie zuerſt einnahm und eroberte, dem gehörte ſie zu. Damals — 256— nun war gerade eine Beſatzung von Aegyptiern und Perſern drin und der Aethioper König ſandte darum eine Botſchaft zum Orvondates um Philä zu fodern, ſamt den Smaragdgruben. Schon oft hatte er das, wie ſchon geſagt, entbieten laſſen, und nichts aus⸗ gerichtet: da gebot er den Geſandten nur wenig Tage vor ihm aufzubrechen: er ſelbſt folgte ihnen, denn er hatte ſich ſchon längſt vorbereitet— zu ei⸗ nem andern Kriege hieß es— und keinem geſagt, wohinaus er mit dem Heere ziehe. Und wie er ver⸗ muthete, daß ſeine Botſchafter über Philä hinaus waren — Einwohner und Beſatzung waren fahrläßig ge⸗ worden, weil ſie verkündeten, daß ſie nun Fried' und Freuudſchaft dingen ſollten,— da ſtand er ſelbſt plötzlich davor, trieb die Beſatzung heraus, die ſich etwa zwei oder drei Tage hielt, aber der Menge der Feinde und Belagerungswerkzeuge ſich ergab. So uͤberkam er die Stadt, traute aber keinem der Ein⸗ wohner. In dieſer Verwirrung fand Achämenes den Oroondates, der alles von den Entkommenen erfah⸗ ren hatte und nun ob deſſen plötzlichem und unerwar⸗ tetem Erſcheinen noch mehr erſchrak. Ob Arſaken oder ſonſt dem Hauſe etwas übles begegnet ſey, frug er. Achämenes bejahte es und verlangte ihn allein zu ſprechen. Und wie denn alle hinaus waren, verkündete er ihm alles, wie Theagenes vom Mitranes gefangen zum Orvondates geſandt worden, um von dieſem, nach Befinden, als ein Geſchenk zum großen König überbracht zu werden— denn der Jüngling ſey des königlichen Hofes und Tiſches werth— wie die Beſſäer ihn geraubt, und den Mitranes getödtet: wie er ſelbſt dann nach Memphis gekommen ſey. Die — 257— alte Wunde mit Thyamis reizte er auf und erzählte zuletzt Arſake's Liebe zum Theagenes, ſeine Wohnung in der Königsburg, ſeine herrliche Aufnahme, ſeinen Dienſt und ſein Mundſchenkenamt: wie vielleicht noch nichts geſetzwidriges geſchehen ſey, weil der Jüngling bis jetzo widerſtanden und ſich gewehrt habe: doch müſſe man fürchten daß man ihn zwinge, oder der Fremdling endlich de. Zeit ſich füge, wenn man ihn nicht eilig aus Memphis hinwegbringe und Arſaken den Gegenſtand ihrer Liebe ganz entferne, darum ſey er ſelbſt herangeeilt, und offenbare es insgeheim aus Treue für ſeinen Herrn, weil er's nicht über ſich gewinne, etwas, das ſeinem Herrn entgegen ſey, zu verſchweigen. Schon entbrannte Orvondates in Zorn und war 2 ganz zu Wuth und Rache aufgereizt, als Achämenes wieder ſeine Begierde aufſchürte indem er von Cha⸗ rikleien ſprach, ihre Anmuth in ihrer ganzen Größe erhob und ganz vergötterte, wie des Mädchens Schönheit weder je erblickt worden, noch je wieder erſchaut werden könne:„Glaube nur,“ ſagte er, nalle deine Freudendirnen ſind nichts gegen ſie und nicht bloß die in Memphis, ſondern die, welche dir mitgefolgt ſind.“ Dazu fügte Achämenes noch manches hinzu, in der Hoffnung, daß wenn Oroondates Charikleien auch genaht wäre, er ſie dennoch als Lohn für ſeine Angabe einſt zur Ehe erhalten werde, wenn er ſie fodere. Schon war der Statthalter ganz zu Feuer und Flamme aufgeregt— Zorn und Verlangen hatten ihn wie umgarnt: er rief den Bagoas, einen ſeiner treuſten Verſchnittenen, entbot funzig Reuter Theagenes u. Charikleia. 17 —- 258— fuͤr ihn und ſandte ihn gen Memphis, um Theagenes und Charikleien ſo ſchnell als möglich zu ihm zu bringen, mit der Vollmacht, wo er ſie auch tref⸗ fen möge. Auch Briefe gab er ihm mit. Der eine, an Arſaken, lautete alſo: Oroondates entbietet Arſaken ſeinen Gruß! Ueberſende mir den Theagenes und die Chari⸗ kleia, die gefangenen Geſchwiſter, des Königes Sklaven, auf daß ſie dem Könige übergeben werden. Sende ſie gutwillig: ſonſt werden ſie mit Gewalt hinweggeführt, und Achämenes Angabe würde dadurch nur bekräftigt werden. Folgender war an Euphrates, den oberſten der Verſchnittenen in Memphis. Ob deiner Fahrläſſigkeit in meinem Hauſe ſollſt du mir künftig Rechenſchaft geben. Jetzt übergib die fremden griechiſchen Gefangenen dem Bagoas, daß er ſie hieher bringe, ſey's mit oder ohne Arſake's Willen. Gib ſie auf jeden Fall: oder ich laſſe dich ſelbſt in Feſſeln hieher ſchaffen und deines Felles verluſtig gehn. So zog Bagvas und ſeine Begleiter ab in ihrem Geſchäfte: die Befehle waren mit des Statthalters Inſiegel verſehen, damit die in Memphis ihm um ſo mehr glaubten und die jungen Leute herausgäben. Auch Orvondates zog nun in den Kampf mit den Aethiopern und befahl auch dem Achämenes ihm zu — 259— folgen, der heimlich ohne ſein Wiſſen beobachtet ward, bis ſich ſeine Angabe als wahr zeigen wurde. In dieſen Tagen geſchah nun in Memphis fol⸗ gendes. Kaum war Achämenes hinweg, als Thyamis die Oberprieſterſchaft in ihrem ganzen Umfang über⸗ nommen und ſomit der erſte ward in der Stadt. Kalaſiris Beſtattung war vollendet und in den be⸗ ſtimmten Tagen dem Vater nach Gebühr geſchehen, da gedachte er Theagenes und ſeiner Begleiterin erſt wieder, ſeitdem das Prieſtergeſetz ihm geboten hatte, Laien zu meiden. Lange hatte er ſich abgemüht in vergeblichem Forſchen, als er vernahm, wie ſie in der Statthalterei wohnten: eilig begab er ſich, zur Arſake, um nach den jungen Fremden zu fragen, die aus vielen Gründen ihm nahe ſeyen, vor allen aber weil ſein Vater Kalaſiris im Tode noch ihm an's Herz gelegt, auf alle Weiſe für die Fremden zu ſorgen und ſie zu vertreten: er dankte ihr, daß ſie die jungen und fremden Griechen ſo menſchenfreundlich die Tage daher aufgenommen, in welchen das Prieſtergeſetz ibnen die Wohnung im Tempel verſagt hätte: jetzt ſey es Pflicht für ihn, ſein Pfand wieder einzutau⸗ ſchen.„Ich muß mich wundern,“ begann Arſake,„daß du, der meine Güte und Freundlichkeit mir ſelbſt be⸗ zeugt, jetzo wieder Unmenſchlichkeit in mir ahnſt, als ob ich künftig weder Macht noch Willen habe, für die Fremden zu ſorgen, oder gar ihnen die gehörige Ehre zu erzeigen.“„Nicht das mein ich,“ ſprach Thyamis. „Weiß ich doch daß ſie hier in größerm Ueberfluſſe ſeyn werden, als bei mir, wenn ſie nur bleiben wollten. So aber ſind ſie aus edlem Geſchlecht und nur — 260— durch des Geſchickes buntes Verhangniß ſchweifen ſie jetzt in der Fremde; ihr höchſter Wunſch ſteht nach Familie und Heimath: die Bemühung, das ihnen zu verſchaffen, ward als Erbtheil mir vom Vater hinterlaſſen: und bin doch ſchon ſelbſt durch manches Recht der Freundſchaft an die Fremden gebunden.“ „Du thuſt wohl,“ erwiderte Arſake,„den Trotz hin⸗ weg zu laſſen und nur auf Recht dich zu berufen. Das wird um ſo gewichtiger auf unſrer Seite dir er⸗ ſcheinen, als ſtärker der Grund der Herrſchermacht iſt, denn bloße Fürſorge.“„Und wie biſt du denn ihre Herrin?“ frug er.„Nach dem Recht des Kriegs, der die Gefangenen zu Sklaven uns beſtimmte!“ 4 Da merkte Thyamis, daß der Vorfall mit Mi⸗ tranes ihr im Sinn ſey und ſprach:„Aber jetzt, o Arſake, iſt ja nicht Krieg, ſondern Friede. Jener macht zu Sklaven und dieſer befreit wieder. Jener entſcheidet wie ein Tyrann; dieſer wie eines Königs edler Wille. Frieden und Krieg erhalten ja nicht durch den Namen, ſondern durch die Anordnung der Partheien in Wahrheit ihre Bedeutung. Gib ihnen ihr Recht, und deine Entſcheidung iſt die beſſere. denn von Schicklichkeit und Gewinn kann wohl nicht die Rede ſeyn. Wie könnte es dir auch Freude oder Nutzen gewähren, jungen Fremdlingen ſo ſchonungs⸗ los dich zu zeigen und gradhin zu entſcheiden, du wolleſt ſie feſthalten!“ 5 Nun hielt ſich Arſake nicht laänger, ihr geſchah, wie allen Liebenden; wo ſie verheimlicht es noch wähnen, da erröthen ſie; wo ſie entſchleiert ſind, iſt — 261— alle Scham dahin; ein noch undurchſchauter hält an ſich; überführt ſtellt er kühn ſich entgegen. So ward auch an ihr der Seele Bewußtſeyn zum Verräther: ſie wähnte Thyamis möge ahnen, was in ihr vorging und nun war alle Scheu vor dem Oberprieſter und ſeiner Würde dahin: aller Scham des Weibes entäuſſerte ſie ſich und ſprach:„Auch was ihr gegen Mitranes verübtet, ſoll euch nicht zur Freude gereichen: eine Zeit wird kommen, da Oroondates ſeine Mörder und deren Helfershelfer zur Rechenſchaft zieht. Die Frem⸗ den entlaß ich nicht: vor der Hand ſind ſie meine Sklaven; ſpäterhin ſollen ſie meinem Bruder, dem großen König, wie es der Perſer Satzung will, über⸗ antwortet werden. Dagegen predige denn und be⸗ ſtimme Recht, Schicklichkeit und Nutzen. Ein ge⸗ waltiger fragt danach nichts: ihm genügt der eigne Wille und ſomit hebe dich denn eilig von meinem Schloſſe hinweg, damit man wider deinen Willen dich nicht hinwegtreibe!“ Thyamis ging: rief aber die Götter zu Zeugen auf und verkündete nur ſo viel, wie das nimmer zu gutem ausſchlagen werde: er ſey entſchloſſen, es der Stadt kund zu machen und ſie zur Hülfe aufzurufen.„Deine Oberprieſterſchaft kommt gar nicht in Betracht,“ ſprach Arſake,„nur ein Prieſterthum erkennt die Liebe: der Minne Glück.“ Drauf ſchickte ſie in ihr Gemach, ließ Ky⸗ belen rufen und ſann mit ihr über den Stand der Sachen nach. Denn auch Achämenes Verſchwinden erregte ihr Verdacht, ſeit Kybele auf ihr fragen und erkunden nach Achämenes, allerlei ſtets veränderte Ausfluͤchte erſann und ſie bereden wollte, alles eher zu glauben, als ſeinen Weggang zum Oroondates — 262— — aber ſie war dennoch letztlich nicht zu überzeugen: die Zeit ſtärkte ihren Unglauben. Da nahm ſie das Wort:„Was ſollen wir dann beginnen, Kybele? Wie uns herauswinden, aus dieſer Umſtrickung? Und meine Liebe ruht nimmer; mehr ſtets und mehr glüht ſie wie Zunder am Anblick des Jünglings auf. Und er iſt fühllos und unbeugſam; ſonſt ſchien er menſchlicher, als jetzt: einſt tröſtete er mich mit heuchelnder Verheißung, jetzt verſagt er mir alles gradhin und offen. Und mehr noch ängſtigt's mich, daß auch er vielleicht Kunde hat, von dem, was ich von Achämenes ahne, und nun um ſo mehr die That ſcheut. Was mich am meiſten quält iſt nicht der Ver⸗ rather Achämenes, der jetzt zum Orvondates gezogen iſt, mag er ihn überreden oder ſein Angeben nicht Glauben finden— Oroondates komm immerhin: ein einziger Kuß, eine einzige Thräne der Arſake ſchmelzt ihn hin: iſt doch eines Weibes verlangender Blick ein trefflicher Zauber für Männer; aber das iſt das gräßlichſte, wenn die Verläumdung mich träfe, noch ehe Theagenes mein ward, oder die Rache, wenn Oroondates glaubte, noch ehe ich genoß. Darum, o Kybele, biet' alles auf, laß alle Maſchinen ſich re⸗ gen! denn du ſiehſt, wie auf der höchſten Spitze un⸗ ſere Sache ſteht und begreifſt, wie ich, mich ſelbſt aufgebend, andere nicht zu ſchonen habe. So ſollſt du ſelbſt denn zuerſt mir büßen für deines Sohnes Unterfangen; denn ich begreife nicht, wie das dir unbekannte ſeyn ſollte!“„Herrin,“ entgegnete Kybele, „daß dein Zweifel an meines Sohnes und meiner Treue ungerecht war, wird die That dich ſelber uͤber⸗ zeugen. Wie du ſelbſt aber deinem Liebesſchmerz ſo — 263— unterliegſt und in Wahrheit dich aufgibſt: ſo ſchiebe die Schuld nicht auf andere unſchuldige. Gebieteſt du doch nicht, wie einer Herrin geziemte, gleich einer Sklavin fügſt du dem Jüngling dich. Anfangs war es vielleicht angebracht: da man ſeine Seele für weich und bildſam hielt. Tritt er aber der liebenden entgegen, wohlan ſo zeig ihm die Gebieterin: ge⸗ geißelt und gemartert füge er ſich deinem Willen. So junge Menſchen wollen obenhinaus, wenn ihnen geſchmeichelt wird, der Gewalt aber weichen ſie und ſo mag Leid ihm erpreſſen, was Liebe ihm nicht ent⸗ locken konnte.“„Du haſt Recht,“ ſprach Arſake. „Aber o all' ihr Götter! wie könnte mein Auge es ertragen, ſeine Schönheit gegeißelt oder ſonſt gepei⸗ nigt zu ſehen!“„Wieder wirſt du weich,“ antwortete ſie,„als ob weniger Schmerz ihm nicht das beſſere wählen hieße und dir dann mit geringer Angſt dein Wille geſchähe. Und brauchen doch auch deine Augen ſelbſt nicht bei der That gegenwärtig zu ſeyn, über⸗ gib ihn dem Euphrates und laß ihn peitſchen als ob er etwas verſehen: während dich ſelbſt der Anblick nicht betrübt. Denn das Ohr trägt leichter den Schmerz als das Auge. Und ſpüren wir Reue bei ihm, ſo laſſen wir ihn wieder frei als genug beſtraft.“ Das beruhigte ſie. Denn hoffnungsloſe Liebe 6 ſchont des Geliebten nicht mehr: gern benutzt ſie die Schmach zur Rache: der oberſte der Verſchnitte⸗ nen ward gerufen und unterwieſen. Der nun— ſeine eiferſüchtige Eunuchennatur ſchmollte dem Theagenes ſchon lange, ſeit er ihn ſah und manches ahnete— legte ihn gleich in eiſerne Banden, peinigte ihn mit — 264— Qual und Hunger: auf ſeine Fragen um den Grund— er wußte ihn längſt, ſtellte ſich aber nur ſo— ward kein Wort erwidert. Tag für Tag trieb er höher die Qualen und peinigte ihn mehr als Arſake wollte und geboten hatte: niemand ließ er hinein, als Kybelen: ſo war's befohlen. Die aber kam oft hinein und ſtellte ſich, als ob ſie nur heimlich ihm Nahrung bringe, wie aus Mit⸗ leiden ob des längern Zuſammenſeyns: in Wahrheit aber, um zu ſehen, wie er jetzt geſinnt ſey und ob ihn die Martern nachgiebiger und weicher gemacht. Er aber war nun noch mehr ein Mann, und ver⸗ ſcheuchte jegliche Verſuchung: ſein Leib unterlag faſt: ſeine Seele aber kräftigte ſich zu neuer Tu⸗ gend; hoch trug er den Nacken in ſeinem Un⸗ glück und frei: und wenn es im größten Schmerz' ihn betrübe, im höchſten könne es ihm nur Wonne gewähren, einen lebendigen Beweis ſeiner Liebe und Treue zu Charikleien zu geben: daß auch ſie nur es wiſſen möge, war ſein höchſter Wunſch: unaufhörlich nannte er Charikleien ſein Licht, ſeine Seele, ſein Leben: ſo daß ſelbſt Kybele, da Arſake den Theagenes mit Schonung behandelt wiſſen wollte,(denn nicht zum Tod, ſondern um ihn zu zwingen hatte ſie's geboten) den Euphrates nachzu⸗ laſſen gebot in ſeinen Martern: weil ſie einſah, daß es nichts helfen werde: ſie verzweifelte am Erfolg: überdachte ihr ganzes Unglück, ſchauderte hier, wie nie, vor Orvondates Rache, wenn Achäme⸗ nes es ihm offenbart: dann, wie Arſake ſie bald dem Tode Preis geben würde, weil ſie um die Frucht ihrer Liebe betrogen worden: da faßte ſie den Entſchluß, mit ihrem Schickſal zu kämpfen, entweder Arſake's Verlangen zu genügen und ſo wenigſtens der drohenden Gefahr von dort auszu⸗ weichen: oder allen zuſammt den Tod zu bereiten, um alle Beweiſe zu vernichten. Sie trat vor Ar⸗ ſaken:„Unſere Mühe iſt verloren,“ begann ſie, der trotzige gibt nicht nach: nur kühner wird er ſtets und hat nur Charikleien auf den Lippen: ihr Name tröſtet und heilt ihn. So laß uns, ſo du willſt, den letzten Anker werfen und die hinweg⸗ räumen, die uns im Wege iſt. Wenn er dann erführe, daß ſie nicht mehr iſt, ſo dürfte er wohl unſerm Willen ſich fügen und die Sehnſucht nach ihr aufgeben!“ Wie ein reißend Thier ſtimmte Arſake in den 7 Vorſchlag: ihre Eiferſucht war durch den Zorn uͤber die Nachricht nur um ſo höher aufgereizt.„Wohl,“ ſprach ſie,„ich will befehlen, daß die elende ge⸗ tödet werde.“„Und wen wirſt du denn uüber⸗ zeugen?“ frug Kybele.„Wie auch alles in deiner Macht ſteht, ſo iſt doch Tod ohne Entſcheidung des Perſerraths nach den Geſetzen dir verſagt. So haſt du Mühe und Beſchwer Anſchuldigung und Beweiſe gegen das Maͤdchen aufzubringen: und überdieß bleibt's unſicher, ob wir ſie überzeugen. Willſt du, ſo bin ich bereit auch das um deinet⸗ willen zu vollbringen, und auf mich zu laden: mit Gift will ich ihr dienen: ein ſinnbetäubender Trank ſoll das Leben der Feindin enden.“ Arſake war es zufrieden und gebot ihr die Ausführung. Kybele aber eilte an's Werk. Charikleien fand ſie klagend — 266— und in Thränen, wie hätte ſie auch nicht wehmüthig ſeyn ſollen und ehe darauf denken, wie ſie ihr Leben enden möge, da ſie Theagenes Geſchick ſchon ahnte; denn Kybele hatte ſie anfangs hingehalten und ſein nichterſcheinen und wegbleiben aus der Wohnung ſtets mit andern Ausflüchten beſchwich⸗ tiget.„Eigenſinniges Mädchen,“ begann ſie,„wann wirſt du aufhören, dich ſelbſt ſo vergeblich zu äng⸗ ſtigen und abzuhärmen? Dein Theagenes wird ja frei und heute Abend kommen. Die Fürſtin war über einen Fehler beim Dienſt ein wenig erzürnt, und hatte befohlen, ihn einzuſchließen. Heute hat ſie verſprochen, ihn wieder frei zu geben, weil ſie ein vaterländiſch Feſt zu feiern gedenkt, und auch durch meine Bitten erweicht iſt. So ſteh' denn auf und tröſte dich und nimm hier ein wenig Nahrung mit mir!“„uUnd wie ſoll ich dir glauben 2u erwiderte ihr Charikleia.„Da du fort und fort mich hinter⸗ gehſt und ſo meinen Glauben an dich ſelbſt ver⸗ nichteſt?“„Bei allen Göttern ſchwör' ich's dir,“ entgegnete ihr Kybele, nheut ſollſt du ganz getrö⸗ ſtet werden und all' deiner Sorgen überhoben. Nur bringe dich ſelbſt nicht zu früh in's Grab, da du ſo lange ſchon ohne Nahrung biſt. Folge mir und koſte, was ich gerade bereitet.“ Mit ſchwerem Her⸗ zen gehorchte Charikleia endlich: ſie ahnte wohl, daß ſie wie gewöhnlich betrogen werde. Und doch glaubte ſie wieder zum Theil den Schwüren und nahm gern die freundliche Botſchaft auf: denn wo⸗ nach die Seele ſich ſehnt, glaubt ſie ſo gern. Sie lagerten ſich alſo zum Mahl. Und während das dienende Mädchen ihr den Becher des gemiſchten — 267— Weines reichte, winkte ihr Kybele, Charikleien erſt zu bringen: ſie ſelbſt nahm nachher und trank. Und noch hatte ſie's nicht völlig geleert: ſieh, da begann es der Alten im Hirn zu wirbeln: ſie goß den kleinen Reſt hinter, ſah funkelnd auf die Dienerin und ſchlotterte hin in Zuckungen und gräßlicher Verrenkung. Da ergriff auch Charikleien eine Angſt: ſie 8 ſuchte ſie aufzurichten und alle anweſende wurden. auf gleiche Weiſe ergriffen. Denn die tödliche Kraft ſchien ſchaͤrfer als ein in Gift getauchter Pfeil und ſelbſt ein junges blühendes Leben zu verzehren hin⸗ reichend und drang nun in den greiſen abgelebten Leib um ſo heftiger ein, daß es ſchneller als man ſagen kann auf's höchſte ſtieg. Das Auge der Alten gluhte; ihre Glieder ſtarrten bewegungslos hin als ſie in Zuckungen ſich erſchöpft und eine ſchwarzblaue Farbe brach auf der Haut aus. Aber ihre falſche Seele war noch giftiger denn Bilſenſaft. Noch im Sterben gab Kybele ihre Schandthaten nicht auf: theis durch Winke, theils durch gebrochene Worte deutete ſie an, wie Charikleia ihr das gethan. Und damit hauchte die Alte ihr Leben hin. Charikleien aber ſchlugen ſie in Bande und führten ſie vor Arſaken. Auf ihre Frage, ob ſie das Gift gemiſcht, und die Drohung, wie Qual und Folter ihrer warte, wenn ſie die Wahrheit nicht geſtehe: gab Chari⸗ kleia ein unerwartetes Schauſpiel für die anweſen⸗ den. Nicht beſturzt ward ſie oder demüthig: höh⸗ nend faſt und ſpottend betrachtete ſie den Vor⸗ fall: theils in reinem Bewußtſeyn die niedrige — 268— Beſchuldigung verachtend, theils in freudiger Be⸗ wegung, daß ſie nun auch ſterben werde; da Thea⸗ genes heimgegangen ſey; ſie hoffte die ſündige That ſich zu ſparen, die ſie bei ſich ſelbſt beſchloſſen hatte, wenn andere ſie übernähmen.„Wunderliches Weib,“ ſprach ſie,„wenn Theagenes lebt, ſo bin auch ich rein von dieſem Mord, doch ward er ein Opfer deines frommen Gemüths: ſo bedarfſt du keiner Folter. Hier haſt du die Vergifterin— und die Vergifterin vor allen deiner Amme, die dich zu ſo vortrefflichen Thaten erzog. Zögere nicht! Schlachte mich hier! denn ſo wünſcht es Theagenes, der un⸗ biegſame Verächter deines ſündhaften Gemüths!“ 9 Arſake raſte: ſie gebot ſie zu geißeln.„Und nun,“ ſprach ſie,„führt die elende in Feſſeln, wie ſie iſt, und zeigt ihr den trefflichen Geliebten, der nach Verdienſt gleiches Schickſal leidet. Schnuret ihre Bande feſt und gebt ſie dem Euphrates bis morgen zu bewachen, wo ſie den Tod zum Lohn erhalten ſoll, nach dem Urtheil des Perſerraths. Und als man ſie hinwegführte, da begann das Mädchen, welches der Kybele den Becher gereicht, — das eine der kleinen Jonier, welche den jungen Leuten aus Aufmerkſamkeit anfangs von der Arſake gegeben wurden— laut zu weinen und zu ſchluch⸗ zen, ſey's aus Anhänglichkeit zu Charikleien ob des öftern zuſammenſeyns und wohnens mit ihr, ſey's daß ein Gott es alſo fügte.„O die unglückſelige,“ ſprach ſie, ndie unſchuldige!“ Die Umſtehenden wunderten ſich und nöthigten ſie deutlich zu ſagen, was ſie wolle: da geſtand ſie, daß ſie ſelbſt der — 269— Kybele das Gift gereicht: von ihr ſelbſt habe ſie es für Charikleien empfangen: ſey aber verwirrt geworden, theils ob der Angſt über die gräßliche That, theils durch Kybelen ſelbſt irregeleitet, die ihr Charikleien zuerſt zu geben geboten, habe ſie die Becher verwechſelt und der Alten den gegeben, in welchem das Gift. Da fuührte man ſie zu Arſa⸗ ken und alle waren freudiges Muthes, daß Chari⸗ kleia rein erfunden wurde von der Anklage. Denn ſelbſt eine Barbarenſeele fühlt Mitleid mit edel⸗ freiem Sinn und Anſtand. Aber es erfolgte nichts auf dieſe Ausſage der Dienerin:„Auch ſie ſcheint Gehülfin zu ſeyn,“ ſprach Arſake, gebot ſie zu bin⸗ den und bis zum Gericht zu bewahren. Darauf ſandte ſie zu den gewaltigen der Perſer, welche die Macht hatten gemeinſames zu berathen, zu ent⸗ ſcheiden und den Blutbann zu üben: und entbot ſie zum Gericht für den kommenden Tag. Am Morgen erſchienen ſie und nahmen ihren Sitz ein: da begann Arſake die Klage: eröffnete den Gift⸗ mord und erzählte wie es gekommen. Dazu weinte ſie unaufhörlich um ihre Amme, wie ſie die treff⸗ lichſte und wohlwollendſte verloren habe; ſie rief die Richter ſelbſt zu Zeugen auf, wie ſie die Fremden aufgenommen, mit aller Sorgfalt ſie behan⸗ delt— und nun dieſen Dank erhalte. Mit einem Wort: ſie war eine recht ſcharfe Klägerin. Chari⸗ kleia aber vertheidigte ſich gar nicht: ſondern geſtand die Beſchuldigung alſobald ein. Daß ſie das Gift ihr gegeben, läugnete ſie keinen Augenblick und fügte hinzu: wie ſie mit Wonne auch Arſaken ſelbſt umgebracht hätte: wenn man ſie nicht früher ge⸗ — 270— feſſelt. Außerdem ſchalt ſie Arſaken auf der Stelle und rief die Richter auf alle Art zur Rache auf. Denn ſie hatte ihren ganzen Plan dem Theagenes Nachts im Gefängniß offenbart: hatte den ſeinigen dafuͤr eingetauſcht und ſo war ſie feſt entſchloſſen, freudig jeden angedrohten Tod, wenn es ſeyn müßte, zu empfangen und zu ſcheiden aus dem ſchmerzenreichen Leben, voll zweckloſes Umherirrens und unverſöhn⸗ liches Verhängniſſes. Zum letzten Mal hatte ſie ſich, wie ſie meinte, aus ſeinen Armen losgeriſſen und nun das mit ihr ausgeſetzte Geſchmeide, was ſie ſtets heimlich bei ſich trug, im Gürtel unterm Gewand verborgen, daß es in's Grab ſie begleite und ſo war ihr jede Beſchuldigung, jeder angedrohte Tod willkommen: als ob niemand ihr drohe ſo war ſie geſtimmt. Darum zögerten auch die Richter nicht lange und wohl hätten ſie ſelbſt perſiſche fürchterliche Rache noch überboten; aber ihr Zorn brach an dem Anblick ſo jugendlicher wehrloſer An⸗ muth: ſie ward verdammt vom Feuer verzehrt zu werden. Und alsbald ergriffen ſie die Blutknechte und ſchleppten ſie hinaus vor die Mauer, während ein Herold beſtändig ausrief, daß ſie um Giftmord zum Scheiterhaufen geführt werde und eine Menge Volks aus der Stadt ihm nachdrängte. Ein Theil ſahe ſie ſelbſt hinausführen: ein anderer ſtrömte nach auf das Gerücht, das durch die Stadt eilte. Auch Arſake nahte und ſchaute von der Mauer herab. Denn nimmer wohl hätte ſie ſich's verzie⸗ hen, ihr Auge nicht an Charikleiens Qual zu wei⸗ den. Und einen großen Scheiterhaufen thürmten die Blutknechte und flackernd lohte die Flamme, wie — 271— ſie Feuer hineinwarfen: da rief Charikleia zu denen, die ſie herangezogen, ſie ein wenig frei zu laſſen: freiwillig wolle ſie den Holzſtoß beſteigen, verhieß ſie, und hob ihre Hände gen Himmel, wo Helios ſeine Strahlen herabſtrömen ließ:„Helios,“ rief ſie aus, ndu Erde und all' ihr Götter, die ihr, über und unter der Erde, gottloſe Menſchen durchſchauet und ſtrafet, ihr ſeyd Zeugen, daß ich rein bin von allem, deſſen man mich zeiht; daß ich freiwillig in den Tod gehe, weil ich meines Schickſals Härte nicht zu tragen ver⸗ mag. Nehmt freundlich mich auf! Aber die Valan⸗ din, die gottloſe Buhlerin Arſake, die mich nur um meinen Bräutigam mir zu rauben hinopfert, laßt ſie recht bald es büßen!“ Als ſie ſo geſprochen, riefen alle laut: man ſolle die Strafe aufſchieben bis zu einem zweiten Urtheil: hier bereitete man ſich zur Hülfe, dort eilte man heran: aber ſie kam allen zuvor, ſchwang ſich auf den Holzſtoß: und ſtellte ſich mitten hinein. Lange ſtand ſie unbe⸗ ſchädigt; denn die Flamme umwallte ſie nur, und berührte ſie nicht: nirgend zeigte ſie ſich verletzend, und wich zurück, wo Charikleia hintrat. Sie um⸗ ſtrahlte ſie nur, während man ſehen konnte wie ihre Schönheit hoch aufleuchtete im Flammenglanz: wie eine Braut ſtand ſie da im feurigen Gemach. Bald hierhin bald dorthin trat ſie auf dem Schei⸗ terhaufen ſtaunend über das, was geſchah; denn ſie ſehnte ſich nach Todesruh. Aber es half nicht: ſtets wichen die Flammen hinweg als ob ſie flöhen vor ihrem nahen. Aber die Blutknechte arbeiteten raſtlos,— denn Arſake gebot mit drohendem Win⸗ ken herüber— immer mehr trugen ſie Holz heran — 272— und ſchürten die Flammeu nach aller Weiſe, ſchaff⸗ ten Rohr aus dem nahen Strom.— Nichts ward erreicht und die Stadt ſchau⸗ derte: göttliche Hülfe ſey das, wähnten ſie: alles ſchrie,„Rein, unſchuldig iſt das Mädchen!“ Sie ſtrömten heran und riſſen an dem Hozſtoße. Thya⸗ mis gebot alſo und feuerte das Volk zur Hülfe an: denn auch er war herangekommen; das unendliche Geſchrei hatte ihm verkündet was vorgehe. Jeder wünſchte Charikleien herauszubringen, wagte aber nicht heranzutreten: und ſo rief man dem Mädchen zu aus der Flammenlohe zu ſpringen. Denn wohl war nicht zu furchten, daß, die drinnen im Feuer hauſe, es nicht gern verlaſſen hätte. Das ſah und hörte Charikleia: und hielt 33 ſelbſt nun für Götter⸗ huͤlfe zu ihrer Rettung. Nicht wollte ſie undank⸗ bar ſcheinen gegen die Gottheit durch das aus⸗ ſchlagen dieſer Gnade: ſie ſprang aus dem Schei⸗ terhaufen, alſo, daß die Stadt aus Freude und Staunen mächtig wie mit einer Stimme aufſchrie und die Größe der Götter pries. Da hielt ſich Arſake länger nicht: hinweg eilte ſie von der Mauer, drang mit der Menge ihrer Lanzenträger und den Gewaltigen der Perſer heran, legte ſelbſt Hand an Charikleien: zornfunkelnd ſchaute ſie auf das Volk und ſprach:„Schämt ihr euch nicht, ein ſo gott⸗ loſes, giftmiſchendes Mädchen, die über der Mord⸗ that ſelbſt betroffen ward und ſie eingeſtand, der Rache zu entziehen? Helft ihr der Verbrecherin und widerſtrebt der Perſer Geſetzen, dem König ſelbſt und ſeinen Statthaltern, den Gewaltigen und — 273— den Richtern? laßt euch zum Mitleid bethören, wohl weil ſie nicht verbrannt ward und ſchreibt Göttern die Wirkung zu? Und ihr ahnet nicht in eurer Klugheit, wie das ihre Zauberkunſt nur um ſo ſicherer beweiſt; daß ſo viel Hexenkraft ihr noch zu Gebote ſteht, ſelbſt wider Feuersgewalt ſich zu rüſten? Findet euch, ſo ihr Luſt habt, ein zu der Sitzung, die wir morgen öffentlich berufen werden, und ihr ſollt ſehen, wie ſie ſelbſt geſteht und von den Zeugen, die ich habe, überwieſen wird. Und damit führte ſie Charikleien ſelbſt hinweg, ihren Nacken umſchlingend und gebot den Lanzen⸗ trägern das Volk aus einander zu treiben; welches dieß theils übel aufnahm und zum Widerſtand ſich anſchickte, theils freiwillig nachgab in aufgeregter Ahnung von der Zauberei; manche drückten ſich auch davon aus Furcht vor Arſaken und ihrer Macht. Und ſo ward Charikleia wieder dem Eu⸗ phrates hingegeben, noch ſchwerere Feſſeln ihr um⸗ gelegt, um für ein zweites Gericht bewahrt zu wer⸗ den: der einzige Troſt in ihrem Jammer war das zuſammenſeyn mit Theagenes, dem ſie ihr Begeg⸗ niß erzählen konnte. Denn Arſake hatte auch das in ihrer Rache ausgedacht; ſie wähnte ihren Schmerz und ihre Kränkung noch zu erhöhen, wenn die beiden in einem Kerker geſchloſſen ſelbſt Zuſchauer wären von den Banden und Qualen des andern. Denn ſie wußte wohl, daß das Weh des Geliebten die Liebenden mehr als das eigne ſchmerzt. Sie aber fanden gerade einen Troſt drin: Luſt war's ihnen, in denſelben Drangſalen ſich zu prüfen; jeder Theagenes u. Charikleia. 18 — 24— wähnte, wenn er weniger gemartert würde, von dem andern beſiegt zu ſeyn und in der Liebe Be⸗ weis zurückzubleiben. Auch ſich zu tröſten und frei und fröhlich aufzurichten im hereinſtürmenden Schick⸗ ſal, diente ihnen ihr beiſammenſeyn; trugen ſie doch dieſe Kämpfe nur ob gegenſeitiger Treue und Tugend. Mancherlei beſprachen ſie noch mit einander in die Nacht hinein, ſie hatten es aufgegeben nach der gegenwärtigen Nacht einander wieder zu ſehen und genoſſen ſich alſo noch ſo lange es ihnen ver⸗ gönnt ward: ſo betrachtete ſie ſich auch zuletzt das Wunder mit dem Scheiterhaufen. Und Theagenes erklärte es mit der Götter Gnade, welche Arſake's gottloſen Trug verabſcheuten und der reinen und ſchuldloſen ſich erbarmten. Charikleia indeß ſchien zweifelhaft.„Das Wunder meiner Rettung,“ ſprach ſie, ngleicht allerdings einer geiſterähnlichen, durch⸗ aus göttlichen Hülfe: aber daß wir ſo athemlos im Unglück umhergetrieben und ohne Schonung dem bunten Gemiſch aller Schmach hingegeben werden, daß die Götter uns verſtießen und wir dem Haſſe des ewigen Weſens verfallen ſind!— es müßte denn der Gottheit wunderbare Fügung ſeyn, uns bis in's tiefſte Elend hinein zu ſtürzen, aus dem letzten unentrinnbaren Verhängniß aber zu retten!“ Noch ſprach ſie's: da rief Theagenes ihr zu, nicht alſo vermeſſen zu reden und mehr an from⸗ mem, treuem Sinn zu halten.„Gütige Götter,“ rief ſie endlich,„welch ein Traum fällt mir bei — 275— — oder wachte damals meine Seele?— den ich geſtrige Nacht geſehen, aber damals, warum weiß ich nicht, aus dem Sinn mir ſchlug: und jetzt ge⸗ denke ich ſeiner wieder. Ein Wort enthielt er in rhythmiſcher Bewegung. Und Kalaſiris, der ver⸗ klärte, ſprach's zu mir, ſey's nun, daß er im Schlaf, der mich überfallen, mir erſchien, ſey's daß ich wirklich ihn geſehn. Es lautete ohngefähr ſo: Die den Pantarbes du trägſt, nicht fürchte der Flamme Gefunkel; Wird doch der Moiren Gewalt leicht, was du nimmer gehofft. Wie Wahnſinn ergriff's da den Theagenes. Auf ſprang er, ſo hoch als ſeine Feſſeln geſtatteten: „Gnädige Götter,“ ſchrie er,„auch mich macht Er⸗ innerung zum Dichter: von ſolchem Seher— war's mein Kalaſiris, war's ein Gott in ſeiner Ge⸗ ſtalt— kam auch mir ein Spruch der Verkündi⸗ gung herab und das war ſein Sinn: Siehe du kommſt in des Mädchens Geleit zu den dunkelen Männern Grüßeſt das Morgenroth Arſake's Feſſeln entflohn. Nun weiß ich wohin der Seherſpruch deutet. Die dunklen Männer ſind die Schattengeſtalten unter der Erde: n„des Mädchens Geleit“ bei Per⸗ ſephonen werde ich ſeyn und die„Löſung der Feſſeln“ meiner Seele Befreiung vom Körper. Allein was ſagt dein Vers, der ſo widerſprechendes enthält? — 276— das Wort Pantarbes bedeutet doch: der alles fürch⸗ tet. Der Spruch aber verlangt ja, daß man das Feuer nicht fürchten ſolll“ Da begann Charikleia: „Mein theurer Theagenes! Deine Vertrautheit mit dem Unglück heißt dich in allem das ſchlimmſte ſehen und ahnen. Denn es fügt ſich die Menſchen⸗ ſeele ſo gern den Eindrücken des Geſchicks. Aber freudigeres ſcheint mir der Spruch zu verkünden, als du erkannteſt. Das Madchen bin ich wohl ſelbſt, mit dem du nach Aethiopien, meinem Vater⸗ land gelangen ſollſt, Arſaken und ihren Feſſeln entflohn. Das wie iſt mir noch nicht klar, aber auch nicht unglaublich: den Göttern iſt alles möglich, ſie, denen wir dieſe Verheißung verdanken, werden auch das berathen. Meine Verkündigung iſt nach ihrem Willen eingetroffen: ich lebe wieder für dich und hatte mich ſelbſt aufgegeben: denn damals wußte ich nicht, daß ich meine Rettung ſelber bei mir trüge. Jetzt glaube ich's zu ahnen. Denn die Erkennungszeichen, die mit mir ausgeſetzt wur⸗ den, hatte ich ſchon längſt beſchloſſen immer bei mir zu tragen: und nun vor allen, da mein Loos ge⸗ worfen war, und ich zu enden glaubte, hatte ich ſie heimlich im Gürtel auf der Bruſt: bei möglicher Rettung zum Lebensunterhalt und Bedürfniß, und wenn menſchliches mir begegnete zum letzten Schmuck im Grabe. Unter dieſem köſtlichen Geſchmeide, mein Theagenes, das aus ſehr edlen Steinen In⸗ diens und Aethiopiens beſteht, iſt auch ein Finger⸗ reif, ein Geſchenk meines Vaters an meine Mutter als er ſie freyte: den ſogenannten Edelſtein Pan⸗ tarbes umſchließt die Faſſung: heilige Schrift iſt — 2772— hineingegraben und auch ſonſt iſt er, wie ich ver⸗ muthe, voll einer göttlichen geheimen Weihe; darum ahne ich, daß im Stein eine feuerbannende Kraft ruhe, welche dem Träger Unverletzlichkeit in Flam⸗ men gewährt und auch mich jetzt zufällig gerettet hat. So viel weiß ich und vermuth' ich aus dem, was mir der verklärte Kalaſiris oft ſchon offen⸗ harte: daß die Stickereien auf der Binde, die mit mir ausgeſetzt ward, jetzt aber nun meine Bruſt umſchlingt, das beſagten und meldeten!“„Das iſt wahrſcheinlich, ja faſt gewiß und übereinſtimmend mit dem, was dir begegnet iſt,“ ſprach Theagenes; nallein welcher andere Pantarbes wird morgen uns der Gefahr entreißen? Verſpricht er uns doch Un⸗ ſterblichkeit nicht— o gäben es alſo die Götter!— wie ſeine Kraft gegen die Flammenlohe; denn auf eine andere, neue Art der Rache ſinnt wohl jetzt die teufliſche Arſake und möchte ſie doch nur Einen Tod über beide in Einer Zeit verhängen! Nicht ein Lebensziel ſollte das mir erſcheinen, nur Ruhe von all' unſern Schmerzen.“„Muthig!“ unterbrach Charikleia,„der Seherſpruch wird uns ſchon ein zweiter Pantarbesſtein werden. Laß uns den Göttern vertraun: um ſo freudiger wird unſere Rettung und um ſo gläubiger dulden wir, was verhängt iſt. Alſo beſprachen ſie ſich unter einander, theils 12 klagten ſie zu der Verſicherung wie jeder nur um des andern willen ſich mehr noch betrübe und ab⸗ härme, theils hielten ſie ſich gegenſeitig ihr Ende vor: wie ſie bis in den Tod in treuer Liebe zu — 278— einander verharren wollten, ſchwuren ſie bei den Göttern und dem Schickſal das jetzt über ihnen waltete und ſo floh ihnen die Zeit. Bagoas aber und ſeine funfzig Reuter kamen— noch hielt tiefe Nacht alles im Schlummer— gen Memphis, weck⸗ ten die am Thore leiſe, ſagten wer ſie ſeyen und wurden erkannt; ſprengten dann in geſtreckter Eile in die Statthalterei. Dort ließ Bagaos ſeine Reuter und ſtellte ſie im Kreis um den Pallaſt, daß ſie zur Wehr bereit ſeyen, wenn Aufruhr ent⸗ ſtehen ſollte. Er ſelbſt erbrach die ſchwache Thüre eines Hinterpförtchens, gab ſich dem dort wohnen⸗ den zu erkennen, gebot ihm zu ſchweigen und eilte — alles war ihm bekannt und geläufig; auch ſchien der Mond in bleichem Schimmer— zum Euphrates. Er traf ihn ſchlafend, weckte und begütigte ihn, als er verwirrt:„Wer da!“ rief, durch die Antwort: „Ich bin's Bagoas. Laß Licht bringen!“ Da rief er etnen der Knaben, die um ihn waren, befahl ihm eine Leuchte zu zünden und die übrigen ſchlafen zu laſſen. Wie der Knabe es gebracht und auf den Leuchter geſtellt und wieder hinweggegangen war, frug Euphrates alſo:„Was bringt mir deine plötzliche und unerwartete Ankunft für ein neues Ungluck?,„Viel zu reden iſt nicht,“ entgegnete der andere.„Nimm den Brief und lies! Beſieh dir auch das Zeichen ſeines Siegels, auf daß du überzeugt biſt, wie Oroondates alſo geboten hat; thue was dir geheißen iſt und nimm Nacht und Eile zu heimlichen Gehülfen. Meinſt du daß es beſſer iſt, das Schreiben an Arſaken erſt zu über⸗ geben, ſo bedenke dich vorher!“ — 279— Euphrates nahm die Briefe und als er ſie geleſen, 13 begann er:„Mit Arſaken iſt's ſo ſchon ſchlimm: mit der iſt's bald zu End'— ein Fieberwahnſinn wie von Gott geſandt hat ſie geſtern gepackt: eine glü⸗ hende Hitze wüthet in ihr und hat ſie bis jetzt noch nicht verlaſſen, alſo daß ſie wenig Hoffnung zur Rettung gibt. Und das gäb' ich ihr nicht einmal in Geſundheit! Sterben würde ſie eher und uns alle mit in den Abgrund reißen, ehe ſie die jungen Fremden herausgäbe. So kämſt du gerad zurecht! Nimm die Fremden heimlich, führ ſie hinweg und laß ihnen Hülfe angedeihen, ſo viel du vermagſt. Habe Mitleiden mit den armen und höchſt unglück⸗ lichen: tauſenderlei Schmach und Marter haben ſie ohne mein Wollen— Arſake gebot's ja— er⸗ duldet: ſonſt ſind ſie von edler Herkunft, wie ich meine, und wie That und Erfahrung mich ſelbſt überzeugt, ſehr tugendhaft.“ Mit dieſen Worten führt er ihn in's Gefängniß. Und Bagaos, als er die jungen Gefangenen erblickte, ſtaunte ſchier, obſchon die Qual ſie abgezehrt, über dieſe Größe und Schönheit. Sie ſelbſt aber meinten: jetzt ſey es endlich gekommen: jetzt führe Bagoas ſie zu ſo finſtrer Zeit den letzten Todesweg: ein wenig er⸗ ſchütterte es ſie dennoch. Dann aber ſammelten ſich beide: ihr heitrer, froher Blick verſicherte die Anweſenden, daß ſie ſorglos waren und freudiger noch. Schon trat Euphrates und ſeine Diener heran um ſie zu faſſen und von den Klötzen, an welche die Ketten geſchloſſen waren, zu löſen, als Thea⸗ genes ausrief:„Ha, die Eumenide Arſake glaubt in Nacht und Finſterniß ihre ſchändliche Thaten zu — 280— verhüllen: aber das Auge der ewigen Gerechtigkeit zeugt auch für heimliches unverkündets Unrecht und bringt's an's Licht. So thut denn ihr eure Pflicht und ſey Feuer, Waſſer oder Schwert über uns ver⸗ hängt, vergönnt uns beiden Einen Tod zuſammen!“ Charikleia flehte um daſſelbe. Da weinten die Ver⸗ ſchnittenen— denn ſie verſtanden allgemach was ſie ſagen wollten— und führten ſie in ihren Feſſeln von dannen. 14 Wie ſie das Schloß verlaſſen hatten, blieb Eu⸗ phrates zurück. Bagvas aber und ſeine Reuter befreiten die jungen Leute von den Feſſeln, und ließen nur ſo viel als, ſie feſt zu halten, nicht zu, quälen, genug waren; ſetzten jeden auf ein Pferd, nahmen ſie in die Mitte und umringten ſie im 3 Kreis: und nun ging's unaufhaltſam gen Theben: den Reſt der Nacht zogen ſie ohne Aufſchub weiter: am folgenden Tag aber, ohngefähr zur dritten Stunde— kein Knie hatten ſie noch gebogen, konn⸗ ten die Glut der Sonnenſtrahlen— es war Som⸗ mer und zwar in Aegypten— nicht mehr ertragen, Müdigkeit quälte ſie ſelbſt und auch Charikleia war von unaufhörlichem Reiten ganz erſchöpft: da be⸗ beſchloſſen ſie halt zu machen, die Roſſe verſchnau⸗ fen und Charikleien ſich erholen zu laſſen. Denn das Ufer des Nils war ſteil dort und felſig und druckte das Waſſer von ſeinem geraden Wege ſeit⸗ wärts, darum bog es in einen Halbkreis aus und wandte ſich drüben wieder in die Richtung, alſo daß die umringte Strecke wie einen Meerbuſen auf dem Lande bildete, Wieſengrün war überall, weil — 281— die ganze Strecke gewäſſert ward und bot in luſti⸗ gen Gras und Kraäutern den Heerden eine üppige Weide: perſiſche Bäume und Feigenſtämme und an⸗ dere die dem Nil ſich geſellen und ihm freund ſind, überdachten und beſchatteten den Ort. Da raſtete Bagoas und ſeine Genoſſen unter den Bäumen wie unter einem Zelte: nahm ſelbſt etwas Speiſe zu ſich und zwang auch dem Theagenes und ſeiner Genoſſin davon auf: denn ſie ſchlugen es anfangs aus: es ſey ja überfluſſig, meinten ſie, daß man dem Tode ſo nahe noch eſſen wolle. Er aber ver⸗ ſicherte ſie hoch und theuer, daß ſo etwas nicht zu fürchten ſey, nicht zum Tode, ſondern zum Orvon⸗ dates würden ſie geführt. Schon hatte des Mittags Brand nachgelaſſen 15 und die Sonne warf ihre Strahlen nicht mehr ſcheitelrecht, ſondern ſeitwärts und von Abend her, als ſich Bagoas und ſeine Leute zum Aufbruch be⸗ reiteten: da kam ein Reuter daher, ob ſeines an⸗ haltenden Jagens ſelbſt ſchwer athmend, und mit Mühe hielt er ſein ſchweißtriefendes Roß: leiſe ſprach er mit Bagoas und legte ſich dann zu ruhen. Der war anfangs etwas betreten und ſchien über die Botſchaft nachzudenken: dann begann er:„Muth gefaßt, ihr Fremden; eure Feindin hat gebüßt, Arſake iſt hin: ſelbſt hat ſie ſich mit einer Schnur den Tod gegeben. Als ſie euren Abzug vernahm, zog ſie freiwilligen Tod einem gezwungenen vor; denn ſie wäre Orvondates und des Königs Rache nicht entgangen; ſie wäre entweder getödet oder ihr gan⸗ zes übriges Leben mit Schande gebrandmarkt worden. — 282— Das kündet mir Euphrates durch dieſen Boten. So ſeyd denn getroſt und gutes Muth's; ihr ſelbſt ſeyd ja ſchuldlos, ich weiß es wohl, und nun iſt eure Quälerin hinweg.“ Das ſprach er ſie zu trö⸗ ſten; aber in gebrochenem Griechiſch und mit vie⸗ len mühſamen Zeichen. Er ſelbſt freute ſich; denn Arſake's zügelloſes herriſches Leben hatte ihn oft gedrückt: zugleich richtete er gern die jungen Leute auf und ermuthigte ſie in der Hoffnung, Oroon⸗ dates werde ihnen ſehr gnädig ſeyn— und das war ſein höchſtes Streben— wenn er den Jüng⸗ ling ihm überbringe, der alle übrige Dienerſchaft des Statthalters beſchatten werde. Das Mädchen aber hielt er in ihrer Schönheit für ganz unwiderſtehlich und für ſeine zukünftige Gemahlin, da Arſake hin⸗ weg war. Theagenes und ſeine Begleiterin freuten ſich als ſie das vernahmen, auf zu den großen Göttern riefen ſie und zur ewigen Gerechtigkeit: nichts ſchreckliches könne ihnen nun widerfahren, ſelbſt wenn ſie das härteſte dulden müßten: da ihre bitterſte Feindin darnieder läge. So iſt ſelbſt der Tod ſüß: wenn nur die Feinde mit zu Grunde gehen. Wie nun die Abendluͤfte duftiger heran⸗ wehten und zu rüſtigerem Weiterziehen kühlten, da brachen ſie auf und eilten den Abend und die ganze Nacht hindurch bis zum Aufgang des kommenden Tags, um wo möglich den Oroondates noch in Theben zu treffen. Aber das gelang ihnen nicht. Sie trafen einen vom Heer auf dem Wege, der ſie bedeutete, daß der Statthalter Theben verlaſſen habe und er ſelbſt ausgeſandt ſey jeden bewaffneten V Krieger, ſelbſt wenn er zur Beſatzung mit zurück⸗ — 283— gelaſſen worden, gen Syene eilig zu beſcheiden; denn alles ſey voll Verwirrung und zu fürchten, man überrumpele die Stadt, wenn der Statthalter zu ſpät komme; da das äthiopiſche Heer ſchneller als das Gerücht herandringe: da bog Bagdas von Theben weg und wandte ſich nach Syene. Schon war er nahe hei, als er einem äthio⸗ 16 piſchen Verſteck in die Hände ſiel, einem Haufen wohlbewaffneter, kräftiger Jugend. Sie waren vorausgeſandt als Späher, um bei ihrer Unbe⸗ kanntſchaft den ſichern Weg für das ganze Heer zu berichten. Nun hatten ſie, in der Dunkelheit und der unbekannten Gegend ſich da zuſammenziehend, wo ſie, in ihrer Entfernung von den Freunden, am ſicherſten dieſem Nachtheil zuvorkamen, in einem Buſch am Strome ſich verborgen, um ſich ſelbſt zu decken und ihren Feinden zum Hinterhalt. Schlaf⸗ los ſaßen ſie im Buſch wie in einer Feſte: als aber der Tag graute und ſie den Bagvas und ſeine Pferde vorbeiziehen ſahen und erkannten wie gering ihre Anzahl war: da ließen ſie ihn eine Strecke voraus und eilten, nachdem ſie ſich überzeugt, daß keine andern mehr nachfolgten, urplötzlich mit lautem Geſchrei aus dem Dickicht ihnen nach. Bagoas und ſein Reutertrupp erſchrak ob des unerwarteten Ge⸗ ſchrei's: ſie erkannten an der Farbe, daß die her⸗ vorbrechenden Aethioper ſeyen und wie unwider⸗ ſtehlich ihre Zahl— denn es waren tauſend leicht bewaffnete zum Durchſuchen ausgeſandt— und nun wandten ſie ſich, ohne den Anblick weiter zu ertra⸗ gen, zur Flucht, erſt langſamer, als ſie gekonnt — 284— hätten, um nicht ein offenbares ausreißen zu zeigen. Die andern verfolgten ſie, indem ſie die Troglo⸗ dyten unter ihnen— es waren ihrer gegen zwei hundert— voraus ließen. Die Troglodyten ſind ein Theil von Aethiopiern, ein wandernd Hirten⸗ volk, an Arabien gränzend: zu Schnelligkeit und Laufen ſehr von Natur begabt und von Jugend auf darin geübt. Mit ſchweren Waffen umzugehen ſind ſie gar nicht gelehrt: in den Schlachten ſchießen ſie mit den Schleudern, ſchaden dem Feind durch ſchnellen Anlauf und fliehen wieder davon, wenn jene an Macht ſie überwiegen. Man läßt ſich aber die Verfolgung gleich vergehen, weil man weiß, daß ſie in Löcher mit engen Oeffnungen und ver⸗ borgene Steinritzen hinein kriechen. Dieſe holten denn die Reuter zu Fuß ein und waren auch ſo glücklich, einige mit ihren Schleudern zu verwunden. aber ihren Anlauf hielten ſie nicht aus und liefen zurück zu den ihrigen die noch weit dahinten waren. Das überlegten ſich die Perſer, ſahen nicht auf ihre kleine Zahl und wagten nachzudringen: trieben, die ſich widerſetzten, ſchnell aus einander und eilten dann weiter in ihrer Flucht: gaben den Pferden die Spor⸗ nen und ließen ſie mit verhängtem Zügel ſo viel ſie Schnelligkeit und Kraft hatten ausziehen. Alle die andern entflohen, indem ſie auf eine Krümmung des Nils wie hinter eine Burg ſich zogen und durch das ſteile Ufer den Augen ihrer Feinde ſich verbargen. Bagoas aber ward gefangen: er ſtürzte mit ſeinem ſtrauchelnden Pferde zuſammen und ſiel ſich den einen Schenkel aus, daß er ſich nicht zu rühren vermochte. Auch Theagenes und Charikleia wurden — 285— gefangen, weil ſie's nicht über ſich gewannen, den Bagoas zu verlaſſen, der ſich freundlich ihnen ſchon gezeigt und es fuͤr künftig verhieß. Sie ſtanden um ihn von den Roßen geſtiegen: theils weil ſie im Fliehen doch niedergebeugt worden wären ob ihrer Feſſeln, theils auch aus freiem Willen. Und Thea⸗ genes begann zu Charikleien: das ſey der Traum und das die dunkeln Männer, in deren Land ſie als Kriegsgefangene nach der Verheißung kommen würden. So ſey's das beſte, ſich ſelbſt zu un⸗ terwerfen und einem unbekannten Schickſal ſich hinzugeben, als der ſichern Gefahr beim Oro⸗ ondates. Charikleia dagegen ahnte den Reſt der Verkündi⸗ 17 gung, die ſich entfaltete und war voll froher Hoff⸗ nung: indem ſie eher Freunde als Feinde in den herannahenden wähnte. Sie geſtand indeß dem Thea⸗ genes nichts von dem, was ſie dachte: ihr bleiben zeigte aber, daß ſie ſeiner Meinung war. Da kamen denn die Aethioper heran. Den Bagvas erkannten ſie gleich als verſchnitten und unkriegeriſch am Geſicht: die beiden andern ſo ohne Waffen und gefeſſelt, die in Schönheit und Adel ſo hervorleuchteten, fragten ſte wer ſie ſeyen: indem ſie einen Aegypter von ihnen, der auch perſiſch redetel um es zu erfahren hinſandten: denn ſie meinten, eins würden ſie doch, wenn auch nicht beides, verſtehen. Denn dieſe Kundſchafter und Späher, die Wort und That erforſchen ſollten, hatte die Nothwendigkeit gelehrt, ſolche mitzunehmen, welche eine Sprache mit den Einwohnern und Fein⸗ den redeten. Als nun Theagenes, der nun ſo lange — 286— mit der ägyptiſchen Sprache vertraut war, auf die kurze Frage gleich erwidert hatte„daß ſie dem per⸗ ſiſchen Statthalter gehörten: er ſelbſt und Charikleia aber Griechen ſeyen, die früher von den Perſern als Gefangene hinweggeführt worden, jetzt aber den Aethiopiern vielleicht für ein beſſeres Geſchick ſich übergäben: ſo beſchloſſen ſie, ihrer zu ſchonen, ſie lebendig hinwegzubringen und ihrem König als erſte und herrlichſte Beute das zu überliefern, was dem Statthalter das hochgehaltenſte ſey unter ſeinen Be⸗ ſitzungen. Denn an der Perſer königlichen Höfen iſt der Verſchnittenen Geſchlecht Aug' und Ohr: da weder Kinder noch Verwandtſchaft ihre Anhänglichkeit theilt und nur allein dem untergeben iſt, der ihnen vertraut. Die jungen Leute hielten ſie für ein trefflich Geſchenk zum Hofdienſt für den König. So halfen ſie ihnen ſchnell auf die Roſſe: dem einen, weil er verwundet war, den beiden andern, weil ihre Feſſeln nicht ge⸗ ſtatteten auf dem Marſche ihnen gleich zu kommen. Alſo war's wie der Prolog oder Voract eines Schau⸗ ſpiels. Fremde und gefeſſelt, die aber erſt den Tod vor ihren Augen erwogen hatten, wurden jetzt nicht ſowohl hinweggeſchleppt, als geleitet in ihrer Gefan⸗ genſchaft von denen, welche kurz darauf als Untertha⸗ nen ſie beſchützen ſollten. Alſo geſchah's mit dieſen. Neuntes Buch. Spene war indeß von offner Belagerung umgeben: 1 wie mit Netzen ward's von den Aethiopern umgarnt. Oroondates nemlich, welcher erfuhr, daß die Aethiv⸗ per mit Gewalt ſich nahten, und indem ſie die Waſ⸗ ſerſtürze übergingen gegen Syene heranrückten: kam ihnen nur eben zuvor im Einzug in die Stadt, ſchloß die Thore, verſah die Mauern mit Geſchütz, Waf⸗ fen und Heergeräth und erwartete was geſchehen werde. Der Aethioper König Hydaspes, welcher ſchon vorher geahnt hatte, daß die Perſer annoch fern in Syene ſich werfen würden, zog ihnen nach, um ihnen zuvorzukommen, kam aber dennoch zu ſpät und warf ſein Heer nun vor die Stadt: im Kreis ergoß er ſich ringsherum und lagerte ſich wie zu einem Schau⸗ ſpiel. Viele tauſende von Männern, Waffen und Thieren drängten ſich in den Gefilden der Syener. Dort trafen ihn die Späher der Streifwachen und führten die Gefangenen ihm vor. Der Anblick der — 288— jungen Leute ſtimmte ihn heiter: ſein Gemuͤth neigte ſich, wenn auch noch unbekannten, alſobald ihnen zu in einer geheimen Ahnung der Seele: mehr aber noch freute er ſich ob der Vorbedeutung, daß ihm Gefan⸗ gene eingebracht wurden:„wohl!“ rief er aus„die Götter führen unſere Feinde uns gleich im Beginn in Feſſeln zu. Sie nun als die erſten Gefangenen mö⸗ gen als Erſtlingsbeute des Kriegs für das Sieges⸗ opfer bewahrt werden, wie es der Aethioper hei⸗ mathlich Geſetz heiſcht, als Weihe-Dank für die Götter des Vaterlandes.“ Die Streifwache über⸗ häufte er mit Geſchenken und ſandte ſie ſelbſt mit ihren Gefangenen zu dem Gepäcke, nachdem er eine ſattſame Bedeckung ſprachverſtändiger ihnen zugeord⸗ net. Dabei gebot er ſie mit aller Sorgfalt zu be⸗ handeln, reichlich Speiſen ihnen zu geben, ſie von allem Makel rein zu erhalten, da ſie als Schlacht⸗ opfer gleichſam genährt würden, und ihre Feſſeln mit goldenen zu vertauſchen. Denn wozu man in allen Ländern das Eiſen braucht: dazu wird bei den Aethiopern das Gold angewandt. 2 Man that, wie er geboten. Und als man ſie gelöſt von den vorigen Feſſeln und ſie Hoffnung zu freiem Leben ſchöpften, gewannen ſie dennoch nichts: Denn ſogleich brachte man goldene Ketten dafur herbei. Da mußte Theagenes lachen:„„herrliche Veränderungl! das Geſchick iſt recht menſchenfreund⸗ lich gegen uns: Gold erhalten wir ſtatt Eiſen! Was uns bindet, iſt unſer Reichthum, wir ſind hochgeehrte Feſſelträger.“ Auch Charikleia lächelte dazu und ſuchte den Theagenes davon abzubringen -— 289— indem ſie ihm theils das, was die Götter ihnen geweiſſagt, vorhielt, theils mit fröhlichen Hoffnun⸗ gen ihn einwiegte. Hydaspes auf der andern Seite hatte gehofft, beim erſten Andrang und Kriegsge⸗ ſchrei die Mauern der Stadt im Raub zu erklim⸗ men: aber die belagerten drängten ihn zurück; mit wackrer That ſich wehrend, ließen ſie's auch an Worten zu Trutz und Hohn nicht fehlen: da er⸗ grimmte er im Herzen, daß ſie gleich anfangs ſo kraf⸗ tig ihm zu widerſtehn gewagt: und nicht am Ort ſich freiwillig übergeben. Er beſchloß keine Zeit zu ver⸗ lieren im vergeblichen davorſitzen ſeines Heeres, auch nicht ſolche Werkzeuge anzuwenden, wo nur ein Theil gefangen wird, ein andrer zu entkommen ver⸗ mag: ſondern einen ungeheuern unentweichlichen Sturm zu ſtürmen, der die Stadt ihm ganz und bald überlieferte. Alſo that er auch. Er theilte den Umkreis der 3 Mauer ein, übergab je zehn Männern zehn Klaftern und gebot ihnen einen Graben zu führen, deſſen Breite und Tiefe er in höchſter Ausdehnung beſtimmte. So gruben einige, andere ſchafften den Schutt hin⸗ weg, und noch andere thürmten ihn zum Bollwerk in die Höhe, und ließen eine zweite Mauer der bela⸗ gerten gegenüber emporſteigen. Niemand ſtörte ſie darin oder verhinderte ſie bei ihrer Mauer: denn man wagte nicht ob der Stärke des ungeheuren Hee⸗ res einen Ausfall zu machen und ſah auch, daß Bo⸗ genſchüſſe von der Bruſtwehr unſchädlich ſeyen. Auch das hatte nemlich Hydaspes berechnet und den Theagenes u. Charikleia⸗ 19 — 290— Raum zwiſchen den beiden Mauern auſſerhalb der Schußweite feſtgeſetzt. Und wie er das ſchneller faſt als ein Wort ausgeführet— ſtanden doch unzählige Fäuſte ihm zu Gebot— da begann er folgendes dazu. Einen Theil ſeines Walles, wohl gegen ein halbes Plethron ließ er eben und ungethürmt. An beiden Seiten, wo der Wall ſich endete, führte er die Schenkel eines Damms bis an den Nil hinan, in⸗ dem er von der Tiefe aus immer höher und höher jeden Schenkel hinanleitete. Man hätte lange Mau⸗ ern zu ſehen gewähnt, denn die Breite der funfzig Fuß blieb immer dieſelbe, während der Raum da⸗ rinne die Länge bekam, ſo weit der Nil von Syene entfernt iſt. Dort fügte er den Damm an die Ufer, ſchnitt einen Eingang fuͤr den Strom und leitete ſeine Wellen in die Bahn der beiden Dammſchen⸗ kel. Wie nun das Waſſer bei dieſer Höhe nach der Tiefe zu und bei der unendlichen Breite des Nils auf den engen Paß losſtürzte und in die künſtlichen Ufer eingeklemmt, in unſaglich großem Wogendrang aufbrauſte: ſo ſchallte das Getös im Graben ſelbſt bis zu den entfernteſten hinüber. Die in Syene hörten und ſahen das alles, begriffen ihre Gefahr, da eine Ueberſchwemmung der Zweck dieſes Boll⸗ werks ſey und konnten doch— nahe ſchon dröhnte der Wogenſchwall und verſchloß ihnen den Weg⸗ gang— aus der Stadt nicht entfliehen: auch das bleiben, ſahen ſie, war gefährlich und ſo halfen ſie ſich ſelbſi mit dem, was ihnen zu Gebote ſtand. Die offnen Breterfugen bei den Thoren verſtopften ſie mit Binſengeflecht und Erdpech: zu tüchtigerem Halt befeſtigten ſie dann die Mauer; Schutt, 7 — 291— Steine, Holz und was man erlangen konnte trug jeder herbei. Keiner war müßig: Weib, Kind und Greis hielt ſich gleich wacker an die Arbeiten; To⸗ desgefahr verachtet weder Geſchlecht noch Alter. Die kräftigern unter den Kriegern und jugendlichen wurden befehligt, einen engen unterirdiſchen Gang von der Stadt bis über das Bollwerk der Feinde hinaus zu graben. Und ſie führten das Werk folgendergeſtalt aus. 4 Einen Schacht gruben ſie erſt nah bei der Mauer ge⸗ gen fünf Lachter tief gerad hinab und wie ſie den Mauergrund über ſich hatten, ſchlugen ſie bei Fackel⸗ licht zum Stollen ein, der drunter weg gerade nach dem Damm zu führen ſollte: wäͤhrend die hinterſten immer von den vorderen ſtets nach der Reihe den Schutt übernahmen, den ſie in einen Theil der Stadt, der ſeit lange ſchon zu Gärten benutzt ward, führ⸗ ten, und zu einem Hügel aufthürmten. Das thaten ſte um ſich durch die Höle einen R ungsausfall vor dem Waſſer, wenn es ſo weit hereinkäme, zu ſchaffen. Dennoch kam das Unglück ihrer Vorſicht zuvor. Schon war der Nil längs des langen Dam⸗ mes herabgeſtrömt; und ſtürzte ſich nun in den Kreis hinein, umzingelte ihn ganz mit ſeinen Fluthen und machte den Raum an der Mauer zu einem See. Und bald war Syene eine Inſel und das Zwiſchenland von den Wogen des Nils ſtrömend unter Waſſer ge⸗ ſetzt. Für den Anfang hielt die Mauer einen Theil des Tages, aber als das ſchwillende Waſſer ſich in die Höhe drängte und zugleich durch die Spalten, welche in der ſchwarzen fruchtbaren Erde zur Zeit des — 292— Sommers ſich gebildet, in die Tiefe wühlte und un⸗ ter der Mauer Grund ſich hineinſchlich: da gaben die Fugen der Gewalt nach: wo es locker geworden ſich ſenkte, da neigte ſich die Mauer und deutete durch ihr Wanken die Gefahr an: die Zinnen wurden er⸗ ſchüttert und die Streiter darauf ſchwankten unter dem Zucken der Mauer. 5 Als es Abend ward ſtürzte ein Theil der Mauer zwiſchen den Thürmen ein: doch nicht alſo, daß die Oeffnung niedriger als der See geworden, und das Waſſer hineingedrungen wäre: fünf Ellen waren wohl noch drüber: aber es drohte die Ueberſchwemmung einzubrechen: da erhoben die in der Stadt ein allge⸗ meines Geheul, daß die Feinde ſelbſt es vernahmen, und hoben ihre Hände zum Himmel, ihre einzige Hoffnung, die Götter, riefen ſie an um Hülfe, und beſchworen den Orvondates dem Hydaspes eine Bot⸗ ſchaft zu entſenden. Auch der willigte ein, war er doch ſelbſt zum Sclaven des Unglücks gezwungen: aber das Waſſer ſchnitt ihn ab, und er wußte nicht, wie er zum Feinde kommen ſollte: da lehrte ihn die Nothwendigkeit einen Gedanken; er ſchrieb was er wollte auf, band die Schrift an einen Stein und ließ ihn mit einer Schleuder zu den Feinden hinüber als Bote fliegen: über Meer ſchoß er ſeine Bitte. Aber es mißlang: der Wurf war kürzer als die Entfer⸗ nung und es fiel in's Waſſer. Nochmal ſchoß er daſ⸗ ſelbe Schreiben hinüͤber und wieder gefehlt. Alle Schutzen und Schleuderer ſtrengten ſich an im Schuß dorthin zu gelangen; weil es den Kernſchuß des Le⸗ bens galt, aber allen widerfuhr dasſelbe. Da ſtreck⸗ — 293— ten ſie endlich ihre Hände den Feinden entgegen, die auf den Wällen ſtanden, denen ihr Leiden wie ein Schauſpiel galt und deuteten in jammernden Geber⸗ den den Zweck ihres bogenſchieſſens nach Vermögen an: bald hoben ſie die Hände hoch auf wie flehend, bald legten ſie dieſelben auf den Rücken, wie zu Banden bereit, um ſich als Sclaven zu bekennen. Da er⸗ kannte Hydaspes, daß ſie um Rettung baten: und er war geneigt ſie ihnen zu geben(denn ein gebeugter Feind ruft bei edlen die Menſchlichkeit auf) doch war er noch unentſchieden und wollte die Feinde genauer prüfen. Schon fruͤher waren Flußkähne in Bereit⸗ ſchaft, die er durch den Deichgang vom Nil herein⸗ bringen laſſen und ſie nun, dem Kreis des Walles nahgebracht, feſtgezogen hielt. Von dieſen las er zehn neugefügte aus, bemannte ſie mit Bogenſchützen und Gepanzerten, unterrichtete ſie, was ſie ſagen ſollten und ſandte ſie zu den Perſern hinüber. Ge⸗ wappnet gingen ſie hinüber um, wenn die auf der Mauer drüben etwa wider Erwarten etwas unter⸗ nehmen ſollten, bereit zu ſeyn zur Abwehr. Und ein ſeltſames Schauſpiel bot ſich: ein Schiff ruderte von Mauer zu Mauer: Schiffer im Binnenland, und ein Kahn zog über Ackerfeld; auch ein wunderbarer Krieg war's, der ſich da ſeltſam entfaltete: Schiffkämpfer fuͤhrte er gegen Mauerkämpfer, bewaffnete Seemän⸗ ner gegen Landkrieger. Die drinnen in der Stadt— als ſie die Kähne und die Bewaffneten auf die Ge⸗ gend zu ſchiffen ſahen, wo die Mauer gebrochen war, — beſtürzte Menſchen und voll ſchon des Grauens ob der umgebenden Gefahr— ahneten auch in ihren Rettern Feinde— denn in der höchſten Gefahr ſieht — 294— man in allem verdaächtiges und furchtbares— und ſchleuderten und ſchoſſen von den Mauern gegen ſie. So halten aber Menſchen, die ſelbſt ſich aufgegeben, immer ſelbſt noch eine gegönnte Stunde für Gewinn zum Aufſchub des Todes. Aber ſie verwundeten nicht mit ihren Schüſſen: nur die Landung wollten ſie da⸗ mit verhindern. Auch die Aethioper ſchoſſen wieder und trafen— ſey's nun, daß ſie beſſer zielten, oder daß ſie der Perſer Meinung nicht begriffen— zwei oder vielleicht mehre: ſo daß manche ob der ſchweren und ungeahnten Verwundung hauptlings von den Mauern herab ins Waſſer ſchoſſen. Und wohl wäre das Gefecht noch heißer geworden— denn manche hinderten es noch ſchonend während einige zornig gegen die Aethiopier ſich wehrten— wäre nicht ein hochgeachteter Greis unter den Syenern zu denen auf der Mauer getreten mit den Worten:„Sinnbethörte ihr! die das Unglück blind macht, die wir eben erſt flehentlich um Hülfe gerufen, dieſe weiſen wir wieder ab, nun ſie gegen unſre Erwartung kommen? kommen ſie als Freunde, uns Frieden bietend, ſo ſind ſie unſre Ret⸗ ter und haben ſie feindliches im Sinne, ſo mögen wir ſie ja leicht ſiegreich zurücktreiben! Und was haben wir auch, wenn wir dieſe vernichten, da eine ſolche Gewitterwolke zu Land und Waſſer uns umdräut? Laßt ſie uns aufnehmen und dann erfahren was ſie be⸗ gehren!“ das ſchien allen klug geredet. Auch der Statthalter war ſeiner Meinung. Und ſo gingen ſie hier und dort ruhig von der Bruſtwehr; ihre Waffen 6 feierten. Und als nun der Wall verlaſſen war von darauf ſtehenden: da bedeutete das Volk mit wehen⸗ den Tüchern, daß man landen möge. So kamen — 295— dann auch die Aethioper heran und ſprachen von ihren Fahrzeugen, wie vom Schauſtand, nach der Bühne der Belagerung alſo hinauf:„Ihr Perſer und ver⸗ ſammelte Syener! Hydaspes, der Aethioper von Sonnenaufgang und Niedergang und jetzt auch euer König, weiß Feinde zu ſtürzen, und Flehenden zu verzeihen: jenes hält er für männlich tapfer, dies für menſchlich: jenes für Pflicht des Kriegers, dies für des eignen Gemüthes Genugthuung. In ſeiner Macht ſteht euer Leben und Tod und er entnimmt euch der unbezweifelten allen offenbaren Gefahr des Krieges. Er läßt euch die Bedingungen, unter welchen ihr des Jammers euch gern überhebt, euch ſelbſt wählen, ſchreibt ſie nicht vor. Nicht nach Willkühr handhabt er das Recht, ſondern er entſcheidet der Menſchen Geſchick nach Billigkeit. Da erwiderten die Sye⸗ näer, daß ſie ſich ſeloſt, ihre Weiber und Kinder dem Hydaspes anheimſtellten zu jeglichem was ihm gut dünke: auch die Stadt wollten ſie, ſo ſie gerettet würde, übergeben. Denn ſie woge noch immer in Hoffnungsloſigkeit, wenn nicht die Gottheit oder Hy⸗ daspes mit einem Rettungsmittel zuvorkomme. Oro⸗ ondates aber verhieß das, was den Krieg veranlaßt, aufzugeben, und den Kampfpreis: er war bereit Philä und die Smaragdgruben abzutreten. Selbſt aber wollte er ſich nicht dem Zwange fügen, weder ſich noch ſeine Kämpfer übergeben. Wollte Hydaspes ſeine Menſchlichkeit in ihrem ganzen Umfange zeigen, ſo möge er geſtatten, daß ſie ohne Schaden, zu thun oder die Hände zur Wehr zu heben gen Elephantine abzögen; denn es ſey ihm gleich, ob er jetzt umkomme oder gerettet bei dem König der Perſer den Schein — 296— eines Verraths am Heere auf ſich lade. Ja noch harter ſchien ihm dies, da er dort einen einfachen ehr⸗ lichen Tod erleide; hier aber einen grauſamen zu bitterer Qual erſonnenen. 7 So ſprach er und erlangte auch noch, daß zwei der Perſer mit in die Kähne ſteigen ſollten: unter dem Vorwand nach Elephantine zu gehn, um, wenn dieſe zur Uebergabe geneigt wären, dann auch nicht länger zu zögern. Als ſie das vernommen zogen die Boten wieder ab, nachdem die zwei Perſer an Bord genommen waren, und verkündeten alles dem Hydas⸗ pes. Der lachte und ſpottete über Oroondates Ein⸗ falt, wie uͤber Bedingungen geredet würde von einem Manne deſſen Leben oder Sterben nicht bei ihm ſelbſt ſondern bei einem andern in ungewiſſem Schwanken ſtünde. Es wäre eine Schande, ſagte er, wenn die Kopfloſigkeit eines einzigen ſo vielen den Untergang bereitete“ und geſtattete den Boten nach Elephantine zu gehn, ganz ohne Sorgen, ob auch die dort viel⸗ leicht zum Widerſtand geneigt wären. Seinen eig⸗ nen Leuten indeß gebot er den gegrabenen Durchbruch des Nils zu verſtopfen und einen andern in den Wall zu ſchneiden, auf daß der Zufluß gehindert, der See durch die Abzucht geleert und die Gegend um Syene ausgetrocknet und wieder gangbar würde. Die dazu befehligt waren, begannen einen Theil des Werks und gedachten es den folgenden Tag zu vollenden, denn der Abend und die Nacht kam herein, als ihnen die Aufträge gegeben worden. 8 Die in der Stadt gaben indeß ihre mögliche Ei⸗ genhülfe nicht auf; wie ſie auch die Rettung, die — 297— ſich ihnen ſo unerwartet darbot, nicht verkannten. Einige gruben an dem unterirdiſchen Höler fort und meinten ſchon dem Damme nahe gekommen zu ſeyn, indem ſie den Zwiſchenraum von ihrer Mauer bis zu den Dämmen drüben vor ihren Augen mit der Meß⸗ kette im Höler zuſammenhielten. Andere richteten die eingeſtürzte Mauer wieder auf bei Fackelſcheine. Der Bau ging leicht von Statten, indem man nur von innen Steine in die Riſſe wälzte. Wie ſie's nun vor der Hand für ſicher hielten, waren ſie doch des Schreckens noch nicht überhoben: denn um Mitter⸗ nacht ſtürzte der Theil der Mauer, an welchem die Aethioper am Abend zu graben angefangen hatten, unvermuthet ein— ſey's nun daß dort ſich gerade lok⸗ kere nachgiebige Erde gehäuft und der Grund alſo durchwaſchen nachgab, ſey's daß die grabenden auch Gelegenheit gegeben hatten, daß der Grund der Lücke nachwich oder weil den kurzen angebrochenen Raum, jetzt niedriger als das Bollwerk, das eindringende und in der Nacht anſchwellende Waſſer vollends nach⸗ löſte und, nun der Einſchnitt einmal den Weg ge⸗ zeigt, heimlich ſich tiefer wühlte, oder ſey's endlich daß man das Werk einer göttlichen Hülfe beimaß. Und das erhob ein ſolches Lärmen und Brauſen, daß der Schall den Sinn betäubte und man den ganzen Vorfall nicht errieth. Der größte Theil der Mauern und der Stadt ſtürze ein, meinten Aethioper und Syener. Die erſten blieben ruhig in ihrem Lager: am Morgen hätten ſie ja doch die Wahrheit erfahren: die in der Stadt umliefen die ganze Mauer rings und ſahen ſomit, daß ihre Sache noch feſt und ſicher ſey: alſo wähnte jeder das Unglück bei dem andern — 298— bis das Morgenlicht kam und die Schleier von dem erregten Schrecken hinwegzog: man ſah den Durch⸗ bruch und das Waſſer ſtrömte unaufhaltſam durch. Da ſtopften die Aethioper die Waſſer bringende Mün⸗ dung, ließen Schleuſſen von Brettern gefügt hinab, ſtützten ſie von außen durch ſtarke Holzklötze und fügten ſie durch Schutt und Flechtwerk zuſammen, indem viele tauſende ſowohl vom Uſer als auch auf Schiffen alles herbei ſchleppten. So ſtrömte das Waſſer durch: aber keine Parthei konnte noch zur andern hinübergehn. Denn das Land war angefüllt von tiefem Schlamm, und unter der Oberfläche, welche trocken ſchien, ſchwamm noch ein fluͤſſiger Mo⸗ raſt, der den Tritt eines Roſſes ſo gut als eines Mannes in die Tiefe ſenkte. 9 So blieb es dreier Tage lang. Die Syener deuteten durch die geöffneten Thore, die Aethioper durch die weggelegten Waffen den Frieden an. So war's ein Waffenſtillſtand ohne Uebereinkunft: von keinem Theil wurden die Feldwachen ordentlich ver⸗ ſehn und vor allen gaben ſich die in der Stadt der Freude hin. Auf dieſelbe Zeit fiel gerade das Nil⸗ feſt ein, das höchſte bei den Aegyptern, welches um die Sonnenwende gefeiert wird wann der Strom ſich zu mehren beginnt. Die Aegypter aber heben es über alle die andern Feſte aus dieſer Urſach: der Nil iſt den Aegyptern ein Gott, ſie halten ihn für den höch⸗ ſten unter den hohen Weſen: gleich dem Himmel ver⸗ ehren ſie ihren Strom, weil er ſonder Wolkendunſt und Wettergüſſe ihr Arthfeld ihnen tränkt und zu ge⸗ ſetzter Friſt ſtets wäſſert im Jahre. Dies thut das — 299— ganze Volk. Als Gott erkennen ſie ihn aber darum: daß ſie leben und Menſchen ſind, davon iſt ihnen der feuchten und trocknen Natur Vereinigung die Urſach — denn die übrigen Elemente quellen und keimen her⸗ vor wo dieſe ſind, nach ihrer Meinung— die feuchte Natur iſt ihnen der Nil: die andere ihr Land. Auch das iſt Volksglaube; Geweihte hingegen ſehen die Iſis in der Erde, den Oſiris im Nil; und andern nur den Namen der Sache. Und die Göttin ſehnt ſich nach ihm, ſo er fern iſt, und freut ſich, ſo er naht und beklagt wieder ſeinen Abſchied und haßt wie einen Feind den Typhon(Gluth). Forſcher der Natur und des ewigen Weſens haben den Laien den geheimen Sinn der drinn verborgen liegt alſo ver⸗ ſchleiert. Weſſen Geiſt aber höhere Herrlichkeit ſchaut und in tieferes Wiſſen hinein ſich ſenkt, den weihen ſie zu höherer Klarheit mit des Allweſens ſtrahlender Fackel. Darum möge auch uns, was wir geſagt, nicht 10 übel gedeutet werden: ſo tiefe Geheimniſſe laßt uns mit ernſtem Schweigen ehren und auf die Er⸗ zählung von Syene zurückkommen. Das Nilfeſt ſtand dort bevor und die Ein⸗ wohner waren um Opfer und heilige Weihe be⸗ müht; wenn auch ihr Leib von dem gegenwärtigen Unglück gebeugt war: ihre Seele war dennoch der Verehrung des göttlichen in ſolcher Trübſal nicht verſchloſſen. Oroondates aber erwartete Mitter⸗ nacht und fuͤhrte ſein Heer, als die Syener ob des Feſtes in tiefem Schlaf befangen waren, von dan⸗ — 300— nen, nachdem er Stunde und Thor, wo der Abzug geſchehen ſollte, den Perſern vorher angeſagt. Je⸗ dem Zehnfüͤhrer war geboten, Pferde und Packthiere zurückzulaſſen, theils um Unordnung zu vermeiden, theils auch, daß niemand durch den Lärm ahnen möge, was vorgehe. Nur die Waffen nahmen ſie mit und jeder trug ein Scheit oder Brett. Wie ſie nun an dem beſtimmten Thor ange⸗ langt waren, warf er das Holz quer in den Mo⸗ raſt ſo wie jede Rotte es führte, fügte was jeder hatte darauf, indem die hintern immer den vordern zulangten und brachte ſo wie über einen Damm leicht und ſchnell die Menge hinüber und gewann das trockene. Die nichts merkenden Aethioper, die keine Sorgfalt auf die Wache verwendet, ſondern ohne Ahnung ſchliefen, ging er unbemerkt vorüber, führte das Heer gen Elephantine in einem Lauf und Athem, und kam ungehindert in die Stadt; denn die beiden vorausgeſandten Perſer— ſo war's ihnen geboten— wachten Nachts beſtändig auf ſeinen Anzug und wie ſie das gegebene Feld⸗ geſchrei geſagt, öffneten ſich alsbald die Thore. Als der Tag graute, merkten die Syener erſt den Ab⸗ zug: zuerſt indem jeder im eignen Hauſe die ein⸗ gelegten Perſer nicht mehr ſah, dann, indem ſie zu Haufen zuſammen kamen, endlich, als ſie die Brücke gewahrten. So waren ſie in neuer Beſtuͤrzung: eine ſchwerer laſtende Schuld abermaligen Unrechts ruhte auf ihnen, daß ſie gegen ſolche Menſchlichkeit treu⸗ los erfunden würden und den Perſern beigeſtanden bei ihrem Abzug. Somit beſchloſſen ſie, alleſammt — 301— aus der Stadt zu ziehen, den Aethiopern ſich aus⸗ zuliefern und mit Eiden ihre Unſchuld zu betheuern, um ſie zum Mitleid vielleicht zu ſtimmen. Von allem Alter ſammelten ſie ſich, nahmen Zweige zur Friedensbitte, zündeten Fackeln und Wachskerzen: voraus ſandten ſie die Prieſter und die Bilder ihrer Götter, wie Herolde, zogen mit flehender Geberde über die Brücke zu den Aethiopern, ſanken ſchon von fern auf ihre Kniee und flehten zuſam⸗ menſtimmend in jammernde Töne nur mit einem klagenden Wehruf. Um mehr noch Erbarmen zu erregen, hatten ſie alle ihre kleinen Kinder vor ſich hingehoben, zu laufen wohin ſie luͤſteten, um durch dieß ahnungsloſe, unſchuldige Völkchen der Aethio⸗ per Jähzorn zu mildern. Die Kinder aber ſtaunten und, deſſen unbewußt, was vorging, flohen von ihren Eltern und Führern hinweg— vielleicht um dem endloſen Geſchrei zu entgehen. Und ſo krochen ſie theils auf dem Weg hin zu den Feinden, theils liefen ſie lallend und kläglich weinend einher: als ob das Schickſal ihnen die flehentliche Bitte ein⸗ gegeben. Als Hydaspes das erſah, im Wahn, ſie kämen 12 ihre alte Bitte zu erneuern und ſo ganz ihr Un⸗ recht zu geſtehen, ſandte er hin und frug, was ſie begehrten, und warum ſie allein und ohne die Perſer kämen? Da erzählten ſie alles, der Perſer Abzug, ihre eigne Unſchuld, das vaterländiſche Feſt: und wie ihnen, hingegeben der Verehrung gegen die Götter und nach dem Feſt in Schlummer verſenkt, ſo natürlich der Abzug entgangen ſey und wie ſie 13 — 302— — hüätten ſie es auch gewehrt— dennoch wehrlos bewaffnete nicht hätten hindern können. Hydaspes, als das ihm verkündet worden— er hatte den wirklichen Verlauf ſchon geahnt, daß Oroondates eine Liſt und Hinterhalt bereiten werde— rief die Prieſter nur heran und frug— nachdem er den Bildern ihrer Götter, die ſie zu heiliger Scheu mit ſich führten, neigend ſeine Ehrfurcht bezeugt— ob ſie weiter was von den Perſern wüßten und wohin ſie aufgebrochen: worauf ſie vor allen bau⸗ ten und was ſie im Schilde führten. Die aber ſagten, daß ſie ſonſt nichts wüßten, aber ihren Zug nach Elephantine vermutheten: weil dort ſich das größte Heer verſammelt habe und Oroondates vor allen auf die gepanzerten Reuter ſich ſtütze. Alſo ſprachen ſie und baten hinein zu kommen in ihre Stadt wie in ihr Eigenthum und ihren Zorn zu hemmen. Selbſt in die Stadt einzugehn hielt Hydaspes vor der Hand nicht für rathſam: zwei Schaaren Kerntruppen ſandte er hinein, um einen etwaigen Hinterhalt zu prüfen, und wenn nichts ſich zeige, die Stadt zu beſetzen; die Syener entließ er mit freundlichem Troſt, muſterte dann ſein Heer ſelber, um die Perſer zu empfangen oder ihnen ſelbſt wenn ſie zögerten entgegen zu gehen: Und noch war's nicht genug geordnet: als Kund⸗ ſchafter hereinritten und den Anzug der ſchlachtge⸗ ordneten Perſer verkündeten. Oroondates hatte nämlich geboten, daß das ganze übrige Heer in Elephantine ſich ſammeln ſolle; er ſelbſt war ge⸗ zwungen als er die Aethioper ſo unvermuthet an⸗ — 303— dringen ſah, mit wenigen nur nach Syene ſich zu werfen: bat dann, durch die Wälle wie eingemauert, um Rettung, erhielt ſie auch auf Hydaspes Ver⸗ heißung, und ward nun als der treuloſeſte Menſch erfunden: die beiden Perſer hatte er mit den Ae⸗ thiopern hinüberſchiffen laſſen, um zu erfahren, unter welchen Bedingniſſen die in Elephantine mit Hydaspes ſich zu vereinen gedächten: in Wahrheit aber, ob ſie's vorzögen zur Schlacht ſich zu rüſten, ſo er etwa entkäme. Und dieſen treuloſen Gedan⸗ ken führte er auch in's Werk. Er fand ſie kampf⸗ bereit und führte ſie alsbald heraus, den Anfall nicht lang verſchiebend, und meinte durch ſeine Eile jede Vorbereitung ſeiner Feinde abzuſchneiden. Schon zog er kampflüſtern daher, mit perſi⸗ 14 ſcher Pracht die Augen beſtechend: mit ſilbernen und vergoldeten Waffen durchblitzend das Gefilde, denn eben glühte das Morgenroth auf und warf ſeine Strahlen auf der Perſer Antlitz: ein unend⸗ liches Funkeln leuchtete weithin und der Rüſtung eigner Glanz blinkte dagegen. Seinen rechten Flü⸗ gel bildeten die edelſten Perſer und Meder ſelbſt, voran die Kerntruppen, hinten folgten die Schützen auf daß ſie, baar aller Rüſtung, um ſo ſicherer ſchöſſen unter'm Schilde der Kerntruppen. Der Aegypter und Libyer Mannſchaft und alle Hülfs⸗ truppen hatte er auf den linken Flugel geſtellt. Bogenſchützen hatte er auch ihnen und Schleuderer beigeordnet, auf daß ſie vordringen und ihre Ge⸗ ſchoſſe einbrechend von den Seiten ausſenden möch⸗ ten. Er ſelbſt nahm die Mitte glanzleuchtend — 304— einherziehend auf einem Sichelwagen, 8. beiden Seiten umſchirmten ihn die Sturmriegen zur Sicher⸗ heit: vor ſich hatte er nur die gepanzerten Reuter aufgeſtellt, auf die er vorzüglich trauend die Schlacht wagte: und das iſt auch den Perſern die ſtreitbarſte Sturmriege und wirft ſich wie eine undurchdringliche Mauer des Kriegs entgegen. Die Art ihrer Geſammtrüſtung iſt dieſe. Ein erleſener Mann, von geprüfter Kraft des Leibes ſchirmt mit einem feſt anſchließenden, aus dem ganzen geſchmiedeten Helm, das Haupt, der des Mannes Antlitz paſſend wie eine Maske birgt. Damit ſchützt er ſich alles, vom Scheitel zum Nacken— nur die Augen ſind frei zum durchſchauen; die Rechte iſt mit einer Lanze gewaffnet, größer als ſonſt Speere ſind: die Linke fuhrt den Zügel; niederhängt an der Hufte ein Schlachtſchwert und nicht die Bruſt allein, ſondern der ganze übrige Leib iſt gepanzert. Des Panzers Fügung iſt aber dieſe: Platten von Erz und Eiſen haben ſie, wohl einer Spanne lang, üͤberall viereckig geſchmiedet und eine über die andere um die Oberfläche der Seiten gefügt: alſo daß die obere immer über die untere ſich legt und von der Seite auf die daneben liegende: die Falzungen ſind um der Feſtigkeit willen mit Drath eingehäkelt und bilden ſo ein ſchuppiges Hemd, das ohne Beſchwer um den Leib ſich legt, ganz ihn umſchmiegt, jedes Gelenk verdeckt, und ſich ohne Hinderniß der Bewegung zu⸗ ſammenzieht oder ausdehnt; denn es hat Aermel und faͤllt vom Nacken bis auf's Knie, und theilt ſich nothwendig nur an den Hüften, um den Rücken des — 305— Roſſes beſteigen zu können. So iſt der Panzer eine Prallwehr gegen Geſchoſſe und vor jeglicher Verwun⸗ dung ſchirmend. Die Schiene ſteigt von den Zehen bis zum Knie und ſchließt ſich an den Panzer. Aehn⸗ lich iſt das Roß geharniſcht: die Füße umgeben Schie⸗ nen und eine Stirnkappe umſchließt ganz den Kopf: über Rücken und Leib auf beiden Seiten breitet ſich eine ſtahlgewirkte Decke, die zugleich ſchirmt und in ihrer Leichtigkeit den Lauf nicht hindert. Ein ſo ge⸗ harniſchter ſteigt nun auf ſein Roß oder beſſer fällt darauf: denn er ſelbſt vermag nicht ſich aufzuſchwin⸗ gen, ſondern andere ſetzen ihn ob der Laſt hinauf. Und wann die Schlachtzeit kömmt, da läßt er dem Roſſe die Zügel, ſpornt's und ſtuͤrmt wie Wetter in die Feinde— ein eiſerner Mann ſcheint's oder eine getriebene Bildſäule, die daher fährt. Die Lanze ragt mit der Spitze gradvor und weit hinaus: eine Kette befeſtigt ſie vorn am Halſe des Pferdes; der Schaft hängt an einem Riemen an den Hanken, alſo daß ſie im Sturm nicht nachgibt, ſondern mir der Fauſt des Reuters, die den Stoß nur richtet, zu⸗ zuſammenwirkt, ſelbſt vordringt und ſich anſtemmt, jeden der ihr aufſtößt mit Gewalt durchjagt, und auf einen Stoß wohl zwei anſpieſt und einherträgt. Solch eine Reuterſchaar hatte der Statthalter 16 und ſo hatte er das perſiſche Heer geordnet, Stirn gegen Feindesſtirn und im Rücken immer den Strom. Denn an Menge übertrafen ihn weit die Aethioper und ſo verſchanzte er ſich durch den Fluß vor Umge⸗ hung. Dagegen heran zog Hydaspes; denen auf dem Theagenes u. Charikleia. 20 — 306— rechten Flügel, Perſern und Medern, ſtellte er ge⸗ harniſchte Streiter aus Merve entgegen, kundig des Kampfes, Mann gegen Mann; die Troglodyten aber und die aus dem Zimmtlande, leicht gewappnet und gewandt und treffliche Bogenſchützen, führte er in Haufen den Schleuderern und Schützen auf dem lin⸗ ken Flügel der Feinde entgegen. Die Mitte der Per⸗ ſer— das ward ihm berichtet— traute ſtolz auf ihre Kürißreuter: er ſtellte ihnen ſich ſelbſt und ſeine thurmtragenden Elephanten gegenüber: vorn die ge⸗ panzerten Blemmyer und Serer, denen er ſchon ge⸗ boten, wie ſie thun ſollten. Und von beiden Seiten erhoben ſich die Schlacht⸗ zeichen: Zinken von den Perſern, Becken und Trom⸗ meln von den Aethiopern foderten zum Kampf. Laut rufend führte Oroondates ſein Heer, Hydaspes aber gebot anfangs langſam einher zu ziehen, vortretend in ruhigem Schritt: theils wegen der Elephanten, daß ſie hinter ihrer Deckung nicht zurückblieben, theils auch um die Gewalt der Reuter ſchon durch ihr da⸗ herraſen zu brechen. Wie ſie aber einen Pfeilſchuß nur auseinander waren und die Blemmyer gewahrten, daß die Panzerreuter die Roſſe zum Sturm trieben: thaten ſie was ihnen zuvor geboten war. Sie ließen die Serer zurück, wie zum Schutz und Schild der Elephanten, rannten weit aus ihrer Stellung vor und jagten ſo ſchnell ſie konnten, grad auf die Küriſſer zu: wie wahnſinnig ſchienen ſie dem, der es geſehen; daß ihrer ſo wenige auf ſolche Menge und ſo furcht⸗ bar gepanzerte heranſtürmten. Und die Perſer ließen noch um ſo mehr den Zügel ſchießen daherjagend. Ein — 307= Fund erſchien ihre Tollkühnheit ihnen: ſie gedachten gleich im erſten Andrang ſie niederzureiten. Schon waren die Blemmyer im Fauſtbereich: 18 faſt hätten die Lanzen ſie durchbohrt, da ſanken ſie — wie auf Gebot— urploͤtzlich nieder und unter die Roſſe; ein Knie ſtemmten ſie an die Erde, Haupt und Rücken wurde nur von einigen wenig oder nicht ge⸗ treten: ſie ſelbſt aber vollbrachten ein kühnes Stück, ſie ſetzten den Pferden unter dem Bauche zu, den ſie mit ihren Schwerten beim überhinjagen ſchlitzten: alſo daß nicht wenige von den Roſſen fielen, die in ungeheuerm Schmerz den Zügel nicht achteten und ihre Reuter abſchleuderten: die lagen wie Klöͤtze da und die Blemmyer durchbohrten ſie unter den Hüften. Denn ein perſiſcher Küriſſer kann ſich nicht bewegen, wenn ihm ein Führer fehlt. Die mit unverſehrten Roſſen hineindrangen, trafen auf die Serer, welche ſo wie jene heranrückten, hinter die Elephanten ſich zogen, fliehend zu den Thieren, wie hinter einen Berg oder eine Veſte. Da begann ein gewaltiges, faſt vernichtendes, Schlachten unter den Reutern. Denn die Roſſe rannten ob des ungewohnten, plötzlich unverſchleiert ſich zeigenden Anblicks, der Elephanten — die niegeſehene Größe vermehrte das furchtbare der Geſtalt— theils wieder rückwärts, theils wirr⸗ ten ſie ſich in einander und löſten alsbald die Ord⸗ nung der Sturmreihe. Auf den Elephanten hatten ſechs jedesmal einen Thurm inne: aus jeder Seite ſchoſſen zwei, während der Theil an der Kroppe nur müßig blieb, und trafen von ihrem Thurme wie von einer Burg ſo gewiß und unaufhörlich, daß den — 308— Perſern der dichte Pfeilhagel wie eine Wolke erſchien. Und als nun die Aethioper vollends die Augen ihrer Feinde zum Ziel nahmen— nicht als ob es Kraft um Kraft ging, ſondern wie zum Wettſtreit im Tref⸗ fen— da fehlten ſie faſt nie, ſo daß die Getroffe⸗ nen ordnungslos durch die Menge tobten, während die Pfeile wie Röhre ihnen aus den Augen ragten. Wer im gewaltigen Lauf gezwungen durch das unauf⸗ haltſame raſen der Pferde, weiter vordrang: ſtürmte in die Elephanten. Und ſo wurden ſie theils auf der Stelle gefangen, theils von den Elephanten aufge⸗ ſchleudert oder niedergeſtampft: theils von den Se⸗ rern und Blemmyern getödtet, die hinter den Ele⸗ phanten wie aus einem Verſteck ausſielen und manche entweder trafen oder im Gewühl von dem Roſſe zur Erde ſtürzten. Die entkamen floh'n ohne Folge und ohne die Elephanten zu beſchädigen hinweg. Denn das Thier wird in der Schlacht mit Eiſen gepanzert und hat auch ſchon von Natur ein hartes Fell: harte Schuppen bedecken die Oberfläche und laſſen jede Spitze abprallen. Wie die uüͤbrigen einmal zur Flucht ſich gewen⸗ det, ließ Oroondates ſchmählicher als alle ſeinen Wagen zurück und entfloh, ein niſäiſch Roß beſteigend — nichts wußten noch von allem die Aegyptier und Libyer auf dem linken Flügel. Sie durchkämpften noch die Schlacht mit aller Tapferkeit und, wiewohl ſie mehr ſelbſt erduldeten als ſchadeten boten ſie tapferes Muthes der Gefahr die Stirn. Denn die aus dem Zimmtlande, ſo ihnen gegenüber ſtanden, drängten ſie furchtbar und machten ihnen zu ſchaffen: ſchritten — 309— ſie vor, ſo flohen ſie weit voraus, und ſchoſſen rück⸗ gewandt ſelbſt auf der Flucht noch mit Bogen: wichen ſie, ſo drängten ſie nach und ſchoſſen theils mit Schleudern in ihre Reihen, theils mit kleinen Pfeilen, mit Schlangengift beſtrichen und brachten alſo einen raſchen reiſſenden Tod. Es ſchießen aber die aus dem Zimmtlande wie zum Scherz und nicht zum Ernſt ſo ſcheint es. Ein rundes Geflecht ſetzen ſie auf den Kopf und umſteckten es rings mit Pfeilen, die Fittige derſelben nach dem Kopfe zugewandt: die Spitzen ſtarren wie Strahlen nach auſſen. Und ſo greifen ſie, wenn die Schlacht es fodert, raſch hinein, wie in einen Köcher, mit einem wilden luſtigen Sprung gewandt ſich dabei aufſchwingend, und ſenden ſonſt nackt und nur mit Pfeilen wie bekränzt, ihr Geſchoß den Feinden entgegen, zu deſſen Pinne ſie keines Eiſens bedürfen. Sie nehmen Knochen vom Rücken einer Schlange, richten ſie ſonſt zum Schenkel des Pfeils zu: ſchärfen ſie vorn zur feinſten Spitze und machen ſo Pfeil und Spitze gleich aus einem: und von den Beinen hat auch vielleicht die Pinne ihren Namen. Eine Zeit lang nun ſtanden die Aegypter und hielten durch ein Schild⸗ dach die Pfeile ab: theils ſind ſie von Natur tapfer und ſcheuen den Tod nicht, mehr aus eitler Ruhm⸗ ſucht, als aus innerm Triebe, theils fürchteten ſie wohl auch die Strafe der Flucht. Als ſie aber gewahrten, daß die Panzerreuter, 20 ſo für die höchſte Stütze und Hoffnung im Kriege galten, vernichtet waren, der Statthalter entflohen und die hochgeprieſenen Kerntruppen der Perſer und Meder ſich nicht eben glänzend in der Schlacht ge⸗ — 0o= zeigt; denen von Meroe, die ihnen gegenuͤber ſtanden, nur wenig gethan aber viel dagegen gelitten und den üͤbrigen nachgefolgt ſeyen, da gaben auch ſie alles auf und flohen zurück. Hydaspes aber hatte ſchon den glänzenden Sieg von ſeinem Thurm, wie von einer Warte, erſehen und ſandte nun Boten an die Verfolger, und gebot ihnen einzuhalten mit mor⸗ den, aber lebendig ſo viel ſie könnten zu ergreifen und heran zu führen, vor allen aber den Orvon⸗ dates. Und alſo geſchah's auch. Die Aethioper zogen ihre Sturmringen links hinaus, verlängerten mit der größten Tiefe ihrer Stellung die Seiten, ſchwenkten dann mit beiden Flügeln ein: umzogen ſo das perſiſche Heer und ließen ihren Feinden nur den einen Weg nach dem Strom zur Flucht frei: da ſtürzten die meiſten hinein: denn Roſſe, Sichel⸗ wagen und all das Getümmel der Menge drängte mit unaufhaltſamer Gewalt. Da begriffen ſie, daß die ſcheinbare Kriegsliſt ihres Feldherrn gegen die Feinde, ihnen ſelbſt verderblich und unklug war. Denn aus Furcht vor dem umgehn hatte er gleich anfangs den Nil in den Rücken genommen, und ſo ſich unklug den Weg verſperrt. So ward auch. er gefangen als eben Achämenes, der Kybele Sohn, der alles in Memphis vorgefallene erfahren hatte, im Getümmel den Oroondates zu morden trachtete — er bereute nämlich ſeinen Verrath an Arſaken, da jetzt die Beweiſe fehlten— aber noch verhin⸗ dert ward, ihm den Todesſtoß zu verſetzen. Gleich brach ſeine Strafe über ihn ein: der Pfeil eines Aethiopers traf ihn, der den Statthalter erkannte und ihn retten wollte, wie es geboten war: ihn — 3411— empörte die ruchloſe That, daß man auf der Flucht vor Feinden die eigenen Genoſſen angriff und das Unglück zur Rache eines Feindes zu benutzen ſchien. Als der ihn gefangen herangeführt, ſah Hydas⸗21 pes wie zerknirſcht er war und von Blut triefte, und ſtillte dies durch Mittel, die dies bewirkten. Er hatte ſich vorgenommen ihn zu retten wenn es angehe und ſprach, ihn ermuthigend:„Lieber, das Leben ſchenkt dir mein Wille. Denn es iſt ſchön Feinde zu übertreffen, wenn ſie ſtehen, im Kampfes⸗ muth; erliegen ſie, an Wohlthaten: was haſt du aber erreichen wollen, daß du ſo treulos wareſt?“ „Gegen dich!“ antwortete er,„treu war ich meinem Herrn.“ Da fragte Hydaspes wieder:„Nun du beſiegt biſt, welchen Lohn wirſt du dir ſelbſt be⸗ ſtimmen?“„Was mein König gethan haben würde, wenn er einen deiner Feldherrn bekäme, der treu dir war!“„So hüätte er ihn gelobt,“ ſprach Hy⸗ daspes,„und beſchenkt entlaſſen, wenn er kein Ty⸗ rann ſondern ein wahrer König iſt, und durch Be⸗ lohnung fremder, ſeiner eignen Leute Nacheifer zu gleichem erwecken mag. Du nennſt dich treu erge⸗ ben, wunderlicher Mann: geſtehſt du denn nicht ſelbſt ein, unklug gehandelt zu haben, daß du ſo vielen tauſenden tollkühn dich entgegen ſtellteſt?“ „Es war wohl ſo unklug nicht, dem Sinne meines Königs nachzukommen, der die feigen im Kampfe mehr ſtraft, als er die tapfern belohnt. Darum beſchloß ich, der Gefahr entgegen zu gehn und entweder eine unerwartet große That auszuführen, wie des Krieges Glück wohl zuführt, oder wenn — 312— ich entkäme, wenigſtens eine Vertheidigung zu ha⸗ ben, daß ich all' meine Pflicht gethan.“ Dieß geſagt lobte ihn Hydaspes, und ſandte ihn nach Syene, den Aerzten befehlend auf alle Weiſe für ihn zu ſorgen. Er ſelbſt ging mit den edelſten ſeines Heeres hinein, während die ganze Stadt und Menſchen jedes Alters ihm entgegen zo⸗ gen. Mit Kränzen und Nilblumen bewarfen ſie das Heer und beſangen in feiernden Lobliedern den Hydaspes. So bald er innerhalb der Mauern auf ſeinem Elephanten, wie auf einem Wagen, ge⸗ kommen, ging er gleich in die Tempel und war alsbald beſchäftigt um ein Dankopfer für die Göt⸗ ter. Die Prieſter fragte er um den Urſprung des Nilfeſtes und ob ſie ſonſt noch etwas wunderhaftes oder ſehenswerthes in ihrer Stadt aufzuweiſen hätten. Da zeigten ſie ihm den brunnenartigen Nilmeſſer— ähnlich dem in Memphis;— aus eng paſſenden glatten Steinen iſt er gebaut und Zeichen hinein geriſſen im Zwiſchenraum einer Elle. Dahinauf dringt nun das Flußwaſſer unter der Erde, ſteigt an den Zeichen in die Höhe und deutet den Einwohnern die Zu⸗ oder Abnahme des Nils, durch die Zahl der bedeckten oder entblößten Zei⸗ chen an, welche die Größe des anſchwellens oder rück⸗ tretens meſſen. Auch die Einrichtung der Stun⸗ denweiſer zeigten ſie ihm, die um Mittag keine Schatten werfen, weil die Sonnenſtrahlen im Lande zu Syene um die Sommerſonnenwende gerade ſcheitelrecht herabfallen, und durch das beleuchten überall den Fall des Schattens hindern; alſo daß — 343— auch das Waſſer in der Tiefe der Brunnen aus demſelben Grund beſchienen wird. Das bewunderte Hydaspes eben nicht ſehr als etwas ungewöhnliches; denn zu Merve im Aethioperland geſchieht daſſelbige. Endlich erhoben ſie ihr Feſt bis in den Himmel und prieſen den Neilos, nannten ihn ihren Hort und Lebenſpender, den Heiland von Aegypten und den Vater und Schöpfer von Unterägypten, weil er jedes Jahr neue Fruchterde bringe, wes⸗ wegen er auch Neilos genannt worden, ihnen die Jahreszeiten verkünde, den Sommer durch ſein an⸗ ſchwellen, den Herbſt durch's rücktreten, den Früh⸗ ling durch die Blumen, die bei ihm blühen, und durch's brüten der Krokodile: überhaupt ſey der Neilos durchaus nichts als ſymboliſch das Jahr und auch das beweiſe ſein Name, denn wenn man die Buchſtaben keines Namens als Zahlen nehme, ſo ſeyen es fünf und ſechszig und drei hundert Ein⸗ heiten, ſo viel als auch das Jahr Tage habe. Dazu fügten ſie noch die Eigenheiten von Bäumen Blu⸗ men und Thieren und manches dergleichen.„Aber,“ unterbrach ſie Hydaspes, vall dieſe trefflichen Dinge ſind ja nicht ägyptiſch, ſondern äthiopiſche. Dieſen Strom— oder ſey's ein Gott nach euch— und das ganze Flußbette ſchickt euch ja das Land der Aethioper und ſo möget ihr wohl dieſes mit Recht anbeten, da es die Mutter eurer Götter iſt.“„Wir beten es auch an,“ ſprachen die Prieſter,„um mancher Gründe willen; aber vor allen weil es dich als Gott und Retter uns geſendet!“ Da ſprach Hydaspes, nicht ſündlich dürfe Lob 23 ſeyn, ſchritt in ſeine Wohnung und erholte ſich den — 314— übrigen Theil des Tages. Dann gab er den vorneh⸗ men Aethiopern und den Prieſtern in Syene ein Feſt und geſtattete den übrigen auch alſo zu thun. Denn viele Heerden von Rindern und Schaafen und noch mehr von Ziegen und Schweinen und Wein die Fülle gaben die Syener dem Heere theils zum Geſchenk, theils zum Kauf. Den folgenden Tag aber ſaß Hy⸗ daspes auf einem erhöhten Sitz und vertheilte die Packthiere und Roſſe und all die andere Beute, die er in der Stadt und in der Schlacht erobert, ſeinem Heer, bei jedem nach dem Werth der That entſchei⸗ dend. Als auch der kam, welcher Oroondates gefan⸗ gen, ſprach Hydaspes zu ihm:„Fodere, was du willſt.“„Mir ziemt nicht, zu fodern, mein Kö⸗ nig!“ entgegnet der, n„doch ſo du es mir ſelber zu⸗ ſprichſt, ſo iſt mir ſchon genug, was ich dem Oroon⸗ dates nahm, als ich ihm das Leben ſchenkte, wie du geboten!“ Damit zeigte er das diamantene köſtliche Wehrgehenk des Statthalters, viele Talente werth: alſo daß viele von den umſtehenden ausriefen:„das überſteige eines Unterthanen Kleinode, ſey köſtlicher denn eines Königs!“ Da lächelte Hydaspes und ſprach:„Und was kann königlicher ſeyn, als daß mein Hochſinn nicht durch Gier nach dieſem ſich be⸗ fleckt? das Kriegsrecht ſpricht dem Sieger die Beute des beſiegten zu. Darum mag er in Frieden fahren, auch wir ſchenken ihm, was er leicht ohne unſer Wiſſen hätte, wenn er es verborgen!“ 24 Danach traten die herein, welche Theagenes und Charikleia gefangen:„Herr,“ ſprachen ſie, nnicht Gold oder Edelſtein iſt, was wir erbeutet, Dinge, — 315— die in Aethiopien wohlfeil und haufenweis im Kö⸗ nigsſchatz liegen. Eine Jungfrau und einen Jüngling haben wir dir gebracht, Geſchwiſter aus Hellas, die an Höhe und Schönheit nach dir alle Menſchen überſteigen: bitten, du wolleſt uns deiner hohen Freigebigkeit genießen laſſen!“„Wohl habt ihr er⸗ innert,“ ſprach er, nhabe ich ſie doch nur obenhin und im Kriegsgetümmel geſehen, als ſie gebracht wurden. Man hole ſie! Und auch die anderen Ge⸗ fangenen führe man heran!“ Alsbald wurden ſie gebracht, denn ein Bote eilte aus der Stadt zum Gepäck und gebot den Wäͤchtern ſie ſchnell zum König zu führen: da fragten ſie einen Baſtardgriechen unter den Wächtern, wohin man ſie jetzt führe:„der König Hydaspes muſtert die Gefangenen!“ antwortete der, „O gütige Götter!“ riefen ſie da. So erkannten auch die jungen Leute den Namen Hndaspes wieder, waren aber noch im Zweifel, ob der jetzt herrſchende nicht ein anderer ſey. Leiſe ſprach Theagenes zu Charikleien:„So ſage dann dem König unſer Schick⸗ ſal, Geliebte; denn ſiehe es iſt Hydaspes, den du ſo oft mir als deinen Vater genannt!,„Sußer Thea⸗ genes!“ entgegnete Charikleia,„großes bedarf großer Bereitung. Denn wo die Gottheit gleich den Anfang wirrend verſchlungen, da muß auch das Ende weit hinaus ſich winden: und, was die lange Zeit zuſam⸗ menfügt, ſchnell enthüllen, bringt nimmer Heil: vor allen da unſer Hauptbeweis, von dem die ganze Ver⸗ ſchlingung und Offenbarung abhängt, ich meine Per⸗ ſina, meine Mutter, uns noch fehlt. Daß auch ſie uns erhalten iſt, werden wir mit der Götter Willen noch vernehmen!“„Und wenn man uns vorher — 316— opfert?“ unterbrach ſie Theagenes,„oder uns als Gefangene verſchenkt und die Ankunft in Aethiopien uns verſagt?“„Gerade das Gegentheil,“ erwiderte Charikleia,„wir haben ja oft von den Wächtern gehört, daß die für die Götter genährten Opfer in Meroe aufbehalten werden: ſo haben wir nicht zu fürchten, verſchenkt oder vorher getödet zu werden, da wir den Göttern einmal durch Verheißung geweiht ſind, die heilig fromme Männer niemals widerrufen dürfen. Wenn wir aber unſerer Freudenfülle ſo ganz uns hingäben und alles erzählten, obgleich uns die fehlen, die es unterſuchen und bekräftigen können, würden wir nicht erbittern, wenn man es hörte und zu gerechtem Zorne reitzen, daß ſie, wenn es alſo geſchähe, es für Spott und Uebermuth nähmen, wenn Gefangene und der Sclaverey verfallene ſo lügenhaft und ungeſchickt, wie vom Himmel gefallen ſich zu Kindern eines Königs machten?“„Aber die Erkennungszeichen,“ fuhr Theagenes fort,„die du, wie ich weiß, gerettet und bei dir trägſt, würden doch zeigen, daß wir weder lügen noch trügen!“ Darauf erwiderte Charikleia:„Die Erkennungszeichen ſind blos denen, die ſie kennen und mit ausgeſetzt, Erken⸗ nungszeichen. Unkundigen, denen ſie gar nicht bekannt ſeyn können, würden ja die Kleinodien und Geſchmeide vielleicht Verdacht eines Diebſtals oder Raubes er⸗ regen. Und wenn ſie Hydaspes auch wieder erkennete, wer würde ihm glauben machen, daß Perſina die Ge⸗ berin, daß ſie als Mutter ſie der Tochter gegeben? Nein, mein Theagenes, ein untrüglich Kennzeichen hat das Mutterherz, wo beim erſten entgegenkom⸗ men gleich die Mutterliebe ſich zum Kinde hingezogen — 3417— füͤhlt, aufgeregt von ahnender Sehnſucht. So laß uns das nicht uͤbergehn, was auch die andern Kenn⸗ zeichen als ächt anerkennen wird.“ Unter ſolchem Geſpräch, waren ſie dem König 25 ſchon nahe gekommen. Auch Bagvas ward gebracht. Und wie ſie Hydaspes daſtehen ſah, ſprang er raſch vom Sitz auf mit den Worten:„Guütige Götter!“ und ſetzte ſich dann gedankenvoll nieder. Auf die Frage der umſtehenden Edlen, was ihm fehle, ent⸗ gegnete er:„Solch eine Tochter ſollte mir heut ge⸗ boren werden und zu ſolcher Blüthe raſch ſich erhe⸗ ben! ich hatte den Traum fuüͤr nichts geachtet und nun regt dieſe Aehnlichkeit der geſehenen ihn wieder auf.“ Die um ihn waren meinten eine Erſcheinung der Seele möge es wohl ſeyn, die oft ſchon in Bildern die Zu⸗ kunft vorgeſtellt. Somit ließ er das Geſicht, alle fragend: wer und woher ſie ſeyen! Charikleia ſchwieg und Theagenes begann, wie ſie Geſchwiſter ſeyen und Griechen—„Dank Hellas,“ erwiderte jener,„bringt es doch ſonſt auch ſchöne und gute hervor und ſendet uns ſo ächte bedeutſame Opfer zur Siegesweihe her⸗ üͤber! Aber warum hat mir mein Traum nicht auch einen Sohn geboren?“— wandte er ſich lächelnd zu den Anweſenden— nauch der Jüngling hier, dieſer Jungfrau Bruder, haͤtte mir erſcheinen und im Traum, wie ihr ſagt, vorgeſtellt werden müſſen?“ Damit neigte er ſich zu Charikleien in helleniſcher Zunge— denn auch dieſe Sprache wird bei den wei⸗ ſen Büßern und Königen der Aethioper betrieben— udu aber Mädchen, warum ſchweigſt du und erwiderſt nichts auf die Frage?“„Am Altar der Götter,“ ſprach — Gs= Charikleia,„zu deren Opfer wir uns aufbehalten wiſ⸗ ſen, ſollt ihr mich und, die mic) zeugten, erkennen.“ „Und wo ſind dieſe?“ frug ſie Hydaspes.„Hier ſind ſie, und werden bei unſerm Opfer zugegen ſeyn.“ Da fuhr Hydaspes fort:„Sie träumt wirklich, meine traumgeborne Tochter: von Hellas her ſollen ſie hier mitten hinein nach Meroe geſandt werden, bildet ſie ſich ein. So führt ſie hinweg und ſchmückt ſie mit Sorgfalt und Pracht zum Opfer. Doch wer iſt's, der hier ſteht, einem Verſchnittenen ähnlich? Da berichtete ihn einer der Diener:„Er iſt wirklich ein Verſchnittener, Bagoas mit Namen, Oroondates hochgeachtet Eigenthum!“„Auch er mag ihnen fol⸗ gen, nicht als Opfer, ſondern als Wächter des einen Opfers, dieſer Jungfrau. Jetzt bedarf es großer Sorgfalt, daß dies Mädchen bis zur Zeit des Opfers rein uns bewahrt werde. Und Verſchnittene ſind eiferſüchtig; was ihnen ſelbſt verſagt ward, daran ſollen ſie andere hindern!“ Dieß geſagt muſterte und vertheilte er die an⸗ 2 dern Gefangenen, die nach der Reihe an ihm vorüber⸗ ſchritten, einen Theil verſchenkte er, die das Schick⸗ ſal von Anfang zu Sclaven beſtimmt hatte: die aus 46 freiem Stamm entließ er ledig. Zehn Jünglinge und eben ſo viel Mädchen, prangend in Jugendblüthe und Schönheit, las er aus und gebot zu gleichem Gebrauch, wie Theagenes und Charikleia, ſie hinweg zu führen. Als er den übrigen allen, warum ſie gebeten, zuer⸗ kannt, ſprach er endlich zum Orvondates, den er ru⸗ fen und auf einer Bahre hatte herantragen laſſen: „Was den Krieg erzeugt hat, iſt mein; denn die 68 — 319— Gegenſtände der Feindſchaft: Philä und die Sma⸗ ragdgruben hab ich mir erobert. Doch trage ich nicht in mir den Sinn der Gemeinheit oder verſuche das Schickſal: nicht in's unbegränzte dehn' ich ob des Sie⸗ ges mein Reich aus; ſondern laſſe mir gnügen an den Gränzen, welche gleich anfangs die Natur erſchuf: indem ſie Aegypten von Aethiopien durch die Waſſer⸗ ſtürze trennte. Mein iſt warum ich hergekommen; das Recht ehrend geh ich wieder von dannen, du aber ſo du gerettet wirſt, ſey Statthalter nach wie vor und thue dem Perſerkönig kund: Deines Bruders Hydas⸗ pes Hand hat dich überwunden: doch läßt ſeine Ent⸗ ſcheidung dir all das deine: der Freundſchaft verſieht er ſich zu dir, denn er ſchätzt hoch dieß ſchönſte Klei⸗ nod der Menſchen— doch wird er dir ſtehen, ſo du wieder den Krieg begönneſt.— Dieſen Syenern aber erlaß ich auf zehn Jahre die ausgeſchriebenen Steuern und gemahne dich darnach dich zu achten.“ Auf dieſe Rede ertönten von den anweſenden Bürgern und Kriegern Dankworte und froher weit⸗ hinhallender Zuruf. Oroondates aber erhob ſeine Hände, kreuzte die rechte über der linken und beugte ſich verehrend; eine Sitte die nicht geſtattet iſt unter den Perſern, daß man einen andern König auf dieſe Weiſe begrüßt:„Verſammelte Männer!“ ſprach er, „nicht das heimiſche Geſetz mein' ich zu übertreten ge⸗ gen einen König, dem ich die Statthalterſchaft danke, noch Unrecht zu thun, dem gerechteſten der Menſchen mich zu neigen: er konnte mich töden und hat mir das Leben geſchenkt, er konnte Herr ſeyn und giebt die Statthalterſchaft mir hin. So gelob' ich denn, wenn ich errettet werde, für Aethioper und Perſer einen tiefen Frieden, ewige Freundſchaft, und den Syenern zu halten, wozu ich aufgefodert bin. Doch ſollte mir menſchliches begegnen— ſo mögen die Göt⸗ ter die ſchöne That dem Hydaspes und ſeinem Haus und Geſchlecht vergelten!“ Zehntes Buch. Was um Syene geſchah, ſey nun genugſam berich⸗ 1 tet: von ſo großer Gefahr war ſie durch Eines Man⸗ nes Freundlichkeit raſch zu ſo hoher Luſt emporgeho⸗ ben. Indeß ſandte Hydaspes das Hauptheer voran und brach ſelbſt gen Aethiopien auf: während alle Syenäer und Perſer zumeiſt mit lautem Freudenruf ihn entließen. Anfangs zog er am Nilesufer ent⸗ lang, ſich am Strande haltend; als er aber an die Waſſerſtürze kam, opferte er dem Neilos und den Markgöttern, bog dann ein und hielt ſich mehr in's Innere. Als er Philä erreicht, ließ er das Heer zwei Tage ruhen: ſchickte dann wieder das Hauptheer voran ſammt den Gefangnen, verweilte aber ſelbſt, um die Mauern der Stadt zu befeſtigen, ließ dann eine Be⸗ ſatzung zurück und zog hinweg. Zwei Reuter las er dann aus, denen geboten ward in Städten und Dör⸗ Theagenes u. Charikleia. 21 — 322— fern die Roſſe zu wechſeln und überall ſchnell ſich zu fördern; gen Meroe ſandte er hin, um den Sieg im voraus zu verkündigen. 2 Den Weiſen— die weiſen Bußer heißen ſie und ſind dem König Beiſitzer im Rath bei Staatsgeſchäf⸗ ten— entbot er alſo:„der göttlichen Hohen⸗ prieſterſchaft vom König Hydaspes. Sieg verkünd' ich euch uͤber die Perſer: doch nicht prah⸗ lend ob der Großthat, denn ich neige mich des Glü⸗ ckes raſchem Umſchlag; ſondern um eure Verkün⸗ dung, die immer und auch jetzt untrüglich ſich ge⸗ zeigt, durch dieß Schreiben zu beurkunden. So lade ich euch ehrerbietig an dem gewohnten Ort das Dank⸗ opfer und höhere Siegesfeſt durch eure Gegenwart dem Aethiopervolk zu verherrlichen.“ Seiner Gemah⸗ lin Perſina aber dieſes:„Wiſſe, daß wir geſiegt, und, was dir mehr iſt, gerettet ſind. So bereite uns das Dankfeſt und Opfer; ziehe die Weiſen, die wir davon unterrichtet, mit dazu, und eile in den, unſern vaterländiſchen Göttern, Helios, Selene und Dionyſos geweihten, Hain vor der Stadt.“ 3 Als dieſe Briefe überbracht waren, ſprach Per⸗ ſina:„Siehe das war mein Traum, den ich dieſe Nacht geſehen. Ich meinte ſchwanger zu ſeyn und auch gleich zu gebaren; und das Kind war eine gleich mannbare Jungfrau. Die Wehen bedeuten wohl die Kämpfe des Kriegs, in der Tochter aber zeigte der Traum mir die Siegesfeier. Aber ziehet durch die Stadt und erfüllt ſie mit der frohen Botſchaft.“ Und Herolde thaten, wie es geboten war, bekränzt das Haupt mit dem Lotos des Nils, Palmenzweige in den Händen ſchwingend, durchritten ſie die Haupt⸗ theile der Stadt: und offenbarten nur durch ihren Aufzug den Sieg. Und bald war Meroe freudiges Muthes voll, Tag und Nacht führten ſie Tänze und Opfer den Göttern auf nach Geſchlechtern, Stadtthei⸗ len und Verbruderungen, und bekränzten die Tem⸗ pel. Und nicht über den Sieg ſowohl, als über Hy⸗ daspes Rettung waren ſie ſo fröhlich: ſo hatte des Mannes Wohlwollen, ſein gütiges, freundliches We⸗ ſen eine faſt kindliche Liebe zum ihm eingeflößt. Indeß ſandte Perſina Heerden von Rindern, 4 Roſſen und Schafen, Gazellen und Greifen und man⸗ cherley anderen Thieren nach dem jenſeitigen Hain voraus— theils um von jeder Art eine Hekatombe den Göttern, theils dem Volke ein Feſt zu bereiten — trat zuletzt auch die weiſen Büßer an, die den Pan⸗ hain zur Wohnnng hatten, händigte ihnen den Brief des Hydaspes ein, und foderte ſie auf, dem König zu willfahren und auch ihr einen Theil der Gunſt zu erweiſen, und das Feſt durch ihre Gegenwart zu ſchmücken. Die hießen ſie ein wenig verziehen, gin⸗ gen in's Heiligthum, um bei den Göttern, wie her⸗ gebracht, zu fragen, was zu thun ſey, und kamen dann nach einem Weilchen zuruck. Alle andern ſchwie⸗ gen, nur der Sprecher der Hohenprieſter, Siſimithres, begann:„Perſina, wir kommen, denn die Götter geſtatten es. Doch verkündet die Gottheit irgend eine Unruh und Stoörung beim Opfer: doch wendet ſich das Ende zu gutem und freudigem. Ein Glied eures Leibes oder ein Theil des Königthums war euch — 324— verloren: das Schickſal läßt euch das langentbehrte wieder finden.“„Was zu fürchten iſt,“ ſprach Per⸗ ſina,„wird durch eure Gegenwart ſich Alles zum Beſten wenden: wann Hydaspes herannaht, werde ich's euch wiſſen laſſen.“„Deſſen bedarf's nicht, antwortete Siſimithres. Morgen früh wird er kom⸗ men, und ſo wird bald dich ein Schreiben berichten.“ Und alſo geſchah's auch. Denn kaum war Perſina zu⸗ rück und der Königsburg nahe: da überreichte ein Reuter ihr ein Schreiben des Königs, welches ſeine Ankunft auf morgen berichtete. Alsbald kündeten Herolde das Schreiben aus; doch nur dem Männer⸗ geſchlecht ward vergönnt heranzutreten, den Frauen dieß aber verſagt. Denn weil ſie den reinſten und flammenlichteſten der Goͤtter, dem Helios und der Selene, das Weihopfer brachten, ſo war die Gegen⸗ wart des weiblichen Geſchlechts nicht geſtattet, um ſelbſt unwillkührliche Befleckung beim Opfer zu ver⸗ hüten: von allen Frauen war nur der Selene Prie⸗ ſterin erlaubt, zugegen zu ſeyn. Das war Perſina. Denn wie der König dem Helios: alſo pflegte die Königin der Selene nach Geſetz und Sitte dienend zu nahen. Doch auch Charikleia ſollte zugegen ſeyn, nicht um zu ſchauen, ſondern um der Selene Opfer zu ſeyn. Ein unendlich Getümmel aber ergriff die Stadt: ſie erwarteten nicht den beſtimmten Tag, ſondern ſetzten ſchon Abends über den Fluß Aſtabor⸗ rhas, theils über die Brücke, theils mit Nachen aus Aehrenrohr, wie ſie zu Haufen an vielen Gegenden des Ufers ſchwammen. Sie ſind ſehr leicht wegen des Stoffs und halten an Laſt nur zwei bis drei Män⸗ — 325— ner. Denn das Rohr iſt in zwei Theile geſchnitten und jeder Theil gibt einen Kahn. Merve, die Mutterſtadt der Aethiopier, iſt 5 üͤbrigens eine dreiſeitige Inſel, indem ſchiffbare Ströme, der Neilos, Aſtaborrhas und Aſaſobas, ſie umfließen. Der Neilos nämlich ſtromt von vorn herein und theilt ſich rechts und links; die beiden an⸗ dern ſtürzen ſich von jeder Seite in den einen Arm und vereinen ſich dann, um in den Einen Neilos in Fluß und Namen überzugehen. Ihre Ausdehnung iſt ſehr groß, und bildet eine Erdveſte im Eiland— dreitauſend Stadien hat ſie in der Länge und tauſend in der Breite— nährt ungeheure Thiere und vor andern die Elephanten; Baumgeſtalten, wie nirgend in andern Ländern, treibt ſie empor. Ueberdieß ſind die Palmen hoch und die Datteln daran ſüß und über⸗ groß: Waizen⸗ und Gerſtenähren ſind ſo hoch, daß ſie einen Mann zu Roß oder Cameel bedecken: die Frucht bringen ſie dreihundertfältig wieder und das Rohr ihrer Aehren iſt alſo ſtark, wie ſchon erzählt iſt. Die ganze Nacht hindurch ſetzte einer nach dem 6 andern über den Fluß, und, im Vorempfange ihn wie einen Gott hochpreiſend, hießen ſie den Hydas⸗ pes willkommen. Etwas weiter entfernt, vor dem Hain, trafen ihn die weiſen Büßer, reichten ihm die Hände und küßten ihn: und nach ihnen Perſina, innerhalb des Tempels und des Ringes im Vorhaus. Dann ſanken ſie nieder und ehrten die Götter, voll⸗ brachten das Dankgebet ob des Sieges und der Ret⸗ tung, traten wieder heraus und wandten ſich zum — 3265— Opfer des Volkes: vor das Zelt ſich ſetzend, welches im Felde aufgeſchlagen war. Vier eigens dazu ab⸗ geſchnittene Rohrſtengel bildeten dieß, indem im Viereck jedesmal ein Rohr wie eine Säule emporſtieg, mit der Spitze zu einem Bogen ſich krümmte, und indem es zugleich mit den übrigen oben durch Pal⸗ menzweige verbunden war, die Gegend unten be⸗ ſchattete. In einem andern Zelt daneben auf einem erhöhten Stand waren der heimiſchen Götter und Helden Bildniſſe aufgerichtet, des Memnon und Perſeus und der Andromeda, welche die Könige der Aethioper für ihre Ahnen halten. Niedriger und den Göttern wie zu Füßen ſaßen auf einem zweiten Stand die weißen Büßer. Um dieſe ſchlang ſich ein Ring von Gepanzerten, die Schilde erhoben und ſeſt an einander gedrängt. Damit hielten ſie das Volk zurück und ließen die Mitte für das Opfer frei. Nachdem Hydaspes kurz zum Volk geſprochen uber den Sieg und die Herſtellung des Staats, gebot er den Prieſtern, ſich an das Opfer zu halten. Drei Altäre waren im Ganzen aufgerichtet, zwei für ſich verbunden dem Helios und der Selene, der dritte, für Dionyſos, war auf eigenem Platz abgeſondert. Dem letzteren ſchlachteten ſie Thiere aller Art— vielleicht ob der Natur des Gottes, die allen zu⸗ gänglich und gleich luſtbringend iſt, ihn auch mit allerlei und mannichfachen Arten zu ehren. Für die beiden andern aber, dem Helios ein Viergeſpann weißer Roſſe, vielleicht um dem ſchnellſten der Göt⸗ ter das ſchnellſte zu weihen; der Selene aber ein Rinderjoch, vielleicht um ob der Göttin Erdum⸗ kreiſung, ihr Helfer des Erdbaus zu opfern. — 327— Noch war er damit beſchäftigt, als plötzlich 7 ein verworren lärmendes Geſchrei ausbrach, wie ſich begreifen läßt, wenn innerlich Getuͤmmel des Volks wie Regen zuſammenſchlägt:„Genügt der Heimath⸗ ſittel“— riefen ſie alle rings—„Vollbringt das übrige Opfer um's Volk! Die Erſtlingsfruͤchte des Kampfs ſeyen den Göttern gebracht!“ Da merkte Hydaspes, daß ſie das Menſchenopfer fo⸗ derten, welches nur beim Sieg über fremde Völker aus den Gefangenen vollbracht zu werden pflegte: er winkte mit der Hand und deutete an, daß durch den Wink ihrem Verlangen alsbald genügt werden ſollte; darauf gebot er die ſchon längſt dazu erſe⸗ henen Gefangenen heran zu führen. So wurden denn die andern und mit ihnen Theagenes und Charikleia gebracht: gelöſt waren ſie von den Feſ⸗ ſeln und bekränzt; alle die andern waren, wie be⸗ greiflich, niedergeſchlagen. Theagenes weit weniger; Charikleia aber ſtand mit freudehellem, lächelndem Antlitz, unaufhörlich und feſt auf Perſinen ſchauend; daß auch ihr ſich's ob dem Anblick wunderbar im Herzen regte. Tief ſeufzend begann ſie:„ O mein Gemahl, welch ein Mädchen haſt du zum Opfer erkoren! nie ſah ich ſolche Schönheit! wie edel ihr Blick iſt und wie hochherzig ſie ihr Schickſal traͤgt! — Wie ſchmerzt mich ihre Jugendbluthe! O hätte ſich's gefügt, daß unſer Töchterlein, das einſt uns beſchieden und ſo ſchmählich entriſſen ward, noch athmete, gleiches Alters würde ſie wohl geſchätzt. Wäre es doch vergönnt, mein Gemahl, dieß Kind zu retten, mir würde es hoher Troſt ſeyn, ſie ſollte mir dienen. Auch eine Griechin ſcheint die arme; 8 — 328— denn nicht ägyptiſch iſt ihr Antlitz.“„Sie iſt Griechin,“ entgegnet ihr Hydaspes;„ihre Eltern will ſie jetzt nennen. Wie ſie dieſe zeigen will, iſt mir unbekannt; doch hat ſie's verſprochen. Dem Opfer ſie zu entziehen, iſt unmöglich; doch möcht' ich's gern: auch mir hat ein unerklärlich Gefühl ein Mitleid für das Mädchen aufgeregt. Du weißt, daß Männer dem Helios, ein Weib der Selene zu⸗ zuführen und zu opfern die Sitte erheiſcht. Dieſe nun ward zuerſt als Gefangene mir eingebracht: das Urtheil hat ſie zum Opfer beſtimmt; unmög⸗ lich wäre beim Volk ein Verſchub der That. Eins nur könnte ſie retten, wenn ſie auf den Gluͤhroſt tritt, den du kennſt, und ſie nicht rein erfunden würde des Umgangs mit Männern. Rein muß ſie ſeyn, die der Göttin, wie auch, der dem Helios geboten wird: ſo will' das Geſetz. Beim Diony⸗ ſos⸗Opfer iſt's nicht von Belang. So ſiehe aber, wenn ſie unrein auf dem Glühroſt erfunden wird, ſo möchte es nicht löblich ſeyn, eine ſolche in's Haus aufzunehmen.“„O würde ſie alſo erfunden,“ rief Perſina aus, nnur gerettet möge ſie ſeyn! Gefangenſchaft, Krieg und ſo weite Entfernung vom Vaterland mache den Vorgenuß verzeihlich; und vor allem bei dieſer Schönheit eine Gewaltthat, wenn ſie gezwungen ward.“ Noch ſprach ſie das und ſuchte der Menge ihre leiſen Zähren zu verbergen, als Hydaspes den Roſt zu bringen befahl. Da wählten die Tempel⸗ diener kleine Knaben aus der Menge— denn nur dieſe dürfen ihn ohne Schaden berühren— und — 329— brachten ihn aus dem Tempel in die Mitte; dann geboten ſie jedem der Gefangenen darauf zu treten. Wer ihn berührte, deſſen Sohlen wurden alsbald verbrannt— einige hielten ſelbſt die erſte geringe Berührung nicht aus; mit goldenen Stangen war nämlich der Roſt durchflochten und mit ſolch gehei⸗ mer Kraft begabt, daß jeder, der nicht rein mehr, oder meineidig war, ſich verſengte, die andern aber ihn ohne Fährde berührten.— Dieſe alle ſielen dem Dionyſos und den andern Göttern anheim, ausgenommen zwei oder drei Griechinnen, die den Roſt betretend, als jungfräulich erkannt wurden. Als auch Theagenes darauf makellos erſchien, 9 bewunderten ihn alle um ſeine Größe und Schön⸗ heit, daß ein ſo kräftigblühender Mann noch un⸗ berührt von Frauenliebe erfunden ward: man be⸗ reitete ihn zum Sonnenopfer. Leiſe ſprach er zu Charikleien:„Herrlich iſt bei den Aethiopern der Lohn eines reinen Lebens! Iſt Opfer und Mord der Preis für makelloſe Herzen? Aber, geliebte Charikleia, warum enthüllſt du dich nicht? welche Zeit erwarteſt du noch? bis uns jemand ent⸗ hauptet? Sprich, ich bitte dich, und verkünde dein Schickſal! Vielleicht kannſt du auch mich retten, wann erkannt und erprobt iſt, wer du ſeyſt. Und vermagſt du's nicht, ſo entrinnſt du ſelbſt wenig⸗ ſtens ſicher der Gefahr. Gern ſterb' ich, wenn das mir nur gewiß iſt.“„Es naht der Kampf,“ ſprach ſie,„des Geſchickes Wage ſchwankt über uns!“ Damit erwartete ſie nicht den Befehl der dazu er⸗ ſehenen; ihr heilig Gewand aus Delphö brachte ſie — 330— aus einer Taſche, die ſie beſtändig bei ſich trug, und zog es an; goldgewebt war's, mit Purpur⸗ ſtrahlen geſtreift. Auf löſte ſie das Haar: ſie ſchrie wie begeiſtert, lief herzu und ſprang auf den Roſt; lange ſtand ſie unverſehrt und blendete mit ihrer hochleuchtenden Schönheit: alle konnte ſie auf dem erhöhten Stande ſchauen, und ihr wallendes Kleid machte ſie eher einem Götterbild, als einem ſterb⸗ lichen Mädchen gleich. Staunen ergriff jeglichen. Nur ein Ton, unverſtändlich und bedeutungslos, hallte dahin als Zeuge des Staunens: manche prie⸗ ſen ſie, daß eine ſo übermenſchliche Schönheit die Frucht ihrer Jugendblüthe noch ungebrochen be⸗ wahrte und eine Reinheit zeigte, die nur die An⸗ muth noch mehr heraushob; manche dagegen aus dem Volk trauerten, daß ſie paſſend zum Opfer erfunden werde: wenn auch gottgläubig, hätten ſie doch ihre Rettung durch irgend ein Wunder gern geſehen. Vor allen aber ſchmerzte es Perſinen tief, daß ſie zum Hydaspes ſagte:„das arme unglück⸗ ſelige Mädchen blüht nun zur Unzeit in makelloſer Reine: den Tod vertauſcht ſie um ſo viel Lob. O, was iſt zu thun, mein Gemahl?“„Vergebens,“ entgegnete er,„iſt dein Schmerz und dein Mitleid um die unrettbar verlorne. Den Göttern ward ſie, ſo ſcheint es, urſprünglich ob ihrer hohen Seele bewahrt.“ Dann wandte er zu den weiſen Büßern ſeine Rede und begann:„Weiſe Maͤnner! Alles iſt bereit, warum beginnt ihr das Opfer nicht?“„Ver⸗ fündige dich nicht,“ ſprach Siſimithres zu ihm in helleniſcher Zunge, daß das Volk es nicht verſtehe, —„Genug haben wir bis jetzt Auge und Ohr uns — 331— befleckt. Wir wollen in's Heiligthum uns wen⸗ den— ein ſo ruchloſes Opfer, das mit Menſchen, billigen wir ſelbſt nicht und glauben, auch die Göt⸗ ter laſſen es nicht zu. O könnten wir auch die Opfer von andern Thieren verhindern; und Gebet und Wohlgeruch reichten zu, nach unſerer Meinung. Du bleib indeß— das muß ein König unbezweifelt, wann es gilt, des Volkes Wuth zu dämpfen— vollende dieß ſündige Opfer, welches der altäthio⸗ piſchen Heimathſitte nicht verſagt werden darf; du wirſt der Reinigung nachher bedürfen oder vielleicht auch nicht. Denn das Opfer ſcheint mir nicht voll⸗ bracht zu werden, mir bezeugen's auch andere Zei⸗ chen der Götter, und vor allem das Licht, was die Fremden umflammte und den Schutz eines der hö⸗ heren ihnen verkündete.“ Mit dieſen Worten ſtand er ſammt den an⸗ dern Hohenprieſtern auf und bereitete ſich zum Weggang. Da ſprang Charikleia vom Gluͤhroſt, lief auf Siſimithres zu und umfaßte ſeine Knie, während die Diener ſie auf alle Weiſe zurückhielten: ſie hielten ihr Flehen für eine Weigerung des To⸗ des.„Weiſe Männer,“ rief ſte,„verzieht nur kurze Zeit! Ich habe Recht und Entſcheidung vom Königshaus zu fodern. Ich weiß aber, daß nur ihr allein über ſo hohe Recht zu ſprechen ver⸗ mögt. Ihr ſollt entſcheiden über mein Leben. Denn ihr werdet hören, daß, mich den Göttern zu ſchlachten, weder möglich noch Recht iſt.“ Freund⸗ lich hörten ſie zu und ſprachen:„König, hörſt du die Anſprache, und was die Fremde vorbringt?“ 10 —. 332— Lächelnd ſprach Hydaspes:„welche Rechtsſache und woher ſoll mir mit dieſer ſeyn? Um welchen Vor⸗ wand und um welches Recht erhebt ſie ſich?“„Sie ſelbſt wird offenbaren, was ſie zu ſagen hat,“ ſprach Siſimithres.„Aber,“ fuhr jener fort,„ſo wird es nicht ein Rechtsſpruch, ſondern eine Erniedrigung ſeyn, wenn ich, ein König, einer Gefangenen Rede ſtehen ſoll?n„Das Recht ſcheut ſich nimmer vor der Höhe!“ erwiderte ihm Siſimithres.„Einer iſt König beim Rechtsſpruch: der durch Gründe gewal⸗ tig iſt.“„Aber für eingeborne, nicht für fremde geſtattet euch das Geſetz gegen Könige zu richten.“ „Nicht das Antlitz ſichert je bei Gerechten die Ent⸗ ſcheidung, ſondern der Sinn.“ uEs iſt gewiß, daß ſie nichts wahres redet, ſondern wie es denen eigen iſt, die in äußerſter Gefahr ſchweben. Erdichtung, vergeblicher Rede wird es ſeyn, um Aufſchub zu er⸗ langen. Doch mag ſie reden, weil Siſimithres es verlangt.“ 11 Charikleia nun, ſo ſchon freudig ob der erwar⸗ teten Löſung der Umſtände, wurde noch fröhlicher, als ſie Siſimithres' Namen hörte. Er war's, der im Anfang gleich die ausgeſetzte aufnahm und dem Cha⸗ rikles übergab, als er zehn Jahre früher nach der Donnerſtadt geſandt war, um über die Smaragd⸗ gruben mit Orvondates zu dingen; damals war er einer der vielen weiſen Büßer, jetzt aber zum Ho⸗ henprieſter erhoben. Das Bild des Mannes trug Charikleia nicht mehr in ſich— war ſie doch ſehr jung, im ſiebenten Jahre, von ihm getrennt— aber den Namen erkannte ſie und freute ſich um ſo inniger in der Hoffnung, daß er Mitzeuge und Mitgehülfe zur Erkennung ſeyn werde. Sie hob ihre Hände zum Himmel und rief laut:„Helios du, Urahn unſerer Vorältern, und ihr andern Götter und Heroen, denen unſer Geſchlecht entſtammt: ſeyd mir Zeugen, daß ich nicht unwahr rede. Steht mir bei in bevorſtehender Entſcheidung, bei der ich, mit den Rechtsgründen, die mir zur Seite ſtehen, alſo be⸗ ginnen werde: no König, gebietet das Geſetz fremde nur, oder auch einheimiſche zu opfern?“„Fremde!“ erwiderte er.„So mußt du andere zum Opfer ſuchen. Mich ſollſt du hei miſch und eingeboren finden.“ Als er ſtaunte und ſie der Erdichtung beſchul⸗ 12 digte, fuhr Charikleia fort:„über das geringere ſtaunſt du noch. Folgendes iſt noch mehr. Nicht eingeboren allein, ſondern auch dem königlichen Ge⸗ ſchlecht ſehr eng und nah verbunden.“ Da wandte ſich Hydaspes unwillig hinweg vor den tollen Reden. „Hör' auf,“ fuhr ſie fort,„o Vater, deine Tochter zu verachten.“ Da erſchien der König nicht mehr gleichgültig über ihre Worte, ſondern zürnend. Für Spott und Hohn nahm er die Sache.„Siſimithres,“ begann er,„ und ihr andern, ſeht, wohin Langmuth führt! Iſt das Mädchen nicht wahrhaft wahnſinnig, daß ſie mit ſo tollen Lügen dem Tod ſich zu entziehen ſucht? Als meine Tochter entdeckt ſie ſich, wie auf der Bühne in wunderſamer Verwirrung oder wie durch Zauberei, und wißt ihr doch, daß mir nie der Kinder Glück geſchenkt ward. Nur einmal — aber ich verlor's auch gleich mit der Verkündung. Darnm führt ſie hinweg, nicht länger hemme ſie des — 334— Opfers Gang!“„Keiner wage es,“ rief Charikleia, nehe die Richter es gebieten. Du aber wirſt gerichtet und entſcheideſt nichts. Fremde zu töden, o König, geſtattet vielleicht das Geſetz; nimmer aber Kinder: das läßt dir ſelbſt Natur nicht zu, mein Vater! Als Vater ſollen dich heut die Götter, ſelbſt wider dei⸗ nen Willen, erweiſen. Jedes Urtheil und Gericht, o König, kennt zwei Beweiſe vor allen, glaubhafte Schrift und der Zeugen Erhärtung. Beides ſoll dir werden, daß ich eure Tochter bin. Und Zeuge ſoll nicht einer aus dem Volke ſeyn, ſondern ſelber mein Richter— und des entſcheidenden Ueberzeugung iſt ja doch der Rede ſicherſter Beweis— wenn ich dieſe Schrift, die mein und euer Geſchick verkündet, ihm biete!“ Mit dieſen Worten löſte ſie den mit ihr ausge⸗ ſetzten Guͤrtel, den ſie auf der Bruſt trug, entfaltete ihn und reichte ihn Perſinen. Die, ſobald ſie ihn erblickte, ſtand ſprachlos und ſtarr und ſah lange bald die Schrift auf der Binde, bald das Mädchen an; ein fieberhaftes Beben umſing ſie; ſie zerfloß in bangem Schweiß: freudvoll über den Fund, ohne Entſchluß bei dem unglaublichen ungehofften Vorfall, in Furcht, ob Hydaspes Verdacht und Unglauben oder Zorn und Rache, wenn ſich jenes fügte, äußern würde: alſo, daß ſelbſt Hydaspes, ihr Staunen und ihren fortwährenden Kampf bemerkend, ſo zu ihr ſprach:„Was iſt dir, mein Gemahl? wie kann dieſe Schrift dich alſo aufregen?“„Mein König,“ er⸗ widerte ſie,„mein Herr und Gemahl, ich vermag nichts weiter zu ſagen. Nimm ſelbſt und lies! der — 335— Gürtel wird dich uͤber alles belehren.“ Und gleich ſenkte ſie das Auge nieder und ſchwieg in Scham. Da nahm es Hydaspes, rief die weiſen Büßer näher heran und las die Schrift; ſelbſt ſtaunend darüber und vor allen als auch Siſimithres ergriffen ward, im Antlitz tauſenderlei wechſelnde Gedanken verrieth und das Auge feſt auf die Binde und Charikleien richtete; endlich, als Hydaspes die Ausſetzung ver⸗ nommen und ihren Grund, begann er: daß eine Tochter mir geboren worden, weiß ich, und daß, die ich damals für entſchlafen hielt, wie Perſina ſelbſt mir ſagte, ausgeſetzt ward, erfahre ich jetzt. Wer aber hob ſie auf, rettete, erzog ſie, wer brachte ſie nach Aegyptenland? wo wir ſie als Kriegsgefangne überkamen? Wer beweiſt uns, daß dieſe es iſt und das ausgeſetzte Kindlein nicht verloren ging? daß niemand dieſe Erkennungszeichen überkam und ſie zu ſeinem Glück mißbrauchte? daß ein Gott uns nicht höhnet, dieſe Jungfrau damit verkappte, mit unſrer Sehnſucht nach Kindern ſein grauſam Spiel trieb und einen untergeſchobenen Baſtard uns aufnehmen heißt, und mit dieſem Gürtel uns die Wahrheit wie mit Wolkendunſt verhüllt? Da nahm Siſimithres das Wort:„ das erſte 14 kann dir gelöſt werden. Der ſie aufhob die ausge⸗ ſetzte und heimlich erzog und ſie nach Aegypten brachte, war ich, als du mich als Botſchafter hinſandteſt. Und daß uns lügen ſtreng verboten iſt, weißt du ſchon. Auch den Gürtel erkenn' ich, der mit Königs⸗ ſchrift der Aethioper geſtickt iſt, wie du ſiehſt, daß an ſeiner Aechtheit nicht zu zweifeln iſt; haſt du doch ſelbſt erfahren, daß Perſina ihn für ihrer Hände Werk erkannte. Aber auch ſonſt waren noch Erken⸗ nungszeichen mit auszgeſetzt, die ich dem geſchenkt, welchem ich das Mädchen überließ, einem Hellenen und wie es ſchien, einem ſchönen und guten.“„Auch die ſind gerettet,“ ſprach Charikleia und damit zeigte ſie das Geſchmeide. Mehr noch ſtarrte Perſina, und auf Hydaspes Frage, was dieß bedeute und was ſie noch zu offenbaren habe, erwiderte ſie nichts, als daß ſie es kenne und lieber daheim prüfen wolle. Wieder ſchien Hydaspes unruhig. Da ſagte Chari⸗ kleia:„das mögen der Mutter Erkennungszeichen ſeyn; dein Eigenthum aber iſt dieſer Ring;“ und ſie zeigte den Pantarbesſtein. Hydaspes erkannte ihn: er hatte ihn Perſinen zum Brautgeſchenk gegeben. „Liebe,“ begann er, n„die Erkennungszeichen ſind mein, daß du ſie, weil du mein biſt, habeſt, und nicht anders wo her, das iſt mir noch nicht klar. Denn, um nur dieß zu ſagen: deine Haut iſt glänzend weiß, nicht wie äthiopiſche.“„Weiß war auch die,“ ſprach Siſimithres, ndie ich aufnahm, als ich ſie auf⸗ nahm. Uebrigens ſtimmt auch das Alter mit der Jugend dieſes Mädchens: ſiebenzehn Jahre mögen in allem ſeit der Ausſetzunug vergangen ſeyn. Und mir iſt auch ihrer Augen Blick noch lebendig und der ganze Ausdruck ihrer Geſtalt, ihre einzige Schönheit: alles erkenn' ich als mit dem, was jetzt uns ſich bietet, zuſammen⸗ ſtimmend.“„Wohl, Siſimithres,“ fuhr Hydaspes fort, nhaſt du geſprochen und eher, wie ein ruſtiger Vertheidiger, als ein Richter. Aber ſieh dich vor, daß du, einen Theil gelöſt, nicht einen andern Zwei⸗ fel erregſt, welcher gewichtreich iſt und wohl nimmer mein Gemahl unverdächtig erſcheinen ließe. Wie können wir, beide Aethioper, wohl natürlich eine weiße zeugen?“ Spöttiſch lächelnd ſprach ihn Siſimi⸗ thres an:„Ich begreife nicht,“ ſprach er,„was dich jetzt, ſo gegen deine Sinnesart, bewegt, mir eine Vertheidigung zur Laſt zu legen, die ich nicht ver⸗ werfen möchte. Den halten wir für einen ächten Richter, der das Recht ſchützt. Wie ſoll ich alſo nicht ſowohl dein eigner Vertheidiger, als der des Mäd⸗ chens erſcheinen; wenn ich dich als Vater mit der Götter Hülfe erweiſe und mich der Tochter annehme, die ich euch in der Wiege gerettet, und nun in Ju⸗ gendblüthe euch erhalten iſt? doch wähne von uns, was dir geliebt: uns ſoll es wenig verdrießen. Leben wir doch nicht um anderer Lob. Nur für gutes und ſchönes ſelbſt zu ſtreben, iſt die eigne höchſte Zu⸗ friedenheit. Was übrigens den Zweifel wegen der Farbe betrifft, ſo löſt den ja der Gürtel ſelber dir: zeigt ſich's doch in ihm, daß Perſina hier bei deinem Umfangen von der Andromeda, die ſie angeſchaut, Bild und Züge in ſich eingeſogen. Willſt du ſonſt das dir bekräftigen: hier iſt das Urbild: ſieh die An⸗ dromeda an; ſie zeigt ſich im Gemälde wie im Mad⸗ chen hier als eine und dieſelbe.“ Und hervor ward auf dieſe Worte das Bild von Dienern getragen und aufgeſtellt neben Charikleien. Da erregte ſie bei allen einen ſolchen Lärm und Getümmel: einer bedeutete den andern, wie ſie gerade verſtanden hatten, was geſagt worden und geſchehen, und alle erſchraken freudig ob der unverkennbaren Aehnlichkeit: alſo, daß aus Hydaspes Seele aller Unglaube wich und er Theagenes u. Charikleig. 22 — 338— lange vor Freude und Staunen feſtgehalten ward. Siſimithres aber fuhr fort:„Eins iſt noch zurück! Es geht um das Königthum und ſeine ächte Erb⸗ folge, und vor allem um die Wahrheit ſelbſt. Ent⸗ blöße den Arm, Mädchen! Ein ſchwarzes Mal zeigte ſich üͤber dem Ellenbogen: nicht unſittig iſt's ein Zeugniß für Eltern und Geſchlecht zu entblößen!“ Und ſogleich zeigte ihnen Charikleia den linken Arm: und wie mit einem Ring von Ebenholz um Elfenbein war ihr Arm gezeichnet. Länger hielt ſich Perſina nicht, freudig raſch ſprang ſie auf vom Sitz, ſtürzte auf ſie zu, umfing ſie und weinte in der Umarmung, und jammerte ob der Freude unaufhaltſamem Andrang in gebrochenen Tönen. Denn auch Uebermaaß der Luſt weckt gern die Thränen. Faſt wäre ſie mit Charikleien zur Erde geſtürzt. Hydaspes ſchmerzte ſeiner Gemahlin Wehmuth: ſein Sinn ſchmolz in Vatergefühl. Aber ſein Auge ſtarrte wie Horn oder Eiſen auf den Anblick: kämpfend ſtand er gegen die Wehen ſeiner Thränen: ihm wogte die Seele auf, in ſchmerzlicher Vaterfreude und männlichem Stolz: ſein Innres hielt zwiſchen beiden die Wage: wie Sturm zog's ihn bald hier⸗ bald dorthin: da ſiegte endlich Na⸗ tur, die alles beſiegt: es war ihm froh bewußt, Vater zu ſeyn und nicht mehr verſchmähte er des Vaters Gefuhle: er richtete Perſinen auf, die mit ihrer Tochter bewußtlos niederſank, und umfing Charikleien und ſpendete im Erguß ſeiner Thranen ſein väterlich Dankopfer. Dennoch aber zog's ihn nicht ganz hinweg von ſeiner Pflicht Bewußtſeyn: er hielt ein Weilchen ein, und richtete auf's Volk den Blick, das, zu gleichem Gefühl aufgeregt, vor Freude und Wehmuth ob des Geſchickes wunderba⸗ rer Fügung weinte, ein wunderbares Tönen bis hinauf zum Aether ſandte, nicht der ſtillegebietenden Herolde achtete, und nicht einmal den eignen Willen im Getümmel deutlich offenbarte: dann erhob er die Hand, winkte und ſchuf den Sturm des Volks zur Ruhe um.„Anweſende,“ begann er,„die Götter haben mich, wie ihr ſeht und höret, gegen alles ahnen zum Vater gemacht. Als meine Tochter iſt dieſe Jungfrau durch viele Beweiſe erkannt. Aber alſo groß iſt meine Liebe zu euch und zum Vater⸗ lande, daß ich auf meines Geſchlechts Nachfolge und den Vaternamen— das alles ſollte mir in dieſer werden!— froh verzichte und den Göttern um euch zu opfern eile. Weinen ſeh ich euch und eine menſchliche Rührung äußern: vielleicht im Mitleid über des Mädchens frühen Tod, vielleicht über die vergebliche Hoffnung meiner Nachkommenſchaft. Den⸗ noch will's die Nothwendigkeit— ſelbſt wenn ihr es nicht wolltet— welche gebietet, dem Geſetz der Heimath zu genügen und das eigene Glück dem des Vaterlandes nachzuſetzen. Ob es den Göttern alſo lieb iſt, mir ſie zu ſchenken und wieder zu. rauben— ſchon als ſie mir geboren ward, habe ich daſſelbe erlitten, was jetzt, da ich ſie wiederfand, mir begegnet— weiß ich nicht: euch überlaß ich's zur Entſcheidung: ob die Götter ſie, die von ihnen an's Ende der bewohnten Erde hinausgeſendet ward und nun wieder durch ein Wunder als Ge⸗ fangne mir überliefert, als Opfer hinnehmen werden, — 340—. die ich ſelbſt als Feindin nicht getödet, als Ge⸗ fangne nicht entheiligt, ob ich die, da ſie meine Tochter erfunden worden, ſelbſt hinſchlachten ſoll: iſt die That euer Wille, ſo werde ich ihm nachkom⸗ men und nicht das thun, was einem andern Vater bei gleichem Schmerz vielleicht verzeihlich wäre, will nicht mich flehend neigen, daß ihr einſtimmen möchtet in mein Begehren und jetzt der Natur ihr Recht geben gegen das Geſetz: bedenkend, außer dem Schmerz, wie es ja wohl vergönnt ſey, die Gottheit auf andere Weiſe noch zu befriedigen. Aber wie ihr es nicht verſchmähtet, mein Leid, wie das eure, zu betrauren, ſo geht auch euer Geſchick mir vor⸗ aus; ich will nicht beachten, daß ich kinderlos ſterbe, nicht die Klagen dieſer ungluͤckſeligen Perſina, welche Mutter und verwaiſt in Einem wird. Darum, ge⸗ liebt's euch, ſo hemmet eure Thränen und euer vergeblich Mitleid um uns: laßt uns das Opfer beginnen! Du aber meine Tochter!— ach, zum erſten und letztenmal ſprech ich den erſehnten Namen aus— blühend in vergeblicher Jugend! vergeblich haſt du deine Eltern wiedergefunden! Strenger findeſt du dein Vaterland als die Fremde! Fremdes Land haſt du zur Rettung, deine eigne Heimath zum Ver⸗ derben betreten!— Doch brich mein Herz nicht durch Klagen, zeige jetzt deinen männlichfreien, kö⸗ niglichen Muth mehr, als je! Folge deinem Vater, der's nicht vermag als Braut dich zu geleiten, nicht zum ehlichen Lager und Brautgemach dich zu füh⸗ ren: ſondern zum Opfer dich ſchmücken muß: nicht Fackeln des Brautzugs dir zündet, ſondern des Opferaltars und dieſe unwiderſtehliche Blüthe der Schönheit als Opfer bringt. Ihr aber, Götter, zür⸗ net nicht, ſo ich vom Leid beſiegt etwas Unheiliges geredet: hab' ich ſie doch eben erſt als Kind be⸗ grüßt und bin nun der Mörder meines Kindes!“ Dieß geſagt umſchlang er Charikleien mit den 16 Armen, zum Altar und der Flamme, die auf ihm brannte, wollt' er ſie führen: aber ſein Herz drin⸗ nen verzehrte ſich in noch heftigern Flammen im unausſprechlichen Schmerz und flehte um Abwendung deſſen, was er in der Rede zum Volk verheißen. Und das Volk der Aethioper ward erſchüttert ob ſeinem Vater: ſie duldeten nicht, daß Charikleia auch nur einen Schritt weiter gefüͤhrt ward: laut und ſtürmend riefen ſie aus:„Rette die Jungfrau! rette dein königlich Blut, rette, die die Götter ge⸗ rettet! Wir haben den Siegesdank, erfullt iſt die Satzung! Wir haben dich erkannt als König! Er⸗ kenne dich ſelbſt als Vater! Mögen die Götter die ſcheinbare Schuld verzeihen! Mehr noch handelten wir gefühllos, wenn wir ihrem Willen uns ſträub⸗ ten. Keiner morde die, die ſie ſelbſt gerettet! Du, Vater des Volk's, ſey's auch daheim gegen dein Geſchlecht!“ In dieſen und tauſenderlei andern Reden ſprachen ſie ſich aus, und ſuchten es zuletzt auch thätlich zu hindern, ſtellten ſich vor und da⸗ gegen und foderten, die Gottheit durch ein andres Opfer zu verſöhnen. Und froh und freudig ließ ihnen Hydaspes den Sieg, gern duldete er die er⸗ ſehnte Gewaltthat, ließ das Volk lange in frohem Rufe ſich Luft machen und in wilder Freude ſich austoben: er verſtattete ihnen, ſich von der Luſt 1 hinwegreißen zu laſſen und erwartete ihre frei⸗ willige Wiederkehr zur Ruhe. Nahe hin trat er zu Charikleien und begann: „du liebe, daß du meine Tochter biſt, beweiſen die Kennzeichen und auch der weiſe Siſimithres hat es bezeugt und der Götter Gnade hat es vor allem erhärtet. Aber wer iſt, der mit dir gefangen ward, fur die Götter als Siegesopfer bewahrt, und jetzt am Altar ſteht zum Opfer bereit? Wie nannteſt du ihn doch Bruder, als ihr beide mir in Syene gebracht wurdet? denn er wird wohl nicht als un⸗ ſer Sohn erfunden werden. Denn nur einmal ward Perſina ſchwanger und mit dir?“ Da ſchlug Cha⸗ rikleia die Augen erröthend an den Boden:„daß er mein Bruder, war erlogen, weil die Nothwendig⸗ keit uns dieſe Erdichtung auferlegte. Wer er aber wirklich iſt, mag er ſelbſt wohl beſſer ſagen, da er ein Mann iſt und, muthiger als ich Mädchen, zu reden ſich nicht ſcheut.“ Und Hydaspes, nicht ah⸗ nend den Sinn ihrer Worte, fuhr fort:„Verzeih, mein Töchterlein, daß wir dich erroͤthen machten und eine Frage über einen Jüngling an dich rich⸗ teten, die deiner jungfräulichen Scham zuwider iſt. Du aber ſetze dich in's Zelt zu deiner Mutter: gib ihr mehr Freude jetzt durch deine Achtung, als damals, als ſie mit Schmerzen dich gebahr, und erheitere ſie durch die Erzählung deines Schickſals. Wir wollen indeß beſorgen, wer an deiner Statt geopfert werden möge und wählen, ob wir wohl eine finden mögen, die mit dem Jüngling des Opfers werth wäaͤre. Faſt hätte Charikleia laut aufgeweint, als die 18 Kunde von dem Tod des Jünglings ſo ſchonungs⸗ los ihr verkündet ward; aber, in der Abwägung des zweckmäßigen gegen das wüthen ihres Schmer⸗ zes war ſie gezwungen, ſich ſelbſt zu zähmen und ging nur leiſe ihrem Ziele zu:„Herr,“ begann ſie, „vielleicht brauchſt du wohl ein Mädchen nicht weiter zu ſuchen, da das Volk dir das Opfer weibliches Geſchlechts ſchon erließ. Doch behauptet jemand, daß die Weihgabe nur in einem Paar von beiden Geſchlechtern vollendet werden kann: ſo mußt du nicht allein ein anderes Mädchen, ſondern auch einen Jüngling dir ſuchen. Willſt du das nicht: ſo brauchſt du auch kein anderes Mädchen, ſondern nur mich wieder zu opfern.“„Halt ein!“ ent⸗ gegnete er und fragte nach dem Grund ihrer Rede. „Weil,“ ſo berichtete ſie,„mir mit ihm zu leben, und mit ihm zu ſterben von den Göttern ge⸗ boten iſt.“ Noch ahnte Hydaspes nicht, was ſie meinte: 19 „Ich lobe dich, Tochter, um deine Menſchenfreund⸗ lichkeit, daß du ihn als Fremden, Hellenen, Ju⸗ gendgenoſſen und Mitgefangenen, der in der Aech⸗ tung dein Gefährte war, ſo freundlich bemitleideſt, und ihn zu retten trachteſt: aber ihn dem Opfer zu entziehen, iſt nicht erlaubt. Unheilig wäre es an ſich, die Sitte des Vaterlands um das Sieges⸗ opfer zu betrügen: und dann möcht' auch das Volk es nicht zugeben, das durch der Götter Wohlwollen jetzt nur mit Mühe auf dich verzichtete.“ Und Charikleia fuhr fort:„Mein König!— denn Vater darf ich wohl dich nicht benamen— wenn mein Leib dir nun durch der Götter Wohlwollen gerettet iſt, ſo mag dieſelbe göttliche Gnade wohl auch die Seele mir erretten, die ſie ſelbſt als wahrhaftige Seele mir eingepflanzt. Doch, wird das als der Moiren Willen entgegen erfunden und fodert das Opfer im Tode des Fremdlings ſeine Ordnung: ſo verſprich, nur Eins mir zu gewähren: laß mich ſelbſt das Opfer vollbringen. Wie ein Kleinod will das Schwerd ich empfangen und von den Aethio⸗ pern ob meines männlichen Muths mich preiſen laſſen!“ 20 Opydaspes ſtaunte:„Ich begreife nicht“— alſo begann er— ndie Umwandlung deines Sinnes zu dem gerade entgegengeſetzten. Eben wollteſt du den Fremden ſchützen und jetzt willſt du, wie eines Feindes, ſeine Mörderin werden. Nichts ehren⸗ volles oder rühmliches ſehe ich für deine Jugend in der That und wäre es auch, ſo iſt das dennoch nicht geſtattet: Nur des Helios und der Selene Prieſte⸗ rin hat dieſe heimiſche Sitte dieß beſtimmt: und dennoch nicht jedwedem, ſondern der Mann muß einem Weibe und das Weib einem Manne beige⸗ wohnt haben: ſo daß dein jungfräulich Weſen die mir auch ſonſt unerklärliche Bitte verſagt.“„Das möchte wohl kein Hinderniß ſeyn,“ ſprach ſie leiſe, Perſinen ſich an's Obr neigend,„auch mir könnte wohl jemand dieſen Namen geben, wenn ihr es wolltet!“„Wir werden wollen,“ erwiderte Perſina lächelnd„und dich alsbald verloben, wenn wir mit der Götter Willen einen erwählt, der deiner werth ſey.“„O Ihr braucht nicht zu wählen,“ rief Cha⸗ rikleia lauter,„er iſt's ſchon!“ Schon wollte ſie deutlicher ſich erklären— denn 21 Nothwendigkeit macht kühn, und die Gefahr, in der Theagenes vor ihren Augen ſchwebte, zwang ſie ſelbſt jungfräuliche Scham zu überwinden— als Hydaspes ſich nicht länger hielt und ausrief:„O ihr Götter, wie ihr ſtets doch Unglück in die Freude miſcht und die Seligkeit, die ihr eben ſo ungehofft mir ſchenktet, und mir wieder trübt! Eine Tochter habt ihr mir beſcheert, aber geiſteskrank ſcheint ſie. Denn wie wäre der Geiſt nicht krank, wo das Mädchen ſo verwirrte Dinge redet? Ihren Bruder nennt ſie einen, der's nicht iſt— Gefragt, wer der Fremde ſey, behauptet ſie ihn nicht zu kennen. Retten will ſie ihn wieder als ihren Freund, und kennt ihn nicht. Wie ſie unerreichbar ihre Bitte ſieht, fleht ſie darum, ihn wie einen Feind opfern zu dürfen. Wir ſagen ihr, daß dieß nicht zu geſtatten ſey, nur Eine und eine Gattin ſey zu dem Opfer geweiht: und ſie behauptet einen Gatten zu haben; wer aber? ſetzte ſie nicht hinzu. Und wie auch? hat doch der Glühroſt gezeigt, daß er ihr weder war, noch iſt? oder es tröge das Gottesurtheil bei ihr allein, das bei allen reinen in Aethiopien als wahrhaftig ſich zeigte, ließe ſie unverſehrt wieder herabtreten und löge unächt ihr Jungfräulichkeit an? oder ihr allein iſt's gegeben, einen und denſelben in demſelben Augenblick Freund und Feind zu nennen; Brüder und Männer ſich zu denken, die nicht leben! Darum, mein Gemahl, geh' in 1 8 8 — 346— dein Zelt und wecke dieſe mir aus ihren Traͤumen, hat nun ein Gott, der um das Opfer webt, in Wahnſinn ſie verſetzt, ſey's daß der Freude Ueber⸗ maß, ob des unverhofften Schickſals, ihr die Be⸗ ſinnung entführte. Ich aber will jemand befehlen, eine zu ſuchen und zu finden, die wir den Göttern an Statt dieſer zu opfern ſchuldig ſind, und, bis das geſchehen ſeyn wird, mich dem Geſchäft unter⸗ ziehen, die Botſchaften, die von den Völkern kom⸗ men, zu vernehmen, und die Geſchenke, die mir als Siegesglückwunſch von ihnen gebracht, zu empfangen. Dieß geſagt ließ er ſich nah dem Zelt, auf einem erhöhten Sitze, nieder und gebot die Geſandten vor⸗ zulaſſen und die Geſchenke, die ſie etwa brächten, heranzutragen; da frug der Herold Harmonias, ob er geböte, alle zugleich oder nach der Reihe, von jedem Volk beſonders geſchieden, und eigens vor⸗ geführt werden ſollten. 22 Als jener ihn bedeutet, ſie nach der Ordnung und getrennt vorzuführen, auf daß ein jeder nach Würden geehrt werden möge: fuhr der Herold fort:„So muß, o König, zuerſt deines Bruders Sohn herantreten, der eben angekommen iſt und vor der Wache erſt gemeldet zu werden harrt.“ „Schweren Begriffes biſt du doch und thörig,“ ſprach Hydaspes zu ihm,„daß du ihn nicht alſobald gemeldet, und wußteſt doch, daß kein Botſchafter, der angekommen, ſondern ein König iſt, noch dazu meines Bruders Sohn, den ich ſelbſt auf den Va⸗ terthron geſetzt, und der mir an Sohnes Statt gilt.“„Wohl wußte ich das, o Herr, aber ich wußte auch, daß vor allen eine gelegne Zeit zu er⸗ warten war; denn das Amt eines Heroldes bedarf vor allen Vorſicht. Darum verzeihe, wenn ich dich eifrig im Geſpräch mit den Königinnen aus der ſüßeſten Beſchäftigung zu reißen anſtand.“„So komme er denn jetzt!“ ſprach der König und ſogleich eilte einer mit dem Gebot hinweg uud kam bald wieder heran, nachdem er's ausgerichtet. Meroëbos erſchien, ein ſtattlicher Jüngling: ſein Alter hatte eben die Jugendbluthe erreicht, ſiebenzehn Jahre war er völlig; aber an Größe überragte er faſt alle anweſende, die prächtige Schaar ſeines Gefol⸗ ges ſchritt voran, und das umſtehende äthiopiſche Heer öffnete ihm mit Bewunderung und Ehrfurcht ohne Anſtand den Weg. Hydaspes hielt ſich nicht auf ſeinem Sitze: 23 er kam ihm entgegen, umarmte ihn mit väterlicher Zuneigung, hieß ihn neben ſich ſetzen, klopfte ihm die Schulter und ſprach:„zu guter Stunde kömmſt du, mein Sohn, Siegesfeſt und Hochzeit zu feiern. Denn die heimiſchen Urahnen unſers Geſchlechts, Götter und Helden haben uns eine Tochter und dich, wie es ſcheint, eine Braut finden laſſen. Doch ſolchen geheimen Dingen wirſt du nachher ſchon dein Ohr leihen; willſt du jetzt etwa für das Volk deines Königthums etwas bereden, ſo verkünde es.“ Meroebos konnte bei dem Worte Braut vor Luſt und Scham ſelbſt unter der Schwärze ſeiner Farbe die Röthe nicht verbergen: wie über einer Kohle glühte ſie hin: ein Weilchen hielt er ein und ſprach dann:„Vater, von alle den andern Botſchaftern, — 348— welche kommen, bringt jeder ſein höchſtes, um dei⸗ nen herrlichen Sieg zu krönen, zum Geſchenk; ich aber habe dich, der im Krieg ſich ſo tapfer und heldenmüthig gezeigt, mit etwas entſprechendem beſchenken wollen: einen Mann bring ich dir, der in Krieg und Blutarbeit wohl keinen findet, der mit ihm wetteiferte, im Ringen und Fauſtkampf, auf der Sandbahn und im Wettlauf unbeſtehbar.“ Damit winkte er dem Mann, heran zu treten und zeigte ihn. Der trat mitten herein und neigte ſich vor Hydaspes, von ungeheurer Größe und ein ſo rie⸗ ſenhafter Menſch, daß, als er das Knie des Königs küßte, er denen faſt gleich kam, die auf dem er⸗ habenen Sitze ſaßen. Und weiter wartete er nicht auf einen Befehl, warf ſein Gewand hinweg und ſtand nackt da, hervorrufend jeden, der Luſt bezeige zum Kampf der Waffen oder bloßen Fäuſte. Und wie keiner hervortrat, obgleich des Königs Herold es oft genug ausrief: ſprach Hydaspes: ndu ſollſt einen eben ſo rieſenhaften Kampfpreis erhalten,“ und zugleich befahl er, ihm einen uralten und un⸗ geheuren Elephanten zu bringen. Und als das Thier herankam, nahm er's mit Freuden an. Aber das Volk tobte in wilder Luſt ob der Freude über des Königs luſtigen Einfall, als ob es über ſein nnterliegen durch die Verſpottung ſeiner Groß⸗ prahlerei getröſtet würde. Nach dieſem traten der Serer Geſandten auf und brachten ihre Seidenge⸗ ſpinnſte und Webereien und ein purpurnes und ein blendendweißes Gewand. 2 — 349— Dieſe Geſchenke wurden angenommen und ihre 25 Bitte, ihnen einige, die ſchon lange zu den Feſſeln verdammt waren, freizugeben, gewährte ihnen der König. Und es traten heran die Geſandten der glücklichen Araber und brachten ihr würzreiches Blatt, Kaſſia und Zimmet, und ſonſt auch das an⸗ dere, von deſſen Duft Arabia erfüllt iſt und hauch⸗ ten Wohlgeruch in die Gegend. Nach ihnen kamen die aus dem Troglodytenland mit Ameiſengold und einem Geſpann Greife, mit goldnem Geſchirr ge⸗ zügelt. Auf dieſe folgte der Blemmyer Botſchaft: ſie hatten Bogen und Pfeilſpitzen aus Drachen⸗ knochen zu einem Kranz geflochten.„Das ſind,“ — alſo ſprachen ſie—„unſere Gaben, o König! an Reichthum ſtehen ſie den andern nach; aber ſie haben ſich am Nilſtrom— du ſelbſt warſt Zeuge— gegen die Perſer wacker bewährt.“„Sie wiegen koſtbare Geſchenke auf,“ erwiderte Hydaspes,„und ſind Urſach, daß die übrigen alle mir gebracht wur⸗ den.“ Und zugleich geſtattete er ihnen, kund zu thun, was ſie etwa verlangten. Da foderten ſie Verminderung ihres Zinſes und er erließ ihnen alles auf zehen Jahre. Und faſt waren alle, die zur Botſchaft ge⸗ 26 kommen, vorgeweſen, und der König hatte es ihnen allen mit gleichem oder noch höherem vergolten, als zuletzt der Axiomiten Geſandten daher kamen. Sie waren nicht zinsbar, ſondern Freunde nur und ver⸗ bündet: auch ſie brachten, um ihre Freude am herr⸗ lichen Sieg zu zeigen, mancherlei Geſchenke und vor allen die Geſtalt eines fremden wunderſamen Thieres: n —— 350— ſeine Größe kam wohl der eines Kameels bei: ſeine Farbe und Haut war in bunte Felder geſchieden. Kroppe und Nachhand waren niedrig und in Löwen⸗ größe, Widerroß aber, Vorderfüße und Bruſt waren unverhältnißmäßig höher, als die andern Glieder: der dünne Hals verlängte ſich aus dem ſonſt gro⸗ ßen Leibe zu Schwanenſchlankheit hinan. Kameel⸗ artig war des Kopfs Geſtalt: ſeine Größe überſtieg die eines lybiſchen Straußes wohl um's doppelte und muthig zuckte es die ſchiefgeſchlitzten Augen darin umher. Auch ſein Gang war ſchwankend und dem eines jeden Land⸗ oder Waſſerthieres entgegen⸗ geſetzt; denn es bewegt nicht abwechſelnd jedes⸗ mal zwei Schenkel von verſchiedenen Seiten und dann umgekehrt: ſondern immer ſchreitet es zugleich mit beiden Schenkeln an der rechten Seite und dann. für ſich wieder mit beiden an der linken, indem die ganze Seite ſich hebt. So zottelte es einher, und war alſo zahm gewöhnt, daß es an einer dünnen Schnur, die ihm um den Kopf gewunden war, ſich von ſeinem Pfleger führen ließ, als ob deſſen Wille wie unenrweichliche Banden, es leitete. Alles Volk ſtaunte, als dieß Thier erſchien und alsbald überkam ſeine Geſtalt einen Namen von ſeines Leibes vor⸗ herrſchender Aehnlichkeit; das Volk nannte es aus V dem Stegreife Kameelpardel. Aber mit Schrecken füllte es bald die Verſammlung. 27 Denn es geſchah folgendes: am Altar der Se⸗ lene ſtanden ein Paar Stiere; an dem des Helios ein Geſpann weißer Roſſe zum Opfer bereit. Wie nun das fremde und ungewöhnliche, ſo ſeltſam ge⸗ — 351— ſtaltete, Thier erſchien, ergriff ſie Schrecken. Sie zerriſſen die Zügel ihrer Führer und der eine Stier — er allein hatte, wie es ſchien, nur das Thier er⸗ blickt— und zwei von den Roſſen zogen aus zu un⸗ aufhaltſamer Flucht: doch vermochten ſie nicht des Heeres Damm zu durchbrechen, den die dichtgedräng⸗ ten Schilder der Kerntruppen rings herum ſchlugen: alſo flogen ſie ordnungslos einher, in ſcheuem Lauf den ganzen Raum drinnen durchrennend und ſtürzten, was ſich ihnen entgegenſtellte, Geräth oder Thier, zu Boden: alſo, daß ein gemiſchtes Rufen über den Vorfall ſich erhob, hier aus Furcht, wo ſie heran⸗ ſtürmten, dort aus Luſt, weil ſie auf die andern losbrachen und das übereinanderburzeln der fallenden Jubel und Lachen erregte. Selbſt Perſina und Cha⸗ rikleia konnten ruhig nicht im Zelte bleiben: ſie öff⸗ neten leiſe den Vorteppich und waren Zuſchauer deſſen, was geſchah. Da ſah Theagenes— ſey's nun, daß die eigne Seele von männlichem Muthe belebt ward, ſey's, daß er der Reizung eines Gottes ſich hingab— ſeine Wächter im hereinbrechenden Getümmel zerſtreut: ſtraks erhob er ſich, der bisher vor dem Altar auf den Knien gelegen hatte, den nahen Todesſtoß zu em⸗ pfangen, und erfaßte eins von den Scheiten, die auf dem Altar lagen: ergriff eins der Roſſe, die nicht entlaufen waren, flog ihm auf den Rucken, faßte in die Mähnen, wie in einen Zügel, ſpornte das Roß mit den Schenkeln, trieb's mit dem Scheit ſtatt der Geißel und jagte einher hinter dem Stiere. Alle an⸗ weſenden glaubten Anfangs, daß Theagenes zu fliehen gedenke und jeder rief dem andern zu mit Geſchrei, ihn nicht den Truppendamm durchbrechen zu laſſen: 8 aber im Verlauf des Beginnens gewahrten ſie wohl, daß weder Feigheit noch Flucht vor dem Opfer ihn beſeelte. Er holte den Stier bald ein und jagte ihn ein Weilchen, ihm immer auf den Ferſen, und trieb ihn durch Stöße zu noch eiligerem rennen: und wo⸗ hin er ſich auch jagend wandte: er folgte ihm und bog gewandt zu allen Wendungen und Kehrungen mit ein. 28 Als er ſich Auge und Führung zu gewohnter Feſtigkeit geſichert: da ritt er ihm nah an die Ribben, drängte Leib an Leib, miſchte Athem und Schweiß des Roſſes und Stieres und maß den Lauf zu ſo gleichem Takt ab, daß die fernſten die Köpfe der beiden Thiere für zuſammengewachſen hiel⸗ ten und den Theagenes hoch erhuben, daß er ein ſo wunderſames Roſſeſtiergeſpann zuſammen gejocht. So fühlte das Volk; aber Charikleia zitterte und bebte ob dem Anblick: ſie ahnte nicht, wozu das Wagſtück dienen könnte und angſtete ſich, wenn ein Leid ihm geſchehe, über ſeine etwaige Wunde, wie über den Tod: daß es ſelbſt Perſinen nicht entging und dieſe ſie alſo frug:„Aber Kind, was iſt dir? ſcheinſt du doch mit dem Fremdling die Gefahr zu theilen; mir ſelbſt auch geht er nahe, ſeine Jugend jammert mich: ich wünſchte er entginge der Gefahr und würde dem Opfer erhalten, damit nicht ganz unvollendet unſer Dank den Göttern bliebe.“„Das iſt luſtig,“ ſprach Charikleia,„zu wünſchen, daß er nicht ſterbe, um ihn ſterben zu ſehen! Aber iſt es dir möglich, o Mutter, ſo rette den Mann mir zu Lieb.“ Und Perſina ahnte nicht den wahren Grund, — 353— aber doch ſonſt wohl ein Liebesnahen.„Ihn zu retten iſt nicht möglich,“ fuhr ſie fort;—„doch, welche Gemeinſchaft haſt du mit dieſem Mann, daß du ſorg⸗ ſam um ihn dich zeigſt: ſprich es uur muthig aus zu deiner Mutter; und iſt es eine jugendliche Wallung — ziemt ſie auch der Jungſräulichkeit nicht— Mut⸗ terliebe weiß die Tochter und Frauenmitgefühl ein weiblich Vergehen zu verſchleiern.“ Da weinte Cha⸗ rikleia heftig:„das iſt mein höchſtes Unglück,“ be⸗ gann ſie,„ daß ich ſelbſt verſtändigen unverſtändlich rede und wenn ich meine Gefuhle ausſpreche, ſie dennoch nicht ausgeſprochen haben ſoll. So bin ich denn gezwungen, zu einem offnen Geſtändniß zu ſchreiten.“ So ſprach ſie und gedachte eben ihr Verhältniß zu enthüllen, als wieder ein lauthallendes Geſchrei, vom Volk erhoben, ſie aufſchreckte. Theagenes hatte das Roß ſeine ganze Rennkraft aufbieten laſſen: als es mit der Bruſt dem Kopf des Stieres etwas voraus war, ſchwang er ſich ab vom Thier, das er ledig laufen ließ, und warf ſich gleich dem Stier auf den Nacken, drangte ſein Antlitz mitten hinein zwiſchen die Hörner, ſchlang ſeinen Arm, wie einen Kranz darum und verſchränkte an der Stirn des Stieres die Finger in einen Knoten, die uͤbrige Laſt ſeines Körpers ließ er an des Bullen rechter Schulter herabhängen und jagte ſchwebend dahin: nur wenig von des Stiers Sprüngen geirrt. Wie er laß ihn ſpürte von der Laſt und ſeine Sennen in der über⸗ mäßigen Spannung ermatten, ſchwenkte er ihn nach vorn als er herumkam, wo Hydaspes ſaß, warf die Theagenes u. Charikleia. 23 2 ‿ — 354— eignen Fuße ihm vor die Schenkel und hemmte durch unaufhörliches treten auf die Köthen ſeinen Lauf: der, gehindert in des rennens Wuth, und gebeugt unter der Laſt des Jünglings, ſchoß auf die Knie nieder: ſtuͤrzte unaufhaltſam vorn auf die Krone und ſchlug köpflings über auf Rücken und Schultern: da lag er rücklings ſo lang er war, ſeine Hörner waren eingedrungen in den Boden und hatten den Kopf wie unbeweglich eingewurzelt: die Schenkel zappelten, fruchtlos ohne Wirkung in die Luft hauend, und ſtraubten ſich gegen den Sieg. Aber Theagenes würgte ihn, doch nur die linke war ihm von den Händen allein frei, um ihn feſtzuhal⸗ ten: die rechte hielt er himmelan und ſchwang ſie unaufhörlich: auf Hydaspes aber und das andere Volk ſchaute er freudig hin und foderte ſie durch ſein lächeln zur Theilnahme an der Freude auf: während der Stier durch ſein Brüllen wie mit Drommetenton den Sieg auskündete. Dagegen ſchallte des Volkes rufen, nicht in vernehmlichen Tönen des Lobes: mit offnem Munde jagten ſie nur ihre Verwunderung durch die Kehle in langem forthallenden ſchreien zum Himmel. Auf des Kö⸗ nigs Gebot eilten Diener heran: einige richteten Theagenes auf und führten ihn heran: andre war⸗ fen die Schlinge eines Seils um des Stiers Hör⸗ ner und wie beſchämt ward er weggezogen und wieder ſammt dem Roß, das aufgefangen ward, am Altare feſtgebunden. Schon war Hydaspes im Begriff durch Wort und That Theagenes ſein Lob zu zeigen: als das Volk in freudiger Luſt am Jüng⸗ ling, gerührt ſchon von ſeinem erſten Anblick und . nun noch ſtaunend ob ſeiner Kraft, mehr aber noch aus grollender Eiferſucht gegen Mervebos athiopi⸗ ſchen Kämpfer, wie mit einem Sinne ausrief:„der muß mit Meroebos Ringer zuſammen!“„Der den Elephanten erhielt, kämpfe mit dem, der den Stier bewältigte!“ ſchrieen ſie unaufhörlich. Und als ſie nicht beruhigt werden konnten, geſtattete es Hydas⸗ pes. Und herein ward der Aethioper geführt: ſtolz und höhniſch ſchaute er um ſich: ſchritt ſteif daher und durchſägte geſpreizt die Luft mit ſeinen Armen. Und als er dem hohen Rath nahe getreten war, ſchaute Hydaspes den Theagenes an und be⸗ gann auf griechiſch zu ihm:„mit dieſem ſollſt du kämpfen! alſo will es das Volk!“„Sein Wille geſchehe!“ erwiderte Theagenes;„doch in welcher Gattung des Kampfes?“„im ringen.“„Und wa⸗ rum nicht mit Schwert und Panzer, auf daß ich ſiegend oder ſterbend Charikleien rührte, die bis jetzt im Schweigen über mich beharrte, oder vielleicht ganz, wie es den Anſchein hat, mich verleugnet?“ Und Hydaspes erwiderte:„Warum du Charikleiens Namen in die Rede flichtſt, magſt du ſelbſt nur wiſſen. Aber ringen ſollſt du; nicht mit dem Schwerte kämpfen: denn es nicht erlaubt, daß Blut vor der Zeit des Opfers fließe.“ Da merkte Thea⸗ genes, daß Hydaspes fürchte, er möge vor dem Opfer getödet werden, und ſprach: ndu thuſt wohl den Göttern mich zu erhalten, die mich auch wohl ſchützen werden.“ Damit faßte er Sand, rieb ſich Schultern und Arme, die vom Stiergefecht noch vom Schweiße trieften, und ſchüttelte herab was nicht .— 356— feſt blieb; ſtreckte dann die Vorderarme vor, ſetzte den Tritt ſeiner Füße zu feſtem Stand, geſenkt die Knie und Schultern und Rücken eingebogen, den Nacken etwas nach vorn geneigt und den ganzen Leib angezogen ſtand er da, den Beginn des rin⸗ gens erwartend. Der Aethioper ſah ihn an, lachte und ſchien ſeinen Gegenmann durch höhniſche Ge⸗ bärden zu verſpotten: raſch lief er heran und ſchmet⸗ terte ſeinen Arm wie einen Hebebaum Theagenes in den Nacken. Und wieder prahlte er, wie der Schall des Schlages gehört ward, und grinzte dumm vergnügt. Theagenes aber, ein wackerer Turner, von Jugend auf an Tummelei geübt, gewandt in Hermes kampfgerechter Kunſt, beſchloß zuerſt ihm nachzugeben und die Kraft ſeines Gegners zu prüfen: gegen einen ſolchen ungeheuren, faſt thieriſch rohen klumpen war nicht gerade zuzuſchreiten, ſondern mit Klugheit die rohe Gewalt zu überliſten. Nur wenig vom Platz weichend ſtellte er ſich, größere Schmerzen zu empfinden, als es wirklich war, und gab ihm auch den andern Theil ſeines Nackens zur Blöße hin. Und wieder hieb der Aethioper auf: er aber gab dem Schlage nach und gebärdete ſich, als ob er faſt auf's Antlitz geſtürzt wäre. Als nun der Aethioper ſichergemacht und trotzig ſonder Vorſicht zum drittenmale dreinſchlug und wieder den Arm zum abermaligen Schlag hob, da unterlief ihn raſch durch eine Beugung Theagenes, entwand ſich ſeinem Schlag: faßte ihn mit dem rechten Arm unter ſeinem linken und ſchwang ſeinen Gegner ſo im umſchlingen nieder, den das vergeb⸗ liche niederſchlagen der eignen Hand ſchon nach der Erde zog, wand ſich unter der Achſel durch, ihm um den Rücken, umgürtete mit Mühe den dicken Leib mit ſeinen Händen, entwuchtete dann gewaltig und unabläßig mit ſeinem Schenkel den Stand ſeines Gegners um Ferſe und Knorren und zwang ihn zum Knieſturz: dann ſchlug er rittlings ſeine Füße um ihn, zwängte ſie ihm durch den Spalt, zog ihm die Hände weg, womit der Aethioper ſtützend ſeinen Leib noch in die Höhe hielt, ſchlang ſeine Arme, wie einen Knoten ihm um den Schädel, zog ihn hinauf nach Rücken und Schultern zu, und zwang ihn, daß er mit dem Bauch zur Erde ſchlug. Ein ſchreien, aber noch vernehmlicher, als vorher, erhob darob die Menge. Selbſt der König hielt ſich nicht; auf ſprang er vom Seſſel und rief:„O Schick⸗ ſal! Welch einen Mann gebietet uns das Geſetz zu opfern!“ Dazu rief er ihn heran und ſprach: dich zu kränzen, wie es beim Opfer Sitte, liegt uns noch ob. Aber auch dieſer wackere, wenn auch für dich fruchtloſe und vergängliche Sieg muß bekränzt werden. Und wenn es auch ſelbſt meinem beſten Willen, dich dem, was dir bevorſteht, zu entziehen, nicht ver⸗ gönnt iſt, ſo werde ich dir wenigſtens, was man erlaubt, reichen. Weißt du etwas, was dich im Le⸗ ben noch vergnügen könnte, fodere es!“ Und mit dieſen Worten ſetzte er dem Theagenes einen Kranz von Gold und edlen Steinen auf. Leiſe Thränen konnte er nicht verbergen. Aber Theagenes ſprach: „So will ich denn fodern! Verſprich es zu geben; wenn ich dem Opfer durchaus nicht zu entgehen ver⸗ — 358— mag, ſo gebiete, daß die Hand deiner jetzt wieder⸗ gefundenen Tochter es vollbringt.“ 2 Hydaspes ward empfindlich ob dieſen Worten; ſein Gemüth rief ſich das ähnliche Verlangen Chari⸗ kleiens zurück; aber er vermochte in ſo kurz gemeſſe⸗ ner Zeit das wahre nicht zu finden:„ Mögliches, Fremdling,“ begann er,„habe ich dir zu fodern ge⸗ ſtattet, und zu gewähren verheißen; aber die opfernde muß ein Weib ſeyn, keine Jungfrau, gebietet das Geſetz.“„Auch ſie hat einen Gatten,“ fuhr Thea⸗ genes fort.„Das ſind ſicher Reden eines wahnſin⸗ nigen und ſterbenden; hat doch der Glühroſt das Mädchen als unberührt von Hochzeit und Männer⸗ nähe erwieſen; oder du müßteſt hier den Mervebos meinen; doch iſt mir unbekannt woher du das wüß⸗ teſt; denn noch iſt er ihr Gatte nicht, nur Bräutigam habe ich ihn genannt.“„Und wird's auch nicht, ſetze nur hinzu,“ ſprach Theagenes,„wenn ich Chari⸗ kleiens Herz kenne. Und meine Verkündung, als eines Opfers, fodert Glauben.“ Da fügte Meroe⸗ bos hinzu:„Lieber, die Opferthiere zeigen ja nicht lebend, ſondern geſchlachtet und aufgeſchnitten durch die Deutung ihrer Eingeweide die Verkündung. Darum haſt du wahr geſprochen, o Vater, der Fremde redet wie ein ſterbender. Und es führ ihn einer, ſo du gebeutſt, zum Altare, du aber bereite, was noch nöthig iſt und ſchreite zum Opfer!“ Und Thea⸗ genes ward hingeführt, wo es befohlen war. Cha⸗ rikleiga aber hatte eben erſt aus dem Siege neues Leben geſogen und das beſte gehofft: nun er wieder abgeführt ward, entſtuͤrzten ihr die Thränen. Da — 359— tröſtete ſie Perſina eifrig und ſprach, wie der Jüngling wohl noch gerettet werden möge, wenn ſie ihr übriges Geheimniß deutlicher ausſpreche: und gezwungen ſchritt denn Charikleia— ſie ſah, daß die Gefahr keinen Aufſchub duldete— zu der Hauptſache ihrer Erzählung. Hydaspes frug indeß den Herold, ob von Botſchaften noch eine zuruͤck ſey:„nur die von Syene, o König,“ antwortete Hermonias: nſte bringen ein Schreiben von Oroodates und Gaſtgeſchenke. Eben ſind ſie und vor kurzem nur gekommen!!“„Auch ſie mögen herantreten!“ ſprach Hydaspes. Und ſie kamen und brachten das Schreiben. Der König er⸗ brach's und las. Das war der Inhalt: Dem menſchenfreundlichen, glückſeligen König der Aethioper, Hydaspes, vom Orvondates, des großen Königs Statthalter: Haſt du in der Schlacht geſiegt: ſo war dein gütig Herz noch höherer Sieger: gabſt du mir freundlich die ganze Statthalterſchaft: ſo habe ich nicht zu ſtaunen, wenn du jetzt nur eine kleine Bitte mir gewährſt. Ein Mädchen, von Memphis mir zugeſandt, ward Kriegsgefangene: daß ſie gefangen auf dein Gebot nach Aethiopien geholt ſey, berichteten mich ihre Be⸗ gleiter, die jener Gefahr entgingen. Die bitte ich als Geſchenk mir zu uͤberlaſſen, theils aus eigener Sorge für das Mädchen, theils um ihren Vater zu beruhigen, der weit in der Welt einherſchweift und beim forſchen nach ſeiner Tochter in Elephantine von der Beſatzung während des Kriegs aufgegriffen ward: geſehen hab' ich ihn, als ich dort meine ge⸗ retteten üͤberſchaute und ihn verlangte, deiner Milde — 360— zu nahen. So haſt du den Mann mit bei den andern Geſandten. Schon ſein Aeußeres bürgt fuͤr ſeine Rechtlichkeit: und ſein Anſehn gebietet Ehrfurcht. Sende mir ihn fröhlich wieder zurück, o König: er heißt nicht blos Vater; er iſt es wahrlich.“ Als er das geleſen, frug er nach dem, der eine Tochter ſuche. Da deuteten ſie auf einen Greis, und der König ſprach zu ihm:„Fremdling, ich bin alles zu thun bereit, da Oroondates es wünſcht; aber nur zehen gefangene Jungfrauen hab' ich heranführen laſſen. Außer eine, die ſicher nicht deine Tochter iſt, magſt du die übrigen dir betrachten, und ſo du ſie erkennſt und findeſt, ſey ſie dein!“ Da neigte ſich der Greis vor ihm und küßte ſeine Füße. Als er aber, die vorgeführten Mädchen betrachtend, die geſuchte nicht fand, ward er wieder traurig und ſprach:„o König, keine iſt's von dieſen!“„Meinen Willen ſiehſt du,“ entgegnete Hydaspes;„alſo klage nur das Schickſal an, wenn du die geſuchte nicht findeſt. Denn daß außer dieſen keine ſonſt herangebracht ward, oder im Heere iſt, magſt du ſelbſt dich überzeugen, wenn du umher⸗ ſchauſt.“ 33 Da zerſchlug der Greis ſein Antlitz und weinte, blickte dann auf und ſchaute rings umher auf die Menge: plötzlich rannte er wie wüthend hinweg und zum Altare, wand den Saum ſeines Mantels— denn alſo war er gekleidet— in eine Schlinge, warf ſie über Theagenes Nacken und zog ihn laut ſchreiend: „Hab ich dich endlich, Todfeind! hab ich dich endlich, Mörder und Verräther!“ Hemmen wollt' es die Wache und ihn losreißen, aber er hielt ihn feſt, wie — 361— angewachſen und ſetzte es durch, ihn unter Hydaspes und des hohen Rathes Augen zu führen:„König, begann er, n das iſt der Räuber meiner Tochter: dieſer iſt's, der mein Haus mir verwaiſte: mitten heraus von des pythiſchen Gottes Altären mir die Seele ſtahl, und ſitzt nun wunderfromm an der Götter Altären.“ Alle ſtaunten über den Vorfall, die ſeiner Worte Sinn verſtanden, ſo gut wie die uͤbrigen, welche ſich nur uͤber das, was ſie ſahen, wunderten. Und als ihn Hydaspes ermuthigt, deutlicher 34 auszuſprechen, was er meine: da verbarg der Greis — Charikles war's— das wahre von Charikleiens Herkunft: aus Scheu, man würde, da das Mädchen ihm entflohen, alles Mitleid ihm verſagen und er ſelbſt ſich einen Streit mit ihren wahren Eltern zuziehen. Darum erzählte er kurz nur was unan⸗ ſtößig war und ſprach:„Ich hatte eine Tochter, o König! Wie ihr Herz, ihre Geſtalt war— hättet ihr's geſehen, nur dann würdet ihr glauben, daß ich ein Recht habe, alſo davon zu reden.— Jung⸗ fräulich war ſie und Prieſterin der Artemis in Delphö. Und ſie hat dieſer treffliche, ein Theſſa⸗ lier von Herkommen, der gen Delphö, meine Va⸗ terſtadt, kam, um einer Heimathſitte zu genügen als Opferfürſt, heimlich aus dem Tempel ſelber mir geraubt, aus dem Tempel des Apollon! Auch ihr werdet mit Recht ihn für verrucht halten, daß er euren vaterländiſchen Gott Apollon, der eins iſt mit Helios, und ſeine Weiheſtätte entheiligte. Ge⸗ hülfe war ihm zu dem frommen Werk ein falſcher — 362— Prieſter aus Memphis. Ich eilte nach Theſſalien, und foderte ihn von den Oetäern, ſeinen Mitbür⸗ gern: und fand ihn nicht: und ſie hatten mir ihn zum ſchalten, ſelbſt zum Tode, wenn er gefunden würde, wie einen Gottesfrevler, überlaſſen. Für Kalaſtris Schlupfloch hielt ich Memphis, und zog dahin: traf Kalaſiris ſelbſt, aber— alſo war es gerecht— im Grabe. Sein Sohn Thyamis be⸗ richtete mir indeß alles von meiner Tochter: und wie ſie zum Oroondates gen Syene geſandt ſey: Oroondates und Syene verfehlte ich: denn als ich dorthin zog, ward ich in Elephantine eine Beute des Kriegs und komme nun hieher und flehe um deinen Schutz beim Suchen nach meiner Tochter. Mich unglückſeligen Mann würdeſt du aufrichten und dir ſelber wohlthun, ſo du den Statthalter, der um meinetwillen dich anſpricht, ehrteſt nach Gebühr.“ Da ſchwieg er und weinte bitterlich nach ſeiner Rede. Und Hydaspes wandte ſich zu Theagenes: „Was ſprichſt du dagegen?“„Wahr ſind all' ſeine Klagen,“ erwiderte er,„Raub, Unrecht und Ge⸗ waltthat hab' ich an ihm begangen, euch aber be⸗ glückt.“„So gib ſie wieder, die nicht dein iſt,“ fuhr Hydaspes fort,„daß du rein noch erſcheinſt vor den Göttern: da du den ruhmvollen Tod des Opfers, nicht den ſtrafenden der Rache erleiden ſollſt.,“„Nicht der Räuber, ſondern wer das ge⸗ raubte Gut beſitzt, iſt verpflichtet es wieder zu geben. Und du ſelbſt haſt es. Gib es wieder, wenn er ſelbſt nicht eingeſteht, daß Charikleia deine — 363— Tochter iſt!“ Da vermochte keiner ſich zu mäßigen; ein verwirrtes Getümmel entſtand überall. Siſi⸗ mithres, der ſich lange zurückgehalten, früher ſchon Worte und That verſtand, aber von der Gottheit untrügliche Enthüllung erwartete, lief jetzt auf Cha⸗ rikles zu, umarmte ihn und ſprach:„ſie iſt gerettet, deine vermeinte Tochter, die ich ſelbſt dir zuge⸗ bracht. Sie iſt wahrhaftig als Tochter derer erfun⸗ den worden, von welchen du weißt.“ Da rannte Charikleia aus dem Zelte, weg warf 36 ſie alle Scheu ihres Geſchlechts und ihrer Jugend, wie wahnſinnig und unklug flog ſie daher und ſtürzte zu Charikles Füßen.„O Vater,“ begann ſie, „du mir gleich verehrungswerth mit denen, die mich zeugten. Räche dich, wie du willſt, an mir gott⸗ vergeſſenen, mir Vatermörderin: höre ihn nicht, wer es etwa auf der Götter Willen bezöge und mit ihrer Fügung es entſchuldigte.“ Perſina auf der andern Seite umarmte den Hydaspes und ſprach: no glaube, mein Gemahl, es iſt wirklich ſo: er⸗ kenne in dieſem helleniſchen Jünglinge den Ver⸗ lobten unſerer Tochter— mir hat ſie's eben nach langem Zögern offenbart.“ Und rings jauchzte das Volk in jubelndem Zurufe. Menſchen jedes Alters und Zuſtandes freuten ſich einſtimmig über die Fü⸗ gung: und wenn ſie auch das meiſte im Geſpräch nicht verſtanden, ſo ahnten ſie doch die Wahrheit aus Charikleiens Gebärden: oder war's, daß ſie zur Erkenntniß gelangten durch ein göttlich Walten, das alles ſo wunderſam gefügt, die ſchreiendſten Gegenſätze zu reinem Einklang hob: Freude und — 364— Leid unter Lachen und Thränen verſchmolz: zum Feſte ward die Trauer: es lächelten, die da wein⸗ ten und freuten ſich unter Thränen: ſie fanden, die ſie nimmer erwartet und verloren, die ſie eben gefunden meinten: der bevorſtehende Mord löſte ſich in ein frommes Opfer. Denn Hydaspes begann zu Siſtmithres:„Was iſt hier zu thun, weiſeſter der Männer: den Göttern das Opfer zu weigern iſt ruchlos: zu morden, die ſie uns geſchenkt, unheilig. So müſſen wir bedenken, wie zu handeln ſey!“ 7 Und Siſimithres nahm das Wort, nicht in griechiſcher, ſondern, daß es alle vernähmen, in äthio⸗ piſcher Zunge:„O König, Uebermaß der Freude verdunkelt— alſo ſcheint es— ſelbſt der klügſten Männer Sinn. So mußteſt du längſt ſchon ahnen, daß die Götter das bereitete Opfer verſchmähen: haben ſie dir die hochbegnadete Charikleia ſelbſt am Opferaltar als deine Tochter offenbart, ihren Pfle⸗ ger mitten aus Hellenenland wie durch Zauber⸗ ſchlag dir zugeführt: dann Schrecken und Schauder auf die geweihten Roſſe und Stiere geſchleudert und zu erkennen gegeben, daß ſie die Weihgabe, die wir für die höchſte hielten, verworfen wiſſen wollen: ſiehe, da zeigen ſie dir zur Krone jegliches Glückes und wie zur Verklärung der Feier den Bräutigam der Jungfrau in dieſem fremden Juüng⸗ ling. So laßt uns der Götter wunderſame Fü⸗ gung ehren, laßt uns eingehen in ihren Schluß, uns halten an ſchuldloſe Gaben und Menſchenopfer auf ewige Zeiten verwerfen!“ — 365— Das hatte Siſimithres laut und für alle ver⸗ nehmlich ausgeſprochen, da faßte Hydaspes Chari⸗ kleien und Theagenes und begann in der Sprache ſeiner Väter:„Anweſende! Nun der Götter Wille es alſo gefügt, wäre entgegen zu ſtreben ungöttlich. So weihe ich— ſie ſelbſt, die uns dieß zugeſpon⸗ nen, ſind Zeugen und ihr, die ihr euch jenen folg⸗ ſam erweiſt— dieß Paar in bräutlicher Sitte und geſtatte ihnen, in ehlichem Bande ſich zu einen. Und, ſo es geliebt, mag das Opfer ſelbſt unſern Entſchluß heiligen, laßt uns zum Weihamt ſchreiten!“ Und das Heer jauchzte ob ſeiner Rede und, 38 als ob die Hochzeit ſchon vollendet, hallte Beifall vom Schlag ihrer Hände. Hydaspes aber trat heran zum Altare und, indem er das Opfer begin⸗ nen wollte, ſprach er:„Du, o Helios unſer Ge⸗ bieter, und Selene, du Gebieterin! hat euer Wille Theagenes und Charikleien zu Mann und Weib geſtempelt, ſo werdet ihr ſie nicht verwerfen, wenn ſie auch als Prieſter euch dienen mögen.“ Damit nahm er ſeinen eignen und Perſinas heilgen Tul⸗ bend, der Prieſterſchaft Zeichen— vom Haupt: Theagenes ſetzte er den ſeinen, Charikleien Perſinas auf. Und als es geſchehen: ſiehe, da gemahnt es den Charikles an den Seherſpruch in Delphö: und er fand jetzt durch Thaten beſtätigt, was lange vor die Götter ihm verkündet. Die jungen Leute wür⸗ den Delphö verlaſſen, hieß es Fern zu des Sonnengotts dunkelem Lande 5 gewandt. — 366— Aufblüht dort für die wackeren Kämpfer die lohnende Palme. Weiß von dem dunkelen Haupt ſchimmert der heilige Bund! So waren denn die jungen Leute gekrönt mit der weißen Binde, mit welcher Hydaspes das Prie⸗ ſterthum zugleich ihnen um's Haupt wand und weih⸗ ten nun ſelber das Opfer unter brennenden Fackeln und dem Tönen der Flöten und Syringen: auf einem Wagen mit Roſſen war Theagenes neben Hydaspes: auf einem andern Siſimithres mit Cha⸗ rikles: weiße Stiere zogen Charikleien und Perſinen ſelbſt: frohlockender Zuruf, Jauchzen und Tanz ge⸗ leiteten ſie bis gen Meroe: denn in der Stadt ſollte ſich's zu höherer Weihe der Ehe freudig enden. Dieß Ende gewann die äthiopiſche Geſchichte von Theagenes und Charikleia. Gedichtet hat's ein phönikiſcher Mann aus Emeſa, von der Sonne Ge⸗ ſchlecht, Theodoſios' Sohn, Heliodo ros. Bemerkungen. Die vorſtehende Ueberſetzung iſt nach dem von Koray recenſirten Text gearbeitet. An vielen Stel⸗ len indeß hat der Ueberſetzer die älteren Leſearten vorgezogen aus Gründen, welche theils die Ueber⸗ ſetzung ſelbſt, theils die folgen Bemerkungen an⸗ geben, welche für Laien berechnet ſind, zum beſſeren Verſtändniß der deutſchen Ueberſetzung. Angaben von einigen Druckfehlern werden unter ihnen eine paſſende Stelle finden. Den Philologen ſagen wir Sugα ieoSe! Erſtes Buch. S. 1. Ein Fahrzeug lag an Tauen vor An⸗ ker.] Ich habe überſetzt als ob ert enoeν daſtünde. S. Heyne zur Ilias XIV, 27. Eben ſo bin ich oben Stephanus Lesart rς eνεέρεας xεοαιαοσꝙ⁴ςονταοε gefolgt. 4 — 368— S. 2. Sonſt aber unberaubt, als ob es wie im Frieden ſich wiege.] Lies: als ob es, von vielen bewacht, wie im Frieden ſich wiege. S. 6. Und ließ ihn nicht.] Ich habe uber⸗ ſetzt: obd' aτον μεειιααιμαιασα. S. 8. als einen gewiß neuen Führer.] Eu⸗ ſtachius zur Ilias S. 160 führt dieſe Stelle aus Heliodor an. S. 8. Daß man die Prieſterin ſelbſt mitge⸗ ſchleppt.] Lies: daß man die P. ſ. mitgeſchleppt oder gar die lebendige Bildſäule. S. 12. Bei unbefangenen als Mutter, bei gewitzigten aber deutlich als Liebende.] Mir iſt die gewöhnliche Erklärung dieſer Stelle nicht ent⸗ gangen: aber ich finde in ihr keinen beſonders paſ⸗ ſenden Sinn; 8 roες σeςσ&ρανοεεσοας, wenn ſie un⸗ ter unbefangenen, ernſten Leuten war, 6v ονςα αëαο 6α ʃο⁶, wenn ſie unter Leuten war, welche der⸗ gleichen ungehörige Dinge(dronc) verſtanden. Dieſelben, welche hier.ᷣμα̈τεεοοι heißen, nennt er Cap. 15 Tνοιρμ τν½ Ʒνυαάα. S. 12. Das große Panathenäenfeſt.] Das Hauptfeſt der Athene zu Ehren von den Athe⸗ näern alle 5 Jahre am 22ten des Monats Heka⸗ tombäon gefeiert. Ein Schiff, an welchem als Seegel der Peplos hing, in welchen atheniſche Jungfrauen die Thaten der Minerva gewebt, ward durch Maſchinen vom Hafen nach der Burg ge⸗ führt unter dem Geſange des Feſtlieds(Päan) und unter Begleitung eines reichen Zuges. S. 12. Prytaneion.] In dieſem Saale neben dem Rathhauſe ſpeiſten eigentlich blos die — 369— Prytanen, der Ausſchuß des großen Rathes. An Feſten aber war es eine Ehre, wenn auch andere daran Theil nehmen durften. 4 S. 15. Die Götter ſind Zeugen.] Ich leſe „αν d⁴οτe 00 Seol ſtatt ld οτεεs ot Seol. 3 S. 17. Da die GSrimmen gezählt wurdenl. Die geringe Anzahl der Stimmen der Athenäer iſt faſt unbegreiflich, da gewöhnlich gegen 20000 ſtimm⸗ fähige Bürger Athens gerechnet werden. S. 22 Z. 15. Daß ein Lohn dir werde.] Lies: daß ſolch ein Lohn dir werde. S. 24 Z. 18. Alles aus Volk.] Lies: alles an's Volk. S. 25. Thyamis.] Bei Nonnos Dionyſ⸗ XXVI, 181 kommt auch ein Thyamis als Anfüh⸗ rer eines Schiffsgeſchwaders vor, dem Thyamis des Heliodor nachgebildet, welcher Hauptmann der räuberiſchen Sumpfbewohner iſt und wie jener non⸗ niſche im Seegefecht unterliegt. S. 27 Z. 21. 22. Lies: es wäre ja thörig— über die Gefangnen. S. 28 Z. 3 v. u. Und wie wäre dies.] Lies: und wie wäre dir's. S. 51. Und ahnteſt der Götter Recht.] Lies: und ehrteſt der Götter Recht. S. 34. Dieſe Liſt müſſen wir gleich einer Laſt ertragen.] Jene Zeit gefällt ſich in dergleichen Wortſpielereien. Ich habe darum die Anklänge ⁴νλκαόμιμιιναα und m7,‿lc durch Laſt und Liſt wieder zu geben geſucht. Eben 5 iſt weiter unten II, Theagenes u. Charikleig. 24 — 370— 22. 6Soc und ⁴˙o«, III, 5. 6XOXd yvyai- *⁶νν, deυμαeνα̈μςᷣ α⁸ο und ſonſt. S. 36 Z. 11. Lies: des Sumpfes. Zweites Buch. S. 48. Bis Kyeman den ſandig naſſen Bo⸗ den aufritzte.] Sehr richtig hat Koray hier ſtatt des gewöhnlichen dακνμαόαᷣνο ιινμωμενοσ ge⸗ ſchrieben; aber erklärt iſt die Stelle damit nicht. Thukydides IV, 26. gibt die Erklärung dagegen deut⸗ lich, welchen Heliodor, wie oft, vor Augen hatte, J⁵αρμόαν νοο τν εeνᷣμσι ⁵ ̃eigror erd Sa- Adσm εmπιιον olον eiæες 5ο. Vgl. Euripid. Bacch. 708. In dieſem Sinn hat es der Ueber⸗ ſetzer wiederzugeben verſucht. Denn an eine Quelle in Mitten dieſes Sees hat Heliodor nicht im Traume gedacht. S. 45. Denn der Sturm.] Ich habe über⸗ ſetzt α, ola enroue e⁵‿eνεοωαα αμχ vou- Tol Ʒε⁵ο Ʒemνοαονς, vi bars— 1uενοοο, 506dov x. v. A. S. 49 Z. 9. Lies: und ſogar küßte. S. 62. eherne Becken und Schwerder.] Edlen Unglüͤcklichen gab man, wenn ſie die Gaſt⸗ freundſchaft Beguterter anſprachen, eherne Becken und Schwerder, wie dem Odyſſeus bei Alkinoos; unedle Bettler aber, als deren einen Odyſſeus bei den Freiern ſich ſtellte, erhielten die Brocken vom Gaſtmahl. S. 63 Z. 6. v. u. Moiren.] Schickſals⸗ göttinnen, die jedem Sterblichen ſein Theil(ερσς am Leben zuſpinnen. S. 65. Du bringſt mich von Ilios auf einen Schwarm von Unglück.] Heliodor denkt an Odyſ⸗ ſeus' Worte, womit er dem König Alkinoos ſeine lange Unglücksfahrt erzählt, Odyſſ. IX, 39. IAl⁶. Sey e cεσν deνᷣμ Kiovsoot enaooεν „Io.αέ⁴αα. Die Interpunction mußte eigentlich ſeyn: 1A¹6Sev ue tgei— lαν σ&Oνοs εαᷣαφνχιν νᷣ rdy Ex ro‿ 66 ½ 0 drεαοον ε σeεσαναεον *„e?e. Ich habe uberſetzt als ob daſtünde: IArο- Se s cPégers— errh EoO ααάꝓ. S. 65. Dem Schilf hier mein Leid geklagt.] Dem König Midas wuchſen Eſelsohren. Nur unter einem Eide wurde dies Staatsgeheim⸗ niß ſeiner königlichen Gemahlin vertraut. Da die Königin Menſchenohren nichts davon offenbaren durfte, ſo vertraute ſie das drückende Geheimniß, Auriculas asini Mida' rex habet, dem Schilfe, um ihrer gepreßten Seele Luft zu machen. S. 20. Z. 2. Lies: und wes beſchuldigt er ſie denn? S. 721. Mein und meines Vaters Name Kalaſiris.] Er gehörte ſomit vielleicht zum Stamm der Kalaſirier, von welchem Herodot II, 164. IX, 32. ſpricht. S. 71. Kronos' abholdes Leuchten.] Kronos'(Saturn's) Leuchten iſt in der Aſtrologie der Alten von hoher Bedeutung. S. 22 Z. 2. Dieſe Stelle wäre beſſer ſo uͤberſetzt: wie ſie zum Unglück derer, die ſie erblickten u. ſ. w. — 372— S. 22 Z. 2. v. u. Gottgebeuter] lies: Gottge⸗ beugter. S. 24. Hat der Fuß dich getragen.] Ich habe überſetzt nach Ixvog dειοeεενοε su⸗ ꝗπαννος.ρ Nelvov. S. 78. Die Donnerſtadt.] Koray be⸗ ſchuldigt hier den Heliodor der Vergeßlichkeit, daß er in der Erzählung des Charikles dieſen ſamt Si⸗ ſimithres nach Memphis verſetzte, ohne dem Leſer nur irgend eine Anzeige davon gemacht zu haben. Der Vorwurf der Vergeßlichkeit trifft bloß Koray ſelbſt. Die ganze Scene mit Charikles und Siſi⸗ mithres geht in Katadupö vor, nicht in Memphis. Denn ein Tempel der Iſis war dort ſo gut wie hier und der Statthalter Aegyptens war nicht im⸗ mer in Memphis, ſondern er wanderte von einer Stadt zur anderen, wie ſein König. Jetzt mag er gerade an dem Orte geweſen ſeyn, welchen ich aus Katadupö(von dem donnernden Getöſe des Nils) die Donnerſtadt überſetzt habe. Weiter unten(II, 31.) iſt ein ähnlicher Vorwurf Koray's unbegreiflich. Charikles weiß nichts von den eigentlichen Eltern Charikleiens, weil er die Schrift in der Binde nicht verſtand und doch, meint Koray, ſagt Chari⸗ kles ſelbſt: dne dνεέινν Dieß ſind aber nicht Charikles' ſondern Siſimithres' Worte, die Charikles nur referirt und Charikles' ſpätere Worte 6 Tνιν̈6 ꝙα,G⁶(X, 37) ſind ſo zu verſtehen, wie es in der Ueberſetzung angedeutet iſt.. S. 80. Der weiſen Buüßer.] So habe ich die Gymnoſophiſten mit einem teutſchen Worte wieder zu geben verſucht: eigentlich ſind es nackte Weiſe. Es ſind die Yoghui's und Sonnyaſi's, die, Gott zu gefallen, in beſtändiger Buße zur Bramanenwürde ſich hinauf zu ſteigern gedenken. S. 30 Z. 5. Lies: mir aber ſchien ſie ſchon faſt reif zur Ehe. S. 32 Z. 2. lies lange. S. 84 Z. 2. v. u. lies maleiſchen. S. 85 Z. 18. l. Achilleiden. II, 35. Die Verſe ſind unrhythmiſch. Es mußte heißen riy Xo⁹ν εν 1πτοισισ dτ‿eς EEoe— Drittes Buch. Ueber Veranlaſſung des Feſtes für Neoptole⸗ mos ſ. Böttiger Archäologie der Mahlerei. S. 292 ff. Es geſchah ein sa‿rogos jährlich nach Pau⸗ ſanias, weshalb Heyne zum Pindar S. 506 meint, es können nicht die alle 4 Jahre gefeierten großen Spiele ſeyn. Dem widerſpricht Heliodor's Ausſage (II, 34) ganz beſtimmt, welcher doch, nach Böttigers Bemerkung, hier mit als Quelle betrachtet werden muß, da wir im ganzen Alterthum keine ſo aus⸗ führliche ſchöne Beſchreibung der pythiſchen Spiele haben. Gewöhnlich mag alſo alljährlich ein minder feierliches Suͤhnopfer Statt gefunden haben; die Hauptfeier aber, an welcher die Aenianer Theil nah⸗ men, geſchah alle 4 Jahre mit den Spielen zugleich. S. 39 Z. 17. l. ſchön⸗ und S. 39 Z. 1. v. u. Die Anmerkung, welche aus Verſehen unter den Text gekommen, gehört zu Z. 5 von unten: geraden und ſchrägen Reihen. — 374— Sie ſollte hinter dem Text unter den Anmerkungen ihren Platz finden.. S. 830. Blumenhörner.] Ich habe dieſen Ausdruck hier gewählt, um nicht weiter unten noch einmal mit„Körbchen“ ankommen zu müſſen. Der eine Chor trug auf dem Kopfe, jene alſo in den Armen. Der folgende Hymnus iſt eine im Alterthum einzige Erſcheinung: ein Hymnus in meiſt ſchlecht gemeſſenen Pentametern! Man könnte mit leid⸗ licher Veränderung einen anapäſtiſchen Chor daraus machen. S. 90. Z. 16. l. den Held ſt. den Held'. S. 91. Z. 1. v. u. Die Anmerkung gehört zu Z. 13: Funfzig. S. 93. Einen gleichrunden Knoten.] Mir ſcheint jetzt der Gürtel ſo gearbeitet geweſen zu ſeyn: die Schlangen wanden ſich unter der Bruſt Charikleiens in Schraubenform(696 7⸗% α Qα+) um einander und ſenkten ſich dann, ſo verſchlungen, an der einen Hüfte hinab. Ich habe in der Ueber⸗ ſetzung, trotz dem ¶ũᷣ οG%˙6, die alte Leſeart ele- *αεy ſtatt ‿νκραρανοςν beibehalten. Das Ganze iſt eine Art Muſivarbeit; in das rothe Gold iſt ein ſchwarzer Stoff eingearbeitet. In dieſer Mei⸗ nung beſtärkt Cervantes Beſchreibung von Sulpi⸗ ziens Schmuck in Perſiles und Sigismunda, wo der Kopfputz jener Fürſtin beſchrieben wird als eine geringelte Schlange, die aus mancherlei vielfarbigen Steinen gebildet worden. Daß ſich aber beſonders helleniſche Frauen gern mit muſiviſchem Geſchmeide ſchmückten, ſcheint ſchon Homer anzudeuten, wenn — 375— er Ohrringe r9εννα oHdevra nennt, wo das letztere Wort auf ein muſiviſches, aus einzelen Theilen(àeon) zuſammengeſetztes Kunſtwerk ſich zu beziehen ſcheint, während x9 Qπ να gar nichts an⸗ deres bedeuten kann, als ein Geſchmeide, das aus dreien Steinen zuſammengeſetzt iſt. Denn die Alten verglichen edle Steine, beſonders in Ringe gefaßt, oft und gern mit Mädchenaugen(Mναπ), was ſich namentlich bei den Erotikern ſehr oft fin⸗ det. So Heliodor V, 13. Longus IV, 12. Achilles Tatius II. 11. S, 94. Flammend wie Sonnenroſen.] Der Ueberſetzer hat ſich hier eine etwas größere wenn auch nicht unerhörte Freiheit genommen. S. 96 Z. 19. l. Sehnſucht. S. 927 Z. 3. v. u. lies Xdpeς ſt.—½ᷣαeςνεσ. S. 92 Z. 3. v. u. lies Oed ſt. Oé. S. 104. Schließen nimmermehr das Augen⸗ lied—— Darum ſtellen auch die Aegypter.] Nach Heliodor ſcheinen die uara geuweora der dä⸗ daliſchen Bildſaͤulen(ſ. Winkelmann Geſch. der Kunſt I. S. 13. d. neuen Ausgabe) nur an Men⸗ ſchenſtatuen zum Unterſchied von den Götterſtatuen gebildet worden zu ſeyn, welche aus weitgeöffneten, faſt ohne Augenlieder blickenden Augen geſchaut zu haben ſcheinen.— Jene Rechtfertigung der ägyp⸗ tiſchen Kunſt wegen der Bildſäulen mit geſchloſſenen Füßen hat Leſſing im Laokoon zu Winkelmann nach⸗ getragen, der ſie bloß der Rohheit ägyptiſcher Kunſt zuſchreibt. S. 104. Leicht hinfloß er im Gang.] Die ganze Anſicht des Heliodor,(von welcher Heyne — 376— zur Ilias N, 72.) läuft darauf hinaus, daß er beia zu dntovrog bezieht, nicht, wie gewöhnlich und richtiger geſchieht, zu 8fvcy. Ich habe es ſo wieder zu geben verſucht. Nach Heliodor's Deu⸗ tung hieß es: Wohl erkannt' ich's von hinten: der Füße Tritt und der Schenkel Leicht hinfloß er im Gang. Nach der gewöhnlichen Art würde„leicht“ zu nerkannt' ich“ bezogen werden müſſen: Wohl erkannt' ich von hinten der Füße Tritt und der Schenkel Leicht; hinfloß er im Gang. S. 105 Z. 7. Namen. Nemlich gnoog(der Schenkel.) Viertes Buch. S. 112. Die Amphikyonen.] Vertreter von urſprünglich zwölf verbundenen Staaten in Hellas. S. 121 Z. 14. l. am Leibe ſt. an Leib. S. 124 Z. 6 l. Unſere ſt. Anſere. S. 124 3. 2 v. u. l. befreien ſt. befreie. S. 125 Z. 6 v. u. l. dir's ſt. dies. Fuͤnftes Buch. Cap. 13. vo*ς 0 ος¶ sεέπταννεένφꝙη⁴ό[μμν οεσ Die alte Leſeart iſt gar nicht zu verwerfen. Kalli⸗ machos Hymne auf Ceres v. 1 τ6 α☚ 0☛ dοσα αα ε loroο 2sdeaaas e Tvyclnes. — 377— S. 159. Den gutſten.] Nauſikles bedient ſich in ſeiner Freude eines barbariſchen Superlativs a†. 96 τασα. Ich habe ihn eben ſo barbariſch wieder zu geben geſucht. S. 169 Z. 16 I. Kephallener ſt. Kephalener. S. 172 Z. 3 v. u. l. ſich nicht ſt. ſich mit. S. 181 Z. 5. I. erkohren vor allen ſt. von allen. Gap. 15. rαεꝓ τ⁵τα ⁶σ oeiad Sroinο εn.] Hier ſcheint etwas zu fehlen: etwa à„ ³σρα⁵σ εέανη —εν˙ Koray's Erklärung, wo éxoingey auf das Annehmen des Ring's geht, genügt nicht. Cap. 34. 05*ν νννρρνεσ 7s.6Sv.] Koray od re erρᷣαε Je Sev;z ſchlechte Hülfe. Ich habe überſetzt als ſtehe Sr*αυνᷣσ 2r0007v. Sechstes Buch. S. 196 Z. 12. I. ſein ſt. ſeine. S. 201 3 8 v. u. l. Chemmis ſt. Chemnis. S. 202 u. ff. Beſſa.] An der Stelle dieſes Ortes gründete Kaiſer Hadrian, ſeinen Liebling Antinous zu ehren, die Stadt Antinoe, deren Ein⸗ wohner ſeitdem Beſantinver heißen. Daraus aber auf das Zeitalter des Heliodor ſchließen zu wollen, welcher weit ſpäter als Hadrian lebte, wäre ſehr mißlich, da der ganze Roman weit in die Zeit der Sappho hinaufgerückt iſt. Wie übrigens die Beſſäer dazu kommen, den Thyamis als Führer zu nehmen, iſt aus Heliodor's Erzählung nicht recht klar. Die Inſel in den Hirtenbrüchen wird geſtürmt durch Räuber, welchen Petoſiris um Lohn den Auftrag — 378— gegeben, den Thyamis lebendig zu fangen. Dieß geſchieht. Während deſſen kommt Nauſikles mit Mi⸗ tranes auf die Inſel und beide theilen ſich in Cha⸗ rikleien und Theagenes. Die Beſſäer werden unter deß jene anderen Räuber, welche den Thyamis gefangen hinweg führten, angegriffen und dieſen befreit und zu ihrem Führer ernannt haben; Thyamis mag hier⸗ auf als Probeſtück ſeiner neuen Würde die Boten des Mitranes angegriffen und ihnen den Thengenes weg⸗ genommen haben. S. 205 Z. 4. l. ihm ſt. ihnen. Siebentes Buch. . 217 Z. 2. l. Beſſäer ſt. Beſäer. 220 Z. 6 v. u. l. wogendem ſt. wogenden. . 226 Z. 13. I. verſagt' ſt. verſagt. . 226 Z. 24. l. bedenken ſt. bedecken. — && A ch te s B u ch., S. 256 Z. 15. l. um Fried' ſt. nun Fried'. S. 262 Z. 4 v. u. l. unbekannt ſt. unbekannte. S. 265 Z. 19. l. du dann ſt. du denn. S. 273 Z. 6 v. u. l. einen ſt. einem. Cap. 11.*α νακφρεα.] Lies l* ιανε⁶α anre und weiter unten deανμμν οασααιν S. 226 Z. 12. l. wie ſt. wie. S. 279 Z. 19. l. Bagoas ſt. Bagaos. Cap. 16...... ich habe überſetzt: röre, drrd eroe e c rmd neupias 6 v r0G, T Hra4w 1oJo- Pavekv, orrooαl.λ‿‿νσ—* — 41 — 379— Neuntes Buch. Cap. 8. Ich habe überſetzt nach folgender Weiſe:* ea roëũ 790 S9 Jroprος, ra- Te*νονꝙτμε̈ςσοο τνν ⁸ράανορμιμνοιν, 89sieπονπανοσ er- OG, αεεμ☚ομνοσν Ʒκἀ ννννσd,&εvsro roĩ ddaM- rog. Die Stelle ſcheint uüͤberhaupt der bekannten homeriſchen nachgebildet, wo Phöbus in den Damm der Achäer eine Oeffnung mit den Füßen ſtößt, daß die Troer hindurch können. Il. XV, 355. aOoxdoosd⸗ N oo Are Se?' d„Sa lα τοο BaSeins oοœαα sᷣενπν ες ειςσσοων l‿τσιςασα αε. S. 504. Die Erzählung von den geharniſchten Aegyptern des Oroondates iſt ganz dieſelbe, wie ſie beim Photius(Cod. 250) aus Agatharchides uns noch erhalten iſt von den Reutern, welche Ptolemäus Lagi gegen die Aethioper anwandte. S. 310 Z. 11. l. Sturmriegen ſt. Sturmringen. Cap. 22. Q9 Ts cV! Z8dοον Hier ſind lauter Beiwörter, wie aus einem Hymnusz; ich kann mich darum nicht von der Richtigkeit des hier unpaſſenden 2906 überzeugen. Odos wäre hier offenbar mehr an ſeiner Stelle. Zehntes Buch. S. 348 Z. 3 v. u. l. Geſandte ſt. Geſandten. S. 350. Die ſchiefgeſchlitzten Augen.] So habe ich onoperανμρμςᷣe νοονςσ d,Sανμσισ überſetzt, wenn auch Böttiger Archäologie der Mahlerei S. 146 u. Dorville zum Chariton S. 231 eine andere Erklärung geben, die auf alles, nur nicht auf die Giraffe paſſen. Die Giraffe hat am Ende des Augenſchlitzes, der der Naſe am nächſten iſt, noch eine tiefe Furche. Auf dieſe nur kann das vrone rανμρένι οᷣονλμφινeοε gehen. S. 355 Z. 8 v. u. l. denuczit. nicht ſt denn egnucht. 3 S. 355 u. f. Der Ringkampf des Theagenes mit dem Ringer des Meroöbos iſt merkwürdig, weil er eine genaue Darſtellung des berühmten florentini⸗ ſchen Ringerſymplegma iſt. Winkelmann ſchwankte noch zwiſchen Cephiſſodorus und Heliodorus, dem Bildhauer, als Urhebern des trefflichen Werkes. Vielleicht wäre aus der Vorliebe unſeres Dichters für einen Namen⸗ und Geiſtes⸗Verwandten eine Entſcheidung für He⸗ liodor nicht ganz verwerflich, wiewohl ich ſelbſt fühle wie wenig erwieſenes in dieſer Meinung liegt. Das Ringſtück im Heliodor indeß iſt dem der florentiniſchen Ringer ganz gleich und es wäre nicht das erſte Mal, daß griechiſche Dichter bei Beſchreibung einzelner Ge⸗ ſtalten ſich an wirkliche Werke der plaſtiſchen Kunſt gehalten hätten, wie ſich umgekehrt Phidias an Ho⸗ mer hielt. S. Winkelmann's Werke II. S. 197. Ich erinnere nur an Theokrit's ſchöne Beſchreibung des ruhenden Amykos in ſeiner 22ten Idylle, einem cykliſchen Bruchſtück, wo die Worte σρφρ☛σνάρσνος 01- xα. ꝝc nächſt der ganzen Beſchreibung an die Bildſäule eines ruhenden Herkules, vielleicht an ein Vorbild des Farneſiſchen, wenn man an dieſen ſelbſt nicht denken darf, offenbar erinnern. S. 356 Z. 17. l. geradezu zu ſchreiten ſt. ge⸗ rade zuzuſchreiten. S. 367 Z. 3 v. u. l. Auoοᷣεα⅜ς. S. 368 Z. 7. l. Euſtathius. S. 1 Z. 2. I. Blicke ſt. Blicken. S. 4 Z. 7. I. einer hier der andere dort in das Gebuͤſch. —— —— fffffffnſſſn 16 17 18 19 2 ₰ —“