4 1 5 , 2,—— 3 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von 8... Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen.. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ(eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Linterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 14, Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:.„ 5 Br für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: 5.—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 15. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ‚ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ — lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ Die Herrin von Schwarzenhof. Albrecht Heinz. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1866. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Ein Feldmanöver endete nicht fern von jenem kleinen, aber vielbeſuchten norddeutſchen Bade, das in weithin reizloſer Gegend, der anmuthigſten Oaſe gleich, verſteckt liegt. Schon waren, hier und da noch ſichtbar, die Truppen auf dem Rückmarſch in die Quartiere, und eben entließ auch der höchſte Befehlshaber die zur Kritik um ihn verſammelten Generale und Stabs⸗ offiziere, als aus dem nach allen Richtungen ſich öff⸗ nenden Kreiſe ein Wehruf erſcholl. Ein alter Mann in Civil, beim erſten Anblick jedoch als ehemaliger Offizier erkennbar, hatte ſich von hinten her in den Kreis geſtellt und war bei dem plötzli⸗ chen Aufbruch von einem der Pferde getreten und nieder⸗ geworfen worden. Hülfreich war man bemüht, ihn beim Anfſtehen zu unterſtützen, als auch der Höchſtcommandi⸗ rende theilnahmvoll an die Gruppe heranritt. „Seh' ich recht?“ rief er.„Mein alter Schwen⸗ dler! Solches Wiederſehen nach langer Trennung iſt betrübend.“ „Nu, nu!“ verſetzte der alte Herr langſam, aber Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 1 2 je länger, deſto ſichtbarer von den Folgen des Schrecks ſich erholend.„Nu, nu! Wir ſind wohl ſchon ſchlimmer angeritten geweſen und haben die Kerls von Polaken doch wieder herausgejagt aus das Quarré. Nicht wahr, Ihro Excellenz, bei Markkleeberg?“ „Ja, ja, mein alter Freund! Aber damals waren wir jünger.“ „Nebenbei auch mit Gott vor König und Vater⸗ land. Aber hier ſo'n bloßes Manöver! Na, ſchad't auch nichts. Ich habe doch Ihro Excellenz wieder⸗ geſehen.“ „Auch ich bin von ganzer Seele erfreut. Will nicht einer von den Herren die Güte haben, meinen Wagen hierher kommen zu laſſen? Aber wie in aller Welt, mein alter Schwendler, kommen Sie hierher?“ Der alte Herr ſtand jetzt völlig wieder aufge⸗ richtet. Groß und hager, feſt in ſich zuſammen ge⸗ nommen, deutete er ſchon durch Geſtalt und Haltung, mehr aber noch durch den Ausdruck ſeines bei glänzen⸗ den Augen unter breiter Stirn ſehr ſcharf gezeichneten Geſichts auf harten Ernſt, auf eine Natur, die, ohne Sinn für Genuß, das Gebot der Zucht, der Ordnung und Unterwerfung vor ſich her trug. Der Anzug paßte dazu. Hinter der herrſchenden Mode ſchien er ebenſo weit zurückgeblieben wie ſein Träger hinter den For⸗ derungen der Zeit in Bezug auf ſtandesgemäße Bildung. 3 Barock! hätte man die ganze Erſcheinung nennen mögen, hätte ſie auch nicht ebenſo viel Ehrfurcht⸗ gebietendes gehabt. Dieſer letzte Eindruck ward der vorherrſchende, als der General, der inzwiſchen ab⸗ geſeſſen war, die Hand des Greiſes mit freudiger Eile ergriff und mit innigſtem Antheil fragend wiederholte: „Wie kommen Sie hierher? Vor allem, wie geht es Ihnen?“ 1 Der alte Offizier, der mit abgenommenem Hute ehrerbietig daſtand, verneigte ſich tief und er⸗ widerte, während ein gutmüthig zutrauensvolles Lä⸗ cheln den harten Ernſt ſeiner Züge mildernd überflog: „Wenn Gott und Se. Majeſtät der König einem gnädig ſind, kann's nicht ſchlecht gehen. Mich ſind ſie's. Aber die alten Knochen wollen nicht mehr. Da ſitze ich denn ins Bad hier—“ „Und haben gehört“, fuhr der General ihn unter⸗ brechend fort, indem er dem Alten freundlich zu⸗ winkte, ſich zu bedecken,„daß das heutige Manöver ſich hierher ziehen würde, und da hat das alte Sol⸗ datenblut—“ „Ja, ja“, erwiderte der alte Herr,„das alte Soldatenblut! Aber ich komme doch mehr von wegen Ihro Excellenz. Ich habe geſtern gehört, daß— aber wo iſt er denn? Aha! der Hauptmann von Dar⸗ feld da hat mir geſtern über Allens orientirt. Der iſt 1* 4 ebenfalls ein alter Schüler von mich, aber anders wie Ihro Excellenz, blos wiſſenſchaftlich.“ Bei dieſem Wort erhob ſich unter den von der Scene noch zurückgehaltenen Offizieren ein zwar kaum, indeß doch noch hörbares Geräuſch von Heiterkeit. Die Wirkung auf den alten Mann trat ſogleich hervor. Mißtrauen hatte ihn erfaßt. Während aber ſein unſtätes Umherblicken zweifel⸗ haft ließ, gegen wen es ſich richte, ob gegen ihn ſelbſt, ob gegen die Verſammlung um ihn her, war ſeine Haltung eine geſpreizte, faſt drohende geworden. Der General half ſchnell über die Verlegenheit des Moments hinweg. Während ſeine Pietät ſelbſt ein Lächeln niederkämpfte, winkte er Herrn von Darfeld zu ſich heran, freute ſich der Genoſſenſchaft mit ihm in Schwendler, erklärte, deſſen Schule ſei ſehr gut ge⸗ weſen, und ſchloß mit der Frage:„Liegen Sie weit vom Bade im Quartier?“ „Etwa eine halbe Stunde jenſeits, Excellenz!“ „Nun gut, ſo geben Sie Ihr Pferd ab und ſetzen Sie ſich zu uns in den Wagen. Wir bringen unſern Freund gemeinſam nach Hauſe. Doch halt! Meine Herren, ich hätte über der Freude und dem Schreck beinahe verſäumt, Ihnen den Hauptmann Schwendler vorzuſtellen. Während er noch Feldwebel —— 5 war, habe ich als Junker meine erſte praktiſche Schule bei ihm gefunden.“ Der Veteran, jetzt wieder völlig beruhigt, nahm den Hut ab und ſagte, mit einer gewiſſen Gran⸗ dezza im Halbkreiſe grüßend:„Servus, meine Herren, und Recommando!“ Dann folgte er dem hohen Gön⸗ ner an den Wagen. „Nach Ihnen, Ihro Excellenz, nach Ihnen und links! Alles muß doch ſeinen Borax haben. Aber Sie, Darfeld, Sie können mich ſchon ein bischen helfen. Der Schreck hat mir doch arretirt.“ „Immer noch die alte Plage mit den Fremd⸗ wörtern!“ flüſterte Darfeld, der auf dem Rückſitze Platz nahm, dem General zu, während Schwendler ſich reſpectvoll in der äußerſten Ecke des Vorderſitzes einzurichten bemühte. Anfangs ſchien er die Mahnun⸗ gen des Generals, ſich's bequem zu machen, überhören zu wollen, dann aber ſagte er:„Alſo Ihro Excellenz befehlen, daß wir außer Dienſt ſind und ganz unter uns?“ „Ja, ja, ganz ſo, wie Sie es mir Anno vier ſo oft und ſo freundlich befohlen haben.“ „Aber nur, wenn der Anzug probemäßig und die Meldung correct war“, lächelte der Alte und drohte ſchalkhaft mit dem Finger.„Ja, ja, da ſteckt das gute Princip, und heute, lange ſchon, ehe ich Ihro Excellenz 6 ſelber ſah, habe ich an den Truppen gemerkt, daß ich drin lebe.“ „Wie das?“ „Na, Ihro Excellenz commandiren die Truppen und in Ihnen ſteckt mein gutes Princip— alſo! Und nachher die Rede. Das Herz im Leibe hat mir ge⸗ puppert. Kurz, immer den Nagel auf den Kopf.“ Der General erklärte ſcherzend, das von der Frau Feldwebelin gelernt zu haben, und fragte voll auf⸗ richtigen Antheils nach dem Ergehen der guten, einſt gegen ihn ſo mütterlichen Frau. Sie war, wie der Veteran erzählte, längſt hinübergegangen in die Woh⸗ nungen des Friedens. Mit ihr war nicht nur ſein häusliches, ſondern auch ſein dienſtliches Glück erſtor⸗ ben. Man hatte eine militäriſche Erziehungsanſtalt in die Kaſerne ſeiner Compagnie verlegt und ihm be⸗ fohlen, die Junker und Fähnriche disciplinariſch zu überwachen. Da hatte er es denn für Pflicht gehalten, ſich zur Stütze ſeiner Autorität noch einen möglichſt wiſſen⸗ ſchaftlichen Anſtrich zu geben. Nicht nur Mühen und Plagen waren daraus entſtanden, ſondern auch Ver⸗ legenheiten, Mißgriffe, welche der gewandteſte Stiliſt nicht treffender und ergötzlicher hätte darſtellen können, als es durch die kunſtloſe Einfalt des alten Herrn ge⸗ ſchah. Offenbar rechnete er dabei auf theilnahmvolle Anerkennung ſeiner Beſchwerden, und beide Zuhörer 7 hatten deshalb ſehr zu kämpfen, daß die komiſche Wir⸗ kung nicht lautes Lachen hervorrief. Herr von Darfeld, deſſen Bekanntſchaft mit Schwendler bis in jene Zeit zurückreichte, als er an derſelben Anſtalt als Lehrer beſchäftigt geweſen, ſuchte den immer ärgerlicher werdenden Freund in fried⸗ liche Bahnen überzuleiten und meinte deshalb, daß alle Sorgen und Mühen der Woche ſich doch wohl Sonn⸗ tags vergütet hätten, wenn Hauptmann Schwendler, der allerpropreſte Offizier der Garniſon, im ehrerbieti⸗ gen Gefolge von fünfzig bis ſechzig Junkern die lan⸗ gen Straßen der Feſtung durchſchritten und dann auf dem Paradeplatze vor der Fronte einer künftigen Gene⸗ ralität geſtanden habe als verkörpertes Prinzip von Zucht und Ordnung. Die gute Abſicht erreichte ihren Zweck nur theilweiſe. Ein Strahl von Freude glitt zwar über das Geſicht des Greiſes hin, erloſch aber gleich wieder unter dem Gemurmel einer Antwort, in welcher zugleich leidenſchaftlicher Unmuth und Trüb⸗ ſinn ſich ausſprachen. Hatte der General recht ver⸗ ſtanden, ſo hatte Schwendler ein Princip verwünſcht, das, wie gut auch an ſich, von ihm doch mit dem Verluſt eines Kindes bezahlt worden war. Da er aber wußte, daß Schwendler's Ehe kinderlos geweſen, ſo fragte er ſchnell und verwundert nach dem Zuſammenhange. Herr von Darfeld hätte dieſer oder einer andern 8 auf den Gegenſtand eingehenden Frage gern vorgebeugt, er war aber nicht ſchnell genug. Die für den Ge⸗ neral ſo natürliche Aeußerung war vorhanden und ihre Wirkung auf Schwendler, ſelbſt zur Beſtürzung des jüngern Freundes, weit erſchütternder, als dieſer vor⸗ hergeſehen. Der alte Mann, welcher ſich bis dahin der treu⸗ herzigen Einfalt ſeiner Natur ganz ungebunden über⸗ laſſen hatte, ſchien mit einem Male wie auf das ſchroffſte verſchloſſen, in ſich zurückgetreten. Seine bis dahin offenen, faſt heitern Züge hatten ſich tief ver⸗ finſtert. Unter den ſtreng zuſammengezogenen buſchigen Brauen ſtarrten die Augen zornfunkelnd ins Weite; die rechte Hand preßte ſich auf der linken Seite der Bruſt zuſammen, als ob ſie das Herz erfaſſen wolle. „Schwendler“, ſagte der General und legte in tiefer Beſorgniß ſeine Hand auf den Arm des Alten, „ſind Sie unwohl?“ Dann rief er dem Kammerdiener auf dem Bocke zu:„Der Poſtillon ſoll halten!“ Aber„Man zu!“ wehrte der Alte mit faſt hefti⸗ ger Stimme und ſetzte dann nach einem langen Athem⸗ zuge feſt und geſammelt hinzu:„Ich denke, Ihro Ex⸗ cellenz, es iſt blos eine Fignette von daher“— er zeigte auf ſein Herz—„aber der Nervusrerum wird alt.“ Daß er unter Nervusrerum einfach ſeine Nerven verſtehe, erriethen der General und Darfeld ohne — 1 ———— —,—— 9 Schwierigkeit. Was aber die Fignette oder Vignette bedeuten ſollte, war beiden gleich unklar. Während ſie deshalb, mit ſchwer unterdrücktem Lächeln, einer den andern, wie Verſtändniß ſuchend, anblickten, leuch⸗ tete im Geſicht des alten Herrn jenes Mißtrauen wieder auf, das ſich ſchon früher einmal im Kreiſe der Offiziere gezeigt hatte. Was aber Schwendler dort vor den Unbekannten zugleich in geſpreizte Stellung, die Stellung der ſchuß⸗ fertigen Defenſive, getrieben hatte, das ging hier, dem Wohlwollen erprobter Freundſchaft gegenüber, in die naive Frage aus:„Habe ich wieder was Dummes geſagt?“ Erläuternd fügte er dann hinzu:„Mein Herz hat mir mal wieder was vorgemacht, und, nicht wahr, wenn einer flunkert, das nennt man Fignette? Ich habe die Geſchichte ſchon einigemal gehabt, es war ſo eine Art Krampf, aber es geht doch wieder vorüber. Sehn Sie, Ihro Excellenz, das hängt mit meiner Kinderloſigkeit zuſammen. Ich wollte, es wäre ſo geblieben. Aber ich habe nachher ein an⸗ genommenes Kind, eine Pflegetochter gehabt,— viel, viel Freude, und doch iſt nachher ein fauler Fleck daraus geworden. Darfeld kann Ihnen die Geſchichte erzählen.“ Jener melancholiſche Zug, der dem Alten ſo gut ſtand, weil er den tiefen Ernſt ſeiner Züge, ihre 10 Strenge faſt verſchönend milderte, war wieder zur Herrſchaft gelangt. Aus dem Auge, deſſen Zornesblitze in ein ſtilles Leuchten überwältigender Wehmuth ver⸗ wandelt waren, fiel eine Thräne in den Bart und weichen Tones faſt fügte Schwendler hinzu:„Jeder Menſch, der ein Herz hat, jung oder alt, hat ſo was von einer Geſchichte, die er mit ſich abmachen muß. Er ſpricht nicht davon, weil es eben nur ihn angeht; aber es gibt doch Augenblicke, wo ſie rumort,'raus will ans Licht. Meine Geſchichte wäre gut, wie mein Princip ſelbſt. Na, Ihro Excellenz kennen das. Aber, aber, ich glaube, ich habe da mein Princip über⸗ trieben.“ „Alſo Herr von Darfeld weiß davon und darf mir, was er weiß, erzählen?“ „Ja, der weiß Allens. Er verſteht mir und Ihro Excellenz werden mir auch verſtehn. Aber da liegt unſer altes Bad. Es nimmt ſich von der Höhe hier ganz propre aus. Noch ein paar Kanonenſchuß, und wir ſind in den Anlagen.“ „Wo ſoll ich Sie abſetzen, lieber Schwendler, und wann ſehen wir uns wieder? Führt Sie Ihr Rückweg nicht durch meine Garniſon? Wohnen Sie einige Tage bei mir!“ „Das nehme ich mit großem Danke an, und hier wohne ich ins Kurhaus. Aber wo wollen Ihro Excellenz A* 11 noch weiter hin? Könnte ich nicht die Ehre haben zum Diner?“ „Nein, mein alter Freund, ſo leid es mir thut. Ich muß noch zu der andern Brigade, drei Stun⸗ den von hier.“ „Na freilich, Dienſt iſt Dienſt“, ſchaltete Schwend⸗ ler, wohlgefällig auf ſeinen Zögling blickend, ein.„Das geht vor.“ „Außerdem“, nahm der General wieder das Wort, „habe ich noch eine Freundſchaftspflicht zu erfüllen; ich will im Vorüberfahren dem Präſidenten von Leteln auf Schwarzenhof einen Beſuch machen.“ Wie von der Tarantel geſtochen, fuhr der Alte auf, richtete einen ſtummen, faſt ſtieren Blick des Er⸗ ſtaunens auf den verehrten Gönner ihm zur Seite und überſetzte dieſen Blick dann durch die gedehnte Frage:„Zu dem? Ihro Excellenz wollen zu dem? Der iſt Ihr Freund?“ „Wenigſtens ein alter, lieber Bekannter; warum wundert Sie das ſo außerordentlich, Schwendler?“ Der Alte ſchüttelte nachdenklich den Kopf und erwiderte dann zutraulich, indeß mit einem Tone, der ihm offenbar vom Gefühl, ſich überhoben zu haben, eingegeben ward:„Halten zu Gnaden! Aber, Ihro Excellenz, immer die Würde ſelbſt, und das Wohl⸗ wollen und Allens, was ſich ſchickt, und dieſer hochnaſige 12 Civiliſt, dieſer Witzbold, Lukrinski und Sangfaſſong ohne Taktus, den nennen Ihro Excellenz Freund? Halten zu Gnaden, das geht über meine Naturgeſchichte!“ Hauptmann von Darfeld gerieth in einige Ver⸗ legenheit. Auch auf dem Geſichte des Generals ließ ſich etwas erblicken, das zwiſchen innerer Beluſtigung und dem Bedürfniß zu ſchwanken ſchien, das geſtörte Gleichgewicht herzuſtellen. Er hatte ſich vor ſeinem Untergebenen gegen in⸗ directe Anklagen zu wahren, ohne doch der Pietät gegen das rauhe Wohlwollen des Anklägers Eintrag zu thun. „Sie ſind“, ſagte er zu Herrn von Darfeld,„wenn ich recht verſtanden habe, in der Nähe des Präſidenten einquartiert; haben Sie ihn kennen gelernt?“ „Ich ward ihm geſtern auf der Reunion im Bade vorgeſtellt“, erwiderte Darfeld, ſich verbeugend, mit einiger Zurückhaltung. „Was halten Sie von ihm?“ „Es war eine flüchtige Begegnung, beſchränkt auf den Austauſch üblicher Höflichkeit.“ „Aber was hörten Sie ſonſt? Ein Mann wie der Präſident macht von ſich reden. Geniren Sie ſich nicht; Sie werden mich durch Offenheit um ſo mehr verbinden, weil ich mit meinen Bekannten ſeit vielen Jahren aus näherer Verbindung bin.“ 13 3 „Herr von Leteln lebt, verwittwet und aus dem Dienſt zurückgetreten, ſeit etwa drei Jahren auf dem ſeiner Schweſter und ihm gehörigen Gute hier. Wäh⸗ rend der Saiſon iſt er faſt täglich, morgens und in den Nachmittagsſtunden, in dem nah gelegenen Bade, die Seele der Geſellſchaft und eine Art von Auto⸗ rität für dieſelbe. Seinem Geſchmack und Einfluß verdankt die Anſtalt manches Gute und Zweck⸗ mäßige, ſeiner ſchriftſtelleriſchen Reclame erhöhten Auf⸗ ſchwung.“ Der General nickte.„Was hörten Sie weiter? Ohne Rückhalt, lieber Darfeld!“ „Der Förſter, ein alter, würdiger Mann, bei dem ich in der Nähe des Guts einquartiert bin, gehört nicht zu den Bewunderern des Präſidenten, welcher allerdings viel von ſich reden macht. Eher noch der Prediger. Dieſer nennt Herrn von Leteln einen geiſt⸗ und kenntnißvollen Mann, beklagt aber ſeine Skepſis.“ Der General nickte wieder und fragte:„Aber was ſagt der Förſter? Nur heraus, frei heraus mit der Sprache!“ „Der Förſter— Excellenz wollen es und ich ge⸗ horche— der Förſter hält den Präſidenten für einen hoffärtigen Vielwiſſer, der namentlich auf der Jagd mehr verſtehen will als der erfahrenſte Waidmann.“ „Das glaube ich“, lächelte der General.„Ja, das 14 glaube ich. Alſo immer noch der Alte! Aber was ſagt man weiter?“ „Eigentlich wird vom Präſidenten mehr beiläufig und im Ganzen weniger geſprochen, als von ſeiner Schweſter und Mutter. Dieſe, früh verwittwet und frivol, hat den Ruf des Hauſes gar ſehr gefährdet. Jene hat ihn glänzend wiederhergeſtellt.“ „Das iſt mir neu“, fiel der General wieder ein. „Davon hat mir Leteln nie erzählt. Bitte, lieber Dar⸗ feld, erklären Sie ſich näher.“ „Der Förſter und der Prediger ſind meine Ge⸗ währsleute. Aus eigener Anſchauung oder Erfahrung weiß ich nichts. Ich würde auch viel weniger mit⸗ theilen können, hätte mich nicht eine unfreundliche Begegnung des Präſidenten mit unſerm Schwendler erſt geſtern Abend zu eingehendern Erkundigungen vermocht.“) „Nun, und was erfuhren Sie?“ „Ich weiß nicht“, entgegnete Herr von Dar⸗ feld nach einigem Beſinnen,„ob es mir gelingen wird, aus den Mittheilungen des Förſters, namentlich aber des Pfarrers, ein treffendes Bild der Zuſtände im Gutshauſe auf Schwarzenhof wiederzugeben. Ge⸗ nerationen hindurch iſt es der Sitz ſchlichter Land⸗ edelleute, die Stätte friedlicher Wohlanſtändigkeit, eines Haushalts von breitem, reichlichem Zuſchnitt, doch — 15 ohne Pracht und Ueberhebung, geweſen. Mit der Mutter des Präſidenten, welche aus den bethörenden Huldigungen glänzender geſelliger Kreiſe in die Abge⸗ ſchiedenheit des Landlebens verſetzt ward, änderte ſich das. Das bisher zwar immer gaſtliche Herrenhaus auf Schwarzenhof hielt ſich jetzt verpflichtet, während der Sommerzeit die Honneurs des kleinen Bades zu machen, entbehrte aber faſt regelmäßig im Winter die Hausfrau. Sie lebte dann in der Reſidenz, bald mit, bald ohne Gemahl, welcher, ſchlicht und einfach ſonſt, doch gern mit ihr, insbeſondere mit ihren geiſtigen Vorzügen geglänzt haben ſoll. So mag es denn Frau von Leteln ebenſo ergangen ſein, wie mancher andern Frau, die anfangs blos geiſtig kokett, aus dieſer ſcheinbar ungefährlichen Tändelei durch Eitelkeit des eigenen Mannes in die Strudel ſinnlicher Gefallſucht geräth. Solange Herr von Leteln lebte, kam es zu keinem, wenigſtens zu keinem offenen Aergerniß. Als er aber geſtorben war, ſoll die nun äußerlich ungebundene Frau eine Zeit lang, wie im Rauſche, kaum noch zwiſchen gut und übel geſchwankt haben. Sie iſt zwar immer um Rettung des guten Scheins bemüht geweſen, aber ſie hat doch bedenkliche Ueber⸗ ſchreitungen mindeſtens des äußern Sittengeſetzes ge⸗ wagt. Der alleinigen Obhut ſolcher Mutter fielen zwei 16 Kinder anheim, ein Mädchen, etwa fünfzehn, und ein Knabe, etwa dreizehn Jahre alt. In ihrer Leiden⸗ ſchaftlichkeit überhäufte ſie beide bald mit Ausbrüchen ihrer Laune, bald mit vergüten ſollender Zärtlichkeit. In dem Knaben, der ihr nach Temperament und An⸗ lagen ſehr ähnlich war, brachte das Trotz und Entfrem⸗ dung hervor. Sie entfernte ihn aus ihrer Nähe. Auf eigenen Wegen nahm er Anläufe zu einer glänzenden Carrière, hat es aber doch zu keiner hervorragenden Stellung gebracht, lebt mit ſeinem Sohne, ſeinem ein⸗ zigen Kinde, in eben ſolcher Entfremdung wie früher mit ſeiner Mutter und hat jetzt, dem Gerüchte nach verſchuldet, hier bei der Schweſter ein Aſyl gefunden. Das iſt Alles, was ich über Herrn von Leteln in Erfahrung gebracht habe.“ Herr von Darfeld ſchwieg, und Schwendler wollte reden. Der General kam ihm aber zuvor, indem er fragend hinwarf:„Mich dünkt, Sie hätten geſagt, das Gut gehöre dem Präſidenten und ſeiner Schweſter ge⸗ meinſam?“ „So iſt es, Excellenz! Aber des Präſidenten Beſitzantheil iſt, dem Hypothekenbuch gegenüber, wenig mehr als Schein. Seiner Schweſter oder, wie die Dame hier ohne alle weitere Bezeichnung genannt wird, dem alten Fräulein gebührt das Verdienſt, ſchon bei Lebzeiten der Mutter dem vollen Ruin 17 des Vermögens vorgebeugt zu haben. Später hat ſie die Verwaltung in ergiebigſter Weiſe ganz ſelbſtſtändig geführt.“ „Alſo eine alte Jungfer“, fiel der General ein, „bei der ſich die Natur ſo vergriff, daß wir dem Mann⸗ weib ſcheu und betrübt zugleich den Rücken wenden?“ „Das doch nicht, Excellenz! Selbſt der Ausdruck „weiblicher Sonderling“ möchte hier nicht völlig an⸗ wendbar ſein. Vielleicht hat gerade überſpannte Weib⸗ lichkeit das eigenthümliche Schickſal der Dame herbei⸗ geführt. Kaum zwanzig Jahre alt, hat ſie ſich, aus Kummer über die Mutter ſchwermüthig von dieſer ge⸗ trennt und zurückgezogen, lange gekränkelt, dann aber die Verwaltung des Gutes übernommen. In dieſer regiert ſie allerdings ſehr charaktervoll, doch lächelt man höch⸗ ſtens über die Pedanterie, mit welcher ſie einmal ein⸗ geführte Ordnungen aufrecht erhält. So lebt ſie ſeit beinahe vierzig Jahren ein ſtilles, aber geſegnetes Da⸗ ſein, deſſen Einförmigkeit allerdings aufgehört hat, ſeit ihr Bruder bei ihr wohnt.“ Darfeld ſchwieg, der General aber richtete ziemlich kurz an Schwendler die Frage:„Und woher kennen Sie dieſen Bruder?“ „Blos aus dem Bade hier. Wenn ich Lehrer von die deutſche Sprache geweſen wäre, wie Darfeld— na, Ihro Excellenz, die rothe Tinte hätten Sie ſehen Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 2 ſollen; ich habe, wenn ich die Arbeitsſtunden revidirte, manchmal, freilich ſtill verbiſſen, ebenſo geſchaudert wie die armen Junkers— alſo weil ich nicht ſo ſchön reden kann wie Darfeld, faſſe ich mir kurz. Der Herr Präſident geht da in der ganzen Geſellſchaft herum, als ob Jeder ſich vis-a-vis von ihm ſelber für einen Schwachkopf erklären müßte. Nun, von meinetwegen allein hätte ich nie mit ihm carambulirt. Aber er ſcherwenzelt um ein junges Mädchen herum, das er doch nicht heirathen kann, weil er zweimal der Vater ſein könnte. Das hübſche Kind bringt er aus die Aſſiette und vielleicht um den guten Ruf. Das ginge mir vielleicht auch nichts an. Aber ſie erinnert mir, na, Darfeld, Sie rathen ſchon, an wen.“ Der Ton des Alten war wieder ſo geworden, daß es ſchwer blieb, aus ihm heraus zu hören, ob mehr Zorn oder Wehmuth in ihm liege. Auch die krampf⸗ hafte Bewegung der Hand nach dem Herzen hatte ſich wieder eingeſtellt und der General bemühte ſich durch erhöhte Freundlichkeit den ihm Sorge erregenden Ein⸗ druck ſeiner etwas ſcharfen Frage zu mildern. Indem er ſeine Hand beſchwichtigend auf die Schulter des Greiſes legte, ſagte er:„Nun iſt zum Erzählen die Reihe an mir. Als ich Herrn von Leteln kennen lernte, war er Referendar oder auch ſchon Aſſeſſor, nebenbei Dichter —e 19 von Polterabendſcherzen, Vorſteher eines Liebhabertheaters, dabei ein Mann von einer wahren Apollo⸗Geſtalt, be⸗ mittelt, voll geſelliger Talente, der verzogene Liebling der Salons und der Damen. Bei der Volkserhe⸗ bung zum Freiheitskriege trat er in die neu errich⸗ tete Truppe, kam nicht nur gleich an die Spitze einer Compagnie, ſondern wurde auch infolge ſeines Rathspatents der älteſte Kapitän und als ſolcher ſchon nach den erſten Gefechten Stellvertreter des zwei⸗ undſiebzigjährigen Bataillonscommandeurs.“ Schwendler horchte hoch auf und ſetzte ſich in ſei⸗ ner Ecke reſpectvoll etwas anders zurecht. Der General, welchem das nicht entging, fuhr lächelnd fort:„Ja, ja, alter Freund! Mein anderer Freund kam, gleich Ihnen, durch Wahl der Kameraden als Ritter deſſel⸗ ben Ordens zurück, welchen Sie tragen. Er mochte aber damals erſt recht fühlen, daß ſeine Liebe zum Actentiſch niemals über ein gewiſſes kühles Verhält⸗ niß hinausgegangen ſei, und bewarb ſich, in der Mei⸗ nung, ſeine Neigungen und Fähigkeiten im Heere beſſer und ihm wohlthuender verwerthen zu können, um eine Stabsoffizierſtelle. Der ſchnelle Wiederausbruch des Kriegs und in dieſem ein beſonderer Glücksfall kamen ihm zu Hülfe. Nach dem zweiten Frieden erhielt er ein Bataillon in meinem Regiment. Unſere nähern Be⸗ ziehungen datiren auch eigentlich erſt von damals. Er 2** 20 erwies ſich mir freundlich und unterſtützte mich bei einem verwickelten Familienproceß als gewiegter Juriſt ebenſo eifrig wie erfolgreich. Sein Haus war das angenehmſte. Nie habe ich, obgleich er im Scherze ſehr zum Leichtfertigen neigte, gehört, daß er der Sittlich⸗ keit im Ernſt und in der That zu nahegetreten ſei. Dennoch muß ich einräumen, daß er, obſchon im Grunde ſeines Herzens gut und wohlwollend, auch durch glän⸗ zende Eigenſchaften des Geiſtes und der Perſönlichkeit ſchnell für ſich gewinnend, doch immer weit mehr Gegner als Gönner gehabt hat. Selbſt ſeine Freunde befiel ein Bangen für ihn, wenn er, der unter vier Augen immer liebenswürdig, für Widerſpruch zugäng⸗ lich, Andere anerkennend und beſcheiden war, in größere Kreiſe, in eine Art von Publikum trat. Ließ man ihn dort, was er ſein wollte, ſtörte ihn Niemand als be⸗ ſchützenden oder beherrſchenden Mittelpunkt, ſo nahm er vermöge ſeiner vielſeitigen Bildung und Unterhal⸗ tungsgabe gewiß den allgemeinſten Beifall mit ſich fort. Fand er ſich aber gehemmt, ſo wurde er leicht mürriſch, tadelſüchtig, Verſtandesariſtokrat, der jeden nach ſeiner Meinung nicht Ebenbürtigen durch Witz, beißenden Spott oder anmaßendes Abſprechen zermalmen zu dürfen glaubte. Mancherlei hat er deshalb mit dem Degen in der Hand oder anderweit auszugleichen ge⸗ habt. Geſchah Letzteres, ſo ſprach in der Regel ſein 21 eigener Antrieb. Der weit überwiegende beſſere Theil ſeines Weſens trat dann hervor und machte in treuherzi⸗ ger Sühne maßvoll und verſtändig wieder gut, was Eitelkeit oder oft auch nur ein Ueberſprudeln der Leb⸗ haftigkeit unbeſonnen verbrochen hatte. Mir ſelbſt iſt es bei cinem ſolchen Anlaß gelungen, ihn zu über⸗ zeugen, daß er für den Friedensdienſt der Armee gar nicht paſſe. Er iſt deshalb ausgeſchieden, und ein klei⸗ ner Fürſt, ſein Gönner aus der Campagne her, ver⸗ half dazu, indem er ihn an die Spitze der Verwaltung ſeines Ländchens ſtellte. Wie es ihm dort ergangen, werde ich ja bald erfahren. Daß er ſich nach wie vor ſehr leicht ein ungünſtiges Urtheil zuzieht, beweiſen Ihre Aeußerungen, Schwendler!“ Der alte Herr bedauerte, durch ſeine Anſichten über Herrn von Leteln unangenehm berührt zu haben. Aber es ſei geſtern Abend zwiſchen dieſem und ihm zu einem Wortwechſel gekommen, der in Betracht ihres beiderſeitigen Alters beſſer unterblieben wäre. In der Sache habe er, Schwendler, völlig Recht, be⸗ ſitze auch, was dieſe angehe, nicht Schwäche des Rück⸗ grats genug, ſich nur um ein Haar breit zu beugen. Nach Allem, was er jetzt von dem Präſidenten gehört, hoffe er indeß, dieſer werde bereit ſein, aus eigenem Antriebe zur Sühne entgegen zu kommen, und dann 22 werde er, Schwendler, thun, was möglich, ohne ſeiner Würde etwas zu vergeben. Man war inzwiſchen ſchon in die Parkanlagen des Bades gelangt, und der General hatte nach einem Blicke der Verſtändigung mit Darfeld kaum Zeit, der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß ſich wohl ein Weg finden werde, zwei ehrenwerthe Männer, von denen freilich ein jeder lieber Hammer als Ambos ſein möchte, der Aufklärung über einander zuzuführen. Er hatte dabei von Rittern deſſelben Ordens, von in Schlach⸗ ten und Fährlichkeiten aller Art erprobtem Muthe alter Soldaten geredet, und Schwendler meinte:„Komiſch wäre es, wenn ſo'n paar alte Menſchen, wie wir, ſich noch um ſo'n junges Ding die Hälſe brechen wollten. Als Schwendler kann ich mir vergaloppirt haben, aber als Genius von das Mädchen, vor den ich mir ge⸗ halten habe und noch halte, gewiß nicht.“ Gleich darauf hielt man vor dem Kurhauſe und Schwendler ſtieg mit wiederholtem Dank für das ihm ſo gütig bewahrte Andenken aus. Nicht ohne Genugthuung hatte er wahrgenommen, daß ſich an den Fenſtern des Kurhauſes erneuerte, was ſchon in den Promenaden geſchehen war. Einzelne Kurgäſte grüßten ihn verbindlicher als ehedem. Das ſcheinbar traute Verhältniß zwiſchen ihm und einem ſo hohen Befehlshaber hatte, je unvermutheter, deſto auffallendern 1 — Eindruck gemacht, und Hauptmann Schwendler, als er durch die Säulen der Vorhalle des Gebäudes an einigen Bekannten gravitätiſch vorüberſchritt, ant⸗ wortete auf die an ihn gerichteten Fragen Neugieriger mit innerer Gehobenheit:„Der General von H., ein Zögling von mich. Gut gerathen!“ Der General aber winkte im Weiterfahren Herrn von Darfeld neben ſich auf Schwendler's Platz und ſagte:„Nun erzählen Sie, was den Alten ſo ſehr be⸗ wegt. Aber ſagen Sie ja auch, wo ich halten laſſen muß, damit Sie nicht zu weit nach Ihrem Quartier haben.“ An demſelben Sommermorgen und ungefähr zu derſelben Zeit, in welcher ſein Gegner in das Ge⸗ dränge der Pferde und einige Gefahr gerieth, befand ſich Präſident von Leteln in einem geräumigen Ge⸗ mach des Erdgeſchoſſes im Herrenhauſe zu Schwarzen⸗ hof. Bibliothek und Arbeitszimmer zugleich, war es nach innen der behaglichſte Verein von Zweckmäßig⸗ keit und geſchmackvoller Einrichtung. Nach außen bot es über den hübſchen Garten hin erheiternde Sicht über Berg, Strom und Wald. Der Präſident hatte eifrig geſchrieben. Jetzt über⸗ las er den eben fertig gewordenen Brief. Sein Geſichts⸗ „ 8 ausdruck ließ auf ſchwere und heftige Affecte ſchließen, doch ſchienen ſich dieſe, während er ſiegelte und adreſ⸗ ſirte, gemildert zu haben. Durch das Finſtere ſeiner Züge flog etwas wie aufſtrahlender Humor, als das Schreiben zur Abſendung fertig war. Er ſchob es mit herablaſſendem Lächeln auf den Tiſch zurück, etwa ſo, als ob er einen Antragſteller unter freundlicher Dar⸗ reichung von zwei Fingerſpitzen an hinreichend in Anſpruch genommene Geduld und an den Augenblick erinnere, ſich zurückzuziehen. Dann griff er zu einem andern Blatt, das er ebenfalls kurz vorher beſchrieben, und vertiefte ſich in deſſen Inhalt, bald ſinnend, bald ändernd, doch erſichtlich mit immer gehobenerer Stimmung. Die dunkeln Augen glühten nicht mehr unheimlich. Sie ſchienen ein Empfinden und Denken auszuſprechen, das überaus angenehm ſein mochte, vielleicht zu zerſtreuend angenehm für die formende Kraft, welche vergeblich nach erwünſchter Geſtaltung des Ganzen rang. Der Präſident gab den Kampf, wenigſtens vorläufig, auf. Sein heiteres, nicht ſelten bis zu überſprudelnder Luſtigkeit ſich ſteigerndes Weſen wirkte hülfreich dazu mit. Er ſchob auch dieſes Blatt auf den Tiſch, ſich ſelbſt zu⸗ gleich in die Polſter des Seſſels zurück und monologi⸗ ſirte laut auflachend: „Da haſt Du, mein alter, theuerſter Freund, die allerſchönſte geiſtge Mahnung auf den Fünfziger. —.,— 25 Starken Fünfziger! würde mein Fräulein Schweſter betonend hinzufügen. Ja, ohne ſie, ohne die Rückſicht auf ſie wäre mein Gedicht ſchon lange, wäre ich wahr⸗ ſcheinlich mit der Berger auch ohne Canzone ſchon fer⸗ tig. Die Frau iſt zu reizend! Ich wäre ohne Eclai⸗ reurs vorgegangen, hätte des gedichtlichen Gefühls⸗ und Situationsfühlers nicht bedurft. Aber was könnte die Berger, was könnte meine Schweſter dagegen haben, wenn ich den ſcherzumhüllten Vorſchlag des Ge⸗ dichts zu ernſter Abficht, zum förmlichen Antrag er⸗ höbe? Sidonie muß zugeſtehen, daß, ſo gut ich's hier habe, der Winter doch langweilig iſt, daß auch ihr der Verkehr mit ſchöner Kunſt und Wiſſenſchaft, die An⸗ regung in höhern Geſellſchaftskreiſen ſehr zuträglich ſein würde. Die Berger, deren Haus in der Reſidenz zu alledem Gelegenheit bietet, findet unſer Gut hier allerliebſt, die wechſelnde Badegeſellſchaft amüſant; alſo— Leteln war nie Barbar! Er iſt auch jetzt gefällig, nimmt das Joch der Ehe noch einmal auf ſich, bietet der Frau bei der Schweſter den Sommer⸗, der Schweſter bei der Frau den Winteraufenthalt, beglückt, ſelbſt ſich opfernd, nach beiden Richtungen!“ Herr von Leteln ſchwieg. Die innere Beluſtigung ſchien ernſterem Erwägen zu weichen. „Charmant, das räumt ja auch Sidonie ein“, fuhr er dann lächelnd wieder fort,„charmant iſt die Berger, 26 und wenn ſie ſich, wie geſtern Nachmittag, in den Mantel der Würde hüllt, geradezu unwiderſtehlich. Zwanzig, zwei⸗, dreiundzwanzig Jahre ſind für unſer Altter kein ſo erheblicher Unterſchied. Da ſpricht etwas Anderes.“ Er ſprang auf und trat vor den Spiegel. Da zeigte ſich ein ſtattlicher, ſchön gebauter Mann, der trotz der ſchneeweißen Haare oder vielleicht wegen ihres Contraſtes mit der lebensvollen Friſche ſeiner edeln Geſichtsbildung noch auffallend hübſch war. Indeß neben dieſem den Zweifel ſiegreich nieder⸗ kämpfenden oder beſſer die Siegesgewißheit ſehr be⸗ ſtärkenden Bilde ſchien ſich ein zweites vom Garten her zu zeigen. Herr von Leteln drehte ſich um, eilte ans Fenſter, öffnete und rief hinaus:„Guten Morgen, mein Fräulein! Guten Morgen! Hat Chlos ſich ſchon in die Hausfrau verwandelt oder femme auteur ſchon ein Kapitelchen fertig?“ Die Angerufene, eine zierliche Geſtalt von mittler Frauengröße, war leichten, faſt ſchwebenden Tritts eben im Begriff, eine Terraſſe des Gartens zu erſtei⸗ gen. Sie blieb ſtehen und wer, unbekannt mit der Dahinſchreitenden, geglaubt haben mochte, einer nach Wuchs, Haltung und Anmuth der Bewegung noch jugendlichen Erſcheinung nachzublicken, der würde er⸗ ſtaunt, ja betroffen geweſen ſein, denn die im Stehen⸗ 4 4 — 27 bleiben halb ſich Umwendende zeigte das Antlitz einer Matrone, einer Matrone im tiefen Spätherbſt des Lebens. Aber das Alter hatte ſich ſchonend über dieſes Antlitz verbreitet. Es hatte, als ob es die Schönheit ehren wolle, welche ſich früher darin dar⸗ geſtellt, dieſe zZwar manchen Schmucks, doch nicht des Reizes entkleidet, durch einen, den erſten Blick für ſich zu gewinnen. Dieſer Reiz vollenbete ſich zum feſſelnden Zauber, ſobald Fräulein Sidonie zu reden begann. Selbſt für den Bruder mochte er wie neu ſich auffriſchen, als die Dame, welche an das niedere, von Epheu, Roſen und Wein umrankte Fenſter geeilt war, jetzt vor ihm ſtand, mit der einen Hand den großen, vor der Sonne ſchirmenden Hut abnahm, mit der andern ſeine ihr aus dem Fenſter entgegen gereichte ergriff und, zärtlich zu ihm aufblickend, halb freudig, halb ſorgenvoll ausrief:„Du Langausbleiber! Die heidniſche Chlos“, fuhr ſie dann fort,„iſt ſchon in den Feldern geweſen, dem lieben Chriſtengott für ſeinen Segen zu danken; femme auteur hat eine Apoſtrophe für Langſchläfer und die Hausfrau Dein Frühſtück bereit.“ „Beides unnütz!“ lachte der Präſident. „Beides unnütz?“ fragte die Schweſter, ihr Er⸗ ſtaunen noch unter einem Lächeln verbergend. „Nun ja, Herzpuppe! Wir haben uns böſtlich divertirt. Nach dem Concert, in welchem die Berger himmliſch ſpielte— ich ſage Dir, himmliſch!— und Fräulein von Aminghauſen mit mehr Ausdruck ſang, als ich dem Putchen jemals zugetraut habe, nach dem Concert alſo tanzten die jungen Leute. Unſern dies⸗ jährigen Badegäſtinnen wird hinfort ein in die Saiſon hin einfallendes Manöver als heilſamſte Nothwendig⸗ keit zur Kur gelten. Du lachſt, liebes Fräulein? Laß gut ſein, Du unſchmelzbarer Eiszapfen von ehemals und heute, ich weiß das beſſer. So eine Anzahl aus den nah liegenden Quartieren zur Reunion heran⸗ flitzender und trotz des Manövers unermüdlicher Lieute⸗ nants bewirkt an einem einzigen Abend mehr als alle die Becher, welche unſere Quellennymphe vier Wochen hindurch für jeden Morgen vorſchreibt.“ „ Hat die Berger auch getanzt?“ unterbrach ihn das Fräulein. „Nein!“ „Aber die Aminghauſen?“ „Die hätteſt Du ſehen ſollen, Sidonchen! Es war, als ob tauſend verborgene Reize mit einem Male in ihr aufgeblüht wären. Dieſe Lieblichkeit im Lächeln, dieſe Anmuth in der Bewegung, dieſe aus innerſter Seele hervorſtrahlende Freudigkeit, welche Zucht und Sitte der Haltung wie ein verklärender Glanz 29 umſchwebte, kurz, dieſe ihrer Wirkung ſo völlig un⸗ bewußte Jugendſchönheit, dieſe himmliſche Unſchuld, die im Auf⸗ und Niederſchlag des Auges Schild und Pfeil der Liebe trug— ſo, ſo mußt Du geweſen ſein, Sidonchen!“ „Arme Frau von Berger!“ ſcherzte Fräulein Si⸗ donie, als der Redefluß des Bruders ſtockte,„reizende Wittwe mit dem muntern Geiſt und den Glutaugen, reife Schönheit! Du haſt Dein Spiel gegen die himm⸗ liſche Unſchuld verloren!“ „O nein“, rief der Präſident,„ſo weit ſind wir noch nicht. Aber die Aminghauſen, die mich bisher immer geärgert hat, obgleich ſie ſich offenbar um mich bemüht—“ „SOffenbar ſich um Dich bemüht?“ wiederholte die Dame fragend, und der Ton, in welchem es geſchah, ließ unentſchieden, ob er dem Schatten von Unmuth entſprach, der ihre bis dahin ſo heitern Mienen über⸗ flog, oder mehr dem Spott, der um ihre Lippen ſich kräuſelte. „Gewiß!“ erwiderte der Präſident ſehr ruhig und überzeugungsvoll.„Gewiß! Fräulein von Aming⸗ hauſen iſt die Aufmerkſamkeit ſelbſt gegen mich, kommt meinen Wünſchen zuvor, erräth ſie, möchte ich ſagen.“ „Nun ja! So, genau ſo iſt ſie auch gegen mich. 30 Aber daß Du von einem jungen Mädchen, das in ſeinem Benehmen ebenſo maßvoll und ſittſam iſt wie in ſeiner äußern Erſcheinung, behaupten kannſt, es bemühe ſich um Dich, lieber Georg, das ſtreift denn doch beinahe noch über Leichtfertigkeit hinaus!“ „Ah, jetzt verſtehe ich. Fräulein Schweſter ver⸗ tritt die Glorie der Weiblichkeit, weiſt verletzt meinen Angriff der Frauenwürde im Namen des Geſchlechts von ſich und von dieſem ab. Sei nur ruhig, Herz⸗ puppe, und ärgere Dich nicht, denn die Aminghauſen, ſo ſehr ſie mir geſtern gefallen, mich gänzlich für ſich gewonnen hat, ärgert mich dennoch nach wie vor. Sie benimmt ſich gegen mich, als ob ich ein Mann wäre, nicht blos der ehrerbietigſten, nein, auch der hülfreich⸗ ſten Rückſicht bedürftig.“ Fräulein Sidonie lächelte mit faſt beluſtigter Miene ſtill vor ſich hin, blickte aber beinah erſchreckt empor, als der Präſident gereizten Tons hinzuſetzte: „Zudem hat ſie einen lächerlichen Anbeter!“ „Einen Anbeter?“ „Ja! Den curioſen alten Hauptmann, dieſes Urbild ſtrammſter Disciplin im Civilrock, der trotz dieſes Rocks jeden Nichtſoldaten tief unter ſich ſtellt, und unſere harmloſe Badegeſellſchaft gleichwie eine Compagnie betrachtet, welcher nichts weiter fehlt als von ihm dictirte Maßregeln der Zucht und Ord⸗ nung, der, wenn man ſeine Breitſpurigkeit kreuzt, gleich mit Ermorden zu drohen ſcheint, ſei es durch die Spitzen ſeiner in die ſteife Halsbinde eingeſchnür⸗ ten Vatermörder, oder durch die Sporen, welche ſeit Jahrzehnten kein Pferd berührt haben, oder durch die bis zum Stechen ſpitz gewichſten Zwickel ſeines Barts!“ „Du ſcheinſt ja ganz erzürnt auf den Mann! Du haſt doch keine Unannehmlichkeit mit ihm gehabt?“ „Als ſich der Tanz zu Ende neigte, ſoupirten wir, Frau von Berger, Fräulein Aminghauſen, unſer Oberſtlieutenant, ſein Adjutant und ich, in dem blauen Kabinet, das ich für uns hatte reſerviren laſſen. Da wollte ſich der Hauptmann, der die Aminghauſen beſonders während des Tanzes mit keinem Blick ver⸗ laſſen und ſie immer mit einer Anrede bedroht, ſolche aber niemals ausgeführt hatte, eindrängen. Ich habe das verwehrt, das iſt Alles.“ „Alles?“ „Alles! Sei außer Sorge. Nachher haben wir, der Oberſtlieutenant und ich, mit noch einigen Bekann⸗ ten einen ehrlichen deutſchen Nachttrunk genommen. Dann ſind wir durch die herrliche Nacht nach Hauſe geſchlendert, ſind, weil es ſehr früh war und der 32 Oberſtlieutenant bald zum Manöver fortreiten mußte, lieber gar nicht zu Bett gegangen, haben, der Oberſt⸗ lieutenant in der einen, ich in der andern Ecke des Sophas, hier ein wenig genickt und dann haben wir zuſammen gefrühſtückt. Seit er fort iſt, ſchreibe ich und darum, femme auteur, iſt Deine Ode, iſt, liebe Hausfrau, Dein Frühſtück unnütz!“ „Georg! Georg! Welcher Exceß für einen Mann in der Höhe Deiner Jahre!“ „Sprich mir von allen Schrecken des Gewiſſens, von meinem Alter ſprich mir nicht! Keine Predigt, liebe Kleine! Alles in der Munterkeit! Ich habe ein Anliegen an Dich.“ „Ein Anliegen? Auch ich habe eins an Dich.“ „So komm herein!“ „Nein! Du mußt herauskommen, hierher zu mir. Dein Anliegen iſt das größere. Deine Präludien ver⸗ bürgen das.“ „Weißt Du was, Sidonchen? Wir wollen auf neutralem Boden verhandeln, in der Halle unter dem Balkon, und ein zweites Frühſtück da wäre nicht von Uebel.“ „Das ſoll Dir Wverden, Du lieber, alter Schwär⸗ mer. Ich will mich nur anziehen. Es könnte doch Jemand kommen. In einer halben Stunde alſo in der Halle.“ Eiligſt ertheilte die alte Dame ihren Befehl für das Frühſtück und war auch bald in vollendeter Tollette. Aber ſo beſtimmt ſie ſich auch ſagen konnte, daß Alles in der Halle bereit ſei, ſo ſehr zögerte ſie den⸗ noch, in dieſe hinabzugehen. Ihr Anliegen war, ſo leicht ſie es zu nehmen geſchienen hatte, kein geringes. Um es zur Sprache zu bringen, hatte ſie ſchon zwei Tage hindurch auf einen günſtigen Anlaß gewartet. Sie hatte ihn heute glücklich zu erhaſchen geglaubt, als der Präſident von ſeiner Bitte an ſie zu reden begann. Aber erſt hinterher war ſie ſich bewußt geworden, daß des Bruders anſcheinend ſo heitere Laune etwas Er⸗ zwungenes an ſich trage. Das deutete im Zuſammen⸗ hang mit der Mißhelligkeit, von welcher er geredet, auf verbiſſenen Zorn, eine Art von ſtummer Wuth, welche, weil Unausgetragenes noch abzumachen und ſchwierig abzumachen war, ſehr leicht auch gegen ganz Unbetheiligte ausbrach. Es waren deshalb nicht blos ängſtliche Erwägungen für den Bruder, es waren auch diplomatiſche für ihr Anliegen, welche die Dame zögern ließen. Ausſicht auf Erfolg war unter den obwal⸗ tenden Umſtänden kaum noch oder gar nicht vorhan⸗ den, und doch war ihre Bitte zu drängend, leider auch ſchon zu förmlich eingeleitet, als daß ſie hätte zurück⸗ treten können. Fräulein Sidonie blickte auf die Uhr und war Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 3 34 dieſer faſt dankbar, als ſie noch einige Minuten Friſt fand bis zu der dem Bruder zur Zuſammenkunft von ihr feſtgeſetzten halben Stunde. Da rollte ein Wagen ins Hofthor. Ein fremder hoher Offizier ließ ſich melden. Jubelnd, in freudiger Haſt eilte der Präſident hinzu, eine herzliche Umar⸗ mung folgte, und bald meldete ein Diener des Hauſes: „Der General von H. bittet um Erlaubniß, dem gnä⸗ digen Fräulein ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Der Herr Präſident laſſen zugleich ſagen, daß der Herr General, ein alter Freund, die Einladung zum Diner leider ab⸗ gelehnt hat, weil er eilig hat und nur auf der Durch⸗ reiſe begriffen iſt.“ „Wo ſind die Herren?“ fragte das Fräulein, ſehr froh, der augenblicklichen Verlegenheit überhoben zu ſein, für das Ausſprechen ihrer Bitte mindeſtens Auf⸗ ſchub gewonnen zu haben. „In der Halle beim Frühſtück.“ Fräulein Sidonie beſchloß unter ſo angenehmen Umſtänden ſelbſt in die Halle hinabzugehen. Der Bruder ſtellte ihr den General in ſo herzlicher Weiſe vor und dieſer führte ſich ſo gewinnend bei ihr ein, daß ſie, auf die heitere Laune beider Herren unwill⸗ kürlich eingehend, vergaß, was ſie kurz vorher noch ſo ſehr beunruhigt, als geheime Abſicht auf den Bruder mit ſorgenvollem Bedenken erfüllt hatte. Doch 35 währte dies nicht lange, denn das Geſpräch der Freunde über ihre Erlebniſſe, ſeit ſie ſich nicht geſehen, nahm eine für des Fräuleins Abſichten ſehr beziehungsvolle Wendung. Der General erzählte, daß und wie drei ſeiner Töchter verheirathet ſeien.„Die vierte und jüngſte“, fügte er ſcherzhaft hinzu,„ein munteres hübſches Kind, dieſelbe, beſter Leteln, welche Ihren Eduard immer gegen den Spott der muthwilligen Schweſter in Schutz nahm, iſt noch zu haben. Der junge Herr iſt, wie ich denke, Landwirth und präſumtiver Erbherr von Schwar⸗ zenhof, alſo eine Partie. Wie hat ſich der begabte Knabe entwickelt? Iſt er als Mann noch Gegenſtand Ihres tragikomiſchen Mißfallens? Oder hat ſich Ihnen inzwiſchen das Räthſel gelöſt, daß der hübſche Vater einen ihm äußerlich unähnlichen Sohn haben kann?“ Sehr herabgeſtimmt und wie Jemand, der ſich in Unabänderliches ergeben hat, antwortete der Präſident: „Ich habe meinen Herrn Sohn ſeit fünf Jahren nicht geſehen, und wenn die Natur nicht während dieſer Zeit eine der unverhoffteſten Metamorphoſen zu Stande ge⸗ bracht hat, ſo iſt er äußerlich ein kerngeſunder, knor⸗ riger, wildkräftiger, häßlicher Kerl. Nach innen hat er ſein Gutes. Aber er iſt eigenartig, ſehr auf ſich ſelbſt geſtellt und hat Kopf und Herz voll romantiſchen Schwindels. Unterſtützt von einigem Talent, wünſchte 3*⅔ 36 er als Maler ein Künſtlerleben führen zu dürfen. Ich ſchlug die Beamtencarrière, meine Schweſter, zu Gunſten des Gutes hier, die Landwirthſchaft vor. Herr Eduard ſchlug Beides aus und ich, um ihn zu discipliniren, übergab ihn der Armee. Er fügte ſich, wurde ein mittelmäßiger Offizier, nahm nach erreichter Mündigkeit, auf dieſe trotzend, den Abſchied und lebt ſeit fünf Jahren, ein unbedeutender Maler, unſtät von ſchmalem Erwerbe oder richtiger von ſeinem geringen, wahrſcheinlich bald aufgezehrten mütterlichen Erbe. Un⸗ terſtützungen der Tante“— Herr von Leteln ſetzte dies mit leicht herauszuhörender Mißbilligung hinzu— „beſtärken den Trotzkopf. Außer den üblichen Neujahrs⸗ und Geburtstagsgratulationen hören wir nichts von einander.“ Fräulein Sidonie wollte nun beſchwichtigend der Hoffnung nicht entſagen, Eduard dennoch und vielleicht gerade durch das Joch der Ehe an die Scholle zu feſſeln. Das Herrenhaus auf Schwarzenhof ſei viel zu groß für das alternde Geſchwiſterpaar. Eine liebens⸗ würdige Schwiegertochter würde dem Bruder ganz ge⸗ wiß hoch willkommen ſein, zunächſt um ihrer ſelbſt willen und dann als jugendliches Element, das— Der Präſident unterbrach ſie hier. Er ahnte zwar nicht, daß ſeine Schweſter die ihr günſtig erſcheinende Wendung des Geſprächs benutzt hatte, ihren geheimen, 37 zur Ausführung hindrängenden Abſichten Ausdruck zu geben, aber er ward durch die plötzlich vor ihn hin⸗ geſtellte Möglichkeit ſolcher Ausſichten in ſeinen eigenen geheimen Plänen zu überraſchend und unliebſam ge⸗ kreuzt, als daß er der Dame nicht hätte zurufen ſollen, ſie träume, wo ſie zu hoffen wähne. Der Eduard ſei und bleibe ihr Verzogener; er werde, blos weil ſie es wünſche, ſein abenteuerndes Umherziehen in der Weltz nicht aufgeben. Und was die Schwiegertochter betreffe, ſo ſei doch noch ſehr abzuwarten, ob der un⸗ beholfene Mann von ſo wenig anſprechendem Aeußern jemals ein ihm zuſagendes Mädchen für ſich gewinnen werde. Herr von Leteln ſprach das Alles zwar anſchei⸗ nend ſcherzhaft; wie ſchwer es ihm aber wurde, hinter dieſem Scherz eine Anwandlung ſehr mürriſcher Art zu verbergen, entging dem General nicht. Er lenkte deshalb ab, indem er der etwas eingeſchüchterten Dame den Troſt zuwarf, Unvermuthetes ſei unberechenbar, ſchon manche Hoffnung habe ſich allem Vermuthen zu⸗ wider dennoch erfüllt, und fand darin den Uebergang zu ſeinem heutigen, ſo unvermutheten Zuſammentreffen mit dem alten Schwendler. Der Präſident, immer noch mehr mit ſich als mit Andern beſchäftigt, ging aber nur auf das ein, was die Begegnung mit dem„ſonderbaren Kauz“ — 38 ergötzlich und beluſtigend gemacht haben konnte. Er überhörte ganz, was der General in pietätvoller An⸗ erkennung zu Gunſten und Ehren des in ſeinen For⸗ men wunderlichen, in ſeinem Weſen aber vortrefflichen Mannes anführte, und ließ ſich in faſt herzloſen Wen⸗ dungen über das Unbequeme aus, welches Leute, die über ihre Bildung hinaus zu einem gewiſſen Range erhoben würden, für jede Geſellſchaft mit ſich brächten. Der General gab das zu, hielt aber Badegeſell⸗ ſchaften für ziemlich gemiſcht und hob hervor, daß eine Geſellſchaft erſt dann den Stempel vollendeter Bildung an ſich trage, wenn Jeder in ihr nicht blos egoiſtiſch empfangen wolle, ſondern auch bereit ſei, durch Rück⸗ ſicht und Eingehen auf Andere für dieſe etwas zu leiſten. In ſolcher Weiſe zu leiſten ſei Schwendler ſtets bereit und wenn in Bezug auf Bildung die des Charakters die höchſte ſei, ſo habe der„ſonderbare Kauz“ höchſt berechtigten Anſpruch auf ſolche. Wo er, wie hier im Bade, den Verkehr mit der feinern Welt nicht ver⸗ meiden könne, ſei er nach beſtem Wiſſen und Können bemüht, auf deren Manieren einzugehen. Für dieſes ehrliche, daher leicht erkennbare, wenn auch nicht immer gelingende Bemühen fordere er aber Gegenſeitigkeit; verlange, daß man ihn ſo hinnehme, wie er nun ein⸗ mal ſei, des Ranges wegen, welcher ihm verliehen worden. Auch ſei er, um dieſes Verlangen durch⸗ 39 zuſetzen, immer noch ſchnell fertig und immer noch Haudegen genug. Wer aber in alledem nicht hinrei⸗ chenden Grund finde, ſich das eigene Behagen durch eine Begegnung mit Schwendler verkümmern zu laſſen, der werde doch wohl Nachſicht-üben, wenn er erfahre, daß der alte Mann durch Rückfall in einen tiefen Seelenſchmerz gerade jetzt in ſeltſam aufgeregter Stim⸗ mung ſei. Fräulein Sidonie, welche den Erörterungen über Schwendler mit antheilvollſtem Ernſt und viel ein⸗ gehender gefolgt war als ihr fortwährend ſcherzender Bruder, ſchalt nun dieſen, indem ſie ihn zugleich ent⸗ ſchuldigend in Schutz nahm. Auch ſie, ſo bekannte ſie, ſei durch das Burleske in Schwendler immer geneigt geweſen, ihn weit mehr für curios als für originell zu halten. Jetzt rede in ihr ein warmes Gefühl für den Mann, und fern davon, noch weiter über ihn zu lachen, halte ſie vielmehr für Pflicht, ihm ihre Theil⸗ nahme zuzuwenden, ihren und des Bruders Einfluß bei der Badegeſellſchaft geltend zu machen, daß der wenn auch nur an einer Grille Kranke nicht gereizt werde. Die Dame hatte damit ſchnell und ſicher die Handhabe zur Lenkſamkeit des Bruders getroffen. Gern mit der Schweſter einverſtanden, erklärte er, er habe dem Alten, der ihn nicht wenig verletzt, eigentlich eine ſtarke Lection zugedacht gehabt. Jetzt jedoch handle es 40 ſich um mildere Mittel, ſanftere Auswege, zu welchem Ende er um Auskunft über das Seelenleiden des alten Hauptmanns bitte. Der General, welchem ſchon gemeldet war, daß ſein Wagen wieder bereit ſei, verwies des Nähern wegen an Herrn von Darfeld und erzählte nur kurz, was er von dieſem letztern eben ſelbſt erſt erfahren. Danach hatte Schwendler zuletzt eine in einer großen Feſtung verwendete Compagnie von Halbinva⸗ liden zu befehligen gehabt. Der Feldwebel dieſer Com⸗ pagnie, ein, wenn auch in anderer Art, doch ebenſo wunderlicher, wiſſenſchaftlich indeß viel gebildeterer Mann als Schwendler ſelbſt, war ſein Freund ge⸗ worden. Er war geſtorben und ſein einziges Kind, eine Tochter, dadurch völlig verwaiſt. Frau Schwend⸗ ler, ſelbſt kinderlos, hatte das liebliche, auch geiſtig recht begabte Mädchen früher ſchon in mütterliche Ob⸗ hut und deshalb zu ſich ins Haus genommen, ein Verhältniß, welches ſich erſt nach des Feldwebels Tode auch zu völliger Zufriedenheit Schwendler's geſtaltete. Denn Schwendler, der großes Wohlgefallen an dem zwölf⸗ bis dreizehnjährigen Kinde fand und ſeine Vor⸗ liebe für daſſelbe ſtets zur Schau trug, hatte die Mei⸗ nung, es müſſe, weil nun einmal in ſeinem Hauſe, auch die ſeinem Range entſprechende Erziehung empfangen. Der Feldwebel aber hatte ſich immer, * 41 ſoweit er es vermochte, dagegen geſträubt und die Be⸗ ſorgniß geäußert, es ſei für die Gemüthseigenſchaften Thereſens gefährlich, wenn ſie Anſprüche zu machen gewöhnt werde, die über ihren Stand hinausgingen. Jetzt hatte Schwendler freie Hand erhalten, und je ſchmerzlicher er an ſich ſelbſt vermißte, was er mit dem Wort Bildung bezeichnete, deſto, eifriger war er geweſen, alle Vorzüge derſelben ſeinem Schützlinge zu⸗ zuwenden. Dieſem Eifer hatte der Erfolg entſprochen. Nach mehreren Jahren war der Gegenſtand treueſter Fürſorge, auch Gegenſtand unbewußter Eitelkeit, ein ſtilles Glück geworden, der Schmuck und die Zierde der in angemeſſenſter Zurückgezogenheit ſich wohl füh⸗ lenden Familie. Da beſtimmte man Schwendler, blos weil er ſeine etwas ſchwer zu zügelnde Compagnie in guter Ordnung erhielt, auch noch dazu, die ſehr ge⸗ lockerte Disciplin der in der großen Garniſon nicht eben leicht zu überwachenden Junker⸗ und Fähnrich⸗ ſchule wieder zu kräftigen. Niemand fühlte das Mißliche, den Mißgriff die⸗ ſes Auftrags mehr als Papa Schwendler ſelbſt. Aber es war ihm befohlen! Er fühlte ſich ebenſo geehrt wie verpflichtet und glaubte in dieſem Gefühl, als auf⸗ ſichtführender Offizier einer Schule auch wiſſenſchaft⸗ lichen Anſtrich annehmen zu müſſen. Bald erzählte man ſich daraus hervorgehende Anekdoten, wahr oder 42 erfunden, doch immer ergötzlicher Art. Aber die Dis⸗ ciplin beſſerte ſich, und unbekümmert darum, welche zuweilen ſehr lächerlichen Blößen der Alte ſich gab, war man zufrieden, da er ja ſeine eigentliche Aufgabe erfüllte und bei den jungen Leuten trotz alledem in hohem Reſpect ſtand. Aber ſchon im zweiten Lehrcurſus nahmen die Dinge einen üblen Verlauf. Schwendler, ſicher geworden in ſeiner neuen Stellung, docirte nun auch gelegentlich über Kriegsgeſchichte und über Armee⸗Organiſation. Einzelne der jungen Leute wußten ſich dieſer Schwäche ſo zu bemächtigen, daß Schwendler ſie ab und zu in ſein Haus einlud und nach abgehaltenem Privatiſſimum feierlichſt bewirthete. Solange Frau Schwendler lebte, ging das gut. Seit aber nach deren Tode Fräulein Thereſe das Amt der Hausfrau ſelbſtſtändig verwaltete, war ſie mit zwei oder drei beſonders bevorzugten Günſtlingen Schwend⸗ ler's in wenn auch harmlos gebliebenen, doch viel un⸗ gehemmtern Verkehr getreten. Beweglichen Geiſtes, ſehr heiter, hörte ſie gern zu, wenn man ihr von einem Fähnrich Lerbeck erzählte, welcher von ebenſo be⸗ ſchränktem Verſtande wie auf ſeine in der That vor⸗ handene perſönliche Schönheit ſehr eingebildet und des⸗ halb Stichblatt des Witzes der Schule war. Schwend⸗ ler hatte ihn gegen muthwillige Scherze in Schutz genommen; in ſeiner Gegenwart durfte nie über 43 Lerbeck gewitzelt werden. Ein gewiſſer Reiz der Ver⸗ heimlichung machte deshalb alle dahingehenden Mit⸗ theilungen für Thereſe noch intereſſanter und mit angeregteſtem Sinn vergegenwärtigte ſie ſich eine der ſpannendſten Situationen, in welche ihre Bekannten den armen Lerbeck verſetzt hatten. Eine Zeitungs⸗ annonce, eigens für dieſen Zweck fabricirt, war dem Opfer des Uebermuths vorgelegt worden. Eine Dame von nach eigener Schilderung überaus verlockenden Eigenſchaften ſuchte einen Mann von den und den Eigenſchaften. Für unfrankirte, aber nicht anonym e Briefe war die Adreſſe in Chiffern beigefügt. „Du biſt der Mann, Lerbeck!“ hatte es geheißen. „Du biſt's ganz unwiderleglich. Warum noch länger hier ſich quälen, vielleicht im Offiziersexamen durch⸗ fallen! Der Wurf zum Glücke iſt da, ſchreibe nur!“ Und der Bethörte hatte geſchrieben. Die Urheber und einzigen Mitwiſſer des Spaßes hatten nichts Eiligeres zu thun, als den ihnen zur Beſorgung anvertrauten Brief Thereſen mitzutheilen. Sie amüſirte ſich und ließ ſich leider herbei, die Rolle der Annoncen⸗ dame zu übernehmen und zu antworten. Der Antwort war ein zweiter Brief Lerbeck's und dieſem ein Stell⸗ dichein gefolgt, welches die durch die Briefe ſcheinbar Gewonnene und deshalb aus der Ferne Herbeige⸗ 44 kommene dem Bewerber bewilligt. Nachdem ſich die Verſchleierte einige Momente hindurch an der ſtammeln⸗ den Verwirrung des Schüchternen ergötzt, hatte ſie ihm kurz eröffnet, er ſei in traurigſter Täuſchung über ſich ſelbſt, ſchon ſein erſtes Erſcheinen zeige, daß er nie ein weibliches Weſen für ſich gewinnen, viel we⸗ niger zu dauerndem Bündniß feſſeln werde. Dann war ſie in den Gängen des Gartens verſchwunden und der aus allen ſeinen Himmeln geſtürzte Herr von Lerbeck hatte über das, was ihm begegnet war, hart⸗ näckig geſchwiegen. Er war noch träumeriſcher, noch in ſich gekehrter geworden als ehedem, und ſchon fingen die Mitwiſſer der luſtigen Geſchichte an, dieſe zu ver⸗ geſſen, als der Direction der Junkerſchule der Befehl zuging, über den Fähnrich von Lerbeck zu berichten und zu ermitteln, in welchem Zuſammenhange er mit einer dem Befehl beigefügten, angeblich von ihm un⸗ mittelbar an den Monarchen gerichteten Bittſchrift ſei. Lerbeck bekannte ſich zu dieſer. Sie war ſeltſam genug und beſagte, er, der Herr von Lerbeck ſei auf dem Punkte Weiberfeind zu werden. Se. Majeſtät möchten Aller⸗ gnädigſt geruhen, die Folgen davon zu ermeſſen und ihm zur Beſeitigung derſelben den Damenorden des Allerhöchſten Hauſes verleihen; nur durch und mit dieſem werde er, Lerbeck, dem trügeriſchen Geſchlechte ſeine Gunſt wieder zuwenden. 45 Die Unterſuchung führte zu Schwendler's großem Schreck und höchſter Entrüſtung durch Thereſe auf ſein Haus, alſo mittelbar auf ihn ſelbſt zurück. Als alle Data feſtſtanden, entließ Schwendler, welcher bis dahin kein Wort, weder des Zorns, noch des Ein⸗ gehens auf Bitten um Nachſicht geäußert hatte, The⸗ reſe mit einer für ſeine Verhältniſſe ſehr bedeutenden Ausſtattung, auch an Gelde, aus ſeinem Hauſe, als deſſen unwürdig. Zugleich bat er ſelbſt um den Ab⸗ ſchied und zog, um, wie er ſagte, die über ihn ge⸗ kommene Schmach möglichſt zu verbergen, in eine weit entlegene kleine Stadt. Dort hat er den armen Lerbeck, der völlig geiſteskrank geworden und deshalb, weil gänzlich mittellos, einer Heilanſtalt des Staats über⸗ geben werden ſollte, zu ſich genommen und ihn bis zum Tode, wohl fünfzehn Jahre lang, treu und väterlich gepflegt. Die verſtoßene Thereſe iſt zunächſt in Dienſten einer vornehmen Dame mit dieſer auf Reiſen geweſen, dann ſoll ſie Schauſpielerin gewor⸗ den ſein. 3 „Ob ſie noch lebt, wo und in welchen Verhält⸗ niſſen, das ſind“— ſo ſchloß der General—„Fragen, mit welchen ſich der immer mehr alternde Mann, beſonders ſeit er nach Lerbeck's Tode völlig vereinſamt dahin lebt, häufiger und eingehender beſchäftigt als vordem. Was er ſonſt gerechtfertigte Rückſicht auf ſich 46 und die Ehrbarkeit ſeines Hauſes zu nennen pflegte, das tritt jetzt, abgeſchwächt, als Vorwurf vor ihn hin und ſagt ihm: Du haſt dein Princip übertrieben, haſt darüber die Rückſicht vergeſſen, welche du Thereſen und ihrer Zukunft ſchuldig warſt, denn du haſt ein allerdings bis zur Leichtfertigkeit unbeſonnenes, doch eben darum der Stütze und Führung noch mehr be⸗ dürftiges Weſen nicht blos ſich ſelbſt überlaſſen, ſondern zugleich auch in alle Gefährdungen der Welt⸗ luſt hinausgeſtoßen. Hier im Bade nun iſt dies Alles ſtärker hervorgetreten. Eine junge Dame unter den Kurgäſten erinnert ihn durch Figur, Haltung und Stimme auf das lebhafteſte an Thereſe. In ſeiner Gewiſſenspein umſchleicht er die Unbekannte, möchte ſie immer anreden, findet aber immer, blos aus Mangel an Geſchick, nicht den Muth dazu.“ „Das muß die Aminghauſen ſein!“ rief der Präſident und kam dadurch der Frage ſeiner Schweſter zuvor. Der General aber glaubte ſich des Namens nicht mehr erinnern zu können, verwies deshalb noch⸗ mals auf ſeinen Berichterſtatter Darfeld und ſchied bald darauf, von Herrn von Leteln an den Wagen geleitet. 47 Als der Präſident in die Halle zurückkehrte, fand er Fräulein Sidonie nicht mehr dort. Er war bewegt, doch zeigte der Ausdruck ſeines Weſens, daß deſſen beſſerer Theil ſich mit dem minder edeln wieder ins Gleichgewicht geſtellt habe. Auch durch die That bewies ſich das, denn Herr von Leteln ging in ſein Arbeitszimmer und vernichtete jenen Brief, welchen er heute früh unter Zeichen zornigſter Erregung geſchrie⸗ ben und dann mit vornehmer Herablaſſung geſiegelt hatte. Sein Blick fiel dabei auf das andere Papier mit dem unvollendet gebliebenen Gedichte. Er lächelte; ob über den mißlungenen Verſuch, ob über ſich ſelbſt, ob über die Ab⸗ und Ausſichten, welche ihm vor⸗ ſchwebten, ob über die Schwebe, in welcher er ſich deshalb der Schweſter gegenüber befand, wer hätte das aus ſeinem Lächeln abnehmen mögen! Aber als er mit dieſem Lächeln in die Gemächer ſeiner Schweſter trat und freundlich fragte:„Sibyllenauge, was blickſt Du mich ſo forſchend an? Willſt Du einmal wieder die Falten meines Herzens ergründen?“ da fühlte Fräulein Sidonie, daß der Horizont ſeiner Heiterkeit ein reiner, daß jener dunkle Punkt in ihm, welcher ſie vorher beängſtigt, geſchwunden oder doch im Schwin⸗ den fei.. „Du hatteſt eine Bitte, lieber Georg!“ ſagte ſie 48 und drückte einen Brief, den ſie eben geleſen, in der kleinen Hand zu möglichſter Unſichtbarkeit zuſammen, „eine Bitte, die zu gewähren mir ſchwer fallen wird, ſonſt machteſt Du nicht ſoviel Umſtände.“ „Schwer, ja, Herzpuppe! Nicht für Deine Liebe zu mir, aber für Deine Pedanterie und Umſtänd⸗ lichkeit. Dein Geburtstag iſt morgen. Zu dem habe ich Dir eine Geſellſchaft eingeladen, und nun ſollſt Du — o Berge von Finderniſſen, brecht zuſammen, da iſt kein Braten, ſind keine Entrees!— ſollſt Du ein Diner geben.“ „Ein Diner? Unmöglich, alſo abgeſchlagen. Aber für ein anſtändiges Gouter reichen meine Vorräthe hin. Das ſollſt Du haben.“ „Auch gut. Alſo morgen Nachmittag Cour bei der hohen Jubilarin, dann ihr Vesperbrod, dann Illumination des Gartens— nur keinen Einwand, das beſorge ich— Illumination des Gartens und zuletzt ein kleines Souper. Ich habe die Berger, die Aminghauſen, unſern Oberſtlieutenant und noch ein paar Bekannte ſchon gebeten. Gleich nach Tiſche gehe ich hinüber ins Bad, wandle die Einladungen Deinem Willen und meinem jetzigen Programm gemäß um, bitte auch noch den alten Schwendler—“ „Den 5“ „Allerdings, den und Herrn von Darfeld, der 49 mir geſtern Abend ſchon vorgeſtellt wurde und der mich jetzt Schwendler's wegen intereſſirt. Ich habe bei dem komiſchen Kauz Schwendler gut zu machen und will es, weil er jetzt für mich einen tragiſchen Anſtrich hat. Du gewinnſt auch dabei. Der Alte iſt für Dich ein neuer Novellenſtoff.“ Das Fräulein wehrte mit leichter Handbewegung ab. Der Präſident aber, obwohl im Bewußtſein, damit eine bei der Schweſter unangenehm anklingende Saite berührt zu haben, fuhr unbarmherzig heiter fort: „Jammerſchade iſt's, Du liebe femme auteur, daß die mancherlei Hefte mit hübſchen, guten und erfri⸗ ſchenden Dichtungen ungedruckt bleiben. Schenke ſie mir; nimm das geſchriebene Gebot: Nach meinem Tode zu verbrennen!“ heute feierlich zurück.“ „Nein, Georg, ich lege Dir gerade heute dieſes Gebot aufs neue feierlich ans Herz.“ „Aber ſage mir nur, wozu haſt Du Dir dieſe Mühe gemacht? Denken und dichten, ich habe das heute noch an mir ſelbſt erfahren, iſt Qual. Wozu haſt Du geſchrieben? Warum willſt Du nicht mehr ſchreiben? Du haſt das zarte Myſterium der Liebe in faſt alle Metamorphoſen geführt, die der keuſchen Ab⸗ geſchloſſenheit einer Frauenfeder zugänglich—“ „Eben das, was Du keuſche Abgeſchloſſenheit nennſt, bannt mich in die Schranke des Dilettantismus Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 4 50 und aus dieſem hinaus will ich nicht, bleibe alſo für mich, trete mit meiner Schreiberei nicht vor das öffent⸗ liche Urtheil. Hätte ich Geiſt und Kraft genug, andere Situationen zu geſtalten, als ſolche, in denen ich ſelbſt der Mittelpunkt bin; könnte ich über die Selbſtver⸗ götterung eines Weibes hinaus, das immer nur ſich ſelbſt ſchreibt, nie weiter kommt als zur Variation eines Themas—“ „Halt, Sidonie! Da habe ich Dich! Eiszapfen, geſtehe, Du haſt geliebt! Jetzt verſtehe ich Dein Thema: Nur Wenigen iſt vergönnt, ihre erſte Liebe zu hei⸗ rathen. Püppchen, Du biſt ja roth geworden, ich möchte ſagen, bis in das Wunderhold der Augen hinein! Ge⸗ ſtehe, beichte, wie hängt Alles zuſammen? Warum bin ich, den Du ſo oft Deine Geiſtes⸗ und Herzensſtütze nennſt, nicht im Geheimniß?“ „Kaum ſiebzehnjährig, habe ich das Entzücken, die Wonne, ja den Taumel des Rauſches zu empfinden gewähnt, welchen man in dieſem Alter Liebe zu nennen pflegt. Später habe ich jene Liebe zu ſchildern geſucht, welche, wenn der Menſch unter innern und äußern Stürmen des Lebens aus der Selbſtſucht zur Selbſt⸗ zucht, zur Läuterung ſeines Wollens und ſeiner Kräfte durchdrang, aus der Harmonie von beiden als edelſte Seelenſtimmung hervorklingt. Da habe ich geſonnen, erfunden, verknüpft, zurecht gelegt, geformt, ſo gut ich 51 es vermochte, habe mich dabei am Schaffen, an Momen⸗ ten vermeintlichen Gelingens und an dem Vergnügen, der Anregung erfreut, welche ich zuweilen unter mir werthen Menſchen erweckte. In den Geſchichten, welche ich erdachte, habe ich Erholung von der Berufsarbeit geſucht, und weil ich die Menſchen dieſer Geſchichten immer wie lebend vor mir erſchaut, weil ich in ihnen, mit ihnen, für ſie und durch ſie gefühlt und gedacht, gehandelt und unterlaſſen, geweint und gelacht, ver⸗ loren und errungen habe, ſo hat es mir nie an Un⸗ terhaltung, an Reiz und Wechſel des Umgangs gefehlt. Für mich war das gut. Es reicht aber nicht hin, eine kunſtgemäß durchgearbeitete Schöpfung auszugeſtalten. Es hat ſogar ſein Bedenkliches. Der Mittelpunkt aller meiner Geſchichten war, ob auch ſtets in andern Far⸗ ben ſchillernd, doch mein liebes Ich. Mit dieſer Lieblingsfigur verkehrten die andern, verhalfen ihr dazu, ſich ſelbſt zu genügen. Seitdem Du Dich entſchloſſen haſt, meine Einſamkeit zu theilen, iſt das anders, beſſer geworden. Darun ſchreibe ich nicht mehr. Ich habe ja einen Menſchen in meiner Nähe, den ich liebe, der mich auch liebt, bei dem ich ausruhen kann, weil er mir zur Liebe lebt, wie ich ihm; einen Menſchen, für den ich ſorge, walte, ſinne, verknüpfe, erfinde. O mein theurer Georg, ich habe etwas für Dich, nicht erfunden, aber verknüpft, zurecht gelegt. Nimm es an, 4*⅔ 52 oder ſchenke es mir; ja, ſchenke es mir zum Geburts⸗ tage!“ Die Dame hatte des Bruders beidesHände mit den ihrigen ergriffen; der Ton ihrer Rede war ſo hin⸗ reißend, gewinnend, der Strahl ihrer Augen, dieſes mächtigen Lichts ihrer Seele, ſo eindringlich bittend— es mußte ihr Großes, Wichtiges am Herzen liegen. Der Präſident fühlte das, und halb gewährend, halb zögernd fragte er:„Was willſt Du denn, Kleine?“ „Daß Eduard zu uns kommt, das Gut über⸗ nimmt, eine Frau ins Haus führt!“ Alſo das war es! Jetzt erſt begriff Herr von Leteln, was ihm etwa eine Stunde vorher an der Schweſter als ſonderbar und unklar aufgefallen war, was er aber, weil es den beſtehenden Verhältniſſen zu wenig entſprach, gleich als unwahrſcheinlich verworfen und dann, als damit abgethan, auch wieder vergeſſen hatte. Was er aber bei Fräulein Sidoniens Aeußerun⸗ gen über Eduard und deſſen Zukunft als einen eben nur durch Geſprächswendungen erzeugten, dah er kaum des Proteſtes werthen Gedanken der Zufälligkeeit behandelt hatte, das ſtand jetzt als ausgetragener, zur Ausführung völlig reifer Plan vor ihm. Kein Wunder daher, daß er ſich in ſeinen eigenen geheimen Abſich⸗ ten viel drückender gehemmt, viel ſchärfer gekreuzt em⸗ pfand als vorher, daß Alles, was er nach des Fräuleins 53 Be fürchtungen ſonſt wohl gegen den Antrag hätte einwen⸗ den können, viel ſchroffer, viel ſtürmiſcher ausbrach. Bei den letzten entſcheidenden Worten der Schweſter trat er, wie ſchwer betroffen, in jäheſter Wendung von dieſer weg an ein Fenſter, lehnte, als ob er ſie kühlen wolle, die Stirn an dieſes und ſchwieg. Erſt auf die zur Antwort er⸗ munternde Frage der Schweſter:„Nun, lieber Georg?“ wandte er ſich um und zürnte, haſtig im Zimmer hin und her ſchreitend:„Zu uns kommen? Warum nicht? Das Gut übernehmen? Wenn er es malen wollte, ja! Mein Antheil iſt beinahe ganz verſchul⸗ det! Eine Frau ins Haus führen? Er ſoll's ver⸗ ſuchen. Dem häßlichen Fant folgt keine!“ „Georg, Georg, ſchäme Dich! Welcher Rückfall in den alten Hohn! Durch dieſen Spott über das Ausſehen, für welches Dein Sohn doch nichts kann, haſt Du den erſten Grund zu Eurem Zerwürfniß ge⸗ legt, im Knaben ſchon das Gefühl unverſchuldeten Lei⸗ dens, den Trotz der Abwehr geweckt. Wie kannſt Du heute noch gegen den Mann, der, obwohl nicht Deine, ſondern eigene, aber doch gute Wege wandelt, ſo lieb⸗ los ſein?“ e „O, ich liebe ihn ſchon, aber ich habe kein Ge⸗ fallen an ihm. Glaube mir, aus dem wird nie was „Rechtes. Er hat Geſchmack, ſein Urtheil iſt ſcharf, faſt immer zutreffend und wohlbegründet. Er ſelbſt aber ſchafft 54 nichts. Für ſeine Talente gibt es Beſchäftigung genug; für das aber, was man ein Geſchäft nennt, reicht ſein Talent nicht aus. Der hier— wohin würden wir gerathen! Ich verſtehe nichts von der Landwirthſchaft; er verſteht noch weniger davon, und daß er ſich Deiner Leitung unterwerfen würde, hoffe ja nicht.“ „Darauf iſt ſein Sinn nicht geſtellt. Er hat ſich, es ſind jetzt beinahe drei Jahre, theoretiſch und prak⸗ tiſch zum Landwirthe ausgebildet und dadurch ſeine Aus⸗ dauer, ſein Talent zur Führung eines Geſchäfts bewieſen.“ „Charmant! Und das Alles höre ich erſt heute! Mein Herr Sohn und Fräulein Tante— hübſches Complot!“ „Auch ich weiß das erſt ſeit drei oder vier Ta⸗ gen. Ich war damals nicht minder überraſcht wie Du jetzt, aber freudiger. Hier iſt Eduard's Brief! Eduard iſt auch— und da mag wohl der Punkt ſein, wo der ſtärkſte Hebel zu ſeiner Wandlung gewirkt hat— Eduard iſt auch ſeit Jahren verliebt und Bräutigam. Er will morgen hier bei uns eintreffen, um Dein Gutheißen zu erbitten. Das Mädchen ſeiner Wahl, ſchreibt er, ſei arm, aber gut und in der äußern Er⸗ ſcheinung ſo lieblich, von ſo feſſelndem Reize, daß ſelbſt Deine Forderungen an Frauenſchönheit glänzend er⸗ füllt, wo nicht übertroffen ſein möchten.“ War es das Bild der Frau von Berger, wel⸗ — 55 ches in phantaſtiſch erhöhter Glorie und doch zugleich als mit einem Male weit in die Ferne gerücktes Ziel vor dem innern Auge des Präſidenten ſtand; war es der Vergleich zwiſchen ihm, dem Stattlichen, Gewand⸗ ten, und dem Sohne, dem Unſcheinbaren, Unbehülfli⸗ chen, oder war es Aerger, daß der Vater verzichten ſolle, weil dem Sohn ein Gelingen zur Seite ſtand, daß die Schweſter ſchon für dieſen entſchieden hatte, wo jener eben ſich ihr eröffnen wollte— jedenfalls war es eins davon oder richtiger ein Gemiſch aus alle⸗ dem, was den immer mehr Erregten bis zum Vergeſſen jeder Rückſicht auch gegen die Schweſter verwirrte. Er bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß der ſo innig bittende Aufblick Sidoniens zu ihm ſich durch je länger, deſto ſchwerer zurückzuhaltende Thränen um⸗ ſchleierte. Nach wie vor haſtig das Zimmer durchſchrei⸗ tend, blieb er bei den letztgeſprochenen Worten der Dame plötzlich ſtehen und entgegnete mit geringſchätzi⸗ gem Lächeln:„Der und eine Schönheit? Warum nicht? Hat ſich vor Zeiten doch Venus zu Vulcan gefunden!“ Das Fräulein, ebenſo rathlos wie erſchreckt durch den unbegreiflichen Zuſtand des Bruders, weinte jetzt laut auf. Aber Herr von Leteln wurde dadurch nur zorniger, ein Ergebniß, welches Frauenthränen nicht ſelten zuerſt herbeiführen. Auf's neue ſchritt er im Zimmer umher und ſagte dann, plötzlich wieder vor * 1 —— 56 der Schweſter ſtehen bleibend, kalt, mit über der Bruſt gekreuzten Armen:„Um meine Forderungen an Frauen⸗ ſchönheit hat mein Herr Sohn ſich nicht zu kümmern, auch wenn er unter dem Banner Deines Schutzes auftritt. Inthroniſire ihn nur. Du biſt ja Herrin hier. Ich räume den Platz!“ Kaum war das letzte Wort verhallt, als die Dame ſich erhob. Ihr Thränenſtrom ſchien verſiegt und aus dem, was Herr von Leteln noch kurz vorher ein mäch⸗ tiges Seelenlicht genannt hatte, richtete ſich ein langer, ſchmerzvoll duldender Blick auf ihn. „Unſeliges Haus“, ſagte ſie dann,„unſeliges Haus, in welchem das heiße, ungebändigte Blut, der ungezügelte Geiſt der Mutter forterben, der Zwiſt der Aeltern an Kindern, ja an Enkeln noch ſich ſtraft!“ und wandte ſich wankenden Schritts zur Thür. Aber noch ehe ſie dieſe zu erreichen vermochte, brach die zarte Geſtalt in ſich zuſammen. Herr von Leteln eilte ihr zu Hülfe, zog ſie, ſelbſt in einen Divan ſich nieder⸗ laſſend, an ſeine Seite, lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und war unter zärtlichſter Liebkoſung um die halb Ohnmächtige bemüht. Als ob ſie ſich fürchte, ſich beſinnen wolle, wer er ſei, blickte ſie ſcheu aus ſeinen Armen empor und barg dann doch wieder, als ob ſie bei ihm, ſeinem beſſern Menſchen Schutz ſuche gegen den Dämon, welcher ihn augen⸗ 57. blicklich unterjochte, das Haupt an ſeiner Bruſt. Er redete ihr zu. Was der Schreck über die zuſammen⸗ ſinkende, ſo treu und ſo warm, wie er es vermochte, von ihm geliebte Schweſter hervorzubringen begonnen hatte, das vollendete ſich unter dem Eindrucke des durch ihre letzte Rede heraufbeſchworenen Bildes, des Bildes all der äußern und innern Mißhelligkeiten, welche den Frieden dieſes Hauſes ſo oft getrübt, geſtört, zuweilen wie auf Nimmerwiederkehr zu verſcheuchen gedroht hatten. Beſchämung überkam ihn und Beſonnenheit kehrte zu⸗ rück. Begütigend redete er von gewiß guten Abſichten, die aber, wie ſie ins Werk geſetzt, den praktiſchen Er⸗ folg ſehr bezweifeln ließen. Warum drei Jahre hin⸗ durch insgeheim betreiben, was aller Offenheit würdig und der Anerkennung gewiß geweſen? Die väterliche Autorität habe ſich gefügt, als der Sohn nach erreich⸗ ter Mündigkeit dem ihm aufgenöthigten Stande ent⸗ ſagt und eigene, phantaſtiſche Bahnen eingeſchlagen habe. Daß der Sohn jetzt den Weg zur Umkehr gefunden, ſei lobenswerth, erfreue den Vater, daß dieſe Umkehr ſich aber das Ziel geſteckt, in das väterliche Erbe ein⸗ zutreten, ohne ſich vorher überzeugt zu haben, ob ein ſolches vorhanden, ob der Vater geneigt ſei, es abzu⸗ treten, ſei nicht minder phantaſtiſch. „Aber das will ja Eduard gar nicht“, erwiderte das Fräulein ſich aufrichtend und dem Bruder die * +——— 58 Stirn ſtreichelnd, als ob ſie die noch immer tiefen Falten glätten wolle,„das will ja Eduard nicht im entfernteſten. Das iſt ja nur mein Plan! Eduard hat, es ſind drei und ein halbes Jahr, ein damals etwa fünfzehn⸗ bis ſechzehnjähriges Mädchen kennen gelernt, deſſen Benehmen ihn bei der erſten Begegnung ebenſo mächtig anzog wie ihr allerliebſtes, die Ent⸗ wickelung zur reichſten Schönheit verheißendes Aeußere. Sie war ſehr arm, hülflos, aber voll natürlichen Ver⸗ ſtandes, bildſam, ſanft und kindlich rein. Eduard entzog ſie, infolge jener erſten Begegnung, der unwür⸗ digen Behandlung einer tyranniſchen Vorgeſetzten. Thereſe, ſo heißt das junge Mädchen, erwies ſich ſo dankbar und vertrauensvoll, trug dem ſchützend für ſie Eintretenden in naiyſter Aeußerung ſo viel Wärme des Herzens entgegen, daß Eduard zum erſten Male über die ihn geſpenſtiſch verfolgende Vorſtellung von ſeiner Häß⸗ lichkeit hinwegkam. Er glaubte den Beweis empfan⸗ gen zu haben, daß es, außer mir, noch ein weibliches Weſen gebe, dem er um ſeiner ſelbſt willen wohlge⸗ fallen. Dieſes Weſen war jung, ſchön, der Gegen⸗ ſtand ſeiner fürſorgenden Beobachtung. Was Wunder, daß es ihm ins Herz wuchs, daß er hoffte und wünſchte, deſſen ihm zugewendetes Gefühl bis zur Liebe für ſich zu entflammen. 8 Wenn ihm diez gelänge, den Schützling zur 59 Lebensgefährtin zu wählen, war ein Gedanke, der an ſich ſchon ſehr nahe lag. Für Eduard trat aber als beſonders beſtimmend noch das hinzu, daß Thereſe ohne Aeltern, ohne Geſchwiſter, ohne Verwandte iſt, daß mithin durch verwandtſchaftlichen Einfluß von dieſer Seite her die künftige Ehe nicht getrübt werden kann. Eduard beruft ſich für dieſe vielleicht ſonderbare Anſicht auf ſeine mittel⸗ und unmittelbaren Erlebniſſe in un⸗ ſerer Familie. Kannſt Du ihm Unrecht geben, lieber Georg, wenn er die Geſchichte ſeines älterlichen Hauſes als traurige Fortſetzung der unheilvollen des groß⸗ älterlichen bezeichnet, wenn er den Mangel an Ehe⸗ frieden, das Mißverhältniß der Aeltern zu den Kindern in beiden Häuſern dem, ſtatt verſöhnenden, nur immer mehr verwirrenden Einfluß der Verwandten zuſchreibt? Ich kann es nicht, und Eduard hat, indem er das Alles ſchrieb, wahrlich in keiner Weiſe Dich verletzen, er hat nur die Wege andeuten wollen, durch welche hindurch er ſich den eigenen Pfad geſucht, ſich das zu Nutze gemacht hat, was er ſeine Lebenserfahrung nennt. Einfach und unſcheinbar, aber ruhig und beharr⸗ lich iſt er dieſem Pfade gefolgt, hat, um es zu können, das kleine Kapital ſeiner mütterlichen Erbſchaft ver⸗ wendet. Zuerſt iſt er allein ſorgend für Thereſe einge⸗ * * 60 treten, hat ſie beinahe drei Jahre hindurch in einer Erziehungsanſtalt erhalten. Dann hat er ihr, aus Rückſicht für uns, auch noch den letzten Schliff feine⸗ rer geſellſchaftlicher Bildung angedeihen laſſen. Zu dieſem Behufe iſt Thereſe ſeit Jahresfriſt im Hauſe 2 einer edlen Frau von vollendeter Weltbildung, einer künſtleriſchen Gönn erin Eduard's. welche ihn mit herz⸗ lichem Wohlwollen unterſtützt und Thereſe uns ſelbſt zuführen will. Die Braut liebt jetzt nicht allein den Wohlthäter, ſie liebt in Eduard den Mann als Mittelpunkt ihres Weſens. So iſt der erſte Theil ſeines Plans gelungen. Nicht minder iſt es der zweite, welchen er, ſobald der erſte zu glücken begann, mit dieſem parallel verfolgt. Eduard's Vorſtudien für die Landwirthſchaft, auf welche er, meiner dereinſtigen Unterſtützung gewiß, die Exi⸗ ſtenz ſeiner künftigen Familie viel ſicherer zu begründen glaubte, als auf ſeine, kaum ſein eigenes Daſein fri⸗ ſtende Kunſt, ſind beendet. Eine Pachtung bietet ſich dar. Dazu bittet er mich um viertauſend Thaler Vorſchuß, ſchenkt mir, in ſeiner Art, die Mittheilung ſeines großen Geheimniſſes, ſein allerdings nun nicht mehr lediglich durch mich herbeigeführtes Eingehen auf mei⸗ nen Wunſch, das heißt ſein Landwirthwerden, als An⸗ gebinde zum morgenden Geburtstag und bittet mich um mein Fürwort lei Dir zu nachträglichem väterlichen 61 Gutheißen deſſen, was er aus freier Selbſtbeſtimmung für ſich und alle Betheiligten für gut befand.“ Herr von Leteln hatte zuerſt mit nicht wenig verwundertem Kopfſchütteln, dann mit immer ſich meh⸗ renden Zeichen des Beifalls, zuletzt mit jenem Aus⸗ druck ſelbſtgenügſamer Zufriedenheit zugehört, welche bei ihm den Umſchlag in roſigſte Laune zu verkünden pflegte. „Gemüth“, meinte er, als die Schweſter ſchwieg, „habe ich Eduard immer zugetraut, aber niemals ſo viel planvolle Ueberlegung, noch weniger ſolche Nach⸗ haltigkeit im Durchführen. Er muß zu einem ziemli⸗ chen Abſchluß in ſeiner Bildung gelangt ſein. Nun, je unvorhergeſehener, deſto willkommener. Aber wer, woher iſt das Mädchen?“ „Darüber ſchwieg Eduard, behält alles Weitere mündlicher Mittheilung vor. Morgen iſt er hier; empfange ihn gütig!“ „Von ganzem Herzen und mehr noch, mit aner⸗ kennender Achtung, aber, Sidonie, Du weißt das am beſten, mit leeren Händen. Geld habe ich nicht, ich müßte den letzten Reſt meines Antheils am Gute ver⸗ pfänden.“ „Das ſollſt Du, brauchſt Du nicht!“ „Aha, daher Dein vorhin mich ſo überſtürzen der Plan.“. *„Von meinem Plane“, erwiderte nun Fräulein 62 Sidonie ſehr ernſt, aber freundlich und entzog ſich, wie in wiederkehrendem Weh über verkannte Abſicht und verletzte Würde, faſt gewaltſam dem Bruder, welcher ſie bis jetzt an ſeiner Seite feſtgehalten hatte—„von meinem Plane kann nach dem, was Du vorhin ge⸗ äußert, keine Rede mehr ſein, wenigſtens inſoweit nicht, als er den Schein gehabt hat, Dich bevormunden zu wollen.“. 3 Ohne auf die Antwort ihres Bruders weiter zu achten, war Sidonie an das andere Ende des Ge⸗ machs zu ihrem Schreibtiſch gegangen, hatte dieſen ge⸗ öffnet, ſich vor ihm niedergeſetzt, einen zweiten Stuhl herbeigezogen und winkte nun mit halber Wendung des Kopfes dem Bruder, neben ihr Platz zu neh⸗ men. Herr von Leteln gehorchte mit erwartungsvollem Lächeln. In Haltung und ⸗Miene der Schweſter ſchien ein Entſchluß, der viel gekoſtet haben mochte, zugleich mit Freude darüber, daß er trotzdem gefaßt war, zu Tage zu kommen. Geſchäftig und nicht ohne einige Anſtrengung hoben ihre zarten, ſchmalen Hände aus einem tiefern Fach des Schranks ein ſchön gebun⸗ denes Buch in ſehr großem Octav hervor und hielten dem Bruder das Rückenſchild mit der Aufſchrift: „Geſammelte Schriften“ hin.„Nimm das!“ ſagte ſie zugleich in einem Tone, an dem Stolz, Freude und Schalkhaftigkeit gleichviel Antheil zu haben ſchienen. 3 63 Als ſie dann dem Erſtaunten und von dieſer Art der Hülfe erſichtlich nicht eben Gehobenen den ſchön lackir⸗ ten Blechkaſten, als welcher ſich das Buch erwies, geöff⸗ net und hinzugeſetzt hatte:„Wenn auch nicht voll, doch beinahe vierzehntauſend dreihundert Thaler in Werthpapie⸗ ren!“ fragte er, erſt verblüfft:„Und das haſt Du mir bis jetzt verſchwiegen?“ Dann aber hob er, ſelbſt aufſprin⸗ gend, die Schweſter zu ſich empor und trug ſie unter den Jubelworten:„O ſchlangenkluges Täubchen, das ſeinen Schatz vor dem Geier von Bruder verbirgt!“ im Zimmer umher. Abwehrend fragte Sidonie zurück:„Habe ich Dir nicht oft und immer treu geholfen?“ „Gewiß!“ erwiderte er und trug ſie auf ihren Seſſel am Schreibtiſch zurück;„gewiß haſt Du mir treu und viel⸗ fach, mehr, als ich's verdiene, geholfen. Aber um ſo mehr erſtaune ich und kniee verehrungsvoll vor Dir nieder. Laß mich nur. Femme auteur! Wer, wie Du, zu ſchreiben verſteht, hat auf Unſterblichkeit, auf knieende Verehrung Anſpruch. Deine geſammelten Schriften hier, ſind ſie nicht wie die Morgenſtunde, haben ſie, wenn auch nicht Gold, doch goldgleiches Papier im Munde?“ „Setz Dich, Georg, und laß endlich den Spott mit femme auteur, den ich nicht leiden mag. Stehe auf und ſetze Dich. Der Erregung, des Streits und 8 64 des Scherzes ſei nun genug. Erwäge und handle, und zwar Beides ohne Rückſicht auf mich. Glaubſt Du mit Eduard hier in enger Gemeinſchaft nicht ausdauern zu können, ſo gieb ihm viertauſend Thaler als Vorſchuß zur Caution für ſeine Pachtung und lege noch tauſend Thaler zur Ausſtattung für die junge Frau bei. War es aber nur eine Wallung von Dir, welche Dich vorhin be⸗ ſtimmte, zu äußern, einer von Euch müſſe den Platz räumen, und kommſt Du darüber zu beſſerer Einſicht, wie ich wünſche, ſo nimm die fünftauſend Thaler für Dich, bezahle damit den nicht zu meinen Gunſten auf das Gut eingeſchriebenen Reſt Deiner Schuld und benutze die Dir dadurch zu gute kommenden Zinſen, um all⸗ winterlich einen Ausflug aus der Langenweile von hier zu unternehmen. Hier aber inthroniſire Eduard. Hier iſt Caution für ihn nicht erforderlich, wohl aber iſt mehr aals hinreichender Platz für ihn und die künftige Frau. Deren Ausſtattung übernehme ich, zur Inthroniſirung gebe ich nur meine Zuſtimmung, erſcheine überhaupt nur als nicht zu übergehende Nebenfigur. Die Haupt⸗ ſache muß von Dir ausgehen, und indem Du nicht blos meinen Plan ausführſt, ſondern auch als deſſen Urheber erſcheinſt, ſtellt ſich durch väterliches Entgegen⸗ kommen die bis dahin erſchüttert geweſene Autorität am ſicherſten wieder her. Rede nicht, entſcheide Dich auch nicht gleich, thue mir's zu Liebe. Gehe jetzt 65 zum Diner. Der Oberſtlieutenant und ſein Adjutant werden ſchon warten. Entſchuldige mich bei unſern Gäſten, vor denen ich mich mit Spuren ſolcher Auf⸗ regung nicht wohl zeigen kann. Ich bitte Dich, rede nicht weiter. Gönne mir Ruhe, und ehe Du gegen Abend wieder hinübergehſt in das Bad, um Deine Einladungen für morgen abzuändern, komme mir, und ſage mir, wie Du Dich entſchloſſen haſt.“ Als Herr von Leteln nach einigen Stunden wieder zur Schweſter kam, hatte er jenes Gedicht, das ihn während der. Morgenſtunden ſo aufregend beſchäftigte, verbrannt. Völlig wieder im Gleichgewicht mit ſeiner beſſern Natur, erklärte er ſich unumwunden für den Plan der Schweſter, nannte dieſen heilſam für alle, erging ſich mit überſprudelnder Heiterkeit im Ausma⸗ len der Zukunft auf Schwarzenhof und wanderte dann wohlgemuth, um ſeine Anordnungen für das morgende Feſt zu treffen, durch die Abendkühle dem Bade zu. Der Kurort liegt am Fuße eines nicht unbedeu⸗ tenden Höhenzugs und innerhalb der Vorhügel deſ⸗ ſelben. Durch dieſe hindurch ſucht, mehrfach ſich krüm⸗ mend, ein munterer Gebirgsfluß den Ausgang ins Freie. In der ſchärfſten ſeiner Windungen, gerade da, wo er mit lebhaftem Rauſchen über ein letztes Hinder⸗ niß hinweg völlig in die Ebene tritt, gerade da enden, in der Richtung nach Schwarzenhof zu, die Parkanlagen Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 5 66 des Bades. Der Punkt bezeichnet ſich weithin ſichtbar durch einen Pavillon auf ziemlich ſteilem, von Buſch und Baum umgrünten Felsvorſprunge. Doch lockt der lohnende Ausblick, welchen er bietet, nur wenige Beſucher. Am einſamſten iſt er in der Abendkühle, und die beiden Damen, welche jetzt, ohne Rückſicht auf dieſe, den Pavillon bald verlaſſen, bald wieder in denſelben eintreten, erwarten wohl eine ſehr erwünſchte, aber fort und fort ſich verzögernde Ankunft. Sie ſcheinen ſich in die Beobachtung getheilt zu haben, denn während die eine ſtromabwärts nach dem Fahrhäuschen blickt, welches den Uebergang über den Fluß von Schwarzenhof her vermittelt, ſpäht die andere ſtromaufwärts bald nach der großen Landſtraße, die auf dem andern Ufer in den Kurort führt, bald in den ſchattigen Waldweg hinein, mittels deſſen man vom Bade her zum Pavillon gelangt. „Noch immer nicht!“ ſagte jetzt die letztere, eine Geſtalt von kaum mittlerer Frauengröße. Ihre Schön⸗ heit iſt im vollen Uebergange zum Imperfectum und ſchon weit mehr Beſtandtheil einer rüſtigen als roſigen Geſundheit. Die ganze Erſcheinung trägt den Stem⸗ pel geſchmackvoller Eleganz. Um zu imponiren, iſt die Figur, zumal ihre Formen zur Fülle neigen, nicht groß genug. Graziöſe Würde iſt aber trotzdem nicht minder in Haltung als Bewegung vorhanden. Aus den 67 dunklen Augen reden Verſtand und Güte, aber auch eine gewiſſe muntere Energie, welche ſich in gewandteſter Sicherheit des Auftretens, in Ton, Miene und Manie⸗ ren kund gibt. „Wir müſſen Geduld haben, liebſte Thereſe!“ ſetzte ſie hinzu und trat ins Innere des Pavillons zu⸗ rück, der jüngern Genoſſin entgegen, einer hohen Ge⸗ ſtalt von kräftigem, aber feinem Wuchs. Dieſer zeich⸗ nete ſich in langer, ſchlanker Taille und prächtigen Schultern. Der Kopf, obwohl von über jedem Tadel erhabener Form, bietet doch beinahe nicht Raum ge⸗ nug, die Fülle des ſchwarzbraunen Haares in Scheitel und Flechten zu bergen, während das liebliche Antlitz im Profil an griechiſche Urbilder erinnert. Wenn es ſich voll und lächelnd gegen den Beſchauer wendet, übt es den Zauber holdſeliger, vom harmloſeſten Frohſinn getra⸗ gener Freundlichkeit. Für den Kenner indeß redet aus die⸗ ſen anmuthsvollen Zügen doch weit mehr herzgewin⸗ nende Güte als tieferes Denken, und wenn der kleine roſige Mund ſüßen Tons in naivſter Kindlichkeit aus⸗ drückt, was zuvor mit dem Herzen gedacht war, ſo offenbart ſich Zwar immer naturwahres Empfinden in einfachſter Form, zugleich aber auch ein gewiſſes, nach geiſtiger Anlehnung trachtendes, demuthsvoll hülfsbedürf⸗ tiges Etwas. Und gerade dieſes Etwas mochte wohl auffallender . 5 ½ 68 als ſonſt hervortreten, während die ältere Freundin halb lächelnd zwar, doch auch halb unwillig Geduld empfahl. Frau von Berger, denn dieſe haben wir vor uns, begütigte deshalb und mahnte ſchließlich:„Muth, mein liebes Herz, nur Muth, beſte Thereſe! Nicht jede dunkle Wolke bringt ein Gewitter. Eduard kommt ge⸗ wiß. Vielleicht iſt er zuerſt nach Schwarzenhof gegan⸗ gen, wie Sie vermuthen; vielleicht auch nicht. Wir müſſen Alles hier abwarten. Hierher iſt er von Ihnen beſchieden. Daß er kommt, iſt mir bei ſeiner Zuverläſſigkeit gewiß. Vielleicht iſt, wenn er von Schwarzenhof kommen ſollte, ſchon Alles gut und günſtig entſchieden. Alſo das Köpfchen hübſch in die Höhe und Muth!“ Thereſe von Aminghauſen erhob langſam ihr ſchönes Haupt und richtete die großen, weitgeſchnittenen Augen, in welchen ein Lächeln mit Thränen zu kämpfen ſchien, faſt vorwurfsvoll auf die ſo gütig und doch mit einer gewiſſen Haſt ihr Zuredende. „ Wie könnte es mir an Muth gebrechen“, ſagte ſie dann,„wenn Sie, verehrte gnädige Frau, mir nahe ſind! Was Sie und Eduard über mich beſchloſſen, hat ja immer zu meinem Heil geführt. Ich ſehe auch ein, daß es, wie die Umſtände einmal liegen, zweckmäßig war, mich hierher zu bringen, damit mich Eduard's Vater und Tante vorher kennen lernen— „Und um Ihrer ſelbſt willen lieb gewinnen ſollten“, 69 unterbrach ſie Frau von Berger.„Nun, das iſt ja, ſoweit ich Alles überſchaue, gelungen. Eduard muß jeden Augenblick kommen, und heute noch oder ſpäte⸗ ſtens morgen, am Geburtstage der alten Tante, erfolgt die Offenbarung Eures großen oder kleinen Geheim⸗ niſſes. Sollten ſich, was ich aber nicht glaube, Schwie⸗ rigkeiten erheben, nun, ſo wiſſen Sie ja, daß Eduard Mann genug iſt, ſeiner freien Selbſtbeſtimmung zu folgen, nachdem er hier gethan, was er der Chrerbie⸗ tung gegen Vater und Tante ſchuldig iſt.“ Fräulein von Aminghauſen ſchien zu einer ſchnellen Antwort bereit, es war aber, als ob ſie vor derſelben zurückſchrecke. Offenbar lag ihr daran, etwas zu glei⸗ cher Zeit zu verrathen und zu verhüllen. Aus hold⸗ ſeligſter Verſchämtheit kam ein Liebreiz über ſie, ſo unwiderſtehlich, wie ihn Frau von Berger früher noch niemals an ihr wahrgenommen. „Aber was haben Sie denn, Thereſe?“ fragte ſie endlich;„was haben Sie, mein liebes, herziges Kind, mein Augapfel? Sprechen Sie ſich doch aus!“ „„Ach, zur Tante“, war die zögernde, gegen das Ende hin faſt ſich überſtürzende Antwort,„zur Tante habe ich wohl alles Vertrauen, aber keins zu dem Vater. Sein Weſen iſt mir unheimlich. Ihm gegenüber erfüllt mich die mir aufgedrungene Vorſtellung mit Pein. Seit geſtern Abend bin ich 70 ſo unruhig und fürchte faſt, die Braut des Sohnes hat dem künftigen Schwiegervater weit mehr Wohl⸗ wollen abgewonnen, als gut iſt.“ Frau von Berger lachte, zog den Shawl dichter um die Schultern und verſicherte, indem ſie den ver⸗ legenen Liebling mit ſorgender Hand in ein Män⸗ telchen hüllte, galante Anwandlungen wie die des Präſidenten ſeien nicht wichtiger zu nehmen wie der Wind, von dem man ſich entweder abkühlen laſſe, oder gegen den man ſich einhülle, wenn man Erkältung fürchte. Fräulein Thereſe lächelte nun auch, meinte aber, ihre Verwirrung ſei eine vollkommen gerechte, ihre Pein eine doppelte. Denn zuerſt müſſe es ihr doch weh thun, wenn der zukünftige Schwiegervater ſelbſt nicht die gehörige Haltung offenbare; dann aber ſei auch nicht in Abrede zu ſtellen, daß ſie den Präſi⸗ denten zu ſolcher Haltung halb und halb verleite, weil ſie, welcher ja freundliches Entgegenkommen geboten ſei, nicht abwehre, wie ſie wohl möchte. Frrau von Berger theilte dieſe Anſicht, hielt aber dafür, daß Thereſe ihre über den Präſidenten erlangte Gewalt überſchätze, eine Nebenbuhlerin ganz überſehe, die nicht zu verachten und auf dem Punkte ſei, ganz glücklich zu werden. „Ja, ja“, fuhr die innerlich ſehr beluſtigte kleine Frau fort,„wenn ich die Blicke und geheimnißvollen * 71 Andeutungen, welche geſtern mir zufielen, während doch Herr von Leteln ſo ganz mit Ihnen beſchäftigt ſchien, richtig überſetze, ſo iſt Ihr Herr Schwiegervater mit einem Heirathsantrage für mich unterwegs. Ihr er⸗ ſtaunter Blick fragt mich, ob ich mich nicht irre? Was ich eintretenden Falles zu thun gedenke? Nun, der Herr Präſident ſchenkt mir die Ehre ſeiner Be⸗ werbung, weil ich geiſtvoll, welterfahren und ſalon⸗ gewandt genug bin, um mit mir zu prunken, vor allem, weil ich auch die materiellen Mittel beſitze, ihm jene Annehmlichkeiten und Vorzüge innerhalb des Hau⸗ ſes zu bieten, welche er außerhalb deſſelben zu ſuchen nicht mehr lebensfriſch und geſund genug iſt. Be⸗ ſäße ich, liebſte Thereſe, äußerlich Ihre Schönheit und innerlich Ihre Fügſamkeit, ſo wäre ihm das ſicherlich eine erwünſchte Beigabe. Das Alles iſt mir klar. Gleichwohl würde ich, was die Welt ſo nennt, eine ganz glückliche Partie machen. Er, der, wenn er will, ſo überaus ange⸗ nehme Mann, der Mann von Rang würde die Wittwe aus dem beſcheidenen Hintergrunde wieder hervorführen, würde ein neuer Strebepfeiler für ihr Haus, dieſem ein neues, erweitertes Anſehen verleihen. Und drinnen? Nun, da würde er mich hüten, tragen und wahren, etwa wie ein köſtliches, das Leben verlängerndes und verſchönerndes Elixir. Ich aber würde für ſeine Erhei⸗ * 72 terung ſorgen, aufmerkſam ſein für ihn bis ins Ein⸗ zelnſte, und mit dieſer Tugend für ihn würde ich ihn beherrſchen. Alternde Männer werden dadurch leicht unterjocht. Aber was iſt Ihnen denn, liebe Thereſe? Sie ſind ja mit einem Male ſo düſter! Seien Sie doch heiter und ſo vergnügt wie ich. Sehen Sie, wie wun⸗ derherrlich ſich die Sonne zum Untergange neigt, die Wiederkehr des ſchönſten Tages verkündend! So geht auch unſere Maskerade hier zu Ende und mor⸗ gen ſind wir im Reinen. Alles läßt ſich vortrefflich an. Worüber ſeufzen Sie denn? Daß Eduard noch nicht hier iſt?“ „O nein, er kommt gewiß!“ „Nun, wenn das nicht, worüber denn?“ „Darüber, daß ich aus Armuth und Dienſtbar⸗ keit in eine mir fremde Welt verſetzt und, ſo gern ich's auch möchte, doch nicht im Stande bin, ihren Forde⸗ rungen zu genügen.“ „Welche Grübelei! Armuth und Dienſtbarkeit, wie Sie beide durchgemacht haben, gereichen zur Ehre. Uebrigens weiß Niemand davon, wenn Sie es nicht ſelbſt offenbaren. Durch Ihre adlige Geburt, noch mehr durch Eduard's Wahl gehören Sie den höhern Kreiſen an. In der Penſion haben Sie raſch und tüchtig nachgeholt, was in Ihrer geiſtigen Bildung verſäumt war. Bei mir haben Sie dann praktiſch wirthſchaften 8 73 gelernt, und ich bin überzeugt, daß Sie mit einigem, aber nicht zu hohem Lehrgelde Ihrem Hauſe mit jener Pünktlichkeit und geſchmackvollen Nettigkeit vorſtehen werden, welche das Zweckmäßige im Gepräge und nicht blos im Schimmer der Eleganz zur Erſcheinung brin⸗ gen. Auch in die geſelligen Gewohnheiten der Ihnen früher ſo fremden Welt haben Sie ſich leicht und ſchnell gefunden. Und nicht nur das, Sie haben ſogar eine ganz allerliebſte Glätte der Form gewonnen, mit⸗ tels welcher Sie ſich vorſichtig durch und um die Klippen, Strömungen und Untiefen des Verkehrs ſo einneh⸗ mend zu winden wiſſen, daß nur Ihre nächſten Ver⸗ trauten deutlich erkennen, woran es Ihnen gebricht: an Selbſtvertrauen und Entſchloſſenheit. Beides wird kommen, ſobald Sie mehr Welt⸗ und Menſchenkennt⸗ niß, oder beſſer, mehr Kenntniß des eigenen Herzens gewinnen. Denn das merken Sie ſich, liebes Kind, den Menſchen oder das Menſchenweſen lernt man gründ⸗ lich erſt dann verſtehen, wenn man in den Fußpfaden und Schleichwegen und Schlupfwinkeln des eigenen Herzens ſich immer und immer wieder ſelbſt ertappt, ſich ehrlich ſagt: Du haſt weit öfter Urfache, vor dir ſelbſt Grauen zu empfinden, als dich an dir ſelbſt zu freuen. Alſo, was Sie ſind und können, reicht für Ihre Aufgabe vollkommen aus. Bis zur weltfertigen, von ſich ſelbſt durchdrungenen Salondame haben Sie es freilich nicht 74 gebracht, und da der Wunſch nach ſolcher Weltfer⸗ tigkeit Ihrem ſtillen Sinne, Ihrem frauenhaften Sicheinſpinnen in die Welt des Gemüths bisher völlig fremd war, ſo faſſe ich nicht, was Sie, da Ihnen nichts fehlt, mit einem Male als Mangel in Ihrer Befähigung beunruhigen kann.“ Die junge Dame antwortete zögernd und aus⸗ weichend. Sie fürchtete, trotz des eben empfangenen Lobes, doch nicht leiſten zu können, was zum Bei⸗ ſpiel ihr künftiger Herr Schwiegervater von ihr zu fordern geneigt ſein möchte, und ſchloß mit einem faſt ans Komiſche ſtreifenden, aber ſehr ernſt gemeinten Seufzer über die Nothwendigkeit, Schwiegerältern mit heirathen zu müſſen. Frau von Berger würdigte dieſen Seufzer einer lächelnden Zuſtimmung, meinte aber, der Schwiegervater komme denn doch nicht ſo in Betracht, daß er beängſtigen könne, zumal hier, wo ſich die angehende Frau Schwiegertochter eines Wohl⸗ wollens erfreue, deſſen Uebermaß ſie noch vor wenigen Minuten beſorgt gemacht habe. Thereſe lächelte nun auch, ſchüttelte aber gleichwohl wie zweifelnd den Kopf und kam auf ihre Rede von einer fremden Welt zurück, für welche ſie immerdar mangelhaft bleiben werde, mangelhaft, weil ihr das Verſtändniß abgehe für ſo manches Urtheil über Menſchen und menſchliche Verhältniſſe, für ſo manche, ihr geradezu unerklärliche 75 Anſchauungen, zum Beiſpiel über die Erforderniſſe zum Glück in der Ehe und über das, was Tugend ſei oder nicht. Immer deutlicher fühlte Frau von Berger heraus, daß ſie es ſelbſt geweſen ſein müſſe, die dem Liebling Anlaß zur Beunruhigung gegeben, und daß dieſer nur aus ehrerbietiger Scheu zurückhalte. Sie fragte deshalb beſtimmt, und Thereſe erklärte nun offen, ihr ſei unheimlich in einer Welt, in welcher ſogar die ausgezeichnetſte, beſte Frau eine Partie beſchlöſſe, wie die mit dem Präſidenten. Laut auflachend ließ Frau von Berger die„liebe Einfalt“ nicht ausreden und bedauerte, auf die Ehre verzichten zu müſſen, von ihr als Schwiegermutter mitgeheirathet zu werden. Nichts ſei weniger beſchloſſen als eine Verbindung mit dem Herrn Präſidenten. Alles Scherzen und Lachen vermochte aber nicht, Thereſens Ernſt umzuſtimmen, und als das junge Mäd⸗ chen, ſchüchtern zwar, doch überzeugungsvoll, einwarf, die wahrſcheinliche Partie müſſe, wo nicht ſchon be⸗ ſchloſſen, doch mindeſtens reiflich erwogen ſein, denn ſonſt habe das Urtheil über die Abſichten und Eigenſchaften des Präſidenten, über das mögliche Glück mit ihm und über die Tugend, durch welche es zu erringen wäre, nicht ſo genau und völlig fertig hervortreten können, da wurde Frau von Berger, dem Schützen gleich, auf den der eigene Pfeil zurückfliegt, betroffen. 76 Ihr dunkles Auge flammte. Es leuchtete nicht mehr harmloſe innere Beluſtigung oder Beherrſchung der Umſtände und des Geſprächs, nein, es leuchtete Ver⸗ wirrung, Mißmuth, eine tief gehende Gefühlsauf⸗ regung aus ihm, die ſich nach kurzem, doch erſichtlich inhaltſchwerem, wie in die Ferne gerichtetem Sinnen mit den Worten Bahn brach:„Der alte Galan! Am Ende bringt er mich auch noch bei Ihnen in ein fal⸗ ſches Licht. Nur ſeinem Gegenſatz hat er es zu danken, daß ich über ihn nachgedacht habe.“ Am Schluß dieſer leidenſchaftlichen Rede ſchien Frau von Berger ihren Platz verlaſſen zu wollen. Aber als ob ſie ſchon bei der erſten Bewegung ihre Faſ⸗ ſung und Beſonnenheit wiedergewonnen hätte, ſetzte ſie ſich, kaum halb aufgeſtanden, wieder, lächelte der jungen Dame, welche verlegen ſchwieg, aber bit⸗ tenden Blickes nach Aufſchluß über den Zuſammenhang forſchte, gütig, ja wohlgefällig zu und ſagte, während der Aerger einer Wolke gleich aus ihren Zügen ver⸗ ſchwand:„Sie„haben mich völlig überrumpelt, beſte Thereſe! Nie hätte ich geglaubt, daß Sie aus Ihrem idylliſchen Stillleben ſo geharniſcht hervor⸗ treten, mich mit vorgehaltener Lanze fragen könnten: Was hält man in Deiner Welt von Eheglück und Tugend? Mein liebes Kind! Ihre bisherige und Ihre jetzige Welt werden gleichmäßig von Berechnung und 77 Selbſtſucht beherrſcht, jede nur in andern Formen. Glück, Ehe, Tugend! Ganze Bibliotheken ſind dar⸗ über geſchrieben worden und ich erſticke faſt vom Staube aller Schulweisheit, den Sie da aufgeſtöb t haben. Herzens⸗Thereſe, man kann in der Ehe glücklich ſein, ohne zu beſeligen und beſeligt zu werden; man kann aber auch bei aller Beſeligung kein Glück haben. In einem Bunde, der da Weihe und Dauer von oben empfängt, weil er in der irdi⸗ ſchen Liebe auch immer ein Element der himmliſchen zu vorherrſchender Geltung zu bringen ſucht, in einem ſolchen Bunde bedarf es für Fordern und Leiſten der Gatten keiner Vorſchrift. Da, wo dies nicht der Fall, verläuft jede Vorſchrift ins Breite, Allgemeine, iſt, wo nicht unnütz, doch ſelten ſehr fruchtbar. Glücklich iſt man durch äußere, zufällige, ſelig durch innere, unvergängliche Güter, und was den Ausdruck Tugend betrifft, ſo ſcheint er mir an ſich ſelbſt ſehr unbe⸗ ſtimmt und wandelbar, ich möchte behaupten, leer. Seinen Inhalt, wenigſtens die volle Bedeutung deſ⸗ ſelben nimmt er immer erſt von der Stelle an, auf welcher eine menſchliche Eigenſchaft für Andere ſicht⸗ bar und von ihnen in wohlthuender Wirkung gefühlt wird. Ein anderer, unrechter Platz, und der Werth. jener Eigenſchaft verändert ſich, oft ſogar der Name. Von welchem Standpunkt aus betrachten Sie denn 4 78 Leiſtung und Gegenleiſtung, überhaupt Ihr künftiges Verhältniß zu Eduard?“ „O, das iſt ſehr einfach“, rief Thereſe mit ſtrah⸗ den Augen.„Ich habe einen Auserwählten, der mir 1 ganzes Leben weiht, der mich liebreich belehrt, mn ich irre, der mich tröſtet, wo ich traure, der mir beiſteht in jedem Vorgang meines Lebens, der mich nicht verläßt, wenn Krankheit und Alter den Reiz, der ihn zuerſt an mich gefeſſelt hat, vermindern und zer⸗ ſtören, und der mir bei meinem Tode noch beweiſt, daß ich ihm über Alles lieb war, dem ich dafür diene, ſo⸗ lange ich athme, diene, weil dienen in meinem Sinne lieben iſt.“ Frau von Berger lauſchte dieſer Rede mit einem aus innigſter Rührung und befriedigendſter Genug⸗ thuung gemiſchten, ihr überaus wohlthuenden Gefühl. War doch Thereſe, das ihr anvertraute Naturkind, von Sentimentalität und moderner Verbildung frei geblie⸗ ben. Was Wunder, daß die Dame dies ihrem er⸗ zieheriſchen Einfluß beimaß, daß Thereſe in dieſem Augenblicke ihr vorkam wie die lieblichſte Erſcheinung verkörperter Harmonie. Zärtlichſt umarmte ſie den Lieb⸗ ling und ſagte mit thränenerfülltem Auge:„Bleiben Sie auf dieſem Standpunkt und werden Sie von ihm aus nur Ihren Anſichten, Ihren Vorſätzen gerecht. Alle Tugenden, welche erforderlich ſind und über 79 welche, nach Ihrer Meinung, das Urtheil der Welt ſo wankelmüthig verſchieden lautet, werden Sie dann üben, ebenſo unbewußt üben, wie Sie ſich jetzt auch die letzte Falte meines Herzens eröffnet haben. wahr, Thereſe, ich bin Ihnen vorhin räthſell ſchienen, Sie ſind an der Frau, die Sie ve vielleicht bewunderten, zu der Sie mit einer gewiſſen Ehrfurcht, wie zu einer hohen Gönnerin emporſchauten, irre geworden, weil ſie ernſte, von Ihnen als heilig empfundene Dinge leichtfertig, mindeſtens ſcherzhaft be⸗ handelt hat? Iſt's nicht ſo, Thereſe?“ Das junge Mädchen, erſtaunt, faſt beſchämt, ſolcher Huld gewürdigt zu werden, und gleichwohl nicht ohne durchſchimmernde innere Gehobenheit darüber, ſchmiegte ſich voll Dank mit ſtummer Bejahung noch näher an die Herzensergründerin neben ihr, welche nun wie in tiefer Melancholie zu reden fortfuhr: „Die Wirkung, welche jener Scherz auf Sie hervorbrachte, wurde mir zur Verlegenheit. In dieſer verrieth ich durch in der Leidenſchaft mir entſchlüpfte Worte ein Etwas, das ich dann wieder zu verhehlen ſuchte, weil es mein innerſtes, eigenſtes, mir ſelbſt kaum zu⸗ geſtandenes Geheimniß betraf und weil ich gerade dieſes nicht füglich vereinbar fand mit meiner Mutterrolle Ihnen gegenüber. Vor etwa drei Jahren, zu einer Zeit alſo, wo 80 ich vierzehn Jahr älter war als Sie jetzt, bin ich noch Gegenſtand einer edeln, bis zu poetiſcher Schwär⸗ merei emporgetragenen Neigung geweſen, einer Huldi⸗ mjo zart, ſo fein, ſo mein innerſtes Weſen an⸗ daß ich wahrſcheinlich nicht widerſtanden enn es zur ausgeſprochenen Werbung gekom⸗ men wäre. Zu einer ſolchen habe ich, wie ſchwer es ir zuweilen ward, doch nie, auch nicht von fern er⸗ Guehngt weil Herr von Darfeld, wenngleich nicht viel, doch jünger war als ich. Nur um ſeinetwillen habe ich dieſes Mißverhältniß als Hinderniß feſtgehalten. Er iſt einer von den Offizieren, welche Ihnen geſtern Abend vorgeſtellt wurden; Sie erinnern ſich ſeiner aber wohl nicht mehr, da er nicht zu den Tanzenden gehörte.“ — „Doch, doch“, fiel Thereſe ein;„es if gewiß der⸗ ſelbe, der mit dem wunderlichen alten Hauptmann in Civil, meinem ſchweigſamen, aber unabläſſigen Ver⸗ folger, ſo vertraut ſchien und ſich, als er Sie erblickte, zu Ihnen, mitten durch die Tanzenden hin, ſo voll freudiger Haſt Bahn brach.“ „Derſelbe“, beſtätigte Frau von Berger,„der⸗ ſelbe unſcheinbare Mann, der neben der äußern Statt⸗ lichkeit des Präſidenten beinahe verſchwand; derſelbe, deſſen ungeheuchelte, ehrliche, warme Freude über das unvermuthete Wiederſehen ſo bald ſich trübte; der⸗ 81 ſelbe, der immer befangener in ſich zurücktrat, je mehr er Zeuge ward von der Befliſſenheit des Präſidenten, mir angenehm zu ſein, und von der muntern Laune, mit welcher ich dieſes Bemühen, wenn nicht entgegen⸗ kommend, doch auch nicht abwehrend hinnahm. Daß ich mich ſo verhielt, geſchah, um ehrlich zu ſein, zu⸗ nächſt, weil ich mich amüſirte, dann aber, weil es mir, der Zukunft wegen, geeigneter erſchien, wenn Herrn von Leteln's ſich überſtürzende Huldigungen weit eher mir als dem jungen Mädchen galten, das viel⸗ leicht morgen als erklärte Braut ſeines Sohnes hier vor der Badewelt auftritt. Als Herr von Darfeld dazu kam, wurde ich aufgeregt und ſetzte in der Auf⸗ geregtheit meine Rolle viel munterer fort, als nöthig war. Warum? Seltſam genug, aus Pein, einem mir werthen Manne gegenüber in falſches Licht zu ge⸗ rathen, einem Manne, deſſen heißeſter, wenn auch nicht laut gewordener Wunſch rein meinem Ich und unſerer Uebereinſtimmung in Allem, was dem Menſchen heilig ſein ſoll, gegolten hatte. Kurz vorher, ehe Sie in mein Haus kamen, war er verſetzt worden, wie ich allen Grund habe, zu glauben, auf ſein eigenes Be⸗ treiben, weil er mit einer Leidenſchaft brechen wollte, die er für hoffnungslos hielt und der er, weil er arm und auch im Avancement zurückgeblieben iſt, meinem Vermögen, meinen Verbindungen und meiner Zurück⸗ Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 6 82 haltung gegenüber das werbende Wort vielleicht um ſo ſtolzer verſagte. So ſtand er mir, ganz der Gegen⸗ ſatz des Praſidenien⸗ plötzlich wieder nahe, und Sie wiſſen. nun— Frau von Berger erſtarb das Wort auf den Lippen, denn mit einem Male ertönte zu ihren und Thereſens höchſtem Erſchrecken ein ſonores:„Servus, meine Damens! Schöner Abend heute, pumpöſe Aus⸗ ſicht hier!“ in den Pavillon hinein, und aus dem Gebüſch, das deſſen Unterbau umlaubt, ſchritt Haupt⸗ mann Schwendler hervor. Aufgeſcheucht zu unwillkür⸗ licher Flucht, eilten beide Damen Hand in Hand dem Ausgange zu, wichen aber noch beſtürzter zurück, als der alte Herr ihnen auf der Schwelle den Weg vertrat. Es mochte ihm ſelbſt erſt jetzt eine Ahnung davon kommen, daß und wie ſehr er erſchreckt habe. Denn ſelbſt in einiger Verwirrung, ſchien er, einen halben Schritt zurückweichend, unter ehrerbietigem Gruß ſich ſammeln zu wollen und ſagte dann, während ein gutmüthiges Lächeln ſeine Züge überflog, mit dem ihm möglich weichſten, jetzt wahrhaft vertrauenerregenden Tone:„Ex⸗ küſe, meine verehrten Damens! Erſchrecken habe ich nicht wollen, man blos warnen. Meinetwegen hätten Sie noch bis in die Nacht fort plaudern können und Parol! was ich davon gehört habe, bleibt unter uns. Aber da ſchleicht noch einer herum. Er guckte von da 83 unten immer nach das Häuschen hier, kletterte mit einem Male hier an dem Felſen herauf und machte, wie er mich erblickte, kurz Kehrt. Jetzt kommt er vielleicht von da hinten.“ 1 3 Thereſe, den Zuſammenhang ahnend, eilte der von Schwendler angegebenen Richtung folgend ans Fenſter, beugte ſich zum Ausſchauen vor und rief dann: „Eduard! Gott ſei Dank, endlich!“ „Na, wenn's Eduard iſt“, meinte nun der alte Herr,„dann bin ich überflüſſig. Recommando und nichts vor ungut.“ Wenige Minuten nachher zog ein junger Mann von faſt athletiſcher Geſtalt mit rothbraunem, aber wohlgepflegtem Haar und eben ſolchem um Wangen, Lippen und Kinn ſich kräuſelnden Bartwuchs das lieb⸗ liche Mädchen an ſein Herz, und eins der ſchönſten Gebilde, das die Natur in Frauengeſichtern hervor⸗ gebracht, weidete ſich mit ſtummem Entzücken, ſchien ſich nicht ſatt ſehen zu können an den allerdings durch⸗ aus nicht ſchönen, aber, weil edel durchgeiſtigt, innere Schönheit verrathenden Zügen des Geliebten. Frau von Berger erinnerte endlich, daß auch ſie da ſei, und duldete, als der Freund nun ſein ſüßes Recht zu um⸗ armen auch bei ihr wiederholt geltend machte, gütig dieſen Ausbruch ſtürmiſch dankvoller Freude. Als man zu ruhigerer Ausſprache Letomunen war, 84 redete Thereſe von dem ſchon brieflich geſchilderten überaus günſtigen Eindruck, welchen ſie, ohne jedes Buhlen um Gunſt, auf Eduard's Vater und Tante hervorgebracht zu haben glaubte, und Frau von Berger beſtätigte dies in ihrer, ſeit Eduard da war, ihr wieder zurückgekehrten muntern Weiſe. Der Herr Papa, meinte ſie, ſei auf dem Wege, ein vor der Kurwelt ausgeſprochener Anbeter Thereſens zu werden, und dieſe habe außerdem noch eine Eroberung gemacht, welche ſich im Gegenſatz zu dem Präſidenten in ſchweigender Bewunderung fern halte, Thereſen aber unbeobachtet auf Tritt und Schritt zu folgen ſcheine. Geſtern Abend ſeien beide Rivalen in einer beinahe Aufſehen erre⸗ genden Scene an einander gerathen und heute habe der alte Schwendler ſie ſogar hier belauſcht. Ein Ge⸗ plauder der Badegeſellſchaft über Thereſe ſei zu befürch⸗ ten. Dem vorzubeugen und da überdies der Präſident für morgen ſchon zu einem Feſte auf Schwarzenhof eingeladen habe, möge Eduard ſchon heute nach Schwarzenhof gehen, die von der Tante mündlich erbe⸗ tene Entſcheidung einzuholen. Thereſe unterſtützte die Mahnung zur Eile, und Eduard, theils beluſtigt, theils ärgerlich über dieſe Wendung der Dinge, ſchritt, wäh⸗ rend die Damen den Rückweg nach dem Kurort an⸗ traten, dem Fährhauſe zu. Als er, unten angelangt, aus dem Gebüſch an die 85 Landeſtelle trat, ſtieß eben vom andern Ufer der Kahn ab, den Präſidenten herüberzuführen. Dieſer Aermſte! Es war, als ob ihn das Mißgeſchick erkoren gehabt hätte, heute überall entweder unliebſam gekreuzt oder unangenehm überraſcht zu werden. Während ſeiner Wanderung nach dem Badeorte hatte er ſchon von weitem zwei Damen im Pavillon wahrgenommen, mit Hülfe des Glaſes hatte er ſie auch erkannt und im Fortſchlendern, von Zeit zu Zeit in die Höhe blickend, bemerkt, daß bald die eine, bald die andere in der Fenſterlücke erſchien, um ſpähend und vorzugsweiſe nach Schwarzenhof hin auszuſchauen. In einer Art von ſchwelgender Erinnerung an geſtern Abend hatte er geglaubt ſich zuflüſtern zu dürfen:„Du biſt's, den man erwartet.“ 1 Einige Stunden früher und namentlich ehe Herr von Leteln ſeinen heute Morgen an Frau von Berger gerichteten poetiſchen Erguß wieder vernichtet hatte, würde das Licht des Gedankens:„Das biſt du!“ eine Flamme von ganz anderem Farbenſpiel um ſich ver⸗ breitet, haben. Jetzt leuchtete dieſes Licht dem immer mit ſich ſelbſt Beſchäftigten und nun ſchon wieder in ganz andern Richtungen ſeines Ich Umherſchweifenden eben nur hold und freundlich. Dennoch trug es des perſönlich Schmeichelhaften immer noch zu viel in ſich, als daß Herr von Leteln aus ſeinem Liebäugeln mit 86 ihm nicht in ein ſehr eigenthümliches Sichverwundern hätte übergehen ſollen, als er, gelegentlich wieder ein⸗ mal zum Pavillon aufblickend, gewahren mußte, daß beide Damen abwechſelnd und, wie ihm vorkam, Frau von Berger am dauerndſten und innigſten von einem Manne umarmt wurde, in welchem er, der plötzlich ſtutzend ſtehen geblieben war, mit Hülfe des Glaſes allmälig keinen Andern erkannte als den eigenen Herrn Sohn. Nun war aber auch alles Verwundern zu Ende, für Herrn von Leteln's ſchnellen Verſtand Alles zweifellos klar geweſen. Alledem, was die gütige, fürſprechende Schweſter durch Rede und That ſchon in ihm bewirkt, war jetzt neuerdings der liebe Egoismus zu Hülfe gekommen. Kein unangenehmes Gefühl hatte ſich eingemiſcht. Denn wer, da die Schwie⸗ gertochter einmal octroyirt war, hätte ihm als ſolche lieber ſein können wie die ſchöne Thereſe? Weſſen Bürgſchaft für dieſe hätte ihm mehr gegolten als die der liebenswürdigen, vornehmen, reichen, weltgewandten Frau von Berger? Wie friſch und roſig konnte ſich. Alles in dem bisher ſo grauen, trocken langweiligen Herrenhauſe zu Schwarzenhof geſtalten! Wie hübſch mußten die Winterausflüge in die Reſidenz, in das gaſtfreie, für die erwählteſten Cirkel tonangebende Haus der trauten Freundin Berger werden, ja, wie hübſch ſchon malte ſich's aus, wenn er heute Abend noch, zur 87 Ueberraſchung der gütigſten aller Schweſtern, große Verlobung auf morgen verkünde und errathen laſſe, wer und wo jetzt noch die dann erſcheinende Braut ſei. Schon von der Mitte des Stroms her ſah ſich deshalb der junge Mann durch günſtige Vorzeichen empfangen. Was hätte auch der wie zum Drohen erhöbene Finger des Präſidenten zu bedeuten gehabt gegen ſeinen wiederholten, wahrhaft freudigen Zuruf! Bald waren Vater und Sohn in, wie beide jetzt fühlten, lange entbehrter, oft erſehnter Umarmung, Herz an Herz. Der alten Natter wechſelſeitigen Miß⸗ trauens war der Kopf zertreten, Vergangenes vergeben, die Bande der Natur triumphirten. „Die Tante hat alſo geredet? Du billigſt mein Abenteuer? Beſter Vater, glaube mir, es ſoll mein letztes ſein.“ „Alles wird gut werden“, ſagte der Präſident mit Herzlichkeit,„und daß das Abenteuer wirklich Dein letztes ſei“, ſetzte er lächelnd hinzu,„dafür iſt von mir und der Tante beſtens geſorgt. Wir laſſen Dich nicht mehr aus den Fingern. Ich erkläre Dir das gleich. Erſt aber laß Dich einmal gründlich betrachten. Sei nicht böſe! Du brauchſt das auch nicht, denn wahr⸗ haftig, ohne das phantaſtiſche Künſtlercoſtüm ſiehſt Du viel beſſer, ſchmuck genug aus. Die fünf Jahre haben auch äußerlich gut an Dir gearbeitet. Zwar 88 immer noch Barbaroſſa, aber Alles wohl in Zucht und unter der Scheere gehalten; zur hohen, früher noch ungeſchlachten, jetzt impoſanten, in ſicherer Geſchloſſenheit getragenen Figur ein freundlich ſchweig⸗ ſamer Ernſt in den Zügen— wirklich, Eduard, Du ſiehſt über alles Erwarten gut aus. Ja, ja! Der Kampf mit dem Leben iſt nicht leicht, und daß Du ihn, ſeit Du Dich von mir emancipirteſt, tüchtig auf⸗ genommen haſt, merkt man Deiner ganzen Erſcheinung an. Ich bin zufrieden mit Dir, mein Sohn! Ich denke, Du wirſt es auch mit meinen Anſtalten für Deine Zu⸗ kunft ſein. Nach Allem, was ich von Fräulein von Aming⸗ hauſen kennen gelernt habe, billige ich Deine Wahl. Thereſe iſt in der That ſehr ſchön, aber ſehr ſchüch⸗ tern und, nimm es mir nicht übel, ein wenig bornirt. Nun, das hat auch ſein Gutes!“ „Schüchtern mag ſie ſein“, erwiderte Eduard und ſuchte ſein verletztes Gefühl hinter einem Lächeln zu verbergen,„aber, beſter Vater, bei Deiner Frauen⸗ kenntniß ſollteſt Du doch wiſſen, daß gerade die Dum⸗ men am wenigſten ſchüchtern ſind.“ „Gut, gut, mein alter Junge! Wenn ſie auch klug iſt, wird Deine Aufgabe nur um ſo ſchwieriger. Aber das iſt Deine Sache; die meine iſt jetzt, Dir Alles zu erleichtern. Alſo Vorſchuß zu einer Pachtung! Den habe ich nicht, mein lieber Sohn, aber etwas 89 Beſſeres. Es iſt mir gelungen, meinen Antheil an Schwarzenhof völlig ſchuldenfrei zu machen, der der Tante iſt es längſt. Du ſollſt nun Schwarzenhof vor⸗ läufig als unſer Adminiſtrator übernehmen. Keinen Dank! Das war zwiſchen mir und der Tante längſt ausgemacht. Im Hauſe iſt Platz genug für uns und die Deinen; die Einrichtung für Euch wird von der Tante beſorgt werden, und ſo, denke ich, werden wir den Flüchtling von ſonſt nicht mehr aus den Fingern laſſen. Nun ja, Eduard, ich nehme den Ausdruck Deines Dankes in dieſer Umarmung mit Freuden hin. Aber keine Worte weiter. Nie habe ich an Deiner hingebungsvollen Rückkehr zu mir gezweifelt. Nur über Deine Wege dazu war ich unklar. Du vereinſamſt Dich gern, verliebſt Dich nach langem Erwägen in die Idee eines Unternehmens, indem Du, geheimnißvoll zugeknöpft, darüber brüteſt, ich bin geſellig, offen, auf⸗ geräumt, raſch und übereile mich zuweilen— nun haben wir uns wieder zuſammengefunden, ich möchte ſagen, einer den andern in Liebe überliſtet.“ So redete ſich der Präſident immer vergnügter in die Väterlichkeit hinein und ſchien nur das Kommen des Sohnes erwartet zu haben, um lange und reiflich Er⸗ wogenes für dieſen zur Ausführung zu bringen. In dieſer Haltung blieb er auch den Damen gegen über, welche ihn, zuerſt nicht wenig überraſcht und etwas 90 beklommen, zugleich mit Eduard bei ſich eintreten ſahen. Allem, was die gütige, liebenswürdige Gönnerin zu Schutz und Förderung der Abſichten Eduard's für Thereſe gethan, wußte Herr von Leteln den höch⸗ ſten Werth abzugewinnen. Seine Anerkennung war, der Sache nach, ſo fein und verbindlich, daß ſich die etwas anmaßende trauliche Form leichter überhören und Frau von Berger, ſelbſt beglückt, ſo unvermuthet auch zum Glücke des Präſidenten beigetragen zu haben, ſich von ihrem Aehnlichkeitspunkte mit ihm, von der Munterkeit beſtechen und hinreißen ließ. Noch ange⸗ nehmer berührt fand ſich Thereſe. Der Präſi⸗ dent hatte ſie dem Sohne mit ſo viel väterlich würdevoller Huld zugeführt, daß ſelbſt Eduard in der Erregung des Augenblicks dem Vater mit wärmſter Empfindung beimaß, was doch ſein beſſeres Wiſſen von Anfang an dem Einfluß der Tante zugeſchrieben hatte, der guten Tante, welche jetzt kaum beiläufig zur Erwähnung kam. Selbſt die kleine, von den Dreien gegen ihn gerichtete Intrigue beſprach Herr von Leteln mit ſo gefälligem Humor, als ob er Mithelfer an der⸗ ſelben geweſen wäre. Namentlich wußte er Thereſen über ein gewiſſes Schuldbewußtſein ſo leicht hinweg zu helfen, daß das junge Mädchen mit Ueber⸗ windung der letzten Scheu zu einem, wenn auch halb 91 unterdrückten, doch ſo wahrhaften, faſt ans Zärtliche ſtreifenden Ausdrucke töchterlicher Zuneigung kam, daß der ohnehin froh gelaunte Mann ſich kaum noch an die urſprüngliche Abſicht ſeines Kommens erinnerte. Es geſchah endlich, als Eduard des Geburtstages der Tante gedachte. Herr von Leteln verkündete nun, was in Betreff des Feſtes geändert war, und brach dann, um auch den andern bereits eingeladenen Gäſten, die er noch im Kurſaale zu finden hoffte, das Erforderliche mit⸗ zutheilen, eilig dahin auf, um nach bald abgethanem Geſchäfte Eduard mit den Damen der guten Tante zuführen zu können, welche ſicherlich des Lieblings ſchon in Sehnſucht harre. Unterwegs erſt fiel ihm der alte Schwendler ein; ein Mißton allerdings, aber um wie viel leichter ließ auch dieſer jetzt ſich löſen. Wie überraſcht und be⸗ ſchämt und darum um ſo verſöhnlicher mußte ſich der wunderliche Genius des jungen Mädchens erweiſen, wenn der von ihm in abſcheulicher Verdächtigung zum Courmacher herabgewürdigte Präſident ſich als zur Zärtlichkeit berechtigter Schwiegervater offenbarte! In der Hoffnung auf verſöhnliches Entgegen⸗ kommen ſollte Herr von Leteln auch nicht getäuſcht werden. Der alte Hauptmann ſah, wie gewöhnlich, einer Spielpartie im Kurſaale zu. 92 Als der Präſident mit Grüßen des Generals von H. an ihn herantrat, nahm er dieſe Grüße zwar mit ſehr kalter Förmlichkeit auf, das Eis ſeiner Zurück⸗ haltung ſchmolz aber immer ſichtbarer, je erfreuter der Präſident und, anſcheinend ganz abſichtslos, auch für die nächſte Umgebung hörbar in dem General von H. ſein militäriſches Vorbild pries, ein Vorbild, für welches ſein, des Präſidenten, Dank ſich jetzt auch auf Hauptmann Schwendler richte, weil dieſer es ge⸗ weſen, der dem Bilde die erſten, ihm für immer Ge⸗ ſtaltung verleihenden Grundzüge aufgeprägt habe. Daran ſchloß ſich die Aufforderung, der Gemeinſamkeit ſolchen Freundes eine Viertelſtunde ungeſtörten Ge⸗ plauders zu widmen. In ſehr gehobener Stimmung bat Schwendler um die Ehre auf ſeinem Zimmer, und dort war bei des Präſidenten Gewandtheit der Anlaß zum geſtrigen Wortwechſel zwiſchen beiden ſehr bald in ein ſo aufklärendes Licht geſtellt, daß ſie, ein⸗ ander die Hand reichend, ſich und das Mißverſtändniß belächelten. Schwendler bezweifelte zwar mit einer Art von neckiſcher Schlauheit, ob der Präſident geſtern Abend ſchon von der ſchönen Schwiegertochter ſo viel gewußt habe wie heute Abend, freute ſich aber auf⸗ richtig, daß der Eduard da und die Geſchichte nun in Ordnung ſei. Der Präſident war erſtaunt. Frage gab Gegenfrage, und Schwendler, welcher eingeſtand, 93 heute Abend zufälliger Belauſcher der Damen im Pavillon geweſen zu ſein, gerieth, da er den Inhalt des Geſprächs weder verrathen mochte noch durfte, in Ver⸗ legenheit. Dieſer ſich zu entziehen, kam er auf den beſondern Grund ſeines Intereſſes für Thereſe und fragte den Präſidenten nach deren Familie, Geburtsort und Vergangenheit. Die Reihe, verlegen zu ſein, kam nun an Herrn von Leteln. Halb ärgerlich, halb lachend geſtand er, von alledem wenig oder nichts zu wiſſen, und deu⸗ tete, um Alles zu erklären, auf ſeine Vaterſorgen, auch wohl auf ſeine väterlichen Mißgriffe im Verhältniß zu Eduard hin. Dann folgte Schwendler mit dem Ge⸗ ſtändniß ähnlicher Sorgen und Mißgriffe. Schon als er Fräulein von Aminghauſen zum erſten Male er⸗ blickt, ſei er an ſeine verſchollene Pflegetochter erinnert worden. Der Name und die vornehme Umgebung der jungen Dame hätten aber jeden weiter an dieſe Aehn⸗ lichkeit ſich knüpfenden Gedanken als unhaltbar zurück⸗ gewieſen. Geſtern Abend indeß habe er ſolchen Gedan⸗ ken doch wieder Raum geben müſſen, denn Fräulein von Aminghauſen, im Ballſtaat, ſei mit einem durch eingelegte bunte Steine ſehr eigenthümlichen Hals⸗ ſchmucke erſchienen, welcher, wenn nicht Alles täuſche, vor Zeiten ſeiner— Schwendler's— Frau angehört habe, dann aber von dieſer auf ſeine Pflegetochter 94 übergegangen ſei. Zum Halsſchmucke hatte, wenn es derſelbe war, noch ein gleich gearbeitetes Armband gehört. Weil ſolches aber von ihm nicht wahrzu⸗ nehmen geweſen, ſo habe er beim Souper ſeine Be⸗ obachtungen fortſetzen und deshalb an demſelben Tiſche Platz nehmen wollen. Sei er dabei, zu haſtig, in den Schein von Zudringlichkeit verfallen, ſo— Der Präſident ließ den alten, ſehr warm und faſt weichherzig gewordenen Mann nicht ausreden, um nochmals und noch viel herzlicher und für ſich gewin⸗ nender die ſchroffe Weiſe ſeiner Abwehr zu entſchul⸗ digen. Schwendler, welcher mittlerweile einen Anfall von Herzkrampf überwunden hatte, erzählte dann, wie er zu ſeiner Pflegetochter gekommen, was ſie ihm ge⸗ worden war und wie er ſich an ihr nach dem Vor⸗ gange mit Lerbeck verſündigt zu haben glaube. Die Möglichkeit eines Zuſammenhangs lag nach dem, was nun der Präſident über die ſonderbare Art, in welcher er zur Schwiegertochter gekommen, erzählte, allerdings vor, und raſch entſchloſſen wie immer, in dieſem Ent⸗ ſchluſſe aber, wie gewöhnlich, rückſichtslos gegen Andere, wollte er dem Zuſammenhange durch perſönliche Nach⸗ frage bei Eduard und Eduard's Braut gleich auf den Grund gehen. Schwendler indeß, viel zarter fühlend, mahnte davon ab, wollte nicht, daß die junge Dame, die es ihm nun einmal angethan und die er nach ———— 95 ihrer von ihm belauſchten Unterredung mit Frau von Berger auch ſchätzen gelernt habe, noch einmal und vielleicht blos ſeiner Geſpenſterſeherei wegen in ihrer Freude geſtört, plötzlich beunruhigt werde.„Nein, nein!“ ſo ſchloß er,„wir dürfen ihr nicht noch einmal arretiren. Doch Sie, mein wertheſter Herr Präſi⸗ dent, bin ich mit mein Hirngeſpinnſt unangenehm in die Parade gefahren. Sie ſind ja ganz ſtille, ganz bedenklich geworden. Ja, wenn die Geſchichte mit das Halsband nicht wäre. Aber das kann ja ooch nur Phantasmagorie ſind, und ich komme mir vor, wie— na, lächeln Sie nur zu! aber ich will keenen neuen Bock ſchießen. Alſo wie heißt der ſpaniſche Ritter, der mit die Wind⸗ und Walkmühlen focht?“ „Und mir kommt vor“, lachte nun der Präſident unter verbiſſenem Aerger laut auf,„daß Sie dem Ritter von der traurigen Geſtalt viel weniger gleichen als ich dem geprellten Schildknappen. Ja, geprellt bin ich!“ „Nu, nu!“ begütigte Schwendler,„ſo ſchlimm muß man die Sache nicht gleich nehmen.“ „Es kann allerdings noch einen Halsſchmuck geben, der dem Ihrigen ſehr ähnelt“, fiel der Prä⸗ ſident ein. „O ja!“ verſetzte Schwendler.„Aber wenn der vons Fräulein der ehemals meiner Tochter gehörige 96 iſt, ſo ſteht ins Schloß ingravirt—'s iſt franzöſiſch, ich will's lieber aufſchreiben.“ Er that's und ſetzte, während er ſchrieb, hinzu: „Ich habe es 1813 von eenen Franzoſen gekauft, der's mit aus Rußland brachte.“ „Sigismond C. d. V. Eugénie d' A. f. 21. Aoüt 1804.“ las der Präſident kopfſchüttelnd. Dann erhob er ſich zum Gehen, indem er rief:„Wir müſſen Eduard fragen!“ Schwendler aber hielt ihn feſt und zog den ſehr aufgeregten Mann unter gutmüthigem Zureden wieder auf den Sitz im Sopha zurück. „Wir gehören nun einmal, wenigſtens bis dieſer Geſchichte klar iſt, zu einander und ich laſſe Sie nicht fort, nicht eher gehen, als bis Sie die Tramontane wieder haben. Wiſſen Sie was? Wir wollen den jungen Menſchen zuſammen ins Gebet nehmen.“ Herr von Leteln war damit einverſtanden, und während ein Kellner Eduard berief, legte Schwendler, der ſelbſt eine ihn tief ergreifende Spannung nicht verbergen konnte, ſeine Hand in die des Präſidenten und ſagte:„Nur keene Ueberſtürzung nicht! Sehn Sie, mein beſter Herr Präſident, ich kann mir das Allens gründlich vorſtellen. So'ne Feldwebelstochter iſt eben keene angenehme Zugabe. Wenn das Fräulein, die Tochter von der Feldwebelstochter ooch gut iſt— die Herkunft, die Sippſchaft! Ja, ja, wenn Sie mit — 97 Ihrem Kopfſchütteln das ooch nicht Wort haben wollen, es iſt doch ſo. Man ſaugt ſo was mit der Muttermilch ein. Ich finde dabei ooch nichts zu erinnern. Ich will Sie man tröſten. Denn wenn das Fräulein wirklich ein Kind von meine angenommene Tochter wäre, ſo läuft nach Allem, was Sie von das Fräulein wiſſen, die ganze Sippſchaft uf mir hinaus, und ich denke, das Kreuz, was wir da beede ins Knopfloch tragen, macht uns ziemlich gleich. Freilich, wenn mein Freund der Feldwebel hier an meiner Stelle wäre, würde es ſo ſanft nicht abgehn. Ihr Sohn bekäme das Kind nicht— na, na, ich will das nicht be⸗ haupten, aber der Feldwebel hielt was auf ſeinen Stand.“ „Wer war er denn?“ fragte der Präſident.„Wie hieß er?“ „O, er war ein ſehr braver Menſch, ein tapferer Soldat und hätte, wenn es uf die Bildung ankam, weit eher Compagniechef werden müſſen als ich. Aber ich hatte mehr Glück, und als ich ihm nachher zum Offizier verhelfen wollte, da wollte er nicht. Man muß in ſeine Poſition bleiben, meinte er, und von die höhern Stände habe ich zu viel gekoſtet, als daß ich mir noch eenmal wollte über die Achſeln an⸗ ſehn laſſen.“ „Aber ich bitte Sie“, unterbrach ihn der Präſident wieder,„ſagen Sie mir nur, wie er hieß?“ Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 7 98 „Thielooſen!“ In demſelben Augenblicke trat Eduard ein und wurde nicht wenig überraſcht, als ſein Vater ihn mit der faſt heftigen Frage empfing:„Was für eine Gebo⸗ rene war die Mutter Deiner Braut?“ während Schwend⸗ ler, der ihm perſönlich ganz Unbekannte, mit faſt noch ſtärkerem Eindringen auf ihn gleichzeitig fragte:„Was ſteht ingravirt uf das Collier?“ Eduard von Leteln war ſeit Jahren gewohnt, Thereſe als alleinſtehend in der Welt und, ſeit ſie ſeine Braut war, als allein von ihm abhängig zu betrachten. Er empfand deshalb dieſes ſo ſeltſam auf ihn einſtürmende Examen um ſo unangenehmer, da er ſich nicht verhehlen konnte, daß, wie unvermuthet auch, doch ein wahrſcheinlich berechtigter Einfluß auf The⸗ reſe ſich geltend machen wollte, welcher auch ihn. Eduard, abhängig machen, mindeſtens ihn nöthigen. könne, ſein Verhältniß zu Thereſen, ſein Thun für ſie und deſſen Beweggründe fremder Beurtheilung preis zu geben. Dem aber widerſtand ſein in ſich abge⸗ ſchloſſenes, etwas umſtändliches Weſen und zunächſt die demſelben beigemiſchte Empfindlichkeit. Theils um ſich zu orientiren, vor allem aber, um Zeit zu gewin⸗ nen, fragte er, in die noch halb geöffnete Thür zu⸗ rücktretend, ſtatt zu antworten, nach Schwendler's Ver⸗ hältniß zu ſeinem Vater. Beide Examinatoren wurden 99 dadurch zu Examinirten, welche in der Haſt, ſich zu er⸗ klären, und in der Spannung ihrer Wißbegier einer den andern nicht ausreden ließen. „Zwiſchen Thür und Angel“, rief endlich der alte Hauptmann,„werden wir nicht fertig. Das iſt ja wie ein Knaul, an dem wir hin und her zerren. Man weeß am Ende gar nicht, von was der Knaul iſt und wo der Anfang, wo das Ende. Setzen wir uns, meine Herren, und hübſch piano!“ Während man dieſer Aufforderung folgte, bat Eduard, mit verbindlicher Wendung gegen Schwend⸗ ler hin, ja nicht anzunehmen, daß er den innern Menſchen nach deſſen äußerer Lebensſtellung über⸗ oder unterſchätze. Ein Feldwebel könne ein trefflicher Mann ſein und müſſe es ſein, wenn er es bis zum Compagniechef gebracht habe. Der Vater ſeiner Braut ſei aber kein Feldwebel, ſondern ein Gelehrter, ein Schriftſteller geweſen, habe von Aminghauſen und nicht Schwendler geheißen. Die beiden alten Herren lachten laut auf. Eduard war verblüfft, auf nächſtem Wege zu zornigem Aerger. Der Präſident wollte reden, Schwendler indeß, viel ſchneller, ließ ihn nicht zu Worte kommen und ſagte, nicht ohne den Beigeſchmack eines kleinen, faſt ſchadenfrohen Triumphs über den Vater zum Sohne:„Der Herr Papa meint es gut, aber er hat in ſeine Erklärungen 7*¾ 100 über mein Verhältniß zu ihm eine kleine Confuſion mit unterlaufen laſſen. Er hat von unſer gemeinſam großes Intereſſe an Ihre Braut geredet. Das iſt richtig. Wir haben uns ſogar geſtern Abend ein bischen über ihr verheddert; und was er von Steigerung dieſes Intereſſes durch einen gemeinſchaftlichen Freund, den General von H., geredet hat, iſt ooch richtig. Die Excellenz hat uns calmirt. Bei der bin ich einmal Feldwebel geweſen und der Papa Major. Zu verſchie⸗ denen Zeiten, verſteht ſich. Aber deswegen bin ich noch lange nicht der Vater von Ihre Fräulein Braut. Ich will das beſſer erzählen. Darf ich?“ Der Präſident, welchem dieſe Frage galt, nickte lächelnd, wenn es ihm auch etwas ſauer wurde, und Eduard, welchem nun in Verbindung mit dem, was die Damen angedeutet hatten, klar ward, daß der alte Hauptmann Niemand anders als ſeines Vaters geſtern Abend ſo hart angelaſſener Rival bei Thereſen von Aminghauſen ſei, lächelte äußerlich wie begütigend dem Vater zu, innerlich aber über dieſen, der einmal wieder in dem, was er verſchwieg, ſeine Meiſterſchaft in der Rede bewies. „Die Geſchichte iſt die“, fuhr Schwendler fort. „Ich habe ein junges Mädchen groß gezogen, die Tochter von meinem verſtorbenen Feldwebel Thielooſen, und ich habe ſie lieb gehabt wie mein eigenes Kind. 101 Die hat mit Junkers— ich war Mitvorſtand einer Junkerſchule— einen dummen Streich begangen und dabei meinen guten dienſtlichen Namen rückſichtslos bloßgeſtellt. Dem zu Ehren habe ich ihr nicht weniger rückſichtslos, aber nicht ohne erhebliches Viaticum und mit Allem, was ſie von mir beſaß, aus dem Hauſe ge⸗ wieſen. Mein Princip wollte das, und ich habe da⸗ mals geglaubt, die Procedur wäre ganz richtig. Erſt lange nachher iſt mir vorgekommen, als ob ich die Disciplin, uf der ich mir ſonſt immer ſo viel zu gute gethan, bei ihr ganz miſerabel ins Werk geſetzt habe, nämlich daß ich Inculpaten nicht durch angemeſſen vorbeugende Maßregeln behütet habe, een ſolcher In⸗ culpat zu werden; daß ich gleich mit das höchſte Straf⸗ maß nach meinem Princip einſchreiten mußte, wodurch er denn, ſtatt gebeſſert, nur erbittert worden iſt. Das nun macht mich Gewiſſensſcrupel und vollends hier, wo ich ein junges hübſches Mädchen ſah, ungefähr im Alter von meiner Verlorenen und ihr ſehr ähnlich. Darauf aber hätte ich wenig gegeben, hätte ich nicht geſtern Abend an dieſes junge Mädchen ein Halsband erblickt, das früher meiner Verſtoßenen gehört hat, ein Collier, zu dem noch ein Bracelet gehört hat, mit Inſchrift. Lieber Herr Präſident, geben Sie doch mal den Zettel, wo ich ſie ufgeſchrieben habe, Ihrem Herrn Sohn. Sol Nun, junger Herr, leſen Sie und ſagen 102 Sie gefälligſt, ob Ihre Braut das Armband hat, ob ihre Mutter ſich mal Thielooſen geſchrieben hat.“ Eduard hatte bisher bei aller Verbindlichkeit in Ton und Miene eine gewiſſe Ueberlegenheit behauptet, die ſogar ſeinem Vater imponirte. Von dem Augenblicke aber, wo ihm der Name Thielooſen genannt ward, ging eine Veränderung mit ihm vor. Seine Ruhe ſchien erſchüttert. Der Ausdruck eines aus Verwirrung, Stau⸗ nen und Enttäuſchung gemiſchten Gefühls glitt über ſeine Züge und ſchien faſt in Rathloſigkeit überzugehen, als er das Blatt mit der Armbandsinſchrift empfan⸗ gen und geleſen hatte. Sehr begreiflich! Alſo das war's, wonach er ſo lange vergeblich ge⸗ forſcht, das war das verborgene, nicht zu enträthſeln gewe⸗ ſene Eingangskapitel zu der ihm ſonſt völlig bekannten Geſchichte der Mutter ſeiner Braut. Dieſes von der Natur mit äußern und innern Vorzügen faſt verſchwenderiſch ausgeſtattete Weſen, das als Mädchen vom verführeriſchen Enthuſiasmus der Liebe eines fein gebildeten, aber ſittlich ſchwachen Man⸗ nes beſtürmt, bei langer Abwehr in leidenſchaftlichſter Glut bedroht und endlich durch Dauer gewonnen war, um dann in wenig beglückender Ehe zur rührendſten Dulderin verklärt zu werden, dieſe Frau von Aming⸗ hauſen alſo, welcher Eduard um der Tochter wie um ihrer ſelbſt willen eine Art von Cultus liebender —— 103 Verehrung geweiht hatte— ſie hatte dennoch eine com⸗ promittirte Jugend! Die Möglichkeit ſolchen Makels hatte ſich Eduard niemals verhehlen können. Ein traditioneller Klatſch war vorhanden. Man hatte unter Hindeutung auf den Schmuck und die Inſchrift ebenſo viel von einem abenteuerlichen Opfer vornehmer Frivolität wie von einer den höhern Ständen Entlaufenen gemunkelt, Ein von der Verſtorbenen kurz vor ihrem Tode begonne⸗ nes, aber unvollendet gebliebenes Schreiben war ge⸗ eignet, dies einigermaßen zu unterſtützen. Frau von Aminghauſen redete darin von ſich ſelbſt als von einer mit Unrecht oder doch weit über ihr Vergehen hinaus Beſtraften, von einem Dunkel, welches durch die Strafe über ihren Ruf ſich verbreitet, und von ihrem jede Rechtfertigung verſchmähenden Stolze, der jenes Dun⸗ kel leider noch dunkler gemacht habe. Thereſe wußte davon nichts, und Eduard hatte ſich wohl gehütet, durch Mittheilung jenes Geredes Fragen hervorzurufen, denen gegenüber Verhältniſſe hätten erörtert werden müſſen, von deren Möglichkeit und Vorhandenſein ſie in beglückender Herzensunſchuld nichts ahnte. Sie kannte das äußere Schickſal ihrer Aeltern im Allgemeinen, dieſe ſelbſt als gute, doch vom Glück ſehr wenig begünſtigte Menſchen und hatte ſich dabei bis⸗ 104 her vollkommen beruhigt. Die Frage nach Herkunft und erſter Mädchenvergangenheit ihrer Mutter beſtand ſomit allein für Eduard. Nach mancherlei fruchtloſen Verſuchen, ſie zu ent⸗ räthſeln, hatte er ſie in das Gebiet jener Fragen ver⸗ wieſen, über welche ſchließlich weit mehr die Umſtände als Menſchen entſcheiden. Nun waren die Umſtände da, ſehr unvermuthet da, zwangen zur Mittheilung an Thereſe, trafen dieſe völlig unvorbereitet und wirkten, was das Schlimmſte, durch den Mann, in welchem ſie ſich geltend machten, auf Eduard ganz verwirrend. In jenem unvollendeten Briefe hatte die Verſtor⸗ bene geſchrieben: ſie wolle, vielleicht, ja wahrſcheinlich dem Tode nahe, ein ihr angethanes Unrecht nicht nach deſſen Beſtande und dem ihr dadurch zugefügten Weh, ſondern nach der Geſinnung richten, welche Recht zu üben geglaubt habe. Durch herbe Lebenserfahrung wiſſe ſie jetzt, wie leicht ſich die Begriffe von Recht und Unrecht in einander verſchöben, und beklage des⸗ halb die Selbſtgenügſamkeit, ja den Trotz ihres Stol⸗ zes, der da im Wahn, durch des frühern Wohlthäters ſchließliche Wehthat mit dieſem quitt zu ſein, jede Rechtfertigung verſchmäht, jede Verbindung abgebrochen habe. Nicht ohne Kampf beuge ſie ſich jetzt und glaube nicht beſſer um Vezeihung bitten zu können, als wenn 105 ſie gerade dieſem Wohlthäter ein bald hülfloſes Kind... Die letzten Worte waren ungeſchrieben geblieben. Thränen hatten das Blatt beträufelt. Ein Streit wechſelnder Gefühle war zum Ausbruch gekommen; ob zum Austrag, blieb ungewiß. Ganz offenbar aber hatte die zum Entſchluß gewordene und nur in der Ausführung unterbrochene Abſicht ſolcher Empfehlung, ſolchen Vermächtniſſes vor⸗ gewaltet. Das Zeugniß eines trotz alledem höch⸗ ſten Vertrauens zu dem Ungenannten war gegeben. Wie hätte, mochte nun ſeine Lebensſtellung ſein, welche ſie wollte, ſeine Geiſtes⸗ und Charakterbildung nicht der des eigenartigen, reichbegabten, ſtrebſamen Weſens entſprechen ſollen, das, indem es ihn, wenn auch fein, doch ſchwer beſchuldigte, zugleich ſeine Großherzigkeit in Anſpruch nahm? Wie paßte das, paßte namentlich die Weiſe, in welcher es geſchah, zu Schwendler, für welchen doch, Alles erwogen, was er vorgebracht hatte, jener unvollendete Brief beſtimmt war? Wie paßte ſeine Behauptung, dieſes Weſens Bildner und Erzieher geweſen zu ſein, zu ſeiner Bildungsſtufe? Alles das flog, wie Wolkenſchatten einander ja⸗ gend, an Eduard's Geiſte vorüber. Bald in Gedan⸗ ken vor ſich hinſtarrend, bald mit feſtem, bald mit irrendem Blicke Schwendler ſtreifend, forſchte er nach den in deſſen Phyſiognomie zumeiſt hervortretenden Zügen. Der Takt des Malers in ihm ſuchte ſich dar⸗ 106 aus ein Charakterbild zuſammen zu ſtellen. Was er wahrzunehmen glaubte, war theils von begütigender, theils von abſtoßender Wirkung. Letztere vermehrte ſich, als Schwendler, längſt mit ſeiner Darſtellung zu Ende, anfing, in ſeiner Sophaecke ungeduldig hin und her zu rücken und mit den Worten:„So reden Sie doch! Sie können ſich denn doch wohl denken, daß ich Ihnen gegenüber ſitze wie auf Kohlen!“ ärgerlich und faſt gebieteriſch herausplatzte. Auch der Präſident war ungeduldig, ja ſogar ein wenig ärgerlich geworden, theils durch Eduard's Schwei⸗ gen, theils durch Schwendler's kurz angebundene Ma⸗ nier gegen dieſen. Beide waren aber, jener aus Mit⸗ gefühl, dieſer aus berechnender Klugheit zu ſchonen. Indem der Präſident deshalb dem Veteranen begütigend und faſt vertrauend mit den Augen zu⸗ winkte, legte er ſeine Hand auf Eduard's Schulter und ſagte freundlich, doch in merklich ernſtem Tone:„Die Ueberraſchung iſt freilich nicht angenehm! Eben erſt die glücklich gelungene Idylle und jetzt ſchon der proſaiſche Sturmvogel mitten im poetiſchen Nimbus! Du biſt ja wie abweſend, ſo—“ 3 „Na, ſehen Sie wohl, junger Herr!“ unterbrach Schwendler den Präſidenten und winkte ihm nun auch ſeinerſeits wie im innigſten Verſtändniß zu,„ſehen Sie wohl, mit dem Herrn Vater iſt es ſo ſchlimm 107 nicht. Wie er erzählt, haben Sie an das Kind nobel gehandelt. Das lobt er und ich ſage: Allen Reſpect! Aber die Geſchichte mit mich und die Mutter iſt ihm ſehr quer gekommen. Und Sie? Na, Sie hätten ihm mit der Tochter ooch nicht ſo mir nichts dir nichts über den Hals kommen ſollen. Die Komödie hier ſchmeckt doch ſehr nach die Frau Mutter!“ Das war zu viel für Eduard und ſeinen Cultus für dieſe Frau. Als ob er ſich auch körperlich aus ſeiner Verſunkenheit aufraffen müſſe, ſtrich er mit der einen Hand raſch über ſeine Stirn, dann bot er die andere mit einem Blicke, der auf natürliche Allianz zu rechnen ſchien, ſeinem Vater hin und ſagte ſehr entſchieden, aber ruhig:„Sie irren, mein Herr Hauptmann! Durch Ihre Dazwiſchenkunft hat ſich zwiſchen meinem Vater, meiner Verlobten und mir nicht das Mindeſte geändert. Gerade um meinen Vater nicht unangenehm zu überraſchen, habe ich meine Braut unter beſter Ob⸗ hut hierher geſchickt, damit ſie durch ſich ſelbſt ſeine Billigung im voraus gewinne. Was mich jetzt über⸗ raſcht und, daß ich's geſtehe, halb in zornige Anwand⸗ lungen, halb in Wehmuth verſetzt, iſt die rückſichtsloſe Art, mit welcher Sie das mir theure Andenken der Mutter meiner Braut—“ „Alſo dennoch! Alſo ſie iſt's“, riefen Schwendler und der Präſident wie aus einem Munde. 108 „Allerdings!“ fuhr Eduard fort.„Der Name Thielooſen trifft zu und das Armband mit der In⸗ ſchrift iſt vorhanden. Aber ſie iſt es nicht, ſie war's! Schon lange in die Wohnungen des Friedens hinüber⸗ berufen, ſegnet ſie von dort gewiß auch die, welche den ihren hienieden getrübt haben.“ Schwendler zuckte ſchmerzlich zuſammen und ver⸗ ſuchte zu reden. Eduard aber ließ ihn nicht zu Worte kommen und ſetzte mit ſtolz, beinahe gebieteriſch ab⸗ wehrender Handbewegung etwas ſchneller zuerſt, dann aber ſich wieder mäßigend hinzu:„Nach Allem, was ich von der Mutter meiner Braut theils durch ehren⸗ werthe Männer und Frauen, theils durch ihre eigenen und ihres Mannes Briefe erfahren habe, war ſie hochverehrungswerth. Nach meinem Recht und nach meiner Pflicht trete ich für ſie ein und laſſe am we⸗ nigſten eine Vorausſetzung zu, welche ſich unterfängt, im Benehmen der Tochter einen üblen Nachgeſchmack von der Mutter zu finden. Sie, Herr Hauptmann! haben zuerſt und, wie mir vorkommen will, ſehr oben⸗ hin von einer des höchſten Strafmaßes würdigen Schuld der Mutter meiner Braut geredet. An Ihnen iſt es alſo, vor mir, als deren Anwalt, Art und Um⸗ fang dieſer Schuld zu begründen!“. Der Präſident glaubte beſchwichtigen zu müſſen. Ueber Schwendler's Züge aber glitt ein Lächeln offen⸗ 109 bar innerſter Befriedigung. Der junge Mann, meinte er, deſſen Erregung ſo ganz ſeiner eigenen Sinnesart ent⸗ ſpreche, gefalle ihm. Auch ſei ſein Auftreten für die Verſtor⸗ bene fü dieſe ſelbſt ein gutes, mit ſeinen herzlichen Wün⸗ ſchen ga⸗ 3 übereinſtimmendes Zeugniß. Dann verweilte er mit Behagen bei dem Aparten, Vornehmen der an ſich ſo ſchönen Erſcheinung ſeiner Verlorenen, hob ihre gei⸗ ſtige Begabung hervor, welche auszubilden er keine Koſten geſcheut, kein ihm zugängliches Mittel unver⸗ ſucht gelaſſen habe, redete von ſeinem Beſtreben, dieſe Ausbildung immer auf das praktiſch Tüchtige, auf eine Selbſtſtändigkeit hinzulenken, welche ein Mäd⸗ chen, zumal ein unbemitteltes, bewahre, die Ehe als einziges Mittel zum Glück und Beſtehen in der Welt zu betrachten. Das habe, zu ſeiner Freude, auch ſehr gut angeſchlagen. Ein gewiſſer, ſehr in ſich ſelbſt be⸗ ruhender Stolz ſei vorhanden geweſen, aber auch ein munteres, neckiſches, ſich in Selbſtvertrauen leicht über⸗ hebendes Weſen und ſo— nun kam die traurige Geſchichte der Zeitungsannonce und ihrer Folgen für den armen Lerbeck, für Fräulein Thielooſen und Schwendler ſelbſt. Der alte Herr hatte dabei ziemlich barſch be⸗ gonnen, war aber, treuherzig fortfahrend, weicher ge⸗ worden und ſchloß mit der Verſicherung, daß er ſeine eigene lange Leidenszeit mit dem ſo beklagenswerthen Lerbeck gern durchgemacht haben wolle, wenn er nur der quälenden Vorſtellung überhoben würde, das eigent⸗ lich gute Kind vollends zu Falle gebracht zu haben. Der Mutterwitz und die Herzenseinfalt des Greiſes hatten Eduard völlig beſiegt. „Beruhigen Sie ſich!“ rief er ſchnell.„Thereſens Mutter iſt nie zu Fall gekommen. Geſtrauchelt iſt ſie allerdings, als ſie in der Zeitungsannonce eine Rolle übernahm. Ich kann nicht leugnen, etwas Ordinäres liegt darin, und ich würde es mit alledem, was ich von ihr weiß, nicht zu vereinigen wiſſen, hätte ich nicht eben von Ihnen gehört, daß ſie ſchon in früheſter Kindheit mutterlos geworden, der Aufſicht und Pflege von wer weiß wie manchen und welchen Dienerinnen anheimgegeben, unter der alleinigen Obhut des mehr als wunderlichen Mannes, welchen ſie Vater nannte, bis zu ihrem vierzehnten Jahre in der Kaſerne aufgewachſen iſt. Auch in Ihrem Hauſe hat die Aermſte faſt immer ohne mütterliche Führung gelebt, und ſo mag es wohl gekommen ſein, daß Alles, was Sie für ihre Bildung thaten, doch nicht hinreichend war, den nachwirkenden Einfluß der erſten Jugendein⸗ drücke ganz zu erſticken, einer groben Taktloſigkeit vorzubeugen, welche in der Kaſernenſprache vielleicht ganz unbefangen nur Scherz genannt wird.“ Schwendler, wie er ſich auch dagegen geſträubt 111 haben mochte, war doch genöthigt geweſen, der Ge⸗ brechlichkeit des Alters ſeinen Zoll abzutragen. In ſich zuſammengekauert, die eine Hand auf der Stelle des Herzens, die andere ſchlaff herabhängend, ſo hatte er müden Auges und matten Tons in ſeiner Sophaecke zuerſt ſeine Mittheilung beendet, dann der Gegenrede Eduard's gelauſcht. „Na, ſehn Sie wohl!“ ſagte er jetzt melan⸗ choliſch,„ich habe es ja immer geſagt. Schief gewickelt war was an ihr. Der Vater, wir haben uns oft dar⸗ über gekabbelt, rollte ihr den Mantel feldmäßig, das heißt, er ſagte, ſie gehöre ſeinem Stande an, alſo in die dienende Klaſſe, und das Vornehme, Aparte in ihr müßte ihr bei Zeiten ausgetrieben werden. Nachher rollte ich ihr den Mantel parademäßig, das heißt nach meinem Stande und nach ihrer Apartigkeit, alſo zur Dame. Da mögen wir wohl beede am Zuſchnitt ver⸗ dorben haben, und ich möchte jetzt nur wiſſen, ob ſie jemals wieder zurecht gekommen iſt, wodurch und wie?“ „Sicherlich“, verſetzte Eduard,„durch ihre über⸗ wiegend edlen Anlagen, welche nach und nach die ge⸗ fährlichen und das, was Sie verdorbenen Zuſchnitt nannten, überwanden. Die aus Ihrem Princip, Herr Hauptmann, dann hervorgegangene Strafe mag dazu am nachhaltigſten mitgewirkt haben. Sie hat ſich nach⸗ her aus einer viel ſchwerern Anfechtung ſiegreich 112 gerettet und ob auch unter vielen Leiden, doch im ſteten Streben nach Wechſelwirkung ihres Gemüthes mit Gott, vertrauensvoll und ergeben in die Führungen des höchſten Lenkers aller Schickſale, ihr eigenes tragiſches charakterſtark durchgekämpft.“ Während dieſer Worte hatte ſich das melancho⸗ liſche Düſter in Schwendler erhellt. Eine Art von verwunderter Freude, von welcher er zuerſt ſelbſt nicht wiſſen mochte, inwieweit ſie zuläſſig ſei, ſpiegelte ſich im Aufleuchten ſeiner bald zu Eduard, bald zum Präſidenten hinüber blitzenden Augen. Dann richtete er ſich— der Herzkrampf hatte nachgelaſſen— wie neu belebt zu regelrechtem Sitz empor und ſagte, in ſtrammſter Haltung, aber gutmüthig lächelnd:„Merk⸗ würdig! So'n gutes Princip läßt eenen doch nicht im Stich, ſelbſt wenn man alt wird und in die Ein⸗ ſamkeit blos noch grübelt und nicht handelt. Und das iſt heute ſchon das zweete Mal. Was ich von der Diviſion geſehn, war probat. Warum? Weil ich dem General von dieſe Diviſion, wie er noch Junker war, mein gutes Princip eingeflößt habe, und die Verſtoßene iſt am Ende ooch probat geblieben, weil die Ver⸗ ſtoßung aus mein gutes Princip kam. Alſo gelitten hat ſie? Na, wenn ſie man gut gelitten hat! Wir haben, wenn Jemand in die Junkerſchule eenen dum⸗ men Streich machte und ſich nachher recolgirte, doch immer in die höhere Klaſſe verſetzt. Und der da oben, denk' ich, wird wohl noch'ne beſſere Praxis haben. Aber hören Sie mal, wie hängt denn der gute Cha⸗ rakter, den Sie rühmen, mit der Schauſpielerei zu⸗ ſammen? Schauſpieler iſt nach meinem Begriff eener, der ſich verſtellt, der von's Verſtellenkönnen lebt. Und daß ſie Aufſehn gemacht hat als Schauſpielerin, das habe ich ſelbſt in Zeitungen geleſen.“ „Ueber Ihren Begriff von Schauſpiel“, erwi⸗ derte Eduard,„ließe ſich ſtreiten. Wozu indeß? Ich denke, wir haben genug geſtritten. Die Mutter meiner Braut iſt niemals Schauſpielerin geweſen, wohl aber hat ſie ihr großes Talent für die Kunſt der Attitüden zu Gunſten jener Geldſammlungen benutzt, mittels welcher man zur Zeit des großen griechiſchen Aufſtan⸗ des dieſem zu Hülfe kam, Geldſammlungen, für welche ſich der Philhellenismus der Frauen durch Bazare, Concerte, Lotterien und dergleichen ſo überaus leb⸗ haft intereſſirte. Fräulein Thielooſen hielt ſich damals in der Schweiz auf. Sie war Geſellſchafterin einer ſehr wohl⸗ habenden ältern Dame und bewohnte mit ihr eins von jenen Landhäuſern am Genferſee, welche den Anfang bildeten zu dem jetzt über die Schweiz ſo ver⸗ breiteten Inſtitut der Penſionen. Ein kleiner, erwählter Kreis hatte ſich dort zu⸗ Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 8 114 ſammengefunden, und zunächſt für dieſen, wie eigentlich nur für geſellige Zerſtreuung, waren die erſten Dar⸗ ſtellungen von Antiken beſtimmt, welche Thereſens Mutter bei einfachſten Mitteln für Drapirung und Gewandung gab. Eine Art von Künſtlerruf verbrei⸗ tete ſich bald weit über dieſen kleinen Kreis hinaus, und durch den ihr geſpendeten Beifall geſchmeichelt, ging Fräulein Thielooſen zu öffentlichen Darſtellungen über, welche, in Concerte eingeſchoben, den Griechenvereinen verſchiedener Städte nicht unbedeutenden Gewinn, der Darſtellerin ſelbſt aber zum Theil enthuſiaſtiſch über⸗ triebene Beurtheilungen zubrachten. Der Verfaſſer der letztern, ein junger Gelehrter, Herr von Aminghauſen, hatte die der jungen Dame angeborene Geſchicklichkeit geſchult und in ihr, die zunächſt nur Nachbildungen von Statuen und Gemälden gegeben hatte, eine künſt⸗ leriſche Erfindungsgabe geweckt. So kam ſie denn auch zu poetiſchen Attitüden, Metamorphoſen, welche ſie declamatoriſch erklärte, von ſo wirkungsreichem, durch Beleuchtung und begleitende Muſik gehobenem Reiz, daß ſelbſt Kenner, welche ich darüber ſprach, ſich noch nach fünfzehn Jahren mit Entzücken an dieſe plaſtiſchen Darſtellungen, an die Schönheit der Darſtellerin, an ihre Anmuth und Alles übertreffende Leichtigkeit in Handhabung der Gewänder erinnerten. 1 Für Fräulein Thielooſen und Herrn von Aming⸗ 115 hauſen nahmen dieſe Vorſtellungen aber eine nicht gerade glückliche Wendung. Herr von Aminghauſen, der letzte ſeines Namens, war als ſehr armer Student erſt Famulus, dann Günſt⸗ ling und Hausgenoſſe eines Profeſſors geworden, der, als er ſtarb, dem eben creirten Doctor der Philoſophie ſeine nach Inhalt und Umfang ſehr bedeutende Bi⸗ bliothek zum Erbe hinterließ. Das anderweite große Vermögen war auf die Wittwe übergegangen, jene ältere Dame eben, deren Geſellſchafterin Fräulein Thielooſen war. 1 Während die Frau Profeſſorin reiſte, war Herr von Aminghauſen als Wächter und Verwalter ihres großen Hauſes in einer deutſchen Univerſitätsſtadt zu⸗ rückgeblieben. Die Wittwe hatte ihm immer ſehr wohl gewollt. In einer Verbindung mit ihr und ihrem Ver⸗ mögen bot ſich das einfachſte und nächſtliegende Mittel zum freieſten und anmuthigſten Genuß der er⸗ erbten Bibliothek. Der Briefwechſel über Geſchäfte bot ungeſuchte Gelegenheit, der Gönnerin immer ange⸗ legentlicher, immer wärmer ſich vorzuführen. Man verliebte ſich brieflich und war insgeheim ſo gut wie verlobt, als Herr von Aminghauſen, in die Schweiz nachkommend, dort die ihm bisher unbekannte Geſell⸗ ſchafterin ſeiner ſehr alternden Angebeteten kennen lernte. Sehr bald in leidenſchaftlicher Glut für 8* 116 die ſchöne Attitüdenkünſtlerin entbrennend, umwarb er ſie heimlich und, wie es ſcheint, mit Erfolg. Perſönli⸗ cher und brieflicher Unterricht, vom allgemeinen Beifall gekrönte Leiſtungen, zu welchen die Schülerin des Leh⸗ rers nicht entbehren kann, in welchem der Lehrer durch die Schülerin glänzt— welche Gelegenheiten bieten, welche Brücken bauen ſich da! Da aber Aminghauſen's Verhältniß zur Frau Profeſſorin für Fräulein Thielooſen nicht lange Ge⸗ heimniß bleiben konnte, ſo ſtand er bald, als von beiden Entlarvter, zwiſchen dem jungen und dem al⸗ ternden Gegenſtande ſeiner Anbetung. Der entſchie⸗ denſte Bruch trat ein. Die Frau Profeſſorin reiſte in die Heimat zurück, und Fräulein Thielvoſen über⸗ nahm eine Stelle im Haushalt der ihr ſehr wohl⸗ wollend geſinnten Beſitzerin eines Penſionshauſes. Hier ward ſie von Aminghauſen, der ſich der un⸗ erquicklicſſten Klemme durch eine Art von Flucht entzogen hatte, aufs neue, zunächſt auf vermitteln⸗ den Umwegen, dann aber unmittelbar brieflich be⸗ ſtürmt.. Er ſuchte ſich zu rechtfertigen, fand ihre Stellung im Penſionshauſe, wiewohl höchſt ehrenwerth, doch ihres Talents ganz unwürdig und entwarf, ihr ſeine Hand bietend, einen auf ihre Kunſt und deren Leitung durch ihn baſirten Lebensplan, von welchem er ihr außer 417 dem an und für ſich genußreichen Reiſeleben auch goldene Berge des Erwerbs und den gefeiertſten Namen verſprach. Fräulein Thielooſen wies den erſten Antrag kurz zurück, wurde aber, als der reuig Zer⸗ knirſchte nicht abließ, um Vergebung und Erhörung zu bitten, nachgiebiger. Wie ſie bei Aminghauſen's Sinnlichkeit beſonders auf deſſen Phantaſie gewirkt haben mochte, ſo ſcheint ſein munteres Weſen bei dem ihren, ſein geiſtig ſo an⸗ regender Umgang bei ihrem Bildungsbedürfniſſe nicht vertilgbare, für ihn redende Eindrücke hinterlaſſen zu haben. Der ſympathiſche Zug zu ihm lebte wieder auf, blieb aber jetzt, wie in ängſtlicher Scheu, auf ſeiner Hut. Der ihr von Aminghauſen im glänzendſten Far⸗ benſpiel wiederholentlich ausgemalte Lebensplan war für ſie ſelbſt ſehr verlockend und flößte ihr dennoch eine Art von Schrecken ein. Sie hielt ihn für ſich und mehr noch für Aminghauſen gefährlich, erklärte das Material, aus welchem er den Ruhmespalaſt auf⸗ zuführen gedenke, für loſe und locker und verlobte ſich endlich nur auf die Bedingung einer Häuslichkeit hin, welche ſich, ob auch ſehr beſcheiden, doch ſicher, auf beiderſeitige Arbeit ſtütze, einer Häuslichkeit, in welcher namentlich Aminghauſen's unabhängiger, nach äußerem Glanz und Behagen ſtrebender Sinn zum Abſchluß gelange, 118 ſich mit im Schwei des Angeſichs erworbenem Brod befreunde. Aminghauſen fügte ſich. Er ſuchte in ſchriftſtelleri⸗ ſcher Thätigkeit geregelten Erwerb, fand bei der Re⸗ daction eines großen ſüddeutſchen Blattes Anſtellung, verkaufte, ein großes und ſchweres Opfer für ihn, die Bibliothek und hielt ſich, wie er ſcherzte, nach alle⸗ dem für philiſtrös und nüchtern genug, der zum Glück für ihn weniger im Herzen als im Kopfe kalt⸗ blütigen Geliebten einen Hausſtand zu bieten, wie er ihr zuſage. — Fräulein Thielooſen widerſtand nicht länger. Jeden⸗ falls war Aminghauſen's Liebe zu ihr zu tieferem und edlerem Bewußtſein gekommen. Im Glauben an die Dauer ſeiner Liebe hat ſie ſich auch nicht getäuſcht. Ihre Zweifel aber, ob der leidenſchaftliche, in idealiſtiſcher Richtung haltlos umherſchweifende Mann ſeiner praktiſchen Aufgabe als Familienhaupt auch für die Dauer gewachſen ſein werde, haben ſich leider und ſchnell gerechtfertigt. In einem zu Frau von Aminghauſen’s Nachlaß gehörigen Bündel Manuſcripten und Broſchüren ihres Mannes habe ich Briefe von beiden gefunden, welche theils vor, theils während ihrer Ehe geſchrieben wur⸗ den. Die der Frau eröffnen den wohlthuendſten Blick in ein ſchön angelegtes, ſtatt mit vielem Wiſſen, mit 119 natürlicher Einſicht begabtes, in glaubensvoller Demuth ſtets nur um ſeine Läuterung bemühtes Frauenherz. Wie die Geliebte und Braut den Sturm und Drang des Bewerbers gezügelt, ernüchtert hat, ſo bekämpft die Frau mild und klar des Gatten dogmatiſchen Atheis⸗ mus, will keine Erfahrungswiſſenſchaft weiter gelten laſſen, als bis da, wo die Möglichkeit der Erfah⸗ rung ein Ende hat. Dann wieder warnt ſie ihn, der mit ſich, ſeinem Erwerbe und ſeiner Geltung in der Geſellſchaft⸗unzufrieden iſt, vor jener aus un⸗ geſtümem Trotz und ſchwärmeriſchem Trübſinn ge⸗ miſchten Schwäche der Ueberkraft, welche mit ihrem abſtraeten Programm die Welt beſſernd umklammern möchte und dennoch, weil ſie die Grenzen von Theorie und Praxis nicht kennt, ziellos ins Unbeſtimmbare hinausgeht. Ein anderes Mal mahnt ſie geradezu ab von fernerer Mitarbeit am Unterwühlen der Wurzeln aller geſelligen Zuſtände. Nicht lange darauf fgſt hei⸗ matlos und unſchuldige Gefährtin ſeiner Schuld, aber ohne Vorwurf, ohne Klage, ſpornt ſie ſein Talent in vernünftigere, beſchränktere, ſeinen Gaben angemeſ⸗ ſene Bahnen und kommt ihm zu Hülfe, indem ſie ihn auf ſeine und vornehmlich ihre philhelleniſchen Ver⸗ bindungen zurückführt. Einflußreiche Mitglieder der Griechencomités erinnern ſich dankbar ihrer frühern Darſtellungen, unterſtützen den Mann um ihretwillen, 6 120 und ſo ſiedelt dieſer, im Vaterlande als politiſcher Agitator faſt unmöglich geworden, mit Frau und Kind nach Nauplia über. Des Neugriechiſchen ziemlich mäch⸗ tig, fand er dort als Ueberſetzer, Dolmetſcher, Publiciſt und Fremdenführer eine hinreichend geſicherte Exi⸗ ſtenz. Er muß ſogar mehr als nöthig erworben und zurückgelegt haben, denn als er nach etwa zweijäh⸗ rigem Aufenthalt in Griechenland beim Baden ertrank und ſeine Frau infolge deſſen in das ihr ſo vertraute Penſionshaus zurückkehrte, wo ſie kurz nach ihrer An⸗ kunft ſtarb, hinterließ ſie der beinahe vierjährigen The⸗ reſe außer dem uns jetzt zuſammenführenden Schmuck mit der Inſchrift ein baares Vermögen von ungefähr neunhundert Thalern. Im ſonſtigen Nachlaß fand ſich keine Spur von Auskunft über Verwandte, weder des Vaters noch der Mutter des Kindes. Die Frau Profeſſorin, an welche man ſich, geführt durch die Fremdenliſten des Hauſes, zunächſt wandte, war geſtorben. So verblieb denn, da auch angeſtellte Ermittelungen der Behörden keinen Erfolg hatten, die Waiſe als angenommenes Kind in Obhut und Pflege der Beſitzerin des Penſionshauſes, welche verwittwet und kinderlos war.. Im vollen Sinne des Wortes vertrat dieſe, ihrer Bildung und ihren Mitteln gemäß, Mutter⸗ ſtelle. 121 Nach ihrer Liebe für das Kind würde ſie dieſem gewiß auch deſſen ererbtes Eigenthum erhalten haben. Ihr eigener Wohlſtand ging aber zurück, und als ſie, beinahe völlig verarmt, ſtarb, hatte ſie nicht nur das Kapital verbraucht, ſondern auch den Schmuck ver⸗ kauft. Eine Schweſter von ihr nahm ſich nun der fünfzehnjährigen Thereſe an. Sie war viel älter als die Verſtorbene, ſeit lange ſchon Haushälterin des Cuſtos der Kunſtanſtalten einer ſchweizeriſchen Groß⸗ ſtadt und beherrſchte, rührig, tüchtig und treu, aber verwöhnt und launenvoll, ihren Herrn, einen gut⸗ müthigen, aber auch ſehr wunderlichen, in ſeinem Amte völlig aufgegangenen Junggeſellen. Sie ſchaffte das ihr bisher beigeſellt geweſene Hausmädchen ab und verlangte, deſſen Dienſte auf Thereſe übertragend, von dieſer deren Kräfte oft weit überſteigende Anſtren⸗ gungen. Herriſch und nergelnd, tyranniſirte ſie das nach ihrer Anſicht ſehr verwöhnte und verzogene, Kind, und ich, der ich mich damals in jener Schweizerſtadt aufhielt, im Hauſe des Profeſſors zu jeder Zeit offe⸗ nen Zutritt hatte, war zuweilen, wenn auch nicht Augen⸗, doch Ohrenzeuge des mitunter ſturmwindähn⸗ lich ſich erhebenden Keifens der Alten. Die Küche, ihr gewöhnlicher Aufenthaltsort, lag neben dem Saale, in welchem ich ein Bild copirte. Einmal, als das Kei⸗ fen ſogar in hörbare Thätlichkeiten überging, konnte 122 ich mich nicht enthalten, einſchreitend auch Augenzeuge zu werden. Laſſen Sie mich über die Scene, welche nun folgte, über die Entrüſtung, mit welcher ich die Gemißhandelte in Schutz nahm, und über die Art, mit welcher ſie ſich dieſem hingab, ſchweigen. Das Ende von Allem war, daß ich da, wo ich bisher nur flüchtig einem lieblichen Kinde mit ſanftem Lächeln und frommem Augenaufſchlag begegnet zu ſein glaubte, ein Weſen von ebenſo großer innerer wie äußerer Schönheit wiederfand, ein Weſen, das mich, als ich in ſeine Schickſale eingeweiht ward, nur um ſo mehr feſſelte. Das arme Kind kam mir entgegen, nicht etwa wie einem erſehnten Erlöſer, ſondern wie einem Menſchen, der, weil er Streitende verſöhnen, Frieden ſtiften wollte, ſelbſtverſtändlich gut, jeden Dankes und Vertrauens werth ſein mußte. Thereſens Schönheit hat ſich ſeitdem in einer Weiſe entwickelt, welche alle Erwartungen meines vor⸗ ſchauenden Künſtlerblicks von damals weit übertrifft. Kein Bild von ihr iſt mir aber tiefer ins Herz ge⸗ prägt als das von damals. Einen Theil der Schuld auf ſich nehmend, entſchul⸗ digte und beſchwichtigte ſie die Alte und erzählte mir dann, anfangs zwar zögernd, doch immer vertrauensvoller wer⸗ Nande we ſie von ſich ſelbſt und ihrer Vergangenheit * 1 123 wußte. Ihr gegenwärtiges Leid, das fie treuherzig, doch offenbar in weit geringerem Maße ſchilderte, als ſie es empfand, ein in dieſer Schilderung hervortreten⸗ der Zug jener Liebe, die nicht das Ihre ſucht, und in der Rede ein Zug von allerdings noch ſchlummernder, doch nur des Weckrufs der Bildung bedürfender In⸗ telligenz erfüllten mich mit Erſtaunen, und während mich die Regung tiefinnerſten Mitleids mit dem hülfloſen Weſen immer mächtiger erfaßte, war es mir, als ob dieſes Weſen ſelbſt von einem verklärenden Schimmer um⸗ ſchwebt ſei. Von dem Augenblicke an, wo ſie die Er⸗ zählung ihrer Geſchichte begann, wuchs ſie in meinen Augen nach allen Richtungen und nahm zuletzt in meiner Schätzung jene Höhe ein, welche mich, wie Sie wiſſen, bewog, mit Allem, was ich beſaß, für ſie ein⸗ zutreten. Mein Gönner, der Profeſſor, ihr früherer Brod⸗ herr, unterſtützte mich. Was Thereſe über ihre Ver⸗ gangenheit und Herkunft ſelbſt nicht wußte, erklärte ſich zum Theil aus den Briefen ihres Vaters, aus dem, was die Alte ſehr aphoriſtiſch von ihrer ver⸗ ſtorbenen Schweſter erfahren, und 8 luch aus Nach⸗ forſchungen bei den Behörden des Ortes, in welchem Thereſe bis zum Tode ihrer Verſorgerin gelebt hatte. Das Geſchmeide fand ich noch auf und kaufte zurück. 124 Sobald ich morgen meine Sachen ausgepackt habe, werde ich Ihnen, Herr Hauptmann, mit andern Schriftſtücken auch einen, nach alledem, was ich von Ihnen gehört habe, ſicherlich für Sie beſtimmt gewe⸗ ſenen, aber unvollendet gebliebenen Brief überreichen. Sie werden ja dann aus den Anſichten, der Dar⸗ ſtellungsweiſe und der Handſchrift erkennen, ob die als Fräulein Thielooſen aus Ihrem Hauſe Geſchiedene die Verfaſſerin war. Daß die Verfaſſerin das Geſchmeide beſeſſen hat, verbürge ich.“ In ſeine Ecke zurückgelehnt, hatte der alte Sol⸗ dat ſich kein Wort Eduard's entgehen laſſen. Wie geſpannt er folgte, gab ſich in oft ſehr lebhaften Veränderungen ſeiner Haltung und Miene kund. Aber er hatte die Mittheilung, wie ſchwer ihm das auch gefallen ſein mochte, mit keinem Worte unter⸗ brochen. Nun ſprach er ſich aus und meinte, während der Präſident, nicht ohne ergriffen zu ſein, doch vielleicht gerade deshalb in etwas erkünſtelter Reſerve von Selt⸗ ſamkeiten des Zufalls redete, Zufall ſei blos ein unedler Name für die Vorſehung und deren dankenswerthes Werkzeug hier ganz offenbar der junge Herr, wel⸗ chem übrigens— hier bot er mit eigenthümlichem 8. eln Eduard gutmüthig und nicht ohne Würde ie Hand— die Mutter durch ihre ſchönen 125 Briefe ihr Herz ebenſo zugeſchickt zu haben ſcheine, wie die Tochter das ihre durch die ſchönen Augen. Allein wie beredt und glänzend auch die Rechtfertigung des Herrn Anwalts der Mutter geweſen ſein möge, ſchwache Punkte habe ſie doch nicht gänzlich vertuſchen können. Dahin gehörten die öffentlichen Schauſtellungen, wenn auch zu milden Zwecken, und mehr als ſchwach ſei, daß Fräulein Thielooſen mit einem ſo principloſen Burſchen wie der Aminghauſen wieder habe anknüpfen können. Nach Entdeckung ſeines Verhältniſſes mit der Frau Profeſſorin, oder beſſer, mit deren Geldſack müſſe ſie doch gewußt haben, wie wacklig und ſchlottrig ſein Charakter geweſen. Wahrſcheinlich habe ſie, ſelbſt immer guter Laune, die des Aminghauſen für gutes Herz ge⸗ halten und die Marotte gehabt, den Bummler zu beſſern. Ob ſie, auch wenn ſie bei ihm, Schwendler, geblieben wäre, vor ähnlichen Mißgriffen hätte behütet werden können, müſſe dahingeſtellt bleiben. Sicher ſei nur, daß ſie als Frau den wenn auch thörichter⸗ weiſe übernommenen Dienſt prompt und untade⸗ lig gethan habe. Das ſpreche für das ihr beige⸗ bracht geweſene Princip. Daß ſie in den Strapazen dieſes Dienſtes den Tod gefunden, ſei an und für ſich nicht zu beklagen, denn ſie ſei auf dem Felde der Ehe wie ein tapferer Streiter geblieben. Dennoch thue ſie ihm leid. Weit mehr aber bedauere er das traurige 126 Jugendloos ihres äußern Ebenbildes, des hübſchen, unſchuldigen Kindes, das ſie ſo hülflos hinterlaſſen habe und welchem Stab und Stütze zu ſein er ſich noch jetzt berufen fühlen würde, wenn es die beſte nicht ſchon in dem wackern jungen Herrn gefunden hätte. Dem Präſidenten war während dieſer Rede die ganze Fülle ſeiner guten Laune zurückgekehrt. Er war, als Eduard zu erzählen begann, auf viel Schlimmeres gefaßt geweſen und hatte ſchon bitter bereut, ſich vor⸗ her im Kurſaal bei Gelegenheit der veränderten Ein⸗ ladung zum morgenden Feſte hier und da auch über die Gründe dazu geäußert zu haben. Zwar hatte er nicht Alles, nichts laut geſagt. Er hatte nur geflü⸗ ſtert, in Eile ſich dies und das entſchlüpfen und die frohfinnige Abſicht walten laſſen, dieſen und jenen ſeiner Gäſte mit einer Art von vorauswirkendem Zau⸗ ber zu umſtricken. Aber er hatte von einem einfachen Familienfeſte, das ſich in ein doppeltes verwandle, hatte von Freude über die unvermuthete Ankunft ſeines Sohnes, den er morgen die Ehre haben werde vorzuſtellen, hatte von Fräulein von Aming⸗ hauſen, der unbeſtreitbaren Krone des Ganzen, geredet.. Wie hätte das Myſterium nicht längſt ſchon aus⸗ gedeutet ſein ſollen, und was wäre zu thun geweſen, 127 wenn Eduard's Mittheilungen über ſeine Braut deren bisher geführten Namen, ihre Herkunft in Frage ge⸗ ſtellt hätten? Das war jetzt nicht der Fall. Von The⸗ reſens frühern Schickſalen und Verbindungen brauchte Niemand etwas zu erfahren, und jedes Hinderniß war beſeitigt, ſobald ſich nur für Schwendler und ſein Ver⸗ hältniß zu der jungen Dame die zweckmäßige Formel finden ließ. Gegen alle Erwartung machte das ſich kurz und einfach. Schwendler lehnte entſchieden und beharrlich bei dem Feſte zu erſcheinen. Er nehme morgen letzte Bad, um übermorgen zur Nachkur an die See zu reiſen. Wenn Eduard ihn morgen früh dem lieben Kinde zuführen und dieſes auf ihn vorbereiten wolle, ſo werde ihm das angenehm ſein. Freude aber würde er haben, wenn Eduard ihm ab und zu ſchreiben wolle. Er werde antworten. So lerne man ſich näher kennen, und wenn er dann nächſtes Frühjahr wieder ins Bad komme, werde er auch in Schwarzenhof einſpre⸗ chen, die junge Ehe zu inſpiciren. Uebrigens wünſche und bitte er, daß ſein Verhältniß zu Eduard's Braut und deren Mutter gewiſſermaßen Familiengeheimniß bleibe. Er komme darin gewiß nicht blos den Wün⸗ ſchen des Herrn Präſidenten entgegen, ſondern er wün⸗—’ ſche es auch für ſich. Schon einmal habe ihm die 128 Geſchichte mit der Zeitungsannonce Kummer und Ver⸗ druß gemacht. Heute ſei der letzte, ſteilſte Theil des Berges ſehr mühſam, doch mit Eduard's Hülfe glück⸗ lich erklettert. Die Ausſicht nach vorn ſei hübſch und wohlthuend, wozu alſo nur der mindeſte Blick nach rückwärts? Herr von Leteln fand das begreiflich und be⸗ dauerte, während Eduard mit Herzlichkeit auf Schwend⸗ ler's Kommen drang und nicht begreifen konnte, warum der alte Herr von einer Geſchichte nicht geredet haben llte, welche allerdings früher Anlaß zur Trauer gege⸗ jetzt aber um ſo mehr zur Fröhlichkeit berech⸗ , einer Geſchichte, welche höchſtens theilnehmenden Freunden merkwürdig, für alle Andern aber gleichgül⸗ tig ſei. „Fehlgeſchoſſen!“ entſchied nun Schwendler.„Fra⸗ gen Sie nur Ihren Herrn Papa da, was und wie die Welt raiſonniren könnte. Globen Sie mich alten Praktikus. Am beſten iſt's, wenn die Welt morgen nichts weiter hört als:„Eduard von Leteln, Thereſe von Aminghauſen, Verlobte!“ oder umgekehrt, die Dame voran; ſo iſt ja wohl die rechte Manier? Und damit Hollah!“ Während Eduard und ſein Vater, beide mit ein⸗ ander ſehr zufrieden, dem Herrenhauſe auf Schwarzen⸗ 129 hof um ſo ſchneller zueilten, je mehr ſie ſich, jeder auf ſeine Art, die Unruhe vorſtellten, mit welcher das alte Fräulein über ihr ſo verſpätetes Ausbleiben erfüllt ſein mochte, ſaß der alte Hauptmann, von den Vor⸗ gängen der letzten Stunden und des Tages überhaupt ganz überwältigt, im Seſſel am Fenſter und ſpann Gedanken. Dann klingelte er dem Kellner, befahl Streuzucker und Waſſer, nahm ein großes Brauſepul⸗ ver und ſuchte die Ruhe. Aber auch im Bett ließ ſich dieſe nur ſchwer und langſam finden. Vergeblich zählte er zweimal von eins bis tauſend, und vergeblicher war er bemüht, ſich die einſchläfernde Einförmigkeit eines im Winde wogenden Kornfel⸗ des vorzuſtellen. Alle Zahlen, die er zählte, reichten nicht an die ſeiner Sparkaſſenbücher, und alle Blumen, die er im Kornfelde erſchaute, wurden von dem jungen Mädchen gebrochen, dem er die Sparkaſſenbücher zu⸗ dachte. Endlich war es ihm, als ob der Kranz, zu welchem Eduard's Braut die Blumen pflückte, gewun⸗ den ſei, als ob ſie ſich in das Bild der Mutter ver⸗ wandelt habe und als ob dieſe, wie vor Zeiten wohl auf Spaziergängen, ſich oder ihn bekränzend heiter und liebevoll mit ihm rede. Trotz der durch ſolches Träumen geſtörten Ruhe fühlte er ſich, als er aufſtand, körperlich friſch und ſehr bei Kräften, innerlich wie von einem Segen berührt. Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 9 130 Das Leben, bisher ſo ſchal und leer, winkte mit neuem Reiz. Vergangenes quälte nicht mehr; in der Gegenwart bot ſich Freude und für die Zukunft ein Gegenſtand fürſorgender Wirkſamkeit. Das liebe Kind, zu welchem er ſich ſchon beim erſten Anblick ſo wunderſam hingezogen gefühlt hatte, war jetzt ein Vermächtniß für ihn, konnte ſeiner noch ſehr bedürfen. Eduard hatte zwar Alles gut einge⸗ richtet, aber der brave junge Mann war und blieb doch wahrſcheinlich noch lange abhängig von Vater d Tante. Der Herrr Präſident? Na, gutmüthig mochte er ſein, aber ſehr unzuverläſſig war er doch, ſo ein Stück von einem alten Schwerenöther. Wie kleinlaut hatte er ſich bei der Verhandlung über The⸗ reſens Herkunft verhalten und ſich ſchließlich doch nur wie in Unabwendbares gefügt! Und die alte Dame, die Tante, wie mochte die ſich ausgeſprochen haben? Nach Allem, was von ihr verlautete, ließ ſich allerdings Günſtiges vorausſetzen. Aber, aber, Herkunft, Sipp⸗ ſchaft, Vermögen vor allem, das ſind gar heiklige Fragen! Je leichter man im erſten Augenblick über ſie hinwegkommt, deſto ſchwerer und drückender fallen ſie nicht ſelten nachher ins Gewicht. Was thun? Richtig! So wird es das Beſte ſein. In der Nähe bleiben, im Badeort ſich anſiedeln, und käme der Eduard in Verlegenheit, nun, wozu wären denn die Sparkaſſenbücher da? Brauchte das liebe Kind Rath, Troſt, Hülfe, ſo wäre man ſelber da. Selbſt aber wäre man nicht mehr ſo ganz ver⸗ einſamt, brauchte ſich, wenn's zum Abſcheiden käme, nicht von fremder Hand die Augen zudrücken zu laſſen! Aber wo blieb Eduard? Warum kam er nicht? Die Zeit war längſt vorüber. Hatte der Präſident nachträglich noch Einwände gemacht oder das alte Fräulein? Ja, ja, ſo etwas konnte vorgekommen ſein; und darum war es ſehr probat geweſen, ſich dem alten Windbeutel und ſeiner ihn wahrſcheinlich den 3 renden Fräulein Schweſter nicht gleich ſo ohne weite⸗ res hinzugeben. Oder ſollte das liebe Kind Umſtände gemacht haben? Bah, das war von Herzen ſchlicht und gut. So viel war geſtern im Pavillon erlauſcht worden. Nein, nein! Wenn irgendwo Schwierigkeiten waren, ſo lagen ſie in Schwarzenhof und denen, nun, denen würde doch wohl beizukommen ſein? Hochaufgerichtet, im vollen Bewußtſein ſeiner Wehrhaftigkeit durchmaß der alte Herr mit immer län⸗ gern, immer heftigern Schritten das Zimmer und hüllte ſich in immer ſtärkere Wolken der Morgenpfeife. So überhörte er ein Klopfen an der Thür und bemerkte kaum, daß Eduard eintrat. Dieſer hatte ſich verſpätet, weil er 9* 132 der treuen guten Tante heute morgen noch einmal er⸗ zählen müſſen, was ſie geſtern Nacht ſchon mit Freude und innigſtem, auf die kleinſte Kleinigkeit eingehendem Antheil gehört, aber nicht völlig ausgehört hatte, weil ſie ſehr unwohl geworden war. Die Vorbereitungen zum Feſte, das der Präſident improviſirt und immer weiter ausgedehnt hatte, die Unruhe über das Ausbleiben des Bruders und Neffen, nament⸗ lich des letztern, der ſchon viel früher und ſo voll Sehnſucht erwartet war, das endliche Wiederſehen, das Alles mochte den erſten Anlaß gegeben haben. Dann aber war die überraſchende Verknüpfung der Geſchichte Thereſens mit Schwendler hinzugekommen. Daß gerade Fräulein von Aminghauſen es war, die ihre Nichte werden ſollte, hatte die Tante ſehr froh, ja glücklich gemacht; ſie hatte das junge Mädchen um ſeiner Schönheit, Beſcheidenheit und offenen Herzlichkeit willen ſchon immer lieb gehabt. Um ſo ſchmerzlicher war ſie von dem traurigen Jugendlooſe des Kindes, dem Schickſal der Mutter deſſelben ergriffen geweſen und hatte faſt ohnmächtig zu Bett gebracht werden müſſen. Heute früh nun war ſie zwar wieder wohl geweſen, allein weit⸗ mehr infolge ihrer Willenskraft als wegen beſeitigter Nervenſchwäche. Am liebſten wäre ihr wohl ſtilles Bei⸗ ſammenſein in der Familie geweſen. Aus Rückſicht für den Bruder aber, der mit ſeinen einquartierten Offizieren 133 und deren Leuten die halbe Nacht mit Vorbereitungen für die Illumination des Gartens beſchäftigt geweſen und, jetzt noch in vollſter Arbeit mit Zurüſtungen, in glücklichſter, Alles glücklich machen wollender Laune ſei, habe ſie ihren Wunſch, das Feſt abzuſagen, unterdrückt, hoffe ihr körperliches Leiden, wie ſo oft ſchon, zu be⸗ wältigen und wünſche nichts dringender, als daß auch Schwendler erſcheine. Darum bitte auch Frau von Berger, vor allen aber Thereſe, die kaum die Zeit erwarten könne, den Belauſcher von geſtern als väterlichen Freund in herz⸗ lichſtem Entgegenkommen zu begrüßen. Daran ſchloß ſich Eduard's eigene, dringend wie⸗ derholte Aufforderung. Die Tante habe gewiſſermaßen als Gegendienſt von ihm verlangt, daß er den alten Herrn herbeiſchaffe. Vielleicht habe er ſelbſt geſtern Abend einigen Grund zu Schwendler's ſo beharrlicher Ablehnung gegeben. Offen geſtanden, ſei ihm ſeine Braut früherhin auch um deswillen lieb geweſen, weil ſie, verwandtenlos und allein von ihm abhängig, keinen jener Einflüſſe zu befürchten gehabt habe, welche, durch Verwandtſchaft herbeigeführt, nicht ſelten ſich ſtö⸗ rend in die Ehe drängen. Seine eigene Familie davon leider abſchreckende, noch bis in die Gegenwart hereinwirkende Beiſpiele gegeben, und wenn er deshalb geſtern Abend anfangs ſehr betreten und zurück⸗ haltend geweſen, ja abwehrend ſich verhalten, ſo werde ſich Schwendler doch auch geſtern wieder überzeugt haben, daß er einer ſo ehrwürdigen, ihm offenbar durch ein höheres Walten in den Weg geführten Perſön⸗ lichkeit gegenüber das auf Gefühlseigenthümlichkeit be⸗ ruhende Vorurtheil mit Freuden zu opfern verſtehe. Dann folgte eine kurze, verſtändige Auskunft über die Verhältniſſe der Familie, in welche Thereſe berufen war, einzutreten, eine ſchonungsvolle Schilderung des Vaters, eine beinahe begeiſterungsvolle der Tante. Das Alles entſprach zwar der Sinnesart des Veteranen und lockte ihn, aber er war zu alt, zu ſpröde, als daß er ſich ſo leicht, ſo beinahe nur im Vorbeigehen hätte erobern laſſen ſollen. Er redete ziem⸗ lich geſpreizt von ſeltſamer Fügung, empfundener Ehre, verbindlichem Dank, aber—Offenheit gegen Offenheit— verwandtſchaftliche Beziehungen, welche zur Familien⸗ mitgliedſchaft berechtigten, lägen doch nicht vor. Wenn auch Thereſe und Eduard dieſe anzuerkennen geneigt ſeien, ſo frage ſich doch, nicht ob, ſondern inwieweit Herr von Leteln nebſt Fräulein Schweſter in geſin⸗ nungsvollem Einverſtändniß ſeien und bleiben möchten. Zudem frage ſich noch, ob er, Schwendler, in einem Kreiſe ſich wohl fühlen, für einen Kreis paſſen möge, deſſen geſellige Gewohnheiten ihm niemals recht geläufig geweſen und es jetzt noch weniger ſeien als ehedem. — 135 Man möge Zeit und Umſtände walten laſſen, ihn vor⸗ läufig auch vom heutigen Feſte dispenſiren, welchem der Herr Präſident wohl aus Rückſicht auf ihn und aus Rückſicht auf die Geſundheit ſeiner Schweſter hätte entſagen können. Nach Allem, was er von ihr wiſſe und eben jetzt noch von Eduard vernommen, verehre er deſſen Tante. Sie ſcheine aber doch ſehr nachgiebig gegen den Bruder. Auch mit ihr werde er deshalb ebenſo wenig zu dauerndem Einverſtändniß kommen, wie mit dem Präſidenten, deſſen Weſen ihn— Eduard möge verzeihen— fortwährend herausfordere, in Har⸗ niſch und dadurch in Gefahr bringe, ſich wieder zu vergallopiren, was für Männer ihres Alters doch nicht mehr paſſe. Eduard war gutmüthig und gewandt genug, ſich in die Lehre zu finden, welche ihm über ſeine Abnei⸗ gung gegen verwandtſchaftliche Beziehungen der Frau durch Schwendler in ſo unvermutheter Weiſe zu Theil ward. Abgeſehen davon, hatte ſeine Angelegenheit eine ebenfalls unvermuthete, alle Erwartungen überſteigende günſtige Wendung genommen. In der glücklichen Stimmung darüber fand er den rechten Ton, Grund⸗ ſätze zwar zu beloben, doch auch vor deren Uebertrei⸗ bung zu warnen, und überreichte zum Beweiſe dafür den allem Anſcheine nach für Schwendler von There⸗ ſens Mutter angefangenen Brief. 136 Als der alte Herr die wohlbekannten Schriftzüge wiederſah, als er las, was die Aermſte für ihn ge⸗ ſchrieben, da war er erſchüttert, überwältigt. Das Haupt in die rechte Hand und den Arm auf die Brüſtung des Fenſters ſtützend, an dem er geleſen hatte, ſchaute er, während die linke Hand mit dem Briefe auf ſein Knie herabgeſunken war, ſtumm und ſinnend über Wieſe, Strom und Stadt in die von Waldhügeln begrenzte Ferne. Eduard ließ ihm Zeit und legte dann, zu ihm herantretend, ſeine Hand ſanft auf jene des alten Herrn, welche den Brief hielt. „Der iſt mein“, ſagte Schwendler freundlich. „Der iſt ooch ohne Adreſſe an mir. Aber er kommt zu ſpät. Sie haben ſchon Alles gethan. Wenn Sie mich mal brauchen, für ſich oder das Kind, ſo bin ich da.“ Noch in der Umarmung, welche unn folgte, fragte Eduard:„Sie wollen alſo, wie Thereſe wünſcht, ihr lieber Großvater ſein?“. Schwendler aber ſchüttelte den Kopf und ſagte ſich loswindend faſt barſch:„Keine Weichherzigkeit! Nichts von Großvater! Das iſt Larifari! An dem Namens⸗ und Gefühlsvater habe ich ſchon eenmal genug gekriegt. Rechter Name und keene ſchiefe Baſis! Euer Freund will ich ſind. Woher, warum, braucht 2 137 keen Menſch zu wiſſen. Ich komme als Euer Gaſt, als een alter Bekannter von Sie! Alles Fragen über unſern weitern Zuſammenhang iſt vorbei und unſere Geſchichte bleibt unter uns. Nun zu das Kind! Auf das freue ich mir, und wenn Ihre Tante ſo iſt, wie Sie ſagen, ooch auf der. Und Ihr Papa ſoll ooch nur keene Angſt nicht haben, daß ich in ſeinem glän⸗ zenden Cirkel mir Blößen gebe. Ich habe mir ſchon manchmal mit Stillſchweigen geholfen, und die Leute haben Wunders geglaubt, was dahinter ſteckt. Ich werde mir ooch heute ſchon durchſchweigen.“ Trotz aller Vorbereitung auf einander oder viel⸗ leicht gerade darum waren Thereſe und Schwendler bei ihrem erſten Zuſammentreffen ſehr befangen. Eduard und namentlich Frau von Berger halfen darüber weg und ließen, als der rechte Ton gefunden war, beide allein. Da redeten ſie denn von der Vergangenheit, von der letzten, ſo überraſchenden Fügung, von Gottes gnädiger Hülfe, deren Werkzeug Eduard geworden, von deſſen Vater und Tante, von Thereſens neuer Heimat und der Zukunft in ihr. Sie empfanden aber weit mehr, als ſie im Drange des Augenblicks aus⸗ zuſprechen vermochten. 138 Frau von Berger ging währenddeſſen ab und zu. Aber was ſie ſchon längſt hätte thun ſollen, ſtören und an Aufbruch mahnen, war ihrem Mitgefühl zu ſchwer geworden. Nun kam jedoch Eduard, kam der Wagen. Beide Damen wurden ſchon zum Diner in Schwarzenhof erwartet. Wie ſehnſüchtig ſchaute die gute Tante nach ihnen aus! Geſchieden mußte werden. „Alſo um fünf Uhr ſpäteſtens in Schwarzenhof!“ ſagte Eduard, eben vom Kutſcher Zügel und Peitſche ſelbſt übernehmend, zu Schwendler, der in würdevoll⸗ ſter Galanterie Frau von Berger geführt hatte und beim Einſteigen behülflich war.„Auf Wiederſehen!“ riefen, während die Pferde anzogen, beide Damen, verneigten ſich und winkten, die eine in traulichſter Huld, die andere in freudigſter Ehrerbietung, dem Greiſe noch einmal zu. Der aber ſchaute, von The⸗ reſens treuherziger Hingebung vollends gewonnen, mit kaum verhüllter väterlicher Zärtlichkeit dem Lieb⸗ linge nach. Eben wollte er ſich wenden, um ſehr vergnügt dem Kurhauſe wieder zuzuſchreiten, als, faſt am Ende der Allee, ein in ſchnellſter Gangart ſeines Pferdes herankommender Offizier dicht am Wagen parirte und dieſer halten blieb. Einige, wie es ſchien, beſonders 139 mit Frau von Berger gewechſelte Worte, ein nach dem Kurhauſe deutender Wink Thereſens, dann eilte der Wagen davon, der Reiter aber auf Schwendler zu. Es war Darfeld. Von der Einladung des Präſidenten zum Feſte überraſcht, hatte Hauptmann von Darfeld der Dame des Hauſes ſeine Ehrerbietung noch vorher bezeigen wollen. Fräulein Sidonie hatte ihn auf das gütigſte empfangen, an ſein ihr durch den General von H. ſchon bekannt gewordenes Freundſchaftsverhältniß zu dem ehrwürdigen Schwendler in freudiger Zuvorkom⸗ menheit angeknüpft und ſeine Hülfe gleich für ſich ſelbſt unwiderſtehlich in Anſpruch genommen. Schwend⸗ ler habe abgelehnt. Er ſolle und müſſe aber kom⸗ men, dürfe wenigſtens nicht abreiſen, ohne Fräu⸗ lein Sidonie geſprochen zu haben. Was vielleicht Eduard nicht vermöchte, werde zweifellos dem alten, bewährten Freunde gelingen; Herr von Darfeld möge einer wenn auch Matrone gewordenen, doch heute noch einmal, vielleicht zum letzten Mal feſtlich umwor⸗ benen Dame einen Ritterdienſt nicht verſagen. Da habe er denn den kurzen Ritt ſchnellſtens unter⸗ nommen und ſei froh, am Wagen ſchon gehört zu haben, daß Papa Schwendler ſich in günſtiger Weiſe entſchieden habe. Die alte Dame ſei in ſo gehobener und freudiger Stimmung und doch mitunter auch ſo 140 eigenthümlich bewegt, ja nervös erregt, als ob ſie, wie der Präſident in ſeiner Art zu ſcherzen bemerkt hätte, ſelbſt noch den Bräutigam erwarte. Man blieb zu Tiſche bei einander. Schwendler erzählte ausführlich, was der Freund ſehr ſkizzenhaft in Schwarzenhof ſchon vernommen. Seines Aben⸗ teuers mit den beiden Damen im Pavillon hatte er nur beiläufig erwähnt. Als das Diner in ſeinem Zimmer aufgetragen war, kam er mit faſt muthwilli⸗ gem Behagen darauf zurück, belächelte, unter einem Toaſt auf Frau von Berger, den guten Präſidenten, deſſen wahrſcheinlich beabſichtigte eigene Verlobung ganz unvermuthet in eine ſolche des Sohnes umgeſchla⸗ gen ſei, und redete dann von tüchtigen Soldaten, die wohl einen gefährlichen Feind, nicht aber die Liebe einer Frau zu recognosciren verſtänden, von ſchüch⸗ ternen Liebhabern, die da nicht wüßten, daß vor dem Aufthun erſt das Anklopfen erwartet werde, von Aus⸗ reißern, die ſich lieber verſetzen ließen, als daß ſie wagten, am Baum zu ſchütteln, deſſen ſchönſte Frucht doch für ſie reif ſei. Und ſo verrieth er zwar das Ge⸗ heimniß der muntern, allerliebſten Frau nicht gerade⸗ zu, ließ aber den immer freudiger erſtaunten Darfeld, der fragend zu Hülfe kam, den Stand der Dinge errathen. Viel ſchneller, als er vormittags in den Kurort 141 gekommen war, eilte der Ueberglückliche gegen Abend dem Feſte zu, welches ſein getäuſchter Rival ſchon eröffnete. Der Präſident befand ſich in der umfangreichen Veranda auf der obern Terraſſe des in der That ge⸗ ſchmackvoll angelegten und trefflich gehaltenen Gar⸗ tens. Vielgeſchäftig bewegte er ſich hin und her, war aber, obgleich das herrlichſte Wetter ſein Unternehmen begünſtigte, obgleich die Créme der Badegeſellſchaft und der Bekannten aus der Umgegend um ihn ver⸗ ſammelt war, doch eigentlich nicht froh geſtimmt. Das alte und das junge Fräulein, Sidonie und Thereſe, ließen noch immer auf ſich warten. Der Zuſtand ſeiner Schweſter, wie er ſich ſeit Eduard's Kommen, während und nach der Beſprechung der geſtrigen Erlebniſſe mit Schwendler geſtaltet hatte, war räthſelhaft. Anfangs hatte Herr von Leteln Alles leicht genommen, auch, viel zu beſchäftigt mit Vorbe⸗ reitungen für ſein Feſt, ſich wenig darum bekümmert. Als aber Fräulein Sidouie, obwohl körperlich wieder friſcher, ſich ihrerſeits um das Feſt faſt gar nicht ge⸗ kümmert, die Fragen der Wirthſchafterin und der Diener kaum angehört und entweder kurz abgewieſen oder nicht ſachgemäß beantwortet hatte, als er ſie, ſtatt in Haus, Küche und Garten anordnend nud anregend, in ihrem Zimmer vor ausgebreiteten Schriften ſitzend 142 und ein bei ſeinem Eintritt ſchnell beſeitigtes Medaillon anblickend betroffen hatte, war er aufmerkſam geworden. Da ihn indeß Fräulein Sidonie lächelnd beruhigt, ſich, wie zum Ueberfluß, ſogar erhoben hatte, ſeinen Wünſchen nachzukommen, ſo war er unter Anweiſun⸗ gen an die Gartenarbeiter und im Geplauder mit den ihm ſo hülfreichen bei ihm einquartierten Offi⸗ zieren auch darüber hinweg und zu nicht weiterem Nachdenken gekommen. Selbſt beim Intermezzo von Darfeld's Beſuch hatte er über Fräulein Sidoniens Drängen, Schwendler herbeizuſchaffen, nur gelächelt und gewitzelt. Dann aber war Thereſe von Aminghauſen erſchie⸗ nen, dieſelbe Thereſe, welche ſeine Schweſter doch ſchon mehrfach im Badeorte geſehen und geſprochen hatte und an welcher für ihn nichts verändert war, als daß ſie ſehr bald ſeine Schwiegertochter heißen ſollte. War es denn dieſer an ſich zwar freudige, nach allen andern Richtungen aber keineswegs abſonderliche Um⸗ ſtand, der die junge Dame für ſeine Schweſter ſo ſehr verändert erſcheinen ließ? Ganz ihrer ſonſtigen Weiſe gemäß war ſie The⸗ reſen als Eduard's Braut in gütigſter und würdigſter Haltung entgegengekommen. Sehr bald jedoch hatte ſich die mütterliche Autorität in von Zeit zu Zeit faſt unwill⸗ kürlich überwallende Zärtlichkeit verwandelt. Sie hatte 8 143 das theuere, herzige Kind faſt nicht mehr von ſich ge⸗ laſſen, ſich, wie in Erinnerungen verſunken, nicht ſatt ſehen können an der lieblichen Erſcheinung. Wehmuth und Frohſinn, körperliche Schwäche und willensſtarkes Sichaufraffen hatten zu ſehr in ihr gewechſelt, als daß der Präſident nicht nach aufgehobener Tafel hätte Ge⸗ legenheit ſuchen ſollen, mit Eduard und Frau von Berger darüber zu reden. Beide hatten beſchwichtigt, Alles theils auf die ſo überraſchend zu Tage gekom⸗ mene Fügung mit Schwendler, theils auf das ſo un⸗ gelegen ſich einmiſchende Feſt geſchoben. Als aber die erſten aus dem Kurorte heranfahrenden Wagen ſichtbar geworden und Fräulein Sidonie, wiewohl öfter benachrichtigt, doch erſt, als kaum noch Zeit blieb, er⸗ ſchienen war, da hatte Herr von Leteln in einer Mi⸗ ſchung von Sorge um die Schweſter und um die Dehors ſeines Feſtes eine Apoſtrophe höchſter Ungeduld nicht unterdrücken können. „Wenn ich Dich nur begreifen könnte, Sidonie!“ ſo hatte er ihr, das feine Goldkettchen mit den fünf Miniaturorden zurecht zupfend, zugeraunt.„Du biſt nicht krank und doch auch nicht geſund. Dein Geiſt ſcheint leidend, wo doch nur Urſache zum Gegentheil vor⸗ liegt. Du lächelſt, ſchüttelſt den Kopf? Nun, wahrhaftig, wenn das nicht geiſtig leiden heißt, ſo verſtehe ich's nicht. Bald ſcheint ein beſeligendes Gefühl ſich Deiner 144 bemeiſtert zu haben, das nach jubelvollem Ausdrucke ringt, bald ein feſt entſchloſſener Wille, dieſen Aus⸗ bruch Deines Gefühls nicht aufkommen zu laſſen. Dann verſinkſt Du, und das dauert immer am läng⸗ ſten, in einen Zuſtand der Machtloſigkeit über Dich ſelbſt, bis die Hoffnung Dein Bangen wieder über⸗ wiegt. Wozu, warum dieſe, wenn nicht krankhafte, faſt lächerliche Sehnſucht nach dem herzensguten, aber ſehr — doch da kommt mein Stöͤrenfried, da ſchreitet er heran, der ehrenwerthe Schwendler!“ Laut auflachend, aber unter Thränen, hatte das Frräulein dem Bruder die kleine Hand auf den Mund drücken wollen. Eine neue, ſtärkere Anwandlung von Ohnmacht hatte jedoch den Verſuch unterbrochen und Thereſe die Leidende in deren Gemächer zurückgeführt. Er⸗ ſchreckt und ärgerlich über ſich ſelbſt, hatte Herr von Leteln beiden nachgehen wollen. Aber wie hätte er ſich los⸗ machen können! Da war immer neu zu empfangen, Eduard immer und immer wieder vorzuſtellen. Welches Glück noch, daß Frau von Berger die Aufmerkſamkeit ablenkte! Von den Männern geſucht, mit den Frauen vertraut, machte ſie ſich, an treffenden Einfällen reich, inmitten der Gekommenen und Kommenden zur Königin der Unterhaltung. So dauerte es ziemlich lange, bis ein für die Abſicht des Präſidenten günſtiger Augenblick ſich 145 zeigte. Endlich war er da, ſchien glücklich erhaſcht, und Herr von Leteln glaubte, in einen Nebenweg ent⸗ ſchlüpfend, ſelbſt nach Schweſter und künftiger Schwie⸗ gertochter ſehen, dem ſchon beginnenden Eclat ihres Ausbleibens noch begegnen zu können. Da ſchob ſich, ihn feſthaltend, von hinten her ein Arm in den ſeinen. Er blickte ſich um, und der Frau Miniſterin Excellenz deutete mit dem Fächer voll Huld auf einen etwas zurück⸗ gezogenen, aber die Ausſicht über das Ganze gewähren⸗ den Sitz, ließ ſich nieder und bat, ihr einige Figuren aus dem Kaleidoſkop der Vorgeſtellten noch einmal zu erklären. 3 Das Mißgeſchick zu vollenden, keuchte noch, ſorg⸗ ſam geleitet von einem beſternten Herrn aus der Di⸗ plomatie, die an Geſtalt ſo ſchwerfällige, durch Verſtand und Herzensgüte aber Alles ſchnell für ſich ein⸗ nehmende Chanoineſſe von Obern heran, gefolgt zu⸗ nächſt von ihrer Nichte, Fräulein Adele, Freiin von K., und dann von ihrem Schützlinge, Frau Lolo B., der gefeierten Schriftſtellerin, ebenſo anziehend in ihrer libellenartig graziöſen Erſcheinung, wie ſchimmernd und beſtechend in der Form ihrer nicht ſelten an Emancipation ſtreifenden Dichtungen. Mit flatternder Behendigkeit vorſchweben, dem Feſtgeber in durch ſüßeſte Augen unterſtütztem Mienen⸗ und Geberdenſpiel Preis und Dank der Anerkennung ſpenden, dann ſich auf die 10 Heinz, Herrin von Schwarzenhof. ———r —— huldvoll dargebotene Rechte der verehrten Excellenz wie zum Kuſſe herabbeugen, war für Frau Lolo faſt eins, während die Chanoineſſe, ſtehen bleibend, kaum Athem fand zur Frage nach dem trauten Geburtstags⸗ kind Sidonie, Fräulein Adele aber die liebe Aming⸗ hauſen noch immer vermißte. 1„Ja, ja, wo ſind ſie?“ fragte nun auch, mit der Lorgnette ſpielend, der Führer der Chanoineſſe.„Nach Allem, was ſich der Kurſaal erzählt, weilt die Königin des Feſtes ſchon ſeit Stunden hier. Ihr Herr Sohn ſoll ſie heute Vormittag ſchon, freilich noch unter Frau von Berger's Schutz, Ihnen, Herr Präſident, zugeführt haben!“ Noch hatte Herr von Leteln ſeine Entſchuldigung nicht vollendet, ja kaum begonnen, als die Excel⸗ lenz mit einem:„Da kommen ſie!“ auf die untere Terraſſe hinzeigte, Frau Lolo B. aber ausrief:„Wahr⸗ haftig! Welch vollendete Bilder der Schönheit, beide! Nicht wahr, Excellenz, auch die Matrone kann ſchön ſein?“ Excellenz lächelte. Die Bilder der Schönheit aber, welche bis da auf geradem Wege dem Licht und Höhepunkt der Geſellſchaft zuzuſtreben geſchienen hatten, bogen mit einem Male aus, auf einen völlig iſolirten Herrn zu, der, man hätte es faſt glauben mögen, den Auftrag zu haben ſchien, Pfirſich für Pfir⸗ ſich am Spalier zu betrachten und zu zählen. — — 2 147 „Welch herzliche Begegnung! Ah, ſieh da, unſer Original von altem Soldaten! Wie nett, kokett faſt in neueſter Mode heute! Recht hübſch muß der Mann einmal geweſen ſein! Wie verbindlich, formell galant gegen Sidonie, wie freundlich zu Thereſen! Sie kennen ſich alſo ſchon länger? Mir iſt doch, als ob ſie ſich früher nicht nahe geſtanden hätten?“ So wogte, den Präſidenten von einer Verlegenheit in die andere ſtürzend, Frage und Ausruf durcheinander. „Ein Freund meines Sohnes“, erklärte er eben, „eine Art von Mentor, welchem die Familie zu nicht geringem Dank verpflichtet iſt!“ als plötzlich, ihn ſelbſt überraſchend, vom Wäldchen her, mit welchem der Garten nach einer Seite ſich ſchließt, die herrlichſte Muſik ertönte. Der Oberſt des in der Nähe canton⸗ nirenden Regiments bat herantretend, dieſen Beitrag zur Feſtfreude gütig aufnehmen zu wollen; Diener reichten Erfriſchungen umher; das Drängen in und nach der Veranda wurde weniger lebhaft, und das bisher faſt untheilbare Ganze ſaß oder erging ſich gruppenweis plaudernd und ſcherzend in den grünen, friſchen, duftigen Räumen des Gartens. Frau von Berger und Darfeld trafen ſich öfter, weilten immer länger bei einander und ſuchten zuletzt die Verborgenheit. Schwendler ſchwieg ſich durch. Er hatte die ihm durch das alte Fräulein zu Theil 10* 148 gewordene Auszeichnung warm und im vollſten Um⸗ fange empfunden. „Sie haben mir noch viel, ſehr viel zu erzählen“, hatte ihm Fräulein Sidonie bei der erſten Begegnung geſagt,„und da für uns alte Leute die Abendkühle ebenſo wenig taugt, wie wir beide in den Jubel paſſen, welchen mein Herr Bruder ſo zur Unzeit— dooch wir wollen nicht ſchelten, halb iſt er ja unſchul⸗ dig— improviſirt hat, ſo denke ich mich, ſobald ich nur irgend vermag, loszumachen. Dann hole ich Sie, und nicht wahr, während hier draußen Transparents brennen, Feuerwerke abgebrannt werden, nehmen wir beide im behaglichen Stübchen den Thee?“ 4 Nun harrte er des Stelldicheins. Da kam ſie, 4 I 6 1 Ff * ſchwebenden Schritts, und mochten die Jahre dieſe Züge auch tiefer geprägt, manchen urſprünglichen Reiz in ihnen getilgt haben, jenen Zauber, welchen Augen, edelſter Geſichtsſchnitt und vor allem anmuthende Durchgeiſtigung verleihen, hatten ſie doch nicht ver⸗ wiſchen können. Ja, Frau Lolo B. hatte Recht. Auch das Bild vollendeter Matronenſchönheit in ehrfurcht⸗ Matronen können ſchön ſein, und Fräulein Sidonie war 1 b gebietender Würde. Auch dafür war der alte Herr nicht unempfind⸗ 6 lich. Und als ſie nun, ſchon von fern die Hand ent⸗ gegenſtreckend, zu ihm herüberlispelte, ſo eilig, ſo leiſe, 4A— 149 ſo innig bewegt, daß ihm der Ton in die Seele drang: „Endlich, endlich! Die Welt hat ihr Recht. Jetzt gehöre ich Ihnen, lieber Freund!“ als ſie dann, ſei⸗ nen Arm nehmend, mit der ihr ſo eigenen Ueber⸗ redungsgabe weiter ſprach, wie hätte er da nicht jedem mißtrauiſchen Vorurtheil, jener froſtigen Höflichkeit ent⸗ ſagen ſollen, mit denen er ſich bisher den Umſtänden gefügt hatte! Auch durch die Einrichtung ihrer Zimmer, in welche ſie ihn führte, fühlte er ſich angeheimelt. Selbſt für ſein perſönliches Behagen darin war ſo zart und ſinnig geſorgt, daß auch ihn unbewußt der Wunſch beſchlich, zu gefallen. Der edlen Sitte gegenüber fand 3 ſein ſonſtiges, ziemlich ungebundenes Sichgehenlaſſen unwillkürlich den Zügel, kam das Urſprüngliche ſeines Weſens in mildern Formen zu Tage. So ſaßen ſie, unbeirrt vom Geſumme und Gewoge 1 der Feſtlichkeit im Garten, in bewegtem Geſpräch bei einander. Sie ſchien in der Biederkeit und dem — Freimuth ſeines Charakters den willkommenen Wider⸗ hall des ihrigen zu finden und ſpann ihn, während er von ſich ſelbſt, von Thereſens Mutter und ſeinem Ver⸗ hältniß zu dem Vater erzählte, unmerklich in ein ſchein⸗ bar wirres Gewebe von eigener Mittheilung, von For⸗ ſchen und Fragen ein. Alle ſeine Gegenäußerungen aber ſchienen für ihr Bedürfniß viel zu dürftig. Wie 8 ausführlich ſeine Antworten auch waren, ſie ward nicht — 8 müde, dieſelben, von ihrem Geiſte durchhaucht, im kürzeſten Ausdrucke wiederzugeben und gleichwohl immer mit einer Wendung zu ſchließen, die weiter führte. Durch Ton und Blick dabei ſetzte ſie ſich immer feſter in ſeiner Achtung, ſeinem Vertrauen, ja ſeinem Herzen, und faſt ängſtlich für ſie, fühlte er zuletzt, daß ſie bei ihm nach einer Offenbarung trachte, für welche ihm der Schlüſſel des Geheimniſſes, ihr aber der Muth fehlte, dieſen zu reichen. „Aber was haben Sie denn“, fragte er im weich⸗ ſten Tone, deſſen er mächtig war,„was haben Sie denn, meine verehrte Gnädigſte? Ihre Seele turbirt etwas. Sie taſten danach an mich herum. Warum fragen Sie nicht geradezu?“ Sie reichte ihm die Hand. Die Lippen des fein⸗ geſchnittenen Mundes bebten, als ob ſie ängſtlich etwas zurückhalten wollten, das ſich gleichwohl im Leuchten der Augen als reifender Entſchluß verkündete. Ein kurzes Sinnen noch, ein ſchnelles Wechſeln der Farbe, dann erhob ſie ſich, ging zum Schreibtiſch, erfaßte ein Bün⸗ del Briefe, öffnete einen derſelben und legte ihn zu⸗ gleich mit einem ein Doppelbild enthaltenden Medail⸗ lon vor Schwendler hin. Der alte Herr glich einer Bildſäule. Nur ſein⸗ weißer Schnurrbart zuckte gewaltig und ſeine ſtechenden Augen blieben mit ſeltſam ſtarrem Ausdrucke bald , R , —— 151 auf den Portraits im Medaillon, bald auf dem Fräulein haften. Da ertönen plötzlich Böllerſchüſſe, Raketen praſſeln und entladen ſich ihrer Sterne, Garben ſprühen, Schwärmer ziſchen, Feuerräder drehen ſich— dann wieder Dunkel, um gleich darauf den Garten, wie mit einem Zauberſchlage, in buntem Licht erſcheinen zu laſſen. Als dieſes Lichtes Mittel⸗ und Höhepunkt prangt ein Geburtstagstransparent auf dem balkonartigen Vorbau der großen Veranda. In dieſe lockt es die in den ſaubern Sandwegen des Gartens Zerſtreuten wieder zurück, und während kein Lüftchen ſich regt, Lampen⸗ ſchein durch die Laubmaſſen ſchimmert, im Fluſſe ſich ſpiegelt, ſanfte, koſende Muſik aus dem Wäldchen her⸗ übertönt, ladet im Veſtibul ein glänzend erhelltes Büffet zur Collation. Der Präſident hat ſich ſelbſt übertroffen. Endlich ein Wink ſeiner Augen ringsum, in jeder, ſelbſt der zarteſten Hand ein Glas, im Glaſe ſprudelnder Ma⸗ reuil, nun der Toaſt, Kanonenſchläge, Freudenwirbel der Muſik— Thereſe von Aminghauſen und Eduard von Leteln ſind verlobt. Gratulationen, dann Scheiden, mitten im Gewühle der Präſident. Wagen fahren vor, fahren ab. Auch die Equipage von Schwarzenhof ſetzt ſich in Bereitſchaft. Der Kutſcher aber, welcher noch nicht Zeit gehabt hat, ſein Feſtgewand, die Staatslivree, mit „ 4 — 8 —; — — der ſeines eigentlichen Dienſtes wieder zu vertauſchen, ruft dem Knechte zu:„Noch nicht anſpannen! Das wird'ne Fahrt mit Hinderniſſen!“ So war es auch. Frau von Berger und The⸗ reſe hatten ſich empfehlen wollen. Der Präſident indeß war noch im Garten und die Tante noch immer nicht allein, noch immer mit Schwendler zuſammen und hatte Befehl gegeben, daß Niemand ſtöre. Während nun Eduard gegangen war, den Vater zu ſuchen, und Herr von Darfeld unter immer neuen Anknüpfungen nicht zum Abſchied von Frau von Berger gelangen konnte, hatte Thereſe, gedrängt vom Verlangen nach der gütigen, ſo mütterlichen Tante, gewagt, deren Verbot zu übertreten. Jetzt kam ſie zurück. Das Vor⸗ wie auch das Wohnzimmer waren zugänglich, aber das hinter dieſem liegende Arbeitszimmer des Fräuleins war verſchloſſen geweſen, und drinnen wurde ein lebhaftes, nicht völlig verſtändliches Geſpräch gehört. Auch den Präſiden⸗ ten, als er mit Eduard endlich erſchien, nahm das Wunder. Seine Schweſter hatte, als ſie ſich aus der Ge⸗ ſellſchaft zurückzog und durch ihn entſchuldigen ließ, kein Hehl gehabt, daß ſie ein ungeſtörtes Beiſammen⸗ ſein mit Schwendler beabſichtige. Sie hatte aber auch ausdrücklich verlangt, daß die Familie ſich ſpäter bei — — 1 153 ihr noch verſammle. Wie hatte ſie überhören können, daß die Feſtlichkeit zu Ende ſei, und woher zudem noch dieſe Abgeſchloſſenheit hinter Thür und Riegel? Sidoniens faſt fieberiſche Erregung, ihr Drän⸗ gen, ihre mittel⸗ und unmittelbar in Bewegung ge⸗ ſetzten Hebel, die Zuſammenkunft mit Schwendler herbeizuführen, ihr Zuſtand ſeit der erſten Begegnung mit ihm, ihr Benehmen bei dieſer ſelbſt und ihre Un⸗ geduld dann, den alten Herrn ohne Zeugen zu ſpre⸗ chen, alles das gewann jetzt, wo der Präſident durch Anderes nicht mehr abgezogen ward, immer räthſelhaftere Bedeutung. Ueber die Geſchichte von der Zeitungsannonce und dem armen Lerbeck, welche ſie tief ergriffen hatte, auch über Schwendler's Verhältniß zur Mutter von Eduard's Braut konnte der alte Herr doch längſt ſchon und mehr als hinreichend ausge⸗ fragt ſein. Welch weiteres, bis zum Geheimniß getrie⸗ benes Intereſſe konnte Sidonie einem Manne abge⸗ wonnen haben, der ihr bisher kaum von Anſehen bekannt geweſen war? Herr von Leteln gab in ſeiner raſchen, rückſichts⸗ loſen Art dieſen Gedanken Worte und hob zuletzt das téte-A-téte bei verſchloſſenen Thüren ſo ſarkaſtiſch hervor, daß Thereſe in Verlegenheit gerieth und ſchüch⸗ tern der Meinung wurde, ſie könne ſich denn doch wohl geirrt haben. „Alles mit Munterkeit!“ entſchied nun Herr von Leteln.„Dem wollen wir bald auf die Spur kommen. Thereſe, mein Töchterchen, theuere Freundin Berger, Eduard, lieber Herr von Darfeld, her zu mir, recht nahe! Ich will Euch etwas ins Ohr raunen: Der Alte ſitzt Modell zum nächſten No⸗ vellenhelden! Folgt mir, ſeht ſelbſt, ob ich Räthſel zu löſen verſtehe. Die Tante hat uns eingeladen, und wenn wir ſtören, iſt es ihre Schuld.“ Doch das Räthſel blieb ungelöſt, verwirrte ſich im Gegentheil noch mehr. Als der Präſident und ſein Gefolge im Begriff waren, durch das Vorgemach in das Mittelzimmer einzutreten, mußte ſich die gegen⸗ überliegende Thür des letztern eben geöffnet haben. Schwendler war ſchon über die Schwelle geſchritten. Auf dieſer rief ihm das Fräulein mit ſchalkhaft erho⸗ benem Finger wie zum letzten Abſchiede noch zu: „Alſo, es bleibt dabei?“ und Schwendler antwortete: „Keine Sorge nicht! Chamade ſchlagen iſt ſonſt nicht meines Thuns, aber wenn einmal, ſo ergebe ich mir auch ganz.“ „Ah, da ſeid Ihr ja!“ rief nun Fräulein Sido⸗ nie und eilte auf Thereſe zu, um ſie wiederholt auf das herzlichſte und zärtlichſte zu umarmen.„Gut, daß Ihr kommt; eben wollte ich durch Freund Schwendler bitten laſſen. Nun ſetzt Euch und er⸗ 564 —— „ 564- —— 155 zählt! Nicht wahr, Georg, auch ohne uns beide, den Hauptmann und mich, biſt du zu Triumphen gelangt? Das war ja ein Knittern und Knattern, ein Geſumme von Stimmen, ein Jubelausbruch beim Toaſte, wie Alles nicht erwünſchter ſein konnte!“ War das ganze Gehaben des Fräuleins vor der Zuſammenkunft mit Schwendler auffallend gewe⸗ ſen, ſo war es ihr Thun und Benehmen nach dieſer faſt noch mehr. Da waren zwar immer noch Spuren von Leiden, aber auch offenbar wiedererrungene Beherr⸗ ſchung nicht nur des eigenen Selbſt, ſondern auch aller Umſtände, volles Gleichgewicht wieder bei voller gei⸗ ſtiger Freiheit. Auf ihren Zügen lag wieder jener ſte⸗ tige, ſonnenähnlich erwärmende und wohlthuende Wider⸗ ſchein glücklichſter Miſchung von Herzensgüte und Ver⸗ ſtandesklarheit. Auch ihre Rede war wieder wie ſonſt, fließend, ruhig, ſanft und heiter. Und dennoch ſchien ihr ganzes Weſen anders, wie durch einen Gruß von oben berührt, beruhigt, geſegnet. Ueber dem Verhältniß zwiſchen ihr und Schwend⸗ ler ſchwebte ein Hauch von Fremdſein und doch auch von Vertraulichkeit, ein inneres Einverſtändniß, das ſich durch die aufmerkſamſten Formen des Verkehrs zu umhüllen bemüht war. Für den Scharfblick des Präſidenten trat dies zum erſten Mal hervor, als das Fräulein, über die Feſtlichkeit weiter redend, ſich äußerte, ſie und der Freund hätten auf den Jubel im Garten und auf die Verlobungsfeier wohl auch wie auf ein gelungenes Werk mit Freude herabgeblickt, doch keineswegs mit un⸗ verkümmerter. Da war Schwendler unruhig geworden, hatte einen mahnenden Blick auf Sidonie gerichtet und dieſe wie ſich verbeſſernd hinzugeſetzt:„Herrn Schwend⸗ ler's Schickſal und ſein Einfluß auf die heutige Ver⸗ lobung brachte natürlich auch Leid in unſern frendigen Antheil. Doch hat das unſern Muth, unſere Zuver⸗ ſicht nur geſteigert, und während Ihr da unten der frohen Gegenwart lebtet, haben wir zuerſt der Vergan⸗ genheit ihr Recht gegeben und dann das Programm der Zukunft entworfen. Unwiderruflich, ja, ja, lieber Georg, unwiderruflich! Der Mann des heutigen Triumphs, 1 dem die Schweſter, wenn auch ſchwer, doch gern und faſt mit Ueberbietung ihrer Kräfte Opfer gebracht hat, der glorreiche Feſtgeber, der treue Bruder, er iſt, ich weiß es, zu gütig, zu galant, als daß er widerſpre⸗ chen ſollte.“ Der Präſident nickte, und das Fräulein ſchloß: „In drei Monaten kann zur Aufnahme des jungen 3 Paares hier Alles fertig ſein. Dann— kennſt Du das Wort Revanche, lieber Georg?— dann iſt des Feſtgebers von heute ſolenner Geburtstag, die Ge⸗ v 157 feierte von heute huldigt dem Bruder durch ein noch ſolenneres Feſt, durch die Hochzeit unſerer heute Verlobten. Herr Schwendler iſt dann ebenfalls hier; Thereſens bisher ſo gütige Vormünderin ſcheut die Reiſe gewiß nicht, und wenn Herr von Darfeld, unſe⸗ res lieben Hauptmanns bewährter Freund, von Ge⸗ ſchäften ſich losmachen kann, nicht wahr, ſo kommt er wohl auch?“ Wenn doch jedes Programm ſo aller Parteien befriedigend lautete wie das Fräulein Sidoniens! Aber zwiſchen den Anfang und das gedeihliche Ende ſchob ſich ein Vieles in Frage ſtellender Ueber⸗ gang ein. Eduard, theils um ſchon eingeleitete Pachtver⸗ bindlichkeiten wieder zu löſen, theils um ſeine Ueber⸗ ſiedelung nach Schwarzenhof zu vollenden, war viel⸗ fach, oft wochenlang auf Reiſen. Thereſe, aufs neue und jetzt von der ganzen Familie Frau von Berger's Obhut anvertraut, befand ſich mit dieſer in der Reſidenz, die Ausſtattung zu beſorgen. Beruhigt über ihre Zukunft und im Genuß ungetrübter Freuden des Brautſtandes, fand ſie im ſteten, immer inniger wer⸗ denden Briefwechſel mit der Tante auch wohlthuende Erfüllung ihrer Sehnſucht nach Mutterliebe. Frau von Berger, die Glänzende, Glückliche, welche nur auf Roſenpfaden zu wandeln gehabt hatte, die Kluge, auch 8 — 8 5 —˖˖— ——·;·— 158 immer Gütige, hatte wohl mit ihr fühlen, zwiſchen ihr und der fremden Welt, in welche ſie ſo plötzlich ver⸗ ſetzt war, vermitteln können, aber ſie war bei alledem doch zu erhaben geblieben, als daß ihr gegenüber Thereſe alle Schüchternheit und Zaghaftigkeit hätte ablegen können. Anders war es mit der Tante. Bei aller Klugheit und Ueberlegenheit welch ſanfte Führung! Da war Freundlichkeit, die als Wider⸗ ſchein eines durch Frieden von oben her angeſtrahlten Herzens nicht nur erfreute, ſondern auch ſo gütig widerlegen, zurechtſetzen, ja ſtrafen konnte, daß es wohl that wie heilender Balſam. Thereſe fühlte ſich von einem Weſen verſtanden, das nicht blos im Glücke, nein, offenbar auch in der Schule der Leiden über ſich und ſeine Aufgabe in der Welt klar zu werden geſucht hatte.. Noch glücklicher fühlte ſich Thereſe nach anderer Richtung hin. Seitdem Eduard unternommen hatte, ihr Schick⸗ ſal erfreulicher zu geſtalten, war er der Gegenſtand geworden, welcher ihre bis dahin ſo leere Jugend er⸗ füllte. Alles was an Liebesgefühl in ihrer Seele ge⸗ ſchlummert, war für ihn erwacht, hatte, je länger, deſto inniger, ihn allein umfaßt. War er es doch ge⸗ weſen, in dem ſich für ſie alles Gute verkörperte! Bald hatte ſie keinen andern Willen als den . 159 ſeinen, kaum eine andere Freude gekannt als die, ihm angenehm zu ſein. Daß er ihre anfangs faſt kindliche Zärtlichkeit zuweilen überſehen, nicht ſelten ſogar als unzeitig abgewieſen, daß er ſpäter für ihre Angſt um ihn wenig Sympathie, für ihre Aufmerkſamkeiten nur das Entgegenkommen eines väterlichen oder brüderlichen Beſchützers gezeigt hatte, darüber zu grübeln, war ihr in der großen Einfachheit ihres Herzens kaum beigekommen. Allein ſie hatte doch etwas vermißt, worauf ſie Anſpruch zu haben vermeinte, und ſo hatte ſie, als Frau von Berger mit Eduard's Auf⸗ trag und Heirathsantrag hervorgetreten war, entzückt zwar Ja geſagt, gleich nachher aber auch verwundert ausgerufen:„Wie hätte ich mir einfallen laſſen können, daß er mich heirathen wolle, bei ſeiner Ruhe, ſeiner Gleichmäßigkeit, ſeiner ſtets würdevollen Gemeſſenheit mir gegenüber!“ Selbſt dann, als Eduard gekommen war, nicht mehr den Schützling zu begrüßen, ſondern die heimlich Verlobte zu umarmen, ſelbſt dann war er in einer ge⸗ wiſſen proſaiſchen Nüchternheit, war er noch immer ein ganz bedeutendes Stück Mentor geblieben. Sein mißliches Verhältniß zum Vater, ſeine auf die Tante geſetzte Hoffnung und die, damit Thereſe ſich beider Gunſt gewinne, projectirte Reiſe in den Kurort waren zur Sprache gekommen. 160 . Das Alles hatte die Aermſte, in ihrer Einfachheit für dergleichen Verwicklungen Verſtändnißloſe gedrückt, beängſtigt, und was das Schlimmſte, die Form der Liebe Eduard's, die Weisheit im Gewande liebenden Schutzes, hatte ihr nicht mehr genügt. Ueber das Warum ſich ſelbſt nicht klar, war ſie, uneins mit ſich, beglückt und verſtimmt geweſen, be⸗ glückt, ein Gefühl eingeflößt zu haben, und verſtimmt, dieſes Gefühl nicht in erwünſchter Gegenäußerung ge⸗ nießen zu dürfen.— Dieſe Gegenäußerung war nun gekommen. Schüchtern erſt, als ob er ſelbſt ein Wagſtück unter⸗ nehme, war Eduard ſeit der öffentlichen Verlobung beim Gartenfeſt von Tag zu Tage immer freier, immer ſelbſtſtändiger aus der Maske eines Mentors in wahrer Geſtalt hervorgetreten. Schon als beide in Schwarzenhof wieder von einander ſchieden, war er wie verwandelt geweſen und nachher auch in ſeinen Briefen ein Anderer geworden. „Ich gehöre Dir, bin als Dein Werk Dein Ei⸗ genthum. Ich habe Dich immer geliebt, wie Du es wollteſt, nicht weil Du es wollteſt; ich konnte nicht anders. Doch erſt jetzt, ſeit Du auch zäértlich gegen mich biſt, mich nicht mehr blos väterlich liebſt, Dich nicht mehr blos brüderlich um mich mühſt, erſt jetzt iſt eine Art Furcht von mir gewichen. In dieſem Einen, 883ſſͤ * 2* 161 Du Lieber, verſtehe ich Dich nicht. Ich bin doch immer dieſelbe geblieben— was hat denn Dich ſo zu meiner Freude verändert?“ So hatte ſie ihm froh geſchrieben, und was hatte er geantwortet? „Bleibe mir hold, auch wenn Du erfährſt, daß Alles, was ich nach Deiner Meinung nur für Dich gethan, nur in meinem Intereſſe geſchah und Plan meiner Selbſtſucht geweſen iſt. Im langen Zwiſt mit meinem Vater über den mir aufgenöthigten Lebensberuf, dann im faſt noch ſchlimmern Hader mit der Kunſt, welche alle ihr gebrachten Opfer durch unbedeutende Gegen⸗ gaben lohnte, und ſo in fortwährendem Ringen mit einer eigenen Excentricität, war ich, meinen Jahren nach, ſehr früh an Leib und Seele müde geworden. Da ſah ich Dich. Dich erblicken und in Dir einem andern Glück, einem andern Ideale, dem Ideal voll⸗ kommenen Glückes durch Liebe in der Ehe, nachjagen, war eins für mich. Du weißt, wie ich für Dich eintrat, aber nicht, wie Du von da ab mein Daſein verſchönt haſt. Dir verhehlen zu müſſen, was ich für Dich fühlte, war eine unendlich ſchwere Aufgabe für mich. Aber im Bewußtſein meiner mir von Kindheit auf ſo oft vorgerückten kör⸗ perlichen Mängel mußte ich erwarten, wie ſich bei Dir die Empfindung für mich offenbare. Deine freie Nei⸗ einz, Herrin von Schwarzenhof. 11 162%Q. gung war es, die ich wollte, und als ſie gekommen war, wußte ich mich, voll Mißtrauen gegen mich ſelbſt, nicht gleich darein zu finden. Die Sorge, ob und wie man Dich in meinem älterlichen Hauſe aufnehmen werde, kam dazu, und erſt nachdem ich dort ſicher war, glaubte ich Dich mündig ſprechen, mein Kind, mein Werk, mein Eigenthum in alle Rechte, nicht blos der Verlob⸗ ten, nein, auch in alle der Geliebten einführen zu dür⸗ fen. Jetzt ſtehen wir gleich, Eigenthum zu Eigenthum. Darin laß uns, ohne weiter zu grübeln, froh ſein.“ Unter ſo glückbringenden Erfahrungen hatte ſich die junge Braut auch geiſtig freier, feſter geſtellt, und als der Präſident auf der Rückkehr von einem Aus⸗ fluge in den Ort ſeiner ehemaligen Wirkſamkeit bei Frau von Berger einſprach, trat ihm Thereſe in harm⸗ los heiterer Weiſe traulich entgegen. Seine Scherze entlockten ihrem Mutterwitz nicht ſelten ein gefälliges Echo, und während er jetzt vor ihrem Verſtande etwas mehr Reſpect bekam, unterdrückte er im redlichen Be⸗ mühen, ſeine Schwiegertochter in den Augen Anderer zu heben, auch bald jenes von Zeit zu Zeit empor⸗ lodernde Entzücken, mit welchem er bisher blos ihrer Schönheit gehuldigt. Zufrieden nahm er Notiz von ihrem praktiſchen Geſchick bei jedem Schaffen im Hauſe, freute ſich der Feinheit ihrer Anordnungen für geſelli⸗ ges Zuſammenſein und baute darauf ſchon Pläne für 8 8½ 163 ſein eigenes vergnügliches Wohlleben auf Schwar⸗ zenhof. Wäre es nur das Berger'ſche Haus nicht geweſen, in welchem er zu all dieſen Empfindungen und Beſchlüſſen gelangte! Wie reizend war das Berger'ſche Haus! Welcher Comfort für einen Mann ſeiner Bildung und ſeiner Genußſucht breitete ſich da vor ihm aus! Wären die vor einigen Wochen ſo unvermuthet vor ihn hintreten⸗ den Heirathspläne ſeines Sohnes nicht dazwiſchen ge⸗ kommen, hätten ſich Schweſter Sidonie und der un⸗ bequeme Schwendler nicht eingemiſcht, zehn gegen eins wäre zu wetten geweſen, daß er jetzt wahrſchein⸗ lich ſchon als Frau von Berger's Verlobter über die⸗ ſes Hauſes Glanz geböte. Und war denn das Aufgeben ſeiner eigenen Hei⸗ rathspläne ein durchaus nöthiges Opfer geweſen? Ließ ſich, was durch Uebereilung verſäumt war, nicht wieder einbringen? Konnte jener Brief, den er ſchon fertig gehabt und in Anwandlungen übergroßer Väterlichkeit wieder vernichtet hatte, nicht noch einmal geſchrieben werden? War die reizende muntere Frau im eigenen Hauſe nicht noch liebenswürdiger als außerhalb deſ⸗ ſelben? Welche Veränderung war mit ihr vorgegangen, ſeit ſie aus dem Kurort in die Reſidenz zurückgekehrt war? Schien ſie nicht wie verjüngt, wie von einer innern Beſeligung getragen? Durfte Herr von Leteln, 11* 4 164 2 der jetzt ſo gefeierte Gaſt ihres Hauſes, das nicht auf ſich beziehen? Wäre nur Thereſe ſchon verhei⸗ rathet in der Einſamkeit von Schwarzenhof geborgen geweſen! Jetzt war ſie dem Freier Schwiegervater überall im Wege.. Darum brachte er bei der Heimkehr üble Laune mit und fand gar bald noch andern Grund zur Ver⸗ ſtimmung. Schwendler war nach ſehr kurzer Abweſenheit in den Kurort zurückgekehrt, um dort beſtändigen Aufent⸗ halt zu nehmen. Er war der Gegenſtand ſteter Auf⸗ merkſamkeit Sidoniens. Sie hatte des alten Haupt⸗ manns Wohnung beſorgt und an der Einrichtung der⸗ ſelben, wie gut und bequem ſie auch dem Präſidenten erſchien, dennoch bald dieſes, bald jenes zu beſſern und namentlich der Wirthſchafterin, welche Schwendler mitgebracht, mehr Fürſorge und Pünktlichkeit zu em⸗ pfehlen. Der Veteran ſelbſt erſchien faſt jeden Morgen zu ehrerbietiger Aufwartung in Schwarzenhof, betheiligte ſich mit gutem Rath an des Präſidenten Park⸗ und Gartenanlagen, brachte erborgte Bücher zurück, erbat ſich neue und beſprach, ſehr häufig auch zu Tiſche blei⸗ bend, das auf Sidoniens Empfehlung Geleſene. Er beſtritt dabei in ſeiner Weiſe bald die Anſichten des Präſidenten, bald die Sidoniens, verſchloß ſich aber, 2 165 ohne die eigene Selbſtſtändigkeit zu opfern, den An⸗ regungen beider niemals. Offen und bereitwillig er⸗ kannte er ihre geiſtige Ueberlegenheit an. Auch über die Einrichtung für die Brautleute redete er mit und vermittelte, wenn es hierbei oder in der Meinung über Thereſens und Eduard's Weſen zu abweichenden Ausſprüchen von Schweſter und Bruder kam, nicht ſelten zu Gunſten des letztern. Der Präſident fand das Alles lobenswerth, doch öfters auch ſehr langweilig. Zuweilen beſchlich ihn der Argwohn, als ob Sidoniens frühere Nachgiebigkeit gegen ihn, jene Verhätſchelung, über welche er ſelbſt wohl geſcherzt, die er ſich aber dennoch ſehr gern hatte gefallen laſſen, ſeit Schwendler's Dazwiſchenkunft im Abnehmen ſei, ja, es kam ihm vor, als ob Schwend⸗ ler, welchem er jetzt Takt des Verſtandes und Herzens, wenn auch keine Bildung beimaß, das ſelbſt empfinde und ſich deshalb ſo häufig zum Vermittler aufwerfe und dabei Sidonie durch ein nicht erkennbares, gewiß aber vorhandenes Etwas beherrſche. „Wie ſchwer iſt es mir geworden“, ſo ſchrieb er an Frau von Berger,„aus Ihrem Eden zu ſchei⸗ den, theure Frau! Noch immer ergehe ich mich in der Erinnerung unter dem glitzernden Firmament Ihres Hauſes, an welchem Sie, ſelbſt die Alles überſtrahlende, Alles erwärmende Sonne, einer zweiten, meiner Schwie⸗ 166„ gertochter, aufzugehen geſtattet haben. Dieſer Neben⸗ ſonne den Himmel vorzubereiten, welchen ſie in Schwarzenhof beleben und erleuchten ſoll, iſt meine Schweſter viel beſchäftigt. Nebenbei gefällt ſie ſich in der Rolle der Grazie und nimmt Herrn Schwendler noch in ſeinen alten Tagen in die Schule. Und daß die Schule wirkſam iſt, kann man nicht leugnen, wenn man wahrnimmt, wie der altmodiſche Haudegen von ſonſt, deſſen Breitſpurigkeit aller Augen auf ſich zog, G jetzt zugleich mit entſprechender Kleidung ein Weſen angenommen hat, das den Forderungen der Geſellſchaft mehr zuſagt. Im Allgemeinen weit mehr zurückhal⸗ tend, erſcheint er faſt würdevoll und iſt Sidonien gegenüber der Typus ehrerbietiger Galanterie. Auch mir iſt der Mann etwas genießbarer geworden. Aber er fängt an mir läſtig zu werden. Nicht, daß Sidonie miich vernachläſſigte, allein ſie iſt, ſeit er hier, anders gegen mich, und es bedürfte Ihres Scharfblicks, lie⸗ benswürdige Herzenskünderin, um das Verhältniß zu b entſchleiern, in welchem beide zu einander ſtehen. Alle meine auf die räthſelhaften Vorgänge an Thereſens und Eduard's Verlobungstage zurückkommenden Scherze, ſelbſt meine brüderlich vertraulichen Fragen gleiten von 5 M — Sidonien ab. 8 „Der Mann ſteht allein, iſt der Pflege, der Für⸗ ſorge bedürftig und unſer Freund um Thereſens willen. 2 167 Alles was Freundſchaft vermag, muß ihm werden. Darum habe ich ihn aufgefordert, für immer in un⸗ ſerer Nähe zu leben. Er iſt gekommen, und ich erfülle meine Pflicht gegen ihn!“ Im Kreiſe dieſes Inhalts drehen ſich alle Erwi⸗ derungen meiner Schweſter. Ich aber behaupte, daß innnerhalb dieſes Kreiſes noch ein mythiſcher Punkt liegt. Ich könnte ihn mit Gleichgültigkeit betrachten und würde es thun, wäre die Saiſon nicht vorüber und im Kurort noch anſprechende Zerſtreuung. Aber was ſoll ich in die Einſamkeit Verbannter während der ſechs Wochen, welche noch bis zu Eduard's und Thereſens Hochzeit durchlebt ſein wollen, Anderes thun, als die Grazie und ihren Schüler im téte-Actéte nicht ſtören, um ſelbſt ungeſtört bei Quellengemurmel und Vogelgeſang in der Waldkühle meines Parks dem wun⸗ derſamen Dunkel, in welches mein altes idyllliſches Pär⸗ chen girrend ſich einhüllt, womöglich Licht abzugewin⸗ nen? Alles umſonſt bisher, kaum ein Schimmer von Hoffnung! Klang das nicht wie ein Seufzer? Allerdings, ſchönſte Frau! Doch lächeln Sie, ſcherzen Sie nicht über ihn. Nehmen Sie ihn für ſich und haben Sie Mitleid mit dem Eremiten, aus deſſen Klauſe er zu Ihnen dringt. In meiner Geiſteseinſamkeit bin ich ja fern von 168 . dem göttlichen Feuer, an welchem ich mich, ſeit ich Sie ſah, verzehre. Haben Sie, die zugleich ein Mann von Geiſt und eine Frau boll Herz ſind, haben Sie keinen Troſt für den Trappiften, den Sie nur dann mit Recht Epikuräer nennen würden, wenn er, reich an Heiterkeit und Geſundheit, unter den Himmel zurück⸗ kehren dürfte, der über Ihnen ſich wölbt?“ Kaum konnte dieſer Brief an ſeine Adreſſe gelangt ſein, als die Zeitungen Frau von Berger's Verlobung mit Herrn von Darfeld ankündigten und Thereſe gleich⸗ zeitig ſchrieb, der Verlobungsanzeige werde die der Vermählung in kurzer Zeit folgen. Herr von Darfeld ſei, zum Major befördert, der Geſandtſchaft an einem fernen Hofe beigeſellt und Frau von Berger entſchloſ⸗ ſen, ihm ſogleich dorthin zu folgen. Auch ihre, There⸗ ſens, Hochzeit werde ſich dadurch um einige Wochen verfrühen müſſen, denn Frau von Berger, welche ſich Weiteres an die Tante vorbehalte und kein längeres Aſyl für Thereſen biete könne, bitte darum. Armer Präſident! Wir wiſſen nicht, mit welchen Hoffnungen er jenes letzte Schreiben an Frau von Berger gerichtet hatte. Indeß waren die, welche wir ahnen, zutreffend, ſo erklärt ſich ſein Zuſtand beim Empfang dieſer Nachrichten. Letztere trafen ihn beim Frühſtück mit ſeiner Schweſter.— Unbefangen las ſie ihm die Mittheilungen There⸗ 169 ſens und in freudigſter Theilname die mit fliegender Feder hingeworfene Einlage von Frau von Ber⸗ ger vor. Während des Gartenfeſtes des liebenswürdigen Präſidenten, ſo ſchrieb die Neuverlobte, ſei Herrn von Darfeld's Bewerbung zuerſt an ſie herangetreten. Das an ſich ſo überaus gelungene Feſt ſei ihr deshalb eine für immer theure Erinunerung. „Alſo erſt bei meinem Gartenfeſt? Und liebens⸗ würdig bin ich ihr erſchienen? Hätte ich am Tage vor dem Feſte doch ausgeführt, was ich beſchloſſen!“ Solche und ähnliche Gedanken drängten ſich dem Präſidenten auf, der zugleich von Eiferſucht auf Dar⸗ feld geplagt wurde und voll Unmuth über Sidonie, Thereſe, Eduard und Schwendler war. Dieſe waren die Unheilſtifter, die alleinigen Störer ſeines Glücks. „Haſt Du denn kein Wort der Theilnahme?“ fragte Sidonie.„Freuſt Du Dich nicht?“ „O, ich warte auf größere Freude“, ſprudelte er heraus;„ich warte, bis die letzte Staffel der Leiter erſtiegen iſt.“ „Letzte Staffel der Leiter? Ich verſtehe Dich nicht.“ „Nun ja! Das iſt ja gradatim. Erſt die Jugend, Eduard und Thereſe; dann das Mittelalter, Frau von Berger und Darfeld; warum ſollte ich nicht auf die 170 Vorzeit warten? Wann kündigt Ihr, Du und Schwend⸗ ler, an, daß Hymen Eurer wartet? Ich gebe dann zur dreifachen Feier ein Alles überſtrahlendes Schlußfeſt.“ „Welche wunderbare Laune, Georg! Wie kannſt Du die Freundſchaft ſo profaniren!“ „Freundſchaft?“ fragte er zurück und ſetzte dann im bitterſten Gemiſch von Spott und Unmuth haſtig hinzu:„Freundſchaft läßt ſich nie bis zum Sichſelbſt⸗ vergeſſen hinreißen. Das thut nur Liebe. Obgleich ich eine ſolche von Dir zu dem Alten nicht begreife, ſo weiß ich doch, daß Du Dich um ſeinetwillen, na⸗ mentlich am Tage des Gartenfeſtes, völlig ſelbſt ver⸗ geſſen haſt, daß er Dich ſeitdem geradezu beherrſcht, daß ich ſeitdem von Dir vernachläſſigt werde und daß der Eindringling, der Störenfried in unſerer Familie das Geheimniß, welches Euch beide verbindet, viel ſorgſamer zu hüten verſteht als Du.“ Eine Thräne ſtahl ſich in Sidoniens Auge. Bald auf den Bruder, bald ſinnend vor ſich niederblickend, ſchien ſie mit einem Entſchluß zu ringen, der ihr jedenfalls Ueberwindung koſtete. Nun ſchien er zur Reife gekom⸗ men. Sie erhob ſich und eilte ihrem Arbeitszimmer zu. Doch an der Schwelle ſchien ihr Fuß haften zu bleiben, und aus der ſchon halb geöffneten Thür trat ſie, als ob ihr etwas Anderes räthlich erſchiene, in das Frühſtückszimmer zurück, an den Bruder heran. —— G ———— G⸗ 171 Herr von Leteln hatte ihr, wie er es zum Schluß ſolcher Scenen zu thun pflegte, den Rücken zugewandt und ſchien, die Stirn ans Fenſter drückend, ihren ver⸗ ſöhnenden Zuſpruch zu erwarten. Sie berührte ihn leiſe und breitete, als er ſich umwandte, mit liebevollem Lächeln die Arme nach ihm aus. „Du ſollſt mir abbitten!“ ſagte ſie, als er noch immer grollend widerſtand.„Abbitten, ja! Du haſt mir weh gethan, am Glück unſeres Hauſes gefrevelt, das ich eben erſt durch Thereſe und Eduard neu begrün⸗ det, durch unſere Eintracht, durch Dein Entgegenkom⸗ men dabei ſo ſchön, ſo ſicher befeſtigt zu haben glaubte.“ 1 4 Allein wenn Sidoniens bittend ihm entgegen ge⸗ breitete Arme ſonſt jeden häuslichen Zwiſt beigelegt hatten, ſo ſchien jetzt durch ſie ein ärgerer Sturm als je heraufbeſchworen Schneidender als zuvor wieder⸗ holte Herr von Leteln ſeine Vorwürfe und verrieth, im heftigen Eifer ebenſo unvorſichtig wie rückſichts⸗ los gegen die Schweſter, weit mehr von ſeinen Ab⸗ ſichten auf Frau von Berger, als Sidonie bisher geahnt. Was er nicht ſelbſt geradezu oder in Andeu⸗ tungen offenbarte, ergänzte ihr combinatoriſcher Sinn, und während dies geſchah, verwandelte ſich ihr ganzes Weſen. Bisher ein Bild ſanftmüthigſter Frauen⸗ ergebung, ſchien ſie jetzt das ſchweigender Entrüſtung. 172 In ſtolzer Energie hoch aufgerichtet, maß ſie mit faſt an Mißachtung ſtreifenden Blicken den Beleidiger ihrer Würde, der, dieſen Blicken und ihrem Schweigen gegen⸗ über immer maßloſer, ſein letztes Bruderrecht verwir⸗ ken zu wollen ſchien. Als er endlich erſchöpft ſie verlaſſen wollte, trat ſie ihm mit würdevoller Gemeſſenheit in den Weg und ſagte beinahe gebieteriſch:„Bleibe, bis auch ich geredet. So gewiß ich Dir gegenüber ſtehe, ebenſo gewiß muß ſich jetzt entſcheiden, ob fortan in die⸗ ſem Hauſe Ordnung und Sitte herrſchen, oder ob der Familienſkandal in ihm wieder aufleben, auch über unſere Kinder ſich verbreiten ſoll. Unterbrich mich nicht, oder ich ſchweige und beginne wieder, ſobald Du nicht mehr reden kannſt. Aber hören ſollſt und mußt Du mich, Du müßteſt denn zum ſchlimmen Wort noch die That fügen, Dir mit Gewalt den Weg zu dieſer Thür eröffnen.“ „So rede, aber, ich bitte, mit etwas mehr Auf⸗ wand von Selbſtbeherrſchung!“ ſpöttelte Herr von Leteln und ſetzte ſich mit dem Anſcheine eines Mannes, der Unbequemes gleichmüthig zu ertragen verſteht, wieder in ſeine Sophaecke an den Frühſtückstiſch „Laß auch die Zeitungen, wenn ich bitten darf“, fuhr Sidonie fort.„Was ich Dir zu ſagen habe, er⸗ fordert ungetheilte Aufmerkſamkeit!“ 173 Der Präſident blickte noch einige Sekunden in den Blättern herum und fragte dann, wie aus ſcheinbarer Zerſtreuung erwachend:„Nun?“ „Ich werde warten, bis Du mit der Zeitung fertig biſt oder Dich erinnerſt, daß Dein Benehmen jeder andern Dame gegenüber höchſt unſchicklich wäre.“ Immer verblüffter über ſolche an ſeiner Schweſter noch nicht wahrgenommene Entſchiedenheit, gehorchte der Präſident und Sidonie ſagte nun ruhig, aber ſehr be⸗ ſtimmt:„Seit dem Gartenfeſte hat Dein Seelen⸗ zuſtand einer Atmoſphäre geglichen, die, immer geſpannt, des kleinſten Funkens bedarf, um ein Gewitter aus⸗ brechen zu laſſen. Ich habe geduldet und von der Zeit Heilung erwartet. Jetzt aber, wo Du Dich nicht entblödeſt, mich als eine Sklavin Deiner Laune dafür büßen zu laſſen, daß Deine Abſicht auf Frau von Berger fehlſchlug—“ „Wer ſagt— woher weißt Du das?“ fuhr er auf. „Mein lieber Georg, wo zorniger Eifer ſeine Ge⸗ heimniſſe halb und halb ſelbſt enthüllt, da gibt es für Andere zuweilen Momente plötzlichen Hellſehens. Auch mir iſt es wie Schuppen von den Augen gefallen. Daß Du Thereſen, Eduard, Schwendler und mir ſchuld gibſt, Deine Pläne gekreuzt zu haben, iſt lä⸗ cherlich. Daß Du mir aber vorwirfſt, ich vernach⸗ 174 läſſige Dich, breche Dir geiſtig die Treue um Schwend⸗ ler's willen, während Du ſelbſt damit umgingſt, mich zu verlaſſen, das iſt empörend.“ „O. nein“, unterbrach ſie der Präſident,„das iſt blos ein hübſcher Novellenſtoff, den femme auteur zuſammenhäuft. Oder“, ſetzte er begütigend hinzu und machte einen Verſuch, ihr über den Tiſch hin die Hand zu bieten,„oder ſollteſt Du mich wirklich ſo ſtolz ma⸗ chen, Deinen unerklärlichen Eifer gegen mich Deiner Eiferſucht auf Frau von Berger beimeſſen zu dürfen, liebe Puppe?“ Sie nahm die Hand nicht und erwiderte faſt ſtreng:„Es handelt ſich hier nicht um Scherz, ſondern um den Frieden, das Glück und die Zukunft unſeres Hauſes. Zunächſt erſuche ich Dich deshalb, jene Be⸗ zeichnungen für mich, die Du Dir zur Gewohnheit gemacht haſt, ganz zu vergeſſen, ebenſo einen ge⸗ wiſſen herablaſſenden, gönnerhaften Ton, der damit zuſammenhängt. Solange wir allein waren, habe ich das, obgleich es mich, ſchon weil ich die äl⸗ tere Schweſter bin, unangenehm berührte, hingehen laſſen. Jetzt, wo die Kinder unſere Hausgenoſſenſchaft bilden werden, wäre es vom Uebel, nicht weil es den Reſpect gegen mich, wohl aber den gegen Dich unter⸗ graben könnte. Was Du von meiner Eiferſucht rede⸗ teſt, iſt nicht ohne Wahrheit. Warum drängte es Dich, —— ÿññ— ————— 3--—- 175 eine Häuslichkeit zu verlaſſen, welche Du als letztes Aſyl ſeit etwa zwei Jahren bei mir, der Einſamen, Verlaſſenen, ſuchteſt? Habe ich, ſelbſt beglückt, für Deine Zufriedenheit ſorgen zu können, Dir nicht Alles, ich möchte ſagen, nach Deinen kleinſten Launen zurecht gelegt? Antworte! Aber eben dadurch habe ich Dich verzogen. Ganz ungenirt haſt Du Dich, immer weiter greifend, zum Gebieter von Schwarzenhof aufgeworfen, das doch, da Dein Antheil verſchuldet und mir ver⸗ ſchrieben iſt, lediglich mir gehört. Mein lieber Georg! Ich will Dir nicht weh thun, und wie ich immer ge⸗ neigt geweſen bin, Deine Irrthümer weit mehr Fehlern des Verſtandes als des Herzens beizumeſſen, ſo appel⸗ lire ich jetzt durch das Mittel dieſes Herzens an Dei⸗ nen Verſtand. Aber zur Ausſprache, zum reinen, feſten Abſchluß zwiſchen uns muß es jetzt kommen. Darum frage ich Dich ganz entſchieden, ob Du die mir gebührende Stellung mir einräumen, oder ob Du, wenn Du mein Recht nicht anerkennen magſt, Dich mindeſtens vorläufig in jenen Formen gegen mich be⸗ wegen willſt, welche Erziehung und Bildung dem Mann der Frau gegenüber auferlegen?“ Herr von Leteln hatte ſich ſchon während der letzten Worte ſeiner Schweſter erhoben. Mit jenem gewinnenden Lächeln, das, wie er wußte, ſeinen Zweck ſelten verfehlte, kniete er vor ihr nieder und ſagte, die 176 Arme nach ihr ausbreitend:„Mein ſtolzer Aar, die Rolle der Taube ſteht Dir beſſer— komm, birg Dich wieder an meinem Herzen!“ Aber mit einer abwehrenden Bewegung trat ſie zurück und antwortete milder zwar, doch ebenſo be⸗ ſtimmt wie früher:„Nicht ſo! Das wäre nur Erneu⸗ erung des würdeloſen alten Verhältniſſes, das uns leider bis hieher geführt hat.“ Herr von Leteln mochte das auch fühlen. Denn och wirkte die Täuſchung auf ihn, der eben noch Reue und tiefe Beſchämung über ſich ſelbſt empfunden hatte, ver⸗ letzend. Raſch aufſpringend erwiderte er in einem Tone, der unentſchieden ließ, ob Ironie, ob Wahrheit in ihm vorherrſchte:„Du und Dein Seelenzuſtand ſind heute Hieroglyphen für mich. So will ich denn warten, bis aus den Wolken dieſes ſonſt ſo holden, heute ſo ſtren⸗ gen Angeſichts der Stern gewohnter Milde wieder aufgeht, bis die eiſige Sicherheit Deiner Haltung ſich wieder in Liebe löſt zu dem, den Du ſo oft Dein Eins und Alles, Dein Letztes auf Erden genannt haſt.“ „Dem iſt nicht mehr ſo“, verſetzte ſie ruhig.„Eins und Alles biſt Du mir nicht mehr, und wenn Du noch zum großen Theil bleiben willſt, was Du mir warſt, ſo mußt Du jener Liebe huldigen, die allein die wahre iſt, jener Liebe, die Thränen zu trocknen, Kummer zu ſtillen verſteht. In dieſer Liebe habe ich Dir einen 177 großen Kummer erſparen, ein Geheimniß nicht aufgeben wollen, das ich ſeit vierzig Jahren als ein namenloſes Unglück in mir herumtrage.“ Herr von Leteln blickte einen Moment lang wie der Sprache beraubt auf ſeine Schweſter, dann fragte er mit einem Ausdruck, welcher Sidonien keinen Zweifel ließ, daß das reinſte Gefühl für ſie alles An⸗ dere in ihm überwältige:„Namenloſes Unglück?“ Sie widerſtrebte darum auch nicht, als er ſie an ſein Herz zog. Ihr bis dahin ſo klares Auge umflorte ſich wie⸗ der, während ſie liebevoll zu ihm aufblickte. „Keine Thränen!“ ſagte der Bruder.„Ich will Dir beweiſen, daß auch ich Thränen trocknen, Kummer ſtillen kann. Nicht wahr, Sidonie, der Schwendler iſt es doch, der Dich ſo unglücklich gemacht hat?“ „Muß es denn Deine fixe Idee, der ehrenwerthe Schwendler ſein, dem ich neben Dir einen ſo großen Platz in meinem Herzen einräume?“ fragte ſie unter Thränen lächelnd. Dann entwand ſie ſich ihm und eilte mit den Worten:„Ich will Dir helfen!“ in ihr Arbeitszimmer. Was ſie zu Anfang dieſer Scene bei Herrn von Leteln's erſten ſtürmiſchen Vorwürfen zu thun beſchloſ⸗ ſen und was ſie dann, in ihrem Entſchluſſe wieder wankend geworden, unterlaſſen hatte, kam nun zur Aus⸗ führung. Der Bruder empfing von ihr ein verſiegeltes, Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 12 178 an ihn adreſſirtes, zeimlich voluminöſes Schrift⸗ ſtück. „Nimm,“ ſagte ſie ſchnell,„nimm, lies allein, zuſammen wäre der Aufregung zu viel.“ Als der Präſident ſchon auf dem Wege in ſeine Gemächer das ihm von Sidonien mit peinlicher Haſt übergebene, auch für ihn ſo inhaltſchwere Heft eröff⸗ nete, fand er dicht hinter dem Umſchlage ein loſe ein⸗ gelegtes Blatt. Es trug das Datum des vorgeſtrigen Tages. Er las „Unſere Mutter, mein lieber Georg, hat mich, als wir noch Kinder waren, Dir immer vorgezogen. Sie hat ſich nach unſeres Vaters Tode Deiner ſehr bald entledigt und ſich, während Du auf Schulen und Uni⸗ verſitäten warſt, faſt nur durch den Vormund um Dich bekümmert. Sie hat Deine Unbeſonnenheiten, Deine vielfachen Mehrausgaben bitter getadelt, Dich dafür beſtraft, indem ſie Dich immer ſeltener ſah, und meine Tugend, mein allgemeines Gefallen Dir als Muſter aufgeſtellt. Später iſt das anders geworden. Sie hat für Dich zärtlichſt geſorgt, hat immer offene Kaſſe für Dich gehabt, Deine Leichtfertigkeiten be⸗ lächelt, Dich in der Reſidenz oft bei ſich geſehen, 179 unter dem Vorwande meiner Schwermuth Dich aber abgehalten, mich in Schwarzenhof zu beſuchen. So haben wir uns erſt eigentlich bei der Mutter Tode kennen gelernt. Du warſt erſtaunt, bei mir keines⸗ wegs jenen Widerwillen gegen Dich zu finden, von welchem die Mutter Dir vielfach geſchrieben und wel⸗ chen ſie ſich angeblich ebenſo wenig zu erklären gewußt hatte, wie meine nach ſteter Vereinſamung ſich ſehnende Kränklichkeit. Ich und mein Verhältniß zur Mutter und zu Dir waren Dir räthſelhaft. Du haſt mich darüber damals ſchon und ſpäter auszuforſchen geſucht. Ich habe immer ausweichend geantwortet. Jetzt muß ich offen ſein und mit einer Anklage hervortreten, die mich ebenſo um meinet⸗ und Deinet⸗ wie um der An⸗ zuklagenden willen auf das ſchmerzlichſte bewegt. Der Wandel im Verhalten unſerer Mutter gegen Dich ging nicht aus Liebe zu Dir, ſondern aus Furcht hervor. Sie hatte in ihrem Leichtſinn eine Sünde gegen mich begangen. Nur um dieſen ihren Leicht⸗ ſinn nicht offenbar werden zu laſſen, ließ ſie ſich her⸗ bei, mich ohne eingehen de Prüfung aller Verhältniſſe dem Manne meiner erſten Liebe in vorerſt geheim zu haltender Ehe zu vermählen. 2 Erinnerſt Du Dich, lieber Georg, der großen italieniſchen Reiſe, auf der Du zu Deinem Aerger der Mutter und mir nicht folgen durfteſt und von welcher 12*⁸ 180 ich ſo krank zurückkehrte? Nun, dieſe Reiſe hängt mit meiner Verheirathung zuſammen. Nach einem kurzen Glück für mich zeigte ſich, daß durch meinen Mann, ganz ohne ſeine Schuld, ein nach damaliger Geſetzgebung kaum tilgbarer Makel über unſern Namen und unſere ganze Familie gekom⸗ men wäre, ſobald meine Verbindung bekannt ward. Dies aller Welt und insbeſondere Dir zu verheim⸗ lichen, beſtimmte das Verhalten der Mutter gegen Dich. Namenloſes, im tiefſten Schweigen zu tragen⸗ des Unglück war vierzig Jahre hindurch mein Loos. Schon glaubte ich heimgehen zu müſſen, ohne hienieden je wieder von Mann und Kind zu hören, da ſchlug in der Nacht vor Deinem Gartenfeſte der Name mei⸗ nes Mannes, der Name Thielooſen wieder an mein Ohr! Die Verkettung meines Schickſals, die wunder⸗ ſame Vergeltung, welche mir in Thereſen wird, das ſteht in großen Zügen jetzt klar vor Dir. Nicht minder weißt Du jetzt, was mich mit Schwendler verbindet. So ſehr es mich drängte, Dir, Thereſen und Eduard mein Geheimniß zu offenbaren, ebenſo ſehr hielten mich die Gegengründe ab, welche Du in der Anlage findeſt. Schwendler, mein einziger Vertrauter, erkannte dieſe Gründe an, allein er warnte mich auch 181 und hielt dafür, daß ich nicht Kraft genug haben würde, die Aufgabe durchzuführen. Er hat Recht gehabt. Gerade in der Zeit, in welcher ich glaubte, unſerem Hauſe den lange entbehr⸗ ten Frieden, unſerer Familie ein ſtilles, aber dauern⸗ des Glück wieder zugeführt zu haben, gerade in dieſer Zeit mußte ich erfahren, daß unſer ſchönes häusliches Beiſammenleben geſtört zu werden, ja verloren zu gehen drohte. Das darf nicht ſo bleiben. Darum übergebe ich Dir die Einlage, welche ich für Eduard nieder⸗ ſchrieb. Erſt nach meinem Tode ſollte ſie in ſeine Hände gelangen mit dem Auftrage, Dir, wenn Du noch lebteſt, mitzutheilen, was rathſam erſchien. Der gute Sohn würde Dir ſicherlich Vieles von dem verſchwiegen haben, was ich zur Milderung des Urtheils über mich ſelbſt von Dir ſagen zu müſſen glaubte. Jetzt übergebe ich Alles Dir und ſtelle Dir anheim, nach meinem Tode den Kindern zu ſagen, was Du für angemeſſen erachteſt. Ich habe die Ueberzeugung, damit das durch wechſelſeitiges Mißtrauen geſtörte Verhältniß zwiſchen uns beiden in der alten, uns früher ſo beglückenden Weiſe wiederherzuſtellen. Lieber Georg! Der Finger Gottes deutet auf die Bahn, welche wir fortan zu wandeln haben. Lege ich ſie mir recht aus, ſo haben Dein Herzensadel und Deine Verſtandesüberlegenheit jede Antipathie gegen Schwendler verſcheucht, ſo gehſt Du zu ihm, erzählſt ihm, daß ich gebeichtet, und ladeſt den Redlichen ein, als Mitglied unſerer Familie völlig in unſer Haus überzuſiedeln. Sidonie.“ Für phantaſievolle Menſchen gibt es Momente, in welchen ſie, über Zeit und Raum hinweg, den In⸗ halt ihres ganzen Lebens mit zauberhafter Geſchwin⸗ digkeit des Gefühls und Gedankens noch einmal durch⸗ leben. Jugend und reifere Jahre, Freuden und Leiden, Freunde und Widerſacher, Irrthümer und Bußen— Alles geht lebendig an ihrem geiſtigen Auge vorüber. Nicht ſelten erzeugt ſich aus ſolcher Viſion eine innere Wandlung des Menſchen. Herrn von Leteln war es ſo ergangen, als er nach ſekundenlanger Pauſe die nachfolgenden, für ſei⸗ nen Sohn beſtimmt geweſenen Blätter mehr durchflog als durchlas. „Meine Mutter war eine ſehr ſchöne und mit allen Erforderniſſen für den Salon ausgeſtattete, doch für die Aufgabe einer nicht eben reichen Gutsbeſitzerin keines⸗ wegs geſchaffene Frau. Mein Vater, ein tüchtiger Landwirth, ſtand ihr an Geiſtesbildung weit nach. Schlicht und einfach ſonſt, konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, mit ſeiner Frau zu glänzen. Er gab 183 ihr viel nach, begleitete ſie anfangs auf Reiſen, ließ ſie dann ihrer Reiſeluſt allein folgen und überſah, daß ſie während ihres regelmäßigen Winteraufenthalts in der Reſidenz oder der Provinzialhauptſtadt einen immer bedenklichern Hang nach Zerſtreuung und Abwech⸗ ſelung, nach Emotionen des Geiſtes und Herzens ent⸗ wickelte. Als es ſchon zu ſpät war, machte er die trau⸗ rige Erfahrung, daß ſich aus der erſten, mehr geiſtigen Koketterie ſeiner Frau eine viel gefährlichere ent⸗ wickelt hatte. Nun kam es zu Zerwürfniſſen, doch zu keinem öffentlichen Aergerniß. Erſt als er todt war, überließ ſie ſich ihrem Naturell und kam, wenn auch immer auf Rettung des Scheins bedacht, in den Ruf nicht nur einer galanten, ſondern auch einer zu Schwindel und Ränken geneigten Frau. Meines Bruders, der ihr nach Temperament und Anlagen ſehr ähnlich war und mit welchem ſie nie in ein erträgliches Verhältniß kam, entledigte ſie ſich ſehr bald. Er kam auf Schulen, bezog die Univerſität und machte ſeinen Weg, ohne je mit ihr in eigentlich nahen, perſönlichen Verkehr zu treten. Nicht ganz ſo ſchroff, freundlicher, um nicht zu ſagen, natürlicher, geſtaltete ſich das Verhältniß zu mir. Doch entging mir nicht, daß ich, je ſchneller meine Entwickelung geiſtig und körperlich vor ſich ging, auch um ſo gefliſſentlicher in die Kinderſchuhe zurück⸗ 184 gedrängt wurde. Arme Mutter! Du ſollteſt der Sorge, von mir zu früh in den Schatten geſtellt zu werden, ſehr bald enthoben ſein! Die Baronin K. ſuchte für ihren Sohn, den eben mündig gewordenen Erben großer Güter, eine Frau. Früh verwittwet, hatte ſie den Sohn, das einzige ihr von mehreren übrig gebliebene Kind, um ſo zärt⸗ licher behütet, als auch bei ihm die hektiſche Anlage des Vaters zu fürchten war. Trotzdem hatte ſie ihn nicht verzogen. Sie hatte vielmehr ſeiner Körper⸗ ſchwäche und einer gewiſſen, aus dieſer hervorgehenden Trägheit gegenüber in ihm geiſtig friſchen Lebensmuth und Thatkraft zu wecken geſucht. Aber ſie hatte ihn nie von ſich gelaſſen, nie zugegeben, daß er ſeine Gaben und Kräfte ſelbſtſtändig prüfe und übe. Was die vor⸗ trefflichſten Hauslehrer, was die erwählteſte Haus⸗ genoſſenſchaft, was der Verkehr in nicht blos feinſter, ſondern durchweg guter Geſellſchaft zur Bildung für Geiſt und Herz beitragen können, hatte er in ſich aufge⸗ nommen. Auf Reiſen war ihm auch ein weiterer Blick in Welt und Leben eröffnet worden, aber Alles unter unmittelbarer Leitung der Mutter. Mit ihren Augen ſah, mit ihren Ohren hörte er. Alles war ihm von ihr unmerklich zurecht gelegt, ſogar ſein Veto, ſobald ihr ein ſolches dienlich ſchien. Alles war ſo verſtändig, für den Sohn ſo über⸗ 185 aus bequem geweſen. Warum hätte er ſich nicht auch die Frau von der Mutter zuführen laſſen ſollen! Aber hier täuſchte die Rechnung. Ein Factor war in ihr überſehen: die Unzertrennlichkeit des jungen Barons von ſeinem Freunde Fritz Thielooſen, dem nachherigen Freunde Schwendler's. Fritz war der Sohn der Amme des kleinen Junkers. So war er zuerſt deſſen Spielgefährte und dann aller Vorzüge der Erziehung und Bildung deſſelben theilhaftig geworden. Man hatte ihn, das Bauern⸗ kind, als er im zehnten Jahre ſeine Aeltern verlor, ganz auf das Schloß genommen und nach und nach wie völlig ebenbürtig behandelt. Der Baronin war zwar das Bedenkliche dieſes Verfahrens nicht entgangen, aber im Hinblick auf die Freundſchaft der jungen Leute, welche den Charakter der Liebe trug, und in dem Gedan⸗ ken, daß ihr Sohn ſein großes Beſitzthum einſt ſelbſt verwalten, Thielooſen dabei ſein erſter Beamter werden ſolle, war ſie über die Bedenken wegen der Zukunft des letztern ſehr leicht hinweggekommen. Auch Dritten gegenüber ſchien der Baron keine Schranke zwiſchen ſich und dem Freunde zu kennen. Um ſo ſorgſamer wußte ſich dieſer zu beſchränken und empfing dafür zuweilen Vorwürfe von ſeiten des Barons. ‚Warum nicht mit gleicher Liebe nehmen, 186 was Liebe bietet?’ hieß es dann wohl. ‚Für Milch⸗ brüder, wie wir es ſind, gibt es keinen äußern Unter⸗ ſchied. Aber Du biſt einmal wieder capriciös, wun⸗ derlich, miſanthropen Einbildungen unterworfen!“ Der Baron traf damit in der Regel den Kern der Sache. Er war von beiden der intellectuell Feinere, 3 an Geſinnung Edlere, doch, wie an Körper, ſo an Charakter der weitaus Schwächere. Thielooſen, ein Bild der Blüte und Kraft, ja der Männerſchönheit, hatte ſein innerſtes Weſen nie verleugnet, immer danach geſtrebt, ſeine Perſönlich⸗ keit zur Geltung zu bringen. Die Baronin hatte das zwar zu mildern geſucht, im Ganzen aber mehr begünſtigt, als unterdrückt, um eben daran den be⸗ quemen, läſſig nachgiebigen Sinn des eigenen Sohnes zu ſtärken und zu heben. Inconſequenzen hatten nicht ausbleiben können. Der Druck derſelben war ſchließ⸗ lich immer auf Thielooſen zurückgefallen. Zwar hatte das Myſterium der Liebe, welches die jungen Leute verband, es nie zu Störungen zwiſchen ihnen kommen laſſen, aber Thielooſen hatte ſich doch, je reifer er ward, immer bewußter wie in einer Zwitterſtellung gefühlt, welche ihn drückte, ihm etwas Verſtecktes gab. Ein Hang nach Iſolirung, mancherlei Wunderlichkei⸗ ten, ein Schwanken zwiſchen anerzogener Sitte und nicht zu vertilgenden Reſten angeborenen, unangenehm 187 knorrigen Bauernſtolzes waren die Folgen davon. Dieſer Zwieſpalt in ihm verbarg ſich hinter ſchweig⸗ ſamem Ernſt und ſtets gemeſſener Haltung. Damit paarte ſich vollkommenſte Glätte geſelliger Form, und ſo trug, beſonders Fremden gegenüber, ſeine an ſich beſtechende Perſönlichkeit das Gepräge imponirender Kraft und Würde. 1 Daß ihr Sohn, der Magnat, neben Thielooſen, dem Geſchöpfe der Macht und des Anſehens ihres Hauſes, in zweite Reihe geſtellt oder gar überſehen werden könne, das war der Baronin auch nicht von fern beigekommen, als ſie in mir alle Eigenſchaften entdeckt zu haben glaubte, welche ihr für ihre Schwie⸗ gertochter zuſagten. Ich wurde der edlen Frau, die mich unter man⸗ cherlei Gunſterweiſungen vorzog, ſehr zugethan und folgte, ohne zu ahnen, was ſie mit mir beabſichtige, voll harmloſer Freude ihrer Einladung zu einem Sommeraufenthalte auf ihren Beſitzungen. Meine Mutter war bei der Einladung nicht zu übergehen ge⸗ weſen. Ob ſie die geheimen Pläne der Baronin gleich anfangs errathen, ſei dahingeſtellt. Gewiß iſt nur, daß ſie in dem jungen Majoratsherrn die vortrefflichſte Partie für mich und die willkommenſte Gelegenheit für ſich erblickte, aller Sorgen um mich enthoben zu werden. 188 Wer hätte dem Gewinnenden ihres Weſens zu widerſtehen vermocht, wenn ſie es darauf anlegte, für ſich einzunehmen! Bald hatte ſie im täglichen Verkehr mit der Baronin jedes Vorurtheil beſeitigt, das für deren Projecte mit mir ihretwegen hätte Bedenken er⸗ regen können. Nicht minder hatte ſie bald den jungen Mann umſtrickt. Geſchmeichelt, ſich von der intereſſanteſten Frau bevorzugt, geſucht zu ſehen, beutete er beſonders ihr Talent zu amüſiren für ſich aus. Seine Aufmerk⸗ ſamkeiten gegen mich gingen über das Gaſtfreundliche nicht hinaus. Im Taumel bequemer Gewöhnung und des Gehenlaſſens oder Hinnehmens nahm er mich ge⸗ wiſſermaßen mit in den Kauf. Sein ungezwungener, ſo glücklich mit Gefühl und Verſtand gepaarter Humor und ſeine ſtets opferbereite Gut⸗ müthigkeit konnten zwar an Liebenswürdigkeit erinnern, aber das Dürftige ſeiner äußern Erſcheinung bei gleichwohl ſtetem Streben nach Ausdruck hochariſtokra⸗ tiſchen Bewußtſeins, das blos Eitle und Herriſche, welches deshalb nicht ſelten da hervortrat, wo er per⸗ ſönliche Würde zu üben gedachte, dies und eine ge⸗ wiſſe Zerfahrenheit in ihm waren mir unangenehm; auch liebte ich nur zu bald, wo ich zu lieben fürchtete. Fritz Thielooſen, faſt vom Augenblicke unſerer erſten Begegnung an der Beherrſcher meiner Seele, 189 huldigte mir in täglich geſteigerter, von Andern immer ſchwerer zu vergebender Leidenſchaft. Nach kurzer Zeit ſchon hielten beide Mütter für rathſam, einen Verkehr abzubrechen, deſſen Speculation ſich für beide ſo gründ⸗ lich verfehlt erwies. Zu förmlicher Ausſprache zwiſchen mir und Thie⸗ looſen war es noch nicht gekommen. Erſt als meine Mutter mir von ſelbſt verſcherztem Glück, von meiner Unklugheit und Thielooſen's Anmaßung redete, als ſie den Aermſten bitterſter Schmähung unterwarf, jeden weitern Gedanken an ihn, den Bauernabkömmling, ins Lächerliche zog und ſchwer bedrohte, erſt da, als ich um den Mann, für welchen ich gefühlt hatte, zu leiden anfing, erſt da kam es bei mir zu vollbewußter Leidenſchaft. Thielooſen, eine von jenen Naturen, bei welchen, weil ihnen die innere Fröhlichkeit abgeht, das Glück nur ſelten einkehrt und noch ſeltener ausharrt, ver⸗ ſchloß ſein Hoffen und Wünſchen in ſich. Der Baron, dem erſt ſpäter klar wurde, daß in mir ihm eine Braut hatte nahe gebracht werden ſollen, ehrte des Freundes Schweigen um ſo anerkennungsvoller, und ein ganzes Jahr verging, ehe beide ſich darüber erklärten. Die Baronin war geſtorben. Ihr Sohn, troſtlos über dieſen Verluſt und angegriffener denn je in ſeiner Geſundheit, ſuchte zunächſt in einem deutſchen Kurort 190 Hülfe, um dann den Winter in Italien zu verbringen. Die im Bade beſtellte Wohnung befriedigte den Baron nicht, und Thielooſen, ausgeſendet, eine beſſere zu ſu⸗ chen, bereitete ſich ſchon vor, dem ungeduldigen Freunde abermals Unerfreuliches zu berichten, als er an einem Fenſter mich wahrzunehmen glaubte. Er tritt ins Haus und leitet ſeine Erkundigungen nach mir mit der Frage nach Wohnungen ein. Was er an Raum und Ausſtattung verlangt, läßt auf bedeutende Mittel ſchließen. Die Wirthin, eine alte, höchſt reſolute Kaufmannsfrau, die ihn aus ihrem Laden her eigentlich ſchon abgewieſen hat, wird un⸗ ſchlüſſig. Sie ſtellt hohe Preiſe und erbietet ſich, für ſolche in wenig Stunden die allerdings bis jetzt noch vermiethete, aber ſicherlich frei zu machende, allen An⸗ ſprüchen genügende Beletage zur Verfügung zu ſtellen. Ein elegant gekleideter jüngerer Mann von viel feinern Manieren, der Sohn der Vermietherin, erhebt Einſpruch, er wird aber kurz abgefertigt, und Thie⸗ looſen folgt der Wirthin, welche ihn einladet, die Räumlichkeiten anzuſehen. In einer Art von Vorſaal wird er gebeten zu warten und hört dort, wie die Wirthin, welche ins Innere der Wohnung gegangen, erſt leiſe, dann immer vernehmlicher ſpricht, wie ich, denn meine Stimme iſt es ganz unverkennbar, zuerſt in erſtaunten Gegenfragen antworte, dann in zorniger 191 2 Erregung von Mißverſtändniſſen rede, die ſich ganz gewiß aufklären würden. Eben hört er, wie die Wir⸗ thin, immer rückſichtsloſer, mir zuruft: ‚Die Briefe der Frau Mutter enthalten nichts als leere Ausflüchte. Mich ſoll die prunkvolle Dame nicht ebenſo täuſchen, wie ſie meinen Sohn beſchmeichelt und beſchwindelt hat!’ da tritt der Sohn der Wirthin, gedrückt, ein Bild höchſter Verlegenheit, in den Vorſaal. Thie⸗ looſen fragt und erfährt, daß meine Mutter, die In⸗ haberin der Wohnung, viel Aufwand getrieben, Spiel⸗ ſchulden gemacht, den galanten Sohn der Wirthin verleitet hat, ihr verhältnißmäßig große Summen ohne Vorwiſſen ſeiner im Geſchäft allmächtigen Mutter zu borgen, daß ſie unter für mich plauſiblen Vorwänden abgereiſt iſt, die durch Briefe nicht beizutreibende ſchul⸗ dige Summe in der Heimat perſönlich zu beſchaffen, und daß ſie mich und meine Dienerin gewiſſermaßen als Pfand zurückgelaſſen hat. Sogleich erklärt Thielooſen, auf des Freundes Großmuth rechnend, hier werde ganz unnöthiges Auf⸗ ſehen gemacht, man möge ſich hüten, dem Hauſe und ſeinem Ruf zu ſchaden. Frau von Leteln, deren Rück⸗ kehr ſich unvermuthet verzögere, werde Rechenſchaft fordern. Uebrigens ſei er, Thielooſen, von ihr beauf⸗ tragt, die ſchuldigen Summen zu entrichten. Man möge ſich beeilen, bei dem Fräulein gut zu machen, was noch 192 gut zu machen ſei. Dann eilte er zum Freunde zurück und ſchrieb mir, die bis dahin keine Ahnung gehabt hatte, daß eine Mutter die Tochter ſolcher Fährlichkeit ausſetzen könne. Der Mann, für den ich gefühlt, um den ich ge⸗ litten, war mein Erretter geworden— wer möchte noch fragen, wohin das gegenſeitige Ausſprechen zwiſchen uns beiden führte! 1 Der Baron, glücklich, den Freund beglücken zu können, patroniſirte, entwarf Pläne für die Zukunft, ſchrieb in edlem Zorn an meine Mutter, verbindlich, aber zwingend. Sie eilte herbei. Indem ſie dem un⸗ vermutheten Helfer dankte, wußte ſie ihn durch den Zauber ihres Weſens und die Gaukelei ihrer Rede ſo zu umgarnen, daß er die verſuchte Rechtfertigung ihres Benehmens gegen mich als Entſchuldigung gelten ließ. Gerade und offen behauptete er aber, ich ſei künftig unter dem Schutz eines Mannes viel ſicherer geborgen, beſtand darauf, daß die Heirath in kür⸗ zeſter Friſt vor ſich gehe, weil ihn, der den Herbſt und Winter in einem ſüdlichen Klima zuzubringen gedenke, das junge Paar begleiten ſolle.. Die bedrängte Mutter, der in Ausſicht geſtellt war, ſich der Reiſe nach dem Süden anzuſchließen, machte nun aus des Barons Haſt für ihre eigene Vergnügun gsſucht Kapital. 193 Sie willigte ein, doch unter der von dem Baron angenommenen Bedingung, daß die Ehe bis dahin ge⸗ heim bleibe, wo es gelungen ſein würde, die von mei⸗ nem Vormunde zu befürchtenden Schwierigkeiten zu beſeitigen. 4 Alles war befriedigt, nur Thielooſen nicht. Er widerſtrebte, verwarf alle Heimlichkeit. Sein Name ſei ihm genug und müſſe auch der Familie ſeiner Ver⸗ lobten genügen. Der Baron, nicht gewöhnt, auf dau⸗ ernden Widerſpruch zu ſtoßen, wurde durch dieſen nur um ſo verliebter in ſeine Abſicht, unſer Schickſal zu be⸗ ſtimmen, die Rolle der Vorſehung zu übernehmen. In ſeiner Kränklichkeit ohnehin ſehr reizbar, wurde er bald mehr als ärgerlich, leidend. Thielooſen gab nach, und einige Wochen ſpäter wurden wir auf einem der ſüd⸗ deutſchen Güter des Barons in deſſen und meiner Mutter Gegenwart heimlich getraut. Auf der Reiſe nach Italien kamen wir nicht weit. In Bellinzona erkrankte der Baron ernſtlich, ohne je⸗ doch von der ihm täglich näher tretenden Lebensgefahr eine Ahnung zu haben. Den ganzen Winter hindurch trug er ſich mit Plänen, wie die unterbrochene Reiſe am genußreich⸗ ſten fortzuſetzen ſei, und ſcherzte über ſeines uner⸗ müdlichen Pflegers Thielooſen, über meine und meiner Mutter Beſorgniß. Im Uebermuthe unverwüſtlichen Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 13 —— 194 Humors pries er ſogar ſeinen Erben, einen mürriſchen, bis dahin nur an Kindern ſehr reichen Lehnsvetter, glücklich, daß er, in weiter Ferne, nichts von jenen Beſorgniſſen ahne, mithin ſich keinen trügeriſchen Hoff⸗ nungen hingeben könne. Aber der Vetter ſollte ohne vorherige Hoffnungen überraſcht werden. Der Baron ſtarb plötzlich und ließ uns in um ſo tieferer Beſtürzung zurück, je weniger auch wir ein ſo ſchnelles Ende befürchtet hatten. Ich, der Niederkunft nahe, blieb mit der Mutter in Bellinzona, Thielooſen geleitete die Leiche des Freun⸗ des zur Familiengruft in die Heimat. Als ſie dort anlangte, hatte der neue Herr ſchon Beſitz ergriffen. Von den Privilegien ſeines Standes wie von Souveränetätsrechten erfüllt, fand er, daß letztern unter der frühern Verwaltung viel zu viel vergeben wor⸗ den ſei, und empfing in meinem Manne weit weniger den Freund als den verzogenen Diener ſeines Erb⸗ laſſers. Er verlangte von ihm den eingehendſten Nach⸗ weis über die Verwendung der vom Baron ins Ausland bezogenen Summen. Herriſche, hochfah rende Reden riefen ſtolze Gegenreden hervor. Die heftigſten Scenen folgten und endeten damit, daß der Erb⸗ und 195 Gerichtsherr den Beleidiger ergreifen, ins Gefängniß wer⸗ fen und die Unterſuchung gegen ihn eröffnen ließ. Schon bei der ſehr eingehend behandelten Perſonalfrage ergab ſich, daß der vielfach beneidete, jetzt gefallene und nach ſeinem Fall von Zuträgern verfolgte Günſtling des Hauſes nach wie vor leibeigen, daß von ſeinen Wohl⸗ thätern überſehen war, ihn in aller Form Rechtens von ſeiner Hörigkeit zu befreien. Die ſchmachvollſten Demüthigungen kamen nun über ihn, und der freche ererbte Knecht ſollte es noch als Gnade erkennen, daß er nach vierzehn Tagen als Gemeiner in ein Regiment geſteckt ward. Welcher Sturz, welche Vernichtung der ganzen Exiſtenz! Der Brief, in welchem mein Mann die erſte Mit⸗ theilung über ſeine Erlebniſſe nach Bellinzona gelan⸗ gen ließ, iſt noch vorhanden. Der vom Verhängniß ſo ſchwer Betroffene verwünſcht darin ſeine von Kind⸗ heit an völlig verſchobene Lebensſtellung. Der feinen Selbſtſucht der Baronin gegenüber ſei er immer nur Mittel, niemals Zweck geweſen. Nur um ihn für den Sohn auszubeuten, habe ſie ihn mit Gunſt überhäuft. Dennoch treffe den Baron noch größerer Vorwurf. Nie würde Thielooſen ſeiner Leidenſchaft für mich bis zur offenen Bewerbung Raum gegeben haben, hätte ihn der Baron nicht wegen ausreichender Mittel 13* 196 beruhigt, ihn für den ſchlimmſten Fall ſogar auf ſein Teſtament verwieſen. Ein ſolches ſei jetzt gar nicht vor⸗ handen. Das ſei am Ende ſchlimmer als die formell verſäumte Befreiung von der Hörigkeit. Niemand, ſelbſt ihm nicht, ſei je ein Gedanke an die Nothwendigkeit ſolcher Befreiung gekommen. Factiſch habe ſie ja be⸗ ſtanden. Allerdings möge er den neuen Majoratsherrn, der als alter, im ſtrengſten Dienſt ergrauter Offi⸗ zier an unterwürfigen Gehorſam gewöhnt ſei, ge⸗ reizt haben, allein dadurch ſei doch keineswegs die Grauſamkeit gerechtfertigt, mit welcher ſich dieſer die Leibeigenthumsordnung zu Nutze gemacht. Ihr zu entgehen, biete, wo das Geſetz nicht ausreiche, die Gnade des Landesherrn noch Mittel und Wege, und er würde letztere ſchon angerufen haben, hätte er nicht in ihm jetzt unerklärlicher Schwachheit früher gelobt, ſeine Heirath zunächſt noch zu verheimlichen. Seine jetzige Lage ſei faſt unerträglich, doch wolle er in ihr ausharren, um die Familie von Leteln nicht zu compromittiren, hoffe aber von dieſer und ihrem Ein⸗ fluß baldigſte Befreiung. Welche Zuſtände dieſe Trauerpoſt bei uns Frauen in Bellinzona hervorbrachte, will ich nicht ſchildern. Meine Mutter, dem Schwiegerſohn von jeher abgeneigt, konnte nicht faſſen, wie er nach Allem, was geſchehen, an Fortſetzung der Ehe zu denken vermöge. Die ſtill⸗ 197 ſchweigende Bedingung, unter welcher ſie als Mutter eingewilligt habe, ſei nicht erfüllt. Die Ehe ſei nichtig, und es komme jetzt nur noch darauf an, in welcher Weiſe die Trennung am ſchonendſten für die Familie von Leteln vor ſich gehen könne. Das ſeien die Folgen von Bauernheirathen und des Zwanges, welchen man ihr, der Mutter, angethan. Ich war im Herzen wie zerriſſen. Das, was die Mutter rückſichtslos Helotenthum nannte, widerſtrebte auch mir, legte mir Pflichten der Selbſterhaltung auf, aber ich glaubte auch gerade jetzt meinem Gatten die meiſte Liebe erweiſen zu müſſen. Von Vorwürfen kam es zu Gegenvorwürfen, und nach zweitägigem offenen häuslichen Kriege gelangte die Mutter zur Ueberzeugung, daß ſich in mir ein Charakter entwickelt habe, der nur dann nachgeben werde, wenn meine Kraft erſchöpft ſei, ein Fall, der nur zu bald eintrat. Schwer beängſtigt durch die von meinem Manne ausbleibenden Nachrichten, hatte ich etwa vierzehn Tage vorher mein Töchterchen, Schwendler's nachherigen Pfleg⸗ ling, geboren. Wie hätte ich nach den Gemüthserſchüt⸗ terungen, welche dann über mich kamen, nicht körperlich erliegen ſollen? Erſt nach ſechs Monaten, und ſelbſt dann noch quälendſter, an Seelenſtörung grenzender Schwermuth unterworfen, war ich ſo weit geneſen, daß an Rückkehr in die Heimat gedacht werden konnte. 198 Mittlerweile hatte meine Mutter mit aller ihr beiwohnenden Redekunſt Thielooſen zu beruhigen ge⸗ ſucht und das Ausbleiben der Briefe von mir mit Krankheit entſchuldigt. Die Correſpondenz wurde durch einen ehemaligen Anbeter meiner Mutter, einen hoch⸗ ſtehenden Civilbeamten, vermittelt, den ſie für das Opfer traurigſter Hinterlaſſenſchaften des Mittelalters zu intereſſiren gewußt hatte. Wahrſcheinlich waren aber die Verwendungen dieſes Mittlers, der in Thie⸗ looſen's Garniſon wohnte, letzterem zu weit aus⸗ ſehend erſchienen. Er hatte der Unerträglichkeit ſeiner Lage durch Deſertion ein Ende gemacht, ungefähr zu derſelben Zeit, in welcher wir, meine Mutter und ich, aus Bellinzona wieder nach Deutſchland aufbrachen. Als nun ich, die Kranke, hier auf Schwarzenhof, mein Kind aber ſchon vorher in fremder Pflege ein Unter⸗ kommen gefunden hatte, eilte meine Mutter ſogleich in den Garniſonsort Thielooſen's. Sie fand ihn nicht mehr und hatte den Schmerz, ſeinen Namen am Pranger zu leſen. Er hatte ſelbſt gegen den Vertrauten meiner Mutter nichts von ſeiner Ehe verlauten laſſen, und nachdem zwei lange Jahre verſtrichen waren, ohne daß man je von dem Sträf⸗ ling wieder gehört hätte, gab ſich meine Mutter der Hoffnung hin, daß er für immer verſchollen, daß es ihr geglückt ſei, die ganze Skandalgeſchichte, wie 199 ſie ſich ausdrückte, in tiefes Geheimniß gehüllt zu haben. Ohne Rückſicht auf mich, welche, angeblich ihrer Geſundheit wegen, auf Schwarzenhof faſt einſiedleriſch lebte, verbrachte ſie die Zeit großentheils wieder in den Zerſtreuungen der Reſidenz. Ihr Schrecken war nicht gering, als ihr durch Vermittlung eines dortigen Banquiers ein ſehr kurz und kühl, ja finſter gehaltenes Schreiben Thielooſen's zukam. Er habe— ſo ſchrieb er— in England Vor⸗ ſtudien gemacht und ſei, geſtützt auf dieſe, im Begriff, in Amerika ein Geſchäft zu begründen. Das Unter⸗ nehmen werde geſichert ſein, wenn ſeine Schwieger⸗ mutter ihm jene dreitauſend Thaler zurückzahle, mittels welcher er damals unter Vorwiſſen des Barons ihre Schulden im Bade getilgt. Die Summe ſei ihm ge⸗ ſchenkt geweſen, ſein jetziger Anſpruch alſo ein gerech⸗ ter. Ob ſeine Frau ihm folgen wolle, ſtelle er ihr an⸗ heim. Er glaube nicht daran, beſtehe auch nicht dar⸗ auf, doch bitte er um ſchnelle, entſcheidende Antwort und vor allem um eingehendſte Auskunft über ſein Kind. Wie ſehr ſich auch die ſchon wieder roſenfarbene Laune meiner Mutter umdüſterte, welche Anſtrengun⸗ gen es ihr auch koſtete, die längſt vergeſſene Schuld⸗ ſumme aufzubringen, ſie ſandte ſie pünktlich ein und 200 ſchrieb, immer nur froh, über den Augenblick hinweg⸗ zukommen, bei meiner Schwermuth ſei gar nicht daran zu denken, mich einer ſo unbeſtimmten Zukunft preiszugeben. Doch ſei ich, das unglückliche Opfer einer ſehr übereilten Ehe, noch jung und er, Thieloo⸗ ſen, hoffentlich verſtändig genug, von der Zeit die paſ⸗ ſende Formel zur Löſung eines Conflicts zu erwarten, welchen er, wie unſchuldig er auch am Entſtehen geweſen ſein möge, doch durch Selbſtſchuld zum Gipfel aller Verlegenheiten für die Familie von Leteln geſteigert habe. Seine Deſertion ſei, wenn gegen das Geſetz ein Verbrechen, weit mehr noch gegen die Familie ein nie gut zu machender Fehler geweſen. Zur möglichſten Ausgleichung deſſelben hoffe ſie ferner auf ſeinen Takt, auf ſein feierlich gegebenes Wort, die Ehe bis dahin zu verheimlichen, wo ſie, nach ihrem vorbehaltenen Recht, als Mutter in deren Veröffentlichung willige. Das Kind ſei wohl und erfreue ſich beſter Pflege. Zu ihrer Ehre muß ich noch anführen, daß ſie faſt gleichzeitig mit Abſendung dieſer Antwort nach Schwarzenhof eilte, in der Abſicht, mich von dem, was ſie erfahren und darauf gethan, in ſchonendſter Weiſe zu unterrichten. In Anwandlungen mütterlicher Zärt⸗ lichkeit war ſie der Meinung, das nach allen Seiten hin Richtige getroffen zu haben. Sie fand aber meinen Zuſtand für neu erſchütternde Mittheilungen nicht ge⸗ 201 eignet und reiſte in die Reſidenz zurück, um dort von der erſchütterndſten ſelbſt betroffen zu werden. Mein unglücklicher Mann hatte ſein eigenes Kind geraubt. Unter dem Vorgeben, von meiner Mutter beauftragt zu ſein, hatte er fünfhundert Thaler als Geſchenk beſonderer Zufriedenheit für die bisher gute Pflege gezahlt und ſchrieb nun vom Bord des ſchon in See gegangenen Schiffs, was er gethan. Auch dieſer Brief iſt noch vorhanden. Eine gewiſſe Verſchrobenheit ſpricht aus ihm, eine tiefe Verbitterung, doch keine, die ſich zu rächen, weit mehr eine ſolche, die ſich bei verbiſſenem Ingrimm ſelbſt zu helfen trachtet. Wie früher ein Spiel der feinen Selbſtſucht der Familie des Barons, ſei er zuletzt ein Opfer der Fa⸗ milie von Leteln geweſen. Ihrem Einfluß hätte ſeine Befreiung aus elendeſter Lage nicht fehlen können. Aber ſie habe die allein dazu führenden energiſchen Mittel geſcheut, ihn zur Selbſthülfe gezwungen. Stehe infolge dieſer ſein Name jetzt am Schandpfahl, ſo wolle er auch der Familie nicht zumuthen, mit ihm in Vexbindung zu bleiben. Man möge deshalb die Scheidung einleiten, aus Nichtigkeitsgründen, oder wenn man das vorziehe, gegen ihn auf bösliche Verlaſſung klagen. Seinerſeits betrachte er ſich als geſchieden, ge⸗ lobe aber hierdurch nochmals, ſeine Heirath mit Si⸗ donie von Leteln als tiefſtes Geheimniß zu bewahren. —— 202 Wäre ich eine echte und rechte Frau geweſen, ſo würde ich, als das Unglück über ihn hereingebrochen, nicht zu Palliativen meine Zuſtimmung gegeben, würde unter offenſter Erklärung meines Verhältniſſes zu ihm jede Rückſicht auf meine Familie zum Schweigen ge⸗ bracht, würde die thatloſe Schwermuth abgeſchüttelt, mir den Gatten wiedererobert, mein in ehrlicher Ehe geborenes Kind nicht lichtſcheu fremder Obhut überlaſſen haben. Er wolle nicht unterſuchen, ob ich blos ſchwach unter dem Einfluß meiner Mutter oder ſittlich ebenſo haltlos wie dieſe ſei. Sein Kind aber könne er ſolcher Führung nicht überlaſſen, Aus einer Welt, für welche er nicht paſſe und mit welcher er vollkommen abge⸗ ſchloſſen habe, nehme er als einzigen Beſitz, der An⸗ recht auf ſeine Liebe habe, das Kind in die neue mit hinüber. Er werde ihm Vater und Mutter zugleich ſein, es hüten und wahren, indem er es für Verhält⸗ niſſe erziehe, die im Reiche der Wahrheit beruhten, jenem Reiche, wo nicht Ahnen, Gold und äußere Ehre, ſondern Adel und Reichthum des Geiſtes und Herzens, nicht der Zufall und das Was des Berufs, ſondern die Thätigkeit und das Wie ſeiner Durchführung gälten. In treueſter Sorge für das Kind werde er ebenſo ſeine Pflicht bethätigen, wie ſeinen Dank für das einſt in der Mutter deſſelben genoſſene Glück. ‚Frau und Fräulein von Leteln', ſo ſchloß der Brief, ‚ſind jetzt —;— — 1 S 203 wieder frei. Auch für alle Zukunft hin werden ſie der Möglichkeit eines unbequemen Zeugen ihrer einſtigen Verbindung mit mir überhoben ſein.“ Unter welchen Seelenfoltern ich endlich dahin ge⸗ langte, wieder Freude am Leben zu finden, nachdem ich das hatte erfahren müſſen, male Dir ſelbſt aus, mein lieber Eduard! Zunächſt war es meine Mutter, in welcher ich am Wohl und Wehe Anderer wieder Theil nahm. In ewiger Flut und Ebbe von Hoffen und Fürchten, daß unſer Familiengeheimniß bewahrt blei⸗ ben, daß es verrathen werden könne, trachtete ſie vor allem darnach, mich zu überzeugen, daß mindeſtens mein Bruder glücklich bleiben, in ungetrübtem Bewußt⸗ ſein der Makelloſigkeit unſeres Namens erhalten werden müſſe. ‚Von Thielooſen, dem Manne trotzigſter Con⸗ ſequenz, den bisher keine unſerer Nachforſchungen er⸗ reicht hat', ſo ſagte ſie mir oft, ‚iſt nichts zu fürchten. Er wird uns nie mehr, weder durch ſich, noch durch das Kind behelligen, und daß er, wie er verheißen, Deiner und ſeiner Tochter die treueſte Fürſorge widmen wird, dafür bürgt ſein Charakter. So ſei denn beruhigt nach dieſer Richtung hin und finde Dich darein. Wozu Georg in das Geheimuiß ziehen? Gleich uns würde er dem einmal eingetretenen Unglück hülflos gegenüber ſtehen, würde uns beide als Urheber einer auch über 204 ihn gekommenen Schmach mit nutzloſen Vorwürfen überhäufen. Laß ihn glücklich, Sidonie, er iſt mein letzter Stolz, mein letzter Lebensanker.” Schmach und immer wieder Schmach! War ich denn die Schuldige? Mußte ich denn, weil mein Leben nicht ſonnig dahinfloß, bleiben, was ich geworden— eine vor der Welt Verſtoßene? War ich denn ſo hülf⸗ los in mir ſelbſt? War es ſo unmöglich, mir in Schwarzenhof eine eigene Welt nützlichen Schaffens zu bereiten? Mit ſolchen Fragen raffte ich mich endlich aus dem thatloſen Brüten meiner Verzweiflung empor. Ich fing an zu arbeiten. Verſuche, in die Wirthſchaft ein⸗ zugreifen, glückten über alles Erwarten. Ein Kapital fiel mir durch Erbſchaft zu. Der alte, nur auf ſeinen Vortheil bedachte Verwalter konnte abgefunden, entlaſ⸗ ſen werden. Die Mutter, froh und voll Anerkennung, überließ mir Alles und zog am Ende ganz zu mir nach Schwarzenhof. Frieden und Stille kehrten auch bei ihr ein.— Mein Bruder ging vermöge ſeiner großen Bega⸗ bung durch ſich ſelbſt und faſt mehr noch durch eine in hochariſtokratiſche Kreiſe reichende Verbindung der glän⸗ zendſten Laufbahn entgegen. Um ſo befliſſener war die Mutter, mich von ihm fern zu halten, und erſt nach ihrem Tode, als er der Erbſchaftsauseinanderſetzung ————— 205 wegen längere Zeit hier verweilte, habe ich ihn aus perſönlichem Umgang kennen gelernt. Er war erſtaunt, in mir keineswegs die ſich ſelbſt genügende, das ganze Gut am ſtraffſten Zügel füh⸗ rende, amazonenhafte Herrin zu finden, welche, wie er ſich einbildete, aus unerwiderter Liebe zuerſt ſchwer⸗ müthig, dann beinahe unweiblich geworden. Voll brüder⸗ licher Theilnahme für mich, ward er meinem wieder auf⸗ lebenden Liebesbedürfniß Gegenſtand zärtlichſter Schwe⸗ ſternliebe. Wie oft war ich nahe daran, ihm in vollſter Hingabe mein Geheimniß zu offenbaren! Aber eine gewiſſe Beſchämung und die von der Mutter mir ein⸗ geprägte Scheu, ſein eigenes Glück zu trüben, ver⸗ ſchloſſen mir immer wieder den halb ſchon geöffneten Mund. Später, als wir vertrauter geworden waren, als ich auf ſeinen Wunſch meine Einſamkeit mit einem Aufenthalt in ſeinem Hauſe vertauſchte, machte mich das Ungleiche in ſeinem Weſen, das jetzt auch mir gegenüber häufig hervortrat, bedenklich. Endlich kam ich darauf, ein dem meinen ähnlich gehaltenes Lebensbild als poetiſche Erzählung ſeinem Urtheil vorzuführen. Allein ſo gütig er ſonſt meine literariſchen Verſuche anerkannt, mich immer zu weitern ermuntert hatte, dieſe Arbeit verwarf er, erklärte entſchieden, ſie ſei nicht nur völlig verunglückt, ſondern ſogar meiner unwürdig. 206 Thielooſen ſelbſt hatte in ſeinen Briefen mein Beneh⸗ men gegen ihn nicht ſo erbittert getadelt, wie mein Bruder jetzt das meiner Heldin verdammte. Heimliche Ehen⸗— ſo ſchloß ſeine Kritik— zenden, weil mit Lug und Trug begonnen, gewöhnlich mit Fluch. Das beſtätigt ſich auch bei Deiner verſchrobe⸗ nen, apathiſchen, charakterloſen Heldin. Immer nur halbe Maßregeln. Alle Verherrlichung, die Du ihrem ſpä⸗ tern Wirken und Leben für Andere angedeihen läßt, ſchrumpft ſehr vor der nackten Thatſache zuſammen, daß ſie, ſtatt die ihr offen und ehrlich angetragene Trennung des Bündniſſes herbeizuführen, lieber gefühl⸗ voll ſchwärmt, als zweckmäßig handelt, daß ſie, ſtatt ihr Leben endlich klar zu machen, zur Fälſcherin wird, ſich und möglicherweiſe Andern zum Nachtheil. Jedes Zeugniß, das die Vortreffliche ausſtellt, jede Bürgſchaft, welche die Wohlthätige übernimmt, jeder Vertrag, den die umſichtige Verwalterin abſchließt, jede Urkunde der großen Gutsherrin, Alles iſt des fal⸗ ſchen Namens wegen mindeſtens formell anfechtbar. Nicht einmal ein Teſtament zu Gunſten des abhanden gekommenen und denkbarerweiſe ſich wieder einfinden⸗ den Kindes kann ſie hinterlaſſen, ohne Beſorgniß, daß es als ungültig verworfen wird.“ So war ich denn in ſchroffſter Weiſe verurtheilt. Bei dem einzigen Menſchen, an deſſen Mitwiſſen, Aus⸗ — ————e — ————e 207 ſprache und Troſt mir gelegen ſein konnte, durfte ich auf ein Verſtändniß für meine unſchuldige Mitſch uld nicht hoffen und verkehrte von nun ab mit den Bil⸗ dern, an welchen ich alle Seligkeiten und alle Qualen der Liebe erfahren hatte, faſt nur auf dem Gebiete der Poeſie. Doch verſäumte ich nicht, von dieſem auf ein mehr praktiſches, auf das der Sparſamkeit und des Sammelns überzugehen, um meinem Kinde für den möglichen Fall ſeines Wiederfindens ein zureichendes Einkommen zu ſichern. Jahre vergingen wieder. Mein Bruder zog ſich aus ſeinen amtlichen Stellungen in das Privatleben zurück und ſuchte zu meiner Freude bei mir ein Aſyl. Als dies geſchah, war mein im Laufe der Zeit unter nützlichem Schaffen und glücklichen Erfolgen allmälig geſänftigter Schmerz beinahe durch die Gewiß⸗ heit überwunden, Mann und Kind nicht blos auf Nimmerwiederſehen verloren zu haben, ſondern auch niemals mehr von ihnen zu hören. Um ſo bereitwilliger, lieber Eduard, ging ich auf Deine Pläne ein. Was meinem eigenen Kinde nicht werden konnte, ſollte Dir, zunächſt wenigſtens als Nutznießer, zugewandt werden. Aber ich ging noch weiter. Erſt am Tage vor Deiner Rückkehr nach Schwar⸗ zenhof ward ich mit Deinem Vater darüber einig, daß 208 die Verwaltung des Guts Dir übertragen würde. Es war dabei zwiſchen ihm und mir zu Auseinanderſetzun⸗ gen gekommen, infolge deren ich mich als alleinige Eigenthümerin zu betrachten hatte. Nun erwog ich, während er nach dem Kurort ging, ſein für uns alle ſo verhängnißvolles Gartenfeſt einzuleiten, die Bedin⸗ gungen, unter welchen ich Dich zu meinem Univer⸗ ſalerben ernennen dürfe. Die Rechte meines eigenen Kindes, welche doch möglicherweiſe noch nach meinem Tode hervortreten konnten, mußten dabei gewahrt werden. Die Nacht war hereingebrochen, ohne daß ich zu einem Entſchluß gelangt war. Ich hatte ſogar über⸗ ſehen, daß Du Deiner Zuſage gemäß ſchon gegen Abend hätteſt in Schwarzenhof eintreffen müſſen. End⸗ lich kamſt Du, es kamen Deine Mittheilungen über Thereſe, über Frau von Berger, über die mit der Badereiſe verbundenen verſtändigen Abſichten, über Deine volle Verſöhnung mit dem Vater und über die dann plötzlich mit Schwendler entſtandenen Verwick⸗ lungen. In meine Vergangenheit vertiefter denn je und empfänglicher für Alles, was mit ihr in Verbindung ſtehen konnte, hörte ich Dir zu. Da ſchlug der Name Thie⸗ looſen wie eine Offenbarung an mein Ohr, und wor⸗ auf ich ſeit neununddreißig Jahren verzichtet und doch auch immer wieder gehofft hatte, das trat als möglich, —,.,— —— 209 ja als wahrſcheinlich vor mich hin. Schwendler zu ſprechen, ihn auszuforſchen, ohne mich preiszugeben, war noth⸗ wendig. Wie ſchwer es ihm ward, die Zuſammenkunft herbeizuführen, in welch räthſelhaftem Lichte ich dabei meiner Umgebung erſchien, wie auch mein Körper zu erliegen drohte, es mußte geſchehen. Als ich gewiß geworden, daß ich bei Schwendler auf rechter Spur ſei, trug ich, die Greiſin, kein Be⸗ denken, mich dem Greiſe anzuvertrauen. Ich zeigte ihm Thielooſen's mit dem meinen in ein Medaillon gefaßtes Bild und gab ihm jenen erſten Brief, welchen der Gefangene und unter die Soldaten Geſteckte nach Bellinzona geſchrieben. Schwendler's Erſtaunen, als er Bild und Hand⸗ ſchrift erblickte, war charakteriſtiſch, während meine den ganzen Tag ertragene Herzensbeklommenheit in ſtillen Thränen ſich löſte. „Alſo Sie ſind das!' ſagte er und ergriff in ausdruckvollſtem Mitgefühl meine Hand. ‚Ich habe wohl immer ſo etwas geahnt, aber weil er nicht davon geſprochen haben wollte, nicht weiter gedrängt. Weinen Sie’ nicht, meine Gnädige! Wir beide müſſen Freunde ſein. Schon wegen Thielooſen, noch mehr wegen des Kindes. Sie ſind eine vortreffliche Dame! Jedermann verehrt Sie. Was auch vorgefallen ſein mag, disponiren Sie über mich! Heinz, Herrin von Schwarzenhof. 14 210 Sobald der alte Herr nur erſt wußte, worauf es ankam, war nichts leichter, als mit ihm ſich zu verſtändigen. Sein taktvolles Entgegenkommen half mir über manchen ſchweren Punkt meiner erſten Er⸗ zählung weg, und mein Vertrauen zu ihm wuchs in dem Maße, in welchem er es weit über meine Erwar⸗ tung durch Zartgefühl rechtfertigte. In meines unglücklichen Mannes Vorgeſchichte wurde er erſt durch mich eingeführt. Dieſer hatte darüber ein mürriſches Schweigen beobachtet, und Schwendler wußte nichts weiter, als daß Thielooſen, nach kurzer, nicht eben zufriedener Ehe verwittwet, in Amerika ſein Glück geſucht, aber nicht gefunden und zurückgekehrt im äußerſten Norden des Vaterlan⸗ des eine Förſterſtelle übernommen habe. Beim Aus⸗ bruch der Freiheitskriege war er in das Heer einge⸗ treten, hatte Wunden und Orden davongetragen, die Beförderung zum Offizier abgelehnt und vorgezogen, als Feldwebel der Halbinvalidencompagnie, welche Schwendler zuletzt commandirte, ein dunkles, doch in der Sorge für das Wohl ſeiner Untergebenen reich geſegnetes Leben zu führen. „Aber wo iſt das Kind geweſen, während er im Felde war? Wie hat er das Kind verlaſſen können? Hat er nie von ſeiner Frau geſprochen?“ fragte ich in ſchmerzvollem Erſtaunen. V 211 „Wie hätte er die allgemeine Entrüſtung gegen den Landesfeind mitfühlen, wie ſich ſelbſt, wenn das der Fall geweſen wäre, der allgemeinen Bewegung fern halten können? Ein kräftiger ſchöner Mann, würde er ausgehoben worden ſein. Der Schullehrer des Orts, ſein Freund, nahm das Kind in die eigene Familie auf und würde dies bei Thielooſen's ſpäterem Heimgange wieder gethan haben, wären meine Frau und ich nicht zuvorgekommen“, antwortete mir Schwendler. Ich kann nicht beſchreiben, welch bitteres, aus Indignation und Empörung gemiſchtes Gefühl mich überkam, als ich das erfuhr. Wie öde, wie troſtlos verkümmert, heillos verſchroben müſſen die Seelen⸗ zuſtände des unglücklichen, gegen mich ergrimmten Mannes geweſen ſein! Daß ich und in welchen Ver⸗ hältniſſen ich lebte, hatte er doch ſicherlich ge⸗ wußt. Wie hatte er es über ſich gewinnen können, das Kind lieber Fremden zu überlaſſen, als es mir wieder zuzuführen? Wie hatte er dies thun können, als er einem ſo ungewiſſen Schickſale entgegenging? Schwendler klärte mich auf. Das ſei aus Haß gegen Alles, was vornehm heiße, geſchehen. Nie war der Name von Leteln über Thielooſen's Lippen gekommen, nie war er auf Erinnerungen an ſeine Frau eingegangen. Frau Schwendler hatte ſich zwar nicht abhalten laſſen, den, wie es ihr ſchien, 14* 212 wunden Fleck bloßzulegen, des Hausfreundes Wunderlich⸗ keit war aber dann immer hervorgetreten und hatte ihn zu ſchroffer Abwehr, oft zu wochenlanger Vereinſamung geführt. Bei mancherlei Vorkommniſſen mit dem Kinde hat er ſich wohl den Ausdruck entſchlüpfen laſſen: „Das iſt wieder apart!“, oder: ‚Das kommt von der Frau Mutter!⸗ Ich kann nicht ſagen, daß ich mich phariſäiſch überhoben hätte, aber ich fühlte mich abgefunden mit dem Manne, für den mein altes Herz noch einmal wie in Jugendflammen emporgelodert war. Frei wie⸗ der aufathmend, wie von einer Laſt befreit, ſtellte ich unter ſtiller Fürbitte das Richten über uns dem anheim, deſſen Barmherzigkeit mir ſtatt der Tochter die Enkelin zugeführt hatte. Wie durch ein Wunder fühlte ich auch meine durch die Vorgänge der Nacht und des Tages überreizte, bis zu Ohnmachten hinfällig gewordene Körperkraft in voller Friſche wieder. Wäh⸗ rend des Verlobungsjubels im Garten überſchaute ich meine Vergangenheit ſchon wieder objectiv, überlegte, ob und wie viel von ihr Euch mitzutheilen ſei. Nach kurzem Schwanken entſchied ich mich für Verſchweigen bis nach meinem Tode. Schwendler rieth zum Gegentheil und behauptete, ich würde außer Stande ſein, dieſen Vorſatz durchzuführen. Als ich beharrlich blieb, gelobte auch er zu ſchweigen 213 und meinte: ‚Am klügſten iſt es wohl. In der Ge⸗ ſchichte bleibt immer etwas, das Ihnen, wenn auch nicht nach innen, doch nach außen Beſchämung her⸗ beiführen könnte. Ihr neuer Hausſtand hier wird ſehr der Disciplin bedürfen. Und wer ſoll dieſe aufrecht erhalten, wenn nicht Sie? Allen Reſpect vor Ihrem Herrn Bruder, allein wer bürgt Ihnen dafür, daß er in ſeiner Art zu ſcherzen nicht einmal das Familien⸗ geheimniß preisgibt? Herr Eduard iſt auch ein Quer⸗ kopf. Wie leicht bricht bei ſo nahem Zuſammenſein der alte Hader wieder aus! Thereſe, nun ja, von der möchten Sie wohl Großmutter genannt werden, allein ob Sie ihr als Tante oder Großmutter Liebe erwei⸗ ſen, iſt nicht ſo ſehr verſchieden. Ganz anders wäre es, hätten Sie die eigene Tochter wieder gefunden.“ Allerdings iſt meine Aufgabe nicht leicht. Aber ich hoffe ſie durchzuführen und bitte um Gottes Schutz für meine Lieben, daß ſie niemals etwas thun oder unterlaſſen, das veröffentlicht ihnen Beſchämung berei⸗ ten kann. Daſſelbe Gemach, welches am Morgen die Stätte bedrohten Friedens geweſen war, umfing die Ge⸗ ſchwiſter abends in langer, inniger Ausſprache. Der Präſident erſchien, wenn auch nicht als ein Anderer, doch von einer innern Erhebung getragen. Seine Haltung war würdevoll, ſein Urtheil milder, etwas wie Demuth, mindeſtens erſchüttertes Vertrauen auf die eigene Klugheit, Kraft und Gerechtigkeit klang daraus hervor. Noch wußte die Schweſter nicht, daß durch ſie, durch den Einblick in ihr Schickſal eine Mah⸗ nung von oben an ihn ergangen war und, wie ſich ſpäter zeigte, eine verſtandene, nach beſter Kraft be⸗ folgte. So glich er für jetzt nur dem Bilde, das ſie von ihm nach dem Adel ſeiner Begabung am liebſten im Herzen trug. Darum ſagte ſie, als er, nochmals Vergebung erbittend, von ihr ſchied:„Du gleichſt für mich dem Speer des Achilles, der allein die Wunden, die er geſchlagen, zu heilen vermag. Ich bin geheilt. Wie ſollte ich nicht danken!“ Bald nachher wurde die Vermählung des jungen Paares auf Schwarzenhof vollzogen. Noch ehe dies geſchah, war Hauptmann Schwend⸗ ler Mitbewohner des Herrenhauſes geworden, und Ge⸗ neral von H., als er im nächſten Sommer die ver⸗ ſöhnten Gegner beſucht hatte, ſchied von ihnen mit der frohen Erfahrung, daß die jetzige Familie Leteln⸗ Schwendler äußerlich ſo harmoniſch wie innerlich zu⸗ frieden ſei. Die erſte ernſte Trübung dieſes Glücks kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Des Präſidenten ——— „— 215 Gewehr hatte ſich auf der Jagd gegen ihn ſelbſt ent⸗ laden. Kaum hatte er nach Hauſe gebracht werden können, als der Tod auch ſchon eintrat. Zwei Jahre ſpäter wurde Papa Schwendler zum ewigen Frieden berufen, und nach wenigen Monaten ſchon folgte ihm das alte Fräulein. Ein Denkmal, nach Eduard's Angabe, auch von künſtleriſchem Werth, bezeichnet die Stätte, wo Sidonie zwiſchen Bruder und Freund nun ruht. In welchem Umfange und wie nachhaltig wirkend ſie durch Beiſpiel, Rath und That Verehrung, Dank und Liebe erworben hatte, zeigte ſich erſt nach ihrem Tode. Die ſchöne Anlage um das Denkmal erweiterte ſich nach und nach in ein den ganzen Bergeshang, auf welchem der Friedhof liegt, würdig verſchönendes Ge⸗ hege. Und wie dies rein aus freiem Antriebe durch Beſchluß der Gemeinde geſchehen war, ſo hatte ſich der Geburtstag der Tante zu einem Tage ſtiller Feier ihres Andenkens geſtaltet. Man pilgerte zum Friedhof, um dort ihre Gruft und um ihretwillen auch die Ruhe⸗ ſtätten von Bruder und Freund zu ſchmücken. Ein ſolcher Tag ſchließt unſere Erzählung. Herr und Frau von Darfeld waren ſeit Monaten wieder im Vaterlande, wieder in der Reſidenz, wo der Oberſt eine den Wünſchen und Beſitzverhältniſſen ſeiner Frau mehr zuſagende Stellung erhalten hatte. Jetzt waren ſie zum 216 Beſuch auf Schwarzenhof und hatten gerade dieſen auch für die Wendung ihres beiderſeitigen Schickſals ſo erinnerungsreichen Jahrestag zur Ankunft, zum erſten Wiederſehen erkoren. Gegen Abend waren beide Paare auf dem Kirchhof geweſen. Dann führte Eduard den Freund in den Höfen, Ställen, Wirthſchaftsg ebäu⸗ den umher, und Thereſe bereitete den Thee in der großen Veranda. Eben trat Frau von Darfeld zu ihr hinaus. „Endlich!“ ſagte ſie und zog die ſchöne Beſchützte von ſonſt an ihr Herz.„Endlich allein mit Ihnen! Nicht um uns wechſelſeitig Vorwürfe zu machen, daß unſere Correſpondenz ſeit Jahren ſo ſpärlich geworden. Das geſchieht ja immer, wo, wie bei uns, der glückliche Fall eintritt, daß Frauen in ihren Männern ein volles Genüge finden. Nein, es drängt mich, Ihnen einmal wieder allein in die lieben Augen und durch deren Spiegel bis auf den Grund der Seele zu blicken. Immer noch lieblich, demüthig! Sehen ſie dort den Pavillon! Wie haben ſie ſich damals in ihm geäng⸗ ſtigt! Habe ich Unrecht gehabt, Ihren Mangel an Selbſtvertrauen, Ihren Wahn von Unzulänglichkeit für eine Welt zu bekämpfen, vor der ſie ſich fürchteten, weil ſie Ihnen fremd war? Sie kennen ſie jetzt! Hat Ihnen Ihr Vorhaben, in Liebe zu dienen, nicht alle Tugenden zugeführt, die Sie bedürfen?“ —— 4—— 217 Thereſe lächelte und meinte, indem ſie die Freun⸗ din zu ſich auf den Sitz herniederzog:„Darüber müſſen Sie meinen Mann fragen.“ „Der iſt glücklich, das ſehe ich ihm an, liebe Thereſe! Ich frage mit dem Recht der alten Vormün⸗ derin nach einem Selbſtzeugniß von Ihnen, frage, ob die fremde Welt, in welche Sie eintraten, Ihnen all die befürchtete Noth gebracht hat?“ „Kampf und Noth genug! Ich habe die Liebe, welche ich in dieſes Haus hineintrug, mit faſt zu rei⸗ chen Zinſen wiedererhalten. Alle verhätſchelten mich. Mein Schwiegervater machte mir den Hof, Papa Schwendler trug mich auf den Händen, war eiferſüchtig, Eduard lachte. Nur ſie, die die Fährlichkeiten dieſer Welt, die Schwäche der eitlen Frauennatur kannte, mich immer unmerklich zur Thätigkeit, zu nützlicher Arbeit führte, mich immer, gleich Ihnen, mit jener Liebe, welche ſelbſt das Alltägliche mit dem Hauche edlern Lebens durchzieht, auf die Schleichwege des eige⸗ nen Herzens verwies, nur ſie hat mich zuweilen ge⸗ ſcholten, wenn der von Ihnen bekämpfte Mangel an Selbſtvertrauen in ſein gerades Gegentheil um⸗ ſchlug. Dank Dir“— hier zeigte die ſchöne Frau nach dem Friedhofe und eine Thräne ſtahl ſich in ihr Auge —„Dank Dir, Du liebe, treue Großmutter.“ „Großmutter?“ fragte Frau von Darfeld und ſetzte hinzu:„Natürlich, Ihr habt die gute Tante ſo genannt, ſeit die Kinder da waren!“ Die junge Frau ſchüttelte wehmüthig den Kopf. „Aber was haben Sie denn, Thereſe? Sind die Räthſel noch nicht zu Ende?“ „O ja! Alles iſt klar ſeit dem Tode der Tante. Es iſt eine traurige Geſchichte. Sie ſoll Ihnen nicht vorenthalten bleiben, aber Eduard, deſſen oft pein⸗ liche Umſtändlichkeit Sie kennen, hat mir verboten, davon zu ſchreiben. Er meint Ihnen nur durch münd⸗ liche Mittheilung begreiflich machen zu können, daß ich ſeine Couſine, die Enkelin einer ſehr Unglücklichen bin.“ „Um unſerer Liebe willen“, rief nun Frau von Darfeld in höchſter Aufregung, während ſie der Freun⸗ din näher rückte und ihren Arm um deren Schulter legte,„foltern Sie mich nicht länger! Die Vor⸗ gänge an Ihrem Verlobungstage— Schwendler war Ihr Großvater!“ „Das doch nicht!“ lächelte die ſchöne Frau in Thränen.„Papa Schwendler in Ehren, aber das wäre zu viel. Sie ſollen Alles hören, indeß, wie Eduard will, in den bis jetzt ganz unveränderten Zimmern unſerer ſo ſchwergeprüften Dulderin. Da liegt, was ſie ſelbſt darüber aufgezeichnet, liegt, vereint in einem Medalllon, ihr und meines Großvaters Portrait, liegen die Documente von dieſem.“ 219 Indeß kamen die Männer. „Weißt Du ſchon?“ rief Frau von Darfeld dem ihren entgegen.„Hat Eduard Dir geſagt, was ich ſo eben von Thereſen erfuhr?“ Herr von Darfeld nickte zuſtimmend und legte mit einem Blick auf Eduard, der unangenehm berührt ſchien, den Finger auf den Mund, die Lebhaftigkeit ſeiner Frau zu mäßigen. Dieſe aber ſtürmte auf Eduard ein. „Der böſe Menſch!“ ſagte ſie.„So etwas uns, mir, ſeiner alten Vertrauten, vorzuenthalten und jetzt noch mich verdammen zu wollen, daß ich mich in An⸗ theil und Neugier verzehre, bis Ort und Stunde ihm paſſend erſcheinen! Warum nicht gleich hier erzählen?“ „Ich habe da oben Alles zuſammen⸗, Alles, wie es zu einander paßt und einander ergänzt, zurecht⸗ gelegt“, erwiderte Eduard ziemlich gedehnt. Aber die lebhafte Frau ließ ihn kaum ausreden, ſchalt ſeine alte, immer wieder hervortretende Umſtändlichkeit, wollte für jetzt nur einfach Thatſachen, ſah ſchon das alte, wohl⸗ bekannte, liebe, gute Lächeln, in welchem Unmuth und Willfährigkeit kämpften, und— Cduard erzählte. Man blieb bis in die Nacht hinein in der Veranda. Von dieſer zum Friedhof hin zeichnete der Mond eine breite glänzende Lichtſäule, ein durch eine Lauböffnung ſichtbares Denkmal wie mit verklärendem Schimmer umwebend. Ende. Verlag von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Die Gebrüder Koltrum. Novelle von Ernſt Fritze. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Burgei Oder: Die drei Wünſche. Zeitbild von Joſef Rank. 8. Geheftet. Preis 20 Ngr. Joppe und(rinoline. Roman von Adolf Zeiſing. 3 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. . —— Verlag von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Der Cunnenhuf. Roman von Adeline Volckhauſen. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Frau von Gampenſtein. Roman von Ernſt Willkomm. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Johannes Kepler. Hiſtoriſcher Roman von Julie Burvw. Zweite Abtheilung. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Verlag von Ernſt Inlins Günther in Leipzig. König Murat's Ende. Hiſtoriſcher Roman Bernd von Gnſeck. Geheftet. Preis 2 Thlr. Die Reiſen von Bambus& Comp. Komiſcher Roman 3 b A A. von Winterfeld. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Johann Georg I. von Sachsen. Hiſtoriſcher Roman Franz Carion. Geheftet. Preis 2 Thlr. 4 * 43 Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Tolleneck. Eine Erzählung aus der Napoleoniſchen Zeit von Edmund Hoefer. 3 Bände. 16. Geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr- Bie lantelhinder, oder: Die Herren auf Rheinfeld. Roman von Amely Bölte. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Herren von Ettershaiden. Roman von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. 1 Verlag von Ernſt Inlins Günther in Leipzig. Das Document. Eine Familiengeſchichte von R. E. Hahn, Verfaſſer von„Der Verſchwundene“,„Starhemberg“ oe. Geheftet. Preis 1 Thlr. Gräfin und Marquiſe. Roman von Guſtav vom See. Geheftet. Preis 3 Thlr. 24 Ngr. Aus alter und neuer Leit. Erzählungen von Lewin Schücking. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. — ffffffffffffffffſff 15 16 17 18 2