O* 6ſ. 73, ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Oilmann in Gießen, Schloßgeſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- u Ceſebedingungen. 1. offensein der Biblio dek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.“ b 4. Abonnewenft. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für noachen lig 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Moneit: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 3. u 9„, 2 n.—„ 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt ſaß des Ganzen verpflichtet. 3 zeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 * zu du auf aufnerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen echt ſtartſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Gianettino und Gaetana; oder der Bandit von Venedig. Gianettino und Gaetana; o der der Bandit von Venedig. Koman in drei Büchern von Carl Heinrich. — Venedig ſpricht von mir, aber es iſt eine ſonderbare Sprache, die Venedig führt. Calderon. 1 Leipzig, 1859; in Ernſt Klein's literariſchem Comptoir. Der Unrechte ſtirbt— doch nicht das Unrecht ⸗ Einer Lavine gleich vergrößerte ſich mein Verbrechen vom Hauche jenes Wortes an. Benriette Zanke. Vorwort. Der vorliegenden Erzaͤhlung groͤßtentheils wahrer, nur hier und da durch die Kunſt der Dichtung verknuͤpfter Thatſachen habe ich nur wenig Einleitendes vorauszuſchicken. Den Stoff ſchoͤpfte ich aus den zuverlaͤſ⸗ ſigſten Quellen. Die in der Unterſuchung gegen Gaetana Caſietti und Conſorten er⸗ gangenen, groͤßtentheils ſehr voluminoͤſen, Actenſtuͤcke befanden ſich bis gegen Ende 8 des achtzehnten Jahrhunderts in dem Archiv zu Venedig. Maledetto, der um jene Zeit eine Gallerie merkwuͤrdiger italieniſcher Rechtsfaͤlle und Criminalverhandlungen in vier Baͤnden zu Mailand herausgab, theilt unter andern auch einen trefflichen Auszug der Caſietti'ſchen Acten mit, auf deſſen Grund meine zonrantiſche Darſtellung ver⸗ faßt wurde. Ich kann daher wohl hoffen, daß man dieſes Buch nicht als eine gewoͤhnliche Raͤu⸗ bergeſchichte, beſtimmt, um einen langwei⸗ ligen Winterabend zur Noth damit zu toͤdten, betrachten werde. Denn wenn die ſtrenge Kritik daſſelbe auch wirklich nur in das Gebiet gewoͤhnlicher Unterhaltungsſchrif⸗ ten verweiſen duͤrfte, ſo glaube ich doch ſicher, daß es unter dieſen einen etwas beachtungswerthen Standpunkt einzunehmen verdiene. ftn Sollte das Buch, wie ich hoffe, guten Anklang finden, ſo werde ich in der Kuͤrze mehrere aͤhnliche romantiſche Darſtellungen folgen laſſen, deren Stoff ich dann gleich⸗ falls obengedachter Maledetto'ſchen Samm⸗ lung entnehmen wuͤrde. Leipzig im Mai 1839. Earl Heinrich. Erstes Zuch. D i e Rezia.. 4 Ihr ſeid nicht Sir Robert Brown? Felix. Nein,— ein Baſtard nur, ein Geächteter des väterlichen Hauſes. Rezia. O, warum kann der Ehe heilig Band 4 Den armen Kindern nur den Namen 5 ſichern! ꝛc. (Sheridan Knowles.) 5 Erſtes Capitel. Gaetana. Piſa lag in tiefem Schlummer. Die Am⸗ peln auf den Quais brannten nur matt noch und droͤhnend erklang in der ſchweigſamen Nacht der Schritt der Soldaten, die hier und da vor den Pforten der Großen Wachtdienſte verrichteten. Ganz am Ende des breiten Haupt⸗ auai's befand ſich der prachtvolle Palaſt des alten Grafen Antonio von Caſietti. Auch hier war es ſtill und ruhig; nur ganz oben, hinter dem breiten Geſims der Hauptfronte, ſchim⸗ merte durch eines der kleinen Bogenfenſter der bleiche Schein des Lichtes, und der regelmaͤßig an der Gardine in kleinen Pauſen wiederkeh⸗ 1* 4 rende Schatten gab das ſicherſte Zeugniß da⸗ fuͤr, daß hier in ſpaͤter Stunde noch Jemand geſchaͤftig ſei. Ein junger Mann, tief in den Mantel gehuͤllt, ſchritt langſam durch die kleine Seiten⸗ ſtraße, die nach dem Palaſte fuͤhrte, blieb dann vor letzterem ſtehen und ſchien ſichtbar erfreut, als er die Caſietti'ſche Schildwache erblickte. „ Biſt Du es, Nomerio?“ rief er leiſe, doch immer laut genug, um ein Echo in der Halle des Palaſtes hervorzurufen, vor der er ſtand. „Ich bin es, Herr!“ lautete die Antwort, „Iſt Alles ruhig im Schloſſe; ſchlaͤft der Graf?“ „Bereits ſeit einer Stunde.“ „Iſt Gaetana wach?“ Der Gefragte ſchwieg und deutete mit dem Finger nach jenem matt erleuchteten Fenſter. Der Juͤngling ſchaute hinauf, fuhr dann önek mit der Hand nach der Taſche und brachte zwei zuhe Goldſtuͤcke zum Vorſchein, die den Rr⸗ 2 * merio gar bald dazu vermochten, den großen Schluͤſſel behutſam in das Schloß des Palaſt⸗ thores zu ſtecken und daſſelbe ohne Geraͤuſch zu oͤffnen.„ „Viel Gluͤck bei der ſchoͤnen Signora!“ ſagte er noch laͤchelnd, als der Juͤngling die breiten ſteinernen Stufen des Hauſes hinaufſtieg. Gaetana lag nachlaͤſſig auf dem ſeidenen Divan hingeſtreckt und blaͤtterte in einem klei⸗ nen Buch, als der Geliebte eintrat. Sie zuͤrnte, daß er ſo ſpaͤt kam und ſprach im neckenden Eigenſinn anfaͤnglich kein Wort. Gianettino umſchlang mit beiden Armen ihren ſchoͤnen Hals und kuͤßte den Zorn vou ihren Lippen. „Biſt Du wieder beim alten Mercadante bis jetzt geweſen, um Haufen von Zechinen zu verſpielen?“ ſagte ſie endlich, mit dem Finger drohend. „Wahrlich nicht!“ verſetzte Gianettino, und der Ton, mit dem er dies ſprach, buͤrgte fuͤr die Wahrheit der Worte. „Nun, dann kommſt Du von Oſſi, wo Du und Deine Geſellſchaft gewoͤhnlich zu hau⸗ ſen pflegen. Hab' ich wahr geſprochen, Gia⸗ nettino.“ „Wahr und nicht wahr. Ich komme von Oſſi, aber ich war nur mit dem Marquis von Dolco dort, mit dem ich Wagtihe⸗ zu beſpre⸗ chen hatte.“ „Mit dem Marquis von Dolco?“ fragte Gäetana verdrießlich.„Warum gerade mit ihm? Sag' mir Gianettino, was haſt Du mit dieſem Menſchen vor? Was mit ihm und den Andern allen, deren Umgang Du liebſt, ſeit ich Dich ſah? Man ſpricht viel Unheimliches von dem Marquis?“ „Unheimliches?“ fragte Gianettino aͤrger⸗ lich:„uUnheimliches, was ſoll das heißen, Gaetana? 2*³ Ddie Gefragte ſchwieg. Sie blaͤtterte von Neuem in dem Buche und Gaanettino fragte wieder: —— 7* „Was weißt Du von dem Marquis?“ „Nichts, nichts, als daß er mit den Ban⸗ diten, mit den Moͤrdern Venedigs in Verbin⸗ dung ſtehen ſoll.“ Gianettino's Geſicht uͤberflog eine dunkle Noͤthe, er ging einigemal haſtig im Zimmer auf und nieder, dann aber blieb er ſchweigend lange vor Gaetana ſtehen. Das Maͤdchen ſchaute ihm mit bittendem Blicke in das zorn⸗ entbrannte Antlitz. „Du zuüͤrnſt mir,“ begann ſie endlich, „weil ich das gegen Dich ausſpreche, was man in Piſa ſchon fuͤr mehr als ein leeres Geruͤcht betrachtet. Gianettino! Gianettino!— Als ich Dich vor vier Monden zum erſten Male in dem Hauſe meiner Freundin, der Signora Griſetti, erblickte, liebte ich Dich gleich, ſo wie nur die Tochter Italiens lieben kann. Ich fragte nicht, wer Du waͤreſt. Du galteſt als namenloſer venetianiſcher Edelmann, den der Reid und die Mißgunſt um ſein Vermoͤ⸗ geen gebracht hatten und der nur von dem kaͤrg⸗ lichen Reſte einer einſt großen Habe zehrte, mir mehr, als alle die Laffen Piſa's, die mitt Gold und Reichthum mein Herz zu erobern ge⸗ dachten. Aber, Gianettino, Du liebſt mich wahrlich nicht innig und treu! Ich habe Dich hundertmal beſchworen, aufrichtig gegen mich 6 zu ſeyn: Du biſt es aber nicht. Mein Vater iſt ein ſtolzer, ſehr ſtolzer, aber ein edler Mann. Geh' hin zu ihm, ſag ihm: Ich liebe Eure Tochter, Graf Antonio, ich liebe ſie innig und wahr, ja ich wuͤrde ſie lieben, wenn ſie auh nicht des maͤchtigen Caſietti Tochter waͤre, aber ich bin arm, denn ich habe nicht mehr ſoviel, als vielleicht der aͤrmſte Edelmann Piſa's! Und mein Vater wird antworten, wie ein bra⸗ ver Edelmann antworten muß: Ihr ſeid arm, Gianettino, wird er ſagen, aber Armuth iſt kein Verbrechen. Ich werde mit Euch nach Venedig reiſen, und wenn die Republik Euch ein gutes Zeugniß giebt, ſo ſollt Ihr meine Tochter haben„ſo wahr ich Caſi etti heiße!— Mein Vater laͤßt mir freie Wahl in der Nei⸗ gung meines Herzens. Wir koͤnnen gluͤcklich leben, wenn Du, wie ich fuͤr Dich, nur fuͤr mich lebſt. Aber Dich treibt ein gewiſſes Etwas von mir fort. Der laſterhafte Marquis und ſeine gleichgeſinnten Genoſſen ſind Dir theurer, als die liebende Gaetana!“— Sie ſchwieg wieder und eine große Thraͤne rann uͤber ihre bleiche Wange. Auch Gianet⸗ tino weinte; er ſchaute ſtarr vor ſich hin; in ſeiner Bruſt mochte es kaͤmpfen, denn ſeine Zuͤge veraͤnderten ſich gewaltig und ein ſelt⸗ ſames ſchmerzliches Laͤcheln bewegte ſeine Lip⸗ pen. So ſtand er lange vor Gaetana, dann aber fuhr er, wie aus einem Traume erwa⸗ chend, auf, druͤckte das Barret tief in die Stirn, umſchlang die Geliebte noch einmal und ſtuͤrzte mit den Worten:„Morgen, Gaetana, morgen Alles, nur laß mich heute, Maͤdchen! Du ſprichſt wahr, bei allen Heiligen!— Du ſprichſt wahr, und— es muß anders werden!“ aus dem Zimmer. Die Tochter des Grafen Antonio von Ca⸗ ſietti ſtand weinend auf, wankte nach dem Fenſter und ſah noch, wie er durch den Quai raſ'te, unaufhaltſam, als habe der Wahnſinn ſeine Sinne umnebelt.— 2 Zweites Capitel. Gianettino. Der Graf Antonio von Caſietti war der letzte maͤnnliche Sproſſe eines der angeſehenſten Adelsgeſchlechter Italiens. Der Zuſammenfluß von Schaͤtzen, welche durch mehrere Todesfaͤlle in der Familie in kurzer Zeit ſein Eigenthum geworden waren, hatte ihn zu dem reichſten Manne der Republik Piſa gemacht. Er war aber auch allgemein bei den vornehmen Piſa⸗ nern beliebt, da ſein Haus jedem rechtlichen Mann gaſtfrei offen ſtand. Nur eine kleine Parthei, unter der ſich namentlich der Marquis von Dolco befand, war dem Grafen abhold. Dieſe Parthei beſtand aus Wuͤſtlingen, Schwel⸗ 12 gern und Laſterhaften, wie es deren unter den Nobilis Italiens in jeder Gegend, und zumal damals, gerade genug gab. Von dem Mar⸗ quis erzaͤhlte man ſich gar Manches. Die verdaͤchtigſten Subjecte gingen bei ihm taͤglich ein und aus, ja ſogar das Auge der Behoͤr⸗ den war ſchon laͤngſt auf die Wohnung Dol⸗ co's, als auf einen verdaͤchtigen Schlupfwin⸗ kel fuͤr Verbrecher ꝛc., gerichtet. Ueberdem wußte Niemand, wo der Marquis die Mittel hernahm, um einen ſo grenzenlos ausſchwei⸗ fenden Lebenswandel fuͤhren zu koͤnnen. Einige wollten bemerkt haben, wie oft in mitter⸗ naͤchtlicher Stunde Leute in des Marquis Hauſe aus⸗ und eingingen, deren Aeußeres ſie als Banditen erkennen ließ. Auch Gianettino war unter denen, die nicht ſelten mit dem Marquis verkehrten, doch geſchahen ſeine Zuſammen⸗ künfte mit dem Uebelberuͤchtigten auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe, daß bis jetzt, außer Gaetana, nur Wenige davon Kunde hatten. Gianettino von Torquante, wie er ſich nannte, war erſt vor wenigen Monaten in Piſa angekommen. Er hatte, als mittelloſer Edelmann, Empfehlungsbriefe an die angeſe⸗ henſten Familien Piſa's mitgebracht. Auch in dem Hauſe des Grafen Caſietti hatte er auf ſolche Weiſe Eingang erhalten und ward hier vom erſten Augenblicke ſeines Erſcheinens an gern geſehen. Es war ein bildſchoͤner Mann, mittler Zwanziger, ſtark und nervig gebaut und von ausnehmender Lebhaftigkeit. Trotz ſeines jugendlichen Alters war er viel gereiſ't und hatte unter andern auch ſchon die Raubſtaaten Alfrika's beſucht. Er erzaͤhlte gern und gut. Sein Verhaͤltniß zu Gaetana hatte ſich ſchon in den erſten Wochen ſeines Hierſeyns gebil⸗ det; die Beiden liebten ſich wahrhaft innig, ohne daß Anfangs der Graf nur das Geringſte davon ahnte. So wiederholt auch Gianettino von Gaetana angegangen wurde, das ganze Verhaͤltniß ihrem Vater zu entdecken, ſo war er doch dazu nicht zu bewegen. Jederzeit wich er entſchieden aus, wenn das Geſpraͤch mit 14 Gaetana ſich auf dieſen Punct zu drehen drohte, ſowie er ihr auch uͤber ſeine Beziehungen zu dem Marquis nicht das Geringſte mittheilte. Gianettino war heute ſchon fruͤh zum Gra⸗ fen geladen. Als er erſchien, trat ihm dieſer freundlich entgegen und fragte alsbald, wie es komme, daß er ſich jetzt immer ſeltner mache, ſeine Beſuche unterlaſſe und warum er nament⸗ lich geſtern Abend nicht gekommen ſei? „Warum? Ich war zu dem portugieſi⸗ ſchen Baron Qcellos geladen;“ lautete die Antwort. „Zum Baron Qcellos? Ich glaubte der Baron ſei ſchon vorgeſtern abgereiſ't?“ verſetzte der Graf ſchnell. „Abgereiſ't— ja— er iſt abgereiſ't,“ ſtammelte Gianettino verlegen;—„aber ſein Geſchaͤftsfuͤhrer iſt noch hier, mit dem ich noch Verſchiedenes zu beſprechen hatte.“ Dem Grafen Caſietti war die Mienenver⸗ anderung ſeines Gaſtes entgangen, er plau⸗ *. * derte ſorglos fort, bis Gaetana eintrat. Sie 15 4½ ſah heut ungewoͤhnlich blaß und leidend. Ihre Kleidung war, wider ihre Gewohnheit, ſehr einfach, ohne allen Schmuck, ein weißes Per⸗ lenhalsband ausgenommen, das, grell abſte⸗ chend, uͤber eine kohlſchwarze Atlasmantille hing, die Hals und Buſen gaͤnzlich verhüllte. Das Haar hatte ſie einfach in Flechten gelegt und nur ſpaͤrliche Locken umſpielten den hin⸗ tern Theil des Rackens. Sie gruͤßte ihren Vater ehrerbietig, Gianettino freundlich. „Biſt Du unwohl, meine Tochter,“ fragte der Graf. 8 „Nein; ein wenig Zahnweh ausgenom⸗ men, das mir einen Theil des Schlafes nach Mitternacht raubte, befinde ich mich ganz wohl,“ lautete die Antwort. „Der Gouverneur giebt heute Abend einen glaͤnzenden Ball,“ ſagte Gianettino, indem er die Hand der Geliebten ergriff;„ich hoffe, Sie gewiß dort zu ſehen, ſchoͤne Signora.“ „Ei gewiß!“ fiel der Graf ſchnell ein;z „Gaetana, Du darſſt nicht fehlen.“ Zu Gia⸗ 16 nettino gewendet, fuhr er fort:„ Ich erlaube mir, Euch meine Tochter fuͤr heut Abend zu uͤbergeben. Ihr ſeid gewiß nicht ohne Taͤn⸗ zerinnen, doch mit meiner Gaetana braucht Ihr Euch gerade auch nicht zu ſchaͤmen.“ Gaetana erroͤthete; Gianettino dankte mit freudeſtrahlenden Blicken und der Graf ſchien ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt. Man ſetzte ſich zum Fruͤhſtuͤck, zu dem noch ein Dritter geladen war, der bald erſchien. Es war ein Mann von einfach ſchlichtem Aeußern. Kleidung und Anſtand verriethen eher einen gut beſtallten Beamteten hoͤhern bürgerlichen als adeligen Ranges. Er wurde als der Beſitzer mehrerer der bedeutendſten Grundſtuͤcke in der Umgegend von Piſa vorgeſtellt. Seine Unter⸗ haltung war unerſchoͤpflich, obgleich er nicht ſelten in leere Wortverſchwenderei verfiel, die gewiß laͤſtig geworden waͤre, wenn nicht ihihm Uebrigen das Gemuͤthliche, Zuvorkommende ſei⸗ nes Weſens jenen kleinen, ſo vielen Menſchen eignen, Fehler vergeſſen gemacht haͤtte. Der —— 17 Graf behandelte ihn augenſcheinlich mit Vor⸗ liebe; nicht ſo Gaetana, die eine gewiſſe Zu-⸗ ruͤckhaltung aͤußerte. Gianettino ſchien mit einem Male verſtimmt und ſprach nur wenig. Ploͤtzlich, als der Fremde eben im Be⸗ griff ſtand, die naͤhern Details einer ſelbſt er⸗ lebten und, wie der Eingang verhieß, gewiß auch hoͤchſt intereſſanten Thatſache, zu entwickeln, ſchwieg er ſtill und ſah dem gegenuͤberſitzenden Gianettino ſcharf in's Auge. „Herr, ich muß Sie ſchon einmal geſehen haben! Wie iſt Ihr Name?“ fragte er ernſt, aber hoͤflich. „Mein Name,“ ſagte der Gefragte kalt, „mein Name iſt Gianettino von Torquante und iſt es Ihnen angenehm auch meinen Ge⸗ burtsort zu erfahren, ſo wiſſen Sie, daß ich zu Venedig das Licht der Welt erblickte.“ „Verzeihung, ſo habe ich mich geirrt. Sie haben mit Jemand eine merkwuͤrdige Aehn⸗ lichkeit.” 18 8 „Kann ſeyn, kann ſeyn; ich habe in Ve⸗ nedig noch ſo manchen Doppelgaͤnger!“— Hier ſchloß das kurze Zwiegeſpraͤch und es ſchien, als ob es keine angenehme Stim⸗ mung in der Geſellſchaft zuruͤckgelaſſen haͤtte. Gianettino ſtand auf, ging nach dem Fenſter und beachtete ſelbſt Gaetana nicht, die ihm bald gefolgt war, um die Quelle ſeines Truͤb⸗ ſinns zu erfragen. Der Fremde ſchwieg auch unnd empfahl ſich bald. Der Graf fragte nach deſſen Entfernung Gianettino verwundert:„Kennt Ihr Signor Zezi? Er iſt ein Ehrenmann und er hat Euch wahrlich nicht beleidigen wollen.“ „Ich glaub' es gern,“ verſetzte Torquante kurz;„er hat mich auch nicht beleidigt. Ich haabe den Menſchen nie geſehen.“ Alle drei trennten ſich ziemlich einſylbig, jedoch verſprach Gianettino gegen Abend wieder zu kommen, um die Signora zu dem Balle zu geleiten.— — Drittes Capitel. Der Marauis von Dolce. Die Wohnung des Marquis von Dolce lag außerhalb der Stadt in einer mehr verwilder⸗ ten als romantiſchen Gegend. Ein Dickicht, an dem die Kunſt weiter nichts gethan hatte, als hoͤchſtens einige ziemlich unregelmaͤßige Wege hindurch zu bahnen, umgab das, keineswegs kleine, aber alterthuͤmlich erbaute und hier und da ſchon ſchadhaft gewordene Haus. Der Mar⸗ quis hatte nur zwei Diener: einen Reger und einen fruͤhern Gondoliere, der als ein aͤußerſt verſchmitzter Kerl galt. Beide bewohnten die ziemlich geraͤumige untere Etage des Hauſes, mit Ausnahme eines großen, im Gehoͤfte be⸗ 228 20 findlichen Zimmers, das dem Beſitzer, als Speiſe⸗ und Geſellſchaftsſaal diente. Die in⸗ nere Einrichtung dieſes letzteren war die merk⸗ wuͤrdigſte. Die Meubles waren, wenn auch alt, doch noch immer ſchoͤn und mit reichen und gut gearbeiteten Holzſchnitzereien verſehen. Große Schraͤnke, die ſich rings an der Wand herumzogen, waren mit ſtarken Schloͤſſern ver⸗ ſehen, waͤhrend die Thuͤren uͤberdies noch durch ſchwere eiſerne Staͤbe, welche durch Krampen, je einzeln befeſtigt, gezogen waren, verwahrt wurden. Eine in der Mitte des Zimmers ſte⸗ hende lange Tafel war augenſcheinlich mehr zur Schwelgerei als zum einfachen Gaſtmahle be⸗ ſtimmt; auch zeigten die keſſelfoͤrmig angebrach⸗ ten Oeffnungen in dem Oberblatte der Tafel, 1n derſelbe zum Spieltiſche beſtimmt war. Seelbſt die Kunſt hatte dem Saale ihren Tribut zollen muͤſſen: eine Reihe ziemlich gelungener Oelgemaͤlde bedeckte die hintere Wand, doch bemerkte der aufmerkſamere Beſchauer gar bald, daß ſie nur die erotiſchſten Scenen darſtellten. ——— 21 — Die obern Gemaͤcher des Hauſes waren ſtets verſchloſſen und wurden nur ſelten von dem Marquis betreten. In dieſe war noch keiner der Wenigen in Piſa, die zu Zeiten bei dem Marquis geweſen waren, gekommen. Man erzaͤhlte ſich das Wunderlichſte von der Beſtimmung dieſer Localitaͤten. Viele wollten wiſſen, ſie wuͤrden von der Signora Torri, einer Dame, von der man behauptete, daß ſie mit dem Marquis in wilder Ehe lebte, be⸗ wohnt, aber dieſem Geruͤchte widerſprach der Umſtand, daß die Erwaͤhnte in Piſa ſelbſt eine Wohnung hatte, wo ſie Flehr oft geſehen wurde.— Der Marquis war ein angehender Vier⸗ ziger. Trotz der unverkennbaren Abgelebtheit trug ſein Geſicht noch Spuren fruͤherer Schoͤn⸗ heit an ſich; auch war ſein Umgang ſehr an⸗ ziehend, da ihm als Bonvivant keineswegs eine gewiſſe Eleganz ermangelte, die ihn auch beſtimmte, ſich ſtets ſehr phantaſtiſch zu tragen und ſich faſt immer mit Edelſteinen zu uͤber⸗ 22 laden. Fruͤher hatte man ihn oft in Geſell⸗ ſchaft geſehen, in neueſter Zeit ſchien er ſich aber gaͤnzlich zurückgezogen zu haben und nur fremde Venetianer kehrten bei ihm ein. Heute kehrte er erſt ſpaͤt heim. Als er in das Haus trat, befahl er ſogleich dem Diener, den Speiſeſaal zu erleuchten und ziſchelte ihm noch etwas leiſe in's Ohr. Dieſer nickte pfif⸗ fig mit dem Kopfe, laͤchelte und ging nach dem Saal, verſchloß dieſen aber ſorgfaͤltig wie⸗ der hinter ſich. Der Marquis ſchritt einſtwei⸗ len vor dem Hauſe auf und nieder, bis die Glocke die Mitternachtsſtunde verkündete. Da rauſchte es im Gebuͤſch, ein Hund ſchlug an und bald wurden zwei Geſtalten ſi ichtbar, die leiſe aus einem Nebenwege des Dickichts traten, „Dolce! Dolce! Biſt Du es?“ rief es zweimal leiſe. „Nur heran, nur heran!“ antwortete dieſer und ſchritt nach dem Innern des Hauſes. Der Mond trat hinter den Wolkenſchleier her⸗ vor und beſchien die beiden Geſtalten; es wa⸗ — m — ren tief verhuͤllte Maͤnner von anſcheinend ju⸗ gendlichem Alter. Sie folgten alsbald dem Marquis, auf deſſen Ruf der Diener die Saal⸗ thuͤre oͤffnete. „Willkommen, Ihr Herren!“ rief der Wirth, als ſie ſich im Saale befanden.„Dich, Bartholo, habe ich wahrlich ſeit zwei Mona⸗ ten nicht geſehen, und Herr Gianettino,“ fuhr er, zu dem Andern gewendet, fort,„Ihr ver⸗ ſpracht heut Morgen zu kommen. War't Ihr etwa wieder bei der Signora Caſietti?“ Der Gefragte ſeufzte tief auf. „ Thoͤrichte Leidenſchaft!“ fuhr der Mar⸗ quis fort.„Thoͤrichte Leidenſchaft, ſag ich, die ſich um nichts dreht. Ha! ha! ha! Glaubt Ihr etwa, daß der Graf Caſietti geneigt waͤre, einem Banditenhaͤuptling ſeine keinde Gaetana zu geben?!“ „Schweigt, Marquis!“ verſetzte Gianet⸗ tino, denn kein Anderer war der Gekommene... „Laßt uns von etwas Anderem ſprechen!“ „Ich weiß ſchon, Ihr duldet keine Zu⸗ rechtweiſung, mein tapferer Torquante, doch— ich hoͤre Geraͤuſch... Maeſto und die Uebri⸗ gen werden kommen.“ Der Marquis oͤffnete leiſe die Thuͤre und ſchritt behutſam nach dem Ausgange des Hau⸗ ſes, dann aber lachte er ploͤtzlich laut auf. Bald kehrte er im Fluge zuruͤck und rief: „Gute Botſchaft! Die Kerle ſind bepackt wie die Maulthiere.“ Zwei Menſchen von wuͤſtem Ausſehen, nur leicht und ſchlecht bekleidet, ſchleppten in den Saal zwei Kiſten, die vom Gewicht ſehr bedeutend zu ſeyn ſchienen. Ihnen folgte ein Mann von ſchon etwas vorgeruͤcktem Alter, mit ſtarkem grauen Barte und wohlgenaͤhrtem Geſicht.— Man deaͤngte ſich neugierig um ihn. Er ſchien muͤrriſch, beantwortete die an ihn gerichteten Fragen nur halb und warf na⸗ mentlich Gianettino zornige Blicke zu. „Was fehlt Euch, Maeſto?“ fragte ſtau⸗ nend der Marquis, nach einer Pauſe, waͤh⸗ terſten, vorwurfvollſten Tone. Gianettino von Euch eine Nachricht erhalten. Warum 25 rend welcher der Gekommene langſam die Reiſe⸗ kleider abgelegt hatte. „Nichts fehlt mir,“ lautete die verdrieß⸗ liche Antwort Maeſto's. Er ging einige Male im Saale auf und nieder, dann blieb er vor Gianettino ſtehen und fragte dieſen: „Haſt Du meine Briefe erhalten?“ „Ja.. doch ſpaͤt erſt... ich hatte keine Zeit... „Keine Zeit zur Antwort, willſt Du ſa⸗ gen, Gianettino; ich weiß, daß Du beſchaͤftigſt warſt; Caſietti's Tochter muß Dir freilich mehr am Herzen liegen, als unſer Wohl.“ Die letzten Worte ſprach der Alte im bit⸗ ſchwieg: er fuͤhlte, daß die Vorwuͤrfe ihn ver⸗ dienterweiſe trafen. Maeſto aber fuhr nach einer Pauſe, zu dem Marquis gewendet, fott: „Was glaubt Ihr wohl, Herr Marquis 2— Seit zwei Monaten habe ich mit keiner Sylbe 26 ſchriebt Ihr nicht nach Venedig, da Gianettino — nun ja, keine Zeit dazu fand.“ „Er hat nicht an Euch geſchriebeu, Mae⸗ ſto?“ fragte der Marquis ſtaunend. „Nein, beim Teufel nicht! Ich glaubte wahrlich, Ihr ſaͤßet ſammt und ſonders ſchon laͤngſt in Ketten und Banden und ich hielt mich ſelbſt in Venedig nicht fuͤr ſicher.“ Ein unwilliger Blick Aller traf den be⸗ ſchaͤmt zuruͤck getretenen Juͤngling. Er wagte es nicht, nur ein Wort zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung aufzubringen und zog es vor, lieber gaͤnz⸗ lich zu ſchweigen, als den Unwillen der Ge⸗ faͤhrten noch mehr zu reizen. Zum Gluͤck hatte auch die Geſellſchaft noch weit Wichtigeres zu thun, als das Geſpraͤch uͤber dieſen unangeneh⸗ men Gegenſtand noch weiter fortzuſetzen; die mitgebrachten Kiſten wurden jetzt geoͤffnet. Ein Laut der Freude entfuhr dem Marquis, als er die Reichthuͤmer erblickte, die den Inhalt der⸗ ſelben ausmachten.— Die herrlichſten Juwe⸗ len lagen hier neben den köͤſtlichſten Stoffen 6 3 8 —-— — 27 in wirrer Unordnung uͤber einander geſchichtet. Maeſto zog jedes Stuͤck einzeln hervor, bald bei dieſem, bald bei jenem eine Erklaͤrung hin⸗ zufuͤgend. Die Stoffe hatte er mit ſeinem nobeln Geſellen, wie er ſelbſt erzaͤhlte, zwei Kaufleuten abgenommen, die, aus dem Kir⸗ chenſtaate kommend, ihr Gluͤck in Venedig zu machen gedacht hatten. Die Ungluͤcklichen hat⸗ ten unter dem Dolche Maeſto's ihr Leben aus⸗ gehaucht. Der aͤlte Suͤnder erzaͤhlte die ſcham⸗ loſeſten Graͤuelthaten. Einen engliſchen Baro⸗ net hatte die Horde bei Nachtzeit uͤberfallen, ihn ſeiner Reichthuͤmer entledigt, ſein Weib geſchaͤndet und dann beide Gatten geknebelt und nackend auf die Landſtraße getragen, wo man ſie am andern Morgen in dem erbaͤrm⸗ lichſten Zuſtande fand. „Dieſen Ring,“ erzaͤhlte Maeſto,„zog ich dem neapolitaniſchen Geſandten vom Fin⸗ ger, als er eben im Begriff ſtand, um mitter⸗ naͤchtlicher Stunde zur Saͤngerin Sur zu gehen, die ihm ein Rendezvous zugeſagt hatte. 28 Ein Griff an meinen Dolch, begleitet von einem unzweideutigen Blick, belehrte ihn bald, daß ich nicht der Mann ſey, der viele Wider⸗ ſpruͤche duldete. Er ließ mich gewaͤhren. Scha⸗ de, daß ich bei Durchſuchung ſeiner Taſchen nicht Uhr und Boͤrſe fand.“ „Seht hier, Herr Marquis,“ fuhr Maeſto lachend fort,„das praͤchtige Medaillon, es ſchmuͤckte noch vor ſechs Tagen den Alabaſter⸗ hals der ſchoͤnen Fuͤrſtin von Krukowiecki... ſie haͤtte mich beinahe gedauert, das arme Ding, aber— beim Satan! warum faͤhrt ſie ſo fruͤh ſchon aus. Sie bat mich weinend, ihr das Dingelchen da zu laſſen; es ſey ein theures werthes Andenken von—— ich habe es ſchon wieder vergeſſen, von wem; aber ich ſagte: Signora, mir giebt kein Menſch ein Andenken, wenn ich mir nicht ſelbſt eins nehme,— ich will das Medaillon an einen Juden verkau⸗ fen, bei dem Sie es nach Belieben wieder einloſen koͤnnen, reizende Fuͤrſtin. Die kleine Bruͤnette ſchien damit zufrieden zu ſeyn, doch 1 4 V 29 habe ich bis jetzt noch keinen Juden finden koͤn⸗ nen, der es gewagt haͤtte, auf Gefahr ſeines Halſes, das Medaillon zu uͤberbringen.— O, und dieſen mit Brillanten beſetzten Guͤrtel, Mar⸗ quis— beim Teufel!— ich bin ein alter Kerl, aber als ich die Taille der Graͤfin O— i um⸗ ſpannte, da ward mir's naͤrriſch ums Herz— ich mußte, ſo ſehr ſie ſich auch ſtraͤubte, der Schoͤnen einen Kuß auf die Wangen druͤcken und.. nun verzeih' mir's der und jener, ich haͤtte vielleicht noch etwas gethan, wenn ich nicht befuͤrchten mußte, daß mir der Gemahl meiner Angebeteten uͤber den Hals kommen koͤnne.“—“ „Komm her, Gianettino,“ wendete er ſich zu dieſem,„komm her, Hauptmann, Du haſt wahrlich recht mit Deiner huͤbſchen Gaetana, aber Du mußt das Ding nicht ſo ernſthaft nehmen. Eine Nacht und wieder eine und— meinetwegen noch eine, aber dann iſt's genug. Dann wieder an's Geſchaͤft, hinaus in die Hoͤhlen! Ich daͤchte doch, der Hoͤllenkoͤnig 1 8 6 keichend. fuͤhrte Euch hier Geſchmeiße genug zu, um Ge⸗ ſchaͤfte zu machen. Iſts nicht ſo, Gianet⸗ tino?“— Der Alte ſtuͤrzte auf Gianttino zu, ergriff deſſen Hand und druͤckte ſie feſt zuſammen. „Hab ich recht geſprochen, mein Junge?“ ſagte er lachend. „Wohl, ich weiß, daß ich manches ver⸗ abſaͤumt, aber es ſoll nicht wieder geſchehen, bei allen Heiligen, es ſoll nicht wieder geſche⸗ hen!“ rief ernſt der Juͤngling und ging in der Runde herum, jedem der Anweſenden die Hand Die Kiſten wurden nun vollends ihres 3 Inhaltes entleert und die Schaͤtze ſpatzierten in einen der vorhin beſchriebenen Wandſchraͤnke. Der auf ein Zeichen herbeigeeilte Diener er⸗ hielt den Auftrag, die Abendmahlzeit herbei⸗ zubringen, die leeren Kiſten aber noch dieſe Nacht zu zerſchlagen und in den naͤchſten Tagen bei der Feuerung mit zu verbrennen. 4 4 Die Abendmahlzeit wurde aufgetragen. 7 8 —— 31 Sie beſtand nur aus einem Gerichte, einer feſten, aber gut bereiteten Fleiſchſpeiſe, von der jeder ein derbes Stuͤck abſchnitt. Der Appetit ſchien nicht uͤbel zu ſein: wenigſtens aßen die Gekommenen, als haͤtten ſie minde⸗ ſtens ſeit einer Woche nichts gegeſſen. Noch mehr aber war man auf das Trinken bedacht. Der Reger trug die beſten Weine in großen Holzkannen herbei und ſo ſchnell er auch alle deshalb an ihn ergehenden Befehle vollzog, ſo war er doch kaum im Stande die Gurgeln der ehrenwerthen Herren immer genuͤgend zu be⸗ friedigen. Im Beginn der Mahlzeit hatte dieſe an und für ſich zu viel Aufmerkſamkeit erfor. dert, um noch fuͤr ein Tiſchgeſpraͤch Raum laſ⸗ ſen zu koͤnnen, nach und nach wurden die Zun⸗ gen aber gelaͤufiger. Namentlich war es nun der vorher ſo ſchweigſame Gianettino, der jetzt eine lebhafte Unterhaltung anknuͤpfte. Er er⸗ zaͤhlte manches vom Grafen Caſietti, ohne jedoch viel von ſeinem Verhaͤltniß zu Gartana 3 zu ſprechen. 32 „Hoͤre, Maeſto,“ redete er dieſen an, „Du wirſt Dich noch jenes Abends erinnern, wo wir in einer Bucht der Lagunen auf der Lauer lagen. Ein wohlbeleibter Mann, der mit ſeiner Familie heimzukehren ſchien, war es, auf den wir hauptſaͤchlich unſer Augenmerk richteten. Ich brauche Dir nicht zu wiederho⸗ len, wie vortrefflich unſer Plan gelang, wie luſtig wir uns uͤber den armen Tropf machten, als er ſich hart ſtraͤubte, uns ſeine lumpigen Ducatis auszuliefern, nur das will ich Dir in's Gedaͤchtniß rufen, wie der Tolpel zuletzt noch Drohungen ausſtieß, ſo daß es als ein wmahres Wunder gelten konnte, daß wir ihn nicht auf dem kuͤrzeſten Wege in die Ewigkeit befoͤrderten. Denke Dir, alter Junge, heut Morgen bin ich beim Grafen Caſietti— man meldet noch einen fremden Gaſt und— wer denkſt Du, wer der Fremde war?“ „Doch nicht——— „Kein Anderer! der Gepluͤnderte ſelbſt, wie er leibt und lebt.“ 1 *2 — v — 33 „Hoͤlle und Teufel!“ „Obgleich unangenehm uberraſcht, verhielt ich mich doch ruhig, ſchwieg ſtill und ſah nur wenig vom Teller auf. Der Kauz erzaͤhlte dem Grafen von ſeinen Reiſen, log abſcheulich, wo es nur irgend angehen konnte; doch ploͤtzlich ſchwieg er, blickte mir ſtarr in's Geſicht und rief: Herr, ich muß Sie ſchon wo geſehen haben, wie iſt Ihr Rame? Ich nahm meine ganze Faſſungskraft zuſammen, um ruhig zu erſcheinen, und log ihn mit einer Unverſchaͤmt⸗ heit, um die Du mich gewiß wuͤrdeſt beneidet haben, waͤreſt Du dabei geweſen, Maeſto, meinen falſchen Namen vor, denſelben, der mir ſowohl im Hauſe des Grafen, als uͤber⸗ haupt bei den angeſehenſten Familien Piſa's Eingang verſchaffte.“ „und was gab der Kerl weiter heraus?“ fragte Maeſto neugierig. „Nichts! Er ſchwieg, wie ich, entfernte ſich indeß bald und ließ uns allein.“ Man ſtaunte allgemein uͤber dieſes merk⸗ 3 — 34 — wuͤrdige Zuſammentreffen, belachte es und nur der Marquis, der feig und furchtſam war, deutete auf Gefahren hin, die eine Folge dieſes Auftrittes ſeyn koͤnnten. Er erzaͤhlte, wie man allgemein in Piſa davon ſpreche, daß der Sig⸗ nor Zezi ein von der venetianiſchen Inquiſition insgeheim beſoldeter Spion ſei; doch er wurde weidlich ausgelacht und ſeine Erzaͤhlung ein Ammenmaͤhrchen geſcholten, das der Poͤbel er⸗ funden haͤtte, um doch etwas von dem Signor Zezi erzaͤhlen zu koͤnnen. Viertes Capitel. 5 Die Trennung. Der Gartenſalon des Grafen Caſietti umſchloß das niedlichſte Budoir, was nur der ſchaffende Geiſt der italiſchen Kuͤnſtler hervorzubringen im Stande geweſen war. Alles, was der Ge⸗ ſchmack jener Zeit erforderte, vereinigte ſich hier, um eine Wohnung zu bilden, die in ihrem Glanze faſt an die orientaliſchen Maͤhr⸗ chen der Tauſend und einen Nacht erinnerte. Hier befand ſich Gaetana am Morgen nach der durchwachten Ballnacht. Sie war müde, ſehr muͤde, aber der Schlummer ſenkte ſich nicht auf ihre Augenlider. Sie ſchaute traurig in den großen Trumeau, vor dem ſie 2* 2 3* 36 ſaß und in welchem die roͤthliche Flamme des kleinen Kaminfeuers, welches das Gemach er⸗ waͤrmte, ſich abſpiegelte. Ein bunter Papagei trippelte zu ihren Fuͤßen und pickte bald auf die taͤuſchend gewirkten Blumen der prachtvol⸗ len Fußteppiche, mit denen der Boden par⸗ quetirt war, bald auf den niedlichen Fuß ſei⸗ ner Herrin, die ihm ſonſt ſo ſehr gewogen war, heut aber wenig aufgelegt ſchien, ſeine Liebko⸗ ſungen ſonderlich zu beachten. Gaetana warf ihm nur nachlaͤſſig ein Stuͤck Marcipan zu, aber er ließ es liegen und huͤpfte fort, gleich⸗ ſam wie ein beleidigter Liebhaber. Die Dienerin der Graͤfin trat ein. „Herr von Torquante wuͤnſcht Euch die Aufwartung zu machen, Signora.“ Die Graͤfin ſchwieg und die Dienerin wie⸗ derholte nach einer Pauſe die Meldung. „Er ſoll mir willkommen ſeyn,“ ſagte 3 ſie endlich gedehnt, ohne aufzublicken Gianettino trat ein.*. Ehe wir den nun folgenden Auftritt ſchil⸗ ————— — — — 37 dern, iſt es nothwendig, eine Erzaͤhlung der Begebenheiten vorauszuſchicken, die ſich am geſtrigen Ballabende ereignet hatten. Gianettino war zur beſtimmten Stunde eingetroffen, um die Geliebte zum Feſte zu ge⸗ leiten. Beim Gouverneur angelangt, waren ſie mit vorzuͤglicher Auszeichnung empfangen worden und es ſchien, als ſei das Vergnuͤgen des Abends nur ihnen zu Ehren veranſtaltet. Gleichwohl hatte ſich Gianettino anfaͤnglich ſehr zuruͤckhaltend gezeigt und wenn er auch ſpaͤter durch den Strudel der Freude mehr aaufgeheitert ſchien, ſo zeigte er doch nicht jene Froͤhlichkeit, die ihn bei andern Gelegenheiten ſo ſehr zum Liebling der Geſellſchaft gemacht hatte. Gegen Mitternacht, als der Tanz kaum begonnen, hatte er ein Uebelſein vorgeſchuͤtzt und ſo Gaetana gewiſſerntaßen gezwungen, ſich mit ihm zu entfernen. Den ſaͤmmtlichen Ball⸗ gaͤſten war ein ſolches Betragen als auffallend erſchienenz kein Wunder daher, wenn die bei⸗ den Liebenden waͤhrend der Zuhauſefahrt kein . * eer 38 Wort mit einander wechſelten und ſich nur auf eine ſehr lakoniſche Weiſe verabſchiedeten. Gianettino wurde heute nicht minder kalt aufgenommen. Die gewoͤhnlichen Erkundigun⸗ gen nach Befinden, Schlaf und dergleichen, beantwortete die Graͤfin mit jener eiſigen Hoͤf⸗ lichkeit, die, eine Folge beleidigten Stolzes, den Liebenden nur zu oft eigen iſt. Ueberdies ſchien es, als ſeien beide Theile nicht aufgelegt, weſentlich zur Beſeitigung dieſer Disharmonie beizutragen, denn waͤhrend Gaetana ſich ſin⸗ nend an das Fortepiano ſetzte, um eine ſchwer⸗ muͤthige Phantaſie zu ſpielen, oͤffnete Torquante das Fenſter und ſchaute duͤſter nach den uͤppig prangenden Weinbergen hinaus, die das Eigen⸗ thum der graͤflichen Familie waren. Die Dazwiſchenkunft des Grafen unter⸗ brach die peinliche Situation. Auch er war heute minder freundlich. „Eure Familie muß ſehr zuruͤckgezogen in Venedig leben, und ſelbſt Ihr, Herr von Tor⸗ 39 quante,“ begann er, nachbem er ſich nieder⸗ gelaſſen hatte. „Warum?“ entgegnete der Gefragte. „Warum? Nun, ich glaubte, weil Sie ſo wenig bekannt iſt. Der Signor Aligranti, einer meiner aͤlteſten Freunde in Venedig, mit dem ich in ſtetem Briefwechſel ſtehe, und dem ich neulich, unter andern Neuigkeiten, auch Eure Anweſenheit in Piſa meldete, antwortet mir in ſeinem letzten Briefe, daß er zwar eine Familie Torquante kenne, daß ſolche aber kei⸗ nesweges einen maͤnnlichen Sproſſen Eures Alters habe.“— „Wer iſt denn dieſer Signor Aligranti?“ fragte Gianettino faſt bitter. „Signor Aligranti?! Wie, Ihr kennt den nicht, den reichen Onkel des jungen Grafen von Maſſa?“— 1 „Nein...4 es iſt merkwuͤrdig: er kennt mich nicht und ich ihn auch nicht. Meine Fa⸗ milie nennen die Venetianer mit Achlung; ic 8 “ 40 will nicht zweifeln, daß dies bei der Seinigen auch der Fall ſein wird.“ Der Graf ſchwieg— er ſchien mit der Antwort nicht zufrieden. Gaetana, welche nur ſchweigend zugehoͤrt hatte, ſtand auf und entfernte ſich. „Meine Tochter ſcheint zu kraͤnkeln, ich bin fuͤrwahr um ihre Geſundheit beſorgt;“ be⸗ gann der Graf wieder. „Vielleicht nur eine Erkaͤltung, oder Fol⸗ gen der ſchlafloſen Nacht,“ meinte Gianettino. Auch dieſe Antwort ſchien dem Grafen nicht zu genuͤgen, er ſtand gleichfalls auf, ent⸗ ſchuldigte ſich, daß er ſeinen Gaſt allein laſſen müſſe und ſchied ziemlich einſylbig. Gianettino aber ging nach dem naheſte⸗ hendſten Schreibtiſch, ergriff die deder und ſörſe⸗ an Gaetana: „Signoral“ „ „Als ich Sie vor zwei Monaten ſah, „ſchien ich Ihnen ein willkommener Gaſt zu 4* 41 „ſein; es waͤre ungerecht von mir, wollte ich „die liebevolle Aufnahme verkennen, die mir „in Ihres Vaters Hauſe zu Theil ward, abet „dies Alles hat ſich fuͤrchterlich geaͤndert. Sie „zuͤrnen mir, weil ich mit Maͤnnern in Ver⸗ „bindung ſtehe, deren Namen der Neid und die „Schadenfreude verunglimpft haben. Ich kenne „den Marquis von Dolco und mehrere ſeiner „Freunde gluͤcklicherweiſe zu gut, als daß ich „nur das geringſte Mißtrauen in ihre Hand⸗ „lungsweiſe ſetzen koͤnnte. Warum mit dieſen „mir ſehr werthen Maͤnnern brechen? Gaeta⸗ „na! Gaetana! Ich habe Sie geliebt und liebe „Sie noch heute, wie ich Niemand liebe, aber „ich gehe, weil man mich als uͤberfluͤſſig in „Ihrer Naͤhe betrachtet.“ „Heut Abend reiſe ich nach Venedig; viel⸗ „leicht, daß ich Sie ſpaͤter wiederſehe, wieder⸗ „ſehe, als die Gemahlin eines ehrbaren Piſa⸗ „ners. Sollten Sie es der Muͤhe werth hal⸗ „ten, ſich ſpaͤter einmal um den einſt ſo heiß „Geliebten zu kuͤmmern, ſo muͤßten Sie ſich 42 „leider an den ſo verhaßten Marquis wenden, nder jederzeit Auskunft uͤber mein Schickſal „zu geben im Stande ſeyn wird.“ „Leben Sie gluͤcklich— dies wuͤnſcht uus „voller Seele Ihr Gianettino di Torquante.“ V 5 In der Daͤmmerung fuhr ein einfacher Reiſewagen auf der durch die Caſietti⸗ ſchen Weinberge ſich ſchlaͤngelnden Landſtraße dahin. Drinnen ſaß Gianettino. —-—— Fünftes Capitel. Signor Zezi. „Ganz gewiß, ich irre mich nicht!“ rief Zezi mit einer Feſtigkeit in Wort und Miene, die des Grafen Staunen erregte. „Aber man kann ſich irren, Signor;“ entgegnete dieſer bedaͤchtig. Dieſer Anſtand, dieſer feine Ton und dann dieſe offene Miene. — Fuͤrwahr eine ſolche Redlichkeit leuchtet nicht aus den Augen eines „Banditen, wollt Ihr ſagen. Nun, ich will kein redlicher Mann ſeyn, wenn ich nicht wahr ſpreche!“ unterbrach ihn Zezi im ſteigen⸗ den Eifer.„Laßt uns davon abbrechen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„es ziemt mir nicht, 44 von der Schmach zu ſprechen, die der Schurke uͤber Euer Haus bringen konnte.“ In dieſem Augenblicke erſchien ein Diener und uͤberreichte dem Grafen ein Portefeuille, das, wie er ſagte, im Salon gefunden wor⸗ den ſey. 4 Der Graf beſah es. Es war von feiner Arbeit, reich mit Steinen beſetzt und ringsum mit Goldſpangen umgeben. In der obern Decke ſchien fruͤher eine moſaikartig aus Stei⸗ nen zuſammengeſetzte Inſchrift befindlich geweſen zu ſeyn, aber ſie war zerſtoͤrt und zwar, augen⸗ ſcheinlich abſichtlich, ſo zerſtoͤrt, daß man ſchlech⸗ terdings nicht im Stande war, einen Zuſam⸗ menhang der hier und da noch ſichtbaren Buch⸗ ſtaben zu entziffern. Ein kleines Schild auf der Ruͤckſeite trug den ringravirten Namen „Gianettino.“ „Von ihm?“ ſagte der Geaf erwunderd indem er das Portefeuille von allen Seiten be⸗ ſah. Er gab es Zezi. —x „Von Eurem Naͤuber!“ fuhr er Nlner —-—— 45 laͤchelnd fort;„wollt Ihr es nicht ffnen, Signor?“ „Warum nicht,“ verſetzte dieſer kalt, in⸗ dem er Miene machte die Spangen zu ſpren⸗ gen, welche das Schloß der Taſche bildeten. „Vielleicht finden wir Papiere, die im Stande ſind, mir wieder Euer Vertrauen zu erwerben, Herr Graf. Ich moͤchte nicht gern laͤnger in Euren Augen als Luͤgner gelten.“ „Rein, oͤffnet es nicht!“ rief Caſietti un⸗ willig, als er ſah, daß die Spangen nahe daran waren, der Gewalt des Signors nach⸗ zugeben,„ich mag die Gaſtfreundſchaft wahr⸗ lich nicht verletzen!“ Er nahm die Taſche und uͤbergab ſie dem Diener mit dem Befehle, ſolche ſofort Heren von Lorquante du uͤberbringen. „1 Herrn von Torquante? Gnaͤdiger Herr, Herr von Torquante iſt geſtern Abend nach Venedig abgereiſt.“ 1 46 . Nach Venedig? Menſch, Du biſt wahn⸗ ſinnig?! Wer hat Dir dieſe Maͤhr aufgehef⸗ tet?“ ſchrie der Graf im hoͤchſten Zorn. Der Diener ſtotterte verlegen:„Signora Gaetana, meine gnaͤdige Gebieterin.“ Caſietti war außer ſich. Er durchraſ'te in hoͤchſter Wuth die Naͤume ſeines Palaſtes; aber als er aus dem Munde ſeiner Tochter die Beſtaͤtigung des Verſchwindens Torquante's vernahm, da blickte er ſeltſam auf das theure Kind. Fuͤrchterliche Gedanken ſchienen ſeine Seele zu beſtuͤrmen. Allmaͤlig wurde er wei⸗ cher, die Thraͤnen rannen ihm uͤber die grauen Wimpern; er ſchloß die Jungfrau feſt in die Arme. „Haſt Du Gianettino geliebt?“ fragte er dann ploͤtzlich wild, wie aus einem Traume * erwachend.. „ Geliebt? 1“ ſtammelte das Maͤdchen er⸗ roͤthend.„Mein Vater—— ich— habe. 4—. 4½ * ———— 47 „Schweig, Kind! Zerreiß mir nicht das Herz mit dem Worte. O Caſietti! So weit iſt es mit Deinem Hauſe gekommen— Ban⸗ diten Fluch der Hoͤlle! Banditen werden in den Hallen bewirthet, wo die alten Ahnenbilder meines Hauſes haͤngen. Gaeta⸗ na!“ rief er noch einmal und ſein Geſicht braͤunte ſich, wie die Augen des Loͤwen, wenn er in hoͤchſter Wuth ſich bereit macht, auf ſein Opfer zu ſtuͤrzen,„Gaetana! Du haſt einen Moͤrder geliebt!“ Die Signora ſank zuſammen. Dies Wort war zu ſtark fuͤr ihre zarte Seele, zu erſchuͤt⸗ ternd fuͤr die weichen Gebilde eines Koͤrpers, der nicht fuͤr die Eindruͤcke des Entſetzlichen geſchaffen war. Der Graf trug ſein Kind wei⸗ nend auf den Divan.—„Signor Zezi!“ rief er dann, und der Ton drang wie die Stimme des Weltgerichts durch die weiten Naͤume. „Signor Zezi!“ rief er noch einmal, aber Signor Zezi antwortete nicht. Statt ſeiner erſchien ein Diener. * 48 „Signor Zezi laͤßt ſich Euch empfehlen; er hat bereits vor einer Viertelſtunde den Whü⸗ laſt verlaſſen.“ Der Graf laͤchelte ſchmerzlich. Sechſtes Capitel. Der Sicilianiſche Geſandte. ahr war voruͤber.— Die Carnevals⸗ zeit nahte und die Piſaner trafen die bedeu⸗ tendſten Vorbereitungen zu den Volksfeſten. Die Großen wetteiferten einander in Aus⸗ ſchmuͤckung ihrer Palaͤſte zu uͤbertreffen, große Summen wanderten in die Ateliers der Kuͤnſtler, welche als die glaͤnzendſten Decorateurs Piſa's galten. Auch der alte Graf Caſietti wendete viel Geld auf, um ſeinem Hauſe den glaͤnzend⸗ ſten Anſtrich zu geben. Doch haͤtte er es dieſes Jahr vielleicht nicht gethan, haͤtte er nicht im gegenwaͤrtigen Augenblicke in ſeinem Hauſe einen Gaſt beherbergt, deſſen hoher Rang und 4— * 50 unermeßlicher Reichthum Anſpruͤche auf Glanz und Pracht ſeiner Umgebungen machte. Es war der junge Fuͤrſt Caroli, Geſandter des Sicilianiſchen Hofes. Um die Wiederherſtel⸗ lung ſeiner Geſundheit zu bewirken, war er nach Piſa gekommen, hatte, da ſich eine an⸗ dere, ſeinem Geſchmack entſprechende Wohnung nicht vorfand, bei Caſietti freundliche Aufnah⸗ me gefunden und lebte nun, nach wie vor, uͤppig und verſchwenderiſch, ohne dee aͤrztli⸗ chen Verordnungen ſonderlich zu beobachten. Seine Anweſenheit hatte eine weſentliche, und, ich moͤchte faſt ſagen, eine wohlthuende Umgeſtaltung in den Famillienverhaͤltniſſen des Hauſes Caſietti hervorgerufen nicht durch ſeine Perſoͤnlichkeit, di chen Einfluß hervorzubringen nicht im Stande war, ſo war es doch durch die Ruͤckſichten, die Caſietti und Gaetana dem Geſandten ſchuldig zu ſeyn glaubten, bewirkt. Beide vergaßen in dem Strudel der großen Welt jene unangeneh⸗ men Tage, die durch Gianettino von Torquante 8 —— 51 in der ſonſt ſo ruhig lebenden Familie herbei⸗ gefuͤhrt worden waren und jenes Undankbaren ſelbſt gedachte wenigſtens der Graf nur noch hoͤchſt ſelten. Auch Gaetana ſchien nur noch wenig an Gianettino zu denken; der Geſandte machte ihr ja den Hof und warf einen Theil des ihn umgebenden Glanzes auch auf ſie. Eines Abends war eine kleine, aber ge⸗ waͤhlte Geſellſchaft in Caſietti's Palaſte ver⸗ ſammelt. Signor Zezi, den man jetzt in ganz Piſa den treueſten Freund des Grafen nannte, war auch zugegen. Man ſprach von dieſem und jenem und namentlich erzaͤhlte Fuͤrſt Ca⸗ roli mit der ihm eigenen Prahlſucht ſeine Aben⸗ theuer, von denen wohl ſo manche erdichtet ſeyn mochten, die wenigen in Wahrheit be⸗ gruͤndeten aber augenſcheinlich ausgeſchmüͤckt und renommirend ſchienen. „Es ſind zwei Jahre her,“ begann er wieder, nachdem er ſo eben die Erzaͤhlung eines muthig beſtandenen Duells beendet hatte, „als ich, von Paris heimkehrend, mich unge⸗ 4* 52 woͤhnlich lange Zeit in Venedig aufhielt. Ein iriſcher Baronet, mit dem ich einen Theil Euro⸗ pa's durchreiſ't hatte, pflegte oͤfters mit der ſchoͤnen Signora P., der talentvollſten Saͤn⸗ gerin Venedigs, Zuſammenkuͤnfte zu arrangi⸗ ren und lud mich einigemale ein, Zeuge ſeiner naͤchtlichen Rendez-vous zu ſeyn. Ich gab jedesmal nur ungern nach, einestheils, weil mir die Saͤngerin mehrererſeits(er ſuchte hier ſich den Anſchein von Biederſinn und Recht⸗ lichkeit zu geben) als eine anruͤchige Perſon geſchildert worden war, andererſeits aber auch, weil der ſehr ehrenwerthe Baronet bei ſolchen Gelegenheiten mir nur widerlich erſcheinen konnte. Ueberdies hatte ich ſo meine Ahnun⸗ gen. Das venetianiſche Banditenweſen war mir bisher nur noch dem Namen nach bekannt geweſen, auch ſehnte ich mich wahrlich nicht darnach, in eine naͤhere Beruͤhrung mit dieſen Schuften zu treten. Aber es ſchien, als ob dies Gelichter meine Bekanntſchaft mehr wuͤnſchte als ich die ſeinige. In einer finſtern Septem⸗ — —— 53 bernacht kehrte ich einmal mit dem Baronet von einem dieſer Rendez-vous zu Hauſe. Er ſchwaͤrmte noch von der ſchoͤnen Saͤngerin und phantaſirte viel von italieniſcher Liebe, ich aber hatte mein Augenmerk auf den Inquiſitions⸗ palaſt gerichtet, der ſeine gigantiſchen Thuͤrme drohend in die Nacht hinausſtreckte.„Sir Edgerton,“ bemerkte ich,„es laͤuft mir immer kalt uͤber den Ruͤcken, wenn ich an Ingquiſitio⸗ nen und derartige Geſchichten denke, aber es iſt doch gut, daß dies Gebaͤude hier ſteht; es mag manchen Banditen ein Splitter im Auge ſeyn.“—„Ihr habt wahrlich recht!“ lau⸗ tete eine hohnlachende Antwort. In demſelben Augenblicke fuͤhlte ich mich von derber Fauſt ziemlich unſanft angegriffen.“ „Es war nicht der Baronet, der mir ge⸗ antwortet hatte, dieſer hatte laͤngſt die Flucht ergriffen. Ein Kerl ſtand vor mir, der, ſo viel ich in der Finſterniß zu erkennen vermochte, nur von unanſehnlicher Statur war. Ich griff nach dem Degen, doch— die Scheide war 54 leer. Ich ſchrie um Huͤlfe, aber man riß mich ruͤckwaͤrts nieder und verſtopfte mir den Mund. Bald fuͤhlte ich auch, wie die Spitze eines Mordſtahls meine Haut beruͤhrte.„Eure Boͤrſe, oder Ihr ſeyd des Todes!“ rief die Stimme wieder.“ „Klingende Munze hatte ich nicht bei mir; ich griff alſo in die Taſche und zog mein Por⸗ tefeuille heraus, in dem ſich ungefaͤhr fuͤr 1000 Ducati Wechſel au porteur befanden, und uͤber⸗ gab ſie dem vor mir ſtehenden Raͤuber. Er lachte.—„Iſt das Geld, Fuͤrſt Caroli?“— „Wechſel auf 1000 Ducati,“ antwortete ich, nachdem mir auf meine Zeichen der Mund befreit war.—„Euer Ehrenwort, Fuͤrſt, luͤgt Ihr nicht?“— Ich ſchwur, denn das Leben war mir doch zu lieb, als daß ich nicht auch vor einem Banditen geſchworen haͤtte. Man ließ mich wieder aufſtehen; der Kleine, Unan⸗ ſehnliche war verſchwunden, ein großer Mann ſtand vor mir. Er reichte mir die Hand: „Gute Nacht, Durchlaucht,“ ſagte er,„der V 55 Inquiſitionspalaſt iſt mir wahrhaftig kein Split⸗ ter im Auge!“ „Ich kam mehr todt als lebendig nach Hauſe. Der Baron lag wie im Starrſinn befangen auf dem Sophaz; ſein Geſicht gluͤhte in Fieberhitze und er hatte ſchon nach dem Arzt ſchicken laſſen. Meine Ankunft ſchien ihn in⸗ deß wieder etwas zu ermuthigen und die dem Irlaͤnder angeborne Reugierde ſiegte uͤber den Schrecken. Ich erzaͤhlte ihm mein Abentheuer. „Schicken Sie nur morgen fruͤh gleich zu Ih⸗ rem Banquier, damit die Wechſel nicht aus⸗ gezahlt werden,“ ſagte er, als ich geendet hatte, und ich beſchloß, ſeinen Rath zu be⸗ folgen.“ „Am andern Morgen erwachte ich ziem⸗ lich ſpaͤt. Ich ſchrieb an das Haus Mont⸗ gommeros et Comp. und meldete meinen Verluſt, aber die Antwort die mir wurde vernichtete jede Hoffnung. Die Wechſel waren in aller Fruͤhe producirt und, da ſich kein 56 Mangel der Form, oder irgend eine Ausſtel⸗ lung vorfand, ſofort eingeloͤſt worden. Ein verſiegeltes Billet, das man dem Hauſe uͤber⸗ geben hatte, enthielt folgende an mich gerich⸗ tete Worte:“ „„Signorl“ „Ich bin zufrieden mit dem, was Sie „mir geſtern uͤbergaben. Die in Ihrem Por⸗ „tefeuille befindlichen Wechſel ſind ſo eben von „mir praͤſentirt und die darauf lautenden Sum⸗ „men in Empfang genommen worden, weil „ich, und wohl nicht ohne Grund, befuͤrchtete, „daß irgend ein Verzug mir nachtheilig ſeyn „koͤnnte. Die uͤbrigen, fuͤr mich werthloſen, „fuͤr Sie aber, wie mir daͤucht, ſehr wichtigen „Papiere, werde ich Ihnen bei Gelegenheit „zuruͤckſtellen; das Portefeuille aber erlauben „Sie mir, als ein Andenken von Ihnen behal⸗ uten zu duͤrfen.“ „ Meiden Sie kuͤnftig um nitreüoee 57 „Stunde den Inquiſitionspalaſt und ſeine „Naͤhe. Dies raͤth Ihr aufrichtiger Gianettino d. T. 4 Der Geſandte hatte ſeine Erzaͤhlung geen⸗ det und weidete ſich nun an der Theilnahme und dem Beifall der Geſellſchaft. Aber auf drei Perſonen ſchien die letzte Erzaͤhlung einen tiefen Eindruck gemacht zu haben. Der Graf ſtarrte wie wahnſinnig vor ſich hin, Gaetana ſaß geiſterbleich an ſeiner Seite und wagte es nicht aufzuſchauen; Signor Zezi aber ſprang ploͤtzlich auf, ging einige Male unruhig im Saale auf und nieder und nahte ſich dann Caſietti. „Nun, Herr Graf,“ ſagte er mit trium⸗ phirendem, aber redlichem Tone,„bin ich noch ein Luͤgner?“ „Allmaͤchtiger Gott!“ ſeufzte Gaetana und knickte zuſammen, wie die vom Skurm gebrochene Lilie. 3 58 Der Fuͤrſt wußte nicht, was er von die⸗ ſem Auftritt denken ſollte. Indeß ſiegte ſeine Galanterie fuͤr den Augenblick uͤber das Stau⸗ nen, das ihn umfing; er hob Gaetana ſanft auf und die hundert wohlriechenden Waͤſſer, die auf ſeinen Befehl ſofort angewendet wur⸗ den, erweckten bald wieder das nur momen⸗ tan entſchlummerte Leben der Signora. Man fuͤhrte die Schwache in ihr Cabinet, wohin ihr auch der Geſandte zu folgen im Begriff ſtand. Aber der Graf, der bisher noch immer einer Bildſaͤule gleich an der Tafel geſeſſen hatte, erhob ſich jetzt und bat die Geſellſchaft um einen Augenblick Gehoͤr. Er ging in ein Neben⸗ cabinet, kehrte aber bald wieder und uͤberreichte dem Fuͤrſten ein Portefeuille. „Iſt dies etwa Euer Eigenthum, Fuͤrſt Caroli?“ fragte er mit zitternder Stimme. Der Geſandte ſtaunte; es war das Porte⸗ feuille, das man ihm bei jenem naͤchtlichen Auf⸗ tritte in Venedig geraubt hatte. — 3— — —————— 59 „Bin ich noch ein Luͤgner?“ fragte Sig⸗ nor Zezi wieder mit unverkennbarem Ernſte. „Verzeiht mir!“ ſtammelte Caſietti, ſeiner ſelbſt kaum bewußt. Die Geſellſchaft trennte ſich. Erſt ſpaͤt erfuhr Fuͤrſt Caroli den Zuſammenhang dieſer raͤthſelhaften Begebenheiten.— ** Waſſerbogen im Hintergrunde das wohlrie⸗ Siebentes Capitel. Das Fe ſt. Einige Zeit nach jener Entdeckung war Car⸗ nevalsball beim Grafen. Der große Saal ſchwamm in Lichtern und Toͤnen. Immer mehr fuͤllten ſich die Saͤle und Gallerien; Piſa's glaͤnzendſter Adel war zum praͤchtigſten Feſte verſammelt. Tauſendfach ſpiegelten ſich die Strahlen der goldenen Candelabres in den hohen Trumeaux, mit denen der Saal gleich⸗ ſam decorirt war; die koͤſtlichſten Blumen ver⸗ breiteten ein Meer von Wohlgeruͤchen, die in⸗ deß alle nur von der wunderniedlichen Fontaine auszugehen ſchienen, die in drei mannshohen 61 chendſte Eau de Lavande emportrieb. Der Graf hatte ungeheure Summen aufgewendet, um der Vergnuͤgungsſucht des Geſandten zu froͤhnen, den Europens groͤßte Hauptſtaͤdte, Paris und London, faſt fuͤr jedes Vergnuͤgen ſtumpf gemacht hatten.— Er laͤchelte uͤberraſcht, als er in den Saal trat. Mit ihm zugleich er⸗ ſchien die Krone des Abends, die Koͤnigin des Feſtes, die ſchoͤne Gaetana von Caſietti. Aller Augen ruhten auf ihr. Sie hatte in der letz⸗ ten Zeit wiederholt gekraͤnkelt, doch war ſie jetzt vollſtaͤndig geneſen und man fand, daß ſie friſcher und herrlicher bluͤhe als je. Auch der Graf, den man ſeit laͤngerer Zeit nur ſelten geſehen hatte, ſchien heute froͤhlich; er bewill⸗ kommnete ſeine Gaͤſte ſehr freundlich, unterhielt ſich jedoch nur kurz mit den Damen und ſprach auch mit den Maͤnnern nur wenig. Nur einer war es, dem er heute Abend vorzuͤgliche Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte— Signor Zezi. Die Carnevalsfreiheit hatte viel maskirte Gaͤſte her⸗ beigefuͤhrt und ſo kam es, daß anfaͤnglich an 62 eine vertrauliche Converſation faſt gar nicht zu denken war. Man durfte zwar nicht befuͤrch⸗ ten, daß ein Unberufener Theil an dem Ver⸗ gnuͤgen nehmen wuͤrde, da die Billets mit— großer Vorſicht ausgegeben und ſomit Maaß⸗ regeln getroffen waren, die jedes unbefugte Andraͤngen faſt unmoͤglich machten, indeß hatte es doch die Nothwenzigkeit erheiſcht, einzelne Familien zu dem Balle zu laden, die nicht Jedermanns Freunde waren und die deshalb unter ſich einen abgeſchloſſenen Cirkel bilden mußten.— Auch der Marquis von Dolco war daher auf dem Ball. Der Graf war mit ihm vor einigen Wochen faſt unwillkuͤhrlich in Beruͤhrung getreten; ein fuͤr Caſietti vor⸗ theilhafter Kauf war der Beweggrund gewe⸗ ſen. Der Marquis erſchien in ſeiner gewoͤhn⸗ lichen phantaſtiſchen Kleidung, verhielt ſich in⸗ deß ſehr ſtill und ſprach nur wenig, da ihm uͤberdies auch nicht ſonderlich Gelegenheit dazu geboten wurde. Bühon rauſchte die brillanteſte valemuit 63 vom Orcheſter herab. Fuͤrſt Caroli eroͤffnete den Reigen mit der ſchoͤnen Gaetana. Wie ein Zephyr glitt ſie an ſeiner Hand dahin, leicht, wie von Sylphen geſchaukelt— da mel⸗ dete der wachthabende Diener dem Grafen noch einen Gaſt. Jener trat ein, nachdem er vorher das Entreebillet abgegeben hatte. Die ſchwarze Maske baheckte ſein Geſicht voll⸗ kommen und nur die ſchlanke Geſtalt verrieth, a Ankoͤmmling im jugendlichen Alter ſei. Er gruͤßte Caſietti leicht im Voruͤbergehen und verſchwand bald in dem bunten Getuͤmmel. Nach Beendigung der Polonaiſe ſah man ihn wieder, als Gaetana erſchoͤpft an der Seite des Geſandten ſaß; es ſchien, als ob er das Paar genau beobachtete. Ploͤtzlich trat er vor und erbat ſich von der Signora den naͤchſten Tanz. „Wer ſeyd Ihr?“ fragte der Fuͤrſt mit ziemlich unhoͤflichem Ton. 1 „Ich bin nicht verbunden, Euch dies zu ſagen, ſo lange die Maskenfreiheit herrſcht!“ lautete die eben ſo barſch gegebene Antwort.— 64 Der Fremde wiederholte ſeine Bitte bei Gae⸗ tana und ſie gewaͤhrte ihm. Im raſchen Ringeltanze wogte das Paar an dem Fuͤrſten voruͤber, der Fremde entwickelte die grazidſeſten Bewegungen. Der Geſandte ſtand auf und ſprach wenige Worte mit Ca⸗ ſietti, die wohl nur ſeine Unzufriedenheit uͤber jene Verwegenheit, wie er des Fremden Beneh⸗ men nannte, kund geben ſollten. Nach? digung des Tanzes wandte ſich der Graf ſofort an den Fremden, der noch bei der Graͤfin verweilte, ſagte ihm im beſcheidenſten Tone, wie es der Zweck des heutigen Feſtes verlan⸗ ge, daß Signora Gaetana nur mit dem Ge⸗ ſandten Siciliens tanze und machte ihn ſcher⸗ zend auf die uͤbrigen Damen aufmerkſam, von denen ſicher keine Bedenken tragen wuͤrde, einem ſo meiſterhaften Taͤnzer mit offenen Ar⸗ men entgegenzukommen. Der Fremde ant⸗ wortete nicht, er verbeugte ſich ſchweigend und verſchwand, ehe man ſich noch recht vom Staunen rboli hatte. 3 W „ f—— 65 Die Freude des Tages ließ indeß dieſen ſeltſamen Auftritt gar bald vergeſſen. Auch Gaetana hatte den Fremden weniger beachtet und jetzt, wo ſie, wieder an der Seite des Geſandten ſitzend, nun unaufhoͤrlich den Strom von Schmeicheleien abzuwehren hatte, der un⸗ ablaͤſſig aus dem Munde des Wuͤſtlings floß, gedachte ſie kaum noch des Unerkannten. Fuͤrſt Caroli ſchlug endlich, nachdem die Demaskirung ſchon laͤngſt durchgaͤngig erfolgt und man nahe daran war, nach italieniſcher Sitte das Nacht⸗ mahl zu genießen, einen Spaziergang in den gleichfalls feſtlich erleuchteten Garten des Gra⸗ fen vor. Gaetana gewaͤhrte; die erquickende Friſche der Nacht war ihr angenehm. „Signora!“ ſagte der Fuͤrſt als ſie im Freien waren,„haben Sie den jungen Grafen von Ricceti geſehen? Er ſcheint der Liebling der Piſaer ſchoͤnen Welt zu ſeyn.“ „Der Liebling?“ aͤußerte ſie laͤchelnd; „Sie belieben zu ſcherzen, Fuͤrſt Caroli. Mir 66 ſcheint er ein Geck, aͤhnlich jenen Londner Dandy's, von denen Sie ſo oft erzaͤhlten.“ Der Fuͤrſt war augenſcheinlich ſehr zufrieden mit dieſer Antwort. Sie waren jetzt Beide in die Naͤhe des Gartenſalons gekommen und Gaetana ſelbſt kam dem Fuͤrſten in dem Wun⸗ ſche zuvor, einen Augenblick hier zu verweilen. Das niedliche Boudoir der Graͤfin Caſietti war noch eben ſo ſchoͤn, als zu der Zeit, wo Gianettino ein angenehmer Gaſt in dem Hauſe des Grafen war, doch wurde es jetzt von Gae⸗ tana nur wenig beſucht. Mochten es unan⸗ genehme Erinnerungen ſeyn, die der liebens⸗ wuͤrdigen Graͤfin den Aufenthalt in dieſem ganz zur Liebe geſchaffenen Orte verleideten, oder war es nur die Jahreszeit, die das Gemach leer und unbewohnt ſtehen ließ— kurz, man ſah nur ſelten die Gardinen der kleinen Bo⸗ genfenſter aufgezogen und die Blumentoͤpfe auf dem Geſims prangten ſchon lange nicht mehr in der einladenden Friſche, wie ehedem. —— 67 Der Fuͤrſt zog Gaetana neben ſich auf die Ottomanne nieder. Sie duldete es. Er ſchlang dreiſt ſeinen Arm um ihre ſchwellenden Huͤften;— ſie duldete es wieder. Als er ſie aber noch naͤher an ſich zog und mit faunen⸗ haftem Blicke einen Kuß von den Roſenlippen zu ſtehlen drohte, da verbarg Gaetana erroͤ⸗ thend das Haupt im Buſen. Der Fuͤrſt wurde zudringlicher, er ſuchte ſich mit Gewalt zu er⸗ kaͤmpfen, was ihm die Liebe verſagte. Als er ſtuͤrmiſch eindrang, loͤſ'te ſich der ſeidene Shawl der bisher den ſchoͤnen Buſen verhuͤllt hatte— Gaetana lag mit einmal faſt gaͤnzlich entbloͤßt in den Armen des Geſandten. Dieſer ſchwelgte in ihren Reizen und ſie war kaum mehr im Stande ſeinem frechen Uebermuthe Widerſtand zu leiſten. Schon ſtand der Fuͤrſt im Begriffe das Aeußerſte zu wagen, da ward ploͤtzlich die Thuͤr mit Gewalt aufgeriſſen. Der raͤthſel⸗ hafte Unbekannte, der ſchon einmal am heuti⸗ gen Abende dem Geſandten in den Weg ge⸗ treten war, ſtuͤrzte herein und befreite Gaetana 5*ℳ aus den Armen des Verfuͤhrers. Mit kraͤftiger Fauſt ſchleuderte er den Fuͤrſten von der Seite der Bedraͤngten.. Gactana war mehr todt als lebendig. Fuͤrſt Caroli ſchaͤumte vor Wuth, wie ein gereizter Tiger. „Wer biſt Du, der Du es wagſt, mich anzutaſten?“ rief er mit erſtickter Stimme. „ Ihr kennt mich ja ſchon,“ ſagte lachend der Fremde, indem er die Wachsmaske vom Geſichte zog. „Gianettino!“ treiſchte die Signora.— Der Geſandte aber ſtarrte entſetzt in das Ant⸗ litz des ihm wohlbekannten Banditen, der einſt am Inquiſitionspalaſte in Venedig den Dolch gegen ihn gezuckt hatte. „Ha— Schurke!“ hohnlachte der Juͤng⸗ ling;„haſt Du die geilen Augen nach Caſiet⸗ ti's ſchoͤner Tochter erhoben? Nein, ſiciliani⸗ ſcher Soͤldner, wo Gianettino liebt, da gelten Orden und Titel, da gilt der Glanz und der Reichthum nicht! Willſt Du eine Bluͤthe bre⸗ 5 1 chen, ſo ſuche Dir in den Spelunken Londons, in den Tavernen Venedigs Deine Leute!“ Er ſchwieg und ſchritt langſam nach der Ottomanne, wo die halb ohnmaͤchtige Gaetana, wie im ſtarren Wahnſinn befangen lag. „Gaetana,“ ſagte er, mit jener weichen hin⸗ ſinkenden Stimme, die ihm einſt den Weg ſeiner Liebe in das flammende Herz der reizendſten Piſanerin gebahnt hatte;„Gaetana, verzeiht dem armen Gianettino, daß er wider Euren Willen ſich in Angelegenheiten miſcht, die ihn vielleicht(er betonte das Wort mit ſeltſa⸗ mer Kraft) nicht einmal kuͤmmern duͤrfen. Gianettino di Torquante iſt freventlich in Euer Haus gedrungen, hat Euer Rendez-vous ge⸗ ſtoͤrt, das iſt unverzeihlich, aber der Naͤuber, der Moͤrder Gianettino von Venedig, er fragt nicht erſt nach einer Erlaubniß. Was der ga⸗ lante venetianiſche Edelmann nicht darf, das ſteht dem— ja, bei der Hoͤlle— das ſteht dem Banditen zu.“ Er umarmte feurig die Geliebte, die wie 69 70 ein geknicktes Nohr an ihm hing, drückte einen langen, liebeathmenden Kuß auf die Alaba⸗ ſterſtiin und verließ das Gemach, indem er dem Fuͤrſten noch einen finſtern Blick zuwarf, einen Blick, der den Geſandten erbangen machte und ihm lange vor den Augen ſchwebte. Ein ſchmetternder Trompetenſtoß rief zur Tafel. Alles ſtroͤmte an die angewieſenen Plaͤtze und Schaaren von goldſtarrenden Die⸗ nern eilten herbei, um auf jeden Wink der geehrten Gaͤſte bei der Hand zu ſeyn. Aber noch fehlten Fuͤrſt Caroli und Caſietti's Gae⸗ tana. Ein Diener wurde abgeſchickt und ſie erſchienen. Ein Schrei des Entſetzens drang einſtimmig aus dem Munde der Geſellſchaft, als ſie ganz verſtoͤrt eintraten; nur der Mar⸗ quis von Dolco blickte ruhig laͤchelnd vor ſich —— ,—* —+— * in's Ohr ſtammelte. Da entfaͤrbte ſich auch ſein Vorhaben ausfuͤhren zu koͤnnen und Sig⸗ hin und fuͤllte unaufgefordert die Glaͤſer, die vor ihm ſtanden. Gaetana ſank wie todt zuſammen, als ſie den ihr beſtimmten Stuhl erreicht hatte; der Fuͤrſt wankte zu Caſietti, dem er haſtig etwas der alte Graf. „Waͤr's moͤglich!“ rief er.„Mein Pferd! Mein Pferd! Begleitet mich, Signor Zezi, und Ihr Bartholo, Roderico, Borda, durchſtreift den Garten, durchſucht alle Hecken, alle Vere ſtecke! Vielleicht, daß wir des Schurken habs— haft werden koͤnnen!“ Die Diener thaten wie ihnen geheißen ward. Sie zerſtreuten ſich ſchnell mit Fackeln in dem großen Parke und nur ein kleiner Theil blieb zuruͤck, um die verlangten Pferde vorzu⸗ fuͤhren. Aber der Graf war zu ſchwach, um nor Zezi zuckte zweideutig die Achſeln. 72 Fuͤnf Minuten ſpaͤter flog ein engliſcher Renner durch die Weinberge mit ſchaumbedeck⸗ tem Gebiß. Ein junger Mann druͤckte dem Pferde die Sporen tief in die Weichen. Es war Gianettino von Torquante. Zweites Buch. „ Gianettino. Und mein Vater ſagte:„ Geh', Etienne, ich kann Dich nicht lieben;... frag Deine Mutter, wer Dein Vater iſt.“— Und ich ging zur Mutter— ſie wußte es nicht. Man trieb mich fort, ſtieß mich mit Füßen und ich ging zu Maſter Anto⸗ . 4 nio, der den Kreuzzug in's mittelländiſche Meer machte. (Eugen Sue.) —— Erſtes Capitel. Der Leopardenwirth zu Venedig. „Allons, Meiſter Antonio! Wein her! La- crimae Christi!“ rief Maeſto, indem er den großen Zinnkrug verkehrt auf den Jiſch ſetzte. „Geben Sie mir auch von die Wein.... i*ſt ſerr gut, aber klingen ſu heilig die NRam... Lacrimae Christi!“ kauderwelſchte mit ſchwerer Stimme ein hagerer Franzoſe, der mit Maeſto an einem Tiſch ſaß. 3 Der Wirth zum goldenen Leoparden brachte das Verlangte. Es ging heute hoch her in dieſer Taverne. Der Vicomte war ein neuer Gaſt, der ſich mit Maeſto im Wuͤrfelſpiel ver⸗ gnuͤgte, wenn man es anders ein Vergnuͤgen 76 nennen kann, Zechine auf Zechine zu verlieren. Sie ſpielten erſt eine Stunde und ſchon hatte Maeſto gegen hundert Stuͤck Scudi d'oro ver⸗ loren. An einem zweiten Tiſche ſaßen vier, dem ſehr ehrenwerthen Maeſto ziemlich gleiche Ge⸗ ſellen, unter ihnen Bartholo. Sie kuͤmmerten ſich anſcheinend nur wenig um die beiden Gaͤſte am benachbarten Tiſche, ja es ſchien, als ob ſie die Abſicht hegten, vor dem Vicomte jede Bekanntſchaft mit Maeſto zu verlaͤugnen. „Vier und ſechs!“ rief Maeſto, indem er die Wuͤrfel mit unglaublicher Schnelligkeit 2 durch die Finger gleiten ließ. Es ſtanden vier Scudi d'oro. Der Vicomte warf. „ Quatre à cinq. N'importe.. ick leg vier Sceudo zu.“ „Ganz nach Befehl,“ ſagte Maeſto und warf zwei Sechſen. „Teste saint gris!“ polterte der Vicomte; „ſerr viel, ſerr viel.“ Er warf zwei As. v *» 77 „Wollen Sie halten?“ fragte der Ban⸗ dit.„Acht Scudi d'oro, eine Kleinigkeit.“ Der Vicomte warf das Gold hin und Maaeſto ergriff die Wuͤrfel. „Excusez moi!“ ſagte der Vicomte und nahm ſie ihm aus der Hand. Er warf fuͤnf und vier. Der Bandit warf nach und zwar vier und drei. „Quatre à trois,“ rief der Franzoſe laͤ⸗ chelnd,„ſerr weinck.“ Eben wollte er das Geld einſtreichen, aber Maeſto zeigte auf die Tafel, auf die er ſo eben mittelſt Escamotage einen andern Wuͤrfel, den aͤchten aber unter dieſelbe praktizirt hatte. Die Wuͤrfel zeigten nnun Vier und Sechs. „Vous voulez m'en imposer! C'est un mensonge!“ ſchrie der Vicomte aufſpringend. „Sie haben geworfen quatre à trois.“ .„ Es iſt nicht wahr!“ ſchrie Maeſto, gleich⸗ falls entruͤſtet, und warf dem Franzoſen die ſechzehn Scudi d'oro an den Kopf. Die Gaͤſte am benachbarten Tiſche miſchten ſich jetzt gleich⸗ 78 falls in den Streit. Man gab dem Vicomte Recht und ſchalt Maeſto einen Betruͤger. Die⸗ ſer ſtrich ſein gewonnenes Geld in den Hut und wollte ſich entfernen. Aber Bartholo trat ihm mit den Worten in den Weg:„Du haſt falſche Wuͤrfel, Schurke.“ Es entſtand ein Handgemenge und Maeſto rettete ſich nur durch die Flucht, nachdem er einige Fauſtſchlaͤge em⸗ pfangen. Man lud den Vicomte nunmehr ein, an einem Kartenſpiel Theil zu nehmen. Dieſer nahm es an und ſchlug Baſſet vor. Bartholo ließ ſich dies nicht zweimal ſagen; in zwei Minuten war die Bank hergeſtellt und der Leopardenwirth ſchaffte die noͤthigen Karten herbei. Ein junger Menſch zog ab. Der Vicomte pointirte faſt fortwaͤhrend Dame und Valet, und traf anfaͤnglich ziem⸗ lich gut. Er wurde dreiſter und ſetzte zwanzig Zechinen auf ein Blatt. Es ſchlug ab. Er ſetzte die gleiche Summe auf ein anderes. Es ₰—— — —9y— 79 ſchlug wieder ab. Achtzig Zechinen zum dritten Male. Auch ſie wanderten zum Banquier. „C'est inoui,“ ſagte er aͤrgerlich und ſchob den Reſt des vor ihm liegenden Geldes hin, mit dem Finger auf die verhaͤngnißvolle Dame zeigend, die ſchon dreimal in der Taille verlo⸗ ren hatte. Man zaͤhlte das Geld, es waren zweihundert Zechinen. „La dix et la neuf!“ kraͤchzte der Ban⸗ quier im ſchlechteſten Franzoͤſiſch;„Pas et le roi, la deux et la six, la huit et le valet, la eing et lacc—— er unterbrach das Spiel und machte eine Pauſe, dann fuhr er fort— „et la trois, la dame et la cinq.“ Man ſtrich ruhig das Geld ein. Der Vicomte griff in die Taſche und zog die Boͤrſe hervor; es war nur noch wenig darin. Nach⸗ dem er dem Leopardenwirth die Zeche bezahlt, blieben ihm noch drei Scudi d'oro, und doch ſchien er fort ſpielen zu wollen. Nach einer Pauſe zog er eine goldene Uhr und eine Doſe von gleichem Metall hervor. Sie waren beide 80 reich mit Brillanten verziert und ſchienen hohen Werth zu haben. Er fragte, ob man ihm darauf leihen koͤnne und uͤberreichte die Koſt⸗ barkeiten dem neben ihm ſitzenden Bartholo, der waͤhrend des Spieles viel Gold aufgelegt und beinahe eben ſo viel gewonnen hatte, als des Vicomte's Verluſt betrug. Bartholo be⸗ trachtete die Pretioſen lange mit pruͤfendem Blick, dann fragte er:„Wie viel wollen Sie darauf haben, Herr Vicomte?“ „ Funfzig Zechinen.“ „Zu viel, ich kann Euch nicht mehr als vierzig geben. Hier ſind ſie.“ Er ſchob das Geld hin und der Franzoſe nahm es. In demſelben Augenblicke ward die kleine Glocke ſtark angezogen, die ſich am aͤußern Ausgange des von innen verſchloſſenen Hauſes befand. Der Wirth eilte im Nu dem Ankom⸗ menden zu oͤffnen und die Spielgeſellſchaft ver⸗ barg vorſichtig Karten und Geld. Indeß wa⸗ ren dieſe Vorſichtsmaßregeln diesmal ohne Noth, denn der Eintretende war Gianettino. Man —.,— —— 81 wurde ſeiner kaum anſichtig, als man auch dem Vicomte erklaͤrte, die Zeit erlaube nicht mehr, das Spiel fortzuſetzen, man werde ſich freuen, bei anderer Gelegenheit ihm dienen zu koͤnnen und was dergleichen mehr war. Er forderte Uhr und Doſe zuruͤck und erhielt ſie ohne Weiteres gegen Aushaͤndigung der vierzig Zechinen. Als er ſich aber entfernte, warfen ſich mehrere aus der Geſellſchaft bedeutungs⸗ volle Blicke zu und man hielt es endlich fuͤr das Gerathenſte, dem Vicomte Jemand nach⸗ zuſchicken, der ihn auf die ſchnellſte, Weiſe der Sorge fuͤr Doſe und Uhr uͤberheben ſollte. Gianettino war ungemein heiter; er be⸗ ſtellte ſofort Wein und lachte unaufhörlich, als man ihm erzaͤhlte, wie ſchnell man mit dem albernen Franzoſen fertig geworden ſey, aber er billigte es doch nicht, daß man dem Vicomte auch noch Uhr und Doſe abnehmen wolle. „Was macht Martha?“ fragte er end⸗ lich,„wo iſt meine gute, alte Martha?“ 6 82 „Hm!“ lachte Maeſto, der in dieſem Augenblicke wieder erſchien,„ſie will krank ſeyn die Alte.... es raſaunt ihr im Leibe herum, wie ſie ſagt. Hat vielleicht zuviel von den Hoͤllentraͤnken gekoſtet, die ſie ſo probat zu bereiten verſteht.“ „Ich muß noch heute zu ihr,“ verſetzte Gianettino.„Willſt Du mich begleiten, Maeſto.“— Der Alte ſchien eben nicht aufgelegt, den goldenen Leoparden, in deſſen Bauche er ſich immer ſo wohl befand, zu verlaſſen und deu⸗ tete ziemlich ſehnſuͤchtig auf die vollen Wein⸗ kruͤge, die der Wirth ſo eben wieder herbei⸗ trug, indeß gab er doch endlich nach, als er Gianettino das Verſprechen abgenommen hatte, auf keinen Fall laͤnger als eine Stunde bei Martha zu verweilen. v Zweites Capitel. Die Zauberin. An dem noͤrdlichſten Ende von Venedig, dicht an der, nur wenig beſuchten, nach Treviſo fuͤhrenden Landſtraße, ſtand die Huͤtte der alten Martha, einſam in oͤder Flaͤche. Sie waͤre fuͤr einen Bettler zu ſchlecht zum Wohn⸗ ort geweſen, denn Dach und Fenſter zeigten eine Zerſtoͤrung, die den voruͤbergehenden Wan⸗ derer wohl ſchwerlich auf die Vermuthung kommen ließen, daß in dieſem Lehmhaufen irgend ein lebendes Geſchoͤpf, oder gar ein Menſch ſeine Behauſung haben koͤnne. Die Venetianer und namentlich die Venetianer, deren Bigotterie nur aus jener italieniſchen 6* Roheit entſprang, die noch heut zu Tage den Garten Europa's zum unerquicklichſten Aufent⸗ halte fuͤr den Fremden macht, nahmen jederzeit einen weiten Umweg um dieſe Huͤtte, wenn ſie die Treviſaner Straße zu paſſiren hatten und kreuzten andaͤchtig die Arme uͤber die Bruſt, wenn die Nothwendigkeit es erheiſchte, der zerfallenen Huͤtte nur auf funfzig Schritte nahe zu kommen. So kam es denn, daß Martha in der Regel nur ſelten Menſchen ſah und vielleicht noch ſeltner ſolche geſehen haͤtte, wenn nicht die Banditen Venedigs von Zeit zu Zeit bei ihr eingekehrt waͤren, um in tollem Aberglauben die Wahrſagereien der Alten anzuhoͤren, oder ſich von ihr Traͤnke bereiten zu laſſen. Die Sbirren der Inquiſition, die ſich ſicher zu keiner Zeit unthaͤtiger gezeigt haben, als in jener, in der unſere Geſchichte ſpielt, glaubten gerade hinlaͤnglich ihre Pflicht erfuͤllt zu haben, wenn ſie das Neſt der Zauberin alljaͤhrlich einmal durchſtoͤberten. Sie fanden in der —,— — — 8⁵ Regel nicht das, was ſie gerade ſuchten und ließen deshalb Marthen in Frieden ſchalten und walten. Die Alte hatte ihre Wohnung maulwurfs⸗ artig gaͤnzlich unterminirt und war faſt zu kei⸗ ner Zeit in der uͤber der Erde liegenden, gaͤnz⸗ lich durchloͤcherten, und deshalb jedem Einfluſſe des Wetters ausgeſetzten, Stube ſichtbar. Eine hellbrennende Ampel erleuchtete zu jeder Stunde des Tages die Hoͤhle, die ſie ſich ſolcher Geſtalt gegraben hatte, des Nachts aber war das fortwaͤhrend unterhaltene Feuer eines großen Kamins hinreichend, um die gehoͤrige Helle zu verbreiten. „Holla! wo ſteckſt Du, Unke?“ rief halb verdrießlich, halb lachend Maeſto, als er ſich mit ſeinem Begleiter der unſaubern Spelunke nahte. Erſt nach langer Pauſe erfolgte aus der Tiefe eine kraͤchzende Antwort, bald darauf hoͤrten die Beiden ein Geraͤuſch, und an dem innern offenen Fenſter erſchien eine Geſtalt, die 86 in der That eher der vierten Claſſe des Thier⸗ reichs als dem Menſchengeſchlechte anzugehoͤren ſchien. Auf einem ſpinnenartig zuſammenge⸗ ſchrumpften Rumpf ſaß ein mit langen, fetti⸗ gen Haaren bedeckter Kopf, deſſen Augenhoͤhlen in eine Tiefe hineinblicken ließen, in der man kaum ein Auge gewahren konnte. Ein breiter, weit aufklaffender Mund ließ nur einen Zahn ſehen, aus dem man indeß fuͤglich ein leid⸗ liches Gebiß von zwoͤlf vollſtaͤndigen Zaͤhnen haͤtte arbeiten koͤnnen und der weit uͤber eine. Naſe hinausreichte, die tief zwiſchen zwei Kno⸗ chen eingedruͤckt lag. Eine lederartige Haut uͤberzog die ſcheußlichſte aller Larven, von Fleiſch 1 war keine Spur vorhanden. Sie lachte, wenn man anders das ſchlan⸗ genartige Kreiſchen dieſer Furie ein Lachen nennen konnte, als ſie die beiden Angekom⸗ menen erblickte. „Kommſt Du auch wieder, mein Junge,“ rief ſie, zu Gianettino gewandt.„Ich glaubte wahrhaftig, Du haͤtteſt mit den Sbirren auf —,——— —— —— — ——— 87 Du und Du getrunken, mein Milchbart. Ach da faͤllt mir ein, was macht denn die ſchoͤne Graͤfin in Piſa... iſt der Sicilianiſche Ge⸗ ſandte noch da?“ „Bei allen Teufeln! was ſprichſt Du, Weib? Haſt Du Kunde von der Geſchichte?“ rief erblaſſend Gianettino. 1 „Nur nicht ſo wild, mein Junge,“ ver⸗ ſetzte die Alte mit einer ſeynſollenden Gutmuͤ⸗ thigkeit, die wie eine Satyre auf die Naͤch⸗ ſtenliebe ausſah;„kommt herunter zu mir, ſetzte ſie noch hinzu, es moͤchte Eurem guten Rufe ſchaden, wenn Euch Jemand hier ſaͤhe.“ Gianettino folgte dem Geheiß willig und nur Maeſto bequemte ſich ſchwer dazu. Die Alte bot all' ihre Ueberredungskunſt auf, ehe es ihr gelang, den Alten in die Hoͤhle zu ſpe⸗ diren.— Sie ſtiegen ungefaͤhr zwanzig Stufen hinab, deren jede einzeln dazu gemacht zu ſeyn ſchien, den Hals in Todesgefahr zu ſetzen, und gelangten endlich in eine ziemlich geraͤumige Halle, an deren Ende das Kaminfeuer brannte. 88 Ein großer Topf befand ſich auf demſelben und Martha ſprang ſofort hinzu, um den auftre⸗ tenden Schaum einer Fluͤſſigkeit zu daͤmpfen, die den widerlichſten Geruch verbreitete. „Nun, zieh einen Schuh aus, mein Sohn; ich weiß was Du willſt,“ begann ſie dann zu Gignettino;„zieh' aus, zieh aus.... es iſt nothwendig, ſag' ich Dir, mein Junge.“ — Gianettino befolgte es; er entbloͤßte ein Paar Fuͤße, deren muskuloͤſer Bau den Mann von Staͤrke und Kraft verrieth. Das Weib ergriff den Dolch, der in ſeinem Gürtel verbor⸗ gen ſteckte, ſchnitt dann behutſam drei Haare in der Gegend des Knie's ab, ritzte leicht die Haut und fing in einem kleinen Loͤffel einige Tropfen herabtraͤufelnden Blutes auf. Sie murmelte dabei ein Gemiſch der ſeltſamſten Worte und machte die wunderlichſten Zeichen und Geberden. Als ſie dieſe Operation voll⸗ endet hatte, ſchritt ſie mit gemeſſenem und feierlichem Schritte nach dem Feuer, warf Haare und Blut in das Gefaͤß und alsbald — 89 ſchlugen die Flammen hoch uͤber demſelben zu⸗ ſammen und ein donneraͤhnliches Getoͤſe er⸗ ſchuͤtterte die Grundfeſten des Gewoͤlbes. „Gut ſo,“ ſagte ſie endlich, nachdem ſie lange Zeit in das Feuer geblickt;„gut ſo; nun, wie heißt ſie, die ſchoͤne Grafentochter voen Piſa, mein Junge; Gaetana... hab' ich Recht?“ Gianettino bejahte; Martha ergriff e ein 4 Flaͤſchchen von dunkelfarbigem Glaſe, goß einen Theil der noch brauſenden Fluͤſſigkeit in daſ⸗ ſelbe und uͤberreichte es ihm.— Bei Mon⸗ denſchein, Nachts um die zwoͤlfte Stunde, ſagte ſie noch und ſtreckte gierig die welke Kno⸗ chenhand aus, um das große Goldſtuͤck zu empfangen, das Gianettino aus der Boͤrſe ge⸗ zogen hatte. Er gab es ihr, als aber Maeſto ein Gleiches thun und der Alten ebenfalls eine Kleinigkeit verabreichen wollte, da ſchuͤttelte ſie grinzend das Haupt.„Für die Sbirren gut, damit ſie Dir die Knochen leichter knebeln, alter Nabe!“ 90 Als die Beiden wieder im goldenen Leo⸗ 4 parden angelangt waren, fanden ſie die Ge⸗ noſſen noch am Tiſche ſitzend. Bartholo hatte 3 Uhr und Doſe des Vicomte in der Hand. Maeſto lachte.„Und der Franzoſe?“ fragte er, indem er die Brillanten in der Sonne ſpie⸗ len ließ.- „Leiſtet den Fiſchen im Golf heut Nacht Geſellſchaft;“ lautete die Antwort. Drittes Capitel. Der neue Diener. Acht Tage ſpaͤter ſtand Bartholo in der ge⸗ raͤumigen Vorhalle des Caſietti'ſchen Palaſtes, neugierig beaͤugelt von den goldbetreßten Die⸗ nern des Grafen, denen er ſich als ein dienſt⸗ loſer Reitknecht entdeckt und zugleich die Bitte an ſie gerichtet hatte, bei ihrem Gebieter ſein Geſuch um eine Anſtellung vorzutragen. Er hatte ſchon zwei lange Stunden gewartet und noch immer ſchien man ihn nicht zu beachten. Wahrſcheinlich haͤtte er noch laͤnger harren muͤſſen, wenn ſich nicht ein alter Kammerdie⸗ naer ſeiner erbarmt und ihn darauf aufmerkſam gemacht haͤtte, daß der Graf um dieſe Stunde 92 gewoͤhnlich im Garten ſpazieren zu gehen pflege und da auch am eheſten geneigt ſey, derartige Geſuche anzuhoͤren. Bartholo befolgte den Rath und war ſehr gluͤcklich. Der alte Ca⸗ ſietti, der in der letzten Zeit ſelbſt gegen ſeine naͤchſten Umgebungen mißtrauiſch geworden war, hatte mehrere ſeiner treueſten Diener und namentlich einen gewiſſen Romerio, der mit Gaetana aufgewachſen war, entlaſſen; es war ihm daher gewiſſermaßen erwuͤnſcht, Bartholo, fuͤr den deſſen Geſtalt ſehr empfehlend vor⸗ ſprach, in Dienſte nehmen zu koͤnnen. Er er⸗ fuhr auf Befragen, daß Bartholo fruͤher im Dienſte eines Deutſchen geweſen ſey, mit dem er die weiteſten Reiſen unternommen hatte, dann aber einem Venetianer gedient habe, deſ⸗ ſen Finanzen durch ungluͤckliche Conjuncturen zerruͤttet waͤren und der ſomit jetzt außer Stand geſetzt ſey, noch laͤnger irgend eine Bedienung zu bezahlen. Bartholo hatte zwar keine Zeuge* niſſe oder ſonſtigen Documente, welche die Wahrheit ſeiner Angaben unterſtuͤtzen konnten, — ·—— 93 auch war ſeine Kleidung nicht von der Art, um irgend ein gutes Zutrauen zu erwecken, doch es genuͤgte ja dem Grafen, einen Menſchen in ſeinen Dienſten zu haben, der mit den uͤbrigen Dienern der Piſaner vornehmen Welt in kei⸗ nerlei Beziehung ſtand, ja der, wie er vorgab, noch nie in Piſa geweſen war und deshalb auch keinen Menſchen hier kennen konnte. Roch denſelben Tag erhielt der Neuan⸗ gekommene die prunkende Livrée des graͤflich Caſiettiſchen Hauſes und ſchon am andern Morgen wurde er in ſeinen Functionen als Kammerdiener bei Signora Gaetana einge⸗ wieſen. 3 Sein Zweck war erreicht; noch denſelben Tag benachrichtigte er die Genoſſen in Vene⸗ dig und namentlich Gianettino von dem treff⸗ lichen Gelingen des Planes und verſprach, ſeine Auftraͤge mit all' der dazu noͤthigen Liſt und Schlauheit auszufuͤhren. Im Hauſe des alten Grafen war e wi d der ſo ruhig, wie vorher. Der ſfeilianiſche 1 94 Geſandte war nach beendigter Cur abgereiſ't, hatte jedoch verſprochen, in der Kuͤrze wieder⸗ zukehren, da ihm uͤberdies in ſeinen Bewer⸗ bungen um Gaetana der ſichtbarſte Vorſchub von Seiten des Grafen geleiſtet worden war. Caſietti, voll Ehrgeiz, ſah im Geiſt ſchon die Fuͤrſtenkrone auf dem Haupt der Tochter und das Heer der Bewerber war zu keiner Zeit weniger freundlich von ihm aufgenommen wor⸗ den als jetzt. Nur Gaetana dachte nicht im Mindeſten an eine Verbindung mit dem Geſandten. Sie lebte ſtill und eingezogen, nahm hoͤchſtens die Beſuche des Signor Zezi an, und auch dies nur aus kindlichem Gehorſam gegen den Va⸗ ter, der in Zezi ſeinen theuerſten Freund ver⸗ ehrte. Romerio's Verluſt hatte ſie ſchmerzlich betroffen. Sie hatte den jederzeit dienſtwilli⸗ gen Juͤngling mehr als einen Diener beachtet, da er an ihrer Seite emporgewachſen war. ls Kinder waren Beide ſo manchen ſchoͤnen Fräblingstag in den Hafen hinausgegangen, ——,——ꝭ—L—LQCQCO—O——Q—ęOęOCL— ——,— ——— —.ꝛ-—-—————— 95 hatten ſcherzend getaͤndelt und Gaetana war durch Romerio ein kuͤhnes Maͤdchen geworden, die gar gewandt die Gondel zu lenken ver⸗ mochte und oft in traulicher Abendſtunde den kleinen Canal durchſchiffte, der wie ein Silber⸗ faden die Caſietti'ſchen Beſitzungen umſchloß. Damals war Romerio noch ein lebensluſtiger, froher Knabe geweſen, der nur die Kindheit und ihre lockenden Traͤume kannte, aber als er uͤber die verhaͤngnißvolle Sechzehn hinaus war, da wollten ihm die Blumen und Schmet⸗ terlinge, der Hafen und die bewimpelten Gon⸗ deln nicht mehr gefallen, denn Gaetana ſpielte nicht mehr mit ihm, Gaetana freute ſich nicht mehr mit ihm, ſie laͤchelte nicht mehr an ſeiner Seite, wenn er am Hafen ſtand. Das taͤn⸗ delnde Kind war zur bluͤhenden Jungfrau em⸗ por gewachſen; die vornehmſten Juͤnglinge Piſa's brachten ihr ſchon Huldigungen dar, dem armen Romerio aber ward der Befehl gegeben, die Jugendfreundin, die er wie eine Schweſter geliebt hatte, kuͤnftig nur Signora zu nennen. Das war zu viel fuͤr den treuen Jugendgeſpielen. Er wurde duͤſter und ver⸗ ſchloſſen, die goldene Livrée, die man ihm ge⸗ geben hatte, druͤckte ihn wie Blei. Dabei war er ungewandt und es vertrug ſich nicht mit ſeinem geraden Sinne, den Speichellecker Caſietti's zu machen, wie es die Mehrzahl der uͤbrigen Diener that. So lange der Graf noch ruhig und ohne Sorgen lebte, uͤberſah man dies dem armen Romerio, als aber die Bege⸗ benheiten eintraten, die wir ſchon kennen, da erwachte allmaͤhlich das Mißtrauen gegen den Redlichen in des Grafen Bruſt und Romerio ward, wie ſchon erwaͤhnt, entlaſſen. Er ver⸗ ließ den Palaſt ſehr arm, da er nie eigen⸗ nuͤtzig, am allerwenigſten aber unredlich gegen ſeine Gebieterin geweſen war, und verſchwand, ohne daß Jemand wußte, wo er hingelom⸗ men war. Bartholo, der neue Diener, verſtand es hingegen trefflich, gar bald des Grafen Gunſt zu erſchmeicheln, nur wenige Tage reichten hin, 5 —— 97 ſich zum Liebling des Grafen emporzuſchwin⸗ gen. Dabei traf ihn keineswegs der Reid der Mitdienerſchaft, da er ſehr freigebig war, auch von den Vortheilen, die ihm ſeine Stellung brachte, nur wenig Nutzen zog und den groͤß⸗ ten Theil in die Haͤnde ſeiner Cameraden fließen ließ. Auch Signora Gaetana ſchien zufrieden mit der neuen Bedienung, denn Bartholo ſchien den leiſeſten Wink zu verſtehen, ihr Blick galt ihm Befehl, er las ihre Wuͤnſche in ihren Augen. Eines Abends kehrte ſie erſt ſpaͤt heim. Sie war in Begleitung ihres Vaters auf einer nah gelegenen Beſitzung des Signor Zezi gewe⸗ ſen und warf ſich ermattet auf die Ottomanne, dem harrenden Bartholo den Befehl ertheilend, ihr noch ein Glas Limonade zu bereiten. Die⸗ ſer brachte das Verlangte. Sie leerte in ſchnel⸗ len Zuͤgen das Glas und bemerkte nach dem Genuſſe nur, daß dem Getraͤnk die gehoͤrige Suͤßigkeit gemangelt habe und die aromatiſchen * 98 Theile zu ſehr den Vorſchmack behauptet haͤtten. Bartholo verſprach dies kuͤnftig zu beachten und entfernte ſich, Gaetana allein laſſend. Nach fuͤnf Minuten ſchon ſchellte ſie wie⸗ der und wiederholt. Ein anderer Diener eilte herzu und fand ſie in groͤßter Fieberhitze, in Schweiß gebadet, wie eine Wahnſinnige ſich gebehrdend. Man rief den Grafen herbei. Dieſer kam und ſandte ſofort nach einem Arzt, denn ihm ſchien der Zuſtand der Tochter hoͤchſt gefaͤhrlich. Der bald erſchienene Arzt, einer jener Charlatane, an denen Italien leider ſo unendlich reich iſt, erklaͤrte indeß das Uebel fuͤr einen leicht voruͤbergehenden Fieberſchwindel. Bei naͤherer Unterſuchung der wenigen Tropfen Limonade aber, die man noch in dem Glaſe vorfand, ſchuͤttelte er bedenklich das Haupt und erklärte endlich dem bis zum Tod erſchrockenen Grafen, daß das Unwohlſeyn der Signora von einer leichten Vergiftung herruͤhre, die in⸗ deß, da nur Schierling den Grundſtoff der ver⸗ — —õ=— 99 derblichen Subſtanz bilde, bald gehoben wer⸗ den koͤnne. Bartholo war von dieſem Augenblicke an verſchwunden. Da er auch in der Folge nicht wiederkehrte, ſo forderte der Graf die Piſaner Belhoͤrden auf, wegen deſſen Pabhaſtwerdung das Noͤthige zu verfuͤgen. 5* 7* Viertes Capitel. Der Gondolier. Der Marquis von Dolco war mehrere Mo⸗ nate auf Reiſen geweſen. Man ſprach in der Steadt von einer bedeutenden Erbſchaft, die er im Kirchenſtaate in Empfang zu nehmen habe und die er nach ſeiner Ruͤckkehr dazu anwenden woolle, die Villa Breceſcha, eine der herrlich⸗ ſten Beſitzungen und dicht am Meere gelegen, anzukaufen. Der weniger zur Robleſſe gehoͤ⸗ rende Theil der Piſaner Einwohnerſchaft glaubte dies unbedingt, wie denn uͤberhaupt den Maͤhr⸗ chen von bedeutenden Erbſchaften, Schatzhebun⸗ gen u. dgl. von der untern Klaſſe eher ein geneigtes Gehoͤr geſchenkt wird, als von der ———— * 101 vornehmern, die bei ſolchen Gelegenheiten nur mitleidig laͤchelnd die Schultern zuckt. So auch hier; die vornehme Welt Piſa's lachte zu der ausgeſchmuͤckten Erzaͤhlung. Um ſo mehr er⸗ regte es dagegen aber Erſtaunen, als ploͤtzlich der Inſtructionsrichter von Piſa, unter deſſen Adminiſtration die Villa bisher geſtanden hatte, deren Verkauf an den Marquis von Dolco df⸗ fentlich verkuͤndete, waͤhrend er, wie man ver⸗ ſicherte, ſich gegen verſchiedene hochgeſtellte Perſonen geaͤußert hatte, der Marquis habe die volle Kaufſumme auf einem Bret bezahlt. Dieſer Umſtand erregte die hoͤchſte Verwunde⸗ rung. Man ſah den Marquis einige Tage ſpaͤter in den glaͤnzendſten Caroſſen fahren, ſah, wie ſich ſeine Dienerſchaft um das Doppelte vermehrt hatte und erfuhr gar bald, daß Dolco ungeheuere Summen zur glaͤnzendſten Ausruͤ⸗ ſtung ſeines Haushalts ausgegeben hatte. In⸗ deß vermied er, wie fruͤher, es noch immer ſorgfaͤltig, Geſellſchaften bei ſich zu verſammeln, ſein einziger Begleiter war aber fortwaͤhrend 102 ein junger Mann, den er mitgebracht hatte, unnd von deſſen Namen, Charakter und fruͤhern Lebensverhaͤltniſſen man auch nicht das Geringſte erfuhr. Um dieſe Zeit war es, als in einer ſtillen, aber ſtockfinſtern Nacht die Gondoliere des Kanals eine tief verhuͤllte Frauensgeſtalt an dem Ufer deſſelben mehrmals auf⸗ und abgehen ſahen. Die Gondoliere ſind aberglaͤubiſch, wie alle Genoſſen ihres Handwerks und glaubten anfaͤnglich Niemand anders zu ſehen, als die beruͤchtigte weiße Waſſerfrau, die der Sage nach den Fiſchern die Netze zerſchnitt, nach ihrer Laune ſchlecht Wetter und Sturm, Sonnen⸗ ſchein und Meeresſtille hervorzauberte, deshalb aber als ein hoͤheres Weſen beinahe verehrt wurde. Daher fielen, als die Geſtalt ſich end⸗ lich den Kaͤhnen nahte und ſogar in einen der⸗ ſelben den Fuß ſetzen zu wollen ſchien, die Aber⸗ glaͤubiſchen auf die Knie, ſchlugen andaͤchtig das Kreuß und baten um Gnade und Scho⸗ nung. Nur einer der Schiffer, ein alter und 103 vielleicht eben deshalb etwas kluͤgerer Mann, erſah, daß die Geſtalt keineswegs eine Waſ⸗ ſernixe, ſondern vielmehr ein recht huͤbſches Maͤdchen ſey. Sie gab dies auch bald zu er⸗ kennen, indem ſie mit ſanfter, aber zitternder Stimme fragte, ob man ſie nicht noch nach der Villa Breceſcha fahren koͤnne.„Ich zahle ein gutes Schiffgeld,“ ſetzte ſie noch hinzu, und bethaͤtigte dieſes Verſprechen auch ſofort durch zwei glaͤnzende Zechinen, die ſie in die Hand des Alten druͤckte und die eine ganz ent⸗ gegengeſetzte Wirkung aͤußerten, als die war, die ſie durch ihre Erſcheinung zuerſt bei den Fiſchern hervorgebracht hatte. Wohl zwanzig Haͤnde waren jetzt beſchaͤftigt, die Reihe von Kaͤhnen zu entfeſſeln, die laͤngs des Kanals angebunden waren, denn Jeder war nun bereit, die Freigebige zu fahren. Indeß konnte nur⸗ Einer das Gluͤck haben und dies war unſtrei⸗ tig der Alte, einmal, weil er der Erſte gewe⸗ ſen war, der ſich ein Herz gefaßt und mit der Jungfrau geredet hatte, das anderemal, weil dieſe nun ſelbſt erklaͤrte, mit Niemand fahren zu wollen, als gerade mit ihm. Die Genoſſen ſchwiegen verdrießlich, der Alte aber ſtach mit kraͤftigem Arme vom Ufer. Er verſuchte es nun zu verſchiedenen Malen ein Geſpraͤch anzu⸗ knuͤpfen, fragte Dies und fragte Jenes, aber es wurde ihm in der Regel keine, oder nur eine ſeine Neugier ſehr ungenuͤgend befriedigende Antwort, ſo daß er zuletzt ſelbſt ſchwieg und ſich fuͤr ſeine unbefriedigte Neugier mit den zwei Zechinen troͤſtete, die ihm fuͤr dieſe, wie ihm deuchte, ſehr unintereſſante Fahrt geworden waren. Bald waren ſie an der Villa. „Wartet hier, guter Mann,“ ſagte ſie, „nur eine Viertelſtunde und ich bin wieder bei Euch.“ Sdie klopfte an den feſt verſchloſſenen Ein⸗ gang; ein widriges Gebell der Hunde warf das Echo von Mauer zu Mauer und es dauerte lange, ehe ein Diener die Pforte oͤffnete. 8 Fünftes Capitel. Der Entſchluß. Der Marquis war eben im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben, als man ihm die Nachricht von dem Ankommen eines ſo ſeltſamen Gaſtes hinterbrachte. Argwoͤhniſch, wie er immer war, griff er nach dem Dolch, den er ſtets bei ſich trug, und den er auch erſt bei ſeiner Entkleidung von ſich gelegt hatte, und erwar⸗ tete faſt furchtſam die Ankunft des Gaſtes. Die Jungfrau trat ein, der Marquis winkte den Dienern ſich zu entfernen und ſie zog den Schleier zuruͤck. „Signora Gaetana!“ rief der Marquis ſtaunend, indem er in das errdͤthende Antlitz 106 blickte.„Ihr kommt um dieſe Stunde zu mir! Was ſoll das bedeuten?“ „Verzeiht,“ lispelte das Maͤdchen und eine Thraͤne rann von der Seidenwimper des Auges, „nur eine Frage: wo iſt Gianettino?“ „Gianettino? In Rom.“ .„In Rom? Marquis, Ihr luͤgt, Ihr tauſcht ein armes ungluͤckliches Frauenzimmer. 4 „Nun denn—— in Venedig,“ ſagte er endlich ernſt und faſt mitleidig, wenn man das Aufglimmen eines Funkens von Menſchlichkeit in dem Buſen eines Boͤſewichts ſchon Mitleid nennen will.„In Venedig, auf mein Ehren⸗ wort, Signora! Habt Ihr Briefe an Herrn von Torquante.“ „Nein,“ verſetzte ſie verlegen. Sie ſank ermattet auf einen nahen Stuhl und huͤllte ihr Antlitz in den Schleier, um den Thraͤnenſtrom zu verbergen, den ein tiefer Schmerz der Seele ihren Augen entfließen ließ. Marquis von Dolco war abgeſtumpft fuͤr alles Edle, alles Erhabene; er wußte nichts 107 von dem Schmerz, der ein fuͤhlendes Herz be⸗ wegen kann, doch war er ſchlau genug, in dieſem Augenblick ein Mitgefuͤhl zu erheucheln, das, ſo ſchlecht es auch ſeinem Aeußern an⸗ ſtand, doch die unerfahrene Gaetana zu bethoͤ⸗ ren vermochte. „O, entdeckt mir, was Ihr wollt, Sig⸗ nora,“ begann er im gleißneriſchen Tone;„die Welt verachtet zwar den Marquis von Dolco, ſie ſpricht nur Uebles von ihm und erfindet immer Neues, um doch Jemand und etwas zu haben, woran ſie ſich in ſchadenfroher Ge⸗ haͤſſigkeit reiben kann. Ich weiß, daß auch Ihr mich haßt, Gaetana; Gianettino hat mir oft Euren Widerwillen gegen mich geklagt. Aber Ihr beurtheilt mich falſch, doch verzeihe ich Euch das, denn ich liebe Euch, wie ein Vater ſeine Tochter; ja, beim allmaͤchtigen Schoͤpfer, wie Euch Caſietti liebt. Ich liebe Euch um Gianettino's willen. Es iſt ein braver Juͤngling, der Torquante, aber ſein Leichtſinn hat ihn geſtuͤrzt. Ich habe als ein Vater an 108 ihm gehandelt, habe ihm tauſendmal das Strafbare ſeines Wandels, das Schaͤndliche des Pfades geſchildert, auf dem er wandelt, aber er befolgt nicht meinen Rath, hoͤrt nicht auf meine Ermahnungen. Nur Eine kann ihn retten und dieſe Eine ſeyd Ihr, ſchoͤne Graͤfin Caſietti.“ „Ich?“ antwortete ſie ſchnell;„o ſagt mir, Marquis, wie, und ich verſichere Euch meiner Achtung, ja meiner Liebe! Sagt es mir!“ Sie ſank zu ſeinen Füßen, umklammerte in wilder Leidenſchaft die Kniee des Boͤſewichts und die Thraͤnen der Unſchuldigen rannen auf den Fuß des Ungeheuers. „Steht auf, ich bitt' Euch, ſteht auf!“ bat er und hob ſie ſanft empor.„Ihr ſollt es erfahren.“ Er begann von Neuem: „Liebt Ihr Gianettino noch?“ Sie ſchwieg. „Liebt Ihr Gianettino noch?“ fragte er zum zweiten Male. Sie aber rang die Haͤnde .- 109 und ſchaute duͤſter in das hell flackernde Licht, das vor dem Marquis ſtand. „Ja, ich liebe ihn,“ ſagte ſie endlich ſchnell; „ich liebe ihn noch ſo innig, ſo feurig, ſo ganz, wie ich ihn liebte, als er mir noch als ein Unſchuldiger, ein Untadelhafter galt und als ſolcher in dem Hauſe meines Vaters verkehrte.“ „Nun gut,“ ſagte der Marquis kalt,„ſo iſt er zu retten. Eure Liebe kann ihn retten, aber Eurer Liebe muß auch kein Opfer zu ſchwer werden, um dies Ziel zu erreichen. Ihr muͤßt nach Venedig zu Gianettino.“ „Zu ihm,“ fragte ſie entſetzt,„iſt er noch Bandit?“ „Leider!“ heuchelte der Marquis und ſtrich mit dem Taſchentuche uͤber die grauen Augen. „Nun und nimmermehr!“ rief ſie ploͤtzlich aufſtehend,„ich gehe nicht nach Venedig.“ „So bleibt Gianettino Bandit und mordet bis die Inquiſition die Rechnung mit ihm ab⸗ ſchließt;“ ſagte laͤchelnd der Marquis und oͤff⸗ nete den Fenſterladen. Die erſte Daͤmmerung 110 des Tages leuchtete durch das Fenſter.„Gute Nacht, Signora Gaetana,“ ſetzte er hinzu und ergriff die Handglocke, um dem Diener zu ſchellen. Sie aber ergriff ſeine Hand und hielt ſie haſtig zuruͤck. „Noch ein Wort!“ ſagte ſie. „Aber ſchnell. Ihr muͤßt fort, Signora, der Tag graut.“ „Was treibt Gianettino in Venedig? Geht er allein auf ſein fͤrchterliches Handwerk aus oder. „Oder hat er Gehüͤlfen? wollt Ihr fragen, Graͤfin;“ unterbrach ſie der Marquis.„Er hat Gehuͤlfen, wahrlich, ſaubere Geſellſchaft, in der er ſich befindet.“ Sie ſchwieg wieder eine lange Pauſe, V waͤhrend der ſie mit ſich ſelbſt zu kaͤmpfen ſchien. Dann aber rief ſie mit einem Male feſt entſchloſſen: 3 „Wann kann ich zu ihm?“ „Zu jeder Stunde,“ lautete die triumphi⸗ rende Antwort.„Noch heute, wenn Ihr wollt.“ 111 „Nein, heute nicht, aber morgen. Morgen um dieſe Stunde komme ich wieder zu Euch, Marquis. Koͤnnt Ihr mich dann, ohne daß in Piſa ein Menſch etwas erfaͤhrt, nach Ve⸗ nedig ſchaffen?“ „Rechnet auf mich!“ antwortete er faſt ſtolz und oͤffnete die Thuͤr, um die Signora hinaus zu begleiten. Das Morgenroth vergoldete ſchon die Kup⸗ pel des Caſiettiſchen Palaſtes, als Gaetana leiſe durch die Hinterthuͤr des Parkes ſchlich. Sechſtes Eapitel. Der neue Genoſſe. Beim Leopardenwirth in Venedig ging es heute wieder ſehr bunt her. Die Bande hatte * einen neuen Genoſſen angeworben, der nach uͤblicher Sitte von den neuen Cameraden be⸗ wirthet wurde, bevor er ſeine Probe, die in nichts weniger beſtand, als in der naͤchſten Nacht drei Sbirren auf die ſchnellſte Weiſe in die andere Welt zu befoͤrdern, ablegen ſollte. Maeſto hielt eine große, von den ungeſchicke teſten Spaͤßen durchflochtene Standrede an den 4 MReuling, machte ihn mit ſeinen Obliegenheiten V bekannt und veranlaßte ihn endlich dem Ban⸗ ditenhaͤuptling Gianettino den fuͤrchterlichſten 113 Eid abzulegen. Der Reugeworbene aber war —— Romerio. Ohne zu wiſſen wie, war er nach Venedig gekommen, hatte bald Gelegenheit gehabt, Mae⸗ ſto's Bekanntſchaft zu machen und deſſen Vor⸗ ſchlaͤge zu hoͤren, ohne daß er anfaͤnglich geneigt ſchien darauf einzugehen. Als er aber einige Tage in Venedig umhergeſchlichen war, ohne daß ein Menſch ſeine Bitten erhoͤrt und ihm ein Obdach gewaͤhrt hatte, da wurde aus dem ſonſt ſo friedlichen Juͤngling ein Feind der menſchlichen Geſellſchaft, in der er nur die Vernichter alles ſeines Lebensgluͤckes erblickte. Die Menſchen hatten ihn ausgeſtoßen, er wollte ſich raͤhhen und ward Bandit. Von dem Extrem der Leidenſchaft bis zum Verbrechen iſt es nur ein Schritt, nur ein kleiner Schritt. Bartholo's Briefe von Piſa hatten in der letzten Zeit immer befriedigender gelautet und Gianettino ſchon laͤngſt daran gedacht, einen Ausflug nach Piſa zu unternehmen und daſelbſt einige Tage verborgen in der Behauſung des . 8 1 114 Marquis von Dolco zu verweilen. Er war uͤberhaupt nicht abgeneigt, ſeinen Wohnſitz ſpaͤter in der Naͤhe von Piſa aufzuſchlagen und hatte deshalb den groͤßten Theil ſeines durch Raub erworbenen Eigenthums dem Marquis uͤbergeben, um eine paſſende Beſitzung anzu⸗ kaufen. Er hatte auch dieſen Plan bereits den Vertrauteſten ſeiner Genoſſen und namentlich Miaaeſto mitgetheilt; am naͤchſten Morgen roll⸗ ten Beide nach Piſa. Man trank in der Runde gar viele Ge⸗ ſundheiten und der verſchmitzte Leopardenwirth wußte die vollen Taſchen der Banditen recht gut in Contribution zu ſetzen. Immer neu wurden die Glaͤſer gefuͤllt, und wenn auch Mutter Erde von dem koͤſtlichen Tranke in der Regel immer mehr zu trinken bekam, als die durſtigen Gurgeln der Banditen, bezahlt mußte doch werden. Da ſchellte ploͤtzlich die große Glocke am Eingange des Leoparden wie⸗ der. Meiſter Antonio ging und brachte— 115 Bartholo.— Ein lauter Freudenruf begruͤßte ihn.— „Bringſt Du gute Botſchaft?“ rief Gia⸗ nettino, ihm entgegenſtuͤrzend. „Meine Sendung iſt vollbracht, ich habe mich meines Auftrages entledigt,“ antwortete er ſtolz.„Hier dieſen Brief vom Marquis von Dolco.“ Torquante empfing ein Schreiben und er⸗ brach es ſchnell. Dolco ſchrieb: „* „Freund!“ „Wir haben gewonnen. In der verwiche⸗ „nen Nacht war Gaetana von Caſietti bei mir n„und geſtand, daß ſie Dich noch liebe und ndaß ſie zu Allem bereit ſey. In der naͤchſten „Mitternacht gedenkt ſie heimlich das vaͤterliche „Haus zu verlaſſen, um ſich mir ganz zu uͤber⸗ „geben. In zwei Tagen haſt Du Deine ſchoͤne „ Graͤfin. 1 Dein Giovanni v. Dolco.“ 8*x&—. Faſt uͤbermannte Gianettino die Freude, als er dieſe Zeilen geleſen hatte. In zwei Tagen ſchon ſollte er die an ſein Herz druͤcken, die er ſo innig liebte. Aber, ach, was konnte er ihr bieten, ihr, der weichlich im Schoße des Reich⸗ thums erzogenen Jungfrau? Er war ja nur ein Ausgeſtoßener, ein von der Menſchheit Geaͤchteter, den uͤber lang oder kurz der Arm der Gerechtigkeit ereilen mußte!— ——— —,— Drittes Zuch. Die Banditenbraut. Etienne. Wer war der Mann? O ſagt es mir, Roſalie. Roſalie Gögernd). Nun, wenn Ihr wollt, es war der Maſtre des hautes oeuvres. (Molioͤre.) ————— 1 6 ———— Erſtes Capitel. Gaetana. —ê-·—ʒ·— V Ein 3 Jahr war war im ſchnellen Strome der Zeit⸗dahin geſchwunden, aber ſo Manches hatte es anders geſtaltet, ſo Manches einer Veraͤnderung unterworfen, Hunderte gluͤcklich und Tauſende ungluͤcklich gemacht. Unter den Letztern war auch die ſchoͤne jugendliche Graͤfin von Caſietti, jetzt Concubine Gianettino's, des gefuͤrchteten Banditen von Venedig! In einem Hinterhauſe des goldenen Leopar⸗ den befand ſich ein duͤſteres, ſchauerlich gele⸗ genes Gemach, deſſen kleine und ſtark vergit⸗ terte Fenſter von uͤppig wucherndem Epheu ſo dicht umrankt waren,„ daß nur ſpaͤrlich ein m. e fee—— 120 Sonnenſtrahl hindurch dringen konnte.— Hier ſaß— es war gerade wieder Faſchingszeit und Venedig uͤberließ ſich dem tollſten Jubel— eines Abends Gaetana, in ihrem Schooße einen Saͤugling wiegend, deſſen kraͤftiger Koͤrperbau, noch mehr aber die wohlbekannten Zuͤge, den uns bekannten Vater auf den erſten Augen⸗ blick verriethen. Gaetana war zwar noch im⸗ mer ſchoͤn, aber die roſigen Wangen waren erbleicht, der Glanz der Augen war erloſchen und der ſchwellende Buſen zeigte nicht mehr die blendende Friſche, kurz, die Reize waren verſchwunden, welche einſt Piſa bezauberten und Fuͤrſten zu den Fuͤßen der Graͤfin ſchmach⸗ ten ließen. Noch lag die ſtrahlende Majeſtaͤt in ihrem Blicke, die einſt von Jedem Huldigung und Unterwerfung forderte, noch war der edle Zug nicht von der Stirn verſcheucht, der, ein Erbſtuͤck der Familie Caſietti, den Adel, den aͤchten wahren Adel mehr verkuͤndete als die ergrauten Diplome und beſtaubten Wappen⸗ buͤcher; aber in ſolcher Umgebung haͤtte man 121 wahrlich die arme Gaetana eher fuͤr eine Dop⸗ pelgaͤngerin der reichen Piſaner Graͤfin, als fuͤr Letzte ſelbſt halten koͤnnen. Nicht reicher Pur⸗ pur mehr, nicht goldgeſtickter Sammet wallte um die Schultern und Huͤften und der Buſen hob ſich nicht mehr in der verraͤtheriſchen Huͤlle der Venetianiſchen Spitzen. Wo waren die Diamanten, die Perlen, die einſt die ſeidenen Locken von Caſietti's einziger Tochter umſtrahl⸗ ten? Ja— und doch glaͤnzte noch eine Perle, wahrhaftig koſtbarer und theuerer, wenn auch nicht mit Gold erkauft, als die, welche im blendenden Diadem daheim bei dem trauern⸗ den Vater verſchloſſen ruhten. Es war die Zaͤhre, die ſich gewaltſam den Weg durch die Augenwimper bahnte, die Zaͤhre, hell leuch⸗ tend im dunkeln Gemach— ein trauriger Ver⸗ kuͤnder ihres Elends. O, was ſind die Dia⸗ manten und Perlen beider Indien gegen ont Thraͤne des Ungluͤcklichen! So ſaß die Arme und harrte, harete.— des Banditen Gianettino. Wohl zwanzigmal 12² ging ſie an die Thuͤre und lugte durch die Spalten— denn oͤffnen durfte ſie nicht, damit Niemand ihre Anweſenheit ahne, aber er kam noch immer nicht. Endlich polterte es wild voon draußen, ein droͤhnender Schritt wurde auf dem Gange hoͤrbar, die Thuͤre oͤffnete ſich und— er war es. Er war es, aber auch das war der Gianet⸗ tino von Piſa nicht mehr, jener ſchoͤne, jugend⸗ liche Mann, deſſen einnehmendes Weſen Gae⸗ tana ungluͤcklich gemacht hatte. Ein wildes, gebraͤuntes Geſicht, von dem jetzt jeder edele Ausdruck gewichen war, hatte die milden Zuͤge veerrdraͤngt, die einſt Gianettino von Torquante trug. Auch auf ſein Aeußeres ſchien er jetzt keine Aufmerkſamkeit mehr zu verwenden, denn jede Spur der Auszeichnung war von ſeiner Kleidung entfernt, die nur aus einem grob⸗ wollenen Zeuge beſtand, das nachlaͤſſig durch einen breiten Guͤrtel uͤber den Huͤften zuſam⸗ mengehalten wurde, der nur wenig Dolch und — 123 Piſtole, die Mordwerkzeuge des Bandittn, verbarg. Er ſprach kein Wort bei ſeinem Eintreten und wuͤrdigte die arme Gaetana kaum eines Blickes. „Was iſt Dir?“ fragte ſie ſanft nach einer langen Pauſe.„Iſt Dir Unangenehmes wider⸗ fahren, mein Gianettino?“ „Unangenehmes?!“ lachte er widrig... „was nennſt Du unangenehm, Weib? Wenn Dich ein Zahn ſchmerzt, wenn die Nadel Dir den Finger ritzte, dann winſelſt Du von un⸗ angenehm. Du kennſt nur das Unangenehme, aber das Schreckliche, das Entſetzliche, das — Teufliſche, das Niedertraͤchtige, bei der Hoͤlle! das kennſt Du noch nicht, Weib! Die Sbirren haben den Maeſto gefangen! Was ſagſt Du dazu, Gaetana, nennſt Du das auch unan⸗ genehm?“—. „Maeſto war ein ſchlechter Menſch, noch viel ſchlechter als der Marquis von Dolco,“ verſetzte ſie ruhig. 412 „Schlecht?“ lachte Gianettino...„wahr⸗ haftig, Du haſt Recht, Gaetana... ja, ja, er war ſchlecht, er war zu ſchlecht, ſag' ich, viel zu ſchlecht, weil er nicht in einem Athem⸗ zuge zehn Complimente hervorſeufzen konnte, weil er nicht tanzte wie ein Adonis, oder, wenn Du willſt, wie Fuͤrſt Caroli, der ſicilianiſche Geſandte, weil er nicht.. weil er nicht ein Weiberwurm war!“ Es lag viel Bitteres in dieſen Worten, ſie trafen Gaetana ſchmerzlich. Sie wagte es nicht zu antworten, heftigere Zornausbruͤche Gianettino's fuͤrchtend. Aber er ſelbſt ſchien zu fuͤhlen, daß er die Geliebte gekraͤnkt, tjef gekraͤnkt habe, denn er begann bald wieder im milden Tone zu ſprechen. 3 „ Sdre mich,“ ſagte er„ höͤre mich erſt und dann verſuche es, den Meſto zu verdam⸗ men. Du haſt immer etwas Bon meinen fruͤ⸗ hern Verhaͤltniſſen, von meiner Jugend, von meiner Herkunft wiſſen wollen. Ich bin heute abſonderlich aufgelegt, an die vergangenen Tage 125 zu denken und Du ſollſt viel, ſehr viel, ſicher mehr als Du zu ahnen vermochteſt, erfahren. Geh.. gieß Oel in die Ampel, lege den Jun⸗ gen auf die Matratze, er ſchlaͤft.... er wird gewiß ſuͤß traͤumen, wenn ſein Vater ſich den Traum der Jugend in's Gedaͤchtniß zu rufen ſucht.“ 3 Er ſtand auf, warf den Guͤrtel von ſich und verſchloß ſchweigend die Thuͤre. Gaetana kuͤßte den Kleinen, legte ihn ſanft nieder und ſorgte dann fuͤr die Ampel. 3* , V 1 3 n—. Zweites Capitel. Das war ich einſt. Gaanettino erzaͤhlte: „Meine Vaterſtadt iſt Mailand. Wenn man an der Dreikreuzkirche ſteht und das koſt⸗ bare, alabaſterne Portal bewundert, das den Haupteingang zu dem Gotteshaus bildet, fragt man wohl neugierig, wer der Schoͤpfer dieſes Kunſtwerkes ſey, aber man bekommt keine ge⸗ nuͤgende Antwort und man erfaͤhrt nur, daß der alte reiche, aber im Wahnſinn geſtorbene Torquante der Kirche das Monument geſchenkt, nicht aber, wer der Kuͤnſtler war, unter deſſen Meiſterhand es hervorging.“ „Es koͤnnen wohl dreißig Jahre her ſeyn, † 127 da begab es ſich eines Tages, daß ein armer Bildhauer, der gen Rom zu reiſen gedachte, an der Thuͤr des Palaſtes, der Torquante ge⸗ hoͤrte, um eine Gabe anſprach. Die Diener hinterbrachten dies ihrem Herrn und dieſer, ein Kenner und Liebhaber der Kunſt, wie Mailand noch keinen zaͤhlte, befahl, den Reiſenden vor ihn zu bringen. Es geſchah.“ „Der Fremde war ein junger Mann, der aus dem Norden Deutſchlands kam, um das 5 kaum geweckte Talent im Lande des klaſſiſchen Alterthums auszubilden. Er ſah blaß und lei⸗ dend aus, war duͤrftig, aber doch ſauber ge⸗ kleidet, ſprach nur wenig italieniſch, aber das Wenige rein und gut. Auf Befragen erklaͤrte er, daß er zwar Empfehlungen nach Rom, aber leider auch nichts weiter als dieſe erhalten habe und ihm ſonach durchaus keine Ausſichten zur Begruͤndung einer ſichern Exiſtenz in Rom offen ſtaͤnden. Der alte Torquante forderte ihn auf, ſich einige Zeit in Mailand aufzuhalten und veine Probe ſeines Kuͤnſtlertalentes zu fertigen. 128 Er verſprach ihm Wohnung und Unterhalt waͤh⸗ rend der Zeit ſeiner Beſchaͤftigung, und einen reichlichen Lohn, wenn ſein Werk vollendet und erwuͤnſcht ausgefallen ſey.“ „Der junge Bildhauer, dem nichts er⸗ wuͤnſchter kommen konnte, als dies Anerbieten, willigte gern ein und ſchon am naͤchſten Tage ward ihm ein Atelier in dem Palaſt eingerich⸗ tet. Er ſchritt ruͤſtig zur Arbeit und ſchuf mit kunſtfertiger Hand jenes Meiſterwerk, das heute die ſchoͤnſte Zierde der Dreikreuzkirche iſt. Aber er ſchuf noch ein Bild, aber nicht ein Bild von Marmor und Alabaſter, dhne Leben und Geiſt.“. 4 „Der alte Torquante hatte ſich eiſt in im 1 ſa⸗ ten Alter verheirathet, und ſo verheirathet, daß ganz Mailand uͤber die Narrheit des alten Thoren lachte. Giulietta war 17 Jahre alt, als ſie dem viermal aͤltern und dabei grund⸗ haͤßlichen Torquante die Hand am Altare reichte. Nur die Ausſicht auf eine ungeheuere Erbſchaft hatte ſie beſtimmen koͤnnen dieſen Schritt zu 129 wagen, denn Torquante zu lieben— wahrhaf⸗ tig, dies fiel ihr nicht im Schlafe ein. Wer haͤtte auch Torquante lieben ſollen?“ „Der Alte huͤtete indeß ſein huͤbſches Weib⸗ chen mit Argusaugen. Nie geſtattete er ihr, ohne ſein Beiſeyn auch nur einen Schritt aus dem Hauſe zu thun; die Arme ſaß tagelang in ihrem Gemach und weinte bei all' der Herr⸗ lichkeit, die um ſie ſtralte.— Da erſchien mit einemmale der junge, deutſche Kuͤnſtler und es ward lebendiger im Palaſte. Der Alte laͤ⸗ chelte arglos, wenn die jugendliche Gemahlin in dem Atelier des geſchaͤftigen Bildhauers ſaß und deſſen allmaͤhlig entſtehende Kunſtſchoͤpfung bewunderte; er freute ſich ſogar, daß er auf dieſe Weiſe Giulietten ein Vergnuͤgen bereiten konnte und ließ die Beiden oft Tage lang allein. Daß die Gemahlin des reichſten Man⸗ nes in Mailand ihr Auge auf einen armen, bettelnden Kuͤnſtler des Auslandes werfen koͤnn⸗ te, davon traͤumte ſein Adelſtolz nichts: ein ſolcher Fall ſchien ihm unmoͤglich.“ 1 130 „Das Kunſtwerk war fertig und der Deut⸗ ſche zog reich beſchenkt nach Rom. Er hatte dem Alten die alabaſterne Magdalene hinter⸗ laſſen und der Gemahlin ein Andenken, von dem fuͤr den Augenblick noch Niemand etwas wußte.“ „Neun Monate ſpaͤter gab der alte Tor⸗ quante ein glaͤnzendes Feſt——— man feierte meine Taufe.“ „Mein wirklicher Vater ſaß in Rom und meiſelte fuͤr den Papſt einen herrlichen Chri⸗ ſtus, der reiche Gemahl meiner Mutter aber druͤckte mich an ſein Herz und nannte mich ſein geliebtes Kind. Das wunderglaͤubige Mai⸗ land ſtaunte uͤber den ſeltenen Fall und nur der kluͤgere Theil ziſchelte ſich Arges in die Ohren.“ „Ich ward erzogen, wie man einen Fuͤr⸗ ſten erzieht. Mein erſtes Lallen galt ſchon unſerer Dienerſchaft als Befehl und Torquante haͤtte ſein halbes Vermoͤgen gegeben, wenn es fuͤr mich verlangt worden waͤre. Aus allen — 131 Gegenden Italiens wurden Lehrer verſchrieben, um mich in allen Wiſſenſchaften, in allen Kuͤnſten zu unterrichten; ich zeigte mich aͤußerſt gelehrig und war, ſechzehn Jahre alt, ſchon der Abgott der Mallaͤnder ſchoͤnen Welt. Da ſtarb meine Mutter!“ „Sie hatte in der letzten Zeit faſt unauf⸗ hoͤrlich gekraͤnkelt und die herbeigerufenen Aerzte waren einſtimmig der Meinung geweſen, daß irgend ein geheimer Kummer die tiefe Melan⸗ cholie, welche ſich der jungen Frau bemaͤchtigt hatte, hervorgerufen haben muͤſſe. Mein alter Vater war außer ſich. Er irrte wahnſinnig in den entlegenſten Theilen ſeiner Beſitzungen umher und war mehrere Tage fuͤr Niemand, ja ſelbſt fuͤr mich nicht, zu ſprechen.“ „Indeß linderte die Zeit dies Alles. Er wurde allmaͤhlig wieder ruhig und an die Stelle des wilden Schmerzes trat die ſanfte, weh⸗ muͤthige Trauer. Ein koſtbares Mauſoleum wurde auf der Stelle errichtet, wo man die Gebeine meiner Mutter dem Schoße der Erde 9* 3 132 uͤbergeben hatte. Sorgſam wurden hier alle die Gegenſtaͤnde verwahrt, die der Verbliche⸗ nen im Leben lieb und theuer geweſen waren. Unter andern ſollten auch die Briefſchaften der guten Frau hier verwahrt werden. Obgleich der alte Torquante in den Papieren nichts Neues zu finden glaubte, ſo geſchah es doch, daß er dieſelben, war es aus Anhaͤnglichkeit an die theure Verlaſſenſchaft, oder war es aus irgend einem andern Grunde, noch einmal durchſah. Ein dickes, dreifach verſiegeltes Paquet fiel ihm beſonders auf. Die Reugierde uͤberwand bald die ehrfurchtsvolle Scheu, er oͤffnete es, es war das Ergebniß eines Brief⸗ wechſels, den die Verſtorbene mit dem jungen deutſchen Bildhauer, dem Schoͤpfer der buͤßen⸗ den Magdalena uͤber der Thuͤre der Dreikreuz⸗ kirche, insgeheim unterhalten hatte——— „Erlaß mir, Gaetana, die Erzaͤhlung der weitern Ereigniſſe! Es wird genug fuͤr Dich ſeyn, wenn Du erfaͤhrſt, daß ich ſchon zwei Stunden ſpaͤter das Haus verlaſſen mußte, 133 wo man mich in Ueppigkeit und Ueberfluß er⸗ zogen hatte. Ich war nicht mehr der zaͤrtlich geliebte Sohn Torquante's, fuͤr den Baſtard aber hatte man kein Plaͤtzchen in dem ganzen weiten Raume des Palaſtes. Ein Diener uͤber⸗ gab mir eine kleine Summe Geldes, ungefaͤhr ſo viel, als mein vermeinter Vater bei guter Lanne einem Bettler zuwarf, und ich zog von dannen. Bald war ich in Rom und hatte den Wohnort meines wahren Vaters erkundet. Man wies mir ein kleines unſcheinbares Haus und ich trat hinein. In einer aͤrmlichen Stube ſaß ein alter Mann und ſchnitzte Heligenbilder aus Holz.—„Wohnt hier ein deutſcher Bild⸗ hauer?“ fragte ich.„Nein,“ lautete die Ant⸗ wort.„Hat nie ein ſolcher hier gewohnt?“ „Ich wuͤßte nicht,“ entgegnete der Alte noch⸗ mals,„doch warten Sie einen Augenblick,“ ſetzte er hinzu und klopfte heftig an eine Kam⸗ merthuͤre, aus der bald ein huͤbſches Maͤdchen trat.“— „ Nanni,“ fragte er dann wieder,„Nanni,“ 1 134 war der Bildhauer, der voriges Jahr bei uns ſtarb, ein Deutſcher?“. „Ja,“ liſpelte ſie. Ich war wie vom Donner geruͤhrt.“ „Hat er nichts hinterlaſſen?“ fragte ich mit ſteigender Angſt.“ 4„Nichts als einen Brief, den wir nach ſeinem Tode unter dem Haupte fanden. Er iſt zugeſiegelt und mit einer Adreſſe verſehen; doch da er vor ſeinem Tode nichts uͤber deſſen Beſtimmung geaͤußert hat, ſo iſt die Abſendung unterblieben und er befindet ſich noch unerbro⸗ chen in meinen Haͤnden.“. „Sie gingnach einem Schranke und nahm ein Paquet aus demſelben, in welchem ſich unter Anderm auch der bewußte Brief befand. Sie uͤbergab ihn mir; ich las die Adreſſe: „An Frau von Torquante in Mai⸗ land.“—„Allmaͤchtiger Gott!“ rief ich und ſank ohnmaͤchtig zuſammen.“ „Als ich wieder erwachte, lag ich auf dem⸗ ſelben Lager, auf dem mein Vater geſtorben 135 war. Das Maͤdchen ſaß an meiner Seite und weinte; auf einem Tiſche lag der Brief. Ich griff haſtig darnach, aber meine Pflegerin hielt mich ab.—„Leſ't jetzt nicht!“ bat ſie und barg das Schreiben in ihren Buſen.„ Ihr ſeyd ergriffen.... wahrlich, Eure Theilnahme fuͤr den Verblichenen ſcheint groß zu ſeyn. Seyd Ihr verwandt mit dem Bildhauer?“ „Sehr nahe,“ ſagte li,„es war mein Vater.“ „So ſeyd Ihr Herr von Torquante?“ rief ſtaunend das Maͤdchen.“ „Ich war es!“ antwortete ich gähneknir⸗ ſchend und forderte ungeſtuͤm den Brief. Sis gab ihn mir.“ „O, es war ſein letztes Schreiben an meine gute Mutter. Er berichtete ihr, daß er krank, ſehr krank ſey und ſie, die nicht minder Lei⸗ dende, wohl ſchwerlich uͤberleben werde. Er gedachte meiner und beſchwor ſie bei allen Hei⸗ ligen, alle ſeine Briefe ja ſogleich zu vertilgen, da man nicht wiſſe, wie es kommen koͤnne.“ — 136 „Die Ungluͤckliche—— ſie hatte es nicht „gethan und mich ungluͤcklich gemacht. Ich komme zum Schluſſe meiner Erzaͤhlung, Gae⸗ tana. Du ſollſt nun die Rechtfertigung Mae⸗ ſto's hoͤren.“ „In dem Hauſe des alten Holzſchnitzlers verweilte ich nur kurze Zeit, ſelbſt Rom ver⸗ ließ ich bald, weil mir der Glanz und die Pracht, die ſich hier vor meinen Augen entfal⸗ teten, jetzt unertraͤglich waren. Ich ging nach Venedig, um mich dort als Soldat engagiren zu laſſen. Man fragte nach Namen und Her⸗ kunft. Ich erzaͤhlte Alles treu und ohne Un⸗ wahrheit. Bis dahin war noch keine Luͤge uͤber meine Lippen gekommen. Die Offiziere zuckten bedenklich die Achſerln und gaben mir nicht undeutlich zu verſtehen, daß ein Baſtard zu unehrlich zum Soldaten ſey. Ein Mailaͤn⸗ der, ein junger naſeweiſer Burſche, der ſich oft an unſerer Tafel ſatt gegeſſen hatte, trieb ſeinen Spott bis zur Beleidigung; ich wurde bitter und ſchimpfte. Das war mein Ungluͤck. — 1 78 8 137 Auf ſeinen Befehl wurde ich in's Gefaͤngniß geſchleppt und zu koͤrperlicher Zuͤchtigung ver⸗ urtheilt. Auf einem freien Platze ſellte ich— dffentlich Stockſchlaͤge empfangen und eine neu⸗ gierige Menge hatte ſich hier verſammelt, um die Execution mit anzuſehen. Als ich ange⸗ langt war, befahl man mir, meine Oberklei⸗ der abzulegen und ein roher Kerl machte An⸗ ſtalt, meinen Ruͤcken gaͤnzlich zu entbloͤßen. Bis hierher hatte ich geſchwiegen, jetzt brach meine Wuth aus, ich zog dem erſten beſten der zu meiner Bedeckung mitgekommenen Sol⸗ daten den Saͤbel aus der Scheide und verthei⸗ digte mich nun wie ein Loͤwe. Die gaffende Menge floh, ſelbſt einige Soldaten wichen und ich hatte es bald nur noch mit vier Menſchen zu thun. Unter ihnen war jener Offizier von Mailand. Ich erkannte ihn erſt jetzt wieder und ſofort drang ich auf ihn ein. Er wehrte ſich anfaͤnglich ziemlich geſchickt und fing meine Streiche faſt ſaͤmmtlich auf; aber ich drang heftiger auf ihn ein— eine Unachtſamkeit ſei⸗ 138 nerſeits und er lag durchbohrt am Boden. Sofort ergriff ich nun die Flucht, verfolgt von den Wenigen, die Stand gehalten hatten. Aus der Stadt zu kommen, war mir faſt unmoͤglich, da ich mich faſt mitten in derſelben befand; ſchon erreichte mich in einer unbelebten Straße einer meiner Verfolger und ergriff mich am Arm, als ploͤtzlich ein Schuß fiel und der Soldat getroffen zuſammenſank. Ich ſah mich erſchrocken um und erblickte erſt gar Niemand, denn meine uͤbrigen Verfolger waren geflohen. Die Straße war leer und nur an einer Haus⸗ thür ſah ich endlich einen robuſten Mann ſtehen, der gleichguͤltig eine Piſtole in den Guͤrtel ſchob— es war Maeſto. Ich flüchtete mich zu ihm und fiel ihm weinend um den Hals. Er bot mir ſofort einen Zufluchtsort in ſeinem Hauſe an und bald waren wir die innigſten Freunde.“ „ Anfangs ſchauderte mir die Haut, als Maeſto mich mit ſeinem Handwerk bekannt 139 machte und mir vorſchlug, mit ihm auf naͤcht⸗ liche Streifereien zu Mord und Diebſtahl aus⸗ zugehen, aber bald ſah ich ein, daß dies das einzige Mittel ſey, den in meiner Bruſt lodern⸗ den Aufruf zur Rache zu befriedigen. Die Menſchen hatten mich ja verſtoßen, was war ich ihnen noch ſchuldig? Schonung? Rein! denn ſie hatten mich ja nicht geſchont! Mit⸗ leid? Ich frage Dich, Gaetana, ob ein Engel . Mitleid haben wuͤrde, wenn nur Teufel ihr Weſen um ihn treiben? So ward ich Bandit... Das Uebrige weißt u““ „Komm, laß uns ſchlafen gehen. Ich bin muͤde und matt... vielleicht ſchlafe ich die letzte Nacht bei Dir, morgen bei Maeſto in den Loͤchern an den Lagunen und acht Tage ſpaͤter——— Er ſchwieg und ſtrich mit der zitternden Hand die bleichen Wangen Gaetana's. Sie Drittes Capitel. Fuͤrſt Caroli. Mit Maeſto's Verhaftung hatte es folgende hoͤchſt ſonderbare Bewandtniß. Der Leſer wird ſich noch jenes Franzoſen erinnern, der in ſei⸗ ner tollen Spielwuth eine gute Priſe fuͤr die ſaubern Gaͤſte des goldenen Leoparden wurde; jenes ſtupiden Vicomte, der noch Uhr und Doſe auf das Spiel ſetzen wollte, die man ihm großmuͤthig zuruͤckgab, um ſie ihm dann deſto ſicherer rauben zu koͤnnen. Bartholo hatte ihn zum Ueberfluß noch in das Waſſer geſtuͤrzt und die Bande vermuthete nun nichts Anderes, als daß der gute Frankenſohn ſchon laͤngſt eine Beute der Fiſche geworden ſey. 142 Die Verwunderung, die ſich Maeſto's be⸗ maͤchtigte, war daher keine geringe, als er am vorigen Tage ploͤtzlich den Vicomte in einem ſtarkbeſuchten Kaffeehauſe traf, wo dieſer ſich wieder mit dem Spiele beſchaͤftigte. Er wollte ſich ſofort wieder entfernen, aber der Franzoſe ſprang auf, bezeichnete den Gekommenen als einen Dieb und Moͤrder und drang auf deſſen ſofortige Verhaftung. Die Flucht half Maeſto ſehr wenig, da er bald ergriffen und, gaͤnzlich unbewaffnet, auch bald uͤberwaͤltigt wurde. Als man ihn gebunden uͤber die Straße fuͤhrte, begegnete er Gianettino, der gleichfalls von dem unter dem Haufen ſich befindlichen Vicomte als Dieb bezeichnet wurde, dem es aber noch gelang, zu entkommen, ehe man ordentlich Anſtalt gemacht hatte, ſich ſiner zu ver⸗ ſichern. Am andern Morgen erſchienen die Sbirren des Tribunals im Gaſthofe zum goldenen Leopar⸗ den, durchſuchten das ganze Haus, fanden aber nichts Verdaͤchtiges, da die Bande ſich wohl 3— 8 3 143 weislich zuruͤckgezogen und fuͤr einige Tage einen andern Zufluchtsort gewaͤhlt hatte. Nur die arme Gaetana, an der Wiege ihres Saͤug⸗ lings ſitzend, ward gefunden und, da ſie ſich uͤber den Grund ihres Aufenthalts im Leopar⸗ den nicht genuͤgend auszuweiſen vermochte, einſt⸗ weilen unter ſichere Bedeckung geſtellt. Die Kunde von dieſen abentheuerlichen Ereig⸗ niſſen war bald in Venedig ruchbar geworden. Die Vornehmen draͤngten ſich, die ſchone und dem Vernehmen nach vornehme Gefangene in Augenſchein zu nehmen. Unter den neugierigen Beſuchern war auch— Fuͤrſt Caroli. Sie war außer ſich, als ſie ihn erblickte; ein con⸗ vulſiviſches Zucken bemaͤchtigte ſich ihrer und ſie ſank bebend zuſammen. Der Wollüſtling hatte ſie erkannt. Auch er ſtand ſtarr vor Staunen und vermochte kaum, ſich dieſes Zu⸗ ſammentreffen zu erklaͤren.. „Ihr hier, Graͤfin Caſietti?!“ ſagte er ernſt, als die Arme die Augen wieder aufſchlug; 144 „wahrhaftig die Perle von Piſa iſt in ſehr ſchlechte Haͤnde gekommen.“ Er befahl und die Menge Neugieriger wurde aus dem Zimmer gewieſen, ſo daß er zuletzt ganz allein mit ihr blieb. Er ſprach nun ſanf⸗ ter. Das Elend des ſchoͤnen, einſt ſo gefeier⸗ ten Weibes ließ auch den faunenhaften, abge⸗ 3 lebten Suͤnder nicht kalt. Die Nachricht von dem Verſchwinden der ſchoͤnen Graͤfin aus dem vaͤterlichen Hauſe war ihm ſehr bald hinter⸗ bracht, doch ſeinerſeits nur wenig beachtet wor⸗ den, da er ſchon laͤngſt wieder den Vergnü⸗ gungen und den Reizen der Frauen anderer Orte froͤhnte. Jetzt ſah er ſie wieder, mit der er in Glanz und Freude ſo lange unter einem Dache gelebt hatte. Gaetana faßte Muth. Noch hatte ſie kei⸗ 1 nem Menſchen ihre Herkunft, ihre Schmach, ihre Noth entdeckt. Sie hatte den Fuͤrſten nie geliebt, weil ſie ſein ſuͤndiges Treiben auf den 145 erſten Augenblick durchſchaut hatte, aber ſie hielt ihn, wenn nicht fuͤr edel, doch fuͤr Cava⸗ lier genug, um ihm ihr Vertrauen zu ſchenken und ſeinen Beiſtand erwarten zu koͤnnen. Sie erzaͤhlte ihm Alles— Alles; jede Widerwaͤr⸗ tigkeit, jedes Ungluͤck, jedes Elend, was ſie ſeit der Entfernung aus dem vaͤterlichen Hauſe betroffen hatte. Es ruhte nur eine Schuld auf ihrer Seele: ſie hatte ihre Ehre, ihre Un⸗ ſchuld einem Verbrecher geopfert, ſie hatte nur einmal gefehlt— freilich aber ſchrecklich ge⸗ fehlt! Der Wahnwitz der Liebe hatte ſie in's Verderben geſtuͤrzt; ſie war unrettbar verloren, wenn nicht ein ſchuͤtzender Engel ſich ihrer er⸗ barmte. Fuͤrſt Caroli verſprach ihr fuͤr ſie zu thun, was nur irgend in ſeinen Kraͤften ſtehe, hin⸗ terließ der Armen noch das Geld, welches er zufaͤllig bei ſich fuͤhrte und verpflichtete ſich, noch heute die noͤthigen Anſtalten zu der Be⸗ freiung der Graͤfin zu treffen. Er verbot zu⸗ 10 — 146 gleich den wachthabenden Sbirren, irgend Jemand, wer es auch ſey, zu Gaetana zu laſſen. Er ging— um die Graͤfin nie wieder zu ſehen.— — Viertes Sapitel. Der Kerker. Die hoch am Mittag ſtehende Sonne warf ihre ſengenden Strahlen auf den Gipfel der St. Marcuskirche. Der Frommen, welche in dem praͤchtigen Gotteshauſe des Paters Floren⸗ tin ſalbungsreiche Predigt hoͤrten, waren nur Wenige; denn ſelbſt die Kuͤhle der Marmor⸗ waͤnde war nicht im Stande, die druͤckende Hitze zu mildern, die ſchwerlaſtend uͤber Vene⸗ dig lag. Unter der blauen Bleibedachung des Inquiſitionspalaſtes ſaßen vier Maͤnner, die ſich gegenſeitig im Nichtöthun haͤtten unter⸗ ſuͤzen koͤnnen, wenn ſie nicht der unab⸗ laͤſſig hervordringende Schweiß zum Abtrock⸗ 10* 148 nen und ſo zu einiger Arbeit veranlaßt haͤtte. Es waren Gianettino von Torquante, der Marquis von Dolco, Maeſto und Romerio. Der Urtheilsſpruch war ſchon gefaͤllt. In der naͤchſten Nacht ſollte das ſumpfige Waſſer der Lagunen den vier Genoſſen zum Aufent⸗ halte angewieſen werden*). Man hatte daher kein Bedenken mehr getragen, die vier Miſſe⸗ thaͤter in den letzten Stunden ihres Lebens vereint in einem Gefaͤngniſſe zubringen zu laſſen. Gianettino ſchaute iſfer⸗helancholiſh durch das kleine Gitterfenſter, das nur ſpaͤrlich die *) Die meiſten der von der Inquiſition(der heim⸗ liche peinliche Gerichtshof der Republik Venedig) geerurtheilten Verbrecher wurden zu jener Zeit auf die obgedachte Weiſe vom Leben zum Sode ge⸗ bracht. Man huͤllte ſie in einen großen durch Steine beſchwerten Sack und verſenkte ſie in der Regel an einer der tiefſten und ſumpfigſten Stel⸗ len der Lagunen, ſo daß ſelbſt die Leichname ſchwerlich wieder zum Vorſchein kommen konnten. — 149 Ausſicht nach dem St. Marcusplatze erlaubte; die ſeltſamſten Gedanken mochten ſeine Seele durchſtuͤrmen und ſein Herz mit Bangen erfuͤl⸗ len, wiewohl er unter den Vieren noch der Standhafteſte zu ſeyn ſchien. Maeſto's kirſch⸗ braunes Geſicht zeigte die Wuth, den Zorn, die aus ſeinem Innern herauf drangen; er murmelte Fluͤche durch die welken Lippen und ſpuckte von Zeit zu Zeit heftig aus. In einen Winkel gelehnt, beantwortete er keine der Fra⸗ gen des leichenblaſſen Marquis von Dolco, der unter ihnen wohl am meiſten den Tod fuͤrch⸗ tete. Er war ſein Lebelang ein feiger Schurke geweſen, der es nur verſtand, das Raubgut zu verſchwelgen und zu verpraſſen. Sein Ge⸗ ſicht war mit einer widrigen Leichenfarbe uͤber⸗ zogen und die Angſt erlaubte ihm nicht, an⸗ ders als ſtammelnd und bebend zu ſprechen. Ganz anders zeigte ſich Romerio. Er ging unablaͤſſig in der kleinen Spelunke auf und nieder und ſein Mienenſpiel verrieth, daß ſeine Gedanken ſich gewiß am adenmutgſen mit d der 150 bevorſtehenden Schreckensnacht beſchaͤftigten. Er laͤchelte ſogar bisweilen; ein bitteres Laͤcheln verlieh aber oft dem freundlichen Zuge um den Mund eine etwas ſonderbare Eigenthuͤmlichkeit. Nach langem Sinnen rief Romerio endlich munter:„Ich hab's, wahrhaftig! ich hab's; ſo muß es gehen— ich rette ſie und mich!“ Gianettino drehte ſich veraͤchtlich um, warf einen ſtolzen Blick auf den Juͤngling und ſetzte dann ruhig ſeine Betrachtung des St. Marcus⸗ platzes fort. Maeſto ſchrie:„Halt's Maul, Junge! Morgen fruͤh haſt Du, ſo gut wie wir, beim Teufel Audienz. Traͤumt das Milch⸗ geſicht da noch von Rettung, wenn der Sack ſchon genaͤht iſt, in welchem die ſolenne Waſ⸗ ſerfahrt bewerkſtelligt werden ſoll.“ Dem Marquis aber ſchien die Aeußerung willkommen zu ſeyn; das Wort Rettung jagte wieder einen Schatten von Farbe auf die Gypswangen und mit ſchlotternden Knien wankte er auf Romerio zu, um dieſen um die Mittheilung des Rettungsmittels anzugehen. 15⁵1 Leider fand er ſchlechte Aufnahme. Die ziem⸗ lich lakoniſche Antwort Romerio's beſtand nur in einem derben Fauſtſtoß, der den Marquis einen ziemlich harten Platz an der Thuͤre anwies. Eine halbe Stunde ſpaͤter raſſelten die Schluͤſſel in den Schloͤſſern, die Thuͤre bewegee ſich knarrend in den ſchweren Angeln und der Gefangenwaͤrter trat ein, hinter ſich einen Be⸗ nedictinermoͤnch, der gekommen war, die vier Miſſethaͤter in den letzten Stunden noch zur Buße und Andacht zu vermahnen. Er hatte in der That eine ſehr ſchwierige Verpflichtung uͤbernommen. Außer dem Marquis ſchien Kei⸗ ner ſonderlich geneigt, der donnernden Straf⸗ rede des frommen Paters Gehoͤr ſchenken zu wollen. Erſterer warf ſich ihm aber zu Fuͤßen, um ihn zu einer Botſchaft an die Inquiſitoren zu gewinnen, von denen er immer noch ſeine Begnadigung zu erhalten hoffte. Romerio un⸗ terhielt ſich inzwiſchen mit dem Kerkermeiſter, 1⁵² der nach Art ſeines rohen Handwerks, die grauſamſten Spaͤße uͤber die bevorſtehende Hin⸗ richtung machte. Ploͤtzlich— der Pater ertheilte eben dem reuigen Marquis die Abſolution— ergriff Ro⸗ mmerio mit gewaltiger Hand den rieſenlangen — Kerkermeiſter, warf ihn zu Boden, daß das ganze Gewoͤlbe bebte, riß ihm das ungeheuere Schhluͤſſelbund aus den Haͤnden und war zur Fhuͤre hinaus, ehe man ſich noch recht beſin⸗ nen konnte. Letztere flog krachend zu und Moͤnch und Gefangenwaͤrter leiſteten nun den drei Banditen Geſellſchaft. Beide gebehrdeten ſich wie wahnſinnig und der Schließer ſchrie wie ein Raſender zum Fenſter hinunter, ohne zu uͤberlegen, daß dies Alles unnuͤtz ſeh, da die Hoͤhe des Gefaͤngniſſes es keinenfalls zu⸗ ließ, daß die unten Voruͤbergehenden dieſen Huͤlferuf verſtehen konnten. Der Pater don⸗ nerte einſtweilen an die Thüre, wurde aber bald in dieſer Beſchaͤftigung von Maeſto un⸗ 153 terbrochen, der ſich auf ziemlich entſchiedene Weiſe dieſen Laͤrm verbat. Erſt mit einbrechender Daͤmmerung erſchien ein Gehuͤlfe des Schließers, der die Beiden aus ihrer Haft befreite. Fünftes Capitel. Die Folter. FNärſ Caroli hatte ſich am andern Morgen an die Senatoren Venedigs gewandt, um eine Freilaſſung der ungluͤcklichen Gaetana zu bewir⸗ ken, aber leider umſonſt. Man ſagte ihm un⸗ verholen, daß man ſich ſehr wundere, wie er, der Vertreter des ſicilianiſchen Monarchen, als Vertheidiger einer Frau auftreten koͤnne, die, weß Standes ſie auch fruͤher geweſen, jetzt doch nichts anders als die gemeine Buhldirne eines Banditen, eines Meuchelmoͤrders ſey und als ſolche jedenfalls als Mitſchuldige ſeiner Verbrechen betrachtet werden muͤſſe. Der Ge⸗ ſandte kannte die furchtbare Macht der Inqui⸗ I 15⁵ ſition in Venedig; er wußte, daß auch der Fuͤrſtenmantel keinen Schutz gegen die Befehle dieſes Tribunals gab und er ließ ab, auf dieſe Weiſe fuͤr die Graͤfin Caſietti zu wirken. Noch war ſie zu retten— das wußte er, jetzt noch, ſo lange ſie ſich noch im Leoparden befand und noch nicht in die Kerker der Inquiſition gebracht worden war. Unter den drei Sbirren, denen die Beauf⸗ ſichtigung Gaetana's übertragen war, befand ſich auch ein gewiſſer Adolphi, ein Sicilianer, der fruͤher Kammerdiener eines Herrn vom Hofe geweſen war. Dieſen kannte Fuͤrſt Caroli und obgleich er ihm fruͤher nie Gutes gethan, ſondern ſtets nur ſtolz und geringſchaͤtzend, wie alle Diener am ſicilianiſchen Hofe behandelt hatte, ſo entſchloß er ſich doch, mit dieſem Men⸗ ſchen in naͤhere Beruͤhrung zu treten und zu verſuchen, ob nicht eine Beſtechung der Graͤfin die Freiheit verſchaffen koͤnne. Er bot dem jungen Mann hundert Zechinen fuͤr Gaetana’s Freilaſſung, erhielt aber abſchlaͤgliche Antwort; 6 3 1 . 2 4 156 die Verdoppelung dieſer Summe aͤußerte indeß eine guͤnſtigere Wirkung. Schon war die Stunde beſtimmt, in der die Ungluͤckliche fluͤch⸗ ten ſollte, als ploͤtzlich ein Senator erſchien und der Armen ankuͤndigte, daß es die Noth⸗ wendigkeit erheiſche, ihr einen engern Gewahr⸗ ſam anzuweiſen. Sdie wurde transportirt und erhielt ein ziem⸗ lich anſtaͤndiges Zimmer in einem der untern Geſchoſſe des Inquiſitionspalaſtes. Schon in der zweiten Nacht ihres Hierſeyns wurde ſie vor die ſchrecklichen Richter gefuͤhrt und ihr hier die gegen ſie gerichtete Anklage vorgeleſen. Man beſchuldigte ſie nicht nur, in einem verbotenen Wandel mit dem Banditen Gianet⸗ tino gelebt zu haben, ſondern man buͤrdete ihr ſogar auf, Mitwiſſerin ſeiner furchtbaren Ver⸗ brechen geweſen zu ſeyn, thaͤtige Mithuͤlfe in Ausuͤbung derſelben geleiſtet zu haben und fuͤhrte mehrere bedeutende Diebſtaͤhle an, die ſie in eigner Perſon unternommen haben ſollte. Sie ſchauderte zuruͤck, als der Anklaͤger 3 157 ſeine Rede ſchloß. Auf den Knieen beſchwor ſie die Richter, nicht auf einen leichten Ver⸗ dacht hin ſie als Verbrecherin zu erklaͤren. Man beachtete dies kaum und fuͤhrte nun den Marquis von Dolco herein, der als Zeuge gegen ſie aufgetreten war. Sie wuͤrdigte den Schurken keines Blickes, aber ein Beben durch⸗ ſchauerte ihre Glieder, als ſie vernahm, wie das Ungeheuer ein Gewebe von Luͤgen erdich⸗ tete, die ſie unfehlbar verderben mußten, wenn ſie die Richter nicht von der Niedertraͤchtigkeit des Marquis uͤberzeugen konnte. Fehentlich bat ſie, die uͤbrigen Genoſſen der Bande zu vernehmen, aber man erklaͤrte ihr kalt, daß der Prozeßgang bei dieſem Gerichtshof dies nicht zulaſſe. Der Marquis ward wieder abgeführt und der Praͤſident des Tribunals, ein greiſenhafter Mann, deſſen faltiges Geſicht das ſteinerne Alter deckte, begann ſie folgender Geſtalt an⸗ zureden: 158 „Gaetana Caſietti, da es nicht nur durch das Zeugniß des Marquis Dolco erwieſen, daß Du die Buhldirne Gianettino's Torquante, Mitwiſſerin der meiſten Verbrechen deſſelben wareſt, ſondern da auch das in Deiner Be⸗ hauſung aufgefundene geraubte Gut am ſicher⸗ ſten fuͤr die von Dir begangenen Verbrechen ſpricht, ſo ſteht Deiner Verurtheilung zwar keinesweges irgend etwas entgegen, doch bedarf es auch Deines Zugeſtaͤndniſſes, um dem Pro⸗ zeßgange unſeres Tribunals zu genuͤgen. Zum letzten Male wirſt Du nun zur aufrichtigen Ablegung einer in Wahrheit begruͤndeten Aus⸗ ſage aufgefordert. Zugleich wird Dir eroͤffnet, daß, im Fall des laͤngern Leugnens die pein⸗ liche Frage angewendet werden muß, um durch Strenge das zu erreichen, was Guͤte nicht vermochte*).“ *) Dieſe Gerichtsformel iſt eine woͤrtliche Ueberſetzung aus den gegen die Graͤfin Gaetana von Caſietti ergangenen Acten. H. 159 Der Greis ſetzte ſich ſchweigend nieder und eine grauſige Stille ruhte uͤber der Verſamm⸗ lung. Gactana ſtand ſtarr, wie die Bildſaͤulen auf dem St. Marcusplatze, bis man ſie von Neuem zu Antworten aufforderte. Da raffte ſie den letzten Muth zuſammen, ſie richtete das gebeugte Haupt empor und rief mit edelm Stolz: 4. „Thut, was Ihr wollt, Maͤnner von Ve⸗ nedig. Die arme Gaetana war leichtſinnig genug, um ihre Liebe, ihr Herz einem Mann in dem Augenblicke zu ſchenken, wo ſie noch nicht wußte, daß er Moͤrder und Bandit war; aber die Tochter des Grafen Antonio von Ca⸗ ſietti konnte nie zur gemeinen Verbrecherin herabſinken. Ich bin unſchuldig, wie der Saͤugling, den Ihr mir grauſam entriſſet, un⸗ ſchuldig, wie mein armer, kleiner Beppo! Dies mein Geſtaͤndniß.“ Einen Stein haͤtten dieſen Worte, dieſer Ton, geruͤhrt. Auf die tyranniſchen Richter der Inquiſition konnten ſie keinen Eindruck ma⸗ 160 chen. Ein Zeichen, und die Henkarsknechte trugen die Marterwerkzeuge herein. Von rohen Manneshaͤnden wurde die Ungluͤckliche ihrer Oberkleider beraubt, von den Richtern noch einmal zur Wahrheit ermahnt und ſodann ge⸗ foltert. Man legte ihr zuerſt die Daumenſchrauben an. Die zarten Finger wurden zwiſchen die entſetzlichen Werkzeuge gepreßt, die Schrauben allmaͤhlig zugedreht, bis die Haut dem Druck nachgab, daß das friſche, rothe Blut uͤber die Alabaſterarme dahin rann. Gaetana ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus— aber die Richter der Inquiſition kannten kein Mitleid. Man ſchraubte die Werkzeuge wieder aus⸗ einander und loͤſte die zerquetſchten Glieder von dem Holze, in deſſen Spalten ſich das Fleiſch tief eingedruͤckt hatte.— Die Richter began⸗ nen von Reuem, die Inculpatin zur Wahrheit zu ermahnen, aber ſie ſchwieg. Ein Wink und der zweite Grad der Tortur wurde angewendet. Die ſanfte, zarte Graͤfin 161 von Caſietti, in der man hier nur die Buhle⸗ rin und Gehuͤlfin des Banditen erblickte, legte man auf ein kreuzaͤhnliches Geruͤſt, umſchlang Arme und Beine mit ſtarken Riemen und zog dann, mittelſt eines Rades, die fuͤrchterlichen Bande feſt zuſammen. Dieſe Riemen druͤckten ſich bis tief auf die Knochen ein; ſchwellend; blaſenartig ſtieg das Fleiſch empor, von bluti⸗ gen Adern geroͤthet. Gaetana ſchrie, daß das Gewoͤlbe droͤhnte— aber die Richter der In⸗ quiſition kannten kein Mitleid! Man loͤſ'te die Bande und befahl ihr, aufzuſtehen;— ſie konnte nicht gehorchen. Gelaͤhmt an Beinen und Armen lag ſie, mit halbgeſchloſſenen Augen, nur leiſe rochelnd. „Man bringe ſie zurüͤck in das Gefaͤngniß,“ befahl der oberſte Richter des Tribunals und die Henker trugen das Schlachtopfer auf einer Tragbahre fort. *. Sechſtes Capitel. Die Rettung. * Remerio's Plan war gluͤcklich, wenn auch fuͤr den Augenblick nur theilweiſe, gelungen. Er hatte es mehrfach verſucht, ſeine Flucht zu bewerkſtelligen, aber leider fand ſich nur wenig Gelegenheit dazu; wenn dies aber ja Statt fand, konnte er von derſelben keinen Gebrauch machen, da er es nicht auf ſeine Flucht allein abgeſehen hatte. Er wollte noch Jemand ret⸗ ten— ſeine Jugendgefaͤhrtin, ſeine ſpaͤtere ſanfte Gebieterin, die Tochter ſeines ehemaligen Wohlthaͤters, die Graͤfin von Caſietti. Er liebte Gaetana, aber er liebte ſie nicht mit jener wilden, ſinnebeſtuͤrmenden Leidenſchaft, wie . 3 163 Gianettino; nein, ſein Lieben war ein ſtilles, melancholiſches, aber treues Wirken und Leben fuͤr die Angebetete. Von jenem Augenblicke an, wo Gaetana in Venedig erſchien und er ſomit Gelegenheit fand, wieder mit ihr in Be⸗ ruͤhrung zu treten, richtete ſich ſein Streben hauptſaͤchlich nur dahin, die Ungluͤckliche vor dem gaͤnzlichen Untergange zu retten. Er war Bandit geworden; er mußte es nun bleiben, das gebot ihm ſeine Liebe; er wollte Gaetana retten und untergehen. Sie ſelbſt hatte er nie von ſeinem Vorhaben un⸗ terrichtet, weil er Gianettino fuͤrchtete, der ſicher Jeden getoͤdtet haͤtte, der ihm nur den gering⸗ ſten Anlaß zum Argwohn gegeben haͤtte. Es mußte ihm daher viel daran liegen, Gianettino vernichtet zu wiſſen, aber der Arme ahnete nicht, daß mit Gianettino's Vernichtung ſein und Gaetana's Verderben ſo eng zuſammen⸗ haͤngen wuͤrde. Maeſto hatte, durch die Folter geſchreckt, pfort nach ſeiner Verhaftung ſeine Mitſchuldi⸗ — 11* gen angegeben und man hatte ſich dieſer, mit Ausnahme Bartholo's, der, kluͤger wie Alle, ſich zeitig aus dem Staube gemacht hatte, ſehr ſchnell verſichert. Nach der Durchſuchung des Leoparden hatten ſich die Sbirren in die be⸗ ruͤchtigtſten Zufluchtsoͤrter verfolgter Verbrecher zerſtreut, waren auch gluͤcklich genug geweſen, bald die Spur aufzufinden, die ſie zu verfol⸗ gen hatten. Das Tribunal hatte den kuͤrzeſten ‚Prozeß executirt, der ihnen durch ein ſchnelles Zugeſtaͤndniß ſaͤmmtlicher Verbrecher, die ein⸗ mal Alles verrathen und verloren ſahen, un⸗ endlich erleichtert wurde. Die Todesurtheile derſelben waren ſchon gefaͤllt, als Gaetana im Inquiſitionspalaſt anlangte. Den Marquis von Dolco, der um jene Zeit zufaͤllig in Venedig war und wie immer, viel mit Gianettino verkehrte, traf ein gleiches Loos. Die einfache Drohung, ihn zu foltern, reichte ſchon hin, ihn zu einem Geſtaͤndniſſe ſeiner Schaͤndlichkeiten zu bewegen, doch glaubte er anfaͤnglich ſicher mit dem Leben davon u 165 kommen. Er entdeckte, um dieſes ſein elendes Leben zu retten, Vieles, was bis dahin noch gar nicht zur Sprache gekommen war, ja er log aus demſelben Grunde noch mehr dazu, wodurch er namentlich, wie wir ſchon wiſſen, die ungluͤckliche Gaetana durch verlaͤumderiſche Anklagen in das Verderben ſtuͤrzte. Die Verhaftung Gaetana's hatte Romerio von einem Burſchen des Kerkermeiſters erfah⸗ ren, deſſen Freundſchaft und Vertrauen er ſich zu erſchleichen wußte. Er beſchloß ſogleich, Alles fuͤr ſeine und der Geliebten Rettung zu wagen. Die freundlichen Leſer wiſſen, wie ihm vorlaͤufig das Entfliehen aus ſeinem Ker⸗ ker gelang; ich fuͤhre ſie nun zu jenem Moment zuruͤck, wo Romerio den Kerker verließ. Der Beſitz der Schluͤſſel zu den ſaͤmmtli⸗ chen Gefaͤngniſſen des Hauſes erleichterte ſein Vorhaben ungemein. Der Burſche hatte ihm geſagt, daß Gaetana ſich in dem untern Ge⸗ ſchoß befinde, er wandte ſich daher ſchnell dahin, 1866 da die groͤßte Eile als unerlaͤßlichſte Bedingung der Rettung erſchien. Aber— in dieſem Geſchoß befanden ſich zwei Reihen Kerker, von denen der groͤßte Theil verſchloſſen und folglich auch bewohnt war. In welchem war nun die Geliebte? Er ſann einen Augenblick, horchte dann bald an dieſer, bald an jener Thuͤre, aber immer hoͤrte er nur maͤnnliche oder gar keine Stimmen. Ganz vorn, am Eingange des Geſchoſſes, befand ſich eine ganz kleine, nur wenig verwahrte Thür, durch die ein Aechzen, Weinen und Wimmern zu dringen ſchien. Auf dieſe Thuͤre ging er zu und legte das Ohr dicht an das große Schloß — es aͤchzte wieder, er hoͤrte ein Gebet ſtam⸗ meln—— ja es war Gaetana's Stimme. Zitternd vor Freude ergriff er das Schluͤſſel⸗ bund und begann die großen Schluͤſſel der Reihe nach zu betrachten. Keiner ſchien ihm paſſend. Er probirte dieſen und jenen, doch immer war es der rechte nicht. Bald hatte er ſie alle verſucht und keiner ſchloß! Todes⸗ X 8* 167 angſt bemaͤchtigte ſich ſeiner, er warf die Schluͤſſel weit von ſich und ſank weinend auf die Knie.—„Gaetana!“ rief er,„Gaetana!“ Es regte ſich im Innern des Kerkers und die Arme antwortete:„Romerio, rette mich!“ Da ſprang er wuͤthend auf und rannte mit Gigantenkraft gegen die Thuͤre; praſſelnd brach ſie aus einander. Eine Minute ſpaͤter ſtand er vor der graͤßlich entſtellten Graͤfin, die ſich nur halb auf ihrem Lager aufzurichten ver⸗ mochte. Er ſchauderte, als er die Arme er⸗ blickte; aber ſchon im naͤchſten Augenblicke er⸗ griff er das fieberkranke Weib und trug es aus dem Kerker. Das wiederergriffene Schlüͤſ⸗ ſelbund oͤffnete die wenigen Thuͤren, die ſie noch zu paſſiren hatten und als der St. Mar⸗ custhurm die neunte Stunde verkuͤndete, waren Beide gerettet! In Venedig hielt er ſich und die Geliebte K. nicht fuͤr ſicher genug, da ſein unerhoͤrtes Wag⸗ ſtuͤck zu viel Aufſehen machen mußte. Deshalb beſchloß er, noch dieſelbe Nacht mit Gaetana 6 168 weit davon zu fliehen. Aber wohin? Nach Piſa, zum alten Grafen Antonio von Caſietti, ſagte ihm ſein Herz— und er folgte dieſem. In derſelben Nacht beſchien der Mond eine Gondel, die langſam auf den Lagunen hin⸗ ſchwamm, begleitet von zwei Kaͤhnen, die gaͤnz⸗ lich mit Sbirren angefuͤllt waren. Man ru⸗ derte einer ſehr entlegenen Stelle zu; als man dieſe erreicht hatte, ſenkte man drei Saͤcke in das Waſſer und fuhr ſchnell wieder heim. Am andern Morgen betrachteten die Gon⸗ doliere des Golfs einen angeſchwommenen Leich⸗ nam, deſſen widrige Geſichtszuͤge Alle mit Schrecken erfuͤllten. Es war der Koͤrper des ertraͤnkten Maeſto. Siebentes Capitel. Die Botſchaft. In Piſa ſah es im Caſiettiſchen Palaſte trau⸗ rig aus. Der alte Graf hatte ſich im erſten Augenblicke des Verſchwindens ſeiner Tochter gaͤnzlich zuruͤckgezogen und war fuͤr Niemand ſichtbar, ſelbſt fuͤr ſeine trauteſten Freunde nicht. Signor Zezi hatte es zu verſchiedenen Zeiten verſucht, den Grafen auf die Moͤglicheit einer Ruͤckkehr ſeiner Tochter aufmerkſam zu machen, aber der Alte hatte bei ſolchem Troſte ſchmerz⸗ lich das Haupt bewegt und bitter gelaͤchelt. Die Diener des Hauſes, deren Zahl merklich zuſammengeſchmolzen war, berichteten der neu⸗ gierigen Außenwelt oft gar Abentheuerliches leicht zur Entdeckung des jetzigen Aufenthaltes 170 von dem tollen Treiben des Grafen. Daß der Arme dem Wahnſinn nahe war, daß er keine Nacht ſchlief, ſondern geſpenſtig in den Saͤlen des Palaſtes umherirrte, daß er in Stunden, wo das Andenken an die geliebte Tochter ihn uͤberwaͤltigte, oft ſchmerzlich weinte und in Wehmuth zerfloſſen ſich das Silberhaar aus⸗ riß, das war die reine Wahrheit; aber jene grauſigen Geſchichten von wilder Tollheit, die ihn, einem Daͤmon gleich, Alles zerreißen und verderben ließ, ſo daß er oft von ſeinen eige⸗ nen Dienern gefeſſelt werden muͤſſe, ſie waren erlogen. Der Schmerz um ein verlornes ge⸗ liebtes Kind zeigt ſich nur in ſanfter, ſtiller Wehmuth und nur dann, wenn das Gewiſſen ſagt, daß eigene Schuld den Verluſt herbei⸗ gefuͤhrt habe, uͤberſchreitet der Schmerz dieſe Grenzen und bricht in wilde, wahnſinnige Ra⸗ ſerei aus. Graf Antonio hatte viele ſeiner Freunde beauftragt, den Spuren nachzuforſchen, die viel⸗ 4 171 Gaetana's fuͤhren koͤnnten. Selbſt in Venedig bemuͤhte man ſich und es waren zu verſchie⸗ denenmalen oͤffentliche Aufforderungen ergan⸗ gen, jedoch vergebens. Man zweifelte nicht mehr daran, daß die Signora dem Drang ihres Herzens gefolgt und zu Gaäanettino geflohen ſey, aber man hatte natuͤrlich nie mit Gewiß⸗ heit erfahren koͤnnen, wo dieſer ſich aufhielt. Die deshalb an den Marquis von Dolco ge⸗ richteten Fragen hatte dieſer in der Regel auf ziemlich unbefriedigende Weiſe beantwortet. So war ein Jahr vergangen, ohne daß man nur das Mindeſte von Gaetana gehoͤrt hatte. Da erſchien mit einemmal ein Bote des ſicilianiſchen Geſandten, der ein wichtiges Schreiben an den Grafen abzugeben hatte. Die Diener des Letztern, welche Niemand vor⸗ laſſen ſollten, waren Anfangs ſehr geneigt, den Boten gaͤnzlich abzuweiſen und nur als Letzte⸗ rer feſt darauf beſtand und in Drohungen aus brach, wagten ſie es, ihrem Gebieter deſſen 1 172 Ankunft und Begehr vorgelaſſen zu werden, zu melden. „Von wem kommt der Menſch?“ fragte Caſietti duͤſter. „Von Sr. Durchlaucht, dem Fuͤrſten Ca⸗ roli,“ lautete die ehrerbietige Antwort. Der Graf laͤchelte bitter; die Erinnerung rief ihm einſt verlebte ſchoͤnere Tage in das Gedaͤchtniß. Er mußte erſt die naſſen Augenwimpern trock⸗ nen, ehe er im Stande war, eine genuͤgende Antwort zu ertheilen. „Man laſſe den Boten vor!“ ſagte er end⸗ lich weichmuͤthig und warf ſich ermattet auf einen Lehnſeſſel, der in dem duͤſterſten Theile des ohnehin dunkeln Zimmers ſtand, ſo daß der eintretende Bote ihn kaum zu erkennen ver⸗ mochte. Dieſer uͤberreichte einen großen ver⸗ ſiegelten Brieer. Der Graf erbrach denſelben raſch. Bei dem Leſen der erſten Zeilen nahmen ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge den milden Ausdruck der Ueberra⸗ ſchung an; die Freude beſtrich die bethraͤnten 173 Augen; bald aber beſchattete wieder das ge⸗ woͤhnliche Duͤſter die eingefallenen Wangen. Er las weiter. Finſter und finſterer wurde nun ſein Blick, ploͤtzlich faͤrbte eine dunkele Roͤthe ſeine Stirn, zitternd ſchlug er das Papier um, um die Fortſetzung auf der zweiten Seite zu leſen; aber er las nicht weit, ſtarr ruhte ſein Blick auf den Schriftzuͤgen— und mit einem fuͤrchterlichen Schrei ſtuͤrzte er zuſammen. Auf den Huͤlferuf des Boten eilten die Diener herbei und fanden den Grafen ohne alle Zeichen des Lebens. Wohl zwei Stunden blieb er beſinnungslos. Als er die Augen wieder aufſchlug, ſchaute er verwirrt um ſich.„Wo iſt ſie?“ rief er.„Hinweg mit dem Strange.... Henker erbarme Dich dieſes Schwanenhalſes.... zieh ſchnell—— damit ſie nicht zu lange lei⸗ det!“— Was die Diener in alberner Geſchwaͤtzig⸗ keit dem neugierigen Piſa ſchon laͤngſt vorge⸗ 2 174 dichtet hatten, war jetzt leider Wahrheit ge⸗ worden. Den Grafen Antonio Caſietti hatte graußer Wahnſinn erfaßt!———— Achtes Capitel. Die Heimkehr. Der Lenz trieb die erſten Knospen aus dem ſpaͤrlichen Gruͤn der Stauden und Straͤucher und nur hier und da gewahrte man ein ſchon aufgebrochenes Bluͤmchen, das hold der mild⸗ ſtrahlenden Sonne entgegenlaͤchelte. Auch die grauen Weinhuͤgel hinter des Grafen Palaſte gruͤnten ſchon hier und da. Selbſt im Hafen von Piſa wurde es wieder lebendiger. Auf der Livorneſer Landſtraße war es aber noch ſtill. Nur hier und da ſah man einen oder den andern Treiber die unbeladenen Maulthiere vor ſich, ſehnſuͤchtig in die Ferne blicken, ob nicht Jemand komme, der, wenn auch nur fuͤr weniges Geld, von einem der Thiere Gebrauch zu machen Luſt habe. „Schlechte Zeit, fuͤrwahr, ſehr ſchlechte Zeit!“ rief der Eine einem Andern, einem ſchon alten Manne, zu, der Muͤhe hatte, ſeinen lang⸗ ohrigen Untergebenen im Zaum zu halten. „ Schon etwas verdient heute, Meiſter Vasco?“ „Verdient? Man ſoll nicht mit dem Alter ſcherzen, mein Sohn; Du weißt es ja, daß ich noch nichts verdient habe. Bin ja nicht mehr ſo auf den Beinen, wie ſonſt. Ihr haſcht mir ja Alles vor den Augen weg, Ihr Jungen. Ja ſonſt, da ging's bei weitem beſſer mit dem alten Vasco. Zehn und zwoͤlf Maul⸗ thiere und nie eins leer und ledig; wenn ich Abends heimkehrte, konnte ſich das arme Vieh kaum noch in den Stall ſchleppen und das Herz hat mir manchmal weh gethan, wenn ich ſah, daß die Thiere hungrig vor der Krippe ſtanden und doch vor Muͤdigkeit das ſchoͤnſte Futter nicht freſſen konnten. Aber da wurde auch etwas verdient. Die Signori zahlten 177 doppelt und dreifach und eine Zechine galt zu jener Zeit nicht mehr, als jetzt ein winziger Scudo. Du weißt nichts mehr von jener Zeit, mein Junge, wo der alte Caſietti noch ein junger Herr war und taͤglich große Geſellſchaft im Schloſſe hatte. O was hab' ich verdient an dem Tage, wo ſie die junge Graͤfin tauf⸗ ten; der Vater wollte zerſpringen vor Freude und als ich meine Thiere zwiſchen ſeinen uͤp⸗ pigen Weinbergen dahintrieb, da warf er mir eine ganze Hand voll Geld zu.„Da, Mei⸗ ſter,“ ſagte er;„habe des Zeuges genug, ſollt auch etwas haben Betet fuͤr meine kleine Gaetana!“— Das Kind wurde auf den Haͤnden getragen und—— nun icch will weiter nichts ſagen, man ſpricht nicht gern davon; Du weißt es ja auch, mein Sohn. Sie hat dem Vater das Herz gebrochen; der alte gute Herr liegt daheim und iſt krank, ſo krank, daß man jeden Augenblick ſein Hinſchei⸗ den erwartet.“ „'s iſt wahr,“ entgegnete der Andere,„ich 12 3 178 ſprach heut fruͤh mit Borda, dem Kammerdie⸗ ner, und er ſagte mir, daß es bald aus ſey mit dem Herrn. Doch ſeht, Meiſter Vasco, dort kommen zwei, ein Mann und eine Frau... nein, ein Maͤdchen ſcheint's zu ſeyn. Wir wol⸗ len theilen, Alter, damit wenigſtens das Fut⸗ terr fuͤr die Thiere verdient wird.“ Er zeigte bei dieſen Worten in die Ferne der Landſtraße und wirklich bemerkten auch des Allten n ſa Augen die Beiden. Sie trieben das Vieh ſchneller an und bald ſtanden ſie vor den Kommenden. Ein Mann war es, der eine junge Frau fuͤhrte, die ſich nur muͤhſam weiter bewegte, da das Gehen ihr augen⸗ ſcheinlich ſehr ſchwer zu fallen ſchien. Sie waren Beide ſehr aͤrmlich gekleidet und die Maulthiertreiber merkten alsbald, daß ſie ſich in ihren Hoffnungen bitter getaͤuſcht hatten. Indeß redete der Alte das Paar doch an und fragte, wo ſie her kaͤmen. „Von Venedig,“ ſagte der Mann, deſſe Geſicht theilweiſe von dem breitkraͤmpigen Stroh⸗ 4 179 hute bedeckt wurde, der tief in das reich ge⸗ lockte Haar eingedruͤckt war. „Von Venedig?“ fragte der Alte verwun⸗ dert. Theilnehmend ſetzte er hinzu:„Doch nicht zu Fuße?“ Der Mann bejahte es und der jungen Frau entſchluͤpfte ein tiefer Seufzer. Der Alte segie Mitleid und bot die Maulthiere an.„Wo wollt Ihr hin?“ fragte er, nachdem das An⸗ erbieten angenommen worden war. „Nicht weit, nur noch bis 4 ſetzte der Mann und druͤckte dem 1n danka die Hand. Dieſer hob die Frau auf eines der Chiere und reichte ihr dann den Se teier, den ſie dabei fallen ließ. Sie ſuchte ſchgell das Geſicht wieder zu verhuͤllen, aber der juͤngere der Treiber hatte ſie ſchon erkannt. „Ihr ſeyd es, gnaͤdige Graͤfin!“ rief er ſtaunend;„war es mir doch gleich, als waͤret Ihr mir bekannt.“ G Sie antwortete nicht, aber Romerid, der eben den Hut luſſtete, wurde nun gleichfals 414122-2 180 erkannt. Der Alte ſchuͤttelte den Kopf und fragte neugierig weiter; die Antworten aber die man ihm gab, waren zweideutig und aus⸗ weichend.„Merkwuͤrdig, beim heiligen An⸗ ton! ſehr merkwuͤrdig,“ murmelte er vor ſich hin, waͤhrend ſein juͤngerer Begleiter ſchon an ddie große Belohnung dachte, die ihnen von dem Grafen bei Ueberbringung der verlornen Tochter l ae wuͤrde. 8 3 ging langſam und ſchweigend auf d dſtraße vorwaͤrts. Bald waren ſie nicht mehr weit von den Thoren von Piſa, wo Romerio zu halten bat und nebſt Gaetana ab⸗ ſtieg, die Maulthiertreiber anweifend, ſich Nachmittag ihren Lohn im Hauſe des Grafen zu holen. Er bog nun mit der Geliebten von der Landſtraße abwaͤrts und fuͤhrte ſie auf einem Seitenwege dem wohlbekannten Canale zu, der die Umzaͤunung des graͤflich Laſſeiti⸗ ſchen Packes bildete. Neuntes Eapitel. Des Vaters Tod. N Bleiche Kerzen erleuchteten nur ſpaͤrlich das Gemach, in welchem der wahnſinnige Graf Antonio ſich befand. Er war in den letzten Tagen ruhiger geworden, ſo daß die Aerzte geboten hatten, ihn ſeiner Feſſeln, deren An⸗ legung fruͤher unbedingt nothwendig geworden war, gaͤnzlich zu entledigen. Aber mit der Raſerei ſchwanden ihm auch die Kraͤfte; eine Mattigkeit übermannte ihn und er war kaum noch im Stande, ſich vom Lager zu erheben. Man ſah ein, daß ſeine Aufloͤſung nicht mehr fern war und Signor Zezi, den der Graf vor einiger Zeit in einem Augenblicke der Geiſtes⸗ 182 anweſenheit verlangt hatte, wich ſchon laͤngſt nicht mehr von ſeiner Seite. Heute war der Graf in den Morgenſtun⸗ den immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher geworden und einer der herbeigerufenen Aerzte hatte er⸗ klaͤrt, daß er den heutigen Tag wohl ſchwer⸗ lich uͤberleben werde. Es war eigen, daß mit dem Schwinden der koͤrperlichen Kraͤfte des Grafen die geiſtigen wieder um ſo freier wur⸗ den. Caſietti ſprach heute ſehr vernuͤnftig, gab auch den Wuͤnſchen Zezi's nach, teſtamentariſch uͤber ſein Vermoͤgen zu verfuͤgen. Die Gerichts⸗ perſonen erſchienen und zum erſten Male wie⸗ der zeigte ſich ein lebendiges Treiben im graͤf⸗ lichen Palaſte. Schon ſtand man im Begriff, nach Geſetz und Recht die Thuͤren des Gemachs zu ver⸗ ſchließen, in dem der Teſtator lag, zu deſſen Leben nur noch fuͤr wenige Stunden Hoffnung war, als ein Diener erſchien und meldete, daß zwei Perſonen dringend verlangten, vor den Grafen gelaſſen zu werden. Er gab zugleich 183 ein Billet ab, das man ihm uͤbergeben hatte; Zezi uͤbernahm es. Es trug die Adreſſe des Grafen, doch zoͤgerte er, es dieſem zu uͤber⸗ geben, da die bedenkliche Lage der Krankheit eine Stoͤrung ein laͤngeres Zoͤgern des Teſta⸗ mentirens nicht fuͤr raͤthlich erſcheinen ließ. Doch ſelbſt die Richter hatten nichts dagegen und man legte es dem Kranken auf das Bett. Er richtete ſich langſam und mit aller Anſtren⸗ gung ſeiner Kraͤfte auf, ſtreckte dann die duͤrre Knochenhand aus, aber kaum fiel ſein Blick auf die Zeilen, als er ploͤtzlich ſich aufraffte und wie neugeſtaͤrkt die Decke von dem Lager warf, ſich ſelbſt von demſelben erhebend. „Das— ſchrieb.... meine Tochter Gae⸗ tana!“ rief er zitternd vor Freude und riß das Siegel herab. Aber man ließ ihm nicht Zeit zum Leſen, die Thuͤre ward heftig aufgeriſſen und die Diener mit ſtarker Hand zuruͤckgedraͤngt. Herein trat— Romerio, an leiner Hand Gae⸗ tana fuͤhrend. —„Meine Tochter!“ rief der Graf mit einem Tone, der allen Anweſenden Thraͤnen in die Augen lockte, und zog die Wiedergefundene haſtig an ſein Herz. Mild laͤchelnd ruhte ſein Auge auf der Tochter, der Wahnſinn war aus ſeinem Blicke entſchwunden und er war wieder der liebende Vater, wie vorher. Aber dieſer Zuſtand waͤhrte leider nur kurze, ſehr kurze Zeit. Als ihn die weinende Tochter nach dem Lager zuruͤckgefuͤhrt hatte, ſank er zitternd zu⸗ ſammen und die Schwaͤche ſeiner Stimme ver⸗ rieth, daß mit der heimgekehrten Gaetana auch der Todesengel fuͤr den Vater gekommen ſey. Die Gerichtsperſonen entfernten ſich ſchweigend, da mit der Wiederkehr Gaetana's auch jede Erbbeſtimmung unnoͤthig geworden war. Nur Zezi, Romerio und Gaetana blieben. „Tritt naͤher, meine Tochter,“ ſagte der Graf matt, als ſie allein waren.„Du haſt mein Herz gebrochen, aber ich vergebe es Dir. Auf Dich baute ich meine Hoffnungen, Du — warſt mein Stolz und meine Freude, und im Allter ſollteſt Du mir eine Stütze ſeyn. Ich Zehntes Capitel. Die Trennung. Der Leichnam des Grafen war mit großer Pracht dem kuͤhlen Schoß der Erde uͤbergeben worden und die Begleiter des Zuges kehrten nun heim, groͤßtentheils mit verweinten Augen, denn der alte Herr war gut geweſen und hatte manche Thraͤne getrocknet; warum ſollte man nicht auch ihm eine weihen? Im Sterbezimmer des Vaters ſaß Gaetang im Trauergewande, an ihrer Seite Romerio. Er weinte nicht mehr, aber er ſah ernſt und duͤſter. Er hatte nun Alles gethan, was er zu thun ſich vorgenommen. Er hatte Gaetana gerettet, die Tochter dem Vater zugkfahrt; ſein 188 Ziel war erreicht. Was aber nun anfangen? Als entflohener Verbrecher konnte er ſich in Italien unmoͤglich laͤnger aufhalten, aber was bot ihm das Ausland ohne Gaetana? Ohne ſie konnte er nicht leben, das wußte er; aber er dachte auch edel genug, um Gaetana nicht mit den Ausbruͤchen ſeiner Leidenſchaft zu be⸗ ſtuͤrmen. Lieber wollte er in ungluͤcklicher Liebe vergehen, als Gaetana zum zweitenmal in das Ungluͤck ſtuͤrzen. Die Graͤfin wußte, daß Romerio ſie liebe; er hatte ihr auf der Flucht von Venedig die deutlichſten Beweiſe gegeben und auch ſie konnte ſich einer gewiſſen Anhaͤnglichkeit nicht erweh⸗ ren. Aber Liebe, das was man eine wahre, innige, hingebende Liebe nennt, das konnte ſie fuͤr den armen Romerio nicht fuͤhlen. Als er heute duͤſter neben ihr ſaß, ſprach ſie ihm freund⸗ lich zu, aber er mochte es fuͤhlen, daß in ihren ſanften Worten nur der Zoll der Dankbarkeit lag und weiter nichts, leider weiter gar nichts. „Neine Graͤfin,“ begann er endlich, nach⸗ dem er lange ſtumm geſeſſen,„meines Blei⸗ bens iſt hier nicht laͤnger mehr! Ich habe das Meinige redlich gethan und ich finde ſchon in Eurer Rettung meinen ſchoͤnſten Lohn. Ich gehe nach Deutſchland; dort kennt man mich nicht— vielleicht, daß ich ungeſtoͤrt meine Tage beſchließen kann.“ Er ſchwieg, Gaetana druͤckte ihm dankbar die Hand und ſagte:„Mein Romerio, Du warſt der Retter meines Lebens. Dies Dir zu danken iſt mir nicht moͤglich; mein Vermoͤ⸗ gen wuͤrde nicht hinreichen, das zu vergelten was Du fuͤr mich gethan. Und wenn ich es Dir gaͤbe, wenn ich Alles gaͤbe, was jetzt mein iſt, Du wuͤrdeſt es nicht achten, denn ich weiß, daß Du die Schaͤtze nur traurig anblicken wuͤrdeſt. Ich kenne Deine Wuͤnſche, aber ich kann ſie nicht befriedigen: ich habe nur einmal 3 geliebt, ich kann nicht wieder lieben! Die bit⸗ terſte Taͤuſchung war der Liebe Lohn! Du liebſt mich, ich weiß es, Romerio, aber n ich auch Deine Liebe erwiederte, uns wäͤre 189 190 Beiden nicht geholfen. Ich gehe in ein Klo⸗ ſter und den Armen moͤgen die Schaͤtze zu⸗. fließen, die meine Vorfahren aufgehaͤuft haben. Noch einmal meinen Dank, Romerio, Du wirſt ungluͤcklich leben, ich nicht minder, aber das Schickſal hat es ſo gewollt/„ Sie umſchlang ſeinen Hals und druͤckte den. Abſchiedskuß auf ſeine Lippen. Romerio ſtuͤrzte fort und noch denſelben Abend trat er ſeine Wanderſchaft nach Deutſchland an. Eine Gold⸗ boͤrſe, die er Tags vorher von Gaetana em⸗ pfangen, reichte hin, um ſeine Reiſekoſten zu j decken.—. „ e,, — “ ſſiſſfſfffffffſſſſſf 12 13 14 15 16 17