hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eeih- und Jeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Ünbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe mir zurückerſtattet wird.. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für echentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nt. 50 Pf. 2 Ni.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Büucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Aun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Heine's 1 Reiſebi i t.Nes v. Vierter Theil. Bei Hoffmann& Campe in Hamburg ſind erſchienen: Aſton, L., aus dem Leben einer Frau..... Bernays, Iſaak, Schief⸗Levinche mit ſiner Kalle, oder Polniſche enyſchaft. Ein komiſcher Roman Börne, L., geſammelte Schriften. 8 Theile.... Chriſten, F. E., Diana. Wahrheit u. Dichtung. 2 Theile —— Malcolm. Ein See⸗Gemälde.. Clemens, F., der Excentriſche. Roman. —— das entſchleierte Bild zu Sais. Gathy, A., Cavalcade, oder die Kunſtreiterin. Gutzkow, Dr. K., öffentliche Charaktere. —— zur Altſobhir der Geſchichte —— örne’s VLeben........ —— Götter, Helden, Don Quixote..... —— dee rothe Mütze und die Kaputze....— —— Künig Saul. Trauerſpiel. Hebbel, Fr., Gedichte....... — 8 Iudith. Tragödie in 5 Acten. 0—-—— bdodo— 1 1 . 1 —— Genoveva. Tragödie in 5 Acten.. 1 —— MNaria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerſpiel 1 —— der Diamant. Komödie in 5 Acten... 1 Jerrmann, E., die Jüdin von Toledo. Novelle.. 1 Immermann, K., Kaiſer Friedrich der Zweite. Trauerſpiel 1 —— das Trauerſpiel in Tyrol........— —— die Verkleidungen. Luſtſpie— Maltitz, G. A. Freiherr von, Pfefferkörner im Geſchmacke der Zeit. 4 Hefte. 2. Auflage. 2 —— Polvnia. Ein Gedicht....... —— Dliver Cromwell, oder die Republikaner. Hiſtoriſches Drama......... —— Fürſt, Miniſter und Bürger, oder das Pasquill. Schauſpiel. 2. Aufl....... —— deerr alte Student. Dramatiſche Kleinigkeit Yelenldee, ein Todtenopfer......... aupach, E., dramatiſche Werke komiſcher Gattung. 4 Theile 7 —— dramatiſche Werke ernſter Gattung. 16 Theile 20— —— die Hohenſtaufen. 8 Theile.(Werke 5— 12) 8 Schnell, L., die Vertreibung der Zillerthaler.... Smidt, H., Hamburger Bilder. Wirklichkeit im roman⸗ tiſchen Gewande. 3 Theile...... 3 Starklof, L., Helgoland. Ein See⸗Märchen. —— Alma. Ein Roman. 2 Theile..... 3 — Prinz Leo..... 11 Wienbarg, Dr. L., Holland in den Jahren 1831 u. 32. 2 Theile 2 ——.. 1 — äſthetiſche Feldzüge....... —— Wanderungen durch den Thierkreis.... 1 — Tagebuch von Helgoland....... 1 —— zur neueſten Literatur........— Thlr. Sgr. .— 22 ¾ d von 6. H. Hein e. Bierter Theil. ¶ Vierte Auflage. „ Hamburg. Hoffmann und Campe. 1850. Druck von Yontt& von Döhren. 2 .1* ☛ — A Vorwort. „Die Stadt Lukka,“ die ſich unmittelbar den „Bädern von Lukka“ anſchließt, und auch gleich⸗ zeitig geſchrieben worden, gebe ich hier keines⸗ wegs als ein Einzelbild, ſondern als den Ab⸗ ſchluß einer Lebensperiode, der zugleich mit dem Abſchluß einer Weltperiode zuſammentrifft. Die Engliſchen Fragmente, die ich hinzufüge, ſind zum Theil vor zwey Jahren für die„allgemeinen politiſchen Annalen,“ die ich damals mit Lindner herausgab, nach Zeitbedürfniſſen geſchrieben worden, und ihre Nützlichkeit beachtend, habe ich ſie jetzt den Reiſebildern als Ergänzung ein⸗ VI verleibt. Für die Beſitzer der erſten Auflage bildet daher dieſes Buch vielleicht einen will⸗ kommenen Nachtrag. Daß ich die Correctur des Drucks nicht ſelbſt beſorge und alle Mißgeſchicklichkeiten, die dadurch entſtehen könnten, nicht vertreten möchte, bemerke ich zu beſonderer Erwägung. Ich wünſche, daß der geneigte Leſer den Zweck der Mittheilung bey den Engliſchen Frag⸗ menten nicht verkennen möge. Vielleicht liefere ich, in zeitgemäßer Folge, noch einige Kunden dieſer Art. Unſere Literatur iſt nicht allzureichlich damit verſehen. Obgleich England von deutſchen Novellendichtern oft geſchildert wird, ſo iſt doch Willibald Alexis der einzige, der die dortigen Lokalitäten und Coſtüme mit treuen Farben und Umriſſen zu geben wußte. Ich glaube, er iſt nicht einmal im Lande ſelbſt geweſen, und er kennt deſſen Phyſionomie nur durch jene wun⸗ derſame Intuizion, die einem Poeten die An⸗ ————— 8 E= —— ſchauung der Wirklichkeit entbehrlich macht. So ſchrieb ich ſelbſt vor elf Jahren den „William Ratcliff,“ worauf ich hier um ſo mehr zurückweiſen möchte, da nicht bloß eine treue Schilderung Englands, ſondern auch die Keime meiner ſpätern Betrachtungen über dieſes Land, das ich damals noch nie geſehen, darin enthalten ſind. Das Stück findet ſich in den „Tragödien, nebſt einem lyriſchen Inter⸗ mezzo, von H. Heine. Berlin 1823, bey F. Dümmler.“ Was Reiſebeſchreibung betrifft, ſo giebt es außer Archenholz und Göde, gewiß kein Buch über England, das uns die dortigen Zuſtände beſſer veranſchaulichen könnte, als die, dieſes Jahr, bey Franckh in München erſchienenen „Briefe eines Verſtorbenen. Ein fragmen⸗ tariſches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geſchrieben in den Jahren 1828 und 1829.“ VIII Es iſt dieſes noch in mancher anderen Hinſicht ein vortreffliches Buch und verdient in vollem Maaße das Lob, das ihm Goethe und Varnhagen v. Enſe, in den Berliner Jahr⸗ büchern für wiſſenſchaftliche Critik, geſpendet haben.— Hamburg, den 15. November 1830. Heinrich Heine. (Italien.) III. Die Stadt Tukka. Lachen muß ich immer über die Engländer, die dieſen ihren zweiten Dichter(denn nach Shakeſpear gebührt Byron die Palme) ſo jämmerlich ſpießbürgerlich beurtheilen, weil er ihre Pedanterie verſpottete, ſich ihren Krähwinkelſitten nicht fügen, ihren kalten Glauben nicht theilen wollte, ihre Nüchtern⸗ heit ihm ekelhaft war, und er ſich über ihren Hochmuth und ihre Heucheley beklagte. Viele machen ſchon ein Kreuz, wenn ſie nur von ihm ſprechen, und ſelbſt die Frauen, obgleich ihre Wangen von Enthuſiasmus glühen, wenn ſie ihn leſen, neh⸗ men öffentlich heftig Partey gegen den heimlichen Liebling— Briefe eines Verſtorbenen. Ein fragmentariſches Tagebuch aus England. München 1830. 4 Capitel l. Die umgebende Natur wirkt auf den Menſchen— warum nicht auch der Menſch auf die Na⸗ tur, die ihn umgiebt? In Jtalien iſt ſie lei⸗ denſchaftlich wie das Volk, das dort lebt; bey uns in Deutſchland iſt ſie ernſter, ſinniger und geduldiger. Hatte einſt wie die Menſchen auch die Natur mehr inneres Leben? Die Gemüths⸗ kraft eines Orpheus, ſagt man, konnte Bäume und Steine nach begeiſterten Rythmen bewegen. Könnte noch jetzt dergleichen geſchehen? Men⸗ ſchen und Natur ſind pflegmatiſch geworden und gähnen ſich einander an. Ein königl. Preuß. Poet 1* ——————öö 4 wir mimmermehr, mit den Klängen ſeiner Leyer, den Templower Berg oder die Berliner Linden zum Tanzen bringen können. Auch die Natur hat ihre Geſchichte und das iſt eine andere Naturgeſchichte als wie die, welche in Schulen gelehrt wird. Irgend eine von jenen grauen Eydechſen, die ſchon ſeit Jahr⸗ tauſenden in den Felſenſpalten des Appennins leben, ſollte man als ganz außerordentliche Profeſſorin bey einer unſerer Univerſitäten an⸗ ſtellen, und man würde ganz außerordentliche Dinge zu hören bekommen. Aber der Stolz einiger Herren von der juriſtiſchen Fakultät würde ſich gegen eine ſolche Anſtellung auflehnen. Hegt doch einer von ihnen ſchon jetzt eine ge⸗ heime Eiferſucht gegen den armen Fido Savant, fürchtend, daß dieſer ihn einſt im gelehrten Ap⸗ portiren erſetzen könnte. Die Eydechſen mit ihren klugen Schwänzchen und ihren ſpitzfindigen Aeuglein, haben mir wunderbare Dinge erzählt, wenn ich einſam zwiſchen den Felſen der Appenninen umherkletterte. Wahrlich, es giebt Dinge zwiſchen Himmel und Erde, die nicht bloß unſere Philoſophen, ſondern ſogar die gewöhnlichſten Dummköpfe nicht be⸗ greifen. Die Eydechſen haben mir erzählt, es gehe eine Sage unter den Steinen, daß Gott einſt Stein werden wolle, um ſie aus ihrer Starr⸗ heit zu erlöſen. Eine alte Eydechſe meinte aber, dieſe Steinwerdung würde nur dann ſtatt finden, wenn Gott bereits in alle Thier⸗ und Pflanzen⸗ arten ſich verwandelt und ſie erlöſt habe. Nur wenige Steine haben Gefühl, und nur im Mondſchein athmen ſie. Aber dieſe wenige Steine, die ihren Zuſtand fühlen, ſind ſchrecklich elend. Die Bäume ſind viel beſſer daran, ſie können weinen. Die Thiere aber ſind am mei⸗ ſten begünſtigt, denn ſie können ſprechen, jedes nach ſeiner Art und die Menſchen am beſten. Einſt, wenn die ganze Welt erlöſt iſt, werden alle anderen Erſchaffniſſe ebenfalls ſprechen kön⸗ nen, wie in jenen uralten Zeiten, wovon die Dichter ſingen.„ Die Eydechſen ſind ein ironiſches Geſchlecht, und bethören gern die anderen Thiere. Aber ſie waren gegen mich ſo demüthig, ſie ſeufzten ſo ehrlich, ſie erzählten mir Geſchichten von Atlantis, die ich nächſtens aufſchreiben will, zu Nutz und Frommen der Welt. Es ward mir ſo innig zu Muthe bey den kleinen Weſen, die gleichſam die geheimen Annalen der Natur auf⸗ bewahren. Sind es etwa verzauberte Prieſter⸗ familien, gleich denen des alten Egyptens, die ebenfalls naturbelauſchend in labyrinthiſchen Felſengrotten wohnten? Auf ihren Köpfchen, Leibchen und Schwänzchen blühen ſo wunderbare Zeichenbilder, wie auf egyptiſchen Hieroglyphen⸗ mützen und Hierophantenröcken. Meine kleinen Freunde haben mich auch eine 7 Zeichenſprache gelehrt, vermittelſt welcher ich mit der ſtummen Natur zu ſprechen vermag. Dieſes erleichtert mir oft die Seele, beſonders gegen Abend, wenn die Berge in ſchaurig ſüßen Schatten gehüllt ſtehen, und die Waſſerfälle rauſchen, und alle Pflanzen duften, und haſtige Blitze hin und her zucken.— O Natur! du ſtumme Jungfrau! wohl ver⸗ ſtehe ich dein Wetterleuchten, den vergeblichen Redeverſuch, der über dein ſchönes Antlitz dahin⸗ zuckt, und du dauerſt mich ſo tief, daß ich weine. Aber alsdann verſtehſt du auch mich, und du heiterſt dich auf, und lachſt mich an aus goldnen Augen. Schöne Jungfrau, ich verſtehe deine Sterne und du verſtehſt meine Thränen! Capitel II. Nichts in der Welt will rückwärts gehen, ſagte mir ein alter Eydechs, Alles ſtrebt vor⸗ wärts, und am Ende wird ein großes Natur⸗ avanzement ſtattfinden. Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden Thiere, die Thiere werden Menſchen und die Menſchen wer⸗ den Götter werden. Aber, rief ich, was ſoll denn aus dieſen guten Leuten, aus den armen alten Göttern werden? Das wird ſich finden, lieber Freund, ant⸗ wortete jener; wahrſcheinlich danken ſie ab, oder werden auf irgend eine ehrende Art in den Ruheſtand verſetzt. Ich habe von meinem hieroglyphenhäutigen Naturphiloſophen noch manches andre Geheimniß erfahren; aber ich gab mein Ehrenwort, nichts zu enthüllen. Ich weiß nicht mehr als Schelling und Hegel. Was halten Sie von dieſen beiden? frug mich der alte Eydechs mit einem höhniſchen Lächeln, als ich mal dieſe Namen gegen ihn erwähnte. Wenn man bedenkt, antwortete ich, daß ſie bloß Menſchen und keine Eydechſen ſind, ſo muß man über das Wiſſen dieſer Leute ſehr erſtau⸗ nen. Im Grunde lehren ſie eine und dieſelbe Lehre, die Ihnen wohlbekannte Identitätsphilo⸗ ſophie, nur in der Darſtellungsart unterſcheiden ſie ſich. Wenn Hegel die Grundſätze ſeiner Philoſophie aufſtellt, ſo glaubt man jene hübſchen Figuren zu ſehen, die ein geſchickter Schulmeiſter, durch eine künſtliche Zuſammenſtellung von allerley Zahlen, zu bilden weiß, dergeſtalt, daß ein ge⸗ 10 wöhnlicher Beſchauer nur das Oberflächliche, nur das Häuschen oder Schiffchen oder abſolute Soldätchen ſieht, das aus jenen Zahlen formirt iſt, während ein denkender Schulknabe in der Figur ſelbſt vielmehr die Auflöſung eines tiefen Rechenexempels erkennen kann. Die Darſtellungen Schellings gleichen mehr jenen indiſchen Thier⸗ bildern, die aus allerley anderen Thieren, Schlangen, Vögeln, Elephanten und dergleichen lebendigen Ingredienzen, durch abentheuerliche Verſchlingungen zuſammengeſetzt ſind. Dieſe Darſtellungsart iſt viel anmuthiger, heiterer, pulſirend wärmer, alles darinn lebt, ſtatt daß die abſtrakt hegelſchen Chiffern uns ſo grau, ſo kalt und todt anſtarren. Gut, gut, erwiederte der alte Eydechſerich, ich merke ſchon was Sie meinen; aber ſagen Sie mir, haben dieſe Philoſophen viele Zuhörer? Ich ſchilderte ihm nun, wie in der gelehrten Caravanſerai zu Berlin die Kameele ſich ſammeln 11 um den Brunnen hegelſcher Weisheit, davor niederknien, ſich die koſtbaren Schläuche auf⸗ laden laſſen, und damit weiter ziehen durch die Märkſche Sandwüſte. Ich ſchilderte ihm ferner, wie die neuen Athener um den Springquell des ſchellingſchen Geiſtestranks ſich drängen, als wär es das beſte Bier, Breyhahn des Lebens, Geſöffe der Unſterblichkeit.— Den kleinen Naturphiloſophen überfiel der gelbe Neid, als er hörte, daß ſeine Collegen ſich ſo großen Zuſpruchs erfreuen, und ärger⸗ lich frug er: welchen von beiden halten Sie für den größten? Das kann ich nicht entſcheiden, gab ich zur Antwort, eben ſo wenig wie ich entſcheiden könnte, ob die Schechner größer ſey als die Sonntag, und ich denke— Denke! rief der Eydechs mit einem ſcharfen, vornehmen Tone der tiefſten Geringſchätzung, denken! wer von Euch denkt? Mein weiſer Herr, ſchon an die dreytauſend Jahre mache ich Unter⸗ 12 ſuchungen über die geiſtigen Funkzionen der Thiere, ich habe beſonders Menſchen, Affen und Schlangen zum Gegenſtand meines Studiums gemacht, ich habe ſo viel Fleiß auf dieſe ſeltſamen Geſchöpfe verwendet, wie Lyonnet auf ſeine Weidenraupen, und als Reſultat aller meiner Bevobachtungen, Experimente und anatomiſchen Vergleichungen, kann ich Ihnen beſtimmt ver⸗ ſichern: kein Menſch denkt, es fällt nur dann und wann den Menſchen etwas ein, ſolche ganz unverſchuldete Einfälle nennen ſie Gedanken, und das Aneinanderreihen derſelben nennen ſie Denken. Aber in meinem Namen können Sie es wiederſagen: kein Menſch denkt, kein Philo⸗ ſoph denkt, weder Schelling noch Hegel denkt, und was gar ihre Philoſophie betrifft, ſo iſt ſie eitel Luft und Waſſer, wie die Wolken des Himmels; ich habe ſchon unzählige ſolcher Wolken, ſtolz und ſicher, über mich hin ziehen ſehen, und die nächſte Morgenſonne hat ſie auf⸗ 13 gelöſt in ihr urſprüngliches Nichts;— es giebt nur eine einzige wahre Philoſophie, und dieſe ſteht, in ewigen Hieroglyphen, auf meinem eige⸗ nen Schwanze. Bey dieſen Worten, die mit einem dedaignanten Pathos geſprochen wurden, drehte mir der alte Eydechs den Rücken, und indem er langſam fortſchwänzelte, ſah ich darauf die wunderlichſten Charaktere, die ſich in bunter Bedeutſamkeit bis über den ganzen Schwanz hinabzogen. 14 Caßpitel III. Auf dem Wege zwiſchen den Bädern von Lukka und der Stadt dieſes Namens, unweit von dem großen Kaſtanienbaume, deſſen wild⸗ grüne Zweige den Bach überſchatten, und in Gegenwart eines alten, weißbärtigen Ziegenbocks, der dort einſiedleriſch weidete, wurde das Ge⸗ ſpräch geführt, das ich im vorigen Capitel mit⸗ getheilt habe. Ich ging nach der Stadt Lukka, um Franſcheska und Mathilde zu ſuchen, die ich unſerer Verabredung gemäß, ſchon vor acht Tagen dort treffen ſollte. Ich war aber zur beſtimmten Zeit, vergebens hingereiſt, und ich hatte mich jetzt zum zweitenmahle auf den Weg gemacht. Ich ging zu Fuße, längs den ſchönen 15 Bergen und Baumgruppen, wo die goldnen Orangen, wie Sterne des Tages, aus dem dunklen Grün hervorleuchteten, und Guirlanden von Weinreben, in feſtlichen Windungen, ſich meilenweit hinzogen. Das ganze Land iſt dort ſo gartenhaft und geſchmückt, wie bey uns die ländlichen Scenen, die auf dem Theater darge⸗ ſtellt werden; auch die Landleute ſelbſt gleichen jenen bunten Geſtalten, die uns dann als ſin⸗ gende, lächelnde und tanzende Staffage ergötzen. Nirgends Philiſtergeſichter. Und giebt es hier auch Philiſter, ſo ſind es doch italieniſche Oran⸗ genphiliſter und keine plump deutſchen Kartoffel⸗ philiſter. Pittoresk und idealiſch wie das Land ſind auch die Leute, und dabey trägt jeder Mann einen ſo individuellen Ausdruck im Geſicht, und weiß in Stellung, Faltenwurf des Mantels, und nöthigenfalls in Handhabung des Meſſers, ſeine Perſönlichkeit geltend zu machen. Dagegen bey uns zu Lande lauter Menſchen mit allgemeinen, 16 gleichförmlichen Phyſiognomien; wenn ihrer zwölf beyſammen ſind bilden ſie ein Dutzend, und wenn einer ſie dann angreift rufen ſie die Polizey. Auffallend war mir, im Lukkeſiſchen, wie im größten Theile Toskanas, tragen die Frauen⸗ zimmer große ſchwarze Filzhüte mit herabwallend ſchwarzen Straußfedern; ſogar die Strohflech⸗ terinnen tragen dergleichen ſchwere Hauptbe⸗ deckung. Die Männer hingegen tragen meiſtens einen leichten Strohhut, und junge Burſchen erhalten ſolchen zum Geſchenk von einem Mäd⸗ chen, das ihn ſelbſt verfertigt, ihre Liebesge⸗ danken und vielleicht auch manchen Seufzer hineingeflochten. So ſaß einſt Franſcheska unter den Mädchen und Blumen des Arnothals, und flocht einen Hut, für ihren caro Cecco, und küßte jeden Strohhalm, den ſie dazu nahm, und trillerte ihr hübſches Occhie, Stelle mortale;— das lockigte Haupt, das den hübſchen Hut nachher ſo hübſch trug, hat jetzt eine Tonſur, 17 und der Hut ſelbſt hängt, alt und abgenutzt, im Winkel eines trüben Abbateſtübchens zu Bologna. Ich gehöre zu den Leuten, die immer gern einen kürzeren Weg nehmen, als die Landſtraße bietet, und denen es alsdann wohl begegnet, daß ſie ſich auf engen Holz⸗ und Felſenpfaden ver⸗ irren. Das geſchah auch hier, und ich habe, zu meiner Reiſe nach Lukka, gewiß doppelt ſo viel Zeit gebraucht als gewöhnliche Landſtraßmenſchen. Ein Sperling, den ich um den Weg frug, zwitſcherte und zwitſcherte, und konnte mir doch keinen rechten Beſcheid geben. Vielleicht auch wußte er ihn ſelbſt nicht. Den Schmetterlingen und Libellen, die auf großen Glockenblumen ſaßen, konnte ich kein Wort abgewinnen; ſie waren ſchon davongeflattert, ehe ſie noch meine Fragen vernommen, und die Blumen ſchüttelten ihre tonloſen Glockenhäupter. Manchmal weckten mich die wilden Myrten, die, mit feinen Stimmchen, aus der Ferne kicherten. Haſtig erklomm ich IV. 2 ———— 18 dann die höchſten Felſenſpitzen, und rief: Ihr Wolken des Himmels! Segler der Lüfte! ſagt mir, wo geht der Weg nach Franſcheska? Iſt ſie in Lukka? Sagt mir was thut ſie? Was tanzt ſie? Sagt mir alles, und wenn Ihr mir alles geſagt habt, ſo ſagt es mir nochmals! Bey ſolcher Ueberfülle von Thorheit konnte es wohl geſchehen, daß ein ernſter Adler, den mein Ruf aus ſeinen einſamen Träumen aufge⸗ ſtört, mich mit geringſchätzendem Unmuthe anſah. Aber ich verzieh's ihm gerne; denn er hatte niemals Franſcheska geſehen, und daher konnte er noch immer ſo erhabenmüthig auf ſeinem feſten Felſen ſitzen, und ſo ſeelenfrey zum Himmel emporſtarren, oder ſo impertinent ruhig auf mich herabglotzen. So ein Adler hat einen unerträglich ſtolzen Blick, und ſieht einen an, als wollte er ſagen: was biſt du für ein Vogel? Weißt du wohl, daß ich noch immer ein König bin, eben ſo gut wie in jenen Hel⸗ 19 denzeiten, als ich Jupiters Blitze trug und Napoleons Fahnen ſchmückte? Biſt du etwa ein gelehrter Papagoy, der die alten Lieder aus⸗ wendig gelernt hat und pedantiſch nachplappert? Oder eine vermüffte Turteltaube, die ſchön fühlt und miſerabel gurrt? Oder eine Almanachs⸗ nachtigall? Oder ein abgeſtandener Gänſerich, deſſen Vorfahren das Capitol gerettet? Oder— gar ein ſerviler Haushahn, dem man, aus Jronie, das Emblem des kühnen Fliegens, nämlich mein Miniaturbild, um den Hals gehängt hat, und der ſich deshalb ſo mächtig ſpreitzt, als wäre er nun ſelbſt ein Adler? Du weißt, lieber Leſer, wie wenig Urſache ich habe, mich beleidigt zu— fühlen, wenn ein Adler dergleichen von mir dachte. Ich glaube, der Blick, den ich ihm zu⸗ rückwarf, war noch ſtolzer als der ſeinige, und wenn er ſich bey dem erſten beſten Lorbeerbaume erkundigt hat, ſo weiß er jetzt, wer ich bin. 1 Ich war wirklich im Gebirge verirrt, als 2* 2 20 ſchon die Dämmerung hereinbach, und die bunten Waldlieder allmälig verſtummten und die Bäume immer ernſthafter rauſchten. Eine erhabene Heim⸗ lichkeit und innige Feyer zog, wie der Odem Gottes, durch die verklärte Stille. Hie und da, aus dem Boden, blickte ein ſchönes dunkles Auge zu mir herauf, und verſchwand im ſelben Augenblick. Zärtliches Flüſtern tändelte mir ums Herz, und unſichtbare Küſſe berührten luftig meine Wangen. Das Abendroth umhüllte die Berge wie mit Purpurmänteln, und die letzten Sonnenſtralen beleuchteten ihre Gipfel, daß es ausſah, als wären ſie Könige mit goldenen Kronen auf den Häuptern. Ich aber ſtand, wie ein Kaiſer der Welt, in der Mitte dieſer gekrönten Vaſallen, die ſchweigend mir huldigten. 21 Capitel IVV. Ich weiß nicht, ob der Mönch, der mir unfern Lukka begegnete, ein frommer Mann iſt. Aber ich weiß, ſein alter Leib ſteckt arm und nackt in einer groben Kutte, jahraus jahrein; die zerriſſenen Sandalen können ſeine bloßen Füße nicht genug ſchützen, wenn er, durch Dorn und Geſtrippe, die Felſen hinauf klimmt, um droben, in den Berg⸗ dörfern, Kranke zu tröſten oder Kinder beten zu lehren:— und er iſt zufrieden, wenn man ihm dafür ein Stückchen Brod in den Sack ſteckt, und ihm ein Bischen Stroh gibt, um darauf zu ſchlafen. „Gegen den Mann willl ich nicht ſchreiben,“ ſprach ich zu mir ſelbſt.„Wenn ich wieder zu Hauſe in Deutſchland, auf meinem Lehnſeſſel, am 22 kniſternden Oeſchen, bey einer behaglichen Taſſe Thee, wohlgenährt und warm ſitze, und gegen die katholiſchen Pfaffen ſchreibe— gegen den Mann will ich nicht ſchreiben.“— Um gegen die katholiſchen Pfaffen zu ſchrei⸗ ben, muß man auch ihre Geſichter kennen. Die Originalgeſichter ſieht man aber nur in Italien. Die deutſchen katholiſchen Prieſter und Mönche ſind bloß ſchlechte Nachahmungen, oft ſogar Paro⸗ dieen der italieniſchen; eine Vergleichung derſelben würde eben ſo ausfallen, als wenn man römiſche oder florentiniſche Heiligenbilder vergleichen wollte mit jenen heuſchrecklichen, frommen Fratzen, die etwa dem ſpießbürgerlichen Pinſel eines nürren⸗ berger Stadtmalers, oder gar der lieben Einfalt eines Gemüthsbefliſſenen aus der langhaarig chriſtlich neudeutſchen Schule, ihr trauriges Daſeyn verdanken. Die Pfaffen in Italien haben ſich ſchon längſt mit der öffentlichen Meinung abgefunden, das 23 Volk dort iſt längſt daran gewöhnt, die geiſtliche Würde von der unwürdigen Perſon zu unterſchei⸗ den, jene zu ehren, wenn auch dieſe verächtlich iſt. Eben der Contraſt, den die idealen Pflichten und Anſprüche des geiſtlichen Standes und die unab⸗ weislichen Bedürfniſſe der ſinnlichen Natur bilden müſſen, jener uralte, ewige Conflikt zwiſchen dem Geiſte und der Materie, macht die italieniſchen Pfaffen zu ſtehenden Charakteren des Volks⸗Hu⸗ mors, in Satyren, Liedern und Novellen. Aehn⸗ liche Erſcheinungen zeigen ſich uns überall, wo ein ähnlicher Prieſterſtand vorhanden iſt, z. B. in Hindoſtan. In den Komödien dieſes urfrommen Landes, wie wir ſchon in der Sakontala bemerkt und in der neulich überſetzten Vaſantaſena beſtä⸗ tigt finden, ſpielt immer ein Bramine die komiſche Rolle, ſo zu ſagen den Prieſtergrazioſo, ohne daß dadurch die Ehrfurcht, die man ſeinen Opferver⸗ richtungen und ſeiner privilegirten Heiligkeit ſchul⸗ dig iſt, im mindeſten beeinträchtigt wird,— eben 24 ſo wenig wie ein Italiener mit minderer Andacht bey einem Prieſter Meſſe hört oder beichtet, den er noch Tags zuvor betrunken im Straßenkothe ge⸗ funden hat. In Deutſchland iſt das anders, der atholiſche Prieſter will da nicht bloß ſeine Würde durch ſein Amt, ſondern auch ſein Amt durch ſeine Perſon repräſentiren; und weil er es vielleicht Anfangs mit ſeinem Berufe wirklich ganz ernſthaft gemeint hat, und er nachher, wenn ſeine Keuſch⸗ heits⸗ und Demuthsgelübde etwas mit dem alten Adam kollidiren, ſie dennoch nicht öffentlich ver⸗ letzen will, beſonders auch weil er unſerem Freunde Krug in Leipzig keine Blöße geben will, ſo ſucht er wenigſtens den Schein eines heiligen Wandels zu bewahren. Daher Scheinheiligkeit, Heucheley und gleißendes Frömmeln bey deutſchen Pfaffen; bey den italieniſchen hingegen viel mehr Durch⸗ ſichtigkeit der Maske, und eine gewiſſe feiſte Ironie und behagliche Weltverdauung. Doch was helfen ſolche allgemeine Reflexionen! 25 Sie können dir wenig nutzen, lieber Leſer, wenn du etwa Luſt hätteſt gegen das katholiſche Pfaffen⸗ thum zu ſchreiben. Zu dieſem Zwecke muß man, wie geſagt, mit eignen Augen die Geſichter ſehen, die dazu gehören. Wahrlich, es iſt nicht einmal hinreichend, wenn man ſie im königlichen Opern⸗ hauſe zu Berlin geſehen hat. Der vorige General⸗ intendant that zwar immer das Seinige, um den Krönungszug in der Jungfrau von Orleans ſo täuſchend treu als möglich darzuſtellen, ſeinen Landsleuten die Idee einer Prozeſſion zu veran⸗ ſchaulichen und ihnen Pfaffen von allen Couleuren vor Augen zu bringen. Doch das getreueſte Coſtüme kann nicht die Originalgeſichter erſetzen, und vertrödelte man ſogar noch extra 100,000 Thaler für goldne Biſchofsmützen, feſtonnirte Chorhemden, buntgeſtickte Meßgewänder, und ähnlichen Kram— ſo würden doch die prote⸗ ſtantiſch vernünftigen Naſen, die unter jenen Biſchofsmützen hervorproteſtiren, die dünnen 2** 26 denkgläubigen Beine, die aus den weißen Spitzen dieſer Chorhemden herausgucken, die aufgeklärten Bäuche, denen jene Meßgewänder viel zu weit, Alles würde unſer Einen daran erinnern, daß keine katholiſche Geiſtliche, ſondern berliner Weltliche über die Bühne wandeln. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob der Generalintendant jenen Zug nicht viel beſſer dar⸗ ſtellen und uns das Bild einer Prozeſſion viel treuer vor Augen bringen könnte, wenn er die Rollen der katholiſchen Pfaffen nicht mehr von den gewöhnlichen Statiſten, ſondern von jenen prote⸗ ſtantiſchen Geiſtlichen ſpielen ließe, die in der theo⸗ logiſchen Fakultüt, in der Kirchenzeitung und auf den Kanzeln am orthodoxeſten gegen Vernunft, Weltluſt, Geſenius und Teufelthum zu predigen wiſſen. Es würden dann Geſichter zum Vorſchein kommen, deren pfäffiſches Gepräge gewiß jenen Rollen viel täuſchender entſpräche. Iſt es doch eine bekannte Bemerkung, daß die Pfaffen in der 27 ganzen Welt, Rabinen, Muftis, Dominikaner, Conſiſtorialräthe, Popen, Bonzen, kurz das ganze diplomatiſche Corps Gottes, im Geſichte eine ge⸗ wiſſe; e Familienähnlichkeit haben, wie man ſte immer findet bey Leuten, die ein und daſſelbe Gewerbe treiben. Schneider, in der ganzen Welt, zeichnen ſich aus durch Zartheit der Glieder, Metzger und Soldaten tragen wieder überall denſelben fa⸗ rouſchen Anſtrich, Juden haben ihre eigenthüͤmlich ehrliche Miene, nicht weil ſie von Abraham, Iſaak und Jakob abſtammen, ſondern weil ſie Kaufleute ſind, und der Frankfurter chriſtliche Kaufmann ſieht dem Frankfurter jüdiſchen Kaufmanne eben ſo ähnlich, wie ein faules Ey dem andern. Die geiſt⸗ lichen Kaufleute, ſolche die von Religionsgeſchäften ihren Unterhalt gewinnen, erlangen daher auch im Geſichte eine Aehnlichkeit. Freylich, einige Nüan⸗ zen entſtehen durch die Art und Weiſe, wie ſie ihr Geſchäft treiben. Der katholiſche Pfaffe treibt es mehr wie ein Commis, der in einer großen Hand⸗ * * 8 ** 4 28 lung angeſtellt iſ; die Kirche, das große Haus, deſſen Chef der Papſt iſt, giebt ihm beſtimmte Be⸗ ſchäftigung und dafür ein beſtimmtes Salair; er arbeitet läſſig, wie jeder, der nicht für eigne Rech⸗ nung arbeitet und viele Collegen hat, und im großen Geſchäftstreiben leicht unbemerkt bleibt— nur der Credit des Hauſes liegt ihm am Herzen, und noch mehr deſſen Erhaltung, da er bey einem etwaigen Bankerotte ſeinen Lebensunterhalt ver⸗ löre. Der proteſtantiſche Pfaffe hingegen iſt überall ſelbſt Prinzipal, und er treibt die Reli⸗ gionsgeſchäfte für eigene Rechnung. Er treibt keinen Großhandel wie ſein katholiſcher Gewerbs⸗ genoſſe, ſondern nur einen Kleinhandel; und da er demſelben allein vorſtehen muß, darf er nicht läſſig ſeyn, er muß ſeine Glaubensartikel den Leu⸗ ten anrühmen, die Artikel ſeiner Conkurrenten herabſetzen, und als ächter Kleinhändler ſteht er in ſeiner Ausſchnittbude, voll von Gewerbsneid gegen alle großen Häuſer, abſonderlich gegen das 29 große Haus in Rom, das viele tauſend Buchhalter und Packknechte beſoldet und ſeine Faktoreyen hat in allen vier Welttheilen. Solches hat nun freilich auch ſeine phyſiono⸗ miſche Wirkungen, aber dieſe ſind doch nicht vom Parterre aus bemerkbar, die Familienähnlichkeit in den Geſichtern katholiſcher und proteſtantiſcher Pfaffen bleibt doch in ihren Hauptzügen unverän⸗ dert, und wenn der Generalintendant die obener⸗ wähnten Herren gut bezahlt, ſo werden ſie ihre Rolle, wie immer, recht täuſchend ſpielen. Auch ihr Gang wird zur Illuſion beytragen; obgleich ein feines, geübtes Auge wohl merkt, daß er ſich von dem Gang katholiſcher Prieſter und Mönche ebenfalls durch feine Nüanzen unterſcheidet. Ein katholiſcher Pfaffe wandelt einher als wenn ihm der Himmel gehöre; ein proteſtanti⸗ ſcher Pfaffe hingegen geht herum als wenn er den Himmel gepachtet habe. ———ã 30 Capitel F. Es war ſchon Nacht als ich die Stadt Lukka erreichte. Wie ganz anders erſchien ſie mir die Woche vorher, als ich am Tage, durch die wiederhallend öden Straßen wandelte, und mich in eine jener verwunſchenen Städte verſetzt glaubte, wovon mir einſt die Amme ſo viel erzählt. Da war die ganze Stadt ſtill wie das Grab, alles war ſo verblichen und verſtorben, auf den Dächern ſpielte der Sonnenglanz, wie Goldflitter auf dem Haupte einer Leiche, hie und da aus den Fenſtern eines altverfallnen Hauſes hingen Epheuranken, wie vertrocknet grüne Thränen, überall glimmen⸗ der Moder und ängſtlich ſtockender Tod, die — Stadt ſchien nur das Geſpenſt einer Stadt, ein ſteinerner Spuk am hellen Tage. Da ſuchte ich lange vergebens die Spur eines lebendigen Weſens. Ich erinnere mich nur, vor einem alten Pallazzo lag ein ſchlafender Bettler mit ausge⸗ ſtreckt offner Hand. Auch erinnere ich mich, oben am Fenſter eines ſchwärzlich morſchen Häusleins ſah ich einen Mönch, der den rothen Hals mit dem feiſten Glatzenhaupt recht lang aus der braunen Kutte hervorreckte, und neben ihm kam ein vollbuſig nacktes Weibsbild zum Vorſchein; unten, in die halb offne Hausthüre ſah ich einen kleinen Jungen hineingehen, der als ein ſchwarzer Abbate gekleidet war, und mit beiden Händen eine mächtig großbäuchige Wein⸗ flaſche trug.— In demſelben Augenblick läutete unfern ein feines ironiſches Glöcklein, und in meinem Gedächtniſſe kicherten die Novellen des Boccacciv. Dieſe Klänge konnten aber keines⸗ wegs das ſeltſame Grauen, das meine Seele 32 durchſchauerte, ganz verſcheuchen. Es hielt mich vielleicht um ſo gewaltiger befangen, da die Sonne, ſo warm und hell, die unheimlichen Gebäude beleuchtete; und ich merkte wohl, Ge⸗ ſpenſter ſind noch furchtbarer, wenn ſie den ſchwarzen Mantel der Nacht abwerfen, und ſich im hellen Mittagslichte ſehen laſſen. Als ich jetzt, acht Tage ſpäter, wieder nach Lukka kam, wie erſtaunte ich über den veränderten Anblick dieſer Stadt! Was iſt das? rief ich, als die Lichter mein Auge blendeten und die Men⸗ ſchenſtröme durch die Gaſſen ſich wälzten. Iſt ein ganzes Volk als nächtliches Geſpenſt aus dem Grabe geſtiegen, um im tollſten Mummen⸗ ſchanz das Leben nachzuäffen? Die hohen, trüben Häuſer ſind mit Lampen verziert, überall aus den Fenſtern hängen bunte Teppiche, die morſch⸗ grauen Wände faſt bedeckend, und darüber lehnen ſich holde Mädchengeſichter, ſo friſch, ſo blühend, daß ich wohl merke, es iſt das Leben 33 ſelbſt, das ſein Vermählungsfeſt mit dem Tode feyert und Schönheit der Jugend dazu einge⸗ laden hat. Ja, es war ſo ein lebendes Todesfeſt, ich weiß nicht wie es im Kalender genannt wird, auf jeden Fall ſo ein Schindungstag irgend eines geduldigen Märtyrers, denn ich ſah nachher einen heiligen Todtenſchädel und noch einige Extra⸗Knochen, mit Blumen und Edelſteinen geziert, und unter hochzeitlicher Muſik herum⸗ tragen. Es war eine ſchöne Prozeſſion. Voran gingen die Kapuziner, die ſich von den anderen Mönchen durch lange Bärte auszeichneten und gleichſam die Sappeurs dieſer Glaubensarmee bildeten. Darauf folgten Kapuziner ohne Bärte, worunter viele männlich edle Geſichter, ſogar manch jugendlich ſchönes Geſicht, das die breite Tonſur ſehr gut kleidete, weil der Kopf dadurch wie mit einem zierlichen Haarkranz umflochten ſchien, und ſammt dem bloßen Nacken recht anmuthig aus der braunen Kutte hervortrat. IV. 3 ——————— 34— Hierauf folgten Kutten von andern Farben, ſchwarz, weiß, gelb, panaché, auch herabgeſchla⸗ gene dreyeckige Hüte, kurz all jene Kloſterkoſtüme, womit wir durch die Bemühungen unſeres Generalintendanten längſt bekannt ſind. Nach den Mönchsorden kamen die eigentlichen Prieſter, weiße Hemde über ſchwarze Hoſen, und farbige Käppchen; hinter ihnen kamen noch vornehmere Geiſtliche, in buntſeidne Decken gewickelt, und auf dem Haupte eine Art hoher Mützen, die wahr⸗ ſcheinlich aus Egypten ſtammen, und die man auch aus dem Denonſchen Werke, aus der Zauberflöte und aus dem Belzoni kennen lernt; es waren 1 altgediente Geſichter, und ſie ſchienen eine Art von alter Garde zu bedeuten. Zuletzt kam der eigentliche Stab, ein Thronhimmel und darunter ein alter Mann mit einer noch höhern Mütze, und in einer noch reicheren Decke, deren Zipfel 1 von zwei eben ſo gekleideten alten Männern, nach Pagenart, getragen wurden. 35 Die vorderen Mönche gingen mit gekreuzten Armen, ernſthaft ſchweigend; aber die mit den hohen Mützen ſangen einen gar unglücklichen Geſang, ſo näſelnd, ſo ſchlürfend, ſo kollernd, daß ich überzeugt bin: wären die Juden die größere Volksmenge, und ihre Religion wäre die Staatsreligion, ſo würde man obiges Geſinge mit dem Namen„Mauſcheln“ bezeichnen. Glück⸗ licherweiſe konnte man es nur zur Hälfte ver⸗ nehmen, indem hinter der Prozeſſion, mit lautem Trommeln und Pfeifen, mehrere Compagnien Militär einherzogen, ſo wie überhaupt an beiden Seiten neben den wallenden Geiſtlichen, auch immer je zwey und zwey Grenadiere marſchierten. Es waren faſt mehr Soldaten als Geiſtliche; aber zur Unterſtützung der Religion gehören heut zu Tage viel Bajonette, und wenn gar der Segen gegeben wird, dann müſſen in der Ferne auch die Kanonen bedeutungsvoll donnern. Wenn ich eine ſolche Prozeſſion ſehe, wo 3* 36 unter ſtolzer Militär⸗Eskorte, die Geiſtlichen ſo gar trübſelig und jammervoll einherwandeln, ſo ergreift es mich immer ſchmerzhaft, und es iſt mir als ſähe ich unſeren Heiland ſelbſt, umringt von Lanzenträgern, zur Richtſtätte abführen. Die Sterne zu Lukka dachten gewiß wie ich, und als ich ſeufzend nach ihnen hinaufblickte, ſahen ſie mich ſo übereinſtimmend an mit ihren frommen Augen, ſo hell, ſo klar. Aber man bedurfte nicht ihres Lichtes, tauſend und abertauſend Lampen und Kerzen und Mädchengeſichter flimmerten aus allen Fenſtern, an den Straßenecken ſtanden lodernde Pechkränze aufgepflanzt, und dann hatte auch jeder Geiſtliche noch ſeinen beſonderen Ker⸗ zenträger zur Seite. Die Kapuziner hatten meiſtens kleine Buben, die ihnen die Kerze trugen und die jugendlich friſchen Geſichtchen ſchauten bisweilen recht neugierig vergnügt hinauf nach den alten, ernſten Bärten; ſo ein armer Kapuziner kann keinen großen Kerzenträger be⸗ 37 ſolden, und der Knabe, den er das Ave Maria lehrt, oder deſſen Muhme ihm beichtet, muß bey Prozeſſionen wohl gratis dieſes Amt übernehmen, und es wird darum gewiß nicht mit geringerer Liebe verrichtet. Die folgenden Mönche hatten nicht viel größere Buben, einige vornehmere Orden hatten ſchon erwachſene Rangen, und die hoch⸗ mützigen Prieſter hatten wirkliche Bürgersleute zu Kerzenträgern. Aber endlich gar der Herr Erzbiſchof— denn das war wohl Mann, der in vornehmer Demuth unter dem Thronhimmel ging und ſich die Gewandzipfel von greiſen Pagen nach⸗ tragen ließ— dieſer hatte an jeder Seite einen Lakayen, die beide in blauen Livreen mit gelben Treſſen prangten, und zeremoniös, als ſervirten ſie bey Hof, die weißen Wachskerzen trugen. Auf jeden Fall ſchien mir ſolche Kerzenträgerey eine gute Einrichtung, denn ich konnte dadurch um ſo heller die Geſichter beſehen, die zum Katholizismus gehören. Und ich habe ſie jetzt 38 geſehen und zwar in der beſten Beleuchtung. Und was ſah ich denn? Nun ja, der klerikale Stempel fehlte nirgends. Aber dieſes abgerechnet, waren die Geſichter unter einander eben ſo verſchieden, wie andre Geſichter. Das eine war blaß, das andre roth, dieſe Naſe erhob ſich ſtolz, jene war niedergeſchlagen, hier ein funkelnd ſchwarzes, dort ein ſchimmernd graues Auge— aber in allen dieſen Geſichtern lagen die Spuren derſelben Krankheit, einer ſchrecklichen, unheilbaren Krank⸗ heit, die wahrſcheinlich Urſache ſeyn wird, daß mein Enkel, wenn er hundert Jahr ſpäter die Prozeſſion in Lukka zu ſehen bekommt, kein ein⸗ ziges von jenen Geſichtern wieder findet. Ich fürchte, ich bin ſelbſt angeſteckt von dieſer Krank⸗ heit, und eine Folge derſelben iſt jene Weichheit, die mich wunderbar beſchleicht, wenn ich ſo ein ſieches Mönchsgeſicht betrachte, und darauf die Symptome jener Leiden ſehe, die ſich unter der groben Kutte verſtecken:— gekränkte Liebe, 39 Podagra, getäuſchter Ehrgeiz, Rückendarre, Reue, Hämorrhoiden, die Herzwunden die uns vom Undank der Freunde, von der Verläumdung der Feinde, und von der eignen Sünde geſchlagen worden, alles dieſes und noch viel mehr, was eben ſo leicht unter einer groben Kutte wie unter einem feinen Modefrack ſeinen Platz zu finden weiß. O! es iſt keine Uebertreibung, wenn der Poet in ſeinem Schmerze ausruft: das Leben iſt eine Krankheit, die ganze Welt ein Lazareth! „Und der Tod iſt unſer Arzt—“ Ach!l ich will nichts böſes von ihm reden, und nicht Andre in ihrem Vertrauen ſtören; denn da er der einzige Arzt iſt, ſo mögen ſie immerhin glauben er ſey auch der beſte, und das einzige Mittel, das er anwendet, ſeine ewige Erdkur, ſey auch das beſte. Wenigſtens kann man von ihm rühmen, daß er immer gleich bey der Hand iſt, und trotz ſeiner großen Praxis nie lange auf ſich warten läßt, wenn man ihn verlangt. ———ÜBB 40 Manchmal folgt er ſeinen Pazienten ſogar zur Prozeſſion, und trägt ihnen die Kerze. Es war gewiß der Tod ſelbſt, den ich an der Seite eines blaſſen, bekümmerten Prieſters gehen ſah; in dünnen zitternden Knochenhänden trug er dieſem die flimmernde Kerze, nickte dabey gutmüthig beſänftigend mit dem ängſtlich kahlen Köpfchen, und ſo ſchwach er ſelbſt auf den Beinen war, ſo unterſtützte er doch noch zuweilen den armen NPrrieſter, der bey dem Schritte noch bleicher wurde und umſinken wollte. Er ſchien ihm Muth ein⸗ zuſprechen: warte nur noch einige Stündchen, dann ſind wir zu Hauſe, und ich löſche die Kerze aus, und ich lege dich aufs Bett, und die kalten, müden Beine können ausruhen, und du ſollſt ſo feſt ſchlafen, daß du das wimmernde Sankt Michaelsglöckchen nicht hören wirſt. „Gegen den Mann will ich auch nicht ſchreiben“ dacht ich, als ich den armen, bleichen Prieſter ſah, dem der leibhaftige Tod zu Bette leuchtete. 41 Ach! man ſollte eigentlich gegen niemanden in dieſer Welt ſchreiben. Jeder iſt ſelbſt krank genug in dieſem großen Lazareth, und manche polemiſche Lektüre erinnert mich unwillkührlich an ein widerwärtiges Gezänk, in einem kleineren Lazareth zu Krakau, wobey ich mich als zufälliger Zuſchauer befand, und wo entſetzlich anzuhören rwar, wie die Kranken ſich einander ihre Ge⸗ brechen ſpottend vorrechneten, wie ausgedörrte Schwindſüchtige den aufgeſchwollenen Waſſer⸗ ſüchtling verhöhnten, wie der Eine lachte über den Naſenkrebs des Andern, und dieſer wieder über Maulſperre und Augenverdrehung ſeiner Nachbaren, bis am Ende die Fiebertollen nackt aus den Betten ſprangen, und den andern 1 Kranken die Decken und Laken von den wunden Leibern riſſen, und nichts als ſcheußliches Elend und Verſtümmelung zu ſehen war. —. n—ööö 42 ., Peitarl NV — Jener 85 nunmehr auch der Irlgen Götterverſamm⸗ lung, Rechtshin, lieblichen Nektar dem Miſchkrug emſig ent⸗ ſchöpfend. Doch unermeßliches Lachen erſcholl den ſeligen Göttern, Als ſie ſahn, wie Hefäſtos im Saal ſo gewandt umher⸗ ging. Alſo den ganzen Tag bis ſpät zur ſinkenden Sonne Schmauſten ſie; und nicht mangelt ihr Herz des gemein⸗ ſamen Mahles, Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leyer Apollons, Noch des Geſangs der Muſen mit holdantwortender Stimme. (Vulgata.) Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, blut⸗ triefender Jude, mit einer Dornenkrone auf dem Haupte, und mit einem großen Holzkreuz auf der —— 43 Schulter; und er warf das Kreuz auf den hohen Göttertiſch, daß die goldnen Pokale zitterten, und die Götter verſtummten und erblichen, und immer bleicher wurden, bis ſie endlich ganz in Nebel zerrannen. Nun gabs eine traurige Zeit, und die Welt wurde grau und dunkel. Es gab keine glück⸗ lichen Götter mehr, der Olymp wurde ein Lazareth, wo geſchundene, gebratene und geſpießte Götter langweilig umherſchlichen, und ihre Wunden verbanden und triſte Lieder ſangen. Die Religion gewährte keine Freude mehr, ſondern Troſt; es war eine trübſelige, blutrünſtige Delinquentenreligion. War ſie vielleicht nöthig für die erkrankte und zertretene Menſchheit? Wer ſeinen Gott leiden ſieht, trägt leichter die eignen Schmerzen. Die vorigen heiteren Götter, die ſelbſt keine Schmerzen fühlten, wußten auch nicht wie armen gequälten Menſchen zu Muthe iſt, und ein armer ———— 44 gequälter Menſch könnte auch, in ſeiner Noth, kein rechtes Herz zu ihnen faſſen. Es waren Feſttagsgötter, um die man luſtig herum tanzte, und denen man nur danken konnte. Sie wurden deshalb auch nie ſo ganz von ganzem Herzen geliebt. Um ſo ganz von ganzem Herzen geliebt zu werden— muß man leidend ſeyn. Das Mitleid iſt die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe ſelbſt. Von allen Göttern, die jemals geliebt haben, iſt daher Chriſtus derjenige Gott, der am meiſten geliebt worden. Beſonders von den Frauen—— Dem Menſchengewühl entfliehend, habe ich mich in eine einſame Kirche verloren, und was du, lieber Leſer, eben geleſen haſt, ſind nicht ſo ſehr meine eignen Gedanken, als vielmehr einige unwillkührliche Worte, die in mir laut geworden, während ich, dahingeſtreckt auf einer der alten Betbänke, die Töne einer Orgel durch meine Bruſt ziehen ließ. Da liege ich, mit phantaſie⸗ 45 render Seele, der ſeltſamen Muſik noch ſeltſamere Texte unterdichtend; dann und wann ſchweifen meine Blicke durch die dämmernden Bogengänge, und ſuchen die dunkeln Klangfiguren, die zu jenen Orgelmelodien gehören. Wer iſt die Verſchleyerte, die dort kniet vor dem Bilde einer Madonna? Die Ampel, die davor hängt, beleuchtet grauen⸗ haft ſüß die ſchöne Schmerzenmutter einer ge⸗ kreuzigten Liebe, die Venus doloroſa; doch kupp⸗ leriſch geheimnißvolle Lichter fallen zuweilen, wie verſtohlen, auf die ſchönen Formen der ver⸗ ſchleyerten Beterin. Dieſe liegt zwar regungslos auf den ſteinernen Altarſtufen, doch in der wechſelnden Beleuchtung bewegt ſich ihr Schatten, läuft manchmal zu mir heran, zieht ſich wieder haſtig zurück, wie ein ſtummer Mohr, der ängſt⸗ liche Liebesbote in einem Harem— und ich verſtehe ihn. Er verkündet mir die Gegenwart ſeiner Herrin, der Sultanin meines Herzens. Es wird aber allmählig immer dunkler im 46 leeren Hauſe, hie und da huſcht eine unbeſtimmte Geſtalt den Pfeilern entlang, dann und wann ſteigt leiſes Murmeln aus einer Seitenkapelle, und ihre langen, langgezogenen Töne ſtöhnt die Orgel, wie ein ſeufzendes Rieſenherz— Es war aber als ob jene Orgeltöne niemals aufhörten, als ob jene Sterbelaute, jener lebende Tod ewig dauern wollte, ich fühlte ſo unſägliche Beklommenheit, ſo namenloſe Angſt, als wäre ich ſcheintodt begraben worden, ja als wäre ich, ein Längſtverſtorbener, aus dem Grabe geſtiegen, und ſey, mit unheimlichen Nachtgeſellen, in die Geſpenſterkirche gegangen, um die Todtengebete zu hören, und Leichenſünden zu beichten. Manchmal war mir, als ſähe ich ſie wirklich neben mir ſitzen, in geiſterhaftem Dämmerlichte, die abgeſchiedene Gemeinde, in verſchollen alt⸗ florentiniſchen Trachten, mit langen, blaſſen Geſichtern, goldbeſchlagene Gebetbücher in dünnen Händen, heimlich wispernd, und melan⸗ 47 choliſch einander zunickend. Der wimmernde Ton eines fernen Sterbeglöckchens mahnte mich wieder an den kranken Prieſter, den ich bey der Prozeſſion geſehen, und ich ſprach zu mir ſelber: der iſt jetzt auch geſtorben, und kommt hierher um die erſte Nachtmeſſe zu leſen und da beginnt erſt recht der traurige Spuk. Plötzlich aber erhob ſich, von den Stufen des Altars, die holde Geſtalt der verſchleyerten Beterin— Ja, ſie war es, ſchon ihr lebendiger Schatten verſcheuchte die weißen Geſpenſter, ich ſah jetzt nur ſie, ich folgte ihr raſch zur Kirche hinaus, und als ſie vor der Thüre den Schleyer zurück⸗ ſchlug, ſah ich in Franſcheskas bethräntes Antlitz. Es glich einer ſehnſüchtig weißen Roſe, angeperlt vom Thau der Nacht und beglänzt vom Strahl des Mondes. Franſcheska liebſt du mich? Ich frug viel und ſie antwortete wenig. Ich begleitete ſie nach dem Hotel Crotſche di Malta, wo ſie und Mathilde logirten. Die Straßen waren leer 48 geworden, die Häuſer ſchliefen mit geſchloſſenen Fenſteraugen, nur hie und da, durch die hölzernen Wimpern, blinzelte ein Lichtchen. Oben am Himmel aber trat ein breiter hellgrüner Raum aus den Wolken hervor, und darin ſchwamm der Halbmond, wie eine ſilberne Gondel in einem Meer von Smaragden. Vergebens bat ich Franſcheska nur ein einziges Mal hinauf zu ſehen zu unſerem alten, lieben Vertrauten; ſie hielt aber das Köpfchen träumend geſenkt. Ihr Gang, der ſonſt ſo heiter dahinſchwebend, war jetzt wie kirchlich gemeſſen, ihr Schritt war düſter katholiſch, ſie bewegte ſich wie nach dem Takte einer feyerlichen Orgel, und wie in früheren MNächten die Sünde, ſo war ihr jetzt die 1 Religion in die Beine gefahren. Unterwegs oor jedem Heiligenbilde bekreuzte ſie ſich Haupt und Buſen; vergebens verſuchte ich ihr dabey zu helfen. Als wir aber auf dem Markte, der Kirche Sankt Mitſchiele vorbeykamen, wo die 49 marmorne Schmerzensmutter mit den vergoldeten Schwertern im Herzen und mit der Lämpchen⸗ krone auf dem Haupte, aus der dunkeln Niſche hervorleuchtete, da ſchlang Franſcheska ihren Arm um meinen Hals, küßte mich, und flüſterte: Cecco, Cecco, caro Cecco! Ich nahm dieſe Küſſe ruhig in Empfang, obgleich ich wohl wußte, daß ſie im Grunde einem bologneſiſchen Abbate, einem Diener der römiſch katholiſchen Kirche, zugedacht waren. Als Proteſtant machte ich mir kein Gewiſſen daraus, mir die Güter der katholiſchen Geiſtlich⸗ keit zuzueignen, und auf der Stelle ſäkulariſirte ich die frommen Küſſe Franſcheskas. Ich weiß, die Pfaffen werden hierüber wüthend ſeyn, ſie ſchreyen gewiß über Kirchenraub, und würden gern das franzöſiſche Sakrilegiengeſetz auf mich anwenden. Leider muß ich geſtehen, daß beſagte Küſſe das einzige waren, was ich in jener Nacht erbeuten konnte. Franſcheska hatte be⸗ WV. 4 50 ſchloſſen dieſe Nacht nur zum Heile ihrer Seele, knieend und betend, zu benutzen. Vergebens erbot ich mich ihre Andachtsübungen zu theilen;— als ſie ihr Zimmer erreichte, ſchloß ſie mir die Thüre vor der Naſe zu. Vergebens ſtand ich draußen noch eine ganze Stunde, und bat um Einlaß, und ſeufzte alle möglichen Seufzer, und heuchelte fromme Thränen, und ſchwor die heiligſten Eide— verſteht ſich, mit geiſtlichem Vorbehalte, ich fühlte wie ich all⸗ * mählig ein Jeſuit wurde, ich wurde ganz ſchlecht und erbot mich endlich ſogar, katholiſch zu werden für dieſe einzige Nacht— Franſcheska! rief ich, Stern meiner Ge⸗ danken! Gedanke meiner Seele! vita della mia vita! meine ſchöne, oftgeküßte, ſchlanke, katho⸗ liſche Franſcheska! für dieſe einzige Nacht, die du mir noch gewährſt, will ich ſelbſt katholiſch werden— aber auch nur für dieſe einzige Nacht! O, die ſchöne, ſelige, katholiſche Nacht! 5¹1 Ich liege in deinen Armen, ſtrengkatholiſch glaube ich an den Himmel deiner Liebe, von den Lippen küſſen wir uns das holde Bekenntniß, das Wort wird Fleiſch, der Glaube wird ver⸗ ſinnlicht, in Form und Geſtalt! welche Religion! Ihr Pfaffen! jubelt unterdeſſen Eur Kyrie Eleiſon, klingelt, räuchert, läutet die Glocken, laßt die Orgel brauſen, laßt die Meſſe von Paleſtrina erklingen— das iſt der Leib!— ich glaube, ich bin ſelig, ich ſchlafe ein— aber ſobald ich des anderen Morgens erwache, reibe 4 ich mir den Schlaf und den Katholizismus aus den Augen, und ſehe wieder klar in die Sonne und in die Bibel, und bin wieder proteſtantiſch vernünftig und nüchtern, nach wie vor. Egvitel VII. Als am anderen Tage die Sonne wieder herzlich vom Himmel herablachte, erloſchen gänzlich die trübſeligen Gedanken und Gefühle, die von der Prozeſſion des vorhergehenden Abends in mir erregt worden, und mir das Leben wie eine Krankheit und die Welt wie ein Lazareth anſehen ließen. Die ganze Stadt wimmelte von heiterem Volk. Geputzt bunte Menſchen, dazwiſchen hüpfte hie und da ein ſchwarz Pfäfflein. Das brauſte und lachte und ſchwatzte, man hörte faſt nicht das Glockengebimmel, das zu einer großen Meſſe einlud, in die Cathedrale. Dieſe iſt eine ſchöne, 53 einfache Kirche, deren buntmarmorne Facade mit jenen kurzen, über einander gebauten Säulchen geziert iſt, die uns ſo witzig trübe anſehen. In⸗ wendig waren Pfeiler und Wände mit rothem Tuche überkleidet, und heitere Muſik ergoß ſich über die wogende Menſchenmenge. Ich führte Signora Franſcheska am Arm, und als ich ihr beim Eintritt das Weihwaſſer reichte, und durch die ſüßfeuchte Fingerberührung unſere Seelen elek⸗ triſirt wurden, bekam ich auch zu gleicher Zeit einen elektriſchen Schlag ans Bein, daß ich vor Schreck faſt hinpurzelte über die knieenden Bäu⸗ rinnen, die ganz weiß gekleidet und mit langen Ohrringen, und Halsketten von gelbem Golde belaſtet, in dichten Haufen den Boden bedeckten. Als ich mich umſah, erblickte ich ein ebenfalls knieendes Frauenzimmer, das ſich fächerte, und hinter dem Fächer erſpähte ich Myladys kichernde Augen. Ich beugte mich zu ihr hinab, und ſie hauchte mir ſchmachtend ins Ohr: delighifull! 54 uUm Gotteswillen! flüſterte ich ihr zu, bleiben Sie ernſthaft, lachen Sie nicht; ſonſt werden wir wahrhaftig hinausgeſchmiſſen! Aber da half kein Bitten und Flehen. Zum Glück verſtand man unſere Sprache nicht. Denn als Mylady aufſtand, und uns durch das Gedränge zum Hauptaltar folgte, überließ ſie ſich ihren tollen Launen, ohne die mindeſte Rückſicht, als ſtünden wir allein auf den Appen⸗ ninen. Sie moqauirte ſich über alles, ſogar die armen gemalten Bilder an den Wänden waren vor ihren Pfeilen nicht ſicher. Sieh da! rief ſie, auch Lady Eva, Geborne oon Rippe, wie ſie mit der Schlange diskurirt! Es iſ ein guter Einfall des Malers, daß er der Schlange einen menſchlichen Kopf mit einem menſchlichen Geſichte gab; es wäre jedoch noch weit ſinnreicher geweſen, wenn er dieſes Verfüh⸗ rungsgeſicht mit einem militäriſchen Schnurrbart verziert hätte. Sehen Sie, Doktor, dort den 55 Engel, welcher der hochgebenedeiten Jungfrau ihren geſegneten Zuſtand verkündigt und dabey ſo ironiſch lächelt? Ich weiß was dieſer Ruffiano denkt! Und dieſe Maria, zu deren Füßen die heilige Allianz des Morgenlandes, mit Gold⸗ und Weihrauchgaben, niederknieet, ſieht ſie nicht aus wie die Catalani? Signora Franſcheska, welche von dieſem Geſchwätz, wegen ihrer Unkenntniß des Eng⸗ liſchen, nichts verſtand als das Wort Catalani, bemerkte haſtig: daß die Dame, wovon unſre Freundin ſpreche, jetzt wirklich den größten Theil ihrer Renommee verloren habe. Unſre Freundin aber ließ ſich nicht ſtören und kom⸗ mentirte auch die Paſſionsbilder, bis zur Kreuzigung, einem überaus ſchönen Gemälde, worauf unter anderen drey dumme unthätige Geſichter abgebildet waren, die dem Gottes⸗ märtyrthum gemächlich zuſahen, und von denen Mylady durchaus behauptete, es ſeyen die 56 bevollmächtigten Co mmiſſarien, von Oeſtreich, 4 Rußland und Frankreich. rothen Decken der Wände zum Vorſchein kamen, vermochten einigermaßen mit ihrem inwohnenden Ernſte die brittiſche Spottluſt abzuwehren. Es waren darauf Geſichter aus jener heldenmüthigen Zeit Lukkas, wovon in den Geſchichtsbüchern Maechiavells, des romantiſchen Salluſts, ſo viel A4 die Rede iſt, und deren Geiſt uns aus den Ge⸗ 3 ſängen Dantes, des katholiſchen Homers, ſo feurig entgegenweht. Wohl ſprechen aus jenen Mienen die ſtrengen Gefühle und barbariſchen Gedanken des Mittelalters; wenn auch auf manchem ſtummen Jünglingsmunde das lächelnde Bekenntniß ſchwebt, daß damals nicht alle Roſen ſo ganz ſteinern und umflort geweſen ſind, und 4 wenn auch durch die fromm geſenkten Augen⸗ wimpern mancher Madonna aus jener Zeit ein ſo ſchalkhafter Liebeswink blinzelt, als ob ſie —-— 1 ———— 57 uns gern noch ein zweites Chriſtkindlein ſchenken möchte. Jedenfalls iſt es aber ein hoher Geiſt, der uns aus jenen altflorentiniſchen Gemälden anſpricht, es iſt das eigentliche Heroiſche, das wir auch in den marmornen Götterbildern der Alten erkennen, und das nicht, wie unſre Aeſthetiker meinen, in einer ewigen Ruhe ohne Leidenſchaft, ſondern in einer ewigen Leidenſchaft ohne Unruhe beſteht. Auch durch einige ſpätere Oelbilder, die in dem Dome von Lukka hängen, zieht ſich, vielleicht als tradizioneller Nachhall, jener altflorentiniſche Sinn. Beſonders fiel mir auf, eine Hochzeit zu Kana, von einem Schüler des Andrea del Sarto, etwas hart gemalt und ſchroff geſtaltet. Der Heiland ſitzt zwiſchen der weichen ſchönen Braut und einem Phariſäer, deſſen ſteinernes Geſetztafelgeſicht ſich wundert über den genialen Propheten, der ſich heiter miſcht in die Reihen der Heiteren, und die Ge⸗ ſellſchaft mit Wundern regalirt, die noch größer 58 ſind als die Wunder des Moſes; denn dieſer konnte, wenn er auch noch ſo ſtark gegen den Felſen ſchlug, nur Waſſer hervorbringen, jener aber brauchte nur ein Wort zu ſprechen, und die Krüge füllten ſich alle mit dem beſten Wein. Viel weicher, faſt venezianiſch kolorirt, iſt das Gemälde von einem Unbekannten, das daneben hängt, und worin der freundliche Farbenſchmelz von einem durchbebenden Schmerze gar ſeltſam gedämpft wird. Es ſtellt dar wie Maria ein Pfund Salbe nahm, von ungefälſchter köſtlicher Narde, und damit die Füße Jeſu ſalbte, und ſie mit ihren Haaren trocknete. Chriſtus ſitzt da, im Kreiſe ſeiner Jünger, ein ſchöner, geiſtreicher Gott, menſchlich wehmüthig fühlt er eine ſchaurige Pietät gegen ſeinen eignen Leib, der bald ſo viel dulden wird, und dem die ſalbende Ehre, die man den Geſtorbenen erweiſt, ſchon jetzt gebührt und ſchon jetzt wiederfährt; er lächelt gerührt hinab auf das knieende Weib, das getrieben von ahnender 59 Liebesangſt, jene barmherzige That verrichtet, eine That, die nie vergeſſen wird, ſo lange es leidende Menſchen giebt, und die zur Erauickung aller leidenden Menſchen durch die Jahrtauſende duftet. Außer dem Jünger, der am Herzen Chriſti lag, und der auch dieſe That verzeichnet hat, ſcheint keiner von den Apoſteln ihre Be⸗ deutung zu fühlen, und der mit dem rothen Barte ſcheint ſogar, wie in der Schrift ſteht, die verdrießliche Bemerkung zu machen: warum iſt dieſe Salbe nicht verkauft um dreyhundert Groſchen, und den Armen gegeben? Dieſer ökonomiſche Apoſtel iſt eben derjenige, der den Beutel führt, die Gewohnheit der Geldgeſchäfte hat ihn abgeſtumpft gegen alle uneigennützigen Nardendüfte der Liebe, er möchte Groſchen dafür einwechſeln zu einem nützlichen Zweck, und eben er, der Groſchenwechsler, er war es, der den Heiland verrieth— um dreyzig Silberlinge. So hat das Evangelium auch ſymboliſch, in der 60 Geſchichte des Banquiers unter den Apoſteln, 4 die unheimliche Verführungsmacht, die im Geld⸗ ſacke lauert, offenbart, und vor der Treuloſigkeit der Geldgeſchäftsleute gewarnt. Jeder Reiche „/ iin ein Judas Iſcharioth. Sie ſchneiden ja ein verbiſſen gläubiges Geſicht, theurer Doktor, flüſterte Mylady, ich habe Sie eben beobachtet, und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie etwa beleidige, Sie ſahen aus wie ein guter Chriſt. f Unter uns geſagt, das bin ich; ja Chriſtus— Glauben Sie vielleicht ebenfalls, daß er ein Gott ſey? Das verſteht ſich, meine gute Mathilde. Es iſt der Gott, den ich am meiſten liebe— nicht weil er ſo ein legitimer Gott iſt, deſſen Vater ſchon Gott war und ſeit undenklicher Zeit die Welt beherrſchte: ſondern weil er, obgleich ein geborener Dauphin des Himmels, dennoch, demokratiſch geſinnt, keinen höfiſchen Ceremonialprunk liebt, weil er kein Gott einer Ariſtokratie von geſchorenen Schriftgelehrten und gallonirten Lanzenknechten, und weil er ein beſcheidener Gott des Volks iſt, ein Bürger⸗ Gott, un bon dieu citoyen. Wahrlich, wenn Chriſtus noch kein Gott wäre, ſo würde ich ihn dazu wählen, und viel lieber als einem aufge⸗ zwungenen abſoluten Gotte, würde ich ihm gehorchen, ihm, dem Wahlgotte, dem Gotte meiner Wahl. 2 Aℳ r.eett 62 Capitel VIII. Der Erzbiſchof, ein ernſter Greis, las ſelber Meſſe, und ehrlich geſtanden, nicht bloß ich, ſondern einigermaßen auch Mylady, wir wurden heimlich berührt von dem Geiſte, der in dieſer heiligen Handlung wohnt, und von der Weihe des alten Mannes, der ſie vollzog;— iſt ja doch jeder alte Mann, an und für ſich, ein Prieſter und die Ceremonien der katholiſchen Meſſe ſind ſie doch ſo uralt, daß ſie vielleicht das Einzige ſind, was ſich aus dem Kindesalter der Welt erhalten hat, und als Erinnerung an die erſten Vorfahren aller Menſchen unſere Pietät in Anſpruch nimmt. Sehen Sie, 3 — 63 Mylady, ſagte ich, jede Bewegung, die Sie hier erblicken, die Art des Zuſammenlegens der Hände und des Ausbreitens der Arme, dieſes Knixen, dieſes Händewaſchen, dieſes Beräuchert⸗ werden, dieſer Kelch, ja die ganze Kleidung des Mannes, von der Mytra bis zum Saume der Stola, Alles dieſes iſt altegyptiſch und Ueberbleibſel eines Prieſterthums, von deſſen wunderſamem Weſen nur die älteſten Urkunden etwas weniges berichten, eines früheſten Prieſter⸗ thums, das die erſte Weisheit erforſchte, die erſten Götter erfand, die erſten Symbole be⸗ ſtimmte, und die junge Menſchheit— Zuerſt be ſetzte Mylady bitteren Tones hinzu, un glaube, Doktor, aus dem früheſten Weltalter iſt uns nichts übrig ge⸗ blieben als einige triſte Formeln des Betrugs. Und ſie ſind noch immer wirkſam. Denn ſehen Sie dort die ſtockfinſteren Geſtchter? und gar jenen Kerl, der dort auf ſeinen dummen — e* A K 4 5 8 ſ 8 4 n 4 — 64 221 lauuο Knieen liegt und mit ſeinem aufgeſperrten Maule ſo ultradumm ausſieht? Um des lieben Himmels willen! begütigte ich leiſe, was iſt daran gelegen, daß dieſer Kopf ſo wenig von der Vernunft erleuchtet iſt? Was geht das uns an? Was irritirt Sie dabey? Sehen Sie doch täglich Ochſen, Kühe, Hunde, Eſel, die eben ſo dumm ſind, ohne daß Sie durch ſolchen Anblick aus Ihrem Gleich⸗ muth aufgeſtört und zu unmuthigen Aeußerungen angeregt werden? Ach, das iſt was Anderes, fiel mir Mylady in die Rede, dieſe Beſtien tragen hinten Schwänze, und ich ärgre mich eben, daß ein Kerl, der eben ſo beſtialiſch dumm iſt, dennoch hinten keinen Schwanz hat. Ja, das iſt was andres, Mylady. „— Capitel Nach der Meſſe gabs noch vielerlei zu ſchauen und zu hören, beſonders die Predigt eines großen vierſtämmigen Mönchs, deſſen be⸗ fehlend kühnes altrömiſches Geſicht gegen die grobe Bettelkutte gar wunderſam abſtach, ſo daß der Mann ausſah wie ein Imperator der Armuth. Er predigte von Himmel und Hölle, und gerieth zuweilen in die wüthendſte Be⸗ geiſterung. Seine Schilderung des Himmels war ein bischen barbariſch überladen, und es gab da viel Gold, Silber, Cdelſteine, köſtliche Speiſen, und Weine von den beſten Jahr⸗ gängen; dabey machte er ein ſo verklärt IV. 5 66 ſchlürfendes Geſicht, und er ſchob ſich vor Wonne in der Kutte hin und her, wenn er, unter den Englein mit weißen Flüglein ſich ſelber dachte als ein Englein mit weißen Flüglein. Minder ergötzlich, ja ſogar ſehr praktiſch ernſthaft war ſeine Schilderung der Hölle. Hier war der Mann weit mehr in ſeinem Elemente. Er eiferte beſonders über die Sünder, die nicht mehr ſo recht chriſtlich ans alte Feuer der Hölle glauben, und ſogar wähnen, ſie habe ſich in neuerer Zeit etwas abgekühlt und werde nächſtens ganz und gar erlöſchen.„Und wäre auch,“ rief er,„die Hölle am Erlöſchen, ſo würde ich, ich mit meinem Athem, die letzten glimmenden Kohlen wieder anfachen, daß ſie wieder auflodern ſollten zu ihrer alten Flammen⸗ gluth.“ Hörte man die Stimme, die gleich dem Nordwind dieſe Worte hervorheulte, ſah man dabey das brennende Geſicht, den rothen, büffel⸗ ſtarken Hals, und die gewaltigen Fäuſte 67 des Mannes, ſo hielt man jene hölliſche Drohung für kein Hyperbel. I like this man, ſagte Mylady. Da haben Sie Recht, antwortete ich, auch mir gefällt er beſſer als mancher unſerer ſanften, homöopathiſchen Seelenärzte, die ½ 0% Ver⸗ nunft in einem Eimer Moralwaſſer ſchütten, und uns damit des Sonntags zur Ruhe predigen. Ja, Doktor, für ſeine Hölle habe ich Reſpekt; aber zu ſeinem Himmel hab ich kein rechtes Vertrauen. Wie ich mich denn über⸗ haupt in Anſehung des Himmels ſchon ſehr früh in geheimen Zweifel verfing. Als ich noch klein war, in Dublin, lag ich oft auf dem Rücken im Gras, und ſah in den Himmel, und dachte nach: ob wohl der Himmel wirklich ſo viele Herrlichkeiten enthalten mag, wie man davon rühmt? Aber, dacht ich, wie kommts, daß von dieſen Herrlichkeiten niemals etwas herunterfällt, etwa ein brillantener Ohrring, oder eine Schnur 5* 68 Perlen oder wenigſtens ein Stückchen Ananas⸗ kuchen, und daß immer nur Hagel oder Schnee oder gewöhnlicher Regen uns von oben herab⸗ beſcheert wird? Das iſt nicht ganz richtig, dacht ich— Warum ſagen Sie das, Mylady? Warum dieſe Zweifel nicht lieber verſchweigen? Un⸗ gläubige, die keinen Himmel glauben, ſollten nicht Proſeliten machen; minder tadelnswerth, ſogar lobenswerth iſt die Proſelitenmacherey derjenigen Leute, die einen ſüperben Himmel haben, und deſſen Herrlichkeiten nicht ſelbſtſüchtig allein genießen wollen, und deshalb ihre Neben⸗ menſchen einladen dran Theil zu nehmen, und ſich nicht eher zufrieden geben, bis dieſe ihre gütige Einladung angenommen. Ich habe mich aber immer gewundert, Doktor, daß manche reiche Leute dieſer Gattung, die wir als Präſidenten, Vicepräſidenten, oder Sekretäre von Bekehrungsgeſellſchaften, eifrigſt 69 bemüht ſehen, etwa einen alten verſchimmelten Betteljuden himmelfähig zu machen und ſeine Reinſtige Genoſſenſchaft im Himmelreich zu er⸗ werben, dennoch nie dran denken, ihn ſchon jetzt auf Erden an ihren Genüſſen Theil nehmen zu laſſen, und ihn z. B. nie des Sommers auf ihre Landhäuſer einladen, wo es gewiß Lecker⸗ biſſen giebt, die dem armen Schelm eben ſo gut ſchmecken würden, als genöſſe er ſie im Himmel ſelbſt. Das iſt erklärlich, Mylady, die himmliſchen Geniſſe koſten ſie nichts, und es iſt ein doppeltes Vergnügen, wenn wir ſo wohffeiler⸗ weiſe unſre Nebenmenſchen beglücken können. Zu welchen Genüſſen aber kann der Ungläubige jemanden einladen? Zu nichts, Doktor, als zu einem langen ruhigen Schlafe, der aber zuweilen für einen Unglücklichen ſehr wünſchenswerth ſeyn kann, s 70 beſonders wenn er vorher mit zudringlichen Himmelseinladungen gar zu ſehr geplagt worden. Dieſes ſprach das ſchöne Weib mit ſtechend bitteren Algenten, und nicht ganz ohne Ernſt antwortete ich ihr: Liebe Mathilde, bey meinen Handlungen auf dieſer Welt kümmert mich nicht einmal die Exiſtenz von Himmel und Hölle, ich bin zu groß und zu ſtolz, als daß der Geiz nach himmliſchen Belohnungen, oder die Furcht vor hölliſchen Strafen mich leiten ſollten. Ich ſtrebe n nach dem Guten, weil es ſchön iſt und mich mich unwiderſtehlich anzieht, und ich v verabſcheue das as Schlechte weil es häßlich und mir zuwider it. r. Schon als Knabe, wenn ich den Plutarch las— und ich leſe ihn noch jetzt alle Abend im Bette und möchte dabey manchmal auf⸗ ſpringen und gleich Extra⸗Poſt nehmen und ein großer Mann werden— ſchon damals gefiel mir die Erzählung von dem Weibe, das durch die Straßen Alexandriens ſchritt, in der einen 71 Hand einen Waſſeerſchlauch, in der andern eine brennende Fackel tragend, und den Menſchen zurief, daß ſie mit dem Waſſer die Hölle aus⸗ löſchen und mit der Fackel den Himmel in Brand ſtecken wolle, damit das Schlechte nicht mehr aus Furcht vor Strafe unterlaſſen und das Gute nicht mehr aus Begierde nach Be⸗ lohnung ausgeübt werde. Alle unſre H Handlungen ſollen aus dem Quell einer uneigennützigen Liebe hervorſprudeln, gleichviel ob es eine Fortdauer nach den Tode ieht oder nicht. Sie glauben alſo auch nicht an Unſterblich⸗ keit. O Sie ſind ſchlau, Mylady! Ich daran zweifeln? Ich, deſſen Herz an die entfernteſten Jahrtauſende der Vergangenheit und der Zukunft immer tiefer und tiefer Wurzel ſchlägt, ich, der ich ſelbſt einer der ewigſten Menſchen bin, jeder Athemzug ein ewiges Leben, jeder Gedanke 4 „ 4G 37 AAc Aℳ ein ewiger Stern— ich ſollte nicht an Un⸗ ſterblichkeit glauben?*F Ich denke, Doktor, es gehört eine beträcht⸗ liche Porzion Eitelkeit und Anmaßung dazu, nachdem wir ſchon ſo viel Gutes und Schönes auf dieſer Erde genoſſen, noch obendrein vom lieben Gott die Unſterblichkeit zu verlangen! Der Menſch, der Ariſtokrat unter den Thieren, der ſich beſſer dünkt, als alle ſeine Mitgeſchöpfe, möchte ſich auch dieſes Ewigkeitsvorrecht, am Throne des Weltkönigs, durch höfiſche Lob⸗ und Preisgeſänge und knieendes Bitten aus⸗ wirken.— O, ich weiß was dieſes Zucken mit den Lippen bedeutet, unſterblicher Herr! 4 Caäabpitel X. Signora bat uns mit ihr nach dem Kloſter zu gehn, worin das wunderthätige Kreuz, das Merkwürdigſte in ganz Toskana, bewahrt wird. Und es war gut, daß wir den Dom verließen, denn Myladys Tollheiten würden uns doch zu⸗ letzt in Verlegenheiten geſtürzt haben. Sie ſprudelte von witziger Laune; lauter lieblich när⸗ riſche Gedanken, ſo übermüthig wie junge Kätz⸗ chen, die in der Mayſonne herumſpringen. Am Ausgang des Doms tunkte ſie den Zeigefinger dreymal ins Weihwaſſer, beſprengte ſich jedes⸗ mal und murmelte: Dem Zefardeyim Kinnim; welches nach ihrer Behauptung die arabiſche 5* 74 Formel iſt womit die Zauberinnen einen Men⸗ ſchen in einen Eſel verwandeln. Auf der Piazza vor dem Dome manoeuvrirte eine Menge Militär, beynah ganz öſtreichiſch uniformirt und nach deutſchem Commando. Wenigſtens hörte ich die deutſchen Worte: Präſentirts Gewehr! Fuß Gewehr! Schulters Gewehr! Rechtsum! Halt! Ich glaube bey allen Italienern, wie noch bey einigen andern euro⸗ päiſchen Völkern, wird auf Deutſch kommandirt. Sollen wir Deutſchen uns etwas darauf zu Gute thun? Haben wir in der Welt ſo viel zu befehlen, daß das Deutſche ſogar die Sprache des Befehlens geworden⸗ Oder wird uns ſo viel befohlen, daß der Gehorſam am beſten die deutſche Sprache verſteht? 1 Mylady ſcheint von Paraden und Revüen keine Freundin zu ſein. Sie zog uns mit ironiſcher Furchtſamkeit von dannen. Ich liebe nicht, ſprach ſie, die Nähe von ſolchen Menſchen 75 mit Säbeln und Flinten, beſonders wenn ſie in großer Anzahl, wie bey außerordentlichen Ma⸗ noeuvern, in Reih und Glied aufmarſchiren. Wenn nun einer von dieſen tauſenden plötzlich verrückt wird, und mit der Waffe, die er ſchon in der Hand hat, mich auf der Stelle nieder⸗ ſticht? Oder wenn er gar plötzlich vernünftig wird und nachdenkt:„was haſt du zu riskiren? zu verlieren? ſelbſt wenn ſie dir das Leben neh⸗ men? Mag auch jene andre Welt, die uns nach dem Tode verſprochen wird, nicht ſo ganz brillant ſeyn, wie man ſie rühmt, mag ſie noch ſo ſchlecht ſeyn, weniger als man dir jetzt giebt, weniger als ſechs Kreuzer per Tag, kann man dir auch dort nicht geben— drum mach dir den Spaß und erſtich jene kleine Engländerin mit der impertinenten Naſe!“ Bin ich da nicht in der größten Lebensgefahr? Wenn ich König wäre, ſo würde ich meine Soldaten in zwey Claſſen theilen. Die Einen ließe ich an Unſterb⸗ 76 — lichkeit glauben, um in der Schlacht Muth zu haben und den Tod nicht zu fürchten, und ich würde ſie blos im Kriege gebrauchen. Die an⸗ dern aber würde ich zu Paraden und Revuen beſtimmen und damit es ihnen nie in den Sinn komme, daß ſie nichts riskiren, wenn ſie des Spaßes wegen jemanden umbrächten, ſo würde ich ihnen bey Todesſtrafe verbieten an Unſterb⸗ lichkeit zu glauben, ja, ich würde ihnen ſogar noch etwas Butter zu ihrem Kommisbrod geben, damit ſie das Leben recht lieb gewinnen. Erſteren hingegen, jenen unſterblichen Helden, würde ich das Leben ſehr ſauer machen, damit ſie es recht verachten lernen und die Mündung der Kanonen für einen Eingang in eine beſſere Welt anſehen. Mylady, ſprach ich, Sie wären ein ſchlechter Regent. Sie wiſſen wenig vom Regieren und von der Politik verſtehen Sie gar nichts. Hätten Sie die politiſchen Annalen geleſen— Ich verſtehe dergleichen vielleicht beſſer als „ 77 Sie, theurer Doktor. Schon früh ſuchte ich mich darüber zu unterrichten. Als ich noch klein war, in Dublin— Und auf dem Rücken lag, im Gras— und nachdachte, oder auch nicht, wie in Ramsgate— Ein Blick, wie leiſer Vorwurf der Undank⸗ barkeit, fiel aus Myladys Augen, dann aber lachte ſie wieder, und fuhr fort: Als ich noch klein war, in Dublin, und auf einem Eckchen von dem Schemel ſitzen konnte, worauf Mutters Füße ruhten, da hatte ich immer allerley zu fragen, was die Schneider, die Schuſter, die Bäcker, kurz was die Leute in der Welt zu thun haben? und die Mutter erklärte dann: die Schneider machen Kleider, die Schuſter machen Schuhe, die Bäcker backen Brod— Und als ich nun frug: was thun denn die Könige? da gab die Mutter zur Antwort: die regieren. Weißt du wohl, liebe Mutter, ſagte ich da, wenn ich König wäre, ſo würde ich mal einen ganzen Tag gar nicht regieren, bloß um zu ſehen, wie es dann in der Welt ausſieht. Liebes Kind, antwortete die Mutter, das thun auch manche Könige, und es ſieht auch dann danach aus. Wahrhaftig, Mylady, Ihre Mutter hatte Recht. Beſonders hier in Italien giebt es ſolche Könige, und man merkt es wohl in Piemont und Neapel— Aber, lieber Doktor, es iſt ſo einem italieni⸗ ſchen König nicht zu verargen, wenn er manchen Tag gar nicht regiert, wegen der allzugroßen Hitze. Es iſt nur zu befürchten, daß die Car⸗ bonari ſo einen Tag benutzen möchten; denn in der neueſten Zeit iſt es mir beſonders aufge⸗ fallen, daß die Revolutionen immer an ſolchen Tagen ausgebrochen ſind, wo nicht regiert wurde. Irrten ſich einmal die Carbonari, und glaubten ſie, es wäre ſo ein unregierter Tag, und gegen alle Erwartung wurde dennoch regiert, ſo verloren ſie die Köpfe. Die Carbonari können daher b 2 — nie vorſichtig genug ſeyn, und müſſen ſich genau die rechte Zeit merken. Dagegen aber iſt es die höchſte Politik der Könige, daß ſie es ganz ge⸗ heim halten, an welchen Tagen ſie nicht re⸗ gieren, daß ſie ſich an ſolchen Tagen wenigſtens einige Mal auf den Regierſtuhl ſetzen, und etwa Federn ſchneiden, oder Briefkouverts ver⸗ ſiegeln oder weiße Blätter liniiren, Alles zum Schein, damit das Volk draußen, das neugierig in die Fenſter des Palais hineinguckt, ganz ſicher glaube es werde regiert. Während ſolche Bemerkungen aus Myladys feinem Mündchen hervorgaukelten, ſchwamm eine lächelnde Zufriedenheit um die vollen Roſen⸗ lippen Franſcheskas. Sie ſprach wenig. Ihr Gang war jedoch nicht mehr ſo ſeufzend ent⸗ ſagungsſelig, wie am verfloſſenen Abend, ſie trat vielmehr ſiegreich einher, jeder Schritt ein Trompetenton; es war indeſſen mehr ein geiſt⸗ licher Sieg, als ein weltlicher, der ſich in ihren 80 Bewegungen kund gab, ſie war faſt das Bild einer triumphirenden Kirche, und um ihr Haupt ſchwebte eine unſichtbare Glorie. Die Augen aber, wie aus Thränen hervorlachend, waren wieder ganz weltkindlich, und in dem bunten Menſchenſtrom, der uns vorbey fluthete, iſt auch kein einziges Kleidungsſtück ihrem Forſcherblick entgangen. Ekko! war dann ihr Ausruf, welcher Shawl! der Markeſe ſoll mir eben ſolchen Kaſchemir zu einem Turbane kaufen, wenn ich die Roxelane tanze. Ach! er hat mir auch ein Kreuz mit Diamanten verſprochen! Armer Gumpelino! zu dem Turbane wirſt du dich leicht verſtehen, jedoch das Kreuz wird dir noch manche ſaure Stunde machen; aber Signora wird dich ſo lange quälen und auf die Folter ſpannen, bis du dich endlich dazu bequemſt. — — 8¹ Capitel XI. Die Kirche, worin das wunderthätige Kreuz von Lukka zu ſehen iſt, gehört zu einem Kloſter, deſſen Namen mir dieſen Augenblick nicht im Gedächtniſſe. Bey unſerem Eintritt in die Kirche, lagen vor dem Hauptaltare ein Dutzend Mönche auf den Knieen, in ſchweigendem Gebet. Nur dann und wann, wie im Chor, ſprachen ſie einige abgebrochene Worte, die in den einſamen Säulen⸗ gängen etwas ſchauerlich wiederhallten. Die Kirche war dunkel, nur durch kleine gemalte Fenſter fiel ein buntes Licht auf die kahlen Häupter und braunen Kutten. Glanzloſe Kupfer⸗ X. 6 — 83 ſey, und die ganze Weltgeſchichte eine Legende. War ich angeſteckt von dem Wunderglauben Franſcheskas, die das Kreuz mit wilder Begei⸗ ſterung küßte? Verdrießlich wurde mir die eben ſo wilde Spottluſt der witzigen Brittin. Vielleicht verletzte mich ſolche um ſo mehr, da ich mich ſelbſt nicht davon frey fühlte, und ſie keineswegs als etwas Lobenswerthes erachtete. Es iſt nun mal nicht zu läugnen, daß die Spottluſt, die Freude am Widerſpruch der Dinge, etwas Bösartiges in ſich trägt, ſtatt daß der Ernſt mehr mit den beſſeren Gefühlen ver⸗ wandt iſt— die Tugend, der Freiheitsſinn und die Liebe ſelbſt ſind ſehr ernſthaft. Indeſſen, es giebt Herzen, worin Scherz und Ernſt, Böſes und Heiliges, Glut und Kälte ſich ſo aben⸗ theuerlich verbinden, daß es ſchwer wird darüber zu urtheilen. Ein ſolches Herz ſchwamm in der Bruſt Mathildens; manchmal war es eine frie⸗ rende Eisinſel, aus deren glattem Spiegelboden 6* 82 lampen beleuchteten ſpärlich die geſchwärzten Freskos und Altarbilder, aus den Wänden traten hölzerne Heiligenköpfe, grell bemalt und bey dem zweifelhaften Lichte wie lebendig grin⸗ ſend— Mylady ſchrie laut auf, und zeigte zu unſeren Füßen einen Grabſtein, worauf in Relief das ſtarre Bild eines Biſchofs mit Mytra und Hirtenſtab, gefalteten Händen und abgetretener Naſe. Ach! flüſterte ſie, ich ſelbſt trat ihm un⸗ ſanft auf die ſteinerne Naſe, und nun wird er mir dieſe Nacht im Traume erſcheinen und da giebts eine Naſe. Der Sakriſtan, ein bleicher, junger Mönch, zeigte uns das wunderthätige Kreuz, und erzählte dabey die Mirakel, die es verrichtet. Launiſch, wie ich bin, habe ich vielleicht kein ungläubiges Geſicht dazu gemacht; ich habe dann und wann Anfälle von Wunderglauben, beſonders wo, wie hier, Ort und Stunde denſelben begünſtigt. Ich glaube dann, daß alles in der Welt ein Wunder —,— 84 die ſehnſüchtig glühendſten Palmenwälder hervor⸗ blühten, manchmal war es wieder ein enthuſiaſtiſch flammender Vulkan, der plötzlich von einer lachenden Schneelavine überſchüttet wird. Sie war durchaus nicht ſchlecht, bey all ihrer Aus⸗ gelaſſenheit, nicht einmal ſinnlich; ja, ich glaube von der Sinnlichkeit hatte ſie nur die witzige Seite aufgefaßt, und ergötzte ſich daran wie an einem närriſchen Puppenſpiele. Es war ein humoriſtiſches Gelüſte, eine ſüße Neugier, wie ſich der oder jener bunte Kauz in verliebten Zuſtänden gebehrden würde, Wie ganz anders war Franſcheska! In ihren Gedanken und Gefühlen war eine katholiſche Einheit. Am Tage war ſie ein ſchmachtend blaſſer Mond, des Nachts war ſie eine glühende Sonne— Mond meiner Tage! Sonne meiner Nächte! ich werde dich niemals wiederſehen! Sie haben Recht, ſagte Mylady, ich glaube auch an die Wunderthätigkeit eines Kreuzes. — — 85 Ich bin überzeugt, wenn der Markeſe an den Brillanten des verſprochenen Kreuzes nicht zu ſehr knickert, ſo bewirkt es gewiß bey Signora ein brillantes Wunder; ſie wird am Ende noch ſo ſehr davon geblendet werden, daß ſie ſich in ſeine Naſe verliebt. Auch habe ich oft gehört von der Wunderthätigkeit einiger Ordenskreuze, die einen ehrlichen Mann zum Schufte machen konnten. So ſpöttelte die hübſche Frau über Alles, ſie kokettirte mit dem armen Sakriſtan, machte dem Biſchof mit der abgetretenen Naſe noch drollige Exküſen, wobey ſie ſich ſeinen etwaigen Gegenbeſuch höflichſt verbat, und als wir an den Weihkeſſel gelangten, wollte ſie mich durchaus wieder in einen Eſel verwandeln. War es nun wirkliche Stimmung, die der Ort einflößte, oder wollte ich dieſen Spaß, der mich im Grunde verdroß, ſo ſcharf als möglich —— 86 ablehnen, genug, ich warf mich in das gehörige Pathos und ſprach: Mylady, ich liebe keine Religionsveräch⸗ terinnen. Schöne Frauen, die keine Religion haben, ſind wie Blumen ohne Duft; ſie gleichen jenen kalten, nüchternen Tulpen, die uns aus ihren chineſiſchen Porzellantöpfen ſo porzellanhaft anſehen, und wenn ſie ſprechen könnten, uns gewiß auseinanderſetzen würden, wie ſie ganz natürlich aus einer Zwiebel entſtanden ſind, wie es hinreichend ſey, wenn man hienieden nur nicht übel riecht, und wie übrigens, was den Duft betrifft, eine vernünftige Blume gar keines Duftes bedarf. Schon bey dem Worte Tulpe gerieth My⸗ lady in die heftigſten Bewegungen, und während ich ſprach, wirkte ihre Idioſynkraſie gegen dieſe Blume ſo ſtark, daß ſie ſich verzweiflungsvoll die Ohren zuhielt. Zur Hälfte war es wohl Comödie, zur Hälfte aber auch wohl pikirter 87 Ernſt, daß ſie mich mit bitterem Blicke anſah und aus Herzensgrund ſpottſcharf mich frug: Und Sie, theure Blume, welche von den vor⸗ handenen Religionen haben Sie? Ich, Mylady, ich habe ſie alle, der Duft meiner Seele ſteigt in den Himmel und betäubt ſelbſt die ewigen Götter! 88 Cavitel XII) — Indem Signora unſer Geſpräch, das wir größtentheils auf Engliſch führten, nicht verſtehen konnte, gerieth ſie, Gott weiß wie! auf den Ge⸗ danken, wir ſtritten über die Vorzüglichkeit unſerer reſpektiven Landsleute. Sie lobte nun die Eng⸗ länder eben ſo wie die Deutſchen, obgleich ſie im Herzen die erſteren für nicht klug und die letzteren für dumm hielt. Sehr ſchlecht dachte ſie von den Preußen, deren Land, nach ihrer Geographie, noch weit über England und Deutſch⸗ land hinausliegt, beſonders ſchlecht dachte ſie vom Könige von Preußen, dem großen Federigo, den ihre Feindin, Signora Seraphina, in ihrem 89 Benefizballet voriges Jahr getanzt hatte; wie denn ſonderbar genug, dieſer König, nämlich Friedrich der Große, auf den italieniſchen Thea⸗ tern und im Gedächtniſſe des italieniſchen Volks noch immer lebt. Nein, ſagte Mylady, ohne auf Signoras ſüßes Gekoſe hinzuhören, nein, dieſen Menſchen braucht man nicht erſt in einen Eſel zu verwan⸗ deln; nicht nur, daß er jede zehn Schritte ſeine Geſinnung wechſelt, und ſich beſtändig widerſpricht, wird er jetzt ſogar ein Bekehrer, und ich glaube gar er iſt ein verkappter Jeſuit. Ich muß, meiner Sicherheit wegen, jetzt devote Geſichter ſchneiden, ſonſt giebt er mich an bey ſeinen Mitheuchlern in Chriſto, bey den heiligen Inquiſizionsdilet⸗ tanten, die mich in Effigie verbrennen, da ihnen die Polizey noch nicht erlaubt, die Perſonen ſelbſt ins Feuer zu werfen. Ach, ehrwürdiger Herr! glauben Sie nur nicht, daß ich ſo klug ſey wie ich ausſehe, es fehlt mir durchaus nicht 90 an Religion, ich bin keine Tulpe, bey Leibe keine Tulpe, nur um des Himmels Willen keine Tulpe, ich will lieber alles glauben! Ich glaube jetzt ſchon das Hauptſächlichſte, was in der Bibel ſteht, ich glaube, daß Abraham den Iſaak, und Iſaak den Jakob, und Jakob wieder den Juda gezeugt hat, ſo wie auch, daß dieſer wieder ſeine Schnur Tamar auf der Landſtraße erkannt hat. Ich glaube auch, daß Loth mit ſeinen Töchtern zu viel getrunken. Ich glaube, daß die Frau des Potiphar den Rock des frommen Joſephs in Händen behalten. Ich glaube, daß die beiden Alten, die Suſannen im Bade überraſchten, ſehr alt geweſen ſind. Außerdem glaub ich noch, daß der Erzvater Jakob erſt ſeinen Bruder und dann ſeinen Schwiegervater betrogen, daß König David dem Uria eine gute Anſtellung bey der Armee gegeben, daß Salomo ſich tauſend Weiber ange⸗ ſchafft und nachher gejammert es ſey alles eitel. Auch an die zehn Gebote glaube ich und halte 91 ſogar die meiſten; ich laß mich nicht gelüſten meines Nächſten Ochſen, noch ſeiner Magd, noch ſeiner Kuh, noch ſeines Eſels. Ich arbeite nicht am Sabbath, dem ſiebenten Tage, wo Gott ge⸗ ruht; ja, aus Vorſicht, da man nicht mehr genau weiß, welcher dieſer ſiebente Ruhetag war, thue ich oft die ganze Woche nichts. Was aber gar die Gebote Chriſti betrifft, ſo übte ich immer das wichtigſte, nämlich daß man ſogar ſeine Feinde lieben ſoll— denn ach! diejenigen Menſchen, die ich am meiſten geliebt habe, waren immer, ohne daß ich es wußte, meine ſchlimmſten Feinde. Um Gottes Willen, Mathilde, weinen Sie nicht! rief ich als wieder ein Ton der ſchmerz⸗ hafteſten Bitterkeit aus der heiterſten Neckerey, wie eine Schlange aus einem Blumenbeete, hervorſchoß. Ich kannte ja dieſen Ton, wobey das witzige Criſtallherz der wunderbaren Frau zwar immer gewaltig, aber nicht lange erzitterte, und ich wußte, daß er eben ſo leicht, wie er 92 entſteht, auch wieder verſcheucht wird, durch die erſte beſte lachende Bemerkung, die man ihr mittheilte, oder die ihr ſelbſt durch den Sinn flog. Während ſie gelehnt an das Portal des Kloſterhofes, die glühende Wange an die kalten Steine preßte, und ſich mit ihren langen Haaren die Thränenſpur aus den Augen wiſchte, ſuchte ich ihre gute Laune wieder zu erwecken, indem ich, in ihrer eigenen Spottweiſe, die arme Fran⸗ ſcheska zu myſtifiziren ſuchte, und ihr die wich⸗ tigſten Nachrichten mittheilte über den ſieben⸗ jährigen Krieg, der ſie ſo ſehr zu intereſſiren ſchien, und den ſie noch immer unbeendigt glaubte. Ich erzählte ihr viel Intereſſantes von dem großen Federigo, dem witzigen Kamaſchengott von Sansſouci, der die preußiſche Monarchie erfunden, und in ſeiner Jugend recht hübſch die Flöte bließ, und auch franzöſiſche Verſe gemacht hat. Franſcheska frug mich, ob die Preußen oder die Deutſchen ſiegen werden? Denn, wie 93 ſchon oben bemerkt, ſie hielt erſtere für ein ganz anderes Volk, und es iſt auch gewöhnlich, daß in Italien unter dem Namen Deutſche nur die Oeſtreicher verſtanden werden. Signora wun⸗ derte ſich nicht wenig, als ich ihr ſagte, daß ich ſelbſt lange Zeit in der Capitale della Prussia gelebt habe, nämlich in Berelino, einer Stadt, die ganz oben in der Geographie liegt, unfern vom Eispol. Sie ſchauderte, als ich ihr die Gefahren ſchilderte, denen man dort zuweilen ausgeſetzt iſt, wenn einem die Eisbären auf der Straße begegnen. Denn, liebe Franſcheska, er⸗ klärte ich ihr, in Spitzbergen liegen gar zu viele Bären in Garniſon, und dieſe kommen zuweilen auf einen Tag nach Berlin, um etwa aus Patriotismus den Bär und den Baſſa zu ſehen, oder einmal bey Beyerman, im Caffé royal, gut zu eſſen und Champagner zu trinken, was ihnen oft mehr Geld koſtet, als ſie mitge⸗ bracht; in welchem Falle einer von den Bären * —.i.— 94 ſolange dort angebunden wird, bis ſeine Came⸗— raden zurückkehren und bezahlen, woher auch der Ausdruck„einen Bären anbinden“ entſtanden iſt. Viele Bären wohnen in der Stadt ſelbſt, ja man ſagt, Berlin verdanke ſeine Entſtehung den Bären, und hieße eigentlich Bärlin. Die Stadtbären ſind aber übrigens ſehr zahm und einige darunter ſo gebildet, daß ſie die ſchönſten Tragödien ſchreiben und die herrlichſte Muſik komponiren. Die Wölfe ſind dort ebenfalls häufig, und da ſie, der Kälte wegen, warſchauer Schafpelze tragen, ſind ſie nicht ſo leicht zu er⸗ kennen. Schneegänſe flattern dort umher und ſingen Bravourarien, und Rennthiere rennen da herum als Kunſtkenner. Uebrigens leben die Ber⸗ liner ſehr mäßig und fleißig, und die meiſten ſitzen bis am Nabel im Schnee und ſchreiben„ Dogmatiken, Erbauungsbücher, Religionsge⸗ ſchichten für Töchter gebildeter Stände, Kate⸗ chismen, Predigten für alle Tage im Jahr, * 95 Elohagedichte, und ſind dabey ſehr moraliſch, denn ſie ſitzen bis am Nabel im Schnee. Sind die Berliner denn Chriſten? rief Signora voller Verwunderung. Es hat eine eigne Bewandtniß, mit ihrem Chriſtenthum. Dieſes fehlt ihnen im Grunde ganz und gar, und ſie ſind auch viel zu ver⸗ nünftig, um es ernſtlich auszuüben. Aber da ſie wiſſen, daß das Chriſtenthum im Staate nöthig iſt, damit die Unterthanen hübſch demüthig ge⸗ horchen, und auch außerdem nicht zu viel ge⸗ ſtohlen und gemordet wird, ſo ſuchen ſie mit großer Beredſamkeit wenigſtens ihre Nebenmen⸗ ſchen zum Chriſtenthum zu bekehren, ſi ie e ſuchen gleichſam Remplacants in einer Religion, deren Aufrechthaltung ſie wünſchen und deren ſtrenge Ausübung ihnen ſelbſt zu mühſam wird. In dieſer Verlegenheit benutzen ſie den Dienſteifer der armen Juden, dieſe müſſen jetzt für ſie Chriſten werden, und da dieſes Volk, für Geld 96 und gute Worte alles aus ſich machen läßt, ſo haben ſich die Juden ſchon ſo ins Chriſtenthum hineinexerzirt, daß ſie ordentlich ſchon über Un⸗ glauben ſchreyen, auf Tod und Leben die Drey⸗ einigkeit verfechten, in den Hundstagen ſogar daran glauben, gegen die Razionaliſten wüthen, als Miſſionäre und Glaubensſpione im Lande herumſchleichen und erbauliche Traktätchen ver⸗ breiten, in den Kirchen am beſten die Augen verdrehen, die ſcheinheiligſten Geſichter ſchneiden, und mit ſo viel hohem Beifall frömmeln, daß ſich ſchon hie und da der Gewerbsneid regt, und die älteren Meiſter des Handwerks ſchon heimlich klagen: das Chriſtenthum ſei jetzt ganz . in den Händen der Juden. 97 Capitel XIII. Wenn mich Signora nicht verſtand, ſo wirſt du, lieber Leſer, micht gewiß beſſer verſtehen. Auch Mylady verſtand mich, und dies Verſtänd⸗ niß weckte wieder ihre gute Laune. Doch als ich— ich weiß nicht mehr ob mit ernſthaftem Geſichte— der Meinung beypflichten wollte, daß das Volk einer beſtimmten Religion bedürfe, konnte ſie wieder nicht umhin, mir in ihrer Weiſe entgegen zu ſtreiten. Das Volk muß eine Religion haben! rief ſie. Eifrig höre ich dieſen Satz predigen von tauſend dummen und abertauſend ſcheinheiligen Lippen— Und dennoch iſt es wahr, Mylady. Wie die IV. 7 98 Mutter nicht alle Fragen des Kindes mit der Wahrheit beantworten kann, weil ſeine Faſſungs⸗ kraft es nicht erlaubt, ſo muß auch eine poſitive Religion, eine Kirche vorhanden ſeyn, die alle überſinnlichen Fragen des Volks, ſeiner Faſſungs⸗ kraft gemäß, recht ſinnlich beſtimmt beantworten kann. O weh! Doktor, eben Ihr Gleichniß bringt mir eine Geſchichte ins Gedächtniß, die am Ende nicht günſtig für Ihre Meinung ſprechen würde. Als ich noch klein war, in Dublin— und auf dem Rücken lag———— Aber, Doktor, man kann doch mit Ihnen kein vernünftig Wort ſprechen. Lächeln Sie nicht ſo unverſchämt und hören Sie: Als ich noch klein war, in Dublin, und zu Mutters Füßen ſaß, frug ich ſie einſt: was man mit den alten Vollmonden anfange? Liebes Kind, ſagte die Mutter, die alten Vollmonde ſchlägt der liebe Gott mit dem Zuckerhammer in Stücke, und 99 macht daraus die kleinen Sterne. Man kann der Mutter dieſe offenbar falſche Erklärung nicht verdenken, denn mit den beſten aſtronomiſchen Kenntniſſen hätte ſie doch nicht vermocht, mir das ganze Sonne⸗, Mond⸗ und Sterneſyſtem aus einander zu ſetzen, und die überſinnlichen Fragen beantwortete ſie ſinnlich beſtimmt. Es wäre aber doch beſſer geweſen, ſie hätte die Er⸗ klärung für ein reiferes Alter verſchoben, oder wenigſtens keine Lüge ausgedacht. Denn als ich mit der kleinen Lucie zuſammen kam und der Vollmond am Himmel ſtand, und ich ihr erklärte, wie man bald kleine Sterne draus machen werde, lachte ſie mich aus, und ſagte, daß ihre Großmutter, die alte O' Meara ihr erzählt habe: die Vollmonde würden in der Hölle als Feuermelonen verzehrt, und da man dort keinen Zucker habe, müſſe man Pfeffer und Salz drauf ſtreuen. Hatte Lucie vorher über meine Meinung, die etwas naiv evangeliſch war, mich 7* 100 ausgelacht, ſo lachte ich noch mehr über ihre düſter katholiſche Anſicht, vom Auslachen kam es zu ernſtem Streit, wir pufften uns, wir kratzten uns blutig, wir beſpuckten uns polemiſch, bis der kleine O' Donnel aus der Schule kam, und uns aus einander riß. Dieſer Knabe hatte dort beſſeren Unterricht in der Himmelskunde genoſſen, verſtand ſich auf Mathematik, und belehrte uns ruhig über unſere beiderſeitigen Irrthümer und die Thorheit unſeres Streits. Und was geſchah? Wir beiden Mädchen unterdrückten vor der Hand unſeren Meynungsſtreit, und vereinigten uns gleich, um den kleinen ruhigen Mathematikus durchzuprügeln. Mylady, ich bin verdrießlich, denn Sie haben Recht. Aber es iſt nicht zu ändern, die Men⸗ ſchen werden immer ſtreiten über die Vorzüg⸗ lichkeit derjenigen Religionsbegriffe, die man ihnen früh beygebracht, und der Vernünftige wird immer doppelt zu leiden haben. Einſt war 101 es freylich anders, da ließ ſich keiner einfallen, die Lehre und die Feyer ſeiner Religion beſon⸗ ders anzupreiſen, oder gar ſie jemanden aufzu⸗ dringen. Die Religion war eine liebe Tradizion, heilige Geſchichten, Erinnerungsfeyer und My⸗ ſterien, überliefert von den Vorfahren, gleichſam Familienſakra des Volks, und einem Griechen wäre es ein Greuel geweſen, wenn ein Fremder, der nicht von ſeinem Geſchlechte, eine Religions⸗ genoſſenſchaft mit ihm verlangt hätte; noch mehr würde er es für eine Unmenſchlichkeit gehalten haben, irgend jemand, durch Zwang oder Liſt, dahinzubringen, ſeine angeborene Religion auf⸗ zugeben und eine fremde dafür anzunehmen. Da kam aber ein Volk aus Egypten, dem Vater⸗ land der Krokodille und des Prieſterthums, und außer den Hautkrankheiten und den geſtohlenen Gold⸗ und Silbergeſchirren, brachte es auch eine ſogenannte poſitive Religion mit, eine ſogenannte Kirche, ein Gerüſte von Dogmen, an die man 10² glauben, und heiliger Ceremonien, die man feyern mußte, ein Vorbild der ſpäteren Staatsreligionen. Nun entſtand„die Menſchenmäkeley“ das Proſe⸗ litenmachen, der Glaubenszwang, und all jene heiligen Greuel, die dem Menſchengeſchlechte ſo viel Blut und Thränen gekoſtet. Goddamm! dieſes Urübelvolk! O, Mathilde, es iſt längſt verdammt, und ſchleppt ſeine Verdammnißqualen durch die Jahr⸗ tauſende. O, dieſes Egypten! ſeine Fabrikate trotzen der Zeit, ſeine Pyramiden ſtehen noch immer unerſchütterlich, ſeine Mumien ſind noch ſo unzerſtörbar wie ſonſt, und eben ſo unver⸗ wüſtlich iſt jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihren uralten Buchſtaben⸗ windeln, ein verhärtet Stück Weltgeſchichte, ein Geſpenſt, das zu ſeinem Unterhalte mit Wechſeln und alten Hoſen handelt— Sehen Sie, My⸗ lady, dort jenen alten Mann, mit dem weißen 103 Barte, deſſen Spitze ſich wieder zu ſchwärzen ſcheint, und mit den geiſterhaften Augen— Sind dort nicht die Ruinen der alten Rö⸗ mergräber? Ja, eben da ſitzt der alte Mann, und viel⸗ leicht, Mathilde, verrichtet er eben ſein Gebet, ein ſchauriges Gebet, worin er ſeine Leiden bejammert, und Völker anklagt, die längſt von der Erde verſchwunden ſind, und nur noch in Ammenmährchen leben— er aber, in ſeinem Schmerze, bemerkt kaum, daß er auf den Grä⸗ bern derjenigen Feinde ſitzt, deren Untergang er vom Himmel erfleht. Capitel XIVV. Ich ſprach im vorigen Capitel von den poſitiven Religionen nur in ſo fern ſie als Kir⸗ chen, unter dem Namen Staatsreligionen, noch beſonders vom Staate privilegirt werden. Es giebt aber eine fromme Dialektik, lieber Leſer, die dir aufs bündigſte beweiſen wird, daß ein Gegner des Kirchthums einer ſolchen Staats⸗ religion auch ein Feind der Religion und des Staats ſey, ein Feind Gottes und des Königs, oder, wie die gewöhnliche Formel lautet: ein Feind des Throns und des Altars. Ich aber ſage dir, daß iſt eine Lüge, ich ehre die innere Heiligkeit jeder Religion und unterwerfe mich 105 den Intereſſen des Staates. Wenn ich auch dem Antropomorphismus nicht ſonderlich huldige, ſo glaube ich doch an die Herrlichkeit Gottes, und wenn auch die Könige ſo thörigt ſind, dem Geiſte des Volks zu widerſtreben, oder gar ſo unedel ſind, die Organe deſſelben durch Zurückſetzungen und Verfolgungen zu kränken: ſo bleibe ich doch meiner tiefſten Ueberzeugung nach, ein Anhänger des Königthums, des monarchiſchen Prinzips. Ich haſſe nicht den Thron, ſondern nur das windige Adelgeziefer, das ſich in die Ritzen der alten Throne eingeniſtet, und deſſen Charakter uns Montesquien ſo genau ſchildert mit den Worten:„Ehrgeiz im Bunde mit dem Müſſig⸗ gange, die Gemeinheit im Bunde. mit dem Hoch⸗ muthe, die Begierde, ſich zu bereichern ohne Arbeit, die Abneigung gegen die Wahrheit, die Schmeicheley, der Verrath, die Treuloſigkeit, der Wortbruch, die Verachtung der Bürgerpflichten, die Furcht vor Fürſtentugend und das Intereſſe 106 an Fürſtenlaſter!“ Ich haſſe nicht den Altar, ſondern ich haſſe die Schlangen, die unter dem Gerülle der alten Altäre lauern; die argklugen Schlangen, die unſchuldig wie Blumen zu lächeln wiſſen, während ſie heimlich ihr Gift ſpritzen in den Kelch des Lebens, und Verläumdung ziſchen 4 in das Ohr des frommen Beters, die gleißenden Würmer mit weichen Worten— Mel in ore, verba lactis, Fel in corde, fraus in factis. Eben weil ich ein Freund des Staats und der Religion bin, haſſe ich jene Mißgeburt, die man Staatsreligion nennt, jenes Spottgeſchöpf, das aus der Buhlſchaft der weltlichen und der geiſtlichen Macht entſtanden, jenes Maulthier, das der Schimmel des Antichriſts mit der Eſelin Chriſti gezeugt hat. Gäbe es keine ſolche Staatsreligion, keine Bevorrechtung eines Dog⸗ mas und eines Cultus, ſo wäre Deutſchland einig und ſtark und ſeine Söhne wären herrlich 107 und frey. So aber iſt unſer armes Vaterland zerriſſen durch Glaubenszwieſpalt, das Volk iſt getrennt in feindliche Religionspartheyen, pro⸗ teſtantiſche Unterthanen hadern mit ihren katho⸗ liſchen Fürſten oder umgekehrt, überall Mißtrauen ob Kryptokatholizismus oder Kryptoproteſtan⸗ tismus, überall Verketzerung, Geſinnungsſpionage, Pietismus, Myſtizismus, Kirchenzeitungsſchnüf⸗ feleyen, Sektenhaß, Bekehrungsſucht, und während wir über den Himmel ſtreiten, gehen wir auf Erden zu Grunde. Ein Indifferentismus in religiöſen Dingen wäre vielleicht allein im Stande uns zu retten, und durch Schwächerwerden im 4 Glauben könnte Deutſchland politiſch erſtarken. Für die Religion ſelber, für ihr heiliges Weſen, iſt es eben ſo verderblich, wenn ſie mit Privilegien bekleidet iſt, wenn ihre Diener vom Staate vorzugsweiſe dotirt werden, und zur Erhaltung dieſer Dotazionen ihrerſeits verpflichtet ſind, den Staat zu vertreten, und ſolchermaßen 108 eine Hand die andere wäſcht, die geiſtliche die weltliche und umgekehrt, und ein Wiſchwaſch entſteht, der dem lieben Gott eine Thorheit und den Menſchen ein Greuel iſt. Hat nun der Staat Gegner, ſo werden dieſe auch Feinde der Reli⸗ gion, die der Staat bevorrechtet und die des⸗ halb ſeine Alliirte iſt; und ſelbſt der harmloſe Gläubige wird mißtrauiſch, wenn er in der Religion auch politiſche Abſicht wittert. Am widerwärtigſten aber iſt der Hochmuth der Prieſter, wenn ſie für die Dienſte, die ſie dem Staate zu leiſten glauben, auch auf deſſen Un⸗ terſtützung rechnen dürfen, wenn ſie für die geiſtige Feſſel, die ſie ihm, um die Völker zu binden, geliehen haben, auch über ſeine Bajonette verfügen können. Die Religion kann nie ſchlim⸗ mer ſinken, als wenn ſie ſolchermaßen zur Staats⸗ religion erhoben wird, es geht dann gleichſam ihre innere Unſchuld verloren, und ſie wird ſo öffentlich ſtolz, wie eine deklarirte Mätreſſe. 109 Freilich werden ihr dann mehr Huldigungen und Ehrfurchtsverſicherungen dargebracht, ſie feyert täglich neue Siege, in glänzenden Prozeſſionen, bey ſolchen Triumphen tragen ſogar bona⸗ partiſtiſche Generale ihr die Kerzen vor, die ſtolzeſten Geiſter ſchwören zu ihrer Fahne, täglich werden Ungläubige bekehrt und getauft— aber dies viele Waſſeraufgießen macht die Suppe nicht fetter, und die neuen Rekruten der Staatsreligion gleichen den Soldaten, die Fallſtaf geworben— ſie füllen die Kirche. Von Aufopferung iſt gar nicht mehr die Rede, wie Kaufmannsdiener mit ihren Muſterkarten, ſo reiſen die Miſſionäre mit ihren Tractätchen und Bekehrungsbüchlein, es iſt keine Gefahr mehr bey dieſem Geſchäfte, und es bewegt ſich ganz in merkantiliſch ökonomiſchen Formen. Nur ſo lange die Religionen mit anderen zu rivaliſiren haben, und weit mehr verfolgt werden als ſelbſt verfolgen, ſind ſie herrlich und ehrenwerth, nur da giebts Begeiſterung, Auf⸗ 110 opferung, Märtyrer und Palmen. Wie ſchön, wie heilig lieblich, wie heimlich ſüß, war das Chriſtenthum der erſten Jahrhunderte, als es ſelbſt noch ſeinem göttlichen Stifter glich im Heldenthum des Leidens. Da wars noch die ſchöne Legende von einem heimlichen Gotte, der in ſanfter Jünglingsgeſtalt unter den Palmen Paläſtinas wandelte, und Menſchenliebe predigte, und jene Freiheit⸗ und Gleichheislehre offenbarte, die auch ſpäter die Vernunft der größten Denker als wahr erkannt hat, und die, als franzöſiſches Evangelium, unſere Zeit begeiſtert. Mit jener Religion Chriſti vergleiche man die verſchiedenen Chriſtenthümer, die in den verſchiedenen Ländern als Staatsreligionen konſtituirt worden, z. B. die römiſch apoſtoliſch katholiſche Kirche, oder gar jenen Katholizismus ohne Poeſie, den wir als High Church of England herrſchen ſehen, jenes kläglich morſche Glaubensſkelet, worin alles blühende Leben erloſchen iſt! Wie den Gewerben 111 iſt auch den Religionen das Monopolſyſtem ſchädlich, durch freye Conkurrenz bleiben ſie kräftig, und ſie werden erſt dann zu ihrer urſprünglichen Herrlichkeit wieder erblühen, ſobald die politiſche Gleichheit der Gottesdienſte, ſo zu ſagen die Gewerbefreyheit der Götter eingeführt wird. Die edelſten Menſchen in Europa haben es längſt ausgeſprochen, daß dieſes das einzige Mittel iſt, die Religion vor gänzlichem Unter⸗ gang zu bewahren; doch die Diener derſelben werden eher den Altar ſelbſt aufopfern, als daß ſie von dem was darauf geopfert wird, das Min⸗ deſte verlieren möchten; eben ſo wie der Adel eher den Thron ſelbſt und Hochdenjenigen, der hochdarauf ſitzt, dem ſicherſten Verderben über⸗ laſſen würde, als daß er mit ernſtlichem Willen die ungerechteſte ſeiner Gerechtſame aufgäbe. Iſt doch das affektirte Intereſſe für Thron und Altar nur ein Poſſenſpiel, das dem Volke vor⸗ gegankelt wird! Wer das Zunftgeheimniß be⸗ 21 112 lauert hat, weiß, daß die Pfaffen viel weniger als die Layen den Gott reſpektiren, den ſie zu ihrem eignen Nutzen, nach Willkür, aus Brod und Wort zu kneten wiſſen, und daß die Adligen viel weniger als es ein Roturier vermöchte, den König reſpektiren, und ſogar eben das König⸗ thum, dem ſie öffentlich ſo viele Ehrfurcht zeigen, und dem ſie ſo viel Ehrfurcht bey Anderen zu erwerben ſuchen, in ihrem Herzen verhöhnen und verachten:— wahrlich, ſie gleichen jenen Leuten, die dem gaffenden Publikum, in den Marktbuden, irgend einen Herkules oder Rieſen, oder Zwerg, oder Wilden, oder Feuerfreſſer, oder ſonſtig merkwürdigen Mann für Geld zei⸗ gen, und deſſen Stärke Erhabenheit, Kühnheit, Unverletzlichkeit, oder, wenn er ein Zwerg iſt, deſſen Weisheit, mit der übertriebenſten Ruhm⸗ redigkeit auspreiſen, und dabey in die Trompete 113 des ſtaunenden Volkes verlachen und den armen Hochgeprieſenen verſpotten, der ihnen aus Ge⸗ wohnheit des täglichen Anblicks ſehr unintereſ⸗ ſant geworden, und deſſen Schwächen und nur andreſſirte Künſte ſie all zu genau kennen. Ob der liebe Gott es noch lange dulden wird, daß die Pfaffen einen leidigen Popanz für ihn ausgeben und damit Geld verdienen, das weiß ich nicht;— wenigſtens würde ich mich nicht wundern, wenn ich mal im Hamb. Unpart. Correſpondenten läſe: daß der alte Jehova jedermann warne, keinem Menſchen, es ſey wer es wolle, nicht einmal ſeinem Sohne, auf ſeinen Namen Glauben zu ſchenken. Ueber⸗ zeugt bin ich aber, wir werden's mit der Zeit erleben, daß die Könige ſich nicht mehr hergeben wollen zu einer Schaupuppe ihrer adligen Ver⸗ ächter, daß ſie die Etiquetten brechen, ihren marmornen Buden entſpringen, und unwillig von ſich werfen den glänzenden Plunder, der dem V. 8 114 Volke imponiren ſollte, den rothen Mantel, der ſcharfrichterlich abſchreckte, den diamantenen Reif, den man ihnen über die Ohren gezogen, um ſie den Volksſtimmen zu verſperren, den goldnen Stock, den man ihnen als Scheinzeichen der Serrſchaft in die Hand gegeben— und die be⸗ freyten Könige werden frey ſeyn wie andre Menſchen, und frey unter ihnen wandeln, und frey fühlen und frey heurathen, und frey ihre Meinung bekennen, und das iſt die Emanzipazion der Könige. 115 Capitel XV. Was bleibt aber den Ariſtokraten übrig, wenn ſie der gekrönten Mittel ihrer Subſiſtenz beraubt werden, wenn die Könige ein Eigenthum des Volks ſind, und ein ehrliches und ſicheres Regiment führen. durch den Willen des Volks, der alleinigen Quelle aller Macht? Was werden die Pfaffen beginnen, wenn die Könige einſehen, daß ein bischen Salböl keinen menſchlichen Kopf guillotinenfeſt machen kann, eben ſo wie das Volk täglich mehr und mehr einſieht, daß man von Oblaten nicht ſatt wird? Nun freylich, da bleibt der Ariſtokratie und der Cleriſey nichts . 8 — 116 übrig als ſich zu verbinden, und gegen die neue Weltordnung zu kabaliren und zu intriguiren. Vergebliches Bemühen! Eine flammende Rieſin, ſchreitet die Zeit ruhig weiter, unbe⸗ kümmert um das Gekläffe biſſiger Pfäffchen und Junkerlein da unten. Wie heulen ſie jedesmal wenn ſie ſich die Schnautze verbrannt an einem Fuße jener Rieſin, oder wenn dieſe ihnen mal unverſehens auf die Köpfe trat, daß das obſeure Gift herausſpritzte! Ihr Grimm wendet ſich dann um ſo tückiſcher gegen einzelne Kinder der Zeit, und, ohnmächtig gegen die Maſſe, ſuchen ſie an Individuen ihr feiges Müthchen zu kühlen. Ach! wir müſſen es geſtehen, manch armes Kind der Zeit fühlt darum nicht minder die Stiche, die ihm lauernde Pfaffen und Junker im Dunkeln beyzubringen wiſſen, und ach! wenn auch eine Glorie ſich zieht um die Wunden des Siegers, ſo bluten ſie dennoch, und ſchmerzen dennoch! Es iſt ein ſeltſames Martyrthum, das ſolche Sieger in unſeren Tagen erdulden, es iſt nicht abgethan mit einem kühnen Bekenntniſſe, wie in früheren Zeiten, wo die Blutzeugen ein raſches Schafott fanden oder den jubelnden Holz⸗ ſtoß. Das Weſen des Martyrthums, alles Ir⸗ diſche aufzuopfern für den himmliſchen Spaß, iſt noch immer daſſelbe; aber es hat viel ver⸗ loren von ſeiner innern Glaubensfreudigkeit, es wurde mehr ein reſignirendes Ausdauern, ein beharrliches Ueberdulden, ein lebenslängliches Streben, und da geſchieht es ſogar, daß in grauen kalten Stunden auch die heiligſten Mär⸗ tyrer vom Zweifel beſchlichen werden. Es giebt nichts Entſetzlicheres als jene Stunden, wo ein Markus Brutus zu zweifeln begann an der Wirklichkeit der Tugend für die er alles geopfert! Und ach! jener war ein Römer und lebte in der Blüthenzeit der Stoa; wir aber ſind modern weicheren Stoffes, und dazu ſehen wir noch das Gedeihen einer Philoſophie, die aller Begeiſte⸗ 118 rung nur eine relative Bedeutung zuſpricht, und ſie ſomit in ſich ſelbſt vernichtet, oder ſie allen⸗ falls zu einer ſelbſtbewußten Donquiyoterie neutraliſirt! Die kühlen und klugen Philoſophen! Wie mitleidig lächeln ſie herab auf die Selbſtquäle⸗ reyen und Wahnſinnigkeiten eines armen Don Quixote, und in all ihrer Schulweisheit merken ſie nicht, daß jene Donquixoterie dennoch das Preiſenswertheſte des Lebens, ja das Leben ſelbſt iſt, und daß dieſe Donquixoterie die ganze Welt mit allem was darauf philoſophirt, muſtzirt, ackert und gähnt, zu kühnerem Schwunge be⸗ flügelt! Denn die große Volksmaſſe, mitſammt den Philoſophen, iſt, ohne es zu wiſſen, nichts anders als ein koloſſaler Sancho Panſa, der, trotz all ſeiner nüchternen Prügelſcheu und haus⸗ backner Verſtändigkeit, dem wahnſinnigen Ritter in allen ſeinen gefährlichen Abentheuern folgt, gelockt von der verſprochenen Belohnung, an die 119 er glaubt, weil er ſie wünſcht, mebr aber noch getrieben von der myſtiſchen Gewalt, die der Enthuſiasmus immer ausübt auf den großen Haufen— wie wir es in allen politiſchen und religiöſen Revoluzionen, und vielleicht täglich im kleinſten Ereigniſſe ſehen können. So, z. B. du, lieber Leſer, biſt unwill⸗ kürlich der Sancho Panſa des verrückten Poeten, dem du, durch die Irrfahrten dieſes Buches, zwar mit Kopfſchütteln folgſt, aber dennoch folgſt. 120 C a pitel. XVI. Seltſam!„Leben und Thaten des ſcharf⸗ ſinnigen Junkers Don Quixote von La Mancha, beſchrieben von Miguel de Cervanies Saavedra“ war das erſte Buch, das ich geleſen habe, nach— dem ich ſchon in ein verſtändiges Knabenalter getreten, und des Buchſtabenweſens einigermaßen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines frühen Morgens von Hauſe wegſtahl, und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungeſtört den Don Quiyxote zu leſen. Es war ein ſchöner Maytag, lauſchend im ſtillen Morgenlichte lag der blühende Frühling, und ließ ſich loben von der Nachtigall, 121 ſeiner ſüßen Schmeichlerin, und dieſe ſang ihr Loblied ſo kareſſirend weich, ſo ſchmelzend enthuſiaſtiſch, daß die verſchämteſten Knospen aufſprangen, und die lüſternen Gräſer und die duftigen Sonnenſtrahlen ſich haſtiger küßten, und Bäume und Blumen ſchauerten, vor eitelem Entzücken. Ich aber ſetzte mich auf eine alte moſige Steinbank in der ſogenannten Seufzerallee unfern des Waſſerfalls, und ergötzte mein kleines Herz an den großen Abentheuern des kühnen Ritters. In meiner kindiſchen Ehrlichkeit nahm ich alles für baaren Ernſt; ſo lächerlich auch dem armen Helden von dem Geſchicke mitgeſpielt wurde, ſo meinte ich doch, das müſſe ſo ſeyn, das gehöre nun mal zum Heldenthum, das Aus⸗ gelachtwerden eben ſo gut wie die Wunden des Leibes, und jenes verdroß mich eben ſo ſehr, wie ich dieſe in meiner Seele mitfühlte. Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die Welt hiineingeſchaffen, 8*ε* 122 und die der große Dichter, in ſeiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte— und ich konnte die bitterſten Thränen vergießen, wenn der edle Ritter, für all ſeinen Edelmuth, nur Undank und Prügel genoß; und da ich, noch ungeübt im Leſen, jedes Wort laut ausſprach, ſo konnten Vögel und Bäume, Bach und Blumen alles mit anhören, und da ſolche unſchuldige Naturweſen, eben ſo wie die Kinder, von der Weltironie nichts wiſſen, ſo hielten ſie gleichfalls alles für baaren Ernſt, und weinten mit über die Leiden des armen Ritters, ſogar eine alte ausgediente Eiche ſchluchzte, und der Waſſerfall ſchüttelte heftiger ſeinen weißen Bart, und ſchien zu ſchelten auf die Schlechtigkeit der Welt. Wir fühlten, daß der Heldenſinn des Ritters darum nicht mindere Bewunderung verdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampfluſt den Rücken kehrte, und daß ſeine Thaten um ſo preiſenswerther, je ſchwächer und ausgedorrter ſein Leib, je morſcher 123 die Rüſtung, die ihn ſchützte, und je armſeliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den niedrigen Pöbel, der den armen Helden ſo prügelroh behandelte, noch mehr aber den hohen Pöbel, der, geſchmückt mit buntſeidnen Mänteln, vornehmen Redensarten und Herzogstiteln, einen Mann verhöhnte, der ihm an Geiſteskraft und Edelſinn ſo weit überlegen war. Duleineas Ritter ſtieg immer höher in meiner Achtung, und gewann immer mehr meine Liebe je länger ich in dem wunderſamen Buche las, was im dem⸗ ſelben Garten täglich geſchah, ſo daß ich ſchon im Herbſte das Ende der Geſchichte erreichte,— und nie werde ich den Tag vergeſſen, wo ich von dem kummervollen Zweykampfe las, worin der Ritter ſo ſchmählig unterliegen mußte! Es war ein trüber Tag, häßliche Nebel⸗ wolken zogen dem grauen Himmel entlang, die gelben Blätter fielen ſchmerzlich von den Bäu⸗ men, ſchwere Thränentropfen hingen an den 124 letzten Blumen, die gar traurig welk die ſterbenden Köpfchen ſenkten, die Nachtigallen waren längſt verſchollen, von allen Seiten ſtarrte mich an das Bild der Vergänglichkeit,— und mein Herz wollte ſchier brechen, als ich las, wie der edle Ritter betäubt und zermalmt am Boden lag, und ohne das Viſir zu erheben, als wenn er aus dem Grabe geſprochen hätte, mit ſchwacher kranker Stimme zu dem Sieger hinaufſprach: „Duleinea iſt das ſchönſte Weib der Welt und ich der unglücklichſte Ritter auf Erden, aber es ziemt ſich nicht, daß meine Schwäche dieſe Wahr⸗ heit verläugne— ſtoßt zu mit der Lanze, Ritter!“ Ach! dieſer leuchtende Ritter vom ſilbernen Monde, der den muthigſten und edelſten Mann der Welt beſiegte, war ein verkappter Barbier! 125 Capitel XVII. Das iſt nun lange her. Viele neue Lenze ſind unterdeſſen hervorgeblüht, doch mangelte ihnen immer ihr mächtigſter Reiz, denn ach! ich glaube nicht mehr den ſüßen Lügen der Nachtigall, der Schmeichlerin des Frühlings, ich weiß wie ſchnell ſeine Herrlichkeit verwelkt, und wenn ich die jüngſte Roſenknospe erblicke, ſehe ich ſie im Geiſte ſchmerzroth aufblühen, erbleichen und von den Winden verweht. Ueberall ſehe ich einen verkappten Winter. In meiner Bruſt aber blüht noch jene flammende Liebe, die ſich ſehnſüchtig über die Erde emporhebt, abentheuerlich herumſchwärmt in 126 den weiten, gähnenden Räumen des Himmels, dort zurückgeſtoßen wird von den kalten Sternen, ugd wieder heimſinkt zur kleinen Erde, und mit Senſ n und Jauchzen ge ehen muß, daß es 7 der ganzen Sch ung nichts Schöneres ſſeres giebt als das/dern der Menſchen. Diſe Piebe iſt die Bggeiſterimg, die immer gött⸗ 1 lrt, gleichvjel ob Thuas oder weiſe Händlungen ve— Anp ſo hat ber kleine Knabe teineswlgs/ unnüt eine ütaäͤnen ver⸗ fchi det, die er ider diy iden pke märriſchen . vergoß, Pen ſo erig wily ſpäterhin der Jihngling, als y mancht Nacht iinf Studier⸗ ebche weinte über den Tod der /heiligſten Fßbheſtshelden, übcr Könjs Agis vpß/ Sparta, nba jus und Sade enann von Rom, über Iiſus von einſalem⸗/ upd über Robespierre und, Stint Juſt voy, Parct. Jetzt, wo ich die Toga grilis agſee O ſelbſt ein Nann e wiſl, hat das Weinen ein Ende, und es v — — 2 127 gilt zu handeln wie ein Mann, nachahmend die großen Vorgänger und wills Gott! künftig ebenfalls beweint von Knaben und Jünglingen. Ja, dieſe ſind es, auf die man noch rechnen kann in unſerer kalten Zeit; denn dieſe werden noch entzündet von dem glühenden Hauche, der ihnen aus den alten Büchern entgegenwehi, und deshalb begre ifen ſie auch die Flammenherzen der Gegenwart. Die Jugend iſt uneigennützig im Denken und Fühlen, und denkt und fühlt deshalb die Wahrheit am tiefſten, und geizt nicht wo es gilt eine kühne Theilnahme an Bekenntniß und That. Die älteren Leute ſind ſelbſtſüchtig und kleinſinnig) ſie denken mehr an Intereſſen ihrer Capitalien als an die Intereſſen der Menſchheit; ſie laſſen ihr Schifflein ruhig fortſchwimmen im Ninnſtein des Lebens, und kümmern ſich wenig um den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen kämpft; oder ſie erkriechen, mit klebrigter Beharrlichket die 128 Höhe des Bürgermeiſterthums oder der Präſi⸗ dentſchaft ihres Clubs, und zucken die Achſel über die Hervenbilder, die der Sturm hinabwarf von der Säule des Ruhms, und dabey erzählen ſie vielleicht: daß ſie ſelbſt in ihrer Jugend ebenfalls mit dem Kopf gegen die Wand gerennt ſeyen, daß ſie ſich aber nachher mit der Wand wieder verſöhnt hätten, denn die Wand ſey das Abſolute, das Geſetzte, das an und für ſich Seyende, das weil es iſt, auch vernünftig iſt, weshalb auch derjenige unvernünftig iſt, welcher einen allerhöchſt vernünftigen, unwiderſprechbar ſeyenden, feſtgeſetzten Abſolutismus nicht ertra⸗ gen will. Ach! dieſe Verwerflichen, die uns in eine gelinde Knechtſchaft hineinphiloſophiren wollen, ſind immer noch achtenswerther als jene. Verworfenen, die bey der Vertheidigung des Despotismus, ſich nicht einmal auf vernünftige Vernunftgründe einlaſſen, ſondern ihn geſchichts⸗ kundig als ein Gewohnheitsrecht verfechten, woran 8. 129 ſich die Menſchen im Laufe der Zeit allmählig gewöhnt hätten, und das alſo rechtsgültig und geſetzkräftig unumſtößlich ſey. Ach! ich will nicht wie Ham die Decke aufheben von der Schaam des Vaterlandes, aber es iſt entſetzlich, wie man's bey uns ver⸗ ſtanden hat, die Sklaverey ſogar geſchwätzig zu machen, und wie deutſche Philoſophen und Hiſtoriker ihr Gehirn abmartern, um jeden Despotismus, und ſey er noch ſo albern und tölpelhaft, als vernünftig oder als rechtsgültig zu vertheidigen. Schweigen iſt die Ehre der Sklaven, ſagt Tazitus; jene Philoſophen und Hiſtoriker behaupten das Gegentheil und zeigen auf die Ehrenbändchen in ihrem Knopfloch. Vielleicht habt Ihr doch Recht, und ich bin nur ein Donquixote und das Leſen von allerley wunderbaren Büchern hat mir den Kopf verwirrt, eben ſo wie den Junker La Mancha, und Jean Jaques Rouſſeau war mein Amadis IV. 9 130 *½ von Gallien, Mirabeau war mein Roldan oder Agramanth, und ich habe mich zu ſehr hinein⸗ ſtidirt in die Heldenthaten der franzöſiſchen Paladine und der Tafelrunde des Nazional⸗ konvents. Freylich, mein Wahnſinn und die fixen Ideen, die ich aus jenen Büchern geſchöpft, ſind von entgegengeſetzter Art, als der Wahnſinn und die fixen Ideen des Manchaners; dieſer wollte die untergehende Ritterzeit wieder her⸗ ſtellen, ich hingegen will Alles, was aus jener Zeit noch übrig geblieben iſt, jetzt vollends ver⸗ nichten, und da handeln wir alſo mit ganz ver⸗ ſchiedenen Anſichten. Mein College ſah Wind⸗ mühlen für Rieſen an, ich hingegen kann in unſeren heutigen Rieſen nur prahlende Wind⸗ mühlen ſehen, jener ſah lederne Weinſchläuche für mächtige Zauberer an, ich aber ſehe in unſeren jetzigen Zauberern nur den ledernen Weinſchlauch, jener hielt Bettlerherbergen für Caſtele, Eſeltreiber für Cavaliere, Stalldirnen 131 für Hofdamen, ich hingegen halte unſere Caſtele nur für Lumpenherbergen, unſere Cavalſere nur für Eſeltteiber, unſere Hofdamen nur für ge⸗ meine Stalbdirnen, wie jener eine Puppenkomödie für eine Staatsakzion hielt, ſo halte ich unſere Staatsakzionen für leidige Puppenkomödien— doch eben ſo tapfer wie der tapfere Manchaner ſchlage ich drein in die hölzerne Wirthſchaft. Ach! ſolche Heldenthat bekömmt mir oft eben ſo ſchlecht wie ihm, und ich muß, eben ſo wie er, viel erdulden für die Ehre meiner Dame. Wollte ich ſie verläugnen, aus eitel Furcht oder ſchnöder Gewinnſucht, ſo könnte ich behaglich leben in dieſer ſeyenden vernünftigen Welt, und ich würde eine ſchöne Maritorne zum Altare führen, und mich einſegnen laſſen von feiſten Zauberern, und mit edlen Eſeltreibern ban⸗ quettiren, und gefahrloſe Novellen und ſonſtige kleine Sklävchen zeugen! Statt deſſen, ge⸗ ſchmückt mit den brey Farben meiner Dame, 9* 132 muß ich beſtändig auf der Menſur liegen, und mich durch unſägliches Drangſal durchſchlagen, und ich erfechte keinen Sieg, der mich nicht auch etwas Herzblut koſtet. Tag und Nacht bin ich in Nöthen; denn jene Feinde ſind ſo tückiſch, daß manche, die ich zu Tode getroffen, ſich noch immer ein Air gaben als ob ſie lebten, und in alle Geſtalten ſich verwandelnd, mir Tag und Nacht verleiden konnten. Wie viel Schmerzen habe ich, durch ſolchen fatalen Spuk, ſchon er⸗ dulden müſſen! Wo mir etwas Liebes blühte, da ſchlichen ſie hin, die heimtückiſchen Geſpenſter, und knickten ſogar die unſchuldigſten Knospen. Ueberall, und wo ich es am wenigſten vermuthen ſollte, entdecke ich am Boden ihre filbrigte Schleimſpur, und nehme ich mich nicht in Acht, ſo kann ich verderblich ausgleiten, ſogar im Hauſe der nächſten Lieben. Ihr mögt lächeln, und ſolche Beſorgniß für eitel Einbildungen, gleich denen des Don Quixote, halten. Aber einge⸗ —— —,— —— 133 bildete Schmerzen thun darum nicht minder weh, und bildet man ſich ein, etwas Schierling ge⸗ noſſen zu haben, ſo kann man die Auszehrung bekommen, auf keinen Fall wird man davon fett. Und daß ich fett geworden ſey, iſt eine Verläumdung, wenigſtens habe ich noch keine fette Sinekur erhalten, und ich hätte doch die dazu gehörigen Talente. Auch iſt von dem Fett der Vetterſchaft nichts an mir zu verſpüren. Ich bilde mir ein, man habe alles mögliche an⸗ gewendet um mich mager zu halten; als mich hungerte da fütterte man mich mit Schlangen, als mich dürſtete da tränkte man mich mit Wermuth, man goß mir die Hölle ins Herz, daß ich Gift weinte und Feuer ſeufzte, man kroch mir nach bis in die Träume meiner Nächte— und da ſehe ich ſie die grauenhaften Larven, die noblen Lakayengeſichter mit fletſchen⸗ den Zähnen, die drohenden Banquiernaſen, die tödtlichen Augen, die aus den Kapuzen hervor⸗ 134 ſtechen, die bleichen Manſchettenhände mit blanken Meſſern— Auch die alte Frau, die neben mir wohnt, meine Wandnachbarin, hält mich für verrückt, und behauptet, ich ſpräche im Schlafe das wahn⸗ ſinnigſte Zeug, und die vorige Nacht habe ſie deutlich gehört, daß ich rief:„Duleinea iſt das ſchönſte Weib der Welt und ich der unglücklichſte Ritter auf Erden, aber es ziemt ſich nicht, daß meine Schwäche dieſe Wahrheit verläugne— ſtoßt zu mit der Lanze, Ritter!“ Spätere Nachſchrift. (November 1830.) Ich weiß nicht, welche ſonderbare Pietät mich davon abhielt, einige Ausdrücke, die mir bei ſpäterer Durchſicht der vorſtehenden Blätter etwas allzuherbe erſchienen, im mindeſten zu ändern. Das Manuſkript war ſchon ſo gelb verblichen, wie ein Todter, und ich hatte Scheu es zu verſtümmeln. Alles verjährt Geſchriebene hat ſolch inwohnendes Recht der Unverletzlichkeit, und gar dieſe Blätter, die gewiſſermaßen einer dunkeln Vergangenheit angehören. Denn ſie ſind faſt ein Jahr vor der dritten bourboniſchen 136 Hedſchira geſchrieben, zu her Zeit, die weit herber war als der herbſte Ausdruck, zu einer Zeit, wo es den Anſchein gewann, als könnte der Sieg der Freyheit noch um ein Jahrhundert verzögert werden. Es war wenigſtens bedenklich, wenn man ſah, wie unſere Ritter ſo ſichere Ge⸗ ſichter bekamen, wie ſie die verblaßten Wappen wieder friſchbunt anſtreichen ließen, wie ſie mit Schild und Speer zu München und Potsdam turnierten, wie ſie ſo ſtolz auf ihren hohen Roſſen ſaßen, als wollten ſie nach Quedlinburg reiten, um ſich neu auflegen zu laſſen bey Gott⸗ fried Baſſe. Noch unerträglicher waren die triumphirend tückiſchen Aeugelein unſerer Pfäf⸗ felein, die ihre langen Ohren ſo ſchlau unter der Kapuze zu verbergen wußten, daß wir die verderblichſten Kniffe erwarteten. Man konnte gar nicht vorher wiſſen, daß die edlen Ritter ihre Pfeile ſo kläglich verſchießen würden, und meiſtens anonym, oder wenigſtens im Davon⸗ 137 jagen, mit abgewendetem Geſichte, wie fliehende Baſchkiren. Eben ſo wenig konnte man vorher wiſſen, daß die Schlangenliſt unſerer Pfäffelein ſo zu Schanden werde— achl es iſt faſt Mit⸗ leiden erregend, wenn man ſieht, wie ſchlecht ſie ihr beſtes Gift zu brauchen wiſſen, da ſie uns aus Wuth in großen Stücken den Arſenik an den Kopf werfen, ſtatt ihn lothweis und liebevoll in unſere Suppen zu ſchütten, wenn man ſieht, wie ſie aus der alten Kinderwäſche die verjährten Windeln ihrer Feinde hervorkramen, um Unrath zu erſchnüffeln, wie ſie ſogar die Väter ihrer Feinde aus dem Grabe hervorwühlen, um nach⸗ zuſehen, ob ſie etwa beſchnitten waren— O der Thoren! die da meynen entdeckt zu haben, der Löwe gehbre eigentlich zum Katzengeſchlecht und die mit dieſer naturgeſchichtlichen Entdeckung noch ſo lang herumziſchen werden, bis die große Katze das ex ungue leonem an ihrem eignen Fleiſche bewährt! O der obſcuren Wichte, die 138 nicht eher erleuchtet werden, bis ſie ſelbſt an der Laterne hängen! Mit den Gedärmen eines Eſels möchte ich meine Leyer beſaiten, um ſie nach Würden zu beſingen, die geſchorenen Dummköpfe! 77 e2. frr„ Eine gewaltige Luſt ergreift mich! Während ich ſitze, und ſchreibe, erklingt Muſik unter meinem Fenſter, und an dem elegiſchen Grimm der langgezogenen Melodie, erkenne ich jene marſeiller Hymne, womit der ſchöne Barbaroux und ſeine Gefährten die Stadt Paris begrüßten, jener Kuhreigen der Freiheit, bey deſſen Tönen die Schweizer in den Tuillerien das Heimweh be⸗ kamen, jener triumphirende Todesgeſang der Gironde, das alte, ſüße Wiegenlied— Welch ein Lied! Es durchſchauert mich mit Feuer und Freude, und entzündet in mir die glühenden Sterne der Begeiſterung und die Ra⸗ keten des Spottes. Ja, dieſe ſollen nicht fehlen bey dem großen Feuerwerk der Zeit. Klingende 139 Flammenſtröme des Geſangs ſollen ſich ergießen von der Höhe der Freyheitsluſt, in kühnen Kas⸗ kaden, wie ſich der Ganges herabſtürzt vom Himalaya! Und du, holde Satyra, Tochter der gerechten Themis und des bocksfüßigen Pan, leih mir deine Hülfe, du biſt ja mütterlicher Seite dem Titanengeſchlechte entſproſſen, und haſſeſt gleich mir die Feinde deiner Sippſchaft, die ſchwächlichen Uſurpatoren des Olymps. Leih mir das Schwert deiner Mutter, damit ich ſie richte, die verhaßte Brut, und gieb mir die Pickelflöte deines Vaters, damit ich ſie zu Tode pfeife—- Schon hören ſie das tödtliche Pfeifen, und es ergreift ſie der paniſche Schrecken, und ſie entfliehen wieder, in Thiergeſtalten, wie damals, als wir den Pelion ſtülpten auf den Oſſa— Aux armes citoyens! Man that uns armen Titanen ſehr Unrecht, als man die düſtre Wildheit tadelte, womit wir, bey jenem Himmelsſturm, herauftobten— ach, 140 da unten im Tartaros, da war es grauenhaft und dunkel, und da hörten wir nur Cerberus⸗ geheul und Kettengeklirr, und es iſt verzeihlich, wenn wir etwas ungeſchlacht erſchienen, in Ver⸗ gleichung mit jenen Göttern comme il faut, die fein und geſittet, in den heiteren Salons des Olymps, ſo viel lieblichen Nektar und ſüße Muſenkonzerte genoſſen. Ich kann nicht weiter ſchreiben, denn die Muſik unter meinem Fenſter berauſcht mir den Kopf, und immer gewaltiger greift herauf der Refrain: Aux armes citoyens! Engliſche Fragmente. 1 8 2 S. Glückſeliges Albion! luſtiges Alt⸗England! warum verließ ich Dich?— Um die Geſellſchaft von Gentlemen zu fliehen, und unter Lumpengeſindel der Einzige zu ſeyn, der mit Bewußtſeyn lebt und handelt? „Die ehrlichen Leute“ von W. Aleris. Geſpräch auf der Themſe. = Der gelbe Mann ſtand neben mir auf dem Verdeck, als ich die grünen Ufer der Themſe erblickte, und in allen Winkeln meiner Seele die Nachtigallen erwachten.„Land der Freyheit,“ rief ich,„ich grüße dich!— Sey mir gegrüßt, Freyheit, junge Sonne der verjüngten Welt! Jene ältere Sonnen, die Liebe und der Glaube, ſind welk und kalt geworden, und können nicht mehr leuchten und wärmen. Verlaſſen ſind die alten Myrthenwälder, die einſt ſo übervölkert waren, und nur noch blöde Turteltauben niſten in den zärtlichen Büſchen. Es ſinken die alten 144 Dome, die einſt von einem übermüthig frommen Geſchlechte, das ſeinen Glauben in den Himmel hineinbauen wollte, ſo rieſenhoch aufgethürmt wurden; ſie ſind morſch und verfallen und ihre Götter glauben an ſich ſelbſt nicht mehr. Dieſe Götter ſind abgelebt und unſere Zeit hat nicht Phantaſie genug neue zu ſchaffen. Alle Kraft der Menſchenbruſt wird jetzt zu Freyheitsliebe und die Freyheit iſt vielleicht die Religion der neueren Zeit, und es iſt wieder eine Religion, die nicht den Reichen gepredigt wurde, ſondern den Armen, und ſie hat ebenfalls ihre Evan⸗ geliſten, ihre Martyrer und ihre Iſchariots!“ „Junger Enthuſiaſt,“ ſprach der gelbe Mann, „Sie werden nicht finden, was ſie ſuchen. Sie mögen Recht haben, daß die Freyheit eine neue Religion iſt, die ſich über die ganze Erde ver⸗ breitet. Aber wie einſt jedes Volk, indem es das Chriſtenthum annahm, ſolches nach ſeinen Be⸗ dürfniſſen und ſeinem eignen Charakter modelte, 145 ſo wird jedes Volk von der neuen Religion, von der Freyheit, nur dasjenige annehmen was ſeinen Lokalbedürfniſſen und ſeinem Nationalcharakter gemäß iſt.“ „Die Engländer ſind ein häusliches Volk, ſie leben ein begrenztes, umfriedetes Familien⸗ leben; im Kreiſe ſeiner Angehörigen ſucht der Engländer jenes Seelenbehagen, das ihm ſchon durch ſeine angeborene geſellſchaftliche Unbe⸗ holfenheit außer dem Hauſe verſagt iſt. Der Engländer iſt daher mit jener Freyheit zufrieden, die ſeine perſönlichſten Rechte verbürgt und ſeinen Leib, ſein Eigenthum, ſeine Ehe, ſeinen Glauben und ſogar ſeine Grillen unbedingt ſchützt. In ſeinem Hauſe iſt niemand freyer als ein Englän⸗ der, um mich eines berüͤhmten Ausdrucks zu be⸗ dienen, er iſt König und Biſchof in ſeinen vier Pfählen, und nicht unrichtig iſt ſein gewöhn⸗ licher Wahlſpruch: my house is my castle.“ „Iſt nun bey den Engländern das meiſte IV. 10 146 Bedürfniß nach perſönlicher Freyheit, ſo möchte wohl der Franzoſe im Nothfall dieſe entbehren können, wenn man ihm nur jenen Theil der allgemeinen Freyheit, den wir Gleichheit nennen, vollauf genießen laſſen. Die Franzoſen ſind kein häusliches Volk, ſondern ein geſelliges, ſie lieben kein ſchweigendes Beyſammenſitzen, welches ſie une conversation anglaise nennen, ſie laufen plaudernd vom Kaffeehaus nach dem Caſino, vom Caſino nach den Salons, ihr leichtes Cham⸗ pagnerblut und angeborenes Umgangstalent treibt ſie zum Geſellſchaftsleben, und deſſen erſte und letzte Bedingung, ja deſſen Seele iſt: die Gleichheit. Mit der Ausbildung der Geſellſchaft⸗ lichkeit in Frankreich mußte daher auch das Be⸗ dürfniß der Gleichheit entſtehen, und wenn auch der Grund der Revolution im Budget zu ſuchen iſt, ſo wurde ihr doch zuerſt Wort und Stimme verliehen, von jenen geiſtreichen Roturiers, die in den Salons von Paris mit der hohen No⸗ 147 bleſſe ſcheinbar auf einem Fuße der Gleichheit lebten, und doch dann und wann, ſey es auch nur durch ein kaum bemerkbares, aber deſto tiefer verletzendes Feudallächeln, an die große, ſchmach⸗ volle Ungleichheit erinnert wurden;— und wenn die Canaille roturiéère ſich die Freyheit nahm, jene hohe Nobleſſe zu köpfen, ſo geſchah dieſes vielleicht weniger um ihre Güter als um ihre Ahnen zu erben, und ſtatt der bürgerlichen Un⸗ gleichheit eine adeliche Gleichheit einzuführen. Daß dieſes Streben nach Gleichheit das Haupt⸗ prinzip der Revoluzion war, dürfen wir um ſo mehr glauben, da die Franzoſen ſich bald glücklich und zufrieden fühlten unter der Herr⸗ ſchaft ihres großen Kaiſers, der ihre Unmündig⸗ keit beachtend, all ihre Freyheit unter ſeiner ſtrengen Curatel hielt, und ihnen nur die Freude einer völligen, ruhmvollen Gleichheit überließ.“ „Weit geduldiger als der Franzoſe erträgt daher der Engländer den Anblick einer bevor⸗ 10* 148 rechteten Ariſtokratie; er tröſtet ſich, daß er ſelbſt Rechte beſitzt, die es jener unmöglich machen, ihn in ſeinen häuslichen Comforts und in ſeinen Lebensanſprüchen zu ſtören. Auch trägt jene Ariſtokratie nicht jene Rechte zur Schau, wie auf dem Continente. In den Straßen und öffentlichen Vergnügungsſälen Londons ſieht man bunte Bänder nur auf den Hauben der Weiber und goldne und ſilberne Abzeichen nur auf den Röcken der Lakaien. Auch jene ſchöne bunte Livree, die bey uns einen bevorrechteten Wehrſtand ankündigt, iſt in England nichts weniger als eine Ehrenauszeichnung; wie ein Schauſpieler ſich nach der Vorſtellung die Schminke abwiſcht, ſo eilt auch der engliſche Offizier, ſich ſeines rothen Rocks zu entledigen, ſobald die Dienſtſtunde vorüber iſt, und im ſchlichten Rock eines Gentleman iſt er wieder ein Gentleman. Nur auf dem Theater zu St. James gelten jene Deevrationen und Koſtüme, die aus 149 dem Kehricht des Mittelalters aufbewahrt worden; da flattern die Ordensbänder, da blinken die Sterne, da rauſchen die ſeidenen Hoſen und Atlasſchleppen, da knarren die goldnen Sporen und altfranzöſiſchen Redensarten, da bläht ſich der Ritter, da ſpreizt ſich das Fräulein. Aber was kümmert einen freyen Engländer die Hof⸗ komödie zu St. James! wird er doch nie davon beläſtigt und verwehrt es ihm ja niemand, wenn er in ſeinem Hauſe ebenfalls Komödie ſpielt, und ſeine Hausofficianten vor ſich knieen läßt, und mit dem Strumpfband der Köchin tändelt— honny soit qui mal y pense.“ „Was die Deutſchen betrifft, ſo bedürfen ſie weder der Freyheit noch der Gleichheit. Sie ſind ein ſpeculatives Volk, Ideologen, Vor⸗ und Nachdenker, Träumer, die nur in der Vergan⸗ genheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzoſen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder Tag 150 ſeinen Kampf und Gegenkampf und ſeine Ge⸗ ſchichte. Der Deutſche hat nichts, wofür er kämpfen ſollte, und da er zu muthmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Beſitz wünſchenswerth wäre, ſo haben wohlweiſe ſeine Philoſophen ihn gelehrt, an der Exiſtenz ſolcher Dinge zu zweifeln. Es läßt ſich nicht läugnen, daß auch die Deutſchen die Freyheit lieben. Aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freyheit wie ſein rechtmäßiges Weib, er beſitzt ſie, und wenn er ſie auch nicht mit abſonderlicher Zärtlichkeit behandelt, ſo weiß er ſie doch im Nothfall wie ein Mann zu verthei⸗ digen, und wehe dem rothgeröckten Burſchen, der ſich in ihr heiliges Schlafgemach drängt— ſey es als Gallant oder als Scherge. Der Fran⸗ zoſe liebt die Freyheit wie ſeine Braut. Er glüht für ſie, er flammt, er wirft ſich zu ihren Füßen mit den überſpannteſten Betheuerungen, er ſchlägt ſich für ſie auf Tod und Leben, er begeht 151 für ſie tauſenderley Thorheiten. Der Deutſche liebt die Freyheit wie ſeine alte Großmutter.“ Gar wunderlich ſind doch die Menſchen! Im Vaterlande brummen wir, jede Dummheit, jede Verkehrtheit dort verdrießt uns, wie Knaben möchten wir täglich davon laufen in die weite Welt; ſind wir endlich wirklich in die weite Welt gekommen, ſo iſt uns dieſe wieder zu weit, und heimlich ſehnen wir uns oft wieder nach den engen Dummheiten und Verkehrtheiten der Hei⸗ math, und wir möchten wieder dort in der alten wohlbekannten Stube ſitzen, und uns, wenn es anginge, ein Haus hinter den Ofen bauen, und warm drin hocken, und den allgemeinen Anzeiger der Deutſchen leſen. So ging es auch mir auf der Reiſe nach England. Kaum verlor ich den An⸗ blick der deutſchen Küſte, ſo erwachte in mir eine kurioſe Nachliebe für jene teutoniſchen Schlaf⸗ mützen⸗ und Perückenwälder, die ich eben noch mit Unmuth verlaſſen, und als ich das Vater⸗ 152 land aus den Augen verloren hatte, fand ich es im Herzen wieder. Daher mochte wohl meine Stimme etwas weich klingen, als ich dem gelben Mann ant⸗ wortete:„Lieber Herr, ſcheltet mir nicht die Deutſchen! Wenn ſie auch Träumer ſind, ſo haben doch manche unter ihnen ſo ſchöne Träume geträumt, daß ich ſie kaum vertauſchen möchte gegen die wachende Wirklichkeit unſerer Nach⸗ baren. Da wir alle ſchlafen und träumen, ſo können wir vielleicht die Freyheit entbehren; denn unſere Tyrannen ſchlafen ebenfalls und träumen blos ihre Tyrannei. Nur damals ſind wir er⸗ wacht, als die katholiſchen Römer unſere Traum⸗ freyheit geraubt hatten; da handelten wir und ſiegten und legten uns wieder hin und träumten. O Herr! ſpottet nicht unſerer Träumer, dann und wann, wie Somnambüle ſprechen ſie Wunderbares im Schlafe, und ihr Wort wird Saat der Freyheit. Keiner kann abſehen die 153 Wendung der Dinge. Der ſpleenige Britte, ſeines Weibes überdrüſſig, legt ihr vielleicht einen Strick um den Hals, und bringt ſie zum Ver⸗ kauf nach Smithfield. Der flatterhafte Franzoſe wird ſeiner geliebten Braut vielleicht treulos und verläßt ſie, und tänzelt ſingend nach den Hof⸗ damen(courtisanes) ſeines königlichen Palaſtes (palais royal). Der Deutſche wird aber ſeine alte Großmutter nie ganz vor die Thüre ſtoßen, er wird ihr immer ein Plätzchen am Heerde gönnen, wo ſie den horchenden Kindern ihre Mährchen erzählen kann.— Wenn einſt, was Goit verhüte, in der ganzen Welt die Freyheit verſchwunden iſt, ſo wird ein deutſcher Träumer ſie in ſeinen Träumen wieder entdecken.“ 3 Während nun das Dampfboot, und auf demſelben unſer Geſpräch, den Strom hinauf⸗ ſchwamm, war die Sonne untergegangen, und ihre letzten Strahlen beleuchteten das Hoſpital zu Greenwich, ein impoſantes palaſtgleiches Ge⸗ 154 bäude, das eigentlich aus zwey Flügeln beſteht, deren Zwiſchenraum leer iſt, und einen mit einem artigen Schlößlein gekrönten, waldgrünen Berg den Vorbeifahrenden ſehen läßt. Auf dem Waſſer nahm jetzt das Gewühl der Schiffe immer zu, und ich wunderte mich, wie geſchickt dieſe großen Fahrzeuge ſich einander ausweichen. Da grüßt im Begegnen manch ernſthaft freundliches Ge⸗ ſicht, das man nie geſehen hat, und vielleicht auch nie wieder ſehen wird. Man fährt ſich ſo nahe vorbei, daß man ſich die Hände reichen könnte zum Willkomm und Abſchied zu gleicher Zeit. Das Herz ſchwillt beim Anblick ſo vieler ſchwellenden Segel, und wird wunderbar aufge⸗ regt, wenn vom Ufer her das verworrene Sum⸗ men und die ferne Tanzmuſik und der dumpfe Matroſenlärm herandröhnt. Aber im weißen Schleyer des Abendnebels verſchwimmen allmählig die Contouren der Gegenſtände, und ſichtbar 155 bleibt nur ein Wald von Maſtbäumen, die lang und kahl emporragen. Der gelbe Mann ſtand noch immer neben mir, und ſchaute ſinnend in die Höhe, als ſuche er im Nebelhimmel die bleichen Sterne. Noch immer in die Höhe ſchauend, legte er die Hand auf meine Schulter, und in einem Tone, als wenn geheime Gedanken unwillkürlich zu Worten werden, ſprach er:„Freyheit und Gleichheit! man findet ſie nicht hier unten und nicht einmal dort oben. Dort jene Sterne ſind nicht gleich, einer iſt größer und leuchtender als der andere, keiner von ihnen wandelt frey, alle gehorchen ſie vorgeſchriebenen, eiſernen Geſetzen— Skla⸗ verey iſt im Himmel wie auf Erden.“ „Das iſt der Tower!“ rief plötzlich einer unſerer Reiſegefährten, indem er auf ein hohes Gebäude zeigte, das, aus dem nebelbedeckten Lon⸗ don, wie ein geſpenſtiſch dunkler Traum her⸗ vorſtieg. 156 Ich habe das Merkwürdigſte geſehen, was die Welt dem ſtaunenden Geiſte zeigen kann, ich habe es geſehen und ſtaune noch immer— noch immer ſtarrt in meinem Gedächtniſſe dieſer ſtei⸗ nerne Wald von Häuſern und dazwiſchen der drängende Strom lebendiger Menſchengeſichter mit all ihren bunten Leidenſchaften, mit all ihrer grauenhaften Haſt der Liebe, des Hungers und des Haſſes— ich ſpreche von London. Schickt einen Philoſophen nach London; bei Leibe keinen Poeten! Schickt einen Philv⸗ 1 157 ſophen hin und ſtellt ihn an eine Ecke von Cheapſide, er wird hier mehr lernen, als aus allen Büchern der letzten leipziger Meſſe; und wie die Menſchenwogen ihn umrauſchen, ſo wird auch ein Meer von neuen Gedanken vor ihm aufſteigen, der ewige Geiſt, der darüber ſchwebt, wird ihn anwehen, die verborgenſten Geheimniſſe der geſellſchaftlichen Ordnung werden ſich ihm plötzlich offenbaren, er wird den Pulsſchlag der Welt hörbar vernehmen und ſichtbar ſehen— denn wenn London die rechte Hand der Welt iſt, die thätige, mächtige rechte Hand, ſo iſt jene Straße, die von der Börſe nach Downingſtreet führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten. Aber ſchickt keinen Poeten nach London! Dieſer baare Ernſt aller Dinge, dieſe koloſſale Einförmigkeit, dieſe maſchinenhafte Bewegung, dieſe Verdrießlichkeit der Freude ſelbſt, dieſes übertriebene London erdrückt die Phantaſie und zerreißt das Herz. Und wolltet Ihr gar einen 158 deutſchen Poeten hinſchicken, einen Träumer, der vor jeder einzelnen Erſcheinung ſtehen bleibt, etwa vor einem zerlumpten Bettelweib oder einem blanken Goldſchmiedladen— ol dann geht es ihm erſt recht ſchlimm, und er wird von allen Seiten fortgeſchoben oder gar mit einem milden God damn! niedergeſtoßen. God damnl das verdammte Stoßen! Ich merkte bald, dieſes Volk hat Viel zu thun. Es lebt auf einem großen Fuße, es will, obgleich Futter und Kleider in ſeinem Lande theurer ſind als bey uns, dennoch beſſer gefüttert und beſſer gekleidet ſeyn als wir; wie zur Vor⸗ nehmheit gehört, hat es auch große Schulden, dennoch aus Großprahlerey wirft es zuweilen ſeine Guineen zum Fenſter hinaus, bezahlt an⸗ dere Völker, daß ſie ſich zu ſeinem Vergnügen herumboxen, giebt dabey ihren reſpektiven Königen noch außerdem ein gutes Douceur— und deshalb hat John Bull Tag und Nacht zu arbeiten, um Geld zu ſolchen Ausgaben anzuſchaffen, Tag 159 und Nacht muß er ſein Gehirn anſtrengen zur Erfindung neuer Maſchinen, und er ſitzt und rechnet im Schweiße ſeines Angeſichts, und rennt und läuft, ohne ſich viel umzuſehen, vom Hafen nach der Börſe, von der Börſe nach dem Strand, und da iſt es ſehr verzeihlich, wenn er an der Ecke von Cheapſide einen armen deutſchen Poeten, der einen Bilderladen angaffend ihm in dem Wege ſteht, etwas unſanft auf die Seite ſtößt. „God damn!“ Das Bild aber, welches ich an der Ecke von Cheapſide angaffte, war der Uebergang der Franzoſen über die Bereſina. Als ich, aus dieſer Betrachtung aufgerüttelt, wieder auf die toſende Straße blickte, wo ein buntſcheckiger Knäul von Männern, Weibern, Kindern, Pferden, Poſtkutſchen, darunter auch ein Leichenzug, ſich brauſend, ſchreiend, ächzend und knarrend dahinwälzte: da ſchien es mir, als ſey ganz London ſo eine Bereſinabrücke, wo jeder 160 in wahnſinniger Angſt, um ſein Bischen Leben zu friſten, ſich durchdrängen will, wo der kecke Reuter den armen Fußgänger niederſtampft, wo derjenige, der zu Boden fällt, auf immer ver⸗ loren iſt, wo die beſten Kameraden fühllos, einer über die Leiche des anderen, dahineilen, und Tau⸗ ſende, die, ſterbensmatt und blutend, ſich verge⸗ bens an den Planken der Brücke feſtklammern woll⸗ ten, in die kalte Eisgrube des Todes hinabſtürzen. Wie viel heiterer und wohnlicher iſt es da⸗ gegen in unſerem lieben Deutſchland! Wie traumhaft gemach, wie ſabathlich ruhig bewegen ſich hier die Dinge! Ruhig zieht die Wache auf, im ruhigen Sonnenſchein glänzen die Uni⸗ formen und Häuſer, an den Flieſen flattern die Schwalben, aus den Fenſtern lächeln dicke Juſtiz⸗ räthinnen, auf den hallenden Straßen iſt Platz genug: die Hunde können ſich gehörig anriechen, die Menſchen können bequem ſtehen bleiben und üiber das Theater diskuriren und tief, tief grüßen, . 161 wenn irgend ein vornehmes Lümpchen oder Viee⸗ lümpchen, mit bunten Bändchen auf dem abge⸗ ſchabten Röckchen, oder ein gepudertes, ver⸗ goldetes Hofmarſchälkchen gnädig wiedergrüßend vorbeytänzelt! Ich hatte mir vorgenommen über die Groß⸗ artigkeit Londons, wovon ich ſo viel gehört, nicht zu erſtaunen. Aber es ging mir wie dem armen Schulknaben, der ſich vornahm, die Prügel, die er empfangen ſollte, nicht zu fühlen. Die Sache beſtand eigentlich in dem Umſtande, daß er die gewöhnlichen Hiebe mit dem gewöhnlichen Stocke, wie gewöhnlich, auf dem Rücken erwartete, und ſtatt deſſen eine ungewöhnliche Tracht Schläge, auf einem ungewöhnlichen Platze, mit einem dünnen Röhrchen empfing. Ich erwartete große Paläſte und ſah nichts als lauter kleine Häuſer. Aber eben die Gleichförmigkeit derſelben und ihre unabſehbare Menge imponirt ſo gewaltig. Dieſe Häuſer von Ziegelſteinen bekommen IV. 11 162 durch feuchte Luft und Kohlendampf gleiche Farbe, nämlich bräunliches Olivengrün; ſie ſind alle von derſelben Bauart, gewöhnlich zwey oder drey Fenſter breit, drey hoch, und oben mit kleinen rothen Schörnſteinen geziert, die wie blutig ausgeriſſene Zähne ausſehen, dergeſtalt, daß die breiten, regelrechten Straßen, die ſie bilden, nur zwey unendlich lange kaſernenartige Häuſer zu ſeyn ſcheinen. Dieſes hat wohl ſeinen Grund in dem Umſtande, daß jede engliſche Familie, und beſtände ſie auch nur aus zwey Perſonen, dennoch ein ganzes Haus, ihr eignes Caſtell, bewohnen will, und reiche Spekulanten, ſolchem Bedurfniß entgegenkommend, ganze Straßen bauen, worin ſie die Häuſer einzeln wieder verhökern. In den Hauptſtraßen der City, demjenigen Theile Londons, wo der Sitz des Handels und der Gewerke, wo noch alter⸗ thümliche Gebäude zwiſchen den neuen zerſtreut ſind, und wo auch die Vorderſeite der Häuſer 163 mit ellenlangen Namen und Zahlen, gewöhnlich goldig und relief bis ans Dach bedeckt ſind: da iſt jene characteriſtiſche Einförmigkeit der Häuſer nicht ſo auffallend, um ſo weniger, da das Auge des Fremden unaufhörlich beſchäftigt wird, durch den wunderbaren Anblick neuer und ſchöner Gegenſtände, die an den Feuſſern der Kaufläden ausgeſtellt ſind. Nicht bloß dieſe Gegenſtände ſelbſt machen den größten Efffkt, weil der Eng⸗ länder Alles, was er verfertigt, auch vollendet liefert, und jeder Luxusartikel, jede Aſtrallampe und jeder Stiefel, jede Theekanne und jeder Weiberrock uns ſo finished und einladend ent⸗ gegenglänzt: ſondern auch die Kunſt der Auf⸗ ſtellung, Farbenkontraſt und Mannigfaltigkeit giebt den engliſchen Kaufläden einen eignen Reiz; ſelbſt die alltäglichſten Lebensbedürfniſſe erſcheinen in einem überraſchenden Zauberglanze, gewöhn⸗ liche Eßwaaren locken uns durch ihre neue Be⸗ leuchtung, ſogar rohe Fiſche liegen ſo wohlge⸗ — 11* 164 fällig appretirt, daß uns der regenbogenfarbige Glanz ihrer Schuppen ergötzt, rohes Fleiſch liegt wie gemalt auf ſaubern, bunten Porzellan⸗ tellerchen mit lachender Peterſtlie umkränzt, ja Alles erſcheint uns wie gemalt und mahnt uns an die glänzenden und doch ſo beſcheidenen Bilder des Franz Mieris. Nur die Menſchen ſind nicht ſo heiter, wie auf dieſen holländiſchen Gemälden, mit den ernſthafteſten Geſichtern ver⸗ kaufen ſie die luſtigſten Spielſachen, und Zu⸗ ſchnitt und Farbe ihrer Kleidung iſt gleichförmig wie ihre Häuſer. Auf der entgegengeſetzten Seite Londons, die man das Weſtende nennt, the west end of the town, und wo die vornehmere und minder beſchäftigte Welt lebt, iſt jene Einförmigkeit noch vorherrſchender; doch giebt es hier ganz lange, gar breite Straßen, wo alle Häuſer groß wie Paläſte, aber äußerlich nichts weniger als ausgezeichnet ſind, außer daß man hier, wie an 165 allen nicht ganz ordinären Wohnhäuſern Lon⸗ dons, die Fenſter der erſten Etage mit eiſen⸗ gittrigen Balkonen verziert ſieht und auch au rez de chaussée ein ſchwarzes Gitterwerk findet, wodurch eine in die Erde gegrabene Kellerwoh⸗ nung geſchützt wird. Auch findet man in dieſem Theile der Stadt große Squares: Reihen von Häuſern gleich den obenbeſchriebenen, die ein Viereck bilden, in deſſen Mitte ein von ſchwar⸗ zem Eiſengitter verſchloſſener Garten mit irgend einer Statue befindlich iſt. Auf allen dieſen Plätzen und Straßen wird das Auge des Frem⸗ den nirgends beleidigt von baufälligen Hütten des Elends. Ueberall ſtarrt Reichthum und Vor⸗ nehmheit, und hineingedrängt in abgelegene Gäß⸗ chen und dunkle feuchte Gänge wohnt die Ar⸗ muth mit ihren Lumpen und ihren Thränen. Der Fremde, der die großen Straßen Lon⸗ dons durchwandert und nicht juſt in die eigent⸗ lichen Pöbelquartiere geräth, ſieht daher Nichts 166 oder ſehr Wenig von dem vielen Elend, das in London vorhanden iſt. Nur hie und da, am Eingange eines dunklen Gäßchens, ſteht ſchwei⸗ gend ein zerfetztes Weib, mit einem Säugling an der abgehärmten Bruſt, und bettelt mit den Augen. Vielleicht wenn dieſe Augen noch ſchön ſind, ſchaut man einmal hinein— und erſchrickt ob der Welt von Jammer, die man darin ge⸗ ſchaut hat. Die gewöhnlichen Bettler ſind alte Leute, meiſtens Mohren, die an den Straßenecken ſtehen, und, was im kothigen London ſehr nützlich i*ſt, einen Pfad für Fußgänger kehren und dafür eine Kupfermünze verlangen. Die Armuth in Geſellſchaft des Laſters und des Verbrechens ſchleicht erſt des Abends aus ihren Schlupf⸗ winkeln. Sie ſcheut das Tageslicht um ſo ängſtlicher, je grauenhafter ihr Elend kontraſtirt mit dem Uebermuthe des Reichthums, der über⸗ all hervorprunkt; nur der Hunger treibt ſie manchmal um Mittagszeit aus dem dunkeln 167 Gäßchen, und da ſteht ſie mit ſtummen, ſprechen⸗ den Augen und ſtarrt flehend empor zu dem reichen Kaufmann, der geſchäftig⸗geldklimpernd vorübereilt, oder zu dem müßigen Lord, der, wie ein ſatter Gott, auf hohem Roß einherreitet und auf das Menſchengewühl unter ihm dann und wann einen gleichgültig vornehmen Blick wirft, als wären es winzige Ameiſen, oder doch nur ein Haufen niedriger Geſchöpfe, deren Luſt und Schmerz mit ſeinen Gefühlen Nichts gemein hat — denn über dem Menſchengeſindel, das am Erd⸗ boden feſtklebt, ſchwebt Englands Nobility, wie Weſen höherer Art, die das kleine England nur als ihr Abſteigequartier, Italien als ihren Som⸗ mergarten, Paris als ihren Geſellſchaftsſaal, ja die ganze Welt als ihr Eigenthum betrachten. Ohne Sorgen und ohne Schranken ſchweben ſie dahin, und ihr Gold iſt ein Talisman, der ihre tollſten Wünſche in Erfüllung zaubert. Arme Armuth! wie peinigend muß dein Hun⸗ 168 ger ſeyn, dort wo Andere im höhnenden Ueber⸗ fluſſe ſchwelgen! Und hat man dir auch mit gleichgültiger Hand eine Brodkruſte in den Schoß geworfen, wie bitter müſſen die Thränen ſeyn, womit du ſie erweichſt! Du vergifteſt dich mit deinen eignen Thränen. Wohl haſt du Recht, wenn du dich zu dem Laſter und dem Verbrechen geſellſt. Ausgeſtoßene Verbrecher tragen oft mehr Menſchlichkeit im Herzen, als jene kühlen untadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Böſen erloſchen iſt, aber auch die Kraft des Guten. Und gar das Laſter iſt nicht immer Laſter. Ich habe Weiber geſehen, auf deren Wangen das rothe Laſter gemalt war und in ihrem Herzen wohnte himmliſche Reinheit. Ich habe Weiber geſehen— ich wollt' ich ſähe ſie wieder!— 169 III. Die Engländer. Unter den Bogengängen der Londoner Börſe hat jede Nazion ihren angewieſenen Platz, und auf hochgeſteckten Täfelchen lieſt man die Namen: Ruſſen, Spanier, Schweden, Deutſche, Malteſer, Juden, Hanſeaten, Türken u. ſ. w. Vormals ſtand jeder Kaufmann unter dem Täfelchen, worauf der Name ſeiner Nazion geſchrieben. Jetzt aber würde man ihn vergebens dort ſuchen; die Menſchen ſind fortgerückt, wo einſt Spanier ſtanden, ſtehen jetzt Holländer, die Hanſeaten traten an die Stelle der Juden, wo man Türken ſucht, findet man jetzt Ruſſen, die Italiener ſtehen, wo einſt die Franzoſen geſtanden, ſogar die Deutſchen ſind weiter gekommen. 11** 170 Wie auf der Londoner Börſe, ſo auch in der übrigen Welt ſind die alten Täfelchen ſtehen geblieben, während die Menſchen darunter weg⸗ geſchoben worden und andere an ihre Stelle gekommen ſind, deren neue Köpfe ſehr ſchlecht paſſen zu der alten Aufſchrift. Die alten ſtereo⸗ typen Charakteriſtiken der Völker, wie wir ſolche in gelehrten Kompendien und Bierſchenken finden, können uns nichts mehr nutzen und nur zu troſtloſen Irrthümern verleiten. Wie wir unter unſern Augen in den letzten Jahrzehnten den Charakter unſerer weſtlichen Nachbaren umge⸗ ſtalten ſahen, ſo können wir, ſeit Aufhebung der Continentalſperre, eine ähnliche Umwandlung jen⸗ ſeits des Kanals wahrnehmen. Steife, ſchweig⸗ ſame Engländer wallfahren ſchaarenweis nach Frankreich, um dort ſprechen und ſich bewegen zu lernen, und bey ihrer Rückkehr ſieht man mit Erſtaunen, daß ihnen die Zunge gelöſt iſt, daß ſie nicht mehr wie ſonſt zwey linke Hände haben, 171 und nicht mehr mit Beefſteak und Plumppudding zufrieden ſind. Ich ſelbſt habe einen ſolchen Engländer geſehen, der in Taviſtock⸗Tavern et⸗ was Zucker zu ſeinem Blumenkohl verlangt hat, eine Ketzerey gegen die ſtrenge anglikaniſche Küche, worüber der Kellner faſt rücklings fiel, indem ge⸗ wiß ſeit der römiſchen Invaſion der Blumenkohl in England nie anders als in Waſſer abgekocht und ohne ſüße Zuthat verzehrt worden. Es war derſelbe Engländer, der, obgleich ich ihn vorher nie geſehen, ſich zu mir ſetzte und einen ſo zu⸗ vorkommend franzöſiſchen Discours anfing, daß ich nicht umhin konnte, ihm zu geſtehen, wie ſehr es mich freue, einmal einen Engländer zu finden, der nicht gegen den Fremden zurückhal⸗ tend ſey, worauf er, ohne Lächeln, eben ſo freymüthig entgegnete, daß er mit mir ſpräche, um ſich in der franzöſiſchen Sprache zu üben. Es iſt auffallend, wie die Franzoſen täglich nachdenklicher, tiefer und ernſter werden, in eben — 12 dem Maaße, wie die Engländer dahin ſtreben, ſich ein legeres, oberflächliches und heiteres We⸗ ſen anzueignen; wie im Leben ſelbſt, ſo auch in der Literatur. Die Londoner Preſſen ſind voll⸗ auf beſchäftigt mit faſhionablen Schriften, mit Romanen, die ſich in der glänzenden Sphäre des High Life bewegen oder daſſelbe abſpiegeln, wie z. B. Almalks, Vivian Grey, Tremaine, the Guards, Flirtation, welcher letztere Roman die beſte Bezeichnung wäre für die ganze Gat⸗ tung, für jene Koketterie mit ausländiſchen Manieren und Redensarten, jene plumpe Fein⸗ heit, ſchwerfällige Leichtigkeit, ſaure Süßeley, gezierte Rohheit, kurz für das ganze unerquick⸗ liche Treiben jener hölzernen Schmetterlinge, die in den Sälen Weſt⸗Londons herumflattern. Dagegen welche Literatur bietet uns jetzt die franzöſiſche Preſſe, jene ächte Repräſentantin des Geiſtes und Willens der Franzoſen! Wie ihr großer Kaiſer die Muße ſeiner Gefangen⸗ 173 ſchaft dazu anwandte, ſein Leben zu diktiren, uns die geheimſten Rathſchlüſſe ſeiner göttlichen Seele zu offenbaren, und den Felſen von St. Helena in einen Lehrſtuhl der Geſchichte zu ver⸗ wandeln, von deſſen Höhe die Zeitgenoſſen ge⸗ richtet und die ſpäteſten Enkel belehrt werden: ſo haben auch die Franzoſen ſelbſt angefangen, die Tage ihres Mißgeſchicks, die Zeit ihrer po⸗ litiſchen Unthätigkeit ſo rühmlich als möglich zu benutzen; auch ſie ſchreiben die Geſchichte ihrer Thaten; jene Hände, die ſo lange das Schwerdt geführt, werden wieder ein Schrecken ihrer Feinde, indem ſie zur Feder greifen, die ganze Nazion iſt gleichſam beſchäftigt mit der Herausgabe ihrer Memoiren, und folgt ſie meinem Rathe, ſo ver⸗ anſtaltet ſie noch eine ganz beſondere Ausgabe ad usum Delphini, mit hübſch colorirten Abbil⸗ dungen von der Einnahme der Baſtille, dem Tuilerienſturm u. drgl. m. Habe ich aber oben angedeutet, wie heut 174 zu Tage die Engländer leicht und frivol zu werden ſuchen, und in jene Affenhaut hinein⸗ kriechen, die jetzt die Franzoſen von ſich abſtreifen, ſo muß ich nachträglich bemerken, daß ein ſolches Streben mehr aus der Nobility und Gentry, der vornehmen Welt, als aus dem Bürgerſtande hervorgeht. Im Gegentheil, der gewerbtreibende Theil der Nazion, beſonders die Kaufleute in den Fabrikſtädten und faſt alle Schotten, tragen das äußere Gepräge des Pietismus, ja ich möchte ſagen Puritanismus, ſo daß dieſer gottſelige Theil des Volkes mit den weltlich geſinnten Vornehmen auf dieſelbe Weiſe kontraſtirt wie die Kavaliere und Stutzköpfe, die Walter Scott in ſeinen Romanen ſo wahrhaft ſchildert. Man erzeigt dem ſchottiſchen Barden zu viele Ehre, wenn man glaubt, ſein Genius habe die äußere Erſcheinung und innere Denkweiſe dieſer beiden Partheyen der Geſchichte nachgeſchaffen, und es ſey ein Zeichen ſeiner Dichtergröße, daß er, 175 vorurtheilsfrei wie ein richtender Gott, beyden ihr Recht anthut und beyde mit gleicher Liebe behandelt. Wirft man nur einen Blick in die Betſtuben von Liverpool oder Mancheſter, und dann in die faſhionablen Salons von Weſt⸗ London, ſo ſieht man deutlich, daß Walter Scott blos ſeine eigene Zeit abgeſchrieben und ganz heutige Geſtalten in alte Trachten gekleidet hat. Bedenkt man gar, daß er von der einen Seite ſelbſt als Schotte, durch Erziehung und Nazional⸗ geiſt, eine puritaniſche Denkweiſe eingeſogen hat, auf der andern Seite, als Tory, der ſich gar ein Sprößling der Stuarts dünkt, von ganzer Seele recht königlich und adelthümlich geſinnt ſeyn muß, und daher ſeine Gefühle und Ge⸗ danken beyde Richtungen mit gleicher Liebe um⸗ faſſen, und zugleich durch deren Gegenſatz neu⸗ traliſtrt werden: ſo erklärt ſich ſehr leicht ſeine Unpartheilichkeit bey der Schilderung der Ariſto⸗ kraten und Demokraten aus Cromwell's Zeit, 176 eine Unpartheilichkeit, die uns zu dem Irrthume verleitete, als dürften wir in ſeiner Geſchichte Napoleons eine eben ſo treue fair play-Schil⸗ derung der franzöſiſchen Revoluzionshelden von ihm erwarten. Wer England aufmerkſam betrachtet, findet jetzt täglich Gelegenheit, jene beyden Tendenzen, die frivole und puritaniſche, in ihrer widerwär⸗ tigſten Blüthe, und, wie ſich von ſelbſt verſteht, ihrem Zweykampf zu beobachten. Eine ſolche Gelegenheit gab ganz beſonders der famöſe Prozeß des Herrn Wakefield, eines luſtigen Kavaliers, der gleichſam aus dem Stegreif die Tochter des reichen Herrn Tourner, eines Liver⸗ pooler Kaufmanns, entführt, und zu Gretna Green, wo ein Schmied wohnt, der die ſtärkſten Feſſeln ſchmiedet, geheirathet hatte. Die ganze kopfhängeriſche Sippſchaft, das ganze Volk der Auserleſenen Gottes, ſchrie Zeter über ſolche Verruchtheit, in den Betſtuben Liverpools er⸗ 177 flehte man die Strafe des Himmels über Wake⸗ field und ſeinen brüderlichen Helfer, die der Abgrund der Erde verſchlingen ſollte wie die Rotte des Kohrah, Dathan und Abiram, und um der heiligen Rache noch ſicherer zu ſein, wurde zu gleicher Zeit in den Gerichtsſälen Londons der Zorn des Kings⸗Bench, des Groß⸗ kanzlers und ſelbſt des Oberhauſes auf die Entweiher des heiligſten Sakramentes herab⸗ plaidirt— während man in den faſhionablen Salons über den kühnen Mädchenräuber gar tolerant zu ſcherzen und zu lachen wußte. Am ergötzlichſten zeigte ſich mir dieſer Kontraſt beyder Denkweiſen, als ich einſt in der großen Oper neben zwey dicken Mancheſternen Damen ſaß, die dieſen Verſammlungsort der vornehmen Welt zum Erſtenmale in ihrem Leben beſuchten, und den Abſcheu ihres Herzens nicht ſtark genug kund geben konnten, als das Ballet begann, und die hochgeſchürzten, ſchönen Tänzerinnen ihre IV. 12 178 üppiggrazibſen Bewegungen zeigten, ihre lieben, langen, laſterhaften Beine ausſtreckten, und plötzlich bachantiſch den entgegenhüpfenden Tän⸗ zern in die Arme ſtürzten; die warme Muſik, die Urkleider von fleiſchfarbigem Tricot, die Naturalſprünge, Alles vereinigte ſich, den armen Damen Angſtſchweiß auszupreſſen, ihre Buſen errötheten vor Unwillen, shocking! for shame, for shame! ächzten ſie beſtändig, und ſie waren ſo ſehr von Schrecken gelähmt, daß ſie nicht einmal das Perſpektiv vom Auge fortnehmen konnten, und bis zum letzten Augenblicke, bis der Vorhang fiel, in dieſer Situation ſitzen blieben. Trotz dieſen entgegengeſetzten Geiſtes⸗ und Lebensrichtungen, findet man doch wieder im engliſchen Volke eine Einheit der Geſinnung, die eben darin beſteht, daß es ſich als ein Volk fühlt; die neueren Stutzköpfe und Kavaliere mögen ſich immerhin wechſelſeitig haſſen und ver⸗ 179 achten, dennoch hören ſie nicht auf, Engländer zu ſein; als ſolche ſind ſie einig und zuſammen gehörig, wie Pflanzen, die aus demſelben Boden hervorgeblüht und mit dieſem Boden wunderbar verwebt ſind. Daher die geheime Uebereinſtim⸗ mung des ganzen Lebens und Webens in Eng⸗ land, das uns beim erſten Anblick nur ein Schauplatz der Verwirrung und Widerſprüche dünken will. Ueberreichthum und Miſere, Ortho⸗ doxie und Unglauben, Freyheit und Knechtſchaft, Grauſamkeit und Milde, Ehrlichkeit und Gau⸗ nerey, dieſe Gegenſätze in ihren tollſten Extre⸗ men, darüber der graue Nebelhimmel, von allen Seiten ſummende Maſchinen, Zahlen, Gaslichter, Schornſteine, Zeitungen, Porterkrüge, geſchloſſene Mäuler, alles dieſes hängt ſo zuſammen, daß wir uns keins ohne das andere denken können, und was vereinzelt unſer Erſtaunen oder Lachen erregen würde, erſcheint uns als ganz gewöhnlich und ernſthaft in ſeiner Vereinigung. 12 .180 „Ich glaube aber, ſo wird es uns überall gehen, ſogar in ſolchen Landen, wovon wir noch ſeltſamere Begriffe hegen, und wo wir noch reichere Ausbeute des Lachens und Staunens erwarten. Unſere Reiſeluſt, unſere Begierde fremde Länder zu ſehen, beſonders wie wir ſolche im Knabenalter empfinden, entſteht über⸗ haupt durch jene irrige Erwartung außerordent⸗ licher Kontraſte, durch jene geiſtige Maskerade⸗ luſt, wo wir Menſchen und Denkweiſe unſerer Heimath in jene fremde Länder hineindenken, und ſolchermaßen unſere beſten Bekannten in die fremden Koſtüme und Sitten vermummen. Denken wir z. B. an die Hottentotten, ſo ſind es die Damen unſerer Vaterſtadt, die ſchwarz angeſtrichen und mit gehöriger Hinterfülle in unſerer Vorſtellung umhertanzen, während unſere jungen Schöngeiſter als Buſchklepper auf die Palmbäume hinaufklettern; denken wir an die Bewohner der Nordpolländer, ſo ſehen wir dort 181 ebenfalls die wohlbekannten Geſichter, unſere Muhme fährt in ihrem Hundeſchlitten über die Eisbahn, der dürre Herr Konrektor liegt auf der Bärenhaut und ſäuft ruhig ſeinen Morgenthran, die Frau Acciſe⸗Einnehmerin, die Frau Inſpek⸗ torin und die Frau Infibulationsräthin hocken beiſammen und kauen Talglichter u. ſ. w. Sind wir aber in jene Länder wirklich gekommen, ſo ſehen wir bald, daß dort die Menſchen mit Sitten und Koſtüm gleichſam verwachſen ſind, daß die Geſichter zu den Gedanken und die Kleider zu den Bedürfniſſen paſſen, ja daß Pflanzen, Thiere, Menſchen und Land ein zu⸗ ſammenſtimmendes Ganze bilden. IV. The life of Napoleon Buonaparte by Walter Scott. Armer Walter Scott! Wäreſt du reich ge⸗ weſen, du hätteſt jenes Buch nicht geſchrieben, und wäreſt kein armer Walter Scott geworden! Aber die Curatores der Conſtable'ſchen Maſſe kamen zuſammen, und rechneten und rechneten, und nach langem Subtrahiren und Dividiren ſchüttelten ſie die Köpfe— und dem armen Walter Scott blieb nichts übrig als Lorbeeren und Schulden. Da geſchah das Außerordentliche: der Sänger großer Thaten wollte ſich auch einmal im Heroismus verſuchen, er entſchloß ſich zu 183 einer Cessio bonorum, der Lorbeer des großen Unbekannten wurde taxirt, um große bekannte Schulden zu decken— und ſo entſtand, in hungriger Geſchwindigkeit, in bankrotter Begei⸗ ſterung, das Leben Napoleons, ein Buch, das von den Bedürfniſſen des neugierigen Publikums im Allgemeinen, und des engliſchen Miniſteriums insbeſondere, gut bezahlt werden ſollte. Lobt ihn, den braven Bürger! lobt ihn, ihr ſämmtlichen Philiſter des ganzen Erdballs! lob ihn, du liebe Krämertugend, die Alles aufopfert, um die Wechſel am Verfalltage einzulöſen— nur Mir muthet nicht zu, daß auch ich ihn lobe. Seltſam! der todte Kaiſer iſt im Grabe noch das Verderben der Briten, und durch ihn hat jetzt Britanniens größter Dichter ſeinen Lorbeer verloren! Es war Britanniens größter Dichter, man mag ſagen und einwenden, was man will. Zwar die Kritiker ſeiner Romane mäkelten an ſeiner 184 Größe und warfen ihm vor: er dehne ſich zu ſehr ins Breite, er gehe zu ſehr ins Detail, er ſchaffe ſeine großen Geſtalten nur durch Zuſam⸗ menſetzung einer Menge von kleinen Zügen, er be⸗ dürfe unzählig vieler Umſtändlichkeiten, um die ſtarken Effekte hervorzubringen— Aber die Wahr⸗ heit zu ſagen, er glich hierin einem Millionär, der ſein ganzes Vermögen in lauter Scheidemünze liegen hat, und immer drey bis vier Wagen mit Säcken voll Groſchen und Pfennigen herbeyfahren muß, wenn er eine große Summe zu bezahlen hat, und der dennoch, ſobald man ſich über ſolche Unart und das mühſame Schleppen und Zählen beklagen will, ganz richtig entgegnen kann: gleichviel wie, ſo gäbe er doch immer die verlangte Summe, er gäbe ſie doch, und er ſey im Grunde eben ſo zahlfähig, und auch wohl eben ſo reich wie etwa ein Anderer, der nur blanke Goldbarren liegen hat, ja er habe ſogar den Vortheil des erleich⸗ terten Verkehrs, indem jener ſich auf dem großen 185 Gemüſemarkte, mit ſeinen großen Goldbarren, die dort keinen Cours haben, nicht zu helfen weiß, während jedes Kramweib mit beiden Händen zugreift, wenn ihr gute Groſchen und Pfenninge geboten werden. Mit dieſem populären Reich⸗ thume des britiſchen Dichters hat es jetzt ein Ende, und er, deſſen Münze ſo courant war, daß die Herzogin und die Schneidersfrau ſie mit gleichem Intereſſe annahmen, er iſt jetzt ein armer Walter Scott geworden. Sein Schickſal mahnt an die Sage von den Berg⸗Elfen, die neckiſch wohlthätig, den armen Leuten Geld ſchenken, das hübſch blank und gedeihlich bleibt, ſo lange ſie es gut anwenden, das ſich aber unter ihren Händen in eitel Staub verwandelt, ſobald ſie es zu nichtswürdigen Zwecken miß⸗ brauchen. Sack nach Sack öffnen wir Walter Scotts neue Zufuhr, und ſiehe dal! ſtatt der blitzenden, lachenden Gröſchlein finden wir nichts als Staub und wieder Staub. Ihn beſtraften die — 186 Berg⸗Elfen des Parnaſſus, die Muſen, die, wie alle edelſinnigen Weiber, leidenſchaftliche Napo⸗ leoniſtinnen ſind, und daher doppelt empört waren über den Mißbrauch der verliehenen Geiſtesſchätze. Werth und Tendenz des Scottiſches Werks ſind in allen Zeitſchriften Europas beleuchtet wor⸗ den. Nicht blos die erbitterten Franzoſen, ſondern auch die beſtürzten Landsleute des Verfaſſers ha⸗ ben das Verdammungsurtheil ausgeſprochen. In dieſen allgemeinen Weltunwillen mußten auch die Deutſchen einſtimmen; mit ſchwerverhaltenem Feuereifer ſprach das Stuttgarter Literaturblatt, mit kalter Ruhe äußerten ſich die Berliner Jahr⸗ bücher für wiſſenſchaftliche Kritik, und der Rezen⸗ ſent, der jene kalte Ruhe um ſo wohlfeiler er⸗ ſchwang, je weniger theuer ihm der Held des Buches ſeyn muß, charakteriſirt daſſelbe mit den trefflichen Worten: „In dieſer Erzählung iſt weder Gehalt noch Farbe, weder Anordnung noch Lebendigkeit zu 187 finden. Verworren in oberflächlicher, nicht in tiefer Verwirrung, ohne Hervortreten des Eigen⸗ thümlichen, unſicher und wandelbar, zieht der gewaltige Stoff träge vorüber; kein Vorgang erſcheint in ſeiner beſtimmten Eigenheit, nirgends werden die ſpringenden Punkte ſichtbar, kein Ereigniß wird deutlich, keines tritt in ſeiner Nothwendigkeit hervor, die Verbindung iſt nur äußerlich, Gehalte und Bedeutung kaum geahnet. In ſolcher Darſtellung muß alles Licht der Ge⸗ ſchichte erlöſchen, und ſie ſelbſt wird zum, nicht wunderbaren, ſondern gemeinen Mährchen. Die Ueberlegungen und Betrachtungen, welche ſich öfters dem Vortrag einſchieben, ſind von einer entſprechenden Art. Solch dünnlicher philoſo⸗ phiſcher Bereitung iſt unſere Leſewelt längſt ent⸗ wachſen. Der dürftige Zuſchnitt einer am Ein⸗ zelnen haftenden Moral reicht nirgend aus.——“ Dergleichen und noch ſchlimmere Dinge, die der ſcharfſinnige Berliner Rezenſent, Varnhagen 188 von Enſe, ausſpricht, würde ich dem Walter Scott gern verzeihen. Wir ſind alle Menſchen, und der beſte von uns kann einmal ein ſchlechtes Buch ſchreiben. Man ſagt alsdann, es ſey unter aller Kritik, und die Sache iſt abgemacht. Ver⸗ wunderlich bleibt es zwar, daß wir in dieſem neuen Werke nicht einmal Scotts ſchönen Styl wiederfinden. In die farbloſe, wochentägliche Rede werden vergebens hie und da etliche rothe, blaue und grüne Worte eingeſtreut, vergebens ſollen glänzende Läppchen aus den Poeten die proſaiſche Blöße bedecken, vergebens wird die ganze Arche Noä geplündert, um beſtialiſche Ver⸗ gleichungen zu liefern, vergebens wird ſogar das Wort Gottes citirt, um die dummen Gedanken zu überſchilden. Noch verwunderlicher iſt es, daß es dem Walter Scott nicht einmal gelang, ſein angeborenes Talent der Geſtaltenzeichnung aus⸗ zuüben, und den äußern Napoleon aufzufaſſen. Walter Scott lernte nichts aus jenen ſchönen 189 Bildern, die den Kaiſer in der Umgebung ſeiner Generale und Staatsleute darſtellen, während doch jeder, der ſie unbefangen betrachtet, tief betroffen wird von der tragiſchen Ruhe und antiken Gemeſſenheit jener Geſichtszüge, die gegen die modern aufgeregten, pitoresken Tagsgeſichter ſo ſchauerlich erhaben contraſtiren, und etwas her⸗ abgeſtiegen Göttliches beurkunden. Konnte aber der ſchottiſche Dichter nicht die Geſtalt, ſo konnte er noch viel weniger den Charakter des Kaiſers begreifen, und gern verzeih ich ihm auch die Läſterung eines Gottes, den er nicht kennt. Ich muß ihm ebenfalls verzeihen, daß er ſeinen Wellington für einen Gott hält, und bey der Apotheoſe deſſelben ſo ſehr in Andacht geräth, daß er, der doch ſo ſtark in Viehbildern iſt, nicht weiß, womit er ihn vergleichen ſoll. Bin ich aber tolerant gegen Walter Scott, und verzeihe ich ihm die Gehaltloſigkeit, Irr⸗ thümer, Läſterungen und Dummheiten ſeines 190 Buches, verzeih ich ihm ſogar die lange Weile, die es mir verurſacht— ſo darf ich ihm doch nim⸗ mermehr die Tendenz deſſelben verzeihen. Dieſe iſt nichts Geringeres als die Exculpation des engliſchen Miniſteriums in Betreff des Verbrechens von St. Helena.„In dieſem Gerichtshandel zwiſchen dem engliſchen Miniſterium und der öffentlichen Meinung,“ wie der Berliner Rez. ſich ausdrückt,„macht Walter Scott den Sach⸗ walter,“ er verbindet Advocatenkniffe mit ſeinem poetiſchen Talente, um den Thatbeſtand und die Geſchichte zu verdrehen, und ſeine Clienten, die zugleich ſeine Patrone ſind, dürften ihm wohl, außer ſeinen Sporteln, noch extra ein Douceur in die Hand drücken. Die Engländer haben den Kaiſer blos er⸗ mordet, aber Walter Scott hat ihn verkauft. Es iſt ein rechtes Schottenſtück, ein ächt ſchot⸗ tiſches Nazionalſtückchen, und man ſieht, daß ſchottiſcher Geiz noch immer der alte, ſchmutzige 191 Geiſt iſt, und ſich nicht ſonderlich verändert hat ſeit den Tagen von Naſeby, wo die Schotten ihren eigenen König, der ſich ihrem Schutze an⸗ vertraut, für die Summe von 400,000 Pf. St. an ſeine engliſchen Henker verkauft haben. Jener König iſt derſelbe Karl Stuart, den jetzt Caledo⸗ nias Barden ſo herrlich beſingen,— der Englän⸗ der mordet, aber der Schotte verkauft und beſingt. Das engliſche Miniſterium hat ſeinen Advo⸗ caten zu obigem Behufe das Archiv des foreign office geöffnet, und dieſer hat, im neunten Bande ſeines Werks, die Aktenſtücke, die ein günſtiges Licht auf ſeine Parthey und einen nachtheiligen Schatten auf deren Gegner werfen konnten, gewiſſenhaft benutzt. Deshalb gewinnt dieſer neunte Band, bey all ſeiner äſthetiſchen Werthloſigkeit, worin er den vorgehenden Bän⸗ den nichts nachgiebt, dennoch ein gewiſſes In⸗ tereſſe: man erwartet bedeutende Aktenſtücke, und da man deren keine findet, ſo iſt das ein Be⸗ 192 weis, daß deren keine vorhanden waren, die zu Gunſten der engliſchen Miniſter ſprechen— und dieſer negative Inhalt des Buches iſt ein wich⸗ tiges Reſultat. Alle Ausbeute, die das engliſche Archiv liefert, beſchränkt ſich auf einige glaubwürdige Communicationen des edlen Sir Hudſon Lowe und deſſen Myrmidonen und einige Ausſagen des General Gourgand, der, wenn ſolche wirk⸗ lich von ihm gemacht worden, als ein ſchamloſer Verräther ſeines kaiſerlichen Herrn und Wohl⸗ thäters ebenfalls Glauben verdient. Ich will das Factum dieſer Ausſagen nicht unterſuchen, es ſcheint ſogar wahr zu ſeyn, da es der Baron Stürmer, einer von den drey Statiſten der großen Tragödie, conſtatirt hat: aber ich ſehe nicht ein, was im günſtigſten Falle dadurch bewieſen wird, außer daß Sir Hudſon Lowe nicht der einzige Lump auf St. Helena war. Mit Hülfsmitteln ſolcher Art und erbärmlichen Suggeſtionen be⸗ 193 handelt Walter Scott die Gefangenſchaftsge⸗ ſchichte Napoleons, und bemüht ſich, uns zu überzeugen: daß der Erkaiſer— ſo nennt ihn der Erdichter— nichts Klügeres thun konnte, als ſich den Engländern zu übergeben, obgleich er ſeine Abführung nach St. Helena voraus wiſſen mußte, daß er dort ganz ſcharmant be⸗ handelt worden, indem er vollauf zu eſſen und zu trinken hatte, und daß er endlich, friſch und geſund, und als ein guter Chriſt, an einem Magenkrebſe, geſtorben. Walter Scott, indem er ſolchermaßen den Kaiſer vorauſehen läßt, wie weit ſich die Gene⸗ roſität der Engländer erſtrecken würde, nämlich bis St. Helena, befreyt ihn von dem gewöhn⸗ lichen Vorwurf: die tragiſche Erhabenheit ſeines unglücks habe ihn ſelbſt ſo gewaltig begeiſtert, daß er civiliſirte Engländer für perſiſche Bar⸗ baren und die Beefſteakküche von St. James für den Heerd eines großen Königs anſah— IV. 13 194 und eine herviſche Dummheit beging. Auch macht Walter Scott den Kaiſer zu dem größten Dichter, der jemals auf dieſer Welt gelebt hat, indem er uns ganz ernſthaft inſinuirt, daß alle jene denk⸗ würdigen Schriften, die ſeine Leiden auf St. Helena berichten, ſämmtlich von ihm ſelbſt dictirt worden. Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung zu machen, daß dieſer Theil des Walter Scott'⸗ ſchen Buches, ſo wie überhaupt die Schriften ſelbſt, wovon er hier ſpricht, abſonderlich die Memoiren von O'Meara, auch die Erzählung des Capitain Maitland, mich zuweilen an die poſſenhafteſte Geſchichte von der Welt erinnert, ſo daß der ſchmerzlichſte Unmuth meiner Seele plötzlich in muntre Lachluſt übergehen will. Dieſe Geſchichte iſt aber keine andere als„die Schick⸗ ſale des Lemuel Guilliver,“ ein Buch, worüber ich einſt als Knabe ſo viel gelacht, und worin gar ergötzlich zu leſen iſt: wie die kleinen Lilli⸗ putaner nicht wiſſen, was ſie mit dem großen — —.— 195 Gefangenen anfangen ſollen, wie ſie tauſendweiſe an ihm herumklettern und ihn mit unzähligen dünnen Härchen feſt binden, wie ſie mit großen Anſtalten ihm ein eigenes großes Haus errichten, wie ſte über die Menge Lebensmittel klagen, die ſie ihm täglich verabreichen müſſen, wie ſie ihn im Staatsrath anſchwärzen und beſtändig jam⸗ mern, daß er dem Lande zu viel koſte, wie ſie ihn gern umbringen möchten, ihn aber noch im Tode fürchten, da ſein Leichnam eine Peſt hervorbringen könne, wie ſie ſich endlich zur glorreichſten Großmuth entſchließen und ihm ſeinen Titel laſſen, und nur ſeine Augen aus⸗ ſtechen wollen u. ſ. w. Wahrlich, überall iſt Lilliput, wo ein großer Menſch unter kleine Menſchen geräth, die unermüdlich und auf die kleinlichſte Weiſe ihn abquälen, und die wieder durch ihn genug Qual und Noth ausſtehen; aber hätte der Dechant Swift in unſerer Zeit ſein Buch geſchrieben, ſo würde man in deſſen 13* 196 ſcharfgeſchliffenem Spiegel nur die Gefangen⸗ ſchaftsgeſchichte des Kaiſers erblicken, und bis auf die Farbe des Rocks und des Geſichts die Zwerge erkennen, die ihn gequält haben. Nur der Schluß des Mährchens von St. Helena iſt anders, der Kaiſer ſtirbt an einem Magenkrebs, und Walter Scott verſichert uns, das ſey die alleinige Urſache ſeines Todes. Darin will ich ihm auch nicht widerſprechen. Die Sache iſt nicht unmöglich. Es iſt möglich, daß ein Mann, der auf der Folterbank geſpannt liegt, plötzlich ganz natürlich an einem Schlagfluß ſtirbt. Aber die böſe Welt wird ſagen: die Folterknechte haben ihn hingerichtet. Die böſe Welt hat ſich nun einmal vorgenommen, die Sache ganz anders zu betrachten, wie der gute Walter Scott. Wenn dieſer gute Mann, der ſonſt ſo bibelfeſt iſt, und gern das Evangelium citirt, in jenem Aufruhr der Elemente, in jenem Orcane, der beym Tode Napoleons ausbrach, —— ,. — 197 Üah IiKa⸗ nichts anders ſieht als ein Ereigniß, daß auch vh, eu, beym Tode Cromwells ſtatt fand: ſo hat doch 7 die Welt darüber ihre eigenen Gedanken. Sie betrachtet den Tod Napoleons als die entſetzlichſte Unthat, losbrechendes Schmerzgefühl wird An⸗ betung, vergebens macht Walter Scott den Ad⸗ vocatum Diaboli, die Heiligſprechung des todten Kaiſers ſtrömt aus allen edeln Herzen, alle edeln Herzen des europäiſchen Vaterlandes ver⸗ achten ſeine kleinen Henker und den großen Barden, der ſich zu ihrem Complizen geſungen, die Muſen werden beſſere Sänger zur Feyer ihres Lieblings begeiſtern, und wenn einſt Men⸗ ſchen verſtummen ſo ſprechen die Steine, und der Martyrfelſen St. Helena ragt ſchauerlich aus den Meereswellen, und erzählt den Jahr⸗ tauſenden ſeine ungeheure Geſchichte. 198 Old Bailey. Schon der Name Old Balley erfüllt die Seele mit Grauen. Man denkt ſich gleich ein großes, ſchwarzes, mißmüthiges Gebäude, einen Palaſt des Elends und des Verbrechens. Der linke Flügel, der das eigentliche Newgate bildet, dient als Criminalgefängniß, und da ſieht man nur eine hohe Wand von wetterſchwarzen Qua⸗ dern, worin zwey Niſchen mit eben ſo ſchwarzen allegoriſchen Figuren, und, wenn ich nicht irre, ſtellt eine von ihnen die Gerechtigkeit vor, indem, wie gewöhnlich, die Hand mit der Wage abge⸗ brochen iſt, und Nichts als ein blindes Weibs⸗ —— 199 bild mit einem Schwerte übrig blieb. Ungefähr gegen die Mitte des Gebäudes iſt der Altar dieſer Göttin, nämlich das Fenſter, wo das Galgengerüſt zu ſtehen kommt, und endlich rechts befindet ſich der Criminalgerichtshof, worin die vierteljährlichen Seſſionen gehalten werden. Hier iſt ein Thor, das gleich den Pfortten der Dante⸗ ſchen Hölle die Inſchrift tragen ſollte: Per me si va ne la città dolente, Per me si va ne l'eterno dolore, Per me si va tra la perduta gente. Durch dieſes Thor gelangt man auf einen kleinen Hof, wo der Abſchaum des Pöbels ver⸗ ſammelt iſt, um die Verbrecher durchpaſſiren zu ſehen; auch ſtehen hier Freunde und Feinde der⸗ ſelben, Verwandte, Bettelkinder, Blödſinnige, beſonders alte Weiber, die den Rechtsfall des Tages abhandeln, und vielleicht mit mehr Ein⸗ ſicht als Richter und Jury, trotz all' ihrer kurz⸗ weiligen Feierlichkeit und langweiligen Juris⸗ prudenz. Hab' ich doch draußen vor der Ge⸗ richtsthüre eine alte Frau geſehen, die im Kreiſe ihrer Gevatterinnen ven armen ſchwarzen William beſſer vertheidigte, als drinnen im Saale deſſen grundgelehrter Advocat— wie ſie die letzte Thräne mit der zerlumpten Schürze aus den rothen Augen wegwiſchte, ſchien auch Williams ganze Schuld vertilgt zu ſeyn. Im Gerichtsſaale ſelbſt, der nicht beſonders groß, iſt unten, vor der ſogenannten Bar (Schranken) wenig Platz für das Publikum; dafür giebt es aber oben, an beyden Seiten, ſehr geräumige Gallerien mit erhöheten Bänken, wo die Zuſchauer, Kopf über Kopf, geſtapelt ſtehen. Als ich Old Bailey beſuchte, fand auch ich Platz auf einer ſolchen Gallerie, die mir von einer alten Pförtnerin gegen Gratiſication eines Shillings erſchloſſen wurde. Ich kam in dem Augenblick, wo die Jury ſich erhob, um zu urtheilen: ob der ſchwarze William des 201 angeklagten Verbrechens ſchuldig oder nicht ſchuldig ſey. Auch hier, wie in den andern Gerichtshöfen Londons, ſitzen die Richter in blauſchwarzer Toga, die hellviolett gefüttert iſt, und ihr Haupt bedeckt die weißgepuderte Perücke, womit oft die ſchwarzen Augenbraunen und ſchwarzen Backen⸗ bärte gar drollig contraſtiren. Sie ſitzen an einem langen grünen Tiſche, auf erhabenen Stühlen, am öberſten Ende des Saales, wo an der Wand mit goldenen Buchſtaben eine Bibel⸗ ſtelle, die vor ungerechtem Richterſpruch warnt, eingegraben ſteht. An beyden Seiten ſind Bänke für die Männer der Jury, und Plätze zum Stehen für Kläger und Zeugen. Den Richtern gerage gegenüber iſt der Platz der Angeklagten; dieſe ſitzen nicht auf einem Armeſünderbänkchen, wie bey den öffentlichen Gerichten in Frankreich und Rheinland, ſondern aufrecht ſtehen ſie hinter einem wunderlichen Brette, das oben wie ein 202 ſchmalgebogenes Thor ausgeſchnitten iſt. Es ſoll dabey ein künſtlicher Spiegel angebracht ſeyn, wodurch der Richter im Stande iſt, jede Miene der Angeklagten deutlich zu beobachten. Auch liegen einige grüne Kräuter vor letzteren, um ihre Nerven zu ſtärken, und das mag zuweilen nöthig ſeyn, wo man angeklagt ſteht auf Leib und Leben. Auch auf dem Tiſche der Richter ſah ich dergleichen grüne Kräuter und ſogar eine Roſe liegen. Ich weiß nicht wie es kommt, der Anblick dieſer Roſe hat mich tief bewegt. Die rothe blühende Roſe, die Blume der Liebe und des Frühlings, lag auf dem ſchrecklichen Richtertiſche von Old Bailey. Es war im Saale ſo ſchwül und dumpfig. Es ſchaute Alles ſo unheimlich mürriſch, ſo wahnſinnig ernſt. Die Menſchen ſahen aus als kröchen ihnen graue Spinnen über die blöden Geſichter. Hörbar klirrten die eiſernen Wagſchaalen über dem Haupte des armen ſchwarzen Williams. „ 203 Auch auf der Gallerie bildete ſich eine Jury. Eine dicke Dame, aus deren rothaufgedunſenem Geſicht die kleinen Aeuglein wie Glühwürmchen hervorglimmten, machte die Bemerkung, daß der ſchwarze William ein ſehr hübſcher Burſche ſey. Indeſſen ihre Nachbarin, eine zarte, piepſende Seele, in einem Körper von ſchlechtem Poſt⸗ papier, behauptete: Er trüge das ſchwarze Haar zu lang und zottig, und blitze mit den Augen wie Herr Kean im Othello—„dagegen,“ fuhr ſie fort,„iſt doch der Thomſon ein ganz anderer Menſch, mit hellem Haar und glatt gekämmt nach der Mode, und er iſt ein ſehr geſchickter Menſch, er bläſ't ein Bischen die Flöte, er malt ein Bischen, er ſpricht ein Bischen Franzöſiſch“— „Und ſtiehlt ein Bischen“ fügte die dicke Dame hinzu.„Ei was ſtehlen,“ verſetzte die dünne Nachbarin,„das iſt doch nicht ſo barbariſch wie Fälſchung; denn ein Dieb, es ſey denn er habe ein Schaf geſtohlen, wird nach Botany Bay „ 1 204 transportirt, während der Böſewicht, der eine Handſchrift verfälſcht hat, ohne Gnad und Barmherzigkeit gehenkt wird.“„Ohne Gnad und Barmherzigkeit!“ ſeufzte neben mir ein magerer Mann in einem verwirrten ſchwarzen Rock,„Hängen! kein Menſch hat das Recht einen andern umbringen zu laſſen, am aller⸗ wenigſten ſollten Chriſten ein Todesurtheil fällen, da ſie doch daran denken ſollten, daß der Stifter ihrer Religion, unſer Herr und Heiland, un⸗ ſchuldig verurtheilt und hingerichtet worden!“ „Ei was,“ rief wieder die dünne Dame, und lächelte mit ihren dünnen Lippen,„wenn ſo ein Fälſcher nicht gehenkt würde, wäre ja kein reicher Mann ſeines Vermögens ſicher, z. B. der dicke Jude in Lombard Street, Saint Swinthins Lane, oder unſer Freund Herr Seott, deſſen Handſchrift ſo täuſchend nachgemacht worden. Und Herr Scott hat doch ſein Vermögen ſo ſauer erworben, und man ſagt ſogar, er ſey 205 dadurch reich geworden, daß er für Geld die Krankheiten Anderer auf ſich nahm, ja die Kin⸗ der laufen ihm jetzt noch auf der Straße nach, und rufen: ich gebe dir einen Sixpens, wenn Du mir mein Zahnweh abnimmſt, wir geben Dir einen Shilling, wenn Du Gottfriedchens Buckel nehmen willſt“—„Kurios!“ fiel ihr die dicke Dame in die Rede,„es iſt doch kurios, daß der ſchwarze William und der Thomſon früherhin die beſten Spießgeſellen geweſen ſind, und zuſammen gewohnt und gegeſſen und ge⸗ trunken haben, und jetzt Edward Thomſon ſeinen alten Freund der Fälſchung anklagt! Warum iſt aber die Schweſter von Thomſon nicht hier, da ſie doch ſonſt ihrem ſüßen William überall nachgelaufen?“ Ein junges ſchönes Frauen⸗ zimmer, über deſſen holdem Geſicht eine dunkle Betrübniß verbreitet lag, wie ein ſchwarzer Flor über einen blühenden Roſenſtrauch, flüſterte jetzt eine ganz lange, verweinte Geſchichte, wovon 206 V ich nur ſo viel verſtand, daß ihre Freundin, die ſchöne Mary, von ihrem Bruder gar bitterlich geſchlagen worden und todtkrank zu Bette liege. „Nennt ſie doch nicht die ſchöne Mary!“ brummte verdrießlich die dicke Dame,„viel zu mager, ſie iſt viel zu mager, als daß man ſie ſchön nennen könnte, und wenn gar ihr William gehenkt wird—“ In dieſem Augenblick erſchienen die Männer der Jury, und erklärten: Daß der Angeklagte der Fälſchung ſchuldig ſey. Als man hierauf den ſchwarzen William aus dem Saale fortführte, warf er einen langen, langen Blick auf Edward Thomſon. Nach einer Sage des Morgenlandes war Satan einſt ein Engel, und lebte im Himmel mit den andern Engeln, bis er dieſe zum Abfall verleiten wollte, und deßhalb von der Gottheit hinuntergeſtoßen wurde in die ewige Nacht der Hölle. Während er aber vom Himmel hinab⸗ —,— 207 ſank, ſchaute er immer noch in die Höhe, immer nach dem Engel, der ihn angeklagt hatte; je tiefer er ſank, deſto entſetzlicher und immer ent⸗ ſetzlicher wurde ſein Blick— Und es muß ein ſchlimmer Blick geweſen ſeyn: denn jener Engel, den er traf, wurde bleich, niemals trat wieder Röthe in ſeine Wangen, und er heißt ſeitdem der Engel des Todes. Bleich wie der Engel des Todes wurde Edward Thomſon. 208 VI. Das neue Miniſterium. In Bedlam habe ich vorigen Sommer einen Philoſophen kennen gelernt, der mir, mit heimlichen Augen und flüſternder Stimme, viele wichtige Aufſchlüſſe über den Urſprung des Uebels gegeben hat. Wie mancher andere ſeiner Collegen meinte auch er, daß man hierbey etwas Hiſto⸗ riſches annehmen müſſe. Was mich betrifft, ich neigte mich ebenfalls zu einer ſolchen Annahme, und erklärte das Grundübel der Welt aus dem Umſtand: daß der liebe Gott zu wenig Geld erſchaffen habe. „Du haſt gut reden,“ antwortete der 209 Philoſoph,„der liebe Gott war ſehr knapp bey Caſſa, als er die Welt erſchuf. Er mußte das Geld dazu beim Teufel borgen, und ihm die ganze Schöpfung als Hypothek verſchreiben. Da ihm nun der liebe Gott von Gott und Rechtswegen die Welt noch ſchuldig iſt, ſo darf er ihm auch aus Delikateſſe nicht verwehren, ſich darin herum zu treiben und Verwirrung und Unheil zu ſtiften. Der Teufel aber iſt ſeinerſeits wieder ſehr ſtark dabey intereſſirt, daß die Welt nicht ganz zu Grunde und folglich ſeine Hypo⸗ thek verloren gehe; er hütet ſich daher es allzu toll zu machen, und der liebe Gott, der auch nicht dumm iſt, und wohl weiß, daß er im Eigen⸗ nutz des Teufels ſeine geheime Garantie hat, geht oft ſo weit, daß er ihm die ganze Herr⸗ ſchaft der Welt anvertraut, d. h. dem Teufel den Auftrag giebt, ein Miniſterium zu bilden. Dann geſchieht, was ſich von ſelbſt verſteht, Samiel erhält das Commando der hölliſchen IV. 14 210 Heerſchaaren, Beelzebub wird Kanzler, Vizliputzli wird Staatsſekretair, die alte Großmutter be⸗ kommt die Kolonien u. ſ. w. Dieſe Verbündeten wirthſchaften dann in ihrer Weiſe, und indem ſie, trotz des böſen Willens ihrer Herzen, aus Eigennutz gezwungen ſind, das Heil der Welt zu befördern, entſchädigen ſie ſich für dieſen Zwang dadurch, daß ſie zu den guten Zwecken immer die niederträchtigſten Mittel anwenden. Sie trieben es jüngſthin ſo arg, daß Gott im Himmel ſolche Greuel nicht länger anſehen konnte, und einem Engel den Auftrag gab ein neues Miniſterium zu bilden. Dieſer ſammelte nun um ſich her alle guten Geiſter. Freudige Wärme durchdrang wieder die Welt, es wurde Licht, und die böſen Geiſter entwichen. Aber ſie legten doch nicht ruhig die Klauen in den Schoos, heimlich wirken ſie gegen alles Gute, ſie vergiften die neuen Heilquellen, ſie zerknicken hämiſch jede Roſenknospe des neuen Frühlings, 211 mit ihren Amendements zerſtören ſie den Baum des Lebens, chaotiſches Verderben droht Alles zu verſchlingen, und der liebe Gott wird am Ende wieder dem Teufel die Herrſchaft überge⸗ ben müſſen, damit ſie, ſey es auch durch die ſchlechteſten Mittel, wenigſtens erhalten werde. Siehſt du, das iſt die ſchlimme Nachwirkung einer Schuld.“ Dieſe Mittheilung meines Freundes in Bedlam erklärte vielleicht den jetzigen engliſchen Miniſterwechſel. Erliegen müſſen die Freunde Cannings, die ich die guten Geiſter Englands nenne, weil ihre Gegner deſſen Teufel ſind; dieſe, den dummen Teufel Wellington an ihrer Spitze, erheben jetzt ihr Siegesgeſchrei. Schelte mir keiner den armen Georg, er mußte den Umſtänden nachgeben. Man kann nicht läugnen, daß nach Cannings Tode die Whigs nicht im Stande waren, die Ruhe in England zu erhalten, da die Maßregeln, die ſie deßhalb zu ergreifen 14* 212 hatten, beſtändig von den Tories vereitelt wurden. Der König, dem die Erhaltung der öffentlichen Ruhe, d. h. die Sicherheit ſeiner Krone, als das Wichtigſte erſcheint, mußte daher den Tories ſelbſt wieder die Verwaltung des Staates über⸗ laſſen.— Und, Ol ſie werden jetzt wieder, nach wie vor, alle Früchte des Volksfleißes in ihren eigenen Säckel hineinverwalten, ſie werden als regierende Kornjuden die Preiſe ihres Getreides in die Höhe treiben, John Bull wird vor Hunger mager werden, er wird endlich für einen Biſſen Brod ſich leibeigen ſelbſt den hohen Herren verkaufen, ſie werden ihn vor den Pflug ſpannen und peitſchen, er wird nicht einmal brummen dürfen, denn auf der einen Seite droht ihm der Herzog von Wellington mit dem Schwerte, und auf der anderen Seite ſchlägt ihn der Erz⸗ biſchof von Canterbury mit der Bibel auf den Kopf— und es wird Ruhe im Lande ſeyn. Die Quelle jener Uebel iſt die Schuld, 243 the national debt, oder wie Cobbet ſagt, the kings debt. Cobbet bemerkt nämlich mit Recht: während man allen Inſtituten den Namen des Königs voranſetzt, z. B. the kings army, the kings navy, the kings courts, the kings prisons etc., wird doch die Schuld, die eigent⸗ lich aus jenen Inſtitutionen hervorging, niemals the kings debt genannt, und ſie iſt das Einzige, wobey man der Nazion die Ehre erzeigt, etwas nach ihr zu benennen. Der Uebel größtes iſt die Schuld. Sie bewirkt zwar, daß der engliſche Staat ſich erhält, und daß ſogar deſſen ärgſte Teufel ihn nicht zu Grunde richten; aber ſie bewirkt auch, daß ganz England eine große Tretmühle geworden, wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muß, um ſeine Gläubiger zu füttern, daß England vor lauter Zahlungsſorgen alt und grau und aller heiteren Jugendgefühle entwöhnt wird, daß England, wie bey ſtarkverſchuldeten Menſchen 214 zu geſchehen pflegt, zur ſtumfſten Reſignazion niedergedrückt iſt, und ſich nicht zu helfen weiß— obgleich 900,000 Flinten und eben ſo viel Säbel und Bajonette im Tower zu London aufbewahrt liegen. 215 VII. Die Schuld. — Als ich noch ſehr jung war, gab es drey Dinge, die mich ganz vorzüglich intereſſirten, wenn ich Zeitungen las. Zuvörderſt, unter dem Artikel„Großbritannien,“ ſuchte ich gleich: ob Richard Martin keine neue Bittſchrift für die mildere Behandlung der armen Pferde, Hunde und Eſel dem Parlamente übergeben. Dann, unter dem Artikel„Frankfurt,“ ſuchte ich nach, ob der Herr Doktor Schreiber nicht wieder beym Bundestag für die großherzoglich heſſichen Domänenkäufer eingekommen. Hierauf aber ftel 216 ich gleich über die Türkey her, und durchlas das lange Conſtantinopel, um nur zu ſehen, ob nicht wieder ein Großvezier mit der ſeidenen Schnur beehrt worden. Dieſes letztere gab mir immer den meiſten Stoff zum Nachdenken. Daß ein Despot ſeinen Diener ohne Umſtände erdroſſeln läßt, fand ich ganz natürlich. Sah ich doch einſt in der Me⸗ nagerie, wie der König der Thiere ſo ſehr in majeſtätiſchen Zorn gerieth, daß er gewiß man⸗ chen unſchuldigen Zuſchauer zerriſſen hätte, wäre er nicht in einer ſichern Conſtitution, die aus eiſernen Stangen verfertigt war, eingeſperrt ge⸗ weſen. Aber was mich Wunder nahm, war immer der Umſtand, daß nach der Erdroſſelung des alten Herrn Großveziers ſich immer wieder Jemand fand, der Luſt hatte, Großvezier zu werden. Jetzt, wo ich etwas älter geworden bin, und nicht mehr mit den Engländern als mit — 217 ihren Freunden, den Türken, beſchäftige, ergreift mich ein analoges Erſtaunen, wenn ich ſehe, wie nach dem Abgang eines engliſchen Premier⸗ Miniſters gleich ein anderer ſich an deſſen Stelle drängt, und dieſer Andere immer ein Mann iſt, der auch ohne dieſes Amt zu leben hätte, und auch(Wellington ausgenommen) nichts weniger als ein Dummkopf iſt. Schrecklicher als durch die ſeidene Schnur endigen ja alle engliſchen Miniſter, die länger als ein Semeſter dieſes ſchwere Amt verwaltet. Beſonders iſt dieſes der Fall ſeit der franzöſiſchen Revoluzion; Sorge und Noth haben ſich vermehrt in Downingſtreet, und die Laſt der Geſchäfte iſt kaum zu ertragen. Einſt waren die Verhältniſſe in der Welt weit einfacher, und die ſinnigen Dichter ver⸗ glichen den Staat mit einem Schiffe und den Miniſter mit deſſen Steuermann. Jetzt aber iſt Alles complicirter und verwickelter, das ge⸗ wöhnliche Staatsſchiff iſt ein Dampfboot ge⸗ 14** 218 worden, und der Miniſter hat nicht mehr ein einfaches Ruder zu regieren, ſondern als ver⸗ antwortlicher Enginer ſteht er unten zwiſchen dem ungeheuern Maſchinenwerk, unterſucht ängſt⸗ lich jedes Eiſenſtiftchen, jedes Rädchen, wodurch etwa eine Stockung entſtehen könnte, ſchaut Tag und Nacht in die lodernde Feuer⸗Eſſe, und ſchwitzt vor Hitze und Sorge— ſintemalen durch das geringſte Verſehen von ſeiner Seite der große Keſſel zerſpringen, und bey dieſer Gele⸗ genheit Schiff und Mannſchaft zu Grunde gehen könnte. Der Capitän und die Paſeagiere er⸗ gehen ſich unterdeſſen ruhig auf dem Verdecke, ruhig flattert die Flagge auf dem Seitenmaſt, und wer das Boot ſo ruhig dahin ſchwimmen ſieht, ahnet nicht, welche gefährliche Maſchinerie und welche Sorge und Noth in ſeinem Bauche verborgen iſt. Frühzeitigen Todes ſinken ſie dahin, die armen verantwortlichen Enginers des engliſchen 3 219 Staatsſchiffes. Rührend iſt der frühe Tod des großen Pitt, rührender der Tod des größeren Fox. Percival wäre an der gewöhnlichen Mi⸗ niſterkrankheit geſtorben, wenn nicht ein Dolch⸗ ſtoß ihn ſchneller abgefertigt hätte. Dieſe Mi⸗ niſterkrankheit war es ebenfalls, was den Lord Caſtlereagh ſo zur Verzweiflung brachte, daß er ſich die Kehle abſchnitt zu North⸗Cray in der Grafſchaft Kent. Lord Liverpool ſank auf gleiche Weiſe in den Tod des Blödſinns. Canning, den göttergleichen Canning, ſahen wir vergiftet von hochtorieſchen Verläumdungen, gleich einem kranken Atlas, unter ſeiner Weltbürde nieder⸗ ſinken. Einer nach dem andern werden ſie ein⸗ geſcharrt in Weſtminſter, die armen Miniſter, die für Englands Könige Tag und Nacht denken müſſen, während dieſe, gedankenlos und wohl⸗ beleibt, dahinleben bis ins höchſte Menſchenalter. Wie heißt aber die große Sorge, die Englands Miniſter Tag und Nacht im Gehirne 220 wühlt und ſie tödtete Sie heißt: the debt, die Schuld. Schulden, eben ſo wie Vaterlandsliebe, Religion, Ehre u. ſ. w. gehören zwar zu den Vorzügen des Menſchen— denn die Thiere haben keine Schulden— aber ſie ſind auch eine ganz vorzügliche Oual der Menſchheit, und wie ſie den Einzelnen zu Grunde richten, ſo bringen ſie auch ganze Geſchlechter ins Verderben, und ſie ſcheinen das alte Fatum zu erſetzen in den Nationaltragödien unſerer Zeit. England kann dieſem Fatum nicht entgehen, ſeine Miniſter ſehen die Schreckniſſe herannahen und ſterben mit der Verzweiflung der Ohnmacht. Wäre ich königlich preußiſcher Oberlandes⸗ calculator oder Mitglied des Geniecorps, ſo würde ich, in gewohnter Weiſe, die ganze Summe der engliſchen Schuld in Silbergroſchen berech⸗ nen, und genau angeben, wie vielmal man damit die große Friedrichsſtraße oder gar den ganzen 221 Erdball bedecken könnte. Aber das Rechnen war nie meine Force, und ich möchte lieber einem Engländer das fatale Geſchäft überlaſſen, ſeine Schulden aufzuzählen und die daraus entſtehende Miniſternoth herauszurechnen. Dazu taugt Nie⸗ mand beſſer als der alte Cobbet, und aus der letzten Nummer ſeines Regiſters liefere ich fol⸗ gende Erörterungen. „Der Zuſtand der Dinge iſt folgender: 1) Dieſe Regierung, oder vielmehr dieſe Ariſtokratie und Kirche, oder auch, wie ihr wollt, dieſe Regierung borgte eine große Summe Gel⸗ des, wofür ſie viele Siege, ſowohl Land⸗ als Seeſiege, gekauft hat— eine Menge Siege, von jeder Sorte und Größe. 2) Indeſſen muß ich zuvor bemerken, aus welcher Veranlaſſung und zu welchem Zwecke man die Siege gekauft hat: die Veranlaſſung (occasion) war die franzöſiſche Revolution, die alle ariſtokratiſchen Vorrechte und geiſt⸗ 222 ——— lichen Zehnten niedergeriſſen hatte; und der Zweck war die Verhütung einer Parlaments⸗ reform in England, die wahrſcheinlich ein ähn⸗ liches Niederreißen aller ariſtokratiſchen Vorrechte und geiſtlichen Zehnten zur Folge gehabt hätte. 3) Um nun zu verhüten, daß das Beyſpiel der Franzoſen nicht von den Engländern nach⸗ geahmt würde, war es nöthig, die Franzoſen anzugreifen, ſie in ihren Fortſchritten zu hemmen, ihre neuerlangte Freyheit zu gefährden, ſte zu verzweifelten Handlungen treiben, und endlich die Revoluzion zu einem ſolchen Schreckbilde, zu einer ſolchen Völkerſcheuche zu machen, daß man ſich unter dem Namen der Freyheit nichts als ein Aggregat von Schlechtigkeit, Greuel und Blut vorſtellen, und das engliſche Volk, in der Begeiſterung ſeines Schreckens, dahin gebracht würde, ſich ſogar ordentlich zu verlieben in jene greuelhaft⸗despotiſche Regierung, die einſt in Frankreich blühte, und die jeder Engländer von 223 jeher verabſcheute, ſeit den Tagen Alfreds des Großen bis herab auf Georg den Dritten. 4) Um jene Vorſätze auszuführen, bedurfte man der Mithülfe verſchiedener fremder Nazionen; dieſe Nazionen wurden daher mit engliſchem Gelde unterſtützt(subsidized); franzöſiſche Emi⸗ granten wurden mit engliſchem Gelde unter⸗ halten; kurz, man führte einen zwey und zwanzig⸗ jährigen Krieg, um jenes Volk niederzudrücken, das ſich gegen ariſtokratiſche Vorrechte und geiſtliche Zehnten erhoben hatte. 5) Unſere Regierung alſo erhielt„unzäh⸗ lige Siege“ über die Franzoſen, die, wie es ſcheint, immer geſchlagen worden; aber dieſe unſere unzähligen Siege waren gekauft, d. h. ſie wurden erfochten von Miethlingen, die wir für Geld dazu gedungen hatten, und wir hatten in unſerem Solde zu einer und derſelben Zeit ganze Schaaren von Franzoſen, Holländern, Schweizern, Italienern, Ruſſen, Oeſterreichern, 224 Bayern, Heſſen, Hannoveranern, Preußen, Spa⸗ niern, Portugieſen, Neapolitanern, Malteſern, und Gott weißl wie viele Nazionen noch außerdem. 6) Durch ſolches Miethen fremder Dienſte und durch Benutzung unſerer eigenen Flotte und Landmacht kauften wir ſo viele Siege über die Franzoſen, welche arme Teufel kein Geld hatten, um ebenfalls dergleichen einzuhandeln, ſo daß wir endlich ihre Revoluzion überwäl⸗ tigten, die Ariſtokratie bey ihnen bis zu einer gewiſſen Stufe wiederherſtellten, jedoch um Alles in der Welt Willen die geiſtlichen Zehnten nicht ebenfalls reſtauriren konnten. 7) Nachdem wir dieſe große Aufgabe glücklich vollbracht und auch dadurch jede Par⸗ lamentsroform in England hintertrieben hatten, erhob unſere Regierung ein brüllendes Sieges⸗ geſchrei, wobey ſie ihre Lunge nicht wenig an⸗ ſtrengte, und auch lautmöglichſt unterſtützt wurde von jeder Creatur in dieſem Lande, die auf — — 225 eine oder die andere Art von den öffentlichen Taxen lebte. 8) Beinahe ganze zwey Jahre dauerte der überſchwengliche Freudenrauſch bey dieſer damals ſo glücklichen Nazion; zur Feyer jener Siege drängten ſich Jubelfeſte, Volksſpiele, Triumph⸗ bogen, Luſtkämpfe und dergleichen Vergnügungen, die mehr als eine viertel Million Pfund Ster⸗ linge koſteten, und das Haus der Gemeinen be⸗ willigte einſtimmig eine ungeheuere Summe(ich glaube drey Million Pfund Sterling) um Triumphbögen, Denkſäulen und andere Monu⸗ mente zu errichten, und damit die glorreichen Ereigniſſe des Krieges zu verewigen. 9) Beſtändig, ſeit dieſer Zeit, hatten wir das Glück, unter der Regierung eben derſelben Perſonen zu leben, die unſere Angelegenheiten in beſagtem glorreichen Kriege geführt hatten. 10) Beſtändig, ſeit dieſer Zeit, lebten wir in einem tiefen Frieden mit der ganzen Welt; IV. 15 226 man kann annehmen, daß dieſes noch jetzt der Fall iſt, ungeachtet unſerer kleinen zwiſchenſpie⸗ ligen Rauferey mit den Türken; und daher ſollte man denken: es könne keine Urſache in der Welt geben, weßhalb wir jetzt nicht glücklich ſeyn ſollten: wir haben ja Frieden, unſer Boden bringt reichlich ſeine Früchte, und, wie die Welt⸗ weiſen und Geſetzgeber unſerer Zeit eingeſtehen, wir ſind die allererleuchtetſte Nazion auf der ganzen Erde. Wir haben wirklich überall Schulen, um die heranwachſende Generazion zu unter⸗ richten; wir haben nicht allein einen Rector oder Vicar, oder Curaten in jedem Kirchſprengel des Königreichs, ſondern wir haben in jedem dieſer Kirchſprengel vielleicht noch ſechs Religionslehrer, wovon jeder von einer andern Sorte iſt als ſeine vier Collegen, dergeſtalt, daß unſer Land hinlänglich mit Unterricht jeder Art verſorgt iſt, kein Menſch dieſes glücklichen Landes im Zu⸗ ſtande der Unwiſſenheit leben wird,— und daher 227 unſer Erſtaunen um ſo größer ſein muß, wie irgend Jemand, der ein Premier⸗Miniſter dieſes glücklichen Landes werden ſoll, dieſes Amt als eine ſo ſchwere und ſchwierige Laſt anſieht. 11) Ach, wir haben ein einziges Unglück, und das iſt ein wahres Unglück: wir haben nämlich einige Siege gekauft— ſie waren herr⸗ lich— es war ein gutes Geſchäft— ſie waren drey oder viermal ſo viel werth als wir dafür gaben, wie Frau Tweazle ihrem Manne zu ſagen pflegt, wenn ſie vom Markte nach Hauſe kommt— es war große Nachfrage und viel Begehr nach Siegen— kurz wir konnten nichts Vernünftigeres thun, als uns zu ſo billigem Preiſe mit einer ſo großen Porzion Ruhm zu verſehen. 12) Aber, ich geſtehe es bekümmerten Her⸗ zens, wir haben, wie manche andere Leute, das Geld geborgt, womit wir dieſe Siege gekauft, als wir dieſer Siege bedurften, deren wir jetzt auf keine Weiſe wieder los werden können, eben 158 228 ſo wenig wie ein Mann ſeines Weibes los wird, wenn er einmal das Glück gehabt hat, ſich die holde Beſcheerung aufzuladen. 13) Daher geſchieht's, daß jeder Miniſter, der unſere Angelegenheiten übernimmt, auch ſorgen muß für die Bezahlung unſerer Siege worauf eigentlich noch kein Pfennig abbezahlt worden. 14) Er braucht zwar nicht dafür zu ſorgen, daß das ganze Geld, welches wir borgten, um Siege dafür zu kaufen, ganz auf einmal, Capital und Zinſen, bezahlt werde; aber für die regel⸗ mäßige Auszahlung der Zinſen muß er, leider Gottes! ganz beſtimmt ſorgen; und dieſe Zinſen, zuſammengerechnet mit dem Solde der Armee und anderen Ausgaben, die von unſeren Siegen herrühren, ſind ſo bedeutend, daß ein Menſch ziemlich ſtarke Nerven haben muß, wenn er das Geſchäftchen übernehmen will, für die Bezahlung dieſer Summe zu ſorgen. 229 15) Früherhin, ehe wir uns damit abgaben, Siege einzuhandeln, und uns allzureichlich mit Ruhm zu verſorgen, trugen wir ſchon eine Schuld von wenig mehr als zweyhundert Millionen, während alle Armengelder in England und Wales zuſammen nicht mehr als zwey Millionen jähr⸗ lich betrugen, und während wir noch nichts von jener Laſt hatten, die unter dem Namen dead weight uns jetzt aufgebürdet iſt, und ganz aus unſerm Durſt nach Ruhm hervorgegangen. 16) Außer dieſem Gelde, das von Credi⸗ toren geborgt worden, die es freiwillig her⸗ gaben, hat unſere Regierung, aus Durſt nach Siegen, auch indirect bey den Armen eine große Anleihe gemacht, d. h. ſie ſteigerte die gewöhnlichen Taxen bis auf eine ſolche Höhe, daß die Armen weit mehr als jemals niederge⸗ drückt wurden, und daß ſich die Anzahl der Armen und Armengelder erſtaunlich vergrößerte. 17) Die Armengelder ſtiegen von zwey Millionen jährlich auf acht Millionen; die Armen haben nun gleichſam ein Pfandrecht, eine Hypothek auf das Land; und hier ergiebt ſich alſo wieder eine Schuld von ſechs Millionen, welche man hinzurechnen muß zu jenen anderen Schulden, die unſere Paſſion für Ruhm und der Einkauf unſerer Siege verurſacht hat. 18) The dead weight beſteht aus Leib⸗ renten, die wir unter dem Namen Penſtonen einer Menge von Männern, Weibern und Kin⸗ dern verabreichen, als eine Belohnung für die Dienſte, welche jene Männer beym Erlangen unſerer Siege geleiſtet haben, oder geleiſtet haben ſollen.— 19) Das Capital der Schuld, welche dieſe Regierung contrahirt hat, um ſich Siege zu verſchaffen, beſteht ungefähr in folgenden Summen: 231 Pf. Sterling Hinzugekommene Summe zu der Nazionalſchuld..... 800,000,000. Hinzugekommene Summe zur eigentlichen Armengelder⸗Schuld 150,000,000. Dead weight als Capital einer Schuld berechnet..... 175,000,000. Pf. St. 1125,000,000. d. h. Eilfhundert und fünfundzwanzig Millionen zu fünf Prozent iſt der Betrag jener jährlichen ſechs und funfzig Millionen; ja, dieſes iſt ohngefähr der jetzige Betrag, nur daß die Armengelder-⸗Schuld nicht in den Rech⸗ nungen, die dem Parlamente vorgelegt werden, aufgeführt iſt, indem ſie das Land gleich direct in den verſchiedenen Kirchſpielen bezahlt. Will man daher jene ſechs Millionen von den ſechs⸗ undvierzig Millionen abziehen, ſo ergiebt ſich, daß die Staatsſchuldgläubiger und das dead weight- Volk wirklich alles Uebrige verſchlingen. 232 20) Indeſſen, die Armengelder ſind eben ſo eine Schuld wie die Schuld der Staats⸗ ſchuldgläubiger, und augenſcheinlich aus der⸗ ſelben Quelle entſprungen. Von der ſchrecklichen Laſt der Taxen werden die Armen zu Boden gedrückt; jeder Andere wird zwar auch davon gedrückt, aber Jeder, außer den Armen, wußte dieſe Laſt mehr oder weniger von ſeinen Schul⸗ tern abzuwälzen, und ſie ſiel endlich mit fürch⸗ terlichem Gewichte ganz auf die Armen, und dieſe verloren ihre Bierfäſſer, ihre kupfernen Keſſel, ihre zinnernen Teller, ihre Wanduhr, ihre Betten und bis auf ihr Handwerksgeräthe, ſie verloren ihre Kleider, und mußten ſich in Lumpen hüllen, ſie verloren das Fleiſch von ihren Knochen— Sie konnten nicht weiter aufs Aeu⸗ ßerſte getrieben werden, und von dem was man ihnen genommen, gab man ihnen wieder etwas zurück unter dem Namen von vermehrten Armen⸗ geldern. Dieſe ſind daher eine wahre Schuld, — 233 ein wahres Pfandrecht auf das Land. Die Intereſſen dieſer Schuld können zwar zurückge⸗ halten werden, aber wenn dieſes geſchieht, würden die Perſonen, die ſolche zu fordern haben, in Maſſe herbeykommen, und ſich für den Betrag, gleichviel in welcher Währung, bezahlt machen. Dieſes iſt alſo eine wahre Schuld, und eine Schuld die man bey Heller und Pfennig bezahlen wird, und zwar, ich bemerke es ausdrücklich, wird man ihr ein Vorrecht vor allen anderen Schulden geſtatten. 21) Es iſt alſo nicht nöthig, ſich ſehr zu wundern, wenn man die Noth derjenigen ſieht, die ſolche Geſchäfte übernehmen! Es iſt zu ver⸗ wundern, daß ſich überhaupt Jemand zu einer ſolchen Uebernahme verſteht, wenn ihm nicht anheimgeſtellt wird, nach Gutdünken eine radicale Umwandlung des ganzen Syſtems vorzunehmen. 22) Hier giebts keine Möglichkeit der Aus⸗ hülfe, wenn man die jährliche Ausgabe der 234 Staatsgläubiger⸗Schuld und der dead weight- Schuld herabzuſetzen ſucht; um ſolches Herab⸗ ſetzen der Schuld, ſolche Reduction dem Lande anzumuthen, um zu verhindern, daß ſie große Umwälzungen hervorbringe, um zu verhindern, daß nicht eine halbe Million Menſchen in und um London dadurch vor Hunger ſterben müſſen: da iſt nöthig, daß man zuvor weit verhältniß⸗ mäßigere Reductionen anderswo vornehme, ehe man die Reduction jener obigen zwey Schulden oder ihrer Intereſſen verſuchen wollte. 23) Wie wir bereits geſehen haben, die Siege wurden gekauft, in der Abſicht, um Parlamentsreform in England zu verhindern, und die ariſtokratiſchen Vorrechte und geiſtlichen Zehnten aufrecht zu erhalten; es wäre daher eine himmelſchreiende Greuelthat, entzögen wir ihre rechtmäßigen Zinſen jenen Leuten, die uns das Geld geborgt, oder entzögen wir gar ihre Bezahlung denjenigen Leuten, die uns die Hände vermiethet, wodurch wir die Siege erlangt haben; es wäre eine Greuelthat, die Gottes Rache auf uns laden würde, wenn wir dergleichen thäten, während die einträglichen Ehrenämter der Ari⸗ ſtokratie, ihre Penſionen, Sinekuren, königlichen Schenkungen, Militärbelohnungen und endlich gar die Zehnten des Clerus unangetaſtet blieben! 24) Hier, hier alſo liegt die Schwierig⸗ keit: Wer Miniſter wird, wird Miniſter eines Landes, das eine große Paſſion für Siege ge⸗ habt, auch ſich hinlänglich damit verſehen und ſich unerhört viel militäriſchen Ruhm verſchafft— aber leider dieſe Herrlichkeiten noch nicht bezahlt hat, und nun dem Miniſter überläßt, die Rech⸗ nung zu berichtigen, ohne daß dieſer weiß, woher er das Geld nehmen ſoll.“ Das ſind Dinge, die einen Miniſter ins Grab drücken, wenigſtens des Verſtandes berauben können. England iſt mehr ſchuldig, als es be⸗ zahlen kann. Man rühme nur nicht, daß es 2236 Indien und reiche Kolonien beſitzt. Wie ſich aus den letzten Parlamentsdebatten ergiebt, zieht der engliſche Staat keinen Heller eigentlicher Einkünfte aus ſeinem großen, unermeßlichen Indien, ja er muß dorthin noch einige Millio⸗ nen Zuſchuß bezahlen. Dieſes Land nutzt Eng⸗ land bloß dadurch, daß einzelne Briten, die ſich dort bereichern, durch ihre Schätze die In⸗ duſtrie und den Geldumlauf des Mutterlandes befördern, und tauſend Andere durch die indiſche Compagnie Brod und Verſorgung gewinnen. Die Kolonien ebenfalls liefern dem Staate keine Einkünfte, bedürfen des Zuſchuſſes, und dienen zur Beförderung des Handels und zur Berei⸗ cherung der Ariſtokratie, deren Nepoten als Gouverneure und Unterbeamte dahin geſchickt werden. Die Bezahlung der Nazionalſchuld fällt daher ganz allein auf Großbritannien und Irland. Aber auch hier ſind die Reſourcen 237 nicht ſo beträchtlich wie die Schuld ſelbſt. Wir wollen ebenfalls hier Cobbet ſprechen laſſen: „Es giebt Leute, die, um eine Art Aus⸗ hülfe anzugeben, von den Reſourcen des Landes ſprechen. Dies ſind die Schüler des ſeligen Colquhoun, eines Diebesfängers, der ein großes Buch geſchrieben, um zu beweiſen, daß unſere Schuld uns nicht im Mindeſten beſorgt machen darf, indem ſie ſo klein ſey in Ver⸗ hältniß zu den Reſourcen der Nazion; und da⸗ mit ſeine klugen Leſer eine beſtimmte Idee von der Unermeßlichkeit dieſer Reſourcen bekommen mögen, machte er eine Abſchätzung von Allem was im Lande vorhanden iſt, bis herab auf die Kaninchen, und ſchien ſogar zu bedauern, daß er nicht füglich die Ratten und Mäuſe mit⸗ rechnen konnte. Den Werth der Pferde, Kühe, Schafe, Ferkelchen, Federvieh, Wildpret, Kanin⸗ chen, Fiſche, den Werth der Hausgeräthe, Kleider, Feuerung, Zucker, Gewürze, kurz von Allem 238 im Lande macht er ein Aeſtimatum; und dann, nachdem er das Ganze aſſummirt, und den Werth der Ländereien, Bäume, Häuſer, Minen, den Ertrag des Graſes, des Korns, die Rüben und das Flachs hinzugerechnet und eine Summe von Gott weiß wie vielen Tauſend Millionen herausgebracht hat, grinſt er in pfiffig prahleriſch ſchottiſcher Manier, ungefähr wie ein Truthahn, und hohnlachend fragt er Leute meines Gleichen: mit Reſourcen, wie dieſe, fürchtet Ihr da noch einen Nazionalbankerott? „Dieſer Mann bedachte nicht, daß man Häuſer nöthig hat, um darin zu leben, die Ländereien, damit ſie Futter liefern, die Kleider, damit man ſeine Blöße bedecke, die Kühe, damit ſie Milch geben, den Durſt zu löſchen, das Horn⸗ vieh, Schafe, Schweine, Geflügel und Kaninchen, damit man ſie eſſe, ja, der Teufel hole dieſen widerſinnigen Schotten! dieſe Dinge ſind nicht dafür da, daß ſie verkauft und die Nazional⸗ 239 ſchulden damit bezahlt werden. Wahrhaftig, er hat noch den Tagelohn der Arbeitsleute zu den Reſourcen der Nazion gerechnet! Dieſer dumme Teufel von Diebesfänger, den ſeine Brüder in Schottland zum Doctor geſchlagen, weil er ein ſo vorzügliches Buch geſchrieben, er ſcheint ganz vergeſſen zu haben, daß Arbeitsleute ihren Tag⸗ lohn ſelbſt bedürfen, um ſich dafür etwas Eſſen und Trinken zu ſchaffen. Er konnte eben ſo gut den Werth des Blutes in unſern Adern abſchätzen, als ein Stoff, wovon man ebenfalls Blutwürſte machen könnte!“ So weit Cobbet. Während ich ſeine Worte in deuſcher Sprache niederſchreibe, bricht er leib⸗ haftig ſelbſt wieder hervor in meinem Gedächt⸗ niſſe, und wie vorig Jahr bey dem lärmigen Mittageſſen in Crown and Anchor Tavern, ſehe ich ihn wieder mit ſeinem ſcheltend rothen Ge⸗ ſichte und ſeinem radicalen Lächeln, worin der giftigſte Todeshaß gar ſchauerlich zuſammen⸗ 240 ſchmilzt mit der höhniſchen Freude, die den Untergang der Feinde ganz ſicher vorausſieht. Tadle mich Niemand, daß ich Cobbet citire! Man mag ihn immerhin der Unredlichkeit, der Scheltſucht und eines allzu ordinären Weſens beſchuldigen; aber man kann nicht läugnen, daß er viel beredſamen Geiſt beſitzt, und daß er ſehr oft, und in obiger Darſtellung ganz und gar, Recht hat. Er iſt ein Kettenhund, der jeden, den er nicht kennt, gleich wüthend anfällt, oft den beſten Freund des Hauſes in die Waden beißt, immer bellt, und eben wegen jenes unauf⸗ hörlichen Bellens nicht gehört wird, wenn er einmal einem wirklichen Diebe entgegenbellt. Deßhalb halten es jene vornehmen Diebe, die England plündern, nicht einmal für nöthig, dem knurrenden Cobbet einen Brocken zuzuwerfen, und ihm damit das Maul zu ſtopfen. Dieſes wurmt den Hund am bitterſten, und er fletſcht die hungrigen Zähne. 241 Alter Cobbet! Hund von England! ich liebe dich nicht, denn fatal iſt mir jede gemeine Natur; aber du dauerſt mich bis in tiefſter Seele, wenn ich ſehe, wie du dich von deiner Kette nicht losreißen und jene Diebe nicht erreichen kannſt, die lachend vor deinen Augen ihre Beute fortſchleppen und deine vergeblichen Sprünge und dein ohnmächtiges Geheul verſpotten. IV. 16 242 VIII. Die Oppoſitionspartheyen. Einer meiner Freunde hat die Oppoſition im Parlamente ſehr treffend mit einer Oppoſitions⸗ kutſche verglichen. Bekanntlich iſt das eine öffentliche Stage⸗Kutſche, die irgend eine ſpecu⸗ lirende Geſellſchaft auf ihre Koſten inſtituirt, und zwar zu ſo ſpottwohlfeilen Preiſen fahren läßt, daß die Reiſenden ihr gern den Vorzug geben vor den ſchon vorhandenen Stage⸗Kutſchen. Dieſe letztern müſſen dann ebenfalls ihre Preiſe herunterſetzen, um Paſſagiere zu behalten, werden aber bald von der neuen Oppoſitionskutſche überboten oder vielmehr unterboten, ruiniren ſich ₰ durch ſolche Concurrenz, und müſſen am Ende ihr Fahren ganz einſtellen. Hat aber die Oppo⸗ ſitionskutſche auf ſolche Art das Feld gewonnen, und iſt ſie jetzt auf einer beſtimmten Tour die ein⸗ zige, ſo erhöht ſie ihre Preiſe, oft ſogar den Preis der verdrängten Kutſche überſteigend, und der arme Reiſende hat nichts gewonnen, hat oft ſogar ver⸗ loren, und zahlt und flucht, bis eine neue Oppoſi⸗ tionskutſche wieder das vorige Spiel erneut, und neue Hoffnungen und neue Täuſchungen entſtehen. Wie übermüthig wurden die Whigs, als die Stuart'ſche Parthey erlag und die proteſtantiſche Dynaſtie den engliſchen Thron beſtieg! Die Tories bildeten damals die Oppoſition, und John Bull, der arme Staatspaſſagier, hatte Urſache, vor Freude zu brüllen, als ſie die Oberhand gewannen. Aber ſeine Freude war von kurzer Dauer, er mußte jährlich mehr und mehr Fuhrlohn ausgeben, es wurde viel bezahlt und ſchlecht gefahren, die Kutſcher wurden obendrein ſehr grob, es gab 16* 244 nichts als Rütteln und Stöße, jeder Eckſtein drohte Umſturz— und der arme John dankte Gott, ſeinem Schöpfer, als unlängſt die Zügel des Staatswagens in beſſere Hände kamen. Leider dauerte die Freude wieder nicht lange, der neue Oppoſitionskutſcher fiel todt vom Bock herab, der andere ſtieg ängſtlich herunter als die Pferde ſcheu wurden, und die alten Wagenlenker, die alten Reuter mit goldenen Sporen, haben wieder ihre alten Plätze eingenommen, und die alte Peitſche knallt. Ich will das Bild nicht weiter zu Tode hetzen und kehre zurück zu den Worten Whigs und Tories, die ich oben zur Bezeichnung der Oppoſitionspartheyen gebraucht habe, und einige Erörterung dieſer Namen iſt vielleicht um ſo fruchtbarer, je mehr ſie ſeit langer Zeit dazu gedient haben, die Begriffe zu verwirren. Wie im Mittelalter die Namen Guübellinen und Guelfen durch Umwandlungen und neue 245 Ereigniſſe, die vagueſten und veränderlichſten Bedeutungen erhielten, ſo auch ſpäterhin in England die Namen Whigs und Tories, deren Entſtehungsart man kaum noch anzugeben weiß. Einige behaupten, es ſeyen früherhin Spott⸗ namen geweſen, die am Ende zu honetten Parthey⸗ namen wurden, was oft geſchieht, wie z. B. der Geuſenbund ſich ſelbſt nach dem Spottnamen les geux taufte, wie auch ſpäterhin die Jako⸗ biner ſich ſelbſt manchmal Sanskülotten benannten, und wie die heutigen Servilen und Obſecuranten ſich vielleicht einſt ſelbſt dieſe Namen als ruhm⸗ volle Ehrennamen beylegen— was ſie freilich jetzt noch nicht können. Das Wort„Whig“ ſoll in Irland etwas unangenehm Sauertöpfiſches bedeutet haben, und dort zuerſt zur Verhöhnung der Presbyterianer oder überhaupt der neuen Secten gebraucht worden ſeyn. Das Wort „Tory,“ welches zu derſelben Zeit als Parthey⸗ benennung aufkam, bedeutete in Irland eine Art ſchäbiger Diebe. Beide Spottnamen kamen in Umlauf zur Zeit der Stuarts, während der Streitigkeiten zwiſchen den Secten und der herr⸗ ſchenden Kirche. Die allgemeine Anſicht iſt: die Parthey der Tories neige ſich ganz nach der Seite des Thrones und kämpfe für die Vorrechte der Krone; wohin⸗ gegen die Parthey der Whigs mehr nach der Seite des Volks hinneige und deſſen Rechte be⸗ ſchütze. Indeſſen dieſe Annahmen ſind vague und gelten zumeiſt nur in Büchern. Jene Benennungen könnte man vielmehr als Coterie⸗ namen anſehen. Sie bezeichnen Menſchen, die bey gewiſſen Streitfragen zuſammenhalten, deren Vorfahren und Freunde ſchon bey ſolchen An⸗ läſſen zuſammenhielten, und die, in politiſchen Stürmen, Freude und Ungemach und die Feind⸗ ſchaft der Gegenparthey gemeinſchaftlich zu tragen pflegten. Von Prinzipien iſt gar nicht die Rede, man iſt nicht einig über gewiſſe Ideen, ſondern über 247 gewiſſe Maßregeln in der Staatsverwaltung, über Abſchaffung oder Beybehaltung gewiſſer Miß⸗ bräuche, über gewiſſe Bills, gewiſſe erbliche OQuestions— gleichviel aus welchem Geſichts⸗ punkte, meiſtens aus Gewohnheit.— Die Eng⸗ länder laſſen ſich nicht durch die Partheynamen irre machen. Wenn ſie von Whigs ſprechen, ſo haben ſie nicht dabey einen beſtimmten Begriff, wie wir z. B. wenn wir von Liberalen ſprechen, wo wir uns gleich Menſchen vorſtellen, die über gewiſſe Freyheitsrechte herzinnig ein⸗ verſtanden ſind— ſondern ſie denken ſich eine äußere Verbindung von Leuten, deren Jeder, nach ſeiner Denkweiſe beurtheilt, gleichſam eine Parthey für ſich bilden würde, und die nur, wie ſchon oben erwähnt iſt, durch äußere Anläſſe, durch zufällige Intereſſen, durch Freundſchafts⸗ und Feindſchaftsverhältniſſe gegen die Tories ankämpfen. Hierbey dürfen wir uns ebenfalls keinen Kampf gegen Ariſtrokaten in unſerem 248 Sinn denken, da dieſe Tories in ihren Gefühlen nicht ariſtokratiſcher ſind als die Whigs, und oft ſogar nicht ariſtokratiſcher als der Bürger⸗ ſtand ſelbſt, der die Ariſtokratie für eben ſo un⸗ wandelbar hält wie Sonne, Mond und Sterne, der die Vorrechte des Adels und des Clerus nicht bloß als ſtaatsnützlich, ſondern als eine Naturnothwendigkeit anſieht, und vielleicht ſelbſt für dieſe Vorrechte mit weit mehr Eifer kämpfen würde als die Ariſtokraten ſelbſt, eben weil er feſter daran glaubt als dieſe, die zumeiſt den Glauben an ſich ſelbſt verloren. In dieſer Hin⸗ ſicht liegt über dem Geiſt der Engländer noch immer die Nacht des Mittelalters, die heilige Idee von der bürgerlichen Gleichheit aller Menſchen hat ſie noch nicht erleuchtet, und manchen bürger⸗ lichen Staatsmann in England, der torieſch ge⸗ ſinnt iſt, dürfen wir deßhalb bey Leibe nicht ſervil nennen und zu jenen wohlbekannten ſervilen Hunden zählen, die frey ſeyn könnten, und 249 dennoch in ihr altes Hundeloch zurückgekrochen ſind und jetzt die Sonne der Freyheit anbellen. Um die engliſche Oppoſition zu begreifen, ſind daher die Namen Whigs und Tories völlig nutzlos, mit Recht hat Francis Burdett beym Anfange der Sitzungen voriges Jahr beſtimmt ausgeſprochen, daß dieſe Namen jetzt alle Bedeu⸗ tung verloren; und Thomas Lethbridge, den der Schöpfer der Welt und des Verſtandes nicht mit allzuviel Witz ausgerüſtet, hat damals dennoch einen ſehr guten Witz, vielleicht den einzigen ſeines Lebens, über die Aeußerung Burdetts ge⸗ riſſen, nämlich: he has untoried the tories and unwigged the whigs. Bedeutungsvoller ſind die Namen reformers oder radical reformers, oder kurzweg radicals. Sie werden gewöhnlich für gleichbedeutend ge⸗ halten, ſie zielen auf daſſelbe Gebrechen des Staates, auf dieſelbe heilſame Abhülfe und unter⸗ ſcheiden ſich nur durch mehr oder minder ſtarke 250 Färbung. Jenes Gelbrechen iſt die bekannte ſchlechte Art der Volksrepräſentation, wo ſoge⸗ nannte rotten boroughs, verſchollene, unbe⸗ wohnte Ortſchaften, oder beſſer geſagt die Oligarchen, denen ſie gehören, das Recht haben, Volksrepräſentanten ins Parlament zu ſchicken, während große bevölkerte Städte, namentlich viele neue Fabrikſtädte, keinen einzigen Reprä⸗ ſentanten zu wählen haben; die heilſame Abhülfe dieſes Gebrechens iſt die ſogenannte Parlaments⸗ reform. Nun freyllich, dieſe betrachtet man nicht als Zweck, ſondern als Mittel. Man hofft, daß das Volk dadurch auch eine beſſere Vertretung ſeiner Intereſſen, Abſchaffung ariſtokratiſcher Miß⸗ bräuche nnd Hülfe in ſeiner Noth gewinnen würde. Es läßt ſich denken, daß die Parlaments⸗ reform, dieſe gerechte, billige Anforderung, auch unter den gemäßigten Menſchen, die nichts weni⸗ ger als Jakobiner ſind, ihre Verfechter findet, und wenn man ſolche Leute reformers nennt, 251 betont man dieſes Wort ganz anders, und himmelweit iſt es alsdann unterſchieden von dem Worte radical, auf dem ein ganz anderer Ton gelegt wird, wenn man z. B. von Hunt oder Cobbet, kurz von jenen heftigen, fletſchenden Revolutionären ſpricht, die nach Parlaments⸗ reform ſchreyen, um den Umſturz aller Formen, den Sieg der Habſucht und völlige Pöbelherr⸗ ſchaft herbeyzuführen. Die Nüanzen in den Geſinnungen der Koryphäen dieſer Parthey ſind daher unzählich. Aber, wie geſagt, die Eng⸗ länder kennen ſehr gut ihre Leute, der Namen täuſcht nicht das Publikum, und dieſes unter⸗ ſcheidet ſehr genau, wo der Kampf nur Schein und wo er Ernſt iſt. Oft Jahre lang hindurch iſt der Kampf im Parlamente nicht viel mehr als ein müßiges Spiel, ein Tournier, wo man für die Farbe kämpft, die man ſich aus Grille gewählt hat; giebt es aber einmal einen ernſten Krieg, ſo eilt Jeder gleich unter die Fahne ſeiner 252 natürlichen Parthey. Dieſes ſahen wir in der Cannigſchen Zeit. Die heftigſten Gegner ver⸗ einigten ſich, als es Kampf der poſitivſten In⸗ tereſſen galt; Tories, Whigs und Radicale ſchaarten ſich, wie eine Phalanx, um den kühnen, bürgerlichen Miniſter, der den Uebermuth der Oligarchen zu dämpfen verſuchte. Aber ich glaube dennoch, mancher hochgeborne Whig, der ſtolz hinter Canning ſaß, würde gleich zu der alten Foxhunter⸗Sippſchaft übergetreten ſeyn, wenn plötzlich die Abſchaffung aller Adelsrechte zur Sprache gekommen wäre. Ich glaube (Gott verzeih mir die Sünde) Francis Burdett ſelbſt, der in ſeiner Jugend zu den heftigſten Radikalen gehörte, und noch jetzt nicht zu den milderen Reformers gerechnet wird, würde ſich bey einem ſolchen Anlaſſe ſehr ſchnell neben Sir, Thomas Lethbridge geſetzt haben. Dieſes fühlen die plebeiſchen Radikalen ſehr gut, und deßhalb haſſen ſie die ſogenannten Whigs, die für Par⸗ —ÿ— 253 lamentsreform ſprechen, ſie haſſen ſie faſt noch mehr wie die eigentlich hochfeindſeligen Tories. In dieſem Augenblick beſteht die engliſche Oppoſition mehr aus eigentlichen Reformern als aus Whigs. Der Chef der Oppofition im Unter⸗ hauſe, the leader of the opposition, gehört unſtreitig zu jenen letztern. Ich ſpreche hier von Brougham. Die Reden dieſes muthigen Parlaments⸗ helden leſen wir täglich in den Zeitblättern, und ſeine Geſinnungen dürfen wir daher als allge⸗ mein bekannt vorausſetzen. Weniger bekannt ſind die perſönlichen Eigenthümlichkeiten, die ſich bey dieſen Reden kund geben; und doch muß man erſtere kennen, um letztere vollgeltend zu begreifen. Das Bild, das ein geiſtreicher Eng⸗ länder von Broughams Erſcheinung im Parla⸗ mente entwirft, mag daher hier ſeine Stelle finden: „Auf der erſten Bank, zur linken Seite des Sprechers, ſitzt eine Geſtalt, die ſo lange bey 254 der Studirlampe gehockt zu haben ſcheint, bis nicht blos die Blüthe des Lebens, ſondern die Lebenskraft ſelbſt zu erlöſchen begonnen; und doch iſt es dieſe ſcheinbar hülfloſe Geſtalt, die alle Augen des ganzen Hauſes auf ſich zieht, und die, ſo wie ſie ſich in ihrer mechaniſchen, automatiſchen Weiſe zum Aufſtehen bemüht, alle Schnellſchreiber hinter uns in fluchende Bewe⸗ gung ſetzt, während alle Lücken auf der Gallerie, als ſey ſie ein maſſives Steingewölbe, ausge⸗ füllt werden und durch die beyden Seitenthüren noch das Gewicht der draußenſtehenden Men⸗ ſchenmenge hineindrängt. Unten im Hauſe ſcheint ſich ein gleiches Intereſſe kund zu geben; denn ſo wie jene Geſtalt ſich langſam in einer verti⸗ kalen Krümmung, oder vielmehr in einem verti⸗ kalen Zickzack ſteif zuſammengefügter Linien, aus⸗ einander wickelt, ſind die paar ſonſtigen Zeloten auf beyden Seiten, die ſich ſchreyend entgegen⸗ dämmen wollten, ſchnell wieder auf ihre Sitze 255 zurückgeſunken, als hätten ſie eine verborgene Windbüchſe unter der Robe des Sprechers bemerkt. Nach dieſem vorbereitenden Geräuſch und während der athemloſen Stille, die darauf folgte, hat ſich Henry Brougham langſam und bedäch⸗ tigen Schrittes dem Tiſche genähert, und bleibt dort zuſammengebückt ſtehen— die Schultern in die Höhe gezogen, der Kopf vorwärts gebeugt, ſeine Oberlippe und Naſenflügel in zitternder Bewegung, als fürchte er ein Wort zu ſprechen. Sein Ausſehen, ſein Weſen gleicht faſt einem jener Prediger, die auf freyem Felde predigen— nicht einem modernen Manne dieſer Art, der die müßige Sonntagsmenge nach ſich zieht, ſon⸗ dern einem ſolchen Prediger aus alten Zeiten, der die Reinheit des Glaubens zu erhalten und in der Wildniß zu verbreiten ſuchte, wenn ſie aus der Stadt und ſelbſt aus der Kirche ver⸗ bannt war. Die Töne ſeiner Stimme ſind voll und melodiſch, doch ſie erheben ſich langſam, be⸗ 256 dächtig, und wie man zu glauben verſucht iſt, auch ſehr mühſam, ſo daß man nicht weiß, ob die geiſtige Macht des Mannes unfähig iſt, den Gegenſtand zu beherrſchen, oder ob ſeine phyſiſche Kraft unfähig iſt, ihn auszuſprechen. Sein erſter Satz, oder vielmehr die erſten Glieder ſeines Satzes— denn man findet bald, daß bey ihm jeder Satz in Form und Gehalt weiter reicht, als die ganze Rede mancher anderen Leute— kommen ſehr kalt und unſicher hervor, und über⸗ haupt ſo entfernt von der eigentlichen Streitfrage, das man nicht begreifen kann, wie er ſie darauf hinbiegen wird. Jeder dieſer Sätze, freylich, iſt tief, klar, an und für ſich ſelbſt befriedigend, ſichtbar mit künſtlicher Wahl aus den gewählteſten Materialien deduzirt, und mögen ſie kommen aus welchem Fache des Wiſſens es immerhin ſein mag, ſo enthalten ſie doch deſſen reinſte Eſſenz. 3 Man fühlt, daß ſie alle nach einer beſtimmten Richtung hingebogen werden, und zwar hinge⸗ 257 bogen mit einer ſtarten Kraft; aber dieſe Kraft iſt noch immer unſichtbar wie der Wind, und wie von dieſem, weiß man nicht woher ſie kommt und wohin ſie geht. Wenn aber eine hinreichende Anzahl von dieſen Anfangsſätzen vorausgeſchickt iſt, wenn jeder Hülfsſatz, den menſchliche Wiſſenſchaft zur Feſtſtellung einer Schlußfolge bieten kann, in Dienſt genommen worden, wenn jeder Einſpruch durch einen einzigen Stoß erfolgreich vorgeſchoben iſt, wenn das ganze Heer politiſcher und mora⸗ liſcher Wahrheiten in Schlachtordnung ſteht— dann bewegt es ſich vorwärts zur Entſcheidung, feſt zuſammengeſchloſſen wie eine macedoniſche Phalanx, und unwiderſtehlich wie Hochländer, die mit gefälltem Bajonette eindringen. Iſt ein Hauptſatz gewonnen mit dieſer ſchein⸗ baren Schwäche und Unſicherheit, wohinter ſich aber eine wirkliche Kraft und Feſtigkeit verborgen hielt, dann erhebt ſich der Redner, ſowohl kör⸗ IV. 17 —-õ—— 258 perlich als geiſtig, und mit kühnerem und kürze⸗ rem Angriff erficht er einen zweyten Hauptſatz. Nach dem zweyten erkämpft er einen dritten, nach dem dritten einen vierten, und ſo weiter, bis alle Principien und die ganze Philoſophie der Streitfrage gleichſam erobert ſind, bis jeder im Hauſe, der Ohren zum Hören und ein Herz zum Fühlen hat, von den Wahrheiten, die er eben vernommen, ſo unwiderſtehlich, wie von ſeiner eigenen Exiſtenz, überzeugt iſt, ſo daß Brougham, wollte er hier ſtehen bleiben, ſchon unbedingt als der größte Logiker der St. Stephans⸗ kapelle gelten könnte. Die geiſtigen Hülfsquellen des Mannes ſind wirklich bewunderungswürdig, und er erinnert faſt an das altnordiſche Mähr⸗ chen, wo einer immer die erſten Meiſter in jedem Fache des Wiſſens getödtet hat und dadurch der Alleinerbe ihrer ſämmtlichen Geiſtesfähigkeiten geworden iſt. Der Gegenſtand mag ſeyn wie er will, erhaben oder gemeinplätzig, abſtruſe oder 2⁵⁹— praktiſch, ſo kennt ihn dennoch Heinrich Broug⸗ ham, und er kennt ihn ganz aus dem Grunde. Andre mögen mit ihm wetteifern, ja einer oder der andere mag ihn ſogar übertreffen in der Kenntniß äußerer Schönheiten der alten Literatur, aber niemand iſt tiefer als er durchdrungen von der herrlichen und glühenden Philoſophie, die gewiß als ein koſtbarſter Edelſtein hervorglänzt aus jenen Schmuckkäſtchen, die uns das Alter⸗ thum hinterlaſſen hat. Brougham gebraucht nicht die klare, fehlerfreye und dabey etwas hofmäßige Sprache des Cicero; eben ſo wenig ſind ſeine Reden in der Form denen des Demoſthenes ähnlich, obgleich ſie etwas von deſſen Farbe an ſich tragen; aber ihm fehlen weder die ſtreng⸗ logiſchen Schlüſſe des römiſchen Redners noch die ſchrecklichen Zornworte des Griechen. Dazu kommt noch, daß keiner beſſer, als er es verſteht, das Wiſſen des Tages in ſeinen Parlaments⸗ reden zu benutzen, ſo daß dieſe zuweilen, abge⸗ 17* * 260 ſehen von ihrer politiſchen Tendenz und Bedeu⸗ tung, ſchon als bloße Vorleſungen über Philo⸗ ſophie, Literatur und Künſte, unſere Bewunde⸗ rung verdienen würden. Es iſt indeſſen gänzlich unmöglich, den Cha⸗ racter des Mannes zu analyſiren, während man ihn ſprechen hört. Wenn er, wie ſchon oben erwähnt worden, das Gebäude ſeiner Rede auf einen guten philoſophiſchen Boden und in der Tiefe der Vernunft gegründet hat; wenn er nochmals zu dieſer Arbeit zurückgekehrt, Senk⸗ blei und Richtmaß anlegt, um zu unterſuchen, ob alles in Ordnung iſt, und mit einer Rieſen⸗ hand zu prüfen ſcheint, ob alles auch ſicher zuſammenhält; wenn er die Gedanken aller Zu⸗ hörer mit Argumenten feſtgebunden, wie mit Seilen, die keiner zu zerreißen im Stande iſt— dann ſpringt er gewaltig auf das Gebäude, das er ſich gezimmert hat, es erhebt ſich ſeine Ge⸗ ſtalt und ſein Ton, er beſchwört die Leidenſchaften 261 aus ihren geheimſten Winkeln, und überwältigt und erſchüttert die maulaufſperrenden Parlaments⸗ genoſſen und das ganze, dröhnende Haus. Jene Stimme, die erſt ſo leiſe und anſpruchslos war, gleicht jetzt dem betäubenden Brauſen und den unendlichen Wogen des Meeres; jene Geſtalt, die vorher unter ihrem eigenen Gewichte zu ſinken ſchien, ſieht jetzt aus, als hätte ſie Ner⸗ ven von Stahl, Sehnen von Kupfer, ja als ſey ſie unſterblich und unveränderlich wie die Wahrheiten, die ſie eben ausgeſprochen; jenes Geſicht, welches vorher blaß und kalt war wie ein Stein, iſt jetzt belebt und leuchtend, als wäre der innere Geiſt noch mächtiger, als die geſprochenen Worte; und jene Augen, die uns anfänglich mit ihren blauen und ſtillen Kreiſen ſo demüthig anſahen, als wollten ſie unſre Nach⸗ ſicht und Verzeihung erbitten, aus denſelben Augen ſchießt jetzt ein meteoriſches Feuer, das alle Herzen zur Bewunderung entzündet. So 3 8 1 8 262 ſchließt der zweyte, der leidenſchaftliche oder deklamatoriſche Theil der Rede. Wenn er das erreicht hat, was man für den Gipfel der Beredſamkeit halten möchte, wenn er gleichſam umherblickt, um die Bewunderung, die er hervorgebracht, mit Hohnlächeln zu be⸗ trachten, dann ſinkt ſeine Geſtalt wieder zuſam⸗ men und auch ſeine Stimme fällt herab bis zum ſonderbarſten Flüſtern, das jemals aus der Bruſt eines Menſchen hervorgekommen. Dieſes ſeltſame Herabſtimmen, oder vielmehr Fallenlaſſen des Ausdrucks, der Gebehrde und der Stimme, welches Brougham in einer Vollkommenheit beſitzt, wie es bey gar keinem anderen Redner gefunden wird, bringt eine wunderbare Wirkung hervor; und jene tiefen, feyerlichen, faſt hingemurmelten Worte, die jedoch bis auf den Anhauch jeder einzelnen Sylbe vollkommen vernehmbar ſind, tragen in ſich eine Zaubergewalt, der man nicht widerſtehen kann, ſelbſt wenn man ſie zum erſten⸗ ——⏑—— 2863 male hört und ihre eigentliche Bedeutung und Wirkung noch nicht kennen gelernt hat. Man glaube nur nicht etwa, der Redner oder die Rede ſey erſchöpft. Dieſe gemilderten Blicke, dieſe gedämpften Töne bedeuten nichts weniger als den Anfang einer Perorazio, womit der Redner, als ob er fühle, daß er etwas zu weit gegangen, ſeine Gegner wieder beſänftigen will. Im Gegen⸗ theil, dieſes Zuſammenkrümmen des Leibes iſt kein Zeichen von Schwäche, und dieſes Fallen⸗ laſſen der Stimme iſt kein Vorſpiel von Furcht und Unterwürfigkeit: es iſt das loſe, hängende Vorbeugen des Leibes, bey einem Ringer, der die Gelegenheit erſpäht, wo er ſeinen Gegner deſto gewaltſamer umſchlingen kann, es iſt das Zurückſpringen des Tigers, der gleich darauf mit deſto ſicheren Krallen auf ſeine Beute los⸗ ſtürzt, es iſt das Zeichen, daß Heinrich Broug⸗ ham ſeine ganze Rüſtung anlegt und ſeine mächtigſte Waffe ergreift. In ſeinen Argumenten 264 war er klar und überzeugend; in ſeiner Beſchwö⸗ rung der Leidenſchaften war er zwar etwas hochmüthig, doch auch mächtig und ſiegreich; jetzt aber legt er den letzten ungeheuerſten Pfeil auf ſeinen Bogen— er wird fürchterlich in ſeinen Invektiven. Wehe dem Manne, dem jenes Auge, das vorher ſo ruhig und blau war, jetzt entgegenflammt aus dem geheimnißvollen Dunkel dieſer zuſammengezogenen Braunen! Wehe dem Wicht, dem dieſe halbgeflüſterten Worte ein Vorzeichen ſind von dem Unheil, das über ihn heranſchwebt! Wer als ein Fremder vielleicht heute zum erſtenmal die Gallerie des Parlamentes beſucht, weiß nicht, was jetzt kommen wird. Er ſieht bloß einen Mann, der ihn mit ſeinen Argu⸗ menten überzeugt, mit ſeiner Leidenſchaft er⸗ wärmt hat, und jetzt mit jenem ſonderbaren Flüſtern einen ſehr lahmen, ſchwächlichen Schluß anzubringen ſcheint. O Fremdling! wäreſt du 265 bekannt mit den Erſcheinungen dieſes Hauſes und auf einem Sitze, wo du alle Parlaments⸗ glieder überſehen könnteſt, ſo würdeſt du bald merken, daß dieſe in Betreff eines ſolchen lah⸗ men, ſchwächlichen Schluſſes durchaus nicht deiner Meinung ſind. Du würdeſt manchen be⸗ merken, den Partheyſucht oder Anmaßung in dieſes ſtürmiſche Meer, ohne gehörigen Ballaſt und das nöthige Steuerruder, hineingetrieben hat, und der nun ſo furchtſam und ängſtlich umher⸗ blickt, wie ein Schiffer auf dem chineſiſchen Meere, wenn er an einer Seite des Horizontes jene dunkle Ruhe entdeckt, die ein ſicheres Vor⸗ zeichen iſt, daß von der andern Seite, ehe eine Minute vergeht, der Typhon heranweht mit ſeinem verderblichen Hauche;— du würdeſt irgend einen klugen Mann bemerken, der faſt greinen möchte und an Leib und Seele ſchauert wie ein kleines Vögelchen, das in die Zauber⸗ nähe einer Klapperſchlange gerathen iſt, ſeine 17** 266 Gefahr entſetzlich fühlt, und ſich doch nicht helfen kann und mit jämmerlich närriſcher Miene dem Untergange ſich darbietet;— du würdeſt einen langen Antagoniſten bemerken, der ſich mit ſchlotternden Beinen an der Bank feſtklammert, damit der heranziehende Sturm ihn nicht fort⸗ fegt;— oder du bemerkſt ſogar einen ſtattlichen wohlbeleibten Repräſentanten irgend einer fetten Grafſchaft, der beyde Fäuſte in das Kiſſen ſeiner Bank hineingräbt, völlig entſchloſſen, im Fall ein Mann von ſeiner Wichtigkeit aus dem Hauſe geſchleudert würde, dennoch ſeinen Sitz zu be⸗ wahren und unter ſich von dannen zu führen. Und nun kommt es:— die Worte, welche ſo tiefgeflüſtert und gemurmelt wurden, ſchwellen an, ſo laut, daß ſie ſelbſt den Jubelruf der eignen Parthey übertönen, und nachdem irgend ein unglückſeliger Gegner bis auf die Knochen geſchunden, und ſeine verſtümmelten Glieder durch alle Redefiguren durchgeſtampft worden, 267 dann iſt der Leib des Redners wie niederge⸗ brochen und zerſchlagen von der Kraft ſeines eignen Geiſtes, er ſinkt auf ſeinen Sitz zurück und der Beyfalllärm der Verſammlung kann jetzt unaufhaltſam hervorbrechen.“ Ich habe es nie ſo glücklich getroffen, daß ich Brougham während einer ſolchen Rede im Parlamente ruhig betrachten konnte. Nur ſtück⸗ weis oder Unwichtiges hörte ich ihn ſprechen, und nur ſelten kam er mir dabey ſelbſt zu Ge⸗ ſicht. Immer aber— das merkte ich gleich— ſobald er das Wort nahm, erfolgte eine tiefe faſt ängſtliche Stille. Das Bild, das oben von ihm entworfen worden, iſt gewiß nicht übertrieben. Seine Geſtalt von gewöhnlicher Manneslänge, iſt ſehr dünn, ebenfalls ſein Kopf, der mit kur⸗ zen, ſchwarzen Haaren, die ſich der Schläfe glatt anlegen, ſpärlich bedeckt iſt. Das blaſſe, längliche Geſicht erſcheint dadurch noch dünner, die Muskeln deſſelben ſind in krampfhafter, 268 unheimlicher Bewegung, und wer ſie beobachtet, ſieht des Redners Gedanken, ehe ſie geſprochen ſind. Dieſes ſchadet ſeinen witzigen Einfällen; denn für Witze und Geldborger iſt es heilſam, wenn ſie uns unangemeldet überraſchen. Ob⸗ gleich ſein ſchwarzer Anzug, bis auf den Schnitt des Fracks, ganz gentlemänniſch iſt, ſo trägt ſolcher doch dazu bey, ihm ein geiſtliches An⸗ ſehen zu geben. Vielleicht bekommt er dieſes noch mehr durch ſeine oft gekrümmte Rückenbe⸗ wegung und die lauernde, ironiſche Geſchmei⸗ digkeit des ganzen Leibes. Einer meiner Freunde hat mich zuerſt auf dieſes„Klerikaliſche“ in Broughams Weſen aufmerkſam gemacht, und durch die obige Schilderung wird dieſe feine Bemerkung beſtätigt. Mir iſt zuerſt das „Advokatiſche“ im Weſen Broughams aufge⸗ fallen, beſonders durch die Art, wie er beſtändig mit dem vorgeſtreckten Zeigefinger demonſtrirt, 269 und mit vorgebeugtem Haupte ſelbſtgefällig dazu nickt. Am bewunderungswürdigſten iſt die raſtloſe Thätigkeit dieſes Mannes. Jene Parlaments⸗ reden hält er, nachdem er vielleicht ſchon acht Stunden lang ſeine täglichen Berufsgeſchäfte, nämlich das Advoziren in den Gerichtsſälen getrieben, und vielleicht die halbe Nacht an Aufſätzen für das Edinburgh Review oder an ſeinen Verbeſſerungen des Volksunterrichts und der Criminalgeſetze gearbeitet hat. Erſtere Ar⸗ beiten, der Volksunterricht, werden gewiß einſt ſchöne Früchte hervorbringen. Letztere, die Criminalgeſetzgebung, womit Brougham und Peel ſich jetzt am meiſten beſchäftigen, ſind vielleicht die nützlichſten, wenigſtens die dringend⸗ ſten; denn Englands Geſetze ſind noch grau⸗ ſamer als ſeine Oligarchen. Der Prozeß der Königin begründete zuerſt Broughams Celebrität. Er kämpfte wie ein Ritter für dieſe hohe Dame, 270 und wie ſich von ſelbſt verſteht, wird Georg IV. niemals die Dienſte vergeſſen, die er ſeiner lieben Frau geleiſtet hat. Deßhalb, als vorigen April die Oppoſition ſiegte, kam Brougham dennoch nicht ins Miniſterium, obgleich ihm, als leader of the opposition, in dieſem Falle, nach altem Brauch, ein ſolcher Eintritt gebührte. 271 IX. Die Emanzipazion. Wenn man mit dem dümmſten Engländer über Politik ſpricht, ſo wird er doch immer etwas Vernünftiges zu ſagen wiſſen. Sobald man aber das Geſpräch auf Religion lenkt, wird der ge⸗ ſcheidteſte Engländer nichts als Dummheiten zu Tage fördern. Daher entſteht wohl jene Ver⸗ wirrung der Begriffe, jene Miſchung von Weis⸗ heit und Unſinn, ſobald im Parlamente die Eman⸗ zipazion der Katholiken zur Sprache kommt, eine Streitfrage, worin Politik und Religion colli⸗ diren. Selten in ihren parlamentariſchen Ver⸗ handlungen iſt es den Engländern möglich, ein Prinzip auszuſprechen, ſie discutiren nur den 272 Nutzen oder Schaden der Dinge, und bringen Facta, die Einen pro, die Anderen contra, zum Vorſchein. Mit Factis aber kann man zwar ſtreiten, doch nicht ſiegen, da giebt es nichts als ein materielles Hin⸗ und Herſchlagen, und das Schau⸗ ſpiel eines ſolchen Streites gemahnt uns an wohlbekannte pro patria-Kämpfe deutſcher Stu⸗ denten, deren Reſultat darauf hinausläuft, daß ſo und ſo viel Gänge gemacht worden, ſo und ſo viel Quarten und Terzen gefallen ſind, und nichts damit bewieſen worden. Im Jahr 1827, wie ſich von ſelbſt verſteht, haben wieder Emanzipazioniſten gegen die Ora⸗ nienmänner in Weſtminſter gefochten, und wie ſich von ſelbſt verſteht, es iſt nichts dabey herausge⸗ kommen. Die beſten Schläger der Emanzipazio⸗ niſten waren Burdett, Plunket, Brougham und Canning. Ihre Gegner, Herrn Peel ausge⸗ nommen, waren wieder die bekannten, oder beſſer geſagt, die unbekannten Fuchsjäger. —— 273 Von jeher ſtimmten die geiſtreichſten Staats⸗ männer Englands für die bürgerliche Gleich⸗ ſtellung der Katholiken, ſowohl aus Gründen des innigſten Rechtsgefühls als auch der politiſchen Klugheit. Pitt ſelbſt, der Erfinder des ſtabilen Syſtems, hielt die Parthey der Katholiken. Gleichfalls Burke, der große Renegat der Frey⸗ heit, konnte nicht ſo weit die Stimme ſeines Herzens unterdrücken, daß er gegen Irland ge⸗ wirkt hätte. Auch Canning, ſogar damals, als er noch ein toryſcher Knecht war, konnte nicht ungerührt das Elend Irlands betrachten, und wie theuer ihm deſſen Sache war, hatte er zu einer Zeit, als man ihn der Lauigkeit bezüchtigte, gar rührend naiv ausgeſprochen. Wahrlich, ein großer Menſch kann, um große Zwecke zu er⸗ reichen, oft gegen ſeine Ueberzeugung handeln und zweydeutig oft von einer Parthey zur andern übergehen;— man muß alsdann billig bedenken, daß derjenige, der ſich auf einer gewiſſen Höhe IV. 18 244 haupten will, ebenſo den Umſtänden nachgeben muß, wie der Hahn auf dem Kirchthurm, den, obgleich er von Eiſen iſt, jeder Sturmwind zer⸗ brechen und herabſchleudern würde, wenn er trotzig unbeweglich bliebe und nicht die edle Kunſt ver⸗ ſtände ſich nach jedem Winde zu drehen. Aber nie wird ein großer Menſch ſo weit die Gefühle ſeiner Seele verläugnen können, daß er das unglück ſeiner Landsleute mit indifferenter Ruhe anſehen und ſogar vermehren könnte. Wie wir unſere Mutter lieben, ſo lieben wir auch den Boden worauf wir geboren ſind, ſo lieben wir die Blumen, den Duft, die Sprache und die Menſchen, die aus dieſem Boden hervorgeblüht ſind, keine Religion iſt ſo ſchlecht und keine Politik iſt ſo gut, daß ſie im Herzen ihrer Bekenner ſolche Liebe er⸗ ſticken könnte; obgleich ſie Proteſtanten und Tories waren, konnten Burke und Canning doch nimmer⸗ mehr Parthey nehmen gegen das arme, grüne Erin: Irländer, die ſchreckliches Elend und namenloſen 275 Jammer über ihr Vaterland verbreiten, ſind Menſchen— wie der ſelige Caſtlereagh. Daß die große Maſſe des engliſchen Volkes gegen die Katholiken geſtimmt iſt, und täglich das Parlament beſtürmt, ihnen nicht mehr Rechte ein⸗ zuräumen, iſt ganz in der Ordnung. Es liegt in der menſchlichen Natur eine ſolche Unterdrückungs⸗ ſucht, und wenn wir auch, was jetzt beſtändig geſchieht, über bürgerliche Ungleichheit klagen, ſo ſind alsdann unſere Augen nach oben gerichtet, wir ſehen nur diejenigen, die über uns ſtehen, und deren Vorrechte uns beleidigen; abwärts ſehen wir nie bey ſolchen Klagen, es kommt uns nie in den Sinn, diejenigen, welche durch Ge⸗ wohnheitsunrecht noch unter uns geſtellt ſind, zu uns heraufzuziehen, ja uns verdrießt es ſogar, wenn dieſe ebenfalls in die Höhe ſtreben, und wir ſchlagen ihnen auf die Köpfe. Der Kreole verlangt die Rechte des Europäers, ſpreizt ſich aber gegen den Mulatten, und ſprüht Zorn, wenn 18* 276 dieſer ſich ihm gleichſtellen will. Ebenſo handelt der Mulatte gegen den Meſtizen und dieſer wieder gegen den Neger. Der Frankfurter Spieß⸗ bürger ärgert ſich über Vorrechte des Adels; aber er ärgert ſich noch mehr, wenn man ihm zumuthet, ſeine Juden zu emanzipiren. Ich habe einen Freund in Polen, der für Freyheit und Gleichheit ſchwärmt, aber bis auf dieſe Stunde ſeine Bauern noch nicht aus ihrer Leibeigen⸗ ſchaft entlaſſen hat. Was den engliſchen Clerus betrifft, ſo be⸗ darf es keiner Erörterung, weßhalb von dieſer Seite die Katholiken verfolgt werden. Verfol⸗ gung der Andersdenkenden iſt überall das Mo⸗ nopol der Geiſtlichkeit, und auch die anglicaniſche Kirche behauptet ſtreng ihre Rechte. Freilich, die Zehnten ſind ihr die Hauptſache, ſie würde durch die Emanzipazion der Katholiken einen großen Theil ihres Einkommens verlieren, und Aufopferung eigener Intereſſen iſt ein Talent, 277 das den Prieſtern der Liebe eben ſo ſehr abgeht, wie den ſündigen Layen. Dazu kommt noch, daß jene glorreiche Revolution, welcher England die meiſten ſeiner jetzigen Freyheiten verdankt, aus religiöſem, proteſtantiſchem Eifer hervorge⸗ gangen: ein Umſtand, der den Engländern gleich⸗ ſam noch beſondere Pflichten der Dankbarkeit gegen die herrſchende proteſtantiſche Kirche auf⸗ erlegt, und ſie dieſe als das Hauptbollwerk ihrer Freyheit betrachten läßt. Manche ängſtliche Seelen unter ihnen mögen wirklich den Katholizismus und deſſen Wiedereinführung fürchten, und an die Scheiterhaufen von Smithfield denken— und ein gebranntes Kind ſcheut das Feuer. Auch giebt es ängſtliche Parlamentsglieder, die ein neues Pulvercomplot befürchten— diejenigen fürchten das Pulver am meiſten, die es nicht erfunden haben— und da wird es ihnen oft, als fühlten ſie, wie die grünen Bänke, worauf ſie in der St. Stephanskapelle ſitzen, allmählich 278 warm und wärmer werden, und wenn irgend ein Redner, wie oft geſchieht, den Namen Guy Fawkes erwähnt, rufen ſie ängſtlich: hear-him! hear-him! Was endlich den Rector von Göt⸗ tingen betrifft, der in London eine Anſtellung als König von England hat, ſo kennt jeder ſeine Mäßigkeitspolitik: er erklärt ſich für keine von beyden Partheyen, er ſieht gern, daß ſie ſich bey ihren Kämpfen wechſelſeitig ſchwächen, er lächelt nach herkömmlicher Weiſe, wenn ſie fried⸗ lich bey ihm kouren, er weiß Alles und thut Nichts, und verläßt ſich im ſchlimmſten Falle auf ſeinen Oberſchnurren Wellington. Man verzeihe mir, daß ich in flipprigem Tone eine Streitfrage behandle, von deren Lö⸗ ſung das Wohl Englands und daher vielleicht mittelbar das Wohl der Welt abhängt. Aber eben, je wichtiger ein Gegenſtand iſt, deſto luſti⸗ ger muß man ihn behandeln; das blutige Ge⸗ metzel der Schlachten, das ſchaurige Sichelwetzen 279 des Todes wäre nicht zu ertragen, erklänge nicht dabey die betäubende türkiſche Muſik mit ihren freudigen Pauken und Trompeten. Das wiſſen die Engländer, und daher bietet ihr Parlament auch ein heiteres Schauſpiel des unbefangenſten Witzes und der witzigſten Unbefangenheit; bey ven ernſthafteſten Debatten, wo das Leben von Tauſenden und das Heil ganzer Länder auf dem Spiel ſteht, kommt doch keiner von ihnen auf den Einfall ein deutſch ſteifes Landſtändegeſicht zu ſchneiden, oder franzöſiſch pathetiſch zu deela⸗ miren, und wie ihr Leib, ſo gebährdet ſich als⸗ dann auch ihr Geiſt ganz zwanglos, Scherz, Selbſtperſiflage, Sarcasmen, Gemüth und Weis⸗ heit, Malice und Güte, Logik und Verſe ſprudeln hervor im blühendſten Farbenſpiel, ſo daß die Annalen des Parlaments uns noch nach Jahren die glorreichſte Unterhaltung gewähren. Wie ſehr contraſtiren dagegen die öden, ausgeſtopften, löſchpapiernen Reden unſerer ſüddeutſchen Kam⸗ 280 mern, deren Langweiligkeit auch der geduldigſte Zeitungsleſer nicht zu überwinden vermag, ja deren Duft ſchon einen lebendigen Leſer ver⸗ ſcheuchen kann, ſo daß wir glauben müſſen, jene Langweiligkeit ſey geheime Abſicht, um das große Publikum von der Lectüre jener Verhandlungen abzuſchrecken, und ſie dadurch trotz ihrer Oeffent⸗ lichkeit, dennoch im Grunde ganz geheim zu halten. Iſt alſo die Art wie die Engländer im Parlamente die katholiſche Streitfrage abhandeln, wenig geeignet, ein Reſultat hervorzubringen, ſo iſt doch die Lectüre dieſer Debatten um ſo intereſſanter, weil Facta mehr ergötzen als Ab⸗ ſtractionen, und gar beſonders amüſant iſt es, wenn fabelgleich irgend eine Parallelgeſchichte erzählt wird, die den gegenwärtigen, beſtimmten Fall witzig perſiflirt, und dadurch vielleicht am glücklichſten illuſtrirt. Schon bey den Debatten über die Thronrede, am 3. Februar 1825, ver⸗ nahmen wir im Oberhauſe eine jener Parallel⸗ 281 geſchichten, wie ich ſie oben bezeichnet, und die ich wörtlich hierherſetze:(vid. Parliamentary history and review during the session of 1825— 1826. Pag. 31.) „Lord King bemerkte, daß wenn auch Eng⸗ land blühend und glücklich genannt werden könne, ſo befänden ſich doch ſechs Millionen Katholiken in einem ganz anderen Zuſtande, jenſeits des irländiſchen Kanals, und die dortige ſchlechte Regierung ſey eine Schande für unſer Zeitalter und für alle Briten. Die ganze Welt, ſagte er, iſt jetzt zu vernünftig, um Regierungen zu ent⸗ ſchuldigen, welche ihre Unterthanen wegen Reli⸗ gionsdifferenzen bedrücken oder irgend eines Rechtes berauben. Irland und die Türkei könnte man als die einzigen Länder Europa's bezeich⸗ nen, wo ganze Menſchenklaſſen ihres Glaubens wegen unterdrückt und gekränkt werden. Der Großſultan hat ſich bemüht, die Griechen zu bekehren, in derſelben Weiſe wie das engliſche 282 Gouvernement die Bekehrung der irländiſchen Katholiken betrieben, aber ohne Erfolg. Wenn die unglücklichen Griechen über ihre Leiden klag⸗ ten, und demüthigſt baten, ein Bischen beſſer als mahomedaniſche Hunde behandelt zu werden, ließ der Sultan ſeinen Großvezier holen, um Rath zu ſchaffen. Dieſer Großvezier war früher⸗ hin ein Freund und ſpäterhin ein Feind der Sultanin geweſen. Er hatte dadurch in der Gunſt ſeines Herrn ziemlich gelitten, und in ſeinem eigenen Divan, von ſeinen eigenen Be⸗ amten und Dienern, manchen Widerſpruch er⸗ tragen müſſen(Gelächter). Er war ein Feind der Griechen. Dem Einfluß nach die zweite Perſon im Divan, war der Reis Effendi, welcher den gerechten Forderungen jenes unglücklichen Volkes freundlich geneigt war. Dieſer Beamte, wie man wußte, war Miniſter der äußern An⸗ gelegenheiten, und ſeine Politik verdiente und erhielt allgemeinen Beyfall. Er zeigte in dieſem 283 Felde außerordentliche Liberalität und Talente, er that viel Gutes, verſchaffte der Regierung des Sultans viel Popularität, und würde noch mehr ausgerichtet haben, hätten ihn nicht ſeine minder erleuchteten Collegen in allen ſeinen Maßregeln gehemmt. Er war in der That der einzige Mann von wahrem Genie im ganzen Divan(Gelächter), und man achtete ihn als eine Zierde türkiſcher Staatsleute, da er auch mit poetiſchen Talenten begabt war. Der Kiaya⸗ Bey oder Miniſter des Innern und der Kapitan Paſcha waren wiederum Gegner der Griechen; aber der Chorführer der ganzen Oppoſition gegen die Rechtsanſprüche dieſes Volks war der Ober⸗ mufti, oder das Haupt des mahomedaniſchen Glaubens(Gelächter). Dieſer Beamte war ein Feind jeder Veränderung. Er hatte ſich regel⸗ mäßig widerſetzt bey allen Verbeſſerungen im Handel, bey allen Verbeſſerungen in der Juſtiz, bey jeder Verbeſſerung in der ausländiſchen 284 Politik(Gelächter). Er zeigte und erklärte ſich jedesmal als der größte Verfechter der beſtehen⸗ den Mißbräuche. Er war der vollendetſte In⸗ triguant im ganzen Divan(Gelächter). In früherer Zeit hatte er ſich für die Sultanin erklärt, aber er wandte ſich gegen ſie, ſobald er befürchtete, daß er dadurch ſeine Stelle im Divan verlieren könne, er nahm ſogar die Parthey ihrer Feinde. Einſt wurde der Vorſchlag gemacht, einige Griechen in das Chor der regulairen Truppen oder Janitſcharen aufzunehmen; aber der Obermufti erhob dagegen ein ſo heilloſes Zetergeſchrey— ähnlich unſerem No popery- Geſchrey— daß diejenigen, welche jene Maß⸗ regel genehmigt, aus dem Divan ſcheiden mußten. Er gewann ſelbſt die Oberhand, und ſobald dies geſchah, erklärte er ſich für eben dieſelbe Sache, wogegen er vorhin am meiſten geeifert hatte (Gelächter). Er ſorgte für des Sultans Ge⸗ wiſſen und für ſein eigenes; doch will man be⸗ 285 merkt haben, daß ſein Gewiſſen niemals mit ſeinen Intereſſen in Oppoſition war(Gelächter). Da er aufs Genaueſte die türkiſche Conſtitution ſtudiert, hatte er ausgefunden, daß ſie weſentlich mahomedaniſch ſey(Gelächter), und folglich allen Vorrechten der Griechen feindſelig ſeyn müſſe. Er hatte deshalb beſchloſſen, der Sache der Intoleranz feſt ergeben zu bleiben, und war bald umringt von Mollahs, Imans und Derwiſchen, welche ihn in ſeinen edeln Vorſätzen beſtärkten. Um das Bild dieſer Spaltung im Divan zu vollenden, ſey noch erwähnt, daß deſſen Mitglieder übereinkamen, ſie wollten bey gewiſſen Streitfragen einig, und bey andern wieder entgegengeſetzter Meinung ſeyn, ohne ihre Vereinbarung zu brechen. Nachdem man nun die Uebel, die durch ſolch einen Divan ent⸗ ſtanden, geſehen hat, nachdem man geſehen, wie das Reich der Muſelmänner zerriſſen worden, durch eben ihre Intoleranz gegen die Griechen und ihre Uneinigkeit unter ſich ſelbſt: ſo ſollte man doch 286 den Himmel bitten das Vaterland vor einer ſol⸗ chen Cabinetsſpaltung zu bewahren.“ Es bedarf keines ſonderlichen Scharfſinns, um die Perſonen zu errathen, die hier in tür⸗ kiſche Namen vermummt ſind; noch weniger iſt es von Nöthen, die Moral der Geſchichte in trocknen Worten herzuſetzen. Die Kanonen von Navarino haben ſie laut genug ausgeſprochen, und wenn einſt die hohe Pforte zuſammenbricht— und brechen wird ſie trotz Peras bevollmächtigten Lakayen, die ſich dem Unwillen der Völker ent⸗ gegenſtämmen— dann mag John Bull in ſeinem Herzen bedenken: mit verändertem Namen ſpricht von dir die Fabel. Etwas der Art mag Eng⸗ land ſchon jetzt ahnen, indem ſeine beſten Publi⸗ ziſten ſich gegen den Interventionskrieg erklären und ganz naiv darauf hindeuten, daß die Völker Europa's mit gleichem Rechte ſich der irländiſchen Katholiken annehmen, und der engliſchen Regie⸗ rung eine beſſere Behandlung derſelben abzwingen 287 könnten. Sie glauben hiermit das Interven⸗ tionsrecht widerlegt zu haben, und haben es nur noch deutlicher illuſtrirt. Freylich hätten Europa's Völker das heiligſte Recht, ſich für die Leiden Irlands, mit gewaffneter Hand, zu verwenden, und dieſes Recht würde auch ausgeübt werden, wenn nicht das Unrecht ſtärker wäre. Nicht mehr die gekrönten Häuptlinge, ſondern die Völker ſelbſt ſind die Helden der neuern Zeit, auch dieſe Helden haben eine heilige Allianz geſchloſſen, ſie halten zuſammen, wo es gilt für das gemeinſame Recht, für das Völkerrecht der religiöſen und politiſchen Freyheit, ſie ſind verbunden durch die Idee, ſie haben ſie beſchworen und dafür ge⸗ blutet, ja ſie ſind ſelbſt zur Idee geworden— und deßhalb zuckt es gleich ſchmerzhaft durch alle Völkerherzen, wenn irgendwo, ſey es auch im äußerſten Winkel der Erde, die Idee be⸗ leidigt wird. X. Wellington. Der Mann hat das Unglück überall Glück zu haben, wo die größten Männer der Welt Unglück hatten, und das empört uns und macht ihn verhaßt. Wir ſehen in ihm nur den Sieg der Dummheit über das Genie— Arthur Wel⸗ lington triumphirt, wo Napoleon Bonaparte untergeht! Nie ward ein Mann ironiſcher von Fortuna begünſtigt, und es iſt als ob ſie ſeine öde Winzigkeit zur Schau geben wollte, indem ſie ihn auf das Schild des Sieges emporhebt. Fortuna iſt ein Weib, und nach Weiberart grollt 289 ſie vielleicht heimlich dem Manne, der ihren ehr⸗ maligen Liebling ſtürzte, obgleich deſſen Sturz ihr eigner Wille war. Jetzt, bey der Emanzi⸗ pazion der Katholiken, läßt ſie ihn wieder ſiegen, und zwar in einem Kampfe, worin Georg Can⸗ ning zu Grunde ging. Man würde ihn vielleicht geliebt haben, wenn der elende Londonderry ſein Vorgänger im Miniſterium geweſen wäre; jetzt aber war er der Nachfolger des edlen Canning, des vielbeweinten, angebeteten, großen Canning— und er ſiegt wo Canning zu Grunde ging. Ohne ſolches Unglück des Glücks würde Wel⸗ lington vielleicht für einen großen Mann paſ⸗ ſiren, man würde ihn nicht haſſen, nicht genau meſſen, wenigſtens nicht mit dem heroiſchen Maaßſtabe, womit man einen Napoleon und einen Canning mißt, und man würde nicht ent⸗ deckt haben, wie klein er iſt als Menſch. Er iſt ein kleiner Menſch, und noch weniger als klein. Die Franzoſen haben von Polignae IV. 19 290 nichts Aergeres ſagen können, als: er ſey ein Wellington ohne Ruhm. In der That, was Vtdd, eee, bleibt übrig, wenn man einem Wellington die S. I. Ee geldmarſchalluniform des Ruhmes auszieht? Ich habe hier die beſte Apologie des Lord Wellington— im engliſchen Sinne des Wortes— geliefert. Man wird ſich aber wundern, wenn ich ehrlich geſtehe, daß ich dieſen Helden einſt ſo⸗ gar mit vollen Segeln gelobt habe. Es iſt eine gute Geſchichte, und ich will ſie hier erzählen: Mein Barbier in London war ein Radikaler, genannt Miſter White, ein armer kleiner Mann in einem abgeſchabten ſchwarzen Kleide, das einen weißen Wiederſchein gab; er war ſo dünn, daß die Façade ſeines Geſichtes nur ein Profil zu ſeyn ſchien, und die Seufzer in ſeiner Bruſt ſichtbar waren noch ehe ſie aufſtiegen. Er ſeufzte nämlich immer über das Unglück von Alt⸗Eng⸗ land und über die Unmöglichkeit, jemals die Nazionalſchuld zu bezahlen. „Ach!“— hörte ich ihn gewöhnlich ſeufzen— „was brauchte ſich das engliſche Volk darum zu bekümmern wer in Frankreich regierte und was die Franzoſen in ihrem Lande treiben? Aber der hohe Adel und die hohe Kirche fürchteten die Freyheitsgrundſätze der franzöſiſchen Revoluzion, und um dieſe Grundſätze zu unterdrücken, mußte John Bull ſein Blut und ſein Geld hergeben, und noch obendrein Schulden machen. Der Zweck des Krieges iſt jetzt erreicht, die Revoluzion iſt unterdrückt, den franzöſiſchen Freyheitsadlern ſind die Flügel beſchnitten, der hohe Adel und die hohe Kirche können jetzt ganz ſicher ſeyn, daß keiner derſelben über den Kanal fliegt, und der hohe Adel und die hohe Kirche ſollten jetzt wenigſtens die Schulden bezahlen, die für ihr eignes Intereſſe, und nicht für das arme Volk gemacht worden ſind. Ach! das arme Volk—“ Immer wenn er an„das arme Volk“ kam, ſeufzte Miſter White noch tiefer, und der 19* 292 Refrain war dann, daß das Brod und der Porter ſo theuer ſey, und daß das arme Volk verhungern müſſe, um dicke Lords, Jagdhunde und Pfaffen zu füttern, und daß es nur Eine Hülfe gäbe. Bey dieſen Worten pflegte er auch das Meſſer zu ſchleifen, und während er es über das Schleifleder hin und herzog, murmelte er ingrimmig langſam:„Lords, Hunde, Pfaffen!“ Gegen den Duke of Wellington kochte aber ſein radikaler Zorn immer am heftigſten, er ſpuckte Gift und Galle ſobald er auf dieſen zu ſprechen kam, und wenn er mich unterdeſſen einſeifte, ſo geſchah es mit ſchäumender Wuth. Einſt wurde ich ordentlich bange, als er mich juſt nahe beym Halſe barbirte, während er ſo heftig gegen Wellington loszog, und beſtändig dazwiſchen murmelte:„hätte ich ihn nur ſo unterm Meſſer, ich würde ihm die Mühe er⸗ ſparen ſich ſelbſt die Kehle abzuſchneiden, wie ſeyn Amtsbruder und Landsmann Londonderry, 293 der ſich die Kehle abgeſchnitten zu Nordkray in der Grafſchaft Kent— Gott verdamm ihn.“ Ich fühlte ſchon wie die Hand des Mannes zitterte, und aus Furcht, daß er in der Leiden⸗ ſchaft ſich plötzlich einbilden könnte, ich ſey der Duke of Wellington, ſuchte ich ſeine Heftigkeit herabzuſtimmen, und ihn unter der Hand zu beſänftigen. Ich nahm ſeinen Nazionalſtolz in Anſpruch, ich ſtellte ihm vor, daß Wellington den Ruhm der Engländer befördert, daß er im⸗ mer nur eine unſchuldige Maſchine in dritten Händen geweſen ſey, daß er gern Beefſteaks eſſe, und daß er endlich— Gott weiß! was ich noch mehr von Wellington rühmte, als mir das Meſſer an der Kehle ſtand. * X *+ Was mich am meiſten ärgert, iſt der Ge⸗ danke, daß Arthur Wellington eben ſo unſterb⸗ lich wird wie Napoleon Bonaparte. Iſt doch, in ähnlicher Weiſe, der Name Pontius Pilatus 294 eben ſo unvergeßlich geblieben, wie der Name 1 Chriſti. Wellington und Napoleon! Es iſt ein wunderbares Phänomen, daß der menſchliche Geiſt ſich beyde zu gleicher Zeit denken kann. Es giebt keine größeren Contraſte als dieſe beyden, ſchon in ihrer äußern Erſcheinung. Wellington, das dumme Geſpenſt, mit einer aſchgrauen Seele in einem ſteifleinenen Körper, ein hölzernes Lächeln in dem frierenden Ge⸗ ſichte— daneben denke man ſich das Bild Napoleons, jeder Zoll ein Gott! Nie ſchwindet dieſes Bild aus meinem Ge⸗ dächtniſſe. Ich ſehe ihn immer noch hoch zu Roß, mit den ewigen Augen in dem marmornen Imperatorgeſichte, ſchickſalruhig hinabblicken auf die vorbeydefilirenden Garden— er ſchickte ſie damals nach Rußland, und die alten Grenadiere ſchauten zu ihm hinauf, ſo ſchauerlich ergeben, ſo mitwiſſend ernſt, ſo todesſtolz— Te, Caesar, morituri salutant! 295 Manchmal überſchleicht mich geheimer Zweifel, ob ich ihn wirklich ſelbſt geſehen, ob wir wirklich ſeine Genoſſen waren, und es iſt mir dann als ob ſein Bild, losgeriſſen aus dem kleinen Rahmen der Gegenwart, immer ſtolzer und herriſcher zurückweiche in vergangenheitliche Dämmerung. Sein Name ſchon klingt uns wie eine Kunde der Vorwelt, und eben ſo antik und heroiſch wie die Namen Alexander und Cäſar. Er iſt ſchon ein Loſungswort geworden unter den Völkern, und wenn der Orient und der Oceident ſich begegnen, ſo verſtändigen ſie ſich durch dieſen einzigen Namen. Wie bedeutſam und magiſch alsdann dieſer Name erklingen kann, das empfand ich aufs Tiefſte, als ich einſt im Hafen von London, wo die indiſchen Docks ſind, an Bord eines Oſtindienfahrers ſtieg, der eben aus Bengalen angelangt war. Es war ein rieſenhaftes Schiff und zahlreich bemannt mit Hindoſtanern. Die 296 grotesken Geſtalten und Gruppen, die ſeltſam bunten Trachten, die räthſelhaften Mienen, die wunderlichen Leibesbewegungen, der wildfremde Klang der Sprache, des Jubels und des Lachens, dabey wieder der Ernſt auf einigen ſanftgelben Geſichtern, deren Augen, wie ſchwarze Blumen, mich mit abentheuerlicher Wehmuth anſahen— alles das erregte in mir ein Gefühl wie Ver⸗ zauberung, ich war plötzlich wie verſetzt in Schehereſade's Mährchen, und ich meinte ſchon, nun müßten auch breitblättrige Palmen und langhälſige Kameele und goldbedeckte Elephanten und andere fabelhafte Bäume und Thiere zum Vorſchein kommen. Der Superkargo, der ſich auf dem Schiff befand und die Sprache jener Leute eben ſo wenig verſtand als ich, konnte mir, mit ächtbritiſcher Beſchränktheit, nicht genug erzählen, was das für ein närriſches Volk ſey, faſt lauter Mahomedaner, zuſammengewürfelt aus allen Ländern Aſiens, von der Grenze 297 Chinas bis ans arabiſche Meer, darunter ſogar einige pechſchwarze, wollhaarige Afrikaner. Des dumpfen abendländiſchen Weſens ſo ziemlich überdrüſſig, ſo recht Europa⸗ müde wie ich mich damals manchmal fühlte, war mir dieſes Stück Morgenland, das ſich jetzt heiter und bunt vor meinen Augen bewegte, eine er⸗ quickliche Labung, mein Herz erfriſchten wenig⸗ ſtens einige Tropfen jenes Trankes, wonach es in trübhannovriſchen oder königlich preußiſchen Winternächten ſo oft geſchmachtet hatte, und die fremden Leute mochten es mir wohl anſehen, wie angenehm mir ihre Erſcheinung war, und wie gern ich ihnen ein Liebeswörtchen geſagt hätte. Daß auch ich ihnen recht wohl gefiel, war den innigen Augen anzuſehen, und ſie hätten mir ebenfalls gern etwas Liebes geſagt, und es war eine Trübſal, daß Keiner des Anderen Sprache verſtand. Da endlich fand ich ein Mittel, ihnen meine freundſchaftliche Geſin⸗ 298 nung auch mit einem Worte kund zu geben, und ehrfurchtsvoll und die Hand ausſtreckend, wie zum Liebesgruß, rief ich den Namen: Mahomed! Freude überſtrahlte plötzlich die dunklen Geſichter der fremden Leute, ſie kreuzten ehrfurchtsvoll die Arme, und zum erfreuenden Gegengruß riefen ſie den Namen: Bonaparte! 299 XI. Deie Befreyung. Wenn mir mal die Zeit der müßigen Unter⸗ ſuchungen wiederkehrt, ſo werde ich langweiligſt gründlich beweiſen: daß nicht Indien, ſondern Egypten jenes Kaſtenthum hervorgebracht hat, das ſeit zwey Jahrtauſenden, in jede Landestracht ſich zu vermummen, und jede Zeit in ihrer eigenen Sprache zu täuſchen wußte, das vielleicht jetzt todt iſt, aber den Schein des Lebens er⸗ heuchelnd, noch immer bösäugig und unheil⸗ ſtiftend unter uns wandelt, mit ſeinem Leichendufte 300 unſer blühendes Leben vergiftet, ja, als ein Vampyr des Mittelalters, den Völkern das Blut und das Licht aus den Herzen ſaugt. Dem Schlamme des Nil⸗Thals entſtiegen nicht bloß die Krokodille, die ſo gut weinen können, ſon⸗ dern auch jene Prieſter, die es noch beſſer ver⸗ ſtehen, und jener privilegirt erbliche Kriegerſtand, der in Mordgier und Gefräßigkeit die Kroko⸗ dille noch übertrifft. Zwey tiefſinnige Männer, deutſcher Nazion, entdeckten den heilſamſten Gegenzauber wider die ſchlimmſte aller egyptiſchen Plagen, und durch ſchwarze Kunſt— durch die Buchdruckerey und das Pulver— brachen ſie die Gewalt jener geiſtlichen und weltlichen Hierarchie, die ſich aus einer Verbindung des Prieſterthums und der Kriegerkaſte, nämlich aus der ſogenannten katho⸗ liſchen Kirche und des Feudaladels, gebildet hatte, und die ganz Europa weltlich und geiſtlich knechtete. Die Druckerpreſſe zerſprengte das Do nengebiude, worin der Großpfaffe von — Kie Geiſter gekerkert, und Nord⸗Europa wider. ſbeye entlaͤſ von dem nücht⸗ eer Al jener Kleriſey, die zwar in der Form a von der egyptiſchen Standeserblichkeit abge⸗ wichen war, im Geiſte aber dem egyptiſchen — Prieſterſyſteme um ſo getreuer bleiben konnte, da ſie ſich nicht durch natürliche Fortpflanzung, ſondern unnatürlich, durch mamelukenhafte Re⸗ krutirung, als eine Corporazion von Hageſtolzen, noch ſchroffer darſtellte. Eben ſo ſehen wir, wie die Kriegskaſte ihre Macht verliert, ſeit die alte Handwerksroutine nicht mehr von Nutzen iſt bey der neuen Kriegsweiſe; denn von dem Poſaunentone der Kanonen werden jetzt die ſtärkſten Burgthürme niedergeblaſen, wie weiland die Mauern von Jericho, der eiſerne Harniſch des Ritters ſchützt gegen den bleyernen Regen eben ſo wenig wie der leinene Kittel des Bauers; das Pulver macht die Menſchen gleich, eine . bürgerliche Flüñte geht eben ſo gut los wie eine 2 5⸗5 —dliche Flinte das Volk erhebt ſich. u Z— h-=Ae 2 QSberree — roe Die früheren Beſtrebungen, die wir in 2 Geſchichte der lombardiſchen und toskaniſchen Republiken, der ſpaniſchen Communen, und der freyen Städte in Deutſchland und andern Län⸗ dern erkennen, verdienen nicht die Ehre, eine Volkserhebung genannt zu werden; es war kein Streben nach Freyheit, ſondern nach Freyheiten, kein Kampf für Rechte, ſondern für Gerechſame; Corporazionen ſtritten um Privilegien, und es blieb alles in den feſten Schranken des Gilden⸗ und Zunftweſens. Erſt zur Zeit der Refor⸗ mazion wurde der Kampf von allgemeiner und geiſtiger Art, und die Freyheit wurde verlangt, nicht als ein hergebrachtes ſondern als ein ur⸗ ſprüngliches, nicht als ein erworbenes, ſondern als ein angeborenes Recht. Da wurden nicht 303 mehr alte Pergamente, ſondern Prinzipien vor⸗ gebracht; und der Bauer in Deutſchland und der Puritaner in England beriefen ſich auf das Evangelium, deſſen Ausſprüche damals an Ver⸗ nunft Statt galten, ja noch höher galten, nämlich als eine geoffenbarte Vernunft Gottes. Da ſtand deutlich ausgeſprochen: daß die Menſchen von gleich edler Geburt ſind, daß hochmüthiges Beſſerdünken verdammt werden muß, daß der Reichthum eine Sünde iſt, und daß auch die Armen berufen ſind zum Genuſſe, in dem ſchönen Garten Gottes, des gemeinſamen Vaters. Mit der Bibel in der einen Hand und mit dem Schwerte in der andern, zogen die Bauern durch das ſüdliche Deutſchland, und der üppigen Bürgerſchaft im hochgethürmten Nüremberg ließen ſie ſagen: es ſolle künftig kein Haus im Reiche ſtehen bleiben, das anders ausſehe als ein Bauernhaus. So wahr und tief hatten ſie die Gleichheit begriffen. Noch heutigen Tags, in Franken und Schwaben, ſchauen wir die Spuren dieſer Gleichheitslehre, und eine grauenhafte Ehrfurcht vor dem hei⸗ ligen Geiſte überſchleicht den Wanderer, wenn er im Mondſchein die dunkeln Burgtrümmer ſieht aus der Zeit des Bauernkriegs. Wohl dem, der, nüchternen Sinns, nichts anderes ſieht; iſt man aber ein Sonntagskind— und das iſt jeder Geſchichtskundige— ſo ſieht man auch die hohe Jagd, die der deutſche Adel, der roheſte der Welt, gegen die Beſiegten geübt, man ſieht, wie tauſendweis die Wehrloſen todt⸗ geſchlagen, gefoltert, geſpießt und gemartert wurden, und aus den wogenden Kornfeldern ſieht man ſie geheimnißvoll nicken die blutigen Bauernköpfe, und drüber hin hört man pfeifen eine entſetzliche Lerche, rachegellend, wie der Pfeifer vom Helfenſtein. „Etwas beſſer erging es den Brüdern in England und Schottland; ihr Untergang war 305 nicht ſo ſchmählig und erfolglos, und noch jetzt ſehen wir dort die Früchte ihres Regiments. Aber es gelang ihnen keine feſte Begründung deſſelben, die ſauberen Cavaliere herrſchen wieder nach wie vor, und ergötzen ſich an den Spaß⸗ geſchichten von den alten ſtarren Stutzköpfen, die der befreundete Barde, zu ihrer müßigen unterhaltung ſo hübſch beſchrieben. Keine ge⸗ ſellſchaftliche Umwälzung hat in Großbritannien ſtattgefunden, das Gerüſte der bürgerlichen und politiſchen Inſtituzionen blieb unzerſtört, die Kaſtenherrſchaft und das Zunftweſen hat ſich dort bis auf den heutigen Tag erhalten, und obgleich getränkt von dem Lichte und der Wärme der neuern Civiliſazion, verharrt England in einem mittelalterlichen Zuſtande, oder vielmehr im Zuſtande eines faſhionablen Mittelalters. Die Conzeſſionen, die dort den liberalen Ideen gemacht worden, ſind dieſer mittelalterlichen Starrheit nur mühſam abgekämpft worden und IV. 20 306 nie aus einem Prinzip, ſondern aus der factiſchen Nothwendigkeit, ſind alle modernen Verbeſſe⸗ rungen hervorgegangen, und ſie tragen alle den Fluch der Halbheit, die immer neue Drangſal und neuen Todeskampf und deſſen Gefahren nöthig macht. Die religiöſe Reformazion iſt in England nur halb vollbracht, und zwiſchen den kahlen vier Gefängnißwänden der biſchöflich anglikaniſchen Kirche befindet man ſich noch viel ſchlechter, als in dem weiten, hübſch be⸗ malten und weichgepolſterten Geiſteskerker des Katholizismus. Mit der politiſchen Reformazion iſt es nicht viel beſſer gegangen, die Volksver⸗ tretung iſt ſo mangelhaft als möglich: wenn die Stände ſich auch nicht mehr durch den Rock trennen, ſo trennen ſie ſich doch noch immer durch verſchiedenen Gerichtsſtand, Patronage, Hoffähigkeit, Prärogative, Gewohnheitsvorrechte, und ſonſtige Fatalien; und wenn Eigenthum und Perſon des Volks nicht mehr von ariſto⸗ 307 kratiſcher Willkür, ſondern vom Geſetze abhängen, ſo ſind doch dieſe Geſetze nichts anders als eine andere Art von Zähnen, womit die ariſtokra⸗ tiſche Brut ihre Beute erhaſcht, und eine andere Art von Dolchen, womit ſie das Volk meuchelt. Denn wahrlich, kein Tyrann vom Continente würde aus Willkür ſo viel Taxen erpreſſen, als das engliſche Volk von Geſetzwegen bezahlen muß, und kein Tyrann war jemals ſo grauſam wie Englands Criminalgeſetze, die täglich morden, für den Betrag eines Shillings, und mit Buch⸗ ſtabenkälte. Wird auch, ſeit kurzem, manche Verbeſſerung dieſes trüben Zuſtandes in Eng⸗ land vorbereitet, werden auch der weltlichen und geiſtlichen Habſucht hie und da Schranken geſetzt, wird auch jetzt die große Lüge einer Volksver⸗ tretung einigermaßen begütigt, indem man hie und da einem großen Fabrikorte die verwirkte Wahlſtimme von einem rotten borrough über⸗ trägt, wird gleichfalls hie und da die barſche 20* 308 Intoleranz gemildert, indem man auch einige andere Secten bevorrechtet— ſo iſt dieſes alles doch nur leidige Altflickerey, die nicht lange vorhält, und der dümmſte Schneider in England kann vorausſehen, daß über kurz oder lang das alte Staatskleid in trübſeligen Fetzen aus⸗ einanderreißt. * „Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuche an ein altes Kleid; denn der neue Lap⸗ pen reißt doch vom alten, und der Riß wird ärger. Und niemand faſſet Moſt in alte Schläuche; anders zerreißt der Moſt die Schläuche, und der Wein wird verſchüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern man ſoll Moſt in neue Schläuche faſſen.“ Die tiefſte Wahrheit erblüht nur der tief⸗ ſten Liebe, und daher die Uebereinſtimmung in den Anſichten des älteren Bergpredigers, der 309 gegen die Ariſtokratie von Jeruſalem geſprochen, und jener ſpätern Bergprediger, die von der Höhe des Convents zu Paris ein dreyfarbiges Evangelium herabpredigten, wonach nicht bloß die Form des Staates, ſondern das ganze geſellſchaftliche Leben, nicht geflickt, ſondern neu umgeſtaltet, neu begründet, ja neu geboren werden ſollte. Ich ſpreche von der franzöſiſchen Revolu⸗ zion, jener Weltepoche, wo die Lehre der Frey⸗ heit und Gleichheit ſo ſiegreich emporſtieg aus jener allgemeinen Erkenntnißquelle, die wir Ver⸗ nunft nennen, und die, als eine unaufhörliche Offenbarung, welche ſich in jedem Menſchen⸗ haupte wiederholt und ein Wiſſen begründet, noch weit vorzüglicher ſeyn muß, als jene über⸗ lieferte Offenbarung, die ſich nur in wenigen Auserleſenen bekundet, und von der großen Menge nur geglaubt werden kann. Dieſe letzt⸗ genannte Offenbarungsart, die ſelbſt ariſtokra⸗ 310 tiſcher Natur iſt, vermochte nie die Prioilegien⸗ herrſchaft, das bevorrechtete Kaſtenweſen, ſo ſicher zu bekämpfen, wie es die Vernunft, die demokratiſcher Natur iſt, jetzt bekämpft. Die Revoluzionsgeſchichte iſt die Kriegsgeſchichte dieſes Kampfes, woran wir alle mehr oder minder Theil genommen; es iſt der Todeskampf mit dem Egyptenthum. Obgleich die Schwerter der Feinde täglich ſtumpfer werden, obgleich wir ſchon die beſten Poſtzionen beſetzt, ſo können wir doch nicht eher das Triumphlied anſtimmen, als bis das Werk vollendet iſt. Wir können nur in den Zwiſchen⸗ nächten, wenn Waffenſtillſtand, mit der Laterne aufs Schlachfeld hinausgehen, um die Todten zu beerdigen.— Wenig fruchtet die kurze Leichenrede! Die Verläumdung, das freche Geſpenſt, ſetzt ſich auf die edelſten Gräber— Ach! gilt doch der Kampf auch jenen Erb⸗ feinden der Wahrheit, die ſo ſchlau den guten 311 Leumund ihrer Gegner zu vergiften wiſſen, und die ſogar jenen erſten Bergprediger, den reinſten Freyheitshelden, herabzuwürdigen wußten; denn als ſie nicht läugnen konnten, daß er der größte Menſch ſey, machten ſie ihn zum kleinſten Gotte. Wer mit Pfaffen kämpft, der mache ſich darauf gefaßt, daß der beſte Lug und die triftigſten Verläumdungen ſeinen armen guten Namen zer⸗ fetzen und ſchwärzen werden. Aber gleich wie man jene Fahnen, die in der Schlacht am meiſten von den Kugeln zerfetzt und von Pulverdampf geſchwärzt worden, höher ehrt als die blankſten und geſündeſten Rekrutenfahnen, und wie man ſie endlich als Nazionalreliquien in den Domen aufſtellt: ſo werden einſt die Namen unſerer Helden, jemehr ſie zerfetzt und angeſchwärzt worden, um ſo enthuſiaſtiſcher verehrt werden, b in der heiligen Genofevakirche der Freyheit. Wie die Helden der Revoluzion, ſo hat man die Revoluzion ſelbſt verläumdet, und ſie als 32 ein Fürſtenſchreckniß und eine Volkſcheuche dar⸗ geſtellt in Libellen aller Art. Man hat in den Schulen all die ſogenannten Greuel der Revo⸗ luzion von den Kindern auswendig lernen laſſen, und auf den Jahrmärkten ſah man, einige Zeit, nichts anderes als grelleolorirte Bilder der Guillotine. Es iſt freylich nicht zu läugnen, dieſe Maſchine, die ein franzöſiſcher Arzt, ein großer Welt⸗Orthopäde, Monſieur Gulllotin, erfunden hat, und womit man die dummen Köpfe von den böſen Herzen ſehr leicht trennen kann, dieſe heilſame Maſchine hat man etwas oft angewandt, aber doch nur bey unheilbaren Krankheiten, z. B. bey Verrath, Lüge und Schwäche, und man hat die Pazienten nicht lang gequält, nicht gefoltert, und nicht gerädert, wie einſt tauſende und abertauſende Rotüriers und Vilains, Bürger und Bauern, gequält, ge⸗ foltert und gerädert wurden, in der guten alten Zeit. Daß die Matroſen mit jener Maſchine 313 ſogar das Oberhaupt ihres Staates amputirt, iſt freylich entſetzlich, und man weiß nicht, ob man ſie deßhalb des Vatermords oder des Selbſtmords beſchuldigen ſoll; aber bey milde⸗ rungsgründlicher Betrachtung finden wir, daß Ludwig von Frankreich minder ein Opfer der Leidenſchaften als vielmehr der Begebenheiten geworden, und daß diejenigen Leute, die das Volk zu ſolchem Opfer drängten und die ſelbſt, zu allen Zeiten, in weit reichlicherem Maaße, Fürſtenblut vergoſſen haben, nicht als laute Kläger auftreten ſollten. Nur zwey Könige, beyde vielmehr Könige des Adels als des Vol⸗ kes, hat das Volk geopfert, nicht in Friedens⸗ zeit, nicht niedriger Intereſſen wegen, ſondern in äußerſter Kriegsbedrängniß, als es ſich von ihnen verrathen ſah, und während es ſeines eignen Blutes am wenigſten ſchonte; aber gewiß mehr als tauſend Fürſten fielen meuchlings, und der Habſucht oder frivoler Intereſſen wegen, IV. 21 314 durch den Dolch, durch das Schwert und durch das Gift des Adels und der Pfaffen. Es iſt als ob dieſe Kaſten den Fürſtenmord ebenfalls zu ihren Privilegien rechneten, und deßhalb den Tod Ludwig XVI. und Karl I. um ſo eigen⸗ nütziger beklagten. O, daß die Könige endlich einſähen, daß ſie, als Könige des Volkes, im Schutze der Geſetze, viel ſicherer leben können, als unter der Garde ihrer adligen Leibmörder! X 4* * Aber nicht bloß die Helden der Revoluzion und die Revoluzion ſelbſt, ſondern ſogar unſer ganzes Zeitalter hat man verläumdet, die ganze Liturgie unſerer heiligſten Ideen hat man paro⸗ dirt, mit unerhörtem Frevel, und wenn man ſie hört oder lieſ't, unſere ſchnöden Verächter, ſo heißt das Volk die Canaille, die Freyheit heißt Frechheit, und mit himmelnden Augen und from⸗ men Seufzern, wird geklagt und bedauert wir — 315 wären frivol und hätten leider keine Religion. Heuchleriſche Duckmäuſer, die unter der Laſt ihrer geheimen Sünden niedergebeugt einher ſchleichen, wagen es, ein Zeitalter zu läſtern, das vielleicht das heiligſte iſt von allen ſeinen Vorgängern und Nachfolgern, ein Zeitalter, das ſich opfert für die Sünden der Vergangenheit und für das Glück der Zukunft, ein Meſſtas unter den Jahrhunderten, der die blutige Dor⸗ nenkrone und die ſchwere Kreuzlaſt kaum ertrüge, wenn er nicht dann und wann ein heitres Vau⸗ deville trällerte und Späße riſſe über die neueren Phariſäer und Saduzäer. Die koloſſalen Schmerzen wären nicht zu ertragen ohne ſolche Witzreißerey und Perſiflage! Der Ernſt tritt um ſo gewaltiger hervor, wenn der Spaß ihn angekündigt. Die Zeit gleicht hierin ganz ihren Kindern unter den Franzoſen, die ſehr ſchreckliche, leichtfertige Bücher geſchrieben, und doch ſehr ſtreng und ernſthaft ſeyn konnten, wo Strenge 316 und Ernſt nothwendig wurden; z. B. Dü Clos 5 und gar Louvet de Couvrai, die beyde, wo es galt, mit Märtyrerkühnheit und Aufopferung für die Freyheit ſtritten, übrigens aber ſehr frivol und ſchlüpfrig ſchrieben, und leider keine Religion hatten. Als ob die Freyheit nicht eben ſo gut eine Religion wäre, als jede andere! Da es die unſerige iſt, ſo könnten wir, mit demſelben Maaße meſſend, ihre Verächter für frivol und irreligiös erklären. Ja ich wiederhole die Worte, womit ich dieſe Blätter eröffnet: die Freyheit iſt eine neue Religion, die Religion unſerer Zeit. Wenn Chriſtus auch nicht der Gott dieſer Religion iſt, ſo iſt er doch ein hoher Prieſter derſelben, und ſein Name ſtrahlt beſeligend in die Herzen der Jünger. Die Franzoſen ſind aber das aus⸗ — * 317 erleſene Volk der neuen Religion, in ihrer Sprache ſind die erſten Evangelien und Dogmen verzeichnet, Paris iſt das neue Jeruſalem, und der Rhein iſt der Jordan, der das geweihte Land der Freyheit trennt von dem Lande der Philiſter. 4 318 Schlußwvert. (Geſchrieben den 29. Nov. 1830.) Es war eine niedergedrückte, arretirte Zeit in Deutſchland, als ich den zweiten Band der Reiſebilder ſchrieb und während des Schreibens drucken ließ. Ehe er aber erſchien, verlautete ſchon etwas dovon im Publikum, es hieß, mein Buch wolle den eingeſchüchterten Freyheitsmuth wieder aufmuntern, und man treffe ſchon Maß⸗ regeln, es ebenfalls zu unterdrücken. Bey ſol⸗ chem Gerüchte war es rathſam, das Werk um ſo ſchneller zu fördern und aus der Preſſe zu f V vV— 319 jagen. Da es eine gewiſſe Bogenzahl enthalten mußte, um den Anſprüchen einer hochlöblichen Cenſur zu entgehen: ſo glich ich in jener Noth dem Benvenuto Cellini, als er beym Guß des Perſeus nicht Erz genug hatte, und zur Füllung der Form, alle zinnerne Teller die ihm zur Hand lagen, in den Schmelzofen warf. Es war gewiß leicht, das Zinn, beſonders das zinnerne Ende des Buches, von dem beſſeren Erze zu unterſcheiden; doch, wer das Handwerk verſtand, verrieth den Meiſter nicht. Wie aber alles in der Welt wiederkehren kann, ſo geſchieht es auch, daß ſich zufälliger⸗ weiſe bey dieſem Bande eine ähnliche Be⸗ drängniß ereignet, und ich habe wieder eine Menge Zinn in den Guß werfen müſſen, und ich wünſche, daß man meine Zinngießereyen nur der Zeitnoth zuſchreibe. 320 Ach! iſt ja das ganze Buch aus der Zeit⸗ noth hervorgegangen, eben ſo wie die früheren Schriften ähnlicher Richtung; die näheren Freunde des Verfaſſers, die ſeiner Privat⸗ verhältniſſe kundig ſind, wiſſen ſehr gut wie wenig ihn die eigene Selbſtſucht zur Tribüne drängt, und wie groß die Opfer ſind, die er bringen muß, für jedes freie Wort, daß er ſeitdem ge⸗ ſprochen— und wills Gott! noch ſprechen wird. Jetzt iſt das Wort eine That, deren Folgen ſich nicht abmeſſen laſſen; kann doch keiner genau wiſſen, ob er nicht gar am Ende als Blutzeuge auftreten muß für das Wort. Seit mehreren Jahren warte ich vergebens auf das Wort jener kühnen Redner, die einſt in den Verſammlungen der deutſchen Burſchen⸗ ſchaft ſo oft ums Wort baten, und mich ſo oft durch ihre rhetoriſchen Talente überwunden, und eine ſo vielverſprochene Sprache geſprochen; ſie — 324. waren ſonſt ſo vorlaut, und ſind jetzt ſo nach⸗ ſtill. Wie ſchmähten ſie damals die Franzen und das welſche Babel und den undeutſchen, frivolen Vaterlandsverräther, der das Franzen⸗ thum lobte. Jenes Lob hat ſich bewährt in der großen Woche. Ach, die große Woche von Paris! Der Freyheitsmuth, der von dort herüberwehte nach Deutſchland, hat freylich hie und da die Nacht⸗ lichter umgeworfen, ſo daß die rothen Gardinen an einigen Thronen in Brand geriethen und die goldnen Kronen heiß wurden unter den lodernden Schlafmützen;— aber die alten Häſcher, denen die Reichspolizey anvertraut, ſchleppen ſchon die Löſcheymer herbey, und ſchnüffeln jetzt um ſo wachſamer, und ſchmieden um ſo feſter die heimlichen Ketten, und ich merke ſchon, unſichtbar wölbt ſich eine noch dichtere Kerkermauer um das deutſche Volk. 322 Armes, gefangenes Volk! verzage nicht in deiner Noth— O, daß ich Katapulta ſprechen könnte! O, daß ich Falarika hervorſchießen könnte aus meinem Herzen! Von meinem Herzen ſchmilzt die vornehme Eisrinde, eine ſeltſame Wehmuth beſchleicht mich — iſt es Liebe und gar Liebe für das deutſche Volk? Oder iſt es Krankheit?— meine Seele bebt, und es brennt mir im Auge, und das iſt ein ungünſtiger Zuſtand für einen Schriftſteller, der den Stoff beherrſchen und hübſch objectiv bleiben ſoll, wie es die Kunſtſchule verlangt, und wie es auch Goethe gethan— er iſt achtzig Jahr dabey alt geworden, und Miniſter und wohlhabend— armes deutſches Volk! das iſt dein größter Mann! Es fehlen mir noch einige Octavſeiten und ich will deßhalb noch eine Geſchichte erzählen— 4 — 323 ſie ſchwebt mir ſchon ſeit geſtern im Sinne— es iſt eine Geſchichte aus dem Leben Karl V. Doch iſt es ſchon lange her, ſeit ich ſie vernahm und ich weiß die beſondern Umſtände nicht mehr ganz genau. So was vergißt ſich leicht, wenn man kein beſtimmtes Gehalt dafür bezieht, daß⸗ man die alten Geſchichten alle halbe Jahre vom Hefte ablieſt. Was iſt aber auch daran gele⸗ gen, wenn man die Ortsnamen und Jahrzahlen der Geſchichten vergeſſen hat; wenn man nur ihre innere Bedeutung, ihre Moral, im Ge⸗ dächtniſſe behalten. Dieſe iſt es eigentlich, die mir im Sinne klingt und mich wehmüthig bis zu Thränen ſtimmt. Ich fürchte, ich werde krank. Der arme Kaiſer war von ſeinen Feinden gefangen genommen, und ſaß in ſchwerer Haft. Ich glaube es war in Tyrol. Da ſaß er in einſamer Betrübniß, verlaſſen von allen ſeinen Rittern und Höflingen, und keiner kam ihm zu 324 Hülfe. Ich weiß nicht, ob er ſchon damals jenes käſebleiche Geſicht hatte, wie es auf den Bildern von Holbein abkonterfeit iſt. Aber die menſchenverachtende Unterlippe trat gewiß noch gewaltſamer hervor als auf jenen Bildern. Mußte er doch die Leute verachten, die, im Sonnenſchein des Glückes, ihn ſo ergeben um⸗ wedelt, und ihn jetzt allein ließen in dunkler Noth. Da öffnete ſich plötzlich die Kerkerthüre und herein trat ein verhüllter Mann, und wie dieſer den Mantel zurückſchlug, erkannte der Kaiſer ſeinen treuen Kunz von der Roſen, den Hofnarren. Dieſer brachte ihm Troſt und Rath, und es war der Hofnarr. O, deutſches Vaterland! theures deutſches Volk! ich bin dein Kunz von der Roſen. Der Mann, deſſen eigentliches Amt die Kurzweil und der dich nur beluſtigen ſollte in guten Tagen, er dringt in deinen Kerker zur Zeit der —— — 325 Noth; hier unter dem Mantel bringe ich dir dein ſtarkes Zepter und die ſchöne Krone— erkennſt du mich nicht, mein Kaiſer? Wenn ich dich nicht befreyen kann, ſo will ich dich wenig⸗ ſtens tröſten, und du ſollſt jemanden um dich haben, der mit dir ſchwatzt über die bedräng⸗ lichſte Drangſal, und dir Muth einſpricht, und dich lieb hat, und deſſen beſter Spaß und beſtes Blut zu deinen Dienſten ſteht. Denn du, mein Volk, biſt der wahre Kaiſer, der wahre Herr der Lande— dein Wille iſt ſouverain und viel legitimer, als jenes purpurne Tel est nostre plaisir, das ſich auf ein göttliches Recht be⸗ ruft, ohne alle andre Gewähr als die Salba⸗ dereyen geſchorener Gaukler— dein Wille, mein Volk, iſt die alleinig rechtmäßige Quelle aller Macht. Wenn du auch in Feſſeln darnieder liegſt, ſo ſtegt doch am Ende dein gutes Necht, es naht der Tag der Befreyung, eine neue Zeit 326 beginnt— mein Kaiſer, die Nacht iſt vorüber und draußen glüht das Morgenroth. Kunz von der Roſen, mein Narr, du irrſt dich, ein blankes Beil hältſt du vielleicht für eine Sonne, und das Morgenroth iſt nichts als Blut. Nein, mein Kaiſer, es iſt die Sonne, ob⸗ gleich ſie im Weſten hervorſteigt— ſeit ſechs⸗ tauſend Jahren ſah man ſie immer aufgehen im Oſten, da wird es wohl Zeit, daß ſie mal eine Veränderung vornehme in ihrem Lauf. Kunz von der Roſen, mein Narr, du haſt ja die Schellen verloren von deiner rothen Mütze, und ſie hat jetzt ſo ein ſeltſames Anſehen, die rothe Mütze. Ach, mein Kaiſer, ich habe ob Eurer Noth ſo wüthend ernſthaft den Kopf geſchüttelt, daß 327 die närriſchen Schellen abfielen von der Mütze; ſie iſt aber darum nicht ſchlechter geworden. Kunz von der Roſen, mein Narr, was bricht und kracht da draußen? Seyd ſtill! das iſt die Säge und die Zimmermannsaxt, und bald brechen zuſammen die Pforten Eures Kerkers, und Ihr ſeyd frey, mein Kaiſer! Bin ich denn wirklich Kaiſer? Ach, es iſt ja der Narr, der es mir ſagt! O, ſeufzt nicht, mein lieber Herr, die Kerkerluft macht Euch ſo verzagt; wenn Ihr erſt wieder Eure Macht errungen, fühlt Ihr auch wieder das kühne Kaiſerblut in Euren Adern, und Ihr ſeyd ſtolz wie ein Kaiſer, und übermüthig, und gnädig, und ungerecht, und lächelnd, und undankbar, wie Fürſten ſind. 328 Kunz von der Roſen, mein Narr, wenn ich wieder frey werde, was willſt du dann an⸗ fangen? Ich will mir dann neue Schellen an meine Mütze nähen. Und wie ſoll ich deine Treue belohnen? Ach! lieber Herr, laßt mich nicht umbringen. ————* * ffßf 14 15 16 TErSeSeeee ſſ—“ 8