——-—-= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Offmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — —,— — ——— Heine's RNeiſebilder. Dritter Theil. Bei Hoffmann& Campe in Hamburg ſind erſchienen: Thlr. Sgr. Heine, H., Reiſebilder. 4 Theile........ 7— — der Salon. 4 Theile........ 6 20 romantiſche Schule......... 2— franzöſiſche Zuſtände........ 2— über Ludwig Börne........ 2— Buch der Lieder. 7. Aufl..... 1 15 neue Gedichte. 2. Aufl....... 1 15 Atta Troll. Ein Sommernachtstraum.. 1— Deuſchland, Ein Wintermährchen... 1— über den Denunzianten.— 7 1I 1II der Schwabenſpiegel. Abgedruckt im: Jahr⸗ buch der Literatur 1839. Mit Heine's Vortrait 2— Brief ſü Italien und Frankreich, von einem en............. Cardinal, Pierre, Sirvente, Canzone..... Daumer, G. F., Hafis. Eine Sammlung perſiſcher Gedichte 1 15 —— Mahomed und ſein Werk. line Samm⸗ lung orientaliſcher Gedichte. 1 15 —— die Geheimniſſedes chriſtlichen Alterthums. 2Bde. 3— —— ddie Neligion des neuen Weltalters. 3 Bde. 4 15 Falkſon, Dr. Ferd., Giordano Brund...... 1 15 Gottſchall, R., Gedichte.... 1 15 —— Die Marſeillaiſe. Dramatiſches Gedicht in einem Ack........... —— Wiener Immortellen........= 7¾ Immermann, K., Memorabilien. 3 Bde. B... 5 10 —— Tulifäntchen. Ein Heldengedicht in5 Geſängen— 25 Lapinski, T., Feldzug der ungariſchen Hauptarmee:. 1— Mittheilungen aus dem Leben eines Richters. 3 Bde. 4 15 Nach der Natur. Lebende Bilder aus der Zeit. 3 Theile 4 15 Norder, E., Janus, oder Erinnerungen einer Reiſe durch Frankreich, Deueſcci u. Italien, 5 Thle. 8 20 Prinzhauſen, Friedr., der Scheinkrieg mit Dänemark 3 im Jahre 1848. Ein Zeitbild..... Schirmer, A., politiſches Maibüchlein. Ein Tendenz⸗ roman in Verſen....— 10 Spring, R., die beiden Warrick. Novelle aus dem amerikaniſchen Leben. 2 Bde...... Strodtmann, A., Gottfried Kinkel. Wahrheit ohne Dichtung. Ir Bd.......... 1 15 Vom andern Ufer...... 1 15 .. Waldau, Max, O dieſe Heii........ 15 Weerth, G., Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski......... von DHritterLheil. Vierte Auflage. Hamburg. Hoffmann und Campe. 1850. Druck von Pontt& von Döhren. Hafis auch und Ulrich Hutten Mußten ganz beſtimmt ſich rüſten Wider braun' und blaue Kutten, Meine gehn wie andre Chriſten. Goethe. I. Reiſe von München nach Genua. Ein edles Gemüth kommt nie in Eure Rechnung; und daran ſcheitert heute Eure Weisheit.(Er öffnet ſeinen Schreibtiſch, nimmt zwei Piſtolen heraus, wovon er das eine auf den Tiſch legt und das andre ladet.) Soß Robert's Macht der Verhältniſſe. CEgpitel l. Jch bin der höflichſte Menſch von der Welt. Ich thue mir was darauf zu Gute, niemals grob geweſen zu ſeyn auf dieſer Erde, wo es ſo viele unerträgliche Schlingel giebt, die ſich zu einem hinſetzen und ihre Leiden erzählen oder gar ihre Verſe deklamiren; mit wahrhaft chriſtlicher Geduld habe ich immer ſolche Miſere ruhig angehört, ohne nur durch eine Miene zu verrathen, wie ſehr ſich meine Seele ennuirte. Gleich einem büßenden Braminen, der ſeinen Leib dem Ungeziefer Preis giebt, damit auch dieſe Gottesgeſchöpfe ſich ſättigen, 6 habe ich dem fatalſten Menſchengeſchmeiß oft tagelang Stand gehalten und ruhig zugehört, und meine inneren Seufzer vernahm nur Er, der die Tugend belohnt. Aber auch die Lebensweisheit gebietet uns höflich zu ſeyn, und nicht verdrießlich zu ſchweigen, oder gar Verdrießliches zu er⸗ wiedern, wenn irgend ein ſchwammiger Kom⸗ merzienrath oder dürrer Käſekrämer ſich zu uns ſetzt, und ein allgemein europäiſches Ge⸗ ſpräch anfängt mit den Worten:„Es iſt heute eine ſchöne Witterung.“ Man kann nicht wiſſen, wie man mit einem ſolchen Philiſter wieder zuſammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintränken, daß wir nicht höflich geantwortet:„Die Witterung iſt ſehr ſchön.“ Es kann ſich ſogar fügen, lieber Leſer, daß Du zu Caſſel an der Table d'Hôte neben beſagtem Philiſter zu ſitzen kömmſt, und zwar an ſeine linke Seite, und er iſt juſt der Mann, der die Schüſſel mit braunen Karpfen vor ſich ſtehen hat und luſtig austheilt;— hat er nun eine alte Pique auf Dich, dann reicht er die Teller immer rechts herum, ſo daß auch nicht das kleinſte Schwanzſtückchen für Dich übrig bleibt. Denn ach! Du biſt juſt der Dreizehnte bei Tiſch, welches immer bedenklich iſt, wenn man links neben dem Trancheur ſitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden. Und keine Karpfen bekommen, iſt ein großes Uebel; nächſt dem Verluſt der Nationalkokarde vielleicht das größte. Der Philiſter, der Dir dieſes Uebel bereitet, verhöhnt Dich noch obendrein, und offerirt Dir die Lorbeeren, die in der braunen Sauce liegen geblieben;— ach! was helfen einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabei ſind!— und der Philiſter blinzelt dann mit den Aeuglein, und kichert und lispelt: Es iſt heute eine ſchöne Witterung. Ach, liebe Seele, es kann ſich ſogar fügen, daß Du auf irgend einem Kirchhofe neben dieſem ſelben Philiſter zu liegen kömmſt, und hörſt Du dann am jüngſten Tage die Poſaune erſchallen und ſagſt zu Deinem Nachbar:„Guter Freund, reichen Sie mir gefälligſt die Hand, damit ich aufſtehen kann, das linke Bein iſt mir eingeſchlafen von dem verdammt langen Liegen!“ dann bemerkſt Du plötzlich das wohl⸗ bekannte Philiſterlächeln, und hörſt die höhniſche Stimme: Es iſt heute eine ſchöne Witterung. 9 Capitel II.. „Es iſt heute eine ſcheene Witterung—“ Hätteſt Du, lieber Leſer, den Ton gehört, den unübertrefflichen Fiſtelpaß, womit dieſe Worte geſprochen wurden, und ſaheſt Du gar den Sprecher ſelbſt, das erzproſaiſche Wittwen⸗ kaſſengeſicht, die ſtockgeſcheuten Aeuglein, die auf⸗ geſtülpt pfiffige Forſchungsnaſe: ſo erkannteſt Du gleich, dieſe Blume iſt keinem gewöhnlichen Sande entſproſſen und dieſe Töne ſind die 10 Sprache Charlottenburgs, wo man das Berliniſche noch beſſer ſpricht als in Berlin ſelbſt. Ich bin der höflichſte Menſch von der Welt, und eſſe gern braune Karpfen, und glaube zuweilen an Auferſtehung, und ich antwortete: In der That, die Witterung iſt ſehr ſcheene. Als der Sohn der Spree dermaßen geentert, ging er erſt recht derb auf mich ein, und ich konnte mich nimmermehr los⸗ reißen von ſeinen Fragen und Selbſtbeantwor⸗ tungen, und abſonderlich von ſeinen Parallelen zwiſchen Berlin und München, dem neuen Athen, dem er kein gutes Haar ließ. Ich aber nahm das neue Athen ſehr in Schutz, wie ich denn immer den Ort zu loben pflege, wo ich mich eben befinde. Daß ſolches diesmal auf Koſten Berlins geſchah, das wirſt Du mir gern verzeihen, lieber Leſer, wenn ich 11 Dir unter der Hand geſtehe, dergleichen geſchieht zumeiſt aus purer Politik; denn ich weiß, ſobald ich anfange, meine guten Berliner zu loben, ſo hat mein Ruhm bei ihnen ein Ende, und ſie zucken die Achſel und flüſtern ein⸗ ander zu: Der Menſch wird ſehr ſeicht, uns ſogar lobt er. Keine Stadt hat nem⸗ lich weniger Lokalpatriotismus als Berlin. Tauſend miſerable Schriftſteller haben Berlin ſchon in Proſa und Verſen gefeyert, und es hat in Berlin kein Hahn danach gekräht, und kein Huhn iſt ihnen dafür gekocht worden, und man hat ſie unter den Linden immer noch für miſerable Poeten gehalten, nach wie vor. Dagegen hat man eben ſo wenig Notiz davon genommen, wenn irgend ein After⸗Poet etwa in Parabaſen auf Berlin losſchalt. Wage es aber mal jemand gegen Polkwitz, Insbruck, Schilda, Poſen, Kräh⸗ winkel und andere Hauptſtädte etwas An⸗ 12 zügliches zu ſchreiben! Wie würde ſich der reſpektive Patriotismus dort regen! Der Grund davon iſt: Berlin iſt gar keine Stadt, ſondern Berlin giebt bloß den Ort dazu her, wo ſich eine Menge Menſchen, und zwar darunter viele Menſchen von Geiſt, ver⸗ ſammeln, denen der Ort ganz gleichgültig iſt; dieſe bilden das geiſtige Berlin. Der durch⸗ reiſende Fremde ſieht nur die langgeſtreckten, uniformen Häuſer, die langen breiten Straßen, die nach der Schnur und meiſtens nach dem Eigenwillen eines Einzelnen gebaut ſind, und keine Kunde geben von der Denkweiſe der Menge. Nur Sonntagskinder vermögen etwas von der Privatgeſinnung der Einwohner zu errathen, wenn ſie die langen Häuſerreihen betrachten, die ſich, wie die Menſchen ſelbſt, von einander fern zu halten ſtreben, er⸗ ſtarrend im gegenſeitigen Groll. Nur einmal, in einer Mondnacht, als ich etwas ſpät von Luther und Wegener heimkehrte, ſah ich, wie jene harte Stimmung ſich in milde Wehmuth aufgelöſt hatte, wie die Häuſer, die einander ſo feindlich gegenüber geſtanden, ſich gerührt baufällig chriſtlich anblickten, und ſich verſöhnt in die Arme ſtürzen wollten; ſo daß ich armer Menſch, der in der Mitte der Straße ging, zerquetſcht zu werden fürchtete. Manche werden dieſe Furcht lächer⸗ lich finden, und auch ich lächelte darüber, als ich nüchternen Blicks, den andern Morgen durch eben jene Straßen wanderte, und ſich die Häuſer wieder ſo proſaiſch entgegen gähnten. Es ſind wahrlich mehrere Flaſchen Poeſie dazu nöthig, wenn man in Berlin etwas anderes ſehen will als todte Häuſer und Berliner. Hier iſt es ſchwer, Geiſter zu ſehen. Die Stadt enthält ſo wenig Alterthümlichkeit, und iſt ſo neu; und doch iſt dieſes Neue ſchon ſo alt, ſo welk und 14 abgeſtorben. Denn ſie iſt größtentheils, wie geſagt, nicht aus der Geſinnung der Maſſe, ſondern Einzelner entſtanden. Der große Fritz iſt wohl unter dieſen wenigen der vorzüglichſte, was er vorfand, war nur feſte Unterlage, erſt von ihm erhielt die Stadt ihren eigentlichen Charakter, und wäre ſeit ſeinem Tode nichts mehr daran gebaut worden, ſo bliebe ein hiſtoriſches Denkmal von dem Geiſte jenes proſaiſch wunderſamen Helden, der die raffinirte Ge⸗ ſchmackloſigkeit und blühende Verſtandesfreyheit, das Seichte und das Tüchtige ſeiner Zeit, recht deutſch⸗tapfer in ſich ausgebildet hatte. Potsdam z. B. erſcheint uns als ein ſolches Denkmal, durch ſeine öden Straßen wandern wir wie durch die hinterlaſſenen Schrift⸗ werke des Philoſophen von Sansſouci, es gehört zu deſſen oeuvres posthumes, und obgleich es jetzt nur ſteinernes Makulatur — — ◻1 iſt und des Lächerlichen genug enthält, ſo betrachten wir es doch mit ernſtem Intereſſe, und unterdrücken hie und da eine aufſteigende Lachluſt, als fürchteten wir plötzlich einen Schlag auf den Rücken zu bekommen, wie von dem ſpaniſchen Röhrchen des alten Fritz. Solche Furcht aber befällt uns nimmermehr in Berlin, da fühlen wir, daß der alte Fritz und ſein ſpaniſches Röhrchen keine Macht mehr üben; denn ſonſt würde aus den alten, aufgeklärten Fenſtern der geſunden Vernunftſtadt nicht ſo manch krankes Ob⸗ ſkurantengeſicht herausglotzen, und ſo manch dummes, abergläubiſches Gebäude würde ſich nicht unter die alten ſkeptiſch philoſophiſchen Häuſer eingeſiedelt haben. Ich will nicht mißverſtanden ſeyn, und bemerke ausdrücklich, ich ſtichle hier keinesweges auf die neue Werderſche Kirche, jenen gothiſchen Dom in verjüngtem Maaßſtabe, der nur aus 16 —— Ironie zwiſchen die modernen Gebäude hin⸗ geſtellt iſt, um allegoriſch zu zeigen, wie läppiſch und albern es erſcheinen würde, wenn man alte, längſt untergegangene In⸗ ſtitutionen des Mittelalters wieder neu auf⸗ richten wollte, unter den neuen Bildungen einer neuen Zeit. Das oben Angedeutete gilt bloß von Berlins äußerlicher Erſcheinung, und wollte man in dieſer Beziehung München damit vergleichen, ſo könnte man mit Recht be⸗ haupten: letzteres bilde ganz den Gegenſatz von Berlin. München nemlich iſt eine Stadt, gebaut von dem Volke ſelbſt, und zwar von auf einander folgenden Generazionen, deren Geiſt noch immer in ihren Bauwerken ſichtbar, ſo daß man dort, wie in der Hexenſcene des Makbeth, eine chronologiſche Geiſterreihe erblickt, von dem dunkelrothen Geiſte des Mittelalters, der geharniſcht aus — 17 gothiſchen Kirchenpforten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geiſt unſerer eigenen Zeit, der uns einen Spiegel entgegenhält, worin jeder ſich ſelbſt mit Vergnügen an⸗ ſchaut. In dieſer Reihenfolge liegt eben das Verſöhnende; das Barbariſche empört uns nicht mehr und das Abgeſchmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und nothwendige Uebergänge betrachten. Wir ſind ernſt, aber nicht unmuthig bey dem Anblick jenes barbariſchen Doms, der ſich noch immer, in ſtiefelknechtlicher Geſtalt, über die ganze Stadt erhebt und die Schatten und Ge⸗ ſpenſter des Mittelalters in ſeinem Schooße verbirgt. Mit eben ſo wenig Unmuth, ja ſogar mit ſpaßhafter Rührung, betrachten wir die haarbeuteligen Schlöſſer der ſpätern Periode, die plump deutſchen Nachäffungen der glatt franzöſiſchen Unnatur, die Pracht⸗ gebäude der Abgeſchmacktheit, toll ſchnörkel⸗ III. 2 18 haft von Außen, von Innen noch putziger dekorirt mit ſchreyend bunten Allegorien, ver⸗ goldeten Arabesken, Stukkaturen, und jenen Schildereyen, worauf die ſeligen hohen Herr⸗ ſchaften abkonterfeyt ſind: die Cavaliere mit rothen, betrunken nüchternen Geſichtern, worüber die Alongeperücken, wie gepuderte Löwen⸗ mähnen, herabhängen, die Damen mit ſteifem Toupet, ſtählernem Corſet, das ihr Herz zuſammenſchnürte, und ungeheurem Reifrock, der ihnen deſto mehr proſaiſche Ausdehnung gewährte. Wie geſagt, dieſer Anblick ver⸗ ſtimmt uns nicht, er trägt vielmehr dazu bey, uns die Gegenwart und ihren lichten Werth recht lebhaft fühlen zu laſſen, und wenn wir die neuen Werke betrachten, die ſich neben den alten erheben, ſo iſt's, als würde uns eine ſchwere Perücke vom Haupte genommen und das Herz befreyt von ſtählerner Feſſel. Ich 19 ſpreche hier von den heiteren Kunſttempeln und edlen Palläſten, die in kühner Fülle hervor⸗ blühen aus dem Geiſte Klenze's, des großen Meiſters. Cavſitel III. Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, iſt, unter uns geſagt, etwas ridikül, und es koſtet mich viele Mühe, wenn ich ſie in ſolcher Qualität vertreten ſoll. Dieſes empfand ich aufs Tiefſte in dem Zweigeſpräch mit dem Berliner Phi⸗ liſter, der, obgleich er ſchon eine Weile mit mir geſprochen hatte, unhöflich genug war, alles attiſche Salz im neuen Athen zu vermiſſen. Des, rief er ziemlich laut, giebt es nur in Berlin. Da nur iſt Witz und Ironie. Hier giebt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie. 3 Ironie haben wir nicht— rief Nannerl, die ſchlanke Kellnerin, die in dieſem Augenblick vorbeyſprang— aber jedes andre Bier können Sie doch haben. Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beſte Stetti⸗ ner, war mir ſehr leid, und damit ſie ſich in der Folge wenigſtens keine ſolche Blöße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu doziren: Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, ſondern eine Erfindung der Berliner, der klüg⸗ ſten Leute von der Welt, die ſich ſehr ärgerten, daß ſie zu ſpät auf die Welt gekommen ſind, um das Pulver erfinden zu können, und die deßhalb eine Erfindung zu machen ſuchten, die eben ſo wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, ſehr nützlich iſt. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand 22 eine Dummheit beging, was war da zu thun? das Geſchehene konnte nicht un⸗ geſchehen gemacht werden, und die Leute ſagten: der Kerl war ein Rindvieh. Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügſten iſt und die meiſten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefſten dieſe Unan⸗ nehmlichkeit. Das Miniſterium ſucht dagegen ernſthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Geſprächen, ſolche Erlaubniß erſtreckte ſich nur auf Profeſſoren und hohe Staats⸗ beamte, geringere Leute durften ihre Dumm⸗ heiten bloß im Verborgenen laut werden laſſen;— aber alle dieſe Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anläſſen deſto gewal⸗ tiger hervor, ſie wurden ſogar heimlich von oben herab protegirt, ſie ſtiegen öffentlich 23 von unten hinauf, die Noth war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel er⸗ funden ward, wodurch man jede Dumm⸗ heit gleichſam ungeſchehen machen und ſo⸗ gar in Weisheit umgeſtalten kann. Dieſes Mittel iſt ganz einfach, und beſteht darin daß man erklärt, man habe jene Dumm⸗ heit bloß aus Ironie begangen oder ge⸗ ſprochen. So, liebes Kind, avancirt alles in dieſer Welt, die Dummheit wird Iro⸗ nie, verfehlte Speichelleckerey wird Satyre, natürliche Plumpheit wird kunſtreiche Per⸗ ſiflage, wirklicher Wahnſinn wird Humor, Unwiſſenheit wird brillanter Witz, und Du wirſt am Ende noch die Aspaſia des neuen Athens. Ich hätte noch mehr geſagt, aber das ſchöne Nannerl, das ich unterdeſſen am Schürzenzipfel feſthielt, riß ſich ge⸗ 24 als man von allen Seiten waltſam los, „A Bier! A Bier!“ gar zu ſtürmiſch forderte. Der Berliner aber ſah aus wie die Ironie ſelbſt, als er bemerkte, mit welchem Enthuſiasmus die hohen ſchäu⸗ menden Gläſer in Empfang genommen wur⸗ den; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die ſich den Hopfen⸗ nektar von Herzen ſchmecken ließen, und über deſſen Vortrefflichkeit disputirten, ſprach er lächelnd: das wollen Athenienſer ſind? Die Bemerkungen, die der Mann bey dieſer Gelegenheit nachſchob, thaten mir ordent⸗ lich weh, da ich für unſer neues Athen keine geringe Vorliebe hege, und ich beſtrebte mich daher, dem raſchen Tadler zu bedeuten: daß wir erſt ſeit Kurzem auf den Gedanken ge⸗ kommen ſind, uns als ein neues Athen aufzu⸗ thun, daß wir erſt junge Anfänger ſind, und 25 unſere großen Geiſter, ja unſer ganzes ge⸗ bildetes Publikum noch nicht danach einge⸗ richtet iſt, ſich in der Nähe ſehen zu laſſen. Cs iſt alles noch im Entſtehen und wir ſind noch nicht komplet. Nur die unterſten Fächer, lieber Freund, fügte ich hinzu, ſind erſt be⸗ ſetzt, und es wird Ihnen nicht entgangen ſeyn, daß wir z. B. an Eulen, Sykophanten und Phrynen keinen Mangel haben. Es fehlt uns nur an dem höhern Perſonal, und mancher muß mehrere Rollen zu gleicher Zeit ſpielen. Z. B. unſer Dichter, der die zarte griechiſche Knabenliebe beſingt, hat auch die ariſtopha⸗ niſche Grobheit übernehmen müſſen; aber er kann alles machen, er hat alles was zu einem großen Dichter gehört, außer etwa Phantaſie und Witz, und wenn er viel Geld hätte, wäre er ein reicher Mann. Was uns aber an Quantität fehlt, das erſetzen wir durch Qualität. Wir haben nur einen großen Bild⸗ 26 ——x hauer,— aber es iſt ein„Löwe!“ Wir haben nur einen großen Redner, aber ich bin überzeugt, daß Demoſthenes über den Malz⸗ aufſchlag in Attika nicht ſo gut donnern konnte. Wenn wir noch keinen Sokrates ver⸗ giftet haben, ſo war es wahrhaftig nicht das Gift, welches uns dazu fehlte. Und wenn wir noch keinen eigentlichen Demos, ein ganzes Demagogenvolk beſitzen, ſo können wir doch mit einem Prachtexemplare dieſer Gattung, mit einem Demagogen von Handwerk aufwarten, der ganz allein einen ganzen Demos, einen ganzen Haufen Großſchwätzer, Maulaufſper⸗ rer, Poltrons und ſonſtigen Lumpengeſin⸗ dels, aufwiegt— und hier ſehen Sie ihn ſelbſt. Ich kann der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen, die Figur, die ſich uns jetzt präſentirte, etwas genauer zu bezeichnen. Ob dieſe Figur mit Recht behauptet, daß ihr Kopf etwas 27 Menſchliches habe und ſie daher juriſtiſch be⸗ fugt ſey, ſich für einen Menſchen auszugeben, das laſſe ich dahin geſtellt ſeyn. Ich würde dieſen Kopf vielmehr für den eines Affen halten; nur aus Courtoiſie will ich ihn für menſchlich paſſiren laſſen. Seine Bedeckung beſtand aus einer Tuchmütze, in der Form ähnlich dem Helm des Mambrin, und ſteif⸗ ſchwarze Haare hingen lang herab und waren vorn à l'enfant geſcheitelt. Auf dieſe Vor⸗ derſeite des Kopfes, die ſich für ein Geſicht ausgab, hatte die Göttin der Gemeinheit ihren Stempel gedrückt, und zwar ſo ſtark, daß die dort befindliche Naſe faſt zerquetſcht worden; die niedergeſchlagenen Augen ſchienen dieſe Naſe vergebens zu ſuchen und deßhalb betrübt zu ſeyn; ein übelriechendes Lächeln ſpielte um den Mund, der überaus liebreizend war, und durch eine gewiſſe frappante Aehnlichkeit unſeren grie⸗ chiſchen After⸗Dichter zu den zarteſten Gaſelen 28 begeiſtern konnte. Die Bekleidung war ein alt⸗ deutſcher Rock, zwar ſchon etwas modiſtzirt nach den dringendſten Anforderungen der neueuropäi⸗ ſchen Civiliſation, aber im Schnitt noch immer erinnernd an den, welchen Arminius im teutoburger Walde getragen, und deſſen Urform ſich unter einer patriotiſchen Schneidergeſellſchaft eben ſo geheimnißvoll traditionel erhalten hat, wie einſt die gothiſche Baukunſt unter einer myſtiſchen Maurergilde. Ein weißgewaſchener Lappen, der mit dem bloßen, altdeutſchen Halſe tiefbedeutſam kontraſtirte, bedeckte den Kragen dieſes famoſen Rockes, aus ſeinen langen Aermeln hingen lange ſchmutzige Hände, zwiſchen dieſen zeigte ſich ein langweiliger Leib, worau wieder zwei kurzweilige Beine ſchlotterten— die ganze Geſtalt war eine katzenjämmerliche Parodie des Apoll von Belvedere. und des iſt der Demagog des neuen Athens? frug ſpottlächelnd der Berliner. Du 29 juter Jott, des iſt ja ein Landsmann von mich! Ich traue kaum meinen leiblichen Augen— des iſt ja derjenige, welcher— Ne, des iſt die Möglichkeit! Ja, Ihr verblendeten Berliner— ſprach ich, nicht ohne Feuer— Ihr verkennt Eure heimiſchen Genies, und ſteinigt Eure Propheten. Wir aber können alles gebrauchen! Und wozu braucht Ihr denn dieſe unglück⸗ liche Fliege? Er iſt zu Allem zu gebrauchen wozu Springen, Kriechen, Gemüth, Freſſen, Frömmig⸗ keit, viel Altdeutſch, wenig Latein und gar kein Griechiſch nöthig iſt. Er ſpringt wirklich ſehr gut über'n Stock; macht auch Tabellen von allen möglichen Sprüngen und Verzeichniſſe von allen möglichen Lesarten altdeutſcher Gedichte. 30 Dazu repräſentirt er die Vaterlandsliebe, ohne im mindeſten gefährlich zu ſeyn. Denn man weiß ſehr gut, daß er ſich von den altdeutſchen Demagogen, unter welchen er ſich mal zufällig befunden, zu rechter Zeit zurückgezogen, als ihre Sache etwas gefährlich wurde, und daher mit den chriſtlichen Gefühlen ſeines weichen Herzens nicht mehr übereinſtimmte. Seitdem aber die Gefahr verſchwunden, die Märtyrer für ihre Geſinnung gelitten, faſt alle ſie von ſelbſt auf⸗ gegeben, und ſogar unſere feurigſten Barbiere ihre deutſchen Röcke ausgezogen haben, ſeitdem hat die Blüthezeit unſeres vorſichtigen Vater⸗ landsretters erſt recht begonnen; er allein hat noch das Demagogenkoſtüm und die dazu gehö⸗ rigen Redensarten beybehalten; er preiſ't noch immer Arminius den Cherusker und Frau Thusnelda, als ſey er ihr blonder Enkel; er bewahrt noch immer ſeinen germaniſch patrioti⸗ ſchen Haß gegen welſches Babelthum, gegen die 31 Erfindung der Seife, gegen Thierſch's heidniſch griechiſche Grammatik, gegen Quinctilius Varus, gegen Handſchuh und gegen alle Menſchen, die eine anſtändige Naſe haben;— und ſo ſteht er da, als wandelndes Denkmal einer untergegan⸗ genen Zeit, und wie der letzte Mohikan iſt auch er allein übrig geblieben von einer ganzen that⸗ kräftigen Horde, er, der letzte Demagoge. Sie ſehen alſo, daß wir im neuen Athen, wo es noch ganz an Demagogen fehlt, dieſen Mann brauchen können, wir haben an ihm einen ſehr guten Demagogen, der zugleich ſo zahm iſt, daß er jeden Speichelnapf beleckt, und aus der Hand frißt, Haſelnüſſe, Kaſtanien, Käſe, Würſt⸗ chen, kurz alles frißt was man ihm giebt; und da er jetzt einzig in ſeiner Art, ſo haben wir noch den beſonderen Vortheil, daß wir ſpäter⸗ hin, wenn er krepirt iſt, ihn ausſtopfen laſſen und als den letzten Demagogen, mit Haut und Haar, für die Nachwelt aufbewahren können. Ich 32 bitte Sie jedoch, ſagen Sie das nicht dem Pro⸗ feſſor Lichtenſtein in Berlin, der ließe ihn ſonſt für das zoologiſche Muſeum reklamiren, welches Anlaß zu einem Kriege zwiſchen Preußen und Bayern geben könnte, da wir ihn auf keinen Fall ausliefern werden. Schon haben die Eng⸗ länder ihn aufs Korn genommen und Zwei⸗ taufend ſiebenhundert ſieben und ſiebenzig Gui⸗ neen für ihn geboten, ſchon haben die Oeſt⸗ reicher ihn gegen die Giraffe eintauſchen wollen; aber unſer Miniſterium ſoll geäußert haben: der letzte Demagog iſt uns für keinen Preis feil, er wird einſt der Stolz unſeres Raturalienkabinets und die Zierde unſerer Stadt. Der Berliner ſchien etwas zerſtreut zuzuhören, ſchönere Gegenſtände hatten ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, und er fiel mir endlich in die Rede mit den Worten: Erlauben Sie gehorſamſt, daß ich Sie unterbreche, aber ſagen 33 Sie mir doch, was iſt denn das für ein Hund, der dort läuft? Das iſt ein anderer Hund. Ach, ſie verſtehen mich nicht, ich meine jenen großen, weißzottigen Hund ohne Schwanz? Mein lieber Herr, das iſt der Hund des neuen Alceibiades. Aber, bemerkte der Berliner, ſagen Sie mir doch, wo iſt denn der neue Aleibiades ſelbſt? Aufrichtig geſtanden, antwortete ich, dieſe Stelle iſt noch nicht beſetzt, und wir haben erſt den Hund. 1II. 2 Capitel VW. Der Ort, wo dieſes Geſpräch Statt fand, heißt Bogenhauſen, oder Neuburghauſen, oder Villa Hompeſch, oder Montgelasgarten, oder das Schlöſſel, ja man braucht ihn nicht ein⸗ mal zu nennen, wenn man von München dort hinfahren will, der Kutſcher verſteht uns ſchon an einem gewiſſen durſtigen Augenblinzeln, an einem gewiſſen vorſeligen Kopfnicken und ähn⸗ lichen Bezeichnungsgrimaſſen. Tauſend Aus⸗ drücke hat der Araber für ein Schwert, der Franzoſe für die Liebe, der Engländer für das Hängen, der Deutſche für das Trinken, und 35 der neuere Athener ſogar für die Orte, wo er trinkt. Das Bier iſt an beſagtem Orte wirklich ſehr gut, ſelbſt im Prytaneum, vulgo Bockkeller, iſt es nicht beſſer, es ſchmeckt ganz vortrefflich, beſonders auf jener Treppenterraſſe, wo man die Tyroler Alpen vor Augen hat. Ich ſaß dort oft vorigen Winter und betrachtete die ſchnee⸗ bedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnen⸗ beleuchtung, aus eitel Silber gegoſſen zu ſeyn ſchienen. Es war damals auch Winter in meiner Seele, Gedanken und Gefühle waren wie ein⸗ geſchneit, es war mir ſo verdorrt und todt zu Muthe, dazu kam die leidige Politik, die Trauer um ein liebes geſtorbenes Kind, und ein alter Nachärger und der Schnupfen. Außerdem trank ich viel Bier, weil man mich verſicherte, das gäbe leichtes Blut. Doch der beſte attiſche Breihahn wollte nicht fruchten bei mir, der ich mich in England ſchon an Porter gewöhnt hatte. 3* 36 Endlich kam der Tag, wo alles ganz anders wurde. Die Sonne brach hervor aus dem Himmel und tränkte die Erde, das alte Kind, mit ihrer Strahlenmilch, die Berge ſchauerten vor Luſt und ihre Schneethränen floſſen gewaltig, es krachten und brachen die Eisdecken der Seen, die Erde ſchlug die blauen Augen auf, aus ihrem Buſen quollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Wälder, die grünen Palläſte der Nachtigallen, die ganze Natur lächelte, und dieſes Lächeln hieß Frühling. Da begann auch in mir ein neuer Frühling, neue Blumen ſproßten aus dem Herzen, Freiheitsgefühle, wie Roſen, ſchoſſen hervor, auch heimliches Sehnen, wie junge Veilchen, dazwiſchen freilich manch' un⸗ nütze Neſſel. Ueber die Gräber meiner Wünſche zog die Hoffnung wieder ihr heiteres Grün, auch die Melodieen der Poeſie kamen wieder, wie Zugvögel, die den Winter im warmen 24 Süden verbracht und das verlaſſene Neſt im Norden wieder aufſuchen, und das verlaſſene nordiſche Herz klang und blühte wieder wie vor⸗ mals— nur weiß ich nicht, wie das alles kam. Iſt es eine braune oder blonde Sonne geweſen, die den Frühling in meinem Herzen auf's Neue geweckt, und all' die ſchlafenden Blumen in dieſem Herzen wieder aufgeküßt und die Nachti⸗ gallen wieder hineingelächelt? War es die wahlverwandte Natur ſelbſt, die in meiner Bruſt ihr Echo ſuchte und ſich gern darin beſpiegelte mit ihrem neuen Frühlingsglanz? Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terraſſe zu Bogenhauſen, im Angeſicht der Tyroler Alpen, geſchah meinem Herzen ſolch neue Verzauberung. Wenn ich dort in Ge⸗ danken ſaß, war mir's oft, als ſehe ich ein wunderſchönes Jünglingsantlitz über jene Berge hervorlauſchen, und ich wünſchte mir Flügel, um hinzueilen nach ſeinem Reſidenzland Italien. 38 Ich fühlte mich auch oft angeweht von Citro⸗ nen⸗ und Orangendüften, die von den Bergen herüberwogten, ſchmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nach Italien. Einſt ſogar, in der goldenen Abenddämmerung, ſah ich auf der Spitze einer Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Frühlingsgott, Blumen und Lor⸗ beeren umkränzten das freudige Haupt, und mit lachendem Auge und blühendem Munde rief er: Ich liebe Dich, komm zu mir nach Italien! 4 . 39 Capitel V. Mein Blick mochte daher wohl etwas ſehnſüchtig flimmern, als ich, in Verzweiflung über das unabſehbare Philiſtergeſpräch, nach den ſchönen Tyroler Bergen hinausſah und tief ſeufzte. Mein Berliner Philiſter nahm aber eben dieſen Blick und Seufzer als neue Geſprächsfäden auf, und ſeufzte mit:„Ach ja, ich möchte auch jetzt in Konſtantinopel ſeyn! Ach! Konſtantinopel zu ſehen, war immer der eenzige Wunſch meines Lebens, und jetzt ſind die Ruſſen gewiß ſchon eingezogen, ach, in Konſtantinopel! Haben Sie Petersburg ge⸗ 40 ſehen?“ Ich verneinte dieſes und bat, mir davon zu erzählen. Aber nicht er ſelbſt, ſondern ſein Herr Schwager, der Kammergerichtsrath, war vorigen Sommer da geweſen, und es ſoll eine ganz eenzige Stadt ſeyn.—„Haben Sie Kopenhagen geſehen?“ Da ich dieſe Frage eben⸗ falls verneinte und eine Schilderung dieſer Stadt von ihm begehrte, lächelte er gar pfiffig und wiegte das Köpfchen recht vergnügt hin und her, und verſicherte mir auf Ehre, ich könnte mir keine Vorſtellung davon machen, wenn ich nicht ſelbſt dort geweſen ſey.„Dieſes,“ erwiederte ich,„wird vor der Hand noch nicht Statt finden, ich will jetzt eine andere Reiſe antreten, die ich ſchon dieſen Frühling projektirt, ich reiſe nämlich nach Italien.“ Als der Mann dieſes Wort hörte, ſprang er plötzlich vom Stuhle auf, drehte ſich dreimal auf einem Fuße herum, und trillerte: Tirily! Tirily! Tirily! 41 Das gab mir den letzten Sporn. Morgen reiſe ich, beſchloß ich auf der Stelle. Ich will nicht länger zögern, ich will ſo bald als möglich das Land ſehen, das den trockenſten Philiſter ſo ſehr in Extaſe bringen kann, daß er bey deſſen Erwähnung plötzlich wie eine Wachtel ſchlägt. Während ich zu Hauſe meinen Koffer packte, klang mir der Ton jenes Tirilys noch immer in den Ohren, und mein Bruder, Maximilian Heine, der mich den andern Tag bis Tyrol begleitete, konnte nicht begreifen, warum ich auf dem ganzen Weg kein vernünftiges Wort ſprach und beſtändig tirilyrte. Capitel VI. Tirily! Tirily! ich lebe! Ich fühle den ſüßen Schmerz der Exiſtenz, ich fühle alle Freuden und Qualen der Welt, ich leide für das Heil des ganzen Menſchengeſchlechts, ich büße deſſen Sünden, aber ich genieße ſie auch. und nicht blos mit dem Menſchen, auch mit den Pflanzen fühle ich, ihre tauſend grünen Zungen erzählen mir allerliebſte Geſchichten, ſie wiſſen, daß ich nicht menſchenſtolz bin, und mit den niedrigſten Wieſenblümchen eben ſo gern ſpreche, wie mit den höchſten Tannen. Ach, ich 43 weiß ja, wie es mit ſolchen Tannen beſchaffen iſt! Aus der Tiefe des Thals ſchießen ſie himmelhoch empor, überragen faſt die kühnſten Felſenberge— Aber wie lange dauert dieſe Herrlichkeit? Höchſtens ein paar lumpige Jahr⸗ hunderte, dann krachen ſie altersmüd zuſammen und verfaulen auf dem Boden. Des Nachts kommen dann die hämiſchen Käutzlein aus ihren Felfenſpalten hervorgehuſcht, und verhöhnen ſie noch obendrein: Seht, Ihr ſtarken Tannen, Ihr glaubtet Euch mit den Bergen meſſen zu können, jetzt liegt Ihr gebrochen da unten, und die Berge ſtehen noch immer unerſchüttert. Einem Adler, der auf ſeinem einſamen Lieblingsfelſen ſitzt, und ſolcher Verhöhnung zuhört, muß recht mitleidig zu Muthe werden. Er denkt dann an das eigene Schickſal. Auch er weiß nicht, wie tief er einſt gebettet wird. Aber die Sterne funkeln ſo beruhigend, die 441 Waldwaſſer rauſchen ſo troſtvoll, und die eigene Seele überbrauſt ſo ſtolz all' die kleinmüthigen Gedanken, daß er ſie bald wieder vergißt. Steigt gar die Sonne hervor, ſo fühlt er ſich wieder wie ſonſt, und fliegt zu ihr hinauf, und wenn er hoch genug iſt, ſingt er ihr entgegen ſeine Luſt und Qual. Seine Nit thiere, beſon⸗ ders die Menſchen, glauben, der Adler könne nicht ſingen, und ſie wiſſen nicht, daß er dann nur ſingt, wenn er aus ihrem Bereiche iſt, und daß er aus Stolz nur von der Sonne gehört ſeyn will. Und er hat Recht; es könnte irgend einem von der gefiederten Sippſchaft da unten einfallen, ſeinen Geſang zu rezenſiren. Ich habe ſelbſt erfahren, wie ſolche Kritiken lauten: das Huhn ſtellt ſich dann auf ein Bein und gluckt, der Sänger habe kein Gemüth; der Truthahn kullert, es fehle ihm der wahre Ernſt; die Taube girrt, er kenne nicht die wahre Liebe; die Gans ſchnattert, er ſey nicht wiſſenſchaftlich; 45 der Kapaun kikert, er ſey nicht moraliſch; der Dompfaff zwitſchert, er habe leider keine Re⸗ ligion; der Sperling piepſt, er ſey nicht produktiv genug; Wiedehöpchen, Elſterchen, Schuhuchen, Alles krächzt und ächzt und ſchnarrt— Nur die Nachtigall ſtimmt nicht ein in dieſe Kritiken, unbekümmert um die ganze Mitwelt, iſt nur die rothe Roſe ihr einziger Gedanke und ihr einziges Lied, ſehnſüchtig umflattert ſie die rothe Roſe, und ſtürzt ſich begeiſtert in die geliebten Dornen, und blutet und ſingt. 46 Ca pitel VII. Es giebt einen Adler im deutſchen Vater⸗ lande, deſſen Sonnenlied ſo gewaltig erklingt, daß es auch hier unten gehört wird, und ſogar die Nachtigallen aufhorchen, trotz all' ihren melodiſchen Schmerzen. Das biſt Du, Karl Immermann, und Deiner dacht ich gar oft in dem Lande, wovon Du ſo ſchön geſungen. Wie konnte ich durch Tyrol reiſen, ohne an das „Trauerſpiel“ zu denken? Nun freilich, ich habe die Dinge in anderer Färbung geſehen; aber ich bewundere doch den Dichter, der aus der Fülle des Gemüths das⸗ 47 jenige, was er nie geſehen hat, der Wirklichkeit ſo ähnlich ſchafft. Am meiſten ergötzte mich, daß„Das Trauerſpiel in Tyrvl“ in Tyrol ver⸗ boten iſt. Ich gedachte der Worte, die mir mein Freund Noſer ſchrieb, als er mir meldete, daß der zweite Band der Reiſebilder verboten ſey:„Die Regierung hätte aber das Buch gar nicht zu verbieten brauchen, es wäre dennoch geleſen worden.“ Zu Insbruck im goldenen Adler, wo Andreas Hofer logirt hatte, und noch jede Ecke mit ſeinen Bildniſſen und Erinnerungen an ihn beklebt iſt, fragte ich den Wirth, Herrn Nieder⸗ kirchner, ob er mir noch viel von dem Sand⸗ wirth erzählen könne? Da war der alte Mann überfließend von Redſeligkeit, und vertraute mir mit klugen Augenzwinken, daß jetzt die Geſchichte auch ganz gedruckt heraus ſey, aber auch ganz geheim verboten; und als er mich nach einem 48 dunkeln Stübchen geführt, wo er ſeine Reliquien aus dem Tyrolerkrieg aufbewahrt, wickelte er ein ſchmutzig blaues Papier von einem ſchon zerleſenen grünen Büchlein, das ich zu meiner Verwunderung als Immermanns„Trauerſpiel in Tyrol“ erkannte. Ich ſagte ihm, nicht ohne er⸗ röthenden Stolz, der Mann, der es geſchrieben, ſey mein Freund. Herr Niederkirchner wollte nun ſo viel als möglich von dem Manne wiſſen, und ich ſagte ihm, es ſey ein gedienter Mann, von feſter Statur, ſehr ehrlich und ſehr geſchickt in Schreibſachen, ſo daß er nur wenige ſeines Gleichen finde. Daß er aber ein Preuße ſey, wollte Herr Niederkirchner durchaus nicht glauben, und rief mit mitleidigem Lächeln: Warum nicht gar! Er ließ ſich nicht aus⸗ reden, daß der Immermann ein Tyroler ſey und den Tyroler Krieg mitgemacht habe,—„wie könnte er ſonſt alles wiſſen?“ 49 Seltſame Grille des Volkes! Es verlangt ſeine Geſchichte aus der Hand des Dichters und nicht aus der Hand des Hiſtorikers. Es ver⸗ langt nicht den treuen Bericht nackter That⸗ ſachen, ſondern jene Thatſachen wieder aufgelöſt in die urſprüngliche Poeſie, woraus ſie hervor gegangen. Das wiſſen die Dichter, und nicht ohne geheime Schadenluſt modeln ſie willkührlich die Völkererinnerungen, vielleicht zur Verhöh⸗ nung ſtolztrockner Hiſtoriographen und perga⸗ mentener Staatsarchivare. Nicht wenig ergötzte es mich, als ich in den Buden des letzten Jahr⸗ markts die Geſchichte des Beliſars in grell kolorirten Bildern ausgehängt ſah, und zwar nicht nach dem Procop, ſondern ganz treu nach Schenk's Tragödie.„So wird die Ge⸗ ſchichte verfälſcht“— rief der gelahrte Freund, der mich begleitete,—„ſie weiß nichts von jener Rache einer beleidigten Gattin, von jenem ge⸗ fangenen Sohn, von jener liebenden Tochter, III. 4 50 und dergleichen modernen Herzensgeburten!“ Iſt denn dies aber wirklich ein Fehler? ſoll man den Dichtern wegen dieſer Fälſchung gleich den Prozeß machen? nein, denn ich läugne die An⸗ klage. Die Geſchichte wird nicht von den Dich⸗ tern verfälſcht. Sie geben den Sinn derſelben ganz treu, und ſey es auch durch ſelbſterfundene Geſtalten und Umſtände. Es giebt Völker, denen nur auf dieſe Dichterart ihre Geſchichte überliefert worden, z. B. die Indier. Dennoch geben Geſänge wie der Maha Baratha den Sinn indiſcher Geſchichte viel richtiger als irgend ein Compendienſchreiber mit all ſeinen Jahr⸗ zahlen. In gleicher Hinſicht möchte ich behaupten, Walter Scotts Romane gäben zuweilen den Geiſt der engliſchen Geſchichte weit treuer als Hume; wenigſtens hat Sartorius ſehr Recht, wenn er in ſeinen Nachträgen zu Spittler jene Ro⸗ mane zu den Quellen der engliſchen Geſchichte rechnet. 51 Es geht den Dichtern wie den Träumern, die im Schlafe dasjenige innere Gefühl, welches ihre Seele durch wirkliche äußere Urſachen empfindet, gleichſam maskiren, indem ſie an die Stelle dieſer letzteren ganz andere äußere Ur⸗ ſachen erträumen, die aber in ſo fern ganz adäquat ſind, als ſie daſſelbe Gefühl hervorbringen. So ſind auch in Immermanns„Trauerſpiel“ manche Außendinge ziemlich willkührlich geſchaffen, aber der Held ſelbſt, der Gefühlsmittelpunkt, iſt identiſch geträumt, und wenn dieſe Traumgeſtalt ſelbſt träumeriſch erſcheint, ſo iſt auch dieſes der Wahrheit gemäß. Der Baron Hormayr, der hierin der tompetenteſe Richter ſeyn kann, hat nich, als ich füngſt das Vergnügen hatte ihn 1 zu ſprechen, auf dieſen umſtand aufmerkſam ge⸗ macht. Das myſtiſche. Gemüthsleben, die aber⸗ gläubiſche Religiöſität, das Epiſche des Mannes, hat Immermann ganz richtig angedeutet. Er gab ganz treu jene treue Taube, die, mit dem 4* 52 blanken Schwert im Schnabel, wie die kriege⸗ riſche Liebe, über den Bergen Tyrols ſo helden⸗ müthig umherſchwebte, bis die Kugeln von Mantua ihr treues Herz durchbohrten. Was aber dem Dichter am meiſten zur Ehre gereicht, iſt die eben ſo treue Schilderung des Gegners, aus welchem er keinen wüthenden Geßler gemacht, um ſeinen Hofer deſto mehr zu heben; wie dieſer eine Taube mit dem Schwerte, ſo iſt jener ein Adler mit dem Oelzweig. 22 7, Væ u, e, c, 9..— ha 7 Capitel VIII In der Wirthshausſtube des Herrn Nieder⸗ kirchner zu Insbruck hängen einträchtig neben einander die Bilder des Andreas Hofer, Napolevn Bonaparte und Ludwig von Bayern. Insbruck ſelbſt iſt eine unwöhnliche, blöde Stadt. Vielleicht mag ſie im Winter etwas geiſtiger und behaglicher ausſehen, wenn die hohen Berge, wovon ſie eingeſchloſſen, mit Schnee bedeckt ſind, und die Lawinen dröhnen und überall das Eis kracht und blitzt. Ich fand die Häupter jener Berge mit Wolken, wie mit grauen Turbanen, umvickelt. —-9 54 Man ſieht dort die Martinswand, den Schau⸗ platz der lieblichſten Kaiſerſage; wie denn über⸗ haupt die Erinnerung an den ritterlichen Max in Tyrol noch immer blüht und klingt. In der Hofkirche ſtehen die oft beſprochenen Standbilder der Fürſten und Fürſtinnen aus dem Hauſe Oeſtreich und ihrer Ahnen, worunter mancher gerechnet worden, der gewiß bis auf den heutigen Tag nicht begreift, wie er zu dieſer Ehre gekommen. Sie ſtehen in gewaltiger Le⸗ bensgröße, aus Eiſen gegoſſen, um das Grab- mahl des Maximilian. Da aber die Kirche klein und das Dach niedrig iſt, ſo kommts einem vor, als ſähe man ſchwarze Wachsfiguren in einer Marktbude. Am Fußgeſtell der meiſten lieſt man auch den Namen derjenigen hohen Perſonen, die ſie vorſtellen. Als ich jene Statuen betrachtete, traten Engländer in die Kirche; ein hagerer Mann mit aufgeſperrtem Geſichte, die Daumen eingehakt in die Armöffnungen der weißen Weſte, 55 und im Maul einen ledernen Guide des voya- geurs; hinter ihm ſeine lange Lebensgefährtin, eine nicht mehr ganz junge, ſchon etwas abge⸗ geliebte, aber noch immer hinlänglich ſchöne Dame; hinter dieſer ein rothes Portergeſicht mit puder⸗ weißen Aufſchlägen, ſteif einhertretend in einem dito Rock, und die hölzernen Hände vollauf befrachtet mit Myladys Handſchuhen, Alpen⸗ blumen und Mops. Das Kleeblatt ſtieg ſchnurgerade nach dem obern Ende der Kirche, wo der Sohn Albions ſeiner Gemahlin die Statuen erklärte, und zwar nach ſeinem Guide des voyageurs, in welchem ausführlich zu leſen war: Die erſte Statue iſt der König Clodevig von Frankreich, die andere iſt der König Arthur von England, die dritte iſt Rudolph von Habsburg u. ſ. w. Da aber der arme Engländer die Reihe von oben anfing, ſtatt von unten, wie es der Guide des voyageurs vorausſetzte, ſo gerieth er in die 56 ergötzlichſten Verwechſelungen, die noch komiſcher wurden, wenn er an eine Frauenſtatue kam, die er für einen Mann hielt, und umgekehrt, ſo daß er nicht begriff, warum man Rudolph von Habs⸗ burg in Weibskleidern dargeſtellt, dagegen die Königin Maria mit eiſernen Hofen und einem allzulangen Barte. Ich, der ich gerne mit meinem Wiſſen nachhelfe, bemerkte beiläufig: dergleichen habe wahrſcheinlich das damalige Koſtüm erfordert, auch könne es beſonderer Wille der hohen Perſonen geweſen ſeyn, ſo, und bei Leibe nicht anders, gegoſſen zu werden. So könne es ja dem jetzigen Kaiſer einfallen, ſich in einem Reifrock oder gar in Windeln gießen zu laſſe;— wer würde was dagegen einwenden? Der Mops bellte kritiſch, der Lakay glotzte, ſein Herr putzte ſich die Naſe, und Mylady ſagte: a ſine exhibition, very fine indeed!— Capitel N. Brixen war die zweite, größere Stadt Tyrols, wo ich einkehrte. Sie liegt in einem Thal, und als ich ankam, war ſie mit Dampf und Abend⸗ ſchatten übergoſſen. Dämmernde Stille, melan⸗ choliſches Glockengebimmel, die Schaafe trippelten nach ihren Ställen, die Menſchen nach den Kirchen; überall beklemmender Geruch von häß⸗ lichen Heiligenbildern und getrocknetem Heu. „Die Jeſuiten ſind in Brixen“ hatte ich kurz vorher im Hesperus geleſen. Ich ſah mich auf allen Straßen nach ihnen um; aber ich 58 habe Niemanden geſehen, der einem Jeſuiten glich, es ſey denn jener dicke Mann mit geiſtlich dreyeckigem Hut und pfäffiſch geſchnittenem, ſchwarzen Rock, der alt und abgetragen war, und mit den glänzend neuen ſchwarzen Hoſen gar auffallend kontraſtirte. Das kann auch kein Jeſuit ſeyn, ſprach ich endlich zu mir ſelber; denn ich habe mir immer die Jeſuiten etwas mager gedacht. Ob es wirk⸗ lich noch Jeſuiten giebt? Manchmal will es mich bedünken, als ſey ihre Exiſtenz nur eine Chimäre, als ſpuke nur die Angſt vor ihnen noch in unſeren Köpfen, nachdem längſt die Gefahr vorüber, und alles Eifern gegen Jeſuiten mahnt mich dann an Leute, die, wenn es längſt aufge⸗ hört hat zu regnen, noch immer mit aufgeſpann⸗ ten Regenſchirmen umhergehen. Ja, mich dünkt zuweilen, der Teufel, der Adel und die Jeſuiten exiſtiren nur ſo lange als man an ſie glaubt. 59 Vom Teufel könnten wir es wohl ganz beſtimmt behaupten; denn nur die Gläubigen haben ihn bisher geſehen. Auch in Betreff des Adels werden wir im Laufe einiger Zeit die Erfahrung machen, daß die bonne société aufhören wird die bonne société zu ſeyn, ſobald der gute Bürgersmann nicht mehr die Güte hat, ſie für die bonne société zu halten. Aber die Jeſui⸗ ten? Wenigſtens haben ſie doch nicht mehr die alten Hoſen an! Die alten Jeſuiten liegen im Grabe mit ihren alten Hoſen, Begierden, Welt⸗ plänen, Ränken, Diſtinctionen, Reſervazivnen und Giften, und was wir jetzt in neuen, glän⸗ zenden Hoſen durch die Welt ſchleichen ſehen, iſt nicht ſowohl ihr Geiſt, als vielmehr ihr Ge⸗ ſpenſt, ein albernes, blödſinniges Geſpenſt, das uns täglich durch Wort und That zu beweiſen ſucht, wie wenig es furchtbar ſey; und wahrlich es mahnt uns an die Geſchichte von einem ähn⸗ lichen Geſpenſte im Thüringer Walde, das einſt 60 die Leute, ſo ſich vor ihm fürchteten, von ihrer Furcht befreyte, indem es, vor Aller Augen, ſeinen Schädel von den Schultern herabnahm, und jedem zeigte, daß er inwendig ganz hohl und leer ſey. ⸗Ich kann nicht umhin nachträglich zu erzäh⸗ len, daß ich Gelegenheit fand, den dicken Mann mit den glänzend neuen Hoſen genauer zu be⸗ obachten, und mich zu überzeugen, daß er kein Jeſnit war, ſondern ein ganz gewöhnliches Vieh Gottes. Ich traf ihn nemlich in der Gaſtſtube meines Wirthshauſes, wo er zu Nacht ſpeiſte, in Geſellſchaft eines langen, magern, Excellenz ge⸗ nannten Mannes, der jenem alten hageſtolz⸗ lichen Landjunker, den uns Shakespear geſchil⸗ dert, ſo ähnlich war, daß es ſchien, als habe die Natur ein Plagiat begangen. Beide würzten ihr Mahl, indem ſie die Aufwärterin mit Careſſen bedrängten, die das liebe, bildſchöne Mädchen 61 nicht wenig anzuekeln ſchienen, ſo daß ſie ſich mit Gewalt losriß, wenn der Eine ſie hinten klätſchelte, oder der Andere ſie gar zu embraſſiren ſuchte. Dabey riſſen ſie ihre roheſten Zoten, die das Mädchen, wie ſie wußten, nicht umhin konnte anzuhören, da ſie zur Aufwartung der Gäſte und auch um mir den Tiſch zu decken, im Zimmer bleiben mußte. Als jedoch die Un⸗ gebühr ganz unleidlich wurde, ließ die junge Perſon plötzlich alles ſtehen und liegen, eilte zur Thür hinaus, und kam erſt nach einigen Minu⸗ ten ins Zimmer zurück, mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, daß ſie die ganze Zeit auf dem Arm behielt, während ſie im Gaſtzimmer ihre Geſchäfte beſorgte, obgleich ihr dieſe da⸗ durch um ſo beſchwerlicher wurden. Die beiden Cumpane aber, der geiſtliche und der adlige Herr, wagten keine einzige Beläſtigung mehr gegen das Mädchen, das jetzt ohne Unfreund⸗ lichkeit, jedoch mit ſeltſamen Ernſt, ſie be⸗ 62 diente;— das Geſpräch nahm eine andere Wendung, beide ſchwatzten jetzt das gewöhnliche Geſchwätz von der großen Verſchwörung gegen Thron und Altar, ſie verſtändigten ſich über die Nothwendigkeit ſtrenger Maaßregeln, und reich⸗ ten ſich mehrmals die heiligen Allianzhände. 63 Eapitel X. Für die Geſchichte von Tyrol ſind die Werke des Joſeph von Hormayr unentbehrlich; für die neueſte Geſchichte iſt er ſelbſt die beſte, oft die einzige Quelle. Er iſt für Tyrol was Johannes von Müller für die Schweiz iſt; eine Parallele dieſer beiden Hiſtoriker drängt ſich uns von ſelbſt auf. Sie ſind gleichſam Wandnachbaren, beide in ihrer Jugend gleich begeiſtert für ihre Geburtsalpen, beide fleißig, forſchſam, von hiſtoriſcher Denkweiſe und Gefühlsrichtung; Johannes von Miüller, epiſcher geſtimmt, den Geiſt wiegend in den Geſchichten der Ver⸗ 64 gangenheit, Joſeph von Hormayr, haſtig fühlend, mehr in die Gegenwart hineingeriſſen, uneigen⸗ nützig das Leben wagend für das was ihm lieb war. Bartholdys„Krieg der Tyroler Landleute im Jahr 1809“ iſt ein geiſtreich und ſchön ge⸗ ſchriebenes Buch, und wenn Mängel darin ſind, ſo entſtanden ſie nothwendigerweiſe dadurch, weil der Verfaſſer, wie es edlen Gemüthern eigen iſt, für die unterdrückte Parthey eine ſichtbare Vorliebe hegte, und weil noch Pulverdampf die Begebenheiten umhüllte, als er ſie beſchrieb. Viele merkwürdige Ereigniſſe jener Zeit ſind gar nicht aufgeſchrieben, und leben nur im Ge⸗ dächtniſſe des Volkes, das jetzt nicht gern mehr davon ſpricht, da die Erinnerung mancher ge⸗ täuſchten Hoffnung dabey auftaucht. Die armen Tyroler haben nemlich auch allerley Erfahrungen machen müſſen, und wenn man ſie jetzt fragt, ℳ 65 ob ſie, zum Lohne ihrer Treue, Alles erlangt, was man ihnen in der Noth verſprochen, ſo zucken ſie gutmüthig die Achſel und ſagen naiv: es war vielleicht ſo ernſt nicht gemeint, und der Kaiſer hat viel zu denken, und da geht ihm manches durch den Kopf. Tröſtet Euch, arme Schelme! Ihr ſeyd nicht die Einzigen, denen etwas verſprochen worden. Paſſirt es doch oft auf großen Sllavenſchiffen, daß man bey großen Stürmen und wenn das Schiff in Gefahr geräth, zu den ſchwarzen Menſchen ſeine Zuflucht nimmt, die unten im dunkeln Schiffsraum zuſammengeſtaut liegen. Man bricht dann ihre eiſernen Ketten, und ver⸗ ſpricht heilig und theuer, ihnen die Freyheit zu ſchenken, wenn durch ihre Thätigkeit das Schiff gerettet werde. Die blöden Schwarzen jubeln nun hinauf ans Tageslicht, Huxrahl ſie eilen zu den Pumpen, ſtampfen aus Leibeskräften, III. 5 5 66 helfen, wo nur zu helfen iſt, klettern, ſpringen, kappen die Maſten, winden die Taue, kurz ar⸗ beiten ſo lange bis die Gefahr vorüber iſt. Als⸗ dann werden ſie, wie ſich von ſelbſt verſteht, wieder nach dem Schiffsraum hinabgeführt, wie⸗ der ganz bequem angefeſſelt, und in ihrem dunkeln Elend machen ſie demagogiſche Betrachtungen über Verſprechungen von Seelenverkäufern, deren ganze Sorge, nach überſtandener Gefahr, dahin geht, noch einige Seelen mehr einzutauſchen. 0 navis, referent in mare te novi Fluctus? etc. Als mein alter Lehrer dieſe Ode des Horaz, worin der Senat mit einem Schiffe verglichen wird, explizirte, hatte er allerley politiſche Be⸗ trachtungen zu machen, die er bald einſtellte, als die Schlacht bei Leipzig geſchlagen worden, und die ganze Claſſe auseinander ging. 67 Mein alter Lehrer hat alles voraus gewußt. Als wir die erſte Nachricht dieſer Schlacht er⸗ hielten, ſchüttelte er das graue Haupt. Jetzt weiß ich was dieſes Schütteln bedeutete. Bald kamen die genaueren Berichte, und heimlich zeigte man einander die Bilder, wo gar bunt und erbaulich abkonterfeit war: wie die hohen Heerführer auf dem Schlachtfelde knieten und Gott dankten. Ja, ſie konnten Gott danken— ſagte mein Lehrer und lächelte, wie er zu lächeln pflegte, wenn er den Saluſt explizirte— der Kaiſer Napoleon hat ſie ſo oft geklopft, daß ſie es ihm doch am Ende ablernen konnten. Nun kamen die Alliirten und die ſchlechten Befreyungsgedichte, Hermann und Thusnelda, Hurrah, und der Frauenverein und die Vater⸗ landseicheln, und das ewige Pralen mit der 68 Schlacht bey Leipzig, und wieder die Schlacht bey Leipzig, und kein Aufhören davon. Es geht dieſen Leuten, bemerkte mein Lehrer, wie den Thebanern, als ſie bey Leuktra endlich einmal jene unbeſtegbaren Spartaner geſchlagen, und beſtändig mit dieſer Schlacht pralten, ſo daß Antiſthenes von ihnen ſagte: ſie machen es wie die Knaben, die vor Freude ſich nicht zu laſſen wiſſen, wenn ſie einmal ihren Schul⸗ meiſter ausgeprügelt haben. Liebe Jungens, es wäre beſſer geweſen, wir hätten ſelbſt die Prügel bekommen. Bald darauf iſt der alte Mann geſtorben. Auf ſeinem Grabe wächſt preußiſches Gras, und und es weiden dort die adeligen Roſſe unſerer renovirten Ritter. Capitel X.. Die Tyroler ſind ſchön, heiter, ehrlich, brav, und von unergründlicher Geiſtesbeſchränktheit. Sie ſind eine geſunde Menſchenrace, vielleicht weil ſie zu dumm ſind, um krank ſeyn zu können. Auch eine edle Race möchte ich ſie nennen, weil ſie ſich in ihren Nahrungsmitteln ſehr wählig und in ihren Gewöhnungen ſehr reinlich zeigen; nur fehlt ihnen ganz und gar das Gefühl von der Würde der Perſönlichkeit. Der Tyroler hat eine Sorte von lächelndem humoriſtiſchen Ser⸗ vilismus, der faſt eine ironiſche Färbung trägt, aber doch grundehrlich gemeint iſt. Die Frauen⸗ 70 zimmer in Tyrol begrüßen Dich ſo zuvorkommend freundlich, die Männer drücken Dir ſo derb die Hand, und gebehrden ſich dabey ſo putzig herzlich, daß Du faſt glauben ſollteſt, ſie behandelten Dich wie einen nahen Verwandten, wenigſtens wie ihres Gleichen; aber weit gefehlt, ſie verlieren dabey nie aus dem Gedächtniß, daß ſie nur ge⸗ meine Leute ſind, und daß Du ein vornehmer Herr biſt, der es gewiß gern ſieht, wenn gemeine Leute ohne Blödigkeit ſich zu ihm herauflaſſen. Und darin haben ſie einen naturrichtigen In⸗ ſtinkt; die ſtarrſten Ariſtokraten ſind froh, wenn ſte Gelegenheit finden zur Herablaſſung, denn dadurch eben fühlen ſie, wie hoch ſie geſtellt ſind. Zu Hauſe üben die Tyroler dieſen Servi⸗ lismus gratis, in der Fremde ſuchen ſie auch noch dadurch zu lukriren. Sie geben ihre Per⸗ ſönlichkeit preis, ihre Nationalität. Dieſe bun⸗ ten Deckenverkäufer, dieſe muntern Tyroler Bua, die wir in ihrem Nationalkoſtüm herumwandern 71 ſehen, laſſen gern ein Späschen mit ſich treiben, aber Du mußt ihnen auch etwas abkaufen. Jene Geſchwiſter Rainer, die in England geweſen, haben es noch beſſer verſtanden, und ſie hatten noch obendrein einen guten Nathgeber, der den Geiſt der engliſchen Nobility gut kannte. Daher ihre gute Aufnahme im Foyer der europäiſchen Ariſtokratie, in the west end of the town. Als ich vorigen Sommer in den glänzenden Konzertſälen der Londoner faſhionablen Welt dieſe Tyroler Sänger, gekleidet in ihre heimath⸗ liche Volkstracht, das Schaugerüſt betreten ſah, und von da herab jene Lieder hörte, die in den Tyroler Alpen ſo naiv und fromm gejodelt werden, und uns auch ins norddeutſche Herz ſo lieblich hinabklingen— da verzerrte ſich alles in meiner Seele zu bitterem Unmuth, das gefällige Lächeln vornehmer Lippen ſtach mich wie Schlangen, es war mir, als ſähe ich die Keuſchheit des deut⸗ ſchen Wortes auf's Roheſte beleidigt, und die 72 ſüßeſten Myſterien des deutſchen Gemüthlebens vor fremdem Pöbel profanirt. Ich habe nicht mitklatſchen können bey dieſer ſchamloſen Ver⸗ ſchacherung des Verſchämteſten, und ein Schwei⸗ zer, der gleich fühlend mit mir den Saal ver⸗ ließ, bemerkte ganz richtig: wir Schwyzer geben auch viel für's Geld, unſere beſten Käſe und unſer beſtes Blut, aber das Alphorn können wir in der Fremde kaum blaſen hören, vielweniger es ſelbſt blaſen für Geld. 8 — Capitel XlI. Tyrol iſt ſehr ſchön, aber die ſchönſten Landſchaften können uns nicht entzücken, bey trüber Witterung und ähnlicher Gemüthsſtimmung. Dieſe iſt bey mir immer die Folge von jener, und da es draußen regnete, ſo war auch in mir ſchlechtes Wetter. Nur dann und wann durfte ich den Kopf zum Wagen hinausſtrecken, und dann ſchaute ich himmelhohe Berge, die mich ernſthaft anſahen, und mir mit den ungeheuern Häuptern und langen Wolkenbärten eine glück⸗ liche Reiſe zunickten. Hie und da bemerkte ich auch ein fernblaues Berglein, das ſich auf die 5** 74 Fußzehen zu ſtellen ſchien, und den anderen Bergen recht neugierig über die Schultern blickte, wahrſcheinlich um mich zu ſehen. Dabey kreiſch⸗ ten überall die Waldbäche, die ſich wie toll von den Höhen herabſtürzten und in den dunkeln Thalſtrudeln verſammelten. Die Menſchen ſteckten in ihren niedlichen, netten Häuschen, die über der Halde, an den ſchroffſten Abhängen und bis auf die Bergſpitzen zerſtreut liegen; niedliche nette Häuschen, gewöhnlich mit einer langen, balkonartigen Gallerie, und dieſe wieder mit Wäſche, Heiligenbildchen, Blumentöpfen und Mädchengeſichtern ausgeſchmückt. Auch hübſch bemalt ſind dieſe Häuschen, meiſtens weiß und grün, als trügen ſie ebenfalls die Tyroler Landestracht, grüne Hoſenträger über dem weißen Hemde. Wenn ich ſolch' Häuschen im einſamen Regen liegen ſah, wollte mein Herz oft ausſtei⸗ gen und zu den Menſchen gehen, die gewiß trocken und vergnügt da drinnen ſaßen. Da 75 drinnen, dacht ich, muß ſich's recht lieb und innig leben laſſen, und die alte Großmutter er⸗ zählt gewiß die heimlichſten Geſchichten. Während der Wagen unerbittlich vorbeifuhr, ſchaut' ich noch oft zurück, um die bläulichen Rauchſäulen aus den kleinen Schornſteinen ſteigen zu ſehen, und es regnete dann immer ſtärker, außer mir und in mir, daß mir faſt die Tropfen aus den Augen herauskamen. Oft hob ſich auch mein Herz, und trotz dem ſchlechten Wetter klomm es zu den Leuten, die ganz oben auf den Bergen wohnen, und vielleicht kaum einmal im Leben herabkommen, und wenig erfahren von dem, was hier unten geſchieht. Sie ſind deshalb um nichts minder fromm und glücklich. Von der Politik wiſſen ſie nichts, als daß ſie einen Kaiſer haben, der einen weißen Rock und rothe Hoſen trägt; das hat ihnen der alte Ohm erzählt, der es ſelbſt in Insbruck 76 gehört von dem ſchwarzen Sepperl, der in Wien geweſen. Als nun die Patrioten zu ihnen hinaufkletterten und ihnen beredtſam vorſtellten, daß ſie jetzt einen Fürſten bekommen, der einen blauen Rock und weiße Hoſen trage, da griffen ſie zu ihren Büchſen, und küßten Weib und Kind, und ſtiegen von den Bergen hinab, und ließen ſich todtſchlagen für den weißen Rock und die lieben alten rothen Hoſen. Im Grunde iſt es auch daſſelbe, für was man ſtirbt, wenn nur für etwas Liebes geſtorben wird, und ſo ein warmer, treuer Tod iſt beſſer, als ein kaltes, treuloſes Leben. Schon allein die Lieder von einem ſolchen Tode, die ſüßen Reime und lichten Worte erwärmen unſer Herz, wenn feuchte Nebelluft und zudringliche Sorgen es betrüben wollen. Viel ſolcher Lieder klangen durch mein Herz als ich über die Berge Tyrols dahinfuhr. Die 2 traulichen Tannenwälder rauſchten mir ſo manch' vergeſſenes Liebeswort ins Gedächtniß zurück. Beſonders wenn mich die großen blauen Berg⸗ Seen ſo unergründlich ſehnſüchtig anſchauten, dann dachte ich wieder an die beiden Kinder, die ſich ſo lieb gehabt und zuſammen geſtorben ſind. Es iſt eine veraltete Geſchichte, die auch jetzt Niemand mehr glaubt, und die ich ſelbſt nur aus einigen Liederreimen kenne. „Es waren zwey Königskinder, Die hatten einander ſo lieb, Sie konnten beiſammen nicht kommen, Das Waſſer war viel zu tief—“ Dieſe Worte fingen von ſelbſt wieder an in mir zu klingen, als ich, bey einem von jenen blauen Seen, am jenſeitigen Ufer einen kleinen Knaben und am diesſeitigen ein kleines Mädchen ſtehen ſah, die beide in der bunten Volkstracht, mit bebänderten, grünen Spitzhütchen auf dem 78 Kopfe, gar wunderlieblich gekleidet waren, und ſich hinüber und herüber grüßten— Sie konnten beiſammen nicht kommen, Das Waſſer war viel zu tief. —— 79 Capitel NXIII. Im ſüdlichen Tyrol klärte ſich das Wetter auf, die Sonne von Italien ließ ſchon ihre Nähe fühlen, die Berge wurden wärmer und glänzender, ich ſah ſchon Weinreben, die ſich daran hinaufrankten, und ich konnte mich ſchon öfter zum Wagen hinauslehnen. Wenn ich mich aber zum Wagen hinauslehne, ſo lehnt ſich mein Herz mit mir hinaus, und mit dem Herzen all' ſeine Liebe, ſeine Wehmuth und ſeine Thorheit. Es iſt mir oft geſchehen, daß das arme Herz dadurch von den Dornen zerriſſen wurde, wenn es ſich nach den Roſenbüſchen, die am Wege 80 blühten, hinauslehnte, und die Roſen Tyrols ſind nicht häßlich. Als ich durch Steinach fuhr und den Markt beſah, worauf Immermann den Sandwirth Hofer mit ſeinen Geſellen auftreten läßt, da fand ich, daß der Markt für eine In⸗ ſurgenten⸗Verſammlung viel zu klein wäre, aber noch immer groß genug iſt, um ſich darauf zu verlieben. Es ſind da nur ein Paar weiße Häuschen, und aus einem kleinen Fenſter guckte eine kleine Sandwirthin und zielte und ſchoß aus ihren großen Augen;— wäre der Wagen nicht ſchnell vorübergerollt, und hätte ſie Zeit gehabt noch einmal zu laden, ſo wäre ich gewiß geſchoſſen. Ich rief: Kutſcher, fahr' zu, mit einer ſolchen Schön⸗Elſy iſt nicht zu ſpaßen; die ſteckt einem das Haus über dem Kopf in Brand. Als gründlicher Reiſender muß ich auch anführen, daß die Frau Wirthin in Sterzing zwar ſelbſt eine alte Frau iſt, aber dafür zwei junge Töch⸗ terlein hat, die einem das Herz, wenn es aus⸗ 81 geſtiegen iſt, durch ihren Anblick recht wohlthätig erwärmen. Aber Dich darf ich nicht vergeſſen, Du Schönſte von allen, Du ſchöne Spinnerin an den Marken Italiens! O hätteſt Du mir, wie Ariadne dem Theſeus, den Faden Deines Geſpinnſtes gegeben, um mich zu leiten durch das Labyrinth dieſes Lebens, jetzt wäre der Minotaurus ſchon beſiegt, und ich würde Dich lieben und küſſen und niemals verlaſſen! Es iſt ein gutes Zeichen, wenn die Weiber lächeln, ſagt ein chineſiſcher Schriftſteller, und ein deutſcher Schriftſteller war eben dieſer Mei⸗ nung, als er in Südtyrol, wo Italien beginnt, einem Berge vorbeykam, an deſſen Fuße, auf einem nicht ſehr hohen Steindamm, eines von jenen Häuschen ſtand, die mit ihrer traulichen Gallerie und ihren naiven Malereien uns ſo lieblich anſehen. Auf der einen Seite ſtand ein großes hölzernes Kruzifix, das einem jungen III. 6 Weinſtock als Stütze diente, ſo daß es faſt ſchaurig heiter ausſah, wie das Leben den Tod, die ſaftig grünen Reben den blutigen Leib und die gekreuzigten Arme und Beine des Heilands umrankten. Auf der anderen Seite des Häus⸗ chens ſtand ein runder Taubenkofen, deſſen gefie⸗ dertes Völkchen flog hin und her, und eine ganz beſonders anmuthig weiße Taube ſaß auf dem hübſchen Spitzdächlein, das, wie die fromme Steinkrone einer Heiligenniſche, über dem Haupte der ſchönen Spinnerin hervorragte. Dieſe ſaß auf der kleinen Gallerie und ſpann, nicht nach der deutſchen Spinnradmethode, ſondern nach jener uralten Weiſe, wo ein flachsumzogener Wocken unter dem Arme gehalten wird, und der abgeſponnene Faden an der freihängenden Spindel hinunterläuft. So ſpannen die Königs⸗ töchter in Griechenland, ſo ſpinnen noch jetzt die Parzen und alle Italienerinnen. Sie ſpann und lächelte, unbeweglich ſaß die Taube über ihrem ——— 83 Haupte, und über dem Hauſe ſelbſt ragten hinten die hohen Berge, deren Schneegipfel die Sonne beſchien, daß ſie ausſahen wie eine ernſte Schutz⸗ wache von Rieſen mit blanken Helmen auf den Häuptern. Sie ſpann und lächelte, und ich glaube, ſie hat mein Herz feſtgeſppnnen, während der Wagen etwas langſamer vorbeyfuhr, wegen des breiten Stromes der Eiſach, die auf der andern Seite des Wegs dahinſchoß. Die lieben Züge kamen mir den ganzen Tag nicht aus dem Gedächtniß, überall ſah ich jenes holde Antlitz, das ein grie⸗ chiſcher Bildhauer aus dem Dufte einer weißen Roſe geformt zu haben ſchien, ganz ſo hinge⸗ haucht zart, ſo überſelig edel, wie er es vielleicht einſt als Jüngling geträumt in einer blühenden Frühlingsnacht. Die Augen freilich hätte kein Grieche erträumen und noch weniger begreifen können. Ich aber ſah ſie und begriff ſie, dieſe 6* 84 romantiſchen Sterne, die ſo zauberhaft die antike Herrlichkeit beleuchteten. Den ganzen Tag ſah ich dieſe Augen, und ich träumte davon in der folgenden Nacht. Da ſaß ſie wieder und lächelte, die Tauben flatterten hin und her wie Liebes⸗ engel, auch die weiße Taube über ihrem Haupte bewegte myſtiſch die Flügel, hinter ihr hoben ſich immer gewaltiger die behelmten Wächter, vor ihr hin jagte der Bach, immer ſtürmiſcher und wilder, die Weinreben umrankten mit ängſt⸗ licher Haſt das gekreuzigte Holzbild, das ſich ſchmerzlich regte, und die leidenden Augen öffnete und aus den Wunden blutete— ſie aber ſpann und lächelte, und an dem Faden ihres Wockens, gleich einer tanzenden Spindel, hing mein eigenes Herz. Cgpi t el. NIV. Während die Sonne immer ſchöner und herrlicher aus dem Himmel hervorblühte, und Berg und Burgen mit Goldſchleyern umkleidete, wurde es auch in meinem Herzen immer heißer und leuchtender, ich hatte wieder die ganze Bruſt voll Blumen, und dieſe ſproßten hervor und wuchſen mir gewaltig über den Kopf, und durch die eignen Herzblumen hindurch lächelte wieder himmliſch die ſchöne Spinnerin. Befangen in ſolchen Träumen, ſelbſt ein Traum, kam ich nach Italien, und da ich während der Reiſe ſchon ziemlich vergeſſen hatte, daß ich dorthin reiſte, 86 ſo erſchrack ich faſt, als mich all die großen italieniſchen Augen plötzlich anſahen, und das buntverwirrte italieniſche Leben mir leibhaftig, heiß und ſummend, entgegenſtrömte. Es geſchah dieſes aber in der Stadt Trient, wo ich an einem ſchönen Sonntag des Nachmit⸗ tags ankam, zur Zeit, wo die Hitze ſich legt und die Italiener aufſtehen und in den Straßen auf⸗ und ab ſpatzieren. Dieſe Stadt liegt alt und gebrochen in einem weiten Kreiſe von blühend grünen Bergen, die, wie ewig junge Götter auf das morſche Menſchenwerk herabſehen. Ge⸗ brochen und morſch liegt daneben auch die hohe Burg, die einſt die Stadt beherrſchte, ein aben⸗ teuerlicher Bau aus abenteuerlicher Zeit, mit Spitzen, Vorſprüngen, Zinnen und mit einem breitrunden Thurm, worin nur noch Eulen und öſtreichiſche Invaliden hauſen. Auch die Stadt ſelbſt iſt abenteuerlich gebaut, und wunderſam 87 wird einem zu Sinn bey'm erſten Anblick dieſer uralterthümlichen Häuſer mit ihren verblichenen Freskos, mit ihren zerbröckelten Heiligenbildern, mit ihren Thürmchen, Erkern, Gitterfenſterchen, und jenen hervorſtehenden Giebeln, die eſtraden⸗ artig auf grauen alterſchwachen Pfeilern ruhen, welche ſelbſt einer Stütze bedürften. Solcher Anblick wäre allzu wehmüthig, wenn nicht die Natur dieſe abgeſtorbenen Steine mit neuem Leben erfriſchte, wenn nicht ſüße Weinreben jene gebrechlichen Pfeiler, wie die Jugend das Alter, innig und zärtlich umrankten, und wenn nicht noch ſüßere Mädchengeſichter aus jenen trüben Bogenfenſtern hervorguckten, und über den deut⸗ ſchen Fremdling lächelten, der, wie ein ſchlaf⸗ wandelnder Träumer, durch die blühenden Ruinen einherſchwankt. Ich war wirklich wie im Traum, wie in einem Traume, wo man ſich auf irgend etwas 88 beſinnen will, was man ebenfalls einmal geträumt hat. Ich betrachtete abwechſelnd die Häuſer und die Menſchen, und ich meinte faſt, dieſe Häuſer hätte ich einſt in ihren beſſeren Tagen geſehen, als ihre hübſchen Malereien noch farbig glänzten, als die goldenen Zierrathen an die Fenſterfrieſen noch nicht ſo geſchwärzt waren, und als die marmorne Madonna, die das Kind auf dem Arme trägt, noch ihren wunderſchönen Kopf auf⸗ hatte, den jetzt die bilderſtürmende Zeit ſo pöbel⸗ haft abgebrochen. Auch die Geſichter der alten Frauen ſchienen mir ſo bekannt, es kam mir vor, als wären ſie herausgeſchnitten aus jenen alt⸗ italieniſchen Gemälden, die ich einſt als Knabe in der Düſſeldorfer Gallerie geſehen habe. Eben⸗ falls die alten Männer ſchienen mir ſo längſt vergeſſen wohlbekannt, und ſie ſchauten mich an mit ernſten Augen, wie aus der Tiefe eines Jahrtauſends. Sogar die kecken jungen Mädchen hatten ſo etwas jahrtauſendlich Verſtorbenes und ——— 89 doch wieder blühend Aufgelebtes, daß mich faſt ein Grauen anwandelte, ein ſüßes Grauen, wie ich es einſt gefühlt, als ich in der einſamen Mitternacht meine Lippen preßte auf die Lippen Marias, einer wunderſchönen Frau, die damals gar keinen Fehler hatte, außer daß ſie todt war. Dann aber mußt' ich wieder über mich ſelbſt lächeln, und es wollte mich bedünken, als ſey die ganze Stadt nichts anderes als eine hübſche Nooelle, die ich einſt einmal geleſen, ja, die ich ſelbſt gedichtet, und ich ſey jetzt in mein eigenes Gedicht hineingezaubert worden, und erſchräcke vor den Gebilden meiner eigenen Schöpfung. Vielleicht auch, dacht' ich, iſt das Ganze wirklich nur ein Traum, und ich hätte herzlich gern einen Thaler für eine einzige Ohrfeige gegeben, blos um dadurch zu erfahren, ob ich wachte oder ſchlief. Wenig fehlte, und ich hätte dieſen Artikel noch wohlfeiler eingehandelt, als ich an der Ecke 90 des Marktes über die dicke Obſtfrau hinſtolperte. Sie begnügte ſich aber damit, mir einige wirkliche Feigen an die Ohren zu werfen, und ich gewann dadurch die Ueberzeugung, daß ich mich in der. wirklichſten Wirklichkeit befand, mitten auf dem Marktplatz von Trient, neben dem großen Brun⸗ nen, aus deſſen kupfernen Tritonen und Delphi⸗ nen die ſilberklaren Waſſer gar lieblich ermunternd emporſprangen. Links ſtand ein alter Pallazzo, deſſen Wände mit bunt allegoriſchen Figuren be⸗ malt waren, und auf deſſen Terraſſe einige grau öſtreichiſche Soldaten zum Heldenthume abge⸗ richtet wurden. Rechts ſtand ein gothiſch⸗lom⸗ bardiſch kapriziöſes Häuslein, in deſſen Innerm eine ſüße, flatterhafte Mädchenſtimme ſo keck und luſtig trillerte, daß die verwitterten Mauern vor Vergnügen oder Baufälligkeit zitterten, während oben aus dem Spitzfenſter eine ſchwarze, laby⸗ rinthiſch gekräuſelte, komödiantenhafte Friſur her⸗ ausguckte, worunter ein ſcharfgezeichnetes, dünnes 91 Geſicht hervortrat, das nur auf der linken Wange geſchwinkt war, und daher ausſah wie ein Pfannkuchen, der erſt auf einer Seite gebacken iſt. Vor mir aber, in der Mitte, ſtand der uralte Dom, nicht groß, nicht düſter, ſondern wie ein heiterer Greis, recht bejahrt zutraulich und einladend. 92 Capitel XVI Als ich den grünſeidenen Vorhang, der den Eingang des Doms bedeckte, zurückſchob und eintrat in das Gotteshaus, wurde mir Leib und Herz angenehm erfriſcht von der lieblichen Luft, die dort wehte, und von dem beſänftigend magi⸗ ſchen Lichte, das durch die buntbemalten Fenſter auf die betende Verſammlung herabfloß. Es waren meiſtens Frauenzimmer, in lange Reihen hingeſtreckt auf den niedrigen Betbänken. Sie beteten bloß mit leiſer Lippenbewegung, und fächerten ſich dabey beſtändig mit großen grünen 3 Fächern, ſo daß man nichts hörte als ein un⸗ 93 aufhörlich heimliches Wiſpern, und nichts ſah als Fächerſchlag und wehende Schleyer. Der knar⸗ rende Tritt meiner Stiefeln ſtörte manche ſchöne Andacht, und große katholiſche Augen ſahen mich an, halb neugierig, halb liebwillig, und mochten mir wohl rathen, mich ebenfalls hinzuſtrecken und Seelenſieſte zu halten. Wahrlich, ein ſolcher Dom mit ſeinem ge⸗ dämpften Lichte und ſeiner wehenden Kühle iſt ein angenehmer Aufenthalt, wenn draußen greller Sonnenſchein und drückende Hitze. Davon hat man gar keinen Begriff in unſerem proteſtan⸗ tiſchen Norddeutſchland, wo die Kirchen nicht ſo komfortabel gebaut ſind, und das Licht ſo frech durch die unbemalten Vernunftſcheiben hin⸗ einſchießt, und ſelbſt die kühlen Predigten vor der Hitze nicht genug ſchützen. Man mag ſagen was man will, der Katholizismus iſt eine gute Sommerreligion. Es läßt ſich gut liegen auf den 94 Bänken dieſer alten Dome, man genießt dort die kühle Andacht, ein heiliges Dolce far niente, man betet und träumt und ſündigt in Gedanken, die Madonnen nicken ſo verzeihend aus ihren Niſchen, weiblich geſinnt verzeihen ſie ſogar, wenn man ihre eignen holden Züge in die ſündigen Gedanken verflochten hat, und zum Ueberfluß ſteht noch in jeder Ecke ein brauner Nothſtuhl des Gewiſſens, wo man ſich ſeiner Sünden ent⸗ ledigen kann. In einem ſolchen Stuhle ſaß ein junger Mönch mit ernſter Miene; das Geſicht der Dame, die ihm ihre Sünden beichtete, war mir aber theils durch ihren weißen Schleyer, theils durch das Seitenbrett des Beichtſtuhls verborgen. Doch kam außerhalb deſſelben eine Hand zum Vor⸗ ſchein, die mich gleichſam feſthielt. Ich konnte nicht aufhören dieſe Hand zu betrachten; das bläuliche Geäder und der vornehme Glanz der 95 weißen Finger war mir ſo befremdlich wohl⸗ bekannt, und alle Traumgewalt meiner Seele kam in Bewegung, um ein Geſicht zu bilden, das zu dieſer Hand gehören konnte. Es war eine ſchöne Hand, und nicht wie man ſie bei jungen Mädchen findet, die halb Lamm, halb Roſe, nur gedankenloſe, vegetabil animaliſche Hände haben, ſie hatte vielmehr ſo etwas Gei⸗ ſtiges, ſo etwas geſchichtlich Reizendes, wie die Hände von ſchönen Menſchen, die ſehr gebildet ſind oder viel gelitten haben. Dieſe Hand hatte dabey auch ſo etwas rührend Unſchuldiges, daß es ſchien, als ob ſie nicht mitzubeichten brauche, und auch nicht hören wolle was ihre Eigen⸗ thümerin beichtete, und gleichſam draußen warte, bis dieſe fertig ſey. Das dauerte aber lange; die Dame mußte viele Sünden zu erzählen haben. Ich konnte nicht länger warten, meine Seele drückte einen unſichtbaren Abſchiedskuß auf die ſchöne Hand, dieſe zuckte in demſelben Momente, 96 und zwar ſo eigenthümlich, wie die Hand der todten Maria zu zucken pflegte, wenn ich ſie berührte. Um Gotteswillen, dacht' ich, was thut die todte Maria in Trient?— und ich eilte aus dem Dome. Capitel XVI. Als ich wieder über den Marktplatz ging, grüßte mich an der Ecke die bereits erwähnte Obſtfrau recht freundlich und recht zutraulich, als wären wir alte Bekannte. Gleichviel, dacht' ich, wie man eine Bekanntſchaft macht, wenn man nur mit einander bekannt wird. Ein Paar an die Ohren geworfene Feigen ſind zwar nicht immer die beſte Introduction; aber ich und die Obſtfrau ſahen uns jetzt doch ſo freundlich an, als hätten wir uns wechſelſeitig die beſten Empfeh⸗ lungsſchreiben überreicht. Die Frau hatte auch keineswegs ein übles Ausſehn. Sie war freilich III. 7 98 ſchon etwas in jenem Alter, wo die Zeit unſere Dienſtjahre mit fatalen Chevets auf die Stirne anzeichnet, jedoch dafür war ſie auch deſto kor⸗ pulenter, und was ſie an Jugend eingebüßt, das hatte ſie an Gewicht gewonnen. Dazu trug ihr Geſicht noch immer die Spuren großer Schön⸗ heit, und wie auf alten Töpfen ſtand darauf geſchrieben:„lieben und geliebt zu werden, iſt das größte Glück auf Erden.“ Was ihr aber den köſtlichſten Neiz verlieh, das war die Friſur, die gekräuſelten Locken, kreideweiß gepudert, mit Pommade reichlich gedüngt, und idylliſch mit weißen Glockenblumen durchſchlungen. Ich be⸗ trachtete dieſe Frau mit derſelben Aufmerkſam⸗ keit, wie irgend ein Antiquar ſeine ausgegrabenen Marmortorſos betrachtet, ich konnte an jener lebenden Menſchenruine noch viel mehr ſtudieren, ich konnte die Spuren aller Civiliſationen Italiens an ihr nachweiſen, der etruskiſchen, römiſchen, gothiſchen, lombardiſchen, bis herab auf die 99 gepudert moderne, und recht intereſſant war mir das civiliſirte Weſen dieſer Frau im Kontraſt mit Gewerb und leidenſchaftlicher Gewöhnung. Nicht minder intereſſant waren mir die Gegen⸗ ſtände ihres Gewerbes, die friſchen Mandeln, die ich noch nie in ihrer urſprünglich grünen Schale geſehn, und die duftig friſchen Feigen, die hochaufgeſchüttet lagen, wie bei uns die Birnen. Auch die großen Körbe mit friſchen Citronen und Orangen ergötzten mich; und wun⸗ derlieblicher Anblick! in einem leeren Korbe da⸗ neben lag ein bildſchöner Knabe, der ein kleines Glöckchen in den Händen hielt, und während jetzt die große Domglocke läutete, zwiſchen jedem Schlag derſelben mit ſeinem kleinen Glöckchen klingelte, und dabei ſo weltvergeſſen ſelig in den blauen Himmel hineinlächelte, daß mir ſelbſt wieder die drolligſte Kinderlaune im Gemüthe aufſtieg, und ich mich, wie ein Kind, vor die lachenden Körbe hinſtellte und naſchte und mit der Obſtfrau diskurirte 7* 100 Wegen meines gebrochenen Italieniſchſpre⸗ chens hielt ſie mich im Anfang für einen Eng⸗ länder; aber ich geſtand ihr, daß ich nur ein Deutſcher ſey. Sie machte ſogleich viele geo⸗ graphiſche, ökonomiſche, hortologiſche, klimatiſche Fragen über Deutſchland, und wunderte ſich, als ich ihr ebenfalls geſtand, daß bei uns keine Citronen wachſen, daß wir die wenigen Citronen, die wir aus Italien bekommen, ſehr preſſen müſſen, wenn wir Punſch machen, und daß wir dann aus Verzweiflung deſto mehr Rum zugießen. Ach liebe Frau! ſagte ich ihr, in unſerem Lande iſt es ſehr froſtig und feucht, unſer Sommer iſt nur ein grünangeſtrichener Winter, ſogar die Sonne muß bey uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn ſie ſich nicht erkälten will; bey dieſem gelben Flanellſonnenſchein können unſere Früchte nimmermehr gedeihen, ſie ſehen verdrieß⸗ lich und grün aus, und unter uns geſagt, das einzige reife Obſt, das wir haben, ſind gebratene 101 Aepfel. Was die Feigen betrifft, ſo müſſen wir ſie ebenfalls, wie die Citronen und Orangen, aus fremden Ländern beziehen, und durch das lange Reiſen werden ſie dumm und mehlig; nur die ſchlechteſte Sorte können wir friſch aus der erſten Hand bekommen, und dieſe iſt ſo bitter, daß, wer ſie umſonſt bekommt, noch obendrein eine Realinjurienklage anſtellt. Von den Mandeln haben wir blos die geſchwollenen. Kurz, uns fehlt alles edle Obſt, und wir haben nichts als Stachelbeeren, Birnen, Haſelnüſſe, Zwetſchen und dergleichen Pöbel. 102 Capitel XVI. Ich freute mich wirklich, ſchon gleich bey meiner Ankunft in Italien eine gute Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben, und hätten mich nicht wichtige Gefühle nach Süden gezogen, ſo wäre ich vor der Hand in Trient geblieben, bey der guten Obſtfrau, bey den guten Feigen und Man⸗ deln, bey dem kleinen Glöckner, und ſoll ich die Wahrheit ſagen, bey den ſchönen Mädchen, die rudelweiſe vorbeyſtrömten. Ich weiß nicht, ob andere Reiſende hier das Beywort„ſchön“ billigen werden; mir aber gefielen die Trienterinnen ganz ausnehmend gut. Es war juſt die Sorte, 103 die ich liebe:— und ich liebe dieſe blaſſen, elegiſchen Geſichter, wo die großen, ſchwarzen Augen ſo liebeskrank herausſtrahlen; ich liebe auch den dunkeln Teint jener ſtolzen Hälſe, die ſchon Phöbus geliebt und braun geküßt hat; ich liebe ſogar jene überreife Nacken, worin purpurne Pünktchen, als hätten lüſterne Vögel daran gepickt; vor allem aber liebe ich jenen genialen Gang, jene ſtumme Muſik des Leibes, jene Glie⸗ der, die ſich in den ſüßeſten Rhythmen bewegen, üppig, ſchmiegſam, göttlich liederlich, ſterbefaul, dann wieder ätheriſch erhaben, und immer hoch⸗ poetiſch. Ich liebe dergleichen, wie ich die Poeſie ſelbſt liebe, und dieſe melodiſch bewegten Geſtal⸗ ten, dieſes wunderbare Menſchenkonzert, das an mir vorüberrauſchte, fand ſein Echo in meinem Herzen, und weckte darin die verwandten Töne. Es war jetzt nicht mehr die Zaubermacht der erſten Ueberraſchung, die Mährchenhaftigkeit 104 der wildfremden Erſcheinung, es war ſchon der ruhige Geiſt, der, wie ein wahrer Kritiker ein Gedicht lieſt, jene Frauenbilder mit entzückt be⸗ ſonnenem Auge betrachtete. Und bei ſolcher Be⸗ trachtung entdeckt man viel, viel Trübes, den Reichthum der Vergangenheit, die Armuth der Gegenwart und den zurückgebliebenen Stolz. Gern möchten die Töchter Trients ſich noch ſchmücken wie zu den Zeiten des Konziliums, wo die Stadt blühte in Sammt und Seide; aber das Konzilium hat wenig ausgerichtet, der Sammt iſt abgeſchabt, die Seide zerfetzt, und den armen Kindern blieb nichts als kümmerlicher Flitterſtaat, den ſie in der Woche ängſtlich ſchonen, und womit ſie ſich nur des Sonntags putzen. Manche aber entbehren auch dieſer Reſte eines verſchollenen Luxus, und müſſen ſich mit allerlei ordinairen und wohlfeilen Fabrikaten unſers Zeitalters behelfen. Da giebt es nun gar rührende Kontraſte zwiſchen Leib und Kleid; der 4. 5 105 feingeſchnittene Mund ſcheint fürſtlich gebieten zu dürfen, und wird höhniſch überſchattet von einem armſeligen Baſthut mit zerknitterten Papier⸗ blumen, der ſtolzeſte Buſen wogt in einer Krauſe von plump falſchen Garnſpitzen, und die geiſt⸗ reichſten Hüften umſchließt der dümmſte Kattun. Wehmuth, dein Name iſt Kattun, und zwar braungeſtreifter Kattun! Denn ach! nie hat mich etwas wehmüthiger geſtimmt, als der Anblick einer Trienterin, die an Geſtalt und Geſichts⸗ farbe einer marmornen Göttin glich, und auf dieſem antik edlen Leib ein Kleid von braunge⸗ ſtreiftem Kattun trug, ſo daß es ausſah, als ſey die ſteinerne Niobe plötzlich luſtig geworden, und habe ſich maskirt in unſere moderne Klein⸗ tracht, und ſchreite bettelſtolz und grandios unbeholfen durch die Straßen Trients. 106 Capitel XVIII. Als ich nach der Lokanda dell' Grande Europa zurückkehrte, wo ich mir ein gutes Pranzo beſtellt hatte, war mir wirklich ſo wehmüthig zu Sinn, daß ich nicht eſſen konnte, und das will viel ſagen. Ich ſetzte mich vor die Thüre der nachbarlichen Botega, erfriſchte mich mit Sorbet und ſprach in mich hinein: Grillenhaftes Herz! jetzt biſt du ja in Italien— warum tirilyrſt du nicht? Sind viel⸗ leicht die alten deutſchen Schmerzen, die kleinen Schlangen, die ſich tief in dir verkrochen, jetzt — 107 mit nach Italien gekommen, und ſie freuen ſich jetzt, und eben ihr gemeinſchaftlicher Jubel erregt nun in der Bruſt jenes pitoreske Weh, das darin ſo ſeltſam ſticht und hüpft und pfeift? Und warum ſollten ſich die alten Schmerzen nicht auch einmal freuen? Hier in Italien iſt es ja ſo ſchön, das Leiden ſelbſt iſt hier ſo ſchön, in dieſen gebrochenen Marmorpallazzos klingen die Seufzer viel romantiſcher, als in unſeren netten Ziegelhäuschen, unter jenen Lorbeerbäumen läßt ſich viel wollüſtiger weinen als unter unſeren mürriſch zackigen Tannen, und nach den idealiſchen Wol⸗ kenbildern des himmelblauen Italiens läßt ſich viel ſüßer hinaufſchmachten als nach dem aſchgrau deutſchen Werkeltagshimmel, wo ſogar die Wolken nur ehrliche Spießbürgerfratzen ſchneiden und langweilig herabgähnen! Bleibt nur in meiner Bruſt, Ihr Schmerzen! Ihr findet nirgends ein beſſeres Unterkommen. Ihr ſeyd mir lieb und werth, und keiner weiß Euch beſſer zu hegen 108 und zu pflegen als ich, und ich geſtehe Euch, Ihr macht mir Vergnügen. Und überhaupt, was iſt denn Vergnügen? Vergnügen iſt nichts als ein höchſt angenehmer Schmerz. Ich glaube, die Muſik, die, ohne daß ich darauf achtete, vor der Botega erklang, und einen Kreis von Zuſchauern ſchon um ſich ge⸗ zogen, hatte melodramatiſch dieſen Monolog be⸗ gleitet. Es war ein wunderliches Trio, be⸗ ſtehend aus zwei Männern und einem jungen Mädchen, das die Harfe ſpielte. Der eine von jenen beiden, winterlich gekleidet in einen weißen Flausrock, war ein ſtämmiger Mann, mit einem dickrothen Banditengeſicht, das aus den ſchwarzen Haupt⸗ und Barthaaren, wie ein drohender Comet, hervorbrannte, und zwiſchen den Beinen hielt er eine ungeheure Baßgeige, die er ſo wüthend ſtrich, als habe er in den Abruzzen einen armen Reiſenden niedergeworfen und wolle 109 ihm geſchwinde die Gurgel abfiedeln; der andre war ein langer, hagerer Greis, deſſen morſche Gebeine in einem abgelebt ſchwarzen Anzuge ſchlotterten, und deſſen ſchneewriße Haare mit ſeinem Buffogeſang und ſeinen närriſchen Ca⸗ priolen gar kläglich kontraſtirten. Iſt es ſchon betrübend, wenn ein alter Mann die Ehrfurcht, die man ſeinen Jahren ſchuldig iſt, aus Noth verkaufen, und ſich zur Poſſenreißerey hergeben muß; wie viel trübfeliger iſt es noch, wenn er ſolches in Gegenwart oder gar in Geſellſchaft ſeines Kindes thut! und jenes Mädchen war die Tochter des alten Buffo, und ſie akkom⸗ pagnirte mit der Harfe die unwürdigſten Späße des greiſen Vaters, oder ſtellte auch die Harfe bei Seite und ſang mit ihm ein komiſches Duett, wo er einen verliebten alten Gecken, und ſie ſeine junge neckiſche Amante vorſtellte. Oben⸗ drein ſchien das Mädchen kaum aus den Kin⸗ derjahren getreten zu ſeyn, ja es ſchien, als 110 ——— habe man das Kind, ehe es noch zur Jungfräu⸗ lichkeit gelangt war, gleich zum Weibe gemacht, und zwar zu keinem züchtigen Weibe. Daher das bleichſüchtige Welken und der zuckende Miß⸗ muth des ſchönen Geſichtes, deſſen ſtolzge⸗ ſchwungene Formen jedes ahnende Mitleid gleichſam verhöhnten; daher die verborgene Kümmerlichkeit der Augen, die unter ihren ſchwarzen Triumphbogen ſo herausfordernd leuchteten; daher der tiefe Schmerzenston, der ſo unheimlich kontraſtirte mit den lachend ſchönen Lippen, denen er entſchlüpfte; daher die Krank⸗ haftigkeit der überzarten Glieder, die ein kurzes, ängſtlich violettes Seidenkleidchen ſo tief als möglich umflutterte. Dabei flaggten grellbunte Atlasbänder auf dem verjährten Strohhut und die Bruſt zierte gar ſinnbildlich eine offne Roſen⸗ knospe, die mehr gewaltſam aufgeriſſen als in eigener Entfaltung aus der grünen Hülle her⸗ vorgeblüht zu ſeyn ſchien. Indeſſen, über — 111 dem unglücklichen Mädchen, dieſem Frühling, den der Tod ſchon verderblich angehaucht, lag eine unbeſchreibliche Anmuth, eine Grazie, die ſich in jeder Miene, in jeder Bewegung, in jedem Tone kund gab, und ſelbſt dann nicht ganz ſich verläugnete, wenn ſie mit vorgeworfenem Leibchen und ironiſcher Lüſternheit dem alten Vater entgegen tänzelte, der eben ſo unſittſam, mit vorgeſtrecktem Bauchgerippe zu ihr heran⸗ wackelte. Je frecher ſie ſich gebehrdete, deſto tieferes Mitleiden flößte ſie mir ein, und wenn ihr Geſang dann weich und wunderbar aus ihrer Bruſt hervorſtieg und gleichſam um Ver⸗ zeihung bat, dann jauchzten in meiner Bruſt die kleinen Schlangen, und biſſen ſich vor Vergnügen in den Schwanz. Auch die Roſe ſchien mich dann wie bittend anzuſehen, einmal ſah ich ſie ſogar zittern, erbleichen— aber in demſelben Augen⸗ blicke ſchlugen die Triller des Mädchens um ſo lachender in die Höhe, der Alte meckerte noch 112 verliebter, und das rothe Cometgeſicht marterte ſeine Bratſche ſo grimmig, daß ſie die ent⸗ ſetzlich drolligſten Töne von ſich gab und die Zuhörer noch toller jubelten. C 4, p. i te l. XIX. Es war ein ächt italieniſches Muſikſtück, aus irgend einer beliebten Opera Buffa, jener wunder⸗ ſamen Gattung, die dem Humor den freyeſten Spielraum gewährt, und worin er ſich all' ſeiner ſpringenden Luſt, ſeiner tollen Empfindeley, ſeiner lachenden Wehmuth, und ſeiner lebens⸗ ſüchtigen Todesbegeiſterung überlaſſen kann. Es war ganz Roſſiniſche Weiſe, wie ſie ſich im Barbier von Sevilla am lieblichſten offenbart. Die Verächter italieniſcher Muſik, die auch dieſer Gattung den Stab brechen, werden einſt in der Hölle ihrer wohlverdienten Strafe nicht III. 8 114 entgehen, und ſind vielleicht verdammt, die lange Ewigkeit hindurch nichts anderes zu hören, als Fugen von Sebaſtian Bach. Leid iſt es mir um ſo manchen meiner Collegen, z. B. um Rellſtab, der ebenfalls dieſer Verdammniß nicht entgehen wird, wenn er ſich nicht vor ſeinem Tode zu Roſſini bekehrt. Roſſini, divino Maestro, Helios von Italien, der du deine klingenden Stra⸗ len über die Welt verbreiteſt! verzeih meinen armen Landsleuten, die dich läſtern auf Schreibpapier und auf Löſchpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenen Töne, deiner melodiſchen Lichter, deiner funkelnden Schmetterlingsträume, die mich ſo lieblich umgaukelten, und mir das Herz küſſen, wie mit Lippen der Grazien! Divino Maestro, verzeih meinen armen Landsleuten, die deine Tiefe nicht ſehen, weil du ſie mit Roſen bedeckſt, und denen du nicht gedankenſchwer und gründlich genug biſt, weil du ſo leicht flatterſt, ſo gottbe⸗— flügelt!— Freilich, um die heutige italieniſche 4 115 Muſik zu lieben und durch die Liebe zu verſtehn, muß man das Volk ſelbſt vor Augen haben, ſeinen Himmel, ſeinen Charakter, ſeine Mienen, ſeine Leiden, ſeine Freuden, kurz ſeine ganze Geſchichte, von Romulus, der das heilige römiſche Reich geſtiftet, bis auf die neueſte Zeit, wo es zu Gruͤnde ging, unter Romulus Auguſtulus II. Dem armen geknechteten Italien iſt ja das Sprechen verboten, und es darf nur durch Muſik die Gefühle ſeines Herzens kund geben. All ſein Groll gegen fremde Herrſchaft, ſeine Begeiſterung für die Freyheit, ſein Wahnſinn über das Gefühl der Ohnmacht, ſeine Wehmuth bey der Erinne⸗ rung an vergangene Herrlichkeit, dabey ſein leiſes Hoffen, ſein Lauſchen, ſein Lechzen nach Hülfe, alles dieſes verkappt ſich in jene Melodieen, die von grotesker Lebenstrunkenheit zu elegiſcher Weichheit herabgleiten, und in jene Pantomimen, die von ſchmeichelnden Careſſen zu drohendem Ingrimm überſchnappen. 116 Das iſt der eſoteriſche Sinn der Opera Buffa. Die exoteriſche Schildwache, in deren Gegenwart ſie geſungen und dargeſtellt wird, ahnt nimmer⸗ mehr die Bedeutung dieſer heiteren Liebesge⸗ ſchichten, Liebesnöthen und Liebesneckereyen, worunter der Italiener ſeine tödlichſten Be⸗ freyungsgedanken verbirgt wie Harmodius und Ariſtogiton ihren Dolch verbargen in einem Kranze von Myrthen. Das iſt halt närriſches Zeug, ſagt die exoteriſche Schildwache, und es iſt gut, daß ſie nichts merkt. Denn ſonſt würde der Impreſſario, mitſammt der Prima Donna und dem Primo Uomo, bald jene Bretter betreten, die eine Feſtung bedeuten; es würde eine Unterſuchungskommiſſion niedergeſetzt werden, alle ſtaatsgefährliche Triller und revoluzionärriſche Colloraturen kämen zu Protokoll, man würde eine Menge Arlekine, die in weiteren Verzweigungen verbrecheriſcher Um⸗ triebe verwickelt ſind, auch den Tartaglia, den Brighella, ſogar den alten bedächtigen Pantalon 4 117 arretiren, dem Dottore von Bologna würde man die Papiere verſiegeln, er ſelbſt würde ſich in noch größeren Verdacht hineinſchnattern, und Columbine müßte ſich, über dieſes Familien⸗ unglück, die Augen roth weinen. Ich denke aber, daß ſolches Unglück noch nicht über dieſe guten Leute hereinbrechen wird, indem die italieniſchen Demagogen pfiffiger ſind als die armen Deutſchen, die, Aehnliches beabſichtigend, ſich als ſchwarze Narren mit ſchwarzen Narren⸗ kappen vermummt hatten, aber ſo auffallend trübſelig ausſahen und bey ihren gründlichen Narrenſprüngen, die ſie Turnen nannten, ſich ſo gefährlich anſtellten, und ſo ernſthafte Geſichter ſchnitten, daß die Regierungen endlich auf⸗ merkſam werden und ſie einſtecken mußten. 118 Capitel XX. Die kleine Harfeniſtin mußte wohl bemerkt haben, daß ich, während ſie ſang und ſpielte, oft nach ihrer Buſenroſe hinblickte, und als ich nachher auf den zinnernen Teller, womit ſie ihr Honorar einſammelte, ein Geldſtück warf, das nicht allzuklein war, da lächelte ſie ſchlau, und frug heimlich: ob ich ihre Roſe haben wolle? Nun bin ich aber der höflichſte Menſch von der Welt, und um die Welt! möchte ich nicht eine Roſe beleidigen, und ſey es auch eine Roſe, die ſich ſchon ein bischen verduftet hat. Und 119 wenn ſie auch nicht mehr, ſo dacht' ich, ganz friſch riecht, und nicht mehr im Geruche der Tugend iſt, wie etwa die Roſe von Saron, was kümmert es mich, der ich ja doch den Stock⸗ ſchnupfen habe! Und nur die Menſchen nehmens ſo genau. Der Schmetterling fragt nicht die Blume: hat ſchon ein anderer dich geküßt? Und dieſe fragt nicht: haſt du ſchon eine Andere umflattert? Dazu kam noch, daß die Nacht hereinbrach, und des Nachts, dacht' ich, ſind alle Blumen grau, die ſündigſte Roſe eben ſo gut wie die tugendhafteſte Peterſilie. Kurz und gut, ohne allzu langes Zögern ſagte ich zu der kleinen Harfeniſtin: Si Signora——— Denk nur nichts Böſes, lieber Leſer. Es war dunkel geworden, und die Sterne ſahen ſo klar und fromm herab in mein Herz. Im Herzen ſelbſt aber zitterte die Erinnerung an die todte Maria. Ich dachte wieder an jene 120 Nacht, als ich vor dem Bette ſtand, worauf der ſchöne, blaſſe Leib lag, mit ſanften ſtillen Lippen— Ich dachte wieder an den ſonder⸗ baren Blick, den mir die alte Frau zuwarf, die bey der Leiche wachen ſollte und mir ihr Amt auf einige Stunden überließ— Ich dachte wieder an die Nachtviole, die im Glaſe auf dem Tiſche ſtand und ſo ſeltſam duftete— Auch durchſchauerte mich wieder der Zweifel: ob es wirklich ein Windzug war, wovon die Lampe erloſch? Ob wirklich kein Dritter im Zimmer war? Capitel XXI. Ich ging bald zu Bette, ſchlief bald ein und verwickelte mich in närriſche Träume. Ich träumte mich nemlich wieder einige Stunden zurück, ich kam wieder an in Trient, ich ſtaunte wieder wie vorher, und jetzt um ſo mehr, da lauter Blumen ſtatt Menſchen in den Straßen ſpatzieren gingen. Da wandelten glühende Nelken, die ſich wollüſtig fächerten, kokettirende Balſaminen, Hyacinthen mit hübſchen leeren Glockenköpfchen, hinterher ein Troß von ſchnurrbärtigen Narziſſen 8** 122 und tölpelhaften Ritterſporen. An der Ecke zankten ſich zwei Masliebchen. Aus dem Fenſter eines alten Hauſes von krankhaftem Ausſehen guckte eine geſprenkelte Levkoje, gar närriſch buntgeputzt, und hinter ihr erklang eine niedlich duftende Veilchenſtimme. Auf dem Balkon des großen Palazzos am Markte war der ganze Adel verſammelt, die hohe Nobleſſe, nemlich jene Liljen, die nicht arbeiten und nicht ſpinnen und ſich doch eben ſo prächtig dünken wie König Salomon in all ſeiner Herrlichkeit. Auch die dicke Obſtfrau glaubte ich dort zu ſehen; doch als ich genauer hinblickte, war es nur eine ver⸗ winterte Ranunkel, die gleich auf mich loskeifte: „Was wollen Sie unreife Blüthe? Sie ſaure Jurke? Sie ordinäre Blume mit man eenen Stoobfaden? Ich will Ihnen ſchon begießen!“ Vor Angſt eilte ich in den Dom, und über⸗ rannte faſt ein altes hinkendes Stiefmütterchen, das ſich von einem Gänſeblümchen das Gebet⸗ —— 123 buch nachtragen ließ. Im Dome aber war es wieder recht angenehm; in langen Reihen ſaßen da Tulpen von allen Farben und bewegten an⸗ dächtig die Köpfe. Im Beichtſtuhl ſaß ein ſchwarzer Rettig, und vor ihm kniete eine Blume, deren Geſicht nicht zum Vorſchein kam. Doch ſie duftete ſo wohlbekannt ſchauerlich, daß ich ſeltſamerweiſe wieder an die Nachtviole dachte, die im Zimmer ſtand, wo die todte Maria lag. Als ich wieder aus dem Dome trat, be⸗ gegnete mir ein Leichenzug von lauter Roſen mit ſchwarzen Flören und weißen Taſchentüchern, und ach! auf der Bahre lag die frühzerriſſene Roſe, die ich am Buſen der kleinen Harfeniſtin kennen gelernt. Sie ſah jetzt noch viel an⸗ muthiger aus, aber ganz kreideblaß, eine weiße Roſenleiche. Bey einer kleinen Capelle wurde der Sarg niedergeſetzt; da gab es nichts als Weinen und Schluchzen, und endlich trat eine 124 —— alte Klatſchroſe hervor und hielt eine lange Leichenpredigt, worin ſie viel ſchwatzte von den Tugenden der Hingeſchiedenen, von einem irdiſchen Katzenjammerthal, von einem beſſeren Seyn, von Liebe, Hoffnung und Glaube, Alles in einem näſelnd ſingenden Tone, eine breitge⸗ wäſſerte Rede, und ſo lang und langweilig, daß ich davon erwachte. 125 Capitel XXII. Mein Vetturin hatte früher denn Helios ſeine Gäule angeſchirrt, und ſchon um Mitends⸗ zeit erreichten wir Ala. Hier pflegen die Vetturine einige Stunden zu halten, um ihre Wagen zu wechſeln. Ala iſt ſchon ein ächt italieniſches Neſt. Die Lage iſt pittoresk, an einem Berghang, ein Fluß rauſcht vorbey, heitergrüne Weinreben um⸗ ranken hie und da die übereinanderſtolpernden, zuſammengeflickten Bettlerpalläſte. An der Ecke 126 des windſchiefen Marktes, der ſo klein iſt wie ein Hühnerhof, ſteht mit großmächtigen, giganti⸗ ſchen Buchſtaben: Piazza di San Marco. Auf dem ſteinernen Bruchſtück eines großen, alt⸗ adligen Wappenſchilds, ſaß dort ein kleiner Knabe und nothdürftelte. Die blanke Sonne beſchien ſeine naive Rückſeite, und in den Händen hielt er ein papiernes Heiligenbild, das er vorher inbrünſtig küßte. Ein kleines, bild⸗ ſchönes Mädchen, ſtand betrachtungsvoll daneben, und blies zuweilen akkompagnirend in eine hölzerne Kindertrompete. Das Wirthshaus, wo ich einkehrte und zu Mittag ſpeiſte, war ebenfalls ſchon von ächt italieniſcher Art. Oben, auf dem erſten Stock⸗ werk, eine freye Eſtrade mit der Ausſicht nach dem Hofe, wo zerſchlagene Wagen und ſehn⸗ ſüchtige Miſthaufen lagen, Truthähne mit närriſch rothen Schnabellappen und bettelſtolze Pfauen 127 einherſpatzierten, und ein halb Dutzend zer⸗ lumpter, ſonnverbrannter Buben ſich nach der Bell⸗ und Lankaſterſchen Methode lauſten. Auf jener Eſtrade, längs dem gebrochenen Eiſen⸗ geländer, gelangt man in ein weites hallendes Zimmer. Fußboden von Marmor, in der Mitte ein breites Bett worauf die Flöhe Hochzeit halten; überall großartiger Schmutz. Der Wirth ſprang hin und her, um meine Wünſche zu vernehmen. Er trug einen haſtig grünen Leibrock und ein vielfältig bewegtes Geſicht, worin eine lange höckerige Naſe, mit einer haarigen rothen Warze, die mitten darauf ſaß, wie ein rothjäckiger Affe auf dem Rücken eines Kameels. Er ſprang hin und her, und es war dann, als ob das rothe Aeffchen auf ſeiner Naſe ebenfalls hin und her ſpränge. Es dauerte aber eine Stunde, ehe er das Mindeſte brachte, und wenn ich deshalb ſchalt, ſo betheuerte er, daß ich ſchon ſehr gut Italieniſch ſpreche. 128 Ich mußte mich lange mit dem lieblichen Bratenduft begnügen, der mir entgegenwogte aus der thürloſen Küche gegenüber, wo Mutter und Tochter neben einander ſaßen und ſangen und Hühner rupften. Erſtere war remarkabel korpulent; Brüſte, die ſich überreichlich hervor⸗ bäumten, die jedoch noch immer klein waren im Vergleich mit dem koloſſalen Hintergeſtell, ſo daß jene erſt die Inſtituzionen zu ſeyn ſchienen, dieſes aber ihre erweiterte Ausführung als Pandekten. Die Tochter, eine nicht ſehr große, aber ſtark geformte Perſon, ſchien ſich ebenfalls zur Korpulenz hinzuneigen; aber ihr blühendes Fett war keineswegs mit dem alten Talg der Mutter zu vergleichen. Ihre Geſichtszüge waren nicht ſanft, nicht jugendlich liebreizend, jedoch ſchön gemeſſen, edel, antik; Locken und Augen brennend ſchwarz. Die Mutter hingegen hatte flache, ſtumpfe Geſichtszüge, eine roſenrothe Naſe, blaue Augen, wie Veilchen in Milch gekocht, 129 und liljenweiß gepuderte Haare. Dann und wann kam der Wirth, il Signor padre, heran⸗ geſprungen, und fragte nach irgend einem Geſchirr oder Geräthe, und im Rezitativ bekam er die ruhige Weiſung, es ſelbſt zu ſuchen. Dann ſchnalzte er mit der Zunge, kramte in den Schränken, koſtete aus den kochenden Töpfen, verbrannte ſich das Maul und ſprang wieder fort, und mit ihm ſein Naſenkameel und das rothe Aeffchen. Hinter ihnen drein ſchlugen dann die luſtigſten Triller, wie liebreiche Ver⸗ höhnung und Familienneckerey. Aber dieſe gemüthliche, faſt idylliſche Wirth⸗ ſchaft unterbrach plötzlich ein Donnerwetter; ein vierſchrötiger Kerl mit einem brüllenden Mordgeſicht ſtürzte herein, und ſchrie etwas, das ich nicht verſtand. Als beide Frauenzimmer verneinend die Köpfe ſchüttelten, gerieth er in die tollſte Wuth und ſpie Feuer und Flamme, III. 9 130 wie ein kleiner Veſuv, der ſich ärgert. Die Wirthin ſchien in Angſt zu gerathen, und flüſterte begütigende Worte, die aber eine entgegengeſetzte Wirkung hervorbrachten, ſo daß der raſende Menſch eine eiſerne Schaufel ergriff, einige unglückliche Teller und Flaſchen zerſchlug, und auch die arme Frau geſchlagen haben würde, hätte nicht die Tochter ein langes Küchenmeſſer erfaßt und ihn niederzuſtechen gedroht, im Fall er nicht ſogleich abzöge. Es war ein ſchöner Anblick, das Mädchen ſtand da blaßgelb und vor Zorn erſtarrend, wie ein Marmorbild, die Lippen ebenfalls bleich, die Augen tief und tödlich, eine blaugeſchwollene Ader quer über der Stirn, die ſchwarzen Locken wie flatternde Schlangen, in den Händen ihr blutiges Meſſer— Ich ſchauerte vor Luſt, denn leibhaftig ſah ich vor mir das Bild der Medea, wie ich es oft geträumt in meinen Jugend⸗ 131 nächten, wenn ich entſchlummert war an dem lieben Herzen Melpomene's, der finſter ſchönen Göttin. Während dieſer Scene kam der Signor padre nicht im mindeſten aus dem Geleiſe, mit geſchäftiger Seelenruhe raffte er die Scherben vom Boden auf, ſuchte die Teller zuſammen, die noch am Leben geblieben, brachte mir darauf: Zuppa mit Parmeſankäſe, einen Braten derb und feſt wie deutſche Treue, Krebſe roth wie Liebe, grünen Spinat wie Hoffnung mit Eyer, und zum Deſſert geſtovte Zwiebeln, die mir Thränen der Rührung aus den Augen lockten. Das hat nichts zu bedeuten, das iſt nun mal Pietro's Methode, ſprach er, als ich verwundert nach der Küche zeigte; und wirklich, nachdem der Urheber des Zanks ſich entfernt hatte, ſchien es, als ob dort gar nichts vorgefallen ſey, Mutter und 9* 132 Tochter ſaßen wieder ruhig nach wie vor, und ſangen und rupften Hühner. Die Rechnung überzeugte mich, daß auch der Signor padre ſich aufs Rupfen verſtand, und als ich ihm dennoch, außer der Zahlung, etwas für die gute Hand gab, da nieſte er ſo vergnügt ſtark, daß das Aeffchen beynah von ſeinem Sitze herabgefallen wäre. Hierauf winkte ich freundlich hinüber nach der Küche, freundlich war der Gegengruß, bald ſaß ich in dem einge⸗ tauſchten Wagen, fuhr raſch hinab in die lom⸗ bardiſche Ebene, und erreichte gegen Abend die uralte, weltberühmte Stadt Verona. Cgvitel XXIII. Die bunte Gewalt der neuen Erſcheinungen bewegte mich in Trient nur dämmernd und ahn⸗ dungsvoll, wie Mährchenſchauer; in Verona aber erfaßte ſie mich wie ein mächtiger Fieber⸗ traum voll heißer Farben, ſcharfbeſtimmter Formen, geſpenſtiſcher Trompetenklänge und fernen Waffengeräuſches. Da war manch' ver⸗ witterter Pallaſt, der mich ſo ſtier anſah, als wollte er mir ein altes Geheimniß anvertrauen, und er ſcheuete ſich nur vor dem Gewühl der zudringlichen Tagesmenſchen, und bäte mich zur Nachtzeit wieder zu kommen. Jedoch trotz dem 134 Gelärm des Volks und trotz der wilden Sonne, die ihr rothes Licht hineingoß, hat doch hie und da ein alter dunkler Thurm mir ein bedeutendes Wort zugeworfen, hie und da vernahm ich das Geflüſter zerbrochener Bildſäulen, und als ich gar über eine kleine Treppe ging, die nach der Piazza de' Signori führte, da erzählten mir die Steine eine furchtbar blutige Geſchichte, und ich las an der Ecke die Worte: Scala mazzanti. Verona, die uralte, weltberühmte Stadt, gelegen auf beiden Seiten der Etſch, war immer gleichſam die erſte Stazion für die germaniſchen Wandervölker, die ihre kaltnordiſchen Wälder verließen und über die Alpen ſtiegen, um ſich im güldenen Sonnenſchein des lieblichen Italiens zu erluſtigen. Einige zogen weiter hinab, anderen geſiel es ſchon gut genug am Orte ſelbſt, und ſie machten es ſich heimathlich bequem, und zogen ſeidne Hausgewänder an, und ergingen ſich — = 135⁵ friedlich unter Blumen und Zypreſſen, bis neue Ankömmlinge, die noch ihre friſchen Eiſenkleider anhatten, aus dem Norden kamen und ſie ver⸗ drängten,— eine Geſchichte, die ſich oft wieder⸗ holte, und von den Hiſtorikern die Völkerwan⸗ derung genannt wird. Wandelt man jetzt durch das Weichbild Verona's, ſo findet man überall die abentheuerlichen Spuren jener Tage, ſo wie auch die Spuren der älteren und der ſpäteren Zeiten. An die Römer mahnt beſonders das Amphitheater und der Triumphbogen; an die Zeit des Theoderichs, des Ditrichs von Bern, von dem die Deutſchen noch ſingen und ſagen, erinnern die fabelhaften Reſte ſo mancher byzan⸗ tiniſch vorgothiſchen Bauwerke; tolle Trümmer erinnern an König Alboin und ſeine wüthenden Longobarden; ſagenreiche Denkmale mahnen an Carolum Magnum, deſſen Paladine an der Pforte des Doms eben ſo fränkiſch roh gemeißelt ſind, wie ſie gewiß im Leben geweſen— es will 136 uns bedünken, als ſey die Stadt eine große Völkerherberge, und gleich wie man in Wirths⸗ häuſern ſeinen Namen auf Wand und Fenſter zu ſchreiben pflegt, ſo habe dort jedes Volk die Spuren ſeiner Anweſenheit zurückgelaſſen, freylich oft nicht in der leſerlichſten Schrift, da mancher deutſche Stamm noch nicht ſchreiben konnte, und ſich damit behelfen mußte, zum Andenken etwas zu zertrümmern, welches auch hinreichend war, da dieſe Trümmer noch deutlicher ſprechen als zierliche Buchſtaben. Die Barbaren, welche jetzt die alte Herberge bezogen haben, werden nicht ermangeln, eben ſolche Denkmäler ihrer holden Gegenwart zu hinterlaſſen, da es ihnen an Bildhauern und Dichtern fehlt, um ſich durch mildere Mittel im Andenken der Menſchen zu erhalten. Ich blieb nur einen Tag in Verona, in beſtändiger Verwunderung ob des nie Geſehenen, 137 anſtarrend jetzt die alterthümlichen Gebäude, dann die Menſchen, die in geheimnißvoller Haſt dazwiſchen wimmelten, und endlich wieder den gottblauen Himmel, der das ſeltſame Ganze wie ein koſtbarer Rahmen umſchloß, und dadurch gleichſam zu einem Gemälde erhob. Es iſt aber eigen, wenn man in dem Gemälde, das man eben betrachtet hat, ſelbſt ſteckt, und hie und da von den Figuren deſſelben angelächelt wird, und gar von den weiblichen, wie's mir auf der Piazza delle Erbe ſo lieblich geſchah. Das iſt nemlich der Gemüſemarkt, und da gab es vollauf ergötz⸗ liche Geſtalten, Frauen und Mädchen, ſchmachtend großäugige Geſichter, ſüße wöhnliche Leiber, reizend gelb, naiv ſchmutzig, geſchaffen viel mehr für die Nacht als für den Tag. Der weiße oder ſchwarze Schleyer, den die Stadtfrauen auf dem Haupte tragen, war ſo liſtig um den Buſen geſchlagen, daß er die ſchönen Formen mehr verrieth als verbarg. Die Mägde trugen 138 Chignons, durchſtochen mit einem oder mehreren goldnen Pfeilen, auch wohl mit einem eichel⸗ köpfigen Silberſtäbchen. Die Bäuerinnen hatten meiſt kleine, tellerartige Strohhütchen mit koket⸗ tirenden Blumen an die eine Seite des Kopfes gebunden. Die Tracht der Männer war minder abweichend von der unſrigen, und nur die un⸗ geheuern ſchwarzen Backenbärte, die aus der Cravatte hervorbuſchten, war mir hier, wo ich dieſe Mode zuerſt bemerkte, etwas auffallend. Betrachtete man aber genauer dieſe Menſchen, die Männer wie die Frauen, ſo entdeckte man, in ihren Geſichtern und in ihrem ganzen Weſen, die Spuren einer Civiliſazion, die ſich von der unſrigen in ſofern unterſcheidet, daß ſie nicht aus der Mittelalter⸗Barbarey hervor⸗ gegangen, ſondern noch aus der Römerzeit herrührt, nie ganz vertilgt worden iſt, und ſich nur nach dem jedesmaligen Charakter der 139 Landesherrſcher modifizirt hat. Die Civiliſazion hat bey dieſen Menſchen keine ſo auffallend neue Politur wie bey uns, wo die Eichenſtämme erſt geſtern gehobelt worden ſind, und alles noch nach Firniß riecht. Es ſcheint uns, als habe dieſes Menſchengewühl auf der Piazza delle Erbe im Laufe der Zeiten nur allmählig Röcke und Redens⸗ arten gewechſelt, und der Geiſt der Geſittung habe ſich dort wenig verändert. Die Gebäude aber, die dieſen Platz umgeben, mögen nicht ſo leicht im Stande geweſen ſeyn mit der Zeit fort⸗ zuſchreiten; doch ſchauen ſie darum nicht minder anmuthig, und ihr Anblick bewegt wunderbar unſre Seele. Da ſtehen hohe Palläſte im vene⸗ zianiſch⸗lombardiſchen Styl, mit unzähligen Balkonen und lachenden Freskobildern; in der Mitte erhebt ſich eine einzelne Denkſäule, ein Springbrunnen und eine ſteinerne Heilige; hier ſchaut man den launig roth⸗ und weißgeſtreiften Podeſta, der hinter einem mächtigen Pfeilerthor 140 emporragt; dort wieder erblickt man einen alt⸗ viereckigen Kirchthurm, woran oben der Zeiger und das Zifferblatt der Uhr zur Hälfte zerſtört iſt, ſo daß es ausſieht, als wolle die Zeit ſich ſelber vernichten— über dem ganzen Platz liegt derſelbe romantiſche Zauber, der uns ſo lieblich anweht aus den phantaſtiſchen Dichtungen des Ludovico Arioſto oder des Ludovico Tieck. Nahe bei dieſem Platze ſteht ein Haus, das man, wegen eines Hutes, der über dem inneren Thor in Stein gemeißelt iſt, für den Pallaſt der Capulets hält. Es iſt jetzt eine ſchmutzige Kneipe für Fuhrleute und Kutſcher, und als Herberge⸗ ſchild hängt davor ein rother, durchlöcherter Blechhut. Unfern, in einer Kirche, zeigt man auch die Capelle, worin der Sage nach, das unglückliche Liebespaar getraut worden. Ein Dichter beſucht gern ſolche Orte, wenn er auch ſelbſt lächelt über die Leichtgläubigkeit ſeines 141 Herzens. Ich fand in dieſer Capelle ein einſames Frauenzimmer, ein kümmerlich verblichenes Weſen, das, nach langem Knieen und Beten, ſeufzend aufſtand, aus kranken, ſtillen Augen mich befremdet anſah, und endlich, wie mit gebrochenen Gliedern, fortſchwankte. Auch die Grabmäler der Sealiger ſind unfern der Piazza delle Erbe. Sie ſind ſo wunderſam prächtig wie dieſes ſtolze Geſchlecht ſelbſt, und es iſt Schade, daß ſie in einem engen Winkel ſtehen, wo ſie ſich gleichſam zuſammendrängen müſſen, um ſo wenig Raum als möglich einzunehmen, und wo auch dem Beſchauer nicht viel Platz bleibt, um ſie ordentlich zu betrachten. Es iſt, als ſähen wir hier die geſchichtliche Erſcheinung dieſes Ge⸗ ſchlechtes vergleichnißt; dieſe füllt ebenfalls nur einen kleinen Winkel in der allgemeinen italieniſchen Geſchichte, aber dieſer Winkel iſt 142 gedrängt voll von Thatenglanz, Geſinnungs⸗ pracht und Uebermuthsherrlichkeit. Wie in der Geſchichte, ſo ſieht man ſie auch auf ihren Monumenten, ſtolze, eiſerne Ritter auf eiſernen Roſſen, vor allen herrlich Can Grande, der Oheim, und Maſtino, der Neffe. Capitel XXV. Ueber das Amphitheater von Verona haben viele geſprochen; man hat dort Platz genug zu Betrachtungen, und es giebt keine Betrachtun⸗ gen, die ſich nicht in den Kreis dieſes be⸗ rühmten Bauwerks einfangen ließen. Es iſt ganz in jenem ernſten, thatſächlichen Styl gebaut, deſſen Schönheit in der vollendeten Solidität beſteht und, wie alle öffentlichen Gebäude der Römer, einen Geiſt ausſpricht, der nichts anders i*ſt als der Geiſt von Rom ſelbſt. Und Rom? Wer iſt ſo geſund unwiſſend, daß nicht heimlich bey dieſem Namen ſein Herz erbebte, und nicht 144 wenigſtens eine tradizionelle Furcht ſeine Denk⸗ kraft aufrüttelte? Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß mein Gefühl mehr Angſt als Freude enthielt, wenn ich daran dachte, bald umherzu⸗ wandeln auf dem Boden der alten Roma. Die alte Roma iſt ja jetzt todt, beſchwichtigte ich die zagende Seele, und du haſt die Freude, ihre ſchöne Leiche ganz ohne Gefahr zu betrachten. Aber dann ſtieg wieder das Falſtaffſche Bedenken in mir auf: wenn ſie aber noch nicht ganz todt wäre, und ſich nur verſtellt hätte, und ſie ſtände plötzlich wieder auf— es wäre entſetzlich! Als ich das Amphitheater beſuchte, wurde juſt Comödie darin geſpielt; eine kleine Holz⸗ bude war nemlich in der Mitte errichtet, darauf ward eine italieniſche Poſſe aufgeführt, und die Zuſchauer ſaßen unter freyem Himmel, theils auf kleinen Stühlchen, theils auf den hohen Stein⸗ bänken des alten Amphitheaters. Da ſaß ich 145 nun und ſah Brighellas und Tartaglias Spie⸗ gelfechtereyen auf derſelben Stelle, wo der Römer einſt ſaß und ſeinen Gladiatoren und Thierhetzen zuſah. Der Himmel über mir, die blaue Kryſtall⸗ ſchale, war noch derſelbe wie damals. Es dun⸗ kelte allmählig, die Sterne ſchimmerten hervor, Truffaldino lachte, Smeraldina jammerte, end⸗ lich kam Pantalone und legte ihre Hände in einander. Das Volk klatſchte Beyfall und zog jubelnd von dannen. Das ganze Spiel hatte keinen Tropfen Blut gekoſtet. Es war aber nur ein Spiel. Die Spiele der Römer hingegen waren keine Spiele, dieſe Männer konnten ſich nimmermehr am bloßen Schein ergötzen, es fehlte ihnen dazu die kindliche Seelenheiterkeit, und ernſthaft wie ſie waren, zeigte ſich auch in ihren Spielen der baarſte, blutigſte Ernſt. Sie waren keine große Menſchen, aber durch ihre Stellung waren ſie größer als andre Erdenkinder, denn ſie ſtanden auf Rom. So wie ſie von den ſieben III. 10 146 Hügeln herabſtiegen, waren ſie klein. Daher die Kleinlichkeit, die wir da entdecken, wo ihr Pri⸗ vatleben ſich ausſpricht; und Herkulanum und Pompeji, jene Palimpſeſten der Natur, wo jetzt wieder der alte Steintext hervorgegraben wird, zeigen dem Reiſenden das römiſche Prisatleben in kleinen Häuschen mit winzigen Stübchen, welche ſo auffallend kontraſtiren gegen jene koloſſalen Bauwerke, die das öffentliche Leben ausſprachen, jene Theater, Waſſerleitungen, Brunnen, Landſtraßen, Brücken, deren Ruinen noch jetzt unſer Staunen erregen. Aber das iſt es ja eben; wie der Grieche groß iſt durch die Idee der Kunſt, der Hebräer durch die Idee eines heiligſten Gottes, ſo ſind die Römer groß durch die Idee ihrer ewigen Romane, groß überall wo ſie in der Begeiſterung dieſer Idee gefochten, geſchrieben und gebaut haben. Je größer Rom wurde, je mehr erweiterte ſich dieſe Idee, der Einzelne verlor ſich darin, die Großen, 147 die noch hervorragen, ſind nur getragen von dieſer Idee, und ſie macht die Kleinheit der Kleinen noch bemerkbar. Die Römer ſind deßhalb zugleich die größten Helden und die größten Satyriker geweſen, Helden wenn ſie handelten, während ſie an Rom dachten, Satyriker, wenn ſie an Rom dachten, während ſie die Handlungen ihrer Genoſſen beurtheilten. Gemeſſen mit ſolchem ungeheuren Maßſtab, der Idee Rom, mußte ſelbſt die größte Perſönlichkeit zwerghaft erſcheinen und ſomit der Spottſucht anheim fallen. Tacitus iſt der grauſamſte Meiſter in dieſer Satyre, eben weil er die Größe Roms und die Kleinheit der Menſchen am tiefſten fühlte. Recht in ſeinem Elemente iſt er jedesmal wenn er berichten kann, was die maliziöſen Zungen auf dem Forum über irgend eine imperiale Schand⸗ that raiſonnirten; recht ingrimmig glücklich iſt er, wenn er irgend eine ſenatoriſche Blamage, 10* 148 etwa eine verfehlte Schmeicheley, zu er⸗ zählen hat. Ich ging noch lange umher ſpatzieren auf den höheren Bänken des Amphitheaters, zurück⸗ ſinnend in die Vergangenheit. Wie alle Gebäude im Abendlichte ihren inwohnenden Geiſt am anſchaulichſten offenbaren, ſo ſprachen auch dieſe Mauern zu mir, in ihrem fragmentariſchen Lapidarſtyl, tiefernſte Dinge; ſie ſprachen von den Männern des alten Roms, und mir war dabey, als ſähe ich ſie ſelber umher wandeln, weiße Schatten unter mir im dunkeln Cirkus. Mir war, als ſähe ich die Griechen, mit ihren begeiſterten Märtyreraugen. Tiberius Sempronius, rief ich hinab, ich werde mit dir ſtimmen für das Agrariſche Geſetz! Auch Cäſar ſah ich, Arm in Arm wandelte er mit Markus Brutus— Seyd Ihr wieder verſöhnt? rief ich. Wir glauben beide Recht zu haben— lachte Cäſar zu mir hinauf— ich wußte nicht, daß es noch einen 149 Römer gab, und hielt mich deßhalb für berechtigt, Rom in die Taſche zu ſtecken, und weil mein Sohn Markus eben dieſer Römer war, ſo glaubte er ſich berechtigt, mich deßhalb umzu⸗ bringen. Hinter dieſen Beiden ſchlich Tiberius Nero, mit Nebelbeinen und unbeſtimmten Mienen. Auch Weiber ſah ich dort wandeln, darunter Agrippina, mit ihrem ſchönen herrſchſüchtigen Geſichte, das wunderſam rührend anzuſehen war, wie ein altes Marmorbild, in deſſen Zügen der Schmerz wie verſteinert erſcheint. Wen ſuchſt du, Tochter des Germanicus? Schon hörte ich ſie klagen— da plötzlich erſcholl das dumpf⸗ ſinnige Geläute einer Betglocke und das fatale Getrommel des Zapfenſtreichs. Die ſtolzen römiſchen Geiſter verſchwanden, und ich war wieder ganz in der chriſtlich öſtreichiſchen Gegenwart. 150 Cgpitel IXXV. Auf dem Platze La Bra ſpatziert, ſobald es dunkel wird, die ſchöne Welt von Verona, oder ſitzt dort auf kleinen Stühlchen vor den Kaffeebuden, und ſchlürft Sorbet und Abend⸗ kühle und Muſik. Da läßt ſich gut ſitzen, das träumende Herz wiegt ſich auf ſüßen Tönen und erklingt im Wiederhall. Manchmal, wie ſchlaftrunken, taumelt es auf wenn die Trom⸗ peten erſchallen und es ſtimmt ein mit vollem Orcheſter. Dann iſt der Geiſt wieder ſonnig ermuntert, großblumige Gefühle und Erinne⸗ 3 151 rungen mit tiefen ſchwarzen Augen blühen hervor, und drüber hin ziehen die Gedanken, wie Wolkenzüge, ſtolz und langſam und ewig. Ich wandelte noch bis ſpät nach Mitter⸗ nacht durch die Straßen Veronas, die all⸗ mählich menſchenleer wurden und wunderbar wiederhallten. Im halben Mondlichte dämmerten die Gebäude und ihre Bildwerke, und bleich und ſchmerzhaft ſah mich an manch' marmornes Ge⸗ ſicht. Ich eilte ſchnell den Grabmälern der Scaliger vorüber; denn mir ſchien, als wolle Can Grande, artig wie er immer gegen Dichter war, von ſeinem Roſſe herabſteigen und mich als Weg⸗ weiſer begleiten. Bleib du nur ſitzen, rief ich ihm zu, ich bedarf deiner nicht, mein Herz iſt der beſte Cicerone und erzählt mir überall die Geſchichten, die in den Häuſern paſſirt ſind, und bis auf Namen und Jahrzahl erzählt es ſie treu genug. 152 Als ich an den römiſchen Triumphbogen kam, huſchte eben ein ſchwarzer Mönch hindurch, und fernher erſcholl ein deutſch brummendes Werda? Gut Freund! greinte ein vergnügter Diskant. Welchem Weibe aber gehörte die Stimme, die mir ſo ſüß unheimlich in die Seele drang, als ich über die Scala Mazzanti ſtieg? Es war Geſang wie aus der Bruſt einer ſterbenden Nachtigall, todtzärtlich, und wie Hülferufend an den ſteinernen Häuſern wiederhallend. Auf dieſer Stelle hat Antonio della Scala ſeinen Bruder Bartholomeo umgebracht, als dieſer eben zur Geliebten gehen wollte. Mein Herz ſagte mir, ſie ſäße noch immer in ihrer Kammer, und er⸗ warte den Geliebten, und ſänge nur, um ihre ahnende Angſt zu überſtimmen. Aber bald ſchienen mir Lied und Stimme ſo wohl bekannt, ich hatte dieſe ſeidnen, ſchaurigen, verblutenden Töne ſchon 153 früher gehört, ſie umſtrickten mich wie weiche flehende Erinnerungen, und— O du dummes Herz, ſprach ich zu mir ſelber, kennſt du denn nicht mehr das Lied vom kranken Mohrenkönig, das die todte Maria ſo oft geſungen? Und die Stimme ſelbſt— kennſt du denn nicht mehr die Stimme der todten Maria? Die langen Töne verfolgten mich durch alle Straßen, bis zum Gaſthof Due Torre, bis ins Schlafgemach, bis in den Traum— Und da ſah ich wieder mein ſüßes geſtorbenes Leben ſchön und regungslos liegen, die alte Waſchfrau entfernte ſich wieder mit räthſelhaftem Seitenblick, die Nachtviole duftete, ich küßte wieder die lieblichen Lippen, und die holde Leiche erhob ſich langſam um mir den Gegenkuß zu bieten. Wüßte ich nur wer das Licht ausgelöſcht hat. Capitel XXVI. „Kennſt Du das Land, wo die Zitronen blühen?“ Kennſt du das Lied? Ganz Italien iſt darin geſchildert, aber mit den ſeufzenden Farben der Sehnſucht. In der italieniſchen Reiſe hat es Goethe etwas ausführlicher beſungen, und wo er malt, hat er das Original immer vor Augen und man kann ſich auf die Treue der Umriſſe und der Farbengebung ganz verlaſſen. Ich ſinde es daher bequem, hier ein für allemal auf Goethes italieniſche Reiſe hinzudeuten, um ſo mehr da er, bis Verona, dieſelbe Tour, durch 155 Tyrol, gemacht hat. Ich habe ſchon früherhin über jenes Buch geſprochen, ehe ich den Stoff, den es behandelt, gekannt habe, und ich finde jetzt mein ahnendes Urtheil vollauf beſtätigt. Wir ſchauen nemlich darin überall thatſächliche Auf⸗ faſſung und die Ruhe der Natur. Goethe hält ihr den Spiegel vor, oder, beſſer geſagt, er iſt ſelbſt der Spiegel der Natur.„Die Natur wollte wiſſen, wie ſie ausſieht, und ſie erſchuf Goethe.! Sogar die Gedanken, die Intenzionen der Natur vermag er uns wiederzuſpiegeln, und es iſt einem hitzigen Goethianer, zumahl in den Hundstagen, nicht zu verargen, wenn er über die Identität der Spiegelbilder mit den Objekten ſelbſt ſo ſehr erſtaunt, daß er dem Spiegel ſogar Schöpfungs⸗ kraft, die Kraft, ähnliche Obſekte zu erſchaffen, zutraut. Ein Herr Eckermann hat mahl ein Buch über Goethe geſchrieben, worin er ganz ernſthaft verſichert: hätte der liebe Gott bey Erſchaffung der Welt zu Goethe geſagt„lieber 156 Goethe, ich bin jetzt Gottlob fertig, ich habe jetzt Alles erſchaffen, bis auf die Vögel und die Bäume, und du thäteſt mir eine Liebe, wenn du ſtatt meiner dieſe Bagatellen noch erſchaffen wollteſt“— ſo würde Goethe, eben ſo gut wie der liebe Gott, dieſe Thiere und Gewächſe ganz im Geiſte der übrigen Schöpfung, nemlich die Vögel mit Federn, und die Bäume grün erſchaffen haben. Es liegt Wahrheit in dieſen Worten, und ich bin ſogar der Meinung, daß Goethe manch⸗ mal ſeine Sache noch beſſer gemacht hätte, als der liebe Gott ſelbſt, und daß er z. B. den Herrn Eckermann viel richtiger, ebenfalls mit Federn und grün erſchaffen hätte. Es iſt wirklich ein Schöpfungsfehler, daß auf dem Kopfe des Herrn Eckermann keine grüne Federn wachſen, und Goethe hat dieſem Mangel wenigſtens dadurch abzuhelfen geſucht, daß er ihm einen Doktorhut aus Jena verſchrieben und eigen⸗ händig aufgeſetzt hat. 157 Nächſt Goethe's italieniſcher Reiſe, iſt Frau von Morgan's„Italien“ und Frau von Staöl's „Corinna“ zu empfehlen. Was dieſen Frauen an Talent fehlt, um neben Goethe nicht unbe⸗ deutend zu erſcheinen, das erſetzen ſie durch männ⸗ liche Geſinnungen, die jenem mangeln. Denn, Frau v. Morgan hat wie ein Mann geſprochen, ſie ſprach Scorpionen in die Herzen frecher Söldner, und muthig und ſüß waren die Triller dieſer flatternden Nachtigall der Freiheit. Eben ſo, wie männiglich bekannt iſt, war Frau v. Staël eine liebenswürdige Marketenderin im Heer der Liberalen, und lief muthig durch die Reihen der Kämpfenden mit ihrem Enthuſiasmus⸗ fäßchen, und ſtärkte die Müden, und focht ſelber mit, beſſer als die Beſten. Was überhaupt italieniſche Reiſebeſchrei⸗ bungen betrifft, ſo hat W. Müller vor geraumer Zeit im Hermes eine Ueberſicht derſelben gegeben. 158 Ihre Zahl iſt Legion. Unter den ältern deutſchen Schriftſtellern in dieſem Fache ſind, durch Geiſt oder Eigenthümlichkeit, am ausgezeichnetſten: Moritz, Archenholz, Bartels, der brave Seume, Arndt, Meyer, Benkowitz und Rehfus. Die neueren kenne ich weniger, und nur wenige davon haben mir Vergnügen und Belehrung gewährt. Unter dieſen nenne ich des allzufrüh verſtorbenen W. Müller's„Rom, Römer und Römerinnen“— ach, er war ein deutſcher Dichter!— dann die Reiſe von Kephalides, die ein bischen trocken iſt, ferner Leßmanns„cisalpiniſche Blätter“ die etwas zu flüſſig ſind, und endlich die„Reiſen in Italien ſeit 1822, von Friedrich Thierſch, Lud. Schorn, Eduard Gerhardt und Leo v. Klenze“ von dieſem Werke iſt erſt ein Theil er⸗ ſchienen, und er enthält meiſtens Mittheilungen von meinem lieben, edlen Thierſch, deſſen humanes Auge aus jeder Zeile hervorblickt. 159 Capitel XXVII Kennſt Du das Land, wo die Zitronen blühn? Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein ſanſter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte ſtill und hoch der Lorbeer ſteht, Kennſt Du es wohl? Dahin! dahin Möcht' ich mit Dir, o mein Geliebter, ziehn. — Aber reiſe nur nicht im Anfang Auguſt, wo man des Tags von der Sonne gebraten, und des Nachts von den Flöhen verzehrt wird. 160 Auch rathe ich dir, mein lieber Leſer, von Verona nach Mayland nicht mit dem Poſt⸗ wagen zu fahren. Ich fuhr, in Geſellſchaft von ſechs Banditen, in einer ſchwerfälligen Carrozza, die, wegen des allzugewaltigen Staubes, von allen Seiten ſo ſorgfältig verſchloſſen wurde, daß ich von der Schönheit der Gegend wenig bemerken konnte. Nur zweymal, ehe wir Brescia erreichten, lüftete mein Nachbar das Seitenleder, um hinaus zu ſpucken. Das eine mal ſah ich nichts als einige ſchwitzende Tannen, die in ihren grünen Winterröcken von der ſchwülen Sonnenhitze ſehr zu leiden ſchienen; das andere mal ſah ich ein Stück von einem wunderklaren blauen See, worin die Sonne und ein magerer Grenadier ſich ſpiegelten. Letzterer, ein öſtreichiſcher Narziß, bewunderte mit kindiſcher Freude, wie ſein Spiegelbild ihm alles getreu nachmachte, 161 wenn er das Gewehr präſentirte oder ſchulterte, oder zum Schießen auslegte. Von Brescia ſelbſt weiß ich ebenfalls wenig zu erzählen, indem ich die Zeit meines dortigen Aufenthalts dazu benutzte, ein gutes Pranzo einzunehmen. Man kann es einem armen Reiſenden nicht verdenken, wenn er den Hunger des Leibes früher ſtillt als den des Geiſtes. Doch war ich gewiſſenhaft genug, ehe ich wieder in den Wagen ſtieg, einige Notizen über Brescia vom Cameriere zu erfragen: und da erfuhr ich unter anderen: die Stadt habe 40,000 Einwohner, ein Rathhaus, 21 Kaffee⸗ häuſer, 20 katholiſche Kirchen, ein Tollhaus, eine Synagoge, eine Menagerie, ein Zuchthaus, ein Krankenhaus, ein eben ſo gutes Theater, und einen Galgen für Diebe, die unter 100,000 Thaler ſtehlen. Um MNitternacht arrivirte ich in Mayland und kehrte ein bey Herrn Reichmann, einem III. 11 162 Deutſchen, der ſein Hôtel ganz nach deutſcher Weiſe eingerichtet. Es ſey das beſte Wirths⸗ haus in ganz Italien, ſagten mir einige Bekannte, die ich dort wiederfand, und die über italieniſche Gaſtwirthe und Flöhe ſehr ſchlecht zu ſprechen waren. Da hörte ich nichts als ärgerliche Hiſtörchen von italieniſchen Prellereyen, und beſonders Sir William fluchte und verſicherte: wenn Europa der Kopf der Welt ſey, ſo ſey Italien das Diebesorgan dieſes Kopfes. Der arme Baronet hat in der Locanda Croce bianco zu Padua nicht weniger als zwölf Francs für ein mageres Frühſtück bezahlen müſſen, und zu Vicenza hat ihm jemand ein Trinkgeld abgefor⸗ dert, als er ihm einen Handſchuh aufhob, den er beim Einſteigen in den Wagen fallen laſſen. Sein Vetter Tom ſagte: alle Italiener ſeyen Spitzbuben bis auf den einzigen Umſtand, daß ſie nicht ſtehlen. Hätte er liebenswürdiger ausgeſehen, ſo würde er auch die Bemerkung gemacht haben, daß alle 163 Italienerinnen Spitzbübinnen ſind. Der Dritte im Bunde war ein Miſtter Liver, den ich in Brighton als ein junges Kalb verlaſſen hatte, und jetzt in Mayland als einen hoeuf à la mode wiederfand. Er war ganz als Dandy gelleidet, und ich habe nie einen Menſchen geſehen, der es beſſer verſtanden hätte, mit ſeiner Figur lauter Ecken hervorzubringen. Wenn er die Daumen in die Aermelausſchnitte der Weſte einkrempte, machte er auch mit der Handwurzel und mit jedem Finger einige Ecken; ja ſein Maul war ſogar viereckig aufgeſperrt. Dazu kommt ein eckiger Kopf, hinten ſchmal, oben ſpitz, mit kurzer Stirn und ſehr langem Kinn. Unter den engliſchen Bekannten, die ich in Mayland wiederſah, war auch Liver's dicke Tante; gleich einer Fettlawine war ſie von den Alpen herab⸗ gekommen, in Geſellſchaft zweyer ſchneeweißen, ſchneekalten Schneegänschen, Miß Polly und Miß Molly. 11* 164 Beſchuldige mich nicht der Anglomanie, lieber Leſer, wenn ich in dieſem Buche ſehr häufig von Engländern ſpreche; ſie ſind jetzt in Italien zu zahlreich, um ſie überſehen zu können, ſie durch⸗ ziehen dieſes Land in ganzen Schwärmen, lagern in allen Wirthshäuſern, laufen überall umher, um Alles zu ſehen, und man kann ſich keinen italieniſchen Zitronenbaum mehr denken, ohne eine Engländerin, die daran riecht, und keine Galerie ohne ein Schock Engländer, die, mit ihrem Guide in der Hand, darin umherrennen, und nachſehen, ob noch alles vorhanden, was in dem Buche als merkwürdig erwähnt iſt. Wenn man jenes blonde, rothbäckige Volk mit ſeinen blanken Kutſchen, bunten Lakayen, wiehernden Rennpferden, grünverſchleierten Kammerjungfern und ſonſtig koſtbaren Geſchirren, neugierig und geputzt, über die Alpen ziehen und Italien durch⸗ wandern ſieht, glaubt man eine elegante Völker⸗ wanderung zu ſehen. Und in der That, der Sohn Albions, obgleich er weiße Wäſche trägt und alles baar bezahlt, iſt doch ein civiliſirter Barbar, in Vergleichung mit dem Italiener, der vielmehr eine in Barbarey übergehende Civi⸗ liſation bekundet. Jener zeigt in ſeinen Sitten eine zurückgehaltene Rohheit, dieſer eine ausge⸗ laſſene Feinheit. und gar die blaſſen italieniſchen Geſichter, in den Augen das leidende Weiß, die Lippen krankhaft zärtlich, wie heimlich vornehm ſind ſie gegen die ſteif brittiſchen Geſichter, mit ihrer pöbelhaft rothen Geſundheit! Das ganze italieniſche Volk iſt innerlich krank, und kranke Menſchen ſind immer wahrhaft vor⸗ nehmer als Geſunde; denn nur der kranke Menſch iſt ein Menſch, ſeine Glieder haben eine Leidens⸗ geſchichte, ſie ſind durchgeiſtet. Ich glaube ſogar, durch Leidenskämpfe könnten die Thiere zu Menſchen werden; ich habe mal einen ſterbenden Hund geſehen, der in ſeinen Todesqualen mich faſt menſchlich anſah. Der leidende Geſichtsausdruck wird bei den Italienern am ſichtbarſten, wenn man mit ihnen vom Unglück ihres Vaterlandes ſpricht, und dazu giebts in Mayland genug Gelegenheit. Das iſt die ſchmerzlichſte Wunde in der Bruſt der Italiener, und ſie zucken zuſammen, ſobald man dieſe nur leiſe berührt. Sie haben alsdann eine Bewegung der Achſel, die uns mit ſonder⸗ barem Mitleid erfüllt. Einer meiner Britten hielt die Italiener für politiſch indifferent, weil ſte gleichgültig zuzuhören ſchienen, wenn wir Fremde über die katholiſche Emanzipazion und den Türkenkrieg politiſirten; und er war unge⸗ recht genug, gegen einen blaſſen Italiener mit pechſchwarzem Barte ſich darüber ſpöttiſch zu äußern. Wir hatten den Abend vorher eine neue Oper in der Scala aufführen ſehen, und Mordſpektakel gehört, der, wie gebräuchlich, bey ſolchen Anläſſen ſtatt findet. Ihr Italiener, ſagte der Britte zu dem Blaſſen, ſcheint für alles abgeſtorben zu ſeyn, außer für Muſik, und nur noch dieſe vermag Euch zu begeiſtern. Sie thun uns Unrecht, ſagte der Blaſſe und bewegte die Achſel. Ach! ſeufzte er hinzu, Italien ſitzt elegiſch träumend auf ſeinen Ruinen, und wenn es dann manchmal bey der Melodie irgend eines Liedes plötzlich erwacht und ſtürmiſch empor⸗ ſpringt, ſo gilt dieſe Begeiſterung nicht dem Liede ſelbſt, ſondern vielmehr den alten Erinnerungen und Gefühlen, die das Lied ebenfalls geweckt hat, die Italien immer im Herzen trug, und die jetzt gewaltig hervorbrauſen,— und das iſt die Bedeutung des tollen Lärms, den Sie in der Scala gehört haben. Vielleicht gewährt dieſes Bekenntniß auch einigen Aufſchluß über den Enthuſiasmus, den jenſeits der Alpen Roſſini's oder Meyerbeer's Opern überall hervorbringen. Habe ich jemals menſchliche Raſerey geſehen, ſo war es bey einer Aufführung des Crociato in Egitto, wenn die Muſik manchmal aus dem weichen, wehmüthigen Ton plötzlich in jauchzenden Schmerz überſprang. Jene Raſerey heißt in Italien: furore. Capitel XXVIII. Obgleich ich, lieber Leſer, jetzt ſchon Ge⸗ legenheit hätte, bey Erwähnung der Brera und Ambroſiana Dir meine Kunſturtheile aufzu⸗ V tiſchen, ſo will ich doch dieſen Kelch an Dir vorüber gehen laſſen, um mich mit der Be⸗ merkung begnügen, daß ich das ſpitze Kinn, das den Bildern der lombardiſchen Schule einen Anſtrich von Sentimentalität giebt, auch auf den Straßen von Mayland bey mancher ſchönen Lombardin geſehen habe. Es war mir immer außerordentlich belehrend, wenn ich mit den 11** 170 Werken einer Schule auch die Originale ver⸗ gleichen konnte, die ihr als Modelle gedient haben; der Character der Schule kam mir dann klarer zur Anſchauung. So iſt mir auf dem Jahrmarkt zu Rotterdam der Jan Steen in ſeiner göttlichſten Heiterkeit plötzlich verſtändlich geworden; ſo habe ich ſpäterhin am Long⸗Arno die Formenwahrheit und den tüchtigen Geiſt der Florentiner, und auf dem San Marco die Farbenwahrheit und die träumeriſche Oberfläch⸗ lichkeit der Venezianer begreifen lernen. Geh' nach Rom, liebe Seele, und wielleicht ſchwingſt Du Dich dort hinauf zur Anſchauung der Idealität und zum Verſtändniß des Raphael. Indeſſen eine Merkwürdigkeit Maylands, die in jeder Hinſicht die größte iſt, kann ich nicht unerwähnt laſſen— Das iſt der Dom. In der Ferne ſcheint es, als ſey er aus weißem Poſtpapier geſchnitzelt, und in der Nähe 171 erſchrickt man, daß dieſes Schnitzwerk aus un⸗ widerlegbarem Marmor beſteht. Die unzähligen Heiligenbilder, die das ganze Gebäude bedecken, die überall unter den gothiſchen Krondächlein hervorgucken, und oben auf allen Spitzen ge⸗ pflanzt ſtehen, dieſes ſteinerne Volk verwirrt einem faſt die Sinne. Betrachtet man das ganze Werk etwas länger, ſo findet man es doch recht hübſch, koloſſal niedlich, ein Spielzeug für Rie⸗ ſenkinder. Im mitternächtlichen Mondſchein ge⸗ währt es noch den beſten Anblick, dann kommen all die weißen Steinmenſchen aus ihrer wimmeln⸗ den Höhe herabgeſtiegen, und gehen mit einem über die Piazza, und flüſtern einem alte Ge⸗ ſchichten in's Ohr, putzig heilige, ganz geheime Geſchichten von Galeazzo Visconti, der den Dom⸗ bau begonnen, und von Napoleon Bonaparte, der ihn ſpäterhin fortgeſetzt. Siehſt du— ſagte mir ein gar ſeltſamer Heiliger, der in der neueſten Zeit aus dem 172 neueſten Marmor verfertigt war,— ſiehſt du, meine älteren Kameraden können nicht begreifen, warum der Kaiſer Napoleon den Dombau ſo eifrig betrieben hat. Aber ich weiß es ſehr gut, er hat eingeſehen, daß dieſes große Steinhaus auf jeden Fall ein ſehr nützliches Gebäude ſeyn würde, und auch dann noch brauchbar, wenn einſt das Chriſtenthum vorüber iſt. Wenn einſt das Chriſtenthum vorüber iſt— Ich war ſchier erſchrocken, als ich hörte, daß es Heilige in Italien giebt, die eine ſolche Sprache führen, und dazu auf einem Platze, wo öſtreichiſche Schildwachen, mit Bärenmützen und Torniſtern, auf und abgehen. Indeſſen der ſteinerne Kauz hat gewiſſermaßen Recht, das Innere des Doms iſt hübſch kühl im Sommer, und heiter und angenehm, und würde auch bey veränderter Beſtimmung ſeinen Werth be⸗ halten. 173 Die Vollendung des Domes war einer von Napoleons Lieblingsgedanken, und er war nicht weit vom Ziele entfernt, als ſeine Herrſchaft gebrochen wurde. Die Oeſtreicher vollenden jetzt das Werk. Auch an dem berühmten Triumph⸗ bogen, der die Simplonſtraße beſchließen ſollte, wird weiter gebaut. Freylich, Napoleons Stand⸗ bild wird nicht, wie früher beſtimmt war, auf die Spitze jenes Bogens geſtellt werden. Immer⸗ hin, der große Kaiſer hat ein Standbild hinter⸗ laſſen, das viel beſſer iſt und dauerhafter als Marmor, und das kein Oeſtreicher unſeren Blicken entziehen kann. Wenn wir Anderen längſt von der Senſe der Zeit niedergemäht und wie Spreu des Feldes verweht ſeyn werden, wird jenes Standbild noch unverſehrt daſtehen; neue Ge⸗ ſchlechter werden aus der Erde hervorwachſen, werden ſchwindelnd an jenes Bild hinaufſehen, und ſich wieder in die Erde legen;— und die Zeit, unfähig ſolch Bild zu zerſtören, wird es in 174. ſagenhafte Nebel zu hüllen ſuchen, und ſeine ungeheure Geſchichte wird endlich ein Mythos. Vielleicht, nach Jahrtauſenden, wird ein ſpitzfindiger Schulmeiſter, in einer grundgelehrten Diſſertazion, unumſtößlich beweiſen: daß der Napoleon Bonaparte ganz identiſch ſey mit jenem andern Titane, der den Göttern das Licht raubte und für dieſes Vergehen auf einem ein⸗ ſamen Felſen, mitten im Meere, angeſchmiedet wurde, preißgegeben einem Geyer, der täglich ſein Herz zerfleiſchte. -⸗““ e ““ Capitel XXIX. Ich bitte Dich, lieber Leſer, halte mich nicht für einen unbedingten Bonapartiſten; meine Huldigung gilt nicht den Handlungen, ſondern nur dem Genius des Mannes. Unbedingt liebe ich ihn nur bis zum achtzehnten Brumaire— da verrieth er die Freyheit. Und er that es nicht aus Nothwendigkeit, ſondern aus ge⸗ heimer Vorliebe für Ariſtokratismus. Napoleon Bonagparte war ein Ariſtokrat, ein adeliger Feind der bürgerlichen Gleichheit, und es war ein koloſſales Mißverſtändniß, daß die europäiſche Ariſtokratie, repräſentirt von England, ihn ſo 3 176 todtfeindlich bekriegte; denn wenn er auch in dem Perſonal dieſer Ariſtokratie einige Ver⸗ annderungen vorzunehmen beabſichtigte, ſo hätte er doch den größten Theil derſelben und ihr eigentliches Prinrip erhalten, er würde dieſe Ariſtokratie regenerirt haben, ſtatt daß ſie jetzt darnieder liegt durch Alterſchwäche, Blutverluſt und Ermüdung von ihrem letzten, gewiß aller⸗ letzten Sieg. Lieber Leſer! wir wollen uns hier ein für allemal verſtändigen. Ich preiſe nie die That, ſondern nur den menſchlichen Geiſt, die That iſt nur deſſen Gewand, und die Geſchichte iſt nichts als die alte Garderobe des menſchlichen Geiſtes. Doch die Liebe liebt zuweilen alte Röcke, und ſo liebe ich den Mantel von Marengo.— „Wir ſind auf dem Schlachtfelde von Marengv.“ Wie lachte mein Herz, als der Poſtillon dieſe Worte ſprach! Ich war in 177 Geſellſchaft eines ſehr artigen Liefländers, der vielmehr den Ruſſen ſpielte, des Abends von Mayland abgereiſt, und ſah des folgenden Morgens die Sonne aufgehn über das berühmte Schlachtfeld. Hier that der General Bonaparte einen ſo ſtarken Zug aus dem Kelch des Ruhmes, daß er im Rauſche Conſul, Kaiſer, Welteroberer wurde, und ſich erſt zu St. Helena ernüchtern konnte. Es iſt uns ſelbſt nicht viel beſſer ergangen; wir waren mitberauſcht, wir haben alles mitgeträumt, ſind ebenfalls erwacht, und im Jammer der Nüchternheit machen wir allerley verſtändige Reflexionen. Es will uns da manchmal bedünken, als ſey der Kriegsruhm ein veraltetes Vergnügen, die Kriege bekämen eine edlere Bedeutung und Napoleon ſey vielleicht der letzte Eroberer. Es hat wirklich den Anſchein, als ob jetzt mehr geiſtige Intereſſen verfochten würden als 12 178 materielle, und als ob die Welthiſtorie nicht mehr eine Räubergeſchichte, ſondern eine Geiſter⸗ geſchichte ſeyn ſolle. Der Haupthebel, den ehrgeizige und habſüchtige Fürſten zu ihren Privatzwecken ſonſt ſo wirkſam in Bewegung zu ſetzen wußten, nemlich die Nazionalität mit ihrer Eitelkeit und ihrem Haß, iſt jetzt morſch und abgenutzt; täglich verſchwinden mehr und mehr die thörigten Nazionalvorurtheile, alle ſchroffen Beſonderheiten gehen unter in der Allgemeinheit der europäiſchen Civiliſation, es giebt jetzt in Europa keine Nazionen mehr, ſondern nur Partheyen, und es iſt ein wunderſamer Anblick, wie dieſe, trotz der mannigfaltigſten Farben ſich ſehr gut erkennen, und trotz der vielen Sprach⸗ verſchiedenheiten ſich ſehr gut verſtehen. Wie es eine materielle Staatenpolitik giebt, ſo giebt es jetzt auch eine geiſtige Partheypolitik; und wie die Staatenpolitik auch den kleinſten Krieg, der zwiſchen den zwey unbedeutendſten Mächten aus⸗ 179 bräche, gleich zu einem allgemeinen europäiſchen Krieg machen würde, worin ſich alle Staaten, mit mehr oder minderem Eifer, auf jeden Fall mit Intereſſe, miſchen müßten: ſo kann jetzt in der Welt auch nicht der geringſte Kampf vor⸗ fallen, bey dem, durch jene Partheypolitik, die allgemein geiſtigen Bedeutungen nicht ſogleich erkannt, und die entfernteſten und heterogenſten Partheyen nicht gezwungen würden, pro oder contra Antheil zu nehmen. Vermöge dieſer Partheypolitik, die ich, weil ihre Intereſſen geiſtiger und ihre Ultimae Rationes nicht von Metall ſind, eine Geiſterpolitik nenne, bilden ſich jetzt, eben ſo, wie vermittelſt der Staatenpolitik, zwey große Maſſen, die feindſelig einander gegenüber ſtehen und mit Reden und Blicken kämpfen. Die Loſungsworte und Repräſentanten dieſer zwey großen Partheymaſſen wechſeln täglich, es fehlt nicht an Verwirrung, oft entſtehen die größten Mißverſtändniſſe, dieſe werden durch 12* 180 die Diplomaten dieſer Geiſterpolitik, die Schrift⸗ ſteller, eher vermehrt als vermindert; doch, wenn auch die Köpfe irren, ſo fühlen die Gemüther nichts deſto weniger was ſie wollen, und die Zeit drängt mit ihrer großen Aufgabe. Was iſt aber dieſe große Aufgabe unſerer Zeit? Es iſt die Emanzipazion. Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, Weſtindiſchen Schwarzen und dergleichen ge⸗ drückten Volkes, ſondern es iſt die Emanzipazion der ganzen Welt, abſonderlich Europas, das mündig geworden iſt, und ſich jetzt losreißt von dem eiſernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Ariſtokratie. Mögen immerhin einige philo⸗ ſophiſche Renegaten der Freyheit die feinſten Kettenſchlüſſe ſchmieden, um uns zu beweiſen, daß Millionen Menſchen geſchaffen ſind als Laſtthiere einiger tauſend privilegirter Ritter; ſie 181 werden uns dennoch nicht davon überzeugen können, ſo lange ſie uns, wie Voltaire ſagt, nicht nachweiſen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und dieſe mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen ſind. Jede Zeit hat ihre Aufgabe und durch die Löſung derſelben rückt die Menſchheit weiter. Die frühere Ungleichheit, durch das Feudalſyſtem in Europa geſtiftet, war vielleicht nothwendig, oder nothwendige Bedingung zu den Fortſchritten der Civiliſation; jetzt aber hemmt ſie dieſe, empört ſie die eiviliſirten Herzen. Die Franzoſen, das Volk der Geſellſchaft, hat dieſe Ungleichheit, die mit dem Prinzip der Geſellſchaft am unleid⸗ lichſten collidirt, nothwendigerweiſe am tiefſten erbittert, ſie haben die Gleichheit zu erzwingen geſucht, indem ſie die Häupter derjenigen, die durchaus hervorragen wollten, gelinde ab⸗ ſchnitten, und die Revoluzion ward ein Signal für den Befreyungskrieg der Menſchheit. 182 Laßt uns die Franzoſen preiſen! ſie ſorgten für die zwey größten Bedürfniſſe der menſchlichen Geſellſchaft, für gutes Eſſen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunſt und in der Freyheit haben ſie die größten Fortſchritte gemacht, und wenn wir einſt alle, als gleiche Gäſte, das große Verſöhnungsmahl halten, und guter Dinge ſind, — denn was gäbe es Beſeeres als eine Geſell⸗ ſchaft von Pairs an einem gutbeſetzten Tiſche?— dann wollen wir den Franzoſen den erſten Toaſt darbringen. Es wird freylich noch einige Zeit dauern, bis dieſes Feſt gefeyert werden kann, bis die Emanzipazion durchgeſetzt ſeyn wird; aber ſie wird doch endlich kommen, dieſe Zeit, wir werden, verſöhnt und allgleich, um denſelben Tiſch ſitzen; wir ſind dann vereinigt, und kämpfen ver⸗ einigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod— deſſen ernſtes Gleichheits⸗ ſyſtem uns wenigſtens nicht ſo ſehr beleidigt, wie die lachende Ungleichheitslehre des Ariſtokratismus. 183 Lächle nicht, ſpäter Leſer. Jede Zeit glaubt, ihr Kampf ſey vor allen der wichtigſte, dieſes iſt der eigentliche Glaube der Zeit, in dieſem lebt ſie und ſtirbt ſie, und auch wir wollen leben und ſterben in dieſer Freyheitsreligion, die vielleicht mehr den Namen Religion verdient, als das hohle ausgeſtorbene Seelengeſpenſt, das wir noch ſo zu benennen pflegen— unſer heiliger Kampf dünkt uns der wichtigſte, wofür jemals auf dieſer Erde gekämpft worden, obgleich hiſtoriſche Ahnung uns ſagt, daß einſt unſre Enkel auf dieſen Kampf herabſehen werden, vielleicht mit demſelben Gleichgültigkeitsgefühl, womit wir herabſehen auf den Kampf der erſten Menſchen, die gegen eben ſo gierige Ungethüme, Lindwürmer und Raubrieſen, zu kämpfen hatten. 7 Capitel XXX. Auf dem Schlachtfelde von Marengo kommen einem die Betrachtungen ſo ſchaarenweis ange⸗ flogen, daß man glauben ſollte, es wären die⸗ ſelben, die dort ſo mancher plötzlich aufgeben mußte, und die nun, wie herrenloſe Hunde, umherirren. Ich liebe Schlachtfelder, denn ſo furchtbar auch der Krieg iſt, ſo bekundet er doch die geiſtige Größe des Menſchen, der ſeinem mächtigſten Erbfeind, dem Tode, zu trotzen ver⸗ mag. Und gar dieſes Schlachtfeld, wo die Freyheit auf Blutroſen tanzte, den üppigen Brauttanz! Frankreich war damals Bräutigam, 185 hatte die ganze Welt zur Hochzeit geladen, und, wie es im Liede heißt, Heida! am Polterabend, Zerſchlug man ſtatt der Töpfe Ariſtokratenköpfe. Aber ach! jeder Zoll, den die Menſchheit weiter rückt, koſtet Ströme Blutes; und iſt das nicht etwas zu theuer? Iſt das Leben des Indivi⸗ duums nicht vielleicht eben ſo viel werth wie das des ganzen Geſchlechtes? Denn jeder ein⸗ zelne Menſch iſt ſchon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm ſtirbt, unter jedem Grabſtein liegt eine Weltgeſchichte— Still davon, ſo würden die Todten ſprechen, die hier gefallen ſind, wir aber leben und wollen weiter kämpfen im heiligen Befreyungskriege der Menſchheit. Wer denkt jetzt noch an Marengo!— ſagte mein Reiſegefährte, der Liefländiſche Ruſſe, als wir über das Brachfeld fuhren— jetzt ſind 186 alle Augen gerichtet nach dem Balkan, wo mein Landsmann Diebitſch den Türken die Turbane zurechtſetzt, und wir werden noch dieſes Jahr Conſtantinopel einnehmen. Sind Sie gut ruſſiſch? Das war eine Frage, die ich überall lieber beantwortet hätte als auf dem Schlachtfelde von Marengo— Ich ſah im Morgennebel den Mann mit dem dreyeckigen Hütchen und dem grauen Schlachtmantel, er jagte dahin wie ein Gedanke, geiſterſchnell, in der Ferne erſcholl es wie ein ſchaurig ſüßes allons enfans de la patrie— Und dennoch antwortete ich: ja, ich bin gut ruſſich. Und in der That, bey dem wunderlichen Wechſel der Loſungsworte und Repräſentanten in dem großen Kampfe, hat es ſich jetzt ſo gefügt, daß der glühendſte Freund der Revoluzion nur im Siege Rußlands das Heil der Welt ſieht, und den Kaiſer Nikolas als den Gonfaloniere 187 der Freyheit betrachten muß. Seltſamer Wechſel! noch vor zwey Jahren bekleideten wir mit dieſem Amte einen engliſchen Miniſter, das Geheul des hochtoryſchen Haſſes gegen George Canning leitete damals unſre Wahl, in den adlig un⸗ edlen Kränkungen, die er erlitt, ſahen wir die Garantieen ſeiner Treue, und als er des Märtyrer⸗ todes ſtarb, da legten wir Trauer an, und der achte Auguſt wurde ein heiliger Tag im Kalender der Freyheit. Die Fahne aber nahmen wir wieder fort von Downingſtreet, und pflanzten ſie auf die Petersburg, und wählten zu ihrem Träger den Kaiſer Nikolas, den Ritter von Europa, der die griechiſchen Wittwen und Waiſen ſchützte gegen aſiatiſche Barbaren, und in ſolchem guten Kampfe ſeine Sporen verdiente. Wieder hatten ſich die Feinde der Freyheit zu ſehr ver⸗ rathen, und wir benutzten wieder den Scharfſinn ihres Haſſes, um unſer eignes Beſte zu erkennen. Wieder zeigte ſich diesmal die gewöhnliche Er⸗ 188 ſcheinung, daß wir unſere Repräſentanten viel⸗ mehr der Stimmenmehrheit unſerer Feinde als der eignen Wahl verdanken, und indem wir die wunderlich zuſammengeſetzte Gemeinde betrach⸗ teten, die für das Heil der Türkey und den Untergang Rußlands ihre frommen Wünſche gen Himmel ſandte, ſo merkten wir bald, wer unſer Freund oder vielmehr das Schrecken unſerer Feinde iſt. Wie mußte der liebe Gott im Himmel lachen, als er zu gleicher Zeit Wellington, den Großmufti, den Papſt, I Rothſchild I., Metternich, und einen ganzen Troß von Ritterlingen, Stockjobbern, Pfaffen X und Türken, für dieſelbe Sache, für das Heil 8 ddes Halbmonds, beten hörte! 8 Was die Alarmiſten bisher über die Gefahr I gefabelt, der wir durch die Uebergröße Rußlands ausgeſetzt ſind, iſt thöricht. Wenigſtens wir Deutſche haben nichts zu riskiren, etwas mehr oder weniger Knechtlichkeit, darauf darf es uns 189„ . A= nicht ankommen, wo das Höchſte, die Befreyung von den Reſten des Feudalismus und Clerikalis⸗ mus, zu gewinnen iſt. Man droht uns mit der Herrſchaft der Knute, aber ich will gern etwas Knute aushalten, wenn ich ſicher weiß, daß unſre Feinde ſie mitbekommen. Ich wette aber, ſie werden, wie ſie immer gethan, der neuen Macht entgegen wedeln, und graziöſe lächeln, und zu den ſchandbarſten Dienſten ſich darbieten, und ſich dafür, da doch einmal geknutet werden muß, das Privilegium einer Ehrenknute ausbedingen, ſo wie der Adlige in Siam, der, wenn er be⸗ ſtraft werden ſoll, in einen ſeidenen Sack geſteckt und mit parfümirten Stöcken geprügelt wird, ſtatt daß der ſtraffällige Bürgerliche nur einen leinenen Sack und keine ſo wohlriechende Prügel bekömmt. Nun, dieſes Privilegium, da es das einzige iſt, wollen wir ihnen gönnen, wenn ſie nur Prügel bekommen, beſonders die engliſche Nobility. Mag man noch ſo eifrig erinnern, 3 190 — daß es eben dieſe Nobility ſey, die dem Despotis⸗ mus die Magna Charta abgezwungen, und daß England, bey aller Aufrechthaltung der bürger⸗ lichen Standesungleichheit doch die perſönliche Freyheit geſichert, daß England der Zufluchtsort für freye Geiſter war, wenn der Despotismus den ganzen Continent unterdrückte;— das ſind tempi passati! England mit ſeinen Ariſtokraten gehe jetzt immerhin zu Grunde, freye Geiſter haben jetzt im Nothfall einen noch beſſern Zufluchtsort, würde auch ganz Enropa ein ein⸗ ziger Kerker, ſo gäbe es jetzt noch immer ein anderes Loch zum Entſchlüpfen, das iſt Amerika, und Gottlob! das Loch iſt noch größer als der Kerker ſelbſt. Aber das ſind alles lächerliche Grillen, vergleicht man in freyheitlicher Hinſicht England mit Rußland, ſo bleibt auch dem Beſorglichſten kein Zweifel übrig, welche Parthey zu erfaſſen ſey. Die Freyheit iſt in England aus hiſtoriſchen 191 Begebenheiten, in Rußland aus Prinzipien her⸗ vorgegangen. Wie jene Begebenheiten ſelbſt, ſo tragen auch ihre geiſtigen Reſultate das Gepräge des Mittelalters, ganz England iſt er⸗ ſtarrt in unverjüngbaren, mittelalterlichen In⸗ ſtituzionen, wohinter ſich die Ariſtokratie ver⸗ ſchanzt und den Todeskampf erwartet. Jene Prinzipien aber, woraus die ruſſiſche Freyheit entſtanden iſt, oder vielmehr täglich ſich weiter entfaltet, ſind die liberalen Ideen unſerer neueſten Zeit; die ruſſiſche Regierung iſt durch⸗ drungen von dieſen Ideen, ihr unumſchränkter Abſolutismus iſt vielmehr Diktatur, um jene Ideen unmittelbar ins Leben treten zu laſſen; dieſe Regierung hat nicht ihre Wurzel im Feudalismus und Clerikalismus, ſie iſt der Adel⸗ und Kirchengewalt direkt entgegenſtrebend; ſchon Catharina hat die Kirche eingeſchränkt und der ruſſiſche Adel entſteht durch Staats⸗ dienſte; Rußland iſt ein demokratiſcher Staat, 192 ich möchte es ſogar einen chriſtlichen Staat nennen, wenn ich dieſes oft mißbrauchte Wort in ſeinem ſüßeſten, weltbürgerlichſten Sinne an⸗ wenden wollte: denn die Ruſſen werden ſchon durch den Umfang ihres Reichs von der Eng⸗ herzigkeit eines heidniſchen Nazionalſinnes be⸗ freyt, ſie ſind Cosmopoliten, oder wenigſtens Sechstel⸗Cosmopoliten, da Rußland faſt den ſechsten Theil der bewohnten Welt ausmacht— Und wahrlich, wenn irgend ein Deutſch⸗ ruſſe, wie mein Liefländiſcher Neiſegefährte, prahleriſch patriotiſch thut, und von unſerem Rußland und unſerem Diebitſch ſpricht, ſo iſt mir als hörte ich einen Häring, der das Welt⸗ meer für ſein Vaterland und den Wallfiſch für ſeinen Landsmann ausgiebt. Capitel XXXI. Ich bin gut ruſſiſch— ſagte ich auf dem Schlachtfelde von Marengo, und ſtieg für einige Minuten aus dem Wagen, um meine Morgen⸗ andacht zu halten. Wie unter einem Triumphbogen von koloſſalen Wolkenmaſſen zog die Sonne herauf, ſiegreich, heiter, ſicher, einen ſchönen Tag ver⸗ heißend. Mir aber ward zu Muthe wie dem armen Monde, der verbleichend noch am Himmel ſtand. Er hatte ſeine einſame Laufbahn durch⸗ wandelt, in öder Nachtzeit, wo das Glück ſchlief III. 3 13 194 und nur Geſpenſter, Eulen und Sünder ihr Weſen trieben; und jetzt, wo der junge Tag hervorſtieg, mit jubelnden Strahlen und flattern⸗ dem Morgenroth, jetzt mußte er von dannen— noch ein wehmüthiger Blick nach dem großen Weltlicht, und er verſchwand wie duftiger Nebel. Es wird ein ſchöner Tag werden, rief mein 3 Reiſegefährte aus dem Wagen mir zu. Ja, es wird ein ſchöner Tag werden, wiederholte leiſe mein betendes Herz, und zitterte vor Wehmuth und Freude. Ja, es wird ein ſchöner Tag werden, die Freyheitsſonne wird die Erde glück⸗ licher wärmen, als die Ariſtokratie ſämmtlicher Sterne; emporblühen wird ein neues Geſchlecht, das erzeugt worden in freyer Wahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Controlle geiſtlicher Zöllner; mit der freyen Geburt werden auch in den Menſchen freye Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, wovon wir 195 geborenen Knechte keine Ahnung haben— O! ſie werden eben ſo wenig ahnen, wie entſetzlich die Nacht war, in deren Dunkel wir leben mußten, und wie grauenhaft wir zu kämpfen hatten, mit häßlichen Geſpenſtern, dumpfen Eulen und ſcheinheiligen Sündern! O wir armen Kämpfer! die wir unſre Lebenszeit in ſolchem Kampfe vergeuden mußten, und müde und bleich ſind, wenn der Siegestag hervor⸗ ſtrahlt! Die Glut des Sonnenaufgangs wird unſre Wangen nicht mehr röthen und unſre Herzen nicht mehr wärmen können, wir ſterben dahin wie der ſcheidende Mond— allzu kurz gemeſſen iſt des Menſchen Wanderbahn, an deren Ende das unerbittliche Grab. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einſt mit einem Lorbeerkranze den Sarg verziere. Die Ppoeſie, wie ſehr ich ſie auch liebte, war mir immer nur heiliges Spiel⸗ 13* 196 zeug, oder geweihtes Mittel für himmliſche Zwecke. Ich habe nie großen Werth gelegt auf Dichter⸗Ruhm, und ob man meine Lieder preiſet oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert ſollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreyungskriege der Menſchheit. Capitel XXXII. Während der Mittiagshitze ſuchten wir Obdach in einem Franziskanerkloſter, das auf einer bedeutenden Anhöhe lag, und mit ſeinen düſtern Zypreſſen und weißen Mönchen, wie ein Jagdſchloß des Glaubens, hinab ſchaute in die heiter grünen Thäler des Appenins. Es war ein ſchöner Bau; wie ich denn, außer der Karthauſe zu Monza, die ich nur von außen ſah, noch ſehr merkwürdigen Klöſtern und Kirchen vorbey gekommen bin. Ich wußte oft nicht, ſollte ich mehr die Schönheit der Gegend bewundern, oder die Größe der alten Kirchen, 198 oder die eben ſo große, ſteinfeſte Geſinnung ihrer Erbauer, die wohl vorausſehen konnten, daß erſt ſpäte Urenkel im Stande ſeyn würden, ſolch ein Bauwerk zu vollenden, und die deſſen ohngeachtet ganz ruhig den Grundſtein legten, und Stein auf Stein trugen, bis der Tod ſie von der Arbeit abrief, und andere Baumeiſter das Werk fortſetzten und ſich nachher ebenfalls zur Ruhe begaben— alle im feſten Glauben an die Ewigkeit der katholiſchen Religion und im feſten Bertrauen auf die gleiche Denkweiſe der folgenden Geſchlechter, die weiter bauen würden wo die Vorfahren aufgehört. Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumeiſter lebten und entſchliefen in dieſem Glauben. Da liegen ſie nun vor den Thüren jener alten Kirchen, und es iſt zu wünſchen, daß ihr Schlaf recht feſt ſey, und das Lachen der neuen Zeit ſie nicht erwecke. 199 Abſonderlich für ſolche, die vor einem von den alten Domen liegen, die nicht fertig geworden ſind, für ſolche wäre es ſehr ſchlimm, wenn ſie des Nachts plötzlich erwachten, und im ſchmerzlichen Mondſchein ihr unvollendetes Tagewerk ſähen, und bald merkten, daß die Zeit des Weiter⸗ bauens aufgehört hat und daß ihr ganzes Leben nutzlos war und dumm. So ſpricht die jetzige neue Zeit, die eine andere Aufgabe hat, einen anderen Glauben. Ich hörte einſt in Cölln, wie ein kleiner Bube ſeine Mutter frug: warum man die halben Dome nicht fertig baue? Es war ein ſchöner Bube, und ich küßte ihm die klugen Augen, und da die Mutter ihm keine rechte Antwort geben konnte, ſo ſagte ich ihm: daß jetzt die Menſchen ganz etwas anderes zu thun hätten. 200 Unfern von Genua, auf der Spitze der Appeninen, ſieht man das Meer, zwiſchen den grünen Gebirgsgipfeln kommt die blaue Fluth zum Vorſchein, und Schiffe, die man hie und da erblickt, ſcheinen mit vollen Segeln über die Berge zu fahren. Hat man aber dieſen Anblick zur Zeit der Dämmerung, wo die letzten Sonnen⸗ lichter mit den erſten Abendſchatten ihr wun⸗ derliches Spiel beginnen, und alle Farben und Formen ſich nebelhaft verweben: dann wird einem ordentlich mährchenhaft zu Muthe, der Wagen raſſelt bergab, die ſchläfrig ſüßeſten Bilder der Seele werden aufgerüttelt und nicken wieder ein, und es träumt einem endlich, man ſey in Genua. Capitel XXXIII. 7 Dieſe Stadt iſt alt ohne Alterthümlichkeit, eng ohne Traulichkeit, und häßlich über alle Maßen. Sie iſt auf einem Felſen gebaut, am Fuße von amphitheatraliſchen Bergen, die den ſchönſten Meerbuſen gleichſam umarmen. Die Genueſer erhielten daher von der Natur den beſten und ſicherſten Hafen. Da, wie geſagt, die ganze Stadt auf einem einzigen Felſen ſteht, ſo mußten, der Raum⸗Erſparniß wegen, die Häuſer ſehr hoch und die Straßen ſehr eng gebaut werden, ſo daß dieſe faſt alle dugßel ſ ſind, und nur auf zweyen derſelben ein Wagen fahren 202 — kann. Aber die Häuſer dienen hier den Ein— wohnern, die meiſtens Kaufleute ſind, faſt nur zu Waarenlagern, und des Nachts zu Schlaf⸗ ſtellen; den ſchachernden Tag über laufen ſie umher in der Stadt oder ſitzen vor ihrer Haus⸗ thüre, oder vielmehr in der Hausthüre, denn ſonſt würden ſich die Gegenüberwohnenden ein⸗ ander mit den Knieen berühren. — Von der Seeſeite, beſonders gegen Abend, gewährt die Stadt einen beſſern Anblick. Da liegt ſie am Meere, wie das gebleichte Skelett eines ausgeworfenen Rieſenthiers, dunkle Amei⸗ ſen, die ſich Genueſer nennen, kriechen darin herum, die blauen Meereswellen beſpülen es plätſchernd wie ein Ammenlied, der Mond, das blaſſe Auge der Nacht, ſchaut mit Wehmuth darauf hinab. Im Garten des Palazzo Doria ſteht der alte Seeheld als Neptun in einem großen Waſſerbaſſin. Aber die Statue iſt verwittert — rn 9 7 *, 203 und verſtümmelt, das Waſſer ausgetrocknet, und die Möven niſten in den ſchwarzen Zypreſſen. Wie ein Knabe, der immer ſeine Komödien im Kopf hat, dachte ich bey dem Namen Doria gleich an Friedrich Schiller, den edelſten, wenn d auch nicht größten Dichter der Deutſchen. Obgleich meiſtens im Verfall, ſind die Palläſte der ehemaligen Machthaber von Genua, b der Nobili, dennoch ſehr ſchön, und mit Pracht Hi. überladen. Sie ſtehen meiſtens auf den zwey großen Straßen, genannt Strada nuova und Balbi. Der Pallaſt Durazzo iſt der merk⸗ 4 würdigſte. Hier ſind gute Bilder und darunter Paul Veroneſe's Chriſtus, dem Magdalena die gewaſchenen Füße abtrocknet. Dieſe iſt ſo ſchön, daß man fürchten ſollte, ſie werde gewiß noch einmal verführt werden. Ich ſtand lange vor ihr— ach, ſie ſchaute nicht auf! Chriſtus ſteht da wie ein Religionshamlet: go to a nunnery. † Hir fand ich auch einige Holländer und vor⸗ — 204 zügliche Bilder von Rubens; letztere ganz durch⸗ drungen von der koloſſalen Heiterkeit dieſes niederländiſchen Titanen, deſſen Geiſtesflügel ſo ſtark waren, daß er bis zur Sonne emporflog, obgleich hundert Centner holländiſcher Käſe an ſeinen Beinen hingen. Ich kann dem kleinſten Bilde dieſes großen Malers nicht vorübergehen ohne den Zoll meiner Bewunderung zu ent⸗ richten. Um ſo mehr, da es jetzt Mode wird, ihn, ob ſeines Mangels an Idealität, nur mit Achſelzucken zu betrachten. Die hiſtoriſche Schule in München zeigt ſich beſonders groß in ſolcher Betrachtung. Man ſehe nur mit welcher vornehmen Geringſchätzung der lang⸗ haarige Cornelianer durch den Rubensſaal wandelt! Vielleicht aber iſt der Irrthum der Jünger erklärlich, wenn man den großen Gegen⸗ ſatz betrachtet, den Peter Cornelius zu Peter Paul Rubens bildet. Es läßt ſich faſt kein größerer Gegenſatz erſinnen— und nicht deſto⸗ V 205 weniger iſt mir bisweilen zu Sinn, als hätten beyde dennoch Aehnlichkeiten, die ich mehr ahnen als anſchauen könne. Vielleicht ſind landsmann⸗ ſchaftliche Eigenheiten in ihnen verborgen, die den dritten Landsmann, nemlich mich, wie leiſe heimiſche Laute anſprechen. Dieſe geheime Ver⸗ wandſchaft beſteht aber nimmermehr in der nieder⸗ ländiſchen Heiterkeit und Farbenluſt, die uns aus allen Bildern des Rubens entgegenlacht, ſo daß man meinen ſollte, er habe ſie im freudigen Rheinweinrauſch gemalt, während tanzende Kir⸗ mesmuſik um ihn her jubelte. Wahrlich die Bilder des Cornelius ſcheinen eher am Charfrey⸗ tage gemalt zu ſeyn, während die ſchwermüthigen Leidenslieder der Prozeſſion durch die Straßen zogen und im Atelier und Herzen des Malers wiederhallten. In der Produktivität, in der Schöpfungskühnheit, in der genialen Urſprüng⸗ lichkeit, ſind ſich beide ähnlicher, beide ſind ge⸗ borne Maler, und gehören zu dem Cyklus großer 206 Meiſter, die größtentheils zur Zeit des Raphael blühten, einer Zeit, die auf Rubens noch ihren unmittelbaren Einfluß üben konnte, die aber von der unſrigen ſo abgeſchieden iſt, daß wir ob der Erſcheinung des Peter Cornelius faſt erſchrecken, daß er uns manchmal vorkommt, wie der Geiſt eines jener großen Maler aus raphaeliſcher Zeit, der aus dem Grabe hervorſteige, um noch einige Bilder zu malen, ein todter Schöpfer, ſelbſtbe⸗ ſchworen durch das mitbegrabene, inwohnende Lebenswort. Betrachten wir ſeine Bilder, ſo ſehen ſie uns an, wie mit Augen des funf⸗ zehnten Jahrhunderts, geſpenſtiſch ſind die Gewänder, als rauſchten ſie uns vorbey um Mitternacht, zauberkräftig ſind die Leiber, traum⸗ richtig gezeichnet, gewaltſam wahr, nur das Blut fehlt ihnen, das pulſirende Leben, die Farbe. Ja, Cornelius iſt ein Schöpfer, doch betrachten wir ſeine Geſchöpfe, ſo will es uns bedünken, als könnten ſie alle nicht lange leben, als ſeyen 207 ſie alle eine Stunde vor ihrem Tode gemalt, als trügen ſie alle die wehmüthige Ahnung des Sterbens. Trotz ihrer Heiterkeit erregen die Geſtalten des Rubens ein ähnliches Gefühl in unſerer Seele, dieſe ſcheinen ebenfalls den Todes⸗ keim in ſich zu tragen, und es iſt uns, als müßten ſie eben durch ihre Lebensüberfülle, durch ihre rothe Vollblütigkeit, plötzlich vom Schlage gerührt werden. Das iſt ſie vielleicht, die ge⸗ heime Verwandſchaft, die wir in der Vergleichung beider Meiſter ſo wunderſam ahnen. Die höchſte Luſt in einigen Bildern des Rubens und der tiefſte Trübſinn in denen des Cornelius erregen in uns vielleicht daſſelbe Gefühl. Woher aber dieſer Trübſinn bey einem Niederländer? Es iſt vielleicht eben das ſchaurige Bewußtſeyn, daß er einer längſt verklungenen Zeit angehört und ſein Leben eine myſtiſche Nachſendung iſt — denn achl er iſt nicht bloß der einzige große Maler, der jetzt lebt, ſondern vielleicht auch der 208 letzte, der auf dieſer Erde malen wird; vor ihm, bis zur Zeit der Caraccis, iſt ein langes Dunkel, und hinter ihm ſchlagen wieder die Schatten zuſammen, ſeine Hand iſt eine lichte, einſame Geiſterhand in der Nacht der Kunſt, und die Bilder, die ſie malt, tragen die un⸗ heimliche Trauer ſolcher ernſten, ſchroffen Abge⸗ ſchiedenheit. Ich habe dieſe letzte Malerhand nie ohne geheimen Schauer betrachten können, wenn ich den Mann ſelbſt ſah, den kleinen ſcharfen Mann mit den heißen Augen; und doch wieder erregte dieſe Hand in mir das Gefühl der traulichſten Pietät, da ich mich er⸗ innerte, daß ſie mir einſt liebreich auf den kleinen Fingern lag, und mir einige Geſichts⸗ konturen ziehen half, als ich, ein kleines Bübchen, auf der Akademie zu Düſſeldorf zeichnen lernte. Cgpitel XXXIV. Die Sammlung von Portraits ſchöner Genueſerinnen, die im Pallaſt Durazzo gezeigt wird, darf ich nimmermehr unerwähnt laſſen. Nichts auf der Welt kann unſre Seele trauriger ſtimmen, als ſolcher Anblick von Portraits ſchöner Frauen, die ſchon ſeit einigen Jahrhun⸗ derten todt ſind. Melancholiſch überkriecht uns der Gedanke: daß von den Originalen jener Bilder, von all jenen Schönen, die ſo lieblich, ſo kokett, ſo witzig, ſo ſchalkhaft und ſo ſchwärmeriſch waren, von all jenen Mayköpfchen mit Aprillaunen, von jenem ganzen Frauen⸗ III. 14 210 frühling nichts übrig geblieben iſt, als dieſe bunten Schatten, die ein Maler, der gleich ihnen längſt vermodert iſt, auf ein morſch Stückchen Leinwand gepinſelt hat, das ebenfalls mit der Zeit in Staub zerfällt und verweht. So geht alles Leben, das Schöne eben ſo wie das Häß⸗ liche, ſpurlos vorüber, der Tod, der dürre Pedant, verſchont die Roſe eben ſo wenig wie die Diſtel, er vergißt auch nicht das einſame Hälmchen in der fernſten Wildniß, er zerſtört gründlich und unaufhörlich, überall ſehen wir, wie er Pflanzen und Thiere, die Menſchen und ihre Werke, zu Staub zerſtampft, und ſelbſt jene egyptiſchen Pyramiden, die ſeiner Zer⸗ ſtörungswuth zu trotzen ſcheinen, ſie ſind nur Trophäen ſeiner Macht, Denkmäler der Ver⸗ gänglichkeit, uralte Königsgräber. Aber noch ſchlimmer als dieſes Gefühl eines ewigen Sterbens, einer öden gähnenden Vernichtung, ergreift uns der Gedanke, daß wir 211 nicht einmal als Originale dahinſterben, ſondern als Copien von längſtverſchollenen Menſchen, die geiſtig und körperlich uns gleich waren, und daß nach uns wieder Menſchen geboren werden, die wieder ganz ausſehen und fühlen und denken werden wie wir, und die der Tod ebenfalls wieder vernichten wird— ein troſtlos ewiges Wiederholungsſpiel, wobey die zeugende Erde beſtändig hervorbringen und mehr hervor⸗ bringen muß, als der Tod zu zerſtören ver⸗ mag, ſo daß ſie, in ſolcher Noth, mehr für die Erhaltung der Gattungen als für die Origi⸗ nalität der Individuen ſorgen kann. Wunderbar erfaßten mich die myſtiſchen Schauer dieſes Gedankens, als ich im Pallaſt Durazzo die Portraits der ſchönen Genueſerinnen ſah, und unter dieſen ein Bild, das in meiner Seele einen ſüßen Sturm erregte, wovon mir noch jetzt, wenn ich daran denke, die Augen⸗ 14* 212 wimpern zittern— Es war das Bild der todten Maria. Der Aufſeher der Gallerie meinte zwar, das Bild ſtelle eine Herzogin von Genua vor, und im eiceroniſchen Tone ſetzte er hinzu: es iſt gemalt von Giorgio Barbarelli de Caſtelfranco nel Trevigiano, genannt Giorgione, er war einer der größten Maler der venezianiſchen Schule, wurde geboren im Jahre 1477, und ſtarb im Jahre 1511. Laſſen Sie das gut ſeyn, Signor Cusdode. Das Bild iſt gut getroffen, mag es immerhin ein Paar Jahrhunderte im voraus gemalt ſeyn, das iſt kein Fehler. Zeichnung richtig, Farben⸗ gebung vorzüglich, Faltenwurf des Bruſtge⸗ wandes ganz vortrefflich. Haben Sie doch die Güte, das Bild für einige Augenblicke von der Wand herabzunehmen, ich will nur den Staub von den Lippen abblaſen und auch die Spinne, 213 die in der Ecke des Ramens ſitzt, fortſcheuchen— Maria hatte immer einen Abſcheu vor Spinnen. Excellenza ſcheinen ein Kenner zu ſeyn. Daß ich nicht wüßte, Signor Cusdode. Ich habe das Talent, bey manchen Bildern ſehr gerührt zu werden, und es wird mir dann etwas feucht in den Augen. Aber was ſehe ich! von wem iſt das Portrait des Mannes im ſchwarzen Mantel, das dort hängt? Es iſt ebenfalls von Giorgione, ein Meiſterſtück. 77 Ich bitte Sie, Signor, haben Sie doch die Güte, es ebenfalls von der Wand herabzu⸗ nehmen und einen Augenblick hier neben dem Spiegel zu halten, damit ich vergleichen kann ob ich dem Bilde ähnlich ſehe. Excellenza ſind nicht ſo blaß. Das Bild iſt ein Meiſterſtück von Giorgione; er war Rival des Tiziano, wurde geboren im Jahre 1477 und ſtarb im Jahre 1511. 214 Lieber Leſer, der Giorgione iſt mir weit lieber als der Tiziano, und ich bin ihm beſonders Dank ſchuldig, daß er mir die Maria gemalt. Du wirſt gewiß eben ſo gut wie ich einſehen, daß Giorgione für mich das Bild gemalt hat, und nicht für irgend einen alten Genneſer. und es iſt ſehr gut getroffen, todtſchweigend getroffen, es fehlt nicht einmal der Schmerz im Auge, ein Schmerz der mehr einem geträumten als einem erlebten Leide galt, und ſehr ſchwer zu malen war. Das ganze Bild iſt wie hinge⸗ ſeufzt auf die Leinwand. Auch der Mann im ſchwarzen Mantel iſt gemalt, und die maliziös ſentimentalen Lippen ſind gut getroffen, ſprechend getroffen, als wollten ſie eben eine Geſchichte erzählen— es iſt die Geſchichte von dem Ritter, der ſeine Geliebte aus dem Tode aufküſſen wollte, und als das Licht erloſch—— 8 — 8— — η — — — — 0◻ Ich bin wie Weib dem Manne—— Graf Auguſt v. Platen Hallermünde. 5 Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen, So mag ers ſagen, Ich ſpiel ihm auf. Figaro. Karl Immermann, dem Dichter, widmet dieſe Blätter, ein Zeichen freudigſter Verehrung, Verfaſſer. Capitel I. Als ich zu Mathilden ins Zimmer trat, hatte ſie den letzten Knopf des grünen Reitkleides zu⸗ geknöpft, und wollte eben einen Hut mit weißen Federn aufſetzen. Sie warf ihn raſch von ſich, ſobald ſie mich erblickte, mit ihren wallend goldenen Locken ſtürzte ſie mir entgegen— Doktor des Himmels und der Erdel rief ſie, und nach alter Gewohnheit ergriff ſie meine beiden Ohrlappen und küßte mich mit der drolligſten Herzlichkeit. Wie gehts, Wahnſinnigſter der Sterblichen! Wie glücklich bin ich Sie wiederzuſehen! Denn ich werde nirgends auf dieſer weiten Welt einen 220 verrückteren Menſchen finden. Narren und Dummköpfe giebt es genug, und man erzeigt ihnen oft die Ehre, ſie für verrückt zu halten; aber die wahre Verrücktheit iſt ſo ſelten wie die wahre Weisheit, ſie iſt vielleicht gar nichts anderes als Weisheit, die ſich geärgert hat, daß ſie alles weiß, alle Schändlichkeiten dieſer Welt, und die deshalb den weiſen Entſchluß gefaßt hat, verrückt zu werden. Die Orientalen ſind ein geſcheutes Volk, ſie verehren einen Ver⸗ rückten wie einen Propheten, wir aber halten jeden Propheten für verrückt. Aber, Mylady, warum haben Sie mir nicht geſchrieben? Gewiß, Doktor, ich ſchrieb Ihnen einen lan⸗ gen Brief, und bemerkte auf der Adreſſe: abzu⸗ geben in Neu⸗Bedlam. Da Sie aber, gegen alle Vermuthung nicht dort waren, ſo ſchickte man den Brief nach St. Luze, und da Sie auch hier nicht waren, ſo ging er weiter nach einer 221 ähnlichen Anſtalt, und ſo machte er die Ronde durch alle Tollhäuſer Englands, Schottlands und Irlands, bis man ihn mir zurückſchickte mit der Bemerkung, daß der Gentleman, den die Adreſſe bezeichne, noch nicht eingefangen ſey. und in der That, wie haben Sie es angefangen, daß Sie immer noch auf freyen Füßen ſind? Hab's pfiffig angefangen, Mylady. Ueber⸗ all, wohin ich kam, wußt' ich mich um die Tollhäuſer herumzuſchleichen, und ich denke, es wird mir auch in Italien gelingen. O, Freund, hier ſind Sie ganz ſicher; denn erſtens iſt gar kein Tollhaus in der Rähe, zweitens haben wir hier die Oberhand. Wir? Mylady! Sie zählen ſich alſo zu den Unſeren? Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Bruderkuß auf die Stirne drücke. Ach! ich meyne wir Badegäſte, worunter ich wahrlich noch die Vernünftigſte bin— Und nun machen Sie ſich leicht einen Begriff von 222 der Verrückteſten, nemlich von Julie Marfield, die beſtändig behauptet, grüne Augen bedeuten den Frühling der Seele; dann haben wir noch zwey junge Schönheiten— Gewiß engliſche Schönheiten, Mylady— Doktor, was bedeutet dieſer ſpöttiſche Ton? Die gelbfettigen Makaronigeſichter in Italien müſſen Ihnen ſo gut ſchmecken, daß Sie keinen Sinn mehr haben für brittiſche— Plumpuddings mit Roſinenaugen, Roſtbeef⸗ buſen feſtonirt mit weißen Meerrettig⸗ Streifen, ſtolze Paſteten— Es gab eine Zeit, Doktor, wo Sie jedes⸗ mal in Verzückung geriethen, wenn Sie eine ſchöne Engländerin— Ja, das war damals! Ich bin noch immer nicht abgeneigt Ihren Landsmänninnen zu huldigen; ſie ſind ſchön wie Sonnen, aber Sonnen von Eis, ſie ſind weiß wie Marmor, aber auch marmorkalt— 223 auf ihren kalten Herzen erfrieren die armen— Ohol ich kenne einen— der dort nicht erfroren iſt, und friſch und geſund übers Meer geſprungen, und es war ein großer, deutſcher, impertinenter— Er hat ſich fwenigſtens an den brittiſch froſtigen Herzen ſo ſtark erkältet, daß er noch jetzt davon den Schnupfen hat. Mylady ſchien piquirt über dieſe Antwort, ſie ergriff die Reitgerte, die zwiſchen den Blättern eines Romans, als Leſezeichen, lag, ſchwang ſie um die Ohren ihres weißen Jagdhundes, der leiſe knurrte, hob haſtig ihren Hut von der Erde, ſetzte ihn keck aufs Lockenhaupt, ſah ein paar mal wohlgefällig in den Spiegel, und ſprach ſtolz: Ich bin noch ſchön! Aber plößlich, wie von einem dunkeln Schmerzgefühl durchſchauert, blieb ſie ſinnend ſtehen, ſtreifte langſam ihren weißen Handſchuh von der Hand, reichte ſie 224 mir, und meine Gedanken pfeilſchnell ertappend, ſprach ſie: Nicht wahr, dieſe Hand iſt nicht mehr ſo ſchön, wie in Ramsgate? Mathilde hat unterdeſſen viel gelitten! Lieber Leſer, man kann es den Glocken ſelten anſehen, wo ſie einen Riß haben, und nur an ihrem Tone merkt man ihn. Hätteſt du nun den Klang der Stimme gehört, womit obige Worte geſprochen wurden, ſo wüßteſt du gleich, Myladys Herz iſt eine Glocke vom beſten Metall, aber ein verborgener Riß dämpft wunderbar ihre heiterſten Töne, und umſchleyert ſie gleichſam mit heimlicher Trauer. Doch ich liebe ſolche Glocken, ſie finden immer ein gutes Echo in meiner eignen Bruſt; und ich küßte Myladys Hand faſt inniger als ehemals, obgleich ſie minder vollblühend war und einige Adern, etwas allzublau hervortretend, mir ebenfalls zu ſagen ſchienen: Mathilde hat unterdeſſen viel gelitten. 225 Ihr Auge ſah mich an wie ein wehmüthig einſamer Stern am herbſtlichen Himmel, und weich und innig ſprach ſie: Sie ſcheinen mich wenig mehr zu lieben, Doktor! Denn nur mitleidig fiel eben Ihre Thräne auf meine Hand, faſt wie ein Almoſen. Wer heißt Sie die ſtumme Sprache meiner Thränen ſo dürftig ausdeuten? Ich wette, der weiße Jagdhund, der ſich jetzt an Sie ſchmiegt, verſteht mich beſſer; er ſchaut mich an, und dann wieder Sie, und ſcheint ſich zu wundern, daß die Menſchen, die ſtolzen Herren der Schöpfung, innerlich ſo tief elend ſind. Ach, Mylady, nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Thräne, und jeder weint eigentlich für ſich ſelbſt. Genug, genug, Doktor. Es iſt wenigſtens gut, daß wir Zeitgenoſſen ſind und in demſelben Erdwinkel uns gefunden mit unſeren närriſchen Thränen. Ach des Unglücks! wenn Sie vielleicht III. 15 226 zweyhundert Jahre früher gelebt hätten, wie es mir mit meinem Freunde Michael de Cervantes Savedra begegnet, oder gar wenn Sie hundert Jahre ſpäter auf die Welt gekommen wären als ich, wie ein anderer intimer Freund von mir, deſſen Namen ich nicht einmal weiß, eben weil er ihn erſt bey ſeiner Geburt, Anno 1900, er⸗ halten wird! Aber, erzählen Sie doch, wie haben Sie gelebt ſeit wir uns nicht geſehen? Ich trieb mein gewöhnliches Geſchäft, Mylady; ich rollte wieder den großen Stein. Wenn ich ihn bis zur Hälfte des Berges ge⸗ bracht, dann rollte er plötzlich hinunter, und ich mußte wieder ſuchen ihn hinaufzurollen— und dieſes Bergauf und Bergabrollen wird ſich ſo lange wiederholen, bis ich ſelbſt unter dem großen Steine liegen bleibe, und Meiſter Steinmetz mit großen Buchſtaben darauf ſchreibt: Hier ruht in Gott— Bey Leibe, Doktor, ich laſſe Ihnen noch 227 keine Ruhe— Seyn Sie nur nicht melan⸗ choliſch! Lachen Sie, oder ich— Nein, kitzeln Sie nicht; ich will lieber von ſelbſt lachen. So recht. Sie gefallen mir noch, eben ſo gut wie in Ramsgate, wo wir uns zuerſt nahe kamen— und endlich noch näher als nah. Ja, ich will luſtig ſeyn. Es iſt gut, daß wir uns wiedergefunden, und der große deutſche— wird ſich wieder ein Vergnügen daraus machen, ſein Leben bey Ihnen zu wagen. Myladys Augen lachten wie Sonnenſchein nach leiſem Regenſchauer, und ihre gute Laune brach wieder leuchtend hervor, als John herein⸗ trat, und mit dem ſteifſten Lakayen⸗Pathos Seine Excellenz den Markeſe Chriſtophorv di Gumpelino anmeldete. Er ſey willkommen! Und Sie, Doktor, werden einen Pair unſeres Narrenreichs kennen 15* 228 lernen. Stoßen Sie ſich nicht an ſein Aeußeres, beſonders nicht an ſeine Naſe. Der Mann beſitzt vortreffliche Eigenſchaften, z. B. viel Geld, geſunden Verſtand, und die Sucht alle Narr⸗ heiten der Zeit in ſich aufzunehmen; dazu iſt er in meine grünäugige Freundin Julie Mayfield verliebt und nennt ſie ſeine Julia und ſich ihren Romev, und deklamirt und ſeufzt— und Lord Mayfield, der Schwager, dem die treue Julia von ihrem Manne anvertraut worden, iſt ein Argus— Schon wollte ich bemerken, daß Argus eine Kuh bewachte, als die Thüre ſich weit öffnete und, zu meinem höchſten Erſtaunen, mein alter Freund, der Banquier Chriſtian Gumpel, mit ſeinem wohlhabenden Lächeln und gottgefälligem Bauche, hereinwatſchelte. Nachdem ſeine glänzen⸗ den breiten Lippen ſich an Myladys Hand ge⸗ nugſam geſcheuert und übliche Geſundheitsfragen hervorgebrockt hatten, erkannte er auch mich— und in die Arme ſanken ſich die Freunde. Capitel II. Mathildens Warnung, daß ich mich an die Naſe des Mannes nicht ſtoßen ſolle, war hin⸗ länglich gegründet, und wenig fehlte, ſo hätte er mir wirklich ein Auge damit ausgeſtochen. Ich will nichts Schlimmes von dieſer Naſe ſagen; im Gegentheil, ſie war von der edelſten Form, und ſie eben berechtigte meinen Freund ſich wenigſtens einen Markeſe⸗Titel beyzulegen. Man konnte es ihm nemlich an der Naſe an⸗ ſehen, daß er von gutem Adel war, daß er von einer uralten Weltfamilie abſtammte, womit ſich ſogar einſt der liebe Gott, ohne Furcht vor 230 Mesallianz, verſchwägert hat. Seitdem iſt dieſe Familie freylich etwas heruntergekommen, ſo daß ſie ſeit Carl dem Großen, meiſtens durch den Handel mit alten Hoſen und hamburger Lotterie⸗ zetteln, ihre Subſiſtenz erwerben mußte, ohne jedoch im mindeſten von ihrem Ahnenſtolze ab⸗ zulaſſen oder jemals die Hoffnung aufzugeben, einſt wieder ihre alten Güter, oder wenigſtens hinreichende Emigranten⸗Entſchädigung zu er⸗ halten, wenn ihr alter legitimer Souverain ſein Reſtaurationsverſprechen erfüllt, ein Verſpechen, womit er ſie ſchon zwey Jahrtauſende an der Naſe herumgeführt. Sind vielleicht ihre Naſen eben durch dieſes lange an der Naſe Herumge⸗ führtwerden, ſo lang geworden? Oder ſind dieſe langen Naſen eine Art Uniform, woran der Gottkönig Jehovah ſeine alten Leibgardiſten erkennt, ſelbſt wenn ſie deſertirt ſind? Der Markeſe Gumpelino war ein ſolcher Deſerteur, aber er trug noch immer ſeine Uniform, und ſie 231 war ſehr brillant, beſäet mit Kreuzchen und Sternchen von Rubinen, einem rothen Adler⸗ orden in Miniatur, und anderen Decorazionen. Sehen Sie, ſagte Mylady, das iſt meine Lieblingsnaſe, und ich kenne keine ſchönere Blume auf dieſer Erde. Dieſe Blume, ſchmunzlächelte Gumpelino, kann ich Ihnen nicht an den ſchönen Buſen legen, ohne daß ich mein blühendes Antlitz hinzulege, und dieſe Beylage würde Sie vielleicht in der heutigen Hitze etwas geniren. Aber ich bringe Ihnen eine nicht minder köſtliche Blume, die hier ſelten iſt— Bey dieſen Worten öffnete der Markeſe die fließpapierne Tüte, die er mitgebracht, und mit langſamer Sorgfalt zog er daraus hervor eine wunderſchöne Tulpe. Kaum erblickte Mylady dieſe Blume, ſo ſchrie ſie aus vollem Halſe: Morden! morden! 232 wollen Sie mich morden? Fort, fort mit dem ſchrecklichen Anblick! Dabey gebehrdete ſie ſich, als wolle man ſie umbringen, hielt ſich die Hände vor die Augen, rannte unſinnig im Zimmer um⸗ her, verwünſchte Gumpelinos Naſe und Tulpe, klingelte, ſtampfte den Boden, ſchlug den Hund mit der Reitgerte, daß er laut aufbellte, und als John hereintrat, rief ſie, wie Kean als König Richard: Ein Pferd! ein Pferd! Ein Königthum für ein Pferd! und ſtürmte, wie ein Wirbelwind, von dannen. Eine kurioſe Frau! ſprach Gumpelino, vor Erſtaunen bewegungslos und noch immer die Tulpe in der Hand haltend, ſo daß er einem jener Götzenbilder glich, die mit Lotosblumen in den Händen, auf altindiſchen Denkmälern zu ſchauen ſind. Ich aber kannte die Dame und 233 ihre Idioſynkraſie weit beſſer, mich ergötzte dieſes Schauſpiel über alle Maßen, ich öffnete das Fenſter und rief: Mylady, was ſoll ich von Ihnen denken? Iſt das Vernunft, Sitte— be⸗ ſonders iſt das Liebe? Da lachte herauf die wilde Antwort: Wenn ich zu Pferd bin, ſo will ich ſchwören Ich liebe Dich unendlich. Capitel III. Eine kurioſe Frau! wiederholte Gumpelino, als wir uns auf den Weg machten ſeine beiden Freundinnen, Signora Lätizia und Signora Franſcheska, deren Bekanntſchaft er mir ver⸗ ſchaffen wollte, zu beſuchen. Da die Wohnung dieſer Damen auf einer etwas entfernten Anhöhe lag, ſo erkannte ich um ſo dankbarer die Güte meines wohlbeleibten Freundes, der das Berg⸗ ſteigen etwas beſchwerlich fand, und auf jedem Hügel athemſchöpfend ſtehen blieb, und O Jeſu! ſeufzte. Die Wohnungen in den Bädern von Lukka nemlich ſind entweder unten in einem Dorfe, das 235 von hohen Bergen umſchloſſen iſt, oder ſie liegen auf einem dieſer Berge ſelbſt, unfern der Haupt⸗ quelle, wo eine pittoreske Häuſergruppe in das reitzende Thal hinabſchaut. Einige liegen aber auch einzeln zerſtreut an den Bergesabhängen, und man muß mühſam hinaufklimmen durch Weinreben, Myrthengeſträuch, Geisblatt, Lorbeer⸗ büſche, Oleander, Geranikum und andere vor⸗ nehme Blumen und Pflanzen, ein wildes Para⸗ dies. Ich habe nie ein reitzenderes Thal geſehen, beſonders wenn man von der Terraſſe des oberen Bades, wo die ernſtgrünen Zypreſſen ſtehen, ins Dorf hinabſchaut. Man ſieht dort die Brücke, die über ein Flüßchen führt, welches Lima heißt, und das Dorf in zwey Theile durchſchneidend, an beiden Enden in mäßigen Waſſerfällen, über Felſenſtücke dahinſtürzt, und ein Geräuſch her⸗ vorbringt, als wolle es die angenehmſten Dinge ſagen und könne vor dem allſeitig plaudernden Echo nicht zu Worten kommen. 236 Der Hauptzauber dieſes Thals liegt aber gewiß in dem Umſtand, daß es nicht zu groß iſt und nicht zu klein, daß die Seele des Be⸗ ſchauers nicht gewaltſam erweitert wird, vielmehr ſich ebenmäßig mit dem herrlichen Anblick füllt, daß die Häupter der Berge ſelbſt, wie die Appeninen überall, nicht abentheuerlich gothiſch erhaben mißgeſtaltet ſind, gleich den Bergkari⸗ katuren, die wir oben ſowohl wie die Menſchenkari⸗ katuren, in germaniſchen Ländern finven: ſondern, daß ihre edelgeründeten, heiter grünen Formen faſt eine Kunſteiviliſazion ausſprechen, und gar melodiſch mit dem blaßblauen Himmel zuſam⸗ menklingen. O Jeſu! ächzte Gumpelino, als wir, müh⸗ ſamen Steigens und von der Morgenſonne ſchon etwas ſtark gewärmt, oberwähnte Zypreſſen⸗ höhe erreichten, und, ins Dorf hinabſchauend, unſere engliſche Freundin, hoch zu Roß, wie ein romantiſches Mährchenbild, über die Brücke 237 jagen, und eben ſo traumſchnell wieder ver⸗ ſchwinden ſahen. O Jeſu! welch eine kurioſe Frau, wiederholte einigemal der Markeſe. In meinem gemeinen Leben iſt mir noch keine ſolche Frau vorgekommen. Nur in Comödien findet man dergleichen, und ich glaube z. B. die Holz⸗ becher würde die Rolle gut ſpielen. Sie hat etwas von einer Nixe. Was denken Sie? Ich denke, Sie haben Recht, Gumpelino. Als ich mit ihr von London nach Rotterdam fuhr, ſagte der Schiffskapitain, ſie gliche einer mit Pfeffer beſtreuten Roſe. Zum Dank für dieſe pikante Vergleichung, ſchüttete ſie eine ganze Pfefferbüchſe auf ſeinen Kopf aus, als ſie ihn einmal in der Kajüte eingeſchlummert fand, und man konnte ſich dem Manne nicht mehr nähern ohne zu nieſen. Eine kurioſe Frau! ſprach wieder Gumpelino. So zart wie weiße Seide und eben ſo ſtark, und ſitzt zu Pferde eben ſo gut wie ich. Wenn 238 ſie nur nicht ihre Geſundheit zu Grunde reitet. Sahen Sie nicht eben den langen, magern Eng⸗ länder, der auf ſeinem magern Gaul, hinter ihr herjagte, wie die galoppirende Schwindſucht? Das Volk reitet zu leidenſchaftlich, giebt alles Geld in der Welt für Pferde aus. Lady Marfields Schimmel koſtet dreyhundert goldne, lebendige Louisd'ore— ach! und die Louisd'ore ſtehen ſo hoch und ſteigen noch täglich. Ja, die Louisd'ore werden noch ſo hoch ſteigen, daß ein armer Gelehrter, wie unſer einer, ſie gar nicht mehr wird erreichen können. Sie haben keinen Begriff davon, Herr Doktor, wie viel Geld ich ausgeben muß, und dabey behelfe ich mich mit einem einzigen Bedienten, und nur wenn ich in Rom bin, halte ich mir einen Kapellan für meine Haus⸗ kapelle. Sehen Sie, da kommt mein Hyazinth. Die kleine Geſtalt, die in dieſem Augenblick bey der Windung eines Hügels zum Vorſchein 4 239 kam, hätte vielmehr den Namen einer Feuerlilje verdient. Es war ein ſchlotternd weiter Schar⸗ lachrock, überladen mit Goldtreſſen, die im Sonnenglanze ſtrahlten, und aus dieſer rothen Pracht ſchwitzte ein Köpfchen hervor, das mir ſehr wohlbekannt zunickte. Und wirklich, als ich das bläßlich beſorgliche Geſichtchen und die ge⸗ ſchäftig zwinkenden Aeuglein näher betrachtete, erkannte ich jemanden, den ich eher auf dem Berg Sinai als auf den Appeninen erwartet hatte, und das war kein anderer als Herr Hirſch, Schutzbürger in Hamburg, ein Mann, der nicht bloß immer ein ſehr ehrlicher Lotteriekollecteur geweſen, ſondern ſich auch auf Hühneraugen und Juwelen verſteht, dergeſtalt, daß er erſtere von letzteren nicht bloß zu unterſcheiden, ſondern auch die Hühneraugen ganz geſchickt auszuſchnei⸗ den und die Juwelen ganz genau zu taxiren weiß. Ich bin guter Hoffnung— ſprach er, als er mir näher kam— daß Sie mich noch kennen, N⸗ 240 obgleich ich nicht mehr Hirſch heiße. Ich heiße jetzt Hyazinth und bin der Kammerdiener des Herrn Gumpel. Hyazinth! rief dieſer, in ſtaunender Auf⸗ wallung über die Indiskrezion des Dieners. Seyn Sie nur ruhig, Herr Gumpel, oder Herr Gumpelino, oder Herr Markeſe, oder Eure Excellenza, wir brauchen uns gar nicht vor dieſem Herrn zu geniren, der kennt mich, hat manches Loos bey mir geſpielt, und ich möcht' ſogar darauf ſchwören, er iſt mir von der letzten Renovirung noch ſieben Mark neun Schilling ſchuldig— Ich freue mich wirklich, Herr Doktor, Sie hier wieder zu ſehen. Haben Sie hier ebenfalls Vergnügungs⸗Geſchäfte? Was ſollte man ſonſt hier thun, in dieſer Hitze, und wo man noch dazu Bergauf und Bergab ſteigen muß. Ich bin hier des Abends ſo müde, als wäre ich zwanzig mal vom Altonager Thore 2 241 nach dem Steinthor gelaufen, ohne was dabey verdient zu haben. O Jeſu!— rief der Markeſe— ſchweig, ſchweig! Ich ſchaffe mir einen andern Bedienten an. Warum ſchweigen?— eerſetzte Hirſch Hyazinthos— Iſt es mir doch lieb, wenn ich mal wieder gutes Deutſch ſprechen kann mit einem Geſichte, das ich ſchon einmal in Hamburg geſehen, und denke ich an Hamburg— Hier, bey der Erinnerung an ſein kleines Stiefvaterländchen, wurden des Mannes Aeuglein flimmernd feucht, und ſeufzend ſprach er: Was iſt der Menſch! Man geht vergnügt vor dem Altonaer Thore, auf dem Hamburger Berg, ſpatzieren, und beſieht dort die Merkwürdig⸗ keiten, die Löwen, die Gevögel, die Papagoyim, die Affen, die ausgezeichneten Menſchen, und man läßt ſich Carouſſel fahren oder elektriſiren, und man denkt was würde ich erſt für Ver⸗ III.. 16 8* 242 gnügen haben an einem Orte, der noch zwey⸗ hundert Meilen von Hamburg weiter entfernt iſt, in dem Lande wo die Zitronen und Orangen wachſen, in Italien! Was iſt der Menſch! Iſt er vor dem Altonaer Thore, ſo möchte er gern in Italien ſeyn, und iſt er in Italien, ſo möchte er wieder vor dem Altonger Thore ſeyn! Ach ſtände ich dort wieder und ſähe wieder den Michaelisthurm, und oben daran die Uhr mit den großen goldnen Zahlen auf dem Ziffer⸗ blatt, die großen goldnen Zahlen, die ich ſo oft des Nachmittags betrachtete, wenn ſie ſo freundlich in der Sonne glänzten— ich hätte ſie oft küſſen mögen. Ach, ich bin jetzt in Italien, wo die Zitronen und Orangen wachſen; wenn ich aber die Zitronen und Orangen wachſen ſehe, ſo denk' ich an den Steinweg zu Hamburg, wo ſie, ganzer Karren voll, gemächlich aufge⸗ ſtapelt liegen, und wo man ſie ruhig genießen kann, ohne daß man nöthig hat ſo viele Gefahr⸗ 243 Berge zu beſteigen und ſo viel Hitzwärme aus⸗ zuſtehen. So wahr mir Gott helfe, Herr Markeſe, wenn ich es nicht der Ehre wegen gethan hätte und wegen der Bildung, ſo wäre ich Ihnen nicht hierher gefolgt. Aber das muß man Ihnen nachſagen, man hat Ehre bey Ihnen und bildet ſich. Hyazinth!— ſprach jetzt Gumpelino, der durch dieſe Schmeicheley etwas beſänftigt worden,— Hyazinth geh jetzt zu— Ich weiß ſchon— Du weißt nicht, ſage ich dir, Hyazinth— Ich ſag' Ihnen, Herr Gumpel, ich weiß. Ew. Excellenz ſchicken mich jetzt zu der Lady Maxfield— Mir braucht man gar nichts zu ſagen. Ich weiß Ihre Gedanken, die Sie noch gar nicht gedacht, und vielleicht Ihr Lebtag gar nicht denken werden. Einen Bedienten wie mich, bekommen Sie nicht ſo leicht— und ich thu es der Ehre wegen, und der Bildung wegen, und 16* 244 wirklich, man hat Ehre bey Ihnen und bildet ſich— Bey dieſem Worte putzte er ſich die Naſe mit einem ſehr weißen Taſchentuche. Hyazinth, ſprach der Markeſe, du gehſt jetzt zu der Lady Julie Maxfield, zu meiner Julia, und bringſt ihr dieſe Tulpe— nimm ſie in Acht, denn ſie koſtet fünf Paoli— und ſagſt ihr— Ich weiß ſchon— Du weißt nichts. Sag' ihr: die Tulpe iſt unter den Blumen— Ich weiß ſchon, Sie wollen Ihr etwas durch die Blume ſagen. Ich habe für ſo manches Lotterieloos in meiner Collecte ſelbſt eine Deviſe gemacht— Ich ſage dir, Hyazinth, ich will keine Deviſe von dir. Bringe dieſe Blume an Lady Marfield, und ſage ihr: Die Tulpe iſt unter den Blumen Was unter den Käſen der Strachino; Doch mehr als Blumen und Käſe Verehrt Dich Gumpelino! 245 So wahr mir Gott alles Gut's gebe, das iſt gut!— rief Hyazinth— Winken Sie mir nicht, Herr Markeſe, was Sie wiſſen, das weiß ich, und was ich weiß, das wiſſen Sie. Und Sie, Herr Doktor, leben Sie wohl! Um die Kleinigkeit mahne ich Sie nicht.— Bey dieſen Worten ſtieg er den Hügel wieder hinab, und murmelte beſtändig: Gumpelino Strachino— Strachino Gumpelino— Es iſt ein treuer Menſch— ſagte der Markeſe— ſonſt hätte ich ihn längſt abgeſchafft, wegen ſeines Mangels an Etikette. Vor Ihnen hat das nichts zu bedeuten. Sie verſtehen mich. Wie gefällt Ihnen ſeine Livree? Es ſind noch für vierzig Thaler mehr Treſſen dran als an der Livree von Rothſchild's Bedienten. Ich habe innerlich mein Vergnügen, wie ſich der Menſch bey mir perfekzionirt. Dann und wann gebe ich ihm ſelbſt Unterricht in der Bildung. Ich ſage ihm oft: Was iſt Geld? Geld iſt rund 246 und rollt weg, aber Bildung bleibt. Ja, Herr Doktor, wenn ich, was Gott verhüte, mein Geld verliere, ſo bin ich doch noch immer ein großer Kunſtkenner, ein Kenner von Malerey, Muſik und Poeſte. Sie ſollen mir die Augen zubinden und mich in der Gallerie zu Florenz herumführen, und bey jedem Gemälde, vor welches Sie mich hinſtellen, will ich Ihnen den Maler nennen, der es gemalt hat, oder we⸗ nigſtens die Schule wozu dieſer Maler gehört. Muſik? Verſtopfen Sie mir die Ohren und ich höre doch jede falſche Note. Poeſie? Ich kenne alle Schauſpielerinnen Deutſchlands und die Dichter weiß ich auswendig. Und gar Natur! Ich bin zwey hundert Meilen gereiſt, Tag und Nacht durch, um in Schottland einen einzigen Berg zu ſehen. Italien aber geht über alles. Wie gefällt Ihnen hier dieſe Naturgegend? Welche Schöpfung! Sehen Sie mal die Bäume, die Berge, den Himmel, da unten das Waſſer 247 — iſt nicht alles wie gemalt? Haben Sie es je im Theater ſchöner geſehen? Man wird ſo zu ſagen ein Dichter! Verſe kommen einem in den Sinn und man weiß nicht woher:— Schweigend, in der Abenddämmrung Schleyer Ruht die Flur, das Lied der Haine ſtirbt; Nur daß hier, im alternden Gemäuer Melancholiſch noch ein Heimchen zirpt. Dieſe erhabenen Worte deklamirte der Markeſe mit überſchwellender Rührung, indem er, wie verklärt, in das lachende, morgenhelle Thal hinabſchaute. 248 Eapftel IV. Als ich einſt an einem ſchönen Frühlings⸗ tage unter den Berliner Linden ſpatzieren ging, wandelten vor mir zwey Frauenzimmer, die lange ſchwiegen, bis endlich die Eine ſchmachtend auf⸗ ſeufzte: ach, die jrine Beeme! Worauf die Andre, ein junges Ding, mit naiver Verwun⸗ drung fragte: Mutter, was gehn Ihnen die jrine Beeme an? Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß beyde Perſonen zwar nicht in Seide gelkleidet gingen, jedoch keineswegs zum Pöbel gehörten, wie es denn überhaupt in Berlin keinen Pöbel 249 giebt, außer etwa in den höchſten Ständen. Was aber jene naive Frage ſelbſt betrifft, ſo kommt ſie mir nie aus dem Gedächtniſſe. Ueberall, wo ich unwahre Naturempfindung und dergleichen grüne Lügen ertappe, lacht ſie mir ergötzlich durch den Sinn. Auch bey der Deklamazion des Markeſe wurde ſie in mir laut, und den Spott auf meinen Lippen errathend, rief er verdrießlich: Stören Sie mich nicht— Sie haben keinen Sinn für reine Natürlichkeit— Sie ſind ein zerriſſener Menſch, ein zerriſſenes Gemüth, ſo zu ſagen, ein Byron. Lieber Leſer, gehörſt Du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, die da einſtimmen in das Lied von byroniſcher Zerriſſenheit, das mir ſchon ſeit zehn Jahren, in allen Weiſen vorgepfiffen und vorgezwitſchert worden, und ſogar im Schädel des Markeſe, wie Du oben gehört haſt, ſein Echo gefunden? Ach, theurer Leſer, wenn Du über jene Zerriſſenheit klagen willſt, ſo 250 beklage lieber, daß die Welt ſelbſt mitten entzwey geriſſen iſt. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt iſt, ſo mußte es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerriſſen werden. Wer von ſeinem Herzen rühmt, es ſey ganz geblieben, der geſteht nur, daß er ein proſaiſches weitabgelegenes Winkelherz hat. Durch das meinige ging aber der große Weltriß, und eben deswegen weiß ich, daß die großen Götter mich vor vielen Anderen hochbegnadigt und des Dichtermärtyrthums würdig geachtet haben. Einſt war die Welt ganz, im Alterthum und Mittelalter, trotz der äußeren Kämpfe gab's doch noch immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter. Wir wollen dieſe Dichter ehren und uns an ihnen erfreuen; aber jede Nachahmung ihrer Ganzheit iſt eine Lüge, eine Lüge, die jedes geſunde Auge durchſchaut und die dem Hohne dann nicht entgeht. Jüngſt, mit vieler Mühe, verſchaffte ich mir in Berlin 251 die Gedichte eines jener Ganzheitdichter, der über meine byroniſche Zerriſſenheit ſo ſehr geklagt, und bey den erlogenen Grünlichkeiten, den zarten Naturgefühlen, die mir da, wie friſches Heu entgegendufteten, wäre mein armes Herz, das ſchon hinlänglich zerriſſen iſt, faſt auch vor Lachen geborſten, und unwillkürlich rief ich: Mein lieber Herr Intendanturrath Wilhelm Neumann, was gehn Ihnen die jrine Beeme an? Sie ſind ein zerriſſener Menſch, ſo zu ſagen ein Byron— wiederholte der Markeſe, ſah noch immer verklärt hinab ins Thal, ſchnaltzte zuweilen mit der Zunge am Gaumen vor an⸗ dächtiger Bewunderung— Gott! Gott! Alles wie gemalt! Armer Byronl ſolches ruhige Genießen war Dir verſagt! War dein Herz ſo verdorben, daß Du die Natur nur ſehen, ja ſogar ſchildern, aber nicht von ihr beſeligt werden konnteſt? 252 Oder hat Biſhy Shelley Recht, wenn er ſagt: du habeſt die Natur in ihrer keuſchen Nacktheit belauſcht und wurdeſt deshalb, wie Aktäon, von ihren Hunden zerriſſen! Genug davon; wir kommen zu einem beſſeren Gegenſtande, nemlich zu Signora Laetizia's und Franſcheska's Wohnung, einem kleinen weißen Gebäude, das gleichſam noch im Negligé zu ſeyn ſcheint, und vorn zwey große runde Fenſter hat, vor welchen die hoch⸗ aufgezogenen Weinſtöcke ihre langen Ranken herabhängen laſſen, daß es ausſieht als fielen grüne Haare, in lockiger Fülle, über die Augen des Hauſes. An der Thüre ſchon klingt es uns bunt entgegen, wirbelnde Triller, Guitarrentöne und Gelächter. Cagitel V. Signora Laetizia, eine funfzigjährige junge Roſe, lag im Bette und trillerte und ſchwatzte mit ihren beiden Galans, wovon der eine auf einem niedrigen Schemel vor ihr ſaß und der andre, in einem großen Seſſel lehnend, die Guitarre ſpielte. Im Nebenzimmer ſlatterten dann und wann ebenfalls die Fetzen eines ſüßen Liedes oder eines noch wunderſüßeren Lachens. Mit einer gewiſſen wohlfeilen Ironie, die den Markeſe zuweilen anwandelte, präſentirte er mich der Signora und den beiden Herren, und be⸗ merkte dabey: ich ſey derſelbe Johann Heinrich 254 Heine, Doktor Juris, der jetzt in der deutſchen juriſtiſchen Litteratur berühmt ſey. Zum Unglück war der eine Herr ein Profeſſor aus Bologna, und zwar ein Juriſt, obgleich ſein wohlgewölbter, runder Bauch ihn eher zu einer Anſtellung bey der ſphäriſchen Trigonometrie zu qualiftziren ſchien. Einigermaßen in Verlegenheit geſetzt, bemerkte ich, daß ich nicht unter meinem eigenen Namen ſchriebe, ſondern unter dem Namen Jarke; und das ſagte ich aus Beſcheidenheit, indem mir zufällig einer der wehmüthigſten In⸗ ſektennamen unſerer juriſtiſchen Litteratur ins Gedächtniß kam. Der Bologneſer beklagte zwar, dieſen berühmten Namen noch nicht gehört zu haben— welches auch bey dir, lieber Leſer, der Fall ſeyn wird— doch zweifelte er nicht, daß er bald ſeinen Glanz über die ganze Erde verbreiten werde. Dabey lehnte er ſich zurück in ſeinem Seſſel, griff einige Akkorde auf der Guitarre und ſang aus Arur: 255 O mächtiger Brama! Ach laß Dir das Lallen Der Unſchuld gefallen, Das Lallen, das Lallen— Wie ein lieblich neckendes Nachtigall⸗Echo ſchmetterte im Nebenzimmer eine ähnliche Melodie. Signora Laetizia aber trillerte dazwiſchen im feinſten Diskant: Dir allein glüht dieſe Wange, Dir nur klopfen dieſe Pulſe; Voll von ſüßem Liebesdrange Hebt mein Herz ſich dir allein! und mit der fettigſten Proſaſtimme ſetzte ſie hinzu: Bartolo, gieb mir den Spucknapf. Von ſeinem niedern Bänkchen erhob ſich jetzt Bartolo mit ſeinen dürren hölzernen Beinen, und präſentirte ehrerbietig einen etwas unreinlichen Napf von blauem Porzelan. Dieſer zweite Galan, wie mir Gumpelino auf deutſch zuflüſterte, war ein ſehr berühmter Dichter, deſſen Lieder, obgleich er ſie ſchon vor zwanzig Jahren gedichtet, noch jetzt in ganz „ 256 —— Italien klingen, und mit der ſüßen Liebesgluth, die in ihnen flammt, Alt und Jung berauſchen;— derweilen er ſelbſt jetzt nur ein armer, veralteter Menſch iſt, mit blaſſen Augen im welken Ge⸗ ſichte, dünnen weißen Härchen auf dem ſchwan⸗ kenden Kopfe, und kalter Armuth im kümmer⸗ lichen Herzen. So ein armer, alter Dichter mit ſeiner kahlen Hölzernheit, gleicht den Wein⸗ ſtöcken, die wir im Winter, auf den kalten Bergen ſtehen ſehen, dürr und laublos, im Winde zitternd und von Schnee bedeckt, während der ſüße Mooſt, der ihnen einſt entquoll, in den fernſten Landen gar manches Zecherherz erwärmt und zu ihrem Lobe berauſcht. Wer weiß, wenn einſt die Kelter der Gedanken, die Druckerpreſſe, auch mich ausgepreßt hat, und nur noch im Verlagskeller von Hoffmann und Campe, der alte, abgezapfte Geiſt zu finden iſt, ſitze ich ſelbſt vielleicht eben ſo dünn und kümmerlich, wie der arme Bartolo, auf dem Schemel neben dem 257 Bette einer alten Inamorata, und reiche ihr auf Verlangen den Napf des Spuckes. Signora Laetizia entſchuldigte ſich bey mir, daß ſie zu Bette liege und zwar bäuchlings, indem ein Geſchwür an der Legitimität, das ſie ſich durch vieles Feigen⸗Eſſen zugezogen, ſte jetzt hindere, wie es einer ordentlichen Frau zieme, auf dem Rücken zu liegen. Sie lag wirklich ungefähr wie eine Sphinx; ihr hoch⸗ friſtrtes Haupt ſtämmte ſie auf ihre beiden Arme, und zwiſchen dieſen wogte ihr Buſen wie ein rothes Meer. Sie ſind ein Deutſcher? frug ſie mich. Ich bin zu ehrlich, es zu läugnen, Signora! entgegnete meine Wenigkeit. Ach, ehrlich genug ſind die Deutſchen!— ſeufzte ſie— aber was hilft es, daß die Leute ehrlich ſind, die uns berauben! ſie richten Italien zu Grunde. Meine beſten Freunde ſitzen eingekerkert in Milano; nur Sklaverey— III. 17 258 Nein, nein, rief der Markeſe, beklagen Sie ſich nicht über die Deutſchen, wir ſind über⸗ wundene Ueberwinder, beſiegte Sieger, ſobald wir nach Italien kommen; und Sie ſehen Signora, Sie ſehen und Ihnen zu Füßen fallen, iſt daſſelbe— Und indem er ſein gelbſeidenes Taſchentuch ausbreitete und darauf niederkniete, ſetzte er hinzu: Hier kniee ich und huldige Ihnen im Namen von ganz Deutſchland. Chriſtophoro di Gumpelino!— ſeufzte Signora tiefgerührt und ſchmachtend— ſtehen Sie auf und umarmen Sie mich! Damit aber der holde Schäfer nicht die Friſur und die Schminke ſeiner Geliebten ver⸗ dürbe, küßte Sie ihn nicht auf die glühenden Lippen, ſondern auf die holde Stirne, ſo daß ſein Geſicht tiefer hinabreichte, und das Steuer deſſelben, die Naſe, im rothen Meere herumruderte. Sciignor Bartolol rief ich, erlauben Sie mir, daß auch ich mich des Spucknapfes bediene. 259 Wehmüthig lächelte Signor Bartolo, ſprach aber kein einziges Wort, obgleich er, nächſt Mezzophante, für den beſten Sprachlehrer in Bologna gilt. Wir ſprechen nicht gern, wenn Sprechen unſre Profeſſion iſt. Er diente der Signora als ein ſtummer Ritter, und nur dann und wann mußte er das Gedicht rezitiren, das er ihr vor fünf und zwanzig Jahren aufs Theater geworfen, als ſie zuerſt in Bologna, in der Rolle der Ariadne auftrat. Er ſelbſt mag zu jener Zeit wohlbelaubt und glühend geweſen ſeyn, vielleicht ähnlich dem heiligen Dionyſos ſelbſt, und ſeine Laetizia⸗Ariadne ſtürzte ihm gewiß bachantiſch in die blühenden Arme— ECooe Bacche! Er dichtete damals noch viele Liebesgedichte, die, wie ſchon erwähnt, ſich in der italieniſchen Litte⸗ ratur erhalten haben, nachdem der Dichter und die Geliebte ſelbſt ſchon längſt zu Makulatur geworden. 17⸗ 260 Fünf und zwanzig Jahre hat ſich ſeine Treue bereits bewährt, und ich denke, er wird auch bis an ſein ſeliges Ende auf dem Schemel ſitzen, und auf Verlangen ſeine Verſe rezitiren oder den Spucknapf reichen. Der Profeſſor der Juris⸗ prudenz ſchleppt ſich faſt eben ſo lange ſchon in den Liebesfeſſeln der Signora, er macht ihr noch immer ſo eifrig die Cour wie im Anfang dieſes Jahrhunderts, er muß noch immer ſeine akade⸗ miſchen Vorleſungen unbarmherzig vertagen, wenn ſie ſeine Begleitung nach irgend einem Orte verlangt, und er iſt noch immer belaſtet mit allen Servituten eines ächten Patito. Die treue Ausdauer dieſer beiden Anbeter einer längſt ruinirten Schönheit, mag vielleicht Gewohnheit ſeyn, vielleicht Pietas gegen frühere Gefühle, vielleicht nur das Gefühl ſelbſt, das ſich von der jetzigen Beſchaffenheit ſeines ehema⸗ ligen Gegenſtandes ganz unabhängig gemacht hat, und dieſen nur noch mit den Augen der 261 Erinnerung betrachtet. So ſehen wir oft alte Leute an einer Straßenecke, in katholiſchen Städten, vor einem Madonnenbilde knieen, das ſo verblaßt und verwittert iſt, daß nur noch wenige Spuren und Geſichtsumriſſe davon übrig geblieben ſind, ja, daß man dort vielleicht nichts mehr ſieht als die Niſche, worin es gemalt ſtand, und die Lampe, die etwa noch darüber hängt; aber die alten Leute, die, mit dem Roſenkranz in den zitternden Händen, dort ſo andächtig knieen, haben ſchon ſeit ihren Jugendjahren dort gekniet, Gewohnheit treibt ſie immer, um dieſelbe Stunde, zu demſelben Fleck, ſie merkten nicht das Erlöſchen des geliebten Heiligenbildes, und am Ende macht das Alter ja doch ſo ſchwach⸗ ſichtig und blind, daß es ganz gleichgültig ſeyn mag, ob der Gegenſtand unſerer Anbetung über⸗ haupt noch ſichtbar iſt oder nicht. Die da glauben ohne zu ſehen, ſind auf jeden Fall glücklicher als die Scharfäugigen, die jede 262 hervorblühende Runzel auf dem Antlitz ihrer Madonnen gleich bemerken. Nichts iſt ſchrecklicher als ſolche Bemerkungen! Einſt freylich, glaubte ich, die Treuloſigkeit der Frauen ſey das Schreck⸗ lichſte, und um dann das Schrecklichſte zu ſagen, nannte ich ſie Schlangen. Aber, ach! jetzt weiß ich, das Schrecklichſte iſt, daß ſie nicht ganz Schlangen ſind; denn die Schlangen können jedes Jahr die alte Haut von ſich abſtreifen und neu⸗ gehäutet ſich verjüngen. Ob einer von den beiden antiken Seladons darüber eiferſüchtig war, daß der Markeſe, oder vielmehr deſſen Naſe, oberwähntermaßen in Wonne ſchwamm, das konnte ich nicht bemerken. Bartolo ſaß gemüthsruhig auf ſeinem Bänkchen, die Beinſtöckchen über einander geſchlagen, und ſpielte mit Signoras Schooßhündchen, einem jener hübſchen Thierchen, die in Bologna zu Hauſe ſind und die man auch bey uns unter dem Namen Bologneſer kennt. Der Profeſſor 263 ließ ſich durchaus nicht ſtören in ſeinem Geſange, den zuweilen die kichernd ſüßen Töne im Neben⸗ zimmer parodiſtiſch überjubelten; dann und wann unterbrach er auch ſelbſt ſeinen Singſang, um mich mit juriſtiſchen Fragen zu behelligen. Wenn wir in unſerem Urtheil nicht übereinſtimmten, griff er haſtige Akkorde und klimperte Beweiß⸗ ſtellen. Ich aber unterſtützte meine Meinung immer durch die Autorität meines Lehrers, des großen Hugo, der in Bologna unter dem Namen Ugone, auch Ugolino, ſehr berühmt iſt. Ein großer Mann! rief der Profeſſor und klimperte dabey und ſang: Seiner Stimme ſanfter Ruf Tönt noch tief in deiner Brußt, Und die Qual, die ſie dir ſchuf, Iſt Entzücken, ſüße Luſt. Auch Thibaut, den die Italiener Tibaldo nennen, wird in Bologna ſehr geehrt; doch kennt man dort nicht ſowohl die Schriften jener Männer, als vielmehr ihre Hauptanſichten und 264 deren Gegenſatz. Gans und Savigny fand ich ebenfalls nur dem Namen nach bekannt. Letzteren hielt der Profeſſor für ein gelehrtes Frauenzimmer. So, ſo— ſprach er, als ich ihn aus dieſem leichtverzeihlichen Irrthum zog— wirklich kein Frauenzimmer. Man hat mir alſo falſch berichtet. Man ſagte mir ſogar, der Signor Gans habe dieſes Frauenzimmer einſt, auf einem Balle, zum Tanze aufgefordert, habe einen Refüs bekommen, und daraus ſey eine literäriſche Feindſchaft entſtanden. Man hat Ihnen in der That falſch be⸗ richtet, der Signor Gans tanzt gar nicht, ſchon aus dem menſchenfreundlichen Grunde, damit nicht ein Erdbeben entſtehe. Jene Aufforderung zum Tanze iſt wahrſcheinlich eine mißverſtandene Allegorie. Die hiſtoriſche Schule und die philo⸗ ſophiſche werden als Tänzer gedacht, und in ſolchem Sinne denkt man ſich vielleicht eine 265 9 Quadrille von Ugone, Tibaldo, Gans und Savigny. Und vielleicht in ſolchem Sinne, ſagt man, daß Signor Ugone, obgleich er der Diable boiteux der Jurisprudenz iſt, doch ſo zierliche Pas tanze wie die Lemiere, und daß Signor Gans, in der neueſten Zeit, einige große Sprünge verſucht, die ihn zum Hoguet der philoſophiſchen Schule gemacht haben. Der Signor Gans— verbeſſerte ſich der Profeſſor— tanzt alſo bloß allegoriſch, ſo zu ſagen metaphoriſch— Doch plötzlich, ſtatt weiter zu ſprechen, griff er wieder in die Saiten der Guitarre, und bey dem tollſten Geklimper ſang er wie toll: Es iſt wahr, ſein theurer Name Iſt die Wonne aller Herzen. Stürmen laut des Meeres Wogen, Droht der Himmel ſchwarz umzogen, Hört man ſtets Tarar nur rufen, Gleich als beugten Erd' und Himmel Vor des Helden Namen ſich. 17** 266 Von Herrn Göſchen wußte der Profeſſor nicht einmal, daß er exiſtire. Dies aber hatte ſeine natürlichen Gründe, indem der Ruhm des großen Göſchen noch nicht bis Bologna gedrungen iſt, ſondern erſt bis Poggio, welches noch vier deutſche Meilen davon entfernt iſt und wo er ſich zum Vergnügen noch einige Zeit aufhalten wird.— Göttingen ſelbſt iſt in Bologna lange nicht ſo bekannt, wie man ſchon, der Dankbarkeit wegen, erwarten dürfte, indem es ſich das deutſche Bologna zu nennen pflegt. Ob dieſe Benennung treffend iſt, will ich nicht unterſuchen; auf jeden Fall aber unterſcheiden ſich beide Univerſitäten durch den einfachen Umſtand, daß in Bologna die kleinſten Hunde und die größten Gelehrten, in Göttingen hingegen die kleinſten Gelehrten und die größten Hunde zu finden ſind. 267 Capitel VI. — Als der Markeſe Chriſtophoro di Gumpelino ſeine Naſe hervorzog aus dem rothen Meere, wie weiland König Pharao, da glänzte ſein Antlitz in ſchwitzender Selbſtwonne. Tief gerührt gab er Signoren das Verſprechen, ſie, ſobald ſie wieder ſitzen könne, in ſeinem eignen Wagen nach Bologna zu bringen. Nun wurde verab⸗ redet, daß alsdann der Profeſſor vorausreiſen, Bartolo hingegen im Wagen des Markeſe mit⸗ fahren ſolle, wo er ſehr gut auf dem Bock ſitzen und das Hündchen im Schooße halten könne, und daß man endlich in vierzehn Tagen zu Florenz eintreffen wolle, wo Signora 268 Franſcheska, die mit Mylady nach Piſa reiſe, unterdeſſen ebenfalls zurückgekehrt ſeyn würde. Während der Markeſe an den Fingern die Koſten berechnete, ſummte er vor ſich hin di tanti palpiti. Signora ſchlug dazwiſchen die lauteſten Triller, und der Profeſſor ſtürmte in die Saiten der Guitarre und ſang dabey ſo glühende Worte, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne und die Thränen aus den Augen liefen, und ſich auf ſeinem rothen Geſichte zu einem einzigen Strome vereinigten. Während dieſes Singens und Klingens ward plötzlich die Thüre des Neben⸗ zimmers aufgeriſſen und herein ſprang ein Weſen— Euch, Ihr Muſen der alten und der neuen Welt, Euch ſogar Ihr noch unentdeckten Muſen, die erſt ein ſpäteres Geſchlecht verehren wird, und die ich ſchon längſt geahnet habe, im Walde und auf dem Meere, Euch beſchwör' ich, gebt mir Farben, womit ich das Weſen male, das 269 nächſt der Tugend das Herrlichſte iſt auf dieſer Welt. Die Tugend, das verſteht ſich von ſelbſt, iſt die erſte von allen Herrlichkeiten, der Welt⸗ ſchöpfer ſchmückte ſie mit ſo vielen Reizen, daß es ſchien, als ob er nicht eben ſo Herrliches mehr hervorbringen könne; da aber nahm er noch einmal alle ſeine Kräfte zuſammen, und in einer guten Stunde ſchuf er Signora Franſcheska, die ſchöne Tänzerin, das größte Meiſterſtück, das er nach Erſchaffung der Tugend hervorgebracht, und wobey er ſich nicht im mindeſtens wieder⸗ holt hat, wie irdiſche Meiſter, bey deren ſpäteren Werken die Reize der früheren wieder geborgter⸗ weiſe zum Vorſchein kommen— Nein, Signora Franſcheska iſt ganz Original, ſie hat nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit der Tugend, und es giebt Kenner, die ſie für eben ſo herrlich halten, und der Tugend, die früher erſchaffen worden, nur den Vorrang der Anciennität zuerkennen. Aber iſt das ein großer Mangel, wenn 270 eine Tänzerin einige ſechstauſend Jahre zu jung iſt? Ach, ich ſehe ſie wieder, wie ſie, aus der aufgeſtoßenen Thüre bis zur Mitte des Zimmers hervorſpringt, in demſelben Momente ſich un⸗ zählige Mal auf einem Fuße herumdreht, ſich dann der Länge nach auf das Sopha hinwirft, ſich die Augen mit beiden Händen verdeckt hält, und athemlos ausruft: ach, ich bin ſo müde vom Schlafen! Nun naht ſich der Markeſe und hält eine lange Rede, in ſeiner ironiſch breit ehrerbietigen Manier, die mit ſeinem kurzab⸗ brechenden Weſen, bey praktiſchen Geſchäftser⸗ innerungen, und mit ſeiner faden Zerfloſſenheit, bey ſentimentaler Anregung, gar räthſelhaft kontraſtirte. Dennoch war dieſe Manier nicht unnatürlich, ſie hatte ſich vielleicht dadurch natürlich in ihm ausgebildet, daß es ihm an Kühnheit fehlte, jene Obmacht, wozu er ſich durch Geld und Geiſt berechtigt glaubte, un⸗ umwunden kund zu geben, weshalb er ſie feiger⸗ weiſe in die Worte der übertriebenſten Demuth zu verkappen ſuchte. Sein breites Lächeln bey ſolchen Gelegenheiten hatte unangenehm Ergötz⸗ liches, und man wußte nicht, ob man ihm Prügel oder Beyfall zollen ſollte. In ſolcher Weiſe hielt er ſeine Morgenrede vor Signora Fran⸗ ſcheska, die, noch halb ſchläfrig, ihn kaum an⸗ hörte, und als er zum Schluß um die Erlaub⸗ niß bat, ihr die Füße, wenigſtens den linken Fuß, küſſen zu dürfen, und zu dieſem Geſchäfte, mit großer Sorgfalt, ſein gelbſeidnes Taſchen⸗ tuch über den Fußboden ausbreitete und darauf niederkniete: ſtreckte ſie ihm gleichgültig den linken Fuß entgegen, der in einem allerliebſten rothen Schuh ſteckte, im Gegenſatz zu dem rechten Fuße, der einen blauen Schuh trug, eine drollige Coketterie, wodurch die zarte niedliche Form der Füße noch merklicher werden ſollte. Als der Markeſe den kleinen Fuß ehrfurchtsvoll geküßt, 272 erhob er ſich mit einem ächzenden O Jeſu! und bat um die Erlaubniß, mich, ſeinen Freund, vor⸗ ſtellen zu dürfen, welches ihm ebenfalls gähnend gewährt wurde, und wobey er es nicht an Lob⸗ ſprüchen auf meine Vortrefflichkeit fehlen ließ, und auf Cavalier⸗Parole betheuerte, daß ich die unglückliche Liebe ganz vortrefflich beſungen habe. Ich bat die Dame ebenfalls um die Ver⸗ günſtigung ihr den linken Fuß küſſen zu dürfen, und in dem Momente, wo ich dieſer Ehre theil⸗ haftig wurde, erwachte ſie wie aus einem däm⸗ mernden Traume, beugte ſich lächelnd zu mir herab, betrachtete mich mit großen verwunderten Augen, ſprang freudig empor bis in die Mitte des Zimmers, und drehte ſich wieder unzählige Mal auf einem Fuße herum. Ich fühlte wun⸗ derbar, wie mein Herz ſich beſtändig mitdrehte, bis es faſt ſchwindelig wurde. Der Profeſſor aber griff dabey luſtig in die Saiten ſeiner Guitarre und ſang: 273 Eine Opern⸗Signora erwählte Zum Gemahl mich, ward meine Vermählte, Und geſchloſſen war bald unſre Eh'. Wehe mir Armen! weh! Bald befreiten von ihr mich Corſaren, Ich verkaufte ſie an die Barbaren, Ehe ſie ſich es konnte verſehn. Bravo, Biskroma! ſchön! ſchön! Noch einmal betrachtete mich Signora Franſcheska ſcharf und muſternd, vom Kopf bis zum Fuße, und mit zufriedener Miene dankte ſie dann dem Markeſe, als ſey ich ein Geſchenk, das er ihr aus Artigkeit mitgebracht. Sie fand wenig daran auszuſetzen: nur waren ihr meine Haare zu hellbraun, ſie hätte ſie dunkler gewünſcht, wie die Haare des Abbate Cecco, auch meine Augen fand ſie zu klein und mehr grün als blau. Zur Vergeltung, lieber Leſer, ſollte ich jetzt Signora Franſcheska eben ſo mäkelnd ſchildern; aber ich habe wahrhaftig an dieſer lieblichen, faſt leicht⸗ ſinnig geformten Graziengeſtalt nichts auszu⸗ III. 18 274 ſetzen. Auch das Geſicht war ganz göttermäßig, wie man es bey griechiſchen Statuen findet, Stirne und Naſe gaben nur eine einzige ſenkrecht gerade Linie, einen ſüßen rechten Winkel bildete damit die untere Raſenlinie, die wunderſam kurz war, eben ſo ſchmal war die Entfernung von der Naſe zum Mundo, deſſen Lippen an beiden Enden kaum ausreichten und von einem träumeriſchen Lächeln ergänzt wurden; darunter wölbte ſich ein liebes volles Kinn, und der Hals — Ach! frommer Leſer ich komme zu weit, und außerdem habe ich bey dieſer Inauguralſchil⸗ derung noch kein Recht von den zwey ſchwei⸗ genden Blumen zu ſprechen, die wie weiße Poeſte hervorleuchteten, wenn Signora die ſilbernen Halsknöpfe ihres ſchwarzſeidnen Kleides ent⸗ häkelte— Lieber Leſer! laß uns lieber empor⸗ ſteigen zu der Schilderung des Geſichtes, wovon ich nachträglich noch zu berichten habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernſtein war, daß es 275 von den ſchwarzen Haaren, die in glänzend glatten Ovalen die Schläfe bedeckten, eine kind⸗ liche Ründung empfing, und von zwey ſchwarzen plötzlichen Augen, wie von Zauberlicht, beleuchtet wurde. Du ſiehſt, lieber Leſer, daß ich dir gern eine gründliche Lokalbeſchreibung meines Glückes liefern möchte, und, wie andere Reiſende ihren Werken noch beſondere Karten von hiſtoriſch wichtigen oder ſonſt merkwürdigen Bezirken bey⸗ fügen, ſo möchte ich Franſcheska in Kupfer ſtechen laſſen. Aber ach! was hilft die todte Copie der äußern Umriſſe bey Formen, deren göttlichſter Reiz in der lebendigen Bewegung beſteht. Selbſt der beſte Maler kann uns dieſen nicht zur An⸗ ſchauung bringen; denn die Malerey iſt doch nur eine platte Lüge. Eher vermöchte es der Bildhauer; durch wechſelnde Beleuchtung können wir bey Statuen uns einigermaßen eine Bewe⸗ gung der Formen denken, und die Fackel, die 18* 276 ihnen nur äußeres Licht zuwirft, ſcheint ſie auch von innen zu beleben. Ja, es giebt eine Statue, die dir, lieber Leſer, einen marmornen Begriff von Franſcheska's Herrlichkeit zu geben vermöchte, und das iſt die Venus des großen Canova, die du in einem der letzten Säle des Pallazzo Pitti zu Florenz finden kannſt. Ich denke jetzt oft an dieſe Statue, zuweilen träumt mir, ſie läge in meinen Armen, und belebe ſich allmählig und flüſtere endlich mit der Stimme Franſcheska's. Der Ton dieſer Stimme war es aber, der jedem ihrer Worte die lieblichſte, unendlichſte Bedeutung ertheilte, und wollte ich dir ihre Worte mittheilen, ſo gäbe es bloß ein trocknes Herbarium von Blumen, die nur durch ihren Duft den größten Werth beſaßen. Auch ſprang ſie oft in die Höhe, und tanzte während ſie ſprach, und vielleicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache. Mein Herz aber tanzte immer mit und erxekutirte die ſchwierigſten Pas 277 und zeigte dabey ſo viel Tanztalent, wie ich ihm nie zugetraut hätte. In ſolcher Weiſe erzählte Franſcheska auch die Geſchichte von dem Abbate Cecco, einem jungen Burſchen, der in ſie ver⸗ liebt war, als ſie noch im Arno⸗Thal Strohhüte ſtrickte, und ſie verſicherte, daß ich das Glück hätte ihm ähnlich zu ſehen. Dabey machte ſie die zärtlichſten Pantominen, drückte ein über's andere Mal die Fingerſpitzen an's Herz, ſchien dann mit gehöhlter Hand die zärtlichſten Gefühle hervorzuſchöpfen, warf ſich endlich ſchwebend, mit voller Bruſt, aufs Sopha, barg das Geſicht in die Kiſſen, ſtreckte hinter ſich ihre Füße in die Höhe und ließ ſie wie hölzerne Puppen agiren. Der blaue Fuß ſollte den Abbate Cecco und der rothe die arme Franſcheska vorſtellen, und indem ſie ihre eigene Geſchichte parodirte, ließ ſie die beiden verliebten Füße von einander Abſchied nehmen, und es war ein rührend närriſches Schauſpiel, wie ſich beide mit den 278 Spitzen küßten, und die zärtlichſten Dinge ſagten— und dabey weinte das tolle Mädchen ergötzlich kichernde Thränen, die aber dann und wann etwas unbewußt tiefer aus der Seele kamen, als die Rolle verlangte. Sie ließ auch, im drolligen Schmerzensübermuth den Abbate Cecco eine lange Rede halten, worin er die Schönheit der armen Franſcheska mit pedantiſchen Metaphern rühmte, und die Art wie ſie auch, als arme Franſcheska, Antwort gab und ihre eigene Stimme, in der Sentimentalität einer früheren Zeit, kopirte, hatte etwas Puppenſpielwehmüthiges, das mich wunderſam bewegte. Ade Cecco! Ade Franſcheska! war der beſtändige Refrain, die verliebten Füßchen wollten ſich nicht verlaſſen— und ich war endlich froh, als ein unerbittliches Schickſal ſie von einander trennte, indem ſüße Ahnung mir zuflüſterte, daß es für mich ein Mißgeſchick wäre, wenn die beiden Liebenden beſtändig vereint blieben. 279 Der Profeſſor applaudirte mit poſſenhaft ſchwirrenden Guitarrentönen, Signora tiillerte, das Hündchen bellte, der Markeſe und ich klatſchten in die Hände wie raſend, und Signora Franſcheska ſtand auf und verneigte ſich dankbar. Es iſt wirklich eine ſchöne Comödie, ſprach ſie zu mir, aber es iſt ſchon lange her, ſeit ſie zuerſt aufgeführt worden, und ich ſelbſt bin ſchon ſo alt— rathen Sie mal wie alt? Sie erwartete jedoch keineswegs meine Ant⸗ wort, ſprach raſch: achtzehn Jahr— und drehte ſich dabey wohl achtzehnmal auf einem Fuß herum. Und wie alt ſind Sie, Dottore? Ich, Signora, bin in der Neujahrsnacht Achtzehnhundert geboren. Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, bemerkte der Markeſe, es iſt einer der erſten Männer unſeres Jahrhunderts. und wie alt halten Sie mich? rief plötzlich Signora Laetizia, und ohne an ihr Eva⸗Koſtüm, 280 das bis jetzt die Bettdecke verborgen hatte, zu denken, erhob ſie ſich bei dieſer Frage ſo leiden⸗ ſchaftlich in die Höhe, daß nicht nur das rothe Meer, ſondern auch ganz Arabien, Syrien und Meſopotamien zum Vorſchein kam. Indem ich, ob dieſes gräßlichen Anblicks, erſchrocken zurückprallte, ſtammelte ich einige Redensarten über die Schwierigkeiten, eine ſolche Frage zu löſen, indem ich ja Signora erſt zur Hälfte geſehen hätte; doch da ſie noch eifriger in mich drang, geſtand ich ihr die Wahrheit, nemlich daß ich das Verhältniß der italieniſchen Jahre zu den deutſchen noch nicht zu berechnen wiſſe. Iſt der Unterſchied groß? frug Signora Laetizia. Das verſteht ſich, antwortete ich ihr, da die Hitze alle Körper ausdehnt, ſo ſind die Jahre in dem warmen Italien viel länger als in dem kalten Deutſchland. — — 281 Der Markeſe zog mich beſſer aus der Ver⸗ legenheit, indem er galant behauptete, ihre Schönheit habe ſich jetzt erſt in der üppigſten Reife entfaltet. Und Signoral ſetzte er hinzu, ſo wie die Pomeranze, je älter ſie wird, auch deſto gelber wird, ſo wird auch ihre Schönheit mit jedem Jahre deſto reifer. Die Dame ſchien mit dieſer Vergleichung zufrieden zu ſeyn, und geſtand ebenfalls, daß ſie ſich wirklich reifer fühle als ſonſt, beſonders gegen damals, wo ſie noch ein dünnes Ding geweſen und zuerſt in Bologna aufgetreten ſey, und daß ſie noch jetzt nicht begreife, wie ſie in ſolcher Geſtalt ſo viel Furore habe machen können. Und nun erzählte ſie ihr Debüt als Ariadne, worauf ſie, wie ich ſpäter entdeckte, ſehr oft zurückkam, bey welcher Gelegenheit auch Signor Bartolo das Gedicht deklamiren mußte, daß er ihr damals aufs Theater geworfen. Es war ein gutes Gedicht, voll rührender Trauer 282 über Theſeus Treuloſigkeit, voll blinder Begei⸗ ſterung für Bachus und blühender Verherrlichung Ariadne's. Bella coſa! rief Signora Laetizia bey jeder Strophe, und auch ich lobte die Bilder, den Versbau und die ganze Behandlung jener Mythe. Ja, ſie iſt ſehr ſchön, ſagte der Profeſſor, und es liegt ihr gewiß eine hiſtoriſche Wahrheit zum Grunde, wie denn auch einige Autoren uns ausdrücklich erzählen, daß Oneus 4 ein Prieſter des Bachus, ſich mit der trauernden Ariadne vermählt habe, als er ſie verlaſſen auf Naxos angetroffen; und, wie oft geſchieht, iſt in der Sage aus dem Prieſter des Gottes, der Gott ſelbſt gemacht worden Ich konnte dieſer Meinung nicht beiſtimmen, da ich mich in der Mythologie mehr zur hiſto⸗ riſchen Ausdeutung hinneige, und ich entgegnete: In der ganzen Fabel, daß Ariadne, nachdem Theſeus ſie auf Naxos ſitzen laſſen, ſich dem 283 Bachus in die Arme geworfen, ſehe ich nichts anderes als die Allegorie, daß ſie ſich dem Trunk ergeben hat, eine Hypotheſe, die noch mancher Gelehrte meines Vaterlandes mit mir theilt. Sie, Herr Markeſe werden wahrſcheinlich wiſſen, daß der ſelige Banquier Bethmann, im Sinne dieſer Hypotheſe, ſeine Ariadne ſo zu beleuchten wußte, daß ſie eine rothe Naſe zu haben ſchien. Ja, ja, Bethmann in Frankfurt war ein großer Mann! rief der Markeſe; jedoch im ſelben Augenblick ſchien ihm etwas Wichtiges durch den Kopf zu laufen, ſeufzend ſprach er vor ſich hin: Gott, Gott, ich habe vergeſſen nach Frankfurt an Rothſchild zu ſchreiben! Und mit ernſtem Geſchäftsgeſicht, woraus aller paro⸗ diſtiſche Scherz verſchwunden ſchien, empfahl er ſich kurzweg, ohne lange Ceremonien, und ver⸗ ſprach gegen Abend wiederzukommen. Als er fort war und ich im Begriff ſtand, wie es in der Welt gebräuchlich iſt, meine 284 Gloſſen über eben den Mann zu machen, durch deſſen Güte ich die angenehmſte Bekanntſchaft gewonnen, da fand ich zu meiner Verwunderung, daß alle ihn nicht genug zu rühmen wußten, und daß alle beſonders ſeinen Enthuſiasmus für das Schöne, ſein adelig feines Betragen, und ſeine Uneigennützigkeit in den übertriebenſten Ausdrücken prieſen. Auch Signora Franſcheska ſtimmte ein in dieſen Lobgeſang, doch geſtand ſie, ſeine Naſe ſey etwas beängſtigend und er⸗ innere ſie immer an den Thurm von Piſa. Beim Abſchied bat ich ſie wieder um die Vergünſtigung, ihren linken Fuß küſſen zu dürfen; worauf ſie, mit lächelndem Ernſt, den rothen Schuh auszog, ſo wie auch den Strumpf; und indem ich niederkniete, reichte ſie mir den weißen, blühenden Lilienfuß, den ich vielleicht gläubiger an die Lippen preßte, als ich es mit dem Fuß des Pabſtes gethan haben möchte. Wie ſich von ſelbſt verſteht, machte ich auch die Kammerjungfer, 285 und half den Strumpf und den Schuh wieder anziehen. Ich bin mit Ihnen zufrieden,— ſagte Signora Franſcheska, nach verrichtetem Geſchäfte, wobey ich mich nicht zu ſehr übereilte, obgleich ich alle zehn Finger in Thätigfe ſetzte,— ich bin mit Ihnen zufrieden, Sie ſollen mir noch öfter die Strümpfe anziehen. Denie haben Sie den linken Fuß geküßt, morgen ſoll Ihnen der rechte zu Gebote ſtehen. Uebermorgen dürfen Sie mir ſchon die linke Hand küſſen, und einen Tag nachher auch die rechte. Führen Sie ſich gut auf, ſo reiche ich Ihnen ſpäterhin den Mund, u. ſ. w. Sie ſehen, ich will Sie gern avanziren laſſen, und da Sie jung ſind, können Sie es in der Welt noch weit bringen. Und ich habe es weit gebracht in dieſer Welt! Deß ſeyd mir Zeugen, toskaniſche Nächte, du hellblauer Himmel mit großen ſilbernen Sternen, Ihr wilden Lorbeerbüſche und heimlichen 286 Myrten, und Ihr, o Nympfen des Appennins, die Ihr mit bräutlichen Tänzen uns umſchwebtet, und Euch zurückträumtet in jene beſſeren Götter⸗ zeiten, wo es noch keine gothiſche Lüge gab, die nur blinde, tappende Genüſſe im Verbor⸗ genen erlaubt und jedem freyen Gefühl ihr heuchleriſches Feigenblättchen vorklebt. Es bedurfte keiner beſonderen Feigenblätter; denn ein ganzer Feigenbaum mit vollen ausge⸗ breiteten Zweigen rauſchte über den Häuptern der Glücklichen. 287 Capitel VI. 7 Was Prügel ſind, das weiß man ſchon; was aber die Liebe iſt, das hat noch keiner herausgebracht. Einige Naturphiloſophen haben behauptet, es ſey eine Art Glktrizität. Das iſt möglich; denn im Momente des Verliebens iſt uns zu Muthe, als habe ein elektriſcher Strahl aus dem Auge der Geliebten plötzlich in unſer Herz eingeſchlagen. Ach! dieſe Blitze ſind die verderblichſten, und wer gegen dieſe einen Ab⸗ leiter findet, den will ich höher achten als Franklin. Gäbe es doch kleine Blitzableiter, die man auf dem Herzen tragen könnte, und 288 woran eine Wetterſtange wäre, die das ſchreck⸗ liche Feuer anderswo hin zu leiten vermöchte. Ich fürchte aber, dem kleinen Amor kann man ſeine Pfeile nicht ſo leicht rauben, wie dem Jupiter ſeinen Blitz und den Tyrannen ihr Zepter. Außerdem wirkt nicht jede Liebe blitz⸗ artig; manchmal lauert ſie, wie eine Schlange unter Roſen, und erſpäht die erſte Herzenslücke, um hineinzuſchlüpfen; manchmal iſt es nur ein Wort, ein Blick, die Erzählung einer unſchein⸗ baren Handlung, was wie ein lichtes Samen⸗ korn in unſer Herz fällt, eine ganze Winterzeit darin liegt, bis der Frühling kommt, und das kleine Samenkorn aufſchießt zu einer flammenden Blume, deren Duft den Kopf betäubt. Dieſelbe Sonne, die im Nilthal Egyptens Krokodilleneyer ausbrütet, kann zugleich zu Potsdam an der Havel die Liebesſaat in einem jungen Herzen zur Vollreife bringen— dann giebt es Thränen in Egypten und Potsdam. Aber Thränen ſind ρ 289 noch lange keine Erklärungen— Was iſt die Liebe? Hat keiner ihr Weſen ergründet? hat keiner das Räthſel gelöſt? Vielleicht bringt ſolche Löſung größere Qual als das Räthſel ſelbſt, und das Herz erſchrickt und erſtarrt darob, wie beym Anblick der Meduſa. Schlangen ringeln ſich um das ſchreckliche Wort, das dieſes Räthſel auflöſt— O, ich will dieſes Auflö⸗ ſungswort niemals wiſſen, das brennende Elend in meinem Herzen iſt mir immer noch lieber als kalte Erſtarrung. O, ſprecht es nicht aus, Ihr geſtorbenen Geſtalten, die Ihr ſchmerzlos wie Stein, aber auch gefühllos wie Stein durch die Roſengärten dieſer Welt wandelt, und mit bleichen Lippen auf den thörichten Geſellen her⸗ ablächelt, der den Duft der Roſen preiſt und ſber Dornen klagt. Wenn ich dir aber, lieber Leſer, nicht zu ſagen vermag, was die Liebe eigentlich iſt, ſo könnte ich dir doch ganz ausführlich erzählen, III. 19 290 wie man ſich gebehrdet und wie einem zu Muth iſt, wenn man ſich auf den Appenninen verliebt hat. Man gebehrdet ſich nemlich wie ein Narr, man tanzt über Hügel und Felſen und glaubt, die ganze Welt tanze mit. Zu Muthe iſt einem dabey, als ſey die Welt erſt heute erſchaffen worden, und man ſey der erſte Menſch. Ach, wie ſchön iſt das Alles! jauchzte ich, als ich Franſcheskas Wohnung verlaſſen hatte. Wie ſchön und koſtbar iſt dieſe neue Welt! Es war mir, als müßte ich allen Pflanzen und Thieren einen Namen geben, und ich benannte Alles nach ſeiner innern Natur und nach meinem eignen Gefühl, das mit den Außendingen ſo wunderbar verſchmolz. Meine Bruſt war eine Quelle von Offenbarung, und ich verſtand alle Formen und Geſtaltungen, de n Duft der Pflanzen, den Geſang der Vögel, das Pfeifen des Windes und das Rauſchen der Waſſerfälle. Manchmal hörte ich auch die 291 göttliche Stimme: Adam, wo biſt du? Hier bin ich, Franſcheska, rief ich dann, ich bete dich an, denn ich weiß ganz gewiß, du haſt Sonne, Mond und Sterne erſchaffen und die Erde mit allen ihren Creaturen! Dann kicherte es aus den Myrtenbüſchen, und heimlich ſeufzte ich in mich hinein: O ſüße Thorheit, verlaß mich nicht! Späterhin, als die Dämmerungszeit heran⸗ kam, begann erſt recht die verrückte Seligkeit der Liebe. Die Bäume auf den Bergen tanzten mit ſchweren Häuptern, die von der ſcheidenden Sonne ſo roth beſtrahlt wurden, als hätten ſie ſich mit ihren eignen Weintrauben berauſcht. Unten der Bach ſchoß haſtiger von dannen, und rauſchte angſtvoll, als fürchte er, die entzückt taumelnden Berge würden zu Boden ſtürzen. Dabey wetterleuchtete es ſo lieblich, wie lichte Küſſe. Ja, rief ich, der lachende Himmel küßt die geliebte Erde— O Franſcheska, ſchöner Himmel, laß mich deine Erde ſeyn! Ich bin ſo 19* 292 ganz irdiſch, und ſehne mich nach dir, mein Himmel! So rief ich und ſtreckte die Arme flehend empor, und rannte mit dem Kopfe gegen manchen Baum, den ich dann umarmte ſtatt zu ſchelten, und meine Seele jauchzte vor Liebes⸗ trunkenheit,— als plötzlich ich eine glänzende Scharlachgeſtalt erblickte, die mich aus allen meinen Träumen gewaltſam herausriß, und der kühlſten Wirklichkeit zurückgab. 1* Capitel VIII. Auf einem Raſenvorſprung, unter einem briten Lorbeerbaume, ſaß Hyazinthos, der Diener des Markeſe, und neben ihm Apollo, deſſen Hund. Letzterer ſtand vielmehr, indem er die Vorderpfoten auf die Scharlachkniee des kleinen Mannes gelegt hatte, und neugierig zuſah, wie dieſer, eine Schreibtafel in den Händen haltend, dann und wann etwas hineinſchrieb, wehmüthig vor ſich hinlächelte, das Köpfchen ſchüttelte, tief ſeufzte und ſich dann vergnügt die Naſe putze. Was Henker, rief ich ihm entgegen, Hirſch Hyazinthos! machſt du Gedichte? Nun, die 294 Zeichen ſind günſtig, Apollo ſteht dir zur Seite und der Lorbeer hängt ſchon über deinem Haupte. Aber ich that dem armen Schelme Unrecht. Liebreich antwortete er: Gedichte? Nein, ich bin ein Freund von Gedichten, aber ich ſchreibe doch keine. Was ſollte ich ſchreiben? Ich hatte eben nichts zu thun, und zu meinem Vergnügen machte ich mir eine Liſte von den Namen der⸗ jenigen Freunde, die einſt in meiner Collekte geſpielt haben. Einige davon ſind mir ſogar noch etwas ſchuldig— Glauben Sie nur nicht, Herr Doktor, ich wollte Sie mahnen— das hat Zeit, Sie ſind mir gut. Hätten Sie nur zuletzt 1365 ſtatt 1364 geſpielt, ſo wären Sie jetzt ein Mann von Hundert tauſend Mark Banco, und brauchten nicht hier herumzulaufen, und könnten ruhig in Hamburg ſitzen, ruhig und vergnügt, und könnten ſich auf dem Sopha er⸗ zählen laſſen, wie es in Italien ausſieht. So wahr mir Gott helfe! ich wäre nicht hergereiſt, 295 hätte ich es nicht Herrn Gumpel zu Liebe gethan. Ach, wie viel Hitz' und Gefahr und Müdigkeit muß ich ausſtehen, und wo nur eine Ueberſpan⸗ nung iſt oder eine Schwärmerey, iſt auch Herr Gumpel dabey, und ich muß alles mitmachen. Ich wäre ſchon längſt von ihm gegangen, wenn er mich miſſen könnte. Denn wer ſoll nachher zu Hauſe erzählen, wie viel Ehre und Bildung er in der Fremde genoſſen? Und ſoll ich die Wahrheit ſagen, ich ſelbſt fang' an, viel auf Bildung zu geben. In Hamburg hab' ich ſie Gottlob nicht nöthig; aber man kann nicht wiſſen, man kommt einmal nach einem anderen Ort. Es iſt eine ganz andere Welt jetzt. Und man hat Recht; ſo ein bischen Bildung ziert den ganzen Menſchen. Und welche Ehre hat man davon! Lady Mayfield zum Beyſpiel, wie hat ſie mich dieſen Morgen aufgenommen und honorirt! Ganz paralel wie ihres Gleichen. Und ſie gab mir einen Franceskoni Trinkgeld, obſchon 296 die Blume nur fünf Paoli gekoſtet hat. Außer dem iſt es auch ein Vergnügen, wenn man den kleinen, weißen Fuß von ſchönen Damen⸗ perſonen in Händen hat. Ich war nicht wenig betreten über dieſe letzte Bemerkung, und dachte gleich: iſt das Sticheley? Wie konnte aber der Lump ſchon Kenntniß haben von dem Glücke, das mir erſt denſelben Tag begegnet, zu derſelben Zeit, als er auf der entgegengeſetzten Seite des Bergs war? Gab's dort etwa eine ähnliche Scene und offenbarte ſich darin die Ironie des großen Weltbühnendichters da droben, daß er vielleicht noch tauſend ſolcher Scenen, die gleichzeitig eine die andere parodiren, zum Vergnügen der himm⸗ liſchen Heerſchaaren aufführen ließ? Indeſſen beide Vermuthungen waren ungegründet, denn nach langen wiederholten Fragen, und nachdem ich das Verſprechen geleiſtet, dem Markeſe nichts zu verrathen, geſtand mir der arme Menſch: 297 Lady Marfield habe noch zu Bette gelegen, als er ihr die Tulpe überreicht, in dem Augenblick, wo er ſeine ſchöne Anrede halten wollte, ſey einer ihrer Füße nackt zum Vorſchein gekommen, und da er Hühneraugen daran bemerkt, habe er gleich um die Erlaubniß gebeten, ſie ausſchneiden zu dürfen, welches auch geſtattet und nachher, zugleich für die Ueberreichung der Tulpe, mit einem Franceskoni belohnt worden ſey. Es iſt mir aber immer nur um die Chre zu thun,— ſetzte Hyazinth hinzu— und das habe ich auch dem Baron Rothſchild geſagt, als ich die Ehre hatte, ihm die Hühneraugen zu ſchneiden. Es geſchah in ſeinem Kabinett; er ſaß dabey auf ſeinem grünen Seſſel, wie auf einem Thron, ſprach wie ein König, um ihn herum ſtanden ſeine Courtiers, und er gab ſeine Ordres, und ſchickte Stafetten an alle Könige; und wie ich ihm während deſſen die Hühner⸗ augen ſchnitt, dacht' ich im Herzen: du haſt 298 jetzt in Händen den Fuß des Mannes, der ſelbſt jetzt die ganze Welt in Händen hat, du biſt jetzt ebenfalls ein wichtiger Menſch, ſchneideſt du ihn unten ein bischen zu ſcharf, ſo wird er verdrießlich, und ſchneidet oben die größten Könige noch ärger— Es war der gliücklichſte Moment meines Lebens! Ich kann mir dieſes ſchöne Gefühl vor⸗ ſtellen, Herr Hyazinth. Welchen aber von der Rothſchildſchen Dynaſtie haben Sie ſolchermaßen amputirt? War es etwa der hochherzige Britte, der Mann in Lombardſtreet, der ein Leihhaus für Kaiſer und Könige errichtet hat? Verſteht ſich, Herr Doktor, ich meyne den großen Rothſchild, den großen Nathan Rothſchild, Nathan den Weiſen, bei dem der Kaiſer von Braſilien ſeine diamantene Krone verſetzt hat. Aber ich habe auch die Ehre gehabt, den Baron Salomon Rothſchild in Frankfurt kennen zu lernen, und wenn ich mich auch nicht ſeines 299 intimen Fußes zu erfreuen hatte, ſo wußte er mich doch zu ſchätzen. Als der Herr Markeſe zu ihm ſagte, ich ſey einmal Lotteriekollekteur geweſen, ſagte der Baron ſehr witzig: ich bin ja der Oberkollekteur der rothſchildſchen Looſe, und mein College darf bey Leibe nicht mit den Bedienten eſſen, er ſoll neben mir bey Tiſche ſitzen— Und ſo wahr wie mir Gott alles Guts geben ſoll, Herr Doktor, ich ſaß neben Salomon Rothſchild, und er behandelte mich ganz wie ſeines Gleichen, ganz famillionär. Ich war auch bey ihm auf dem berühmten Kinderball, der in der Zeitung geſtanden. So viel Pracht bekomme ich mein Lebtag nicht mehr zu ſehen. Ich bin doch auch in Hamburg auf einem Ball geweſen, der 1500 Mark und 8 Schilling koſtete, aber das war doch wie ein Hühnerdreckchen gegen einen Miſthaufen. Wie viel Gold und Silber und Diamanten habe ich dort geſehen! Wie viel Sterne und Orden! Den Falkenorden, das goldene Vließ, den Löwenorden, den Adler⸗ orden— ſogar ein ganz klein Kind, ich ſage Ihnen, ein ganz klein Kind trug einen Elephan⸗ tenorden. Die Kinder waren gar ſchön maskirt und ſpielten Anleihe, und waren angezogen wie die Könige, mit Kronen auf den Köpfen, ein großer Junge aber war angezogen präziſe wie der alte Nathan Rothſchild. Er machte ſeine Sache ſehr gut, hatte beide Hände in der Hoſentaſche, klimperte mit Geld, ſchüttelte ſich verdrießlich, wenn einer von den kleinen Königen, was geborgt haben wollte, und nur dem kleinen mit dem weißen Rock und den rothen Hoſen ſtreichelte er freundlich die Backen, und lobte ihn: du biſt mein Plaiſir, mein Liebling, mein' Pracht, aber dein Vetter Michel ſoll mir vom Leib' bleiben, ich werde dieſem Narren nichts borgen, der täglich mehr Menſchen ausgiebt, als er jährlich zu verzehren hat, es kommt durch ihn noch ein Unglück in die Welt, und mein 301 Geſchäft wird darunter leiden. So wahr mir Gott alles Guts gebe, der Junge machte ſeine Sache ſehr gut, beſonders wenn er das dicke Kind, das in weißen Atlas mit üächten ſilbernen Liljen gewickelt war, im Gehen unterſtützte und bisweilen zu ihm ſagte: na, na, du, du, führ' dich nur gut auf, ernähr' dich redlich, ſorg' daß du nicht wieder weggejagt wirſt, damit ich nicht mein Geld verliere. Ich verſichere Sie, Herr Doktor, es war ein Vergnügen, den Jungen zu hören; und auch die anderen Kinder, lauter liebe Kinder, machten ihre Sache ſehr gut— bis ihnen Kuchen gebracht wurde, und ſie ſich um das beſte Stück ſtritten, und ſich die Kronen vom Kopf riſſen, und ſchrieen und weinten, und einige ſich ſogar—— Eagditel INX. Es giebt nichts Langweiligeres auf dieſer Erde, als die Lektüre einer italieniſchen Reiſe⸗ beſchreibung— außer etwa das Schreiben der⸗ ſelben— und nur dadurch kann der Verfaſſer ſie einigermaßen erträglich machen, daß er von Italien ſelbſt ſo wenig als möglich darin redet. Trotz dem, daß ich dieſen Kunſtgriff vollauf anwende, kann ich dir, lieber Leſer, in den nächſten Capiteln nicht viel Unterhaltung ver⸗ ſprechen. Wenn du dich bey dem ennuyanten Zeug, daß darin vorkommen wird, langweilſt, ſo tröſte dich mit mir, der all dieſes Zeug ſogar 303 ſchreiben mußte. Ich rathe dir, überſchlage dann und wann einige Seiten, dann kömmſt du mit dem Buche ſchneller zu Ende— ach, ich wollt', ich könnte es eben ſo machen! Glaub' nur nicht, ich ſcherze; wenn ich dir ganz ernſt⸗ haft meine Herzensmeynung über dieſes Buch geſtehen ſoll, ſo rathe ich dir, es jetzt zuzu⸗ ſchlagen, und gar nicht weiter darin zu leſen. Ich will dir nächſtens etwas Beſſeres ſchreiben, und wenn wir in einem folgenden Buche, in der Stadt Lukka, wieder mit Mathilden und Franſcheska zuſammentreffen, ſo ſollen dich die lieben Bilder viel anmuthiger ergötzen, als gegenwärtiges Capitel und gar die folgenden. Gottlob, vor meinem Fenſter erklingt ein Leyerkaſten mit luſtigen Melodien! Mein trüber Kopf bedarf ſolcher Aufheiterung ſonders da ich jetzt meinen Beſuch bey Nn ſdean dem Markeſe Chriſtophoro di Gumpelino zu be⸗ ſchreiben habe. Ich will dieſe rührende 304 Geſchichte, ganz genau, wörtlich treu, in ihrer ſchmutzigſten Reinheit mittheilen. Es war ſchon ſpät, als ich die Wohnung des Markeſe erreichte. Als ich in's Zimmer trat, ſtand Hyazinth allein, und putzte die gol⸗ denen Sporen ſeines Herrn, welcher, wie ich durch die halbgeöffnete Thüre ſeines Schlaf⸗ cabinets ſehen konnte, vor einer Madonna und einem großen Kruzifixe, auf den Knieen lag. Du mußt nemlich wiſſen, lieber Leſer, daß der Markeſe, dieſer vornehme Mann, jetzt ein guter Katholik iſt, daß er die Ceremonien der alleinſeligmachenden Kirche ſtreng ausübt, und ſich, wenn er in Rom iſt, einen eignen Capellan hält, aus demſelben Grunde, weshalb er in England die. Wettrenner und in Paris die wuuße ff rin unterhielt. Herr pel verrichtet jetzt ſein Gebet— flüſterte Hyazinth mit einem wichtigen Lcheln, und indem er nach dem Cabinette ſeines Henni . 1 305 deutete, fügte er noch leiſer hinzu: ſo liegt er alle Abend zwey Stunden auf den Knieen vor der Prima Donna mit dem Jeſuskind. Es iſt ein prächtiges Kunſtbild und es koſtet ihm ſechshundert Franceskonis. und Sie, Herr Hyazinth, warum knieen Sie nicht hinter ihm? Oder ſind Sie etwa kein Freund von der katholiſchen Religion? Ich bin ein Freund davon, und bin auch wieder kein Freund davon, antwortete jener mit bedenklichem Kopfwiegen. Es iſt eine gute Reli⸗ gion für einen vornehmen Baron, der den ganzen Tag müſſig gehen kann, und für einen Kunſtkenner; aber es iſt keine Religion für einen Hamburger, für einen Mann, der ſein Geſchäft hat, und durchaus keine Religion für einen Lotteriekollekteur. Ich muß jede Nummer, die ird, ganz exakt aufſchreiben, und denke zufällig an Bum! Bum! Bum! an liſche Glock', oder ſchwebelt es mir 20 306 vor den Augen, wie katholiſcher Weihrauch, und ich verſchreib mich, und ich ſchreibe eine un⸗ rechte Zahl, ſo kann das größte Unglück daraus entſtehen. Ich habe oft zu Herren Gumpel geſagt: Ew. Ex. ſind ein reicher Mann und können katholiſch ſeyn ſo viel Sie wollen, und können ſich den Verſtand ganz katholiſch ein⸗ räuchern laſſen, und können ſo dumm werden, wie eine katholiſche Glock', und Sie haben doch zu eſſen; ich aber bin ein Geſchäftsmann, und muß meine ſieben Sinne zuſammen halten, um was zu verdienen. Herr Gumpel meynt freilich, es ſey nöthig für die Bildung, und wenn ich nicht katholiſch würde, verſtände ich nicht die Bilder, die zur Bildung gehören, nicht den Johann von Vieheſel, den Corretſchio, den Carratſchig, den Carravatſchio— aber ich habe immer gedacht, der Corretſchio und C und Carravatſchio können mir alle wenn niemand mehr bey mir ſp 307 komme dann in die Patſchiv. Dabey muß ich Ihnen auch. geſtehen, Herr Doktor, daß mir die katholiſche Religion nicht einmal Vergnügen macht, und als ein vernünftiger Mann müſſen Weihrauch, wie bei einem Leichenbege 8, und dabey brummt eine ſo traurige nuſik, daß man die Melancholik bekö ich ſage Ihnen, es iſt keine Religion für einen Hamburger. Aber, Herr Hyazinth, wie gefällt Ihnen denn die proteſtantiſche Religion? Die iſt mir wieder zu vernünftig, Herr Doktor, und gäbe es in der proteſtantiſchen Kirche keine Orgel, ſo wäre ſie gar keine Reli⸗ n. Unter uns geſagt, dieſe Religion ſchadet und iſt ſo rein wie ein Glas Waſſer, hilft auch nichts. Ich habe ſie probirt 20* 308 und dieſe Probe koſtet mich vier Mark vierzehn Schilling— Wie ſo, mein lieber Herr Hyazinth? Sehen, Herr Doktor, ich habe gedacht: das iſt freylich eine ſehr aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an Schwärmerey und Wunder; indeſſen, ein bischen Schmärmerey muß ſie doch haben, ein ganz lein Wunderchen muß ſie doch thun können, wenn ſie für eine honette Religion ausgeben 1 wer ſoll da Wunder thun, dacht' ich mal in Ham⸗ burg eine proteſtantiſche Kirche beſah, die zu der ganz kahlen Sorte gehörte, wo nichts als braune Bänke und weiße Wände ſind, und an der Wand nichts als ein ſchwarz Täfelchen hängt, worauf ein halb Dutzend weiße Zahlen ſtehen. Du thuſt dieſer Religion vielleicht Unrecht, dacht' ich wieder, vielleicht können dieſe Zahlen eben ſo gut ein Wunder thun wie e Bild von der Mutter Gottes oder wie ein 309 Knochen von ihrem Mann, dem heiligen Joſeph, und um der Sache auf den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altona, und beſetzte eben dieſe Zahlen in der Altonger Lotterie, die Ambe beſetzte ich mit acht Schilling, die Terne mit ſechs, die Quaterne mit vier, und die Quinterne mit zwey Schilling— Aber, ich verſichere Sie auf meine Ehre, keine einzige von den prote⸗ ſtantiſchen Nummern iſt herausgekommen. Jetzt wußte ich was ich zu denken hatte, jetzt dacht! ich, bleibt mir weg mit einer Religion die gar nichts kann, bey der nicht einmal eine Ambe herauskömmt— werde ich ſo ein Narr ſeyn, auf dieſe Religion, worauf ich ſchon vier Mark und vierzehn Schilling geſetzt und verloren habe, noch meine ganze Glickſeligkeit zu ſetzen? Die altjüdiſche Religion ſcheint Ihnen gewiß viri zweckmäßiger, mein Lieber? Heerr Doktor, bleiben Sie mir weg mit der altjüdiſchen Religion, die wünſche ich nicht mei⸗ 310 nem ärgſten Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon. Ich ſage Ihnen, es iſt gar keine Religion, ſondern ein Unglück. Ich vermeide alles, was mich daran erinnern könnte, und weil Hirſch ein jüdiſches Wort iſt und auf Deutſch Hyazinth heißt, ſo habe ich ſogar den alten Hirſch laufen laſſen, und unterſchreibe mich jetzt: Hyazinth, Collekteur, Operateur und Taxa⸗ tor. Dazu habe ich noch den Vortheil, daß ſchon ein H. auf meinem Petſchaft ſteht und ich mir kein neues ſtechen zu laſſen brauche. Ich ver⸗ ſichere Ihnen, es kommt auf dieſer Welt viel darauf an wie man heißt; der Name thut viel. Wenn ich mich unterſchreibe:„Hyazinth, Collek⸗ teur, Operateur und Taxator“ ſo klingt das ganz anders als ſchreibe ich Hirſch ſchlechtweg, und man kann mich dann nicht wie einen ge⸗ wöhnlichen Lump behandeln. Mein lieber Herr Hyazinth! Wer könnte Sie ſo behandeln! Sie ſcheinen ſchon ſo viel 311 für Ihre Bildung gethan zu haben, daß man in Ihnen den gebildeten Mann ſchon erkennt, ehe Sie den Mund aufthun, um zu ſprechen. Sie haben Recht, Herr Doktor, ich habe in der Bildung Fortſchritte gemacht wie eine Rieſin. Ich weiß wirklich nicht, wenn ich nach Hamburg zurückkehre, mit wem ich dort umgehen ſoll; und was die Religion anbelangt, ſo weiß ich was ich thue. Vor der Hand aber kann ich mich mit dem neuen iſraelitiſchen Tempel noch behelfen; ich meyne den reinen Moſaik⸗Gottesdienſt, mit ortho⸗ graphiſchen deutſchen Geſängen und gerührten Predigten, und einigen Schwärmereychen, die eine Religion durchaus nöthig hat. So wahr mir Gott alles Guts gebe, für mich verlange ich jetzt keine beſſere Religion, und ſie verdient, daß man ſie unterſtützt. Ich will das meinige thun, und bin ich wieder in Hamburg, ſo will ich alle Sonnabend, wenn kein Ziehungstag iſt, in den neuen Religion⸗Tempel gehen. Es giebt 312 leider Menſchen, die dieſem neuen iſraelitiſchen Gottesdienſt einen ſchlechten Namen machen, und behaupten, er gebe, mit Reſpekt zu ſagen, Ge⸗ legenheit zu einem Schisma— aber ich kann Ihnen verſichern, es iſt eine gute reinliche Reli⸗ gion, noch etwas zu gut für den gemeinen Mann, für den die altjüdiſche Religion vielleicht noch immer ſehr nützlich iſt. Der gemeine Mann muß eine Dummheit haben, worin er ſich glücklich fühlt, und er fühlt ſich glücklich in ſeiner Dumm⸗ heit. So ein alter Jude mit einem langen Bart und zerriſſenem Rock, und der kein ortho⸗ graphiſch Wort ſprechen kann und ſogar ein bischen grindig iſt, fühlt ſich vielleicht innerlich glücklicher als ich mich mit all meiner Bildung. Da wohnt in Hamburg, im Bäckerbreitengang, auf einem Sahl, ein Mann, der heißt Moſes Lump, man nennt ihn auch Noſes Lümpchen, oder kurzweg Lümpchen; der läuft die ganze Woche herum, in Wind und Wetter, mit ſeinem 313 Packen auf dem Rücken, um ſeine paar Mark zu verdienen; wenn er nun Freytag Abends nach Hauſe kömmt, findet er die Lampe mit ſieben Lichtern angezündet, den Tiſch weiß ge⸗ deckt, und er legt ſeinen Packen und ſeine Sorgen von ſich, und ſetzt ſich zu Tiſch mit ſeiner ſchiefen Frau und noch ſchieferen Tochter, ißt mit ihnen Fiſche, die gekocht ſind in angenehm weißer Knoblauchſauce, ſingt dabey die prächtig⸗ ſten Lieder vom König David, freut ſich von ganzem Herzen über den Auszug der Kinder Iſrael aus Egypten, freut ſich auch, daß alle Böſewichter, die ihnen Böſes gethan, am Ende geſtorben ſind, daß König Pharao, Nebukadnezar, Haman, Antiochius, Titus und all' ſolche Leute todt ſind, daß Lümpchen aber noch lebt und mit Frau und Kind Fiſch ißt— Und ich ſage Ihnen, Herr Doktor, die Fiſche ſind delikat und der Mann iſt glücklich, er braucht ſich mit keiner Bildung abzuquälen, er ſitzt vergnügt in 20** 314 ſeiner Religion und ſeinem grünen Schlafrock, wie Diogenes in ſeiner Tonne, er betrachtet vergnügt ſeine Lichter, die er nicht einmal ſelbſt putzt— Und ich ſage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen, und die Schabbesfrau, die ſie zu putzen hat, nicht bey der Hand iſt, und Rothſchild der Große käme jetzt herein, mit all ſeinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comptoir, womit er die Welt erobert, und er ſpräche: Moſes Lump, bitte dir eine Gnade aus, was du haben willſt, es ſoll ge⸗ ſchehen— Herr Doktor, ich bin überzeugt, Moſes Lump würde ruhig antworten:„putz' mir die Lichter!“ und Rothſchild der Große würde mit Verwunderung ſagen: wär' ich nicht Rothſchild, ſo möchte ich ſo ein Lümpchen ſein! Während Hyazinth ſolchermaßen, epiſch breit, nach ſeiner Gewohnheit, ſeine Anſichten entwickelte, erhob ſich der Markeſe von ſeinem Betkiſſen, und trat zu uns, noch immer einige Paternoſter durch 315 die Naſe ſchnurrend. Hyazinth zog jetzt den grünen Flor über das Madonnenbild, das ober⸗ halb des Betpultes hing, löſchte die beiden Wachskerzen aus, die davor brannten, nahm das kupferne Cruziſix herab, kam damit zu uns zurück, und putzte es mit demſelben Lappen und mit derſelben ſpuckenden Gewiſſenhaftigkeit, womit er eben auch die Sporen ſeines Herrn geputzt hatte. Dieſer aber war wie aufgelöſt in Hitze und weicher Stimmung; ſtatt eines Oberkleides trug er einen weiten, blauſeidenen Domino mit ſilbernen Frangen, und ſeine Naſe ſchimmerte wehmüthig, wie ein verliebter Louisd'or. O Jeſus!— ſeufzte er, als er ſich in die Kiſſen des Sophas ſinken ließ— finden Sie nicht, Herr Doktor, daß ich heute Abend ſehr ſchwär⸗ meriſch ausſehe? Ich bin ſehr bewegt, mein Gemüth iſt aufgelöſt, ich ahne eine höhere Welt, Das Auge ſieht den Himmel offen, Es ſchwelgt das Herz in Seligkeit! 316 Herr Gumpel, Sie müſſen einnehmen— unterbrach Hyazinth die pathetiſche Deklamazion— das Blut in Ihren Eingeweiden iſt wieder ſchwindelig, ich weiß was Ihnen fehlt— Du weißt nicht— ſeufzte der Herr. Ich ſage Ihnen, ich weiß— erwiederte der Diener, und nickte mit ſeinem gutmüthig bethätigenden Geſichtchen— ich kenne Sie ganz durch und durch, ich weiß, Sie ſind ganz das Gegentheil von mir, wenn Sie Durſt haben, habe ich Hunger, wenn Sie Hunger haben, habe ich Durſt; Sie ſind zu korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe deſto mehr Geſchäftsſinn, ich bin ein Praktikus und Sie ſind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie ſind ganz mein Antipodex. Ach Julia!— ſeufzte Gumpelino— wär' ich der gelblederne Handſchuh doch auf deiner Hand und küßte deine Wange! Haben Sie, 317 Herr Doktor, jemals die Crelinger in Romeo und Julia geſehen? Freylich, und meine ganze Seele iſt noch davon entzückt— Nun dann— rief der Markeſe begeiſtert, und Feuer ſchoß aus ſeinen Augen, und be⸗ leuchtete die Naſe— dann verſtehen Sie mich, dann wiſſen Sie was es heißt, wenn ich Ihnen ſage: ich liebe! Ich will mich Ihnen ganz decouvriren. Hyazinth, geh mal hinaus— Ich brauche gar nicht hinaus zu gehen— ſprach dieſer verdrießlich— Sie brauchen ſich vor mir nicht zu geniren, ich kenne auch die Liebe, und ich weiß ſchon— Du weißt nicht! rief Gumpelino. Zum Beweiſe, Herr Markeſe, daß ich weiß, brauche ich nur den Namen Julia Marfield zu nennen. Beruhigen Sie ſich, Sie werden wie⸗ der geliebt— aber es kann Ihnen alles nichts helfen. Der Schwager Ihrer Geliebten läßt ſie 318 nicht aus den Augen, und bewacht ſie Tag und Nacht wie einen Diamant. O ich Unglücklicher— jammerte Gumpelino — ich liebe und bin wieder geliebt, wir drücken uns heimlich die Hände, wir treten uns unter'm Tiſch auf die Füße, winken uns mit den Augen, und wir haben keine Gelegenheit! Wie oft ſtehe ich im Mondſchein auf dem Bal⸗ kon, und bilde mir ein, ich wäre ſelbſt die Julia, und mein Romeo oer mein Gumpelino habe mir ein Rendezvous gegeben, und ich de⸗ klamire, ganz wie die Crelinger: Komm Nacht! Komm Gumpelino, Tag in Nacht! Denn du wirſt ruhn auf Fittigen der Nacht, Wie friſcher Schnee auf eines Raben Rücken. Komm milde, liebevolle Nacht! Komm, gieb Mir meinen Romeo, oder Gumpelino— Aber ach! Lord Marfield bewacht uns beſtändig, und wir ſterben beide vor Sehnſuchtsgefühl! Ich werde den Tag nicht erleben, daß eine ſolche Nacht kommt, wo Jedes reiner Jugend Blüthe 31¹9 zum Pfande ſetzt, gewinnend zu verlieren! Ach! ſo eine Nacht wäre mir lieber, als wenn ich das große Loos in der Hamburger Lotterie gewönne. Welche Schwärmerey!— rief Hyazinth— das große Loos, 100,000 Mark! Ja, lieber als das große Loos— fuhr Gumpelino fort— wär' mir ſo eine Nacht, und ach! ſie hat mir ſchon oft eine ſolche Nacht verſprochen, bey der erſten Gelegenheit, und ich hab' mir ſchon gedacht, daß ſie dann des Mor⸗ gens deklamiren wird, ganz wie die Crelinger: Willſt du ſchon gehen? Der Tag iſt ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang. Sie ſingt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall. Das große Loos für eine einzige Nacht!— wiederholte unterdeſſen mehrmals Hyazinth, und konnte ſich nicht zufrieden geben— Ich habe eine große Meinung, Herr Markeſe, von Ihrer Bildung, aber daß Sie es in der Schwärmerey 320 ſo weit gebracht, hätte ich nicht geglaubt. Die Liebe ſollte einem lieber ſeyn als das große Loos! Wirklich, Herr Markeſe, ſeit ich mit Ihnen Um⸗ gang habe, als Bedienter, habe ich mir ſchon viel Bildung angewöhnt; aber ſo viel weiß ich, nicht einmal ein Achtelchen vom großen Loos gäbe ich für die Liebe! Gott ſoll mich davor bewahren! Wenn ich auch rechne fünfhundert Mark Abzugsdekort, ſo bleiben doch noch immer zwölftauſend Mark! Die Liebe! Wenn ich alles zuſammenrechne was mich die Liebe gekoſtet hat, kommen nur zwölf Mark und dreyzehn Schilling heraus. Die Liebe! Ich habe auch viel Um⸗ ſonſtglück in der Liebe gehabt, was mich gar nichts gekoſtet hat; nur dann und wann habe ich mal meiner Geliebten par Complaiſanz die Hühneraugen geſchnitten. Ein wahres, gefühlvoll leidenſchaftliches Attachement hatte ich nur ein einziges mal, und das war die dicke Gudel vom Dreckwall. Die Frau ſpielte bey mir, und wenn 321 ich kam, ihr das Loos zu renoviren, drückte ſie mir immer ein Stück Kuchen in die Hand, ein Stück ſehr guten Kuchen;— auch hat ſie mir manchmal etwas Eingemachtes gegeben, und ein Likörchen dabey, und als ich ihr einmal klagte, daß ich mit Gemüthsbeſchwerden behaftet ſey, gab ſie mir das Rezept zu den Pulvern, die ihr eigner Mann braucht. Ich brauche die Pulver noch bis zur heutigen Stunde, ſie thun immer ihre Wirkung— weitere Folgen hat unſere Liebe nicht gehabt. Ich dächte, Herr Markeſe, Sie brauchten mal eins von dieſen Pulvern. Es war mein Erſtes, als ich nach Italien kam, daß ich in Mayland nach der Apotheke ging, und mir die Pulver machen ließ, und ich trage ſie beſtändig bei mir. Warten Sie nur, ich will ſie ſuchen, und wenn ich ſuche ſo finde ich ſie, und wenn ich ſie finde ſo müſſen ſie Ew. Excellenz einnehmen. Es wäre zu weitläuftig, wenn ich den Com⸗ III. 21 322 mentar wiederholen wollte, womit der geſchäftige Sucher jedes Stück begleitete, das er aus ſeiner Taſche kramte. Da kam zum Vorſchein: 1 ein halbes Wachslicht, 2 ein ſilbernes Etui, worin die Inſtrumente zum Schneiden der Hühneraugen, 3 ein Zitrone, 4e eine Piſtole, die obgleich nicht geladen, dennoch mit Papier umwickelt war, vielleicht damit ihr Anblick keine gefährliche Träume verurſache, 5o eine gedruckte Liſte von der letzten Ziehung der großen Hamburger Lotte⸗ rie, 6 ein ſchwarzledernes Büchlein, worin die Pſalmen Davids und die ausſtehenden Schulden, 7e ein dürres Weidenſträußchen, wie zu einem Knoten verſchlungen, 8o ein Päckchen, das mit verblichenem Roſataffet überzogen war und die Quittung eines Lotterielvoſes enthielt, das einſt funfzigtauſend Mark gewonnen, 9“ ein plattes Stück Brod, wie weißgebackener Schiffszwieback, mit einem kleinen Loch in der Mitte, und endlich 10 die oben erwähnten Pulver, die der kleine 323 Mann mit einer gewiſſen Rührung und mit ſeinem verwundert wehmüthigen Kopfſchütteln betrachtete. Wenn ich bedenke— ſeufzte er— daß mir vor zehn Jahren die dicke Gudel dies Rezept gegeben, und daß ich jetzt in Italien bin und daſſelbe Recept in Händen habe, und wieder die Worte leſe: sal mirabile Glauberi, das heißt auf deutſch extra feines Glaubenſalz von der beſten Sorte— ach, da iſt mir zu Muth, als hätte ich das Glaubenſalz ſelbſt ſchon eingenom⸗ men und als fühlte ich die Wirkung. Was iſt der Menſch! Ich bin in Italien und denke an die dicke Gudel vom Dreckwall! Wer hätte das gedacht! Ich kann mir vorſtellen, ſie iſt jetzt auf dem Lande, in ihrem Garten, wo der Mond ſcheint, und gewiß auch eine Nachtigall ſingt oder eine Lerche— Es iſt die Nachtigall und nicht die Lerche! ſeufzte Gumpelino dazwiſchen, und deklamirte vor ſich hin: 21* * 324 Sie ſingt des Nachts auf dem Granatbaum dort; Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall. Das iſt ganz einerley— fuhr Hyazinth fort— meinethalben ein Kanarienvogel, die Vögel die man im Garten hält, koſten am we⸗ nigſten. Die Hauptſache iſt das Treibhaus, und die Tapeten im Pavillon und die Staatsfiguren, die davor ſtehen, und da ſtehen, zum Beyſpiel ein nackter General von den Göttern und die Venus Urinia, die beide drey hundert Mark koſten. Mitten im Garten hat ſich die Gudel auch eine Fontenelle anlegen laſſen— Und da ſteht ſie vielleicht jetzt und puhlt ſich die Naſe, und macht ſich ein Schwärmereyvergnügen, und denkt an mich— Ach! Nach dieſem Seufzer erfolgte eine ſehnſüch⸗ tige Stille, die der Markeſe endlich unterbrach, mit der ſchmachtenden Frage: Sage mir auf deine Ehre, Hyazinth, glaubſt du wirklich, daß dein Pulver wirken wird? 325. Es wird auf meine Ehre wirken, erwiederte jener. Warum ſoll es nicht wirken? Wirkt es doch bey mir! Und bin ich denn nicht ein le⸗ bendiger Menſch ſo gut wie Sie? Glaubenſalz macht alle Menſchen gleich; und wenn Rothſchild Glaubenſalz einnimmt, fühlt er dieſelbe Wirkung wie das kleinſte Maklerchen. Ich will Ihnen alles vorausſagen: Ich ſchütte das Pulver in ein Glas, gieße Waſſer dazu, rühre es, und ſo wie Sie das hinuntergeſchluckt haben, ziehen Sie ein ſaures Geſicht und ſagen Prr! Prr! Her⸗ nach hören Sie ſelbſt wie es in Ihnen herum⸗ kullert, und es iſt Ihnen etwas kurios zu Muth und Sie legen ſich zu Bett, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie ſtehen wieder auf, und Sie legen ſich wieder, und ſtehen wieder auf, und ſo fort, und den andern Morgen fühlen Sie ſich leicht wie ein Engel mit weißen Flügeln, und Sie tanzen vor Geſundeswohlheit, nur ein bischen blaß ſehen Sie dann aus; aber ich weiß, 326 Sie ſehen gern ſchmachtend blaß aus, und wenn Sie ſchmachtend blaß ausſehen, ſieht man Sie gern— Obgleich Hyazinth ſolchermaßen zuredete, und ſchon das Pulver bereitete, hätte das doch wenig gefruchtet, wenn nicht dem Markeſe plötz⸗ lich die Stelle, wo Julia den verhängnißvollen Trank einnimmt, in den Sinn gekommen wäre. Was halten ſie Doktor— rief er,— von der Müller in Wien? Ich habe ſie als Julia ge⸗ ſehen, und Gott! Gott! wie ſpielt ſie! Ich bin doch der größte Enthuſiaſt für die Crelinger, aber die Müller, als ſie den Becher austrank, hat mich hingeriſſen. Sehen Sie— ſprach er, indem er mit tragiſcher Geberde das Glas, worin Hyazinth das Pulver geſchüttet, zur Hand nahm— ſehen Sie, ſo hielt ſie den Becher und ſchauderte, daß man Alles mitfühlte wenn ſie ſagte: Kalt rieſelt matter Schau'r durch meine Adern, Der faſt die Lebenswärm' erſtarren macht! 327 Und ſo ſtand ſie, wie ich jetzt ſtehe, und hielt den Becher an die Lippen, und bey den Worten: Weile, Tybalt! Ich komme Romeo! Dies trink ich Dir. Da leerte ſie den Becher— Wohl bekomme es Ihnen, Herr Gumpel! ſprach Hyazinth mit feierlichem Tone; denn der Markeſe hatte in nachahmender Begeiſterung das Glas ausgetrunken, und ſich, erſchöpft von der Deklamazion, auf das Sopha hingeworfen. Er verharrte jedoch nicht lange in dieſer Lage; denn es klopfte plötzlich jemand an die Thüre, und herein trat Lady Marfields kleiner Jokey, der dem Markeſe, mit lächelnder Ver⸗ beugung, ein Billet überreichte und ſich gleich wieder empfahl. Haſtig erbrach jener das Bill 34 während er es las, leuchteten Naſe und Auge e vor Entzücken, jedoch plötzlich überflog eine Geiſterbläſſe ſein ganzes Geſicht, Beſtürzung zuckte in jeder Muskel, mit Verzweiflungsgeberden 328 ſprang er auf, lachte grimmig, rannte im Zim⸗ mer umher, und ſchrie: Weh mir, ich Narr des Glücks! Was iſt? Was iſt? frug Hyazinth mit zit⸗ ternder Stimme, und indem er krampfhaft das Kruzifix, woran er wieder putzte, in zitternden Händen hielt— Werden wir dieſe Nacht überfallen? Was iſt Ihnen, Herr Markeſe, frug ich, ebenfalls nicht wenig erſtaunt. Leſ't! leſ't!— rief Gumpelino, indem er uns das empfangene Billet hinwarf, und immer noch verzweiflungsvoll im Zimmer umherrannte, wobey ſein blauer Domino ihn wie eine Sturm⸗ n woolke umflatterte— Weh mir, ich Narr des ücks! n dem Blleete aber laſen wir folgende Worte: Süßer Gumpelino! Sobald es tagt, muß ich nach England abreiſen. Mein Schwager 329 iſt indeſſen ſchon vorangeeilt und erwartet mich in Florenz. Ich bin jetzt unbeobachtet, aber leider nur dieſe einzige Nacht— Laß uns dieſe benutzen, laß uns den Nektarkelch, den uns die Liebe kredenzt, bis auf den letzten Tropfen leeren. Ich harre, ich zittere— Julia Maßfield. Weh mir, ich Narr des Glücks! jammerte Gumpelino— die Liebe will mir ihren Nektar⸗ kelch kredenzen, und ich, ach! ich Hansnarr des Glücks, ich habe ſchon den Becher des Glauben⸗ ſalzes geleert! Wer bringt mir den ſchrecklichen Trank wieder aus dem Magen? Hülfe! Hülfe! Hier kann kein irdiſcher Lebensmenſch mehr helfen, ſeufzte Hyazinth. Ich bedauere Sie von ganzem Herzen, kondolirte ich ebenfalls. Statt eines Kelchs mit 1 Nektar ein Glas mit Glauberſalz zu genießen, das iſt bitter! Statt des Thrones der Liebe harrt Ihrer jetzt der Stuhl der Nacht! * 330 O Jeſus! O Jeſus!— ſchrie der Markeſe noch immer— Ich fühle, wie es durch alle meine Adern rinnt— O wackerer Apotheker! dein Trank wirkt ſchnell— aber ich laſſe mich doch nicht dadurch abhalten, ich will zu ihr eilen, zu ihren Füßen will ich niederſinken, und da verbluten! Von Blut iſt gar nicht die Rede— be⸗ gütigte Hyazinth— Sie haben ja keine Homer⸗ iden. Seyn Sie nur nicht leidenſchaftlich— Nein, nein! ich will zu ihr hin, in ihren Armen— o Nacht! o Nacht— Ich ſage Ihnen— fuhr Hyazinth fort mit philoſophiſcher Gelaſſenheit— Sie werden in ihren Armen keine Ruhe haben, Sie werden zwanzigmal aufſtehen müſſen. Seyn Sie nur nicht leidenſchaftlich. Je mehr Sie im Zimmer auf⸗ und abſpringen und je mehr ſie ſich alte⸗ riren, deſto ſchneller wirkt das Glaubenſalz. Ihr Gemüth ſpielt der Natur in die Hände. — 331 Sie müſſen wie an Mann tragen, was das Schickſal über Sie beſchloſſen hat. Daß es ſo gekommen iſt, iſt vielleicht gut, und es iſt viel⸗ leicht gut, daß es ſo gekommen iſt. Der Menſch iſt ein irdiſches Weſen und begreift nicht die Fügung der Göttlichkeit. Der Menſch meint oft, er ginge ſeinem Glück entgegen, und auf ſeinem Wege ſteht vielleicht das Unglück mit einem Stock, und wenn ein bürgerlicher Stock auf einen adeligen Rücken kommt, ſo fühlt's der Menſch, Herr Markeſe. Weh mir, ich Narr des Glücks! tobte noch. immer Gumpelino, ſein Diener aber ſprach ruhig weiter: Der Menſch erwartet oft einen Kelch mit Nektar, und er kriegt eine Prügelſuppe, und iſt auch Nektar ſüß, ſo ſind doch Prügel deſto bitterer; und es iſt noch ein wahres Glück, daß der Menſch, der den Andern prügelt, am Ende müde wird, ſonſt könnte es der andere wahr⸗ 332 haftig nicht aushalten. Gefährlicher iſt aber noch, wenn das Unglück mit Dolch und Gift, auf dem Wege der Liebe, dem Menſchen auf⸗ lauert, ſo daß er ſeines Lebens nicht ſicher iſt. Vielleicht, Herr Markeſe, iſt es wirklich gut, daß es ſo gekommen iſt, denn vielleicht wären Sie in der Hitze der Liebe zu der Geliebten hingelaufen, und auf dem Wege wäre ein kleiner Italiener mit einem Dolch, der ſechs brabanter 1 Ellen lang iſt, auf Sie losgerannt, und hätte 1 Sie— ich will meinen Mund nicht zum Böſen aufthun— blos in die Wade geſtochen. Denn 8 es keine Nachtwächter. Oder vielleicht gar— fuhr der unerbittliche Tröſter fort, ohne durch die Verzweiflung des Markeſe ſich im mindeſten ſtören zu laſſen— vielleicht gar, wenn Sie bey Lady Marfield ganz wohl und warm ſäüßen, käme plötzlich der Schwager von der Reiſe zu⸗ 333 rück und ſetzte Ihnen die geladene Piſtole auf die Bruſt, und ließe Sie einen Wechſel unter⸗ ſchreiben von hundert tauſend Mark. Ich will meinen Mund nicht zum Böſen aufthun, aber ich ſetze den Fall: Sie wären ein ſchöner Menſch, und Lady Marfield wäre in Verzweiflung, daß ſie den ſchönen Menſchen verlieren ſoll, und eiferſüchtig, wie die Weiber ſind, wollte ſie nicht, das eine Andre ſich nachher an Ihnen beglücke— Was thut ſie? Sie nimmt eine Zitrone oder eine Orange, und ſchüttet ein klein weißes Pülverchen hinein, und ſagt: kühle dich, Geliebter, du haſt dich heiß gelaufen— und den andern Morgen ſind Sie wirklich ein kühler Menſch. Da war ein Mann, der hieß Pieper und der hatte eine Leidenſchaftsliebe mit einer Mädchenperſon, die das Poſaunenengelhanchen hieß, und die wohnte auf der Kaffemacherey und der Mann wohnte in der Fuhlentwiete— Ich wollte, Hirſch— ſchrie wüthend der 334 Markeſe, deſſen Unruhe den höchſten Grad er⸗ reicht hatte— ich wollt', dein Pieper von der Fuhlentwiete, und ſein Poſaunenengel von der Kaffemacherey, und du und die Gudel, Ihr hättet mein Glaubenſalz im Leibe! Was wollen Sie von mir, Herr Gumpel?— verſetzte Hyazinth, nicht ohne Anflug von Hitze— Was kann ich dafür, daß Lady Makfield juſt heute Nacht abreiſen will und Sie juſt heute invitirt? Konnt' ich das voraus wiſſen? Bin ich Ariſtoteles? Bin ich bey der Vorſehung angeſtellt? Ich habe blos verſprochen, daß das Pulver wirken ſoll, und es wirkt ſo ſicher, wie ich einſt ſelig werde, und wenn Sie ſo disparat und leidenſchaftlich mit ſolcher Raſerey hin und her laufen, ſo wird es noch ſchneller wirken— So will ich mich ruhig hinſetzen! ächzte Gumpelino, ſtampfte den Boden, warf ſich in⸗ grimmig auf's Sopha, unterdrückte gewaltſam ſeine Wuth und Herr und Diener ſahen ſich lange 335 ſchweigend an, bis jener endlich nach einem tiefen Seufzer und faſt kleinlaut ihn anredete: Aber Hirſch, was ſoll die Frau von mir denken, wenn ich nicht komme, Sie wartet jetzt auf mich, ſie harrt ſogar, ſie zittert, ſie glüht vor Liebe— Sie hat einen ſchönen Fuß— ſprach Hyazinth in ſich hinein und ſchüttelte wehmüthig ſein Köpflein. In ſeiner Bruſt aber ſchien es ſich gewaltig zu bewegen, unter ſeinem rothen Rocke arbeitete ſichtbar ein kühner Gedanke— Herr Gumpel— ſprach es endlich aus ihm hervor— ſchicken Sie mich! Bey dieſen Worten zog eine hohe Röthe über das bläßliche Geſchäftsgeſicht. 336 Ca d i t el X. Als Candide nach Eldorado kam, ſah er auf der Straße mehrere Buben, die mit großen Goldklumpen ſtatt mit Steinen ſpielten. Dieſer Luxus machte ihn glauben, es ſeyen das Kinder des Königs und er war nicht wenig verwundert als er vernahm, daß in Eldorado die Gold⸗ klumpen eben ſo werthlos ſind, wie bey uns die Kieſelſteine, und daß die Schulknaben damit ſpielen. Einem meiner Freunde, einem Aus⸗ länder, iſt etwas Aehnliches begegnet, als er nach Deutſchland kam und zuerſt deutſche Bücher las, und über den Gedankenreichthum, welchen er darin fand, ſehr erſtaunte; bald aber merkte 337 er, daß Gedanken in Deutſchland ſo häufig ſind, wie Goldklumpen in Eldorado, und daß jene Schriftſteller, die er für Geiſtesprinzen gehalten, nur gewöhnliche Schulknaben waren. Dieſe Geſchichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich im Begriff ſtehe, die ſchönſten Reflexionen über Kunſt und Leben niederzuſchrei⸗ ben, und dann lache ich, und behalte lieber meine Gedanken in der Feder, oder kritzele ſtatt dieſer irgend ein Bild oder Figürchen auf das Papier, und überrede mich, ſolche Tapeten ſeyen in Deutſchland, dem geiſtigen Eldorado, weit brauchbarer als die goldigſten Gedanken. Auf der Tapete, die ich Dir jetzt zeige, lieber Leſer, ſiehſt du wieder die wohlbekannten Geſichter Gumpelino's und ſeines Hirſch⸗ Hyazinthos, und wenn auch jener mit minder beſtimmten Zügen dargeſtellt iſt, ſo hoffe ich doch du wirſt ſcharfſinnig genug ſeyn, einen Negazions⸗ charakter ohne allzu poſitive Bezeichnungen zu III. 22 338 begreifen. Letztere könnten mir einen Injurien⸗ prozeß zu Wege bringen, oder gar noch bedenk⸗ lichere Dinge. Denn der Markeſe iſt mächtig durch Geld und Verbindungen. Dabey iſt er der natürliche Alliirte meiner Feinde, er unter⸗ ſtützt ſie mit Subſidien, er iſt Ariſtokrat, Ultra⸗ Papiſt, nur etwas fehlte ihm noch— je nun, auch das wird er ſich ſchon anlehren laſſen— er hat das Lehrbuch dazu in den Händen, wie Du auf der Tapete ſehen wirſt. Es iſt wieder Abend, auf dem Tiſche ſtehen zwey Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, ihr Schimmer ſpielt über die goldenen Rahmen der Heiligenbilder, die, an der Wand hängend, durch das flackernde Licht und die beweglichen Schatten zu leben ſcheinen. Draußen, vor dem Fenſter, ſtehen im ſilbernen Mondſchein, unheim⸗ lich bewegungslos, die düſtern Zypreſſen, und in der Ferne ertönt ein trübes Marienliedchen, in abgebrochenen Lauten und wie von einer kranken 339 Kinderſtimme. Es herrſcht eine eigene Schwüle im Zimmer, der Markeſe Chriſtophoro di Gum⸗ pelino ſitzt, oder vielmehr liegt wieder, nachläßig vornehm, auf den Kiſſen des Sophas, der edle ſchwitzende Leib iſt wieder mit dem dünnen, blauſeidenen Domino bekleidet, in den Händen hält er ein Buch, das in rothes Saffianpapier mit Goldſchnitt gebunden iſt, und deklamirt daraus laut und ſchmachtend. Sein Auge hat dabey einen gewiſſen klebrigten Luſtre, wie er verliebten Katern eigen zu ſeyn pflegt, und ſeine Wangen, ſogar die beiden Seitenflügel der Naſe, ſind etwas leidend blaß. Jedoch, lieber Leſer, dieſe Bläſſe ließe ſich wohl philoſophiſch anthropologiſch erklären, wenn man bedenkt, daß der Markeſe den Abend vorher ein ganzes Glas Glauberſalz verſchluckt hat. Hirſch Hyazinthos aber kauert am Boden des Zimmers, und mit einem großen Stück weißer Kreide zeichnet er auf das braune 22*½ 340 Eſtrich, in großem Maßſtabe ungefähr folgende Charaktere. —,————— —--—8—-——— ———— — Dieſes Geſchäft ſcheint dem kleinen Manne ziemlich ſauer zu werden; keuchend, bey dem jedesmaligen Bücken, murmelt er verdrießlich: Spondeus, Trochäus, Jambus, Antiſpaß, Anapäſt und die Peſt! Dazu hat er, um der bequemeren Bewegung willen, den rothen Oberrock abgelegt, und zum Vorſchein kommen zwey kurze demüthige Beinchen in engen Scharlachhoſen, und zwey etwas längere abgemagerte Arme in weißen, ſchlotternden Hemdärmeln. Was ſind das für ſonderbare Figuren frug ich ihn, als ich dieſem Treiben eine Weile zu⸗ geſehen. 341 Das ſind Füße in Lebensgröße— üchzte er zur Antwort— und ich geplagter Mann muß dieſe Füße im Kopf behalten, und meine Hände thun mir ſchon weh von all den Füßen, die ich jetzt aufſchreiben muß. Es ſind die wahren, ächten Füße von der Poeſie. Wenn ich es nicht meiner Bildung wegen thäte, ſo ließe ich die Poeſie laufen mit all ihren Füßen. Ich habe jetzt bey dem Herrn Markeſe Privatunter⸗ richt in der Poeſiekunſt. Der Herr Markeſe lieſt mir die Gedichte vor, und explizirt mir, aus wie viel Füßen ſie beſtehen, und ich muß ſie notiren und dann nachrechnen, ob das Gedicht richtig iſt. Sie treffen uns— ſprach der Markeſe, didaktiſch pathetiſchen Tones— wirklich in einer poetiſchen Beſchäftigung. Ich weiß wohl, Doktor, Sie gehören zu den Dichtern, die einen eigen⸗ ſinnigen Kopf haben, und nicht einſehen, daß die Füße in der Dichtkunſt die Hauptſache ſind. 342 Ein gebildetes Gemüth wird aber nur durch die gebildete Form angeſprochen, dieſe können wir nur von den Griechen lernen und von neueren Dichtern, die griechiſch ſtreben, griechiſch denken, griechiſch fühlen, und in ſolcher Weiſe ihre Gefühle an den Mann bringen. Verſteht ſich an den Mann nicht an die Frau, wie ein unklaſſiſcher romantiſcher Dichter zu thun pflegt— bemerkte meine Wenigkeit. Herr Gumpel ſpricht zuweilen wie ein Buch, flüſterte mir Hyazinth von der Seite zu, preßte die ſchmalen Lippen zuſammen, blinzelte mit ſtolz vergnügten Aeuglein, und ſchüttelte das wunder⸗ ſtaunende Häuptlein. Ich ſage Ihnen— ſetzte er etwas lauter hinzu— wie ein Buch ſpricht er zuweilen, er iſt dann ſo zu ſagen kein Menſch mehr, ſondern ein höheres Weſen, und ich werde dann wie dumm, je mehr ich ihn anhöre. Und was haben Sie denn jetzt in den Händen? frug ich den Markeſe. 343 Brillanten! antwortete er und überreichte mir das Buch. Bey dem Wort„Brillanten“ ſprang Hya⸗ zinth in die Höhe; doch als er nur ein Buch ſah, lächelte er mitleidigen Blicks. Das brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel: „Gedichte von Auguſt Grafen von Platen; Stuttgard und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1828.“ Auf dem Hinterblatte ſtand zierlich geſchrieben: „Geſchenk warmer brüderlicher Freundſchaft.“ Dabey roch das Buch nach jenem ſeltſamen Parfum, der mit Eau de Cologne nicht die mindeſte Verwandſchaft hat, und vielleicht auch dem Umſtande beyzumeſſen war, daß der Markeſe die ganze Nacht darin geleſen hatte. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zuthun können— klagte er mir— ich war ſo ſehr bewegt, ich mußte eilf mal aus dem Bette 1 1 4 344 ſteigen, und zum Glück hatte ich dabey dieſe vortreffliche Lektüre, woraus ich nicht blos Be⸗ lehrung für die Poeſie, ſondern auch Troſt für das Leben geſchöpft habe. Sie ſehen, wie ſehr ich das Buch geehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich ſo ſaß wie ich ſaß, kam ich manchmal in Verſuchung— Das wird Mehreren paſſirt ſeyn Herr Markeſe. Ich ſchwöre Ihnen bey unſerer lieben Frau von Loretto und ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin— fuhr jener fort— dieſe Gedichte haben nicht ihres Gleichen. Ich war, wie Sie wiſſen, geſtern Abend in Verzweiflung, ſo zu ſagen, au Deſespoir, als das Fatum mir nicht vergönnte, meine Julia zu beſitzen— da las ich dieſe Ge⸗ dichte, jedesmal ein Gedicht wenn ich aufſtehen mußte, und eine ſolche Gleichgültigkeit gegen die Weiber war die Folge, daß mir mein eigener Liebesſchmerz zuwider wurde. Das iſt eben das 345 Schöne an dieſem Dichter, daß er nur für Männer glüht, in warmer Freundſchaft; er giebt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geſchlechte, und ſchon für dieſe Ehre ſollten wir ihm dank⸗ bar ſeyn. Er iſt darin größer als alle andern Dichter, er ſchmeichelt nicht dem gewöhnlichen Geſchmack des großen Haufens, er heilt uns von unſerer Paſſion für die Weiber, die uns ſo viel Unglück zuzieht— O Weiber! Weiber! wer uns von Euren Feſſeln befreit, der iſt ein Wohlthäter der Menſchen. Es iſt ewig Schade, daß Shakespeare ſein eminentes theatraliſches Talent nicht dazu benutzt hat, denn er ſoll, wie ich hier zuerſt leſe, nicht minder großherzig gefühlt haben als der große Graf Platen, der in ſeinen Sonetten von Shakespeare ſagt: Nicht Mädchenlaunen ſtörten deinen Schlummer, Doch ſtets um Freundſchaft ſehn wir warm dich ringen: Dein Freund errettet dich aus Weiberſchlingen, Und ſeine Schönheit iſt dein Ruhm und Kummer. 346 Während der Markeſe dieſe Worte mit warmem Gefühl deklamirte, und der glatte Miſt ihm gleichſam auf der Zunge ſchmolz, ſchnitt Hyazinth die widerſprechendſten Geſichter, zugleich verdrießlich und beyfällig, und endlich ſprach er: Herr Markeſe, Sie ſprechen wie ein Buch, auch die Verſe gehen Ihnen wieder ſo leicht ab wie dieſe Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fühle ich mich geſchmeichelt, daß der Graf Platen uns den Vorzug giebt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder ein Gegner von ſolch einem Manne. So iſt der Menſch! Der Eine ißt gern Zwiebeln, der Andere hat mehr Gefühl für warme Freundſchaft und ich, als ehrlicher Mann, muß aunfrichtig geſtehen, ich eſſe gern Zwiebeln, und eine ſchiefe Köchin iſt mir lieber als der ſchönſte Schönheits⸗ freund. Ja, ich muß geſtehen, ich ſehe nicht ſo viel Schönes am männlichen 347 Geſchlecht, daß man ſich darin verlieben ſollte. Dieſe letzteren Worte ſprach Hyazinth, während er ſich muſternd im Spiegel betrachtete, der Markeſe aber ließ ſich nicht ſtören und deklamirte weiter: „Der Hoffnung Schaumgebäude bricht zuſammen, Wir müh'n uns, ach! und kommen nicht zuſammen: Mein Name klingt aus deinem Mund melodiſch, Doch reih'ſt du ſelten dies Gedicht zuſammen; Wie Sonn' und Mond uns ſtets getrennt zu halten“ Verſchworen Sitte ſich und Pflicht zuſammen, Laß Haupt an Haupt uns lehnen, denn es taugen Dein dunkles Haar, mein hell Geſicht zuſammen! Doch ach! ich träume, denn du ziehſt von hinnen, Eh' noch das Glück uns brachte dicht zuſammen! Die Seelen bluten, da getrennt die Leiber, O wären's Blumen, die man flicht zuſammen!“ * Eine komiſche Poeſie!— rief Hyazinth, der die Reime nachmurmelte— Sitte ſich und Pflicht zuſammen, Geſicht zuſammen, dicht zu⸗ ſammen, flicht zuſammen! komiſche Poeſie! Mein 348 Schwager, wenn er Gedichte lieſt, macht oft den Spaß, daß er am Ende jeder Zeile die Worte „von vorn“ und„von hinten“ abwechſelnd hin⸗ zuſetzt; und ich habe nie gewußt, daß die Poeſie⸗ gedichte, die dadurch entſtehen, Gaſelen heißen. Ich muß einmal die Probe machen, ob das Gedicht, das der Herr Markeſe deklamirt hat, nicht noch ſchöner wird, wenn man nach dem Wort„zuſammen“ jedesmal, mit Abwechslung „von vorn“ und„von hinten“ ſetzt; die Poeſie davon wird gewiß zwanzig Prozent ſtärker. Ohne auf dieſes Geſchwätz zu achten, fuhr der Markeſe fort im Deklamiren von Gaſelen und Sonetten, worin der Liebende ſeinen Schön⸗ heitsfreund beſingt, ihn preiſt, ſich über ihn be⸗ klagt, ihn des Kaltſinns beſchuldigt, Pläne ſchmiedet, um zu ihm zu gelangen, mit ihm äugelt, eiferſüchtelt, ſchmächtelt, eine ganze Scala von Zärtlichkeiten durchliebelt, und zwar ſo warmſelig, betaſtungsſüchtig und anleckend, daß 349 man glauben ſollte, der Verfaſſer ſey ein mann⸗ tolles Mägdlein.— Nur müßte es dann einiger⸗ maßen befremden, daß dieſes Mägdlein beſtändig jammert, ihre Liebe ſey gegen die„Sitte,“ daß ſie gegen„dieſe trennende Sitte“ ſo bitter ge⸗ ſtimmt iſt, wie ein Taſchendieb gegen die Polizey, daß ſie liebend„die Lende“ des Freundes um⸗ ſchlingen möchte, daß ſie ſich über„Neider“ be⸗ klagt,„die ſich ſchlau vereinen, um uns zu hindern und getrennt zu halten“ daß ſie über verletzende Kränkungen klagt von Seiten des Freundes, daß ſie ihm verſichert, ſie wolle ihn nur flüchtig er⸗ blicken, ihm betheuert„Nicht eine Sylbe ſoll dein Ohr erſchrecken!“ und endlich geſteht: „Mein Wunſch bey Andern zeugte Widerſtreben, Du haſt ihn nicht erhört, doch abgeſchlagen Haſt du ihn auch nicht, o mein ſüßes Leben!“ Ich muß dem Markeſe das Zeugniß ertheilen, daß er dieſe Gedichte gut vortrug, hinlänglich dabey ſeufzte, ächzte und auf dem Sopha hin —QO—·᷑— 350 und herrutſchend gleichſam mit dem Geſäße koket⸗ tirte. Hyazinth verſäumte keineswegs, immer die Reime nachzuplappern, wenn er auch unge⸗ hörige Bemerkungen dazwiſchen ſchwätzte. Den Oden ſchenkte er die meiſte Aufmerkſamkeit. Man kann bey dieſer Sorte, ſagte er, weit mehr lernen als bey Saunetten und Gaſelen; da bey den Oden die Füße oben ganz beſonders abgedruckt ſind, kann man jedes Gedicht mit Bequemlichkeit nachrechnen. Jeder Dichter ſollte, wie der Graf Platen, bey ſeinen ſchwierigſten Ppoeſie⸗ gedichten, die Füße oben drucken und zu den Leuten ſagen: Seht ich bin ein ehrlicher Mann, ich will Euch nicht betrügen, dieſe krummen und geraden Striche, die ich vor jedes Gedicht ſetze, ſind ſo zu ſagen ein Conto finto von jedem Gedicht, und Ihr könnt nachrechnen, wie viel Mühe es mich gekoſtet, ſie ſind ſo zu ſagen, das Ellenmaß von jedem Gedichte, und Ihr könnt nachmeſſen, und fehlt daran eine einzige 351 Sylbe, ſo ſollt Ihr mich einen Spitzbuben nennen, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Aber eben durch dieſe ehrliche Miene, kann das Publikum betrogen werden. Eben wenn die Füße vor dem Gedichte angegeben ſind, denkt man: ich will kein mißtrauiſcher Menſch ſeyn, wozu ſoll ich dem Manne nachzählen, er iſt gewiß ein ehrlicher Mann und man zählt nicht nach und wird betrogen. Und kann man immer nach⸗ rechnen? Wir ſind jetzt in Italien und da habe ich Zeit, die Füße mit Kreide auf die Erde zu ſchreiben und jede Ode zu kollazioniren. Aber in Hamburg, wo ich mein Geſchäft habe, fehlt mir die Zeit dazu, und ich müßte dem Grafen Platen ungezählt trauen, wie man traut bey den Geldbeuteln von der Courantkaſſe, worauf ge⸗ ſchrieben ſteht, wie viel Hundert Thaler darin enthalten— ſie gehen verſiegelt von Hand zu Hand, jeder traut dem Andern, daß ſo viel darin enthalten iſt, wie darauf ſteht, und es —ꝛ—ꝛ;oA——— 352 giebt doch Beyſpiele, daß ein Müſſiggänger, der nicht viel zu thun hatte, ſo einen Beutel ge⸗ öffnet und nachgezählt und ein paar Thaler zu wenig darin gefunden hat. So kann auch in Poeſie viel Spitzbüberey vorfallen. Beſonders wenn ich an Geldbeutel denke, werde ich miß⸗ trauiſch. Denn mein Schwager hat mir erzählt: im Zuchthaus zu Odenſee ſitzt— ein gewiſſer Jemand, der bey der Poſt angeſtellt war, und die Geldbeutel, die durch ſeine Hände gingen, unehrlich geöffnet und unehrlich Geld herausge⸗ nommen, und ſie wieder künſtlich zugenäht und weiter geſchickt hat. Hört man von ſolcher Ge⸗ ſchicklichkeit, ſo verliert man das menſchliche Zutrauen und wird ein mißtrauiſcher Menſch. Es giebt jetzt viel Spitzbüberey in der Welt, und es iſt gewiß in der Poeſie wie in jedem anderen Geſchäfte. Die Ehrlichkeit— fuhr Hyazinth fort, während der Markeſe weiter deklamirte, ohne 353 unſerer zu achten, ganz verſunken im Gefühl— die Ehrlichkeit, Herr Doktor, iſt die Hauptſache, und wer kein ehrlicher Mann iſt, den betrachte ich wie einen Spitzbuben, und wen ich wie einen Spitzbuben betrachte, von dem kaufe ich nichts, von dem leſe ich nichts, kurz ich mache kein Geſchäft mit ihm. Ich bin ein Mann, Herr Doktor, der ſich auf nichts etwas einbildet, wenn ich mir aber etwas einbilden wollte auf etwas, ſo würde ich mir etwas darauf einbilden, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Ich will Ihnen einen edlen Zug von mir erzählen, und Sie werden ſtaunen— ich ſag' Ihnen, Sie werden ſtaunen, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Da wohnt ein Mann in Hamburg auf dem Speersort, und der iſt ein Krautkrämer, und heißt Klötzchen, das heißt, ich heiße den Mann Klötzchen, weil wir gute Freunde ſind, ſonſt heißt der Mann Herr Klotz. Auch ſeine Frau muß man Madame Klotz nennen, und ſie hat nie leiden III. 23 können, daß ihr Mann bey mir ſpielte, und wenn ihr Mann bey mir ſpielen wollte, ſo durfte ich mit dem Lotterieloos nicht zu ihm in's Haus kommen, und er ſagte mir immer auf der Straße: die und die Nummer will ich bey dir ſpielen und hier haſt du das Geld, Hirſch! Und ich ſagte dann: gut, Klötzchen! Und kam ich nach Hauſe, ſo legte ich die Nummer kouvertirt für ihn aparte, und ſchrieb auf das Kouvert mit deutſchen Buchſtaben: für Rechnung des Herrn Chriſtian Hinrich Klotz. Und nun hören Sie und ſtaunen Sie: Es war ein ſchöner Früh⸗ lingstag, und die Bäume an der Börſe waren grün, und die Zephyrlüfte waren angenehm, und die Sonne glänzte am Himmel, und ich ſtand an der Hamburger Bank. Da kommt Klötzchen, mein Klötzchen, und hat am Arme ſeine dicke Madam Klotz, und grüßt mich zuerſt, und ſpricht von der Frühlingspracht Gottes, macht auch einige patriotiſche Bemerkungen über das Bür⸗ 355 germilitär, und er fragt mich, wie die Geſchäfte gehen, und ich erzähle ihm, daß vor einigen Stunden wieder einer am Pranger geſtanden, und ſo im Geſpräch ſagt er mir: geſtern Nacht habe ich geträumt, Nummero 1538 wird als das große Loos herauskommen— und in dem⸗ ſelben Moment, während Madam Klotz die Kaiſerſtatiſten vor dem Rathhaus betrachtet, drückt er mir dreyzehn vollwichtige Louisd'or in die Hand— ich meyne ich fühle ſie noch jetzt — und ehe Madam Klotz ſich wieder herumdreht, ſag' ich: gut, Klötzchen! und gehe weg. Und ich gehe directement, ohne mich umzuſehen, nach der Hauptkollekte und hole mir Nummero 1538, und kouvertire ſie ſobald ich nach Hauſe komme, und ſchreibe auf das Kouvert: für Rechnung des Herrn Chriſtian Hinrich Klotz. Und was thut Gott? Vierzehn Tage nachher, um meine Ehrlichkeit auf die Probe zu ſtellen, läßt er Nummero 1538 herauskommen mit einem Ge⸗ 23* 356 winn von 50,000 Mark. Was thut aber Hirſch, derſelbe Hirſch, der jetzt vor Ihnen ſteht? Dieſer Hirſch zieht ein reines weißes Ober⸗ hemdchen und ein reines weißes Halstuch an, und nimmt eine Droſchke, und holt ſich bei der Hauptkollekte ſeine 50,000 Mark und fährt da⸗ mit nach dem Speersort— Und wie mich Klötz⸗ chen ſieht, fragt er: Hirſch, warum biſt du heut' ſo geputzt? Ich aber antworte kein Wort, und ſetze einen großen Ueberraſchungsbeutel mit Gold auf den Tiſch, und rede ganz feyerlich: Herr Chriſtian Hinrich Klotz! die Nummero 1538, die Sie ſo gütig waren bey mir zu be⸗ ſtellen, hat das Glück gehabt 50,000 Mark zu gewinnen, in dieſem Beutel habe ich die Ehre Ihnen das Geld zu präſentiren, und ich bin ſo frey mir eine Ouitung auszubitten! Wie Klötzchen das hört, fängt er an zu weinen, wie Madam Klotz die Geſchichte hört, fängt ſie an⸗ zu weinen, die rothe Magd weint, der krumme 357 Ladendiener weint, die Kinder weinen, und ich? ein Rührungsmenſch, wie ich bin, konnte ich doch nicht weinen, und fiel erſt in Ohnmacht, und erſt nachher kamen mir die Thränen aus den Augen wie ein Waſſerbach, und ich weinte drey Stunden. Die Stimme des kleinen Menſchen bebte als er dieſes erzählte, und feyerlich zog er ein ſchon erwähntes Päckchen aus der Taſche, wickelte davon den ſchon verblichenen Roſataffet, und zeigte mir den Schein, worin Chriſtian Hinrich Klotz den richtigen Empfang der 50,000 Mark quitirte. Wenn ich ſterbe— ſprach Hyazinth, eine Thräne im Auge— ſoll man mir dieſe Quitung mit in's Grab legen, und wenn ich einſt dort oben, am Tage des Gerichts, Rechenſchaft geben muß von meinen Thaten, dann werde ich mit dieſer Quitung in der Hand vor den Stuhl der Allmacht treten, und wenn mein böſer Engel die böſen Hand⸗ 358 lungen, die ich auf dieſer Welt begangen habe, vorgeleſen, und mein guter Engel auch die Liſte von meinen guten Handlungen ableſen will, dann ſag ich ruhig: Schweig!— ich will nur wiſſen, iſt dieſe Quitung richtig? iſt das die Handſchrift von Chriſtian Hinrich Klotz? Dann kommt ein ganz kleiner Engel herangeflogen, und ſagt, er kenne ganz genau Klötzchens Handſchrift, und er erzählt zugleich die merkwürdige Geſchichte von der Ehrlichkeit, die ich mal begangen habe. Der Schöpfer der Ewigkeit aber, der Allwiſſende der Alles weiß, erinnert ſich an dieſe Geſchichte und er lobt mich in Gegenwart von Sonne, Mond und Sternen, und berechnet gleich im Kopf, daß wenn meine böſen Handlungen von 50,000 Mark Ehrlichkeit abgezogen werden, mir noch ein Saldo zu Gut kommt, und er ſagt dann: Hirſch! ich ernenne dich zum Engel erſter Klaſſe, und du darfſt Flügel tragen mit roth und weißen Federn. Capitel XI. Was iſt denn der Graf Platen, den wir im vorigen Capitel als Dichter und warmen Freund kennen lernten? Ach, lieber Leſer, dieſe Frage las ich ſchon lange auf deinem Geſichte, und nur zaudernd gehe ich an die Beantwortung. Das iſt ja eben das Mißgeſchick deutſcher Schriftſteller, daß ſie jeden guten oder böſen Narrn, den ſie auf's Tapet bringen, erſt durch trockne Charakterſchil⸗ derung und Perſonalbeſchreibung bekannt machen müſſen, damit man erſtens wiſſe, daß er exiſtirt, und zweitens den Ort kenne, wo die Geißel ihn trifft, ob unten oder oben, vorn oder hinten. Anders war es bey den Alten, anders iſt es noch 360 jetzt bey neueren Völkern, z. B. den Engländern und Franzoſen, die ein Volksleben, und daher 4 public characters haben. Wir Deutſchen aber, wiir haben zwar ein ganzes närriſches Volk, aber weenig ausgezeichnete Narren, die bekannt genug wären, um ſie als allgemein verſtändliche Charak⸗ tere in Proſa oder Verſen gebrauchen zu können. Die wenigen Männer dieſer Art, die wir beſitzen, haben wirklich Recht, wenn ſie ſich wichtig machen. Sie ſind von unſchätzbarem Werthe und zu den höchſten Anſprüchen berechtigÄt. So z. B. der Herr Geheimrath Schmalz, Profeſſor der Berliner Univerſität, iſt ein Mann, der nicht mit Geld zu bezahlen iſt; ein humoriſtiſcher Schriftſteller kann ihn nicht entbehren, und er ſelbſt fühlt dieſe perſönliche Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit in ſo hohem Grade, daß er jede Gelegenheit ergreift, um humoriſtiſchen Schriftſtellern Stoff zur Satyre zu geben, daß er Tag und Nacht grübelt, wie er ſich als Staatsmann, Serviliſt, 361 machen kann, und ſomit die Litteratur, für die er ſich gleichſam aufopfert, thatkräftig zu be⸗ fördern. Den deutſchen Univerſitäten muß man überhaupt nachrühmen, daß ſie die deutſchen Schriftſteller, mehr als jede andere Zunft, mit allerley Narren verſorgen, und beſonders Göt⸗ — tingen habe ich immer in dieſer Hinſicht zu ſchätzen gewußt. Dies iſt auch der geheime Grund, weshalb ich mich für die Erhaltung der Uni⸗ verſitäten erkläre, obgleich ich ſtets Gewerbefrey⸗ heit und Vernichtung des Zunftweſens gepredigt habe. Bey ſolchem fühlbaren Mangel an aus⸗ gezeichneten Narren, kann man mir nicht genug danken, wenn ich neue aufs Tapet bringe und allgemein brauchbar mache. Zum Beſten der Litteratur will ich daher jetzt vom Grafen Auguſt von Platen Hallermünde etwas ausführlicher reden. Ich will dazu beytragen, daß er zweck⸗ mäßig bekannt, und gewiſſermaßen berühmt werde, 23*ℳ⁴ — — 262. ich will ihn litterariſch gleichſam herausfüttern, wie die Irokeſen thun mit den Gefangenen, die ſie bey ſpäteren Feſtmahlen verſpeiſen wollen. Ich werde ganz treu ehrlich verfahren und überaus höflich, wie es einem Bürgerlichen ziemt, ich werde das Materielle, das ſogenannt Perſönliche, nur in ſoweit berühren, als ſich geiſtige Erſcheinungen dadurch erklären laſſen, und ich werde immer ganz genau den Stand⸗ punkt, von wo aus ich ihn ſah, und ſogar manchmal die Brille, wodurch ich ihn ſah, angeben. Der Standpunkt, von wo ich den Grafen Platen zuerſt gewahrte, war München, der Schauplatz ſeiner Beſtrebungen, wo er, bey allen die ihn kennen, ſehr berühmt iſt, und wo er ge⸗ wiß, ſo lange er lebt, unſterblich ſeyn wird. Die Brille, wodurch ich ihn ſah, gehörte einigen Inſaſſen Münchens, die über ſeine äußere Er⸗ ſcheinung dann und wann in heiteren Stunden, ein heiteres Wort hinwarfen. Ich habe ihn 363 ſelbſt nie geſehen, und wenn ich mir ſeine Perſon denken will, erinnere ich mich immer an die drollige Wuth, womit einmal mein Freund der Doktor Lautenbacher über Poetennarrheit im Allgemeinen loszog, und insbeſondere eines Grafen Platen erwähnte, der mit einem Lorbeer⸗ kranze auf dem Kopfe, ſich auf der öffentlichen Promenade zu Erlangen den Spatziergängern in den Weg ſtellte und, mit der bebrillten Naſe gen Himmel ſtarrend, in poetiſcher Begeiſterung zu ſeyn vorgab. Andere haben beſſer von dem armen Grafen geſprochen, und beklagten nur ſeine beſchränkten Mittel, die ihn, bey ſeinem Ehrgeiz, ſich wenigſtens als ein Dichter auszu⸗ zeichnen, über die Gebühr zum Fleiße nöthigten, und ſie lobten beſonders ſeine Zuvorkommenheit gegen Jüngere, bey denen er die Beſcheidenheit ſelbſt geweſen ſey, indem er mit der liebreichſten Demuth ihre Erlaubniß erbeten, dann und wann zu ihnen aufs Zimmer kommen zu dürfen, und ———————— g— 7—————— 364 ſogar die Gutmüthigkeit ſo weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, ſelbſt wenn man ihn die Läſtigkeit ſeiner Viſiten aufs deutlichſte mer⸗ ken laſſen. Dergleichen Erzählungen haben mich gewiſſermaßen gerührt, obgleich ich dieſen Mangel an Perſonalbeyfall ſehr natürlich fand. Ver⸗ gebens klagte oft der Graf: — Deine blonde Jugend, ſüßer Knabe, Verſchmäht den melancholiſchen Genoſſen. So will in Scherz ich mich ergehn, in Poſſen, Anſtatt ich jetzt mich bloß an Thränen labe, Und um der Fröhlichkeit mir fremde Gabe, Hab' ich den Himmel anzuflehn beſchloſſen. Vergebens verſicherte der arme Graf, daß er einſt der berühmteſte Dichter werde, daß ſchon der Schatten eines Lorbeerblattes auf ſeiner Stirne ſichtbar ſey, daß er ſeine ſüßen Knaben ebenfalls unſterblich machen könne, durch unver⸗ gängliche Gedichte. Ach! eben dieſe Celebrität war Keinem lieb, und in der That, ſie war keine beneidenswerthe. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdrückten Lächeln ein Candidat 365 ſolcher Celebrität von einigen luſtigen Freunden, unter den Arkaden zu München, betrachtet wurde. Ein ſcharfſichtiger Böſewicht meinte ſogar, er ſähe zwiſchen den Rockſchößen deſſelben den Schatten eines Lorbeerblattes. Was mich be⸗ trifft, lieber Leſer, ſo bin ich nicht ſo boshaft, wie du denkſt, ich bemitleide den armen Grafen, wenn ihn andere verhöhnen, ich zweifle, daß er ſich an der verhaßten„Sitte“ thätlich gerächt habe, obgleich er in ſeinen Liedern ſchmachtet, ſich ſolcher Rache hinzugeben; ich glaube viel⸗ mehr an die verletzenden Kränkungen, beleidi⸗ genden Zurückſetzungen und Abweiſungen, wovon er ſelbſt ſo rührend ſingt. Ich bin überzeugt, er betrug ſich gegen die Sitten überhaupt weit löblicher, als ihm ſelber lieb war, und er kann vielleicht, wie General Tilly, von ſich rühmen: Ich war nie berauſcht, ich habe nie ein Weib berührt und habe nie eine Schlacht verloren. Deshalb gewiß ſagt von ihm der Dichter: Du biſt ein nüchterner, modeſter Junge. Der arme Junge, oder vielmehr der arme alte Junge— denn er hatte ſchon einige Luſtren hinter ſich— hockte damals, wenn ich nicht irre, auf der Univerſität in Erlangen, wo man ihm einige Beſchäftigung angewieſen hatte; doch da dieſe ſeinem hochſtrebenden Geiſte nicht genügte, da mit den Luſtren auch die Lüſternheit nach illüſtrer Luſt ihn mehr und mehr ſtachelte, und der Graf von ſeiner künftigen Herrlichkeit täg⸗ lich mehr und mehr begeiſtert wurde, gab er jenes Geſchäft auf, und beſchloß, von der Schriftſtellerei, von gelegentlichen Gaben von oben und einigen ſonſtigen Verdienſten zu leben. Die Grafſchaft des Grafen liegt nemlich im Monde, von wo er, wegen der ſchlechten Com⸗ munikazion mit Bayern, nach Gruithuiſens Be⸗ rechnung, erſt in 20,000 Jahren, wenn der Mond dieſer Erde näher kommt, ſeine ungeheuern Revenuen beziehen kann. 367 Schon früher hatte Don Platen de Colli⸗ brados Hallermünde, bey Brockhaus in Leipzig, eine Gedichteſammlung mit einer Vorrede, be⸗ titelt:„lyriſche Blätter Nummer 1.“ herausge⸗ geben, die freylich nicht bekannt wurde, obgleich, wie er uns verſicherte, die ſieben Weiſen dem Verfaſſer ihr Lob geſpendet. Später gab er, nach Tieckſchem Muſter, einige dramatiſirte Mährchen und Erzählungen heraus, die ebenfalls das Glück hatten, daß ſie der unweiſen großen Menge unbekannt blieben, und nur von den ſieben Weiſen geleſen wurden. Indeſſen um, außer den ſieben Weiſen, noch einige Leſer zu gewinnen, legte ſich der Graf auf Polemik und ſchrieb eine Satyre gegen berühmte Schriftſteller, vornemlich gegen Müllner, der damals ſchon allgemein gehaßt und moraliſch vernichtet war, ſo daß der Graf eben zur rechten Zeit kam, um dem todten Hofrath Oerindur noch einen Haupt⸗ ſtich, nicht ins Haupt, ſondern, nach Fallſtaff⸗ 368 ſcher Weiſe, in die Wade zu verſetzen. Der Widerwille gegen Müllner hatte jedes edle Herz erfüllt; die Polemik des Grafen mißfiel daher nicht, und„die verhängnißvolle Gabel“ fand hie und da eine bereitwillige Aufnahme, nicht beym großen Publikum, ſondern bey Litte⸗ ratoren und bey den eigentlichen Schulleuten, bey letzteren hauptſächlich weil jene Satyre nicht mehr dem romantiſchen Tieck, ſondern dem klaſ⸗ ſiſchen Ariſtophanes nachgeahmt war. Ich glaube, es war um dieſe Zeit, daß der Herr Graf nach Italien reiſ'te; er zweifelte nicht mehr, von ſeiner Poeſie leben zu können, Cotta hatte die gewöhnliche proſaiſche Ehre, für Rechnung der Poeſie das Geld herzugeben; denn die Poeſie, die Himmelstochter, die Hoch⸗ geborene, hat ſelbſt nie Geld und wendet ſich, bey ſolchem Bedürfniß, immer an Cotta. Der Graf verſifizirte jetzt Tag und Nacht, er blieb nicht bey dem Vorbilde Tiecks und des Ariſto⸗ 369 phanes, ſondern ahmte auch den Göthe nach im Liede, dann den Horaz in der Ode, dann den Petrarcha in Sonetten, dann den Dichter Hafis in perſiſchen Gaſelen— kurz er gab uns ſolcher⸗ maßen eine Blumenleſe der beſten Dichter und zugleich ſeine eigenen lyriſchen Blätter unter dem Titel:„Gedichte des Grafen Platen ꝛc.“ Niemand in Deutſchland iſt gegen poetiſche Erzeugniſſe billiger als ich, und ich gönne einem armen Menſchen, wie Platen, ſein Stückchen Ruhm, das er im Schweiße ſeines Angeſichts ſo ſauer erwirbt, gewiß herzlich gern. Keiner iſt mehr geneigt, als ich, ſeine Beſtrebungen zu rühmen, ſeinen Fleiß und ſeine Beleſenheit in der Poeſie zu loben, und ſeine ſylbenmäßigen Verdienſte anzuerkennen. Meine eignen Verſuche befähigen mich, mehr als jeden Andern, die me⸗ triſchen Verdienſte des Grafen zu würdigen. Die bittere Mühe, die unſägliche Beharrlichkeit, das winternächtliche Zähneklappern, die ingrim⸗ III. 24 370 migen Anſtrengungen, womit er die Verſe aus⸗ gearbeitet, entdeckt unſer Einer weit eher als der gewöhnliche Leſer, der die Glätte, Zierlich⸗ keit und Politur jener Verſe des Grafen für etwas Leichtes hält, und ſich an der glatten Wortſpielerey gedankenlos ergötzt, wie man ſich bey Kunſtſpringern, die auf dem Seile balanciren, über Eyer tanzen und ſich auf den Kopf ſtellen, ebenfalls einige Stunden amüſirt, ohne zu be⸗ denken, daß jene armen Weſen, nur durch jahre⸗ langen Zwang und grauſames Hungerleiden, ſolche Gelenkigkeitskünſte, ſolche Metrik des Leibes erlernt haben. Ich, der ich mich in der Dichtkunſt nicht ſo ſehr geplagt, und ſie immer in Verbindung mit gutem Eſſen ausgeübt habe, ich will den Grafen Platen, dem es ſaurer und nüchterner ergangen, um ſo mehr preiſen, ich will von ihm rühmen, daß kein Seiltänzer in Europa ſo gut wie er auf ſchlaffen Gaſelen balancirt, daß keiner den Eyertanz über 371 Sess O, S———= S=SSSu. ſ. w. ſo gut executirt wie er, daß keiner ſich ſo gut wie er auf den Kopf ſtellt. Wenn ihm auch die Muſen nicht hold ſind, ſo hat er doch den Genius der Sprache in ſeiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anzuthun;— denn die freye Liebe dieſes Genius fehlt ihm, er muß auch dieſem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die äußeren Formen zu erfaſſen, die trotz ihrer ſchönen Ründung ſich nie edel ausſprechen. Nie ſind tiefe Naturlaute, wie wir ſie im Volksliede, bey Kindern und anderen Dichtern finden, aus der Seele eines Platen hervorgebrochen oder offenbarungsmäßig hervor⸗ geblüht, den beängſtigenden Zwang, den er ſich anthun muß, um etwas zu ſagen, nennt er eine „große That in Worten“— ſo gänzlich unbe⸗ kannt mit dem Weſen der Poeſte, weiß er nicht einmal, daß das Wort nur bey dem Rhetor 24* 372 eine That iſt, bey dem wahren Dichter aber ein Ereigniß. Ungleich dem wahren Dichter, iſt die Sprache nie Meiſter geworden in ihm, er iſt dagegen Meiſter geworden in der Sprache oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuoſe auf einem Inſtrumente. Je weiter er es ſolcherart im Techniſchen brachte, deſto größere Meinung bekam er von ſeiner Virtuoſität; er wußte ja in allen Weiſen zu ſpielen er verſtfizirte ja die ſchwierigſten Paſſagen, er dichtete, ſo zu ſagen, manchmal nur auf der G⸗Saite, und ärgerte ſich, wenn das Publikum nicht klatſchte. Wie alle Virtuoſen, die ſolch einſaitiges Talent aus⸗ gebildet, ſtrebte er nur nach Applaudiſſement, ſah er mit Ingrimm auf den Ruhm Anderer, beneidete er ſeine Collegen um ihren Gewinnſt, wie z. B. den Clauren, ſchrieb er gleich fünf⸗ aktige Pasquille, wenn er nur eine einzige Penie des Tadels auf ſich beziehen konnte, kontrollirte er alle Recenſionen, worin Andere gelobt wur⸗ 373 den, und ſchrie er beſtändig: ich werde nicht genug gelobt, nicht genug belohnt, denn Ich bin der Poet, der Poet der Poeten u. ſ. w. So hungrig und lechzend nach Lob und Spenden zeigte ſich nie ein wahrer Dichter, niemals Klop⸗ ſtock, niemals Goethe, zu deren Drittem der Graf Platen ſich ſelbſt ernennt, obgleich jeder einſieht, daß er nur mit Ramler und etwa A. W. v. Schlegel ein Triumvirat bildet. Der große Ramler, wie man ihn zu ſeiner Zeit hieß, als er, zwar ohne Lorbeerkranz auf dem Haupte, aber mit deſto größerem Zopf und Haarbeutel, das Auge gen Himmel gehoben, und den ſteif⸗ leinenen Regenſchirm unter'm Arm, im Berliner Thiergarten, ſkandirend wandelte, hielt ſich da⸗ mals für den Repräſentanten der Ppoeſie auf Erden. Seine Verſe waren die vollendeteſten in deutſcher Sprache, und ſeine Verehrer, wor⸗ unter ſogar ein Leſſing ſich verirrte, meynten, weiter könne man es in der Poeſie nicht brin⸗ 374 gen. Faſt daſſelbe war ſpäterhin der Fall bey A. W. v. Schlegel, deſſen poetiſche Unzuläng⸗ lichkeit aber ſichtbar wird, ſeitdem die Sprache weiter ausgebildet worden, ſo daß ſogar die⸗ jenigen, die einſt den Sänger des Arion für einen gleichfallſigen Arion gehalten, jetzt nur noch den verdienſtlichen Schullehrer in ihm ſehen. Ob aber der Graf Platen ſchon befugt iſt, über den ſonſt rühmenswerthen Schlegel zu lachen, wie dieſer einſt über Namler lachte, das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, in der Poeſie ſind alle drey ſich gleich, und wenn der Graf Platen noch ſo hübſch in den Gaſelen ſeine ſchaukelnden Balancirkünſte treibt, wenn er in ſeinen Oden noch ſo vortrefflich den Eyertanz exekutirt, ja, wenn er, in ſeinen Luſtſpielen ſich auf den Kopf ſtellt— ſo iſt er doch kein Dichter. Er iſt kein Dichter, ſagt ſogar die undankbare männliche Jugend, die er ſo zärtlich beſingt. Er iſt kein Dichter, ſagen die Frauen, die viel⸗ 375 leicht— ich muß es zu ſeinem Beſten andeuten — hier nicht ganz unpartheyiſch ſind, und viel⸗ leicht wegen der Hingebung, die ſie bey ihm entdecken, etwas Eiferſucht empfinden, oder gar durch die Tendenz ſeiner Gedichte ihre bisherige vortheilhafte Stellung in der Geſellſchaft ge⸗ fährdet glauben. Strenge Kritiker, die mit ſcharfen Brillen verſehen ſind, ſtimmen ein in dieſes Urtheil, oder äußern ſich noch lakoniſch bedenklicher. Was finden Sie in den Gedichten des Grafen von Platen Hallermünde? frug ich jüngſt einen ſolchen Mann. Sitzfleiſch! war die Antwort. Sie meynen in Hinſicht der mühſa⸗ men, ausgearbeiteten Form? entgegnete ich. Nein, erwiederte jener, Sitzfleiſch auch in Be⸗ treff des Inhalts. Was nun den Inhalt der Platenſchen Ge⸗ dichte betrifft, ſo möchte ich den armen Grafen dafür zwar nicht loben, aber ihn auch nicht unbedingt der Cenſoriſchen Wuth Preis geben, 376 womit unſere Catonen davon ſprechen oder gar ſchzveigen. Chacun a son goüt, dem einen ge⸗ fällt der Ochs, dem andren Waſiſchtas Kuh. Ich tadele ſogar den furchtbaren rhadamanti⸗ ſchen Ernſt, womit über jenen Inhalt der Pla⸗ tenſchen Gedichte in den Berliner Jahrbüchern für wiſſenſchaftliche Kritik gerichtet worden. Aber ſo ſind die Menſchen, es wird ihnen ſehr leicht, in Eifer zu gerathen, wenn ſie über Sünden ſprechen, die ihnen kein Vergnügen machen würden. Im Morgenblatte las ich kürzlich einen Aufſatz, überſchrieben:„Aus dem Journal eines Leſers“ worin der Graf Platen gegen ſolche ſtrenge Tadler ſeiner Freundſchafts⸗ liebe, mit jener Beſcheidenheit ſich ausſpricht, die er nie zu verläugnen weiß, und woran man ihn auch hier erkennt. Wenn er ſagt, daß „das Hegelſche Wochenblatt“ ihn eines geheimen Laſters mit„lächerlichem Pathos“ beſchuldige, ſo will er, wie leicht zu errathen iſt, nur der 377 Rüge anderer Leute zuvorkommen, deren Geſin⸗ nung er durch dritte Hand erforſchen laſſen. Indeſſen, man hat ihm ſchlecht berichtet, ich werde mir nie in dieſer Hinſicht einen Pathos zu Schulden kommen laſſen, der edle Graf iſt mir vielmehr eine ergötzliche Erſcheinung, und in ſeiner erlauchten Liebhaberey ſehe ich nur etwas Unzeitgemäßes, nur die zaghaft verſchämte Parodie eines antiken Uebermuths. Das iſt es ja eben, jene Liebhaberey war im Alterthum nicht in Widerſpruch mit den Sitten, und gab ſich kund mit heroiſcher Oeffentlichkeit. Als z. B. der Kaiſer Nero, auf Schiffen, die mit Gold und Elfenbein ausgelegt waren, ein Gaſtmahl hielt, das einige Millionen koſtete, ließ er ſich mit Einem aus dem Jünglingsſerail, Namens Pythagoras, feyerlich einſegnen,(cuncta denique spectata quae etiam in femina nox operit) und ſteckte nachher mit der Hochzeitsfackel die Stadt Rom in Brand, um bey den praſſelnden 378 Flammen deſto beſſer den Untergang Trojas be⸗ ſingen zu können. Das war noch ein Gaſelen⸗ dichter, über den ich mit Pathos ſprechen könnte; doch nur lächeln kann ich über den neuen Py⸗ thagoräer, der im heutigen Rom, die Pfade der Freundſchaft dürftig und nüchtern und ängſtlich dahinſchleicht, mit ſeinem hellen Geſichte von liebloſer Jugend abgewieſen wird, und nachher bey kümmerlichem Oehllämpchen ſein Gaſelchen ausſeufzt. Intereſſant, in ſolcher Hinſicht, iſt die Vergleichung der Platenſchen Gedichtchen mit dem Petron. Bey dieſem iſt ſchroffe, antike, plaſtiſch heidniſche Offenheit; Graf Platen hin⸗ gegen, trotz ſeinem Pochen auf Claſſtzität, be⸗ handelt ſeinen Gegenſtand vielmehr romantiſch, verſchleyernd, ſehnſüchtig, pfäffiſch,— ich muß hinzuſetzen: heuchleriſch. Denn der Graf ver⸗ mummt ſich manchmal in fromme Gefühle, er vermeidet die genaueren Geſchlechtsbezeichnungen; nur die Eingeweihten ſollen klar ſehen; gegen 379 den großen Haufen glaubt er ſich genugſam ver⸗ ſteckt zu haben, wenn er das Wort Freund manchmal ausläßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der ſich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand geſteckt, ſo daß nur der Steiß ſichtbar bleibt. Unſer erlauchter Vogel hätte beſſer gethan, wenn er den Steiß in den Sand verſteckt und uns den Kopf gezeigt hätte. In der That, er iſt mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf, der Name Mann überhaupt paßt nicht für ihn, ſeine Liebe hat einen paſſiv pythagoräiſchen Cha⸗ rakter, er iſt in ſeinen Gedichten ein Patikos, er iſt ein Weib, und zwar ein Weib, das ſich an gleich Weibiſchem ergötzt, er iſt gleichſam eine männliche Tribade. Dieſe ängſtlich ſchmiegſame Natur duckt durch alle ſeine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in dieſen Gedichten ſehen wir Polyandrie, und wenn er auch ſentimentaliſirt: 380 „Du liebſt und ſchweigſt— O hätt' ich auch ge⸗ ſchwiegen, Und meine Blicke nur an dich verſchwendet! O hätt' ich nie ein Wort dir zugewendet, So müßt' ich keinen Kränkungen erliegen! Doch dieſe Liebe möcht' ich nie beſiegen, Und weh dem Tag, an dem ſie froſtig endet! Sie ward aus jenen Räumen uns geſendet, Wo ſelig Engel ſich an Engel ſchmiegen—“ ſo denken wir doch gleich an die Engel, die zu Loth, dem Sohne Harans, kamen und nur mit Noth und Mühe den zärtlichſten Anſchmiegungen entgingen, wie wir leſen im Pentateuch, wo leider die Gaſelen und Sonette nicht mitgetheilt ſind, die damals vor Loths Thüre gedichtet wurden. Ueberall in den Platenſchen Gedichten ſehen wir den Vogel Strauß, der nur den Kopf verbirgt, den eiteln ohnmächtigen Vogel, der das ſchönſte Gefieder hat, und doch nicht fliegen kann, und zänkiſch humpelt über die polemiſche Sandwüſte der Litteratur. Mit ſeinen ſchönen Federn ohne Schwungkraft, mit ſeinen ſchönen Verſen ohne poetiſchen Flug, bildet er den 381 Gegenſatz zu jenem Adler des Geſanges, der minder glänzende Flügel hat, aber ſich damit zur Sonne erhebt— ich muß wieder auf den Refrain zurückkommen; der Graf Platen iſt kein Dichter. Von einem Dichter verlangt man zwey Dinge; in ſeinen lyriſchen Gedichten müſſen Naturlaute, in ſeinen epiſchen oder dramatiſchen Gedichten müſſen Geſtalten ſeyn. Kann er ſich in dieſer Hinſicht nicht legitimiren, ſo wird ihm der Dichter⸗ titel abgeſprochen, ſelbſt wenn ſeine übrigen Fami⸗ lienpapiere und Adelsdiplome in der größten Ordnung ſind. Daß letzteres bey dem Grafen Platen der Fall ſeyn mag, daran zweifle ich nicht, und ich bin überzeugt, er würde mitleidig heiter lächeln, wenn man ſeinen Grafentitel ver⸗ dächtig machen wollte; aber wagt es nur, über ſeinen Dichtertitel, mit einer einzigen Fenie, den geringſten Zweifel zu verrathen— gleich wird er ſich ingrimmig niederſetzen und fünfaktige Satyren gegen Euch drucken. Denn die Menſchen 382 halten um ſo eifriger auf einen Titel, je zwey⸗ deutiger und ungewiſſer der Titulus iſt, der ſie dazu berechtigt. Vielleicht aber würde der Graf Platen ein Dichter ſeyn, wenn er in einer anderen Zeit lebte, und wenn er außerdem auch ein anderer wäre, als er jetzt iſt. Der Mangel an Naturlauten in den Gedichten des Grafen rührt vielleicht daher, daß er in einer Zeit lebt, wo er ſeine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieſelbe Sitte, die ſeiner Liebe immer feind⸗ lich entgegenſteht, ihm ſogar verbietet, ſeine Klage darüber unverhüllt auszuſprechen, wo er jede Empfindung ängſtlich verkappen muß, um ſo wenig das Ohr des Publikums, als das eines „ſpröden Schönen“ durch eine einzige Sylbe zu erſchrecken. Dieſe Angſt läßt bey ihm keine eignen Naturlaute aufkommen, ſie verdammt ihn, die Gefühle anderer Dichter, gleichſam als untadel⸗ haften, vorgefundenen Stoff, metriſch zu bear⸗ beiten, und nöthigenfalls zur Vermummung ſeiner 383 eignen Gefühle zu gebrauchen. Unrecht geſchieht ihm vielleicht, wenn man ſolche unglückliche Lage verkennend, behauptet hat, daß der Graf Platen auch in der Poeſie ſich als Graf zeigen und auf Adel halten wolle, und uns daher nur Gefühle von bekannter Familie, Gefühle, die ſchon ihre 64 Ahnen haben, vorführe. Lebte er in der Zeit des römiſchen Pythagoras, ſo würde er vielleicht ſeine eignen Gefühle freyer hervortreten laſſen und er würde vielleicht für einen Dichter gelten. Es würden dann wenigſtens die Natur⸗ laute in ſeinen lyriſchen Gedichten nicht ver⸗ mißt werden— doch der Mangel an Geſtalten in ſeinen Dramen würde noch immer bleiben, ſo lange ſich nicht auch ſeine ſinnliche Natur veränderte, und er gleichſam ein Anderer würde. Die Geſtalten, die ich meyne, ſind nemlich jene ſelbſtſtändigen Geſchöpfe, die aus dem ſchaffen⸗ den Dichtergeiſte, wie Pallas Athene aus dem Haupte Kronions, vollendet und gerüſtet her⸗ 384 vortreten, lebendige Traumweſen, deren myſtiſche Geburt, mehr als man glaubt, in wunderſam bedingender Bedingung ſteht mit der ſinnlichen Natur des Dichters, ſo daß ſolches geiſtige Gebähren demjenigen verſagt iſt, der ſelbſt nur, als ein unfruchtbares Geſchöpf, ſich gaſelig hin⸗ giebt in windiger Weichheit. Indeſſen, das ſind Privatmeynungen eines Dichters, und ihr Gewicht hängt davon ab, wie weit man an die Competenz deſſelben glauben will. Ich kann nicht umhin zu erwähnen, daß der Graf Platen, gar oft dem Publikum ver⸗ ſichert, daß er erſt ſpäterhin das Bedeutendſte dichten werde, wovon man jetzt noch keine Ahnung habe, ja, daß er Iliaden und Odyſſeen, Claſſi⸗ zitätstragödien und ſonſtige Unſterblichkeitsko⸗ loſſalgedichte erſt dann ſchreiben werde, wenn er ſich nach ſo und ſo viel Luſtren gehörig vor⸗ bereitet habe. Du haſt, lieber Leſer, dieſe Er⸗ gießungen des Selbſtbewußtſeyns, in mühſam — 5——— —— 385 gefeilten Verſen vielleicht ſelbſt geleſen, und das Verſprechen ſolcher ſchönen Zukunft war dir vielleicht um ſo erfreulicher, als der Graf zu gleicher Zeit alle Dichter Deutſchlands, außer dem ganz alten Goethe, wie einen Schwarm ſchlechter Sudler geſchildert, die ihm nur im Wege ſtehen, auf der Bahn des Ruhmes, und die ſo unverſchämt ſeyen, jene Lorbeeren und Belohnungen zu pflücken, die nur ihm gebührten. Was ich in München darüber ſprechen hörte, will ich übergehen: aber, der Chronologie wegen, muß ich anführen, daß zu jener Zeit der König von Bayern die Abſicht ausſprach, irgend einem deutſchen Dichter ein Jahrgehalt zu ertheilen, ohne damit ein Amt zu verbinden, welches ungewöhnliche Beyſpiel für die ganze deutſche Litteratur von ſchöner Folge ſeyn konnte. Man ſagte mir— Doch ich will mein Thema nicht verlaſſen, ich ſprach von den Prahlereyen des Grafen III. 25 386 Platen, der beſtändig rief: ich bin der Poet, der Poet der Poeten! ich werde Iliaden und Odyſſeen dichten u. ſ. w. Ich weiß nicht was das Publikum von ſolchen Prahlereyen hält, aber ganz genau weiß ich, was ein Dichter davon denkt, nemlich ein wahrer Dichter, der die ver⸗ ſchämte Süßigkeit und die geheimen Schauer der Poeſie ſchon empfunden hat, und von der Seligkeit dieſer Empfindungen, wie ein glück⸗ licher Page, der die verborgene Gunſt einer Prinzeſſin genießt, gewiß nicht auf öffentlichem Markte prahlen wird. 1 Man hat ſchon öfter den Grafen Platen, wegen ſolcher Prahlhanſereyen, weidlich gehänſelt und er wußte immer, wie Fallſtaff, ſich zu ent⸗ ſchuldigen. Bey ſolchen Entſchuldigungen kommt ihm ein Talent zu ſtatten, das außerordentlich in ſeiner Art iſt und das eine beſondere Aner⸗ kennung verdient. Der Graf Platen weiß nem⸗ lich von jedem Flecken, der in ſeiner eignen 387 Bruſt iſt, auch bey irgend einem großen Manne eine Spur, und ſey ſie noch ſo klein, zu ent⸗ decken, und ſich wegen ſeiner Wahlfleckenver⸗ wandſchaft mit ihm zu vergleichen. Z. B. von Shakespeares Sonetten weiß er, daß ſie an einen jungen Mann und nicht an ein Weib ge⸗ richtet ſind, und ob ſolcher verſtändigen Wahl preiſt er Shakespeare, vergleicht ſich mit ihm— und das iſt das einzige was er von ihm zu ſagen hat. Man könnte negativ eine Apologie des Grafen Platen ſchreiben, und behaupten, daß er ſich die und die Verirrung noch nicht zu Schulden kommen laſſen, weil er ſich mit dem oder dem großen Manne, dem ſie nachgeredet worden, noch nicht verglichen habe. Am genial⸗ ſten aber und bewunderungswürdigſten zeigte er ſich in der Wahl des Mannes, in deſſen Leben er unbeſcheidene Reden entdeckt, und durch deſſen Beyſpiel er ſeine Prahlerey beſchönigen will. Wahrlich, zu einem ſolchen Zwecke ſind die 25* ——————-————— „——— 388 Worte dieſes Mannes noch nie zitirt worden— denn es iſt kein Geringerer als Jeſus Chriſtus ſelbſt, der uns bisher immer für ein Muſter der Demuth und Beſcheidenheit gegolten. Chriſtus hätte jemals geprahlt? der beſcheidenſte der Menſchen, um ſo beſcheidener als er der gött⸗ lichſte war? Ja, was bisher allen Theologen entgangen iſt, das entdeckte der Graf Platen, denn er inſinuirt uns: Chriſtus, als er vor Pilatus geſtanden, ſey ebenfalls nicht beſcheiden geweſen, und habe nicht beſcheiden geantwortet, ſondern als jener ihn frug, biſt du der König der Juden? habe er geſprochen: du ſagſt es. Und ſo ſage auch Er, der Graf Platen: Ich bin es, ich bin der Poet!— Was nie dem Haſſe eines Verächters Chriſti gelungen iſt, das gelang der Exegeſe ſelbſtverliebter Eitelkeit. Wie wir wiſſen, was wir davon zu halten, wenn Einer ſolchermaßen beſtändig ſchreit: Ich bin der Poet! ſo wiſſen wir auch, was es für — 389 eine Bewandtniß hat mit den ganz außerordent⸗ lichen Gedichten, die der Graf, wenn er die ge⸗ hörige Reife erlangt, noch dichten will, und die ſeine bisherigen Meiſterſtücke an Bedeutung ſo unerhört übertreffen ſollen. Wir wiſſen ganz genau, daß die ſpäteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender ſind als die früheren, eben ſo wenig wie ein Weib, je öfter ſie gebährt, deſto vollkommenere Kinder zur Welt bringt; nein, das erſte Kind iſt ſchon eben ſo gut wie das zweite— nur das Gebähren wird leichter. Die Löwin wirft nicht erſt ein Kaninchen, dann ein Häschen, dann ein Hünd⸗ chen und endlich einen Löwen. Madam Göthe warf gleich ihren jungen Leu, und dieſer gab uns, beim erſten Wurf, ſeinen Löwen von Ber⸗ lichingen. Eben ſo warf auch Schiller gleich ſeine Räuber, an deren Tatze man ſchon die Löwenart erkannte. Später kam erſt die Poli⸗ tur, die Glätte, die Feile, die natürliche Tochter —jyy————-— 390 und die Braut von Meſſina. Nicht ſo begab es ſich mit dem Grafen Platen, der mit der ängſtlichen Künſteley anfing und von dem der Dichter ſingt: Du, der du ſprangſt ſo fertig aus dem Nichts, Geleckten und lackirten Angeſichts, Gleichſt einer Spielerey, geſchnitzt aus Korke. Indeſſen, wenn ich meine geheimſten Ge⸗ danken ausſprechen ſoll, ſo geſtehe ich, daß ich den Grafen Platen für keinen ſo großen Narrn halte, wie man wegen jener Prahlſucht und be⸗ ſtändigen Selbſtberäucherung glauben ſollte. Ein Bischen Narrheit, das verſteht ſich, gehört immer zur Poeſie; aber es wäre entſetzlich, wenn die Natur eine ſo beträchtliche Porzion Narrheit, die für hundert große Dichter hinreichen würde, einem einzigen Menſchen aufgebürdet, und von der Poeſie ſelbſt ihm nur eine ſo unbedeutend geringe Doſis gegeben hätte. Ich habe Gründe zu vermuthen, daß der Herr Graf an ſeine eigne Prahlerey nicht geglaubt, und daß er, . 394 dürftig im Leben wie in der Litteratur, vielmehr für das Bedürfniß des Augenblicks ſein eigner anpreiſender Ruffiano ſeyn mußte, in der Litte⸗ ratur wie im Leben. Daher in beiden die Er⸗ ſcheinungen, von denen man ſagen konnte, daß ſie mehr ein pſychologiſches als äſthetiſches In⸗ tereſſe gewährten, daher zu gleicher Zeit die weinerlichſte Seelenerſchlaffung und der erlogene Uebermuth, daher das klägliche Dünnethun mit baldigem Sterben, und das drohende Dickthun mit künftiger Unſterblichkeit, daher der auflo⸗ dernde Bettelſtolz und die ſchmachtende Unter⸗ thänigkeit, daher das beſtändige Klagen„daß ihn Cotta verhungern laſſe“ und wiederum Kla⸗ gen„daß ihn Cotta verhungern laſſe“ daher die Anfälle von Katholizismus u. ſ. w. Ob's dem Grafen mit dem Katholizismus Ernſt iſt, daran zweifle ich. Ob er überhaupt katholiſch geworden iſt, wie einige ſeiner Hoch⸗ geborenen Freunde, das weiß ich nicht. Daß 392 er es werden wolle, erfuhr ich zuerſt aus öffent⸗ lichen Blättern, die ſogar hinzufügten, der Graf Platen werde Mönch und ginge in's Kloſter. Böſe Zungen meinten, daß ihm das Gelübde der Armuth und die Enthaltung von Weibern nicht ſchwer fallen würde. Wie ſich von ſelbſt verſteht, in München klangen, bei ſolchen Nach⸗ richten, die frommen Glöcklein in den Herzen ſeiner Freunde. Mit Kyrie Eleiſon und Halle⸗ lujah wurden ſeine Gedichte geprieſen in den Pfaffenblättern; und in der That, die heiligen Männer des Cölibats mußten erfreut ſein über jene Gedichte, wodurch die Enthaltung vom weiblichen Geſchlechte befördert wird. Leider haben meine Gedichte eine andere Tendenz, und daß Pfaffen und Knabenſänger nicht davon an⸗ geſprochen werden, konnte mich zwar betrüben, aber nicht befremden. Eben ſo wenig befrem⸗ dete es mich, als ich den Tag vor meiner Ab⸗ reiſe nach Italien, von meinem Freunde dem 2 . 393 Doktor Kolb vernahm, daß der Graf Platen ſehr feindſelig gegen mich geſtimmt ſey, und mir mein Verderben ſchon bereitet habe in einem Luſtſpiele Namens„König Oedipus“ das bereits zu Augsburg, bey einigen Fürſten und Grafen, deren Namen ich vergeſſen habe oder vergeſſen will, angelangt ſey. Auch Andere erzählten mir, daß mich der Graf Platen haſſe und ſich mir als Feind entgegenſtelle;— und das war mir auf jeden Fall angenehmer, als hätte man mir nachgeſagt: daß mich der Graf Platen als Freund hinter meinem Rücken liebe. Was die heiligen Männer betrifft, deren fromme Wuth ſich zu gleicher Zeit gegen mich kund gab, und nicht bloß meiner anticölibatiſchen Gedichte wegen, ſondern auch wegen der politiſchen Annalen, die ich damals herausgab, ſo konnte ich ebenfalls nur gewinnen, wenn man deutlich ſah, daß ich keiner der Ihrigen ſey. Wenn ich hiermit an⸗ deute, daß man nichts Gutes von ihnen ſagt, 394 ſo ſage ich darum noch nichts Böſes von ihnen. Ich bin ſogar der Meinung, daß ſie, nur aus Liebe zum Guten, durch ſrommen Betrug und gottgefällige Verläumdung das Wort der Böſen entkräftigen möchten, und daß ſie dieſen, nur für einen ſolchen edlen Zweck, der jedes Mittel heiligt, nicht bloß die geiſtigen Lebensquellen, ſondern auch die materiellen zu verſchütten ſu⸗ chen. Man hat jene guten Leute, die ſich in. München ſogar öffentlich als Congregazion prä⸗ ſentirten, thörichterweiſe mit dem Namen Jeſui⸗ ten beehrt. Sie ſind wahrlich keine Jeſuiten, ſonſt hätten ſie eingeſehen, daß z. B. ich, einer 8 von den Böſen, ſchlimmſten Falls die litterariſch alchimiſtiſche Kunſt verſtehe, aus meinen Feinden ſelbſt Dukaten zu ſchlagen, dergeſtalt, daß ich dabey die Dukaten bekomme und meine Feinde 4 die Schläge;— ſie hätten eingeſehen, daß ſolche Schläge nichts von ihrem Gehalte verlieren, wenn man auch den Namen des Schlagenden 395 avilirt, wie der arme Sünder den Staupbeſen nicht minder ſtark fühlt, obgleich der Scharfrichter, der ihn ertheilt, für unehrlich erklärt wird;— und, was die Hauptſache iſt, ſie hätten eingeſehen, daß etwas Vorliebe für den antiariſtokratiſchen Voß und einige argloſe Muttergotteswitze, weßhalb ſie mich zuerſt mit Koth und Dummheit angriffen, nicht aus antikatholiſchem Eifer hervorgegangen. Wahrlich, ſie ſind keine Jeſuiten, ſondern nur Miſchlinge von Koth und Dummheit, die ich, eben ſo wenig wie eine Miſtkarre und den Och⸗ ſen der ſie zieht, zu haſſen vermag, und die mit allen ihren Anſtrengungen nur das Gegentheil ihrer Abſicht erreichen, und mich nur dahin bringen könnten: daß ich ihnen zeige wie ſehr ich Proteſtant bin, daß ich mein gutes prote⸗ ſtantiſches Recht, in ſeiner weiteſten Ermächtigung ausübe, und die gute proteſtantiſche Streitaxt mit Herzensluſt handhabe. Sie könnten dann immerhin, um den Plebs zu gewinnen, die alten 396 Weiberlegenden von meiner Ungläubigkeit durch ihren Leibpoeten in Verſe bringen laſſen— an den wohlbekannten Schlägen ſollten ſie ſchon den Glaubensgenoſſen eines Luthers, Leſſings und Voß erkennen. Freylich, ich würde nicht mit dem Ernſte dieſer Herven die alte Axt ſchwin⸗ gen— denn der Anblick der Gegner bringt mich leicht zum Lachen, und ich bin ein Bischen Eu⸗ lenſpiegeliger Natur und ich liebe eine Bey⸗ miſchung von Spaß— aber ich würde jenen Miſtochſen nicht minder ſtark vor den Kopf ſchlagen, wenn ich auch vorher mit lachenden Blumen meine Art umkränzte. Doch ich will mein Thema nicht zu weit verlaſſen. Ich glaube, es war um jene Zeit, daß der König von Bayern, in ſchon erwähnter Abſicht, dem Grafen Platen ein Jahrgehalt von ſechshundert Gulden gab, und zwar nicht aus der Staatskaſſe, ſondern aus der königlichen Pri⸗ vatkaſſe, wie es ſich der Graf als beſondere 397 Gnade gewünſcht hatte. Letzteren Umſtand, der die Caſte charakteriſirt, ſo geringfügig er auch erſcheint, erwähne ich nur als Notiz für den Naturforſcher, der vielleicht Beobachtungen über den Adel macht. In der Wiſſenſchaft iſt alles wichtig. Wer mir vorwerfen möchte, daß ich den Grafen Platen zu wichtig nehme, der gehe nach Paris und ſehe, wie ſorgfältig der feine, zierliche Cuvier, in ſeinen Vorleſungen, das un⸗ reinſte Inſekt, mit dem genaueſten Detail ſchil⸗ dert. Es iſt mir deshalb auch ſogar Leid, daß ich das Datum jener 600 Gulden nicht genauer conſtatiren kann; ſo viel weiß ich aber, daß der Graf Platen den König Oedipus früher verfertigt hatte, und daß dieſer nicht ſo biſſig geworden wäre, wenn der Verfaſſer mehr zu beißen ge⸗ 4 habt hätte. In Norddeutſchland, wohin mich plötzlich der Tod meines Vaters zurückrief, erhielt ich endlich das ungeheure Geſchöpf, das dem großen 398 Ey, worüber unſer ſchöngefiederter Vogel Strauß ſo lange gebrütet, endlich entkrochen war, und das die Nachteulen der Congregazion mit from⸗ mem Gekrächze und die adeligen Pfauen mit freudigem Radſchlagen ſchon lange im voraus begrüßt hatten. Es ſollte nichts Minderes als ein verderblicher Baſilisk ſeyn. Kennſt du, lieber Leſer, die Sage von dem Baſilisk? Das Volk erzählt: wenn ein männlicher Vogel, wie ein Weib, ein Ey gelegt, ſo entſtände daraus ein giftiges Geſchöpf, deſſen Hauch die Luft verpeſte, und das man nur dadurch tödten könne, daß man ihm einen Spiegel vorhalte, indem es als⸗ dann über den Anblick ſeiner eigenen Scheuß⸗ lichkeit vor Schrecken ſterbe. Heilige Schmerzen, die ich nicht entweihen wollte, erlaubten es mir erſt zwey Monate ſpäter, als ich auf der Inſel Helgoland badete, den König Oedipus zu leſen, und dort, großge⸗ ſtimmt von dem beſtändigen Anblick des großen, — —44 2— 399 kühnen Meers, mußte mir die kleinliche Geſin⸗ nung und die Altflickerey des hochgeborenen Verfaſſers recht anſchaulich werden. Jenes Meiſterwerk zeigte mir endlich ganz wie er iſt, mit all ſeiner blühenden Welkheit, ſeinem Ueber⸗ fluß an Geiſtesmangel, ſeiner Einbildung ohne Einbildungskraft, ganz wie er iſt, forcirt ohne Force, pikirt ohne pikant zu ſein, eine trockne Waſſerſeele, ein triſter Freudenjunge. Dieſer Troubadour des Jammers, geſchwächt an Leib und Seele, verſuchte es, den gewaltigſten, phan⸗ taſiereichſten und witzigſten Dichter der jugend⸗ lichen Griechenwelt nachzuahmen! Nichts iſt wahrlich widerwärtiger als dieſe krampfhafte Ohnmacht, die ſich wie Kühnheit aufblaſen möchte, dieſe mühſam zuſammengetragenen In⸗ vektiven, denen der Schimmel des verjährten Grolls anklebt, und dieſer ſylbenſtecheriſch ängſt⸗ lich nachgeahmte Geiſtestaumel. Wie ſich von ſelbſt verſteht, zeigt ſich in des Grafen Werk 400 keine Spur von einer tiefen Weltvernichtungsidee, die jedem ariſtophaniſchen Luſtſpiele zum Grunde liegt, und die darin, wie ein phantaſtiſch iro⸗ niſcher Zauberbaum, emporſchießt mit blühendem Gedankenſchmuck, ſingenden Nachtigallneſtern und kletternden Affen. Eine ſolche Idee mit dem Todesjubel und dem Zerſtörungsfeuerwerk, das dazu gehört, durften wir freylich von dem armen Grafen nicht erwarten. Der Mittelpunkt, die erſte und letzte Idee, Grund und Zweck ſeines ſogenannten Luſtſpiels, beſteht, wie bey der ver⸗ hängnißvollen Gabel, wieder in geringfügig litterariſchen Händeln, der arme Graf konnte nur einige Aeußerlichkeiten des Ariſtophanes nach⸗ ahmen, nemlich die feinen Verſe und die groben Worte. Ich ſage grobe Worte, weil ich keinen gröbern Ausdruck brauchen will. Wie ein kei⸗ fendes Weib, gießt er ganze Blumen⸗Thpfe von Schimpfreden auf die Häupter der deutſchen Dichter. Ich will dem Grafen herzlich gern 401 ſeinen Groll verzeihen, aber er hätte doch einige Rückſichten beobachten müſſen. Er hätte wenig⸗ ſtens das Geſchlecht in uns ehren ſollen, da wir keine Weiber ſind, ſondern Männer, und folglich zu einem Geſchlechte gehören, das nach ſeiner Meynung das ſchöne Geſchlecht iſt, und das er ſo ſehr liebt. Es bleibt dieſes immer ein Mangel an Delicateſſe, mancher Jüngling wird deshalb an ſeiner Huldigung zweifeln, da jeder fühlt, daß der Wahrhaftliebende auch das ganze Geſchlecht verehrt. Der Sänger Frauenlob war gewiß nie grob gegen irgend ein Weib, und ein Platen ſollte daher mehr Achtung zeigen gegen Männer. Aber der Undelicate! ohne Scheu erzählt er dem Publikum: Wir Dichter in Nord⸗ deutſchland hatten alle die„Krätze, wofür wir 2. leider eine Salbe brauchten, die als mephitiſch er vor vielen ſchätze.“ Der Reim iſt gut. Am unzarteſten iſt er gegen Immermann. Schon im Anfang ſeines Gedichts, läßt er dieſen hinter III. 26 402 einer ſpaniſchen Wand Dinge thun, die ich nicht nennen darf, und die dennoch nicht zu wider⸗ legen ſind. Ich halte es ſogar für wahrſchein⸗ lich, daß Immermann ſchon ſolche Dinge gethan hat. Es iſt aber charakteriſtiſch, daß die Phan⸗ taſie des Grafen Platen ſogar ſeine Feinde a posteriori zu belauſchen weiß. Er ſchonte nicht einmal Houwald, dieſe gute Seele, ſanft wie ein Mädchen— ach, vielleicht eben dieſer holden Weiblichkeit wegen, haßt ihn ein Platen. Müllner, den er, wie er ſagt, ſchon längſt„durch wirklichen Witz urkräftig erlegt“ dieſer Todte wird wieder aus dem Grabe geſcharrt. Kind und Kindeskind bleiben nicht unangetaſtet. Rau⸗ pach iſt ein Jude, „Das Jüdchen Raupel— Das jetzt als Raupach trägt ſo hoch die Naſe“ „ſchmiert Tragödien im Katzenjammer.“ Noch weit ſchlimmer ergeht es dem„getauften Heine.“ Ja, ja, du irrſt dich nicht, lieber Leſer, das bin 403 Ich, den er meynt, und im König Oedipus kannſt du leſen, wie ich ein wahrer Jude bin, wie ich, wenn ich einige Stunden Liebeslieder geſchrieben, gleich darauf mich niederſetze und Dukaten be⸗ ſchneide, wie ich am Säbbath mit langbärtigen Mauſcheln zuſammenhoke und den Talmud ſinge, wie ich in der Oſternacht einen unmündigen Chriſten ſchlachte und aus Malize immer einen unglücklichen Schriftſteller dazu wähle— Nein, lieber Leſer, ich will dich nicht belügen, ſolche gute ausgemalte Bilder ſtehen nicht im König Oedipus, und daß ſie nicht darin ſtehen, das nur iſt der Fehler, den ich tadele. Der Graf Platen hat zuweilen die beſten Motive und weiß ſie nicht zu benutzen. Hätte er nur ein bischen mehr Phantaſie, ſo würde er mich wenigſtens als geheimen Pfänderverleiher geſchildert haben; welche komiſche Scenen hätten ſich dargeboten! Es thut mir in der Seele weh, wenn ich ſehe, wie ſich der arme Graf jede Gelegenheit zu 26* 404 Wie koſtbar hätte er Raupach benutzen können als Tragödien⸗ Rothſchild, bey dem die königlichen Bühnen ihre Anleihen machen! Den Oedipus ſelbſt, die Haupt⸗ perſon ſeines Luſtſpiels, hätte er, durch einige Modifikationen in der Fabel des Stückes, eben⸗ falls beſſer benutzen können. Statt daß er ihn den Vater Lajus tödten, und die Mutter Jokaſte heyrathen ließ, hätte er es im Gegentheil ſo ein⸗ 24 richten ſollen, daß Oedipus ſeine Mutter tödtet und ſeinen Vater heyrathet. Das dramatiſche „Draſtiſche in einem ſolchen Gedichte hätte einem Platen meiſterhaft gelingen müſſen, ſeine eigene Gefühlsrichtung wäre ihm dabey zu Statten ge⸗ guten Witzen vorbeygehen laſſen! kommen, er hätte manchmal, wie eine Nachtigall, nur die Regungen der eignen Bruſt zu beſingen gebraucht, er hätte ein Stück geliefert, das wenn 3 der gaſelige Iffland noch lebte, gewiß in Berlin gleich einſtudirt worden wäre, und das man auch jetzt auf Privatbühnen geben würde. Ich kann 405 mir nichts Vollendeteres denken als den Schau⸗ ſpieler Wurm in der Rolle eines ſolchen Oedipus. Er würde ſich ſelbſt übertreffen. Dann finde ich es auch nicht politiſch vom Grafen, daß er in ſeinem Luſtſpiele verſichert, er habe„wirklichen Witz.“ Oder arbeitet er vielleicht auf den Ueberraſchungs⸗Effect, auf den Theatercoup, daß dadurch das Publikum beſtändig Witz erwarten, und dieſer am Ende doch nicht erſcheinen ſoll? Oder will er vielmehr das Publikum aufmuntern, den Wirkl. Geh. Witz im Stücke zu ſuchen, und das Ganze wäre nur ein Blindekuhſpiel, wo der Platenſche Witz ſo ſchlau iſt, ſich nie ertappen zu laſſen? Deshalb vielleicht iſt auch das Pu⸗ blikum, das ſonſt bey Luſtſpielen zu lachen pflegt, bey der Lektüre des Platenſchen Stücks ſo verdrießlich, es kann den verſteckten Witz nicht finden, vergebens piept der verſteckte Witz, und piept immer lauter: hier bin ich! hier bin ich wirklich!— vergebens, das Publikum 406 iſt dumm und macht ein ernſthaftes Geſicht. Ich aber, der ich weiß wo der Witz ſteckt, habe herzlich gelacht, als ich von dem„gräflichen, herrſchſüchtigen Dichter“ der ſich in einen ariſto⸗ kratiſchen Nimbus hüllt, der von ſich rühmt, „daß jeder Hauch, der zwiſchen ſeine Zähne komme, eine Zermalmung ſey“ und der zu allen deutſchen Dichtern ſagt: „Ja, gleichwie Nero, wünſcht' ich euch nur Ein Gehirn, Durch einen einzigen Witzeshieb zu ſpalten es—“ Der Vers iſt ſchlecht. Der verſteckte Witz aber beſteht darin: daß der Graf eigentlich wünſcht, wir wären alle lauter Neronen und er, im Ge⸗ gentheil, unſer einziger lieber Freund Pythagoras. Vielleicht würde ich zum Beſten des Grafen noch manchen anderen verſteckten Witz hervorloben, doch da er mir in ſeinem König Oedipus das Liebſte angegriffen— denn was könnte mir lieber ſeyn als mein Chriſtenthum?— ſo iſt es mir 407 nicht zu verdenken, wenn ich, menſchlich geſinnt, den Oedipus, dieſe„große That in Worten“ minder ernſtlich als die früheren Thätigkeiten würdige. Indeſſen, das wahre Verdienſt hat immer ſeinen Lohn gefunden, und dem Verfaſſer des Oedipus wird der ſeinige nicht entgehen, obglech er ſich auch hier, wie immer, nur dem Einfluß ſeiner adeligen und geiſtlichen Hinterſaſſen hingab. Ja es geht eine uralte Sage unter den Völkern des Orients und Occidents, daß jede gute oder böſe That ihre nächſten Folgen habe für den Thäter. Und kommen wird der Tag, wo ſie kommen— mach' dich darauf gefaßt, lieber Leſer, daß ich jetzt etwas in Pathos gerathe und ſchauerlich werde— kommen wird der Tag, wo ſie dem Tartaros entſteigen die furchtbaren Töchter der Nacht,„die Eumeniden.“ Bey'm Styx!— bey dieſem Fluſſe ſchwören wir Götter niemals falſch— kommen wird der Tag, wo ſie erſcheinen, 408 die dunkeln, urgerechten Schweſtern, ſie werden erſcheinen mit ſchlangengelockten, rotherzürnten Geſichtern, mit denſelben Schlangengeißeln, womit ſie einſt den Oreſtes gegeißelt, den unnatürlichen Sünder, der die Mutter gemordet, die tyndari⸗ diſche Clytämneſtra. Vielleicht hört der Graf ſchon jetzt die Schlangen ziſchen— ich bitte dich, lieber Leſer, denk' dir jetzt die Woffsſchlucht und Samielmuſik— Vielleicht erfaßt den Grafen ſchon jetzt das geheime Sündergrauen, der Himmel verdüſtert ſich, Nachtgevögel kreiſcht, ferne Donner rollen, es blitzt, es riecht nach Colophonium, Wehe! Wehe! die erlauchten Ahnen ſteigen aus den Gräbern, ſie rufen noch drei bis viermal Wehe! Wehe! über den kläg⸗ lichen Enkel, ſie beſchwören ihn ihre alten Eiſen⸗ hoſen anzuziehen, um ſich zu ſchützen vor den entſetzlichen Ruthen— denn die Eumeniden werden ihn damit zerfetzen, die Geißelſchlangen werden ſich ironiſch an ihm vergnügen, und wie 409 der buhleriſche König Rodrigo, als man ihn in den Schlangenthurm geſperrt, wird auch der arme Graf am Ende wimmern und winſeln: Ach! ſie freſſen, ach! ſie freſſen, Womit meiſtens ich geſündigt. Entſetze dich nicht, lieber Leſer, es iſt ja alles nur Scherz. Dieſe furchtbaren Eumeniden V ſind nichts als ein heiteres Luſtſpiel, das ich, nach einigen Luſtren, unter dieſem Titel ſchreiben werde, und die tragiſchen Verſe, die dich eben erſchreckt, ſtehen in dem allerluſtigſten Buche von der Welt, im Don Quiyxote von la Mancha, wo eine alte, anſtändige Hofdame ſie in Gegen⸗ wart des ganzen Hofes rezitirt. Ich ſehe, du lächelſt wieder. Laß uns heiter und lachend von einander Abſchied nehmen. Wenn dieſes letzte Capitel etwas langweilig war, ſo lag's nur an dem Gegenſtande; auch ſchrieb ich es mehr zum Nutzen als zur Luſt, und wenn es mir gelungen iſt, einen neuen Narrn auch für die Literatur 26** * 410 brauchbar gemacht zu haben, wird mir das Vaterland Dank ſchuldig ſeyn. Ich habe das Feld urbar gemacht, worauf geiſtreichere Schrift⸗ ſteller ſäen und erndten werden. Das beſchei⸗ dene Bewußtſeyn dieſes Vedienſtes iſt mein ſchönſter Lohn. Für etwaige Könige, die mir dafür noch extra eine Tabatiere ſchicken wollen, bemerke ich, daß die Buchhandlung„Hoffmann und Campe in Hamburg“ Ordre hat, dergleichen für mich in Empfang zu nehmen. Geſchrieben im Spätherbſt des Jahres 1829. A‿νμαάα Lecne * 55* 3 B I-C . 1 αᷣ᷑ z 855 durduaual iſff fffffffffffffffffffff 7 9