Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ohen— auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 1 „ 3 5. Auswärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der(Bächer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deftete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der aenprals erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kust eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird hlpeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 5 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D diejenigen, welche die⸗ Mſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — e 2 —— 8 2 — — — 8 — — — Zweiter Theil.. Bei Hoffmann und Campe in Hamburg ſind erſchienen: 3. T.hlr. Sgr.* Aus der Junkerwelt. 2 Theile.................. 3— Briefe aus Italien und Frankreich........... 1— Czetz, Johann, Bem's Feldzug in Siebenbürgen.. 1 15 Daumer, G. F., Haſis. Eine Sammlung perſiſcher Gedichte 1 15 -—— Mahomed und ſein Werk........ 1 15 —— ddie Religion des neuen Weltalters. 6 3 Thetle...... 4 15 1 —— Geheimniſſe des chriſtlichen Alterthums. 2 Theile........................... 3— Für Schleswig⸗Holſtein. GeharniſchteSonette. 2Hefte— 10 Gotiſchall, R., Lambertine von Mericourt. Tragödie in fünf Acten.................. 1— —— Ferrdinand von Schill. Tragödie in fünf Ackten..................... 1— —— Die Marſeilaiſe. Dramatiſches Ge⸗ dicht in einem Act...........— 10 Grün, A., deutſche Flüchtlinge. Ein Zeitbild......... 1— Heine, H., Buch der Lieder. Miniatur⸗Ausgabe. geb. 2— —— ETragödien, nebſt einem lyriſchen Intermezzo 1 7½ Nach der Natur. 3 Theile................... 4 15 Pellico, Silvio, Franceska von Rimini. Tragödie in fünf Acten. Aus dem Italieniſchen. von Max Waldau...............— 15 Strodtmann, A., Gottfried Kinkel. Wahrheit ohne Dichtung. 2 Theile.......... 3— Vehſe, Dr., Eduard, Geſchichte der deutſchen Höfe 4 ſeit der Reformation. Erſte Abtheilung: 8* Geſchichte des preußiſchen Hofs und Adels 4 und der preuß. Diplomatie. 6 Theile4a 1 7 ½ Vom andern ſfer.......:.................... 1 15 Waldau, Max, O dieſe Zeit. Canzone!............ —— · „ 9 Reiſebilder von 8 H. Heine. N Zweiter Thei l. Pierte Auflage. . Hamburg. Hoffmann und Campe. — 3 1851. ——2——jjͤͤ —z Vorwort. Die„zweite Abtheilung Nordſee,“ die bei der erſten Auflage dieſen Band eröffnete, habe ich bei der zweiten Auflage bereits dem erſten Bande einverleibt, ferner habe ich ein Dutzend Blätter aus der„dritten Abtheilung Nordſee“ in dieſer neuen Auflage unterdrückt, und endlich ſind hier die„Briefe aus Berlin“ ganz ausgeſchieden worden. Dieſe Oekonvmie mag ſich ſelber ver⸗ treten. Die Lücke, die dadurch in dieſem Bande entſtand, habe ich nicht mit einem Theile aus dem dritten Bande ergänzen wollen. Letzterer, der dritte Band der Reiſebilder, hat nun einmal VI in ſeiner jetzigen Geſtalt den Beifall meiner Freunde gewonnen, dieſe Geſtalt ſcheint mir ſeine geiſtige Einheit zu bedingen, und ich möchte deshalb auch keine Zeile davon trennen, oder irgend ſonſt eine Veränderung, und ſei ſie noch ſo geringfügig, damit vornehmen. Die Lücke, die ſich in dieſem zweiten Bande bildete, ſuchte ich daher mit neuen Frühlingsliedern zu füllen. Ich übergebe ſie um ſo anſpruchloſer, da ich wohl weiß, daß Deutſchland keinen Mangel hat an dergleichen lyriſchen Gedichten. Außerdem iſt es unmöglich, in dieſer Gattung etwas beſſeres zu geben, als ſchon von den älteren Meiſtern geliefert worden, namentlich von Ludwig Uhland, der die Lieder der Minne und des Glaubens ſo hold und lieblich hervorgeſungen aus den Trümmern alter Burgen und Klboſterhallen. Freilich, dieſe frommen und ritterlichen Töne, VWI dieſe Nachklänge des Mittelalters, die noch un⸗ längſt in der Periode einer patriotiſchen Be⸗ ſchränktheit, von allen Seiten wiederhallten, verwehen jetzt im Lärmen der neueſten Freiheits⸗ kämpfe, im Getöſe einer allgemeinen europäiſchen Völkerverbrüderung, und im ſcharfen Schmerz⸗ jubel jener modernen Lieder, die keine katholiſche Harmonie der Gefühle erlügen wollen und vielmehr, jacobiniſch unerbittlich, die Gefühle zerſchneiden, der Wahrheit wegen. Es iſt intereſſant, zu beobachten, wie die eine von den beiden Liederarten je zuweilen von der anderen die äußere Form erborgt. Noch intereſſanter iſt es, wenn in ein und demſelben Dichterherzen ſich beide Arten verſchmelzen. Ich weiß nicht, ob die„Erato“ des Freiherrn Franz von Gaudy und das„Skizzen⸗ buch“ von Franz Kugler ſchon die gebührende ————— — VIII I Anerkennung gefunden; beide Büchlein, die erſt— jüngſt erſchienen, haben mich ſo innig angeſprochen, daß ich ſie, in jedem Fall, ganz beſonders rühmen muß. Ich würde mich vielleicht noch weitläufig über deutſche Dichter ausſprechen, aber einige andre Zeitgenoſſen, die jetzt damit beſchäftigt ſind, die Freiheit und Gleichheit in Europa zu. begründen, nehmen zu ſehr meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Paris, den 20. Juni 1831. Heinrich Heine. Motto: Varnhagen von Enſe's biographiſche Denk⸗ male. 1. Th. S. 1 u. 2. (Geſchrieben auf der Inſel Norderney.) ,„, Aſn J= II Vnl Die Eingeborenen ſind meiſtens blut⸗ arm und leben vom Fiſchfang, der erſt im näch⸗ ſten Monat, im Oktober, bei ſtürmiſchem Wetter, ſeinen Anfang nimmt. Viele dieſer Inſulaner. dienen auch als Matroſen auf fremden Kauffahr⸗ theyſchiffen und bleiben jahrelang vom Hauſe ent⸗ fernt, ohne ihren Angehörigen irgend eine Nach⸗ richt von ſich zukommen zu laſſen. Nicht ſelten finden ſie den Tod auf dem Waſſer. Ich habe einige arme Weiber auf der Inſel gefunden, deren ganze männliche Familie ſolcher Weiſe um⸗ gekommen; was ſich leicht ereignet, da der 1* Vater mit ſeinen Söhnen gewöhnlich auf dem⸗ ſelben Schiffe zur See fährt. Das Seefahren hat für dieſe Menſchen einen großen Reiz; und dennoch, glaube ich, daheim iſt ihnen allen am wohlſten zu Muthe. Sind ſie auch auf ihren Schiffen ſogar nach jenen ſüdlichen Ländern gekommen, wo die Sonne blühender und der Mond romantiſcher leuchtet, ſo können doch alle Blumen dort nicht den Leck ihres Herzens ſtopfen, und mitten in der duftigen Heimath des Frühlings ſehnen ſie ſich wieder zurück nach ihrer Sandinſel, nach ihren kleinen Hütten, nach dem flackernden Heerde, wo die Ihrigen, wohlverwahrt in wollenen Jacken, herumkauern, und einen Thee trinken, der ſich von gekochtem Seewaſſer nur durch den Namen unterſcheidet, und eine Sprache ſchwatzen, wovon kaum begreiflich ſcheint, wie es ihnen ſelber möglich iſt, ſie zu verſtehen. Was dieſe Menſchen ſo feſt und genügſam zuſammenhält, iſt nicht ſo ſehr das innig myſtiſche 3 *1 Gefühl der Liebe, als vielmehr die Gewohnheit, das naturgemäße Ineinander⸗Hinüberleben, die gemeinſchaftliche Unmittelbarkeit. Gleiche Geiſtes⸗ höhe, oder, beſſer geſagt, Geiſtesniedrigkeit, daher gleiche Bedürfniſſe und gleiches Streben; gleiche Erfahrungen und Geſinnungen, daher leichtes Ver⸗ ſtändniß unter einander; und ſie ſitzen verträglich am Feuer in den kleinen Hütten, rücken zuſammen wenn es kalt wird, an den Augen ſehen ſie ſich ab, was ſie denken, die Worte leſen ſie ſich von den Lippen, ehe ſie geſprochen worden, alle ge⸗ meinſamen Lebensbeziehungen ſind ihnen im Ge⸗ dächtniſſe, und durch einen einzigen Laut, eine einzige Miene, eine einzige ſtumme Bewegung er⸗ regen ſie unten einander ſo viel Lachen, oder Wei⸗ nen, oder Andacht, wie wir bei unſeres Gleichen erſt durch lange Expoſizionen, Expektorazionen und Deklamazionen hervorbringen können. Denn wir leben im Grunde geiſtig einſam, durch eine beſon⸗ dere Erziehungsmethode oder zufällig gewählte beſondere Lektüre hat jeder von uns eine verſchiedene Charakterrichtung empfangen, jeder von uns, gei⸗ ſigg verlarbt, denkt, fühlt und ſtrebt anders als die Andern, und des Mißverſtändniſſes wird ſo viel, und ſelbſt in weiten Häuſern wird das Zu⸗ ſammenleben ſo ſchwer, und wir ſind überall beengt, überall fremd, und überall in der Fremde. In jenem Zuſtande der Gedanken⸗ und Ge⸗ fühlsgleichheit, wie wir ihn bei unſeren Inſula⸗ nern ſehen, lebten oft ganze Völker und haben oft ganze Zeitalter gelebt. Die römiſch⸗chriſtliche Kirche im Mittelalter hat vielleicht einen ſolchen Zuſtand in den Korporazionen des ganzen Europa begründen wollen, und nahm deshalb alle Lebens⸗ beziehungen, alle Kräfte und Erſcheinungen, den ganzen phyſiſchen und moraliſchen Menſchen unter ihre Vormundſchaft. Es läßt ſich nicht läugnen, daß viel ruhiges Glück dadurch gegründet ward, und das Leben warm⸗inniger blühte, und die Künſte, wie ſtill hervorgewachſene Blumen, jene — Herrlichkeit entfalteten, die wir noch jetzt anſtau⸗ nen, und mit all unſerem haſtigen Wiſſen nicht nachahmen können. Aber der Geiſt hat ſeine ewigen Rechte, er läßt ſich. nicht eindämmen durch Satzungen und nicht einlullen durch Glocken⸗ geläute; er zerbrach ſeinen Kerker und zerriß das eiſerne Gängelband, woran ihn die Mutterkirche leitete, und er jagte im Befreiungstaumel über die ganze Erde, erſtieg die höchſten Gipfel der Berge, jauchzte vor Uebermuth, gedachte wieder uralter Zweifel, grübelte über die Wunder des Tages, und zählte die Sterne der Nacht. Wir kennen noch nicht die Zahl der Sterne, die Wun⸗ der des Tages haben wir noch nicht enträthſelt, die alten Zweifel ſind mächtig geworden in unſe⸗ rer Seele— iſt jetzt mehr Glück darin, als ehe⸗ mals? Wir wiſſen, daß dieſe Frage, wenn ſte den großen Haufen betrifft, nicht leicht bejaht werden kann; aber wir wiſſen auch, daß ein Glück, das wir der Lüge verdanken, kein wahres Glück iſt, und daß wir, in den einzelnen zerriſſenen Mo⸗ menten eines gottgleicheren Zuſtandes, einer höheren Geiſteswürde, mehr Glück empfinden können, als in den lang hinvegetirten Jahren eines dumpfen Köhlerglaubens. Auf jeden Fall war jene Kirchenherrſchaft eine Unterjochung der ſchlimmſten Art. Wer bürgte uns für die gute Abſicht, wie ich ſie eben ausgeſprochen? Wer kann beweiſen, daß ſich nicht zuweilen eine ſchlimme Abſicht beimiſchte? Rom wollte immer herrſchen, und als ſeine Legionen fielen, ſandte es Dogmen in die Provinzen. Wie eine Rieſenſpinne ſaß Rom im Mittelpunkte der lateiniſchen Welt und überzog ſie mit ſeinem unendlichen Gewebe. Generazionen der Völker lebten darunter ein beruhigtes Leben, indem ſie das für einen nahen Himmel hielten, was bloß römiſches Gewebe war; nur der höherſtrebende Geiſt, der dieſes Gewebe dunhſchaute, fühlte ſich beengt und elend, und wenn er*†˙* brechen 14 9 wollte, erhaſchte ihn leicht die ſchlaue Weberin, und ſog ihm das kühne Blut aus dem Herzen;— und war das Traumglück der blöden Menge nicht zu theuer erkauft für ſolches Blut? Die Tage der Geiſtesknechtſchaft ſind vorüber; alterſchwach, zwiſchen den gebrochenen Pfeilern ihres Coli⸗ ſäums ſitzt die alte Kreuzſpinne, und ſpinnt noch immer das alte Gewebe, aber es iſt matt und morſch, und es verfangen ſich darin nur Schmetterlinge und Fledermäuſe, und nicht mehr die Steinadler des Nordens. — Es iſt doch wirklich belächelnswerth, wäh⸗ rend ich im Begriff bin, mich ſo recht wohlwol⸗ lend über die Abſichten der römiſchen Kirche zu verbreiten, erfaßt mich plötzlich der angewöhnte proteſtantiſche Eifer, der ihr immer das Schlimmſte zumuthet; und eben dieſer Meinungszwieſpalt in mir ſelbſt giebt mir wieder ein Bild von der Zer⸗ riſſenheit der Denkweiſe unſerer Zeit. Was wir 10 geſtern bewundert, haſſen wir heute, und morgen vielleicht verſpotten wir es mit Gleichgültigkeit. Auf einem gewiſſen Standpunkte iſt alles gleich groß und gleich klein, und an die großen europäiſchen Zeitverwandlungen werde ich erin⸗ nert, indem ich den kleinen Zuſtand unſerer armen Inſulaner betrachte. Auch dieſe ſtehen an der Grenze einer ſolchen neuen Zeit, und ihre alte Sinneseinheit und Einfalt wird geſtört durch das Gedeihen des hieſigen Seebades, indem ſie deſſen Gäſten täglich Neues ablauſchen, was ſie nicht mit ihrer altherkömmlichen Lebensweiſe zu ver⸗ einen wiſſen. Stehen ſie des Abends vor den er⸗ leuchteten Fenſtern des Konverſazionshauſes, und betrachten dort die Verhandlungen der Herren und Damen, die verſtändlichen Blicke, die begehrlichen Grimaſſen, das lüſterne Tanzen, das vergnügte Schmauſen, das habſüchtige Spielen u. ſ. w., ſo bleibt das für dieſe Menſchen nicht unt ſchlimme Folgen, die von dem Geldgewinn der & — 11 ihnen durch die Badeanſtalt zufließt, nimmermehr aufgewogen werden. Dieſes Geld reicht nicht hin für die eindringenden, neuen Bedürfniſſe; daher innere Lebensſtörung, ſchlimmer Anreiz, großer Schmerz. Als ich ein Knabe war, fühlte ich immer eine brennende Sehnſucht, wenn ſchön ge⸗ backene Torten, wovon ich nichts bekommen ſollte, duftig⸗offen, bei mir vorübergetragen wurden; ſpäterhin ſtachelte mich daſſelbe Gefühl, wenn ich modiſch entblößte, ſchöne Damen vorbeiſpazieren ſah; und ich denke jetzt, die armen Inſulaner, die noch in einem Kindheitszuſtande leben, haben hier oft Gelegenheit zu ähnlichen Empfindungen, und es wäre gut, wenn die Eigenthümer der ſchönen Torten und Frauen ſolche etwas mehr verdeckten. Dieſe vielen unbedeckten Delikateſſen, woran jene Leute nur die Augen weiden können, müſſen ihren Appetit ſehr ſtark wecken, und wenn die armen* Inſulanerknnen, in ihrer Schwangerſchaft allerlei ſüßgebackene Gelüſte bekommen und am Ende *½ 12 ſogar Kinder zur Welt bringen, die den Bade⸗ gäſten ähnlich ſehen, ſo iſt das leicht zu erklären. Ich will hier durchaus auf kein unſittliches Ver⸗ hältniß anſpielen. Die Tugend der Inſulanerinnen wird durch ihre Häßlichkeit, und gar beſonders durch ihren Fiſchgeruch, der mir wenigſtens un⸗ erträglich war, vor der Hand geſchützt. Ich würde, wenn ihre Kinder mit badegäſtlichen Geſichtern zur Welt kommen, vielmehr ein pſychologiſches Phänomen erkennen und mir ſolches durch jene ma⸗ terialiſtiſch⸗myſtiſchen Geſetze erklären, die Goethe in den Wahlverwandtſchaften ſo ſchön entwickelt. Wie viele räthſelhafte Naturerſcheinungen ſich durch jene Geſetze erklären laſſen, iſt erſtaunlich. Als ich voriges Jahr, durch Seeſturm, nach einer anderen oſtfrieſiſchen Inſel venſchlagen wurde, ſah ich dort in einer Schifferhütte einen ſchlechten Kupferſtich hängen, la tentation qu vieillard über⸗ ſchrieben, und einen Greis darſtellend, der in ſeinen Studien geſtört wird, durch die Erſcheinung * 13 eines Weibes, das bis an die nackten Hüften aus einer Wolke hervortaucht; und ſonderbar! die Tochter des Schiffers hatte daſſelbe lüſterne Mopsgeſicht, wie das Weib auf jenem Bilde. Um ein anderes Beiſpiel zu erwähnen: im Hauſe eines Geldwechslers, deſſen geſchäftführende Frau das Gepräge der Münzen immer am ſorgfältig⸗ ſten betrachtet, fand ich, daß die Kinder in ihren Geſichtern eine erſtaunliche Aehnlichkeit hatten mit den größten Monarchen Europa's, und wenn ſie alle beiſammen waren und mit einander ſtritten, glaubte ich einen kleinen Kongreß zu ſehen. Deshalb iſt das Gepräge der Münzen kein gleichgültiger Gegenſtand für den Politiker. Da die Leute das Geld ſo innig lieben und gewiß liebevoll betrachten, ſo bekommen die Kinder ſehr oft die Züge des Landesfürſten, der darauf ge⸗ prägt iſt, und der arme Fürſt kommt in den Ver⸗ dacht, der Vater ſeiner Unterthanen zu ſeyn. Die Bourbonen haben ihre guten Gründe, die 14 Napoleonsd'or einzuſchmelzen; ſie wollen nicht mehr unter ihren Franzoſen ſo viele Napoleons⸗ köpfe ſehen. Preußen hat es in der Münzpolitik am weiteſten gebracht, man weiß es dort, durch eine verſtändige Beimiſchung von Kupfer, ſo ein⸗ zurichten, daß die Wangen des Königs auf der neuen Scheidemünze gleich roth werden, und ſeit einiger Zeit haben daher die Kinder in Preußen ein weit geſünderes Anſehen, als früherhin, und es iſt ordentlich eine Freude, wenn man ihre blühenden Silbergroſchengeſichtchen betrachtet. Ich habe, indem ich das Sittenverderbniß andeutete, womit die Inſulaner hier bedroht ſind, die geiſtliche Schutzwehr, ihre Kirche, unerwähnt gelaſſen. Wie dieſe eigentlich ausſieht, kann ich nicht genau berichten, da ich noch nicht darin ge⸗ weſen. Gott weiß, daß ich ein guter Chriſt bin, und oft ſogar im Begriff ſtehe, ſein Haus zu be⸗ ſuchen, aber ich werde immer fatalerweiſe daran verhindert, es findet ſich gewöhnlich ein Schwätzer, 8 15 der mich auf dem Wege feſthält, und gelange ich auch einmal bis an die Pforten des Tempels, ſo erfaßt mich unverſehens eine ſpaßhafte Stim⸗ mung, und dann halte ich es für ſündhaft, hin⸗ einzutreten. Vorigen Sonntag begegnete mir etwas der Art, indem mir vor der Kirchthür die Stelle aus Goethe's Fauſt in den Kopf kam, wo dieſer mit dem Mephiſtopheles bei einem Kreuze vorübergeht und ihn fragt: Mephiſto, haſt Du Eil? Was ſchlägſt vor'm Kreuz die Augen nieder? Und worauf Mephiſtopheles antwortet: Ich weiß es wohl, es iſt ein Vorurtheil; Allein es iſt mir mal zuwider. Dieſe Verſe ſind, ſo viel ich weiß, in keiner Ausgabe des Fauſt gedruckt, und bloß der ſelige Hofrath Moriz, der ſie aus Goethe's Manuſeript kannte, theilt ſie mit in ſeinem„Philipp Reiſer,“ einem ſchon verſchollenen Romane, der die 46 Geſchichte des Verfaſſers enthält, oder vielmehr die Geſchichte einiger hundert Thaler, die der Ver⸗ faſſer nicht hatte, und wodurch ſein ganzes Leben eine Reihe von Entbehrungen und Entſagungen wurde, während doch ſeine Wünſche nichts we⸗ niger als unbeſcheiden waren, wie z. B. ſein Wunſch, nach Weimar zu gehen, und bei dem Dichter des Werther Bedienter zu werden, unter welchen Bedingungen es auch ſey, um nur in der Nähe Desjenigen zu leben, der von allen Menſchen auf Erden den ſtärkſten Eindruck auf ſein Gemüth gemacht hatte. Wunderbar! damals ſchon erregte Goethe eine ſolche Begeiſterung, und doch iſt erſt„unſer drittes nachwachſendes Geſchlecht“ im Stande, ſeine wahre Größe zu begreifen. Aber dieſes Geſchlecht hat auch Menſchen her⸗ vorgebracht, in deren Herzen nur faules Waſſer ſintert, und die daher in den Herzen Andrer Springquellen eines friſchen Blutes verſtopfen 4 möchten, Menſchen von erloſchener Genußfähig⸗ keit, die das Leben verläumden, und Andern alle Herrlichkeit dieſer Welt verleiden wollen, indem ſie ſolche als die Lockſpeiſen ſchildern, die der Böſe bloß zu unſerer Verſuchung hingeſtellt habe, gleich⸗ wie eine pfiffige Hausfrau die Zuckerdoſe, mit den gezählten Stückchen Zucker, in ihrer Abweſenheit offen ſtehen läßt, um die Enthaltſamkeit der Magd zu prüfen; und dieſe Menſchen haben einen Tugendpöbel um ſich verſammelt, und predigen ihm das Kreuz gegen den großen Heiden und gegen ſeine nackten Göttergeſtalten, die ſie gern durch ihre vermummten dummen Teufel erſetzen möchten. Das Vermummen iſt ſo recht ihr höchſtes Ziel, das Nacktgöttliche iſt ihnen fatal, und ein Satyr hat immer ſeine guten Gründe, wenn er Hoſen anzieht und darauf dringt, daß auch Apollo Hoſen anziehe. Die Leute nennen ihn dann einen ſittlichen Mann, und wiſſen nicht, daß in dem Clauren⸗Lächeln eines vermummten Satyrs mehr II 2 Anſtößiges liegt, als in der ganzen Nacktheit eines Wolfgang Apollo, und daß juſt in den Zeiten, wo die Menſchheit jene Pluderhoſen trug, wozu ſechzig Ellen Zeug nöthig waren, die Sitten nicht anſtändiger geweſen ſind als jetzt. Aber werden es mir nicht die Damen übel nehmen, daß ich Hoſen, ſtatt Beinkleider, ſage? O, über das Feingefühl der Damen! Am Ende werden nur Eunuchen für ſie ſchreiben dürfen, und ihre Geiſtesdiener im Occident werden ſo harmlos ſein müſſen, wie ihre Leibdiener im Orient. Hier kommt mir ins Gedächtniß eine Stelle aus Bertholds Tagebuch: „Wenn wir es recht überdenken, ſo ſtecken wir doch alle nackt in unſeren Kleidern, ſagte der Doktor M. zu einer Dame, die ihm eine etwas derbe Aeußerung übel aufgenommen hatte.“ Der hannöverſche Adel iſt mit Goethe ſehr un⸗ zufrieden und behauptet: er verbreite Irreligioſität, A— 19 und dieſe könne leicht auch falſche politiſche Anſichten hervorbringen, und das Volk müſſe doch durch den alten Glauben zur alten Beſcheidenheit und Mäßigung zurückgeführt werden. Auch hörte ich in der letzten Zeit viel diskutiren: ob Goethe größer ſey, als Schiller, oder umgekehrt. Ich ſtand neulich hinter dem Stuhle einer Dame, der man ſchon von hinten ihre vier und ſechszig Ahnen anſehen konnte, und hörte über jenes Thema einen eifrigen Diskurs zwiſchen ihr und zwei han⸗ növriſchen Nobilis, deren Ahnen ſchon auf dem Zodiakus von Dendera abgebildet ſind, und wovon der Eine, ein langmagerer, queckſilber⸗ gefüllter Jüngling, der wie ein Barometer ausſah, die Schillerſche Tugend und Reinheit pries, wäh⸗ rend der Andere, ebenfalls ein langaufgeſchoſſener Jüngling, einige Verſe aus der„Würde der Frauen“ hinlispelte und dabei ſo ſüß lächelte, wie ein Eſel, der den Kopf in ein Syrupfaß geſteckt hatte und ſich wohlgefällig die Schnautze ableckt. 2 20 —ã—— Beide Jünglinge verſtärkten ihre Behauptungen beſtändig mit dem betheuernden Refrain:„Er iſt doch größer, Er iſt wirklich größer, wahrhaftig, Er iſt größer, ich verſichere Sie auf Ehre, Er iſt größer.“ Die Dame war ſo gütig, auch mich in dieſes äſthetiſche Geſpräch zu ziehen, und fragte:„Doktor, was halten Sie von Goethe?“ Ich aber legte meine Arme kreuzweis auf die Bruſt, beugte gläubig das Haupt, und ſprach: „La illah ill allah, wamohammed raſul allah! Die Dame hatte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, die allerſchlaueſte Frage gethan. Man kann ja einen Mann nicht gradezu fragen: was denkſt du von Himmel und Erde? was ſind deine An⸗ ſichten über Menſchen und Menſchenleben? biſt du ein vernünftiges Geſchöpf oder ein dummer Teufel? Dieſe delikaten Fragen liegen aber alle in den unverfänglichen Worten: Was halten Sie von Goethe? Denn, indem uns Allen Goethe's Werke vor Augen liegen, ſo können wir das Urtheil, das Jemand darüber fället, mit dem unſrigen ſchnell vergleichen, wir bekommen dadurch einen feſten Maaßſtab, womit wir gleich alle ſeine Ge⸗ danken und Gefühle meſſen können, und er hat unbewußt ſein eignes Urtheil geſprochen. Wie aber Goethe, auf dieſe Weiſe, weil er eine gemein⸗ ſchaftliche Welt iſt, die der Betrachtung eines jeden offen liegt, uns das beſte Mittel wird, um die Leute kennen zu lernen, ſo können wir wiederum Goethe ſelbſt am beſten kennen lernen, durch ſein eignes Urtheil über Gegenſtände, die uns allen vor Augen liegen, und worüber uns ſchon die⸗ bedeutendſten Menſchen ihre Anſicht mitgetheilt haben. In dieſer Hinſicht möchte ich am liebſten auf Goethe's italieniſche Reiſe hindeuten, indem wir alle entweder durch eigne Betrachtung oder durch fremde Vermittelung, das Land Italien kennen, und dabei ſo leicht bemerken, wie jeder daſſelbe mit ſubjektiven Augen anſieht, dieſer mit Archenhölzern unmuthigen Augen, die nur das 22 Schlimme ſehen, jener mit begeiſterten Corinna⸗ augen, die überall nur das Herrliche ſehen, wäh⸗ rend Goethe mit ſeinem klaren Griechenauge, Alles ſieht, das Dunkle und das Helle, nirgends die Dinge mit ſeiner Gemüthsſtimmung kolorirt, und uns Land und Menſchen ſchildert, in den wahren Umriſſen und wahren Farben, womit ſie Gott umkleidet. Das iſt ein Verdienſt Goethe's, das erſt ſpä⸗ tere Zeiten erkennen werden; denn wir, die wir meiſt alle krank ſind, ſtecken viel zu ſehr in unſe⸗ ren kranken, zerriſſenen, romantiſchen Gefühlen, die wir aus allen Ländern und Zeitaltern zu⸗ ſammengeleſen, als daß wir unmittelbar ſehen könnten, wie geſund, einheitlich und plaſtiſch ſich Goethe in ſeinen Werken zeigt. Er ſelbſt merkt es eben ſo wenig; in ſeiner naiven Unbewußtheit des eignen Vermögens wundert er ſich, wenn man ihm„ein gegenſtändliches Denken“ zuſchreibt, und indem er durch ſeine Selbſtbiographie uns 23 ſelbſt eine kritiſche Beihülfe zum Beurtheilen ſeiner Werke geben will, liefert er doch keinen Maaßſtab der Beurtheilung an und für ſich, ſondern nur neue Fakta, woraus man ihn be⸗ urtheilen kann, wie es ja natürlich iſt, daß kein Vogel über ſich ſelbſt hinauszufliegen vermag. Spätere Zeiten werden, außer jenem Ver⸗ mögen des plaſtiſchen Anſchauens, Fühlens und Denkens, noch vieles in Goethe entdecken, wovon wir jetzt keine Ahnung haben. Die Werke des Geiſtes ſind ewig feſtſtehend, aber die Kritik iſt etwas wandelbares, ſie geht hervor aus den An⸗ ſichten der Zeit, hat nur für dieſe ihre Bedeutung, und wenn ſie nicht ſelbſt kunſtwerthlicher Art iſt, wie z. B. die Schlegelſche, ſo geht ſie mit ihrer Zeit zu Grabe. Jedes Zeitalter, wenn es neue Ideen bekömmt, bekömmt auch neue Augen, und ſieht gar viel Neues in den alten Geiſteswerken. Ein Schubarth ſieht jetzt in der Ilias etwas anderes und viel mehr, als ſämmtliche 24 Alexandriner; dagegen werden einſt Kritiker kommen, die viel mehr als Schubarth in Goethe ſehen. So hätte ich mich dennoch an Goethe feſt⸗ geſchwatzt! Aber ſolche Abſchweifungen ſind ſehr natürlich, wenn einem, wie auf dieſer Inſel, beſtändig das Meergeräuſch in die Ohren dröhnt und den Geiſt nach Belieben ſtimmt. Es geht ein ſtarker Nordoſtwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den Sturm zu beſchwören wiſſen; wie es denn überhaupt auf allen nordiſchen Meeren viel Aberglauben giebt. Die Seeleute behaupten, manche Inſel ſtehe unter der geheimen Herrſchaft ganz beſonderer Hexen, und dem böſen Willen derſelben ſei es zuzuſchreiben, wenn den vorbei⸗ fahrenden Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten be⸗ gegnen. Als ich voriges Jahr einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unſeres 25 Schiffes: die Hexen wären beſonders mächtig auf Wight, und ſuchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur Nachtzeit aufzu⸗ halten, um es alsdann an Klippen oder an die Inſel ſelbſt zu treiben. In ſolchen Fällen höre man dieſe Hexen ſo laut durch die Luft ſauſen und um das Schiff herumheulen, daß der Klaboter⸗ mann ihnen nur mit vieler Mühe widerſtehen könne. Als ich nun fragte: wer der Klaboter⸗ mann ſei? antwortete der Erzähler ſehr ernſthaft: Das iſt der gute, unſichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß den treuen und or⸗ dentlichen Schiffern Unglück begegne, der da über⸗ all ſelbſt nachſieht, und ſowohl für die Ordnung, wie für die gute Fahrt ſorgt. Der wackere Steuer⸗ mann verſicherte mit etwas heimlicherer Stimme: ich könne ihn ſelber ſehr gut im Schiffsraume hören, wo er die Waaren gern noch beſſer nach⸗ ſtaue, daher das Knarren der Fäſſer und Kiſten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das 2* 0 26 Dröhnen unferer Balken und Bretter; oft häm⸗ mere der Klabotermann auch außen am Schiffe, und das gelte dann dem Zimmermann, der da⸗ durch gemahnt werde, eine ſchadhafte Stelle un⸗ geſäumt auszubeſſern; am liebſten aber ſetze er ſich auf das Bramſegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder ſich nahe. Auf meine Frage: ob man ihn nicht ſehen könne? erhielt ich zur Antwort: Nein, man ſähe ihn nicht, auch wünſche keiner ihn zu ſehen, da er ſich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden ſei. Einen ſolchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht ſelbſt erlebt, aber von Andern wollte er wiſſen: den Klabotermann höre man alsdann vom Bramſegel herab mit den Geiſtern ſprechen, die ihm unterthan ſind; doch wenn der Sturm zu ſtark und das Scheitern unvermeidlich würde, ſetze er ſich auf das Steuer, zeige ſich da zum erſten Mal und verſchwinde, indem er das Steuer zer⸗ bräche— diejenigen aber, die ihn in dieſem 27 furchtbaren Augenblick ſähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den Wellen. Der Schiffscapitain, der dieſer Erzählung mit zugehört hatte, lächelte ſo fein, wie ich ſei⸗ nem rauhen, Wind⸗ und Wetterdienenden Ge⸗ ſichte nicht zugetraut hätte, und nachher ver⸗ ſicherte er mir: vor funfzig und gar vor hun⸗ dert Jahren ſei auf dem Meere der Glaube an den Klabotermann ſo ſtark geweſen, daß man bei Tiſche immer auch ein Gedeck für denſelben aufgelegt, und von jeder Speiſe, etwa das Beſte, auf ſeinen Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geſchähe das noch jetzt.— Ich gehe hier oft am Strande ſpazieren und gedenke ſolcher ſeemänniſchen Wunderſagen. Die anziehendſte derſelben iſt wohl die Geſchichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgeſpannten Segeln verbeifahren ſieht, und der zuweilen ein Boot ausſetzt, um den begegnenden Schiffern allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht zu beſorgen weiß, da ſie an längſt verſtorbene Perſonen adreſſixt ſind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Mährchens von dem Fiſcherknaben, der am Strande den nächt⸗ lichen Reigen der Meernixen belauſcht hatte, und nachher mit ſeiner Geige die ganze Welt durchzog und alle Menſchen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie des Nixenwalzers vorſpielte. Diee Sage erzählte mir einſt ein lieber Freund, g als wir, im Conzerte zu Berlin, ſolch einen wundermüchtigen Knaben, den Felix Mendels⸗ ſohn⸗Bartholdi, ſpielen hörten. Einen eigenthümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Inſel. Das Wetter muß aber ſchön ſeyn, die Wolken müſſen ſich ungewöhnlich geſtalten, und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen, und in den Himmel ſehen, und allen⸗ falls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen murmeln alsdann allerlei wunder⸗ liches Zeug, allerlei Worte, woran liebe Erinne⸗ 29 rungen flattern, allerlei Namen, die, wie ſüße Ahnung in die Seele wiederklingen—„Evelina!“ Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt, als ob man ſich alle Tage wieder⸗ ſehen könnte. Nur des Nachts hat das Begeg⸗ nen fremder Schiffe auf dem Meer etwas Un⸗ heimliches; man will ſich dann einbilden, die beſten Freunde, die wir ſeit Jahren nicht ge⸗ ſehen, führen ſchweigend vorbei, und man ver⸗ löre ſie auf immer. Ich liebe das Meer, wie meine Seele. Oft wird mir ſogar zu Muthe, als ſei das Meer eigentlich meine Seele ſelbſt; und wie es im Meere verborgene Waſſerpflanzen giebt, die nur im Augenblick des Aufblühens an deſſen Oberfläche heraufſchwimmen, und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen; ſo kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder herauf⸗ geſchwommen aus der Tiefe meiner Seele, und 30 duften und leuchten und verſchwinden wieder— „Evelina!“ Man ſagt, unfern dieſer Inſel, wo jetzt nichts als Waſſer iſt, hätten einſt die ſchönſten Dörfer und Städte geſtanden, das Meer habe ſie plötzlich alle überſchwemmt, und bei klarem Wetter ſähen die Schiffer noch die leuchtenden Spitzen der verſunkenen Kirchthürme, und mancher habe dort in der Sonntagsfrühe, ſogar ein frommes Glockengeläute gehört. Die Geſchichte iſt wahr; denn das Meer iſt meine Seele— „Eine ſchöne Welt iſt da verſunken, Ihre Trümmer blieben unten ſtehn, Laſſen ſich als goldne Himmelsfunken Oft im Spiegel meiner Träume ſehn.“ (W. Müller.) Erwachend höre ich dann ein verhallendes Glocken⸗ geläute und Geſang heiliger Stimmen— „Evelina!“ Geht man am Strande ſpazieren, ſo gewähren 31 die vorbeifahrenden Schiffe einen ſchönen An⸗ blick. Haben ſie die blendend weißen Segel aufgeſpannt, ſo ſehen ſie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar beſonders ſchön iſt dieſer Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbei⸗ ſegelnden Schiffe untergeht, und dieſes, wie von einer rieſigen Glorie, umſtrahlt wird. Die Jagd am Strande ſoll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren. Was mich betrifft, ſo weiß ich es nicht ſonderlich zu ſchätzen. Der. Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt ſich oft durch Erziehung den Menſchen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn die Ahnen, ſchon ſeit undenklichen Zeiten, Rehböcke geſchoſſen haben, ſo findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieſer legitimen Beſchäftigung. Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagen⸗ den, viel eher zu den Gejagten, und ſoll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Colle⸗ gen losdrücken, ſo empört ſich dawider mein 32 Blut. Ja, aus Erfahrung weiß ich, daß, nach abgeſteckter Menſur, es mir weit leichter wird, auf einen Jäger loszudrücken, der die Zeiten zu⸗ rückwünſcht, wo auch Menſchen zur hohen Jagd gehörten. Gottlob, dieſe Zeiten ſind vorüber! Gelüſtet es jetzt ſolche Jäger, wieder einen Men⸗ ſchen zu jagen, ſo müſſen ſie ihn dafür bezahlen, wie z. B. den Schnelläufer, den ich vor zwei Jahren in Göttingen ſah. Der arme Menſch hatte ſich ſchon in der ſchwülen Sonntagshitze ziemlich müde gelaufen, als einige hannövriſche Junker, die dort Humaniora ſtudierten, ihm ein paar Thaler boten, wenn er den zurückgelegten Weg nochmals laufen wolle; und der Menſch lief, und er war todtblaß und trug eine rothe Jacke, und dicht hinter ihm, im wirbelnden Staube galoppirten die wohlgenährten, edlen Jünglinge auf hohen Roſſen, deren Hufen zuweilen den gehetzten, keuchenden Menſchen trafen, und es war ein Menſch. 33 Des Verſuchs halber, denn ich muß mein Blut beſſer gewöhnen, ging ich geſtern auf die Jagd. Ich ſchoß nach einigen Möven, die gar zu ſicher umherflatterten, und doch nicht beſtimmt wiſſen konnten, daß ich ſchlecht ſchieße. Ich wollte ſie nicht treffen und ſie nur warnen, ſich ein ander⸗ mal vor Leuten mit Flinten in Acht zu nehmen: aber mein Schuß ging fehl, und ich hatte das uUnglück eine junge Möve todt zu ſchießen. Es iſt gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den armen, kleinen Mövchen ge⸗ worden, die noch unbefiedert, im Sandneſte der großen Dühne liegen, und ohne die Mutter ver⸗ hungern müßten. Mir ahndete ſchon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeſchick treffen würde; ein Haſe war mir über den Weg gelaufen. Gar beſonders wunderbar wird mir zu Muthe, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle,— hinter mir flache Dühnen, vor mir das wogende, unermeßliche Meer, über II. 3 — mir der Himmel wie eine rieſige Kryſtallkuppel— ich erſcheine mir dann ſelbſt ſehr ameiſenklein, und dennoch dehnt ſich meine Seele ſo weltenweit. Die hohe Einfachheit der Natur, wie ſie mich hier umgiebt, zähmt und erhebt mich zu gleicher Zeit, und zwar in ſtärkerem Grade als jemals eine andere erhabene Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten Titanengebet ſtrebte immer höher als die gothiſchen Pfeiler, und wollte immer hinaus⸗ brechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roß⸗ trappe haben mir, beim erſten Anblick, die koloſſalen Felſen, in ihren kühnen Gruppirungen, ziemlich imponirt; aber dieſer Eindruck dauerte nicht lange, meine Seele war nur überraſcht, nicht überwältigt, und jene ungeheure Steinmaſſen wur⸗ den in meinen Augen allmählig kleiner, und am Ende erſchienen ſie mir nur wie geringe Trümmer eines zerſchlagenen Rieſenpalaſtes, worin ſich meine Seele vielleicht comfortabel befunden hätte. 35 —— Mag es immerhin lächerlich klingen, ich kann es dennoch nicht verhehlen, das Mißverhältniß zwiſchen Körper und Seele quält mich einiger⸗ maaßen, und hier am Meere, in großartiger Natur⸗ umgebung, wird es mir zuweilen recht deutlich, und die Metempſychoſe iſt oft der Gegenſtand meines Nachdenkens. Wer kennt die große Gottes⸗ ironie, die allerlei Widerſprüche zwiſchen Seele und Körper hervorzubringen pflegt. Wer kann wiſſen, in welchem Schneider jetzt die Seele eines Platos, und in welchem Schulmeiſter die Seele eines Cäſars wohnt! Wer weiß, ob die Seele Gregors VII. nicht in dem Leibe des Großtürken ſitzt, und ſich unter tauſend hätſchelnden Weiber⸗ händchen behaglicher fühlt, als einſt in ihrer pur⸗ purnen Cölibatskutte. Hingegen wie viele Seelen treuer Moslemim aus Aly's Zeiten mögen ſich jetzt in unſeren antihelleniſchen Cabinettern be⸗ finden! Die Seelen der beiden Schächer, die zur Seite des Heilands gekreuzigt worden, ſitzen 3* 36 vielleicht jetzt in dicken Conſiſtorialbäuchen und glühen für den orthodoxen Lehrbegriff. Die Seele Dſchingischans wohnt vielleicht jetzt in einem Rezenſenten, der täglich, ohne es zu wiſſen, die Seelen ſeiner treueſten Baſchkiren und Kalmucken in einem kritiſchen Journale niederſäbelt. Wer weiß! wer weiß! die Seele des Pythagoras iſt vielleicht in einen armen Candidaten gefahren, der durch das Examen fällt, weil er den pytha⸗ goräiſchen Lehrſatz nicht beweiſen konnte, während in ſeinen Herren Examinatoren die Seelen jener Ochſen wohnen, die einſt Pythagoras, aus Freude über die Entdeckung ſeines Satzes, den ewigen Göttern geopfert hatte. Die Hindus ſind ſo dumm nicht, wie unſere Miſſionäre glauben, ſie ehren die Thiere wegen der menſchlichen Seele, die ſie in ihnen vermuthen, und wenn ſie Laza⸗ rethe für invalide Affen ſtiften, in der Art un⸗ ſerer Akademien, ſo kann es wohl möglich ſeyn, daß in jenen Affen die Seelen großer 37 Gelehrten wohnen, da es hingegen bei uns ganz ſichtbar iſt, daß in einigen großen Gelehrten nur Affenſeelen ſtecken. Wer doch mit der Allwiſſenheit des Vergan⸗ genen auf das Treiben der Menſchen von oben herabſehen könnte! Wenn ich des Nachts am Meere wandelnd, den Wellengeſang höre, und allerlei Ahnung und Erinnerung in mir erwacht, ſo iſt mir, als habe ich einſt ſolchermaaßen von oben herab geſehen und ſei vor ſchwindelndem Schrecken zur Erde heruntergefallen; es iſt mir dann auch, als ſeien meine Augen ſo teleſkopiſch ſcharf geweſen, daß ich die Sterne in Lebensgröße am Himmel wandeln geſehen, und durch all den wirbelnden Glanz geblendet worden;— wie aus der Tiefe eines Jahrtauſends kommen mir dann allerlei Gedanken in den Sinn, Gedanken uralter Weisheit, aber ſie ſind ſo neblicht, daß ich nicht erkenne, was ſie wollen. Nur ſo viel weiß ich, daß all unſer kluges Wiſſen, Streben und Hervor⸗ 38 bringen irgend einem höheren Geiſte eben ſo klein und nichtig erſcheinen muß, wie mir jene Spinne erſchien, die ich in der göttinger Bibliothek ſo oft betrachtete. Auf den Folianten der Welt⸗ geſchichte ſaß ſie emſig webend, und ſie blickte ſo philoſophiſch ſicher auf ihre Umgebung, und hatte ganz den göttingiſchen Gelahrtheitsdünkel, und ſchien ſtolz zu ſeyn auf ihre mathematiſchen Kenntniſſe, auf ihre Kunſtleiſtungen, auf ihr einſames Nachdenken— und doch wußte ſie nichts von all den Wundern, die in dem Buche ſtehen, worauf ſie geboren worden, worauf ſie ihr ganzes Leben verbracht hatte, und worauf ſie auch ſterben wird, wenn der ſchleichende Dr. L. ſie nicht verjagt. Und wer iſt der ſchleichende Dr. L.? Seine Seele wohnte vielleicht einſt in eben einer ſolchen Spinne, und jetzt hütet er die Folianten, worauf er einſt ſaß— und wenn er ſie auch lieſ't, er erfährt doch nicht ihren wahren Inhalt. 39 Was mag auf dem Boden einſt geſchehen ſeyn, wo ich jetzt wandle? Ein Conrector, der hier badete, wollte behaupten, hier ſey einſt der Dienſt der Hertha, oder beſſer geſagt, Forſete, begangen worden, wovon Tacitus ſo geheimniß⸗ voll ſpricht. Wenn nur die Berichterſetter, denen Tacitus nacherzählt, ſich nicht geirrt, und eine Badekutſche für den heiligen Wagen der Göttin angeſehen haben. Im Jahre 1819, als ich zu Bonn, in einem und demſelben Semeſter vier Collegien hörte, worin meiſtens deutſche Antiquitäten aus der blaueſten Zeit tractirt wurden, nämlich 1⁰ Ge⸗ ſchichte der deutſchen Sprache bei Schlegel, der faſt drei Monat lang die barockſten Hypotheſen über die Abſtammung der Deutſchen entwickelte, 20 die Germania des Tacitus bei Arndt, der in den altdeutſchen Wäldern jene Tugenden ſuchte, die er in den Salons der Gegenwart vermißte, 30 germaniſches Staatsrecht bei Hüllmann, deſſen 40 hiſtoriſche Anſichten noch am wenigſten vague ſind, und 40 deutſche Urgeſchichte bei Radloff, der am Ende des Semeſters noch nicht weiter gekommen war, als bis zur Zeit des Seſoſtris— damals möchte wohl die Sage von der alten Hertha mich mehr intereſſirt haben, als jetzt. Ich ließ ſie durchaus nicht auf Rügen reſidiren, und verſetzte ſie vielmehr nach einer oſtfrieſiſchen Inſel. Ein junger Gelehrter hat gern ſeine Privat⸗ hypotheſe. Aber auf keinen Fall hätte ich damals geglaubt, daß ich einſt am Strande der Nordſee wandeln würde, ohne an die alte Göttin mit patriotiſcher Begeiſterung zu denken. Es iſt wirklich nicht der Fall, und ich denke hier an ganz andere, jüngere Göttinnen. Abſonderlich wenn ich am Strande über die ſchaurige Stelle wandle, wo noch jüngſt die ſchönſten Frauen, gleich Nixen geſchwommen. Denn weder Herren noch Damen baden hier unter einem Schirm, ſondern ſpazieren in die freie See. Deshalb ſind auch —— 41 die Badeſtellen beider Geſchlechter von einander geſchieden, doch nicht allzuweit, und wer ein gutes Glas führt, kann überall in der Welt viel ſehen. Es geht die Sage, ein neuer Aktäon habe auf ſolche Weiſe eine badende Diana er⸗ blickt, und Wunderbar! nicht er, ſondern der Ge⸗ mahl der Schönen, habe dadurch Hörner er⸗ worben. Die Badekutſchen, die Droſchken der Nord⸗ ſee, werden hier nur bis an's Waſſer geſchoben, und beſtehen meiſtens aus viereckigen Holzgeſtellen mit ſteifem Leinen überzogen. Jetzt, für die Winterzeit, ſtehen ſie im Converſationsſaale, und führen dort gewiß eben ſo hölzerne und ſteif⸗ leinene Geſpräche, wie die vornehme Welt, die noch unlängſt dort verkehrte. Wenn ich aber ſage, die vornehme Welt, ſo verſtehe ich nicht darunter die guten Bürger Oſtfrieslands, ein Volk, das flach und nüchtern iſt, wie der Boden, den es bewohnt, das weder 42 ſingen noch pfeifen kann, aber dennoch ein Talent beſitzt, das beſſer iſt als alle Triller und Schnurrpfeifereien, ein Talent, das den Menſchen adelt, und über jene windige Dienſtſeelen erhebt, die allein edel zu ſeyn wähnen, ich meine das Talent der Freiheit. Schlägt das Herz für Freiheit, ſo iſt ein ſolcher Schlag des Herzens eben ſo gut, wie ein Ritterſchlag, und das wiſſen die freien Frieſen, und ſie verdienen ihr Volksepitheton; die Häuptlingsperiode abgerechnet, war die Ariſtokratie in Oſtfriesland niemals vor⸗ herrſchend, nur ſehr wenige adeliche Familien haben dort gewohnt, und der Einfluß des hannövriſchen Adels, durch Verwaltungs⸗ und Militärſtand, wie er ſich jetzt über das Land hinzieht, betrübt manches freie Frieſenherz, und überall zeigt ſich die Vorliebe für die ehemalige 9 reußiſche Regierung.] 2ef. 1.— V.= Was aber die allgemeinen deutſchen Klagen über hannövriſchen Adelſtolz betrifft, ſo kann ich 43 nicht unbedingt einſtimmen. Das hannövriſche Offiziercorps giebt am wenigſten Anlaß zu ſolchen Klagen. Freilich, wie in Madagaskar nur Adlige das Recht haben, Metzger zu werden, ſo hatte früherhin der hannövriſche Adel ein analoges Vor⸗ recht, da nur Adlige zum Offtzierrange gelangen konnten. Seitdem ſich aber in der deutſchen Legion ſo viele Bürgerliche ausgezeichnet, und zu Offizierſtellen emporgeſchwungen, hat auch jenes üble Gewohnheitsrecht nachgelaſſen. Ja, das ganze Corps der deutſchen Legion hat viel bei⸗ getragen zur Milderung aller Vorurtheile, dieſe Leute ſind weit herum in der Welt geweſen, und in der Welt ſieht man viel, beſonders in England, und ſie haben viel gelernt, und es iſt eine Freude ihnen zuzuhören, wenn ſie von Portugal, Spa⸗ nien, Sizilien, den joniſchen Inſeln, Irland und anderen weiten Ländern ſprechen, wo ſie ge⸗ fochten, und„Vieler Menſchen Städte geſehen und Sitten gelernet,“ ſo daß man glaubt, eine 44 Odyſſee zu hören, die leider keinen Homer finden wird. Auch iſt unter den Offizieren dieſes Corps viel freiſinnige, engliſche Sitte geblieben, die mit dem altherkömmlichen hannövriſchen Brauch ſtärker contraſtirt, als wir es im übrigen Deutſchland glauben wollen, da wir gewöhnlich dem Beiſpiele Englands viel Einwirkung auf Hannover zuſchreiben. In dieſem Lande Han⸗ nover ſieht man nichts als Stammbäume, woran Pferde gebunden ſind, und vor lauter Bäumen bleibt das Land obscur, und trotz allen Pferden kömmt es nicht weiter. Nein, durch dieſen han⸗ növriſchen Adelswald drang niemals ein Sonnen⸗ ſtrahl britiſcher Freiheit, und kein britiſcher Freiheitston konnte jemals vernehmbar werden im wiehernden Lärm hannövriſcher Roſſe. Die allgemeine Klage über hannövriſchen Adelſtolz trifft wohl zumeiſt die liebe Jugend ge⸗ wiſſer Familien, die das Land Hannover regieren oder mittelbar zu regieren glauben. Aber auch 45 die edlen Jünglinge würden bald jene Fehler der Art, oder, beſſer geſagt, jene Unart ablegen, wenn ſie ebenfalls etwas in der Welt herumgedrängt würden, oder eine beſſere Erziehung genöſſen. Man ſchickt ſie freilich nach Göttingen, doch da hocken ſie beiſammen, und ſprechen nur von ihren Hunden, Pferden und Ahnen, und hören wenig neuere Geſchichte, und wenn ſie auch wirklich einmal dergleichen hören, ſo ſind doch unterdeſſen ihre Sinne befangen durch den Anblick des Grafen⸗ tiſches, der, ein Wahrzeichen Göttingens, nur für hochgeborene Studenten beſtimmt iſt. Wahr⸗ lich, durch eine beſſere Erziehung des jungen han⸗ növriſchen Adels ließe ſich vielen Klagen vorbauen. Aber die Jungen werden wie die Alten. Der⸗ ſelbe Wahn: als wären ſie die Blumen der Welt, während wir Anderen bloß das Gras ſind; die⸗ ſelbe Thorheit: mit dem Verdienſte der Ahnen den eigenen Unwerth bedecken zu wollen; dieſelbe Un⸗ wiſſenheit über das Problematiſche dieſer Ver⸗ 46 dienſte, indem die Wenigſten bedenken, daß die Fürſten ſelten ihre treueſten und tugendhafteſten Diener, aber ſehr oft den Kuppler, den Schmeichler und dergleichen Lieblingsſchufte mit adelnder Huld beehrt haben. Die Wenigſten jener Ahnen⸗ ſtolzen können beſtimmt angeben, was ihre Ahnen gethan haben, und ſie zeigen nur, daß ihr Name in Rürners Turnierbuch erwähnt ſei;— ja, können ſie auch nachweiſen, daß dieſe Ahnen etwa als Kreuzritter bei der Eroberung Jeruſalems zu⸗ gegen waren, ſo ſollten ſie, ehe ſie ſich etwas darauf zu Gute thun, auch beweiſen, daß jene Ritter ehrlich mitgefochten haben, daß ihre Eiſen⸗ hoſen nicht mit gelber Furcht wattirt worden, und daß unter ihrem rothen Kreuze das Herz eines honetten Mannes geſeſſen. Gäbe es keine Ilias, ſondern bloß ein Namensverzeichniß der Helden, die vor Troja geſtanden, und ihre Namen exi⸗ ſtirten noch jetzt— wie würde ſich der Ahnen⸗ ſtolz Derer von Therſites zu blähen wiſſen! 47 Von der Reinheit des Blutes will ich gar nicht einmal ſprechen; Philoſophen und Stallknechte haben darüber gar ſeltene Gedanken. Mein Tadel, wie geſagt, treffe zumeiſt die ſchlechte Erziehung des hannövriſchen Adels und deſſen früh eingeprägten Wahn von der Wichtig⸗ keit einiger andreſſirten Formen. O! wie oft habe ich lachen müſſen, wenn ich bemerkte, wie viel man ſich auf dieſe Formen zu Gute that;— als ſei es ſogar überaus ſchwer zu erlernen dieſes Repräſentiren, dieſes Präſentiren, dieſes Lächeln ohne Etwas zu ſagen, dieſes Sagen ohne Etwas zu denken, und all dieſe adligen Künſte, die der gute Bürgersmann als Meerwunder angafft, und die doch jeder franzöſtſche Tanzmeiſter beſſer inne hat, als der deutſche Edelmann, dem ſie in der bärenleckenden Lutetia mühſam eingeübt worden, und der ſie zu Hauſe wieder, mit deutſcher Gründ⸗ lichkeit und Schwerfälligkeit, ſeinen Descendenten überliefert. Dies erinnert mich an die Fabel von 48 dem Bären, der auf Märkten tanzte, ſeinem füh⸗ renden Lehrer entlief, zu ſeinen Mitbären in den Wald zurückkehrte, und ihnen vorprahlte: wie das Tanzen eine ſo gar ſchwere Kunſt ſei, und wie weit er es darin gebracht habe,— und in der That, den Proben, die er von ſeiner Kunſt ab⸗ legte, konnten die armen Beſtien ihre Bewun⸗ derung nicht verſagen. Jene Nazion, wie ſie Werther nennt, bildete die vornehme Welt, die hier dieſes Jahr zu Waſſer und zu Lande ge⸗ glänzt hat, und es waren lauter liebe, liebe Leute, und ſie haben alle gut geſpielt. Auch fürſtliche Perſonen gab es hier, und ich muß geſtehen, daß dieſe in ihren Anſprüchen beſcheidener waren, als die geringere Nobleſſe. Ob aber dieſe Beſcheidenheit in den Herzen dieſer hohen Perſonen liegt, oder ob ſie durch ihre äußere Stellung hervorgebracht wird, das will ich unentſchieden laſſen. Ich ſage dieſes nur in Be⸗ ziehung auf deutſche mediatiſirte Fürſten. Dieſen 5 8 49 Leuten iſt in der letzten Zeit ein großes Unrecht geſchehen, indem man ſie einer Souverainität be⸗ raubte, wozu ſie ein eben ſo gutes Recht haben, wie die größeren Fürſten, wenn man nicht etwa annehmen will, daß dasjenige, was ſich nicht durch eigene Kraft erhalten kann, auch kein Recht hat, zu exiſtiren. Für das vielzerſplitterte Deutſchland war es aber eine Wohlthat, daß dieſe Anzahl von Sedezdespötchen ihr Regieren einſtellen mußten. Es 2 kLhrerlih, wen mme bedenkt, wie viele Wenn dieſe Mediatiſirten auch nicht mehr Das, Zepter führen, ſo führen ſie doch noch immer Löffel, Meſſer und Gabel, und ſie eſſen keinen Hafer, und auch der Hafer wäre theuer genug. Ich denke daß wir einmal durch Amerika etwas von dieſer Fürſtenlaſt erleichtert werden. Denn früh oder ſpät werden ſich doch die Präſidenten dortiger Freiſtaaten in Souveraine verwandeln, lund dann fehlt es dieſen Herren an Gemahlinnen, die ſchon II. 44 A7. Tfdze a‿of!/ 50 einen legitimen Anſtrich haben, ſie ſind dann froh, wenn wir ihnen unſere Prinzeſſinnen überlaſſen, und wenn ſie ſechs nehmen, geben wir ihnen die ſtebente gratis, und auch unſre Prinzchen können ſie ſpäterhin bei ihren Töchtern employiren;— daher haben die mediatiſirten Fürſten ſehr politiſch gehandelt, als ſie ſich wenigſtens das Gleichbürtig⸗ keitsrecht erhielten, und ihre Stammbäume eben ſo hoch ſchätzten, wie die Araber die Stammbäume ihrer Pferde, und zwar aus derſelben Abſicht, indem ſie wohl wiſſen, daß Deutſchland von jeher das große Fürſtengeſtüte war, das alle regierenden Nachbarhäuſer mit den nöthigen Mutterpferden 4 und Beſchälern verſehen muß. In allen Bädern iſt es ein altes Gewohn⸗ heitsrecht, daß die abgegangenen Gäſte von den zurückgebliebenen etwas ſtark kritiſirt werden, und da ich der letzte bin, der noch hier weilt, ſo durfte ich wohl jenes Recht im vollen Maaße ausüben. Es iſt aber jetzt ſo öde auf der Inſel, daß ich 51 mir vorkomme, wie Napoleon auf Sanct Helena. Nur daß ich hier eine Unterhaltung gefunden, die jenem dort fehlte. Es iſt nämlich der große Kaiſer ſelbſt, womit ich mich hier beſchäftige. Ein junger Engländer hat mir das eben erſchienene Buch des Maitland mitgetheilt. Dieſer Seemann berichtet die Art und Weiſe, wie Napoleon ſich ihm ergab und auf dem Bellerophon ſich betrug, bis er, auf Befehl des engliſchen Miniſteriums, an Bord des Northumberland gebracht wurde. Aus dieſem Buche ergiebt ſich ſonnenklar, daß der Kaiſer, in romantiſchem Vertrauen auf britiſche Großmuth, und um der Welt endlich Ruhe zu ſchaffen, zu den Engländern ging, mehr als Gaſt, denn als Gefangener. Das war ein Fehler, den gewiß kein Anderer, und am allerwenigſten ein Wellington begangen hätte. Die Geſchichte aber wird ſagen, dieſer Fehler iſt ſo ſchön, ſo erhaben, ſo herrlich, daß dazu mehr Seelengröße gehörte, 4* 52 als wir Anderen zu Allen unſeren Großthaten erſchwingen können. Die Urſache, weshalb Capt. Maitland jetzt ſein Buch herausgiebt, ſcheint keine andere zu ſeyn, als das moraliſche Reinigungsbedürfniß, daß jeder ehrliche Mann fühlt, den ein böſes Geſchick in eine zweideutige Handlung verflochten hat. Das Buch ſelbſt iſt aber ein unſchätzbarer Gewinn für die Gefangenſchaftsgeſchichte Napoleons, die den letzten Act ſeines Lebens bildet, alle Räthſel der früheren Acte wunderbar löſt, und wie es eine ächte Tragödie thun ſoll, die Gemüther erſchüttert, reinigt und verſöhnt. Den Charakterunterſchied der vier Hauptſchriftſteller, die uns von dieſer Gefangenſchaft berichten, beſonders wie er ſich in Styl und Anſchauungsweiſe bekundet, zeigt ſich erſt recht durch ihre Zuſammenſtellung. Maitland, der ſturmkalte, engliſche Seemann, verzeichnet die Begebenheiten vorurtheilslos und beſtimmt, als wären es Naturerſcheinungen, die er . 8 in ſein Loogbook einträgt; Las Caſes, ein enthu⸗ ſiaſtiſcher Kammerherr, liegt in jeder Zeile, die er ſchreibt, zu den Füßen des Kaiſers, nicht wie ein ruſſiſcher Sclave, ſondern wie ein freier Franzoſe, dem die Bewunderung einer unerhörten Helden⸗ größe und Ruhmeswürde unwillkührlich die Kniee beugt; O'Meara, der Arzt, obgleich in Irland geboren, dennoch ganz Engländer, als ſolcher ein ehemaliger Feind des Kaiſers, aber jetzt aner⸗ kennend die Majeſtätsrechte des Unglücks, ſchreibt freimüthig, ſchmucklos, thatbeſtändlich, faſt im Lapidarſtyl, hingegen kein Styl, ſondern ein Stilet iſt die ſpitzige zuſtoßende Schreibart des franzöſiſchen Arztes, Autommarchie, eines Ita⸗ lieners, der ganz beſonnentrunken iſt von dem Ingrimm und der Poeſie ſeines Landes. Beide Völker, Briten und Franzoſen, lie⸗ ferten von jeder Seite zwei Männer, gewöhnlichen Geiſtes, und unbeſtochen von der herrſchenden Macht, und dieſe Jury hat den Kaiſer gerichtet, * 54 und verurtheilet: ewig zu leben, ewig bewundert, ewig bedauert. Es ſind ſchon viele große Männer über dieſe Erde geſchritten, hier und da ſehen wir die leuch⸗ tenden Spuren ihrer Fußſtapfen, und in heiligen Stunden treten ſte, wie Nebelgebilde vor unſere Seele; aber ein ebenfalls großer Mann ſieht ſeine Vorgänger weit deutlicher; aus einzelnen Funken ihrer irdiſchen Lichtſpur erkennt er ihr geheimſtes Thun, aus einem einzigen hinterlaſſenen Worte erkennt er alle Falten ihres Herzens; und ſolcher⸗ maßen, in einer myſtiſchen Gemeinſchaft, leben die großen Männer aller Zeiten, über die Jahr⸗ tauſende hinweg nicken ſie einander zu, und ſehen ſich an bedeutungsvoll, und ihre Blicke begegnen ſich auf den Gräbern untergegangener Geſchlechter, die ſich zwiſchen ſie gedrängt hatten, und ſie verſtehen ſich und haben ſich lieb. Wir Kleinen aber, die wir nicht ſo intimen Umgang pflegen können mit den Großen der Vergangenheit, wovon wir nur ſelten die Spur und Nebelformen ſehen, für uns iſt es vom höchſten Werthe, wenn wir über einen ſolchen Großen ſo viel erfahren, daß es uns leicht wird, ihn ganz lebensklar in unſere Seele aufzunehmen, und dadurch unſere Seele zu er⸗ weitern. Ein ſolcher iſt Napoleon Bonaparte. Wir wiſſen von ihm, von ſeinem Leben und Streben, mehr als von den andern Großen dieſer Erde, und täglich erfahren wir davon noch mehr und mehr. Wir ſehen wie das verſchüttete Götterbild langſam ausgegraben wird, und mit jeder Schaufel Erd⸗ ſchlamm, die man von ihm abnimmt, wächſt unſer freudiges Erſtaunen über das Ebenmaß und die Pracht der edlen Formen, die da hervortreten, und die Geiſtesblitze der Feinde, die das große Bild zerſchmettern wollen, dienen nur dazu, es deſto glanzvoller zu beleuchten. Solches geſchieht na⸗ mentlich durch die Aeußerungen der Frau von Staél, die in all ihrer Herbheit doch nichts anders ſagt, als daß der Kaiſer kein Menſch war wie 56 die Andern, und daß ſein Geiſt mit keinem vor⸗ handenen Maaßſtab gemeſſen werden kann. Ein ſolcher Geiſt iſt es, worauf Kant hin⸗ deutet, wenn er ſagt: daß wir uns einen Verſtand denken können, der, weil er nicht wie der unſrige diskurſiv, ſondern intuitiv iſt, vom ſynthetiſch Allgemeinen, der Anſchauung eines Ganzen als eines ſolchen, zum Beſondern geht, das iſt, von dem Ganzen zu den Theilen. Ja, was wir durch langſames analitiſches Nachdenken und lange Schhlußfolgen erkennen, das hatte jener Geiſt im ſelben Momente angeſchaut und tief begriffen. Daher ſein Talent die Zeit, die Gegenwart zu verſtehen, ihren Geiſt zu cajoliren, ihn nie zu beleidigen, und immer zu benutzen. Da aber dieſer Geiſt der Zeit nicht bloß revoluzionär i*ſt, ſondern durch den Zuſammenfluß beider Anſichten, der revoluzionären und der con⸗ trerevoluzionären, gebildet worden, ſo handelte Napoleon nie ganz revoluzionär und nie ganz F 57 contrerevoluzivnär, ſondern immer im Sinne beider Anſichten, beider Principien, beider Beſtrebungen, die in ihm ihre Vereinigung fanden, und demnach handelte er beſtändig naturgemäß, einfach, groß, nie krampfhaft barſch, immer ruhig milde. Daher intriguirte er nie im Einzelnen, und ſeine Schläge geſchahen immer durch ſeine Kunſt, die Maſſen zu begreifen und zu lenken. Zur verwickelten, lang⸗ ſamen Intrigue neigen ſich kleine, analitiſche Geiſter, hingegen ſyntetiſche, intuitive Geiſter wiſſen auf wunderbar geniale Weiſe die Mittel, die ihnen die Gegenwart bietet, ſo zu verbinden, daß ſie dieſelben zu ihrem Zwecke ſchnell benutzen können. Erſtere ſcheitern ſehr oft, da keine menſchliche Klugheit alle Vorfallenheiten des Lebens vorausſehen kann und die Verhältniſſe des Lebens nie lange ſtabil ſind; letzeren hingegen, den intuitiven Menſchen, gelingen ihre Vorſätze am leichteſten, da ſie nur einer richtigen Berech⸗ nung des Vorhandenen bedürfen, und ſo ſchnell 58 handeln, daß dieſes durch die Bewegungen der Lebenswogen, keine plötzliche, unvorhergeſehene Veränderungen erleiden kann. Es iſt ein glückliches Zuſammentreffen, daß Napoleon gerade zu einer Zeit gelebt hat, die ganz beſonders viel Sinn hat für Geſchichte, ihre Er⸗ forſchung und Darſtellung. Es werden uns daher, durch die Memoiren der Zeitgenoſſen, wenige Notizen über Napoleon vorenthalten werden, und täglich vergrößert ſich die Zahl der Geſchichts⸗ bücher, die ihn mehr oder minder im Zuſammen⸗ hang mit der übrigen Welt ſchildern wollen. Die Ankündigung eines ſolchen Buches aus Walter Scotts Feder erregt daher die neugierigſte Erwartung. Alle Verehrer Seotts müſſen für ihn zittern; demn ein ſolches Buch kann leicht der ruſſiſche Feldzug jenes Ruhmes werden, den er mühſam er⸗ worben durch eine Reihe hiſtoriſcher Romane, die mehr durch ihr Thema, als durch ihre poetiſche 59 Kraft alle Herzen Europa's bewegt haben. Dieſes Thema iſt aber nicht bloß eine elegiſche Klage über Schottlands volksthümliche Herrlichkeit, die all⸗ mählig verdrängt wurde von fremder Sitte, Herrſchaft und Denkweiſe; ſondern es iſt der große Schmerz über den Verluſt der Nazional⸗Beſonder⸗ heiten, die in der Allgemeinheit neuerer Cultur verloren gehen, ein Schmerz, der jetzt in den Herzen aller Völker zuckt. Denn Nazionalerinnerungen liegen tiefer in der Menſchen Bruſt, als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht hervor auch die alte Liebe mit ihren Blumen. Das iſt nicht figürlich geſagt, ſondern es iſt eine That⸗ ſache: als Bullock vor einigen Jahren ein altheidni⸗ ſches Steinbild in Mexikv ausgegraben, fand er den andern Tag, daß es nächtlicher Weile mit Blumen bekränzt worden; und doch hatte Spanien, mit Feuer und Schwert, den alten Glauben der Mexikaner zerſtört, und ſeit drei Jahrhunderten 60 ihre Gemüther gar ſtark umgewühlt und gepflügt und mit Chriſtenthum beſäet. Solche Blumen aber blühen auch in den Walter Scott'ſchen Dichtungen, dieſe Dichtungen ſelbſt wecken die alten Gefühle, und wie einſt in Granada Männer und Weiber mit dem Geheul der Verzweiflung aus den Häuſern ſtürzten, wenn das Lied vom Einzug des Mauren⸗ königs auf den Straßen erklang, dergeſtalt, daß bei Todesſtrafe verboten wurde, es zu ſingen: ſo hat der Ton, der in den Scott'ſchen Dichtungen herrſcht, eine ganze Welt ſchmerzhaft erſchüttert. Dieſer Ton klingt wieder in den Herzen unſeres Adels, der ſeine Schlöſſer und Wappen verfallen ſieht, er klingt wieder in den Herzen des Bürgers, dem die behaglich enge Weiſe der Altvordern verdrängt wird durch weite, unerfreuliche Moder⸗ nität; er klingt wieder in katholiſchen Domen, woraus der Glaube entflohen, und in rabbiniſchen Synagogen, woraus ſogar die Gläubigen fliehen; er klingt über die ganze Erde, bis in die 61 Banianenwälder Hindoſtans, wo der ſeufzende Bramine das Abſterben ſeiner Götter, die Zerſtörung ihrer uralten Weltordnung, und den ganzen Sieg der Engländer vorausſieht. Dieſer Ton, der gewaltigſte, den der ſchottiſche Barde auf ſeiner Rieſenharfe anzuſchlagen weiß, paßt aber nicht zu dem Kaiſerliede von dem Napoleon, dem neuen Manne, dem Manne der neuen Zeit, dem Manne, worin dieſe neue Zeit ſo leuchtend ſich abſpiegelt, daß wir dadurch faſt geblendet werden, und unterdeſſen nimmermehr denken an die verſchollene Vergangenheit und ihre verblichene Pracht. Es iſt wohl zu vermuthen, daß Scott, ſeiner Vorneigung gemäß, jenes angedeutete ſtabile Element im Charakter Napoleons, die contre⸗ revoluzionäre Seite ſeines Geiſtes vorzugsweiſe auffaſſen wird, ſtatt daß andere Schriftſteller bloß das revoluzionäre Princip in ihm erkennen. Von dieſer letzeren Seite würde ihn Byron geſchildert haben, der in ſeinem ganzen Streben den 62 Gegenſatz zu Scott bildete, und ſtatt, gleich dieſem, den Untergang der alten Formen zu beklagen, ſich ſogar von denen, die noch ſtehen geblieben ſind, verdrießlich beengt fühlt, ſte mit revoluzionärem Lachen und Zähnefletſchen niederreißen möchte, und in dieſem Aerger die heiligſten Blumen des Lebens mit ſeinem melodiſchen Gifte beſchädigt, und ſich wie ein wahnſinniger Harlekin den Dolch ins Herz ſtößt, um mit dem hervorſtrömenden, ſchwarzen Blute Herren nnd Damen neckiſch zu beſpritzen. Wahrlich, in dieſem Augenblicke fühle ich ſehr lebhaft, daß ich kein Nachbeter, oder beſſer geſagt, Nachfrevler Byrons bin, mein Blut iſt nicht ſo ſpleeniſch ſchwarz, meine Bitterkeit kömmt nur aus den Galläpfeln meiner Dinte, und wenn Gift in mir iſt, ſo iſt es doch nur Gegengift, Gegengift wider jene Schlangen, die im Schutte der alten Dome und Burgen ſo bedrohlich lauern. Von allen großen Schriftſtellern iſt Byron juſt der⸗ jenige, deſſen Lectüre mich am unleidlichſten 63 berührt; wohingegen Scott mir in jedem ſeiner Werke das Herz erfreut, beruhigt und erkräftigt. Mich erfreut ſogar die Nachahmung derſelben, wie wir ſie bei Willibald Alexis, Bronikowski und Cooper finden, welcher erſtere, im ironiſchen Walladmoor, ſeinem Vorbilde am nächſten ſteht, und uns auch in einer ſpäteren Dichtung ſo viel Geſtalten⸗ und Geiſtesreichthum gezeigt hat, daß er wohl im Stande wäre, mit poetiſcher Urſprünglichkeit, die ſich nur der Scottiſchen Form bedient, uns die theuerſten Momente deutſcher Geſchichte in einer Reihe hiſtoriſcher Novellen vor die Seele zu führen. Aber keinem wahren Genius laſſen ſich be⸗ ſtimmte Bahnen vorzeichnen, dieſe liegen außerhalb aller kritiſchen Berechnung, und ſo mag es auch als ein harmloſes Gedankenſpiel betrachtet werden, wenn ich über Walter Scotts Kaiſergeſchichte mein Vorurtheil ausſprach.„Vorurtheil“ iſt hier der umfaſſendſte Ausdruck. Nur eins läßt ſich mit Beſtimmtheit ſagen: das Buch wird geleſen 64 werden vom Aufgang bis zum Niedergang, und wir Deutſchen werden es überſetzen. Wir haben auch den Segur überſetzt. Nicht wahr, es iſt ein hübſches epiſches Gedicht? Wir Deutſchen ſchreiben auch epiſche Gedichte, aber die Helden derſelben exiſtiren bloß in unſerem Kopfe. Hingegen die Helden des franzöſiſchen Epos ſind wirkliche Helden, die viel größere Thaten vollbracht, und viel größere Leiden gelitten, als wir in unſeren Dachſtübchen erſinnen können. Und wir haben doch viel Phantaſie, und die Franzoſen haben nur wenig. Vielleicht hat deshalb der liebe Gott den Franzoſen auf eine andere Art nachgeholfen und ſie brauchen nur treu zu erzählen, was ſie in den letzten dreißig Jahren geſehen und gethan, und ſie haben eine erlebte Literatur wie noch kein Volk unnd keine Zeit ſie hervorgebracht. Dieſe Memoiren von Staatsleuten, Soldaten und edlen Frauen, wie ſie in Frankreich täglich erſcheinen, bilden einen Sagenkreis, woran die Nachwelt genug zu denken 65 und zu ſingen hat, und worin, als deſſen Mittel⸗ punkt, das Leben des großen Kaiſers wie ein Rieſenbaum emporragt. Die Segur'ſche Geſchichte des Rußlandszuges iſt ein Lied, ein franzöſiſches Volkslied, das zu dieſem Sagenkreiſe gehört, und, in ſeinem Tone und Stoffe, den epiſchen Dichtungen aller Zeiten gleich und gleich ſteht. Ein Heldengedicht, das durch den Zauberſpruch „Freiheit und Gleichheit“ aus dem Boden Frank⸗ reichs emporgeſchoſſen, hat, wie im Triumpfzug, berauſch von Ruhm und geführt von dem Gotte des Ruhmes ſelbſt, die Welt durchzogen, erſchreckt und verherrlicht, tanzt endlich den raſſelnden Waffentanz auf den Eisfeldern des Nordens, und dieſe boechen ein, und die Söhne des Feuers und der Freiheit gehen zu Grunde durch die Kälte und Sclaven. Solche Beſchreibung oder Prophezeiung des Untergangs einer Heldenwelt iſt Grundton und Stoff der epiſchen Dichtungen aller Völker. Auf II. 5 66 den Felſen von Ellore und anderer indiſcher Grot⸗ tentempel ſteht ſolche epiſche Kathaſtrophe einge⸗ graben mit Rieſenhieroglyphen, deren Schlüſſel im Mahabarata zu finden iſt; der Norden hat in nicht minder ſteinernen Worten, in ſeiner Edda, dieſen Götteruntergang ausgeſprochen; das Lied der Ni⸗ belungen beſingt daſſelbe tragiſche Verderben, und hat, in ſeinem Schluſſe, noch ganz beſondere Aehn⸗ lichkeit mit der Segur'ſchen Beſchreibung des Bran⸗ des von Moskau; das Rolandslied von der Schlacht bei Roncisval, deſſen Worte verſchollen, deſſen Sage aber noch nicht erloſchen, und noch unlängſt von einem der größten Dichter des Vaterlandes, von Immermann, herauf beſchworen worden, iſt ebenfalls der alte Unglücksgeſang; und gar das Lied von Ilion verherrlicht am ſchönſten das alte Thema und iſt doch nicht großartiger und ſchmerzlicher als das franzöſiſche Volkslied, worin Segur den Unter⸗ gang ſeiner Hervenwelt beſungen hat. Ja, dieſes iſt ein wahres Epos, Frankreichs Heldenjugend 67 iſt der ſchöne Heros, der früh dahinſinkt, wie wir ſolches Lied ſchon ſahen in dem Tode Baldurs, Siegfrieds, Rolands und Achilles, die ebenſo durch Unglück und Verrath gefallen; und jene Helden, die wir in der Ilias bewundert, wir finden ſie wieder im Liede des Segur, wir ſehen ſie rath⸗ ſchlagen, zanken und kämpen, wie einſt vor dem ſkäiſchen Thore, iſt auch die Jacke des Königs von Neapel etwas allzubuntſcheckig modern, ſo iſt doch ſein Schlachtmuth und Uebermuth eben ſo groß, wie der des Peliden; ein Hektor an Milde und Tapferkeit ſteht vor uns Prinz Eugen, der edle Ritter, Ney kämpft wie ein Ajax, Berthier iſt ein Neſtor ohne Weisheit, Davouſt, Daru, Caulincourt u. ſ. w., in ihnen wohnen die Seelen des Menelaos, des Odyſſeus, des Diomedes— nur der Kaiſer ſelbſt findet nicht ſeines Gleichen, in ſeinem Haupte iſt der Olymp des Gedichtes, und wenn ich ihn, in ſeiner äußern Herrſcher⸗ erſcheinung, mit dem Agamemnon vergleiche, ſo 68 geſchieht das, weil ihn, eben ſo wie den größten Theil ſeiner herrliſchen Kampfgenoſſen, ein tra⸗ giſches Schickſal erwartete, und weil ſein Oreſtes noch lebt.! Wie die Scott'ſchen Dichtungen hat auch das Segur'ſche Epos einen Ton, der unſere Herzen be⸗ zwingt. Aber dieſer Ton weckt nicht die Liebe zu längſt verſchollenen Tagen der Vorzeit, ſondern es iſt ein Ton, deſſen Klangfigur uns die Gegenwart giebt, ein Ton, der uns für eben dieſe Gegen⸗ wart begeiſtert. Wir Deutſchen ſind doch wahre Peter Schle⸗ miehle! Wir haben auch in der letzten Zeit viel geſehen, viel ertragen, z. B. Einquartirung und Adelſtolz; und wir haben unſer edelſtes Blut hin⸗ gegeben, z. B. an England, das noch jetzt jährlich eine anſtändige Summe für abgeſchoſſene deutſche Arme und Beine ihren ehemaligen Eigenthümern zu bezahlen hat; und wir haben im Kleinen ſo viel Großes gethan, daß wenn man es zuſammen⸗ — 69 rechnete, die größten Thaten herauskämen, z. B. in Tyrol; und wir haben viel verloren, z. B. un⸗ ſern Schlagſchatten, den Titel des lieben, heiligen, römiſchen Reichs— und dennoch, mit allen Ver⸗ lüſten, Opfern, Entbehrungen, Malheurs und Groß⸗ thaten hat unſere Literatur kein einziges ſolcher Denkmäler des Ruhmes gewonnen, wie ſie bei unſeren Nachbaren, gleich ewigen Trophäen, täglich emporſteigen. Unſere Leipziger Meſſen haben wenig profitirt durch die Schlacht bei Leipzig. Ein Gothaer, höre ich, will ſie noch nachträglich in epiſcher Form beſingen; da er aber noch nicht weiß, ob er zu den 100,000 Seelen gehört, die Hildburghauſen bekömmt, oder zu den 150,000, die Meiningen bekömmt, oder zu den 160,000, die Altenburg bekömmt, ſo kann er ſein Epos noch nicht anfangen, er müßte denn beginnen:„Singe unſterbliche Seele, Hildburghäuſiſche Seele,— Meining'ſche Seele, oder auch Altenburgiſche Seele, — gleichviel ſinge, ſinge der ſündigen Deutſchen 70 Erlöſung!“ Dieſer Seelenſchacher im Herzen des Vaterlandes und deſſen blutende Zerriſſenheit läßt keinen ſtolzen Sinn, und noch viel weniger ein ſtolzes Wort aufkommen, unſere ſchönſten Thaten werden lächerlich durch den dummen Erfolg, und während wir uns unmuthig einhüllen in den Purpurmantel des deutſchen Heldenblutes, kömmt ein politiſcher Schalk und ſetzt uns die Schellen⸗ kappe auf's Haupt. Eben die Literaten unſerer Nachbaren jen⸗ ſeits des Rheins und des Canals muß man mit unſerer Bagatell⸗Literatur vergleichen, um das Leere und Bedeutungsloſe unſeres Bagatell⸗Lebens zu begreifen. Da ich ſelbſt mich erſt ſpäterhin über dieſes Thema, über deutſche Literaturmiſere verbreiten will, ſo liefere ich einen heiteren Erſatz durch das Einſchalten der folgenden Penien, die aus der Feder Immermann's, meines hohen Mitſtrebenden, gefloſſen ſind. Die Gleich⸗ geſinnten danken mir gewiß für die Mittheilung 71 dieſer Verſe und bis auf wenige Ausnahmen, die ich mit Sternen bezeichne, will ich ſie gern als meine eigne Geſinnung vertreten. Der poetiſche Literator. Laß dein Lächeln, laß dein Flennen, ſag uns ohne Hinterliſt, Wann Hans Sachs das Licht erblickte, Weckherlin geſtorben iſt. „Alle Menſchen müſſen ſterben,“ ſpricht das Männ⸗ lein mit Bedeutung. Alter Junge, deſſengleichen iſt uns keine große Zeitung. Mit vergeß'nen, alten Schwarten ſchmiert er ſeine Autorſtiefeln, Daß er dazu heiter weine, frißt er fromm poet'ſche Zwiefeln. 72 * Willſt du commentiren, Fränzel, mindeſtens verſchon den Luther, Dieſer Fiſch behagt uns beſſer, ohne die zerlaß'ne Butter. Dramatiker. 1. *„Nimmer ſchreib' ich mehr Tragödien, mich am Publikum zu rächen!“ Schimpf' uns, wie du willſt, mein Guter, aber halte dein Verſprechen. 2. Dieſen Reiterlieutnant müſſet, Stachelverſe, ihr verſchonen; Denn er commandirt Sentenzen und Gefühl in Escadronen.. 3 Wär'Melpomene ein Mädchen, gut, gefühlvoll und natürlich, Rieth' ich ihr: Heirathe dieſen, der ſo milde und ſo zierlich.„ 73 4. Seiner vielen Sünden wegen geht der todte Kotzebue Um in dieſem Ungethüme ohne Strümpfe, ohne Schuhe. Und ſo kommt zu vollen Ehren tiefe Lehr' aus grauen Jahren, Daß die Seelen der Verſtorb'nen müſſen in die Beſtien fahren. Oeſtliche Poeten. Groß' mérite iſt es jetzo, nach Saadi'’s Art zu girren, Doch mir ſcheint's égal gepudelt, ob wir öſtlich, 8 weſtlich irren. Sonſten ſang, bei'm Mondenſcheine, Nachtigall seu Philomele; Wenn jetzt Bülbül flötet, ſcheint es mir denn doch dieſelbe Kehle. 5* 74 Alter Dichter, du gemahnſt mich, als wie Hameln's Rattenfänger; Pfeifſt nach Morgen, und es folgen all' die lieben, kleinen Sänger. Aus Bequemlichkeit verehren ſie die Kühe frommer Juden, Daß ſie den Olympus mögen nächſt in jedem Kuhſtall finden. Von den Früchten, die ſie aus dem Gartenhain von Schiras ſtehlen, Eſſen ſie zu viel, die Armen, und vomiren dann Ghaſelen. Glockentöne. Seht den dicken Paſtor, dorten unter ſeiner Thür im Staate, Läutet mit den Glocken, daß man ihn verehr’ in dem Ornate. 5 Und es kamen, ihn zu ſchauen, flugs die Blinden und die Lahmen, Engebruſt und Krampf, beſonders Hyſteriegeplagte Damen. Weiße Salbe weder heilet, noch verſchlimmert irgend Schäden, Weiße Salbe findeſt jetzo du in allen Bücher⸗ läden. Geht's ſo fort, und läßt ſich jeder Pfaffe ferner adoriren, Werd' ich in den Schooß der Kirche ehebaldigſt retourniren. Dort gehorch' ich einem Papſte, und verehr' ein praesens Numen, Aber hier macht ſich zum numen jeglich ordinirtes lumen. 76 Orbis pictus. Hätte einen Hals das ganze weltverderbende Gelichter, Einen Hals, ihr hohen Götter: Prieſter, Hiſtrionen, Dichter! In die Kirche ging ich Morgens, um Komödien zu ſchauen, Abends in's Theater, um mich an der Predigt zu erbauen. Selbſt der liebe Gott verlieret ſehr bei mir an dem Gewichte, Weil nach ihrem Ebenbilde ſchnitzen ihn viel 4 tauſend Wichte. Wenn ich euch gefall', ihr Leute, dünk' ich mich ein Leineweber, Aber, wenn ich euch verdrieße, ſeht, das ſtärkt mir meine Leber. 77 „Ganz bewältigt er die Sprache;“ ja, es iſt, ſich todt zu lachen, Seht nur, was für tolle Sprünge läſſet er die Arme machen. Vieles Schlimme kann ich dulden, aber eins iſt mir zum Ekel, Wenn der nervenſchwache Zärtling ſpielt den genialen Rekel. * Damals mocht'ſt du mir gefallen, als du buhlteſt mit Lueindchen, Aber, o der frechen Liebſchaft! mit Marien wollen ſünd'gen. Erſt in England, dann in Spanien, jetzt in Brahma's Finſterniſſen, Ueberall umhergeſtrichen, deutſchen Rock und Schuh zerriſſen. 78 Wenn die Damen ſchreiben, kramen ſtets ſie aus von ihren Schmerzen, Fausses couches touchirter Tugend,— ach, die gar zu offnen Herzen! Laßt die Damen mir zufrieden; daß ſie ſchreiben find' ich räthlich, Führt die Frau die Autor⸗Feder, wird ſie wenig⸗ ſtens nicht ſchädlich. Glaubt, das Schriftenthum wird gleichen bald den ärgſten Rockenſtuben, Die Gevatterinnen ſchnacken, und es hören zu die Buben. Wär' ich Dſchingischan, o China, wärſt du längſt von mir vernichtet, Dein verdammtes Theegeplätſcher hat uns langſam hingerichtet. 79 Alles ſetzet ſich zur Ruhe, und der Größte wird geduldig, Streicht gemächlich ein, was früh're Zeiten blieben waren ſchuldig. Jene Stadt iſt voller Verſe, Töne, Statuen, Schilderei'n, Wurſthans ſteht mit der Trompete an dem Thor und ſchreit:„Herein!“ „Dieſe Reime klingen ſchändlich, ohne Metrum und Caeſuren;“ Wollt in Uniform ihr ſtecken literariſche Pan⸗ duren?— „Sag', wie kommſt du nur zu Worten, die ſo grob und ungezogen?“ Freund, im wüſten Marktgedränge braucht man ſeine Ellenbogen. 80 „Aber du haſt auch bereimet, was unläugbar gut und groß.“ Miſcht der Beſte ſich zum Plebſe, duldet er des Plebſes Loos. Wenn die Sommerfliegen ſchwärmen, tödtet Ihr ſie mit den Klappen, Und nach dieſen Reimen werdet ſchlagen Ihr mit Euren Kappen. Jdee Das Buch Le Grand. Das Geſchlecht der Oerindur, Unſres Thrones feſte Säule, Soll beſtehn, ob die Natur Auch damit zu Ende eile. 5 Müllner. empfange dieſe Blätter als ein Zeichen der Freundſchaft und des Verfaſſers. —————— — Capitel I. Sie war liebenswürdig, und er liebte Sie; Er aber war nicht liebenswürdig, und Sie liebte Ihn nicht. (Altes Stück.) Madame, kennen Sie das alte Stück? Es iſt ein ganz außerordentliches Stück, nur etwas zu ſehr melancholiſch. Ich hab' mal die Hauptrolle darin geſpielt, und da weinten alle Damen, nur eine Einzige weinte nicht, nicht eine einzige Thräne weinte ſie, und das war eben die Pointe des Stücks, die eigentliche Kataſtrophe.— O dieſe einzige Thräne! ſie quält mich noch — immer in Gedanken; der Satan, wenn er meine Seele verderben will, flüſtert mir in's Ohr ein 86 Lied von dieſer ungeweinten Thräne, ein fatales Lied mit einer noch fataleren Melodie— ach, nur in der Hölle hört man dieſe Melodie!— Wie man im Himmel lebt, Madame, können Sie ſich wohl vorſtellen, um ſo eher, da Sie verheirathet ſind. Dort amüſirt man ſich ganz ſüperbe, man hat alle mögliche Vergnügungen, man lebt in lauter Luſt und Plaiſir, ſo recht wie Gott in Frankreich. Man ſpeiſt von Morgen bis Abend, und die Küche iſt ſo gut wie die Jagor'ſche, die gebratenen Gänſe fliegen herum mit den Saueeſchüſſelchen im Schnabel, und fühlen ſich geſchmeichelt, wenn man ſie verzehrt, butterglänzende Torten wachſen wild wie die Sonnenblumen, überall Bäche mit Bouillon und Champagner, überall Bäume, woran Servietten flattern, und man ſpeiſt und wiſcht ſich den Mund, und ſpeiſt wieder, ohne ſich den Magen * 87 zu verderben, man ſingt Pſalmen, oder man tändelt und ſchäkert mit den lieben, zärtlichen Engelein, oder man geht ſpazieren auf der grünen Halleluja⸗Wieſe, und die weißwallenden Kleider ſitzen ſehr bequem, und nichts ſtört da das Gefühl der Seligkeit, kein Schmerz, kein Mißbehagen, ja ſogar, wenn einer dem Andern zufällig auf die Hüneraugen tritt und excusez! ausruft, ſo lächelt dieſer wie verklärt und ver⸗ ſichert: dein Tritt, Bruder, ſchmerzt nicht, ſondern au contraire, mein Herz fühlt dadurch nur deſto ſüßere Himmelswonne. Aber von der Hölle, Madame, haben Sie gar keine Idee. Von allen Teufeln kennen Sie vielleicht nur den kleinſten, das Beelzebübchen Amor, den artigen Croupier der Hölle, und dieſe ſelbſt kennen Sie nur aus dem Don Juan, und für dieſen Weiberbetrüger, der ein böſes Beiſpiel giebt, dünkt ſte Ihnen niemals heiß genug, obgleich unſere hochlöblichen Theaterdirectionen 88 ſoviel Flammenſpectakel, Feuerregen, Pulver und Colophonium dabei aufgehen laſſen, wie es nur irgend ein guter Chriſt in der Hölle verlangen kann. Indeſſen, in der Hölle ſieht es viel ſchlimmer aus, als unſere Theaterdirectoren wiſſen— ſie würden auch ſonſt nicht ſo viele ſchlechte Stücke aufführen laſſen— in der Hölle iſt es ganz hölliſch heiß, und als ich mal in den Hundstagen dort war, fand ich es nicht zum Aushalten. Sie haben gar keine Idee von der Hölle, Madame. Wir erlangen dorther wenig officielle Nachrichten. Daß die armen Seelen da drunten den ganzen Tag all die ſchlechten Predigten leſen müſſen, die hier oben gedruckt werden— das iſt Verläumdung. So ſchlimm iſt es nicht in der Hölle, ſo raffinirte DQualen wird Satan niemals erſinnen. Hingegen Dante's Schilderung iſt etwas zu mäßig, lim Ganzen allzupoetiſch. Mir erſchien die Hölle wie eine große bürgerliche Küche, mit einem 8 . 89 unendlich langen Ofen, worauf drei Reihen eiſerne Töpfe ſtanden, und in dieſen ſaßen die Verdammten und wurden gebraten. In der einen Reihe ſaßen die chriſtlichen Sünder, und ſollte man es wohl glauben! ihre Anzahl war nicht allzuklein, und die Teufel ſchürten unter ihnen das Feuer mit beſonderer Geſchäftigkeit. In der anderen Reihe ſaßen die Juden, die beſtändig ſchrieen und von den Teufeln zuweilen geneckt wurden, wie es ſich denn gar poſſierlich ausnahm, als ein dicker, puſtender Pfänder⸗ verleiher über allzugroße Hitze klagte, und ein Teufelchen ihm einige Eimer kaltes Waſſer über den Kopf goß, damit er ſähe, daß die Taufe eine wahre erfriſchende Wohlthat ſei. In der dritten Reihe ſaßen die Heiden, die, eben ſo wie die Juden, der Seligkeit nicht theilhaftig werden können, und ewig brennen müſſen. Ich hörte, wie einer derſelben, dem ein vierſchrötiger Teufel neue Kohlen unterlegte, gar unwillig aus dem 90 Topfe hervorrief:„Schone meiner, ich war Sokrates, der Weiſeſte der Sterblichen, ich habe Wahrheit und Gerechtigkeit gelehrt und mein Leben geopfert für die Tugend.“ Aber der vierſchrötige, dumme Teufel ließ ſich in ſeinem Geſchäfte nicht ſtören und brummte:„Ei was! alle Heiden müſſen brennen, und wegen eines einzigen Menſchen dürfen wir keine Ausnahme machen.“— Ich verſichere Sie, Madame, es war eine fürchter⸗ liche Hitze, und ein Schreien, Seufzen, Stöhnen, Quäken, Greinen, Quiriliren— und durch all dieſe entſetzlichen Töne drang vernehmbar jene fatale Melodie des Liedes von der ungeweinten Thräne. 1 91 Capjtſel I. Sie war liebenswürdig, und Er liebte Sie; Er aber war nicht liebenswürdig, und Sie liebte Ihn nicht. (Altes Stück.) Madame! das alte Stück iſt eine Tragödie, obſchon der Held darin weder ermordet wird, noch ſich ſelbſt ermordet. Die Augen der Heldin ſind ſchön, ſehr ſchon— Madame, riechen Sie nicht Veilchenduft?— ſehr ſchön, und doch ſo ſcharfgeſchliffen, daß ſie mir wie gläſerne Dolche durch das Herz drangen, und gewiß aus meinem Rücken wieder herausguckten— aber ich ſtarb doch nicht an dieſen meuchelmörderiſchen Augen. Die Stimme der Heldin iſt auch ſchön— Madame, hörten Sie nicht eben eine Nachtigall ſchlagen?— eine ſchöne, ſeidne Stimme, ein ſüßes Geſpinnſt der ſonnigſten Töne, und meine A* .‿ 92 Seele ward darin verſtrickt und würgte ſich und quälte ſich. Ich ſelbſt— es iſt der Graf vom Ganges, der jetzt ſpricht, und die Geſchichte ſpielt in Venedig— ich ſelbſt hatte mal der⸗ gleichen Quälereien ſatt, und ich dachte ſchon im erſten Akte dem Spiel ein Ende zu machen, und die Schellenkappe mitſammt dem Kopfe herunter zu ſchießen, und ich ging nach einem 1 Galanterieladen auf der Via Burſtah, wo ich— ein paar ſchöne Piſtolen in einem Kaſten aus⸗ geſtellt fand— ich erinnere mich deſſen noch ſehr gut, es ſtanden daneben viel freudige Spiel⸗ ſachen von Perlemutter und Gold, eiſerne Herzen an güldenen Kettlein, Porzellantaſſen mit zärtlichen Deviſen, Schnupftabaksdoſen mit hübſchen Bildern, z. B. die göttliche Geſchichte von der Suſanna, der Schwanengeſang der Leda, 4 der Raub der Sabinerinnen, die Lukrezia, das Ma⸗ Tugendmenſch mit dem entblößten Buſen, ¹in den ſie ſich den Dolch nachträglich hineinſtößt, „ — — 7 93 die ſelige Bethmann, la belle ferroniére, lauter lockende Geſichter— aber ich kaufte doch die Piſtolen ohne viel zu dingen, und dann kauft; ich Kugeln, dann Pulver, und dann ging ich in den Keller des Signor Unbeſcheiden, und ließ mir Auſtern und ein Glas Rheinwein vorſtellen.— Eſſen konnt' ich nicht und trinken noch viel weniger. Die heißen Tropfen fielen in's Glas, und im Glas ſah ich die liebe Heimath, den blauen, heiligen Ganges, den ewigſtrahlenden Himalaya, die rieſtgen Banianenwälder, in deren weiten Laubgängen die klugen Elephanten und die weißen Pilger ruhig wandelten, ſeltſam träu⸗ meriſche Blumen ſahen mich an, heimlich mah⸗ nend, goldne Wundervögel jubelten mild, flim⸗ mernde Sonnenſtrahlen und ſüßnärriſche Laute von lachenden Affen neckten mich lieblich, aus fernen Pagoden ertönten die frommen Prieſter⸗ gebete, und dazwiſchen klang die ſchmelzend klagende Stimme der Sultanin von Delhi— H 94 in ihrem Teppichgemache rannte ſie ſtürmiſch auf und nieder, ſie zerriß ihren ſilbernen Schleier, ſie ſtieß zu Boden die ſchwarze Sclavin mit dem Pfauenwedel, ſie weinte, ſie tobte, ſie ſchrie.— Ich konnte ſie aber nicht verſtehen, der Keller des Signor Unbeſcheiden iſt 3000 Meilen entfernt vom Harem zu Delhi, und dazu war die ſchöne Sultanin ſchon todt ſeit 3000 Jahren— und ich trank haſtig den Wein, den hellen, freudigen Wein, und doch wurde es in meiner Seele immer dunkler und trauriger— Ich war zum Tode verurtheiit— Als ich die Kellertreppe wieder hinaufſtieg, hörte ich das Armeſünderglöckchen läuten, die Menſchenmenge wogte vorüber; ich aber ſtellte mich an die Ecke der Strada San Giovanni und hielt folgenden Monolog: — — 7 In alten Mährchen giebt es gold'ne Schlöſſer, Wo Harfen klingen, ſchöne Jungfrau'n tanzen, Und ſchmucke Diener blitzen, und Jasmin Und Myrth' und Roſen ihren Duft verbreiten— Und doch ein einziges Entzaubrungswort Macht all' die Herrlichkeit im Nu zerſtieben, Und übrig bleibt nur alter Trümmerſchutt Und krächzend Nachtgevögel und Moraſt. So hab' auch ich, mit einem einz'gen Worte, Die ganze blühende Natur entzaubert. Da liegt ſie nun, leblos und kalt und fahl, Wie eine aufgeputzte Königsleiche, Der man die Backenknochen roth gefärbt und in die Hand ein Zepter hat gelegt. Die Lippen aber ſchauen gelb und welk, Weil man vergaß ſie gleichfalls roth zu ſchminken, Und Mäuſe ſpringen um die Königsnaſe, Und ſpotten frech des großen, goldnen Zepters.— 96 Es iſt allgemein rezipirt, Madame, daß man einen Monolog hält, ehe man ſich todt ſchießt. Die meiſten Menſchen benutzen bei ſolcher Ge⸗ legenheit das Hamlet'ſche„Sein oder Nichtſein.“ Es iſt eine gute Stelle und ich hätte ſie hier auch gern zitirt— aber, jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, und hat man, wie ich, ebenfalls Tragödien geſchrieben, worin ſolche Lebens⸗ abiturienten⸗Reden enthalten ſind, z. B. den unſterblichen„Almanſor,“ ſo iſt es ſehr natürlich, daß man ſeinen eignen Worten, ſogar vor den Shakespear'ſchen den Vorzug giebt. Auf jeden Fall ſind ſolche Reden ein ſehr nützlicher Brauch; man gewinnt dadurch wenigſtens Zeit.— Und ſo geſchah es, daß ich an der Ecke der Strada San Giovanni etwas lange ſtehen blieb— und als ich da ſtand, ein Verurtheilter, der dem Tode geweiht war, da erblickte ich plötzlich Sie! Sie trug ihr blauſeidnes Kleid, und den roſarothen Hut, und ihr Auge ſah mich an ſo 4 1 A 97 mild, ſo todtbeſtegend, ſo lebenſchenkend— Madame, Sie wiſſen wohl aus der römiſchen Geſchichte, daß, wenn die Veſtalinnen im alten Rom auf ihrem Wege einem Verbrecher be⸗ gegneten, der zur Hinrichtung geführt wurde, ſo hatten ſie das Recht, ihn zu begnadigen, und der arme Schelm blieb am Leben.— Mit einem einzigen Blick hat ſie mich vom Tode gerettet, und ich ſtand vor ihr wie neubelebt, wie ge⸗ blendet vom Sonnenglanze ihrer Schönheit, und ſie ging weiter— und ließ mich am Leben. CECſapitel Ill Und ſie ließ mich am Leben, und ich lebe, und das iſt die Hauptſache. Mögen Andre das Glück genießen, daß die Geliebte ihr Grabmahl mit Blumenkränzen ſchmückt und mit Thränen der Treue benetzt— O, Weiber! haßt mich, verlacht mich, bekorbt mich! aber laßt mich leben! Das Leben iſt gar zu ſpaßhaft ſüß; und die Welt iſt ſo lieblich verworren; ſie iſt der Traum eines wein⸗ berauſchten Gottes, der ſich aus der zechenden Götterverſammlung à la francçaise fortgeſchlichen, 99 auf einen einſamen Stern ſich ſchlafen gelegt, und ſelbſt nicht weiß, daß er alles das auch erſchafft, was er träumt— und die Traumgebilde geſtalten ſich oft buntſcheckig toll, oft auch harmoniſch vernünftig— die Ilias, Plato, die Schlacht bei Marathon, Moſes, die medickiſche —— Venus, der Straßburger Münſter, die franzöſiſche ſe 4 Revoluzion, Hegel, die Dampfſchiffe u. ſ. w. ſind einzelne gute Gedanken in dieſem ſchaffenden Gottestraum— aber es wird nicht lange dauern, und der Gott erwacht, und reibt ſich die ver⸗ ſchlafenen Augen und lächelt— und unſere Welt iſt zerronnen in Richte, ja, ſte hat nie exiſtirt. Gleichviel! ich lebe. Bin ich auch nur das Schattenbild in einem Traum, ſo iſt auch dieſes beſſer als das kalte, ſchwarze, leere Nichtſein des Todes. Das Leben iſt der Güter höchſtes, und Mh ſt ,rne- das ſchlimmſte Uebel iſt der Tod. Mögen Jen berliniſche Gardelieutenants immerhin ſpötteln 7* 100 und es Feigheit nennen, daß der Prinz von Homburg zurückſchaudert, wenn er ſein offnes Grab erblickt— Heinrich Kleiſt hatte dennoch eben ſo viel Courage wie ſeine hochbrüſtigen, wohlgeſchnürten Collegen, und er hat es leider bewieſen. Aber alle kräftige Menſchen lieben das Leben. Goethe's Egmont ſcheidet nicht gern „von der freundlichen Gewohnheit des Daſeins und Wirkens.“ Immermann's Edwin hängt am Leben„wie'n Kindlein gn der Mutter Brüſten“ und obgleich es ihm hart ankömmt, durch fremde Gnade zu leben, ſo fleht er dennoch um Gnade:* „Weil Leben, Athmen doch das Höchſte iſt.“ 4 Wenn Odyſſeus in der Unterwelt den Achilleus als Führer todter Helden ſieht, und ihn preiſt wegen ſeines Ruhmes bei den Leben⸗ digen und ſeines Anſehens ſogar bei den Todten, antwortet dieſer: 4 „Nicht mir rede vom Tod' ein Troſtwort, edler Odyſſeus! Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner beſtellen Einem dürftigen Mann, ohn' Erbe und eigenen Wohlſtand, Als die ſämmtliche Schaar der geſchwundenen Todten beherrſchen.“ Ja, als der Major Düvent den großen Israel Löwe auf Piſtolen forderte und zu ihm ſagte: wenn Sie ſich nicht ſtellen, Herr Löwe, ſo ſind Sie ein Hund; da antwortete dieſer: ich will lieber ein lebendiger Hund ſeyn, als ein todter Löwe! und er hatte Recht.— Ich habe mich oft genug geſchlagen, Madame, um dieſes ſagen zu dürfen— Gottlob! ich lebe! In meinen Adern kocht das rothe Leben, unter meinen Füßen zuckt die Erde, in Liebesgluth umſchlinge ich Bäume und Marmorbilder, und ſie werden lebendig in meiner Umarmung. Jedes Weib iſt mir eine geſchenkte Welt, ich ſchwelge in den v 102— Melodien ihres Antlitzes, und mit einem einzigen Blick meines Auges kann ich mehr genießen als Andre, mit ihren ſämmtlichen Gliedmaßen, Zeit ihres Lebens. Jeder Augenblick iſt mir ja eine Unendlichkeit; ich meſſe nicht die Zeit mit der Brabanter, oder mit der kleinen Hamburger Elle, und ich brauche mir von keinem Prieſter ein zweites Leben verſprechen zu laſſen, da ich ſchon in dieſem Leben genug erleben kann, wenn ich rück⸗ wärts lebe, im Leben der Vorfahren, und mir die Ewigkeit erobere im Reiche der Vergangenheit, 4— Und ich lebe! Der große Pulsſchlag der Natur bebt auch in meiner Bruſt, und wenn ich jauchze, antwortet mir ein kauſendfältiges Echo. Ich höre tauſend Nachtigallen. Der Frühling hat ſie geſendet, die Erde aus ihrem Morgen⸗ ſchlummer zu weckengaund die Erde ſchauert vor Entzücken, ihre Blumen ſind die Hymnen, die ſie in Begeiſterung der Sonne entgegenſingt— die 10³ Sonne bewegt ſich viel zu langſam, ich möchte ihre Feuerroſſe peitſchen, damit ſie ſchneller dahin⸗ jagen.— Aber wenn ſie ziſchend ins Meer hinab⸗ ſinkt, und die große Nacht heraufſteigt, mit ihrem großen ſehnſüchtigen Auge, o! dann durchlebt mich erſt recht die rechte Luſt, wie ſchmeichelnde Mädchen legen ſich die Abendlüfte an mein brau⸗ ſendes Herz, und die Sterne winken, und ich erhebe mich, und ſchwebe über der kleinen Erde und den kleinen Gedanken der Menſchen. ——— Capitel WV. Aber einſt wird kommen der Tag, und die Gluth in meinen Adern iſt erloſchen, in meiner Bruſt wohnt der Winter, ſeine weißen Flocken umflattern ſpärlich mein Haupt und ſeine Nebel verſchleiern mein Auge! In verwitterten Gräbern liegen meine Freunde, ich allein bin zurückgeblieben, wie ein einſamer Halm, den der Schnitter vergeſſen, ein neues Geſchlecht iſt hervorgeblüht mit neuen Wünſchen und neuen Gedanken, voller Ver⸗ wundrung höre ich neue Namen und neue Lieder, die alten Namen ſind verſchollen, und ich ſelbſt bin verſchollen, vielleicht noch von Wenigen geehrt, von Vielen verhöhnt, und von Niemanden 105 geliebt! Und es ſpringen heran zu mir die roſenwangigen Knaben, und drücken mir die alte Harfe in die zitternde Hand, und ſprechen lachend: du haſt ſchon lange geſchwiegen, du fauler Graukopf, ſing' uns wieder Geſänge von den Träumen deiner Jugend. Dann ergreife ich die Harfe, und die alten Freuden und Schmerzen erwachen, die Nebel zer⸗ rinnen, Thränen blühen wieder aus meinen todten Augen, es frühlingt wieder in meiner Bruſt, ſüße Töne der Wehmuth beben in den Saiten der Harfe, ich ſehe wieder den blauen Fluß und die marmornen Paläſte, und die ſchönen Frauen⸗ und Mädchengeſichter— und ich ſinge ein Lied von den Blumen der Brenta. Es wird mein letztes Lied ſein, die Sterne werden mich anblicken wie in den Nächten meiner Jugend, das verliebte Mondlicht küßt wieder meine Wangen, die Geiſterchöre verſtorbener Nachtigallen flöten aus der Ferne, ſchlaftrunken ſchließen ſich 106 meine Augen, meine Seele verhallt wie die Töne meiner Harfe— es duften die Blumen der Brenta. Ein Baum wird meinen Grabſtein beſchatten. Ich hätte gern eine Palme, aber dieſe gedeiht nicht im Norden. Es wird wohl eine Linde ſein, und Sommerabends werden dort die Liebenden ſitzen und koſen; der Zeiſig, der ſich lauſchend in den Zweigen wiegt, iſt verſchwiegen, und meine Linde rauſcht traulich über den Häuptern der Glücklichen, die ſo glücklich ſind, daß ſie nicht einmal Zeit haben zu leſen, was auf dem weißen Leichenſteine geſchrieben ſteht. Wenn aber ſpäter⸗ hin der Liebende ſein Mädchen verloren hat, dann kommt er wieder zu der wohlbekannten Linbe, und ſeufzt und weint, und betrachtet den Leichenſtein, lang und oft und lieſt darauf die Inſchrift:— Er liebte die Blumen der Brenta. Capitel VI. Madamel ich habe Sie helogen. Ich bin nicht der Graf vom Ganges. Niemals im Leben ſah ich den heiligen Strom, niemals die Lotos⸗ blumen, die ſich in ſeinen frommen Wellen be⸗ ſpiegeln. Niemals lag ich kräumend unter in⸗ diſchen Palmen, niemals lag ich betend vor dem Diamantengott zu Jagernaut, durch den mir doch leicht geholfen wäre. Ich war eben ſo wenig jemals in Kalkutta wie der Kalkutten⸗ braten, den ich geſtern Mittag gegeſſen. Aber ich ſtamme aus Hindoſtan, und daher fühl' ich mich ſo wohl in den breiten Sangeswäldern 108 Valmiki's, die Heldenleiden des göttlichen Ramo bewegen mein Herz wie ein bekanntes Weh, aus den Blumenliedern Kalidaſas blüh'n mir hervor die ſüßeſten Erinnerungen, und als vor einigen Jahren eine gütige Dame in Berlin mir die hübſchen Bilder zeigte, die ihr Vater, der lange Zeit Gouverneur in Indien war, von dort mit⸗ gebracht, ſchienen mir die zartgemalten, heilig⸗ ſtillen Geſichter ſo wohl bekannt, und es war mir, als beſchaute ich meine eigne Familiengallerie. Franz Bopp— Madame, Sie haben gewiß ſeinen Nalus und ſein Conjugazionsſyſtem des Sanskrit geleſen— gab mir manche Auskunft über meine Ahnherren, und ich weiß jetzt genau, daß ich aus dem Haupte Bramah's entſproſſen bin, und nicht aus ſeinen Hühneraugen; ich ver⸗ muthe ſogar, daß der ganze Mahabarata mit ſeinen 200,000 Verſen bloß ein allegoriſcher Liebesbrief iſt, den mein Urahnherr an meine Urältermutter geſchrieben— Ol ſie liebten ſich 109 ſehr, ihre Seelen küßten ſich, ſie küßten ſich mit den Augen, ſie waren beide nur ein einziger Kuß— Eine verzauberte Nachtigall ſitzt auf einem rothen Korallenbaum im ſtillen Ocean, und ſingt ein Lied von der Liebe meiner Ahnen, neugierig blicken die Perlen aus ihren Muſchelzellen, die wunderbaren Waſſerblumen ſchauern vor Weh⸗ muth, die klugen Meerſchnecken, mit ihren bunten Porzellanthürmchen auf dem Rücken, kommen herangekrochen, die Seeroſen erröthen verſchämt, die gelben, ſpitzigen Meerſterne und die tauſend⸗ farbigen gläſernen Quabben regen und recken ſich, und alles wimmelt und lauſcht.— Doch, Madame, dieſes Nachtigallenlied iſt viel zu groß, um es hierherzuſetzen, es iſt ſo groß, wie die Welt ſelbſt, ſchon die Dedicazion an Anangas, den Gott der Liebe, iſt ſo lang wie ſämmtliche Walter⸗Scott'ſche Romane, und ( ee darauf bezieht ſich eine Stelle im Ariſtophanes, welche zu deutſch heißt: „Tiotio, tiotio, tiotinx, „Totototo, totototo, tototinx.“ (Voſſiſche Ueberſ.) Nein ich bin nicht geboren in Indien; das Licht der Welt erblickte ich an den Ufern jenes ſchönen Stromes, wo auf grünen Bergen die Thorheit wächſt und im Herbſte gepflückt, gekeltert, in Fäſſer gegoſſen und in's Ausland geſchickt wird.— Wahrhaftig, geſtern hörte ich Jemanden eine Thorheit ſprechen, die Anno 1811 in einer Weintraube geſeſſen, welche ich damals ſelbſt auf dem Johannisberge wachſen ſah.— Viel Thor⸗ heit wird aber auch im Lande ſelbſt conſumirt, und die Menſchen dort ſind wie überall:— ſie werden geboren, eſſen, trinken, ſchlafen, lachen, weinen, verläumden, ſind ängſtlich beſorgt um die Fortpflanzung ihrer Gattung, ſuchen zu 111 ſcheinen, was ſie nicht ſind, und zu thun, was ſie nicht können, laſſen ſich nicht eher raſiren, als bis ſie einen Bart haben, und haben oft einen Bart, ehe ſie verſtändig ſind, und wenn ſie verſtändig ſind, berauſchen ſie ſich wieder mit weißer und rother Thorheit. Mon dieu! wenn ich doch ſo viel Glauben in mir hätte, daß ich Berge verſetzen könnte— der Johannisberg wäre juſt derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe. Aber da mein Glaube nicht ſo ſtark iſt, muß mir die Phantaſie helfen und ſie verſetzt mich ſchnell nach dem ſchönen Rhein. O, da iſt ein ſchönes Land, voll Lieblichkeit und Sonnenſchein. Im blauen Strome ſpiegeln ſich die Bergesufer mit ihren Burgruinen und Waldungen und alterthümlichen Städten.— Dort vor der Hausthür' ſitzen die Bürgersleute des Sommerabends, und trinken aus großen Kannen, und ſchwatzen vertraulich: wie der 112 Wein, Gottlob! gedeiht, und wie die Gerichte durchaus öffentlich ſein müſſen, und wie die Maria Antoinette ſo mir nichts dir nichts guillo⸗ tinirt worden, und wie die Tabaksregie den Tabak vertheuert, und wie alle Menſchen gleich ſind, und wie der Görres ein Hauptkerl iſt. Ich habe mich nie um dergleichen Geſpräche bekümmert, und ſaß lieber bei den Mädchen am gewölbten Fenſter, und lachte über ihr Lachen, und ließ mich mit Blumen in's Geſicht ſchlagen, und ſtellte mich böſe, bis ſie mir ihre Geheimniſſe oder irgend eine andere wichtige Geſchichte er⸗ zählten. Die ſchöne Gertrud war bis zum Toll⸗ werden vergnügt, wenn ich mich zu ihr ſetzte; es war ein Mädchen wie eine flammende Roſe, und als ſie mir einſt um den Hals fiel, glaubte ich, ſie würde verbrennen und verduften in meinen Armen. Die ſchöne Katharine zerfloß in klin⸗ gender Sanftmuth, wenn ſie mit mir ſprach, und 113 ihre Augen waren von einem ſo reinen innigen Blau, wie ich es noch nie bei Menſchen und Thieren, und nur ſelten bei Blumen gefunden; man ſah gern hinein und konnte ſich ſo recht viel Süßes dabei denken. Aber die ſchöne Hedwig liebte mich; denn wenn ich zu ihr trat, beugte ſie das Haupt zur Erde, ſo daß die ſchwarzen Locken über das erröthende Geſicht herabfielen, und die glänzenden Augen wie Sterne aus dunkelem Himmel hervorleuchteten. Ihre ver⸗ ſchämten Lippen ſprachen kein Wort, und auch ich konnte ihr nichts ſagen. Ich huſtete und ſie zitterte. Sie ließ mich manchmal durch ihre Schweſter bitten, nicht ſo raſch die Felſen zu beſteigen, und nicht im Rheine zu baden, wenn ich mich heiß gelaufen oder getrunken. Ich be⸗ horchte mal ihr andächtiges Gebet vor dem Marienbildchen, das mit Goldflittern geziert und von einem brennenden Lämpchen umflittert, in einer Niſche der Hausflur ſtand; ich hörte II. 8 114 deutlich, wie ſie die Muttergottes bat: Ihm das Klettern, Trinken und Baden zu verbieten. Ich hätte mich gewiß in das ſchöne Mädchen verliebt, wenn ſie gleichgültig gegen mich geweſen mich en canaille behandeln. Die ſchöne Johanna war die Baſe der drei Schweſtern, und ich ſetzte mich gern zu ihr. Sie wußte die ſchönſten Sagen, und wenn ſie mit der weißen Hand zum Fenſter hinauszeigte nach den Bergen, wo alles paſſirt war, was ſie erzählte, ſo wurde mir ordentlich verzaubert zu Muthe, die alten Ritter ſtiegen ſichtbar aus den Burgruinen und zerhackten ſich die eiſernen Kleider, die Lore⸗Ley ſtand wieder auf der Bergesſpitze und ſang hinab ihr ſüß verderbliches Lied, und der Rhein rauſchte ſo vernünftig, be⸗ ruhigend und doch zugleich neckend ſchauerlich— und die ſchöne Johanna ſah mich an ſo ſeltſam, ſo heimlich, ſo räthſelhaft traulich, als gehörte ſie ſelbſt zu den Mährchen, wovon ſie eben er⸗ zählte. Sie war ein ſchlankes, blaſſes Mädchen, ſie war todtkrank und ſinnend, ihre Augen waren klar wie die Wahrheit ſelbſt, ihre Lippen fromm gewölbt, in den Zügen ihres Antlitzes lag eine große Geſchichte, aber es war eine heilige Ge⸗ ſchichte— Etwa eine Liebes⸗Legende? Ich weiß nicht, und ich hatte auch nie den Muth, ſie zu fragen. Wenn ich ſie lange anſah, wurde ich ruhig und heiter, es ward mir, als ſei ſtiller Sonntag in meinem Herzen und die Engel darin hielten Gottesdienſt. In ſolchen guten Stunden erzählte ich ihr Geſchichten aus meiner Kindheit, und ſie hörte immer ernſthaft zu, und ſeltſam! wenn ich mich nicht mehr auf die Namen beſinnen konnte, ſo erinnerte ſie mich daran. Wenn ich ſie alsdann 8* 416 mit Verwunderung fragte: woher ſie die Namen wiſſe? ſo gab ſie lächelnd zur Antwort, ſie habe ſie von den Vögeln erfahren, die an den Flieſen ihres Fenſters niſteten— und ſie wollte mich gar glauben machen, dieſes ſeien die nämlichen Vögel, die ich einſt als Knabe mit meinem Taſchengelde den hartherzigen Bauerjungen ab⸗ gekauft habe, und dann frei fortfliegen laſſen. Ich glaube aber, ſie wußte alles, weil ſie ſo blaß war und wirklich bald ſtarb. Sie wußte auch, wann ſie ſterben würde, und wünſchte, daß ich Andernach den Tag vorher verlaſſen möchte. Beim Abſchied gab ſie mir beide Hände— es waren weiße, ſüße Hände, und rein wie eine Hoſtie— und ſie ſprach: du biſt ſehr gut, und wenn du böſe wirſt, ſo denke wieder an die kleine, todte Veronika. Haben ihr die geſchwätzigen Vögel auch dieſen Namen verrathen? Ich hatte mir in 117 erinnerungsſüchtigen Stunden ſo oft den Kopf zerbrochen und konnte mich nicht mehr auf den lieben Namen erinnern. Jetzt, da ich ihn wieder habe, will mir auch die früheſte Kindheit wieder im Gedächtniſſe hervorblühen, und ich bin wieder ein Kind und ſpiele mit andern Kindern auf dem Schloßplatze zu Düſſeldorf am Rhein. Capitel VI. Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieſes ausdrücklich für den Fall, daß etwa, nach meinem Tode, ſieben Städte— Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bockum, Dülken, Göttingen und Schöppenſtädt— ſich um die Ehre ſtreiten, meine Vaterſtadt zu ſein. Düſſeldorf iſt eine Stadt am Rhein, es leben da ſechszehntauſend Menſchen, und viele hunderttauſend Menſchen liegen noch außerdem da begraben. Und dar⸗ unter ſind manche, von denen meine Mutter ſagt, es wäre beſſer ſie lebten noch, z. B. mein Großvater und mein Oheim, der alte Herr 119 v. Geldern und der junge Herr v. Geldern, die beide ſo berühmte Doctoren waren, und ſo viele Menſchen vom Todt kurirt, und doch ſelber ſterben mußten. Und die fromme Urſula, die mich als Kind auf den Armen getragen, liegt auch dort begraben, und es wächſt ein Roſen⸗ ſtrauch auf ihrem Grab— Roſenduft liebte ſie ſo ſehr im Leben und ihr Herz war lauter Roſenduft und Güte. Auch der alte kluge Kanonikus liegt dort begraben. Gott, wie elend ſah er aus, als ich ihn zuletzt ſah! Er beſtand nur noch aus Geiſt und Pflaſtern, und ſtudirte dennoch Tag und Nacht, als wenn er beſorgte, die Würmer möchten einige Ideen zu wenig in ſeinem Kopfe finden. Auch der kleine Wilhelm liegt dort, und daran bin ich ſchuld. Wir waren Schulkameraden im Franziskanerkloſter und ſpielten auf jener Seite deſſelben, wo zwiſchen ſteinernen Mauern die Düſſel fließt, und ich ſagte:„Wilhelm, hol' doch das Kätzchen, das eben hineingefallen“— und luſtig ſtieg er hinab 2T auf das Brett, das über dem Bach lag, riß das Kätzchen aus dem Waſſeer, fiel aber ſelbſt hinein und als man ihn herauszog, war er naß und todt. Das Kätzchen hat noch lange Zeit gelebt. Die Stadt Düſſeldorf iſt ſehr ſchön, und wenn man in der Ferne an ſie denkt, und zu⸗ fällig dort geboren iſt, wird einem wunderlich zu Muthe. Ich bin dort geboren, und es iſt mir, als müßte ich gleich nach Hauſe gehn. Und wenn ich ſage, nach Hauſe gehn, ſo meine ich die Bolkerſtraße und das Haus, worin ich geboren bin. Dieſes Haus wird einſt ſehr merk⸗ würdig ſein, und der alten Frau, die es beſitzt, habe ich ſagen laſſen, daß ſie bei Leibe das Haus nicht verkaufen ſolle. Für das ganze Haus bekäme ſie jetzt doch kaum ſo viel, wie ſchon allein das Trinkgeld betragen wird, das einſt die grünverſchleierten, vornehmen Engländerinnen dem Dienſtmädchen geben, wenn 121 es ihnen die Stube zeigt, worin ich das Licht der Welt erblickt, und den Hühnerwinkel, worin mich Vater gewöhnlich einſperrte, wenn ich Trauben genaſcht, und auch die braune Thüre, worauf Mutter mich die Buchſtaben mit Kreide ſchreiben lehrte— ach Gott! Madame, wenn ich ein berühmter Schriftſteller werde, ſo hat das meiner armen Mutter genug Mühe gekoſtet. Aber mein Ruhn ſchläft jetzt noch in den Marmorbrüchen von Carrara, der Makulatur⸗ Lorbeer, womit man meine Stirne geſchmückt, hat ſeinen Duft noch nicht durch die ganze Welt verbreitet, und wenn jetzt die grünverſchleierten, vornehmen Engländerinnen nach Düſſeldorf kom⸗ men, ſo laſſen ſie das berühmte Haus noch unbeſichtigt und gehen direct nach dem Markt⸗ platz, und betrachten die dort in der Mitte ſtehende, ſchwarze koloſſale Reuterſtatue. Dieſe ſoll den Kurfürſten Jan Wilhelm vorſtellen. Er trägt einen ſchwarzen Harniſch, eine 7** 122 tiefherabhängende Alongeperrücke.— Als Knabe hörte ich die Sage, der Künſtler, der dieſe Statue gegoſſen, habe während des Gießens mit Schrecken bemerkt, daß ſein Metall nicht dazu ausreiche, und da wären die Bürger der Stadt herbeigelaufen, und hätten ihm ihre ſilbernen Löffel gebracht, um den Guß zu vollenden— und nun ſtand ich ſtundenlang vor dem Reuter⸗ bilde, und zerbrach mir den Kopf: wie viel ſilberne Löffel wohl darin ſtecken mögen, und wie viel Apfeltörtchen man wohl für all das Silber bekommen könnte? Apfeltörtchen waren nämlich damals meine Paſſion— jetzt iſt es Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebsſuppe— und eben unweit des Kurfürſtenbildes, an der Theaterecke, ſtand gewöhnlich der wunderlich gebackene ſäbelbeinige Kerl, mit der weißen Schürze und dem umgehängten Korbe voll lieb⸗ lich dampfender Apfeltörtchen, die er mit einer un⸗ widerſtehlichen Diskantſtimme anzupreiſen wußte: 123 „Die Apfeltörtchen ſind ganz friſch, eben aus dem Ofen, riechen ſo delikat.“— Wahrlich, wenn in meinen ſpäteren Jahren der Verſucher mir beikommen wollte, ſo ſprach er mit ſolcher lockenden Diskantſtimme, und bei Signora Guflietta wäre ich keine volle zwölf Stunden geblieben, wenn ſie nicht den ſüßen duftenden Apfeltörtchen⸗ ton angeſchlagen hätte. Und wahrlich, nie würden Apfeltörtchen mich ſo ſehr angereizt haben, hätte der krumme Hermann ſie nicht ſo geheimnißvoll. mit ſeiner weißen Schürze bedeckt— und die 7 cn Schürzen ſind es, welche— doch ſie bringen 7 3 mich aus dem Contexyt, ich ſprach ja von der Reuterſtatue, die ſo viel ſilberne Löffel im Leibe hat, und keine Suppe, und den Kurfürſten Jan Wilhelm darſtellt. Er ſoll ein braver Herr geweſen ſeyn, und ſehr kunſtliebend, und ſelbſt ſehr geſchickt. Er ſtiftete die Gemäldegallerie in Düſſeldorf, und 124 auf dem dortigen Obſervatorium zeigt man noch einen überaus künſtlichen Einſchachtelungsbecher von Holz, den er ſelbſt in ſeinen Freiſtunden — er hatte deren täglich vier und zwanzig— geſchnitzelt hat. n Sn ol. Damals waren die Fürſten noch keine ge⸗ plagte Leute wie jetzt, und die Krone war ihnen am Kopfe feſtgewachſen, und des Nachts zogen ℳ ſie noch eine Schlafmütze darüber, und ſchliefen ruhig, und ruhig zu ihren Füßen ſchliefen die V Völker, und wenn dieſe des Morgens erwachten, ſo ſagten ſie:„guten Morgen, Vater!“— und jene antworteten:„guten Morgen, liebe Kinder!“ Aber es wurde plötzlich anders; als wir eines Morgens zu Düſſeldorf erwachten, und „guten Morgen, Vater!“ ſagen wollten, da war der Vater abgereiſt, und in der ganzen Stadt war nichts als ſtumpfe Beklemmung, es war überall eine Art Begräbnißſtimmung, und die Leute 125 ſchlichen ſchweigend nach dem Markte, und laſen den langen papiernen Anſchlag auf der Thür des Rathhauſes. Es war ein trübes Wetter, und der dünne Schneider Kilian ſtand dennoch in ſeiner Nanquinjacke, die er ſonſt nur im Hauſe trug, und die blauwollnen Strümpfe hingen ihm herab, daß die nackten Beinchen betrübt hervorguckten, und ſeine ſchmalen Lippen bebten, während er das angeſchlagene Placat vor ſich hinmurmelte. Ein alter pfälziſcher In⸗ valide las etwas lauter und bei manchem Worte träufelte ihm eine klare Thräne in den weißen, ehrlichen Schnauzbart. Ich ſtand neben ihm und weinte mit, und frug ihn: warum wir weinten? Und da antwortete er:„der Kurfürſt läßt ſich bedanken.“ Und dann las er wieder, und bei den Worten„für die bewährte Unter⸗ thanstreue“„und entbinden Euch Eurer Pflichten“ da weinte er noch ſtärker.— Es iſt wunderlich anzuſehn, wenn ſo ein alter Mann, mit verblichener 126 Uniform und vernarbtem Soldatengeſicht, plötzlich ſo ſtark weint. Während wir laſen, wurde auch das kurfürſtliche Wappen vom Rathhauſe her⸗ untergenommen, alles geſtaltete ſich ſo beäng⸗ ſtigend öde, es war, als ob man eine Sonnen⸗ finſterniß erwarte, die Herren Rathsherren gingen ſo abgedankt und langſam umher, ſogar der allgewaltige Gaſſenvogt ſah aus, als wenn er nichts mehr zu befehlen hätte, und ſtand da ſo friedlich⸗gleichgültig, obgleich der tolle Alvuiſius ſich wieder auf ein Bein ſtellte und mit närriſcher Grimaſſe die Namen der franzöſiſchen Generale herſchnatterte, während der beſoffene, krumme Gumpertz ſich in der Goſſe herumwälzte und cça ira, ça ira! ſang. Ich aber ging nach Hauſe, und weinte und klagte:„der Kurfürſt läßt ſich bedanken.“ Meine Mutter hatte ihre liebe Noth, ich wußte was ich wußte, ich ließ mir nichts ausreden, ich ging weinend zu Bette, und in der Nacht träumte —— 127 mir: die Welt habe ein Ende— die ſchönen Blumengärten und grünen Wieſen wurden wie Teppiche vom Boden aufgenommen und zu⸗ ſammengerollt, der Gaſſenvogt ſtieg auf eine hohe Leiter und nahm die Sonne vom Himmel herab, der Schneider Kilian ſtand dabei und ſprach zu ſich ſelber:„ich muß nach Hauſe gehn und mich hübſch anziehn, denn ich bin todt, und ſoll noch heute begraben werden“— und es wurde immer dunkler, ſpärlich ſchimmerten oben einige Sterne und auch dieſe ſielen herab wie gelbe Blätter im Herbſte, allmählich verſchwanden die Menſchen, ich armes Kind irrte ängſtlich umher, ſtand endlich vor der Weidenhecke eines wüſten Bauerhofes und ſah dort einen Mann, der mit dem Spaten die Erde aufwühlte, und neben ihm ein häßlich hämiſches Weib, das etwas wie einen abgeſchnittenen Menſchenkopf in der Schürze hielt, und das war der Mond, und ſie legte ihn ängſtlich ſorgſam in die offne 128 Grube— und hinter mir ſtand der pfälziſche Invalide und ſchluchzte und buchſtabirte:„der Kurfürſt läßt ſich bedanken.“ Als ich erwachte, ſchien die Sonne wieder wie gewöhnlich durch das Fenſter, auf der Straße ging die Trommel, als ich in unſere Wohnſtube trat und meinem Vater, der im weißen Puder⸗ mantel ſaß, einen guten Morgen bot, hörte ich, wie der leichtfüßige Friſeur ihm während des Friſirens haarklein erzählte: daß heute auf dem Rathhauſe dem neuen Großherzog Ivachim ge⸗ huldigt werde, und daß dieſer von der beſten Familie ſei, und die Schweſter des Kaiſers Napoleon zur Frau bekommen, und auch wirklich viel Anſtand beſitze, und ſein ſchönes ſchwarzes Haar in Locken trage, und nächſtens ſeinen Einzug halten und ſicher allen Frauenzimmern gefallen müſſe. Unterdeſſen ging das Getrommel auf der Straße immer fort, und ich trat vor die Haus⸗ thür und beſah die einmarſchirenden franzöſiſchen ——— 129 Truppen, das freudige Volk des Ruhmes, das ſingend und klingend die Welt durchzog, die heiter⸗-ernſten Grenadiergeſichter, die Bären⸗ mützen, die dreifarbigen Kokarden, die blinkenden Bajonette, die Voltigeurs voll Luſtigkeit und Point d'honneur, und den allmächtig großen, ſilbergeſtickten Tambour⸗Major, der ſeinen Stock mit dem vergoldeten Knopf bis an die erſte Etage werfen konnte und ſeine Augen ſogar bis zur zweiten Etage, wo ebenfalls ſchöne Mädchen am Fenſter ſaßen. Ich freute mich, daß wir Einquartirung bekämen— meine Mutter freute ſich nicht— und ich eilte nach dem Marktplatz. Da ſah es jetzt ganz anders aus, es war, als ob die Welt neu angeſtrichen worden, ein neues Wappen hing am Rathhauſe, das Eiſengeländer an deſſen Balcon war mit geſtickten Sammet⸗ decken überhängt, franzöſiſche Grenadiere ſtanden Schildwache, die alten Herren Rathsherren hatten neue Geſichter angezogen und trugen ihre II. 9 8 130 Sonntagsröcke, und ſahen ſich an auf franzöſiſch und ſprachen bon jour, aus allen Fenſtern guckten Damen, neugierige Bürgersleute und blanke Soldaten füllten den Platz, und ich nebſt andern Knaben, wir kletterten auf das große Kurfürſten⸗ pferd und ſchauten davon herab auf das bunte Marktgewimmel. Nachbars Pitter und der lange Kurz hätten bei dieſer Gelegenheit beinah' den Hals gebrochen und das wäre gut geweſen; denn der Eine ent⸗ lief nachher ſeinen Eltern, ging unter die Sol⸗ daten, deſertirte, und wurde in Mainz todtge⸗ ſchoſſen, der Andere aber machte ſpäterhin geogra⸗ phiſche Unterſuchungen in fremden Taſchen, wurde deshalb wirkendes Mitglied einer öffentlichen Spinnanſtalt, zerriß die eiſernen Bande, die ihn an dieſe und an das Vaterland feſſelten, kam glücklich über das Waſſer, und ſtarb in London durch eine allzuenge Cravatte, die ſich von ſelbſt 131 zugezogen, als ihm ein königlicher Beamter das Brett unter den Beinen wegriß. Der lange Kurz ſagte uns, daß heute keine Schule ſei, wegen der Huldigung. Wir mußten lange warten, bis dieſe losgelaſſen wurde. Endlich füllte ſich der Balcon des Rathhauſes mit bunten Herren, Fahnen und Trompeten, und der Herr Bürgermeiſter, in ſeinem berühmten rothen Rock hielt eine Rede, die ſich etwas in die Länge zog, wie Gummi⸗Elaſticum, oder wie eine geſtrickte — t Schlafmütze, in die man einen Stein geworfen* — nur nicht den Stein der Weiſen— und manche Redensarten konnte ich ganz deutlich vernehmen, . B. daß man uns glücklich machen wolle— und beim letzten Worte wurden die Trompeten geblaſen, und die Fahnen geſchwenkt, und die Trommel gerührt, und Vivat gerufen— und während ich ſelber Vivat rief, hielt ich mich feſt an den alten Kurfürſten. Und das that Noth, denn mir wurde ordentlich ſchwindlich, ich glaubte 9* 132 ſchon, die Leute ſtänden auf den Köpfen, weil ſich die Welt herumgedreht, das Kurfürſtenhaupt mit der Alongeperrücke nickte und flüſterte:„halt feſt an mir!“— und erſt durch das Kanoniren, das jetzt auf dem Walle losging, ernüchterte ich mich, und ſtieg vom Kurfürſtenpferde langſam wieder herab. Als ich nach Hauſe ging, ſah ich wieder, wie der tolle Alouiſius auf einem Beine tanzte, während er die Namen der franzöſiſchen Gene⸗ rale ſchnarrte, und wie ſich der krumme Gumpertz beſoffen in der Goſſe herumwälzte und ga ira, ca ira brüllte und zu meiner Mutter ſagte ich: man will uns glücklich machen und deshalb iſt heute keine Schule. —— 133 Capitel VII Den andern Tag war die Welt wieder ganz in Ordnung und es war wieder Schule nach wie vor, und es wurde wieder auswendig gelernt nach wie vor— die römiſchen Könige, die Jahres⸗ zahlen, die nomina auf im, die verba irregularia, Griechiſch, Hebräiſch, Geographie, deutſche Sprache, Kopfrechnen,— Gott! der Kopf ſchwindelt mir noch davon— alles mußte aus⸗ wendig gelernt werden. Und manches davon kam mir in der Folge zu ſtatten. Denn hätte ich nicht die römiſchen Könige auswendig gewußt, ſo wäre es mir ja ſpäterhin ganz gleichgültig geweſen, ob Niebuhr bewieſen oden nicht bewieſen hat, daß ſie niemals wirklich exiſtirt haben. Und wußte ich nicht jene Jahreszahlen, wie hätte ich mich ſpäterhin zurecht finden wollen in dem großen Berlin, wo ein Haus dem andern gleicht, wie ein Tropfen Waſſer oder wie ein Grenadier dem andern, und wo man ſeine Bekannten nicht zu finden vemag, wenn man nicht ihre Haus⸗ nummer im Kopfe hat; ich dachte mir damals bei jedem Bekannten zugleich eine hiſtoriſche Begebenheit, deren Jahreszahl mit ſeiner Haus⸗ nummer übereinſtimmte, ſo daß ich mich dieſer leicht erinnern konnte, wenn ich jener gedachte, und daher kam mir auch immer eine hiſtoriſche Begebenheit in den Sinn, ſobald ich einen Be⸗ kannten erblickte. So z. B. wenn mir mein Schneider begegnete, dachte ich gleich an die Schlacht bei Marathon, begegnete mir der wohl⸗ geputzte Banquier Chriſtian Gumpel, ſo dachte— ich gleich an die Zerſtörung Jeruſalems, erblickte ich einen ſtarkverſchuldeten portugieſiſchen Freund, 8 —O 135 ſo dachte ich gleich an die Flucht Mahomet's, ſah ich den Univerſitätsrichter, einen Mann, deſſen ſtrenge Rechtlichkeit bekannt iſt, ſo dachte ich gleich an den Tod Haman's, ſobald ich Wadzeck ſah, dachte ich gleich an die Cleopatra.— Ach, lieber Himmel, das arme Vieh iſt jetzt todt, die Thränenſäckchen ſind vertrocknet, und man kann mit Hamlet ſagen: nehmt alles in Allem, es war ein altes Weib, wir werden noch oft ſeines Gleichen haben! Wie geſagt, die Jahrszahlen ſind durch⸗ aus nöthig, ich kenne Menſchen, die gar nichts als ein paar Jahrszahlen im Kopfe hatten, und damit in Berlin die rechten Häuſer zu finden wußten, und jetzt ſchon ordentliche Profeſſoren ſind. Ich aber hatte in der Schule meine Noth mit den vielen Zahlen! mit dem eigentlichen Rechnen ging es noch ſchlechter. Am beſten begriff ich das Subtrahiren, und da giebt es eine ſehr practiſche Hauptregel:„Vier von drei geht nicht, da muß ich Eins borgen“— ich rathe aber jedem, in 136 ſolchen Fällen immer einige Groſchen mehr zu borgen; denn man kann nicht wiſſen. Was aber das Lateiniſche betrifft, ſo haben Sie gar keine Idee davon, Madame, wie das ver⸗ wickelt iſt. Den Römern würde gewiß nicht Zeit genug übrig geblieben ſein, die Welt zu erobern, wenn ſie das Latein erſt hätten lernen ſollen. Dieſe glücklichen Leute wußten ſchon in der Wiege, welche Nomina den Accuſativ auf im haben. Ich hingegen mußte ſie im Schweiße meines Angeſichts auswendig lernen; aber es iſt doch immer gut, daß ich ſie weiß. Denn hätte ich z. B. den 20ſten Juli 1825, als ich öffentlich in der Aula zu Göt⸗ tingen lateiniſch disputirte— Madame, es war der Mühe werth zuzuhören— hätte ich da sina- pem ſtatt sinapim geſagt, ſo würden es vielleicht die anweſenden Füchſe gemerkt haben, und das wäre für mich eine ewige Schande geweſen. Vis, buris, sitis, tussis, cucumis, amussis, cannabis, sinapis.— Dieſe Wörter, die ſo viel Aufſehen in 137 der Welt gemacht haben, bewirken dieſes, indem ſie ſich zu einer beſtimmten Claſſe ſchlugen und dennoch eine Ausnahme blieben; deshalb achte ich ſie ſehr, und daß ich ſie bei der Hand habe, wenn ich ſie etwa plötzlich brauchen ſollte, das giebt mir in manchen trüben Stunden des Lebens viel innere Beruhigung und Troſt. Aber, Madame, die verba irregularia— ſie unterſcheiden ſich von den verbis regularibus dadurch, daß man bei ihnen noch mehr Prügel bekömmt— ſie ſind gar entſetzlich ſchwer. In den dumpfen Bogengängen des Franziskanerkloſters, unfern der Schulſtube, hing damals ein großer, gekreuzigter Chriſtus von grauem Holze, ein wüſtes Bild, das noch jetzt zu⸗ weilen des Nachts durch meine Träume ſchreitet, und mich traurig anſieht mit ſtarren, blutigen Augen— vor dieſem Bilde ſtand ich oft und betete: O du armer, ebenfalls gequälter Gott, wenn es dir nur irgend möglich iſt, ſo ſieh doch zu, daß ich die verba irregularia im Kopfe behalte. 138 Vom Griechiſchen will ich gar nicht ſprechen; ich ärgere mich ſonſt zu viel. Die Mönche im Mittelalter hatten ſonſt ganz Unrecht nicht, wenn ſie behaupteten, daß das Griechiſche eine Erfin⸗ dung des Teufels ſei. Gott kennt die Leiden, die ich dabei ausgeſtanden. Mit dem Hebräiſchen ging es beſſer, denn ich hatte immer eine große Vorliebe für die Juden, obgleich ſie, bis auf dieſe Stunde, meinen guten Namen kreuzigen; aber ich konnte es doch im Hebräiſchen nicht ſo weit bringen wie meine Taſchenuhr, die viel intimen Umgang mitt Pfänderverleihern hatte, und dadurch manche jüdiſche Sitte annahm— z. B. des Sonnabends ging ſie nicht— und die heilige Sprache lernte, und ſie auch ſpäterhin grammatiſch trieb wie ich denn oft in ſchlafloſen Nächten mit Er⸗ ſtaunen hörte, daß ſie beſtändig vor ſich hin pickerte: katal, katalta, katalti— kittel, kittalta, kittaltt—— pokat, pokadeti— pikat— pik— pik.—— 139 Indeſſen von der deutſchen Sprache begriff ich viel mehr, und die iſt doch nicht ſo gar kinderleicht. Denn wir armen Deutſchen, die wir ſchon mit Einquartierungen, Militärpflichten, Kopf⸗ ſteuern und tauſenderlei Abgaben genug geplagt ſind, wir haben uns noch obendrein den Adelung aufgeſackt und quälen uns einander mit dem Accuſativ und Dativ. Viel deuſche Sprache lernte ich vom alten Rektor Schallmeyer, einem braven geiſtlichen Herrn, der ſich meiner von kindauf annahm. Aber ich lernte auch etwas der Art von dem Profeſſor Schramm, einem Manne, der ein Buch über den ewigen Frieden geſchrieben hat, und in deſſen Claſſe ſich meine Mitbuben am meiſten rauften. Während ich in einem Zuge fortſchrieb und allerlei dabei dachte, habe ich mich unverſehens in die alten Schulgeſchichten hineingeſchwatzt, und ich ergreife dieſe Gelegenheit, um Ihnen zu zeigen, Madame, wie es nicht meine Schuld war, wenn 140 ich von der Geographie ſo wenig lernte, daß ich mich ſpäterhin nicht in der Welt zurecht zu finden wußte. Damals hatten nämlich die Franzoſen alle Grenzen verrückt, alle Tage wurden die Länder neu illuminirt, die ſonſt blau geweſen, wurden jetzt plötzlich grün, manche wurden ſogar blutroth, die beſtimmten Lehrbuchſeelen wurden ſo ſehr vertauſcht und vermiſcht, daß kein Teufel ſie mehr erkennen konnte, die Landesprodukte änderten ſich ebenfalls, Cichorien und Runkel⸗ rüben wuchſen jetzt, wo ſonſt nur Haſen und hinterherlaufende Landjunker zu ſehen waren, auch die Charaktere der Völker änderten ſich, die Deutſchen wurden gelenkig, die Franzoſen machten keine Complimente mehr, die Engländer warfen das Geld nicht mehr zum Fenſter hinaus, und die Venezianer waren nicht ſchlau genug, unter den Fürſten gab es viel Avancement, die alten Könige bekamen neue Uniformen, neue König⸗ thümer wurden gebacken und hatten Abſatz wie 141 friſche Semmel, manche Potentaten hingegen wurden von Haus und Hof gejagt, und mußten auf andere Art ihr Brod zu verdienen ſuchen, und einige legten ſich daher früh auf ein Hand⸗ werk, und machten z. B. Siegellack oder— Madame, dieſe Periode hat endlich ein Ende, der Athem wollte mir ausgehen— kurz und gut, in ſolchen Zeiten kann man es in der Geographie nicht weit bringen. Da hat man es doch beſſer in der Naturge⸗ ſchichte, da können nicht ſo viele Veränderungen vorgehen, und da giebt es beſtimmte Kupferſtiche von Affen, Känguruhs, Zebras, Nashornen u. ſ. w. Weil mir ſolche Bilder im Gedächtniſſe blieben, geſchah es in der Folge ſehr oft, daß mir manche Menſchen beim erſten Anblick gleich wie alte Bekannte vorkamen. Auch in der Mythologie ging es gut. Ich hatte meine liebe Freude an dem Göttergeſindel, das ſo luſtig nackt die Welt regierte. Ich glaube 142 nicht, daß jemals ein Schulknabe im alten Rom die Hauptartikel ſeines Katechismus, z. B. die Liebſchaften der Venus, beſſer auswendig gelernt hat, als ich. Aufrichtig geſtanden, da wir doch einmal die alten Götter auswendig lernen mußten, ſo hätten wir ſie auch behalten ſollen, und wir haben vielleicht nicht viel Vortheil bei unſerer neurömiſchen Dreigötterei, oder gar bei unſerem füdiſchen Eingötzenthum. Vielleicht war jene Mythologie im Grunde nicht ſo unmoraliſch, wie man ſie verſchrieen hat, es iſt z. B. ein ſehr anſtändiger Gedanke des Homers, daß er jener vielbeliebten Venus einen Gemahl zur Seite gab. Am allerbeſten abererging es mir in der fran⸗ zöſiſchen Claſſe des Abbé d'Aulnoi, eines eme⸗ grirten Franzoſen, der eine Menge Grammatiken geſchrieben und eine rothe Perrücke trug, und gar pfiffig umherſprang, wenn er ſeine Art poétique und ſeine Historie allemande vortrug.— Er war im ganzen Gymnaſtum der einzige, welcher deutſche 143 Geſchichte lehrte. Indeſſen auch das Franzöſiſche hat ſeine Schwierigkeiten, und zur Erlernung deſſelben gehört viel Einqartierung, viel Ge⸗ trommel, viel apprendre par coeur, und vor Allem darf man keine Béte allemande ſein. Da gab es manches ſaure Wort, ich erinnere mich noch ſo gut, als wäre es erſt geſtern geſchehen, daß ich durch la réligion viel Unannehmlichkeiten erfahren. Wohl ſechsmal erging an mich die Frage: Henry, wie heißt der Glaube auf fran⸗ zöſiſch? Und ſechsmal, und immer weinerlicher antwortete ich: er heißt le crédit. Und beim ſiebenten Male, kirſchbraun im Geſichte, rief der wüthende Examinators er heißt la réligion— und es regnete Prügel und alle Cameraden lachten. Madame! ſeit der Zeit kann ich das Wort röligion nicht erwähnen hören, ohne daß mein Rücken blaß vor Schrecken und meine Wange roth vor Schaam wird. Und ehrlich geſtanden, le crédit hat mir im Leben mehr 144 genützt, als la réligion.— In dieſem Augen⸗ blick fällt mir ein, daß ich dem Löwenwirth in Bologna noch fünf Thaler ſchuldig bin. Und wahrhaftig ich mache mich anheiſchig, dem Löwen⸗ wirth noch fünf Thaler extra ſchuldig zu ſein, wenn ich nur das unglückſelige Wort, la réligion, in dieſem Leben nimmer mehr zu hören brauche. Parbleu Madamel ich habe es im Franzöſiſchen weit gebracht! Ich verſtehe nicht nur Patois, ſondern ſogar adeliges Bonnenfranzöſiſch. Noch unlängſt in einer noblen Geſellſchaft verſtand ich faſt die Hälfte von dem Diskurs zweier deutſchen Comteſſen, wovon jede über vier und ſechszig Jahr' und eben ſo viele Ahnen zählte. Ja, im Café⸗Royal zu Berlin hörte ich einmal den Monſieur Hans Michel Martens franzöſiſch par⸗ liren, und verſtand jedes Wort, obſchon kein Verſtand darin war. Man muß den Geiſt der Sprache kennen, und dieſen lernt man am beſten durch Trommeln. Parbleu! wie viel verdanke ich nicht dem franzöſiſchen Tambour, der ſo lange bei uns in Quartier lag, und wie ein Teufel ausſah, und doch von Herzen ſo engelgut war, und ſo ganz vorzüglich trommelte. Es war eine kleine, bewegliche Figur mit einem fürchterlichen, ſchwarzen Schnurrbarte, worunter ſich die rothen Lippen trotzig hervor⸗ bäumten, während die feurigen Augen hin und her ſchoſſen. Ich kleiner Junge hing an ihm wie eine Klette, und half ihm ſeine Knöpfe ſpiegelblank putzen und ſeine Weſte mit Kreide weißen— denn Monſieur Le Grand wollte gerne gefallen— und ich folgte ihm auch auf die Wache, nach dem Appell, nach der Parade— da war nichts als Waffenglanz und Luſtigkeit— les jours de féte sont passés! Monſieur Le Grand wußte nur wenig gebrochenes Deutſch, nur die Haupt⸗ ausdrücke— Brod, Kuß, Ehre— doch konnte er ſich auf der Trommel ſehr gut verſtändlich II. 10 machen, z. B. wenn ich nicht wußte, was das Wort„liberté“ bedeute, ſo trommelte er den Marſeiller Marſch— und ich verſtand ihn. Wußte ich nicht die Bedeutung des Wortes „égalité“, ſo trommelte er den Marſch„LCa ira, ca ira——— les aristocrats à la lanterne!“— und ich verſtand ihn. Wußte ich nicht, was „bétise“ ſei, ſo trommelte er den Deſſauer Marſch, den wir Deutſchen, wie auch Goethe berichtet, in der Champagne getrommelt— und ich ver⸗ ſtand ihn. Er wollte mir mal das Wort „l'Allemagne“ erklären, und er trommelte jene allzueinfache Urmelodie, die man oft an Markt⸗ tagen bei tanzenden Hunden hört, nämlich Dum— Dum— Dum— ich ärgerte mich, aber ich verſtand ihn doch. Auf ähnliche Weiſe lehrte er mich auch die neuere Geſchichte. Ich verſtand zwar nicht die Worte, die er ſprach, aber da er während des Sprechens beſtändig trommelte, ſo wußte ich doch, 147 was er ſagen wollte. Im Grunde iſt das die beſte Lehrmethode. Die Geſchichte von der Beſtürmung der Baſtille, der Tuilerien u. ſ. w begreift man erſt recht, wenn man weiß, wie bei ſolchen Gelegenheiten getrommelt wurde. In unſeren Schulcompendien lieſt man bloß:„Ihre Exc. die Barone und Grafen und hochdero Gemahlinnen wurden geköpft— Ihre Alteſſen die Herzöge und Prinzen und höchſtdero Gemah⸗ linnen wurden geköpft— Ihre Majeſtät der König und allerhöſtdero Gemahlin wurden ge⸗ köpft—“ aber wenn man den rothen Guillotinen⸗ marſch trommeln hört, ſo begreift man dieſes erſt recht, und man erfährt das Warum und das Wie. Madame, das iſt ein gar wunder⸗ licher Marſch! Er durchſchauerte mir Mark und Bein, als ich ihn zuerſt hörte, und ich war froh, daß ich ihn vergaß.— Man vergißt ſo etwas, wenn man älter wird, ein junger Mann hat jetzt ſo viel anderes Wiſſen im Kopf zu behalten 10* 148 — Whiſt, Boſton, genealogiſche Tabellen, Bundes⸗ tagsbeſchlüſe, Dramaturgie, Liturgie, Vor⸗ ſchneiden— und wirklich, trotz allem Stirnreiben konnte ich mich lange Zeit nicht mehr auf jene gewaltige Melodie beſinnen. Aber denken Sie ſich, Madame! unlängſt ſitze ich an der Tafel mit einer ganzen Menagerie von Grafen, Prinzen, Prinzeſſinnen, Kammerherren, Hofmarſchallinnen, Hofſchenken, Oberhofmeiſterinnen, Hofſilberbe⸗ wahrern, Hofjägermeiſterinnen, und wie dieſe vornehmen Domeſtiquen noch außerdem heißen mögen, und ihre Unterdomeſtiquen liefen hinter ihren Stühlen und ſchoben ihnen die gefüllten Teller vor's Maul— ich aber, der übergangen und überſehen wurde, ſaß müſſig, ohne die mindeſte Kinnbackenbeſchäftigung, und ich knetete Brodkügelchen, und trommelte vor Langeweile mit den Fingern, und zu meinem Entſetzen trommelte ich plötzlich den rothen, längſtver⸗ geſſenen Guillotinenmarſch. 149 „Und was geſchah?“ Madame, dieſe Leute laſſen ſich im Eſſen nicht ſtören, und wiſſen nicht, daß andere Leute, wenn ſie nichts zu eſſen haben, plötzlich anfangen zu trommeln, und zwar gar kurioſe Märſche, die man längſt vergeſſen glaubte. Iſt nun das Trommeln ein angebornes Talent, oder hab' ich es frühzeitig ausgebildet, genug, es liegt mir in den Gliedern, in Händen und Füßen, und äußert ſich oft unwillkürlich. Zu Berlin ſaß ich einſt im Collegium des Geheimenraths Schmalz, eines Mannes, der den Staat gerettet durch ſein Buch über die Schwarzmäntel⸗ und Rothmäntelgefahr.— Sie erinnern ſich, Madame, aus dem Pauſanias, daß einſt durch das Geſchrei eines Eſels ein eben ſo gefährliches Complot entdeckt wurde, auch wiſſen Sie aus dem Livius, oder aus Beckers Welt⸗ geſchichte, daß die Gänſe das Capitol gerettet, und aus dem Salluſt wiſſen Sie ganz genau, 150 daß dadurch eine geſchwätzige Putaine, die Frau Fulvia, jene fürchterliche Verſchwörung des Catilina an den Tag kam.— Doch um wieder auf beſagten Hammel zu kommen, im Collegium des Herrn Geheimraths Schmalz hörte ich das Völkerrecht, und es war ein langweiliger Sommernachmittag, und ich ſaß auf der Bank und hörte immer weniger— der Kopf war mir eingeſchlafen— doch plötzlich ward ich aufge⸗ weckt durch das Geräuſch meiner eigenen Füße, die wach geblieben waren, und wahrſcheinlich zugehört hatten, daß juſt das Gegentheil vom Völkerrecht vorgetragen und auf Conſtitutions⸗ geſinnung geſchimpft wurde, und meine Füße, die mit ihren kleinen Hühneraugen das Treiben der Welt beſſer durchſchauen, als der Geheim⸗ rath mit ſeinen großen Juno⸗Augen, dieſe armen, ſtummen Füße, unfähig, durch Worte ihre un⸗ maßgebliche Meinung auszuſprechen, wollten ſich durch Trommeln verſtändlich machen, und 7F— 151 trommelten ſo ſtark, daß ich dadurch ſchier in's Malheur kam. Verdammte, unbeſonnene Füßel! ſie ſpielten mir einen ähnlichen Streich, als ich einmal in Göttingen bei Profeſſor Saalfeld hospitirte, und dieſer mit ſeiner ſteifen Beweglichkeit auf dem Katheder hin und her ſprang, und ſich echauffirte, um auf den Kaiſer Napoleon recht ordentlich ſchimpfen zu können— nein, arme Füße, ich kann es euch nicht verdenken, daß ihr damals getrommelt, ja ich würde es euch nicht mal verdacht haben, wenn ihr, in eurer ſtummen Naivetät, euch noch fußtrittdeutlicher ausge⸗ ſprochen hättet. Wie darf ich, der Schüler Le Grand's, den Kaiſer ſchmähen hören? Den Kaiſer! den Kaiſer! den großen Kaiſer! Denke ich an den großen Kaiſer, ſo wird es in meinem Gedächtniſſe wieder recht ſommer⸗ grün und goldig, eine lange Lindenallee taucht blühend empor, auf den laubigen Zweigen ſitzen 152 ſingende Nachtigallen, der Waſſerfall rauſcht, auf runden Beeten ſtehen Blumen und bewegen traumhaft ihre ſchönen Häupter— ich ſtand mit ihnen im wunderlichen Verkehr, die geſchminkten Tulpen grüßten mich bettelſtolz herablaſſend, die nervenkranken Lilien nickten wehmüthig zärtlich, die trunkenrothen Roſen lachten mir ſchon von weitem entgegen, die Nachtviolen ſeufzten— mit den Myrthen und Lorbeeren hatte ich damals noch keine Bekanntſchaft, denn ſte lockten nicht durch ſchimmernde Blüthe, aber mit den Reſeden, womit ich jetzt ſo ſchlecht ſtehe, war ich ganz beſonders intim.— Ich ſpreche vom Hofgarten zu Düſſeldorf, wo ich oft auf dem Raſen lag, und andächtig zuhörte, wenn mir Monſieur Le Grand von den Kriegsthaten des großen Kaiſers erzählte, und dabei die Märſche ſchlug, die während jener Thaten getrommelt wurden, ſo daß ich alles lebendig ſah und hörte. Ich ſah den Zug über den Simplon— der Kaiſer F — 153 voran und hinterdrein klimmend die braven Grenadiere, während aufgeſcheuchtes Gevögel ſein Krächzen erhebt und die Gletſcher in der Ferne donnern— ich ſah den Kaiſer, die Fahne im Arm, auf der Brücke von Lodi— ich ſah den Kaiſer im grauen Mantel bei Marengo— ich ſah den Kaiſer zu Roß in der Schlacht bei den Pyramiden— nichts als Pulverdampf und Mammelucken— ich ſah den Kaiſer in der Schlacht bei Auſterlitz— hui! wie pfiffen die Kugeln über die glatte Eisbahn!— ich ſah, ich hörte die Schlacht bei Jena— dum, dum, dum— ich ſah, ich hörte die Schlacht bei Eilau, Wagram———— nein, kaum konnt' ich es aushalten Monſieur Le Grand trommelte, daß faſt mein eiones Trommelfell dadurch zerriſſen wurde. 4 Sedveee: Manaae 4154 Capitel VIII. ſah, mit hochbegnadigten, eignen Augen ihn ſelber, Hoſiannah! den Kaiſer. Aber, wie ward mir erſt als ich ihn ſelber Aluuulu Es war eben in der Allee des Hofgartens* 3 zu Düſſeldorf. Als ich mich durch das gaffende Volk drängte, dachte ich an die Thaten und Schlachten, die mir Monſieur Le Grand vor⸗ 8 getrommelt hatte, mein Herz ſchlug den General⸗ marſch— und dennoch dachte ich zu gleicher Zeit an die Polizeiverordnung, daß man bei 2- 155 fünf Thaler Strafe nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Und der Kaiſer mit ſeinem Gefolge ritt mitten durch die Allee, die ſchau⸗ ernden Bäume beugten ſich vorwärts, wo er vorbeikam, die Sonnenſtrahlen zitterten furchtſam neugierig durch das grüne Laub, und am blauen Himmel oben ſchwamm ſichtbar ein goldner Stern. Der Kaiſer trug ſeine ſcheinloſe grüne Uniform und das kleine welthiſtoriſche Hütchen. Er ritt ein weißes Rößlein, und das ging ſo ruhig ſtolz, ſo ſicher, ſo ausgezeichnet— wär' ich hätte dieſes Rößlein beneidet. Nachläſſig, faſt hängend, ſaß der Kaiſer, die eine Hand hielt hoch den Zaum, die andere klopfte gutmüthig den Hals des Pferdchens.— Es war eine ſonnig⸗ marmorne Hand, eine mächtige Hand, eine von den beiden Händen, die das vielköpfige Ungeheuer der Anarchie gebändigt und den Völkerzweikamp geordnet hatten— und ſie klopfte gutmüthig den 156 Hals des Pferdes. Auch das Geſicht hatte jene Farbe, die wir bei marmornen Griechen⸗ und Römerköpfen ſinden, die Züge deſſelben waren ebenfalls edelgemeſſen, wie die der Antiken, und auf dieſem Geſichte ſtand geſchrieben: Du ſollſt keine Götter haben außer mir. Ein Lächeln, das jedes Herz erwärmte und beruhigte, ſchwebte um die Lippen— und doch wußte man, dieſe Lippen brauchten nur zu pfeifen— et la Prusse n'existait plus— dieſe Lippen brauchten nur zu pfeifen— und die ganze Kleriſei hatte aus⸗ geklingelt— dieſe Lippen brauchten nur zupfeifen— und das ganze heilige römiſche Reich tanzte. Und dieſe Lippen lächelten und auch das Auge lächelte.— Es war ein Auge klar wie der Himmel, es konnte leſen im Herzen der Menſchen, es ſah raſch auf einmal alle Dinge dieſer Welt, während wir Anderen ſie nur nach einander und nur ihre gefärbten Schatten ſehen. Die Stirne war nicht ſo klar, es niſteten darauf die Geiſter 7. 157 zukünftiger Schlachten, und es zuckte bisweilen über dieſer Stirn, und das waren die ſchaffenden Gedanken, die großen Siebenmeilenſtiefel⸗Ge⸗ danken, womit der Geiſt des Kaiſers unſichtbar über die Welt hinſchritt— und ich glaube, jeder dieſer Gedanken hätte einem deutſchen Schriftſteller Zeit ſeines Lebens vollauf Stoff zum Schreiben gegeben. Der Kaiſer ritt ruhig mitten durch die Allee, kein Polizeidiener widerſetzte ſich ihm, hinter ihm, ſtolz auf ſchnaubenden Roſſen und belaſtet mit Gold und Geſchmeide, ritt ſein Gefolge, die Trommeln wirbelten, die Trompeten erklangen, neben mir drehte ſich der tolle Alouiſius und ſchnarrte die Namen ſeiner Generale, unferne brüllte der beſoffene Gumpertz, und das Volk rief tauſendſtimmig: es lebe der Kaiſer! Capitel IXN. Der Kaiſer iſt todt. Auf einer öden Inſel des indiſchen Meeres iſt ſein einſames Grab, und Er, dem die Erde zu eng war, liegt ruhig unter dem kleinen Hügel, wo fünf Trauerweiden gramvoll ihre grünen Haare herabhängen laſſen und ein frommes Bächlein wehmüthig klagend vorbeirieſelt. Es ſteht keine Inſchrift auf ſeinem. Leichenſteine; aber Clio, mit dem gerechten Griffel, ſchrieb unſichtbare Worte darauf, die wie Geiſtertöne durch die Jahrtauſende klingen werden. ,. 11. „-— 159 Britannia! dir gehört das Meer. Doch das Meer hat nicht Waſſer genug, um von dir abzuwaſchen die Schande, die der große Todte dir ſterbend vermacht hat. Nicht dein windiger Sir Hudſon, nein, du ſelbſt warſt der ſizilianiſche Häſcher, den die verſchworenen Könige gedungen, um an dem Manne des Volkes heimlich ab⸗ zurächen, was das Volk einſt öffentlich an einem der Ihrigen verübt hatte.— Und er war dein” Gaſt und hatte ſich geſetzt an deinen Heerd.—n Bis in die ſpäteſten Zeiten werden die Knaben Frankreichs ſingen und ſagen von der ſchrecklichen Gaſtfreunſchaft des Bellerophon, und wenn dieſe Spott⸗ und Thränenlieder den Canal hinüber klingen, ſo erröthen die Wangen aller ehrſamen Briten. Einſt aber wird dieſes Lied hinüber klingen, und es giebt kein Britannien mehr, zu Boden geworfen iſt das Volk des w. Stolzes, Weſtminſters Grabmäler liegen zer⸗ trümmert, vergeſſen iſt der königliche Staub, 160 den ſie verſchloſſen.— Und Sanct Helena iſt das heilige Grab, wohin die Völker des Orients und Ocridents wallfahren in buntbewimpelten Schiffen, und ihr Herz ſtärken durch große Erinnerung an die Thaten des weltlichen Heilands, der gelitten unter Hudſon Lowe, wie es geſchrieben ſteht in den Evangelien Las Caſes, Omeara und— Automarchie.— Seltſam! die drei größten Widerſacher des Kaiſers hat ſchon ein ſchreckliches Schickſal ge⸗ troffen: Londonderry hat ſich die Kehle ab⸗ geſchnitten, Ludwig XVIII. iſt auf ſeinem Throne verfault, und Profeſſor Saalfeld iſt noch immer Profeſſor in Göttingen. 22/ 161 Capitel X. Es war ein klarer, fröſtelnder Herbſttag, als ein junger Menſch von ſtudentiſchem Anſehen durch die Allee des Düſſeldorfer Hofgartens langſam wanderte, manchmal, wie aus kindiſcher Luſt, das raſchelnde Laub, das den Boden bedeckte, mit den Füßen aufwarf, manchmal aber auch wehmüthig hinaufblickte nach den dürren Bäumen, woran nur noch wenige Goldblätter hingen. Wenn er ſo hinaufſah, dachte er an die Worte des Glaukos:— II. 11 162 „Gleich wie Blätter im Walde, ſo ſind die Ge⸗ ſchlechter der Menſchen; Blätter verweht zur Erde der Wind nun, andere treibt dann Wieder der knospende Wald, wenn neu auflebet der Frühling; So der Menſchen Geſchlecht, dies wächſt, und jenes verſchwindet.“ In frühern Tagen hatte der junge Menſch mit ganz andern Gedanken an eben dieſelben Bäume hinaufgeſehen, und er war damals ein Knabe, und ſuchte Vogelneſter oder Sommer⸗ käfer, die ihn gar ſehr ergötzten, wenn ſie luſtig dahinſummten, und ſich der hübſchen Welt er⸗ freuten, und zufrieden waren mit einem ſaftig⸗ grünen Blättchen, mit einem Tröpſchen Thau, mit einem warmen Sonnenſtrahl, und mit dem ſüßen Kräuterduft. Damals war des Knaben Herz eben ſo vergnügt wie die flatternden Thierchen. Jetzt aber war ſein Herz älter geworden, die 163 kleinen Sonnenſtrahlen waren darin erloſchen, alle Blumen waren darin abgeſtorben, ſogar der ſchöne Traum der Liebe war darin verblichen, im armen Herzen war nichts als Muth und Gram, und damit ich das Schmerzlichſte ſage— es war mein Herz. Denſelben Tag war ich zur alten Vaterſtadt zurückgekehrt, aber ich wollte nicht darin über⸗ nachten und ſehnte mich nach Godesberg, um zu den Füßen meiner Freundin mich niederzuſetzen und von der kleinen Veronika zu erzählen. Ich hatte die lieben Gräber beſucht. Von allen lebenden Freunden und Verwandten hatte ich nur einen Ohm und eine Muhme wiedergefunden. Fand ich auch ſonſt noch bekannte Geſtalten auf der Straße, ſo kannte mich doch niemand mehr, und die Stadt ſelbſt ſah mich an mit fremden Augen, viele Häuſer waren unterdeſſen neu an⸗ geſtrichen worden, aus den Fenſtern guckten fremde Geſichter, um die alten Schornſteine flatterten . 11* 164 —yõyᷓᷓᷓ—ʒ abgelebte Spatzen, alles ſah ſo todt und doch ſo friſch aus, wie Salat, der auf einem Kirchhofe wächſt; wo man ſonſt franzöſiſch ſprach, ward jetzt preußiſch geſprochen, ſogar ein kleines preußiſches Höfchen hatte ſich unterdeſſen dort angeſiedelt, und die Leute trugen Hoftitel, die ehemalige Friſeurin meiner Mutter war Hof⸗ friſeurin geworden, und es gab jetzt dort Hof⸗ ſchneider, Hofſchuſter, Hofwanzenvertilgerinnen, Hofſchnapsladen, die ganze Stadt ſchien ein Hoflazareth für Hofgeiſteskranke. Nur der alte Kurfürſt erkannte mich, er ſtand noch auf dem alten Platz; aber er ſchien magerer geworden zu ſein. Eben weil er immer mitten auf dem Markte ſtand, hatte er alle Miſere der Zeit mit angeſehen, und von ſolchem Anblick wird man nicht fett. Ich war wie im Traume, und dachte an das Mährchen von den verzauberten Städten, und ich eilte zum Thor hinaus, damit ich nicht zu früh erwachte. Im Hofgarten vermißte ich 165 manchen Baum, und mancher war verkrüppelt, und die vier großen Pappeln, die mir ſonſt wie grüne Rieſen erſchienen, waren klein geworden. Einige hübſche Mädchen gingen ſpazieren, bunt⸗ geputzt, wie wandelnde Tulpen. Und dieſe Tulpen hatte ich gekannt, als ſie noch kleine Zwiebelchen waren; denn ach! es waren ja Nachbarskinder, womit ich einſt„Prinzeſſin im Thurme“ geſpielt hatte. Aber die ſchönen Jungfrauen, die ich ſonſt als blühende Roſen gekannt, ſah ich jetzt als verwelkte Roſen, und in manche hohe Stirne, deren Stolz mir einſt das Herz entzückte, hatte Saturn mit ſeiner Senſe tiefe Runzeln ein⸗ geſchnitten. Jetzt erſt, aber ach! viel zu ſpät, entdeckte ich, was der Blick bedeuten ſollte, den ſie einſt dem ſchon jünglinghaften Knaben zu⸗ geworfen; ich hatte unterdeſſen in der Fremde manche Parallelſtellen in ſchönen Augen bemerkt. Tief bewegte mich das demüthige Hutabnehmen eines Mannes, den ich einſt reich und vornehm 166 geſehen, und der ſeitdem zum Bettler herab⸗ geſunken war; wie man denn überall ſieht, daß die Menſchen, wenn ſie einmal im Sinken ſind, wie nach dem Newton'ſchen Geſetze, immer ent⸗ ſetzlich ſchneller und ſchneller in's Elend herabfallen. Wer mir aber gar nicht verändert ſchien, das war der kleine Baron, der luſtig wie ſonſt durch den Hofgarten tänzelte, mit der einen Hand den linken Rockſchooß in der Höhe haltend, mit der andern Hand ſein dünnes Rohrſtöckchen hin⸗ und herſchwingend; es war noch immer daſſelbe freundliche Geſichtchen, deſſen Roſenröthe ſich nach der Naſe hin konzentrirt, es war noch immer das alte Kegelhütchen, es war noch immer das alte Zöpfchen, nur daß aus dieſem jetzt einige weiße Härchen, ſtatt der ehemaligen ſchwarzen Härchen hervorkamen. Aber ſo vergnügt er auch ausſah, ſo wußte ich dennoch, daß der arme Baron unterdeſſen viel Kummer ausgeſtanden hatte, ſein Geſichtchen wollte es mir verbergen, 4 167 aber die weißen Härchen ſeines Zöpfchens haben es mir hinter ſeinem Rücken verrathen. Und das Zöpfchen ſelber hätte es gerne wieder abgeläugnet und wackelte gar wehmüthig luſtig. Ich war nicht müde, aber ich bekam doch Luſt, mich noch einmal auf die hölzerne Bank zu ſetzen, in die ich einſt den Namen meines Mädchens eingeſchnitten. Ich konnte ihn kaum wiederfinden, es waren ſo viele neue Namen darüber hin⸗ geſchnitzelt. Ach! einſt war ich auf dieſer Bank eingeſchlafen und träumte von Glück und Liebe. „Träume ſind Schäume.“ Auch die alten Kinder⸗ ſpiele kamen mir wieder in den Sinn, auch die alten, hübchen Mährchen! aber ein neues falſches Spiel, und ein neues, häßliches Mährchen klang immer hindurch, und es war die Geſchichte von zwei armen Seelen, die einander untreu wurden, und es nachher in der Treuloſigkeit ſo weit brachten, daß ſie ſogar dem lieben Gotte die Treue brachen. Es iſt eine böſe Geſchichte, und wenn 168 man juſt nichts beſſeres zu thun weiß, kann man darüber weinen. O Gott! einſt war die Welt ſo hübſch, und die Vögel ſangen dein ewiges Lob, und die kleine Veronika ſah mich an, mit. ſtillen Augen, und wir ſaßen vor der marmornen Statue auf dem Schloßplatz— auf der einen Seite liegt das alte, verwüſtete Schloß, worin es ſpukt und Nachts eine ſchwarzſeidene Dame ohne Kopf, mit langer, rauſchender Schleppe, herum⸗ wandelt; auf der andern Seite iſt ein hohes, weißes Gebäude, in deſſen oberen Gemächern die bunten Gemälde mit goldnen Rahmen wunderbar glänzten, und in deſſen Untergeſchoſſe ſo viele tauſend mächtige Bücher ſtanden, die ich und die kleine Veronika oft mit Neugier betrachteten, wenn uns die fromme Urſula an die großen Fenſter hinanhob.— Späterhin, als ich ein großer Knabe geworden, erkletterte ich dort täglich die höchſten Leiterſproſſen, und holte die höchſten Bücher herab, und las darin ſo lange, bis ich mich vor nichts 169 mehr, am wenigſten vor Damen ohne Kopf, fürchtete, und ich wurde ſo geſcheut, daß ich alle alten Spiele und Mährchen und Bilder und die kleine Veronika und ſogar ihren Namen vergaß. Während ich aber, auf der alten Bank des Hofgartens ſitzend, in die Vergangenheit zurück⸗ träumte, hörte ich hinter mir verworrene Menſchen⸗ ſtimmen, welche das Schickſal der armen Fran⸗ zoſen beklagten, die, im ruſſiſchen Kriege als Gefangene nach Sibirien geſchleppt, dort mehre lange Jahre, obgleich ſchon Frieden war, zurück⸗ gehalten worden und jetzt erſt heimkehrten. Als ich aufſah, erblickte ich wirklich dieſe Waiſenkinder des Ruhmes; durch die Riſſe ihrer zerlumpten Uniformen lauſchte das nackte Elend, in ihren verwitterten Geſichtern lagen tiefe, klagende Augen, und obgleich verſtümmelt, ermattet und meiſtens hinkend, blieben ſie doch noch immer in einer Art militäriſchen Schrittes, und ſeltſam 11** 170 genug! ein Tambour mit einer Trommel ſchwankte voran; und mit innerem Grauen ergriff mich die Erinnerung an die Sage von den Soldaten, die des Tages in der Schlacht gefallen und des Nachts wieder vom Schlachtfelde aufſtehen und mit dem Tambour an der Spitze nach ihrer Vaterſtadt marſchiren, und wovon das alte Volkslied ſingt: „Er ſchlug die Trommel auf und nieder, Sie ſind vor'm Nachtquartier ſchon wieder Ins Gäßlein hell hinaus, Trallerie, Trallerei, Trallera, Sie ziehn vor Schätzels Haus. Da ſtehen Morgens die Gebeine In Reih' und Glied wie Leichenſteine, Die Trommel geht voran, Trallerie, Trallerei, Trallera, Daß ſie ihn ſehen kann.“ 171 Wahrlich, der arme franzöſiſche Tambour ſchien halb verweſ't aus dem Grabe geſtiegen zu ſein, es war nur ein kleiner Schatten in einer ſchmutzig zerfetzten grauen Capote, ein verſtorben gelbes Geſicht, mit einem großen Schnurrbarte, der wehmüthig herabhing über die verblichenen Lippen, die Augen waren wie verbrannter Zunder, worin nur noch wenige Fünkchen glimmen, und dennoch, an einem einzigen dieſer Fünkchen, er⸗ kannte ich Monſieur Le Grand. Er erkannte auch mich, und zog mich nieder auf den Raſen, und da ſaßen wir wieder wie ſonſt, als er mir auf der Trommel die franzöſiſche Sprache und die neuere Geſchichte dozirte. Es war noch immer die wohlbekannte, alte Trommel, und ich konnte mich nicht genug wundern, wie er ſie vor ruſſiſcher Habſucht geſchützt hatte. Er trommelte jetzt wieder wie ſonſt, jedoch ohne dabei zu ſprechen. Waren aber die Lippen unheimlich 172 zuſammengekniffen, ſo ſprachen deſto mehr ſeine Augen, die ſieghaft aufleuchteten, indem er die alten Märſche trommelte. Die Pappeln neben uns erzitterten, als er wieder den rothen Guillotinen⸗ marſch erdröhnen ließ. Auch die alten Freiheits⸗ kämpfe, die alten Schlachten, die Thaten des Kaiſers, trommelte er wie ſonſt, und es ſchien, als ſei die Trommel ſelber ein lebendiges Weſen, das ſich freute, ſeine innere Luſt ausſprechen zu können. Ich hörte wieder den Kanonendonner, das Pfeifen der Kugeln, den Lärm der Schlacht, ich ſah wieder den Todesmuth der Garde, ich ſah wieder die flatternden Fahnen, ich ſah wieder den Kaiſer zu Roß— aber allmählich ſchlich ſich ein trüber Ton in jene freudigſten Wirbel, aus der Trommel drangen Laute, worin das wildeſte Jauchzen und das entſetzlichſte Trauern unheimlich gemiſcht waren, es ſchien ein Siegesmarſch und zugleich ein Todtenmarſch, die Augen Le Grand's öffneten ſich geiſterhaft weit, und ich ſah darin 173 nichts als ein weites, weißes Eisfeld bedeckt mit Leichen— es war die Schlacht bei der Moskwa. Ich hätte nie gedacht, daß die alte, harte Trommel ſo ſchmerzliche Laute von ſich geben könnte, wie jetzt Monſieur Le Grand daraus hervorzulocken wußte. Es waren getrommelte Thränen, und ſie tönten immer leiſer, und wie ein trübes Echv brachen tiefe Seufzer aus der Bruſt Le Grand's. Und dieſer wurde immer matter und geſpenſtiſcher, ſeine dürren Hände zitterten vor Froſt, er ſaß wie im Traume, und bewegte mit ſeinen Trommelſtöcken nur die Luft, und horchte wie auf ferne Stimmen, und endlich ſchaute er mich an mit einem tiefen, abgrundtiefen, flehenden Blick— ich verſtand ihn— und dann ſank ſein Haupt herab auf die Trommel. Monſieur Le Grand hat in dieſem Leben nie mehr getrommelt. Auch ſeine Trommel hat 174 nie mehr einen Ton von ſich gegeben, ſie ſollte keinem Feinde der Freiheit zu einem ſervilen Zapfenſtreich dienen, ich hatte den letzten, flehenden Blick Le Grand's ſehr gut verſtanden, und zog ſogleich den Degen aus meinem Stock und zerſtach die Trommel. Capitel NXI. Du süblime au ridicule il n'y a qu'un pas, Madame!* Aber das Leben iſt im Grunde ſo fatal ernſthaft, daß es nicht zu ertragen wäre ohne ſolche Verbindung des Pathetiſchen mit dem Komiſchen. Das wiſſen unſere Poeten. Die grauenhafteſten Bilder des menſchlichen Wahnſinns zeigt uns Ariſtophanes nur im lachenden Spiegel des Witzes, den großen Denkerſchmerz, der ſeine „ A1„ 1/ W&⁴ 9 82 5 NuAn 176 eigne Nichtigkeit begreift, wagt Goethe nur mit den Knittelverſen eines Puppenſpiels auszu⸗ ſprechen, und die tödtlichſte Klage über den Jammer der Welt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er deſſen Schellen⸗ kappe ängſtlich ſchüttelt. Sie haben's alle dem großen Urpoeten ab⸗ geſehen, der in ſeiner tauſendaktigen Welttragödie den Humor auf's Höchſte zu treiben weiß, wie wir es täglich ſehen:— nach dem Abgang der Helden kommen die Clowns und Grazioſos mit ihren Narrenkolben und Pritſchen, nach den blutigen Revolutionsſcenen und Kaiſeractionen kommen wieder herangewatſchelt die dicken Bourbonen mit ihren alten abgeſtandenen Späßchen und zart⸗ legitimen Bonmots, und graziöſe hüpft herbei die alte Nobleſſe mit ihrem verhungerten Lächeln, und hintendrein wallen die frommen Kapuzen mit Lichtern, Kreuzen und Kirchenfahnen;— ſogar —— 177 in das höchſte Pathos der Welttragödie pflegen ſich komiſche Züge einzuſchleichen, der verzweifelnde Republikaner, der ſich wie ein Brutus das Meſſer in's Herz ſtieß, hat vielleicht zuvor daran gerochen, ob auch kein Häring damit geſchnitten worden, und auf dieſer großen Weltbühne geht es auch außerdem ganz wie auf unſeren Lumpenbrettern, auch auf ihr giebt es beſoffne Helden, Könige, die ihre Rolle vergeſſen, Couliſſen, die hängen ge⸗ blieben, hervorſchallende Soufleurſtimmen, Tänze⸗ rinnen, die mit ihrer Lendenpoeſie Effekt machen, Coſtümes, die als Hauptſache glänzen.— Und im Himmel oben, im erſten Range, ſitzen unter⸗ deſſen die lieben Engelein, und lorgniren uns Komödianten hier unten, und der liebe Gott ſitzt ernſthaft in ſeiner großen Loge, und langweilt ſich vielleicht, oder rechnet nach, daß dieſes Theater ſich nicht lange mehr halten kann, weil der Eine zu viel Gage und der Andere zu wenig bekommt, und Alle viel zu ſchlecht ſpielen. II. 12 178 Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas, Madame! Während ich das Ende des vorigen Capitels ſchrieb, und Ihnen erzählte, wie Monſieur Le Grand ſtarb, und wie ich das testamentum militare, das in ſeinem letzten Blicke lag, gewiſſenhaft executirte, da klopfte es an meine Stubenthüre, und herein trat eine arme, alte Frau, die mich freundlich frug: Ob ich ein Doctor ſei? Und als ich dies bejah'te, bat ſie mich recht freundlich, mit ihr nach Hauſe zu gehen, um dort ihrem Manne die Hühner⸗ augen zu ſchneiden. deutſchen Cayitel XII. Cenſoren—— — Dummköpfe Capitel NXlIII. Madamel unter Leda's brütenden Hemiſphären lag ſchon der ganze trojaniſche Krieg, und Sie können die berühmten Thränen des Priamos nimmermehr verſtehen, wenn ich Ihnen nicht erſt von den alten Schwaneneiern erzähle. Deshalb beklagen Sie ſich nicht über meine Abſchweifungen. In allen vorhergehenden Capiteln iſt keine Zeile, die nicht zur Sache gehörte, ich ſchreibe gedrängt, ich vermeide alles Ueberflüſſige, ich übergehe ſogar oft das Nothwendige, z. B. ich habe noch nicht einmal ordentlich eitirt— ich meine nicht Geiſter, ſondern, im Gegentheil, ich meine Schriftſteller— und doch iſt das Citiren alter und neuer Bücher —— 181 das Hauptvergnügen eines jungen Autors, und ſo ein Paar grundgelehrte Citate zieren den ganzen Menſchen. Glauben Sie nur nicht, Madame, es fehle mir an Bekanntſchaft mit Büchertiteln. Außerdem kenne ich den Kunſtgriff großer Geiſter, die es verſtehen, die Korinthen aus den Semmeln und die Citate aus den Collegienheften heraus⸗ zupicken; ich weiß auch, woher Bartel den Moſt holt. Im Nothfall könnte ich bei meinen gelehrten Freunden eine Anleihe von Citaten machen. Mein Freund G. in Berlin iſt ſo zu ſagen ein kleiner Rothſchild an Citaten, und leihet mir gern einige Millionen, und hat er ſie nicht ſelbſt vorräthig, ſo kann er ſie leicht bei einigen andern kosmo⸗ politiſchen Geiſtesbanquiers zuſammen bringen— Doch, ich brauche jetzt noch keine Anleihe zu machen, ich bin ein Mann, der ſich gut ſteht, ich habe jährlich meine 10,000 Citate zu verzehren, ja, ich habe ſogar die Erfindung gemacht, wie man falſche Citate für echte ausgeben kann. Sollte 182. irgend ein großer, reicher Gelehrter, z. B. Michael Beer, mir dieſes Geheimniß abkaufen wollen, ſo will ich es gerne für 19,000 Thaler Courant abſtehen; auch ließe ich mich handeln. Eine andere Erfindung will ich zum Heile der Literatur nicht verſchweigen und will ſie gratis mittheilen: Ich halte es nämlich für rathſam, alle ob⸗ ſeuren Autoren mit ihrer Hausnummer zu eitiren. Dieſe„guten Leute und ſchlechten Muſikanten“ — ſo wird im Ponce de Leon das Orcheſter angeredet— dieſe obſcuren Autoren beſitzen doch immer ſelbſt noch ein Exemplärchen ihres längſt⸗ verſchollenen Büchleins, und um dieſes aufzu⸗ treiben, muß man alſo ihre Hausnummer wiſſen. Wollte ich z. B.„Spitta's Sangbüchlein für Hand⸗ werksburſchen“ eitiren— meine liebe Madame, wo wollten Sie dieſes finden? Citire ich aber: „vid. Sangbüchlein für Handwerksburſchen, von P. Spitta; Lüneburg, auf der Lüner⸗ ſtraße Nr. 2, rechts um die Ecke“— . 183 ſo können Sie, Madame, wenn ſie es der Mühe werth halten, das Büchlein auftreiben. Es iſt aber nicht der Mühe werth. Uebrigens, Madame, haben Sie gar keine Idee davon, mit welcher Leichtigkeit ich eitiren kann. Ueberall finde ich Gelegenheit, meine tiefe Gelahrtheit anzubringen. Spreche ich z. B. vom Eſſen, ſo bemerke ich in einer Note, daß die Römer, Griechen und Hebräer ebenfalls gegeſſen haben, ich citire all die köſtlichen Gerichte, die von der Köchin des Lucullus bereitet worden— weh mir daß ich anderthalb Jahrtauſend zu ſpät geboren bin!— ich bemerke auch, daß die gemeinſchaft⸗ lichen Mahle bei den Griechen ſo und ſo hießen, und daß die Spartaner ſchlechte ſchwarze Suppen gegeſſen.— Es iſt doch gut, daß ich damals noch nicht lebte, ich kann mir nichts entſetzlicheres denken, als wenn ich armer Menſch ein Spartaner geworden wäre, Suppe iſt mein Lieblingsgericht.— Madame, ich denke nächſtens nach London zu reiſen, wenn 184 es aber wirklich wahr iſt, daß man dort keine Suppe bekömmt, ſo treibt mich die Sehnſucht bald wieder zurück nach den Suppenfleiſchtöpfen des Vaterlandes. Ueber das Eſſen der alten Hebräer könnt' ich weitläufig mich ausſprechen und bis auf die Jüdiſche Küche der neueſten Zeit herabgehen.— Ich citire bei dieſer Gelegenheit den ganzen Steinweg.— Ich könnte auch anführen, wie human ſich viele Berliner Gelehrte über das Eſſen der Juden geäußert, ich käme dann auf die andern Vorzüglichkeiten und Vortrefflichkeiten der Juden, auf die Erfindung, die man ihnen verdankt, z. B. die Wechſel, das Chriſtenthum— aber halt! letzteres wollen wir ihnen nicht allzuhoch anrechnen, da wir eigentlich noch wenig Gebrauch davon gemacht haben— ich glaube, die Juden ſelbſt haben dabei weniger ihre Rechnung gefunden als bei der Erfindung der Wechſel. Bei Gelegenheit der Juden könnte ich auch Tacitus eitiren— er ſagt, ſie verehrten Eſel in ihren Tempeln— und 185 bei Gelegenheit der Eſel, welch ein weites Citaten⸗ feld eröffnet ſich mir! Wie viel Merkwürdiges läßt ſich anführen über antike Eſel, im Gegenſatz zu den modernen. Wie vernünftig waren jene und ach! wie ſtupide ſind dieſe. Wie verſtändig ſpricht z. B. Bileams Eſel, Pentat. Lib.——— vid. Madame, ich habe juſt das Buch ni ht bei der Hand und will dieſe Stelle zum Ausfüllen offen laſſen. Dagegen in Hinſicht der Abgeſchmacktheit neuerer Eſel eitire ich: vid. nein, ich will auch dieſe Stelle offen laſſen, ſonſt werde ich ebenfalls citirt, nämlich injuriarum. Die neueren Eſel ſind große Eſel. Die alten Eſel, die ſo hoch in der Cultur ſtanden, vid. Gesneri: De antiqua honestate asinorum. Un comment. Götting. T. II. p 32.) ſie würden ſich im Grabe umdrehen, wenn ſie 2 u 186 hörten, wie man von ihren Nachkommen ſpricht. Einſt war„Eſel“ ein Ehrenname— bedeutete ſo viel wie jetzt„Hofrath“„Baron“„Doctor Philoſophiae.“— Jacob vergleicht damit ſeinen Sohn Iſaſchar, Homer vergleicht damit ſeinen Helden Ajax, und jetzt vergleicht man damit den Herrn v Rurrse Madame, bei Gelegenheit ſolcher Eſel könnte ich mich tief in die Literatur⸗ geſchichte verſenken, ich könnte alle große Männer citiren, die verliebt geweſen ſind, z. B. den Abelardum, Picum Mirandulanum, Borbonium, Curteſium, Angelum Politianum, Raymundum Lullum und Henricum Heineum. Bei Gelegenheit der Liebe könnte ich wieder alle große Männer citiren, die keinen Tabak geraucht haben, z. B. Cicero, Juſtinian, Goethe, Hugv, Ich— zufällig ſind wir alle fünf auch ſo halb und halb Juriſten, Mabillion konnte nicht einmal den Rauch einer fremden Pfeife vertragen, in ſeinem ltinere germanico klagt er, in Hinſicht der deutſchen 5 187 Wirthshäuſer,„quod molestus ipsi fuerit tabaci grave olentis foetor.“ Dagegen wird andern großen Männern eine Vorliebe für den Tabak zugeſchrieben. Raphael Thorus hat einen Hymnus auf den Tabak gedichtet— Madame, Sie wiſſen vielleicht noch nicht, daß ihn Iſaak Elſeverius Anno 1628 zu Leiden in Quart herausgegeben hat— und Ludovicus Kinſchot hat eine Vorrede in Verſen dazu geſchrieben. Grävius hat ſogar ein Sonett auf den Tabak gemacht. Auch der große Boxhornius liebte den Tabak. Bayle, in ſeinem Dict. hist. et critiq. meldet von ihm, er habe ſich ſagen laſſen, daß der große Boxhornius beim Rauchen einen großen Hut mit einem Loch im Vorderrand getragen, in welches er oft die Pfeife geſteckt, damit ſie ihn in ſeinen Studien nicht hindere— Apropos, bei Erwähnung des großen Boxhornius könnte ich auch all' die großen Gelehrten eitiren, die ſich in's Boxhorn jagen ließen und davon liefen. Ich verweiſe aber bloß 188 auf Joh. Georg Martius: De fuga literatorum etc. etc. etc. Wenn wir die Geſchichte durch⸗ gehen, Madame, ſo haben alle großen Männer einmal in ihrem Leben davon laufen müſſen: — Loth, Tarquinius, Moſes, Jupiter, Frau von Staöl, Nebucadnezar, Benjowsky, Mahomet, die ganze greußiſche Armee, Gregor VII., Rabbi Jizchak Abarbanel, Rouſſeau— ich könnte noch ſehr viele Namen anführen, z. B. die, welche an der Börſe auf dem ſchwarzen Brette ver⸗ zeichnet ſind. Sie ſehen, Madame, es fehlt mir nicht an Gründlichkeit und Tiefe. Nur mit der Syſtematie will es noch nicht ſo recht gehen. Als ein echter Deutſcher hätte ich dieſes Buch mit einer Erklärung ſeines Titels eröffnen müſſen, wie es im heiligen römiſchen Reiche Brauch und Herkommen iſt. Phidias hat zwar zu ſeinem Jupiter keine Vorrede gemacht, eben ſo wenig, wie auf der mediceiſchen Venus— ich habe ſie von allen Seiten betrachtet— 189 irgend ein Citat gefunden wird;— aber die alten Griechen waren Griechen, unſer einer iſt ein ehrlicher Deutſcher, kann die deutſche Natur nicht ganz verläugnen, und ich muß mich daher noch nachträglich über den Titel meines Buches ausſprechen. Madame, ich ſpreche demnach: IJ. Von den Ideen, A. Von den Ideen im Allgemeinen. a. Von den vernünftigen Ideen. b. Von den unvernünftigen Ideen. «. Von den gewöhnlichen Ideen. 8 Von den Ideen, die mit grünem Leder überzogen ſind. Dieſe werden wieder eingetheilt in— doch das wird ſich alles ſchon finden. Capitel XIV. Madame, haben Sie überhaupt eine Idee von einer Idee? Was iſt eine Idee?„Es liegen einige gute Ideen in dieſem Rock,“ ſagte mein Schneider, indem er mit ernſter Anerkennung den Oberrock betrachtete, der ſich noch aus meinen berliniſch eleganten Tagen herſchreibt, und woraus jetzt ein ehrſamer Schlafrock gemacht werden ſollte. Meine Wäſcherin klagt:„Der Paſtor S. habe ihrer Tochter Ideen in den Kopf geſetzt, und ſie ſei dadurch unklug geworden und wolle keine Ver⸗ nunft mehr annehmen.“ Der Kutſcher Pattenſen brummt bei jeder Gelegenheit:„das iſt eine Idee! 191 das iſt eine Idee!“ Geſtern aber wurde er ordentlich verdrießlich, als ich ihn frug: was er ſich unter einer Idee vorſtelle? Und verdrießlich brummte er:„Nu, nu, eine Idee iſt eine Idee! eine Idee iſt alles dumme Zeug, was man ſich einbildet.“ In gleicher Bedeutung wird dieſes Wort, als Buchtitel, von dem Hofrath Heeren in Göttingen gebraucht. Der Kutſcher Pattenſen iſt ein Mann, der auf der weiten Lüneburger Heide, in Nacht und Nebel, den Weg zu finden weiß; der Hofrath Heeren iſt ein Mann, der ebenfalls mit klugem Inſtinkt die alten Karavanenwege des Morgen⸗ lands auffindet, und dort ſchon, ſeit Jahr und Tag, ſo ſicher und geduldig einherwandelt, wie jemals ein Kameel des Alterthums; auf ſolche Leute kann man ſich verlaſſen, ſolchen Leuten darf man getroſt nachfolgen, und darum habe ich dieſes Buch„Ideen“ betitelt. Der Titel des Buches bedeutet daher eben 192. ſo wenig als der Titel des Verfaſſers, er ward von demſelben nicht aus gelehrtem Hochmuth gewählt, und darf ihm für nichts weniger als Eitelkeit ausgedeutet werden. Nehmen Sie die wehmüthigſte Verſicherung, Madame, ich bin nicht eitel. Es bedarf dieſer Bemerkung, wie Sie mit⸗ unter merken werden. Ich bin nicht eitel „Und wüchſe ein Wald von Lorbeeren auf meinem Haupte, und ergöſſe ſich ein Meer von Weihrauch in mein junges Herz— ich würde doch nicht eitel werden. Meine Freunde und übrigen Raum⸗ und Zeitgenoſſen haben treulich dafür geſorgt— Sie wiſſen, Madame, daß alte Weiber ihre Pflege⸗ kinder ein bischen anſpucken, wenn man die Schönheit derſelben lobt, damit das Lob den lieben Kleinen nicht ſchade— Sie wiſſen, Madame, wenn zu Rom der Triumphator, ruhmbekränzt und purpurgeſchmückt, auf ſeinem goldnen Wagen mit weißen Roſſen, vom Campo Martii einherfuhr, wie ein Gott hervorragend aus dem feierlichen 193 Zuge der Lictoren, Muſikanten, Tänzer, Prieſter, Sklaven, Elephanten, Trophäenträger, Conſuln, Senatoren, Soldaten: dann ſang der Pöbel hinten⸗ drein allerlei Spottlieder— Und Sie wiſſen, Madame, daß es im lieben Deutſchland viel alte Weiber und Pöbel giebt. Wie geſagt, Madame, die Ideen, von denen hier die Rede iſt, ſind von den platoniſchen eben ſo weit entfernt wie Athen von Göttingen, und Sie dürfen von dem Buche ſelbſt eben ſo wenig große Erwartungen hegen, als von dem Verfaſſer ſelbſt. Wahrlich, wie dieſer überhaupt jemals dergleichen Erwartungen erregen konnte, iſt mir eben ſo unbegreiflich als meinen Freunden. Gräfin Julie will die Sache erklären, und verſichert: wenn der beſagte Verfaſſer zuweilen etwas wirklich Geiſtreiches und Neugedachtes ausſpreche, ſo ſei dies bloß Verſtellung von ihm, und im Grunde ſei er eben ſo dumm wie die Uebrigen. Das iſt falſch, ich verſtelle mich gar nicht, ich ſpreche II. 13 194 wie mir der Schnabel gewachſen, ich ſchreibe in aller Unſchuld und Einfalt, was mir in den Sinn kommt, und ich bin nicht daran Schuld, wenn das etwas Geſcheutes iſt. Aber ich habe nun mal im Schreiben mehr Glück als in der Altonaer Lotterie— ich wollte, der Fall wäre umgekehrt— und da kommt aus meiner Feder mancher Herztreffer, manche Gedankenquaterne, und das thut Gott;— denn ER, der den frömmſten Elohaſängern und Erbguungspoeten alle ſchönen Gedanken und allen Nuͤhm in der Literatur verſagt, damit ſie nicht von ihren irdiſchen Mit⸗ creaturen zu ſehr gelobt werden und dadurch des Himmels vergeſſen, wo ihnen ſchon von den Engeln das Quartier zurecht gemacht wird:— ER pflegt uns andere, profane, ſündhafte, ketzeriſche Schrift⸗ ſteller, für die der Himmel doch ſo gut wie ver⸗ nagelt iſt, deſto mehr mit vorzüglichen Gedanken und Menſchenruhm zu ſegnen, und zwar aus göttlicher Gnade und Barmherzigkeit, damit die 195 arme Seele, die doch nun einmal erſchaffen iſt, nicht ganz leer ausgehe und wenigſtens hienieden auf Erden einen Theil jener Wonne empfinde, die ihr dort oben verſagt iſt. vid. Goethe und die Traktätchenverfaſſer. Sie ſehen alſo, Madame, Sie dürfen meine Schriften leſen, dieſe zeugen von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, ich ſchreibe im blinden Vertrauen auf deſſen Allmacht, ich bin in dieſer Hinſicht ein echt chriſtlicher Schriftſteller, und, um mit Gubitz zu reden, während ich eben dieſe gegenwärtige Periode anfange, weiß ich noch nicht, wie ich ſie ſchließe und was ich eigentlich ſagen ſoll, und ich verlaſſe mich dafür auf den lieben Gott. Und wie könnte ich auch ſchreiben ohne dieſe fromme Zuverſicht, in meinem Zimmer ſteht jetzt der Burſche aus der Langhoff'ſchen Druckerei und wartet auf Manuſeript, das kaumgeborene Wort wandert warm und naß in die Preſſe, und 13* 2. 196 was ich in dieſem Augenblick denke und fühle, kann morgen Mittag ſchon Makulatur ſein. Sie haben leicht reden, Madame, wenn ſie mich an das Horaziſche nonum prematur in annum erinnern. Dieſe Regel mag, wie manche andere der Art, ſehr gut in der Theorie gelten, aber in der Praxis taugt ſie nichts. Als Horaz dem Autor die berühmte Regel gab, ſein Werk neun Jahre im Pult liegen laſſen, hätte er ihm auch zu gleicher Zeit das Recept geben ſollen, wie man neun Jahre ohne Eſſen zubringen kann. Als Horaz dieſe Regel erſann, ſaß er vielleicht an der Tafel des Mäcenas und aß Truthähne mit Trüffeln, Faſanenpudding in Wildpretſauce, Lerchenrippchen mit Teltower Rübchen, Pfauen⸗ zungen, indianiſche Vogelneſter, und Gott weiß! was noch mehr, und alles umſonſt. Aber wir, wir unglücklichen Spätgebornen, wir leben in einer andern Zeit, unſere Mäcenaten haben ganz andere Principien, ſie glauben, Autoren und Mispeln — 197 gedeihen am beſten, wenn ſie einige Zeit auf dem Stroh liegen, ſie glauben, die Hunde taugten nicht auf det Bilder⸗ und Gedankenjagd, wenn ſie zu dick gefüttert würden, ach! und wenn ſie ja mal einen armen Hund füttern, ſo iſt es der unrechte, der die Brocken am wenigſten verdient, z. B. der Dachs, der die Hand leckt, oder der winzige Bologneſer, der ſich in den duftigen? Schooß der Hausdame zu ſchmiegen weiß, oder der geduldige Pudel, der eine Brodwiſſenſchaft gelernt und apportiren, tanzen und trommeln kann.— Während ich dieſes ſchreibe, ſteht hinter mir mein kleiner Mops und bellt.— Schweig' nur, Ami, dich hab' ich nicht gemeint, denn du liebſt mich und begleiteſt deinen Herrn in Noth und Gefahr und würdeſt ſterben auf ſeinem Grabe, eben ſo treu wie mancher andere deutſche Hund, der in die Fremde verſtoßen, vor den Thoren Deutſchlands liegt und hungert und wimmert— Entſchuldigen Sie, Madame, daß ich eben 198 abſchweifte, um meinem armen Hunde eine Ehren⸗ erklärung zu geben, ich komme wieder auf die Horaziſche Regel und ihre Unanwendbarkeit im neunzehnten Jahrhundert, wo die Poeten das Schürzenſtipendium der Muſe nicht entbehren können— Ma foi, Madame! ich könnte es keine 24 Stunden, viel weniger 9 Jahre aushalten, mein Magen hat wenig Sinn für Unſterblichkeit, ich hab' mir's überlegt, ich will nur halb un⸗ ſterblich und ganz ſatt werden, und wenn Voltaire dreihundert Jahre ſeines ewigen Nach⸗ ruhms für eine gute Verdauung des Eſſens hingeben möchte, ſo biete ich das Doppelte für das Eſſen ſelbſt. Ach! und was für ſchönes, blühendes Eſſen giebt es auf dieſer Welt! Der Philoſoph Pangloß hat Recht; es iſt die beſte Welt! Aber man muß Geld in dieſer beſten Welt haben, Geld in der Taſche und nicht Manuſcripte im Pult. Der Wirth im König von England, Herr Marr, iſt ſelbſt Schriftſteller 199 und kennt auch die Horaziſche Regel, aber ich glaube nicht, daß er mir, wenn ich ſie ausüben wollte, neun Jahr' zu eſſen gäbe. Im Grunde, warum ſollte ich ſie auch aus⸗ üben? Ich habe des Guten ſo viel zu ſchreiben, daß ich nicht lange Federleſens zu machen brauche. So lange mein Herz voll Liebe und der Kopf meiner Nebenmenſchen voll Narrheit iſt, wird es mir nie an Stoff zum Schreiben fehlen. Und mein Herz wird immer lieben, ſo lange es Frauen giebt, erkaltet es für die Eine, ſo erglüht es gleich für die Andere; wie in Frankreich der König nie ſtirbt, ſo ſtirbt auch nie die Königin in meinem Herzen, und da heißt es: la reine est morte, vive la reine! Auf gleiche Weiſe wird auch die Narrheit meiner Nebenmenſchen nie ausſterben. Denn es giebt nur eine einzige Klugheit und dieſe hat ihre beſtimmten Grenzen; aber es giebt tauſend unermeßliche Narrheiten. Der gelehrte Caſuiſt und Seelſorger Schupp ſagt 200 ſogar:„in der W ſind mehr Narren als Menſchen—“ 8 vid. Schuppii lehrreiche Schriften, S. 1121. Bedenkt man, daß der große Schuppius in Hamburg gewohnt hat, ſo findet man dieſe ſtatiſtiſche Angabe gar nicht übertrieben. Ich befinde mich an dem⸗ ſelben Orte, und kann ſagen, daß mir ordentlich wohl wird, wenn ich bedenke, all' dieſe Narren, die ich hier ſehe, kann ich in meinen Schriften gebrauchen, ſie ſind baares Honorar, baares Geld. Ich befinde mich jetzt ſo recht in der Wolle. Der Herr hat mich geſegnet, die Narren ſind dieſes Jahr ganz beſonders gut gerathen, und als guter Wirth conſumire ich nur wenige, ſuche mir die ergiebigſten heraus und bewahre ſie für die Zukunft. Man ſieht mich oft auf der Promenade und ſieht mich luſtig und fröhlich. Wie ein reicher Kaufmann, der händereibendvergnügt zwiſchen den Kiſten, Fäſſern und Ballen ſeines Waarenlagers umher⸗ wandelt, ſo wandle ich dann unter meinen Leuten. 201 Ihr ſeid alle die Meinigec Ihr ſeid mir alle gleich theuer, und ich liebe Euch, wie Ihr ſelbſt Euer Geld liebt, und das will viel ſagen. Ich mußte herzlich lachen, als ich jüngſt hörte: einer meiner Leute habe ſich beſorglich geäußert, er wiſſe nicht, wovon ich einſt leben würde— und dennoch iſt er ſelbſt ein ſo capitaler Narr, daß ich von ihm allein ſchon leben könnte, wie von einem Capitale. Mancher Narr iſt mir aber nicht bloß baares Geld, ſondern ich habe das baare Geld, das ich aus ihm erſchreiben kann, ſchon zu irgend einem Zwecke beſtimmt. So z. B. für einen gewiſſen, wohlgepolſterten, dicken Millionarrn werde ich mir einen gewiſſen, wohlgepolſterten Stuhl anſchaffen, den die Franzöſinnen chaise percée nennen. Für ſeine dicke Millionärrin kaufe ich mir ein Pferd. Sehe ich nun den Dicken— ein Kameel kommt eher ins Himmelreich, als daß dieſer Mann durch ein Nadelöhr geht— ſehe ich nun dieſen auf der Promenade heranwatſcheln, ſo wird 202 mir wunderlich zu Muthe, obſchon ich ihm ganz unbekannt bin, ſo grüße ich ihn unwillkürlich, und er grüßt wieder ſo herzlich, ſo einladend, daß ich auf der Stelle von ſeiner Güte Gebrauch machen möchte, und doch in Verlegenheit komme wegen der vielen geputzten Menſchen, die juſt vorbeigehn. Seine Frau Gemahlin iſt gar keine üble Frau 5 ſie hat zwar nur ein einziges Auge, aber es iſt dafür deſto grüner, ihre Naſe iſt wie der Thurm, der gen Damaskus ſchaut, ihr Buſen iſt groß wie das Meer, und es flattern darauf allerlei Bänder, wie Flaggen der Schiffe, die in dieſen Meerbuſen eingelaufen— man wird ſeekrank ſchon durch den bloßen Anblick— ihr Nacken iſt gar hübſch und fettgewölbt wie ein— das vergleichende Bild befindet ſich etwas tiefer unten— und an der veilchenblauen Gardine, die dieſes vergleichende Bild bedeckt, haben gewiß tauſend und abermals tauſend Seidenwürmchen ihr ganzes Leben ver⸗ ſponnen. Sie ſehen, Madame, welcht ein Roß ich 2⁰³ mir anſchaffe! Begegnet mir die Frau auf der Promenade, ſo geht mir ordentlich das Herz auf, es iſt mir, als könnt' ich mich ſchon auf⸗ ſchwingen, ich ſchwippe mit der Gerte, ich ſchnappe mit den Fingern, ich ſchnalze mit der Zunge, ich mache mit den Beinen allerlei Reuterbewegungen— hopp! hopp!— burr! burr!— und die liebe Frau ſieht mich an ſo ſeelenvoll, ſo verſtändniß⸗ innig, ſie wiehert mit dem Auge, ſie ſperrt die Nüſtern, ſie kokettirt mit der Croupe, ſie kourbettirt, ſetzt ſich plötzlich in einen kurzen Hundetrapp— Und ich ſtehe dann mit gekreuzten Armen, und ſchaue ihr wohlgefällig nach, und überlege, ob ich ſie auf der Stange reiten ſoll oder auf der Trenſe, ob ich ihr einen engliſchen oder einen polniſchen Sattel geben ſoll— u. ſ. w.— Leute, die mich alsdann ſtehen ſehen, begreifen nicht, was mich bei der Frau ſo ſehr anzieht. Zwiſchen⸗ tragende Zungen wollten ſchon ihren Herrn Gemahl in Unruhe ſetzen und gaben Winke, als 204 ob ich ſeine Ehehälfte mit den Augen eines Roué betrachte. Aber meine ehrliche, weichlederne chaise percée ſoll geantwortet haben: er halte mich für einen unſchuldigen, ſogar etwas ſchüch⸗ ternen, jungen Menſchen, der ihn mit einer gewiſſen Benauigkeit anſähe, wie einer, der das Bedürfniß fühlt, ſich näher anzuſchließen, und doch von einer erröthenden Blödigkeit zurück⸗ gehalten wird. Mein edles Roß meinte hingegen: ich hätte ein freies, unbefangenes, chevaleresques Weſen, und meine zuvorgrüßende Höflichkeit bedeute bloß den Wunſch, einmal von ihnen zu einem Mittagseſſen eingeladen zu werden.— Sie ſehen, Madame, ich kann alle Menſchen gebrauchen, und der Adreßkalender iſt eigentlich mein Hausinventarium. Ich kann daher auch nie Bankerott werden, denn meine Gläubiger ſelbſt würde ich in Erwerbsquellen verwandeln. Außer⸗ dem, wie geſagt, lebe ich wirklich ſehr ökonomiſch, verdammt ökonomiſch. Z. B. während ich dieſes 205 ſchreibe, ſttze ich in einer dunkeln, betrübten Stube auf der Düſternſtraße— aber, ich ertrage es gern, ich könnte ja, wenn ich nur wollte, im ſchönſten Garten ſitzen, eben ſo gut wie meine Freunde und Lieben; ich brauchte nur meine Schnaps⸗ klienten zu realiſiren. Dieſe letzteren, Madame, beſtehen aus verdorbenen Friſeuren, herunter⸗ gekommenen Kupplern, Speiſewirthen, die ſelbſt nichts mehr zu eſſen haben, lauter Lumpen, die meine Wohnung zu finden wiſſen, und für ein wirkliches Trinkgeld mir die Chronique ſeandaleuſe ihres Stadtviertels erzählen— Madame, Sie wundern ſich, daß ich ſolches Volk nicht ein für allemal zur Thür hinauswerfe?— Wo denken Sie hin, Madame! Dieſe Leute ſind meine Blumen. Ich beſchreibe ſie einſt in einem ſchönen Buche, für deſſen Honorar ich mir einen Garten kaufe, und mit ihren rothen, gelben, blauen und buntgeſprenkelten Geſichtern erſcheinen ſie mir jetzt ſchon wie Blumen dieſes Gartens. Was 206 kümmert es mich, daß fremde Naſen behaupten, dieſe Blumen röchen nur nach Kümmel, Taback, Käſe und Laſter! meine eigne Naſe, der Schorn⸗ ſtein meines Kopfes, worin die Phantaſie als Kaminfeger auf und ab ſteigt, behauptet das Gegentheil, ſie riecht an jenen Leuten nichts als den Duft von Roſen, Jasminen, Veilchen, Nelken, Violen— O, wie behaglich werde ich einſt des Morgens in meinem Garten ſitzen, und den Geſang der Vögel behorchen, und die Glieder wärmen an der lieben Sonne, und einathmen den friſchen Hauch des Grünen, und durch den Anblick der Blumen mich erinnern an die alten Lumpen! Vor der Hand ſitze ich aber noch auf der dunkeln Düſternſtraße in meinem dunklen Zimmer und begnüge mich in der Mitte deſſelben den größten Obſcuranten des Landes aufzuhängen— „Mais, est ce que vous verrez plus clair alors?“ Augenſcheinlichement, Madame— doch miß⸗ 207 verſtehen Sie mich nicht, ich hänge nicht den Mann ſelbſt, ſondern nur die kriſtallne Lampe, die ich für das Honorar, das ich aus ihm erſchreibe, mir anſchaffen werde. Indeſſen, ich glaube, es wäre noch beſſer und es würde plötzlich im ganzen Lande hell werden, wenn man die Obſcuranten in Natura aufhinge. Kann man aber die Leute nicht hängen, ſo muß man ſie brandmarken. Ich ſpreche wieder figürlich, ich brandmarke in effigie. Freilich, Herr v. Weiß— er iſt weiß und un⸗ beſcholten wie eine Lilie— hat ſich weiß machen laſſen, ich hätte in Berlin erzählt, Er ſei wirklich gebrandmarkt; der Narr ließ ſich deshalb von der Obrigkeit beſehen und ſchriftlich geben, daß ſeinem Rücken kein Wappen aufgedruckt ſei, dieſes negative Wappenzeugniß betrachtete er wie ein Diplom, das ihm Einlaß in die beſte Geſellſchaft verſchaffen müſſe, und wunderte ſich, als man ihn dennoch hinauswarf, und kreiſcht jetzt Mord und Zeter über mich armen Menſchen, und will mich mit 208 einer geladenen Piſtole, wo er mich findet, todtſchießen— Und was glauben Sie wohl, Madame, was ich dagegen thue? Madame, für dieſen Narrn, d. h. für das Honorar, das ich aus ihm herausſchreiben werde, kaufe ich mir ein gutes Faß Rüdesheimer Rheinwein. Ich erwähne dieſes, damit Sie nicht glauben, es ſei Schadenfreude, daß ich ſo luſtig ausſehe, wenn mir Herr v. Weiß auf der Straße begegnet. Wahrhaftig, ich ſehe in ihm nur meinen lieben Rüdesheimer, ſobald ich ihn erblicke, wird mir wonnig und angenehm zu Muthe, und ich trällere unwillkürlich:„am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben—“ „Dies Bildniß iſt bezaubernd ſchon—⸗ „O weiße Dame——“ Mein Rüdesheimer ſchaut alsdann ſehr ſauer, und man ſollte glauben, er beſtände nur aus Gift und Galle— Aber, ich verſichere Sie, Madame, as iſt ein echtes Gewächs, findet ſich auch das Beglaubigungs⸗ wappen nicht eingebrannt, ſo weiß doch der Kenner 209 es zu würdigen, ich werde dieſes Fäßchen gar freudig anzapfen, und wenn es allzubedrohlich gährt und auf eine gefährliche Art zerſpringen will, ſo ſoll es von Amtswegen mit einigen eiſernen Reifen geſichert werden. Sie ſehen alſo, Madame, für mich brauchen Sie nichts zu beſorgen. Ich kann alles ruhig anſehen in dieſer Welt. Der Herr hat mich ge⸗ ſegnet mit irdiſchen Gütern, und wenn er mir auch den Wein nicht ganz bequem in den Keller geliefert hat, ſo erlaubt er mir doch in ſeinem Weinberge zu arbeiten, ich brauche nur die Trauben zu leſen, zu keltern, zu preſſen, zu bütten, und ich habe dann die klare Gottesgabe; und wenn mir auch nicht die Narren gebraten in's Maul fliegen, ſondern wie gewöhnlich roh und ab⸗ geſchmackt entgegenlaufen, ſo weiß ich ſie doch ſo lange am Spieße herumzudrehen, zu ſchmoren, zu pfeffern, bis ſie mürbe und genießbar werden. II. 14 210 Sie ſollen Ihre Freude haben, Madame, wenn ich mal eine große Fete gebe. Madame, Sie ſollen meine Küche loben. Sie ſollen geſtehen, daß ich meine Satrapen eben ſo pompöſe bewirthen kann, wie einſt der große Ahasveros, der da König war, von Indien bis zu den Mohren, über hundert und ſieben und zwanzig Provinzen. Ganze Hekatomben von Narren werde ich ein⸗ ſchlachten. Jener große Philoſchnaps, der, wie einſt Jupiter, in der Geſtalt eines Ochſen, um den Beifall Europa's buhlt, liefert den Ochſen⸗ braten; ein trauriger Trauerſpieldichter, der auf den Brettern, die ein traurig perſiſches Reich bedeuteten, uns einen traurigen Alexander gezeigt hat, liefert meiner Tafel einen ganz vorzüglichen Schweinskopf, wie gewöhnlich ſauerſüßlächelnd mit einer Citronenſcheibe im Maul, und von der kunſt⸗ verſtändigen Köchin mit Lorbeer⸗Blättern bedeckt; der Sänger der Korallenlippen, Schwanenhälſe, hüpfenden Schneehügelchen, Dingelchen, Wädchen, 211 Mimilichen, Küßchen und Aſſeſſorchen, nämlich H. Clauren, oder wie ihn auf der Friedrich⸗ ſtraße die frommen Bernhardinerinnen nennen, „Vater Clauren! unſer Clauren!“ dieſer Echte liefert mir all' jene Gerichte, die er in ſeinen jährlichen Taſchenbordellchen mit der Phantaſie einer näſcheriſchen Küchenjungfer, ſo jettlich zu beſchreiben weiß, und er giebt uns noch ein ganz beſonderes Extra⸗Schüſſelchen mit einem Sellerie⸗ Gemüschen,„wonach einem das Herzchen vor Liebe puppert!“ eine kluge, dürre Hofdame, wovon nur der Kopf genießbar iſt, liefert uns ein analoges Gericht, nämlich Spargel; und es wird kein Mangel ſein an Göttinger Wurſt, Hamburger Rauchfleiſch, pommerſchen Gänſebrüſten, Ochſen⸗ zungen, gedämpften Kalbshirn, Rindsmaul, Stock⸗ ſiſch, und allerlei Sorten Gelee, Berliner Pfann⸗ kuchen, Wiener Torten, Confitüren— Madame, ich habe mir ſchon in Gedanken den Magen überladen! Der Henker hole ſolche 14* 212 Schlemmerei! Ich kann nicht viel vertragen. Meine Verdauung iſt ſchlecht. Der Schweins⸗ kopf wirkt auf mich wie auf das übrige deutſche Publikum— ich muß einen Willibald Alexis⸗ Salat darauf eſſen, der reinigt— Ol der unſelige Schweinskopf mit der noch unſeligeren Sauce, die weder griechiſch noch perſiſch, ſondern wie Thee mit grüner Seife ſchmeckt;— Ruft mir meinen dicken Millionarrn! 2213 Capitel XV. Madame, ich bemerke eine leichte Wolke des Unmuths auf Ihrer ſchönen Stirne, und Sie ſcheinen zu fragen: ob es nicht Unrecht ſei, daß ich die Narren ſolchermaßen zurichte, an den Spieß ſtecke, zerhacke, ſpicke, und viele ſogar hin⸗ ſchlachte, die ich unverzehrt liegen laſſen muß, und die nun den ſcharfen Schnäbeln der Spaß⸗ vögel zum Raube dienen, während die Wittwen und Waiſen heulen und jammern— Madame, c'est la guerre! Ich will Ihnen etzt das ganze Räthſel löſen: Ich ſelbſt bin zwar 214 keiner von den vernünftigen, aber ich habe mich zu dieſer Parthei geſchlagen, und ſeit 5588 Jahren führen wir Krieg mit den Narren. Die Narren glauben ſich von uns beeinträchtigt, indem ſie behaupten: es gäbe in der Welt nur eine be⸗ ſtimmte Doſis Vernunft, dieſe ganze Doſis hätten nun die Vernünftigen, Gott weiß wiel! uſurpirt, und es ſei himmelſchreiend, wie oft ein einziger Menſch ſo viel Vernunft an ſich geriſſen habe, daß ſeine Mitbürger und das ganze Land rund um ihn her ganz obſeur geworden. Dies iſt die geheime Urſache des Krieges, und es iſt ein wahrer Vertilgungskrieg. Die Vernünftigen zeigen ſich, wie gewöhnlich, als die ruhigſten, mäßigſten und vernünftigſten, ſie ſitzen feſtverſchanzt in ihren altariſtoteliſchen Werken, haben viel Geſchütz, haben auch Munition genug, denn ſie haben ja ſelbſt das Pulver erfunden, und dann und wann werfen ſie wohlbewieſene Bomben unter ihre Feinde. Aber leider ſind dieſe letzteren 215 allzuzahlreich, und ihr Geſchrei iſt groß, und täglich verüben ſie Greuel; wie denn wirklich jede Dummheit dem Vernünftigen ein Greuel iſt. Ihre Kriegsliſten ſind oft von ſehr ſchlauer Art. Einige Häuptlinge der großen Armee hüten ſich wohl, die geheime Urſache des Krieges ein⸗ zugeſtehen. Sie haben gehört, ein bekannter, falſcher Mann, der es in der Falſchheit ſo weit gebracht hatte, daß er am Ende ſogar falſche geäußert: les paroles sont faites pour cacher nos pensées; und nun machen ſie viele Worte, um zu verbergen, daß ſie überhaupt keine Ge⸗ danken haben, und halten lange Reden und ſchreiben dicke Bücher, und wenn man ſie hört, ſo preiſen ſie die alleinſeligmachende Quelle der Gedanken, nämlich die Vernunft, und wenn man ſie ſieht, ſo treiben ſie Mathematik, Logik, Sta⸗ tiſtik, Maſchinen⸗Verbeſſerung, Bürgerſinn, Stall⸗ fütterung u. ſ. w.— und wie der Affe um ſo 216 lächerlicher wird, je mehr er ſich mit dem— Menſchen ähnlich zeigt, ſo werden auch jene Narren deſto lächerlicher, je vernünftiger ſie ſich gebehrden. Andre Häuptlinge der großen Armee ſind offenherziger, und geſtehen, daß ihr Vernunft⸗ theil ſehr gering ausgefallen, daß ſie vielleicht. gar nichts von der Vernunft abbekommen, indeſſen können ſie nicht umhin, zu verſichern, die Vernunft ſei ſehr ſauer und im Grunde von geringem Werthe. Dies mag vieleeicht wahr ſeyn, aber unglücklichermaßen haben ſie nicht mal ſo viel Vernunft, als dazu gehört, es zu beweiſen. Sie greifen daher zu allerlei Aushülfe, ſie entdecken neue Kräfte in ſich, erklären, daß ſolche eben ſo wirkſam ſeien vie die Vernunſt, ja in gewiſſen Nothfällen noch wirkſamer, z. B. das Gemüth, der Glauben, die Inſpiration u. ſ. w., und mit dieſem Vernunftſurrogat, mit dieſer Runkelrübenvernunft tröſten ſie ſich. Mich Armen haſſen ſie aber ganz beſonders, indem ſie 2 217 behaupten: ich ſei von Haus aus einer der Ihrigen, ich ſei ein Abtrünniger, ein Ueberläufer, der die heiligſten Bande zerriſſen, ich ſei jetzt ſogar ein Spion, der heimlich auskundſchafte, was ſie, die Narren, zuſammen treiben, um ſie nachher dem Gelächter ſeiner neuen Genoſſen preis zu geben, und ich ſei ſo dumm, nicht mal einzuſehen, daß dieſe zu gleicher Zeit über mich ſelbſt lachen und mich nimmermehr für ihres Gleichen halten.— Und da haben die Narren vollkommen Recht. Es iſt wahr, jene halten mich nicht für ihres Gleichen und mir gilt oft ihr heimliches Gekicher. Ich weiß es ſehr gut, aber ich laß mir nichts merken. Mein Herz blutet dann innerlich, und wenn ich allein bin, fließen drob meine Thränen. Ich weiß es ſehr gut, meine Stellung iſt unnatürlich; alles, was ich thue, iſt den Vernünftigen eine Thorheit und den Narren ein Greuel. Sie haſſen mich und ich fühle 14** die Wahrheit des Spruches:„Stein iſt ſchwer und Sand iſt Laſt, aber der Narren Zorn iſt ſchwerer denn die beide.“ Und ſie haſſen mich nicht mit Unrecht. Es iſt vollkommen wahr, ich habe die heiligſten Bande zerriſſen, von Gott und Rechtswegen hätte ich unter den Narren leben und ſterben müſſen. Und ach! ich hätte es unter dieſen Leuten ſo gut gehabt! Sie würden mich, wenn ich umfehren wollte, noch immer mit offnen Armen empfangen. Sie würden mir an den Augen abſehen, was ſie mir nur irgend Liebes erweiſen könnten. Sie würden mich alle Tage zu Tiſche laden und des Abends mitnehmen in ihre Theegeſellſchaften und Clubs, und ich könnte mit ihnen Whiſt ſpielen, Tabak rauchen, politiſiren, und wenn ich dabei gähnte, hieße es hinter meinem Rücken:„welch ſchönes Gemüth! eine Seele voll Glauben!“— erlauben Sie mir, Madame, daß ich eine Thräne der Rührung weihe— ach! und ich würde Punſch mit ihnen 219 trinken, bis die rechte Inſpiration käme, und dann brächten ſie mich in einer Portechaiſe wieder nach Hauſe, ängſtlich beſorgt, daß ich mich nicht er⸗ kälte, und der Eine reichte mir ſchnell die Pan⸗ toffeln, der Andere den ſeidenen Schlafrock, der Dritte die weiße Nachtmütze, und ſie machten mich dann zum Profeſſor extraordinarius, oder zum Präſidenten einer Bekehrungsgeſellſchaft, oder zum Oberkalkulator, oder zum Direktor von römiſchen Ausgrabungen;— denn ich wäre ſo recht ein Mann, den man in allen Fächern gebrauchen könnte, ſintemal ich die lateiniſchen Deklinationen ſehr gut von den Conjugationen unterſcheiden kann, und nicht ſo leicht wie andere Leute einen preußiſchen Poſtillonsſtiefel für eine etruseiſche Vaſe anſehe. Mein Gemüth, mein Glauben, meine Inſpiration könnten noch außerdem in den Betſtunden viel Gutes wirken, nämlich für mich; nun gar mein ausgezeichnet poetiſches Talent würde mir gute Dienſte leiſten bei hohen 220 Geburtstagen und Vermählungen, und es wär' gar nicht übel, wenn ich, in einem großen National⸗Epos, all jene Helden beſänge, wovon wir ganz beſtimmt wiſſen, daß aus ihren ver⸗ weſ'ten Leichnamen Würmer gekrochen ſind, die ſich für ihre Nachkommen ausgeben. Manche Leute, die keine geborene Narren und einſt mit Vernunft begabt geweſen, ſind ſolcher Vorurtheile wegen zu den Narren über⸗ gegangen, leben bei ihnen ein wahres Schlaraffen⸗ leben, die Thorheiten, die ihnen anfänglich noch immer einige Ueberwindung gekoſtet, ſind ihnen ſtets ſchon zur zweiten Natur geworden, ja ſie ſind nicht mehr als Heuchler, ſondern als wahre Gläubige zu betrachten. Einer derſelben, in deſſen Kopf noch keine gänzliche Sonnenfinſterniß ein⸗ getreten, liebt mich ſehr, und jünſthin, als ich bei ihm allein war, verſchloß er die Thüre und 221 ſprach zu mir mit ernſter Stimme:„O Thor, der du den Weiſen ſpielſt und dennoch nicht ſo viel Verſtand haſt wie ein Rekrut im Mutter⸗ leibe! weißt du denn nicht, daß die Großen des Landes nur denjenigen erhöhen, der ſich ſelbſt erniedrigt und ihr Blut für beſſer rühmt als das ſeinige. Und nun gar verdirbſt du es mit den Frommen des Landes! Iſt es denn ſo überaus ſchwer, die gnadenſeligen Augen zu verdrehen, die gläubigverſchränkten Hände in die Rockärmel zu vermuffen, das Haupt wie ein Lamm Gottes herabhängen zu laſſen, und aus⸗ wendiggelernte Bibelſprüche zu wispern! Glaub' mir, keine Hocherlauchte wird dich für deine Gottloſigkeit bezahlen, die Männer der Liebe werden dich haſſen, verleumden und verfolgen, und du machſt keine Carriere, weder im Himmel noch auf Erden!“ Ach! das iſt alles wahr! Aber ich hab' nun mal dieſe unglückliche Paſſion für die Vernunft! Ich liebe ſie, obgleich ſie mich nicht mit Gegen⸗ liebe beglückt. Ich gebe ihr Alles und ſie ge⸗ währt mir nichts. Ich kann nicht von ihr laſſen. Und wie einſt der jüdiſche König Salomon im Hohenliede die chriſtliche Kirche beſungen, und zwar unter dem Bilde eines ſchwarzen, liebe⸗ glühenden Mädchens, damit ſeine Juden nichts merkten; ſo habe ich in unzähligen Liedern juſt das Gegentheil, nämlich die Vernunft, beſungen, und zwar unter dem Bilde einer weißen, kalten Jungfrau, die mich anzieht und abſtößt, mir bald lächelt, bald zürnt, und mir endlich gar den Rücken kehrt. Dieſes Geheimniß meiner unglücklichen Liebe, das ich Niemanden offenbare, giebt Ihnen, Madame, einen Maßſtab zur Würdigung meiner Narrheit, Sie ſehen daraus, daß ſolche von außerordentlicher Art iſt, und großartig hervorragt 223 über das gewöhnliche närriſche Treiben der Menſchen. Leſen ſie meinen Ratcliff, meinen Almanſor, mein lyriſches Intermezzo— Vernunft! Vernunft! nichts als Vernunft!— und Sie erſchrecken ob der Höhe meiner Narrheit. Mit den Worten Agurs, des Sohnes Jake, kann ich ſagen: Ich bin der Allernärriſchſte und Menſchen⸗ verſtand iſt nicht bei mir.“ Hoch in die Lüfte hebt ſich der Eichwald, hoch über den Eichwald ſchwingt ſich der Adler, hoch über dem Adler ziehen die Wolken, hoch über den Wolken blitzen die Sterne— Madame, wird Ihnen das nicht zu hoch? eh bien— hoch über den Sternen ſchweben die Engel, hoch über den Engeln ragt— nein, Madame, höher kann es meine Narrheit nicht bringen. Sie bringt es hoch genug! Ihr ſchwindelt vor ihrer eignen Er⸗ habenheit. Sie macht mich zum Rieſen mit Siebenmeilenſtiefeln. Mir iſt des Mittags zu Muthe, als könnte ich alle Elephanten Hindoſtan's 224 aufeſſen und mir mit dem Straßburger Münſter die Zähne ſtochern; des Abends werde ich ſo ſentimental, daß ich die Milchſtraße des Himmels ausſaufen möchte, ohne zu bedenken, daß einem die kleinen Firſterne ſehr unverdaulich im Magen liegen bleiben; und des Nachts geht der Spek⸗ takel erſt recht los, in meinem Kopf giebt's dann einen Congreß von allen Völkern der Gegenwart und Vergangenheit, es kommen die Aſſyrer, Egypter, Meder, Perſer, Hebräer, Philiſter, Frankfurter, Babylonier, Kartager, Berliner, Römer, Spartaner, Türken, Kümmeltürken.— Madame, es wäre zu weitläufig, wenn ich Ihnen all dieſe Völker beſchreiben wollte, leſen Sie nur den Herodot, den Livius, die Haude⸗ und Spenerſche Zeitung, den Curtius, den Cornelius Nepos, den Geſellſchafter.— Ich will unter⸗ deſſen frühſtücken, es will heute Morgen mit dem Schreiben nicht mehr ſo luſtig fortgehn, ich merke, 225 der liebe Gott läßt mich im Stich— Madame, ich fürchte ſogar, Sie haben es früher bemerkt als ich— ja, ich merke, die rechte Gotteshülfe iſt heute noch gar nicht da geweſen.— Madame, ich will ein neues Capitel anfangen, und Ihnen erzählen, wie ich nach dem Tode Le Grand's in Godesberg ankam. II. 15 Capitel XVI. Als ich zu Godesberg ankam, ſetzte ich mich wieder zu den Füßen meiner ſchönen Freundin,— und neben mir legte ſich ihr brauner Dachshund— und wir beide ſahen hinauf in ihr Auge. Heiliger Gott! in dieſem Auge lag alle Herrlichkeit der Erde und ein ganzer Himmel obendrein. Vor Seligkeit hätte ich ſterben können, während ich in jenes Auge blickte, und ſtarb ich in ſolchem Augenblicke, ſo flog meine Seele direkt in jenes Auge. O, ich kann jenes Auge nicht beſchreiben! Ich will mir einen Poeten, 227 der vor Liebe verrückt geworden iſt, aus dem Tollhauſe kommen laſſen, damit er aus dem Abgrund des Wahnſinns ein Bild heraufhole, womit ich jenes Auge vergleiche.— Unter uns geſagt, ich wäre wohl ſelbſt verrückt genug, daß ich zu einem ſolchen Geſchäfte keines Gehülfen bedürfte. God d-! ſagte mal ein Engländer, wenn ſie einen ſo recht ruhig von oben bis unten betrachtet, ſo ſchmelzen einem die kupfernen Knöpfe des Fracks und das Herz obendrein. F—el ſagte ein Franzoſe, ſie hat Augen vom größten Kaliber, und wenn ſo ein dreißigpfünder Blick herausſchießt, krach! ſo iſt man verliebt. Da war ein rothköpfiger Advokat aus Mainz, der ſagte: ihre Augen ſehen aus wie zwei Taſſen ſchwarzen Kaffee— Er wollte etwas ſehr Süßes ſagen, denn er warf immer unmenſchlich viel Zucker in ſeinen Kaffee— Schlechte Vergleiche.— Ich und der braune Dachshund lagen ſtill zu den Füßen der ſchönen Frau, und ſchauten und 15* 228 horchten. Sie ſaß neben einem alten, eisgrauen Soldaten, einer ritterlichen Geſtalt mit Quer⸗ narben auf der gefurchten Stirne. Sie ſprachen beide von den ſieben Bergen, die das ſchöne Abend⸗ roth beſtrahlte, und von dem blauen Rhein, der unfern groß und ruhig vorbeifluthete— Was kümmerte uns das Siebengebirge, und das Abend⸗ roth und der blaue Rhein, und die ſegelweißen Kähne, die darauf ſchwammen, und die Muſik, die aus einem Kahne erſcholl, und der Schafskopf von Student, der darin ſo ſchmelzend und lieblich ſang— ich und der braune Dachs, wir ſchauten in das Auge der Freundin und betrachteten ihr Antlitz, das aus den ſchwarzen Flechten und Locken, wie der Mond aus dunkeln Wolken, roſigbleich hervorglänzte— Es waren hohe, griechiſche Geſichtszüge, kühngewölbte Lippen, umſpielt von Wehmuth, Seligkeit und kindiſcher Laune, und wenn ſie ſprach, ſo wurden die Worte etwas tief, faſt ſeufzend angehaucht und dennoch ungeduldig 229 raſch hervorgeſtoßen— und wenn ſie ſprach, und die Rede wie ein warmer heiterer Blumenregen aus dem ſchönen Munde herniederflockte— O! dann legte ſich das Abendroth über meine Seele, es zogen hindurch mit klingendem Spiel die Erinnerungen der Kindheit, vor allem aber, wie Glöcklein, erklang in mir die Stimme der kleinen Veronika— und ich ergriff die ſchöne Hand der Freundin, und drückte ſie an meine Augen, bis das Klingen in meiner Seele vorüber war— und dann ſprang ich auf und lachte, und der Dachs bellte, und die Stirne des alten Generals furchte ſich ernſter, und ich ſetzte mich wieder und ergriff wieder die ſchöne Hand und küßte ſie und erzählte und ſprach von der kleinen Veronika. 230 Capitel XVII. Madame, Sie wünſchen, daß ich erzähle, wie die kleine Veronika ausgeſehen hat. Aber ich will nicht. Sie, Madame, können nicht gezwungen werden, weiter zu leſen als Sie wollen, und ich habe wiederum das Recht, daß ich nur dasjenige zu ſchreiben brauche, was ich will. Ich will aber jetzt erzählen, wie die ſchöne Hand ausſah, die ich im vorigen Capitel geküßt habe. Zuvörderſt muß ich eingeſtehn:— ich war nicht werth dieſe Hand zu küſſen. Es war eine ſchöne Hand, ſo zart, durchſichtig, glänzend, ſüß, duftig, ſanft, lieblich— wahrhaftig, ich muß nach der Apotheke ſchicken, und mir für zwölf Groſchen Beiwörter kommen laſſen.— „ † 231 Auf dem Mittelfinger ſaß ein Ring mit einer Perle— ich ſah nie eine Perle, die eine kläglichere Rolle ſpielte— auf dem Goldfinger trug ſie einen Ring mit einer blauen Antike— ich habe Stunden lang Archäologie daran ſtudirt— auf dem Zeigefinger trug ſie einen Diamant— es war ein Talisman, ſo lange ich ihn ſah, war ich glücklich, denn wo er war, war ja auch der Finger, nebſt ſeinen vier Collegen— und mit allen fünf Fingern ſchlug ſie mir oft auf den Mund. Seitdem ich ſolchermaßen manupolirt worden, glaube ich ſteif und feſt an den Magnetismus. Aber ſie ſchlug nicht hart, und wenn ſie ſchlug, hatte ich es immer verdient durch irgend eine gottloſe Redensart, und wenn ſie mich geſchlagen hatte, ſo bereuete ſie es gleich und nahm einen Kuchen, brach ihn entzwei, und gab mir die eine und dem braunen Dachſe die andere Hälfte, und lächelte dann und ſprach:„Ihr beide habt keine Religion und werdet nicht ſelig, und man muß ——— 232 Euch auf dieſer Welt mit Kuchen füttern, da für Euch im Himmel kein Tiſch gedeckt wird.“ So halb und halb hatte ſie Recht, ich war damals ſehr irreligiös und las den Thomas Paine, das Systéme de la nature, den weſtphäliſchen An⸗ zeiger und den Schleiermacher, und ließ mir den Bart und den Verſtand wachſen, und wollte unter die Rationaliſten gehen. Aber wenn mir die ſchöne Hand über die Stirne fuhr, blieb mir der Verſtand ſtehen, und ſüßes Träumen erfüllte mich, und ich glaubte wieder fromme Marienliedchen zu hören, und ich dachte an die kleine Veronika. Madame, Sie können ſich kaum vorſtellen, wie hübſch die kleine Veronika ausſah, als ſie in dem kleinen Särglein lag. Die brennenden Kerzen, die rund umher ſtanden, warfen ihren Schimmer auf das bleiche lächelnde Geſichtchen und auf die rothſeidenen Röschen und rauſchenden Gold⸗ flitterchen, womit das Köpfchen und das weiße 233 Todtenhemdchen verziert war— die fromme Urſula hatte mich Abends in das ſtille Zimmer geführt, und als ich die kleine Leiche, mit den Lichtern und Blumen, auf dem Tiſche ausgeſtellt ſah, glaubte ich Anfangs, es ſei ein hübſches Heiligen⸗ bildchen von Wachs! doch bald erkannte ich das liebe Antlitz, und frug lachend: warum die kleine Veronika ſo ſtill ſei? und die Urſula ſagte: das thut der Tod. und als ſie ſagte: das thut der Tod— Doch ich will heute dieſe Geſchichte nicht erzählen, ſie würde ſich zu ſehr in die Länge ziehen, ich müßte auch vorher von der lahmen Elſter ſprechen, die auf dem Schloßplatz herumhinkte und drei⸗ Hundert Jahr' alt war, und ich könnte ordentlich melancholiſch werden.— Ich bekomme plötzlich Luſt, eine andere Geſchichte zu erzählen, und die iſt luſtig, und paßt auch an dieſen Ort, denn es iſt die eigentliche Geſchichte, die in dieſem Buche vorgetragen werden ſollte. —=— Capitel XVlIII. In der Bruſt des Ritters war nichts als Nacht und Schmerz. Die Dolchſtiche der Ver⸗ leumdung hatten ihn gut getroffen, und wie er dahinging, über den Sanct Marcusplatz, war ihm zu Muthe, als wollte ſein Herz brechen und ver⸗ bluten. Seine Füße ſchwankten vor Müdigkeit— das edle Wild war den ganzen Tag gehetzt worden, und es war ein heißer Sommertag— der Schweiß lag auf ſeiner Stirne, und als er in die Gondel ſtieg, ſeufzte er tief. Er ſaß gedankenlos in dem ſchwarzen Gondelzimmer,— Vv 1— 3 5 235 gedankenlos ſchaukelten ihn die weichen Wellen, und trugen ihn den wohlbekannten Weg hinein in die Brenta— und als er vor dem wohl⸗ bekannten Palaſte ausſtieg, hörte er: Signora Laura ſei im Garten. Sie ſtand, gelehnt an die Statue des Laokoon, neben dem rothen Roſenbaum, am Ende der Terraſſe, unfern von den Trauerweiden, die ſich wehmüthig herabbeugen über den vorbei⸗ ziehenden Fluß. Da ſtand ſie lächelnd, ein weiches Bild der Liebe, umduftet von Roſen. Er aber erwachte wie aus einem ſchwarzen Traume, und war plötzlich wie umgewandelt in Milde und Sehnſucht,„Signora Laura!“— ſprach er— „ich bin elend und bedrängt von Haß und Noth und Lüge“— und dann ſtockte er, und ſtammelte:—„aber ich liebe Euch“— und dann ſchoß eine freudige Thräne in ſein Auge, und mit feuchten Augen und flammenden Lippen rief er:—„ſei mein Mädchen, und liebe mich — 1 . 236 Es liegt ein geheimnißdunkler Schleier über dieſer Stunde, kein Sterblicher weiß, was Signora Laura geantwortet hat, und wenn man ihren guten Engel im Himmel darob befragt, ſo verhüllt er ſich und ſeufzt und ſchweigt. Einſam ſtand der Ritter noch lange bei der Statue des Laokoon, ſein Antlitz war eben ſo verzerrt und weiß, bewußtlos entblätterte er alle Roſen des Roſenbaums, er zerknickte ſogar die jungen Knospen— der Baum hat nie wieder Blüthen getragen— in der Ferne klagte eine wahnſinnige Nachtigall, die Trauerweiden flüſterten ängſtlich, dumpf murmelten die kühlen Wellen der Brenta, die Nacht kam herauf⸗ geſtiegen mit ihrem Mond und ihren Sternen— ein ſchöner Stern, der ſchönſte von allen, fiel vom Himmel herab. I 237 Vous pleurez, Madame? O, mögen die Augen, die jetzt ſo ſchöne Thränen vergießen, noch lange die Welt mit ihren Strahlen erleuchten, und eine warme, liebe Hand möge ſie einſt zudrücken in der Stunde des Todes! Ein weiches Sterbekiſſen, Madame, iſt auch eine gute Sache in der Stunde des Todes, und möge Ihnen alsdann nicht fehlen; und wenn das ſchöne, müde Haupt darauf niederſinkt und die ſchwarzen Locken herabwallen über das verbleichende Antlitz: 238 O, dann möge Ihnen Gott die Thränen ver⸗ gelten, die für mich gefloſſen ſind— denn ich bin ſelber der Ritter, für den Sie geweint haben, ich bin ſelber jener irrende Ritter der Liebe, der Ritter vom gefallenen Stern. Vous pleurez, Madame? O, ich kenne dieſe Thränen! Wozu ſoll die längere Verſtellung? Sie, Madame, ſind ja ſelbſt die ſchöne Frau, die ſchon in Godesberg ſo lieblich geweint hat, als ich das trübe Mährchen meines Lebens erzählte— Wie Perlen über Roſen, rollten die ſchönen Thränen über die ſchönen Wangen— der Dachs ſchwieg, das Abend⸗ geläute von Königswinter verhallte, der Rhein murmelte leiſer, die Nacht bedeckte die Erde mit ihrem ſchwarzen Mantel, und ich ſaß zu ihren Füßen, Madame, und ſah in die Höhe, in den geſtirnten Himmel.— Im Anfang hielt ich Ihre 239 Augen ebenfalls für zwei Sterne— Aber wie kann man ſolche ſchöne Augen mit Sternen ver⸗ wechſeln? Dieſe kalten Lichter des Himmels können nicht weinen über das Elend eines Menſchen, der ſo elend iſt, daß er nicht mehr weinen kann. und ich hatte noch beſondere Gründe, dieſe Augen nicht zu verkennen— in dieſen Augen wohnte die Seele der kleinen Veronika. Ich habe nachgerechnet, Madame, Sie ſind geboren juſt an dem Tage, als die kleine Veronika ſtarb. Die Johanna in Andernach hatte mir vorausgeſagt, daß ich in Godesberg die kleine Veronika wiederfinden würde— Und ich habe ſie gleich wieder erkannt.— Das war ein ſchlechter Einfall, Madame, daß Sie damals ſtarben, als die hübſchen Spiele erſt recht losgehen ſollten. Seit die fromme Urſula mir geſagt,„das thut der Tod,“ ging ich allein und ernſthaft in der 240 großen Gemäldegallerie umher, die Bilder wollten mir nicht mehr ſo gut gefallen wie ſonſt, ſie ſchienen mir plötzlich verblichen zu ſein, nur ein einziges hatte Farbe und Glanz behalten.— Sie wiſſen, Madame, welches Stück ich meine:— Es iſt der Sultan und die Sultanin von Delhi. Erinnern Sie ſich, Madame, wie wir oft Stundenlang davor ſtanden, und die fromme Urſula ſo wunderlich ſchmunzelte, wenn es den Leuten aufſiel, daß die Geſichter auf jenem Bilde mit den unſrigen ſo viele Aehnlichkeit hatten? Madame, ich finde, daß Sie auf jenem Bilde recht gut getroffen waren, und es iſt unbegreiflich, wie der Maler Sie ſogar bis auf die Kleidung darſtellte, die Sie damals getragen. Man ſagt, er ſei wahnſinnig geweſen und habe ihr Bild geträumt. Oder ſaß eine Seele vielleicht in dem 241 großen, heiligen Affen, der Ihnen damals, wie ein Jokey, aufwartete?— in dieſem Falle mußte er ſich wohl des ſilbergrauen Schleiers erinnern, den er einſt mit rothen Wein überſchüttet und verdorben hat.— Ich war froh, daß Sie ihn ablegten, er kleidete Sie nicht ſonderlich, wie denn überhaupt die europäiſche Tracht für Frauen⸗ zimmer viel kleidſamer iſt, als die indiſche. Freilich, ſchöne Frauen ind n i 6 er jeder Tracht. 222. Erinnern Sie ſich, Madame, daß ein galanter Fercz! Bramine— er ſah aus wie Ganeſa, der Gott mit dem Elephantenrüſſel, der auf einer Maus reitet— Ihnen einſt das Compliment gemacht hat: die göttliche Maneka, als ſie, aus Indrahs goldner Burg, zum königlichen Büßer Wiswamitra hinabgeſtiegen, ſei gewiß nicht ſchöner geweſen als Sie, Madame! Sie erinnern ſich deſſen nicht mehr? Es ſind ja kaum 3000 Jahre, ſeitdem Ihnen dieſes geſagt worden, und ſchöne Frauen pflegen ſonſt II. 16 eine zarte Schmeichelei nicht ſo ſchnell zu ver⸗ geſſen. Indeſſen für Männer iſt die indiſche Tracht weit kleidſamer als die europäiſche. O, meine roſarothen, lotosgeblümten Pantalons von Delhi! hätte ich Euch getragen, als ich vor Signora Laura ſtand und um Liebe flehte— das vorige Capitel hätte anders gelautet! Aber, ach! ich trug damals ſtrohgelbe Pantalons, die ein nüchterner Chineſe in Nanking gewebt— mein Verderben war hineingewebt— und ich wurde elend. Oft ſitzt ein junger Menſch in einem kleinen deutſchen Kaffeeſtübchen und trinkt ruhig ſeine Taſſe Kaffee, und unterdeſſen im weiten, fernen China wächſt und blüht ſein Verderben, und wird dort geſponnen und verwebt, und trotz der hohen, chineſiſchen Mauer weiß es ſeinen Weg zu finden zu dem jungen Menſchen, der es für ein paar Nankinghoſen hält, und 243 dieſe arglos anzieht und elend wird— Und, Madame, in der kleinen Bruſt eines Menſchen kann ſich gar viel Elend verſtecken, und ſo gut verſteckt halten, daß der arme Menſch ſelbſt es tagelang nicht fühlt, und guter Dinge iſt, und luſtig tanzt und pfeift, und trällert— lalarallala, lalarallala, lalaral— la— la— la. Capitel XX. Sie war liebenswürdig, und Er liebte Sie; Er aber war nicht liebenswürdig, und Sie liebte ihn nicht. (Altes Stück.) Und wegen dieſer dummen Geſchichte haben Sie ſich todtſchießen wollen? Madame, wenn ein Menſch ſich todtſchießen will, ſo hat er dazu immer hinlängliche Gründe; darauf können Sie ſich verlaſſen. Aber ob er ſelbſt dieſe Gründe kennt, das iſt die Frage. Bis auf den letzten Augenblick ſpielen wir Comödie mit uns ſelber. Wir maskiren ſogar unſer Elend, und während wir an einer Bruſtwunde ſterben, klagen wir über Zahnweh. Madame, Sie wiſſen gewiß ein Mittel gegen Zahnweh? Ich aber hatte Zahnweh im Herzen. Das iſt ein ſchlimmes Uebel, und da hilft ſehr gut das Füllen mit Blei und das Zahnpulver, das Barthold Schwarz erfunden hat. Wie ein Wurm nagte das Elend in meinem Herzen, und nagte— der arme Chineſe trägt keine Schuld, ich habe dieſes Elend mit mir zur Welt gebracht. Es lag ſchon mit mir in der Wiege, und wenn meine Mutter mich wiegte, ſo wiegte ſie es mit, und wenn ſie mich in den Schlaf ſang, ſo ſchlief es mit mir ein, und es erwachte, ſobald ich wieder die Augen aufſchlug. 246 Als ich größer wurde, wuchs auch das Elend und wurde endlich ganz groß, und zerſprengte mein— Wir wollen von andern Dingen ſprechen, vom Jungfernkranz, von Maskenbällen, von Luſt und Hochzeitfreude— lalarallala, lalarallala, lalaral— la— la— la.— 2. 2☛ — ‿ ηί ☛ ᷣ 3 Neuer Motto: Ein Fichtenbaum ſteht einſam Im Norden—— Er träumt von einer Palme Die fern—— Seiner Schweſter, Charlotte Embden geb. Heine, widmet dieſen neuen Frühling artig und liebevoll der Verfaſſer. In Gemäldegallerieen 7*⁴ Siehſt du oft das Bild des Mann's, Der zum Kampfe wollte ziehen, Wohlbewehrt mit Schild und Lanz. Doch ihn necken Amoretten, Rauben Lanze ihm und Schwert, Binden ihn mit Blumenketten, Wie er auch ſich mürriſch wehrt. 252 So, in holden Hinderniſſen, Wind' ich mich in Luſt und Leid, Während Andre kämpfen müſſen In dem großen Kampf der Zeit. Unterm weißen Baume ſitzend Hörſt du fern die Winde ſchrillen, Siehſt, wie oben ſtumme Wolken Sich in Nebeldecken hüllen; Siehſt, wie unten ausgeſtorben Wald und Flur, wie kahl geſchoren. Um dich Winter, in dir Winter, Und dein Herz iſt eingefroren. Plötzlich fallen auf dich nieder Weiße Flocken, und verdroſſen Meinſt du ſchon mit Schneegeſtöber Hab' der Baum dich übergoſſen. 254 Doch es iſt kein Schneegeſtöber Merkſt du bald mit freud'gem Schrecken; Duft'ge Frühlingsblüthen ſind es, Die dich necken und bedecken. Welch ein ſchauerſüßer Zauber! Winter wandelt ſich in Maye, Schnee verwandelt ſich in Blüthen, Und dein Herz es liebt auf's Neue. 255 II. In dem Walde ſprießt und grünt es Faſt jungfräulich luſtbeklommen; Doch die Sonne lacht herunter: Junger Frühling, ſei willkommen! Nachtigall! auch dich ſchon hör' ich, Wie du flöteſt ſeligtrübe Schluchzend langgezog'ne Töne, und dein Lied iſt lauter Liebe! A III. Die ſchönen Augen der Frühlingsnacht, Sie ſchauen ſo tröſtend nieder: Hat dich die Liebe ſo kleinlich gemacht, Die Liebe ſie hebt dich wieder. Auf grüner Linde ſitzt und ſingt Die ſüße Philomele; Wie mir das Lied zur Seele dringt, So dehnt ſich wieder die Seele. IV. Ich lieb' eine Blume, doch weiß ich nicht welche; Das macht mir Schmerz. Ich ſchau' in alle Blumenkelche, Und ſuch' ein Herz. Es duften die Blumen im Abendſcheine, Die Nachtigall ſchlägt. Ich ſuch' ein Herz ſo ſchön wie das meine, So ſchön bewegt. Die Nachtigall ſchlägt, und ich verſtehe Den ſüßen Geſang; Uns beiden iſt ſo bang' und wehe, So weh' und bang'. Gekommen iſt der Maye, Die Blumen und Bäume blühn, Und durch die Himmelsbläue —: ₰ Die roſigen Wolken ziehn. Die Nachtigallen ſingen. Herab aus der laubigen Höh', Die weißen Lämmer ſpringen Im weichen grünen Klee. Ich kann nicht ſingen und ſpringen, Ich liege krank im Gras; Ich höre fernes Klingen, Mir träumt, ich weiß nicht was. VI. Leiſe zieht durch mein Gemüth Liebliches Geläute. Klinge, kleines Frühlingslied, Kling' hinaus in's Weite. Kling' hinaus, bis an das Haus, Wo die Veilchen ſprießen. Wenn du eine Roſe ſchauſt, Sag' ich laſſ' ſie grüßen. Umflattert ſie tauſendmal, Ihn ſelber aber goldig zart, Der Schmetterling iſt in die Roſe verliebt, Umflattert der liebende Sonnenſtrahl. Jedoch, in wen iſt die Das wüßt ich gar zu gern. Roſe verliebt? Iſt es die ſingende Nachtigall? Iſt es der ſchweigende Abendſtern? Ich weiß nicht, in wen die Roſe verliebt: Ich aber lieb' Euch all: Roſe, Schmetterling, Sonnenſtrahl, Abendſtern und Nachtigall. VIII. Es erklingen alle Bäume Und es ſingen alle Neſter— Wer iſt der Kapellenmeiſter In dem grünen Waldorcheſter? Iſt es dort der graue Kibitz, Der beſtändig nickt, ſo wichtig? Oder der Pedant, der dorten Immer kukkukt zeitmaßrichtig? V Iſt es jener Storch, der ernſthaft, und als ob er dirigiret', Mit dem langen Streckbein klappert, Während alles muſiziret? 262 Nein, in meinem Herzen Sitzt des Wald's Kapellenmeiſter, Und ich fühl' wie er den Takt ſchlägt, Und ich glaube Amor heißt er. 263 IX. „Im Anfang war die Nachtigall Und ſang das Wort: Züküht! Züküht! Und wie ſie ſang, ſproß überall Grüngras, Violen, Apfelblüth'. „Sie biß ſich in die Bruſt, da floß Ihr rothes Blut, und aus dem Blut Ein ſchöner Roſenbaum entſproß; Dem ſingt ſie ihre Liebesgluth. „Uns Vögel all' in dieſem Wald Verſöhnt das Blut aus jener Wund'; Doch wenn das Roſenlied verhallt Geht auch der ganze Wald zu Grund.“ — 264— So ſpricht zu ſeinen Spätzelein Im Eichenneſt der alte Spatz; Die Spätzin piepet manchmal drein, Sie hockt auf ihrem Ehrenplatz. Sie iſt ein häuslich gutes Weib Und brütet brav und ſchmollet nicht; Der Alte giebt zum Zeitvertreib Den Kindern Glaubensunterricht. 265 X. Es hat die warme Frühlingsnacht Die Blumen hervorgetrieben, Und nimmt mein Herz ſich nicht in Acht, So wird es ſich wieder verlieben. Doch welche von den Blumen all'n Wird mir das Herz umgarnen? Es wollen die ſingenden Nachtigall'n Mich vor der Lilje warnen. XI. Es drängt die Noth, es läuten die Glocken, und ach! ich hab' den Kopf verloren! Der Frühling und zwei ſchöne Augen, Sie haben ſich wider mein Herz verſchworen. Der Frühling und zwei ſchöne Augen Verlocken mein Herz in neue Bethörung! Ich glaube die Roſen und Nachtigallen Sind tief verwickelt in dieſer Verſchwörung. 267 XII. Ach, ich ſehne mich nach Thränen, Liebesthränen, ſchmerzenmild, Und ich fürchte, dieſes Sehnen Wird am Ende noch erfüllt. Ach, der Liebe ſüßes Elend Und der Liebe bittre Luſt Schleicht ſich wieder, himmliſch quälend, In die kaum geneſ'ne Bruſt. XIII. Die blauen Frühlingsaugen Schau'n aus dem Gras hervor; Das ſind die lieben Veilchen, Die ich zum Strauß erkor. Ich pflücke ſie und denke, Und die Gedanken all', Die mir im Herzen ſeufzen, Singt laut die Nachtigall. Ja, was ich denke, ſingt ſie Und ſchmettert, daß es ſchallt; Mein zärtliches Geheimniß Weiß ſchon der ganze Wald. XIV. Wenn du mir vorüberwanbelſt, Und dein Kleid berührt mich nur, Jubelt dir mein Herz und ſtürmiſch Folgt es deiner ſchönen Spur. Dann drehſt du dich um, und ſchauſt mich Mit den großen Augen an, Und mein Herz iſt ſo erſchrocken, Das es kaum dir folgen kann. XV. Die ſchlanke Waſſerlilje Schaut träumend empor aus dem See; Da grüßt der Mond herunter Mit lichtem Liebesweh'. Verſchämt ſenkt ſie das Köpfchen Wieder hinab zu den Well'n— Da ſieht ſie zu ihren Füßen Den armen blaſſen Geſell'n. XVI. Wenn du gute Augen haſt, Und du ſchauſt in meine Lieder, Siehſt du eine junge Schöne Drinnen wandeln auf und nieder. Wenn du gute Ohren haſt, Kannſt du gar die Stimme hören, Und ihr Seufzen, Lachen, Singen Wird dein armes Herz bethören. Denn ſie wird mit Blick und Wort, Wie mich ſelber dich verwirren: Ein verliebter Frühlingsträumer Wirſt du durch die Wälder irren. XVII. Was treibt dich umher, in der Frühlingsnacht? Du haſt die Blumen toll gemacht, Die Veilchen, ſie ſind erſchrocken! Die Roſen, ſie ſind vor Schaam ſo roth, Die Liljen, ſie ſind ſo blaß wie der Tod, Sie klagen und zagen und ſtocken! O, lieber Mond, welch frommes Geſchlecht Sind doch die Blumen! ſie haben Recht, Ich habe Schlimmes verbrochen! Doch konnt' ich wiſſen, daß ſie gelauſcht, Als ich von glühender Liebe berauſcht, Mit den Sternen droben geſprochen? XVIII. Mit deinen blauen Augen Siehſt du mich lieblich an, Da wird mir ſo träumend zu Sinne, Daß ich nicht ſprechen kann. An deine blauen Augen Gedenk' ich allerwärts; Ein Meer von blauen Gedanken Ergießt ſich über mein Herz. XIX. Wieder iſt das Herz bezwungen, Und der öde Groll verrauchet; Wieder zärtliche Gefühle Hat der Mai mir eingehauchet. Spät und früh durcheil' ich wieder Die beſuchteſten Alleen, Unter jedem Hute ſuch' ich Meine Schöne zu erſpähen. Wieder an dem grünen Fluſſe, Wieder ſteh' ich an der Brücke— Ach, vielleicht fährt ſie vorüber, Und mich treffen ihre Blicke. Im Geräuſch des Waſſerfalles Hör' ich wieder leiſes Klagen, Und mein ſchönes Herz verſteht es, Was die weißen Wellen ſagen. V Hab' ich träumend mich verloren, Und die Vögel in den Büſchen Spotten des verliebten Thoren. Wieder in verſchlung'nen Gängen b XX. Die Roſe duftet— doch ob ſie empfindet Das was ſie duftet, ob die Nachtigall Selbſt fühlt, was ſich durch unſre Seele windet Bei ihres Liedes ſüßem Wiederhall— Ich weiß es nicht. Doch macht uns gar verdrießlich Die Wahrheit oft! Und Roſ' und Nachtigall, Erlögen ſie auch das Gefühl, erſprießlich Wär' ſolche Lüge, wie in manchem Fall— XXI. Weil ich dich liebe, muß ich fliehend Dein Antlitz meiden— zürne nicht. Wie paßt dein Antlitz, ſchön und blühend, Zu meinem traurigen Geſicht! Weil ich dich liebe, wird ſo bläßlich— So elend mager mein Geſicht— Du fändeſt mich am Ende häßlich— Ich will dich meiden— zürne nicht. XXII. Ich wandle unter Blumen Und blühe ſelber mit, Ich wandle wie im Traume, Und ſchwanke bei jedem Schritt. O, halt' mich feſt, Geliebte! Vor Liebestrunkenheit Fall' ich dir ſonſt zu Füßen, Und der Garten iſt voller Leut'. XXIII. Wie des Mondes Abbild zittert In den wilden Meereswogen, Und er ſelber ſtill und ſicher Wandelt an dem Himmelsbogen Alſo wandelſt du, Geliebte, Still und ſicher, und es zittert Nur dein Abbild mir im Herzen, Weil mein eignes Herz erſchüttert. XXIV. Es haben unſre Herzen Geſchloſſen die heil'ge Allianz; Sie lagen feſt an einander, Und ſie verſtanden ſich ganz. Ach, nur die junge Roſe, Die deine Bruſt geſchmückt, Die arme Bundesgenoſſin, Sie wurde faſt zerdrückt. XXV. Sag' mir wer einſt die Uhren erfund, Die Zeitabtheilung, Minuten und Stund'? Das war ein frierend trauriger Mann. Er ſaß in der Winternacht und ſann, Und zählte der Mäuschen heimliches Quicken Und des Holzwurm's ebenmäßiges Picken. Sag' mir wer einſt das Küſſen erfund? Daß war ein glühend glücklicher Mund; Er küßte und dachte nichts dabei. Es war im ſchönen Monat Mai, Die Blumen ſind aus der Erde geſprungen; Die Sonne lachte, die Vögel ſungen. XXVI. Wie die Nelken duftig athmen! Wie die Sterne, ein Gewimmel Goldner Bienen, ängſtlich ſchimmern An dem veilchenblauen Himmel! Aus dem Dunkel der Kaſtanien Glänzt das Landhaus, weiß und lüſtern, Und ich hör' die Glasthür klirren Und die liebe Stimme flüſtern. Holdes Zittern, ſüßes Beben, Furchtſam zärtliches Umſchlingen— Und die jungen Roſen lauſchen, Und die Nachtigallen ſingen. XXVIl. Hab' ich nicht dieſelben Träume Schon geträumt von dieſem Glücke? Waren's nicht dieſelben Bäume, Blumen, Küſſe, Liebesblicke? Schien der Mond nicht durch die Blätter Unſrer Laube hier am Bache? „Hielten nicht die Marmorgötter Vor dem Eingang ſtille Wache? Ach! ich weiß wie ſich verändern Dieſe allzuholden Träume, Wie mit kalten Schneegewändern Sich umhüllen Herz und Bäume; 284 Wie wir ſelber dann erkühlen und uns fliehen und vergeſſen, Wir, die jetzt ſo zärtlich fühlen, Herz an Herz ſo zärtlich preſſen. XXVII. Küſſe, die man ſtiehlt im Dunkeln Und im Dunkeln wiedergiebt, Solche Küſſe wie beſel'gen 5 Sie die Seele, wenn ſie liebt! Ahnend und erinn'rungſüchtig, Denkt die Seele ſich dabei Manches von vergangnen Tagen, Und von Zukunft mancherlei. Doch das gar zu viele Denken Iſt bedenklich, wenn man küßt;— Weine lieber, liebe Seele, Weil das Weinen leichter iſt. XXIX. Es war ein alter König, Sein Herz war ſchwer, ſein Haupt war grau, Der arme alte König, Er nahm eine junge Frau. Es war ein ſchöner Page, Blond war ſein Haupt, leicht war ſein Sinn; Er trug die ſeidne Schleppe Der jungen Königin. 1 Kennſt du das alte Liedchen?. Es klingt ſo ſüß, es klingt ſo trüb! Sie mußten beide ſterben, Sie hatten ſich viel zu lieb. XXX. In meiner Erinn'rung erblühen Die Bilder, die längſt verwittert— Was iſt in deiner Stimme, Das mich ſo tief erſchüttert! Sag' nicht, daß du mich liebſt! Ich weiß, das Schönſte auf Erden, Der Frühling und die Liebe, Es muß zu Schanden werden. Sag' nicht, daß du mich liebſt! Und küſſe nur und ſchweige, und lächle, wenn ich dir morgen, Die welkenden Roſen zeige. 288 XXXI „Mondſcheintrunkne Lindenblüthen, Sie zerfließen faſt in Düfte, Und von Nachtigallenliedern Sind erfüllet Laub und Lüfte.“ „Lieblich läßt es ſich, Geliebter, Unter dieſer Linde ſitzen, Wenn die goldnen Mondenſtrahlen Durch die duft'gen Blätter blitzen.“ Sieh dies Lindenblatt! du wirſt es Wie ein Hetz geſtaltet finden; Darum ſitzen die Verliebten Auch am liebſten unter Linden.“ 289 5 „Doch du lächelſt, wie verloren Spprich, Geliebter, welche Wünſche Dir im lieben Herzen keimen?“ 1 Gern bekennen, ach, ich möchte, Daß ein kalter Nordwind plötzlich Weißes Schneegeſtöber brächte; Und daß wir, mit Pelz bedecket Und im buntgeſchmückten Schlitten, Schellenklingend, Peitſchenknallend, Ueber Fluß und Fluren glitten. * In entfernten Sehnſuchtträumen— Art, ich will es dir, Geliebte, XXXII. Durch den Wald, im Mondenſcheine, Sah ich jüngſt die Elfen reuten; Ihre Hörner hört' ich klingen, Ihre Glöckchen hört' ich läuten. Ihre weißen Rößlein trugen Güldnes Hirſchgeweih' und flogen Raſch dahin, wie wilde Schwäne Kam es durch die Luft gezogen. Lächelnd nickte mir die Kön'gin, Lächelnd, im Vorüberreuten. Galt es meiner neuen Liebe Oder ſoll es Tod bedeuten? XXXlIII. Morgens ſend' ich dir die Veilchen, Die ich früh im Wald gefunden, Und des Abends bring' ich Roſen, Die ich brach in Dämmrungſtunden. Weißt du, was die hübſchen Blumen Dir Verblümtes ſagen möchten? Treu ſein ſollſt du mir am Tage Und mich lieben in den Nächten. XXXIV. Der Brief, den du geſchrieben, Er macht mich gar nicht bang, Du willſt mich nicht mehr lieben, Aber dein Brief iſt lang. Zwölf Seiten! eng und zierlich! Ein kleines Manuſeript! Man ſchreibt nicht ſo ausführlich Bei Körben, die man gibt. * 1 XXXV. Sorge nicht, daß ich verrathe Meine Liebe vor der Welt, Wenn mein Mund ob deiner Schönheit Von Metaphern überquellt. Unter einem Wald von Blumen Liegt, in ſtill verborgner Huth, Jenes glühende Geheimniß, Jene tief geheime Gluth. Sprüh'n einmal verdächt'ge Funken Aus den Roſen— ſorge nie! Dieſe Welt glaubt nicht an Flammen Und ſie nimmt's für Pveſie. XXXVI. Wie die Tage, macht der Frühling Auch die Nächte mir erklingen, Als ein grünes Echo kann er Bis in meine Träume dringen. Nur noch mährchenſüßer flöten Dann die Vögel, durch die Lüfte Weht es ſanfter, ſehnſuchtwilder Steigen auf die Veilchendüfte. Auch die Roſen blühen röther, Eine kindlich güldne Glvrie Tragen ſie, wie Engelköpfchen Auf Gemälden der Hiſtorie— = 295 Und mir ſelbſt iſt dann, als würd' ich Eine Nachtigall und ſänge Dieſen Roſen meine Liebe, Träumend ſing' ich Wunderklänge— Bis mich weckt das Licht der Sonne, Oder auch das holde Lärmen Jener and'ren Nachtigallen, Die vor meinem Fenſter ſchwärmen. XXXVII. Sterne mit den goldnen Füßchen Wandeln droben bang und ſacht, Daß ſie nicht die Erde wecken, Die da ſchläft im Schooß der Nacht. Horchend ſtehn die ſtummen Wälder, Jedes Blatt ein grünes Ohr! Und der Berg, wie träumend ſtreckt er Seinen Schattenarm hervor. Doch was rief dort? In mein Herze Dringt der Töne Wiederhall. War es der Geliebten Stimme, Oder nur die Nachtig l⸗ XXXVIII. Ernſt iſt der Frühling, ſeine Träume 1 Sind traurig, jede Blume ſchaut Von Schmerz bewegt, es bebt geheime Wehmuth im Nachtigallenlaut. O, lächle nicht, geliebte Schöne, So freundlich heiter, lächle nicht! O, weine lieber, eine Thräne Küß' ich ſo gern dir vom Geſicht. XXXIX. Schon wieder bin ich fortgeriſſen Vom Herzen, das ich innig liebe, Schon wieder bin ich fortgeriſſen— O wüßteſt du, wie gern ich bliebe. Der Wagen rollt, es dröhnt die Brücke, 5 Der Fluß darunter fließt ſo trübe; Ich ſcheide wieder von dem Glücke, Vom Herzen, das ich innig liebe. Am Himmel jagen hin die Sterne, Als flöhen ſie vor meinem Schmerze— Leb' wohl, Geliebte! In der Ferne, Wo ich auch bin, blüht dir mein Herze. Die holden Wünſche blühen, und welken wieder ab, und blühen und welken wieder— So geht es bis an's Grab. Das weiß ich, und das vertrübet Mir alle Lieb' und Luſt; Mein Herz iſt ſo klug und witzig, und verblutet in meiner Bruſt. XILI. Wie ein Greiſenantlitz droben Iſt der Himmel anzuſchauen, Rotheinäugig und umwoben Von dem Wolkenhaar, dem grauen. Blickt er auf die Erde nieder Müſſen welken Blum' und Blüthe, Müſſen welken Lieb' und Lieder In dem menſchlichen Gemüthe. XLII. Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend, Reiſ' ich verdrießlich durch die kalte Welt, Zu Ende geht der Herbſt, ein feuchter Nebel hält Tiefeingehüllt die abgeſtorbne Gegend. Die Winde pfeifen, hin und her bewegend Das rothe Laub, das von den Bäumen fällt, Es ſeufzt der Wald, es dampft das kahle Feld, Nun kommt das Schlimmſte noch, es regen't! XLIII. Spätherbſtnebel kalte Träume, Ueberfloren Berg und Thal, Sturm entblättert ſchon die Bäume, Und ſie ſchaun geſpenſtiſch kahl. Nur ein einz'ger, traurig ſchweigſam Einz'’ger Baum ſteht unentlaubt, Feucht von Wehmuthsthränen gleichſam, Schüttelt er ſein grünes Haupt. Ach, mein Herz gleicht dieſer Wildniß, Und der Baum, den ich dort ſchau Sommergrün, das iſt dein Bildniß, Vielgeliebte, ſchöne Frau. 2 XLIV. Himmel grau und wochentäglich! Auch die Stadt iſt noch dieſelbe! und noch immer blöd und kläglich 8 Spiegelt ſie ſich in der Elbe. Lange Naſen, noch langweilig Werden ſie wie ſonſt geſchneutzet, und was duckt ſich noch ſcheinheilig Oder bläht ſich, ſtolz geſpreitzet. Schöner Süden! wie verehr' ich Deinen Himmel, deine Götter, 4 Seit ich dieſen Menſchenkehricht Wiederſeh', und dieſes Wetter! Druck von Pontt& von Döhren in Hamburg. 16 17 18