A —½ Leihbibliothek 3 f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. — Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. 4 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nüiteäbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyrr bis Abends 8 Uhr offꝙen.* 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet j wird 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 auf 1 Monat: 1 Mr.— pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Fff. „ 3„ 2„„„„ 4„—„ 5., Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.— 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der. Landenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ.— 3 ſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.— 3 ———— — —— Heine's Reiſebilder. Erſter Theil. Bei Hoffmann& Campe in Hamburg iſt erſchienen: Thlr. Sgr. Heine. H., Buch der Lieder. 6te Aufl. 1 15 „„ neue Gedichte. 2te Aufl. 1 15 8„ Deutſchland. Ein Wintermährchen 1— „„ Atta Troll. Ein Sommernachtstraum 1— 5„ Reiſebilder. 4 Thle. 7— 1 n„ der Salon. 4 Thle. 6 20 „„ über d. Denunzianten. Vorrede zum 3 Thl. d. Salon— 7 .„ Kahldorf über den Adel.— 25 „„ romantiſche Schule 2 „„ franzöſiſche Zuſtände.. 2—. „„ über Ludwig Börne. 2— 4 Daumer, G. F., Hafis. Eine Sammlung perſiſcher Gedichte 15 1 5„ Mahomed und ſein Werk..1 „ die Geheimniſſe d. chriſtl. Alterthums, 2 Bde. 3 Glaßbrenner, A., April! Ein Gedicht— Hebbel, F., Gedichte...... 1 „„ Genoveva. Eine Tragödie 1— „„ Judith. Eine Tragödie 1 „„ Maria Magdalena. Bürgerliches Trauerſpiet 1 „„ der Diamant. Eine Komödie. 1 2 Hoffmann v. Fallersleben, unpolitiſche Lieder, 2 Thle. Immermann,) K., das Trauerſpiel in Tyrol...— 25 „„ LTulifäntchen.— 25 „„ Kaiſer Friedrich II. 1— „„ Verkleidungen...— 25 8„ Memorabilien. 3 Bde.. 3.. 5 10 6 Kriegslieder aus Schleswig⸗Holſtein....— 7 ⅓ 3 Lieder eines kosmopolitiſchen Nachtwächters.... 1— „„ Schleswig⸗Holſteiniſche, von einem Schleswig⸗Holſteiner 7 ⅔ 11 Polenlieder, ein Todtenopfer......— 7 h 8 Sang, der, des fremden Sängers. Eine Phantaſie..— 7 Schirmer, A., polit. Maibüchlein. Ein Tendenzroman in Verſen 10 Sloman, E., Dichtungen...... 1 Spaziergänge eines 2ten Wiener Poeten.... 1— Fſcherkeſſenlieder. 5.—— Reiſebilder —— von ———— I Vierte Auflage. Hamburg. Hoffmann und Campe. H. G. Voigt's Buchdruckerei in Hamburg. 5 7 —“ Vorwort 8 dritten Auflage. Einige Gedichte, die in der erſten Auflage die⸗ ſes Buches den Schluß der Heimkehr bildeten, durften dieſer dritten Auflage um ſo eher ent⸗ zogen werden, da ſie den Einklang des Buches mehr ſtörten als förderten, und außerdem in einer neueren Geſammtausgabe meiner Gedichte zu fin⸗ den ſind. In letzterer, „Buch der Lieder von H. Heine. 3te Aufl. Hamburg, bey Hoffmann und Campe. 1839.“ erlaubte ich mir weder eine ſpätere Nachfeile, VI noch irgend eine Abweichung von der chronologi⸗ ſchen Ordnung„ ſo daß darin die früheſten An⸗ fänge und letzten Ausbildungen jener Gedichte, die ſeitdem als eine Art Volkslieder der neueren Geſellſchaft ſo mannigfach nachgeklungen, bequem und belehrſam zu überſchauen ſind. Paris, den 24. Juny 1839. ☛ 7 Heinrich Heine. 12 —— Die Heimkehr. (1823— 1824.) (Wir) Haſſen jede halbe Luſt, Haſſen alles ſanfte Klimpern, Sind uns keiner Schuld bewußt, Warum ſollten wir denn zimpern? Seufzend niederblickt der Wicht, Doch der Brave hebt zum Licht Seine reinen Wimpern. Immermann. —— Der Frau Geh. Legationsräthin Friedrike Varnhagen v. Enſe widmet die achtundachtzig Gedichte ſeiner „Heimkehr“ der Verfaſſer. —. A——y I. In mein gar zu dunkles Leben Stralte einſt ein ſüßes Bild; Nun das ſüße Bild erblichen, Bin ich gänzlich nachtumhüllt. Wenn die Kinder ſind im Dunkeln, Wird beklommen ihr Gemüth, Und um ihre Angſt zu bannen, Singen ſie ein lautes Lied. Ich, ein tolles Kind, ich ſinge Jetzo in der Dunkelheit; Klingt das Lied auch nicht ergötzlich, Hat's mich doch von Angſt befreyt. 8 12 II. Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin; Ein Mährchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft iſt kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendſonnenſchein. Die ſchönſte Jungfrau ſitzet Dort oben wunderbar, Ihr gold'nes Geſchmeide blitzet, Sie kämmt ihr gold'nes Haar. Sie kämmt es mit gold'nem Kamme, Und ſingt ein Lied dabey; Das hat eine wunderſame, Gewaltige Melodey. —— — 4 — 13 Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er ſchaut nicht die Felſenriffe, Er ſchaut nur hinauf in die Höh'. Ich glaube, die Wellen verſchlingen Am Ende Schiffer und Kahn; 8 Und das hat mit ihrem Singen Die Lore⸗Ley gethan.* III. Mein Herz, mein Herz iſt traurig, Doch luſtig leuchtet der May; Ich ſtehe, gelehnt an der Linde, Hoch auf der alten Baſtey. Da drunten fließt der blaue Stadtgraben in ſtiller Ruh', Ein Knabe fährt im Kahne, Und angelt und pfeift dazu. 44 Jenſeits erheben ſich freundlich, In winziger, bunter Geſtalt, Luſthäuſer, und Gärten, und Menſchen, Und Ochſen, und Wieſen, und Wald. Die Mädchen bleichen die Wäſche, Und ſpringen im Graſ' herum; Das Mühlrad ſtäubt Diamanten, Ich höre ſein fernes Geſumm'. Am alten grauen Thurme Ein Schilderhäuschen ſteht; Ein rothgeröckter Burſche Dort auf und nieder geht. Er ſpielt mit ſeiner Flinte, Die funkelt im Sonnenroth,. Er präſentirt und ſchultert— Ich wollt', er ſchöſſe mich todt. — E IV. Im Walde wandl' ich und weine, Die Droſſel ſitzt in der Höh'; Sie ſpringt und ſingt gar feine: Warum iſt dir ſo weh? „Die Schwalben, deine Schweſtern, Die können's dir ſagen, mein Kind; Sie wohnten in klugen Neſtern, Wo Liebchens Fenſter ſind.“ V. Die Nacht iſt feucht und ſtürmiſch, Der Himmel ſternenleer; Im Wald, unter rauſchenden Bäumen, Wandle ich ſchweigend umher. Es flimmert fern ein Lichtchen Aus dem einſamen Jägerhauſ'; Es ſoll mich nicht hin verlocken, Dort ſieht es verdrießlich aus. 16 Die blinde Großmutter ſitzt ja Im ledernen Lehnſtuhl dort, 4 Unheimlich und ſtarr, wie ein Steinbild, Und ſpricht kein einziges Wort. Fluchend geht auf und nieder Des Förſters rothköpfiger Sohn, Und wirft an die Wand die Büchſe, Und lacht vor Wuth und Hohn. Die ſchöne Spinnerin weinet, Und feuchtet mit Thränen den Flachs; Wimmernd zu ihren Füßen Schmiegt ſich des Vaters Dachs. VI. 9 Als ich, auf der Reiſe, zufällig Meines Liebchens Familie fand, Schweſterchen, Vater und Mutter, Sie haben mich freudig erkannt. 8” 4 17 Sie fragten nach meinem Befinden, Und ſagten ſelber ſogleich: Ich hätte mich gar nicht verändert, Nur mein Geſicht ſey bleich. Ich fragte nach Muhmen und Baſen, Nach manchem langweil'gen Geſell'n, Und nach dem kleinen Hündchen, Mit ſeinem ſanften Bell'n. Auch nach der vermählten Geliebten Fragte ich nebenbey; Und freundlich gab man zur Antwort: Daß ſie in den Wochen ſey. Und freundlich gratulirt' ich, Und lispelte liebevoll: Daß man ſie von mir recht herzlich Viel tauſendmal grüßen ſoll. Heine's Reiſebilder. I. e 18 Schweſterchen rief dazwiſchen: Das Hündchen, ſanft und klein, Iſt groß und toll geworden, Und ward ertränkt, im Rhein. Die Kleine gleicht der Geliebten, Beſonders, wenn ſie lacht; Sie hat dieſelben Augen, Die mich ſo elend gemacht. VII. Wir ſaßen am Fiſcherhauſe, Und ſchauten nach der See; Die Abendnebel kamen, Und ſtiegen in die Höh'. Im Leuchthurm wurden die Lichter Allmählig angeſteckt, Und in der weiten Ferne Ward noch ein Schiff entdeckt. 8 — 19 Wir ſprachen von Sturm und Schiffbruch, Vom Seemann, und wie er lebt, Und zwiſchen Himmel und Waſſer, Und Angſt und Freude ſchwebt. Wir ſprachen von fernen Küſten, Vom Süden und vom Nord, Und von den ſeltſamen Menſchen, Und ſeltſamen Sitten dort. Am Ganges duftet's und leuchtet's, Und Rieſenbäume blüh'n, Und ſchöne, ſtille Menſchen Vor Lotosblumen knie'n. In Lappland ſind ſchmutzige Leute, Plattköpfig, breitmäulig und klein; Sie kauern um's Feuer, und backen Sich Fiſche, und quäken und ſchrey'n. 2* 20 Die Mädchen horchten ernſthaft, Und endlich ſprach Niemand mehr; 4 Das Schiff war nicht mehr ſichtbar, Es dunkelte gar zu ſehr. 2 * VIII. Du ſchönes Fiſchermädchen, Treibe den Kahn an's Land; Komm zu mir und ſetze dich nieder, Wir koſen Hand in Hand. .. 4— Leg' an mein Herz dein Köpfchen, Und fürchte dich nicht zu ſehr, Vertrau'ſt du dich doch ſorglos Täglich dem wilden Meer. — Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche ſchöne Perle In ſeiner Tiefe ruht. v IX. Der Mond iſt aufgegangen Und überſtralt die Well'n; Ich halte mein Liebchen umfangen Und unſre Herzen ſchwell'n. Im Arm des holden Kindes Ruh' ich allein am Strand;— Was horchſt du bey'm Rauſchen des Windes? Was zuckt deine weiße Hand? „Das iſt kein Rauſchen des Windes, Das iſt der Seejungfern Geſang, Und meine Schweſtern ſind es, Die einſt das Meer verſchlang.“ 22 X..* Auf den Wolken ruht der Mond, Eine Rieſenpommeranze, Ueberſtralt das graue Meer, Breiten Streifs, mit gold'nem Glanze. Einſam wandl' ich an dem Strand, Wo die weißen Wellen brechen, Und ich hör' viel ſüßes Wort, Süßes Wort im Waſſer ſprechen. Ach die Nacht iſt gar zu lang, Und mein Herz kann nicht mehr ſchweigen— Schöne Nixen, kommt hervor, Tanzt und ſingt den Zauberreigen! Nehmt mein Haupt in Euren Schooß⸗ Leib und Seel' ſey hingegeben! Singt mich todt und herzt mich todt, Küßt mir aus der Bruſt das Leben. K 23 XI. Eingehüllt in graue Wolken Schlafen jetzt die großen Götter, Und ich höre wie ſie ſchnarchen, Und wir haben wildes Wetter. Wildes Wetter! Sturmeswüthen Will das arme Schiff zerſchellen— Ach, wer zügelt dieſe Winde Und die herrenloſen Wellen! Kann's nicht hindern, daß es ſtürmet, Daß da dröhnen Maſt und Bretter, Und ich hüll' mich in den Mantel, Um zu ſchlafen wie die Götter. 24 XII. Der Wind zieht ſeine Hoſen an, Die weißen Waſſerhoſen; Er peitſcht die Wellen ſo ſtark er kann, Die heulen und brauſen und toſen. Aus dunkler Höh', mit wilder Macht, Die Regengüſſe träufen; Es iſt als wollt' die alte Nacht Das alte Meer erſäufen. An den Maſtbaum klammert die Möve ſich, Mit heiſerem Schrillen und Schreyen; Sie flattert und will gar ängſtlich Ein Unglück prophezeyen. ——ÿ e XIII. Der Sturm ſpielt auf zum Tanze, Er pfeift und ſauſt und brüllt; Heiſa, wie ſpringt das Schifflein! Die Nacht iſt luſtig und wild. Ein lebendes Waſſergebirge Bildet die toſende See; Hier gähnt ein ſchwarzer Abgrund, Dort thürmt es ſich weiß in die Höh'. Ein Fluchen, Erbrechen und Beten, Schallt aus der Kajüte heraus; Ich halte mich feſt am Maſtbaum, Und wünſche: wär' ich zu Haus. 26 XIV. Der Abend kommt gezogen, Der Nebel bedeckt die See; Geheimnißvoll rauſchen die Wogen, Da ſteigt es weiß in die Höh'. Die Meerfrau ſteigt gus aus den Wellen, Und ſetzt ſich zu mir, am Strand; Die weißen Brüſte quellen Hervor aus dem Schleyergewand. Sie drückt mich und ſie preßt mich Und thut mir faſt ein Weh'; Du drückſt ja viel zu feſt mich, Du ſchöne Waſſerfee! „Ich preſſe dich, in meinen Armen, Und drücke dich mit Gewalt; Ich will bey dir erwarmen, Der Abend iſt gar zu kalt.“ 27 Der Mond ſchaut immer blaſſer Aus dämmriger Wolkenhöh'; Dein Auge wird trüber und naſſer, Du ſchöne Waſſerfee! „Es wird nicht trüber und naſſer, Mein Aug' iſt naß und trüb', Weil, als ich ſtieg aus dem Waſſer, Ein Tropfen im Auge blieb.“ Die Möven ſchrillen kläglich, Es grollt und brandet die See; Dein Herz pocht wild beweglich, Du ſchöne Waſſerfee! „Mein Herz pocht wild beweglich, Es pocht beweglich wild; Weil ich dich liebe unſäglich, Du liebes Menſchenbild!“ 28 XV. Wenn ich an deinem Hauſe Des Morgens vorüber geh', So freut's mich, du liebe Kleine, Wenn ich dich am Fenſter ſeh'. Mit deinen ſchwarzbraunen Augen Siehſt du mich forſchend an: Wer biſt du, und was fehlt dir, Du fremder, kranker Mann? „Ich bin ein deutſcher Dichter, . Bekannt im deutſchen Land; Nennt man die beſten Namen, So wird auch der meine genannt. „Und was mir fehlt, du Kleine, Fehlt manchem im deutſchen Land; Nennt man die ſchlimmſten Schmerzen, 3 So wird auch der meine genannt.“ —————— d0 +‿ XVI. Das Meer erglänzte weit hinaus Im letzten Abendſcheine; Wir ſaßen am einſamen Fiſcherhaus, Wir ſaßen ſtumm und alleine. Der Nebel ſtieg, das Waſſer ſchwoll, Die Möve flog hin und wieder; Aus deinen Augen, liebevoll, Fielen die Thränen nieder. Ich ſah ſie fallen auf deine Hand, Und bin auf's Knie geſunken; Ich hab' von deiner weſßen Hand Die Thränen fortgetrunken. Seit jener Stunde verzehrt ſich mein Leib, Die Seele ſtirbt vor Sehnen; Mich hat das unglückſeel'ge Weib Vergiftet mit ihren Thränen. 30⁰ XVII. Da droben auf jenem Berge, Da ſteht ein feines Schloß, Da wohnen drey ſchöne Fräulein, Von denen ich Liebe genoß. Sonnabend küßte mich Jette, Und Sonntag die Julia, Und Montag die Kunigunde, Die hat mich erdrückt beynah. Doch Dienſtag war eine Fete Bey meinen drey Fräulein im Schloß; Die Nachbarſchafts⸗Herren und Damen, Sie kamen zu Wagen und Roß. Ich aber war nicht geladen, Und das habt Ihr dumm gemacht! Die ziſchelnden Muhmen und Baſen, Die merkten's und haben gelacht. ————— —*————— —— XVIII. Am fernen Horizonte Erſcheint, wie ein Nebelbild, Die Stadt mit ihren Thürmen, In Abenddämm'rung gehüllt. Ein feuchter Windzug kräuſelt Die graue Waſſerbahn; Mit traurigem Tacte rudert Der Schiffer in meinem Kahn. Die Sonne hebt ſich noch einmal Leuchtend vom Boden empor, Und zeigt mir jene Stelle, Wo ich das Liebſte verlor. Wenn eine Thörin will. 32 XIX. Sey mir gegrüßt, du große, Geheimnißvolle Stadt, Die einſt in ihrem Schooße Mein Liebchen umſchloſſen hat. Sagt an, ihr Thürme und Thore, Wo iſt die Liebſte mein? Euch hab' ich ſie anvertrauet, Ihr ſolltet mir Bürgen ſeyn. Unſchuldig ſind die Thürme, Sie konnten nicht von der Stell', Als Sie mit Koffern und Schachteln Die Stadt verlaſſen ſo ſchnell. Die Thore jedoch, die ließen Mein Liebchen entwiſchen gar ſtill; Ein Thor iſt immer willig, 33 XX. So wandl' ich wieder den alten Weg, Die wohlbekannten Gaſſen; Ich komme von meiner Liebſten Haus, Das ſteht ſo leer und verlaſſen. Die Straßen ſind doch gar zu eng'! Das Pflaſter iſt unerträglich! Die Häuſer fallen mir auf den Kopf! Ich eile ſo viel als möglich! XXI. Ich trat in jene Hallen, Wo Sie mir Treue verſprochen; Wo einſt ihre Thränen gefallen, Sind Schlangen hervor gekrochen. Heine's Reiſebilder. I. 3 34 XXII. Still iſt die Nacht, es ruhen die Gaſſen, In dieſem Hauſe wohnte mein Schatz; Sie hat ſchon längſt die Stadt verlaſſen, Doch ſteht noch das Haus auf demſelben Platz. Da ſteht auch ein Menſch und ſtarrt in die Höhe, Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt; Mir grauſt es, wenn ich ſein Antlitz ſehe,— Der Mond zeigt mir meine eigne Geſtalt. Du Doppelgänger, du bleicher Geſelle! Was äffſt du nach mein Liebesleid, Das mich gequält auf dieſer Stelle, So manche Nacht in alten Zeit? XXIII. Wie kannſt du ruhig ſchlafen, Und weiſt, ich lebe noch? Der alte Zorn kommt wieder, Und dann zerbrech' ich mein Joch. Kennſt du das alte Liedchen: Wie einſt ein todter Knab' Um Mitternacht die Geliebte Zu ſich geholt in's Grab? Glaub' mir, du wunderſchönes, Du wunderholdes Kind, Ich lebe und bin noch ſtärker Als alle Todten ſind! ¹ 3* 36 XXIV. „Die Jungfrau ſchläft in der Kammer, Der Mond ſchaut zitternd hinein; Da draußen ſingt es und klingt es, Wie Walzermelodeyn. 8 Ich will mal ſchau'n aus dem Fenſter, Wer drunten ſtört meine Ruh'. Da ſteht ein Todtengerippe, Und fidelt und ſingt dazu: Haſt einſt mir den Tanz verſprochen Und haſt gebrochen dein Wort, Und heut iſt Ball auf dem Kirchhof, Komm mit, wir tanzen dort. Die Jungfrau ergreift es gewaltig, Es lockt ſie hervor aus dem Haus; Sie folgt dem Gerippe, das ſingend Und fidelnd ſchreitet voraus. 37 Es fidelt und tänzelt und hüpfet, Und klappert mit ſeinem Gebein, Und nickt und nickt mit dem Schädel Unheimlich im Mondenſchein.“ 4 ¹ XXV. Ich ſtand in dunkeln Träumen Und ſtarrte ihr Bildniß an, Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann. Um ihre Lippen zog ſich Ein Lächeln wunderbar, Und wie von Wehmuthsthränen Erglänzte ihr Augenpaar. Auch meine Thränen floſſen Mir von den Wangen herab— Und ach, ich kann es nicht glauben, Daß ich Dich verloren hab'! 38 XXVI. Ich unglückſel'ger Atlas! eine Welt, Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen, Ich trage Unerträgliches, und brechen Will mir das Herz im Leibe. Du ſtolzes Herz! du haſt es ja gewollt, Du wollteſt glücklich ſeyn, unendlich glücklich Oder unendlich elend, ſtolzes Herz, Und jetzo biſt du elend. XXVII. Die Jahre kommen und gehen, Geſchlechter ſteigen in's Grab, Doch nimmer vergeht die Liebe, Die ich im Herzen hab', Nur einmal noch möcht' ich dich ſehen, Und ſinken vor dir auf's Knie, Und ſterbend zu dir ſprechen: Madame, ich liebe Sie! XXVIII. Mir träumte: ſchaurig ſchaute der Mond, Und traurig ſchienen die Sterne; Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt, Viel hundert Meilen ferne. Es hat mich zu ihrem Hauſe geführt, Ich küßte die Steine der Treppe, Die oft ihr kleiner Fuß berührt, Und ihres Kleides Schleppe. Die Nacht war lang, die Nacht war kalt, Es waren ſo kalt die Steine; Es lugt' aus dem Fenſter die blaſſe Geſtalt, Beleuchtet vom Mondenſcheine. 40 0 XXIX.. „Was will die einſame Thräne? Sie trübt mir ja den Blick. Sie blieb aus alten Zeiten In meinem Auge zurück. Sie hatte viel leuchtende Schweſtern, Die alle zerfloſſen ſind, Mit meinen Qualen und Freuden, Zerfloſſen in Nacht und Wind. Wie Nebel ſind auch zerfloſſen Die blauen Sternelein, Die mir jene Freuden und Qualen Gelächelt in's Herz hinein.. Ach meine Liebe ſelber Zerfloß wie eitel Hauch! Du alte, einſame Thräne, Zerfließe jetzunder auch. 41 XXX. Der bleiche, herbſtliche Halbmond Lugt aus den Wolken heraus; Ganz einſam liegt auf dem Kirchhof' Das ſtille Pfarrerhaus. Die Mutter lieſt in der Bibel, Der Sohn, der ſtarret in's Licht, Schlaftrunken dehnt ſich die ält're, Die jüngere Tochter ſpricht: Ach Gott! wie Einem die Tage Langweilig hier vergeh'n; Nur wenn ſie Einen begraben, Bekommen wir etwas zu ſehn. Die Mutter ſpricht zwiſchen dem Leſen: Du irrſt, es ſtarben nur Vier, Seit man deinen Vater begraben, Dort an der Kirchhofsthür'. 42 Die ält're Tochter gähnet: Ich will nicht verhungern bei Euch, Ich gehe morgen zum Grafen, 4 Und der iſt verliebt und reich. Der Sohn bricht aus in Lachen: Drey Jäger zechen im Stern, Die machen Gold, und lehren Mir das Geheimniß gern. Die Mutter wirft ihm die Bibel In's mag're Geſicht hinein: So willſt du, Gottverfluchter, Ein Straßenräuber ſeyn! Sie hören pochen an's Fenſter, Und ſehn eine winkende Hand; Der todte Vater ſteht draußen Im ſchwarzen Pred'gergewand. 43 XXXI. Das iſt ein ſchlechtes Wetter, Es regnet und ſtürmt und ſchney't; Ich ſitze am Fenſter und ſchaue Hinaus in die Dunkelheit. Da ſchimmert ein einſames Lichtchen, Das wandelt langſam fort; Ein Mütterchen mit dem Laternchen Wankt über die Straße dort. Ich glaube, Mehyl und Eyer Und Butter kaufte ſie ein; Sie will einen Kuchen backen Für's große Töchterlein. Die liegt zu Haus im Lehnſtuhl, Und blinzelt ſchläfrig in's Licht; Die goldnen Locken wallen Ueber das ſüße Geſicht. 44 XXXII. Man glaubt, daß ich mich gräme In bitter'm Liebesleid, Und endlich glaub' ich es ſelber, So gut wie andre Leutz'. Du Kleine mit großen Augen, Ich hab' es dir immer geſagt, Daß ich dich unſäglich liebe, Daß Liebe mein Herz zernagt. * Doch nur in einſamer Kammer Sprach ich auf ſolche Art, Und ach! ich hab' immer geſchwiegen In deiner Gegenwart. Da gab es böſe Engel, Die hielten mir zu den Mund; Und ach! durch böſe Engel Bin ich ſo elend jetzund. 45 XXXIII. Deine weichen Lilienfinger, Könnt' ich ſie noch einmal küſſen, Und ſie drücken an mein Herz, Und vergehn in ſtillem Weinen! Deine klaren Veilchenaugen Schweben vor mir Tag und Nacht, Und mich quält es: was bedeuten Dieſe ſüßen, blauen Räthſel? XXXIV. „Hat ſie ſich denn nie geäußert Ueber dein verliebtes Weſen? Konnteſt du in ihren Augen Niemals Gegenliebe leſen? Konnteſt du in ihren Augen Niemals bis zur Seele dringen? Und du biſt ja ſonſt kein Eſel, Theurer Freund, in ſolchen Dingen.“ 46 XXXV. Sie liebten ſich beide, doch keiner Wollt' es dem andern geſtehn; Sie ſahen ſich an ſo feindlich, Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten ſich endlich und ſah'n ſich Nur noch zuweilen im Traum; Sie waren längſt geſtorben, Und wußten es ſelber kaum. XXXVI. Und als ich Euch meine Schmerzen geklagt, Da habt Ihr gegähnt und nichts geſagt; Doch als ich ſie zierlich in Verſe gebracht,. Da habt Ihr mir große Elogen gemacht. —— 47 XXXVII. Ich rief den Teufel und er kam, Und ich ſah ihn mit Verwund'rung an. Er iſt nicht häßlich und iſt nicht lahm, Er iſt ein lieber ſcharmanter Mann, Ein Mann in ſeinen beſten Jahren, Verbindlich und höflich und welterfahren. Er iſt ein geſcheuter Diplomat, Und ſpricht recht ſchön über Kirch' und Staat. Blaß iſt er etwas, doch iſt es kein Wunder, Sanskritt und Hegel ſtudirt er jetzunder. Sein Lieblingspvet iſt noch immer Fouqué. Doch will er nicht mehr mit Kritik ſich befaſſen, Die hat er jetzt gänzlich überlaſſen Der theuren Großmutter Hekate. Er lobte mein juriſtiſches Streben, Hat früher ſich auch damit abgegeben. Er ſagte, meine Freundſchaft ſey Ihm nicht zu theuer, und nickte dabey, 48 Und frug ob wir uns früher nicht Schon einmal geſehn bey'm ſpan'ſchen Geſandten? Und als ich recht beſah ſein Geſicht, Fand ich in ihm einen alten Bekannten. XXXVIII. Menſch, verſpotte nicht den Teufel, Kurz iſt ja die Lebensbahn, Und die ewige Verdammniß Iſt kein bloßer Pöbelwahn. Menſch, bezahle deine Schulden, Lang iſt ja die Lebensbahn, Und du mußt noch manchmal borgen, Wie du es ſo oft gethan. XXXIX. Die heil'gen drey Kön'ge aus Morgenland, Sie frugen in jedem Städtchen: Wo geht der Weg nach Bethlehem, Ihr lieben Buben und Mädchen? Die Jungen und Alten, ſie wußten es nicht, Die Könige zogen weiter; Sie folgten einem goldenen Stern, Der leuchtete lieblich und heiter. Der Stern blieb ſtehn über Joſephs Haus, Da ſind ſie hineingegangen; Das Oechslein brüllte, das Kindlein ſchrie, Die heil'gen drey Könige ſangen. 2 Heine’s Reiſebilder. I. 50. XL.. Mein Kind, wir waren Kinder, Zwey Kinder, klein und froh; Wir krochen in's Hühnerhäuschen Und ſteckten uns unter das Stroh. Wir krähten wie die Hähne, Und kamen Leute vorbey— Kikereküh! ſie glaubten, Es wäre Hahnengeſchrey. 1 Dite Kiſten auf unſerem Hofe, Die tapezirten wir aus, Und wohnten drin beyſammen, Und machten ein vornehmes Haus. Des Nachbars alte Katze 1 Kam öfters zum Beſuch; Wir machten ihr Bückling' und Knixe, Und Complimente genug. 35 — 51 Wir haben nach ihrem Befinden Beſorglich und freundlich gefragt; Wir haben ſeitdem daſſelbe Mancher alten Katze geſagt. Wir ſaßen auch oft und ſprachen Vernünftig, wie alte Leut', Und klagten, wie Alles beſſer Geweſen zu unſerer Zeit; Wie Lieb' und Treu' und Glauben Verſchwunden aus der Welt, Und wie ſo theuer der Kaffee, Und wie ſo rar das Geld!——— Vorbey ſind die Kinderſpiele, Und Alles rollt vorbey,—— Das Geld und die Welt und die Zeiten, Und Glauben und Lieb' und Treu'. 4* 1 XILI. Das Herz iſt mir bedrückt, und ſehnlich Gedenke ich der alten Zeit; Die Welt war damals noch ſo wöhnlich, Und ruhig lebten hin die Leut'. Doch jetzt iſt alles wie verſchoben, Das iſt ein Drängen! eine Noth! Geſtorben iſt der Herrgott oben, Und unten iſt der Teufel todt. Und Alles ſchaut ſo grämlich trübe, Und krausverwirrt und morſch und kalt, Und wäre nicht das Bischen Liebe, So gäb' es nirgends einen Halt. XLII. Wie der Mond ſich leuchtend dränget, Durch den dunkeln Wolkenflor, * Alſo taucht aus dunkeln Zeiten Mir ein lichtes Bild hervor. Saßen all auf dem Verdecke, Fuhren ſtolz hinab den Rhein, Und die ſommergrünen Ufer Glühn im Abendſonnenſchein. Sinnend ſaß ich zu den Füßen Einer Dame, ſchön und hold; In ihr liebes, bleiches Antlitz Spielt' das rothe Sonnengold. Lauten klangen, Buben ſangen, Wunderbare Fröhlichkeit! Und der Himmel wurde blauer, Und die Seele wurde weit. 54 Mährchenhaft vorüberzogen Berg und Burgen, Wald und Amp; Und das alles ſah ich glänzen In dem Aug' der ſchönen Frau. XLIII. Im Traum ſah ich die Geliebte, Ein banges, bekümmertes Weib, Verwelkt und abgefallen Der ſonſt ſo blühende Leib. Ein Kind trug ſie auf dem Arme, Ein andres führt ſie an der Hand, Und ſichtbar iſt Armuth und Trübſal Am Gang und Blick und Gewand. Sie ſchwankte über den Marktplatz, Und da begegnet ſie mir, Und ſieht mich an, und ruhig Und ſchmerzlich ſag' ich zu ihr: 4 Komm mit nach meinem Hauſe, Denn du biſt blaß und krank; Ich will durch Fleiß und Arbeit Dir ſchaffen Speiſ' und Trank. Ich will auch pflegen und warten Die Kinder, die bey dir ſind, Vor Allem aber dich ſelber, Du armes, unglückliches Kind. Ich will dir nie erzählen, Daß ich dich geliebet hab', Und wenn du ſtirbſt, ſo will ich Weinen auf deinem Grab. 56 XLIV. „Theurer Freund! was ſoll es nützen, Stets das alte Lied zu leyern! Willſt du ewig brütend ſitzen Auf den alten Liebes⸗Eyern! Ach! das iſt ein ewig Gattern, Aus den Schalen kriechen Küchlein, Und ſie piepſen und ſie flattern, Und du ſperrſt ſie in ein Büchlein!“ XLV. Werdet nur nicht ungeduldig, Wenn von alten Schmerzensklängen Manche noch vernehmlich klingen In den neueſten Geſängen. Wartet nur, es wird verhallen Dieſes Echo meiner Schmerzen, Und ein neuer Liederfrühling Sprießt aus dem geheilten Herzen. 57 XLVI. Nun iſt es Zeit, daß ich mit Verſtand Mich aller Thorheit entled'ge; Ich hab' ſo lang als ein Comödiant Mit dir geſpielt die Comödie. Die prächtigen Couliſſen, ſie waren bemalt Im hochromantiſchen Style, Mein Rittermantel hat goldig geſtralt, Ich fühlte die feinſten Gefühle. Und nun ich mich gar ſäuberlich Des tollen Tands entled'ge, Noch immer elend fühl' ich mich, Als ſpielt ich noch immer Comödie. Ach Gott! im Scherz und unbewußt Sprach ich was ich gefühlet; Ich hab' mit dem eignen Tod in der Bruſt Den ſterbenden Fechter geſpielet. 58 XLVII. Den König Wiswamitra, Den treibt's ohne Raſt und Ruh', Er will durch Kampf und Büßung Erwerben Waſiſchtas Kuh. O, König Wiswamitra, O, welch ein Ochs biſt du, Daß du ſo viel kämpfeſt und büßeſt, Und Alles für eine Kuh! XLVIII. Herz, mein Herz ſey nicht beklommen, Und ertrage dein Geſchick, Neuer Frühling giebt zurück, Was der Winter dir genommen. 1 Und wie viel iſt dir geblieben! Und wie ſchön iſt noch die Welt! Und, mein Herz, was dir gefällt, Alles, Alles darfſt du lieben! 59 XLIX. Du biſt wie eine Blume, So hold und ſchön und rein; Ich ſchau' dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir iſt, als ob ich die Hände Auf's Haupt dir legen ſollt', Betend, daß Gott dich erhalte So rein und ſchön und hold. L. Kind! Es wäre dein Verderben, Und ich geb' mir ſelber Mühe, Daß dein liebes Herz in Liebe Nimmermehr für mich erglühe. Nur daß mir's ſo leicht gelinget, „Will mich dennoch faſt betrüben, Und ich denke manchmal dennoch: Möchteſt du mich dennoch lieben, 60 LI. Wenn ich auf dem Lager liege, In Nacht und Kiſſen gehüllt, So ſchwebt mir vor ein ſüßes, Anmuthig liebes Bild. Wenn mir der ſtille Schlummer Geſchloſſen die Augen kaum, So ſchleicht das Bild ſich leiſe Hinein in meinen Traum. Doch mit dem Traum des Morgens Zerrinnt es nimmermehr; Dann trag' ich es im Herzen Den ganzen Tag umher. 64 LII. Mädchen mit dem rothen Mündchen, Mit den Aeuglein ſüß und klar, Du mein liebes, kleines Mädchen, Deiner denk' ich immerdar. Lang iſt heut der Winterabend, Und ich möchte bey dir ſeyn, Bey dir ſitzen, mit dir ſchwatzen, Im vertrauten Kämmerlein. An die Lippen wollt' ich preſſen Deine kleine, weiße Hand, Und mit Thränen ſie benetzen, Deine kleine, weiße Hand. LIII. Mag da draußen Schnee ſich thürmen, Mag es hageln, mag es ſtürmen, Klirrend mir an's Fenſter ſchlagen, Nimmer will ich mich beklagen, Denn ich trage in der Bruſt Liebchens Bild und Frühlingsluſt. LIV. Andere beten zur Madonne, Andere auch zu Paul und Peter; Ich jedoch, ich will nur beten, Nur zu dir, du ſchöne Sonne. Gieb mir Küſſe, gieb mir Wonne, Sey mir gütig, ſey mir gnädig, Schönſte Sonne unter den Mädchen, Schönſtes Mädchen unter der Sonne! 1 — 63 LV. Verrieth mein blaſſes Angeſicht Dir nicht mein Liebeswehe? Und willſt du, daß der ſtolze Mund Das Bettelwort geſtehe? O, dieſer Mund iſt gar zu ſtolz, Und kann nur küſſen und ſcherzen; Er ſpräche vielleicht ein höhniſch Wort, Während ich ſterbe vor Schmerzen. LVI. Theurer Freund, du biſt verliebt, Und dich quälen neue Schmerzen; Dunkler wird es dir im Kopf', Heller wird es dir im Herzen. Theurer Freund, du biſt verliebt, Und du willſt es nicht bekennen, Und ich ſeh' des Herzens Gluth Schon durch deine Weſte brennen. 64 — „ LVII. Ich wollte bey dir weilen, Und an deiner Seite ruhn; Du mußteſt von mir eilen, Du hatteſt viel zu thun. Ich ſagte, daß meine Seele Dir gänzlich ergeben ſey; Du lachteſt aus voller Kehle, b Und machteſt'nen Knix dabey. Du haſt noch mehr geſteigert Mir meinen Liebesverdruß, Und haſt mir ſogar verweigert Am Ende den Abſchiedskuß. Glaub' nicht, daß ich mich erſchieße, Wie ſchlimm auch die Sachen ſtehn! Das Alles, meine Süße, Iſt mir ſchon einmal geſchehn. 65 1 LVIII. Saphire ſind die Augen dein, Die lieblichen, die ſüßen;— O, dreymal glücklich iſt der Mann, Den ſie mit Liebe grüßen. Dein Herz, es iſt ein Diamant, Der edle Lichter ſprühet;— O, dreymal glücklich iſt der Mann, Für den es liebend glühet. Rubinen ſind die Lippen dein, Man kann nicht ſchön're ſehen;— O, dreymal glücklich iſt der Mann, Dem ſie die Liebe geſtehen. O, kennt ich nur den glücklichen Mann, O, daß ich ihn nur fände, So recht allein im grünen Wald, Sein Glück hätt' bald ein Ende. Heine's Reiſebilder. 1. 5 — 66 LIX. Habe mich mit Liebesreden Feſtgelogen an dein Herz, Und, verſtrickt in eignen Fäden, Wird zum Ernſte mir mein Scherz. Wenn du dich mit vollem Rechte, Scherzend jetzt von mir entfernſt, Nah'n ſich mir die Höllenmächte, Und ich ſchieß' mich todt in Ernſt. LX. Zu fragmentariſch iſt Welt und Leben, Ich will mich zum deutſchen Profeſſor begeben, Der weiß das Leben zuſammen zu ſetzen, Und er macht ein verſtändlich Syſtem daraus; Mit ſeinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen Stopft er die Lücken des Weltenbaw's. ½ —— 67 LXI. Sie haben heut Abend Geſellſchaft, Und das Haus iſt lichterfüllt. Dort oben am hellen Fenſter Bewegt ſich ein Schattenbild. Du ſchauſt mich nicht, im Dunkeln Steh' ich hier unten allein; Noch wen'ger kannſt du ſchauen In mein dunkles Herz hinein. Mein dunkles Herze liebt dich, Es liebt dich und es bricht, Und bricht und zuckt und verblutet, Aber du ſiehſt es nicht. 5 68 LXII. Ich wollt, meine Schmerzen ergöſſen, Sich all' in einziges Wort, Das gäb' ich den luſtigen Winden, Die trügen es luſtig fort. Sie ragten zu dir, Geliebte, Das ſchmerzerfüllte Wort; Du hörſt es zu jeder Stunde, Du hörſt es an jedem Ort. Und haſt du zum nächtlichen Schlummer Geſchloſſen die Augen kaum, So wird dich mein Wort verfolgen Bis in den tiefſten Traum. N 69 LXIII. Du haſt Diamanten und Perlen, Haſt Alles, was Menſchenbegehr, Und haſt die ſchönſten Augen— Mein Liebchen, was willſt du mehr? Auf deine ſchönen Augen Hab' ich ein ganzes Heer Von ewigen Liedern gedichtet— Mein Liebchen, was willſt du mehr? Mit deinen ſchönen Augen Haſt du mich gequält ſo ſehr, Und haſt mich zu Grunde gerichtet— Mein Liebchen, was willſt du mehr? 70 LXIV. Wer zum erſtenmale liebt, Sey's auch glücklos, iſt ein Gott; Aber wer zum zweitenmale Glücklos liebt, der iſt ein Narr. Ich, ein ſolcher Narr, ich liebe Wieder ohne Gegenliebe! Sonne, Mond und Sterne lachen, Und ich lache mit— und ſterbe. LXV. Zu der Lauheit und der Flauheit Deiner Seele paßte nicht Meiner Liebe wilde Rauheit, Die ſich Bahn durch Felſen bricht. Du, du liebteſt die Chauſſeen Ja der Liebe, und ich ſchau Dich am Arm des Gatten gehen, Eine brave, ſchwang're Frau. LXVI. Gaben mir Rath und gute Lehren, Ueberſchütteten mich mit Ehren, 4 Sagten, daß ich nur warten ſollt', Haben mich protegiren gewollt. Aber bey all ihrem Protegiren, Hätte ich können vor Hunger krepiren, Wär' nicht gekommen ein braver Mann, Wacker nahm er ſich meiner an. Braver Mann! Er ſchafft mir zu eſſen! Will es ihm nie und nimmer vergeſſen! Schade, daß ich ihn nicht küſſen kann! Denn ich bin ſelbſt dieſer brave Mann. 72 LXVII. Dieſen liebenswürd'gen Jüngling Kann man nicht genug verehren; Oft traktirt er mich mit Auſtern, Und mit Rheinwein und Liquören. Zierlich ſitzt ihm Rock und Höschen, Doch noch zierlicher die Binde, Und ſo kommt er jeden Morgen, Fragt, ob ich mich wohlbefinde; Spricht von meinem weiten Ruhme, Meiner Anmuth, meinen Witzen; Eifrig und geſchäftig iſt er dir zu dienen, mir zu nützen. Und des Abends, in Geſellſchaft, Mit begeiſtertem Geſichte, Deklamirt er vor den Damen Mieine göttlichen Gedichte. 73 O, wie iſt es hoch erfreulich, Solchen Jüngling noch zu finden, Jetzt in unſerer Zeit, wo täglich Mehr und mehr die Beſſern ſchwinden. LXVIII. Mir träumt': ich bin der liebe Gott, Und ſitz' im Himmel droben, Und Englein ſitzen um mich her, Die meine Verſe loben. Und Kuchen eſſ' ich und Confekt Für manchen lieben Gulden, Und Kardinal trink' ich dabey, Und habe keine Schulden. Doch Langeweile plagt mich ſehr, Ich wollt', ich wär' auf Erden, Und wär' ich nicht der liebe Gott, Ich könnt' des Teufels werden. 74 Du langer Engel Gabriel, Geh', mach' dich auf die Sohlen, Und meinen theuren Freund Eugen Sollſt du herauf mir holen. Such' ihn nicht im Collegium, Such' ihn beym Glas Tokayer; Such' ihn nicht in der Hedwigskirch, Such' ihn bey Mamſell Meyer. Da breitet aus ſein Flügelpaar Und fliegt herab der Engel, Und packt ihn auf, und bringt herauf Den Freund, den lieben Bengel. Ja, Jung', ich bin der liebe Gott, Und ich regier' die Erde! Ich hab's ja immer dir geſagt, Daß ich was Rechts noch werde. 75 Und Wunder thu' ich alle Tag, Die ſollen dich entzücken, Und dir zum Spaße will ich heut Die Stadt Ir⸗Ir beglücken. Die Pflaſterſteine auf der Straß, Die ſollen jetzt ſich ſpalten, Und eine Auſter, friſch und klar, Soll jeder Stein enthalten. Ein Regen von Zitronenſaft Soll thauig ſie begießen, Und in den Straßengöſſen ſoll Der beſte Rheinwein flließen. Wie freuen die Ir⸗Jrxer ſich, Sie gehen ſchon an's Freſſen; Die Herren von dem Landgericht, Die ſaufen aus den Göſſen. 76 Wie freuen die Poeten ſich Bey ſolchem Götterfraße! Die Leutnants und die Fähnderichs, Die lecken ab die Straße. Die Leutnants und die Fähnderichs Das ſind die klügſten Leute, Sie denken, alle Tag' geſchieht Kein Wunder ſo wie heute. LXIX. Von ſchönen Lippen fortgedrängt, getrieben Aus ſchönen Armen, die uns feſt umſchloſſen! Ich wäre gern noch einen Tag geblieben, Doch kam der Schwager ſchon mit ſeinen Roſſen. Das iſt das Leben, Kind, ein ewig Jammern, Ein ewig Abſchiednehmen, ew'ges Trennen! Konnt denn dein Herz das meimn'ge nicht umklam⸗ mern? Hat ſelbſt dein Auge mich nicht halten können? LXX. Wir fuhren allein im dunkeln Poſtwagen die ganze Nacht; Wir ruhten einander am Herzen, Wir haben geſcherzt und gelacht. Doch als es Morgens tagte, Mein Kind, wie ſtaunten wir! Denn zwiſchen uns ſaß Amor Der blinde Paſſagier. LXXI. Das weiß Gott, wo ſich die tolle Dirne einquartieret hat; Fluchend, in dem Regenwetter, Lauf ich durch die ganze Stadt. Bin ich doch von einem Gaſthof Nach dem andern hingerannt, Und an jeden groben Kellner Hab' ich mich umſonſt gewandt. 78 Da erblick' ich ſie am Fenſter, Und ſie winkt und kichert hell. Konnt' ich wiſſen, du bewohnteſt, Mädchen, ſolches Pracht⸗Hotel! LXXII. Wie dunkle Träume ſtehen Die Häuſer in langer Reih'; Tief eingehüllt im Mantel Schreite ich ſchweigend vorbey. Der Thurm der Cathedrale, Verkündet die zwölfte Stund': Mit ihren Reizen und Küſſen Erwartet mich Liebchen jetzund. Der Mond iſt mein Begleiter, Er leuchtet mir freundlich vor; Da bin ich an ihrem Hauſe, Und freudig ruf' ich empor: 7 Ich danke dir, alter Vertrauter, Daß du meinen Weg erhellt; Jetzt will ich dich entlaſſen, Jetzt leuchte der übrigen Welt! Und findeſt du einen Verliebten, Der einſam klagt ſein Leid, So tröſt' ihn, wie du mich ſelber Getröſtet in alter Zeit. LXXIII. In den Küſſen, welche Lüge! Welche Wonne in dem Schein! Ach, wie ſüß iſt das Betrügen, Süßer das Betrogenſeyn! Liebchen, wie du dich auch wehreſt, Weiß ich doch, was du erlaubſt; Glauben will ich, was du ſchwoͤreſt, Schwören will ich, was du glaubſt. 80 LXXIV. Auf deinen ſchneeweißen Buſen, Hab' ich mein Haupt gelegt, Und heimlich kann ich behorchen, Was dir dein Herz bewegt. Es blaſen die blauen Huſaren, Und reiten zum Thore herein, Und morgen will mich verlaſſen Die Herzallerliebſte mein. Und willſt du mich morgen verlaſſen, So biſt du doch heute noch mein, Und in deinen ſchönen Armen Will ich doppelt ſelig ſeyn. LXXV. Es blaſen die blauen Huſaren, Und reiten zum Thore hinaus; Da komm ich, Geliebte, und bringe Dir einen Roſenſtrauß. 81 8 Das war eine wilde Wirthſchaft, Viel Volk und Kriegesplag'! Sogar in deinem Herzchen Viel Einquartierung lag. LXXVI. Habe auch in jungen Jahren, Manches bitt're Leid erfahren Von der Liebe Gluth. Doch das Holz iſt gar zu theuer, Und erlöſchen will das Feuer, Ma foöoi! und das iſt gut. Das bedenke, junge Schöne, Schicke fort die dumme Thräne, Und den dummen Liebesharm. Iſt das Leben dir geblieben, So vergiß das alte Lieben, Ma foi! in meinem Arm. Heine's Reiſebilder. 1. 6 LXXVII. Doch die Kaſtraten klagten Als ich meinen Sinn, erhob; Sie klagten und ſie ſagten: Ich ſänge viel zu grob. Und lieblich erhoben ſie alle Die kleinen Stimmelein, Die Trillerchen, wie Kryſtalle, Sie klangen ſo fein und rein. Sie ſangen von Liebesſehnen, Von Lieb' und Liebeserguß; Die Damen ſchwammen in Thränen, Bey ſolchem Kunſtgenuß. LXXVIII. Ich hab' Euch im beſten July verlaſſen, Und finde Euch wieder im Januar; Ihr ſaßet damals ſo recht in der Hitze, Jetzt ſeid Ihr gekühlt und kalt ſogar. Bald ſcheid' ich nochmals, und komm' ich einſt wieder, Dann ſeyd Ihr weder warm noch kalt, Und über Eure Gräber ſchreit' ich, Und das eigene Herz iſt arm und alt. LXXIX. Biſt du wirklich mir ſo feindlich, Biſt du wirklich ganz verwandelt? Aller Welt will ich es klagen, Daß du mich ſo ſchlecht behandelt. 6* 84 O, Ihr undankbaren Lippen, Sagt, wie könnt Ihr Böſes ſagen Von dem Manne, der ſo liebend Ench geküßt in ſchönen Tagen. LXXX. Ach die Augen ſind es wieder, Die mich einſt ſo lieblich grüßten, Und es ſind die Lippen wieder, Die mir's Leben einſt verſüßten, Auch die Stimme iſt es wieder, Die ich einſt ſo gern gehöret; Nur ich ſelber bin's nicht wieder, Bin verändert heimgekehret. Von den weißen, ſchönen Armen Feſt und liebevoll umſchloſſen, Lieg' ich jetzt an ihrem Herzen, Dumpfen Sinnes und verdroſſen. 8⁵ LXXXI. Auf den Wällen Salamankas Sind die Lüfte lind und labend; Dort, mit meiner holden Donna, Wandle ich am Sommerabend. Um den ſchlanken Leib der Schönen Hab' ich meinen Arm gebogen, Und mit ſel'egem Finger fühl' ich Ihres Buſens ſtolzes Wogen. Doch ein ängſtliches Geflüſter Zieht ſich durch die Lindenbäume, Und der dunkle Mühlbach unten Murmelt böſe, lange Träume. „Ach, Sennora, Ahnung ſagt mir: Einſt wird man mich relegiren, Und auf Salamankas Wällen Geh'n wir nimmermehr ſpatzieren.“ LXXXII. Kaum ſahen wir uns, und an Augen und Stimme Merkt' ich, daß du mir gewogen biſt;. Und ſtand nicht dabey die Mutter, die ſchlimme, Ich glaube, wir hätten uns gleich geküßt. Und morgen verlaſſe ich wieder das Städt⸗ chen, Und eilte fort im alten Lauf; Dann lauert am Fenſter mein blondes Mädchen Und freundliche Grüße werf' ich hinauf. LXXXIII. Ueber die Berge ſteigt ſchon die Sonne, Die Lämmerheerde käutet fern: Mein Liebchen, mein Lamm, meine Sonne und Wonne, Noch einmal ſäh' ich dich gar zu gern! 87 Ich ſchaue hinauf, mit ſpähender Miene— Leb' wohl, mein Kind, ich wandre von hier! Vergebens! Es regt ſich keine Gardine;— Sie liegt noch und ſchläft, und träumt von mir. LXXXIV. Zu Halle auf dem Markt, Da ſtehn zwey große Löwen. Ey, du halliſcher Löwentrotz, Wie hat man dich gezähmet! Zu Halle auf dem Markt, Da ſteht ein großer Rieſe. Er hat ein Schwert und regt ſich nicht, Er iſt vor Schreck verſteinert. Zu Halle auf dem Markt, Da ſteht eine große Kirche. Die Burſchenſchaft und die Landsmannſchaft, Die haben dort Platz zum Beten. 88 LXXXV. Dämmernd liegt der Sommerabend Ueber Wald und grünen Wieſen; Goldner Mond, am blauen Himmel, Stralt herunter, duftig labend. An dem Bache zirpt die Grille, Und es regt ſich in dem Waſſer, Und der Wand'rer hört ein Plätſchern, Und ein Athmen in der Stille. Dorten, an dem Bach alleine, Badet ſich die ſchöne Elfe; Arm und Nacken, weiß und lieblich, Schimmern in dem Mondenſcheine. 89 LXXXVI. Nacht liegt auf den fremden Wegen,— Krankes Herz und müde Glieder;— Ach, da fließt, wie ſtiller Segen, Süßer Mond, dein Licht hernieder. Süßer Mond, mit deinen Stralen Scheucheſt du das nächt'ge Grauen; Es zerrinnen meine Qualen, Und die Augen überthauen. LXXXVII. Der Tod das iſt die kühle Nacht, Das Leben iſt der ſchwüle Tag. Es dunkelt ſchon, mich ſchläfert, Der Tag hat mich müd' gemacht. Ueber mein Bett erhebt ſich ein Baum, D'rin ſingt die junge Nachtigall; Sie ſingt von lauter Liebe, Ich hör' es ſogar im Traum. 90 LXXXVIII. „Sag', wo iſt dein ſchönes Liebchen, Das du einſt ſo ſchön beſungen, Als die zaubermächt'gen Flammen Wunderbar dein Herz durchdrungen?⸗ Jene Flammen ſind erloſchen, Und mein Herz iſt kalt und trübe, Und dies Büchlein iſt die Urne Mit der Aſche meiner Liebe. —— 0 — .— 2 — 8d Die Nichts iſt dauernd, als der Wechſel; nichts beſtän⸗ dig, als der Tod. Jeder Schlag des Herzens ſchlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein ewiges Ver⸗ bluten, wenn nicht die Dichtkunſt wäre. Sie gewährt uns, was uns die Natur verſagt: eine goldene Zeit, die nicht roſtet, einen Frühling, der nicht abblüht, wolkenloſes Glück und ewige Jugend. Boͤrne. Schwarze Röcke, ſeid'ne Strümpfe, Weiße, höfliche Manſchetten, Sanfte Reden, Embraſſiren— Ach, wenn ſie nur Herzen hätten! Herzen in der Bruſt, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen— Ach, mich tödtet ihr Geſinge Bon erlog'nen Liebesſchmerzen. Auf die Berge will ich ſteigen, Wo die frommen Hiütten ſtehen, Wo die Bruſt ſich frey erſchließet, Und die freyen Lüfte wehen. 94 „ Auf die Berge will ich ſteigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauſchen, Vögel ſingen, Und die ſtolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich ſteigen, Lachend auf Euch niederſchauen. Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würſte und Univerſität, gehört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerſtellen, diverſe Kirchen, eine Entbindungsanſtalt, eine Stern⸗ warte, einen Karzer, eine Bilbliothek und einen Rathskeller, wo das Bier ſehr gut iſt. Der vor⸗ beyfließende Bach heißt„die Leine,“ und dient des Sommers zum Baden; das Waſſer iſt ſehr kalt und an einigen Orten ſo breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinüber ſprang. Die Stadt ſelbſt iſt ſchön, und gefällt einem am beſten, wenn man ſie mit dem Rücken anſieht. Sie muß ſchon ſehr lange ſtehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikulirt und bald darauf konſiliirt wurde, hatte ſie ſchon daſſelbe graue, altkluge An⸗ ſehen, und war ſchon vollſtändig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Diſſartazionen, Theedanſants, Wäſcherinnen, Compendien, Taubenbraten, Guel⸗ fenorden, Promozionskutſchen, Pfeifenköpfen, Hof⸗ räthen, Juſtizräthen, Relegazionsräthen, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten ſogar, die Stadt ſey zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutſche Stamm habe vamals ein ungebundenes Exemplar ſeiner Mitglieder darin zurückgelaſſen, und davon ſtammten alle die Van⸗ dalen, Frieſen, Schwaben, Teutonen, Sachſen, Thüringer u. ſ. w., die noch heut zu Tage in Göt⸗ 96 tingen, hordenweis, und geſchieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäſte, über die Ween⸗ derſtraße einherziehen, auf den blutigen Wahlſtät⸗ ten der Roſenmühle, des Ritſchenkrugs und Bov⸗ dens ſich ewig unter einander herumſchlagen, in Sitten und Gebräuchen, noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben, und theils durch ihre Duces, welche Haupthähne heißen, theils durch ihr uraltes Geſetzbuch, welches Comment heißt und in den legibus barbarorum eine Stelle verdient, regiert werden. Im Allgemeinen werden die Bewohner Göt⸗ tingens eingetheilt in Studenten, Profeſſoren, Phi⸗ liſter und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als ſtreng geſchieden ſind. Der Viehſtand iſt der bedeutendſte. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Profeſſo⸗ ren hier herzuzählen, wäre zu weitläuftig; auch ſind mir in dieſem Augenblick nicht alle Studen⸗ tennamen im Gedächtniſſe, und unter den Pryßeſ⸗ 97 ſoren ſind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der göttinger Philiſter muß ſehr groß ſeyn, wie Sand, oder beſſer geſagt, wie Koth am Meer; wahrlich, wenn ich ſie des Mor⸗ gens, mit ihren ſchmutzigen Geſichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademiſchen Gerichtes aufgepflanzt ſah, ſo mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur ſo viel Lumpenpack er⸗ ſchaffen konnte. Ausführlicheres über die Stadt Göttingen läßt ſich ſehr bequem nachleſen in der Topographie der⸗ ſelben von K. F. H. Marx. Obzwar ich gegen den Verfaſſer, der mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die heiligſten Verpflichtungen hege, ſo kann ich doch ſein Werk nicht unbedingt em⸗ pfehlen, und ich muß tadeln, daß er jener falſchen Meinung, als hätten die Göttingerinnen allzugroße Füße, nicht ſtreng genug widerſpricht. Ja, ich habe mich ſogar ſeit Jahr und Tag mit einer ernſten Widerlegung dieſer Meinung beſchäftigt, Heine's Reiſebilder. I. 7 98 ich habe deshalb vergleichende Anatomie gehört, die ſeltenſten Werke auf der Bibliothek excerpirt, auf der Weenderſtraße ſtundenlang die Füße der vorübergehenden Damen ſtudirt, und in der grund⸗ gelehrten Abhandlung, ſo die Reſultate dieſer Stu⸗ dien enthalten wird, ſpreche ich 1° von den Fü⸗ ßen überhaupt, 20 von den Füßen bey den Alten, 30 von den Füßen der Elephanten, 40 von den Füßen der Göttingerinnen, 5⁰ ſtelle ich Alles zu⸗ ſammen, was über dieſe Füße auf Ullrichs Gar⸗ ten ſchon geſagt worden, 60 betrachte ich dieſe Füße in ihrem Zuſammenhang, und verbreite mich bey dieſer Gelegenheit auch über Waden, Knie u. ſ. w., und endlich 70, wenn ich nur ſo großes Papier auftreiben kann, füge ich noch hinzu einige Kupfertafeln mit dem Faeſimile Böttingiſcher Da⸗ menfüße.— Es war noch ſehr früh, als ich Göttingen verließ, und der gelehrte** lag gewiß noch im Bette und Araunte wie gewöhnlich: er wandle in 99 einem ſchönen Garten, auf deſſen Beeten lauter weiße, mit Citaten beſchriebene Papierchen wach⸗ ſen, die im Sonnenlichte lieblich glänzen, und von denen er hier und da mehrere pflückt, und mühſam in ein neues Beet verpflanzt, während die Nachtigallen mit ihren ſüßeſten Tönen ſein altes Herz erfreuen. Vor dem Weender Thore begegneten mir zwey eingeborne kleine Schulknaben, wovon der Eine zum Andern ſagte:„Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr umgehen, er iſt ein Lumpenkerl, denn geſtern wußte er nicht mal wie der Genitiv von Mensa heißt.“ So unbedeutend dieſe Worte klingen, ſo muß ich ſie doch wieder erzählen, ja, ich möchte ſie als Stadt-Motto gleich auf das Thor ſchreiben laſſen; denn die Jungen piepen, wie die Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenſtolz der hochge⸗ lahrten Georgia Auguſta. Auf der Chauſſee wehte friſche Morgenluſt, 7* 400 und die Vögel ſangen gar freudig, und auch mir wurde allmählig wieder friſch und freudig zu Muthe. Eine ſolche Erquickung that Noth. Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenſtall herausgekommen, römiſche Caſuiſten hatten mir den Geiſt wie mit einem grauen Spinnweb über⸗ zogen, mein Herz war wie eingeklemmt zwiſchen den eiſernen Paragraphen ſelbſtſüchtiger Rechts⸗ ſyſteme, beſtändig klang es mir noch in den Ohren wie„Tribonian, Juſtinian, Hermogenian und Dummerjahn,“ und ein zärtliches Liebespaar, das unter einem Baume ſaß, hielt ich gar für eine Corpusjuris⸗Ausgabe mit verſchlungenen Händen. Auf der Landſtraße fing es an lebendig zu wer⸗ den. Milchmädchen zogen vorüber; auch Eſel⸗ treiber mit ihren grauen Zöglingen. Hinter Weende begegneten mir der Schäfer und Doris. Dieſes iſt nicht das idylliſche Paar, wovon Geßner ſingt, ſondern es ſind wohlbeſtallte Univerſitätspedelle, die wachſam aufpaſſen müſſen, daß ſich keine Studenten 101 in Booden duelliren, und daß keine neuen Ideen, die noch immer einige Dezennien vor Göttingen Quaran⸗ taine halten müſſen, von einem ſpekulirenden Pri⸗ vatdozenten eingeſchmuggelt werden. Schäfer grüßte mich ſehr kollegialiſch; denn er iſt ebenfalls Schrift⸗ ſteller, und hat meiner in ſeinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn auch außerdem oft eitirt hat, und, wenn er mich nicht 5 zu Hauſe fand, immer ſo gütig war, die Citation mit Kreide auf meine Stubenthür zu ſchreiben. Dann und wann rollte auch ein Einſpänner vor⸗ über, wohlbepackt mit Studenten, die für die Ferienzeit, oder auch für immer wegreiſten. In ſolch einer Univerſitätsſtadt iſt ein beſtändiges Kom⸗ men und Abgehen, alle drey Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration, das iſt ein ewiger Menſchenſtrom, wo eine Semeſterwelle die andere fortdrängt, und nur die alten Profeſſoren bleiben ſtehen in dieſer allgemeinen Bewegung, unerſchütterlich feſt, gleich den Pyramiden Egyp⸗ 10² tens— nur daß in dieſen Univerſitätspyramiden keine Weisheit verborgen iſt. Aus den Myrtenlauben bey Rauſchenwaſſer ſah ich zwey hoffnungsvolle Jünglinge hervorrei⸗ ten. Ein Weibsbild, das dort ſein horizontales Handwerk treibt, gab ihnen bis auf die Landſtraße das Geleit, klätſchelte mit geübter Hand die mage⸗ ren Schenkel der Pferde, lachte laut auf, als der eine Reuter ihr hinten, auf die breite Spontanei⸗ tät einige Galanterien mit der Peitſche überlangte, und ſchob ſich alsdann gen Bovden. Die Jüng⸗ linge aber jagten nach Nörten, und johlten gar geiſtreich, und ſangen gar lieblich das Roſſini'ſche Lied:„Trink Bier, liebe, liebe Liſe!“ Dieſe Töne hörte ich noch lange in der Ferne; doch die holden Sänger ſelbſt verlor ich bald völlig aus dem Geſichte, ſintemal ſie ihre Pferde, die im Grunde einen deutſch langſamen Charakter zu ha⸗ ben ſchienen, gar entſetzlich anſpornten und vor⸗ wärtspeitſchten. Nirgends wird die Pferdeſchin⸗ 2 403 derey ſtärker getrieben als in Göttingen, und oft, wenn ich ſah, wie ſolch eine ſchweißtriefende, lahme Kracke, für das bischen Lebensfutter, von unſern Rauſchenwaſſerrittern abgequält ward, oder wohl gar einen ganzen Wagen voll Studenten fortziehen mußte, ſo dachte ich auch:„O du ar⸗ mes Thier, gewiß haben deine Vorältern im Pa⸗ radieſe verbotenen Hafer gefreſſen!“ Im Wirthshauſe zu Nörten traf ich die bey⸗ den Jünglinge wieder. Der eine verzehrte einen Heringſalat, und der andere unterhielt ſich mit der gelbledernen Magd, Fuſia Canina, auch Tritt⸗ vogel genannt. Er ſagte ihr einige Anſtändigkei⸗ ten, und am Ende wurden ſie Hand⸗gemein. Um meinen Ranzen zu erleichtern, nahm ich die ein⸗ gepackten blauen Hoſen, die in geſchichtlicher Hin⸗ ſicht ſehr merkwürdig ſind, wieder heraus und ſchenkte ſie dem kleinen Kellner, den man Colibri nennt. Die Buſſenia, die alte Wirthin brachte mir unterdeſſen ein Butterbrod, und beklagte ſich, 104 daß ich ſie jetzt ſo ſelten beſuche; denn ſie liebt mich ſehr. Hinter Nörten ſtand die Sonne hoch und glänzend am Himmel. Sie meinte es recht ehr⸗ lich mit mir und erwärmte mein Haupt, daß alle unreife Gedanken darin zur Vollreife kamen. Die liebe Wirthshausſonne in Nordheim iſt auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein, und fand das MNitttageſſen ſchon fertig. Alle Gerichte waren ſchmackhaft zubereitet, und wollten mir beſſer be⸗ hagen, als die abgeſchmackten akademiſchen Ge⸗ richte, die ſalzloſen, ledernen Stockfiſche mit ihrem alten Kohl, die mir in Göttingen vorgeſetzt wur⸗ den. Nachdem ich meinen Magen etwas beſchwich⸗ tigt hatte, bemerkte ich in derſelben Wirthsſtube einen Herrn mit zwey Damen, die im Begriff waren abzureiſen. Dieſer Herr war ganz grün gekleidet, trug ſogar eine grüne Brille, die auf ſeine rothe Kupfernaſe einen Schein wie Grün⸗ ſpan warf, und ſah aus, wie der König Nebu⸗ 105 kadnezar in ſeinen ſpätern Jahren ausgeſehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Thiere des Waldes, nichts als Salat aß. Der Grüne wünſchte, daß ich ihm ein Hotel in Göttingen empfehlen möchte, und ich rieth ihm, dort von dem erſten beſten Studenten das Hotel de Brüh⸗ bach zu erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar große, weitläuftige Dame, ein rothes Quadratmeilen⸗Geſicht mit Grübchen in den Wangen, die wie Spucknäpfe für Liebes⸗ götter ausſahen, ein langfleiſchig herabhängendes Unterkinn, das eine ſchlechte Fortſetzung des Ge⸗ ſichtes zu ſeyn ſchien, und ein hochaufgeſtapelter Buſen, der mit ſteifen Spitzen und vielzackig feſtonirten Krägen, wie mit Thürmchen und Ba⸗ ſtionen umbaut war, und einer Feſtung glich, die gewiß eben ſo wenig wie jene anderen Feſtungen, von denen Philipp von Macedonien ſpricht, einem mit Gold beladenen Eſel widerſtehen würde. Die andere Dame, die Frau Schweſter, bildete ganz „ 106 den Gegenſatz der eben beſchriebenen. Stammte jene von Pharaos fetten fühen, ſo ſtammte dieſe von den magern. Das Geſicht nur ein Mund zwiſchen zwey Ohren, die Bruſt troſtlos öde, wie die Lüneburger Haide; die ganze ausgekochte Ge⸗ ſtalt glich einem Freytiſch für arme Theologen. Beyde Damen fragten mich zu gleicher Zeit: ob im Hotel de Brühbach auch ordentliche Leute logir⸗ ten. Ich bejahte es mit gutem Gewiſſen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, grüßte ich noch⸗ mals zum Fenſter hinaus. Der Sonnenwirth lächelte gar ſchlau und mochte wohl wiſſen, daß der Carzer von den Studenten in Göttingen Hotel de Brühbach genannt wird. Hinter Nordheim wird es ſchon gebirgig und hier und da treten ſchöne Anhöhen hervor. Auf dem Wege traf ich meiſtens Krämer, die nach der Braunſchweiger Meſſe zogen, auch einen Schwarm Frauenzimmer, deren jede ein großes, faſt häuſer⸗ vohes, mit weißem Leinen überzogenes Behältniß — 107 auf dem Rücken trug. Darin ſaßen allerley ein⸗ gefangene Singvögel, die beſtändig piepſten und zwitſcherten, während ihre Trägerinnen luſtig da⸗ hinhüpften und ſchwatzten. Mir kam es gar närriſch vor, wie ſo ein Vogel den andern zu Markte trägt. In pechdunkler Nacht kam ich an zu Oſterrode. Es fehlte mir der Appetit zum Eſſen und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war müde wie ein Hund und ſchlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Göttingen zurück, und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich ſtand in einer Ecke des juriſtiſchen Saals, durchſtöberte alte Diſ⸗ ſertazionen, vertiefte mich im Leſen, und als ich aufhörte, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß es Nacht war, und herabhängende Kriſtall⸗ Leuchter den Saal erhellten. Die nahe Kirchen⸗ glocke ſchlug eben zwölf, die Saalthüre öffnete ſich langſam, und herein trat eine ſtolze, gigan⸗ tiſche Frau, ehrfurchtsvoll begleitet von den Mit⸗ 108 gliedern und Anhängern der juriſtiſchen Faeultät. Das Rieſenweib, obgleich ſchon bejahrt, trug den⸗ noch im Antlitz die Züge einer ſtrengen Schönheit, jeder ihrer Blicke verrieth die hohe Titanin, die gewaltige Themis, Schwert und Wage hielt ſie nachläſſig zuſammen in der einen Hand, in der andern hielt ſie eine Pergamentrolle, zwey junge Doctores juris trugen die Schleppe ihres grau ver⸗ blichenen Gewandes, an ihrer rechten Seite ſprang windig hin und her der dünne Hofrath Ruſticus, der Lykurg Hannovers, und deklamirte aus ſeinem neuen Geſetzentwurf; an ihrer linken Seite hum⸗ pelte, gar galant und wohlgelaunt, ihr Cavaliere servente, der geheime Juſtizrath Cajacius, und riß beſtändig juriſtiſche Witze, und lachte ſelbſt darüber ſo herzlich, daß ſogar die ernſte Göttin ſich mehrmals lächelnd zu ihm herabbeugte, mit der großen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und freundlich flüſterte:„Kleiner, loſer Schalk, der die Bäume von oben herab beſchneidet!“ Je⸗ 109 der von den übrigen Herren trat jetzt ebenfalls näher und hatte etwas hin zu bemerken und hin zu lächeln, etwa ein neu ergrübeltes Syſtemchen, oder Hypotheschen, oder ähnliches Mißgebürtchen des eigenen Köpfchens. Durch die geöffnete Saal⸗ thür traten auch noch mehrere fremde Herren herein, die ſich als die andern großen Männer des illu⸗ ſtren Ordens kund gaben, meiſtens eckige, lauernde Geſellen, die mit breiter Selbſtzufriedenheit gleich darauf los definirten und diſtinguirten und über jedes Titelchen eines Pandektentitels disputirten. Und immer kamen noch neue Geſtalten herein, alte Rechtsgelehrten, in verſchollenen Trachten, mit weißen Alongeperucken und längſt vergeſſenen Ge⸗ ſichtern, und ſehr erſtaunt, daß man ſie, die Hoch⸗ berühmten des verfloſſenen Jahrhunderts, nicht ſonderlich regardirte; und dieſe ſtimmten nun ein, auf ihre Weiſe, in das allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreyen, das, wie Meeresbran⸗ dung, immer verwirrter und lauter, die hohe Göt⸗ 4110 tin umrauſchte, bis dieſe die Geduld verlor, und in einem Tone des entſetzlichſten Rieſenſchmerzes plötzlich aufſchrie:„Schweigt! ſchweigt! ich höre die Stimme des theuren Prometheus, die höh⸗ nende Kraft und die ſtumme Gewalt ſchmieden den Schuldloſen an den Marterfelſen, und all Euer Geſchwätz und Gezänke kann nicht ſeine Wunden kühlen und ſeine Feſſeln zerbrechen!“ So rief die Göttin, und Thränenbäche ſtürzten aus ihren Augen, die ganze Verſammlung heulte wie von Todesangſt ergriffen, die Decke des Saa⸗ les krachte, die Bücher taumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte Münchhauſen aus ſeinem Rahmen hervor, um Ruhe zu gebie⸗ ten, es tobte und kreiſchte immer wilder,— und fort aus dieſem drängenden Tollhauslärm rettete ich mich in den hiſtoriſchen Saal, nach jener Gna⸗ denſtelle, wo die heiligen Bilder des belvederiſchen Apoll's und der mediceiſchen Venus neben einan⸗ der ſtehen, und ich ſtürzte zu den Füßen der Schön⸗ 141 heitsgöttin, in ihrem Anblick vergaß ich all das wüſte Treiben, dem ich entronnen, meine Augen tranken entzückt das Ebenmaß und die ewige Lieb⸗ lichkeit ihres hochgebenedeiten Leibes, griechiſche Ruhe zog durch meine Seele, und über mein Haupt, wie himmliſchen Segen, goß ſeine ſüßeſten Lyraklänge Phöbus Apollo. Erwachend hörte ich noch immer ein freund⸗ liches Klingen. Die Heerden zogen auf die Weide und es läuteten ihre Glöckchen. Die liebe, gol⸗ dene Sonne ſchien durch das Fenſter und beleuch⸗ tete die Schildereyen an den Wänden des Zim⸗ mers. Es waren Bilder aus dem Befreiungs⸗ kriege, worauf treu dargeſtellt ſtand, wie wir alle Helden waren, dann auch Hinrichtungs⸗Scenen aus der Revolutionszeit, Ludwig XVI. auf der Guillotine, und ähnliche Kopfabſchneidereyen, die man gar nicht anſehen kann, ohne Gott zu dan⸗ ken, daß man ruhig im Bette liegt, und guten 112 Kaffee trinkt und den Kopf noch ſo recht comfor⸗ tabel auf den Schultern ſitzen hat. Nachdem ich Kaffee getrunken, mich ange— zogen, die Inſchriften auf den Fenſterſcheiben ge⸗ leſen, und alles im Wirthshauſe berichtigt hatte, verließ ich Oſterode. Dieſe Stadt hat ſo und ſo viel Häuſer, ver⸗ ſchiedene Einwohner, worunter auch mehrere See⸗ len, wie in Gottſchall's„Taſchenbuch für Harz⸗ reiſende“ genauer nachzuleſen iſt. Ehe ich die Landſtraße einſchlug, beſtieg ich die Trümmer der uralten Oſteroder Burg. Sie beſtehen nur noch aus der Hälfte eines großen, dickmaurigen, wie von Krebsſchäden angefreſſenen Thurms. Der Weg nach Clausthal führte mich wieder bergauf, und von einer der erſten Höhen ſchaute ich noch⸗ mals hinab in das Thal, wo Oſterrode mit ſeinen rothen Dächern aus den grünen Tannenwäldern hervor guckt, wie eine Moosroſe. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von 413 der erhaltenen Thurmhälfte erblickt man hier die imponirende Rückſeite. Nachdem ich eine Strecke gewandert, traf ich zuſammen mit einem reiſenden Handwerksbur⸗ ſchen, der von Braunſchweig kam und mir als ein dortiges Gerücht erzählte: der junge Herzog ſey auf dem Wege nach dem gelobten Lande von den Türken gefangen worden, und könne nur ge⸗ gen ein großes Löſegeld frei kommen. Die große Reiſe des Herzogs mag dieſe Sage veranlaßt ha⸗ ben. Das Volk hat noch immer den traditionell ſabelhaften Ideengang, der ſich ſo lieblich aus⸗ ſpricht in ſeinem„Herzog Ernſt.“ Der Erzähler jener Neuigkeit war ein Schneidergeſell, ein nied⸗ licher, kleiner junger Menſch, ſo dünn, daß die Sterne durchſchimmern konnten, wie durch Oſſian's Nebelgeiſter, und im Ganzen eine volksthümlich barocke Miſchung von Laune und Wehmuth. Die⸗ ſes äußerte ſich beſonders in der drollig rührenden Weiſe, womit er das wunderbare Volkslied ſang: Heine's Reiſebilder. I. 8 8 114 „Ein Käfer auf dem Zaune ſaß, ſumm, ſumm! Das iſt ſchön bey uns Deutſchen; Keiner iſt ſo 1 verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn verſteht. Nur ein Deutſcher kann jenes Lied nachempfinden, und ſich dabei todtlachen und todtweinen. Wie tief das Goethe'ſche Wort in's Leben des Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein dünner Weggenoſſe trillerte ebenfalls zuwei⸗ len vor ſich hin:„Leidvoll und freudvoll, Gedan⸗ ken ſind frei!“ Solche Corruption des Textes iſt bey'm Volke etwas Gewöhnliches. Er ſang auch ein Lied, wo„Lottchen bey dem Grabe ihres Werthers“ trauert. Der Schneider zerfloß vor Sentimentalität bey den Worten:„Einſam wein' ich an der Roſenſtelle, wo uns oft der ſpäte Mond belauſcht! Jammernd irr, ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne zugerauſcht.“ Aber bald darauf ging er in Muthwillen über, und erzählte mir:„Wir haben einen Preußen in der Herberge zu Caſſel, der eben ſolche Lieder ſelbſt macht; er kann keinen ſeligen Stich nähen; hat er einen Groſchen in der Taſche, ſo hat er für zwey Gro⸗ ſchen Durſt, und wenn er im Thran iſt, hält er den Himmel für ein blaues Camiſol, und weint wie eine Dachtraufe, und ſingt ein Lied mit der doppelten Poeſie!“ Von letzterem Ausdruck wünſchte ich eine Erklärung, aber mein Schnei⸗ derlein, mit ſeinen Ziegenhainer Beinchen, hüpfte hin und her und rief beſtändig:„Die doppelte Poeſie iſt die doppelte Poeſie!“ Endlich brachte ich es heraus, daß er doppelt gereimte Gedichte, namentlich Stanzen im Sinne hatte.— Unterdeß durch große Bewegung und durch den contrai⸗ ren Wind, war der Ritter von der Nadel ſehr müde geworden. Er machte freilich noch einige große Anſtalten zum Gehen und bramarbaſirte: „Jetzt will ich den Weg zwiſchen die Beine neh⸗ men!“ Doch bald klagte er, daß er ſich Blaſen unter die Füße gegangen, und die Welt viel zu weitläuftig ſei: und endlich, bei einem Baum⸗ 8* 116 ſtamme ließ er ſich ſachte niederſinken, bewegte ſein zartes Häuptlein wie ein betrübtes Lämmer⸗ ſchwänzchen, und wehmüthig lächelnd rief er: „Da bin ich armes Schindluderchen ſchon wieder marode!“ Die Berge wurden hier noch ſteiler, die Tan⸗ nenwälder wogten unten wie ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben ſchifften die weißen Wolken. Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichſam gezähmt. Wie ein guter Dichter, liebt die Natur keine ſchroffen Uebergänge. Die Wolken, ſo bizarr ge⸗ ſtaltet ſie auch zuweilen erſcheinen, tragen ein wei⸗ ßes, oder doch ein mildes, mit dem blauen Him⸗ mel und der grünen Erde harmoniſch correſpon⸗ direndes Colorit, ſo daß alle Farben einer Gegend wie leiſe Muſik in einander ſchmelzen, und jeder Naturanblick krampfſtillend und gemüthberuhigend wirkt.— Der ſelige Hoffmann würde die Wolken buntſcheckig bemalt haben.— Eben wie ein gro⸗ 117 ßer Dichter, weiß die Natur auch mit den wenig⸗ ſten Mitteln die größten Effecte hervor zu bringen. Da ſind nur eine Sonne, Bäume, Blumen, Waſſer und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Her⸗ zen des Beſchauers, ſo mag das Ganze wohl einen ſchlechten Anblick gewähren, und die Sonne hat dann blos ſo und ſo viel Meilen im Durchmeſſer, und die Bäume ſind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfäden claſſifizirt, und das Waſſer iſt naß. Ein kleiner Junge, der für ſeinen kranken Oheim im Walde Reiſig ſuchte, zeigte mir das Dorf Lerrbach, deſſen kleine Hütten, mit grauen Dächern, ſich über eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen.„Dort,“ ſagte er,„wohnen dumme Kropfleute und weiße Mohren,“— mit letzterem Namen werden die Albinos vom Volke benannt. Der kleine Junge ſtand mit den Bäu⸗ men in gar eigenem Einverſtändniß; er grüßte ſie wie gute Bekannte, und ſie ſchienen rauſchend 418 ſeinen Gruß zu erwiedern. Er pfiff wie ein Zeiſig, ringsum antworteten zwitſchernd die andern Vögel, und ehe ich mich deſſen verſah, war er mit ſeinen nackten Füßchen und ſeinem Bündel Reiſig in's Walddickigt fortgeſprungen. Die Kinder, dacht; ich, ſind jünger als wir, können ſich noch erin⸗ nern, wie ſie ebenfalls Bäume oder Vögel waren, und ſind alſo noch im Stande, dieſelben zu ver⸗ ſtehen; unſereins aber iſt ſchon alt und hat zu viel Sorgen, Jurisprudenz und ſchlechte Verſe im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war, trat mir bey mei⸗ nem Eintritt in Clausthal wieder recht lebhaft in's Gedächtniß. In dieſes nette Bergſtädtchen, wel⸗ ches man nicht früher erblickt, als bis man davor ſteht, gelangte ich, als eben die Glocke zwölf ſchlug und die Kinder jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, faſt alle rothbäckig, blauäugig und flachshaarig, ſprangen und jauchzten, und weckten in mir die wehmüthig heitere Erin⸗ nerung, wie ich einſt ſelbſt, als ein kleines Büb⸗ 419 chen, in einer dumpfkatholiſchen Kloſterſchule zu Düſſeldorf den ganzen lieben Vormittag von der hölzernen Bank nicht aufſtehen durfte, und ſo viel Latein, Prügel und Geographie ausſtehen mußte, und dann ebenfalls unmäßig jauchzte und jubelte, wenn die alte Franziskanerglocke endlich zwölf ſchlug. Die Kinder ſahen an meinem Ranzen, daß ich ein Fremder ſey, und grüßten mich recht gaſtfreundlich. Einer der Knaben erzählte mir, ſie hätten eben Religionsunterricht gehabt, und er zeigte mir den Königl. Hannöv. Katechismus, nach welchem man ihnen das Chriſtenthum ab⸗ fragt. Dieſes Büchlein war ſehr ſchlecht gedruckt, und ich fürchte, die Glaubenslehren machen da⸗ durch ſchon gleich einen unerfreulich löſchpapierigen Eindruck auf die Gemüther der Kinder; wie es mir denn auch erſchrecklich mißfiel, daß das Ein⸗ mal⸗Eins, welches doch mit der heiligen Drey⸗ heitslehre bedenklich collidirt, im Katechismus ſelbſt, und zwar auf dem letzten Blatte deſſelben, abge⸗ 120 8 druckt iſt, und die Kinder dadurch ſchon frühzeitig 31 ſündhaften Zweifeln verleitet werden können. Da ſind wir im Preußiſchen viel klüger, und bey unſerem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die ſich 1 ſo gut auf's Rechnen verſtehen, hüten wir uns 1 wohl, das Ein⸗mal⸗Eins hinter dem Katechismus abdrucken zu laſſen. In der„Krone“ zu Clausthal hielt ich Mit⸗ tag. Ich bekam frühlingegrüne Peterſilienſuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, groß wie der Chimboraſſo in Miniatur, ſo wie auch eine Art geräucherter Hering, die Bückinge heißen, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Bücking, der 1447 geſtorben, und um jener Erfindung wil len von Carl V. ſo verehrt wurde, daß derſelbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in See⸗ land reiſte, blos um dort das Grab dieſes großen Mannes zu ſehen. Wie herrlich ſchmeckt doch ſolch ein Gericht, wenn man die hiſtoriſchen No⸗ tizen dazu weiß und es ſelbſt verzehrt. Nur der 2* /123 Böſes wirſt du ſtiften! wie wirſt du das La⸗ ſter beſchützen und die Tugend flicken, wie wirſt du geliebt und dann wieder verwünſcht werden! wie wirſt du ſchwelgen, kuppeln, lügen und mor⸗ den helfen! wie wirſt du raſtlos umherirren, durch reine und ſchmutzige Hände, jahrhundertelang, bis du endlich, ſchuldbeladen und ſündenmüd, verſam⸗ melt wirſt zu den Deinigen im Schooße Abraham's, der dich einſchmelzt und läutert und umbildet zu einem neuen beſſeren Seyn. Das Befahren der zwey vorzüglichſten Claus⸗ thaler Gruben, der„Dorothea“ und„Carolina,“ fand ich ſehr intereſſant und ich muß ausführlich davon erzählen. Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwey großen ſchwärzlichen Gebäuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in Empfang genommen. Dieſe tragen dunkle, ge⸗ wöhnlich ſtahlblaue, weite, bis über den Bauch herabhängende Jacken, Hoſen von ähnlicher Farbe, 124 ein hinten aufgebundenes Schurzfell und kleine grüne Filzhüte, ganz randlos, wie ein abgekapp⸗ ter Kegel. In eine ſolche Tracht, blos ohne Hin⸗ terleder, wird der Beſuchende ebenfalls eingekleidet. und ein Bergmann, ein Steiger, nachdem er ſein Grubenlicht angezündet, führt ihn nach einer dun⸗ keln Oeffnung, die wie ein Kaminfegeloch ausſieht, ſteigt bis an die Bruſt hinab, giebt Regeln, wie man ſich an den Leitern feſtzuhalten habe, und bittet angſtlos zu folgen. Die Sache ſelbſt iſt nichts weniger als gefährlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar nichts vom Berg⸗ werksweſen verſteht. Es giebt ſchon eine eigene 8 Empfindung, daß man ſich ausziehen und die dunkle Deliquententracht anziehen muß. Und nun ſoll man auf allen Vieren hinab klettern, und das dunkle Loch iſt ſo dunkel, und Gott weiß, wie lang die Leiter ſeyn mag. Aber bald merkt man doch, daß es nicht eine einzige, in die ſchwarze Ewigkeit hinablaufende Leiter iſt, ſondern daß es 125 mehrere von funfzehn bis zwanzig Sproſſen ſind, deren jede auf ein kleines Brett führt, worauf man ſtehen kann, und worin wieder ein neues Loch nach einer neuen Leiter hinableitet. Ich war zuerſt in die Carolina geſtiegen. Das iſt die ſchmutzigſte und unerfreulichſte Carolina, die ich je kennen gelernt habe. Die Leiterſproſſen ſind kothig naß. Und von einer Leiter zur andern geht's hinab, und der Steiger voran, und dieſer be⸗ theuert immer: es ſey gar nicht gefährlich, nur müſſe man ſich mit den Händen feſt an den Sproſ⸗ ſen halten, und nicht nach den Füßen ſehen, und nicht ſchwindlicht werden, und nur bey Leibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das ſchnur⸗ rende Tonnenſeil heraufgeht, und wo, vor vier⸗ zehn Tagen ein unvorſichtiger Menſch hinunter ge⸗ ſtürzt und leider den Hals gebrochen. Da unten iſt ein verworrenes Rauſchen und Summen, man ſtößt beſtändig an Balken und Seile, die in Be⸗ wegung ſind, um die Tonnen mit geklopften Er⸗ 8 zen, oder das hervorgeſinterte Waſſer, herauf zu winden. Zuweilen gelangt man auch in durchge⸗ hauene Gänge, Stollen genannt, wo man das Erz wachſen ſieht, und wo der einſame Berg⸗ mann den ganzen Tag ſitzt und mühſam mit dem Hammer die Erzſtücke aus der Wand heraus klopft. Bis in die unterſte Tiefe, wo man, wie Einige be⸗ haupten, ſchon hören kann, wie die Leute in Ame⸗ rika„Hurrah Lafayette!“ ſchreien, bin ich nicht gekommen; unter uns geſagt, dort, bis wohin ich kam, ſchien es mir bereits tief genug:— immer⸗ währendes Brauſen und Sauſen, unheimliche Ma⸗ ſchinenbewegung, unterirdiſches Quellengerieſel, von allen Seiten herabtriefendes Waſſer, qualmig auf⸗ ſteigende Erddünſte, und das Grubenlicht immer bleicher hinein flimmernd in die einſame Nacht. Wirklich, es war betäubend, das Athmen wurde mir ſchwer, und mit Mühe hielt ich mich an den glitſchrigen Leiterſproſſen. Ich habe keinen Anflug von ſogenannter Angſt empfunden, aber, ſeltſam 127 genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre, ungefähr um dieſelbe Zeit, einen Sturm auf der Nordſee erlebte, und ich meinte jetzt, es ſey doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her ſchau⸗ kelt, die Winde ihre Trompeterſtückchen losblaſen, zwiſchen drein der luſtige Matroſenlärm erſchallt, und Alles friſch überſchauert wird von Gottes lie⸗ ber, freier Luft. Ja, Luft!— Nach Luft ſchnap⸗ pend ſtieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Höhe, und mein Steiger führte mich durch einen ſchmalen, ſehr langen, in den Berg gehaue⸗ nen Gang nach der Grube Dorothea. Hier iſt es luftiger und friſcher, und die Leitern ſind rei⸗ ner, aber auch länger und ſteiler als in der Ca⸗ rolina. Hier wurde mir auch beſſer zu Muthe, beſonders da ich wieder Spuren lebendiger Men⸗ ſchen gewahrte. In der Tiefe zeigten ſich näm⸗ lich wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen allmählig in die Höhe, mit dem Gruße„Glückauf!“ und mit demſelben Wie⸗ dergruße von unſerer Seite ſtiegen ſie an uns vor⸗ über; und wie eine befreundet ruhige, und doch zugleich quälend räthſelhafte Erinnerung, trafen mich, mit ihren tiefſinnig klaren Blicken, die ernſt⸗ frommen, etwas blaſſen, und vom Grubenlicht geheimnißvoll beleuchteten Geſichter dieſer jungen und alten Männer, die in ihren dunkeln, ein⸗ ſamen Bergſchachten den ganzen Tag gearbeitet hatten, und ſich jetzt hinauf ſehnten nach dem lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind. Mein Cicerone ſelbſt war eine kreuzehrliche, pudeldeutſche Natur. Mit innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stolle, wo der Herzog von Cambridge, als er die Grube befahren, mit ſei⸗ nem ganzen Gefolge geſpeiſt hat, und wo noch der lange hölzerne Speiſetiſch ſteht, ſo wie auch der große Stuhl von Erz, worauf der Herzog geſeſſen. Dieſer bleibe zum ewigen Andenken 129 ſtehen, ſagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzählte er: wie viele Feſtlichkeiten damals ſtatt gefunden, wie der ganze Stollen mit Lichtern, Blumen und Laubwerk verziert geweſen, wie ein Bergknappe die Zitter geſpielt und geſungen, wie der vergnügte liebe, dicke Herzog ſehr viele Ge⸗ ſundheiten ausgetrunken habe, und wie viele Berg⸗ leute, und er ſelbſt ganz beſonders, ſich gern wür⸗ den todt ſchlagen laſſen für den lieben, dicken Her⸗ zog und das ganze Haus Hannover.— Innig rührt es mich jedesmal, wenn ich ſehe, wie ſich dieſes Gefühl der Unterthanstreue in ſeinen ein⸗ fachen Naturlauten ausſpricht. Es iſt ein ſo ſchö⸗ nes Gefühl! Und es iſt ein ſo wahrhaft deutſches Gefühl! Andere Völker mögen gewandter ſeyn, und witziger und ergötzlicher, aber keines iſt ſo treu, wie das treue deutſche Volk. Wüßte ich nicht, daß die Treue ſo alt iſt, wie die Welt, ſo würde ich glauben, ein deutſches Herz habe ſie erfunden. Deutſche Treue! ſie iſt keine moderne Heine's Reiſebilder. I. 9 130 Adreſſenfloskel. An Euren Höfen, Ihr deutſchen Fürſten, ſollte man ſingen und wieder ſingen das Lied von dem getreuen Eckart und dem böſen Burgund, der ihm die lieben Kinder tödten laſ⸗ ſen, und ihn alsdann doch noch immer treu be⸗ funden hat. Ihr habt das treueſte Volk, und Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, der alte, verſtändige, treue Hund ſey plötzlich toll geworden, und ſchnappe nach Euren geheiligten Waden. Wie die deutſche Treue, hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht, ohne viel Geflacker, ſtill und ſicher geleitet durch das Labyrinth der Schachten und Stollen; wir ſtiegen hervor aus der dum⸗ pfigen Bergnacht, das Sonnenlicht ſtrahlt'— Glück auf! Die meiſten Bergarbeiter wohnen in Claus⸗ thal und in dem damit verbundenen Bergſtädtchen Zellerfeld. Ich beſuchte mehrere dieſer wackern Leute, betrachtete ihre kleine häusliche Einrichtung, hörte einige ihrer Lieder, die ſie mit der Zitter, ihrem Lieblingsinſtrumente, gar hübſch begleiten, ließ mir alte Bergmährchen von ihnen erzählen, und auch die Gebete herſagen, die ſie in Gemein⸗ ſchaft zu halten pflegen, ehe ſie in den dunkeln Schacht hinunter ſteigen, und manches gute Gebet habe ich mit gebetet. Ein alter Steiger meinte ſogar, ich ſollte bey ihnen bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abſchied nahm, gab er mir einen Auftrag an ſeinen Bruder, der in der Nähe von Goslar wohnt, und viele Küſſe für ſeine liebe Nichte. So ſtillſtehend ruhig auch das Leben dieſer Leute erſcheint, ſo iſt es dennoch ein wahrhaftes, lebendiges Leben. Di ſteinalte, zitternde Frau, die, dem großen Schranke gegenüber, hinter'm Ofen ſaß, mag dort ſchon ein Vierteljahrhundert lang geſeſſen haben, und ihr Denken und Fühlen iſt gewiß innig verwachſen mit allen Ecken dieſes Ofens und allen Schnitzeleien dieſes Schrankes. 9* 132 Und Schrank und Ofen leben, denn ein Menſch hat ihnen einen Theil ſeiner Seele eingeflößt. Nur durch ſolch tiefes Anſchauungsleben, durch die„Unmittelbarkeit“ entſtand die deutſche Mähr⸗ chenfabel, deren Eigenthümlichkeit darin beſteht, daß nicht nur die Thiere und Pflanzen, ſondern auch ganz leblos ſcheinende Gegenſtände ſprechen und handeln. Sinnigem, harmloſen Volke, in der ſtillen, umfriedeten Heimlichkeit ſeiner niedern Berg⸗ oder Waldhütten offenbarte ſich das innere Leben ſolcher Gegenſtände, dieſe gewannen einen nothwendigen, conſequenten Charakter, eine ſüße Miſchung von phantaſtiſcher Laune und rein menſch⸗ licher Geſinnung; und ſo ſehen wir im Mährchen, wunderbar und doch als wenn es ſich von ſelbſt verſtände: Nähnadel und Stecknadel kommen von der Schneiderherberge und verirren ſich im Dun⸗ keln; Strohhalm und Kohle wollen über den Bach ſetzen und verunglücken; Schippe und Beſen ſtehen auf der Treppe und zanken und ſchmeißen ſich; 133 der befragte Spiegel zeigt das Bild der ſchönſten 1 Frau; ſogar die Blutstropfen fangen an zu ſpre⸗ chen, bange, dunkle Worte des beſorglichſten Mit⸗ leids.— Aus demſelben Grunde iſt unſer Leben in der Kindheit ſo unendlich bedeutend, in jener Zeit iſt uns Alles gleich wichtig, wir hören Alles, wir ſehen Alles, bey allen Eindrücken iſt Gleich⸗ mäßigkeit, ſtatt daß wir ſpäterhin abſichtlicher wer⸗ den, uns mit dem Einzelnen ausſchließlicher be⸗ ſchäftigen, das klare Gold der Anſchauung für das Papiergeld der Bücherdefinitionen mühſam ein⸗ wechſeln, und an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt ſind wir ausge⸗ wachſene, vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen, die Magd räumt täglich auf, verändert nach Gutdünken die Stellung der Möbeln, die uns wenig intereſſiren, da ſie entweder neu ſind, oder heute dem Hans, morgen dem Iſaak gehören; ſelbſt unſere Kleider bleiben uns frend, wir wiſſen kaum, wie viel Knöpfe an dem Rocke 134 ſitzen, den wir eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechſeln ja ſo oft als möglich mit Kleidungs⸗ ſtücken, keines derſelben bleibt im Zuſammenhange mit unſerer inneren und äußeren Geſchichte;— kaum vermögen wir uns zu erinnern, wie jene braune Weſte ausſah, die uns einſt ſo viel Ge⸗ lächter zugezogen hat, und auf deren breiten Strei⸗ fen dennoch die liebe Hand der Geliebten ſo lieb⸗ lich ruhte! Die alte Frau, dem großen Schrank gegen⸗ über, hinter'm Ofen, trug einen geblümten Rock von verſchollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer ſeli⸗ gen Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideter, blonder, blitzäugiger Knabe, ſaß zu ihren Füßen und zählte die Blumen ihres Rockes, und ſie mag ihm von dieſem Rocke wohl ſchon viele Geſchichtchen erzählt haben, viele ernſthafte, hübſche Geſchichten, die der Junge gewiß nicht ſo bald vergißt, die ihm noch oft vorſchweben werden, wenn er bald, als ein erwachſener Mann, 13⁵ in den nächtlichen Stollen der Carolina einſan arbeitet, und die er vielleicht wieder erzählt, wenn die liebe Großmutter längſt todt iſt, und er ſel⸗ ber, ein ſilberhaariger, erloſchener Greis, im Kreiſe ſeiner Enkel ſitzt, dem großen Schranke gegenüber, hinter'm Ofen. Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdeſſen auch der Hofrath B. aus Göttin⸗ gen angekommen war. Ich hatte das Vergnügen, dem alten Herrn meine Aufwartung zu machen. Als ich mich in's Fremdenbuch einſchrieb und im Monat Juli blätterte, fand ich auch den viel⸗ theuern Namen Adalbert von Chamiſſo, den Bio⸗ graphen des unſterblichen Schlemiehl. Der Wirth erzählte mir: dieſer Herr ſey in einem unbeſchreib⸗ bar ſchlechten Wetter angekommen, und in einem eben ſo ſchlechten Wetter wieder abgereiſt. Den andern Morgen mußte ich meinen Ran⸗ zen nochmals erleichtern, das eingepackte Paar Stiefel warf ich über Bord, und ich hob auf 136 meine Füße und ging nach Goslar. Ich kam da⸗ hin, ohne zu wiſſen wie. Nur ſoviel kann ich mich erinnern: ich ſchlenderte wieder bergauf, berg⸗ ab; ſchaute hinunter in manches hübſche Wieſen⸗ thal; ſilberne Waſſer brauſten, ſüße Waldvögel zwitſcherten, die Heerdenglöckchen läuteten, die mannigfaltig grünen Bäume wurden von der lie⸗ ben Sonne goldig angeſtrahlt, und oben war die blauſeidene Decke des Himmels ſo durchſichtig, daß man tief hinein ſchauen konnte, bis in's Al⸗ lerheiligſte, wo die Engel zu den Füßen Gottes ſitzen, und in den Zügen ſeines Antlitzes den Ge⸗ neralbaß ſtudiren. Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich nicht aus mei⸗ ner Seele verſcheuchen konnte. Es war das alte Mährchen, wie ein Ritter hinab ſteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die ſchönſte Prinzeſſin zu einem ſtarren Zauberſchlafe verwünſcht iſt. Ich ſelbſt war der Ritter, und der Brunnen die dunkle Clausthaler Grube, und plötzlich erſchienen viele 437 Lichter, aus allen Seitenlöchern ſtürzten die wach⸗ ſamen Zwerglein, ſchnitten zornige Geſichter, hie⸗ ben nach mir mit ihren kurzen Schwerdtern, blieſen gellend in's Horn, daß immer mehr und mehr herzu eilten, und es wackelten entſetzlich ihre breiten Häupter. Wie ich darauf zuſchlug und das Blut herausfloß, merkte ich erſt, daß es die roth— blühenden, langbärtigen Dieſtelköpfe waren, die ich den Tag vorher an der Landſtraße mit dem Stocke abgeſchlagen hatte. Da waren ſie auch gleich alle verſcheucht, und ich gelangte in einen hellen Pracht⸗ ſaal; in der Mitte ſtand, weiß verſchleiert, und wie eine Bildſäule ſtarr und regungslos, die Herz⸗ geliebte, und ich küßte ihren Mund, und, bey'm lebendigen Gott! ich fühlte den beſeligenden Hauch ihrer Seele und das ſüße Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hörte ich, wie Gott rief:„Es werde Licht!“ blendend ſchoß herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in demſelben Au⸗ genblick wurde es wieder Nacht, und Alles, rann 138 chaotiſch zuſammen in ein wildes, wüſtes Meer. Ein wildes, wüſtes Meer! über das gährende Waſſer jagten ängſtlich die Geſpenſter der Verſtor⸗ benen, ihre weißen Todtenhemde flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klatſchender Peitſche lief ein buntſcheckiger Harlequin, und die⸗ ſer war ich ſelbſt— und plötzlich aus den dun⸗ keln Wellen, reckten die Meerungethüme ihre miß⸗ geſtalteten Häupter, und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entſetzen er⸗ wacht' ich. Wie doch zuweilen die allerſchönſten Mährchen verdorben werden! Eigentlich muß der Ritter, wenn er die ſchlafende Prinzeſſin gefunden hat, ein Stück aus ihrem koſtbaren Schleyer heraus ſchneiden; und wenn durch ſeine Kühnheit ihr Zauberſchlaf gebrochen iſt, und ſie wieder in ihrem Pallaſt auf dem goldenen Stuhle ſitzt, muß der Ritter zu ihr treten und ſprechen: Meine aller⸗ ſchönſte Prinzeſſin, kennſt du mich? Und dann 139 antwortet ſie: Mein allertapferſter Ritter, ich kenne dich nicht. Und dieſer zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleyer heraus geſchnittene Stück, das juſt in denſelben wieder hineinpaßt, und Beyde um⸗ armen ſich zärtlich, und die Trompeter blaſen, und die Hochzeit wird gefeiert. Es iſt wirklich ein eigenes Mißgeſchick, daß meine Liebesträume ſelten ein ſo ſchönes Ende nehmen.. Der Name Goslar klingt ſo erfreulich, und es knüpfen ſich daran ſo viele uralte Kaiſererinne⸗ rungen, daß ich eine impoſante, ſtattliche Stadt erwartete. Aber ſo geht es, wenn man die Be⸗ rühmten in der Nähe beſieht! Ich fand ein Neſt mit meiſtens ſchmalen, labyrinthiſch krummen Stra⸗ ßen, allwo mittendurch ein kleines Waſſer, wahr⸗ ſcheinlich die Goſe, fließt, verfallen und dumpfig, und ein Pflaſter, ſo holprig wie Berliner Hexa⸗ meter. Nur die Alterthümlichkeiten der Einfaſ⸗ ſung, nämlich Reſte von Mauern, Thürmen und 140 Zinnen, geben der Stadt etwas Pikantes. Einer dieſer Thürme, der Zwinger genannt, hat ſo dicke Mauern, daß ganze Gemächer darin ausgehauen ſind. Der Platz vor der Stadt, wo der weltbe⸗ rühmte Schützenhof gehalten wird, iſt eine ſchöne große Wieſe, ringsum hohe Berge. Der Markt iſt klein, in der Mitte ſteht ein Springbrunnen, deſſen Waſſer ſich in ein großes Metallbecken er⸗ gießt. Bey Feuersbrünſten wird einige Mal daran geſchlagen; es giebt dann einen weitſchallenden Ton. Man weiß nichts vom Urſprunge dieſes Beckens. Einige ſagen, der Teufel habe es einſt, zur Nachtzeit, dort auf den Markt hingeſtellt. Da⸗ mals waren die Leute noch dumm, und der Teu⸗ fel war auch dumm, und ſie machten ſich wech⸗ ſelſeitig Geſchenke.. Das Rathhaus zu Goslar iſt eine weißange⸗ ſtrichene Wachtſtube. Das daneben ſtehende Gil⸗ denhaus hat ſchon ein beſſeres Anſehen. Ungefähr von der Erde und vom Dach gleich weit entfernt 141 d— ſtehen da die Standbilder deutſcher Kaiſer, räuche⸗ rig ſchwarz und zum Theil vergoldet, in der einen Hand das Seepter, in der andern die Weltkugel; ſehen aus wie gebratene Univerſitätspedelle. Einer dieſer Kaiſer hält ein Schwerdt, ſtatt des Scep⸗ ters. Ich konnte nicht errathen, was dieſer Un⸗ terſchied ſagen will; und es hat doch gewiß ſeine Bedeutung, da die Deutſchen die merkwürdige Gewohnheit haben, daß ſie bey Allem, was ſie thun, ſich auch etwas denken. In Gottſchalk's„Handbuch“ hatte ich von dem uralten Dom und von dem berühmten Kai⸗ ſerſtuhl zu Goslar viel geleſen. Als ich aber Bei⸗ des beſehen wollte, ſagte man mir: der Dom ſey niedergeriſſen und der Kaiſerſtuhl nach Berlin ge⸗ bracht worden. Wir leben in einer bedeutung⸗ ſchweren Zeit: tauſendjährige Dome werden ab⸗ gebrochen, und Kaiſerſtühle in die Rumpelkammer geworfen. Einige Merkwürdigkeiten des ſeligen Doms ſind 442 jetzt in der Stephanskirche aufgeſtellt. Glasmale⸗ reien, die wunderſchön ſind, einige ſchlechte Ge⸗ 4 mälde, worunter auch ein Lucas Cränach ſeyn ſoll, ferner ein hölzerner Chriſtus am Kreuz, und ein heidniſcher Opferaltar aus unbekanntem Metall; er hat die Geſtalt einer länglich viereckigen Lade, und wird von vier Caryatiden getragen, die, in geduckter Stellung, die Hände ſtützend über dem Kopfe halten, und unerfreulich häßliche Geſichter ſchneiden. Indeſſen noch unerfreulicher iſt das dabeiſtehende, ſchon erwähnte große hölzerne Cru⸗ eifir. Dieſer Chriſtuskopf mit natürlichen Haa⸗ ren und Dornen und blutbeſchmiertem Geſichte, zeigt freilich höchſt meiſterhaft das Hinſterben eines Menſchen, aber nicht eines gottgebornen Hei⸗ lands. Nur das materielle Leiden iſt in dieſes Geſicht hinein geſchnitzelt, nicht die Poeſie des Schmerzes. Solch Bild gehört eher in einen anatomiſchen Lehrſaal, als in ein Gotteshaus. Ich logirte in einem Gaſthofe nahe dem 443 Markte, wo mir das Mittageſſen noch beſſer ge⸗ ſchmeckt haben würde, hätte ſich nur nicht der Herr Wirth mit ſeinem langen, überflüſſigen Ge⸗ ſichte und ſeinen langweiligen Fragen zu mir hin geſetzt; glücklicher Weiſe ward ich bald erlöſt durch die Ankunft eines andern Reiſenden, der dieſelben Fragen in derſelben Ordnung aushalten mußte: quis? quid? ubi? quibus auxiliisb cur? quo- modod quando? Dieſer Fremde war ein alter, müder, abgetragener Mann, der, wie aus ſeinen Reden hervorging, die ganze Welt durchwandert, beſonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld er⸗ worben und wieder Alles verloren hatte, und jetzt, nach dreyßigjähriger Abweſenheit, nach Quedlinburg, ſeiner Vaterſtadt, zurückkehrte,—„denn,“ ſetzte er hinzu,„unſere Familie hat dort ihr Erbbe⸗ gräbniß.“ Der Herr Wirth machte die ſehr auf⸗ geklärte Bemerkung: daß es doch für die Seele gleichgülſtig ſey, wo unſer Leib begraben wird. „ Haben Sie es ſchriftlich?“ antwortete der 144 Fremde, und dabey zogen ſich unheimlich ſchlaue Ringe um ſeine kümmerlichen Lippen und verbli⸗ chenen Augelein.„Aber,“ ſetzte er ängſtlich be⸗ gütigend hinzu,„ich will darum über fremde Gräber doch nichts Böſes geſagt haben;— die Türken begraben ihre Todten noch weit ſchöner als wir, ihre Kirchhöfe ſind ordentlich Gärten, und da ſitzen ſie auf ihren weißen, beturbanten Grabſteinen, unter dem Schatten einer Zypreſſe, und ſtreichen ihre ernſthaften Bärte, und rauchen ruhig ihren türkiſchen Tabak aus ihren langen tür⸗ kiſchen Pfeifen;— und bey den Chineſen gar iſt es eine ordentliche Luſt zuzuſehen, wie ſie auf den Ruheſtätten ihrer Todten manierlich herum⸗ tänzeln, und beten, und Thee trinken, und die Geige ſpielen, und die geliebten Gräber gar hübſch zu verzieren wiſſen mit allerley vergoldetem Latten⸗ werk, Porzellanfigürchen, Fetzen von buntem Sei⸗ denzeug, künſtlichen Blumen, und farbigen Latern⸗ 445 chen Alles ſehr hübſch— wie weit hab' i ich noch bis Quedlinburg?“ Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht ſehr angeſprochen. Deſto mehr aber jenes wunderſchöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterrefenſter lächelnd heraus ſchaute. Nach Tiſche ſuchte ich wieder das liebe Fenſter; aber jetzt ſtand dort nur ein Waſſerglas mit weißen Glockenblümchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Blümchen aus dem Glaſe, ſteckte ſie ruhig auf meine Mütze, und kümmerte mich wenig um die aufgeſperrten Mäuler, verſteinerten Naſen und Glotzaugen, wo⸗ mit die Leute auf der Straße, beſonders die alten Weiber, dieſem qualifizirten Diebſtahle zuſahen. Als ich eine Stunde ſpäter an demſelben Hauſe vorbey ging, ſtand die Holde am Fenſter, wie ſie die Glockenblümchen auf meiner Mütze ge⸗ wahrte, wurde ſie blutroth und ſtürzte zurück. 10 Heine's Reiſebilder. 1. 146 Ich hatte jetzt das ſchöne Antlitz noch genauer ge⸗ ſehen; es war eine ſüße, durchſichtige Verkörperung von Sommerabendhauch, Mondſchein, Nachtigal⸗ lenlaut und Roſenduft.— Später, als es ganz dunkel geworden, trat ſie vor die Thüre. Ich kam— ich näherte mich— ſie zieht ſich langſam zurück in den dunkeln Hausflur— ich faſſe ſie bey der Hand und ſage: ich bin ein Liebhaber von ſchönen Blumen und Küſſen, und was man mir cht freywillig giebt, das ſtehle ich— und ich küßte ſie raſch— und wie ſie entfliehen will, flüſtere ich beſchwichtigend: morgen reiſ' ich fort und komme wohl nie wieder— und ich fühle den geheimen Wiederdruck der lieblichen Lippen und der kleinen Hände— und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muß lachen, wenn ich bedenke, daß ich unbewußt jene Zauberformel ausgeſprochen, wodurch unſere Roth⸗ und Blauröcke, öfter als durch ihre ſchuurrbärtige Liebenswürdigkeit, die 147 Herzen der Frauen bezwingen:„Ich reiſe morgen fort und komme wohl nie wieder!“ Mein Logis gewährte eine herrliche Ausſicht nach dem Rammesberg. Es war ein ſchöner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem ſchwarzen Roſſe, und die langen Mähnen flatterten im Winde. Ich ſtand am Fenſter und betrachtete den Mond. Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven ſagen, er heiße Clotar, und das Wachſen des Mondes bewirke er durch Waſſeraufgießen. Als ich noch klein war, hatte ich gehört: der Mond ſey eine Frucht, die, wenn ſie reif geworden, vom lieben Gott abgepflückt, und, zu den übrigen Voll⸗ monden, in den großen Schrank gelegt werde, der am Ende der Welt ſteht, wo ſie mit Brettern zugenagelt iſt. Als ich größer wurde, bemerkte ich, daß die Welt nicht ſo eng begrenzt iſt, und daß der menſchliche Geiſt die hölzernen Schran⸗ ken durchbrochen, und mit einem rieſigen Petri⸗ 10* 4148 Schlüſſel, mit der Idee der Unſterblichkeit, alle ſieben Himmel aufgeſchloſſen hat. Unſterblichkeit! ſchöner Gedanke! wer hat dich zuerſt erdacht? War es ein Nürnberger Spießbürger, der, mit weißer Nachtmütze auf dem Kopfe und weißer Tonpfeife im Maule, am lauen Sommerabend vor ſeiner Hausthüre ſaß, und recht behaglich meinte: es wäre doch hübſch, wenn er nun ſo immer fort, ohne daß ſein Pfeifchen und ſein Lebensathemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetiren könnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen ſeiner Geliebten jenen Unſterblich⸗ keitsgedanken dachte, und ihn dachte, weil er ihn fühlte, und weil er nichts anders fühlen und denken konnte!— Liebe! Unſterblichkeit!— in meiner Bruſt ward es plötzlich ſo heiß, daß ich glaubte, die Geographen hätten den Aequator verlegt, und er laufe jetzt gerade durch mein Herz. Und aus meinem Herzen ergoſſen ſich die Gefühle der Liebe, ergoſſen ſich ſehnſüchtig in die 149 weite Nacht. Die Blumen im Garten unter mei⸗ nem Fenſter dufteten ſtärker. Düfte ſind die Ge⸗ fühle der Blumen, und wie das Menſchenherz, in der Nacht, wo es ſich einſam und unbelauſcht glaubt, ſtärker fühlt, ſo ſcheinen auch die Blumen, ſinnig verſchämt, erſt die enthüllende Dunkelheit zu erwarten, um ſich gänzlich ihren Gefühlen hin⸗ zugeben, und ſie auszuhauchen in ſüßen Düften.— Ergießt Euch, Ihr Düfte meines Herzens! und ſucht hinter jenen Bergen die Geliebte meiner Träume! Sie liegt jetzt ſchon und ſchläft; zu ihren Füßen knieen Engel, und wenn ſie im Schlafe lächelt, ſo iſt es ein Gebet, das die En— gel nachbeten; in ihrer Bruſt liegt der Himmel mit allen ſeinen Seligkeiten, und wenn ſie athmet, ſo bebt mein Herz in der Ferne; hinter den ſeid⸗ nen Wimpern ihrer Augen iſt die Sonne unter⸗ gedengen, und wenn ſie die Augen wieder auf⸗ ſchlägt, ſo iſt es Tag, und die Vögel ſingen, und die Heerdenglöckchen läuten, und die Berge 150 ſchimmern in ihren ſchmaragdenen Kleidern, und ich ſchnüre den Ranzen und wandre. In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, iſt mir etwas höchſt Seltſames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angſt daran zurück den⸗ ken. Ich bin von Natur nicht ängſtlich, aber vor Geiſtern fürchte ich mich faſt ſo ſehr wie der Oeſt⸗ reichiſche Beobachter. Was iſt Furcht? Kommt ſie aus dem Verſtande oder aus dem Gemüth? Ueber dieſe Frage diſputirte ich ſo oft mit dem Doctor Saul Aſcher, wenn wir zu Berlin, im Café royal, wo ich lange Zeit meinen Mittags⸗ tiſch hatte, zufällig zuſammen trafen. Er behaup⸗ tete immer: wir fürchten etwas, weil wir es durch Vernunftſchlüſſe für furchtbar erkennen. Nur die Vernunft ſey eine Kraft, nicht das Gemüth. Wäh⸗ rend ich gut aß und gut trank, demonſtrirte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunft. Ge⸗ gen das Ende ſeiner Demonſtration pflegte er nach ſeiner Uhr zu ſehen, und immer ſchloß er damit: ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommirt, und woͤbey „Die Vernunft iſt das höchſte Prinzip!“— Ver⸗ nunft! Wenn ich jetzt dieſes Wort höre, ſo ſehe ich noch immer den Doctor Saul Aſcher mit ſei⸗ nen abſtrakten Beinen, mit ſeinem engen, trans⸗ cendentalgrauen Leibrock, und mit ſeinem ſchroffen, frierend kalten Geſichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieſer Mann, tief in den Funfzigern, war eine perſoni⸗ fizirte grade Linie. In ſeinem Streben nach dem Poſitiven hatte der arme Mann ſich alles Herrliche aus dem Leben heraus philoſophirt, alle Sonnen⸗ ſtrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts übrig, als das kalte, poſitive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das Chriſtenthum hatte er eine ſpecielle Malice. Gegen letzteres ſchrieb er ſogar eine Broſchüre, worin er deſſen Unvernünftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bü⸗ cher geſchrieben, worin immer die Vernunft von 152 es der arme Doctor gewiß ernſthaft genug meinte, und alſo in dieſer Hinſicht alle Achtung verdiente. Darin aber beſtand ja eben der Hauptſpaß, daß eerr ein ſo ernſthaft närriſches Geſicht ſchnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind iſt. Einige Mal beſuchte ich auch den Vernunftdoctor in ſeinem eigenen Hauſe, wo ich ſchöne Mädchen bey ihm fand; denn die Veruunft verbietet nicht die Sinn⸗ lichkeit. Als ich ihn einſt ebenfalls beſuchen wollte, ſagte mir ſein Bedienter: der Herr Doctor iſt eben geſtorben. Ich fühlte nicht viel mehr daben, als wenn er geſagt hätte: der Herr Doctor iſt ausgezogen. Doch zurück nach Goslar.„Das höchſte Princip iſt die Vernunft!“ ſagte ich beſchwichti⸗ gend zu mir ſelbſt, als ich in's Bett ſtieg. In⸗ deſſen, es half nicht. Ich hatte eben in Varn⸗ hagen von Enſe's„deutſche Erzählun en,“ die ich von Clausthal mitgenommen hatte, jene ent⸗ 453 ſetzliche Geſchichte geleſen, wie der Sohn, den ſein eigener Vater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiſte ſeiner todten Mutter gewarnt wird. Die wunderbare Darſtellung dieſer Geſchichte be⸗ wirkte, daß mich während des Leſens ein inneres Grauen durchfröſtelte. Auch erregen Geſpenſter⸗ erzählungen ein noch ſchauerlicheres Gefühl, werün man ſie auf der Reiſe lieſt, und zumal dess Nachts, in einer Stadt, in einem Hauſe⸗,“in einem Zim⸗ mer, wo man noch nie gewe⸗ſen. Wie viel Gräß⸗ ſiches mag ſich ſchon„zugetragen haben auf dieſem lecke, wo du eben liegſt? ſo denkt man unwill⸗ kührlich. Ueberdies ſchien jetzt der Mond ſo zwei⸗ deutig in's Zimmer herein, an der Wand beweg⸗ ten ſich allerley unberufene Schatten, und als ich mich im Bett aufrichtete, um hin zu ſehen, er⸗ blickte ich— Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man, beym Mondſchein, das eigene Geſicht zufällig im Spiegel ſieht. In demſelben Augenblicke ſchlug 154 * eine ſchwerfällige, gähnende Glocke, und zwar ſo 3 lang und ſangſam, daß ich nach dem zwölften Glockenſchlage ſicher glaubte, es ſeyen unterdeſſen volle zwölf Stunden verfloſſen, und es müßte wie⸗ der von vorn anfangen, zwölf zu ſchlagen. Zwi⸗ ſchen dem vorletzten und letzten Glockenſchlage ſchlug nolys eine andere Uhr, ſehr raſch, faſt keifend gell, und viellxeicht ärgerlich über die Langſamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiſerne Zungen ſchwie⸗ gen, und tiefe Todvesſtill im ganzen dß errſchte, war es mir plötzhuch, als hörte ich auf dem Corridor, vor meinem Zimmer, etwas ſchlot⸗ tern und ſchlappen, wie der unſichere Gang eines alten Mannes. Endlich öffnete ſich meine Thür, und langſam trat herein der verſtorbene Does Saul Aſcher. Ein kaltes Fieber rieſelte mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Eſpenlaub, und kaum wagte ich das Geſpenſt anzuſehen. Er ſah aus wie ſonſt, derſelbe transcendentalgraue Leib⸗ rock, dieſelben abſtrakten Beine, und daſſelbe ma⸗ thematiſche Geſicht; nur war dieſes etwas gelb⸗ licher als ſonſt, auch der Mund, der ſonſt zwei Winkel von 22 ½ Grad bildete, war zuſammenge⸗ kniffen, und die Augenkreiſe hatten einen größern Radius. Schwankend, und wie ſonſt ſich auf ſein ſpaniſches Röhrchen ſtützend, näherte er ſich mir, und in ſeinem gewöhnlichen mundfaulen Dia⸗ lekte ſprach er freundlich:„Fürchten Sie ſich nicht, und glauben Sie nicht, daß ich ein Geſpenſt ſey. Es iſt Täuſchung Ihrer Phantaſie, wenn Sie mich als Geſpenſt zu ſehen glauben. Was iſt ein Geſpenſt? Geben Sie mir eine Definition? De⸗ duziren Sie mir die Bedingungen der Möglichkeit eines Geſpenſtes? In welchem vernünftigen Zu⸗ ſammenhange ſtände eine ſolche Erſcheinung mit der Vernunft? Die Vernunft, ich ſage die Ver⸗ nunft—“ Und nun ſchritt das Geſpenſt zu einer Analyſe der Vernunft, eitirte Kant's„Kri⸗ tik der reinen Vernunft,“ 2. Theil, 1. Abſchnitt, 2. Buch, 3. Hauptſtück, die Unterſcheidung von 456 Phänomena und Noumena, eonſtruirte alsdann den problematiſchen Geſpenſterglauben, ſetzte einen Syllogismus auf den andern, und ſchloß mit dem logiſchen Beweiſe: daß es durchaus keine Geſpen⸗ ſter giebt. Mir unterdeſſen lief der kalte Schweiß über den Rücken, meine Zähne klapperten wie Kaſtagnetten, aus Seelenangſt nickte ich unbe⸗ dingte Zuſtimmung bei jedem Satz, womit der ſpukende Doktor die Abſurdität aller Geſpenſter⸗ furcht bewies, und derſelbe demonſtrirte ſo eifrig, daß er einmal in der Zerſtreuung, ſtatt ſeiner gol⸗ denen Uhr, eine Hand voll Würmer aus der Urtaſche zog, und ſeinen Irrthum bemerkend, mit poſſirlich ängſtlicher Haſtigkeit wieder einſteckte. „Die Vernunft iſt das höchſte—“ da ſchlug die Glocke Eins und das Geſpenſt verſchwand. Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Gerathewohl, halb in der Ab⸗ ſicht, den Bruder des Clausthaler Bergmanns auf⸗ zuſuchen. Wieder ſchönes, liebes Sonntagswetter. 157 Ich beſtieg Hügel und Berge, betrachtete wie die Sonne den Nebel zu verſcheuchen ſuchte, wanderte freudig durch die ſchauernden Wälder, und um mein träumendes Haupt klingelten die Glocken⸗ blümchen von Goslar. In ihren weißen Nacht⸗ mänteln ſtanden die Berge, die Tannen rüttelten ſich den Schlaf aus den Gliedern, der friſche Mor⸗ genwind friſirte ihnen die herabhängenden, grünen Haare, die Vöglein hielten Betſtunde, das Wie⸗ ſenthal blitzte wie eine diamantenbeſäete Golddecke, und der Hirt ſchritt darüber hin mit ſeiner läuten⸗ den Heerde. Ich mochte mich wohl eigentlich ver⸗ irrt haben. Man ſchlägt immer Seitenwege und Fußſteige ein, und glaubt dadurch näher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht's uns auch auf dem Harze. Aber es gibt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg bringen; ſie thun es gern, und finden noch oben⸗ drein ein beſonderes Vergnügen daran, wenn ſie uns mit ſelbſtgefälliger Miene und wohlwollend 158 lauter Stimme bedeuten: welche große Umwege wir gemacht, in welche Abgründe und Sümpfe wir verſinken konnten, und welch ein Glück es ſey, daß wir ſo wegkundige Leute, wie ſie ſind, noch zeitig angetroffen. Einen ſolchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein wohlge⸗ nährter Bürger von Goslar, ein glänzend wam⸗ piges, dummkluges Geſicht; er ſah aus, als habe er die Viehſeuche erfunden. Wir gingen eine Strecke zuſammen, und er erzählte mir allerlei Spukgeſchichten, die hübſch klingen konnten, wenn ſie nicht alle darauf hinaus liefen, daß es doch kein wirklicher Spuk geweſen, ſondern, daß die weiße Geſtalt ein Wilddieb war, und daß die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen Jungen einer Bache(wilden Sau), und das Ge⸗ räuſch auf dem Boden von der Hauskatze her⸗ rührte. Nur wenn der Menſch krank iſt, ſetzte er hinzu, glaubt er Geſpenſter zu ſehen; was aber ſeine Wenigkeit anbelange, ſo ſey er ſelten krank, 159 nur zuweilen leide er an Hautübeln, und dann kurire er ſich jedesmal mit nüchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerkſam auf die Zweck⸗ mäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur. Die Bäume ſind grün, weil grün gut für die Augen iſt. Ich gab ihm Recht, und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erſchaffen, weil Fleiſchſuppen den Menſchen ſtärken, daß er die Eſel erſchaffen, damit ſie den Menſchen zu Vergleichungen dienen können, und daß er den Menſchen ſelbſt erſchaffen, damit er Fleiſchſuppen eſſen und kein Eſel ſeyn ſoll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleich⸗ geſtimmten gefunden zu haben, ſein Antlitz er⸗ glänzte noch freudiger, und bey dem Abſchiede war er gerührt. So lange er neben mir ging, war gleichſam die ganze Natur entzaubert, ſobald er aber fort war, fingen die Bäume wieder an zu ſprechen, und die Sonnenſtrahlen erklangen, und die Wie⸗ ſenblümchen tanzten, und der blaue Himmel um⸗ 160 armte die grüne Erde. Ja, ich weiß es beſſer; Gott hat den Menſchen erſchaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und ſey er noch ſo groß, wünſcht, daß ſein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Momoiren Gotttes ſteht ausdrücklich: daß er die Menſchen erſchaffen zu ſeinem Ruhm und Preis. Nach einem langen Hin⸗ und Herwandern gelangte ich nach der Wohnung des Bruders mei⸗ nes Clausthaler Freundes, übernachtete alldort, und erlebte folgendes ſchöne Gedicht: I. Auf dem Berge ſteht die Hütte, Wo der alte Bergmann wohnt; Dorten rauſcht die grüne Tanne, Und erglänzt der gold'ne Mond. 6— 4 — 16¹ In der Hütte ſteht ein Lehnſtuhl, Reich geſchnitzt und wunderlich, Der darauf ſitzt, der iſt glücklich, Und der Glückliche bin Ich! Auf dem Schemel ſitzt die Kleine, Stützt den Arm auf meinen Schooß; Aeuglein wie zwey blaue Sterne, Mündlein wie die Purpurroſ'. Und die lieben, blauen Sterne Schau'n mich an ſo himmelgroß, Und ſie legt den Liljenfinger Schalkhaft auf die Purpurroſ'. Nein, es ſieht uns nicht die Mutter, Denn ſie ſpinnt mit großem Fleiß,⸗ Und der Vater ſpielt die Zitter, Und er ſingt die alte Weiſ. Heine's Reiſebilder. I. 8 11 Und die Kleine flüſtert leiſe, Leiſe, mit gedämpftem Laut; Manches wichtige Geheimniß Hat ſie mir ſchon anvertraut. „LAber ſeit die Muhme todt iſt⸗ Können wir ja nicht mehr geh'n Nach dem Schützenhof zu Goslar, Und dort iſt es gar zu ſchön.“ „Hier dagegen iſt es einſam, Auf der kalten Bergeshöh', Und des Winters ſind wir gänzlich Wie vergraben in dem Schnee.“ „Und ich bin ein banges Mädchen, Und ich fürcht' mich wie ein Kind Vor den böſen Bergesgeiſtern, Die des Nachts geſchäftig ſind“ Plötzlich ſchweigt die liebe Kleine, Wie vom eignen Wort erſchreckt, Und ſie hat mit beyden Händchen Ihre Augelein bedeckt. 3 Lauter rauſcht die Tanne draußen, Und das Spinnrad ſchnarrt und brummt, Und die Zitter klingt dazwiſchen, Und die alte Weiſe ſummt: „Fürcht' dich nicht, du liebes Kindchen, Vor der böſen Geiſter Macht; Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Englein bey dir Wacht!“ II. Tannenbaum, mit grünen Fingern, Pocht an's nied're Fenſterlein, Und der Mond, der gelbe Lauſcher, Wirft ſein ſüßes Licht herein. 8. 11* / 164 Vater, Mutter ſchnarchen leiſe In dem nahen Schlafgemach, Doch wir Beyde ſelig ſchwatzend, Halten uns einander wach. „Daß du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir ſchwer, Jenes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vom Beten her.“ „Jenes böſe, kalte Zucken, Das erſchreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angſt beſchwichtigt Deiner Augen frommer Strahl.“ „Auch bezweifl' ich, daß du glaubeſt, Was ſo rechter Glaube heißt, Glaubſt wohl nicht an Gott den Vater, An den Sohn und heil'gen Geiſt?“ 165 Ach, mein Kindchen, ſchon als Knabe, Als ich ſaß auf Mutters Schooß, Glaubte ich an Gott den Vater, Der da waltet gut und groß. Der die ſchöne Erd' erſchaffen, Und die ſchönen Menſchen d'rauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen, Vorgezeichnet ihren Lauf. Als ich größer wurde, Kindchen, Noch vielmehr begriff ich ſchon, Und begriff, und ward vernünftig, Und ich glaub' auch an den Sohn; An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart, Und zum Lohne, wie gebräuchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward. 166 Jetzo, da ich ausgewachſen, Viel geleſen, viel gereiſt, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen Glaub ich an den heil'gen Geiſt. Dieſer that die größten Wunder, Und viel größ're thut er noch; Er zerbrach die Zwingherrnburgen, Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht: Alle Menſchen, gleichgeboren, Sind ein adliches Geſchlecht. Er verſcheucht die böſen Nebel, Und das dunkle Hirngeſpinſt, Das uns Lieb' und Luſt verleidet, Tag und Nacht uns angegrinſt. Tauſend Ritter, wohl gewappnet, Hat der heil'ge Geiſt erwählt, Seinen Willen zu erfüllen, Und er hat ſie muthbeſeelt. Ihre theuern Schwerdter blitzen, Ihre guten Banner weh'n! Ey, du möchteſt wohl, mein Kindchen, Solche ſtolze Ritter ſeh'n? Nun, ſo ſchau mich an, mein Kindchen, Küſſe mich und ſchaue dreiſt; Denn ich ſelber bin ein ſolcher Ritter von dem heil'gen Geiſt. III. Still verſteckt der Mond ſich draußen Hinter'm grünen Tannenbaum, Und im Zimmer unſre Lampe Flackert matt und leuchtet kaum. 8 468 Aber meine blauen Sterne Strahlen auf in heller'm Licht, Und es glüht die Purpurroſe, Und das liebe Mädchen ſpricht: „Kleines Völkchen, Wichtelmännchen, Stehlen unſer Brod und Speck, Abends liegt es noch im Kaſten, Und des Morgens iſt es weg. „Kleines Völkchen, unſre Sahne Naſcht es von der Milch, und läßt Unbedeckt die Schüſſel ſtehen, Und die Katze ſäuft den Reſt. „Und die Katz' iſt eine Hexe, Denn ſie ſchleicht, bey Nacht und Sturm, Drüben nach dem Geiſterberge, Nach dem altverfall'nen Thurm. — 169 „Dort hat einſt ein Schloß geſtanden, Voller Luſt und Waffenglanz; Blanke Ritter, Frau'n und Knappen Schwangen ſich im Fackeltanz.“ „Da verwünſchte Schloß und Leute Eine böſe Zauberin, Nur die Trümmer blieben ſtehen, Und die Eulen niſten d'rin.“ „Doch die ſel'ge Muhme ſagte: Wenn man ſpricht das rechte Wort, Nächtlich zu der rechten Stunde, Drüben an dem rechten Ort;“ „So verwandeln ſich die Trümmer Wieder in ein helles Schloß, Und es tanzen wieder luſtig Ritter, Fraun und Knappentroß;“ 170 Dem gehören Schloß und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen „Und wer jenes Wort geſprochen, Seiner jungen Herrlichkeit.“ Alſo blühen Mährchenbilder Aus des Mundes Röſelein, Und die Augen gießen drüber Ihren blauen Sternenſchein. Ihre gold'nen Haare wickelt Mir die Kleine um die Händ,“ Giebt den Fingern hübſche Namen, Lacht und küßt, und ſchweigt am End'. Und im ſtillen Zimmer Alles Blickt mich an ſo wohlvertraut; Tiſch und Schrank, mir iſt als hätt' ich Sie ſchon früher mal geſchaut. 174 Freundlich ernſthaft ſchwatzt die Wanduhr, Und die Zitter hörbar kaum, Fängt von ſelber an zu klingen, Und ich ſitze wie im Traum. Jetzo iſt die rechte Stunde, Und es iſt der rechte Ort; Staunen würdeſt du, mein Kindchen, Spräch' ich aus das rechte Wort. Sprech' ich jenes Wort, ſo dämmert Und erbebt die Mitternacht, Bach und Tannen brauſen lauter, Und der alte Berg erwacht. Zitterklang und Zwergenlieder Tönen aus des Berges Spalt, Und es ſprießt, wie'n toller Frühling, D'raus hervor ein Blumenwald 172 Blumen, kühne Wunderblumen, Blätter, breit und fabelhaft, Duftig bunt und haſtig regſam, Wie gedrängt von Leidenſchaft. Roſen, wild wie rothe Flammen, Sprüh'n aus dem Gewühl hervor; Liljen, wie kryſtall'ne Pfeiler, Schießen himmelhoch empor. Und die Sterne, groß wie Sonnen, Schau'n herab mit Sehnſuchtgluth; In der Liljen Rieſenkelche Strömet ihre Strahlenfluth. Doch wir ſelber, ſüßes Kindchen, Sind verwandelt noch viel mehr; Fackelglanz und Gold und Seide Schimmern luſtig um uns her. 4173 Du, du wurdeſt zur Prinzeſſin, Dieſe Hütte ward zum Schloß, Und da jubeln und da tanzen Ritter, Frau'n und Knappentroß. Aber Ich, ich hab' erworben, Dich und Alles, Schloß und Leut'; Pauken und Trompeten huld'gen Meiner jungen Herrlichkeit! Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Geſpenſter bey'm dritten Hahnenſchrey. Ich ſtieg wieder bergauf und bergab, und vor mir ſchwebte die ſchöne Sonne, immer neue Schön⸗ heiten beleuchtend. Der Geiſt des Gebirges be⸗ günſtigte mich ganz offenbar; er wußte wohl, daß ſo ein Dichtermenſch viel Hübſches wieder erzäh⸗ len kann, und er ließ mich dieſen Morgen ſeinen 474 Harz ſehen, wie ihn gewiß nicht Jeder ſah. Aber auch mich ſah der Harz, wie mich nur Wenige geſehen, in meinen Augenwinpern flimmerten eben ſo koſtbare Perlen, wie in den Gräſern des Thals. Morgenthau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauſchenden Tannen verſtanden mich, ihre Zweige thaten ſich von einander, bewegten ſich herauf und herab, gleich ſtummen Menſchen, die mit den Händen ihre Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnißvoll, wie Glockgengeläute einer verlornen Waldkirche. Man ſagt, das ſeyen die Heerdenglöckchen, die im Harz ſo lieblich, klar und rein geſtimmt ſind. Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine ſolche Heerde ſtieß, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Menſch, ſagte mir: der große Berg, an deſſen Fuß ich ſtände, ſey der alte, weltberühmte Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh ge⸗ nug, daß mich der junge Menſch einlud, mit ihm 475 zu eſſen. Wir ſetzten uns nieder zu einem De- jeneur dinatoire, das aus Käſe und Brod beſtand; die Schäfchen erhaſchten die Krumen, die lieben blanken Kühlein ſprangen um uns herum, und klingelten ſchelmiſch mit ihren Glöckchen, und lach⸗ ten uns an mit ihren großen, vergnügten Augen. Wir tafelten recht königlich; überhaupt ſchien mir mein Wirth ein echter König, und weil er bis jetzt der einzige Könige iſt, der mir Brod gegeben hat, ſo will ich ihn auch königlich beſingen. König iſt der Hirtenknabe, Grüner Hügel iſt ſein Thron, Ueber ſeinem Haupt die Sonne Iſt die ſchwere, gold'ne Kron'. Ihm zu Füßen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rothbekreuzt; Cavaliere ſind die Kälber, Und ſie wandeln ſtolz geſpreizt. 476 Hofſchauſpieler ſind die Böcklein, Und die Vögel und die Küh', Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind die Kammermuſtzi. Und das klingt und ſingt ſo lieblich, Und ſo lieblich rauſchen d'rein Waſſerfall und Tannenbäume, Und der König ſchlummert ein. Unterdeſſen muß regieren Der Miniſter, jener Hund, Deſſen knurriges Gebelle Wiederhallet in der Rund'. Schläfrig lallt der junge König: „Das Regieren iſt ſo ſchwer, Ach, ich wollt', daß ich zu Hauſe Schon bey meiner Kön'gin wär'!“ 177 In den Armen meiner Kön'gin Ruht mein Königshaupt ſo weich, Und in ihren lieben Augen Liegt mein unermeßlich Reich!“ Wir nahmen freundſchaftlich Abſchied, und fröhlich ſtieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich, in jeder Hinſicht, Reſpekt habe. Dieſen Bäu⸗ men iſt nämlich das Wachſen nicht ſo ganz leicht gemacht worden, und ſie haben es ſich in der Jugend ſauer werden laſſen. Der Berg iſt hier mit vielen großen Granitblöcken überſäet, und die meiſten Bäume mußten mit ihren Wurzeln dieſe Steine umranken oder ſprengen, und mühſam den Boden ſuchen, woraus ſie Nahrung ſchöpfen kön⸗ nen. Hier und da liegen die Steine, gleichſam ein Thor bildend, über einander, und oben darauf ſtehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und erſt am Fuße der⸗ Heine's Reiſebilder. J. 12 8 478 ſelben den Boden erfaſſend, ſo daß ſie in der freien Luft zu wachſen ſcheinen. Und doch haben ſie ſich zu jener gewaltigen Höhe empor geſchwun⸗ gen, und, mit den umklammerten Steinen wie zuſammengewachſen, ſtehen ſie feſter als ihre be⸗ quemen Collegen im zahmen Forſtboden des flachen Landes. So ſtehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das Ueberwinden früher Hem⸗ mungen und Hinderniſſe ſich erſt recht geſtärkt und befeſtigt haben. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und unter denſelben ſpazier⸗ ten die gelben Hirſche. Wenn ich ſolch ein lie⸗ bes edles Thier ſehe, ſo kann ich nicht begrei⸗ fen, wie gebildete Leute Vergnügen daran finden, es zu hetzen und zu tödten. Solch ein Thier war barmherziger als die Menſchen, und ſäugte den ſchmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genovefa. Allerliebſt ſchoſſen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün. Eine natürliche 479 Treppe bildeten die Baumwurzeln. Ueberall ſchwel⸗ lende Moosbänke; denn die Steine ſind fußhoch von den ſchönſten Moosarten, wie mit hellgrünen Saanmetpolſtern, bewachſen. Liebliche Kühle und träumeriſches Quellengemurmel. Hier und da ſieht man, wie das Waſſer unter den Steinen ſilberhell hinrieſelt und die nackten Baumwurzeln und Fa⸗ ſern beſpült. Wenn man ſich nach dieſem Trei⸗ ben hinab beugt, ſo belauſcht man gleichſam die geheime Bildungsgeſchichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Or⸗ ten ſprudelt das Waſſer aus den Steinen und Wurzeln ſtärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da läßt ſich gut ſitzen. Es murmelt und rauſcht ſo wunderbar, die Vögel ſingen abgebrochene Sehnſuchtslaute, die Bäume flüſtern wie mit tau⸗ ſend Mädchenzungen, wie mit tauſend Mädchen⸗ augen ſchauen uns an die ſeltſamen Bergblumen, ſie ſtrecken nach uns aus die wunderſam breiten, drollig gezackten Blätter, ſpielend flimmern hin 12* 180 und her die luſtigen Sonnenſtrahlen, die ſinnigen Kräutlein erzählen ſich grüne Mährchen, es iſt Alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erſcheint— ach, daß ſie ſo ſchnell wieder verſchwindet! Je höher man den Berg hinauf ſteigt, deſto kürzer, zwerghafter werden die Tannen, ſie ſchei⸗ nen immer mehr und mehr zuſammen zu ſchrum⸗ 4 pfen, bis nur Heidelbeer⸗ und Rothbeerſträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird es auch ſchon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erſt recht ſichtbar; dieſe ſind oft von erſtaunlicher Größe. Das mö⸗ gen wohl die Spielbälle ſeyn, die ſich die böſen Geiſter einander zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Beſenſtielen und Miſt⸗ gabeln einhergeritten kommen, und die abentheuer⸗ lich verruchte Luſt beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzählt, und wie es zu ſchauen iſt auf 184 den hübſchen Fauſtbildern des Meiſter Retzſch. Ja, ein junger Dichter, der auf einer Reiſe von Ber⸗ lin nach Göttingen in der erſten Mainacht am Brocken vorbey ritt, bemerkte ſogar, wie einige belletriſtiſche Damen auf einer Bergecke ihre äſthe⸗ tiſche Theegeſellſchaft hielten, ſich gemüthlich die „Abendzeitung“ vorlaſen, ihre poetiſchen Ziegen⸗ böckchen, die meckernd den Theetiſch umhüpften, als Univerſalgenies prieſen, und über alle Erſchei⸗ nungen in der deutſchen Literatur ihr Endurtheil fällten; doch, als ſie auch auf den„Ratkliff“ und„Almanſor“ geriethen, und dem Verfaſſer alle Frömmigkeit und Chriſtlichkeit abſprachen, da ſträubte ſich das Haar des jungen Mannes, Ent⸗ ſetzen ergriff ihn— ich gab dem Pferde die Sporen und jagte vorüber. In der That, wenn man die obere Hälfte des Brockens beſteigt, kann man ſich nicht erweh⸗ ren, an die ergötzlichen Blocksbergsgeſchichten zu denken, und beſonders an die große, myſtiſche, 48² deutſche Nationaltragödie vom Doctor Fauſt. Mir war immer, als ob der Pferdefuß neben mir hin⸗ auf klettere, und Jemand humoriſtiſch Athem ſchöpfe. Und ich glaube, auch Mephiſto muß mit Mühe Athem holen, wenn er ſeinen Lieblingsberg erſteigt; es iſt ein äußerſt erſchöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langerſehnte Brockenhaus zu Geſicht bekam. Dieſes Haus, das, wie durch vielfache Ab⸗ bildungen bekannt iſt, bloß aus einem Parterre be⸗ ſteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erſt 1800 vom Grafen Stollberg⸗Wernigerode er⸗ baut, für deſſen Rechnung es auch, als Wirths⸗ haus verwaltet wird. Die Mauern ſind erſtaun⸗ lich dick, wegen des Windes und der Kälte im Winter: das Dach iſt niedrig, in der Mitte deſ⸗ ſelben ſteht eine thurmartige Warte, und bey dem Hauſe liegen noch zwey kleine Nebengebäude, wo⸗ von das eine, in frühern Zeiten, den Brockenbe⸗ ſuchern zum Obdach diente. 183 Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bey mir eine etwas ungewöhnliche, mährchenhafte Em⸗ pfindung. Man iſt nach einem langen, einſamen Umherſteigen durch Tannen und Klippen plötzlich in ein Wolkenhaus verſetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen, und oben findet man eine wunderlich zuſammengeſetzte, fremde Geſell⸗ ſchaft, von welcher man, wie es an dergleichen Orten natürlich iſt, faſt wie ein erwarteter Ge⸗ noſſe, halb neugierig und halb gleichgültig, em⸗ pfangen wird. Ich fand das Haus voller Gäſte, und wie es einem klugen Manne geziemt, dachte ich ſchon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinſterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der Herr Brocken⸗ wirth war vernünftig genug, einzuſehen, daß ich kranker Menſch für die Nacht ein ordentliches Bett haben müſſe. Dieſes verſchaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo ſchon ein junger 184 Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, ſich etablirt hatte. In der Wirthsſtube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von verſchiedenen Univerſitäten. Die Einen ſind kurz vorher ange⸗ kommen und reſtauriren ſich, Andere bereiten ſich zum Abmarſch, ſchnüren ihre Ranzen, ſchreiben ihre Namen in's Gedächtnißbuch, erhalten Bro⸗ ckenſträuße von den Hausmädchen: da wird in die Wangen gekniffen, geſungen, geſprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg, Proſit, Adieu. Einige der Abgehenden ſind auch etwas angeſoffen, und dieſe haben von der ſchö⸗ nen Ausſicht einen doppelten Genuß, da ein Be⸗ trunkener Alles doppelt ſieht. Nachdem ich mich ziemlich rekreirt, beſtieg ich die Thurmwarte, und fand daſelbſt einen kleinen Herrn mit zwey Damen, einer jungen und einer ältlichen. Die junge Dame war ſehr ſchön. Eine herrliche Geſtalt, auf dem lockigen Haupte ein 185 helmartiger, ſchwarzer Atlashut, mit deſſen weißen Federn die Winde ſpielten, die ſchlanken Glieder von einem ſchwarzſeidenen Mantel ſo feſt umſchloſ⸗ ſen, daß die edlen Formen hervortraten, und das freie, große Auge ruhig hinabſchauend in die freie, große Welt. Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber⸗ und Wundergeſchichten, und jede ſchöne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe trug, hielt ich für eine Elfenkönigin, und bemerkte ich gar, daß die Schleppe ihres Kleides naß war, ſo hielt ich ſie für eine Waſſernixe. Jetzt denke ich anders, ſeit ich aus der Naturge⸗ ſchichte weiß, daß jene ſymboliſchen Federn von dem dümmſten Vogel herkommen, und daß die Schleppe eines Damenkleides auf ſehr natürliche Weiſe naß werden kann. Hätte ich mit jenen Knabenaugen die erwähnte junge Schöne, in er⸗ wähnter Stellung auf dem Brocken geſehen, ſo würde ich ſicher gedacht haben: das iſt die Fee 186 des Berges, und ſie hat eben den Zauber aus⸗ geſprochen, wodurch dort unten Alles ſo wunder⸗ bar erſcheint. Ja, in hohem Grade wunderbar erſcheint uns Alles bey'm erſten Hinabſchauen vom Brocken, alle Seiten unſeres Geiſtes empfangen neue Eindrücke, und dieſe, meiſtens verſchieden⸗ artig, ſogar ſich widerſprechend, verbinden ſich in unſerer Seele zu einem großen, noch unentworre⸗ nen, unverſtandenen Gefühl. Gelingt es uns, dieſes Gefühl in ſeinem Begriff zu erfaſſen, ſo erkennen wir den Charakter des Berges. Dieſer Charakter iſt ganz deutſch, ſowohl in Hinſicht ſei⸗ ner Fehler, als auch ſeiner Vorzüge. Der Bro⸗ cken iſt ein Deutſcher. Mit deutſcher Gründlich⸗ keit zeigt er uns, klar und deutlich, wie ein Rie⸗ ſenpanorama, die vielen hundert Städte, Städt⸗ chen und Dörfer, die meiſtens nördlich liegen, und ringsum alle Berge, Wälder, Flüſſe, Fläa⸗ chen, unendlich weit. Aber eben dadurch erſcheint Alles wie eine ſcharfgezeichnete, rein illuminirte 187 Spezialkarte, nirgends wird das Auge durch eigent⸗ lich ſchöne Landſchaften erfreut; wie es denn im⸗ mer geſchieht, daß wir deutſchen Compilatoren, wegen der ehrlichen Genauigkeit, womit wir Alles und Alles hingeben wollen, nie daran denken kön⸗ nen, das Einzelne auf eine ſchöne Weiſe zu geben. Der Berg hat auch ſo etwas Deutſchruhiges, Verſtändiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge ſo weit und klar überſchauen kann. Und wenn ſolch ein Berg ſeine Rieſenaugen öffnet, mag er wohl noch etwas mehr ſehen, als wir Zwerge, die wir mit unſern blöden Aeuglein auf ihm her⸗ um klettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken ſey ſehr philiſtröſe, und Claudius ſang: „Der Blocksberg iſt der lange Herr Philiſter!“ Aber das iſt Irrthum. Durch ſeinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe be⸗ deckt, giebt er ſich zwar den Anſtrich von Phi⸗ liſteöſität; aber, wie bey manchen andern großen Deutſchen, geſchieht es aus purer Jronie. Es iſt 188 ſogar notoriſch, daß der Brocken ſeine burſchikoſen, phantaſtiſchen Zeiten hat, z. B. die erſte Mai⸗ 1 nacht. Dann wirft er ſeine Nebelkappe jubelnd in die Lüfte, und wird, eben ſo gut wie wir Uebrigen, recht echtdeutſch romantiſch verrückt. Ich ſuchte gleich die ſchöne Dame in ein Ge⸗ ſpräch zu verflechten: denn Naturſchönheiten ge⸗ nießt man erſt recht, wenn man ſich auf der Stelle darüber ausſprechen kann. Sie war nicht geiſtreich, aber aufmerkſam ſinnig. Wahrhaft vor⸗ nehme Formen. Ich meine nicht die gewöhnliche, ſteife, negative Vornehmheit, die genau weiß, was unterlaſſen werden muß; ſondern jene ſeltnere, freie, poſitive Vornehmheit, die uns genau ſagt, was wir thun dürfen, und die uns, bei aller Un⸗ befangenheit, die höchſte geſellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen Verwunderung, viele geographiſche Kenntniſſe, nannte der wißbe⸗ gierigen Schönen alle Namen der Städte, die vor uns lagen, ſuchte und zeigte ihr dieſelben auf mei⸗ — — 189 ner Landkarte, die ich über den Steintiſch, der in der Mitte der Thurmplatte ſteht, mit echter Do⸗ zentenmiene ausbreitete. Manche Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern ſuchte, als mit den Augen, die ſich un⸗ terdeſſen auf dem Geſicht der holden Dame orien⸗ tirten, und dort ſchönere Partien fanden, als „Schierke“ und„Elend.“ Dieſes Geſicht ge⸗ hörte zu denen, die nie reizen, ſelten entzücken, und immer gefallen. Ich liebe ſolche Geſichter, weil ſie mein ſchlimmbewegtes Herz zur Ruhe lächeln. In welchem Verhältniß der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu denſelben ſtehen mochte, konnte ich nicht errathen. Es war eine dünne, merkwürdige Figur. Ein Köpfchen, ſparſam be⸗ deckt mit grauen Härchen, die über die kurze Stirn bis an die grünlichen Libellenaugen reichten, die runde Naſe weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn ſich wieder ängſtlich nach den Ohren b 190 zurück ziehend. Dieſes Geſichtchen ſchien aus einem zarten, gelblichen Thone zu beſtehen, woraus die Bildhauer ihre erſten Modelle kneten; und wenn die ſchmalen Lippen zuſammen kniffen, zogen ſich über die Wangen einige tauſend halbkreisartige, feine Fältchen. Der kleine Mann ſprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn die ältere Dame ihm etwas Freundliches zuflüſterte, lächelte er wie ein Mops, der den Schnupfen hat. Jene ältere Dame war die Mutter der jün⸗ geren, und auch ſie beſaß die vornehmſten For⸗ men. Ihr Auge verrieth einen krankhaft ſchwär⸗ meriſchen Tieffinn, um ihren Mund lag ſtrenge Frömmigkeit, doch ſchien mir's, als ob er einſt ſehr ſchön geweſen ſey, und viel gelacht und viele Küſſe empfangen und viele erwiedert habe. Ihr Geſicht glich einem Codex palympſeſtus, wo, unter 1 der neuſchwarzen Mönchsſchrift eines Kirchenvater⸗ textes, die halberloſchenen Verſe eines altgriechi⸗ ſchen Liebesdichters hervorlauſchen. Beyde Damen 194 waren mit ihrem Begleiter dieſes Jahr in Italien geweſen und erzählten mir allerley Schönes von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzählte viel von den Raphael'ſchen Bildern in der Peters⸗ kirche; die Tochter ſprach mehr von der Oper im Theater Fenice. Derweil wir ſprachen, begann es zu däm⸗ mern: die Luft wurde noch kälter, die Sonne naeigte ſich tiefer, und die Thurmplatte füllte ſich mit Studenten, Handwerksburſchen und einigen ehr⸗ ſamen Bürgerleuten, ſammt deren Ehefrauen und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang ſehen wollten. Es iſt ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet ſtimmt. Wohl eine Viertel⸗ ſtunde ſtanden Alle ernſthaft ſchweigend, und ſahen, wie der ſchöne Feuerball im Weſten allmählig ver⸗ ſank; die Geſichter wurden vom Abendroth ange⸗ ſtrahlt, die Hände falteten ſich unwillkührlich; es war, als ſtänden wir, eine ſtille Gemeinde, im, Schiffe eines Rieſendoms, und der Prieſter er⸗ 192² höbe jetzt den Leib des Herrn, und von der Orgel herab ergöſſe ſich Paleſtrina's ewiger Choral. Während ich ſo in Andacht verſunken ſtehe, höre ich, daß neben mir Jemand ausruft:„Wie iſt die Natur doch im Allgemeinen ſo ſchön!“ Dieſe Worte kamen aus der gefühlvollen Bruſt meines Zimmergenoſſen, des jungen Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltags⸗ ſtimmung, war jetzt im Stande, den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu ſagen, und ſie ruhig, als wäre nichts paſſirt, nach ihrem Zimmer zu führen. Sie erlaubten mir auch, ſie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde ſelbſt, drehte ſich unſre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter äußerte: die in Nebel verfinkende Sonne habe ausgeſehen wie eine rothglühende Roſe, die der galante Himmel herabgeworfen in den weitausgebreiteten, weißen Brautſchleyer ſeiner geliebten Erde. Die Tochter lächelte und meinte, der öftere Anblick ſolcher Naturerſcheinungen ſchwä⸗ 493 che ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte dieſe falſche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reiſebriefen, und frug mich, ob ich den Werther geleſen? Ich glaube wir ſprachen auch von Angora⸗ katzen, etruskiſchen Vaſen, türkiſchen Shawls, Ma⸗ karoni und Lord Byron, aus deſſen Gedichten die ältere Dame einige Sonnenuntergangsſtellen, recht hübſch lispelnd und ſeufzend, rezitirte. Der jün⸗ gern Dame, die kein Engliſch verſtand, und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl ich die Ueberſetzungen meiner ſchönen, geiſtreichen Lands⸗ männin, der Baronin Eliſe von Hohenhauſen; bey welcher Gelegenheit ich nicht ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, über Byrons Gottloſigkeit, Liebloſigkeit, Troſtloſigkeit, und der Himmel weiß was noch mehr, zu eifern. Nach dieſem Geſchäfte ging ich noch auf dem Brocken ſpazieren; denn ganz dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht ſtark, und ich betrach⸗ tete die Umriſſe der beyden Hügel, die man den Heine's Reiſebilder. I. 13 194 Herxenaltar und die Teufelskanzel nennt. Ich ſchoß meine Piſtolen ab, doch es gab kein Echo. Plötz⸗ lich aber höre ich bekannte Stimmen und fühle mich umarmt und geküßt. Es waren meine Lands⸗ leute, die Göttingen vier Tage ſpäter verlaſſen hatten, und bedeutend erſtaunt waren, mich ganz allein auf dem Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzählen und Verwundern und Verab⸗ reden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiſte waren wir wieder in unſerem gelehrten Sibirien, wo die Cultur ſo groß iſt, daß die Bären in den Wirthshäuſern angebunden werden, und die Zobel dem Jäger guten Abend wünſchen. Im großen Zimmer wurde ere Abendmahl⸗ zeit gehalten. Ein langer Tiſch mit zwey Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches Univerſitätsgeſpräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Geſellſchaft beſtand meiſtens aus Hallenſern, und Halle wurde daher Hauptgegen⸗ ſtand der Unterhaltung. Die Fenſterſcheiben des 195 Hofraths Schütz wurden exegetiſch beleuchtet. Dann erzählte man, daß die letzte Cour bey dem König von Cypern ſehr glänzend geweſen ſey, daß er einen natürlichen Sohn erwählt, daß er ſich eine lichtenſtein'ſche Prinzeſſin an's linke Bein antrauen laſſen, daß er die Staatsmaitreſſe abgedankt, und daß das ganze gerührte Miniſterium vorſchriftmäßig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwäh⸗ nen, daß ſich dieſes auf Halle'ſche Bierwürden bezieht. Hernach kamen die zwey Chineſen auf's Tapet, die ſich vor zwey Jahren in Berlin ſehen ließen, und jetzt in Halle zu Privatdozenten der chineſiſchen Aeſthetik abgerichtet werden. Nun wur⸗ den Witze geriſſen. Man ſetzte den Fall: ein Deutſcher ließe ſich in China für Geld ſehen; und zu dieſem Zwecke wurde ein Anſchlagzettel geſchmiedet, worin die Mandarinen Tſching⸗Tſchang⸗ Tſchung und Hi⸗Ha⸗Ho begutachteten, daß es ein echter Deutſcher ſey, worin ferner ſeine Kunſtücke. aufgerechnet wurden, die hauptſächlich in Philoſo⸗ 13* 196 phiren, Tabackrauchen und Geduld beſtanden, und worin noch ſchließlich bemerkt wurde, daß man um zwölf Uhr, welches die Fütterungsſtunde ſey, keine Hunde mitbringen dürfe, indem dieſe dem armen Deutſchen die beſten Brocken weg zu ſchnap⸗ pen pflegten. Ein junger Burſchenſchafter, der kürzlich zur Purifikazion in Berlin geweſen, ſprach viel von dieſer Stadt; aber ſehr einſeitig. Er hatte Wiſotzki und das Theater beſucht; beyde beur⸗ theilte er falſch.„Schnell fertig iſt die Jugend mit dem Wort u. ſ. w.“ Er ſprach von Garde⸗ robeaufwand, Schauſpieler⸗ und Schauſpielerinnen⸗ ſkandal u. ſ. w. Der jange Menſch wußte nicht, daß, da in Berlin überhaupt der Schein der Dinge am meiſten gilt, was ſchon die allgemeine Redensart,„man ſo duhn,“ hinlänglich andeutet, dieſes Scheinweſen auf den Brettern erſt recht floriren muß, und daß daher die Intendanz am meiſten zu ſorgen hat für die„Farbe des Barts, 197 womit eine Rolle geſpielt wird,“ für die Treue— der Coſtüme, die von beeidigten Hiſtorikern vorge⸗ zeichnet, und von wiſſenſchaftlich gebildeten Schnei⸗ dern genäht werden. Und das iſt nothwendig. Denn trüge mahl Maria Stuart eine Schürze, die ſchon zum Zeitalter der Königin Anna gehört, ſo würde gewiß der Banquier Chriſtian Gumpel ſich mit Recht beklagen, daß ihm dadurch alle Illuſion verloren gehe; und hätte mahl Lord Bur⸗ leigh aus Verſehen die Hoſe von Heinrich IV. angezogen, ſo würde gewiß die Kriegsräthin von Steinzopf, geb. Lilienthau, dieſen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen laſſen. Solche täuſchende Sorgfalt der Generalintendanz erſtreckt ſich aber nicht bloß auf Schürzen und Hoſen, ſondern auch auf die darin verwickelten Perſonen. So ſoll künftig der Othello von einem wirklichen Mohren geſpielt werden, den Profeſſor Lichtenſtein ſchon zu dieſem Behufe aus Afrika verſchrieben hat; in Menſchenhaß und Reue ſoll 198 3 künftig die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnrey geſpielt werden, die man alle drey nicht erſt aus Afrika zu verſchreiben braucht. Hatte nun obenerwähnter junger Menſch die Ver⸗ hältniſſe des Berliner Schauſpiels ſchlecht begrif⸗ fen, ſo merkte er noch viel weniger, daß die Spontini'ſche Janitſcharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten und Tamtams, ein heroi⸗ ſches Mittel iſt, um unſer erſchlafftes Volk kriege⸗ riſch zu ſtärken, ein Mittel, das ſchon Plato und Cicero ſtaatspfiffig empfohlen haben. Am aller⸗ wenigſten begriff der junge Menſch die diplomati⸗ ſche Bedeutung des Ballets. Mit Mühe zeigte ich ihm, wie in Hoguets Füßen mehr Politik ſitzt als in Buchholz Kopf, wie alle ſeine Tanztouren diplomatiſche Verhandlungen bedeuten, wie jede ſeiner Bewegungen eine politiſche Beziehung habe, ſo z. B. daß er unſer Kabinet meint, wenn er, 199 ſehnſüchtig vorgebeugt, mit den Händen weitaus⸗ greift, daß er den Bundestag meint, wenn er ſich hundertmal auf einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, daß er die kleinen Für⸗ ſten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt, daß er das Europäiſche Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trun⸗ kener hin und herſchwankt, daß er einen Con⸗ greß andeutet, wenn er die gebogenen Arme knäuel⸗ artig in einander verſchlingt, und endlich, daß er er in allmähliger Entfaltung ſich in die Höhe hebt, in dieſer Stellung lange ruht, und plötzlich in die erſchrecklicſſten Sprünge ausbricht. Dem jungen Manne fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tänzer beſſer honorirt wer⸗ den, als große Dichter, warum das Ballet bey'm diplomatiſchen Corps ein unerſchöpflicher Gegenſtand des Geſprächs iſt, und warum oft eine ſchöne Tänzerin noch privatim von dem Miniſter unſern allzugroßen Freund im Oſten darſtellt, wenn 200 unterhalten wird, der ſich gewiß Tag und Nacht abmüht, ſie für ſein politiſchss Syſtemchen em⸗ pfänglich zu machen. Bey'm Apis! wie groß iſt die ¹ Zahl, der exoteriſchen, und wie klein die Zahl der eſoteriſchen Theaterbeſucher! Da ſteht das blöde Volk und gafft und bewundert Sprünge und Wen⸗ dungen, und ſtudirt Anatomie in den Stellungen der Lemiere, und applaudirt die Entrechats der Röhniſch, und ſchwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden— und keiner merkt, daß er in ge⸗ tanzten Chiffern das Schickſal des deutſchen Vater⸗ landes vor Augen hat. Während ſolcherley Geſpräche hin und her flogen, verlor man doch das Nützliche nicht aus den Augen, und den großen Schüſſeln, die mit Fleiſch, Kartoffeln u. ſ. w. ehrlich angefüllt waren, wurde fleißig zugeſprochen. Jedoch das Eſſen war ſchlecht. Dieſes erwähnte ich leichthin gegen mei⸗ nen Nachbar, der aber, mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte, ar unhöflich ant⸗ 201 wortete: daß wir Deutſchen wie mit der wahren Freiheit, ſo auch mit der wahren Genügſamkeit unbekannt ſeyen. Ich zuckte die Achſeln und be⸗ merkte: daß die eigentlichen Fürſtenknechte und Leckerkramverfertiger überall Schweizer ſind und vorzugsweiſe ſo genannt werden, und daß über⸗ haupt die jetzigen ſchweizeriſchen Freiheitshelden, die ſo viel Politiſch⸗Kühnes in's Publikum hin⸗ einſchwatzen, mir immer vorkommen wie Haſen, die auf öffentlichen Jahrmärkten Piſtolen abſchie⸗ ßen, alle Kinder und Bauern durch ihre Kühnheit in Erſtaunen ſetzen, und dennoch Haſen ſind. Der Sohn der Alpen hatte es gewiß nicht böſe gemeint, ves war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann,“ ſagt Cervantes. Aber mein Nachbar von der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene Aeußerung ſehr piquirt; er be⸗ theuerte, daß deutſche Thatkraft und Einfältigkeit noch nicht erloſchen ſey, ſchlug ſich dröhnend auf die Bruſt, und leerte eine ungeheure Stange Weiß⸗ 1 20² bier. Der Schweizer ſagte:„Nu! Nu!“ Doch, je beſchwichtigender er dieſes ſagte, deſto eifriger ging der Greifswalder in's Geſchirr. Dieſer war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Läuſe gute Tage hatten und die Friſeure zu verhungern fürch⸗ teten. Er trug herabhängendes langes Haar, ein ritterliches Barett, einen ſchwarzen, altdeutſchen Rock, ein ſchmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer Weſte verſah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbüſchel von Blücher's Schimmel. Er ſah aus wie ein Narr in Lebensgröße. Ich mache mir gern einige Bewegung bey'm Abend⸗ eſſen, und ließ mich daher von ihm in einen patrio⸗ tiſchen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutſchland müſſe in 33 Gauen getheilt werden. Ich hingegen behauptete: es müßten 48 ſeyn, weil man alsdann ein ſyſtematiſcheres Handbuch über Deutſchland ſchreiben könne, und es doch noth⸗ wendig ſey, das Leben mit der Wiſſenſchaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund war auch 203 ein deutſcher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hertmanns und der Herimanns⸗ ſchlacht. Manchen nützlichen Wink gab ich ihm für die Anfertigung dieſes Epos. Ich machte ihn darauf aufmerkſam, daß er die Sümpfe und Knüp⸗ pelwege des teutoburger Waldes ſehr onomatopöiſch durch wäſſrige und holprige Verſe andeuten könne, und daß es eine patriotiſche Feinheit wäre, wenn er den Varus und die übrigen Römer lauter Unſinn ſprechen ließe. Ich hoffe, dieſer Kunſt⸗ kniff wird ihm, eben ſo erfolgreich wie andern Berlinern Dichtern, bis zur bedenklichſten Illuſion gelingen. An unſerem Tiſche wurde es immer lauter und traulicher, der Wein verdrängte das Bier, die Punſchbowlen dampften, es wurde getrunken, ſmollirt und geſungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von W. Müller, Rückert, Uhland u. ſ. w. erſchollen. Schöne Methfeſſel'ſche Melo⸗ 204 dien. Am allerbeſten erklangen unſeres Arndt's deutſche Worte:„Der Gott, der Eiſen wachſen ließ, der wollte keine Knechte!“ Und draußen brauſte es, als ob der alte Berg mitſänge, und einige ſchwankende Freunde behaupteten ſogar, er ſchüttle freudig ſein kahles Haupt und unſer Zim⸗ mer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaſchen wurden leerer und die Köpfe voller. Der Eine brüllte, der Andere fiſtulirte, ein Drit⸗ ter deklamirte aus der„Schuld,“ ein Vierter ſprach Latein, ein Fünfter predigte von der Mäßig⸗ keit, und ein ſechster ſtellte ſich auf den Stuhl und dozirte:„Meine Herren! Die Erde iſt eine runde Walze, die Menſchen ſind einzelne Stift⸗ chen darauf, ſcheinbar arglos zerſtreut; aber die Walze dreht ſich, die Stiftchen ſtoßen hier und da an und tönen, die einen oft, die andern ſel⸗ ten, das giebt eine wunderbare, complizirte Muſik, und dieſe heißt Weltgeſchichte. Wir ſprechen alſo erſt von der Muſik, dann von der Welt und end⸗ 20⁵ lich von der Geſchichte; letztere aber theilen wir ein in Poſitiv und ſpaniſche Fliegen—“ Und ſo ging's weiter mit Sinn und Unſinn. Ein gemüthlicher Mecklenburger, der ſeine Naſe im Punſchglaſe hatte, und ſelig lächelnd den Dampf einſchnupfte, machte die Bemerkung: es ſey ihm zu Muthe, als ſtände er wieder vor dem Theaterbüffet in Schwerin! Ein Anderer hielt ſein Weinglas wie ein Perſpektiv vor die Augen und ſchien uns aufmerkſam damit zu be⸗ trachten, während ihm der rothe Wein über die Backen in's hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, plötzlich begeiſtert, warf ſich an meine Bruſt und jauchzte:„O, verſtändeſt Du mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glück⸗ licher, ich werde wieder geliebt, und, Gott ver⸗ damm' mich! es iſt ein gebildetes Mädchen, denn ſie hat volle Brüſte, und trägt ein weißes Kleid und ſpielt Clavier!“—⸗Aber der Schweizer weinte, und küßte zärtlich meine Hand und wimmerte be⸗ ſtändig:„O Bäbeli! O Bäbeli!“ In dieſem verworrenen Treiben, wo die Tel⸗ ler tanzen und die Gläſer fliegen lernten, ſaßen mir gegenüber zwey Jünglinge, ſchön und blaß wie Marmorbilder, der Eine mehr dem Adonis, der Andere mehr dem Apollo ähnlich. Kaum be⸗ merkbar war der leichte Roſenhauch, den der Wein über ihre Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe ſahen ſie ſich einander an, als wenn Einer leſen könnte in den Augen des Andern, und in dieſen Augen ſtrahlte es, als wären einige Lichttropfen hinein gefallen aus jener Schaale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinüber trägt. Sie ſprachen leiſe, mit ſehnſuchtbebender Stimme, und es wa⸗ ren traurige Geſchichtchen, aus denen ein wunder⸗ ſchmerzlicher Ton hervor klang.„Die Lore iſt jetzt auch todt!“ ſagte der Eine und ſeufzte, und nach einer Pauſe erzählte er von einem Halle'ſchen 207 Mädchen, das in einem Studenten verliebt war, und als dieſer Halle verließ, mit Niemand mehr ſprach, und wenig aß, und Tag und Nacht weinte, und immer den Canarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr einſt geſchenkt hatte.„Der Vogel ſtarb, und bald darauf iſt auch die Lore geſtor⸗ ben!“ ſo ſchloß die Erzählung, und beyde Jüng⸗ linge ſchwiegen wieder und ſeufzten, als wollte ihnen das Herz zerſpringen. Endlich ſprach der Andere:„Meine Seele iſt traurig! Komm mit hinaus in die dunkle Nacht! Einathmen will ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes. Genoſſe meiner Wehmuth!l ich liebe Dich, Deine Worte tönen wie Rohrgeflüſter, wie glei⸗ tende Ströme, ſie tönen wieder in meiner Bruſt, aber meine Seele iſt traurig!“ Nun erhoben ſich die beyden Jünglinge, Einer ſchlang den Arm um den Nacken des Andern, und ſie verließen das toſende Zimmer. Ich folgte ihnen nach und ſah, wie ſie in eine dunkle Kam⸗ 208 mer traten, wie der Eine, ſtatt des Fenſters, einen großen Kleiderſchrank öffnete, wie Beide vor demſelben, mit ſehnſüchtig ausgeſtreckten Ar⸗ men, ſtehen blieben und wechſelweiſe ſprachen. „Ihr Lüfte der dämmernden Nacht!“ rief der Erſte, wie erquickend kühlt Ihr meine Wangen! Wie lieblich ſpielt Ihr mit meinen flatternden Lo⸗ cken! Ich ſteh' auf des Berges wolkigem Gipfel, unter mir liegen die ſchlafenden Städte der Men⸗ ſchen, und blinken die blauen Gewäſſer. Horch! dort unten im Thale rauſchen die Tannen! Dort über die Hügel ziehen, in Nebelgeſtalten, die Geiſter der Väter. O, könnt' ich mit Euch jagen, auf dem Wolkenroß, durch die ſtürmiſche Nacht, über die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit Leid und meine Seele iſt traurig!“— Der andere Jüngling hatte ebenfalls ſeine Arme ſehnſuchtsvoll nach dem Klei⸗ derſchrank ausgeſtreckt, Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, und zu einer gelbledernen Hoſe, die er 209 für den Mond hielt, ſprach er mit wehmüthiger Stimme:„Schön biſt du, Tochter des Himmels! Holdſelig iſt deines Antlitzes Ruhe! Du wandelſt einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen deinen blauen Pfaden im Oſten. Bey deinem Anblick erfreuen ſich die Wolken, und es lichten ſich ihre düſtern Geſtalten. Wer gleicht dir am Himmel, Erzeugte der Nacht? Beſchämt, in deiner Ge⸗ genwart, ſind die Sterne, und wenden ab die grünfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Mor⸗ gens dein Antlitz erbleicht, entfliehſt du von dei⸗ nem Pfade? Haſt du gleich mir deine Halle? Wohnſt du im Schatten der Wehmuth? Sind deine Schweſtern vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten, ſind ſie nicht mehr? Ja, ſie fielen herab, o ſchönes Licht, und du verbirgſt dich oft, ſie zu betrauern. Doch einſt wird kommen die Nacht, und du, auch du biſt vergangen, und haſt deine blauen Pfade dort oben verlaſſen. Dann erheben die Sterne Heine's Reiſebilder. 1. 14 210 ihre grünen Häupter, die einſt deine Gegenwart be⸗ ſchämt, ſie werden ſich freuen. Doch jetzt biſt du gekleidet in deiner Strahlenpracht und ſchauſt her⸗ ab aus den Thoren des Himmels. Zerreißt die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu leuchten vermag, und die buſchigen Berge erglänzen und das Meer ſeine ſchäumenden Wo⸗ gen rolle in Licht!“ Ein wohlbekannter, nicht ſehr magerer Freund, der mehr getrunken als gegeſſen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewöhnlich, eine Portion Rindfleiſch verſchlungen, wovon ſechs Gardelieute⸗ nants und ein unſchuldiges Kind ſatt geworden wären, dieſer kam jetzt in allzugutem Humor, d. h. ganz en Schwein, vorbeygerannt, ſchob die beyden elegiſchen Freunde etwas unſanft in den Schrank hinein, polterte nach der Hausthüre, und wirth⸗ ſchaftete draußen ganz mörderlich. Der Lärm im Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beyden Jünglinge im Schranke jemmerten 19 211 und wimmerten, ſie lägen zerſchmettert am Fuße des Berges; aus dem Hals ſtrömte ihnen der edle Rothwein, ſie überſchwemmten ſich wechſel⸗ ſeitig, und der Eine ſprach zum Andern:„Lebe wohl! Ich fühle, daß ich verblute. Warum weckſt du mich, Frühlingsluft? Du buhlſt und ſprichſt: ich bethaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit meines Welkens iſt nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabſtört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich ſah in meiner Schönheit, ringsum wird ſein Auge im Felde mich ſuchen, und wird mich nicht fin⸗ den.— 4 Aber Alles übertobte die wohlbekannte Baßſtimme, die draußen vor der Thüre, unter Fluchen und Jauchzen, ſich gottläſterlich beklagte: daß auf der ganzen dunklen Weenderſtraße keine einzige Laterne brenne, und man nicht einmal ſehen könne, bey wem man die Fenſterſcheiben eingeſchmiſſen habe. Ich kann viel vertragen— die Beſcheidenheit 14* 212 erlaubt mir nicht, die Bouteillenzahl zu nennen — nund ziemlich gut conditionirt gelangte ich nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag ſchon im Bette, mit ſeiner kreideweißen Nacht⸗ mütze und ſafrangelben Jacke von Geſundheitsfla⸗ nell. Er ſchlief noch nicht und ſuchte ein Geſpräch mit mir anzuknüpfen. Er war ein Frankfurt⸗am⸗ Mayner, und folglich ſprach er gleich von den Juden, die Alles Gefühl für das Schöne und Edle verloren haben, und die englichen Waaren 25 Prozent unter dem Fabrikpreiſe verkaufen. Es ergriff mich die Luſt, ihn etwas zu myſtifiziren; deshalb ſagte ich ihm: ich ſey ein Nachtwandler, und müſſe im Voraus um Entſchuldigung bitten, für den Fall, daß ich ihn etwa im Schlafe ſtören möchte. Der arme Menſch hat deshalb, wie er mir den andern Tag geſtand, die ganze Nacht nicht geſchlafen, da er die Beſorgniß hegte, ich könnte mit meinen Piſtolen, die vor meinem Bette lagen, im Nachtwandlerzuſtande ein Malheur an⸗ 213 richten. Im Grunde war es mir nicht viel beſſer als ihm gegangen, ich hatte ſehr ſchecht geſchla⸗ fen. Wüſte, beängſtigende Phantaſiegebilde. Ein Clavierauszug aus Dante's„Hölle.“ Am Ende träumte mir gar, ich ſähe die Aufführung einer juriſtiſchen Oper, die Falcidia geheißen, erbrecht⸗ licher Text von Gans und Muſik von Spontini. Ein toller Traum. Das römiſche Forum leuch⸗ tete prächtig, Serv. Aſinius Göſchenus als Prätor auf ſeinem Stuhle, die Toga in ſtolze Falten werfend, ergoß ſich in polternden Recitativen, Mar⸗ eus Tullius Elverſus, als Prima Donna legataria, all' ſeine holde Weiblichkeit offenbarend, ſang die liebeſchmelzende Bravourarie quicunque civis roma- nus, ziegelroth geſchminkte Referendarien brüllten als Chor der Unmündigen, Privatdozenten, als Genien in fleiſchfarbigen Trikot gekleidet, tanzten ein antejuſtianianeiſches Ballet und bekränzten mit Blumen die zwölf Tafeln, unter Donner und Blitz ſtieg aus der Erde der beleidigte Geiſt der 214 römiſchen Geſetzgebung, hierauf Poſaunen, Tam⸗ tam, Feuerregen, cum omni causa. Aus dieſem Lärmen zog mich der Brocken⸗ wirth, indem er mich weckte, um den Sonnen⸗ aufgang anzuſehen. Auf dem Thurm fand ich ſchon einige Harrende, die ſich die frierenden Hände rieben, Andere, noch den Schlaf in den Augen, taumelten herauf: endlich ſtand die ſtille Gemeinde von geſtern Abend wieder ganz verſammelt, und ſchweigend ſahen wir: wie am Horizonte die kleine, carmoiſinrothe Kugel empor ſtieg, eine winterlich dämmernde Beleuchtung ſich verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere ſchwammen, und bloß die Spitzen derſelben ſichtbar hervor tra⸗ ten, ſo daß man auf einem kleinen Hügel zu ſtehen glaubte, mitten auf einer überſchwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erd⸗ ſcholle hervortritt. Um das Geſehene und Empfun⸗ dene in Worten feſt zu halten, zeichnete ich fol⸗ gendes Gedicht: 24⁵ Heller wird es ſchon im Oſten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere ſchwimmen. Hätt' ich Siebenmeilenſtiefel, Lief ich mit der Haſt des Windes Ueber jene Bergesgipfel, Nach dem Haus des lieben Kindes. Von dem Bettchen, wo ſie ſchlummert, Zög' ich leiſe die Gardinen, Leiſe küßt ich ihre Stirne, Leiſe ihres Mund's Rubinen. Und noch leiſer wollt' ich flüſtern In die kleinen Liljenohren: Denk' im Traum, daß wir uns lieben, Und daß wir uns nie verloren. 216 Indeſſen, meine Sehnſucht nach einem Früh⸗ ſtück war ebenfalls groß, und nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten geſagt, eilte ich hinab, um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that Noth; in meinem Magen ſah es ſo nüch⸗ tern aus, wie in der Goslar'ſchen Stephanskirche. Aber mit dem arabiſchen Trank rieſelte mir auch der warme Orient durch die Glieder, öſtliche Ro⸗ ſen umdufteten mich, ſüße Bulbullieder erklangen, die Studenten verwandelten ſich in Kamele, die Brockenhausmädchen, mit ihren Congreviſchen Bli⸗ cken, wurden zu Houris, die Philiſternaſen wur⸗ den Minarets u. ſ. w. Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unſinn enthielt es freilich ge⸗ nug. Es war das ſogenannte Brockenbuch, worin alle Reiſende, die den Berg erſteigen, ihre Na⸗ men ſchreiben, und die Meiſten noch einige Ge⸗ danken, und in Ermangelung derſelben, ihre Ge⸗ fühle hinzu notiren. Viele drücken ſich ſogar in 217 Verſen aus. In dieſem Buche ſieht man, welche Greuel entſtehen, wenn der große Philiſtertroß bey gebräuchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, ſich vorgenommen hat, poetiſch zu wer⸗ den. Der Pallaſt des Prinzen von Pallagonia, enthält keine ſo große Abgeſchmacktheiten, wie die⸗ ſes Buch, wo beſonders hervor glänzen die Herren Aceiſeeinnehmer mit ihren verſchimmelten Hochge⸗ fühlen, die Comptoirjünglinge mit ihren pathetiſchen Seelenergüſſen, die altdeutſchen Revolutionsdilet⸗ tanten mit ihren Turngemeinplätzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten Entzückungs⸗ phraſen u. ſ. w. Herr Johannes Hagel will ſich auch mal als Schriftſteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majeſtätiſche Pracht beſchrieben; dort wird geklagt über ſchlechtes Wetter, über ge⸗ täuſchte Erwartungen, über den Nebel, der alle Ausſicht verſperrt.„Benebelt herauf gekommen und benebelt hinunter gegangen!“ iſt ein ſtehender Witz, der hier von Hunderten nachgeriſſen wird. 218 Das ganze Buch riecht nach Käſe, Bier und Taback; man glaubt einen Roman von Clauren zu leſen. Während ich nun beſagter nagen Kaffee trank und im Brockenbuche blätterte, trat der Schweizer mit hochrothen Wangen herein, und voller Begei⸗ ſterung erzählte er von dem erhabenen Anblick, den Hher oben auf dem Thurm genoſſen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der Wahrheit, mit den nächtlichen Nebelmaſſen gekämpft, daß es ausgeſehen habe wie eine Geiſterſchlacht, wo zür⸗ nende Rieſen ihre langen Schwerdter ausſtrecken, geharniſchte Ritter, auf bäumenden Roſſen, ein⸗ her jagen, Streitwagen, flatternde Banner, aben⸗ theuerliche Thierbildungen aus dem wildeſten Ge⸗ wühle hervor tauchen, bis endlich Alles in den wahnſinnigſten Verzerrungen zuſammen kräuſelt, blaſſer und blaſſer zerrinnt, und ſpurlos verſchwin⸗ det. Dieſe demagogiſche Naturerſcheinung hatte ich verſäumt, und ich kann, wenn es zur Unter⸗ 219 ſuchung kommt, eidlich verſichern: daß ich von nichts weiß, als vom Geſchmack des guten braunen Kaffee's. Ach, dieſer war ſogar Schuld, daß ich 8 ee vergeſſen, und jetzt ſtand ſie vor der Thür, mit Mutter und Begleiter, im Begriff den Wagen zu beſteigen. Kaum hatte ich noch Zeit, hin zu eilen und ihr zu verſichern, daß es kalt ſey. Sie ſchien unwillig, daß ich nicht früher gekommen; doch ich glättete bald die miß⸗ müthigen Falten ihrer ſchönen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche Blume ſchenkte, die ich den Tag vorher, mit halsbrechender Gefahr, von einer ſteilen Felſenwand gepflückt hatte. Die Mutter verlangte den Namen der Blume zu wiſſen, gleich⸗ ſam als ob ſie es unſchicklich fände, daß ihre Toch⸗ ter eine fremde, unbekannte Blume vor die Bruſt ſtecke— denn wirklich, die Blume erhielt dieſen beneidenswerthen Platz, was ſie ſich gewiß geſtern auf ihrer einſamen Höhe nicht träumen ließ. Der ſchweigſame Begleiter öffnete jetzt auf einmal den 220 Mund, zählte die Staubfäden der Blume und ſagte ganz trocken, ſie gehört zur achten Claſſe. Es ärgert mich jedesmal, wenn ich ſehe, daß man auch Gottes liebe Blumen uns, in Caſten getheilt hat, und nach ähnlichen Aeußerlichkeiten, nämlich nach Staubfäden⸗Verſchie⸗ denheit. Soll doch mal eine Eintheilung ſtatt fin⸗ den, ſo folge man dem Vorſchlage Theophraſö's, der die Blumen mehr nach dem Geiſte, nämlich nach ihrem Geruch, eintheilen wollte. Was mich betrifft, ſo habe ich in der Naturwiſſenſchaft mein eigenes Syſtem, und demnach theile ich Alles ein: in dasjenige, was man eſſen kann, und in das⸗ jenige, was man nicht eſſen kann. Jedoch, der ältern Dame war die geheimniß⸗ volle Natur der Blumen nichts weniger als ver⸗ ſchloſſen, und unwillkührlich äußerte ſie: daß ſie von den Blumen, wenn ſie noch im Garten oder im Topfe wachſen, recht erfreut werde, daß hin⸗ gegen ein leiſes Schmerzgefühl, traumhaft beäng⸗ 221 ſtigend, ihre Bruſt durchzittere, wenn ſie eine ab⸗ gebrochene Blume ſehe— da eine ſolche doch eigentlich eine Leiche ſey, und ſo eine gebrochene, zarte Blumenleiche ihr welkes Köpfchen recht trau⸗ rig herab hängen laſſe, wie ein todtes Kind. Die Dame war faſt erſchrocken über den trüben Wie⸗ derſchein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denſelben mit einigen Voltaire'ſchen Ver⸗ ſen zu verſcheuchen. Wie doch ein paar franzö⸗ ſiſche Worte uns gleich in die gehörige Convenienz⸗ ſtimmung zurück verſetzen können! Wir lachten, Hände wurden geküßt, huldreich wurde gelächelt, die Pferde wieherten und der Wagen holperte, langſam und beſchwerlich, den Berg hinunter. Nun machten auch die Studenten Anſtalt zum Abreifen, die Ranzen vuß geſchnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig aus⸗ K. fielen, berichtigt, die empfänglichen Hausmädchen, 1 auf deren Geſichtern die Spuren glücklicher Liebe, 4 brachten, wie gebräuchlich iſt, die Brockenſträuß⸗ 222 chen, halfen ſolche auf die Miützen befeſtigen, wurden dafür mit einigen Küſſen oder Groſchen honorirt; und ſo ſtiegen wir Alle den Berg hinab, indem die Einen, wobey der Schweizer und Greifs⸗ walder, den Weg nach Schierke einſchlugen, und die Andern, ungefähr zwanzig Mann, wobey auch meine Landsleute und ich, angeführt von einem Wegweiſer, durch die ſogenannten Schneelöcher hinab zogen nach Ilſenburg. Das ging über Hals und Kopf. Halle'ſche Studenten marſchiren ſchneller als die öſtreichiſche Landwehr. Ehe ich mich deſſen verſah, war die kahle Partie des Berges mit den darauf zerſtreu⸗ ten Steingruppen ſchon hinter uns, und wir ka⸗ men durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher geſehen. Die Sonne goß ſchon ihre feſtlichen Strahlen herab und beleuchtete die hu⸗ moriſtiſch buntgekleideten Burſchen, die ſo munter durch das Dickigt drangen, hier verſchwanden, dort wieder zum Vorſchein kamen, bey Sumpf⸗ ſtellen über die quergelegten Baumſtämme liefen, bey abſchüſſigen Tiefen an den rankenden Wur⸗ zeln kletterten, in den ergötzlichſten Tonarten em⸗ por johlten, und eben ſo luſtige Antwort zu⸗ rück erhielten von den zwitſchernden Waldvögeln, von den rauſchenden Tannen, von den unſicht⸗ bar plätſchernden Quellen und von dem ſchallen⸗ den Echo. Wenn frohe Jugend und ſchöne Na⸗ tur zuſammen kommen, ſo freuen ſie ſich wech⸗ ſelſeitig. Je tiefer wir hinab ſtiegen, deſto lieblicher rauſchte das unterirdiſche Gewäſſer, nur hier und da, unter Geſtein und Geſtrippe, blinkte es her⸗ vor, und ſchien heimlich zu lauſchen, ob es an's Licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine Welle entſchloſſen hervor geſprungen. Nun zeigt ſich die gewöhnliche Erſcheinung: ein Kühner macht den Anfang, und der große Troß der Za⸗ genden wird plötzlich, zu ſeinem eigenen Erſtau⸗ nen, von Muth ergriffen, und eilt, ſich mit 0 — jenem Erſten zu vereinigen. Eine Menge ande⸗ rer Quellen hüpften jetzt haſtig aus ihrem Ver⸗ ſteck, verbanden ſich mit der zuerſt hervorgeſprun⸗ genen, und bald bildeten ſie zuſammen ein ſchon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Waſſer⸗ fällen, und in wunderlichen Windungen, das Bergthal hinab rauſcht. Das iſt nun die Ilſe, die liebliche, ſüße Ilſe. Sie zieht ſich durch das geſegnete Ilſethal, an deſſen beyden Seiten ſich die Berge allmählig höher erheben, und dieſe ſind, bis zu ihrem Fuße, meiſtens mit Buchen, Eichen und gewöhnlichem Blattgeſträuche bewach⸗ ſen, nicht mehr mit Tannen und anderm Nadel⸗ holz. Denn jene Blätterholzart wird vorherr⸗ ſchend auf dem„Unterharze,“ wie man die Oſtſeite des Brockens nennt, im Gegenſatz zur Weſtſeite deſſelben, die der„Oberharz“ heißt, und wirklich viel höher iſt, und alſo auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer. Es iſt unbeſchreibbar, mit welcher Fröhlich⸗ keit, Naivetät und Anmuth die Ilſe ſich hinunter ſtürzt über die abentheuerlich gebildeten Felsſtücke, die ſie in ihrem Laufe findet, ſo daß das Waſſer hier wild empor ziſcht oder ſchäumend überläuft, dort aus allerley Steinſpalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Bögen ſich ergießt, und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage iſt wahr, die Ilſe iſt eine Prinzeſſin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenſchein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre ſilbernen Buſen⸗ bänder! Wie funkeln und blitzen ihre Diaman⸗ ten! Die hohen Buchen ſtehen dabey gleich ern⸗ ſten Vätern, die verſtohlen lächelnd dem Muth⸗ willen des lieblichen Kindes zuſehen; die weißen Birken bewegen ſich tantenhaft vergnügt, und doch zugleich ängſtlich über die gewagten Sprünge; der ſtolze Eichbaum ſchaut drein wie ein verdrieß⸗ licher Oheim, der das ſchöne Wetter bezahlen Heine's Reiſebilder. I. 15 ſoll; die Vögelein in den Lüften jubeln ihren Beyfall, die Blumen am Ufer flüſtern zärtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwe⸗ ſterchen!— aber das luſtige Mädchen ſpringt unaufhaltſam weiter, und plötzlich ergreift ſie den träumenden Dichter, und es ſtrömt auf mich her⸗ ab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und ſtrahlenden Klängen, und die Sinne ver⸗ gehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötenſüße Stimme: Ich bin die Prinzeſſin Ilſe, Und wohne im Ilſenſtein; Komm mit nach meinem Schloſſe, Wir wollen ſelig ſeyn. Dein Haupt will ich benetzen Mit meiner klaren Well', Du ſollſt deine Schmerzen vergeſſen, Du ſorgenkranker Geſell! In meinen weißen Armen, An meiner weißen Bruſt, Da ſollſt du liegen und träumen Von alter Mährchenluſt. Ich will dich küſſen und herzen, Wie ich geherzt und geküßt Den lieben Kayſer Heinrich, Der nun geſtorben iſt. Es bleiben todt die Todten, Und nur der Lebendige lebt; Und ich bin ſchön und blühend, Mein lachendes Herze bebt. Und bebt mein Herz dort unten, So klingt mein kryſtallenes Schloß, Es tanzen die Fräulein und Ritter, Es jubelt der Knappentroß. Es rauſchen die ſeidenen Schleppen, Es klirren die Eiſenſpor'n, Die Zwerge trompeten und pauken, Und fideln und blaſen das Horn. Doch dich ſoll mein Arm umſchlingen, Wie er Kayſer Heinrich umſchlang; Ich hielt ihm zu die Ohren, Wenn die Trompet' erklang. Unendlich ſelig iſt das Gefühl, wenn die Er⸗ ſcheinungswelt mit unſerer Gemüthswelt zuſam⸗ menrinnt, und grüne Bäume, Gedanken, Vögel⸗ geſang, Wehmuth, Himmelsbläue, Erinnerung und Kräuterduft ſich in ſüßen Arabesken verſchlin⸗ gen. Die Frauen kennen am beſten dieſes Ge⸗ fühl, und darum mag auch ein ſo holdſelig un⸗ gläubiges Lächeln um ihre Lippen ſchweben, wenn wir mit Schulſtolz unſere logiſchen Thaten rüh⸗ men, wie wir Alles ſo hübſch eingetheilt in ob⸗ 1 229 jektiv und ſubjektiv, wie wir unſere Köpfe apothe⸗ kenartig mit tauſend Schubladen verſehen, wo in der einen Vernunft, in der andern Verſtand, V in der dritten Witz, in der vierten ſchlechter Witz, und in der fünften gar nichts, nämlich die Idee, enthalten iſt. Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich faſt nicht bemerkt, daß wir die Tiefe des Ilſethales verlaſſen, und wieder bergauf ſtiegen. Dies ging ſehr ſteil und mühſam, und Mancher von uns kam außer Athem. Doch wie unſer ſeliger Vet⸗ ter, der zu Mölln begraben liegte dachten wir im Voraus an's Bergabſteigen, und waren um ſo vergnügter. Endlich gelangten wir auf den Ilſenſtein. Das iſt ein ungeheurer Granitfelſen, der ſich lang und keck aus der Tiefe erhebt. Von drey Seiten umſchließen ihn die hohen, waldbedeckten Berge, aber die vierte, die Nordſeite, iſt frey und hier ſchaut man das unten liegende Ilſen⸗ 230 burg und die Ilſe, weit hinab in's niedere Land. Auf der thurmartigen Spitze des Felſens ſteht ein großes, eiſernes Kreuz, und zur Noth iſt da noch Platz für vier Menſchenfüße. Wie nun die Natur, durch Stellung und Form, den Ilſenſtein mit phantaſtiſchen Reizen geſchmückt, ſo hat auch die Sage ihren Roſen⸗ ſchein darüber ausgegoſſen. Gottſchalk berichtet: „Man erzählt, hier habe ein verwünſchtes Schloß geſtanden, in welchem die reiche, ſchöne Prinzeſ⸗ ſin Ilſe gewohnt, die ſich noch jetzt jeden Mor⸗ gen in der Ilſe bade; und wer ſo glücklich iſt, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den Felſen, wo ihr Schloß ſey, geführt und königlich belohnt!“ Andere erzählen von der Liebe des Fräuleins Ilſe und des Ritters von Weſtenberg eine hübſche Geſchichte, die einer unſerer bekannteſten Dichter romantiſch in der„Abend⸗ zeitung“ beſungen hat. Andere wieder erzählen anders: es ſoll der altſächſiſche Kayſer Heinrich 234 geweſen ſeyn, der mit Ilſe, der ſchönen Waſſer⸗ fee, in ihrer verzauberten Felſenburg die kayſer⸗ lichſten Stunden genoſſen. Ein neuerer Schrift⸗ ſteller, Herr Niemann, Wohlgeb., der ein Harz⸗ reiſebuch geſchrieben, worin er die Gebirgshöhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Städte und dergleichen mit löblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet indeß:„was man von der ſchönen Prinzeſſin Ilſe erzählt, ge⸗ hört dem Fabelreiche an.“ So ſprechen alle dieſe Leute, denen eine ſolche Prinzeſſin niemals erſchienen iſt, wir aber, die wir von ſchönen Damen beſonders begünſtigt werden, wiſſen das beſſer. Auch Kayſer Heinrich wußte es. Nicht umſonſt hingen die altſächſiſchen Kayſer ſo ſehr an ihrem heimiſchen Harze. Man blättere nur in der hübſchen Lüneburger Chronik, wo die gu⸗ ten, alten Herren, in wunderlich treuherzigen Holzſchnitten, abconterfeyt ſind, wohl geharniſcht, hoch auf ihrem gewappneten Schlachtroß, die hei⸗ lige Kayſerkrone auf dem theuren Haupte, Scep⸗ ter und Schwerdt in feſten Händen; und auf den lieben, knebelbärtigen Geſichtern kann man deut⸗ lich leſen, wie oft ſie ſich nach den ſüßen Herzen ihrer Harzprinzeſſinnen und dem traulichen Rau⸗ ſchen der Harzwälder zurück ſehnten, wenn ſie in der Fremde weilten, wohl gar in dem zitro⸗ nen⸗ und giftreichen Welſchland, wohin ſie und ihre Nachfolger ſo oft verlockt wurden von dem Wuͤnſche, römiſche Kayſer zu heißen, einer echt⸗ deutſchen Titelſucht, woran Kayſer und Reich zu Grunde gingen. Ich rathe aber Jedem, der auf der Spitze des Ilſenſteins ſteht, weder an Kayſer und Reich, noch an die ſchöne Ilſe, ſondern bloß an ſeine Füße zu denken. Denn als ich dort ſtand, in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich die unter⸗ irdiſche Muſik des Zauberſchloſſes, und ich ſah, wie ſich die Berge ringsum auf die Köpfe ſtellten, und die rothen Ziegeldächer zu Ilſenburg anfingen 233 zu tanzen, und die grünen Bäume in der blauen Luft herum flogen, daß es mir blau und grün vor den Augen wurde, und ich ſicher, vom Schwin⸗ del erfaßt, in den Abgrund geſtürzt wäre, wenn ich mich nicht, in meiner Seelennoth, an's eiſerne Kreuz feſtgeklſammert hätte. Daß ich, in ſo miß⸗ licher Stellung, dieſes letzere gethan habe, wird mir gewiß Niemand verdenken. Die„Harzreiſe“ iſt und bleibt Fragment, und die bunten Fäden, die ſo hübſch hineinge⸗ ſponnen ſind, um ſich im Ganzen harmoniſch zu verſchlingen, werden plötzlich, wie von der Scheere der unerbittlichen Parze, abgeſchnitten. Vielleicht verwebe ich ſie weiter in künftigen Lie⸗ dern, und was jetzt kärglich verſchwiegen iſt, wird alsdann vollauf geſagt. Am Ende kommt es auch auf Eins heraus, wann und wo man etwas ausgeſprochen hat, wenn man es nur überhaupt einmal ausſpricht. Mögen die einzel⸗ nen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn ſie nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch ſolche Vereinigung mag hier und da das Mangelhafte ergänzt, das Schroffe ausgeglichen und 235 das Allzuherbe gemildert werden. Dieſes würde vielleicht ſchon bey den erſten Blättern der Harz⸗ reiſe der Fall ſeyn, und ſie könnten wohl einen minder ſauern Eindruck hervorbringen, wenn man anderweitig erführe, daß der Unmuth, den ich gegen Göttingen im Allgemeinen hege, obſchon er noch größer iſt, als ich ihn ausgeſprochen, doch lange nicht ſo groß iſt wie die Verehrung, die ich für einige Individuen dort empfinde. Und warum ſollte ich es verſchweigen, ich meine hier ganz beſonders jenen viel theueren Mann, der ſchon in frühern Zeiten ſich ſo freundlich mei⸗ ner annahm, mir ſchon damals eine innige Liebe für das Studium der Geſchichte einflößte, mich ſpäterhin in dem Eifer für daſſelbe beſtärkte, und dadurch meinen Geiſt auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebensmuthe heilſamere Richtungen anwies, und mir überhaupt jene hiſtoriſchen Tröſtungen bereitete, ohne welche ich die qualvollen Erſchei⸗ 236 nungen des Tages nimmermehr ertragen würde. Ich ſpreche von Georg Sartorius, dem großen Geſchichtsforſcher und Menſchen, deſſen Auge ein klarer Stern iſt in unſerer dunkeln Zeit, und deſſen gaſtliches Herz offen ſteht für alle fremde Leiden und Freuden, für die Beſorgniſſe des Bettlers und des Königs, und für die letzten Seufzer untergehender Völker und ihrer Götter.— Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls an⸗ zudeuten: daß der Oberharz, jener Theil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilſethals beſchrieben habe, bey weitem keinen ſo erfreu⸗ lichen Anblick, wie der romantiſch maleriſche Un⸗ terharz gewährt, und in ſeiner wildſchroffen, tan⸗ nendüſtern Schönheit gar ſehr mit demſelben kon⸗ traſtirt; ſo wie ebenfalls die drey, von der Ilſe, von der Bode und von der Selke gebildeten Thäler des Unterharzes gar anmuthig unter ein⸗ 237 ander kontraſtiren, wenn man den Charakter je⸗ des Thales zu perſonifiziren weiß. Es ſind drey Frauengeſtalten, wovon man nicht ſo leicht zu entſcheiden vermag, welche die Schönſte ſey. Von der lieben, ſüßen Ilſe und wie ſüß und lieblich ſie mich empfangen, habe ich ſchon geſagt und geſungen. Die düſtere Schöne, die Bode, empfing mich nicht ſo gnädig, und als ich ſie im ſchmiededunkeln Rübeland zuerſt er⸗ blickte, ſchien ſie gar mürriſch und verhüllte ſich in einen ſilbergrauen Regenſchleyer: aber mit ra⸗ ſcher Liebe warf ſie ihn ab, als ich auf die Höhe der Roßtrappe gelangte, ihr Antlitz leuch⸗ tete mir entgegen in ſonnigſter Pracht, aus allen Zügen hauchte eine koloſſale Zärtlichkeit, und aus der bezwungenen Felſenbruſt drang es hervor wie Sehnſuchtſeufzer und ſchmelzende Laute der Weh⸗ muth. Minder zärtlich, aber fröhlicher, zeigte ſich mir die ſchöne Selke, die ſchöne, liebens⸗ 238 würdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle ſentimentale Familiarität entfernt hält, die aber doch durch ein halbverſtecktes Lächeln ihren neckenden Sinn verräth; und dieſem möchte ich es wohl zuſchreiben, daß mich im Selkethal gar mancherley kleines Ungemach heim⸗ ſuchte, daß ich, indem ich über das Waſſer ſpringen wollte, juſt in die Mitte hineinplumpſte, daß nachher, als ich das naſſe Fußzeug mit Pantoffeln vertauſcht hatte, einer derſelben mir abhanden, oder vielmehr abfüßen kam, daß mir ein Windſtoß die Mütze entführte, daß mir Wald⸗ dorne die Beine zerfetzten, u. leider ſ. w. Doch . all dieſes Ungemach verzeihe ich gern der ſchönen Dame, denn ſie iſt ſchön. Und jetzt ſteht ſie or meiner Einbildung mit all ihrem ſtillen Lieb⸗ reiz, und ſcheint zu ſagen: wenn ich auch lache, ſo meine ich es doch gut mit Ihnen, und ich bitte Sie, beſingen Sie mich. Die herrliche 239 Bode tritt ebenfalls hervor in meiner Erinne⸗ rung, und ihr dunkles Auge ſpricht: du gleichſt mir im Stolz und im Schmerze, und ich will, daß du mich liebſt. Auch die ſchöne Ilſe kommt herangeſprungen, zierlich und bezaubernd in Miene, Geſtalt und Bewegung; ſie gleicht ganz dem hol⸗ den Weſen, das meine Träume beſeligt, und ganz, wie Sie, ſchaut ſie mich an, mit un⸗ widerſtehlicher Gleichgültigkeit und doch zugleich ſo innig, ſo ewig, ſo durchſichtig wahr— Nun, ich bin Paris, die drey Göttinnen ſtehen vor mir, und den Apfel gebe ich der ſchönen Ilſe. Es iſt heute der erſte May, wie ein Meer des Lebens ergießt ſich der Frühling über die Erde, der weiße Blüthenſchaum bleibt an den Bäumen hängen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbreitet ſich überall, in der Stadt blitzen freu⸗ dig die Fenſterſcheiben der Häuſer, an den Dä⸗ chern bauen die Spatzen wieder ihre Neſtchen, 240 auf der Straße wandeln die Leute und wundern ſich, daß die Luft ſo angreifend und ihnen ſelbſt ſo wunderlich zu Muthe iſt, die bunten Vierlan⸗ derinnen bringen Veilchenſträußer, die Waiſen⸗ kinder, mit ihren blauen Jäckchen und ihren lieben, unehelichen Geſichtchen, ziehen über den Jungfernſtieg und freuen ſich, als ſollten ſie heute einen Vater wiederfinden, der Bettler an der Brücke ſchaut ſo vergnügt, als hätte er das große Loos gewonnen, ſogar den ſchwarzen, noch un⸗ gehenkten Makler, der dort mit ſeinem ſpitzbübi⸗ ſchen Manufakturwaaren⸗Geſicht einherläuft, be⸗ ſcheint die Sonne mit ihren toleranteſten Strah⸗ len,— ich will hinauswandern vor das Thor. Es iſt der erſte May, und ich denke deiner, du ſchöne Ilſe— oder ſoll ich dich„Agnes“ nennen, weil mir dieſer Name am beſten ge⸗ fällt?— ich denke deiner, und ich möchte wieder zuſehen, wie du leuchtend den Berg hinabläufſt. 241 Am liebſten aber möchte ich unten im Thale ſtehen und dich auffangen in meine Arme.— Es iſt ein ſchöner Tag! Ueberall ſehe ich die grüne Farbe, die Farbe der Hoffnung. Ueberall, wie holde Wunder, blühen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blühen. Dieſes Herz iſt auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es iſt kein beſcheidenes Veilchen, keine lachende Roſe, keine reine Lilie, oder ſonſtiges Blümchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mädchenſinn erfreut, und ſich hübſch vor den hübſchen Buſen ſtecken läßt, und heute welkt und morgen wieder blüht. Dieſes Herz gleicht mehr jener ſchweren, aben⸗ theuerlichen Blume aus den Wäldern Braſiliens, die, der Sage nach, alle hundert Jahre nur einmal blüht. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eine ſolche Blume geſehen. Wir hörten in der Nacht einen Schuß, wie von einer Pi⸗ ſtole, und am folgenden Morgen erzählten mir Heine's Reiſebilder. 1.* 16 die Nachbarskinder, daß es ihre„Aloe“ geweſen, die mit ſolchem Knalle plötzlich aufgeblüht ſey. Sie führten mich in ihren Garten, und da ſah ich, zu meiner Verwunderung, daß das niedrige, harte Gewächs, mit den närriſch breiten, ſcharf. gezackten Blättern, woran man ſich leicht ver⸗ letzen konnte, jetzt ganz in die Höhe geſchoſſen war, und oben, wie eine goldene Krone, die herrlichſte Blüthe trug. Wir Kinder konnten nicht mahl ſo hoch hinauf ſehen, und der alte, ſchmunzelnde Chriſtian, der uns lieb hatte, baute eine hölzern Treppe um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf, wie die Katzen, und ſchauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben Strahlenfäden und wildfrem⸗ den Dufte mit unerhörter Pracht hervordrangen. Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieſes Herz nicht zum Blühen; ſo viel ich mich erin⸗ nere, hat es nur ein einziges Mal geblüht, und 243 das mag ſchon lange her ſeyn, gewiß ſchon hun⸗ dert Jahr. Ich glaube, ſo herrlich auch damals ſeine Blüthe ſich entfaltete, ſo mußte ſie doch aus Mangel an Sonnenſchein und Wärme elendig⸗ lich verkümmern, wenn ſie nicht gar von einem dunkeln Winterſturme gewaltſam zerſtört worden. Jetzt aber regt und drängt es ſich wieder in mei⸗ ner Bruſt, und hörſt du plötzlich den Schuß— Mädchen! erſchrick nicht! ich hab' mich nicht todt geſchoſſen, ſondern meine Liebe ſprengt ihre Knospe, und ſchießt empor in ſtrahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigſter Sangesfülle. 1 Iſt dir aber dieſe hohe Liebe zu hoch, Mäd⸗ chen, ſo mach es dir bequem, und beſteige die hölzerne Treppe, und ſchaue von dieſer hinab in mein blühendes Herz. Es iſt noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, und mein Herz duftet ſchon ſo ſtark, daß es mir be⸗ 16 † 244 täubend zu Kopfe ſteigt, und ich nicht mehr weiß, wo die Ironie aufhört und der Himmel anfängt, daß ich die Luft mit meinen Seufzern bevölkere, und daß ich ſelbſt wieder zerrinnen möchte in ſüße Atome, in die unerſchaffene Gottheit;— wie ſoll das erſt gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne am Himmel erſcheinen,„die unglückſel'⸗ gen Sterne, die dir ſagen können——“ CEs iſt der erſte May, der lumpigſte Laden⸗ ſchwengel hat heute das Recht, ſentimental zu werden, und dem Dichter wollteſt du es ver⸗ wehren? Nerdſee. = = 90 — — 5 5 0 2 — ε 8 ‿ 32 — — η Herrn Friedrich Merckel widmet dieſe Bilder der Nordſee der Verfaſſer. Erſte Abtheilung. 182 5. I. Abenddämmerung. Am blaſſen Meeresſtrande, Saß ich gedankenbekümmert und einſam. Die Sonne neigte ſich tiefer, und warf Glührothe Streifen auf das Waſſer, Und die weißen, weiten Wellen, Von der Fluth gedrängt, Schäumten und rauſchten näher und näher— Ein ſeltſam Geräuſch, ein Flüſtern und Pfeifen, 250 Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sauſen, Dazwiſchen ein wiegenliedheimliches Singen— Mir war als hört ich verſcholl'ne Sagen, Uralte, liebliche Mährchen, Die ich einſt, als Knabe, Von Nachbarskindern vernahm, Wenn wir am Sommerabend, Auf den Treppenſteinen der Hausthür, Zum ſtillen Erzählen niederkauerten, Mit kleinen, horchenden Herzen Und neugierklugen Augen;— Während die großen Mädchen, Neben duftenden Blumentöpfen, Gegenüber am Fenſter ſaßen, Roſengeſichter, Lächelnd und mondbeglänzt. 254 II. Sonnenuntergang. Die glühend rothe Sonne ſteigt Hinab in's weitaufſchauernde, Silbergraue Weltmeer; Luftgebilde, roſig angehaucht, Wallen ihr nach, und gegenüber, Aus herbſtlich dämmernden Wolkenſchleyern, Ein traurig todtblaſſes Antlitz, Bricht hervor der Mond, Und hinter ihm, Lichtfünkchen, Nebelweit, ſchimmern die Sterne. Einſt am Himmel, glänzten, Ehlich vereint, 3 Luna, die Göttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um ſie her die Sterne, Die kleinen, unſchuldigen Kinder. — Doch böſe Zungen ziſchelten Zwieſpalt Und es trennte ſich feindlich Das hohe, leuchtende Eh'paar. f Jetzt, am Tage, in einſamer Pracht, Ergeht ſich dort oben der Sonnengott, Ob ſeiner Herrlichkeit Angebetet und vielbeſungen Von ſtolzen, glückgehärteten Menſchen. Aber des Nachts, Am Himmel, wandelt Luna, Die arme Mutter Mit ihren verwaiſten Sternenkindern, Und ſie glänzt in ſtummer Wehmuth, Und liebende Mädchen und ſanfte Dichter Weihen ihr Thränen und Lieder. 253 Die weiche Luna! Weiblich geſinnt, Liebt ſie noch immer den ſchönen Gemahl. Gegen Abend, zitternd und bleich, Lauſcht ſie hervor aus leichtem Gewölk, Und ſchaut nach dem Scheidenden, ſchmerzlich, Und möchte ihm ängſtlich rufen:„Komm! Komm! die Kinder verlangen nach Dir—“ Aber der trotzige Sonnengott, Bey dem Anblick der Gattin, erglüht' er In dopeltem Purpur, Vor Zorn und Schmerz, Und unerbittlich eilt er hinab In ſein fluthenkaltes Wittwerbett. Böſe, ziſchelnde Zungen Brachten alſo Schmerz und Verderben Selbſt über ewige Götter. Und die armen Götter, oben am Himmel Wandeln ſie, qualvoll, Troſtlos unendliche Bahnen, Und können nicht ſterben, Und ſchleppen mit ſich Ihr ſtrahlendes Elend. Ich aber, der Menſch, Der niedriggepflanzte, der Tod⸗beglückte, Ich klage nicht länger.— 2 Gr III. Die Nacht am Strande. Sternlos und kalt iſt die Nacht, Es gährt das Meer; Und über dem Meer', platt auf dem Bauch', Liegt der ungeſtaltete Nordwind, Und heimlich, mit ächzend gedämpfter. Stimme, Wie'n ſtörriger Griesgram, der gutgelaunt wird, Schwatzt er in's Waſſer hinein, Und erzählt viel tolle Geſchichten, Rieſenmährchen, todtſchlaglaunig, Uralte Sagen aus Norweg, Und dazwiſchen, weitſchallend, lacht er und heult er Beſchwörungslieder der Edda, Graue Runenſprüche, So dunkeltrotzig und zaubergewaltig, 256 Daß die weißen Meerkinder Hochaufſpringen und jauchzen, Uebermuth berauſcht. Derweilen, am flachen Geſtade, Ueber den fluthbefeuchteten Sand, Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen, Das wilder noch als Wind und Wellen; Wo er hintritt,— Sprühen Funken und kniſtern die Muſcheln, Und er hüllt ſich feſt in den grauen Mantel, Und ſchreitet raſch durch die wehende Nacht;— Sicher geleitet vom kleinen Lichte, Das lockend und lieblich ſchimmert, Aus einſamer Fiſcherhütte. Vater und Bruder ſind auf der See, Und mutterſeelallein blieb dort In der Hütte die Fiſchertochter, Die wunderſchöne Fiſchertochter. Am Herde ſitzt ſie Und horcht auf des Waſſerkeſſels Ahnungſüßes, heimliches Summen, Und ſchüttet kniſterndes Reiſig in's Feuer, Und bläſt hinein, Daß die flackernd rothen Lichter Zauberlieblich wiederſtrahlen Auf das blühende Antlitz, Auf die zarte, weiße Schulter, Die rührend hervorlauſcht Aus dem groben, grauen Hemde, Und auf die kleine, ſorgſame Hand, Die das Unterröckchen feſter bindet, Um die feine Hüfte. Aber plötzlich, die Thür ſpringt auf, Und es tritt herein der nächtige Fremdling; Liebeſicher ruht ſein Auge Auf dem weißen, ſchlanken Mädchen, Das ſchauernd vor ihm ſteht, Heine's Reiſebilder. I. 17 258 Gleich einer erſchrockenen Lilje; Und er wirft den Mantel zur Erde, Und lacht und ſpricht: Siehſt du, mein Kind, ich halte Wort, Und ich komme, und mit mir kommt Die alte Zeit, wo die Götter des Himmels Niederſtiegen zu Töchtern der Menſchen, Und die Töchter der Menſchen umarmten, Und mit ihnen zeugten Zeptertragende Königsgeſchlechter Und Helden, Wunder der Welt. Doch ſtaune, mein Kind, nicht länger Ob meiner Göttlichkeit, Und ich bitte dich, koche mir Thee mit Rum, Denn draußen war's kalt, Und bey ſolcher Nachtluft Frieren auch wir, wir ewigen Götter, Und kriegen wir leicht den göttlichſten Schnupfen, Und einen unſterblichen Huſten. 259 IV. Poſeidon. Die Sonnenlichter ſpielten Ueber das weithinrollende Meer; Fern' auf der Rehde glänzte das Schiff, Das mich zur Heimath tragen ſollte; Aber es fehlte an gutem Fahrwind, Und ich ſaß noch ruhig auf weißer Dühne, Am einſamen Strand, Und ich las das Lied vom Odüſſeus, Das alte, ewig junge Lied, Aus deſſen meerdurchrauſchten Blättern Mir freudig entgegenſtieg Der Athem der Götter, Und der leuchtende Menſchenfrühling Und der blühende Himmel von Hellas. 17* 260 Mein edles Herz begleitete treulich Den Sohn des Laértes, in Irrfahrt und Drangſal,— Setzte ſich mit ihm, ſeelenbekümmert, An gaſtliche Heerde, Wo Königinnen Purpur ſpinnen, Und half ihm lügen und glücklich entrinnen Aus Rieſenhöhlen und Nymphenarmen, Folgte ihm nach in kümeriſche Nacht, Und in Sturm und Schiffbruch, Und duldete mit ihm unſägliches Elend. Seufzend ſprach ich: Du böſer Poſeidon, Dein Zorn iſt furchtbar, Und mir ſelber bangt Ob der eigenen Heimkehr. Kaum ſprach ich die Worte, Da ſchäumte das Meer, Und aus den weißen Wellen ſtieg Das ſchilfbekränzte Haupt des Meergotts⸗ Und höhniſch rief er: 264 Fürchte dich nicht, Poetlein! Ich will nicht im g'ringſten gefährden Dein armes Schiffchen, Und nicht dein liebes Leben beängſt'gen Mit allzubedenklichem Schaukeln. Denn du, Poetlein, haſt nie mich erzürnt, Du haſt kein einziges Thürmchen verletzt An Priamos heiliger Veſte, Kein einziges Härchen haſt du verſengt Am Aug' meines Sohns Polüphemos, Und dich hat niemals rathend beſchützt Die Göttin der Klugheit, Pallas Athene. Alſo rief Poſeidon Und tauchte zurück in's Meer; Und über den groben Seemannswitz Lachten unter dem Waſſer Amphitrite, das plumpe Fiſchweib, Und die dummen Töchter des Nereus. Huldigung. Ihr Lieder! Ihr meine guten Lieder! Auf, auf! und wappnet Euch! Laßt die Trompeten klingen, Und hebt mir auf den Schild Dies junge Mädchen, Das jetzt mein ganzes Herz Beherrſchen ſoll, als Königin. Heil dir! du junge Königin! Von der Sonne droben Reiß' ich das ſtrahlend rothe Gold, Und webe draus ein Diadem Für dein geweihtes Haupt. Von der flatternd blauſeid'nen Himmelsdecke, Worin die Nachtdiamanten blitzen, Schneid' ich ein koſtbar Stück, Und häng' es dir, als Krönungsmantel, Um deine königliche Schulter. Ich gebe dir einen Hofſtaat Von ſteifgeputzten Sonetten, Stolzen Terzinen und höflichen Stanzen; Als Läufer diene dir mein Witz, Als Hofnarr meine Phataſie, Als Herold, die lachende Thräne im Wappen, Diene dir mein Humor. Aber ich ſelber, Königin, Ich kniee vor dir nieder, Und huld'gend, auf rothem Sammetkkiſſen, Ueberreiche ich Dir Das bischen Verſtand, Das mir, aus Mitleid, noch gelaſſen hat Deine Vorgängerin im Reich. Erklärung. 1 Herangedämmert kam der Abend, Wilder toſte die Fluth, Und ich ſaß am Strand, und ſchaute zu Dem weißen Tanz der Wellen, Und meine Bruſt ſchwoll auf wie das Meer, Und ſehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh Nach dir, du holdes Bild, Das überall mich umſchwebt, Und überall mich ruft, Ueberall, überall, Im Sauſen des Windes, im Brauſen des Meers, Und im Seufzen der eigenen Bruſt. Mit leichtem Rohr ſchrieb ich in den Sand: „Agnes, ich liebe Dich!“ Doch böſe Wellen ergoſſen ſich Ueber das ſüße Bekenntniß, Und löſchten es aus. Zerbrechliches Rohr, zerſtiebender Sand, Zerfließende Wellen, Euch trau' ich nicht mehr! Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder, Und mit ſtarker Hand aus Norwegs Wäldern Reiß ich die höchſte Tanne, Und tauche ſie ein In des Aetna's glühenden Schlund, und mit ſolcher Feuergetränkten Rieſenfeder Schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke: „Agnes, ich liebe Dich!“ Jedwede Nacht lodert alsdann Dort oben die ewige Flammenſchrift, Und alle nachwachſende Enkelgeſchlechter Leſen jauchzend die Himmelsworte: „Agnes, ich liebe Dich!“ VII. Nachts in der Cajüte. Das Meer hat ſeine Perlen, Der Himmel hat ſeine Sterne, Aber mein Herz, mein Herz, Mein Herz hat ſeine Liebe. Groß iſt das Meer und der Himmel, Doch größer iſt mein Herz, Und ſchöner als Perlen und Sterne Leuchtet und ſtrahlt meine Liebe. Du kleines, junges Mädchen, Komm an mein großes Herz; Mein Herz und das Meer und der Himmel Vergehn vor lauter Liebe. *†*† + 26² An die blaue Himmelsdecke, Wo die ſchönen Sterne blinken, Möcht' ich preſſen meine Lippen, Preſſen wild und ſtürmiſch weinen. Jene Sterne ſind die Augen Meiner Liebſten, tauſendfältig Schimmern ſie und grüßen freundlich, Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdeike, Nach den Augen der Geliebten, Heb' ich andachtsvoll die Arme, Und ich bete und ich flehe: Holde Augen, Gnadenlicher, O, beſeligt meine Seele, Laßt mich ſterben und erwerben Euch und Euren ganzen Himmel! *„* 268 Aus den Himmelsaugen droben, Fallen zitternd lichte Funken Durch die Nacht, und meine Seele Dehnt ſich liebeweit und weiter. O, Ihr Himmelsaugen droben! Weint Euch aus in meine Seele, Daß von lieben Sternenthränen Ueberfließet meine Seele. ** * Eingewiegt von Meereswellen, Und von träumenden Gedanken, Lieg' ich ſtill in der Cajüte, In dem dunkeln Winkelbette. Durch die off'ne Luke ſchau' ich Droben hoch die hellen Sterne, Die geliebten, ſüßen Augen Meiner ſüßen Vielgeliebten. 269 Die geliebten, ſüßen Augen, Wachen über meinem Haupte, Und ſie klingen und ſie winken Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdecke Schau' ich ſelig lange Stunden, Bis ein weißer Nebelſchleier Mir verbirgt die lieben Augen. An die bretterne Schiffswand, Wo mein träumendes Haupt liegt, Branden die Wellen, die wilden Wellen. Sie rauſchen und murmeln Mir heimlich in's Ohr: „Bethörter Geſelle! Dein Arm iſt kurz, und der Himmel iſt weit, Und die Sterne droben ſind feſtgenagelt, 270 Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen, Das Beſte wäre, du ſchliefeſt ein.“ Es träumte mir von einer weiten Haide, Weit überdeckt von weißem, weißem Schnee, Und unter'm weißen Schnee lag ich begraben, Und ſchlief den einſam kalten Todesſchlaf. Doch droben aus dem dunkeln Himmel ſchauten Herunter auf mein Grab die Sternenaugen, Die ſüßen Augen! und ſie glänzten ſieghaft Und ruhig heiter, aber voller Liebe. XI. Reinigung. Bleib' Du in Deiner Meerestiefe, Wahnſinniger Traum, Der mſt ſo manche Nacht Mein Herz mit falſchem Glück gequält haſt Und jetzt, als Seegeſpenſt, Sogar am hellen Tag' mich bedroheſt— Bleib' Du dort unten, in Ewigkeit, Und ich werfe noch zu Dir hinab All meine Schmerzen und Sünden Und die Schaleglabpe der Thorheit, Die ſo lange mein Haupt umklingelt, Und die kalte, gleißende Schlangenhaut Der Heucheley, Die mir ſo lang' die Seele umwunden, Die kranke Seele, Die gottverleugnende, engelverleugnende, Unſelige Seele— Hoiho! Hoiho! Da kommt der Wind! Die Segel auf! Sie flattern und ſchwell'n; Ueber die ſtillverderbliche Fläche Eilet das Schiff, Und es jauchzt die befreyte Seele. Frieden. Hoch am Himmel ſtand die Sonne, Von weißen Wolken umwogt, Das Meer war ſtill, . Und ſinnend lag ich am Steuer des Schiffes, Träumeriſch ſinnend,— und halb im Wachen Und halb im Schlummer, ſchaute ich Chriſtus, Den Heiland der Welt. Im wallend weißen Gewande Wandelt er rieſengroß Ueber Land und Meer; Es ragte ſein Haupt in den Himmel, Die Hände ſtreckte er ſegnend Ueber Land und Meer; Und als ein Herz in der Bruſt Trug er die Sonne, 284 Die rothe, flammende Sonne, Und das rothe, flammende Sonnenherz Goß ſeine Gnadenſtrahlen Und ſein holdes, liebſeliges Licht, Erleuchtend und wärmend, Ueber Land und Meer. Glockenklänge zogen feierlich Hin und her, zogen wie Schwäne, Am Roſenbande, das gleitende Schiff, Und zogen es ſpielend an's grüne Ufer, Wo Menſchen wohnen, in hochgethürmter, Ragender Stadt. O Friedenswunder! Wie ſtill die Stadt! Es ruhte das dumpfe Geräuſch Der ſchwatzenden, ſchwülen Gewerbe, Und durch die reinen, hallenden Straßen Zogen Menſchen, weißgekleidete, Palmzweig⸗tragende, Und wo ſich Zwey begegneten, 285 Sahn ſie ſich an, verſtändnißinnig, Und ſchauernd, in Liebe und ſüßer Entſagung, Küßten ſie ſich auf die Stirne, Und ſchauten hinauf Nach des Heilands Sonnenherzen, Das freudig verſöhnend ſein rothes Blut Hinunterſtrahlte, Und dreymalſelig ſprachen ſie: Gelobt ſey Jeſu Chriſt! * 4* * Hätteſt du doch dies Traumbild erſonnen, Was gäbeſt du d'rum, Geliebteſter! Der du in Kopf und Lenden ſo ſchwach, Und im Glauben ſo ſtark biſt, Und die Dreyfaltigkeit ehreſt in Einfalt, Und den Mops und das Kreuz und die Pfote Der hohen Gönnerin täglich küſſeſt, Und dich hinaufgefrömmelt haſt Zum Hofrath und dann zum Juſtizrath. Und endlich zum Rathe bey der Regierung, In der frommen Stadt, Wo der Sand und der Glauben blüht, Und der heiligen Sprea geduldiges Waſſer Die Seelen wäſcht und den Thee verdünnt— Hätteſt du doch dies Tranmbild erſonnen, Geliebteſter! Du trügeſt es, höheren Ortes, zu Markt, Dein weiches, blinzelndes Antlitz Verſchwämme ganz in Andacht und Demuth, Und die Hocherlauchte, Verzückt und wonnebebend, Sänke betend mit dir auf's Knie, Und ihr Auge, ſelig ſtrahlend, Verhieße dir eine Gehaltzulage, Von hundert Thalern Preußiſch Courant, Und du ſtammelteſt händefaltend: Gelobt ſey Jeſu Chriſt! ½ Zweite Abtheilung. 1 8.2 6. I. Meergruß. Thalatta! Thalatta! Sey mir gegrüßt, du ewiges Meer! Sey mir gegrüßt zehntauſendmal Aus jauchzendem Herzen, Wie einſt dich begrüßten Zehntauſend Griechenherzen, Unglückbekämpfende, heimathverlangende, Weltberühmte Griechenherzen. 288 Es wogten die Fluthen, Sie wogten und brauſten, Die Sonne goß eilig herunter Die ſpielenden Roſenlichter, Die aufgeſcheuchten Mövenzüge Flatterten fort, lautſchreyend, Es ſtampften die Roſſe, es klirrten die Schilde, Und weithin erſcholl es, wie Siegesruf: Thalatta! Thalatta! Sey mir gegrüßt, du ewiges Meer, Wie Sprache der Heimath rauſcht mir dein Waſſer, Wie Träume der Kindheit ſah' ich es flimmern Auf deinem wogenden Wellengebiet, Und alte Erinn'rung erzählt mir auf's neue, Von all dem lieben, herrlichen Spielzeug, Von all den blinkenden Weihnachtsgaben, Von all den rothen Corallenbäumen, Goldfiſchchen, Perlen und bunten Muſcheln, 289 Die du geheimnißvoll bewahrſt Dort unten im klaren Kryſtallhaus. Ol wie hab' ich geſchmachtet in öder Fremde! Gleich einer welken Blume In des Botanikers blecherner Kapſel, Lag mir das Herz in der Bruſt; Mir iſt, als ſaß ich winterlange, Ein Kranker, in dunkler Krankenſtube, Und nun verlaß ich ſie plötzlich, Und blendend ſtrahlt mir entgegen Der ſchmaragdene Frühling, der ſonnengeweckte, Und es rauſchen die weißen Blüthenbäume, Und die jungen Blumen ſchauen mich an, Mit bunten, duftenden Augen, Und es duftet und ſummt, und athmet und lacht, Und im blauen Himmel ſingen die Vöglein— Thalatta! Thalatta! Du tapferes Ruckzugherz! Wie oft, wie bitteroft Heine's Reiſebilder. I. 19 290 Bedrängten dich des Nordens Barbarinnen! Aus großen, ſiegenden Augen Schoſſen ſie brennende Pfeile; Mit krummgeſchliffenen Worten Drohten ſie mir die Bruſt zu ſpalten, Mit Keilſchriftbillets zerſchlugen ſie mir Das arme betäubte Gehirn— Vergebens hielt ich den Schild entgegen, Die Pfeile ziſchten, die Hiebe krachten, Und von des Nordens Barbarinnen Ward ich gedrängt bis an's Meer, Und freyaufathmend begrüß' ich das Meer, Das liebe, rettende Meer, Thalatta! Thalatta! 291 II. Gewitter. Dumpf liegt auf dem Meer' das Gewitter Und durch die ſchwarze Wolkenwand Zuckt der zackige Wetterſtrahl, Raſch aufleuchtend und raſch verſchwindend, Wie'n Witz aus dem Haupte Kronions. Ueber das wüſte, wogende Waſſer Weithin rollen die Donner Und ſpringen die weißen Wellenroſſe, Die Boreas ſelber gezeugt Mit des Erichthons reizenden Stuten, Und es flattert ängſtlich das Seegevögel, Wie Schattenleichen am Styr, Die Charon abwies vom nächtlichen Kahn. 19* 292 Armes, luſtiges Schifflein, Das dort dahintanzt den ſchlimmſten Tanz! Aeolus ſchickt ihm die flinkſten Geſellen, Die wild aufſpielen zum fröhlichen Reigen; Der Eine pfeift, der Andere bläſt, Der Dritte ſtreicht den dumpfen Brummbaß— Und der ſchwankende Seemann ſteht am Steuer, Und ſchaut beſtändig nach der Buſſole, „Der zitternden Seele des Schiffes, Und hebt die Hände flehend zum Himmel: O rette mich, Kaſtor, rieſiger Held, und Du, Kämpfer der Fauſt, Polydeukes! 293 2 III. Der Schiffbrüchige. Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert! Und ich ſelber, gleich einer Leiche, Die grollend ausgeworfen das Meer, Lieg' ich am Strande, Am öden, kahlen Strande. Vor mir woget die Waſſerwüſte, Hinter mir liegt nur Kummer und Elend, Und über mich hin ziehen die Wolken, Die formlos grauen Töchter der Luft, Die aus dem Meer, in Nebeleimern, Das Waſſeer ſchöpfen, Und es mühſam ſchleppen und ſchleppen, Und es wieder verſchütten in's Meer, Ein trübes, langweil'ges Geſchäft, Und nutzlos wie mein eignes Leben. 294 Die Wogen murmeln, die Möven ſchrillen, Alte Erinn'rungen wehen mich an,— Vergeſſene Träume, erloſchene Bilder, Oualvoll ſüße, tauchen hervor! . Es lebt ein Weib im Norden, Ein ſchönes Weib, königlich ſchön. Die ſchlanke Zypreſſengeſtalt Umſchließt ein lüſtern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eine ſelige Nacht, ergießt ſich Von dem hohen, flechtengekrönten Haupte, Sie ringelt ſich träumeriſch ſüß Um das ſüße, blaſſe Antlitz: Und aus dem ſüßen, blaſſen Antlitz, Groß und gewaltig, ſtrahlt ein Auge, Wie eine ſchwarze Sonne. O, du ſchwarze Sonne, wie oft, Entzückend oft, trank ich aus dir 295 Die wilden Begeiſt'rungsflammen, Und ſtand und taumelte, feuerberauſcht— Dann ſchwebte ein taubenmildes Lächeln Um die hochgeſchürzten, ſtolzen Lippen, Und die hochgeſchürzten, ſtolzen Lippen Hauchten Worte, ſüß wie Mondlicht Und zart wie der Duft der Roſe— Und meine Seele erhob ſich Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel! Schweigt, ihr Wogen und Möven! Vorüber iſt Alles, Glück und Hoffnung, Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden, Ein öder, ſchiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz In den feuchten Sand. Untergang der Sonne. Die ſchöne Sonne Iſt ruhig hinabgeſtiegen in's Meer; Die wogenden Waſſer ſind ſchon gefärbt Von der dunkeln Nacht, Nur noch die Abendröthe Ueberſtreut ſie mit goldnen Lichtern, Und die rauſchende Fluthgewalt Drängt an's Ufer die weißen Wellen, Die luſtig und haſtig hüpfen, Wie wollige Lämmerheerden, Die Abends der ſingende Hirtenjunge Nach Hauſe treibt. Wie ſchön iſt die Sonne! So ſprach nach langem Schweigen der Freund, Der mit mir am Strande wandelte, 297 Und ſcherzend, halb und halb wehmüthig, Verſichert' er mir: die Sonne ſey Eine ſchöne Frau, die den alten Meergott Aus Convenienz geheurathet; Des Tages über wandle ſie freudig Am hohen Himmel, purpurgeputzt, Und diamantenblitzend, Und allgeliebt und allbewundert Von allen Weltkreaturen, Und alle Weltkreaturen erfreuend Mit ihres Blickes Licht und Wärme; Aber des Abends, troſtlos gezwungen, Kehre ſie wieder zurück In das naſſe Haus, in die öden Arme Des greiſen Gemahls. „Glaub mir's,“— ſetzte hinzu der Freund, Und lachte und ſeufzte und lachte wieder— „Die führen dort unten die zärtlichſte Ehe! Entweder ſie ſchlafen oder ſie zanken ſich, 298 — Daß hochaufbrauſt hier oben das Meer, Und der Fiſcher im Wellengeräuſch es hört Wie der Alte ſein Weib ausſchilt: Runde Metze des Weltalls! Strahlenbuhlende! Den ganzen Tag glühſt du für Andere, Und Nachts, für Mich, biſt du froſtig und müde! Nach ſolcher Gardinenpredigt, Verſteht ſich! bricht dann aus in Thränen Die ſtolze Sonne und klagt ihr Elend, Und klagt ſo jammerlang, daß der Meergott Plötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett ſpringt, Und ſchnell nach der Meeresfläche heraufſchwimmt, Um Luft und Beſinnung zu ſchöpfen.“ „So ſah ich ihn ſelbſt, verfloſſene Nacht, Bis an die Bruſt dem Meer enttauchen. Er trug eine Jacke von gelbem Flanell, Und eine liljenweiße Schlafmütz, Und ein abgewelktes Geſicht.“ V. Der Geſang der Okeaniden. Abendlich blaſſer wird es am Meere, Und einſam, mit ſeiner einſamen Seele, Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand, Und ſchaut, todtkalten Blickes, hinauf Nach der weiten, todtkalten Himmelswölbung, Und ſchaut auf das weite, wogende Meer, Und über das weite, wogende Meer, Wie Lüfteſegler, ziehn ſeine Seuſzer, Und kehren wieder, trübſelig, Und hatten verſchloſſen gefunden das Herz, Worin ſie ankern wollten— Und er ſtöhnt ſo laut, daß die weißen Möven, Aufgeſcheucht aus den ſandigen Neſtern, Ihn heerdenweiſ' umflattern, Und er ſpricht zu ihnen die lachenden Worte: 300 — Schwarzbeinigte Vögel, Mit weißen Flügeln Meer⸗überflatternde, Mit krummen Schnäbeln Seewaſſer⸗ſaufende, Und thranigtes Robbenfleiſch⸗freſſende, Eu'r Leben iſt bitter wie Eure Nahrung! Ich aber, der Glückliche, koſte nur Süßes! Ich koſte den ſüßen Duft der Roſe, Der Mondſchein⸗gefütterten Nachtigallbraut, Ich koſte noch ſüßere Joſty⸗Baiſers, Und das Allerſüßeſte koſt' ich: Süße Liebe und ſüßes Geliebtſeyn. Sie liebt mich! Sie liebt mich! die holde Jungfrau! Jetzt ſteht ſie daheim am Erker des Hauſes, Und ſchaut in die Dämm'rung hinaus, auf die Landſtraß', Und horcht und ſehnt ſich nach mir— wahrhaftig Vergebens ſpäht ſie umher und ſie ſeufzet, Und ſeufzend ſteigt ſie hinab in den Garten, 301 Und wandelt in Duft und Mordſchein, Und ſpricht mit den Blumen, erzählet ihnen: Wie ich, der Geliebte, ſo lieblich bin Und ſo liebenswürdig— wahrhaftig! Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum, Umgaukelt ſie ſelig mein theures Bild, Sogar des Morgens, bey'm Frühſtück, Auf dem glänzenden Butterbrodte, Sieht ſie mein lächelndes Antlitz, Und ſie frißt es auf vor Liebe— warhaftig! Alſo prahlt er und prahlt er, Und zwiſchendrein ſchrillen die Möven, Wie altes, ironiſches Kichern; Die Dämm rungsnebel ſteigen herauf; Aus violettem Gewölk, unheimlich, Schaut hervor der grasgelbe Mond; Hochaufrauſchen die Meereswogen, Und tief aus hochaufrauſchendem Meer, Wehmüthig wie flüſternder Windzug, Tönt der Geſang der Okeaniden, Der ſchönen, mitleidigen Waſſerfrau'n, Vor allen vernehmbar die liebliche Stimme Der ſilberfüßigen Peleus⸗Gattinn, wen Und ſie ſeufzen und ſingen: O Thor, du Thor! du prahlender Thor! Du Kummergequälter! Dahingemordet ſind all deine Hoffnungen, Die tändelnden Kinder des Herzens, Und ach! dein Herz, dein Niobe⸗Herz Verſteinert vor Gram! In deinem Haupte wird's Nacht, Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnſinns, Und du prahlſt vor Schmerzen! O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Halsſtarrig biſt du wie dein Ahnherr, Der hohe Titane, der himmliſches Feuer Den Göttern ſtahl und den Menſchen ſchenkte, Und Geyer⸗gequält, Felſen⸗gefeſſelt, 303 Olympauftrotzte und trotzte und ſtöhnte, Daß wir es hörten im tiefen Meer, Und zu ihm kamen mit Troſtgeſang. O Thor, du Thor! du prahlender Thor! Du aber biſt ohnmächtiger noch, Und es wäre vernünftig, du ehrteſt die Götter, Und trügeſt geduldig die Laſt des Elends, Und trügeſt geduldig ſo lange, ſo lange, Bis Atlas ſelbſt die Geduld verliert, Und die ſchwere Welt von den Schultern abwirft In die ewige Nacht. So ſcholl der Geſang der Okeaniden, Der ſchönen mitleidigen Waſſerfrau'n, Bis lautere Wogen ihn überrauſchten— Hinter die Wolken zog ſich der Mond, Es gähnte die Nacht, 1 Und ich ſaß noch lange im Dunkeln und weinte. VI. Die Götter Griechenlands. Vollblühender Mond! In deinem Licht, Wie fließendes Gold, erglänzt das Meer; Wie Tagesklarheit, doch dämmrig verzaubert, Liegt's über der weiten Strandesfläche; Und am hellblau'n, ſternloſen Himmel Schweben die weißen Wolken, Wie koloſſale Götterbilder Von leuchtendem Marmor. Nein, nimmermehr, das ſind keine Wolken! Das ſind ſie ſelber, die Götter von Hellas, Die einſt ſo freudig die Welt beherrſchten, Doch jetzt, verdrängt und verſtorben, Als ungeheure Geſpenſter dahinziehn Am mitternächtlichen Himmel. 3⁰⁵ Staunend, und ſeltſam geblendet, betracht' ich Das luftige Phanteon, Die feyerlich ſtummen, graunhaft bewegten Rieſengeſtalten. Der dort iſt Kronion, der Himmelskönig, Schneeweiß ſind die Locken des Haupts, Die berühmten, olymposerſchütternden Locken, Er hält in der Hand den erloſchenen Blitz, In ſeinem Geſichte liegt Unglück und Gram, Und doch noch immereder alte Stolz. Das waren beſſere Zeiten, o Zeus, Als du dich himmliſch ergötzteſt, An Knaben und Nymphen und Hekatomben! Doch auch die Götter regieren nicht ewig, Die jungen verdrängen die alten, Wie du einſt ſelber den greiſen Vater Und deine Titanen⸗Oehme verdrängt haſt, Jupiter Parricida! Auch dich erkenn' ich, ſtolze Hexe! Trotz all deiner eiferſüchtigen Angſt, Heine's Reiſebilder. I. 20 306 Hat doch eine Andre das Zepter gewonnen, Und du biſt nicht mehr die Himmelskön'gin, Und dein großes Aug' iſt erſtarrt, Und deine Liljenarme ſind kraftlos, Und nimmermehr trifft deine Rache Die gottbefruchtete Jungfrau Und den wunderthätigen Gottesſohn. Auch dich erkenn' ich, Pallas Athene! Mit Schild und Weisheit konnteſt du nicht Abwehren das Götterverderben? Auch dich erkenn' ich, auch dich, Aphrodite! Einſt die goldene! jetzt die ſilberne! Zwar ſchmückt dich noch immer des Gürtels Liebreiz; Doch graut mir heimlich vor deiner Schönheit, Und wollt' mich beglücken dein gütiger Leib, Wie andere Helden, ich ſtürbe vor Angſt; Als Leichengöttin erſcheinſt du mir, Venus Libitina! Nicht mehr mit Liebe ſchaut nach dir, Dort, der ſchreckliche Ares. 307 Es ſchaut ſo traurig Phöbos Apollo, Der Jüngling. Es ſchweigt ſeine Ley'r, Die ſo freudig erklungen bey'm Göttermahl. Noch trauriger ſchaut Hephaiſtos, Und wahrlich, der Hinkende! nimmermehr Fällt er Hebe'n in's Amt, Und ſchenkt geſchäftig, in der Verſammlung, Den lieblichen Nektar.— Und längſt iſt erloſchen Das unauslöſchliche Göttergelächter. Ich hab' Euch niemals geliebt, Ihr Götter! Denn widerwärtig ſind mir die Griechen, Und gar die Römer ſind mir verhaßt. Doch heil'ges Erbarmen und ſchauriges Mitleid Durchſtrömt mein Herz, Wenn ich Euch jetzt da droben ſchaue, Verlaſſene Götter, Todte, nachtwandelnde Schatten, Nebelſchwache, die der Wind verſcheucht— Und wenn ich bedenke, wie feig und windig 20* 308 Die Götter ſind, die Euch beſiegten, Die neuen, herrſchenden, triſten Götter, Die Schadenfrohen im Schafspelz der Demuth— O da faßt mich ein düſterer Groll, Und brechen möcht' ich die neuen Tempel, Und kämpfen für Euch, Ihr alten Götter, Für Euch und Eu'r gutes, ambroſiſches Recht, Und vor Euren hohen Altären, Den wiedergebauten, den opferdampfenden, Möcht' ich ſelber knien und beten, Und flehend die Arme erheben— Denn, immerhin, Ihr alten Götter, Habt Ihr's auch eh'mals, in Kämpfen der Menſchen, Stets mit der Parthey der Sieger gehalten, So iſt doch der Menſch großmüth'ger als Ihr, Und in Götterkämpfen halt' ich es jetzt Mit der Parthey der beſiegten Götter. *** 309 Alſo ſprach ich, und ſichtbar errötheten Droben die blaſſen Wolkengeſtalten, Und ſchauten mich an wie Sterbende, Schmerzenverklärt, und ſchwanden plötzlich. Der Mond verbarg ſich eben Hinter Gewölk, das dunkler heranzog; Hochaufrauſchte das Meer, Und ſiegreich traten hervor am Himmel Die ewigen Sterne. 3140 VII. Fragen. Am Meer, am wüſten, nächtlichen Meer Steht ein Jüngling-Mann, Die Bruſt voll Wehmuth, das Haupt voll Zweifel, Und mit düſteren Lippen fragt er die Wogen: „O löſ't mir das Räthſel des Lebens, Das qualvoll uralte Räthſel, Worüber ſchon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und ſchwarzem Barett, Perückenhäupter und tauſend andre Arme, ſchwitzende Menſchenhäupter— Sagt mir, was bedeutet der Menſch? 314 Woher iſt er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?⸗ Es murmeln die Wogen ihr ew' ges Gemurmel, Es weht der Wind, es fliehen die Wolken, Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt, Und ein Narr wartet auf Antwort. re 2 Prſurn) ——— 3¹1² VIII. Der Phönix. Es kommt ein Vogel geflogen aus Weſten, Er fliegt gen Oſten, Nach der öſtlichen Gartenheimath, Wo Spezereyen duften und wachſen, Und Palmen rauſchen und Brunnen kühlen— Und fliegend ſingt der Wundervogel: „Sie liebt ihn, ſie liebt ihn! Sie trägt ſein Bildniß im kleinen Herzen, Und trägt es ſüß und heimlich verborgen, Und weiß es ſelbſt nicht! Aber im Traum ſteht er vor ihr, Sie bittet und weint und küßt ſeine Hände, 313 Und ruft ſeinen Namen, Und rufend erwacht ſie und liegt erſchrocken, Und reibt ſich verwundernd die ſchönen Augen— Sie liebt ihn! ſie liebt ihn!“ IX. Ech o. An den Maſtbaum gelehnt, auf dem hohen Verdeck, Stand ich und hört' ich des Vogels Geſang. Wie ſchwarzgrüne Roſſe mit ſilbernen Mähnen, Sprangen die weißgekräuſelten Wellen, Wie Schwänenzüge ſchifften vorüber, Mit ſchimmernden Segeln, die Helgolander, Die kecken Nomaden der Nordſee; Ueber mein Haupt, im ewigen Blau, Hinflatterte weißes Gewölk Und prangte die ewige Sonne, Die Roſe des Himmels, die feuerblühende, Die freudvoll ſich im Meer beſpiegelte; Und Himmel und Meer und mein eignes Herz Ertönten im Nachhall: Sie liebt ihn! ſie liebt ihn! 4 315 X. Seekrankheit. Die grauen Nachmittagswolken Senken ſich tiefer hinab auf das Meer, Das ihnen dunkel entgegenſteigt, Und zwiſchendurch jagt das Schiff. Seekrank ſitz' ich noch immer am Maſtbaum, Und mache Betrachtungen über mich ſelber, Uralte, aſchgraue Betrachtungen, Die ſchon der Vater Loth gemacht, Als er des Guten zu viel genoſſen, Und ſich nachher ſo übel befand. Mitunter denk' ich auch alter Geſchichten: Wie kreuzbezeichnete Pilger der Vorzeit, Auf ſtürmiſcher Meerfahrt, das troſtreiche Bildniß Der heiligen Jungfrau gläubig küßten; 316 Wie kranke Ritter, in ſolcher Seenoth, Den lieben Handſchuh ihrer Dame 1 An die Lippen preßten, gleichgetröſtet— Ich aber ſitze und kaue verdrießlich Einen alten Hering, den ſalzigen Tröſter In Katzenjammer und Hundetrübſal! Unterdeſſen kämpft das Schiff Mit der wilden, wogenden Fluth; X Wie'n bäumendes Schlachtroß ſtellt es ſich jetzt„ Auf das Hintertheil, daß das Steuer kracht, Jetzt ſtürzt es kopfüber wieder hinab In den heulenden Waſſerſchlund, Dann wieder, wie ſorglos liebematt, Denkt es ſich hinzulegen An den ſchwarzen Buſen der Rieſenwelle, Die mächtig heranbrauſt, Und plötzlich, ein wüſter Meerwaſſerfall, In weißem Gekräuſel zuſammenſtürzt, Und mich ſelbſt mit Schaum bedeckt. —ͤͤ 317 Dieſes Schwanken und Schweben und Schaukeln Iſt unerträglich! Vergebens ſpäht mein Auge und ſucht Die deutſche Küſte. Doch ach! nur Waſſer Und abermals Waſſer, bewegtes Waſſer! Wie der Winterwandrer des Abends ſich ſehnt Nach einer warmen, innigen Taſſe Thee, So ſehnt ſich jetzt mein Herz nach dir, Mein deutſches Vaterland! Mag immerhin dein ſüßer Boden bedeckt ſeyn Mit Wahnſinn, Huſaren, ſchlechten Verſen Und laulig dünnen Traktätchen; Mögen immerhin deine Zebras Mit Roſen ſich mäſten ſtatt mit Diſteln; Mögen immerhin deine noblen Affen In müßigem Putz ſich vornehm ſpreitzen, Und ſich beſſer dünken als all das andre Banauſiſch ſchwerhinwandelnde Hornvieh; Mag immerhin deine Schneckenverſammlung 318 Sich für unſterblich halten, Weil ſie ſo langſam dahinkriecht, 4 Und mag ſie täglich Stimmen ſammeln, Ob den Maden des Käſes der Käſe gehört? Und noch lange Zeit in Berathung ziehn, Wie man die ägyptiſchen Schafe veredle, Damit ihre Wolle ſich beſſ're Und der Hirt ſie ſcheeren könne wie Andre, Ohn' Unterſchied— Immerhin, mag Thorheit und Unrecht Dich ganz bedecken, o Deutſchland! Ich ſehne mich dennoch nach dir: Denn wenigſtens biſt du doch feſtes Land. 319 XI. Im Hafen. Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat, Und hinter ſich ließ das Meer und die Stürme, Und jetzo warm und ruhig ſitzt Im guten Rathskeller zu Bremen. Wie doch die Welt ſo traulich und lieblich Im Romerglas ſich wiederſpiegelt, Und wie der wogende Mikrokosmus Sonnig hinabfließt in's durſtige Herz! Alles erblick' ich im Glas, Alte und neue Völkergeſchichte, Türken und Griechen, Hegel und Gans, Zitronenwälder und Wachtparaden, Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg, Vor allem aber das Bild der Geliebten, Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund. 320 O, wie ſchön! wie ſchön biſt du, Geliebte! Du biſt wie eine Roſe! Nicht wie die Roſe von Schiras, Die hafisbeſungene Nachtigallbraut: Nicht wie die Roſe von Saron, Die heiligrothe, prophetengefeyerte; Du biſt wie die Roſ' im Rathskeller zu Bremen! Das iſt die Roſe der Roſen, Je älter ſie wird, je lieblicher blüht ſie, Und ihr himmliſcher Duft, er hat mich beſeligt, Er hat mich begeiſtert, er hat mich berauſcht, Und hielt mich nicht feſt, am Schopfe feſt, Der Rathskellermeiſter von Bremen, Ich wäre gepurzelt! Der brave Mann! wir ſaßen beiſammen Und tranken wie Brüder, Wir ſprachen von hohen, heimlichen Dingen, Wir ſeufzten und ſanken uns in die Arme, Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe, 321 Ich trank auf das Wohl meiner bitterſten Feinde, Und allen ſchlechten Poeten vergab ich, Wie einſt mir ſelber vergeben ſoll werden; Ich weinte vor Andacht, und endlich Erſchloſſen ſich mir die Pforten des Heils, Wo die zwölf Apoſtel, die heil'gen Stückfäſſer, Schweigend pred'gen, und doch ſo verſtändlich Für alle Völker. Das ſind Männer! Unſcheinbar von außen, in hölzernen Röcklein, Sind ſie von innen ſchöner und leuchtender, Denn all die ſtolzen Leviten des Tempels, Und des Herodes Trabanten und Höflinge, Die goldgeſchmückten, die purpurgekleideten Hab' ich doch immer geſagt Nicht unter ganz gemeinen Leuten, Nein, in der allerbeſten Geſellſchaft, Lebte beſtändig der König des Himmels. Heine's Reiſebilder. I. 21 322 Die Palmen von Bath El! Wie duften die Myrrhen von Hebron! Wie rauſcht der Jordan und taumelt vor Freude Auch meine unſterbliche Seele taumelt, Und ich taunvle mit ihr und taumelnd Bringt mich die Treppe hinauf, an's Tagslicht, Der brave Rathskellermeiſter von Bremen.— Hallelujah! Wie lieblich umwehn mich Du braver Rathskellermeiſter von Bremen! 4 Siehſt du, auf den Dächern der Häuſer ſitzen Die Engel und ſind betrunken und ſingen; Die glühende Sonne droben am Himmel Iſt nur die rothe betrunkene Naſe, Die der Weltgeiſt hinausſteckt, Und um die rothe Weltgeiſtnaſe Dreht ſich die ganze betrunkene Welt. —— —— XII. Epilog. Wie auf dem Felde die Watzenhalmen, So wachſen und wogen im Menſchengeiſt Die Gedanken. Aber die zarten Gedanken der Dichter Sind wie luſtig dazwiſchen blühende, Roth und blaue Blumeg. Roth' und blaue Blumen! Der mürriſche Schnitter verwirft Euch als nutzlos, Hölzerne Flegel zerdreſchen Euch höhnend, Sogar der habloſe Wandrer, Den Eu'r Anblick ergötzt und erquickt, Schüttelt das Haupt, Und nennt Euch ſchönes Unkraut. Aber die ländliche Jungfrau, 21* Die Kränzewinderin, Verehrt Euch und pflückt Euch, Und ſchmückt mit Euch die ſchönen Locken, Und alſo geziert, eilt ſie zum Tanzplatz, Wo Pfeifen und Geigen lieblich ertönen, Oder zur ſtillen Buche, Wo die Stimme des Liebſten noch lieblicher tönt Als Pfeifen und Geigen.