9 9 9 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ALeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mek.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— — — ö ——— . Benedictus. ——— Karl Heigel. Zweiter Band. —eeee Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. Erſtes Kapitel. Faun. Coſima und Guido ſtanden auf der Treppe und winkten noch ein Adieu ihren Gäſten zu, die, von Be⸗ dienten geleitet, hinabſtiegen. Als der Wagen don⸗ nernd aus dem Thorweg fuhr, athmete Guido auf; er war dieſer Gäſte mit Freuden ledig.„Kommſt Du mit?“ fragte er, im Begriff, zu den Zechgenoſſen zurück⸗ zukehren. „Wenn Du es nicht verlangſt—“ entgegnete ſie leiſe. „Dann gute Nacht!“ „Guido!“ Er ſtieg die Stufe wieder empor. Das war ja ein ſeltener Ton! Er maß ſeine Frau mit erſtauntem Blick. Sie ſchlug die Augen zu ihm auf Heiegl, Benedietus. II. 14 2 „Ich hätte Dir etwas zu ſagen—“ Er öffnete raſch die nächſte Thür und lud durch eine Handgeberde zum Eintritt ein. Schüchtern und doch erregt, wie Marmor blaß, aber auch leuchtend, Pſyche, die vor dem Fallen der ſchützenden Hülle ſchaudert, ſtand Coſima vor ihm. Beim Himmel, dachte er, ſchön iſt ſie doch! Ihre Wimpern hatten ſich wieder geſenkt, und ihre Finger griffen fiebernd in einander. „Ich habe Dich um Verzeihung zu bitten.“ Er zuckte triumphirend empor. Alſo doch! Schwach wie alle, aber im Bekenntniß ihrer Schwäche doppelt reizend!„Wir waren beide thöricht, Coſima“, ſprach er haſtig.„Du mit Deinem Mißtrauen ſahſt zu viel, und ich war blind bisher.“ „Du biſt von Natur und durch Erziehung anders, als ich. Das hätte ich nicht vergeſſen oder früher er⸗ wägen ſollen. Ich werde den Weg zu Deinem Herzen ſuchen.“ „Du haſt's! Du haſt's!“ „Ich bin wieder Dein.“ „Mein!“ rief er, und die Leidenſchaft loderte aus ſeinem Blick.„Mein!“ wiederholte er und preßte Coſima an ſich. Im nächſten Augenblick hatte ſie ſich losgeriſſen — — 2 39 und ſtarrte, die Hände abwehrend vorgeſtreckt, mit dem— Ausdruck des Abſcheus auf ihn. „Nun? Was iſt nun wieder?“ Sie ſagte nichts, als:„Geh'!“ Er that einen ſchwankenden Schrit vorwärts, da hatte ſie, ohne ihn aus den Augen zu laſſen, die Hand am Glockenzug. Wuthſchnaubend ſchüttelte er den Arm gegen Coſima⸗ „Ich gehe“, ſagte er,„aber ich vergeſſe Dir dieſe Schmach niemals. Jetzt ſind wir geſchieden.“ Ihre Lippen bewegten ſich:„Ja!“ Um elf war Flor in ſeinem Zimmer. Er hatte ſich, wie es ſeine Gewohnheit nach größeren Strapazen gleich ſolch einem Diner war, bis zu den Füßen umgekleidet, ließ ſeinen Kammerdiener dann die brennenden Kerzen auf den Kamin ſtellen, damit ſie ihn nicht blendeten, und lehnte ſich bequem in den Lehnſtuhl zurück. „Haben Sie noch etwas, Swell?“ Letzterer fragt, ob der gnädige Herr auch heute noch einen Spaziergang machen werde. „Das hängt von den Umſtänden ab. Jedenfalls bleiben Sie vorläufig munter.“ Der Diener verneigte ſich, blieb aber ſtehen. 1* „Noch etwas?“ Mr. Swell hielt den Blick beſcheiden zur Erde gerichtet.„O, eine ſehr große Kleinigkeit! Man ſprach heute drunten vom Pavillon!“ Mit dem drunten, das er mit einer gewiſſen Verachtung aus⸗ ſprach, war das Bedientenzimmer gemeint. lor aber richtete ſich aus ſeiner bequemen Stel⸗ lung merkwürdig ſchnell empor.„Was ſprach man?“ „Von einem Gerücht, daß der Pavillon bewohnt ſei. Ein Gärtnerburſche will darin ſingen gehört und einer der Leibjäger heute eine weißgekleidete fremde Dame in der Nähe des Pavillons geſehen haben.“ Herr von Flor ſtampfte mit dem Fuß auf die Erde.„Da haben wir's!— Und was ſagten Sie dazu?“. „Ich behauptete, die Stimme ſei eine Vogelſtimme und die Dame in Weiß die Frau Gräfin geweſen.“ „Warum nicht lieber ein Geſpenſt, Swell?“ „Man würde mir das Geſpenſt nicht geglaubt haben, gnädiger Herr.“ „Ah bah, die Papiſten glauben auch am hellen Tag an Geſpenſter!“ „Vergebung, Herr von Flor, ich meinte, die Leute würden das von mir nicht geglaubt haben.“ Flor ſah ihn mit Wärme an; er war ſtolz auf — — ſeine Perle. Bei aller Delicateſſe welches Selbſt⸗ bewußtſein! Der Kammerdiener, wie er ſein ſoll, und doch Gentleman. „Die Sache erfordert Nachdenken, Swell!— Geben Sie einen Tropfen Heliotrop in mein Tuch— und— ja— es iſt gut.“ Mr. Swell that, wie ihm befohlen war, verbeugte ſich und verſchwand geräuſchlos wie ein Schatten. Nun legte Flor ein Bein über das andere und dachte nach. Ich habe es vorausgeſagt, ich bin alſo ohne Schuld.— Das Beſte für mich iſt, ich reiſe ab— und das Beſte für Mademoiſelle, ſie folgt meinem Beiſpiel Fatale Geſchichte— und fing ſo ſchön an. Ach, zwanzig Jahre fünger!— Das Diner war übrigens gut— ohne Blech wär' es ſogar ſehr gut geweſen. Die Gräfin decolletirt reieend— aber Mutter!— und— o Toinette! Als Guido kurze Zeit darauf ins Zimmer trat, ſaß Herr von Flor feſt eingenickt und— wir berichten es mit Bedauern— ſchnarchte. „Hollaho, alter Knabe! Flor! He! Schnarchen Sie doch nicht!“ ſchrie der Graf ſehr unzart auf ihn. Flor richtete ſich ſchlaftrunken auf.„Was iſt's? Was gibt's? All right!“ „Den Teufel all right! Alles geht quer!“ „Sie haben eine eigenthümliche Art, einen zu wecken!“ ſchmollte Flor.„Ich glaubte Sie bei der Gräfin.. 3 „Ich komme auch von der Gräfin.“ „Nun?“ „Sie hat mir die Thür gewieſen— wahrſchein⸗ lich war ich ihr nicht nüchtern genug.“ „Sind Sie es denn nicht?“ „So gut wie Sie. Aber luſtig bin ich, verliebt bin ich und ein Weib küſſen möcht' ich!“ „Das konnten Sie ja thun.“ Guido ging wie ein wildes Thier auf und nieder. „Daß ſie die Bedienten und Pfaffen zuſammengerufen hätte und wir blamirt geweſen wären?— Dieſe Komödiantin! Ihr erſter Schritt war nach der Klingel!“ „Ich verſtehe noch immer nicht. Beruhigen Sie ſich doch!“ Der Graf ſah nicht aus, als ob er ſich ſo bald beruhige. „Erſt hält ſie mich zurück“, erzählte er, weniger des andern wegen, als um ſein Blut noch mehr auf⸗ zupeitſchen;„hält mich zurück, ſpielt die Sanfte, bitte mich um Verzeihung, erröthet und ſtottert wie eine verliebte Kloſterfrau— und wie ich ſie nun auf — — 7 meinen Schooß ziehe—“ Er ſtampfte mit dem Fuße. „Bin ich nicht Ihr Mann— iſt's nicht mein Recht? Sie todtküſſen hätte ich ſollen! Es reut mich jetzt, es nicht gethan zu haben.“ „Die Gräfin iſt zarter organiſirt, als andere Frauen. Freuen Sie ſich doch darüber! Ich begreife Sie nicht.“ „Ueberſpannt iſt ſie! Aber ich werde ſie heilen. Wenn Frauen die fromme Dulderin ſpielen wollen, muß man ihre Geduld auf ernſte Proben ſtellen.“ „Vielleicht iſt die Gräfin morgen beſſer gelaunt.“ „Vielleicht; vielleicht auch nicht. Ich gehe wie Tanhäuſer in den Hörſelberg.“ „Zur Fel?“ rief der andere mit ungeheucheltem Erſchrecken. Aber Guido betrachtete ihn mit einem Satyrblick.„Ihre ſittliche Entrüſtung iſt gut, Flor! — Sagten Sie mir nicht, daß ſich das Mädchen lang⸗ weilt? Daß dem Vogel der Käfig zu eng wird? Nun denn, unterhalten, tröſten wir ſie! Es iſt doch endlich an der Zeit, daß ich meinem Gaſte die Hon⸗ neurs mache.“ Flor ſchüttelte den Kopf.„Die Sache ſchien mir nie geheuer, und dieſe neue Wendung gefällt mir am wenigſten. Daß endlich etwas geſchehen müſſe, ſagt mir die Vernunft; ob Sie aber in Ihrer heutigen 8 Stimmung das Rechte thun werden, möchte ich be⸗ zweifeln. Was wollen Sie denn eigentlich?“ „Fürs erſte zu Pferd und ins Freie! Mein Blut kocht.“ Er maß wieder das Zimmer. Dann ſtellte er ſich vor Flor hin und ſprach ruhiger weiter.„Man iſt dergleichen Spazierritte, die bis übermorgen dauern, von mir gewohnt. Unglück in der Liebe, Glück im Spiel. Wenn die Gräfin ſchmollt, ſetze ich im Wars⸗ dorfer Offizierselub die erſten zehn Louis auf die Dame. Meine Leute wiſſen das. Brauche jetzt meinem Severin nur eins überzuziehen, und er kennt meine Stimmung und kriecht in die Federn.“ „Vergeſſen Sie den Feiertag nicht.“ „Um ſo beſſer! Läuft Alles ins Dorf. Die Frohnburger ziehen Tanzmuſik und Bier der Mond⸗ ſchein⸗ und Waldromantik vor. Binnen einer Stunde bin ich beim Pavillon, und Sie oder Swell öffnen mir, und wir halten eine Sitzung im Stil des ſeligen Großpapas.“ Flor, von der Fruchtloſigkeit aller Einreden über⸗ zeugt, fügte ſich ſeufzend. Der Graf aber riß einen Fenſterflügel auf und lauſchte hinaus. Vom Dorf herauf klangen die tiefen Noten der Contrabäſſe. In dieſem Augenblick beſchlich etwas ſein Herz wie trübe Ahnung: Wenn du dein Vorhaben aus⸗ ⁴ 9 führſt, verlierſt du dein Weib und vielleicht mehr. Noch kannſt du zurück. Bleib'! Aber er ſchüttelte das letzte Bedenken ab und reichte dem Mitſchuldigen die Hand zum Abſchied. „Auf Wiederſehen im Pavillon, und wenn ich der Mamſell Vernunft predige, ſeien Sie mein Anwalt!“ „Der Advocatus Diaboli“, ſagte der andere, gute Miene zum böſen Spiel machend. Als Guido gegangen war, wartete Flor am Fenſter, bis jener aus dem Thorweg ritt. Dann rief er durch einen Druck auf die Tiſchglocke ſeinen Diener herein. „Vogue la galère!“ Im Dorfe brannte nur in wenigen Häuſern Licht. Wer nicht ſchlief, war im Gaſthof, der freilich noch hell erleuchtet und von unten bis oben voll Dranges und Klanges war. Als Guido das Dorf im Rücken, den Nebelſee der Ebene vor ſich hatte, trieb er mit„Fauſt“ und Schenkeln ſein Pferd zum Galopp, ließ es dann geſtreckten Leibes und in großen Sprüngen in der Carrière dahinſtürmen— vorbei an Feld und Wald, und parirte es erſt dicht vor dem mondbeglänzten Friedenthal. Klang da nicht Muſik?— Die feiern doch nicht 10 auch Fronleichnam? dachte Guido. Er ritt im Schritt die lange Häuſerzeile hinab. Es war, als ob die weißen Wände über ihren Schatten ſpähend ſich emporreckten; einige Hunde ſchlugen an, verſtummten aber, ſowie ſie den Cavalier witterten, und verkrochen ſich unterthänigſt. Niemand war auf der Straße, und das Schweigen in den Häuſern. Jetzt ſah der Reiter über die Kirchhofshecke. Die Grabkreuze ſtanden alle kerzengerade in Reih und Glied, und dieſe ſaubergehaltenen rechtwinkeligen Kies⸗ wege waren kein„Geſpenſterſteig“. Nun war die Muſik deutlich vernehmbar. Im Paſtorhauſe wurde Klavier geſpielt. Der Raſen des Lindenplatzes erſtickte den Huf⸗ ſchlag, und Guido konnte, ohne entdeckt zu werden, in das helle Zimmer ſehen. Ein Bild beſcheidenen, aber wahren Glückes bot ſich ihm. Auf dem Sopha ſaßen, Hand in Hand, die Eltern; mit dem andern Arm hielt der Prediger den einen Knaben umſchlungen, während der jüngſte ſich an die Mutter ſchmiegte. Juſtine hatte den Platz am Klavier. — Der Graf empfand bei dieſem Anblick weder Neid noch Rührung. Das Geſicht der Predigerstochter — 11 fand er im Profil ſehr hübſch, aber ſie iſt ihm zu blond. Ueberhaupt, was haben dieſe Leute ſo ſpät zu concertiren! Horch, die Kirchenuhr ſchlägt— mit einem ſehr beſcheidenen Stimmchen— einmal, zwei⸗ mal— halb zwölf! Er nimmt den Hals des Pferdes, das ſich ſchnaufend vorbiegt, zurück— ein Sporen⸗ ſtoß, und wieder fliegt er dahin. Jetzt ſchallt der Huf auf gebahnter Straße, dann verſchlingt der ſchwarze Wald Roß und Reiter. Zweites Kapitel. L'inferno. Nachdem Guido wüthend die Thür hinter ſich ins Schloß geworfen hatte, barg Coſima, vor Erregung zitternd, ihr Geſicht in die Hände. Sie verabſcheute in jenem Augenblick ihren Gemahl.— Dann kam die Ruhe der Erſchöpfung über ſie. Die Zofe, die nach ihrer Herrin ſah, fand ſie, nach langem Suchen dort und da, im Schlafzimmer ihres Söhnchens. Es lag über dem Hof mit der Pansſäule. Coſima ſaß am Fenſter, das ſie der Luft und dem Mondlicht geöffnet hatte. Sie hielt den Kopf auf die Hand geſtützt, und ſeine ſchönen Linien hoben ſich vom dunklen Hintergrund, dem gegenüberliegenden Gemäuer ab. ₰ 13 Ihre Zofe hatte die Lampe, die ſie trug, auf einen Spiegeltiſch zwiſchen den Fenſtern geſtellt und machte große Augen. „Aber, Frau Gräfin—“ Coſima wandte den Kopf nach ihr. „Jeſus Maria, mein Schrecken, Sie hier mutter⸗ ſeelenallein und im Dunkeln zu finden!“ „Ich werde heute hier ſchlafen.“ Die Augen der andern wurden noch größer. „Frau Gräfin vergeſſen, daß Sie noch in voller Toi⸗ lette ſind—“ Coſima ſah an ihrem Roſa⸗Seidenkleid hernieder und dann auf die weißen, leichten Gewänder, welche Fanny über dem Arm trug. „Mache, was Du willſt, ich bin todmüde. Auch die Augen ſchmerzen mich.“ „Das kommt Alles von der ſchwülen Luft“, meinte Fanny.„Ich fürchte mich zwar vor Gewittern, aber es wäre Zeit dafür.“ Sie blies die Backen auf.„Puh — man möchte bis ans Kinn im Waſſer ſitzen—“ Das Schleppkleid Coſima's rauſchte über die Dielen. „Du haſt Recht“, ſagte ſie,„vorhin fror mich, aber jetzt erſticke ich vor Hitze—“ „O, wenn erſt die enge Taille herunter—“ 14 Während das Mädchen die kniſternde Seidenrobe beiſeite legte, ſtand Coſima wieder in ſich verſunken. Nur daß die Bruſt ſich hob und ſenkte, unterſchied dieſe von der marmornen eines helleniſchen Götter⸗ bildes. Plötzlich kam Leben in ſie. Es durchlief ſie ein Schauder.„Fanny“, rief ſie ungeduldig,„eile Dich doch!“ Dann mit einem erſchrockenen Blick auf das offene Fenſter:„Wie kannſt Du vergeſſen, die Laden zu ſchließen!“ „Wer ſoll denn hereinſehen!“ ſagte Fanny, wäh⸗ rend ſie ſich hinausbog und die in roſtigen Angeln knarrenden Laden ſchloß. Benedictus ſtand in ſeinem Gemach am Fenſter und lehnte die Stirn an den aufgeſtützten Arm. Er hatte die Lampe ausgelöſcht, damit das milde Dunkel ſeine Seele beſchwichtige. Doch in der heißen Stille der Nacht beſchlich ihn die Verſuchung. Sie raunte ihm den ſüßen Namen der Gegenwart ins Ohr und lieh verblaßten Bildern der Vergangenheit friſche Farben. Eine ſchöne, hoheits⸗ volle Frau, zu der er als Jüngling ehrfürchtig und doch pochenden Herzens emporgeſehen, wandelte durch —— —,.— 15 ſeinen Traum und rief ihm eine Erinnerung, oft gebannt, niemals erſtorben, lebendiger als jemals wach. Ein waldumkränzter klarer See dehnt ſich vor ihm aus. Er fühlt die Mittagsglut, die über dem wellenloſen Waſſer zitterte, riecht den Duft der blühen⸗ den Weiden, zwiſchen denen er damals lag. Da ſchreitet die Hehre, Herrliche jenſeits aus dem Walde und langſam zum Ufer. Dort ſteht ſie eine Weile in ſich verſunken, entknotet dann das Haar und löſt den Gürtel vom lichten Kleid— Scham und Begier kämpfen in ihm, er will rufen, doch kommt kein Ton über ſeine vertrockneten Lippen; bald toben alle ſeine Pulſe, flimmert es vor ſeinem Blick— Gewaltſam riß ſich Benedictus aus dem ſündigen Traum empor— Was war das? Zauberei? Wirk⸗ lichkeit? Mit ſeinen leiblichen Augen ſah er das weiße Götterbild von damals lockend, leuchtend, leben⸗ dig vor ſich. Nur das Antlitz war ein anderes— Coſima! Er brach in die Kniee und bedeckte ſein Geſicht. Umſonſt! umſonſt! Die Luft iſt Umarmung, und ob er die Wimpern ſchließt, in ſeinem Gehirn iſt das Chaos einer Wal⸗ 46 vurgisnacht. Aus der einen wurden tauſend, und ſie ſchlingen den Reigen um ihn, ſie, die in ihrer Schönheit grauſamer ſind, als Erinnyen. Es fiel ein Schatten auf ſeine Traumwelt. Er blickte wirr und irr empor und erkannte Gregor, der, ein Licht in der Händ, vor ihm ſtand. Dieſe Erſcheinung wirkte auf Benedict wie das Alarmſignal auf den Soldaten. Er ſprang geſammelt und gefaßt, kampfbereit empor. „So ſpät noch wach?“ fragte Gregor. „Ich gebe Dir die Frage zurück.“ „Die Sorge um Dich läßt mich nicht ſchlafen.“ „Nimm Platz!“ war die kühle Antwort da⸗ rauf. „Ich ſtehe lieber.“ Eine Pauſe trat ein, dann ſagte Gregor, den Blick unverwandt auf den Freund gerichtet, der die Wimpern geſenkt hielt: „Ich möchte Dich an Ignatius von Loyola er⸗ innern.“ „Was ſoll's mit ihm?“ „Dem Heiligen nahten einſt Verſuchungen, und ſeiner lautern Seele bemächtigten ſich Zweifel. Ja, ſo ſehr gewann das Böſe Macht über ihn, daß er an 17 Selbſtmord dachte, aber das Wort eines Beicht⸗ vaters richtete ihn wieder auf!“ Benedict ſchwieg. „Verſtehſt Du mich denn nicht?“ „So halb und halb. Du willſt, daß ich Dir beichte.“ „Ja, ich möchte in der Stunde der Verſuchung Dein Gewiſſen und Dein Tröſter ſein.“ Benedict wies auf die Bruſt und dann auf die Stirn.„Mein Gewiſſen habe ich hier und meinen Troſt hier.“ Gregor riß die Geduld.„Dein Gewiſſen iſt ſtumm“, rief er,„und Dein Geiſt iſt verfinſtert! Du ſiehſt, ein Prieſter, ein Mönch, ſiehſt eines Andern Weib—“ „Kein Wort davon weiter!“ unterbrach ihn der andere mit einer wilden Entſchloſſenheit, der ſelbſt Gregor gehorchte. Nachdem ſie ſich eine Weile lang ſchweigend ge⸗ meſſen hatten, begann Gregor mit milderem Ton als vorher, ja, mit Thränen in der Stimme: „Ich mein' es ja gut. Schau', ich komme zu Dir Heigel, Benedictus. II. 2 18 wie der Schutzengel zu Johannes Carrera, wenn er ihn zu den Horen weckte. Laß mich denn Alles, was ich Dir warnend, bittend ſagen möchte, in das eine Wort zuſammenfaſſen: Flieh!“ „Wohin?“ „Wohin?— Benedict! Benedict! es gibt für Dich nur eine Wahl: zwiſchen der Hölle und der Kirche!“ „Kennſt Du das Wort: Nichts brennt in der Hölle, es ſei denn unſer eigener Wille? Wenn ich nun die Hölle in mir trüge, nähme ich ſie nicht auch in die Kirche mit?“ „Das iſt Läſterung unſerer Kirche, und ihr Fels iſt Gott!“ „Unſere Kirche— aber kann man ſagen: unſer Gott?“ „Ruchloſer! Unſere Kirche, die allein ſeligmachende, die allein unfehlbare—“ „Die unfehlbare!“ ſchrie Benedict auf,„die Gott und Welt, Geiſt und Fleiſch, Glauben und Ver⸗ nunft in Zwieſpalt brachte? Die dem Gedanken nichts, als den Haß entgegenſetzt?“ Gregor ſtieß einen dumpfen Wuthlaut aus, doch —õʒʒ—— —õʒʒ—— 19 bezwang er ſich ein letztes Mal.„Du läßt Dich von der Leidenſchaft hinreißen.“ „Weil ich am Segen Eurer Schule kranke. Wenn ſie Demuth lehrt, wie kann ſie die Triumphe zählen, die ſie durch Feuer und Schwert, durch ehernen Zwang gewann? Geht chriſtliche Liebe im Purpur? Arm und einſam in der Wüſte konnten wir Heilige ſein, in der Fülle der Macht und Größe wurden wir hoch⸗ müthig. Doch wenn die Ruhe und Klarheit dahin, wenn die Disciplin des Denkens verloren, bleiben nur noch die Fieberphantaſien des Wahnſinns. Siehſt Du nicht die Warnzeichen und Merkmale davon an unſern Kirchenfürſten? Verloren haben ſie alles Maß von Zeit und Raum, blind ſind ſie für alle thatſächlichen Verhältniſſe. Das iſt der Wahnſinn. Da ſie den Felſen auf Wolken bauten, ſtürzt ihn endlich der Sturm!“ „Das lügt Satan aus Dir!“ „Ich lüge nicht, denn ich bekenne. Sieh, Rom, auf mich! Nicht den ſchlechteſten deiner Prieſter ſieh von denſelben Flammen, an denen wir die Andacht unſerer Gemeinde entzünden, von denſelben Flammen vergiftet und verſehrt. Aus der 25 4 68 . 1 20 Knechtung des Geiſtes und Gewiſſens ſteigen ſie, ein unreiner Brodem, auf und züngeln um jeden deiner Prieſter; ſicher iſt keiner vor ihnen, und wir haben über ſie keinen Sieg, denn Ketten ſind keine Pflicht!“ „Unglücklicher!“ rief Gregor und fing den Zucken⸗ den, Taumelnden in ſeinen Armen auf. „Durch Euch!“ zitterte es noch von den Lippen Benedict's, dann ſchlug die Finſterniß über ihm zuſammen. 4 1 Drittes Kapitel. Die Frohnburger Kritik. „Fräulein Fanny, darf ich Sie um eine Extra⸗ tour bitten?“ „Aber, Herr Severin, es wird mir zu viel—“ Frage und Antwort wurden zwiſchen Kammer⸗ diener und Kammerjungfer gewechſelt in der zwar ſehr engen, aber durch gewählte Geſellſchaft ſich aus⸗ zeichnenden Wirthsſtube, welche die Schloßdienerſchaft für ſich„reſervirt“ hatte. Er ſtand, nicht ohne Gefahr, von hinten einen Schub zu erhalten, in der immer ballfähigen Kammer⸗ dienertracht vor ihr, den Kopf anmuthig geneigt, die 22 Arme loſe niederhängend und die mit zu engen Lack⸗ ſtiefeln geſtraften Füße auswärts geſetzt. Die ſehr brünette Jungfer hatte ein ſchneeweißes Perkalkleid und darunter einen Steifrock mit kunſtvoll geſtickten und gefältelten Volants an, den ſie beim Walzen ſo ſehr zur Geltung brachte, daß man nicht wußte, tanze ſie im Kleid oder im Unterrock. Jenes gehörte ihr und dieſer— Sie verrathen ſie ja nicht — der Gräfin. Der Tiſch, woran man ſaß, trug eine anſehn⸗ liche Reihe Weinflaſchen, der ordinäre Bierkrug be⸗ fand ſich entſchieden in der Minderheit. Ihr Rang forderte, ihre Mittel erlaubten ihnen das. Ein erleſener Kreis! Da war die Frau Caſtellanin, eine kugelrunde, ältliche Dame, mit einem Heiligenſchein von Tüll⸗ falbeln; da der wegen ſeines Sarkasmus berühmte und gefürchtete Küchenmeiſter; da der Leibkutſcher, der eine entſchiedene Aehnlichkeit mit dem Frohnburger Pfarrer hatte; der Obergärtner, deſſen ſtechender Blick und rabenſchwarzer Vollbart mehr an die Abruzzen, als an friedliche Roſen⸗ und Tulpenbeete erinnerten; da waren die beiden Leibjäger in ihren goldbetreßten 5 2— 23 Grünröcken, da endlich Vincenz der Stallknecht, weni⸗ ger wegen ſeines Berufs, denn als Günſtling des künftigen Schloßherrn angeſehen. Der minorum gen- tium, der ſimplen Diener, Köchinnen und Stuben⸗ mädchen gedenke ich nur flüchtig. Auch an Chrengäſten war kein Mangel. Schulmeiſter und Küſter hatten für dieſen Abend Urphede geſchworen, und der gräfliche Cabinetsſecretär ſeinen Eid, ſich partout nicht mehr mit dem Bedientenvolk gemein zu machen, zum neun⸗ undneunzigſten Mal gebrochen. Dieſer Jüngling trug zwei ſchmerzliche Wunden, den Gram über ſeine ge⸗ ſellſchaftliche Zwitterſtellung und eine ausſichtsloſe Leidenſchaft für die Kammerjungfer in der Bruſt. O dieſes Mädchen! Wie hinreißend hübſch und herzzerreißend kokett war ſie heute Abend wieder! Wie verſtand ſie es, über den Antrag des Herrn Severin verſchämt die Augen niederzuſchlagen und dabei nach ihrer Garde⸗ dame, der Caſtellanin zu ſchielen, die ihr ermun⸗ ternd zunickte:„In der Jugend muß man Alles mit⸗ nehmen. Tanzen Sie doch!“ Und Fanny, das Kleid und den erwähnten Steifrock zierlich hochnehmend und die andere Hand A 2 —— ——— 24 auf den Arm ihres Cavaliers legend, verſchwand in der Thüröffnung zum Tanzſaal, wo die Woge der auch dieſem Ball nicht fehlenden„Thürlagerer“ ſofort wieder zuſammenſchlug, dem verzweifelten Blick des Cabinetsſchreibers eine undurchdringliche Schranke. Die Muſikanten, welche pauſirt hatten, begannen eine Polka aufzuſpielen, den einzigen Tanz, den er tanzen kann. Und ſie hüpft ihn mit einem Andern! In ſolcher Stimmung iſt man zu herausfordern⸗ den Bemerkungen und kühnen Behauptungen geneigt. Er warf ſein langes Haar zurück, trank ſein Glas leer und ſtieß es auf den Tiſch. „Und ich ſage Ihnen, meine Herren“, rief er mit einem trotzigen Blick auf die Tafelrunde,„an der Geſchichte iſt etwas, und im Pavillon wohnt Jemand.“ Der Küchenchef rümpfte die Naſe.„Woher wiſſen. Sie das mit ſolcher Beſtimmtheit, mein Herr?“ „Weil ich zwei claſſiſche Zeugen— ein juriſtiſcher Ausdruck, meine Herren— zwei claſſiſche Zeugen da⸗ für habe. Da iſt der Herr Leibförſter Hubert— er iſt leider nicht anweſend— der im Pavillon ſingen gehört, und der Gärtnerburſche Nazi, der eine fremde 3 Dame im Park geſehen hat.“ 25 „Gerade umgekehrt“, wandte der Obergärtner ein, „der Nazi hat gehört und der Förſter geſehen.“ „Das iſt völlig irrelevant— juriſtiſcher Ausdruck für unerheblich, meine Herren.“ „Bitte ſchön! Mein Nazi iſt ſo dumm, daß er eine Menſchenſtimme nicht vom Gimpel unterſcheiden zann. Alſo was der ſagt—“ „Bleibt immer noch der Förſter. Waidmänner haben bekanntlich ſcharfe Augen.“ „Ja, aber die Herren Waidmänner ſchneiden auch gern auf.“ Stimme der Leibjäger:„Oho!“ Der Obergärtner, trotz ſeines ſtechenden Blickes ein friedfertiges Gemüth, klopft beruhigend dem nächſten Jäger auf die Schulter und trinkt mit beiden auf Waidmanns Heil. „Ich bleibe dabei“, nahm die Caſtellanin das Wort,„die Stimme ſowohl wie die weiße Frau waren eine arme Seel', die auf Erlöſung ausgeht.“ Jetzt zog der Schulmeiſter ſein Licht unterm Scheffel hervor. „Mit Verlaub, Frau Caſtellanin“, begann er, den Finger an die Naſenſpitze legend,„das iſt unmöglich. 26 Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ein Geſpenſt dünner iſt, als die Luft. Ergo kann man am Tag keine Ge⸗ ſpenſter ſehen, ſondern nur bei Nacht.“ Aber die Caſtellanin meinte, ſie traue dem Frie⸗ den niemals nicht. Der Koch dagegen ging noch weiter, als der Schulmeiſter. Er ſei ein Freigeiſt. Es gebe über⸗ haupt keine Geſpenſter. Das rüttelte ſelbſt den dicken Leibkutſcher auf! „Was!“ ſchrie er, wuchtig auf den Tiſch ſchlagend, „es gibt keine Geſpenſter? Na, das iſt ſtark. Er⸗ lauben Sie, Herr Küchenmeiſter, nicht nur Menſchen, ſondern ſogar Thiere gehen nach ihrem Tode um. Sie alle erinnern ſich noch an die Jenny, die engliſche Fuchsſtute, die der gnädige Herr in ſeiner Rage'mal todtſchoß, weil ſie an keinem Schubkarren vorbei wollte. War ſonſt eine Seele von einem Thier. Alſo die Jenny war todt und ihr Stand leer, aber, ſo wahr ich hier ſitze, ich habe ſie noch ein Viertel⸗ jahr lang— ach, was ſag' ich, wenigſtens ſechs Wochen lang!— Nacht für Nacht im leeren Stand ſchnaufen und ſtampfen und an der Halfterkette raſſeln gehört, bis ich auf den Einfall kam, drei Meſſen leſen * zu laſſen, natürlich nicht für die Jenny— ſo g'ſcheidt bin ich auch— ſondern für meine eigene Nachtruh'.“ 3 Er wies auf den Reitknecht.„Fragen Sie mal den! Hab' ich Dir nicht hundertmal geſagt: Du, im Stall geht's um?“ „Ja, das wohl“, meinte der Vincenz, etwas zögernd,„aber g'hört hab' ich nichts.“ „Wer an Geſpenſter nicht glaubt, glaubt auch an den Teufel nicht, bis er ihn holt“, ſprach der Meßner feierlich. In dieſem Augenblick kehrte das Tänzerpaar von ſeiner Extratour zurück. „Geſpenſter hin, Geſpenſter her“, rief der Cabinets⸗ ſchreiber mit einem glühenden Blick auf die Jungfer, „man muß den Pavillon unterſuchen.“ Die ſämmtlichen Damen kreiſchten über dieſe Zu⸗ muthung auf. „Haben Sie den Schlüſſel?“ „Nein, aber Augen, um durch das Schlüſſelloch zu ſehen, und Ohren, um an den Laden zu horchen.“ „Na, aber die Schläg', wenn der Herr Graf Sie dabei erwiſcht!“ —— —;—’’:Pn— 28 „Darum muß man es nachts machen.“ Den Damen lief es eiskalt über den Rücken, die Gentlemen rückten dichter zuſammen— kurz, die Stimmung wurde gemüthlich. Im Tanzſaal war es unterdeſſen merklich ſtiller geworden, von den Muſikern behaupteten nur noch zwei Geigen und eine Clarinette das Feld, und der tanzenden Paare wurden immer weniger, der Kreis der Zuſchauer lichtete ſich. Der Kammerdiener, der neben Fanny Platz ge⸗ nommen hatte, faßte ſeinen hoffnungsloſen Neben⸗ buhler feſt ins Auge. „Wären Sie im Stande, das auszuführen?“ Der andere warf einen träumeriſchen Blick auf Fanny und einen muthigen auf die Männer, ſchlug auf den Tiſch und ſchwur:„Sofort!“ „Großartig!“ Sie— Fanny— ſprach's, ſie fand ihn groß⸗ artig! Er ſtürzte wonnetrunken nach ſeinem Hut, rief: „Ich geh' hin!“ und war, ehe ſich die andern von ihrer Ueberraſchung, ihrem Staunen erholen konnten, hinaus. — 29 Die Kammerjungfer nahm zuerſt wieder das Wort. „Was die Leute ſich Alles einbilden, es iſt groß⸗ artig! Schaut mich der Menſch an, als ob ich ihn von ſeinen Dummheiten abhalten ſollte! Was geht denn das mich an? Großartig!“ „Glauben Sie wirklich, daß er hingeht?“ fragte die Caſtellanin mit einer mütterlichen Regung. „Der?“ zuckte der Kammerdiener die Schultern. „Laſſen Sie ihn doch!“ ſagte einer der Leibjäger. „Ich bin froh, daß er fort iſt. Kann man doch end⸗ lich ein offenes Wort miteinander reden.“ Es blinkte in aller Augen verſtändnißvoll. Der Kreis ſchloß ſich noch dichter „Iſt droben wieder was los?“ fragte der Küchen⸗ meiſter. Severin ſah ſich vorſichtig um und nickte dann vielſagend mit dem Kopf. Die Kammerjungfer zog einen tiefen Seufzer ein. Es herrſchte ein nur ſekundenlanges, aber in⸗ haltsvolles Schweigen. Dann trat der ältere Leib⸗ jäger mit der Beobachtung hervor, daß er und ſie ſeit einiger Zeit ſo wenig miteinander redeten. 30 „Das würde noch nichts heißen“, meinte Severin, „aber wenn der Tafeldecker hier wäre—“ „Ja, wenn! Wenn er ſein Hauskreuz nicht hätt!“ ſchaltete der Küchenmeiſter ein. Derſelbe war Jung⸗ geſelle aus Grundſatz. „Würde er Ihnen ſagen können, daß wir wieder ſehr viel Champagner trinken. Das iſt immer ein ſchlim⸗ mes Zeichen.“ Dem Schulmeiſter leuchtete das Uebel nicht recht ein. „Was aber Alles niederſchlägt: wir ſind heute Nacht'mal wieder nach Warsdorf geritten!“ Ein zweiter tiefſter Seufzer zog die Aufmerkſamkeit auf Fanny; ſie ſah ſchwermüthig in den Schooß. „Was reitet er denn?“ wandte ſich der Leibkutſcher an Vincenz. „Den Zlitz.“ Was die Jungfer vorhin ſeufzte, pfiff jetzt der Kutſcher. „Und wir ſchlafen heute im Zimmer der jungen Erlaucht“, ſpielte nun auch ſie ihren Trumpf aus. „Welche noch immer auswärts ſind“, ſagte Jemand. Der Günſtling Seiner jungen Erlaucht runzelte die Stirn. ———— 341 „Meinem Ludwig—“ hob der Schulmeiſter an, wurde aber ſofort von der ſchneidenden Stimme des Kammerdieners und durch ein unwilliges Gemurr der andern unterbrochen. „Schweigen wir von ihm! Wer ſich mit den Frieden⸗ thalern gemein macht—“ „Er blamirt uns“, ſagte der Meßner. Das arme Schulmeiſterlein duckte ſich, und die Geſellſchaft ging wieder zur brennenden Frage über. Als einer von der Möglichkeit eines Creigniſſes ſprach, das er nicht näher zu bezeichnen brauche, verdrehte der Küſter fromm die Augen. „Was der Himmel zuſammengefügt, ſoll der Menſch nicht trennen.“ „Wie Exempel zeigt“, warf ihm der aufgeklärte Kochkünſtler ein,„werden Ehen nicht immer im Himmel geſchloſſen.“ „Recht hat er!“ rief der Leibkutſcher mit einem Fauſtſchlag auf den Tiſch.„Um gut zu fahren, müſſen die Pferde gerade und in gleicher Richtung an den Zügel geſtellt, mit einem Wort, gut verſammelt ſein. Aber daran fehlt's bei uns droben. Sie paſſen nicht zu ſammen. Das iſt der Caſus!“ 32 ‿ Er hatte allen aus der Seele geſprochen, und nur weil den Damen immer das letzte Wort gebührt, machte Jungfer Fanny die perſönliche Bemerkung, daß — wie es auch enden möge—„unſereins, Gott ſei Dank, nicht in Verlegenheit kommen kann“. Man ſprach längſt von andern Dingen; der Ge⸗ ſellſchaft ſchönere Hälfte, ſowie Meßner und Schulmeiſter hatten ſich bereits zurückgezogen, und im Tanzſaal brannte nur noch ein einſames Talglicht, als die ſpäte Stunde eine große Ueberraſchung brachte. Herein trat der Herr Secretär am Arm des eng⸗ liſchen Kammerdieners. Die Geſichter aller wurden länger, aber Mr. Swell ſetzte der Kälte Würde entgegen und nahm mit der Miene eines Menſchen Platz, der ſich ſeiner geſellſchaft⸗ lichen Stellung und geiſtigen Ueberlegenheit vollkommen bewußt iſt. „Ich bitte, mir zu Ehren Ihre Converſation nicht zu unterbrechen.“ „O bitte— Sie ſtören durchaus nicht!“ Gleichwohl trat eine lange Pauſe ein. Der Schreiber ſaß wie ein armer Sünder da; ſowohl der ſtumme Vorwurf der Gräflichen wie 3 —— 33 der klägliche Ausgang ſeiner Entdeckungsreiſe bedrückte ihn; nur die Abweſen heit der Damen gewährte einigen Troſt. Endlich fiel die verhängnißvolle Frage, was er denn im Pavillon geſehen habe? Er zwang ſich zu einem Lächeln. Herr Swell ſei ſo freundlich geweſen, ihn der Mühe einer genaueren Exploration— er verſchluckte diesmal den„juriſtiſchen Ausdruck“— zu überheben. „Sie ſelbſt waren alſo nicht dort?“ fragte Severin, wobei er die Brauen ſo hoch als möglich zog. „Nein— das heißt— ich mußte ja einen großen Umweg machen, um in den Park zu kommen. Glück⸗ licherweiſe ſchien der Mond— ſchon war ich in der Kaſtanienallee und ſah den Pavillon, ich muß geſtehen, in einer recht unheimlichen Beleuchtung, da— da legte ſich plötzlich eine Hand auf meine Schulter—“ „Die Hand war meine“, ſagte Swell, und alle blickten auf ſie, eine große, breite, aber wohlgepflegte Hand. „Ich— ich war natürlich ſchnell wieder gefaßt; wir begrüßten uns, und da ich keinen Grund hatte, Heigel, Benedictus. II. 3 34 einem Cavalier wie Mr. Swell den Zweck meines Spaziergangs zu verhehlen—“ „Um welchen zu fragen ich ſo frei war— „Stellte ſich heraus, daß Mr. Swell in der gleichen Abſicht den Pavillon ex— erplorirt hatte.“ „Und ich kann Ihnen allen die beſtimmte Verſicherung geben, daß ſich im Pavillon auch keine Maus rührt“, ſagte der Engländer mit gehobener Stimme. „Worauf Mr. Swell die Freundlichkeit hatte, mich hierher zurückzubegleiten.“ „Um hier ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken. Wünſchen Sie Weiß oder Roth?“ „Ich richte mich ganz nach Ihnen.. „Well, ſo werden wir eine Flaſche Hungary⸗ Wein trinken.“ Und Mr. Swell goß innerhalb einer halben Stunde ſeinem jungen Gaſte ſo viel Ungarwein ein, daß derſelbe vom Hausknecht zu Bett gebracht werden mußte. Worauf Flor's Perle mit den übrigen Herren, welche ſich, ſie mochten wollen oder nicht, ebenfalls unter -/ — —, 23 4 dieſer großen, breiten, aber wohlgepflegten Hand befan⸗ den, nach dem Schloß aufbrach. Während der gräfliche College das Thor aufſchloß, ſandte Swell einen letzten Blick über das ſchlafende Dorf und das weite Land. Der Himmel hatte ſich verfinſtert, am Horizont aber war ein Wetterleuchten. 3* Viertes Kapitel. Wetterleuchten. War es die elektriſche Spannung der Luft, was Mademoiſelle Fel nervös erregte? Sie hatte die Nach⸗ richt von Guido's Beſuch mit ungläubigem Lächeln ver⸗ nommen, den Kommenden mit heller Freude empfangen. Nun ſaßen ſie zu dreien um den blumengeſchmückten, ſilberſchimmernden Tiſch, und Toinettens Wangen, die in der letzten Zeit weiß und klar geworden waren, daß ſie des Puders nicht mehr bedurften, bekamen Farbe, ihre Augen wieder Glanz; der prickelnde Wein, die Huldigungen des ſchönen Mannes, die abenteuer⸗ lichen Umſtände brachten ſie bald in Stimmung, doch 4 1 ¹ ſo frei und natürlich wie ſonſt gab ſie ſich nicht, ihre Munterkeit hatte einen Stich. Auch Flor war nicht der Alte, er, der Welt⸗ und Lebemann, beging wieder⸗ holt den gröbſten geſellſchaftlichen Verſtoß, nachdenklich zu ſcheinen. Nur Guido's Laune blieb unverändert. Sein Pferd hatte er bei einem Förſter, dem Vertrauten früherer Abenteuer, gelaſſen und war zu Fuß auf einem andern Wege zurückgekehrt. Doch hatten ihn Ritt und Marſch nicht ermüdet, ſondern erfriſcht. Keine Mah⸗ nung an das Morgen, kein Bedenken, kein Gewiſſen erwachte in ihm; er fühlte nur die Wonne zu leben. Jeder Blick, den ſie unter den breiten Wimpern auf ihn heftete, zündete in ſeiner Bruſt, und wenn ſie halb lüſtern, halb verlegen lächelte, dachte er an den Kuß auf dieſe Lippen. „Und Sie hatten hier keine Furcht?“ fragte er, nachdem ſie von Paris und ihren Trouviller Tagen geplaudert hatten. „Furcht? Nein“, antwortete ſie,„aber eine eigen⸗ thümliche Beklommenheit, die mir nachgerade unerträg⸗ lich wird. Bei allem Luxus erinnert dies Haus an eine Gruft. Am ſchwülen Tag überrieſelt es mich zu⸗ weilen, als lege ſich mir eine kalte Hand auf die Schulter.“ 38 Jetzt ruhte der heiße Blick Guido's auf ihren Schultern, die das Spitzenkleid nur verſchleierte, nicht verbarg. „Toinette“, rief der Verliebte,„ich bin Ihnen Genugthuung ſchuldig! Anſtatt meines Sohnes über⸗ liefere ich mich Ihnen ſelbſt. Befehlen Sie, meine Königin!“ „Ah, mein Herr, Sie haben ſchon eine Ge⸗ bieterin.“ „Nicht mehr; ſeit heute nicht mehr. O meine ſchöne Dame, ich finde nicht nur den Pavillon, ich finde das ganze Frohnburg dumpf und traurig wie ein Grab. Entfliehen wir ihm!“ „Sie würden—“ „Ich will ins Leben zurück; ich folge Ihnen nach Paris!“. „Paris! Paris!“ jubelte Toinette, doch gleich⸗ zeitig fuhr Flor aus ſeinem Schweigen auf:„Still!“ Ihre Blicke folgten ihm, der leiſe zum Fenſter trat. „Man ſpricht unten“, flüſterte er ins Gemach. Guido ſchnellte empor, aber jener wehrte ihn winkend zurück.„Es iſt Swell und ein Fremder—“ — * 39 „Ich werde— „Sie werden hier bleiben und Swell machen laſſen.“ Flor horchte wieder hinab.„Da gehen ſie ſchon.“ „Sie ſind fort“, ſagte er nach einer Pauſe und kehrte auf ſeinen Platz zurück. Er ſah ſehr verſtört aus. „Sind wir verrathen?“ fragte Toinette. Flor zuckte die Schulter.„Wenn es der Fall iſt, trägt meine ſchöne Freundin ſelbſt die Schuld. Man wandelt nicht ungeſtraft unter— unter Kaſtanien.“ Er machte einen ſchwachen Verſuch, über den ſchalen Spaß zu lächeln. „Laſſen Sie doch!“ ſchrie Guido mit böſem Blut.„Ich nehme keine Rückſicht mehr auf das Vettern⸗ und Baſengezeter. Hol' ſie alle dieſer und jener! Sie, Toinette, reiſen morgen voraus, und nicht zwei Tage gehen ins Land, komme ich Ihnen nach.“ „Morgen“, ſagte Toinette und ſeufzte aus be⸗ klommener Bruſt.„Was kann nicht Alles bis 40 morgen ſich ereignen! Ich wollte, ich wäre ſchon fort.“ „Jetzt, da wir uns endlich, endlich wieder⸗ gefunden?“ verſetzte Guido und zog ihre Hand an ſich.„Ich ſehnte mich nach Ihnen, Toinette—“ „Ich kann das nicht glauben.“ „Sehen Sie mir in die Augen!“ Sie hob den Kopf, und ihre Blicke begegneten einander. Sich gewaltſam entwehrend, ſagte ſie zu Flor: „Bringen Sie niemals Ihren Freund zu einer Dame, die Sie lieben, Herr von Fleur; er iſt ein ge⸗ fährlicher Mann—“ Ein halbes Stündchen wurde noch verplaudert, dann machte ſich Flor zum Gehen fertig. „Kommen Sie mit?“ „Sie wollen wohl nach Hauſe begleitet ſein?“ „Nicht deshalb“, entgegnete Flor,„ſondern weil es mir rathſam ſcheint, Sie hörten erſt von Swell—“ Guido ſchlug ihn lachend auf die Schulter „Den Rath dictirt Ihnen der Neid, alter Freund! Nein, ich bin es dem Andenken meines Großpapas — — 441 ſchuldig, unſere ſchöne Schäferin zu unterhalten, bis ſie—“ „Sie fortſchickt“, fiel Toinette verlegen ein. Flor zog die Brauen hoch.„Auf Wiederſehen denn!“ „Auf Wiederſehen, auf Wiederſehen— morgen!“ erwiderte ſie und ließ ihm ihre Hand zum Kuß. Der Graf gab dem Scheidenden mit einem Arm⸗ leuchter das Geleit und ſchloß die Flurthür wieder hinter ihm ab. Als er in den Saal zurückkehrte, ſah er Toinette am Fenſter ſtehen. Sie hatte einen Laden⸗ flügel geöffnet und bog ſich in die Finſterniß hinaus. Plötzlich fuhr ſie mit einem Schreckenslaut zurück. Die Nacht hatte geſprochen; ein Wetterleuchten zeigte ihr den dräuenden Himmel. Fünftes Kapitel. Das Geheimniß des Pavillons wird aufgedeckt. Etwa zwei Stunden weit von Frohnburg führt ein Pirſchweg zwiſchen Hügeln hin, eine im Sommer immer ſchattige Schlucht. Vom Scheitel des höchſten Hügels hat man eine herrliche Ausſicht. Nahe umher iſt Alles Wald, wölbt ſich Wipfel an Wipfel; angrenzt die fruchtbare Mark Friedenthals mit der Ortſchaft und dem ſtattlichen Wohngebäude derer von Bruck, dann wandert der Blick wieder mit dem Wellenzug ſaftgrüner Baumkuppeln, dem ungeheuren Frohnburger Forſt; wie vom Walde emporgehoben, ragt höchſt das — „—— — „— 43 Schloß der Grafen Geldern; weiterhin dehnt ſich die Ebene. Hier oben, wo unter einem Ahornbaum eine Ruhebank angebracht war, ſaß Benedict in der Mittagsſtunde, am Tage nach dem Feſte. Nach dem geräuſchvollen Geſtern lag Frohnburg heute wie im Zauberſchlaf. Den Grafen, hieß es, hielten Geſchäfte in der nächſten Stadt zurück, die Gräfin war leidend. Aber auch Himmel und Landſchaft hatten ein völlig verändertes Ausſehen. Windgejagte Wolken warfen ihre Schatten auf die Wieſen und wogenden Aehrenfelder, düſter, mit unruhigen Kronen, dräute der Wald. Benedict ſchenkte den Vorgängen in der Natur keine Aufmerkſamkeit. Weder die brütende Stille be⸗ drückte ihn, noch lenkte das Windgebrauſe, das ſie ſtoßweiſe unterbrach, den Zug ſeiner Gedanken. Er hatte keinen Blick für die Gewitternacht, die über den Horizont ſich erhob und hinter den Flugwolken lang⸗ ſam, aber unabwendbar heraufſtieg. Er dachte nur an ſeine Schickſalswende. Und jetzt hing das Gewitter mit fahl entflackernder 44 Lohe und dumpfem Grollen über dem Frohnburger Schloß und Wald, jetzt zürnte es auch über ihm. Der Tag iſt aufgeſogen, ringsum Dämmernacht, in der die erſten ſchweren Tropfen fallen. Ein tiefes Athemholen des Sturms und Aufßzittern der Erde, dann chaotiſcher Wirbel. Der Regen praſſelt im Blät⸗ terdach, Wind wirft ſich heulend auf die Welt, in Flammen ſteht ſie und vernimmt des Donners Königs⸗ ſtimme. 1 Benedictus hatte ſich erhoben und weilte ſo, an den Baumſtamm gelehnt, recht inmitten des Aufruhrs. Ihm bangte nicht, daß ein Wetterkeil den Ahorn und ihn vernichte, denn er dachte an den vollſten Puls⸗ ſchlag des Lebens, an die That! Noch rangen Pläne und Entſchlüſſe verwor⸗ ren in ſeiner Bruſt, doch kein Wagniß ſchien ihm zu kühn. Was er geſtern, vom Sturm der Empfindungen weggekrümmt, ſeinem Kloſterbruder zugerufen, will er dem ganzen Klerus ins Antlitz ſchleudern: Daskirchliche Idealweiche demſittlichen! Wie nicht Faſten und Beten, nicht härenes Ge⸗ wand und Stachelgürtel vor dem Sinnenbrand ſchützte, —; 45 der in den Scheiterhaufen des Mittelalters lodert, in des ſiebenten Gregor Bulle vom Cölibat ſchwelt und jene heiliggeſprochenen Ungeheuer erzeugte, die Un⸗ ſittlichkeit mit Frömmigkeit zu paaren wußten: ſind un⸗ wirkſam die dogmen! Wer die Freiheit zu irren verflucht, ſchmiedet um der Schöpfung Höchſtes, die denkende Stirn, eiſerne Ringe, denn irren heißtſuchen! Darum begreift Ihr nicht das Göttliche, ſon⸗ dern betet nur an! Ich will an den Grundveſten Eures Tempels, an den vier letzten Dingen rütteln! Wer an die Schuld Unſchuldiger und ewige Ver⸗ dammniß glaubt, kann nicht an die ewige Liebe glauben. Ich will von Eurer Stirn das Wort Weihe wiſchen und darauf Widerſpruch! ſchreiben. Widerſpruch, wenn wir das Brautpaar ſegnen; Widerſpruch, wenn wir von Sünden losſprechen; Widerſpruch, wenn wir zu Sünden verfluchen. Widerſpruch iſt Stillſtand. Doch wenn Ihr auch in die Speichen der Weltgeſchichte hemmend greift: zum Lebensquell der Sonne reicht Euer Bannſtrahl nicht hinan. 46 Ich lebe: ich bin die Zukunft! Das Gewitter dauerte nur kurze Zeit, auch der Regen verſiegte, noch bevor er das dichtere Laub durch⸗ drungen. Doch horch! Da Sturm und Wetter ſchwieg, wurde der beflügelte Schall haſtig geſchwungener Glocken vernehmbar; von Oſten her zitterte er wie ein Angſtruf durch die Luft und erſchreckte Benedict. Das war ein Feuerſignal aus Frohnburg! Ein Blitz hat dort gezündet. Indem er dies dachte, durchbrach ein Sonnen⸗ ſtrahl das entlaſtete Gewölk, ſtreifte den Wald und fiel breit auf das Frohnburger Schloß. So ſtand es in goldener Lohe, keine rothe Flamme, kein Rauch zeigte ſich. Dennoch war das Geläut keine Täuſchung und rief zur Rettung, nicht zur Andacht. Er eilte hinab, den weiten, weiten Waldweg bis zum Park zurück, ſo raſch, als es auf den ſchlüpfrigen Pfaden unter triefenden Bäumen möglich war. Die Glockentöne verſtummten, und das horchende Ohr vernahm nichts mehr, als die wiedererwachten Stimmen frohen Naturlebens. Es ſchmetterte der Wald. Baum und Raſen verſtrömten köſtlichen Wohl⸗ geruch. Aber ein Alp lag auf des Prieſters Bruſt, die Ahnung eines Unglücks wuchs mit jedem Schritt. Wo ein Weg nach Friedenthal ſich abzweigt, ſaß ein altes Mütterchen auf einem Markſtein, die Trage mit Reiſig neben ſich. Sie rückte und rührte ſich nicht, noch ſprach ſie den üblichen frommen Gruß, als Benedict an ſie herantrat, ſondern ſtarrte ihn miß⸗ trauiſch wie eine wildfremde Erſcheinung an. „Kommt Ihr von Frohnburg?“ Die Alte verzog grinſend das Geſicht, über das ſich ein Netz kleiner Runzeln ſpannte. „O nein“, erwiderte ſie,„dorthin kommen wir Friedenthaler nicht.“ Sie ſprach nicht in der breiten Mundart der Frohnburger Bauern. „So wißt Ihr auch nicht, ob es dort eingeſchla⸗ gen, gebrannt hat?“ „Nein— wir dürften dort ja doch nicht lijihn Als Anno zehn—“ „Verzeiht, ich habe Eile.“— Und indem er mechaniſch den Hut zog, ſagte er ein gedankenloſes: „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ 48 Sie antwortete nicht:„In Ewigkeit, Amen!“ ſon⸗ dern ſchlichtweg:„Ja.“ Es war ihm ſeltſam zu Muthe: er beſchleunigte ſeinen Schritt und hatte doch den heimlichen Wunſch, daß der Weg unter den ſingenden Bäumen kein Ende nehmen möchte. Aber da war auch ſchon die Grenz⸗ ſcheide zwiſchen Wald und Park. Als Benedict das knarrende Gitter ſchloß, ſprang jenſeits ein Reh über den Steig. Huſch! Nun knirſchte der feuchte Kies unter ſeinen Füßen, doch die Schatten des Blätterdachs gaukelten noch immer vor ihm her. Bald überſchritt er den Pfad, den er mit Flor gegangen war, und das Bild von geſtern trat ihm in die Seele, die düſtere Kaſtanien⸗ allee, das verwitterte Haus und die einſame Wallerin. Dort, wo ſich der Weg zu dieſem Geheimniß ins Dickicht verlor, ſchlug eine Nachtigall. Benedict aber eilte geradeaus. Auf dem Teich, der das himmliſche Blau und die letzten fliehenden Wolken ſpiegelte, kreiſte ein Schwan. Er ſtreckte den Hals und ſchlug mit den Flügeln, da Benedict vorüberſchritt. 49 Alles war wie immer, und doch hing etwas in dieſer Luft, es ſtreifte an ihm vorüber, es ſchwebte vor ihm her. Endlich war die Terraſſe erreicht. Einige Diener ſtanden droben vor der Saalthür und flüſterten mit⸗ einander. Jenes Etwas, das Ereigniß, lag auf ihren Geſichtern und offenbarte ſich in der Scheu, mit der ſie zur Seite traten, um den Prieſter vorbeizulaſſen. Er gelangte durch den leeren Speiſeſaal ins Treppenhaus. Auf dem erſten Abſatz, unter dem Conterfei eines Fiſchungeheuers mit einem Krönlein auf dem Kopf, das einer Sage zufolge im ſiebzehnten Jahrhundert im Schloßteich geſehen worden, ſaß Mr. Swell. Wie es ſchien, in der Erwartung Benedict's, denn er ging letzterem eine Stufe entgegen und ſagte mit einer ſteifen Verbeugung: „Herr von Flor bittet um Ihren Beſuch, Herr Profeſſor.“ „Iſt ein Unglück geſchehen?“ Hatte der Gentleman die Frage mißverſtanden oder wollte er ſie mißverſtehen? Er antwortete: „Bitte, die dritte Thür rechts. Uebrigens werde ich Sie melden.“ Heigel, Benedictus. II. 3. 4 50 Auch Flor blickte geheimnißvoll und ſah verſtört, gealtert aus. „Wiſſen Sie es ſchon, Herr Profeſſor?“ „Du mein Gott, nein! aber ich ahne ein Unglück — die Frau Gräfin—“ „Die Gräfin hat vorläufig die Migräne“, verſetzte der andere trocken.„Das geht vorüber— aber das arme, arme Mädchen!“ „Iſt alſo doch Jemand verunglückt?“ „Verunglückt? Sagen wir gemeuchelt! Ah, mein lieber Profeſſor, wir ſind alle des Zufalls Narren! Erinnern Sie ſich an die Dame geſtern in der Kaſta⸗ nienallee?“ „Die Dame in Weiß? Ja.“ „War ſie nicht ſchön?“ „Ich glaube.“ „Ich glaube? Profeſſor, was ſind Sie für ein Menſch! Schön wie der Tag, ſag' ich Ihnen! Schön, jung und lebensluſtig— o!“ „Nun?“ „Sie iſt vom Zlitz erſchlagen worden.“ Nach einer Pauſe fuhr Flor ruhiger fort:„Der Blitz ſchlug in den Pavillon— Sie wiſſen, am Ende —',— —,.,— 51 der Allee! Gärtner ſahen den Strahl; gleich darauf loderte die Flamme aus dem Dach. Des Feuers wurde man Herr, aber im Zimmer fand man den Grafen bewußtlos und unſere weiße Dame todt. Wenn ſie beim Einſchlagen nebeneinander geſeſſen hätten, wäre vielleicht das Umgekehrte der Fall, denn nach Boudin bevorzugt der ungalante Blitz entſchieden das männliche Geſchlecht.“ „Und wer iſt die Unglückliche?“ „Hm— das iſt's, warum ich Sie zu mir bitten ließ. Es gibt Geſchichten, die man todtſchweigen muß. Sagen wir, das arme Kind wurde in Paris geboren, um in dieſem Neſt hier zu ſterben. Ihr Herr College wird das Vorſehung nennen— ich nenne es anders.“. Der Profeſſor ſah den andern wie durch einen Schleier.„Iſt es— iſt es ſo, daß die Gräfin frei wird?“ fragte er zögernd. „Ja, wenn ſie will, wird ſie wohl geſchieden werden.“ Benedict verrieth ſeine Gemüthsbewegung nur durch ein Vorſtrecken der rechten Hand. „Aber“, ſetzte Flor, ihn feſt ins Auge faſſend, 4* —— 52 hinzu,„aber glücklicher wird ſie dadurch nicht. Abge⸗ ſehen davon, daß ſie als Katholikin, ſoviel ich weiß, 3 keine andere Ehe ſchließen kann, ſchleppt ſie das heutige Unglück wie eine Kette nach, ſolange ſie lebt. Der Graf erholt ſich von dieſem Schlag; er wird bald wieder ſo luſtig und leichtſinnig und liederlich wie bisher ſein. Don Juan beſſert ſich nie und Don Juan erhält immer Pardon. Weil aber die Geſellſchaft ihr Opfer haben muß, wird ſie ſich an die Gräfin machen. Mit der Miene des Bedauerns ziſchelt man ſich dies und jenes über ſie ins Ohr; um ſich für ihre Reinheit zu rächen, betappt und betaſtet man ihren Ruf ſo lange,. bis er einen verdächtigen Schiller hat, und ſollte ſie wirklich einmal ſtraucheln, ſtößt man ſie aus ohne Gnade.“ Der Profeſſor nickte ſchwerfällig.„Ja, ja, Sie kennen die Welt.— Die Arme!“ „Es iſt der Widerwille der Geſellſchaft gegen das Unglück“, fuhr Flor fort.„Wenn unſere Freundin klug iſt, zieht ſie ſich in eine ſtille Ecke zurück, wo man ihrer vergißt.“ Und thät's die ganze Welt, einer vergißt ſie nicht, dachte Benedict. —,— 53 Er begab ſich in ſein Zimmer. Geſtern ſo glühend, vor wenigen Stunden noch ſo muthig, fühlte er ſich jetzt an Leib und Seele müde. Es war ihm, als hätte er zwiſchen heute und geſtern Jahre gelebt und wäre längſt hoffnungslos. Gegen Abend kam ein Diener und lud mit der Miene eines Leichenbitters den Profeſſor zur Gräfin. Er traf ſie in Hut und Shawl. Waren auch ihre Wangen blaß, ihre Augen verweint, empfing ſie doch den Prieſter gefaßt und voll weiblicher Würde. Ohne des Ereigniſſes ſelbſt zu erwähnen, ſprach ſie, die behandſchuhte Rechte darreichend:„Ich wollte Frohnburg nicht verlaſſen, ohne Ihnen Adieu zu ſagen. Ich begebe mich mit Wiſſen und Willen des Grafen vorläufig zu meiner Freundin, Frau von Bruck. Hof⸗ fentlich ſcheiden wir nicht ſchon heute für immer, ich ſehe Sie noch einmal in Friedenthal.— Beten Sie für mich!“ Benedictus war keines Wortes mächtig. Um acht Uhr hatte die Köchin dem hochwürdigen Herrn Balthaſar Püchelhuber den Tiſch zur Abend⸗ mahlzeit gedeckt und des Faſttags wegen zwar kein Fleiſch, aber verſchiedene andere gute Dinge einladend zurechtgeſtellt. Es ſchlug neun, und noch immer nicht rief er nach ſeinem Abendtrunk, ſondern lief in der Stube umher, wo auf dem Stehpult die Studirlampe brannte. Das war noch niemals dageweſen. Aber in ſolcher Lage hatte er ſich auch noch nie befunden. Nachdem der erſte Schrecken über das Ereigniß des Nachmittags vorüber war, verſuchte er, aufs höchſte entrüſtet zu ſein, ohne daß es ihm gelang. Die Handlungsweiſe des Grafen war freilich nicht ſchön und die Strafe des Himmels im Ganzen ge⸗ recht, allein warum das gerade in ſeinem Sprengel ge⸗ ſchehen mußte, konnte er nicht einſehen. Das gibt einen Heidenſkandal, und ſchließlich wird Niemand dadurch gebeſſert. Wie ſoll er ſich benehmen? Soll er als Seelſorger dem Grafen ins Gewiſſen reden, nachdem der Himmel ſelbſt ſo deutlich geſprochen hat? Außerdem bleibt der Sünder immer noch Herr von Frohnburg, mit dem man es eben der heiligen Kirche wegen und nebenbei um des guten Kellers willen nicht ganz verderben darf. Was aber ſagt er der Gemeinde? Wenn er ſich dieſe Gelegenheit entgehen — 55 läßt, ſeinen lieben Bauern von der Kanzel herunter die ehelichen Pflichten und Tugenden ans Herz zu legen, macht er ſich die ſämmtlichen Weiblein in und um Frohnburg zu Feinden. Auch den Pater Gregor nicht zu vergeſſen! Was wird der dazu ſagen, wie ſich verhalten? Bis jetzt vertrugen ſich er und der Graf ganz gut, doch wenn die zwei Hartköpfe einmal an einander gerathen— Bei der Erwägung dieſer Möglichkeit ſtand der Hochwürdige plötzlich ſtill. „Nun, und wenn der Fal eintritt!“ ſagte er ſich; „posito, ſie werden grob gegeneinander, ſo wird aus dem Handel nichts, und der Herr Pater geht wieder hin, wo er hergekommen iſt.— Reſi!“ ſchrie er, wieder lebensmuthig, ja begeiſtert durch die Thür; „Reſi, mein Bier!“ Es klopfte. Der Schullehrer und der Meßner wünſchten Hochwürden ſchönen guten Abend, worauf jeder der drei einen Seufzer ausſtieß. „Iſt das eine G'ſchicht!“ 2 Schrecklich 12 „Mein Ludwig—“ hob der Lehrer an, doch der 56 Küſter, der ihm gleichſam das Wort vom Munde weg⸗ ſchnappte, ſchrie:„Was?“ und der Hochwürdige ſchlug die Hände zuſammen:„Was hat denn Ihr Ludwig damit zu thun?“ 1 „Ah ſo, Hochwürden ſprechen von der andern Sache?“ „Ja, was ſoll's denn ſonſt noch geben?“ „Mein Ludwig“— der Meßner ſchnappte wieder —„geht nach München—“ „So laſſen Sie ihn gehen!“ „Aber für Rechnung des Herrn von Bruck—“ „So ſeien Sie doch froh!“ „Aber nicht als Candidat—“ „Heiliger Nepomuk!“ rief Püchelhuber, ſich vor Un⸗ geduld die Ohren zuhaltend,„laſſen Sie doch endlich Ihren Ludwig laufen, wohin er Luſt hat, und er⸗ zählen Sie mir, wie's im Schloß ausſchaut!“ Auf dieſe Frage rollte Gottlieb Egidius nur die Augen empor und hob die Hand. „Und was ſagt man im Dorf?“ wandte ſich der Pfarrer zum Meßner. Letzterer drückte ſich in ähnlicher Weiſe mimiſch aus. V —/— V —/— R 57 „Schlimm! ſchlimm! ſchlimm!“ ſtöhnte der Hoch⸗ würdige.„Sind die Herren vom Gericht und der Doctor noch oben, Schulmeiſter?“ „Die ſind längſt fort. Sie machten abſichtlich den Umweg durch den Park.“ „Verſteh', verſteh'.— Haben Sie was geſehen?“ „Ja freilich. Dem neuen Herrn Praktikanten wurde übel, und ſo nahm man mich als Protokollant. Hier iſt übrigens eine Copie für Euer Hochwürden.“ Püchelhuber nahm das Document mit Widerwillen an ſich, legte den entfalteten Bogen auf das Pult, putzte ſeine Brillengläſer und las ſodann mit halb⸗ lauter Stimme, langſam und nicht ohne unterſchiedent⸗ liche Empfindelaute den„Bericht des Dr. med. Andreas Geiger, prakt. Arztes in Pfarrkirchen“. „Mlle. F.“, lautete derſelbe,„befand ſich während des Gewitters umſtehenden Datums in einem Pavillon des gräflichen Parks. Sie ſaß mit dem Rücken am offenen Fenſter. Gärtnerburſchen kamen auf der Flucht vor dem Regen in demſelben Augenblicke vorüber, als der Blitz in den Saal ſchlug. Sie ſahen deutlich, daß Mlle. F. von ihrem Sitz ſchnellte und dann ſofort wieder zurückſank. 58 Graf G., gleichzeitig in der Tiefe des Saals, war bewußtlos niedergefallen, ohne den Blitz wahr⸗ genommen zu haben, kam aber wieder zu ſich, war ſeiner Sprache mächtig und im vollen Beſitz des Ge⸗ ſichts wie des Gehörs; nur in den Beinen fühlte er eine geringe Lähmung, welche ſich jedoch bald wieder vollſtändig verlor. Die F. zeigte bei Ankunft des Referenten an den Armen bereits Todtenſtarre. Vom rechten Ohr zog ſich eine mehrere Zoll breite Brandwunde über die Bruſt.“ Hier folgte eine ausführliche Schilderung des Leichenbefundes. Der Bericht ſchloß: „Herz normal.“ Eine Stille trat ein, dann that Küſter Mendel die verhängnißvolle Frage: wann die Beerdigung ſtattfinde? „Die Beerdigung?“ rief Püchelhuber.„Was geht ſie denn uns an?“ „Hochwürden, Hochwürden“, wandte der Meßner mit bedenklicher Miene ein,„ſchließlich iſt die Perſon nur verunglückt, und was ihr Verhältniß zum Herrn Grafen betrifft: etwas G'wiſſes weiß man nicht.“ 59 „Wie dem ſei, eine Perſon, die ſo unheimlichen Tod geſtorben, gehört auf keinen katholiſchen Kirchhof — da drehten ſich ja alle Andern im Grabe um! Nein, nein, nein! Meinen Reſpekt vor dem Grafen, doch den Willen thu' ich ihm nicht. Non possumus! — Uebrigens wird er's gar nicht verlangen“, fügte er ſich beſänftigend hinzu,„wird ſeinem Ruf nicht auf eigenem Grund und Boden den Leichenſtein ſetzen.“ „Aber wer ſoll ſie denn begraben?“ Püchelhuber gab dem Meßner einen leichten Stoß vor die Bruſt.„Mendel“, ſagte er mit einem pfiffigen Grinſen,„laſſen wir die lutheriſchen Frieden⸗ thaler dafür ſorgen! Ich gönne ihnen die Mamſell.“ Sechstes Kapitel. Das letzte Schäferſtündchen. Die gräfliche Dienerſchaft ſaß mit Ausnahme Severin's, der beim Grafen wachen mußte, um den großen Eßtiſch im Geſindezimmer. Auch die Blume des letztern, die Kammerjungfer, war noch da, ſie ſollte erſt am andern Morgen ihrer Herrin mit der Garderobe folgen. Es roch ſehr ſtark nach Rum, denn die Damen ſervirten Thee. Trotz der geiſtigen Anregung floß das Geſpräch nur träge, und es traten lange Pauſen ein, aber man las ſich ganze Geſchichten von den Geſichtern ab. Mr. Swell, der heute Abend „frei“ war, ſaß der ſehr nervöſen Kammerjungfer zur Rechten. Er benahm ſich gelaſſen und würdevoll wie 61 immer, er war im Vergleich zu den andern geradezu erhaben, der Biedermann des Horaz, den weder Irdiſches aus der Faſſung bringt, noch Jovis Wetter⸗ keil, nec fulminantis magna manus Jovis. Als der Schreiber an ein Fenſter ging, kreiſchte Fanny auf und erklärte mit aller Entſchiedenheit, „dergleichen Dummheiten“ nicht leiden zu wollen. „Aber, Fräulein Fanny, von hier aus kann man ja nur ins Dorf ſehen. Außerdem iſt's ſtockſinſter.“ „Alles eins— ich bin ohnehin ſchon halb todt gegrault; entweder bleiben Sie bei mir ſitzen oder ſuchen ſich einen andern Platz!“ Der Cabinetsſecretär kehrte reuig an ihre Linke zurück. „Sagen Sie'mal, Mr. Swell“, fragte der Mund⸗ koch,„als aufgeklärter Mann, würden Sie auch heute in den Pavillon gehen?“ Die Kammerjungfer hielt ſich die Ohren zu. „Sicher, doch warum ſollte ich? Wir wiſſen jetzt, was im Pavillon war.“ „Sie haben alſo geſtern doch nicht recht gehört“, rnrar 1— 62 ſprach der Koch, wobei er die andern vielſagend an⸗ blickte. „Ich habe nichts gehört“, erwiderte Swell ſehr ruhig und doch ſehr deutlich,„beweiſen Sie mir alſo, daß ich etwas gehört hätte.“ „Ich bitt' Euch!“ flehte die Kammerjungfer, und da die Kukuksuhr gleichzeitig die zwölfte Stunde zu rufen anfing, blieb es einige Minuten lang ſtill. „Wer geht da?“ ſagte der Schreiber, indem er ſich nach der Thür umſah. Es kam Jemand den Corridor entlang. Fanny klammerte ſich inſtinctiv an denjenigen ihrer Nachbarn, der ſie anbetete.„Der Herr Graf iſt's nicht“, ſagte ein Jäger.„Ein Geiſt!“ ſagte die Caſtellanin. Aber Mr. Swell, allen Hypotheſen abhold, ging gelaſſen an die Thür und öffnete ſie weit. Es war der Profeſſor, der, ohne einen Blick ins helle Zimmer und auf die Spähenden drin zu werfen, langſam vorüberſchritt. Er hatte nach Art der Mönche, wenn ſie nachts zur Hora gehen, eine Kapuze über den Kopf gezogen und trug eine Hand⸗ laterne. Er begab ſich in den Park. 63 Nur die Laterne leuchtete ihm, denn am Himmel war wieder tiefgehendes Gewölk. Im ſchwanken Schein, der auf Hecken und Baumwände ſiel, glitt dem Mönch der eigene Schatten, gleichſam ungeduldig, zuweilen voraus. Manchmal ein Raſcheln im Dickicht, am Weiher der eintönige Chor der Fröſche und ein gurgelnder Ton des Waſſers unterbrachen allein die Stille ſeines Wegs. Jetzt bog er in die Kaſtanienallee. Hier wandelten einſt in manch einer ſolchen Sommernacht zierliche Damen in kokett geſchürzten und gebauſchten Kleidern, das Haar hoch friſirt und ge⸗ pudert, ein Schönheitspfläſterchen über dem lachenden Mund, an der Seite ebenſo geputzter Cavaliere in Schuhen und ſeidenen Strümpfen. Bebänderte Pagen trugen Windlichter voran, und aus dem Pavillon ſtrahlte gaſtlicher Glanz. Wo ſind jene fröhlichen Schönen und galanten Herren hin? Wo müßte man ihre Paare zuſammen⸗ ſuchen, und wie würden ſie ſich heute wiedererkennen, die Gräfin den Chevalier, der Prinz die Baroneſſe? 64 Am Ende der Allee blinzelte Benedict ein Licht entgegen, wie das Signal für ein Stelldichein. Es kam aus dem Pavillon. Doch wenig ein⸗ ladend, verwahrloſter, düſterer denn je, wie geplündert ſah das Haus ſelbſt aus. Ein paar Leitern lehnten am Gemäuer; einige Laden ſchienen gewaltſam auf⸗ geſtoßen zu ſein, einer hing vom Angel. Die Luft umher roch brandig. Benedictus trat in den Sitzungsſaal der ver⸗ liebten Schäfer. Das zierliche Rococogemach wurde heute von einer großen, plumpen Stalllaterne be⸗ leuchtet. Ueberall zeigte ſich Unordnung, verriethen ſich haſtige Hände. Die Stühle waren beiſeite und zuſammengeſchoben, einige umgeſtürzt, hier hatte man den Champagnerkühler auf den Boden geſtellt, hier die zerfetzten Stücke einer Frauenkleidung hingeworfen. An einer Stelle klaffte unter dem Plafond die zart⸗ farbene Seidentapete, und ein Streifen ſchwärzlicher Flüſſigkeit ſickerte daran hernieder. Inmitten des Zim⸗ mers aber, auf dem Tiſch, lag unter einem weißen Laken, eckig und länglich, ein Etwas. Die Augen der ſämmtlichen Nymphen und Bacchanten an den Wänden waren auf dieſe Ueber⸗ raſchung gerichtet. Benedictus blieb, von leiſem Schauder geſchüttelt, an dem einen Tiſchende ſtehen, dann ermannte er ſich, trat hinzu und zog mit feſter Hand das Laken fort. Mademoiſelle Toinette Fel! Doch nein: Made⸗ moiſelle Fel war das Lachen, das Plaudern, die Schönheit, der Reiz; dieſer eiskalte, ſtarre Leib, dies mißfarbene Antlitz, das unter den Wimpern den letzten Blick verwahrt, den Blick auf die Löſung des Räthſels Leben—— „Das iſt das Ende“, ſprach Benedictus dumpf vor ſich hin. Am Morgen wurde der Profeſſor zu Gregor ge⸗ rufen. Er traf ihn, mit dem Rücken am Fenſter lehnend, einen geöffneten Brief in der Hand. „Ich ſah Dich geſtern nicht. Biſt Du wieder wohl?“ G „Ich danke Dir, ja.“ Es war bezeichnend für Gregor, daß er des Heigel, Benedietus. II. 5 66 ſchrecklichen Ereigniſſes mit keiner Silbe erwähnte, ſondern ſofort zu Kloſterſachen überging. „Pater Hieronymus hat mir geſchrieben.“ „So? Wie geht's unſerm guten Pater Prior?“ „Lies!“ Benedict nahm den dargereichten Brief und las: „Hochwürdiger, geliebter Bruder Gregor! Gelobt ſei Jeſus Chriſtus! Geſtern um fünf Uhr Morgens iſt unſer guter Hirt und innigſt ge⸗ liebter Pater Prior, mit den heiligen Sterbeſakramenten verſehen, gottſelig entſchlafen. Laetitia sempiterna erit ei! Dies Ihnen und dem Herrn Profeſſor Pater Benedictus zur Nachricht. Wer Amt und Würden des Seligen übernehmen, die verlaſſene Heerde fortan ſchützen und führen ſoll, iſt keinem von uns zweifel⸗ haft, und ich freue mich, der erſte zu ſein, der Sie, geliebteſter Bruder, beglückwünſcht. Hieronymus, P. 0. P. B.“ „Was ſagſt Du?“ Benedict blickte mit feuchten Augen vor ſich hin. Dann ſagte er leiſe:„Er hat den Frieden.“ „ 4 67 Das war's nicht, was Gregor gemeint hatte. „Halte Dich bereit“, ſprach er barſch.„Der Graf wird mir vorausſichtlich jetzt alle Forderungen bewil⸗ ligen. Am Montag reiſen wir!“ So ſehr ſchon hatte der Brief ſeine Wirkung ge⸗ than, daß nichts mehr von Freundesmilde und Nach⸗ ſicht in Gregor's Antlitz, in ſeiner Stimme war. Er befahl. Und der andere neigte das Haupt:„Ich bin bereit.“ 5* — Siebentes Kapitel. Die Glücklichen. Das Gewitter, das des Pavillons Geheimniß aufdeckte, verrieth noch ein zweites. Der Steinerne, im Entſchluß bedächtig, mit dem Beſchloſſenen niemals zaudernd, ließ nach ſeiner Un⸗ terredung mit Graf Geldern am folgenden Morgen früh Ludwig zu ſich kommen. Bald verband ein leb⸗ haftes Geſpräch die Gatten und ihren jungen Gaſt und gab letzterem Gelegenheit, ſein Wollen und Können klar zu legen. Er erſchien durch Talent und Ge⸗ ſinnung, in Form und Weſen vornehm, ſodaß Frau von Bruck unwillkürlich in den heiter herzlichen Ton 69 verfiel, den ſie ſonſt nur ihresgleichen angemeſſen erachtete. Als ſie ſich trennten, war Ludwig der Sorgen für ſeine Lehrjahre, das hieß ihm: der Sorgen für ſeine Zukunft ledig. 3 Das Gefährt, das ihn geholt hatte, brachte ihn auch wieder nach Frohnburg. Wie anders als auf dem Hinwege ſchlug ihm auf der Heimfahrt beim Anblick des Friedenthaler Pfarrhauſes das Herz! Ob⸗ wohl jetzt wie vorher Niemand von der Familie ſicht⸗ bar war, winkte er doch grüßend nach den Fenſtern: „Hab' ich nur erſt den Vater beruhigt, eil ich zu Euch zurück!“ Und die Freude ließ ihm zu Hauſe nicht Ruhe. Er machte ſich noch vormittags, diesmal zu Fuß, auf den Weg nach Friedenthal. Die glutzitternde Luft drückte ihn nicht. Er ging nicht, er ſchwebte. O Welt, wie biſt du uns ſo ſchön, wenn wir den Glauben an gute Menſchen haben. Wohl dachte er an die Trennung, allein wie ſehr, wie wunderbar hatten ſich die Umſtände geändert! Sein Vater iſt mit ihm ausgeſöhnt, wenn auch noch ein wenig mürriſch. Ein Beſſerer als der Graf 70 hält ihn an der Hand und ſagt den Spöttern und Zweiflern: Ich nehme auf mich, was er thut. Ludwig traf im Pfarrhaus ein, da die Frauen eben mit den Zurüſtungen zum Mittagsmahl fertig waren. Alle wußten die frohe Nachricht ſchon; der Steinerne ſelbſt hatte ſie ihnen hinterbracht. Und der Jubilar war auch ſchon erwartet, denn in der Garten⸗ laube ſtand ein ſechstes Gedeck. Jemand— Jemand, der ſeit dem Beſuch des Gutsherrn wie eine Roſe glühte, hatte den Feldblumenſtrauß, der ſonſt inmitten der beſcheidenen Tafel ſtand, heute vor dieſen Teller hingeſetzt. Der Gerichte gab es nicht viele, trotzdem war's ein köſtliches Mahl. Denn Glück macht geſund, und dem Geſunden ſchmeckt's. Indem war das Gewitter heraufgekommen. Als Paſtor Hellmuth mit Ludwig vor die Hausthür trat, lag der Dorfplatz in dem eigenthümlichen Licht, das ein Wetter gleichſam vor ſich her wirft. Einige Mägde, vom nahen Kartoffelfeld heim⸗ flüchtend, liefen geduckt, als ſpürten ſie ſchon den Regen. Während das Gewitter niederging, befand ſich vV —j— vV 4 71 die Familie in der Arbeitsſtube des Paſtors. Das zärtliche Band, das ſie untereinander verknüpfte, gab die Sicherheit eines Talismans; das Grauen wurde in ſolcher Umgebung beinahe Behagen. Und welch heller Jubel nach dem Gewitter! Die Fenſter wurden dem Sonnenſchein, dem Duft und Geſang geöffnet. Man gab ſich der Luſt der Befreiung hin, als wäre die Haft drückend geweſen. Doch dies Auseinanderfliegen war nur ein Spiel: man trennte ſich, um ſich zu haſchen. Plötzlich ertönte ein Jammerruf. Der Jüngſte kam aus dem Muſikzimmer mit der Nachricht geſtürzt, daß der Käfig ihres Lieblings leer, daß Hänschen davongeflogen ſei. Aus Angſt vor dem Gewitter oder aus Freude über deſſen Ende. Welch ein ſchreckliches Ereigniß! Die Knaben ſtürmten in den Obſtgarten, denn wohin gäb' es für lockere Zeiſige eine klügere Flucht? Juſtine hatte ſich reſolut geſchürzt und eilte mit Freund Ludwig unter die Linden. Hunderte von Sperlingen umflatterten und um⸗ zwitſcherten ſie dort, nur ein Gelbrock war nirgends ſichtbar. 4 72 „Hans! Hans!“ rief das gute Mädchen ganz verzweifelt. Vielleicht war er nach dem Walde. Lockend, rufend ſchritten ſie nebeneinander her, jetzt einen Wieſenſtreif entlang, jetzt unter die weiß⸗ ſtämmigen Birken, welche vor den Waldeingang zarte Zweigſchleier breiten. Und hier entdeckte Ludwig den kleinen Flüchtling. „Da iſt er!“ zeigte er haſtig auf einen Birken⸗ zweig, auf welchem Hänschen ſaß. „Iſt er“, jubelte Juſtine. Aber der Vogel, gewißlich nur, um ſeine Herrin zu necken, flog einige Aeſte höher und ſah, das Köpf⸗ chen ſchief legend, auf ſie herab. Juſtine hob ſich auf den Fußſpitzen empor und ſtreckte ſehnſüchtig die Arme nach ihm. Nie hatte ihre jungfräuliche ſchlanke und doch ſo künſtleriſche Geſtalt Ludwig ſo wie jetzt entzückt. Vom Scheitel bis zur Sohle nirgends ein Tadel, nirgends ein Zuviel, bei aller Feinheit des Baues und der Glieder ſchwellendes Leben! Eine ſtürmiſche Zärtlichkeit erfüllte ihn, machte ihn kühn. Er faßte ſie um die Hüfte, hob ſie empor 73 und entließ ſie nur, um ſie ſo feſter an die Bruſt zu drücken und lechzend ihren nicht fliehenden Mund zu küſſen. Hänschen kam bei dieſem Anblick freiwillig herab und ſetzte ſich eiferſüchtig auf die Schulter ſeiner Herrin. Hand in Hand kehrte das Paar ins Pfarrhaus zurück. Die Brüder nahmen den Wiedergefundenen, den das Mädchen mit der freien Rechten an ſich ge⸗ drückt hielt, jubelnd in Empfang. Frau Beate jedoch blickte erſtaunt ins Geſicht ihrer Tochter und dann bedeutſam auf ihren Gemahl; in demſelben Augenblick ſank ihr Juſtine, bis in den Nacken erröthend, um den Hals, und Ludwig ergriff beide Hände des Pfarrers. Abends, da die Gatten unter der Linde ſaßen, während die beiden Glücklichen, von den Knaben um⸗ ſprungen, auf und ab wandelten, ſagte einmal Frau Beate:„Aber wird Ludwig's Zukunft ſich ſo geſtal⸗ ten—“ „Ei ſieh“, fiel der Paſtor lächelnd ein,„biſt Du jetzt die Sorgende? Seine Zukunft ſteht auf ſeiner Stirn— ihn küßte der Genius. Und wir, wir in Friedenthal dürfen glauben, daß die Kunſt Gottes iſt.“ Achtes Kapitel. Begräbniß. Am Morgen des Tages, den Pater Gregor zur„ Abreiſe beſtimmt hatte, am Montag, hielt ein gräflicher Jagdwagen am Waldſaum unweit Friedenthal. Der Kutſcher führte die dampfenden Pferde langſam den Rain hinauf und hinab. Unter den Bäumen ſaß Mr. Swell auf einem Strunk und las in ſeinen Times die Dinge, die vor vierzehn Tagen die Welt beſchäf⸗ tigt hatten. 4 Doch wo war ſein Herr? Wenn Swell den Kopf erhob, konnte er gerade auf das Friedenthaler Gotteshaus mit dem Kirchhof 2* ſehen. Dort befand ſich zur Zeit ſein Herr, angeſichts 75 eines friſchgeſchaufelten Grabes, in das mit dumpfem Gepolter ein Sarg niederging. Ein Sarg mit Mademoiſelle Fel. Paſtor Hellmuth mit Küſter und Todtengräbern, der elegante Herr von Flor und der Mönch Benedictus umgaben ihr Grab. Weiter zurück an der Kirchen⸗ mauer ſtand die Küſterstochter, ein halberwachſenes Mädchen, ein kleines Brüderchen auf dem Arm— eine Sixtiniſche Madonna en miniature. Der Himmel aber, der das ſchöne Weib ſo jach in die tiefſte Tiefe geſchleudert hatte, wölbte ſich golden und mit roſigen Lämmerwölkchen, mit aller Heiterkeit und Unſchuld eines wetterklaren Sommermorgens über der letzten Scene eines Erdenwallens. Im Strauchwerk flatterten und zankten die Sper⸗ linge; vom angrenzenden Feld hörte man eine tiefe Frauenſtimme Jemand beim Namen rufen; dann, wäh⸗ rend der Paſtor ein ſtilles Gebet ſprach, läutete die Glocke in einem nüchternen, geſchäftigen Ton— und die erſte Schaufel Erde kollerte auf den Sargdeckel— der müden Bacchantin die letzte Gabe. An der Kirchhofsthür drückte der Paſtor Bene⸗ dict die Hand.„Ich danke Ihnen, daß Sie ge⸗ 76 kommen ſind. Im Samariterdienſt fühlen wir uns alle eins!“ Sein ſchwarzes Sammtbarett lüftend, verneigte er ſich vor Flor, warf noch einen Blick auf das Grab zurück und ſchritt ſodann langſam die Dorfſtraße hinab. „Kommen Sie, mein Freund!“ drängte Flor zum Fortgehen. Seine Augen hatten an jenem Morgen einen fahlen Glanz, ſeine Lippen ein eigenthümliches Zittern. Doch Benedict bat ihn, allein heimzukehren, ihn zog es unwiderſtehlich zum Grab der Unglück⸗ lichen zurück. „Wie Sie wollen“, verſetzte Flor,„obzwar ich Sie nicht begreife. Was war Ihnen die Todte? Ich habe ſie gekannt. Ich—“ Er brach ab und ging haſtig, ohne Abſchied davon. 1 Auch die Todtengräber waren fort— um zu frühſtücken. Einen im Grabe zuzudecken hat es keine Eile; da friert Niemand mehr. Benedictus ſetzte ſich auf den nächſten Raſenhügel und ſtützte den Kopf in die Hand. Stunde um Stunde ſaß er ſo, als wenn er wie Daphne einzuwurzeln hoffe. Nur einmal horchte er auf das Draußen. Im — —— 6 Dorf ſpielte Jemand das Präludium von Bach. Nur jenes erſten Abends Wellen rauſchten, die Stimme, die klagende, über den Waſſern war verſtummt, die weiße Hand untergetaucht. Und auch die Welle verrauſcht, es iſt klangloſe Nacht um ihn, wie um das Weib da unten. Als Muth und Hoffnung ſeinen Buſen ſchwellten, traf ihn der Blitz der Wahrheit: Die Sünden der Eltern werden an den Kindern heimgeſucht. Er, Benedictus, büßt für uralte Schuld. Dem Bräutigam der katholiſchen Kirche iſt ihr Kleid ein Neſſushemd geworden. Und wenn er es auch abwürfe, bevor es ihn verzehrt, ſo würde die Welt doch auf ſein Brandmal zeigen. Als es elf ſchlug, machte er ſich zum Schwerſten, zum Abſchied von der Gräfin auf den Weg. Frau von Bruck, die ihn von ihrem Fenſter aus erblickte, eilte durch den Vorgarten ihm entgegen. Er antwor⸗ tete auf alle ihre Fragen, ſah aber ſo verſtört und vergrämt aus,-daß ihr das Herz blutete. Sie beglei⸗ 78 tete ihn ſelbſt nach den Zimmern, die ſie der Freundin eingeräumt. Und dann ſtand er vor Coſima. Endlich fand er Worte. „Ich komme, um Abſchied zu nehmen.“ Was ſie wußte und erwartete, erſchreckte ſie doch. „So bald?“ ſagte ſie.„Es wird mir jetzt doppelt ſchwer, Sie zu verlieren.“ Der Ton, mit dem ſie ſprach, der Blick, der ihn traf, wühlten allen Sturm in ihm auf. Es brauſte um ihn, es griff wild an ſein Herz. Hielt er nicht ihre Hand und ließ ſie ihm die⸗ ſelbe nicht? Wenn er jetzt dieſe Hand an ſeine Lippen zöge, wenn er ſich niederwürfe vor dem anbetenswer⸗ then Weibe und all ſein Leiden und Lieben in ein Geſtändniß ausſtrömte, würde, könnte ſie ihm wider⸗ ſtehen? Dort ihr Gemahl, den ſie mehr als haſſen, den ſie verachten muß, den der Himmel ſelber durch ſeinen Blitz von ihr geſchieden, und hier ein Mann, dem ihre Begegnung ein Verhängniß war, den ſie durch einen Hauch ihrer Lippen unſagbar und für immer glücklich machen könnte! O, wenn Liebe jemals Liebe weckte —————— „ 79 muß ſie es in dieſem Augenblick, muß ſie dies Weib über alle Schranken hinweg in ſeine Arme ziehen! Aber nach dieſem Taumel— was dann? „Gräfin“, flehte er aus ſeinem Seelenkampf,„bei Allem, was Ihnen heilig iſt—“ „Was ſoll mir heiliger ſein“, rief ſie leidenſchaft⸗ lich,„heiliger als das erſte edle, das einzige treue Herz, das ich gefunden! Sie ahnen nicht, was, ſeit⸗ dem wir uns zuletzt geſehen, in mir ringt und ſtürmt! Schützen, retten Sie mich! Verlaſſen Sie mich nicht!“ Ja, er wollte ſie ſchützen. „Coſima“, ſagte er mit erhobener Stimme,„ich muß Sie verlaſſen— ich bin ein Prieſter.“ Sie gedachte des Abends im Frohnburger Park, und die Bedeutung ſeiner Worte errathend, barg ſie ſeufzend das Geſicht. So ſtanden ſie Minuten lang ſchweigend einander gegenüber. Dann tönte ſeine Stimme wieder, aber verändert, weich und voll unwiderſtehlicher Güte. „Ich bin ein Prieſter, doch nicht mehr der Kirche, die einen leidenſchaftlichen, zornigen, rachſüchtigen Gott in den Himmel verſetzt, ſondern ein Prieſter, das iſt, 80 ein Verkünder der Lehre, daß Gott in uns iſt. Wer ſich dazu bekennt, iſt mit Gott verſöhnt und kann ent⸗ ſagen.“ Coſima blickte ihn mit beſtürzter Miene an.„Nun erſchüttern auch Sie mich in meinem Letzten, in meinem Chriſtenthum?“ „Ueber dem Chriſtenthum ſteht die Lehre Chriſti. Ohne die Liebe zur Tugend iſt keine Tugend. Und nun: leben Sie wohl!“— Er rang mit ſeinem Schmerz. Dann fragte er nach ihrem Knaben. Er ſei in Friedenthal. Benedictus neigte ſich zu ihrer Stirn. „So küſſen Sie ihn mit dieſem Kuß!“ „Ihren Segen, Vater!“ rief ſie ſchluchzend aus und ſank in die Kniee vor ihm. Er legte die Hand auf ihr Haupt. „Noch einmal: Gott iſt in uns!“ ſagte er leiſe. Nachmittags kam Pater Gregor mit dem Kauf⸗ vertrag in der Taſche aus dem Zimmer des Grafen. „Schade“, dachte er,„daß ich nicht ſchon heute als Prior unterzeichnen kann. Wenigſtens ſehen ſie im Kloſter Schwarz auf Weiß, was ſie an mir haben. Der — 81 Wald oder ſagen wir das Donnerwetter kam dem Grafen theuer zu ſtehen.“ Er trat ſchmunzelnd in den Speiſeſaal, wo Be⸗ nedictus, Flor und der Pfarrer auf ihn warteten. Er machte ſich im Stuhl ſo breit als möglich, er fühlte ſich Herr. „Auf Ihre Geſundheit, Herr von Flor!“ und: „Auf Wiederſehen in unſerem Kloſter, Herr Pfarrer!“ Als der Tafeldecker Champagner einſchenkte, hielt Gregor ſein Glas gegen die Sonne. „Schön ſchmeckſt du“, ſagte er,„und ſchön ſchauſt du aus, aber unſer Klboſterbier iſt mir dennoch lieber; der Herr Profeſſor freilich, der ſich nur mit der Milch der Wiſſenſchaft nährt, denkt vielleicht anders.“ Er ſchielte unter den Wimpern auf Benedictus. Dieſer ſchwieg. Plötzlich ſchlug Gregor, purpurn im Geſicht, mit der Fauſt auf den Tiſch und ſchrie: „Verflucht ſeien die Abtrünnigen!“ „Bauer!“ dachte Flor und ſah auf Benedictus, der auch jetzt keine Miene verzog. Auch Balthaſar Püchelhuber behielt ſeine Gedan⸗ ken für ſich:„Wenn ſie dich zum Papſt machten, brächte mich kein Cardinalshut nach Rom.“ Heigel, Benedietus. II. 6 82 Nach Tiſche ging Benedictus auf die Terraſſe, um ein letztes Mal das Bild des Gartens ſich einzuprägen. Herr von Flor trat zu ihm. „Und Sie kehren ins Kloſter zurück?“ „Ja.“ „Es iſt ſonſt nicht meine Art, Anderer Thun und Laſſen zu corrigiren, allein wir haben zuſammen ſo Ungewöhnliches erlebt— ſagen Sie mir: kann und darf ein offener Kopf wie Sie wiſſentlich Falſches lehren?“ „Nein.“ „Und doch gehen Sie ins Kloſter zurück—“ „Nicht um zu lehren, ſondern um zu leiden.“ „Ich ſehe die Dringlichkeit dieſes Martyriums nicht ein.“ „Ich kann nicht anders.— Und dann hat mein Entſchluß noch eine andere Seite. Nehmen wir an, Sie hätten einen Lehrer, der Sie Falſches lehrte. Werden Sie ihn, wenn er unglücklich iſt und im Sterben liegt, werden Sie ihn gerade in der Stunde verlaſſen?“ „Wenn Sie Ihre Kirche damit meinen, ſo finde ich ſie für einen Sterbenden noch recht lebendig.“ —y 83 „Wer ſich auf dem Schiff befindet, täuſcht ſich über das Sinken nicht.“ Im gräflichen Wagen, der die Prieſter nach der Bahnſtation brachte, ſaß auch Ludwig. Der Lehrer hatte Gregor um die Erlaubniß gebeten, daß ſein ſcheidender Sohn die Gelegenheit benutzen dürfte, und Gregor hatte ſie großmüthig ertheilt. Was lag ihm heute noch an dem Muſikus, an ganz Frohnburg! Mag er hinten aufſitzen. Nach halbſtündiger Fahrt bemerkte Gregor, daß ſie einen andern Weg als bei der Herreiſe fuhren. Der Kutſcher entſchuldigte ſich damit, daß jener Weg kürzer, aber dieſer„halt“ beſſer ſei. Sie kommen durch Friedenthal. Gregor blickte finſter auf dieſe Menſchen, die einen Mönch nicht grüßten, und als vor einem Hauſe auf dem Linden⸗ platze gegrüßt wurde, Damen Tücher flattern ließen und Knaben Hurrah! riefen, that er, als bemerkte er es nicht. Hinter ihm aber ſprang der junge Muſikus empor und ſchwenkte den Hut. Am Ausgang des Dorfes, wo eine Allee zum 6* 84 Gute derer von Bruck abbiegt, ſtand ein blonder ſchöner Knabe und warf lachend eine Roſe nach dem Wagen. Sie galt Vincenz, der auf dem Kutſchbock ſaß, fiel aber Benedictus in den Schooß. Der Knabe war der Sohn Coſima's. Hinter dem Wagen her wirbelte im Sonnenlicht gleißender Staub. Neuntes Kapitel. Das ewige Licht. Wenige Wochen ſind ſeit der Heimkehr der beiden Mönche vergangen, und Pater Gregor iſt unterdeſſen Prior geworden. Waſſer und Felſen, wie Benedictus Herrn von Flor erzählte, umgeben das Kloſter. Unter einem ſternenloſen Nachthimmel, wie er jetzt über der ganzen Gegend lag, glich es mit ſeinen ſchwarzen Gebäude⸗ maſſen ſelbſt einem Felſen. Nur ein Fenſter war noch hell. 8 Nach der Ordensregel müſſen ſämmtliche Lichter zu einer beſtimmten Stunde ausgelöſcht werden, und 86 die Stunde war längſt vorüber. Aber jene Zelle war das Aſyl eines Gelehrten, das ärmliche Licht leuchtete ihm zu ſeinen nächtlichen Studien— der verſtorbene Prior hatte das immer geduldet. Der blaſſe Mann ſaß denn auch heute wieder beim Kerzenſchein und las. Plötzlich donnerte Jemand an die Thür, und eine rauhe Stimme, die Stimme Gregor's, rief: „Pater Benedict, kein Licht!“ Das Licht wurde ausgelöſcht. Doch bald, nachdem die Schritte des Priors ver⸗ hallt waren, glitt eine dunkle Geſtalt aus der ge⸗ räuſchlos geöffneten Zelle und verſchwand im Corridor. Es war Benedictus. Er ſtieg die Treppen hinab und bog dann in ein Gewölbe, das der Duft von Weihrauch durchzog. Langſam ſich vorwärts taſtend, gelangte er an eine Thür. Als er ſie öffnete und eintrat, wehte es ihm eiſig entgegen. Er ſtand in der Kloſterkirche. In ſcheinbar unermeßlicher Ferne, jenſeits eines Abgrunds von Finſterniß flimmerte ein Stern: die 87 Ampel vor dem Altar, welche nie verlöſchen darf, das „ewige Licht“. Benedictus ging— und jeder Schritt auf den Marmorflieſen weckte in dieſer Todtenſtille ſchaurigen Widerhall— dem Licht entgegen. Ein zweites Lämp⸗ chen blinkte im Seitenſchiff auf den ſilbernen Ligorius, den der Gründer der Frohnburger Schäferakademie ins Kboſter geſtiftet. Benedict aber ließ ſich auf den Stufen des Hochaltars nieder, legte das Buch, das er mit ſich genommen hatte, in den Schooß, und zu der Ampel droben mit einem wehmüthigen Lächeln emporſchauend, ſprach er: „So leuchte denn du mir, ewiges Licht!“ Ende. d— —emV Erſtes Kapitel. An einem Junitage der Gegenwart war das Rittergut Kleingöhren feſtlich geſchmückt, nachdem es — von ſeinem Erbauer überhaupt nicht verſchwenderiſch ausgeſtattet— ſeit Monaten durch die Vorgänge in ſeiner nächſten Umgebung ſattſam gelitten. Haus und Gründe waren nämlich vom Beſitzer, einem Freiherrn von Riedgras, an einen Fabrikanten der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt verkauft worden, und letzterer benutzte den von der Schwelle des Schlößleins einen Hügel hinab ſich ziehenden Garten zur Anlage einer Cement⸗ fabrik. So wurde das Friſtjahr, das der Baron zum Wohnen auf Kleingöhren beanſpruchte, der Familie verbittert, denn die Bauarbeiter hatten weder für den 92 Unmuth des Barons noch für die Nerven ſeiner Frau eine fühlende Bruſt. Nun war auch das Jahr dahin, Kiſten und Koffer ſtanden gepackt in den Zimmern. Das Geſinde, das mit Ausnahme des Kammerdieners beim neuen Herrn im alten Hauſe bleiben ſollte, machte ſeit einer Woche täglich halben Feiertag. Der Baron befand ſich im Boudoir ſeiner Frau am Fenſter. Ach, nie hatte ihn der Blick aus dieſem Hauſe mehr entzückt! Zwiſchen hohen Hügeln auf einer von Natur gebildeten Terraſſe lag daſſelbe, zu beiden Seiten und hinter ihm ſtieg herrlicher Buchen⸗ wald empor, zu Füßen aber dehnte ſich die See. „Es geht nicht anders“, ſagte Riedgras, halb zu ſeiner Gemahlin ſich wendend;„es geht nicht anders, wir müſſen den jungen Riedel heute zur Tafel ziehen. Es iſt zum letzten Mal.“ „Zum Dank dafür, daß ſein Papa ſo wenig Rück⸗ ſicht auf uns genommen, uns den Garten verwüſtet, die Luft mit Kalkſtaub vergiftet, die Ohren mit Ge⸗ hämmer zerriſſen?“ „Liebe Hermine, der Mann iſt Fabrikant. Seine Loſung heißt Geld verdienen, ſo viel und ſo raſch 93 als möglich Geld verdienen. Grund und Boden hier ſind ſein— er nutzt ſie eben auf ſeine Weiſe aus. Uebrigens iſt ſein Sohn ein charmanter junger Menſch, gebildet ohne Einbildung—“ „Ich mag nun einmal die Parvenus nicht leiden.“ „In der Reſidenz, Hermine, dürfteſt Du manche Unleidlichere finden.“ „In der Reſidenz, Eduard, iſt man unter ſich. Auf dem Lande iſt man auf ſeine Nachbarn angewie⸗ ſen. Ich habe das Landleben herzlich ſatt.“ Der Baron ſtieß einen Seufzer aus und ließ den Blick wieder über die blaue See ſchweifen. Er war ein hochgewachſener Mann von militäriſch ſtrammer Haltung trotz des Alters, das ihm Haar und Backenbart längſt entfärbt und ins gutmüthige Geſicht hundert Furchen und Runzeln gezogen hatte. Auch die Baronin hielt ſich kerzengerade, doch ihr Geſicht war mit den Jahren ſcharf und ſpitz geworden, dazu blickten die waſſerblauen Augen ſehr hochmüthig und lag um den Mund ein nichts weniger als gütiger Zug. Uebrigens war ſie dem Freiherrn in nun dreißig⸗ jähriger Ehe eine treue Gattin, ihren zwei Kindern eine leidlich tüchtige Mutter geweſen. Bürgerlich von Geburt, ſchwärmte ſie anfangs für das Rittergut, aber im Lauf der Zeit vergaß ſie mehr und mehr ihre beſcheidene Herkunft; die Reſidenz und zwar der Hof wurde ihr Ideal. Umſtände, namentlich die Anhäng⸗ lichkeit ihres Mannes an die Scholle, auf welcher er geboren und faſt ſein Leben lang geweilt hatte, waren ſchuld, daß ihr Lieblingswunſch erſt jetzt, in ihrem Alter in Erfüllung ging. Der Baron winkte mit dem Taſchentuch aus dem Fenſter.„Unſer Fritz kommt mit Herrn Riedel an⸗ geſegelt“, gab er auf die Frage ſeiner Gemahlin zur Antwort. „Schon wieder?“ verſetzte dieſe mit ungeduldiger Miene.„Ich begreife nicht, wie Du unſerem Fritz dieſe gefährlichen Vergnügungen geſtatten kannſt.“ „Das gehört zum Sport, liebe Hermine, und der Sport zum Edelmann. Ich freue mich vielmehr, daß Fritz endlich nach Herzensluſt auf dem Waſſer ſich tummeln kann. Ein Segelboot war längſt ſein Wunſch.“ „Leider gehört das Boot Herrn Riedel, und der Fabrikantenſohn iſt kein Umgang für unſern Fritz.“ In dieſem Augenblick trat beider Tochter, die hübſche blonde Wanda ins Zimmer, küßte dem Vater zum guten Morgen die Wange und der gnädigen Frau Mama die Hand, welche in ſtrohfarbenem Halbhandſchuh ſtak. Wanda war vierundzwanzig Jahre alt, aber ſie hatte die Friſche, die Unſchuld einer Achtzehnjährigen. „Du haſt geweint?“ fragte erſtaunt die Baronin, mit einem ſcharfen Blick auf die gerötheten Augenlider des Mädchens. „Ja, Mama.“ „Das ſchickt ſich für Deine Jahre nicht. Was ſollen die Dienſtleute denken! Und warum, wenn ich fragen darf? Um den greulichen Nero oder die vor⸗ laute Sabine, die, Gott ſei Dank, beide hier bleiben?“ „Um Alles, Mama, was wir hier zurücklaſſen. Es war ja doch unſere liebe, gute Heimat. Ach, und der Wald und die See!“ „Sehr hübſch, ſehr romantiſch.— Aber denke an die entſetzlichen Wintertage! Wenn in Regenmünde — der Name iſt außerordentlich bezeichnend— wenn in Regenmünde kein Ball oder Concert war, lebte man hier wie auf Spitzbergen. Und was waren das für Bälle und Concerte?— Gräßlich! Du wirſt in 96 der Reſidenz den Unterſchied zwiſchen guter und ſchlech⸗ ter Geſellſchaft bald einſehen lernen.“ Der Baron war hinzugetreten und legte den Arm um die Getadelte.„Schilt mein Täubchen nicht wegen ſeiner Anhänglichkeit an dieſe Scholle“, ſagte er.„War Kleingöhren auch ein Neſtchen, für die Göhre war's doch ein warmes, behagliches.“ „Aber Eduard! Dieſer Ausdruck! Es iſt in der That Zeit, daß wir nach der Reſidenz kommen. Wir ſind alle verwildert.“ „Nur Du nicht“, entgegnete galant der alte Herr. „Man könnte Dich, was Gott verhüte, auf einer wüſten Inſel ausſetzen, Du würdeſt immer ein Muſter der Etikette und feinſten Anſtands bleiben.“ Die Baronin dankte mit einem Lächeln, ſo ſüß es ihr möglich war. Sie wußte, daß er im Ernſt ſprach. Er bewunderte ſie. Zweites Kapitel. Man ſpeiſte dem Tage zu Chren im größten Zimmer, von der Baronin der Ahnenſaal genannt, weil die Portraits von ihres Mannes Eltern, Groß⸗ eltern und ſo weiter ſeine Wände ſchmückten. Zum Bedauern der Dame war die Oelmalerei zur Zeit der erſten Riedgras noch nicht erfunden. Die Portraitſammlung ſollte zuletzt eingepackt werden. Der Paſtor des nahen Hafenſtädtchens Regen⸗ münde, der Förſter von Kleingöhren und der bereits erwähnte Sohn des reichen Fabrikherrn waren die Gäſte. Letzterer, eine prächtige Erſcheinung, das Bild 7 Heigel, Baron Riedgras. —— — —— 98 jugendlicher Kraft und Energie, bewegte ſich mit welt⸗ männiſcher Sicherheit, Dank dem Bewußtſein der Un⸗ abhängigkeit durch den Reichthum ſeiner Eltern, wie durch eigene Talente und Kenntniſſe. Das Diner war Hausmannskoſt, das Tafelgeſchirr gediegen, altmodiſch, nichts von Ueberfluß. Am Tiſche ſeiner bürgerlichen Eltern und Bekannten hatte Guſtav Riedel zehnfach größeren Luxus, dennoch ſtrahlte ſein Geſicht von Glück, trotz der Steifheit der Wirthin und der Einſilbigkeit der Uebrigen. Man hätte übri⸗ gens viel mehr in ihm den jungen Landedelmann ver⸗ muthet als in Baron Fritz, der zwar hochaufgeſchoſſen, aber ſchwerfällig und trotz der väterlichen Ermahnun⸗ gen von ſchlechter Haltung, trotz der Seeluft von bleicher Geſichtsfarbe war. Der alte Baron beobachtete feierlichen Ernſt, ſprach weniger und trank mehr als gewöhnlich. Gütig gegen den Paſtor und Förſter, höflich gegen Guſtav, ließ er doch am öfterſten den Blick auf den Ahnen⸗ bildern oder auf den lebenden Seinen weilen; und dann zuckte es ſchmerzlich um ſeinen Mund, und die Augen wurden ihm feucht. Bevor die Mahlzeit zu Ende ging, erhob er ſich, eine ſilberne Schale, ein uraltes Erbſtück, mit edlem Rheinwein füllend. Er blickte eine Weile ſinnend vor ſich und ſprach dann langſam, aber mit Würde und Wärme: „Sie alle fühlen mir's nach, daß ich heute nicht ohne tiefe Bewegung auf dieſe Räume blicken kann. Das Haus, das vor fünfundachtzig Jahren ein Ried⸗ gras erbaute, war mein Elternhaus, meine Wiege— ich hab es ſeit meiner Hochzeit nur auf Stunden ver⸗ laſſen. Hier war all mein Freud und Leid, hier mein Familienſchatz: meine Kinder.— Ich kann es nicht ohne Schmerz verlaſſen— ob ohne Vorwurf, frage ich euch“, fuhr er mit bebender Stimme und den Blick zu den alten Riedgras erhebend fort;„die Eiche, die mein Großater als Wahrzeichen adeligen Sitzes vor die Schwelle gepflanzt, i*ſt gefällt. Ich ſpreche ſelbſt⸗ verſtändlich damit keinen Tadel gegen Sie aus, mein lieber Herr Riedel!— Ach, die Zeit iſt eine andere, als die eurige war, ihr Theuren, Ehrwürdigen, und der Zäheſte muß ſich ihr zuletzt beugen. So habe ich denn nur den einen Wunſch: möge die Reſidenz, die Großſtadt, die ich ſeit dreißig Jahren nicht mehr geſehen, uns eine ebenſo friedliche und geliebte Hei⸗ 7* 100 mat bieten wie Kleingöhren, und werde dieſes unſerem Nachfolger lieb und werth, wie es uns war! Möge das— das Etabliſſement, das Ihr Herr Vater hier begründet, gedeihen und Gewinn und Segen bringen; möge aber auch mein guter, herrlicher Wald daneben grünen dürfen, der Wald, mit dem mein Herz, meine heiligſten Erinnerungen verwachſen blei⸗ ben— auch in der Ferne!“ Die Hand mit dem Becher ſchwankte, die Stimme verſagte ihm. Helle Thränen rannen über ſeine Backen. Alle umringten den alten braven Herrn, der keinen Feind beſaß. Wanda ſchluchzte, und auch ſein Sohn ſchien betroffen. Die Baronin weinte nicht, nur ihre Naſe war röther als gewöhnlich. Drittes Kapitel. Der Reſt des Tages verging unter den letzten Vorbereitungen zur Reiſe, den Abend verbrachte die Familie ſtill unter ſich, und man trennte ſich bald, ſo⸗ daß um zehn Uhr alle Fenſter im Schloſſe dunkel waren. Nur im Erdgeſchoß eines der Häuschen, welche dem Beamtenperſonal der Fabrik als Wohnung dienen ſollten, brannte noch Licht. Es war Herrn Riedel's Zimmer. Er ging unruhig darin auf und ab. End⸗ lich ließ auch er ſeine Lampe verlöſchen; doch legte er ſich nicht ſchlafen, ſondern trat ins Freie. Den Blick prüfend hinauf und hinab ſendend und lauſchend zögerte er auf der Schwelle, wo nahebei die zum Theil vollendeten, zum Theil noch im Bau be⸗ 102 griffenen koloſſalen Oefen, tiefen Reſervoirs und lang⸗ geſtreckten Galerien im Dämmer der geſtirnten Nacht mehr den Anfängen eines indiſchen Tempelbaues als einer ſoliden deutſchen Cementfabrik glichen. Die See lag, eine träge Maſſe, dunkler als der Himmel, tief unter ſeinen Füßen. Fern, an der Spitze der Bucht, welche auch das umwaldete Kleingöhren an ihrem Gürtel trug, ſchimmerte das Licht des Regenmünder Leuchtthurms. Nichts bewegte und regte ſich, nur der alterslahme Hofhund Nero kam herangehinkt und rieb ſeinen Kopf an den Beinen des Wohlbekannten. Als treuer Wächter blieb er jedoch zurück, während Guſtav der See den Rücken wandte und, am Herrenhauſe vorüber, hügelauf den Waldweg beſchritt. Der Mond, der, neueſtens zwar in Mißcredit ge⸗ kommen, immer doch die klarſte und freundlichſte Lampe unſerer Nächte bleibt, der Mond ging eben zur zechten Zeit über den Höhen auf, um dem Wanderer im Labyrinth von Buſch und Baum den ſchmalen Weg zu zeigen. Dann flimmerte es durch die Zweige, und ein Weiher lag ſilbern im Waldesſchooß. Wo derſelbe von einer Fülle breitblätteriger Seeroſen gleich⸗ ſam aufgeſogen wurde, ſtand eine Bank, das Ziel des 103 nächtlichen Wanderers. Freilich das Ziel nur ſeiner Schritte, nicht ſeiner Erwartungen! Auch dieſe erfüllten ſich, denn bald kniſterte es, als nähere ſich ein Reh auf dem ſtillen Waldesweg— eine weiße Geſtalt, keineswegs geſpenſtig, ſondern, o, ſo traut! tauchte auf und wurde von dem Entgegen⸗ eilenden mit beiden Armen empfangen. „Wanda!“ ſagte er,„meine geliebte Wanda!“ Die vom haſtigen Gange wie von innerſter Er⸗ regung Athemloſe ließ nur einige Sekunden lang ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhen, dann löſte ſie ſich aus ſeiner Umarmung, entſchritt ihm wie fliehend voraus und ließ ſich auf die Bank ſinken, das Geſicht in die Hände bergend. Er ſtand rathlos vor ihr. „Wanda“, nahm er endlich das Wort,„bereuen Sie es, meiner Bitte Gehör gegeben zu haben?“ Sie antwortete nicht ſogleich, ſondern hob erſt nach einer Weile das Geſicht, deſſen Glut ſelbſt im Mondlicht ſich verrieth, zu ihm empor. „Es war Unrecht von Ihnen“, ſprach ſie ernſt, „und ein größeres noch von mir.“ „So hätten Sie ohne Abſchied ſcheiden können? 104 Wanda, iſt es denn meine Schuld, daß ich nicht öffent⸗ ich um Sie werbe? Wollte ich nicht längſt von Ihren Eltern— „Um des Himmels willen, nein!“ unterbrach ſie ihn erſchrocken.„Das hieße uns für ewige Zeiten trennen! Mama würde gerade jetzt nimmermehr ihre Einwilligung, ihren Segen geben.“ „Und wird ſie es je?“ „Hoffen wir auf den guten Gott!“ „Ja, wer Ihre Frömmigkeit, Ihre Geduld und Sanftmuth beſäße! Ich verwünſche die Kluft, die uns ſcheidet; ich verzweifle, wenn ich an morgen denke!“„ „Scheiden iſt traurig“, verſetzte das Mädchen, „aber Treue hebt die Ferne auf.“ „Ach“, entgegnete er düſter,„die Prüfungen be⸗ ginnen erſt. Wenn Sie in der Reſidenz, in den ſtol⸗ zen Kreiſen ſind, welche ein Recht auf Sie haben— erſt werden Sie ſich zerſtreuen, dann ſammeln, zuletzt mich vergeſſen.“ Sie ſah ihn aus tiefſten Augen an.„So wenig kennen Sie mich, lieber Guſtav?“ „Vergeben Sie mir!“ rief er, indem er ihre 105 Hände ergriff und mit Küſſen bedeckte.„Die Größe meines Glückes iſt, was mich zittern macht. Der Himmel weiß: Sie ſind das erſte Frauenweſen, dem mein Herz, ach, und ſo ſtürmiſch ſich aufgethan. Ich war bislang ein trockener Geſell, immer nur auf praktiſche Dinge bedacht. Ich hatte keine Ideale. Da finde ich Sie, die adelig von Geburt und Sinn, da⸗ bei doch ſchlicht und herzig wie das beſte Bürgerkind und ſchön wie ein Engel iſt. Und dieſe Blume, dieſe Fee— doch fort mit den abgeſchmackten Vergleichen! ich ſchwärme ja nicht, ich liebe, liebe, liebe!“ Er hatte ſich vor ihr auf ein Knie niedergelaſſen und blickte mit ſeinen feurigen Augen, trotzdem er ein praktiſcher Menſch und Techniker war, ſehr ſchwärme⸗ riſch das Mädchen an. Wanda ſtrich ihm mit leichter Hand über die Wange.„Ich hatte, bevor ich Sie ſah, große Angſt vor Ihnen. Fürs erſte, weil Sie aus der Reſidenz kamen, wo ich mir alle jungen Männer als Dandies und hochmüthig und herzlos vorſtellte. Auch waren Sie der Feind, der in unſere Waldeinſamkeit brach und Alles, was mir lieb und theuer war, mit Krieg und Zerſtörung bedrohte... Letzteres haben Sie denn 106 auch redlich erfüllt— mein armes Kleingöhren! meine armen Blumen!“ „Ja, wir Techniker ſind ſchreckliche Menſchen!... Aber wie war's, als Sie mich ſahen?“ „Das ſage ich nicht“, erwiderte ſie ſchelmiſch. Dann erhob ſie ſich raſch:„Und nun müſſen wir ſcheiden!“ Er bat, er beſchwor ſie. Umſonſt! „Wir haben uns ja noch ſo Vieles mitzutheilen“, wandte er verzweifelnd ein.„Wie wird es in der Zukunft werden?“ „Drei Worte ſagen Alles“, verſetzte Wanda liebe⸗ voll:„Geduld, Hoffnung, Treue!“ „Einen Kuß, den erſten freiwilligen Kuß!“ Sie bot ihm ohne einen Hauch von Koketterie ihre friſchen, unentweihten Lippen hin. Dann jedoch wehrte ſie den Stürmiſchen ſanft von ſich.„Nun nur noch einen Händedruck und dann: Auf Wiederſehen!“ „O, wie kalt Du biſt! Dir wird das Scheiden leicht“, zürnte Guſtav. „Leicht?“ rief ſie und fühlte die Thränen in die Augen quellen.„Gott weiß, was ich leide. Aber weil er denn das Glück uns nicht ohne Schmerzen „—— 107 gibt, will ich auch dieſe demüthig tragen. Sei gut, ſei ſtandhaft und denke mein!“ „Immer! immer!“ rief er. Sie erwiderte den Händedruck, ſah noch einmal in ſein liebes Geſicht.„Nein, folge mir nicht“, bat ſie,„ſondern bleib' noch eine Weile hier! Ich bin bald zu Hauſe.“ „Fürchteſt Du Dich denn nicht nachts allein im Wald?“ „Wovor?“ fragte ſie lächelnd.„Ich bin im Walde aufgewachſen... Und nun, Gott ſegne, Gott behüte Dich!“ Ein Kuß, leicht wie ein Hauch, berührte ſeine Stirn, dann huſchte ſie geräuſchlos dahin. „Mein Herzensſchatz, mein Glück, meine Braut!“ ſtammelte er. Noch einmal ſah er im Mondlicht ihr Antlitz ſich ihm neigen, dann verſchwand die weiße, zauberhafte Geſtalt im Waldesdunkel. 1 Viertes Kapitel. Hotel Metropole hatte zufolge der unwiderſteh⸗ lichen Eleganz, womit ſein Commiſſionär die Ankom⸗ menden auf dem Bahnhof in den Wagen des vornehmen Gaſthofs zwang, die Ehre, Baron Riedgras mit Fa⸗ milie zu beherbergen. Der erſte Schlaf in der Reſidenz war gethan, und nach der Unruhe der Nacht drang nun der Tageslärm der Großſtadt zum Empfangs⸗ ſalon empor, wo das freiherrliche Chepaar beim Kaffee ſaß, während Sohn und Tochter noch für die ge⸗ meuchelte Nachtruhe ſich entſchädigten. Der Baron war in roſigſter Laune, weniger ſeine Gemahlin. „Ich fange an“, ſagte er, der Meerſchaumpfeife ————.—— — 109 eine gewaltige Rauchwolke entlockend,„ich fange be⸗ reits an, mich behaglich zu fühlen. Es iſt mir, als ſei ich gar nicht ſo lange von hier fort geweſen. Ja, ja, wer einmal ſchwimmen gelernt hat, verlernt's nicht mehr.“ „Aber der Lärm!“ ſeufzte die Baronin;„meine Nerven werden ſich erſt daran gewöhnen müſſen.“ „Das werden ſie bald. Ich habe einen geſunden Schlaf und ſtarke Nerven. Ja“, ſetzte er hinzu, auf das Wagengerolle horchend,„mir thut das Raſſeln und Rumpeln ordentlich wohl. Es erſetzt mir die See.“ „Wenn wir nur erſt eine Wohnung hätten! Das leidige Hotelleben!“ Der Baron warf einen Blick auf die Umgebung. „Hm, ſo übel find' ich es nicht. Die Einrichtung iſt wahrhaft lurxuriös. Zwei Sophas, ſechs Fauteuils, Alles Sammt—“ „Plüſch, lieber Eduard, Plüſch.“ „Das Service iſt elegant.“ „Aber der Kaffee nicht zu trinken.“ „Um ſo beſſer wird mir wieder das Täßchen von Deiner Hand munden... Alles in Allem: wenn ich mich erinnere, wie es vor dreißig Jahren im goldenen 110 Löwen war— eigentlich bedaure ich doch, daß wir nicht im goldenen Löwen abſtiegen.“ „Ein Gaſthof vierten Ranges, nur für ordinäre Leute. Du haſt doch gehört, was der Commiſſionär uns ſagte!“ „Glaube doch dem Schwindler nichts.“ „Jedenfalls iſt er ein ſehr höflicher Mann, von einer Erziehung weit über ſeinen Stand. Er ſprach uns franzöſiſch an.“ „Und ich antwortete ihm pommeriſch! Uebri⸗ gens, die Kinder fangen gut an, ſchlafen in den hellen Tag.“— „Könnt' ich es nur auch— aber der Lärm! mein armer Kopf!“ Er rückte näher zu ihr, den Arm traulich um ſie zu legen. „Das gibt ſich bald, meine gute Hermine“, trö⸗ ſtete er.„Und nun zur Hauptſache. Haſt Du Dir ſchon die heutige Tagesordnung überlegt?“ „Ich nehme, denk' ich, mit Wanda einen Wagen und fahre bei unſern Bekannten vor— du lieber Himmel, wir haben noch ſo wenige— um unſere Kar⸗ 114 4 ten abzugeben. Du erlaubſt mir doch Johann für dieſe Gelegenheit?“ „Natürlich, nur muß er ſich vorher einen neuen Hut kaufen. Wo ſteckt denn der alte Knabe?“ „Ich glaube, daß er das Heimweh hat. Es iſt auch keine Kleinigkeit, ſich in alten Tagen plötzlich ganz neuen Verhältniſſen anzupaſſen.“ Der Baron ſah ſchmunzelnd, aber verſtohlen ſeine Frau von der Seite an.„Wir müſſen nöthigenfalls für Erſatz ſorgen“, ſprach er.„Alſo das Programm der Damen ſtünde feſt. Was mich betrifft, ſo gehe ich vor allem ins Zeughaus und ſehe mir die er⸗ 3 oberten Kanonen an. Dann mache ich mit Fritz bei meinem Regimentskameraden Excellenz Donnersberg Aufwartung, nachher gehe ich zu den Gebrüdern Fi⸗ dibus—“ „Zu unſern Weinlieferanten... Du wirſt doch nicht—“ „Gewiß werde ich. Habe vor dreißig Jahren manche Flaſche bei ihnen geleert. Das alte gemüth⸗ liche Kneipchen iſt hoffentlich mit der Zeit nicht fort⸗ geſchritten. Um ein Uhr ſuche ich den Commerzien⸗ rath Riedel auf, das iſt Geſchäftsſache und muß 112 geſchehen. Um drei Uhr ſpeiſen wir an der table d'hôte.“ „Das geht nicht. Erſtlich will ich nicht mit Krethi und Plethi zuſammenſitzen, zweitens kann ich nicht, denn meine und Wanda's Toilette—“ „Meine Liebe“, ſagte der alte Herr mit Würde, „die Baronin Riedgras hat den franzöſiſchen Firlefanz nicht nöthig.“ „Das verſtehſt Du nicht, lieber Eduard... Und wie werden wir den langen Abend hinbringen?“ „Aber ſind wir denn nicht in der Reſidenz? Da hat man unter Theatern und Conertten die Auswabl. Ich fürchte faſt, Du bereuſt—“ Die Baronin erhob ſich gereizt.„Ich bereue nichts“, ſagte ſie,„aber das Eine finde ich, daß Du in Kleingöhren viel mehr Rückſicht auf meine Nerven nahmſt.“ Fünftes Kapitel. Pünktlich um eins nahm der Baron im Geheim⸗ rathsſtübchen bei den Gebrüdern Fidibus Hut und Stock vom Nagel und empfahl ſich den Anweſenden, ebenſo alten, wenn auch weniger robuſten Herren aus dem höheren Beamtenſtande. Alles vereinigte ſich bisher, ſeine gute Laune zu erhalten, ja zu erhöhen. General Donnersberg hatte ihn mit Herzlichkeit empfangen, und des Generals Neffe, der Huſarenlieutenant, Riedgras junior ſofort für den Tag in Beſchlag genommen, um ihn, der ſich zum Fähnrichsexamen meldete, mit ſeinen künftigen Kameraden bekannt zu machen. Bei Fidibus behan⸗ delte man den Herrn aus der Provinz huehi reſpekt⸗ Heigel, Baron Riedgras. voll, er mußte im Geheimrathsſtübchen Platz nehmen, wo die Plauderei, faſt ausſchließlich eine politiſche, ſehr lebhaft wurde. Riedgras war zwar mehr Zu⸗ hörer als Redner, doch der Kampf der Meinungen, der hier mit einer ihm unerhörten Dialektik und Offen⸗ heit geführt wurde, gewährte ihm die trefflichſte Unter⸗ haltung. „Fidibus laſſen in Bezug auf Küche und Keller nichts zu wünſchen übrig“, gab er der Wahrheit das Recht, als er, von anderthalb Flaſchen nur angenehm erregt, durch die belebten Straßen ging.„Der Can⸗ tenac war excellent und die Cotelette, wie ich's liebe, auf dem Roſt gebraten... Entſchuldigen Sie“, bat er einen Kaſſenboten, der ihn beim Vorübergehen un⸗ ſanft zur Seite ſchob.„Die Geheimräthe ſind zwar etwas liberal angefärbt, das bringt die Jurisprudenz mit ſich, aber von einer Suada— da heißt es hölliſch aufpaſſen, um mit denen eine Lanze zu brechen. Das macht die Großſtadt!... Donnerwetter— Pardon! will ich ſagen“— er war abermals mit Jemand zuſammen⸗ geſtoßen—„vor dreißig Jahren waren die Straßen freilich nicht ſo lebhaft, und in Kleingöhren— doch halt! wo gerathe ich denn hin?“ 115 Er war bereis in der Irre, und es blieb ihm zuletzt nichts übrig, als einen gutgekleideten Herrn, der ihm an der Straßenecke recht vertrauenswürdig ins Antlitz ſah, um Auskunft zu bitten. Der Herr war ſelbſt Fremder, wie Baron Ried⸗ gras aus der Provinz, aber er kannte den Weg und hatte zufällig denſelben. Schon nach einigen hundert Schritten fand Ried⸗ gras die Suada ſeines Begleiters womöglich noch an⸗ regender als die der Geheimräthe, und wer weiß, ob er nicht den Beſuch beim Commerzienrath aufgeſchoben hätte, wenn der Unbekannte nicht plötzlich und ohne Abſchied von ſeiner Seite verſchwunden wäre. Das Räthſel wurde alsbald von einem Polizeiſoldaten ge⸗ löſt, der Riedgras einholte und ohne Umſtände an⸗ ſprach: „War der Schlingel, der ſo eben ſich vor mir drückte, Ihnen bekannt?“ Eine Ahnung dämmerte dem Baron, ſodaß er ſeine erſte Regung, den Frager barſch abzufertigen, unterdrückte.„Nein“, antwortete er zögernd,„ich habe ſo eben erſt dieſe Bekanntſchaft gemacht.“ „Sie ſind aus der Provinz?“ —ꝛ—ꝛ—— 416 „Potz Element, das iſt, hoffe ich, kein Vergehen!“ „Nichts für ungut! Haben Sie ſchon von Bauern⸗ fängern gehört? Ihr Begleiter war einer von der Sorte... Die Großſtadt hat auch ihre Schattenſeite, ſagte ſich der Baron und benutzte eine Droſchke, um unge⸗ fährdet zum Commerzienrath zu gelangen. Der neue Beſitzer von Kleingöhren bewohnte in der Reſidenz eine reizende Villa dicht vor dem Thor. Schon das Treppenhaus prunkte mit Marmor und vergoldetem Geländer, mit Teppichen, Statuen und Pflanzengruppen. Ein Livreebedienter führte den Frei⸗ herrn ins Empfangszimmer, wo ihm Guſtav's Vater höflich entgegenkam. Um dieſe Einrichtung könnte ein Fürſt ihn be⸗ neiden, geſtand ſich Riedgras nach einem heimlichen Blick auf die wirklich koſtbare und doch geſchmackvolle Ausſtattung des Salons. Das Geſchäftliche war bald erledigt, und man ſprach von dieſem und jenem. Der Commerzienrath zeigte den vollendeten Weltmann und löſte dem Baron die Zunge, ohne daß dieſer es merkte. „Und Sie wollen in der That nicht auf Klein⸗ ——— ö1 4147 göhren wohnen?“ fragte Riedgras, als er ſich erhoben hatte. „Ich kann nicht— ich beſchäftige hier achthundert, in Breslau ſechshundert Arbeiter. In Kleingöhren ſoll ſich vorläufig mein Sohn die Sporen verdienen.“ „Im Sommer gönnen Sie ſich doch Ruhe— die Luft von Kleingöhren iſt ausgezeichnet.“ „Sommer für Sommer gehe ich auf drei Wochen nach Karlsbad. Das iſt meine Kur. Die Arbeit, die mich zu dem machte, was ich bin, iſt mein Ver⸗ gnügen.“ „Aber wenn man, wie Sie, eine Million be⸗ ſitzt—“ „Will man zwei Millionen“, fiel der andere lachend ein. Der Freiherr ging nachdenklich vom Commerzien⸗ rath. Dieſer Parvenu hat, wie er ſagt, zehn Pferde im Stall, eine Villa, wie ich noch keine ſah, ſpricht von Kleingöhren, als wär' es eine Bauernhütte... Er trug zwei Ordensbändchen, das eine war das gewäſſerte der zweiten Klaſſe... Und ich, der Freiherr von Riedgras, der Sprößling von vierundzwanzig Ahnen... Potz Wetter, warum ſoll ich nicht auch reich werden! 118 Ich will's, und was ein Riedgras ernſtlich will, ſetzt er durch. Es war höchſte Zeit, daß ich in die Reſi⸗ denz kam. Die Groſßſtadt iſt die Schule.“ Er ſtand vor dem Hotel und faßte mechaniſch nach der Uhr.. Seine Uhr war verſchwunden. Der Baron ſtampfte zornig mit dem Fuße auf das Pflaſter.„Die Großſtadt iſt der Schwindel“, ſagte er. Sechstes Kapitel. Es war im Anfang des März, die Straßen der großen Haupt⸗ und Reſidenzſtadt lagen, obwohl es noch nicht ſpäte Nacht war, leer und öde. Seit acht⸗ undvierzig Stunden rieſelte aus unergründlichem Ge⸗ wölk ein Schneeregen, und das Licht der Gaslaternen beleuchtete ſein trauriges Werk. Die Frau Baronin ſaß zwar in gut durchwärmtem, wohnlichem Gemach bei ſtrahlender Lampe, aber ihr Geſicht verrieth Kummer und Sorge. Sie war in der kurzen Zeit ſeit ihrer Ankunft in der Reſidenz merkwürdig gealtert. Kam doch Alles ſo anders, als ſie erwartet hatte, keiner von den Triumphen, die ſie zu feiern geträumt! Man begegnete ihr in den hohen 120 Kreiſen mit kühler Achtung, welche ſie mit galligem Temperament für Zurückſetzung hielt; ſie fühlte ſich gekränkt, gedrückt, die Verſuche, glänzende Geſellſchaften in ihren Salons zu verſammeln, waren kläglich miß⸗ rathen, ſie ſah immer nur Männer um ſich oder viel⸗ mehr um den Baron, welche ausſchließlich von Politik redeten, Whiſt ſpielten und rauchten. Ihr Mann hatte alle ſeine gute Laune verloren und nur noch Geld⸗ projecte und Wahlmanöver im Kopf. Mit ihrer Herr⸗ ſchaft über ihn war es aus. Ihr Sohn Fritz lebte in der Kaſerne und zog die Geſellſchaft ſeiner Kame⸗ raden entſchieden der ihren vor. Wanda endlich— ja, ſie war noch immer das gute Kind, leider ein zu gutes Kind, niemals wird ſie eine Dame werden, nie⸗ mals ihren Stand repräſentiren. Alle Bemühungen der jüngeren Cavaliere, in dieſem ſchönen Weſen Witz, Leben, Koketterie zu erwecken, ſcheiterten an Wanda's unbezwinglicher Schüchternheit. Man nannte ſie in der Geſellſchaft die Einfalt vom Lande und gab ſie auf. Der Blick der Baronin ſiel auf die Toiletten⸗ gegenſtände, die noch ungeordnet im Zimmer umher⸗ lagen. Ach, dieſe ſtädtiſchen Domeſtiken! Seitdem der gute alte Johann in die Heimat zurückgeſchickt worden, 121 weil er„die Großſtadt nicht vertrug“, gab es täglich Klagen wegen der Dienſtboten. Aber die Baronin hatte heute ſchwerere Sorgen. Ihre Tochter wurde heute endlich von irgend einer ahnenreichen Tante bei Hofe vorgeſtellt. Zwar mußte die Mutter zu Hauſe bleiben, aber dieſe Bitterniß hätte ſich verwinden laſſen, wenn nur auf einen Sieg der Tochter zu hoffen geweſen wäre. Ihre Knixe ſind entſetzlich, dachte die Baronin, ihr Roth, wenn ſie an⸗ geſprochen wird, iſt viel zu intenſiv, und ihre Ant⸗ worten ſind kaum ein Liſpeln, ſie wird nie unter die Haube kommen! Draußen rauſchte der Regen, zuweilen polterte ein Wagen über das Pflaſter, man fühlte gleichſam mit dem Fahrgaſt das Schwanken. Es ſchien der Baronin in dem großen Hauſe ein⸗ ſamer, ſtiller noch zu ſein, als in Kleingöhren. Doch jetzt, in der Wohnung über ihr, beim Geheimrath, begann das Jüngſte kläglich zu ſchreien. Dieſe ſtädti⸗ ſchen Domeſtiken! Alle taugen nichts... Endlich kam droben die Wärterin, jedenfalls aus der Nachbarſchaft; denn ſie hat die ſchweren Schuhe an, tapp, tapp, 122 geht es über dem Kopf der Baronin. Allmälig be⸗ ruhigt ſich das Kind. In Kleingöhren hatten wir Niemand über uns, das war doch angenehmer. Es ſchlägt elf. Wie lange der Baron wieder im Club bleibt! Ein entſetzlicher Riß an der Klingel ſchnitt ihren Seufzer ab. Allein es iſt nicht der er⸗ wartete Gemahl, ſondern Riedgras junior, zwar in Uniform, doch keineswegs in militäriſcher Haltung. „Fritz“, rief die Mutter empört,„wo kommſt Du her?“ „Mit Verlaub— oder vielmehr Urlaub— liebe Mama“, verſetzte der hoffnungsvolle Jüngling mit vergeblichem Bemühen, ſich gerade zu halten. „Unglücklicher, Du haſt zu viel Wein getrunken!“ „Ich? Ich trinke nie.“ „Wer hat Dich verführt? Ich werde Deinem Rittmeiſter Anzeige machen!“ „Der RRittmeiſter war mit dabei“, antwortete er gemüthlich.„Lieutenant Seckendorf hat einen Satz gegeben, weil er—“ „Und wie kannſt Du es wagen, in ſolchem Zu⸗ ſtande mir vor Augen zu treten?“ 123 „Glaube mir, ich bin ganz nüchtern. Der Sect bei Borchardt iſt excellent.“ „Du wirſt Dich augenblicklich nach der Kaſerne begeben!“ „Ich wollte Dich auch gar nicht lange beläſtigen, liebe Mama, ſondern nur um ſechs Friedrichsdor bitten!“ Die Baronin ſaß ſprachlos vor Entrüſtung. „Ich habe an Karl Bork eine Wette verloren.“ „Was haſt Du zu wetten?“ „Daß die Lina Mayer nicht über dreißig iſt.⸗ Frau von Riedgras ſchlug die Hände zuſammen. „Verloren! Er iſt verloren! Verwahrloſter, unmora⸗ liſcher Menſch, augenblicklich begibſt Du Dich nach der Kaſerne!“ „Na, na denn nur vier, liebe Mama!“ „Mir aus den Augen, Ungerathener! Und wenn Papa nach Hauſe kommt—“ „Ach, Papa iſt nachſichtiger! Zwei?“ Der Fähnrich war längſt aus dem Hauſe, als die Baronin noch immer händeringend im Zimmer auf und nieder ging. So wurde ſie vom Baron getroffen. * 4 4 1 — 124 „Was iſt denn nun wieder los?“ fragte er mür⸗ riſch, und ſie erzählte ihm ihren Jammer. „Ah bah“, war ſeine Antwort,„ſoll Fritz etwa der Gänſerich vom Lande heißen? Ich habe in meiner Jugend auch manche ſchwere Sitzung gehalten. Lappalien! Ich habe ganz andere Sorgen.“ Und nun begann der Freiherr den ſtürmiſchen Gang durchs Zimmer.„Denke Dir, dieſer Riedel, dieſer Parvenu, hat uns die Conceſſion vorwegge⸗ ſchnappt! Malheur und kein Ende! Geſtern in der Vorwahl durchgefallen— heute—“ „Ich dachte es mir gleich“, bemerkte die Baronin. „Was dachteſt Du Dir?“ unterbrach ſie der ärger⸗ liche Gemahl.„Meine liebe Hermine, rede nicht von Dingen, die Du nicht verſtehſt.“ „Du haſt Dir, ſeit wir in der Reſidenz ſind, einen Ton angewöhnt—“ „Und Du biſt, ſeit wir in der Reſidenz ſind—“ „Was bin ich? Sprich es nur aus, ich bin Dir zu alt geworden.“ „Nein, nicht zu alt“, mäßigte ſich der Freiherr ſofort,„aber nicht mehr die Alte.“ 125 Damit und mit einem kurzen„Gute Nacht“ begab er ſich in ſein Zimmer. Ach, wir ſind alle nicht mehr die, die wir waren, klagte ſich die Baronin und verſank in ſchwermüthige Gedanken, die allerdings auch ſchwerer und ſchwerer wurden. Da legten ſich zwei weiße Arme um ſie, und ein Kuß von friſchen Lippen weckte ſie. „Wanda, Du?“ rief die Baronin ſich aufrüttelnd. „Schon zurück?“ Dieſes ſchon ſchnitt dem Mädchen ins Herz. „Und wie war's? Hat Seine Majeſtät mit Dir ge⸗ ſprochen?“ „Beide Majeſtäten. Natürlich nur ein paar Worte. Der König erinnerte ſich Papas, und Ihre Majeſtät fragte mich, wie es mir hier gefalle.“ „Und wie haſt Du geantwortet?“ „Gar nicht habe ich geantwortet, denn Ihre Ma⸗ jeſtäten ließen mir keine Zeit dazu. Wir waren ſo viele Damen. Der arme König!“ „Und was begegnete Dir ſonſt noch, fühlteſt Du Dich nicht glücklich?“ Wanda ſchlang den Arm um den Hals der Mutter und ſchmiegte ſich zärtlich an ſie.„Wenn Du nicht böſe werden willſt, Mama, nein, ich werde mich nie bei dieſen Feſten wohl fühlen.“ „Mit dieſen kleinbürgerlichen Geſinnungen wirſt Du Papa und mir ewig Schande machen. Jede Be⸗ amtenstochter hat mehr Nobleſſe als Du. Man wird Dich zuletzt gar nicht und nirgends mehr laden. Und endlich, wo ſoll der Freier kommen?“ „O, an dem—“ fiel Wanda mit einem ſchlauen Lächeln ein, doch verſtummte ſie ſogleich. Die Baronin ſah ihr Kind betroffen an. „Hat die Reſidenz auch ſchon auf Dich ihren ver⸗ derblichen Einfluß geübt? Wanda, ich fürchte—“ „Fürchte nichts“, ſagte Wanda mit lebhaftem Blick. „Ich liebe Dich und Papa viel zu ſehr, um Euch je Kummer zu bereiten. Und wenn Ihr es wünſcht, werde ich Tante Stephanie bitten, mich recht oft in Geſellſchaft zu führen.“ Die Mutter ſtreichelte ihr verſöhnt die noch glühen⸗ den Wangen.„Warum“, ſprach ſie,„warum kannſt Du zu Hauſe ſo warm und beredt und liebenswürdig ſein und nicht auch vor Fremden? Warum gibſt Du Dich nicht frei, natürlich, mit der Anmuth, die Du 127 gar wohl beſitzeſt? Wir haben Dich in die Reſidenz, in die große Welt gebracht, und nun iſt das Opfer, das es für Papa und mich war, unſer liebes, trautes Kleingöhren zu verlaſſen, umſonſt.“ Die Baronin erröthete ein wenig vor ſich ſelbſt, aber dann wiederholte ſie mit um ſo größerem Pathos: „Ja, unſer liebes, trautes Kleingöhren.“ Das Mädchen fiel über dieſes Geſtändniß ſelig der Mutter um den Hals. „O, wenn die Trennung um meinetwillen ge⸗ ſchah“, rief ſie,„ſo laß uns morgen wieder dahin zurückkehren.“ Die Nerven der Baronin hatten während der letzten Zeit in der That gelitten. Sie zog Wanda an ſich und begann zu weinen. Aber dieſe plötzlichen, am Herzen ihres Kindes geweinten Thränen erleichterten ihr Gemüth. Ein kleiner Schelm bei aller Unſchuld war Wanda doch. Wie ſie die Mutter ſo weich und ſchmiegſam ſah, machte ſie zwiſchen den Liebkoſungen eine unter andern Umſtänden ſehr heikele Mittheilung. Sie habe heute Vormittag, als ſie vom Diener begleitet einige Einkäufe beſorgte, zufällig den jungen mWwuu—— — — — — —mõ 128 Herrn Riedel getroffen und ein paar, natürlich nur ein paar Worte mit ihm gewechſelt. Er ſei für kurze Zeit von Kleingöhren nach der Reſidenz gereiſt; im Schloß habe er aus Pietät Alles im früheren Zuſtande gelaſſen und keinen von der Dienerſchaft fortgeſchickt — der Commerzienrath werde Papa um eine Unter⸗ redung wegen der Bahnſache bitten.— Nero auf Klein⸗ göhren habe ſich an Herrn Riedel ſehr attachirt. Die Baronin kam nicht zur Antwort; denn in der Thür erſchien ihr Gemahl, ein Licht in der Hand, in Schlafrock und Pantoffeln. Seine Frau ging ihm entgegen. „Ich denke Dich im tiefſten Schlaf.“ „Ich und ſchlafen!“ erwiderte er mürriſch.„Haſt Du den Cursbericht in der Abendzeitung geleſen? Vorgeſtern ſtanden die Kukurutz⸗Ingelinger 85, heute ſtehen ſie 65— da ſoll man ſchlafen? Seit wir aus Kleingöhren fort ſind, ſchlafe ich überhaupt nicht mehr.“. Siebentes Kapitel. Commerzienrath Riedel feierte demnächſt ſeinen ſechzigſten Geburtstag, doch konnte er, was geiſtige und körperliche Friſche betraf, für einen Vierziger gelten. Das Weiß des vollen Haars hob nur die blühende Geſichtsfarbe; unter den Brauen, welche noch Farbe bekannten, blitzten kluge, lebhafte Augen. Er hatte zwar keine Taille mehr, aber die Beweglichkeit eines jungen Mannes. Ein beneidenswerthes Gebiß kam ſeinem Avpetit zu ſtatten, der ebenſo erſtaunlich war wie ſeine Arbeitskraft. Daß Riedel sen. immer in Schwarz gekleidet ging, war eine verzeihliche Eigen⸗ thümlichkeit; er trug als gemachter Mann täglich den Heigel, Baron Riedgras. 9 130 ſchwarzen Sonntagsrock, der das heißerſehnte Ideal des Jünglings geweſen. Er war mit Gott und ſich zufrieden. Das ſprach aus dem Behagen, womit er ſich nach heißer Morgen⸗ arbeit in den Lehnſtuhl am gewaltigen Schreibtiſch zurücklegte. Vor ihm thürmte ſich ein Haufen er⸗ ledigter Briefe und Berichte auf, und daneben ſtanden die geleerten Silberplatten ſeines zweiten Frühſtücks. Er miſchte ſich ein letztes Glas Waſſer mit wenigem Rothwein, trank, ſah auf den breiten ſchneeweißen Buſenſtreifen nieder und lehnte ſich wieder zurück. Seine Laune war die beſte der Welt, aber nicht unverwüſtlich; denn als ein Diener eintrat und den Baron Riedgras meldete, zogen ſich ſeine dunkeln Brauen unmuthig zuſammen.„Laſſe bitten“, ſagte er dem Bedienten und ſetzte für ſich mit einem Blick auf die marmorne Standuhr hinzu:„Der Mann will Geld.“ Deſſenungeachtet ging er dem Beſuche lebhaft und mit freundlichſtem Willkommen entgegen, nahm ſelber ihm den Hut ab und lud ihn ein, auf einem der beque⸗ men braunſammtenen Sophas Platz zu nehmen. Nach den üblichen Fragen und Phraſen entſtand eine Pauſe. Der Baron fühlte ſich— ein Zucken der Wimpern und des Schnurrbarts verrieth es— im Bann der klugen, ſcharfblickenden Augen ſeines Gegen⸗ übers nicht ganz wohl... Bah, er, der Freiherr von Riedgras! Er räuſperte ſich und nahm das Wort. „Wir erwarteten zwar, Sie einmal bei uns zu ſehen, doch— der Beſiegte muß zum Sieger kommen.“ „Wie ſo? Ah— Sie ſpielen auf unſern Wahl⸗ kampf an. Aber, mein beſter Baron— nehmen Sie mir eine offene Bemerkung nicht übel: das konnten Sie ſich vorherſagen, daß in der Reſidenz nur der liberale Candidat Ausſicht habe; auch ſind Sie ſo kurze Zeit erſt Bürger unſerer Stadt—“ „Hm, ich dächte, mein Name—“ „Iſt ein Name von beſtem Klang, doch hier handelt es ſich um die Geſinnung.“ „Sie iſt lauter wie mein Name.“ „Wer wagte, daran zu zweifeln! Al in zwei Menſchen können beide das Beſte wollen und doch ſehr verſchiedener Anſicht ſein. Unglücklicher Weiſe hatte ich die Majorität hinter mir.“ 9„Die Majorität, ich gebe nicht ſoviel auf die Miajorität.“ 9 132 Der Commerzienrath legte die Hand auf des an⸗ dern Arm.„Mein theurer Baron! Wir beiden alten Knaben werden uns doch dadurch nicht das Leben verbittern! Heute war der Strom wider Sie, ein andermal läßt er mich zurück. Der Erfolg oder Miß⸗ erfolg wirft keinen Schatten auf den Braven.“ „Jedenfalls haben Sie Grund, mit Ihren Erfol⸗ gen zufrieden zu ſein. Sie ſchlagen mich überall. Meine Hoffnung, in den Verwaltungsrath gewählt zu werden— ich geſtehe ohne Erröthen ein: ich hegte Hoffnung, durfte ſie hegen. Die Intereſſen dieſes Landſtrichs ſind mir von Jugend an theuer.“ „Mir ſind ſie es allerdings erſt ſeit kurzem, aber jetzt ebenfalls— theuer, ſehr theuer. Die Fabrik auf Kleingöhren nimmt bereits ſo erfreulichen Aufſchwung, ſie wird es noch mehr, ſobald wir zu Land wie zu Waſſer mit den Großſtädten Fühlung haben. Es kann Sie nicht verletzen, daß die Geſellſchaft dem Geſchäfts⸗ mann den Vorzug gab.“ „Dem Geſchäftsmann und immer dem Geſchäfts⸗ mann!“ rief der andere ärgerlich.„Man kann adelig von Herkunft und Geſinnung und doch ein guter Rechner ſein.“ 133 „Hm, möglich, aber nicht häufig.“ Riedgras ſah nach ſeinem Hut, ſein Blut war in Wallung, denn was der Commerzienrath ſprach, klang ihm Alles wie Hohn. Aber indem er ſich zu ein em Lächeln zwang, lehnte er ſich im Sopha zurück und trommelte mit den Fingern auf der Stuhllehne. „Ich wollte, Sie nähmen mich als Schüler an. Ich möchte ein ebenſo trefflicher Geſchäftsmann wie Sie, Herr Commerzienrath, werden. Legen Sie ein⸗ mal das Vorurtheil gegen den Ariſtokraten ab; rathen Sie mir, wie ich am beſten mein Pfund verwerthel“ „Und wenn ich Ihnen nun den erſten Rath er⸗ theilte: Machen Sie gar keine Geſchäfte!“ Es zuckte über das ganze Geſicht des Freiherrn, ein Seufzer entrang ſich ihm. „Das wäre freilich der leichteſte Rath; aber ſetzen wir den Fall, er käme bereits zu ſpät. Setzen wir den Fall— ah, Ihr Herren von der Arbeit ſeid unnahbarer als der Stolzeſte von uns. Und doch — und doch— ich bin— ich habe—“ „ Herr Baron“, ſagte der andere mit ruhiger Stimme,„Sie wollen mir ein Vertrauen ſchenken, das ich nicht annehmen kann.“ — ——— — Der Freiherr fuhr empor.„Wie ſo?“ „Weil ich keinen, durchaus keinen andern Rath zu geben wüßte, als den angedeuteten. In Geſchäften Jeder für ſich!“ Dem Baron trat der kalte Schweiß auf die Stirn, er fuhr mechaniſch mit der zitternden Hand darüber hin, dann blickte er abermals nach ſeinem Hut, doch es lag wie Blei in ſeinen Füßen. „Erlauben Sie, daß ich meinen Sohn rufe“, ſagte der andere, um ihm über die Verlegenheit hin⸗ wegzuhelfen.„Er iſt vor einigen Tagen von Klein⸗ göhren angekommen und würde ſich's zur Ehre ſchätzen—“ Der Commerzienrath ging abſichtlich ſelbſt zur Thür, um dem Diener Weiſung zu geben, der Baron aber ſank in ſich zuſammen... Es war plötzlich ſehr düſter im ſonnenhellen Gemach. Der Eintritt des jungen Riedel gab dem Edel⸗ mann ſeine Haltung wieder. „Freut mich, freut mich, Sie zu ſehen, mein guter Herr Riedel“, ſagte er, indem er die Rechte darbot, welche Guſtav mit Wärme drückte.„Habe ſchon gehört, unſer— will ſagen, Ihre Fabrik blüht.“ 135 „O ja, ich glaube, Papa iſt leidlich zufrieden“, erwiderte Guſtav mit einem Blick auf den Vater. „Sehr, ſehr zufrieden“, fiel dieſer lebhaft ein. „Schon geht ein Dampfer täglich allein für unſere Rechnung. Ich denke daran, das Etabliſſement be⸗ deutend zu vergrößern. Das wird freilich den Park koſten—“ „Den Park? Meine alten herrlichen Buchen?“ rief Riedgras, dann ſetzte er mit einer Geberde der Entſchuldigung, aber nicht ohne Bitterkeit hinzu:„Ver⸗ gebung, Ihre Buchen—“ Der Commerzienrath zog die Schultern in die Höhe.„Ja, du lieber Himmel, wir Geſchäftsleute ſind darin Barbaren, Menſchen ohne alle Poeſie, ſage ich Ihnen, Herr Baron, ohne alle Poeſie.“ „Darf ich mich nach dem Befinden der Ihrigen erkundigen, Herr Baron?“ lenkte der zarter fühlende Guſtav ein.„Das heißt— das heißt, ich hatte be⸗ reits das Vergnügen, der Baroneſſe zu begegnen—“ „So? Davon hat ſie mir gar nichts mitge⸗ theilt. Nun, dann wiſſen Sie bereits, daß wir uns ſehr wohl fühlen, ſehr wohl— Fritz ſogar zu wohl. Unſere Söhne können zwar nicht alle Geſchäftsleute 136 und Fabrikanten, aber jeder ſollte fleißig und tüchtig ſein. Monſieur Fritz dagegen nimmt das Leben nur von der leichten Seite— das heißt— ich bitte, mich nicht mißzuverſtehen— er thut nichts, was er nicht mit ſeiner Jugend entſchuldigen könnte.“ „Ah, Herr Baron, Fritz hat das Herz auf dem rechten Fleck— er iſt mein Freund— er iſt— ich würde mich außerordentlich freuen, ihn wiederzuſehen.“ „Und er ſich auch, mein Junge iſt ein treuer Kamerad. Wenn Ihr Herr Papa und Sie uns ein⸗ mal das Vergnügen machen wollten, den Kaffee bei uns zu trinken, ſoll er ſich Urlaub nehmen. Ich würde Sie zu Tiſche bitten, allein ein Gourmand wie Ihr Herr Papa—“— „Bitte, Herr Baron“, ſagte der Commerzienrath, obgleich ſein Gebiß über das Compliment zu ſtrahlen ſchien.„Ich weiß durch meinen Sohn von der Küche auf Kleingöhren Wunderdinge.“ „Ah bah, ein Teller Suppe und ein Stück Wild — das wäre das rechte Menu für Sie!“ „Das käme auf die Probe an. Wenn der Herr Baron mir geſtatten, Sie—“ 137 „Nein, Herr Commerzienrath, Zug um Zug, jetzt ſind wir in der Erwartung Ihres Beſuchs.“ „Ich werde nicht ermangeln.“ „Soll mich ſehr freuen. Alſo auf Wiederſehen, Herr Commerzienrath; adieu, mein guter Guſtav, auf Wiederſehen!“ „Sie erlauben—“ Aber der alte Herr lehnte mit aller Höflichkeit das Geleit ab... Sein Herz war ihm zum Springen voll; er mußte, an der unterſten Treppenſtufe ange⸗ langt, einige Sekunden raſten. „Es iſt weit in der Welt gekommen“, ſagte er ſich bitter;„ein Edelmann, der zum Krämer betteln geht, ein Krämer, der einen Riedgras abzuweiſen wagt. Wenn er meinesgleichen wäre, würde ich— Paſchol!... Was nun?“ 8 1. 7 Achtes Kapitel. „Hochmüthiges Pack“, ſagte droben der Commer⸗ zienrath, während er mit haſtigen Schritten, die Hände in den Hoſentaſchen, auf und nieder ging.„Heute wie weiland! Nur mit dem Unterſchied, daß man heute, 4 wenn ſie höflich ſind, die Börſe feſter ſchnüren muß.“ „Eine Bitte, lieber Vater“, ſagte Guſtav. 3. „Schieße los, mein lieber Junge. Brauchſt Du 4 Geld?“ „Es thut mir weh, Sie in dieſem Tone von Herrn von Riedgras ſprechen zu hören. Er iſt ein Ehren⸗ mann und ſein Sohn mein Freund.“ 5 „Wieviel iſt er Dir ſchuldig?“ „Vater— ich bitte Sie!... Es wäre hart, ſehr hart für mich, wenn Sie aus Ueberzeugung ſprächen.“ „Ich ſpreche nur, nachdem ich mich überzeugt habe. Höre“— er ſtellte ſich breit vor ſeinen Sohn hin und ſah ihm forſchend in die Augen, deren erhöh⸗ ter Glanz den mühſam niedergekämpften Unwillen ver⸗ rieth—„ich will nicht hoffen—“ „Was?“ „Daß weniger Freundſchaft für Vater und Sohn als vielmehr eine Liebelei mit der Tochter dahinter ſteckt.“ „Sie kennen die Baroneſſe nicht, ſonſt würden Sie das unwürdige Wort nicht von ihr gebrauchen, welche die Reinheit, die Tugend iſt.“ „Alſo doch verliebt? Das ſind mir ſchöne Ge⸗ ſchichten! Ich gebe heute nicht und nimmer meine Ein⸗ willigung.“ „Daſſelbe dürfte auch der Baron und er mit grö⸗ ßerem Rechte ſagen!“ Der Commerzienrath zuckte plötzlich den Kopf in 140 die Höhe.„Er? Bah!... Darauf laſſe ich es an⸗ kommen.“ „Es wird darauf ankommen, lieber Vater“, er⸗ widerte Guſtav mit einem traurigen Lächeln,„und Sie werden leider dabei verlieren. Ja, mein theurer Vater“, fuhr er, bewegt des andern Rechte mit bei⸗ den Händen ergreifend, fort,„ich kenne Ihr gutes Herz, das den Menſchen nach ſeinem wahren, ſeinem innern Werthe ſchätzt, Sie werden ſich von der Lauterkeit meiner Abſichten, der Feſtigkeit meines Willens wie von der Würde meines Zieles überzeugen. Anders iſt es beim Baron— ein edler Mann, leider nur auch ein Edelmann.“ „Ich laſſe es darauf ankommen“, fiel der Com⸗ merzienrath beinahe heftig ein.„Ein Ertrinkender greift nach einem Strohhalm, geſchweige denn nach der Hand eines ſo wackeren Jungen, wie Du einer biſt... Der Baron iſt ein ruinirter Mann“, fuhr er auf Guſtav's ſtumme Frage fort.„Und iſt er's noch nicht, wird er's, ſo gewiß, wie zweimal zwei vier iſt. Leute ſeines Schlages ruiniren ſich immer, wenn ſie ſich auf unſerem Grund und Boden mit uns meſſen wollen.“ 141 Das wäre entſetzlich; dem muß vorgebeugt wer⸗ den!— Hat er vorhin davon mit Ihnen ge⸗ redet?“ „Mein lieber Guſtav, noch ſchreiben wir nicht Riedel und Compagnie.“ „Lieber Vater, ich beſchwöre Sie! So wahr ich an Gott glaube, meine Liebe zu Wanda iſt grenzen⸗ los. Um meinetwillen ſtehen Sie ihrem Vater bei!“ „Ah bah!“ „Vater, ſonſt könnte der Fall eintreten, daß wir uns trennen müßten. Ich werde unter allen Umſtänden auf Seite der Unglücklichen ſtehen.“ „Du ſprichſt, wie— wie man in Deinem Alter zu ſprechen pflegt. Du wirſt Dir die Sache über⸗ legen.“ „Ich bin entſchloſſen.“ „Mich aufzugeben?“ „Sind denn auch Sie ſchon entſchloſſen, mich aufzugeben?“ „Nach Deinem heutigen Gebaren, das ſich für einen Geſchäftsmann, einen Techniker ganz und gar nicht geziemt, halb und halb. Vorläufig werde ich 142 einmal wirklich bei Herrn Baron Riedgras den Kaffee trinken.“ „O Vater, Sie ſind—“ „Commerzienrath Riedel— auch als Schwieger⸗ papa nicht zu verachten.“ Neuntes Kapitel. Ein Nebenbuhler Guſtav's hätte mit allen Liſten und Ränken den Liebenden nicht erfolgreicher entgegenarbei⸗ ten gekonnt, als der Zufall es ganz ohne einen feind⸗ ſeligen Dritten fügte. Der Commerzienrath ſah ſich in den Tagen nach jener Unterredung, die wir im vorigen Kapitel berichtet haben, in ebenſo lockende als dringliche Geſchäfte verwickelt, daß er nicht ſo bald, wie er beabſichtigt hatte, zum Beſuche der freiherr⸗ lichen Familie kam. Guſtav ſelbſt aber wurde durch einen Schickſalsſtreich, der einem Intriguanten Ehre gemacht haben würde, zur Unthätigkeit gezwungen; ſein Zart⸗ gefühl— es war ſein mütterliches Erbtheil— hieß ihn für einige Zeit das Haus der Geliebten meiden. 144 In dieſem Hauſe wurde es unterdeſſen von Tag zu Tage ungemüthlicher. Der Baron, dem alle Pläne ſcheiterten, weil er zu Vielerlei unternahm, war auf dem ſchlechteſten Wege, das heißt, auf dem beſten, ein galliger, ſchmähſüchtiger, unleidlicher Greis zu werden, während ſeine Frau mit dem Terrain auch alle Würde und nicht nur die Herrſchaft über die An⸗ dern, ſondern auch über ſich verlor. Sie ſeufzte um die Vergangenheit und über die Gegenwart, ſah Gatten und Kinder und die übrige Menſchheit im Bunde, ihr ein frühes Grab zu graben, und weil Niemand, Nie⸗ mand ſie beweinen würde, vergoß ſie ſelbſt am Grabe der ſeligen Freiin von Riedgras Ströme von Thränen. Die arme Wanda wagte keinen Verſuch, des Vaters Stirn zu entwölken, und mühte ſich vergebens bei der Mutter, und zu dem Kummer um die Eltern geſellte ſich eine dunkle Sorge wegen des leichtſinnigen Bru⸗ ders. Zweifel an der Treue des Geliebten blieben der treuen Seele fern, doch daß Guſtav ſo gar keinen Verſuch machte, den Eltern und ihr ſich zu nähern, koſtete ihr manch ſtilles Ach! Unter ſolchen Umſtän⸗ den bot die Errungenſchaft der trüben Tage, daß man ihr keine Rolle mehr in der Geſellſchaft aufdrang— 145 die ahnenreiche Tante zog ſich ſeit der letzten Cour auffällig zurück— nur wenig Troſt. Was ſie ihre Welt genannt, der Eltern Zärtlichkeit, ein trautes Daheim und Wald und See fehlten. Vom Frühling, der nach den Regentagen die Erde raſch verwandelte, hatte das Naturkind nur eine Ah⸗ nung— nur das himmliſche Blau über der langwei⸗ ligen Häuſerzeile und an einem Mittwoch einen Strauß Maiblumen, den die Köchin dem guten gnädigen Fräu⸗ lein vom Markte mit heimbrachte. Zu dieſer Liebesgabe wanderte der Blick der Ein⸗ ſamen, als ſie am Nachmittag dieſes Mittwochs in ihrem Zimmer ſaß. Der Strauß hatte dadurch, daß er zwiſchen Fleiſch und Kohl gelegen, nichts von ſeiner Zartheit eingebüßt; doch für die Empfängerin war es ein Unterſchied, daß er von Rieke, ſtatt von Guſtav, kam, und es fragt ſich, ob im letzteren Fall Wanda das Loos der armen Blumen ebenſo bedauert und die Analogie zwiſchen jenem und ihrem gefunden hätte. Sie ließ ihre Handarbeit in den Schooß fallen und ſah, da ſie am Fenſter ſaß, von den Blumen ins Freie, das heißt in den engen Hof und auf deſſen Quergebäude, einen Waarenſpeicher mit ſchmuzigen Heigel, Baron Riedgras. 10 146 Wänden und ſchwarzen Luken. Wie gern würde ſie den Nordoſt, der zu dieſer Jahreszeit rauh und kalt um Kleingöhren weht und alles Blühen niederhält, für den weiten Blick auf die bewegte See und den andern Blick durch die ſtattliche Zimmerreihe im Strand⸗ ſchlößchen in den Kauf genommen haben. Das war nun für immer dahin, und kaum wagte ſie zu klagen. Denn alle die unholden Veränderungen knüpften ſich wie die Glieder einer Kette an ihr erſtes Unrecht, ihr Geheimniß vor den Eltern. Wird der Tag der Bekenntniſſe, der Verzeihung und Verſöhnung jemals kommen? Weniger denn je ſcheint ihr dieſer Troſt verbürgt. Ein leiſes Klopfen ſchreckte ſie aus ihrem Sinnen, und bevor ſie ſich geſammelt und„Herein!“ geſprochen hatte, trat zu ihrer Ueberraſchung Bruder Fritz ins Zimmer. Seine Erklärung, daß er über die Hintertreppe gekommen ſei, weil er ſein liebes Schweſterchen allein zu ſprechen wünſche, ließ Wanda nichts Gutes ahnen. Sie warf einen fragenden Blick auf ihn, während er aufſeufzend von ihr hinweg in die Ecke ſah. „Haſt Du dienſtlich etwas verſchuldet?“ — 147 „Es kommt ſchlimmer“, ſtöhnte er und ließ ſich ſchwer in einen Seſſel fallen. Wanda faltete erſchrocken die Hände. „Ich bitte Dich“, ſagte er, krampfhaft das eine Knie reibend,„bitte, ſieh mich nicht ſo jämmerlich an — oder es bleibt mir nur die Kugel—— Schließ⸗ lich iſt's auch egal— was habe ich denn von der Welt— wenn Papa nicht begreift, daß heute ein Fähnrich vom Tractament allein nicht leben kann—“ „Fritz! Fritz!“ unterbrach ihn ſeine Schweſter. „Verſündige Dich nicht!“ „Aber, liebſte Schweſter, verſetze Dich doch in meine Lage! Denke Dir mal, Du müßteſt ohne einen Thaler in der Taſche zu Borchardt gehen—“ „Steht Borchardt im Reglement?“ Der junge Krieger warf ſich in die Bruſt und erwiderte:„Verzeihung, liebe Wanda, das verſtehſt Du nicht. Es gibt Umſtände, unter denen das Ver⸗ gnügen zur Pflicht wird.“ Aber alsbald fielen ihm wieder ſeine Sünden ein.„Wanda“, fuhr er mit der Miene eines Verzweifelnden auf,„wenn Du wüßteſt—“.— „Vertraue mir Dein Leid, und wenn ich helfen 10* 3Z8Z Z83 3 Z38ſ- 148 oder vermittelnkann—“ ſie drohte lächelnd mit dem Finger.„Das Ende vom Lied wird ſein: Du haſt wieder einmal Deinen Etat überſchritten.“ „Es kommt ſchlimmer!“ „Schlimmer? Nun ängſtigſt Du mich wirklich.“ „Ich habe Dich vorbereitet.“ „So ſag' endlich—“ „Ich muß heute noch zweitauſend Thaler haben oder ich bin verloren.“ Wanda ſchlug entſetzt die Hände zuſammen.„Zwei⸗ tauſend Thaler!“ „Ja, zahlbar an unſern gemeinſchaftlichen Be⸗ kannten, den jungen Riedel.“ „An Guſtav?“ entſchlüpfte es ihren Lippen. Der verwunderte Blick des andern trieb ihr das Blut in die Wangen, und das verrieth ſie vollends. Ihr Bru⸗ der dagegen wurde infolge der völlig neuen Ge⸗ dankenverbindungen plötzlich ruhiger, ſodaß er klar und bündig, ja mit einer gewiſſen Trockenheit ſeine Lage ſchildern konnte. Eine ziemlich verzweifelte Lage. Er ſei— natür⸗ lich als Opfer geſelliger Pflichten— in der Reſidenz 149 binnen kurzem ſehr tief in Schulden gerathen, ſo tief, daß er vor zwei Monaten keinen andern Ausweg gefunden, als ſich ſeinem reichen Freunde Riedel, den er zufällig in einem Reſtaurant getroffen, anzuvertrauen. Riedel habe ſich in der That ſehr anſtändig benom⸗ men und ihm die genannte Summe ohne Zögern vor⸗ geſtreckt. Als Cavalier habe er, Friedrich Freiherr von Riedgras, dem Bürgerlichen gegenüber ſich nichts vergeben wollen und, weil er damals noch Gott weiß welche Illuſionen von Papas Unternehmungen hegte, Herrn Riedel einen Ehrenſchein über ſeine Schuld auf⸗ gedrungen— er müſſe geſtehen, gewaltſam aufge⸗ drungen. Dieſer Schein war ſeit geſtern verfallen. Die Vertraute ſaß mit ſtarren Augen, ein Bild rathloſer Seelenangſt, da. Sie rang nach Athem, und die Worte kamen ſchwer über die trockenen Lippen. „Vielleicht“, ſagte ſie kaum vernehmbar,„wenn Du Deinen Freund bitteſt—“ „Kann man ſein Ehrenwort zurückerbitten?“ „Du mußt Dich Papa entdecken.“ „Papa?“ rief er bitter.„Ich fürchte, unſer guter Papa iſt ruinirt wie ich—“ 150 „Wer ſagt Dir denn das, Junge?“ tönte plötzlich die Stimme eines Dritten ans Ohr der Geſchwiſter, und ſie ſahen beide mit gleich großem Schrecken den Baron in der geöffneten Thür ſtehen. Wanda flog, die erſte, auf den Vater zu und ſchlang die Arme um ihn, deſſen flammende Augen und eingekniffener Mund böſe Warnzeichen waren. „Vergib ihm, Papa!“ bat ſie,„vergib Fritz, er iſt ſo unglücklich.“ „Wie ſo unglücklich? In ſeinem Alter hat man kein Recht, unglücklich zu ſein— es ſei denn über die eigenen dummen Streiche. Die wird er wohl wieder gemacht haben... Rede! Ich will wiſſen, warum er auch ruinirt iſt.“ Fritz fühlte ſich durch dieſe wenig freundliche Auffor⸗ derung nicht veranlaßt, ſein Schweigen zu brechen. Wanda jedoch, die ſozuſagen den Aufruhr in der Bruſt des Vaters fühlte, wandte ihm flehend das Antlitz zu.„Sage Papa Dein Leid“, beſchwor ſie ihn,„ſchütte Dein Herz aus! Sei offen und reuig, und Papa ver⸗ ſpricht mir, Dir zu verzeihen. Papa wird helfen.“ „Das ſteht auf einer andern Seite. Erſt das Factum!.. Nun?“ 151 Die väterliche Stimme hatte jetzt ſo beſondern Klang und die Augendes alten Herrn, hatten ſolchen Glanz, daß Fritz das Trotzen aufgab. Er wiederholte, was er bereits der Schweſter gebeichtet. Sein Bericht war womöglich noch kürzer, aber ſein Vortrag ſehr unſicher, der Eindruck auf den Vater nichtsdeſtoweniger ſchrecklich. Sein Geſicht wurde dun⸗ kelroth, ſeine Lippen ſpielten ins Bläuliche. „Weißt Du, was Du biſt?“ ſtieß er mit heiſerer Stimme hervor. „Vater!“ fiel ihm Wanda ins Wort und preßte ſich angſtvoll an ihn. Er machte ſich unſanft von ihr los, ſchlug die geballten Hände an die Schläfen und ſtreckte oder vielmehr ſchleuderte ſie gegen den Schul⸗ digen hin, einen Ton ausſtoßend, der zugleich voll Wuth und Thränen war. „Wenn Du die Sache ſo auffaſſeſt—“ ſchluchzte der Fähnrich. „So auffaſſeſt— Menſch! mache mich nicht ra⸗ ſendd Abermals verſuchte Wanda des Zürnenden ſich zu bemächtigen, allein er wehrte ſie ab.„Kommt beide zur Mutter!“ befahl er—„beide!“ 15² Die Geſchwiſter ſchlichen hinter ihm her, der nun ſich wieder beherrſchte, weil er entſchloſ ſen war— über den Flur in das Zimmer, wo die Baronin ſo eben vom Nachmittagsſchlummer erwachte. Ein Zlick auf die drei Perſonen genügte— die Thränen ſtanden ihr ſchon in den Augen. „Nimm Abſchied von Fritz!“ ſagte ihr Gemahl mit der Kürze und Strenge eines Muſterrömers. Mutter und Tochter brachen gleichzeitig in Jam⸗ mern aus.„O, mein Gott“, ſchrie erſtere,„was iſt mit Fritz geſchehen? Er iſt durchgefallen!“ „Durchgefallen?“ lachte wild der Baron.„Ich will Dir ſagen, was er iſt—“ Hier wurde er unterbrochen: Jemand zog die Klingel zur freiherrlichen Wohnung, mit kräftigem Ruck wie ein Briefträger. Fritz und die Damen fuhren ſchaudernd zuſammen, der Vierte im Zimmer drehte aufhorchend den Kopf nach der Thür. Einige Sekunden ſpäter brachte das Dienſtmäd⸗ chen eine Karte herein. 153 Der Baron warf einen unwilligen Blick auf die Karte und dann einen ſchrecklichen auf Fritz.„Com⸗ merzienrath Riedell!“ Zu dem Dienſtmädchen:„Ich laſſe bitten.“ Zehntes Kapitel. Endlich hatte der Commerzienrath eine freie Stunde gefunden, um dem Freiherrn ſeinen Beſuch zu machen. Da das Wetter mild und freundlich war, ging er den weiten Weg zu Fuß. Er ſchritt, wenn auch im raſchen Tempo des Geſchäftsmannes, mit jener Miſchung von Bonhommie und Würde eines Bürgers, der ſich von der halben Stadt gekannt weiß und jeden Augenblick Grüße zu erwidern hat. Auch wer ihn nicht kannte, konnte in ihm ſofort den reichen Mann errathen, ſo viel Selbſtbewußtſein lag in ſeinem Gang, in der Art, wie er den Kopf auf den breiten Schultern trug und die Vorübergehenden anblickte, ja, 155 im Klang ſeines Bambusrohrs, das er im Takte auf die Quadern ſtieß. Als er jedoch in die Straße lenkte, wo die Familie Riedgras wohnte— eine ziemlich ſtille Querſtraße, die Zweigarterie einer Hauptader— ging er unwillkürlich langſamer und gebückt. Seine Mienen drückten eine gewiſſe Unentſchloſſenheit aus Vor einer Kunſthandlung blieb er ſtehen, als wenn er die ausgehängten Bilder betrachten wollte, in Wahr⸗ heit aber, um noch einmal ſeinen nächſten Schritt zu überlegen.— „Soll ich oder ſoll ich nicht?“ fragte er ſich.„Wer ſich in Gefahr begibt, kommt darin um. Leute ohne Geld, hoch⸗ oder wohlgeboren, betrachten den Reichen als ein Wild, für das keine Schonzeit gilt. Der Baron iſt heute ohne Geld... Mit ihm allein bin ich fertig geworden, aber er wird mir Frau und Tochter auf die Bruſt ſetzen. Ich kenne das. Widerſtehe einer einem ſchönen Augenpaar, wann es in Thränen ſchwimmt, einer bittenden Hand, wenn ſie zart und ſchmal iſt. Erſt wird mir das Herz bluten und dann der Geldbeutel. Denn ohne Geld keine vornehme Schwiegertochter... Und was kommt bei ſolchen Ehen zwiſchen einem reichen Bürgerlichen und einer 156 armen Baronin heraus? Daß er das nicht hat, was ſie hat, wirft ſie ihm vor, und was er hat, wirft ſie hinaus... Was iſt es nun, das mich Hals über Kopf in ein Geſchäft ſtürzt, bei dem der Vortheil ganz auf der andern Seite? Die pure Vaterliebe!.. Doch als zärtlicher Vater ſollte ich meinen Sohn von dummen Streichen zurückhalten, anſtatt ihn darin zu unterſtützen. Ich ſage ja: Wo die Gemüthlichkeit an⸗ fängt, iſt die Logik zum Teufel. Andererſeits hat mein Sohn, Gott ſei Dank, zum Romantiker eine viel zu praktiſche Erziehung; ein offener Kopf wie er kann ſich über den wahren Werth eines Mädchens unmöglich täuſchen. Uud wenn ich vom Vater auf das Kind ſchließe— der Baron iſt, Alles in Allem, kein übler Mann, nur ein wenig beſchränkt. Wohnt er Nummer 32 oder 332... Verſuchen wir's in Nummer 33. Wohnt er dort, iſt's gut; wohnt er aber 32— Sapperment, dann— ich bin nicht abergläubiſch— doch dann kehre ich um!“ Er ſetzte ſich wieder in Bewegung. „Habe die Ehre, Herr Commerzienrath!“ grüßte ihn ein kleiner Mann mit gelbem Teint und pfiffigen Aeuglein. „ 5 45 „Ah, guten Tag, Herr Meier!— Wie war die Börſe?“ „Flau— aber ſehr flau... Empfehl' mich Ihnen, Herr Commerzienrath.“ „Guten Tag, Herr Meier!“ Dieſe kurze Begegnung war der Sache Wanda⸗ Guſtav entſchieden ungünſtig. Flaue Börſe, laue Ge⸗ ſchäfte, dachte der Commerzienrath, indem er mit merk⸗ lich längerem Geſicht die Straße hinabſchritt. Es war nur gut, daß ſchon eins der nächſten Häuſer die geſuchte Nummer trug. Zögerte er doch auf der Schwelle noch! Und er überſchritt ſie nur, um den weiten Weg nicht umſonſt gemacht zu haben. Doch wünſchte er heute aufs innigſte, daß die hochgeborene Familie wirklich ſo widerborſtig wäre, die Heirath für eine Mesalliance zu halten. 4 „Wohnt Baron Riedgras im Hauſe?“ fragte er den Portier, der aus dem Fenſterchen im Hausflur, ſeinem Lugaus, hervorſpähte. „wei Treppen hoch, rechts, Herr Commer⸗ zienrath.“ 158 Erkannt! ſagte ſich Herr Riedel, doch nicht ohne ſelbſtgefällig zu ſchmunzeln. Der Empfang, der dem Gaſte von der Familie Riedgras zu Theil wurde, war befremdend. Der Baron begrüßte ihn ſo förmlich, ſo feierlich; Mutter und Tochter hinwieder ſahen ihn bei der Vorſtellung ſo er⸗ ſchrocken an, und der Sohn verrieth ſogar entſchieden Luſt, vor dem Commerzienrath auf und davon zu laufen. Was bedeutete das? Den Anzeichen nach hatte eine Familienſcene ſtattgefunden. Stand ſie in Be⸗ ziehung zu ſeinem Sohn? Hatte ihn das Verhäng⸗ niß gerade jetzt herbeigeführt, um die Löſung zu be⸗ ſchleunigen? Abwarten! mahnte ſich der kluge Geſchäftsmann. Vor allem warf er einen Blick auf Baroneſſe Wanda. So raſch derſelbe war, entdeckte er doch Mancherlei. Sie war friſch wie ein Landmädchen, bildhübſch, ein⸗ fach und doch nett gekleidet— kurz, ſie machte dem Geſchmack Guſtav's alle Chre. „Und wie gefällt es Ihnen bei uns, Frau Ba⸗ ronin?“ Die Frage gab der letztern einen erwünſchten Vor⸗ wand, ſich durch einen tiefen Seufzer Luft zu machen. 159 „Ach“, erwiderte ſie,„wenn man ſo lange, wie wir, an der See gewohnt hat! In Kleingöhren war es doch zu reizend!“ Wie aufgeregt der Baron auch ſein mochte, fiel ihm doch das rückaltloſe Bekenntniß der ehedem ſo großſtädtiſch Geſinnten auf. „Sie würden dort jetzt Alles ſehr verändert finden.“ „Ach ja, der Baron hat mir davon erzählt.“ „Das Häuschen— Pardon! das Schloß blieb ſelbſtverſtändlich reſpektirt, aber ſtellen Sie ſich vor: vom Haus bis zum Strand hinab Arbeit, Bewegung, Lärm; eine Fabrikſtadt im Kleinen; dem Anſchein nach ein Chaos Alles, aber jeder Fuß breit ausgenutzt und nutzbringend!“ „Abſcheulich!“ ſtieß die Baronin hervor, erſchrak — o wie ſehr hatte ſie ſich verändert!— und führte ihr Batiſttuch an den verwegenen Mund. Der Commerzienrath ſchien den Ausruf überhört zu haben. Er lehnte ſich im Stuhl zurück und fuhr, die breite Bruſt wölbend, für den Plauderton etwas zu prahleriſch fort: „Ich ſelbſt kümmere mich eigentlich um die Dinge dort nicht. Die Maſchine iſt im Gange— nun mag mein Sohn dafür ſorgen. Erlauben Sie mir übrigens bei dieſer Gelegenheit für die große Freund⸗ lichkeit zu danken, mit der Sie meinen Guſtav auf⸗ nahmen!“ 1 Indem ging der Baron mit pochenden Schläfen auf und ab.„Dieſe Geſchäftsmänner ſind ohne Er⸗ barmen! Es iſt klar, er will ſich an unſerer Ver⸗ zweiflung weiden, bevor er uns ans Meſſer liefert. — Wie beliebt?“ fragte er laut, denn der Commerzien⸗ rath hatte ſich nach ihm umgeſehen. „Mein Guſtav war heute leider verhindert, mich zu begleiten. Er trug mir ſeine gehorſamen Empfeh⸗ lungen an Sie und die Damen— und Grüße an ſeinen Freund Fritz auf...“ Ertrage ein Anderer die Folter länger, dachte der Baron, und indem er mit kräftigem Ruck einen Stuhl hinſchob und ſich hineinwarf, fragte er, ſeinen Gegner ſcharf ins Auge faſſend:„Reden wir ohne Umſchweife! Ihr Herr Sohn gab Ihnen außerdem noch einen Auftrag?“ „Hm, wenn ich ohne Umſchweife reden darf— allerdings.“ 3 Die Blicke von Vater und Sohn begegneten ſich; 161 Wanda zitterte, und ob zwar die Baronin nur begriff, daß das Gewitter ſich nun entladen werde, zitterte auch ſie. Der Commerzienrath jedoch wurde durch die unerwartete Initiative des Freiherrn über die Maßen verwirrt. Sein Vorſatz, die Ereigniſſe an ſich heran⸗ kommen zu laſſen, war vereitelt: die Ereigniſſe reiften ſchneller, als er wünſchte. Er ſah verlegen auf die beiden Frauen. „Laſſen Sie ſich durch die Gegenwart der Damen nicht ſtören“, verſetzte der Baron, der ſeinen Augen gefolgt war.„Bei einer Sache, welche der ganzen Familie ſo nahe geht, haben alle Familienmitglieder das Recht, anweſend zu ſein.“ Der Commerzienrath machte eine zuſtimmende Ver⸗ neigung.„Ich nehme alſo an, daß Ihnen die Sache bereits bekannt iſt—“ „Sie iſt es.“ „Auch daß ſie ſchon en famille berathen worden—“ „Durchaus nicht— ich habe ſie ſo eben erſt er⸗ fahren.“ „Merkwürdiger Zufall!“ murmelte der Commer⸗ Zienrath, zur Baroneſſe hinüberblickend. „Sie glauben doch“, ſetzte der andere mit er⸗ Heigel, Baron Riedgras. 11 162 hobener Stimme hinzu,„daß ich andernfalls Ihnen zuvorgekommen wäre?“ „Wären Sie das?“ rief der Commerzienrath mit neuer Ueberraſchung. „Gewiß, tödtlich gewiß, mein Herr.“ „Das freut mich.“ „Freuen Sie ſich nicht zu früh; denn um Ihnen von vornherein jede Täuſchung zu erſparen: ich bin nicht in der Lage—“ „Nicht? Nein? Dann bin ich allerdings ent⸗ täuſcht... Und was ſagen die Damen dazu?“ „Die Damen haben hier nur Sitz, nicht Stimme.“ „Erlauben Sie—“— „Wozu die Umſchweife! Ich weiß, was ich zu thun habe.“ „Ich wüßte auch, aber wo es ſich um die In⸗ tereſſen meines Sohnes handelt—“ .„Vorläufig handelt es ſich um die Ehre meiner Familie.“ „Ihrer Ehre iſt bisher Niemand zu nahe ge⸗ treten.“ „Und ſoll es auch künftig nicht— ich bringe ihr jedes Opfer.“ 163 „Auch Ihr Kind?“ „Wie Sie ſofort ſehen werden, ja.“ „Ich ſehe bereits, aber bitte doch zu bedenken—“ „In ſolchem Fall gilt kein Bedenken. Binnen einer Viertelſtunde iſt mein mißrathener Sohn eine Leichel“ Die Damen fuhren mit lautem Schrei empor, der Commerzienrath aber ſah nur im erſten Moment ver⸗ dutzt aus, dann machte er kleine Augen und lächelte „Vergebung, Herr Baron, wovon und von wem ſprechen wir eigentlich?“ „Nun, wovon? Von der Ehrenſchuld meines Sohnes an den Ihrigen.“ „Dann erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich von dieſer Affaire nicht das Geringſte weiß. Wir beide haben einander durchaus mißverſtanden.“ Fritz, den der ſchreckliche Lakonismus ſeines Vaters in Angſtſchweiß badete, wagte zum erſten Mal den Kopf zu erheben. Das Antlitz der Baroneſſe aber leuchtete auf, denn die Erklärung des Commerzienraths gab ihr den Glauben an Guſtav's Edelmuth wieder, ſie war eine Ehren⸗ und Liebesrettung. 11 164 Leider zeigte der Familienhäuptling nicht die ge⸗ ringſte Luſt, die Toga abzulegen.„Gut“, begann Riedgras nach einer Pauſe,„wie dem ſei— mit Ihrem Wiſſen oder nicht— die Thatſache ſteht feſt: mein Sohn ſchuldet Herrn Riedel junior eine be⸗ deutende Summe— ich komme dafür auf. Außerdem aber hat mein Sohn nicht Wort gehalten— als ein Riedgras wie als Soldat weiß er, was er deshalb zu thun hat. Er wird ſeine Schande nicht überleben.“ Der Commerzienrath wollte eine vernünftige Ein⸗ rede machen— da klang die Flurglocke. „Kann man denn keinen Augenblick—“ wetterte der Baron; doch die Meldung des Dienſtmädchens, daß der Herr draußen der junge Herr Riedel ſei, ver⸗ etzte alle Anweſenden in neue Spannung. Guſtav wurde beim Anblick des Vaters in dieſen ihm ſo theuren Räumen froh berührt, doch die finſtere Miene des Barons, die bekümmerte Wanda's ſtimmten ſeine Freude alsbald herab. Der erſtere war wieder mitten in der Sache. In⸗ dem er auf Fritz wies, ſagte er barſch: „Ihr Beſuch gilt dieſem da—“ „Wenn Sie erlauben— das heißt—“ — 165 „Nehmen Sie keine Rückſichten! Sie kommen, um den Säumigen zu mahnen.“ „Zu mahnen?— Ich wüßte nicht—“ „Aber Ihr Herr Papa und ich wiſſen Alles.“ Guſtav ſblickte verlegen von dem einen zum an⸗ dern.„Mögen Sie denn wiſſen“, ſprach er;„unmög⸗ lich können Sie mich im Verdacht haben, daß ich wegen einer ſolchen Lappalie zu mahnen komme.“ „Junger Mann, ein Fall, bei dem es ſich um die Ehre der Familie Riedgras handelt, iſt keine Lappalie.“ „Bitte mich anzuhören, Herr Baron“, entgegnete jener mit beſcheidener Würde.„Allerdings hätte ich meinen Freund Fritz gern unter vier Augen geſprochen — ich ſuchte ihn vergeblich in der Kaſerne— doch nicht etwa, um ihn zu mahnen, ſondern zu bitten, daß er ſich wegen des Termins keine Sorgen machen möge.“ „Haben Sie den Schein?“ „Aber ich bitte Sie, Herr Baron— der war ja völlig überflüſſig.“ „Doch nicht, Herr Riedel!— Dieſer Schein“, ſetzte er mit einem neuen Criminalblick auf den armen Sünder hinzu,„iſt wenigſtens einen Schuß Pulver werth.“ 166 „Ich will überhaupt keine Beſcheinigung von Freundeshand— ich habe das Papier zerriſſen— die Stücke mag Fritz an ſich nehmen!“ Hier nahm die Baronin zum erſten Male das Wort.„Obwohl ich immer noch nicht ganz klar ſehe, ſo meine ich doch, daß die Sache bei der Freundlich⸗ keit des Herrn Riedel ſich beilegen ließe; auch bitte ich Dich zu bedenken, Eduard, daß wir— wir ſelbſt für die— die Fehler unſeres Fritz verantwortlich ſind; — denn wenn wir in unſerem lieben Kleingöhren ge⸗ blieben wären— ach, die Augen ausweinen könnte ich mir, daß ich Deinem Plan, in die Reſidenz überzuſiedeln, nicht ernſthafteren Widerſtand geleiſtet!“ „Du hätteſt mir überhaupt Widerſtand geleiſtet? J, da ſoll ja doch— Vergebung, liebe Hermine, aber dieſe Behauptung— alſo ich wäre derjenige geweſen, ich? Ah— doch“— er kam immer wieder in den alten Gedankengang—„davon ein andermal. Herr Commerzienrath, wie geſagt, von heute an bin ich der Schuldner Ihres Herrn Sohnes. Sie können ruhig ſein. Ich ſchaffe die Summe, ich ſchaffe ſie— hörſt Du, Fritz, und nun ſtirb!“ Da die Todesangſt des Fähnrichs, die lauten —— 1— 167 Klagen der Frauen für den Ernſt der Situation zeug⸗ ten, fand der Commerzienrath es an der Zeit, ſich ins Mittel zu legen. Er bat die Eltern des Aermſten um eine Unterredung ohne Zeugen. 4 —õ-———— Elftes Kapitel. Guſtav und die Geſchwiſter hatten ſich entfernt, die Baronin ſah mit ängſtlicher Spannung, ihr Ge⸗ mahl brummig auf den Dritten, der ſich ſo recht be⸗ quem in den Stuhl zurücklegte. „Da wir Eltern unter uns ſind“, begann er,„können wir offen reden. Allen Reſpekt vor Ihrer Erziehung, Herr Baron, aber Sie ſpannen den Bogen etwas zu ſtraff. Der arme Junge hat lange genug gezappelt—“ Der Baron machte große Augen.„Denken Sie denn, daß ich Komödie ſpiele?“ „Allerdings, wenn auch eine moraliſche. Sie kön⸗ nen unmöglich Ihren Sohn zwingen wollen, Hand an ſich zu legen.“ „Zwingen? Wenn er einen Funken Ehrgefühl be⸗ .„.„“—ͤ 169 ſitzt, wird er es freiwillig thun. Und thut er's nicht — ha, dann er oder ich!“ „Hm, ſehr groß, ſehr nobel, aber damit wird die Schuld nicht bezahlt.——— Sprechen wir vernünftig. Ich kenne Ihre Lage. Sie ſind ſo wenig wie der Herr Fähnrich— Pardon, wenigſtens vorläufig im Stande, die Summe aufzubringen, und das iſt vor der Hand auch nicht nöthig. Mein Sohn iſt ſchon durch ſein mütterliches Erbe reich genug, daß er die fragliche Summe nicht vermißt. Da er mündig iſt, kann er mit ſeinem Gelde anfangen, was er will; da er ein Gentleman, iſt es keine Schmach, ihm ver⸗ pflichtet zu ſein, und da ich ſein Herz kenne, proteſtire ich in ſeinem Namen gegen Ihr Verfahren mit ſeinem Schuldner.“ „Meine Standesehre dietirt es. Ich liebe meinen Sohn mehr als mich ſelbſt, aber die Ehre mehr als ihn.“ „Kaltes Blut, Herr Baron! Ihre Standesehre hielt Sie nicht ab, meinen Rath, meine Hülfe zu wün⸗ ſchen. Ihnen habe ich Beides verweigert— aus dem⸗ ſelben Grunde, weshalb ich auch jetzt Ihre Bürgſchaft nicht annehme—“ 170 Der Baron warf ſich in die Bruſt, doch der Fa⸗ brikherr ließ ſich nicht einſchüchtern.„Ja, kurz und bündig, ich nehme ſie nicht an. Ich habe eine viel ſicherere Bürgſchaft in Ihrem Sohn—“ „Herr, Sie ſind mein Gaſt“, bezwang ſich der an⸗ dere. „Eine ſicherere Bürgſchaft, denn er iſt jung, Sie dagegen, Herr Baron, zwar ein Mann wie ich noch in den beſten Jahren, aber nach dem, was ich heute von Ihrem choleriſchen Temperament erfahren habe, gebe ich für Ihr langes Leben nicht ſoviel.“ „Herr—“ „Kaltes Blut, Herr Baron! Ihnen habe ich als kühler Geſchäftsmann Rath und Hülfe verweigert, da⸗ gegen gewähre ich Beides dem jungen Freiherrn. Die⸗ ſer Fähnrich gefällt mir; ich bin ihm zugethan, und wenn binnen einer Viertelſtunde alle ſeine Schulden bezahlt ſind— verſtehen Sie mich, alle!— ſehe ich nicht ein, warum Sie ihm nicht den erſten dummen Streich verzeihen ſollten.“ Wenn die Baronin früher eine etwas unliebens⸗ würdige, hochnäſige Dame geweſen— in dieſem Au⸗ genblick machte ſie die vergangenen Sünden gut. Sie 171 ſprang auf und drückte dem Commerzienrath mit ſo inniger Rührung und ſchlichter Dankbarkeit die Hand, daß es ihm auch wohl that, wohlzuthun. Nur Baron Riedgras wollte ſein ſchon zitterndes Herz zu eapituliren verhindern.„Mein Sohn wird keinem Almoſen ſein Leben verdanken.“ „Geborgtes iſt kein Almoſen. Und wenn Sie mir ſagen: Ihr Sohn ſoll nicht aufs neue Schulden ma⸗ chen— gut— ſo nehme ich hiermit den Refus, den ich Ihnen gab, feierlich zurück. Herr Baron, ich ſtehe Ihnen in jeder Höhe zu Dienſten, mit der einen Be⸗ dingung, daß Sie Ihrem Herrn Sohn, meinem jungen Freunde, verzeihen. Wie Sie ſehen“, fuhr er, um jede Widerrede abzuſchneiden, fort,„ſind Sie in eine Zwick⸗ mühle gerathen— Sie müſſen nachgeben, und wa⸗ rum ſollten Sie nicht? Der Vernunft, der Ehre und dem Herzen iſt genügt, Ihr Sohn hat ſeine Lection erhalten— baſta!— Damit aber die ganze Angelegen⸗ heit in der Familie bleibe“, ſchloß der Commerzien⸗ rath mit verändertem, feierlicherem Ton, indem er aufſtand,„Herr Baron, Frau Baronin, erlauben Sie mir, für meinen Guſtav um die Hand Ihrer Fräulein Tochter, der Baroneſſe Wanda, anzuhalten.“ 172 „Ich gebe meinen Segen“, kam die Baronin ihrem Gemahl zuvor. Ihm, der ſchon erweicht und erleich⸗ tert geweſen war, zuckten nun wieder alle Wetter über die Stirn. „Alſo doch!“ rief er.„Um den Preis meines Sohnes ſoll ich meine Tochter verkaufen?“ „Nein, beſter Baron, nur ein wenig Ahnenſtolz für das Glück Ihres Kindes! Ja, für das Glück Ihres Kindes! Fragen Sie nur das gnädige Fräu⸗ lein ſelbſt.“ Er war, von einer Ahnung getrieben, raſch, aber geräuſchlos an die Thür des anſtoßenden Zimmers getreten und öffnete ſie plötzlich. Die Gruppe, die ſich den Eltern darbot, bedurfte keines Commentars. Die Liebenden hatten in dieſer verhängnißvollen Stunde bruder Fritz zum Vertrauten gemacht, und indem jene Beiden einander zärtlich um⸗ ſchlungen hielten, gaben ſie dem Dritten im Bunde die freie Hand. ... Was war da zu machen!...„Ha“, knirſchte der Baron,„dieſe Geſchäftsmänner ſind doch ohne Großmuth!“... Aber— was war zu machen? Zwölftes Kapitel. Was ſollte er machen? Die Brautleute waren in den Tagen nach der Kataſtrophe ſo glücklich und ſo voll Dankbarkeit, die Baronin war wie neu geboren, Fritz ſo fleißig und ſolid geworden, und der Com⸗ merzienrath zeigte ſich, mit kluger Taktik, ſo ſelten auf dem Schauplatz, daß Riedgras niemals Gelegenheit fand, ſeine üble Laune an den Mann zu bringen. Womit nicht geſagt iſt, daß er je ein freundlicheres Geſicht machte als einer, der ſich von Gott und Welt mißhandelt wähnt. Dabei konnte er ſich nicht ver⸗ hehlen, daß ſeine verwickelten Geſchäfte vom Vater des zukünftigen Schwiegerſohns mit ebenſo kundiger als discreter Hand entwirrt und geordnet wurden. 174 Es dauerte nicht lange, und er konnte wieder frei athmen und ruhig in die Zukunft blicken. Aber— in die Falle gegangen und blamirt bin ich doch! O dieſe Geldmenſchen kennen keine Großmuth! Und der Name, der Name! Wenn ſie wenigſtens Riedeſel heißen möchten! Aber Riedel! So verſtrichen drei Monate. An einem der erſten Auguſttage erſchien der Commerzienrath, um die Frei⸗ herrnfamilie nach Kleingöhren zu Gaſte zu bitten. Gern hätte der Baron kurzweg abgelehnt, aber die Seinigen nahmen die Einladung mit ſolcher Freude auf, und andererſeits langte und bangte ſein eigenes Herz insgeheim nach dem alten trauten Neſtchen, her⸗ aus aus dem Lärm und Wirbel der Reſidenz, daß er annahm. So fuhr man denn im Morgengrauen des nächſten Sonntags mit der Bahn zur nächſten Hafenſtadt, wo der junge Riedel mit ſeiner Equipage die Familie bereits erwartete. Der Baron ſog den Theergeruch des Hafens wie die Würze des Waldes, der ſie unmittelbar hinter der Stadt in ſeine Schatten nahm, mit Entzücken ein. Ach, und zuweilen trug der leichte Wind ein Geräuſch, das ſein geübtes Ohr ſofort von dem ähnlichen Waldesrauſchen unterſchied, — 1 175 zu ihm— den Wellenſchlag der See. Am liebſten hätte er ſich unter eine Buche hingeſtreckt und einen Tag lang endlich wieder den Zauber der Heimat genoſſen. Denn im veränderten, verwüſteten Klein⸗ göhren erwartete er nur ſchmerzliche Stunden. Sein künftiger Schwiegerſohn hatte ihn ſchon beim Empfang darauf vorbereitet, indem er um Entſchuldigung bat, daß er ſeine Gäſte nicht den Strand⸗, ſondern den Waldweg fahren werde. Die Seefront des Schloſſes ſei durch Baugerüſte, der Vordergarten durch mancherlei neue Anlagen— „Verſtehe Sie vollkommen“, war ihm Riedgras ins Wort gefallen,„und danke Ihnen für die Rück⸗ ſicht. Ich kann mir vorſtellen, wie es dort ausſieht. Vielleicht habe ich nach einer Flaſche Lafitte das Herz, mir die neuen Anlagen anzuſehen. Vorläufig ziehe ich vor, über die Hintertreppe in mein altes Vaterhaus zu kommen.“ Ueber die Hintertreppe nun kamen ſie aller⸗ dings nicht ins Schloß, ſondern wurden vom Com⸗ merzienrath, der die Familie an der Spitze einer feſt⸗ lich gekleideten Schaar, der ſämmtlichen männlichen und weiblichen Diener und anderer Kleingöhrener Be⸗ 176 kannten, empfing, aus dem Wagen ſofort in einen ge⸗ räumigen, neu und prächtig ausgeſtatteten Saal des Erdgeſchoſſes geleitet, wo die wohlbeſetzte und blumen⸗ geſchmückte Tafel ſtand. Wie ſehr aber der joviale Commerzienrath ſich be⸗ mühte, Leben und Luſt in ſeine Tiſchgeſellſchaft zu bringen, es gelang ihm ſchlecht. Die Baronin hatte, ſeit ſie den Fuß ins Haus geſetzt, das, ehedem von ihr verachtet, nun ſie anheimelte— wie ja auch ein treuer alter Diener durch eine neue Livree nicht ver⸗ ändert wird— mit ihrer Rührung zu kämpfen, und das Brautpaar nährte ſich, nach der Regel aller Ver⸗ lobten, von zärtlichen Blicken und ſtummer Seligkeit. Der Baron endlich wurde weder durch den Wein, noch durch den Mundſchenk, ſeinen wiedergefundenen Kammerdiener Johann, noch durch die Anhänglichkeit, welche ſich in den Geſichtszügen des Paſtors wie in den tiefen Zügen des Förſters aus dem Glaſe kundgab, heiterer gelaunt. Es war ein vielſagender, beinahe böſer Seitenblick, den er dem Commerzienrath zuwarf, als dieſer beim Deſſert zu einem Toaſte ſich erhob. „Geehrteſte Anweſende“, begann der Amphitryon in ſeiner gewohnten Art und Weiſe, die wir am tref⸗ 177 fendſten mit dem Volksmund„unverfroren“ benennen, „geehrteſte Anweſende! Ich weiß nicht, wer zuerſt dieſe Welt ein Jammerthal genannt hat...“ Der Paſtor runzelte ahnungsvoll die Stirn.„Ich bin nicht ſeiner Anſicht, finde vielmehr, daß es ſich auch hienieden ganz angenehm lebt, wenn man nur eins, nämlich die Kunſt zu leben verſteht. Ich nenne mich auf die Gefahr hin, für unbeſcheiden zu gelten, in dieſer Kunſt Meiſter. Denn betrachten Sie mich — ſehe ich nicht aus wie einer, der geſund und zufrieden iſt?— Ich bin Beides, und das iſt der höchſte Triumph der Lebenskunſt. Wenn Sie mich aber um das Geheimniß derſelben fragen, ſo weiß ich Ihnen das Ganze nicht bündiger und beſſer als mit den Worten auszudrücken, die ich einmal irgendwo ge⸗ leſen habe: Man muß nur ein wenig warten, um die Menſchen zu lieben. Meine Herrſchaften, die Zurückhaltung im Ur⸗ theilen, beſonders im Verurtheilen, macht uns die Welt freundlich und die Weltbewohner zu Freunden. Ein wenig Geduld. und er, den wir nach dem erſten Eindruck oder vom Hörenſagen für einen Mann von Stein gehalten, zeigt uns Liebe, Milde, Sinn für alles Heigel, Baron Riedgras. 10 178 Gute und Schöne... Als alter Praktikus erläutere ich meinen Satz ſofort durch ein Beiſpiel.— Betrachten Sie wiederum mich! Es dürfte die Majorität meiner verehrten Gäſte bisher der Anſicht geweſen ſein, daß bei mir das Portemonnaie Hirn und Herz, Vaterland, Poeſie, kurz Alles vertrete. Und doch kann ich Ihnen von beſagtem Manne verſichern, daß er zur Stunde das Glück des jungen Paares vor ihm ebenſo warm und voll empfindet, wie er den feuchten Schimmer eines gewiſſen mütterlichen Auges und die Mißmuths⸗ wolke auf einer gewiſſen Stirn recht wohl verſteht. Und nicht deshalb freut ſich der Beſagte über Fortunens Gunſt, weil ſie ihm geworden, ſondern weil der Glückliche im Stande iſt, Glück mitzutheilen. Herr Baron, mein Herz geht jetzt im Galopp, ich weiß nicht mehr, was ich ſage, weiß nur, daß ich von Ihnen wohl einmal einen herzlichen Händedruck haben möchte, weil— nun ja, weil man vielleicht doch nicht allzu lange ‚warten: muß, um etwas Liebenswerthes an mir zu finden— und weil auch der Edelmann nicht braver als brav ſein kann... Im Uebrigen haben Sie das Recht, wenn Ihnen meine Rede nicht gefällt, mir den Stuhl vor die Thür zu ſetzen. Denn 179 die Wahrheit muß heraus: ich bin hier blos Gaſt, Klein göhren iſt ſeit geſtern notariell und unwider⸗ ruflich das Eigenthum Ihrer Fräulein Tochter. Um Ihnen außerdem zu beweiſen, daß auch ein Fabrikant galant ſein kann, bitte ich Sie, mit mir auf den Balkon zu treten und ſich dort zu überzeugen, daß die junge Schloßherrin, auf deren Wohl ich mein Glas leere, künftighin von Kalk und Thon nichts mehr zu leiden hat!“. Ein prächtiger perſiſcher Teppich, der die Front⸗ wand in ihrer ganzen Höhe und Breite verdeckte, rollte auseinander... Auf den Balkon, der ſich zeigt, eilt der Freiherr als der erſte, ſchaut hinab und glaubt zu träumen— die Fabrik iſt verſchwunden, wie in die Erde verſunken ohne eine Spur; dafür zieht ſich wie vordem, aber unendlich üppiger und ſchöner, ein Garten mit Buſch und Raſen, Marmor⸗ bildern und Springbrunnen, zu beiden Seiten einge⸗ faßt von dem unentweihten, alten, herrlichen Wald bis zum Strand der blauen See hinab. Nachdem Baron Riedgras erſt mit Zweifeln an der Wirklichkeit, dann mit Entzücken über dieſelbe das Alles überblickt hatte, wandte er ſich nach dem Commerzienrath um. 12* 180 „Ich ſagt' es ja“, lachte er mit Thränen im Auge,„Ihr Geſchäftsmänner kennt kein Erbarmen.— Lieber Rath, Ihre Hand! Und Wanda, gib Deinem Schwiegervater einen Kuß!“ Leipzig. 2 5 8 8 5 — 2 5 Sch Druck von Richard Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Zur linken Hand. Novelle von Edmund Häfer. 1 Band. 8. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Stephan Lawrence. Roman von 3 Mrs. Edwardes. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 4 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Debenhames Gelübde. Roman von A. B. Edwards. Aus dem Engl. von Anna Wünn. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Mark 50 Pf. Gewonnen— nicht umworben. Roman von James Payn. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8⁰. Eleg geh. Preis 8 Mark. 8——= Roman Otto Mülm. 3 Bände. 80. Eleg. geh. Preis 12 Mk. Dceer Majoratsherr. — Roman aus der Gegenmwart von Otto Müller. 3 Bände. Eleg. broch. 10 Mk 50 Pf. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von f. C. Schubert. 3 Bände. Eleg. broſch. Preis 10 Mk. 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Johannes Scherr: Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. ꝛDDdritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Elegant. broſchirt 9 Mark. Nie Brhrenzigtr oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Novellenbuch JohannesScherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg. 3 1 — ———————