Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v on Edujard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ener auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 4.. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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An einem Sommermorgen— Deutſchland war da⸗ mals noch nicht geeinigt— ſaß Gottlieb Egidius Wald, als Schulmeiſter der katholiſchen Gemeinde Frohnburg⸗ Geldern in Amt und Armuth längſt ergraut, in der Bohnenlaube hinterm Hauſe, das den Hörſaal der lieben Dorfjugend und ſeine beſcheidenen Wohnräume enthielt, ſaß dort ohne Appetit für die Morgenſuppe, ohne Sinn für die Roſen und den Kohl ſeines Gärt⸗ chens, ohne Freude am Geigenſpiel ſeines Sohnes Ludwig, der in der Hinterſtube einige ſchwierige Läufe übte. Egidius war ein Schulmeiſter alten Schlages, mit ſtarkem Willen und ſchwachem Wiſſen ausgeſtattet, gottesfürchtig und ſeinen weltlichen Vorgeſetzten, dem Gemeindecollegium, dem Patronatsherrn und dem Heigel, Benedictus. I. 4 2 Pfarrer, blindlings ergeben. Stolz war er nur auf ſeine Geige und auf den einzigen Sohn. Man konnte ſagen, daß er mit erſterer ſeinen Schülern den Kate⸗ chismus und das ABC und Einmaleins beibrachte. Sein Sohn Ludwig aber war ein grundgeſcheidter Junge, dem Vater nicht allein im Muſikaliſchen, ſondern in Allem überlegen. Hatte auf Koſten des Herrn Grafen ſtudirt. Leider nur nicht„ausſtudirt“— und das war des alten Schulmeiſters Kummer. Gottlieb Egidius rieb ſich mit der ausgearbeiteten, ſehnigen Hand das raſirte und doch immer von Bart⸗ ſtoppeln rauhe und graue Kinn und wiegte unmuthig den Kopf. Er begriff jenen Gottlieb Egidius nicht mehr, der, als ihm ſein Erſtgeborener in die Arme gelegt wurde, das Gelübde that:„Du ſollſt Beethoven zu Ehren Ludwig heißen!“ und dann hinging, um anſtatt eines reichen Bauers den einzigen Ludwig im Dorf, einen armen Schuſter, zu Gevatter zu bitten. Was wurde daraus? Sein Ludwig kriegte, kaum daß er die erſten Hoſen anhatte, die Muſikwuth; der Generalbaß ſtieg dem Knaben zu Kopf; er muſicirt und componirt; ein Kanon iſt ihm lieber als ein Kanoni⸗ kus— darin iſt Gottes Straffinger. Da klang ein Adagio aus der Hinterſtube, und der Alte konnte doch nicht unterlaſſen, beifällig hinzuhorchen. 3 „Ah bah“, redete er ſich wieder in ſchlechte Laune, „das Alles iſt an ſich ſehr ſchön, aber für uns ein Un⸗ glück. Wenn Ludwig in muſikaliſchen Dingen ein Eſel blieb, ließ ihn unſer Graf ruhig ausſtudiren. Er könnte Pfarrer werden, mein Ludwig. So aber klebt er hier im Dorfe feſt, muß vormittags die Frau Gräfin auf dem Flügel begleiten, abends dem Herrn Grafen aus Opern vorſpielen und den Lutheriſchen drüben in Friedenthal Unterricht ertheilen. Das Letzte iſt das Schlimmſte. Wenn er auch noch nicht die Tonſur trägt, der Umgang mit Paſtoren und Paſtorstöchtern ſchickt ſich nicht. Ich habe dem zu lange nachgeſehen. Ich ſtecke mich hinter unſern Pfarrer; er muß der gnä⸗ digen Herrſchaft Vorſtellungen und dem Aergerniß ein Ende machen.“ Damit ſprang der kleine Mann haſtig auf und rief, indem er aus der Laube trat, ſo barſch er konnte, ſeinem Ludwig. Der Muſiker, Bogen und Geige in den Händen, zeigte ſich am offenen Fenſter. „Wünſchen Sie etwas, lieber Vater?“ „Leg' vor allem die verwünſchte Fiedel beiſeite und komm' heraus!“ Ludwig gehorchte ſofort. Als der junge Mann vor dem Schulmeiſter ſtand, 1* 4 den er, ſelbſt zwar nur mittelgroß, um Kopfeslänge überragte, hübſch, blondlockig, mit feinem, durchgeiſtig⸗ tem Geſicht, war's mit der väterlichen Strenge ſchon nicht halb mehr ſo ſchlimm. Doch muſterte der Alte den Jungen nicht ohne Mißtrauen. „Haſt ja Deinen guten Tuchrock an; wo ſſoll's wieder hin?“ „Sie wiſſen doch, Vater, ich muß heute in Frie⸗ denthal Stunde geben.“ „Schon wieder?“ fuhr der Andere auf.„Das gefällt mir nicht. Wenn das ewige Hin und Her noch etwas einbrächte! Aber der Paſtor, ein Hungerleider wie wir—“ „Bitte, Vater—“ „Bitte, Herr Sohn! Du bringſt Dich durch Dei⸗ nen Umgang dort um alle Reputation in Frohnburg.“ Der Angegriffene vertheidigte ſich ohne Ungeduld. „Geſchieht's denn nicht auf unſerer Gräfin Wunſch und Befehl? Die iſt ſicherlich eine gute Katholikin und kommt doch niemals über Friedenthal, ohne beim Pa⸗ ſtor Beſuch zu machen. Bitte, lieber Vater, warum heute den Mißton zwiſchen uns? Sehen Sie, wie ſchön der Morgen, wie ſchön die Welt iſt!“ „Lirum, Larum, ein tüchtiger Regen wäre dem Bauer viel lieber. Allein davon verſteht der Herr 9 Muſikante nichts; iſt viel zu vornehm fürs Dorf. Hol' der Kukuk Deine Muſik!“ Ein Lächeln glitt über des Jünglings Antlitz. „Wollen Sie mir das vor Beethoven wiederholen, Vater? Vor Beethoven's Bild, das über demjenigen meiner guten Mutter hängt?“ „Beethoven“, wehrte ſich Gottlieb Egidius mit letzter Anſtrengung;„denkſt wohl ſchon ein Beethoven zu ſein?“ „Weder zu ſein, noch zu werden, Vater. Als ob die Jünger ihren Meiſter immer überflügeln ſollten! Ein rechter Jünger ſein, iſt auch etwas. Ich leugne nicht, daß ich meine eitlen Stunden habe, in denen ich mir das Größte zutraue; aber ſehe ich näher zu, läßt ſich auch dieſe ſelbſtiſche Empfindung auf die uneigen⸗ nützigſte, auf Bewunderung zurückführen. Die Begei⸗ ſterung, die wir einem Genius verdanken, halten wir für eigene Kraft.“ Der Alte ſah den Schönerregten kopfſchüttelnd an. „Das klingt Alles nach Friedenthal“, ſprach er.„Wie ſoll das enden! Willſt Du denn Dein Leben lang Stunden geben? Muſikſtunden oder ABC⸗Stunden— ein traurig Brod!“ „Doch nicht!“ rief der andere leuchtenden Blickes. „Erinnern Sie ſich! Wenn ich Fortſchritte machte, wenn 6 uns beiden ein Sieg gelang, wie waren wir mit uns und mit der Welt zufrieden! Trennen wir Brod und Beruf! Das Brod mögen wir immerhin mit Thränen eſſen; der Beruf kann nur Freude ſein.“ „Friedenthal und wieder Friedenthal! Menſch, bedenke, daß Du nicht immer talentvolle Schüler haben wirſt. Es gibt Ohren, ſage ich Dir, Ohren—“ „Die einen hören mit den Ohren, die andern— mit dem Herzen, die dritten mit beiden zugleich. Wer gar nicht hört, will überhaupt nichts hören. Ich habe nun ſchon drei Schüler, und bei keinem täuſchte ich mich über den rechten Weg.“ Der Schulmeiſter ſpitzte den Mund.„Hm, da wäre die Gräfin; die hat allerdings ein feines Ge⸗ hör—“ „Ja, hier, Vater“, entgegnete Ludwig, auf die Herzſtelle zeigend;„ihr Söhnchen dagegen iſt, wenig⸗ ſtens für jetzt noch, nur das glückliche Gehör. Aber die dritte, Paſtors Juſtine—“ „Verdreht meinem dummen Jungen den Kopf“, fiel der Schulmeiſter zornig in die Rede.„Aber ich werde ihn Dir zurecht ſetzen. Eine gemiſchte Ehe, in unſerem Stande! Heiliger Joſeph! Hat mir doch von großem Waſſer geträumt! Das bedeutet immer Unglück. Und da haben wir die Beſcherung!“ 7 Ludwig erblaßte vor Schrecken, dann ließ der Unmuth ſein Geſicht bis über die Stirn erglühen. Als⸗ bald jedoch faßte er ſich und ſprach mit ſchmerzlichem Ernſte, der dem Vater zu Herzen ging: „Das durften Sie nicht denken und ganz gewiß nicht ſagen. Das Verhältniß zwiſchen Lehrer und Schü⸗ ler iſt ein ſo rein geiſtiges, daß ein Lippenhauch es trübt. Es iſt ſo edel, weil es unbedingtes Vertrauen, ſo ſchön, weil es ſo lauter iſt. Wer auf dieſe reinen, edlen, ſchönen Beziehungen einen Schatten wirft— doch, Sie beabſichtigten das nicht, mein guter Vater; der Lehrer wollte den Lehrer nur prüfen. Hier meine Hand darauf, daß Sie unbeſorgt ſein dürfen. Ich habe Ehrfurcht vor meinem Beruf.“ Er reichte dem Betroffenen, Verwirrten die Rechte und ſetzte, ſchon wieder heiter, hinzu:„Nun ſehen Sie mich doch ruhig nach Friedenthal gehen?“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher Schwärmer.“ „Die jungen ſind immer redlich. Auf Wieder⸗ ſehen, Vater!“ Als der Sohn ins Haus gegangen war, drehte ſich der Alte nach einigem Nachdenken auf den Hacken um und rief: „Und ich ſtecke mich doch hinter unſern Pfarrer!“ Seine Hochwürden der Pfarrer Balthaſar Püchel⸗ ——— —— 8 huber trat faſt in demſelben Augenblick in die Thür und bot dem Lehrer einen guten Morgen. Der Seelſorger von Frohnburg war in ſeiner Vorliebe für alte Weine und junge Hühner roth von Antlitz und feiſt von Figur geworden. Auch ein ſo kurzer Gang wie der vom Pfarrhof ins Schulhaus brachte ihn in Schweiß und außer Athem. So ließ er ſich denn alsbald auf die Bank in der Bohnenlaube nieder, ſchloß beide Augen und machte ſie nicht eher auf, als bis er ſich„verſchnauft“ hatte. Dann faltete er die Hände über dem Magen und ſchmunzelte dem Milchnapf zu, in welchem eine Fliege zappelte. Des Schulmeiſters Einladung zu einer andern Schüſſel Milch lehnte er dankend ab, bat dagegen um ein Glas Waſſer, friſch vom Brunnen. Das klare, kalte Naß wurde langſam, doch bis auf den letzten Tropfen geſchlürft. Als der Pfarrherr das Glas auf den Tiſch zurückſtellte, verſicherte er feierlich, daß Waſſer das köſtlichſte aller Getränke ſei, was auf eine lange Nachtſitzung geſtern bei den gräf⸗ lichen Weinen ſchließen ließ. Die Wahrheit hinkte denn auch nach. „Seien Sie froh, Schulmeiſter“, ſprach er im ländlichen Dialekt,„daß Sie, wann die Muſik aus iſt, nach Hauſ ſe gehen dürfen. Da hab' ich geſtern 9 wieder bis zwölfe trinken müſſen. Unſer gnädigſter Herr hat— sit venia verbo— den Magen und Durſt eines Kameels. Und ſein Gaſt, der Herr von Flor, iſt noch ſchlimmer, animirt die andern zum Saufen und bleibt ſelber beim Waſſerſchoppen.“ Der gute Schulmeiſter dachte ſeufzend, daß es ein Unterſchied ſei, ob man freiwillig oder gezwungen Waſſer trinke. Um aber den Seufzer zu rechtfertigen, bedauerte er laut die arme Frau Gräfin, die ſo lange aufbleiben müſſe. „Bewahre!“ widerlegte ihn der Pfarrer;„ſobald die Völlerei losgeht, empfiehlt ſich die Gräfin auf Fran⸗ zöſiſch. Und damit thut ſie recht. Denn wenn die Männer über die Schnur hauen, muß wenigſtens die Frau vernünftig ſein.— Ja, ja, ſie hat auch ihren Kummer, unſere gute Gräfin!“ „Unmöglich, eine ſo reiche Frau!“ Der Pfarrer drückte die Augen ein.„Alles Gold der Welt füllt ein Herz nicht aus“, ſprach er ſalbungs⸗ voll, ſiel jedoch ſofort wieder in den gemüthlichen Plauderton.„Sie iſt eine gute Seele, der Graf dage⸗ gen— na, wir zwei kennen ihn ja! Auch gefällt ihr ſein Umgang nicht. Dieſer Herr von Flor führt oft Reden— ich ſage Ihnen, wie ein el“ „Iſt's möglich!“ — 8 9 I —— 40 „Ich ſitze ja oft genug dabei.“ „Aber Hochwürden leuchten ihm gehörig heim—“ „Fällt mir nicht ein. Lieber wollte ich einen Moh⸗ ren weiß waſchen. Woher kommt denn dieſer Herr? Aus Berlin, wo der Lehrer mit ſeinen Schulknaben den David Strauß lieſt.“ Gottlieb Egidius ſchüttelte ſich. Doch eine gün⸗ ſtigere Gelegenheit, ſeine Sache vorzutragen, kam nicht wieder. „Mich drückt auch etwas auf dem Herzen.“ „Sie haben doch nicht den Strauß geleſen?“ „Gott ſoll mich behüten, nein! Aber da iſt mein Sohn—“ „Der Ludwig? Ich denke, der iſt nur ein Muſik⸗ narr?“ „Mir geht's mit ihm wie der Frau Gräfin mit Seiner Gnaden: ſein Umgang gefällt mir nicht.“ Der Hochwürdige legte ſich mit beiden Armen über den Tiſch.„Hat er eine Liebſchaft?“ „Noch iſt's nicht ſo ſchlimm, aber ich zittere, Hoch⸗ würden, ich zittere. Möchten doch Sie ihm ins Gewiſſen reden!“ „Woher weht denn der Wind?“ „Aus Frie denthal.“ Der Pfarrer lehnte ſich plötzlich an die Wand 41 zurück, ſchob ſein ſchwarzes Käppchen vom rechten auf das linke Ohr und ſchnaufte, als ob er einen Berg erſtiege. „Das iſt eine fatale Sache, mein Lieber. Ich möchte nicht als unduldſam verrufen werden.“ „Iſt Friedenthal nicht uns allen ein Dorn im Fleiſch?“ „Freilich, freilich! Gott ſei Dank, unſer Frohn⸗ burg iſt eine Glaubensburg! Aber die Gutsherrſchaft von Friedenthal und die unſerige ſind— wenigſtens vor der Welt— dicke Freunde. Unſer Graf zieht den Paſtor alle Neujahr zur Tafel, und die Gräfin ſchickt ſeinem Weibsvolk Bücher und Eingemachtes. Juſt, ſie hat Ihren Sohn dort empfohlen.“ Er machte ſchwer athmend eine Pauſe und bat ſodann um ein zweites Glas Waſſer. Allein der Schulmeiſter kehrte vom Brunnen zum Thema zurück. Es ſei doch hart, meinte er, ſo gefähr⸗ liche Nachbarſchaft dulden zu müſſen. „Und dabei gedeiht den Friedenthalern Alles. Sie haben die beſten Ernten und das ſchönſte Vieh.“ „Ah bah, gönnen wir's ihnen! Wann ſie ſterben, iſt's ja doch aus mit ihrer Herrlichkeit. Und was un⸗ ſern Ludwig betrifft, ſo konnte er doch der Frau Gräfin keinen Korb geben.“ — 2— —-— —— 1 1 12 „Das wohl, aber—“ „Was ich ſagen wollte“, lenkte der hochwürdige Politikus aufs neue ab,„heute Abend kommen die bei⸗ den Patres an.“ 3 „Alſo doch? Das iſt ja herrlich!“ Die Freude des Pfarrers ſchien weniger groß zu ſein.„Hm“, meinte er,„wenn ſie uns nur nicht drein⸗ reden. Der eine iſt Profeſſor. Der wird natürlich Alles beſſer wiſſen wollen. Doch um noch einmal darauf zurückzukommen: in der Friedenthaler Sache müſſen wir vorläufig ein Auge zudrücken.“ „Glauben Hochwürden? Wenn nur mein Lud⸗ wig—471 Der Pfarrer entzog ihm das Wort, indem er auf die Uhr ſah.„Weiß Gott, ſieben!“ rief er mit ge⸗ heucheltem Erſtaunen.„Und da höre ich auch ſchon die liebe Jugend.“ Nur ungern ſtand er auf; am Morgen war's in der Bohnenlaube hinter dem Schulhauſe ſo ſchattig und ruheſam, ſo anders als im Pfarrhof, wo des Schnatterns und Gackerns und Plapperns kein Ende iſt. Glückliche Armuth! Freilich, jetzt kommt die Geige und das ABC. Im Flur ſtieß der Pfarrer auf ein Rudel Schul⸗ kinder. Er blieb ſtehen und ſchmunzelte und nickte auf 13 die Knaben und Mädchen herab, welche, eins nach dem andern, Hochwürden die Hand küßten. Der Kleinſten fuhr er über das weißblonde Haar. „Biſt ſchön fleißig, Kathi? Wie geht'’s Deinem Vater?“ „Schlecht.“ „Oho! Was fehlt ihm denn?“ „Er hat geſtern einen Rauſch göhabt.“ „So, ſo! Hm!— Na, Kinder, behüt' Euch Gott!“ Zweites Kapitel. Friedenthal. Indeſſen war Ludwig auf dem Wege nach Frie⸗ denthal. Unter dem dichten Blätterdach in der feier⸗ lichen Stille des Hochwaldes hielt er oft im Gehen ein, nicht um wie ſonſt eines Sonnenblicks ſich zu freuen, der, das grüne Gitter durchbrechend, eine mäch⸗ tige Buchenſäule aus dem Dämmer hob, ſondern in unruhigen Gedanken über die väterlichen Mahnungen. Während ſeiner Studienzeit in der Reſidenz hatten Inſtinkt und Neigung ihn Kreiſen zugeführt, welche einer ganz andern Welt⸗ und Lebensanſchauung hul⸗ digten als katholiſche Pfarramtscandidaten. Künſt⸗ leriſch veranlagt, errang er die Mündigkeit des Gei⸗ ſtes ohne Kampf, ja faſt unbewußt. In die Hei⸗ mat zurückgekehrt, hielt er ſich aus gleichem Drang 15 und mit gleicher Unbefangenheit zu der Paſtorsfamilie im proteſtantiſchen Friedenthal. Er ſchloß ſie in ſein Herz und wähnte bis zu jenem Morgen, es ſchlüge für Jedes den gleichen Schlag. Das Bild ſeiner Schülerin tauchte vor ihm auf, und— ja, er konnte nicht ohne innerſte Bewegung an ſie denken, aber er war auch nie zum Guten tüchtiger, als wenn er an ſie dachte. Doch ſchmerzte es ſeine junge Seele, den eigenen Vater in derſelben düſtern Wolke zu ſehen, unter wel⸗ cher ſo Viele in ſeiner Heimat wandelten. Muß frommer Eifer denn immer auch ein blinder ſein? Kann geweihter Boden der Ungerechtigkeit und Zwietracht Nahrung geben? Wenn ſie doch die Augen öffnen, dieſes verfemte Friedenthal ſo recht ſcharf und genau betrachten möch⸗ ten— ſie würden bekehrt, beſchämt werden. Indem ſie ſich entrüſtet abwenden, ſich ſchaudernd ſchütteln, verrathen ſie, daß ſie Ketten tragen. Dem Himmel Dank, dieſe Ketten, einmal abge⸗ geworfen, hat man niemals wieder zu fürchten. Er ſah ſeinen Weg. Damit wehrte er den bänglichen Gedanken und ſchritt rüſtiger aus. Allmälig aufſteigend, führte der Pfad zum Rande —— —— 46 eines Abhangs und zugleich an das Ende des Wal⸗ des. Unten aber lag ein Dorf, das ſich von den Dörfern und Flecken des Landſtrichs wie eine fremde Welt unterſchied. Schnurgerade Straßen mit blendend weiß getünchten Häuſern, ohne die Holzgalerien und bunten Schildereien der Bauernhäuſer in katholiſchen Ortſchaften, inmitten die Kirche, ein Ziegelrohbau ohne Thurm und Säulenſchmuck, von zwei noch beſcheide⸗ neren einſtöckigen Gebäuden flankirt, dem Schulhaus und der Pfarre. Das war Friedenthal. Ludwig traf den Paſtor Hellmuth unter der Linde vor ſeinem Häuschen mit Gemeindeacten beſchäftigt. Der ehrwürdige Herr erinnerte im Profil an Schiller, doch war er kräftigen Baues und von geſunder Ge⸗ ſichtsfarbe, das lange Haar aber ſilbergrau. Er hieß den jungen Freund herzlich willkommen, nöthigte ihn, Platz zu nehmen, und rief Mutter und Tochter aus dem Hauſe. Seine beiden Knaben waren in der Schule. Zum erſten Mal fühlte Ludwig bei dem Erſchei⸗ nen der Pfarrerstochter Herzklopfen; zum erſten Mal forſchte er in dieſem Geſicht, das, ohne ſchön zu ſein, ſo anziehend war, blickte er tiefer in ihre großen treuen Augen, welche ihn ſo aufrichtig willkommen hießen. Nachdem Grüße und die erſten Alltagsfragen ge⸗ 47 wechſelt waren, wollte Frau Beate zu ihren häuslichen Pflichten zurück. Denn kleine Wirthſchaft— große Arbeit. Allein ihr Gemahl hielt ſie ſcherzend feſt.„Wie!“ rief er,„Du, welche die Stunden zählt, bis der gute Lud⸗ wig uns wieder Kunde von den Dingen bringt, welche hinter'm Berg ſich ereignen, willſt heute leer ausgehen? Bedenke doch, daß Herr Wald für uns verloren iſt, ſobald ihn Juſtine zu Mozart und Beethoven ent⸗ führt!“ Die Paſtorin, die man für eine ältere Schweſter Juſtinens halten konnte, gab ihrem Gatten ſeufzend darin Recht, daß ſie wie auf einer einſamen Inſel wohnten. „Aber auf einer friedlichen, lieblichen Inſel“, ſagte er.„Oder biſt Du anderer Anſicht?“ Sie antwortete dem Gatten mit einem liebevollen Blick. „Am nächſten Sonntag werden es zwanzig Jahre“, wandte ſich der Paſtor an Ludwig,„daß ich in Frie⸗ denthal die erſte Predigt hielt. An Prüfungen und Heimſuchungen hat es Hirt und Heerde ſeitdem wahr⸗ lich nicht gefehlt, doch größer noch war der Segen.“ Er durfte es ſagen. Friedenthal ſtand unter dem Patronat eines Herrn von Bruck. Der Urgroßvater deſſelben, ein aufgeklär⸗ Heigel, Benedictus. I. 2 18 ter, edelherziger Mann, hatte einigen aus dem benach⸗ barten Fürſtbisthum vertriebenen Proteſtanten Schutz und Land gewährt. Es waren nüchterne, fleißige, tapfere Menſchen. Der Glaubens⸗ und Leidensgenoſſen fanden ſich bald mehrere, doch zogen die Tüchtigen nur Tüchtige an. So wuchs und gedieh das kleine eigen⸗ artige Gemeinweſen trotz der Gehäſſigkeit unduldſamer Nachbarn mehr und mehr, aus der Gruppe beſcheidener Hütten war ein ſtattliches Dorf mit ausgedehnten, er⸗ tragreichen Gründen geworden. Dazu kam, daß ſich unter denen von Bruck eine gewiſſe Freiſinnigkeit und das Wohlwollen für Friedenthal als Frucht jener erſten guten That weiter vererbte. Die vielbefeindete Gemeinde fand bei ihnen immer Schutz und Recht, und der ge⸗ genwärtige Stammhalter war es, der ſie ihre eigene Kirche bauen und ſich ihren Prieſter küren ließ. Es iſt begreiflich, daß der Paſtor gern von dieſen Verhältniſſen erzählte. Auch heute erläuterte er ſeinem Gaſt durch manche anekdotiſche Züge die Sonderſtellung der Gemeinde und ſchilderte ihr Leben, das einer Verbannung glich und doch ſo reich an ſtillem Glücke war.— „Ich leugne nicht“, ſchloß er lächelnd,„daß ich die unſichtbare und doch unüberſteigliche Mauer rings um uns zuweilen ſegne.“ 49 „Auch ich finde Sie beneidenswerth“, rief der Muſiker und blickte dabei auf Juſtine. „Doch bin ich nicht zu entſchuldigen“, fuhr der Prediger fort.„Denn ſollten wir nicht vielmehr die Mauer zerſtört wünſchen, die Menſch vom Menſchen trennt?“ „An Dir, Du Guter, hat es nicht gefehlt“, fiel Frau Beate lebhaft ein,„doch die Frohnburger—“ Sie verſtummte mit einem verlegenen Blick auf Ludwig. Dieſer erhob ſich ſofort. Man ſcheint in jungen Jahren oft empfindlich und iſt nur discret. „Beate!“ ſagte der Paſtor vorwurfsvoll. .... Bald darauf traten Lehrer und Schülerin ins Zimmer, worin der Flügel ſtand. Derſelbe war das einzige werthvolle Stück der Einrichtung, wie theuer auch die alten Oelbilder an den Wänden, Portraits der Eltern und Großeltern des Paſtors, letzterem ſein mochten. Die Wände waren hellgrün geſtrichen, Sopha und Stühle nur leichtes Korbgeflecht, die Gardinen aus Perkal mit gehäkelten Spitzen, allein das Ganze, von der herrlichen Landluft durchzogen und im gol⸗ denen Tageslicht, machte einen überaus freundlichen Eindruck. Dazu ſchmetterte luſtig ein Canarienvogel von 2* 20 dem einen Fenſter her, wo ſein Bauer zwiſchen Blu⸗ menſtöcken ſtand. — Zu dieſem kleinen lebendigen Inſtrument wandte ſich Ludwig zuerſt.„Guten Tag, Hänschen“, grüßte er, indem er ſich zum Käfig niederbog. Piep! Man ſage, daß wir Menſchen nicht genügſam ſeien! Dieſes keineswegs melodiſche Piep des Vogels machte den Gaſt ſtolz und glücklich. Und nicht weniger ſchien Juſtine erfreut. „Hören Sie? Er hat Sie ſogleich erkannt.“ „Natürlich“, antwortete jener voll Genugthuung. „Du biſt aber auch mein ſüßer, geliebter Hans— nicht?“ Piep! „Dafür ſoll ihm heute die Decke erſpart bleiben“, meinte das Mädchen. Doch Ludwig erklärte mit dem Gewicht des Leh⸗ rers, daß das nicht ginge.„Heute ſchon gar nicht! Denn wir haben eine feierliche Stunde vor uns.“ Hänschen, das nahe Schickſal ahnend, ſchlug ſei⸗ nen verwegenſten Triller auf. „Da!“ triumphirte Ludwig. Juſtine band raſch ihre Kattunſchürze los und hing ſie über den Käfig, worauf der Sänger ſofort verſtummte. —— „Eine feierliche Stunde?“ fragte Juſtine, während ſie zum Klavier ſchritten.„Ach, ich werde wohl alle Tonleitern ſpielen müſſen!“ 3 „Fehlgerathen!“ Er hatte das Notenheft, das er mitgebracht, auf⸗ gelegt und aufgeſchlagen. Ludwig van Beethoven. Drei Sonaten für Piano. Opus 2. „Beethoven!“ rief Juſtine voll freudigen Schreckens, wie Jemand, dem ſich plötzlich die Pforten eines Hei⸗ ligthums öffnen. „Ja, Sie ſollen zum erſten Mal Beethoven ſpielen. Ich halte es an der Zeit, daß Sie nach den Grazien auch den Dämon kennen lernen.“ Schon ſaß unſer junger Maeſtro am Klavier, und die leiſe fragend aufſteigenden Noten der F-moll⸗So⸗ nate erklangen. Ach, dieſes ſchüchterne ſich Heben, Zurückſinken und kühnere Emporſtreben des erſten Satzes, dies fromm tröſtende Adagio, dies neue Ringen in der Me⸗ nuet, den aus Zorn und Schmerz geborenen Stolz und Adel des Schlußſatzes— wer will es, wer kann eine Tondichtung mit Worten ſchildern! Als Ludwig geendigt hatte, ſah er im Auge ſei⸗ ner Schülerin Thränen. 22 Ohne ein Wort zu ſagen, nahm ſie ſeinen Platz ein und begann nun ſelbſt die Sonate. Schon nach den erſten Takten wallte ihm das Herz empor. Sie hatte ihn verſtanden! Nicht nur das große Tonwerk gab ſie, ſondern ihres Lehrers innerſten Gedanken wieder. Das war das gleiche Hoffen und Zagen, der gleiche Sturm und Schmerz und der gleiche Aufblick zum Himmel. Als die Töne verhallten, waren beide blaß und ſahen ſich mit dürſtenden Blicken an. Aber ſie wagten kein Wort. Es gab ja nur eins, und ihre reinen Seelen zit⸗ terten noch vor dem Verhängniß zurück. Nur ihre Hände ſchlangen ſich in einander. Dann, aus der Schwüle ſich zu retten, trat Lud⸗ wig ans Fenſter. Er deckte den Käfig auf, damit der Vogel keck und luſtig das Schweigen breche. Aber Häns⸗ chen rührte keinen Flügel und zwitſcherte nur ganz leiſe, kaum hörbar vor ſich hin. Der Jüngling ſah wie hülfeſuchend hinaus, wo Juſtinens Vater noch unter der Linde ſaß. Auch das half nicht. In ſeinem Innern wogte es noch immer in Tönen. Endlich hatte er den Muth, ſich wieder zurückzu⸗ wenden. Juſtine war nicht mehr im Zimmer. Drittes Kapitel. Auf der Höhe. Vom Frohnburger Schloßberg ſehen wir über die Dächer des Dorfes hinweg weit in fruchtbares Land. Feld, Wald und Wieſe wechſeln anmuthig ab, auch Seen gibt's; zahlreiche Ortſchaften ſind über die Ebene verſtreut, am Horizont aber lagert eine größere Stadt. Ein Bild, dem Touriſten vielleicht nicht roman⸗ tiſch genug, um ſo lockender dagegen für den Land⸗ wirth, denn überall tritt ſorgliche Pflege wie beſtes Gedeihen zu Tage, und unwillkürlich verknüpfen ſich mit dem Anblick die Vorſtellungen von planmäßiger Thätigkeit und Wohlſtand. Denſelben entſprechen denn auch die ſolid gebauten, freilich ſehr bunten Wohn⸗ häuſer, die Stallungen und Scheunen des Dorfes zu 24 unſern Füßen. Das Schloß zeigt ſich— wenigſtens von der Vorderfronte— als ein alter, aber durchaus wohnlich und gut erhaltener, ſtattlicher Bau. Schloß und Gründe gehörten ſeit Jahrhunderten zu dem Majorate eines vornehmen Geſchlechts. Zur Zeit unſerer Geſchichte war Majoratsherr Guido Graf von Geldern⸗Frohnburg; damals achtunddreißig Jahre alt, ſeit zwölf Jahren verheirathet, Vater eines blühenden Knaben. Der Mann, der er war, ließ ſich nicht leicht verkennen. Schon ſein Aeußeres und die Art, wie er ging und ſprach, verriethen faſt alle ſeine Vorzüge und Fehler. Geſund, muskelkräftig, hünenhaft, ohne plump zu ſein, eine Vollbluter⸗ ſcheinung. Haar kraus und blond— der Backenbart ſtach ins Röthliche— Naſe energiſch, Lippen fleiſchig, die blauen Augen groß, glänzend, wenn auch ohne Tiefe. 5. Gegen ſeinesgleichen benahm er ſich immer höf⸗ lich, zuweilen herzlich. Untergebenen gegenüber ſchlug er freilich einen herriſchen Ton an. Doch wem wäre das aufgefallen! Seine gute Laune äußerte ſich ziem⸗ lich lärmend, im Zorn dagegen war er unberechen⸗ bar; man kannte an ihm beide Arten, den rothen und den weißen Zorn, den tobenden und den abwar⸗ tenden. Nicht falſch, aber mißtrauiſch, ohne Geniali⸗ — — 25 tät, aber verſtändig, ein Lebemann, der mit noblen Paſſionen praktiſchen Sinn verband. Selbſt nicht viel mehr als ein Dilettant und geſchäftiger Müßig⸗ gänger, beſaß er einen bewundernswerthen Inſtinkt, ſich die rechten Leute zu wählen; ſeine Beamten waren vortrefflich. Er wurde von ihnen nicht geliebt, aber auch nicht betrogen. Die Männer arbeiteten, und ihre Frauen ſchwärmten für ihn. Die Frauen— ſie bildeten das einzige ro⸗ mantiſche Kapitel in Guido's Leben, ſie waren ſeine Leidenſchaft, freilich wie alle Romantik mehr gewalt⸗ ſam als gewaltig. Es hieß allgemein, daß er ſeine Frau aus Liebe geheirathet habe. In Wahrheit jedoch hatte die Eitelkeit ebenſo viel Antheil an ſeiner Wahl als die Liebe. Dies war der Hergang: Guido lernte ſeine Frau in einer kleinen Reſidenz kennen, wo ſie, damals ein Fräulein von Sendten, als Hofdame lebte. Sie war ſehr jung, ſehr ſchön, ſehr arm. Ihre zahlreichen Bewunderer ſagten, daß ſie einer als Schönheit vielgerühmten preußiſchen Prin⸗ zeſſin zum Verwechſeln ähnlich ſehe, und dies war, was eine Huldigung ſelten iſt, zugleich Wahrheit und große Schmeichelei. Guido, der ſonſt nicht für Preußen ſchwärmte, 26 fand dies auch und verliebte ſich— vielleicht deshalb — mehr als gewöhnlich in das Hoffräulein, und da ſie tugendhaft blieb, hatte er, um Herr auch dieſes Wunſches zu werden, keinen andern Ausweg, als das arme Fräulein zu heirathen. Mehrere ſeiner Freunde wurden infolge dieſes Schrittes an Guido irre, andere fanden ihn ſehr großmüthig, wieder andere genial; darin aber einigte ſich alle Welt, daß Coſima eine glänzende Partie mache. Inwiefern die Welt mit dieſer Behauptung Recht gehabt, werden wir ſehen. Zwar beginnen wir mit dem zwölften Jahre der Che Coſima's, doch ob die Creigniſſe früher oder ſpäter eintreten, iſt nicht das Weſentliche, ſondern daß ſie eintreten, das iſt das Schickſal. Wir haben das Wetter jener Tage bereits angedeutet. Ein holder Sommer war es; wolkenlos, blau jeder Tag, während in den Nächten gelinde Regen⸗ ſchauer die Erde erquickten. Welch ein Morgen dann! Man konnte glauben, nicht die Lerchen trillerten, ſondern die Luft ſei Geſang. Nirgend ein welkes Blatt, nur friſcheſtes Grün und reichſtes Blühen! Je⸗ des Haus öffnete ſeine Fenſter dem friſchen Athem, dem Licht und Wohlgeruch. Gräfin Coſima wohnte —ẽ— — 2—— 27 beinahe nur noch im Freien, im Schloßpark oder im Walde, der daran grenzte. Sie liebte die Natur, ohne jemals es auszuſprechen. Wahrſcheinlich wußte ſie ſelbſt nicht, welche Macht dieſelbe auf ſie ausübte. Ein heiterer Sonnentag und ein reizendes Lächeln ihrer Lippen waren ſo zu ſagen eins; ein Blick über leiſe wehende Aehrenfelder gab ihr Frieden nach man⸗ chem Kampf; der Wald linderte ihr viele Schmerzen. War ſie doch ſelbſt wie eine Blume— nur er⸗ warte man nicht, daß ich ſie jetzt in herkömmlicher Weiſe mit einer Roſe oder einem Veilchen vergleiche! Die Harmonie ihrer Erſcheinung und ihres Weſens machte ſie den Blumen ähnlich. Empfinden mußte Jeder, begreifen aber konnten nur Wenige das Wohl⸗ thätige ihrer Nähe; die Meiſten erklärten und beſchränk⸗ ten den göttlichen Eindruck mit dem banalen Namen: eine ſchöne Frau! Eine ſchöne Frau, ſprachen auch die Augen einer jungen, leidlich hübſchen Blondine, welche in früher Morgenſtunde auf der Schloßterraſſe ſtand und der Gräfin entgegenſah. Coſima kam auf dem Wege gegangen, der vom Park zu der Terraſſe führte; ſie war weiß gekleidet; den breitgeränderten, runden Strohhut trug ſie in der Hand. Ihr Gang war, obgleich ſie nachdenklich ſchien, — 6 b 8 — 28 leicht und ſchwebend; ſie beſchleunigte ihn, ſobald ſie die Wartende droben gewahrte. „Eine ſchöne Frau“, ſprach letztere leiſe für ſich, „das iſt aber Alles. Sie iſt ſo unbedeutend; ich hätte mich in den Grafen verlieben und ſie doch nicht haſſen können..) „Liebe Doris“, wurde ſie jetzt von der Schloß⸗ herrin mit erſchrockener Stimme angeredet,„Sie wollen doch nicht ſchon Abſchied nehmen?“ „Allerdings, Frau Gräfin“, erwiderte das Mäd⸗ chen kalt.„Der Zug, mit dem ich fahren will, kommt um zehn Uhr in Pfarrkirchen an. Franz iſt mit dem Wagen bereits voraus und wird mich an der Brücke erwarten.“ „Und warum ſo früh, warum überhaupt ſchon heute?“ entgegnete Coſima. Sie hatte des Mädchens Hand mit Herzlichkeit ergriffen, doch dieſelbe entzog ſich ihr bei der Frage. „Soviel ich weiß, trifft meine Nachfolgerin, Mademoiſelle Fel, ſchon in den nächſten Tagen hier ein.“ „Wenn nur das der Grund Ihrer Eile iſt, o, dann bleiben Sie, liebe Doris! Die Erzieherin mei⸗ nes Sohnes war auch meine Freundin; ich will nicht auch die Freundin verlieren.“ 29 Dies Wort rührte, ja verwandelte Doris. Nun ergriff ſie die Hand der Gräfin und drückte ſie an die Lippen, an die Bruſt. „Vergeben Sie mir!“ rief ſie, und als Coſima erſtaunt blickte, wiederholte die Leidenſchaftliche: „Ja, vergeben Sie mir! Wir Böſen haben den Guten immer etwas abzubitten; daß wir an ihnen zweifeln, iſt vielleicht unſere ſchwerſte Sünde.“ Coſima ſtrich mit leichter Hand über das Haar des Mädchens, in deſſen Geſicht Trotz und Rührung kämpften. „Doris“, lächelte jene,„wie ſonderbar Sie ſind! Wer Sie nicht kennt, möchte ihnen wirklich glauben und Sie für böſe halten. Kommen Sie, ſetzen Sie ſich zu mir!“ Sie zog ſie neben ſich auf die nächſte Bank. „Aber Franz—“ „Mag warten, bis wir ihm einen Boten ſchicken, daß er nach Hauſe fahre.“ „Nein“, rief die andere mit Feſtigkeit,„ich reiſe dieſen Morgen beſtimmt. Aber es thut mir wohl, daß ich ſo von Ihnen ſcheide.“ Sie blickte dabei nicht auf die Gräfin, ſondern ſtarr vor ſich hin. „Hat denn nicht auch Theodor Sie lieb?“ „Wie meine Vorgängerin, Miß Norton, und 30 meine Nachfolgerin, Mademoiſelle Fel. Gouvernanten und Spielwaaren machen Freude, ſolange ſie neu ſind.“ „Das reden Sie ſich ein. Mein Sohn hat ein weiches, ein treues Herz.“ „O über das Kinderherz!“ rief die andere, mehr und mehr wieder unter dem Einfluß häßlicher Em⸗ pfindungen.„Gnädige Gräfin, ich habe meine Eltern nicht gekannt, ich war immer von Fremden abhängig, ich kann nicht ans Heirathen denken. Das macht alt und klug und erfahren. Mutter werden heißt aufs neue kindiſch werden— Vergebung Frau Gräfin! Deshalb kenne ich das Kinderherz; Sie als Mutter glauben daran.“ „Doris!“ mahnte die ſchöne Frau.„Sie quälen ſich und mich mit ſolchen Reden. Durch dieſe unſelige Verbitterung thaten Sie mir ſo oft ſchon weh und verletzten den Grafen. Es konnte ihm nicht gleich⸗ gültig ſein zu wiſſen, daß Sie ungern bei uns weilen. Sie zwangen uns, eine andere Wahl zu treffen.“ Doris lächelte eigenthümlich.„Halten Sie wirk⸗ lich nur meine— wie ſoll ich ſagen?— meine nüch⸗ terne Weltanſchauung für den Grund der Ungnade des Herrn Grafen?“ Die Unterredung wurde für Coſima, welche gut⸗ müthig, doch immer die vornehme Dame war, mehr und mehr peinlich.„Der Ungnade?“ ſagte ſie.„Was für ein Wort! Um wahr zu ſein— der Graf fürch⸗ tete, daß Ihre Verſtimmung auf unſer Kind Einfluß haben könnte.“ „Und deshalb verſchrieb er eine Erzieherin aus dem luſtigen Paris.“ Die Gräfin ſtand beleidigt auf. „Was mein Gemahl thut, iſt wohlgethan. Ich ſehe, Sie wollen diejenigen, welche es gut mit Ihnen meinen, bis zum letzten Augenblick verkennen.“ „Ich verkannte Sie nie“, rief das Fräulein, ſich ebenſo raſch erhebend,„aber auch nicht Ihren Gemahl. Es wäre ſchlimm für Sie und mich geweſen, wenn ich mich jemals über ihn getäuſcht hätte!“ Coſima gab es plötzlich einen Stich ins Herz. Doch ihr Ton blieb gelaſſen.„Ich verſtehe Sie nicht.“ Die grauen Augen Doris' bohrten ſich in die der Gräfin.„Wirklich nicht? Oder wollen Sie mich nicht verſtehen?“ „Dieſe Sprache nicht, mein Fräulein— oder nur in der Gegenwart meines Gemahls.“ „Blind! blind!“ rief jene, beinahe verächtlich. Dann überlegte ſie, immer den Blick auf das engel⸗ ſchöne Geſicht der Dame gerichtet. Ach, das Räthſel dieſer Augen hielt Coſima im Bann wider ihren Stolz und ihre trübe Ahnung. „Ich belog Sie vorhin“, begann Doris;„ich habe meine Mutter gekannt. Sie war eine Unglück⸗ liche. Als ich Unglück verſtehen konnte, erzählte ſie mir ihre Geſchichte. Dieſelbe gehört nicht hierher. Aber ohne dies Vermächtniß meiner Mutter ginge ich wahrſcheinlich nicht ſo aus Ihrem Hauſe— ich meine, ſo leichten Herzens und ruhigen Gewiſſens. Ohne jene furchtbare Warnung hätte ich den Schmeicheleien und Verſprechungen geglaubt, die—“ „Ich bitte Sie, Doris“, rief die Gräfin mit einer abwehrenden Geberde. Aber da glitt auch ſchon etwas in ihre Hand. „Die in dieſen Blättern ſtehen“, fuhr die Uner⸗ bittliche fort.„Ich übergebe ſie Ihnen als mein Vermächtniß.“ „Nehmen Sie zurück!“ ſprach Coſima haſtig. „Nicht doch! Sie haben in gewiſſer Beziehung ein Recht auf dieſe Briefe. Und dann: Sie können ſie ja auch ungeleſen vernichten!“ Coſima ſtand unſchlüſſig, todtenbleich.„Eine Frage!“ ſtieß ſie mühſam hervor.„Wenn Sie 33 ſo ſtolz und rein ſind, warum nahmen Sie dieſe Briefe an?“ „Gnädige Gräfin, darin ſind wir Frauen uns alle gleich. Auch braucht man eine Komödie nicht zu glauben und kann ſie doch amüſant finden, zumal— wenn man nicht mitſpielt. Und nun“, ſchloß ſie lächelnd, indem ſie die Schleife ihrer gelben Hutbänder feſter band und ſich zum Kniy anſchickte,„nun darf ich mich wohl verabſchieden? Ich wünſche Ihnen alles Gute, Frau Gräfin.“ „Leben Sie wohl!“ Nachdem Doris die Gräfin verlaſſen hatte, ſtand dieſe eine Weile auf der Terraſſe und blickte mit feuchten Augen in die grüne Welt vor ihr und zu dem Himmel auf. Jene Blumen ſchienen nicht mehr für ſie zu prangen, dies Licht nicht mehr ſo heiter ihr zu leuchten. Sie kam ſich wie aus einem Paradieſe ver⸗ ſtoßen vor. Wie ein Wittwenſchleier ſenkte es ſich vor ihren Augen nieder; ihr Herz rang unter bäng⸗ lichem Druck— es war die eigene Hand, welche die 3 verhängnißvollen Briefe gegen den Buſen preßte. Dieſe wenigen leichten Blätter, wie ſchwer dünk⸗ ten ſie Coſima, als ſie damit in das ſchattige Treppen⸗ haus trat und zu ihren Zimmern emporſtieg, um Heigel, Benedietus. I. 3 34 droben zu überlegen, einen Entſchluß zu faſſen. Sie ſah und hörte nichts, ſie fühlte nur die Laſt, welche ſie trug. Seit einigen Tagen war eine in norddeutſchen Adelskreiſen ſehr bekannte und beliebte Perſönlichkeit, ein Epikuräer in Glacéhandſchuhen, ein gebildeter Müßiggänger, Herr von Flor, des Grafen Gaſt. Dieſer Herr begegnete Coſima auf der Treppe. Er begrüßte ſie. Seine Art zu grüßen war muſtergültig. „Wie, gnädige Gräfin“, ſagte er galant,„Sie waren bereits im Freien? Ah, nun wundere ich mich nicht mehr über den wunderbaren Tag.“ Coſima ſah ihn mit fremdem Blicke an und ſchritt ohne Antwort an ihm vorüber. Herr von Flor ſtaunte.„Die gute Gräfin ſcheint Verſe zu machen“, murmelte er vor ſich hin.„Aber ihr verzeihe ich ſogar Gedichte! Sie iſt das Reizendſte, was das Weibergeſchlecht bietet: eine fromme Venus.“ Durch eine Reihe kleinerer Salons ſchritt Coſima nach dem Zimmer, das ihr zum Aufenthalte diente, wann ſie allein war. Sie war ſehr häufig allein. Hier ſtand ihr Malgeräth, hier ihr Piano. Die Bilder an den Wänden waren Portraits ihrer Familie, die Möbel und hundert andere Gegenſtände nach ihrem Geſchmack und von ihrer Wahl. Ein Erker war mit Blumen und Palmen geſchmückt; aus den Fenſtern ſah man in den Garten. Coſima blieb nach ihrem Eintritt unſchlüſſig brütend ſtehen. Da bewegte ſich eine herabgelaſſene Gardine; Coſima’s Söhnchen, dort verborgen, ſteckte den Kopf hindurch und lachte die Mutter an. Dann ſprang er hervor, ein ſchöner Knabe, der des Vaters blondes Kraushaar, von der Mutter die braunen Augen hatte. Der Anblick ihres Kindes in dieſer Stunde zerriß Coſima das Herz. „Iſt Fräulein Doris fort, Mama?“ fragte der Knabe. „Haſt Du ihr nicht Adieu geſagt?“ „Nein“, antwortete der Knabe mit kindiſchem Trotz,„ich bin ihr nicht gut.“ „Du mußt allen Menſchen gut ſein“, ſagte die Gräfin, die Hand ſanft auf ſeine Schulter legend. „Aber das Fräulein war ſo falſch; was wirſt Du ſagen, wenn ich Dir erzähle, daß ſie mich Papa nicht ähnlich fand!“ Coſima mußte trotz ihres Kummers lächeln. „Ja, ſo war ſie. Jetzt, da ſie fort iſt und nicht mehr wiederkommt, wie mir Vincenz verſichert, ſollſt Du es wiſſen. Als ich ſo krank war— das heißt, 3* ich war ſchon wieder ganz geſund, lag nur noch im Bett— trat Doris einmal mit Papa ins Zimmer. Um ſie zu necken, that ich, als ob ich ſchliefe. Sie beugte ſich über mich und küßte mich, daß ich kaum das Lachen halten konnte.„Sieht er mir nicht ähn⸗ lich?“ fragte Papa. Und was antwortete das Fräu⸗ lein?„Ganz und gar nicht', ſagte ſie,„ſonſt würde ich ihn nicht geküßt haben.“ Was ich mir aus ihren Küſſen mache! Aber ich ſollte Papa nicht ähnlich ſehen? Da glaube ich doch dem Vincenz; der meint, ich ſei der ganze Papa und mit der Zeit kriegte ich ſchon auch einen Bart. Natürlich war ich wüthend, machte die Augen auf und nannte das Fräulein eine Gans. Papa lachte— er mußte ſie ja auch lächerlich finden!— aber geſchlagen hat er mich doch.“ „Und warum erzählteſt Du mir das nicht früher?“ fragte die Mutter mit abgewandtem Geſicht. „Weil ich kein Spion ſein mag“, erwiderte der Knabe, und da ihn Coſima erſtaunt anblickte, fuhr er fort:„Eines Tages wollte ich in Papas Gewehrſchrank ſehen— ich habe die ſchönen blanken Waffen gar zu gern! Wie ich aber im Vorzimmer bei dem Schranke ſtand, hörte ich nebenan, in Papas Arbeitsſtube, ein Geräuſch. Ich ſpähe durch die halb offene Thür und — denke Dir!— da ſteht Fräulein Doris vor Papas 37 Bibliothek und kramt in den Büchern. Das nenne ich doch unverſchämt; ich bin Papas Sohn und darf mir kein Buch von ihm nehmen. Sachte ſchlich ich mich wieder fort, und weil mir Papa auf der Treppe be⸗ gegnete, erzählte ich's ihm und daß ich Doris bei Dir verklagen wolle. Da packte er mich am Arm, daß ich aufſchrie vor Schmerz, ſchüttelte mich und ſagte, ich ſolle das Spähen und Plappern und Ver⸗ klagen ſein laſſen, er wolle keinen Spion zum Sohn! Ein Spion aber, ſagt Vincenz, iſt ein Menſch, der von den Soldaten gehängt wird. Und ich will doch Soldat werden!“ „Papa hat Recht“, verſetzte Coſima leiſe.„Man muß nicht Alles ſehen. Aber nun geh', mein Kind! Ich bin nicht wohl.“ „Du arme Mama!“ ſagte der Knabe.„Aber noch eins! Vincenz ſagt, ich erhielte eine neue Gou⸗ vernante. Bitte, bitte, liebe Mutter, gib mir keine Gouvernante mehr! Ich mag keine Mädchen leiden, ich liebe nur Dich, ich will nur von Dir lernen. Du biſt ja klüger als ſie. Und dann iſt auch Vincenz da. O, der kann Alles, nur nicht Franzöſiſch.“ Des jungen Grafen bewunderter Vincenz war natürlich ein Reitknecht. „Ich kann ohne Einwilligung Deines Vaters 38 nichts verſprechen, doch wollen wir ſehen. Nun aber geh', mein Sohn!“ Sie küßte den Kleinen auf die Stirn. Dieſer aber, im Jubel darüber, wenigſtens einen Tag lang ohne Gouvernante zu ſein, hatte die Klage der Mutter ſchon vergeſſen und eilte leichten Herzens davon. „Bedarf es noch dieſer Beweiſe?“ ſagte ſich Coſima.„O, wo waren meine Augen? Doch nein, die waren nicht verblendet. Ich erinnere mich ſo manches Blickes, der von ihm zu ihr wanderte und nur zu kalt erwidert wurde, um ſich zu entflammen. Aber wo waren meine Gedanken?“ Sie ſtrich ſich müde über die Stirn.„Freilich, er zeigt mir nicht zum erſten Mal, daß ich ihm nichts mehr bin. Viel habe ich vergeben, mehr geduldet, als ich ſollte. Doch daß er ſich der Lehrerin ſeines Kindes verächtlich macht, daß ich ſeine Treue nur wie ein Geſchenk von ihr betrachten muß, das iſt zu viel, das ſcheidet uns.“ Sie blickte auf die Beweiſe in ihrer Hand. Daß ſie es erſt jetzt that, war ein ſicheres Zeichen, daß ſie an der Gültigkeit derſelben nicht gezweifelt hatte. Aber es verrieth auch— ſchlimm für den Grafen— einen Mangel an Eiferſucht. „Ich will Klarheit haben“, ſprach ſie entſchloſſen — — 39 und zerriß das Seidenbändchen, das einige zwanzig, nur mit der Bleifeder beſchriebene Blätter und Zettel umſchloß. Gleich das erſte Blatt, das ſie durchflog, enthielt nur Phraſen. Graf Geldern war nicht der Mann, den Wortſchatz der Leidenſchaft zu bereichern. „Grauſame Doris! Sie ſind ein dämon! Warum wollen Sie nicht mein Engel ſein? O, ein Weſen wie Sie an meiner Seite, und ich wäre glücklich!“ Coſima ſtieß einen gellenden Schrei aus und warf die Blätter wie giftiges Gewürm von ſich. Kurze Zeit ſpäter trat der Graf bei ſeiner Ge⸗ mahlin ein. Sie lag über die Sophalehne gebeugt, das Geſicht in den Armen bergend. Sein Gruß wurde nicht erwidert. Guido trat verwundert hinzu, da fiel von ungefähr ſein Blick auf die über den Boden ver⸗ ſtreuten Blätter. Er hob eins davon auf und ver⸗ färbte ſich. „Die Hexe!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Aber ſchnell faßte er ſich, und Coſima ſanft empor⸗ hebend, drückte er das blaſſe Leidensantlitz an die Bruſt, fragte er mit dem weichſten Ton, was ihr fehle. Sie ſah, ſie erkannte ihn erſt jetzt und entriß ſich ihm,„Sprich nicht zu mir!“ rief ſie.„Ich ahnte längſt, ich weiß es jetzt, daß jedes gütige Wort von 40 Dir eine Lüge iſt. Aber wenn Du fürder die Ueber⸗ redungsgabe der Wahrheit ſelber hätteſt, ich glaube Dir nicht mehr. Laß alſo endlich die Maske fallen! Wenn Dein Herz reiner Empfindungen nicht fähig iſt, ſei wenigſtens nicht ſo feig, dieſelben zu heucheln!“ Die Zornader auf Guido's Stirn ſchwoll dunkel an.„Ich wußte bisher nicht, daß Du auch eiferſüchtig biſt“, verſetzte er.„Wenn Du übrigens glaubſt, Dich mir dadurch liebenswürdiger zu machen, biſt Du im Irrthum.“ Ach, ſie war nicht mehr das eiferſüchtige, nur noch das beleidigte Weib. Sein kalter Hohn gab ihr alle Faſſung wieder. „Du wärſt eiferſüchtig“, ſagte ſie ſtolz,„trotzdem Du mich nicht liebſt. Ich aber gebe die Freiheit, wenn ich ſehe, daß nur noch Ketten bänden. Nicht Deine Gattin, die Mutter Deines Kindes macht Dir Vorwürfe, aber auch ihr wirſt Du weitere Erklärungen erlaſſen.“ Guido lächelte ungläubig.„Sie iſt doch eifer⸗ ſüchtig“, dachte er. Dabei machte er den Verſuch, ihr zu nahen und den Arm um ſie zu legen.„Sei keine Thörin“, ſprach er, verſtummte aber bei dem Blick, der ihn traf. Er ging in finſterer Unſchlüſſigkeit einige Male —— —— 41 im Zimmer auf und nieder, während Coſima an ein Fenſter trat. Dann ſtellte er ſich hinter ſie und be⸗ gann mit rauher Stimme:„Ich will Dir etwas ſagen: Wenn Du Dir ähnliche Erfahrungen und mir ähnliche ärgerliche Scenen erſparen willſt, ſei anders! Laß Dich von Deinem erhabenen Standpunkt ein wenig zu mir herab. Ich heirathete ein Weib, keinen Philo⸗ ſophen. Das Muſiciren und die ewige Lyrik über⸗ reizen Deine Nerven; werde geſund; gern würde ich hinzufügen, auch praktiſch, aber das iſt Dir nun ein⸗ mal nicht gegeben.“ Coſima wandte ſich um, und ein zweiter Blick traf Guido, der ihn zugleich empörte und entwaffnete. Nachdem er vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, nahm er ſelbſt wieder das Wort:„Wir ſprechen ein anderes Mal darüber mehr. Vorläufig bitte ich Dich um Mäßigung, bitte Dich, vor der Welt mit mir in der alten Weiſe zu verkehren; ſie war kühl genug. Ich erwarte heute die beiden Prieſter. Wie Du weißt, handelt es ſich um ein Geſchäft, deſſen günſtiger Ausgang mehr oder weniger von unſerer Perſönlichkeit, von unſerer Aufnahme jener beiden Gäſte abhängt. Gedulde Dich alſo! Ich muß es auch.. Sie antwortete lange nicht, dann fragte ſie plötzlich: 42 „Habe ich auch die Ankunft der neuen Gouver⸗ nante zu erwarten?“ Er vermied ihren Blick.„Die neuen Gäſte“, ver⸗ ſetzte er ausweichend,„werden unſere ganze Zeit und Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen. Ich halte es daher für beſſer, daß Mademoiſelle Fel erſt nach Ord⸗ nung dieſer Geſchäfte eintrifft.“ „Haſt Du ihr das geſchrieben?“ „Ich ließ es ihr ſchreiben.“ Wieder machte Guido den Verſuch, ſeiner Frau ſich zu nähern, aber ſie drehte ihm den Rücken zu. Er biß ſich auf die Lippe. „Wir ſehen uns bei Tiſche“, ſagte er und ver⸗ ließ das Gemach. Auf der Terraſſe traf er Herrn von Flor. Er lud denſelben ein, mit ihm einen Spaziergang im Park zu machen. Eine Weile ſchritten ſie ſchweigend neben einan⸗ der her, dann fragte Guido aus ſeinem Gedanken heraus plötzlich:„Halten Sie es für möglich, daß ein Mann ſein Leben lang einer und derſelben Frau treu bleibt?“ Herr von Flor wurde roth wie ein Mädchen. Er erröthete ſtets, wenn er mit der Wahrheit nicht herauswollte; es war dies einer ſeiner beſten Coups. „Aber, lieber Graf“, ſagte er,„wie können Sie — 43 mich alten Ehe⸗Invaliden in ſolche Verlegenheit ſetzen!“ 3 Die beiden Männer ſahen ſich einen Moment lang lächelnd an. Dann faßte Guido Herrn von Flor unter den Arm und ſprach:„Sie müſſen mir vielleicht einen Dienſt erweiſen.“ Viertes Kapitel. Schwarze Gäſte. Als der Tag ſachte in den Abend überging, doch überall noch Licht und Wärme, nur mit milderer Kraft, waltete, fuhr ein gräflicher Reiſewagen den Saum der Waldung entlang, welche, da und dort von anmuthigen Lichtungen durchbrochen, bis zum Schloßparke ſich hinzog. Der Wagen war den beiden erwarteten Gäſten entgegengeſchickt worden. Sie waren Patres eines Benedictinerkloſters und ſollten daſſelbe in einer ge⸗ wiſſen Erbſchaftsangelegenheit zwiſchen dem Kloſter und dem Grafen vertreten. Die Prieſter hatten indeſſen den Wagen bald ver⸗ laſſen und gingen einen Waldweg, wo ſie ſich des 45 nun doppelt erquicklichen Wohlgeruchs und der mannich⸗ faltigen Lichter erfreuten. „Was ſagſt Du zu dieſen Bäumen, Benedictus?“ begann der eine der Mönche, ein Mann von athle⸗ tiſchem Wuchſe. Er hatte die braune Geſichtsfarbe, die hellen Augen und blauweißen Zähne eines Jägers oder Landwirths; das kurz verſchnittene Haar kräuſelte ſich noch im kräftigen Nacken. Sein Kloſtername war Gregor. „Sieh dieſe Buchen!“ fuhr er fort.„Wie Säulen! Und dabei der fette Raſen! Man verſteht ſich hier auf Forſtcultur. Der Wald macht mich zu des Grafen Freund— das heißt, ſoweit es ſich mit dem Nutzen ‚unſeres Kloſters verträgt. Aber Du biſt ja ſtill wie ein Buch! Geht Dir Dein altes Gelehrtenherz nicht auf in Gottes freier Natur?“ Der andere ſah ihn ſtatt aller Anwort mit den braunen, von ſanfter Freude verklärten Augen an und nickte ihm lächelnd zu. „Die Reiſe“, begann Gregor wieder,„wird uns beiden wohlthun. Und auch zum Beſten des Kloſters hätte unſer Prior kein paſſenderes Paar finden können. Du imponirſt der hochgeborenen Familie mit Deinem Latein, und ich—“ Er ſchmunzelte behaglich, dann ſagte er, vertraulich den Arm auf ſeines Begleiters 46 Schulter legend:„Man wird ganz übermüthig, wenn man ſo mit eins aus dem engen Klöſterle wie ein Freiherr in die weite Welt fährt. Hoho, unſer lieber Confrater Hieronymus berſtet unterdeſſen vor Neid. Der wäre gar zu gern ſtatt unſer gegangen. Glaub's ihm; das wäre ein Katzenbuckeln und„Euer Gnaden“ hin, „Euer Gnaden“ her geweſen. Nichts da! Wir ſind nicht mehr die dummen Dorfbuben— das heißt, Du warſt immer der Geſcheidtere.“ „Ich muß Dir geſtehen“, ſagte Benedictus,„ſo ganz leichten Herzens gehe ich nicht ins Schloß. Dieſe Kreiſe lagen mir bisher ſo fern, dieſe Welt iſt mir ſo fremd. Manches wird uns verletzen, und ihnen werden wir in Manchem ungeſchickte Schüler ſcheinen.“ „Das ſehe ich nicht ein“, verſetzte ſein Gefährte. „Wir kommen nicht, um etwas zu bitten. Es gilt einfach einen Handel, und der Graf iſt's, der ihn vorſchlägt. Er bietet Geld, und wir geben dafür Land. Ueberdies iſt jeder Prieſter ein Edelmann.“ „Beſſer würd' es ſein, jeder Prieſter wäre ein edler Mann.“ „Du biſt ein unverbeſſerlicher Sophiſt— Piff! Paff!“ rief Gregor plötzlich, indem er über den Wipfeln einen Reiher ziehen ſah.„Ich bin über⸗ zeugt“, wandte er ſich wieder an den Freund,„daß »* 47 wir mit den Leuten ganz angenehm leben werden. Ich wollte nur, wir hätten dort unſer Kloſterbier.“ Das Geſpräch war noch nicht lange verſtummt, als ein Schuß fiel. „Hollahoi!“ jubelte Gregor,„das war's, was mir bisher in dieſer Herrlichkeit gefehlt! Jetzt erſt hat mir der Wald Grüß' Gott! geſagt.“ Ihre Schritte beſchleunigend, traten ſie bald aus dem Dickicht auf eine von Feldern durchzogene Halde und trafen hier Guido, der ſich über den zuckenden Reiher bückte. Sowie der Graf der beiden Mönche anſichtig wurde, ging er ihnen raſch entgegen und begrüßte ſie, ſich ihnen vorſtellend, mit Herzlichkeit. Gregor hielt des Grafen Hand länger, indeſſen er ihm forſchend in die Augen blickte.„Ja“, ſprach er dann,„ſo dachte ich Sie mir, nachdem ich Ihren Forſt geſehen hatte.“ „Das iſt ja eine ganz neue Lebensweisheit“, lachte Guido:„Zeige mir Deinen Wald, und ich ſage Dir, wer Du biſt. Aber Zug um Zug! So ſtellte ich mir den Pater Gregor vor, nachdem ich Ihres Priors Brief geleſen.— Herr Profeſſor Pater Benedictus, will⸗ kommen! Vor allem, wie geht es Ihrem hochwürdigen Herrn Prior?“ 48 „Er iſt fünfundſiebzig Jahre alt“, erwiderte Gregor, die Schultern zuckend. „Wie doch die Zeit vergeht!“ ſeufzte Guido.„Als ich den Trefflichen bei meiner Tante kennen lernte— derſelben, der ich das Vergnügen danke, Sie bei mir zu ſehen— war er noch ein kräftiger Mann, gerade wie eine Kiefer.“ Während dieſes Geplauders hatten ſie die Halde überſchritten und traten nun wieder in die Schat⸗ ten ein. „Sie werden es bei uns ſehr ſtill finden“, ſagte Guido.„Wir haben gegenwärtig nur einen Gaſt im Schloß, Herrn von Flor. Ein liebenswürdiger Mann. Nur fürchte ich, daß er ein arger Freigeiſt iſt, obgleich er niemals über Religion ſpricht.“ „Das ſind die Schlimmſten“, ſagte Gregor.„Iſt er katholiſch?“ „Nein, Proteſtant.“ „Dann iſt er Dein Mann, Benedictus!“ ſagte Gregor. „Unſer Profeſſor nämlich“, wandte er ſich erklärend an den Grafen,„iſt ein gewaltiger Freund und Defenſor der Lutheriſchen. Er hat ſogar über den Nutzen der Reformation ein dickes Buch geſchrieben. Das iſt doch etwas Neues! Verdiente er nicht zum Conſiſtorialrath ernannt zu werden?“ 49 Es ſollte ein Scherz ſein, aber es klang nicht ſcherzhaft. Weil Benedictus nichts erwiderte, empfand der Graf Guido um ſo deutlicher, daß dies eine wunde Stelle in dem Verhältniſſe der beiden Prieſter zu einan⸗ der war. Zwar nahm er ſich vor, bei Gelegenheit daraus Nutzen zu ziehen, doch beſaß er zu viel Takt, um nicht von dem gefährlichen Thema abzulenken. So begann er denn ein Geſpräch von den Ernteausſichten und Wollpreiſen, von Bodenverhältniſſen und der An⸗ lage einer Spritfabrik, Gegenſtände, welche Gregor ſofort wieder in gute Laune verſetzten. „Ich wollte, Euer Hochwürden wären mein Güter⸗ director“, ſagte der Graf, in der That erſtaunt über die Einſicht und praktiſche Erfahrung des Prieſters. „Nichts für ungut, gräfliche Gnaden“, verſetzte der Pater,„aber lieber ſchon verwaltete ich meine eigenen Felder.“ Ein Hofmann iſt er nicht, dachte Guido und daß er mit dem einen harten Kampf haben würde. Mit einem Profeſſor wird man ſchneller fertig. Jetzt verließen ſie den Wald und ſahen vor ſich den ſanft anſteigenden Hügel mit den ländlichen Häuſern und dem ragenden Schloß. Ein warmer Ton, röthlich golden, lag auf dem Gemäuer; im Thurm der tiefer liegenden Kirche begannen die Glocken zu klingen. Heigel, Benedietus. I. 4 —————————⁄⁄— 50 „Man läutet das Ave“, ſagte Gregor und nahm ſeinen Hut ab. Die beiden andern folgten ſeinem Beiſpiele, und ſo blieben die drei Männer, vom Abendlichte angeglüht, ſchweigend ſtehen, bis das Ge⸗ läute verhallte. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ ſchloß Gregor ſein Gebet. „In Ewigkeit, Amen!“ erwiderte der prieſterliche Begleiter. „Amen“, ſagte Guido, um etwas zu ſagen. Dann ſetzten ſie den Weg wieder fort. „Die Glocken haben ein ſchönes Geläute“, bemerkte Gregor.„C, F. Man hört ſelten die Quarte ſo rein.“ „Alſo muſikaliſch ſind Sie auch?“ rief Guido. „So können wir Ihnen doch etwas bieten. Der Lehrer im Dorfe nämlich iſt ein ausgezeichneter Klavier⸗ ſpieler, ich würde ſagen, ein Virtuos, wenn er weniger pedantiſch wäre. Und nun ſein Sohn! Ein zwanzigjähriger Burſche, etwas unklar, etwas überſpannt, aber ein muſi⸗ kaliſches Genie. Spielt alle Inſtrumente. Auf der Geige iſt er ein Meiſter. Die Gräfin zwar liebt Ge⸗ ſang über Alles, aber wenn ich ſingen hören will, fahre ich nach der Reſidenz in die Oper. Ich kann mir auf dem Lande keine Jenny Lind halten. Doch wir ſind am Ziel. Seien Sie mir nochmals herzlich willkommen!“ 51 Sie waren an ein leichtes Gehege gelangt, die Grenze zwiſchen Forſt und Park. „Wie Sie ſehen“, ſagte Guido,„Alles beſcheiden, Alles ländlich. Hier kommen abends die Rehe und freſſen Ihnen aus der Hand.“. Auch hinter der Hecke zeigte ſich noch wenig von des Gärtners Kunſt. Büſche wilder Roſen ſchlugen über dem Weg zuſammen, und höher neigten ſich die Bäume zu einander. Weiterhin ging es an einem Teiche vor⸗ über, mit einem altmodiſchen Schwanenhäuschen in⸗ mitten, auf ſorgfältiger gepflegtes Gebiet. Da waren Rococo⸗Erinnerungen, geſchnörkelte Blumenbeete, üppige Taxushecken, Götter und Nymphen, über deren Nackt⸗ heit die Zeit ihren grauen Schleier deckte, abwechſelnd mit Gartenanlagen in engliſchem Geſchmack. Dann lud die Terraſſe empor, und ragte mit noch aben dgol⸗ digen Fenſtern das Schloß. Das Gemach, das man Benedictus angewieſen hatte, war zum Theil mit alterthümlichem Geräth aus der Renaiſſance⸗ und Zopfzeit ausgeſtattet, aber auch was dem Lebemann der Gegenwart zum Comfort nöthig erſcheint, war vorhanden; der Schreibtiſch, die Toi⸗ lette enthielten einen Ueberfluß von Dingen, wovon der beſcheidene Mann weder Zweck noch Namen wußte. 4* 52 Eine Wandconſole war leer. Dieſelbe trug ſonſt eine Büſte Jean Jacques Rouſſeau's aus dem Nach⸗ laſſe der gräflichen Großmutter. Aus leicht errath⸗ baren Gründen hatte man den Naturevangeliſten vor der Ankunft des prieſterlichen Gaſtes entfernt. Die Fenſter des Zimmers lagen nach einem ſchma⸗ len, immer beſchatteten Hof mit einer verwitterten Bildſäule des Pan. Gegenüber ſah man eine Fenſterreihe mit blendendweißen Florgardinen. Es dauerte nicht lange, ſo trat Gregor bei ſeinem Freunde ein. Er tadelte des Profeſſors Einſilbigkeit während des Ganges mit dem Grafen.„Gefällt Dir denn unſer Schloßherr nicht?“ fuhr er lebhaft fort. „Iſt er nicht ein Bild männlicher Kraft und wahren Adels? Tadelt mir die Vornehmen nicht! Wer ſie ſteif und ablehnend nennt, hat nur mit ihrem Geheimſecre⸗ tär verkehrt. Ohne Haſt, aber auch ohne Zurückhaltung, mehr von uns als von ſich ſprechend, überreden ſie uns, ihnen den Vorrang einzuräumen, indem ſie ihn nicht zu behaupten ſcheinen. Ihre Ahnen, das heißt, ein ehrwürdig Stück Geſchichte ſteht hinter ihnen, wie hinter dem Könige die Armee ſteht, auch wenn er im Civilrock über die Straße ſchreitet.“ „Es iſt die Macht der Tradition“, ſprach Benedictus. 53 „Es iſt die Macht der göttlichen Einrichtungen!“ rief der andere mit Nachdruck. Er hatte, wie wir kaum zu bemerken brauchen, nicht immer ſo geſprochen. Benedictus ſchwieg. Bald darauf erſchien ein Diener und bat die SGüäſte, zum Thee zu kommen. Der Duft der Tauſende von Roſen auf der Terraſſe und im Park wehte durch die weitgeöffneten Säle im Erdgeſchoß die Treppe empor den beiden Prieſtern entgegen. Fünftes Kapitel. In der Juninacht. Als die zwei Mönche in den guterleuchteten, ge⸗ 8 räumigen Salon traten, der nach den vorhandenen Spieltiſchen, Notenpulten und einem Pianino zugleich als Spiel⸗ und Muſikzimmer diente, erhob ſich der Schloßherr von einer Schachpartie mit dem Pfarrer. Auch Herr von Flor war da und muſterte die ſchwar⸗ zen Gäſte mit ſchlauem Blick. Nachdem die Herren miteinander bekannt ge⸗ macht waren, entſchuldigte Guido die Abweſenheit ſeiner Gemahlin. Sie ſei leidend; gleichwohl hoffe ſie heute noch ihre Gäſte zu begrüßen. „Wir haben Sie in Ihrer Partie geſtört“, ſprach Gregor mit einem Blick auf den Schachtiſch. „Sie haben den Herrn Pfarrer erlöſt“, verſetzte —y——— Guido.„Denn geſtehen Hochwürden, Sie ſpielten heute merkwürdig zerſtreut.“ „Unſer geiſtlicher Herr Bruder iſt wohl ein leiden⸗ ſchaftlicher Schachſpieler?“ fragte Gregor, immer zur Hauptperſon, zum Grafen gewandt. „Leidenſchaftlich?“ ſchmunzelte der dicke Pfarrer. „Schau' ich ſo aus?“ „Der Herr Pfarrer bringt die beſte Eigenſchaft an den Schachtiſch, eine himmliſche Geduld“, miſchte ſich Flor ein. „Spielen Sie auch?“ „Schach? Niemals!“ „Aber etwas Anderes“, bemerkte Guido. „Nichts, nicht einmal Klavier!“ betheuerte Flor. „Doch nun erzählen mir die Herren von ihrem Klo⸗ ſter! Der Graf hat mir ſo viel davon geſagt; es muß ein bezaubernder Aufenthalt ſein.“ Es war gegen das höfliche Gewiſſen des Herrn von Flor, irgendwen, mit dem er ſich in Geſellſchaft befand, vernachläſſigt zu ſehen. Deshalb hatte er die letzten Worte unmittelbar an Benedictus gerichtet. „Es iſt eine ernſte Landſchaft“, antwortete dieſer. „Sie haben dort nur Waſſer und Felſen: das Bild der Vergänglichkeit und ein Symbol der Reſignation.“ Der Pfarrer ſah Benedictus mißtrauiſch an, aber 56 Flor ſagte mit einer leichten Neigung des Hauptes: „Der Philoſoph, der Verfaſſer des tiefſinnigen Werkes über die Reformation, hat die eine nicht zu fürchten und die andere freiwillig gewählt.“ Graf Guido wußte, wie hoch man dergleichen Complimente anzuſchlagen habe. Dieſer Fuchs! dachte er; er war ſo klug, vorher das Converſationslexikon nachzuſchlagen. Gregor dagegen beobachtete den Eindruck der Schmeichelei auf ſeinen Gefährten mit eiferſüchtigem Blick. Benedictus erwiderte ruhevoll:„Ich verdiene wegen dieſes Werkes den Namen eines Philoſophen nicht. Denn mein Herz hat daran ebenſoviel Antheil wie mein Denken.“ „Da ſehen Sie, meine Herren“, ſagte Gregor ge⸗ reizt,„wie unrecht man thut, uns Prieſter intolerant zu nennen.“ Der Pfarrer hob betheuernd die linke Hand em⸗ por; ſeine Rechte hielt ein Glas Sherry⸗ Cobler.„Wir ſind es niemals!“ „Da ich es ſelbſt nie war, hielt ich auch nie Andere dafür“, ſprach Flor.„Ich könnte mich zum Beiſpiel ſehr wohl in Ihrem Kloſter denken.“ „Ja, bis zur nächſten Auſternſaiſon“, rief Guido. 57 „Frau von Flor lacht ſich todt, wenn ich ihr das erzähle.“ „Ich ſetzte natürlich voraus, wenn ich nicht ver⸗ heirathet wäre.“ „Flor, denken Sie an die Routs bei Frau von Schönburg, an die petits soupers bei meinem Onkel! Sie, der Lebemann par excellence, in einem Kloſter!“ „Eines Tages ging ſelbſt Don Juan de Marana ins Kloſter. Nichts iſt gewöhnlicher, als daß man ſeinen Geſchmack ändert.“ „Der Urheber dieſes Wortes ſetzte aber auch hin⸗ zu, daß es ebenſo ungewöhnlich ſei, daß man ſeine Neigungen ändere.“ Flor verneigte ſich lächelnd gegen den beleſenen Benedictus und erklärte ſich für überwunden. „Wo ſteht denn dieſes Wort?“ fragte Gregor. „In den Maximen Larochefoucauld's.“ „Das iſt ein ſchlechtes Buch“, verſetzte Gregor mit dem abſprechenden Hochmuth des Unwiſſenden. Guido, welchen der Kampf der ſo verſchieden⸗ artigen Elemente ungemein ergötzte, lachte laut auf. „Es iſt Flor's Lieblingslectüre!“ rief er. Des Dieners Meldung von der Ankunft der Mu⸗ ſiker machte dem Geſpräch ein Ende. Aber der Graf ſchlug vor dem Concert einen Spaziergang im Parke vor, und ſo begab man ſich denn in den monderhellten Garten.. Hier, unter den Bäumen, die ſich in den Armen zu halten ſchienen, war tiefſte Stille, aber nicht träge Ruhe oder Erſtarrung, vielmehr ahnte man jetzt deut⸗ licher denn je am Tage die ſchweigſame Kraft, welche die Erde mit jedem Jahre grünen läßt. Benedictus empfand ſich, fühlte ſich in dieſem Frieden ganz eins mit der Natur, aber der Klang der Menſchenſtimmen war ihm ſchon ein Zuviel. Deshalb blieb er bald hinter den andern zurück, und da er unter einer Akaziengruppe eine Bank blinken ſah, ließ er ſich nieder. Hier, ſich ganz zurückgegeben, träumte er, wenn man das Untertauchen der Gedanken in eine dunkle See harmoniſcher Empfindungen träumen nennen kann. Er ſah durch das Gezweige die Geſtirne glänzen, doch zogen ſie ihn heute nicht in unermeßliche Fernen, ſon⸗ dern waren nur wie ein zitterndes Licht auf einem ruhigen Strom. Als er einmal zufällig die Wimpern ſenkte, ent⸗ deckte er ein weißes Tuch im Graſe. Er hob es auf und fuhr mit der Hand über das zarte Gewebe. Ohne ſich zu fragen, wem es gehöre, wie es hierher gekommen, dachte er doch nun wieder 9 9 59 an Ort und Zeit und ſtand auf, um in das Schloß zurückzukehren. Die andern waren ihm dahin längſt vorausge⸗ gangen, und die zwei Muſiker, der Dorfſchullehrer mit ſeinem Ludwig, ſpielten eben die letzten Takte eines Concertſtücks, als Benedictus in den erleuchteten Gartenſaal trat. Der Graf und Gregor ſtanden lauſchend am Kamin, Flor und der Pfarrer hatten ſich die bequem⸗ ſten Fauteuils in den Schatten gerückt. Es war eine glückliche Schickung für Benedictus, deſſen übervolles Herz der Muſik kaum noch bedurfte, daß die Künſtler jetzt ein Tonwerk wählten, das ſeiner Stimmung ſo ganz ent⸗ ſprach: Gounod's Meditation über das Präludium von Bach. Wer kennt letzteres nicht, dieſe mächtige Welle, welche mälig heranſchwillt, wächſt, aufrauſchend wieder rückwärts ſchlägt und zerfließt! In dieſem Wachſen und Verhallen der Accorde klingen einzelne Töne hin⸗ durch, ſchmerzlich hörbar und doch verſchwindend im allgemeinen Wogen. Dieſe Töne hat der moderne Componiſt herausgegriffen und weitergeführt, wie der Lyriker etwa aus der düſtern Majeſtät der Nibelungen⸗ nacht Volker's Nachtgeſang vernimmt. Wenigſtens für 60 Benedictus war das klagende Arioſo, das über dem Tongewühle ſchwebt, wie das ſchmerzliche Fragen einer Seele: Wohin in dieſer Flucht? Aus rauſchen⸗ dem dunklem Strom taucht eine weiße Hand empor— Da— die letzten Töne verhallten eben— ſtreckte ſich Benedictus in Wirklichkeit eine weiße zarte Hand entgegen, und als er aus ſeiner Sinnenverlorenheit aufſah, begegnete er zwei ſchüchtern forſchenden Augen, ſtand ein Weib vor ihm, ſchön wie ein Traumgebild — Coſima. Sechstes Kapitel. Der Pavillon. Coſima erwachte ſorgenvoll. Sie hatte als be⸗ leidigtes Weib einen Schritt gethan, an welchen ſie, nun eine Nacht darüber vergangen war, nicht ohne Bangen denken konnte. Leidenſchaftliches Handeln und rückſichtsloſe Entſchließungen waren ihr an An⸗ dern immer ein Grauen, und nun verlor ſie ſich ſelbſt. Auch der gewohnte Gang in den morgenfriſchen Park beruhigte ihre Nerven nicht; ſie kehrte bald zurück. Aber die Stunde des gemeinſamen Frühmahls nahte, und die Gäſte mußten mit lächelndem Geſicht begrüßt werden. So zwang ſie ſich denn zu andern Gedanken. Vor einem Stickereirahmen rief ſie den vergangenen Abend ins Gedächtniß und forſchte dem Eindruck nach, welchen Benedictus und Gregor auf ſie 62 gemacht hatten. Der letztere bot ihr keine Räthſel. Ueber Menſchen, welche uns nicht ſympathiſch berühren, ſind wir ja bald im Klaren oder glauben wenigſtens, es zu ſein, und des breitſchulterigen Gregor derbes Weſen, obzwar es einer gewiſſen Würde nicht erman⸗ gelte, hatte nichts mit dem ihrigen gemeinſam; kein Ton ſeiner Stimme klang in ihrer Seele an. Anders dagegen war es mit Benedictus. Mit keinem von den Männern, die ſie bisher kennen gelernt, ließ er ſich vergleichen, nicht in ſeiner Erſcheinung, nicht in ſeiner Rede. Mild und doch männlich erwies er ſich, ge⸗ lehrt und doch herzlich, ruhevoll, aber tief. Sein Antlitz hatte einen ſchwermüthigen, faſt ſchmerzlichen Zug, der Coſima, ohne daß ſie ihn beſtimmt zu deuten wußte, an das ſchöne Goethe'ſche Wort erinnerte: Selig, wer ſich vor der Welt Ohne Haß verſchließt. Im Kloſter! dachte ſie. Ob auch ſie in der Zelle ihr Glück, die innere Ruhe wiederfände? Ob ſie den Muth hätte, ſie dort zu ſuchen? Sie antwortete ſich mit nein. Wäre ſie nicht fromm genug? 3 Und wie ſollte ſie es an der Seite eines Gatten ſein können, der nur dieſer Welt fröhnt und achtet! Sie las es geſtern aus Guido's Geſicht, wie hoch er ſich —— 63 über Pater Benedictus dünkt; aber ebendeshalb will ſie gegen den Guten doppelt freundlich ſein. Ihm ſich anzuvertrauen, von ihm Rath und, wenn das Aeußerſte geſchieht, Schutz zu erbitten, beſchließt ſie. In dieſen Gedanken wurde Coſima durch die Meldung unterbrochen, daß man ſie zum Dejeuner erwarte. Benedictus fehlte. Er ſäße in Büchern vergraben in der gräflichen Bibliothek, entſchuldigte Gregor ſeinen Gefährten. „Der Profeſſor iſt ein intereſſanter Mann“, be⸗ merkte Flor. „Finden Sie?“ erwiderte Gregor.„Bitte um Verzeihung, Frau Gräfin, Thee trinke ich nicht.“ „Recht ſo, Herr Pater!“ ſagte der Graf.„Halten Sie's mit mir! Wünſchen Sie Weiß oder Roth?“ Flor, der wohlwollend wurde, ſobald es ſich um gute Schüſſeln und feine Weine handelte, empfahl einen Sauternes und Gregor befolgte den Wink. „Der iſt freilich gut“, ſchmatzte er nach einem kräftigen Schluck.„Was alſo den Profeſſor betrifft, ſo mögen Sie wiſſen, daß wir aus einem Dorfe und Schulkameraden ſind, obwohl er jünger iſt als ich. Ja“, ſetzte er mit einem gewiſſen Stolz hinzu,„wir ſind beide Bauernſöhne, ich und der Profeſſor.“ 64 „Der große Sixtus ſtammte auch aus einer Bauerfamilie!“ bemerkte Flor. Das hat er Alles aus dem Converſationslexikon, dachte Guido, der Mönch aber, dem die hiſtoriſche Randgloſſe entſchieden ſchmeichelte, warf ſich in die Bruſt. „Ja, in der katholiſchen Kirche kann der Niedrigſte der Höchſte werden.“ Wodurch ſie ſich ihre Fanatiker zieht, dachte Flor, ohne es zu ſagen. „Wie ſchön iſt es“, nahm jetzt die Gräfin das Wort,„wie ſchön, daß Sie mit dem Jugendfreunde nicht nur den Beruf, ſondern auch den Wirkungskreis gemeinſam haben!“ „Hm, ja; das heißt, Pater Benedictus hat ſich ſeinen Kreis weiter gezogen. Ich bin kein Profeſſor wie er, werde auch mein Lebtag kein Buch ſchreiben.“ „Sie ſind wohl alle ſehr ſtolz auf ihn?“ Gregor warf den Kopf zurück.„Der heilige Au⸗ guſtin war auch ein großer Gelehrter, aber ein Heili⸗ ger wurde er erſt, als er das Philoſophiren aufgab und Demuth lernte und lehrte.“ Coſima fühlte die Geſinnung, welche dieſe Phraſe einflüſterte, dunkel heraus.„Dem Profeſſor ſcheint es an der wahren Demuth nicht zu fehlen“, entgegnete ſie vornehm und richtete fürder kein Wort mehr an Gregor. „Demuth, Demuth“, ließ dieſer ſich nicht irre machen,„ſie iſt unſer ſchönſter, unſer einziger Schmuck! Allein die Klugen wollen heutzutage klüger als ſelbſt der Herrgott ſein.“ „Und jeder Knecht dünkt ſich jetzt ein Herr“, fiel Guido ein.„Achtundvierzig, Hochwürden! Alles ſeit achtundvierzig!“ Bei der ſchrecklichen Achtundvierzig bekreuzte ſich der Mönch.„Gräfliche Gnaden, bitte, ſprechen Sie davon nicht!“ „Gewiß werde ich's“, ſchrie Guido durch die Zähne,„da ich darunter leiden muß, daß man be⸗ treffenden Orts auf uns nicht gehört hat. Und von wem ließ man ſich einſchüchtern? Von einer Handvoll Scribenten und Hungerleider! Bei Gott, die preu⸗ ßiſchen Herren Offiziere ſind meine Freunde nicht, aber ihren Hauptmann, der in Baden, als zum Angriff commandirt wurde, ſeinen Helm auf die Degenſpitze ſtülpte und ſo dem Aufrührerpack entgegenging, den hätte ich küſſen mögen!“ Der Ingrimm, womit Guido ſeinen Teller von ſich ſtieß und ein volles Glas leerte, erinnerte Flor, daß dergleichen aufregende Unierzaliuägsſtoſf ſowohl Heigel, Benedictus. I. 66 den Appetit als die Verdauung beeinträchtigen. In⸗ dem er in einer Silberſchale Erdbeeren mit köſtlicher Creme vermiſchte, ließ er ſein liebenswürdigſtes Lächeln ſpielen.„Sie wiſſen, Graf, Sie wiſſen, wie ſehr ich in dieſen Punkten mit Ihnen übereinſtimme. Doch warum wollen wir uns den laſterhaft ſchönen Morgen und die göttliche Laune verderben? Politik gehört zu denjenigen Geſchäften, welche ſich unter Lebemännern aufſchieben laſſen. Sogar Marquis Poſa kommt ſchließlich zur Ueberzeugung, daß das Leben ohne ſie ſehr ſchön ſei. Wer wird bei dieſen herrlichen Jahr⸗ gängen an achtundvierzig denken!— Hochwürden, ich ſehe, Sie haben ein leeres Glas— ſeien wir der tollgewordenen Weltgeſchichte wenigſtens dafür dank⸗ bar, daß ſie der Schönheit und Ritterlichkeit ſolche Frohnburgen ſtehen ließ!“ „Darauf wollen wir anſtoßen! Hoch Frohn⸗ burg!“ brüllte der Pater, zum Mißvergnügen Flor's, der Hochrufe und Gläſerklirren nicht für guten Ton hielt und ein Compliment, aber keinen Toaſt beabſich⸗ tigt hatte. „Schön iſt's bei Ihnen“, fuhr der andere mit aufrichtiger Wärme fort.„Ihr Verwalter— ein alter Praktikus und ſehr lieber Mann— hat mir heute Morgen Feld und Scheun' und Stall ein gut 67 Theil gezeigt. Das nenne ich eine Wirthſchaft! Und dabei doch ein echter Herrenſitz! Mächtige Forſte und ein ſchöner Park! Manch einer“, ſetzte er ſchmunzelnd hinzu,„wäre ſchon mit dem kleinen Zauberſchloß da unten zufrieden!“ Der Graf ſah ihn fragend an.„Ein kleines Zauberſchloß? Sie machen mich neugierig.“ „Ich nenne ein Schloß, was Sie Reichbegnadeter vielleicht nur ein Gartenhaus heißen; ich meine näm⸗ lich das Gebäude mit den grünen Laden, das abſeits und ganz unter uralten Bäumen verſteckt in Ihrem Parke liegt.“ „Ah, den Pavillon?“ fragte Guido. Seine Brauen zogen ſich zuſammen, und er blickte ſeinen lieben Pater Gregor plötzlich ſehr ungnädig an. „Wie Sie das Ding nennen wollen! Es gefiel mir, wie einem Geiſtergeſchichten gefallen, oder beſſer noch, wie uns ein zugeknöpfter Menſch mächtig an⸗ ziehen kann. Wahrſcheinlich beruht der ganze Reiz dieſes verwunſchenen Pavillons eben in den verſchloſſe⸗ nen Laden und der verriegelten Thür— aber einen Blick möchte ich wohl hineinwerfen dürfen.“ Es konnte Gregor nicht entgehen, daß der Graf verlegen war und ſeine Gemahlin abſichtlich die Augen 5 niederſchlug.„Verzeihung“, entſchuldigte er ſich,„wenn ich unangenehme, am Ende wohl ſchmerzliche Erinne⸗ rungen geweckt hätte!“ Guido ſah ein, daß er eine Erklärung geben müſſe, und begann: „Im Gegentheil, der Pavillon hat eine durchaus heitere, die Gräfin meint, zu heitere Geſchichte. Daß er jetzt öde liegt und verfällt, iſt eine Laune Coſima's — eine ſehr verzeihliche, ſehr ehrenwerthe Laune.“ Coſima dankte ihrem Gatten mit einem verachten⸗ den Blick. „Ich weiß nicht, ob Sie von meinem Großvater, dem Grafen Ferdinand, jemals gehört haben, obzwar er gerade für Ihr Kloſter ganz beſondere Sympathien hegte—“ „Richtig“, fiel Gregor ein und ſchlug vor Ver⸗ gnügen auf den Tiſch,„ein Graf Geldern hat unſerer Kirche einen ſilbernen Franciscus von Aſſiſi geſtiftet! Das war alſo Ihr Herr Großvater?“ „Derſelbe. Es beruhigt mich, daß Sie darum wiſſen, denn ſelbſt Familienmitglieder wollen meinen guten Großpapa mit Gewalt zum Heiden ſtempeln. Allerdings, er hatte ſeine kleinen Schwächen, war lebensluſtig, verſchwenderiſch, galant. Doch welcher Edelmann wäre damals das nicht geweſen! Sieb⸗ 69 zehnhundertundſiebzig gründete er— auch nach der Sitte ſeiner Zeit— hier auf Frohnburg eine Art Akade⸗ mie, den Orden der verliebten Schäfer, und richtete für die akademiſchen Schäferſtunden erwähnten Pa⸗ villon— natürlich auch im Stil der Zeit, das heißt, etwas üppig— ein. Mit dem Stifter wurde auch der Orden zu Grabe getragen, der Pavillon ward nicht mehr benutzt, doch zum Andenken an die ſchöne Groß⸗ papazeit in gutem Stande gehalten. Auch das änderte ſich, als meine kleine ſtrenge Gräfin hier ihren Einzug hielt. Sie wollte durchaus mit dem akademiſchen . Nachlaß ein Autodafé veranſtalten. Doch weil die Möbel ſowohl als die Gemäldegalerie des Pavillons — die Galerie beſonders zog ſich ihre Ungnade zu— zum Majoratsinventar gehören und ich ſelbſt für die Familienſtücke einen Faible habe, ſo ſchloſſen Coſima und ich einen Compromiß. Ich leiſtete nämlich den feierlichen Schwur, daß Niemand mehr den Pavillon betreten ſolle, und verſenkte den Schlüſſel zu ſeiner Pforte vor ihren Augen in die Tiefen des Schloß⸗ teichs. Der Schwur wird redlich gehalten, und da meine Leute ohnehin überzeugt ſind, daß die weiland verliebten Schäfer im Pavillon ſpuken, dürfte ſich ſchwerlich— ſelbſt für Geld und gute Worte— Jemand finden, der den Bann bräche.“ 70 „Wenn Hochwürden alſo einmal um Mitternacht den Pavillon plötzlich erleuchtet ſehen“, ſetzte Flor ironiſch hinzu,„ſo wiſſen Sie, daß die Akademie der verliebten Schäfer dort iür hundertjähriges Stiftungs⸗ feſt begeht.“) In dieſem Augenblick ſtieß Graf Guido ſein Glas ſo heftig auf den Tiſch, daß es zerbrach. „Sie ſpotten über Alles, Herr von Flor“, ſagte Coſima empfindlich.„Das Haus iſt unheimlich. Ich haſſe es und vermeide ſeit Jahren, auch am Tage, daran vorüberzugehen.“ „Gewiß haben Sie Unrecht“, herrſchte Gregor mit der ihm eigenthümlichen Rückſichtsloſigkeit den Freigeiſt an. Denn ihm hieß nicht an Spuk und Geſpenſter glauben an der Allmacht Gottes zweifeln. „Die Furcht der Leute kann Aberglaube, doch auch ſehr richtiger Inſtinkt ſein. Die Gruft begräbt nicht Alles, und zwiſchen dem Dieſſeits und Jenſeits, den Lebenden und Verſtorbenen ſind nicht alle Brücken abgebrochen. Dem heiligen Gregor von Nazyanz er⸗ ſchien in einem verlaſſenen Hauſe der Geiſt eines Menſchen, der Jahre vorher dort ermordet und ver⸗ ſcharrt worden war. Und noch iſt es gar nicht ſo lange her, daß im— leider Gottes— ſäculariſirten Kloſter Fürſtenfeld wachthabende Soldaten das Ge⸗ ſpenſt eines Ciſtercienſers erblickten. Mein Confrater Benedictus freilich hatte ſofort eine natürliche Erklärung zur Hand.“ „Aber Pater Benedict leugnet doch das Ueber⸗ natürliche nicht?“ fiel Coſima lebhaft ein. „Gnädige Gräfin“, erwiderte Gregor mit Ernſt und Nachdruck,„Pater Benedictus iſt katholiſcher Prieſter.“ Als man vom Tiſche ſich erhob, ſchlug Guido den Herren eine Spazierfahrt vor. „Sehr verbunden, Euer Gnaden“, nahm Gregor vor Flor das Wort,„aber ich denke, erſt das Ge⸗ ſchäft und dann das Vergnügen. Ich bin ja nicht für meine Perſon, ſondern als Delegirter des Klo⸗ ſters hier.“ Der Graf beruhigte den Pflichteifrigen, daß ſich das Nützliche mit dem Angenehmen verbände, wenn man nach dem Walde fahren würde, um den es ſich handelte. „Sie müſſen doch vor allem Ihr Eigenthum ſehen, Hochwürden. Dort bin ich heute Ihr Gaſt. Ich werde ſofort den Profeſſor benachrichtigen—“ Gregor hielt ihn am Arm zurück.„Sie erweiſen ihm den größten Gefallen, wenn Sie ihn bei den Büchern laſſen. Auch ſchätze ich nicht, daß ihm ſein Doctordiplom viel nützen wird, einen Wald zu taxiren.“ 62 „Pater Gregor beſitzt eine beneidenswerthe Auf⸗ richtigkeit“, ſprach Flor zur Gräfin, während er ſie aus dem Frühſtückszimmer auf die Terraſſe begleitete. „Es liegt ſonnenklar, daß er dem Profeſſor neidiſch iſt.“ „Er dürfte Grund dazu haben“, antwortete ſie ſpit. „Herrliche Kloſteridylle!“ „Sie ſollen ja geſtern dafür geſchwärmt haben.“ „Nun ja, man hat zuweilen ſchwermüthige Stunden—“ „Beſter Flor, ſpielen Sie doch mir gegenüber nicht den Weichen!“ 4 „Aber, Gräfin—“ f. „Geſtehen Sie lieber, was der Blick des Grafen auf Sie zu bedeuten hatte, als vom Pavillon die Rede war!“ „Des Grafen Blick? Wegen des Pavillons? Ich 5 hörte heute zum erſten Mal von dieſem Geſpenſterſitz.“ Sie ſah ihn ungläubig an. „Auf mein Wort“, betheuerte er und ſprach wirk⸗ lich die Wahrheit. „Ich fürchtete ſchon, daß Sie dem Grafen zuge⸗ redet hätten, den abſcheulichen Pavillon wieder zu öffnen. Bitte, thun Sie das nicht!“ „Wenn Sie das wünſchen, niemals, obgleich ☚ — 73 ich neugierig wäre.— Eine Frage, Gräfin: Was haben Sie eigentlich gegen den Pavillon?“ Coſima erröthete und mußte gleichwohl über die erheuchelte Harmloſigkeit, mit der er das Verfängliche fragte, leiſe lächeln.„Ihr Männer gleicht euch doch alle!“ Da erſchienen die zwei andern auf der Terraſſe. Nachdem die Gäſte ſich empfohlen hatten, wollte Coſima nach ihren Zimmern, aber noch im Gartenſaal trat ihr Guido mit der Frage nach ſeinem Sohne in den Weg. Wo Theodor ſei und warum er nicht herabge⸗ kommen ſei? „Weil er nicht kann“, war die kurze Antwort. „Er iſt doch nicht krank?“ fragte er mit aufrich⸗ tiger Beſorgniß. „Er iſt fort.“ Zwei Bediente waren mit dem Abräumen der Tafel beſchäftigt. „Wird's bald?“ ſchnaubte ſie Guido an. Sie trugen mit ängſtlicher Haſt Gläſer und Teller zuſammen, während ihr Gebieter mit verkniffenem Mund auf und nieder ſchritt. Als jene aus dem Saal waren, ſtellte er ſich vor ſeine Gemahlin hin. 74 „Er iſt fort? Warum iſt er fort? Du weißt, daß ich den Knaben um dieſe Zeit ſehen will.“ Sie zuckte die Schultern.„Ich habe ihn zu meiner Freundin Emmy geſchickt.“ Seine Stirnader ſchwoll, ſeine Augen funkelten ſchon. Doch bezwang er ſich.„Was ſoll das heißen?“ „Daß mein Kind ſo lange von hier entfernt bleibt, bis unſere Verhältniſſe geordnet ſind.“ „Ohne meine Erlaubniß?“ „Nach meiner beſten Ueberlegung.“ „Und warum?“ „Weil ich nicht will, daß die Seele meines Kindes durch den Anblick des elterlichen Zwiſtes vergiftet werde! Vergiftet, verſtehſt Du mich?“ Der Graf ſah ſie wüthend an, brach aber dann in ein Gelächter aus.„Erſt werde ich Theodor zurück⸗ citiren“, ſagte er, indem er nach dem Klingelzug ſchritt,„und dann will ich Dir den betreffenden Para⸗ graphen im Cherecht vorleſen.“ Coſima bewahrte ihre Ueberlegenheit.„Thu's!“ erwiderte ſie;„doch dann ſoll Emmy auch erfahren, warum ich ſie um die Aufnahme meines Knaben ge⸗ beten habe. Dann lege ich meine Rechte und meinen Schutz in die Hände ihres Mannes!“ „Du wirſt Dein Betragen noch bereuen!“ drohte er. „Deine Gäſte warten.“ Damit ging ſie an ihm vorüber. Er rief ihr mit heiſerer Stimme nach. Schon auf der Schwelle ſtehend, drehte ſie ſich noch einmal um und maß Guido mit dem kalten Blick, der ihn mehr als Alles empörte. „Sei es denn!“ knirſchte er und kehrte den Rücken. —õõ ͦ/— —ꝛx — Siebentes Kapitel. Wald⸗ und Seegeſchichten. Guido ſtand noch eine geraume Weile am Fenſter und wälzte zornige Pläne in der Bruſt und kam ſchließ⸗ lich doch zur Ueberzeugung, daß ſich ohne Eclat nichts machen laſſe. Coſima's Freundin, Emmy von Bruck, iſt eine Art Provinzialcorreſpondenz Ihrer Ma⸗ jeſtät und ihr Gemahl ein trockener Ehrenmann von Anſehen und Einfluß. Dieſe beiden wären im Stande, den Landſturm ſämmtlicher invaliden Ordensritter und gealterten Stiftsfräulein zum Schutz der Tugend auf⸗ zubieten. Die Sache wäre den Klatſch nicht werth! Was habe er— Guido— denn ſchon ver⸗ brochen? Wider ſeinen ehelichen Eid doch wahrhaf⸗ tig nichts! 77 Und überhaupt, wer kennt denn die Grenzen ſeiner Natur, daß er ihr im Ernſt einen Eid abnehmen darf? Was kann er für ſein Blut? Sein Blut iſt nun ein⸗ mal ſolch ein rebelliſches Blut! Man ſoll ſich bezwingen. Beherrſcht er ſich etwa nicht? Zuweilen hat er zehntauſend Teufel im Leibe und ſpricht doch dabei über das ſchöne Wetter und die geſtrige Predigt. 6 Alles in Allem alſo— er zählt noch lange nicht zu den Schlimmſten. In dieſer Weiſe hatte ſich Guido erſtens über ſich ſelbſt beruhigt, zweitens einen ſchwierigen Entſchluß hinausgeſchoben, als ſein Kammerdiener mit Stock und Jagdmütze und allem Apparat zum Rauchen erſchien. Ihm folgte Herr von Flor faſt auf dem Fuße. „Leicht oder ſchwer?“ „Ich bitte um eine Punch.— Apropos“, rief Flor, nachdem die Cigarre in Brand geſetzt war,„ich bin von der Gräfin wegen des Pavillons interpellirt worden!“ „Inwiefern?“ „Der Gräfin ſchwant eine Wiedererweckung der luſtigen Schäfer. Ich wußte natürlich von nichts. Aber nun geſtehen Sie mir, alter Freund, ich halte 78 dieſen mir leider noch nicht vorgeſtellten Pavillon wirk⸗ lich nicht für geheuer!“ „Dem iſt auch ſo“, antwortete Guido, wo er— mit dem Rücken gegen den Diener— Flor einen Augenwink gab;„ich bin weder furchtſam, noch aber⸗ gläubiſch, dennoch würde ich höchſt ungern dort eine Nacht verbringen.“ „ a?* „Ich ſchwör' es Ihnen.— Sieh mal, Franz, wo der Herr Pater bleibt!“ „Sie ſind durch Ihren engliſchen Kammerdiener verwöhnt, mein Lieber“, begann der Graf mit ge⸗ dämpfter Stimme, ſobald er mit Flor allein war. „Mein Franz iſt ein Dummkopf, man muß ſich vor ihm in Acht nehmen.“ „Ich verſtehe“, lächelte der andere verſchmitzt und neugierig;„die Geſchichte des Pavillons hat alſo doch einen andern Schluß als die kindliche Ge⸗ ſpenſtermythe!“ „Vielleicht. Es war ein eigenthümlicher und, wär ich abergläubiſch, bedenklicher Zufall, daß gerade heute die Rede auf dieſe vergeſſene Familienreliquie kam. Doch davon ſpäter! im Wald! ohne Wände, ohne Zeugen! Denn da höre ich ſchon Pater Gregor's Küraſſierſchritt.“ 79 Wo Guido's Revier an dasjenige grenzte, das die ſelige Tante— ſie gehörte zu einer andern Linie— ihren lieben Mönchen teſtamentariſch vermacht hatte, ſtand ein Förſterhaus. Der Waidmann, auf den Beſuch vorbe⸗ reitet, harrte ſchon auf der Schwelle und erhielt von Guido, während er den Herren beim Abſteigen half, den Beſcheid, Pater Gregor im„Kloſterwald“ die Honneurs zu machen. Sein Zurückbleiben entſchuldigte der Graf damit, daß er die Aufmerkſamkeit Gregor's nicht zerſplittern und ſein Urtheil nicht beeinfluſſen wolle. Der praktiſche Mönch nahm Guido's Großmuth ohne Umſtände an, und ſo ſahen ſich denn die zwei Edelleute nach wenigen Minuten und einigen Schritten im Hochwald allein. Flor hatte zur Vorſicht einen Feldſtuhl mitgenommen und ſuchte nun eine Stelle aus, wo die Schatten nicht zu kühl und die einfallen⸗ den Strahlen nicht zu grell waren. Geldern blickte nicht ohne ein gewiſſes ſpöttiſches Mitleid auf den bequemen Herrn herab. Beide verleugneten nicht ihren Stand, das heißt, die Raſſe, die Merkmale der von Generation auf Generation in ihrer Familie vererbten glücklichen Lebens⸗ umſtände, der Sorgenloſigkeit und Unabhängigkeit; »v ſonſt war der Gegenſatz groß genug: der hochgewachſene, 5 80 kraftvolle Guido im bequemen Wamsrock, mit Stulp⸗ ſtiefeln und Filzmütze, und der um die Hüfte herum ſchon etwas unproportionirte, angejahrte Herr von Flor in reſidenzfähigem Sommeranzug, mit Toupé und Kneifer. „Es iſt Ihnen gelungen, Graf“, begann Flor, „mich nach Jahren wieder neugierig zu machen. Ich bin auf Ihre Mittheilungen außerordentlich geſpannt.“ „Wirklich?— Aber warum rauchen Sie nicht mehr?“ „Ich rauche Wald, lieber Graf.“ „Sie ſollten ganz zu mir ziehen, Flor!“ „Ja, wer es ſo gut haben könnte! Aber meine Alma leidet an der Großſtadt, und da ich ohne Alma nicht leben kann—“ Er ſeußzte, wahrſcheinlich— weil er an die Rückkehr dachte.„Ich werde weich. Sprechen wir vom Pavillon!“ „Bevor ich auf den Pavillon komme, muß ich Ihnen eine Geſchichte erzählen. Sie iſt kurz, eigentlich nur ein dummer Streich.“ „Ja, ja, dumme Streiche werden ſchnell gemacht, aber lange gebüßt.“ „Alſo, es war im vergangenen Herbſt; die Mei⸗ nigen waren bei Verwandten zum Beſuch, ich aber unternahm einen kleinen Ausflug nach Paris.“ f 81 „Es iſt ſeltſam, daß dergleichen Streiche immer mit einem geſcheidten Einfall anfangen.“ „Wenn Sie mich ſo oft unterbrechen, kann der Pater noch die Expoſition hören.“ „Der? Ich halte zehn gegen eins, daß er jeden Baum zählt. Doch Vergebung! ich werde Sie nicht mehr unterbrechen. Uebrigens fatales Zeichen! Alter macht immer den Chor.— Sie waren alſo in Paris und lernten dort eine Dame kennen—“ „Nein, es geht anders. Paris war ohne Geſell⸗ ſchaft, weshalb ich bald weiterreiſte, ins Normanniſche hinein, an die See, nach Trouville. Kennen Sie Trouville?“ „Kenn’ es. Romantiſche Gegend und annehmbares Caſino. Seebäder im Coſtüm, wobei Strick Grenze deſſen, was die Mode ſtreng getheilte.“ „Haben Sie einmal im Kanal geſchwommen?“ „Ja— das heißt, nicht über die dritte Welle hinaus. Meine gute Alma iſt ſo nervös, und da ich ihr Alles ſchreiben mußte—“ „Ein verrücktes Waſſer. Ich habe in manchem Meere gebadet, aber—“ „Am Ende läuft Ihr Streich auf eine verlorene Schwimmwette hinaus, das wäre furchtbare Ent⸗ täuſchung.“ Heigel, Benedietus. I. 6 82 „So warten Sie doch! Eines Morgens alſo ſchwimme ich—“ „Mit Coſtüm?“ „Natürlich mit Coſtüm— ſchwimme weit über die Boote hinaus, ſchneide den Berg, wiege mich im Thal, von Welle zu Welle. Da ſehe ich plötzlich dichtbei einen Kopf mit langem Haar, den Kopf einer Dame.“ Herr von Flor hatte Witterung. „Ich lege mich auf die Seite und ſehe ſchärfer hin. Alle Wetter! ein junoniſches Profil— das große dunkle Auge auf den Waſſerſchwall gerichtet. Nun war ſie mir voraus, das Haar wie einen großen Rabenfittig hinter ſich herziehend. Da rauſcht's heran und biegt ſich über ſie, aber ſie hinauf, ſchräg durch, nimmt das Hinderniß— und drüben war ſie. Wie Sie ſich denken können, holte ich ſie ein, und nun ſchwammen wir ſtillſchweigend um die Wette. Ich hätte lieber das ganze Meer geſoffen, als nachgegeben. Endlich wurde ſie zahm. In einer Ruhepauſe— ſie war verdammt kurz— ruft ſie mir franzöſiſch zu: „Sie ſchwimmen zu weit.“—„Nicht ich, aber kehren wir um.“ Es war Zeit. Inſtinctiv hielt ſie ſich dicht zu mir, denn jetzt ging es nicht mehr um die Chre, ſondern um den Athem. Als ich wieder Kieſel unter den Sohlen fühlte, ſchien mir das Rund ein brodeln⸗ der Hexenkeſſel, hatte ich Donner im Ohre und ge⸗ ſchmolzenes Blei in den Lungen. Aber dieſe Art, Be⸗ kanntſchaft zu machen, war neu.“ Guido war die Cigarre längſt ausgegangen, er warf ſie weg. „Eine Frage“, nahm Flor nach einer Pauſe das Wort.„Unſere Nereide trug doch auch—“ „Ein ſchwarzes, dickes Wollenkleid bis an den Hals.— Ich ſah ſie erſt abends im Leſezimmer des Caſino wieder und zwar in Geſellſchaft einer Matrone. Dort ſtellte ich mich ihr vor. Sie war keine vor⸗ nehme Dame, aber immerhin eine Dame, mit Witz, Temperament und für meine Auſprüche ſehr reſpectab⸗ lem Wiſſen. Weiß der Geier, Mademoiſelle Fel bot mir in einer Stunde mehr Unterhaltung als Coſima in einem Jahre. Dabei ſprach ſie ein Franzöſiſch — kurz und gut, als die Damen ſich verabſchiedeten, war ich nicht verliebt, aber bezaubert. Zum Unglück — oder Glück— wollten ſie ſchon am nächſten Mor⸗ gen Trouville verlaſſen—“ „Und verſäumten ſelbſtverſtändlich die Poſt.“ „Das hoffte ich auch, als ich zur ſchicklichen Stunde nach ihrer Wohnung ging. Sie waren fort. Aber ich hatte ihre Pariſer Adreſſe.— Uneinig mit mir, ſchlenderte ich den Strand entlang und begegne 6* — rathen Sie, wem?— meinen Gutsnachbarn, Herrn und Frau von Bruck.— Ausgerechnet, die! Da gab es keine Flucht. Sie hingen ſich wie Bleigewichte an mich, in Trouville und ſpäter in Paris. Ich ſchleppte ſie mit mir— oder vielmehr, ſie ſchleppten mich— bis an den Wegweiſer, wo es rechts nach Frohnburg und links nach Friedenthal geht. Was ſagen Sie dazu?“ „Ja, aber das iſt ja Alles nur erſter Act!“ „Die Verwickelung kommt.— Für mein reines Gewiſſen zeugt der Umſtand, daß ich der Gräfin ſofort von meiner Trouviller Bekanntſchaft erzählte. Nur das Wie der allererſten Vorſtellung verſchwieg ich. Die Gräfin iſt keine Nereide.“ „Aber eine Fee, ich ſage Ihnen, eine Fee!“ Herr von Flor brachte Vein Hand in die Uingegend des Herzens. „Damals hatte mein Sohn einen Hofmeiſter, der ein pedantiſches Deutſch und außerdem nur lateiniſch ſprach. Was Koll meinem Sohn Latein! Wir ver⸗ ſchrieben eine Gouvernante. Sie haben ſie ja noch geſehen, die kleine ſchnippiſche Blondine. Zum Unglück aber war ihr Franzöſiſch derartig, daß mein Ohr nach Mademoiſelle Fel lechzte.“ „Und da machten Sie der Gräfin den Vorſchlag, —————xII 85 dem Junker eine echte Pariſerin zu verſchreiben. Kein . übler Einfall. Und ging die Gräfin darauf ein?“ „Warum ſollte ſie nicht? Ich trat mit Made⸗ moiſelle in Correſpondenz— natürlich durch meinen Secretär— ſtellte meine Bedingungen und erhielt nach einigem Hin und Her ihre Zuſage.“ „Sie ſind ein Glückskind.“ „Das ſagen Sie, aber ſeit jenem letzten Briefe, den ich vor etwa vierzehn Tagen erhielt, haben ſich die Umſtände gewaltig verändert. Coſima iſt plötzlich lodernde Eiferſucht— ich brauche nicht zu verſichern, * ohne Grund! Wenn nun Mademoiſelle hier eintrifft, und die Gräfin ihre perſönliche Bekanntſchaft macht — ich ſage Ihnen, lieber Flor, Frauen haben in ſolchen Stimmungen einen Inſtinkt!— Und dabei das Haus voll Pfaffen! Es iſt eine verzweifelte Ge ſchichten, 4 „So ſchreiben Sie ab.“ „Das geht nicht.“ „So ſetzen Sie Mademoiſelle einen Termin, bs der Zorn der Gräfin verraucht iſt.“ „Das wollte ich, aber auch dazu iſt es zu ſpät.“ *„Wie ſo?“ „Weil Mademoiſelle heute hier eintrifft.“ „Sapriſti!“ „Ja, reſolut wie ſie iſt, ſetzte ſie ſich vorgeſtern 86 in Paris auf die Bahn und fährt in einer Tour bis Pfarrkirchen.“ „Haben Sie einen Brief?“ „Nein, aber eine Depeſche, daß ſie heute Nach⸗ mittag zwei Uhr auf der Station Pfarrkirchen den Wagen erwartet. Spricht keine hundert Worte deutſch und weiß doch wie ein Muſterreiter Beſcheid.“ Er zog ſeine Uhr.„In vier Stunden iſt ſie dort.“ „Laſſen Sie ſie vorläufig in Pfarrkirchen.“ „In ſolchem Krähwinkel! Unmöglich! Das gäbe einen Heidenſkandal!“ „So ſchicken Sie ſie zurück!“ „Wird ſich zurückſchicken laſſen! Wer ſo ſchwimmt!“ „Fatal!“ „Sie muß auf Umwegen hierher gebracht und irgendwo verſteckt werden. Und zwar ſetze ich meine ganze Hoffnung auf Sie— und im äußerſten Noth⸗ fall auch auf den Pavillon.“ Flor's Geſicht wurde merklich länger.„Geſtatten Sie mir—“ „Alles, nur jetzt keine Moral!“ „Und das nennen Sie einen dummen Streich? Das iſt der Anfang einer Tragödie.“ „Dazu ſoll es eben nicht kommen und kommt nicht, wenn Sie, der Kluge, der Weiſe“ *x 87 „St! Schmeicheln Sie mir nicht! Weiſe iſt . Keiner und der am allerwenigſten, der allein weiſe ſein will.“ „Alſo ſeien Sie ſo unklug, mir zu helfen!“ „Ich will mir die Sache überlegen.“ „Mein Gott, ja, aber— beſinnen Sie ſich nicht zu lange!“ Flor, der längſt den Seſſel verlaſſen hatte, reichte dem Geängſtigten die Rechte hin. „Ueberlegen und ſich beſinnen iſt zweierlei“, ſprach er;„von Flor beſinnt ſich nie, wenn es die Ehre eines 3 Freundes oder den Ruf einer Dame gilt. Sie können in dieſer Sache auf mich zählen.“ Achtes Kapitel. Frauenthränen. Der Kammerdiener Severin ſitzt in einem beque⸗ men Lehnſtuhl auf der Terraſſe, bläſt blaue Rauch⸗ ringel in die Luft und legt abwechſelnd ein Bein über das andere. Jetzt nimmt er die Cigarre aus dem Munde und ſeufzt. Himmel, was der arme Menſch aber auch für Aerger und Sorgen hat! Davon, daß er das Intereſſe des Cigarrenlieferan⸗ ten Seiner Gnaden wahrnehmen muß und heute ſchon die vierte Havanna raucht, zu ſchweigen. Es mag hin⸗ gehen, wenn ſich das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. 1 Aber die Hitze, die Fliegen und ſein College, der 89 Engländer, der drunten einen viel beſſern Platz unter einer Linde ſich anmaßte! Zwar kann man nur die Beine ſehen, den übri⸗ gen Mr. Swell verbirgt ein rieſiges Zeitungsblatt. Doch an die ihm zugekehrten Stiefelſohlen knüpft Se⸗ verin die finſterſten Gedanken. Seitdem dieſer Lackſtiefel, geräuſchlos wie Katzen⸗ pfoten, über das Parquet der Frohnburger Gemächer ſchreitet, hat Herr Severin allen Glauben an die Menſchheit verloren. Der eigene Herr, ein Cavalier, vergißt ſich ſo weit, nicht nur unter vier Augen, ſondern öffentlich zwiſchen ihnen beiden die unpaſſendſten Vergleiche aufzuſtellen. Erſt neulich hat er vor der gnädigen Frau und dem Fräulein Kammerjungfer— o, warum vollends vor der letztern!— Swell eine Perle und Severin einen Eſel genannt! Iſt das wahr? Iſt das gerecht? Severin ſagt dreimal nein. Aber ſo ſind die Deutſchen! Nur weil der eine zufällig um London herum geboren iſt, ſeine Wiege aber in Vilsbiburg geſtanden hat, muß er, Severin, von beiden der Eſel ſein. „Zu Befehl?“ fährt der beleidigte Kammerdiener aus ſeinen Selbſtbetrachtungen empor, denn es iſt Je⸗ mand aus dem Saal auf die Terraſſe getreten. Nicht der Mühe werth. Nur der Schulmeiſters⸗ 90 ſohn. Der Bediente ſteckt ſofort die Cigarre wieder zwiſchen die Zähne. „Guten Tag, Severin!“ Dieſes ſimple„Severin“ von einem verdorbenen Studenten verdrießt den Angeredeten, doch zu einer Zurechtweiſung fehlt ihm der Muth. Er beſchränkt ſei⸗ nen Gegengruß auf ein mürriſches Nicken. „Bitte, mich der Gräfin zu melden.“ „Sind für keinen Menſchen zu ſprechen.“ „Vielleicht alſo für den Muſiklehrer, der mit Fri⸗ ſeur und Kammerdiener den Vorzug der Unperſönlich⸗ keit theilt.“ „Herr Wald, dergleichen Anzüglichkeiten verbitt' ich mir!“ Der aber lacht ohne alle Furcht.„Nichts für un⸗ gut, Severin, und verſuchen Sies nur mit der Mel⸗ dung!“ „Aber ich ſage Ihnen, Frau Gräfin haben ſich ausdrücklich auch für Sie verleugnen laſſen.“ „Iſt ſie leidend?“ „Kann ſein.“ „Und Theodor?“ „Der junge Herr Graf ſind verreiſt.“ Ludwig zuckt ein wenig verſtimmt die Schulter, dann ſagt er: 91 „So geben Sie mir den Schlüſſel zum Bibliothek⸗ ſaal!“ „Kann nicht damit dienen“, erwidert der andere, der die Naſe in die Luft und die Beine von ſich ſtreckt. „Aber Sie wiſſen doch, daß mir der Bibliothek⸗ ſchlüſſel jederzeit zur Verfügung ſteht?“ „Hab' ihn nicht.“ „Wer denn ſonſt?“ „Unſer Gaſt, der Herr Profeſſor.“ „Profeſſor Benedict? Ah! Iſt er oben?“ „Weiß ich nicht.“ Doch in demſelben Augenblick erinnert ſich Severin eines Auftrags, den er über der Betrachtung der engliſchen Stiefel vergeſſen hatte.„Das heißt“, ſetzt er um einen Grad herablaſſender hinzu, „ich glaube wohl, daß der Profeſſor oben iſt, und wenn Sie hinaufgehen und ihm ſagen wollen, daß ihn die Frau Gräfin um elf Uhr zu ſprechen wünſcht, ſo hab' ich nichts dagegen, und Sie können ſich bei ihm inſinuiren.“ „Alſo iſt die Gräfin doch zu ſprechen!“ Severin ſetzte ſich zurecht, die Arme auf die Kniee ſtemmend, daß ſie zwei Krughenkeln glichen.„Wenn die Einbildung zum Profeſſor machte, wäre Ihro Gna⸗ den wahrſcheinlich auch für Sie zu ſprechen.“ „Severin, wenn Sie doch mehr Muſik in ſich hätten!“ 92 „Ich— Muſik?“ „Oder wenigſtens mehr Takt beſäßen!“ Herr Severin, eine Beleidigung witternd, warf ſich in die Bruſt, doch als Standesperſon bezähmte er ſeinen Zorn. Ein Blick über die Schulter hinter dem Verſchwindenden her und ein Blaſen durch die Lippen zeigten ſeine ganze Verachtung. Da traf ein Geräuſch vom Garten ſein Ohr. Mr. Swell ſchien ſein Penſum Politik aufgearbeitet zu haben; das Journal lag auf der Erde, und er— auch ein Gentleman hat unbewachte Augenblicke— er gähnte. Das war Severin zu viel! Er fuhr empor und murmelte, indem er die Cigarre zerbiß und die Hand in der Taſche ballte: „Flaps!“ Ludwig begab ſich alſo in den Bibliothekſaal, der geräumig, aber düſter und dumpfig war, da die blei⸗ gefaßten Rautenſcheiben zu tief im Schacht des dicken Mauerwerks ſteckten, um weithin Licht und Luft zu ſpenden. Ringsum an den Wänden ſtanden rohgezimmerte Regale mit einer Bücherſammlung, welche einem auf⸗ richtigen Biographen derer von Geldern⸗Frohnburg manchen Fingerzeig gegeben hätte. Hier war der Geiſt 93 der verſchiedenen Schloßherren. Jene ſchweinsledernen Bände Theologica zeugen für den frommen, in ſeinem Gewiſſen beängſtigten Zeitgenoſſen Luther's und Me⸗ lanchthon's; dieſe in Roſa⸗Pappe gebundene Diamant⸗ ausgabe erotiſcher Schriften aber wurde unzweifelhaft von dem Stifter des ſilbernen Franciscus von Aſſiſi und Gründer der Akademie verliebter Schäfer dem Bücherſchatz ſeiner Väter einverleibt; eine Sammlung beſtaubter Petrefacten und Holzſorten trennt ein Dutzend Jahrgänge des Frohnburger Kreisblattes von einer ſtattlichen Reihe alter Claſſiker; und hier iſt der prak⸗ tiſche Landwirth neben dem Liebhaber franzöſiſcher Me⸗ moiren! Da und dort verräth ſich eine ordnende Hand, die jedoch immer wieder erlahmt iſt. In den Fenſter⸗ niſchen hängen, eine traurige Trophäe der unterge⸗ gangenen Patrimonialgerichtsbarkeit, Staupbeſen und Folterwerkzeuge. Eine eiſerne Thür, mit ihren Klam⸗ mern und Riegeln ein wahrer Cerberusrachen, führt zu dem Familienarchiv, nein, warnt vor ihm. Am ungefügen Tiſch, inmitten des Raums, ſaß Benedictus über einem Bande Bayle's. Schon am ver⸗ gangenen Abend hatte dies kluge und dabei ſo gute Geſicht den Jüngling angezogen. Doch die Zurückhal⸗ tung Benedictus', jene Zurückhaltung ohne Kälte, denen eigenthümlich, welche mehr im ſtillen Reich der Ge⸗ 94 danken als in der lauten Tageswelt zu Hauſe ſind, zog noch eine Schranke. Mit der Botſchaft Ludwig's, welche den Prieſter ſeltſam berührte, war der Geſprächsſtoff gegeben. Lud⸗ wig verkündigte das Lob der Schloßherrin beredten Mundes, und Benedictus hörte ihm voll Theilnahme zu. Wie es natürlich war, daß jener, jung und ein Künſt⸗ ler, von einer Erſcheinung wie Coſima bezaubert wurde, ſo fand er auch kein Arg darin, ſie mit erhobener Stimme und erglänzendem Blick zu preiſen. Ihm gleich Benedictus war die Welt, in der ſie mit anmuthiger Sicherheit ſich bewegte, in der allein ſie gedacht wer⸗ den konnte, noch ein romantiſches Land. Er liebte das Mädchen im beſcheidenen Pfarrhauſe und ſchwärmte mit der glücklichen Einfalt der Jugend: zu bewundern, ohne zu wünſchen, für die Herrin von Frohnburg. „Und wird ſie von allen wie von Ihnen aner⸗ kannt?“ fragte der Prieſter. „Nicht in dem Maße, wie ſie es verdient“, ver⸗ ſetzte der andere.„Unſer Bauer würde die Reitpeitſche einer übermüthigen Amazone weit lieber als die im⸗ mer hülfebereite Hand dieſer edlen Frau küſſen. Weil die Gräfin dem Troſtbedürftigen entgegenkommt, gilt ſie für beſcheiden; man überſieht, daß ſie für alle An⸗ dern unnahbar iſt.“ 4 — d— 95 „Aber bei den Ihrigen findet ſie doch volle Liebe?“ „Ich wage das weder zu bejahen, noch zu vernei⸗ nen. Unſereiner bekommt die Familie im Herrenhauſe nicht zu ſehen.“ Die Hand leicht auf den Tiſch geſtützt, ſtand Be⸗ nedictus einige Sekunden gedankenverſunken. Das Bild des herrlichen Paares, von der Natur füreinander beſtimmt und durch ein freundliches Geſchick zuſammen⸗ geführt, durch ein Drittes aus ihrem Blute noch inniger verbunden, ſtellte ſich vor ſeine Seele. Hier war das Glück! Ein faßbares irdiſches und— ein Seufzer ver⸗ rieth Benedictus— beneidenswerthes Glück! Er zwang ſich, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Sie haben ſtudirt?“ Das Ja Ludwig's kam verzögert.„Theologie.“ „Und ſetzen Ihre Studien nicht fort?“ „Ich bin arm und abhängig. Der Herr Graf wünſchte, daß ich mich ausſchließlich der Muſik widme. Anfangs fügte ich mich ungern, bin aber jetzt meinem Gönner dankbar. Ich fühle, er hat mich auf den rech⸗ ten Weg gebracht. Die Kunſt iſt ja auch ein heiliger Beruf.“ Wie weit auch ſonſt ihre Anſchauungen auseinan⸗ der gingen, in dieſem Fall war Benedictus mit dem Frohnburger Pfarrer einer Meinung, daß man die — d— „ 96 Kunſt ſehr hoch ſtellen, aber nicht als Beruf wählen möge. „Warum nicht, Herr Profeſſor? Was ideale Zwecke hat, ſoll vielleicht kein Mittel, die gewöhnlichen Bedürf⸗ niſſe zu befriedigen, ſein? Aber muß Gottes Wort, wo⸗ mit der Prieſter die Seelen ſtärkt, den Prieſter nicht auch ernähren?“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich das richtig finde?“ verſetzte Benedictus,„abgeſehen von dem Widerſpruch zwiſchen dem Aeſthetiſchen und Religiöſen, der Ihren Vergleich hinfällig macht.“ Das Wort wirkte wie ein Maurerzeichen über⸗ raſchend und bedeutſam. „Laſſen Sie mich trotzdem von einem Prieſter⸗ thum der Kunſt ſprechen“, nahm Ludwig das Geſpräch wieder auf.„Freilich die Menge ſchätzt den Künſtler gering, weil ſie das Weſen der Kunſt verkennt. An ihm iſt es, die Gemeinde zu finden, die an ihn und ſeine Sendung glaubt.“ In den Augen des Jünglings leuchtete die Er⸗ innerung an die ſchönen Stunden, die er ſeiner Kunſt verdankte.„Vielleicht tadeln Sie, was ich Ihnen geſtehen werde: unſere nächſten Nachbarn ſind Proteſtanten. Ihr Dorf— es heißt Friedenthal— liegt kaum eine Stunde weit von Frohnburg und doch gleichſam aus — — — 5 97 der Welt. Es iſt wie ein Abgrund zwiſchen hier und dort. Ohne meinen Beruf hätte ich mich niemals hingefunden.“ „Und Sie trafen auch dort gute Menſchen.“ „Die beſten.“ „Und warum ſoll ich Sie tadeln?“ Ludwig blickte dem Prieſter abermals überraſcht ins Antlitz. Dieſe Duldſamkeit war doch eine andere als die des Herrn Pfarrers. „Ich bin zwar weder Muſiker noch Dichter“, fuhr Benedictus mit einem Lächeln fort, das ſein Geſicht gleichſam verklärte,„aber über den Abgrund zwiſchen hier und Friedenthal glaube ich auch zu kommen.“ Benedict wurde in den Salon gewieſen, der die Reihe der von Coſima bewohnten Gemächer eröffnete. Er war an ſtille Räume gewöhnt, doch die Stille in dieſem bedrückte ihn, ſie war ſo fremd, ſo eigen; ein Vogelgezwitſcher hätte ihn beruhigt. Sein Blick glitt über die Blumentiſche und zier⸗ lich ausgelegten Schränke, die Rococo⸗Figürchen und Paſtelle an den Wänden und haftete zuletzt auf einem großen Oelgemälde. Es war das Portrait der Gräfin, das Werk eines berühmten Meiſters. Heigel, Benedietus. I. 7 98 Der Aehnlichkeit Coſima's mit der preußiſchen Prinzeſſin iſt bereits Erwähnung geſchehen. Daß von jenem Künſtler ein vielbeſprochenes Bild der erlauchten Dame exiſtirte, bewog den Grafen Geldern, ſeine Ge⸗ mahlin ebenfalls von ihm portraitiren zu laſſen. Das Bild— wenn man ſo ſagen kann: mit küh⸗ ner Eleganz gemalt— gab die liebliche Erſcheinung Coſima's wie ein Spiegel wieder. Und doch war der Künſtler ſelbſt mit dieſem Werke ſehr unzufrieden ge⸗ weſen. Nach ſeiner Empfindung ließ nicht nur das Bild, nein, das Original, das ihm ſaß, etwas ver⸗ miſſen, wofür er keinen Namen fand. Einmal, als er in ihrem Antlitz lange darnach forſchte, war ſie plötz⸗ lich erglüht und hatte die Sitzung aufgehoben. Ein Kleid rauſchte hinter Benedictus, oder vielmehr ein Wehen war's. Coſima trat in das Zimmer. Als er ihr gegenüber Platz genommen hatte, flog ſein Blick unwillkürlich vom Original zum Portrait. Sie bemerkte das und nannte den Maler. „Ich habe ſehr bedauert“, lenkte ſie mit feinem Takt von dieſem Gegenſtande ab,„Sie beim Dejeuner nicht zu ſehen. Herr Pater Gregor ſagte mir, daß Sie in der Bibliothek ſeien und ſtudirten. Das iſt nicht recht von Ihnen, Sie ſollten ſich Ruhe gönnen. Und in unſerem Bibliothekſaal iſt es ſo traurig. 99 Waren Sie heute ſchon im Park? Sie lieben doch die Natur?“ Wie ſie ſo plauderte, beinahe den Grund ver⸗ geſſend, warum ſie den Pater rufen ließ, war ſie rei⸗ zend. Und wie wohl that ihre Stimme! Benedict ſpendete mit wenigen, aber warmen Worten dem Park ſein Lob. „Um ſo weniger werden Sie es begreiflich finden“, verſetzte Coſima,„daß wir in dieſer freundlichen Umgebung, unter blauem Himmel, von Geſpenſtern ſprachen!“ „Ol „In Geſellſchaft kann ich davon reden hören, aber ich darf nicht nachts daran denken. Zuweilen, wenn ich aufwache, iſt mir's, als ſchlürfe Jemand langſam durch den Corridor. Dann ängſtige ich mich entſetzlich! Das kommt wohl von den Nerven? Mein Kind iſt tapferer als ich.“ Plötzlich veränderte ſich der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes. Ihr Leid fiel ihr auf die Seele. „Ich würde Ihnen ſo gern meinen Sohn vor⸗ ſtellen, doch iſt er bei Bekannten zum Beſuch. Nicht wahr, Sie lieben Kinder?“ „Ich bin ja Lehrer, gnädige Gräfin.“ „Ja, doch von ſchon erwachſenen Knaben. Oder— 7*x△ 100 o ſagen Sie mir, würden Sie meinen Knaben zu ſich nehmen wollen?“ „Aber, Frau Gräfin, das elterliche Haus iſt das Glück der Kindheit!“ „Das wohl, doch wenn die Eltern nicht glücklich ſind?“ „Ich dachte, Sie müßten glücklich ſein.“ „Sehe ich glücklich aus?“ fragte ſie, und ihre Au⸗ gen ſchwammen plötzlich in Thränen. Benedictus ſtarrte ſie ſprachlos an. „Ich bin ſehr, ſehr unglücklich“, ſagte Coſima und barg aufſchluchzend ihr Geſicht in die Hände. Sie beherrſchte ſich bald, doch nicht, wie ſie mit ihrem Spitzentuch die Augen trocknete, ließ ſich auch der Eindruck verwiſchen, den ihre Thränen auf Bene⸗ dietus gemacht hatten. Er war furchtbar. Die wenigen Tropfen ſpülten die Schranke zwiſchen Vernunft und Leidenſchaft, Wiſſen und Wollen mit eins hinweg. Die höchſte Tugend des Katholiken war ihm plötzlich haſſenswerth und darum keine Tugend mehr. „Iſt Ihr Gemahl die Urſache?“ wagte er endlich das Schweigen zu brechen. Seine Stimme war un⸗ ſicher, ſeine Lippen waren vertrocknet. Coſima ſenkte das Haupt. „Lohnt er Ihre Liebe mit Undank?“ 101 „Meine Liebe?“ richtete ſie ſich mit einem Auf⸗ blitzen des Blickes empor.„Ich verabſcheue ihn! Er hat es dahin gebracht, daß ich ihm ſelbſt den Gehor⸗ ſam des Weibes verweigere.“ Sie legte die Hände auf die wogende Bruſt.„Ich hoffte Ihnen unſer Zerwürfniß und meinen Seelenzu⸗ ſtand ruhiger darlegen zu können“, fuhr ſie nach einer Pauſe fort;„es iſt mir noch unmöglich. Man ſoll Niemand im Zorn beſchuldigen. Gewähren Sie mir Nachſicht!“ Seine Bläſſe fiel ihr auf. „Haben meine unchriſtlichen Worte Sie verletzt?“ „Gnädige Frau, Bekenntniß um Bekenntniß! Pa⸗ ter Gregor iſt ein frömmerer Mann als ich.“ Sie verſtand ihn nicht und ſah nur Beſcheiden⸗ heit darin, daß er dem Freunde den Vorzug gab, eine Beſcheidenheit, welche ſie an Gregor heute Morgen vermißt hatte. Deshalb war ihre Antwort auf ſeinen Einwand, daß ſie mit einem Blick des vollſten unbe⸗ ſchränkten Vertrauens Benedictus die Hand reichte. Sein Herz wallte empor, er legte ſeine Rechte in die ihre, aber heute nicht mehr im Traum wie geſtern. Als Benedict in ſein Zimmer zurückkehrte, fiel ſein erſter Blick auf das Tuch, das er im Park ge⸗ 102 funden hatte. Es trug in einer Ecke die Grafenkrone und Coſima's Namenszug. Unwillkürlich drückte jener ſeine Lippen auf das duftende Gewebe, um es gleich darauf ſchaudernd von ſich zu werfen. Dann rief er einem Diener, daß mit einer Entſchuldigung ſeiner Vergeßlichkeit der Gräfin ihr Eigenthum zurück⸗ geſtellt werde. Aber der feine eigenthümliche Duft ver⸗ ließ ihn nicht mehr, erfüllte jetzt die Luft und verſetzte 3 Benedictus in einen Zuſtand von Unruhe und Läſſigkeit, 3 Aufregung und Ohnmacht, der dem Manne ernſter Ge⸗ dankenarbeit unerträglich war. Er ſchlug ein Buch auf, doch nur ſeine Augen waren bei den Zeilen, und auch ſie ſahen bald über den Band hinweg— dahin, dort⸗ hin; zuletzt erhob er ſich, um eins der Wandbilder näher zu betrachten. Es war ein Stich nach Murillo, 3 eine herrliche Madonna— aber— der Gedanke kam t Benedictus ganz plötzlich—ein ſchönes Madonnen⸗ geſicht iſt ja auch ein Widerſpruch. — v= Neuntes Kapitel. Flor in floribus. Pfarrkirchen, die Frohnburg nächſtgelegene Stadt und Eiſenbahnſtation, zeichnet ſich durch nichts vor andern deutſchen Städtchen aus; der weibliche Paſſa⸗ gier dagegen, der an jenem Julitage einem Damen⸗ coupé— obzwar nur zweiter Klaſſe— entſtieg, unter⸗ ſchied ſich wahrſcheinlich von ſämmtlichen Paſſagieren ſeines Geſchlechts, die jemals in Pfarrkirchen Station gemacht hatten. Die Kellnerin des Bahnhofsreſtaurants hatte ſchon mancher vornehmen Dame ein Glas Waſſer oder— in heißen Tagen— wohl auch eine„Halbe“ Bier gereicht, indeſſen die Diener das Gepäck beſorg⸗ ten; einmal war ſogar eine geborene Prinzeß, eine Gönnerin Coſima's aus deren Hoſdienſtzeit, durch das Wartezimmer gerauſcht, aber ſie alle ließen ſich mit ———õů———õ dieſer neueſten Erſcheinung nicht vergleichen. Die ſonſt verſchlafenen Augen Pepi's wurden groß und rund vor Schauen und Staunen. Das Reiſekleid hatte einen Schnitt, das Geſicht einen Reiz, die ganze Perſon eine Art— vielleicht ein Weniges von einer Theaterprinzeſſin— aber ſicher nichts von den Künſt⸗ lerinnen, welche das Schickſal nach Pfarrkirchen ver⸗ ſchlägt. Sie ſprach ein ungewöhnliches Deutſch— Pepi hielt es für Preußiſch. Ob aus der Nachbarſchaft ein Wagen da ſei, be⸗ ſtimmt, eine Dame vom Bahnhof abzuholen? Nein; das könne nur einer aus Frohnburg ſein, und da die Frohnburger Kutſ cher immer Durſt hätten— Die dunklen Augenbrauen der Dame zogen ſich zuſammen, doch ſchon im nächſten Moment zeigte ein Lächeln die ſehr ſchönen Zähnchen. Um ſo beſſer; ſo kann man ein wenig Toilette machen— natürlich, nicht in dieſem entſetzlichen fumoir. Aber das nächſte, das einzige noch übrige Zimmer war eng wie ein Käfig und ohne das allernothwen⸗ digſte Möbel— ohne Spiegel. Glücklicherweiſe war der Pfarrkirchener„Hotel⸗Omnibus“ noch nicht fort⸗ gefahren. Das Gepäck der Fremden wurde aufge⸗ ſchnürt, und der Stern ging mit ebenſoviel Muth als 105 Anmuth in dem Rumpelkaſten unter, der ſelbſt für die Neugier einer Kleinſtädterin undurchdringlich war. Im Hausflur des Hotels zur Poſt ſtrahlte er wieder auf. Der Herr Poſthalter und Gaſtwirth nebſt einer zweiten Pepi geleiteten die ſchöne Reiſende nach dem Zimmer Nummer eins im erſten Stock, wo es nach Aepfeln roch und das Ständchen der beflügelten Hofbewohner kräftig herauftönte.— Sie wünſchte ein wenig auszuruhen und Toilette zu machen und dann einen Wagen nach Frohnburg. Doch kaum hatte ſie Hut und Schleier abgelegt, als das Stubenmädchen wieder erſchien, weil ein Herr aus Frohnburg die Dame, die mit dem letzten Poſtzug eingetroffen, zu ſprechen verlange. Es war der gerechte und vollkommene Kammer⸗ diener, Mr. Swell, der, vorgelaſſen, ohne jede Ein⸗ leitung, aber mit der ihm angeborenen Würde der Dame einen Brief überreichte. Einen Brief an Mademoiſelle Toinette Fel, das Meerfräulein von Trouville. Der Brief war von Guido. Unglückliche Familien⸗ verhältniſſe, ſo hieß es darin, Verhältniſſe, welche ſich nur mündlich mittheilen ließen, machten der Made⸗ moiſelle Empfang auf Frohnburg vorläufig unmög⸗ lich. Ob ſie nicht unterdeſſen in der Reſidenz oder 106 weiter, im ſchönen Hochland, Aufenthalt nehmen wolle? Ueberbringer, der franzöſiſch ſpreche, habe die nöthigen Vollmachten. Nachdem die Dame, ihre Stirn in böſe Falten ziehend, das Billet zum zweiten Mal geleſen hatte, unterwarf ſie den gräflichen Employé einer kurzen, aober ſcharfen Prüfung. Mr. Swell hatte für dieſen Gang ſeine ſchwarze Amtstracht zu Hauſe gelaſſen und ſah etwa wie der ehrenwerthe Vertreter einer engliſchen Geſellſchaft für Anlage continentaler Waſſer⸗ werke aus. Ohne aufdringlich zu erſcheinen, legte er in Miene und Haltung die Ergebenheit eines ver⸗ ſchwiegenen Vertrauten. Mademoiſelle zuckte die ſchöngerundeten Schultern, daß die ſtraff anliegende Seide kniſterte.„Sie erwarten Antwort?“ ſagte ſie.„Gut. Theilen Sie dieſem Herrn mit, daß ich weder nach der Reſidenz noch ins Hochland verlange, ſondern hier auf die mündliche Mit⸗ theilung der„unglücklichen Verhältniſſe“ warten werde. Verſtanden? Gut. Und nun melden Sie dem Wirth mein Bleiben! Sie können gehen. Adieu!“ Mr. Swell führte den Rückzug mit vollendetem Anſtand aus. „Sehr angenehm“, ſagte der Wirth und rieb ſich vergnügt die Hände.„Ein pikfeiner Gaſt, ſapperment — 107 ja, ein ſehr feiner Gaſt.“ Dabei nahm er das Frem⸗ denbuch vom Pult.„Wohl eine Verwandte Ihres Herrn?“ Er ſtand mit Mr. Swell in der Honoratiorenſtube, innerhalb des Abſchlags, der als Comptoir diente. „Merkwürdig, wie Sie das errathen haben“, ver⸗ ſetzte Swell, die Hand auf das Stammbuch des biedern Gaſt⸗ und Poſthalters legend. „Eine Nichte oder die Schwägerin?“ fragte dieſer und rückte lauernd näher.; „Das eben iſt's, was ich ſagen wollte. Herr von Flor iſt Ihnen ja bekannt. Thun Sie uns alſo den Gefallen und laſſen Sie das—“ Swell tippte auf den abgegriffenen Buchdeckel—„bis mein Herr dieſer Tage ſelbſt kommt.“ „Aber die gräfliche Kammer nimmt's mit der Fremdencontrole ſehr genau. Unſer gnädiger Herr—“ „Läßt Ihnen ſagen, daß Alles in Ordnung ſei.“ Der Poſthalter ſchob das Controlbuch ungern zurück. Da der Kammerdiener unverrichteter Dinge heim⸗ gekehrt war, machte ſich am andern, einem ſehr heißen Tage Flor ſelbſt auf den Weg. Den Wagen ließ er 108 unweit der Bahnſtation halten und begab ſich zu Fuß ins Städtchen. Kaum auf dem Marktplatz, hörte er hinter ſich ſeinen Namen rufen, und ſich umwendend, ſah er den hochwürdigen Balthaſar Püchelhuber heran⸗ kommen. „Potz tauſend, der Herr von Flor! Ja, was führt denn Sie hierher?“ Der Ertappte nahm die Aufgabe wichtiger De⸗ peſchen zum Vorwand, wurde aber vom andern, der in Amtsſachen beim Bürgermeiſter geweſen war, be⸗ lehrt, daß man nur auf der Bahnſtation telegraphiren könne. Und ſo hatte Flor das Vergnügen, vom dienſt⸗ eifrigen Pfarrer zur Bahnſtation zurückgeleitet zu wer⸗ den, woſelbſt er nolens volens nach Schlangenbad Grüße telegraphirte, welche ſeine drahtfeindliche Alma entſchieden nervös machen. Von der Bahn ſchleppte der Hochwürdige ſeinen Findling wieder ins Städt⸗ chen zum Hirſchbräu, zum berühmten Hirſchbräu, und Flor mußte Bier trinken, was er verabſcheut, bis der andere in die brauherrliche Putzſtube zum Mittagsſchläfchen ſich zurückzog. Nun eilt Flor in den Gaſthof zur Poſt, fragt nach ſeiner Couſine, wird als Onkel angemeldet und von Mademoiſelle als vermuth⸗ licher Guido erwartet. Mademoiſelle ſchlug Fliegen und damit die Zeit 109 todt. Sie empfing den erlöſenden Beſuch in einem Negligé, das ihr reizend ſtand. Sie war beim Eintritt des Fremden enttäuſcht, Flor dagegen um ſo angenehmer überraſcht. Der Graf hatte nicht übertrieben. Das war die Geſtalt, der Kopf, das Auge einer Italienerin mit der Fineſſe einer Franzöſin. Aber— er kam in diplomatiſcher Sendung. Nach⸗ dem er ſich in aller Form vorgeſtellt hatte, nahm er der ſchönen Dame gegenüber Platz. Daß dieſe Dame eine Pariſerin war, erleichterte und verſüßte ihm ſein Amt bedeutend, Geſchäfte wie das ſeinige machen ſich auf Franzöſiſch viel beſſer ab, und dann hörte er ſich ſo gern franzöſiſch ſprechen. Die Sachlage diseret andeutend, ſchlägt er eine Löſung der gegenſeitigen Verbindlichkeiten vor. Aber Mademoiſelle will auch heute nicht. Sie wird ſchweigen wie das Grab, geduldig ſein wie ein Engel, doch nach Paris zurückkehren, ohne den Wohn⸗ ſitz des intereſſanten Herrn Grafen geſehen zu haben — nimmermehr! Herr von Flor zuckte die Schultern und erhob ſich. Mit der Artigkeit eines Höflings und in dieſem Fall dennoch aufrichtig ſagte er, daß er ſich zum 110 Scheitern ſeiner Sendung Glück wünſche, denn er hätte es tief beklagt, wenn dieſer erſte Beſuch ſein letzter geworden wäre. Mademoiſelle, ſüß lächelnd, hofft— ihn mit ſeinem Freunde wiederzuſehen. Von der Poſt wieder zum Hirſchbräu, nochmals dem Gambrinus widerwillige Libation dargebracht und dann mit dem Pfarrer und Kopfweh nach Frohnburg zurück. Am nächſten Tage nach der Tafel abermals gen Pfarrkirchen, heute auf Umwegen und nicht als Diplo⸗ mat, ſondern als Galanthomme. Die Franzöſin, der Zerſtreuung froh, empfing ihn, trotzdem er ohne den Freund kam, gnädig; ſie war hinreißend ſchön, anmuthig, muthwillig und plauderte bezaubernd. Denſelben Weg am folgenden Nachmittag. An dieſem und jenem Fenſter im Städtchen ſieht er bereits entrüſtete Mütter; einige Biertrinker, die auf einer Art Veranda vor dem Gaſthofe ſitzen, lachen höchſt unverſchämt hinter ihm her, und das Stubenmädchen ergreift kichernd die Flucht über die Treppe. Aber das Schlimmſte erwartet ihn oben. Mademoiſelle will nicht mehr warten. Sie ver⸗ 111 zichtet auf den Grafen, der ihr im Grunde ebenſo gleichgültig iſt wie Monſieur Fleur, aber ſie will dieſes Schloß Fronbourg ſehen, um jeden Preis, auf jede Gefahr. An jenem Abend wurde von Guido und Flor Kriegsrath gehalten, und die Folge war, daß Mr. Swell den Auftrag bekam, den Geiſterpavillon, zu welchem Graf Guido, wie ſich erwarten ließ, einen zweiten Schlüſſel hatte, insgeheim für einen Damen⸗ beſuch in Stand zu ſetzen. Der Vorſchlag war ſo abenteuerlich, daß Made⸗ moiſelle ihn ſofort annahm.— Die Aufgabe, ſie un⸗ geſehen nach Frohnburg und in den Pavillon zu brin⸗ gen, fiel ebenfalls Flor's Kammerdiener zu. Mehr können wir nicht berichten. Denn was dieſer würdige Herr unternimmt— hoffentlich lebt er ja noch!— wird mit ſo viel Takt, Umſicht und Genie und mit ſolchem Leiſetritt ausgeführt, daß ſelbſt ein Roman⸗ ſchreiber über die nähern Umſtände nichts erfahren kann. Genug— der Pavillon beherbergte nicht mehr die Schemen der verliebten Schäfer nur, ſondern ein warmblütiges, lebenſprühendes Weſen, wie er ein ſchöneres kaum in ſeiner Glanzzeit aufgenommen. Aber er verrieth ſein ſüßes Geheimniß nach außen hin durch nichts, der alte heuchleriſche Wüſtling ſah ſo finſter und traurig und abſchreckend wie immer aus, im Licht des Tages wie beim Wetter⸗ leuchten, das in jenen Nächten über Frohnburg zuckte.. Zehntes Kapitel. Troſt in Tönen. Seit der Ankunft der beiden Mönche in Frohn⸗ burg war eine Woche verſtrichen, und ſchon zeigte ſich der Einfluß dieſes Beſuchs auf Manches und Manchen in der Nähe. Gregor hatte ſich in ſeiner Weiſe bei Hoch und Niedrig in Reſpekt zu ſetzen gewußt; er ſtand mit dem Schloßherrn, trotzdem er in der Ge⸗ ſchäftsſache ſich ebenſo gewandt als zäh erwies, auf dem beſten Fuße. Der biderbe Händedruck und faſt vertrauliche Ton ſchloß freilich ſchlaue Berechnung des einen und weltmänniſche Behutſamkeit des andern nicht aus. Guido zeigte ſich nachgiebig, aber Gregor lenkte ihn auch nur in Bezug auf Andere. Der Graf ließ ſich ins Ohr flüſtern, und der Mönch drückte dafür ein Auge zu. Heigel, Benedictus. I. 8 Noch nie war die Frühmeſſe in Frohnburg fleißi⸗ ger beſucht und der Beichtſtuhl ſo andauernd belagert worden. Wenn vom Reinigungseifer auf die Sünd⸗ haftigkeit ein Schluß erlaubt wäre, ſtand Frohnburg damals in der Sündenblüte. Namentlich unter den Frauen und Töchtern der gräflichen Beamten und unter der Dienerſchaft war die Bußfertigkeit großartig. Ob die amtlichen Triumphe, woran der Benedic⸗ tiner übrigens den Löwenantheil hatte, den guten dicken Pfarrer Püchelhuber für gewiſſe Kaſteiungen entſchädigten, bleibe dahingeſtellt. Er hatte während dieſer Zeit nicht ein einziges Mal den Morgentrunk aus dem Schulbrunnen nöthig. Wieklein erſchien der gelehrte Benedictus gegen den ungelehrten Kloſtergenoſeen Wenn er durch das Dorf ging, küßten ihm wohl ein paar Kinder die Hand, und die Bäuerinnen, die ſchwatzend beiſammen ſtanden, knixten und ſagten:„Das iſt der Herr Profeſſor!“ Dann nahmen ſie ihren Klatſch wieder auf. Wie anders dagegen, wenn Pater Gregor, den breitkrempigen Hut im Nacken und einen Spazier⸗ ſtock in der Rechten, die Straße hinabſtolzirte! Das war eine Wirkung vom erſten bis zum letzten Haus. Knaben wie Mädchen drückten ſich verſtummend und verſchüchtert im Rudel an einander; der Großbauer 115 wie der Knecht blieb barhäuptig, ordentlich ſoldatiſch ſtehen, die Weiber ſanken in den Boden. Wer auf der Bank vor'm Hauſe ſaß, ſprang auf, und die in der Stube ſtürzten ans Fenſter. Der Gaſt im Wirthshaus ſtellte den zum Trunk erfaßten Krug nieder, und der Dorfbader hielt mitten im Raſiren ein. „Das iſt er! Da geht er!“ Sogar die ſchwerfälligen Ackergäule ſtutzten die Ohren, wenn Gregor vorüberſchritt. Für die Gräfin freilich war Benedictus' Anweſen⸗ heit Troſt und Segen. Nicht daß ſie viel mit einan⸗ der geredet hätten! Aber ſie las ſeine innige Theil⸗ nahme an ihrem Geſchick in den Augen, ſie fühlte gleichſam die Nähe des Freundes. Herr von Flor ließ ſich ſeit einigen Abenden bei der Geſellſchaft entſchuldigen, Herr von Flor wurde um die Zeit des Soupers nicht wohl. Die zunehmende Hitze, ach, und das zunehmende Alter! Dann ſaß Mr. Swell vor der Thür ſeines Herrn, ſteif wie eine aſſyriſche Bildſäule. Solange es im Corridor hell war, las er in einer alten Timesnum⸗ mer; wenn es dunkel wurde, machte er die Augen zu, ſchlief aber nicht. O nein, er hörte den fernſten Tritt und Schritt und zog die Brauen ungnädig herab, 8* 116 wenn der Schritt ſich näherte und am Horizont irgend ein deutſcher College erſchien. „Herr von Flor iſt ſchlafend! Bitte, ſtill!“ ſagte er in ſchlechtem Deutſch, aber ſehr beſtimmt. „Herr von Flor ſchläft! Bitte zu entſchuldigen“, zog er die Augenbrauen in die Höhe, falls einer der geiſtlichen Herren nach Flor's Befinden perſönlich ſich erkundigte. Manchmal kam auch der Graf. Dieſer jedoch fragte nicht erſt nach Flor, ſondern pflegte nur ſeinen Günſtling durch einige engliſche Worte zu ermuntern, wie:„Well, boy— blue devils?— All right?“ „Alles richtig, mein Graf.“ Und ſo war's. Niemand außer ihnen hatte eine Ahnung, daß ſich Herr von Flor nicht in dem ſorg⸗ fältig behüteten Zimmer, ſondern im Pavillon der verliebten Schäfer und zwar in amüſanter Geſellſchaft ſehr wohl befand. Wie konnte der kühle, ſelbſtſüchtige Herr von Flor in dieſe bedenkliche Lage kommen? O, nach fünfzig Jahren Beſonnenheit iſt der erſte Tropfen Romantik gleich einer Blutvergiftung, er iſt ſofort in allen Adern, es gibt keine Rettung. Nachdem Flor am Aben⸗ teuerlichen einmal Geſchmack gefunden, war er auch bald über alle Wenn und Aber hinaus. Und nicht 417 nur wagehalſig, ſondern auch großmüthig wurde er. Indem er ohne Murren zum„ältern Rollenfach“ über⸗ ging, machte er alle die dummen Streiche um einen Kußfinger oder, wenn ſein mehr leichtſinniger als leichtfertiger Schützling beſonders gnädig war, um einen Fingerkuß. Ach, Mademoiſelle Antoinette Fel hatte es nur zu gut verſtanden, mit dieſem kleinen Roſenfinger den alten Lebemann hinter ſich her zu ziehen! Seine und Guido's Feldzugspläne, Wünſche und Bitten— Alles umſonſt. Sie zeigte lachend ihre blanken Mäuſezähne und ſagte einfach:„Ich bleibe.“ Die Sorge für Beleuchtung, Speiſe und Trank fiel dem göttlichen Kammerdiener anheim, und wie er mit ſtoiſchem Ernſt eine leere Stube zu hüten wußte, verſtand er auch die Tafel einer auf kalte Koſt ange⸗ wieſenen übermüthigen Schönen zu beſtellen. Die Wahl der Schüſſeln und Gelées ſprach ſowohl für ſeine Küchen⸗ wie Menſchenkenntniß, der Champagner hatte genau zur Stunde, wann er getrunken werden ſollte, die richtige Kälte, und die Schale mit lebendigen Blu⸗ men war der ſchönſte Beweis, daß der Kanal La Manche nicht die Grenze zarter Galanterie iſt. Droben im Schloß, in den Terraſſenzimmern, 118 waren alle Fenſter hell, es wurde muſicirt und ge⸗ tafelt, der Patient Herr von Flor aber ſaß im ver⸗ wunſchenen Pavillon, wie immer à quatre épingles gekleidet, und ließ ſeelenvergnügt ſeinen Blick durch den Raum wandern. Der verſilberte Stuckplafond, die blaſſen Seiden⸗ tapeten, Glasluſtres und ſo ſehr bequemen Rococoſeſſel, die reichbeſetzte Tafel— weiß der Himmel, wie ſein Tauſendkünſtler es herbeiſchleppte!— der feine Wohl⸗ geruch, die ſchöne Dame, welche Friſur und Kleidung dem Orte angepaßt hatte, das Alles war wie ein Traum von den Tagen, deren Hingang Flor trotz ſeiner modernen Anſchauungen heimlich betrauerte. Aber er war doch preußiſcher Cavalier genug, in Ge⸗ genwart der Dame die Bilderſammlung der ver⸗ liebten Schäfer bei ſeiner Muſterung zu überſehen. Die Unterhaltung wurde franzöſiſch geführt. „Monſieur Fleur, plaudern wir!“ „Wovon?“ „Welche deutſche Frage! Von Paris, Trouville oder von Fronbourg, von was Sie wollen, wenn es mich nur unterhält!“ „Vorher ein Geſtändniß! Haben Sie wirklich gut geſchlafen? Fürchten Sie ſich denn nicht?“ — — 149 „Nein, ſelbſt nicht vor Mäuſen. Aber ich lang⸗ weile mich am Tage.“ „Das kann ich mir lebhaft vorſtellen— doch wer hat es gewollt?“ „Ich, und ich will mich noch lange hier lang⸗ weilen.“ „Aber was ſoll am Ende daraus werden?“ „Das weiß ich nicht; wer kann wiſſen, was er morgen will?“ „Nehmen wir an, irgend ein Zufall führe zur Entdeckung—“ „Bah!“ „Sind Sie auch mit dem Licht vorſichtig genug?“ „Trinken wir, mein lieber Fleur!“ „Ich trinke auf das Wohl der verliebten Schäfer!“ „Ich nicht, ich bin nicht verliebt und mag Schäfer nicht leiden.“ „Von heute iſt nicht die Rede; Sie müſſen wiſſen, daß vor etwa hundert Jahren hier eine Geſellſchaft exiſtirte—“ „Gnade, Herr von Fleur, ſprechen wir nicht ge⸗ ehrt! Sagen Sie mir lieber, ob die Gräfin ſchön iſt?“ „O ja— das heißt—“ „Und tugendhaft?“ „Wie eine Heilige.“ 120 „Ich bedaure ſie.“ „Warum?“ „Weil der Graf mir ein ſehr leichtſinniger Mann zu ſein ſcheint. Wie konnte er mich hierher rufen! Bin ich denn nicht gefährlich?“ „O!— Aber wenn Sie das einſehen, warum folgten Sie ihm?“ „Warum? Um ihm ſeine Thorheit zu beweiſen.“ „Und fürchten Sie denn nicht für ſich ſelbſt?“ „O nein, ich fürchte Männer ſo wenig wie die Mäuſe.“ „Mademoiſelle“, rief Flor begeiſtert,„ich finde Sie bewunderungswürdig! Wenn ich jung wäre—“ „Monſieur Fleur, trinken Sie! Sie waren ge⸗ wiß immer ein guter Kamerad, aber geliebt hätte ich Sie nie.“ „Der glückliche Guido!“ „Wenn Sie das noch einmal ſagen, weiſe ich Ihnen die Thür.“ „Vergebung! Nie wieder!“ „Was die Leute von mir halten, iſt mir gleich⸗ gültig, ich bin zuweilen kein gutes Kind, aber nicht ſchlecht; ich habe romantiſche Ideen, ohne eine Aben⸗ teurerin zu ſein. Nochmals: ich beklage die Gräfin, und es ſollte mich freuen, wenn ich ihr meine Treue „—— — „ 121 beweiſen, wenn ich ihre Freundin werden könnte.— Ach, Sie haben mich traurig gemacht. Können Sie ſingen?“ Flor fuhr zurück.„Ich? Nein!“ „Das thut mir leid; ich liebe die Muſik; ſie heitert mich auf, ſie tröſtet mich.“ „Singen Sie nicht ſelbſt?“ „Ein wenig.“ „Bitte, ſingen Sie irgend eine Arie!“ „Dies iſt ein Einfall. Aber ſtill!“ „Hörten Sie etwas?“ fragte Flor mit jähem Er⸗ ſchrecken. Sie bewegte nur die Hand. Beide hielten den Athem an. Sekundenlang blieb Alles ſtill, dann krachte, diesmal vernehmlicher, der Rahmen eines Bildes, das eine à la Pompadour friſirte Bacchantin darſtellte. Das Paar beruhigte ſich, obzwar die Franzöſin, deren Wangen zu glühen begannen, die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, daß der Pavillon doch ein trauriger Aufenthalt ſei. Dann warf ſie den Chignon zurück, ähnlich wie die gemalte Bacchantin, und reichte Flor ihren Champagnerkelch hinüber. „Singen wir!“ Und ſie begann mit juſt nicht ſchöner, aber für eine Chanſonette auserwählter Stimme: — ——-—— ⁰ ÿö⸗-—y— ————— 5— — 422 „Komm' Schäfer, komm', Die Schäferin zu ſuchen—“ Ihre gute Laune war wieder da. Um eins ſah Flor zum erſten Mal auf die Uhr; faſt gleichzeitig klatſchte drunten Jemand leiſe in die Hände, das Zeichen des wackern Swell, daß im Schloß Alles ſchliefe. Flor ſchlüpfte aus dem Pavillon, deſſen Eingangs⸗ thür dann von innen verriegelt wurde. Da ſtand auch ſchon die Perle der Kammerdiener und legte ſeinem Herrn behutſam einen Paletot um die Schultern. Flor war vorſichtig im Tadeln und ſparſam mit dem Lob, allein heute konnte er ſich nicht enthalten, ſtehen zu bleiben— in der Nachtluft!— und zu ſagen: „Swell, ich möchte Sie in Gold faſſen!“ Für Ludwig ſchien der Beſuch der Prieſter auf Frohnburg verhängnißvoll zu werden. Seine Kunſt und Juſtine beſchäftigten und erfüllten den Jüngling ganz, ſonſt hätte er die Dinge, die ſich vorbereiteten, wenigſtens ahnen müſſen. Denn ſeitdem Gregor den Schulmeiſter mit ſeiner Gunſt beehrte, war das Weſen und Gebaren des letztern voll ſeltſamer Widerſprüche. Bald ſchien er von ſtolzen Hoffnungen geſchwellt zu ſein, bald niedergeſchlagen und gedrückt. Er ſtand auf⸗ 3 „ 123 fallend oft vor dem Portrait ſeiner verſtorbenen Frau, einer mittelmäßigen Kreidezeichnung, und dem Beetho⸗ ven's, einem ſchlechten Holzſchnitt, ſtöhnte und warf ſich dann wieder entſchloſſen in die Bruſt. Er trug ein Geheimniß in ſich, das ihm, wie er nicht verbergen konnte, abwechſelnd zur Befriedigung und Qual ge⸗ reichte. Doch alle jene Symptome entgingen Ludwig, weil auch der beſte Sohn immer noch ein beſſerer Liebhaber iſt. Er ſchwärmte durch Wald und Au, jetzt tief in Gedanken das Haupt geſenkt, jetzt den verzückten Blick gen Himmel gerichtet, des Weges nie⸗ mals achtend, mit der Luſt und Kraft, viel tauſend Meilen weit zu wandern und doch immer im Bann⸗ kreis Friedenthals. Obwohl er an manchem Tage keine Taſte berührte und keinen Bogenſtrich that, war er von Muſikfreude und Schaffensdrang mehr denn je erfüllt. Seiner Schülerin aber erging es nicht anders. Auch ihre geſunde Seele ſchrak vor dem elek⸗ triſchen Strom nicht zurück, und göttliche Heiterkeit war der Liebe erſtes Geſchenk. Es ging Juſtinen jede Arbeit doppelt flink von der Hand, ſie war keine Viertelſtunde müßig und doch immer hochgeſtimmt. Und doch hatten ſie ſich noch nicht erklärt!— O Lenz der Liebe! Sei ſinnliche Wärme dein erſter Impuls, Keuſchheit und unbewußte Grazie des Denkens und 124 Empfindens verleihſt du doch! Nicht ganz ein eitler, ſondern jener ſinnige Wahn biſt du, der Pſyche's Flügeln mehr Kraft, als die Sehnſucht nach dem Himmel zutraut; der Kühlgewordene oder nie Erglühte belächelt dich und tauſchte dich dennoch gern für ſeine Klugheit ein. Von einem jener Morgenausflüge heimkehrend, wurde Ludwig ins Schloß und dort zu ſeiner Ueber⸗ raſchung in des Grafen Arbeitszimmer beſchieden. Letzteres, nach dem Park gelegen, war ein großer, kühler Raum. Der Wandſchmuck, Conterfeie berühm⸗ ter Rennpferde, Kupferſtiche nach Landſeer'ſchen Jagd⸗ ſcenen und mannichfache Wehr und Waffen, wie Käppi und Reitpeitſche, hier in eine Sophaecke geſchleudert, und Handſchuhe von Rennthier⸗ und Gemſenleder, theils gebraucht, theils noch neu, dort auf einem Tiſchchen durcheinandergeworfen, verriethen den Sports⸗ man. Bei der Wahl der Möbel war wohl darauf, daß jedes einzelne ſeinem Zweck entſpreche, nicht aber auf einheitlichen Stil Rückſicht genommen. Das bunte Allerlei, das Bedürfniß und Laune eines reichen Lebe⸗ manns zuſammenträgt, füllte Tiſche und Conſolen, manches echte Kunſtwerk aus alter Zeit fand ſich neben moderner Fabrikarbeit zweifelhaften Werths, wie denn überhaupt die decorative Harmonie kaum beabſichtigt, 425 keineswegs gewahrt zu ſein ſchien, nur der große Schreibtiſch bot muſterhafte Ordnung dar. Beim Eintritt des Beſuchs ſaß der Graf, rauchend, die Beine bequem ausgeſtreckt, in einem Lehnſtuhl, unweit davon ſtand Gregor, mit dem Rücken gegen das Fenſter. „Nun, Ludwig, haben Sie eine Ahnung, warum ich Sie rufen ließ?“ Unwillkürlich richtete der Jüngling den Blick auf Gregor. „Ich wüßte nicht—“ „Brauchen nicht ſo erſchreckt zu thun, junger Mann! Es geht Ihnen nicht an den Hals“, fuhr Guido in ſeiner barſchen Weiſe, die herablaſſend ſein ſollte, fort.„Im Gegentheil, habe Ihnen nur Angenehmes mitzutheilen.— Ihr Vater ſetzt große Hoffnungen auf Sie— und begabt ſind Sie ja— haben auch ſchon etwas gelernt! Doch wenn Sie noch länger hier umherlungern, ſteh' ich für nichts. Vom Klavierſpielen wird man nicht geſcheidter.“ „Es war Ihr eigener Wunſch, Herr Graf—“ „Ja, ja, aber nun iſt's genug. Die Gräfin mu⸗ ſicirt ſchon zuviel, und mein Junge ſoll kein Virtuos werden. Kurz und gut, es iſt mein Wunſch und meine Sorge, Sie im Alumneum zu M. aufgenommen zu ſehen, wo Sie Ihre theologiſchen Studien beendigen werden.— Adreſſiren Sie Ihren Dank an Herrn Pater Gregor“, ſetzte er, nur mit ſeiner Cigarre be⸗ ſchäftigt und mit dem Ton eines Menſchen, dem Wohlthun keine Freude macht, hinzu.„Hochwürden intereſſirt ſich für Sie.“ Der Pater als einflußreicher Rath blies ſich auf. „Nun ja, warum ſoll ich nicht ein Wort für Sie ein⸗ legen? Ihr Vater iſt ein guter Katholik, hoffen wir, daß auch Sie durch frommes Studium und göttliche Gnade eine Stütze unſeres Glaubens werden!“ Ludwig antwortete nicht ſogleich. Nicht weil er die Vortheile abſchätzte, die hier der vorgeſchriebene, dort der ſelbſtgewählte Weg bieten würde. Er ſchwankte keinen Augenblick und hätte gern der jugendlichen Auf⸗ wallung wider die geiſtige Bevormundung Worte ver⸗ liehen. Dies triumphirende Mönchsgeſicht, ja, das breite, bäuriſche Kinn allein ſchon ſteigerte ſeine in⸗ ſtinctive Abneigung gegen Gregor beinahe zum Haß. 1 Doch die Rückſicht auf den irregeleiteten Gemahl ſeiner Gönnerin zwang ihn zur Mäßigung. So klang denn ſeine Stimme ziemlich ruhig, als er die ihm zuge⸗ dachte Gnade von ſich wies. Er erkannte die Groß⸗ muth dankbar an, doch auf das Geſchenk ſelbſt müſſe er verzichten. 127 „Und warum, Herr Muſikus?“ „Nach ſtrenger Selbſtprüfung muß ich mich zum katholiſchen Prieſter unfähig erklären.“ Jetzt warf ſich Gregor dazwiſchen.„Das ſoll eben Ihr Eifer ſein, ſich des heiligen Amtes würdig zu machen! Von Natur iſt unſer aller Wille auf das Böſe gerichtet. Aber ſind wir uns dieſer Wahrheit nur recht bewußt, iſt die Wendung zum Guten mög⸗ lich. Die Zerknirſchung des Herzens, junger Mann, die Zerknirſchung des Herzens macht Heilige.“ „So glauben Sie als katholiſcher Prieſter. Meine Ethik weiß nichts von vererbtem Fluch, von Ihrem Widerſpruch des guten Schöpfers mit dem böſe Ge⸗ ſchaffenen, ſondern nur von der Ferne zwiſchen dem Menſchen und dem menſchlichen Urbild. Und nicht finſtere Ascetik, ſondern Liebe der hellen Wahrheit baut die Pfeiler zur Brücke zwiſchen dem Sterblichen und dem Ewigen.“ „Unglücklicher! Der Wahnſinn unſeres ruchloſen Jahrhunderts hat auch Sie ergriffen.“ „Unſer Jahrhundert verwirft den blinden Auto⸗ ritätsglauben und fordert, daß wir Diener der Ver⸗ nunft ſeien. Iſt das Wahnſinn?“ „Ueber der Vernunft ſteht das Wunder, über der Wiſſenſchaft ſteht das Unbegreifliche.“ 128 „Sehen Sie zu, wie Sie damit das Menſchen⸗ geſchlecht zur ſittlichen Freiheit führen!“ „Sittliche Freiheit? Phraſe! Wir ſind und blei⸗ ben Gottes Knechte.“ „Wenn Knechtsgeſinnung das Recht zu Ihren Tempeln gibt, bleib' ich der Kunſt doppelt treu, die des Menſchen Würde predigt.“ Gregor, bis in den Hals dunkelroth vor Wuth, führte mit der Fauſt einen Schlag in die Luft.„Die Kunſt iſt des Teufels“, ſchrie er,„Sie aber ſollen der Kirche dienen!“ Darauf zu entgegnen, verſchmähte Ludwig.„Ich bitte Sie, mich zu entlaſſen“, wandte er ſich an Guido. „Mahnungen in dieſem Geiſt verſchließen mir das Herz und die Lippen.“ Die Tapferkeit des Widerſpruchs verſöhnte den Edelmann mit dem Widerſpenſtigen. Er knurrte etwas von verdammtem Zeitgeiſt und albernem Künſt⸗ lerſtolz, warf die Cigarre auf den Teppich und entließ dann den Muſiker mit einer Handgeberde. Noch in der Thür hörte Ludwig ſeinen Gönner zu Gregor ſagen: „Nun, kam's nicht ſo? Der Kerl iſt obſtinat.“ „Ah“, ſtieß jener einen Wuthlaut aus,„wenn ich Sie wäre—“ 129 „Bah, einen Narren muß man laufen laſſen.“ Geigentöne aus der Schulſtube mahnten Ludwig, als er noch in allen Nerven erregt vor dem väter⸗ lichen Hauſe ankam, daß ihm der ſchwerere Kampf hier bevorſtehe. Und da erſchien auch ſchon Gottlieb Egi⸗ dius, der ſeinen Sohn den Schloßweg hatte herab⸗ ſchreiten ſehen, auf der Flurſchwelle.„Nun?“ rief er freudeſtrahlend—„nun?“ wiederholte er beſtürzt nach einem Blick in das Geſicht ſeines Sohnes,„Du gehſt doch nach M.?“ „Vater“, ſagte Ludwig, indem er die Hände des andern ergriff und an ſeine ſchmerzende Bruſt drückte, „gönnen Sie mir Zeit, Sammlung! Ihnen gegenüber will ich mich ja nicht nur erklären, ſondern auch recht⸗ fertigen.“ „Wenn Du das Rechte thuſt, bedarf's keiner Recht⸗ fertigung; und in Deinem Fall gibt's nur einen Weg; er führt Dich nach München.“ „Ja, aber nicht als Candidaten der Theologie.“ „Ludwig!“ rief der Alte und entriß ſich ſei⸗ nem Sohn. Dann gedachte er der lieben Schul⸗ jugend nebenan und wies Ludwig barſch in ſeine Kammer. Doch wie ſehr auch Gottlieb Egiins ſich zu⸗ Heigel, Benedietus. I. 130 ſammennahm, als er wieder auf ſeinem Thron, dem Katheder ſaß— der Herzenskummer übermannte ihn, er legte die Geige hin und ſchlug beide Hände über das Geſicht. Die Stille der ſonſt ſo vorlauten, jetzt eigenthüm⸗ lich bedrückten Geſellſchaft brachte ihn alsbald zu ſich. Es galt die Wahrung ſeiner ſchulmeiſterlichen Würde. Mit feſter Hand that er zwei, drei Bogenſtriche und ſtimmte dann den unterbrochenen Frühlingshymnus wieder an: „Hier unter den Bäumen, In luftigen Räumen, Juchhei, juchhei! Der Mai! Der Mai!“ Als Ludwig abends in Friedenthal eintraf, ſaß Paſtor Hellmuth mit ſeiner Familie unter der Linde; der älteſte Knabe las aus einem Bande Schiller's vor. Fröhlich hieß man den jungen Freund willkom⸗ men, doch der Zuruf erſtarb ihnen auf den Lippen, als ſie ſeine Verſtörung ſahen. Er ſelbſt war nicht ſogleich zu ſprechen im Stande; mit Miühe erwehrte er ſich der Thränen. Juſtine, Schmerzliches ahnend, legte die Hand aufs Herz. 131 „Sie haben einen Kummer, mein lieber Sohn“, nahm der Paſtor das Wort, indem er dem Jüngling an ſeiner Seite Platz bot,„aber hier ſind Freunde.“ Ludwig brachte nur drei Worte über die Lippen: „Ich muß fort!“ Juſtine, mit geſchloſſenen Wimpern, lehnte ſich in den Stuhl zurück. Die andern blickten überraſcht, nur der Jüngſte ſprach:„Aber Du kommſt wieder, Bruder Ludwig!“ Ja“, ſagte dieſer träumeriſch vor ſich hin,„ein⸗ mal komm' ich wieder, einmal kehrt Jeder in ſeine Heimat zurück. Aber wie werde ich ſie begrüßen? Aufrechten Hauptes, zufrieden, mit ungebrochener Kraft und voll Zuverſicht für die Zukunft, oder an Hoff⸗ nung arm, an Reue reich? Und wie wird dann die Heimat ſein? Manch einer kehrt dahin zurück, um zu finden, daß er heimat los geworden.“ Da begeg⸗ nete ſein Blick dem innig beredten Juſtinens, und ſeine verſtörte Seele erholte ſich. Er ſah in dem kleinen Kreiſe umher und fühlte, daß er, ſo nur das Geſchick dieſe theuren Weſen beſchütze, hier niemals fremd wer⸗ den könne. Der Zwiſt mit dem Vater hatte ihn nicht ſchwach, nur traurig gemacht; nun faßte er die bevor⸗ ſtehenden Kämpfe nicht ſowohl als eine Feindſeligkeit des Geſchicks, ſondern als Läuterung, als Mittel zum 9* Siege auf; nun maß er wieder ſeine Kraft und den Weg, vernahm der Hoffnung Lerchenlied und ſah„den ruhenden Pol in der Erſcheinungen Flucht“. *„Ja, ich komme wieder, mein lieber Kurt“, ſagte er voll Zuverſicht; dann legte er klar und bündig die Wendung ſeines Geſchicks, ſeinen Entſchluß, ſowie die Gründe dar. Alle folgten der Erzählung voll Theilnahme, doch ungleich war ihr Eindruck auf den Hausherrn, auf die Frauen. Bei Juſtinen verdrängten zärtliche Em⸗ pfindungen jede Erwägung, ſie fühlte ganz eins mit ihm, den Schmerz wie die Hoffnung; Frau Beate fand es ganz natürlich, daß er nicht Mönch werden wollte —„ein katholiſcher Prieſter iſt immer ein Mönch“— und nickte dem tapfern Vertheidiger ſeiner Gewiſſens⸗ freiheit wiederholt ihren Beifall zu; ihr Gemahl dagegen ſah ſehr ernſt, beinahe finſter vor ſich nieder. Als Ludwig mit dem Schwerſten ſchloß, daß er auch mit dem Vater entzweit ſei und dieſer ihn zu verſtoßen drohe, fiel die Paſtorin entrüſtet ein: „Das wird, das kann er nicht! Und wenn mein braver Gottlieb Egidius wirklich ſo verblendet wäre, Sie zu verſtoßen, weil Sie nicht heucheln wollen, ſo ſtehen Sie in Gottes Schutz, denn Gott iſt wahrhaf⸗ tig.— Denkſt Du nicht auch ſo, mein Lieber?“ — 133 „Was ich denke, gute Beate“, wandte ſich der Paſtor zu ſeiner reſoluten Frau,„was ich denke, hat hier keine Stimme. Um Jemand zum Kampf zu rathen, muß man von ſeinem Sieg überzeugt ſein.“ „Und das wärſt Du bei unſerem Ludwig nicht? Beweiſt nicht ſein Entſchluß, daß er unſern Glauben für den rechten hält, und iſt unſer Glaube nicht der rechte? Uebrigens, wie er kämpft, mag er zeigen; daß er kämpft, iſt Pflicht.“ „Ei, über die ſtreitbare Paſtorin! Vergiß nicht, daß Du den jungen Künſtler mit ſeinem einflußreichen Gönner, den Sohn mit dem Vater entzweiſt! Unſer Amt ſcheint mir Verſöhnung zu ſein.“ „Verſöhnung um dieſen Preis?“ „Die Gräfin iſt uns geneigt; wir können bei ihr zu Gunſten unſeres Freundes wirken.“ „Ja, die Gräfin, die gute Gräfin!“ rief Juſtine aufathmend aus. Allein Ludwig kannte den Charakter des Grafen, die geringe Macht Coſima's über ihn, all die uner⸗ quicklichen Verhältniſſe auf Schloß Frohnburg zu genau. „Der Graf wird mir es nie verzeihen“, entgegnete er, „daß er den Widerſpenſtigen nicht zwingen kann. Meines Bleibens hier iſt nicht länger; ich muß in die Fremde, lernen, ſchaffen, um einſt beweiſen zu können, 134 daß das Ziel, das man mir verrücken wollte, ein würdiges war.“ Juſtinens Blick leuchtete jetzt ſchon Sieg. „Armer Ludwig!“ ſeufzte die Paſtorin und wandte ſich dann aufs neue gegen die Verſchloſſenheit des Gemahls: „Er wird ſein Ziel erreichen.“ „Das wünſche ich von Herzen.“ „Und ſprichſt ihm nicht Muth zu?“ „Nein, ich werde niemals ſagen: Entzweie dich mit deiner Kirche, mit deinem Vater! Solche Kämpfe muß Jeder mit Gott und ſeinem Gewiſſen berathen.“ „So iſt es“, nahm Ludwig mit Feſtigkeit das Wort.„Ich begreife und ehre das Gefühl, das Sie zurückhält. Es lag mir auch fern, Sie in dieſen pein⸗ lichen Kampf hineinzuziehen. Ich komme nur einmal noch, zum Abſchied. Denn da der Bruch geſchehen, da ich mich mit der Schuld des Undanks beladen mußte, um mir die erſte Bedingung der Kunſt, die Freiheit, zu retten, darf ich Ihr Haus nicht mehr betreten. Hier iſt Friede, ſchöne Heiterkeit, glück⸗ liche Harmonie. Hier ſei kein Schatten, hier ſei nur Segen!— Und nun kein Wort mehr davon! Mein Herz iſt übervoll, ich muß Ihnen Dank und Lebewohl in Tönen ſagen.“ 135 Wie er ſo bewegt und doch ſo beſonnen ſprach, ſtaunten ſie in ſein Geſicht, das ihnen nie ſo ſchön erſchienen war. Er ging langſam ins Haus, in das ihm ſo theure Gemach. Er ſpielte die F-moll-Sonate Beethoven's. Elftes Kapitel. Fronleichnam. Der zweite Donnerstag war der Tag der Fron⸗ leichnamsfeier. Doch nicht die Feſtaufregung war's, welche Benedict beim erſten Hahnenkrähen vom Lager und ins Freie trieb. Im Kloſter flüchtete er ſich, wenn er, des innern Zwieſpalts bewußt, von Unruhe ergriffen wurde, nicht in die Natur, ſondern in die Stille der Bibliothek. Dichtkunſt gab ihm Ruhe oder Wiſſenſchaft den Stolz wieder. Die Odyſſee erſetzte ihm Wald und Waſſerrauſchen. In Frohnburg aber übten Bücher nicht die gewohnte Macht. Hier drängte es ihn aus der Enge der Mauern ins Weite, auf zielloſen Weg, er ſtürmte dahin, weniger, um ſich zu faſſen, als zu vergeſſen. 137 Schon lag die Welt voll Lichts, und die Lerchen ſangen, als er den Fuß wieder heimwärts ſetzte. Im Dorf, das er in der Dämmerungsſtille ver⸗ laſſen hatte, regte ſich jetzt fröhliches Feſttagsleben. Der Wohlgeruch von Gräſern und Feldblumen, mit denen man die Wege der„Proceſſion“ im voraus be⸗ ſtreute, und friſchem Birkenlaub, womit alle Haus⸗ thüren und Fenſter geſchmückt waren, erfüllte die Luft. Die reicheren Hauseigner ließen es beim Birkenſchmuck nicht bewenden. Sie hingen aus den Fenſtern und über die Emporgeländer Guirlanden von Tannenreiſern und Eichenlaub mit eingeflochtenen rothen, gelben und blauen Georginen. Vor der Apotheke, wo das erſte Evangelium ge⸗ leſen werden ſollte, prangte bereits der über Nacht gezimmerte Altar im rothkattunenen Ueberzug und Blumenſchmuck, die Frau Apothekerin dagegen war noch in Nachthaube und Hausſpencer, konnte ſich's aber trotzdem nicht verſagen, aus einem Fenſter im erſten Stock die Wirkung ihrer neuſilbernen Leuchter auf dem Altar zu bewundern. Barhäuptige Chorknaben, alle mit einer Fülle weißblonden Haares begabt und bis in den Nacken ſonnenverbrannt, liefen hin und her, ſchleppten aus 138 der Kirche Fahnen, aus dem Schulhauſe Inſtrumente und Notenhefte. Durch die offenen Fenſter im Erd⸗ geſchoß der Pfarre aber ſah man den Hochwürdigen in Hemdsärmeln, mit eingeſeiftem Geſicht, unter dem Meſſer des Dorfbarbiers. In großen und kleinen Bauerhäuſern fielen krachend Thüren ins Schloß, ging es treppauf, treppab und klapperte der Schlüſſel⸗ bund; gaſtlich rauchte der Schlot, denn in der Küche wurde unter dem Commando der Gebieterin bereits geſchmort und gebraten, während in der Dachkammer droben ihre ſchmucken Mädels, in einem Taumel won⸗ nigen Bangens und ängſtlicher Freude, das weiße Kleid anprobirten oder den ſchweren Haarzopf um die Stirn flochten. Und die Männer und Burſchen, im langen Sonntagsrock oder beſcheidenern Janker, manche auch noch in Hemdsärmeln, alle aber in hohen blank⸗ gewichſten Stiefeln, ſtanden in größeren und kleineren Gruppen beiſammen, mit beredtem Feſttagsmorgen⸗ ſchweigen. Schon kamen auch aus den benachbarten, in Frohnburg eingepfarrten Dörfern die erſten Feſtzu⸗ zügler, und die Bewegung aufs höchſte zu ſteigern, klang jetzt Trompetenſchmettern und Pferdegetrabe, und am Eingang der Hauptſtraße blitzte es von eher⸗ nen Panzern— eine Küraſſierſchwadron, die ſich auf dem Marſch nach der neuen Garniſon befand, rückte 139 ins Dorf, um dort dem heiligen Tag zu Ehren Raſt zu machen. Alles lief herzu und ſtürmte vor und hinter den Reitern her nach dem Marktplatz, wo ſie hielten. Auch Benedict, weniger aus Neugierde, als weil der Strom ihn mitriß, wurde Zuſchauer des militäriſchen Schau⸗ ſpiels. Die Commandorufe des blondbärtigen Offiziers, der ruhig ſtolz ſeinen Braunen parirte, die Trompeten⸗ ſignale, das Raſſeln der Säbel in die Scheide und das„Ab“ der Mannſchaft wie eines Mannes— das Alles war dem Profeſſor im Lauf der Jahre fremd und neu geworden. Unwillkürlich folgte er dem Offizier, der, nachdem er die Pferde koppeln gelaſſen und die Zügel ſeines Braunen einem ſeiner Leute zugeworfen, ſporenklirrend durch die weit ſich theilende gaffende Menge ſchritt. Er ging ins Schloß, und als er ins Portal trat und, von Dienſtfertigen geleitet, klirrend die Treppe hinanſtieg, um dem Grafen ſeine Aufwartung zu machen, ſah ihm Benedict mit faſt neidiſchen Em⸗ pfindungen nach.— Müde zum Zuſammenbrechen, ruhte ſich letzterer auf der Terraſſe aus. — — —— 140 Barbariſche Muſik und Pferdegewieher, dachte er, im Sonnenglanz blitzender Stahl— nichts weiter. Dennoch iſt die Wirkung unwiderſtehlich. Selbſt den ſchlichten Leuten hier, die dem Pfluge leben, greift es ans Herz, greift ihnen ans Herz, während ſie ein heiliges Feſt rüſten! Die Männer blicken kühn, die Frauen erglühen. Das iſt die Stimme der Natur. Kraft iſt ein himmliſches Geſchenk, Tapferkeit Tugend. Er ſeufzte tief, die ſchöne, wahrhaft ritterliche Erſcheinung des jungen Offiziers ſtellte ſich ihm wieder vor Augen. Seiner eigenen Jugend gedenkend, ver⸗ glich er ſich als blaſſen, ſchüchternen Studenten, der die Kinder im Leſen und Schreiben— für ein Gedeck in der Geſindeſtube unterrichtete, mit jenem Glänzen⸗ den, Selbſtbewußten, Zukunftsſichern. Vergebens rief er den Stolz des Gelehrten zu Hülfe. Waren ihm denn nicht auch die geiſtigen Genüſſe durch ſeinen Beruf verbittert? Durfte er, dem irdiſche Freude verſagt blieb, in ſeiner Bruſt ſich eine ideale Welt erbauen? Nein, denn ſie war nicht die Kirche. Und was am Ende war's, fragte er ſich mit Entſetzen, was dich zum Diener dieſer Kirche machte? Wäreſt du Mönch geworden, wenn du eine glückliche, ſorgenloſe Jugend im Elternhaus, an Freundeshand gehabt hätteſt? Die Armuth ſalbte dich wie Tauſende 141 deiner geiſtlichen Brüder, die nackte, häßliche, verruchte Noth ſalbte uns zum Prieſter! Es war Flor, der trotz ſeines leichten Trittes den Grübelnden erſchreckte, Flor, der nach erfriſchendem kaltem Bade roſigen Geſichts und roſiger Laune auf die Terraſſe kam. Sowie er Benedict gewahrte, trat er grüßend auf denſelben zu. Er wollte ſich nach deſſen Nachtruhe erkundigen, unterbrach ſich jedoch, als er in das überwachte, erregte Geſicht des Prieſters blickte. „Ich hoffe doch, daß Sie wohl ſind?“ fragte er. „Nichts von mir“, antwortete jener, während er die Hand, die Flor ihm gereicht hatte, noch feſthielt. „Mein Wohl oder Wehe, wem liegt daran! Geſtatten Sie mir eine Frage, ſo ſonderbar ſie Ihnen ſcheinen mag: Sind Sie glücklich?“ Flor ſah ihn erſtaunt an. Dann antwortete er höflich: „Gewiß; warum ſollte ich es nicht ſein?“ „So haben Sie keinen Wunſch, der nicht zu er⸗ füllen iſt, ſehen auf Ihrem Wege keinen Schatten, der Sie erſchreckt?“ „Hm, daß man nicht alterte, das wäre ſolch ein Wunſch; der Gedanke, daß man ſterben muß, wäre vielleicht ſolch ein Schatten, aber wer macht ſich denn 142 dergleichen unbequeme Gedanken! Ich nehme die Menſchen, die Dinge, die Verhältniſſe, wie ſie ſind, und befinde mich wohl dabei.— Kommen Sie, Hoch⸗ würden! Sie ſcheinen ſchlecht geſchlafen zu haben. Laſſen Sie uns einen Gang durch den Park thun!“ Benedict folgte ihm willig. Dieſer Mann, der glücklich war, däuchte ihm der beſte Arzt. „Sie ſind, was man ſo ſagt, ein Lebenskünſtler, Herr von Flor“, begann er nach den erſten zwanzig Schritten. „Ich nehme das Compliment an. Im Grunde iſt die Kunſt zu leben nicht ſo ſchwer. Freilich, es geht damit wie mit der Kunſt zu eſſen: N'est pas gourmand, qui veut. Man muß ſein Talent zu etwas vor allem verſuchen.“ „Und wenn ich's könnte, ich dürfte nicht glücklich ſein. Ich bin Mönch.“ „Wirklich nicht? Und doch danken wir den Klö⸗ ſtern ſo viele ſchöne gute Dinge. So hat ſich Ihr Orden zum Beiſpiel um den Champagner, derjenige der Ciſtercienſer um den Clos Vougeot unſterbliche Ver⸗ dienſte erworben. Ich ſpreche nicht von den Liqueuren der Viſitandinen von la Côte. Wer iſt der Schöpfer der omelette truffée aux pointes d'asperges und der purée de pintade? Chabot, der Kapuziner!“ 143 Benedict blieb plötzlich ſtehen und ſah dem an⸗ dern feſt ins Auge:„Sie glauben nicht an Gott?“ „Darauf weiß ich keine Antwort.“ „Sie verletzen mich nicht“, verſetzte jener finſter. „Ich achte eine andere Ueberzeugung, wenn ſie Ueber⸗ zeugung iſt. Ich möchte in der That Ihr Vertrauen gewinnen.“ „Bin ich denn ſchon ſo alt, daß mich alle Welt zum Vertrauten macht?“ dachte Flor. Benedict aber fuhr mit verhaltener Leidenſchaftlichkeit fort: „Einem Manne von Ihrer Erziehung und Lebens⸗ art erſcheint meine Frage abſurd, aber— wir Mönche ſtehen außerhalb der Geſellſchaft.“ Flor warf einen blanken Blick auf ihn, dann zog er den Profeſſor mit ſich fort. Daß in jener armen Menſchenbruſt ein Kampf vorging, war offenbar, und es reizte Flor, ſein Ueber⸗ gewicht zu zeigen. Wer aber konnte ſagen, wohin den Prieſter der Seelenkampf und Zweifel führen werde? Flor ſteckte nicht gern ſeine Hand ins Finſtere. Er begann deshalb vorſichtig, mit weltmänniſcher Zurück⸗ haltung: „Auf Ihre Frage weiß ich in der That keine Antwort; denn ich ſelbſt habe ſie mir in dieſer Faſſung nie vorgelegt. Ich weiß nicht einmal, ob ich außer⸗ 144 halb der Kirche ſtehe. Wenn ich ein Schloß und einen Paſtor hätte— der würde das wiſſen! Ich beunruhige mich nicht weiter.“ „Sie denken alſo niemals deun letzten Grund der Dinge nach?“ „Gewiß, wenn ich dadurch meine Lage verbeſſern, eine Gefahr beſeitigen, meine Kenntniſſe erweitern kann.“ „Muß man denn Alles auf ſich beziehen?“ „Ich thu's. Da ich kein Gelehrter bin, um Alles auf das Univerſum, kein Theolog, um Alles auf den Glauben zu beziehen, beſcheide ich mich damit, mich zufrieden zu machen.“ „Und wie Sie ſagen, gelingt es Ihnen?“ „Weil ich Maß halte im Wunſch wie im Genuß.“ „Das iſt Ihre Natur, nicht Ihr Verdienſt.“ „Wer am Ende iſt etwas wider ſeine Natur? Aber zugegeben, ich denke ſo vom Leben, weil in mir die Welle des Blutes leichter und kühler fließt, als in manchem Andern— ſpricht das gegen die Auffaſſung ſelbſt? Ich, dem der enge Ring der Gegenwart Alles einſchließt, was ich hoffe: ich bin glücklich! Sind Sie es auche Sie, deſſen Stirn und Auge mir allein ſchon verräth, daß Sie zu denen gehören, die mit. b Enthuſiasmus den Kahn vom Dieſſeits ſtoßen, um das 145 andere Ufer zu entdecken, ſelbſt auf die Gefahr hin, niemals drüben zu landen.“ Benedict ſah düſter zur Erde, dann rang es ſich— in abgebrochenen Sätzen— aus ſeiner Bruſt: „Sie täuſchen ſich in mir.— Ja, es gab eine Zeit, wo ich himmliſche Viſionen hatte und wie jener Biſchof von Alby aus ſeinen Traumgeſichten nur un⸗ gern und weinend zur Erde wieder niederſtieg. Dieſe Zeit liegt längſt hinter mir. Ich habe nur noch irdiſche Gedanken. O, mein Herr, ich bete dieſe ſchöne gnaden⸗ reiche Sonne an und möchte mich ihrer freuen können wie Sie!“ „Was hindert Sie daran? Ihr Ordenskleid? Ihr Gelübde? Leben wir noch im Mittelalter? Was haben Sie zu fürchten, wenn Sie ſich frei machen?“ „Nichts; doch eben das iſt es, was mich zurück⸗ hält. Sie ſprachen vom Mittelalter. Ich gedenke der Scheiterhaufen, Folterkammern und Blutgerüſte, welche das Prieſtertum im Laufe der Jahrhunderte den Denkern und Zweiflern errichtet hat, und es ſcheint mir wie eine Sühne für jene Opfer, daß ich dies blutgetränkte, fluchbeladene Kleid trage, ich, der ſeinen Zweifel gefahrlos bekennen dürfte!“ Beide hatten während dieſes Geſprächs auf den Pfad nicht geachtet. Er lief jetzt, verwahrloſt, von Heigel, Benedictus. I. 10 4146 Wurzeln durchkreuzt, vom wuchernden Gras ſchon bei⸗ nahe verwiſcht, unter Waldbäumen hin und endigte dann in einer Allee uralter Kaſtanien. Sie führte zu einem einſtöckigen Gebäude, aber der Weg dahin war nicht gejätet, die ſtucküberladene Facade ſtark ver⸗ wittert, und die Fenſter waren alle geſchloſſen. Als wäre die Arbeit des Parkkünſtlers an dieſer Stelle plötzlich abgebrochen und das ſchon Fertige dann ver⸗ geſſen worden, lag der Baumgang mit dem Pavillon in wegloſem Dickicht verloren, wie verzaubert. Die beiden Herren blieben— Benedict über⸗ raſcht, Flor erſchrocken— ſtehen. Denn etwa hundert Schritte vor ihnen ging eine weiße Geſtalt langſam dem Hauſe zu. Es war eine Dame in lichtem Kleid mit langer Schleppe. Benedictus dachte im erſten Augenblick an die Gräfin, aber jene war größer und, wie es ſchien, von andern Formen. Ein ſchwarzer Schleier anſtatt eines Hutes verdeckte das Haar. Flor hatte unwillkürlich die Hand ſeines Begleiters ergriffen und zog ihn zwiſchen die Bäume zurück. Es war gerade noch Zeit. Denn jetzt, dicht am Pavillon, blieb die einſame Spaziergängerin plötzlich ſtehen und 147 ſah, als habe ein Geräuſch oder ein Gedanke ſie er⸗ ſchreckt, in die Allee zurück. Für den Profeſſor war es ein fremdes Geſicht. Dann nahm jene mit beiden Händen das lang⸗ wallende Kleid zuſammen, ſtieß mit dem Fuß die nur angelehnte Thür zurück und huſchte hinein. Welcher Leichtſinn! dachte Flor, als die Thür hinter ihr ins Schloß fiel, und erwiderte des Profeſſors Frage, ob er die Dame kenne, mit einem:„Hm— ja— das heißt— Wir müſſen denſelben Weg wieder zurück, den wir gekommen ſind“, ſchnitt er weitere Fragen ab, indem er Benedict unter dem Arm faßte. Der Profeſſor folgte ohne Zaudern und knüpfte das Geſpräch nicht mehr an. Was war ihm die Fremde? Vor ſeinen Augen wandelte bei Nacht und Tag eine andere Lichtgeſtalt. Um ſo mehr beſchäftigten ſich die Gedanken Flor's mit der Erſcheinung in der Kaſtanienallee. Bei allem Unmuth über die Unvorſichtigkeit mußte er innerlich lachen. Die Abende im Pavillon fielen ihm ein. Da ſpricht man eben von Gott und wer weiß was für tiefen Dingen, da plötzlich— Sage mir einer, daß das Leben keine Abwech⸗ ſelung biete! 10* 148 Ein tiefer Ton zitterte durch die Luft, ein hellerer ſchmiegte ſich ihm an. Man läutete im Dorf die Kirchenglocken. Sie mahnten Benedict an ſeine Pflichten. „Ich muß Sie jetzt verlaſſen“, entſchuldigte er ſich,„und ſo ſchnell als möglich ins Pfarrhaus, wo ich erwartet werde. Pater Gregor wird leicht un⸗ geduldig.“ Flor, der ſich ungern echauffirte, drängte ſich nicht zur Begleitung.„Nur eine Bitte noch“, ſagte er.„Vertrauen um Vertrauen: Erzählen Sie Niemand von der Dame, die wir geſehen haben! Niemand, auch nicht Ihrem Freund Pater Gregor! Ich theile Ihnen den Grund mit, wenn—“ „Hier meine Hand darauf“, reichte ihm Benedict die Rechte hin.„Kein Wort weiter darüber!“ „Ich danke Ihnen, und was Hochwürden ſelbſt betrifft, ſprechen wir hoffentlich noch mehr! Den Pro⸗ feſſor in Ehren, aber in gewiſſer Beziehung werde ich Sie doch noch in die Schule nehmen müſſen. Auf Wiederſehen!“ Benedict war ihm bald aus den Augen. „Ein Glück“, dachte Flor,„ein Glück, wenn ſie nur dieſer Wolkengucker geſehen hat! Ob ich ſie warne oder ob ich mir den Zug anſchaue?— Zwiſchen zwei 149 Uebeln wählt man immer das kleinere. Ich werde dem Pavillon⸗Papillon Viſite machen.“ Und er kehrte in den Kaſtaniengang zurück. Benedict trat athemlos in die Sakriſtei der Pfarrkirche.„Wo ſteckſt Du denn ſo lange?“ wurde er unwirſch von Pater Gregor empfangen, der eben das ſpitzenbeſetzte Chorhemd über den Talar zog. „Wir haben uns ſchon geängſtigt, Herr Profeſſor“, ſagte der Pfarrer, während er, ſelbſt ſchon in bollem Ornat, Gregor behülflich war. Dann wandte er ſich zu Benedict.„Gelobt ſei Jeſus Chriſtus! Freut mich, Sie in unſerm Gotteshaus willkommen zu heißen!“ Er ſchüttelte ihm die Hand. „Ja, was ich ſagen wollte“, nahm Gregor das Geſpräch, das Benedict'’s Ankunft unterbrochen, wieder auf,„der Herr Graf kann ſich gratuliren. Wenn er ihn richtig entholzen läßt, iſt der Forſt einige Panſende mehr werth!“ „Sind Sie ſchon einig geworden?“ „Wir könnten es ſein, wenn Pater Benedict geſtern auf dem Platz geweſen wäre. Aber der Herr Profeſſor ſind in der letzten Zeit kränklich.“ Seine 150 Stimme klang eigenthümlich ſpitz und der Zlick auf den Genannten drückte alles Andere als Mitgefühl aus. „Das thut mir leid“, wandte ſich der Pfarrer an Benedict.„Wird Sie die Proceſſion nicht angreifen? Sie ſehen recht blaß aus!“ Benedict beruhigte ihn. „Das wird heute eine Proceſſion, wie wir ſie, ſeit Seine Eminenz der Herr Erzbiſchof hier waren, nicht geſehen haben“, ſagte der Pfarrer wichtig, wäh⸗ rend er die perlende Stirn trocknete.„Sogar eine Küraſſierſchwadron haben wir. Sie werden vor der Kirche Spalier machen, wie in der Reſidenz! Und nachmittags findet im Schloß große Tafel ſtatt. Wie gefällt Ihnen unſere Gräfin? Was! Das iſt eine Frau! Ein Engel, ſag ich Ihnen!“ „Hm, ja“, brummte Gregor,„aber an eins kann ich mich noch immer nicht gewöhnen, an ihren Tauf⸗ namen! Coſima— das klingt ſo lutheriſch.“ „Ach— ja, ja— ſchauen S', daran hab' ich noch nie gedacht!— G'ſpaßig iſt er, aber— was gibt's, Mendel?“ Die Frage war an den Meßner gerichtet, der mit hochrothem Geſicht in die Sakriſtei geſtürzt kam. „Denken Sie, Hochwürden, das Unglück! Schreck⸗ lich! Es iſt, um den Verſtand zn verlieren!“ 4541 Pfarrer Püchelhuber hob den dicken Zeigefinger tadelnd empor:„Aequa mente, Mendel! Reſpectiren Sie den Ort und die Perſonen!— Was gibt's?“ „Denken Hochwürden, die Bäckers⸗Nanni und die Poſthaltexs⸗Pepi und die Batzenbauers⸗Lori wollen nicht den heiligen Sebaſtian tragen, wenn die Häus⸗ lers⸗Walpi die vierte iſt!“ „O genus mulierum! o Weibsleut'!“ ſeufzte der Pfarrer mit einem Aufblick zur Decke.„Da bleibt uns nichts übrig, als anſtatt der Walpi die Leni des Herrn Kammerraths zu nehmen; ſie hat zwar einen Buckel, aber der heilige Sebaſtian wird's wohl nicht übelnehmen. Aber ſagen Sie den Mädeln, daß ich ihr Betragen ſehr unchriſtlich finde und mich bei der Frau Gräfin beſchweren werde!“ Der Meßner kraute ſich hinter den Ohren. „Schade! ſchade! Die Häuslers⸗Walpi iſt weit⸗ aus die Schönſte.“ „So laſſen Sie ſie vor dem Sanctiſſimum Gras und Blümerln ſtreuen!— Aber eilen Sie, daß Sie bald wieder zurück ſind, es iſt die höchſte Zeit.“ Es war ein ſeltſamer Zug, der ſich von der Kirche durch das Dorf bewegte, weiter durch die Saat⸗ 152 felder und über grüne Hügel, oft von Bäumen und Strauchwerk halb verſteckt. Voran das Kreuz mit dem Heiland, aber mit Laub und Aehren, Knospen und Blüten dicht umwunden! In die Gruppe der dunkelgekleideten Männer bringen Altardiener in Scharlachroth und Weiß Abwechslung; ſie tragen wallende Fahnen. Mädchen, vom zarteſten Alter bis zur aufgeblühten Jungfrau, alle weiß gekleidet, Nosmarin und Myrte im Haar, Blumenkörbe in den Händen; Knaben mit brennenden Wachskerzen oder bläulichqualmenden Weih⸗ rauchfäſſern, und zwiſchen dieſen verſchiedenen Gruppen, hoch über den Häuptern ſchwankend, die buntgemalten und reichvergoldeten Madonnen⸗ und Heiligen⸗Statuen. Die Hauptperſonen aber ſind die drei Prieſter, mit langen, weiten, goldverbrämten Chormänteln, unter dem rothſammtnen Baldachin, dem„Himmel“. Gregor in der Mitte trägt die ſchwere Monſtranz, er hält den Kopf im Nacken, der Papſt könnte nicht ſtolzer ſchreiten. Unmittelbar hinter den Prieſtern— natürlich noch im Schatten des Baldachins— ging der Graf, in Kammerherrnuniform, ein Ordenskreuz an waſſer⸗ blauem Band um den Hals und einen Stern auf der Bruſt; der ſtahlgepanzerte Küraſſierrittmeiſter, das Haupt ebenſo wie Guido entblößt, begleitete ihn. 153 Dahinter drängte ſich der Schwarm andächtigen Volkes. Unaufhörlich läuteten die Glocken, und Knaben⸗ ſtimmen ſangen den Preis des heiligen Wunders, des göttlichen Geimniſſes, aber dazwiſchen hörte man doch auch das Schmettern der Lerchen, die hoch im Blauen hingen. Aus den Weihrauchfäſſern zogen die duftenden Ringel um die fünf unter dem Baldachin, aber wenn ein Lufthauch ging, ſogen ſie den Waldgeruch. Benedict's Augen glänzten wieder, und auf ſeinen Wangen lag ein feines Roth. Seine Gedanken, die nicht mehr zu zügelnden, ſchweiften weitab in die Ferne und zum Vergangenen. Während er im prieſterlichen Ornat und von dem Hallelujah der katholiſchen Kirche umrauſcht zwiſchen den Kornfeldern eines deutſchen Dorfes dahinſchritt, weilte ſein Geiſt am Ufer des Alpheios im grünen Thal von Olympia und im felſi⸗ gen zu Delphi, „wo der Myrte lieblicher Duft wallt auf Zu dem Tempelgeſims.“ Er ſah die Männer und die wohlgegürteten Frauen, alle ſchön wie Weſen, welche„frei ſind von Alter und Tod“, ſah die Jünglinge zum Ringplatz wallen und hörte tauſendſtimmig des Archilochos Lied:„Denella, 154 Tenella! Heil Dir im Siegesprangen, Herakles! Heil Dir und Jolaos!“ Bild reihte ſich ihm an Bild, und wann die Gegenwart eindringlicher ihn mahnen wollte, genügte er ſeiner Pflicht halb im Traum, und ſeine Phantaſie wußte Helleniſches mit Chriſtlichem ſeltſam zu ver⸗ mengen. Als er die Stufen zum Altar, der im freien Feld ſich erhob, wo Erlen ein Halbrund bildeten, hinan⸗ ſteigen mußte, um abermals das Evangelium zu ver⸗ künden, fiel der Vers ihm ein: „Ihr Delphier, Diener Apollon's, auf! Wallt zu den ſilbernen Wirbeln Kaſtalia's! Und wann Ihr im Thau der kryſtallenen Flut Euch badetet, tretet zum Tempel hinein!“ Und als Gregor, die Monſtranz zum Segen der Felder und des Volkes erhebend, das geheimnißvolle Wort genitori genitoque ſang, dachte Benedictus der eleuſiniſchen Myſterien, an den Myrtenkranz, das Rad und den Hesperidenapfel. Doch zuletzt forderte die Gegenwart grauſam ihr Recht. Auf dem Schloßhügel machte die Proceſſion zum letzten Evangelium Halt. Vor dem Schloßportal war ein Altar faſt nur aus Roſen aufgebaut. 155 Neben dieſem Altar aber kniete Coſima, in ihrer Andacht lieblich wie die Braut des Hohen Liedes. Und Benedictus zitterte, als er die Stufen zu dieſem Altar emporſchritt, und ſeine Sinne waren jetzt ganz in der Gegenwart. Nur ein Nachhall ſeiner Träume durchbebte ihn noch, ach, ein trauriger, die Strophe der Sappho: „Kalter Schweiß rinnt nieder von mir, ein Zittern Faßt mich ganz, und blaſſer als Gras, das falbe, Bin ich; ja, ein Weniges, Kleines nur noch Fehlt mir zum Sterben!“ „Sursum corda!“ ſang Gregor. Zwölftes Kapitel. Die Freundin. Bald nachdem Coſima ſich zurückgezogen hatte, um für das Diner Toilette zu machen, fuhren ihre Gutsnachbarn vor, Herr und Frau von Bruck. Doch Coſima's Söhnchen Theodor war nicht mit ihnen. Herr von Bruck begab ſich zum Grafen, ſeine Gemahlin Emmy aber eilte ſofort zu ihrer Freundin, die im einfach ausgeſtatteten Ankleidezimmer vor dem Spiegel ſaß. 3 Die Freundinnen hatten ſich herzlich umarmt und geküßt, doch zwang ſie die Anweſenheit der Kammer⸗ jungfer, ſich vorläufig nur auszuplaudern. Emmy erzählte, warum ſie nicht früher gekommen ſeien— ihr Gemahl habe immer ſo ſehr viel Ge⸗ ſchäfte— ſodann, daß Theodor mit ihren eigenen * 3 — 157 Knaben herrlich ſich unterhalte, vormittags am Unter⸗ richt des Hofmeiſters Theil nehme, nachmittags Aus⸗ flüge mache. Inzwiſchen ſetzte ſich Coſima wieder vor den Toilettentiſch. Sie hatte ein Kleid von blaſſer Seide an, das züchtig bis an den Hals ging, während ihre Freundin eine ausgeſchnittene Robe trug. „Du trägſt ein hohes Kleid; ich denke, Ihr habt große Tafel?“— „Das wohl, aber bedenke, unſere geiſtlichen Gäſte—“ „Eures Pfarrers wegen willſt Du wie eine Nonne gehen? Dem ſind wir doch nicht gefährlich?“ „Schrieb ich's Dir denn nicht, daß wir zwei Patres Benedictiner im Schloß haben? Du weißt, die wegen der Waldangelegenheit.“ „Keine Silbe haſt Du geſchrieben, daß ſie ſchon da ſind! Dein Brief war überhaupt ſo kurz und ab⸗ geriſſen, als ob der Graf dabei hinter Dir geſtanden und in ſeiner liebenswürdigen Weiſe dreingeredet hätte.“ Sie ahmte die Redeweiſe Guido's mit Erfolg nach. „ Coſima, wie wär's, wenn ich einen neuen Flügel anbauen ließe— oder wollen wir eine halbe Stunde ſpazieren fahren— Du weißt doch, daß unſer Orloff lahmt— ich werde dem Eſel Reimann nächſtens ein Donnerwetter machen müſſen.“— Spricht er nicht 1 3 5 158 ſo? Aber nun erzähle, wie ſind die Patres 2 Sind ſie jung?“ „Wie ſoll ich das wiſſen! Ja, Pater Benedictus, glaube ich, iſt noch ein junger Mann.“ „Iſt er auch hübſch?“ „Hübſch? Das weiß ich wieder nicht.— Fanny, findeſt Du den Profeſſor hübſch?“ wandte ſich Coſima lachend an ihre Kammerjungfer. „Gewiß, Frau Gräfin. O, und Hände hat er wie ein Frauenzimmer!“ „Und wie iſt denn der andere Pater?“ „Ach, der—“ ſagte Coſima und verzog den Mund. „Wie ein Küraſſierwachtmeiſter“, fiel die ſchnip⸗ piſche Zofe ein. Aber der Vergleich zog ihr einen ernſten Verweis ihrer Herrin zu. Hierauf ſtotterte die Jungfer allerdings eine Ent⸗ ſchuldigung, daß ihr das Wort wider Willen entſchlüpft ſei, ſetzte jedoch hinzu, daß ſie mit dem Vergleich durch⸗ aus nichts zu Seiner Hochwürden Nachtheil habe ſagen wollen, im Gegentheil— „Still, Mädchen“, miſchte ſich die reſolute Emmy ein,„laſſen Sie alle guten oder üblen Vergleiche und ziehen Sie der Gräfin das Roſa⸗Kleid mit den Blon⸗ den an— Du weißt, Coſima, das mir neulich ſo ſehr gefallen hat!“ 159 „Aber, Emmy—“ „Du mußt mir den Gefallen thun! Ich kann doch nicht allein ſo gehen! Ja, wenn ich eine Taille von Dir brauchen könnte!“ Frau von Bruck war bedeutend größer und voller als Coſima. Halb willig, halb widerſtrebend ließ ſich letztere das Kleid, das ſie trug, abſtreifen und ein anderes, prächtigeres anziehen. „Du ſiehſt wie eine Braut aus! Selbſt ein Pater muß Dich heute zum Küſſen ſchön finden!“ ſcherzte die Freundin. „Befehlen die Frau Gräfin die Perlengarnitur?“ „Meinſt Du, Fanny?“ Als die Zofe den Schmuck aus einem andern Zimmer zu holen ſich entfernt hatte, fiel die ſchöne Frau der Freundin plötzlich um den Hals und drückte ſchluchzend das Geſicht an deren Schulter. „Was iſt Dir denn?“ „Ach, Emmy, Emmy, glaube nur nicht, daß ich an Putz und Staat Freude habe! Ich möchte am liebſten wie ein Aſchenbrödel gehen, wenn ich nur von hier fort, weit fort könnte!“ „Was ſind das für Thorheiten! Ueberhaupt biſt Du mir Erklärungen ſchuldig. Warum ſollte ich 160 Theodor nicht mitbringen? Haſt Du mit dem Grafen aufs neue Streit gehabt?“ „Wir haben ausgeſtritten.“ „Das ſagt ſich leicht. Aber es findet ſich immer wieder ein Fädchen, um daran anzuknüpfen. Nimm Damals, als Du mir Theodor brachteſt, warſt Du in einer Stimmung, daß ich mit Fragen weiter nicht quälen wollte. Am Montag haſt Du mich leider ver⸗ fehlt, aber heute ſollſt Du meiner dumpfen Sorge um Dich ein Ende machen. Komm'! Fanny ſchicken wir fort, und Du erleichterſt Dein Herz.“ Damit zog Frau von Bruck die Freundin neben ſich auf den Divan, hielt ihre Hände in den ihren und blickte ihr mit den klugen hellgrauen Augen zärt⸗ lich forſchend und doch auch ein wenig ſchelmiſch ins Geſicht.. Während Coſima die jüngſten Vorfälle ruhiger, als ſich nach der leidenſchaftlichen Einleitung erwarten ließ, berichtete, hörte die andere zu, ohne eine Miene zu verziehen.„Das iſt freilich nicht ſchön von Deinem 1 Dich zuſammen, Schatz! In dieſem Negligé darf uns 3 die Kammerjungfer niemals ſehen!“ „Was liegt daran? Das Ende wird immer be⸗ kannt, und er und ich ſind zu Ende.“ „Wenn ich nur erſt den Anfang genauer wüßte! 16¹ Mann’“, ſagte ſie dann gelaſſen,„doch, Gott ſei Dank, nicht ſchlimm genug, um einen Eclat zu rechtfertigen, eine Scheidung möglich zu machen.“ „Soll ich warten, bis es ihm beliebt, mich noch tiefer zu kränken?“ „Warten? Was fällt Dir ein! Ihn auf andere Wege bringen ſollſt Du! Sei doch politiſch! Einmal muß er doch in Dich verliebt geweſen ſein! Bring' ihn wieder dahin! Es iſt ſo einfach: mach'’ ihn eifer⸗ ſüchtig!“ „Emmy, wie unwürdig—“ „Bah, Ihr beide ſeid für eine friedliche Ehe zu ungleichen Charakters; im Krieg aber darf man es mit den Mitteln nicht ſo genau nehmen.“ „Für eine Komödie iſt mir die Ehe zu heilig.“ „Mit der Heiligkeit der Ehe, Coſima, iſt's ſo ſo. Ueber die Hauptſache wollen wir uns keine Illuſionen machen.“ „Ich verſtehe Dich nicht“, ſagte Coſima. Dennoch wurde ſie bis an die Haarwurzeln roth, fühlte es und wandte das Geſicht weg. „Nicht? Meinethalben“, fuhr die Freundin fort, „ſei jede Ehe alſo im Himmel geſchloſſen! Dann aber mußt Du ſie für unlöslich halten!“ Heigel, Benedictus. I. 4 41 „Was die Kirche verbunden, kann die Kirche auch ſcheiden.“ „Sie thut Beides nur, weil ſie muß.“ „Das ſind ketzeriſche Anſichten.“ „Glaubſt Du Alles, was Dir der Prieſter ſagt?“ Coſima kehrte der Freundin das volle Geſicht zu, als ſie darauf antwortete:„Ja.“ Frau von Bruck zuckte die Schulter.„Wenn Du denn in jeder Hinſicht ein Engel biſt, übe auch Engels⸗ geduld! Weil Dein Mann ein Sünder, darfſt Du ihn erſt recht nicht verlaſſen!“ „Den ich für verloren halte? Den ich niemals beſſern werde? Wer nicht anſtändig zu denken ver⸗ mag, iſt von Grund aus verderbt.“ „Mein Gott, woher ſoll er denn die Zucht des Herzens nehmen? Vom Blut ſeiner Mutter und aus der Schule ſeines Papas wahrhaftig nicht. Eure Heirath war ein Unglück. Nun es einmal geſchah, ſei entweder Märtyrerin oder— klug. Aber wär' es ſelbſt klug, wenn Ihr Euch trenntet? Betrachten wir die Sache von der praktiſchen Seite! Glaubſt Du, daß er Dir Theodor laſſen wird? Und was willſt Du ohne Kind, ohne Heimat beginnen? Ja, wenn Du wie dieſe und jene unſerer Bekanntſchaft leicht⸗ lebig wärſt! Du haſt ein Herz, das von ſolchen 163 Wunden nie ſich erholt. Dein Glück, Deine Ruhe würdeſt Du nirgends mehr finden.“ „So mag mein Herz brechen“, verſetzte Coſima, indem ſie aufſtand.„Hier bleibe ich nicht.“ „So ſagſt Du jetzt und wirſt Dich ſpäter bedenken.“ Die unglückliche Frau widerſprach nicht mehr. Benedictus, flüſterte es in ihrem Herzen, o Du mein einziger Freund! Muſik im Schloß, Muſik im Dorf! Heute herrſchte Fröhlichkeit und Gaſtfreiheit überall. In den Straßen ein dichtes Gedränge, ein kunter⸗ bunter Schwarm, Gejohle und Säbelraſſeln. Zuweilen knallt ein Schuß, den ein Burſche im Uebermuth gen Himmel feuert. Vor dem tannengeſchmückten Wirths⸗ haus eine Wagenburg und drinnen ſinnebetäubender Lärm. Im Erdgeſchoß ſpielen die Muſikanten zum Tanze auf, und droben tafeln die Dorfhonoratioren. Es lebe— hurrah, es lebe heute die ganze Welt — ſoweit ſie gut katholiſch iſt— der Papſt in Rom und der Meßner in Frohnburg! Nicht ganz ſo tumultuariſch, nicht ganz ſo luſtig ging es an der Tafel im Schloß her. Sie ſtrotzte von Silber. Weniger Pracht wäre vielleicht mehr Ge⸗ ſchmack geweſen. Denn Silbermaſſen ſind bei Tages⸗ 11* 164 licht nur von ſtumpfer Wirkung. Auf die Mehrzahl der Gäſte hätte leichtes Porzellan freilich auch weniger Eindruck gemacht. Der Pfarrer warf Gregor, nachdem man Platz genommen hatte, einen Blick zu, der ſagen wollte: Wie findeſt Du das? Dergleichen ſieht man nicht alle Tage! Ja, ſo geht es bei uns zu. Man ſaß im großen Ahnenſaal; der Tafeldecker machte eben die Runde, um pale sherry einzugießen, als drunten auf der Terraſſe ein Concert von Blech⸗ inſtrumenten begann. Für Flor eine greuliche Ueberraſchung, aber Gre⸗ gor und der Pfarrer wechſelten wieder einen verſtänd⸗ nißinnigen ſeligen Blick. Benedict hatte ſeinen Platz zwiſchen Flor und dem Gaſtgeber. Ein Silberaufſatz, einer Suppen⸗ ſchüſſel ähnlicher als einer Ziervaſe, verdeckte ihm die ſchräg gegenüber ſitzende Gräfin bis auf Kopf und Schultern; es ſah aus, als wenn ſie aus einer Welle tauche. Der ſchöne Offizier war, wie es ſchien, mit Glück, bemüht, die Herrin des Hauſes zu unterhalten. Ihr zweiter Cavalier, Emmy's Gemahl, ebenſo häßlich als geſcheidt, war wegen ſeiner Schweigſamkeit in Geſell⸗ ſchaft berüchtigt. Im Kreiſe ſeiner Bekannten hieß er der Steinerne. —— — 165 „Unſere Gräfin ſieht heute wieder reizend aus“, ſagte Flor leiſe zu Benedict. Dieſer antwortete mit der Frage nach dem Namen des Offiziers. Er hatte ihn bei der Vorſtellung überhört. „Graf Muckenthal. Die Muckenthal gehören wohl zum älteſten Adel Ihres Landes. Sie ſelbſt behaupten, der bekannte Androklus mit dem Löwen ſei ein ge⸗ fangener Graf Muckenthal geweſen, und irgend ein deutſcher Kaiſer hat ihnen das auch verbrieft.“ „Ein ſchöner Mann!“ „Der Gräfin ſcheint er auch zu gefallen“, ziſchelte Flor mit dem Behagen am Laſter und Verläſtern. „Ich habe ſie lange nicht ſo heiter geſehen.“ Auch Frau von Bruck konnte ſich nicht beklagen; der Graf plauderte und neckte ſich mit ihr und huldigte ihr ſo eifrig, als wenn ſie die beſten Freunde wären, ſehr zur Zufriedenheit ihres andern Tiſchnachbars, des Pater Gregor, der ſich lieber an das Menu als an die Gäſte hielt. „Wie mir Graf Geldern mittheilt“, wandte ſich einmal Emmy zu ihm,„iſt Pater Benedictus der Verfaſſer des berühmten Werkes—“ „Ueber die Reformation“, ſiel Gregor ein.„Zu dienen, gnädige Frau.“ „Ich habe das Buch geleſen und bin davon 166 wahrhaft ergriffen worden. Ein mächtiger Geiſt, doch voll Milde, ſpricht aus ihm.“ „Allerdings, in mancher Hinſicht ſehr mild“, verſetzte Gregor, der dunkelroth geworden war. „Da— der Marſch aus dem Propheten!“ machte Guido den Pater aufmerkſam.„Nicht wahr, Hoch⸗ würden, die Leute blaſen gar nicht übele“ „Ausgezeichnet! Wie die Engel blaſen ſie!“ „Am jüngſten Gericht“, ziſchelte Flor, der das laute Lob gehört hatte, ſeinem Nachbar zu;„ſie könn⸗ ten Todte erwecken.“ „Herr Pater Gregor iſt ſelbſt ungemein muſika⸗ liſch“, ſagte Guido zur Bruck.„So ſchön habe ich am Altar noch niemals ſingen gehört.“ „Zitte, bitte, gräfliche Gnaden— das heilige Amt gibt die Begeiſterung.“ „Aber nicht die Stimme, Hochwürden. Sie haben einen wundervollen Bariton.“ Das Wort der Frau von Bruck über das Buch ſeines Kloſterbruders war verſchmerzt, Gregor lachte wieder mit dem ganzen Geſicht. Die Unterhaltung wurde lauter und bald eine allgemeine, als der Champagner in den Gläſern perlte— Dann geſchah es, daß ein kaffeebrauner, lang⸗ 167 naſiger Herr, der bisher nur krampfhaft dahin und dorthin gehorcht, verlegen gelächelt und an ſeiner drei⸗ fach umgeſchlungenen Halsleine gezogen hatte, ſich erhob und ans Glas ſchlug. „O Gott, jetzt bekomm' ich mein Akroſtichon“, ſagte Guido zur Bruck. „Der gute Inſpector! Hat er denn immer dieſe zarte Huldigung für Sie, wenn Sie ihn einladen?“ „Immer. Drum lad' ich ihn auch nur ſelten ein. Sonſt müßte die Wirthſchaft zu Grunde gehen. Was glauben Sie, was ihm die Reimerei für Zeit koſtet!“ Indem war es ringsum ſtill geworden. Der Herr Inſpector warf noch einen letzten Blick auf das Blatt, das in ſeiner Hand zitterte, und begann dann ſeinen Toaſt zu ſprechen, mit dem redlichen und ſchwe⸗ ren Bemühen, den akroſtichiſchen Charakter deſſelben hervorzuheben: „Gäſte ſeh' ich hoch von Range And an Geiſt und Ahnen reich In dem Schloß am grünen Hange, Dem an Schönheit keines gleich. Obſt und Früchte hat geſpendet Ceres, Bacchus gab—“ Hier wurde der Dichter von einer Stentorſtimme aus dem Garten unterbrochen.„Seine Erlaucht der 168 Herr Graf und die Frau Gräfin Geldern, ſie leben — vivat hoch!“ „Hoch!“ fiel unten ein hundertſtimmiger Chorus von Erwachſenen und Kindern ein, und die Trompeter blieſen ſo enthuſiaſtiſch als falſch Tuſch.„Hoch! hoch! und zum dritten Mal hoch!“ „Die Schützengilde und die liebe Schuljugend“, ſagte der Graf mit einem Blick auf Coſima.„Wohl oder übel, wir müſſen uns zeigen. Lieber Reimann, ich werde mir Ihre ſchönen Verſe in Abſchrift erbitten.“ Man erhob ſich, die Aufwartenden rückten die Stühle zurück; Guido reichte Emmy, der Rittmeiſter Coſima den Arm. Man begab ſich auf die Terraſſe. Es fehlte heute wahrlich nicht an Abwechslung. Nachdem Scheiben⸗ und ABC⸗Schützen, jene mit Wein und dieſe mit Kuchen bewirthet und in Gnaden ent⸗ laſſen worden waren, verabſchiedete ſich der Rittmeiſter, denn es galt ſchon einen ſcharfen Ritt, wollte er den Ort, wohin er und ſeine Leute detachirt waren, heute noch erreichen. Das gräfliche Paar begab ſich mit den übrigen Gäſten vor das Schloß, um die Schwadron abreiten zu ſehen. Die Trompeter blieſen:„Ich hatt' einen Kame⸗ raden—“, die junge Welt des Dorfes ſchrie Hurrah, und die Schönen winkten mit den Tüchern. Auch 4— „— — — 4. 169 droben vom Schloßhügel wehten zwei weiße Tücher, als der ſchöne Führer, die Spitze ſeines Degens zum letzten Gruß ſenkend, den Hügel hinab vorüberritt. Man begab ſich wieder ins Schloß zurück. Die Herren, mit Ausnahme Flor's und der Be⸗ nedictiner, ſetzten ſich an die Spieltiſche, rauchten und ſprachen fleißig den Weinen zu. Die Uebrigen ergin⸗ gen ſich plaudernd auf der Terraſſe; die Paare wan⸗ delten oder hielten, löſten oder vereinigten ſich nach Willkür. Einmal traf es ſich, daß Benedict mit der Gräfin allein ging. Sie machte ihm mit ihrer weichen, eigenthümlich verſchleierten Stimme Vorwürfe, daß er während der Tafel ſo ſtill geweſen ſei. Sie hätte ihn am liebſten neben ſich geſehen. Aber die Beſtimmung der Plätze habe ſie ein⸗ für allemal dem Grafen überlaſſen. Benedict's Augen leuchteten auf. Einer andern Antwort war er nicht mächtig. So iihaitten ſie ſchwei⸗ gend neben einander her. Nie hatte Coſima die Wohlthat ſeiner Nähe dank⸗ barer als heute empfunden. War es doch der prieſter⸗ liche Freund, der ſie im Gleichgewicht erhielt und ihr über die dunkelſten Stunden mit einem ermuthigenden Blick, mit einem tröſtenden Lächeln hinweghalf, der, 170 nachſichtig gegen die Schwache, zu keinen gewaltſamen Schritten, raſchen Entſchlüſſen trieb, ohne deshalb gleich der weltklugen Emmy Zugeſtändniſſe und Aus⸗ gleiche anzurathen. So ſchritt ſie neben ihm, ohne Ahnung des Labyrinths in ſeiner Bruſt. Sein Schwei⸗ gen fiel ihr nicht auf, ihn hatte ſie ja auf einen an⸗ dern Platz geſtellt, als einen Muckenthal oder Flor; ihn verehrte ſie beinahe wie einen Heiligen, und von einem ſolchen kann man doch nicht verlangen, daß er den letzten Hofklatſch und die neueſte Oper kenne. So gingen ſie nebeneinander, ſcheinbar ſo gleich⸗ geſtimmt uud doch einander ähnlich wie kryſtallklare Flut und unter Moos und Raſen ſchwelender Brand. Ein Seufzer Benedict's wurde zum Verräther. Denn da ſchaute ſie ihn an und erſchrak mehr, als über ſeine Bläſſe, über die Funken in ſeinem Auge und war plötzlich auf dem Wege zu ſeinen Ge⸗ danken. Und ſobald ſie dieſelben, man möchte ſagen, zu fühlen begann, blieb ſie jählings ſtehen und ſah ſich nach ihrer Freundin um. „Was haſt Du?“ flüſterte dieſe beim krampf⸗ haften Druck von Coſima's Arm. „Denke Dir—“ flog es von den Lippen der⸗ ſelben. Doch ſprach ſie nicht aus. Es war ja unmöglich! Der ſtille Gelehrte, der 1 171 Prieſter ſollte— nein, der Verdacht war Wahnſinn, eine Frucht ihres ehelichen Jammers, ein Beweis ihrer Nervenzerrüttung. Sie bat Benedict im Geiſt das Unrecht ab und belaſtete auch dafür den Gatten. „Nun? Warum biſt Du ſo verſtört?“ „Ich?— Findeſt Du?— Ich fühle mich aller⸗ dings nicht wohl. Die entſetzliche Schwüle—“ „O, hier iſt es ganz erträglich.“ „Mich dünkt die Luft noch immer glühend. Ich wollte, es käme ein Gewitter.“ „Du?“ lächelte die andere ungläubig, die bei aller Freundſchaft ſich nicht enthielt, Coſima als Kind zu behandeln. „Glaubſt Du, ich fürchtete mich? Der Himmel meint es immer gut, und wenn mich ein Blitz träfe—“ Jetzt lachte Frau von Bruck hellauf.„Coſima“, ſagte ſie,„Du biſt ohne Beiſpiel! Dich macht das Landleben zur Romantikerin, denn bei Hofe hatteſt Du gewiß nicht dieſe Einfälle.“ Flor, den jedes Lachen magnetiſch anzog, geſellte ſich zu den Damen, und Benedict ging an Gregor's Seite. „Die Gräfin zeichnet Dich ja ganz beſonders aus“, ſagte dieſer bedeutſam. Darauf hatte Benedict eine ruhige Antwort. 172 „Mich nicht mehr als Dich. Sie iſt die Güte ſelbſt.“. „Ach was! ſie ſtammt auch von Eva und nicht von Engeln ab.“ „Gewiß, und eben deshalb iſt ſie der beſte Engel.“ „Wenn Du nur Deine Wortklaubereien laſſen könnteſt!“ rief der andere und hielt ärgerlich vor dem offenen Fenſter, durch das man die Spieler ſehen konnte. Der Pfarrer ereiferte ſich ſoeben mit ſeinem letzten Reſt von Athem gegen den Inſpector, weil dieſer ihm einen Spielfehler vorgeworfen hatte. „Ich? Ich?— Wenn Sie wußten, daß ich die Zehn blank habe, warum— o Sie Geſcheidter, Sie — überſtachen Sie denn nicht?“ „Still, Pfarrerle“, ſagte Guido, die Karten miſchend,„Ihr habt alle noch zu wenig Sekt im Leibe. Trinken Sie aus, Reimann, aus, ſag' ich, oder ich braue die Bowle— Sie wiſſen—“ „Ja, austrinken!“ rief der Pfarrer.„Das iſt viel geſcheidter, als immer der Geſcheidte ſein wollen! Ludentes bibimus!“ Gregor warf einen begehrlichen Blick nach den Karten.„Sieh, der Herr Pfarrer! Saufen und ſpielen! Das kann ihm paſſen!— Ob ſie wohl hoch 173 ſpielen?“ Der Spielteufel verſuchte auch ihn, aber Gregor hing ihm das Mäntelchen chriſtlicher Nächſten⸗ liebe um.„Der Pfarrer hat einen Hieb. Ich bin überzeugt, der gute Inſpector kommt durch ihn zu Verluſt. Wie denkſt Du darüber, wenn ich ein wenig zuſchaute? Wir haben ja ſo zu ſagen unſere Studen⸗ tenferien.“ Nach kurzem Schwanken entſchloß er ſich.„Ich werde hineingehen. Vielleicht will einer der Herren pauſiren.“ „Thu' das!“ ſagte Benedict. Letzterer ſchloß ſich wieder den Damen an, die mit Flor auf Gartenſtühlen Platz genommen hatten und in die Landſchaft, in den Himmel ſahen. Die Sonne ſank, doch wie von der Scheidenden der Welt zum Troſt zurückgelaſſen, glänzte ſchon der Abend⸗ ſtern. Der Feſtlärm im Dorf, das Kinderjauchzen und die Muſik drangen nur gedämpft hierher. Es war einer jener köſtlichen Abende, die, jeden Schmerz einwiegend, nur die Wehmuth geſtatten über ihre Flüchtigkeit. Friede! Benedictus fand allgemach den Grundzug ſeiner Natur, Maß und ruhige Heiterkeit; er fing jetzt ſelbſt 174 das Geſpräch an und ſah, weder um Stoff noch Form verlegen, bald nicht nur die Frauen, ſondern ſelbſt Flor an ſeinem Munde hängen, wie denn wahre Bil⸗ dung zuletzt in allen Kreiſen Gehör und dankbare Theilnahme findet. Als die Diener Windlichter brachten— in den Zimmern brannten längſt die Lampen— lockte der Mondſchein auf den Gartenwegen die Damen zum Spaziergang hinab. Emmy legte, während ſie die Stufen niederſtiegen, den Arm um ihre Freundin. „Pater Benedictus“, ſagte ſie leiſe,„iſt ein inte⸗ reſſanter Mann. Ich könnte ihm ſtundenlang zu⸗ hören.“ „Nicht wahr?“ fiel Coſima ein, und der Schatten von vorhin war nun ſchon ganz ihr weggetilgt.„Mir ergeht's wie Dir.“ „Das merkte ich. Auch hübſch finde ich ihn jetzt. Aber— Gott verzeih mir, wenn ich ihm Unrecht thue — ich fürchte, er iſt in Dich verliebt!“ „Emmy!“ 1 Nach einer Weile traf es ſich, daß die Gräfin und Benedict wieder allein gingen. „Hochwürden“, begann ſie zögernd,„finden Sie es natürlich und werden Sie es billigen, wenn ich — 4 475 noch einen Verſuch mache, mich mit dem Grafen aus⸗ zuſöhnen?“ Er war zu gerecht, um den Muth zu haben, nein zu ſagen. „Iſt es Ihre Abſicht?“ fragte er tonlos. „Ja“, antwortete ſie ſchüchtern und ſeinen Blick vermeidend. Ihm Schmerz zu bereiten, ward ihr ſchwer, aber es mußte ſein.„Nicht als ob nicht Alles wahr wäre, was ich Ihnen von unſern Beziehungen erzählte — es geſchieht um meines Kindes willen, wenn ich— wenn ich ihm verzeihe.“ „Thun Sie es!“ hauchte er. Dreizehntes Kapitel. — Der Steinerne. Frau von Bruck winkte ihrem Gemahl zum Auf⸗ bruch; er ſaß in einer Ecke des Spielzimmers und las Zeitungen. Alsbald erhoben ſich auch die übrigen Herren, ſehr zum Verdruß Gregor's, der kurz vorher Guido's Karten übernommen hatte. Um ſo luſtiger war Püchelhuber. Er kümmerte ſich jetzt den Deut um die finſtere Miene des Benedictiners und verſicherte dem grinſenden Akroſtichendichter und Inſpector, daß er ſeit ſeiner flotten Burſchenzeit keinen ſolchen Durſt gehabt. Guido war dunkelroth im Geſicht und funkeln— den Blickes, hielt ſich aber ſtraff und ſtramm wie immer. Nachdem er die Spieler kategoriſch zur Fort⸗ ſetzung der Partie gemahnt hatte, griff er Herrn von —— 47⁶ Bruck unter den Arm und ging mit ihm hinter den Damen her, die hellbeleuchtete Treppe hinan nach den obern Gemächern.„Kommen Sie, lieber Bruck“, ſagte er auf der letzten Stufe,„ich müßte unſere Damen nicht kennen, wenn wir nicht zu einer Cigarre noch Zeit hätten. Flor iſt fatiguirt, und die andern ſind voll. Ich habe den ganzen Tag über nichts von Ihnen gehabt.“ Im Rauchzimmer rückte Severin den beiden Herren die Schaukelſtühle zurecht, ſtellte das brennende Wachs⸗ licht und den Cigarrenkaſten auf das japaniſche Tiſch⸗ chen und fragte nach weitern Befehlen. Herr von Bruck bat um ein Glas Waſſer, und Guido, der wieder einmal Feuer in ſeinen Adern fühlte, lechzte nach einem Römer eiskaltem Sherry⸗ Cobler.— Da der Steinerne auch unter vier Augen nicht geſprächiger wurde, kam der Graf ohne Um⸗ ſchweife mit dem, was ihn bedrückte, heraus. „Sie müſſen ſich doch eigene Gedanken machen, lieber Bruck, daß wir Ihnen ſo mir nichts dir nichts unſern Jungen auf den Hals laden.“ „Warum?“ „Hm, der Einfall der Gräfin— ich muß leider ihr allein die Verantwortung überlaſſen— iſt im Heigel, Benedictus. I.. 12 — 178 Grunde recht wunderlich— ihre Einfälle ſind es oft. Hat Ihnen Ihre Frau Gemahlin nichts Näheres mit⸗ getheilt?“ „Nur ſo viel, daß die Gräfin, bis ein Erzieher gefunden“— Guido bekam einen leichten Huſtenanfall —„bis ein Erzieher gefunden, den Knaben unter guter Aufſicht wünſcht, was ich ſehr wohl begreife. Uebrigens kann ich Sie beruhigen, der Hofmeiſter meiner Jungen iſt ein ausgezeichneter Pädagog.“ „Wie Alles bei Ihnen exemplariſch iſt.“ Es wurde eine Weile wieder ſtill zwiſchen ihnen. Dann Guido: „Was war's doch für ein Buch, das Sie im Lauf des Nachmittags gegen meinen Inſpector er⸗ wähnten?“ „Eine kleine, aber recht lehrreiche Broſchüre: Ueber das Rentenprincip.“ Guido blies eine dicke Wolke in die Luft und gab ſeinem Seſſel einen Schwung. Was machte er ſich aus dem Princip! „Wenn ich nicht wüßte“, ſprach er,„daß Sie ein reicher Mann ſind, wär' ich oft verſucht, Sie für einen Ideologen zu halten. Und bei aller Hochachtung vor Ihrer conſervativen Geſinnung— Ihre Studien 179 und Anſchauungen haben zuweilen einen verdammt demokratiſchen Beigeſchmack.“ „Meine Studien? Haben denn Sie niemals darüber nachgedacht, wie ſich unſer Reichthum zum Wohlſtand der Maſſen verhält?“ „Nein, mein Beſter. Geld gibt Herrſchaft über Menſchen und Dinge. Das kann ich mir jeden Augen⸗ blick thatſächlich beweiſen.“ „Das liegt freilich auf der Hand. Aber Nach denken ſchützt Sie vor Mißbrauch Ihres Reichthums.“ „Wie liberal!“ „Ich bin kein Liberaler“, war Bruck's trockene Entgegnung,„aber ebenſo wenig ein Genußmenſch. Ich fühle mich für meine Ausnahmeſtellung zu einem Opfer verpflichtet, das heißt, ich laſſe mir den Beſitz eine Sorge ſein. Ich bin conſervativ, mache mir aber keine Wahnvorſtellung, daß wir kleine Herren die ſociale Strömung aufhalten werden.“ „Peſt auch“, ziſchte Guido empor,„weil wir uns aus lauter Großmuth die Peitſche aus den Händen nehmen ließen!“— Der Steinerne zwinkerte mit den Augen. „Laſſen wir das, Herr Graf!— Ich habe eine Bitte an Sie.“ 12*½ ——- —ͤ— 4 180 „Sie? Die Ehre widerfährt mir ſelten.“ „Da iſt ein junger Mann in Ihren Dienſten, der Sohn Ihres Schullehrers, der Muſiker—“ „Hm!“ „Ich habe ſchon durch Hellmuth dies und das gehört, was mich für ihn einnimmt. Geſtern traf ich zufällig mit ihm zuſammen, und er klagte mir ſein Leid. Abends ſprach ich mit Emmy darüber. Wir möchten etwas für ihn thun. Wollen Sie die Sorge für ſeine Zukunft mir überlaſſen?“ „Ich bin nicht ſein Vormund.“ „Das wohl, aber Ihr Wort wiegt bei ſeinem Vater ungleich ſchwerer, als das meine.“ „Meinethalben; ich wundere mich nur, daß ein Mann, der wie Sie ſo viel ſtaatswichtige Dinge im Kopf hat, ſich mit dergleichen Lappalien abgibt. Der Junge will ja doch nur Muſiker werden. Kunſt iſt Luxus.“ „Luxus iſt ökonomiſche Verſchwendung und führt zur Blaſirtheit. Kunſt rettet uns davor. Laſſen Sie mir den Künſtler!“— „Mit Vergnügen, edler Mäcenas!— Ihre Cigarre brennt nicht; bitte, nehmen Sie eine andere!“ 8 181 „Ich danke. Da kommen auch ſchon die Damen.“ „Auf gute Heimfahrt denn! Mir ſchwant ein Gewitter.“ „Gewitter reinigen die Luft.“ Ende des erſten Buches. 7 Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. —— Berlag von Ernſt Julius Günther in Feipzig. Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 8 Mark Modelle. Humoriſtiſcher Roman A. von Winterfeld. 4 Bände. 80⁰. Elegant geheftet. Preis 8 Mark. 1 rr Eleph ant. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 9 Mark. — Verlag von Ernſt Julius Günther in Neipzig. .* Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Kalifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autorifirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 6 Mark 50 Pf. 4 Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. 1 Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 9 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Mark. Die Ogilvies ader: Herzenskämpfe. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifaxe. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. — Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 6 Mark. ————— Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Johannes Scherr: Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Elegant. broſchirt 9 Mark. u*„ Die Hekrruzigte oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Novelleubuch von JohannesScherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg.