8—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ofktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Fm⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uöpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— 7 auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf. 1 NMr. 50 Ff. 2. If 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zuyn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— A 4 Die Novellen des Verfaſſers der Alltagsgeſchichte. Däniſch herausgegeben von J. L. Heiberg. Deutſch von Dr. Edmund Zoller. Zwölftes bis ſiebenzehntes Bändchen. — —]— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Die Familie Polonius. Rovellen. II. 1 Erſter Theil. Nräliminarien. Erſter Brief. Von einem Lieutnant an die Redaktion der fliegenden Poſt.* An den Leſer. Indem ich nachſtehenden, von einer mir durchaus un⸗ bekannten Hand, eingeſandten Brief dieſen Blättern ein⸗ verleibe, bitte ich den anonymen Verfaſſer, zu entſchuldigen, wenn ich die Einleitung auslaſſe, da ſie theils die eigent⸗ liche Materie nicht berührt, theils auch ſchmeichelhafte Aeußerungen enthält, die, wie angenehm ſie mir perſönlich ſein müſſen, doch einen Platz in meinem Blatte, wie mir ſcheint, nicht finden dürfen. Daß ich ſie indeſſen in einem dankbaren Herzen bewahre, davon kann ich den Verfaſſer nicht beſſer überzeugen, als wenn ich unverzüglich ſeinem Wunſche nachkomme und durch die fliegende Poſt ſein vor der Betreffenden Auge bringe. Daß ich mir im Uebri⸗ gen nicht die geringſte Aenderung in Hinſicht der Form oder des Stoffes erlaubte, davon wird er ſich ſelbſt am beſten überzeugen. Seinen, nach meiner feſten Ueberzeu⸗ gung, wahren und treuherzigen Worten alles mögliche Gluck und Heil wünſchend, laſſe ich ihn ſelbſt für ſeine Sache 9 und zwar von dem Punkte an, wo ſeine wunderbare Geſchichte beginnt. ſchich 3 Der Redakteur. *) Eine von J. L. Heiberg herausgegebene belletriſtiſche Zeitſchrift⸗ 4 Sie werden, hochgeehrter Herr, wenn Sie dieſe Blätter durchleſen, ſelbſt einſehen, wie wichtig es für mich geweſen, Rechenſchaft über die berührte Sache abzulegen und wie ſehr mir jeder andere Weg verſperrt war, daß ich dieſen wählte, wobei ich es nicht vermeiden kann, das Pu⸗ blikum in die Geheimniſſe meines Herzens einzuweihen, was, obgleich ich meinen Schleier als Anonymus für un⸗ durchdringlich halte, mir doch ſehr unangenehm iſt. Ein Glück für Ihre Leſer und ein großes Unglück für mich ſcheint mir indeß der Umſtand zu ſein, daß kein Menſch ohne Lachen die Geſchichte leſen kann, die mich unglüͤcklich macht. Ja, ich geſtehe, daß ich ſelbſt lächeln muß, in⸗ dem ich mit der Frage beginne, ob Sie den Adreſſeavis Nr. 1 geleſen und darin eine Anzeige bemerkt, die mit ausgezeichneten, häß lichen, nichts Gutes weiſſagenden Buch⸗ ſtaben gedruckt war, und folgendermaßen lautete: Die Antwort für den Lieuinant, der unter dem 16. Dezember v. J. einem Mädchen einen Brief geſandt, liegt verſiegelt auf dem Fußpoſtcomptoir, wo ſie ohne Bezahlung abge⸗ holt werden kann. — Daß dieſe Linien eine Warnung enthielten, wird Jedermann einſehen, ſoviel bleibt jedoch gewiß, daß, wie verſchieden auch die Vermuthungen der Leſer in dieſer Richtung ausfallen mögen, doch kein Uneingeweihter den wahren Zuſammenhang ahnen wird, den ich hier ſo kurz als es mir moͤglich, nicht blos Ihnen, ſondern auch wider meinen Willen, Ihren Leſern erzählen zu dür⸗ fen bitte.. Ich bin der einzige Sohn eines Gutsbeſitzers, in einer von der Hauptſtadt entfernt liegenden Provinz, ge⸗ 5 boren auf ſeinem einſamen Herrenſitz und erzogen von einem rechtſchaffenen und tüchtigen Hofmeiſter. Mein Zutrauen zu dieſem, mir ewig unvergeßlichen Manne, deſſen Geſellſchaft mir intereſſanter war als jede andere, die einſame Lage des Ortes, und andere zufällige Um⸗ ſtände waren die Urſache, daß ich aufwuchs, ohne mit meinen Altersgenoſſen Umgang gehabt zu haben, und nicht mehr von der Welt kannte, als das Gut meines Vaters und die wenigen Familien, die uns ab und zu beſuchten, unter denen ſich jedoch kein einziges intereſſan⸗ tes Weſen befand. Die Luſt, in die Welt hinaus zu wandern, erwachte inzwiſchen bei mir, namentlich als ein BVekter aus der Hauptſtadt, ein junger, witziger, gebil⸗ deter Weltmann, zu deſſen Vollkommenheiten ich meine Augen mit Bewunderung erhob, ſich einige Zeit bei mir aufgehalten. Mein Vater fügte ſich meinen Wünſchen und geſtattete mir, in Geſellſchaft des jungen Mannes, eine Reiſe in Deutſchland zu machen; jedoch erſt, als ich nach Verfluß von einem Jahre zurück gekommen und mündig geworden, entſprach er dem Wunſche, den ich lange gehegt, in den Militärdienſt treten zu dürfen, und ich war ſo glücklich, Lieutnant bei einem Regimente in der be⸗ nachbarten Stadt zu werden. Im Verlauf der Zeit, die ich in dieſer neuen Stellung unter meinen Kameraden verlebte, wurde ich indeß oft von dem Gefühle ergriffen, daß meine Natur mehr für ein reflectirendes, als in den Gang der Ereigniſſe raſch eingreifendes, handelndes Leben geſchaffen ſei. Ich konnte mich nie ganz von der Neigung zu Ideen losreißen, die nicht in das tägliche Leben paſſen wollten. Aus alle dem wurde ich ploͤtzlich auf die ſchrecklichſte Weiſe geriſſen, nämlich durch den plötzlichen Tod meiner Mutter. Ich erhielt, auf Anſuchen meines Vaters, die Erlaubniß, den ganzen Winter bei ihm zu⸗ zubringen, aber nur ſehr kurz konnte ich die Sohnespflicht erfüllen, ihn in unſerer gemeinſchaftlichen Trauer zu trö⸗ ſten. Er folgte ſeiner treuen Frau nach Verlauf von 6 wenigen Wochen in das Grab.— Ich fühlte mich ſehr unglüͤcklich. Das einſame Schloß erſchien mir unerträg⸗ lich, mein Urlaub war noch lange nicht zu Ende, auch fühlte ich mich nicht in der Stimmung, mich in den munteren Kreis meiner Kriegskameraden zurück zu wünſchen. Aeu⸗ ßerſt willkommen war mir deßhalb der alte Inſpector des Gutes, als er eines Morgens zu mir kam und mir vor⸗ ſtellte, wie nützlich es wäre, wenn ich eine Reiſe nach der Hauptſtadt machte, um dort die alten Verbindungen mei⸗ nes Vaters zu erneuern, verſchiedene pekuniäre Angelegen⸗ heiten zu ordnen, und namentlich auszuwirken, daß ein Mann, der ein bedeutendes Capital auf dem Gute ſtehen hatte, es noch eine beſtimmte Anzahl von Jahren darguf belaſſe, da das Gegentheil von ſchlimmen Folgen für die Verbeſſerungen ſein müßte, die er mir als nothwendig vorſchlug. Mit Freuden ergriff ich dieſen Gedanken und kam verfloſſenen November in der Hauptſtadt meines Vaterlandes an, deren Pracht und Schoͤnheit mich ent⸗ zückte. Mein früher erwähnter Vetter, mein einziger Freund und Bekannter in dieſer Welt, verſchaffte mir ein Logis in dem⸗Hauſe, in welchem er wohnte, und bei die⸗ ſem meinem neuen Mentor holte ich mir Rath in allen möglichen Anliegen. Bei ihm erkundigte ich mich nun auch nach den Leuten, mit welchen ich Geſchäfte hatte und vergaß natürlich den erwähnten Capitaliſten nicht, den ich, in der Lage, ſeinen wirklichen Namen nicht ſagen zu können, Herrn Polonius nennen will.—„Er iſt,“ ant⸗ wortete er,„ein ſehr anſtändiger Mann, der erſt in ſeinen älteren Tagen in den heiligen Eheſtand trat und eine ganz junge Frau heirathete. Zur Belohnung dafür ward ihm das beneldenswerthe Gluͤck zu Theil, ein ganzes Netz voll Kinder zu bekommen. Ich war in den letzten Jah⸗ ren nicht mehr in ſeinem Haus. Es behagt mir dort nicht, ich weiß ſelbſt nicht weßhalb. Seine Frau wird von Manchen für ſehr ſchön gehalten, von mir jedoch nicht, denn ich bin kein Liebhaber von ſolcher Fülle der Geſtalt, „ 7 mir gefällt eine ſchlanke Lilie weit beſſer.“ Indem ich dieſe Worte meines Vetters niederſchreibe, kann ich nicht unterlaſſen, eine Aeußerung meines alten Hofmeiſters an⸗ zuführen: daß es nämlich ſelten oder nie die wohlüber⸗ legten, mit Abſicht ausgeſprochenen Worte, ſondern die fluͤchtig hingeworfenen, oft in einem leichtſinnigen Augen⸗ blicke geäußerten Worte ſind, die wie ein guter oder boͤſer Geiſt in das Rad des Schickſals eingreifen. Ich ging nun unverzüglich nach Herrn Polonius' Hauſe. Ein Diener, der mir öffnete, unterrichtete mich, daß der Herr weggereiſt ſei und erſt im nächſten Monate zurücker⸗ wartet werde. Indeſſen kam ein junges Frauenzimmer durch den Gang, näherte ſich der Thüre, an der ich ſtand, und bat mich mit einer höflichen Bewegung, mehr als mit Worten, einzutreten. Nach meines Freundes laco⸗ niſcher Beſchreibung erkannte ich ſogleich in ihr die Frau des Hauſes. Sie trug ein kleines Kind auf dem Arme und hatte zwei andere von drei bis fünf Jahren neben ſich. Sie war mehr groß, als klein, ziemlich voll, aber auch in meinen Augen ſehr ſchön, ja mehr als ſchön; denn mit einer Verwunderung, die mir jede Faſſung be⸗ nahm, ſo daß ich kaum hörte, was ſie eigentlich zu mir ſagte, ſah ich vor meinen leiblichen Augen wirklich und leibhaftig das Ideal, das von meiner Kindheit an meine Phantaſie beſchäftigt hatte. Sie müſſen wiſſen, was für Sie, als Dichter, gewiß nichts Lächerliches hat, daß in dem Cabinette meiner Mutter eine ſehr ſchöne Cople der bekannten Madonna della Sedia hing und daß dieß Bild von meiner Kindheit an ſo ſehr meine Augen und mein Herz gefeſſelt, daß alle Schönheit, die ich ſpäter in Kunſt und Natur zu ſehen bekam, nicht im Stande geweſen, dieſe meine erſte Liebe zu verwiſchen, und daher mag es ſich auch ſchreiben, daß eine junge Mutter mit ihrem Kinde auf dem Arme für mich das Liebenswürdigſte in der Schoͤpfung und dieſe Periode des weiblichen Lebens die ſchönſte iſt. Die junge Dame, welche nun vor mir ſtand, glich meiner Madonna mehr, als Alles, was ich bisher geſehen. Das friſche, jungfräuliche Geſicht, vereint mit dieſer mütterlichen Fülle, dieſer Ausdruck von Scham⸗ haftigkeit, vereint mit der ſtillen Würde einer Mutter und Hausmutter, Alles bis auf das glatte Haar über der weißen Stirne und der bunte Shawl, der ſie und das Kind halb verhüllte, trug zu ihrer Aehnlichkeit mit meinem Ideale bei. Von unſerem kurzen, aus einzelnen Repliken beſtehenden Geſpräche will ich nichts erwähnen; doch muß ich hinzufügen, daß ſie ſich mit einem Anſtand ausdrückte, der mit ihrem Ausſehen zu harmoniren ſchien. Ich hatte mein Zimmer noch nicht erreicht, als ich mir auch ſchon geſtanden, daß ich ſterblich verliebt ſei; aber dieſe Liebe für ein Ideal, für eine von ihren Kindern umgebene Mutter, war(hier nehme ich wieder meine Zuflucht zu Ihrem Gefühle als Dichter) von ſo geiſtiger Natur, daß ſie nicht Liebe, ſondern Anbetung genannt werden mußte. Ein Heiligenſchein umgab den Kopf meiner Madonna. Indeſſen wollte das Unglück, daß mein Verwalter den verzweifelten Einfall bekam, mit bequemer Schiffs⸗ gelegenheit und günſtigem Winde mir einige Produkte von meinem Gute zu ſenden: etwas ſeltenes Wild, einige ausgeſuchte, ſchoͤne Früchte und dergleichen. Ich glaubte nun, nichts Beſſeres thun zu koͤnnen, als auf Ritterweiſe dieſe Jagdbeute und hesperiſchen Aepfel zu den Füßen meiner Göttin zu legen. Das würde ich auch gerne gethan haben; aber nun gab mir mein boͤſer Geiſt den Gedanken ein(denn nur von dieſem Erbfeinde können ſolche Einflüſterungen kommen), dieſe Geſchenke mit einigen Zeilen zu begleiten, in welchen ſich meine oben berührte Anbetung nicht gerade ausſprach, aber doch ahnen ließ. — Wenige Tage ſpäter empfing ich ein ſehr höͤfliches Billet, in welchem Frau Polonius, ihres Mannes Ab⸗ weſenheit beklagend, ſich meine Geſellſchaft bei einem ganz kleinen, nur aus meinen eigenen Gaben beſtehenden Souper ausbat. Berauſcht von Freude eilte ich zur beſtimmten 9 Stunde dahin. Derſelbe Diener öffnete mir, dieſelbe Saalthüre that ſich vor mir auf. Ich trat ein und— o Hochverehrter! kein Gleichniß, kein Wort vermag meine Beſtürzung zu beſchreiben. Eine früher nie geſehene, ſehr ſtarke und volle, außerordentlich zierlich geputzte, nicht junge, aber noch hübſche Dame kam mir entgegen und empfing mich als die Frau vom Hauſe, beklagte, daß ihr Mann noch nicht heimgekehrt ſei, erwähnte, daß nur ihre Kinder die Ehre gehabt, mich zu ſehen u. ſ. w., wodurch mir ein Licht aufzugehen begann, das mir Hören und Sehen benahm. Am Theetiſche ſaßen noch ein paar Herren und Damen und— o Himmel!— in einer Ecke des Zimmers ſaß an einem kleinen Tiſche zwiſchen einigen größern Kindern, als denen, die ich bei meinem erſten Beſuche geſehen, meine Angebetete in einer einfachen kindlichen Kleidung mit Büchern neben ſich, eine Styl⸗ übung, wie es ſchien, ſchreibend, ganz ſtill, unbemerkt, ohne daß Jemand ſie der geringſten Aufmerkſamkeit wür⸗ digte. Bei der erſten Pauſe, die in der Converſation des Theetiſches eintrat, erhob ich mich und ging hin, um mit ihr zu ſprechen; aber ſie goͤnnte mir kaum einen Blick und antwortete nur in abgebrochenen, einzelnen Worten. Die Frau des Hauſes rief mich auch ſogleich zurück und ſagte: „Sie ſind zu gütig, es iſt nicht Brauch im Hauſe, daß die Kinder am Geſpräche Theil nehmen.“—„Die Kin⸗ der!“ rief ich:„dazu rechnen Sie doch nicht Ihre Fräu⸗ lein Tochter?“—„Allerdings rechne ich ſie dazul ſie iſt noch ſehr jung. Denn ſie geht jezt erſt zum Geiſſtlichen.“ — Ich glaubte zu träumen.— Eine der fremden Damen begann nun:„Wie alt iſt wohl Lydia? wird ſie nicht zu Oſtern eonfirmirt?“—„Ja, ſie ſollte wohl, ſie wird bis zum Februar ſiebenzehn Jahre. Aber je länger ſie Kinder ſein können, deſto beſſer ſcheint es mir.“— Der Thee mit Zubehör wurde nun umhergetragen, während die Herren im Saale auf und nieder gingen. Lydia naͤherte ſich, nahm den Präſentirteller und trug ihn umher. 10 Die Herren und Damen behandelten fie mit der größten Nonchalence.—„Kleine Lydia, bringe mir einen Sche⸗ mel,“ rief eine Dame.„Komm' her zu mir, mein Kind!“ ſagte eine Andere. Die Herren ſagten Du zu ihr und Einer von ihnen erdreiſtete ſich ſogar— horribile dicta — ihre Roſenwange zu küſſen. Ich übergehe mit Schwei⸗ gen den übrigen Theil des martervollen Abends. Das unſäglich langweilige Abendbrot, bei welchem meine— von ganzem Herzen auf den Blocksberg gewünſchten— Geſchenke paradirten und meine Geſundheit getrunken wurde, ohne daß Jemand daran dachte, meiner Geltebten einen Tropfen zu bieten, an dem Toaſte Theil zu nehmen und mir dadurch den bittern Kelch zu würzen. Sie ſaß am Ende des Tiſches zwiſchen ihren beiden älteren Brüdern, oder richtiger geſagt: ſie ſaß dort nicht, ſondern wartete mit dem Diener bei Tiſche auf und kein Menſch zeigte ihr dabei mehr Aufmerkſamkeit, als ihm. Das Wunder⸗ barſte war, daß ſie ſelbſt die Demüthigungen nicht zu fühlen ſchien, die mein Herz durchbohrten. Die ganze folgende Nacht ſchloß ich nicht ein Auge. Mein ſchönes Ideal war vernichtet. Die junge Mutter, die mich be⸗ zaubert, war zur junoniſchen Geſtalt eines Mädchens ge⸗ worden, das mit Gewalt für ein Kind gelten ſollte. Ganz offenherzig, wie es einem Manne von Chre geziemt, geſtehe ich meine Gefühle. Ich konnte mich vor Er⸗ ſtaunen kaum faſſen, daß man nach neueſter copenhagenſcher Mode die Töͤchter unconfirmirt ließ, bis ſie das Alter erreicht hatten, in welchem ihre Mütter und Stiefmütter oft ſchon Frauen und Mütter geweſen, ſo daß ihr Ausſehen einen Fremden leicht verführen konnte, ſie ſelbſt dafür zu halten.„Wo bleibt nun,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„das liebliche Schauſpiel dieſer halb aufgeſprungenen Roſen, dieſe heranwachſende Jugend, die auf dem Uebergang vom Kind zum Erwachſenen ihr Leben damit beginnt, daß ſie es in dem Tempel des Herrn einweiht und die Lehren der Religion in einem von irdiſchen Sorgen und Leiden⸗ 4 11 ſchaften unberührten Herzen empfängt?“— Ich will Sie nicht mit meinen Betrachtungen ermüden, ich könnte ein ganzes Buch über das Ungereimte, ja Unmoraliſche in dieſer Mode ſchreiben, aber ich will mich an meine eigene flaue Geſchichte halten, und Ihnen nur ſagen, daß nach der peinlichen Stimmung einiger Tage doch jenes Abends unbehaglicher Eindruck vor dem Gedanken an Lydias Schönheit und Anmuth weichen mußte. Die Freude, die ich bei dem Gedanken fühlte, ſie frei und unverheirathet zu wiſſen, und dieſe Madonna als meine eigene junge Frau heimführen zu können, verwandelte plötzlich meine ſchwärmeriſche Anbetung in leidenſchaft⸗ liche Liebe, um ſo mehr, als der Zuſtand der Demü⸗ thigung, in welchem ich ſie geſehen, mir den heißen Wunſch einflößte, ſie mit Ehre und äußerem Glanze zu umgeben. Ich beſchloß, bei ihren Aeltern um ſie anzu⸗ halten; doch glaubte ich für alle Fälle mich zuerſt an ſie ſelbſt wenden zu müſſen. Ich erinnerte mich des kalten Empfangs, der mir an jenem Abend von ihr zu Theil geworden, und beſchloß deßhalb, ſie ſchriftlich von meinen Abſichten zu unterrichten. Ich berührte nur kurz meinen Irrthum und ſuchte jede Weitläufigkeit, die ich für über⸗ flüſſig hielt, zu vermeiden. Mit meinemi Briefe in der Taſche machte ich nun ein paar Beſuche bei Frau Polonius, ohne jedoch Gelegen⸗ heit zu finden, ſie abzugeben. Am erſten Weihnachtstag war ich endlich ſo glücklich, Lydia in demſelben Gange zu begegnen, wo ich ſie zum erſten Male geſehen. Ich faßte Muth und übergab ihr den Brief, den ſie annahm, ohne ein Wort zu ſagen. Nun verging eine lange Woche, ohne daß ich das Mindeſte von dem Polonius'ſchen Hauſe zu hoͤren bekam. Die Feiertage mit ihren Ferien be⸗ raubten mich der Hoffnung, ihr auf ihren Schulwegen zu begegnen, und zu Hauſe war ich müde, ſie ohne Sprache und Bewegung zu ſehen. Endlich hoͤre ich, daß Herr Polonius zurückgekommen, und wollte gerade am ſelben 12 Vormittag zu ihm gehen, als die früher erwähnte An⸗ zeige in dem mir unvergeßlichen Abreſſeavis mich im Fluge nach dem Fußpoſteomptoir führte, wo ich einen Brief von Herrn Polonius empfing, in welchem er mir mit den härteſten Ausdrücken vorwirft, in ſeiner Abweſen⸗ heit ſeine Frau und ein unſchuldiges Kind, das noch nicht einmal confirmirt ſei, verführen gewollt zu haben; ferner bittet er mich, nie mehr meinen Fuß über ſeine Schwelle ſetzen zu wollen, und um alle Verbindung mit mir aufzu⸗ heben, auch ſagte er mir das Capital auf, das er auf meinem Gute ſtehen hatte. Ich will Sie, hochverehrter Herr, mit der Schil⸗ derung der Raſerei verſchonen, die mich bei der Leſung dieſer Linien überfiel, und verſchweigen, welch' übereilte Beſchlüſſe ich faßte. Zum Glücke traf mich mein Vetter in dieſem Parorysmus. Zum erſten Male vertraute ich ihm mein Abenteuer an, und unerachtet es ihm eine neue Quelle zu Bonmots und ſatyriſchen Zufällen war, ge⸗ lang es doch ſeiner Kaltblütigkeit, ſeinem klaren Verſtand und ſeiner brüderlichen Freundſchaft, mich zur Vernunft zu bringen und zu beruhligen.„Das Ganze iſt ja nur ein Mißverſtändniß,“ ſagte er:„ich kenne Herrn Polonius; es iſt wirklich ein braver Mann, man hat ihn hinter das Licht geführt. Ich ſtehe nicht ganz auf dem beſten Fuß mit dem Hauſe, aber ich will doch ſogleich hingehen und vernünftig mit dem Manne ſprechen.“ Er war wirklich ſo gut, dorthin zu gehen, wurde aber nicht eingelaffen. Abends ging er wiederum, hatte jedoch daſſelbe Schickſal. Wir kamen nun darin überein, daß ich an Herrn Polonius ſchreiben ſollte, was ich denn auch am nächſten Morgen that; ich erhielt jedoch vor Mittag meinen Brief unerbrochen zurück. Am gleichen Nachmittag ſchrieb ich an ſeine Frau und ge⸗ brauchte die Vorſicht, den Diener meines Vetters die Auf⸗ ſchrift auf den Brief ſchreiben zu laſſen. Kaum eine Stunde ſpäter erhielt ich ihn in tauſend Stücke zerriſſen in einem Couvert zurück. Am nächſten Morgen, als ich und mein 13 Better beiſammen ſaßen, pochte es an die Thüre und ein kleiner Knabe brachte mir ein Billet, zu meiner Verwun⸗ derung von Lydia, folgenden Inhalts: „Mit Hülfe einer Freundin ſende ich Ihnen durch dritte Hand dieſen Brief, um Ihnen zu ſagen, daß Sie nicht glauben ſollen, ich ſei ſchuldig an dem unhöflichen Briefe, denn ich habe Ihren Brief Niemanden gezeigt, ſondern meine Mutter hat ihn in meinem Verſchluſſe ge⸗ funden. Uebrigens glaube ich nicht an Ihre Liebe, da Sie mich mit ſo unvortheilhaften Augen ſehen konnten, daß Sie mich, ein junges Mädchen, für meine und meiner Geſchwiſter Mutter gehalten.“ Dieſe Linien ſchienen mir einen Troſt zu enthalten und machten mir eine Erklärung doppelt wichtig. Aber wie? Hier war guter Rath theuer. Mein Vetter trug den ominöſen Adreſſeavis als eine Curioſität bei ſich. Während ich Lydias Billet las, ſtudirte er im Avis; plötzlich brach er in die Worte aus:„Wirklich! es muß ein Eheteufel über dieſer erſten Nummer der Adreſſeavis geſchwebt haben. Auf der erſten Seite klagt eine deutſche Turteltaube über den Verletzer frommer Herzen, über die Wunden, die nie heilen in zarter Bruſt: das ſcheint ein paſſender Prolog zu dem Trauerſpiel in drei Acten, das dieſer Adreſſeavis aufführt. Im erſten Acte klagt ein unglücklicher Ehemann darüber, daß ſeine Frau ungeſetzmäßiger Weiſe von ihm und drei Kindern fortgegangen; im zweiten warnt ein Gatte dagegen, ſeiner Frau etwas zu borgen, da die Vollmacht, die er ſelbſt ihr gegeben, keine Geſetzeskraft habe; und nun kommt im dritten die gräßliche Cataſtrophe mit einem unglücklichen Lieutenant, der die unerhoͤrte Miſſethat begangen, einem Mädchen einen Brief zu ſenden.„Du ſollteſt,“ fuhr er fort,„Deine Geſchichte in den Adreſſeavis ſetzen, der auf ſeine alten Tage noch Poſtillon d'amour geworden. Apropos Poſtillon d'amour: mit Kopenhagens fliegender Poſt könnteſt Du ins Haus fliegen, denn dies Blatt hält 14 Herr Polonius, das habe ich in dieſer Morgenſtunde er⸗ fahren, als ich ſelbſt dort war, um mich unter die Sub⸗ ſcribenten aufnehmen zu laſſen.“— Auch diesmal gaben leicht hingeworfene Worte den Ausſchlag. Ich beſchloß, ſeinem Rathe zu folgen und verwandte dieſe Nacht dazu, meinen Beſchluß ins Werk zu ſetzen. Ich hoffe, daß die Wahrheit, die ihr eigenes Gepräge hat, für mich ſprechen wird— zuerſt bei Ihnen, hochgeehrter Herr, daß Sie ſich geneigt finden, das Obige in Ihr Blatt aufzunehmen und dann bei Herrn und Frau Polonius und bei meiner geliebten Lydia. Dieſe Perſonen, die allein wiſſen können, von wem und mit wem hier geſprochen wird, bitte ich, unparteiiſch meine Worte zu erwägen. Ich halte hiemit förmlich um die Hand meiner Lydia bei ihr ſelbſt und ihren Aeltern an. In wenigen Tagen werde ich auf mein Gut reiſen und nächſte Oſtern nach Kopenhagen zurück⸗ kehren, wenn Lydia confirmirt iſt; um ſo mehr, als ich nicht im Mindeſten Luſt habe, dieſem Acte ſelbſt beizu⸗ wohnen. Ich bitte ihre Aeltern, zu geſtatten, daß ich dann unverzüglich Hochzeit mache und meine junge Frau auf das Gut meiner Ahnen führe. Ich verlange keine Mitgift, keine Ausſteuer; ich brauche nichts von alle dem, und um noch weiter alles Mißtrauen zu entfernen, nehme ich hiemit ohne alle Einwendung die Kündigung des Kapitals von Seiten des Herrn Polonius an und habe bereits einen andern Ausweg gefunden, ſo daß ſein Geld ſtets zu ſeinen Dienſten ſteht. Uebrigens verſpreche ich ihm die Erfüllung aller Pflichten, welche ein Vater von dem Manne fordern kann, dem er ſeine Tochter gibt, und welche ſeine jüngern Kinder von den ältern Brüdern fordern können, wenn ſeine zahlreiche Familie je einer Stütze bedürfen ſollte. Und nun muß ich dieſen Brief enden, wie ich ihn begann, indem ich meine Sache der fliegenden Poſt an⸗ vertraue, oder vielmehr dem Redakteur, und mich für diesmal, wenn auch nicht mit meinem wahren Namen, 15 ſo doch in meiner wirklichen Eigenſchaft unterſchreibe als Ihr ganz ergebener und verbundener Freund. P. S. Noch eine Bitte habe ich an Sie. Sollte eine mir unbekannte Rückſicht Ihnen verbieten, Obenſtehendes einzurücken, ſo bitte ich Sie, als einen Mann von Chre, mein Manuſcript zu vernichten und mein Geheimniß zu bewahren.— Selbſt wenn Sie mir die Wohlthat er⸗ zeigen, meinem Manuſcript einen Platz in Ihren Blättern zu vergönnen, bitte ich Sie auf's Inſtändigſte, nach der Benützung es zu vernichten. Vergeben Sie die man⸗ cherlei Veränderungen und Zuſätze in meiner Schrift. Meine Stimmung und meine nächtliche Eile müſſen ſie entſchuldigen. Zweiter Brief. Von Herrn Polonins an die Redaktion der fliegenden Poſt. Kopenhagen, den 16. Januar 1827. Mein Herr fliegende Poſt, oder wie ich Sie titu⸗ liren ſoll! Da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, ſondern auf Ihr Blatt in der guten Abſicht ſubſeribirte, mich und meine Familie zu erheitern, ſo war ich ſehr erſtaunt, oder um die Wahrheit zu ſagen, choquirt, daß Sie den Brief von dem Lieutenant einrückten. Denn ungeachtet er meinen Namen oder meinen Stand nicht genannt, ſo weiß doch jeder Vernünftige, daß die Vorſehung Alles weislich ſo eingerichtet, daß das, was im Dunkeln ge⸗ ſchieht, zuletzt an's Licht kommt, und daß dieſe Stadt, 16 ſo voll von böſen Nachrednern iſt, daß es nicht lange dauern wird, bis ich und meine Familie in Aller Munde bin, und ich ſehe mich deßhalb genoͤthigt, Folgendes in Bezug auf den wahren Zuſammenhang der Sache bekannt zu machen. Ich ſende es an Ihr Blatt, da die Mit⸗ theilung des Lieutenants dort erfolgte; und wenn Sie unpartheilſch ſind, ſo werden Sie ſich nicht weigern, auch dieſe Antwort eines angeſehenen und geachteten Mitbürgers einzurücken, welcher nie von Jemanden beſchimpft wurde, da er ſtets eine reelle Behandlung zeigte und gegen Gottes oder des Königs Verordnungen ſich niemals verfehlte. Die Sache verhaͤlt ſich kurz ſo: Ich habe nichts mit dem Lieutenant zu ſchaffen und weiß nichts von ſeinem Weſen und Treiben. Er kennt jedoch am beſten ſeine Hand⸗ lungen. Sein ſeliger Vater war mein guter Freund, ein aufgeklärter und rechtſchaffener Mann, ſein Gut iſt ein ſehr großes Gut: und deßhalb hatte ich ſeiner Zeit nichts dagegen, mein Geld darauf zu leihen, aber nun⸗ mehr will ich es bis zu der von ſeinem Vater und mir feſtgeſetzten Zeit ausbezahlt haben,— was ich denn auch in geſetzlicher Form verlangte, und wovon ich ihn in meinem auf das Fußpoſteomptoir gegebenen Briefe unter⸗ richtete. Und will er wiſſen, weßhalb ich meinen Brief auf die Fußpoſt und nicht in ſein Logis legte, ſo werde ich ihm ſagen, es geſchah, weil ich meiner Frau und meinen Kindern verboten, einen Diener oder ſonſt Je⸗ manden nach dem Hauſe zu ſenden, wo er bei ſeinem liederlichen Vetter wohnt, über welchen meine Frau und ich noch ungehaltener ſind, als über ihn; denn dieſer ſchlechte Menſch wurde vor mehreren Jahren in unſer Haus geladen und genoß alles Gute in unſerer Geſell⸗ ſchaft, hat uns jedoch damit gelohnt, daß er uns ver⸗ jeumdete, denn er beſitzt einen giftigen und boͤſen Mund. Er braucht nicht über mein Haus oder meine Frau zu ſpotten, denn er iſt nicht werth, je ein ſo hübſches Haus oder eine ſo tugendhafte Frau zu bekommen; da ſie, 1 A* wie er ſagt, eine junge Frau iſt, die ſich mit mir in meinen älteren Tagen verheirathete, als ich eine Frau ernähren konnte(und früher wollte ich mich nicht ver⸗ heirathen), ſo betrug ſie ſich immer, daß die Engel im Himmel ſich darüber freuen mußten. Da ſie jedoch ſehr polirt und artig iſt, bat ſie den Lieutenant in unſer Haus, weil ich ſeinen ſeligen Vater gekannt; aber ſein Brief an ſie, der ſehr kurz und mit neumodiſchen Redensarten ge⸗ füllt war, mit denen ich mich nicht abgebe, ſagte ſie ſelbſt zu mir, ſei eine Art Liebesbrief, und übergab mir ihn, zugleich mit dem in meiner Tochter Commode gefundenen, der ſehr leicht zu verſtehen war, und bat mich mit vielen Thränen, dem Menſchen den Marſch zu machen, wie man ſagt.— Daß meine Tochter ihm geſchrieben und den Brief durch einen kleinen Knaben ſandte, wie ich wohl ahne, iſt ſehr traurig für uns Aeltern, aber wir troͤſten uns damit, daß es nicht das erſte Mädchen iſt, das hier auf falſchen Wegen ging und ſpäter eine brave Frau wurde.— Was Lydia betrifft, ſo wird ſie zu Oſtern confirmirt werden, ob der Lieutenant es ſieht oder nicht; wenn wir jedoch einen paſſenden Ort finden können, ſo ſoll ſie auf's Land und draußen bleiben. Aber ſobald ſie confirmirt iſt, wird ſie verlobt werden, aber nicht mit dem Lieutenant, ſondern mit einem braven, jungen Mann, dem ich mein Wort gegeben, und der ein hübſcher Menſch iſt, an dem Niemand etwas ausſetzen kann. Er hat freilich kein ſolches Gut wie der Lieutenant, aber was frage ich nach Gut und Geld, wenn ich zufrieden bin? Doch iſt er nicht unvermögend; was der Herr Lieutenant denn hiemit zur Nachachtung wiſſe. Und was ſeinen Vetter betrifft, ſo bitte ich, daß er ſich nie vor mir und meinen Ange⸗ hoͤrigen ſehen laſſe. Er iſt gut bekannt hier in Kopen⸗ hagen und man weiß ſeine Wege und ſein Leben, zum Beiſpiel, wie er in einer Nacht achtzig Thaler im Spiele in einer vornehmen Geſellſchaft verloren; auch glaubt er Novellen. III. 2 18 vielleicht nicht, daß ich weiß, wie er meiner Schweſter⸗ tochter Clara die Cour machte, als ſie noch ein Mädchen war; ſie hat ihn aber doch, ungeachtet ſie eines der hübſcheſten Mädchen im Lande und ihre eigene Herrin war, ſofern die beiden Aeltern geſtorben und ſie bei ihrer Tante lebte, die auch meine ſelige Schweſter war, und ſie ganz ihren freien Willen haben ließ,— ſie hat ihn aus⸗ geſchlagen, und wollte auch keinen von den andern jungen Cavalieren, ſondern par force einen Mann, der ſeine zwanzig bis drei⸗ oder vierundzwanzig Jahre älter als ſie ſei, und mit dem ſie nun wie im Paradieſe lebt, und eine vornehme und glückliche Frau geworden. Sehen Sie, ich weiß auch, wie rein deſperat er war, als es bekannt wurde, daß ſie verlobt ſei,— ſo daß ſein Vater ihn mit einem Geſandten, der nach Paris, oder London, oder ſonſt wohin ging, aus dem Lande ſchicken wollte. Sie aber verlangte eine Unterredung mit ihm, und was ſie nun auch zu ihm geſagt haben mag, er ging in ſich und ließ es ſich gefallen.— Sehen Sie, all' das ſchreibe ich, daß er daraus erkennen moͤge, wie gut ich Beſcheid weiß, ich be⸗ ſitze den Brief über die ganze Heirath, welchen meine Schwe⸗ ſtertochter damals an ihre Tante von Kopenhagen aus ſchrieb, wo ſie ſich befand. Ich habe ihn von meiner ſeligen Schweſter geerbt, und wenn er ſich noch mehr in das miſcht, was ihn nichts angeht, ſo verſichere ich ihn, daß ich den Brief hier in dieſem Blatte einrücke, was ihm nicht ſehr angenehm ſein dürfte.— Um nun Allem ein Ende zu machen, ſo haben meine Frau und ich uns vor⸗ genommen, daß wir keinen Brief von irgend Jemand empfangen, ehe Alles mit unſerer Tochter im Reinen und fie verheirathet iſt, womit alle Plackerei von dieſer und jener Seite vorbei iſt. Wir machen deßhalb für alle unſere Freunde und unſere Familie bekannt, daß wir Diejenigen bitten, die etwas mit uns zu ſprechen haben, ſich ſelbſt zu uns zu bemühen, und diejenigen von unſern Freunden, welche außerhalb der Stadt wohnen, uns an ihrer Statt 19 Jemanden ſenden; denn wir haben beſtimmt, daß alle Briefe, die nicht von meinen Geſchäften oder von Geld⸗ ſachen handeln, denen ich meine Aufmerkſamkeit ſchenken muß, ſogleich in ein Couvert gelegt und auf das Fußpoſt⸗ comptoir geſandt werden. Und nun, Herr fliegende Poſt, oder was Sie ſind, ich verſichere Sie, daß ich nichts gegen Sie habe, wenn Sie meine Mittheilung einrücken, denn ich ſehe, daß Sie ein aufrichtiger und wahrheitsliebender Mann ſind, der ſeine Unpartheilichkeit gegen Jedermann an den Tag legt. Da ich nicht glaube, daß der Name Polonius etwas Böſes bedeutet, ſo nenne ich mich hier im Blatte ſo, da Sie ſich wohl denken koͤnnen, daß ich als ein angeſehener Mann nicht meinen eigenen nennen mag; ich unterzeichne mich deßhalb als Ihren dienſtwilligen Polonius. Dritter Brief. Von dem Vetter des Lieutnants an Herrn Polonius. Kopenhagen, den 24. Januar 1827. Hochgeehrter Herr! Ihr Schreiben vom 16. Dieſes brauchte ich mir zwar, rückſichtlich des Publicums, nicht nahe gehen zu laſſen, wie beleidigend es auch ſein mag, wie zart auch die Eigenſchaftswörter find, mit denen Sie mich beehrt haben, denn das Publicum hegt bereits(Dank 20 Ihrem genannten Schreiben) die Vermuthung, daß die ganze Correſpondenz von Ihnen, Ihrer Frau, Ihrer Tochter, meinem Vetter, dem Lieutenant und mir ſelbſt, eine erfundene Geſchichte iſt, ſo unwahrſcheinlich erſcheint es, daß ein Mann aus der höheren Geſellſchaft, ein Mann, der ein großes Haus in der Stadt macht und darin einen Kreis von Menſchen verſammelt, deren Bildung doch ab und zu einen einzelnen Strahl auf ihn ſelbſt reflectiren ſollte, daß ein ſolcher Mann— ſage ich — im Jahre 1827, nachdem die Cultur doch eine ziem⸗ lich große Ausbreitung geworden, nach allen den Verbeſſerun⸗ gen, welche im Erziehungsweſen vorgenommen worden, nach⸗ dem wir ſieben bis acht Jahre wechſelſeitigen Unterricht gehabt u. ſ. w.; daß, ſage ich endlich, ein ſolcher Menſch zu ſolcher Zeit einen ſolchen Brief ſollte ſchreiben können, wie der in der fliegenden Poſt eingerückte oder, wenn er ihn wirklich geſchrieben, von ſeiner Frau Erlaubniß er⸗ hielte, ihn zu drucken. Daß Ihre Gemahlin, wie Sie ſagen, eine tugendhafte Frau, iſt etwas, was Niemand, nicht mal Sie ſelbſt, beſſer wiſſen kann, als ich, und das weiß ich auch ſehr gut, daß ich nie würdig ſein werde, ihres Gleichen zu bekommen; ich wünſche durchaus nicht, daß es mir in der Ehe nach Verdienſt, ſondern nach Gnade ergehe und glaube, daß Jeder, der größere Pretenſionen macht, als dieſe, ein mittelmäßiger Ehemann wird. Im Falle jedoch die Tugend einer Frau darin beſteht, ſich nach ihres Mannes Wünſchen zu richten, ſo iſt es gewiß, daß die Tugend ihre Grenzen hat, und daß Ihre Frau wirklich dieſe Grenze uberſchritten, wenn Sie aus Nach⸗ giebigkeit gegen Sie in die Veroͤffentlichung Ihres Brie⸗ fes eingewilligt. Aber ungeachtet ich nun, wie geſagt, mehr als Jemand von ihrer Tugend überzeugt bin, glaube ich doch nicht, daß ſie in irgend einer Verbindung mit dem Abenteuer meines Vetters oder mit Ihrem ſehr geehrten Schreiben ſteht, wenn man nicht annehmen will, daß der Zorn, der auch bei edlen Gemüthern eine Tugend 21 iſt, Ihre Frau gereizt hat, von ihrer gewoͤhnlichen Autorität Gebrauch zu machen. Im gegenwärtigen Falle glaube ich wirklich, daß der Zorn Ihrer Frau oder mit andern Worten ihre Tugend, ihr und Ihnen mehr ge⸗ ſchadet, als genützt; es ſei denn, ſie ſpielte ein ſo feines Spiel, daß ſie, um die ganze Geſchichte zu vertuſchen und ihr alle Glaubwürdigkeit zu nehmen, Sie planmäßtig dazu aufmunterte, Ihren unvergleichlichen Brief drucken zu laſſen— als einen würdigen Appendix zu Rei ſers ſammtlichen Schriften. Aber ſehen Sie, hochverehrter Herr, gerade aus dieſem Grunde iſt es mir unmöglich zu ſchweigen, denn wo man ein feines Spiel ſpielt, da bin ich gerne dabei; und es wird Sie nicht wundern, daß ge⸗ rade ich, den Sie als einen Spieler characteriſirt, mit einigen Trümpfen in der Hand bereit ſitze. Auch wäre es Unrecht gegen meinen abgereisten Better, der kaum etwas von der Antwort weiß, die auf ſeinen Brief ge⸗ kommen, wenn ich nicht, als ſein Vertrauter in dieſer Sache, des Publicums Vertrauen auf die Wahrheit ſeiner Worte und das daraus folgende Intereſſe für ſeine Sache aufrecht zu erhalten ſuchte. Wer weiß, wozu dieſe Publicität mal mit der Zeit ihm gerade in dieſer Ange⸗ legenheit wird nützen konnen? Indeſſen habe ich doch im Sinne, ihn von dem Eingetroffenen zu unterrichten, und im Uebrigen alle ſeine Wünſche und Befehle, die dieſe Fuahe betreffen, ſoweit es in meiner Macht ſteht, auszu⸗ ühren. Ich könnte es bis auf Weiteres bei dem beruhen laſſen, was ich geſagt; aber Sle haben in hohem Grade mein Staunen erregt, indem Sie mich verſtehen ließen, daß Sie ſehr gut wiſſen, daß ich mal Ihrer Schweſter⸗ tochter Clara die Cour gemacht. Ich geſtehe, daß ich Sie nie im Stande glaubte, das Geringſte davon zu wiſſen: denn Courtoiſie iſt juſt nicht gerade das, was ein Ehe⸗ mann zu begreifen pflegt; und namentlich hätte ich Ihnen dies Talent nicht zugetraut. Ich muß deßhalb glauben, 22 daß Ihre Frau, die ſicher einen ſchärferen Blick hat, wiederum diejenige iſt, die Ihnen die Augen geöffnet und ihr feines Spiel geſpielt; denn ich kann wirklich nicht annehmen, daß der erwähnte geerbte Brief von Ihrer Schweſtertochter an Ihre nun verſtorbene Tante Ihnen bedeutende Aufklärung in dieſer Sache ſollte ge⸗ geben haben. Wie dem aber auch ſei, ſo kann ich nicht läugnen, daß Ihre Drohung, dieſen Brief drucken zu laſſen, ſo weit entfernt iſt, mir Schrecken einzujagen, daß ich, um das mir in Wahrheit koſtbare Document zu leſen, es ſogar gerne gedruckt leſen würde, vorausgeſetzt, daß Sie wirklich mit dieſer Drohung Ernſt haben, die höch⸗ ſtens Kinder ſchrecken kann, und namentlich vorausgeſetzt, daß die Tugend Ihrer Frau Ihnen die Veroͤffentlichung deſſelben erlaubt. Mit geringerer Mühe werden Sie, wenn Sie ſich fürchten, einen Diener in die, wie man glau⸗ ben ſollte, anſteckende Atmosphäre meiner Wohnung zu ſen⸗ den, den erwähnten Brief, der doch kaum Intereſſe für das Publikum haben kann, auf dem Fußpoſtcomptoir niederle⸗ gen, das bereits, wie es ſcheint, Ihr eignes Comptoir ge⸗ worden, verſteht ſich unter meiner Adreſſe, im Falle Ihre Hand ſich dazu bequemen kann, meinen Namen zu ſchreiben. 3 In Erwartung Ihrer angenehmen Antwort habe ich die Ehre, mich zu unterzeichnen als Ihres künftigen Schwiegerſohnes Vetter. 23 Zweiter Theil. Claras Vekenntniß. (Abgefaßt in einem Briefe an ihre Tante Sophie.) An den Leſer. Schon vor mehreren Tagen empfing ich dies Manu⸗ ſeript, das ich aus Mangel an Platz nicht früher einrücken konnte, begleitet mit einem Schreiben von Herrn Polonius, das ich, wogegen er wohl nichts haben wird, auslaſſe, da es den Leſer nicht intereſſiren kann. Herr Polonius wird ſehen, daß ich das Vertrauen nicht mißbraucht, das er mir gezeigt, indem er mir Claras eigenhändigen Brief mit den darin vorkommenden wirklichen Namen aller in dieſer Ge⸗ ſchichte vorkommenden Perſonen zuſtellte. Ich glaubte allen Dieſen und dabei auch Herrn Polonius einen Dienſt zu er⸗ weiſen, wenn ich fingirke Namen an die Stelle der wirk⸗ lichen ſetzte und mich der Namen aus Shakſpeares Hamlet bediente, nachdem der Lieutenant mit dieſer Terminologie begonnen. Den 9. Februar 1827. Die Redaktion. Kopenhagen, den 3. Juni 1823. Liebſte Tante! Werthe Freundin! Theure Mutter! Es gibt keinen Namen, der ſo ſüß, ſo heilig waͤre, daß ihn Dir mein Herz nicht gabe. Was Du für das . 24 vater⸗ und mutterloſe Mädchen geweſen, wie ich Dir Alles verdanke, wie herrlich Du vor den Augen meiner Seele ſtehſt— all' das, was kein Wort auszudrücken vermag, iſt mir in dieſem Augenblick ſo klar und leben⸗ dig. Während ich dies ſchreibe, glaube ich Deine lieben, durchdringenden Augen auf mich geheftet zu ſehen und Dich ſprechen zu hoͤren:„Wie ſteht es, meine Clara? Du haſt mir etwas zu ſagen! Sprich ruhig!“— Ja, ich habe Dir viel zu ſagen und ich will ruhig ſprechen. Du weißt, was ich ſagen will! Kannſt Du mir ver⸗ geben? Ich umfaſſe Deine Kniee, geliebte Mutter, ver⸗ gieb! Deine Clara wagte es, üͤber ihr Schickſal zu ent⸗ ſcheiden, ohne Deiner Zuſtimmung zuvor ſich zu verge⸗ wiſſern.— Meine beſte Freundin! Deine Zuſtimmung iſt mir genug, Dein Beifall, Deine Zufriedenheit find zu meiner Ruhe nothwendig und ich war weit entfernt, den entſcheidenden Schritt zu thun, ohne zuvor mein Herz vor Dir ausgeſchüttet und,— was ich heute thun zu können hoffe,— Dir gezeigt zu haben, daß ich nicht be⸗ thoͤrt und verblendet bin, wie Du zu befuͤrchten ſcheinſt, ſondern daß ich ſeit mehr als einem Jahre in Schmerz und Freude, mich mit meinem Gott und Himmel, mit meinem eigenen Herzen und in meinem Innern mit Dir berathſchlagt habe, die Du Eins mit mir biſt— in dieſem Sinn—„Berwandte und Freundin.“ Ich hatte nicht im Sinne, ſag' ich, ſo eigenmächtig mein Leben zu ver⸗ ſchenken, das all' ſeinen Werth von Deiner Hand hat, aber es kam ſo von ſich ſelbſt, ohne meinen Willen. Ge⸗ ſtatte mir, Dir Alles zu erzählen von Anfang bis zu Endel Laß mich denken, ich ſitze, wie in früheren guten Tagen, zu Deinen Füßen auf meinem blauen Schemel und Du ſitzeſt in Deinem Lehnſtuhl am Kamine, ich ſehe Dir in das milde Antlitz bei dem Schein der muntern Flamme, während ich mit meinem Arme auf Deine Kniee geſtützt, all' meine Gedanken vor Dir ausſchütte, All es berichte, bis zum Kleinſten herab, wie ich immer zu thun 25 gewoͤhnt war; und ich bin gewiß, daß Du mich verſtehſt, wie immer. Ich fühle mich bereits leicht bei dem bloſen Gedanken, vor Dir beichten zu dürfen, und ich glaube, Dir offen ſagen zu können, was Du bereits geahnt: ich habe mich mit Horazio verlobt, ich liebe ihn ſo innig, ich konnte es nicht laſſen. Zum erſten Male habe ich Deinen Mahnungen zuwider gehandelt, aber daran iſt die innere Ueberzeugung Schuld, daß Du mich nicht warnen würdeſt, wenn Du mit eignen Augen mir gefolgt wäreſt; daß Du nicht ſagen würdeſt:„Wenn ein Mädchen von 20 Jahren einen Mann von 49 heirathet, ſo nenne ich das eine wirkliche Mesalliance und dieſe meine Meinung iſt nicht auf menſchliche Vorurtheile gegründet, ſondern in der Natur ſelbſt.“— Lerne erſt Horazio kennen, höre erſt Deine Clara, ehe Du uns beurtheileſt!— Andre ſind es, Tante Polonius namentlich und leider! auch meine Schweſter, welche in ihren Briefen Dinge vorgebracht, die Du nur aus meinem Munde hätteſt erfahren ſollen. Du weißt, ich wollte in dieſem Frühjahr zu Dir kommen: da hätte es mich gefreut, Dir alles, was ich in den letzten zwei Jahren, welche ich von Dir ge⸗ trennt war, gedacht, geſagt und gethan, zu offenbaren. In meinen Briefen habe ich nur unzuſammenhängend dieſe und jene Begebenheit angedeutet, deren wahre Bedeutung für mich Du jetzt erſt erfahren wirſt; aber aus mancher⸗ lei Gründen, die Du zum Theil ſelbſt weißt und ahnen wirſt, habe ich das Weſentlichſte für unſere mündliche Unterredung aufgeſpart. Meine Liebe zu Horazio habe ich Dir nicht verborgen, aber ich glaubte mich verſchmäht, und mein armes zerriſſenes Herz konnte deßhalb keine Worte finden, Dir die näheren Umſtände zu erklären. Erſt wenn ich Dich wieder ſähe, wenn ich wieder auf meinem Schemel zu Deinen Füßen ſäße, da, dachte ich, wollte ich in Klagen ausbrechen und Heilung bei Dir fü jede Seelenkrankheit finden. Nun iſt Alles anders, nun kann ich frei athmen und ſprechen. Laſſe mich Dir nun 26 Alles erzählen und werde nicht ungeduldig, wenn ich Dir Dinge ſage, die Dir ebenſo bekannt ſind, als mir. Es iſt mir nicht möglich, meine Beichte ſpäter zu beginnen, als von dem Zeitpunkte an, da ich meine ſtille Heimath, Dein theures Haus verließ, wo ich in Liebe und Glück aufgewachſen. Ja, es war das erſte Mal, daß ich mich unglücklich fühlte, an jenem Tage, da Du einen Brief von Auguſte empfangen, in welchem ſie den Wunſch ausſprach, daß ihre jüngere Schweſter, die ſie kaum geſehen und durch⸗ aus nicht kannte, ſich eine Zeit lang in ihrem Hauſe auf⸗ halte, daß Du in ihre Wünſche einwilligeſt und mich ein Jahr in Kopenhagen zubringen laſſeſt. Ich verzweifelte, ich konnte mich nicht in den Gedanken finden, ferne von Dir zu leben. Meine Schweſter war mir fremd, ich hatte ſie nur als Braut und bei den auf die Hochzeit folgenden Feierlichkeiten geſehen. Es war ſieben Jahre her; damals war ich erſt elf Jahre alt geweſen; ihre Schönheit, ihre prächtigen Kleider, der kurze Aufenthalt in Kopenhagen ſchwebte dunkel vor meiner Phantaſie wie ein längſt vergeſſener Traum, der mich jetzt mehr äng⸗ ſtigte, als anzog. Erinnerſt Du Dich, wie mein Weinen und meine Klagen von einer ganzen Schaar Leuten vom Gute unterbrochen wurde, welche mit dem Verwalter an der Spitze Dir etwas Merkwürdiges zeigen wollten? Und daß ſie dann mit der großen, ſeltſamen Eule kamen, die bei dem ſtarken Sturm der Nacht in der großen Scheune herabgefallen war und welche der alte Chriſten Jenſen lebendig verbrennen wollte, da er behauptete, es ſet keine natürliche Eule? Ich kann das arme Thier noch ſehen, das ſo unglücklich ausſah und ſeine Augen vor dem verwundenden Tageslicht ſchloß. Da Du befahlſt, daß es ſtatt verbrannt zu werden, in den hohen Eichen⸗ baum geſetzt werde, wo ſie ſagten, es habe ſein Neſt, dachte ich:„das Thier iſt glücklicher, als ich,“ und brach in heftiges Weinen aus. Der alte ehrwürdige Pfarrer, 27 der gerade mit der ganzen Schaar gekommen war, folgte mir an das Fenſter, wohin ich gegangen, um mich zu verbergen, und beſtürmte mich mit freundlichen Fragen, ohne daß ich antworten konnte. Als wir allein mit ihm wa⸗ ren, erzählteſt Du ihm den Grund zu meinem Kummer und er ſchien auf meiner Seite zu ſein; da ſagteſt Du: „Nein, mein lieber, alter Freund, nicht um mich Auguſten zu fügen, die ich weder kenne, noch ſonderlich liebe, nein, ſondern aus Liebe zu meiner Clara habe ich beſchloſſen, den Schmerz zu ertragen, ein ganzes Jahr ohne ſie zu leben. Es iſt wahr, was Sie ſagen, daß ich die Hände kenne, denen ich meinen liebſten Schatz anvertraue,„aber,“ fügteſt Du hinzu und ſchloſſeſt mich in Deine Arme, „aber ich kenne dieſen Schatz, der mich mit dem Leben verſöhnte, meine Erwartungen übertraf und mir den Ver⸗ luſt meiner eignen Kinder erſetzte. Das haſt Du, meine Clara, Du biſt all' mein Reichthum auf Erden.“(Ach! dieſe ſüßen Worte ſind für immer in mein Herz eingegraben, ſie erhoben mich über allen Schmerz!) Aber juſt deß⸗ halb muß ich dem Werke die Krone aufſetzen, Du mußt hinaus in die Welt und an dem Handeln und Wirken der Menſchen Theil nehmen. Nicht wahr, ehrwürdiger Paſtor? Das Gold muß durch das Feuer gehen, um geprüft zu werden. Dem, was man im Allgemeinen Unſchuld und Tugend nennt, möchte ich keine ſo ſchöne Namen geben; nein, Reinheit und Treue bis zum Tode, ſie werden nur in Streit und Gefahr der Welt gewonnen.“—„Nun muß ich Ihnen Recht geben, gnädige Frau!“ ſagte unſer alter Freund.„Es war ja auch nicht der Menſchen Feind, der ſie aus dem Paradieſe trieb, ſondern der Engel des Herrn, der wußte, daß es einen noch beſſeren und herr⸗ licheren Ort als jenen gab.“— Glaube mir, liebe Tante, jenes Geſpraͤch war nicht ohne Frucht für mein kopen⸗ hagener Leben. Dies und ſo manches Deiner weiſen Worte, die vertraulichen Geſpräche, in welchen Du mir Dein eigenes intereſſantes, durch ſo manches Schickſal 28 geprüftes Leben erzählteſt, machten mich mit der Welt bekannt, ſo daß das Meiſte, was ich dort ſah, mir nicht mehr fremd erſchien. Du weißt, wie ich es in meiner Schweſter Haus fand: alles beſchrieb ich Dir bis auf die zwei kleinen hübſchen Zimmer, welche Auguſte für mich eingerichtet, abgeſondert von denen der übrigen Familie und, Gott ſei Dank, weit entfernt von dem großen Zimmer und der Unruhe, welche immer in Onkel Polonius Etage herrſcht, und die doppelt unbehaglich für den, der, wie ich, an jene Ruhe gewöhnt iſt, die ſelbſt bei den größten und feſt⸗ lichſten Zubereitungen in Deinem Hauſe herrſcht, wo doch ſo manche Dienſtleute ſind. Du weißt auch, wie ich ordentlich an Heimweh litt, aber ſpäter, als die Beluſtigungen des Winters recht in den Gang kamen, doch auch das Angenehme der geſelligen Kreiſe und oͤffentlichen Vergnügungen zu fühlen begann, und wie ich mich bald in den großen geſchmückten Geſell⸗ ſchaften bei Tante Polonius zu Hauſe fühlte, ſo daß ich mich ordentlich freute, daß wir dort im Hauſe wohnten, damit uns nichts von dieſer Herrlichkeit entginge. Doch dauerte es nicht lange, ſo hatte ich Veranlaſſung, die Dornen an den Roſen zu bemerken, und hier macht mir mein Gewiſſen den Vorwurf, daß ich vielleicht durch die eine oder die andere Aeußerung in meinen Briefen Theil an den ſchlechten Gedanken habe, die Du von Auguſte in Dir trägſt. Du ſchreibſt in Deinem letzten Brief:„Sie iſt weit ſchlechter, als ich dachte. Wenn ich, ohne Rück⸗ ſicht auf das Urtheil der Welt und der Tante Polonius, über ſie blos nach den Thatſachen urtheile, die ihre eige⸗ nen und Deine Briefe erzählen, ſo muß ich von ihr min⸗ deſtens ſagen: Sie iſt ein gefallener Engel, deſſen höhere Natur eine Anklage mehr gegen ſie bildet.“— Ja, beſte Tante, ich begreife nur allzu gut, daß man ſo urthei⸗ len kann; es gab Augenblicke, wo ich ſelbſt etwas Aehn⸗ liches gedacht; aber laſſe Dir in Kürze ihr Weſen 29 und ihre Stellung ſchildern, wie ich ſie beide zu kennen glaube: Du wirſt ſie dann ſicher von einer beſſern Seite auffaſſen. Sie iſt allerdings von einer hohen und edlen Natar, aber weit entfernt, darin eine Anklage gegen ſie zu finden, glaube ich, daß dies eine Entſchuldigung iſt, denn wenn man ſagen dürfte, daß die Vorzüge eines Menſchen ſein Unglück machen können, ſo würde ich dies von ihr ſagen. Sie ſteht in jeder Beziehung zu hoch über ihrer nächſten Umgebung und namentlich uͤber ihrem Manne. Ich möchte wünſchen, daß Du meinen Schwager ſehen könnteſt, ſo wie er iſt, wenn er ſich nicht genirt; nur ein einziges Mal, denn er iſt immer derſelbe, ja ſeine Unveränderlichkeit iſt ſo groß, daß er jeden Tag daſſelbe ſagt, beinahe mit denſelben Worten. Morgens, ehe er an ſeine gewiß weder wichtigen, noch ſchwierigen Arbeiten geht, ſoll er vollkommen unzugänglich ſein; da⸗ von war ich glücklicherweiſe niemals Zeuge, da wir hier im Hauſe die gute Gewohnheit haben, die Morgenſtunden Jedes für ſich zuzubringen. Mittags dagegen, wenn er nach Hauſe kommt, wirft er ſich in das Sopha und füllt den kurzen Zeitraum, bis wir zu Tiſche gehen, mit Seuf⸗ zern und Klagen über die Laſten und die Langeweile der Welt aus. Sagt man zum Beiſpiel zu ihm:„Sieh', wie ſchoͤn die Sonne ſcheint!“ oder:„Siehſt Du die ſchö⸗ nen Blumen?“— ſo antwortet er:„Was kümmere ich mich um die Sonne? Welche Freude ſoll mir das Gras machen?“— Wenn wir allein beim Mittageſſen ſitzen, nimmt er wenlg oder keinen Theil am Geſpräche. Bis⸗ weilen erzählt er von der einen oder andern Luſtpartie in ſeiner Bekanntſchaft, und wenn man dann fragt:„Warum nimmſt Du keinen Theil daran?“— ſo antwortet er ſtets:„Das wäre etwas für mich armen Mann, der ein ſolches Haus zu erhalten hat und ſo manchen Jungen erziehen muß. Nein, ein Hausvater hat keine Freude, ſondern nur Laſt und Sorge in der Welt.“ Auguſte ant⸗ wortet nur ſelten ein Wort auf das, was er ſagt, thut 30 ſie es aber, ſo geſchieht es mit ſolcher Spitzigkeit und Bitterkeit, daß er ploͤtzlich in ſeinen elegiſchen Dichtungen verſtummt. Beim Kaffee fällt er gewöhnlich in den Schlaf, und geſchieht es, daß er vor Schlag ſieben Uhr aufwacht, ſo bricht er ſogleich wieder in Klagen über die langweilige leere Welt aus. Im Anfang meines hieſigen Aufenthalts konnte ich es mir nicht verſagen, ihm allerlei Zeitvertreib vorzuſchlagen.„Wollen Sie nicht in dieſem Buche leſen?“—„Nein, ich danke. Romane und Verſe? Gott behüte mich davor!“—„Sie könnten ja das eine oder andere wiſſenſchaftliche Buch leſen.“—„Was ſollte das für eines ſein, es iſt ja lauter Hirngeſpinſt. Ich kann wahrlich nicht begreifen, wie vernünftige Leute ſo ungereimtes Zeug zuſammenſchreiben mögen, und dadurch berühmt werden koͤnnen, aber wie geſagt, es iſt eine ver⸗ kehrte verfluchte Welt, in der wir leben. Wenn ich nur bald draußen wäre!“— Iſt das nicht gräßlich, einen jungen und geſunden Mann täglich ſolche Geſpräche hal⸗ ten zu hören? Im Klubb bringt er den größten Theil des Abends beim Spiele zu, das ihm ebenſo nothwendig geworden, wie die Luft, die er einathmet; aber Du darfſt deshalb nicht glauben, daß er ein leidenſchaftlicher Spieler iſt, nein, durchaus nicht. Er hat keine Leidenſchaften; er verzehrt nur ſich ſelbſt in einem ewigen Kriege mit der Zeit. Sein Einkommen iſt ganz anſtändig, er ver⸗ geudet auch nichts, aber er iſt unordentlich und weiß in ſeinen Geldſachen weder aus noch ein. Wenn die arme Auguſte das zur Haushaltung oder für die Bedürfniſſe der Kinder beſtimmte Geld von ihm haben willl, bricht er in Schelten und Klagen aus, und oft muß ſie ſo lange auf dieſes nothwendige Geld warten, daß ſie nur mit großer Oekonomie und noch größerer Mühe ihre Verle⸗ genheit vor den Dienſtleuten zu verbergen und die Wirth⸗ ſchaft anſtändig zu führen weiß. Wie tief ihr Mann auch in ihrer Achtung geſunken iſt, ſo klagt ſie doch nie bei einem Menſchen über ihn, und ſuchte anfangs auch mir auf 31 jede Weiſe ſeine Ungereimtheiten und Schwachheiten zu verbergen. Sie beſitzt das angenehme Talent, die ſtrengſte Oekonomie mit Eleganz und einem gewiſſen Grade von Wohlleben zu verbinden. Sie gibt nie große Geſellſchaf⸗ ten, Abends aber, wenn wir zu Hauſe ſind, iſt meiſtens ein kleiner Theezirkel verſammelt, deſſen nette und behag⸗ liche Einrichtung verdiente, daß Du ihn ſäheſt. Wenn mein Schwager dann nach Hauſe kommt und Fremde zugegen ſind, vor welchen er einige Achtung hat, ſo nimmt er Theil am Geſpräche und iſt wie andere Menſchen. Iſt dagegen Niemand da, vor dem er ſich geniren zu müſſen glaubt, ſo zieht er ſeine Pantoffeln an, und ſtreckt ſich in einen Lehnſtuhl in der Ecke des Ofens, wo man bald mit Wahrheit ſagen kann, daß ſich der Bruder des Todes auf ſeine Augenlieder geſetzt, denn es iſt beinahe unmöglich für menſchliche Macht, ihn zu wecken: gewöhn⸗ lich endet es damit, daß Auguſte dem Diener ſagt: „Wenn der Tiſch abgetragen, weckt den Herrn;“ worauf Jedermann ſich auf ſein Zimmer begibt und es dem Die⸗ ner überläßt, ihn in's Leben zurückzurufen. Für Nieman⸗ den iſt dieſes Unweſen unerträglicher, als für den alten Bernhard. Dieſer liebenswürdige Alte, der ſeit ſo man⸗ chen Jahren ſeinen ſchweren Beruf und alle Art von Wider⸗ wärtigkeiten ertragen, ohne je den Anſtand und die Würde im Unglück zu verläugnen, welche ſeiner Nation eigen⸗ thümlich ſind, kann ſich durchaus nicht in dieſen Mangel an gutem Tone finden und nichts iſt ſicherer, als daß er immer, wenn er meinen Schwager in ſeinen Pantoffeln herbeiſchlürfen und ſich in ſeinen Lehnſtuhl werfen ſieht, mit einer unbeſchrelblichen Miene fragt:„Sind Sie krank, Herr Oſrick?“ und daß mein Schwager darauf antwortet: „Nein, ich bin müde.“ Denke Dir, meine liebe Tante, welches Leben für eine ſo gebildete, feine und lebhafte Frau, wie Auguſte! Das tiefe Gefühl ihres häuslichen Unglücks ſucht ſie in Zerſtreuungen und Geſellſchaften zu betaͤuben, aber auch 32 hier ſucht und findet ſie blos einen Genuß: die Ver⸗ ehrung und Huldigung, die überall ihren Vorzügen ent⸗ gegenkommt; und darin beſteht ihr größtes Unglück, daß ſie nur in dieſer Huldigung die Güter des Lebens finden kann. Sie iſt ſo weit entfernt, ſich eine geheime und unerlaubte Liebesverbindung zu wünſchen, daß ſie nie eine ſolche beſaß oder beſitzen wird. Nein, ſie will blos die Macht genießen, welche Schoͤnheit und Liebenswürdigkeit ausüben, ſie will ſo angebetet werden, wie der alte Bern⸗ hard unſre verſtorbene Mutter anbetete, deren Lehrer er geweſen, ſo wie er ſie ehrte in ehrerbietigem Abſtand, ohne alle Forderungen; ſo wie Petrarca nach ſeiner Laura ſeufzte. Das iſt's, was ſie ſucht, aber da ſolches ſich nicht mehr leicht findet, ſo geräth ſie in die ſchlimmſten Widerſprüche und Verlegenheiten. Jeder neue Anbeter beſchäftigt alle ihre Gedanken, ſetzt alle ihre Seelenkräfte in Bewegung, ſo lange, bis ſie und ihre Anbeter als Feinde ſcheiden, was gewoͤhnlich geſchieht, und ohne den geringſten Verluſt räumt er ſeinen Platz einem An⸗ dern. Sehr traurig iſt es freilich, wenn ein Interreg⸗ num eintritt, denn dann verfällt die arme Auguſte in eine ſolche Melancholie, einen ſolchen Lebensüber⸗ druß, daß all' ihre häusliche Thätigkeit, all' ihre Liebe zum Schönen in Kunſt und Natur plötzlich der Bitter⸗ keit, den boͤſen Launen und der Kränklichkeit Platz macht. In ſolchen Augenblicken ergreift ſie jedes neue Intereſſe, wie der Kranke jedes Mittel ergreift, und in einer ſolchen Stimmung hat ſie mich ganz gewiß zu ſich gerufen. Auch als Mutter war ſie ſehr unglücklich, und obwohl ich in dieſer Hinſicht weniger als in jeder andern mich ihrer Vertheidigung annehmen darf, ſo bin ich doch über⸗ zeugt, daß ſie an ihres älteſten Sohnes Elend nicht Schuld iſt, da er wie die jüngeren Kinder der treuen Pflege der alten Marianne überlaſſen iſt. Wäre es jedoch möglich, daß Unterirdiſche kleine Kinder in der Wiege vertauſchen, ſo mußte man es von dem kleinen Adolph — 33 glauben; denn der unglückliche Knabe iſt wie ein kleiner Troddel, ſo ſtumpf, ſo häßlich, ſo krank und grämlich. Die alte Marianne hat ihr Kreuz mit ihm Tag und Nacht. War es nicht auch hart, daß gerade die von den beiden kleinen Zwillingsſchweſtern, welche der Mutter Lebling war, ihr geraubt werden ſollte? Marianne hat mir erzählt, wie untröͤſtlich die arme Auguſta bei dem Tode dieſes Kindes geweſen. Ich geſtehe, ich halte es für eine eigenthümliche Verkehrtheit, daß ſie, ſtatt ſich der Aehnlichkeit der kleinen Iſidora mit der verſtorbenen Zwillingsſchweſter zu tröſten, es nicht mehr ertragen konnte, dieſes Kind zu ſehen und ihm alle Liebe ent⸗ zog. Das jüngſte Kind dagegen, das Deinen Namen trägt, iſt ihr ſehr lieb und ſcheint den Platz der bewein⸗ ten Roſine eingenommen zu haben. Aber es iſt Zeit, daß ich wieder den Faden meiner Geſchichte aufnehme. Es iſt ein wunderliches Gefühl, wenn man, wie ich, bei meiner Ankunft hier, ganz fremd und eine neue Bekanntſchaft für ſeine nächſten Verwandten iſt. Es hat etwas ganz Angenehmes, denn das genaue Verhält⸗ niß und das Intereſſe der Neuheit üben zu gleicher Zeit ihre Macht aus. Auguſta's Liebenswürdigkeit, ihre Schön⸗ heit, Alles entzückte mich an ihr. Die Gewogenheit des alten Onkels Polonius ſchmeichelte mir, und ich konnte nicht müde werden, auf die langen Geſchichten zu hören, die die alte Marianne, welche(wie Du dich vielleicht er⸗ innerſt) bei meinen Voreltern gedient hat, von meiner Mutter und ihrer letzten Krankheit erzählt— und wie Du gekommen und mich mit Dir nahmſt, als ſie todt war. Ganze Stunden brachte ich im Zimmer der Kinder bei ihr und der kleinen Iſidora zu. Dieſes von ſeinen Eltern verlaſſene, hübſche Kind war ſogleich mein Lieb⸗ ling und vergalt meine Liebe mit zarter Hingebung. Ich holte es jeden Morgen zu mir herauf und behielt es, ſo lange ich konnte. Wenn es meine Stimme auf der Treppe Novellen. III. 3 3 34 hoͤrte, kam es ſogleich herbeigelaufen und ſehnte ſich nach mir, wenn es mich nicht ſah. In den mancherlei Geſellſchaften, in die ich kam, er⸗ weckte auch ich das Intereſſe der Neuheit und wurde Ge⸗ genſtand einer Huldigung, die ich natürlich dieſem Um⸗ ſtande zuſchrieb; doch will ich ehrlich geſtehen, daß es mich vergnügt machte, ja bisweilen berauſchte. Aber bald verlor dieſe eitle Freude ihren Werth, als ich die Wir⸗ kung entdeckte, welche all' dieß auf den Sinn meiner Schweſter machte. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß Auguſta in mir eine Nebenbuhlerin ſah, die ſie der höch⸗ ſten Freude beraubte, und dieſer Gedanke ſchlug alle meine Heiterkeit nieder. Sie behandelte mich in ſolchen unglück⸗ lichen Tagen mit einer Kälte, einer Bitterkeit, die mir wie ein Dolchſtich durch die Seele ging. Oft zogen ſolche Wolken auf, ohne daß ich den Grund kannte; eben ſo raſch verſchwanden ſie auch wieder, ich weiß nicht wie, und wechſelten mit dem klarſten Himmel ab. Die hauptſäch⸗ lichſte Veranlaſſung zu dieſen Szenen war namentlich Laertes(wie wir den Vetter des Lieutnants bezeich⸗ nen wollen), der Dir bereits aus meinen Briefen be⸗ kannt iſt, und dieſer Stein des Anſtoßes war um ſo ſchwieriger zu vermeiden, als wir ihn beinahe täglich ſahen, theils bei uns, theils bei Tante Polonius, und er in unſerer Bekanntſchaft gerade der war, mit dem ich mich am liebſten unterhalten wollte. Sein unerſchöpflicher Witz, ſeine muntere Laune, ſeine feinen Sitten machten ihn zur Seele unſerer Kreiſe. Er huldigte ſtets Auguſta's Schönheit und Anmuth, verſtand und pries ſtets ihre Vor⸗ züge; deſſenungeachtet weiß ich nicht, wie es kam, aber in letzterer Zeit ging nie eine Zuſammenkunft zu Ende, ohne daß Beide mit ſichtlich übler Laune die bitterſten Sarkasmen wechſelten. In den Geſellſchaften von Tante Polonius war es häufig ſehr heiter. Man tanzte, man muſizirte, man ſpielte Pantomimenſpiele, man ſtellte ſogenannte lebende 35 Bilder; und man konnte es immer vorausſagen, daß, wenn Auguſte oder Laertes Theil an dieſen Unterhaltungen nahmen, ſo waren ſie geſchmackvoll, ſonſt nicht. Faſt⸗ nachtmontag kam man auf den Gedanken, daß, ehe der Tanz beginne, alle Damen, ſo gut es ſich thun ließ, mythologiſche Figuren darſtellen ſollten. Zufälligerweiſe trug Auguſta einen blauen, ich dagegen einen rothen Rock; ſie wurde deßhalb zur Luna, ich zur Aurora beſtimmt. Sie wurde in einen großen, weißen Schleier gehüllt, ein Mond glänzte in ihrem dunkeln Haar; ſie war ſehr ſchön. Mich dagegen beliebten die jungen Damen auf eine eigene⸗ Manier auszuſtaffiren. Sie banden mir blonde Locken auf meine Stirne, drapirten meinen Kopf mit einem rothen Shawl, und da ſie fanden, daß meine Geſichtsfarbe ſo wenig als mein Haar zur Aurora paßte, ſo kam die kleine Lydia mit einem Schminktopf und malte mir eine hochrothe Roſe auf jede Wange. Nun ging es im Triumphe in den Saal, wo die größte Freude die war, daß Niemand auf den erſten Blick uns beide erkannte; die kleine Lydia war in einen kleinen Amor verwandelt. Laertes näherte ſich und ſagte zu Auguſta:„Schöne Luna! wer wünſchte nicht Endymion zu ſein?“—„Wenn Sie es wünſchen,“ antwortete ſie,„ſo müßte es wohl deßhalb ſein, um wie er von der jungen Aurora entführt zu wer⸗ den.“—„Ja,“ ſagte er,„wer würde nicht der jungen Aurora folgen, wenn man auch wüßte, daß der Weg zu Proſerpinas Reiche führte!“ und mit dieſen Worten ergriff er meine Hand, um mich zum Tanze zu führen, der im ſelben Momente begann. Mitten in dieſem kam Tante Polonius mit zorniger Miene, winkte Laertes, und ſagte ihm Etwas, um was er ſich jedoch nicht zu kümmern ſchlen; kurz darauf nahm ſie mich beim Arme, wie man einen Vogel an der Schwinge hält, und ſagte:„Deine Schweſter iſt krank geworden, und fortgegangen, es wäre vielleicht das Beſte und Paſſendſte, daß Du zu ihr hinaufgingſt.“ Und damit ergriff ſie Laertes beim Arme, und führte ihn aus dem 36 Tanze wie im Sturmwind fort. Ich flog in ein anderes Zimmer, eilte, meine entlehnten Federn abzuwerfen, und da ich aus der Thüre wollte, kam Laertes und bot mir den Arm, um mich zu begleiten und ſich nach Auguſta's Befinden zu erkundigen. Als wir die Treppe hinauf⸗ kamen, blieb er ſtehen und ſagte:„In dem Zweikampf, welchen ich mit Polonius beſtand, und in dem ich natürlich fiel, erbeutete ich doch zwei Neuigkeiten, von welchen ich Sie hätte früher unterrichten ſollen: der dicke Juſtizrath Marcellus hat ernſtliche Abſichten auf Sie, und der junge Graf Güldenſtern war dieſen Vormittag bei Ihrem Onkel und offenbarte ihm ſeinen edelmüthigen Beſchluß, Sie zur Gräſin zu machen, weßhalb Sie wohl begreiflich finden werden, daß Ihre Familie ihm dankbar iſt.“—„Herr Gott!“ rief ich,„man hört nichts, als was ſchlecht iſt.“ Laertes drückte meinen Arm an ſich, und brach mit einem herzlichen Tone, den ich nie zuvor bei ihm bemerkte, in die Worte aus:„Reine, weiße Lilie! bei Gott! Du biſt zu gut, um in dieſer verpeſteten Luft zu leben.“— Aber im ſelben Augenblicke ſchien er ſich des tieferen Gefühles wieder zu ſchämen, das er geäußert, und fügte lächelnd hinzu:„Ja, mein ſchönes Fräulein, Sie ſehen ſelbſt, Sie richten eine ſchreckliche Feuersbrunſt in unſerer allergnädigſten Reſidenzſtadt an.“— Siehſt Du, das iſt Etwas, was mir an Laertes mißfällt und mir ſein Weſen fremd macht: dieſe ſeltſame Miſchung von Scherz und Ernſt, wodurch das Eine in dem Andern verſchwimmt, dieſe, wie mir dünkt, unmännliche Verſchämtheit, ſeine Gefühle bekannt werden zu laſſen, wenn ſie höherer Art, als die des täglichen Lebens, wärmer, als des vornehmen Tones unveränderliche Temperatur und nicht ſo farblos, als die Zeit, in der wir leben. Man ſagt, daß wir Frauen keinen Sinn für Ironie haben, und mir ſcheint, daß das in unſerer weiblichen Natur liegt. Ironie iſt eine Phantasmagorie, die uns ängſtigt: wir fürchten, daß . 37 hinter dieſem vermeſſenen Scherz ein wirkliches Geſpenſt hervorkommen und im Ernſte ſpuken könnte. Als ich zu Auguſta hineinkam, lag ſie in Krämpfen und ſprach verwirrt. Ich hatte ſie nie zuvor in dieſem Zuſtande geſehen und in der innigſten Seelenangſt brachte ich den größten Theil der Nacht bei ihr zu. Ich ging betrübt zu Bette, eine heftige Sehnſucht nach Dir, ein unausſprechliches Gefühl, verlaſſen und ohne Stütze in der Welt zu ſtehen, bemächtigte ſich meiner mehr als je. Am nächſten Morgen hörte ich zu meiner Beruhigung, daß meine Schweſter aufgeſtanden war und ſich beſſer befand. Dann kamen Onkel und Tante Polonius zu mir herauf und redeten von Herzens Grund die Sache des jungen Grafen. Dinge dieſer Art konnten mich natür⸗ licher Weiſe nicht ſehr ängſtigen. Niemand konnte meine Hand vergeben, als Du: indeſſen wurde meine Verſtim⸗ mung noch größer. Mit Furcht und Bangen ging ich nun zu Auguſte hinab und war angenehm überraſcht, ſie an ihrem Fenſter ſitzen zu ſehen, hübſch gekleidet, friſch, wie eine Roſe, und in einer Laune von derſelben Farbe. Sie empfing mich freundlich, dankte mir für die Sorg⸗ falt, die ich ihr in jüngſter Nacht habe angedeihen laſſen, machte ſich luſtig über den jungen Grafen und ſeine Ambaſſadeure, und nachdem ſie mir noch von einigen Beſuchen erzählt, die ſie dieſen Vormittag gehabt und die ſie erheitert zu haben ſchienen, fügte ſie hinzu:„Es iſt mir Etwas begegnet, was ich in vielen Jahren nicht erlebt; Oſrik war in ſo gutem Humor, daß er von ſelbſt gekommen und mir mein Haushaltungsgeld ubergeben, ja ſogar mehr als das Gewöhnliche, mit dem Wunſche, daß ich ſo nobel und artig als möglich Herrn Horazio em⸗ pfange, von dem Du ihn gewiß ſchon ſprechen hoͤrteſt. Dieſer Herr ſoll nämlich geſtern Abend in der Stadt an⸗ gekommen ſein, und Oſrik will ihn heute Abend zu uns zu bringen ſuchen.“—„Kennſt Du dieſen Horazio?“ fragte ich.„Nein,“ antwortete ſie,„er war ſeit vielen 38 Jahren außer Landes. Ich weiß blos, daß er Oſriks Vater ſehr hoch geſchätzt, daß er ihn den Wohlthäter ſeiner Jugend nennt und deßhalb ſtets väterlich für den Sohn geſorgt hat. Er war's, der uns etablirte, als wir uns verheiratheten, und Oſrik ſchuldet ihm ſehr viel.“— „Das freut mich,“ ſagte ich,„daß meine Schweſter eine ſo warme Hingebung nähren kann.“—„Ach!“ antwortete ſie,„dieſer Horazio iſt ihm allerdings lieber als irgend Jemand; indeß beſteht ſeine groͤßte Freude über ſein Kommen gewiß in der Hoffaung, daß dieſer Mann ſeine Schulden bezahle, was er auch, wie ich ihn kenne, gewiß thun wird.“ Abends fand ſich der böſe Genius wieder in unſerem Kreiſe ein. Laertes und der alte Bernhard waren da, Tante Polonius kam auch herauf, und nun begann zwi⸗ ſchen ihr und Auguſta das alte verhaßte Spiel verletzender Spötteleien. In den beſtändigen Feindſeligkeiten, welche doch nie zu offenbarem Kriege ausbrechen, ſchießt Tante Polonius mit Kanonen, Auguſta dagegen mit vergifteten Pfeilen. Manche Kanonenkugel ſtreifte mich nahe, und Laertes mußte Bomben und Pfeilſchüſſe aushalten. Er ging verſtimmt auf und nieder, Die Converſation war im Ganzen ſchläfrig und ſchleppend. Eine von den Sachen, die mir ſtets in meines Schwagers Haus unan⸗ genehm geweſen, war der Mangel an hoͤflicher Aufmerk⸗ ſamkeit, welchen Alle, Auguſta mit eingerechnet, gegenüber dem alten Bernhard an den Tag legten. Er iſt aller⸗ dings etwas einſeltig, vielleicht in gewiſſen Dingen etwas pedantiſch, aber ſein Unglück, ſein Alter, ſeine vielen achtungswerthen und liebenswürdigen Seiten würden ihn in meinen Augen ſtets zu einem Gegenſtande der Achtung und Freundſchaft machen. Er verſteht es, wenn man Däniſch ſpricht, aber es genirt ihn ſehr, ſich in unſerer Sprache auszudrücken. Tante Polonius verſteht ſich nicht franzöoͤſiſch auszudrücken, und die Converſation wurde nun an jenem Abend, wie gewöhnlich, Däniſch geführt, ohne Rück⸗ 39 ſicht auf Bernhard, was meine Verlegenheit vermehrte. Ich pflege gerne, mich zu ihm zu ſetzen, und ein ſtilles Geſpräch zu beginnen, das er ſtets mit der ſeiner Nation eigenen, bewunderungswürdigen Leichtigkeit zu führen weiß. Dieſen Abend jedoch wollte es nicht glücken. Nach einer langen Pauſe ſagte Laertes:„Wiſſen Sie, Frau Oſrik, daß Horazio hier angekommen iſt?“—„Ja,“ antwortete ſie;„es iſt möglich, daß er heute Abend zu uns kömmt.“ —„In dieſem Falle will ich noch hinüber gehen, denn ich moͤchte den alten Herrn auch gerne ſehen.“—„Alten Herrn?“ rief Laertes,„das werden Sie morgen nicht mehr ſagen, Frau Polonius, wenn er anders heute Abend kömmt. Ich ſah ihn heute Mittag. Es iſt ein merk⸗ würdiger Mann, der nicht blos Zeuge der wichtigſten Begebenheiten unſerer Stadt geweſen, ſondern auch leben⸗ digen Antheil daran genommen, und ſein Ausſehen drückt ganz die Idee aus, die ich mir von ihm gemacht.“— Der arme Bernhard wurde durch dieſe Worte verwirrt, er ſah auf ſeine Uhr, und ſchien ungewiß, ob er gehen oder bleiben ſollte.— Im ſelben Augenblicke ging die Thüre auf, und mein Schwager trat mit einem hohen, großen Manne ein, in welchem Jedermann, nach Laertes kurzer Beſchreibung, Horazio erkennen mußte. Sein lö⸗ niglicher Anſtand, ſeine edeln, etwas ſcharfen Züge, ſeine ſchwarzen, gekräuſelten Haare um die hohe, weiße Stirne, ſein ſchwarzes Kleid mit einem Orden auf der Bruſt, der ſtumme, beſcheidene Ernſt, mit dem er die Anweſenden grüßte, verſetzte uns Alle plötzlich in eine neue Welt. Er näherte ſich Auguſta, verbeugte ſich ehrerbietig vor ihr, ſagte ihr einige verbindlichen Worte, und bat ſie, zum Willkomm ihr die Hand küſſen zu dürfen. Der erſte Klang ſeiner Stimme fand ein Echo in meinem Innerſten; ich dachte daran, daß es Etwas in der Muſik gibt, was man ſympathetiſche Töne nennt. Er war ſogleich bekannt unter uns, und verſtand die Kunſt, das Geſpräch mit derſelben Leichtigkeit zu beleben, wie Herr Bernhard.— 0 40 Tante Polonius ging hinab, und wir Andern begaben uns in den Speiſeſaal, wo Auguſta's Schoͤnheitsſinn ſich an dieſem Abend ſelbſt übertroffen. Die klaren Kryſtall⸗ ſchaalen, die die kleinen Gerichte und ſchönen Früchte in ſich ſchloſſen, der geſchmackvolle Theetiſch, der Wohl⸗ geruch, der über dem Zimmer ausgebreitet war, die hübſche Beleuchtung, Alles athmete etwas Feſtliches, ohne über⸗ triebene Pracht. Auch die Converſation war plötzlich herzlich und blitzend von Witz und Laune, Jeder ſchien ſich in einer glücklichen, aufgeräumten Stimmung zu fühlen. An einem ſolchen Abend, in einem ſolchen kleinen ausgeſuchten Cirkel ſollteſt Du Auguſta ſehen, um ihre Liebenswürvigkeit ganz zu faſſen. Sobald Horazio be⸗ merkte, daß ein Ausländer zugegen war, drückte er ſich ſogleich in dieſer Sprache aus, was das Geſpräch in keiner Weiſe ſtörte. Mein Schwager und Laertes konnten ihrer Luſt, das Geſpräch auf die wichtigſten Begebenheiten zu lenken, denen Horazio beigewohnt, nicht widerſtehen, und er befriedigte ihre Neugierde mit der lebendigſten Schilderung von Perſonen und Ereigniſſen, ohne viel von ſich ſelbſt zu ſprechen; ich konnte nicht umhin, den feinen Tact zu bewundern, mit welchem er die Gefühle des alten Bernhard bei dieſer Veranlaſſung zu ſchonen, und das zu mildern wußte, was ihn verletzen konnte, indem er ſich in Lobeserhebungen der franzoͤſiſchen Tapferkeit ergoß, die den alten Landsmann zu entzücken ſchienen. Von einer Aeußerung Dieſes nahm er Veranlaſſung, ihm zu ſagen:„daß man im Unglück Den nicht verlaſſen ſoll, dem man im Glücke folgte, iſt ein Grundſatz, den Nie⸗ mand beſtreitet, aber Wenige bethätigen. Sie und ich waren treu; das iſt die Hauptſache; das Uebrige ſind mir zufällige Umſtände.“— Ich ſah, wie wohl es dem alten Manne that, mit ſolcher Hochachtung behandelt zu werden; und er ſprach in Gegenwart dieſes vermeintlichen Geg⸗ ners von ſeinem Leben und ſeinen Meinungen mit ei⸗ ner Freiheit und Offenherzigkeit, die er nie gegenüber 41 von ſeinen vermeintlichen Freunden an den Tag legte.— Ich ſaß ſo, daß ich ziemlich unbemerkt Horazio betrachten konnte. Seine kräftige Geſtalt war durchaus jugendlich, ſein Geſicht edel und ſchön; wenn er jedoch ernſt war, ſah man wohl, daß er nicht mehr jung, daß Kummer, Gefahr und Beſchwerlichkeiten Spuren in ſeinen Zügen hinterlaſſen und mit ihren kalten Händen ſeine Stirne berührt hatten, ſo daß ein und das andere Silberhaar zwiſchen ſeinen ſchwarzen Locken glänzte. Wenn er jedoch ſprach, verjüngte er ſich ganz, ſeine Phyſiognomie wurde äußerſt lehendig und beweglich, alle Gefuͤhle malten ſich darauf ab, ſeine dunkeln Augen leuchteten wie Sterne, ſeine weißen Zähne glänzten wie Schnee, und eine unge⸗ meine Grazie ſpielte um ſeinen Mund und begleitete alle ſeine Bewegungen. Ich war dieſen Abend eine ſtumme Perſon; doch wußte er, ich weiß nicht wie, mir zu zeigen, daß ich nicht unbemerkt von ihm geblieben. Mein Schwager ſagte:„Nun behalten wir Sie doch unter uns?“—„Ja,“ antwortete er,„meine Abſicht iſt, einen ſturmvollen Tag mit einem ſtillen Abende in meinem Vaterlande zu ſchließen. Ach! ich verſichere Sie, es war mir in manchem Augenblicke ein lieber Gedanke, daß ich noch einen kleinen Fleck Erde in Dänemark beſitze, und daß mein gutes Schickſal mir den alten Freund erhalten, den ich auf meinem Gute beſitze, ohne deſſen kluge Oekonomie es mir während ſo langer Abweſenheit wohl nicht erhalten geblieben. Ich gedenke nun auch Alles, was ich an Kräften und Vermoͤgen zurückgebracht, darauf zu ver⸗ wenden, es zu verſchoͤnern und zu verbeſſern, ohne deß⸗ halb Kopenhagen ganz zu verlaſſen, das ich mit einer Freude wieder geſehen, die ich nicht beſchreiben kann.“— Dieſe Worte erheiterten uns Alle. Mein Schwager er⸗ griff ſein Glas und rief:„Nun, ſo wollen wir denn auch auf ein glückliches und langes Zuſammenleben anſtoßen.“ Horazio klingte zuerſt mit Auguſte und Oſrik, und ſtreckte dann das Glas gegen mich aus— mit einem Ausdruck, 42 deſſen Liebenswürdigkeit ich nicht beſchreiben kann; und ſo endigte dieſer ſchöne Abend, den ich vielleicht allzu weitläufig beſchrieben, da ich vergaß, daß er für Nie⸗ mand die große Bedeutung haben kann, wie für mich. Es folgte nun eine gute Zeit, ein weit beſſerer Ton kam mit Horazio in unſer Haus, das er ſtets häufiger und zuletzt taͤglich beſuchte. Meines Schwagers Achtung vor ihm hatte die gute Wirkung, daß wir in ſeiner Ge⸗ genwart von dem Mangel an Aufmerkſamkelt verſchont wur⸗ den, mit welchem er gewöhnlich die Anweſenden behandelte, und ſeine minder verdrießliche Laune zeigte deutlich, daß jene Hoffnung auf Horazio, von welcher Auguſte ſprach, nicht vergeblich geweſen. Auch Auguſte ſuchte ſich die Achtung zu erhalten, die er ihr zeigte. Er nahm an allen unſern kleinen Freuden und Sorgen Theil und in unſerem ganzen Zirkel war Niemand, von dem alten Onkel Polonins bis auf die kleinſten Kinder herab, der ihn nicht vermißte, wenn er nicht bei uns war.— In dieſer guten Zeit ge⸗ ſchah es auch, daß die kleine Sophie von der Amme ge⸗ nommen und Mariannens Pflege übergeben wurde, und dadurch wurde auch meinem Wunſche willfahren, daß die kleine Iſidore mir ganz allein überlaſſen wurde. Der Tag, an welchem ihr kleines Bett und die übrigen Effecten zu mir heraufgebracht worden, war ein Feſttag für ſie und mich. Es war mir eine große Freude, mich mit ihr zu beſchäftigen und wenn ich ſie verlaſſen mußte, konnte ich ſie ohne Furcht dem Stubenmädchen überlaſſen, jener Stine, von deren Güte gegen mich ich Dir einmal er⸗ zählte. Im Frühjahr, das ſich indeſſen näherte, trug ſich ein an ſich unbedeutendes Ereigniß zu, das für die Geſchichte meines Herzens indeß Bedeutung hatte. In einem Ding übte die große Welt ihre berauſchende Macht über mich aus: Wenn ich Schauſpiele ſah oder Muſik hoͤrte, machte das eine ſo heftige Wirkung auf meinen an dergleichen un⸗ gewohnten Sinn, daß ich alle Herrſchaft über mich 43 ſelbſt verlor und mich ganz von der Illuſion hinreißen ließ. Oft, wenn ich eine Symphonie von dem hieſigen herrlichen Orcheſter ausführen hörte, entzückte es mich in ſolchem Grade, daß ich zur Verwunderung derer, die mir nahe ſtanden, weinen mußte. Beim Schauſpiele weinte und lachte ich ſo heftig, daß ich bisweilen meine Umge⸗ bung ſtörte, namentlich da mein Weinen und Lachen nicht immer mit dem ihrigen ſtimmte; war ich jedoch in einer ſchönen Tragödie, wie zum Beiſpiel in Axel und Valborg, Zeuge des Todes eines edeln Helden, ergriff mich die Trauer und der Schmerz mit ſolcher Gewalt, daß ich, um nicht den entſcheidenden Stoß zu ſehen, mich hinter Auguſta verbarg, die nicht umhin konnte, über mich zu lachen und dadurch die ganze Loge ärgerte. Dieſe Thor⸗ heit war eine reiche Quelle zu Scherz und Satire in unſerem Kreiſe, und bei ſolchen Gelegenheiten war es ſprüchwörtlich geworden:„das Fräulein vom Lande war im Theater!“ Nun geſchah es, daß ich mit Auguſta, Tante Polonius, Laertes, Horazio und anderen im Con⸗ zerte in der Kirche war, wo man eine Paſſionsmuſik von Weyſe aufführte. Wir hatten in einem abgeſchloſſenen Stuhl Platz genommen. Ich ſetzte mich hinter die andern Damen in eine Ecke nahe bei der Thüre, um ganz un⸗ bemerkt und ungeſtört mich dem Genuſſe überlaſſen zu köͤnnen, der meiner harrte. Ich hatte nie zuvor ein Or⸗ cheſter in der Kirche gehoͤrt und nichts vermag meine Gefühle auszudrücken, als die feierlichen Töne von dem hohen Gewölbe wiederklangen. Daß Du dieſes Meiſter⸗ werk religiöſer Begeiſterung hören könnteſt! Beſchreiben läßt es ſich nicht, wenigſtens vermag ich es nicht, nur ſo viel muß ich Dir erzählen, daß wo der Text(von Thaarup) den Tod Jeſu erzaͤhlt, die Empörung mit der ſich die Natur bei dem Anblick der Grauſamkeit der Menſchen erhebt, da wußte Weyſe das Hohe und zugleich Schreckliche in dieſem furchtbaren Augenblicke ſo mächtig zu erfaſſen, daß man den Sturm heulen, die Erde in ihren Grundfeſten zu erzittern, den Vorhang im Tempel zerreißen zu hören und die Todten aus den Gräbern kommen zu ſehen glaubt— und dieſer Schrecken, dieſer unendliche Schmerz iſt in der Muſik mit ſolcher Schönheit dargeſtellt, daß es mir verzeihlich ſcheint, wenn man ſich, wie ich, hinreißen läßt. Denn ich vergaß Alles, was mich umgab, und ergriffen von dieſer Vor⸗ ſtellung, daß die Gewölbe über mir zuſammenſtürzten, daß die weißen Marmorbilder der Kirche lebendig würden, eilte ich aus der Thüre, ohne daß ich ſelbſt wußte, ob ich aus der Kirche wollte oder nicht. Sobald ich jedoch den Fuß auf die Treppe ſetzte, hoͤrte der Sturm in der Muſik auf, himmliſche Töne ließen ſich hoͤren, es war, als wenn die Strahlen des Auferſtehungsmorgens die Nacht des Todes durchbrächen. Ich ſank auf die Trep⸗ pen, in ſelige Thränen aufgelöſt, und ohne zu bemerken, daß Laertes und Horazio mir gefolgt waren, und nun hinter mir ſtanden. Laertes konnte ſich nicht enthalten, zu lachen; Horazio jedoch ergriff ſtumm und freundlich meine Hand, hob mich auf, führte mich an meinen Platz im Stuhle, ſetzte ſich an meine Seite und behielt meine Hand in der ſeinen. Er beugte ſein Antlitz auf mich herab, unſere Augen begegneten ſich und— ich kann es nicht erklären— es war, als ob unſere Seele zuſam⸗ menſchmölze; ich glaubte in dieſem Augenblicke zu ſehen, daß er mich liebe, und unter dieſen heiligen Wölbungen, umſchwebt von dieſen ſeligen Toͤnen, ſagte ich mir zum erſten Male:„ich liebe ihn,“ und mein ganzes Weſen ſtimmte in den Jubel ein, der nun durch die Kirche klang. — Als wir nach Hauſe kamen, beſtürmte man mich von allen Seiten mit Epigrammen auf das Fräulein vom Lande, das ſich geſtern ſelbſt übertroffen. Ich fühlte, daß ich all dies verdiente und wurde ſehr verlegen. Aber Horazio erhob ſich zu meiner Vertheidigung und ſagte: „Ich glaube, daß Fräulein Clara's Benehmen nichts Anderes bewieſen, als daß ihre Einbildungskraft und ihr Gefühl vollkommen friſch und lebendig iſt, während die 45 unſeren von Gewohnheit und Welt eingeſchläfert ſind. Wirklich: Wenn Weyſe viele ſolche Zuhörer hätte, würde man nicht mehr ſagen, dieſer große Künſtler ſtehe ſo hoch über ſeinem Zeitalter, daß ſeine Toͤne dieſer Welt nicht nahen können.“— Wie fühlte ich mich ſicher hinter dieſes Ritters Schild? wie hob ich mich gleich dem ſchwachen Epheu, der ſich um den ſtarken Baum ſchlingt, jedes Gefühl der Einſamkeit und Verlaſſenheit verſchwand und wich einer unbeſchreiblichen Ruhe und Sicherheit.— Meine Liebe glich in dieſem glücklichen Frühjahr den unſchuldigen Blumen, welche dieſe Jahreszeit hervorlockt: ſie duften zart, ihre Farben ſind ſchwach, ſie ſind ohne Dornen. Ich fühlte mich ſo ruhig, ich bedrrfte Nichts zu meinem Glücke, als ihn zu ſehen, zu lieben; ich ver⸗ langte kaum, daß er ähnliche Gefühle für mich hege. Als der Sommer kam, machte Horazio bisweilen kleine Reiſen auf ſein Gut, kehrte jedoch beinahe immer zurück, ehe wir ihn erwarteten, und dann brachte er die meiſten Abende in unſerem Hauſe zu und oft mit Auguſta und mir allein, denn mein Schwager ging wieder ſeinen gewohnten Gang in den Klubb und unſern übrigen Kreis hatte der Sommer zerſtreut, nur Bernhard blieb uns treu und auch Laertes kehrte oft zur Stadt und uns zurück. Wenn das Wetter es erlaubte, brachte Horazio gewoͤhn⸗ lich einen Wagen mit und lud uns zu kleinen Luſtfahrten nach den ſchoͤnen Gegenden ein, die in kleiner Entfernung Kopenhagen umgeben. Bisweilen leiſtete uns einer der genannten Hausfreunde Geſellſchaft, bisweilen waren wir auch allein mit Horazio. War das Wetter ſchlecht, ſo brachte er uns Muſik und Bücher, und las uns mit ſeiner ſchönen, ausdrucksvollen Stimme laut vor. Beinahe jeden Morgen ſandte er uns die ſchönſten Blumen; kurz es gab keine Aufmerkſamkeit, keine Theilnahme, mit der er unſer Leben nicht zu verſüßen ſuchte, und nicht blos auf uns beide Schweſtern, nein, auf Alles, was ſich ihm näherte, erſtreckte ſich das Streben ſeines warmen Herzens, 46 zu tröſten und zu erfreuen, und mit bewundernswürdigem Takte verſtand er zu ahnen, was jedem am meiſten ge⸗ fallen würde. Unter den täglichen Beweiſen dieſes Zuges in ſeinem Charakter will ich nur einen hervorheben: Am Tage vor St. Johannes kamen wir zufälliger Weiſe darauf zu ſprechen, daß dieſes Feſt auch Bernhards Namenstag ſei, da er Jean Baptiſte hieß, und ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß unter den Vielen, welche dieſen Tag feierten, wohl kaum Jemand ſein werde, der daran denke, daß es des guten alten Mannes jour de fète ſei— vielleicht nicht einmal er ſelbſt.— Horazio ſaß lange in Gedanken da, endlich ſagte er:„Wenn ich dürfte, Frau Oſrik, ſo moͤchte ich Ihnen gerne einen kleinen Handel vorſchlagen. Sie haben oft den Smaragd ge⸗ rühmt, den ich in dieſer Bruſtnadel trage; Sie würden mich nun ſehr erfreuen, wenn Sie denſelben mit mir tauſchen wollten gegen das Paar vergoldeter Theetaſſen, die Sie von altmodiſchem Porzellain beſitzen.“—„Sie ſcherzen,“ rief Auguſta,„die alten Taſſen gegen ſolchen hübſchen Stein!“—„Ich würde es nicht wagen, Ihnen dieſen Tauſchvorſchlag zu machen,“ antwortete er,„wenn Sie nicht manches andere Andenken von Ihrer Frau Mut⸗ ter beſäßen; es waren dies ja von ihrer Jugend an ihre Mundtaſſen und ſahen Sie nicht, mit welch' weh⸗ müthigem Entzücken der alte Bernhard ſie wieder erkannte und betrachtete, als ſie kürzlich zufälliger Weiſe auf dem Tiſche ſtanden?“— Auguſta ging den Handel ein und Horazio fügte hinzu:„Aber Sie müſſen mir noch eine Güte erzeigen; Sie ſelbſt und Fräulein Clara müſſen morgen zeitlich ihm dieſe Gabe als ein Geſchenk von Ihnen Beiden bringen, damit der alte Mann ſein neues Jahr mit einem Andenken an ſeine treue Liebe und die Aufmerkſamkeit ſeiner Freunde beginne.“ Es war eine rührende Szene für mich, als wir am nächſten Morgen Horazios Wunſch ausführten. Die Ver⸗ wunderung des alten Bernhard über unſern Beſuch, ſein 47 Entzücken über unſer Geſchenk, ſeine einfache Wohnung, deren einziger Schmuck zwei Silhouetten von Dir und meiner Mutter waren, welche zwei Kränze aus Immergrün umgaben.— All' dies bewegte mich tief. Er machte uns ſelbſt auf dieſe Schatten unſerer nächſten Verwandten auf⸗ merkſam, und brach in begeiſterte Lobreden aus, wobei er auf Euch beide einen Vers aus einem alten Volksliede anwandte, und von meiner Mutter ſagte, was man nur franzöſiſch geben kann:„Elle avoit toute la beauté, qui fit régner Fontange et votre tante avait tout l'esprit qui fit briller Coulange, et toutes deux elles étoient comme Conti, des grãces le modèle.“ Auguſte lachte, als wir hinauskamen und nannte mich das Fräulein vom Lande, denn es war mir, wie in der Comödie gegangen: die Thränen waren mir über Dinge in die Augen gekommen, die an und für ſich nicht rührend waren. Ich habe Dir von dem Feſte erzählt, mit welchem Horazio Auguſtas Geburtstag feierte und das Laertes mit Recht einen Sommertagstraum nannte, etwas ſo Zauberhaftes lag über ihm. Aber was ich nicht glaube Dir erzählt zu haben, iſt folgender Umſtand:„Als Horazio Vormittags kam, um uns zu holen, näherte er ſich Au⸗ guſta mit einem eignen Ausdruck von Schaam und Ver⸗ legenheit; er erroͤthete, indem er ihr eine Brieftaſche über⸗ gab und ſagte:„Es iſt Ihnen gewiß bekannt, daß ich die Ehre hatte, mit Ihrem Herrn Schwiegervater in viel⸗ facher Verbindung zu ſtehen, auch unſre Geldſachen waren mit einander verwickelt. Beim Durchlaufen einiger Papiere fand ich, daß ich Ihrem Gemahle noch eine kleine Summe ſchulde, und dieſe wandte ich in einer Weiſe an, wie ich glaube, daß es ihm angenehm ſein werde: ich fand nehmlich Gelegenheit, in Ihrem Namen ſie vortheilhaft für eine Leibrente einzuſehen und übergebe Ihnen hier die dazu gehörigen Papiere, indem ich Sie bitte, nicht zu glau⸗ ben, daß es eine Gabe von meiner Hand iſt, ſondern es als ein Andenken von Ihrem Schwiegervater zu be⸗ trachten, der gewiß, wenn er lebte, Alles aufwenden würde, den Geburtstag einer ſolchen Tochter zu feiern.“ Dieß war wirklich eine Wohlthat für Auguſta, denn wenn dieſe Leibrente auch nicht bedeutend iſt, ſo iſt ſie doch mehr als hinreichend, um ihre und ihrer Kinder Bedürfniſſe zu decken und dadurch war auch ihre häusliche Stellung eine weit beſſere. Mein Schwager ſagte ſpäter:„Nein! Horazio iſt doch anders, als alle übrigen Menſchen! Er ſagt, er ſei mir eine Summe ſchuldig! Gott bewahre! wie ein Vater hat er an mir und den Meinen gehandelt, und das iſt um ſo rühmenswerther, als er kein ſo unge⸗ mein großes Vermögen mehr beſitzt. Er iſt nicht ſo reich, als Onkel Polonius, der ſeine Nachtruhe verliert, wenn er acht Tage auf eine halbjährige Hausmiethe war⸗ ten muß.“ Gegen das Ende dieſes ſchönen Sommers geſchah es, daß Auguſta und ich mit Horazio nach Sorgenfrei hinaus gefahren waren, und in dieſer meiner Lieblings⸗ gegend ſetzten wir uns in der Nähe von Brede auf einer Anhöhe, an deren Fuß auf der einen Seite Kornfelder lagen, durch welche ſich ein Weg ſchlängelte, der ſich in dem hohen Korne und zwiſchen den im Hintergrunde liegenden Häu⸗ ſern verlor. Die Sonne war dem Untergange nahe. Wir ſaßen alle Drei ſtumm da. Endlich wandte Horazio ſich an Auguſta und ſagte:„Sie haben mich mehrere Male gefragt, weßhalb ich immer ein armer einſamer Vogel geblieben. Dieſer Ort, wo wir ſitzen, dieſe Be⸗ leuchtung des Abendrothes ruft mir ſo lebendig eine Szene meiner Jugend in die Erinnerung, daß ich Sie um die Erlaubniß bitte, ſie Ihnen als eine Art Antwort auf jene Frage zu erzählen.“ Er erzählte uns nun, wie er ſich als ganz junger Menſch in ein Mädchen verliebt, das er irgendwo auf dem Lande kennen gelernt, wo er ſich bei einem Pfarrer aufgehalten, der früher ſein Lehrer geweſen; daß er ſie lange Zeit als ſeine Verlobte betrachtet, nach 49 ihrem ausdrücklichen Wunſche jedoch dieſes Verhältniß ſo geheim gehalten, daß ſie ſich nur auf einer Anhöhe ſahen, wo ſte Abends zuſammenkamen. Einſt nach einer langen Abweſenheit kam er wie gewöhnlich zum Stelldichein und fand ſeine Geliebte bereits mit verweinten Augen daſitzend. Sie offenbarte ihm nun, daß ſie ſeit mehreren Jahren heimlich mit einem jungen Manne verlobt ſei, der im Auslande geweſen, während ſie Horazio kennen und lieben gelernt, dem ſie, ſchwach und leichtſtnnig genug geweſen, ihre frühere Verbindung zu verſchweigen; dieſer Bräutigam ſei nun gekommen und ſollte in wenigen Tagen ihr Gatte werden. Sie beſchwor Horazio, nicht ihre halb verlorene Ruhe zu zerſtören, indem er ſie wieder aufſuchte, ſondern ihr das letzte Lebewohl zu ſagen, und ſie fortgehen zu laſſen, ohne ihr zu folgen. Er that, wie ſie bat: er blieb auf der Anhöhe und ſah ſie auf dem Wege durch das Korn gehen und ſpäter darin verſchwinden.„Ich ſah,“ ſagte er,„wie ſte tiefer und tiefer in den Hohlweg hinein⸗ ging; einmal noch gewahrte ich ihr weißes Kleid im Glanz der Abendröthe, ich glaubte, ihr blaues Leibband, vom Winde bewegt, flattern und mir winken zu ſehen. Zuletzt verſchwand ſie im Korne und meine Augen ſahen ſie nie mehr.“ Nach einer kleinen Pauſe nahm er wieder das Wort und ſagte:„Ich habe eigentlich nie gewußt und fühle dies jetzt mehr als je, daß meine Jugendliebe weit unter dem Ideale ſtand, das mir von weiblicher Vollkom⸗ menheit vorſchwebt; indeſſen hatte dieſes Abenteuer doch großen Einfluß auf meines Lebens Schickſal, da ich in meinem erſten Schmerze darüber Gelegenheit ſuchte und fand, mich in den Sturm der Ereigniſſe zu ſtürzen, der mich bald mit ſich und weit von meinen Hausgöt⸗ tern fortriß.“— Auguſta fragte:„Sie glauben ſich nun vor Amors Pfeilen ſicher? Koͤnnen Sie vielleicht wie Achilles nur an der Ferſe, das heißt, durch die verſchwun⸗ dene Zeit verwundet werden?“—„Welch ein ſpöttiſcher Novellen. III. 4 50 Gedanke,“ antwortete er,„etwas der Art in ſo ſchoͤner Gegenwart zu vermuthen! Ach nein, meine hübſche Freundin! Für Amors Pfelle iſt meine Bruſt ohne Be⸗ deckung, aber ſeine Binde kann man nicht im 49. Jahre tragen. Die, die ich einſt lieben ſollte, müßte ich anbe⸗ ten; Vernunft, Herz, Phantaſte, alle meine Seelenkräfte müßten ſich in dieſem einen Gefühle vereinen; Illuſion könnte nicht mehr ſtattfinden. Und wo dürfte ich hoffen, daß ein ſolcher Inbegriff aller Liebenswürdigkeit mich wie⸗ der liebte? Und nur um zu lieben und wieder geliebt zu werden, würde ich ein Band knüpfen, deſſen neue und un⸗ gewohnte Pflichten nur in dieſem Falle mir theuer und heilig ſein könnten. Man ſpricht ſo viel von der Pflicht, die jeder Menſch hat, eine Familie zu verſorgen, und der Seligkeit, Vater zu ſein. Es erſcheint mir das ein nich⸗ tiger und leerer Gedanke, denn der, der Herz und Luſt hat, wird immer Familien und Kinder finden, deren Vater er ſein kann, und ich bin überzeugt, daß ich mit weit größerer Liebe an einem fremden Kinde hängen werde, als an einem eigenen, deſſen Mutter ich nicht geliebt.“— Wie viel Verſtand auch aus dieſen Aeußerungen leuchtete, ſo gingen ſie doch wie Dolchſtiche durch mein armes Herz und machten mit einem Streiche der paradieſiſchen Ruhe ein Ende, in der meine Liebe bisher gelebt. Ich verſtummte und antwortete auf die Frage der Andern, ich befinde mich unwohl, was auch wirklich der Fall war. Ich konnte in der Nacht nicht ſchlafen, ich war aus meinem Himmel in den Abgrund der Leidenſchaften geſtürtzt.„Er liebt mich nicht,“ ſagte ich mit tauſend Thränen:„und wie konnte ich auch ſo thoͤricht und eitel ſein, einen Au⸗ genblick zu glauben, daß ein ſolcher Mann im Stande wäre, ſich in ein Mädchen vom Lande zu verlieben?“ Ich haßte das Ideal, von dem er geſprochen, und das er den Inbegriff aller Liebenswürdigkeit ge⸗ nannt; ich beneidete die Unglückliche, die ihm auf der Anhöͤhe Lebewohl geſagt, und der ſeine Augen gefolgt wa⸗ 51 ren, bis ſie zwiſchen dem Korne verſchwand.— Du darfſt jedoch nicht glauben, daß dieſe Stimmung bei mir an⸗ dauerte, nein, ſie wurde von helleren Tagen und Stun⸗ den abgelöſt; bisweilen ſchwebte mir doch eine Ahnung vor, geliebt zu ſein, bisweilen ſprach mein guter Engel mit mir in der Erinnerung an Dich und in der Anmuth meiner kleinen Iſtdore. Das Jahr, das ich in Kopen⸗ hagen zubringen ſollte, war verfloſſen, ich dachte an meine Heimreiſe mit meiner Iſidore(welche Du und Auguſta mir erlaubt, mitzunehmen), als Du mir ſchriebſt, daß meine Schweſter mich den Winter über behalten wollte, und daß auch Du nicht wünſcheſt, ich moͤchte den Unter⸗ richt in Mufik und Zeichnen unterbrechen, durch den ich nach Deinem Fürguthalten die Talente ausbilden ſollte, die Du ſelbſt bei mir entwickelt hatteſt. Vergib, geliebte Freundin! Trotz aller meiner Sehnſucht nach Dir konnte ich manchmal doch nicht umhin, mich zu freuen, daß ich noch ein halbes Jahr bei Horazio ſollte bleiben dürfen, und Du weißt, ich war in meiner Antwort auf Deinen Brief nicht unwahr gegen Dich. Horazio's Geburtstag war im Spätjahr. Es traf ſich, daß er gerade damals auf ſeinem Gute war, deſſen ungeachtet ließen wir unſer Geburtstagsgeſchenk in ſeine Zimmer hier in der Stadt bringen. Es beſtand in einem Ofenſchirme, den wir Beide geſtickt hatten. Oſrik ſchrieb ihm und wir Beide fügten einige Linien hinzu, in welchen wir ſagten:„daß wir uns beſtrebt, die Schatten der mancherlei Blumen heraufzubeſchwören, mit denen er unſer Sommerleben verſchönt hätte.“ Er antwortete uns in Verſen, die ſo anmuthig, ſo leicht und wohlklingend wa⸗ ren, daß Baggeſen ſich ihrer nicht hätte ſchämen dürfen. Wir laſen noch an ſeinem Briefe, als Laertes eintrat. Wir ließen ihn denſelben leſen und Auguſta ſagte:„Wun⸗ dern Sie ſich nicht über dieſes Talent bei Horazio?“— „Nein,“ antwortete en,„ich hatte ſchon lange erwartet, daß dieſer Jupiter ein Schwan werden würde.”—„Die⸗ 5² ſer Jupiter!“ rief ich.—„Ja, mein Fräulein, mir ſcheint, Horazio hat ſehr viele Aehnlichkeit mit dieſem Gotte, unter Anderem die Raſchheit, womit er die Gunſt der Damen trotz der kleinen Schneeflocken gewinnt, die die unbarmherzige Zeit auf ſein Haupt geſtreut und die er freilich nicht mit jenem Gotte gemeinſchaftlich hat.“— Auguſta antwortete:„Dieſer Schnee,— wie Sie zu ſagen belieben— auf ſeinem Haupte, das ſo viel gewacht, ge⸗ litten und gehandelt, erſcheint mir wie ehrenvolle Narben auf dem Geſichte eines Kriegers, und dieſe, wiſſen Sie wohl, haben noch nie die Gunſt eines Weibes verſcheucht.“ —„Bewahrel“ antwortete er;„ich zweifle nicht daran, daß es ein rühmlicher Schnee iſt. Vielleicht ſtammt er von dem, durch welchen die Franzoſen wateten, als ſie über den Sanct Bernhard gingen. Dieſe weißen Haare find wie der ſogenannte edle Roſt, der den Werth und die Aechtheit der Antike beweiſt.“— Er hielt den Brief noch in der Hand.„Welcher von den Damen ſoll ich dieſe Reliquie übergeben?“— Es entſtand ein ſcherzender Streit zwiſchen meiner Schweſter und mir, wer von uns Beiden den Brief behalten ſollte.„Soll ich nicht,“ ſagte Laertes, „der Salomo ſein, der in dieſer delicaten Sache urtheilt?“ — Er oͤffnete den Brief und drehte ihn nach allen Sei⸗ ten.„Ihn in zwei Theile zu zerſchneiden, würde das Einfachſte ſein, aber meiner Weisheit keine beſondere Chre machen,— doch dabei fällt mir etwas ein: Wie, wenn Eines den Brief bekäme und das Andere das Siegel? wollen Sie ſagen. Das Siegel iſt nicht zu verachten. Da ſteht eine Lyra und noch obendrein eine beſchwingte Lyra darin. Es iſt ein hübſcher Abdruck der ſchoͤnen Antike, welche Horazio in ſeinem Ringe trägt. Wer weiß, ob dies nicht ein Talismann iſt, den ihm ein oder der andere Bramine oder Magus geſchenkt?“— Ueberdies gibt es mir Anlaß zu tiefſinnigen philoſophiſchen Unter⸗ ſuchungen. Das Siegel iſt die Lyra ſelbſt, der Vers ſeine Töne; das Siegel iſt das Materielle, der Vers das 53 Geiſtige.“...—„Wir wollen Ihnen ſo große An⸗ ſtrengungen erſparen,“ ſagte Auguſta;„wir danken Ihnen übrigens für Ihre gute Idee und wollen das blinde Glück zwiſchen uns theilen laſſen.“ Wir zogen das Loos, das Siegel ſiel mir zu und ich war zufrieden mit meinem Theil.„Es iſt ein Abdruck von dem Ring, den er trägt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich auf mein Zimmer kam;„„Wer weiß, ob dies nicht ein Talismann iſt,““ ſagte ja Laertes. Für mich ſoll es das Siegel ſein.“ Ich nahm die kleine Goldkapſel aus dem Chari⸗ vari, das Du mir einſt verehrteſt. Sie war leer. Das Siegel paßte gerade hinein. Ich verſchloß es darin, band es an eine kleine Schnur, hing es um meinen Hals und trug es von dieſer Stunde an, aber ohne daß es Jemand wußte.— Du lächelſt über meine Thorheit! Ja, Deine Clara war eine Schwärmerin geworden. Ich hätte dieſes Siegel nicht für Indiens Schätze hingegeben. Ich zog es hervor, klagte ihm, wenn ich betrübt war, ſprach mit ihm, wie mit Horazio ſelbſt; Alles, was ich ihm verbarg, vertraute ich dem Siegel an. Ich ſtellte Betrachtungen über den unheimlichen Eindruck an, welchen Laertes Sarcasmen uͤber das weiße Haar auf mich ge⸗ macht. Ich fragte mich ſelbſt, ob ich Horazio in einen Jüngling verwandeln würde, wenn es in meiner Macht ſtünde. Ich fühlte, daß ich es nicht thun würde. Nein, den felſenfeſten Glauben, das Gefühl des Schutzes und der Vertheidigung, das ich von ſeiner Seite beſaß, konnte ich auch nur durch einen ſolchen in Streit und Kampf der Welt geprüften Helden bekommen; auch wird man nie, wenn man wahr liebt, etwas an Dem verändert wiſſen wollen, deſſen ganze Perſönlichkeit wie verklärt vor unſern Augen ſteht. 3 Mit dem Eintritte des Winters begannen auch unſere alten Geſellſchaften und Beluſtigungen. Sie hatten ent⸗ weder durchaus nichts Anziehendes oder einen doppelt magiſchen Zauber für mich, Alles je nach meiner eigenen 54 Stimmung oder dem wichtigen Umſtand, daß Horazio anweſend war oder nicht. Neuer Kummer fand ſich nach und nach ein. Es war mir, als ob Auguſte glaubte, ich liebe Laertes, und ganz ihrer früheren Geſinnung ent⸗ gegengeſetzt, ſchien ſie jetzt dieſe Verbindung zwiſchen uns zu wünſchen; weit peinlicher jedoch war mir der Gedanke, daß Horazio ſelbſt in manchen Augenblicken dieſer Anſicht zu ſein ſchien. Den ſchlimmſten Anlaß hiezu gab Tante Polonius. Wenn ſie zu mir heraufkam, erzählte ſie be⸗ ſtändig ſo viel Schlimmes von Laertes, von ſeinem Leicht⸗ ſinn, ſeiner Unbeſtändigkeit und allzu freien Sitten. Es fehlte nie, daß Horazio ſeine Vertheidigung übernahm, und bei dieſer Gelegenheit heftete er immer ſeine Augen auf mich und richtete bisweilen auch das Wort an mich. Ich glaubte ſeine Meinung zu ahnen, und das machte mich ſo verlegen und unglücklich, daß meine Verwirrung nothwendig den Gedanken in ihm beſtärken mußte, Laertes ſtehe meinem Herzen ſehr nahe. Ich ſagte mir das ſelbſt, aber meine Verlegenheit war ſo groß, daß ich nicht Worte finden konnte, welche meine Stimmung ausdrückten, ohne doch die Achtung zu verſäumen, die ich für den jungen Mann fühlte, den ich für einen Freund anſah.— Horazio war nach einer ſolchen Seene ſtets verſtimmt und zer⸗ ſtreut. Wenn dagegen Tante Polonius Gelegenheit fand, mich allein zu ſehen, ſchmeichelte ſie mir und ſagte:„Die kleine Clara iſt die Vernünftigſte von Allen: ſie wird es wie ich machen, und einen ältlichen Mann nehmen, der ſie auf den Händen trägt.“ Bei dieſen Worten wurde mir zu Muthe, wie wenn man auf einer Luſtparthie von einem Platzregen überfallen wird, ganz abgeſehen davon, wie bitter es iſt, wenn andere uns zu einem Gute Glück wünſchen, deſſen Verluſt wir mit heißen Thränen beweinen. Dieſe und ähnliche ſchmerzlichen Stunden verſetzten mich oft in die Stimmung, daß ich den erſten beſten Vorwand ergriff, um mich von der Pllicht zu befreien, Auguſta in Geſellſchaft begleiten zu müſſen, und 5⁵ meinen beängſtigten Sinn in der Einſamkeit zu beruhigen und meinen beſten Troſt in der unſchuldigen Geſellſchaft meiner kleinen Iſidore zu genießen ſuchte. Die ſtillen Abende, die ich allein mit ihr zubrachte, waren ein Heilmittel für mein krankes Herz, auch die kleine Lydia, die ich mit Unrecht klein nenne, da ſie beinahe ebenſo groß, als ich, iſt, kam, wenn ihre Mutter ausgegangen war, und machte die dritte Perſon bei unſern Abendunterhaltungen. Es iſt ein herzensgutes Mädchen mit einem hübſchen Geſichte. Obwohl ſie nur dreizehn Jahre alt iſt, benimmt ſie ſich doch wie eine anmuthige kleine Mutter für ihre kleinen Geſchwiſter; und mit dieſen muß man ſie ſehen, um ſie lieb zu haben. Mein Geburtstag war ein heller Punkt in dieſem für mich oft dunkeln Winter. Horazio hatte uns zu einem Winterfeſte eingeladen. Seine Feinheit und Auf⸗ merkſamkeit entzückte mich. Morgens, als ich in mein Cabinet kam, fand ich es mit den ſchoͤnſten Blumen, wahren Wundern bei dieſer Jahreszeit, geſchmückt. Neben dem Theetiſche ſtand auf dem Boden ein großer Korb, voll Spielzeug, Bilderbüchern und allerlei kleinen Gaben für Iſidore; auch für unſere Stine fand ſich ein kleines Geſchenk vor, damit auch ſie meinen Geburtstag feire. — Gegen Mittag kam er mit einer ganzen Schaar hübſcher Schlitten; Onkel und Tante Polonius mit ihren älteſten Kindern, Laertes, Bernhard und noch ei⸗ nige von unſern Bekannten waren mit im Zuge. An der Spitze deſſelben ſaß Deine glückliche Clara in Horazio's Schlitten; das Wetter war klar und ſchoͤn; und pfeil⸗ ſchnell, allzuſchnell für meine Wünſche, ging die Fahrt nach Bellevue, wo uns ein Mittagsmahl erwartete. Heiterkeit, Laune und eine unerklärliche Behaglichkeit umſchwebte den Tiſch, während das Ganze durch eine feſtliche Tafelmuſik erhoͤht wurde.— Als wir nach Hauſe fuhren, war es der ſchönſte Abend, die Sterne ſtrahlten auf die helle Schneebahn herab, die Gloͤckchen der Pferde klangen durch 56 die ſtille Nacht. Horazio ſaß hinten auf dem Schlitten, er war mir ſo nahe, es war mir, als fühlte ich ſeinen warmen Athem.— Du weißt, wie der ſternenvolle Him⸗ mel mich ſtets beſchäftigte, der nun auch Gegenſtand un⸗ ſeres Geſprächs wurde.„Ich hoͤrte,“ ſagte ich,„daß unſere Erde und Planeten moͤglicherweiſe nur Stücke ſeien, die ſich von der Sonne losgeriſſen und ſich nun voll Sehnſucht um ihren Urſprung drehen. Es fiel mir bisweilen ein, ob es nicht möglich ſein könnte, daß wir ſelbſt in einer Seelenwanderung von anderer Natur, als die, welche die Indianer annehmen, ein Menſchenleben auf jeder dieſer Kugeln leben könnten. Auch dachte ich in meiner Einfalt, es wäre in ſolchem Falle möglich, daß wir auf dem Uranus begonnen und in beſtändig kleineren Kreiſen uns unſrem Urſprung der Sonne näherten. Und da das Jahr um ſo länger wird, je ferner ein Planet dieſer iſt, und man auch wohl annehmen könnte, daß die Entwicklung langſamer und das Leben länger und weniger feurig auf dieſen dunkeln Kugeln iſt, ſo könnte man ſich wohl vorſtellen, daß wir in einem beſtändig kürzeren, aber inhaltsreicheren Leben mit ſtets freierer Organiſation, ſo zu ſagen, mehr und mehr überwundener Zeit, zuletzt, nachdem man auf dem Merkur geweilt, wo die Zeit am allerkürzeſten ſein muß, endlich auf der Sonne anlangten, wo ein ganz anderes uns unbekanntes Zeitverhältniß ſtatt⸗ ſinden muß.“— Horazio hoͤrte mir mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu.„Mit groͤßtem Vergnügen lauſchte ich Ihren Worten,“ ſagte er;„aber ſo ſchön mir auch Ihr Syſtem in gewiſſer Weiſe erſcheint, kann ich es doch nicht anneh⸗ men, namentlich aus dem Grunde, weil es nicht denkbar iſt, daß wir in einem irdiſchen Leben, wo wir auf's Neue geboren werden und ſterben müßten, unſer Bewußtſein behalten könnten; und es ſcheint mir unmöglich, daß die⸗ ſes, wenn es mal geweckt iſt, mit dem aufhören köonnte, was wir Tod nennen. Wir haben, ſcheint es mir, manche Anzeichen, daß es gegen die Natur der Seele iſt. Von —„,— — 57 unſerer erſten Jugend erinnern wir uns nichts; da muß unſer eigentliches Ich, unſer Bewußtſein geſchlummert haben: aber von dem Augenblicke an, als es erwachte, iſt nichts Erinnerungswerthes aus unſerem Leben für uns verloren. In der Krankheit kann es für einige Zeit ſchlummern, aber es kehrt ganz unbeſchädigt zurück. Man ſchläft in tiefem Schlafe und erwacht Morgens, ohne daß der todte Zuſtand dieſer Stunden es geſchwächt hat. In den Träumen verläßt es uns nie. Ich hoͤrte niemals, daß ein Menſch geträumt hat, er ſei ein Anderer. Ja, in dieſem Zuſtande, wo Zeit und Raum ihre Bedeutung für uns verlieren, verlieren wir doch nie uns ſelbſt, nie unſern alten Charakter, ſondern bewahren unſer Gefühl für Gutes und Boͤſes, unſere hoͤchſten Gedanken, den von Gott und dem Unendlichen, und unſere Liebe zu unſern Geliebten.“—„Ach! ſolche Worte höre ich mit Freude,“ ſagte ich,„denn kein Gedanke iſt mir ſchrecklicher, als der, ſich ſelbſt zu verlieren, alles Liebe und Heilige zu vergeſſen.,—„Nein, liebenswürdige Clara!“(ſo hatte er mich früher nie genannt)„nein, wer will vergeſſen? Nicht mal hier im Leben moͤchten wir unſere ausgeſtan⸗ denen Leiden vergeſſen— am allerwenigſten unſere Liebe, wäre ſie auch noch ſo unglücklich! wir moͤchten fie doch nicht vergeſſen, und wenn wir auch geheilt werden koͤnnten.“ — Wir hatten uns während dieſes Geſpräches der Vor⸗ ſtadt genähert. Horazio ſagte jetzt mit einer, wie mir ſchien, bewegten Stimme:„Ich hatte im Sinne, Sie zu überraſchen, aber nun will ich ſelbſt das Geheimniß ver⸗ rathen: Ich habe einen Ball auf der Schießſtätte veran⸗ ſtaltet; ich weiß, Sie tanzen gern. Aber nun muß Ihr älterer Freund reſignirt und beſcheiden auf die Seite tre⸗ ten und es dem glücklichen Laertes überlaſſen, Sie in den jugendlichen Tanz zu führen, deſſen Schmuck Sie ſind, und der für Ihr Alter paßt. Ich muß mich damit tro⸗ ſlen, mich in dieſer ſchönen Stunde mit Ihnen zum Him⸗ mel erhoben zu haben, ja ſogar über die Grenzen der 58 Zeit; aber nun macht dieſer Tyrann wieder ſein Recht geltend und trennt uns. Die Dunkelheit, deren Schleier meine rothen Wangen bedeckte, gab mir den Muth, zu antworten:„Ja, freilich bin ich jung und tanze gerne, aber glaube mir, Horazio! ich vermag Gold von Glimmer, einen Ball im Tanzſaal von dem Tanz der Sterne im unendlichen Raum zu unterſcheiden.“— Er beugte ſich zu mir herab und rief:„O Claral“.... aber im ſelben Augenblick vernahm man einen Schrei hinter uns. Horazio wandte ſich um, rief einen reitenden Diener und fragte, was geſchehen ſei.„Es war nichts; ein Schlitten, der nahe am Umſtürzen war, hatte die Dame erſchreckt, die darin ſaß. Wir fuhren im ſelben Augenblick in das Thor der beleuchteten Schießbahn, wo eine zahlreiche und glänzende Geſellſchaft unſrer harrte. Unſre Stine kam uns entgegen, und führte Auguſta und mich in ein Neben⸗ zimmer, wo Ballkleider und alles Nöthige von ihr in Ordnung gebracht waren. Die andern Damen von der Schlittenpartie, welche das Geheimniß wußten, hatten ähnliche Anſtalten getroffen. Ich tanzte nicht mit ſo viel Luſt, wie gewöhnlich und da Auguſta nie tanzte und mei⸗ nes Schwagers Partie zu Ende war, ſo gehörten wir zu den Erſten, welche aufbrachen. Als ich nach Hauſe kam, ſtand ich lange in mich verſunken da und dachte an die Ereigniſſe des Tages.„Ach!“ ſagte ich:„wie ſollte ich je aufhören, ihn zu lieben? Ueberall, in Blumen, im Sternenhimmel, in meinem Glauben, in meiner Hoffnung, in allen meinen Gedanken begegnet mir ſein Bild.“ Als ich am nächſten Vormittag zu Auguſta kam, fand ich ſie ungemein verſtimmt. Horazio ſpeiſte bei uns zu Mittag, er war in der liebenswürdigſten, glücklichſten Laune, und ſein mächtiger Einfluß verſcheuchte bald alle Wolken. Wir ſaßen noch bei Tiſche, als Tante Polonius zu uns herauf kam. Sie dankte Horazio für das ſchöne Feſt des vorigen Tages, nicht ohne die eine und andere für mich peinliche Anſpielung auf ſeine vermeinte Güte 59 für mich. Damit ging ſie auf das alte abgedroſchene, mir ſchreckliche Capitel von Laertes über und ſagte:„Es iſt ſchade, daß Auguſta und Clara nicht bis zum Ende des Balles geblieben, denn als ſie fort waren, wurde er erſt recht luſtig. Laertes war ungemein ausgelaſſen, er wollte mich ſogar noͤthigen, den letzten Tanz mit ihm zu tanzen, und als ich nachgab, fuhr er ſo wild mit mir umher, daß ich glaubte, es ſei mein letzter Tanz in der Welt. Als wir heimfuhren, ſprang er in unſern Wagen und ließ ſeinen eignen leer nach Hauſe fahren; als er mir aus dem Wagen half, drückte er meine Hand ſo, daß mein Handſchuh rein entzwei war, was ich ſehr übel auſnahm; und denkt Euch mal, als ich eine halbe Stunde ſpäter an das Fenſter trete, bemerke ich deutlich, zu mei⸗ ner größten Verwunderung, daß er auf der Gaſſe ſteht und am Hauſe heraufſteht. Aber ich that, als ſähe ich ihn nicht. Horazio ſah mich wie gewöhnlich an und ich fühlte zu meinem Schrecken, wie das Blut mein Antlitz färbte und mein Herz klopfte.„Kann mir Jemand dieſe Geſchichte erklären?“ fügte Tante Polonius hinzu. „Ja,“ antwortete Horazio mit einem eigenthümlichen Lächeln,„ich könnte wohl, wenn ich wollte, denn“— ſagte er halb leiſe, indem er ſich an mich wandte,—„ſie iſt nicht ſchwer zu erklären.“— Sobald ich konnte, ver⸗ ließ ich das Zimmer und ging auf mein Cabinet, wo ich mein beklommen Herz mit einem Strom von Thränen zum Staunen meiner Iſidore erleichterte, die mich mit den ſüßeſten Worten und Liebkoſungen zu beruhigen ſuchte.„Ach!“ ſagte ich zu mir ſelbſt:„geſtern war ich ſo glücklich und heute fühle ich mich wieder ſo tief gede⸗ müthigt. Dieſes beſtändige Streben, mich auf Laertes vermeintliche Liebe und Vorzüge aufmerkſam zu machen, zeigt mir deutlich, daß er ſelbſt das arme Mädchen ver⸗ ſcheucht, deſſen Herz nur an ihm hängt.“ Als ich Abends hinabkam, ſaß mein Schwager in ber Ofenecke und ſchlief; Auguſta ſaß allein am Thee⸗ 60 tiſch; ſie ſah unglücklich und verdrießlich aus. Nach einer Pauſe begann ſie über die eben erzählte Szene von geſtern Mittag zu ſprechen und nahm davon Anlaß, zu ſagen:„Laertes liebt Dich ſchwärmeriſch, das weiß Niemand beſſer, als Du ſelbſt. An Deinen Fenſtern ſtand er und ſah hinauf, nicht an denen der Tante Po⸗ lonius.“— Sie ſah mich fragend an:„Du ſiehſt ja aus, als ob das, was ich ſagte, etwas Trauriges wäre? —„Ja, das weiß Gott,“ antwortete ich:„Das iſt es auch.“—„Wie? Du liebſt Laertes nicht? Sollte es möglich ſein?“ Sie heftete ihre Augen auf mich— mit einem— ich darf wohl ſagen, erſchrockenen Aus⸗ druck. In dieſem Augenblicke ſchien uns beiden ein Licht aufzugehen. Ich ſuchte mich zu faſſen und ſagte:„Meine liebe Auguſte! ich achte ihn hoch, ich darf wohl ſagen, ich habe ihn lieb, aber ich kann ihn nicht lieben.“— „Weil Du.“— es war, als wollte das Wort auf ihren Lippen erſterben—„weil Du einen Andern liebſt.“ Sie legte ihre Arme auf den Tiſch und das Geſicht auf die Arme, wie Jemand, der ſchläft. Nach einer Pauſe näherte ich mich ihr, und während ich vergebens verſuchte, ihre Hand zu ergreifen, ſagte ich:„Auguſta! liebe Schwe⸗ ſter! höre mich! Wenn ich einen Andern liebe, ſo iſt dieſe Liebe unglücklich, und alſo gehört ſie nur meinem Herzen und iſt ganz mein Kummer. Der Winter iſt bald vorbel, laß mich wieder zu Tante Sophie heimreiſen und mit ihr und dem kleinen Iſidor will ich in der Erinnerung an die Zeit leben, die ich bei Dir zugebracht.“— Kein Laut, nicht die mindeſte Bewegung verrieth, ob mich Auguſta hörte oder nicht. Ich ſaß einen Augenblick ganz ſtumm da, dann erhob ich mich und ging auf meine Zimmer, und ſo begann ich mein neues Jahr, verfolgt von den alten Sorgen und empfangen von einer neuen. So verfloß einige Zeit, zwiſchen guten und ſchlimmen Tagen abwechſelnd. Das Frühjahr nahte heran. Auguſta war häufig nicht wohl und vermied es, mit mir allein 61 zu ſein.— Nach Verlauf von einiger Zeit übergab ſie mir einen Brief von Dir, der, wie ſie ſagte, in den ihren eingeſchloſſen geweſen. Ich ſah daraus, daß ſie Dir von Laertes geſchrieben, und daß Du in Hinſicht auf ihn mit ihr einverſtanden warſt. Was mich am Meiſten rührte, war der mehr als ritterliche Edelmuth, mit welchem Du begünſtigen wollteſt, was Du für meinen hoöchſten Wunſch hieltſt. Ich antwortete Dir vertraulich und ehrlich, und in Deiner Antwort erkannte ich, wie immer, Dein engel⸗ gleiches Herz. Horazio fuhr fort, unſer Leben mit Allem zu ver⸗ ſchönern, was er ausfinnen konnte, und durch ſeine ruhige, ſchoͤne Gegenwart alle Diſſonanzen in unſerem Inſammen⸗ leben aufzulöſen, ſo daß mancher gute Abend auf einen traurigen Tag folgte. Durch ſeinen Einfluß war es auch geglückt, daß ich bisweilen Iſidore mit herab in ihrer Mutter Zimmer bringen durfte. Wenn er ein Buch oder Muſik brachte, ſo holte er mich ſelbſt mit ihr aus meinem Zimmer.— Es konnte auch kein Kind weniger zur Laſt ſein. Bei einem kleinen Spielzeug oder einem Bilderbuch ſaß es ganze Stunden, ohne daß die geringſte Unruhe verrieth, daß ein Kind zugegen war. Wenn ſie nur in meiner Nähe, war ſie ruhig, verließ ich jedoch das Zimmer, ſo eilte ſie mir ſogleich nach, auch wenn ſie ge⸗ rade im beſten Spiel mit andern Kindern war. Ihr llebſter Zeitvertreib war, Mährchen erzählen hören. Sie hatte eine ſo glückliche Faſſungsgabe, daß, wenn man ſie etwas lehren wollte, es den Anſchein hatte, als wüßte ſie es zum Voraus. Ihre größte Luſt war Muſik. Wenn ich gegen Abend auf meinem Fortepiano ſpielte, tanzte ſie, wie ein kleiner Elfe im Mondſcheine; ihre kleinen Füße berührten kaum den Boden; ihre blonden, ſeidenen Haare hoben ſich durch die Luft und ihre ſchwebenden Be⸗ wegungen. Ihre großen Augen ſahen in die beſſere Welt, der ſie bereits angehörte; der Gedanke an Gott und Unſterblichkeit lag tief in ihrer Natur, und wenn ich ihr 62 auf die mancherlei kindlichen Fragen antwortete, die ſie oft über dieſe Gegenſtände an mich richtete, ſo hing ihre ganze Seele an meinen Lippen. Noch am Tage vor ihrer Krankheit ſagte ſie zu mir:„Wenn ich doch bald Flügel haben könnte, wie der Knabe, der auf dieſem Bilde ſteht, dann würde ich zum Himmel fliegen, wo meine kleine Schweſter Roſine iſt; Stine ſagte geſtern, daß ſie droben wohnt.“—„Wie, kleine Iſidore?“ rief ich,„Du möch⸗ teſt mich verlaſſen?“—„Nein!“ rief ſie, und ſchlang ihre kleinen Arme um meinen Hals:„nein, ich würde wieder zu Dir kommen.“— Liebe Tante, ich bitte um Nachſicht, daß ich ſo oft von meinem Liebling ſpreche; Du ſelbſt haſt ihn beweint; was würdeſt Du gethan haben, wenn Du ihn gekannt, wenn Du, wie ich, drei Tage und Nächte ihn mit der Geduld eines Engels hät⸗ teſt leiden ſehen? Als Iſidore am vierten Tag in meinen Armen ſtarb, war ich wie verſteinert von Schmerz. Ich wollte nicht zugeben, daß man ſie aus dem Zimmer weg⸗ bringe, ich glaubte beſtändig, ſie würde wieder zum Leben erwachen. Den übrigen Theil dieſes traurigen Tages und der darauf folgenden Nacht ſaß ich an ihrem Bette, das am Fuß des meinigen ſtand, in fruchtloſe Verſuche, ſie zurückzurufen, verſunken. Stine, welche die Nacht bei mir geblieben, verſank in Schlaf, müde von der Unruhe der vorigen Nacht; ich war allein mit der kleinen Todten, aber es befiel mich nicht die geringſte Angſt. Ich rief ſie mit den ſüßeſten Namen und überließ mich meinem Schmerze, bis ich erſchöpft über ihrer Leiche zuſammen⸗ brach und mit dem Kopf auf ihren Knieen einſchlief. In dieſer Stellung fand mich am nächſten Morgen die alte Marianne, die mich freundlich aufhob und mich weinend zu erlauben bat, daß die kleine Leiche in den Saal hinab⸗ gebracht werde, wo Alles zu ihrem Empfang bereit ſtand. Ich wollte es Niemanden überlaſſen, dem geliebten Kind die letzte Pflicht zu erweiſen; ich kleidete ſie zum letzten Male in ihr ſchönſtes, weißes Kleid, ordnete zum letzten 63 Male ihre hübſchen Locken, bereitete ſelbſt ihr letztes Lager, trug ſie in meinen Armen hinab, und begleitet von Ma⸗ rianne, Stine und der guten, kleinen Lydia, legte ich ſie bedeckt von unſern Küſſen und genetzt von unſern Thränen nieder. Kaum waren wir fertig, als Auguſta hereintrat, ſich näherte, den ſchlummernden Engel anſah und mit heftigem Schrei in die Worte ausbrach:„Gott im Him⸗ mel! das iſt ja meine Roſine! ganz wie ich Roſine als Leiche daliegen ſah. Ich Unglückſelige! ſollen meine Augen noch einmal dieſen ſchmerzlichen Anblick haben!“ Ver⸗ zweifelt warf ſie ſich über das Kind und zum erſten Male ſah ich ſie daſſelbe mit Liebkoſungen überhäufen, die dieſes nun leider nicht mehr erwiedern konnte. Wir brachten ſie ohnmäͤchtig zu Bette. Mehre Tage lang lag ſie in Kräm⸗ pfen da und in der düſterſten Phantaſie bejammerte ſie mit herzzerreißenden Worten ihr unglückliches Schickſal und den Tod ihrer Kinder. Die alte Marianne und ich wachten abwechſelungsweiſe bei Nacht, und bei Tage kam ich nicht von ihrem Bette. Endlich löſte ſich die Krank⸗ heit in heftiges Weinen und tiefen Schlaf auf, was, wie ich wußte, eine raſche Beſſerung verſprach. Ich verlies nun ihr Schlafzimmer, um ſelbſt Ruhe in meiner Einſam⸗ keit zu ſuchen. Im nächſten Zimmer traf ich Laertes, der eben im Begriſſe war, mit meinem Schwager auszu⸗ gehen. Er kam mir entgegen und rief:„Mein Gott! Fräulein Clara ſo bleich, mit ſo verweinten Augen!“— „Thut es Ihnen nicht leid,“ ſagte ich,„daß die kleine Iüdore todt iſt?—„ſFreilich thut es mir ſehr leid,“ antwortete er:„aber es betrübte mich doch noch mehr, Ihre Augen in ſolchem Zuſtande zu ſehen, denn es gibt noch manche kleine Iſidoren auf der Welt, aber ſolche Augen nicht wleder.“— Dieſe Worte in dieſem Augen⸗ blick machten einen ſo unangenehmen Eindruck auf mich, daß es mir unmöglich war, ein Wort darauf zu antworten. Es war gerade Charfreitag. Am nächſten Morgen ſollte meine Ifidore begraben werden, Ich hatte mir 64 einige Blumen verſchafft und ſie auf mein Zimmer brin⸗ gen laſſen, um einen Kranz für ihren Sarg zu binden und ihn ſelbſt damit zu ſchmücken. Doch konnte ich nicht an der Saalthüre vorüber, ohne hineinzugehen, um ſie allein noch einmal zu ſehen. Es war Abend, der Mond ſchien herein und beleuchtete zum letzten Male die liebliche Geſtalt. Ich nahm den Schleier von dem Geſichte und zog die Gardine vom Fenſter, um die geliebten Züge recht zu betrachten. Aber o Gott! Wer kann meinen Schrecken ſchildern? Ich fand dieſe ſüßen Züge verändert, der ſchlummernde Engel war zur Leiche geworden. Ein unendlicher ſchrecklicher Schmerz ergriff mich, und ich vermochte mich kaum einem Stuhl zu nähern, auf den ich mich zitternd warf. Pläötzlich öffnete ſich die Thüre, und Horazio kam raſch herein. Er ſchien erſchrocken über meinen Zuſtand, faßte ſich und ſagte:„Ihr Schwager iſt fort, Ihr Schwager ſchläft; geſtatten Sie mir, Ihnen auf Ihr Zimmer zu folgen und eine Stunde bei Ihnen zuzubringen.“ Geſtärkt durch ſeine Gegenwart, erhob ich mich und geſtützt auf ſeinen Arm trat ich in mein Cabi⸗ net. Die Lampe war bereits auf dem kleinen Divantiſche angezündet und neben ihm ſtand ein Korb voll Blumen. Horazio führte mich zum Sophn und ſetzte ſich ſelbſt auf einen Stuhl daneben. Er nahm meine Hand und ſagte bewegt:„Liebenswürdige Clara!l nicht ſo, nicht mit dieſer ſtummen Verzweiflung müſſen wir über die glücklicheren Geliebten trauern, welche den Hafen vor uns erreichen; ſondern mit ſtillen Thränen, mit frommer Geduld uns in dieſen Schmerz ergeben, der nur der Liebe angehört, und nicht mit Angſt und Bitterkeit ſich aͤußern darf, wie ſo manche andere Sorge. Deßhalb ſchmücken wir das Grab mit Blumen, um damit Gefühle auszudrücken, welche uns bei ſolch' feierlichem Schmerze beſeelen ſollten.“— Die Fenſtergardine war offen, der Mond ſchien und be⸗ leuchtete das kleine Zimmer, ſeine Strahlen fielen auf die Blumen und Horazio's Antlitz. Das bläuliche Licht, —,/ 65 vereint mit dem röthlich gelben Schein der Lampe und dem ſtarken Duft der Blumen, gab der ganzen Umgebung einen eigenthümlich magiſchen Charakter, der in Verbin⸗ dung mit Horazio's Worten einen heiteren Eindruck auf mich machte, und mich drängte, ihm die Hand zu reichen und zu ſagen:„Ich kann Ihnen nicht beſſer antworten, als mit einigen Linien aus einem Gedicht, daß mir im⸗ mer ſo ſchoͤn erſchienen: „Blumen, bei der Elfen Tanz Pflück' ich Dir im Mondenſchein, Blumen ſind die Seufzer mein, Die ſich winden leicht zum Kranz.“ „Und auch ich will Sie bitten,“ ſagte er,„mir zu erlauben, etwas anzuführen, was gerade für dieſe Stunde paßt, und was eines Dichters wie eines Apoſtels würdig iſt./ Mit dieſen Worten zog er ein Buch hervor, und während ich mich an meine traurige und doch ſchöne Arbeit ſetzte, las er mir mit begeiſterter und gerührter Stimme Dr. Mynſters Predigt:„Von unſeren verſtorbenen Freunden“ vor. Ich ſog jedes Wort begierig ein und offnete mein halbtodtes Herz dem Troſte, der wie ein heilender Balſam meine blutende Wunde berührte; indeſſen bildete der Kranz und die kleinen Blumenbüſchel ſich von ſelbſt, und ich benetzte ſie mit Thränen, die mild und ge⸗ duldig waren, wie Horazio geſagt. „Laſſen Sie uns nun hinabgehen,“ ſagte er,„um der kleinen Iſivore anſer letztes Opfer zu bringen und ſie in die Hände deß zu empfehlen, der den Kindern das Himmel⸗ reich verſprach.“ Wir gingen in den Saal, der erleuchtet war und alle Leute des Hauſes hatten ſich drinnen ver⸗ ſammelt. Wir ſchmückten die kleine Iſtdore mit Blumen; knieend legte ich den Kranz auf den häßlichen ſchwarzen Sargdeckel, der meinen Liebling bedecken ſollte, und netzte ihn mit meinen Thraͤnen. Dann küßten Horazio und Novellen, III. 5 66 ich ihre kleinen bleichen Hände, und mich endlich mit Macht von dieſem bittern und ſüßen Abſchied los⸗ reißend, folgte ich ihm aus dem Saal. Marianne, die mit vielen, wohlgemeinten Aeußerungen eine Lobrede auf meine in Leben und Tod treue Liebe zu der kleinen Ver⸗ ſtorbenen gehalten, kam uns nach und ſagte, daß ihre Fräu aufgeſtanden ſei und uns in ihrem Zimmer erwarte. Wir fanden Auguſta blaß und verweint, aber ruhig. Ho⸗ razio fand auch hier den richtigen Ton, und in ſtillen, herzlichen Geſprächen verfloßen die Stunden und die be⸗ trübten Schweſtern trennten ſich mit liebendem und erleich⸗ tertem Herzen, um zur Ruhe zu gehen. Als ich in meine Zimmer kam, war eine kleine Veränderung vorgegangen. In meinem Schlafgemach war Iſidorens kleines Bett weggenommen, und eine Commode an ſeine Stelle getre⸗ ten. Ueber dieſer hing ein bekanntes engliſches Kupfer mit der Unterſchrift:„An angel carrying the Soul of a child to Heaven“— die liebſte Gabe, die mir in dieſem Augenblicke werden konnte, und ich ahnte leicht, von wem ſie kam. So große Aufmerkſamkeit, ſo große Sorgfalt für mich konnte ihre Wirkung nicht verfehlen, und unter ſüßen Ahnungen ſchwebte der Schlaf wohlthuend auf meine verweinten Augen herab. Einige ſtillen ſchönen Wochen folgten dieſem Abend. Die Wehmuth, welche ihren Schleier über unſer dem Geräuſche der Welt verſchloſſenes Trauerhaus breitete, erhöhte die Innigkeit, die in unſerem Abendeirkel herrſchte, welcher meiſt aus Horazio und uns beiden Schweſtern beſtand. Aber kaum war die Luft der großen Welt wie⸗ der in unſere Heimath gedrungen, als ſich Pandorens Büchſe öffnete. Meine alten Verlegenheiten und Sorgen erhielten einen bedeutenden Zuwachs durch die finſtre Wolke, welche nun ſtets Horazio's Stirne verdunkelte, obgleich ſeine Selbſtbeherrſchung und ſein Weltton ſie zu verbergen ſuchte. Sein Beſuch wurde ſeltener und noch unglücklicher ward meine Stimmung, als ich hoͤrte, 67 daß er, ſtatt nach ſeinem erſten Plane ſich in ſeinem Vaterlande niederzulaſſen, im Sinne hatte, zuerſt zu einem Freunde nach England zu gehen, um vielleicht mit dieſem eine noch längere Reiſe anzutreten. Um das Unglück vollkommen zu machen, kam Tante Polonius mit ganz eigenthümlichen Neuigkeiten, die ſie recht con amore erzählte, obgleich ſie ſah, wie außerordentlich ſie Auguſta und mich verſtimmten. Sie wollte nämlich von ſicherer Hand wiſſen, daß Horazio in Frankreich mit einer liebens⸗ würdigen Wittwe verlobt ſei, welche er viele Jahre geliebt und die er in London treffen wollte. Ich ſehnte mich nun, Kopenhagen zu verlaſſen und war ſo mißmuthig, daß ich mich über jeden Tag freute, der vom Mai ver⸗ floß und uns dem Junt näher brachte, da nach Deiner Beſtimmung Cornelins mich holen und nach der lieben Heimath meiner Jugend bringen ſollte. So ſtanden jüngſt die Sachen, als Onkel und Tante Polonius mit Horazio, Laertes und Bernhard bei uns ſpeiſten. Zwiſchen den beiden Letzteren hatte ſich in jüngſter Zeit eine freundſchaftliche Verbindung angeknüpft. Horazio beſuchte oft unſern alten Freund, und ich hoͤrte mit Vergnügen, daß er ihn eingeladen, den Sommer auf ſeinem Gute zuzubringen. An dieſem Mittag war Ho⸗ razio aufgeräumter als ſonſt, und in Folge deſſen verlor ſich auch unſere verſtimmte Laune. Nach Tiſch ging Laertes, und kaum war er draußen, als die unſelige Materie wieder zur Sprache kam. Auch der Onkel nahm Theil daran, und erzählte eine Geſchichte von einer Summe Geldes, die Laertes an einem Abend im Spiele verloren. — Horazio war aufgeſtanden und ging im Zimmer auf und nieder; endlich begann er mit mehr Eifer und Kraft als je, die Vertheidigung des Abweſenden zu führen und ſchloß mit den Worten:„Was kann unedler und thörich⸗ ter ſein, als ſein Ohr der Verleumdung und dem Stadt⸗ geſchwätz zu öffnen und zwar gegenuͤber einem Freund, der in unſerem Kreiſe vor ſolchen Anfällen ſicher ſein 68 ſollte? Wie können Sie etwas Schlechtes von einem Menſchen glauben, der uns Allen als edel und ausgezeich⸗ net bekannt iſt? Ich, der ich ihn nur ſeit einem Jahre kenne, bin ſeines wahren Charakters ſo gewiß, daß ich ritterlich in die Schranken trete, um ſeine gute Sache zu verfech⸗ ten. Und ſelbſt angenommen, alle die kleinen Geſchichten wären wahr, die wir ab und zu von ihm gehört, was beweiſen ſte mehr, als daß er jung und feurig iſt? Iſt es eine Sünde, dieſe Vorzüge zu beſitzen? Der, welcher nie Jüngling war, wird nie Mann.“— Mein Schwager und Auguſta nahmen nun auch Laertes Partie, Tante Polonius gleichfalls, und Onkel Polonius mußte ſich nun ganz allein gegen alle drei vertheidigen, denn Horazio ſagte kein Wort mehr, ſondern näherte ſich mir, die ich am Fenſter mit ihrer Arbeit ſaß, und ſagte leiſe:„Laſſen Sie ſich von alle dem nicht verwirren, Fräulein Clara! Sie leiden unter dieſen Geſprächen, ich habe es oft be⸗ merkt; ſeien Sie überzeugt, daß Sie einen Freund in Horazio haben, der in ſeine Verbannung keinen ſüßern Troſt mitnehmen kann, als den, zu Ihrem Glücke beige⸗ tragen zu haben.“— Denke Dir meine Thorheit, liebe Tante! Dieſe edelmüthigen Worte erbitterten mich und gaben mir Muth zu antworten:„Sie ſind in vollkomme⸗ nem Irrthum, was meine Gefühle betrifft, das habe ich oft bemerkt. Ich achte Laertes und habe Zutrauen zu ihm, wie Sie; aber ſeine perſönlichen Angelegenheiten berühren mich nicht, ſo wenig als ihn meine Gedanken angehen.“— Horazio ſah mich ſtumm und verwundert an. Ich ward ſelbſt verlegen über die fremde Art und Weiſe, wie ich ihm geantwortet hatte. Ich wollte mich erheben und meinen Platz verlaſſen; in meiner Verlegen⸗ heit ſtürzte ich den Tiſch um, an welchem ich ſaß, Ho⸗ razio griff darnach, und in dieſer Verwirrung fiel ſeine Brieftaſche aus dem Rock; ſie rollte am Boden, ſprang auf und ein Portrait kam zum Vorſcheine. Mit Blitzes⸗ chnelle flog Auguſta darauf zu, um ſie aufzuheben; 69 Horazio kam ihr zuvor, nahm ſie raſch und ſteckte ſie zu ſich.„Wie?“ rief Auguſta,„Sie haben ein geheimes Fach in Ihrem Portefeuille, in welchem Sie ein Portrait aufbewahren? Das müſſen Sie uns zeigen.“ Er weigerte ſich ſtandhaft und ging ſogleich mit Bernhard fort.— Mein Blut ſtockte. Nun ſah ich, daß Tante Polonius die Wahrheit geſagt. 1 Meine Schweſter und mein Schwager hatten mit ihr und Onkel ausgemacht, zu Caſortis hinauszufahren und dann auf des Onkels Landhaus auf Friedrichsberg zu Abend zu ſpeiſen. Ich war am Morgen ſehr unpäßlich geweſen und hatte mich bereits damals entſchuldigt, nicht Theil nehmen zu können.— Wie zufrieden war ich, zu Hauſe bleiben zu dürfen! Sie fuhren ſogleich fort, und ich ſchloß mich in mein Zimmer ein, wo ich mich meiner Verzweiflung überließ. Ploͤtzlich kam mir der Gedanke: „Was würde Tante Sophie ſagen, wenn ſie mich ſo ſähe? ſie, die mich ſo manchmal vor der verderblichen Macht der Leidenſchaft gewarnt? ſie, die mich von ſich fort in das Geräuſch der Welt ſandte, damit ich dort geprüft werde wie das Gold im Feuer? Schlecht beſtehe ich meine Probe! ich kenne mich ſelbſt nicht mehr.“ Ich ſchämte mich über meine Heftigkeit und Muthloſigkeit. „Ich will heute Abend nicht allein ſitzen und mich meinen unnützen Sorgen hingeben. Ich will unter Gottes freien Himmelgehen. Ich will das Grab meiner Iſidore beſuchen.“ Ich führte ſogleich meinen Beſchluß aus, und wan⸗ derte mit raſchen Schritten zum Affiſtenzkirchhof, wo ich bald das kleine Grab mit ſeinem friſchen Blumenflor fand. Es war hart an dem Fuße eines großen Marmormonu⸗ mentes. Auf die Stufen dieſes ſetzte ich mich und netzte mit herzlichen Thränen die Erde, welche meinen kleinen Liebling barg. Endlich ſuchte ich mich zu faſſen, ich ſah mich um, alles war ſtill, kein Wind rührte ſich; ein kleiner Vogel ſang im nächſten Baume, als ob auch er betrübt wäre; ſonſt kein lebend Weſen in der Nähe; nur 70 Todte umgaben mich; nur Gräber, wohin ich mein Auge wandte.„Ach!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„alle dieſe, welche die Erde birgt, haben geſorgt und gelitten, wie ich, und nun iſt es überſtanden. Wie manche Lebende kamen und gingen mit zerriſſenem Herzen von hier! Wie manche Klagen haben dieſe Luft bewegt, wie manche Thränen ſahen dieſe Bäume fließen! und, o mein Gott! was ſind meine Leiden gegen die, bei welchen dieſe Orte oft Zeuge geweſen, und gegen die, welche die Erde hier verbirgt! Ich beweine hier ein Kind, das ich nicht mit Aufopfe⸗ rungen und Leiden erkauft und das doch nur zu meiner Freude gelebt; ich verzweifle über einen Mann, der mich nie beleidigt oder betrogen, ſondern mein Leben nur getröſtet und verſchönt. Wie undankbar bin ich! ich klage über die Zeit, die in Liebe und Glück dahin gefloſſen.“— Ich flehte Gott um Kraft an, nicht meine Liebe zu überwinden, nein, ſie in meinem Herzen zu bergen, rein und heilig, ohne Eiferſucht und böſe Leidenſchaft, daß mich dieſe ſchoͤne Erinnerung veredle und mein Leben und meine Jugend nicht in leeren Schwärmereien vergehe.— Ich wurde ruhiger und ſagte zu mir ſelber:„In wenigen Tagen verlaſſe ich Kopenhagen und kehre in die Arme meiner lieben Mutter zurück; und nun will ich Muth. faſſen und hier auf dieſem Grabe den Talismann nieder⸗ legen, der mehr, als ich ſelbſt glaubte, mich in meinen thoͤrichten Träumen ſtärkte. Dieſes Siegel, das ich treu⸗ lich getragen, will ich mit Kapſel und Schnur hier mit meinen liebſten Hoffnungen niederlegen.“— Ich zog es hervor und btrachtete es.„Nein, keine fremde Hand ſoll dich finden,“ ſagte ich:„In Iſidorens Grab ſollſt du ruhen! Wenn ich im Traume meinen Liebling ſehe, wird ſie dich tragen.“— Ich nahm einen Blumenſtock und machte mit ihm eine kleine Oeffnung in der Erde zwiſchen den Blumen auf Iſidorens Grab. Ich ſah noch einmal die beſchwingte Lyra, küßte ſie mit vielen Thränen, ſchloß die Kapſel zu und beugte mich herab, um ſie in die Erde niederzulegen, 71 als im ſelben Augenblick eine ſtarke Hand meinen ausge⸗ ſtreckten Arm ergriff und mir die Schnur aus der Hand riß. Horazio die Kapſel öffnen und zu meinen Füßen ſtürzen ſehen, war die Sache eines Augenblicks. Er um⸗ faßte meine Kniee, weinte, zitterte, und war nicht im Stande zu ſprechen.— Was ſoll ich mehr ſagen? Unſer Bund war für Leben und Tod geſchloſſen.— Endlich erhob ſich Horazio und ſagte:„O meine Clara! an welchem Orte haſt Du mir Deine Treue geſchenkt?“— „Ach!“ antwortete ich;„die kleine Iſidore hat Wort ge⸗ halten, ſie gelobte, zu mir zurückzukommen, ſie rief ihre Freunde zu ihrer Ruheſtatt und hat uns hier vereint.“ An Horazio's Arm ging ich nun zu dem Thore hinaus, in das ich mit ſo ſchwerem Herzen getreten war. Es war mir, als ob ich vom Tode zu einem neuen, beſſern Leben erwacht wäre. Wir gingen langſam nach⸗Hauſe über den Wall nach dem Roſenborggarten. Welche Wan⸗ derung! Wir durchflogen mit einander unſer ganzes Leben von dem erſten Augenblicke, da wir uns geſehen. Horazio ſagte mir, daß er mich von jenem Abende an geliebt, daß ich ſeine erſte wahre Liebe geweſen; daß er es aber billig gefunden, wenn ich den jungen Laertes vorgezogen, obwohl er aus mehren Gründen vermuthete, daß ſich etwas in meinen Verhältniſſen meinen Wünſchen wi⸗ derſetze; er habe beſchloſſen, Troſt darin zu ſuchen, mir ein Freund und eine Stütze zu ſein, und dann fortzureiſen, um die Leidenſchaft zu beſiegen, die ihn zu unterjochen drohte; meine erzürnte Antwort habe ihn jedoch zum Wanken gebracht. Er hatte Bernhard nach Hauſe begleitet und von ſeinem Fenſter aus mich vorbeigehen ſehen. Von unwiderſtehlicher Macht getrieben, war er mir gefolgt, hatte mich in den Kirchhof treten ſehen, und war hinter dem großen Monument, an deſſen Fuß ich ſaß, Zeuge von meinen Bewegungen geweſen.—„Ich ergriff im Fluge,“ ſagte er,„die ſeligſte Gewißheit, den beſten Augenblick in meinem Leben.“ 72 Als ich bei dieſen gegenſeitigen Geſtändniſſen auf die Brieftaſche mit dem Portrait zu ſprechen kam, zog er die ſeine hervor, öffnete fie mit wehmüthigem Blicke, und verwundert erkannte ich beim erſten Blicke das Bild des Kaiſers Napoleon.„Ich glaubte,“ ſagte er,„daß dieſe Art Portefeuille der Geſellſchaft bekannt ſeien, daß Au⸗ guſta das Portrait geſehen und mit ihrer gewöhnlichen Schalkhaftigkeit davon Anlaß nehmen werde, Bernhard zu necken; ich hätte um keinen Preis den alten Mann ver⸗ wunden mögen, wie ſehr ich auch in allen andern Fällen mir eine Ehre daraus mache, dies Bild zu tragen.“ Jeder Zweifel war nun verſchwunden, jeder Schmerz geſtillt. Wir waren im Roſenborggarten. Dort war Muſik. Wir erkannten eine Melodie von Weyſe, und erinnerten uns jener Scene in der Kirche, wo unſere Augen ſich zum erſten Male begegneten und beredter als Worte unſere Liebe geſtanden; die Sterne, welche am Him⸗ mel zu erſcheinen begannen, erinnerten uns an die nächtliche Schlittenfahrt, wo wir ſie gegenſeitig zum erſten Male nur in Worten ahnen ließen.„Wie ſelig iſt die Liebe!“ rief Horazio:„nur ſie allein gibt uns den Vorgeſchmack der Ewigkeit, denn nur ſie lebt zugleich in der Vergangen⸗ heit, Gegenwart und Zukunft, wie in einem ſeligen Augen⸗ blicke. O meine Clara! Dieſer Abend iſt der Einzige, der in meinem ganzen Leben die Forderungen meines ungenügſamen Herzens befriedigt! Eine heitere Ahnung ergriff mich an der Grenze meines Vaterlandes, aber, o Gott! wer hätte geglaubt, daß ein ſolcher Preis den unverdroſſenen Wanderer erwartete?“ Es war ſchon ſpät, wir beeilten uns, nach Hauſe zu kommen. Als ich am nächſten Tage zu Auguſta hinab⸗ gehen wollte, fühlte ich mich ſehr beklommen; ich beſchloß indeſſen, ihr ſelbſt anzuvertrauen, was vorgefallen. Sie ſaß am Fenſter, ich konnte ſehen, ſie hatte geweint. Sobald ſie mich ſah, ſtreckte ſie mir die Hand entgegen und ſagte:„Ich weiß Alles, liebe Clara: Horazio war 73 hier.“ Sie zog mich zu ſich hin, umarmte mich und ſagte mit dem liebevollſten Ausdruck:„Glaube nicht, daß mein ſchwaches Herz Dir dies Glück mißgönnt. Nein, ich will nicht vergebens dieſen Erſten aller Männer kennen gelernt haben, und Dich, Du engelreines, Du glückliches Kind von Tante Sophie! vergib mir, daß ich nicht ſein kann, wie Du, vergib mir um Iſidorens Willen.“ Mit ſchweſterlichen, warmen Thränen umarmten wir einander, und ich dachte:„Nun hat Iſidore wleder ihr Wort gehalten.“ Eins blieb noch übrig: Ein paar Tage ſpäter ſagte Auguſta zu mir, daß, ungeachtet ich Horazio's und meine Verbindung geheim zu halten gewünſcht, bis ich Deine Einwilligung erhalten, ſie doch geglaubt, Laertes davon unterrichten zu müſſen: er verzweifle über dieſe Nachricht und habe im Sinne, plötzlich Alles zu verlaſſen und fort⸗ zureiſen. Dieſe Mittheilung ſchmerzte mich tief. Ich fragte mich ſelbſt;„wie wuͤrde Tante Sophie an meiner Stelle handeln?“ Ich ließ Laertes um eine Unterredung bitten. Er kam zu mir und ich wandte die ganze Macht der Wahrheit und Freundſchaft auf, um ihn zu Vernunft und Nuhe zurückzubringen. Horazio trat ein, er nahm Laertes Hand und ſagte:„Vergeben Sie, mein edler Neben⸗ buhler! vergib ein Glück, das ich immer dachte, daß Sie es verdienen. Seien Sie überzeugt, daß ich viel um Ihretwillen gelitten, und vergeben Sie mir, wie geſagt, mein Glück, wie ich Ihnen in mancher bittern Stunde Ihre Vorzüge vergab.“ Laertes war ſehr bewegt.„Ja,“ antwortete er,„ich will ſuchen, mich Ihrer Meinung von mir würdig zu machen. Ich gehe, meinen alten beküm⸗ merten Vater zu beruhigen und ihm zu ſagen, daß Clara mich zur Vernunft und zu ihm zurückführte.“ So endigten meines Herzens und meines Verhält⸗ niſſes Diſſonanzen in einem beruhigenden harmoniſchen Akkord. Und nun ſeufzen all' meine Wünſche nach Dir. Ich mußte Dich von Allem unterrichten, um mit voll⸗ 74 kommen leichtem Sinn meine Heimreiſe anzutreten. Ich wünſche einen Monat allein bei Dir zuzubringen, ehe Horazio mit Auguſta und Oſrik kommt. Sende Corne⸗ lius je früher, je lieber zu mir, denn von nun an zähle ich die Stunden, bis ich Dich ſehe und Dich mich nen-⸗ nen höre Deine Clara. 75 Dritter Theil. Cataſtrophe. Erſter Brief. Von Laertes an die fliegende Poſt. Kopenhagen, den 30. Mai 1827. Dank für dein Letztes, liebe fliegende Poſt, guter kleiner beſchwingter Knabe, der, frei von allem Philiſter⸗ weſen, Botſchaften empfängt von Liebenden, von Sekre⸗ tären, von der Straße, von China, vom Monde u. ſ. w. Grüße Deinen Redakteur und danke ihm herzlich von jenem armen Laertes, der zwar die undankbare Rolle eines Vertrauten oder unglücklichen Liebhabers in der fliegen⸗ den Poſt ſpielt, der deſſenungeachtet aber großen Troſt und Beruhigung aus dem Bekenntniß ſeiner früher ange⸗ beteten, nie vergeſſenen Clara ſchoͤpfte. Ich kann mich im Augenblicke nicht näher erklären; aber es lebe die fliegende Poſt, die ſich nicht von ennuyrten Bevoll⸗ maͤchtigten und Speckhoͤkern*) ſchrecken ließ, welchen *) Anſpielung auf einige in der fliegenden Poſt auf⸗ genommene Briefe von Abonnenten, welche ſich aus verſchiedenen Gründen über die Mittheilung gegenwärtiger Novelle beklagten. 76 eine Schlägerei auf der Straße mehr geiſtige Nahrung bietet, als das intereſſanteſte aller Phänomene in der Bruſt eines Menſchen, vor Allem in einem liebenswür⸗ digen Mädchenherzen. Aber dies war nur die Einleitung, die nach Schick und Brauch den eigentlichen Text gar nicht berührt. Liebe fliegende Poſt! Mein Vetter, der Lieutnant und ich, wir nehmen uns die Freiheit, aufs Neue Ihre Hülfe und Ihren Beiſtand gegen die Philiſterei anzurufen, gegen welche auch wir wie Löwen kämpfen; denn wir moöchten gerne dieſer Hydra die hübſche Lydia entreißen, wenn es uns glückt, was freilich im Augenblick nicht wahrſchein⸗ lich iſt. Ich bin vor ungefähr vierzehn Tagen hier in der Stadt angekommen; unſer Gegner, die polonius'ſche Fa⸗ milie, war ſchon zum Voraus hier und mein Vetter rei⸗ tet auf ſeinem Roß wie der Wirbelwind umher, in wel⸗ cher Abſicht, wirſt Du bald erfahren. Auch wir können Alle mit einander ſagen: nous avons fait, monsieur, une belle campagne, oder„wir waren auf Rei⸗ ſen, mein Herr, um bei dieſer traurigen Gelegen⸗ heit zu den größten Comödiendichtern Daͤnemarks und Frankreichs unſre Zuflucht zu nehmen. Die Leſer der fliegenden Poſt lieben die Weitläufigkeit nicht; ich da⸗ gegen, ich finde das groͤßte Behagen daran, wenn ich in ſchlechtem Humor bin; ſie kommt mir wie ein Rocken vor, der ſchnurrt, wie ein Bach, der rieſelt und durch ſein einfrmiges Geräuſch die innere Unruhe dämpft. Ich könnte ein ganzes Buch davon ſchreiben, aber für dieß⸗ mal will ich mich darauf beſchränken, von meinem Vetter und ſeiner Liebesgeſchichte zu ſprechen. Du mußt wiſſen, liebe fliegende Poſt, daß dieſer Better, obwohl er bei ſeinem Eintritte in Amors Reich ſich etwas verkehrt benahm, doch nichts weniger, als eine windige Perſon iſt; er iſt im Gegentheil ein ſehr ſtand⸗ hafter, raſcher und beſtimmter Mann. Sobald er aus deinen Blättern und meinen Briefen die Stimmung im 77 polonius'ſchen Hauſe erfahren hatte, nahm er mich als ſeine wachſame Patrouille in Eid und ſetzte ein Stell⸗ dichein im Anfang April hier in der Stadt feſt. Ich habe einen Menſchen in meinem Dienſte, der verdient hätte, Kammerdiener bei Lovelace, Chevalier von Faublas. oder einem andern ſolchen im Reiche der Intrike berühm⸗ ten Helden, ſtatt mein geringer Aufwärter zu ſein. Die⸗ ſes große Talent hat auf unſchuldige Weiſe Alles erfah⸗ ren, was hier und vort— das heißt: im Polonius'ſchen Hauſe hier und im Pfarrhauſe dort vorging. Anfangs war Alles ſtill, ja Herr Polonius war und iſt mehr, als ſtill; er iſt noch ganz verblüfft von der jugendlichen Hitze, die ihn in ſeinen alten Tagen ver⸗ führte, die Thorheit zu begehen, öffentlich den vertrauli⸗ chen Brief ſeiner Schweſtertochter, den er theils ver⸗ geſſen, theils nie ganz verſtanden, drucken zu laſſen.“ Dieſe Sünde bekommt er von ſeiner Frau jede Mahlzeit auf dem Teller; jeden Abend bildet ſie den Text zur Gar⸗ dinenpredigt. Dazu kommt ſeine Unruhe wegen deſſen, was Clara, die er wirklich lieb hat, und Horazio, den er ehrt und fürchtet, ſagen werden, wenn ſie in dieſem Sommer von England zurückkommen, wo ſie ein ganzes Jahr geweſen. Darüber hat er einen ſolchen Haß auf die fliegende Poſt bekommen, daß ihm alles Fliegende ein Abſcheu geworden. Er hat ſeine Tauben abgeſchafft, er hat während der Abweſenheit ſeiner Frau ihren Kanarien⸗ vogel Hungers ſterben laſſen, ja er gebraucht nicht mal mehr das Wort fliegen, ſondern ſagt von den Voͤgeln, ſie ſchweben. Dazu kommt, daß er ſeine Lydia ver⸗ gißt, die ihn liebevoll pflegte und ihm aus dem Avis jedes Wort vom erſten bis zum letzten vorlas, ſo daß er oft ſeine Frau wegen des Gedankens ſchalt, Lydia weg⸗ zuſchicken. Der Bräutigam, den er ihr beſtimmt, war indeß ein täglicher Gaſt im Hauſe. Dieſer Bräutigam iſt, was Hoffmann den Don Ottavio in Don Juan nennt: „ein zuckerſüßes, gelecktes Männchen,“ das ausſieht, als wäre es mit Thee und Zugwind aufgezo⸗ gen und hätte ſeine Bildung aus einem Auszug des Converſationslexikons geſchöpft. Inzwiſchen ſollte nun Confirmation, Hochzeit, Confirmationskleider, Brautkleider, Ausſteuer, Alles zu gleicher Zeit fertig werden. Frau Polonius war emſig damit beſchäftigt und ungehalten darüber, daß ſie, wie ſie ſich ausdrückte,„von ſchlechten Menſchen genöthigt ſeien, ein ſolches Mädchen verhei⸗ rathen zu muͤſſen.“ Im Pfarrhofe ſah es indeß anders aus, als Frau Polonius dachte. Sie hatte Lydia ein paar älteren Pfar⸗ rersleuten anvertraut, welche keine Kinder hatten. Ein ſchlimmeres Kloſter gibt es in unſern Zeiten nicht, als das, in welches ſie ihre unglückliche Tochter eingemauert. Vier Stunden hinter einander mußte das arme Mädchen jeden Tag mit dem Pfarrer beten, was er Religion nannte, was jedoch dem Waſſer näher war als dem Himmel und ohne alle Spur an Lydias Ohren vorüber ging. Praktiſcher dagegen waren die moraliſchen Be⸗ trachtungen, die harten Vorwürfe, womit er jeden Augen⸗ blick dem armen Mädchen den undankbaren Ungehorſam vorwarf, der die Tage ihrer Eltern verkürzte. In den langen Abenden, wenn er in der dunkeln verrauchten Wohnſtube ſich mit ſeiner Tabackspfeife in die Ofenecke ſetzte und die Frau bei einem matten Talglicht an dem Rocken ſaß, beide ſo ſtumm, daß man nichts als das Surren des Rockens hörte und die Wolken des Tabacks ſah, war die an ganz Anderes gewohnte Lydia der Ver⸗ zweiflung nahe. So weit ging Alles nach der Berech⸗ nung der Frau Polonius; was ſie jedoch nicht berechnet hatte, war der in der Nähe liegende Herrenhof und ſeine junge Welt, von welcher ein Junker und ein Fräulein beide wie Lydia vor Langeweile vergingen, woher es kam, daß der Erſte ſich in ſie verliebte und die Letztere in dem hübſchen Kopenhagener Mädchen eine gleichaltrige Freun⸗ din und Vertraute fand. Der Liebhaber machte kein 79 Glück bei Lydia, aber die Freundin deſto mehr, und dieſe junge Dame war nun für die mütterlichen Abſichten von Frau Polonius, was ein Flock Hühner für einen Blumen⸗ garten. Alle Romane, deutſch und däniſch, welche die Leſegeſellſchaften und Leihbibliotheken in einem Umkreiſe von zehn Meilen zieren, ſpucken in Fräulein Hedwigs Hirn und ihre heftigen Vorſtellungen, dem Willen der tyranniſchen Aeltern nicht nachzugeben, würden vielleicht raſchen Eingang bei Lydia gefunden haben, wenn der Re⸗ frain nicht immer der geweſen, ihre geliebte Schweſter zu werden und ihres Bruders ſchwärmeriſche Leidenſchaft zu erhoͤren. Dieſe Aeußerungen, die mit Liebkoſungen, Thränen und Kniefall täglich die unglückliche Lydia be⸗ ſtürmten, waren doppelt auffallend in der Nähe des Bru⸗ ders, der weit entfernt von aller Schwärmerei ganz Land⸗ junker, ganz rothbackiger Jäger iſt und Lydia auf eine ſehr freie Art behandelte, ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang, ihr ſeine Liebe mit Soldatenelden ſchwor und ihr eben ſo zuwider war, als der ihr beſtimmte Bräuti⸗ gam mit ſeinen häufigen und ſüßlichen Briefen. Mein Vetter war indeſſen angekommen. Ich hatte meinen Plan gefaßt und mit Empfehlungen an den Vater des hoffnungsvollen Geſchwiſterpaares, den Gutsbeſitzer, reiſten wir nach dem Herrenſitze hinaus und wurden ohne Schwierigkeit am folgenden Tage im Hauſe des Pfarrers vorgeſtellt. Es war auch nicht ſchwer für uns, Lydia zu ſprechen und eben ſo leicht merkten wir, daß die Seele des guten, unverſtellten Mädchens von ſtreitenden Gefüh⸗ len zerriſſen war, nemlich der Zuneigung für meinen Vetter und der Gewiſſensangſt, gegen ihre Pflichten als Tochter zu fehlen. Mein Vetter bat ſie, feſt auf ihrer Weigerung zu beharren und ihm zu geſtatten, den ver⸗ haßten Bräutigam herauszufordern und ihn zum Rück⸗ tritt zu nöthigen. Aber dieſer Vorſchlag ängſtigte ſie und es war unmöglich, irgend ein Abkommen mit ihr zu treffen. Sie war ganz niedergeſchlagen und unentſchloſ⸗ 4 80 ſen; nur bei Fräulein Hedwig ſchien ſie Sprache und Be⸗ wegung zu haben und je näher der Confirmations⸗ und Verlobungstag kam, deſto mehr ſchienen die beiden Mäd⸗ chen mit einander zu verabreden zu haben. Erſt am Vorabende kamen Herr und Frau Polonius in Begleitung des künftigen Schwiegerſohnes an. Mein Vetter und ich verabredeten, einen entſcheidenden Schlag zu machen. Wir fanden uns in der Kirche ein und trotz ſeiner eigenen Worte ſah Ferdinand(ſo heißt er) ſeine Lydia„als Confirmandin in der Kirche“ unter den Bauer⸗ kindern, welche in frühſter Jugend eonfirmirt werden, wie einen Weidenbaum in einem Erlengebüſche ſtehen. Als die Feierlichkeit vorüber war, ſtieg Lydia mit ihren Ael⸗ tern und der Pfarrersfrau in Polonius Wiener Wagen, um ſtandesgemäß die wenigen Schritte von der Kirche zum Pfarrhofe zu fahren. Mein Vetter und ich faßten nun den Bräutigam im Fluge und Ferdinand ſagte zu ihm:„Mein Herr, ich bin der Lieutnant ſo und ſo; ich weiß nicht, ob Sie davon unterrichtet ſind, daß ich mit vielleicht zu großer Oeffentlichkeit um Fräulein Lydia ge⸗ freit?“—„Ja,“ antwortete der zierliche Mann:„ich habe die Chre.... ich weiß es—“ und ſich faſſend, ſo viel er konnte, fügte er hinzu:„es war nicht ſchoͤn von Ihnen, Herr Lieutnant, eine achtungswerthe Familie und ein unbeſonnenes Mädchen zu proſtituiren. Ich habe mich jedoch darüber hinausgeſetzt und werde...“ Ferdinand unterbrach ihn:„Wenn die Familie proſtituirt iſt, ſo iſt es nicht meine Schuld, aber davon iſt nicht die Rede. Ich liebe das Mädchen und ertrage es nicht, daß man ſie mir ohne Weiteres raube, namentlich da ich Grund habe zu glauben, daß ſie gegen ihren Willen Ih⸗ nen ihre Hand gibt. Ich weiß, Ihr Verloͤbniß wird heute ſtattſinden und die Hochzeit in acht Tagen, aber von der Verlobung bis zur Hochzeit iſt doch noch ein gro⸗ ßer Sprung und ich bitte Sie hiemit gefälligſt morgen früh auf Leben und Tod bei dem öden Waldhaus zu er⸗ 81 ſcheinen und die Waffen zwiſchen uns entſcheiden zu laſſen. Des Stärkeren Recht iſt es ja ohnedieß, deſſen man ſich in dieſer Sache bedient hat.“— Daß ich das Geſicht zu zeichnen vermoͤchte, das der arme Mann machte! Er murmelte einige Worte, die niemand von uns verſtand. Ferdinand fuhr fort:„Ich weiß wohl, daß Sie nicht eigentlich Militär ſind und mir ein Duell abſchlagen koͤn⸗ nen, aber Sie wiſſen ſelbſt, daß das Glück Ihrer Zu⸗ kunft von Ihrem Onkel abhängt, der ein ausgezeichneter braver Militär iſt, und was ſeine Meinung in dieſer Sache ſein wird, das hat er in ſeinen eigenen Handlungen bethätigt.“— Ich trat nun als Friedensmäckler auf und es wurde entſchieden, daß der Bräutigam uns ſelbſt bei Lydia und ihren Eltern einführen und beſtimmt verlangen ſolle, daß ſie in Gegenwart Aller erkläre, ob ſie ihm frei⸗ willig ihr Ja gegeben. Ich konnte mich kaum vor Lachen halten, als wir, mit dieſem Bräutigam(den wir der Kürze halber Ottavio nennen wollen) zwiſchen uns, in as Zimmer des Pfarrers zu Herrn und Frau Polonius raten. 3 Die unheilſchwangeren Blicke, welche dieſe Letztere ſchon in der Kirche uns zuwarf, trafen uns nun wie ein Blitz. Ich nahm das Wort, und ſo feierlich und be⸗ ſcheiden als möglich entſchuldigte ich unſere Zudringlich⸗ keit und ſagte, daß Herr Ottavio und mein Vetter, die Beide um Fräulein Lydia gefreit, es als für die Ruhe Beider nothwendig wünſchen, daß ſte in Gegenwart ihrer Aeltern und der Pfarrleute erkläre, ob ſie Herrn Ottavio freiwillig zu ihrem Gatten gewählt. Mit zornigen Blicken wandten ſich die Aeltern an Ottavio; er räuſperte ſich, rieb die Hände, beugte ſich tief und ſagte:„Ich bitte tauſend Mal um Vergebung, aber ich denke wirklich allzu reell, um das Fräulein zu zwingen, meine Frau zu werden, und glaube überzeugt ſein zu dürfen, daß meine Liebe und meine vielen Briefe nicht ohne Wirkung geweſen.. ℳ Novellen. II. 6 Frau Polonlus unterbrach ihn und ſagte:„Wo bleibt nur Lydia?“ Sie wollte aus dem Zimmer eilen, die Pfarrers⸗ frau hielt ſte wohlwollend zurück und ſagte:„Ich werde ſte holen; ſie bat mich, ſich etwas in der Einſamkeit faſſen zu dürfen, vas war ja ganz billig; nun werde ich aber ſogleich mit ihr kommen.“ Sie ging und blieb ziemlich lange fort; endlich kam ſie durch eine andere Thüre zurück, welche ſie offen ſtehen ließ und ſagte vergnügt:„Ich gehe auf und ab und ſuche Fräulein Lydia, und da ſitzt ſie im Gartenzimmer.“ Wir gingen Alle hinein; mitten im Zimmer war ein zierlich mit Blumen geſchmückter Tiſch; in einer Ecke ſaß Lydia in ihrem ganzen Conſirmations⸗ ſchmuck, den Shawl über den Kopf geworfen, daß er das ganze Geſicht bedeckte und tief auf den Boden herabhing. Mein Vetter näherte ſich beſcheiden und ſagte innig be⸗ wegt:„Liebe Lydia! Sie wiſſen, ich liebe Sie, und ob⸗ wohl ich hiermit erkläre, daß Sie mir nie das geringſte Zeichen von Gegenliebe gegeben, kann ich mich doch nicht beruhigen oder Sie verlaſſen, ehe Sie hier in Gegenwart Ihrer Aeltern und der übrigen Perſonen erklärt haben, daß Sie ohne Zwang, frei und offenen Herzens Herrn Ottavio Ihre Hand geben. Ich beſchwoͤre Sie im Namen der Wahrheit bei Allem, was heilig iſt, ihm und mir dieſe Erklärung nicht zu verweigern.“ Kein Wort, nicht das mindeſte Zeichen verrieth, daß Lydia hörte, was er ſagte. Nun trat Herr Ottavio vor und ſagte:„Fräulein! ich glaube dieſes Schweigen zu meinem Vortheil deuten zu dürfen. Beehren Sie mich mit der Erklärung Ihrer Liebe zu mir, die meine glühenden Blicke und Briefe gewiß verdient hat.“ Als Lydia noch nichts antwortete, eilte Frau Polonius zu ihr hin und riß ihr den Shawl vom Kopf, und— o Schrecken!— nicht Lydia, ſondern Fräulein Hedwigs jüngſter Bruder, ein wilder Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren ſprang mit lautem Hurrahgeſchrei in die Höhe und fuhr mit Schreien und Lachen im Zimmer umher, lief an den Tiſch, daß Glas und Blumen klirrend 83 zu Boden flogen, und während dieſer Cavalcade riß er das ſchöͤne Seidenkleid und alle übrige Herrlichkeit ab, warf es auf den Boden, ſprang darauf und durch die Gartenthüre hinaus, indem er rief:„Fräulein Lydia koͤnnen Sie lange ſuchen.“ Wir ſtanden Alle wie verſteinert da. Frau Polonius und die Pfarrerin waren bereits im Hauſe umhergelaufen und kamen athemlos ſchreiend zurück;„Lydia iſt todt, ſie i*ſt nirgends zu finden.“ Wir liefen nun Alle jedes nach einer andern Seite, kamen jedoch unverrichteter Dinge zurück. Es war, als ob die gemeinſchaftliche Sorge un⸗ ſere gegenſeitige Freundſchaft zum Schweigen gebracht. Natürlicherweiſe führte unſer erſter Gang nach dem Her⸗ renhof. Der äalteſte Junker und das Fräulein waren nach der nächſten Stadt gegangen, unſere Tante zu beſuchen, man erwartete ſie jedoch vor Abend zu Hauſe. Von dem jüngſten Eulenſpiegel war nichts herauszubringen, als daß die Verkleidung ein Scherz geweſen, den ihm ſeine Schweſter vorgeſchlagen und mehrere Tage vorher mit ihm verabredet hatte. Gegen Abend kam Hedwig und der älteſte Bruder zurück. Sie wußten von nichts. Hedwig ſagte, ſie habe nach der Kirche Lydia auf ihrem Zimmer beſucht, ihr geholfen, ſich in eine häuslichere Tracht zu kleiden, und war ſogleich darauf nach der Stadt ge⸗ fahren. Sie ſtellten ſich ſehr erſchrocken über Lydia's Ausbleiben. Abends ging ich wieder nach dem Pfarrhof. Herr Ottavio nahm mich auf die Seite und ſagte:„Es ſcheint wirklich, daß meine Braut fortgelaufen!“—„Ja, ich glaube auch!“—„Kann nun,“ fuhr er fort,„mein Onkel oder irgend Jemand mir verdenken, wenn ich Herrn Polonius ſein Wort zurückgebe?“—„Nein,“ rief ich vergnugt,„Sie thun wohl daran.“—„Ja,“ ſagte er, nich ſage das zu Ihnen, da Sie ein cultivirter Menſch ſind, denn ich will mit Niemanden hier etwas zu ſchaffen haben; ich moͤchte die Sache lieber ſchriftlich abmachen, dann bin ich frei von aller Unannehmlichkeit,— mit dem 84 Einen und Andern.“ Und wirklich kam ſein Diener nach Verlauf von einer Stunde und brachte Herrn Polonius einen Zettel, mit einer förmlichen Verzichtung auf alle Forderungen ſeiner Tochter, und mit dem Beſcheid, daß er bereit ſtehe, nach Kopenhagen zu reiſen. Nach einigen Tagen reiſten Herr und Frau Polonius auch wirklich ab, nach⸗ dem alle Nachforſchungen nach Lydia vergeblich geweſen. Mein Vetter und ich durch ſtreiften die Gegend nun noch einige Zeit ohne weiteren Nutzen. Es war, als ob das Mäd⸗ chen, wie Iphigenie, von der Göttin Diana davongetragen worden; aber ſtatt daß ſie damals eine weiße Hindin ſubſtituirt, ſchien ſie diesmal uns durch einen jungen Geisbock an der Prinzeſſin Statt gefoppt zu haben. Endlich kam ich auf den Gedanken, daß Lydia ſich vielleicht hier in Kopenhagen verborgen. Ferdinand ſchien eine Ahnung, das Gegentheil zu ſagen. Wir trennten uns deßhalb, er reiſte im Lande umher, ich zog hierher, und habe nun ſeit vierzehn Tagen alle Mittel aufgewendet, der Verſchwundenen auf die Spur zu kommen. Von meinem Vetter habe ich nichts gehört; von dem Polonius⸗ ſchen Hauſe dagegen, mit Hülfe meines oben erwähnten Spiones, die greulichſten Dinge, denen ich weit entfernt bin, Glauben zu ſchenken. Indeſſen weiß ich keinen beſſern Rath, als unſere Sache den Händen der fliegenden Poſt anzuvertrauen, und hoffe, daß Ihre Blätter, die ſo weit umher fliegen, dieſe Linien Lydia zu Geſichte bringen werden, und in dieſer Erwartung beſchwöre ich dieſe junge Dame, wie es früher mein Vetter machte, mir, als ihrem aufrichtigen und ſtummen Freunde, Nachricht von ihrem Aufenthaltsorte zu geben. Sollte auch, wie ich durchaus nicht glaube, etwas Wahres an den Neuigkeiten ſein, die ich von dem Hauſe ihrer Aeltern erfahren, ſo bitte ich ſie, doch die Theilnahme eines Freundes nicht zu verſchmähen, und überdies zu bedenken, daß ihr Vetter Horazio jeden Tag hier erwartet werden kann, daß ich ferner verſpreche, wenn ſie es wünſcht, ihm und ſeiner Frau ſogleich Nachricht 8⁵ von ihrer lieben Lydia zu geben, die eine Stütze und Zuflucht bei dieſen Freunden niemals miſſen wird, und daß ſie unter allen Umſtänden einen bereitwilligen und brü⸗ derlichen Freund finden wird in Laertes. Zweiter Brief. Vom Lieutenant an die Redaktion der fliegenden Poſt. Kopenhagen, den 14. Juli 1827. Mein Herr! Wenn Sie bisweilen Ihre Gedanken bei dem Ge⸗ liebten Lydia's weilen ließen, der im Winter ſeine Zuflucht zu Ihnen und Ihrem Blatte nahm, ſo muß ich befürchten, daß es Sie verdrießt, ſeine Angelegenheiten Ihren Leſern vor Augen gelegt zu haben, und daß Sie ihn für un⸗ dankbar halten, wenn er geſteht, ſchon vor ſechs Wochen im Stande geweſen zu ſein, Sie von dem Ausgang ſeiner einfachen Erlebniſſe zu unterrichten, die einzige Art, wie er ſeine Erkenntlichkeit gegen Sie und Ihre Leſer an den Tag legen kann, die ihm ihre Theilnahme gewidmet. Dieſe Schuld, bitte ich Sie nun, bezahlen zu dürfen. Doch halte ich es nicht für unpaſſend, erſt folgende Be⸗ merkungen vorauszuſchicken. Ich weiß, daß die unbedeutenden Ereigniſſe, welche in dieſen Blättern durch die vorangegangenen Briefe mit⸗ getheilt ſind, von den Meiſten für einen Roman gehalten 86 werden. Wirklich! wenn es ein Roman wäre, ſo müßte man ihn mit Recht ſchlecht nennen. Nein, dieſer Blätter einziger Vorzug iſt die Wahrheit, die— nach meiner Meinung— aus ihnen leuchtet. Und unbegreiflich iſt es mir, wie Jemand, z. B. in Clara's Bekenntniſſen, die Ergießungen eines weiblichen Herzens vor einer vertrauten Freundin verkennen kann. Wer würde mit dieſer Ein⸗ fachheit dichten, ſich in eerdichteten Dingen mit ſolcher Wahrheit ausdrücken, in einen Roman dieſe häuslichen Details miſchen, die jeden Unbetheiligten nur langweilen müſſen?— Allerdings iſt dieſes Bekenntniß nicht dazu gemacht, veroͤffentlicht zu werden, und ebenſo gewiß hat die Verfaſſerin deſſelben, weit entfernt, zu wünſchen oder zu vermuthen, daß dieß geſchehen würde, die Geſchichte ihres eigenen Herzens gebeichtet. Freilich muß es Jedem wunderlich erſcheinen daß manche von den Perſonen, welche in dieſen Briefen vorkommen, ſich hier in der Stadt auf⸗ halten, in der Geſellſchaft leben, ſich gewöhnlich an öffentlichen Orten zeigen, und daß doch ungemein wenige Menſchen ſich träumen laſſen, ſie von anderswo, als aus dieſen Blättern kennen zu lernen. Nicht ohne Grund wagte ich deßhalb in meinem erſten Briefe zu ſagen: „ich halte meinen Schleier als Anonymus für undurch⸗ dringlich.“ Ein kleines Wort, ein unbedeutender Umſtand iſt der Schlüſſel zu dem ganzen Geheimniſſe, und mein Vetter iſt ein ſo vortrefflicher Diplomat, daß Sie ſelbſt, Herr Redakteur, ungeachtet Sie die wirklichen Namen vor Augen hatten, doch ohne dieſen Schlüſſel nicht voll⸗ kommen unſere Chiffreſchrift zu leſen vermögen. Und nun beginne ich meine Erzählung, wo mein Freund und BVetter ſie ſchloß. Drei Wochen lang ſuchte ich meine verſchwundene Lydia mit einer Unruhe, einem Eifer, die ſich Jedermann vorſtellen kann; jede Spur war verſchwunden. Endlich erinnerte ich mich, daß mein Vetter und ich, während unſeres Aufenthaltes auf dem Herrenhof, im Garten einen 87 Brief von Fräulein Hedwig an Lydia gefunden. Wir laſen ihn, lachten über ihren hochtrabenden Styl, und ich nahm ihn zu mir, um ihn Lydia zurückzugeben, was ich jedoch vergeſſen. Da es nun oft geſchieht, daß man in unruhigen Stunden einen Ruhepunkt für ſeine irrenden Gedanken ſucht, kam ich darauf, in dieſem Brief nach ei⸗ ner möglichen Aufklärung zu forſchen. Und wirklich, ich glaubte eine Spur in folgenden Worten zu finden: „Madame Roſen, von der benachbarten Handelsſtadt, war heute Vormittag in derſelben Abſicht hier, nämlich die Mutter zu bitten, ihr ein Nähmädchen zu recomman⸗ diren, das ihrer Tochter bei der übermäßig eleganten Ausſteuer helfen könnte. Ich dachte daran, wie gut Du die Frau leiden magſt, die ich nicht ausſtehen kann, und wie Du wünſchteſt, ein Nähmädchen zu werden, wie ſie es haben muß. Es war ein unbeſonnener Wunſch. Du ſollteſt Dich in ihre Einſiedlerwohnung begraben können, wohin nie Jemand koͤmmt, namentlich jetzt, da der Schwie⸗ gerſohn weggereiſt iſt, der ſo eiferſüchtig iſt! Nein, meine geliebte Lydia, Du ſollſt wie eine Sonne in meines Bru⸗ ders prächtigem Ritterſaale glänzen! Du ſollſt blühen, wie eine Roſe...“ u. ſ. w. u. ſ. w. Madame Roſen in der nächſten Stadt! eine Dame, zu der kein Menſch kömmt! die Lydia leiden mag!... War das nicht möglich?... Im nächſten Augenblicke ſaß ich zu Pferde und galoppirte nach der Stadt, wo ich endlich das vor der Stadt liegende kleine, freundliche Haus von Madame Roſen erfragte. Nachdem ich lange ge⸗ klopft, kam endlich ein junges Frauenzimmer und ließ mich ein, indem ſie verſicherte, daß ihre Mutter nicht zu Hauſe ſei. Ich nannte meinen Namen und fragte, ob Lydia ſich nicht dort im Hauſe aufhalte, und meine Un⸗ ruhe, mein Kummer müſſen bei dem gutmüthigen Fräu⸗ lein Roſen für mich geſprochen haben; ſie betrachtete mich ſtumm, ſchien ſich zu bedenken und ſagte dann:„Können 88 Sie einen Augenblick hier warten?“ Sie verließ mich, kam ſogleich wieder, bat mich, ihr zu folgen und führte mich durch einen Gang, über den Hof, die Treppe hinauf, nach einem abgelegenen Zimmer, deſſen Thüre ſie öffnete, und ging fort. Mit klopfendem Herzen trat ich ein und ploͤtzlich ſtand Lydia vor mir, ganz wie ich ſie zum erſten Male geſehen, in einem geſtickten Shawl, mit einem kleinen Kinde auf dem Arme. Sie reichte mir die Hand, brach in Thränen aus und ſagte:„Ich danke Ihnen! Sie ſuchen mich armes, verlaſſenes, verſtoßenes Kind auf.“ Es dauerte einige Minuten, ehe wir uns beiderſeits faſſen konnten. Endlich fragte ich:„Wem gehoͤrt dies Kind? —„Mir,“ antwortete ſie.— Es war, als ob ein Dolch durch meine Bruſt zuckte. Sie fuhr ruhlg fort:„Es hat Niemand in der Welt, als mich; es fiel in meine Hände; ich weiß nicht, wem es gehört.“ Ich athmete wieder, und nun erzaͤhlte ſie, was ich vergeblich mit der Naivetät wiederzugeben verſuchen würde, mit der es von ihren Lippen toͤnte.— Lange, ſagte ſie, hatte Fräulein Hedwig ſie überreden wollen, zu fliehen und ſich bei einer Tante zu verbergen, welche dleſe in der Stadt hatte, und von deren Theilnahme für Lydia ſie immer ſprach. Nach der Confirmation kam ſie zu Lydia auf ihr Zimmer und ſagte, der Wagen halte am Ende des Gartens, um⸗ ſie Beide zu dieſer Tante zu bringen, die Lydia mit offenen Armen aufnehmen würde. 3 Das arme Mädchen, von Angſt vor der gezwungenen Verlobung gepeinigt, welche ihre Aeltern noch am ſelben Mittage feiern wollten, unentſchloſſen, zerriſſen von ſtrei⸗ tenden Gefühlen, ließ ſich von Fräulein Hedwig entführen, ſetzte ſich zu ihr in den Wagen und fuhr fort, ehe ſie ſich recht hatte beſinnen koͤnnen. Am Eingang zum Walde hielt der Wagen, und der hoffnungsvolle aͤlteſte Junker ſprang hinein, worauf die Reiſe fortgeſetzt wurde. Unter⸗ wegs jedoch begannen nun dieſe Geſchwiſter Lydia mit Bitten und Drohungen zu beſtürmen, um ſie zu vermoͤgen, 89 ſich mit dem Junker ſogleich zu verloben. Sie behaup⸗ teten, die Einwilligung ihrer Aeltern zu Allem, was ſie in dieſer Sache thun würden, zu beſitzen, Alles ſei mit der Tante verabredet und ein Geiſtlicher bereit, um noch am ſelben Abende das junge Paar zu verbinden. Lydia weigerte ſich ſtandhaft: es kam zum Streite und foͤrm⸗ lichen Freundſchaftsbruch, der damik endete, daß Lydia aus dem Wagen ſtieg und ohne Weiteres von den Andern verlaſſen wurde. Das arme Mädchen befand ſich nun ganz allein, losgeriſſen von Verwandten und Freunden unter Gottes freiem Himmel, ohne Heimath und Zuflucht. Mit ihrem kleinen Bündel unter dem Arme, eilte ſie durch den Wald und ſetzte ſich müde und traurig auf einen Baum⸗ ſtamm an der Landſtraße, wo ſich mehrere Wege kreuzten, ungewiß, welchem von dieſen ſie folgen ſollte. Zurück zu ihren Aeltern wagte ſie nicht zu gehen. Natürlich fielen ihre Gedanken auf dieſe Madame Roſen, die ſo oft der Gegenſtand des Geſpräches für ſie und Hedwig geweſen. Sie ſah es als eine gute Eingebung an, daß ſie ihre Zuflucht zu dieſer rechtſchaffenen und frommen Frau neh⸗ men ſollte, die ihr ſo oft Aufmerkſamkeit gezeigt. Wäh⸗ rend ſie ſich in dieſem Vorſatz beſtärkte, hörte ſie hinter ſich ein abſcheuliches Schreien, fühlte ſich am Arme er⸗ griffen, und als ſie den Kopf drehte, begegnete ihrem erſchrockenen Auge ein häßlich verzogenes Geſicht, das ſie mit wahnwitzigem Lächeln anſtierte und ſagte:„Ich kenne Euch wohl, Frau, ich ſah Euch, als Ihr aus dem Wagen flieget.— Da habt Ihr Euren Jungen! ich glaubte, es ſei mein Kind, denn ſo lag es damals in der Wiege... hul hul.., Ich habe dem Pferde das Kind gelobt, daß es mir meinen Geliebten wiederbringe, den es mir genommen, aber ich darf nicht! denn ich glaube, ſie ſind mir auf der Spur, ſie... Du weißt doch; nimm Dich in Acht! Laß nicht Blut in die Grube kommen! Es iſt hart, ſich den Kopf abhauen zu laſſen, 90 wie ſie mir gethan, und zu gehen, wie ich gehe. Ich hab' es ſo feſt gemacht, als ich konnte; hul hul“... Während dieſer Worte, die Lydia beinahe vor Schreck vergehen machten, legte das wahnwitzige Mädchen ein in einen Wiegenteppich gewickeltes Kind auf die Erde und eilte heulend in den Wald.— Lydia nahm es raſch auf und lief aus allen Kräften den Weg entlang, glücklich, es gerettet zu haben. Es weinte. Sie lüftete den Teppich und betrachtete das Kind. Es war ein ganz kleines, ungemein hübſches Kind. Das arme Mädchen benetzte es mit Thränen, und verging beinahe vor Angſt und Unentſchloſſenheit. Die Nacht brach ein. Sie zitterte davor, dieſer Wahnwitzigen wieder zu begegnen. Sie rief alle guten Mächte des Himmels an, faßte endlich Muth und beſchloß, ihren Vorſatz auszuführen, und Zuflucht bei Madame Roſen zu ſuchen, was frelich in dieſer neuen, unſchuldigſten, und doch verdächtigſten von aller Begleitung doppelt ſchwierig war. Erſt ſpät am Abend erreichte ſie den erſehnten Hafen, wo ſie das Vertrauen und die gute Aufnahme fand, die ſie gehofft. Man räumte ihr ein abgelegenes Zimmer ein, und be⸗ ſchloß, bis man nach reiflicher Ueberlegung ſeine Ver⸗ haltungsmaßregeln getroffen, ihre Nähe vor Allen geheim zu halten, mit Ausnahme der treuen, alten Perſon, welche das ganze Dienſtperſonal des Hauſes bildete. Nach Verlauf von einigen Tagen beſchloß Frau Ro⸗ ſen, vereint mit Lydia, die Eltern der letzteren von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Der Brief war bereits mehre Tage alt, als Herr und Frau Polonius bei ihrer Zurückkunft nach Kopenhagen ihn vorfanden und in der erſten Hitze antworteten, daß ſie nie mehr von einer Toch⸗ ter hören wollten, die am Confirmationstag ihren Eltern davon gelaufen und mit einem Kind auf dem Arme bei fremden Leuten angekommen.— Als die arme Lydia an dieſe Stelle ihrer Erzählung gekommen, überließ ſie ſich dem heftigſten Schmerze, Ich 91 troſtete ſie mit der Ueberzeugung, die ich wirklich beſaß, daß ſie namentlich ihr Vater herzlich lieb habe, trotz alle dem, was vorgegangen; davon zeuge ſein Schmerz, deſſen Zeuge ich an dem Tage geweſen, als ſie verſchwun⸗ den. Aber was ich hier aufbaute, ſtürzte ich unbewußt wieder zuſammen, als ich der Maskerade erwähnte, welche der kleine Junker ſich bei dieſer Gelegenheit erlaubt. Bei⸗ nahe verzweifelt rief Lydia:„Gott! iſt es möglich! nein, nun koͤnnen mir meine Eltern nicht wieder vergeben! welch' abſcheulicher Scherz! welch' raſender Einfall der häßlichen Hedwig! Konnte Sie mir etwas derart zu⸗ trauen? Und war doch ſo gut, mich aufzuſuchen?— Meiner Lydia ſchöne, reine Seele entzückte mich; ihre Verſicherung, nie ihre kleine Pflegetochter verlaſſen zu wollen, es ſei denn, daß ſie ſie ihren eigenen Verwandten zurückgeben könnte, vermehrte meine Achtung vor ihr. „Laſſen Sie uns dieſes verlaſſenen Kindes Vater und Mutter ſein,“ ſagte ich:„Geben Sie mir Ihre Hand, geliebte Lydia, und laſſen Sie uns als Gatten vor Ihre Eltern treten und aller Nachrede den Mund verbinden.“ — Lydia war gerührt, ſie geſtand, daß ſie mich liebe, ſchlug mir jedoch aufs beſtimmteſte ab, ohne die Einwil⸗ ligung ihrer Eltern mir zum Altare zu folgen. Ich blieb beſtändig in der Nähe Lydias und ſah ſie täglich. Eine innige Freundſchaft verband ſie jeden Tag enger mit der Tochter des Hauſes. Die jungen Maͤdchen arbeiteten zuſammen, laſen zuſammen, ſangen mit einan⸗ der, pflegten und verſorgten das kleine Kind, das Lydia mit größter Aufopferung und Hingebung aufzog. Sie ſagte einmal:„Auf ihrem Zeug ſtand ein J; ich nenne ſie Iſidora, nach einer kleinen verſtorbenen Couſine, die ich ſehr lieb hatte.“ So waren ungefähr drei Wochen verfloſſen, als Ly⸗ dia zu Madame Roſen kam. Aus Furcht vor falſchem Urtheil und Mißdeutungen, wie aus Sorge für Lydias guten Ruf hatte dieſe gute Frau ſich nicht entſchließen 9²2 können, einen Schritt zu thun, der auf die Spur der Eltern des Kindes führte, die aller Wahrſcheinlichkeit nach es nur durch einen unglücklichen Zufall verloren und es nicht abſichtlich weggegeben. Daß etwas derart doch geſchehen müßte, ſahen wir alle ein. Kaum acht Tage waren verſloſſen, ſeit ich Lydia wieder geſehen, als ich zufällig, während Lydia und Fräu⸗ lein Roſen in einem andern Theile des Zimmers beſchäf⸗ tigt waren, an der Wiege des Kindes ſaß und es mit Wohlgefallen betrachtete. Es ſchlug im ſelben Momente ſeine Augen auf und wie frappirte mich die Aehnlichkeit mit Lydia! Dieſe ungewoͤhnlich dunkeln Augen, dieſer eigenthümliche Ausdruck derſelben, dieſer merkwürdige Mund, es war Alles ganz wie bei ihr! So originelle Familienzüge, daß ſie ſelbſt bei einem kleinen Kinde zu erkennen waren!„Ich träume,“ ſagte ich zu mir ſelbſt:„Es iſt eine Verblendung, ein Spiel meiner Phantaſie,“ aber beſtändig müßte ich meine Augen auf das kleine Mädchen richten und beſtändig wurde ich von demſelben Anblick durchbohrt. Es war Abend, ich ging ſogleich nach Hauſe und nach einer ſchlafloſen Nacht, in der ich mir bitter meinen unwürdigen Mangel an fel⸗ ſenfeſtem Vertrauen auf die Geliebte vorwarf, ſchwang ich mich beim Grauen des Morgens auf mein Pferd und da ich mich erinnerte, daß am ſelben Tage das Feſt der Einweihung der Akademie Sorö war, ritt ich dorthin, um bei dieſem feierlichen Akte das kleine Kindergeſicht zu vergeſſen, das beſtändig vor meiner Phantaſte ſchwebte. Und wirklich, meine kleinlichen Gedanken, meine eiferſüch⸗ tigen Plagegeiſter flogen wie Nachteulen beim Anbruch des Tages davon, als ich in die an alten Erinnerungen ſo reiche Kirche trat und im Glanze der Herrlichkeit der Jetztzeit, in Gegenwart des Königs ein Werk für die Nachwelt einweihen ſah. Gegen Abend winſchte ich, ehe ich mich auf den Heimweg begab, allein in die Kirche gehen zu koͤnnen, 93³ wo Abſalon und Holberg ruhen, und mich dort ungeſtoͤrt meinen Betrachtungen zu überlaſſen. Ich fand die Kirche offen und ging ungehindert hinein. Mit Andacht und er⸗ hebenden Gedanken nahte ich den heiligen Ruheſtätten, welche in dieſer Kirche die Gebeine derer einſchließen, die auf ſo verſchiedene Art heute noch den Stolz und Ruhm der Nation bilden, und mit Freuden fühlte ich, wie ſich der Aufruhr in meinem Herzen legte. Ich lehnte mich an die Gitterthüre von Holbergs Grab; mich den Gedanken an meine eigenen Angelegenheiten überlaſſend, verlor ich mich ganz in geiſtiger Betrachtung des reinen Weſens meiner Lydia und in dem Gefühle der Veredlung, welche meine Liebe aus den jüngſten Ereigniſſen geſchöpft, als mich ein unerwarteter Anblick aus meinen Traͤumen weckte. Den langen Kirchengang hinab ſchritten ein paar Leute, ein Herr und eine Dame, deren Aeußeres mir auffallend war und ein Echo der Gedanken zu bilden ſchienen, die mich den ganzen Tag umſchwebt hatten. Sie waren wie Schatten einer verſchwundenen Zeit, wie ein derber und edler Ritter der Vorzeit, begleitet von einer ſchönen Jungfrau, die unter ihrer irdiſchen Geſtalt ihr ätheriſches Weſen nicht zu bergen vermag, ſo leicht ſchwebte ſie über den Kirchenboden, ſo ganz paßte auf ſie der Ausdruck des ſineſiſchen Romans:„Ihre Glieder waren wie aus den weißen Nebeln der Berge gebildet.“— Sie näherten ſich und die junge Dame trat zu dem Orte, wo ich ſtand und ſah in die kleine Kapelle Holbergs, ſo daß ſie ihr Antlitz ganz nahe an das Gitter drückte, als wollte ſie mit ihrem Athem die Luft um dieſen heiligen Staub erwärmen. Sie wandte dann ihr Geſicht nach mir und ...o Himmel! Es waren wieder dieſe Augen, deren dunkler Glanz meine Seele erleuchtete; es war wieder dieſer kleine raphaeliſche Mund. So verſchieden im Aus⸗ druck und doch ſo ähnlich Lydia und dem kleinen Kinde! Erſchrocken ſagte ich zu mir ſelbſt:„Ich muß verrückt ſein! ich muß eine Gehirnkrankheit haben, die meine Au⸗ 94 gen ſtets daſſelbe Bild ſehen läßt, das nur in meiner kranken Phantaſie exiſtirt.“ So von meinen Gedanken überwältigt, hatte ich nur dunkel bemerkt, daß verſchiedene Umſtände andeuteten, es werde eine neue Feſtlichkeit in der Kirche vorgehen. Es trat ein Paar geſchmückter Damen ein und hinter ihnen wurde ein neugebornes Kind getragen. Der Herr und die Dame, von denen ich geſprochen, wandten ſich, wie ich, an den Kirchendiener und erfuhren von ihm, daß es das Kind eines Profeſſors ſei, das zur Taufe getragen werde.—„Eine Kindtaufe in der Kirche um dieſe Abend⸗ ſtunde?“ fragte der fremde Herr.„Ja. Sie müſſen wiſ⸗ ſen,“ antwortete der Kirchendiener,„daß dieſes Kind in einer glücklichen Stunde geboren wurde, nämlich dieſen Morgen, als die Einweihung beginnen ſollte, und deßhalb ſtehen Seine Majeſtät der König ſelbſt Gevatter und es ſoll die Ehre haben, ſeinen Namen zu tragen.“ Meine Augen ſielen auf die junge Dame, ſie war todtenbleich und zitterte. Ihr Begleiter ſchlang ſeinen Arm um ſie und führte ſie nach einem entfernten Winkel der Kirche, wo ſie ſich beide ſetzten. Es war mir unmoͤglich zurück⸗ zubleiben und unbemerkt ſetzte ich mich hinter ſie. Ich hoͤrte die Dame in den ergreifendſten Toͤnen klagen und den Mann ihr zureden und ſie tröſten, aber ich konnte ihre leiſen Worte nicht zuſammenbringen. Endlich hörte ich ſie ſagen:„In einer glücklichen Stunde ge⸗ boren! Doch dieſe Worte ſagteſt auch Du, als meine arme kleine Iſidora am erſten Frühlingstage geboren wurde. In einen ſolchen Mantel, wie dieſes Kind, war ſie auf der Neiſe eingehüllt, als ich ſie zum letzten Male ſah. O, daß ſie hier begraben läge!“—„Wie, meine Clara!“ rief der Mann:„Du wünſcheſt unſerem Kinde den Tod?“— Clara?— Iſidora?— Ich lauſchte mit größter Anſtrengung.„Ja,“ antwortete die Dame,„das wünſche ich. Läge ſie doch hier in dieſer Kirche, wie eine kleine Blume am Fuße dieſer berühmten Gräber, ſo ginge 9⁵ ich getröſtet von hinnen. Aber nun, wo ſollen ſie unſere Gedanken ſuchen? Vielleicht auf dem Arme einer Bett⸗ lerin, aufgewachſen in Mangel und Laſter.“ Jedermann kann ſich meine Freude und Verwunde⸗ rung denken. Beinahe außer mir, rief ich:„Horatio und Clara! Das iſt ihr Kind!“——— Das Uebrige läßt ſich leicht ahnen, aber unmöͤglich beſchreiben: das Ent⸗ zücken der Eltern, ihre Zuſammenkunft mit Lydia, zu der wir eilten, ſo raſch ihre Pferde und das meine laufen konnten. Die gute Madame Roſen und ihre Tochter ließen unter dieſen Umſtänden mit Freuden ihre liebe Lydia ziehen. Spät in der Nacht kamen wir alle vier auf dem Landhauſe an, wo Horazio ſich bei einem alten Bekannten aufhielt und kaum waren wir dort, als Cla⸗ ra's Kammermädchen und eine Bauersfrau hereinſtürzten und in Thränen ſchwimmend Lydias Kleider und Hände küßten. Dieſe treuen Menſchen warfen ſich ſelbſt das Unglück ihrer Herrſchaft vor. Am ſelben Tage nämlich, als Lydia confirmirt wurde, war die Familie auf ihrer Reiſe nach Kopenhagen in einem Wirthshauſe angekom⸗ men. Horazio und ſeine Frau waren ſogleich wegge⸗ gangen, um einen Freund zu beſuchen, der in der Nähe wohnte; ihr älteres Kind, ein dreijähriger Knabe, war in Begleitung eines Dieners mitgegangen. Die kleine Iſidora(wie Lydia ſie mit prophetiſchem Geiſte genannt hatte) blieb im Wirthshauſe mit den beiden genannten Frauen zurück; das Bauermädchen, das ſie bewachte, war ſehr einfältig und ſchläfrig. Sie ſaß in einem Zimmer bei dem Kinde, das in ſelner Wiege ſchlief und da ſie ſelbſt vom Reiſen müde war, ſetzte ſie ſich neben ein Bette, legte den Kopf darauf und ſchlief ein. Das Kammermaͤdchen, das in einem andern Zimmer mit der Umpackung eines Koffers beſchäftigt war, kam herein, ſah das Kind und die Aufwärterin ſchlafen, hatte die Vorſicht, die Thüre in's Schloß zu legen und ging darauf wieder an ihre Arbeit. Erſt einige Stunden ſpä⸗ 96 ter vermißte man das Kind. Die äußerſte Thüre war geſchloſſen, es war verſchwunden. Die Eltern kamen zu⸗ rück. Das ganze Haus war in Aufruhr. Die Leute im Wirthshauſe hegten ſogleich Argwohn gegen das wahn⸗ ſinnige Mädchen, das ſich täglich in der Gegend umtrieb und ſchon früher in die Fenſter, freilich nur im Stalle, geſtiegen war. Das Zimmer, wo das Kind geſchlafen, lag nicht hoch und ein Fenſter war offen geſtanden. Man ſandte Boten nach allen Richtungen aus; am nächſten Morgen fand man die Wahnfinnige todt im Stalle und wie man ſah, von einem Pferde erſchlagen, unter welchem ſie lag und das ſie wahrſcheinlich durch ihre furchtbare Nähe erſchreckt hatte. Auch hierher war ſie durch ein Fenſter gekommen, denn die Stallthüren waren geſchloſſen. Man erzählte, daß die Unglückliche ein des Kindsmordes beſchuldigtes Frauenzimmer ſei, das lange im Gefäng⸗ niſſe geſeſſen und dort allen Verſtand verloren. Nur unter der Hand hatten die betrübten Eltern gewagt, Nachforſchungen nach ihrem Kinde anzuſtellen, da die Obrigkeiten der Umgegend, denen ſie von dieſem Ereigniß Mittheilung gemacht, dies ſo wünſchten, und meinten, daß ſie durch Bekanntmachungen in öffentlichen Zeitungen, Ausſetzung von Belohnungen und dergleichen die Gefahr für das Kind vergrößern würden, da es leicht Betrügern Veranlaſſung geben könnte, nach einiger Zeit ihnen ein fremdes zu bringen und dadurch ſich Vortheile zuzuwenden. Sie konnten indeß, noch immer an der ſchwachen Hoffnung hängend, ſich nicht entſchließen, ihre Reiſe fortzuſetzen. Ein paar Tage wollte Horazio, daß ſeine Frau nach ſo manchen Leiden ausruhen ſollte; dann wollten wir alle nach Kopenhagen reiſen. Mein Vetter Laertes, den ich von Allem unterrichtete, eilte zu uns und theilte mit einem treuen Freundesſinne unſer Glück. Am Abende vor dem zur Abreiſe beſtimmten Tage wurde zu unſerer Verwunderung unſere Geſellſchaft durch Herrn Polonins 97 vermehrt, der ſeine Tochter(die er für ſtrafwürdig hielt) bei Madame Roſen aufgeſucht und von ihr Alles erfahren hatte. Seine überſtroͤmende Liebe zu Lydia, ſein Kummer wegen des Unrechtes, das er ihr zugefügt, war wirklich rüh⸗ rend. Er verſprach ihr alle Kopenhagener Vergnügungen, neue Kleider, Shawls, Alles, was ein weibliches Herz erfreut; aber das Einzige, was nach Lydia's eigener Erklärung ſie glücklich machen konnte, ſeine Einwilli⸗ gung zu ihrer Verbindung mit mir, verweigerte er hartnäckig.„Dieſer Herr hat mich zu ſehr beleidigt,“ ſagte er,„denn er ließ in öffentliche Blätter..“ Hier unterbrach ihn Clara:„Iſt dieſe Sünde ſo groß, mein Onkel? Was ſoll ich dann zu Ihnen ſagen?“— Der Eindruck, den dieſe Worte auf Herrn Polonius machten, läßt ſich nicht beſchreiben. Seln Geſicht wurde doppelt ſo lang, als ſonſt, ſein Mund blieb offen ſtehen, ſeine Arme ſanken kraftlos herab, ſeine goldene Ta⸗ baksdoſe ſiel ihm aus der Hand und er ließ ſie auf dem Boden liegen. Horazio benützte dieſe Stimmung ſprach ihm kräftig zu und wußte ſeinen Einfluß auf ihn ſo wohl zu benutzen, daß er ſich zuletzt ſtillſchweigend erhob, Lydias Hand und die meine ergriff, ſie in einander legte und ſagte:„In Gottes Namen! Ich ſegne Euch, meine Kinder.“ Als wir am folgenden Tage nach der Stadt kamen, ging Horazio allein mit ihm zu Frau Po⸗ lonius und brachte auch ihre Einwilligung zurück. Vor vierzehn Tagen wurde Lydia meine Frau. Beim Hochzeitsmahle tranken meine Braut und ich auf das Wohlergehen der fliegenden Poſt, denn ihr gebührt ein großer Antheil an dem glücklichen Erfolge, deſſen wir uns freuen. In dieſer ſeligen Zeit erhöhten wir das ſtille Glück unſerer Liebe, indem wir an allen Beluſti⸗ gungen Theil nahmen, die ſich uns boten und Jeder, der oͤffentliche Orte und Sommerſchauſpiele, deutſche wie däniſche, beſuchte, wird dort alle in dieſen Blättern be⸗ rührte Perſonen geſehen haben, Novellen. II. 7 98 Und nun, liebe fliegende Poſt, lebe wohl! habe Dank für die Dienſtfertigkeit, für die Diskretion, für all die wahre Lebensart und Liberalität, die man mit Recht von Dir erwarten kann. Freitag, den 3 Auguſt wird jeder Leſer dieſer Blätter, der uns mit ſeiner Theilnahme be⸗ ehrt hat, mich und meine Lydia auf dem Dampfſchiffe Prinzeſſin Wilhelmine ſinden und Jeden, der ſich mir nähert und von der fliegenden Poſt grüßt, werde ich mit einem Glaſe hundertjährigen alten Rheinweins bewirthen, den mir mein Schwiegerbater für die Reiſe verehrte. Ihr verbundener Ferdinand** Lieutnant bei** Eine in Allen. An einem ſchoͤnen Vormittag im Anfang des Sep⸗ tember ſaßen zwei Männer beiſammen in der Stube eines Conditors und würzten das Frühſtück, das ſie ge⸗ noßen, mit einer munteren und traulichen Unterhaltung. Es waren alte Bekannte, die ſich freuten, ſich endlich nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen. Der Eine, ein Großhändler, war ſchon ziemlich bejahrt, der Andere, ein Capitän im See⸗Etat, war ein Mann von mittlerem Alter. Sie hatten kaum ihre Zufriedenheit darüber ausge⸗ drückt, ſich ganz allein in den im Allgemeinen wenig be⸗ ſuchten Zimmern dieſes Conditors zu befinden, als die Thüre aufging und ein neuer Gaſt eintrat. Doch ſchien dieſer Niemanden geniren zu wollen, im Gegentheil ſuchte er ſich ſelbſt der Aufmerkſamkeit zu entziehen. Es war ein hübſcher junger Menſch, in einer einfachen, aber an⸗ ſtändigen Kleidung. Er grüßte die beiden älteren Herren ſehr hoͤflich und näherte ſich dann dem Aufwärter, zu dem er beinahe flüſternd ein paar Worte mit halb ver⸗ ſchämter Miene ſagte, worauf er in ein anderes Zimmer ging, und die beiden älteren Herren bemerkten, daß er, nachdem er eine Jalouſte vor dem Fenſter herabgelaſſen, ſich bei dieſem niederſetzte und die Erfriſchungen verzehrte, die er verlangt hatte. Dann zog er eine Mappe heraus, die er auf dem Tiſche ausbreitete, und ſtellte dieſen und ſich ſelbſt ſo, daß ihn die beiden Anweſenden nicht beobachten konnten. Und ſchon hatten dieſe den ſtillen Nachbar ganz vergeſſen, als ein anderer Gaſt eintrat, der in Weſen und Ausſehen durchans mit dem Erſten zu contraſtiren ſchien. Es war einer von den jungen Herren, welche man gentile 10² Cavaliere nennt und aus ſeiner ganzen Haltung und Miene ſchien die Selbſtzufriedenheit zu leuchten, womit er ſich bewußt war, den erwähnten Ehrentitel zu verdienen. Mit lauter Stimme rief er dem Aufwärter, verlangte Choco⸗ lade, Kuchen und Liqueur, trat dann an einen Spiegel und richtete ſein Haar zurecht: und als er im ſelben Augen⸗ blick die beiden alten Herren bemerkte, näherte er ſich dem Kapitän und grüßte ihn als einen Bekannten. Dann ſetzte er ſich an einen Tiſch beim Fenſter und nahm ein paar Blätter, in welchen er flüchtig las, während ſeine Blicke gewöhnlich an den Fenſtern des gegenüberliegenden Hauſes hafteten. Dazu pfiff er eine Melodie und ſchlug den Tact mit dem einen Beine, das er vor⸗ und zurück⸗ baumeln ließ. „Kennen Sie dieſen Menſchen?“ fragte der alte Großhändler mit flüſternder Stimme.„Nur von Anſehen,“ antwortete der Kapitän:„Es iſt ein Candidat der Juris⸗ prudenz, mit Namen Mörk.“—„Er ſcheint ſeinem Na⸗ men(Finſter) zu entſprechen, er ſieht ſehr ſauer und miß⸗ vergnügt drein.“—„Ach! das iſt nur das Ausſehen, das ſich unſere jungen Herren geben. Ich glaube, es iſt eine Mode, die wie andere Moden von Paris zu uns kömmt. Vor zwei Jahren, als ich mich kurze Zeit dort aufhielt, bemerkte ich dieſes indolente und mißmuthige Ausſehen bei der Mehrzahl der jungen Leute.“—„Ih! das thut mir ordentlich leid, die Franzoſen mir ſo denken zu müſ⸗ ſen! dieſe Nation, deren heiterer und leichter Sinn, deren behagliche Converſation im Umgange die Fehler erſetzt, die man ihnen ſonſt gerne mit Recht oder Unrecht beilegt. Was kann der Grund davon ſein? Wahrſcheinlich das Un⸗ glück, das die Revolution in ſo viele Familien gebracht.“— „Ach, nein! Die unter ihnen, welche das Unglück jener Zeit erlebt, ſind ältere Männer und dieſe haben im Ganzen ihre nationale Liebenswürdigkeit erhalten; aber ich ſpreche hier von dem jungen Frankreich. Ich halte es für eine politiſche Affectation; es ſoll wohl den Anſchein haben, 103 als läge ihnen das Beſte des Staates am Herzen und beſchwere ihr Gewiſſen, daß kein Raum für andere Intereſſen in ihrem Herzen, und die Blüthen der Jugend und des Lebens bereits für ſie abgefallen ſeien.“—„Es iſt mir zuwider, die Jungen alt zu ſehen. Ich hielt immer viel auf die Jugend und es ſollte mir leid thun, dieſe Mode fortgepflanzt zu ſehen, um ſo mehr, als es mir ſcheint, daß man durch das affectirte Mißvergnügen am Leben und die Verachtung ſeiner unſchuldigen Freuden, wirklich ernſtlich Unluſt am Leben bekömmt und ſtumpf und grämlich wird, wovor wir Alten uns auf jede Weiſe zu ſchützen ſuchen.... Hm! vergeben Sie, ich ſage, wir Alten! Das paßt ja nicht auf Sie; Sie ſind gute zwanzig Jahre jünger, als ich.“—„Ach!“ antwortete der Kapitän lächelnd:„Ich bin alt genug— ſch kann wohl hinzuſetzen: Gottlob!— um noch zu der Generation zu gehören, die das von der Jugend feſthält, was feſtzuhal⸗ ten in ihrer Macht ſteht, die einen ſchweren Tag durch einen luſtigen Abend vergeſſen kann, die zu lachen und zu weinen und Menſch zu ſein vermag, ohne ſich deſſen zu ſchämen.“—* Dieſes natürlich flüſternd geführte Geſpräch wurde von einem Geräuſche unterbrochen; der ſtille Gaſt ließ im andern Zimmer etwas auf den Boden fallen. Der junge Herr Mörk erhob ſich raſch, ſah in das Zimmer und ging wieder an ſeinen Platz. Als der Aufwärter gleich darauf kam, um ſeine Chocolade zu bringen, ſagte er zu dieſem, daß die andern Herren es hörten:„Kennen Sie den Menſchen, der drinnen ſitzt? Kömmt er öfters hieher?*—„Geſtern,“ ſagte der Aufwärter,„ſaß er Vormittags eine Stunde hier; aber ich kenne ihn nicht.“— „Es iſt ein Maler, ein armer Burſche, der im Zeichnen Unterricht gibt. Ich rathe Ihnen, ihm nicht zu viel Credit zu geben.“—„Ach!“ antwortete der Diener lachend: „das würde uns nicht ruiniren, denn er hat bis jetzt nichts genoſſen, als ein Glas Waſſer und ein Zuckerbrod. Uebrigens 104 hat er es jedesmal ſogleich bezahlt.“ Mörk lachte laut: die beiden ältern Herren ſchüttelten den Kopf und warfen ihm zornige Blicke zu. Die Geſellſchaft wurde nun durch einen eigenthüm⸗ lichen Mann vergroͤßert, der, ſo wie er ſtand und ging, das Aite und Neue in ſich verband. Er war alt, aber groß und ſchlank, raſch in ſeinen Bewegungen wie ein junger Menſch und mit einer Phyſiognomie, deren regelmäßige und ſcharfe Züge deutlich von vergangenen Zeiten, Leidenſchaften und Sorgen ſprachen, und deren bleiche Wangen und Lippen mit den lebendigen Augen und friſchen Zähnen contraſtirten. Sein dünnes Haar war gepudert und gekräuſelt; er trug einen ſehr feinen, wie es ſchien, neuen Rock mit ziemlich modernem Schnitt, aber von hellerer blauer Farbe, als ſie ſonſt gebräuchlich; eine Weſte von geblümtem Seidenzeug nahm ſich elegant aus und enge ſchwarze Pantalons umſchloſſen das lange, ſchmale Bein. An den Füßen trug er ſehr blanke Schuhe und ſchwarze Seidenſtrümpfe. Er trat raſch in das Zim⸗ mer und grüßte die Anweſenden flüchtig, während ſeine Augen den Aufwärter zu ſuchen ſchienen. Der Groß⸗ händler erhob ſich raſch und ging ihm entgegen, während er rief:„Ei, mein guter, alter Freund! Sehen wir uns doch auch wieder mal?“ Der Kapitän näherte ſich gleich⸗ falls und ſagte:„Ich hoffe, Herr Legationsrath, daß Sie ſich meiner erinnern.“— Der Fremde ergriff ihre Hände, die ſie ihm darboten, mit einer freundlichen, aber ver⸗ legenen Miene; er ſtammelte einige höfliche Worte und nachdem er dem Aufwärter noch etwas zugeflüſtert, eilte er in ein anderes Zimmer. Beim Eintreten ſchien er zu ſtutzen, als er ſah, daß bereits ein Gaſt da war; indeſſen grüßte er den jungen Maler und ſetzte ſich an das Fenſter, das am entfernteſten Ende des Zimmers war. Die Gäſte im äußeren Zimmer konnten ihn ſehen und bemerkten, daß er wie Mörk ſeine Blicke auf dieſelben Fenſter des gegenüberliegenden Hauſes richtete. Aber noch unver⸗ : 10⁵ wandter als Mörk ſah er mit einer Lorgnette ſo ver⸗ ſunken in dieſe Betrachtung hinüber, daß er es durchaus nicht bemerkte, als ihm der Diener den verlangten Kaffee brachte, den er unberührt ſtehen ließ. Der Großhändler ſagte lächelnd zu ſeinem Nachbar: „Es ſcheint mir, als ob unſer guter, alter Freund nicht ſonderlich darüber erfreut wäre, uns hier zu treffen.“— „Nein,“ antwortete der Kapitän,„er ſchien ganz verlegen, als er mich ſah. Man ſollte beinahe glauben, der Herr Diplomat haben eine heimliche Miſſion in dleſem Kaffee⸗ hauſe.“ Moͤrk ſchlich ſich nun zu den älteren Herren und ſagte:„Das iſt ja die alte Carricatur, dieſer Legations⸗ rath Trolle? begleitete er wirklich ein diplomatiſches Amt oder hat erüberhaupt je dieſe Carriére gemacht?“—„Nein, er war nicht bedeutend,“ antwortete der Großhändler, „er hatte mal eine Anſtellung im Departement der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten, aber es iſt ſchon oiele Jahre her, ſeit er ſeinen Abſchied nahm. Er reist unaufhörlich in der Welt umher; glaubt man, daß er ſich endlich mal irgendwo wohl fühle, ſo beſtellt er ploͤtzlich Poſtpferde oder geht an Bord und weg iſt er.“—„ZJetzt iſt er wohl nicht mehr ſo flüchtiger Natur und ſo reiſeluſtig, als ſonſt?“ fragte der Kapitän.„Nun, das möchte ich nicht gerade ſagen, es iſt noch nicht länger, als einen Monat her, ſeit er von Holſtein oder Hamburg zurück, und die ganze Reiſe dauerte nicht über vierzehn Tage. Wie geſagt, er beſitzt noch keine Ruhe, deßhalb hat er auch wohl daran gethan, alle öoͤffentlichen Geſchäfte auf⸗ zugeben, denn ein ſolcher Sinn paßt nicht für ein feſtes Amt.“—„Ja,“ ſagte der Kapitän,„er braucht ja auch kein Amt, denn er iſt reich genug.“—„Er iſt ſehr wohl⸗ habend,“ antwortete der Andere,„aber ich glaube doch, daß er nicht ſo reich iſt, als er geweſen, er verſteht es nicht, ſein Geld zuſammenzuhalten, wie ſein ſeliger Vater, der reiche Brauer Trolle in Chriſtianshavn. Ja, das war in Chriſtianshayns guten Zeiten! Mein ſeliger Vater 106 ſaß damals auch warm hinter dem Ofen. Wir wohnten nahe bei Trolle, und Ferdinand, wie er heißt, und ich, ſind zuſammen aufgewachſen. Der alte Trolle war ſtolz auf ſein Geld und wollte, daß der Sohn ein vornehmer Mann werde. Das war nun Ferdinands Sache nicht; er war ein guter Knabe und ein geſchickter Menſch, der Luſt hatte— Arzt zu werden, aber der Vater arrangirte die Sache anders. Der Kapitän kann ſich vielleicht er⸗ innern, einen deutſchen Großprahler geſehen zu haben, der ſich Baron Gordon nannte und ſich wie ein Englän⸗ der benahm. Er wohnte vor mehren Jahren hier in der Stadt und war mit einer reichen däniſchen Frau verhei⸗ rathet, deren Geld er verſchwendete, um den großen Mann zu ſpielen, und dann als mecklenburgiſcher Geſand⸗ ter nach London ging. Gott weiß, durch welche Connerionen er dieſen Poſten erhielt! Dieſer Baron ſtand in Geldver⸗ bindung mit Brauer Trolle, der es zu machen wußte, daß der Baron Ferdinand als Privatſekretär mitnahm. Dieſe Freude dauerte jedoch nicht lange. Ein paar Jahre ſpäter kam er wieder heim und erhielt einen kleinen Poſten im Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Alle die hohen Plane, welche der Vater in ſeinem Kopfe hatte, wurden zu nichte und waren kaum zu des Sohnes Glücke. Sein Leben iſt meiner Meinung nach nutzlos vergeudet worden und die Heiterkeit ſeiner Jugend iſt längſt dahin. Nun iſt er alt; aber er wäre immerhin noch lebendig genug, um an dem Treiben der Welt Theil zu nehmen. Das thut er jedoch nicht; er lebt wie ein Eremit.“—„Na!“ rief Moͤrk:„Wollte Gott, ich hätte„ ſein Geld und der Herr ſeine Seele!“—„Ach, das wäre eine Sünde, ihm den Tod zu wünſchen, er iſt ein braver alter Mann, der viel Gutes im Stillen thut.“— „Ein guter Mann?“ wiederholte Mörk:„Ich höͤrte von Leuten, die es wiſſen koͤnnen, daß er ein hoͤchſt verdorbener Menſch iſt, ein reiner Libertin, der noch in ſeinen alten Tagen den Frauenzimmern nachläuft,“—„Ach, was! 107 Die Leute ſagen ſo vlel.“—„Aber,“ fuhr Moͤrk fort, „ſehen Sie, wie der Kapitän leiſe lacht? Er glaubt es, wie ich.“—„Nein, das will ich durchaus nicht ſagen, aber ich kann mich nicht enthalten zu lachen, wenn ich den alten Mann drinnen ſitzen und nach dem Fenſter hin⸗ überlorgnettiren ſehe, wo gerade ein hübſches Mädchen ſitzt“— Der Großhändler nahm ſein Augenglas und ſah zum Fenſter hinaus, indem er ſagte:„Da ſaß vor Kurzem noch eine ältere Frau, wenn ich recht geſehen.“— „Ja, am andern Fenſter ſaß früher eine aͤltere Frau, aber ſie iſt fortgegangen und das junge Maͤdchen ſaß die ganze Zeit am ſelben Fenſter und nähte.— Iſt das nicht wahr, Herr Mörk?“ fügte der Kapitän mit poli⸗ tiſcher Miene hinzu. Mörk hatte ſich indeſſen erhoben und mit unruhiger Eile zuerſt in die andere Stube und dann nach dem erwähnten Fenſter geſehen.„Zum Teu⸗ fel!“ ſagte er:„das will ich dem alten Gecken nicht rathen, ſeine Augen auf das Mädchen zu werfen. Die Familie, die drüben wohnt, iſt eine ſehr achtungswerthe Familie, äußerſt moraliſche Menſchen. Ich gehe viel mit ihnen um und komme beinahe täglich in das Haus.“— Er rief mit lauter Stimme dem Aufwärter und während er ſeine Rechnung bezahlte, kam auch Trolle durch das Zimmer, grüßte mit Freundlichkeit und einigen raſch hin⸗ geworfenen Worten die beiden alten Bekannten und ging dann fort, indem er im Vorübergehen dem Kellner einiges Geld gab und ſagte:„Laſſen Sie es nur gut ſein! Sie brauchen mir nichts herauszugeben.“— Mörk ergriff ſeinen Hut und fuhr ſo nahe an ihm vorbei, daß er ihn beinahe umgeriſſen, und die beiden erwähnten Gäſte befanden ſich wieder allein: denn der Maler ſaß ſtill, wie früher, im Nebenzimmer, daß man ſeine Gegenwart ganz vergaß. Sie mußten beide recht herzlich über den letzten Auf⸗ tritt lachen und der Kapitän bemerkte, es ſcheine wirklich, daß dieſe zwei in jeder Hinſicht ſo höchſt verſchiedenen Perſoͤnlichkeiten von demſelben Pfeile aus dem Auge der 108 Nachbarin getroffen ſeien.„Sie ſcheint ſehr jung zu ſein,“ fügte er hinzu:„man ſollte doch kaum glauben, daß der alte Trolle daran denken werde, dem jungen Mädchen den Hof zu machen.“—„Ja,“ antwortete der Großhändler:„Darf ich nach einer Geſchichte urtheilen, die ich mit ihm erlebte, ſo kann ihn gerade ein Kind am allerbeſten fangen.“—„Das wäre ſonderbar!“ rief der Kapitän:„Ich könnte dem entgegenhalten, daß nach einer Geſchichte, die ich mit ihm erlebt, es eher die alte Frau ſein würde, die ſeine Eroberung zu machen im Stande wäre.“—„Ach! erzählen Sie mir das! So alt man auch wird, ſo unterhält man ſich doch gerade bei ſolchen Geſchichten.“—„Nein, wahrhaftig, ich bin des Handels und Wandels nicht ſo unkundig, daß ich meine Birnen hergeben ſollte, ohne dafür Aepfel zu bekommen. Soll ich meine Geſchichte erzählen, ſo muß ich zur Vergeltung die hoͤren, deren Sie erwähnten und zu alle dem iſt die Zeit wohl heute zu kurz.“— Der Großhändler ſah auf ſeine Uhr:„Nein, es iſt noch eine volle Stunde bis zur Börſe. Obwohl wir ſchon eine gute Weile hier ſitzen, ſo bleibe ich doch noch mit Vergnügen eine Stunde, wenn Sie mir die Freude machen wollen, Ihre Geſellſchaft zu genießen, die ich ſo lange entbehrte. In früherer Zeit ſahen wir uns doch ſo haͤufig.“ Der Kapitän willigte in verbindlichen Ausdrücken ein und ſagte:„Nun wollen wir uns alſo die Liebesabenteuer erzählen. Wer ſoll be⸗ ginnen? Ich ſchlage vor, daß wir dem Alter den Vorrang geben, und daß der zuerſt ſpricht, deſſen Geſchichte am alteſten iſt. Die meine— warten Sie!— ja, ſie iſt bereits zehn Jahre alt.“—„Nunl Da könnte die meine bereits ihr Großvater ſein, denn ſie iſt über vier und zwanzig Jahre alt. Und ſomit hat die meine das Wort.“ 5 109 In der Blühte meiner Jugend ſandte mich mein Vater nach London, wo ich natürlich ſogleich den Freund meiner Kindheit und Jugend, Ferdinand Trolle, aufſuchte. Ich fand ihn als Reconvalescenten von den Maſern, an denen er gelegen hatte, ohne daß ſein ſchöͤnes und friſches Aeußere ſich beſonders verändert. Er hatte ſich dieſe Krankheit im Haus des früher erwähnten Geſandten zugezogen, wo alle Kinder an den Maſern lagen. Wohlwollend und gutmüthig, wie er iſt, hatte er die Kranken gepflegt und bei ihnen gewacht; deſſen ungeachtet jedoch ſchickte ihn die Herrſchaft aus dem Hauſe, als er ſelbſt von der Krankheit befallen wurde. Er erzählte mir, daß ihn das Fieber ſo heftig gepackt, daß er ganz bewußtlos geweſen, als man ihn nach der Wohnung gebracht, wo er ſich jetzt bei einer einfachen Familie befinde, die er wegen der Sorgfalt und Güte, womit ſie ihn gepflegt, ſehr rühmte. Es wunderte mich, daß er große Sehnſucht nach Baron Gordons Familie äußerte und bedauerte, daß ſie indeſſen von England weggereiſt ſei; denn ich wußte, daß ſein Vater vor meiner Abreiſe von Kopenhagen einen ziemlich hochmüthigen Brief von dem Baron erhalten, der ihm zu wiſſen that, daß er ſeinen Sohn nicht länger als Sekre⸗ tär behalten koͤnne. Auch theilte mir Ferdinand in einem vertraulichen Augenblicke mit, daß ſich Baron Gordon plump und übermüthig gegen ihn benommen, und daß ſeine Frau eine nichtsſagende und eitle Perſon ſei; wenn er jedoch von den Kindern ſprach, von der Steifheit und Strenge der Aeltern gegen ſie, von ihren Leiden in der jüngſt überſtandenen Krankheit, ſo ſtanden ihm die Thränen in den Augen; denn es gibt wirklich kein beſſeres Herz, als das ſeine. Ich brachte ihm Briefe und Wechſel von ſeinem Vater, welcher wünſchte, daß er ſobald als möglich nach Hauſe komme, was er auch Willens war, wenn er wieder recht zu Kräften gekommen. Inzwiſchen machte er nach der Vorſchrift des Arztes jeden Vormittag einen Spazier⸗ gang im Garten des Kenſingtonpallaſtes, der unfern von 110 ſeiner Wohnung lag. Auf dieſen kleinen Wanderungen begleitete ich ihn ſehr häufig, und eines Tages, als noch ein Landsmann mit uns gegangen, geſchah es, daß wir zwei jungen Mädchen begegneten; die Eine war im ſchönſten Alter, die Andere ſchien nicht über dreizehn Jahre zu ſein. Sie waren nett, aber einfach gekleidet und man durfte ſie ohne Bedenken der unbemittelten bürgerlichen Klaſſe zurechnen. Ferdinand blieb ſtehen und ſchien den Mädchen ungemein aufmerkſam nachzuſehen. Die Jungſte drehte ſich gleichfalls um und ſah ihm nach, während die Aeltere ſie gewaltſam mit ſich fort zu ziehen ſuchte. Wir Andern lachten und warfen Ferdinand einige kurze, heitere Bemerkungen zu, während wir weiter gingen und mit ihm ſprachen, da wir glaubten, er begleite uns. Als es uns etwas lange dauerte, ehe wir eine Antwort bekamen, wandten wir uns nach ihm um und entdeckten zu unſerem Erſtaunen, daß er uns nicht folgte. Wir gingen ein Stück Weges zurück und ſuchten überall, aber es war kein Fer⸗ dinand zu finden. Am folgenden Tage ſuchte ich ihn in ſeinem Logis, ohne ihn zu treffen, und da ich ihn nun für ge⸗ ſund und wohl hielt, ſo vergingen einige Tage, ohne daß wir uns ſahen. Als ich indeß wieder kam, hörte ich zu meiner Verwunderung, er habe ſeine Logis verlaſſen, mit welchem er bisher ſo ſehr zufrieden geweſen. Seine Haus⸗ leute ſagten, er ſei nach Dänemark zurückgekehrt. Ich konnte dies kaum glauben, da wir verabredet hatten, zu⸗ ſammen zu reiſen, ſobald das Geſchaͤft, wegen deſſen ich nach England gekommen, zu Ende gebracht war. London iſt zu groß, als daß man einen Menſchen ſuchen könnte, deſſen Wohnung man nicht weiß. Ich mußte den Vogel fliegen laſſen. Aber vierzehn Tage ſpaäͤter kam Ferdinand in eigener Perſon zu mir, ſagte, er habe ein anderes Logis bezogen, das ihm beſſer behage, nicht weit von mir. Er gab mir ſeine Adreſſe und wiederholte ſein früheres Gelübde, mit mir zu reiſen. Einige Tage ſpäter beſuchte ich ihn, und waͤhrend wir beiſammen ſitzen, kommt ein „ 111 junges Mädchen und bringt ihm Thee; zu meinem größ⸗ ten Erſtaunen erkenne ich in ihr die Jüngſte der Bei⸗ den, die uns in Kenſingtongarden begegnet. Sie warf mir einen ungehaltenen Blick zu, in welchem deutlich ge⸗ ſchrieben ſtand, daß ich ihr ungelegen war. Als ſie ge⸗ gangen, mußte ich unwillkürlich lachen und konnte einige ſpitzige Bemerkungen nicht unterlaſſen. Ferdinand war ver⸗ legen, ſagte jedoch, es habe ſich zufällig getroffen, daß er in dieſes Haus ſich eingemlethet. Das Ausſehen des kleinen Mädchens habe ihn frappirt, als wir ihr im Gar⸗ ten begegnet, denn ſie ſchien ihm ſo bekannt, daß er ſie früher ſchon oft geſehen zu haben glaubte, unwillkürlich ſei er ihr deßhalb gefolgt, ſie ſelbſt ſei ihm entgegenge⸗ kommen und habe gefragt, ob er mit ihr ſprechen wolle, und ſo habe ſich ein Geſpräch angeknüpft, trotz der Winken und Ermahnungen der älteren Schweſter, die ihm nicht entgangen ſeien, ungeachtet ſie den Zorn derſelben ſo gut als möglich zu beſaͤnftigen geſucht. Die Kleine ließ ſich nicht ſtören, ſondern ſprach ungemein lebhaft mit ihm unter anderem, daß ihre Mutter, eine Wittwe, zwei Zim⸗ mer habe, für die ſte einen Miethsherrn ſuche. Ohne die Sache weiter zu überlegen, habe er ſich in den Handel eingelaſſen und ſeine Einwilligung gegeben, daß ſie ihre Mutter mit der Freude überraſche, einen vortrefflichen Gentleman gefunden zu haben, der ihre Zimmer miethen wolle, und am nächſten Tag beaugenſcheinigte er die Woh⸗ nung, die ihm gefiel und wo er nun eingezogen war. Ich that, als ob ich all' das für baare Münze anſähe, obgleich ich nicht das mindeſte Behagliche an dieſer Woh⸗ nung finden konnte. Einige Tage ſpäter kam ich wieder und zeigte ihm einen Brief von meinem Vater, worin er mich beauftragte, die Heimreiſe Ferdinands zu beſchleunigen, da der alte Trolle, ein heftiger Mann, der gewohnt war, daß man ihm pünktlich gehorchte, hoͤchſt ungehalten ſei, daß ſein Sohn nicht zurückkehre. Meine Geſchäfte waren zu Ende 112 gebracht und wir wollten uns gerade näher über die Ab⸗ reiſe beſprechen, als wir von einem Geräuſche auf der Treppe unterbrochen wurden: ploͤtzlich flog die Thüre auf und die beiden Schweſtern ſtürzten in großer Aufregung herein. Die Jüngere, die kleine Miß Jenny, wandte ſich mit einem Strom von Thränen und einem noch groͤßeren Strom von Worten an Ferdinand und verlangte, daß er in Gegenwart ihrer Schweſter erkläre, ob er wirklich, wie dieſe behaupte, ſie zum Lohne für innige Liebe zum Narren habe oder ob er, wovon ſie überzeugt ſei, ſie von Herzen liebe und ehrbare Abſichten hätte. Ferdinand war ſehr verlegen und wollte ſie darauf aufmerkſam machen, daß ein Fremder zugegen ſei; aber ſie ließ ſich nicht ver⸗ blüffen, ſondern antwortete, daß ich nach ſeiner eigenen Ausſage— ſein Freund ſei und ihr Vertrauen theilen koͤnne, daß ſie aber nicht mehr länger den Hochmuth ihrer Schweſter zu ertragen vermöge, die, weil ſie neun⸗ zehn Jahre und Braut ſei, ſie zur Verzweiflung bringen wolle, indem ſie beſtändig wiederhole, daß der, der vor⸗ gebe, er ſei in ein dreizehnjähriges Mädchen verliebt, ſie zum Narren habe: aber daß er ſie liebe, habe er ſelbſt geſagt, und nun müſſe er ſich erklären. Die ältere Schwe⸗ ſter, welche ſich beſſer beherrſcht, näherte ſich nun Ferdi⸗ nand und ſagte: ſie habe ſich blos deßhalb in den Wunſch ihrer kleinen Schweſter gefügt, mit ihr heraufzugehen, um ihn zu bitten, dem dummen Abenteuer ein Ende zu machen und dem Kinde den Kopf nicht mit unzeitigem Scherze zu verwirren. Trolle ſtammelte einige Worte, die ich nicht hören konnte, denn die Kleine wurde ſo desperat und die beiden Mädchen geriethen in ſolchen Streit, daß Niemand zu Worte kommen konnte. Ferdinand fand indeſſen Zeit, ſich zu faſſen und ſagte zu der Aelteren: „Ich geſtehe, liebe Miß Betty, daß ich Ihre junge Schwe⸗ ſter ſehr einnehmend finde, und daß ich ihr dieß oft aus vollſter Ueberzeugung geſagt, entfernt nicht daran denkend, ein ſo liebenswuͤrdiges Maͤdchen, wie Miß Jenny, zum 113 Beſten zu haben: was meine Abſichten jedoch betrifft, ſo hatte ich natuͤrlich keinen anderen Plan, als den, mich an dem Anblick meiner kleinen Freundin zu ergöͤtzen, und dieſe Freude iſt leider bald vorüber, denn ich muß in mein Vaterland zurückkehren und der Freund, der hier zugegen, iſt gerade in dieſem Augenblicke zu mir gekom⸗ men, um ſich über unſere Abreiſe mit mir zu verabreden.“ Miß Jenny warf mir nun ein paar Flammenblicke zu und ſagte:„Sie ſind es alſo, mein Herr, der einen Liebhaber zu der ſchlechten Handlung verführen will, ſeine Geliebte zu verlaſſen?“— Ich antwortete mit größter Ruhe, daß ich damit nur einen Auftrag vollziehe, der mir geworden; Trolle ſei abhängig von ſeinem Vater und ſie noch ſo jung. Aber da kam ich gut an. Jenny wurde im hoͤch⸗ ſten Maße aufgebracht über dieſes letzte Argument und rief: ich habe ihr nicht ihre Jugend vorzuwerfen, ſie ſei kein Kind, ſie habe gehöͤrt, daß Prinzeſſinnen und vor⸗ nehme Damen in noch jüngeren Jahren verlobt und ver⸗ heirathet worden, Maſter Trull(wie ſie engliſch unſern Freund nannte) habe ausdrücklich geſagt, er ſei in ſie verliebt, ſie ſeine Geliebte genannt, unzählige Male geküßt und umarmt, ihr hübſchen Schmuck verſprochen, wie ihn ein Bräutigam ſeiner Braut gebe und nun ſolle er als ein Mann von Chre bei ihrer Mutter um ſie freien, ſich mit ihr verloben und alle ſeine Gelübde halten, ehe er wegreiſe. Er könne ſie auch mit ſich nehmen und ſie bis zur Hochzeit bei ſeinem Vater wohnen laſſen. Die Schwe⸗ ſter lachte, Jenny weinte und ſchrie, Ferdinand ſtand wie ein armer Sünder da und ich empfahl mich, nachdem ich kurz mit ihm verabredet, daß ich ihn am andern Tage bei mir erwarte. Er kam auch wirklich, aber in ſehr ſchlechter Laune, klagte ſich ſelbſt einer unverzeihlichen Thorheit an, die ihn, wie eine Fieberphantaſie ergriffen, als er zum erſten Male die kleine Jenny traf und der er in dieſem ſeinem Traum⸗ Novellen. III. 8 114 zuſtande die anmuthigſte, frömmſte Kindlichkeit angedich⸗ tet; denn er geſtand, daß nichts in der Welt ihm ſo be⸗ zaubernd erſcheine, als ein Mädchen in dem Alter, in welchem das Kind auf dem Uebergang zur erwachſenen Jungfrau ſei(das waren ſeine Worte, deren ich mich noch erinnere); aber Jenny— fügte er hinzu— war nichts Anderes, als ein unerzogenes und unartiges Kind und er wünſchte blos, daß er ſie gar nicht mehr ſehen könnte. Er erzählte mir, daß am ſelben Morgen die ganze Fa⸗ milie mit einem Freund des Hauſes, einem Geiſtlichen, an der Spitze des Zuges, zu ihm heraufgekommen, und daß dieſer ihn ermahnt, die große Sünde wieder gut zu machen, die er begangen und ſich durch einen feierlichen Eid zu verpflichten, in einigen Jahren zurückzukommen und Jenny zu heirathen, vergebens habe er ihnen zu er⸗ klären geſucht, daß die ganze Sache eine Kinderei, Jenny habe dagegen in ihrer Aufregung jede kleine Liebkoſung aufgezählt, die ſie ihm geſtattet, und dieſer Mangel an Jungfräulichkeit habe ihr den letzten Funken ſeiner Zu⸗ neigung geraubt. So lächerlich und thoͤricht mir auch die ganze Ge⸗ ſchichte erſchien, ſo hatte ich doch Mitleid mit Ferdinands unangenehmer Stellung und ſchlug ihm deßhalb vor, ſeine Wohnung bei mir aufzuſchlagen und mich zu den Leuten gehen zu laſſen, um die Sache ſo gut als möglich abzu⸗ machen: Trolle vermochte es nicht, Jenny in Kummer und Feindſchaft zu verlaſſen. Er kaufte eine Damenuhr und eine hübſche Kette nach der Mode jener Zeit und bat mich, ihr Beides mit den freundlichſten Grüßen zu bringen. Gegen Abend nahm ich einen Wagen, um darin ſeinen Koffer und die übrigen Effekten nach Hauſe zu bringen und trat nun dreiſt und höflich bei der Familie ein, indem ich verſicherte, mein Freund habe ſich durch die Umſtände gezwungen geſehen, ſogleich ſeine Heimreiſe anzutreten; er ſei bereits vor mehren Stunden mit der raſcheſten Gelegenheit an einen Ort abgegangen, wo er 115 mich und ſeine Effekten erwarte, die ich mir hiemit zu⸗ gleich mit der Rechnung erbitte, welche ich zu bezahlen den Auftrag habe. Alles ſtürmte nun mit Scheltworten und Vorwürfen auf mich ein, mit Ausnahme der älteren Schweſter Miß Betty, welche lachte. Die Mutter ſchwieg gleichfalls bald; aber Jenny lachte und geberdete ſich ziemlich häßlich. Die Mutter ging murrend aus dem Zimmer, um die erwähnten Effekten ausliefern zu laſſen, und ich wagte mich nun zu Jenny, ſuchte in den gewähl⸗ teſten Worten ihr meines Freundes Gruß und Lebewohl zu ſagen und überreichte ihr ein hübſches Etui mit ſeinem Geſchenke. Das kleine Mädchen ſprang aus der Ecke, wo ſie auf einem Schemel ſaß, auf mich zu, ergriff mit der einen Hand das Etui und gab mir mit der andern eine ſolche Ohrfeige, daß ich ihren Kräften nach zu urtheilen ihrer Behauptung, ſie ſei kein Kind mehr, Recht geben mußte. Aber ich war nicht träge, ſchlang beide Arme um ſie und mit den Worten:„Der Deutſche ſagt, auf'ne tüchtige Ohrfeige gehöͤrt ein tüch⸗ tiger Kuß,“ drückte ich ihr einen Kuß auf den Mund. Ihre große Keckheit ſchien durch meine Verfahr⸗ ungsweiſe doch etwas gedämpft zu werden, ſie ging ſtumm an das Fenſter und offnete das Etui; und als indeſſen die Mutter zurückgekommen und ich mich noch etwas auf⸗ hielt, um das Nöthige mit ihr abzumachen, war ich Zeuge, daß Jenny mit triumphirender Miene auf die Schweſter zuging, ihr Ferdinands Gabe zeigte und rief:„Na! was ſagſt Du? Iſt das vielleicht ein Spielzeug für ein Kind? Iſt das nicht ein nobles Geſchenk? Siehſt Du nun, daß Maſter Troll in mich verliebt geweſen 2“ Zu Ferdinands Troſt erzählte ich ihm dieß bei meiner Heimkunft und zwei Tage ſpäter reiſten wir von London ab; und damit hatte die Geſchichte ein Ende. 116 Der Kapitän lachte, ſchüttelte jedoch den Kopf und ſagte:„Solche Geſchichten ſind im Grunde häßlich, denn geſetzt, daß dieſe kleine Jenny ein frommes kindliches Ge⸗ müth geweſen, wofür ſie ja Trolle im Anfange hielt, ſo konnte ſein Leichtſinn ihr doch viel Schlimmes zugefügt und ihr wenigſtens die wenigen Jahre verdorben haben, die für jeden Menſchen nur allzu kurz und allzu raſch verſchwunden ſind. Nein, da iſt das Abenteuer, das ich von Trolle weiß, in ſofern beſſer, als darin weder von Unſchuld, noch von Argloſigkeit die Rede iſt.“— Auf die wiederholte Bitte des Großhändlers nahm nun der Kapitän das Wort und erzählte Folgendes: „Sie wiſſen, daß ich vor zehn Jahren Geſundheits⸗ und Vergnügens halber eine Reiſe nach Deutſchland machte. Der erſte Ort, wo ich mich aufhielt, war Berlin, wo ich außer einigen Landsleuten, Trolle und Kapitän Morell traf, den Sie wohl kennen?“ „Ja, ich kenne ihn. Es iſt ein hübſcher Mann.“ „Ja, vor zehn Jahren war er noch weit hübſcher. Damals war er Lieutenant bei den Huſaren, und wenn man ihn in ſeiner ſchönen Uniform ſah, konnte man dem Gerüchte leicht Glauben ſchenken, daß er, obgleich unvermögend, doch Glück bei der Dame machte, welche ſonſt nur ihre Gunſt an den Meiſtbietenden zu verſchenken pflegte. Dieſe Dame war eine Sängerin an der großen Oper und damals ſehr beliebt. Sie war in Deutſchland geboren, rühmte ſich aber italieniſchen Blutes und Ab⸗ kunft. Morell war nicht blos verliebt bis über die Ohren, ſondern auch ſo ſtolz auf dieſe Eroberung, daß er der geziemenden Diskretion zu nahe trat und ſich nicht ver⸗ 1 117 ſagen konnte, jede Gelegenheit zu ergreifen, Mademoiſelle Laurettas Schoͤnheit und Verdienſte zum Gegenſtande des Geſpräches zu machen. Mir, den er von ſeinen Knaben⸗ jahren her gekannt, vertraute er ohne Weiteres an, daß dieſe Liebesgeſchichte daran Schuld ſei, daß er, trotz ver⸗ ſchiedener Umſtände, die ihn von Berlin hätten abrufen ſollen, doch nicht im Stande geweſen, dieſe Stadt zu verlaſſen, und daß dieſer verlängerte Aufenthalt zu viel von ſeinem für die Reiſe beſtimmten Gelde verſchlungen habe, wozu noch kömmt, daß er als taͤglicher Gaſt in Fräulein Laurettas Hauſe, anſtändiger Weiſe, kleine Auf⸗ merkſamkeiten ſchuldig ſei, die nicht ohne Ausgaben ab⸗ gehen. Er hatte z. B. immer das Vorrecht an allen öffentlichen Orten, auf Spaziergängen u. ſ. w. ſie und ihre Tante zu begleiten, eine ältere Dame, die mit ihr lebte und deren Gunſt man ſich verſichern mußte, da⸗ ſie großen Einfluß bei der Nichte hatte. Bei dieſer und an⸗ dern Gelegenheiten ſuchte er natürlicher Weiſe ſeinen guten Willen zu zeigen, der, wie er ſagte, ja leider Alles ſei, was er einer Perſon bieten koͤnne, die ganz Berlin ver⸗ götterte und ihm mißgönnte. Aber bei all' dieſer Glück⸗ ſeligkeit war er in ſo große Geldverlegenheit gerathen, daß er weder aus noch ein wußtel, bis ſein gutes Schick⸗ ſal den guten Trolle nach Berlin führte. Dieſer gut⸗ müthige Landsmann hatte ihm ſogleich aus aller Noth geholfen und lieh ihm beſtändig Geld, obwohl er wußte, daß keine ſonderliche Ausſicht vorhanden ſei, es wieder zu bekommen: und dieſe Handlungsweiſe war um ſo hübſcher und liebevoller von Trolles Seite, als er ſelbſt des jungen Mannes Verbindung mit Lauretta mißbilligte, die er,— wie Morell meinte— ganz falſch und nach den Ein⸗ flüſterungen eiferſüchtiger Menſchen beurtheile. Trolle iſt ebenſo brav und gut, als ſeltſam und unbegreiflich in vielen Hinſichten. Morell und ich ſpeiſten gewoͤhnlich zuſammen mit Trolle und nach Tiſche beſuchten wir oft ein und das 118 andere Theater. Dies ging nun nie ohne einen kleinen vorläufigen Streit zwiſchen Trolle und Morell ab, welchem Theater wir unſer Geld zuwenden ſollten, da Morell natürlich nie eine Oper verſäumen wollte, in der ſeine Geliebte auftrat, und er auch nicht ertragen konnte, daß wir Andern ſo geſchmacklos waren, einen andern Kunſtgenuß vorzuziehen. Gewoͤhnlich geſchah ſein Wille, da Trolle gutmüthig nachgab, wenn man ihm nur zuvor zugeſtand, ſeinem Herzen durch die Behauptung Luft zu machen, daß alle Muſikkenner darin übereinſtimmen, Mad⸗ moiſelle Lauretta ſei keine große Sängerin und gefalle ihm perſönlich gar nicht. Alles dieß äußerte er indeß mit einer gewiſſen Schonung gegen den heftigen Liebhaber, weßhalb dieſer auch nie aufgebracht war, ſondern im Gegentheil ihm zu verſchiedenen Malen anbot, ihn in dem Hauſe der Sängerin vorzuſtellen, damit er durch nähere Bekanntſchaft einen richtigen Begriff von ihrem Werthe erhalte: etwas, wofür Trolle immer auf höfliche Weiſe dankte. Eines Abends gingen Trolle und ich in den ſoge⸗ nannten Thiergarten. Auf dem Wege kamen wir auf Morell zu ſprechen und ich konnte nicht umhin die Schwach⸗ heit zu beklagen, die ihn verführte, ſeine Pflicht zu ver⸗ nachläſſigen, die ihn ausdrücklich von Berlin wegrief. Trolle billigte meine Meinung, was die Pflicht betraf, entſchuldigte jedoch eifrig die Schwachheit, die ſtark genug ſei, jede Rückſicht zu ͤberwinden, nur bedauerte er, daß der Gegenſtand der Liebe Morells ſeiner unwürdig ſei. Mit größter Verachtung ſprach er von der berühmten Sängerin, behauptete, ſie ſei ein eigennütziges, niedrig denkendes Frauenzimmer und erzählte zum Beweiſe davon verſchiedene Züge, von welchen er behauptete, daß ſie all⸗ gemein bekannt ſeien. Er ſagte:„Es war mir immer unbegreiflich, wie ein Mann im vollen Ernſte ſein Herz an ein Frauenzimmer hängen kann, das nicht unſchuldig, ſchamhaft und rein, wie Schnee iſt.“— Er ſeufzte tief 119 auf bei dieſen Worten und fügte hinzu:„Ja, das verſteht ſich! man täuſcht ſich, man ſucht ſein Ideal und glaubt es überall zu ſehen. So iſt es auch dem armen Morell gegangen.“— Ich habe dieſe Worte in meiner Erinnerung aufbewahrt, weil ſie mir ſpäter ſo ſeltſam in Trolles Mund erſchienen. Als wir nach dem Thiergarten kamen und uns bel ein paar Krügen Bier und Kuchen auf gut preußiſch niederließen, entdeckten wir an einem andern Tiſch in der Nähe unſern Freund Morell in Geſellſchaft der Demoi⸗ ſelle Lauretta und einer älteren Dame, die wir ſogleich für die früher erwähnte Tante hielten. Trolle betrachtete dieſe Gruppe mit großer Aufmerkſamkeit und wurde immer zerſtreuter und ernſter. Als ich dieſe veränderte Stim⸗ mung bemerkte, antwortete er:„Ich werde ganz weh⸗ müthig bei der Betrachtung dieſer Dame, welche bei Ma⸗ demoiſelle Lauretta ſitzt. Dle arme Frau war, nach dem, was ich erzählen hörte, verheirathet, oder iſt es weſentlich noch, und zwar mit dem Onkel der Sängerin, der ſie ſehr unglücklich machte und zuletzt verließ. Sieh' ſie mal recht an! Welchen melancholiſchen Ausdruck haben die überſtandenen Sorgen ihrer feinen, edeln, klugen Phyſiog⸗ nomie aufgeprägt. Es iſt gewiß eine Frau über vierzig, aber ich finde ſie noch ſehr ſchön und einnehmend.“— Ich fand zwar, daß die Dame ein feines und kluges Ge⸗ ſicht habe, aber etwas Liſtiges, Lauerndes ſchien in ihren Augen zu liegen; das Edle, Melancholiſche konnte ich durchaus nicht finden. Trolle fuhr mit gerührter Miene in ſeinen Betrachtungen über das Schickſal fort, das ein Frauenzimmer erwartet, welches in jungen Jahren, viel⸗ leicht gegen den Wanſch ihres Herzens, an einen rohen Menſchen gebunden iſt, der— wie er ſich ausdrückte— wie ein Barbar und Bilderſtürmer ſich ein Feſt daraus macht, das Schoͤne und Herrliche zu zerſtören, das in einer gebildeteren Hand bewahrt, ja verehrt werden würde. Schon am folgenden Mittag hörte ich nicht ohne 120 Staunen— daß Trolle Morell gebeten, ihn Demoiſelle Lauretta vorzuſtellen, und am zweiten Tage erfuhr ich, daß die Vorſtellung bereits am vorhergehenden Abend ſtattgefunden, und daß Trolle ſich bei dieſer erſten Vor⸗ ſtellung mit einer Courtoiſie benommen, welche manchen Cavalier beſchämen würde. Es verfloſſen einige Wochen, während welcher ich meine beiden Landsleute ſeltener ſah, da ich theils kleine Reiſen im Lande umher unternahm, theils die Bekannt⸗ ſchaft mehrer Familien gemacht, zu welchen ich häufig kam. Indeſſen bemerkte ich doch, daß Morell in der letzten Zeit etwas ſehr Geſpanntes und Reizbares in ſeinem Weſen bekommen, und daß dieſe Veränderung ſich nament⸗ lich im Umgang mit Trolle zeigte, auf den er früher nie boͤſe wurde, der ihm aber jetzt nichts zu recht reden konnte. Eines Abends ſtürzte Morell in mein Zimmer. Schon ehe er den Mund oͤffnete, war ich über ſein verſtörtes Ausſehen erſtaunt. In den härteſten Ausdrücken klagte er Trolle an, ſagte, dieſer alte Verräther habe ihn auf heimtückiſche Weiſe deſſen beraubt, was ihm koſtbarer als das Leben geweſen, ſchwur mit den gräßlichſten Ausdrücken, ſich zu rächen, und nur mit Mühe gelang es mir endlich, den Grund zu ſeiner eigentlichen Anklage herauszufinden, welcher darin beſtand, daß Trolle durch Geſchenke und Liebesbriefe Mademoiſelle Lauretta dahin gebracht, ihm eine geheime Zuſammenkunft zuzugeſtehen; vergebens hielt ich ihm vor, daß ein Frauenzimmer, dem er eine ſolche Handlungsweiſe zutraue, vernünftiger Weiſe alles Intereſſe für ihn verlieren müſſe. Er antwortete:„O, mein Gott! Du weißt nicht, was leidenſchaftliche Liebe iſt, Du kennſt Laurettas bezaubernde Liebenswürdigkeit nicht. Sie liebt mich, das weiß ich; ſie liebt Niemanden, als mich; aber ein armes Mädchen, wie ſie, hat durch Beiſpiel und Er⸗ ziehung eine beinahe abergläubiſche Ehrfurcht zu ſolchem Schmuck und dem abſcheulichen Golde eingeſogen. Die 121 Tante, die ſich immer günſtig gegen mich geſtimmt zeigte, brachte ich dazu, mir die Wahrheit zu ſagen; denn ich hege ſchon lange Mißtrauen. Sie zeigte mir einen Brief von Trolle, mit ſeinen ſchändlichen Wünſchen und Ver⸗ ſprechungen; und da ich bei dem Gedanken in Raſerei ausbrach, ihre Nichte koͤnne ſich zu Dergleichen ein⸗ laſſen, wurde die gute Dame ordentlich erſtaunt und fragte ſehr naiv: wie mich ſo etwas aufbringen könne?— „Mein Gott!“ ſagte ſie:„Iſt das etwas Unerhörtes? Was ſchadet das Ihnen? Lauretta liebt nur Sie; aber ein Mädchen in ihrer Stellung muß an die Zeit denken, wo Stimme und Schoͤnheit aufhoͤren und das Gold nicht auf den Bäumen wächſt. Sie ſind der glückliche Liebhaber; bei Ihnen wird ſie ſich für das Opfer tröſten, das ſie ſich auferlegt, indem ſie einem älteren Manne Gehör ſchenkt, der ihr durchaus nicht gefällt.“ Sieh, das ſagte ſie ganz naiv, wie die vernünftigſte Rede. Ich möchte rafend wer⸗ den. Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn das unkluge Rendezvous nicht noch heute Abend ſtattfindet. Sie woll⸗ ten mich nach der Oper durchaus nicht, wie ſonſt, em⸗ pfangen, aber ich werde dennoch kommen. Dieſer Schlüſſel, mit dem ich einen Gang öffnen kann, der zu Laurettas Zimmer führt, ſoll nur ein Grab für Trolle oder mich oͤffnen. Er ſoll die Frucht ſeiner Verrätherei an einem Freunde nicht genießen, der ihn für ſo gut hielt.“ Mit ſolchen Reden raſte Morell wie ein Wahn⸗ finniger im Zimmer auf und nieder. Mit ihm zu ſpre⸗ chen, war nicht moͤglich, und obgleich ich wohl dachte, daß ſolche blutigen Anſchläge meiſt ſich in Nichts auf⸗ löſen, fand ich es doch bedenklich, ihn auf eigene Hand in dem Zuſtande gehen zu laſſen, in welchem ich ihn ſah. Ich überredete ihn deßhalb, mich als Zeuge oder Sekun⸗ danten mitzunehmen, als welcher ich ihm zur Seite zu ſtehen verſprach, in der Hoffnung, daß es mir glücken werde, dem Schlimmſten vorzubeugen; und nachdem wir ein paar langweilige Stunden gewartet, bis wir annehmen 122 konnten, daß die Oper aus war, gingen wir in der Stille nach dem Hauſe, wo die Sängerin wohnte. Es war ein Haus von altmodiſcher Bauart. Hinter den beiden Zimmern, welche Lauretta ſelbſt bewohnte, war ein kleiner, dunkler Gang, welcher ſein Licht von einem Fenſter in jeder der Thüren erhielt. Dieſer Gang war eine Art heimlichen Zugangs, zu welchem nur ſie ſelbſt und Morell Schlüſſel hatten. Dieſer bediente er ſich nun und ganz leiſe ſchlichen wir uns nach der Thüre zu einem Cabinette oder Boudoir, das wir ohne Hinderniß durch das Fenſter ſehen konnten. Es war erleuchtet und ein Tiſch mit Erfriſchungen und zwel Couverts ſtand ge⸗ deckt. Einen Augenblick nach unſerer Ankunft wurde Trolle von dem Kammermädchen der jungen Dame eingeführt. Bei dieſem Anblick begann Morell ſo zu zittern und zu beben, daß er ſich an die Wand ſtützen mußte, und ich hatte meine Noth, die Scheltworte und Flüche zum Schweigen zu bringen, die er zwiſchen den Zähnen gegen das Kammermädchen ausſtieß, von dem er eine andere Behandlung verdient zu haben behauptete. Ich betrachtete Trolle, während er allein da ſaß und wartete. Er hatte ſich nach beſten Kräften herausgeputzt, ſah übrigens durch⸗ aus nicht wie ein glücklicher Liebhaber bei einem Stell⸗ dichein aus: er ſaß in Gedanken verſunken da und mit neugierigem Staunen bemerkte ich, daß er eine kleine Kapſel, die er um den Hals an einer Kette trug, öff⸗ nete, betrachtete und küßte. Als man jedoch im ſelben Augenblicke jemand ſich der Thüre nähern hörte, von der er gekommen war, verbarg er raſch die Kapſel und ſprang mit jugendlicher Lebhaftigkeit auf. Lauretta trat ein und nun begann ſogleich eine Scene von völlig an⸗ derer Art, als man hätte erwarten ſollen. Trolle, wel⸗ cher auf die Thüre zugeeilt war, trat einen Schritt zurück, als ob er erſchrocken wäre, verbeugte ſich mehre Male und brachte endlich die höͤflichſten Entſchuldigungen wegen ſeiner Anweſenheit vor. 123 Hier unterbrach der Großhändler den Erzählenden und fragte:„Konnten Sie denn hören, was ſie ſugten? Und welche Sprache ſprachen ſie?“— Sie ſprachen natürlich ziemlich ordentlich Deutſch und wir konnten jedes Wort hoͤren. Die Sängerin ant⸗ wortete freundlich, merkte jedoch bald, daß ein Mißver⸗ ſtändniß ſtattfinden müſſe. In großer Verlegenheit und mit tauſend Bitten um Vergebung, daß er die junge Dame geſtört habe, ſchickte ſich Trolle an, das Zimmer zu verlaſſen, als Lauretta ihn zurückhielt und eine Er⸗ klärung ſeines ſonderbaren Benehmens verlangte. Sie ſagte:„Nach den Briefen, die Sie mir geſchrieben, den Geſchenken, die Sie auf die beſcheidenſte Art in meine Hände zu bringen gewußt, indem Sie dieſelben in das eine oder andere Käſtchen oder einen verborgenen Winkel legten, damit ich ſie finden ſollte, wenn Sie fortgegangen.”... Der unglückliche Trolle machte eine Bewegung, als wollte er umfallen und ſchlug ſich vor die Stirne. Plötz⸗ lich aber faßte er Muth und ſagte:„Ach, meine ſchöne Dame! Das unglückſeligſte Mißverſtändniß hat in dieſer Sache geherrſcht. Wie ſollte ich, ein alter, unbedeutender Mann, mich erdreiſten, meine Augen zu Demoiſelle Lau⸗ retta zu erheben? Welche Schätze vermöchte ich einer Dame zu bieten, der die Vornehmſten und Reichſten zu huldigen wetteifern? und obendrein, wie könnte ich mir erlauben, ſo das Vertrauen eines Freundes zu mißbrauchen, der mich in Ihr Haus eingeführt und Sie ſelbſt anbetet?“— Mit Erſtaunen ſah ihn Lauretta an und fragte, was er damit meine? ob er von Sinnen ſei?— Er geſtand nun freimüthig, daß nicht ſie, ſondern ihre Tante die ſei, um deren Gunſt er geworben, und da ſie denſelben Fami⸗ liennamen führe, ja denſelben Anfangsbuchſtaben des Tauf⸗ namens habe, ſo ſeien die Briefe gegen ſeinen Willen verwechſelt worden; er behauptete indeß, daß der Inhalt hinreichend habe ausweiſen müſſen, wen er meinte; auch habe er mit Wink und Miene der Tante genugſam zu 124 verſtehen gegeben, daß die kleinen Billets und Gaben für ſie beſtimmt ſeien. Ich will nicht verſuchen, die Erbitterung Demoiſelle Laurettas bei dieſer Entdeckung zu beſchreiben; ſie lachte und weinte, ſpottete und ſchalt zu gleicher Zeit, ſie klin⸗ gelte und befahl den hexybeeilenden Dienſtleuten, ſogleich ihre Tante zu holen. Dieſe kam raſch herbei, das Mäd⸗ chen und der Diener folgten ihr. Sie ſchienen Alle zu glauben, es brenne oder Mord und Räuber ſeien im An⸗ zug. Die arme Tante wurde— wie man ſagt,— wie ein Hund beim Kegelſpiel empfangen, Lauretta überhäufte ſie mit Vorwürfen und Scheltworten, ſagte, daß ſie in Verbindung mit dem alten Narren, welcher hier ſiehe, ſie zum Beſten habe, daß ſie aus Bosheit und Neid ihr eine Demüthigung ohne Gleichen bereitet, eine unſittliche Auf⸗ führung ſich habe zu Schulden kommen laſſen, doppelt ab⸗ ſcheulich für eine Frau in ihrem Alter, und befahl ihr zu⸗ letzt, ſogleich das Haus zu verlaſſen.— Die unſchuldige Delinquentin ſtand anfangs wie verſteinert da; als die aufgebrachte Nichte jedoch am Schluß ihrer Rede ein Käſtchen öffnete und ihr vor die Füße warf, daß der ganze Staat aus Schachteln und Futteralen ſiel, ſchien ihr endlich ein Licht aufzugehen. Sie beeilte ſich ihr Eigenthum zuſammenzuleſen und ſtieß das Kammermäd⸗ chen bei Seite, das in derſelben Abſicht herbeeigeeilt war. Die aufgebrachte Sängerin, deren ſtarke Stimme bei dieſer Scene ihren Ruhm bewährt hatte warf ſich nun erſchöpft, weinend und halb ohnmächtig in das Sopha; Trolle hatte die Hand der Tante ergriffen und führte ſie an ein Fenſter, wo er flüſternd mit ihr ſprach. Morell konnte ſich nicht länger halten, ſondern ſtürzte zum Schrecken Aller in das Ziammer, eilte auf Trolle zu, umarmte und preßte ihn an ſich, als wollte er ihn aus lauter Liebe erſticken, dann eilte er zu der erzürnten Schönen, die ihn von ſich ſtieß und auszuſchelten begann. Ich fand nun, daß meine Gegenwart überfluͤſſig ſei und ſchlich mich leiſe zur Gang⸗ 125 thüre, in welcher der Schlüſſel glücklicher Weiſe noch ſtack, worauf ich mich aus dem Hauſe ſchlich und nach Hauſe ging, ſehr vergnügt über den friedlichen Ausgang dieſer kriegeriſchen Begebenheit. Am nächſten Tage kam Morell zu mir, ſtrahlend vor Freude. Weder ſeiner Geliebten projectirte Untreue, noch ihre nicht zu bändigende Gereiztheit, von der wir Zeugen geweſen, vermochten ſeine ungereimte Neigung wankend zu machen. Die Gereiztheit ſchien ihm ſogar an ihr gefallen zu haben und die Untreue vergab er leicht, da ſte— wie er ſagte— gar nicht ſtattgefunden habe. Er erzählte, Trolle hätte ſeine Geliebte nach ſeinem Hötel gebracht, wo er logirte, und für ſie einige der beſten Zimmer einer andern Etage eingerichtet, als der, in welcher er wohnte. Ich verließ nun Berlin und trat nach meiner Be⸗ ſtimmung eine Reiſe an den Rhein an. Als ich nach Verlauf eines Monats wieder nach Berlin kam, fand ich Morell in ſehr ſchlechter Laune, er hatte neuen Kummer und neue Nebenbuhler, die noch gefährlicher waren, als Trolle. Dieſer dagegen ſchien ſehr zufrieden und lebte in beſtem Einverſtändniß mit ſeiner Dame, wie ich von An⸗ dern hörte; denn er ſelbſt beobachtete das tiefſte Schweigen über ſeine Verhältniſſe und war in dieſer Hinſicht ganz das Gegentheil von Morell. Da ich mich eigentlich auf der Heimreiſe befand und ſie in wenigen Tagen fortſetzen wollte, ſo gab mir Trolle einige Commiſſionen nach Däne⸗ mark mit und äußerte, daß er ſich den Winter über in Berlin aufzuhalten gedenke. Am ſelben Tage, an welchem er mir dieß ſagte, wurden wir beide mit mehren Lands⸗ leuten zu einer großen Geſellſchaft bei unſerem Geſandten eingeladen. Nach Tiſche meldete man einige Reiſende, welche bei dem Miniſter und ſeiner Frau Beſuch machen wollten. Es war ein Graf von einem kleinen deutſchen Hofe; er reiſte mit ſeiner Frau auf einen Geſandtſchafts⸗ poſten bei einem andern kleinen Hofe(ich erinnere mich weder des Hofes, noch des Mannes Namen). Er ſelbſt 126 ſah aus, wie ein grämlicher, ausgetrockneter Roué, ſeine Dame dagegen beſaß ein ausnehmend feines und angenehmes Aeußere, ungeachtet ſie nicht mehr jung war. Namentlich ſiel mir ihre wunderbar melo⸗ diſche Stimme auf. In dieſen Tönen, die ich nie vergeſſen kann, obgleich ich ſie nur ſo kurz hörte, ſprach ſie mit der Frau des Geſandten von dem Schickſale, das ihr und ihrem Manne zu Theil geworden, nie lange an ein und demſelben Orte zu bleiben.„In meiner Jugend,“ ſagte ſie,„fand ich etwas Anziehendes in dieſem umherſchweifenden Leben. In der Jugend iſt man ſelbſt neu und fühlt ſich vom Neuen angezogen; beginnt man aber ſelbſt älter zu werden, ſo fühlt man einen Drang, ſich an das Alte, das Gewoͤhnte, anzuſchließen. Davon könnte man wirklich auf den traurigen Gedanken kommen, daß dieſe Welt uns um ſo mehr anziehen werde, je näher wir daran ſind, ſie verlaſſen zu müſſen.“— Ich hörte aus dem Geſpräche, daß man die Fremden vor mehren Monden ſchon in Berlin erwartet hatte, daß ſie ſich jetzt aber nur wenige Tage aufhalten wollten. Trolle und ich waren ſchon im Begriffe geweſen, zu gehen, als dieſer Beſuch angemeldet wurde. Nun wollte ich ihm einen Wink zum Gehen geben, als ich gewahr wurde, daß er ſich der fremden Dame genähert hatte. Sie begrüßten ſich als alte Bekannte, und als die Frau unſeres Miniſters in⸗ deſſen neuen Beſuch von Damen erhielt, die ihre Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahmen, ſah ich Trolle in tiefem Geſpräche mit der deutſchen Gräſin, ein Geſpräch, das, wie es ſchien, von ihrer Seite mit milder, aber gewoͤhn⸗ licher Höflichkeit geführt wurde, von ſeiner Seite jedoch mit einem Ausdrucke, den ich nicht beſchreiben kann; es war eine Miſchung von Ehrfurcht, von Glück und Schmerz, ein ſo wunderbares Spiel der Muskeln in ſeinem Geſichte, daß ich nicht wußte, ob ich bei ſeinem Anblicke lachen oder erſchrecken ſollte. Plötzlich ſtürzte der plumpe Che⸗ mann auf ſie zu und fragte ſeine Frau in rohem Tone: 127 ob ſie im Sinne habe, ihre Wohnung bei dem daͤniſchen Geſandten aufzuſchlagen?— Sie ſprang raſch auf und nahm Abſchied. Ich weiß nicht, welche Bedeutung dieſes flüchtige und unbedeutende Ereigniß für Trolle haben konnte; aber etwas muß darin gelegen haben, was es nun auch ſeiz denn er war mit einem Male ganz ver⸗ ändert und wir ſaßen kaum im Wagen, als er mich bat, ihn nach Hauſe zu fahren, da er unwohl ſei und nicht an der kleinen Partie Theil nehmen könne, die wir für den Abend verabredet hatten. Am folgenden Tage erhielt ich ein Billet von ihm, in welchem er bat, ſeine nach Dänemark beſtimmten Briefe ihm zurückzuſenden, da er eingetretener Umſtände wegen ſeinen Entſchluß geändert und nun ſelbſt nach Hauſe zu reiſen gedenke. Schon am nächſten Morgen verließ er Berlin und da ich noch ein paar Tage blieb, hörte ich von Morell, daß Mademoiſelle Lauretta ſich mit ihrer Tante verſoͤhnt und Letztere wieder mit einer bedeutenden Geldſumme, die ihr Trolle verehrt, in ihr Haus zurückgekommen. 8 Nachdem die beiden Männer, deren Geſpräch wir hier berichteten, auf ihre Uhren geſehen und den allzu raſchen Flug der Zeit beklagt, eilten ſie fort. Der junge Maler ging gleich darauf. Gegen ſeine Abſicht war er Zeuge ihrer Erzählungen, die ſie ſich mit lauter Stimme und ohne, daß das Mindeſte auf ein Geheimniß deutete, mittheilten. Doch hatte der junge Mann, da er ver⸗ muthete, daß die Sprechenden ſeine Nähe vergeſſen, ſich ſogleich aufgemacht und ſeine Arbeiten zuſammengepackt; aber das, was er hörte, erweckte ſeine Neugierde und den Wunſch, etwas von der wunderlichen Perſon zu erfahren, deren ſtierer Blick auf dieſelben Fenſter und denſelben Gegenſtand gerichtet geweſen, der ihn ſelbſt an dieſen Ort geführt und der nicht blos in dem Bilde lebte, das er eben zu entwerfen im Begriffe war, ſondern auch in ſeinem eigenen Herzen. Er konnte ſich nicht losreißen, ſetzte ſich ſtill wieder nieder und höͤrte die oben mitge⸗ theilten Erzählungen. Der Held derſelben flößte ihm ein Intereſſe ein, das er ſich ſelbſt nicht erklären konnte, da dieſer Mann weit entfernt war, wie man ſagt, die Palme in der Hand zu tragen, weder von äſthetiſcher, noch moraliſcher Seite. Er ging, den Kopf voll von dem, was er gehört und geſehen, nach Hauſe und entwarf auf dem Papiere eine Carricatur, deren Aehnlichkeit mit Trolle auffallend und unverkennbar war. Er betrachtete ſie lächelnd und wohlgefällig und verbarg ſie dann in ſeiner Mappe bei dem jugendlichen Bilde der Geliebten. Der junge Künſtler blickte auf dieſes und ſagte bei ſich ſelbſt: „Das friſche blühende Geſicht wird ſich weit beſſer aus⸗ nehmen, wenn ich es ordentlich mit Oelfarbe male, Das, denke ich, wird mir glücken, wenn ich dieſe Zeich⸗ nung vor Augen habe; denn es iſt wirklich außerordentlich ähnlich, aber einmal muß ſie mir noch ſitzen, mir ſitzen. Ich muß über mich ſelbſt lachen: Die ganze Straße und zwei Fenſterſcheiben ſind zwiſchen mir und ihr. Ich koͤnnte ſie ungefähr ebenſo gut aus dem Gedächtniſſe abzeichnen. Aber.... mir iſt, als köͤnnte ich ſie ſo deutlich ſehen, ihre Nähe begeiſtert mich... und noch mehr der liebe⸗ volle Gruß, den ſie mir verſtohlener Weiſe ſendet. Sie weiß es, ſie ahnt es, daß es ihr Bild iſt, an dem ich arbeite, und daß es mein Schatz und Troſt in meiner Einſamkeit ſein ſoll. Wie der alte Burſche, der Trolle, ſo vertieft in ihrem Anblick war: Sollte er ein Neben⸗ buhler ſein? In dem Herzen meiner Eliſe brauche ich keinen Nebenbuhler zu fürchten. Aber ihre Mutter? Bei ihr könnte ein Schwiegerſohn, wie der alte Herr, der reich ſein und einen Titel haben ſoll, ein gefährlicher 129 Nebenbuhler werden, nicht blos für mich, ſondern auch⸗ für Moͤrk! Ach, ich könnte das wünſchen, nur um Mörk zu ärgern. Meine Eliſe würde ſich doch nicht zwingen laſſen und die gute Großmutter wird ihr gewiß eine treue Alliirte ſein. Nal ich will mich nicht von künftigen Sorgen quälen laſſen, die gegenwärtigen könnten mehr als genug ſein. Friſcher Muth zwingt den Gegenwind ſich zu drehen, ſagte ein alter Seemann.“— Der Maler nahm nun die Carricatur in die Hand und betrachtete ſie aufmerkfam:„Hm! dieſe Carricatur iſt mir recht geglückt! Ich kann ſelbſt nicht klug da⸗ raus werden, was mich an dieſem Original und ſeinen albernen Legenden ſo ungemein anſpricht. Es kommt mir wie ein verwirrtes Räthſel vor, deſſen Auflöſung ein bedeutungsvolles Wort ſein muß, eine lächerliche Maske, hinter der ich ein intereſſantes und trauriges Geſicht ahnte.“ Am nächſten Vormittage ſaß der Maler wieder im Fenſter des Conditors mit ſeinem gewöhnlichen Glas Waſſer und Zuckerbrod, die ſchwarze Kreide neben ſich und die geöffnete Mappe vor ſich, auf deren einer Seite Cliſens nunmehr vollendetes Bild und auf deren anderer die erwähnte Carricatur lag. Er war gerade damit fertig und ſagte bei ſich ſelbſt:„So, ganz ſo, wie fie hier ſitzt, will ich ſie malen. Hinter dem Fenſter ſoll ſie ſitzen. Es ſoll offen ſtehen und zur Einfaffung für das anmuthige Bild dienen: die dunkelrothe Gardine wird das braune Haar, die friſchen Lilien und Roſen auf Angeſicht und Hals heben; der kleine Vogel in ſeinem Bauer mit den Reſeden ſollen im Rahmen des geſchloſſenen Fen⸗ ſters, der Nähtiſch mit dem Buche und dem niedlichen Arbeitskorbe vor ihr ſtehen, aber das ſchmucke Geſicht darf man nicht im Profil ſehen, wie jetzt. Nein, en face werde ich es aufnehmen. Das ſoll mir einen von den Augenblicken verewigen, in welchen ſie ſchüchtern und bange davor, überraſcht zu werden, mir einen der Novellen. III. 9 130 holdſeligen Grüße ſendet, von denen mir heute noch keiner zu Theil geworden. Sie hat doch herübergeſehen, aber gerade, als ob ſie mich nicht ſähe. Mama muß in der Nähe ſein.“ Im ſelben Augenblicke wandte das junge Mädchen ihr Geſicht nach dem Fenſter des Conditors, nickte und lächelte dem glücklichen Freunde zu, während eine ſanfte Roͤthe über die kindlich runden Wangen flog, Der entzückte Liebhaber beantwortete ihren Gruß mit leuchtenden Augen und nachdem er ſich vor den Blicken der Vorübergehenden in Sicherheit geſetzt, ſprang er auf und hielt die Zeichnung in die Höhe, während er mit Zeichen und Blicken ſeine Meinnng verſtändlich machte. Eliſe zeigte ihrerſeits, daß ſie ihn vollkommen verſtand, ſie wagte ſogar ihre kleine Hand den Lippen zu nähern und dem Künſtler einen Kuß zum Lohn zuzuwerfen. En beantwortete ihn auf dieſelbe Weiſe von Herzensgrund und drückte das Bild an ſeine Bruſt. Eliſe eilte raſch vom Fenſter weg und der junge Mann, der unter dieſem fröhlichen Signaliſiren, weder Ohr noch Sinn für die Welt hatte, die hinter ihm lag, wandte ſich nun um und ſah Trolle, der auf die erwähnte Carricatur ſeiner eigenen Perſon herabgebeugt daſtand und ſie aufmerkſam betrachtete. Bei dieſem Anblick er⸗ ſchrack der Maler. Unbeſchreiblich verlegen, als ob er über einem Bubenſtreich ergriffen worden, blieb er ganz ſtumm ſtehen, ohne zu wiſſen, was er ſagen oder thun ſollte. Trolle erhob ſeine hohe Geſtalt und erſchien dem Maler in dieſem Augenblicke noch größer, als er war. Er lächelte und ohne ein Zeichen, daß er ſich beleidigt fühle, ſagte er:„Wirklich! ich kann ſelbſt ſehen, daß dieſe Carricatur mir ganz frappant ähnlich ſieht. Natür⸗ lich mag ich nicht gerade glauben, daß meine Geſtalt ſo geſpenſterhaft, daß meine Beine ſo mager und meine Füße ſo lang ſind; aber wie dem auch ſei, ich will dieſe Mängel gerne verſchmerzen, wenn ich auf der andern Seite glauben dürfte, daß mein Geſicht wirklich dieſen Ausdruck beſitzt, 131 den Sie ihm gegeben, denn aufrichtig geſprochen, ich finde, daß trotz der ſcharfen Naſe, der verfallenen Züge doch noch etwas Intereſſantes in dieſer Phyſiognomie iſt.“—„Ja, gewiß, darin haben Sie Recht!“ rief der Maler, ganz leicht ums Herz und gerührt von der Gutmüthigkeit des alten Mannes. Mit einer ſchüchternen und treuherzigen Miene fügte er hinzu:„Ich kann Sie wirklich verſichern, daß es nicht ein unfreundliches Gefühl war, was meinen Pinſel bei dieſem flüchtigen Entwurfe führte, und wenn Sie es nicht unbeſcheiden finden wollen, ſo möchte ich Sie bitten,— wenn es Ihnen mal gelegen und Sie nicht genirt— mir die Ehre zu geben, mir zu ſitzen, damit ich ordentlich und ruhig das Vergnügen haben kann, Ihr Portrait zu malen. Ich habe bereits mehre gemalt, die nicht mißglückten.“—„Sie ſind zu gütig, mein junger Herr! Es wäre faſt eine Sünde, die ſchöne Kunſt dazu zu mißhrauchen, etwas darzuſtellen, was eigentlich einem abgeſtorbenen Baume gleicht, doch nehme ich mit Dank Ihr Anerbieten an. Es iſt zu ver⸗ führend für mich, mein Geſicht— wie ſoll ich es nennen?— idealiſirt— das iſt nicht mal das rechte Wort— nein, ich möchte ſagen, mild und chriſtlich beurtheilt zu ſehen, wie Sie mich bereits in dieſer Carricatur behandelten. Ich dachte manchmal mit Kummer an das Doppelweſen, das in uns Menſchen iſt und das ſich gewiß auch in un⸗ ſern Geſichtszügen ausprägt. Die ſchlimme Seite un⸗ ſeres geiſtigen Weſens muß durch die Malerei hervorgehoben werden können, wie durch Worte, und wahr und ähnlich ſein: ganz wie die gute. Dle Carricatur pflegt eine ſolche Darſtellung unſerer ſchlechten und lächerlichen Seite zu ſein, deßhalb amüfirt ſie uns, wie die Satire, ja leider wie die Verläumdung. Aber Sie haben, indem Sie eine Carricatur von mir machten, was die Phyſiognomie be⸗ trifft mich wirklich von der guten Seite geſchildert und dafür empfangen Sie meinen Dank. Ein Künſtler ſieht durch die äußere Schaale; was Andere nicht gewahr werden, das offenbart ſich für ihn im Menſchen und in der Natur, und deßhalb kann auch zum Beiſpiel ein abgeſtorbener Baum, wie ich vorhin ſagte, von un⸗ bezahlbarer Wirkung in ſeinem Werke ſein, während man ihn in der Wirklichkeit ausrotten würde. Da ich jedoch nun ſo glücklich bin, eine Bekanntſchaft gemacht zu haben, die ich mir nicht ſo leicht aus der Hand möchte ſchlüpfen laſſen, ſo bitte ich Sie, mir die Ehre zu geben, mein Gaſt bei einem Frühſtücke und einem Glaſe Madeira zu ſein, oder womit es Ihnen ſonſt beliebt, unſere erſte Begegnung einzuweihen. Mein Name iſt Trolle, und der Ihre?“—„Mein unbedeutender Name iſt Anton Werner. Ihr Name, Herr Legationsrath, war mir bereits bekannt. Ich hoͤrte ihn geſtern von den Herren, welche hier waren.“—„Legationsrath! Ja, die⸗ ſer Titel koͤmmt mir immer wie ein Spottname vor; man gab ihn mir, um mit meiner bürgerlichen Thätigkeit zu ſpotten, die es nie höher, als bis zu einer Null ge⸗ bracht. Ich habe beſtändig meinem Diener verboten, mich bei dieſem Titel zu nennen und meine Freunde— unter welche ich Sie rechnen zu dürfen wünſche— bitte ich, mich ganz einfach Trolle zu nennen.“ Das Frühſtück wurde nun hereingebracht. Trolle zeigte ſich bei dieſem kleinen Mahle als ein aufmerkſamer und zuvorkommender Wirth und das Geſpräch wurde auf beiden Seiten ſehr lebendig. Indeſſen machten ſie, Je⸗ der für ſich, die ſtumme Bemerkung, daß der Andere, während des Ganges der Unterhaltung nicht vergaß, die Fenſter des Nachbarhauſes im Auge zu behalten, an wel⸗ chen ſich übrigens Niemand ſehen ließ. Ehe ſie ſich trenn⸗ ten, verabredeten ſie, am nächſten Tage ſich am ſelben Orte wieder treffen zu wollen, um ſich über Trolles Por⸗ trait zu beſprechen: darauf ging Jeder ſeines Weges. Schon vor der beſtimmten Stunde kam Trolle am folgenden Tage. Das junge Mädchen ſowohl, als die ältere Frau ſaßen beide am Fenſter, wie es ſchien, in tiefem 133 Geſpräche. Trolle ſchien dieß ſchon zu wiſſen, ehe er bei dem Conditor eintrat; denn in einer Haſt, als wollte er einen Vogel im Fluge fangen, eilte er durch das Zim⸗ mer, ohne den ſich verbeugenden und lächelnden Aufwärter eines Blickes zu würdigen. Er warf ſich in einen Stuhl, zog ſeine Doppellorgnette hervor und beide Ellbogen auf den Fenſterſims ſtellend, verſank er ganz in die Betrach⸗ tung der beiden Damen, welche ihrerſeits ihn durchaus nicht zu bemerken ſchienen. Der Aufwärter, der ihn be⸗ reits als einen Gaſt ausgezeichnet, welcher alle Aufmerk⸗ ſamkeit verdiene, näherte ſich höͤflich und fragte, ob er nichts zu befehlen habe. Nachdem er mehremal ſeine Frage wiederholt, antwortete Trolle endlich:„Geben Sie mir, was Sie wollen, was Sie gerade zunächſt haben.“ Als der verwunderte Diener dieß brachte, wandte Trolle ſich an ihn und ſagte:„Wer find die Leute, die im Erd⸗ geſchoſſe gegenüber wohnen?“— Mit großer Bereit⸗ willigkeit antwortete der Aufwärter:„Das iſt die Frau Derby, eine Beamtenwittwe, welche mit ihrer Mutter und Tochter dort wohnt.“—„Iſt das die Frau, welche dort dem jungen Mädchen gegenüber ſitzt?“—„Die mit dem blauen Bande an der Haube? Nein, das iſt nicht die Frau, es iſt ihre Mutter.“„Wie heißt ſie?“— „Ja, das erinnere ich mich wirklich nicht. Es iſt die Wittwe eines Schiffkapitäns. Sie hat etwas Vermögen von ihrem Manne geerbt, von deſſen Renten ſie leben, denn die Penſion der Frau Derby iſt wohl nicht groß.“— „Leben ſie in bedrängten Umſtänden?“—„Nein, das glaube ich gerade nicht. Sie haben zwar nichts übrig, aber ſte ſind ſparſam und genügſam und leben ziemlich ordentlich.“ Trolle antwortete nicht, ſondern ſeufzte und wandte wieder Augen und Gedanken auf einen Punkt nicht im Leben, ſondern auf der Straße. In dieſer Stellung traf ihn Werner, und verwun⸗ dert und verdrießlich blieb er einige Augenblicke ſtehen, ehe er ihn anredete. Mit halb verlegener Miene wandte 134 Trolle ſich nach ihm um und bat ihn freundlich, heute wieder ſein Frühſtück theilen zu wollen. Werner ent⸗ ſchuldigte ſich mit Mangel an Zeit und machte den Vor⸗ ſchlag, die Staffelei und die übrigen Apparate zu Trolle ſchicken zu wollen, um ihn dort zu malen, und ihm die Mühe zu erſparen, in ein entferntes Quartier gehen und viele Treppen ſteigen zu müſſen. Nach einem kurzen Höflichkeitsſtreit wurde dies ſo verabredet und ein Tag beſtimmt, an welchem man zum Werke ſchreiten wollte; und als dies geſchehen, ließ der junge Maler ſich nicht abhalten und eilte fort. In dem vorderſten Zimmer trat er jedoch an's Fenſter und ſuchte ſeiner Geliebten einen flüchtigen Gruß zuzuwerfen, den ſie auf dieſelbe Weiſe beantwortete. Nicht in der beſten Laune ging er fort und ſagte bei ſich ſelbſt:„Was ſoll das doch heißen? daß der alte Trolle, ich möchte beinahe ſagen, der alte Kobold (Trold) da ſitzt und meine Eliſa mit ſeiner großen Lorgnette anglotzt, als ob er eine Klapperſchlange wäre, die mit ihrem Stileren ſie in ihren gefräßigen Rachen hinabziehen wollte?— Iſt er toll? Oder iſt er, wie der fremde Mann andeuten zu wollen ſchien, ein herzloſer Verführer? In ſeinen Jahren! wie abſcheulich! Aber herzlos, das glaube ich nicht. Da müßte jedes ſym⸗ pathetiſche Gefühl lügen. Welcher Ausdruck in ſeinen Augen! in ſeiner Stimme! welcher Verſtand, welche Gut⸗ müthigkeit in ſeinem Geſpräche!— Nein, ich will glau⸗ ben, daß ein unglücklich Schickſal, etwas Verfehltes in ſeinem Leben ihn auf Abwege in ſeiner Jugend gebracht; aber daß er jetzt in ältern Tagen, ohne Leidenſchaft... Du guter Gott, weßhalb ſitzt er aber den ganzen Tag da und ſtiert nach dem Fenſter hinüber, daß ich, wie es heute der Fall war, nicht mal den ſchwachen Troſt haben konnte, mich mit dem Anblick des liebenswürdigen Mäd⸗ chens eine halbe Stunde zu erheitern, da ich ſie nicht mehr in der Nähe ſehen darf. Nein, vielleicht iſt es gut, daß ich bisweilen in dieſem beſcheidenen Glücke ge⸗ 13⁵ ſtört werde. Mein täglicher Beſuch beim Conditor kann leicht entdeckt werden und die Abſicht iſt unſchwer zu er⸗ rathen. Merkt der fatale Mörk etwas von dem kleinen Telegraphen, den Eliſe und ich ſtillſchweigend errichteten, ſo iſt der Teufel los und Eliſe hat Verdruß davon. Vor⸗ ſichtig muß ich ſein. Aber ich kann mir doch ſelbſt nicht läugnen, ohne meinem geliebten Mädchen ein Wort da⸗ von zu ſagen, daß ich ſtets derſelbe bin, daß ich mich nach ihr ſehne und nur an ſie denke. Auch muß ich ſehen, ob in dem Hauſe Alles noch beim Alten iſt. O Trolle! Ja ihn muß ich auch im Auge behalten.“ Es verfloſſen einige Tage, ohne daß Werner und Trolle beim Conditor zuſammentrafen. Auch beobachtete der Maler in Folge ſeiner oben erwähnten Betrachtungen die Vorſicht, nicht täglich und namentlich nicht lange ſich bei dem lieben Fenſter aufzuhalten, ſondern begnügte ſich ab und zu damit, einige Male die Straße auf und nieder zu gehen und einen glücklichen Moment abzuwarten, Eliſen einen flüchtigen Gruß zuzuſenden. Dieſe Art von Stell⸗ dichein fand immer zu beſtimmter Vormittagsſtunde ſtatt, und das junge Mädchen verfehlte ſelten, den Gruß des Geliebten abzuwarten und zu beantworten, und zwar ſo verſtändlich für ihn, als unbemerkt für alle Andern. Indeſſen hatte ſich der junge Maler, der Verabre⸗ dung gemäß, bei Trolle eingefunden, um das erwähnte Bild zu beginnen. Er fühlte ſich angenehm überraſcht, als er die ſtille Wohnung betrat, denn Alles„ von dem alten Diener bis auf den Hühnerhund herab, kam ihm mit unverſtellter Freundlichkeit entgegen, ja ſelbſt ein großer grauer Papagei verbeugte ſich höflich, um ihn zu Liebkoſungen aufzufordern. Die ganze Umgebung trug das Gepräge der Ruhe und Behaglichkeit. In einem hellen Zimmer, deſſen Fenſter auf einen Garten hinaus⸗ gingen, fand Werner ſeine Staffelel aufgeſtellt. Ein Kaffee⸗ und Frühſtücktiſch war zierlich gedeckt, und mit heiterer Miene lud Trolle ihn ein, einige Erfriſchungen 136 zu ſich zu nehmen, ehe er ſeine Arbeit beginne. Der alte Mann war in auffallend guter Laune. Er hatte ſich auf das Beſte herausgeputzt, und der Maler konnte ſich eines Lächelns kaum enthalten, als er ihn betrachtete. Er ſagte bei ſich ſelbſt:„Ich hatte im Sinne, ihn im Schlafrocke oder Oberrock zu malen, um damit ſein ſon⸗ derbares Coſtüm zu vermeiden; aber ich glaube, ich hatte Unrecht. Dieſer feine, grüne Rock, dieſe goldgewirkte Weſte von Atlas paßt für den ganzen Mann. Solche altväteriſche Zierlichkeit erſcheint wie ein Theil ſeines Lebens. Als ſowohl Meiſter, wie Modell ihre Plätze ein⸗ genommen, und der erſte Entwurf gemacht war, kam der alte Diener hereingeſchlichen und ſchielte mit unſäglich lächelndem Geſichte nach dem begonnenen Werk, und der Maler ſah in einem Spiegel, daß er hinter ſeinem Rücken dem Herrn Zeichen gab, als wollte er ſagen:„Wie wird das ähnlich und hübſch!“ Auch der Hund ſetzte ſich neben ihn und betrachtete mit klugen Augen das unge⸗ wöhnliche Schauſpiel. Mit einem wehmüthigen Gefühle⸗ dachte Werner:„Es ſcheint, mein Kommen und meine Arbeit macht Epoche in dieſem Hauſe. Wie eintönig hier das Leben ſein muß, ließe ſich hieraus ſchließen, wenn ich mir nicht vorher denken könnte, wie leer das Leben nuß. alten Hageſtolzen iſt, ſelbſt mitten in allem Ueber⸗ u.4— 8 Daß ſich indeſſen in dem Innern des alten Hage⸗ ſtolzen ein Leben regte, das nichts weniger als leer war, davon überzeugte ſich Werner immer mehr, ſo oft er auf dieſe Weiſe einige Stunden mit ihm verlebte. Trolles Geſpräch war ſo reichhaltig, er erzählte mit ſo großer Lebendigkeit von fremden Ländern, wo er ſich aufgehalten, von merk⸗ würdigen Perſonen, die er gekannt, er aͤußerte ein ſo großes Intereſſe für die ſchönen Künſte, ſprach mit ſo großer Sach⸗ kunde und Geſchmack von älterer und neuerer Literatur und Kunſt, daß Werner ſich bald nach der Stunde, die ihn zur Arbeit rief, wie nach einem großen Vergnügen ſehnte. 137 Ja es ging ſo weit, daß er ihm vergab, ſogar beinahe vergaß, daß er ihn bei dem Conditor getroffen, wie er nach Eliſens Fenſter hinüber lorgnettirte.„Ach!“ dachte der junge Liebhaber,„wie kann es mich ärgern, daß er ſich bei ihrem Anblick ergötzt und verjüngt? Wer wird nicht hingeriſſen, wenn er ſie betrachtet!“ Auch Trolle ſchien täglich mehr Behagen an der Geſellſchaft ſeines jungen Freundes zu finden. Er ſehnte ſich mit Ungeduld nach ſeinem Erſcheinen und ſuchte ſich auf alle Arten ſeine Gegenwart zu ſichern. Beinahe jedesmal, ſo oft er ihn geſehen, lud er ihn ein, mit ihm in einer Reſtauration, wohin er gewoͤhnlich kam, zu Mittag zu ſpeiſen, und bei dieſer Gelegenheit wußte er nicht, was er erfinden ſollte, um es ſeinem Gaſte recht angenehm zu machen. Er lud ihn auch ein, das Theater mit ihm zu beſuchen, und um dem jungen Mann ein Vergnügen zu machen, betrat er jetzt dieſen Ort, wohin er in vielen Jahren keinen Fuß geſetzt. Aber er wurde für dieſe Gutmüthigkeit dadurch belohnt, daß ſein Intereſſe für dieſen Genuß, der in ſeinen früheren Jahren zu ſeinen liebſten gehörte, nun auf's Neue in ihm erwachte, und ſo begann für Beide ein angeneh⸗ meres Leben. Der Alte freute ſich, geben zu koͤnnen, und der Jüngere, den ſein knappes Auskommen von allen Vergnügungen ſeines Alters ausſchloß, freute ſich des Empfangs. Eines Tages ſagte Trolle zu ihm:„Etwas, was mich ſehr an Ihnen freut, iſt der Vorzug, den wenige Künſtler mit Ihnen theilen. Sie erwarben ſich nämlich die wahre Bildung. Nicht blos, was unmittelbar zu Ihrer Kunſt gehöͤrt, haben Sie ſich erworben, ſondern Alles, was dazu gehört, ein Menſch in des Wortes wahrer Be⸗ deutung zu ſein. Sagen Sie mir, haben Sie ſtudirt?“— Werner antwortete lächelnd:„Nein, leider nicht! Ich kann nur wie Trop ſagen, ich war nahe am Examen. Mein Vater hatte mich zum Studium beſtimmt, und als kleiner Knabe beſuchte ich eine gelehrte Schule, aber ein 138 Jahr, ehe ich das Eramen artium machen ſollte, ſtarb er, und ich mußte das Studiren aus Mangel an den nöͤthi⸗ gen Mitteln aufgeben.“—„Wie das? nahm ſich Niemand Ihrer an?“—„Nein und ja, kann ich antworten, mein Vater war Bevollmächtigter eines großen Handlungs⸗ hauſes. Meine Mutter war todt. Er hatte blos mich und ich nur ihn. Alles, was er beſaß, verwandte er auf meine Erziehung. Da ich eine überwiegende Luſt zum Zeichnen und Malen beſaß, ſo verſchaffte er mir einen guten Lehrer. Der machte mir große Freude, und alle meine freie Zeit, ja eigentlich mehr, als meine freie Zeit verwandte ich darauf, mich in der theuren Kunſt zu üben. Als mein Vater ſtarb, war ich wirklich verlaſſen, ohne Freunde und Verwandte. Der Wirth des Hauſes, wo wir wohnten, nahm ſich meiner Noth an und machte mir den Vorſchlag, ſeine Kinder im Zeichnen zu unterrichten, und dagegen ein Zimmer und freien Tiſch bei ihm zu haben, was ich natürlich mit Dank annahm. Am ſelben Tage kam mein Zeichenlehrer zu mir, und erfreut darüber, daß ich nun ſeinem oftwiederholten Rathen, mich ganz ſeiner Kunſt zu widmen, folgen wolle, führte er mich zu einem der Profeſſoren der Kunſtacademie, der mich mit großer Güte aufnahm und mir ſogleich eine Stelle als Eleve der Academie verſchaffte. Ich muß mit Dank an⸗ erkennen, daß mir von Seiten der Academie alle Auf⸗ munterung und Unterſtützung zu Theil wurde; auch habe ich für den Augenblick einige Informationen, und dieſe gewähren mir das Nöthige zum Unterhalt. Da haben Sie in Kürze meinen ganzen Lebenslauf, und die Rechen⸗ ſchaft von all meinem dürftigen Glücke.“— „O mein lieber junger Freund! Nennen Sie ein ſolches Glück nicht klein! Eines Künſtlers Loos! Wollten Sie es gegen etwas Anderes vertauſchen?“—„Vielleicht möchte ich es nicht, wenn ich wirklich im Ernſte glauben dürfte, daß ich ein wahrer Künſtler ſei; aber der Zweifel an meinem Beruf martert mich in mancher Stunde. Ich 139 ſehe aus Ihrer Miene, daß Sie mich tröſten wollen, oder daß Sie mir vielleicht das Unrecht thun, mir eine affectirte Beſcheidenheit zuzutrauen. Aber ich will ſo aufrichtig ſein, meine ſchwachen Seiten vor Ihnen darzulegen. Sehen Sie! hätte ich eine wahre Künſtlerſeele, ſo müßte in ihr eine große Beweglichkeit, eine Schoͤpferkraft vorhanden ſein, die— wie das chriſtliche Lehrbuch ſich ausdrückt— aus Nichts oder aus untauglichem Stoffe etwas zu bil⸗ den im Stande iſt. Ich müßte, wie Sie ſelbſt kürzlich ſagten, ſehen können, was vor dem gemeinen Auge ver⸗ borgen liegt, das Schöne im Trivialen, den Schmetterling in der Larve erkennen koͤnnen. Aber hier fehlt es mir. Nur eln einziges Mal vermochte ich eine Arbeit nach Auf⸗ gabe auszuführen. So oft ich die Preisaufgaben der Academie erfahre, nehme ich mir vor, zu concurriren; aber meine Einbildungskraft iſt ſelten oder nie ſo beweg⸗ lich, daß ſie einer nicht ſelbſt gewählten Aufgabe einen idealen, der Kunſt würdigen Geſichtspunkt abgewinnen koͤnnte. Und das iſt thöricht; denn geben Sie Thorwaldſen eine Aufgabe, welche Sie wollen, beſtellen Sie bei ihm z. B ein Grabmal für einen unbedeutenden Philiſter, und ohne zu ſchmeicheln, ohne Alles, was man unwahr nennt, wird er etwas Edles und Schoͤnes zu bilden wiſſen, etwas, was hinreißt und uns auf den Schwingen der Poeſie zum Himmel erhebt, wohin kein Menſch bei ſolcher Gelegenheit zu kommen gedacht. Ach! dieſe Kraft fehlt mir, dieſe liebenswürdige Schmiegſamkeit, das iſt mein groͤßter Kummer. Es geht mir auch ſo mit Portraits. Auf triviale Geſichter, und das find ja die Meiſten, kann ich keinen Fleiß verwenden; ſie werden nachläͤfſig behandelt; ja, das geht ſo weit, daß diejenigen von meinen Schü⸗ lern, denen das Talent mangelt, unter meiner Unluſt, ſie zu unterrichten, leiden. Es ſind meiſt Kinder, und die Aeltern, welche alle Vollkommenheiten an ihnen ſehen, finden auch Talent zur Malerei. Die Meiſten aber be⸗ ſitzen weder Genie, noch Fleiß, und wenn ich ſo den 140 groͤßten Theil des Tages mich mit Stundengeben geplagt, ſehne ich mich, nach Hauſe zu kommen und mich mit Ar⸗ beiten nach meinem Sinne zu beſchäftigen; ich vermag auch nur nach meinem eigenen Kopfe zu arbeiten. Das, was mich nicht intereſſirt, laſſe ich von Tag zu Tage unberührt ſtehen, und das iſt in zweifacher Weiſe mein Unglückz denn gerade der ſchwere Ballaſt undankbarer Arbeit macht es dem jungen Künſtler möglich, ſein kleines Boot flott zu machen. Im Schweiße Deines Angeſichtes ſollſt Du Dein Brod eſſen! Dieſen erſten Fluch der ge⸗ fallenen Erde fühlt er vielleicht am ſchwerſten von Allen.“ „O lieber Werner! Sie nennen dieſes Gericht einen F'uch. Vor vielen Jahren ſagte Rahbeck irgendwo: Dieſer ſogenannte Fluch ſei der groͤßte Segen. Wie oft ſind mir dieſe Worte nicht eingefallen, mir, der ich, wie ſo ſo mancher Andere, das Unglück fühlte, zu Reichthum geboren, und in dem Gedanken erzogen zu ſein, daß ich mir nicht die Wege durch das Leben zu bahnen brauche, daß ſie bereits geebnet und ich nur zu wählen habe, welchen Pfad ich einſchlagen wolle. Gerade dieſe ſcheinbare Freiheit hat mich untreu gemacht. Wäre ich ein armer Student geweſen, ſo würde mir mein Vater die Freiheit gegoͤnnt haben, das zu wählen, wozu ich Beruf zu haben glaubte. Ich wäre Arzt geworden, ich hätte mich dem Studium der tröſtenden, wohlthätigen Wiſſenſchaft gewidmet, die mir nun fremd und unbekannt iſt. Ich wäre den ganzen Tag umhergegangen, den Kranken zu helfen und die Betrübten zu tröſten, und da ich mit den Betrübten ſympathiſirte, ſo würde ich dadurch mich ſelbſt getröſtet haben. Was an meinen Pflichten trivial und beſchwerlich geweſen, hätte ich als den Acker betrachtet, den ich mit meinem Schweiße bearbeiten ſollte, aber eine um ſo ſeligere Ruhe würde mich in meinem ſtillen Studirzimmer erwartet haben, denn gerade in dem Theile unſerer Arbeit, der uns als Bürde auferlegt iſt, liegt eine Befreiung, vorausgeſetzt, daß der Zwang nicht 141 zu groß iſt und daß wir unſern Theil mit gutem Willen ausrichten, denn dieſer Druck befreit uns von einem weit unerträglicheren, nämlich dem der Zeit, der leeren Zeit. Und hier fühlen wir die rechte Bedeutung unſeres Sün⸗ denfalles, dieſe Schwachheit in unſerer menſchlichen Natur, welche die Urſache iſt, daß wir nur für Augenblicke können begeiſtert werden, daß wir ſtets die Schuld an die Noth⸗ durft der Erde bezahlen müſſen, um mit friſchem Muthe und liebevoller Sehnſucht uns an das hinzugeben, was ihr nicht gehört; und deßhalb meine ich mit Rahbeck, daß der Urtheilsſpruch, wir ſollen unſer Brod im Schweiße unſeres Angeſichtes eſſen, kein Fluch iſt, ſondern ein Heil⸗ mittel, welches der Goͤttliche mitleidig der gefallenen Menſchheit reichte, damit ſie in der Arbeit, die ihr eine Bürde dünkt, das Glück der Arbeit finde, die ihr eine Ruhe iſt und ſo ihre höhere Natur erkenne und ſich ihrer höheren Bedeutung erinnere.“ „Aber,“ ſagte Werner,„für jede edlere Natur gibt es ja Beſchäftigung genug in Kunſt und Wiſſenſchaft, Studien genug, welche ſie von dem Drucke der Zeit be⸗ freien können, ohne daß ſie ſo manche ſchoͤne Stunde ihres kurzen Lebens opfern müßte, um ſich ein knapp zugemeſ⸗ ſenes Brod zu erringen. Sie ſelbſt ſind ja ein Beweis für meine Behauptung. Die mancherlei Kenntniſſe, die Sie ſich erworben, find allerdings nicht von ſich ſelbſt, ohne Studium und Arbeit gekommen; aber zu dieſer Ar⸗ beit waren Sie nicht um des täglichen Brodes Willen gezwungen. Und außerdem iſt ja niemals Mangel an Laſt, Schwerem und Stoffartigem, was ich den Ballaſt in jeder Kunſt nannte; und davon kann man genug haben, ohne eines größeren Druckes zu bedürfen.“ „Verſtehen Sie mich recht? Es iſt durchaus nicht meine Meinung, daß ein Menſch ſeine Kräfte in Arbeiten zerſplittern ſoll, die mit ſeinem eigentlichen Berufe heterogen ſind, ſondern daß er ſeine Kräfte irgend einem Berufe widme, als Etwas, das an ſein Leben und ſeine 142 Kraft einen Anſpruch hat, etwas, was er alſo auch nicht wegen jedes plötzlichen Einfalles auf die Seite ſetzen darf, mit deſſen Schwierigkeiten er im Gegentheile kämpfen und Alles daranſetzen muß, ſie zu überwinden. Sehen Sie, das thut ſelten der, der zum Reichthum geboren iſt. So manche Wege zur Thätigkeit ſtehen ihm offen, daß er ſich am Ende von allen abwendet. Gold reizt zum augenblicklichen Genuſſe, es ebnet ſo Vieles, nicht blos zum Guten, ſon⸗ dern auch zum Böſen. Es predigt die falſche Lehre, daß es Unrecht wieder gut machen koͤnne, die verſäumte Zeit wieder zurückzubringen vermöge,— als ob dies in menſch⸗ licher Macht ſtünde, als ob Jemaud ohne Gott das Gute aus dem Böſen ſich entwickeln laſſen könnte. Gold ſchmilzt, ohne etwas Gutes und Schönes gewirkt, das Leben ſchwindet, ohne das Ziel erreicht und die höchſte Sehnſucht, die beſten Wänſche zufrieden geſtellt zu haben. Wie ganz anders iſt ein Leben, das dem armen Künſtler oder Gelehrten winkt, ſich ſelbſt ſeinen Weg zu bahnen; die Nothwendigkeit führt ihn als ein ſtrenger, aber ſicherer Mentor den rechten Weg, und die Muſe begleitet und tröſtet ihn für jeden Verluſt. Die Muſe iſt eine edle Geliebte, ſie fragt nicht nach Rang und Stand, nach Convenienz und unwahren Tugenden, ſie gibt ſich nicht halb dem hin, der ſich ihr ganz widmet, ſie mildert ſeine Sorgen, und ich glaube, nur in ihrem Umgang muß es moͤglich ſein, ſeine einzige irdiſche Geliebte zu vergeſſen. Kein Menſch liebt mehr als einmal.“ Trolle ſchwieg und ſeufzte tief. Werner ſeufzte auch. Er ging bald nachher in tiefen Gedanken fort und wie⸗ derholte bei ſich ſelbſt:„Kein Menſch liebt mehr, als einmal! Ja, mein Herz glaubt dieſe Worte gerne! Kein Menſch liebt mehr, als einmal!— Wie ſeltſam ſind doch dieſe Worte in Trolles Munde! Er, von dem man ſo wunderbare Abenteuer erzählt? Er, den ich noch geſtern in der Anſchauung meiner Eliſe verſunken ſah!— Dieſes Räthſel iſt nicht ſo leicht zu errathen.“ Trolles Portrait war ſo weit fertig, daß er nicht 143 mehr zu ſitzen nöthig hatte. Werner wünſchte es nach Hauſe zu nehmen, um die letzte Hand an ſeine gelungene Arbeit zu legen und ließ es zu dem Ende abholen. Eines Tages, als er gerade davor ſaß, trat das lebendige Ori⸗ ginal in die Thüre. Der überraſchte Maler empfing ihn höflich und bedauerte, daß ſein Goͤnner ſo viele Treppen habe ſteigen müſſen, um ihn in ſeiner dürftigen Wohnung aufzuſuchen. Trolle, dem man keine Anſtrengung an⸗ merkte, antwortete:„Ei, meine dünnen Beine, deren Länge Sie wohl kennen, laufen noch ſo raſch, als in meinem zwanzigſten Jahre. Das Gehen ermüdet mich nicht ſehr; dagegen ſaugt mir die Sehnſucht das Herzblut aus und ich ſehnte mich während der vier Tage, die ich Sie nicht geſehen, recht herzlich nach Ihnen. Mein Zim⸗ mer war ſo behaglich, ſo lange die Staffelei dort ſtand und der Maler beinahe jeden Tag kam. Nun habe ich mich an Ihren Umgang gewöhnt und Sie wiſſen nicht, was. Gewohnheit in meinen Jahren heißt: Weßhalb koͤnnen Sie nicht zu mir kommen, wenn Sie nicht malen?“ Werner antwortete mit ungeheuchelter Wärme auf dieſe Anrede: er fühlte ſich neu belebt durch dieſe Güte und Theil⸗ nahme, die ſo unerwartet ihre Sonnenſtrahlen in ſein ein⸗ ſames Daſein warf. Trolle ſah ſich im Zimmer um und betrachtete die Skizzen, ſammt den ganz und halb vollendeten Bildern, die es anfüllten. Unter dieſen Letzteren war Eliſens an⸗ muthiges, mit auffallender Vorllebe ausgeführtes Portrait. „Vortrefflich!“ rief Trolle, indem er mit gekreuzten Ar⸗ men davor ſtehen blieb. Lächelnd wandte er ſich dann an Werner und ſagte:„Nicht zum erſten Male ſehe ich dieß Bild; das heißt: die Zeichnung, nach der es ge⸗ macht iſt, die ſehr hübſche Zeichnung habe ich geſehen.“— „Wie?“ fragte der Maler, verlegen darüber, daß er in dem Beſitz dieſes Portraits überraſcht wurde, das aus Vergeſſenheit heute profanen Blicken ausgeſetzt war.„Ich ſah es,“ antwortete Trolle:„am ſelben Tage und zur 144 ſelben Stunde, als ich zum erſten Male das Vergnügen hatte, mit Ihnen zu ſprechen. Sie hielten es am Fenſter in die Höhe, das Licht ſchien durch und zeigte es mir. Mehre Minuten lang ſtand ich hinter Ihnen, ohne daß Sie mich bemerkten, obgleich ich mich vor Ihnen ver⸗ beugte und Sie ſogar anredete und“— fügte er mit ſchalkhaftem Lächeln hinzu, indem er ſeine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte—„das kam daher, daß Ihr Geiſt nach der andern Seite der Straße— zu den Nachbarn hinübergeflogen war. Ich freute mich nicht blos über die Arbeit des Künſtlers, ſondern auch über den ſüßen Lohn, der ihm zu Theil wurde.“ Werner wandte ſein Angeſicht ab.„Werden Sie nicht böſe,“ fuhr Trolle mit herzlicher Gutmüthigkeit fort,„Gott weiß, wie ehrlich ich mich über Ihr Glück freute.“ Er nahm die Hand des Malers. Werner drückte die ſeine und fragte, ohne ihn jedoch anzuſehen:„Finden Sie das Por⸗ trait ähnlich?“—„Ich glaube, o ja!... Aufrichtig ge⸗ ſprochen, ich habe das hübſche Original nur flüchtig betrachtet und wurde auf ſie erſt an dem Tage aufmerk⸗ ſam, als ſie ſo liebenswürdig und ängſtlich mit Ihnen eine ſtumme und doch ſo beredte Unterhaltung führte. Bis zu jenem Momente habe ich ſie eigentlich geſehen, ohne ſie zu ſehen.“ Erſtaunt und ernſt betrachtete ihn Werner.„Vergeben Sie mir, aber ich weiß wirklich nicht, was ich denken ſoll. Sie nicht geſehen, ſagen Sie? Und doch wie manchmal habe ich Sie nicht mit meinen leiblichen Augen ſitzen und ſie lorgnettiren ſehen, als ob Sie nichts in der Welt, als ſie ſehen koͤnnten.“ Trolle trat einen Schritt zurück und ſah gleichfalls verwundert und ernſt Werner an. Dann brach er in ein Lachen aus und rief:„Was heißt das? Ich! ich ſollte das junge Mäadchen lorgnettirt haben! ich alter Narr ſollte mich damit abgeben, Ihr Nebenbuhler zu werden? Wie kann Ihnen das einfallen?“—„Aber Gott bewahre! Was in aller Welt ſtudiren Sie in den Fenſtern dem Conditor 14⁵ gegenüber?“ Eine flüchtige Roͤthe überflog die bleichen Wangen Trolles und mit einem leichten Wiegen des Koͤrpers, das ihm eigen war, antwortete er:„Iſt die Dame Ihres Herzens das einzige Frauenzimmer, das Sie in den erwähnten Fenſtern geſehen k“—„Ja, ich kenne keine andere, als.... ja, bisweilen ſitzt ihre Groß⸗ mutter auch da.“—„Nun wohl!“„Aber, Du mein Gott! Sie kann es doch wohl nicht ſein?“—„Weßhalb nicht?“ antwortete Trolle. Es entſtand eine kleine Pauſe, während welcher er ſich niederſetzte, und indem er ſich in den Stuhl zurück warf und nach dem Himmel ſah, ſagte er zu Werner, der mit den Händen auf dem Rücken und etwas ironiſcher Miene vor ihm ſtand:„Hoͤren Sie, mein junger Freund! Es iſt ein tauſendmal wiederholtes Wort: das Herz werde nicht alt; und der Satz iſt richtig, das fühle ich hier.“ Er deutete auf ſeine Bruſt.„Ich bin nicht gefühllos für weibliche Liebenswürdigkeit und wünſche es auch nie zu ſein. Dagegen glaube ich, daß bei beſſern Menſchen, bei denen, deren Liebe nicht die bloße Sinn⸗ lichkeit iſt, das Sprüchwort gilt: Gleich und gleich ge⸗ ſellt ſich gerne. Es ſcheint mir natürlich zu ſein, daß dieſe Sympathie, die wir Liebe nennen, uns zu der ziehen muß, von der wir uns vorſtellen, daß ſie das Ideal iſt, das von der Jugend an in unſerer Bruſt lebte, die Ge⸗ liebte, die treulich an unſerer Seite durch das Leben ge⸗ wandelt, ſei es nun, daß wir ſo glücklich waren, eine ſol⸗ che zu beſitzen oder nicht. Auch hat jedes Alter ſeine Schoͤnheit. Es würde mich ſchmerzen, wenn Sie, ein Künſtler, nicht— um Goͤthes Wort zu gebrauchen,— durch den Schleier ſehen koͤnnten, den die Zeit über die Schoͤnheit wirft. Das ſollten Sie können, denn nicht blos der Dichter, ſondern auch der bildende Künſtler muß etwas vom Propheten oder Seher haben. Er muß das haben, was man den Doppelblick nennt. Ich bin leider Novellen. IU. 10 146 kein Künſtler, aber bei mir wird dieſes Sehen von einer nie erſtorbenen Liebe bewirkt, die mich bei dem Anblick eines weiblichen Weſens ergreift, gerade eines ſolchen, wie die Frau, von der wir ſprechen. Ich kann nie müde werden, dieß Geſicht zu betrachten, über deſſen feine Züge eine gewiſſe Bläſſe, ein Ausdruck von Mattigkeit wie ein ätheriſcher Schleier gebreitet iſt. Welche hohe Ruhe, welche Reſignation leuchtet nicht aus dieſer Phyſiognomie! Iſt es nicht, als hätte das Geiſtige das Uebergewicht über das Körperliche? als wäre es eine— wie ſoll ich es nur nennen— Verfelnerung des Materiellen, die das Geiſtige mehr ſichtbar macht.— O!l wenn ich dieſe Frau ſo ſtill, ſo beſcheiden daſitzen ſehe, die weiße Haube mit den einſachen Bändern um das kleine Geſicht, wenn ich ſie, vertieft in das Buch, ſehe, in welchem ſie liest, während die kleinen weißen Hände raſch die Stricknadeln bewegen, oder ich ſehe ſie ſo mild, ſo mütterlich mit ihrer jungen Schweſtertochter ſprechen, dann kann ich mich nicht los⸗ reißen von dieſem Anblick, und tauſend vergeſſene Jugend⸗ gefühle und Erinnerungen erwachen in meiner Seele und beleben mein todtes Daſein.“ Werner lächelte und ſagte bei ſich ſelbſt:„Herr Gott! dieſer Mann kömmt mir wie ein Don Quixote vor! Seine Beredtſamkeit läßt einen beinahe die Phantaſie⸗ bilder ſehen, die ihm ſelbſt vorſchweben.“ Als Trolle ſchwieg, ſagte der junge Maler:„Ja, ich will weder mit Ihnen, noch mit irgend Jemand dispu⸗ tiren, um den Werth der Madame Berg herabzuſetzen. Dazu halte ich ſelbſt zu viel von ihr. Daß eine gewiſſe Feinheit über ihr ganzes Weſen ausgebreitet iſt, daß ein edler und verſtändiger Geiſt aus ihrem Antlitz leuchtet, habe ich oft bemerkt, und es iſt kein Wunder. Auch gleicht Eliſe weit mehr ihr, als ihrer Mutter!“—„Sie kennen alſo dieſe Familie?“—„Ob ich ſie kenne? Ich bin mit ihr verwandt und hatte von Kindesbeinen an Um⸗ gang mit ihr. Madame Berg nenne ich Tante. Meine 147 Mutter war eine Schweſtertochter ihres verſtorbenen Man⸗ nes, des Kapitän Berg.“—„Kapitän Berg! Kauffahrtei⸗ Kapitän Berg, der ein Schiff führte, das„die gute Hoff⸗ nung“ hieß?“—„Ja, ich erinnere mich, gehört zu haben, daß er viele Jahre lang ein Schiff dieſes Namens führte.“—„Ei, du mein Gott! ſo habe ich den Mann ganz gut gekannt; ich machte zwei Reiſen mit ihm. Dieſe Entdeckung iſt mir ſehr willkommen; ich bin Ihnen dafür zu großem Danke verpflichtet.“ Trolle ſchwieg und verſank in Gedanken. Werner ſah ihn fragend an. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Trolle, aus ſeinem Grübeln erwachend:„Aber ſagen Sie mir, wenn Sie mit dieſer Familie bekannt und ſogar ver⸗ wandt ſind, was beſtimmt Sie da bei dem Conditor zu ſitzen und das junge Mädchen abzuzeichnen, das Sie weit beſſer in der Nähe betrachten könnten? Weßhalb gehen Sie nicht hinüber, da Sie ſie doch lieben? und ſie liebt auch Sie, das habe ich belauſcht, ich weiß es gewiß.— Wer⸗ den Sie nicht böſe! Ich ſprach vertraulich mit Ihnen und bin Ihr wahrer Freund, davon dürfen Sie über⸗ zeugt ſein.“ 3 „Das bin ich auch, ich ſchmeichle mir mit Ihrer Freundſchaft und Güte und werde Ihnen ehrlich antwor⸗ ten. Vor vier Jahren machte ich mit Unterſtützung der Akademie eine Reiſe in das Ausland und war drei Jahre fort. Ich war damals noch ſehr jung und Eliſe noch ein Kind. Als ich vor einem Jahre heimkehrte und meine junge Couſine ſah, verliebte ich mich ernſtlich in ſie. Ich verſchwieg meine Liebe, aber ich glaubte doch zu wiſſen, daß die unſchuldige Eliſe ſie in ihrem Herzen erwiderte. Ich mußte mir ſelbſt ſagen, daß meine Ausſichten mäßig und weit vom Ziele entfernt ſeien, daß ich folglich ſchweigen müſſe; aber ich wagte meine Hoffnung auf die Zukunft zu ſetzen, da wir beide noch jung find; und wenn man auch ſchweigt, ſo iſt es doch unendlich ſchwer, den wahren Zuſtand ſeines Herzens zu verheimlichen.“— 148 „Nein!“ rief Trolle,„das iſt allerdings auch nicht moͤg⸗ lich.“— Werner fuhr fort;„Eliſens Mutter iſt eine wunderliche Frau. Sie ſorgt ſtets für den morgenden Tag, und als glaubte ſie ſich die unmittelbare Hülfe und den Schutz der Vorſehung durch eine überſpannte Pflicht⸗ erfüllung und Verzichtung auf alle Ruhe und jeglichen Genuß zuwenden zu können, iſt ſie in ihrer Moral und Strenge gegen das, was ſie böſe nennt, ſo erxaltirt, daß ſie in dem Gedanken, je größere Opfer man bringe, deſto größer werde die Belohnung des Himmels ſein, ſelbſt ihre Tochter aufopfern würde, wie Agamemnon, um guten Wind zu bekommen. Da iſt ein junger Menſch, ein Juriſt, der Mörk heißt, der hat Zutritt im Hauſe erhal⸗ ten; er beſitzt einen reichen Vater, deſſen einziger Sohn er iſt, dabei verſteht er die Kunſt, ſich bei Frau Derby mit moraliſchen Reden einzuſchmeicheln, die beim Lichte beſehen, nur Lobreden auf ihre ſtrengen Tugenden und „ſeine eigenen ſind. Dieſer mir verhaßte Menſch freit durch die Mutter um Eliſen und hat ohne Zweifel ihr Verſprechen wegen der Hand der Tochter. Ich glaube ſicher, daß er es iſt, der die Frau auf meine Liebe auf⸗ merkſam gemacht hat; denn ploͤtzlich bekam ſie den Ein⸗ fall, in Gegenwart ihrer Mutter und Eliſens mir zu ſagen:„Ich merke, mein Guter, daß Sie meiner Eliſe die Cour machen. Sie iſt ein Kind und leicht zu be⸗ ſtricken. Sie haben keine Ausſichten, ſich mit ihr ver⸗ heirathen und ſie anſtändig ernähren zu können; und wenn Sie es auch könnten, ſo muß ich Ihnen doch ehrlich ge⸗ ſtehen, daß Ihr Lebenswandel weder ſo unbefleckt, noch Ihr Charakter moraliſch ſo vortrefflich iſt, als ich es von meinem Schwiegerſohn fordere.“ Gott weiß, was ſie mit der letzten Phraſe meinte. Vergebens fragte ich ſie darum, ihre Rede endete mit den tröſtlichen Worten: „„Sie werden es mir als Mutter deßhalb nicht verdenken, wenn ich Sie bitte, ſich ferner nicht mehr in meinem Hauſe ſehen zu laſſen.““— 149 Trolle rief:„Gott ſoll mich bewahren! Welch un⸗ gereimtes altes Weib! Aber was ſagte die liebenswürdige Großmutter und das arme Mädchen?“—„Das arme Madchen brach in heftiges Weinen aus und warf ſich in die Arme ihrer Großmutter, und dieſe war ebenſo ver⸗ ſteinert als ich und ſuchte mit Wink und Miene, wenn auch ohne Worte, ihre Tochter zu verſöhnen. Natürlicher Weiſe ging ich ſogleich meiner Wege und die Freude hatte ein Ende.“—„Nein, das verhüte Gott! mein lieber Werner, denn das will hier mehr ſagen, als man gewöhnlich durch dieſe Redewelſe bezeichnet: die Freude, des ganzen Lebens Freude, kann leicht mit dem Verluſte der Geliebten ein Ende haben. O wie ſind doch die Aeltern ſtrafwürdig. Sie ziehen die Kinder auf, wie der Landmann ſeine Lämmer und Füllen, um ſie zu ver⸗ kaufen, wenn ſie groß werden. Sie laſſen ſich, weil ſie ein Leben gegeben haben, das ſie doch nicht aus Liebe zu den Kindern gegeben, mit dem Glücke des ganzen Lebens bezahlen. Ach! wie ich ſolche Aeltern haſſe! Aber ſagen Sie mir doch, haben Sie ſich ſeit jenem Tage Ihrer Ver⸗ weiſung ganz paſſiv verhalten?“—„Nein, das habe ich gerade nicht, und es iſt Frau Derby gegangen, wie es meiſt mit den ſtrengen Verhaltungsmaßregeln geht: ſie foͤrdern gewöhnlich das, was ſie verhindern wollen. So habe ich allerdings nie mit Eliſen geſprochen, auch ihr nicht geſchrieben, aber über die Straße hinüber haben wir uns durch Zeichen und Mienen verſtanden, und was wir wahrſcheinlich nicht ſo leicht gethan, wenn Alles beim Alten geblieben, wir haben uns ohne Worte unſere Liebe geſtanden nnd ich betrachte uns für wirklich Verlobte.“— „Nun, der Himmel ſegne Ihren ſtummen Bund! Und das prophezeie ich Ihnen gewißlich, daß Sie, mein junger Freund und Ihre Eliſe, die ihrer Großmutter gleicht, nicht aufgeopfert werden ſollen. Nein, ich ahne, daß ich ſo glücklich ſein werde, dieſer Schändlichkeit vorzubeugen. Im Augenblicke ſage ich nicht mehr.“ Werner dankte ihm 150 herzlich, und obwohl er bei näherer Ueberlegung nicht ſo ſicher auf Trolles Plane für die Zukunft trauen zu können glaubte, fand er doch einen Troſt in ſeiner ehrlichen Theilnahme. Am folgenden Vormittag ſaß Frau Derby mit Mörk in ihrer Wohnſtube, Eliſe ſaß am Fenſter mit ihrer Ar⸗ beit. Auf die geſchickteſte Weiſe, als ob ſie mit den Zähnen einen Faden abbeißen wollte, hielt ſie ihr Näh⸗ zeug an das Geſicht, ſo daß es einen Schirm zwiſchen ihr und denen bildete, die im Zimmer ſaßen; und hinter dieſem Schild grüßte ſie liebevoll den vom gegenüber⸗ liegenden Fenſter ſpähenden Freund, warnte ihn verſtänd⸗ lich vor dem Feinde, der im Hinterhalte laure, beant⸗ wortete ſeine Fragen und Verſicherungen und warf ihm einen ſüßen Kuß zum Abſchiede zu; Alles ſo raſch, ſo geſchickt, daß es nicht mal bei Moͤrk Verdacht erregen konnte, obwohl er während ſeines Geſpräches mit der Mutter beſtändig mit mißtrauiſchen Augen den Bewe⸗ gungen der Tochter folgte; als ſie jedoch wieder mit ehr⸗ barer Miene auf ihre Arbeit herabſah, rief er:„Gott! Fräulein Eliſe, wie Ihre Wangen ploͤtzlich blutroth ge⸗ worden! Sehen Sie etwas auf der Straße, was Sie in Unruhe verſetzt?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte er an das Fenſter und ſah nach allen Seiten, auch nach dem Fenſter des Conditors, aber glücklicher Weiſe ohne den gewarnten Geliebten zu entdecken, der ſich bei Zeiten hin⸗ ter die erwähnte Jalouſie verborgen.„Was fehlt Dir, Eliſe?“ fragte die Frau.„Ach,“ antwortete Eliſe ver⸗ drießlich,„mir fehlt nichts.“ Moͤrk ſah ſie feſt an und ſchüttelte den Kopf, ſetzte ſich jedoch ſpäter an den Tiſch neben die Frau. Er nahm ihre Hand mit freundlicher Miene und ſagte:„Meine beſte Frau! Sie ſehen heute wieder ſo leidend aus. Woher kömmt das 2—„J die Mutter krank?“ rief Eliſe, indem ſie ſich erhob und der Mutter näherte.„Ich bin nicht wohl,“ antwortete die Frau,„ich habe Kopfweh, ich konnte heute Nacht 151 nicht ſchlafen, ich habe ſo viele Sorgen, und wenn ich daran denke, ſo flieht mich Schlaf und Geſundheit. Es war Alles ſo theuer im Sommer. Alles Geld der Mut⸗ ster und meine eignen wenigen Schillinge für dies Quar⸗ tal ſind aufgebraucht, und das nächſte, was zu den noth⸗ wendigſten Ausgaben beſtimmt iſt, wird nicht zureichen, uns die Winterkleider, Hüte und dergleichen, was wir nicht entbehren konnen, wenn wir zur Thüre hinauswollen, anzu⸗ ſchaffen. Wie ſoll das werden?“—„Ach, liebe Mutter! wir helfen uns doch!“—„Ja, das haſt Du von der Großmutter gelernt, uns mit ſolchen Redensarten abzu⸗ ſpeiſen. Du weißt nicht, was es heißt, mit Nahrungs⸗ ſorgen zu kämpfen, und die Mutter hat nicht durchge⸗ macht, was ich durchmachen mußte. Als ich meinen ſeligen Mann heirathete, da weiß Gott, daß er mir ver⸗ ſprach, die geringen Umſtände, in denen ſich ſo Viela quälen müſſen, ſollten unſer Haus nicht berühren, und das Verſprechen hielt er auch manche Jahre; nachdem er aber durch ſeine Unvorſichtigkeit ſein Vermögen ver⸗ loren und obendrein krank und elend wurde, ließen ſich die Tage zählen, an denen ich nicht geweint, und die Nächte, die ich nicht gewacht.“ Eliſe ging ſtumm an ihren vorigen Platz zurück. Die Mutter fuhr fort: „Wenn ich jetzt meine Geſundheit und meinen Humor verloren, ſo iſt es kein Wunder. Ich weiß, daß ich über meine Kräfte gearbeitet, und das thue ich noch jetzt; ich frage weder Nacht noch Tag nach Mattigkeit oder Luſt, ſondern thue meine Pflicht bis aufs Aeußerſte. Und manch⸗ mal muß ich obendrein von meiner Mutter hören, daß ich mir unnützer Weiſe auf dieſe Weiſe das Leben ſauer mache, und was noch ſchlimmer, es ihr und meiner Toch⸗ ter ſauer mache, aber das rührt mich nicht. Das Zeug⸗ niß meines Gewiſſens genügt mir und der Gedanke, daß ich von Gottes Gerechtigkeit beſſere Tage erwarten darf, denn er ſieht, wie ich mich ſelbſt aufopfere.“ Moͤrk rief mit Begeiſterung:„O, meine vortreffliche Freundin! 152 mit Bewunderung und Freude hoͤrte ich Ihnen zu. Ja, es iſt herrlich, die Hoͤhe der Tugend zu betrachten, zu welcher es der Menſch bringen kann. Ja, Sie haben ge⸗ wiß Recht, wenn Sie auf beſſere Tage hoffen. Möchte es mein beneidenswerthes Loos werden, Ihr Leben zu verſüßen. Ich habe wirklich Ausſicht auf ein nahe be⸗ vorſtehendes Glück. Ihnen kann ich es wohl anvertrauen. Ich darf noch nicht deutlich von meinem Plane ſprechen, nur ſo viel kann ich ſagen, daß die Erfüllung meiner Wünſche auf meinem Vater beruht. Er iſt wunderlich und bornirt, wie alle alten Leute; aber ich denke doch, daß, wenn ich vernünftig mit ihm ſpreche, ihm vorſtelle, daß, was ich von ihm verlange, keine Gnade iſt,— denn ich verachte und haſſe Gnade— ſondern nur Recht, daß meine Geſundheit zart iſt und ich keinen Aerger ertragen kann, man doch glauben ſollte, das Leben und Glück ſei⸗ nes älteſten Sohnes.....“ Herr Mörk wurde durch ein ſtarkes Ziehen an der Glocke draußen unterbrochen. Eliſe lief hinaus, um aufzuſchließen, und Trolles alter Bedienter in ſehr zier⸗ licher Livree zeigte ſich vor der Thürſchwelle, die er, ſich ehrerbietig verbeugend, nicht betrat; nachdem er jedoch gefragt, ob Frau Berg nicht hier wohne, übergab er dieſer Dame einen auf feines roſenrothes Papier geſchriebenen Brief und bat um Antwort darauf. Vor dem Wohn⸗ zimmer war ein kleines Entrée, nicht viel größer, als ein großer Schrank. Eliſe bat ihn hoͤflich, in das Zimmer zu treten. Er that es und blieb an der Thüre ſtehen, während ſie ſich mit dem Briefe in das Zimmer ihrer Großmutter ſchlich. Frau Derby und Mörk maßen den unbekannten Diener mit den Augen. Mit vornehmer Miene fragte Mörk:„Von wem iſt Er?“—„Von Le⸗ gationsrath Trolle.“—„So?“ ſagte Mörk verwundert und fragte die Frau flüſternd:„Wie kommt dieſer alte Abſchaum dazu, Ihrer Mutter zu ſchreiben?“—„Ken⸗ nen Sie ihn?“ fragte die Frau.—„Ja! leider. Ich 153 ſage leider, denn es iſt ſehr ſchlimm, das Boͤſe zu ken⸗ nen.“— Madame Berg trat nun in das Zimmer und ſagte zu dem Diener:„Grüßen Sie Ihren Herrn und ſagen Sie ihm, daß wir die Ehre haben werden, ihn heute Abend Schlag ſechs zu empfangen.“ Als der alte Bote gegangen war, rief Mörk:„Wie, Madame Berg! Wollen Sie dieſen Menſchen empfan⸗ gen?“— Die Frau rief beinahe zu gleicher Zeit:„Mörk kennt ihn und ſagt, daß es ein ſchlechter, abſcheulicher Mann ſei.“— Die Großmutter lachte:„Was geht das mich an? Er will mit mir in Geſchäftsangelegenheiten ſprechen. Lies ſelbſt,“ fügte ſie hinzu und übergab ihrer Tochter den Brief. Die Frau öffnete ihn und las laut: „Sehr geehrte Frau! Ein alter Bekannter des ſeli⸗ gen Capitain Berg bittet Sie, ihm einen Augenblick der Unterredung in einer unbedeutenden Geldangelegenheit zu goͤnnen, von der er zufällig erfahren, daß ſie vergeſſen und noch unabgemacht iſt. Chrerbietigſt Ferdinand Trolle.“— „Na, Du guter Gott!“ rief die Frau beinahe wei⸗ nend:„hat es mir nicht geahnt, daß etwas Trauriges vor der Thüre ſteht. In dieſem Augenblick, wo wir in der groͤßten Geldverlegenheit ſind, kommt gar noch ein Gläubiger mit einer alten Forderung!“ Madame Berg antwortete ruhig:„Wer ſagt, daß es ein Gläubiger iſt. Verſteht ſich, daß es ein ſolcher ſein kann, aber man wird ſich mit dem Manne auseinanderzuſetzen wiſſen. In jedem Falle, wo Nichts iſt— ſagt man— hat der Kaiſer das Recht verloren.“—„Nein,“ rief Mörk,„von dem Kerl iſt nichts Gutes zu erwarten; aber hier gilt es, ſeine Jura zu verſtehen, und da haben Sie mich, Gott ſei Dank! Sie ſollten nicht ſelbſt mit ihm ſprechen. Schicken Sie mich zu ihm, ich werde ihm mit Freuden eine Naſe drehen.“—„Nein, ich danke, ich will doch ſelbſt hören, 154 was er will.“—„Aber es iſt ein alter, häßlicher Menſch, ein Libertin erſter Claſſe, ein greulicher Verführer!“— „Ach, mich wird er jedenfalls nicht verführen wollen,“ antwortete die Großmutter lächelnd und verließ das Zim⸗ mer.„Ihre Mutter iſt ordentlich leichtſinnig,“ ſagte Mörk:„ganz der Ton aus dem vorigen Jahrhundert. Es taugt nichts, daß die Leute jünger ſind, als ihre Jahre; aber ſo ſind ſie, wie geſagt, Alle, die aus jener verdor⸗ benen Zeit ſtammen.“— 4. Nachdem er die beſtmoͤgliche Toilette gemacht, fand ſich Trolle zur beſtimmten Zeit ein. Tief und mit dem Kopfe wiegend verbeugte er ſich vor Eliſen, welche vor ihm aufgeſchloſſen, dann vor der Frau, welche im Zim⸗ mer ſaß, und folgte endlich dem jungen Mädchen zu Ma⸗ dame Berg, die ihn in ihrem eigenen Zimmer erwartete. In der Thüre verbeugte er ſich wieder mit verbindlichem Ausdruck vor Eliſen, die ganz erſtaunt über ſeine große Höflichkeit ſich vor ihm neigte und ihn dann mit ihrer Großmutter allein ließ, welche ſich erhoben hatte und ihm einen Platz in ihrem Sopha anbot. Als er nach den ehrerbietigſten Grüßen dieſen eingenommen, erhob er ſeine Augen zu dieſer Dame, die an ſeiner Seite ſaß, und be⸗ trachtete ſie einen Augenblick ſtumm. Er ſeufzte und fuhr mit der Hand über das Geſicht. Er faßte ſich in⸗ deſſen und ſagte:„Ich bin verlegen, mein Anliegen aus⸗ zuſprechen, denn es zeugt von einer ſtrafwürdigen Nach⸗ läſſigkeit meinerſeits. Ich war vor vielen Jahren ſo glücklich, zweimal als Paſſagier mit dem Schiffe die gute Hoffnung zu fahren, das von dem guten, braven Capitain Berg geführt wurde. Auf der letzten dieſer Touren landeten wir in London, wo ich das Schiff ver⸗ laſſen wollte, um mich einige Zeit in England aufzu⸗ halten. Der Banquier, an welchen ich ein Creditiv beſaß, war gerade abgereist und ich dadurch in augenblickliche Geldverlegenheit verſetzt. Der Capitain war deßhalb ſo gütig, mir hundert Reichsthaler zu leihen. Als ich wenige 15⁵ Tage ſpäter ihm das Geld zurückbringen wollte, hatte er bereits London verlaſſen. Er hatte mir dieſen Dienſt an einem Tage erzeigt, an welchem er ſehr beſchäftigt ge⸗ weſen, und ließ mir nicht Zeit, einen Schein für das Empfangene zu ſchreiben. Auch ſagte er mir, daß es mit der Heimzahlung keine Eile habe. Als ich nach Kopenhagen zurückkam, ſuchte ich ihn; aber er war wie⸗ der zur See gegangen und man ſagte mir, daß auch ſeine Frau fortgereist und ſpäter.... ja, ich weiß mir nicht zu erklären, wie es zugegangen, daß ich meine Schuld vergeſſen konnte; erſt in den letzten Tagen fand ich ſie in einem alten Notizenbuche aufgezeichnet, und äußerſt ärgerlich über mich ſelbſt erfülle ich hiemit meine verſäumte Pflicht und bitte demüthigſt um Ihre Ent⸗ ſchuldigung.“ Während der letzten Worte hatte Trolle ſein Notizbuch hervorgezogen und einen in feines weißes Papier gewickelten nagelneuen Hundertthalerzettel herausgenom⸗ men, den er Madame Berg überreichte, die etwas zögerte, ihn anzunehmen.„Es iſt ſonderbar,“ ſagte ſie,„der ſelige Berg war ſo außerordentlich pünktlich in Geld⸗ ſachen, und ſprach doch niemals ein Wort von alle dem.“ —„Ach, meine Frau, um ſo mehr beſchämt mich ſeine Güte.“ Madame Berg dachte nun etwa ſo:„Was ſollte wohl einen Menſchen bewegen, den ich nie geſehen, mir hundert Thaler zu bringen, wenn ſie mir nicht mit Recht zukämen. So machen’'s die Menſchen gewoͤhnlich nicht.“ Sie nahm alſo das Geld entgegen und ließ ſich mit dem alten Freunde ihres verſtorbenen Mannes in ein freundliches Geſpräch ein, das ſich hauptſächlich um den Letztern drehte und von beiden Seiten möͤglichſt in die Länge gezogen wurde. Trolle erzählte verſchiedene kleine Geſchichten aus den beiden Seereiſen und erwähnte unter Anderem, daß einer von den Paſſagieren, der ſich mit Zeichnen beſchäftigte, das Schiff abgebildet, wie der Ca⸗ 156 pitain auf dem Vorderſteven ſteht; dieſe wohlgelungene Zeichnung ſei noch in ſeinen Händen. Madame Berg hatte ihren Mann außerordentlich geliebt und das Schiff, die gute Hoffnung, aauf welchem er gefahren, war ihr ein theurer Freund geweſen und ſtand jetzt in ihrem Herzen als die gute Erinnerung aus ihren beſten Tagen da. Mit großem Intereſſe und ſichtlicher Bewegung lauſchte ſie deßhalb Trolles Worten, und er, der dies bemerkte, ergriff dieſe Gelegenheit, um Erlaub⸗ niß zu bitten, in den nächſten Tagen wieder zu kommen und nicht bloß die Zeichnung zu bringen, ſondern ſie ihr verehren zu dürfen, eine Gunſt, die ſie ihm aus den obenangeführten Gründen gerne zu Theil werden ließ; und ſo endigte dieſe erſte Begegnung zur größten Zu⸗ friedenheit der Betheiligten., Für eine Frau, die bereits verſchiedene Schritte in das fünfzigſte Lebensjahr gethan, war Madame Berg wirklich eine ungemein angenehme Perſon. Unverkennbare Züge früherer Schönheit und eine gewiſſe anſpruchsloſe geſchmackvolle Nettigkeit in ihrem Anzug und ihrer Um⸗ gebung, verbunden mit einer Feinheit im Umgang, die von ihrer Bildung und ihrem innern Werthe zeugte, machte ſie zu einer angenehmen Bekanntſchaft ſelbſt für Den, der ihre Vorzüge nicht zu würdigen verſtand. Sie hatte in ihrer Jugend eine ſorgfältige Erziehung genoſſen und ſpäter ihre Anlagen zu einem inhaltreichen Leben ausgebildet, wozu ſie dadurch Gelegenheit gehabt, daß ſie ſich lange und viel unter Menſchen umherbewegt, in⸗ dem ſie ihrem Mann auf einige ſeiner Reiſen geſolgt war und an fremden Orten gelebt hatte, wo ihre anziehende Per⸗ ſönlichkeit ſie in den verſchiedenſten Kreiſen der Geſell⸗ ſchaft gerne geſehen und geſucht gemacht. Es war ſomit kein Wunder, daß Trolle, der bereits in ſeinem Kopfe ſich das Bild dieſer Dame mit den vortheilhafteſten Farben ausgemalt, in ihrer Nähe fand, daß ſie ſeine Er⸗ wartung noch übertraf, was er am ſelben Abend auch 1⁵7 vor Werner äußerte, ſich innig freuend über die gut erfundene Liſt mit der Schuld, durch die er ſich, wie er meinte, um einen Spottpreis, den Zugang zu dem Hauſe verſchafft hatte. Der junge Maler ſagte bei ſich ſelbſt:„Herr Gott! Solch' ein dreiſtes Wagniß würde mir nun nie in den Kopf kommen; aber ich beſitze auch nicht die Hülfsmittel dieſes Mannes.„„Geld gibt Muth,““ das iſt ein wahres Wort! Das ſieht man hier.“— Indeſſen freute er ſich bei dem Gedanken, daß durch Trolles Ein⸗ tritt in das Haus der Frau Derby eine Art Communi⸗ cation zwiſchen ihm und Eliſen eroͤffnet worden. Frau Derby, die in Folge der Aeußerungen Mörk'’s Trolle für eine Art grimmigen Raubthieres hielt, das umhergehe und ſuche, was es verſchlinge, war, während die gefürchtete Perſon zu ihrer Mutter hineingegangen, auf und nieder gegangen, innerlich ungeduldig über die lange Unterredung, von welcher ſie ſich lauter Unglück und verdoppelte Geldſorge verſprach. Vergebens ſuchte Eliſe ſie zu beruhigen und ſagte in ihrer Unſchuld: der Fremde ſei ein galanter, hübſcher, alter Mann; eine Aeußerung, die ihre Mutter ſehr übel aufnahm, und ſie fragte, ob ſie ſich ſchon damit abgebe, Gefallen an der Galanterie zu finden und ein glattes, falſches Weſen ehrlicher Geradheit vorzuziehen. Endlich kam der gefürchtete Gaſt, begleitet von Madame Berg, die ihn mit großer Artigkeit ihrer Tochter und Enkelin vorſtellte, und ſich an die Erſte wendend, hinzufügte:„Der Herr Legationsrath iſt ein alter Freund Deines ſeligen Vaters und hatte die Güte zu verſprechen, öfters unſerem ſtillen Hauſe die Ehre geben zu wollen.“ Die Frau war nahe daran, in den Boden zu ſinken, als ſie dieſe unbeſonnenen Worte ihrer Mutter vernahm: ſie verneigte ſich ſtumm und unfreundlich vor Trolle, der mit großer Chrerbietung ſich von den Damen verabſchie⸗ dete und bis zur Thüre von der höflichen Großmutter begleitet ſich entfernte. Eliſe hatte ſich gleichfalls erhoben, 1⁵⁸ wagte jedoch nicht, aus Furcht vor der Mutter, ihre Augen zu dem Fremden zu erheben, der ſie mit innigem Wohlwollen betrachtete und grüßte. Er war kaum vor der Thüre, als die Frau in einen Strom von Vorwürfen gegen ihre Mutter ausbrach wegen der freundlichen Aufnahme und Einladung, die dem Frem⸗ den zu Theil geworden, und damit ſchloß, daß ſie ſagte: „Nun erzähle mir offen, was er weiter Unglück gebracht. Wie haſt Du die Geldſache mit ihm arrangirt?“—„Ja, das ging ziemlich gut. In unſer Unglück müſſen wir uns finden, wie es eben geht.“ Nach dieſen Worten wandte ſich die Großmutter an Eliſen, nahm den Hundertthaler⸗ zettel und übergab ihr ihn, indem ſie ſagte:„Bitte das Mädchen, daß ſie hinuͤbergeht und den Zettel wechſeln läßt; nimm dann dreißig Thaler davon, die ich Dir zu dem Hute und den übrigen kleinen Wünſchen verehre, von denen ich weiß, daß ſie meine fleißige und genügſame Eliſe ſchon lange genährt.“ Mit vor Freude erroͤthenden Wangen warf ſich das junge Mäbchen der Großmutter um den Hals, und Madame Berg erzählte nun ihren er⸗ ſtaunten Zuhörerinnen, was zwiſchen ihr und dem ver⸗ meintlichen Creditor vorgegangen war.—„Aber Du mein Gott!“ rief die Frau:„es muß doch etwas Ehr⸗ liches und Rechtſchaffenes in dem Manne ſein.“ Und das unerwartete und im rechten Augenblicke eingetroffene Glück, das er in das Haus gebracht, zählte in einem Augenblick hundert gute Gründe für ihn auf, trotz all' des Boöͤſen, das Mörk ihm am Vormittage beigelegt. Und als nun Trolle wenige Tage ſpäter die verſprochene Zeichnung brachte, wurde er eingeladen zu bleiben und Thee mit der Familie zu trinken. Sein Geſpräch und Weſen geſiel in hohem Grade, er wurde aufgefordert, öfters zu kommen, und ſo war Trolle als Hausfreund in Frau Derby's Haus eingeführt. In denſelben Tagen, in welchen ſich dies zutrug, hatte Werner gerade Trolle's Portrait vollendet; und 1⁵9 ehe er es einrahmen ließ, kam der alte Herr nach dem Wunſche des Malers zu ihm, um es zu beſehen und ſeine Bemerkungen zu machen, ob etwas daran ſei, was er verändert wünſchte. Trolle war entzückt über ſein Bild und hatte Grund dazu, denn das Portrait war ein wahres Kunſtwerk, aufgefaßt und ausgeführt mit Genie und Liebe. Es war eine zwar idealiſirte, aber doch lebendige und treue Abſpiegelung des ganzen Weſens des Originales. Etwas Harmoniſches war im Ganzen vor⸗ herrſchend. Der alte Mann in ſeiner zierlichen Tracht war aus einer verſchwundenen Zeit, und auch ſeine aus⸗ drucksvollen Züge zeugten von einer verſchwundenen Schön⸗ heit, von verſchwundenen, aber nicht inhaltsloſen Tagen; er ſaß in einem Lehnſtuhl, den einen Arm auf das Ge⸗ fimſe des Fenſters gelehnt, durch welches man die Wipfel eines blühenden Kaſtanienbaumes ſah, die andere Hand⸗ ruhte freundlich auf dem Kopfe ſeines Hundes, der mit den Vorderbeinen ſich auf ſein Knie erhoben hatte. Die ganze Umgebung, bis auf die Frühlingsblüthen des Baumes draußen, war ſo, wie ſie ſich in ſeinem früher erwähnten Zimmer fande; und doch war etwas Idealiſirtes in all' dieſen Details. Nachdem Trolle in warmen Aus⸗ drücken dem Künſtler gedankt, blieb er ſtumm und ge⸗ dankenvoll vor dem Bilde flehen. Endlich ſagte er mit bewegter Stimme:„Mir wird ganz wunderlich zu Muthe, wenn ich ſo daſtehe und das Bild betrachte. Ich kann ſelbſt ſagen, daß ich es bin, und es kommt mir vor, als ſtünde ich außerhalb dieſes meines irdiſchen Weſens und betrachtete mich ſelbſt. Und da ſehe ich nun den alten Ferdinand Trolle mit einem wahren Mitleiden. Be⸗ deutungsvoll erſcheint mir Alles in dieſem ſchönen Kunſt⸗ werke. In dieſer Phyfiognomie zeigt ſich Etwas, was auf einen ſchönen Gedanken der ſchöpferiſchen Natur deutet, traurig vernichtet von einem verfehlten Leben. Mit der linken Hand ſtützt ſich der arme Junggeſelle auf ſeinen Hund, als ein Symbol der Treue, die nie ſein 160 Herz verließ, aber den Kopf wendet er doch auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite, nach dem im Winde ſchwankenden Wipfel des wilden Kaſtanienbaumes, der mit ſeinen üppi⸗ gen und ſchoͤnen, aber unfruchtbaren Blüthen ihm zu winken ſcheint.“— Sie ſchwiegen Beide einige Augen⸗ blicke. Dann wandte Trolle ſich von dem Bilde weg, ſetzte ſich nieder und ſagte lächelnd zu Werner:„Ich bin in einer ganz andern Abſicht gekommen, als Ihre Ar⸗ beit zu bewundern; doch die Betrachtungen, die ich nun beinahe mir ſelbſt unbewußt geäußert habe, können ſehr gut als Einleitung zu dem dienen, was ich verhan⸗ deln will. Sagen Sie, lieber Werner: wiſſen Sie, was es heißt, ſich allein zu fühlen? ein menſchliches Weſen zu entbehren, das unſere Liebe annehmen, ich will nicht ſagen vergelten möchte. Wiſſen Sie, was Sehnſucht heißt?“—„Ob ich es weiß? Ach, lieber Trolle! Sie kennen mein Verhältniß zu Eliſen und dabei bedenken Sie, daß ich ſeit meinem ſechzehnten Jahre keinen Men⸗ ſchen gehabt, der mir angehörte, oder dem mein Daſein wichtig war.“—„Gott ſei Dank! Was Sie ſagen, kommt meinen Wünſchen entgegen. Die kurze Zeit, während welcher ich Ihres Umgangs mich erfreue, hat mich ſchon ſo an Ihre Nähe gewöhnt, daß ich nicht mehr in meinem einſamen Hauſe leben kann, ohne Sie unbeſchreiblich zu vermiſſen. Ich kann nicht mehr unter fremden Menſchen beim Mittageſſen in den Reſtaurationen ſitzen, wo ich mehrmals Ihre Geſellſchaft genoß. Ich ſehne mich nach einem jungen Freunde, zu deſſen Lebens⸗ annehmlichkeiten ich beizutragen im Stande wäre; ich ſehne mich nach der Miſſion, daß Jemand exiſtirt, dem mein Daſein einen Werth hat.“—„O lieber Herr Trolle!“ rief Werner gerührt und ergriff ſeine Hand. „Laſſen Sie mich ausſprechen, lieber junger Freund! Nehmen Sie einen Vorſchlag an, den ich Ihnen machen will! Ich habe viele Zimmer, von denen einige unbenützt ſind; ziehen Sie zu mir und leben Sie mit mir. Ver⸗ 181 ſtehen Sie mich recht! Ich will Sie nicht geniren. Wir arbeiten Jeder in ſeinem Gemach, wann wir wollen, wir gehen Jeder ſeine Wege; aber wir kommen taͤglich zur einen oder andern Stunde zuſammen, wie es uns con⸗ venirt; Sie ſind jeden Tag mein Gaſt in der Reſtauration, und erlauben mir, unſere gemeinſchaftlichen häuslichen Bedürfniſſe zu beſorgen, wogegen ich mir ausbedinge, daß Sie niemals auf den Gedanken fallen, mir Dankbarkelt ſchuldig zu ſein, da das, was ich thue, nur geſchieht, um mein eigenes Glück und meine Zufriedenheit zu fördern.“ Dieſes freundliche Anerbieten, das mit ſo großer Delikateſſe, mit ſo unverkennbarem Ausdruck ehrlicher Zuneigung gemacht wurde, rührte den jungen Mann in hohem Grade. Mit liebevoller Ehrerbietung ergriff er Trolle's Hände und dankte ihm, indem er hinzufügte: „Als mein armer Vater fühlte, daß der Tod ſich nahe, war er ſehr um mich bekümmert. Gott ſende Dir einen andern Vater! ſagte er, und ſeine letzte Bitte iſt erhört. In Ihnen finde ich einen BVater, und in Wahrheit, ich werde Ihnen ein Sohn ſein.“ Am ſelben Tage zogen der junge Künſtler und ſein Werk in Trolle's Wohnung ein und Jedes nahm von dem für ſte beſtimmten Platze Beſitz. Werner fand zwei freund⸗ liche Zimmer und außerdem eines, das vollkommen für ſein Atelier tauglich und eingerichtet war. Der alte Freund hatte ſich eine Freude daraus gemacht, Alles be⸗ quem und in gewiſſer Weiſe prächtig für den willkom⸗ menen Gaſt einzurichten. Huͤbſche Kupferſtiche ſchmückten die Wände, die Meubles und Zubehör waren lauter Pracht⸗ ſtücke aus dem vorigen Jahrhundert. Sie glichen ihrem Eigenthümer, ſie waren mit Sorgfalt als Erinnerungen an den Lurus und Reichthum einer verſchwundenen Zeit aufbewahrt. Werner hatte während ſeines ganzen Lebens nur mit Anſtrengung ſich das hoöchſt Nothwendige Novellen. III. 11 16² anzuſchaffen vermocht. Das ſorgenfreie Leben, der Ueberfluß, von dem er ſich plötzlich umgeben ſah, war ihm ein ebenſo neuer, als glücklicher Zuſtand; aber was ihn noch glücklicher machte, war die Liebe, die ihm in vieſer friedlichen Heimath von allen Seiten entgegen⸗ ſtrahlte, von dem väterlichen Freunde, dem alten Diener und dem Mädchen herab, bis zu dem vernunftloſen Thiere. Das alte Junggeſellenhaus war ebenſo ſlill, als außerordentlich proper und überaus aecurat und pünkt⸗ lich. Nur ſelten kamen einige von Trolle's alten Freun⸗ den zu Beſuch. Jeden Vormittag ging er aus, war jedoch mit dem Glockenſchlag in der Reſtauration zu finden, wo er immer ſpeiste und wo Werner beinahe nie verſäumte, mit ihm zuſammenzutreffen. Abends ſah er gerne, daß ſein junger Freund mit ihm war, und da dieſer im Ganzen ſehr wenig Verbindungen hatte, ſo fügte er ſich in dieſen Wunſch, während Trolle ſeiner Seits Alles that, was er konnte, um dieſe Abende an⸗ genehm zu machen, häufig mit ihm in das Theater ging und jede Veranlaſſung aufſuchte, ihm Vergnügen zu ſchaffen. Nach und nach erſchien Trolle ſeltener Abends zu Hauſe, und bei ſeiner Heimkunft ſagte er zu dem warten⸗ den Werner, daß er einen glücklichen Abend an der Seite der Madame Berg in Frau Derby's Hauſe zu⸗ gebracht. Der junge Maler freute ſich dabei, von ſeiner Eliſe zu hören; aber es entlockte ihm jedesmal einen tir⸗ fen Seufzer, ſo oft er erfuhr, daß Trolle nach dieſem füt ihn verſchloſſenen Lande hingehe, ohne daß er ihn be⸗ gleiten durfte. Indeſſen hatte ſich der alte Liebhaber in Frau Derby's Haus mit einer Gewandtheit einzuſchmeicheln ge⸗ wußt, die ſeinen frühern diplomatiſchen Studien alle Chre machte. Voll Aufmerkſamkeit und verſchwenderiſch mit Geſchenken, wußte er ſo gut, was er Jedem bieten durſte, daß er nie zu Aergerniß Veranlaſſung gab, und die dreß⸗ ·ℳ 163 Damen des Hauſes naͤhrten jede für ſich eine heimliche Speculation und ihre eigenen Gedanken in Bezug auf ihn. Madame Berg verwunderte ſich zwar manchmal über die an Courtoiſie grenzende Artigkeit, die er ihr er⸗ zeigte, ſchrieb jedoch ſeine parteiiſche Güte für ſie auf Rechnung der Freundſchaft, die, wie ſie glaubte, zwiſchen ihrem Manne und ihm ſtattgefunden, ein Umſtand, der auch ihr Wohlwollen für ihn einflößte. Dann hoffte ſie bei Gelegenheit ihn bewegen zu können, den Einfluß geltend zu machen, den er im Hauſe gewonnen, um im Vereine mit ihr die theure Eliſe von der befürchteten Verbindung mit Mörk zu befreien. Frau Derby ſpeculirte auf die Möglichkeit, durch fortgeſetzten freundlichen Umgang mit dem alten reichen Mann, der ohne Frau und Kinder war, in ſeinem Teſtament bedacht und dadurch auf ein⸗ mal von allen Sorgen befreit zu werden. Eliſe, welche erfahren, daß ihr Geliebter als Sohn in ſeinem Hauſe aufgenommen worden, betrachtete Trolle als einen guten Genius, ganz abgeſehen davon, daß er dem verhaßten Moͤrk freundlich gegenüber ſtand, und wenn dieſer, wie es ganz gewoͤhnlich geſchah, ihn dort im Hauſe traf, be⸗ gann er ſogleich mit Sticheleien und ſpitzigen Anſpielun⸗ gen, welche Trolle mit ſeinem Witze, ſeiner Kaltblütigkeit und geiſtigen Ueberlegenheit beantwortete, die Eliſen ent⸗ zückte, Madame Berg amüfirte, Frau Derby verwirrte und Moͤrk zur Verzweiflung brachte. War Letzterer mit Frau Derby allein, ſo beklagte er ſich bitter und ſagte mehrmals:„Wenn ich Sie doch nur überzeugen koͤnnte, was das für ein Menſch iſt, den Sie in Ihrem Hauſe eingeführt! Wenn Sie nur wüßten, was ich von ihm weiß!“ Einmal fügte er hinzu:„Einer von meinen Freunden hat im Auslande Abſchrift von einem Manuſeript genommen, das ihm Jemand geliehen. Es enthält eine Geſchichte von dem guten Herrn Trolle. Wenn ſie be⸗ kannt wäre, würde jedes honette Frauenzimmer ihm den Rücken kehren. Ich ſchrieb an meinen Freund, der in 164 Lolland wohnt, um ihn zu bitten, mir das Manuſeript zu leihen, aber er verſagte es mir, indem er behauptet, er könne es nicht finden. Es iſt dies jedoch nur eine Aus⸗ flucht, und es ſoll mir nicht darauf ankommen, ſelbſt nach Lolland zu reiſen, um es zu bekommen, und dadurch, wie* ich hoffe, Ihr früher unſträfliches Haus davon zu reini⸗ gen, daß es nicht mehr eine Zufluchtſtätte des Streites, der Bitterkeit und ſchlechten Sitten ſei.“ Dieſe Worte aus dem Munde ihres Lieblings erfüllten Frau Derby mit großer Angſt und Unentſchloſſenheit. So vergingen mehrere Monate. Trolles alter Diener, der ehrliche Thomas, hatte eine innige Zuneigung zu dem jungen Maler gefaßt. Wenn dieſer vor ſeiner Staffelei ſaß, was beinahe jeden Mor⸗ gen der Fall war, machte ſich Thomas oft bei ihm zu ſchaffen, um die Arbeit unter ſeiner Hand wachſen zu ſehen, was ihm eine wahre Zauberei erſchien. Bei ſolcher Gelegenheit, und Abends, wenn Werner allein zu Hauſe war und Thomas ihm beim Thee aufwartete, liebte dieſer es ſeine Rede vorzubringen und den Genuß zu ha⸗ ben, in ihm einen willigen Zuhörer für ſeine kleine ver⸗ traulichen Mittheilungen und Geſchichten zu finden, die er ſo gerne erzählte. Die Gutmüthigkeit des alten Man⸗ nes, ſeine große Aufmerkſamkeit für Werner, und dazu das Intereſſe, das er ſelbſt an ſeinen Geſchichten fand, die ſich beinahe immer um den, in ſo mancher Hinſicht räthſelhaften, Trolle drehten, waren Grund genug⸗ dieſen Geſprächen ein willig Ohr zu leihen. Der alte Thomas war ſeinem Herrn mit Leib und Seele ergeben und nie⸗ mals heiterer, als wenn er ſich in Lobeserhebungen über ſeinen edlen Charakter, ſein menſchenfreundliches Herz ergehen konnte.„Ein Buch von dreißig dicken Bänden, würde nicht zureichen,“ ſagte er einſt,„wenn man alle die unglücklichen Menſchen aufzeichnen wollte, die er vom Elend errettet, alle die Armen, zu denen er mich mit Hülfe geſandt: denn meiſt ſchickt er mich und verbietet 165 mir, ſeinen Namen zu nennen; er thut das Gute um Gottes Willen, nicht wegen des Lobes der Welt„ und deßhalb wird Gott ihn gewiß auch hier und dort ſegnen und ihm die kleinen menſchlichen Schwächen vergeben, die ihm noch anhängen, denn bei Gott! kein Menſch iſt rein von Sünde und wir fehlen alle mancherlei.“— Im Verlaufe des Geſpräches ſagte er weiter:„Sehen Sie, lieber Herr Werner! Mein Herr beſaß nur eine Schwäche und die ſagt man,— und das glaube ich auch,— ſtammt aus einem freundlichen und guten Herzen. Das ſind die ſchlimmen Frauenzimmer! Auf ſie hat er zu viel gehal⸗ ten. In jungen Tagen,— denn jetzt glaube ich doch nicht mehr— aber wie geſagt, in jungen Tagen hatte er ſo manche Geſchichten, bei denen er gewöhnlich den Kürzeren zog, denn die Weiber ſind liſtig, wie die Schlan⸗ gen, das dürfen Sie mir glauben, und wenn es auch mal ſcheint, ſie ſeien verliebt in einen Menſchen, ſo denken ſie doch nicht reell und treu. Solch' einer Geſchichte ver⸗ danke ich übrigens das Gluck, daß ich in Trolles Dienſt gekommen; ich denke deßhalb mit Freuden daran, auch nahm ſie ein gutes Ende. Ich will ſie Ihnen erzählen. Meinen Vater habe ich nie gekannt. Meine Mutier war eine arme Wittwe, die ſich mit Spinnen und Stricken ernährte. Ich war bei einem Schuhmacher in der Lehre. Das war mein Vater auch geweſen. Wir wohnten in Ebeltoft, wo ich geboren bin. Meine Mutter war aus Hoſſtein und hatte einen reichen Bruder, der ſich als Lederhändler in Kiel niedergelaſſen. Als ich ungefahr ſieben⸗ zehn bis achtzehn Jahre alt war, kam ein Brief von dieſem meinem Oheim, welcher ſchrieb, da er einen 166 jungen Menſchen für ſeinen Handel ſuche, Einen, der le⸗ ſen, ſchreiben, rechnen und im Laden ſtehen könne, auch treu und gewandt ſei, ſo wolle er mich annehmen und in jeder Weiſe für mich ſorgen. Wir waren alle ſehr ver⸗ gnügt, meine ſelige Mutter und ich, und ich reiſte ſogleich nach Kiel. Aber du guter Gott! ich kann wahrlich ſagen, daß ich vom Fegefeuer in die Hölle kam, denn einen un⸗ gereimteren Menſchen, als meinen deutſchen Oheim, habe ich nie gekannt. Er gehörte zu den Helligen; aber Gott beſſere es, wie heilig er war. Er dachte weit weniger an Gott, als an den Mammon; Geld zuſammen ſcharren und ſeinen Reichthum zu vergroͤßern, war all ſein Sinnen in dieſer Welt. Mich armen Knaben behandelte er, nament⸗ lich im Anfang, als ob ich ein Hund wäre; da ich jedoch, Gott ſei Dank, munter, gewandt und achtſam war, und raſch deutſch lernte, was ich vorher nur wenig verſtanden, ſo war ich ihm bald auch nutzlich, und da er mich nicht gerne miſſen wollte, hielt er nach und nach doch mehr an ſich. Er hatte eine einzige Tochter von meinem Alter, ſie hieß Elsbeth und war ein hübſches Mädchen...“ „Und,“ ſagte Werner unterbrechend:„Thomas und Elsbeth wurden bald ein paar Liebende?“ „Ach nein, Herr Werner! weit entfernt! Wenn man, wie ich ſeine ſieben Tage in der Woche ſich mit Arbeit und Verdruß zu ſchleppen hat, ſo denkt man an andere Dinge, als an das Verlieben. Man kann ſich nicht mal verlieben, wenn man auch noch ſo gerne wollte. Und was Elsbeth betraf, ſo hatte ſie im Stillen einen Gelieb⸗ ten, einen ſehr tüchtigen und gewandten Tiſchler, Namens Otto Kurz. Er hatte um ſie gefreit, aber von dem Va⸗ ter einen Korb bekommen, weil er noch nicht Meiſter war und kein Geld beſaß, um die Ausgaben zu dieſem Zwecke zu beſtreiten. Das hat mir Etsbeth ſelbſt anvertraut; denn wenn der Vater Abends ausging, nahm Elsbeth ihre Arbeit und ſetzte ſich in den Laden zu mir und wir troſteten uns damit, daß wir uns unſere Noth klagten. 167 Sie erzählte mir mit Thränen in den Augen, daß ihr Vater ſie mit einem alten Chriſtiansfelder verlobt, der behauptete, daß der Herr ſelbſt ihm befohlen, um ſie zu freien. Sie dagegen ſagte, ſie würde lieber ſterben, als in des Chriſtiansfelders Ehe gehen, und dem langfrackigen, langnaſigen Kopfhänger nach ſeiner niederträchtigen Be⸗ hauſung folgen. Das Mädchen hatte im Grunde einen heitern Sinn und grämte ſich darüber, daß ihr der Va⸗ ter alle Vergnügungen verbot, an denen die Jugend nun mal hängt. Einſt, am Tage vor Pfingſten, ſagte der Oheim zu mir, da der Laden an Feiertagen geſchloſſen werde, ſo ſolle ich am nächſten Tage Elsbeth nach Neu⸗ mühlen zu Verwandten begleiten, wo wir bis zum an⸗ dern Feiertage bleiben dürften. Ich ſollte auch dort bleibew und ſie dann nach Hauſe begleiten; es war im Sommer, ſo daß ich leicht in einer Scheune, oder auf einem Heu⸗ boden ein Lager bekäme; außerdem ſchenkte er mir vier Schillinge zu weiterer Zehrung und Beluſtigung, mit der Ermahnung, ſie nicht zu vergenden. Elsbeth bekam acht Schillinge, um die Fahrt über den Meeresbuſen hin und zurück zu bezahlen. Wir waren kaum aus dem Hauſe, als das luſtige Mädchen mich unter dem Arme nahm und mit herzlichem Lachen mir zuflüſterte:„Sorge nicht für Geld und Vergnügungen, ich werde uns für beides ſor⸗ gen!“ Später ſagte ſie:„Du weißt ja, daß ich den klei⸗ nen Handel mit Faden und Wollgarn verſtehe und ich müßte nicht meines Vaters Tochter ſein, wenn ich nicht meine Procente von der Einnahme abziehen ſollte; wir wollen auch keine ſolche Narren ſein, bei der langweiligen Familie, die wir beſuchen ſollen, zu ſitzen und zu faul⸗ lenzen. Es iſt Zeit genug, wenn wir Abends hinkommen⸗ Heute Nachmittag wollen wir ſpazieren gehen und Abends an einem hübſchen Orte zu Nacht eſſen; morgen Abend gehen wir zum Tanze nach Dorfgarten; dort iſt Vogel⸗ ſchießen und Ball, und Otto kommt auch. Der arme Junge, der mit Faden handelte, bringt mir bisweilen Nachricht 168 von ihm.“— Ich war etwas ängſtlich, an dieſen küh⸗ nen Plänen Theil zu nehmen und ſtellte ihr vor, der Onkel könnte das erfahren; aber ſie flößte mir Muth ein und ſagte:„Sind wir mal aus dem Bauer, ſo wollen wir auch fliegen.“ Während dieſes Geſpräches waren wir zu dem Boote gekommen, das uns über die Bucht führen ſollte. Da ſaß ein junger, hübſcher, prächtig gekleideter Herr am Ufer. Er war ganz frappirt von der Schönheit des jun⸗ gen Mädchens; ſogleich erhob er ſich und ſagte zu dem Fuhr⸗ mann, daß er auch hinüber nach Neumühlen fahren wolle. Im Boote ſetzte er ſich ohne Umſtände neben Elsbeth und ſprach ſehr galant mit ihr. Sie antwortete ihm offen und hoͤflich. Sie kamen bald ins Geſpräch mit einander, als ob ſie alte Bekannte wären, und ich verwunderte mich über Elsbeths Keckheit und dachte bei mir ſelbſt: Gott weiß, ob Otto das leiden würde, wenn er es ſähe. Als wir ans Land kamen, machten wir zuerſt einen Spazier⸗ gang und der fremde Herr begleitete uns, und als es Abend wurde, gingen wir nach Ellerbeck zu einigen Leu⸗ ten, die Elsbeth kannte. Sie deckten in einem Garten vor uns auf: wir aßen und tranken Wein, und der fremde Herr war Elsbeths Gaſt, wie ich. Sie bezahlte fär uns alle drei, dann ging er von Ellerbeck nach Kiel hinüber und wir andern begaben uns nach Neumühlen, wo die Leute, die wir beſuchen ſollten, uns freundlich aufnah⸗ men und auch mir eine gute Kammer zum Nachtlager gaben. Sehen Sie, der fremde Herr, das war nun niemand anders, als mein guter, lieber Herr Trolle; und es iſt zwar ſeltſam, aber ich ſchwöre Ihnen, Herr Werner, es war mir bereits an jenem Abend, als ob mein Herz ſich in meiner Bruſt bewegte, wenn er ſo freundlich und ohne allen Stolz mit mir ſprach, und als er bei Tiſche mit mir anſtieß, da war es, als ob eine Ahnung mir ſagte... ich kann es nicht ſagen, und als ich mit Elsbeth al⸗ 169 lein war und ſie warnen wollte, weil ſie mit einem frem⸗ den, vornehmen Herrn ſo fidel geweſen, da mußte ich ſo⸗ gleich wieder ſchweigen, denn ſie ſagte:„Herr Jeſus! Wie kann man dem ſchöͤnen Manne anders, als gut ſein? Haſt Du wohl je einen ſo unvergleichlichen Cavalier ge⸗ ſehen?“ 9 Am nächſten Tag, dem erſten Pfingſttag, ſagte Els⸗ bett zu ihren Hausleuten, ſie wolle nach Dorfgarten gehen, wo eine vornehme Frau wohne, mit der ſie wegen etwas Faden und Garn ſprechen müſſe, das dieſe bei ihr beſtellt habe. Wir gingen zu guter Zeit, und ungefähr auf hal⸗ bem Wege trafen wir Otto, der, nach einer Verabredung mit ſeiner Geliebten, an dem beſtimmten Orte wartete. Die Freude der armen jungen Leute, einander frei zu ſehen und ihr Kummer, als ſie von dem Chriſtiansfelder ſprachen, war ſo rührend, daß ſie weinten und ich weinte mit. Als wir auf den Ball in Dorfgarten kamen, war Herr Trolle bereits dort, was mich verwunderte, denn ich ſah wohl ein, daß dieß um Elsbeths willen geſchah, da ſie am vorigen Abende geſagt, daß ſie auf den Ball komme. Er ging ſogleich zu Elsbeth hin und forderte ſie zum Tanze auf; ſie ließ Otto los und tanzte mit dem Herrn, der ihr die ſchmeichelhafteſten Dinge ſagte, und der arme Otto machte ein langes Geſicht, als er alles das ſehen mußte; aber er fand ſich doch geduldig darein und wagte es nicht, ihr ein ſchlimmes Wort da⸗ rüber zu ſagen. Später tanzte ſie mit Otto und auch mit Andern; da ich jedoch nicht tanzen konnte und in einer Ecke ſitzend zuſah, kam Herr Trolle und war ſo artig, ſich zu mir zu ſetzen und mit mir zu ſprechen; aber es geſchah nicht um meinetwillen, ſondern um mich über Els⸗ beth auszufragen. Ich konnte nie in meinem Leben lügen und konnte es auch diesmalnicht. Ich erzählte ihm Alles, was ich wußte, ausgenommen die Geſchichte mit Otto, denn die hatte mir Elsbeth erzählt. Aber die Verlobung mit dem Chriſtiansfelder ſchien ihm recht zu Herzen zu . 170 gehen, und er ſchwur, daß die Sache rückgängig ge⸗ macht werden müſſe. Er tanzte dann wieder mit Els⸗ beth, nicht ein⸗, ſondern mehre Male, und als wir den Ball verließen, begleitete er uns. Der arme Otto ging auf der einen Selte ſeiner Geliebten und Herr Trolle auf der an⸗ dern und ich ſockelte hinten drein und wunderte mich da⸗ rüber, daß das Mädchen mehr mit dem fremden Herrn ſprach, als mit dem guten Otto, mit dem ſie ſo ſelten ſprechen konnte. In Ellerbeck hatte ſich Otto ein Boot beſtellt und als er hineinſtieg, fragte er Herrn Trolle, ob er nicht auch nach Kiel mit hinüber gehe: aber er ant⸗ wortete, nein, er habe ein Logis in Neumühlen. Nun bot er Elsbeth den Arm und ſprach ganz leiſe mit ihr, ſo daß ich, der hintendrein ging, nicht hören konnte, was ſie ſagten. Als wir nach Hauſe kamen, erzählte Elsbeth den Leuten eine lange Geſchichte, weßhalb wir ſo ſpät kommen. Es war nicht ein wahres Wort daran, aber es lautete ſo glaubwürdig, und ging ſo raſch, als ob es gedruckt wäre. Als wir am folgenden Nachmittage wieder nach Hauſe fuhren, ſaß Herr Trolle bereits im Boote, und da zwei von den Verwandten in Neumühlen uns an das Waſſer begleiteten, ſo thaten er und Elsbeth, als ob ſie ſich gar nicht kennten; aber kaum hatten wir vom Lande geſtoßen, als er ſich zu ihr ſetzte und mit ihr wie am vorhergehen⸗ den Abend flüſterte; mich aber behandelte man, als ob ich gar nicht da wäre. Er begleitete ſie beinahe bis an unſre Hausthüre, wo er uns endlich verließ. Ich ſchmollte ein wenig mit Elsbeth wegen ihrer freien Aufführung: aber ſie lachte mich aus und dabei blieb es. Ich hörte oder ſah nichts mehr von dem fremden Herrn und die Sache war ſo gut, wie vergeſſen; aber vierzehn Tage ſpäter, wie ich Abends mal daſitze und ei⸗ nige Rechnungen machen will, kommt der Oheim plötzlich nach Hauſe, nachdem er kaum vorher erſt weggegangen. Er fährt zu mir in dea Laden herein und ſagt:„Was ſind das fur Geſchichten, die Ihr hier zu Hauſe habt?“ 171 Ich ſaß in meiner guten Ruhe, wie gewoͤhnlich, bei eini⸗ gen von meinen guten Freunden, da kommt Einer und erzählt mir, daß Elsbeth jeden Abend, wenn ich ausge⸗ gangen bin, ein Stelldichein mit einem langen Kerl drun⸗ ten im Garten hat. Das iſt der Tiſchlergeſelle, da ſchwöre ich drauf, und Du biſt im Einverſtändniß mit ihnen?“ Und dann brach er in Schimpfen und Drohungen gegen mich aus und verlangte den Gartenthürſchlüſſel, der nicht zu finden war und nicht im Schloſſe ſteckte. Er befahl mir, ſogleich ihm hinabzufolgen und mit dem Brecheiſen das Schloß aufzubrechen; aber das war nicht nöthig, denn ſobald wir uns näherten, öffnete Elsbeth ſelbſt die Thüre und kam uns mit einem Mann in einem langen ſchwarzen Frack und einem breiten Hute entgegen. Denken Sie ſich, wie mir zu Muthe wurde. Ich erkannte ſogleich Herrn Trolle, ſo wunderlich er auch ausſtaffirt war. Es war ein Sommerabend und noch ziemlich hell. Elsbeth ſagte: „Es iſt ein Mann von Chriſtiansfeld, wie ihm der Vater anſehen kann. Er iſt gekommen, um mich von meinem Liebſten zu grüßen.“ Der Oheim nahm nun Herrn Trolle bei Seite und fragte nach ſeinem Namen und Geſchäft, und Herr Trolle antwortete, wie mir ſchien, ſehr raſch und glaubwürdig. Er eilte weg, mußte jedoch verſprechen, am nächſten Tage wieder zu kommen. Der Oheim war ein tückiſcher Menſch, er traute dem Frieden nicht, und ſo⸗ bald er den Fremden aus dem Hauſe begleitet, nahm er Elsbeth am Arme, und ſtieß ſie in ihre Kammer, wo er ſie einſchloß und ihr mit Prügeln und Hunger drohte, wenn ſie nicht ein Geſtändniß ablege. Am nächſten Mor⸗ gen geſtand ſie Alles und der Oheim kam nun hinein zu mir und ſagte:„Der Hallunke, der geſtern Abend hier war, iſt ein reicher Kerl von Kopenhagen. Es iſt wahr, was Elsbeth von ihm ſagt. Ich war in ſeinem Logis und ſprach mit dem Wirthe, auch habe ich mich bei einem glaubwürdigen Mann, der ihn kennt, erkundigt. Er iſt eine gute Parthie, er ſoll das Mädchen heirathen und ich 8 172 werde ihn lehren dem Mädchen nachlaufen. Da iſt ein Zettel, den ich Elsbeth an ihn ſchreiben ließ und worin ſie ihn auf heute Abend zu einem Stelldichein bittet. Dieß ſollſt Du ihm bringen und wenn er koͤmmt, werden Du und ich und zwei ſtarke Männer, die ich beſtellt habe, ihn greifen und binden und in den Keller ſchleppen, wo er eingeſchloſſen wird, bis ich durch Drohung von Prü⸗ geln oder auf irgend eine Weiſe ihn dazu gezwungen, daß er ſich mit meiner Tochter trauen läßt.“ Ich ſtellte ihm das Schwierige eines ſolchen Verfahrens,, das zu ſeinem eignen Schaden endigen koͤnnte, vor; aber er lachte und ſagte:„Ja, ich werde mich zuerſt mit meinem Advokaten berathen. Das iſt ein herrlicher Mann, ein ſchlauer Fuchs.“ Ich lief ſogleich zu Herrn Trolle, um ihn zu war⸗ nen, und erzählte ihm Alles, was geſchehen war. Er dankte mir herzlich und ſagte: er rathe mir, weil ich um ſeinetwillen mich dem Mißtrauen und der Strafe des Oheims ausgeſetzt, ſogleich ſein Haus zu verlaſſen und bei ihm Dienſte zu nehmen. Ich ſollte es eben ſo gut bei ihm haben, als er ſelbſt, ſagte er, und, Gott ſegne ihn, er hat ſein Wort treulich gehalten. Er wollte nun ſogleich Kiel verlaſſen und nach Hamburg gehen; dort könnte ich ihn treffen.„Aber,“ ſagte er darauf:„wie rette ich die kleine Elsbeth von dem Chriſtiansfelder? Gib mir einen Rath! Ich bin reich, es kömmt mir nicht auf Geld an.“—„Wenn dem ſo iſt,“ antwortete ich,„ſo kann ich vielleicht rathen.“— Ich eilte nun zu Otto, er⸗ zählte ihm die ganze Wahrheit, ſagte ihm, er koͤnne das Geld, um Meiſter zu werden, leicht bekommen, im Falle er jetzt, nachdem er den kleinen Fehltritt Elsbeths wiſſe, ſie noch heirathen wolle. Der arme Otto gerieth in gräß⸗ lich ſchlechten Humor, ſagte jedoch nach einigem Beden⸗ ken, daß es drauf ankäme, er wolle zuerſt mit Elsbeth allein ſprechen. Aber da war guter Rath theuer, der Va⸗ ter hatte ſie eingeſchloſſen. Ich ging nun wieder heim 1 173 und ſteckte einen Zettel durch das Schlüſſelloch ihrer Thüre: ich bat ſie mit wenigen Worten, zu ſioͤhnen und zu kla⸗ gen, als ob ſie krank wäre. Der Vater kam kurze Zeit nachher in das Wohnzimmer und hörte dieſes Jammern in der Kammer daneben. Er ging zu ihr und ſie bat um Waſſer und ſagte, ſie hätte Krämpfe und Ohnmachten ge⸗ habt. Ich machte ihm dann weis, daß ein Bote dagewe⸗ ſen, der ihn an einem entfernten Ort beſtellt habe, wo etwas zu verdienen ſei, und da die kranke Elsbeth nicht ohne Hülfe gelaſſen werden konnte, vertraute er mir den Schlüſſel zur Thüre an und drohte mir mit Strafe, wenn ich ihn betrogen. Sobald er gegangen, holte ich Otto, der mit Elsbeth ſprach und ſich mit ihr verglich. Raſch ging ich nun zu Herrn Trolle, der mir weit mehr gab, als Otto brauchte. Der Oheim kam zurück und begrüßte mich mit einer tüchtigen Ohrfeige, weil ich ihn für Narren gehabt. Ich war bereits in Elsbeths Schule ſehr erfahren und entſchuldigte mich mit einigen Erdichtungen. Als je⸗ doch der Abend kam und kein Herr ſich einfand, wurde es noch ſchlimmer. Der Oheim fuhr in ſeiner Raſerei mit einer Eiſenelle auf mich los; ich flüchtete mich je⸗ doch und entkam zu Otto. Am folgenden Morgen fand er ſich bei dem Onkel ein, erneuerte ſeine Werbung, zeigte ſeinen Reichthum, und da Elsbeths Vater von ſeinem Ver⸗ ſprechen gegenüber dem Chriſtiansfelder ſprach, ſagte Otto nach meinem Rathe, daß wenn er nun wieder einen Korb bekäme, ſo werde er an dieſen heiligen Mann ſchreiben und ihm alles ſagen, was er wüßte, und noch mehr, von Elsbeths Geſchichte mit dem däniſchen Herrn,— der würde dem Oheim wohl einen Strich durch die Rechnung ma⸗ chen. Der Mann wurde bedenklich und Ottos Geld lag in klarem Gold auf dem Tiſche, Elsbeth ward herein ge⸗ rufen, ſie ſagte, ſie fühle ihren Tod, wenn ſie nicht des Vaters Einwilligung zur Verbindung mit Otto bekäme, und kurz, ſie wurden raſch verſprochen und der Oheim mußte dem Chriſtiansfelder ſchreiben und ſein Wort zu⸗ ne 4 174 rücknehmen. Ich glaube, er würde ſogar mich wieder zu Gnaden angenommen haben, aber ich ſagte Schöndank. Abends jedoch, als ich wußte, daß er ausgegangen war, ging ich zu Elsbeth, um Abſchied von ihr zu nehmen. Das arme Mädchen dankte und weinte, als ſie mir Lebe⸗ wohl ſagte.„Ach,“ rief ſie:„der däniſche Herr war gar zu hübſch und artig, er hat mich ganz bethört. Ich kann nicht gerade ſagen, daß er mich zu heirathen verſprach, aber ich glaube voch, es ſei ſeine Abſicht. Nun ſehe ich leider, daß ſeine Abſichten nicht redlich waren und daß der arme Otto, der nicht ſo hübſch und beredt, doch beſ⸗ ſer iſt.“— Ich packte nun mein Bischen Reichthum zu⸗ ſammen und nahm es mit mir. Elsbeth ſchenkte mir zwei ſeidne Taſchentücher und ein kleines goldnes Herz, das ich noch an meinem Uhrenbande trage; am nächſten Morgen reiſte ich nach Hamburg, wo ich ſogleich meinen guten Herrn traf. Die Geſchichte hatte nach meiner Mei⸗ nung doch ein recht gutes Ende genommen.“ „Nein,“ antwortete Werner:„dieſer Meinung kann ich nicht ſo ganz beitreten. Der arme Otto verlor doch eigentlich den beſten Theil ſeines Glückes, denn Elsbeth hatte Geſchmack an einer Liebenswuürdigkeit gefunden, die er nicht beſaß, und trotz ſeines guten Herzens liebte ſie ihn doch nicht mehr.“— „Ja, Gott bewahre, Herr Werner! Sie lebten ſo gut mit einander, daß die Engel im Himmel ſich darüber freuen mußten. Sie haben ſieben Kinder, die ihnen alle Freude machten. Sie ſind Alle verſorgt und es geht ihnen wohl. In dieſem Sommer noch, als ich mit mei⸗ nem Herrn in Holſteln und Hamburg war, beſuchte ich ſie und freute mich daruber, daß es ihnen ſo gut ging.“ ——ℳ—————— 175 Wenige Tage nach dieſem Geſpräche kam ein Bür⸗ gersmann, der mit dem Legationsrath zu ſprechen ver⸗ langte. Da dieſer nicht zu Hauſe war, führte ihn das Dienſtmädchen an Werners Thüre und klopfte daran, um Thomas zu rufen, der drinnen war. Ehe dieſer jedoch, der ſich in guter Ruhe geſetzt, aufgeſtanden und ſich der Thüre näherte, trat der Mann bereits in das Zimmer. Er war alt und corpulent und puſtete ſchwer nach dem anſtrengenden Gange. Werner verließ ſeine Staffelei und bot ihm einen Stuhl, den er mit großem Danke annahm. Als er ſich etwas erholt, bot er Thomas die Hand, und grüßte ihn als einen Bekannten und wandte ſich dann an Werner, indem er ſagte:„Wer iſt der gute, artige Herr, den ich hier zu ſehen die Ehre habe?“ Thomas ließ dem Maler keine Zeit zum Antworten und rief in ſeinem wohl⸗ gemeinten Eifer:„Das iſt Herr Werner, ein großer Maler und Künſtler; das koͤnnen Sie ſehen, wenn Sie die ſchönen Bilder betrachten, die er alle zuſammen ge⸗ malt hat.“—„Et, eil die ſeltenen Bilder 2 Ja, das iſt ja ſehr hübſch. Wohnen Sie hier beim Legationsrath?“— „Ja er war ſo gut, miv dieſe hübſche Wohnung zu über⸗ laſſen.“—„Ja,“ rief Thomas:„Herr Werner iſt wie ein Sohn vom Hauſe. Herr Trolle hält ſo große Stücke auf ihn, als wär er ſein eigen.“—„Nun,“ ſagte der Alte—„ſo freut es mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen; denn Herr Trolle iſt ein Mann, vor dem ich wirklich Reſpekt habe und dem ich den größten Dank ſchuldig bin, denn er hat gegen mich gehandelt, wie es ſelten geſchieht, daß ein Menſch gegen den andern handelt. Ich komme heute, um ihn wieder um etwas zu bitten. Meine Frau hat mich dazu veranlaßt. Sie meinte, er werde nicht Nein ſagen. Wir wollen ihn bitten, uns und unſerem älteſten Sohne die Ehre zu erweiſen, bei ſeinem erſten Kinde zu Gevatter zu ſtehen— das kleine Mädchen wird am Sonntag getauft. Meine Frau wird es ſelbſt uüber die Taufe halten— und ſie moͤchte gerne einen ſolchen 176 Gevattermann haben, wie Herr Trolle. Die andern Pathen ſind auch ſehr honette Leute; aber das verſteht ſich, beſſer iſt beſſer. Mein Sohn hätte eigentlich ſelbſt kommen ſollen, um den Herrn Legationsrath zu bitten; aber Sie kennen ja meinen Jörgen, guter Thomas, und wiſſen, wie er iſt. Er wollte nie, was er ſollte. Er hatte es immer zu gut und war der Augapfel ſei⸗ ner Mutter. Sehen Sie, das iſt das Unglück. Er war von klein auf dazu beſtimmt, den Spezereihandel zu lernen und mit der Zeit das Ganze zu beſorgen und mein Compagnon zu werden. Das war, ſcheint mir, nicht zu verachten; er aber wollte lieber alles andere werden, ja, Gott verzeih' mir's, ſogar Acteur bei der Comoͤdie! Zuleetzt verliebte er ſich in ſeine jetzige Frau und ſagte, wenn er ſie bekäme, wollte er mein Anerbieten mit Kußhand annehmen und dem Handel vorſtehen. Wir fügten uns in ſeinen Wunſch, obwohl das Mädchen arm war. Aber glauben Sie nun, daß er vergnügt war? Nein, es mochte etwa ein Jahr nach der Hochzeit ſein, da vertraute er ſeiner Mutter, welche ihn fragte, weßhalb er den Kopf hänge, er langweile ſich mit ſeiner jungen Frau, ſie ſei ſo einfältig. Er iſt nun acht Jahre verheirathet, ſeine Frau hatte ihm keine Kinder geboren; als ſie jetzt aber das kleine Kind bekam, ſagte meine Frau zu ihm: „Na, Jörgen, nun denk' ich, daß Du vergnügt ſein wirſt?“— Nun was antwortete er:„Nein, nichts we⸗ niger! denn wenn es früher wenigſtens nicht eckelhaft und unordentlich war, ſo iſt es jetzt der Fall!“— So iſt er! Der Herr im Himmel könnte den Menſchen nicht vergnügt machen. Sie wohnen da im Hauſe bei uns und nun möchten wir Alten ihm eine hübſche Taufe machen, deß⸗ halb wollte meine Frau, daß er den Legationsrath bitte, zu Gevatter zu ſtehen. Aber Gott bewahre! das wollte er durchaus nicht.„Weßhalb,“ ſagte er,„ſollte man dem fremden Herrn eine Unannehmllchkeit bereiten?⸗— Thomas, der mit großem Intereſſe der Erzählung 8 177 zugehört, ließ ſich nun mit dem Redenden in ein weiteres Geſpräch über ſeine häuslichen Angelegenheiten ein und der alte Mann ſchien Gefallen daran zu ſinden, ſich über dieſen Gegenſtand zu verbreiten. Als Thomas äußerte: die erwähnte Schwiegertochter ſel eine hübſche, kleine Frau, ſagte der Alte:„Ja wohl, das iſt ſie, und es iſt nichts Böſes an ihr: aber etwas nachläſſig iſt die Arme, und der Herr hat ihr kein ſo großes Pfund anvertraut, wie meiner Frau; denn das iſt gewiß und wahr, daß der Kopf, der auf ihr ſitzt, unvergleichlich groß iſt. Ja, ich kann davon reden, daß ich eine Hülfe an ihr habe; denn nächſt Gott und dem guten Herrn Trolle, dem ich nicht erkennt⸗ lich genug ſein kann, hab' ich ihr mein Fortkommen zu verdanken. Sie wiſſen da am beſten Beſcheid, mein lieber Thomas!“—„Ja, ja!“ antwortete Thomas mit einem halb politiſchen, halb verlegenen Geſichte. Der Mann fuhr fort:„Das iſt eine Geſchichte, an die ich nur mit Vergnügen denken kann, und ich muß ſie auch dem jungen Herrn erzählen, damit er weiß, wie gut ſich ſein alter Goͤnner gegen mich und die Meinen benommen hat.“ „Sehen Sie! Als ich mich mit meiner Frau verhei⸗ rathen wollte, lebte noch meine ſelige Schwiegermutter und beſaß ein Geſchäft, dem der älteſte Sohn vorſtand. Ich ſprach nun mit ihr und ſagte, daß ich ein gemachter Mann würde, wenn ich dieß und das unternehmen und mich in einen Hauskauf einlaſſen dürfte, der mir ange⸗ boten worden. Es war eine vernünftige Frau, die Selige, 178 es holen.“ Na, wie vergnügt war ich da! Ich machte meine Beſtellungen, ließ mich mit Auswärtigen in Handel ein, kaufte das Haus und verheirathete mich. Aber was geſchieht! Meine Schwiegermutter ſtirbt im April, und als meine Frau mit den beiden Brüdern thei⸗ len will, iſt, gegen alles Erwarten, nicht ſo viel da, daß ſie auf ihren Theil die Summe bekömmt, die die ſelige Frau mir zu leihen verſprochen. Es fehlten leider drei tauſend Thaler. Was war zu machen? Ich mußte die Summe beiſchaffen, ſonſt war ich unglücklich. Ich lief von Herodes zu Pilatus und doch konnte ich nicht mehr als eintauſend auftreiben, natürlich zu ſchändlichen Zinſen. Ich war wie ein verirrtes Schaf und mürriſch dazu, das kann ich nicht längnen. Da kommt eines Tags ein guter Freund und ſagt zu mir:„Ei was, mein guter Baum, Ihr lauft da überall herum und ſucht Geld auf⸗ zutreiben. Das findet ſich. Aber Ihr ſolltet lieber zu Hauſe bleiben, denn ich kann Euch ſagen, daß wenn Ihr fort ſeid, ſo hat ſie Beſuch von einem galanten Cava⸗ liere.“— Hu! wie mir wurde, kann ich nicht ſagen— aber ich mein's noch zu ſpüren!— Viele Tage verließ ich mein Haus nicht mehr, ſondern blieb im Laden und ſah nach, ſo oft Jemand durch die Straßenthüre herein⸗ kam und dle Treppe hinaufging. Ja, Gott bewahre Je⸗ dermann vor einer ſolchen Eiferſucht! Das iſt eine Sa⸗ tansplage!— Es kam indeſſen keine Mutterſeele. Ich richtete deßhalb die Sache feiner ein. Ich ging nämlich eines Abends aus und ſagte zu meiner Frau, ich komme nicht vor Schlag Zehn nach Hauſe; aber was that ich? ich kam ſchon nach einer Stunde wieder zurück und ſchlich mich leiſe die Treppe hinauf und riß plötzlich die Wohn⸗ ſtube auf. Und was ſehe ich!— Ja, ich glaubte, daß mich der Schlag treffe! Ein fremder Cavalier, den lch früher nie geſehen, ſitzt ganz nahe bei meiner Frau! Cs erhebt ſich, verbeugt ſich und ſtammelt etwas hervor, war ich nicht verſtand; aber meine Frau koͤmmt hin zu mir 179 und ſagt:„Freue Dich, lieber Mann! ich ſah, wie Du umherliefſt und Dich grämteſt wegen unſerer Geldverlegen⸗ heit, und deßhalb wagte ich es auf meine eigene Hand, mich an dieſen Herrn zu wenden, der ſo gut iſt, uns zu leihen, was wir brauchen, natürlich gegen Sicherheit und die geſetzlichen Intereſſen.“ Nun koͤnnen Sie ſich ſelbſt denken, wie aus meinem Kummer die höchſte Freude wurde. Der gute Herr Trolle— denn er war es, wie Sie viel⸗ leicht ſchon geahnt,— er bat mich an einem beſtimmten Tage zu ihm zu kommen, und da lieh er mir das Geld und ließ mir obendrein die Renten für die erſten zehn Jahre nach. Und es war ein großer Segen in dem Gelde; denn es iſt mir, Gott ſei Dank, nach Wunſche würde unſere Hülfe in unſerem Kummer ſein; und er grüßte ſie, und ſie ihn wieder, und dann ging er in den Laden und fie ging auch hinab, und als ſie hineinkömmt, ſpricht ein Bekannter mit dem fremden Herrn, und ſie fragt ihn, wer dieſer ſei; da ſagte er ihr, es ſei der reiche Trolle, ein Sohn des reichen ſeligen Trolle in Chriſtians⸗ havn. Da kam ihr in den Sinn, zu fragen, was er be⸗ fehle, und mit ihm zu plaudern, worauf er uns zu helfen verſprach. Seht, ſo ging die Sache. Was mir indeſſen manch⸗ 180 mal leld gethan, iſt, daß wir Herrn Trolle nie in unſerem Hauſe geſehen, außer einmal, da ſtand er bei unſerem Sohn zu Gevatter, und nun möchten wir doch gerne nach Verlauf ſo mancher Jahre noch einmal die Freude haben, und da eine ſo gute Gelegenheit da iſt, ſo komme ich nun und bitte ihn, dem kleinen Kinde und uns die Ehre zu geben.“ Thomas ſagte, ſein Herr komme bald nach Hauſe, und der ehrliche Baum blieb deßhalb ſitzen und ließ ſich mit Werner in ein Geſpräch ein, der ſeine Arbeit wieder aufgenommen. Als Trolle kam, nahm er den alten Bekannten mit großer Artigkeit auf, bot ihm von ſeinem beſten Wein an, klingte und trank das Wohl des Neugeborenen und dankte für die Elnladung. Doch entſchuldigte er ſich, daß er nicht ſelbſt kommen koͤnne, bat aber, ihn als Pathen in das Kirchenbuch einzuſchreiben und ſeiner Pathin ein Geſchenk ſchicken zu dürfen. Baum war damit zwar nicht zufrieden, ſagte jedoch ſpäter:„Ja, wenn es denn nicht anders ſein kann, ſo machen Sie uns das Vergnügen, uns den Herrn Werner an Ihrer Statt zu ſchicken. Ich habe jetzt mit ihm Bekanntſchaft gemacht, und das iſt ein vortrefflicher junger Mann.“ Werner willigte in dieſen„ Vorſchlag ein und Baum ging in beſter Laune nach Hauſe. Thomas zupfte Werner am Rocke und flüſterte:„Sie dür⸗ fen mit dem Herrn nicht von den Geſchichten des Alten reden. Herr Gott! Sie werden doch begreifen, wie das Alles zuſammenhängt.“ Werner, welcher das Ganze in aller Naivetät ange⸗ hört, wurde von der letzten Bemerkung ſehr überraſcht, 181 Daß dieſe Grund habe, davon überzeugte er ſich in⸗ deſſen, als er am nächſten Sonntag zu Gevatter ſtand und den erwähnten Jörgen Baum ſah; denn die außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit dieſes Mannes mit Trolle war auf⸗ fallend für den jungen Maler, der in dieſer Aehnlichkeit überdieß Stoff zu mancherlei phyſiognomiſchen Betrach⸗ tungen fand. In Trolles charakteriſtiſcher und intereſſanter Phyſiognomie war eine eigenthümliche Miſchung von Melan⸗ cholie und Tiefſinnigkeit mit einem ſanguiniſchen, und man kann wohl hiuzuſetzen,— leichtſinnigen Ausdrucke. Ein ironiſches Lächeln ſpielte dabei oft um ſeinen Mund. Bei dem armen Jörgen dagegen war dieß Alles, wie parodirt. Das Melancholiſche und Tiefſinnige war bei ihm düſter und verdrießlich, das Sangunniſche ſchläfrig, und das Iro⸗ niſche ärgerlich. Die kleine Familienfeierlichkeit, die zu Chren ſeines eigenen Kindes veranſtaltet war, ſchien ihn durchaus nicht zu intereſſiren. Seine Frau war hübſch, ſoweit man dieß mit einem ziemlich dummen Geſichte ſein kann. Joͤrgens Mutter, Madame Baum, hatte eine kluge und liſtige Phyſtognomie. Sie fragte lebhaft nach Trolles Beſinden und war ſichtlich verletzt, daß er nicht ſelbſt kam. Sie hatte mehre jüngere Kinder als Joͤrgen. Zwei verheirathete Töchter waren mit ihren Familien anweſend und das jüngſte Kind, ein Mäͤdchen von neunzehn Jahren, welches gleichfalls zu Gevatter ſtand, war ſehr hübſch. Eine gewiſſe Langweile ſchien über dem ganzen Kreiſe zu liegen und der alte Baum war der Einzige, der vergnügt erſchien und mit Wohlwollen den fremden Gaſt empfing, der wirklich ſich fremd in Mitten dieſer Familie fühlte. Als Werner nach Hauſe ging, ſagte er bei ſich ſelbſt: „Ich glaube wirklich, daß ich durch meines guten, lieben Trolles näherer Bekanntſchaft in gewiſſer Weiſe in eine gute Schule gekommen bin, denn ich muß geſtehen, daß ich, wie die Meiſten meinesgleichen, oft mit Leichtſinn dieſe verbotenen Liebesgeſchichten betrachtete und immer meinte, dieſe Art Verbindungen nehmen ein ſanftes Ende, 182 ohne einen Grabgeſang zu verdienen. Aber ich beginne nun zu glauben, daß ſelten oder nie ein ſolches Verhält⸗ niß aufgelöſt wird, ohne daß die eine oder die andere der beſten Freuden des Lebens für die Zeit und vielleicht auch für die Ewigkeit verloren geht. Ich bin recht verſtimmt durch den Anblick dieſer Familie. Dieſer ordentliche alte Mann, der in ſeiner einfältigen Treuherzigkeit Herrn Trolle als ſeinen Wohlthäter ſegnet, ehrt ſeine Frau als ſeine treue Stütze, wie er ſie nennt— dieſer Joͤrgen, der in ſeiner angeborenen Natur ein Element fühlt, das mit der Umgebung ſtreitet, in die ihn das Schickſal geſetzt,— all das ſchmerzt mich. Es iſt, als ob es mein Gemüth drückte; denn ich liebe und ehre Trolle trotz alles Un⸗ rechts, das er begangen haben mag. Etwas unverkennbar Edles leuchtet doch aus ſeinem ganzen Weſen, und gegen mich iſt er nur all zu gut; denn es kommt mir beinahe vor, als ob ich einen Platz in ſeinem Haus und ſeinem Herzen uſurpirt hätte, als ob Jörgen Baum und Gott weiß wer, ein groͤßeres Anrecht darauf hätte.“— Als Trolle am nächſten Tag zu Frau Derby kam, bemerkte er ſchon vor der Thüre des Zimmers, daß mehre laute Stimmen ſich drinnen hören ließen, die in einem heftigen Wortſtreit begriffen ſchienen, und als Eliſe wie gewöhnlich die Thüre öffnete, ſah er, daß ſie ganz verweint war. Mörk war anweſend und er, wie die beiden ältern Damen ſchienen bei Trolles Eintreten in Verlegenheit zu gerathen. Da er unentſchloſſen war, ob er bleiben oder gehen ſollte und einige Entſchuldigungen hervorſtammelte, ſagte Frau Derby:„Ach lieber Herr Legationsrath! Sie ſind ſehr willkommen; es iſt gut, daß wir in dem abge⸗ ſchmackten Streit über Kindereien unterbrochen werden.“— „Kindereien!“ wiederholte Eliſe mit leiſer Stimme, durch welche eine gewiſſe Erbitterung klang.„Ja, Kindereien!“ antwortete die Frau:„und Du mußt Dich ſchämen, Du, die an Allem ſchuld iſt, daß Du obendrein über einen un⸗ ſchuldigen Scherz böſe werden willſt. Eliſe ging in eine dð 183 Ecke, um ihre Thränen zu verbergen. Madame Berg ſagte:„Es iſt aber ein Scherz, wegen deſſen das arme Mäd⸗ chen geſtern und heute geweint hat.“—„Und ich,“ ſagte Trolle,„würde den Scherz nicht unſchuldig nennen, der unſerer lieben, liebenswürdigen, kleinen Eliſe ſo viele Thrä⸗ nen koſtet.“ Er ging zu ihr, nahm freundlich ihre Hand, führte ſie an den Tiſch, ſetzte einen Stuhl für ſie neben ihre Großmutter, nahm ſelbſt Platz auf der andern Seite und ſagte dann:„Sprechen Sie, kleine gute Eliſe! Er⸗ zählen Sie Ihrem alten Freunde, was geſchehen. Nehmen Sie mich zu Ihrem Retter, bis ſich ein würdigerer ein⸗ ſtellt.’— Moͤrk, der in großer Aufregung dageſeſſen und ſich mit einem erzwungenen höhniſchen Läͤcheln in ſeinem Stuhle gewiegt hatte, ſagte nun:„Solche veraltete Ga⸗ lanterieen wird ſich Eliſe, denke ich, verbitten; denn, hier iſt in der That keine Frage von Rittern und kein Bedürf⸗ niß der Vertheidigung.“—„Doch!“ rief Eliſe heftig: ges iſt dieß wirklich der Fall und ich will dem guten Herrn Trolle Alles erzählen. Geſtern Abend ſaß ich, wie ge⸗ wöhnlich am Fenſter und arbeitete und“... Möoͤrk un⸗ terbrach ſie:„und ſah auf die Straße und grüßte einen gewiſſen Vorübergehenden und folgte ihm mit den Augen. Das ſah ich, da ich gerade kam.“ Mit unterdrückten Thrä⸗ nen antwortete Eliſe:„Ich weiß nicht, was Sie meinen und kann nicht dafür ſtehen, auf was oder wen meine Augen gefallen waren; das gehört auch gar nicht hieher.“— „Das gehoͤrt zur Sache, denn dadurch waren Sie zerſtreut, daß Sie die Thüre zum Gange zu ſchließen vergaßen.“— Madame Berg ſagte ernſt:„Aber Sie vergeſſen in dieſem Augenblicke, daß nicht Sie es ſind, ſondern Eliſe, welche em Herrn Legationsrath von ihrem Kummer erzählen ſollte.“ Möͤrk fühlte ſich gekränkt und wollte noch eine Bemerkung über den Grund der Zerſtreutheit Eliſens machen; Madame Berg ließ ihn jedoch nicht zum Worte kommen, ſondern ſich an Trolle wendend, ſagte ſie:„Um Ihnen die Sache kurz mitzutheilen: Meine Tochter und 184 ich gingen aus, Eliſe vergaß vie Entréethüre hinter uns zu ſchließen und ging in mein Zimmer, wo ſie ſich ſetzte und las. Als wir kaum eine Stunde ſpäter nach Hauſe kamen, fanden wir die Thüre offen und vermißten eine Uhr, welche drinnen an der Wand hing. Da meine Toch⸗ ter einen großen Werth auf dieſe Uhr legt, wurde ſie ſehr ungehalten und weinte beinahe die ganze Nacht. Das kann ich beweiſen, da ſie in demſelben Zimmer, wie ich, wohnt, und da das arme Mädchen nicht aufhörte zu weinen, und ich nicht gleichgültig ſein konnte, ſie ſo betrübt zu wiſſen, ſo habe ich auch eine ſchlafloſe Nacht zugebracht, was ich dem Anſtifter dieſes kleinen mo⸗ raliſchen Experimentes zu näherem Bedenken mitzutheilen nicht unterlaſſen kann; denn kurz und gut, ungefähr vor einer Stunde kam Herr Möͤrk und brachte die Uhr, die er von der Wand genommen, um durch dieſen Scherz Eliſen zu lehren, welche Frucht man erntet, wenn man die Thüre offen ſtehen läßt.“ Um Trolle's Mund ſpielte das früher erwähnte ironiſche Lächeln. Mörk ſagte:„Da eine ſolche Frucht wirklich ſehr leicht dadurch geerntet werden kann und Nachlaͤſſigkeit und Unordnung im Ganzen keine guten Früchte tragen, ſo glaube ich Fräulein Eliſe einen Dienſt gethan zu haben, indem ich ihr dies zeigte, ohne daß ſie in Wirklichkeit den Schaden davon gehabt, den ſie hätte haben koͤnnen.“—„Der Schaden, vierundzwanzig Stun⸗ den ſo betrübt geweſen zu ſein, wie ich es war, iſt wirk⸗ lich genug,“ rief Eliſe.—„Das iſt gewiß,“ ſagte Trolle,„daß Herr Moͤrk den meiſten Schaden von dieſem Scherze hatte, da er, wie es ſcheint, ſich in Fräulein Eliſens Gunſt ſehr geſchadet hat, und einen Verluſt dieſer Art zu verſchmerzen, würde ich weit mehr als vierund⸗ zwanzig Stunden brauchen, ſo daß Herr Mörk nach dieſer Berechnung doch immer der bleibt, der am meiſten verloren.“—„Gott bewahre!“ rief Frau Derby:„ich würde ſehr boͤſe auf meine Tochter werden, wenn ſie im —— 185 Ernſte einem Freunde grollen köͤnnte, der ihr eine Wahr⸗ heit ſagt, wenn ſie auch unangenehm iſt. Der, der uns dadurch beſſert, daß er uns auf unſere Fehler aufmerkſam macht, iſt unſer wahrer Wohlthäter, und ich als Eliſens Mutter danke Herrn Mörk für die Lehre, die er ihr ſo ohne Vorwürfe gegeben; denn Unordnung iſt ein weſent⸗ licher Fehler bei einem Mädchen.“—„Aber,“ ſagte die Großmutter,„der Unordnung kann man gewiß unſere Eliſe nicht beſchuldigen, und der Fehler, ein einzig Mal das Thurenſchließen zu vergeſſen, iſt doch gewiß kein ſo großes Vergehen, daß es eine Strafe verdient, die ſo viele Thränen koſtet.„Jedenfalls,“ rief Eliſe,„hat Herr Mörk nicht das Recht, mich zu ſtrafen.“—„Ich habe nicht daran gedacht, Sie zu ſtrafen, Fräulein Derby! Ich ſetzte mich all den Unannehmlichkeiten, die ich jetzt ertragen muß, aus Intereſſe für Sie und für das aus, was das Weſentliche für Sie, wie für Jeden iſt. Wären Sie mir nicht lieb und theuer, ſo kümmerte ich mich nicht um Ihre Handlungen; aber ſo liegt mir jede kleine Unvollkommenheit am Herzen, und ich wollte Sie auf einen Fehler aufmerkſam machen, und das auf eine unverletzende und feine Art thun.“— Mit derſelben Miene, wie früher, ſagte Trolle:„Wenigſtens war die Art, wenn auch nicht die allerfeinſte, ſo doch die originellſte, die ich mir denken kann, um einer jungen Dame, der man die Cour machen will, ſeine Zuneigung zu beweiſen.“— „Ja!“ rief Moͤrk,„ich zweifle nicht daran, daß der Herr Legationsrath ganz andere Mittel anwenden würde, um angenehm zu erſcheinen.“—„Allerdings, damit ſchmeichle ich mir wirklich.“ „Ddiieſe Unterredung, bei der jeder der Betheiligten eine innere, lange genährte Bitterkeit durchſcheinen ließ, die eigentlich nur auf Gelegenheit gewartet, ſich Luft zu machen, nahm eine noch unangenehmere Wendung, als Frau Derby mit ſchwerer Artillerie dem alten Waffen⸗ bruder zu Hilfe kam und in einer Rede von dem wahren 186 Ziel aller Liebe und Freundſchaft, einander zu beſſern und das Gute zu fördern, Mörk's reine Tugend, ſeine bei einem jungen Manne ſeltene Unſträflichkeit erhob und äußerte, daß er es ſel, dem eine Mutter mit Ruhe das Schickſal ihrer Tochter in die Hände geben koͤnne, wobei„ ſie ſehr deutlich merken ließ, daß ſie ihn ſo gut als ſicher, für Eliſens Verlobtem anſehe. Moͤrk küßte ihre Hand mit einem Ausdruck von Eatzücken. Madame Berg und Trolle ſchwiegen verlegen. Eliſe aber ſah aus, als ob ſin Vampyr ſich um ſie geſchlungen und ihr Blut aus⸗— augte. Trolle war unheimlich zu Muthe; er ging bald. Vor dem Vorzimmer war, wie geſagt, eine kleine Entrée. Als Eliſe ihn hinausbegleitete, um die ominöſe äußerſte Thüre hinter ihm zu ſchließen, wollte er ihr ein paar theilnehmende Worte ſagen; aber er hatte kaum begonnen, als das arme Mädchen in Thränen ausbrach und leiſe ſagte:„Ach, ich bin ſo unglücklich!“—„Nein, liebes Kind!“ rief Trolle und ergriff ihre Hand:„Faſſen Sie Muth! Sie haben Freunde, die über Ihnen wachen! Ich ſoll Sie von einem grüßen, deſſen Gedanken ſtets hei Ihnen ſind, obwohl er ſich hier nicht zeigen darf. Aber er wird bald wieder hier erſcheinen! Glauben Sie mir! Ich habe einen Plan. Alles wird gut werden!“— Eliſens junges Herz ergriff den Troſt und die Hoffnung ebenſo raſch, als die Furcht. Mit freudeſtrahlenden Au⸗ gen und einem ſeligen Lächeln um die Lippen, waͤhrend die Thränen noch über ihre Wangen rollten, beugte ſie ſich über Trolle's Hand, als wollte ſie ſie küſſen; aber der alte Freund machte eine raſche Bewegung, als wollte er auf die Knie fallen, ſchlang jedoch ſeinen Arm um ſie und drückte einen Kuß auf ihre thränenvolle Wange, 8 worauf er ſich mit dem leichten Schritt eines Jünglings entfernte. Als er Werner unter vier Augen die ganze Szene erzählte, fühlte der junge Mann ſich mehr als je 187 von ſeiner Liebe durchdrungen, und Trolle's Theilnahme war ſo warm, ſo jugendlich, daß Werner mit einem Manne von gleichem Alter zu ſprechen glaubte; und dleſelbe Hoffnung, welche Trolle Eliſen jüngſt eingefloßt, dieſelbe Vertröſtung auf einen noch nicht vollkommen durchdachten, aber heilbringenden Plan ergriff mit ſym⸗ pathetiſcher Macht auch das Herz ihres Geliebten. Trolle's Zutritt in Frau Derby's Haus war eine Quelle des Troſtes für Werner; denn jeden zweiten, dritten Tag erhielt er durch Trolle Nachrichten von ſeiner Eliſe, und ohne daß dieſe directe Botſchaften zwiſchen den Liebenden hin⸗ und hertrug, wurde doch indirect ein und das andere Wort zwiſchen Dieſen gewechſelt, denn Eliſe verſäumte nie, Herrn Trolle durch die Entrée zu be⸗ gleiten, und dieſer außerordentlich kurze Weg war lang genug für ein paar verblümte, aber doch vollkommen verſtändliche Worte. Außer dem Glücke, das eine ſolche Mittheilung für die getrennten Liebenden enthielt, lag doch eine große Beruhigung für Werner darin, zu wiſſen, daß Jemand über ſeiner Eliſe wachte und ihr eine männ⸗ liche Stütze war, und als eine ſolche wurde Trolle auch von dem jungen Mädchen betrachtet. Es iſt natürlich, daß auf dieſe Weiſe zwiſchen Werner und ſeinem alten Freunde ein neues Band geknüpft wurde, eine innigere Vertraulichkeit entſtand; und unmerklich nahm ihr Ver⸗ hältniß den natürlichen Charakter eines Vaters und Sohnes an, ſo daß Trolle, ohne es ſelbſt zu wiſſen, dazu gekommen war, den jungen Mann Sohn und Du zu nennen, Werner ihn meiſt Vater Trolle hieß, und man kann hinzufügen, daß ſie einander mehr liebten, als ſie ſelbſt wußten, da Jeder ſeinerſeits mit anderen Inte⸗ reſſen beſchäftigt war. Was Trolle betraf, ſo war es gewiß, daß das Schick⸗ ſal der jungen Liebenden ihm ſo ernſtlich am Herzen lag, daß man wohl ſagen konnte, ein doppelter Magnet ziehe ihn nach Frau Derby's Haus: die Tochter dieſer Dame 188 und die Mutter. Das Sonderbare, ja beinahe Lächerliche in ſeiner Schwärmerei, für die Letztere muß ihm dunkel vor⸗ geſchwebt haben; denn ſeit jenem erſten Geſpräch über dieſe Materie hatte er wie Werner, nie anders von ſeinen Gefühlen für dieſe Frau geſprochen, als mit einer gewiſſen Zurückhal⸗ tung, die als ein Ausdruck der Freundſchaft und Anerkennung ihrer Vorzüge angeſehen werden konnte. Nur zu ſich ſelbſt ſagte er, daß unter ſeinen vielen Geliebten ſich keine mehr ſeinem Ideale genähert, als dieſe alte Dame; auch hatte er ſich in früheren Verhältniſſen dieſer Art nie ehrerbietiger und zurückhaltender benommen, wobei freilich auf der andern Seite ebenſo wahr war, daß ſich in dem gan⸗ zen Weſen dieſer Frau eine ſo anſpruchsloſe, weibliche Würde, ein ſo milder Ernſt lag, daß ſich nicht der ge⸗ ringſte Faden zeigte, an welchen man eine Aeußerung von Gefühlen hätte anknüpfen können, die nicht für ihr Alter paßten. Jene Szene, welche ihn Eliſen näher ge⸗ bracht, hatte ihn indeſſen auch ihrer Großmutter näher gerückt, da hier deutlich ein Punkt zum Vorſchein kam, wo ſie ein gemeinſchaftliches Intereſſe verband. Schon am nächſten Vormittag ſuchte er ſie auf, und fand ſte in ihrem Zimmer allein. Hier ſprach er ohne Rückhalt von den jungen Liebenden und legte ihr den Plan vor, den er zu ihrem Beſten entworfen hatte. Mit Wärme er⸗ griff Madame Berg dieſe Ausſicht auf das Glück ihrer geliebten Eliſe; gerührt und freudig dankte ſie dem ent⸗ zückten Freunde, deſſen Hand ſie ergriff und mit der ihren drückte und in einer langen, für beide Theile ſehr ange⸗ nehmen Unterhaltung, beſprach man nun bis auf das kleinſte Detail, wie man am beſten ſein Vorhaben aus⸗ führen könnte. Das Schwierige war, einige Stunden zu ruhiger Berathung ausfindig zu machen, während welcher man ſicher ſein konnte, nicht von Mörk überraſcht zu werden; denn dieſer Menſch, dem es nicht an freien Stun⸗ den mangelte, kam mehre Male des Tages zu Frau Der⸗ by; und wenn man ihn am wenigſten erwartete, ſah man 189 ihn, wo man auch war. So hatte Trolle mehre Male im Verlaufe des Winters die Damen eingeladen, das Theater mit ihm zu beſuchen. Sie hatten gewöhnlich Sperrſitze. Aus Beſcheidenheit hielt ſich Werner in ge⸗ bührender Entfernung, obwohl er dieſe Gelegenheit nie verſänmt hatte, Eliſen mehre Stunden lang zu ſehen und dann und wann einen verſtohlenen Gruß von ihr zu er⸗ haſchen. Moͤrk dagegen, der ſich immer ſehr über dieſen Theaterbeſuch mit Trolle ärgerte, hatte jedesmal, wenn es irgendwie thunlich war, ſich ein Billet zu verſchaffen gewußt und ſich einen Platz ſo nahe bei Eliſen als irgend möglich, gekauft, wobei er nun für all' ſeine Mühe den bittern Lohn genoß, den Unmuth zu ſehen, mit welchem ſie ſeine Nähe vermerkten, und die ausdrucksvollen Blicke, welche ſie und Werner einander ſandten, etwas, was ſei⸗ nen eiferſüchtigen Augen nie entging. Der Winter war vorüber und das Frühjahr ge⸗ kommen. Eines Abends, als Werner bereits in ſein Schlaf⸗ zimmer gegangen war, pochte Trolle an ſeiner Thuͤre und trat mit vergnügtem Geſichte ein. Nach höflichen Ent⸗ ſchuldigungen wegen ſeines ſpäten Beſuches, ſagte er: „Ich wünſchte, Du legteſt Dich heitern Sinnes zu Bette und deßhalb wollte ich Dir ſogleich eine Einladung auf morgen bringen, die ich fur willkommen halte. Du biſt nehmlich mit mir eingeladen, den Abend bei Frau Derby zuzubringen. Es iſt Madame Bergs Geburtstag und dieſe liebenswürdige Frau verlangte ausdrücklich an dem erſten Abende ihres neuen Jahres mit der Gegenwart ihres lieben Vetters erfreut zu werden.„„Wer weiß,““ ſagte ſie,„„ob ich unter Euch ſitze, wenn dieſer Tag wieder⸗ koͤmmt? Laßt mich deßhalb diesmal die um mich ſehen, die mir am theuerſten ſind, und unter der Bedingung werde ich mich auch darein finden, daß Mörk eingeladen wird.““ Ich kam auf den Einfall, der Familie vorzuſchlagen, den guten Tag morgen damit zu beginnen, daß wir hinaus⸗ fahren und die neubeginnende ſchoͤne Jahreszeit im hell⸗ 190 grünen Walde begrüßen und an dem einen oder andern ſchoͤnen Orte zu Mittag ſpeiſen; ich fügte noch hinzu: da ſie ſo gütig ſeien, ihren Verwandten, meinen Pflege⸗ ſohn einzuladen, wofür ich ihnen danke, ſo bitte ich ſie auch um Erlaubniß, ihn an der kleinen Tour theilnehmen zu laſſen, welche ich veranſtalten wollte. Madame Berg nahm ſogleich das Wort und ſagte, es würde ihr Ver⸗ gnügen in hohem Grade vermehren und auch Frau Derby gab nach, obwohl mit gezwungener Miene.“ Mit Freuden umarmte Werner den alten Freund und dankte ihm, indem er hinzufügte:„Aber nun läßt Frau Derby gewiß den aufdringlichen Mörk die Sache wiſſen und dann haben wir ihn, wie gewöhnlich, auf dem Halſe.“—„Ja, das war freilich ihre Abſicht, denn ſie wollte wiſſen, wohin die Reiſe gehen ſollte. Aber ich merkte den Unrath und ſchlug vor, nach Frederiksborg zu fahren, im Schloßgarten und Söndermark ſpazieren zu gehen und ſpäter auf der Schießbahn zu Mittag zu eſſen. Doch habe ich bereits überlegt, wie man Mörk zum Narren haben kann.“ Am folgenden Tage zu beſtimmter Zeit, kam Trolle mit einem Wienerwagen und holte die Damen ab, dle alle in der beſten Laune zu ſein ſchienen. Ehe ſie in den Wagen ſtiegen, hoͤrte Trolle Frau Derby ihrem Mäd⸗ chen befehlen, wenn Herr Moͤrk käme, ihm einen genauen Beſcheid von der bevorſtehenden Tour zu ſagen. Trolle ſchwieg und that, als ob er nichts gehoͤrt hätte; aber kaum war man zum Weſterthor hinaus, als er ohne wei⸗ teres dem Kutſcher befahl, auf dem Farigmagswege nach Ordrup zu fahren.„Vergeben Sie, meine Damen! daß ich unſre Beſtimmung verändere; aber das Wetter iſt wirklich zu ſchön, um einen Beſuch des guten Thiergartens zu verſäumen. Dieſer kleine Fleck iſt in meinen und vie⸗ ler andern weit gereiſten Leute Augen einer den ſchönſten in der weiten Welt und eine Perle unſeres Landes. Wenn Sie nicht dagegen ſind, ſo wollen wir unſere Mahlzeit 191 im Wirthshaus in Ordrup, in einer der Lauben des freundlichen kleinen Gartens nehmen.“— Frau Derbys Bedenklichkeiten wurden von dem Beifall der Großmutter und Eliſens übertäubt und der Wagen rollte raſch nach der bezeichneten Stelle, wo man ausſtieg und ſich ſogleich auf den Spaziergang nach dem Walde begab. Bei der Quelle in Ordrups Moor ſaß Werner, wie verabredet war. Beim Annähern der Geſellſchaft erhob er ſich und grüßte ſie. Eliſens Herz klopfte, als ſie ihn ſah. Trolle grüßte ihn wieder mit einem freundlichen Händedruck und ſagte, indem er ſich an die älteren Damen wandte:„Ich brauche Ihnen nicht Ihren eigenen Verwandten vorzuſtellen; aber ich ſtelle Ihnen hiemit meinen Pflegeſohn und liebſten Freund vor und danke Ihnen noch einmal für den ange⸗ nehmen Tag, den Sie mir und ihm bereitet.“ Madame Berg grüßte freundlich ihren jungen Verwandten, der mit herzlichen Gluͤckwünſchen ihre Hand küßte. Frau Derby ſchwieg. Trolle bot ihr und der Mutter den Arm und eilte die Hohe mit ihnen hinab. Die Frau ſah zurücck und bemerkte mit ängſtlicher Miene ihre Tochter an Werner's Seite; aber Trolle ſagte:„Liebe Frau! laſſen Sie uns den Jungen vorauswandern. Es trifft ſich recht glücklich, daß wir Drei allein bei einander ſein können, denn ich wünſchte mit Ihnen und Ihrer Mutter über eine Sache zu ſprechen, die uns Allen wichtig iſt.“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr er fort:„Es iſt nicht nöthig, zu ſagen, was Sie ſicher wiſſen, daß Werner Ihre Tochter liebt. Es ſcheint mir auch am Tage zu liegen, daß er ihr nicht gleichgültig iſt. Ich hoffe, daß Sie mich nicht als einen Fremden betrachten, nicht an meiner Ergebenhelt für Sie und Ihr Haus zweifeln, und deßhalb wage ich zu fragen:„Können Sie elwas dagegen haben, daß dieſer brave, talentvolle, junge Mann Ihr Schwiegerſohn wird 2—„Ja, Herr Legationsrath!“ antwortete die Frau mit errothenden Wangen,„ich würde viel dagegen haben, Ohne mich in dieſem Angenblick auf 192 alle Einwendungen einzulaſſen, die ich mit Recht gegen eine ſolche Verbindung anführen könnte, will ich nur eine nennen: Er kann meine Tochter nicht ernähren, ſie nicht vor Nahrungsſorgen ſichern... Ich bitte Sie, mich nicht zu unterbrechen! laſſen Sie mich erſt ausreden. Ich weiß zum Voraus, was Sie ſagen wollen, ich habe nicht ganz vergeſſen, was meine Mutter mir täglich vorhält; aber meine Mutter weiß nicht, was es heißt, für das Tägliche zu ſorgen, und Sie, Herr Trolle, ſind ein reicher Mann und wiſſen es noch weniger. Aber ich weiß es! Als es mit meinem Manne zurückging, als er ein Lazarus war und ich mit ihm und füͤr ihn leiden mußte, da weiß ich, was ich ausſtand; ich veränderte mich in meinem Ausſehen ſo ſehr, daß ich mich ſelbſt nicht wieder erkannte, das kann die Mutter beweiſen; und deßhalb wird mir kein Menſch abdiſputiren, daß Krankheit und Nahrungs⸗ ſorgen das groͤßte Unglück ſind, das es in der Welt gibt, ja beinahe das Einzige; denn alles Uebrige iſt im Grunde nur Einbildung.“ „Ach, liebe Frau, Gott verzeihe Ihnen eine ſolche Rede,“ rief Trolle mit einem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Madame Berg ſagte gleichfalls ſeufzend:„Mein Gott, liebe Trine! Rechneſt Du den Tod unſerer Lieben, ihre Sorgen, ihre Verirrungen und unſere eigenen für nichts 24 — Trolle druckte heimlich ihren Arm an ſich, indem er halb leiſe hinzufügte:„Und unſere Leidenſchaften, unſere Reue, unſere Zweifel.“ Er wandte ſich dann an die Frau und ſagte mit ſlärkerer Stimme:„Liebe Frau! Erlauben Sie zu ſagen, daß dieſe Ihre Einwendung gegen Werner, wie gebunden ſie auch an ſich ſein mag, hier überflüſſig iſt. Natürlich würde ich nicht für ihn geſprochen haben, wenn ich einen ſo wichtigen Umſtand nicht bedacht. Sie ſagen, ich ſei ein reicher Mann; ich war ein ſehr reicher Mann und habe noch Vermögen genug für mehr als mich ſelbſt. Ich bin allein, ich liebe Werner wie ein Vater, und als ſolcher will ich für ihn ſorgen. Ich halte hiemit 193 foͤrmlich um Ihrer Tochter Hand für einen Menſchen an, den ich als meinen Sohn betrachte. Wollen Sie ihm Ihre Eliſe geben, ſo werde ich das junge Paar ausſtatten und dieſe lieben Kinder bitten, mich bei ihnen leben zu laſſen. Sie werden mein einſames Leben verſüßen, und ich will verſuchen, ihnen Alles zu vergelten, ſoweit es in meiner Macht ſteht.“ Die Frau ſchwieg; es ſchien ihr gar nicht wohl dabei zu Muthe zu ſein.„Nun, nun,“ ſagte die Mutter;„Du bedenkſt Dich? Bindet Dir die Freude und die Dankbarkeit gegen Gottes Vor⸗ ſehung und dieſen unſern edlen Freund die Zunge?“ Mit einer Stimme, in der man eine gewiſſe erzwun⸗ gene Feſtigkeit erkannte, antwortete die Frau:„Ja, ich erkenne gewiß die Güte des Herrn Legationsraths an und danke ihm, aber ſeinen Vorſchlag kann ich nicht annehmen.* die Letztere brach ganz wider ihre Gewohnhelt in Vor⸗ würfe gegen die Tochter aus. Die Frau ließ ſich nicht ſtoͤren, ſie hielt eine prächtige Lobrede auf Mörk, rühmte ſeinen Verſtand, ſeine reine Tugend, ſeine Ergebenheit gegen ſie;„denn,“ ſagte ſie,„es kann mir wohl Niemand den Wunſch verdenken, daß der Gatte meines einzigen Kindes freundliche Gefühle für mich hege. Er liebt Eliſen unſäglich, ohne ihr doch zu ſchmeicheln und ſie zu verderben; ihr Seelenwohl iſt ihm heilig. Dazu kömmt, daß er Aus ſicht auf eine ſchoͤne Stellung im Staate hat, und daß er einen außerordentlich reichen Vater beſitzt, deſſen Ungereimtheiten und Wunderlichkeiten er auf eine bewundernswerthe Weiſe trägt.“—„Verzeihen Sie! Was das Letztere anbetrifft, ſo kenne ich den alten Groß händler Novellen. III. 13 194 Mörk und ſeine Umſtände: er iſt wohlhabend, aber nicht außerordentlich reich, er hat viele Kinder, lauter Töchter mit Ausnahme dieſes Sohnes; aber keines von den Kin⸗ dern wird reich werden, wenn ſie mal die Erbſchaft thei⸗ len, und was die Wunderiichkeiten und Eigenheiten des Vaters betrifft, ſo glaube ich, daß er ſolcher weit weniger beſchuldigt werden kann, als der Sohn.“— Eifrig rief Madame Berg:„Er ſſt nichts mehr und nichts we⸗ niger, als ein junger Philiſter, der in ſeiner Selbſt⸗ vergötterung ſich und Andere glauben machen will, er be⸗ ſitze alle die Tugenden und Vollkommenheiten, die er kaum dem Namen nach kennt, und die ſo wenig wahren Grund haben, als ſeine großen Hoffnungen auf Reich⸗ thum und Aemter.“—„Und Aemter,“ rief Trolle,„ſind doch etwas, um was man erſt anſuchen muß, etwas, was nicht auf des Menſchen eigenem Willen beruht, nicht mal immer auf ſeinem eigenen Verdienſte, während dagegen ein tüchtiger Künſtler mir weit ſelbſtſtändiger erſcheint, ſelbſt in dieſem kleinen Lande, wo die Künſtler nicht gerade auf Roſen gehen. Werner ſoll nach meinem Plane ganz ſeiner Kunſt leben können und ein ſorgenfreies Daſein haben, wie es dieſer tüchtige Künſtler verdient.“— „Seine Tüchtigkeit,“ antwortete die Frau,„verſtehe ich nicht zu beurtheilen, und im Ganzen geſtehe ich, daß ich nicht viel Intereſſe für ſeine Kunſt habe. Für den, der weiß, was ernſtlicher Kummer ſagen will, für den, der ſich in der Arbeit für das Nothwendige aufreibt, verlieren dieſe ſogenannten ſchoͤnen Künſte den großen Werth, den ihnen die vornehme Welt beilegt. Sie ſind Luxuswaaren, eine Unterhaltung, etwas, was dem emfſigen Arbeiter wie eine Art Müßiggang vorkoͤmmt.“—„Gott bewahre!“ murmelte Trolle, Madame Berg ſchüttelte den Kopf. Man ging ein kleines Stück Weges, ohne zu ſprechen. End⸗ lich ſagte Trolle:„Aber Sie vergeſſen ganz den eigenen Willen Ihrer Tochter, denn bei dieſer Sache muß ihr Welle doch wohl in Betracht kommen.“—„Sind Sie 195 don dem Willen meiner Tochter unterrichtet?“—„Nein, Trine!“ rief Madame Berg,„aber kann Jemand von uns, kann Möoͤrk ſelbſt an ihrer Gefinnung zweifeln? Werde nicht boͤſe! Dein Verſprechen jedoch, das Du Moͤrk ohne Eliſens Zuſtimmung gegeben, gilt nichts; Du haſt kein Recht, ihm ein ſolches Verſprechen zu machen... Unterbrich mich nicht! Ich weiß, daß Eliſe Werner liebt, nicht aus einer flüchtigen Mädchenlaune liebt, ſondern mit treuem Herzen, das all' ſeine Hoffnung im Leben auf ihn geſetzt hat. Ich glaube, es iſt ein Verſtändniß zwi⸗ ſchen ihnen; durch welche Mittel ſie es unterhalten, weiß ich nicht, aber wie es gekommen, weiß ich: durch Dein eigenes Verfahren. Als Du unſerem jungen Vetter Dein „Da Du ſelbſt,“ antwortete Frau Derby,„ſo hart biſt, auf dieſe Weiſe mit mir zu ſprechen, ſo will ich offen be⸗ kennen, daß ich wichtige Gründe habe, deren ich noch nicht erwähnte. Ich halte Werner für einen ꝛu⸗ zügell Menſchen, für einen ſchlechten, herzloſen Spötter.⸗ oſen Aeußerung verwundert, de zenden gehabt; :„Dieſe Geſchichten ha Du von Moͤrk,“ antwortete ſie heftig:„Aber das aſf ch von mir ſelbſt, daß ſein Charakter ſchlecht iſt, ohne Mitgefühl für Andere, voll Geringſchätzung für Alles, was nicht glaͤnzt. Ich könnte hundert Beweiſe davon er⸗ zählen. Eines Abends im vorigen Winter, als er bei uns war, ſprach ich bei Tiſche von der Noth, welche die armen Leute litten„ und der ſchlimmen Gewohnhelt Vieler, ſich mit Branntwein zu troͤſten und zu warmen. —— 196 Ich konnte nicht ohne tiefe Rührung von dem Schickſal der unglücklichen Frauen und Kinder ſprechen, wenn der Mann und Vater betrunken und in übler Laune in das leere Haus heimkehre. Werner ſchien mir aufmerkſam zu⸗ zuhoͤren. Als ich jedoch ſchwieg, was ſagte er:„„Darf ich mir bei dieſer Veranlaſſung nicht ein Gläschen von dem Cognac ausbitten, welcher hier ſteht?““ Sie lachen! Na, ich muß ſagen, daß ich das durchaus nicht komiſch und artig gegen mich finde. Ein andermal, als meine Couſine, meine gute Freundin, uns mit ihrer Tochter be⸗ ſuchte, ſaß Werner da und ſpielte mit einem Blei und einem Stücke Papier, und als ich auf das ſpöͤttiſche Lächeln ſeines Geſichtes aufmerkſam wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr und riß ihm das Papier aus der Hand in dem Augenblick, als die Fremde ging und er ſelbſt aufſtand, um zu grüßen. Und nun denken Sie ſich: er hatte die Mutter in Form einer altväteriſchen Maſchine und die Tochter als eine langhalſige Flaſche abgebildet, und zwar ſo lebendig, daß Jedermann die Armen erkennen konnte. Iſt das nicht abſcheulich? Das weiß Gott und alle Menſchen, daß meine Couſine eine rechtſchaffene und ſleißige Frau iſt, die ihre ſchwere Figur nicht der Faulheit oder dem Wohlleben zu danken hat, und ihre arme Tochter iſt mager und abgezehrt vor Kummer über eine unglückliche Liebe zu einem ſchlechten Menſchen, der ihrer ſpottete. Iſt das nun Etwas, was man verhöhnen ſoll? Zeugt vas von einem menſchenfreundlichen Herzen?“ Trolle wandte ſich ab, um ſein Lächeln zu ver⸗ bergen, und Madame Berg ſagte:„Höre, Trine, ich kann mich kaum halten vor Lachen über dieſe Geſchichten und die lächerliche Wichtigkeit, die Du ihnen beilegſt. Ich beur⸗ theile Werner beſſer, als Du, ich habe ihn lieb und wünſche, ihn mit meinem Liebling, Deiner Tochter, ver⸗ einigen zu können; glaube indeſſen nicht, daß ich Eliſens Vertraute bin, was ihre Liebe betrifft. Nein, ich ehrte Deine mütterlichen Rechte; aber unſer gutes Mädchen 197 zwingen oder überreden, daß ſie gegen ihre Neigung hei⸗ rathe, das ſollſt Du nicht, ſo lange ich lebe; ich werde dem vorzubeugen wiſſen, das ſage ich offen. Kannſt Du es ertragen, Deine Eliſe unglücklich zu ſehen, ſo kann ich es nicht.“—„Unglücklich? weßhalb ſollte fie das wer⸗ den? An Mörk's Seite wird ſie täglich frommer und beſſer, ſie wird einen Freund, eine Stütze in dieſem Manne finden; keine Sorge oder Mangel wird ſie drücken. Was will ſie mehr? Laſſe ſie im Uebrigen ihr Glück in der Erfüllung ihrer Pflichten finden, das iſt das beſte Glück.“— „Die Erfüllung ihrer Pflichten? Das iſt ein Wort, das Du und viele Andere ſo flüchtig hinwerfen, als ob es ſo leicht waͤre, ſeine Pflichten zu erfüllen, als ob es mög⸗ lich wäre ohne Liebe! Haſt Du vergeſſen, Mutter, wie oft Du Dich freuteſt, wenn Du von Deiner theuren Graͤfin ſprachſt, die an einen rohen, in jeder Weiſe un⸗ liebenswürdigen Mann gebunden, ein unveränderliches Muſter von Milde und Liebenswürdigkeit iſt, die kein Unglück verwüſten konnte? Haſt Du Deine eigenen Worte ver⸗ geſſen? Alſo iſt es doch möglich, ſeine Pflichten ohne Liebe zu erfüllen; und die Selbſtverleugnung, die Du an mir tadelſt, rühmſt Du an ihr.“—„Ja, Trine! denn bei dieſer meiner Freundin war Alles Liebe, Liebe zu allem Lebenden, treues Aushalten und Geduld mit einem Manne, der ſo tief unter ihr ſtand. Es gibt Seelen, die gleichſam zur klöſterlichen Reſignation geboren ſind, zu einem innern Leben in der Religion, das wir andere nicht faſſen können. Sie iſt eine von jenen Wenigen, ihre Selbſtverläugnung i*ſt ihr kein Opfer, ſie kennt ſie ſelbſt nicht, ſie iſt ihr eine innere Nothwendigkeit, während die Deine läſtig, unnatürlich und oft durchaus unnöthig iſt. Vergib mir, es iſt wirklich nicht meine Abſicht, Dich zu verletzen.“ Trolle war bei dieſen Worten aufmerkſamer gewor⸗ den und ſtehen geblieben.„Wer iſt dieſe deutſche Graͤfin? Ich bitte Sie, nennen Sie mir ihren Namen.“—„Ich 198 nenne ihn nicht gerne,“ antwortete Madame Berg:„ſie iſt übrigens mehr däniſch, als deutſch. Ihr Name iſt Clara von Meerſtein.“—„Clara, geborne Gordon?“ —„Sie kennen ſie?“—„Ja, und Sie?7—„Ich kannte ſie von früheſter Jugend an. Als ich ſogleich nach der Hochzeit meinen Mann auf ſeiner Seereiſe beglei⸗ tete, wurde ich in London krank, wo ſie, auch neu⸗ verehlicht, ſich mit ihrem Manne aufhielt. Als meine Landsmännin nahm ſie ſich freundlich meiner an und war mir ein Engel des Troſtes in meinem verlaſſenen Zu⸗ ſtande, da mein Mann genoͤthigt war, ſeine Reiſe fort⸗ zuſetzen und mich an dem fremden Orte zurücklaſſen mußte, bis er auf der Heimreiſe von Oſtindien mich abholte. Ein herzliches Freundſchaftsband knüpfte ſich indeſſen zwiſchen meiner liebenswürdigen Clara und mir. Es erhielt ſich friſch und unverändert durch alle Wechſel des Lebens. In ſpätern Jahren haben wir uns mehrmal an fremden Orten getroffen und ſtets einen vertrauten Briefwechſel unterhalten.“—„O meine beſte Freundin! Sagen Sie mir, haben Sie in letzter Zeit von ihr ge⸗ hört? Sie iſt Wittwe! Vor zwei Jahren wurde ſie von ihren Ketten befreit.“—„Ich habe in langer Zeit nichts von ihr gehört. Sie war einige Monden auf Reiſen gegangen— ich weiß nicht wohin— um einen Advokaten zu Rathe zu ziehen, mit dem ihr Mann in Verbindung ſtand. Die Verwandten des Grafen machen ihr beinahe die ganze Erbſchaft ſtreitig, da ihr einziges Kind in frühſter Jugend ſtarb, mehrere Jahre vor dem Vater, und ich glaube, daß ſie ſich glücklich ſchätzen müßte, wenn ſie zu der geringen jährlichen Summe, die ihr als Wittwenge⸗ halt zugeſtanden worden, das kleine Gut in Seeland, das ſie von ihren Eltern geerbt, behalten kann.“ Trolle ſchwieg und verſank in tiefe Gedanken. Das kleine Stück Weges nach dem Wirthshauſe von Ordrup wurde in vollkommenem Schweigen zurückgelegt. Die beiden Liebenden, welche ſich freudeſtrahlend nahten, wur⸗ 199 den niedergeſchlagen, als ſie die ernſten und geſpannten Mienen der Aeltern ſahen, die kein glückliches Reſultat für ihre höchſten Wünſche verkündeten. Eine hübſche Mahlzeit war im Garten arrangirt. Man ſetzte ſich um den ländlichen Tiſch. Der ſchönſte Sommertag belebte die ganze Umgebung. Narziſſen und Hyazinthen dufteten in den Blumenbeeten des Gartens, die Vögel zwitſcherten; aber die armen Menſchen, welche alle dieſe Herrlichkeit genießen ſollten, ſuchten vergebens ihre beklommene Stimmung zu überwinden. Als ſie Abends zu Frau Derby kamen, war Mörk bereits da. Er war, wie er ſich ausdrückte,— wie ein Narr den ganzen Vormittag umhergelaufen, habe den Frederiksborggarten und die Umgegend durchſtrichen und manche Unannehmlichkeit gehabt, um nach Söndermarken zu kommen, und war auch dort wie ein Narr umher⸗ gelaufen; bei welcher Aeußerung ihn Trolle unterbrach und ſagte, er ſpreche von ſich ſelbſt in gar zu unange⸗ nehmen Ausdrücken, eine Bemerkung, die ſeinen Unwillen nur noch vergroͤßerte. Frau Derby war unwillig über ſein Mißvergnügen. Die jungen Liebenden ſahen betrübt aus. Madame Berg und Trolle ſuchten vergebens ein ruhiges und lebendiges Geſpräch in den Gang zu bringen. Sie waren ſelbſt nicht in guter Laune. Der Abend ver⸗ floß matt und unbehaglich, und ſo endigte dieſer Tag, auf den man ſich allerſeits gefreut hatte. Als Trolle am nächſten Vormittag Madame Berg beſuchte, bemerkte er, daß ihr ganzes Weſen ein trauriges Gepräge trug; das Geſpräch kam natürlich auf die Be⸗ gebenheit des vorigen Tages, und Trolle ſuchte ſeiner Freundin gute Hoffnung einzufloͤßen, daß ihr Plan doch mit Zeit und Geduld glücken werde.„Das hoffe ich auch,“ ſagte ſie:„und das iſt eigentlich nicht das, was mich druͤckt, ſondern der Gedanke an die Verkehrtheit meiner Tochter erfüllt mich mit Kummer und Sorge; denn mein Gewiſſen ſagt mir, daß gute Anlagen eine — 200 ſchiefe Richtung durch den Leichtſinn erhalten haben, mit welchem ich meine erwachſene Tochter in Hände gab, deren Kräfte ich nicht genugſam kannte. Ich liebte mei⸗ nen Mann ſo innig, meine Sehnſucht, meine Beſorgniß um ihn, wenn er auf Reiſen war, laſſen ſich nicht be⸗ ſchreiben. Er ſelbſt wollte mich ſo ungerne zurücklaſſen; auch er ſehnte ſich und war, wie meiſt alle Seeleute, nicht frei von einem gewiſſen Aberglauben. Er meinte, ich bringe ihm Glück und behauptete, die Reiſen, auf welchen ich ihn nicht begleitet, ſeien minder günßtig aus⸗ gefallen. Unſer älteſtes Kind, ein herrlicher Knabe, hatte ſchon in früheſter Jugend ſeinen Vater auf die See be⸗ gleitet, wozu er nie geſchaffen zu ſein ſchien. All dies bewog mich, meine Tochter von ihrem ſechsten Jahre an der Schweſter meines Mannes za überlaſſen, die zwar eine mütterliche Geſinnung für ſie an den Tag legte, im Uebrigen aber nicht im Stande war, ſie zu erziehen. Mein Mann wünſchte es ſo, mein Sohn ſchlang ſeine Arme um meinen Hals und bat mich, ihnen zu folgen. Das Mädchen war kränklich; es konnte alſo keine Rede davon ſein, daß man ſie mitnahm. Ich verließ das arme Kind, und ſah es nur ab und zu in kurzen Zwiſchenräumen, bis ſie bei ihrer Verheirathung eine Wahl ganz gegen meine Wünſche traf. Ich bin für mein Unrecht geſtraft: ich verlor meinen Mann und meinen Sohn und verlor auch meine Tochter, denn der Troſt ihres Umgangs, der meine älteren Tage verſüßen ſollte, iſt dahin. Ein ſolcher Troſt lebt jedoch für mich in meiner lieben, lieblichen Eliſe, und ſo muß ich bekennen, daß ich glücklicher bin, als ich verdiene.“ Die Thränen ſtanden der betrübten Mutter in den Augen. Trolle fühlte ſich innig erfreut über ihre Ver⸗ traulichkeit.„Ach, meine geliebte Freundin!“ rief er, „wie können Sie ſo ungerecht gegen ſich ſelbſt ſein, wie hätten Sie unter ſolchen Umſtänden anders handeln ſollen? Können Sie ſich wegen Ihrer Liebe zu Ihrem Manne 4 201 anklagen? Der Glückliche! Sein Loos auf Erden war ſo ſchoͤn, daß er es im Himmel vermiſſen muß.“—„O ſprechen Sie nicht ſo! Laſſen Sie uns hoffen, daß dort, wo er iſt, kein Verluſt des irdiſchen Lebens gefühlt wird. Wie koͤnnen wir, Sie und ich, dieſer glückſeligen Vor⸗ ſtellungen von einer Welt entbehren, deren Pforte ſich doch bald für uns öffnen wird? Der Morgen, auf den wir hoffen, muß uns für die Dunkelheit des Abends tröſten.“ —„O liebe Freundin! nun iſt die Reihe an mir, zu ſagen: Sprechen Sie nicht ſo! Sie ſind ja noch nicht alt; wenigſtens fällt es Niemanden ein, der Sie ſieht und hört.“—„Wenn dem auch ſo wäre, ſo iſt doch ge⸗ wiß, daß es mit mir abwärts geht und ich mich mit dem Gedanken vertraut machen muß, mit der Reſignation, die den älteren Jahren zukömmt. Die Leidenſchaften kleiden bisweilen die Jugend, aber ſie verunzieren das Alter: und aus dieſem Grunde habe ich mir auch heute Vor⸗ würfe wegen der Heftigkeit, der harten Worte gemacht, mit welchen ich geſtern meine arme Trine anredete. Der ſtille Abend muß ſtille Luft haben, im Leben, wie in der Natur; ſonſt wird er rauh und unbehaglich.“—„Ach! was ſoll man thun, um dieſen Zeitbeſtimmungen nachzu⸗ leben, ich möchte ſagen, dieſen Convenienzformen, die uns ſagen, was für das eine Decennium paßt und nicht für das andere. Die Jugend ſchreibt das Moderne vor, darin, wie in der Kleidertracht. Sie ſchreibt dem Alter ſtrengere Regeln vor, als dieſes ihr je auferlegt. Das Leben iſt doch ſchön und reizt die Alten wie die Jungen.“ —„Doch auf verſchiedene Weiſe. Ich ſage auch, daß das Leben ſchön iſt; aber ich halte es für ein großes Gut, daß es ſich ſpäter an ein anderes Leben knüpft, wie wir in manchem Augenblicke uns nach einem Leben ſehnen, worin nicht blos unſere Träume wohnen, ſondern in welchem auch die Vorangegangenen, die ſich hier auf Erden nach uns geſehnt, vielleicht mit Sehnſucht unſer Kommen erwarten. Ach, Sie werden mich für eine 2⁰² Schwärmerin halten, aber ich bin feſt überzeugt, daß Sie dieſes Gefühl kennen. Es iſt gewiß auch etwas, was Ihnen von jenem Ufer winkt.“—„Nein,“ rief Trolle mit einer tief bewegten Stimme:„Nein, ich bin ein armer Menſch. Ich kann nicht mal ſagen, daß ich das Herz⸗ lichſte beſaß, daß ich ein Weſen fand, das mein Herz er⸗ füllte und meine Gefühle erwiederte; nein, ich habe nichts, weder hier, noch dort.“ Madame Berg fühlte ſich tief gerührt durch ſeine Worte:„Doch, mein edler Freund! Sie haben Ihren dankbaren Werner, der Ihnen ein Sohn ſein wird, meine Eliſe ſoll Ihre Tochter werden, das ſind die natürlichen Bande, die unſer Alter verſchönern ſollen. Auch mich haben Sie! Ich habe Sie aufrichtig lieb und bitte Sie, verſchmähen Sie meine Freundſchaft nicht.“ Sie reichte ihm die Hand. Trolle küßte ſie mehreremale. Die Thränen ſtanden Beiden in den Augen. Er eilte fort und fühlte ſich wunderbar ergriffen von dieſem Geſpräche. Er kam wie gewoͤhnlich in Frau Derby's Haus; aber ſein Weſen ſchien verändert. Es war mehr ernſt und das Galante in ſeinem Tone gegen Madame Berg war in eine ruhige, freundliche Aufmerkſamkeit umge⸗ wandelt. So erſchien er ihr weit liebenswürdiger, und ſie verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit für den alten Freund und zeigte ihm eine Ergebenheit, die ihn wahrhaft er⸗ quickte, aber ſeine düſtere Stimmung doch nicht zu zer⸗ ſtreuen vermochte. Ein nervöſes Kopfweh an welchem er bisweilen litt, befiel ihn in dieſem Zeitraum mit ſolcher Heftigkeit, daß er ſich zuletzt zu Hauſe halten mußte und nicht im Stande war, eine Beſchäftigung vorzunehmen, zu der eine Anſtrengung der Augen noͤthig war. Mit kindlicher Beſorgtheit und Treue ſuchte Werner den Lei⸗ denden zu pflegen und zu zerſtreuen, und eines Tages, da er ihm noch niedergedrückter als ſonſt erſchien, konnte er nicht umhin, den Gedanken zu äußern, das Uebelbefinden ſeines alten Freundes müſſe mehr von geiſtigen, als von —— — 203 körperlichen Urſachen herrühren.„Würde es nicht viel⸗ leicht Dein Herz erleichtern, Deinen Kummer einem Freunde, einem Sohne mitzutheilen? Du warſt und biſt ſtets ſo gut gegen mich, Du befahlſt, Dich als einen Vater zu betrachten. Wollteſt Du mir nun nicht die Beruhigung gönnen, daß ich Dir auch meinerſeits etwas geben könnte, ſtatt immer zu empfangen? daß meine Liebe, mein Umgang Dir ein Troſt ſein könnten?“ Trolle dankte ihm freundlich für ſeine liebevollen Worte und ſetzte hinzu:„Ich fühle, daß ich nicht mehr allein bin, ſeit ich Dich habe, daß ich undankbar bin, wenn ich über mein Schickſal klage. Aber darin liegt die ſtrafwürdige Seite meines Charakters, daß ich nicht Stärke genug beſitze, dem heftigen Eindruck des Zufälli⸗ gen zu widerſtehen, was mir begegnet, daß ein Wort, das mir geſagt wird, ein Gedanke, der in mir aufſteigt, mich beherrſcht und meine Vernunft nicht zu Worte kommen läßt. Und dadurch bin ich auf dem Punkte, Deinen Wunſch zu erfüͤllen und Dir den Grund zu meiner ſchlechten Laune zu erklären, ſoweit ſolche Selbſtbetrach⸗ tungen ſich erklären laſſen. Es ſind bereits mehrere Tage, ſeitdem ich ein Geſpräch mit Madame Berg hatte, in welchem ſie mit beſonderem Ernſte von meinem Alter ſprach, mich ausſchließlich auf die Reſignation deſſelben und jenes dunkle unbekannte Ufer hinwies; ihre Worte waren mild und klug; aber... ich weiß nicht... ſie machten einen Eindruck auf mich, als ob ich nie zu⸗ vor etwas Derartiges gehört oder gedacht, und doch gibt es nichts, was man öfter beſprechen hört und beobachten muß, als die Flucht der Zeit und die Gewißheit des Todes. All' dies brachte mich dazu, mancherlei Betrach⸗ tungen über mich anzuſtellen. Ich muß mit Dank gegen mein gutes Sckickſal das ſeltene Glück anerkennen, von körperlichen Schwächen, wie ſie das Alter begleiten, frei zu ſein. Keine Krankheit drückt mich nieder, denn dieſes neryöͤſe Kopfweh iſt ein alter Feind, der ſich mehr von 204 pſychiſchen, als phyſiſchen Urſachen herſchreibt. Körper⸗ liche Gründe haben mich in nichts beſtimmt, das Leben zu ändern, an das ich von Jugend auf gewöhnt war. Ich wandere ganze Meilen ohne Anſtrengung, meine Sinne ſind ungeſchwächt, ich arbeite, leſe, ſchreibe, bis tief in die Nacht hinein. All' dies, vereint mit einem einförmigen, einſamen Leben, das manche Berührung mit der äußern Welt ausſchließt, iſt wohl die Urſache, daß die Jahre gleichſam unbemerkt und ungezählt über meinem Haupte hingegangen ſind. Ich habe im Ernſte noch nie daran gedacht, daß ich ein alter Mann bin, und ich ge⸗ ſtehe, daß ich nicht in dem Maaße, wie ich ſollte, mich mit den Worten: Alter, Tod, Reſignation vertraut ge⸗ macht. Ich denke mit Schauern daran. Es geht mir wie Kindern, die nicht müde und ſchläfrig ſind, aber dennoch zu Bette gehen ſollen. Ach! nur der, der am Tage gearbeitet hat, genießt die Ruhe der Nacht. Gegen das Ende des Tages finde ich, daß ich mein Tagewerk nicht vollbracht und daß ich auf etwas warte, mich nach etwas ſehne, was ich mir ſelbſt nicht erklären kann und worauf ich in jedem Falle zu ſpät hoffe; kurz: ich muß bekennen, daß mein Leben nutzlos verfloſſen.“ „Mein lieber Vater: Dein Leben war eine Geſund⸗ heitsquelle für viele Leidenden! Und ich, der ich bei Dir eine Heimath gefunden, als ich verlaſſen war. Von allen Deinen Wohlthaten iſt Dein gehaltreicher Umgang das, was ich am meiſten beweinen würde, wenn ich Dich oder Deine Güte für mich verlöre. O! mißgoͤnne es Dir und Deiner Umgebung nicht ſelbſt, daß Dein Herz jung und Dein Koͤrper geſund und kräftig iſt. Iſt das nicht ein Segen für uns Alle? Es iſt ein wahres Sprüchwort, daß nicht die Zahl der Jahre das Alter macht. Und in ge⸗ wiſſem Sinne iſt das Alter auch nicht wie eine Krank⸗ heit, die den Menſchen ganz ohne ſeine Mitwirkung über⸗ fällt. Nein, der feſte ſtarke Wille muß die Jugend etwas über die gewöhnliche Grenze zurückhalten koͤnnen, wie die 20⁵ Aerzte behaupten, daß er das Leben bei den Kranken ver⸗ längern könne. Die Seele muß ihre Macht über den ſterblichen Theil unſeres Weſens handhaben. Sehen wir nicht auch Beiſpiele davon bei den ausgezeichnetſten Men⸗ ſchen, die ein hohes Alter erreicht haben!“ Trolle lächelte und reichte ihm die Hand.„Lieber Werner!“ ſagte er:„wie große Macht ein liebevolles und gebildetes Herz über ſeine Umgebung ausübt, das läßſt Du mich in dieſem Augenblicke fühlen.„Die Arznei, die uns eines theuren und ergebenen Freunbes mildes Wort reicht, wurde mir nur ſparſam zu Theil, namentlich in dem letzten Theile meines langen Lebens. Erſt von Deiner Hand empfange ich ſie in Fülle. Ich will mich nun auch ganz dieſem Genuſſe hingeben und deßhalb Dir anvertrauen, daß geſtern ein neuer Umſtand eintrat, der meine melancholiſche Laune vermehrte. Während meines Unwohlſeins habe ich Thomas befohlen, Allen, die mit mir ſprechen wollten, zu ſagen, daß ich Niemand em⸗ pfange, da ich krank ſei. Aber geſtern erſchien ein See⸗ mann, der ſeinen Namen nannte, welcher mir bekannt war, und einen Brief abgab, den er mich zu leſen bat; er wollte in einigen Tagen wiederkommen, um wo möglich mit mir zu ſprechen. Ich öffnete den Brief, ein anderer fein geſchriebener und langer war darin eingeſchloſſen. Mit großer Anſtrengung und Vermehrung meiner Kopf⸗ ſchmerzen las ich den Umſchlag. Er iſt von einem Pfarrer in Jütland, der ſchreibt, daß ſein Verwandter, der Seemann, welcher der Ueberbringer des Briefes war, ein braver Mann ſei, der durch einen unglücklichen Schiffbruch ſein Schiff und all' ſein Eigenthum verloren, und daß die Hoffnung, bei mir Beiſtand in dieſer Noth zu finden, in ihnen erwacht ſei, namentlich im Gedanken an eine liebe Verſtorbene, die ich ſicher auch in meiner Erinnerung bewahrte; zu dieſem Ende ſende er mir einen Brief, der mich gewiß intereſſiren würde. So ungefähr lauten die wenigen Linien, die einen Brief an den erwähnten Pfarrer einſchloſſen, 206 und die ich mich vergebens zu leſen gemartert, da mich ihr Inhalt beunruhigt. Die Hand, welche ihn geſchrieben, ruht längſt im Grabe. Vergebens ſuchte ich vor vielen Jahren den Grund ihres plötzlichen Verſchwindens zu er⸗ forſchen. Vielleicht werde ich ihn hieraus erfahren. Ich übergebe hiemit dieſen Brief in Deine Hand, lieber Werner, und bitte Dich, ihn mir vorzuleſen, ungeachtet ich vorausſehe, daß die Lektüre mich vielleicht in Deiner Achtung herabſetzen wird. Aber ich weiß nicht, weßhalb ich meine Verirrungen und Vergehen meinem einzigen Vertrauten verbergen ſollte. Es iſt eine Erleichterung, einem theuren Freunde zu beichten.“ Mit freundlichen Aeußerungen übernahm Werner das auferlegte Geſchäft. Es war Abend und trübes Wetter. Trolle drehte ſeinen Stuhl ſo, daß er dem Tiſch den Rücken kehrte, um dem Schein des Lichtes auszuweichen, wie er ſagte: wahrſcheinlicher Weiſe jedoch, um die Bewegung zu verbergen, in die ihn die Erwartung deſſen, was er hören ſollte, verſetzte. Mit klarer, aber oft be⸗ wegter Stimme las Werner Folgendes: Kopenhagen, den 10. April 1820. Lieber Bruder! Die Erinnerung an die vertraute Freundſchaft, welche uns in unſerer Kindheit und erſten Jugend verband, gibt mir den Muth, in meinem Unglücke meine Zuflucht zu Dir zu nehmen, einem Unglücke, das wohl das bitterſte von Allem iſt: ſich ſelbſt in ein Netz von Verwir⸗ rung, von Unrecht und Entehrung verwickelt zu haben, das auch, wenn man es zerreißt, dennoch uns keinen Aus⸗ weg zu Freiheit und Frieden ſchenken kann. Doch bitte ich Dich, Du wollteſt mir einen Zufluchtsort gönnen, wo die Schaamvolle und Verlaſſene ſich verbergen kann. Ich habe meinen Mann verlaſſen, er ſelbſt hat mich ver⸗ 207 ſtoßen; ich halte mich verborgen und heimlich bei einer einfachen Frau auf, die einſt in meinem Dienſte ſtand und deren Güte ich mich in meiner Noth anvertraut. Du erſchrickſt über mein Wort? Du wendeſt Dich mit Verachtung und Zorn von mir ab?— Ach, Johann! ich bitte Dich! habe Geduld, mich anzuhören. Ich will Alles mit der größten Aufrichtigkeit bekennen, alle meine Gedanken und Handlungen während der Zeit, die wir getrennt lebten. Vielleicht, wenn Du dieſe Blätter geleſen haſt, wirſt Du mit Deiner einſt ſo theuren Marianne Mitleid haben. Es iſt achtzehn lange Jahre her, ſeitdem wir einan⸗ der ſahen, und während der ganzen Zeit haben wir ſelten von einander gehoͤrt. Du warſt böſe auf mich, weil ich gegen Deinen Willen eine Ehe einging, von der Du mir ſo heftig abriethſt. Ach! vergib mir! ich bin geſtraft für meine Verbindung. Ich habe manchmal an unſere letzten Geſpräche gedacht. Erinnerſt Du Dich noch? Du warſt jüngſt von Jütland zurückgekommen, wo Du Dich zwei Jahre aufgehalten; es war eine große Freude in unſerem armen Hauſe, als Du unſere Eltern unterrichteteſt, daß der Gutsbeſitzer, in deſſen Haus Du Hofmeiſter geweſen, Dich zum Pfarrer auf ſeinem Gute ernannt und daß Du bald ein junges Mädchen heirathen würdeſt, das Dir eine gute Mitgift brächte. In ihrer Freude ſagte unſere Mutter:„So müſſen wir Eltern Gott recht danken für ſeine Gnade gegen unſere Kinder; denn nun biſt Du auf einem grünen Zweige und Deine Schweſter iſt auf dem Wege, ein großes Glück zu machen, denn ein reicher, ſchoͤner und vornehmer Mann freit um ſie.“—„Wer iſt das?“ fragteſt Du raſch. Ich kann noch die triumphi⸗ rende Miene ſehen, mit welcher die Mutter antwortete: „Es iſt Herr Rittmeiſter Lermann,“ und das ernſte Ge⸗ ſicht, mit welchem Du wiederholteſt:„Rittmeiſter Ler⸗ mann! Ja ſol freit er um Marianne? Da hoffe ich, daß ſie ſo klug iſt, ihm einen Korb zu geben.“— Später 208 ſagteſt Du, daß Du den Rittmeiſter kenneſt, namentlich durch die Mittheilungen Deines Gutsherrn, der ſein Vetter war; es ſei ein Menſch von ſchwachem Charakter, er habe vor Kurzem ſeine junge Frau verloren, die ihm ein be⸗ deutendes Vermögen zugebracht, und aus einer angeſehenen, aber ſtolzen Familie ſtamme, auch habe er von ſeiner erſten Frau Kinder, überhaupt käme ich durch dieſe Heirath in Verhältniſſe, in die ich nicht paßte und die mich unglück⸗ lich machen würden; die Liebe, die dieſen Mann ver⸗ mocht, ſich zu mir herabzulaſſen und meine Hand zu be⸗ gehren, ſei blos eine Illuſion, die bald verſchwinden 4 würde, denn Eitelkeit ſei die einzige Leidenſchaft, der er fähig ſei.“— Ach! wie oft mußte ich an dieſe Worte denken! An jenem Sonntage, kurz vor Deiner Abreiſe, als Du mich batſt, eine Spazierfahrt mit Dir zu machen und auf jenem Wege all' Deine Beredtſamkeit anwandteſt, um mich zu überreden, das Anerbieten des Rittmeiſters zurückzuweiſen, war ich ſo verlegen und ſo beklommen, das, was ich ſo hoch ſchätzte, ſo tief herabſetzen, die ſtrah⸗ lenden Hoffnungen, die ich nährte, ſo zerſtreuen zu ſehen, daß ich nicht den Muth hatte, mich mit Dir einzulaſſen und Dir zu geſtehen, wie ich hätte ſollen, daß ich Ler⸗ mann liebe und mich nicht von ihm losreißen koͤnne. Du reisteſt, ich gab ihm meine Hand, und erſt dann wagte ich, Dir meine Liebe zu bekennen. Du antworteteſt mir in verdrießlichem Tone:„Marianne, Du biſt auch eitel,“ ſchriebſt Du:„hüte Dich, daß nicht dieſe niedrige Leiden⸗ ſchaft die Urſache Deines Unglückes werde.“ Vielleicht— in den letzten Tagen kam mir der Gedanke— vielleicht lag in vieſen Deinen Worten etwas Prophetiſches. Aber ſo viel iſt gewiß, daß ich Lermann von ganzem Herzen 1 liebte. Und wenn ich mich durch ſeine Liebe geſchmeichelt fühlte, wenn das Lovs, das er mir bot, mir wie ein 3 Himmel auf Erden erſchien, war es ein Wunder? Du weißt ſelbſt, in welch' dürftigen Verhaͤltniſſen wir auf⸗ wuchſen. Von etwas Entbehrlichem, Ueberfluͤſſigem oder 209 einem Vergnügen konnte in dem H auſe unſerer Aeltern nie die Rede ſein. Du gabſt mäßig bezahlte Unterrichts⸗ ſtunden, und ich nähte und war glücklich, Verdienſt bei einer Modehändlerin zu finden, in deren Laden ich für geringe Bezahlung arbeiten und beim Verkauf helfen mußte. Dort und auf dem Wege entging es meiner weiblichen Eitelkeit nicht, daß mein Ausſehen Auf⸗ merkſamkeit erweckte. Ich merkte oft, daß junge und altere Herren ſich in dem Laden zu thun machten, um mich zu ſehen, und dort und auf der Straße Gelegenheit ſuchten, mit mir zu ſprechen. Obwohl mich dies Alles herzlich freute, war ich doch zu tief durchdrun⸗ gen von den Warnungen unſerer guten, vernünftigen Mutter, als daß ich mich hätte auf irgend eine Weiſe mit dieſen meinen Verfolgern einlaſſen ſollen. Doch ge⸗ ſtehe ich, daß ich endlich an meine eigene Schönheit glaubte und dieſer Gabe einen freilich höheren Werth beilegte, als ihr zukömmt, und ſtets beklagte ich, daß meine arm⸗ ſeligen Verhältniſſe mir alle Mittel verſagten, dieſe Vor⸗ züge mehr und mehr in's Auge fallend zu machen. Wenn ich an einem hübſchen Hut; einem niedlichen Mantel ar⸗ beitete, probirte ich ihn heimlich am Spiegel und ſeufzte, wenn ich ihn in die Hände der einen oder der andern Dame übergehen ſah, die er weit nicht ſo gut kleidete, als mich. Ali' mein Theil an der Herrlichkeit dieſer Welt beſtand darin, daß ich zu Pfingſten neue Bänder zu einem der abgelegten Hüte erhielt„ welche die Ma⸗ dame, bei der ich arbeitete, gewöhnlich beſaß und mir zum Lohn für meinen Fleiß und meine Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte; und wenn ich dann, geſchmückt damit und was ich noch mehr zuſammenſtücken konnte, mit Mutter oder einer von meinen Bekannten aus dem Laden ſpazieren gehen durfte, ſo war das das Hoͤchſte, was ich von den Gütern des Lebens genoſſen. Doch, ich thue mir ſelbſt Unrecht! Dich wiederzuſehen, wenn Du friſch und Novellen. III. 14 210 wohlgemuth Abends nach Hauſe kamſt, während Du noch bei unſern Aeltern wohnteſt, und in Deiner Abweſenheit Briefe von Dir zu erhalten, war weitaus meine größte Freude; denn aufrichtig und innig hing mein Herz an meinem einzigen Bruder.* Auf einem der ſo eben erwähnten Spaziergänge in den Pfingſtfeiertagen begegnete ich zum erſten Male dem Rittmeiſter Lermann im Frederiksborgg arten. Ich hatte ihn früher geſehen; er war unſer Nachbar und hatte mich mehrmals gegrüßt, wenn ich Morgens am Fenſter ſaß, ehe ich ausging. Er grüßte nun wieder bei dieſer Be⸗ gegnung, und da das junge Mädchen, das mich begleitete, beim Ueberſchreiten einer der gewölbten Brücken im Garten mit dem Fuße ausglitt, ſprang er hinzu und ſchützte ſie vor einem gefährlichen Falle. Wir verbeugten uns und dankten; er ergriff die Gelegenheit, mich beim Namen zu nennen und unſere Nachbarſchaft zu berühren. Wir waren nahe am Ausgange des Gartens und wollten ihn ver⸗ laſſen; er ſagte, daß er gleichfalls nach Hauſe zu gehen beabſichtige und bat um Erlaubniß, uns zu begleiten, da wir denſelben Weg gingen; wir waren verlegen und wußten keinen Vorwand, ſeine Geſellſchaft auszuſchlagen. Er war hübſch, ſprach höflich und beſcheiden mit mir, und als wir uns bei meiner Hausthüre trennten, fühlte ich mich beängſtigt und glücklich, wie nie zuvor. Von dieſem Tage an begegnete er mir jeden Abend, wenn ich von dem Laden nach Hauſe ging.— Es dauerte nicht lange, ſo geſtand er mir ſeine Liebe; aber ungeachtet ich ihn mehr liebte, als Worte zu ſagen vermögen, vertraute ich doch meiner Mutter die ganze Sache an und benahm mich ganz nach ihrem Rathe. Eines Abends, als wir wie gewöhnlich, mit einan⸗ der gingen, ſagte er:„Ich muß wirklich glauben, daß Sie mißtrauiſch gegen mich ſind und meine Abſichten nicht für redlich halten. Ich achte und liebe Sie doppelt um dieſer Ehrbarkeit willen, und wüßte ich nur, daß Sie 211 meine Liebe erwiedern, ſo ſollte nichts in der Welt mich abhalten, morgenden Tages bel Ihrem Vater um Sie zu werben.“— Ich fühlte mein Angeſicht erröthen, indem ich antwortete:„Sie koͤnnen meinen Vater morgen von acht Uhr an auf dem Comptoir des Kaufmann Wang treffen.“—„Ich danke, mein geliebtes Mädchen,“ rief er und küßte meine Hand. Wie erfreut mein Vater auch über ein ſo vortheil⸗ haftes Anerbieten war, ſo bat er ſich doch einige Tage Bedenkzeit für mich und meine Mutter aus, deren Stimme in dieſer Lage gehoͤrt werden müſſe. In dieſen Tagen kamſt Du zurück, und Deine Einwendungen verſchoben die Entſcheidung über mein Schickſal um mehrere Tage. Dieſer Aufſchub ſchien Lermanns Eifer, mein beſtimmtes Ja zu erhalten, nur noch zu vermehren. Du reiſteſt ab, er ſprach mit Dir, alle Bedenklichkeit verſchwand in ſei⸗ ner Naͤhe, ich gab ihm entzückt mein Verſprechen, und als ſein Haus fertig ſtand, eine neue Hausmutter aufzu⸗ nehmen, wurde unſere Hochzeit auf wenige Wochen ſpäͤter feſtgeſetzt. Er führte ſeine Kinder zu mir, ein Mädchen von ſechs und einen Knaben von vier Jahren. Liebevoll ſchloß ich ſie Beide in meine Arme; das kleine Mädchen hatte bereits eine gewiſſe Damentournüre, aber der Knabe warf ſich um meinen Hals und ſah mich mit ein paar ſo ehrlichen, treuherzigen Augen an, daß er vom ſelben Augenblicke den Platz eines Sohnes in meinem Herzen fand. Lermann ſagte mir, daß ſich dieſe Kinder ſeit dem Tode ihrer Mutter in dem Hauſe der Großältern be⸗ fänden und daß dieſe ſeine Schwiegerältern, denen er eine warme Lobrede hielt, ſie auch nach ſeiner bevorſtehen⸗ den neuen Verheirathung zu behalten wünſchten. Das that mir leid. Es war mir ein lieber Gedanke, den Kin⸗ dern des Geliebten eine treue Mutter zu ſein. Betrübt und ſchweigend ſah ich ſie an. Der kleine Knabe hängte ſich an meinen Arm, als ob er meinen Wunſch verſtünde und theilte. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen 212 Bräutigam zu bitten, dieſe Beſtimmung abzuändern. Er gab nach, was den Knaben betraf; hinſichtlich des Mäd⸗ chens war er jedoch unbeugſam. Er ſagte:„Meine Schwiegermutter würde es übel aufnehmen und es wäre auch eine Sunde gegen Natalie; denn wie ſollte ſie eine ſolche Erziehung erhalten, als dieſe vollkommene Welt⸗ dame ſie ihr bieten kann, oder alles das lernen, was dieſe ſie lehren laſſen wird? Es gehoͤrt jetzt ſo viel dazu, daß ein Frauenzimmer ſich mit Ehren in der Geſellſchaft zei⸗ gen kann.“— Es war zum erſten Male, daß eine ängſt⸗ liche Ahnung meines neuen Verhältniſſes in mir er⸗ wachte. Nach meinem Wunſche ſollte ich erſt als Lermanns Gattin in ſeinen Umgangskreis eingeführt werden. Als ich nun wenige Tage nach der Hochzeit meine Beſuche mit ihm machen wollte, war ihm außerordentlich viel daran ge⸗ legen, daß ich mich zu meinem Vortheil ausnehme. Weit über meine kühnſten früheren Wünſche geſchmückt und —, herausgeputzt, hielt ich nun meinen erſten Einzug in das Haus der erwähnten Schwiegerältern. Dieſe Leute machten, was man ein großes Haus nennt. Alles war dort für mich eine neue Welt. Sie empfingen mich mit kalter Höflichkeit und geſpannter Miene. Ich war verlegen und verſtimmt und wurde es noch mehr, als die Frau vom Hauſe ploͤtzlich in ein Weinen ausbrach und aus dem Zimmer ging. Eine Kammerzofe trat ein und bat den Herrn um ein Fläſchchen Tropfen, welches dieſer hervor⸗ zog, während welcher Zeit das über das Uebelbefinden der Frau ſeufzende Mädchen mich mit neugierigen Blicken betrachtete. Der Herr ging hinaus mit den Tropfen; Lermann begleitete ihn und ließ mich allein. Sie kamen bald wleder und der Herr bat mich, zu entſchuldigen, daß ſeine Frau nicht zurückkomme, da ſie unwohl ſei.„Sehen Sie, meine kleine Frau,“ ſagte er:„eine Mutter bleibt immer Mutter und Ihr Anblick... Sie verſtehen mich — und entſchuldigen.“—„Ach!“ antwortete Lermann,„eine 213 Mutter, wie Ihre Frau, bedarf gewiß keiner Entſchuldi⸗ gung. Ihr liebevolles Mutterherz iſt eine Liebenswürdig⸗ keit mehr.“—„Ja Gott ſei Dank für unſere kleine Natalie!“ ſagte der Schwiegervater, indem er das Kind an ſich zog und küßte:„in ihr lebt unſere verlorene, lieb⸗ liche Leopoldine wieder auf. Wir verzichteten ungerne auf den kleinen Harald. Meine liebe Frau, Sie haben uns großen Kummer gemacht, indem Sie uns ſeiner be⸗ raubten, und nun müſſen Sie wenigſtens dafür ſorgen, daß er uns recht oft beſucht.“ In welcher Stimmung ich nach dieſem Beſuche in den Wagen ſtieg, kannſt Du Dir denken. Ich mußte weinen. Das war in den erſten Flittertagen. Lermann troͤſtete mich liebevoll, und da die übrigen Viſiten ein beſſeres Reſultat hatten, verdoppelte er ſeine Freundlichkeit gegen mich, und ich vergaß bald meinen Kummer. Ungeachtet ich gerade an meinem Hochzeitstage zwan⸗ zig Jahre alt geworden, war meine Unbekanntſchaft mit der Welt doch groͤßer, als bei manchem Mädchen, das erſt zwölf Jahre alt iſt. Aus den flüchtigen Betrachtungen, die ich über mein neues Verhältniß angeſtellt, hatte ich nichts entnommen, was mich hätte wegen meiner Per⸗ ſoͤnlichkeit beunruhigen können. Ich dachte, wenn man ſich nur hütete, gegen den Anſtand zu verſtoßen, wenn man dazu hübſch und ſchoͤn gekleidet ſei, wäre es genug, einen guten Platz in jeder Geſellſchaft einzunehmen; ſei man fromm, ordentlich und häuslich und liebe ſeinen Mann, ſo genüge das, um dieſen glücklich zu machen. Zu meinem großen Schmerze und zu meiner Demüthl⸗ gung lernte ich bald, welch' ſchlechte Rolle ich in meinem neuen Kreiſe ſpielte und wie unangenehm dieſer Umſtand auf meines Mannes Stimmung wirkte. Die Geſellſchaft, welche ſich in dem Haus der erwähnten Schwiegerältern ſammelte, beſtand eigentlich aus Verwandten und Freun⸗ den, welche ſeit vielen Jahren in einem beſtändigen Kreis⸗ lauf von Geſellſchaften in den verſchiedenen Häuſern ge⸗ 214 lebt hatten, zu welchen nun auch das meine gehörte. Man gab ſich zwar alle Mühe, in dieſe Kreiſe Alle hineinzu⸗ ziehen, die in Literatur und Kunſt gerade Glück machten, aber dieſe Perſonen waren doch nur wie Cometen zu be⸗ trachten, die das ſtetige Planetenſyſtem flüchtig durch⸗ kreuzen. Alle Erinnerungen an gemeinſchaftlich erlebte Szenen, die man ſich mit Behagen erzählte, alle Meiſter⸗ werke in Kunſt und Literatur, alle Hindeutungen auf der⸗ gleichen waren mir eine fremde, unverſtändliche Sprache; denn war meine Bekanntſchaft mit dem Leben gering, ſo war die mit der Literatur noch weit geringer, ſie ſchrieb ſich meiſt nur von Leihbibliothekbüchern her, welche die Modehändlerin mir Samſtag Abends lieh, um mich am Sonntag damit zu unterhalten. Ich dachte nun oft, dieſe Sonntagsfreuden ſeien denen weit vorzuziehen geweſen, die ich jetzt genießen ſollte; denn der Sonntag war gerade der Tag, an welchem wir in dem Hauſe des Schwiegerva⸗ ters durch aus nicht fehlen durften. Hier ſaß ich nun verlaſſen und ſtill in einer Ecke, mit der einen oder andern Arbeit beſchäftigt. Einigemale erdreiſtete ich mich, die Kupfer⸗ werke zu durchblättern, die zum allgemeinen Zeltvertreib auf dem Tiſche in einem Kabinette lagen, aber ich hatte keinen Begriff von dem, was ſie vorſtellten, und ſo zog ich mir die Unannehmlichkeit zu, daß dieſe Unwiſſenheit zu Tage kam, indem nehmlich einſt zwei Herren von der Geſellſchaft mir nachfolgten und ſich in ein Gefpräch mit ſſ mir darüber einließen, was übrigens ohne Aergerniß vorübergegangen wäre, wenn mein Mann nicht dazu ge⸗ kommen und Stoff zu mancher Tage Verdruß aus die⸗ ſer Proſtitution, wie er es nannte, geſchoͤpft hätte, Zu alle dem kam nun das unaufhoͤrliche Loben ſeiner Frau, das nicht ohne Seitenhiebe auf mich ſowohl, als Lermann abging, der ſich herabgelaſſen habe, eine ſeiner erſten Frau ſo unwürdige Nachfolgerin zu wählen. So hörte ich mal die Schwiegermutter— nicht ſo leiſe, daß ich es hätte überhören müſſen— einer andern Dame ant⸗ 215 worten, die ſich ohne Zweifel wohlwollend über mich ge⸗ äußert:„Ach jal es iſt ein ſchoͤner Holzſchnitt. Aber die, die hier ſitzt,“ fügte ſie mit einem Blick auf das Portrait der Tochter hinzu, von welchem gemalte, ge⸗ zeichnete, lithographirte Exemplare in jeder Größe und Manier in den Zimmern hingen,„ſie war Leben, Seele und Geiſt und alles, was der Menſch ſein kann. Aber man ſieht, daß das Triviale das Herrlichſte in Vergeſſen⸗ heit bringen kann.* Durch unzählige ähnliche Aeußerungen und meine ganze Stellung entſtand in meiner Seele eine Bitterkeit, von der ich in meinen unſchuldigen Jahren keine Ahnung gehabt. Ich nährte einen wirklichen Haß gegen die Ver⸗ ſtorbene, um derenwillen ich ſo manche Kränkungen er⸗ tragen mußte, und nichts konnte mir angenehmer ſein, als wenn ich ſie tadeln hörte. Eine unverheirathete Dame von vorgerücktem Alter war ihre Freundin geweſen und verſäͤumte nie, zu weinen und zu ſeufzen, ſo oft ſie Sonn⸗ tags ihr Portrait betrachtete. Einſt als ſie mit ihrem Taſchentuche in den traurigen Genuß verſunken war, be⸗ fand ich mich zufälligerweiſe an ihrer Seite und ließ meine Augen den ihren folgen. Sie wandte ſich nach mir um und ſagte:„Das iſt ein intereſſantes Por⸗ trait und außerordentlich ähnlich. Sie haben ſie wohl nie geſehen? Ja, hübſch war ſie nicht und— wunderbar genug— man ſollte nach dem Ausdrucke dieſer Phyſiog⸗ nomie kaum glauben, daß eine ſo ausgezeichnete Seele in ihr wohnte. Denn ausgezeichnet war ſie. Sie konnte Alles, was es auch ſein ſollte, lernen, und Alles thun, was ſie wollte. Das verſteht ſich— denn die Wahrheit muß man geſtehen— ſie hatte die Fehler, die großen Genies eigen ſind: ſie war launiſch, unordentlich und ließ Haus und Kinder für ſich ſelbſt ſorgen. Ich habe es ihr oft vorgehalten, aber ſo ſind einmal große Geiſter.“— Die Freude, die ich bei dieſer neuen Art von Lobrede empfand, wurde noch vermehrt, als ein alter Major, der 216 ſich mir immer gewogen gezeigt, mir zuflüſterte:„Sie war, meiner Seel', kein größeres Genie als ich, aber ſie war für die Eitelkeit der Aeltern ein Schatz, ſo lange ſie lebte, und ſo iſt ſie's nun auch nach ihrem Tode.“— Ich war viele Tage nach dieſen Aeußerungen in gutem Humor. So gährten die böſen Leidenſchaften bereits in meinem jungen Herzen. Ein Jahr war auf dieſe Weiſe verfloſſen. Da ge⸗ ſchah es, daß ich in einer Geſellſchaft Zeuge eines Diſputes zwiſchen zwei Männern war, die nicht zu unſerem ge⸗ woͤhnlichen Kreiſe gehörten. Sie ſprachen von Erziehung, von Inſtituten, und der Eine kam durch die Wendung des Geſpräches zu dem Ausſpruch, kein Menſch ſei ſo vernachläſſigt, daß er ſich nicht mit gutem Willen und natürlichem Verſtande die nöthige Bildung auch in einer Stellung verſchaffen koͤnnte, die die wohlwollende Mit⸗ wirkung Anderer ausſchlöſſe. Dies war eine von den Aeußerungen, die unbewußt für den, der ſie vorbringt, gleichſam von einer wohlthuenden Ausſtrömung zu uns getragen werden und wie ein fruchtbares Korn in die Seele fällt und Wurzeln ſchlägt. Ich lauſchte begierig jedem Worte, da der, der dieſe Meinung ausgeſprochen und nun die Einwendungen der Uebrigen widerlegte, meh⸗ rere Bücher der däniſchen und deutſchen Literatur nannte, welche, ſelbſt ohne daß man die Ueberſetzungen aus andern Sprachen mitzurechnen hätte, einen neuen Tag für den aufgehen laſſen wurde, der in ſeinem eigenen Innern Em⸗ pfänglichkeit dafür hätte.„Das eine Buch,“ ſagte er, „gibt Anweiſung für das Andere, und ein Kreis von freundlichen, intereſſanten Menſchen und Lehrern wird ſich bald um den ſammeln, der dieſe vielleicht in ſeiner per⸗ ſoͤnlichen Umgebung vermißt.“ Es ſchien, als ob dieſe Worte zu mir geſagt wären. Ich wiederholte in meiner Erinnerung die Namen dieſer Bücher und bat Ler⸗ mann, ſie mir zu verſchaffen. Er ſchien Wohlgefallen an meinem Wunſche zu ſinden und verſchaffte mir alle Lectüre, —— 217 die ich nur wünſchen mochte. Ich lernte bald, wie wahr die Worte des erwähnten Mannes waren. Eine neue und beſſere Welt öffnete ſich vor mir. In allen freien Stun⸗ den gab ich mich dieſer für mich ſo neuen, ſo anziehenden Beſchäftigung hin. Ich verſtand wenig Deutſch und ar⸗ beitete mich nicht ohne Mühe in den Geiſt dieſer Sprache hinein; ich beſchränkte mich nicht ausſchließlich auf Unter⸗ haltungsleetüre und freute mich unſäglich über die Fort⸗ ſchritte, die mein Wiſſen und Denken täglich machten. Die Frucht, die mein Mann von dieſer Aufklärung hoffte, errntete er zwar nicht; denn in unſern gewöhnlichen Krei⸗ ſen blieb ich ſtumm und zurückhaltend. Es war mir ein für allemal unmöglich, hier einige Freiheit zu gewinnen; nur ſtill und unbekannt, an der Seite des Einen oder Andern außerhalb des gewöhnlichen Kreiſes gelang es mir, eine Converſation zu unterhalten. Jedesmal, ſo oft es geſchah, daß eine ſolche nicht ganz unbedeutende Per⸗ ſon mir Aufmerſamkeit ſchenkte und mich vorzuziehen ſchien, war es, als kehrte mein Mann mit der erſten alten Liebe zu mir zurück, waͤhrend hingegen die immer auf's Neue ſich wiederholenden Kränkungen die entgegengeſetzte Wirkung auf ſeine Geſinnung hatten; und ungeachtet dieſe ſchwankende, eitle Denkungsweiſe mir ſtets die Wahrheit Deiner Bemerkungen bewies, war doch meine Ergebenheit gegen ihn ſo feſt in meinem Herzen eingewurzelt, daß ich immer mit Freuden ſeine Zärtlichkeit erwiederte, wenn ſie ſich mir zuwandte. Die beſte Frucht meiner Studien blieb nicht aus: ich wurde ruhiger, meine verwirrten Ge⸗ danken klärten ſich auf, und etwas mehr Muth und Haltung machten meine Stellung erträglicher. So riß ich mich oft von der Geſellſchaft meiner Schwiegerältern los, wo man meine Gegenwart, wie es ſchien, bloß deß⸗ halb wüuſchte, um den Schmerz des Verluſtes der Tochter zu empfinden; dagegen brachte ich den Sonntag Mittag bei meinen eigenen Aeltern zu, von deren Umgang mit meinem gegenwärtigen Krelſe niemals die Rede geweſen. 218 Wenn ich mich dann Abends in dem unbehaglichen Cirkel einfand, hatte ich mehr Faſſung, ihn zu ertragen. Mehrere Jahre verliefen auf dieſe Weiſe ohne Ver⸗ änderung. Meine Stieftochter war bereits von ihrem achten Jahre an in eines der vornehmſten Inſtitute der Stadt gegangen. Um ihre großen Talente drehte ſich unaufhörlich das Geſpräch, ſelbſt wenn ſie auch zugegen war. Sie war mir faſt eine Fremde, denn ſie ließ ſich nicht gerne mit mir ein; was ſie mit Andern ſprach, ver⸗ ſtand ich nicht, da es von ihrer früheſter Jugend an aus⸗ gemacht war, nie eine andere Sprache mit ihr zu ſprechen, als Franzöſiſch oder Engliſch. Mein Stiefſohn dagegen, der in dem väterlichen Hauſe aufwuchs, war mir ein ge⸗ liebter Sohn, meine liebſte und unentbehrlichſte Geſell⸗ ſchaft, die meine Liebe mit treueſter Hingebung vergalt. Er ſollte Militär werden oder ſtudiren; aber zu keinem von Beiden hatte er Luſt, er wollte Seemann werden. Reiſen, Handel und Wandel ſchienen ſein Element zu ſein. Dieſe Neigung mißfiel ſeinem Vater, und nach manchen Debatten kam es endlich zu einer Art Ucbereinkunft: er wurde in eine Handelsclaſſe der Schule gethan, wofür ihm ſeine Großältern ſowohl, als ſein Vater ihre Gering⸗ ſchätzung zu erkennen gaben: in ihren Augen ſtand er all⸗ zutief unter ſeiner genialen Schweſter. Er war fleißig, verſtändig und machte raſche Fortſchritte in den Lehr⸗ gegenſtänden, in welchen er unterrichtet wurde. In demſelben Jahre, in welchem wir unſere beiden Aeltern verloren, ſtarb auch Lermanns erſter Schwieger⸗ vater. Die Schwiegermutter ließ ſich nun in Schleswig nieder, wo ſie Verwandte hgtte, und nahm mit meines Mannes Erlaubniß ihre Enkelin mit ſich. Das große Haus hoͤrte auf, der alte Kreis zerſtreute ſich oder zog ſich mehr zuſammen, und meine eigene Stellung wurde ruhiger und weit beſſer. Ich lebte nun ſehr ſtill; nur ein kleiner Kreis verſammelte ſich in unſerem Hauſe. Mein Mann war ſelten dah eim, er ſuchte ſeine eigenen 4 ſ 219 Geſellſchaften und Zerſtreuungen. Daß ich ſchon lange ſeine Liebe verloren, war mir klar; aber er war zufrieden mit meiner Aufführung, wie mit der Ordnung, die ich in ſeinem Hauſe eingeführt; und er zeigte mir mehr Achtung, als in jüngern Tagen. Ich war nicht unglücklich. Ich bildete mir mein Leben nach meinem Geſchmacke. Ich hatte ſelbſt keine Kinder. Der junge Harald war der Gegenſtand all' meiner Zärtlichkeit; eine eigene Miſchung von mütterlichem und ſchweſterlichem Verhältniſſe fand zwiſchen uns Beiden ſtatt, wir theilten oft dieſelben Ver⸗ gnügungen; und in der guten Jahreszeit wanderten wir Arm in Arm wie liebevolle Geſchwiſter und beſuchten die Gegenden, die uns die theuerſten waren. Dieſe Jahre, dieſe Wanderungen, dieſes unſchuldige Zuſammenleben iſt von meinem Leben die einzige Zeit, an die ich mit Sehnſucht und Freude denke. Bald kamen die alten Sorgen wieder und mit ver⸗ doppelter Stärke, da ſie unter mein eigenes Dach und unter Verhältniſſen einzogen, die mir ſehr peinlich waren. Die Großmutter meiner Stieftochter ſtarb, und dieſe kehrte nun in ihres Vaters Haus zurück. Die Furcht einer Erneuerung der alten Kraͤnkungen ergriff mich zwar, als mein Mann mit großer Freude mir die Ankunft ſeiner hochberühmten Tochter meldete. Doch überwand ich dieſes Gefühl und nahm mir vor, Alles zu thun, was ich ver⸗ möchte, um mir eine Freundin in dieſem Mädchen zu erwerben. Es war nur ein Unterſchied von vierzehn Jahren zwiſchen uns, ſie war in dieſem Augenblicke ein⸗ undzwanzig, ich fünfunddreißig. Zwiſchen dieſen Epochen des Lebens iſt zwar ein großer Unterſchied; aber ich hatte doch den Geſchmack an den Genüſſen noch nicht verloren, an welchen unſere gebildete Jugend Behagen findet. Ich wünſchte, daß das väterliche Haus ihr angenehm werden moͤchte und empfing ſie mit Hoffnungen, von denen ich ſogleich fühlte, daß ich ſie kaum würde erfüllt ſehen. Steif und vornehm kam ſie mir entgegen. Sie war— 220 nach den Portraits zu urtheilen— ganz das Bild ihrer Mutter, dieſelben waſſerblauen, nichtsſagenden Augen, derſelbe ſchmollende Mund, dieſelbe feine weiße Haut, ſo ſtark mit Sommerflecken beſäet, daß ſie kaum zum Vorſchein kam. Ihr Geſpräch war weder belebend, noch angenehm, aber ſelbſt der ſchlimmſte Feind mußte ihren Talenten Recht widerfahren laſſen. Sie ſprach mit Fertigkeit mehrere lebende Sprachen, ſtickte, malte; aber namentlich ſang ſie und ſpielte das Pianoforte mit Virtuoſität. Ihr Vater war entzückt von ihren Vorzügen und ließ ſie gerne von der Welt bewundern, und in Folge deſſen machte ein geſellſchaftliches und zerſtreutes Leben auf's Neue ſeine Rechte geltend. Doch war unſer Kreis nun weit ausgebreiteter; nur Einzelne von den Früheren waren noch da. Aber waren die früheren Freunde im Ganzen Philiſter, ſo waren die jetzigen im Ganzen Dllettanten, und ich weiß nicht, welche von dieſen beiden Claſſen vor⸗ zuziehen iſt. Die einzelnen Phänomene von leuchtenderen Geſtalten, die ſich, wie früher, an dieſem grauen Himmel zeigten, vermochten ihn nicht aufzuklären. In dieſer Um⸗ gebung ſpielte ich nun wieder meine alte Rolle, die da⸗ durch noch drückender geworden, daß mein Mann weit mehr, als früher, die Geringſchätzung theilte, die man mir zeigte. Selbſt in der Hauswirthſchaft verlor ich nach und nach meine Mündigkeit. Es hieß immer:„Das oder das iſt nicht mehr genial; das iſt etwas, was alte Leute nicht verſtehen.“ Dieſe immer wiederkehrenden Ausdrücke;„alte Leute, alte Frau“... ja hier komme ich auf einen Punkt in meinen Bekenntniſſen, der freilich Deine frühere Behauptung meiner Eitelkeit rechtfertigen möchte; aber es kömmt mir doch vor, als ob meine Gefühle in dieſer Hinſicht natürlich und verzeihlich wären. Es wurde mir beſtändig von meiner Umgebung und von meinem Spiegel geſagt, daß die Blüthen der Jugend mich nicht ganz verlaſſen hätten. Das freute mich ſehr. Die Schoͤnheit war mir lieb, wo ſie mir begegnete, und da A 221 ich ſo manche Demüthigungen wegen des Mangels an anderen Vorzügen ausgeſtanden, ſo legte ich vielleicht einen zu großen Werth auf dieſen, der mir noch nie ſtreitig gemacht worden war, und vielleicht war es ge⸗ rade dieſes einigermaßen bewahrte Aeußere, was die erſte Veranlaſſung zu der unfreundlichen Stimmung meiner Stief⸗ tochter gegen mich bildete: denn ſchon einen Tag nach ihrer Ankunft trat der Umſtand ein, daß ein Herr in der Geſellſchaft, in der wir uns befanden, die Meinung änßerte, wir ſeien Schweſtern, und als ich ihn über ſeinen Irr⸗ thum aufklärte, näherten ſich einige Damen, welche in die Artigkeiten einſtimmten, die er mir bei dieſer Gelegenhelt ſagte. Natalie erroͤthete heftig und ergriff nach dieſer Zeit jede Veranlaſſung, um mich hoͤren zu laſſen, daß ich mich lächerlich mache, wenn ich jünger ſein und ſcheinen wolle, als meine Jahre. Beſtändig gebrauchte ſie die Worte:„Es paßt ſich nicht für eine alte Frau, an ſol⸗ chen Sachen Vergnügen zu finden.“ Oder wenn mir Jemand ein ſchmeichelndes Wort ſagte, lachte ſie laut auf:„Mit ſolchen Flauheiten ſchmeicheln Sie ſich bei unſerer alten Mutter nicht ein;“— denn Worte, wie „Flauheit,“„Dummheit“ u. ſ. w. erlaubte ſie ſich gegen Perſonen, die durchaus in keinem näheren Verhält⸗ niß zu ihr ſtanden, in der ſtillſchweigenden Vorausſetzung, daß eine Perſon mit ihren Verdienſten ſich leicht über die Hoͤflichkeit hinausſetzen könne, welche Andere ihr gegen⸗ über und unter einander beobachten mußten. In unſern beinahe täglichen Soireen ſaß ich nun ungefaͤhr wie in alten Tagen in den Geſellſchaften der Schwiegerältern. Unſer Haus war gleichſam ein Clubb, wo der Eintritt mit der Bewunderung Natallens bezahlt wurde, und da Dilettanten immer einen großen Reichthum an Enthuſias⸗ mus beſitzen, ſo war die einzige Converſation, welche ſtattfinden konnte, das gegenſeitige Entzücken über die reſpectiven Leiſtungen. Den ganzen Tag wurde Muſik probirt und geſungen, daß das Haus davon widertönte. 22² Concerte wurden bis tief in die Nacht hinein aufgeführt; auch fanden häufig Vorleſungen von dramatiſchen Werken ſtatt, bei welchen Jeder eine Rolle übernahm. Es waren beinahe immer franzoͤſiſche, bisweilen engliſche Schauſpiele, von welchen ich kein Wort verſtehen konnte; und dafür dankte ich Gott, denn die wenigen Male, die mir dieſer Kunſtgenuß däniſch oder deutſch zu Theil wurde, kam er mir ſo gräßlich vor, daß es mir beinahe uͤbel wurde. In ähnlicher Weiſe ging es mir mit der Converſation in Sprachen, die ich nicht verſtand; ich war froh, dem leeren Geſchwätze nicht folgen zu können. All' dieſer Mangel an ſchuldiger Rückſicht und Achtung gegen die Hausfrau wurde unendlich vermehrt durch die mancherlei Anſpie⸗ lungen auf die Mesalliance, die mich an einen Platz geſtellt, wohin ich nicht gehörte. Einſt z. B. wurde von einem Manne geſprochen, der das Stubenmädchen ſeiner verſtorbenen Frau geheirathet, und dieſes Frauenzimmers mit großer Verachtung gedacht; man ſagte, ſie koͤnne weder leſen, noch ſchreiben, ja ihre Sittlichkeit ſogar ſtehe auf ſchwachen Füßen. Bei dieſer Gelegenheit ſagte Je⸗ mand aus der Geſellſchaft: ein Mann, der ſich zu einer ſolchen Wahl erniedrige, müſſe alle Achtung vor ſich ſelbſt und dem Andenken ſeiner erſten Frau verloren haben. Bei dieſen Worten lachte Natalie, nahm ihr Glas und rief über den Tiſch:„Papa! kann ich die Chre haben, ein Glas mit Ihnen zu trinken?“ Lermann machte eine verdrießliche Miene. Da die Umherſitzenden ſich jedoch nicht enthalten konnten, zu lachen, ſo lachte er mit. Die Bitterkeit, der Groll, welcher durch eine ſolche Behand⸗ lung in meinem Herzen genährt wurde, hatten etwas doppelt Peinliches für mich, da ich den Einzigen mißte, bei dem ich meine Klagen ausſchütten und Theilnahme finden konnte. Mein Harald, der ſchon ſeit mehreren Jahren als Volontair auf einem unſerer größeren Kauf⸗ mannsceomptoiren gearbeitet, hatte ſich das Vertrauen ſeiner Vorgeſetzten in ſo hohem Grade zu erwerben ge⸗ 223 wußt, daß man ihm ein wichtiges Geſchäft in einem fernen Welttheile anvertraute, und da dieſe ehrenvolle Sendung zugleich ſeine alten Wünſche in Bezug auf See⸗ reiſen und Aufenthalt in fremden Ländern erfüllte, ſo ſah ich ihn gerne aus einer Stellung geriſſen, die auch für ihn drückend war, obwohl mein Herz beinahe brach, als ich ihm Lebewohl ſagte und ich mit ihm jede Stütze und jede Sympathie in dieſer Welt zu verlieren ſchien. Zwei Jahre nach Nataliens Heimkehr kam mein Mann eines Tages und meldete uns einen Fremden, den er in eine Geſellſchaft eingeladen, die am folgenden Tage ſtattfinden ſollte.„Es iſt,“ ſagte er,„der Legationsrath Trolle, ein ſehr reicher, ſehr feiner und gebildeter Mann, der mir einen Brief aus dem Auslande brachte, und mit dem Du alle lebenden Sprachen ſprechen kannſt; er ſpricht ſie ſo gut, als Du. Daß Du morgen gewiß hübſch und liebenswürdig biſt.“— Als es ſich bei dieſer Erklärung ergab, daß dieſer Herr ein Mann zwiſchen den Vierzig und Fünfzig ſei, warf ſich Natalie in die Bruſt und ſagte:„Pfui! ſo ein alter Menſch!—„Ach!“ fügte ſte, dem Vater ſchmeichelnd, hinzu:„ich weiß wohl, mein eigener Vater iſt im ſelben Alter oder noch etwas darüber; aber er iſt eine Ausnahme: er iſt eewig jung, hübſch und liebenswürdig, ein vollkommener Cavalier.“ Mit ſolchen Aeußerungen und durch die Bewunderung, die ſie nach ſeiner Meinung überall erregte, glückte es ihr, einen aus⸗ ſchließlichen Platz in ſeiner Liebe zu gewinnen. Trotz der oben erwaͤhnten Aeußerung über den an⸗ gemeldeten Fremden war doch nicht zu verkennen, daß Natalie es darauf anlegte, einen neuen Anbeter in ihm zu gewinnen. Er kam, ein Mann mit dem deutlichen Gepräge von Bildung und Umgang mit der Welt und mit einem beſonders feurigen Ausdruck in Phyfiognomie, Geſpräch und Bewegung. Mein Mann ſtellte ihn ſeiner Frau und Tochter vor und äußerte, die geſellſchaftlichen Talente der Letzteren würden, wie er hoffe, dazu beitra⸗ 224 gen, unſer Haus einem Kunſtkenner, wie der Herr Le⸗ gationsrath angenehm zu machen. Mit eigenthümlich froniſchem Lächeln antwortete dieſer, daß er den Titel eines Kunſtkenners nicht annehmen dürfe, er ehre jedoch die Kunſt und bete die Schoͤnheit an, wo ſie ſich zeige, und beglückwünſche meinen Mann, der von beiden um⸗ geben ſei. Mit dieſen Worten verbeugte er ſich vor mir und richtete ſichtlich die letzte Tirade an mich. Ganz gegen alle Gewohnheit in unſerem Kreiſe war ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf mich gerichtet. Bei Tiſche ſaß er an meiner Seite und unterhielt ſich mit mir mit einer Courtoiſte, die— ich geſtehe es— mir in hohem Grade ſchmeichelte und meinen geſunkenen Muth hob. Er kam öfter und beobachtete ſtets denſelben Ton. Einmal fiel das Geſpräch auf ein neulich herausgekommenes, viel be⸗ ſprochenes franzöſiſches Dichterwerk. Auf das allgemeine Verlangen der Geſellſchaft verſprach er es zu bringen und vorzuleſen, ja er war ſo hoöͤflich, nach Hauſe zu gehen und es ſo raſch als möͤglich zurückzubr ingen. Als Alle Platz am Tiſche genommen, zog er das kleine Buch her⸗ vor, bemerkte jedoch im ſelben Augenblicke, daß ich mich davonſchleichen wollte. Auf ſeine Frage antwortete ich, daß ich, nicht im Stande, das Vergnügen zu genießen, ihn vorleſen zu hören, da ich kein Franzöſiſch verſtehe, dieſe Stunde benützen wolle, einen Brief fertig zu ſchrei⸗ ben, den ich angefangen.„Ei meine beſte Frau!“ rief er und legte das Buch bei Seite:„Wir werden doch dieſe Lectüre nicht ſo theuer erkaufen, daß wir die Gegenwart der Frau dabei vermiſſen möchten.“— Alle meine Bitten und Vorſtellungen waren vergeblich. Endlich ergriff ich den Ausweg, Natalie zu veranlaſſen, das Buch dem Theil der Geſellſchaft vorzuleſen, welcher es zu hören wünſchte, während ich, begleitet von dem Le⸗ gationsrath und einigen Andern, die vielleicht, ohne es zu geſtehen, in gleichem Falle wie ich waren, in ein anderes 4 225 Bhunmen ging, wo wir uns die Zeit mit Geſprächen ver⸗ trieben. Die Achtung und Aufmerkſamkeit, welche Trolle mir bei jeder Gelegenheit zelgte, die treffenden und bisweilen ſarkaſtiſchen Bemerkungen, mit denen er oft das Benehmen meiner Umgebung züchtigte, gewannen ihm natürlich einen Phohen Platz in meiner Gunſt. Ich ſah in ihm einen Rächer, einen Ritter, der ploͤtzlich zu meiner Vertheidigung aufgeſtanden war, ich ſah in ihm einen Beſchützer, einen treuen Freund und... ich geſtehe, es dauerte nicht lange, ſo ſah ich in ihm einen Liebhaber, ja, ich konnte nicht daran zweifeln, einen ſo warmen, von meiner Per⸗ ſönlichkeit ſo eingenommenen Liehaber, wie ich nie einen gefunden. Ich uüberraſchte ihn oft in ſeine Betrachtun⸗ gen verſunken daſitzend und in ſo tiefen Gedanken, ſo rein abweſend, daß er bei meiner Anrede erſt zu erwachen ſchien. Einſt ſagte er mit einem Ausdrucke tiefen Schmerzes:„Fragen Sie nicht nach den Gedanken, die ich hege, wenn ich mich in die Betrachtung Ihrer Schönheit und Anmuth vertiefe. Es iſt ein Traum, der mein inneres Leben erhält; erzählte ich ihn, ſo würde ich vielleicht den kleinen Theil, den ich an Ihrer Freundſchaft habe, verlieren.“ Dieſe leidenſchaftliche Liebe hob mich ſo ſehr in meinen Augen, war mir ein ſo großes Gegen⸗ gewicht gegen die Kränkungen, die ich ſonſt erfuhr, daß es mir unmoͤglich ſchien, ohne Trolle zu leben, und es war mir, als theilte ich meinerſeits ſeine Gefühle.— Ach! vergib mir, Johann. Ich bin für meine Thorheit geſtraft. Anfangs ſchien mir mein Mann mehr Aufmerkſam⸗ keit zu zeigen, als er ſah, daß mich ein Anderer ſo hoch in Ehren hielt; er ſchwankte einige Zeit zwiſchen der alten Güte und der ſpäteren Geringſchätzung, aber wie man vorausſehen konnte, war Trolle bald bei Natalien und ihren Anhängern tödtlich verhaßt: ſie ſuchten auf Novellen. III. 15 226 jede Weiſe ſeine Perſon lächerlich zu machen und ſeinen Charakter durch manche Anſpielung auf ein unerlaubtes Verhältniß zwiſchen ihm und mir zu ſchwärzen. Anfangs hörte mein Mann mit großter Gleichgültigkeit zu, aber nach und nach wurde er aufmerkſam und zuletzt, nicht eiferſüchtig, aber aufgebracht auf Trolle und mich, und verbarg ſeine unfreundliche Stimmung keinen Augen⸗ blick vor uns und Andern. Ungeachtet ich mir in meiner Aufführung nichts vorzuwerfen hatte, machte mich doch das Bewußtſein meiner Gefühle ängſtlich und gab mir das Anſehen noch groͤßerer Strafwürdigkeit, als dies eigentlich der Fall war. Es kam in dieſen Scharmützeln nie zum offenen Kampfe, ſondern nur zu jenen maskirten Angriffen und Ausfällen, die den Muth ſchwäͤchen. Einſt, als ich von meinem Stiefſohn einen Brief empfangen, der mich in eine beſſere, unſchuldigere Zeit und Stimmung zurückverſetzte, ging ich mit mir ſelbſt zu Rathe und nahm mir vor, ohne Rückhalt mit Trolle zu ſprechen und ihn zu bitten, ein Haus nicht mehr zu be⸗ ſuchen, in welchem er in letzter Zeit hatte erkennen müſſen, daß nur ich ſeinen Werth zu ſchätzen wußte. Meine Ergebenheit für einen Freund, den ich nur mit vielen Thränen erſuchen konnte, mich zu verlaſſen, lag freilich deutlich in den Aeußerungen, mit denen ich jenen Beſchluß ausführte— doch das wirſt Du gewiß entſchuldigen. Trolle war wie außer ſich. Zum erſten Male ſprach er mit deutlichen Worten von ſeiner Liebe. In leldenſchaft⸗ lichem Ausdruck verfluchte er die unſinnigen, menſchlichen Verhältniſſe, welche diejenigen verbänden, die ſich haſſen, und diejenigen trennten, die ſich lieben, und ergoß ſich in bittere Worte über die kalten, gleichgültigen CEhe⸗ männer, die, wie das herzloſe Phantom, bei dem ver⸗ grabenen Schatze ſitzen, um Jeden fortzuſcheuchen, der das Licht ſieht, das ſeine Stätte bezeichnet. Mit ſeinem ihm eigenen rhetoriſchen Strom von Worten und leuchten⸗ den Augen ſprach er ſich in eine Heftigkeit hinein, die . * 227 mich erſchreckte; in dieſer Stimmung warf er ſich mir zu Füßen und umſchlang meine Kniee. Vergebens bat ich ihn zitternd, aufzuſtehen, ruhig zu ſein, ſeine Stimme zu dämpfen, keinen Lärm zu machen. Ploͤtzlich wurde die Thüre aufgeriſſen und mein Mann und Natalie ſtanden auf der Schwelle. Mein Mann fuhr heftig in das Zimmer, Natalie hielt ihn zu⸗ rück und ſagte:„Erinnere Dich, was Du mir verſpro⸗ chen.“— Er blieb ſtehen, wandte ſich jedoch an mich und ſagte mit gepreßtem Tone:„Gut, Marianne, hübſch und ehrbar! Nach achtzehnjähriger Ehe!“— Ich wollte ſprechen, ich wollte ihn zurückhalten; aber er wandte mir den Rücken. Er riß ſich los und ſagte:„Du ſollſt ſo⸗ gleich von mir hören.“ Ich war zerknirſcht. Was Trolle zu mir ſagte, weiß ich nicht. Nur erinnere ich mich, daß ich ihn bat, fort⸗ zugehen, daß er jedoch ſchwur, mich nie zu verlaſſen. Nach einer halben Stunde kam Natalie herein und über⸗ gab mir einen offenen Brief von meinem Manne und noch ein Papier. In dieſem Brief befahl mir mein Mann mit wenigen Worten, ſogleich ſein Haus zu verlaſſen, um es nie wieder zu betreten, und verbot mir, weder münd⸗ lich noch ſchriftlich ihn über eine Sache aufzuklären, in der er mit eigenen Augen geſehen und bei der er mit eigenen Ohren mehr als genug gehört, und was meinen verrückten, alten Liebhaber angehe, ſo wolle er nicht ver⸗ ſuchen, ſeine lange, hagere Figur in's Grab zu blaſen, um ihm dadurch eine ſolche Eroberung ſtreitig zu machen. Er verlangte nur, nie wieder eines von uns zu ſehen, und daß ich ſogleich meine Einwilligung zur Scheidung unter⸗ ſchreibe. In meiner Erbitterung über dieſen Ton, in meiner Angſt, Trolle moͤchte den Brief leſen und noch ſchlimmeres Unglück daraus folgen, zerriß ich ihn raſch und unterſchrieb das andere Papier. Verſtoßen, ohne Zuflucht, obdachlos und halb betäubt wie ich war, nahm ich den Vorſchlag Trolle's, mich nach einem der Hotels der Stadt zu bringen, an. Ein Mädchen kam und grüßte vom Fräulein, indem ſie um den Schlüſſel zu meiner Garderobe und meinen übrigen Verſchlüſſen bat, um meine Sachen einzupacken. Das Maͤdchen ſchwamm in Thränen. Ich bat ſie, bei der Einpackung beſorgt zu ſein und ſetzte mich in eine Ecke mit halbgeſchloſſenen Augen. Es kam mir vor, als wäre ich halb aus der Welt. Trolle war fortgegangen, um Vorbereitungen zu meinem Umzuge zu treffen. Er kam bald wieder mit einem Wagen, der mich in ſeiner Geſellſchaft nach dem Orte meiner Beſtimmung brachte. Er führte mich in drei große Zimmer, die mich aufnehmen ſollten. Ich glaube, ſie waren ſehr elegant— mir erſchien Alles wie ein Traum. Er blieb den Reſt des Abends bei mir und ſprach mir ſchmeichelnd Muth zu: was er eigentlich ſagte, weiß ich nicht. Als er mich verlaſſen, war es mir, als ob ich einem Heer von Verfolgern entkommen. Ich fühlte mich leichter in der Einſamkeit. Ich ſammelte meine Gedanken, ich fühlte die ganze Bedeutung meines Un⸗ glücks, aber zugleich auch den Troſt, den ein klares Be⸗ wußtſein der betäubten, lange umnebelten Seele gibt. Es wurde mir klar, daß meine Liebe zu Trolle nur ein Selbſtbetrug war, und daß mein Herz noch. ein Geſühl der alten Liebe für Lermann bewahrte. Die Trennung lehrt uns erſt unſere wahren Gefühle. Nur in der Frei⸗ heit koͤnnen wir frei denken. Lermanns letzte Worte, ſo bitter ſie auch waren, wurden doch mit einer Stimme und einem Ausdrucke geſprochen, der an die Liebe jüngerer Tage errinnerte. Mein Entſchluß war gefaßt. In der Stille der Nacht ſchrieb ich einen Zettel an Trolle und bat ihn, zu vergeben, daß ich ohne ſein Wiſſen die Zu⸗ fluchtsſtätte verlaſſe, die er mir verſchafft, daß ich ihn zugleich erſuche, meinem Aufenthaltsort nicht nachzuforſchen, ſondern das einzige Gut zu ehren, das ich noch beſitze: den Frieden meines Gewiſſens. Beim erſten Grauen des Tages eilte ich mit allen meinen noch eingepackten Sachen 229 nach der Wohnung der erwähnten Frau, nachdem ich zuvor mit meinem letzten Gelde das Nachtlager und den Wagen bezahlt, den man für mich holte. Vierzehn Tage habe ich mich nun hier verborgen und von dem Erlös einigen Schmuckes gelebt, den ich verkaufte. Was ſoll ich mehr ſagen? Kannſt Du mir ver⸗ geben? Wirſt Du die Verſtoßene, Landesflüchtige auf⸗ nehmen? Kannſt Du Deine unglückliche Schweſter noch lieben? Ach! Johann, denke an unſere Kindheit, an unſere jungen Tage, an unſere fromme Mutter! Laß dieſe Erinnerungen ſprechen für Deine arme Marianne. Werner wandte das Blatt um und ſagte:„Hier iſt noch ein kleiner Brief, der mit einer Oblate an den groͤßeren geheftet worden. Er iſt, wie ich ſehe, von der⸗ ſelben Hand, auch datirt von Kopenhagen, aber vom 11. Mai, alſo einen Monat ſpäter.“ Er las: Lieber Bruder! Worte vermoͤgen meinen Dank für Deinen Brief mit dem darin enthaltenen Wechſel nicht auszudrücken; vor Allem aber danke ich Dir für den liebevollen Bruder⸗ ſinn, mit dem Du mich beurtheilſt und troͤſteſt und Deine Arme der Verlaſſenen öffneſt. Mit Recht muß es Dich wundern, daß ich nicht bereits zu Dir geeilt bin; aber ein vaar Tage, nachdem ich meinen letzten großen Brief an Dich abgeſandt, wurde ich ploͤtzlich von einer heftigen Krankheit befallen, an der ich ſeit jener Zeit gelitten, und nun erſt ſehe ich mich einigermaßen im Stande, die 230 ſehnſuchtsvoll erwünſchte Reiſe anzutreten. Lieber Johann! Deine liebevollen Worte, die meine kranke Seele heilend berührten und ihre Bitterkeit gemildert haben, die Krankheit, die meine Gedanken in Regionen führte, wo ſie nur allzuſelten weilten, veränderten weſentlich meine Anſchauungen; und könnte ich meinen letzten Brief zurück⸗ rufen, ich würde einen andern ſchreiben, der zwar dieſelben Berichte enthalten müßte, da ſie wahr ſind, der ſie jedoch in einem andern Tone vorbringen würde, einem beſſeren, der ſich mehr für die Tiefgebeugte, die Irrende ſchickte; denn ich fühle es nun klar, daß verletzte Eitelkeit, dieſe niedere Leidenſchaft, die Urſache meines Unglücks war. Dieſe Deine Worte waren eine prophetiſche Warnung, auf die ich nicht genug achtete. An Deiner Seite, in Deiner ruhigen Heimath will ich ſtreben, aus der Fülle meines Herzens zu beten:„Vergib, wie wir vergeben,“ um dadurch mein Gemüth zu beruhigen; denn mein körperlicher Zuſtand und ein Gefühl, das ich nicht be⸗ ſchreiben kann, ſagt mir, daß ich bald vor ihm ſtehen werde, der für ſeine Feinde bat und uns jene Bitte lehrte. Nun nichts mehr für diesmal! In wenigen Tagen, hoffe ich, wirſt Du ſehen Deine dankbare Marianne. Werner legte die Briefe langſam in einander und reichte ſie Trolle, der, ohne ſich umzuwenden, die Hand ausſtreckte und ſie in Empfang nahm. Trolle erhob ſich, gab Werner die Hand und ſagte mit leiſer Stimme: „Ich danke für heute Abend!“ worauf er in ſein Schlaf⸗ zimmer ging. 231 Am nächſten Tage ließ er Werner wiſſen, daß er ihn nicht wie gewöhnlich beim Mittageſſen erwarten ſolle, da Geſchäfte ihn hinderten, mit ihm zuſammenzukom⸗ men. Thomas, welcher dieſe Botſchaft brachte, er⸗ zählte, daß der Seemann dieſen Morgen dageweſen und Trolle mit ihm ausgegangen ſei. Der alte Diener freute ſich darüber, daß ſein Herr nun ſo wohl ſei, daß er wieder ausgehen könne. Abends, als Werner Trolle zu Hauſe traf, ſagte dieſer:„Ich möchte Dich bitten, Dich morgen zu unſerem Mittageſſen eine Stunde ſpäter, als gewöhnlich einzufin⸗ den; denn ich kann nicht früher kommen, da ich Vormit⸗ tags Geſchäfte habe. Sie betreffen den Seemann, der die Briefe brachte, die Du geſtern Abend mir vorzuleſen die Güte hatteſt. Dieſer Mann iſt Niemand anders als jener Harald Lermann, welcher in dem Brief ſeiner Stief⸗ mutter erwähnt wird. Nach manchen Irrfahrten hat er, als ſein Vater ſtarb, ſeiner alten Luſt zur See nachgegeben, und, ſein ganzes Vermögen in ein Schiff geſteckt, mit dem er umherfuhr und Handel trieb. Er war Rheder und Schiffs⸗ führer, da er ſowohl Navigation, als Handel verſteht. Ein unglücklicher Schiffbruch in einer der ſturmvollen Nächte des letzten Frühjahrs hat ihm Alles zerſtoͤrt. Er iſt verheirathet und wohnt in Aarhuus, nahe bei dem Pfarrhof ſeines Oheims. Auf den Rath des Letzteren ſuchte er meine Hülfe. Ein Schiffbauer in Randers hat ein ganz neues Schiff fertig und bot es ihm zu einem mäßigen Preiſe an. Es iſt ganz nach ſeinem Wunſche. Und er ſoll es haben; Gott ſei Dank, daß ich es ihm geben kann! Ich fühle mich getröſtet, indem ich dieſes kleine Opfer Mariannens Geiſte bringe, denn ihr Brief hat mich tief bewegt. Meine hübſche Mariannel ſo viel Anmuth, ſo viel Verſtand und doch ſo wenig gewürdigt, ſo unglücklich! Ich ſehe nun, daß ſie wie ich ſich von einem Selbſtbetruge leiten ließ. Ach! dieſer Drang zu lieben, dieſer holde Schatten, der vor mir ſchwebt und 23² mich hinführt zu... ich darf nicht daran denken!— Nun! wie geſagt! Morgen Mittag, eine Stunde ſpäter als ſonſt. Harald Lermann iſt unſer Gaſt in der Reſtau⸗ ration.“ Mit dieſen Worten nahm Trolle Abſchied, um zu Frau Derby zu gehen, wo er ſeit mehreren Tagen nicht geweſen. Werner ſah ihm gedankenvoll nach und ſagte bei ſich ſelbſt:„Da geht er hin, leicht wie ein Jüngling und leicht⸗ ſinnig wie ein Jüngling. Er fühle ſich getröſtet, ſagt er! Kann man ſich wirklich tröſten, wenn man Schuld an dem Unglück eines edeln Weſens hat? Muß ſich nicht die Narbe einer ſolchen Wunde bei der geringſten Berührung öffnen und unſer Herzblut ausſtrömen. Unglücklich war ſie freilich ſchon vorher, dieſe mir ſo intereſſante Frau; aber die Zeit hätte manche Veränderung in ihrer Lage bringen können.— Nun, fort iſt fort! und es liegt doch etwas Schoͤnes darin, daß ſie noch nach ihrem Tode dem Einzigen ein helfender Genius iſt, der ihr zur Freude lebte. Es iſt etwas Herrliches um den Reichthum, und das bleibt wahr, Trolle braucht ihn mehr zu Anderer Freude, als zu ſeiner eigenen. Er iſt zweifelsohne ein vollkommener Ausdruck ſeines Zeitalters; ſein und hoͤflich im Umgang, edelmüthig und mildthätig, theilnehmend und lebhaft, aber leichtſinnig, ſentimental und gewiſſenlos in Liebesgeſchichten, über deren Folgen er ſich ſo leicht beruhigt und— es ſſt lächerlich, aber ich glaube es bei⸗ nahe, daß er heute noch etwas Aehnliches beginnen koͤnnte, wenn es ihm gelänge.— Herrgott! ich nenne ihn Vater — das iſt er auch fuͤr mich— und ich, ſelbſt noch ſo jung und nur ein ſündiger Menſch, ſitze hier und morraliſire und gebe mich einem Schmerze hin, als ob er mein Sohn wäre; und doch ergreift mich oft der Gedanke, daß ich ihn nicht richtig beurtheilen kann, daß etwas Räthſel⸗ haftes ſeinen Handlungen zu Grunde liegt, etwas, was ſeine Irrthümer entſchuldigt.“— Als Werner ſich am nächſten Mittag in der Reſtau⸗ 23³ ration einfand, wurde er gegen die Gewohnheit in ein beſonderes Zimmer geführt, wo nach aparter Ordre eine kleine, ſehr zierliche Tafel mit drei Couverts gedeckt war. Kurz darauf kam Trolle und der geladene Gaſt. Werner fand in Harald Lermann einen wackeren Mann mit einer recht liebenswürdigen Miſchung von feinerer Bildung und offenem joivialen Seemannsweſen. Trolle war der an⸗ genehmſte Wirth, die kleine Geſellſchaft ſehr aufgeräumt. Harald nahm ſein Glas und ſagte:„Auf die Geſundheit meines Wohlthäters!“ Mit Freudenthränen in den Augen fügte er hinzu:„So bekümmert ich kam, ſo freudig und gluͤcklich reiſe ich wieder fort.“ Trolle winkte dem Auf⸗ wärter, der ihm eine Flaſche Champagner brachte, die er ſelbſt nahm und mit großem Knall entkorkte, indem er raſch den ſchäumenden Wein in die Gläſer gießend ſagte:„Mit dieſem Schuße ſalutire ich das neue Schiff und bitte mir die Gunſt aus, daß es den Namen Ma⸗ rianne trage; ich denke, dieſer Name iſt uns Beiden lieb.“—„Gewiß!“ rief Harald:„lieb und unvergeßlich! Es iſt auch der Name meiner kleinen Tochter.“— „Bravo!“ rief Trolle:„Ein dreifaches Hurrah für Mariannel Das Schiff Marianne geleite Glück und günſtiger Wind!“ In der heiterſten Stimmung trennten wir uns ſpät Abends. Am Tage nach dem Geburtsfeſte der Madame Berg war Mörk zu Frau Derby gekommen, und da er ſie allein traf— etwas, was ihm die andern Frauen wohl nie ſchwer machten— in Klagen und Vorwürfe ausgebro⸗ chen:„Ja, ja! das wird nicht lange auf dieſe Weiſe fortgehen. Es wird mir wohl gelingen, dem Laſter die Maske vom Geſichte zu reißen und es zu beſchämen. Wenn ich Ihnen und Ihrer Mutter Schwarz auf Weiß zeigen kann, daß das alte Schwein, dieſer Trolle, ein Menſch iſt, der Tod und Unglück Anderer auf dem Ge⸗ wiſſen hat, ſo glaube ich, wird Ihre alte Mutter ſich ſchämen, mit ihm zu coquettiren, was ſie freilich auch 234 ohne dies ſollte und Sie werden ihm bald die Thüre wei⸗ ſen, zuſammt ſeinem würdigen Freund und Kameraden, der niedrig genug iſt, auf Koſten dieſes Abſchaums zu leben.“ Frau Derby war ganz verblüfft und verſprach Mörk, ihren Muth zuſammenzunehmen und ſich ſeinem Plane zu fügen; auch wollte ſie allen ihren mütterlichen Einfluß anwenden, um ihm Eliſens Ja zu verſchaffen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er ihr beweiſe, ſeine öko⸗ nomiſchen Verhältniſſe geſtatten ihm, eine Familie zu ernäh⸗ ren, eine Bedingung, die er eheſtens zu erfüllen verſprach. Der Sommer nahte ſich ſeinem Ende. Die ſchönen hellen Sommerabende waren dunkleren, mit geheimniß⸗ vollen Sternen geſchmückten Nächten gewichen. Trolle's Gemüth ſchien mit dieſem Zuſtande zu ſympathiſiren, der eintritt, wenn die Roſen verblühen, die erſten Früchte des Jahres abgepflückt werden und die letzten noch nicht reif ſind. Eine Leerheit, eine Unluſt und Schlaffheit ſprach ſich in ſeinem ganzen Weſen aus. Er klagte über die Langſamkeit, die Mattigkeit, womit alle guten Hoff⸗ nungen und Unternehmungen ſich hinſchleppten und die meiſte Zeit des Lebens mit Sehnſucht und Ungewißheit erfüllten, während das Boͤſe wie eine Schneelawine über uns ſtürzte. Er ſprach davon, daß er wieder eine Reiſe machen wolle, wünſchte jedoch vorher ſeinen Plan wegen Werners und Eliſens Verbindung zu Stande gebracht zu ſehen. In Frau Derby's Haus war Alles wieder beim Alten. Ein paarmal hatte Werner der früher erwähnten Einladung zu Folge ſein Glück verſucht und Beſuche ge⸗ macht. Die Frau jedoch hatte ihn mit ſo ſichtlichem Unwillen empfangen und ihm jede Gelegenheit, ſich Eliſen zu nähern, ſo ganz abgeſchnitten, daß der einzige Vortheil, den jene Annäherung der Familie ihm gebracht, der war, daß er Madame Berg in den Stunden beſuchen durfte, in welchen ſie auf ihrem eigenen Zimmer zu treffen war. Vor ihr goß er nun ſein Herz aus: aber ſie vermochte ihn nur mit der Hoffnung zu tröſten, daß Mörk's Einfluß 23⁵ bald vorüber ſein werde, da ihre Tochter ihm Eliſen nicht gebe, wenn er nicht eine Sicherheit für ſeine gute oͤko⸗ nomiſche Lage erhalte, die er ihr zwar verſprochen, die er aber ſicher nicht zu geben im Stande ſei, und daß Frau Derby in dieſem Falle gewß ihren Wünſchen zu⸗ gänglicher ſein werde. Daſſelbe ſagte ſie auch Trolle, der die Sache mit Ungeduld betrieb und den Unwillen, Mörk im Hauſe zu treffen, kaum verbergen konnte. Trolle kam in der letzten Zeit ſeltener und war oft ſtill und gedankenvoll, wie ſehr er ſich auch bemühte, ſeine Verſtimmtheit nicht auf den unterhaltenden Ton wirken zu laſſen, den er für eine geſellſchaftliche Pflicht hielt. Er geſtand indeß, daß eine unruhige Sehnſucht, eine kurze Reiſe zu machen, ſich ſeiner bemächtigt habe. Eines Morgens ſagte er zu Werner, daß er dieſem Wunſche nicht länger widerſtehen könne: es ziehe ihn magnetiſch nach Deutſchland; ſeine Abweſenheit, die ſchwerlich lange dauern werde, ſolle keine Veränderung in, der Stellung ſeines jungen Freundes herbeiführen; er möge mit dem alten Thomas ruhig ſeiner Heimkehr harren. Werner hatte bereits bemerkt, daß Trolle in letzter Zeit häufiger, als früher, Briefe von einem Ad⸗ vokaten, der, wie er ſagte, ein alter Freund von ihm war, empfangen und wieder an ihn geſchrieben. Mehrere Tage beſchäftigte er ſich nun mit Zubereitungen zu ſeiner Reiſe. Eines Vormittags machte er mit Werner einen Beſuch bei Madame Berg. Nach einem gleichgültigen Geſprache ſagte dieſer:„Ich hätte beinahe vergeſſen, lieber Trolle, daß ich einen Gruß für Sie von einer alten Freundin habe. Ich erhielt geſtern nach langer Zeit einen Brief von der Gräfin Meerſtein. Ihre Geldſachen find nun arrangirt, aber leider nicht glücklich für ſie ausgefallen. Eine kleine jährliche Summe oder Penſion iſt Alles, was ſie von der Erbſchaft erhält. Sie kommt hieher nach Kopenhagen, ihr Gut zu verkaufen, ſo leid es ihr auch thut, es zu verlieren, und ſo wenig Vortheil 236 ſie ſich von dieſem Opfer verſprechen kann.“ Madame Berg, welche inzwiſchen den Brief geholt und geffnet hatte, fuhr fort:„Sehen Sie, hier iſt eine Stelle, welche Sie betrifft:„„Ich hoͤre, Du haſt mit Legations⸗ rath Trolle Bekanntſchaft gemacht. Grüße ihn von mir. Er iſt mein Jugendfreund, der mich in meiner Kindheit liebevoll gepflegt, als ich die Maſern hatte, und auch in meiner Jugend mich von einem großen Unglücke rettete. Es ſoll mich freuen, ihn in unſerem Vaterlande wieder⸗ zuſehen.““. Mit geſpannten Zügen, ſtierenden Augen und zurück⸗ gehaltenem Athem hatte Trolle auf jedes Wort von Ma⸗ dame Bergs Bericht gelauſcht. Sie ſah ihn verwundert an und ſagte lächelnd:„Glauben Sie, ich erdichte hier etwas? Sehen Sie ſelbſt!“— Mit dieſen Worten reichte ſie ihm den Brief. Er ergriff ihn; aber ſeine Hände zitterten ſo ſtark, daß er, um ſeine Bewegung zu ver⸗ bergen, ſich nach dem Fenſter wandte, wo er die bezeich⸗ nete Stelle mehrere Male durchlas. Dann legte er den Brief zuſammen und betrachtete das Siegel und die Auf⸗ ſchrift, und indem er ſich Madame Berg näherte, ſagte er, ſein Zögern zu entſchuldigen:„Ich ſehe zum erſten Male die Handſchrift unſerer Freundin.“— Er übergab nun den Brief ſeiner Beſitzerin und ergriff ihre beiden Hände, die er heftig küßte, indem er ſagte:„Dank! Dank! tauſendmal Dank! Sie wiſſen nicht, welche Freude Sie mir gemacht!“ Er war von dieſem Augenblicke an ſo frei und heiter, daß Werner, welcher ihn betrachtete, bei ſich ſelbſt ſagte:„Du guter Gott! Iſt er nicht mit einem Male— ich moͤchte ſagen, zwanzig Jahre jünger geworden, weil er einen freundlichen Gruß von einer Dame erhalten. Man möchte lange nach einem Jüngling ſuchen dürfen, der wie er der Mädchen Liebling zu ſein verdient.“ Zu Aller Verwunderung trat Frau Derby ein und ſagte ſehr hoͤflich, ſie bitte Beide, den Abend bei ihr zu⸗ zubringen. Der gute Herr Moͤrk, welcher ein Manuſcript 237 vorleſen wolle, das ihm ein Freund geliehen, habe ſelbſt gewünſcht, daß ſie an dieſem Genuſſe Theil nehmen. Sie nahmen die Einladung an, ohne weiter über das Selt⸗ ſame dieſer Artigkeit von Mörks Seite nachzudenken. Trolle war zu heiter und Werner zu begierig, in Eliſens Nähe zu kommen, als daß ſie ſich hätten weiter darüber befinnen ſollen. Madame Berg dagegen wurde aufmerk⸗ ſam, ſagte jedoch nichts. Werner ging ſogleich, die Frau begleitete ihn und ſchloß hinter ihm; als jedoch Trolle kurz darauf auch ging, nahm Eliſe die Gelegenheit wahr und folgte ihm durch die Entrée. Man konnte ſehen, ſie hatte geweint. Sie hielt Trolle zurück und ſagte:„O Gott! Herr Trolle, Sie wollen fortreiſen? Wer wird ſich dann meiner an⸗ nehmen? Der häßliche Mörk war vorhin hier und ſprach mit der Mutter, und als ſie gegangen war, ſagte Mutter zu mir, daß er ſeine Geldangelegenheiten in die beſte Ordnung gebracht: ich ſoll nun nicht länger ihn und ſie zum Narren haben. Ich ſetzte meine beſte Hoffnung auf Sie, und wenn Sie uns verlaſſen wollen?.. Trolle unterbrach ſie:„Nein, liebe Eliſe! nein, ich reiſe nicht fort. Keine Macht ſoll mich von hinnen treiben. Alles wird wieder gut werden.“—„O wie ſind Sie gut!“ rief Eliſe und ergriff ſeine Hände, in ihrer Unſchuld über⸗ zeugt, daß ſein Aufgeben der Reiſe ein Opfer ſei, das er edelmüthig ihrem und Werners Glücke bringe. Auch der junge Mann, dem er beim Mittagsbrod ſeinen veränderten Entſchluß und die kleine Szene mittheilte, war theilweiſe derſelben Anſicht und dankte ihm mit leichtem Sinne. Madame Berg, welche nichts Gutes ahnte, obgleich ſie ſich nicht klar darüber war, ſuchte vergebens ihre Tochter auszuforſchen. Der Abend kam, die kleine Ge⸗ ſellſchaft fand ſich ein. Man trank Thee und nahm dann Platz am Tiſche, der mitten im Wohnzimmer ſtand: für jeden Anweſenden war ein Stuhl beſtimmt, für Moͤrk ein Lehnſtuhl und vor demſelben ein Praͤſentirteller mit 238 einer Caraffe Waſſer, Zucker und einer kleinen Aſſiette mit Eingemachtem. Die Lampe, welche bereits angezün⸗ det war, ſtand in ſeiner Nähe und ließ die Geſellſchaft in etwas dunklerer Beleuchtung. Mit zufriedener Miene zog Mörk nun ein Packet hervor, das er aus einem Convolut wickelte, welches er offen auf dem Tiſche liegen ließ; dann nahm er ſeine Brille ab, die er ſorgfältig wiſchte, und ſetzte ſie wieder auf; zuletzt genoß er einen Theeloͤffel voll von dem genannten Eingemachten und einen kleinen Schluck Zuckerwaſſer, das ihm Frau Derby indeſſen zu⸗ bereitete. Während dieſe Beiden ſo beſchäftigt waren, warf der Maler einen Blick auf das erwähnte Convolut, worauf einige Linien geſchrieben ſtanden, und mit ſeinen ſcharfen, weitſehenden Augen konnte er Folgendes leſen: „Nach Deiner wiederholten und inſtändigen Bitte und auf Grund Deiner Aeußerung, daß Du mit dieſem Mannſeript eine unſchuldige Familie aus der Schlinge eines Betrügers retten könneſt, glaube ich es Dir nicht vorenthalten zu dürfen, überzeugt davon, daß Du keinen undelieaten Gebrauch machen werdeſt. Ich habe es in der langen Reihe von Jahren, die es in meinem Pulte liegt, nur meinen vertrauteſten Freunden mitgetheilt, da mir nichts fataler iſt, als das Auſwärmen alter Ge⸗ ſchichten dieſer Art.“ Dieſe Linien, welche nur mit ein paar Buchſtaben unterſchrieben waren, machten Werner aufmerkſam. Er ſchob das Papier unbemerkt näher an Madame Berg, die mit einer Handarbeit beſchäftigt neben ihm ſaß. Auf einen Wink von ihm durchlief nun auch ſie dieſes Schrei⸗ ben, ſchob es dann raſch an ſeinen Platz zurück, und ſie und Werner warfen ſich bedenkliche Blicke zu. Möork nahm das Manuſcript und ſagte:„Ehe ich mit der Lecture eines intereſſanten Manuſcriptes beginne, das mir anvertraut iſt, muß ich die Geſellſchaft zuerſt auf Folgendes aufmerkſam machen: Der Verfaſſer iſt ein Freund meines väterlichen Hauſes, und obwohl er etwas 239 aͤlter iſt, glaube ich mich doch ſeiner Freundſchaft rühmen zu dürfen. Er lebte viele Jahre im Ausland und wohnt nun als Arzt in einer der Provinzen. Während ſeines Aufenthaltes im Auslande hat er Vieles von ſeinen Er⸗ lebniſſen aufgezeichnet; aber trotz der Aufforderung ſeiner Freunde war er nie zu bewegen, etwas davon im Drucke herauszugeben. Das Folgende iſt nun eine der kleinen wahren Geſchichten, die er mit gewiſſenhafter Treue wie⸗ dergegeben.“ Nach dieſer Einleitung begann Moͤrk ſeine Vorleſung. Seine Stimme war trocken, predigend und monoton, da⸗ bei hob er ſie zu einer ſchmetternden, beinahe unerträg⸗ lichen Stärke; aber bald vergaßen ſeine Zuhöoͤrer dieſe Unannehmlichkeit über dem Inhalt des Vorgeleſenen, das ihre Aufmerkſamkeit aus verſchiedenen individuellen Grün⸗ den ungemein ſpannte. Das Manuſcript lautete wie folgt: Während meines Aufenthaltes in der Stadt Cöln erhielt ich Zugang zu der großen Bibliothek des vorigen Erzbiſchofs, welche zu gewiſſen Stunden für Fremde und Andere offen ſtand, die ſie zu wiſſenſchaftlichen Zwecken beſuchen wollten. Es war mir geſagt worden, daß dieſe Bibliothek einige alte auf die Geſchichte der Arzneikunſt bezügliche ſchriftliche Aufzeichnungen enthalte, deren Be⸗ kanntſchaft mich ſehr intereſſirte. Da ich ſehr wenige Perſonen an Ort und Stelle traf, ſo konnte ich mich ungenirt mehrere Stunden dort aufhalten; aber den Nutzen, den ich erwartet hatte, fürchtete ich nicht davon zu haben, da ich vergebens mehrere Sammlungen von Manuſcripten durchblättert, ohne das zu finden, was ich eigentlich 240 ſuchte, und worüber mir auch der Bibliothekar keine nähere Auskunft ertheilen konnte. Eines Tages, als ich mit Ungeduld meine fruchtloſen Beſtrebungen fortſetzte, trat ein Mann von mittlerem Alter auf mich zu. Ich hatte dieſen Mann öfters hier geſehen und ſeine intereſſan te, melancholiſche Phyſiognomie betrachtet. Er pflegte ſtille dazuſitzen und zu leſen, ohne mit Jemanden zu ſprechen, ja ohne von ſeinem Buche aufzuſehen. Nun näherte er ſich und fragte mild und höflich, was ich ſo eifrig ſuchte? Vielleicht, ſagte er, könne er mir behülflich ſein, da er unter dieſen Büchern wohl bekannt ſei. Ich nannte ihm den Gegenſtand meiner Wünſche, und ohne das mindeſte Suchen zog er einen dicken Band aus dem Fache, und brachte mir ihn, indem er einige berichtigende Anmerkungen hinzufügte. Als er mich am nächſten Tag in dieſelbe Schrift vertieft fand, ſetzte er ſich zu mir, zeichnete mir die Abhandlungen an, die er für die beſten hielt, und ſprach mit ſo großer Sachkunde, daß ich bald ſah, ich habe einen gelehrten Mann vom Fache vor mir, was er auch auf meine Frage zugeſtand. Dieſe lehrreichen Geſpräche ſetzten wir nun täglich fort; er ſchien ſich für den jungen Collegen zu intereſſiren und bot mir einmal ſogar an, mir einige in⸗ tereſſante Apparate zu zeigen, wenn ich ihn beſuchen wollte, Er bezeichnete mir dabei ſeine Wohnung, welche etwas außerhalb der Stadt lag und nannte mir zum erſten Male ſeinen Namen. Am nächſten Abend fand ich mich pünktlich zur be⸗ ſtimmten Zeit ein und konnte kaum den Eindruck ver⸗ bergen, den dieſer Ort auf mein Gemuth machte, denn ungefähr ſo hatte ich mir die Hütte eines Eremiten ge⸗ dacht. Es war ein kleines, niederes, ſtrohbedecktes Haus mit Weinranken und Roſen, die ſich an den Mauern hinaufſchlangen und die Fenſter bedeckten. Ueberall Spuren des katholiſchen Cultus. Vor dem Eingange in . der engen Vorſtube ein Madonnenbild über einem kleinen 241 Altar, worauf eine Vaſe mit ſchönen Blumen und eine Lampe ſtand. Im Blumengarten, der das Hausumgab, war unter einem großen Kaſtanienbaum ein Kreuz angebracht, das auf einer Erhöhung von Raſen ſtand, die einem Grabhügel glich, und dieſer wie das Kreuz waren mit Blumenkränzen behängt. Die wenigen Zimmer des Hauſes waren einfach, wie Kloſterzellen, nur mit Büchern, wiſſen⸗ ſchaftlichen Inſtrumenten und dergleichen geſchmückt. Nachdem mein Gönner mir die erwähnten Apparate und Anderes dergleichen, wozu unſer Geſpräch Veranlaſſung gegeben, gezeigt, ſagte er:„Es iſt ſpät: nehmen Sie mit einem frugalen Abendbrode bei mir fürlieb.“ Er führte mich in ein anderes kleines Zimmer, wo ein reinlicher Tiſch mit wenigen ausgeſuchten Speiſen und einem vor⸗ trefflichen Weine gedeckt ſtand. Er genoß ſelbſt nicht viel, freute ſich jedoch über meinen friſchen Appetit. Ein alter Diener, der, wie er mir erzählte, in einer Perſon Koch, Kammerdiener, Stubenmädchen, kurz die ganze Dienerſchaft vereinigte, wartete uns bei Tiſch mit ſehr vergnügtem Geſichte auf. Sein Herr bemerkte dies und fügte hinzu:„Mein alter treuer Burſche freut ſich über die Gegenwart eines Fremden, und wirklich, es iſt auch ein Feſt in unſerer Einſamkeit, denn dieſes Haus wird äußerſt ſelten von andern Leuten, als armen Kranken betreten, die Hülfe bei mir ſuchen.“ Mehreremale hatte ich ſo auf ſeine Einladung hin einen angenehmen Abend in dieſem Haus zugebracht, als mich mein freundlicher Wirth fragte, in welchem Orte von England ich geboren ſei?„In England?“ rief ich verwundert.„Ja!“ antworette er:„Sind Sie kein Eng⸗ länder? Das ſagte der erbziſchöfliche Bibliothekar, und an Ihrer Ausſprache glaubte ich auch zu merken, daß Sie kein Deutſcher ſind.“—„Nein, das bin auch ich nicht. Ich bin ein Däne“—„Eine Däne!“ rief er erſchrocken: ein Däne, das iſt mir nie eingefallen.“ Von dieſem Novellen. III. 16 242 Augenblicke war es mir, als ob er mich mit andern Au⸗ gen anſähe; er wurde ſichtlich verſtimmt, und ich nahm raſch Abſchied. Nach Verlauf von einigen Tagen ſah ich ihn wieder, und es ſchien mir, als ſeien die Wolken auf ſeiner Stirne verſchwunden; ich kam wieder wie gewoͤhnlich zu ihm und bemerkte mit Vergnügen, daß ſein Wohlwollen für mich täglich zunahm. Als wir an einem ſchönen Herbſtabend vor ſeiner Thüre in dem behaglichen Blumengarten ſaßen, kamen wir auf meine bevorſtehende Abreiſe zu ſprechen. Ver⸗ ſchiedene Umſtände waren die Urſache, daß ich mehrere⸗ male größere Ausflüge von Cöln machte, aber immer wie⸗ der in dieſe Stadt zurückkehrte. Nun war ich jedoch nahe dabei, ſie im Ernſte zu verlaſſen. Der gute Doctor Cosmus(ich nenne ihn bei ſeinem Taufnamen) äußerte freundſchaftlich, daß er meine Geſellſchaft ſehr vermiſſen werde. Er ſah mich ſtumm an und ſagte nach einer Pauſe:„Wunderbar führt uns hienieden die göttliche Vorſehung, und freundlich warnen uns die Heiligen vor den ſündigen Gefühlen, die wir nähren. Hätte ich im Beginne unſerer Bekanntſchaft gewußt, daß Dänemark Ihr Vaterland iſt, ſo würde ein boͤſes Gefühl, das meine Seele erfüllte, zwiſchen uns getreten ſein und mich des Glückes beraubt haben, das ich nun ein ganzes Jahr in Ihrem Umgange genoß.“ Als ich meine Verwunderung aäußerte, ein ſo ſonderbares Vorurtheil bei einem Manne wie er zu finden, ſo antwortete er:„Sie haben Recht! das habe ich mir wohl ſelbſt auch geſagt. Aber das bloſe Wort: ein Däne, trieb mir das Blut in's Herz. Ich will Ihnen ſagen, daß ein Landsmann von Ihnen meine Jugend, ja mein ganzes Leben verdarb; ich bin ein Schwärmer, ein menſchenſcheuer Eremit geworden, ich bin nicht geworden, was ich hätte ſein ſollen. Es gibt Kreuzwege im Leben, wie in der Natur. Es geht nicht immer wie mit Herkules, daß man die Jugend und die 243 Wolluſt ohne Maske, unter ihrem wahren Namen be⸗ gegnet; nein, man begegnet der Schwachheit, der Leiden⸗ ſchaft, in der Maske des berechtigten Grames, gerechten un⸗ ſterblichen Schmerzes, gekränkter Liebe; neben ihr ſteht die Kraft, die Hoffnung; aber für diejenigen, welche das Liebſte verloren und den Kummer das beſſere Weſen unterdrücken ließen, ſehen ſie aus wie Schattenbilder, denn ſie berühren die Erde nicht mit ihren Füßen.“ Er ſchwieg einige Augenblicke, dann nannte er mir den Namen eines Lands⸗ mannes, den ich nicht perſoͤnlich kannte, den ich aber nie anders, als auf ehrenvolle Weiſe hatte nennen hören. „Lebt er noch?“ fragte Cosmus mit einem wunderbar heftigen Blicke. Ich konnte keine beſtimmte Antwort darauf geben.„Nein,“ ſagte er,„er iſt gewiß todt. Er iſt einige Jahre älter, als ich, es iſt wohl möglich, daß er todt iſt. Ich will mich um ſeines jungen Lands⸗ mannes Willen, der ſo freundlich bei mir in der Einſam⸗ keit ſaß mit ihm verſöhnen. Die heilige Jungfrau will es ſo, das ſehe ich jetzt.“ Als ich mich nicht enthalten konnte, ihn zu bitten, mir etwas Näheres über dieſe Sache mitzutheilen, ſagte er:„Obwohl die Zeit, die Natur und die Studien liebe⸗ voll unſere Herzenswunden heilen, ſo kann ich das doch nicht von den meinen ſagen. Aber in den erſten Jahren, die ich in dieſer Einſamkeit lebte, fand ich, daß es mich erleichterte, wenn ich das, was mein Herz quälte, dem Papiere anvertraute, blos um meinen Gedanken Worte zu geben. Dieſe meine Jugendgeſchichte will ich Ihnen zum Durchleſen anvertrauen, damit ich es er⸗ lebe, daß ein menſchliches Weſen meine unbekannten Leiden erfährt und daran Theil nimmt; denn dieſe Blätter ſind ſonſt beſtimmt, erſt nach meinem Tode in die Hände eines Freundes zu gelangen.“— Er übergab mir ein Packet geſchriebener Blätter, die das Zeichen an ſich trugen, doß ſie das Licht ſchon lange nicht mehr geſehen; mit Begierde las ich ſie, und 244 zum Theil vielleicht aus individuellen Gründen ergriff mich ihr Inhalt mit ſo ſympathetiſcher Macht, daß mein Herz lange davon ganz erfüllt war. Ich las ſie öfters durch, ich prägte ſie meinem Gedächtniſſe ein, und zuletzt konnte ich der Luſt nicht widerſtehen, das Weſentliche daraus auszuziehen und es in meine Mutterſprache über⸗ zutragen. Ich faſſe den ziemlich ausführlichen Bericht über des Verfaſſers Kindheit und erſte Jugend kurz zuſammen. In einer vornehmen adeligen Familie geboren, wurde er frühe der Erziehung eines ſehr gelehrten und ſehr ſtrengen Hofmeiſters übergeben. Seine Mutter hatte er nie ge⸗ kannt, ſein Vater, der einen anſehnlichen Poſten bei einem deutſchen Nachbarhofe bekleidete, übergab ihn bei ſeinem Tode der Fürſorge und Vormundſchaft ſeines Bruders. Dieſer Bruder war ein hoher Prälat, welcher in Cöln wohnte. Cosmus war damals ſechszehn Jahre alt. Seine Neigung hatte ihn bereits ſeit einigen Jahren zum Studium der Naturwiſſenſchaften geführt, und ſein Wunſch war, ſich der Medicin zu widmen. Der Onkel gab ſich alle Mühe, ihn zu beſtimmen, den geiſtlichen Stand zu wählen; er ſtellte ihm vor, daß das ruhige Kloſterleben ſich für ſeine Forſchungen in Natur und Wiſſenſchaften eigne und daß die Ausübung der Arzneikunſt ihm dort nicht ver⸗ ſagt ſei. Dieſe Ermahnungen fanden jedoch kein Echo in dem Herzen des jungen Mannes.„Ich konnte ihm nicht willfahren,“ ſagt er:„Ich erinnere mich zu lebendig der Gedanken und Gefühle, welche bereits, ſo jung ich auch war, Wurzel in meinem Herzen geſchlagen. Die ſoge⸗ nannte ſtumme Natur hatte bisher freundlicher mit mir geſprochen, als die Menſchen. Mein früherer Hofmeiſter pflegte Abends gewöͤhnlich das Kloſter zu beſuchen, das nahe bei der Reſidenzſtadt lag, wo wir wohnten. Er ging allein dahin, geſtattete mir jedoch, ihn abzuholen, wenn ich zu beſtimmter Zeit mit den aufgegebenen Ar⸗ beiten fertig war. Dieſe Wanderungen waren die einzige 245 Freiheit, die ich je genoß, die einzigen Stunden, in denen ich unbewacht und mir ſelber überlaſſen war. Mit allen Sinnen, allen Seelenkräften ſog ich dieſen Genuß ein. Thier und Vogel ſchienen mir liebe Spielkameraden, ich ſprach mit ihnen, pries ſie glücklich, erzählte ihnen von dem Zwang, den ich litt und der Freude, die ich genoß, mich frei unter ihnen zu fühlen. Die ganze Natur, die Baͤume, deren Zweige, von einem leiſen Winde be⸗ wegt, ſich zu mir herabbeugten, der Fluß, deſſen Wellen an das Ufer ſchlugen, ſchienen mir wohlwollende Weſen, die troͤſtend und munter mit mir ſprachen. Einſt geſchah es, daß ein Füllen, das auf der Wieſe graste, zu mir herlief, und da es ſehr zahm war, überhäufte ich es mit Liebkoſungen. Es begleitete mich, als ich weiter ging, ich wandte mich beſtändig nach ihm um, küßte und ſtrei⸗ chelte es, und da ich es nicht länger mir folgen laſſen durfte, ſondern es fortjagen mußte, und ich es erſchrocken mit raſchen Sprüngen ſich entfernen ſah, ſetzte ich mich auf einen Stein am Wege und weinte. Wenn ich nach dieſen Wanderungen in das Kloſter kam, wenn der ernſte Pförtner die ſchwere Thüre öffnete und mich in den düſtern Kloſterhof einließ, wenn ich durch die dunkeln, gewoͤlbten Gänge ging, wo die eine und die andere blaſſe, gebeugte Geſtalt ſtumm an mir vorüberging und wie ein Schatten verſchwand, während ſeine leiſen Fußtritte in der öͤden Woͤlbung wiederhallten; wenn ich dann allein ſaß und auf meinen Hofmeiſter in dem Vorgemach des Priors mit den gemalten Fenſterſcheiben, dem großen Cruzifix, den an den Wänden aufgehängten Bildern, welche ſterbende Märtyrer oder das jüngſte Gericht vor⸗ ſtellten, geduldig wartete: da erſchien mir das Kloſter in ſo ſchneidendem Gegenſatze zu dem Geiſte zu ſtehen, der in Gottes freier, freundlicher Natur zu uns ſpricht, daß ich glaubte, die frommen Brüder verſündigten ſich, indem ſie ſich hinter die traurigen Mauern verſchanzen.“ Cosmus erzählt nun, wie es ihm geglückt ſei, ſeines 246 Oheims Zuſtimmung zu erhalten, eine Unnverſität beſuchen zu dürfen, wo er ſich mit Eifer den mediziniſchen Studien hingab. Er ſagt:„Ich lernte nun wohl einſehen, daß die Nat ur grauſam gegen die Menſchen iſt; doch ſagte ich mir ſelbſt, daß wir ihr Unrecht thun, daß wir nur ihre Sprache nicht verſtehen, die Arzneimittel nicht kennen, welche uns ihre wohlthätige Hand darbietet; daß wir die Mittel zu ergreifen verſäumen, welche uns zu ſchenken ihre Macht überſteigt; und die geiſtigen Kräfte vergeſſen, welche den Koͤrper zu erhalten und zu zerſtören im Stande ſind. Ich brannte vor Eifer, mir einen neuen Weg zu bahnen, um die garſtigen, körperlichen Uebel zu durchſchauen, zu lindern und zu heilen. So entflammt die Hoffnung und der Muth die glückliche, vom Geiſte der Leidenſchaften noch unberührte Jugend.“— Nachdem er ſeine academiſche Laufbahn vollendet und in fremde Länder gereist war, kam Cosmus in einem Alter von vierundzwanzig Jahren nach Coͤln zurück. Sein Oheim, ein ſtrenger Geiſtlicher, aber ein liberaler und verſtändiger Mann, nahm ihn liebevoll auf, gewährte ihm Aufenthalt in ſeiner prachtvollen Wohnung und übergab ihm zu freiem Schal⸗ ten und Walten das hinterlaſſene Vermögen ſeines Vaters, das ihm ein anſtändiges Auskommen ſicherte. Ein alter Arzt, der Freund des Prälaten, nahm ſich außerdem ſeiner an, ſtand ihm mit Rath und That bei, überließ ihm einen Theil ſeiner Praxis und— ſagt unſer Verfaſſer:„Jeder Menſch hat wie das Jahr ſeine Roſenzeit; dieß war die meine; aber ſie war kurz.“— Was indeſſen dieſer Roſenzeit ihren Duft und ihre Farbe gab, war ein junges Mädchen, das er bei ſeiner Heimkehr als eine Tochter im Hauſe des Prälaten eingeführt fand. Es war eine weit⸗ läufige Verwandte des geiſtlichen Herrn, in deſſen Hände die ſterbende Mutter ſie übergeben hatte. Cosmus näherte ſich ihr auf Grund dieſer Verwandtſchaft mit der Freiheit eines Vetters und verliebte ſich heftig in ſie. w Wir wollen nun mit geringen Abkürzungen ihn ſelbſt 247 ſprechen laſſen, indem wir, wie es ſich gebührt, alle Fa⸗ miliennamen und was dieſe zu leicht errathen ließe, aus⸗ laſſen, im Uebrigen aber ſo treu als möglich ſeinen Be⸗ richt wiedergeben: Wie koͤnnen Worte, Pinſel, oder Meißel Jo⸗ ſepha ſchildern? Einſt ſagte Jemand zu mir:„Sie iſt ſchoͤn wie ein Engel!“ Ich verſank in Gedanken bei dieſer Aeußerung und fand ſie nicht bezeichnend. Denn ihre Schönheit hatte nicht den Ausdruck des ſtillen, himmliſchen Geſandten mit den weißen Schwingen, aber wie dann?“ fragte ich mich ſelbſt.„Wie Aphrodite,“ ſagte ich.— Ja, Augen, wie eine Göttin, ſo ſchmachtend und doch ſo brennend; aber dieſe Augen ſind dunkelblau, nicht ſchwarz, wie die der Liebesgöttin. Dieſe Geſtalt iſt klein und kindlich, ohne Ueppigkeit.— Wie Piyche? wie die Grazie? Auch nicht!— Wenn ich ſie Morgens im Garten überraſche, wie ſie tanzt, lächelnd, daß die weißen Zähne durchſcheinen, mit roſenrothen Wangen, mit leichtem Sprunge, daß die kleinen Füße kaum die Erde berühren und das geſtickte Kleid im Winde flattert,— da ſcheint ſie mir einem fremden Vogel mit Flügeln zu gleichen, die in prachtvollen Farben ſpielen, einem Vogel aus dem ſüdlicheren, wärmeren, lebensvollen Clima. Und dieſen Vogel will mein Oheim in die Mauern eines Kloſters einſperren! Nie konnte etwas unnatürlicher, empörender ſein! Sie war eine wunderbare Miſchung von inniger, hingebender Güte und brennender Heftigkeit. Jeden Mor⸗ gen früh, ehe der Prälat aufſtand, trafen wir uns im Garten. Je mehr ich Joſepha kennen lernte, deſto mehr beſtärkte ſich dieſe Meinung in mir. Eine Hofmeiſterin, die ihr mein Oheim gegeben, begleitete ſie zwar zum Scheine, aber auch nur zum Scheine, denn ſie war eine ſtumpfe, gleichgültige Perſon, die entweder halb ſchlafend hinter uns drein ſchlenderte, oder ſich in der erſten beſten Laube niederſetzte und uns alle moͤgliche Freiheit ließ. Wenn Joſepha mich in dieſen Morgenſtunden im Garten 248 traf, lief ſie mir immer entgegen, nahm meinen Arm und ſprach freundlich, vertraulich und heiter mit mir. Glaubte ſie zu bemerken, daß ich traurig oder unpaß war, ſo überhaͤufte ſie mich mit Sorgfalt und Güte, geriethen wir dagegen im Verlaufe des Geſpräches in Widerſpruch, widerſetzte ich mich im Geringſten ihrem Willen, ſo wurde ſie ernſtlich böſe, und brach in Vorwürfe gegen mich aus. Schlug ſie mir vor, an einer muſtkaliſchen Unter⸗ haltung, einer Lection oder einer Spazierfahrt zu einer Zeit Theil zu nehmen, in der mich Krankenbeſuch davon abhielt, ſo ließ ſie dieſe Entſchuldigung nicht gelten, ſon⸗ dern wußte tauſend Auswege, wie ich ohne Verantwortung meine Pflicht ihrem Willen unterordnen koönnte. War ich dann unbeweglich, ſo konnte ſie ſo erbittert werden, daß ſie— nicht im Scherze, ſondern im Zorne— Blumen und Blätter abriß und ſie mir in's Geſicht warf, während ſie in lautes Weinen ausbrach. Einen Augenblick ſpäter war ſie die Geduld ſelbſt und ſtützte ſich matt und lei⸗ dend auf meinen Arm. Täglich fühlte ich, wie neue Bande mich zu dieſem Mädchen hinzogen. Ich hatte nur wenig oder keinen Umgang mit Altersgenoſſen, keinen vertrauten Freund. Meine klöſterlich beſchränkte Erziehung hatte mich zurück⸗ haltend und unfähig für die große Welt gemacht. Aber mit ihr ſchien ein Zauber meine Zunge zu loͤſen und mein ganzes Weſen zu beleben. Ich war nicht blos ver⸗ liebt in ſie, ſondern alle die edelſten Gefühle, welche eine mmenſchliche Bruſt umſchließen kann, hatte ich ihr allein geweiht. So verging ein Jahr ohne irgend eine Veränderung, denn Joſepha's Mutter hatte beſtimmt, daß ſie erſt mit ſechzehn Jahren in das Kloſter eingeführt werde, und ſie war, als wir mit einander bekannt wurden, fünfzehn. Mehreremale während dieſes Zeitraumes machte ich mei⸗ nen Oheim darauf aufmerkſam, wie wenig ein ſolcher Charakter für das Kloſter paſſe, und bat ihn, dieſelbe —— 249 Nachgiebigkeit gegen ſie zu zeigen, die er mir gegenüber bewieſen, aber er war unzugänglich für meine Vorſtel⸗ lungen.„Mit Dir,“ ſagte er,„iſt es eine andere Sache. Du kannſt Deinen Weg zum Himmel finden, ohne ihn durch ein Kloſter zu gehen. Ihr heftiger Sinn aber würde ſie in die Verlockungen und Suünden der Welt führen. Sie muß die bußfertige Magdalena werden, ohne die weltliche geweſen zu ſein. Das war auch ihrer Mutter Wille.“ Ich liebte ſie. Welche Pläne und Hoffnungen ich nährte, kann Jedermann leicht ahnen. Ich ſprach mit Joſepha von den Abſichten des Prälaten. Sie waren ihr bekannt; aber ſie ſchien nicht ernſtlich an ihre Zukunft gedacht zu haben oder das eigentliche Kloſterleben zu kennen. In einiger Zeit ſollte eine junge Nonne in einem hieſigen Kloſter eingekleidet werden. Nach dem Wunſche des Onkels ſollte Joſepha dabei zugegen ſein und ſpäter zu einer Tante, einer vornehmen Dame in der nächſten Reſtdenz, reiſen, wo bei Hofe ein glänzendes Feſt gefeiert wurde. Unter der Aufſicht der erwähnten Dame ſollte ſie auch an dieſem theilnehmen— nach der Sitte, daß ein junges Mädchen von Stand, welches den Schleier nimmt, erſt in der Welt eingeführt ſein muß. Bald ſollte ſie indeß wieder zurückkommen und ihre Beſtim⸗ mung antreten. Joſepha freute ſich gleich kindlich auf die Ceremonie, wie auf das Feſt, und wie peinlich auch alle dieſe Vorbereitungen mir waren, ſchob ich es doch noch hinaus, Joſepha oder den Prälaten in meine geheimen Wänſche einzuweihen, bis dieſes doppelte Feſt vorüber wäre. Ich glaubte ſicher, daß Joſepha, wenn ſie Zeuge der herzerſchütternden Kloſterſzene geweſen, von Ab⸗ ſchen gegen dieſe Beſtimmung durchdrungen und die ſogleich darauf folgende Anſchauung der Herrlichkeit der Welt ihr lebendiges Gemüth im ſelben Grade anſpre⸗ chen wuͤrde. Ich ſehnte mich nun ebenſo ſehr als das junge Mädchen nach dem erſten traurigen Feſte. Ich 250 Thor! ich träumte nicht entfernt, daß es mich ſelbſt in Trauer und Entbehren einweihen werde. Der große Tag kam. Eine außerordentliche Menſchen⸗ maſſe ſtrömte zur Kloſterkirche. Manche Fremde waren aus weiter Ferne herbeigekommen, um einer Feierlichkeit beizuwohnen, welche ſeit mehreren Jahren nicht mehr ſtatt⸗ gefunden. Joſepha kam an der Hand meines Oheims; da dieſer jedoch Funktionen bei der Ceremonie hatte, überließ er ſie meinem Schutze und wies uns einen der vornehmſten Plätze in der Kirche an, während er ſelbſt in das Kloſter ging. Nach der Ceremonie, ſagte er, wolle er Joſepha abholen, um bei der Priorin einen Beſuch zu machen und die neue Nonne zu beglück⸗ wünſchen. Ich ſaß nun an der Seite meiner Geliebten und betrachtete ſie. Sie ſtrahlte von Gold und Juwelen und noch mehr von Freude. Meine Augen fielen indeſſen auf einige Perſonen, welche eine Art Ehrenplatz in der Kirche einnahmen. Ein Bekannter ſagte mir, es ſeien vornehme fremde Diplomaten von den benachbarten Höfen mit ihren Familien. Was meine Aufmerkſamkeit unter dieſen am meiſten auf ſich zog, war ein junges Mädchen von Jo⸗ ſepha's Alter und von auffallender Aehnlichkeit mit ihr. Dieſe Aehnlichkeit brachte mich darauf, die früher er⸗ wähnten Betrachtungen über den Ausdruck der Schönheit Joſepha's zu erneuern; denn dieſes fremde Mädchen war wirklich hübſch, wie ein Engel, obgleich ſie, wenigſtens in meinen Augen, nicht ſo ſchön war, als Joſepha. Der Aus⸗ druck in ihren dunkelblauen Augen war jedoch ſo fromm, ſo reſignirt, ſo wehmüthig, daß zu ihm die weißen Schwingen und der Palmzweig paßte, um dem Lager der Kranken und Betrübten Troſt zuzuwehen. Sie war in Gallatracht, wie alle Andern; eine gewiſſe Einfachheit zeichnete ſie jedoch aus. Die Ceremonie begann; die junge Novize, welche eingekleidet werden ſollte, war ein Mädchen von Stand, jung und ſchön. Welche Gründe 251 ſie bewogen, den Schleier zu nehmen, iſt mir unbekannt, aber das Gerücht behauptete, dieſer Schritt geſchehe durch⸗ aus freiwillig von ihrer Seite. Als ſie in der weltlichen Pracht vorgeführt wurde, die ſie zum letzten Male trug, waren ihre Wangen roſenroth und ihre Augen glühten vor Begeiſterung. Sie warf ihren Schmuck und ihren Putz mit lächelndem Geſichte ab; im Verlaufe der trauri⸗ gen Feierlichkeit jedoch, als man ihr ſchoͤnes, braunes Haar abſchnitt und ſie in die grobe, ſchwere Nonnentracht einkleidete, wurde ſie blaß, und große Thränen rollten aus ihren niedergeſchlagenen Augen.— Ich ſah Joſepha an, ſie war ebenſo blaß, wie die Novize geworden, ſie zitterte, ergriff leiſe meine Hand und flüſterte:„Jeſus Marie! das iſt ja gräßlich.“ Ich drückte ihre Hand und antwortete:„Denke, wenn Du das wäreſt!“—„Ach!“ ſagte ſie:„die heilige Jungfrau erbarme ſich meiner!“— Mit Freude hörte ich dieſe Worte. Während der langen Ceremonie hatte ich ab und zu das erwähnte fremde Mädchen beobachtet. Sie war ſo angegriffen von der Scene, ſie weinte ſo herzlich, daß ein älterer Herr an ihrer Seite über ihre allzu ſichtbare Be⸗ wegung ungehalten ſchien und ihr mit zorniger Miene einen Stuhl hinter ihrem eigenen anwies. Ich hielt dieſen Herrn für ihren Vater; er hatte dichte ſchneeweiße Haare und einen Orden auf der Bruſt. Die junge Dame ſchien nun, ungeſehen von ihm, mit den Augen Jemanden, der in einiger Entfernung ſaß, zu ſuchen und ihm zuzuwinken; ich bemerkte einen jungen Mann, der mit unabgewandtem Blicke ihre Grüße beantwortete, während Thränen, wie es ſchien ihm ſelbſt unbewußt, über ſeine Wangen rollten. Sie ſaß an einer Seite ganz in der Nähe von uns; wir konnten ſie nur im Profil ſehen. Mit herzlicher Theil⸗ nahme betrachtete ich dieſe ſtumme und doch ſo beredte Scene. Das liebliche Mädchen, ſagte ich bei mir ſelbſt, iſt vielleicht von dem harten Vater zum Kloſter verur⸗ theilt, ſie beweint ihr eigenes Schickſal in dem der Nonne, 25² und ſie und ihr Liebhaber ſenden ſich bitterſüße Ab⸗ ſchiedsblicke. Ich machte Joſepha auf die erwähnte Aehnlichkeit mit ihr und auf den jungen Mann in unſerer Nähe aufmerkſam.„Ihn habe ich längſt geſehen,“ ant⸗ wortete ſie.„O welche herrliche Phyfiognomie! welch' liebevolle Augen! welche feinen Züge um ſeinen Mund! Glückſelig vas Mädchen, das er beweint!“ Die Anweſenden hatten ſich beinahe Alle entfernt, nur der junge Mann blieb mit gekreuzten Armen ſitzen, in tiefen Gedanken vor ſich hinblickend. Als mein Onkel nun in all' ſeiner pontificalen Pracht zurückkam und dicht an ihm vorüberging, erwachte er wie aus einem Traume, erhob ſich und verbeugte ſich tief vor ihm. Der Oheim winkte Joſepha, nahm ihre Hand und führte ſie nach dem Eingang zum Kloſter. In dem Augenblicke, als ſie an dem Fremden vorüberging, blieb ſie gleichfalls ſtehen, ſo daß ſie den Prälaten nöthigte, einige Augenblicke inne⸗ zuhalten. Joſepha und der junge Mann hefteten ihre Augen feſt auf einander. Ich ahnte, daß ihre Aehnlich⸗ keit mit ſeiner vermeintlichen Geliebten ihn, wie mich frappirte. Joſepha's Aufmerkſamkeit und Lobrede auf dieſen Fremden war mir zwar nicht angenehm, doch dachte ich nicht mehr daran, bis ich ein paar Tage ſpäter bei dem erwähnten Hoffeſte dieſen Fremden wieder traf. Gegen den Schluß des Balles ſah ich ihn mit Joſepha tanzen und ihr den Arm bei einem Spaziergange geben, den wir gegen Morgen durch den illuminirten Schloßgarten machten; ja es währte einige Minuten, während welcher das eifrig converſtrende Paar für mich und meine Tante, der ich den Arm gegeben, ganz verſchwunden war. Wir reiſten am nächſten Abend ab, um in Geſellſchaft der Tante wieder nach Cöln zurückzukehren; die Letztere wollte die junge Verwandte ſelbſt wieder in die Obhut unſeres Oheims zurückbringen. Sie machte Joſepha Vorwürfe über ihre unvorſichtige Aufführung. Joſepha ſchwieg; 253 da ich jedoch meinen inneren Verdruß nicht überwinden konnte und mit meinen Bemerkungen hervorzutreten wagte, wurde ſie zornig und heftig, weinte und lachte zugleich über meinen Hofmeiſterton, wie ſie es nannte. Wir kamen heim, die ganze Sache wurde nicht mehr erwäͤhnt und von meiner Seite vergeſſen. Einſt, einen Monat ſpäter, war ich mit meinem alten Doctor zu einem kranken Freunde, einem Famillien⸗ vater, gereiſt, deſſen koſtbares Leben wir durch unſere Kunſt gerettet zu haben glaubten. Als ich nach einer Abweſenheit von einer Woche wieder kam, ließ mein Oheim mich ſogleich holen. Ich fand ihn in mißvergnügter Stimmung, und zu meinem Schrecken vertraute er mir, er habe entdeckt, daß Joſepha in einem geheimen Liebes⸗ verhältniſſe zu dem obengenannten Fremden ſtehe, der jede Nacht an der Spalierwand zu ihrem Fenſter herauf⸗ ſteige und mit ihr ſpreche. Doch habe ſie ihn noch nie in ihrem Zimmer empfangen oder war zu ihm hinaus⸗ gekommen. Ein Diener hatte dieſe Sache dem Prälaten mitgetheilt, und dieſer ſogleich Joſepha und die Hofmeiſterin rufen laſſen. Die Letztere, welche von nichts wußte, hatte er ſogleich verabſchiedet. Joſepha dagegen hatte ohne Um⸗ ſchweife Alles eingeſtanden. In größter Leidenſchaft hatte ſie ſich ihm zu Füßen geworfen und ihn gebeten, ſie mit dieſem jungen Manne zu verbinden, deſſen Namen ſie genannt und welchen mein Oheim nun wiederholte.(Ich will ihn hier bet ſeinem Taufnamen Ferdinand nennen.) Bewegt von ihren Thränen und Bitten, hatte der gut⸗ müthige Onkel den Liebhaber um elne Unterredung bitten laſſen. Er war auch gekommen.„Er iſt,“ ſagte der Oheim,„ein hübſcher Mann mit feinen Sitten. Er iſt aus Dänemark und, wie er mir bewies, der einzige Sohn und Erbe eines reichen Vaters. Aber er iſt nicht von Adel und, was noch ſchlimmer, kein Katholik. Folg⸗ lich kann er Joſepha nicht heirathen, ohne wenigſtens zur rechtgläubigen Kirche überzugehen. Aber das ſchlägt er auf's Beſtimmteſte ab, und eine Verbindung muß ſomit aus doppelten Gründen für unmöglich angeſehen werden. Ein eigenthümlich kaltes Blut muß dieſe nordiſchen Menſchen auszeichnen, denn ganz ruhig und gefaßt hoͤrte er die Gründe an, die mich beſtimmen, mich ſeiner und Joſepha's Verbindung zu widerſetzen, und ohne ſich ſon⸗ derlich zu weigern, gab er mir ſein Verſprechen, ſogleich abzureiſen und ihr nur ein ſchriftliches Lebewohl zu ſagen. Doch verlangte er dafür mein Wort, daß ich weder durch Zwang, noch durch Ueberredung, ſie den Schleier zu nehmen, bewege. Dies Verſprechen habe ich gegeben und will es halten, obwohl gegen meinen Wunſch und gegen den Willen ihrer verſtorbenen Mutter; aber es iſt noch ein Beweggrund, der mich dazu beſtimmt:„Ich weiß, Du liebſt ſie; verſchaffe Dir ihr Ja, und ich vereine Euch. Eure Verwandtſchaft iſt ziemlich entfernten Gra⸗ des und Diſpenſion leicht zu erhalten. Geſtern Abend iſt Ferdinand abgereiſt und, wie ich hoffe, ſchon weit ent⸗ fernt. Dieſe Schachtel und dieſen offenen Brief hat er mir für ſie übergeben. Bringe Du ihr beides und zu⸗ gleich die Nachricht von ſeiner Abreiſe.“ Von den widerſprechendſten Gefühlen beſtürmt, hörte ich die Worte des Prälaten. Erfüllt von Dankbar⸗ keit für ſeine Güte, aber in großer Verwirrung empfing ich die ſchwierige Miſſion, die er mir auferlegte. Nach ſeiner Aufforderung las ich Ferdinands Brief. Es waren einige herzliche, aber nicht gerade liebevolle Zeilen. Da er einſehe, ſagte er, welch' große unüberwindliche Hinderniſſe ſich ihrer Verbindung in den Weg legen, nicht blos durch den Willen ihres väterlichen Freundes, ſondern durch die Verhältniſſe ſelbſt, ſo verurtheile er ſich zu freiwilliger Verbannung, ſo lange es noch Zeit ſei und noch kein Schatten unerlaubter Vertraulichkeit die reine Hingebung verdunkle, die Beide zu einander gezogen. Bei der Erinnerung an ihn moͤge ſie denken, daß er einer Güͤte, wie der ihren nicht werth geweſen; bei dem Gedanken 25⁵ an ſie werde er ſich mit Stolz und Dankbarkeit der Augenblicke erinnern, die er in ihrer Nähe verlebt, und ſie nie vergeſſen. Mit tilefer Wehmuth ſagte er ihr Lebewohl und bat ſie, das beifolgende Perlenband als ein Symbol der Thränen zu empfangen, mit denen er auf ewig von ihr Abſchied nehme. In ein paar welter unten folgenden Linien unterrichtete er ſie von ihrer Befreiung vom Kloſter, was er einen großen Troſt nannte, den er mit ſich nehme. Ich konnte nichts gegen dieſen Brief einwenden, auch hatte ich— das fühlte ich— eigentlich keinen Grund, mich über ſeinen Verfaſſer zu beklagen; doch war meine Seele voll Bitterkeit gegen ihn. Ich knirſchte mit den Zähnen bei dem Gedanken, daß ich Zeuge ihres Schmerzes ſein ſolle, wenn ſie ſeine Abreiſe erführe; und als ich nun dieſen Schmerz wirklich ſah, da wechſelte eine innere Raſerei mit Mitleiden in meinem Herzen. Bleich und unbeweglich las ſie den Brief, dann überließ ſie ſich der Verzweiflung, zerriß den Brief, warf das Perlenband auf den Boden und trat darauf, indem ſie Ferdinand einen Verräther, einen Feigen, einen Treuloſen nannte. Dann entſchuldigte ſie ihn wieder und wandte ihren ganzen Zorn auf den Oheim und mich.„Ihr habt ihn zu dieſem ſchändlichen Schritte genöthigt! Er liebt mich! er wird mich nie vergeſſen! er weint um mich!“ Mit dieſen Worten nahm ſie das Perlenband, ſuchte die Reſte des Briefes und bedeckte Beides mit Küſſen und Thränen, So that ſie eine Weile, bis ſie erſchöpft und von einem fieberhaften Zittern ergriffen, in ein dumpfes Brüten ſank. Ich rief ihre Mädchen, ließ ſie zu Bette bringen und ſchaffte Arzneimittel herbei, die ſie von mir anzunehmen nicht zu vermögen war. Sie verlangte mit einem der Mädchen, das ſie lieb hatte, allein zu ſein, und ich ent⸗ fernte mich in einem Zuſtande, der dem ihrigen nicht un⸗ ähnlich war. Am nächſten Morgen fand ich mich wieder ein, um 256 mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ihre Thüre war verſchloſſen. Ich rief ihren Mädchen. Das Eine von dieſen, welches am vorhergehenden Tage mit mir ent⸗ fernt worden, fand ſich ein und ſagte, daß das andere Mädchen, mit Namen Magdalene, ihr am frühen Morgen geſagt, daß ſie mit Erlaubniß ihrer Herrſchaft ein paar Stunden zu ihrer Mutter gehe, welche in der Stadt wohne, und daß ſie indeſſen den Schlüſſel zu dem Zim⸗ mer ihres Fräuleins mitnehme, wie dieſe ihr, um unge⸗ ſtört ſchlafen zu können, befohlen. Als es Mittag wurde, ohne daß Magdalene ſich ſehen ließ, ſandte mein Oheim nach ihr. Sie kam und erklärte mit aller Freimüthig⸗ keit, daß ihr Fräulein ihr anvertraut, ſie wolle vor Tagesanbruch eine Wallfahrt nach dem Heiligenbilde nach der eine Meile von der Stadt entfernten Kapelle machen, und ſie dabei gebeten habe, ihr eine ländliche Tracht zu leihen, welche Magdalene getragen, als ſie ihren Dienſt angetreten, um demüthig, unbemerkt und allein auf ihre fromme Wanderung zu gehen; aus demſelben Grunde habe ſie ihr auch befohlen, ihre Abweſenheit zu verſchwei⸗ gen. Vor Nacht wollte ſie wieder zurück ſein. Der Prälat fand dieſe Erklärung nicht unwahrſcheinlich; ich ahnte jedoch Unrath, namentlich da mir mein Diener er⸗ zählte, daß er am Abend vorher Magdalene habe aus dem Poſthauſe kommen ſehen, was ſie auf meine Frage läugnete. In Joſepha's Zimmer ſtand Alles wie ge⸗ wöhnlich. Alle Kommoden waren verſchloſſen und kein Schlüſſel zu finden. Ich warf mich zu Pferde und eilte nach der Kapelle; aber von Joſepha war keine Spur auf dieſem Wege zu entdecken. Nun begriff mein Oheim ſowohl, als ich, daß der treuloſe Däne uns auf die eine oder andere Art ſie zu rauben gewußt. Wir ſuchten ſo⸗ gleich ſeine Spur zu verfolgen. Bei unſeren Nachforſchun⸗ gen erfuhren wir indeſſen, daß er wirklich am beſtimmten Abend von der Stadt abgereiſt war, und zwar ganz allein. Er mußte alſo zurückgekommen ſein, um ſie ab⸗ 257 zuholen, oder ſie ihm gefolgt ſein. Ich erfuhr, daß er Poſtpferde bis zu einer Station genommen, die man mir nannte. Unverzüglich reiſte ich dahin und folgte ihm von Station zu Station, bis ich am nächſten Tage durch ein Dorf kam, wo man mir erzählte, daß ein Herr, der nach der Beſchreibung Ferdinand zu ſein ſchien, ſich hier den Tag über aufgehalten und Abends auf dem Wege zurückgekehrt ſei, den er gekommen, daß er jedoch in der Nacht mit einem Frauenzimmer in ſeinem Wagen angefahren, und ſobald die Pferde gewechſelt geweſen, weiter gereiſt ſei. Die Dame hatte Niemand geſehen, ſie war nicht aus dem Wagen geſtiegen. Dieſe Nachricht führte mich auf eine falſche Spur, und nachdem ich dieſe mehrere Tage verfolgt und mich zuletzt von meinem Irr⸗ thum überzeugt hatte, wußte ich nichts Beſſeres zu thun, als auf die Station zurückzukehren, wo ich zuletzt auf der rechten Spur geweſen zu ſein glaubte. Eines Tages, es war gegen Abend, kam ich nach Weimar und ſtieg in einem Hotel nahe bei dem ſchoͤnen Schloß⸗ garten ab. Mein Erſtes war hier, wie überall, mich nach den Reiſenden zu erkundigen, welche im Hauſe logirten. Sogleich erfuhr ich gegen alle Erwartung, daß ich am Ziele war. Unter ſeinem eigenen Namen hatte ſich Fer⸗ dinand hier ſo lange aufgehalten, daß er geradezu von Cöln hieher gereist ſein mußte. Die Leute im Hotel ſagten, ein paar Tage nach ſeiner Ankunft ſei auch eine junge Frau gekommen.„Es war curios,“ fügte der Kellner hinzu,„eines Morgens, als ich zu dem Herrn hinaufgekommen, ſteht ſie im Zimmer, und die Portiers⸗ frau behauptet, ſie ſei in der Nacht zu Fuß in Bauern⸗ tracht mit einem Bündel unter dem Arme angekommen; aber die Portiersfrau hat wohl geträumt. So viel iſt gewiß, daß ſie nie anders ausgeht, als Abends; da ſpaziert ſie denn mit ihrem Manne im Schloßgarten umher und hat immer den Schleier vor dem Geſichte. Aber Novellen, III. 17 258 was! Das geht ja Niemanden etwas an!“— Ach, ich wußte nur allzu gut, wen es etwas anging. Es dauerte nicht eine Stunde, als ich von meinem Fenſter aus Joſepha an Ferdinands Arm aus dem Hotel kommen und den Weg nach dem Schloßgarten einſchlagen ſah. Es war ein Herbſtabend, noch in der Dämmerung, und die Luft ſehr klar. Ich konnte mich nicht täuſchen, ſte mußten es ſein. Ich beeilte mich, ihnen zu folgen. In meinen Mantel gehüllt, den Hut über's Geſicht ge⸗ drückt, folgte ich ihnen ſo nahe, als ich konnte. Sie ſchienen in einem Wortwechſel begriffen zu ſein. Mit tiefer Bewegung erkannte ich ihre Stimme wieder, jene halb weinende, für mich ſo rührende Stimme, die Jo⸗ ſepha eigen war, wenn ihr Gemüth ſich in Aufregung befand. Sie gingen in ein Gebüſch im Garten und ſetzten ſich auf eine Bank, die mit dem Rücken an einem Baume ſtand. Hinter dieſen ſtellte ich mich und verlor kein Wort ihres Geſpräches. In heftigen Ausdrücken beklagte Joſepha ſich darüber, daß Ferdinand weggehen wolle und ſie allein und verlaſſen an dieſem Orte bleiben ſolle.„Nein, liebſtes Kind!“ ſagte er:„weder allein noch verlaſſen. In wenigen Tagen komme ich wieder, und, wie ich Dir geſagt, ich werde Dich indeſſen der Ob⸗ hut einer achtungswerthen Familie anvertrauen: ein Landsmann von mir wohnt hier in der Nähe, er wird Dein Beſchützer ſein, während ich fort bin.“—„Aber weßhalb ſollſt Du fort? Was wollte der Unglücksvogel, der geſtern hierher kam und allein mit Dir ſprach?“— „Er wollte mich davon unterrichten, daß eine mir liebe Perſon in Gefahr ſei und forderte mich zur Rettung auf, wenn ich Rath wußte.“—„Eine liebe Perſon! Ein Mann, will ich hoffen?“—„Jemand, für den ich mein Herzblut hingeben würde. O liebe Joſepha! Halte mich nicht zurück, ich bin bereits einen Tag zu lange geblie⸗ ben. Willſt Du mich von meiner Pflicht abhalten?— „Nein, das will ich nicht, aber nimm mich mit.“— 259 „Dich mitnehmen! Nein, unmöglich!“—„Weßhalß nicht?“—„Ach, beſtes Mädchen! Ein Mann kann Dinge abzumachen haben, wobei ein Frauenzimmer ihn hindern müßte.“—„Erkläre mir zum wenigſten das Ganze.“—„Das kann ich nicht! Aber laß es Dir ge⸗ nug ſein, daß ich Dich heilig verſichere, es iſt der Weg der Pflicht und der Ehre, den ich gehe, und ich werde bald zurückkommen.“—„Ach! Du betrügſt mich! Du liebſt nicht, wie ich, Du denkſt daran, mich auf's Neue zu verlaſſen!“—„Nein, bei Gott nicht! Nach Allem, was geſchehen, kann ich Dich nicht verlaſſen. Wenn ich von Caſſel zurückkehre, wollen wir ſogleich nach Cöln zu Deinem Oheim reiſen. Ich will ihm Alles geſtehen und ihn um ſeine Einwilligung bitten.“—„Du wollteſt unſern ſeligmachenden Glauben annehmen 2“—„Nein, das kann ich nicht.“—„Wie kannſt Du dann glauben, je ſeine Einwilligung zu erhalten?“—„So will ich ihm wenigſtens ſchreiben. Ich kann es nicht ertragen, daß er mich für einen Betrüger hält. Er iſt Dein Wohlthäter und liebt Dich.“—„Aber wenn er uns doch trennen will 24—„So finden wir wohl einen Rath.“—„Und welchen?“—„Achl ich weiß es nicht! Mein Kopf iſt ſo verwirrt, ſo unruhig, bis ich mein Geſchäft in Caſſel verrichtet habe. Laſſe mich deßhalb reiſen und ruhig zu⸗ rückkehren!“—„Verräther!“ rief Joſepha:„Ich ſehe es klar, unſere Liebe iſt nicht Dein einziger Gedanke, wie ſie der meine iſt! Du haſt fremde Intereſſen, die Dein Herz erfüllen!“— Ihre Heftigkeit, ihr Schmerz ſtieg mit jeder Sekunde: vergebens ſuchte Ferdinand ſie zu beruhigen.„Biſt Du unſchuldig,“ rief ſie,„ſo ſchwöre mir einen heiligen Eid: daß der, um deſſentwillen Du reiſeſt, ein Mann, kein Weib, nicht jene aus der Kloſter⸗ kirche iſt, die mir mein Vetter zeigte. Schwöre mir das!“—„Ich ſchwöre,“ antwortete eer,„daß ich nicht für mich Glück oder Freude auf dieſer Reiſe ſuche— es ſei denn das, einen Unſchuldigen von unabſehbarem Unglücke gerettet zu haben.“—„Du ſetzeſt Deine Worte auf Schrauben,“ rief Joſepha;„Treuloſer! Undankbarer!“ — Sie war außer ſich und rief zuletzt:„Ich verlaſſe Dich ſogleich; ich will Dich nie mehr ſehen! Ich gehe, wie ich gekommen bin, in der Dunkelheit der Nacht, allein und zu Fuß nach Cöln; ich ſage meinem Oheim Alles und nehme den Schleier. Dir ſoll nicht der Troſt werden, mich aus dem Kloſter gerettet zu haben. Nur Uebel und Elend will ich aus Deiner Hand empfangen haben.“— Sie wollte von Ferdinand wegeilen, der ſie mit Macht zurückhielt, wäͤhrend ſie ſich loszureißen ſuchte. In dieſem Augenblick ſtürzte ich mechaniſch vor und ergriff ſie. Mit einem Schrei nannte ſie meinen Namen, Fer⸗ dinand ſchien durch meine plötzliche Gegenwart erleich⸗ tert. Joſepha war beinahe ohnmächtig; geduldig folgte ſie in's Hotel zurück, ohne daß eines von uns auf dem Wege ein einziges Wort ſprach. Bei unſerer Ankunft dort überredeten wir ſie, ſich zur Ruhe zu begeben, und ich bat mir eine Unterredung mit Ferdinand aus, der mir in mein Zimmer folgte. Bei dieſer Stelle machte Mörk auf Frau Derby's Mahnung hin eine Pauſe, um ſich nach dem langen Leſen auszuruhen und etwas Eingemachtes und Zuckerwaſſer zu genießen, was ſie ihm mit groͤßter Freundlichkeit bereitete. Während er den vorhergehenden Theil des Manuſeriptes geleſen, ſah man die groͤßte und verſchiedenartigſte Spannung in Mienen und Haltung der Zuhoͤrer. Trolle ſaß Anfangs ohne alle Ahnung, arglos und aufmerkſam da. Später jedoch, namentlich als Joſepha genannt wurde, fuhr er zuſammen 261 und wechſelte die Farbe. Sein Geſicht erröthete, und nach und nach beugte er ſich immer mehr herab und ſaß mit gefalteten Händen da, während die Muskeln in ſeinem Geſichte ab und zu vibrirten. Madame Berg und Werner betrachteten ihn mit Unruhe. Die Erſte er⸗ röthete wie Trolle, aber der junge Mann war ganz blaß geworden. Frau Derby ſah mit triumphirenden Blicken rings um ſich her und ſtieß bisweilen einen Seufzer aus, wie:„Gott! die arme Joſepha!“ und dergleichen. Eliſe hörte mit unſchuldiger Theilnahme den kleinen Roman, heftete jedoch die Augen mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit auf den eigenthümlichen Ausdruck in Werners und der Großmutter Phyſiognomie. Da eine Pauſe, wie dieſe Beiden ſie mit Ungeduld ge⸗ wünſcht hatten, nun endlich eintrat, benützte Madame Berg den Augenblick und ſagte, ſie befinde ſich nicht wohl und moͤchte einige Momente in ihr Zimmer gehen, um friſche Luft zu ſchöpfen. Sie erhob ſich, ihre Tochter wollte ihr folgen, aber ſie wandte ſich mit ungewöhnlich unfreundlicher Miene von ihr ab und ſagte zu Trolle, der zunächſt ſaß:„Ich bitte mir Ihren Arm aus, um mich darauf zu ſtützen.“ Trolle ſprang auf, als ob er aus einem Traum erwachte und bot ihr den Arm mit zerſtreuter Miene. Als ſie in Madame Bergs Zim⸗ mer waren, ſagte dieſe zu ihm:„Ich brauche Sie wohl nicht zu verſichern, daß ich kein Theil an dieſer unwürdi⸗ gen Ueberraſchung habe, die man uns Beiden dieſen Abend hier bereitete. Da es jedoch nicht möglich iſt, zu wiſſen, wie weit dieſer rohe und fatale Mörk in ſeiner Indelikateſſe gehen kann, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu rathen, ſtille fortzugehen. Ich werde Ihren Weggang mit einer plötzlichen Unpäßlichkeit entſchuldigen. Ich laſſe Sie unbemerkt durch mein Schlafzimmer, das an die Entree ſtoͤßt, wo Ihr Hut liegt.“— Trolle ſchien bei dieſen Worten wieder aufzuleben. Er küßte ihre Hand und ſagte gerührt:„Ich danke für dieſen neuen Beweis 262 Ihrer Vortrefflichkeit und Güte für mich. Aber, meine beſte Freundin! Um keinen Preis möchte ich fortgehen. Was jetzt folgt, wird mich über mancherlei unterrichten, was mir gänzlich unbekannt iſt, und Sie fühlen gewiß ſelbſt, daß ich begierig ſein muß, dies zu erfahren, wie ſchmerz⸗ lich dieſe Erfahrung mir vielleicht auch ſein wird.“— „Ich werde es horen! ich werde Sie davon unterrichten! Gehen Sie, ich bitte Sie. Gönnen Sie Mörk den Triumph nicht, den er, wie mir ahnt, in Ihrer De⸗ müthigung ſucht.“—„Mich demüthigen? Er! das kann er nicht. Aber demüthigen muß ich mich vor Gott, vor Ihnen, vor allen guten Menſchen! denn groß iſt mein Verbrechen. Doch, daß Sie all' dies gehört und mich nicht verſtoßen, daß Sie mir zutrauen, ich ſei vielleicht minder ſchlecht, als es ſcheint, daß Sie, wie ich hoffe, mir nicht verſagen, meine Entſchuldigungen anzuhoͤren— denn ge⸗ rechtfertigt werden kann ich nicht— das gibt mir Muth, mit ruhiger Faſſung, wenn auch mit blutendem Herzen, den Reſt meiner Anklage zu hören.“ Und wirklich kam Trolle mit ganz anderem Ausſehen zurück. Die heftige Röthe wich aus ſeinen Wangen, und mit einer eigenthümlich ſtillen, aber ergebenen Würde hörte er aufmerkſam das Folgende an, ohne das geringſte Beſtreben, die tiefe Bewegung zu verbergen, in die er ſich verſetzt fühlte, oder die Thränen, die es ihm entlockte. Mörk hatte indeſſen das Manuſcript wieder zur Hand genommen und ſetzte ſeine Lectüre fort. Als ich nun mit dieſem Menſchen allein war, der ſo arauſam in meine liebſten Hoffnungen eingegriffen, fuͤhlte ich eine ſolche Erbltterung, daß ich mich der verwirrten 263 und unüberlegten Worte nicht zu entſinnen weiß, die ich ihm ſagte. Er ſchien dagegen gefaßt und ſagte blos: „Ihrem ehrwürdigen Onkel werde ich ſelbſt erklären, daß ich mein Gelübde gebrochen und ihn betrogen. Aber Ihnen, mein junger Herr, bin ich keine Rechenſchaft ſchuldig.“—„Keine Rechenſchaft!“ rief ich:„Ja, die größte von allen; denn das Glück meines Lebens, all' meine Freude, mein ganzes Herz habe ich auf dieſes Mädchen geſetzt, lange, ehe Sie ſie ſahen. Sie haben ſie mir geraubt!“ Er ſah mich mit ernſtem Ausdrucke an.„Vergeben Sie mir!“ ſagte er und bot mir die Hand dar. Ich nahm ſie nicht.„Nein!“ rief ich,„Ihnen werde ich in Ewigkeit nicht vergeben. Ich würde Ihnen vergeben, wenn Sie ſie liebten; aber das thun Sie nicht. Sie hat Recht, wenn Sie ſagt, daß Ihre Liebe nichts gegen die ihrige iſt. O Gott! welches Verbrechen, ein ſolches Mädchen ſeinem Leichtſinn, ſeiner Eitelkeit oder Sinnlichkeit zu opfern!“— Mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen antwortete er:„Ich erkenne Joſepha's Werth ſo gut als irgend Jemand an, und es gibt kein erlaubtes Opfer, mit dem ich mein Vergehen zu ſühnen nicht willig wäre.“—„Das koͤnnen Sie nicht! nur eine Liebe wie die meine kann ein ſolches Unrecht ſühnen.“— Ungefähr ſo fielen die Worte im Anfang unſeres Geſpräches, bei welchem ich zuletzt meiner ſelbſt nicht mehr Herr war; meine Heftigkeit wuchs mit ſeiner Ruhe, und ich ſchloß mit einer Herausforderung auf Leben und Tod. Mit einer Ueberlegenheit, die mich nur noch mehr erbitterte, antwortete er:„Nein, ich ſchlage mich nicht mit Ihnen. Nennen Sie mich feig, nennen Sie mich, was Sie wollen. Das Leben iſt mir nicht ſonderlich theuer; aber ich ſchlage mich nicht mit Ihnen. Bedenken Sie: Sie lieben ja Joſepha; aber Ihre Liebe iſt nicht ächt und wahr, denn Sie wollen ſie der Stütze berauben, welche Sie, ihr brü⸗ derlicher Freund, für ſie ſein müſſen. Weder Sie, noch ich können ſie verlaſſen; aber wer auch von uns fallen möchte, 264 fie verloͤre damit uns Beide. Der Zurückgebliebene kann, mit dem Blute des Andern bedeckt, ſich ihr nie mehr nähern. Sehen Sie! Auch Sie laſſen ſich von einer Leidenſchaft hinreißen, auch Sie ſind ein Menſch! In meinen Gedanken begrüßte ich Sie vor wenigen Stunden noch als einen Freund, den mir der Himmel ſende. Ich muß noch heute Nacht nach Caſſel reiſen. Bleiben Sie bei Joſepha, troͤſten und beſchützen Sie ſie. Ich komme hierher zurück und laſſen Sie mich dann mit Ihnen überlegen, was zu ihrer Erhebung und Beruhigung — und wenn moͤglich— auch zu der Ihrigen geſchehen kann!“ Mit dieſen Worten verließ er mich, und eine Stunde ſpäter hoͤrte ich Poſtpferde kommen, um ihn ab⸗ zuholen. Es war noch nicht vollkommen Tag, als ich mit leiſen Schritten an Joſepha's Thüre ſchlich und in das Zimmer guckte. Sie lag in tiefem Schlaf und blieb, bis die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, liegen. Ich wartete in meinem Zimmer, bis ſie mich rufen ließe, als ſie plötzlich, halb angekleidet, zu mir hereinſtürzte. „Iſt es wahr?“ rief ſie: viſt er fort?“— Ich will nicht verſuchen, ihre Verzweiflung, die Ausbrüche ihrer Eiferſucht, der Erbitterung und der Liebe zu ſchildern, die von ihren zitternden Lippen ſtrömten und die mein Herz, das von denſelben Gefühlen beſtürmt wurde, ſympathetiſch ergriffen. Sie drückte meine Hände und beſchwor mich, ſogleich mit ihr nach Caſſel zu reiſen und ihr die Spur des Treuloſen verfolgen und jeden ſeiner Schritte ausfor⸗ ſchen zu helfen. Dann wolle ſie ruhig ſein. Wäre er un⸗ ſchuldig, ſo hätte ich ihr das Leben gegeben, indem ich ſie davon überzeugt; wäre er untreu, waͤre es ein Frauen⸗ zimmer, um derenwillen er ſie verließe, ſo verſprach ſie feierlich, mit ihm zu brechen, ihn nie mehr zu ſehen, nie mehr ſeinen Namen zu nennen. Vergebens ſtellte ich ihr das Schwierige, ja beinahe Unmögliche vor, ſich eine ſolche Gewißheit zu verſchaffen. Sie antwortete, die 265 Blicke der Liebe und Eiferſucht drängen durch Mauern und Wände, kurz, ich gab ihren Wünſchen nach, doch nur unter der Bedingung, daß ſie in keinem Falle ſich Ferdinand zu erkennen gebe, oder ſich ihm nähere— eine Verpflichtung, die ſie ohne Widerſpruch einging. In eine Tracht verkleidet, wie ſie damals bei den Studenten üblich war, und die mir ein Freund von Jena überließ, traten wir noch am ſelben Abend unſere Reiſe an und kamen nach Caſſel, wo wir bald das Hotel aus⸗ geforſcht hatten, in welchem Ferdinand logirte, und in das wir uns gleichfalls einquartirten. Wir verlangten ein paar Zimmer, von denen wir beobachten konnten, wer im Hotel aus⸗ und einging. Kurz nach unſerer Ankunft rief Jo⸗ ſepha, welche im Fenſter ſtand:„Sieh, da kömmt der Unglücksvogel!“ ſo nannte ſie einen jungen Mann, den ſie früher als den bezeichnet hatte, der Ferdinand ver⸗ mocht, ſie zu verlaſſen. Dieſer ſogenannte Unglücksvogel trat in's Hotel und kam nach kurzer Zeit mit Ferdinand zurück. Wir folgten ihnen, wir ſchlenderten Arm in Arm, wie es ſich für unſere Masken paßte, und waren nicht leicht zu erkennen. Die beiden Obengenannten gingen mit raſchen Schritten aus der Stadt nach einem ſehr hübſchen und großen Luſthauſe, das mitten in einem Garten lag. Sie klingelten an dem Eingange und traten in das Haus. Wir warteten in der Nähe eine gute Stunde, bis wir endlich Ferdinand herauskommen ſahen, der ein paar Briefe in der Hand hielt. Er ſetzte ſich auf eine benachbarte Bank und durchlas den einen, welcher offen war, mit ſchalkhafter und vergnügter Miene. Dann ging er mit raſchen Schritten zurück nach der Stadt, jedoch nicht in's Hotel, ſondern nach einer andern Seite der Stadt, bis er vor einem Pallaſte ſtehen blieb, deſ⸗ ſen Thüre offen ſtand. Der Portier kam heraus, Fer⸗ dinand ſprach mit ihm, übergab ihm einen Brief und eilte nach dem Hotel. Wir folgten in einiger Entfernung, er wandte ſich nicht ein einziges Mal um, und den uüͤbri⸗ gen Theil des Tages ſahen wir ihn nicht mehr. Erſt ſpät am Abend beobachteten unſere wachſamen Augen, wie er, in ſeinen Mantel gehüllt, aus dem Hauſe kam. Wir eilten ihm nach und ſahen ihn denſelben Weg einſchlagen, wie am Vormittage. Aber diesmal trat er nicht in das Haus, ſondern ging vor einem Seitenflügel auf und nieder, zu deſſen Fenſtern er hinaufſtierte. Er ſetzte ſich in eine Laube, und nach einigen Augenblicken erhob er ſich und warf mit ausgeſtrecktem Arme mehrere Küſſe zu den Fenſtern, hinter welchen jedoch kein Geſicht zu ſehen war. Der Mond ſchien: wir ſahen Alles deut⸗ lich. Er ging nach dem Hotel zurück und wir gleich⸗ falls. Dieſelbe Scene wiederholte ſich am nächſten Abend. Der Heimweg war ein trauriger Gang. Joſepha bebte vor Eiferſucht, und doch, wenn ſie die geliebte Geſtalt ſtill uns vorangehen ſah, ſtreckte ſie die Hand nach ihr aus und ſeufzte:„Ach, heilige Jungfrau! Ihm ſo nahe zu ſein und ſich nicht in ſeine Arme werfen zu dürfen! Du biſt es, grauſamer Menſch, der mir verſagt, zu ihm zu eilen!“ Und im nächſten Augenblicke ſchwur ſie wieder, ſich dem Betrüger nie mehr zu nähern. Als ich am ſelben Abend, zur Schlafenszeit, in mei⸗ nem Zimmer allein war und einer der Kellner des Hauſes ſich bei mir zu ſchaffen machte, ließ ich mich in ein Ge⸗ ſpräch mit ihm ein und fragte nach den Perſonen des Landhauſes und des Pallaſtes, wohin wir Ferdinand ge⸗ folgt waren. Der Diener ſagte, das Landhaus werde von einem fremden Geſandten bewohnt, und der Pallaſt von einem fremden Fürſten, der ſich ſelt einiger Zeit in Caſſel aufhalte. Dieſer Prinz ſei jedoch für den Augen⸗ blick auf einige Tage abweſend, aber ſein erſter Cavalier und Liebling ſei im Pallaſte zurückgeblieben. Mit großer Verachtung ſprach er ſowohl von dem Fürſten, als von dem Günſtling. Seine Geſprächigkeit mir zu Nutzen 267 machend. brachte ich ihn mit Leichtigkeit dazu, ſich über den däniſchen Herrn auszulaſſen, den er den Schweden nannte; und mit großer Wichtigkeit vertraute er mir an, daß dieſer junge Mann ſicher in eine ſehr unangenehme Sache verwickelt ſei, und ihm wohl ſchon am andern Morgen ein Duell bevorſtehe. Außer manchen andern Anzeichen hatte er ihn geſtern und heute immer mit Briefſchreiben beſchäftigt geſehen, auch bemerkt, wie er Verſchiedenes zurecht richtete und ſorgfältig nach ſeinen Piſtolen ſah, von welchen der Diener eine wieder in Stand ſetzen ließ; er hatte endlich einen andern Herrn, den er kannte, und der Legationsſecretär von demſelben Hofe, wie der fremde Geſandte war, zu dem ſchwediſchen Herrn ſagen hoͤren, als er von ihm wegging: ⸗Alſo morgen früh ſechs Uhr auf der grünen Wieſe.“— Der Diener beſchrieb mir einen zu ſolchem Zwecke gewöhnlich benützten Ort unweit von der Stadt. Zur beſtimmten Stunde eilte ich hinaus und fand hinter einem Reiſighaufen ein Verſteck, wo ich mich auf die Kniee niederließ. Ich hatte mich indeſſen mit In⸗ ſtrumenten und Verbindtaſche verſehen, um im vor⸗ kommenden Falle nicht blos müßiger Zuſchauer zu ſein. Ferdinand und ſein Sekundant, in welchem ich den ſo⸗ genannten Unglücksvogel erkannte und der nach der Beſchrei⸗ bung des Aufwärters der von ihm erwähnte Legations⸗ ſecretär ſein mußte, waren bereits zugegen. Kurz darauf kam der Gegner mit ſeinem Sekundanten. Der erſte war ein ziemlich junger Mann mit einer unangenehmen Phyſiognomie und behängt mit Orden.— Nach Schick und Gebrauch beſahen die Sekundanten die Piſtolen, luden ſie, maßen die Schritte zwiſchen den ſtreitenden Parteien ab und beobachteten alle bei dieſer Gelegenheit gebräuchlichen Regeln. Die Duellanten nahmen ihre Plätze ein. Ferdinand ſtand ſcheinbar ruhig da; aber der Gegner war blaß, und eine ſichtbare Unruhe zeigte ſich in ſeiner ganzen Haltung. Ferdinand mußte der Herausfordernde geweſen ſein, denn der erſte Schuß fiel ihm zu. Ohne lange zu zielen, ſchoß er ſeine Piſtole ab, eigentlich in die Luft, denn die Kugel flog über den Kopf des Andern in den naheſtehenden abgeſtorbenen Baum. Die Reihe war nun an dieſem; er zielte lange, aber ſeine Hand zitterte. Mit einem wunderlichen Gefühle ſah ich die Waffe nach dem Herzen meines Feindes ge⸗ richtet. Der Schuß ging indeſſen an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Nun nahm Ferdinand die Piſtole, welche ſein Sekundant ihm reichte; er zielte jetzt im Ernſte nach ſeinem ganz muthloſen Gegner, während ein ſarkaſtiſches Lächeln um ſeinen Mund ſpielte. Der Schuß ging los, und die Kugel durchbohrte das Rohr von des Gegners Hut, der ihm von dem unverletzten Haupte flog. Mit unſicherer Hand ſchoß dieſer wieder, aber traf ebenſo wenig. Die Sekundanten traten nun dazwiſchen und er⸗ klärten die Sache für abgemacht. Das Blut ſchien in die Adern des unbekannten Herrn zurückzukehren. Mit erzwungener Freundlichkeit reichte er Ferdinand die Hand, der ſie kalt nahm und ſich kurz darauf lächelnd an dem Arme ſeines Sekundanten entfernte. Ich hatte Joſepha verſprochen, nichts von dem, was ich entdecken konnte, ihr zu verſchweigen, und dieſem Ge⸗ lübde treu, erſtattete ich ihr bei meiner Nachhauſekunft einen kleinen Bericht von dem Vorgefallenen, wie große Ueberwindung es mich auch koſtete, ſie mit einem Auf⸗ tritte bekannt zu machen, in welchem mein Nebenbuhler die beſte Rolle ſpielte. Auch verfehlte das ſeine Wirkung auf ihr Herz nicht. Mit Begierde erfaßte ſie die Schil⸗ derung ſeiner Handlungsweiſe, ich ſagte ihr: daß ſeine Reiſe von einer nothgedrungenen Ehrenſache veranlaßt worden, welche er aus Zartgefühl vor ihr geheim ge⸗ halten. Sie wollte ſogleich zu ihm: ungemein rührend war ihre Klage, ihn ſo nahe zu wiſſen und ſich ihm nicht nähern zu dürfen. Nur indem ich ihr ſowohl ihr Ge⸗ lühde, als auch die ſtummen Scenen der letzten Nächte 269 in's Gedaͤchtniß zurückrief, vermochte ich ſie zurückzu⸗ halten, um uns eine noch größere Gewißheit von ſeiner Unſchuld zu verſchaffen. 3 Früher, als das letzte Mal, ſahen wir ihn dieſen Abend ausgehen; auch war er nicht wie ſonſt feſt in ſei⸗ nen Mantel gehüllt, ſondern trug einen Frack und ging mit langſamen Schritten, wie es ſchien, in Gedanken vertieft. Der Mond ſtand noch nicht am Himmel. Es war ein dunkler Abend. Wir folgten ihm wie gewöhn⸗ lich, und da der Weg zu dem Landhauſe uns ein be⸗ kannter war, ſchlugen wir einen Fußweg ein, wodurch wir früher als er nach dem Theile des Gartens kamen, der an der Facade des Hauſes lag. Es war ein ein⸗ gehegter Blumengarten, der ſich nach den Seitenflügeln hinzog und in jeder Ecke eine Laube hatte. Er war ziemlich klein und immer offen. Wir verbargen uns in einer Laube in der Nähe des Gebäudes, von welcher aus wir Licht in einem Saale ſahen, deſſen Fenſter mit der Erde parallel liefen. Dieſe Fenſter waren zwar mit Mouſſelingardinen verhängt, letztre aber ſo durchſichtig, daß man durch ſie hindurch bemerken konnte, daß die ſtarke Beleuchtung drinnen von einem Kronleuchter kam, der an der Decke hing. Das übrige Haus war ganz dunkel. Ferdinand kam. Er ging gerade auf den Ein⸗ gang zu, klingelte und ſagte einige Worte zum Portier, ohne einzutreten. Einen Augenblick ſpäter kam ein Diener heraus. Er trug eine glänzende Livree, und ſein weißes Haar und die ganze Haltung deuteten auf einen alten Mann. Er lief auf Ferdinand zu, ergriff ſeine Hand und küßte ſie mit allen Zeichen großer Freude. Was ſie ſprachen, konnten wir nicht verſtehen, obwohl wir be⸗ merkten, daß es Deutſch war. Zuletzt hörten wir jedoch Ferdinand ſagen, indem er dem Diener einen Brief über⸗ gab:„In ihre eigenen Hände. Und das iſt für Dich zur Erinnerung an unſere alte Freundſchaft,“ fügte er hinzu, und wir hoͤrten einen Beutel in die Hand des 270 alten Mannes fallen, der mit vielen Verbeugungen und Zeichen ſeiner Dankbarkeit in das Veſtibule ging. Die Thüre wurde hinter ihm geſchloſſen, Ferdinand ſtand einige Augenblicke da und ſah am Hauſe hinauf; dann wandte er ſich nach dem Ausgang, als der alte Diener aus einer Seitenthüre in der Nahe unſeres Verſteckes geeilt kam und mit Huſten und Winken den Weggehenden zum Umkehren zu veranlaſſen ſuchte. Sie ſprachen leiſe zuſammen, und der Diener führte Ferdinand ſtill in den erwähnten kleinen Eingang und ſtellte ſich ſelbſt vor die Hauptfagade, wo er auf und ab patrouillirte. Der er⸗ leuchtete Saal war ein Eckzimmer, deſſen eines Fenſter nach der Laube zu ging, die uns verbarg. Mit der Leichtigkeit einer Gazelle eilte Joſepha zu dieſem Fenſter hin und legte das Geſicht an die Scheiben. Ich that daſſelbe. Wir ſahen deutlich den ganzen Saal, während die zugezogenen Gardinen und die Dunkelheit draußen uns jedem Auge verbargen. Ein junges Frauenzimmer in einfachem weißem Gewande hatte ſich, wie es ſchien, gerade von einem Tiſche erhoben, worauf Frauenzimmer⸗ arbeiten und Bücher lagen, und war nach einer Thüre im Hintergrunde gegangen, welche ſie offen hielt, um einen Kommenden zu empfangen. Ferdinand trat ein, und ſobald die Dame ſich nach unſerer Seite wandte, erkannte ich ſogleich jenes junge Mädchen aus der Kloſter⸗ kirche wieder. Ferdinand verbeugte ſich mit Chrfurcht vor ihr, mit einem unſäglichen Ausdruck tiefer Bewegung. Sie legte die Hand auf die Bruſt; aus ihren ausdrucks⸗ vollen Mienen und Bewegungen erſah man deutlich, daß ſie ihm und dem Himmel, zu dem ſie die frommen Au⸗ gen erhob, ihren Dank ausdrückte. Sie ſetzten ſich Beide an den Tiſch und ſprachen mit einander. Ihre Worte konnten wir nicht hören. Aber ihre Blicke ſprachen un⸗ verkennbar von der wärmſten Liebe. Ferdinand ſprach eifrig mit ihr, ſie hörte ihn ernſt an, ſchüttelte den Kopf und ſah betrübt aus. Sie reichte ihm die Hand, er 271 küßte ſie oftmals und drückte ſie an ſeine Bruſt. Nach einer Pauſe, während welcher Beide mit bekümmertem Ausdruck ſich ſtumm anſahen, berührte er ſanft eine Haarlocke, welche nach der Mode der damaligen Zeit auf ihre Schulter herab hing. Sie nahm eine Scheere aus einem kleinen Korbe, ſchnitt die Locke ab und reichte ſie ihm. Er nahm ſie knieend in Empfang, ergriff ihre Hand, drückte ſie an ſeine Lippen, an ſeine Augen und ſein Herz; aber im ſelben Augenblicke hörte man ein leichtes Klopfen an einem der Fenſter, welche nach der andern Seite hinausgingen. Ich ſah Ferdinand auf⸗ ſpringen, und da ich mir dachte, daß dieſes Klopfen ein Signal zum Aufbruch ſei, das der wachthabende Diener gab, ſo ergriff ich raſch Joſepha's Arm, um uns bei Zeiten zu entfernen; aber zu meinem Schrecken ſank ſie leblos in meine Arme. Ich trug ſie in die Laube, und während ich ängſtlich und in größter Stille mich be⸗ mühte, ſie wieder zum Leben zu bringen, bemerkte ich ihren treuloſen Liebhaber, der, geführt von einem Diener, dicht an unſerer Zufluchtsſtätte vorüberging, und höͤrte den alten Mann zu ihm ſagen:„Sie haben das edelſte und beſte Herz von der Welt.“— In all' meiner Noth und Verlegenheit konnte ich ein bitteres Lächeln kaum zurückhalten. Es dauerte lange, bis die arme Joſepha zu ſich ſelbſt kam. Sie war ſo matt, daß ich ſie beinahe nach Hauſe tragen mußte. Aber kaum waren wir in unſern Zimmern, als ſie in eine ſolche Raſerei ausbrach, daß ich eine Störung in ihrem Kopfe befürchtete. Sie wollte ſogleich Caſſel verlaſſen, nicht eine Nacht wollte ſie unter einem Dache mit dem Verhaßten zubringen. Erſt als ich ihrem Willen nachgegeben und ſogleich Anſtalten zu unſerer Abreiſe getroffen, war es möglich, ſie einigermaßen zu ſich ſelbſt zu bringen. Sie ſchrieb nun einige Linien an Ferdinand, in welchen ſie ihm mit wenigen Worten ſagte, daß ſie Alles wiſſe, Alles verſtehe, jedes Band, das ſie an ihn binde, zerreiße, ihn verachte und haſſe, und bei Gott und allen Heiligen gelobe, ihn nie mehr ſehen oder einen Brief von ihm annehmen zu wollen. Auf der erſten Poſtſtation unſerer Reiſe, welche wir um Mitter⸗ nacht antraten, gaben wir dieſen Brief ab, der nach Caſſel adreſſirt war, wo er am nächſten Morgen ein⸗ treffen mußte. Die ganze Nacht überließ ſich Joſepha der Ver⸗ zweiflung. Halb im Traume und in der Fieberphantaſie ſprach ſie den untreuen Geliebten an:„Du liebteſt dieſes mir verhaßte Mädchen, das ſagte mein Vetter ſchon in der Kirche; aber ich vergaß es; denn Deine falſchen Worte und Blicke ſagten, daß Du mich liebeſt. Du haſt ſie um meinetwillen verlaſſen und nun verläßt Du mich um ihretwillen. Und was hat ſie für Dich gethan, dieſes Mädchen? Liebt ſie Dich wie ich? Nein, keineswegs! aber gerade deßhalb beugſt Du Dich vor ihr, wie vor einer Heiligen, und knieeſt vor ihrl Vor mir haſt Du nie gekniet, mich nie mit ſolchen Augen angeſehen! Und ſie? Steif und kalt reicht ſie Dir die Hand, wirft ſich nicht in Deine Arme, wie ich es ſchon bei dem Feſte im Schloßgarten that. Erinnerſt Du Dich? Haſt Du Alles vergeſſen, was ich that. Du warſt grauſam und verließeſt mich, aber ich verließ Alles, um Dir wider Deinen Willen zu folgen, weil ich vor Sehnſucht geſtorben wäre. Haſt Du jene Nacht in Weimar vergeſſen, als ich müde und weinend mit einem Bündel unter dem Arme in Dein Zimmer trat und mich Dir zu Füßen warf, mich Deine Geliebte, Deine Frau nannte, und ich meinen Glauben, meine Ehre und mein edles Geſchlecht verrieth. O gib nach: nimm meinen heiligen Glauben an! Laß mich Deine irrende Seele retten. Laß mich Dich zu meinem Gotte führen und meine Sünde dadurch ſühnen 44 So fuhr ſie fort, und noch bebt mein Herz bei der Erinnerung an jene Nacht, an meine Leiden bei dieſem für mich ſo ſchmerzlichen Bekenntniſſe. Gegen Morgen 273 wurde ſie ruhiger. Sie ſchlummerte eine Stunde. Als ſie erwachte, war es Tag. Sie ſah mich an, reichte mir die Hand und ſagte:„Vetter Cosmus! Biſt Du es? Ich danke Dir! Die heilige Jungfrau hat Dich zu mir Ver⸗ laſſenen geſandt.“ Ich ſuchte ihr Troſt einzuſloͤßen, ſtellte ihr die Unwürdigkeit des Geliebten vor, bat ſie, das Vergangene als einen boͤſen Traum, eine Fieberphantaſie anzuſehen, für ſich ſelbſt, für uns Andere zu leben, die ſie ſo innig liebten. Sie antwortete mir nicht, ſondern brach in Thränen aus, und weinte ſo lange, bis ſie end⸗ lich einſchlief wie ein Kind. Ihren Kopf lehnte ſie in eine Ecke des Wagens, ihre eine Hand ruhte in der meinigen. Ich fühlte ihren raſchen Pulsſchlag und be⸗ trachtete das bleiche Mädchen mit unſäglichem Schmerze; aber ihre ſanften Thränen floͤßten mir doch eine dunkle Hoffnung ein, die meinen eigenen Kummer linderte. Auf der übrigen Reiſe war ſie ganz ſtumm, ſie antwortete mir beinahe nicht mal mehr mit Worten, ſondern nur mit einem freundlichen Nicken oder Schütteln des Kopfes. Als wir in Coͤln ankamen, ſchlug ich ihr vor, unſern Onkel auf ihre Heimkehr vorbereiten zu wollen; aber ſie ſchlug es aus und verlangte heftig, ſogleich bei ihm ein⸗ gelaſſen zu werden, um allein mit ihm zu ſprechen. Er empfing ſie mit ſtrenger Miene; als ſie jedoch todtenbleich und weinend ſich ihm vor die Füße warf, erſtarb das Wort des Vorwurfs auf ſeinen Lippen, er hob ſie auf und ſetzte ſie neben ſich auf das Sopha. Ungerne verließ ich ſie, aber mein Oheim befahl mir mit einem Winke zu gehen. Es war Abend. Ich wankte im Garten in den Gängen umher, wo ich ſonſt mit ſo großer Freude und ſo ſüßer Hoffnung die lebensfrohe, blühende Jungfrau erwartete. Das Laub raſchelte von den Bäumen, es ſchien mir der luſtigen, ſchmelchelnden Worte zu ſpotten, die ich früher unter ihrem kühlen Schatten ausgeſprochen. Novellen. U. 18 274 Ich ging lange auf und nieder und erwartete, daß mein Oheim mich rufen laſſen werde. Endlich trat ich in das Haus, wo mir ſein Kammerdiener entgegenkam und ſagte, daß der Prälat bereits zu Bette gegangen ſei, mich jedoch bitten laſſe, am andern Morgen zu ungewoͤhnlich früher Stunde zu ihm zu kommen. Ich eilte zu Joſepha's Thüre. Ihre treue Magdalene, die nach ihrem Wunſche bereits herbeigeholt worden, ſagte mir, daß ihr Fräulein ſich beſſer befinde und zur Ruhe gegangen ſei. In Magdalenens Zurückkunft ſah ich ein ſicheres Zeichen von Joſepha's vollkommener Verſöhnung mit dem Onkel, und etwas beruhigt, erwartete ich den kommenden Tag. Aber was ſchildert meine furchtbare Ueberraſchung, als mich mein Oheim unterrichtete, daß er Joſepha ſelbſt in's Kloſter gebracht, wo ſie nach dem zum Noviziat be⸗ ſtimmten Jahre den Schleier nehmen wolle!— Ach, was ſagte ich nicht, was verſuchte ich nicht, dieſen grau⸗ ſamen Entſchluß wankend zu machen! Der Prälat war zu glücklich, das ihm ſo liebe Mädchen den Verführungen der Welt entzogen zu haben, denen ſie, wie ſie ſelbſt zugeſtand, nicht widerſtehen könne. Es ſei, ſagte er, ihr eigener Wille, der einzige Wunſch, den ſie noch habe. Ich bat, mit ihr ſprechen zu dürfen; aber erſt in einigen Tagen ſollte mir das geſtattet ſein. Ihr zu ſchreiben, vergönnte mir mein Oheim, ja er erlaubte mir ſogar, ihm den Brief verſiegelt zu übergeben: und am Tage darauf brachte er mir ſelbſt die Antwort. In dieſen Zeilen, welche ich noch beſitze und welche ich in dieſem Augenblicke mit erneutem Schmerze betrachte, ſagte ſie mir, daß ſie nichts beruhigen könne, als des Kloſters heilige Stille, die Gewißheit, kein fremdes Geſicht zu ſehen, eine vollkommene Trennung von der Welt und Denen, die ſie nur ſo vergeſſen könne. Wenige Tage ſpäter ſagte mir mein Oheim, daß Ferdinand in Coͤln geweſen und mit ihm zu ſprechen 275 verlangt habe: daß er ihm dies abgeſchlagen, dagegen ſeinen Vertrauten, einen untergeordneten Geiſtlichen mit der Botſchaft zu ihm geſchickt, daß Joſepha ihn nie mehr ſehen wolle. Aus Furcht davor, Ferdinand moͤchte Schritte thun, ſie in ihrem heiligen Vorſatze zu erſchüttern, hatte mein Oheim dem Pater befohlen, ihre Beſtimmung zu verſchweigen und nur zu ſagen, ſie habe ſich in die Ob⸗ hut einer würdigen Dame begeben, kein Zwang und keine Ueberredung würden ihr gegenüber angewendet. Ich er⸗ fuhr ſpäter, daß Ferdinand auch mich geſucht; da ich jedoch nicht anweſend war, ſo habe er ſich ſogleich entfernt und noch am ſelben Tage Cöln verlaſſen. Ein trauriger Winter, in welchem ich mich in fruchtloſen Bemühungen, das Schickſal, das Joſepha drohte, zu ändern, erſchoͤpfte, ſchleppte ſich langſam hin. Ein paar Mal in den erſten Monaten hatte ich nicht ohne Mühe Unterredungen mit ihr gehabt und vergebens Alles angeführt, was mir meine Liebe eingab, um ſie dazu zu bringen, vom Kloſter abzuſtehen. Sie gab mir beſtändig dieſelbe Antwort. Die Welt wiederzuſehen, ſich ihr vor Augen zu ſtellen, ſchien ſte mit Schrecken zu er⸗ füllen. Ich fand ſie außerordentlich verändert. Ihr kränkliches Ausſehen betrübte mich und flößte mir eine ſchreckliche Ahnung ein, die ich jedoch als unbegründet verwarf und nicht das Herz hatte, vor meinem Onkel, noch weniger aber vor Joſepha auszuſprechen. Ach! allzubald ſollte ich Grund haben, die falſche Delikateſſe zu bereuen! Nachdem ich mich lange Zeit in unnützen Beſtre⸗ bungen abgemüht hatte, verfiel ich ſelbſt in dunkle Me⸗ lancholie. Ich verrichtete mechaniſch die Geſchäfte, die mir mein alter Doctor auferlegte, und wenn er klagte, daß ich gewiß krank ſei, widerſprach ich ihm ebenſo wenig, als meinem Oheim, in dieſer Anſicht. Manchmal ging ich bei Racht um das Kloſter her, das meine Freundin in ſich ſchloß. Ich entdeckte bei dieſen Wan⸗ 276 derungen eine abgelegene Stelle an der Gartenmauer, wo eine kleine Thuͤre angebracht war, deren breſthafter Zuſtand und beſchädigtes Schloß es ohne Mühe möglich machte, in dem Garten aus⸗ und einzugehen. Ich weiß ſelbſt nicht, welche unſinnigen Hoffnungen ich an dieſe Entveckung knüpfte, aber ſtets wandte ich meine Schritte nach dieſer Thüre und freute mich darüber, ſie ſtets in demſelben Zuſtande zu ſinden. Ein Graben trennte die Mauer von einer daranſtoßenden kleinen Wieſe; aber dieſer Graben war ausgetrocknet, und manchmal hatte ich mich wirklich auf dieſe Weiſe im Sommer in den Kloſtergarten gewagt. Eines Abends, als ich tiefer in die dunkleren Gänge gedrungen, blieb ich plötzlich bei dem Anblick eines weib⸗ lichen Weſens ſtehen, das am Fuße einer Grasbank und mit dem Kopfe in einem Gebüſche lag. O alle Heiligen! Es war Joſepha! Sie war ohnmächtig und mußte in die⸗ ſem Zuſtande von der Grasbank gefallen ſein. Die zarten Glieder ruhten auf der harten, kahlen Erde, und das lange, ſeidene Haar, das das Kloſter bisher geſchont, war in Flechten aufgelost und hatte ſich in einen Weiß⸗ dorn verwickelt. Ich wollte ſie von der Erde aufheben, aber die feindlichen Dornen hielten in ihren Locken feſt, und dieſe Locken, deren Fallen ich mir in ſo manchem Augenblick mit Schrecken vorgeſtellt, mußte ich nun mit eigener Hand abſchneiden. Ich ſetzte ſie auf die Bank und brachte ſie endlich zum Leben. Sie ſchien freudig überraſcht zu ſein, als ſie ſich in meinen Armen und an meiner Seite ſah.„O mein treuer Freund!“ ſagte ſie:„Die heilige Mutter Gottes ſelbſt führt Dich wieder an meine Seite. Nur Du allein ſollſt mein Elend erfahren. Ich ſelbſt habe in meiner Unwiſſenheit es erſt in den letzten Wochen kennen lernen. Ach rette mich, wenn Du kannſt, aus Noth und Schande. Ich verzweifle und weiß keinen Rath.“ Ich brauchte nicht weiter zu fragen, worin ihr Un⸗ 277 glück beſtand; ich ahnte genug. Ich ſuchte ſie nun zu tröſten und einen Plan für ihre Rettung zu erſin⸗ nen. Sie war glücklicher Weiſe noch Novize, und ihre größere Freiheit und die minder ſtrenge Obſervanz kamen uns deßhalb ſehr zu Statten. Ich verabredete mit ihr, ſie ſolle am folgenden Tage vorgeben, ſie ſeie ſehr krank, und dann unſern Oheim kommen laſſen und ihn bitten, mich wegen ihrer Krankheit zu Rathe zu ziehen. Dies geſchah, und der Prälat führte mich noch am ſelben Tage zu ihr. Ich erklärte ihm, Joſepha's Zuſtand ſel gefähr⸗ lich und daß nichts Anderes zu rathen, als ſie vom Kloſter nach einem ländlichen Aufenthaltsorte zu bringen. Es gelang mir durch eine unſchuldige Liſt, ſie zu einer Frau gebracht zu ſehen, die mir ergeben war und auf deren Verſchwiegenheit ich mich verlaſſen konnte. Wenige Tage nach ihrer Ankunft an dieſem ſtillen Zufluchtsort brachte ſie ein todtgebornes Kind zur Welt. Als ich gegen Abend meine Patientin beſuchte, brachte die Frau mir ein todtes Kind in einem Schreine. Mit dieſem und einem kleinen Handſpaten unter dem Mantel begab ich mich um Mitternachi an einen einſamen Ort, um es in den ſtummen Schooß der Erde zu begraben. Ich ſuchte elne abgelegene Wieſe auf. Sie lag ſo einſam, ein kleiner Bach rieſelte dort und trennte ſie von einer An⸗ höhe, wo einige Lämmer grasten. Unter einem großen Kaſtanienbaum grub ich nun ein Grab, legte den Schrein mit dem zu früh gebornen Kinde hinein und bedeckte die Stätte wieder mit Raſen und befahl das Grab und das Geheimniß, das es barg, dem Schutze der heiligen Jungfrau. Am nächſten Morgen fand ich Jo⸗ ſepha von einem heftigen Fieber ergriffen und ganz ohne Faſſung. Ich brachte den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht an ihrem Bette zu; aber die Morgenſonne beſchien ihre Leiche. Wiie ſoll ich meine Verzweiflung beſchrelben? Meine eigenen Kräfte waren erſchoͤpft. Zwei Monate lang lag 278 ich krank. Die Kunſt und väterliche Fürſorge meines alten Doctors entriſſen mich der Hand des Todes. In meinen Gedanken nannte ich ihn grauſaen. Das Leben hatte ſeinen Reiz für mich verloren. Den größten Theil eines Jahres ſchleppte ich mich ſtumpf und kraftlos an Seel' und Leib umher. Mein Oheim grämte ſich um Joſepha's Tod, obgleich er mit andächtiger Freude den Heiligen dankte, welche ſie der Sünde der Erde im un⸗ ſchuldigſten und heiligſten Zeitpunkte des Lebens entrückt. Ich weiß nicht, welche Miene ich bei dieſen mir ſo ſchmerzlichen Worten machte. Der gute Prälat war ſehr alt und ſeine Kräfte nahmen täglich ab. Er fühlte es ſelbſt, und etwas höchſt Rührendes lag in der Zufrieden⸗ heit, mit der er ſeiner Aufloͤſung entgegenging. Ich war mehr als gewöhnlich um ihn, und der religiöſe Troſt, der früher nie die richtige Bedeutung für mich gehabt, fand in meiner damaligen Stimmung mein Herz für ſeine Worte und Ermahnungen offen. Sein alter ver⸗ geſſener Wunſch, daß ich mich dem Kloſterleben weihe, fand nun Eingang in meinem Herzen; denn ich ſehnte mich nach ungeſtörter Einſamkeit, einer Befreiung von dem Anblick anderer Menſchen, deren nichtsſagendes Ge⸗ ſpräch ich nicht mehr hoͤren und beantworten dürfte, und ich gab ihm das Verſprechen, der Welt und ihrem eiteln Glücke zu entſagen. Im nächſten Frühjahr verließ er es ſelbſt und ſtarb plötzlich und ſtill in meinen Armen.— Für ihn zur rechten Zeit, da die politiſchen Umwälzungen, welche kurz darauf die alten Formen des Vaterlandes zerſtörten, gewiß auch ſeine Gemüthsruhe zerſtoͤrt haben würden. Ich fühlte mich nun doppelt fremd in der Welt und dachte ernſtlich daran, mein Gelübde zu erfüllen, nur war ich nicht ganz einig mit mir über die Wahl des Kloſters. Eines Tages ſandte der alte Doctor einen Boten zu mir und bat mich, ich möchte es ihm nicht abſchlagen, ihn abermals auf der Reiſe zu begleiten, die wir bereits 279 früher mal gemacht— zu demſelben Patienten, jenem beſten Freunde, der auf's Neue krank geworden. Wir reiſten augenblicklich, und auf dieſem einige Meilen ent⸗ fernten Wege beſtrebte ſich mein alter Goönner, mir von dem klöſterlichen Vorſatze abzurathen und ſtellte ihn mir als eine feige, unmännliche Entziehung von den Pflichten der Menſchenliebe dar, denen ich mich geweiht, und die ich unter dem Zwang und Gehorſam, die mir das Kloſter auferlegte, nicht in ihrer vollen Ausdehnung ausüben koͤnnte. Dieſe Betrachtungen, die ich bereits ſelbſt an⸗ geſtellt, erhielten in dem Munde eines Andern zwar noch groͤßere Bedeutung für mich; aber das Verſprechen, das ich meinem verſtorbenen Oheim gegeben, und mein eigener Widerwille gegen den Umgang mit der Welt, gegen die Beſchränkenden, Uebermüthigen, Aufdringlichen, die dem Beſſern das Leben ſtückweiſe ſtehlen, ſtellte ſich zwiſchen mich und ſeine wohlgemeinten Ermahnungen. Als wir an den Ort unſerer Beſtimmung kamen, wurden wir von der zahlreichen und geängſtigten Familie des Kranken wie helfende Engel aufgenommen, und da es auch dies⸗ mal glückte, die drohende Gefahr abzuwenden, war es ein erquickender Anblick, zu ſehen, wie die Freude verdoppelt in den Kreis dieſer guten Menſchen zurückkehrte. Der Vater bekleidete ein Amt, welches ihm ſeine Wohnung im innern Flügel des unbewohnten fürſtlichen Schloſſes anwies, deſſen ſchöne Lage und prachtvollen Gärten die große Herrlichkeit dieſer Gegend hervorhoben. Eines Morgens wanderte ich hier allein, und mein Weg führte mich durch eine Allee von Lindenbäumen, deren hohe Wipfel ihr junges Laub gegen einander beugten. Ein wunderliches Gefühl von Wohlbehagen legte ſich auf mein krankes Herz, ein Gefühl, das mir ſo lange fremd geweſen.„O welches Gewölbe!“ ſagte ich:„welcher Tempel, worin der Vogel ſingt und ſelbſt der kleinſte Wurm ſich in den Strahlen der Sonne wohl fühlt! O wie weit beſſer fühle ich hier die göttliche Gnade, als 280 in den dunkeln Kloſtermauern, wo der bleiche Möͤnch ſich hinſchleppt! Dort ſpricht Alles nur vom Tode, hier ſpricht Alles vom Leben. Hier kann ich mir meine Joſepha aus dem Fegfeuer erloͤst denken, wie die Vögel in des Pa⸗ radieſes Hainen ſchwebend.“— Die Erinnerungen an die ähnlichen Wanderungen meiner Kindheit und erſten Ju⸗ gend, die Gedanken, die ich damals gehegt, erwachten auf's Neue in mir. Auf die andere Seite ſtellte ich mein Gelübde, meine Scheu vor den Menſchen. Ein Ausweg fiel mir ein; von des Himmels eigener Stimme glaubte ich einen Rath zu vernehmen.„Nein,“ rief ich:„ich will Euch nicht fliehen, meine Erſtgeliebten: Freiheit, Friede, Gottes herrliche Natur!— Ich will die Welt fliehen und ihre eitle Luſt. Wie ein ſtiller Eremit will ich mir eine Hütte bauen, weit entfernt von dem falſchen, glänzenden, übermüthigen Theil der Menſchen. So er⸗ fülle ich mein Gelübde, meinen Wunſch und meinen Be⸗ ruf: denn der Leidende, der Arme, der Trauernde wird wohl einen Weg zu meiner Thüre, und dieſe, wie mein Ohr und mein Herz, offen finden. Mit einer nie zuvor gefühlten Andacht faltete ich meine Hände und betete:„O heiliger Erlöſer, Du, der hier auf Erden wandelte und wohlthat! Weder Du noch Deine Apoſtel ſchloſſen ſich in die Mauern eines Kloſters ein. Im Glanze der Sonne wandelteſt Du mit ihnen und öffneteſt die Augen der Blinden für ihre Strahlen, ließeſt die Gichtbrüchigen die grüne Wieſe wieder betreten. Vor Dir lege ich mein Gelübde ab, in Deinen heiligen Spu⸗ ren zu wandeln.“ Ich fühlte mein Herz, das mir ſagte, daß ich das Rechte erwählt, wahrhaft erleich⸗ tert. Ich kaufte den Ort, wo ich Joſepha's Kind begraben; hier baute ich mir ein einfaches Haus, legter einen Garten an und warf einen kleinen Hügel unter dem Baume auf, wo ich in jener Nacht das kleine Kind be⸗ graben; und bei dem heiligen Kreuze, das ich dort er⸗ — 281 richtet, bete ich täglich für Joſepha's Seele und meinen eigenen Frieden.——— 4 So lauten die Bekenntniſſe meines alten Freundes. Weiter unten an dem Manuſcripte ſtehen noch folgende, wahrſcheinlich ſpäter hinzugefügte Linien: Heute den achtundzwanzigſten April 1811 ſind es zehn Jahre, ſeitdem ich dieſe meine einſame Wohnung bezog; und gelobt ſeien Gott und die Heiligen, welche meine müde Seele hier Ruhe finden ließen! In dieſem Zeitraum wurde mir ein großer, herrlicher Schatz in der Freundſchaft gewährt, welche mich mit dem würdigen Anſelmus im Kloſter*** vereinte, den ich beinahe täg⸗ lich beſuchte, um in vertraulichen Geſprächen Balſam für meine Wunden zu finden. Ich traf Anſtalt, daß Alles, was ich beim Tode von irdiſchen Dingen hinterlaſſe, dem edeln Pater werde, der, Gott ſei Dank, noch jung und ſtark iſt und mit Hülfe des Herrn mich überleben wird. Dieſe Blätter, deren Inhalt ihm nur theilweiſe bekannt geworden, bitte ‚ich meinen Freund, zu leſen und als eine Erinnerung von mir zu empfangen— und ihnen ei⸗ nen Platz in dem geheimen Archiv ſeines Kloſters zu goͤnnen. Vielleicht wird im Verlauf der Zeit der eine oder andere bekümmerte Kloſterbruder mit Theil⸗ nahme die unbekannten Leiden meiner Jugend leſen und meine arme Seele in ſeine frommen Gebete ein⸗ ſchließen. Während des letzten Theiles der Lectüre war Trolle zuſammengeſunken. Er ſüützte den Ellbogen auf das eine Knie und hielt die Hand an die Stirne, als wollte er die Augen gegen das Licht ſchützen. Nachdem Moͤrk 282 mit einer kleinen Verbeugung der Geſellſchaft zu erkennen gegeben, daß die Lectüre zu Ende ſei und mit ſelbſtzufrie⸗ dener Miene das Manuſcript in das Convolut zurückge⸗ legt, entſtand eine ängſtliche Pauſe. Es wurde ganz ſtill, als die laute und gelle Stimme ſchwieg und die Andern auch ſchwiegen. Trolle blieb in derſelben Stel⸗ lung ſitzen. Madame Berg ſah ihn mit geſpannter Miene an; Werner erhob ſich, trat an das Fenſter und ſah auf die Straße; Eliſe folgte ihm mit den Augen und wandte ihre Blicke dann auf die Großmutter und Trolle, mit dem rührenden, unſchuldigen Ausdruck einer Ahnung, daß etwas Betrübſames im Anzuge ſei, einem Ausdruck, wo⸗ mit Kinder die Erwachſenen betrachten, wenn ſie dieſe betrübt ſehen. Frau Derby ſchien etwas verlegen. Mörk lächelte ihr zu und ſagte:„Finden Sie nicht Alle, daß dieſe kleine wahre Geſchichte ſehr intereſſant iſt? ſehr rührend?—„Ja, das weiß Gott!“ ſagte die Frau vom Hauſe. Mörk fuhr fort:„Der Menſch oder vielmehr der Unmenſch, welchen der Verfaſſer hier mit dem Namen Ferdinand bezeichnet, ſcheint mir in jedem Fall nichts mehr und nichts weniger als ein Moͤrder zu ſein. Fin⸗ den Sie das nicht Alle?“— Madame Berg ſchüttelte den Kopf. Werner näherte ſich und ſagte:„Ich finde, daß dieſe ganze Geſchichte einem Romane allzu ſehr gleicht, um nicht ebenſo viel Dichtung, als Wahrheit in ſich auf⸗ genommen zu haben; jedenfalls bleibt immer etwas Räthſelvolles in der Handlungsweiſe des ſogenannten Ferdinand, und man bekömmt deßhalb Luſt, die andere Seite der Medaille zu ſehen und die Erklärung des an⸗ dern Theiles zu hören.“—„Hm!“ antwortete Mörk mit liſtiger Miene:„Dieſer Wunſch koͤnnte möglicher Weiſe erfüllt werden, denn der genannte Ferdinand iſt leider ein Däne und lebt noch, das weiß ich. Es wäre in⸗ tereſſant, ſeine Vertheidigung zu vernehmen. Hat Nie⸗ mand eine Ahnung, wer das ſein kann?“— Trolle ſprang auf. Seine große Geſtalt erſchien „ 283 noch größer. Der Schein der Lampe beleuchtete ſein blaſſes Antlitz, ſeine Augen leuchteten in dunklem Glanz. Er ſah aus wie ein zorniger Schatten aus der Unter⸗ welt. Mit feſter Stimme ſagte er:„Ich bin jener Ferdi⸗ nand, den dieſes Manuſcript anklagt. Es iſt wohl Niemand hier, für den dies nicht klar geworden. Wenn dieſe Sache auch in ein anderes Licht geſtellt werden kann, und hier Jemand iſt, dem ich ſie ſo darzulegen wünſchte, ſo. ſind wenigſtens Sie es nicht, Herr Mörk; denn ein Mann, der einen ſolchen Mangel an Herz und Bildung beſitzt, daß er Freude daran finden kann, eine Scene wie dieſe hervorzurufen und die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes zu verletzen, indem er es eines rohen und un⸗ delicaten Vornehmens theilhaftig macht, ein ſolcher Mann iſt nicht im Stande, ein menſchliches Herz nach ſeinen Tugenden oder Verbrechen zu beurtheilen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich von dem Tiſche und verbeugte ſich vor der Geſellſchaft, indem er ſich der Thüre näherte. Eliſe, welche ihn während der letzten Worte unverwandt angeſehen, eilte zu ihm hin, ergriff ſeinen Arm, um ihn zurückzuhalten, und rief:„Nein, liebſter Herr Trolle, gehen Sie nicht ſo fort. Sagen Sie, es iſt Unwahr⸗ heit, was dieſe häßliche Schrift Ihnen vorwirft. Ich weiß, es iſt Verleumdung. Sie ſind nicht dieſer Fer⸗ dinand, Sie haben nie ein armes Mädchen verlaſſen, das Sie liebte. Das hängt nicht ſo zuſammen! O ſagen Sie nur ein Wort. Wir glauben Ihnen auf das bloße Nein, ohne weitere Erklärung. O ſagen Sie es um meinetwillen! ich bin ſo betrübt!“ Thränen rollten über ihre erröthenden Wangen herab. Trolle ſtand ſtille. Er ſah das junge Mädchen mit tiefer Bewegung an.„Ach, Eliſe,“ ſagte er halb leiſe:„liebenswürdige, reine Un⸗ ſchuld! Ihre Güte läßt mich meine Unwürdigkeit recht fühlen.“ Mit dieſen Worten küßte er ihre Hand und eilte, von Werner begleitet, fort. Eliſe ſah ihnen betrübt nach und verließ weinend 284 das Zimmer. Madame Berg erhob ſich gleichfalls, um ſich zu entfernen. Mörk biß die Zähne zuſammen und trommelte mit den Fingern auf dem Tiſche. Frau Derby ſah verlegen aus. Mit erzwungenem Lächeln ſagte ſie: „Du willſt doch nicht fortgehen. Mutter? Es iſt ſpät; nun decken wir ſogleich den Tiſch für unſer kleines Abend⸗ eſſen.“ Madame Berg antwortete kalt:„Nein, ich danke, Hich habe keine Luſt zu ſpeiſen.“—„Ich glaube wirklich, daß Sie böſe ſind, Madame Berg!“ ſagte Mörk mit verbiſſenem Aerger:„man ſollte beinahe vermuthen, Sie nähmen es übel auf, daß ich Sie darüber aufgeklärt, wie ſich eine Schlange in Ihr und Ihrer Frau Tochter Haus eingeſchlichen. Man ſollte meinen, das wäre die Pflicht eines Freundes, abgeſehen von der guten Sache, die Jeder verfechten muß.“—„Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Herr Möoͤrk, daß wenn unſere Ruhe und unſer Glück von einer Schlange hier im Hauſe bedroht iſt, ſo iſt es nicht dieſer Trolle. Er hat es nicht von uns verdient, daß wir ihn freundlich einladen, und wenn er treuherzig kommt, in der Hoffnung, einen angenehmen Abend bei uns zuzu⸗ bringen, wir ihn dann beleidigen und für die Sünden ſeiner Jugend zur Rechenſchaft ziehen, die uns nichts angehen und dir wir nicht beurtheilen können, Sünden, welche in der langen Zeit, ſeitdem ſie begangen worden, durch Rene und Beſſerung bei Gott ausgelöſcht ſind. Laſſen Sie uns nicht aus bloßer Moralität unſer Chriſten⸗ thum vergeſſen.“— Mit dieſen Worten ſagte ſie gute Nacht und verließ das Zimmer. „Gott ſoll mich bewahren,“ ſagte die Frau ganz geduldig:„Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß die Sache einen ſolchen Ausgang nehmen würde.“— Moͤrk fuhr in großer Aufregung im Zimmer auf und ab. „Ja, meine liebe Frau!“ rief er,„das ging auch nicht nach der Verabredung. Sie verſprachen, daß Sie, ſo⸗ bald ſie ſich von der Schlechtigkeit dieſes alten Abſchaums überzeugt, ſich erheben und ihm und ſeinem Kameraden 285 das Haus zu verlaſſen gebieten wollten.“—„Ach Gott, das ging nun eben ganz anders, als wir erwarteten. Er war es ja, welcher ſich erhob und fortging.“—„Ja, weil er ein freches Ungeheuer iſt, deßhalb brauchten wir An⸗ dern uns nicht von ihm verblüffen zu laſſen und ſtill zu ſchweigen.“—„Aber Sie ſchwiegen ja ſelbſt.“—„Daran war Eliſens Aufführung ſchuld. Tod und alles Unglück! Was ſoll man von der Güte dieſes Mädchens für den alten Verführer denken. Nein, ich vergeſſe dieſen Abend nie!“—„Ja, hören Sie nun, guter Moͤrk, ich befürchte wirklich, daß wir uns übereilt. Ich ſage das nicht wegen Trolle; aber hier im Hauſe hätte es nicht ſo kommen ſollen. Was meine Mutter mir ſagte“... Mörk unterbrach ſie:„Das war recht, liebe Frau! Laſſen Sie es nun über mich hergehen! Das iſt der Gang der Welt. Zuletzt wird mir gar noch die Thüre gewie⸗ ſen. Ich bin nicht ſtark. Ich fühle mich ganz krank und matt. Dieſe Geſchichte kann noch mein Tod wer⸗ den.“— Die Frau ſuchte ihn zu beruhigen; aber auch er eilte fort und ließ Frau Derby allein zurück, von ver⸗ wirrten und peinigenden Gedanken beängſtigt. Indeſſen eilte Trolle mit ſo ſtarken Schritten nach Hauſe, daß ſein junger Begleiter Mühe hatte, ihm zu folgen. Kein Wort wurde gewechſelt. Werner fühlte ſich verlegen und wußte nicht, wie er den alten Freund vermoͤgen ſollte, das ängſtliche Schweigen zu brechen. Sie kamen auf ihrem Wege nach dem Schloßplatze, und der junge Maler ſagte:„Lieber Vater Trolle, Du gehſt ſo ſtark, daß ich kaum Schritt halten kann. Bleibe doch einen Augenblick ſtehen und ſieh, wie hübſch dieſe ganze Partie der Stadt und die ſchoͤne Chriſtians⸗ borg ſich im Mondſcheine ausnimmt.“— Trolle blieb ſtehen und betrachtete das Schloß:„Das Schloß,“ ſagte er,„das ſteht ja ſo öde wie ein Kloſter bei Nachtzeit da. Der Mond ſieht in die leeren Gemächer, als ſuchte er nach dem prachtvollen Leben, das ſich einſt darin bewegte. 287 ſepha's und mein Kind begraben liegt. Kannſt Du ihn nicht aus dem Gemälde wegſchaffen? Auch hier vor dem Fenſter will ich ihn umhauen laſſen, ich kann es nicht mehr ertragen, ihn zu ſehen. Der Hund ſieht auch dort, als heulte er mich an. Ich habe Thomas befohlen, Caro einzuſchließen. Er ſoll Cosmus geſandt werden, er ver⸗ dient ihn.“ Dieſe Worte, ſeine wilden Augen und ſein ganzes Weſen zeugten deutlich davon, daß ein glühendes Feuer in ſeinen Adern raste. Werner eilte zu ſeinem Arzte. Dieſer ahnte ſogleich, daß ein Gemüthsleiden den größten Theil an dieſer Krankheit hatte. Er ordnete beruhigende Mittel an und überredete den Kranken, ſich niederzulegen. Schon am nächſten Abend ſchien das Fieber im Abnehmen, und nach Verlauf von ein paar Tagen konnte Trolle aufſtehen und nach der Vorſchrift des Arztes die freie Luft genießen. Eine kleine Krankheit und die Wiederkehr der Lebenskraft ſcheint oft dem auf⸗ geregten Gemüthe den geiſtigen Frieden wiederzuſchenken. Nachdem Trolle eines ſchönen Herbſtnachmittags in Werners Geſellſchaft eine kleine Landtour gemacht und ſie Abends bei der Lampe Schein allein ſaßen, rezitirte Werner folgende ſchönen Strophen aus Göthe's Fauſt: Ach wenn in unſrer engen Zelle Die Lampe freundlich wieder brennt, Dann wird's in unſerem Buſen helle, Im Herzen, das ſich ſelber kennt. Vernunft fängt wieder an, zu ſprechen, Und Hoffnung wieder an, zu blühn, Man ſehnt ſich nach des Lebens Bächen, Ach! nach des Lebens Quelle hin. Trolle ſchöpfte tief Athem, faltete die Hände auf der Bruſt und ſagte:„O welche friſche Luft aus einer ſchö⸗ neren Welt weht uns in den Worten des großen Meiſter⸗ ſängers an! Er kannte mehr als irgend Jemand das menſchliche Herz, was es verwundet, was es belebt. 286 Ach! auch dort ſtöhnte mancher ſchwere Herzensſeufzer! es iſt, als ob man noch das Echo davon hoͤren koͤnnte.“ —„Der Wind ſaust hier durch,“ ſagte Werner:„laſſe uns nicht länger in dieſem kalten Luftzug ſtehen.“ Mit dieſen Worten ergriff er Trolle's Arm, preßte ihn freund⸗ lich an ſich und zog ihn mit ſich fort. Als ſie heim⸗ kamen, befahl Trolle ſeinem Diener, die Lampe ſeines Wohnzimmers anzuzünden, reichte dann Werner die Hand und entbot ihm gute Nacht. Werners Anerbieten, ihm noch eine Stunde lang vorzuleſen oder mit ihm zu plau⸗ dern, ſchlug er freundlich ab. Am nächſten Morgen kam der alte Diener zu dem Maler und ſagte:„Herr Gott, Herr Werner! Was haben die Leute geſtern mit meinem Herrn gemacht? Die ganze Nacht iſt er im Zimmer auf und ab gegangen, und war nicht in ſeinem Bette, bis der Tag graute. Schon geſtern Abend ſah er ſo wunderlich aus, daß ich nicht zur Ruhe gehen konnte, ſondern mich ab und zu in ſein Schlafzimmer ſchlich und durch die Thüre in das Wohnzimmer ſah, das halb offen ſtand; und der Herr merkte es nicht. Er ging in einem fort im Zimmer auf und ab, die Arme über's Kreuz geſchlagen und den Kopf herabgebeugt, und ſo blieb er in ſich verſunken, ſo oft ich hineinſah, bis er endlich merkte, daß es Tag wurde; da ſchaute er ſich um und löſchte die Lampe mit einem Seufzer, ſo tief, daß es Einem das Herz zerſchneiden konnte. Er legte ſich zwar nieder, aber Gott weiß, ob er geſchlafen. Nun ſteht er auf.“ Als Werner zu Trolle hineinkam, erſchrack er über ſein verändertes Ausſehen. Es war, als ob er in dieſer einen Nacht weit magerer und älter geworden. Er ſaß angekleidet am Fenſter. Nach dem erſten Morgen⸗ gruße ſagte er:„Hoͤre, Werner! das war eine wunder⸗ bare Eingebung, die Dich auf die Idee gebracht, dieſen Kaſtanienbaum auf meinem Portrait anzubringen. Es dünkt mir der große Baum zu ſein, unter welchem Jo⸗ 288 Habe Dank, mein Sohn! daß Du einige Tropfen ſeiner Arznei in meine kranke Seele fließen ließeſt, denn auch eer war ein Menſch, auch er Uiebte und beweinte, auch er ſagte: Nimmer werd' ich froh, So verrauſchten Scherz und Kuß, Und die Treue ſo.“ „Ja, lieber Vater!“ ſagte Werner:„Selbſt er mußte gewiß beten: Gott ſei mir armen Sünder gnädig!“— „Aber,“ antwortete Trolle:„ſeine ſchönen Geſänge ſind wie Davlds Pſalmen zum Himmel aufgeſtiegen als ver⸗ ſohnender Opferduft; er hat nicht vergebens gelebt. Aber ich!— Ach, Werner! mein einziger Freund! Du biſt mir treu geblieben und haſt mich geſchont in all' meiner Erniedrigung. Meine liebenswürdige Eliſe hing ſich weinend an den Arm des alten Sünders. Ach, wie werde ich das vergeſſen! Auch Madame Berg... Aber, o Gott! Wie ſtehe ich vor Cuch! Du ſelbſt, ach, was denkſt Du wohl von mir?“ Werner ergriff ſeine Hand:„Ich denke, Du haſt menſchlich gefehlt, hin⸗ geriſſen— nicht von niedrigen Beweggründen, ſondern von Etwas, was ich nicht auszudrücken vermag, etwas Schmerzlichem, das wie ein Ungewitter Dein Schiff in einer verkehrten Richtung getrieben.“—„Ich danke Dir l“ rief Trolle,„Du haſt mich verſtanden! Ja, ein Traum, ein Geſpenſt, nein, ein leuchtender Schatten eines Engels ſchwebte vor mir und machte mich wahnſinnig. Und nun, da ich der Grenze des Lebens ſo nahe ſtehe, aus meinem Wahnwitz erwache, ſehe ich mit Schrecken die Ver⸗ wüſtungen, die ich in meiner Raſerei angerichtet, ohne ſie wieder vergüten zu können, und fühle mich zerriſſen von Reue, von Mitleid mit meinen Opfern und mit mir ſelbſt, ſtrafwürdig, gedemüthigt und lächerlich!“—„O Vater Trolle! Deine Worte ſchmerzen mich tief. Steh 289 Dich ſelbſt und Deine Stellung nicht mit ſo unfreund⸗ lichen Augen an. Laß eines Freundes, eines Sohnes Blicke verſoͤhnend auf Dein verfloſſenes Leben fallen! Loͤſe dieſe Räthſel, dann bleiben ſie nicht länger ſo ſchreck⸗ lich. Erleuchte Dein Herz und das meine, indem Du mir die geheimen Fäden zeigſt, aus denen Dein Lebens⸗ lauf geſponnen war.“—„Ja, das will ich!— Aber nicht mündlich; denn Angeſicht gegen Angeſicht mit einem mild urtheilenden Freunde entſchlüpft uns leicht ein be⸗ ſchönigendes Wort und deckt unſere Handlungen mit einem falſchen Schleier.— Nein, allein mit Gott und mir ſelbſt, will ich vor ihm und meinen beſten Freunden beichten. Ich fühle es! Ein Bekenntniß wird mir das Herz leichter machen. Die Edelſten haben das gefunden. Auch er, den wir eben nannten, Göthe, hat ſo ſeine reue⸗ volle Bruſt erleichtert; auch der gute Cosmus hat nach dieſem Labetrank gegriffen. Der treue Cosmus! Mein edler Feind! Er hält mich für todt; aber ich will ſeine Adreſſe zu erfahren ſuchen und ihm ſchreiben. Ich will nicht ſterben, ohne ſeine Vergebung erfleht zu haben.“ Schon am folgenden Tage ſaß Trolle am Schreib⸗ tiſch, damit beſchäftigt, ſeine Bekenntniſſe aufzuzeichnen. Während der ganzen Zeit, die er bei dieſer Arbeit zubrachte, ſchien er neu belebt und fühlte ſich auch durch den Eifer, mit dem er ſich dieſer Sache hingab, durchaus nicht angeſtrengt. Nur ein paar Stunden des Tages ging er aus, um ſich in der freien Luft zu bewegen, und mit Mühe konnte ihn Werner uberreden, eine Vormittags⸗ viſtte bei Madame Berg zu machen, die ſich mit größter Theilnahme täglich nach ſeinem Beſinden erkundigt hatte und ihn nun mit augenſcheinlicher Freude aufnahm. Bei dieſem Beſuche war er Anfangs verlegen, wurde jedoch durch das unverkennbare Wohlwollen ſeiner Freundin raſch wieder offen und frei. Die alten Abendgeſellſchaften bei Frau Derby hatten indeſſen ganz aufgehoͤrt. Trolle Novellen. III. 19 ſchien dieſen Ort, den er das letzte Mal mit ſo ſchwerem Herzen verlaſſen, ordentlich zu ſcheuen. Die Bekenntniſſe, welche er dem Papiere anver⸗ traute, lauten folgendermaßen: Für mich ſelbſt, für Guch, Ihr wenigen Freunde, auf deren treue Güte ich zu meiner Beruhigung bauen kann, ſchreibe ich dieſen ehrlichen Bericht über den Theil der Greigniſſe meines Lebens, der durch einige Begeben⸗ heiten der jüngſten Zeit aus einer fernen Vergangen⸗ heit gleichſam heraufbeſchworen worden. Indem ich dieſe Worte ſchreibe, fühle ich mit Scham, daß das, was ich hier einen Theil der Ereigniſſe meines Lebens nenne, ungefähr das Ganze ausmacht; daß all' mein Wirken und Trachten ſich auf die engen Grenzen einer Liebes⸗ geſchichte beſchränkt,— ein Geſtändniß, das gewiß eines der demüthigendſten iſt, das ein Mann ablegen kann. Aber ehe ich zu den näheren Umſtänden ſchreite, bitte ich eine Betrachtung vorausſchicken zu dürfen, die, wie ich glaube, nothwendig iſt, um den Leſer auf den Standpunkt zu ſtellen, von welchem ich mich beurtheilt zu ſehen wünſche. Ich muß daran erinnern, daß ich ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert bin, aufgewachſen und gebildet am An⸗ fang und in der glänzendſten Periode der franzoͤſiſchen Re⸗ volution, die wegen ihres Leichtſinnes, ihrer Frivolität und ihrer Auflöſung aller Bande ſo berüchtigt iſt. Ich will mich nicht zum Vertheidiger jener Zeit aufwerfen, die Wahrheit nicht entwickeln, daß das Herrliche immer aus der Nacht hervorgegangen und meiſt unter ſchrecklichen Un⸗ gewittern geboren wurde. Ich will hier blos eine Seite der Beſchuldigungen beſprechen, welche das jüngere Ge⸗ 291 ſchlecht gegen jenes ältere aufbringt, das es nicht in ſei⸗ ner jungen Kraft kannte, deſſen übrig gebliebenen Indi⸗ viduen aber im Allgemeinen noch eine Lebendigkeit, eine Zugänglichkeit für alle menſchlichen Intereſſen ſich be⸗ wahrt haben, welche hinreichend von dem Feuer zeugen, das in jener Zeit das geſellſchaftliche Leben durch⸗ ſtrömte. Der Punkt, den ich hier nennen will, weil er berührt, was ich in Folgendem zu erzählen habe, iſt ein Vorwurf, den man häufig jener wegen ihrer Immoralität verſchrieenen Periode macht. Sie war, ſagt man, zu gleicher Zeit frivol, gewiſſenlos in Liebesſachen und doch ſentimental, und dieſe Sentimentalität wird als ein krank⸗ hafter Zuſtand bezeichnet. Allerdings liegt in dieſen Be⸗ ſchuldigungen etwas Wahres. Eine affectirte Sentimen⸗ talität ſtand neben dem ächten Gefühl, wie jetzt eine affectirte Kälte und Gleichgültigkeit neben dem ächten Maaßhalten ſteht. Und was den erſtgenannten Vorwurf der Frivolität betrifft, ſo iſt es zwar auch wahr, daß man mit nicht ſehr ſtrengem Auge unerlaubte Liebesver⸗ bindungen betrachtete, daß man mit Tom Jones es mit der Ehre eines Mannes unvereinbar hielt, ſich wie Joſeph aus den Armen einer verliebten Frau Potlphar zu reißen; und doch darf ich behaupten, daß unſere Sitten damals in gewiſſer Weiſe ſogar edler in ih⸗ rer Ausſchweifung waren, als die gegenwärtigen, gerade weil dieſe verachtete Sentimentalität in ihnen präſidirte. Man liebte und betete an, oder glaubte doch den Gegen⸗ ſtand zu lieben und anzubeten, um deßwillen man ſtraf⸗ würdig war; man beſang ihn, oder ſchien ihn in den Liedern des Dichters beſungen zu ſinden; man wählte ihn nicht, wie jetzt, in einer niedrigeren Claſſe, wo das Beſte natürlich fehlen muß: das Hinreißende in der Be⸗ ſchauung des geiſtigen Weſens, das Bezaubernde, ſich in gebildeter Geſellſchaft mit ihm zu bewegen. Jetzt gibt es dagegen keinen ſchwärmeriſchen Liebhaber mehr. Die Maͤnner im Allgemeinen ſuchen ſich nach der einen oder 292 andern ſogenannten vernünftigen Berechnung eine Gattin, oder verwickeln ſich wider ihren Willen in ein aus Sinn⸗ lichkeit und Unbedachtſamkeit gewobenes Netz, aus dem nur Gott Hymen ihnen einen anſtändigen Ausweg bereiten kann; und der verheirathete Mann, wie der Verlobte macht ſich kein Gewiſſen daraus, eine edle Frau, eine ſchamhafte Jungfrau ſeine Liebkoſungen mit den Ver⸗ ächtlichſten ihres Geſchlechtes theilen zu laſſen; mit gleich offener Stirne ſieht er in die liebevollen, unſchuldigen Au⸗ gen, die ihm zu Hauſe begegnen. Von dieſer Beſchaf⸗ fenheit ſind die heutigen zärtlichen Sittlichkeitsgefühle, die faſt zu der Geziertheit gekommen ſind, zu ſagen; „Salva venia, ein Unterrock.“— Ich mache dieſe Be⸗ trachtungen nicht, um die Verirrungen meines Zeitalters, oder gar meine eigenen zu entſchuldigen, ſondern nur um den Ton anzugeben, der aus jener Zeit durch eine Bruſt dringt, die ihre Luft eingeathmet hat. In meinem zwei und zwanzigſten Jahre mußte ich nach dem Willen meines Vaters dem mecklenburgiſchen Geſandten nach London, ſeinem Beſtimmungsorte, folgen. Baron Gordon war ein Hannoveraner, der nach einem ziemlich vagabundirenden Jugendleben in Kopenhagen ge⸗ landet, wo er durch die Verheirathung mit einem rei⸗ chen bürgerlichen Mädchen in den Beſitz eines bedeu⸗ tenden Vermögens gelangt war, das er jedoch bald ver⸗ geudet und verſpielt hatte. Als er nichts mehr beſaß als ein kleines Gut, das er einigen teſtamentariſchen Ver⸗ fügungen zu Folge nicht verkaufen konnte, gelang es ihm durch ſeine Familienverbindungen, in Hannover ſich den obengenannten Poſten zu verſchaffen. Ein mecklenburgi⸗ ſcher Geſandter am großbrittanniſchen Hofe iſt zwar keine wichtige Perſon, deſſen ungeachtet war dieſer Poſten doch zu bedeutend, als daß die Kräfte des Barons da⸗ für ausgereicht. Sein hoher Gönner ſchien dies ſelbſt eingeſehen zu haben und brauchte deßhalb die Vorſicht, ihm einen Legationsſecretär mitzugeben, der die Tüchtig⸗ 293 keit beſaß, die dem Vorgeſetzten mangelte: denn man konnte ohne Uebertreibung ſagen, daß Herr von Ruhbach im Beſitze all' der Vorzüge war, die ſein Miniſter hätte haben ſollen. Mein Vater ſtand mehrere Jahre in Geld⸗ verbindung mit Baron Gordon und hatte ihm bedeutende Dienſte gethan; aus dieſem Grunde gelang es ihm, den Baron zu vermögen, mich für dieſen ihm ganz un⸗ nöthigen Poſten anzunehmen. Ich weiß nicht, welche thörichten Pläne die Eitelkeit meines Vaters für meine Zukunft in der diplomatiſchen Carriere entwarf, in welche er mich mit Gewalt einführen wollte: aber das weiß ich, daß ich mich mit größter Unluſt ſeinem heftigen Willen fügte, das medieiniſche Studium aufgab, das ich begon⸗ nen, und den Geſandten begleitete, der mir als ein hoch⸗ müthiger und unwiſſender Narr bekannt war. Meine Stellung in ſeiner Nähe und in ſeinem Hauſe war ſo unbehaglich, daß ſie mir all' den Genuß verbitterte, der mir unter anderen Umſtänden unfehlbar in der prächtigen fremden Welt zu Theil geworden wäre, in der ich mich, reichlich mit Geld verſehen, in den lebensfrohen Tagen der Jugend bewegte. Zu meinem Troſte nahm ſich der Baron der Geſchäfte nicht an— wozu er viele Gründe hatte— ſo daß ich nur mit Herrn von Ruhbach arbei⸗ tete, deſſen Geſellſchaft mir ebenſo angenehm, als lehr⸗ reich war, und da er gleichfalls ein junger Mann, wie ich, ſo entſtand bald ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen uns. Der Baron hatte mich ſtets mit vornehmem Ueber⸗ muthe behandelt und mich bisweilen verſtehen laſſen, daß er mich eigentlich gegen ſeinen Wunſch mit ſich genommen. Wie Leute ſeines Calibers zu thun pflegen, ſo ſiel es ihm einſt ein, mit plumper Hand in die Geſchäfte einzu⸗ greifen und ſeine Mündigkeit zu zeigen. Es war in den bewegten Zeiten, in welchen die Siege der franzoͤſtſchen Nation und der Einfluß derſelben auf andere Nationen unaufhoͤrlich die gegenſeitige Stellung der Cabinette und 294 ihr Verhältniß zu einander änderte. Dieſe Wechſel und Bewegungen pflegte der Baron zu ignoriren, wie er über⸗ haupt mit Allem that, was ihm unangenehm war: mit einem dummen Trotze läugnete er geradezu ihre Exiſtenz ab, wenn ſie auch vor ſeinen leiblichen Augen lag. Da indeſſen ſeine Thorheiten nicht zu meinen Bekenntniſſen gehoͤren, ſo will ich mich hier nicht in nähere Detalls einlaſſen, ſondern nur erzaͤhlen, daß er ſich mal auf eigene Hand in eine Sache verwickelt hatte, an der Theil ge⸗ nommen zu haben, wenn es bekannt geworden wäre, ihm mindeſtens den augenblicklichen Verluſt ſeines Poſtens zu⸗ gezogen. Nachdem Ruhbach und ich nicht ohne Mühe ihn ſelbſt zu dieſer Einſicht gebracht, wurde er von großem Schrecken und Muthloſigkeit befallen; aber er war nicht ſobald durch unſere gemeinſchaftlichen Beſtrebungen aus dieſer Schlinge gerettet, als er, ſtatt uns zu danken, einen Groll auf uns warf, indem er uns für Spionen anzu⸗ ſehen ſchien, oder wenigſtens für läſtige Zeugen ſeiner Mißgriffe hielt. Er ergriff jede Gelegenheit, meinen Muth niederzudrücken, als ob er fürchtete, er werde ſich aus jenen Gründen mehr als billig heben. Ich weiß nicht, ob meine alte Bitterkeit über dieſe Behandlung oder eine glückliche Ahnung Schuld daran war, daß ich ſorgfältig ein Papler verbarg, das bei jener beiſpielloſen diplomatiſchen Verhandlung in meine Hände gefallen war. Ich hatte durchaus nicht die Abſicht, es zum Schaden des Barons zu mißbrauchen, aber ich fühlte eine— vlel⸗ leicht tadelnswürdige— Beruhigung darin, mich im Beſitze dieſer geheimen Waffe gegen ihn zu wiſſen. Seine üble Laune erhielt zur ſelben Zeit neue Nahrung durch den Umſtand, daß er— ich weiß nicht, aus welchem Grunde— beordert wurde, ſeinen Poſten in London zu verlaſſen und einen weit geringeren, nehmlich den eines Geſandten in Caſſel, anzutreten. Ich beſchloß, dieſe Ge⸗ legenheit zu ergreifen, um meine Verbindung mit ihm zu brechen und mich lieber dem Zorne meines Vaters 295⁵ auszuſetzen, als den Kränkungen, welche ich jetzt erfahren mußte. Aber mein Schickſal wollte dies anders. In Familien trifft man oft die Erſcheinung, daß ein einzelnes Mitglied derſelben ſo himmelweit verſchie⸗ den von den übrigen iſt, daß man in ſeinen Ge⸗ danken unwillkürlich veranlaßt wird, es mit einem edeln Singvogel zu vergleichen, der zufälligerweiſe in einem Elſternneſte ausgebrütet worden, und wie ein alter Aber⸗ glaube annimmt, daß die Gnomen ihre verwachſenen Jungen in die Wiegen menſchlicher Weſen praktiziren, ſo könnte man hier glauben, daß ein höheres, mehr ideales Geſchlecht ein Kind ihrer edeln Natur aufopferte, um un⸗ ter den ſündigen Menſchen als verſoͤhnender Genius auf⸗ zuwachſen, damit auch ſie einen Schein des Lichtes ſehen, der zum Himmel führt. Als ein ſolches Weſen erſchien mir die kleine Clara, des Barons einzige Tochter. Ihre Mutter war eine eitle, einfältige Frau; der älteſte Sohn, des Vaters Stolz und Hoffnung, wurde in Hannover er⸗ zogen; der nachälteſte war geſtorben, ehe ich den Baron kennen lernte; ein dritter Sohn, ein zehnjähriger, unartiger Knabe, mit Namen William, war der verzogene Liebling der Mutter. Zwiſchen dieſen ſtand die dreizehnjährige Clara, unbeachtet von ihren Nächſten, aber ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit und Bewunderung für alle Fremden. Es lag in der Phyſiognomie und dem Weſen des kleinen Mädcheus ein ganz wunderbarer Zauber. Bei dem taͤglichen Mittags⸗ tiſche hatte ſie gerne ihren Platz ſo, daß die Beleuchtung im Zimmer ſcharf auf ihre Geſtalt ſiel, und wenn man dann die hellen gelockten Haare, die lilienweiße Geſichts⸗ farbe, die großen, dunkelblauen Augen mit den ſchoͤnen Brauen und den langen Wimpern, das einfache, weiße Kleid ohne allen Schmuck, feſt anliegend an den blenden⸗ den Nacken und die Schultern, wenn man all' dies ſah, ſo lag die Idee von einer überirdiſchen Offenbarung ſo nahe, daß ſie noch Manche außer mir in der Stille aus⸗ ſprachen. Wenn, was häuſig geſchah, harte und ſcho⸗ 296 nungsloſe Worte gewechſelt wurden, ſo erroͤthete die kleine Clara, ſchlug die Augen nieder und erhob ſie nach einer Weile wieder, um ihren Blick mit einem unbeſchreiblich verſöhnenden Ausdruck auf dem Verletzten ruhen zu laſſen. War ſie es ſelbſt, die gekränkt worden, ſo ſenkte ſie den lieblichen kleinen Kopf wie eine Roſe, die ſich vor dem Sturme beugt, und langſam hob ſie dann die dunkeln Augen bittend und ſchweigend zu dem auf, der ſie mit Härte an⸗ redete. Einſt in einem ſolchen Augenblick konnte Ruhbach ſeine Erbitterung nicht verbergen, ſondern wandte ſich weg, indem er mir zuflüſterte:„Kann man um irgend etwas Willen in die Hoͤlle kommen, ſo iſt es gewiß die Gefühl⸗ loſigkeit, die dazu gehoͤrt, den demüthigen, bittenden Augen dieſes Kindes zu widerſtehen.“ Eines Tages, als Clara in den Speiſeſaal herabkam, ſah man deutlich, daß ſie geweint. Ihr Vater fragte mit ſeinem gewöhnlichen rohen Tone, was geſchehen ſei. Die Mutter fragte gleichfalls, aber in ebenſo liebloſer Weiſe. Mit unterdrückten Thränen antwortete Clara: „Darf ich es in dieſem Augenblicke nicht verſchweigen?“ —„Nein, durchaus nicht!“ rief der Baron.„Ich werde es erzählen,“ ſagte der jüngere Bruder:„Clara hat ge⸗ weint, weil heute der Geburtstag unſeres ſeligen Bruders Alfred iſt. Sie ſagte heute Morgen, ſie erinnere ſich, wie ſie dann zu ihm hineingegangen... ihm Geſchenke gebracht... ich weiß nicht genau, was ſie alles ſag⸗ te.“—„Ach, Empfindelei!“ rief der Baron:„was ſoll das helfen, länger um ihn zu weinen? Wir bekom⸗ men ihn doch nicht wieder.“— Die Baronin ſagte mit ernſter Miene:„Ja, hat Jemand Urſache, um Alfred zu weinen, ſo iſt es Clara.“— Das arme Mädchen konnte ſeine Gemüthsbewegung nicht länger beherrſchen. Sie be⸗ deckte ihre Augen, als ob ſie ſie gegen drohende Pfeile ſchützen wollte, und ging leiſe aus dem Zimmer.— Abends kam Geſellſchaft. Mehrere junge Mädchen umringten Clara, die noch immer traurig ausſah. Ich ſchloß mich an ——— —/ ——ÿ:—D— 297 dieſe anmuthige Schaar an; ein paar junge Leute thaten daſſelbe, und mein heißer Wunſch, Clara aufzuheitern, inſpirirte mich ſo gut, daß ich eine in dieſem Hauſe früher ganz ungekannte Freiheit und Heiterkeit in unſeren klei⸗ nen, von dem älteren abgeſonderten Kreis, zu bringen wußte. Nach und nach verzog ſich die Wolke von Claras Antlitz, und mit der leichten Beweglichkeit der Jugend nahm ſie herzlichen Theil an der allgemeinen Luſt. Am folgenden Abend waren wir in eine Famille eingela⸗ den, welche in freundſchaftlichen Beziehungen zu der des Barons ſtand. Dieſes Haus war angenehm. Es fanden ſich dort viele Jüngere beiderlei Geſchlechtes zuſammen, und es war üblich, daß, während die ältere Geſellſchaft ſich die Zeit an den Spieltiſchen vertrieb, die Jugend ſich in einem großen Saale verſammelte und zu einer Muſik tanzte, welche einige Leute von dem Perſonal des Hauſes abwechſelnd aufführten. Dies war denn auch an dem erwähnten Abende der Fall. Ich bat Clara, mit mir zu tanzen, was ſie mir auch ſogleich zugeſtand; als wir je⸗ doch die Quadrille nach damaligem Gebrauch hinabgetanzt, entſchuldigte ſie ſich, nicht wieder zurücktanzen zu koͤnnen, da ſie an heftigem Kopfweh leide. Ich führte ſie zu einem Stuhl in einer Fenſtervertiefung und nahm ſelbſt Platz an ihrer Seite. Mit Kummer bemerkte ich, daß ihr Ausſehen einen leidenden Zuſtand verrieth und fügte hin⸗ zu:„Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn Sie heute nicht wieder geweint.“—„Nein,“ antwortete ſie,„darin täu⸗ ſchen Sie ſich. Aber ich erinnere mich, daß ich Ihnen noch Dank für geſtern ſchuldig bin. Sie waren geſtern Abend ſo gut, Sie erheiterten uns ſo angenehm, daß ich meinen Kummer vergaß, was gewiß ein Unrecht war.“ —„Unrecht? Beſtes Fräulein? Iſt es Pflicht, ſein Leben hinzutrauern, weil eine liebe Perſon frühe die Reiſe an⸗ trat, die jeder Lebende antreten muß?“— Sie ſchwieg einen Augenblick, ſagte aber dann mit furchtſamer Stimme: „Ich bin nicht wegen meines Bruders Tod allein ſo be⸗ 298 trübt, es iſt etwas noch weit Schlimmeres, ja wohl gar das Allerſchlimmſte.“— Auf meine eifrige Frage ant⸗ wortete ſie:„Ja, lieber Herr Trolle! ich will es Ihnen ſagen; es gibt doch Nlemanden, mit dem ich davon ſpre⸗ chen dürfte und der ſo gut iſt. Ich bin feſt überzeugt, daß Sie es gut mir meinen.“—„Ob ich es gut mit Ihnen meinel Ich koͤnnte für die kleine Clara in den Tod gehen! O vergeben Sle, daß ich ſo frei mit Ihnen rede.“— Dafür danke ich Ihnen, das gibt mir Muth. Es iſt, als ob Sie mein Bruder wären.“—„Nun ſo vertrauen Sie mir ſchweſterlich an, was auf Ihrem jungen Herzen laſtet.“—„Ach, es drückt mich ſchwer, daß mein Gewiſſen nicht rein iſt.“—„Sie, Clara! Ein kleiner Engel wie Sie, kein reines Gewiſſen?“—„O ſprechen Sie nicht ſol Ich werde Ihnen Alles ſagen. Sehen Sie, lieber Trolle! Mein Bruder Alfred war ein wilder Knabe, der oft mit andern Knaben in Streit ge⸗ rieth und bei den luſtigen Streichen, die er machte, häufig zu Schaden kam. Deßhalb war der Vater außerordent⸗ lich ſtreng gegen ihn. Eines Tages war Alfred ſehr ſill und ſah krank aus, und da ich ihn fragte, was ihm fehle, vertraute er mir, daß ein großer Knabe ihn in einer Schlägerei gegen einen Stein im Hofe geworfen, und daß er von dem Stoße Schmerzen an der Seite habe. Er verbot mir, davon zu ſprechen, und verlangte, ich ſollte ihm die Hand geben, daß ich darüber ſchweigen wolle. Ich trug kein Bedenken, ihm dies Verſprechen zu geben. Ich verſchaffte ihm heimlich einige Arzneimittel, von denen ich wußte, daß man ſie bei Contuſionen an⸗ wandte und die in der Mutter Verſchluß waren. Jeden Abend und Morgen ſchlich ich mich zu ihm hinein und rieb ſeine Seite ein. Aber nach Verlauf von einigen Tagen wurde er ſo krank, daß der Arzt gerufen werden mußte. Alfred mußte nun geſtehen, daß er ſich geſtoßen, und der Doctor ſagte zur Mutter, daß es jetzt gefahrlich ſei, daß es aber ſehr leicht zu heilen geweſen, wenn er 299 ſogleich gerufen worden wäre. Als ich dies hörte, gerieth ich in Verzweiflung und geſtand ſogleich, daß ich das Un⸗ glück gewußt und verſchwiegen. Die Mutter, welche we⸗ gen Alfreds ſehr betrübt war, wurde natürlich außer⸗ ordentlich böſe auf mich und ſagte:„„Wenn Dein Bru⸗ der ſterben ſollte, was leicht geſchehen kann, ſo weißt Du, wie wir Alle, daß Du ſein Mörder biſt.““— O Gott! dieſe Worte hoͤre ich, ſo lange ich lebe.“— Das arme Mädchen konnte vor Weinen nicht mehr ſprechen, ſie ver⸗ barg ſich hinter der Gardine und ſuchte ſich zu faſſen. Ich naͤherte mich ihr und ſuchte mit all' der Wärme, die mir meine innere Bewegung verlieh, ihr Troſt einzu⸗ fioͤßen und eine beſſere Anſchauung von ihrer unſchuldi⸗ gen Handlung zu geben. Sie beugte ihr Antlitz aus dem Verſtecke hervor, ſah mich mit lächelnden Augen an und ſagte:„Lieber Trolle! So wie Sie nun ſprachen, hat noch Niemand mit mir geſprochen. Ach! wenn Sie wüßten, wie Ihre Worte mein Herz erleichtern! Seit zwei Jahren war ich nie recht froh. Aber nun will ich ſuchen, Muth zu faſſen und ein Gelübde zu halten, das ich gegen Alfred gethan. Als er krank war und ich einſt traurig und verweint an ſeinem Bette ſaß, ſagte er: „„Ich danke Dir, Clara, denn Du warſt mir immer treu und halfſt mir meine dummen Streiche verheimlichen. Aber wenn ich nun wieder geſund bin, will ich recht ordentlich werden. Ich will unſern Aeltern gehorſam ſein, und wenn es auch den Anſchein hat, daß ſie im unrecht ſind, will ich mich doch nach ihrem Willen rich⸗ ten. Laß uns uns gegenſeitig verſprechen, daß wir Beide immer darnach handeln wollen.““ Ich gelobte es ihm, um⸗ armte ihn, und mein Herz wollte vor Liebe und Kummer brechen. Wenige Tage ſpäter war er todt, und ich küßte ſeinen kalten Mund und wiederholte ſein Gelübde, und ich werde es nie vergeſſen, ſo lange ich lebe.“— Ach, nur allzu buchſtäblich hielt Clara ihr Wort!— Am folgenden Tage erfuhr ich zu meinem großen 3⁰0 Kummer, daß das geliebte Maͤdchen krank ſei und daß der Arzt ihre Krankheit für die Maſern erklärt habe, welche in jenem Frühjahre in London graſſirten und ſich oft als entartet zeigten. Nach Verlauf von zwei Tagen war der kleine William und drei von den Dienſtleuten des Hauſes gleichfalls von dieſer Epidemie angeſteckt. Eine große Unruhe und Verlegenheit wegen der Pflege der Kranken herrſchte im Hauſe. Frau Gordon, welche nicht gewiß wußte, ob ſie die Maſern ſchon gehabt, wagte es nicht, ſich dem Lager ihres Kindes zu nähern. Eines Tages hoͤrte ich davon ſprechen, daß Clara ſehr krank ſei und daß eine Waͤrterin, welche Nachts bei den Kin⸗ dern wachte, ſich eine Unachtſamkeit hatte zu Schulden kommen laſſen. Sogleich bat ich mir die Erlaubniß aus, mit dieſer Perſon zu wachen, um die Kranke zu pflegen. Mein Anerbieten wurde mit Freuden angenommen; denn daß ich ſelbſt dieſe Krankheit noch nicht gehabt, war eine Bedenken, das ſich neben dem Gedanken an Clara's Ge⸗ fahr nicht geltend machen konnte. Als ich beim Anbruch der Nacht in die beiden klei⸗ nen Zimmer trat, wo ſie und der Bruder ſich befanden, drückten ihre Worte und ihre Mienen eine ſo freudige Ueberraſchung, eine ſo warme Dankbarkeit für mein Kom⸗ men aus, daß ich mich ſtets dieſes Augenblickes als eines der hellſten meines Lebens erinnere. Die Wärterin ſaß in dem anſtoßenden Zimmer und erzählte Mährchen, um William zu unterhalten, der nicht ſehr krank war, bis endlich Erzähler und Zuhörer dabei einſchliefen. Kurze Zeit nach Mitternacht rief mich Clara an ihr Bett und ſagte mit ſieberhafter Stimme:„Lieber Herr Trolle, ich bin ſo krank! Ach, ich muß gewiß ſterben. Ich habe ſo bange! Es iſt ſo gräßlich, daran zu denken, daß ich ſo daliegen ſoll, weiß und kalt, mit verzogenem Geſichte, wie der arme Alfred, und daß ſie mich nehmen und in die ſchwarze Kiſte legen und den Deckel ſchließen, daß weder Luft noch Licht eindringen kann; dann tra⸗ gen ſie mich in eine Capelle zu den andern Todten, die mir ganz fremd ſind. Wär' es nur zu Alfred! aber er liegt zu Hauſe in Dänemark, draußen auf dem Gute, neben meinen Großältern; und hier in dieſem fremden Lande ſoll ich ganz allein ſein in dem häßlichen, düſtern Grabe.“— Was ich auf dieſe herzergreifende Rede ant⸗ wortete, weiß ich nicht, und Clara ſchien auch nicht auf meine Worte zu hoͤren. Ihr Athem war kurz und be⸗ ſchwerlich. Sie ergriff meine Hand und ſagte:„Lieber Trolle! um Gottes Willen gehen Sie nicht von mir! Darf ich meinen Kopf an Sie lehnen? ſo werde ich ruhi⸗ ger.“— Ich legte meinen Arm um ihre Schultern, und damit ſie in eine ruhende Stellung komme, legte ich mich ſelbſt mit Arm und Schulter auf das gleiche Kiſſen, wie ſie. Sogleich wurde ſie ruhiger und verſank in einen ſtillen Schlummer. Nach Verlauf von einer Stunde ſchlug ſie die Augen wieder auf und ſagte in ihrer Fieber⸗ phantaſie:„Wo ſoll ich Worte ſinden, um Ihnen zu danken, lieber Trolle. Wie ſchön iſt's, daß Sie mit mir in das Grab herabgeſtiegen! Nun ſcheint es mir auch gar nicht mehr ſo garſtig, wie ich dachte. Nein, im Gegentheile, hier iſt es friedlich und gut. Ganz dunkel iſt es hier auch nicht; ich kann Ihr freundliches Antlitz unterſcheiden, und ich fühle es zu meinem Troſte, daß Sie feſt an mir halten. Ach, ich bitte Sie, entziehen Sie mir Ihren Arm nicht!“— Sie ſank wieder in Schlummer. Wunderbar war der Eindruck, den ihre Worte auf mein Herz machten. Im Grabe ruhen, dieſen kleinen Engel im Arme, allein, ungeſtört, ohne Furcht vor der Zukunft,— dies Schickſal ſchien mir weit beſſer, als das, das im Augenblicke mir bevorſtand; denn ſo manche Stunde hatte der Gedanke, dieſes liebliche Kind verlaſſen zu müſſen, mit meinem Beſchluſſe gekämpft, mich den Kränkungen ihres Vaters zu entziehen. Die un⸗ ſchuldige Zuneigung, die ſie gegen mich an den Tag legte, war mir ſo ſüß, ſo neu; denn ſeit dem Tode meiner 30² chen, ihr nie freiwillig entſchlüpfen konnte. Mutter in meiner früheſten Jugend waren mir nie ſo liebevolle Worte und Blicke zu Theil geworden. fühlte, daß ich, um Claras eigenen Ausdruck zu gebrau⸗ Als es zu tagen begonnen, erwachte ſie. augenſcheinlich, daß das Fieber abgenommen und ihr volles Bewußtſein zurückgekehrt war. Verlegen wand ſie ſich aus meinem Arme los und ſagte:„Sie ſind gewiß müde, da ſie in ſo gezwungener Stellung ſitzen. Ich habe Sie ſicher heute Nacht mit meiner dummen Angſt genirt. Ich war nicht ganz bei mir. Sie ſind zu gut.“— Dieſe Worte betrübten mich ordentlich. Ich wäre mit Freuden in dieſer Stellung geblieben. Ehe ich antworten konnte, kam eine alte Perſon, welche zu den Domeſtiken des Hauſes gehörte, um mich abzulöſen. Den vielen Dank⸗ ſagungen wegen meines Wohlwollens gegen die Kinder, fügte ſie hinzu, daß ſie den Kaffee habe auf mein Zimmer bringen laſſen. Als ich mich entfernen wollte, mich zurück und flüſterte:„Wann ſehe ich Sie wieder —„Heute Abend,“ antwortete ich vergnügt: heute Nacht bei Ihnen.“ Und ich verabredete ſogleich mit der alten Perſon, daß wir, ſo lange die Kinder krank ſeien, mit der Pflege abwechſeln wollten, ſo daß ſie mich erſt beim Grauen des Tages ablöſen ſollte. Einige Tage verliefen auf dieſe Weiſe. in der Beſſerung, doch wurde ſie ab und zu von derſelben Beklommenheit und Angſt befallen, wie in der erſten — Nacht, als ich wachte; und waͤhrend dieſer Anfälle fühlte ſie ſich leichter, wenn ich ſie, wie damals, in meinen Armen hielt. Es dauerte jedoch nicht lange, denn ich fühlte mich ſelbſt unwohl und glaubte aus allen Sympto⸗ men ſchließen zu dürfen, daß ich von den Maſern ange⸗ ſteckt ſei. Aber ich wollte auf meine Funktionen als Krankenwärter nur ungerne verzichten und die kleine Clara nicht dadurch betrüben, daß ſie erführe, ich hä ihretwillen in Gefahr begeben. Ich verheimlichte deß 303 mein Uebelbefinden, ſo lange es irgend möglich war. Zu⸗ letzt aber war ich kaum mehr im Stande, mich aufrecht zu erhalten. Doch wollte ich noch eine Nacht das Glück genießen, an Clara's Lager zu wachen. Um Mitternacht, als das gewöhnliche kurze Athmen und die damit ver⸗ bundene Bangigkeit wieder eintrat, bat ich ſie, wie ge⸗ wöhnlich in meinen Armen zu ruhen. Da ſie diesmal ihr volles Bewußtſein hatte, bedachte ſie ſich einen Augen⸗ blick, gab jedoch meinen Bitten nach und legte mit kind⸗ lichem Vertrauen das ſchöne Haupt an meine Schulter, worauf ſie in ruhigen Schlaf verfiel. Wie lebendig find ſie mir noch, die Gedanken, die in dieſen Stunden meine Seele durchkreuzten! Ich fühlte, daß durch meine Adern eine Krankheit glühte, die nicht ohne Gefahr war, und die wenige Jahre zuvor in meiner Vaterſtadt ſo manches edle Opfer weggerafft. Ein weh⸗ müthiges Gefühl beſchlich mich. Ich dachte an meinen Vater. Er war ſtreng und gebieteriſch gegen mich ge⸗ weſen; aber ich war auch all' ſeine Hoffnung auf der Welt. Ich betrachtete die ſchlafende Clara, dieſes einnehmende Geſicht, deſſen ausdrucksvolle Schoͤnheit die Roͤthe der Krankheit nicht zu verunſtalten vermochte. Ein Gefühl der Freude ergriff mich bei dem Gedanken, daß ich aus ihrem Athem meine Krankheit eingeſogen, ein tiefer Schmerz bei der Furcht, daß ich ſie vielleicht zum letzten Male ſehe, und daß es jedenfalls das letzte Mal ſei, daß ich ihr ſo nahe ſaß und ſie in meinen Armen hielt, da mein eigener Zuſtand mir verbieten würde, dieſes Glück öfter zu genießen. Ich näherte meinen Kopf dem ihren, ich betrachtete ſie, als ob ich mir ihr Bild für Zeit und Ewigkeit einprägen wollte. Zum Akſchied wagte ich, ihre Locken zu küſſen, die mein Antlitz berührten, und in dieſer zwiſchen Seligkeit und Schmerz ſchwebenden Stim⸗ mung ſank mein müdes Haupt auf daſſelbe Kiſſen, wie das ihre, und ein tiefer, beinahe lethargiſcher Schlaf ſchloß meine Augen. Wie eines Traumes glaube ich mich 304 zu entſinnen, daß ich einen großen Lärm und die fluchende Stimme des Barons hoͤrte. Es wurde mir lange Zeit nachher geſagt, daß William einen Tiſch umgeworfen, der mit mehreren Sachen belegt vor ſeinem Bette ſtand, und daß der dadurch entſtandene Lärm den Baron ge⸗ weckt habe, deſſen Schlafzimmer an das des Knaben ſtieß. Plötzlich fühlte ich mich heſtig an der Schulter ergriffen. Ganz verwirrt und betäubt von einem fieberhaften Schlafe fuhr ich in die Höhe und ſah zuerſt Clara's angſt⸗ volles Antlitz, ehe ich mich beſinnen konnte, daß der Baron hinter mir ſtand und mich wegriß, während das kleine Mädchen mich mit beiden Händen feſthielt. Wenn der Baron aufgebracht war, verſagte ihm die Stimme beinahe ganz den Dienſt; ich hoͤrte nur, daß er mich mit Grobhei⸗ ten überhäufte, während Clara mit ihren freundlichen Blicken mich zu bitten ſchien, daß ich ſchweige. So unſchuldig dieſe vertrauliche Stellung an ſich war, in welcher Claras Vater uns überraſcht hatte, fühlte ich mich doch verlegen, und meine unzuſammenhängenden Worte kamen ebenſo geſtammelt heraus, als die des Barons. Aus Furcht, er moͤchte in ſeiner blinden Hitze die Kranke noch mehr er⸗ ſchrecken, brachte ich ihn aus dem Zimmer und eilte dann auf das meine, nachdem ich noch die Beſinnung gehabt, die alte Perſon zu ihrer Wartung zu rufen. Ich ging ſogleich zu Bette. Die Aufregung, in der ich war, ver⸗ ſtärkte mein Fieber, ich fühlte mit Bangen, wie ſich meine Vorſtellungen verwirrten, bis ein unruhiger Schlaf mich der Sinne und des Bewußtſeins beraubte. Als ich aus dieſem Zuſtande erwachte, befand ich mich an einem mir gänzlich fremden Orte; eine mir un⸗ bekannte Frau war in dem Zimmer beſchäftigt, und Ruh⸗ bachs Diener ſaß an meinem Bette. Von dieſem erſuhr ich nun, daß ich in bewußtloſem Zuſtande vor mehreren Tagen aus dem Hauſe des Barons an dieſen Ort getra⸗ gen worden, wo ich mich nunmehr bei ein paar ältlichen Leuten von einfachem Stande befand, die mir während 305 der gefährlichſten Periode der Krankhelt große Sorgfalt hatten angedeihen laſſen; daß ferner der Doctor mich täglich ein paarmal beſucht, und ebenſo Ruhbach, der mir ſeinen Diener zur Pflege überlaſſen. Sein Herr und der Arzt ſagte der Diener, hätten einen ernſtlichen Streit mit dem Baron wegen der Härte gehabt, die er dadurch an den Tag gelegt, daß er mich in einer Krankheit aus ſei⸗ nem Hauſe habe führen laſſen, in der die geringſte Er⸗ kältung von den ſchlimmſten Folgen ſein konnte. Mein erſtes Wort war, nach Clara zu fragen; und die Nach⸗ richt, daß ſie beinahe ganz geheilt und alle Krankheit dort im Hauſe ſo gut wie überſtanden ſei, wirkte wohl⸗ thuend auf mein ganzes Weſen. Meine Gefahr war verſchwunden, aber ich erholte mich nur langſam. Ruhbach beſuchte mich täglich, und nach Verlauf von einigen Wochen erzählte er mir, daß der Geſandte mit ſeiner ganzen Familie reiſefertig ſei, um nach Caſſel überzuſiedeln. Er übergab mir zugleich einen Brief von dem Baron, worin mich dieſer wiſſen ließ, daß er meiner Dienſte nicht mehr bedürfe, was er bereits mei⸗ nem Vater angezeigt. Der gute Ruhbach ſagte, daß er mit Rückſicht auf meinen Geſundheitszuſtand bis zum letzten Augenblick gezögert, mir dieſen nicht ſonderlich höflichen Brief zu uͤbergeben, ungeachtet er meinte, daß ich beſſer den Baron, als er mich entbehren koͤnne. Ich bat ihn, Clara zu grüßen und mich ab und zu von ihrem Befinden zu unterrichten. Er verſprach es mir, und mit Schmerzen nahm ich von dieſem Freunde Abſchied. Wenige Tage nach ſeiner Abreiſe hatte ich den Troſt, daß ein Jugendfreund und alter Spielkamerad unvermuthet nach London kam und mich ſogleich aufſuchte. Als ich mich ſo weit erholt, daß ich das Zimmer verlaſſen konnte, ging ich eines Tages in Geſellſchaft dieſes und eines an⸗ dern Landsmannes im Kenfingtongarden ſpazieren. Da war es mir plötzlich, als ſähe ich Clara mit leichtem Novellen. III. 20 306 Schritte uns entgegenkommen. So hatte ich ſie oft Morgens im Garten an unſerem Hauſe mit einem ein⸗ fachen Strohhut und einer leichten Schürze, in der ſie Blumen zu ſammeln pflegte, einhergehen ſehen. Mein Herz pochte bei dieſem Anblicke; denn meine kleine Freundin ſtand Tag und Nacht vor meiner Phantaſie. Das junge Mädchen, welches mir nun näher kam, war frellich nicht Clara, aber es erinnerte mich doch lebhaft an ſie. Es war von demſelben Alter und Wuchs, beſaß dieſelbe reiche Lockenpracht, denſelben kleinen, niedlichen Fuß. Ohne es zu wiſſen, blieb ich von dieſem Anblick gefeſſelt ſtehen. Das junge Mädchen wandte ſich gleich⸗ falls um und ſandte mir freundliche Blicke zu, die mir zu winken ſchienen. Ich konnte nicht widerſtehen, ich mußte ihr folgen. Sie ſelbſt ging mir entgegen und fragte hoͤflich, ob ich mit ihr ſprechen wolle. Es lag etwas ſo Einladendes in ihrer ganzen Annäherung, daß ich ſogleich mit ihr bekannt war. Eine ältere Schweſter war dabei, und dieſe ſchalt ſie unaufhoͤrlich. All' dies brachte eine Aehnlichkeit mit dem mir ſo lieben Bilde, das ich im Herzen trug, zuwege; ich glaubte in der Naͤhe und Freundlichkeit dieſes Kindes gegen mich ein Palliatib gegen meine Sehnſucht zu finden, und ich weiß nicht, wie ich dazu kam, zu verſprechen, daß ich mich im Hauſe ihrer Mutter einmiethen wolle. Bei näherer Ueberlegung beſchloß ich jedoch, mich dieſer Verpflichtung zu entziehen, fand es aber paſſend, nach dem Hauſe der Mutter zu gehen, das ſie mir bezeichnet hatte, und mich zu ent⸗ ſchuldigen. Die kleine Jenny erwartete mich bereits, lief mir entgegen, dankte mir, drückte meine Hand und bat mich ſo inſtändig, zu ihnen zu ziehen, daß ich ihr keine ab⸗ ſchlägige Antwort zu geben im Stande war. Was ſoll ich mehr ſagen? Es war der erſte Ausbruch meiner un⸗ finnigen Schwärmerei. Die Augenblicke, in welchen Clara mir ihre Zuneigung und ihr Vertrauen gezeigt, hatten 307 einen zu tiefen Eindruck in meiner Seele hinterlaſſen, das Glück, der Gegenſtand der Zärtlichkeit eines unſchuldigen Herzens zu ſein, war gleichſam Lebensbedürfniß für mich geworden. Obgleich Clara noch ein Kind war, lag doch in ihrer Perſönlichkeit etwas ſo Edles, daß ſelbſt der Gedanke kaum ihre jungfräulichen Lippen zu berühren wagte. Die kleine Jenny dagegen umſchlang meinen Hals und küßte mich unaufgefordert, wenn ſie in mein Zimmer kam, und dazu hatte ſie häufig Gelegenheit, da ſie meine Aufwar⸗ tung zu beſorgen übernommen. Ihre Liebkoſungen, ihre liebevollen Aeußerungen berauſchten mich. Ich traͤumte, es ſei Clara, und wenn Jenny mich fragte, ob ich ſie liebe, ſo antwortete ich aufrichtigen Herzens Ja. In meinem Leichtfinn beruhigte ich mein Gewiſſen mit dem Gedanken, daß unſer Verhältniß ein unſchuldiger Kinder⸗ ſtreich ſei, und beruhigte mich um ſo leichter, als ich Tag für Tag die Erfahrung machte, daß Jenny im Grunde nur ein unerzogenes Kind war, deſſen Liebe zu mir keinen großen Werth hatte. Dieſe letztere Betrachtung war indeſſen die Urſache, daß meine Illuſton nach und nach verſchwand. Sie glich ihrem Bilde allzu wenig. Ich ſchämte mich vor mir ſelbſt und vor meinem erwähnten Jugend⸗ freunde, der einigen Scenen anwohnte, die ebenſo un⸗ delicat von Seiten Jenny's und ihrer Familie, als de⸗ müthigend für mich waren. Mit Hülfe dieſes Freundes riß ich mich aus dieſem lächerlichen Verhältniſſe los und reiste in meine Heimath. Eine große Leere, eine Sehnſucht, eine Schwärmerei, über die ich mich ſelbſt ſchämte, erfüllte mein Herz in der ſtillen Einförmigkeit, die mich hier in der Heimath und in dem bürgerlichen Hauſe meines Vaters umgab. Mit Scham dachte ich an die beiden letzten Jahre zurück. Sie erſchienen mir ſo ganz verloren. Mit Sehnſucht dachte ich an meine unterbrochenen medieiniſchen Studien, die einſt meine ganze Seele erfüllt hatten und mir nun ſo fremd erſchienen, daß ich nicht den Muth oder die Luſt 308 hatte, ſie auf's Neue zu beginnen. Mein Vater, der ſeine diplomatiſchen Phantaſien nicht aufgeben konnte, ver⸗ ſchaffte mir einen Poſten als Volontair im Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Ich ſah ſehr gut ein, daß dieſe Carrière mich nie zum erwünſchten Ziele führen würde, da meine bürgerliche Geburt meine Thätigkeit auf lauter ſubordinirte Poſten beſchränkte; aber ich folgte doch dem Willen meines Vaters, theils weil ich ſelbſt in dieſem Augenblick willenlos und ſchlaff war, theils weil ich die dunkle Hoffnung nährte, daß ich vielleicht auf dieſem Wege Gelegenheit haben koͤnnte, in das Ausland zu reiſen, was ich wünſchte, aber ohne die Zuſtimmung meines Vaters, der nichts von einer ſolchen Reiſe ohne Zweck hoͤren wollte, nicht in's Werk ſetzen konnte. In jungen Jahren gibt man ſich nicht leicht muth⸗ loſer Schlaffheit hin. Man ſucht und findet Ein und das Andere, was die Zeit vergehen macht, bis ſie die Roſen bringt, die die Hoffnung uns zu verſprechen nie⸗ mals verſäumt. Ich war ſo glücklich, in einen Kreis von Gelehrten, Dichtern und Künſtlern eingeführt zu werden, die eine auserleſene Geſellſchaft bildeten. Ob⸗ gleich ich mich nur zu den verzehrenden Mitgliedern rech⸗ nen durfte, ſo nahm man mich doch wohlwollend auf; und wenn die holden Mußen mich auch nicht würdigten, mir die Zunge zu löſen, oder meine Hand zu lenken, ſo oͤffneten ſie doch mein Auge und mein Ohr und ſchenkten meinem Herzen die Beruhigung, welche ſie einem ehrlichen Anbeter nie entziehen. Meine geringen Geſchäfte im Departement be⸗ ſorgte ich ohne ſonderliches Intereſſe, aber pünktlich und zur Zufriedenheit meiner Vorgeſetzten. So verfloſſen drei Jahre. Aber die mehr als tauſend Jahre, welche dieſer Zeitraum umfaßte, hatten nicht vermocht, Clara's Bild aus meinem Herzen zu verwiſchen. Alles malte es vor meine Phantaſie; erotiſche Gedichte, Melodieen, Kunſtſchoͤpfungen in Marmor und in Farben. Ueberall fand ich ſie. Die Mittheilungen Anderer über vergan⸗ 309 genes oder gegenwärtiges Liebesglück oder Unglück er⸗ füllten mich mit Wehmuth und Sehnſucht. In Gedanken folgte ich ihr im Gang und der Entwicklung der Zeiten. Wenn ich auf der Straße ein junges Mädchen von dem Alter und der Größe ſah, wie ich mir meine Clara denken mußte, ſo folgte ich ihm. Traf ich ſolche aufblühenden Jungfrauen in Geſellſchaft, ſo mußte ich mich ihnen nähern. Mein Abenteuer mit Jenny hatte mich indeſſen vorſichtiger gemacht. Ich ſagte mir ſelbſt:„Keine von all' dieſen gleicht ihr.“ Am ſelben Tage, an welchem Morgens mein erſter Gedanke war:„Heute iſt Clara ſechzehn Jahre alt,“ er⸗ fuhr ich, daß die Regierung einen vornehmen Herrn nach einem deutſchen Hofe in einer diplomatiſchen Angelegenheit von geringer Bedeutung, eigentlich nur einer Formalitäts⸗ ſache zu ſenden beabſichtige, welche bald abgemacht ſei. Da ich, wie geſagt, von meinen Vorgeſetzten geſchätzt war und überdies eine ſolche Reiſe auf eigene Koſten machen konnte, ſo gelang es mir, dem Geſandten beigegeben zu werden, mit der Erlaubniß, nach vollendeten Geſchäften einen dreimonatlichen Urlaub antreten zu dürfen. Die Eitelkeit meines Vaters fühlte ſich durch dieſe Sendung ſo ſehr geſchmeichelt, daß er mich reichlich mit Geld und Wechſeln verſah und mir noch überdies eine bedeutende Forderung an Baron Gordon verehrte, indem er ſagte: „Wenn Du auf Deiner Reiſe in die Nähe dieſes auf⸗ geblaſenen Hallunken kommſt, ſo ſuche mein Geld von ihm zu erpreſſen. Es ſoll Dir gehoͤren.“— Ich empfing das Papier und reiste ab, ebenſo feſt entſchloſſen, in die Nähe des Barons zu kommen, als von der Forderung keinen Gebrauch zu machen. Sobald es mir geſtattet war, die Geſandtſchaft zu ver⸗ laſſen, eilte ich nach Caſſel, erfuhr jedoch ſogleich bei meiner Ankunft, daß mein Freund Ruhbach im Augenblicke auf das Land gegangen, ein paar Meilen von der Stadt, und daß Baron Gordon mit ſeiner Tochter nach Cöiln gereist ſei, 310 um einer Feterlichkeit in einem dortigen Kloſter anzu⸗ wohnen. Ich folgte ihrer Spur und kam ſo zeitig in Cöln an, daß ich mich umkleiden und mir einen Platz in der Kirche verſchaffen konnte, ehe ſie von der herbeiſtrömen⸗ den Menge überfüllt wurde. Ich war ſo glücklich, ſo zu ſitzen, daß ich die Plätze überſehen konnte, die für die vornehmſten Perſonen vorbehalten waren. Meine Augen überflogen die bereits Verſammelten, ohne die finden zu können, die ich ſuchte. Mein Herz pochte vor Erwartung. Ich ſollte nun mit leiblichen Augen die Geſtalt ſehen, deren Bild ich unaufhörlich in meiner Phantaſie ent⸗ warf und die ich mir verändert und doch dieſelbe dachte. Ich hatte mich oft wegen dieſer unüberwindlichen Liebe zu einem Kinde verſpottet; aber wenn ich bedachte, daß ſie nun zum reifen Mädchen herangewachſen, fand ich eine Art Beruhigung darin. Meine Liebe war mir vernünf⸗ tiger und erlaubter erſchienen, wenn ich dieſen Ausdruck gebrauchen darf; und wie ich einſt fand, daß dreizehn Jahre das einnehmendſte Alter ſei, ſo ſchien mir nun ſtets das, in welchem ſie gerade ſich befand, das liebens⸗ würdigſte zu ſein. Endlich ſielen meine Augen auf einige Eintretenden, und ich erkannte ſogleich Baron Gordons düſtere, aus⸗ getrocknete Geſtalt, und an ſeiner Hand ein Frauen⸗ zimmer..Ich kann meine Bewegung nicht ſchildern. Weßhalb können ſolche Augenblicke im Leben nicht feſt⸗ gehalten werden, ſolche Augenblicke, in welchen die Be⸗ trachtung des Herrlichen und Schönen die Seele mit Seligkeit erfüllt!— Ich ſah Clara wieder. Sie war ſehr verändert; aber von Allem, was ſchön und rührend war, war nichts verloren gegangen. Es war dieſelbe Unſchuld und Kindlichkeit, nur veredelt und verſchoͤnt. Beſchreiben kann man ſie nicht; denn ihre eigentliche Schönheit, die ſie durch das ganze Leben behalten hat, liegt im Ausdrucke ihres ganzen Weſens; ſie iſt wie ein Phänomen aus einer höheren Natur. Zu ihrem himmel⸗ —— 311 blauen Gewande, auf welchem viel durchſichtiges Weiß angebracht war, und den Perlen in den Locken, fehlten nur die großen weißen Schwingen(wie Cosmus bemerkt) zu dem vollkommenen Bilde eines Engels, und wie ein unglückſeliger Schatten an der Seite des Engels erſchien mir ihr Vater mit ſeinem finſteren Blicke, ſeiner dunkeln Kleidung und den weltlichen, eiteln Ordenszeichen. Ich war von dieſem Anblick ſo ergriffen, ſo verſunken in meine eigenen Betrachtungen, daß ich nur ſehr zerſtreut an dem Antheil nahm, was um mich her vorging, und die merkwürdige Ceremonie nur halb meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Ich ſah nur, daß Clara weinte, daß ihre fromme Seele ſchweſterlich das Schickſal der jungen Nonne theilte. Der Baron ſchien über dieſe ſichtbare Bewegung ungehalten zu ſein; ſeine heilige Ehrfurcht vor dem Ceremoniellen erkannte ich in der Miene wieder, womit er ſeiner Tochter befahl, den Platz mit einer Dame zu tauſchen, die hinter ſeinem Stuhle und mehr im Dunkeln ſaß. Clara hatte ihr Auge nicht auf die Umgebung gerichtet. Nie ſah ſie ſich um, und mit Ent⸗ zücken bemerkte ich, daß ihr Blick auf mir ruhte, daß ſie mich wieder erkannte. Sie erröthete, lächelte und be⸗ antwortete meinen ehrerbietigen Gruß mit unſäglicher Anmuth. Unſere Augen begegneten ſich mehrere Male, ich war berauſcht von meinem Glücke, aber leider dauerte es nicht lange. Die Ceremonie war zu Ende, Clara entfernte ſich, wie ſie gekommen, an der Hand ihres Vaters. Ich blieb in einem Labyrinthe von Gedanken ſitzen, aus welchem ich mich nicht wieder herausfinden konnte. Ich erwachte aus meiner Zerſtreutheit bei dem Anblick eines hohen Geiſtli⸗ chen, der in Begleitung von ein paar andern Prälaten gerin⸗ geren Grades dicht an mir vorüberging. Der Vornehmſte war ein alter Mann, deſſen ehrwürdige, edle Geſtalt in der präch⸗ tigen Ordenstracht eine unwillkürliche Ehrfurcht einflößen mußte. Ich beugte mich tief vor ihm, und als ich mich im 31² ſelben Augenblicke entfernen wollte, ſtand er wieder vor mir, hielt an der Hand ein junges Mädchen, bei deſſen Anblick ich zuſammenfuhr, denn ich glaubte bei dem erſten flüch⸗ tigen Blicke, es ſei Clara. Zwei Schweſtern können ſich nicht ähnlicher ſehen, als dieſe beiden einander Fremden und Entfernten. Die ſchöne, prächtig gekleidete junge Dame heftete ihre leuchtenden Augen auf mich, als ob ſie auch in meiner Perſönlichkeit eine liebe Aehnlichkeit er⸗ kennte. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick; ſie verſchwand an der Hand des Prälaten. Die Thüre zum inneren Kloſter öffnete ſich und ſchloß ſich hinter ihnen, und ich, der ein gefuͤhlloſer Zuſchauer bei der Einkleidung der Nonne geweſen, fühlte jetzt einen tiefen Schmerz bei dem Gedanken, daß dieſe Schönheit vielleicht beſtimmt ſei, in den Mauern eines Kloſters hinzuſiechen. Ich ver⸗ gaß jedoch bald dieſen Eindruck, und meine Gedanken wanderten den gewohnten Weg zu der Geliebten meiner Jugend, der ich nach Caſſel zurück folgte. Es war mir eine Erquickung, zwei Abende lang den Ort zu umſchweifen, wo ſie wohnte. Ihr ſchönes Land⸗ haus lag ziemlich einſam, ſo daß ich unbemerkt und un⸗ geſtört die Lichter in dem Zimmer ſehen konnte, deſſen Fenſter bis auf den Boden herabgingen, und ein paar Mal hatte ich die Freude, ſie ſelbſt flüchtig zu ſehen. Doch ward dieſer kleine Genuß bedeutend durch die Hoff⸗ nung erhöht, daß ich ſie ſchon am dritten Abend bei einem Hoffeſte ſehen ſollte, zu dem ich mir Zugang ver⸗ ſchafft hatte. Auf dieſem Feſte war ich nicht nur ſo glücklich, ſie im höchſten Glanze all' ihrer Schoͤnheit zu ſehen, ſondern ich erdreiſtete mich ſogar, da ihr Vater am Spieltiſche ſaß und ihre Mutter nicht zugegen war, mich ihr zu nähern und ſie anzureden. Sie nannte ſo⸗ gleich meinen Namen und hieß mich mit unverkennbarem Wohlwollen willkommen. Ich hörte ſie wieder, die ſüße Stimme, ſah ſie wieder, dieſe frommen, klugen, ſchwär⸗ meriſchen Augen.— Der Ball war in vollem Gange. 313 Einige von den jungen Damen, zwiſchen welchen ſie ſaß, hatten ihren Platz verlaſſen. Ein Stuhl neben ihr war leer. Sie ſelbſt lud mich durch eine Bewegung der Hand ein, mich darauf niederzulaſſen. Waren auch der glück⸗ ſeligen Stunden meines Lebens nur wenige, ſo waren ſie doch reich an Inhalt, und dieſe war eine von ihnen. Die Zwiſchenzeit, ſeit wir uns nicht mehr geſehen, ſchien aus⸗ gelöſcht zu ſein; ſo ganz fanden wir den alten vertrau⸗ lichen Ton wieder, ſo ungezwungen ſprach die holde Clara mit dem Freunde ihrer Jugend. Sie ſagte:„Ich erkannte Sie kürzlich ſogleich wie⸗ der, als ich Sie ploͤtzlich im Kloſter gewahr wurde, und es ging, wie in früheren Zeiten, als ich noch ein Kind war und an den Maſern krank lag: Ihr Anblick beruhigte ſogleich mein Herz. Ich war ſo erſchüttert bei der Einklei⸗ dung der Nonne. Ich hörte ihre Geſchichte von einem ihrer Verwandten und konnte mich ſo ganz an ihre Stelle verſetzen. Es war mir, als ob ich's ſelbſt wäre.“— Auf meine Bitte erzählte ſie mir nun, daß dieſes junge Mädchen in früheren Jahren leichtſinnig und nicht liebe⸗ voll genug gegen ihre vortreffliche Mutter geweſen, und daß dieſes unglückliche Verhältniß ſie am Todtenbette ihrer Mutter mit ſo ſchmerzlicher Reue erfüllt, daß ihr die Welt verhaßt geworden und ſie nur im Kloſter Ruhe finden zu können glaubte.—„Wie köͤnnen Sie,“ rief ich, „Sie, die beſte, frömmſte Tochter, ſich an die Stelle des Mädchens verſetzen?“—„Ach leider,“ antwortete ſie:„ich trage nicht immer die Geſinnung in mir, die unſere Handlungen beſeelen ſoll, und der bittere Kummer, wel⸗ chen die Reue verurſacht, findet ſtets ein Echo in meiner Seele; vor keinem Schmerze habe ich ſo bange, als vor dieſem. Ich ſympathifirte recht lebhaft mit der armen Nonne, es war mir ordentlich, als zoͤge es mich nach dem ſtillen Frieden des Kloſters, und doch wurde mir ſo unbeſchreiblich bange, als ſie ſie einkleideten und ihr Haar abſchnitten. Als ich im ſelben Augenblick Ihr mir be⸗ 314 kanntes Antlitz ſah, dachte ich an meine Krankheit, wäh⸗ rend der ſie ſo gut gegen mich waren, und an meine kindiſche Furcht, ſterben zu müſſen und begraben zu wer⸗ den, und ſo richtete ſich mein Sinn wieder auf die Welt, und ich dankte Gott für Leben und Freiheit.“ In dieſem Geſpräche wurden wir von einem Cava⸗ lier in glänzender Gallatracht, aber mit widerlichen Ge⸗ ſichtszügen unterbrochen. Er näherte ſich mit freundlicher aber ſtolzer Miene, und ſagte zu Clara: ſein Herr, ein fremder Prinz, ſei zugegen und wünſche das Vergnügen zu haben, mit ihr zu tanzen. Clara erroͤthete und ſtam⸗ melte verlegen, ſie bitte ihn, ſie bei dem Prinzen zu ent⸗ ſchuldigen, da ein ſtarkes Kopfweh ihr das Tanzen ver⸗ biete. Der Cavalier verbeugte ſich tief, und mit einer eigenthümlich unheimlichen Miene maß er mich mit den Augen, worauf er ſich entfernte. Als er fort war, be⸗ klagte Clara, daß ſie nun auf alles Tanzen verzichten müſſe, da ſie dem Prinzen eine abſchlägige Antwort ge⸗ geben.„Aber ees iſt doch beſſer,“ fügte ſie hinzu,„als mit ihm zu tanzen. Ich kann die abſcheulichen Blicke nicht aushalten, mit denen er mich betrachtet; er hat hden wie die großen Schlangen, die wir in London ahen.“— Wir freuten uns, mit einander plaudern zu können ohne befürchten zu müſſen, belauert zu werden, da unſere Mutterſprache in dieſer Umgebung wahrſcheinlich nicht verſtanden würde. Clara erzählte mir, daß ſie Caſſel ſchon am nächſten Tage verlaſſen müſſe, um mit ihren Aeltern ein paar Tage bei den Verwandten des Barons auf einem viele Meilen entfernten Gute zuzubringen. Ich beklagte, ſo bald die Hoffnung aufgeben zu müſſen, ſie öfter zu ſehen, und auch ſie geſtand zu, daß ſie mit Un⸗ luſt an dieſen Aufenthalt bei einer ſteifen, vornehmen, aus lauter älteren Leuten beſtehenden Familie denke. „Nun wohl,“ rief ich,„da nur der Himmel weiß, wann ich ſo glücklich ſein werde, Sie wieder zu ſehen, und 315 dieſer Abend leider nicht mehr Stunden hat, als jeder andere, ſo will ich jede Seeunde auskoſten, um mein Herz mit Freude für eine lange, leere Zeit zu füllen.“ Ich hatte dieſe Worte kaum geſagt, als viele dieſer koſtbaren Secunden mir ſogleich geraubt wurden. Der Baron kam raſch auf mich zu, und indem er mir mit einem flüchtigen Gruße einen zornigen Blick zuſandte, ſagte er zu Clara:„Biſt Du von Verſtand? Schlägſt Du die Ehre ab, mit dem Prinzen zu tanzen? Du haſt Kopfweh, ſagſt Du? Aber ich befehle Dir, ſogleich mit ihm zu tanzen, wenn auch dieſer alberne Kopf davon zer⸗ ſpringen ſollte.“— Der Prinz und ſein früher erwähnter Cavalier ſtanden in der Nähe. Sie näherte ſich ihnen. Der Baron ſagte mit großer Unterwürſigkeit zu dem Erſteren, er habe wohl gewußt, daß das Ganze ein Mißverſtändniß geweſen. Die erroͤthende Clara erhob ſich und folgte mit niedergeſchlagenen Augen. Ich blieb ſitzen und ſah dem Tanze zu, Anfangs in einer bitteren Stimmung, ſpäter entzückt von Bewunderung und Liebe, denn Nichts vermag der Flucht einer Nymphe vor dem verfolgenden Satyr mehr zu gleichen, als Clara's Tanz mit dem Prinzen. Wie die Bewegung ihres edeln Her⸗ zens ſich immer durch die äußere, klare, transparente Formoffenbarte, ſo verſtand ſie es Blick und Berührung des Tänzers mit ſo jungfräulicher Schamhaftigkeit auszuweichen, daß ſie, ohne gegen die Regeln des Tanzes anzuſtoßen, ihm doch deutlich ihre Geſinnung zu erkennen gab. Sie war ſo anmuthig, ſo leicht, ſo ſchoͤn, und mein Herz glühte ſo ſtark, daß ungeachtet ich ſie ſo lange geliebt, es mir doch vorkam, als ob dieſer Abend erſt meine Liebe zur vollkommenen Leidenſchaft entflammt hätte. Nachdem der Tanz zu Ende war, führte der Prinz ſie an ih⸗ ren früheren Platz, ſetzte ſich jedoch ſelbſt neben ſie und warf mir einen Blick zu, der zu ſagen ſchien: ich werde doch wohl nicht die Unverſchämtheit haben, meinen Platz 316 auf Clara's anderer Seite zu behalten. Sein Cavalier ſetzte ſich zu meiner Rechten und maß mich auf's Neue mit höhniſchen Blicken. Ich blieb unbeweglich. Der Prinz machte ihr förmlich die Cour, aber auf eine ſehr freche, undelicate Weiſe. Clara antwortete ihm mit fiiller Würde; aber ihre Verlegenheit und Scham vermochte ſie nicht zu verbergen. Ich faßte wieder Muth, und als der Tanz auf's Neue begann, ſagte ich auf Däniſch: „Wollen Sie mich ſo glücklich machen, dieſen Tanz mit mir zu tanzen und uns ſo von dieſen Nachbarn zu be⸗ freien?“—„Gerne!“ antwortete ſie. Sie erhob ſich, und indem ſie ſich gegen den Prinzen verbeugte, ſagte ſie: „Vergeben Sie, gnäͤdiger Herr! Ich habe dieſen Tanz einem alten Freund und Landsmanne verſprochen, den ich nach Verlauf von mehreren Jahren hier getroffen.“ Nach dieſen Worten reichte ſie mir ihre Hand, und wie freigelaſſene Voͤgel eilten wir in die Reihe der Tan⸗ zenden. Es war eine kurze Freude. Baronin Gordon ſtand plötzlich in der Nähe, und wir hielten kaum bei dem unterſten Paare, als ſie den Arm ihrer Tochter ergriff und ſie auf die Seite zog, indem ſie mit verdrießlicher Miene ſagte:„Komm, Clara! Wir gehen ſogleich nach Hauſe. Unſer Wagen iſt nicht ſo frühzeitig beſtellt, aber der Prinz führt uns in dem ſeinen heim.“— Clara ſah erſchrocken aus, folgte jedoch der Mutter geduldig durch den Saal. Unwillkürlich ging ich ihnen nach und ſuchte mich der Baronin zu nähern, um ſie zu begrüßen und ſie zu fragen, ob ihr etwas Unangenehmes zugeſtoßen, was dieſen plotzlichen Aufbruch veranlaßt habe; aber die gnädige Frau that, als ſähe ſie mich nicht, während ich ſie ihre Tochter ſchelten und ſagen hörte:„Das haben wir nun von Deiner ſchlechten Aufführung! Dein Vater iſt im hoͤchſten Maaße ungehalten, und ſch meinte doch, daß ich in einer Geſellſchaft wie dieſe eine Stunde mich von einem ſo großen Mädchen ſollte entfernen dürfen.“— 317 Sie kamen durch die Reihen der zahlreichen Geſellſchaft in einen Vorſaal, wo einige Diener mit ihren Mänteln und Shawls bereit ſtanden. Der Prinz und ſein Ca⸗ valier kamen herbei und boten den Damen den Arm. Ich hielt mich in einer ehrerbietigen Entfernung; aber wäh⸗ rend Clara ging, wandte ſie ihr anmuthiges Geſicht nach mir um und winkte mir ein mildes und, wie es ſchien, wehmüthiges Lebewohl zu. Ich kehrte in den Saal zurück, in welchem kein ſo großes Menſchengewühl war. Hier ſetzte ich mich in eine Ecke. Ich war wie berauſcht. Ich wußte ſelbſt nicht, ob ich heiter oder betrübt, zornig oder mildgeſtimmt ſei. Nun hoͤrte ich in meiner Nähe ein Rauſchen von Seidenkleidern und fühlte den Duft von Orangenblüthen. Schon dieſe beiden Dinge übten eine eigenthümliche Wirkung auf mich aus; denn Clara hatte eine Orangen⸗ blüthe in ihrem Bouquet getragen, und ich hatte mit Entzücken dieſen ſüßen Duft eingeathmet auch während des kurzen Tanzes trotz des lärmenden Orcheſters das Rauſchen ihres Kleides gehoͤrt. Amor zeigt recht deut⸗ lich ſeine Macht über die ganze Natur in dem Zauber, den er in ſolche Unbedeutenheiten zu legen weiß. Ich wandte mich raſch um, und ſiehe, daſſelbe junge Mädchen, das ich in der Kloſterkirche an der Hand des Prälaten geſehen, ſtand nun vor mir an der Seite einer älteren Dame. Wie das letzte Mal blieb ſie ſtehen und ſah mich feſt an, mit ſo funkelnden, prachtvollen Augen, daß ihr Glanz mit dem ſtrahlenden Schmuck, den ſie trug, wetteiferte. Ihre Aehnlichkeit mit Clara frappirte mich auf's Neue. Wie dieſe trug ſie ein weißes Kleid von Flor und Seide, und obwohl das fremde Mädchen weit glänzender gekleidet war, ſprach aus der Kleidung beider ungefähr derſelbe Geſchmack. Ich hatte mich erhoben und ehrerbietig vor den Damen, welche mich grüßten, verbeugt, und als ſie ſich unfern von mir ſetzten und die ältere Dame ihren Fächer 318 verlor, hob ich ihn auf und übergab in ihr. Indeſſen wurde mein Stuhl von einer andern Perſon eingenommen, und mit der offenen Gutmüthigkeit, welche den ſüddeutſchen Frauen eigen iſt, wies ſie mir einen Platz neben ſich an. Eine einfache Würde und Freiheit, die die wahre Vornehm⸗ heit auszeichnet, legte ſich in dem Benehmen der Damen an den Tag. Sie ſprach mit mir und fragte, ob ich nicht ein Fremder ſei— etwas, was mir ein groͤßeres Recht auf Zuvorkommenheit von Seiten der Eingebornen zu geben ſchien. Das junge Mädchen lauſchte unſerem Ge⸗ ſpräche, durch welches ich erfuhr, daß meine Nachbarinnen eine Couſine und eine Nichte des genannten hohen Prä⸗ laten waren und daß die Letztere wie eine Tochter des Hauſes bei ihm wohne. Da im ſelben Augenblicke ein neuer Tanz begann, wagte ich, mir ihn von der ſchönen Joſepha auszubitten;— denn es war Joſepha, de⸗ ren Namen ich nur mit zitternder Hand niederzuſchrei⸗ ben wage.— Sie reichte mir die feine Hand mit ſicht⸗ barem Vergnügen. Sie tanzte ſehr hübſch. Ihre ko⸗ rallenrothen Lippen lächelten von iugendlicher Luſt: im Wirbel des Tanzes ſchien ſie mir Clara ſelbſt zu ſein, nur mehr frei, mehr hingebend. Ich ſchwelgte in einem Rauſch von Liebe; meine Augen verſchlangen ihre Reize, meine Hände zitterten, wenn ſie die ihren berührten, und da es mir vorkam, als theilte ſie meine Bewegung, ſo vollendete dies den Zauber, der mich umfing. Da der Ball nun bald zu Ende war, ſo ſchlugen Einige von der Geſellſchaft einen Spaziergang durch den illuminirten Schloßgarten vor. Das Wetter war mild und warm, der ſchoͤne Septemberhimmel klar und ſtill. Ein junger Mann, den Joſepha's Tante mir als ihren Vetter und Begleiter vorſtellte, bot der älteren Dame den Arm. Dieſer junge Mann war der Arzt Cosmus, mein edler Feind und Ankläger. Ich ſah ihn hier zum erſten Male, und ſein milder und kluger Ausdruck, das Stille und Beſcheidene in ſeinem Weſen zog mich un⸗ 319 gemein an. Mit ſtrahlenden Augen und ſchelmiſch lä⸗ chelndem Munde ergriff Joſepha meinen Arm, die Tante und ihr Cavalier gingen voran. In einem wunderbar eraltirten Zuſtande ſchritt ich, den warmen, weichen Arm Joſepha's in dem meinen, einher. Was Clara nicht ähnlich ſah, waren ihre Augen und ein gewiſſer leiden⸗ ſchaftlicher Ausdruck derſelben. Das Halbdunkel, in wel⸗ chem wir wandelten, verbarg mir dieſe Unähnlichkeit; auch die Stimme war nicht dieſelbe, erſchien mir jedoch durch den flüſternden Ton ziemlich ähnlich. Die ſchoͤnen Züge des Mundes, die weißen Zähne leuchteten mir entgegen, die kleinen Füße bewegten ſich lautlos über den knarren⸗ den Sand, die Orangenblumen dufteten, und ich weiß nicht, durch welche Verſchlingung der Worte wir dazu kamen, verliebte Aeußerungen zu wechſeln, ohne daß ich ihr eigentlich eine Liebeserklärung machte; als wir uns jedoch einen Augenblick unter einigen dichtſtehenden Bäu⸗ men befanden, warf ſich Joſepha an meinen Hals, um⸗ ſchlang und küßte mich. Zum erſten Male fühlte ich mich in den Armen einer unſchuldigen Schönheit. Ich war wie außer mir, und mit wenigen flüchtigen Worten ver⸗ abredeten wir, daß ich mich jede Nacht vor ihrem Fenſter am Palaſte des Onkels in Köln einfinden ſolle, wo ich mit Hülfe eines an der Mauer befindlichen Spalieres ſo hoch hinaufſteigen könnte, daß wir ungeſtört zu plaudern vermöchten.. Als ich am folgenden Tage in einer minder exal⸗ tirten Stimmung die Ereigniſſe der vorigen Nacht an meiner Seele vorübergehen ließ, warnte mich mein guter Engel, und ich beſchloß, den Traum zu verjagen, der Joſepha's Bild mit dem vermiſchte, das ich doch allein liebte. Aber ohne Abſchied wollte ich das liebliche, treu⸗ herzige Mädchen nicht verlaſſen. Am erſten Tage nach meiner Zurückkunft von Cöln ſandte ſie mir durch ein vertrauliches Kammermädchen einen Schlüſſel zur Garten⸗ thüre des Palaſtes, die auf eine abgelegene Straße 320 führte. Zur beſtimmten Stunde ſtellte ich mich ein und fand den Weg zu Joſepha's Fenſter leicht und ſicher. Meine Abſicht war, Abſchied zu nehmen und ſogleich am folgenden Tage die Stadt zu verlaſſen. Aber kaum hatte ich dieſe Materie berührt, als Joſepha ſo ehrlich, ſo rüh⸗ rend ihren Schmerz darüber ausdrückte, daß ich mir ſelbſt hart und grauſam erſchien und es mir ſchwer ſiel, an meinem Vorſatze feſtzuhalten. Und als ſie gar in ihrer Klage erwähnte, daß ſie zum Kloſter beſtimmt ſei und jetzt erſt vor dieſer Beſtimmung zittere, ſchwur ich mir ſelbſt und ihr, nicht von ihrer Seite zu weichen, bis ich ſie von dieſem Schickſal gerettet. Wie ich das machen wollte, wußte ich ſelbſt noch nicht. Indeſſen fand ich mich jede Nacht an ihrem Fenſter ein. Wir ſprachen zuſammen, wir entwarfen tauſend Pläne, die mir in dieſem Augenblick ſehr vernünftig er⸗ ſchienen, während ich ſie bei näherer Ueberlegung ver⸗ werfen mußte. Unſer Verhalten bei dieſen Zuſammen⸗ künften war durchaus unſträflich. Ich reichte kaum ſo hoch an dem Fenſter hinauf, daß ich ihre Hand in der meinen halten oder ſie an meine Lippen drücken konnte, Die nächtliche Stunde trug viel zu der Illuſion bei, welche ihr Bild mit dem von Clara verſchmolz; und der Umſtand, daß ſie von der Tyrannei ihrer Vorgeſetzten bedroht war, vollendete die Aehnlichkeit, machte ſie zu einem Gegenſtande meines Kummers und meiner Sorge, und beſchäftigte meine Gedanken. So waren ein paar Wochen verſloſſen, als ich eines Morgens früh von dem Prälaten, Joſepha's Onkel, eine Einladung erhielt, ihn zu beſuchen. Der imponirende Anblick dieſes ehrwürdigen alten Mannes, ſeine ruhigen, verſtändigen Worte, ließen mich das Unüberlegte und Un⸗ verantwortliche meiner Handlungsweiſe klar fühlen. Jo⸗ ſepha zu heirathen, war ein Gedanke, der mir noch nie eingefallen oder zwiſchen ihr und mir zur Sprache ge⸗ kommen. Welche großen Hinderniſſe ſich unſerer Verbin⸗ 321 dung entgegenſetzten, wurde mir in dieſem Geſpräche klar. Ich ergriff die Gelegenheit, meinen eifrigen Wunſch, Jo⸗ ſepha's Befreiung von dem Kloſter zu erfüllen und durch ein gegenſeitiges Gelübde verpflichteten wir uns, ich die Zuſammenkünfte mit Joſepha abzubrechen, von ſei⸗ nem Plane, ſie dem Kloſterleben zu weihen, abzuſtehen. Ich reiste fort, im heiteren Bewußtſein, dies er⸗ reicht zu haben, und da mein Urlaub noch lange nicht abgelaufen war, beſchloß ich, einen Theil von Deutſch⸗ land zu bereiſen. Ich nahm zuerſt den Weg nach Weimar, wo ich mich einige Zeit aufhalten wollte. Einſt ſaß ich gegen Mitternacht auf meinem Zimmer, als meine Thüre plötzlich geöffnet wurde und Joſepha athemlos auf mich zuſtürzte. Sie machte eine Bewegung, als wollte ſie ſich mir zu Füßen werfen, und mit einer rührenden Stimme, welche oft von Thränen unterbrochen wurde, bat ſie mich, ſie nicht zu verſtoßen, ſagte, daß die heftigſte Sehnſucht ſie auf meine Spur geleitet, und brach in die zärtlichſten, leidenſchaftlichſten Klagen aus.— Sie war ſchͤn in ihrer Verkleidung als einfaches Bauernmädchen, aber blaß und erſchöpft von der Reiſe, die ſie auf die an⸗ ſtrengendſte Weiſe zurückgelegt, indem ſie mit einigen Landleuten auf ihrem plumpen Wagen gefahren, von der letzten Station an ſogar zu Fuß gegangen war und dabei ein ſchweres Bündel mit den nöthigſten Kleidern trug. Mein Herz ſchmolz bei ſolcher Liebe, die um meinet⸗ willen ſo viel Mühe und Gefahr trotzte. Ich umſchlang fie mit meinen Armen, nannte ſie(wie ſie ſelbſt ſagte) meine Geliebte, mein Weib, und glaubte in dieſem Augen⸗ blicke, alle Schwierigkeiten überwinden zu können und zu wollen, um durch eine geſetzliche Ehe uns zu vereinen. Ich war unbeſchreiblich bewegt von ihren Worten und ihrem Anblick. Es war mir, als hätte ich Clara in Joſepha wiedergefunden. Die ſchrecklichen Folgen meines Vergehens werden Novellen, III 21 32² ewig auf meinem Gewiſſen laſten; aber ich frage jeden jungen Mann, der ſich an meine Stelle zu verſetzen ver⸗ mag, wie er in dieſem Augenblick gehandelt zu haben glaubt? Mein Vergehen in dieſem wie in jedem andern Verhältniß ſolcher Art ſchreibe ich dem unmännlichen Nachgeben einer leidenſchaftlichen Sehnſucht nach meiner einzig Geliebten zu, die wie mit magiſcher Kraft mich Troſt in Allem zu ſuchen trieb, was mir ihr Bild vor⸗ gaugeln konnte. Wie wenn man in Träumen mit angſt⸗ vollem Sinne eine liebe Geſtalt ſucht, ſie beſtändig zu ſehen glaubt, jedes Phantom ergreift und feſthält, bis es uns ein fremdes Antlitz zuwendet und wir erſchrocken und mit doppeltem Schmerz hinwegeilen: ſo war mein wacher Traum durch's ganze Leben. Der erſte Schritt war meine Sünde, ſpäter fühlte ich mich in Bande verwickelt, die ich nie zu knüpfen die Abſicht hatte. Was Joſepha betrifft, ſo war es mein ehrlicher Wille, mein Unrecht wieder gut zu machen, obgleich es nicht lange dauerte, bis ich mir ſelbſt ſagte:„Meine Clara iſt es nicht!“ Ich hatte indeſſen einen Plan entworfen, der mir ver⸗ nünftig vorkam. In Weimar, wo ich einen Landsmann hatte, der großes Wohlwollen für mich beſaß, wollte ich mit ſeinem Rath und Beiſtand einen Geiſtlichen aufſuchen, der mich mit Joſepha verbände. Dann wollte ich mich ſchriftlich oder mündlich mit ihrem Oheim vergleichen, ihn davon überzeugen, daß ich ihn nicht betrogen, mich ſo weit als moͤglich nach ſeinen Forderungen richten, die Einwilligung meines eigenen Vaters zu meiner Verbindung einholen und ſeine Unterſtützung zu einem ſorgenfreien Auskommen mir erbitten. Hinſichtlich meines Vaters war ich ohne Furcht. Eine ſo glänzende Schwiegertoch⸗ ter aus einem ſo vornehmen Geſchlechte war ihm gewiß äußerſt willkommen. Ich theilte Joſepha dieſen meinen Plan mit: aber hier ſtieß ich auf ein unerwartetes Hin⸗ derniß. Bei unſern frühern Zuſammenkünften waren niemals 323 religiöſe Materien zur Sprache gekommen. An die Ver⸗ ſchiedenheit unſerer Confeſſionen hatte Niemand gedacht. Erſt in meinem Geſpräche mit dem Prälaten war der Umſtand berührt worden, daß ich Proteſtant ſei. Zwar war der Ton der damaligen Zeit nichts weniger, als ortho⸗ dor, aber ich hatte nicht bedacht, daß die Länder, wo der Catholieismus recht eigentlich zu Hauſe war, gerade mit um ſo größerem Eifer ſeine Macht handhabten. Das junge Mädchen, das ohne Bedenken das Haus des väter⸗ lichen Beſchützers, Verwandte und Freunde verlaſſen, glaubte ſich zu verfündigen, wenn ſie einen Ketzer heirathe und ſie hielt es für ausgemacht, daß unſere gegenſeitige Liebe ſtark genug ſein werde, mich in den Schooß der recht⸗ gläubigen Kirche zu führen. Der Schritt, den ſie um meinetwillen gethan, forderte dies nach ihrer Anſchauungs⸗ weiſe von mir und tilgte zugleich vor den Augen Gottes und der Kirche das Strafwürdige in ihrer Handlung. Da ich dieſes Opfer weder bringen zu können, noch zu ſollen glaubte, ſo ſchien ſie in meiner abſchlägigen Antwort einen Mangel an Liebe, eine Undankbarkeit, ja eine Gottloſigkeit zu erblicken. Mit verzweifelter Heftig⸗ keit brach ſie bald in Vorwürfe gegen mich, bald in leidenſchaftliche Bitten aus; und dieſe Szenen, die ſie ſo ganz von dem weiblichen Ideal entfernten, das in mei⸗ nem Herzen lebte, brachten mich meinerſeits zu einer ſtillen innern Verzweiflung über die Feſſel, in die ich mich ſelbſt geſchmiedet. Vierzehn Tage waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, ohne daß es möglich geweſen, zu irgend einem vernünfti⸗ gen Reſultate zu kommen, als ich plötzlich einen Beſuch von meinem Freunde Rubach erhielt. Wir hatten be⸗ ſtändig Briefe mit einander gewechſelt; bei meiner Ab⸗ reiſe von Coͤln hatte ich ihn noch von meinem beabſich⸗ tigten Plane unterrichtet und in der Hoſſnung, mich zu treffen, war er mir nach Weimar nachgereiſt. Seine Abſicht war, wie er ſagte, mich aufzufordern, wenn ir⸗ 324 gend möglich Clara von einem abſcheulichen Heiraths⸗ projekte zu befreien. Er war auf den Einfall gekommen, daß dies vielleicht mit Hülfe des früher erwähnten Docu⸗ mentes, das den Baron Gordon proſtituiren müſſe, moͤglich ſei, falls es ſich noch in meinen Händen befinde. Ohne zu antworten, eilte ich auf mein Reiſeportefeuille zu und oͤffnete es mit zitternder Haſt. Aber zu meiner Freude hatte ich es in einem geheimen Fache liegen, und unter Anderem auch meines Vaters auf den Baron gezogene Wechſel, die er mir bei der Abreiſe gegeben. Rubach erzählte mir nun, daß der Geſandte die Hand ſeiner Tochter dem Cavalier des fremden Prinzen, der ſich einige Zeit in Caſſel aufgehalten, förmlich verſprochen habe: die Familie ſei ſogleich von einem Gute abgeholt worden, wo ſie zu Beſuche geweſen, um in aller Eile Verlobung und Hochzeit zu vollziehen. Da Clara jedoch mit größe⸗ rer Entſchiedenheit, als man erwartet, den Befehlen zu gehorchen ſich weigere, ſo ſei ſie von dem harten Vater eingeſperrt worden und beide Eltern beſtürmen ſie nun mit Bitten und Drohungen. Der Grund dieſes heftigen Verfahrens ſei namentlich der, daß der Baron dem Ca⸗ valier eine bedeutende Summe vom Spiele her ſchulde, und nun dieſen Ausweg ergreife, um der Bezahlung über⸗ hoben zu ſein; aber das Schändlichſte bei der ganzen Sache war der Umſtand, daß dieſer Graf Ardin, ein Menſch von den ſchlechteſten Sitten, in betrunkenem Zu⸗ ſtande Rubach hatte verſtehen laſſen, daß Claras Ab⸗ neigung für ihn von keiner Bedeutung ſei, da ſein Herr, der Prinz, der ſchon lange in ſie verliebt ſei, der eigentliche Bräutigam werden ſolle. Verſchiedene Umſtände bekräftigten die Gewißheit, daß dieſe abſcheu⸗ liche Uebereinkunft zwiſchen dem Prinzen und ſeinem Liebling wirklich ſtattfand. Wie mein Blut bei die⸗ ſem Berichte kochte, brauche ich nicht zu erzählen. Nu⸗ bach ſchlug mir vor, ihn ſogleich nach Caſſel zu pegleiten; da ich jedoch zögerte und Bedenken gegen eine 325 augenblickliche Abreiſe äußerte, ebenſowenig jedoch ihm die Bereinigung der Sache ganz allein überlaſſen wollte, was ich ihm auch ſchon in Berückſichtigung ſeines Verhält⸗ niſſes zum Miniſter nicht zumuthen konnte, drang er mit Fragen in mich, und da er die Wahrheit halbwegs ahnte, ſo vertraute ich ihm ſo viel an, als nothwendig war, um nicht vor einem Freunde zu lügen. Mein Ge⸗ ſtändniß ſchien ihn in Erſtaunen zu ſetzen.„Ich dachte...“ ſagte er, unterbrach ſich jedoch plötzlich ſelbſt und vergalt meine Vertraulichkeit, indem er mir erzählte, daß er noch vor unſerer Bekanntſchaft heimlich in ſeinem Vaterlande verlobt geweſen und nur die Bereinigung einiger Fa⸗ milienangelegenheiten abwarten wolle, um dann Baron Gordon zu verlaſſen und ſich auf ein Gut im Handver⸗ ſchen zurückzuziehen, das ihm jene Geliebte als Mitgift zubringen werde.— Wir entwarfen nun unſern Plan zur Befreiung Claras. Rubach ſollte dem Baron meinen Beſuch aus Veranlaſſung der Forderung meines Vaters melden und ihm zugleich mittheilen, daß ich im Beſitze des oft erwähnten Documentes ſei und ihm endlich ra⸗ then, ſein Möglichſtes zu thun, es in ſeine Hände zu bekommen. Als Nubach abgereiſt war, bat ich Joſepha, auf einige Tage verreiſen zu dürfen, während ſie ſich inzwi⸗ ſchen in dem Hauſe melnes obengenannten Landsman⸗ nes aufhalten ſolle, wo eine achtungswerthe Familie ihr alle mögliche Aufmerkſamkeit erweiſen werde. Ihre Verzweiflung über dieſe meine Zumuthung war ſo groß, daß ich nicht wußte, ob ich abreiſen oder bleiben ſollte, als zu meinem großen Troſte der treue Cosmus plötzlich vor uns ſtand.— In ſeiner brüderlichen Obhut wußte ich Joſepha ſicher, und noch dieſelbe Nacht reiſte ich mit größter Eilfertigkeit und Ungeduld nach Caſſel. Ich kam Abends dort an und ſuchte Rubach ſo⸗ gleich auf. Er ſagte mir, daß er den Weg für mich 326 aufs Beſte zubereitet zu haben glaube, und verſprach, mich ſchon am nächſten Vormittag zum Geſandten zu führen. Der Baron empfing mich mit einer ganz außer⸗ gewoͤhnlichen Höflichkeit, in die ſich freilich eine gewiſſe Verlegenheit miſchte. Mit ebenſo großer Höflichkeit ent⸗ ſchuldigte ich mich wegen meines Vaters Auftrag, der mich nöthige, ihm mit einer alten Forderung zur Laſt zu fallen, die ich ihm übergab. Mit einem hippokratiſchen Geſichte betrachtete er das unangenehme Papier, das, ungerechnet die ungebührlich lange ausſtehenden Intereſſen, auf eine bedeutende Summe lautete. Er gab mir das Papier zurück und begann einige Entſchuldigungen her⸗ vorzuſtammeln, die ich mit der Verſicherung unterbrach: Was dieſe Sache betreffe, ſo würden wir wohl einig werden. Ich wagte nun mit der Aeußerung hervorzu⸗ treten, daß mich ein ganz anderes Geſchäft zu ihm führe, daß ich aus Ergebenheit für ſein Haus nicht glaube, eine gegen ihn und ſeine Familie angeſtiftete Verrätherei ver⸗ ſchweigen zu dürfen, welche mir von ſicherer Hand, die ich leider zu nennen außer Stande ſei, mitgetheilt wor⸗ den. Ich erzählte ihm nun Graf Ardins ſchändliche Aeußerung; aber der Baron lachte mich wegen meiner einfaͤltigen Leichtgläubigkeit ausz und da ich bei der Ueberzeugung von der Wahrheit meiner Ausſage beharrte, ſo konnten wir Beide nur mit Mühe unſere innere Er⸗ bitterung bezwingen. Der Baron war bald nicht mehr Herr über ſich ſelbſt und fragte mich mit höhniſcher Miene, was mich dazu berechtige, mich in ſeine Familien⸗ angelegenheiten zu miſchen, welch' eitle Hoffnung ich hin⸗ ſichtlich ſeiner Tochter nähre, die mich mehr zu intereſſiren ſcheine, als es ſich für mich ſchicke.„Ich nähre keine Hoffnung in dieſer Hinſicht,“ antwortete ich.„Es ſind nicht blos Adels⸗Vorurtheile, ſondern es iſt etwas weit Wichtigeres, was mich für den Augenblickvon Fräulein Clara trennt; aber mein Intereſſe für ſie iſt ſo groß und leben⸗ dig, daß ich mir feſt vorgeſetzt, ſie von dieſer Schande, 327 oder zum Mindeſten dem Unglücke zu retten, in welches ihr eigener Vater ſie ſtürzen will.“— Wie ein Raſender fuhr der Baron im Zimmer umher und ſlammelte eine Maſſe Schimpfworte hervor, die ich nicht verſtehen konnte. Während ich noch einige Augenblicke unentſchloſſen da ſtand, wie ich auf gute Weiſe einleiten ſollte, was ich eigentlich im Sinne hätte, kam er mir zu Hülfe, indem er ſelbſt die bewußte Materie zur Sprache brachte. Er ſchien nämlich plötzlich ſich auf etwas zu beſinnen, was den Ausbruch ſeines Zornes dämpfte, und ſagte mit einem gemacht gleichgültigen Tone:„Apropos, Sie haben ein Doeument, welches mir gehört. Darfich Sie hitten, mir daſſelbe zurückzugeben?—„Entſchuldigen Sie, Herr Baron! Ich ſollte wohl meinen, daß es mir gehört; denn Sie werden ſich gewiß erinnern, daß ich, um es aus den Händen des Betreffenden zu bekommen, ein bedeutendes Geldopfer bringen mußte, was mir nicht erſtattet worden iſt und was ich auch nicht verlange. Aber das Docu⸗ ment iſt nun einmal in meinen Händen, und ich gebe es nur unter Bedingungen heraus.“—„Nun! ſo ſagen Siel Was wollen Sie haben?“—„Ein Bagatell, etwas, was jedenfalls geſchehen muß. Laſſen Sie uns ruhig mit einander ſprechen, Herr Baron. Das genannte, wirklich für Sie intereſſante Document, ſowie die Forderung mei⸗ nes Vaters an Sie zerreiße ich hier in Ihrer Gegenwart und mache mich ſerner anheiſchig, Graf Ardin eine Summe zu überbringen, welche Sie, wie ich weiß, ihm ſchuldig ſind, Alles unter der Bedingung, daß ich ihm zugleich einen kleinen Brief überbringen darf, den ich auf⸗ geſetzt und den ich Sie zu unterſchreiben bitte. Auch einen Brief an meinen Vater muß ich Sie bitten, mit Ihrer Unterſchrift zu beehren... Dämpfen Sie Ihren Zorn! Erlauben Sie, daß ich Ihnen beide Briefe vor⸗ leſe. Zuerſt den an den Grafen, welcher ziemlich hoͤflich und galant iſt Vernehmen Sie!...„„Da es mir nicht möglich iſt, ohne Mißbrauch meiner vaͤterlichen Ge⸗ 328 walt meine Tochter zu vermögen, mir zu gehorchen, und Ihnen ihre Hand zu geben, ſo ſehe ich mich ge⸗ nothigt, von der Ehre abzuſtehen, mit Ihnen in nähere Verbindung zu treten. Ich nehme mir zugleich die Frei⸗ heit, meine Schuld abzutragen, und bitte Sie mir zu gut halten zu wollen, daß ich jetzt erſt dieſe Pflicht er⸗ fülle.““— Der Baron ſah mich mit funkelnden Augen an, ohne zu ſprechen.„Der andere Brief,“ ſagte ich,„iſt ganz kurz und unſchuldig und lautet ſo:„„Da Sie mein alter Freund, mir und den Meinen ſtets ſo viele Theil⸗ nahme erzeigt, ſo ſchulde ich Ihnen die Verſicherung, daß das Gerücht von der Heirath meiner Tochter eine ſchänd⸗ liche Lüge iſt, und füge hinzu, daß ich mich für ehrlos halten würde, wenn ich meine Einwilligung zu einer ſolchen Parthie geben koͤnnte.““— Ich will den Zorn des Barons und ſeinen Kampf mit ſich ſelbſt nicht beſchreiben. Rubach kam nun hinzu und trug durch ſein ruhiges Zureden und ſeine Herr⸗ ſchaft über den Geſandten dazu bei, dieſer Scene ein Ende zu machen. Mit dem Brief an meinen Vater hielt es am Schwerſten; denn es war leicht einzuſehen, daß dieſe Zeilen ein weſentliches Hinderniß bieten würden, die Parthie aufs Neue zu Stande zu bringen. Aber die Furcht theils vor der Waffe, die ich in dem gefaͤhr⸗ lichen Documente beſaß, theils wohl auch vor der Schuld, die damit ausgeglichen wurde, überwand zu⸗ letzt die Bedenklichkeiten dieſes ſtolzen, aber einfältigen Mannes, wogegen ich ſogleich die erwähnten Papiere zerriß und einen Wechſel auf meinen genannten Lands⸗ mann in Weimar ſchrieb, der in Handelsverbindung mit meinem Vater ſtand, um die unbedeutende Summe, welche der Baron dem Grafen Ardin ſchuldete, flüſſig zu machen. Dieſer Wechſel wurde in einen Brief eingeſchloſſen, und ich übernahm es ſelbſt, ihn in ſeine Wohnung zu bringen. Schon am ſelben Abend erhielt ich eine Ausforde⸗ rung von dem Grafen. 329 Rubach erzählte mir, daß Baron Gordon ſogleich, nachdem ich ihn verlaſſen, zu ſeinem projektirten Schwie⸗ gerſohn geeilt, und wahrſcheinlich dumm genug geweſen ſei, ihm Alles anzuvertrauen. Der Graf hatte nun, um ſich vor dem Prinzen und dem Hof, der ihn mit der hübſchen Clara verlobt glaubte, in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, ſich vermuthlich verbunden geglaubt, mich herausfordern zu müſſen, ungeachtet er ſonſt als Schuft bekannt war. Rubach, dem die Wendung, welche dieſe Sache genommen, Kummer machte, tröſtete ſich mit meiner Fertigkeit im Piſtolenſchießen, von welcher er bei einigen Schießübungen, an denen wir in London gemein⸗ ſchaftlich Theil genommen, Proben geſehen.„Schieße ihn zuſammen!“ ſagte er,„ſe iſt ein Teufel weniger in der Welt!“— Das war nicht meine Abſicht, ich wollte dieſen Sünder ſeines Lebens nicht berauben, was auch der Erfolg ſein möchte, dagegen ſchien ſich mein eigener Tod mir in dieſem Augenblicke in freundlicher Geſtalt zu zeigen. Für Clara zu ſterben, mit einem einzigen raſchen Schlag den gordiſchen Knoten zu zerhauen, in welchen ich Joſepha und mich verwickelt, war mir ein beruhigender Gedanke. Ich dachte nur daran, die Zukunft dieſer beiden Mädchen, ſo gut ich konnte, zu ſichern. Ich ſchrieb an meinen Vater, erzählte ihm aufrichtig die Sache, welche mir meine Ehre in Ordnung zu bringen gebot, befahl ihm Joſepha als meine Verlobte an und bat ihn, meinen letzten Wunſch zu erfüllen und an meiner Statt ſie und Clara als zwei liebenswürdige Toͤchter zu ſeinen Erbin⸗ nen einzuſetzen. Ich ſchrieb auch an Joſepha, an den Prälaten und Cosmus und ſuchte mich mit jedem von ihnen zu verſöhnen. Dieſe Briefe ſowohl, als die vor⸗ erwähnten Zeilen unter meines Vaters Adreſſe, welche ich dem Baron abgedrungen, übergab ich dem treuen Ru⸗ bach zur Beſorgung und vorkommenden Falles auch zum Schutze für Clara. Nachdem ich ſo aufs Beſte meine irdiſchen Angelegenheiten geordnet, ging ich mit einer Ruhe 33³⁰ zum Duelle, die ich beinahe leichtſinnig nennen moͤchte. Der mir unerwartete, nichtsſagende, lächerliche Ausgang, den es hatte, iſt meinen Leſern aus der Schilderung be⸗ kannt, die Cosmus davon gibt. Obgleich halb wieder ins Leben zurückgedrängt, fühlte ich mich doch vergnügt, und das Einzige, was mir bei dieſer Sache Kummer machte, war die Furcht, daß die dadurch entſtandenen Gerüchte Clara ſchaden möchten. Ich konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, mich vor ihr zu rechtfertigen. Ich ſchrieb an ſie und erzählte ihr den Zuſammenhang, ſo weit es moͤglich war, ohne eine billige Schonung gegen ihren Vater bei Seite zu ſetzen. Abends brachte ich dieſen Brief ſelbſt nach dem Landhauſe des Barons und übergab ihn einem alten Diener, der mir von unſerem Aufenthalte in London her noch treu und ergeben war. Ich hatte wie bei meinem früheren Be⸗ ſuche in Caſſel an den letzten Abenden das Haus um⸗ ſchwärmt, um eine Spur von Clara zu entdecken. Ich gab dieſen ſchwärmeriſchen Genuß endlich auf und wollte nach Hauſe gehen, als der alte Diener mir plötzlich nach⸗ geeilt kam und ſagte, das Fräulein ſei zu Hauſe und wünſche mit mir zu ſprechen. Ach! Augenblicke wie dieſe umfaſſen eines ganzen Lebens Freude und Schmerz. Ich war allein— oder richtiger geſagt— ich glaubte mich allein mit der Geliebten meines Herzens. Sie war ſchöner, liebenswürdiger, als je, ſie dankte mir, nannte mich ihren Wohlthäter, ſie wußte Alles, nicht aus mei⸗ nem Brief, den ſie noch nicht geleſen, ſondern aus Ru⸗ bachs, ja ſelbſt aus ihres Vaters Aeußerungen. Offen und treuherzig— wie in ihrer Jugend— erzählte ſie mir, was ſie gelitten, welcher Abſcheu ſie gegen den ihr beſtimmten Bräutigam erfülle.„Ach!“ ſagte ſie,„wie wünſchte ich, daß ich damals geſtorben ware, als ich krank lag und Sie die langen Nächte hindurch ſo tröſtend an meinem Bette ſaßen! Es war Unrecht von mir, den Tod zu wünſchen, denn noch hat mein Leben der Welt 331 nichts genützt, und Gott kann den Unſchuldigen retten, der keinen Ausweg ſieht. Er hat es gnädig gemacht, daß er mir meinen brüderlichen Freund zur Rettung ſandte. Ach, wären Sie nur nicht ſo weit entfernt.“— Dieſe zarten Worte und der noch zartere Ausdruck, mit welchem ſie geſprochen wurden, ergriffen mein innerſtes Weſen. Das holde Mädchen ſprach von dem Schrecken, mit welchem ſie an die Gefahr denke, der ich dieſen Morgen ausgeſetzt geweſen, indem ſie hinzufügte:„Gott ſei gelobt, daß ich es nicht wußte, ehe es überſtanden war! Hätte mir Rubach die Sache geſtern Abend erzählt, ſtatt heute Mittag, ich glaube, ich wäre in der Nacht geſtorben!— O Gott! um meinetwillen! Sie, Ihres Vaters einziges Kind! Sie, deſſen Leben ſo manchen Segen ſchaffen kann?“— Bei dieſen Worten konnte ich mich nicht länger halten.„Nein, Clara!“ rief ich, „mein Leben wird keinen Segen bringen, wenn Sie, mein guter Engel, nicht an meiner Seite gehen können, und das können Sie nicht.“ Ich unterbrach mich ploͤtz⸗ lich ſelbſt. Clara erroͤthete und ſchlug die Augen nieder. Mein Herz wollke brechen vor Liebe und Wehmuth. Ich konnte kaum meine Thränen zurückhalten. Clara er⸗ hob langſam ihre frommen Augen zu mir. Wir ſahen einander wie zum Lebewohl an, ich glaubte in ihren Mienen zu leſen, daß ſie meine Liebe theile. Eine Selig⸗ keit, ein Schmerz ohne Gleichen durchdrang mich. Jo⸗ ſephas Bild trat drohend zwiſchen uns.— Ich ſuchte mich zu faſſen und ſagte ſo ruhig, als es mir möglich war:„Da nur der Himmel weiß, ob ich wieder ſo glücklich ſein werde, Sie zu ſehen, ſo laſſen Sie mich dieſe koſtbaren Momente benützen, Sie zu bitten, mich über Ihre Zukunſt zu beruhigen. Geben Sie mir das Verſprechen, daß Sie ſtark und ſtandhaft ſein wollen, wie diesmal, falls wiederum ein Heiraths⸗ plan zur Sprache kommen ſollte. Rubach iſt Ihnen ergeben, er wird Ihnen eine kleine Stütze ſein, er wird 33² mich von Allem unterrichten, was Sie betrifft; und vom Ende der Welt werde ich Ihnen zu Hülfe eilen und Leben und Blut für Sie wagen. Verſprechen Sie mir, daß nur ein achtungswürdiger Mann— ja verſprechen Sie mir, daß nur ein geliebter Mann der Glückliche werden ſoll, dem Clara ihre Hand reicht.“— Verlegen antwortete ſie:„Seien Sie verſichert, daß ich nie vor Gottes Altar einem Manne die Hand reichen werde, den ich nicht für achtungswürdig halte, aber ich darf nicht hoffen, daß die Wünſche meiner Aeltern mit den meinen bei einer ſolchen Wahl zuſammentreffen werden. Unver⸗ heirathet zu bleiben, iſt mein höchſter Wunſch.“— Ich wagte nun das Recht der Aeltern in dieſer Hinſicht zu beſtreiten; aber Clara ſagte:„Sie wiſſen nicht, was es heißen will, ſeine Mutter weinen zu ſehen, wie ich es in jüngſter Zeit geſehen, und Sie wiſſen wohl ebenſo wenig, was es heißen will, etwas bereuen zu müſſen, etwas, was man ſo weit es moͤglich erſtatten ſollte, aber ich weiß es.“— Dieſe letzten Worte aus dieſem unſchuldi⸗ gen Munde frappirten mich ſo, daß ich nichts zu ſagen wußte. Ich betrachtete die engelgleiche Geſtalt; ich konnte mich von ihrer Betrachtung nicht losreißen. Eine Ah⸗ nung ſagte mir, daß dies meine letzte glückliche Stunde ſein werde. Ich bat ſie um eine Locke von dem ſchönen glänzenden Haare, das meine Lippen einſt, ihr unbewußt, berührt hatten. Meine Kniee beugten ſich unwillkürlich vor ihr, als ich ſie aus ihren Händen empfing.— Sie haben mich nie verlaſſen, dlieſe einzige Ausbeute all' meiner Träume, und ſie werden mir in mein Grab folgen. Am nächſten Morgen verließ ich Caſſel und reiſte zurück nach Weimar, wo ich zu meiner Verwunderung Joſepha und Cosmus nicht mehr fand. Nur mit Vor⸗ ſicht durfte ich mich im Wirthshauſe nach ihnen erkundi⸗ gen, da ich Joſepha für meine Frau ausgegeben. Ich wußte nicht, wohin ich nun meine Schritte lenken ſollte, 333 als ich ein paar Zeilen von Rubach erhielt, der mir einen Brief ſandte, welcher indeſſen unter meiner Adreſſe in Caſſel angekommen. Der Brief war von Joſepha, die in den heftigſten Ausdrücken gänzlich mit mir brach. 1 Ich will nicht heucheln. Ich fühlte mein Herz ſehr er⸗ leichtert bei dem Gedanken, von dieſem Bande frei zu ſein, das all' ſeinen Reiz für mich verloren; aber auf der andern Seite lag Joſephas Schickſal mir allzuſehr am Herzen, als daß ich dieſe Sache hätte ganz fallen laſſen können. Eine Unpäßlichkeit hielt mich zwei Tage in Wei⸗ mar. Sobald es mir moͤglich war, zu reiſen, eilte ich nach Coͤln, wo ich ſogleich Cosmus aufſuchte, der nicht zu Hauſe war. Ich ließ mich darauf bei dem Prälaten melden, der mich nicht annahm; aber kaum war ich nach Hauſe gekommen, als ein Pater, von ſehr gutmüthigem und jovialem Ausſehen, ſich bei mir einfand, wie er ſagte, vom Prälaten geſandt, der mich der vollkommen⸗ ſten Verſöhnung von ſeiner Seite verſicherte, mir jedoch zugleich Joſephas Beſchluß melden ließ, mich nie wieder zu ſehen. Der Pater entledigte ſich ſeines Auftrags, mich zu beruhigen und zu entfernen, ſehr gut. Er er⸗ zählte mir ſo ehrlich von Joſephas Wohlbefinden und Stimmung, von ihrem ſelbſt gewählten Aufenthalte bei einer älteren Dame ihrer Familie, unter der ich mir na⸗ türlicherweiſe ihre wackere Tante dachte, die ich bei un⸗ ſerer erſten Begegnung mit ihr geſehen. Ich glaubte dies alles, ach, weil ich es glauben wollte; und ich reiſte ſogleich fort, in meinem Leichtſinn meinem guten Schick⸗ ſal für dieſen Ausfall dankend. Nicht die mindeſte Ah⸗ nung von der Wahrheit, von den traurigen Folgen un⸗ ſeres Verhältniſſes, erwachte in meinen treuloſen Gedanken. Mit einer vielleicht allzu großen Weitläuſigkeit habe ich mich über dieſe Ereigniſſe ausgelaſſen, weil ich um ihretwillen vor Euch, lieben Freunden, angeklagt bin, bei welchen ich Troſt ſuche und von denen büße, indem ich nicht 334 blos dieſe, ſondern alle Sünden und Thorheiten meines Lebens beichte. Ich reiſte nun ſogleich nach Hauſe. Mein Vater empfing mich etwas ungehalten wegen des Wechſels, den ich auf ihn gezogen, da er mich doch ſo reichlich mit Gelde verſehen. Aber ein ehrliches Geſtändniß des Grundes meiner Verſchwendung entwaffnete ihn. Es ſchien ihm ritterlich und ehrenvoll, daß ich einen Kampf mit ſo vornehmen Perſonen beſtanden und er ließ ſich um ſo leichter wieder verſoͤhnen, als er in ſpäteren Jah⸗ ren nicht mehr ſo hitzig und auffahrend war, was wohl von der Abnahme ſeiner körperlichen Kräfte kam. Die⸗ ſer letzte Umſtand war die Urſache, daß ich ihm meine Zeit und Sorgfalt in ganz anderer Weiſe als früher widmete. Im Uebrigen ging ich meine alten Wege und beſorgte meine Geſchäfte, wie zuvor. So verfloßen zwei Jahre, von welchen ich nichts anderes ſagen kann, als daß Tag um Tag zerrann. In meinem Innern wech⸗ ſelte eine tiefe und wehmüthige Sehnſucht mit einer Leere, deren ich mich ſchämte, ohne ſie überwinden zu können; nur in einzelnen Augenblicken gelang es mir, wenn ich mich der Illuſion hingab, einen Gegenſtand ge⸗ funden zu haben, der mich an Clara erinnerte. Glück⸗ licherweiſe finde ich in dieſen Jahren nichts, was dieſen Schein trug. Mein Intreſſe für die jungen Mädchen von Claras Alter— und ſie intereſſirten mich beinahe alle— war etwas, was mich charakterifirte. Zwei ſolche Mäd⸗ chen, die gänzlich ohne Vermögen waren, ſteuerte ich aus, und ein drittes, ſehr hübſches Mädchen, das zu mir kam, um für ſeinen Vater zu bitten, der eine bedeutende Be⸗ trügerei gegen mich begangen, war Schuld daran, daß ich nicht nur die Sache auf ſich beruhen ließ, ſondern ihm noch einmal Gelegenheit gab, mich zu betrügen, was er auch nicht verſäumte. Gegen den Schluß des zweiten Jahres ſtarb mein Vater ploͤtzlich. Ich fühlte mich ſehr verlaſſen und un⸗ 33⁵ entſchloſſen, was ich mit dem großen Reichthum beginnen ſollte, den er mir hinterlaſſen. Nach mehren wieder verworfenen Plänen für meine Zukunft, that ich, was man gewöhnlich nach einer langen Unentſchloſſenheit thut: nämlich nichts. Ich verkaufte meines Vaters Brauerel und was damit in Verbindung ſtand, legte meine Capi⸗ talien ſicher an, ſuchte um einige Monate Urlaub bei dem Departementschef an, der mich inzwiſchen hatte avanciren laſſen, und reiſte fort. Der Einfluß, den die politiſche Gährung der Zeit auf die Stellung des Individums ausuübte, hatte um die⸗ ſen Zeitpunkt auch Baron Gordon von dem Daſein einer ſolchen Gährung überzeugt. Er war für den Augenblick ohne Stellung und hielt ſich bei einem Verwandten, auf einem Gute, in der Nähe von Hamburg, auf. Mein Herz trieb mich nach dieſem Orte; aber ich weiß nicht, welches Gefühl von Zweifel und Furcht mich dort wieder zurückhielt und mich vermochte, zuerſt Rubach zu be⸗ ſuchen, der ſeit unſerer letzten Zuſammenkunft Gatte und Gutsbeſitzer geworden war, und auf ſeinem Ei⸗ genthum im Handverſchen lebte, wohin er mich mehre⸗ mal in ſeinen Briefen eingeladen. Der freundliche Empfang, der mir hier zu Theil wurde, die glückliche und friedliche Umgebung, in der ich meinen alten Freund fand, würden wohlthätig auf meinen Sinn gewirkt haben, wenn ich nicht ſchon in den erſten Geſprächen be⸗ unruhigende Nachrichten, bezüglich Claras, bekommen hätte. Rubach erzählte mir, daß ihres Vaters Stel⸗ lung ſehr traurig ſei, daß die Schulden, in die er ſich überall geſteckt, ihm den Weg nach allen Seiten ſperr⸗ ten und daß er dadurch von einem Verwandten abhängig geworden, der ihm eine Freiſtätte auf ſeinem Gute ge⸗ boten. Dieſer Verwandter war ein deutſcher Graf in ſeinen beſten Jahren, ein hübſcher Mann, der Militär geweſen und Theil am Kriege genommen, aber nun, gleichfalls aus politiſchen Gründen, den Dienſt verlaſſen 336 und ſich auf ſein Gut zurückgezogen. Rubach hatte ihn in Caſſel geſehen, wo er ſich eine Zeit lang aufgehalten und— wie es ſchien— Clara die Cour gemacht. Er fügte hinzu:„Meine Wünſche begleiteten ihn nicht. Er iſt roh und ſtolz, überdies dem Spiele noch weit mehr ergeben, als Baron Gordon.“— Mit ſchalkhaftem Lä⸗ cheln fuhr er fort:„Da ich mit Vergnügen erfahren habe, daß Du frei biſt, ſo trage ich kein Bedenken, Dir zu ſagen, daß ich oft in meinen Gedanken die Prophe⸗ zeiung ausgeſprochen, Du und Clara würden am Ende doch noch ein Paar. Du ſiehſt aus, als ſieleſt Du bei meinen Worten aus den Wolken. Aber es iſt nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß Baron Gordon um Deines Vermögens Willen, an dem ihm viel liegt, ein Auge wegen Deiner bürgerlichen Geburt zudrücken würde. An Deiner Liebe zu Clara kann Niemand zweifeln, der in Eurer Nähe geweſen, und ich glaube beinahe, daß auch ihr kleines Herz Dir gehört. Einen Monat nach unſerer letzten Begegnung bemerkte ich, daß Clara mehre Mal im Be⸗ griffe war, mir etwas zu ſagen, was ſie nicht über die Lippen bringen konnte. Da ein guter Diplomat die Gedanken der Leute ahnen muß, ohne die Worte erſt abzuwarten, ſo benutzte ich einen der ſeltenen Augenblicke, in welchen wir unbemerkt waren, um von Dir zu ſprechen. Das hübſche Mädchen erröthete und fragte mit ſcheinbar gleichgültiger Miene, ob Du nicht verheirathet ſeiſt. Als ich verneinte, fügte ſie hinzu:„Ich habe doch gehoͤrt, daß er in Weimar ſeine junge Frau bei ſich hatte.“— Da ich aus Deinen Briefen erfahren, daß Du nicht ver⸗ heirathet ſeiſt, im Uebrigen aber über Dein eigentliches Verhältniß zu der Unbekannten in Weimar keinen ge⸗ nauen Beſcheid wußte, ſo antwortete ich mit einer nicht ſehr diplomatiſchen Verlegenheit, denn Clara ſagte:„Ich fürchte, mich der Unbeſcheidenheit ſchuldig gemacht zu ha⸗ ben, indem ich Sie nach den Geheimniſſen eines Freundes fragte.“—„Es leuchtete jedoch deutlich daraus hervor,“ 337 ſagte Rubach,„daß dies Geſpräch niederſchlagend auf ihre Stimmung gewirkt, ſo viele Mühe diefe ſich auch gab, es zu verbergen.“ 3 Mit beklommenem Herzen eilte ich nach Claras Wohnort. Es war ein ſehr ſchön gelegenes Landgut mit einem großen Garten, der bis an die Ufer der Elbe hinab ging. Ganz nahe bei der Einfahrt war ein nie⸗ deres Haus, deſſen Ausſehen zeigte, daß es ein Wirths⸗ haus ſei. Hier zog ich ein und ſandte einen Boten zu dem alten Diener, mit Namen Peter, von dem ſchon früher die Rede geweſen, und ließ ihn bitten, zu mir zu kommen. Er kam ſogleich und brachte mir die Schreckens⸗ botſchaft, daß Claras Verlobung mit dem Grafen von Meerſtein vor einigen Tagen gefeiert worden ſei. Daß Zwang ſie zu dieſer Verbindung vermocht, glaubte Peter nicht, obwohl die Aeltern mehr als entzückt darüber ſeien. Die Hochzeit ſollte eheſtens ſtattfinden und kurz darauf ihres eignen Privat⸗Vermögens verzehrte, das größer war, als das ihres verſtorbenen Mannes; der Sohn deſſen auf dem Gute zurückbleiben und es als ſein eige⸗ nes betrachten.— All' dies hatte die Baronin, in ihrer Herzensfrende, dem alten Diener zu erzählen ſich herab⸗ gelaſſen. Da ich wußte, daß ich vollkommen auf ſeine Zuverläfſigkeit und Ergebenheit für mich vertrauen konnte, bat ich ihn in aller Stille, ſeinem Fräulein meine Anweſen⸗ eit zu melden und ſie um ein kurzes Geſpräch unter vier Augen zu bitten. b Schon am ſelben Vormittag kam er zurück und führte mich darch den Garten nach einer Orangerie, die nur durch ein Blumenbeet und ein niederes Stacket von Nobellen. II. 22 338 dem Ufer geirennt war. Eine Abthellung dieſes Oran⸗ gerie⸗Hauſes war als Cabinet eingerichtet, deſſen beide als Jalouſien eingerichtete Wände an die eigentliche Orangerie ſtießen; die dritte war mit Schlingflanzen und ſchönen blühenden Bäumen bekleidet, die vierte be⸗ ſtand beinahe ganz aus Thüren mit Glasfenſtern. Es war ein ſchöner Frühlingstag, man hatte die Thüre der warmen Aprilſonne geöffner. Ich war allein und hatte Zeit, den kleinen niedlichen Pavillon zu betrachten, den mir Peter als Claras Lieblingsplatz bezeichnete. An der einen offenen Thüre ſtand ein Lehnſtuhl, auf dem ſie ge⸗ ſeſſen haben mochte, denn der Tiſch davor war mit einer Frauenzimmerarbeit bedeckt. Ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, mich auf dieſen Stuhl zu ſetzen, und die nächſten Gegenſtände zu berühren, von denen ich dachte, daß ihre Hände ſie berührt. Ein Buch lag dort. Ich nahm es. Es war Göthes Wilhelm Meiſter. Ich ſchlug es auf und ſtieß auf die herzergreifende Stelle, wo die alte Barbara Champagner in die Gläſer ſchenkt, während ſie Wilhelm Meiſter die Nachricht mitthellt, daß die ſolange vergebens geſuchte Geliebte in die Kammer gegangen, wohin ihr kein Bräutigam folge. Eine tiefe Sympathie ergriff mich bei dieſer kurzen, aus dem Zu⸗ ſammenhang geriſſenen Lectüre. Auch ich hatte vor ein paar Stunden die Nachricht erhalten, daß die ſo lange geſuchte Geliebte für mich verloren war.„Doch nicht durch den Tod!“ ſagte ich zu mir ſelbſt:„Nein, Gott ſei gelobt!“— Und der Gedanke, daß Clara auf eine— wie mir ſchien— noch traurigere Weiſe mir hätte ent⸗ riſſen werden können, die Vorſtellung, daß das junge, herrliche Mädchen lehte, erfüllte mich mit einer Beruhi⸗ gung und einer Zärtlichkeit für ſie, die mich ganz mein vergeſſen und bloß an ſie denken ließ. Die ſanſte Stim⸗ mung, in die ich gekommen war, wurde durch klagende Tone erhöht, die einem tlefen Seufzer zu gleichen ſchienen und bisweilen ſeltſam mit dem muntern Geſang 339 der Lerche eontraſtirend ihn beantworteten. Dieſe Toͤne kamen von einem außerordentlich großen, ſehr ſchönen Papagei, den ich ſchon bei meinem Eintreten bemerkt hatte. Er ſaß an der offnen Thüre mit einer Kette an die Stange befeſtigt. Er ſaß ſtill, mit gebeugtem Kopfe, und ſchlug ab und zu mit den großen Schwingen, als wollte er ſich losreißen und zur Sonne auffliegen. Ich betrachtete ihn mit Mitleiden und glaubte zu bemerken, daß es ein junger Vogel ſein müßte, der an den Zwang der Sclaverei noch nicht gewohnt war. Ich hörte leiſe Schritte, und Clara trat ein. Ihre Schoͤnheit hatte ſich in den letzten Jahren noch mehr entfaltet; ſte blendete meine verliebten Augen. Mild und anmuthig, aber zurückhaltender als früher, entſchul⸗ digte ſie ſich, daß ſie mich habe warten laſſen, und indem ſie ihre Freude über das Wiederſehen äußerte, bat ſie, mich zu ihren Aeltern führen zu dürfen.— Da dies das Letzte war, was ich wünſchte, ſo riß ich mſch aus der Verwirrung los, in welche mich ihre Nähe gebracht, und ſagte, daß ich nur, um mit ihr zu ſprechen, dieſe Reiſe gemacht. Mein Muth wuchs, je mehr ich ſprach; ich erinnerte ſie an unſere frühere Begegnung in Caſſel, an das Verſprechen, das ſie mir gegeben. Ich bat ſie, mir um meiner Ruhe willen zu ſagen, ob ſie dem Grafen freiwillig ihre Hand geſchenkt, ob ſie ihn achte und liebe. — Ernſt, aber verlegen antwortete ſie:„Sie haben ſ5 viel für mich gethan, ſo viel für mich gewagt, daß 10 fühle, es iſt Pflicht, Ihnen Fragen zu beantworten über die ich mich mit Niemanden einlaſſen würde. Kenn Zwan hat mich vermocht, mich mit dem Grafen Ävieane Ich achte ihn, er iſt ein muthiger 1. ratihefener Mann, der ſich edel gegen meine Yertorn aires t. Ihnen kann ich es ſagen: Er iſt ihre vaneia 8 zeigt. 3 4*ainzige Stütze.“—„Aber lieben Sie ihn?,—„Igh weiß nicht, ob mein Gefühl ſür ihn das iſt, was ve Welt Liebe nennt, aber ich habe n lieb; ich habe Vertrauen zu ihm, Iſt das nicht genug 27—„O nein, liebenswürdige Clara! das iſt nicht genug. Der Allzuglückliche, dem Sie angehören ſollen, muß den höchſten aller Vorzüge beſitzen; er muß nämlich von Ihnen geliebt ſein, für Sie der Einzige in der Welt ſein, wie Sie es für ihn ſein werden.“— Mit einem Ausdruck von Bitterkeit, den ich nie zuvor bei Clara ge⸗ ſehen, antwortete ſie, indem das Blut ihre Wangen leb⸗ haft färbte:„Die Einzige für ihn!— Aber wenn ich nun erführe, daß ich es nicht wäre, und er doch der Einzige für mich wäre, ſo würde mein Herz brechen.“— Rubachs Bericht von jenem Geſpräch fiel mir ein. Ich fühlte die ſtrafende Nemeſis, ungeachtet ich doch nicht wußte, ob mein Gewiſſen oder Clara mir dies ſagten. Mit einem tiefen Seufzer antwortete ich:„Ach! mancher Mann macht ſich einer Untreue ſchuldig, obwohl kein treulos Ge⸗ fühl je in ſeiner Seele aufkam.“— Wir ſchwiegen Beide. Nach einer kleinen Pauſe ſagte Clara mit ihrer angebo⸗ renen Milde und ihrer unbeſchreiblich melodiſchen Stimme: „Ich bin noch jung, und meine meiſte Erfahrung ſchöpfe ich aus den Empfindungen meines Herzens; aber ich dachte, die Sehnſucht nach Glück, nach Liebe, welche alle Menſchen hegen, konne niemals in dieſer Welt zufrieden⸗ geſtellt werden, ſondern ſei nur die Ahnung einer beſſeren, wo unſere eigentliche Heimath iſt. Es kommt nur darauf an, ſo durch dieſe zu gehen, daß wir jene gewinnen können.“—„Ach, Clara! Sollten Sie auf dieſes Leben ollen 20—„Nein, das iſt nicht meine Mei⸗ glaube, daß für den, der ehrlich das ben, welche uns ſeine Mühe und fehlgeſchlagenen Wünſche vergeſſen machen.“— Mit tiefer Bewegung ſagte ich: „Sie beehrten mich einſt mit dem Namen eines Bruders und Freundes. Laſſen Sie mich darin die Entſchuldigung für meine Unbeſcheidenheit ſinden, wenn ich Sie bitte, Ihre Hochzeit zu verſchieben, bis Sie den Grafen naͤher 341 kennen gelernt. Sie find ſo jung, Sie find ſo rein und unſchuldig wie ein Engel. Sie wiſſen nicht, wie viel Böſes an uns Sterblichen klebt und uns und Andern das Herz und das Leben verbittert. Und die Ehe iſt eln ſo ernſtes, ſo ſtrenges Band. Sie find noch frei; be⸗ denken Sie ſich, ehe Sie das größte Gut weggeben, dle Freiheit!“—„Die Freiheit, welche das größte Gut iſt, kann nichts uns rauben. Ich glaubte die meinige zu mißbrauchen, wenn ich es für möglich hielte, ein heiliges Gelübde zu brechen,— wenn ich den Grafen beleidigte, indem ich ſeinen Charakter einer Prüfung unterwürfe, wenn ich meine Aeltern betrübte, da es in meiner Macht ſteht, ſie in hohem Grade zu erfreuen. Ich bin dem Grafen Dankbarkeit ſchuldig; meine Brüder haben beide in ihm eine Stütze gefunden, und muß ich nicht von ganzem Herzen Gott danken, der mich dieſen Beiden von Nutzen ſein läßt, da ich dem Dritten, den ich ſo innig liebte, zum Schaden geweſen.“—„Ach, liebſte Clara! So habe ich mir die Motive zu dieſer Heirath gedacht. Ihre Tugenden, Ihr edles Herz werden Ihnen ſelbſt zur Schlinge. le geben ſich als geduldiges Opfer für Andere hin.“—„Nein! Sie täuſchen ſich,“ rief Clara, etwas gekränkt.„Ich bin kein Opfer. Der Graf iſt mir theuer und ſeine Perſönlichkeit gefällt mir.“— Dieſe Worte ſchnitten mir durch das Herz. Mit leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit beſchwor ich ſie, bei Allem, was heilig iſt, ſich Bedenkzeit zu nehmen, den entſcheidenden Schritt aufzuſchieben. Mit ernſter und milder Würde ſagte ſie: „Lieber Trolle! Laſſen Sie uns dieſe Scene enden und überlegen Sie ruhig, was ich Ihnen ſagen werde. Ich freue mich, Sie als meinen Bruder, ja als meinen lieb⸗ ſten Bruder betrachten zu dürfen. Aber wenn ſelbſt mein beweinter Alfred wieder käme und mit mir ſpräche, wie Sie es nun thun, ſo würde ich doch in einer Sache wie dieſe mich nicht für verbunden halten, ihm zu folgen.“ Ich verzweifelte, es war mir unmöglich, ſie zu ver⸗ 34²2 laſſen, eine wahre Raſerei beherrſchte mich. Ich warf mich ihr zu Füßen. Ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſagte. Ganz erſchrocken riß ſich Clara los und lief in den Gar⸗ ten. Ich blieb beſinnungslos ſtehen. Der Papagei ſeufzte noch ſchmerzlicher als zuvor und ſchlug mit den Flügeln. „Du armes Thier!“ rief ich:„Auch Du biſt gefeſſelt, wie ſie es ſein wird, und Du ſeufzeſt vergeblich, wie ich. Nein! Dich werde ich wenigſtens befreien. Fliege fort und freue Dich Deiner Freiheit.“ Mit dieſen Worten riß ich die Kette von der Stange los, und mit einem lauten Freudenſchrei flog der Vogel in den Garten. Im ſelben Moment kam Clara zurück, wahrſcheinlich in der Abſicht, mir ein freundlich Wort zum Abſchied zu ſagen. Als ſie aber den freigelaſſenen Vogel ſah, rief ſie betrübt: „O mein Vogel, mein Vogell— Wie konnten Sie das wagen?“ fügte ſie, an mich gewandt, hinzu. Den Ton, in welchem ſie dies ſagte, hoͤre ich noch. Wir eilten dem Papagei nach und ſuchten ein Stück von der Kette zu ergreifen, das dieſer mit ſich ſchleppte. Clara aber hoͤrte Stimmen auf der andern Seite des Orangeriehauſes und Uief wie ein ſcheues Reh nach der Seite, von der ſich Jemand zu nähern ſchien. Ich verfolgte den Vogel, der ploͤtzlich, als wollte er meiner ſpotten, ſich über mein Haupt emporſchwang und mit ſchwerem, aber ſicherem Flügelſchlag ſeinen Weg über den Fluß nahm, deſſen Breite an dieſer Stelle es dem Vogel unmöglich machen mußte, der ſo lauge des Gebrauchs ſeiner Flügel beraubt geweſen, das entgegengeſetzte Ufer zu erreichen. Ein Fahr⸗ zeug lag nur einen Büchſenſchuß vom Lande vor Anker. An dem Maſte deſſelben ſetzte ſich der Papagei feſt und kletterte bis zur Spitze; aber glücklicherweiſe verſchlang ſich ſeine Kette in dem Tauwerk und hielt ihn feſt. Ich ſah keinen Menſchen an Bord des Schiffes, auch gewahrte ich kein anderes Boot in der Nähe. Rufen durfte ich nicht, um kein Aufſehen zu erregen. Da ich ein guter Schwimmer war, bedachte ich mich nicht lange; ich warf 343 meinen Rock und meine Schuhe ab und ſprang in die Fluth, die Augen beſtändig auf meinen beſchwingten Ka⸗ meraden gerichtet. Ein Boot, das hinter einem Buſche lag, hatte ſich indeſſen in Bewegung geſetzt, um ſich mir zu nähern, und ſtieß gerade zu mir, als ich am Schiffe war. Ich bat die Fährleute, mir den Flüchtling fangen zu helfen. Ich kroch ſelbſt an dem Maſt hinauf, um ihn ſo be⸗ hutſam als möglich zu fangen, und mit Hülfe der Kette gelang es mir endlich, ihn zu faſſen. Der zornige Vo⸗ gel hieb ſeinen Schnabel in meine Hände, daß ſie ſtark bluteten, ſchlug mit den Flügeln und kämpfte heftig für ſeine Freiheit. Einer von den Fährleuten, der mir zu Hülfe gekommen war, ſchlug ein Stück Fiſchergarn über ihn, und in dieſem trug ich ihn, beſorgt, ihm nicht zu ſchaden, in das Boot hinab, in welchem ich mich an das Ufer bringen ließ. Der arme Vogel kreiſchte und zitterte. Die ſchrecklichen Töne zerſchnitten mir das Herz; aber ich tröſtete mich damit, daß Clara ihm ſeine Sclaverei mildern werde, und wünſchte mich an ſeine Stelle. Trie⸗ fend von Waſeer ſchlich ich mich wie ein Dieb nach dem Pavillon, und da ich zu meiner Freude ſah, daß er leer war und Niemand in der Nähe, befeſtigte ich mit meinen blutenden Händen den Papagei an ſeine Stange. Er war erſchoͤpft und muthlos wie ich. Ich bat ihn in meinen Gedanken um Verzeihung und vergab ihm die ſchmerzenden Wunden, die er mir beigebracht. Ich zog meinen abgelegten Rock über meine naſſen Kleider und ſchlich mich aus dem Garten nach dem früher erwähnten Wirthshauſe. Während ich hier nun mit Hülfe meines Reiſegepäcks mich ſo gut als möglich umkleidete, fühlte ich bereits, daß mir unwohl wurde. Ich war in ſehr aufgeregtem Zuſtande und über alle Beſchreibung un⸗ gehalten auf mich. Mit bitterem Spotte über meinen Mangel an Herrſchaft über meinen heftigen Sinn wieder⸗ holte ich in Gedanken meine Zuſammenkunft mit Clara und die ebenſo lächerliche, als behauerliche Expedition, 344 mit der ich den Papagei und mich gequält, und mich der gegenüber als Narren gezeigt, der ich am wenigſten miß⸗ fallen wollte. Ich ſegelte ſogleich nach Hamburg zurück und erreichte kaum das Hotel, wo ich logiren wollte, als mich ein heftiges Fieber zu Bette zu gehen nöthigte. Ich wurde ernſtlich krank, und als die eigentliche Krankheit überſtanden war, hinderten mich meine Ge⸗ müthsleiden, wieder zu Kräften zu kommen. Ich marterte mich ſelbſt mit tauſend Vorſtellungen. Jeden Tag dachte ich mir, dies ſei vielleicht Claras Hochzeitstag, und das junge Paar werde auf ſeiner Reiſe nach London wahr⸗ ſcheinlich über Hamburg kommen. Ich bildete mir ein, daß ich ſie begegnen koͤnnte, daß ſie vielleicht daſſelbe Hotel bewohnen würden wie ich, und beunruhigt von dieſen Gedanken, beſchloß ich ſogleich, Hamburg zu ver⸗ laſſen, und gegen den Rath meines Arztes begab ich mich auf die Heimreiſe. Ich kam jedoch nicht weiter, als nach Kiel. Ich fühlte mich ſo matt und befand mich ſo übel, daß ich auszuruhen beſchloß, und da ich wußte, daß ein be⸗ rühmter Arzt bei der dortigen Univerſitaͤt angeſtellt war, ſo wollte ich ſeinen Rath befragen. Er rieth mir, mei⸗ nen Aufenthalt in dieſer ſchöngelegenen ländlichen Stadt zu verlängern, mir täglich Bewegung zu machen, nament⸗ lich zu Pferde, und meiner Ruhe zu pflegen. Es war im ſchönſten Theile des Sommers. Ich ſuchte mich ernſt⸗ lich zu faſſen, dem zerreißenden Schmerze entgegenzu⸗ arbeiten, der meine Kräfte verzehrte, das Geſühl für die Güter anzuregen, die mich umgaben, für die wohlthätige Natur, die wiederkehrende Geſundheit, die ſtille Beſchäfti⸗ gung mit Lectüre und das lehrreiche Geſpräch mit ein paar ausgezeichneten Männern, die damals der Schmuck der Hochſchule waren. 2 Eines Abends ſaß ich am Ufer und betrachtete die Fahrzeuge, welche die Leute über die Bucht hin und zurück⸗ brachten. Es war gerade Pfingſtabend. Eine Jolle legte 345 in meiner Nähe an, und eine kleine Schaar Landleute ſtieg ans Ufer. Ein Haufen Handwerker begegnete ihnen, und ſie blieben ſtehen und ſprachen zuſammen. Ihr Geſpräch drehte ſich um die Vergnügungen der kommenden Feſttage: Vogelſchießen, Tanz und dergleichen. Sie lachten und verſprachen, ſich an beſtimmten Orten zu finden. Einige Frauenzimmer, welche dabei waren, ſprachen von ihrem Putz. Ich lauſchte mit Intereſſe dem Geſpräche der Leute. Wie beneidete ich dieſe vergnügten Menſchen, welche nach der fleißigen Arbeit einer Woche ſich mit ihren Nächſten an unſchuldigem Genuſſe er⸗ quicken. Wie hübſch und glücklich erſchien mir ihr Stand. Ich ſagte bei mir ſelbſt:„Sie kauften den Genuß, den einzigen Preis, für den man ihn erkaufen kann: für die Arbeit; ſie ſuchen nicht in thörichtem Hochmuthe nach dem zu greifen, was in einer höheren Sphäre wohnt; ſie kennen die Geringſchätzung nicht, mit der die vornehme und verdorbene Welt die Wünſche eines jungen Herzens betrachtet. Sie gehen mit der Geliebten oder Frau, oder mit Verwandten und Freunden. Ich ſitze hier ohne Jemand, mit dem ich ans andere Ufer hinüber⸗ fahren und an der muntern Volksluſt drüben Theil neh⸗ men koͤnnte.“— Ein paar Nachtigallen ſchlugen in dem naheliegenden Schloßgarten. Ein inniges Mitleiden mit mir ſelbſt durchdrang mich, und ich weinte zum Erſten⸗ male ſeit langer Zeit und fühlte mich durch meine Thränen erleichtert, ungeachtet es mir war, als ob das rauſchende Waſſer zu meinen Füßen mich in rohem Tone verſpottete und meine Blöͤdigkeit verhöhnte. Plötzlich hörte ich raſche Schritte und ein flüſterndes Geſpräch. Ein junger, einfach gekleideter Mann näherte ſich mit einem jungen Mädchen, das in der äußerſt kleidſamen Tracht der Kieler Bürgerinnen allerliebſt ausſah. Das junge Mädchen war überhaupt ſehr hübſch, von Claras Al⸗ ter und Größe, und hatte in ihrem Aeußern viel Aehnliches 346 mit ihr. Mein ſehnſuchtsvolles Herz konnte dieſem Mag⸗ nete nicht widerſtehen, ich ſtieg zugleich mit beiden in das Boot und ſetzte mich neben das junge Mädchen, das ſich ſehr munter und freundlich in ein Geſpräch mit mir einließ. Ich begleitete ſie auf einem Spaziergang, wäh⸗ rend welches das hübſche Kind mit unſchuldiger Offen⸗ herzigkeit mir von ſeiner häuslichen Stellung erzahlte und mich bat, ſie nicht Mamſell, ſondern bei ihrem Namen Elsbeth zu nennen. Sie lud mich ein, mit ihr und ihrem Geſellſchafter an einer ländlichen Mahlzeit Theil zu nehmen, welche in einem Garten für uns ge⸗ deckt wurde und bel der die hübſche Elsbeth mit groͤßter Anmuth die Honneurs machte. Sie unterrichtete mich davon, daß am nächſten Abend, dem erſten Pfingſttage, Ball in Dorfgarten ſei, an welchem Jedermann gegen Bezahlung Antheil nehmen konnte, und daß ſie auch dort⸗ hin kommen wolle. Dies wurde als Aufforderung aus⸗ geſprochen und ich ließ es mir nicht umſonſt geſagt ſein. Jener Abend ließ mich nur allzu lebendig den unerſetz⸗ lichen Troſt und die heilende Kraft fühlen, welche in der Nähe eines liebenden Weibes liegen. Der junge Mann, welcher Elsbeth begleitete, hatte eine von jenen Phyſiog⸗ nomien, durch welche Herzensgüte und Treue uns ent⸗ gegenleuchtet. Auf dem Balle ſetzte ich mich zu ihm und leitete ein Geſpräch ein, aus welchem ich erfuhr, daß Elsbeths roher und geiziger Vater im Begriffe war, ihr einen Mann aufzunoͤthigen, den ſie verabſcheute. Jeder Bräutigam erweckte in dieſem Augenblicke meinen Un⸗ willen, und nun gar ein aufgedrungener war für mich der Gegenſtand des bitterſten Haſſes. Einem ſolchen ſeine Beute zu entreißen, ſchien für mich von größtem Intereſſe. Auf dem Balle war ein junger Handwerker, welcher ein paar Male mit Elsbeth tanzte und uns auch auf dem Wege ein Stuck begleitete. Er machte Elsbeth auf ſeine Weiſe den Hof; aber ſie ſchien ihm nicht die 347 mindeſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ich hörte, ſie nannte ihn Otto. Ich hielt ihn für einen Verwandten. Als er uns verlaſſen und der treuherzige obenerwähnte Begleiter, den ſie Vetter Thomas nannte, ſo beſcheiden war, ſich in einer gewiſſen Entfernung zu halten, hatte ich alle Freiheit, mich mit der kleinen Elsbeth zu unter⸗ halten, deren Schickſal mir mit dem von Clara verwandt ſchien, wie ſie mich auch in anderer Hinſicht an ſo manches erinnerte; und wie mir früher Joſepha unter dem Schleier der Nacht und in flüſternden Geſprächen meine Clara ſchien, ſo fühlte ich auch jetzt, obgleich in geringerem Grade, den Zauber, der die immer wieder⸗ kehrende Illuſion begleitete. Ich ſprach mit Elsbeth von der Sache, die ich von Thomas erfahren, und mit größter Offenherzigkeit drückte ſie ihren Schreck und Abſcheu vor dem Schickſale aus, das ſie bedrohte. Meine Theilnahme war ebenſo warm, als unverſtellt und mit ſo leidenſchaft⸗ licher Heftigkeit ſprach ich meine Erbitterung über einen ſolchen Mißbrauch der väterlichen Gewalt, wie meinen Wunſch, ein ſo liebenswürdiges Opfer zu retten, aus, daß es ganz natürlich war, wenn das junge Mäd⸗ chen glaubte, ich rede für mich, was ich eigentlich auch that, doch nicht mit Abſicht auf ſie, ſondern in Gedanken an Claras Verbindung, welche ich mir bald als eine Convenienzheirath, bald als eine Inclinazionspartie dachte, ohne ſelbſt recht zu wiſſen, was mir eigentlich am pein⸗ lichſten war. Ehsbeth und ich kamen überein, uns heimlich Abends in des Vaters Garten treffen zu wollen, um näher mit einander zu überlegen, wie ſie von dem verhaßten Bräu⸗ tigam befreit werden könnte. Das muntere Mädchen freute ſich über den Poſſen, den ſie ihrem Gegner dabei ſpielen ſollte und ſagte, daß ſie bei ihrer Nachhauſekunft mir einen Frack und einen Hut ihres Vetters ſenden wolle, worin ich wie ein Chriſtiansfelder, wie ihr beſtimmter Bräutigam, ausſehen würde. Wir trennten uns nun und 348 ich verſprach, am nächſten Tage ſie am ufer treffen und die kleine Fahrt über die Bucht mit ihr machen zu wollen. Was ſoll ich mehr ſagen? Wie ein Kranker, der nach einem verderblichen Mittel greift, das für den Augenblick ſeinen Schmerz ſtillt, ſo ergriff ich den Troſt und die Linderung, die mir dieſe Begegnungen verſchaff⸗ ten. Im Verlauf von vierzehn Tagen kam ich mehr⸗ mals Abends mit Elsbeth zuſammen. Mit liebevollen Worten und kleinen Liebkoſungen ſprachen wir zuſammen, eigentlich von Nichts. Wir vergaßen, aufrichtig geſagt, den Chriſtiansfelder. Eines Abends wurden wir jedoch von ihrem Vater, einem groben Philiſter, überraſcht, der ſich indeſſen anſtellte, als ob er ſich von dem kecken Vorgeben Elsbeths, ich ſei ein Bote von ihrem Bräuti⸗ gam in Chriſtiansfeld, täuſchen ließe. Er bat mich, ihm zu verſprechen, daß ich am nächſten Abend wieder kommen wolle. Ich hatte auch im Sinn zu kommen, um zu er⸗ fahren, ob Elsbeth eine Unannehmlichkeit von unſerm Stelldichein gehabt, aber am nächſten Tage erſchien der ehr⸗ liche Thomas bei mir und theilte mir mit, daß ſein Oheim, der Vater Elsbeths, einen ſchlimmen Anſchlag gegen mich vorbereitet habe, und da dies nicht ohne Gefahr ſein werde, ſo möchte ich mich dieſer nicht ausſetzen, was mir auch um ſo weniger einſiel, als mich Thomas zu⸗ gleich unterrichtete, daß Otto ſchon lange der heimliche Ge⸗ liebte und Verlobte Elsbeths ſei. Mit des braven Man⸗ nes Beiſtand und mit Hülfe der goldenen Schlüſſel, die ſo manche Verwirrung loͤſen, war ich ſo glücklich, Els⸗ beth von dem verhaßten Liebhaber zu befreien und ſie mit Otto zu vereinen. Es war ein Troſt für mich, daß un⸗ ſere leichtſinnige Vertraulichkeit der Art geweſen, daß Els⸗ beth, ohne zu erröthen, einem braven Manne die Hand reichen konnte. Dieſes Abenteuer, das ich nicht zu ent⸗ ſchuldigen verſuchen will, brachte mir im Uebrigen ein wahres Glück, das ich nicht verdient habe, nämlich meinen treuen Thomas, der ſeinen Oheim verließ und in meine 349 Dienſte trat, in welchen er als Freund und Diener mich treulich durch die vielen Jahre begleitete, welche zwiſchen jenen Tagen und heute liegen. Ich reiſte zurück nach Hamburg, wo ich erſuhr, daß Clara verheirathet und mit ihrem Gatten nach London gegangen ſei; und obwohl ich mich für ganz gefaßt auf dieſe Nachricht hielt, ſo erfuhr ich doch aus dem Ein⸗ druck, den ſie auf mich machte, daß ich mich wohl auch hierin getäuſcht. Ich glaubte nun, eine lange Reiſe werde mich die für den Menſchen ſo unentbehrliche Kunſt des Vergeſſens lehren; und um mich ganz frei zu wiſſen, ſchrieb ich in die Heimath und nahm meinen Abſchied als Beamter. In manchem Augenblicke habe ich ſeitdem dieſen Schritt bereut; denn ein wie unbedeutendes Glied im Staatsverbande man auch ſein mag, iſt es doch beſ⸗ ſer, ſelbſt nur ein ſolches zu ſein, als ein vom Stamme losgeriſſenes Blatt, das müſſig von allen Winden hin⸗ und hergetrieben wird. Aber in jenem Augenblick wurde außer dieſem, in meiner innerſten Seele feſtgewachſenen Bande, noch ein anderes zerriſſen. Schon zwei Jahre, ehe ich Kopenhagen verließ, hatte Daͤnemarks großer Miniſter die Erde verlaſſen. Er war in letzter Inſtanz mein Chef, und wie ſehr mich auch meine beſcheidene Stellung von ihm entfernte, war doch all mein Intereſſe für die mir obliegenden unbedeutenden Geſchäfte mit ihm ſo gut wie erſtorben; denn wie der geringſte Soldat in einer Armee ſich durch den Ruhm und die Groͤße ſeines Generals muthig und begeiſtert fühlt, ſo glaube ich, daß jedes Departement oder Collegium, vom erſten Beamten bis zum Feuerwächter hinab, Leben und Thätigkeit aus den Verdienſten und der Ehre ſeines Chefs zieht. Sobald ich meinen Abſchied erhalten und Ein und das Andere in der Heimath geordnet, verließ ich Ham⸗ burg und reiſte direet nach Paris. Nach einem kurzen Aufenthalte in dieſer Hauptſtadt der Welt, welche damals meinen Erwartungen nicht entſprach, zog ich weiter und 350 beſuchte in einem Zeitraum von dritthalb Jahren die meiſten europäiſchen Länder, worauf ich wieder nach Paris zurückkehrte. Bei längerem Aufenthalt und bei lebhafterem Verkehr mit der in ſo mancher Hinſicht in⸗ tereſſanten franzoͤſiſchen Nation begann ich großen Ge⸗ ſchmack an dem Pariſer Leben zu ſinden und ſuchte mich auf rühmliche und tadelnswerthe Weiſe in der Kunſt aus⸗ zubilden, um derenwillen tch reiſte: in der Kunſt des Vergeſſens. Aber Jeder, der in derſelben Stellung wie ich geweſen, wird mir ohne Zweifel Recht geben, wenn ich behaupte, daß unſere Erinnerung durch ebenſo viele Gegenſtände geweckt, als eingeſchläfert wird, und daß von den Gedanken, denen man entfliehen will, daſſelbe gilt, was von den Sorgen, von welchen Horaz ſagt: Sie ſetzen ſich hinter uns auf das raſch dahinfliegende Roß und ſchwimmen dem Schiffe nach, das über die Wellen ſegelt. Ungefähr zwei Jahre hatte ich mich in Paris auf⸗ gehalten, als Napoleon die Kaiſerkrone auf ſein Haupt ſetzte. In Folge der Anſicht, die ich als ein junger Menſch in der Revolutionszeit eingeſogen, war dieſe Wendung der großen Begebenheiten gegen meine damali⸗ gen Anſchauungen, wie mir auch die Militärdeſpotie ſchon lange ein Dorn im Auge geweſen. Eine herzliche Sehn⸗ ſucht nach meinem ſtillen beſcheidenen Vaterlande erwachte bei mir, und ich begab mich auf den Heimweg. Während meines Aufenthaltes im Auslande hatte ich indeſſen erfahren, daß Baron Gordon geſtorben und daß Clara und ihr Gatte nach einem mehrjährigen Auf⸗ enthalte in London auf ihr Gut zurückgekehrt ſeien und vort leben. Als ich nun auf meiner Heimreiſe na Hamburg kam, wo ich der Unvergeßlichen ſo nahe war, wurde ich von dem heftigſten Wunſche ergriffen, ſie wie⸗ der zu ſehen. Beinahe fünf Jahre waren ſeit unſerer letz⸗ ten Begegnung verfloſſen. Ich fühlte, daß ich älter und be⸗ ſonnener geworden. Ich wollte mich geradezu melden 351 laſſen und ihr mit größerer Würde gegenübertreten, als das Letztemal. Ein wunderliches Gefuhl ergriff mich, als ich den Ort wiederſah, wo ſie lebte. Ich ging um das Landhaus her, ehe ich mich ihm ganz nahte. Ich ſah etwas entfernt den Pavillon und den Ort an der Elbe, wo ich hinübergeſchwommen, und mein Herz pochte bei dieſem Anblicke. Endlich gewahrte ich einen Diener, der vor der Thüre ſtand. Ich fragte nach dem alten Peter und erfuhr, daß er noch in Dienſten der Familie ſei, und wurde dann in einen Vorſaal geführt, wo er mich ſogleich mit ſeiner alten Freundlichkeit empfing. Ich bat ihn, mich bei der Gräfin zu melden; aber mit be⸗ kümmerter Miene antwortete er:„Ach! lieber Herr! ſo gerne ich wollte, darf ich doch nicht, denn ſie hat ausdrück⸗ lich geſagt, daß ſie in dieſen Tagen Niemand empfangen werde, wer es auch ſei.“—„Iſt ſie krank?“ fragte ich raſch.„Nein, nicht gerade krank, aber ſie befindet ſich nicht wohl, ſo viel man ſehen kann.“— Ich konnte die Unruhe nicht verbergen, die dieſe Worte bei mir verur⸗ ſachten, und als ich äußerte, daß ich auf der Heimreiſe ſei und nicht noch einige Tage warten koͤnne, wie er mir vorſchlug, mich aber gluͤcklich ſchätzen würde, wenn ich ſeine Frau nur ſehen könnte, ohne von ihr geſehen zu werden, ſo überlegte ſich Peter die Sache einen Augen⸗ blick und ſagte dann:„Ja, da Sie es ſind, und wenn Sie mir verſprechen wollen, daß Sie keine Seele merken laſſen werden, daß Sie da ſind, ſo könnte ich Sie wohl in ein Zimmer einſchließen, von welchem man die Gräſin ſehen kann, denn ich weiß, ſie kömmt nun ſo⸗ gleich in den Saal zu dem kleinen Alfred.“— Der kleine Alfred! Dieſer Name ging wie ein giftiger Pfeil durch mein Herz. Ich begriff, daß es Claras Kind ſein müſſe, von deſſen Daſein ich nichts wußte.— Ich war nicht im Stande, Peter weiter über dieſe Sache zu be⸗ fragen, dankte ihm jedoch mit wenigen Worten und folgte ihm nach einer Thüre, der er ſich mit leiſen Schritten 3⁵² naͤherte, als wäre ein Kranker oder Schlafender drinnen. Er ſchloß mich in ein kleines Zimmer, und nachdem er mir flüſternd das Verſprechen abgenommen, meine Gegen⸗ wart nicht bemerklich machen zu wollen, ließ er mich allein. In dem Zimmer, in welchem ich mich befand, ſtand ein Kinderbett mit einem Teppich bedeckt. Neben dem Bette ſtand ein Lehnſtuhl und ein kleiner Tiſch, worauf ſich eine Nachtlampe, ein Buch und eine Tiſch⸗ glocke befanden. Die Fenſtervorhänge waren zugezogen, und vor den Thüren zu den anſtoßenden Zimmern hingen gleichfalls Gardinen. Etwas Spielzeug lag in einer Ecke. Ich begriff, daß ich mich im Kinderzimmer befand. Ich kann meine verwirrten Gefühle nicht ſchildern. Claras und meines verhaßten Nebenbuhlers Sohn! Ein Band zwiſchen ihr und ihm! Ein Gegenſtand ihrer höͤchſten Liebe!— Ein furchtbarer Haß gegen das uuſchuldige Kind entſtand in meiner Seele. Es ſchien mir unmöͤg⸗ lich, den Anblick deſſelben zu ertragen, und ich war im Begriffe, den Ort zu verlaſſen, als eine leichte Bewegung im nächſten Zimmer mich aufmerkſam machte, daß die Thure offen ſtehen müſſe. Ich ſchlich mich zur Gardine hin, welche den Eingang verbarg, hob ihn etwas auf und ſah hinein.— Gott! was ſah ich! Mitten auf dem Boden ſtand ein Sarg mit einem todten Kind und an der Selte deſſelben ſtand Clara in ſchwarzen Kleidern, blaß, mit gefalteten Händen, ihre Augen auf die kleine Leiche geheftet, ohne daß ſie weinte. Sie ſtand unbeweg⸗ lich wie eine Säule; nur um ihren Mund ſpielte ein krampfhaftes Lächeln. Endlich erhob ſie die großen, ſchönen Augen, und als ob ein mitleidiger Engel ihr einen Tropfen aus dem Kelch des Troſtes reichte, brach ſie in ein ſanftes Weinen aus, warf ſich über den todten Liebling und bedeckte ſein kleines Geſicht mit Küſſen und Thränen. Mein Herz zerſchmolz bei dieſem Anblick; mit Freuden hätte ich mein Leben hingegeben, um das dieſes Kindes zu erkaufen, deſſen Daſein mir kaum noch ſo ent⸗ 353 ſetzlich geweſen. Nachdem die junge Mutter ſich ſo eine Zeitlang ihrem Schmerze hingegeben, nahm ſie einen Korb, der auf dem Boden ſtand, breitete die Blumen über den Sarg und ſchmückte das Haar und die Kleider des Todten unter beſtändigen Liebkoſungen und Thränen. Dann betrachtete ſie wieder die geliebte Leiche, und man ſah deutlich, daß ſie ihrem Sohne und mit ihm allen Freuden Lebewohl ſagte. Sie kniete neben dem Sarge, und die Augen und die gefalteten Hände zum Himmel erhoben, betete ſie mit einer Andacht und Inbrunſt, die klar zu erkennen gab, daß ſie mit ihrer Bitte das Kind in das Land der Uuſterblichkeit begleitete und es der ewigen Barmherzigkeit anbefahl. Von inniger Theilnahme ergriffen, kniete ich wie ſie, und— ich weiß ſelbſt nicht, ob ich beten konnte oder nicht, aber es war, als ob ich mich mit ihr in ein unbekanntes Himmelreich erhöbe und in Wehmuth und Liebe verginge. Ploͤtzlich trat ein Mann ein, und ich ſah den Graf Meerſtein zum erſten Male. Clara ſprang auf, und ich that mechaniſch daſſelbe. Mit eilfertiger Miene ſagte der Graf:„Aber Gott ſchütze uns! Biſt Du wieder hier, Clara? Komme endlich mal herein. Wir haben vor⸗ nehmen Beſuch.“(Hier nannte er einige Namen, die ich überhoͤrte.)—„O verſchonen Sie mich damit!“⸗ ſagte Clara mit ihrer ſchoͤnen rührenden Stimme:„Ent⸗ ſchuldigen Sie mich! Wie kann ſch in ſolcher Zeit Je⸗ manden empfangen?“—„Ach, Geſchwätz,“ ſagte er in einem Tone, der ſehr mit dem ihren contraſtirte:„das geht doch nicht an. Wie können wir ſo ſchmeichelhaften Beſuch abweiſen laſſen? Sei doch vernünftig! Was kann das Jammern helfen? Du ſollteſt Gott danken, daß es ein Ende mit den Leiden dieſes Kindes hatte! Komm' fetzt mit mir!— Wie Du von dem ewigen Weinen aus⸗ ſiehſt! Es iſt ſchrecklich mit Euch Frauenzimmern!“— Clara höͤrte ſtumm und geduldig und mit derſelben Miene zu, Novellen. III. 23 — 3⁵4 die ich von ihrer Jugend her ſo gut kannte: ich zitterte vor Erbitterung. Als der Saal jedoch leer war, wagte ich leiſe ein⸗ zutreten und näherte mich mit Andacht dem kleinen Sarge. Mit einem ſeltſamen Gefühl im Herzen be⸗ trachtete ich das ſchoͤne Kind, das zwei bis drei Jahre alt zu ſein ſchien. Ich erkannte die geliebten Züge der Mutter wieder; die blonden Locken ſchlangen ſich durch die Blumen, auf denen ich ihre Thränen wie Thautropfen glänzen zu ſehen glaubte. Um ſeinen Mund ſchwebte ein verklärtes Lächeln. Es ſah aus wie ein ſchlafender Engel, Ich nahm eine Blume von ſeinem Sarge und wollte gehen; aber ich kehrte um und legte ſie wieder an ihren Ort, als ob ich mich an einem Heiligthum vergriffen hätte. Leiſe, wie ich gekommen war, ging ich wieder, und ſo geſchah das Sonderbare, daß, während der glück⸗ liche Ehemann mit Kälte und Härte an der Leiche ſeines Kindes geſtanden, der unglückliche Liebhaber den Schmerz der Mutter theilte. Bei meiner Zurückkunft nach Hamburg traf ich Rubach, den ich neulich auf ſeinem Gute beſucht, ohne ihn zu treffen, da er verreiſt geweſen. Wir waren Beide ſehr erfreut, uns zu finden, und verbrachten einige Tage mit einander. Er rieth mir, Güter in meinem Vaterlande zu kaufen und mich den Pflichten zu widmen, die einem Gutsbeſitzer obliegen. Ich fühlte ſelbſt große Luſt zu dieſer unabhängigen und geſegneten Thätigkeit; doch bedachte ich wieder, daß dieſe Stellung nur unter der Vorausſetzung wünſchenswerth ſei, daß man Familie habe und daß eine liebenswürdige Frau die ländliche Einſamkeit verſchönere: aber ich hatte bereits alle Hoff⸗ nung auf häusliches Glück aufgegeben. Zehn Jahre liebte ich Clara. Sie zu vergeſſen, war nicht mehr mein Wunſch; einen Gegenſtand zu finden, der ihren Platz ausfüllen koͤnnte, war mir eigentlich nie in den Sinn gekommen; denn ich verliebte mich zwar in jedes Frauen⸗ 35⁵ zimmer, das mir ihr Abbild ſchien, aber es war wirklich auch nur ein Verlieben, wie man es dem Porträt einer geliebten Perſon gegenüber fühlt: man ſpricht mit ihm von Gefühlen, die man dem Original gegenüber nicht äußern darf; man verſchwendet an es die Liebkoſungen, die man nur in Träumen der Geliebten bezeugen darf. Wird jedoch der Mangel an Aehnlichkeit des Porträts uns klar, ſo wenden wir uns mit einer Art Widerwillen von ihm ab.— So dachte ich mit Schrecken daran, an ein weibliches Weſen für immer gebunden zu ſein, das in meinen Augen zu einer Carricatur meines Ideales werden konnte. Kurze Zeit nach meiner Zurückkunft nach Kopen⸗ hagen geſchah es, daß ich auf der Straße von einem Regimente aufgehalten wurde, das mit militäriſcher Muſik vorüberzog und wie gewöhnlich von einer Schaar Gaſſen⸗ jungen und andern armen Leuten begleitet wurde, deren einziges Vergnügen die Muſik auf den Straßen und den Höfen iſt. Ich war genoͤthigt, eine Zeitlang auf dem Trottoir ſtehen zu bleiben. Meine Augen ſielen indeſſen auf das Fenſter des gegenüberliegenden Hauſes. An dieſem Fenſter ſaß ein Frauenzimmer in Trauer, die Wange auf die Hand geſtützt und ſcheinbar die vorübergehenden Sol⸗ daten keines Blickes aus ihren kummervollen Augen wür⸗ digend. Sie ſchien eine junge Frau von Claras Alter zu ſein, und gerade ſo, wie ich dieſe geſehen, war auch ſie in Trauer, mit kummervollem und, wie es ſchien, blaſſem Antlitz. Ich wurde von dem Anblick tief bewegt und ſah unverwandt nach jenem Fenſter. Die junge Frau bemerkte mich, ſie öffnete das Fenſter, betrachtete mich aufmerkſam und verwundert und grüßte mich. Ich wollte meinem Hinaufſtieren einen annehmbaren Grund geben, und da ich bemerkte, daß ein Kramladen im Erd⸗ geſchoſſe war, ging ich hinein und fragte nach etwas, wovon ich wiſſen konnte, daß es ſich nicht dort fand. Beinahe zur ſelben Zeit wie ich trat die Frau in den 3⁵⁶ Laden und zeigte ſich ſogleich als die Herrin vom Hauſe, denn als ſie den Ladendiener verſichern hörte, daß das, was ich verlange, nicht zu bekommen ſei, befahl ſie ihm ſogleich, nach einem Hauſe der Stadt zu gehen, um es mir zu verſchaffen. Mit einem kleinen Knix und der einſchmeichelndſten Miene lud ſie mich ein, bei ihr zu verweilen, bis er zurückkäme. Sie führte mich in ihre eigenen ſehr hübſchen Zimmer, wo ſie mir einen Platz neben ſich auf dem Sopha anwies. Während wir hier zuſammen ſaßen, fragte ſie mich nach meinem Namen und ſagte dann, daß ſie mich als einen alten Bekannten anſehe, da ihr Vater und der meine gute Freunde ge⸗ weſen, und daß ſie mich als Kind bei einigen Tanzübun⸗ gen geſehen, an welchen ich in meiner Jugend Theil ge⸗ nommen, bei welcher Gelegenheit ich jedoch als bereits erwachſener Menſch ſie nicht beachtet habe, da ſie ein kleines Mädchen geweſen. Ich erfuhr ferner aus die⸗ ſem Geſpräche, daß ſie eine jungverheirathete Frau ge⸗ weſen, daß ihr Mann Beſitzer des Ladens ſei und daß ſie um ihre Mutter traure, die ſie vor Kurzem ver⸗ loren. Als der Knabe unverrichteter Dinge zurückgekommen und ich mich unter großen Entſchuldigungen und Dank⸗ ſagungen entfernen wollte, lud ſie mich ein, am nächſten Sonntag den Thee mit ihr zu trinken.„Sie dürfen nicht nein ſagen!“ bat ſie:„denn Sie müſſen mir das Ver⸗ gnügen machen, unſere alte Bekanntſchaft zu erneuern. Ich ſitze ſo allein und verlaſſen. Mein Mann iſt ſelten zu Hauſe. Ich habe wenige Verwandte und Freunde, die mich ſelten oder nie beſuchen. Ich langweile mich und werde ganz melancholiſch.“— Ich nahm die freundliche Einladung an und fand mich, bereits von den blonden Haaren, den weißen Zähnen, der feinen Geſtalt, den kleinen Füßen, ja ſelbſt von der ſchwarzen Tracht einge⸗ nommen, die ſie mit Clara gemeinſchaftlich hatte, pünkt⸗ lich ein. Sie war außerdem eine junge Frau, was mir 3⁵⁷ jetzt überhaupt als das Anzlehendſte erſchien. Beim Thee waren wir wieder allein und ſie vertraute mir be⸗ reits bei dieſer zweiten Zuſammenkunft an, daß ſie nicht aus Neigung, ſondern von ihrer Mutter überredet, ihren Mann geheirathet, daß er ungebildet und namentlich ſeit dem Tode ihrer Mutter mürriſch ſei, da ihr Erbtheil weit geringer ausgefallen, als er vermuthet, was ihn in augenblickliche Verlegenheit und ſchlechte Laune verſetzt, die er an ihr auszulaſſen keinen Grund habe.— Da⸗ durch erweckte ſie die ſympathetiſche Stimmung in meinem Herzen. Eine unglückliche, erzwungene Che! Ein roher, liebloſer Mann! Es ging wie früher: Der warme Aus⸗ bruch meiner Theilnahme wurde für eine indirecte Liebes⸗ erklärung genommen. Die junge Frau, welche ich hier mit ihrem Taufnamen Cathinka nennen will, ließ mich deutlich verſtehen, daß ſie mich liebe, daß ſie ſchon bei meinen erſten Blicken ſich von einem bisher unbekannten Pfeil getroffen gefühlt, und ich war hingeriſſen von der Leben⸗ digkeit, den ſchmachtenden Augen, mit denen ſie, wenn auch nicht mit baaren Worten, doch deutlich genug, mir dies alles ſagte. Sie bat mich herzlich wiederzukommen und beſtimmte einen Abend, an welchem ſie mich empfangen wollte. Ich kam und auf dieſe Weiſe verging eine kurze Zeit: denn es dauerte nicht lange, ſo war der Zauber von dieſem Verhältniß gewichen. Ich machte mir ſelbſt wohlverdiente Vorwürfe wegen dieſer Verbindung und ſuchte mich beſtändig zurückzuziehen. Wenn ich jedoch mehre Tage ausblieb, erhielt ich immer kleine Billets von Cathinka, worin ſie einen Abend be⸗ ſtimmte, an welchem ſie mich erwarten wollte. Unter allerlei Vorwänden und auf die liſtigſte Weiſe wußte ſie dieſe Billets in meine Hände zu ſchaffen. Da ich dagegen in ſolchen Dingen nicht bewandert war und befürch⸗ tete, ſie dem Mißtrauen auszuſetzen, ſo konnte ich ihr nie, wie ich gewünſcht, eine Entſchuldigung oder abſchlägige Antwort ſchicken und wagte es auch nicht, ſie vergeblich 358 auf mich warten zu laſſen; folglich dauerten meine Be⸗ ſuche fort. Eines Tages, als ich auf eine dieſer Einladungen hin zu kommen mich entſchieden, beſchloß ich dieſe Zuſammen⸗ kunft zu benützen, um unſerem Verhältniß ein Ende zu machen. Ich wollte eine Reiſe vorſchützen und ihr Lebe⸗ wohl ſagen. Aber kaum hatte ich die Einleitung zu meiner Rede begonnen, als die Nebenthüre aufgeriſſen wurde und ein Mann mit barſcher Miene vor uns ſtand, und„Thinka! Thinka!“ rief. Mehr vermochte er nicht zu ſagen. Ich weiß nicht, was ich ſagte, meine Ver⸗ wirrung war grenzenlos; aber Cathinka ließ ſich nicht verblüffen. Mit der ehrlichſten Miene von der Welt ergriff ſie meine Hand, führte mich triumphirend zu ihrem Manne und ſagte, daß ich ſo freundlich ſein wolle, ihnen dreitauſend Reichsthaler zu leihen, wobei ſie ſich rühmte, daß ſie, von dem Rufe meines Edelmuthes geleitet, auf eigne Hand ſich an mich zu wenden gewagt, und mich bewogen, ihrem Manne aus ſeiner Geldverlegenheit zu helfen. Der treuherzige Ehemann umarmte ſie mit Freudenthränen und wandte ſich mit Dankſagungen an mich, während Cathinka mit liſtiger Miene lächelte; ich hätte vor Scham in die Erde ſinken mögen, und als der artige Mann zu mir kam, um das Geld zu holen, müßte Jeder, der bei unſerer Zuſammenkunft zugegen geweſen, geglaubt haben, ich ſei der demüthige Schuldner, eine Anſicht, die freilich auch ihr Wahres hatte. Nach dem erwähnten Abend ließ ich alle Billette, mit denen mich Cathinka beſtürmte, uneröffnet. Ich ſah ſie nur noch einmal, als ich es ohne Unhöflichkeit nicht ausſchlagen konnte, bei ihrem erſten Sohne zu Gevatter zu ſtehen, eine Handlung, bei der mir zu Muthe war, als ſollte ich in der Kirche öffentlich beichten. Zwei Jahre nach dieſer Begebenheit erfuhr ich, daß Clara mit ihrem Manne in London ſei, wo er die Erb⸗ ſchaft ſeiner Mutter, welche geſtorben war, in Empfang 359 nehmen wollte. Die ſchlechte Rolle, welche ich bei un⸗ ſerer letzten Zuſammenkunft im Pavillon geſpielt, wo ich mich in meiner Heftigkeit wie ein Wahnſinniger benahm, und der Umſtand, daß, ſo oft ich auch dieſe Szene in meiner Erinnerung wiederholte, ich doch niemals im Stande war, mich der Worte, die ich geſprochen, zu entſinnen, beunruhigte mich ſtets. Ich fürchtete Claras Ver⸗ achtung und Zorn und glaubte mit ihr ſprechen zu müſ⸗ ſen, um Ruhe zu finden. Ich reiſte deßhalb ſogleich nach London und ſuchte lange vergebens Gelegenheit, fie zu treffen. Endlich entdeckte ich, daß ſie häufig Vormittags in St. Jamespark, in deſſen Nähe ſie wohnte, ſpazieren ging. Vom frühen Morgen an hielt ich mich nun dort auf und war, nachdem ich mehre Tage vergebens ge⸗ wartet, ſo glücklich, ſie mit einem andern Frauenzimmer, die ich für eine Art Kammerfrau hielt, aus dem Wagen ſteigen zu ſehen. Furchtſam näherte ich mich, aber zu meiner unſäglichen Freude empfing mich Clara ſogleich mit holdſeliger Freundlichkeit und mit der ihr eignen, offnen, liebenswürdigen Offenheit äußerte ſie ihre Ver⸗ wunderung und Zufriedenheit über dieſe unerwartete Be⸗ gegnung. So oft ich ſie ſah, erſchien ſie mir jedesmal ſchöner und anmuthiger; jede kleine Veränderung, die ich an ihrer liebenswürdigen Erſcheinung entdeckte, ſchien mich zu verwunden. Ich fand diesmal, daß ſie weniger voll und daß ein kummervoller Zug um ihre ſchoͤnen gewölbten Augenbrauen hervorgetreten war. Ich fand, daß es ſie gut kleidete. Unſrer letzten Begegnung wurde nicht erwähnt; aber ſie ſelbſt erinnerte mich an die längſt verſchwundenen Tage, die wir in der großen Stadt zu⸗ gebracht, wo wir uns nun wieder fanden. Sie ſagte: „Ich habe oft an Ihre Güte gegen mich gedacht, wie Sie mich tröſteten, als ich krank war und meinen Schmerz linderten, als ich meinen armen Bruder Alfred beweinte.“— Mit einem Seufzer fügte ich hinzu:„Ich habe nun 360 einen andern Alfred zu beweinen, mein einziges Kind.“— Wir ſchwiegen beide. Sie ahnte nicht, daß ich ihr in der bittern Stunde des Schmerzes ſo nahe geweſen und an ihrer Trauer über den kleinen Todten Theil genom⸗ men.— So genoß ich eine glückliche Stunde in ihrer Nähe. Es war die Einzige; denn ſie erzählte mir, daß ſie ſchon am nächſten Tage mit ihrem Manne eine Reiſe in das ſüdliche Deutſchland und dann nach Paris an⸗ treten ſolle. Ich fühlte, was ein freundliches Geſpräch mit der Geliebten zu bedeuten hat. Ich genoß eine lange nicht gekannte Ruhe und kehrte, mit der Ausbeute meiner Reiſe zufrieden, nach Hauſe zurück. Seit meiner letzten Heimkehr vor einigen Jahren, hatte ich an verſchiedenen Handelsverbindungen und Pri⸗ vatunternehmungen Theil zu nehmen begonnen. Als ich nun mit ruhigerem Sinne mich wieder im Vaterlande befand, ließ ich mich in eine ausgebreitetere Thätigkeit in dieſer Richtung ein, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe eine nützlichere Beſchäftigung zu finden. Auch ergriff ich mit Begierde die Rettungsplanken, welche die ſchönen Künſte dem bleten, der im Leben ſchiffbrüchig geworden. Aber nirgends fand ich Freiheit und Frieden. In den erſtgenannten Unternehmungen mußte ich, aus Mangel an Sachkenntniß, mich auf andere verlaſſen; ich fand nichts als Kampf mit Hinderniſſen und alle Arten von Ver⸗ drießlichkeiten, ohne das Gute zu ſtiften, das ich beab⸗ ſichtigte; und was die Kunſt betrifft, ſo iſt es wohl möglich, daß ein Meiſter mit der Gunſt der Muſen über die irdiſchen Sorgen erhoben, das Leben hienieden ver⸗ geſſen kann; aber ein Dilettant ſteht zu entfernt von dem Kunſtideal, als daß ſeine ſchwachen Beſtrebungen ihn für den Verluſt ſeines eignen Ideales; ſeiner einzig Geliebten, tröſten könnten. So verfloſſen viele Jahre für mich. Ich glaube beinahe, daß die Zeit am raſcheſten dahinfliegt, wenn das Leben am einfoͤrmigſten und farbloſeſten iſt. Es gleicht 361 einer Reiſe auf Eiſenbahnen: es gibt keine Steine des Anſtoßes und auch nichts zu ſehen, was die eine Melle von der andern trennte. Ich machte indeſſen ab und zu wieder Reiſen. Sie hatten immer. denſelben Zweck: ich ſuchte Clara zu ſehen; und ſo bin ich ihr durch mein ganzes, langes Leben gefolgt; aber geſprochen habe ich nur einmal mit ihr ſeit jenem Tage in St. James. Theils, glaube ich, hatte ich eine Furcht, den wohlthuenden Eindruck des obengenannten Geſpräches zu zerſtören, theils hatte ich andere Gründe. Es geſchah nämlich einſt, daß ich ihr in ein deutſches Bad nachreiſte. Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, daß ich an einem Orte wie dieſer, die ſeltene Gelegenheit ha⸗ ben würde, ihren Umgang zu genießen. Am erſten Abende nach meiner Ankunft ſah ich ſie in einiger Ent⸗ fernung von der Promenade. Sie ging mit zwei Herren. Sie nahmen den Weg nach einem ziemlich einſamen Orte und ſetzten ſich zuletzt in eine Laube. Ich hörte Claras Stimme, ich ging ihr nach, wie ein Vogel der lockenden Floͤte und befand mich endlich beinahe unbewußt hinter der Laube, wo der Gang des Geſpräches bald meine Aufmerkſamkeit feſſelte. In dem einen der Herren er⸗ kannte ich ſogleich Graf Meerſtein. Ich hörte, daß der Andere, welcher jünger war, Clara Schweſter nannte und dachte, daß es der mir von ſeinen Kinderjahren bekannte William Gordon ſein müſſe. Ich hörte ihn ſagen:„Ja, Clara! das verſpreche ich Dir heilig und theuer; will mich Dein Mann diesmal retten, ſo werde ich ſogleich in meine Garniſon zurückreiſen und nie mehr ſpielen.“— Mit bittender Stimme ſagte Clara zu ihrem Maͤnne: „O bedenke, daß Du ſelbſt William in die unſelige Spielgeſellſchaft geführt; daß ſein Ehrenwort gegeben iſt und ein Duell ihm wahrſcheinlich bevorſteht, wenn Du nicht ſo gut und freundlich ſein willſt, uns zu helfen.“— „Ja, das iſt leicht geſagt,“ antwortete der Graf:„hel⸗ fen! Ja, wenn ich könnte! Kann ich mir ſelbſt helfen? 36² Bin ich nicht ſelbſt ein ruinirter Mann? War ich nicht immer unglücklich im Spiele während der vierzehn Tage, die wir hier ſind? Kann ich vielleicht etwas entbehren?“ Clara ſagte furchtſam:„Es braucht nur hundert Dukaten, ſo iſt William gerettet.“—„Ja, gehorſamer Diener! hundert Dukaten! Weißt Du, wie viele ich ſelbſt habe? Wäre es vor zehn Tagen geweſen! aber nun? Ach, Du lieber Auguſtin! Alles iſt hin!— Nein, William, reiſe nicht! mache es wie ich! verſuche Dein Glück mit dem letzten Dukaten! Ich weiß gewiß, daß das Glück heute Abend ſich wenden wird.“—„O nein, nein!“ rief Clara, mit dem ſchmerzlichſten Ausdruck:„O lieber, lieber Freund! Laſſe Dich bewegen, gehe nicht zu dem abſcheu⸗ lichen Spiele! theile mit William was Du haſt und laſſe uns alle heute Nacht noch abreiſen.“—„Das iſt ein hübſches Begehren! Du ſprichſt, wie Du's ver⸗ ſtehſt.“— William ſagte:„So komm! Ich habe gerade ſo viel Geld, als zur Heimreiſe nöthig iſt, das will ich wagen. Vielleicht bin ich morgen ein gemachter Mann.“ —„So, das mag ich hören!“ antwortete der Graf. Clara weinte und ſagte:„Wenn ich allein in meinem Zimmer ſitze und weiß, Ihr ſeid im Spielſaal, ſo ſterbe ich vor Kummer und Angſt.“— Ich brauchte nicht mehr zu hören. Ich eilte nach meinem Logis, nahm die hun⸗ dert Dukaten aus meinem Koffer, ſchlug ein Papier um die Rolle, mit der Aufſchrift an William Gordon, und fügte ein Billet hinzu, in welchem ich ihm mit wenigen Worten und verſtellter Handſchrift ſagte, daß dies Geld von einem Unbekannten komme, der nur die Abſicht habe, einen braven, jungen Mann aus den Klauen des Ver⸗ derbens zu retten. Ich ſtellte mich darauf an einen dunkeln Ort, wo ich wußte, daß er vorüber kommen mußte, wenn er nach dem Curſaal ging, wo man den Abend zubrachte. Ich näherte mich ihm, nahm ihn bei Seite, ſagte:„Reiſen Sie noch dieſe Nacht,“ und über⸗ gab ihm das Paket, Er wollte ſprechen, wollte mich 363 zurückhalten; ich entſchlüpfte ihm jedoch, nahm noch den⸗ ſelben Abend Poſtpferde und verließ das Bad. Ich war froh, Claras Kummer gemildert zu haben, wollte jedoch nicht, daß ſie ahne, dieſer kleine Dienſt komme von mir. Einige Jahre ſpäter erfuhr ich, daß Graf Meerſteins ökonomiſche Lage ſehr ſchlimm ſei, daß er, um dieſe zu verbeſſern, wie ſein Schwiegervater, einen diploma⸗ tiſchen Poſten bei einem deutſchen Hofe ſuche. Es war dies nach Napoleons Sturz. Die alten Höfe nahmen ihren alten Platz wieder ein und die Dienſte des Grafen im Kriege verſchafften ihm den Geſandtſchaftspoſten. Mangel an Geld verhinderte indeſſen die Abreiſe an ſeinen Be⸗ ſtimmungsort. Auf eine Weiſe, die ihn ruiniren mußte, ſuchte er ſich dasſelbe zu verſchaffen. Bei dieſer Nach⸗ richt eilte ich nach Hamburg, wo ich ſo glücklich war, in freundſchaftlicher Verbindung mit einem braven und tüch⸗ tigen Advokaten zu ſtehen. Durch ſeine Vermittelung wußte ich dem Grafen zuzuſtellen, was er brauchte, ohne ihn oder irgend Jemand ahnen zu laſſen, woher die Hülfe kam. Dieſe kleinen Dienſte, welche ich Clara zu erweiſen ſo glücklich war, dürfen nicht als Edelmuth oder Auf⸗ opferung von meiner Seite angeſehen werden. Mein Vermoͤgen war noch ſo groß, daß ich als lediger Mann und mit meinen kleinen Wünſchen, meine Renten nicht verzehren konnte, und doch wollte ich um keinen Preis, daß Clara vermuthe, dieſe kleinen Opfer kämen von mir. Sehen mußte ich ſie jedoch. Eines Morgens fuhr ich über die Elbe nach ihrem Gute, wo ſie noch wohnte. Mein armer Freund Peter war todt. Ich ſchlich mich in die Nähe des Pavillons und hielt mich hinter einigem Buſchwerk verborgen, das wie mein Herz dem Wechſel der Zeiten getrotzt. Ich baute auf meine Ahnung, die mich nicht betrog, Clara ſtand drinnen, wie es ſchien, mit Zubereitungen zum Einpacken beſchäftigt. Sie war im Morgenanzug und erſchien mir ſo anmuthig und 364 ſchön, wie vor zwanzig Jahren. Sie ſtand an einen Tiſch gelehnt und hatte den einen kleinen niedlichen Fuß auf einen Schemel geſtellt. Mein Herz ſchlug ſo ver⸗ liebt, als wäre ich noch zwanzig Jahre. Ein junges Mädchen war ihr bei der Arbeit behülflich. Ich glaubte zu wiſſen, daß es die Tochter einer franzöſiſchen Familie ſei, welche mit dem Hauſe in Verbindung ſtand. Das junge Mädchen lief raſch aus dem Pavillon und Clara rief ihr nach:„Stéfanie, encore un mot!“— Die ergreifende Muſik, die durch dieſe wenigen, gleichgültigen Worte klang, fand ein ſolches Echo in meinem Herzen, daß ich, während ich mich entfernte, hundertmal wieder⸗ holen mußte:„Stéfanie, encore un mot!“ und noch in dieſem Augenblicke wiederhole ich ſie als eine Zauber⸗ formel, die mein altes Blut in Bewegung ſetzt. Während all' der Jahre, von denen ich hier ſprach, folgte ich zwar jedem Schatten von Clara. Doch habe ich von dieſer Zeit nichts zu erwähnen. Der eine und andere Verſuch, mich Perſonen zu nähern, deren Anblick für Augenblicke mein leeres Daſein belebte, wurde zurück⸗ gewieſen, bisweilen ſogar auf eine für mich kränkende Weiſe. Ein paar Mal war ich ſo glücklch, edle vom Schickſal verfolgte Frauen zu finden, denen ich in ihrer häuslichen Stellung eine Stütze werden konnte, ohne mich an ihrem Frieden zu vergreifen.— Als ich nach meiner erwähnten Reiſe nach Hamburg zurück kam, brachte ich an einen Oberſten, hier in der Stadt, einen Brief mit, den ich ſelbſt zu beſorgen einem Bekannten verſprochen. Dieſer Oberſt, der ſich in jeder Weiſe die Miene eines feinen und vornehmen Mannes gab, lud mich in eine Mittagsgeſellſchaft ein, und ſtellte mich ſeiner Frau und Tochter vor. Dieſe Frau war Marianne. Du, mein Sohn Werner, kennſt ihr Schickſal, ihre ſchönen Brieſe, die von ihrer Vortrefflichkeit zeugen und mich anklagen, ohne es zu wollen. Der erſte Anblick dieſer Marianne mußte Jedermann bezaubern. Ich darf wohl ohne Ueber⸗ 36⁵ treibung ſagen, daß ſie vollkommen dem entſprach, was man unter dem Namen einer Schoͤnheit verſteht. Und dieſe glückliche Naturgabe war um ſo plkanter, als ſie bereits zwiſchen dreißig und vierzig ſtand, ohne daß die Zeit gewagt hätte, der prachtvollen Roſe ein Blatt zu entreißen. Dieſen Vorzug hatte ſie mit Clara gemein⸗ ſchaftlich und obwohl ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, geſtehen muß, daß ſie einander nicht eigentlich glichen, war doch ſo viel an ihr, was mich an Clara er⸗ innerte, ſo manche Aehnlichkeit, die Andern vielleicht ent⸗ gangen, aber für die Blicke der Liebenden immerhin ſehr auffallend war. Marianne hatte braune Haare und Augen, aber wie Clara, beinahe ſchwarze und gewoͤlbte, ſchmale Augenbrauen und lange, ſchwarze Wimpern; ſie hatte eine ähnliche, ſchneeweiße, hübſch geformte Stirne, einen ähnlichen kleinen Mund, ähnliche ſanfte, ſchwärme⸗ riſche Augen und außerdem lag in ihrem ganzen Weſen etwas, ich weiß nicht was, was Mariannens Nähe zu einem wohlthuenden Spiel für meine Phantaſie machte, das, wie mir ſchien, auf unſchuldige Weiſe meinen Verluſt linderte.— Dieſes Gefühl ergriff mich ſogleich bei un⸗ ſerer erſten Begegnung, da ſie bei Tiſch in ihrem eigenen Hauſe meine Dame war und ich mich bei dieſer Gelegen⸗ heit zugleich an ihrer feinen und gebildeten Converſazion und an dem Anblick ihrer Schönheit ergötzte. Bei näherem Umgang mit der Familie des Oberſten merkte ich bald, welch' böſer Dämon hier herrſchte. Der Hausherr ſelbſt, auf den erſten Anblick ein angenehmer Weltmann, war im Grunde ein Narr, der ſeine guten Eigenſchaften in einem Meer von Gitelkeit ertränkt hatte. Er war ſo unbegreiflich verblendet von der Luſt zu glän⸗ zen, daß er nicht mehr im Stande war, Gold von dem elendeſten Flitter zu unterſcheiden. Seine Tochter aus erſter Ehe, ein häßliches, beſchränktes und über alle Maaßen unangenehmes Weſen, beherrſchte ihn durch die Einbildung, die Kunſtfertigkeiten, welche ſich dieſes Mäd⸗ 366 chen angeeignet, wärfen ein glänzendes Licht auf ihren BVater und ſein Haus, während ihre ſchöne, verſtändige Stiefmutter es verdunkelte, da dieſe, in einfachen und be⸗ ſchränkten Verhältniſſen erzogen, keine andere Bildung be⸗ ſaß, als die, welche ihr eine verſchwenderiſche Natur und die Erziehung, die ſie ſich ſelbſt gegeben,— gewiß die beſte— ihr verſchafft. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Menſchen, die eine gewiſſe, vornehme Repräſenta⸗ tionsgabe und die ſogenannte gute Lebensart unter allen menſchlichen Tugenden obenanſetzen, beinahe immer ſich des gröbſten Anſtoßes gegen wahre Lebensart ſchuldig machen, und in ihren gewohnten Kreiſen immer auffallenden Man⸗ gel an Delicateſſe und an Achtung vor den Verhältniſſen zeigen, denen Niemand zu nahe treten ſollte. So war es in des Oberſten Hauſe äußerſt anſtößig für Jeden, Zeuge der Geringſchätzung zu ſein, welche der Hausfrau von ihrem Manne, ihrer Stieftochter und einer Schaar männlicher und weiblicher Bewunderer bewieſen wurde, mit denen ſich das Fräulein zu umgeben wußte. Es theilten jedoch durchaus nicht alle, welche dorthin kamen, dieſe Geringſchätzung Mariannens(wie ſie glaubte): denn mehr als einer äußerte mir gegenüber ganz entgegenge⸗ ſetzte Anſchauungen, und manche brachen ihren Umgang mit dem Hauſe aus Wlderwillen gegen den dort herrſchen⸗ den Ton ab. Zwar ſagt man— und mit Recht— daß ein Un⸗ betheiligter ſich nicht in Familienſtreitigkeiten miſchen ſolle; auf der andern Seite iſt es jedoch gewiß, daß ein Unbetheiligter oft durch ein zu rechter Zeit geſagtes Wort ſich der Unterdrückten annehmen und dem Zurück⸗ geſetzten eine Achtung bezeigen kann, welche, längere Zeit fortgeſetzt, der Same wird, der in gute Erde fällt und Frucht trägt. Claras Schickſal hatte mich gleich⸗ ſam für alle weiblichen Weſen zum Ritter geſchla⸗ gen, welche Opfer der Rohheit und Härte ihrer Eltern, Gatten oder Verwandten waren. In der leidenden, zu⸗ 367 rückgeſetzten Marianne ſah ich wieder meine Geliebte, deren Werth nur ich verſtanden. Oft mußte ich ſie ſtumm betrachten, wenn ſie flill und gedankenvoll bei ihrer Arbeit ſaß oder leiſe und mild mit dem einen oder andern anſpruchsloſen Gaſte ſprach. Ich konnte dann ganz in Gedanken an meine arme Geliebte daſitzen und erwachte wie aus einem Traume, wenn Marianne mich anſprach. Doch war auf der andern Seite auch etwas, was in manchen Augenblicken meine Illuſion aufhob und den immer wiederkehrenden Gedanken beſtärkte: daß der, der einmal Clara geliebt, nie mehr ſich ſchmeicheln dürfte, ihresgleichen zu finden. Die Verhältniſſe, in welchen ſich Marianne befand, entſchuldigten gewiß, daß eine große Bitterkeit in ihrer Seele herrſchte und dieſe ließ ſie oft auf eine grauſame Weiſe hervortreten, nicht gegen ihren Mann, ſondern gegen die Stieftochter und ihre Anbeter. Marianne wußte wohl, daß ſie ſelbſt hübſch und Fräulein Nathalie häßlich war. Auf manche feine Weiſe wußte ſie ſich wegen der Unverſchämtheit der Stieftochter zu rächen, indem ſie derſelben ihren Mangel an Schönheit fuͤhlen ließ, einen Mangel, über den ſich kein weibliches Weſen troͤſten kann, namentlich neben einem andern, deſſen Schönheit man zur Folie dienen ſoll. Dazu kam, daß Marianne nichts deſtoweniger muthlos war, und ich glaubte oft zu bemerken, daß ſie mit ruhigerer Gemüthsfaſſung manches in ihrer Stellung zu ebnen vermocht hätte. Bei alledem war ſie ein höchſt liebenswürdiges Weſen, deſſen Umgang mein Herz beſchäftigte und den dunkeln Nebel verſcheuchte. Ich verlangte kein anderes Glück, als dieſes. Es war mir ein ſüßer Gedanke, daß ſie in mir einen Freund und Vertheidiger hatte und daß ſie dies wußte und mich vor andern auszeichnete. Ich fühlte eine innige Freundſchaft, eine wahre Achtung vor ihr, und wenn ſie mich ſo herz⸗ lich und liebenswürdig nach dem Grunde meiner zer⸗ ſtreuten Stimmung fragte, war ich ein paar Male nahe daran, ihr den unuberwindlichen Kummer meiner Jugend 368 anzuvertrauen. So weit war ich von einer ſtrafwürdigen Abſicht entfernt, die ihre unglückliche Stellung noch ver⸗ ſchlimmern konnte. Es ſiel mir nie ein, daß der Oberſt etwas gegen mich habe. Es war ein mürriſcher und ſchwer zu behandelnder Mann, aber gegen mich und alle Fremden immer ſehr höflich. Daß Fräulein Nathalie und ihre Lieblinge mich nicht gerne ſahen, war mir gleichgültig. Ihre kleinen Unarten zahlte ich ihnen, wo ſich Gelegenheit fand, heim. Ich war deßhalb ſehr überraſcht, als Marianne mir eines Tages ſagte, daß meine Aufmerkſamkeit für ſie und ihre Freundſchaft für mich ihres Mannes Mißtrauen er⸗ weckt habe und für ſie eine Quelle vermehrten häuslichen Elendes werden könnte. Sie drückte meine Hand, weinte und ſagte:„Mein einziger Freund! Meine einzige Stütze! Man gibt das Beſte nur mit blutendem Herzen weg, und fände ich nicht, daß es meine Pflicht iſt, ſo hätte ich nie die Worte ausgeſprochen, die jetzt über meine Lippen kommen: Beſuchen Sie mich nicht mehr, ziehen Sie ſich zurück von dieſem Hauſe, das Ihrer Gegenwart nicht würdig iſt; aber ſeien Sie überzeugt, daß ſie in meinem Gedanken bei mir ſein werden.“— Es lag in ihrem Tone etwas ſo Rührendes, ſo Liebevolles; zum erſten Male trat mir der verführeriſche Glaube nahe, daß dieſe ſchöne Frau mehr für mich fühle, als Freundſchaft. Ihren Umgang aufzugeben, ihr Lebewohl zu ſagen, verurſachte mir großen Schmerz. Jene Seene mit Clara auf dem Landhauſe bei Caſſel ſchwebte mir mit aller Wehmuth dunkel vor der Seele. Meine Schwachheit gewann wieder die Herrſchaft über meine Beſonnenheit und laut und heftig klagte ich die verkehrten menſchlichen Verhältniſſe und kleinlichen Leidenſchaften an. Da ich jedoch ſo viel Faſſung beſaß, um einzuſehen, daß ich Mariannens Wil⸗ len nachgeben und ihre Nähe meiden müſſe, konnte ich mich nicht enthalten, einen herzlichen Abſchied von ihr zu nehmen und in dieſem Augenblicke ſtürmten vergangene 369 und gegenwärtige Schmerzen mit ſolcher Heftigkeit auf mich ein, daß ich nicht weiß, welche verliebten und ver⸗ worrenen Worte meinen Lippen entflogen. Ich knieete vor ihr nieder und küßte ihre Hände.— Bei dieſer Ge⸗ legenheit kann ich mich einer Bemerkung nicht enthalten. Ich zweiſle nicht daran, daß das Lächerliche, das ich ſelbſt in meinen beſtändig wiederkehrenden, unveränderlichen⸗ Thorheiten und Illuſionen finde, durch eine geringe Sache, deren Laͤcherlichkeit ich indeſſen nicht einſehe, noch ver⸗ mehrt wird. Ich meine nehmlich das Knieen. Es iſt eine Sitte, die kein Menſch mehr kennt und der man keinen andern Grund, als närriſche Affectation un⸗ terlegen zu können glaubt. Ich bin nicht dieſer Anſicht, im Gegentheile finde ich dieſe Stellung ſo natürlich, daß ich nicht begreifen kann, wie jemand ohne Affectation ſich derſelben enthalten kann. Sie erſcheint mir als der wahrſte Ausdruck für die Gefühle eines Mannes gegenüber der Frau, die ihn durch ihre Liebenswürdigkeit hinreißt. In ſolchen von Freude und Schmerz erxaltirten Augen⸗ blicken iſt es die Seele ſelbſt, die ſich vor einem Schein des Göttlichen beugt, das ſich im Menſchen offenbart.— So edel, ſo weiblich liebend ſchien mir Marianne in jener Stunde und Claras Bild ſchmolz wunderbar mit dem ihren zuſammen. Von Nathalien geführt ſtürzte nun der Oberſt in das Zimmer. Vergebens ſuchte Marianne und ich, ihm den wahren Stand der Dinge auseinander zu ſetzen: er war außer ſich und verließ uns, ohne uns hören zu wollen. Wenige Minuten ſpäter ſandte er ſei⸗ ner unglücklichen Frau einen Brief, deſſen Inhalt mir un⸗ bekannt blieb, da ſie ihn ſogleich zerriß; und mit dem Briefe folgte ein Papier, das ihre förmliche Zuſtimmung zur Scheidung enthielt welches ſie trotz meiner Einwen⸗ dungen unterſchrieb. Der harte Ehemann gebot ihr, ſo⸗ gleich das Haus zu verlaſſen und ſo war die arme, von alle dem ganz betäubte Marianne verlaſſen und einzig und Novellen, III. 24 370 allein auf meine Fürſorge und meinen Schutz angewieſen, ein Umſtand, der ſie mir natürlich doppelt theuer machte. Ich beſorgte ſogleich ein anſtändiges Logis in dem beſten Hotel der Stadt, wohin ich ſie führte. Meine ganze Seele löſte ſich in Mitleiden, Sorge und Unmuth über das Unglück auf, deſſen Urſache ich war. Ich erſchöpfte mich in liebevollen Troſtgründen, ich ſchlug ihr vor, in ein fremdes Land mit ihr zu ziehen, wo ich nur für ſie leben wollte, in welchem Verhältniß ſie für gut fände, als Gatte, als Bruder, nur ihrem Wunſche gehorchend, nur mit ganzen Kräften darnach ſtrebend, das Unrecht wieder gut zu machen, das ich ihr zugefügt. Ich weiß nicht mal, ob ſie meine Worte hörte. Sie antwortete nichts, ſah mich jedoch mild an, wenn auch mit einem ſeltſamen Lächeln, wie Jemand, der ſich nicht vollkommen ſeiner ſelbſt bewußt iſt. Ich verließ ſie endlich, indem ich ſie bat, ſich zur Ruhe zu begeben und mir zu geſtatten, ſie am nächſten Morgen beſuchen zu dürfen. Als ich mich zu dieſer Zeit einfand, erfuhr ich mit Verwunderung, daß ſie in früher Morgenſtunde das Hotel verlaſſen und ein Billet für mich zurückgelaſſen. In wenigen Zeilen bat ſie mich, ihren Aufenthaltsort nicht auszuforſchen und das einzige Gut, das ſie noch beſitze, zu ehren: den Frieden des Gewiſſens.— Meine Unruhe und mein Kummer, ſie mir verlaſſen und hülflos zu denken, war indeſſen zu groß, um ihrem Willen Folge geben zu können. Ich ſuchte ſie mit großem Cifer. Es war nicht ſonderlich ſchwer, die Mieihkutſche ausfindig zu machen, die ſie vom Hotel weggeführt: ich erfuhr je⸗ doch vom Kutſcher, daß er auf einem der Plätze gehalten, wo mehrere Straßen zuſammenlaufen. Dort hatte ſie ihn zwei Burſchen rufen laſſen, welche daſtanden. Dieſen übergab ſie ihre Effecten, welche ſie im Wagen bei ſich hatte, ſtieg aus, nachdem ſie den Kutſcher bezahlt, und verſchwand mit den Trägern in einer der Straßen, er wußte nicht, in welcher. Aus dieſer ihrer Vorſicht er⸗ 371 kannte ich, wie ſehr es ihre Abſicht war, ſich zu verber⸗ gen. Indeſſen ſiel es mir ein, daß es meine Pflicht ſei, ſie nach Kräften zu rechtfertigen. Ich ſchrieb deßhalb an den Oberſten und ſuchte ihn mit großer Aufrichtigkeit von der Unſchuld ſeiner Frau zu überzeugen. Mein Brief trug nach meiner Meinung ſo ſehr das Gepräge der Wahrheit, daß nur böſer Wille ihr die Augen ver⸗ ſchließen konnte. Da ich keine Antwort erhielt, ging ich nach Verlauf von mehreren Tagen nach dem mir be⸗ kannten Hauſe und verlangte den Oberſt zu ſprechen; aber ein Diener ſagte mir, daß Niemand zu Hauſe ſei; die Frau ſei plötzlich nach Jütland zu ihrem Bruder ge⸗ gangen, welcher krank darniederliege, und auch der Herr ſei auf einige Zeit verreiſt.— Daß der Oberſt nicht verreiſt war, wußte ich, denn er war noch am ſelben Tage auf der Straße geſehen worden, aber drei Auf⸗ klärungen erhielt ich durch dieſen Beſcheid. Erſtens: daß er ſich nicht mit mir einlaſſen wollte; zweitens: daß er alles Aufſehen bezüglich ſeiner häuslichen Verhältniſſe zu vermeiden ſuchte; und drittens erinnerte ich mich wieder, daß Marianne einen Bruder hatte, der Pfarrer in Jutland war, und ich fand es nicht unwahrſcheinlich, daß ſie ihre Zuflucht zu dieſem genommen. Mein erſter Gedanke war, dahin zu reiſen; bei näherer Ueberlegung fürchtete ich jedoch, mich einer Indelicateſſe ſchuldig zu machen, wenn ich Marlannens Gebot überträte, und möglicherweiſe in ihre neuen Verhältniſſe eingriffe, die ich nicht kannte. Ich beſchloß deßhalb, an ſie zu ſchreiben, und ſchloß den rief in einen an ihren Bruder ein, in welch' letzterem ich mich aller Vorſicht befleißigte. Es verfloß über einen Monat, ehe ich Antwort erhielt; endlich jedoch bekam ich einen Brief von dem Pfarrer, in welchem er mich ſehr hoͤflich davon unterrichtete, daß ſeine Schweſter erſt vor einer Woche zu ihm gekommen und mir für meinen Brief danken laſſe, ſie jedoch zu entſchuldigen bitte, daß .372 ſie ihn nicht ſelbſt beantworte, da ſie ſich nicht wohl be⸗ finde. Sie ließ mir indeß zum Dank für meine Theil⸗ nahme ſagen, daß ſie mit ihrer gegenwärtigen friedlichen Zufluchtsſtätte ſehr zufrieden ſei, und der Bruder fügte hinzu, er werde nichts verſäumen, ſein Haus für die Schweſter angenehm zu machen, und da er Wittwer ſei, ſo ſolle ſie allein des Hauſes Herrſcherin ſein und ſeine beiden jungen Toͤchter ſie ehren und pflegen wie ihre Mutter.— Ich beruhigte mich und weiß ſelbſt nicht, was ich mehr hätte thun ſollen, als das Uebel aufrichtig zu bereuen, das ich gegen meinen Willen angerichtet Das thue ich auch in dieſem Augenblick; aber ich geſtehe, in, jenem wandte ſich mein Sinn beruhigt von dieſem Verhältniß ab, um ſich ganz einem andern Kummer hin⸗ zugeben. Ich hatte nehmlich erfahren, daß Clara ſehr krank in Gotha liege; Graf Meerſtein war gerade damals Ge⸗ ſandter dort. Meine Phantaſie malte mir ſogleich das Schlimmſte aus; und ſo wenig auch mein armes Daſein durch die Nähe der Geliebten verſchönert wurde, ſo ſchrecklich erſchien es mir doch, auf der Erde zu leben, die ſie verlaſſen. Meine Angſt trieb mich fort. Ich kam nach Gotha und erfuhr zu meinem unſäglichen Troſt, daß ſie auf dem Wege der Beſſerung war; aber ich hörte auch, daß ihr alle Erheiterung und liebevolle Aufmerk⸗ ſamkeit fehle. Der Graf ſei gleichgültig gegen ſie und nie zu Hauſe; ihre Kammerzofe habe ſte kuͤrzlich ver⸗ laſſen, und keine verläßliche und treue Perſon ſei in ihrer Nähe. Mit Hülfe der früher erwähnten Weimar'⸗ ſchen Familie, von der die meiſten Glieder noch lebten, gelang es mir, ein ausgezeichnet treues und braves Mäd⸗ chen in ihre Dienſte zu bringen, auch war ich ſo glück⸗ lich, eine unſchuldige Liſt zu erſimnen, die es mir möglich machte, mit allerlei kleinen Annehmlichkeiten Claras Re⸗ convalescenz zu verſüßen. Kaum hatte ich die Freude gehabt, ſie ohne ihr Wiſſen zu ſehen, als ſie an dem 373 Arm des erwähnten Mädchens die friſche Luft im Schloß⸗ garten genoß, da höͤrte ich ſchon am nächſten Morgen, daß Graf Meerſtein krank ſei, und zwar— wie man erzählte,— aus Kummer über ſein Unglück im Spiele und aus Aerger über Unannehmlichkeiten, die ihm ſein Spielerleben zugezogen. Ich that, was ich konnte. Auf dieſelbe Weiſe wie früher ließ ich, dem Grafen eine Summe Geldes zuſtellen, wegen der er in Verlegenheit war, und ehe ich Gotha verließ, ſah ich ihn— ein An⸗ blick, der alle Fibern meines Herzens in Bewegung ſetzte. Im ſelben obenerwähnten Schloßgarten ſah ich ihn, unterſtützt von meiner liebenswürdigen Clara, die ihrer eigener Schwachheit und der Rückſichtsloſigkeit, die er gegen ſie noch jüngſt an den Tag gelegt, vergeſſend, freundlich wie ein Engel mit tröſtender, lindernder Be⸗ ſorgtheit, mit behutſamem Gange die ausgetrocknete, zu⸗ ſammengeſunkene Geſtalt führte, in deren Zügen und dunkel glühenden Augen die durchwachten Nächte und qualvollen Augenblicke des Spielers mit leſerlicher Schrift geſchrieben ſtanden. Ich reiſte fort und beſuchte auf dem Heimwege meinen alten Freund Rubach, der vor Kurzem ſeine Frau verloren hatte, und da er Troſt in meinem Umgang zu finden ſchien, blieb ich mehrere Monate bei ihm und fühlte mich in dem Kreiſe des Freundes und ſeiner liebenswürdigen Kinder angenehm und behaglich angeregt. Erſt im Herbſte kam ich nach Kopenhagen und wurde ſogleich nach meiner Ankunft unangenehm über⸗ raſcht, als ich aus oͤffentlichen Blättern den Tod Ma⸗ riannens erfuhr. Viele Jahre verfloſſen, in welchen ich wie die Schild⸗ kröte in ihrer Schaale lebte. Ich weiß ſelbſt nicht, weß⸗ halb ich mich mehr und mehr von allem geſellſchaftlichen Leben zurückzog. Zu Hauſe las ich und gab mich meinen Betrachtungen und Träumereien hin, auf einſamen We⸗ gen wanderte ich ganze Meilen, machte Seereiſen ohne eigentliches Ziel und kam müde in die unveränderte, 374 einſame Wohnung zurück.— Ich ſehnte mich unſäglich nach einem freundlichen Weſen, das mich verſtand, dem ich meine Gedanken mittheilen, meine Schwachheiten be⸗ kennen durfte. Unter den Männern glaubte ich keinen zu kennen, der mit mir ſympathifirte; ſelbſt mein braver Rubach nicht, das wußte ich, dazu war ſein Charakter zu männlich, das geſtand ich mir ſelbſt beſchämt ein. Nein, nach einer Freundin ſehnte ich mich. Kein Frauen⸗ zimmer ſpottet über eine Liebesgeſchichte, die man ihr an⸗ vertraut, ſie ſei noch ſo ſchwärmeriſch. Sie fühlt, daß in dieſem Reiche ihre eigenen Beſitzungen liegen, und ſie außerhalb dieſes nichts ihr Eigenthum nennen kann. Eine Freundin hatte ich nicht, und ich hätte beinahe geſagt, ich konnte keine haben; denn glich ſie Clara nicht ganz und gar, ſo gefiel ſie mir nicht, nicht mal als Freundin, und erinnerte ſie mich an dieſe, ſo wußte ich nun aus ſo mancher Erfahrung, daß Gefühle zärtlicherer Natur ſich in unſer Verhältniß miſchen würden, und ich begann mich wirklich zu fürchten. Meine letzte thörichte Verbindung dieſer Art will ich nun auch geſtehen, um nichts zu verſchweigen. Nach⸗ dem ich in einem Zeitraum von zehn Jahren dreimal nach den verſchiedenen Aufenthaltsorten Claras gereiſt war, getrieben von einer unwiderſtehlichen Sehnſucht, von einer Unruhe wegen ihres Schickſals,— Gefühlen, die mich ſeit jener Nacht verfolgten, als ich heftig von ihrem Krankenlager weggeriſſen wurde— fühlte ich mich durch, die Erfolgloſigkeit dieſer drei Reiſen tief herabgeſtimmt und muthlos,— zweimal hatte ich ſie nicht geſehen, das dritte Mal an der Seite eines Mannes, der krank war, wodurch es mir unmöglich wurde, mich ihr zu nähern, oder etwas von ihrer eigentlichen Stellung zu erfahren. Vor ungefähr eilf Jahren erfuhr ich jedoch, daß Graf Meer⸗ ſtein ſeinen Poſten auf's Neue gewechſelt und daß man ihn und ſeine Gemahlin in Berlin erwarte, wo ſie ſich auf der Durchreiſe eine Zeitlang aufhalten wollten. Da 375 .⁴ ich in Berlin in verſchiedenen Cirkeln bekannt war, wo ich Clara zu finden hoffen konnte, reiſte ich mit neu be⸗ lebtem Sinne dahin; eine Woche verfloß jedoch nach der andern, ohne daß dieſe Reiſenden etwas von ſich höͤren ließen. Meine Ungeduld, meine Sehnſucht ſtieg von Tag zu Tag. Zuletzt hieß es, ſie kämen nicht nach Berlin, ſie hätten einen andern Weg nach dem Ort ihrer Beſtimmung eingeſchlagen. Ich fuhlte mich ſo ſchlaff und gelangweilt, daß ich nicht wußte, ob ich heimreiſen ſollte, oder was ich eigentlich wollte. In dieſer Stim⸗ mung ſah ich eine Dame im ſelben Alter wie Clara, mit einer ähnlichen Geſtalt, und in ihrem Aeußern fand ich etwas Feines, Frommes, Reſignirtes, Kummervolles, etwas, was die alten Saiten in meinem Herzen berührte und mich einnahm. Sie war mit einer Nichte, einer Sängerin, nach Berlin gekommen, die dort ſehr großes, aber unverdientes Glück machte; und die arme Tante Louiſe, welche arm und abhängig von der hochmüthigen und launenvollen Primadonna war, erſchien mir als ein Gegenſtand meiner innigen Theilnahme. Ich machte ihre Bekanntſchaft, und ſie und die Sängerin empfingen mich mit größtem Wohlwollen. Aus Langeweile, aus böſer Laune, ja, ich darf wohl ſagen, aus Verzweiflung, ſuchte ich die Gunſt dieſer Frau zu erringen. Durch ein Miß⸗ verſtändniß, das mir noch unbegreiflich iſt, glaubte die vergotterte Sängerin, dieſe Huldigung gelte ihr. Sie nahm ſie gnädig auf, freilich aus Gründen, die für meine Perſönlichkeit nicht gerade ſchmeichelhaft waren; als ſie jedoch ihre Täuſchung erfuhr, wurde ſie raſend, über⸗ häufte die unglückliche, von Allem ununterrichtete Tante mit Grobheiten und jagte ſie aus dem Hauſe. Hier hatte ich wieder eine, um meinetwillen Unglück⸗ liche und Verſtoßene, fortzuführen und zu verſorgen. Doch waren die Verhältniſſe, Gott ſei Dank, diesmal nicht ſo ernſter und delieater Natur. Meine Eroberung war eine gewoͤhnliche, von Geiſtesſeite nicht ſonderlich begabte Per⸗ 376 ſon, indeſſen ſo gutmüthig, ſo ſanft im Umgang, daß ich mich an ihrer Seite ſehr wohl befand. In ihrem gan⸗ zen Leben war ſie an Zurückſetzung und Verzicht auf alle Wünſche gewoͤhnt geweſen. Sie ſagte unaufhörlich, daß ſie nie ſo glücklich geweſen, als jetzt und ſuchte mich mit ſo wohlüberlegter Aufmerkſamkeit zu belohnen, daß ich, der nie einen wohlthuenden, weiblichen Einfluß, in meinem häuslichen Leben genoſſen, mit Dank die Be⸗ deutung dieſes Gutes erkannte.— Ich geſtehe übrigens, daß keine Illuſion dieſes Verhältniß verſchönerte, ſondern bekenne mit Schaam, daß es eine von jenen Verbindun⸗ gen war, denen wir Männer uns biswellen leichtſinniger Weiſe hingeben, an die wir aber mit Schaam zurück⸗ denken. Eines Tages in einer großen Geſellſchaft, bei dem däniſchen Geſandten in Berlin, wurden nach Tiſch der Graf und die Gräſin Meerſtein gemeldet. Ich zitterte bei dem Klange dieſes Namens und konnte kaum Athem holen; aber kaum ſah ich meine geliebte Clara, kaum hörte ich den Klang ihrer Stimme, als mich daſſelbe himmliſche Gefühl ergriff, das mich immer in ihrer Nähe durchſtrömte. Ich wagte, mich ihr in einem Augenblick zu nähern, als die Frau unſres Geſandten mit der An⸗ kunft eines neuen Beſuches beſchäftigt war. Clara grüßte mich mit ihrer alten Freundlichkeit.„Frau Gräfin!“ ſagte ich:„Sie kennen Ihren alten Freund noch?24— „O gewiß!“ qntwortete ſie:„In meinen Augen ſind Sie immer derſelbe.“— Ich fuͤhlte eine innige Freude bei dieſen Worten und antwortete:„Ach! wäre ich ſo glücklich, ſo würde ich nie den Verluſt der Jugend be⸗ klagen, ſo viel Grund ich auch dazu habe; aber wenn man Sie ſteht, kann man leicht zu dem Glauben ver⸗ führt werden, daß die Zeit nicht die Macht hat, die man ihr gewöhnlich beilegt.“— Mit der Clara eigenthüm⸗ lichen, unſchuldigen Offenherzigkeit fragte ſie mich, wie es mir während der vielen Jahre gegangen, die ſie mich 377 nicht geſehen, und hörte mit ungeheuchelter Theilnahme auf meinen kurzen Bericht, der ſo wenig Intereſſe hatte.— „Es gibt Augenblicke im Leben,“ ſagte ich,„wo man Gott für Sehnſucht und Schmerz danken muß, denn in ihnen fühlt man doch, daß man lebt.“—„Ge⸗ wiß,“ antwortete Clara,„gibt es tiefe Schmerzen für Jeden, der fühlen und denken kann; aber was die Zeit auch bringen mag, ſo werden Sie derſelben Meinung ſein, wie ich, daß das Leben deſſenungeachtet, unendlich viel Schönes und Gutes hat, das uns, wir wiſſen nicht, von wo, geſchenkt wird.“„Ja!“ rief ich:„ich habe das oft gedacht, von Ihrer Kindheit an habe ich das empfun⸗ den: Sie leben immer im Himmel, deßhalb hat der irdiſche Schmerz keine Macht über Sie.“— Unſer Ge⸗ ſpräch wurde auf unfreundliche Weiſe von Graf Meer⸗ ſtein unterbrochen. Auf ſeine Aufforderung nahm Clara raſch Abſchied und ich erfuhr, daß ſie am nächſten Mor⸗ gen Berlin verlaſſen wollte. Die kurze Begegnung mit meiner einzig Geliebten und unſer ebenſo kurzes Geſpräch war genug, um in meiner Seele die ſeligſten und ſchmerzlichſten Gefühle zu erwecken. Es war mir unmdoglich, länger Tante Louiſens Nähe zu ertragen. Ich ſagte ihr noch am ſelben Abend, daß ich in mein Vaterland zurückkehren müſſe; und ſie fand es auch ſehr wahrſcheinlich. Da ihre Nichte Lauretta mehre Male Schritte zur Verſoͤhnung gethan und ſie gebeten hatte, zurückzukehren, war ſie ſelbſt geneigt, dieſes Anerbieten anzunehmen. Meiner Schuldigkeit gemäß ſorgte ich dafür, daß ihre Stellung in dem Hauſe der Sängerin etwas unabhängiger wurde, worauf ſie in der beſten Laune von der Welt von mir Abſchied nahm und den guten Stern ſegnete, der mich ihr zugeführt: am nächſten Tage verließ ich Berlin. In dem ſeit jener Begebenheit verſloſſenen Dezennium, reiſte ich ein paar Male nach dem Wohnorte Claras und ſuchte, ſoweit es in meinen Kräften ſtand, ihr Schick⸗ 378 ſal zu mildern, ohne mich vor ihr ſehen zu laſſen. Die letzten Jahre brachte ſie auf dem Gute bei Hamburg zu, wo ſie, im edelſten Sinne des Wortes, die Stütze des kränklichen Mannes wurde. Vor drei Jahren, als ſie Wittwe geworden, reiſte ich nach dem oben erwähnten Orte. Es war mir möglich geworden, meinen Freund, den Advokaten, in ihre Angelegenheiten einzuweihen und im Vereine mit ihm ſuchte ich, obwohl unſichtbar, zu ihrem Beſten zu wirken, doch wollte ich mich in jenem Augenblicke ihr nicht nähern. Vor etwas mehr als einem Jahre ſah ich ſie in Holſtein, wo ſie ſich bei einer, mit ihrem verſtorbenen Manne verwandten Familie auf⸗ hielt. Ich ſah ſie in der Kirche und auf dem Spazier⸗ gange: aber ſie war immer umgeben von ihren Ver⸗ wandten und ich wollte mich nicht in dieſen fremden Kreis eindrängen.— Von dem Advokaten erfuhr ich, daß ſie das große Gut, das man ihr ſtreitig machte, nicht zu behalten wünſche und daß blos von einem Ca⸗ pital die Rede ſei, auf welches ſie ein Recht zu haben glaubte. Er verſprach, ihr in ihrer gerechten Sache bei⸗ zuſtehen; und wie gewöhnlich reiſte ich nach Hauſe, ge⸗ ſtärkt von dem bloßen Anblick der Geliebten und dem Gedanken, daß ich. ſie wie ein unſichtbarer Genius be⸗ gleiten konnte und ihr durch das ganze Leben mit unver⸗ brüchlicher Treue, trotz all' meiner Untreue, gefolgt war. Es iſt natürlich, daß mit jedem Jahre ſich weniger Reiz darbot, mich meiner alten Schwachheiten ſchuldig zu machen oder mich meinen alten Illuſionen hinzugeben; denn da Clara bereits in den Jahren war, wo die Gra⸗ zien äußerſt ſelten treue Freundinnen bleiben, ſo war es ein Wunder, wenn ich Jemanden traf, der ein Schatten von ihr ſein konnte. Manchmal habe ich ſie in meinen Gedanken mit einer Roſe verglichen, welche früh vom Baume geſchnitten und in einem Glaſe Waſſer an einen kühlen Ort geſtellt worden, wo kein Windſtoß ſie ihrer feinen Blätter beraubt. Weit über die gewöhnliche 379 Blüthenzeit der Roſen bewahrt ſie dann ihren Duft und ihre ſchöne Form. Zwar weicht die roſenrothe Farbe dem Athem der Zeit, ſie wird beinahe eine weiße Roſe, etwas bläſſer, als die, welche den Namen Mädchenroͤthe trägt; aber ihr Liebhaber findet ſie nicht minder ſchoͤn und ſeine Liebe wächſt mit der Furcht, ſie erbleichen zu ſehen. Doch entdeckte ich zufällig ein Frauenzimmer, das, ohne eigentlich Clara zu gleichen, doch ſo lebendig ihr Bild in mir wach rief, daß mein ganzes Weſen ſich von dieſer Perſon angezogen fühlte, und gewiß wäre ich noch einmal in meine alte Thorheit verfallen, die in meinem jetzigen Alter doppelt lächerlich geweſen, wenn ich in dieſem neuen Gegenſtande meiner Träume, nicht ein ebenſo ehrfurchtgebietendes, als edles und liebenswürdiges Weſen gefunden hätte. Dieſes Weſen ſind Sie, Madame Berg! Laſſen Sie durch dieſes Geſtändniß ſich nicht kränken! Ein guter Geiſt zeigte Sie mir; denn durch meine Thorheit, meine letzte Thorheit, gewann ich eine edle Freundin, die einzige in des Wortes eigentlicher Bedeutung, die ich in meinem armen Leben beſaß.— An Sie, an meinen jungen Freund Anton Werner, wende ich mich in dieſen Blättern.— Sie ſind geſchrieben für Sie und für Niemand als Sie. Doch wünſchte ich, daß Sie der jungen, liebenswürdigen Eliſe ſo viel davon mittheilen, als nöthig iſt, damit ſie ihren alten Freund, den der Verluſt ihrer Güte und Theilnahme tief ſchmerzen würde, nicht allzuſehr verachte. Und nun, da mein Leben wie eine Landkarte vor Ihren Augen ausgebreitet liegt, nun da ich es, wie ein Ganzes überſchaue— achl was ſoll ich da ſagen, ich armer Menſch? Nur eins kann ich ſagen. Wie der arme Zöllner im Tempel, ſtehe ich betrübt in einer Ecke, ſcham⸗ voll, mit niedergeſchlagenen Augen und ſeufze:„Gott ſei mir armen Sünder gnädig.“ 380 So ſchloß der alte Trolle ſeine Bekenntniſſe. Cines Morgens kam er zu Werner und übergab ihm ſein Manu⸗ ſcript mit ernſter Miene. Er war in Reiſekleidung und ſagte:„Lies dieſe Blätter, welche Dir Aufſchluß über mein räthſelvolles Leben geben, ſoweit ich es im Stande bin. Lies dieſes Manuſeript und wenn Du fertig damit biſt, ſo gib es Madame Berg und bitte ſie, gleichfalls die Geduld und die Güte für mich zu haben, es zu leſen. Ich reiſe aufs Land, wo ich einige Geldangelegenheiten zu beſorgen habe. In ein paar Tagen komme ich wieder. Laß mich dann einen milden Richter in Dir finden, mein Sohn.“— Werner drückte ſtumm ſeine Hände und Trolle eilte in den Reiſewagen hinab, der bereits an der Thüre hielt. Während der vierzehn Tage, die ſeit der Vorleſung Möoͤrks und dem Morgen verfloſſen waren, an welchem Trolle Werner ſein Manuſcript übergab, war keine Ver⸗ änderung in Frau Derbys Haus vorgegangen, mit Aus⸗ nahme der, daß der abgebrochene Umgang mit Trolle, Mörk freien Spielraum ließ und daß überhaupt eine Oede und Stille eingetreten war, welche niemand mehr fühlte, als die arme Eliſe, die ſich der Stütze beraubt glaubte, auf die ſie ihre Hoffnung geſetzt. An jenem Vormittage jedoch, an welchem Trolle auf das Land reiſte, trat eine Veränderung in dem Verhältniſſe Mörks zu der Familie ein. Eliſe ſaß bei ihrer Großmutter in deren Zimmer. Sie ſahen beide gedankenvoll aus und ſaßen ſtumm bei ihrer Arbeit, als Frau Derby mit freudeſtrahlendem Geſichte eintrat und ſagte:„Liebe Mutter! Der alte Großhändler Moͤrk, unſres Mörks Vater, iſt im Wohnzimmer und will mit Dir und mir ſprechen. Wir können wohl ahnen, was er von uns will.“ Und ſich an Eliſen wendend, fuhr ſie fort:„Es gilt Dir, mein Kind! Gott ſegne Dich! Sei vernünftig!“ Sie küßte das arme Mädchen, das mit erröthenden Wangen und Augen voll Thränen ihre Hand an die Lippen drückte 381 und ſagte:„O, liebſte Mutter! Um Gottes Wlllen, ver⸗ ſchone mich!“—„Na! Cliſe! ſei nicht närriſch und komme mit uns herein!“—„O, laß mich doch hier bleiben!“ rief Eliſe ganz zitternd.—„Laſſe ſie nur,“ ſagte Madame Berg.„Ich warte ein wenig,“ antwortete die Frau:„Aber wenn Du Dich gefaßt, befehle ich Dir, hereinzukommen und den Großhändler zu begrüßen.“ Als der alte Mörk mit treuherziger Freundlichkeit ſich wegen ſeines Kommens entſchuldigt, da er nicht die Chre habe, von den Damen perſönlich gekannt zu ſein, wandte er ſich an Madame Berg und ſagte:„Sie ſind mir in ſofern keine Fremde, als ich mich einen guten Freund Ihres rechtſchaffenen Mannes, des ſeligen Capitän Berg, nennen darf, und deßhalb nehme ich mir die Freiheit, offen und aufrichtig mit ſeiner Wittwe und Tochter zu ſprechen. Sehen Sie, meine guten Damen! Zuerſt muß ich Ihnen für all' das Gute danken, was mein Sohn in Ihrem Hauſe genoſſen; und ich brauche wohl nicht erſt zu ver⸗ ſichern, daß ich mir nie etwas Beſſeres wünſche, als mit einer ſo achtungswerthen Familie in nähere Verbindung zu treten. Mein Sohn hat mir geſagt, daß er mit Ihrer Zuſtimmung ſich mit Ihrer Tochter verlobt, und ich werde mit Freuden meinen Segen dazu geben. Aber aufrichtig geſagt, es ſteht nur das im Wege, daß er durchaus nichts hat, auf was er heirathen könnte.“— Madame Berg machte mehre Male Miene, dieſe Rede abzubrechen, ihre Tochter ſandte ihr jedoch ſo bittende Blicke zu, daß ſie ſchwieg. Die Frau antwortete darauf: „Um Vergebung, lieber Herr Mörk! Ihr Sohn iſt ja, wie er mir geſagt— eines im Augenblick erledigten Amtes ganz gewiß, auch hat er mir anvertraut, daß Sie als liebevoller Vater...“—„Ja, meine liebe Frau, da haben wir's! Das kann nichts helfen, wenn man gegen den Einen liebevoll iſt und den fünf Anderen Unrecht thut. Mein Sohn quält mich täglich, daß ich mit ihm theilen und ihm ſein mütterliches Erbe ausbe⸗ 38² zahlen ſoll, und da ich mich dies zu thun weigere, ſo ſagt er mir ſo harte Worte, daß Sie mich bedauern würden, wenn Sie es hörten. Ja, Gott weiß, wie manche Nacht ich gewacht und mich gegrämt, wenn er mich am Tage ſo gequält. Und nun will ich Sie ſelbſt urtheilen laſſen, meine guten Damen. Ich habe meinem Sohne meine Bücher gezeigt und es ihm ſo klar, wie der Tag gemacht, daß ſein mütterliches Erbtheil ſich auf nicht mehr als achttauſend Thaler beläuft...“ Bei dieſer letzten Aeußerung machte Frau Derby eine Bewegung, als würde ſie von einer Bremſe geſtochen. Der alte Mörk fuhr fort:„Ja, Frau, das iſt ſo gewiß, als daß zwei Mal zwei vier iſt. Aber wiewohl es nicht viel iſt, ſo würde es mir doch großen Schaden bringen, wenn ich das Capital gerade jetzt aus dem Handel nehmen ſollte. Das thut kein vernünftiger Handelsmann und dazu kommt, daß mein Sohn nicht mein einziges Kind iſt. Ich habe fünf arme Mädchen; an ſie muß ich auch denken und darf meine Umſtände nicht ſchlechter machen, ſo daß ich gar nichts mehr für ſie thun kann. Deßhalb will ich Ihnen ſagen, was ich dachte und welches Aner⸗ bieten ich meinem Sohne gemacht, aber damit iſt er nicht zufrieden. Ich habe ihm angeboten, jährlich die Renten ſeines mütterlichen Erbes an ihn auszubezahlen, aber das iſt nur wenig mehr als dreihundert Reichsthaler. Das Amt, das er ſucht, wird er wohl bekommen; aber die Beſoldung iſt nur zwei bis drittehalb hundert Thaler und er kann manche Jahre warten, ehe er auf Beförderung hoffen darf. Von ſiebenthalb hundert Thalern glaube ich jedoch kaum, daß eine Familie leben kann.“—„Nein, das wäre zu wenig!“ rief Frau Derby.—„Deßhalb dachte ich,“ fuhr der Großhaͤndler fort,„ich werde wohl mit dem Einen und andern bis auf hundert Thaler nach⸗ helfen können, und wenn Sie... ich kenne Ihre Um⸗ ſtände nicht... wenn Sie ſich im Stande ſähen, das⸗ ſelbe zu thun, ſo koͤnnte vielleicht unſer junges Volk mit 383 großer Oekonomie...“ Frau Derby ließ ihm nicht Zeit zu enden und rief:„Nein, Gott bewahre! Es iſt uns rein unmöglich, Etwas zu thun!“ Madame Berg, welche bald wußte, daß die Rede des alten Mörk eine für ihre Wünſche günſtige Wendung nehme, hatte ſich wohl gehütet, ſie zu unterbrechen; aber nun nahm ſie das Wort und ſagte:„Wir danken Ihnen ſehr für Ihr Vertrauen, und ich fürchte beinahe, daß wir es mißbrauchten, wenn wir Ihnen nicht ſogleich ſagten, daß in dieſer Sache ein großes Mißverſtändniß obwalte; denn meine Tochter beabſichtigte allerdings unſre Eliſe Ihrem Herrn Sohn zu geben; aber deſſen un⸗ geachtet...“ Mehr konnte ſie nicht ſagen, da Eliſe im ſelben Augenblick mit einem Geſichte eintrat, dem man die groͤßte Spannung anſah. Der gutmüthige alte Mörk ging ihr ſogleich entgegen, nahm ihre Hand und ſagte:„Mein liebes Kind! wenn man Sie ſieht, ſo muß man allerdings meines Sohnes Geſchmack in der Wahl ſeiner Geliebten loben, und jeder Vater muß ſich über ſolch' eine Schwiegertochter freuen.“ Mit einer Art ver⸗ zweifelten Muthes, welchen das arme Mädchen in den Augenblicken, die ſie allein war, erkämpft hatte, ant⸗ wortete Eliſe:„Sie ſprechen ſo liebevoll mit mir; Sie ſind gewiß recht gut, aber ich bin nicht Ihres Sohnes Geliebte. Meine Mutter gab ihm ihr Wort, aber ich nicht das meine. Ich will mich nicht länger verſtellen, ſondern rein heraus die Wahrheit ſagen. Ich habe mich mit meinem Vetter, dem Maler Werner, verlobt.“— Nun konnte Eliſen ihr Muth nicht länger aufrecht er⸗ halten. Zitternd und weinend verbarg ſie ihr Antlitz an der Bruſt ihrer Großmutter. Der alte Mörk klopfte ihr treuherzig auf die Schulter und ſagte:„Ja, ja, mein kleines Fräulein! nehmen Sie ſich die Sache nicht ſo ſehr zu Herzen. Das iſt recht von Ihnen, daß Sie die Wahrheit ſagen. Mein Sohn iſt ein Windbeutel, der ſeinen Vater mit der Leimſtange laufen ließ. Sie find 384 gewiß weit beſſer mit dem Geliebten daran, den Sie haben. Ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennenz aber ein tüchtiger Maler kann immer ſeine Frau ernähren, weit beſſer, als mein Junker Thunichtgut, dem ich den Leviten leſen werde, wenn ich nach Hauſe komme.“— Frau Derby glühte, wie vom Fieber erfaßt. Sie be⸗ gann mehreremale etwas zu ſagen, was ſedoch Niemand verſtand. Madame Berg führte die halb ohnmächtige Eliſe in ihr Zimmer, kam jedoch ſogleich zurück und ſuchte mit mildem und verbindlichem Weſen dieſe Unter⸗ handlung mit dem alten Manne abzubrechen, der benn au ſehr freundlich Abſchied nahm und die Damen verließ. Als Mutter und Tochter nun allein waren, konnte die Erſte ſich kaum vor Lachen halten, als ſie von des jungen Moͤrks Handlungsweiſe ſprach.„Das find die Tugenden, womit dieſer vortreffliche Menſch Dein Herz eingenommen. Das wäre ein guter Sohn, den Du in einem Menſchen erwarten könnteſt, der ſeinen eigenen Vater mit ſolcher Schlechtigkeit und Indelicateſſe be⸗ handelt. Von ſeiner Unwahrheit und läppiſchen Windig⸗ keit will ich gar nicht ſprechen. Seine Phariſäergerechtig⸗ keit iſt noch ſeine abſcheulichſte Seite. Und zu einem ſolchen Manne willſt Du Deine unſchuldige, gute Tochter zwingen!“— Frau Derby brach in Thränen aus. „Ach, Mutter!“ ſagte ſie:„Ich ſehe wohl ein, daß ich gefehlt. Dieſer Menſch hat mich nur bethöͤrt und betro⸗ gen. Ach Du mein Gott! ich glaubte Alles, was er ſagte. Er gab vor, ſein Vater würde ſich bequemen, ihm ein großes Capital auszubezahlen, und von dem Amte ſagte er auch, daß es weit beſſer ſei, als ich nun höre. Seine Worte waren dabei ſo ſchoͤn und nach meinem Sinne, und er hielt ſo viel auf mich, und in meinem ganzen Leben hat mich nie Jemand recht lieb gehabt, oder Gefallen an dem gefunden, was ich that, ſo viele Mühe ich mir auch gab, meine Pflichten zu er⸗ 385 füllen. Niemand hat dies gewürdigt, als Mörk, und dadurch machte er mich glücklich; denn beinahe nie wurde mir ſonſt ein freundliches Wort geſagt. Mein ſeliger Mann meinte manchmal, mein kummervolles Weſen habe ihn mehr geſchmerzt, als Krankheit und Geldſorgen. Und ſollte mich nicht Kummer drücken? Meine Tochter hatte alle ihre Liebe und Vertraulichkeit Dir zugewendet und Du ſelbſt liebſt nur ſie und verachteſt mich, weil Gott mir keinen ſolchen Verſtand gegeben, wie Dir! Aber das iſt nicht meine Schuld, und Du magſt mir glauben, es iſt ſchwer, ohne die Liebe eines Menſchen zu leben.“— „O was ſagſt Du!“ rief Madame Berg, indem ſie die Arme um ihre Tochter ſchlang und ſie an ihre Bruſt drückte:„Vergib mir! Ich habe mir oſt mein Unrecht gegen Dich vorgeworfen; aber zweifle nicht an der Liebe, die nie im Herzen einer Mutter erliſcht. Sei nur ſelbſt eine gute Mutter für Deine Tochter. Du warſt nahe daran, ſte unglücklich zu machen; danke Gott, der Deine Augen geoͤffnet hat. Rufe ſie herein, umarme ſie liebevoll und gib ihr Deine Einwilligung zu der Ver⸗ bindnng, die ſie eingegangen. Werner iſt ein guter, ein edler Menſch.“—„Ach, was kann es helfen, wenn dem auch ſo wäre. Er hat ja nichts. Trolle machte ihm freilich mal gute Anerbietungen, aber er hat uns gänzlich verlaſſen. Das iſt auch Mörks Schuld.“—„Trolle wird deßhalb Wernern nicht verlaſſen; aber wie es auch geht, ſo ſoll doch Eliſe nicht länger in Angſt und Ungewiß⸗ heit ſitzen.“—„Ach Gott!“ ſeufzte die Frau:„Wir find zum Schilling geſchlagen und werden nie Thaler werden.“— Indeſſen erhob ſie ſich doch, öffnete die Thüre und rief Eliſen, die mit niedergeſchlagenen Augen und furchtſamen Schritten, wie eine arme Delinquentin näher trat.—„Ja, Eliſe,“ ſagte die Mutter:„von Mörk biſt Du nun befrelt, und Gott gebe, daß es zu Deinem Glücke ausſchlage, daß Du Deinem eigenen Kopfe ge⸗ Noyellen. II. 2⁵ 386 folgt! Meine Einwilligung werde ich Dir nicht vorent⸗ halten, wenn Werner ſo weit kommt, daß er Dich er⸗ nähren kann.“— So vom Tode dem Leben wiederge⸗ geben, warf ſich Eliſe mit Entzücken in ihre Arme und dankte ihr mit einem ſolchen Ausbruch von Freude und Liebe, daß Frau Derbys Herz ſich von einer ungekannten Zufriedenheit erquickt fühlte. Am nächſten Tage brachte Werner Madame Berg Trolles Manuſcript, indem er ſagte:„Ich weiß nicht, ob unſeres alten Freunds offenherzige Bekenntniſſe ein ſolches ſympathetiſches Gefühl in dem Herzen einer Frau erwecken können, wie in dem meinen; aber trotz all ſeiner Verirrungen und Vergehen liegt etwas darin, was ſo ſehr ſeine Sache in meinem Herzen ſpricht, daß er mir noch lieber, als zuvor geworden, und mit doppelter Innigkeit wünſche ich zu ſeinem Troſte in den Jahren beitragen zu können, die ihm noch übrig bleiben.— Ma⸗ dame Berg brachte nun ihrem jungen Freunde die glück⸗ liche Zeitung der geſtrigen Ereigniſſe und ſagte ihm, daß ihrer Tochter Haus fortan für ihn offen ſtehe, wie für einen lieben Verwandten, daß man jedoch wünſche, ſeine und Eliſens Verlobung moͤchten eine ſtille Uebereinkunft bleiben, bis ſeine Ausſichten den Hochzeitstag zu beſtim⸗ men geſtatteten. Der glückliche Liebhaber gelobte Alles, was man verlangte, und genoß bereits die glückliche Aenderung in ſeinem Schickſale, daß Frau Derby nicht wie gewöhnlich ihn ſelbſt hinausſchloß, ſondern dies Ge⸗ ſchäft Eliſen überließ, und den jungen Liebenden die Freiheit goͤnnte, ſich ihr Entzücken auszuſprechen. Einige Abende ſpäter, als die Familie ganz allein war, erfüllte Madame Berg Trolles Wunſch, indem ſie ſein Manuſcript vorlas und als ein guter Vertheidiger und eine verſtändige Großmutter Alles ausließ, was am leichteſten Aergerniß geben konnte. Mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit und glühenden Wangen lauſchte Eliſe auf jedes Wort, wie ein Kind, das Mährchen erzählen hört. 387 Frau Derby ſaß mit einer Handarbeit dabei; ſie nähte fleißig und gähnte bisweilen.— Als Madame Berg, auch die Zeilen auslaſſend, welche ſie perſönlich betrafen, das Mannſeript zu Ende geleſen, kam Werner. Das Geſpräch drehte ſich natürlich um die ſo eben zu Ende gebrachte Lectüre, und nachdem Jedes nach ſeiner individuellen An⸗ ſchauung ſeine Meinung darüber geäußert, ſagte Madame Berg:„Wirklich, ich kann den Stab über dieſen Mann nicht brechen. Er iſt kein Verführer, er ſelbſt iſt von einem tiefen, unüberwindlichen Eindruck verführt, der in ſeiner Ju⸗ gend ſein innerſtes Weſen ergriffen. Man könnte es eine fire Verliebung nennen, wie es fire Ideen gibt, und es iſt ihm ergangen, wie man in phantaſtiſchen Sagen von Menſchen erzählt, die einige Stunden bei Elfen, Feen oder in andern höhern Regionen gelebt haben: ſie können nicht vergeſſen, was fie dort geſehen und erfahren; ſie leben nicht mehr auf Erden, ſondern nur in Träumen, in welchen ſie die verlorene Herrlichkeit wiederſehen. Man iſt verſucht, den Menſchen zu beklagen, der einmal den Werth von etwas Liehenswürdigem ſo gefühlt, daß Alles, was ihm ſpaͤter begegnet, ſtatt das Bild des Verlorenen zu verwiſchen, eher dazu dient, es durch die Vergleichung zu heben. Es iſt freilich eine Sünde, ſein Leben gleichſam abgöttiſch einem einzigen Intereſſe, einem einzigen Menſchen zu widmen; aber dies Intereſſe war doch ſo treu bei aller Untreue, und die Umſtände begünſtigen ſeine Macht. Wäre Trolle genöthigt geweſen, für ſeinen Lebensunter⸗ halt zu arbeiten, hätte die ſchwere tägliche Nothwendig⸗ keit ſeine Leidenſchaft geſchwächt, wäre er Dichter, Künſtler geweſen, kurz, hätte ihm ein höheres Intereſſe frühzeitig einen Kreis geöffnet, ſo wäre dadurch ſeine Leidenſchaft gedämpft, ſeine Liebe veredelt worden. Nun hinderte ihn nichts, ſeine Freiheit zu benützen, um ſtets den Anblick ſeiner Geliebten zu erneuern und den Pfeil tiefer in ſein Herz zu drücken, und es kömmt mir beinahe vor, als ob ſein Schickſal von Claras früher Jugend an ihn zu ihrem 388 Schutze geweiht. Als die beſte Freundin dieſer Clara, als Frau kann ich ihm nicht zürnen; denn wie er ſelbſt ſagt: Wir Frauen ſympathiſiren immer mit einem treuen Liebenden, wenn er auch vor dem Richterſtuhl der Moral ſehr zu tadeln wäre.“—„Liebe Tante,“ ſagte Werner: „Ich werde unſerem alten Freunde Ihre milden Worte bringen. Ich hoffe, ſie werden ihn aufheitern, und ich glaube, daß er der Aufheiterung bedarf. Vor drei Ta⸗ gen kam er vom Lande zurück; Gott weiß, wo er war und was er dort für Geſchäfte hatte; ich geſtehe, es iſt etwas in ihm, was mich ängſtigt, etwas Ungewoͤhnliches; ſelbſt etwas an und für ſich Unbedeutendes, die große Sorgfalt, und Pünktlichkeit in ſeinem Anzuge, hat ſich⸗ verändert. Er geht zu Hauſe in einem Schlafrocke und alten Pantoffeln umher und wirft ſich in der Eile in einen Oberrock, wenn er ausgeht. Seit ſeiner Rückkehr iſt er verſchloſſen und zugleich ſehr beſchäftigt. Geſtern ſagte er, daß er einen Mann erwarte, mit dem er etwas abzumachen habe, und als dieſer kam, erkannte ich in ihm einen alten Großhändler, den ich mal vor langer Zeit bei dem Conditor gegenüber traf. Er erzählte da⸗ mals, daß er ein Spielkamerad und Jugendfreund von Trolle ſei, den ich an jenem Tage zum erſten Male ſah. Ein paar Stunden ſpäter, als der alte Herr gekommen war, wollte ich zu Trolle gehen, da ich glaubte, er ſei nun allein; im ſelben Augenblicke begleitete er ihn hinaus, und ich hörte dieſen zu ihm ſagen:„„Ich danke Dir, mein guter alter Freund, für Dein Vertrauen und werde natürlich Deinem Willen Folge leiſten; aber be⸗ denke Dich wohl! Ich rathe von ſo großen Veränderun⸗ gen, namentlich in unſerem Alter, ab. So lange man lebt, muß man ſich nicht begraben laſſen.““—„„Sprich nicht ſo laut,““ antwortete Trolle, und da ich dieſe Worte hörte, zog ich mich zurück und durfte ihn ſpäter nicht fragen. Geſtern Abend war der Großhändler wie⸗ der bei ihm. Was mag das nur ſein? Es bennruhigt —— —.— —— 389 mich.“—„Ach, auch mich!“ rief Eliſe:„Ich halte ſo viel auf Herrn Trolle. Grüße ihn von mir; ſage ihm; daß ich mich herzlich nach ihm ſehne.“— Madame Berg war den übrigen Theil des Abends ſehr nachdenk⸗ lich, und als Werner ging, trug ſie ihm auf, Herrn Trolle zu bitten, daß ſie das Manuſcript noch ein paar Tage behalten dürfe, um es nochmals mit aller Be⸗ haglichkeit durchzuleſen.. So verfloß eine Woche, während welcher Trolle ſtill und zurückhaltend blieb; und ungeachtet Werner ſtets Gelegenheit ſuchte, mit ihm von der lebendigen Theil⸗ nahme zu ſprechen, welche ſeine Bekenntniſſe bei ihm er⸗ weckt, und ungeachtet er ihm Madame Bergs freundliche Worte mitgetheilt, war es doch nicht moͤglich, Trolle da⸗ zu zu vermoͤgen, ſich näher auf die Sache einzulaſſen, der er im Gegentheil auszuweichen ſchien. Werner wurde ganz verſtimmt und niedergeſchlagen, als Trolle eines Tages nach dem Mittageſſen, gerade als Jeder ſeiner Wege gehen wollte, zu ihm ſagte:„Wenn Du keinen Abhaltungsgrund haſt, heute Abend zu Hauſe zu ſein, ſo werde ich Dich erwarten, da ich mit Dir zu ſprechen wünſche.“— Mit freudiger und zugleich ängſtlicher Er⸗ wartung trat Werner bei ſeinem väkerlichen Freunde ein, der ihm mit ſeiner alten milden Herzlichkeit die Hand reichte und ihn neben ſich niederzuſitzen bat. Nach einer kleinen Pauſe ſagte Trolle:„Mein lieber Sohn! Ich denke, Du wirſt mich in letzter Zeit gewiß wunderlich und kalt gegenüber Deinen Verſuchen, mich zu erheitern, gefunden haben. Daß ich indeſſen nicht mit Kälte Deiner gedacht, davon hoffe ich Dich zu über⸗ zeugen. Du kennſt nun den Magnet, der die Fahrt meines Lebens gelenkt. Du kannſt Dir denken, daß ich die, um derentwillen ich wie ein ſchiffbrüchiges Wrack umhergetrieben, jetzt, da ich dem Hafen nahe bin, wo alle Stürme ſchweigen, nicht vergeſſen werde. Sie iſt nun frei, und mit Freuden denke ich daran, daß ich ihr 390 ein heitereres Schickſal ſichern kann, als ſie es in ihrem ganzen Leben genoſſen. Ihre älteren Tage und Deine Jugend glücklich zu machen, das find all' meine Wünſche. Ich habe meine Geldangelegenheiten in Ordnung gebracht. Durch einen Schenkungsbrief theile ich mein Vermögen zwiſchen Dir und ihr, jedoch mit gewiſſen Nebenver⸗ fügungen. Ich weiß, daß die Gräfin ihr väterliches Gut zu behalten wünſcht, wo ſie einen Theil ihrer Ju⸗ gend zugebracht. Es iſt nur ein kleines Gut; aber durch die Sorge eines braven Mannes, dem die Bewirth⸗ ſchaftung ſeit ein paar Jahren übertragen war, iſt es noch in ſo gutem Zuſtande, daß es mit den noͤthigen Hülfsmitteln ſich ſehr heben kann. Ich habe Alles arrangirt, und, wie ich hoffe, zu ihrer Zufriedenheit. Ich behalte mir ſelbſt eine jaͤhrliche Rente vor, die für meine Bedürfniſſe und Wünſche hinreicht. Ich ſorgte auch für meinen Thomas und einige Andere, die ich zu unter⸗ ſtützen pflege. Alles Uebrige ſoll nun ſogleich Dir und Gräfin Meerſtein gehoͤren. Einem verläſſigen Geſchäfts⸗ manne und alten Freund habe ich die Ausführung meines feſten Willens übertragen, Jedem von Euch das nicht un⸗ bedeutende Vermögen zu übergeben, das ich Euch ſchenke, und Euch in der Verwaltung deſſelben mit Rath und That beizuſtehen. In dem Documente, welches ich vor⸗ läuſig ausgeſetzt, bitte ich meine Freundin, Dich und Deine Eliſe als meine geliebten Kinder zu betrachten, Euch die Liebe einer Mutter zuzuwenden und Euch ihr Vermögen als ein väterliches Erbe zukommen zu laſſen⸗ das Euch gehoͤrig, wie ich Dir außerdem das Wenige teſtamentire, was ich etwa hinterlaſſen werde.“ Werner hatte dieſen Worten mit einem Staunen gelauſcht, das ihm die Sprache benahm.„Aber Du guter Gott!“ rief er jetzt:„Das iſt Deine Abſicht? Ich ſollte und müßte Dir danken; aber ich kann nicht, Du erſchreckſt mich ordentlich. Mir ſcheint, Du ſprichſt, als wollteſt Du uns ſogar verlaſſen.“—„Ja, mein Sohn, das habe — 391 ich im Sinne. Ich will meine letzten Tage bei meinem Freunde Rubach in Hannover zubringen. Gott ſei Dank! er lebt noch! Er hat gleichfalls mit ſeinen Kindern ge⸗ theilt. Sein älteſter Sohn iſt Eigenthümer ſeines großen Gutes, und er ſelbſt hat ſich auf einen kleinen, einſamen Landſitz zurückgezogen, wo er mich mit Freuden aufnehmen wird.“—„Nein, nie ſoll das geſchehen! Dein Edelmuth kann mich nicht glücklich machen. Auch wird Deine Freun⸗ din das Geſchend nicht annehmen, oder ſie wäre nicht die Clara, die Du mit ſo anmuthigen Farben gezeichnet. Wir ſollten Dich plündern? Deinen Reichthum genießen, ohne daß ihn unſer Freund und Vater mit uns theilte? Nein, nie!“—„Werner, ſei vernünftig, denke an Deine Eliſe. Du kannſt ſie ſogleich heirathen. Die Gräfin iſt ein Engel; in ihrer Nähe wirſt Du mich nicht vermiſſenz Du wirſt ihr wie ein Sohn beiſtehen, ihr Beſchützer ſein, ihr und Deiner Eliſe Leben verſüßen und unabhängig Deiner Kunſt leben.“—„O Gott! welch' ein glücklich Loos! welches Paradies, wenn Du darin lebteſt! Aber ohne Dich— nein, niel Nein, Du ſollſt ſelbſt Dein Vermögen behalten.⸗Wir werden nichts auf andere Weiſe annehmen, als wie Kinder von ihrem Vater, bei dem ſie leben. Wenn Du wüßteſt, wie Eliſe Dich liebt, wie es eine nothwendige Bedingung bei unſern Plänen für die Zukunft war, daß wir bei Dir lebten, um Dich zu pfle⸗ gen und zu lieben! Ach, weßhalb willſt Du Deine Kinder verlaſſen? Sage, weßhalb?“— Die Wangen des jungen Mannes gluhten. Thränen ſtanden in ſeinen Augen.—„Ja, ich will es Dir ſagen, obwohl ich fürchte, daß Du mich nicht verſtehen wirſt.— Jedes Menſchen Herz iſt, wie ich glaube, ein Myſterium für ihn ſelbſt; es gibt Gefühle, die er nicht ahnt, ehe ſie ein oder der andere Umſtand lebendig macht. Als ich nicht blos ge⸗ zwungen durch äußere Veranlaſſungen, ſondern aus dem Drange meines eigenen Herzens beſchloß, die Begebenheiten meines Lebens zu Papier zu bringen, erſchien es mir als 392 ein Troſt und als eine Erleichterung für meine Seele. Während ich ſie ſchrieb, hatte ich dieſelbe Empfindung; es war mir, als genöße ich das oft gewünſchte, nie er⸗ rungene Glück, mein Herz vor einem vertrauten Freunde auszuſchütten. Aber kaum dachte ich mir recht lebendig, daß nun dieſe meine innerſten Geheimniſſe geoffenbart, von andern als mir ſelbſt gekannt, der Name genannt ſei, den ich nie in dieſer Bedeutung ausgeſprochen, als eine eigenthümliche Veränderung mit mir vorging. Es war mir, als hätte ich das Heiligthum meines Herzens profanirt, ſelbſt die Thüre vor meinen hoͤchſten Wünſchen und der einzigen Quelle geſchloſſen, aus der ich in meiner Sehnſucht Linderung zu ſchöpfen gehofft: Das Glück, ſie wiederzuſehen. Ich habe vor Andern bekannt, was ich ſte nie wiſſen laſſen durfte. Ich habe ihr Wort, ihr Schickſal Andern, als meinem eigenen Innerſten erzähltz ich habe ſie meine Geliebte vor Andern als Gott genannt; ich habe den Schleier des heiligen Bildes zerriſſen, wie jener Unglückliche in Schillers Gedicht, und um nicht wahnſinnig wie er zu werden, muß ich mich in der Ein⸗ ſamkeit verbergen.— Ach, Du ſiehſt mich bereits für wahnſinnig an! Du verſtehſt mich nicht!“—„Ja, ich glaube Dich verſtanden zu haben. Aber laß es Dich nicht kümmern, Dir ſelbſt den Troſt gegönnt zu haben, den ſich jeder Menſch wünſcht: ſeinen Kummer einem treuen Freundesherzen anzuvertrauen, den Nebel zu zerſtreuen, der Dein Bild für die verdunkelte, die Dich lieben. Ach! ſind wir denn nichts, wir, Deine Kinder? Willſt Du Alles um ihres Schattens Willen verlaſſen, der Dir trotz all' ſeiner Vollkommenheit doch nur ein Schatten war?“ —„Ach, Werner! was ſprichſt Du doch für Wortel— Nein, ſch ſelbſt bin der Schatten, der ihr folgt und ohne ſie verſchwindet.“— Nach einer ſchlafloſen Nacht ging der junge Maler am nächſten Vormittage zu Madame Berg, in der Hoff⸗ nung, vielleicht bei ihr Rath zu finden, um Trolles Ent⸗ 393 ſchließung zu ändern. Er fand Eliſen bei der Großmutter, und als er das Geſpräch des letzten Abends berichtet, brach Eliſe in Weinen aus und ſagte:„Ach, wie kann doch unſer guter Herr Trolle ſo hart gegen uns ſein!“ Madame Berg hörte ſehr ruhig auf Werners Mittheilun⸗ gen und ſagte:„Ich hatte wirklich eine Ahnung, daß etwas derart geſchehen werde. Die Aeußerungen, welche Du kürzlich Abends über Trolles veränderte Stimmung fallen ließeſt, weckten meine Aufmerkſamkeit. Aber ich hoffe, ſeine übereilten Pläne ändern zu können. Grüße ihn von mir und bitte ihn, mich heute Abend zu beſuchen. Sage ihm, daß ich etwas auf dem Herzen habe, worüber ich mit ihm ſprechen moͤchte.“ Ungeachtet Trolle in ſeiner gegenwärtigen Stimmung ungerne und mitt einer gewiſſen Verlegenheit ſich Madame Berg näherte, ſo war ſeine Artigkeit gegen Damen doch zu groß, als daß er ſich nicht zur beſtimmten Zeit ein⸗ gefunden. Auch verſchwand bald jedes unangenehme Gefühl bei der unverkennbaren Freude und Theilnahme, mit der ihn die alte Freundin empfing. Sie begann das Geſpräch ſogleich mit dem herzlichſten Danke für die väterliche Guͤte gegen ihre Enkelin und Werner, ſuchte ihn jedoch, wie dieſer Letztere, zu überzeugen, daß ſein Entſchluß dem jungen Paare den höͤchſten Werth ſeiner Wohlthat raube. Endlich ſagte ſie:„Da Sie für alle unſere Vorſtellungen taub ſind, ſo weiß ich doch ein kleines Wort, das, wie ich hoffe, eine Zauberformel wer⸗ den ſoll, die alle Verwirrung löſt. Clara iſt hier an⸗ gekommen. Sie wünſcht Sie zu ſehen, und Sie werden doch nicht vor der fliehen, der Sie Ihr ganzes Leben überallhin gefolgt ſind?“ Trolle fuhr zuſammen, und ſo entſtand eine Pauſe. Endlich ſagte er mit gepreßtem Tone:„Ja, liebe Freundin! das will ich! Ach, dieſe Nachricht, die mich vor wenigen Wochen in den dritten Himmel verſetzt, beſchleunigt meine Flucht!“—„Wie?“— „O können Sie, die Sie ein ſo feines Gefühl haben, ſich 394 nicht in meine Lage verſetzen? Wenn ſie wüßte, daß ich es gewagt, meine ſtumme Liebe zu offenbaren, ſie als etwas zu bezeichnen, das ich mir angeeignet, daß ich einen Augenblick geahnt, ſie erwiedere meine Gefühle, daß... ich kann den geliebten Namen nicht mehr nennen, den ich profanirt, ich müßte vor Schaam vergehen. Ach! und wie arm und elend erſchien ich mir, als ich mein ver⸗ geudetes Leben in der Erinnerung an mir vorübergehen ließ!— Nicht meiner Liebe zu ihr ſchäme ich mich— nein, es iſt das Einzige, deſſen ich mich rühmen kann— ſondern des Gebrauchs, den ich von einem ſo heiligen Gefühle machte, das mich haͤtte veredeln, mir ein Sporn zu edler Thätigkeit hätte ſein ſollen, ſtatt die Kräfte und Mittel zu lähmen, die mir ein günſtiges Schickſal ge⸗ goͤnnt. Welche Unwürdigkeit, trotz ſo mancher bittern Erfahrung dennoch jeder Illuſion, jedem Selbſtbetruge nachzugeben. Welche Kränkung für das geliebte Ideal, es nicht blos in edeln, ſondern auch in unedeln Gegen⸗ ſtänden zu ſehen. Welche Grauſamkeit, ein Weſen wie Joſepha, wie Marianne, dem feigen Wunſche, ſeine ei⸗ gene Sehnſucht und ſeinen eigenen Schmerz zu lindern, unbarmherzig aufzuopfern! Zu ſpät find meine Augen geöffnet worden. Und Clara, dieſe reine, dieſe hohe Weiblichkeit, wie müßte ſie den Mann verachten, der nichts Anderes, als feig und unmännlich war!“— „ Lieber Trolle! Ihr ſtrenges Urtheil über Sie ſelbſt be⸗ nimmt mir faſt den Muth zu einem Geſtändniß, das ich Ihnen zu machen habe. Ich fürchte, daß Sie mich des Mißbrauchs Ihres Vertrauens beſchuldigen werden, wenn ich geſtehe, daß ich... freilich in der Abſicht, Sie daran zu hindern, daß Sie uns verlaſſen, Clara das Mannſeript anvertraut habe. Sie hat es geleſen, ſie weiß Alles. Hier iſt es; ich gebe es Ihnen mit der Bitte, meine Kühnheit zu entſchuldigen, zurück.“ Mit dieſen Worten zog Madame Berg das Manuſeript heraus und übergab es Trolle, der es wie verſteinert 395 empfing. Sie legte es auf den Tiſch vor ihn und beide ſchwiegen mit niedergeſchlagenen Augen. Plötzlich ergriff Trolle das Manuſcript und ſagte mit einer Stimme, in der man ſein Herz ſchlagen hoͤren konnte:„Sie hat dieſe Blätter in ihren Händen gehalten, ihre Augen haben auf ihnen geruht, ſie hat in meiner Seele geleſen!“ Er warf das Manuſcript von ſich, ſchlug ſich vor die Stirne und ſagte:„O Gott, was wird ſie ſagen?“ Madame Berg erhob ſich und während ſie nach der Thüre zu ihrem Schlafzimmer ging, welche, ohne daß es Trolle bemerkte, nur angelehnt war, antwortete ſie:„Das mag Ihnen Clara ſelbſt ſagen.“ Sie oͤffnete die Thüre und mit leiſen Schritten trat eine Dame ein, deren feine Geſtalt und ganzes Ausſehen vollkommen Trolles Ver⸗ gleich mit der lange friſch erhaltenen Roſe rechtfertigte. Madame Berg ſchloß die Thüre hinter ſich und ent⸗ fernte ſich. Clara blieb einen Augenblick mit verſchämter, aber doch zugleich bewegter Miene ſtehen. Trolle, der an⸗ fangs erſchrocken war, wurde nun wie von einer magne⸗ tiſchen Kraft zu ihren Füßen hingezogen. Stumm und demüthig beugte er ſich beinahe bis zur Erde, ohne es zu wagen, den Saum ihres Kleides zu berühren. Mit ſanfter Stimme ſagte er:„Erheben Sie ſich, lieber Trolle! Laſſen Sie uns mit Ruhe einander gegenüberſte⸗ hen.“— Sie gab ihm die Hand und führte ihn zu ei⸗ nem Stuhl, wo ſie ſich an ſeine Seite ſetzte. Sie ſahen einander mit einer gewiſſen Verlegenheit an. Trolle faßte ſich und ſagte:„Frau Gräfin!.... Ach! laſſen Sie mich ſagen: Geliebte Clara!.... ſprechen Sie doch ein Wort zu Ihrem zerknirſchten Freunde!— Ach Gott! was darf ich wohl hoſſen, daß Sie ſagen koͤnnen oder werden?“— Eine tiefe Röthe übergoß die blaſſen Wan⸗ gen Claras, als ſie Trolle anſah und mit ihrer melodi⸗ ſchen Stimme ſagte:„Ich will des Erloͤſers Worte zu gebrauchen wagen:„Wer viel liebt, dem wird auch viel 396 vergeben.“—„O Claral iſt es möglich? Hoͤre ich dieſe verſöhnenden Worte von Ihren geliebten Lippen? Verachten Sie mich nicht?“—„Sie verachten? O mein Gott! Sie, der von meiner Jugend an und bis zu dieſer Stunde mich wie ein guter Schutzgeiſt umſchwebte; Sie, der ſo manche Sorge und Gefahr von mir ab⸗ wandte; Sie, in dem ich den unbekannten Freund finde, auf den ich in ſo mancher ſtillen Stunde mit erleichter⸗ tem Herzen den Segen des himmliſchen Vergelters herab⸗ flehte; Sie, deſſen beſcheidene Liebe, deſſen unvergleichliche Treue mein ganzes Leben glücklich gemacht, wenn nicht feindliche Mächte um und in uns uns von einander ent⸗ fernt hätten!“—„Iſt es möglich?“ rief Trolle: „Träume ich nicht? Iſt mir ein ſolcher Augenblick noch vergoͤnnt als reicher Erſatz für ein Leben voll Entbeh⸗ rung und Sehnſucht?“ Er warf ſich Clara zu Füßen, ohne daß ſie es hindern oder ihn bewegen konnte, aufzu⸗ ſtehen, er küßte ihre Hände, die ſie ihm reichte und netzte ſie mit Freudenthränen.„Mein Freund,“ ſagte ſie ge⸗ rührt:„Wir ſind beide alt. Wir begegnen uns wieder an dem Ende der Bahn und die kleinlichen Convenienzen, die uns während des ganzen Lebens in Banden gehalten, haben keine Macht mehr über uns. Ich bin Ihnen ein Geſtändniß ſchuldig, das all' der Lohn iſt, den ich für die Liebe zu geben vermag, die Sie mir geſchenkt: Unſeres Freundes Rubachs Aeußerungen über meine Gefühle ſind durchaus wahr. Ich habe Sie geliebt, ja ich will ehrlich geſtehen: ich habe nie einen andern Mann geliebt, als Sie. Aus Freundſchaft, aus Dankbarkeit gegen Graf Meerſtein, aus eitler Freude über ſeinen miiitäriſchen Nuhm, vielleicht aber am meiſten aus Elferſucht auf Ihre Untreue gab ich dem Grafen meine Hand. Ihre Ge⸗ ſtändniſſe entlockten mir die meinen und friſchten die alten Erinnerungen in meinem Herzen auf.“ Trolle war wie berauſcht von Freude. Mit Begeiſte⸗ rung ſegnete er ſein Schickſal und ſagte endlich:„Ihre 2* — 397 Worte flößen mir einen vielleicht allzu dummdreiſten Muth einz aber ach! wenn Sie wollten, ſo iſt nichts ver⸗ loren, denn weniger Tage Glück wiegt die Sorgen eines halben Jahrhunderts auf; und die Veränderungen, die die Zeit mit ſich gebracht, haben keine Macht, wenn das Herz nur unverändert geblieben iſt. Ach! wäre es möglich, daß Sie ſich zu mir herablaſſen, edelmüthig den Unter⸗ ſchied des Standes und den noch groößeren unſeres per⸗ ſöͤnlichen Werthes vergeſſen koͤnnten? Würden Sie es nicht verſchmähen, die letzten Tage des alten Liebhabers zu verſchönern und ihn durch die Erfüllung ſeiner kühnſten Jugendwünſche zu verjüngen? Würden Sie mir dieſe Hand ſchenken, die ich zitternd an mein Herz drücke, das durch mein ganzes Leben Ihnen angehoͤrt?“— Eine hohe Röthe färbte Claras Wangen, Thränen zitterten in ihren ſanften Augen, während ſie antwortete:„Ach Trolle! Wir in unſerem Alter!“—„Ich ſehe wohl ein, Sie fürchten den Spott der Welt; aber kann dieß ein Hin⸗ derniß...“ Clara unterbrach ihn:„O nein, meine Gründe kommen aus einer tieferen und inneren Quelle. Ach! mein Freund! wie ſchmerzt es mich, wenn meine Worte Sie betrüben ſollten, aber ich bin Ihnen, Wahr⸗ heit in ſo ernſter Sache ſchuldig. Meine Liebe zu Ihnen hat ſich durch die Sorgen und Wechſelfälle ſo mancher Jahre von den Gefühlen gelaͤutert, die, wie wir anneh⸗ men, mit den Leidenſchaften des irdiſchen Lebens erſter⸗ ben. Es iſt die Zärtlichkelt einer Schweſter, wärmer, als dieſe, aber rein, wie dieſe. In meinen früheren Jahren war es mir ſüß, Sie Bruder zu nennen: als ein ſolcher haben Sie ſchützend über mir gewacht. O laſſen Sie mich immer einen geliebten Bruder in Ihnen finden! Scheint Ihnen nicht ſelbſt jedes andere Verhältniß in unſrem Alter anſtößig für unſer Gefühl?“—„O Clara! wie muß ich meine Jugend bereuen! Nur mein unglück⸗ liches Alter trennt mich jetzt von Ihnen.“—„Nein, nicht blos unſer Alter, ſondern etwas noch viel Wichtige⸗ 398 res.“ Sie hielt inne.—„Sprechen Sie, ich bitte Sie!“ ſagte Trolle:„Fürchten Sie nicht, mich zu ver⸗ wunden! Laſſen Sie die ganze Wahrheit in dieſer Stunde ans Licht kommen.“— Mit verſchämter Miene ſagte Clara:„Wenn wir auch jung wären, wie dürften wir ein Glück ergreifen, das wir nicht in ſeiner Reinheit ge⸗ nießen koͤnnten? Unſere Liebe war an ſich rein und gut, aber ihre Folgen waren es nicht. Müßten wir nicht fürchten, Joſephas und Mariannens Schatten in manchen Augenblicken zwiſchen uns treten zu ſehen? Dürften wir, ohne den Frieden unſeres Gewiſſens zu ſtören...“— „Ach Clara! Claral mein Gewiſſen meinen Sie; denn das Ihre iſt rein wie das eines Engels.“—„Nein, mein Freund! kein Menſch iſt gerecht vor Gott; aber ſelbſt wenn ich es wäre, würde es mich hindern, wirklich Reue über Ihre Verirrungen zu fühlen? Sehen Sie, wie lieb Sie mir ſind. Ich habe Sie in mein Gewiſſen aufgenommen, in mein innerſtes Herz.“— Mit Begeiſte⸗ rung rief Trolle:„Ach, geliebte Clara! Sie machen mich in all' meinem Unglücke glücklich!“—„Hören Sie mich, mein theurer Freund! Laſſen Sie mich die Pläne für die Zukunft überlegen. Ich kenne Ihre edeln Abſichten zu meinen und Ihres adoptirten Sohnes Gunſten. Ich nehme mit Dank eine ſo große Güte von einer Hand an, von welcher ich ſchon ſo vieles empfangen, aber ich nehme es nur unter derſelben Bedingung, wie Ihr Sohn: wir wol⸗ len eine Familie bilden. Unſere jungen Freunde werden Sie in Ihrem Hauſe etabliren; ich gebe mich bei Eliſen in die Koſt, ſie iſt meiner beſten Freundin Enkelin und niemand wird Grund zu elnem Aergerniß darin finden. Ich liebe das anmuthige Mädchen bereits und Ihr Sohn ſoll mir den erſetzen, den ich früh verloren. Sie aber ſollen des Hauſes Herr ſein, und auf meinem kleinen Gute, welches eigentlich das Ihre iſt, wird ſich ein neuer Wirkungskreis für Sie oͤffnen. Wenn wir es be⸗ ſuchen, werden ſeine Bewohner Ihnen entgegenkommen 399 und Sie als Vater und Wohlthäter ehren. Wir aber werden Sie in Liebe umringen und für unſer gemein⸗ ſchaftliches Glück leben.“—„Ja, geliebte Clara! Alles ſoll nach Ihrem Willen geſchehen, er iſt und ſoll mir Geſetz ſein. Ja, ich bin glücklicher, als ich verdiene. Mein Herz öͤffnet ſich jenem Segen, den es nie gekannt.“ Mit einem Ausdruck von Freude ſagte Clara:„So laſſen Sie uns nun zu unſern Freunden gehen, unſern Kindern das Glück verkünden, das wir ihnen zu bereiten hoffen und uns über ihre junge Liebe freuen, während wir ſelbſt als liebende Verwandte in die Welt treten. Ach, erinnern Sie ſich meines Fiebertraumes, in welchem ich ſah, daß das gefürchtete Grab hell und freundlich würde, weil ich es mit Ihnen theilte?— Prophetiſch war mein Traum: Im Tode erwartet uns der Lohn für unſre Liebe.“—„Sie entzücken mich!“ rief Trolle:„O glücklich der, der in meinem Alter die Geliebte ſeiner Jugend als den Friedensengel wiederfindet, an deſſen Hand er zu den Füßen des Erloſers geführt zu werden und Gnade zu finden hoffen darf!“— Ende. — —