1 8 3 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otfmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und JSSeſeßedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Nk.—f. „ 3 3 „„—„ 3„—„„—=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werk. s, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Aasloinererſ. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — Die Novellen des Verfaſſers der,Alltagsgeſchichte.“ Däniſch herausgegeben von J. L. Heiberg. Deutſch von Dr. Edmund Boller. Sechstes bis eilftes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Zwei Zeitalter. Novellen. II. 1 2 r Man ſieht bisweilen, daß Aeltern ihren Kindern einen Taufnamen geben, der Erwartungen weckt, welche die Kinder bei ihrem ſpaͤteren Eintreten in die Welt nicht— zu erfüllen vermögen und der für ſie deßhalb nur ein Stein des Anſtoßes mehr auf ihrer Lebensbahn wird. Ich könnte vielleicht ein ähnliches Schickſal für die vor⸗ liegende Novelle befürchten, deren Titel und Anfang die Vermuthung einer politiſchen und hiſtoriſchen Tendenz wecken kann: aber eine ſolche ihr zu geben, lag weder in des Verfaſſers Abſicht, noch Vermögen. Der Gegenſtand, den ich behandeln wollte, find nicht jene großen Ereigniſſe, welche das Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts ſo gewaltig erſchütterten und unſre Tage noch beunruhigen, nicht der Widerſchein jenes furchtbaren Ge⸗ witters in unſrem Vaterlande, auch nicht die kalte und neblige Luft, die es hinterlaſſen, ſondern nur, was ich den häuslichen Reflex davon nennen möchte, die Wirkung, die es auf das Familienleben, die Privatverhältniſſe, die Mei⸗ nungen und Anſchauungen der Einzelnen ausgeübt, ein Einfluß, von dem Jeder bewußt oder unbewußt, berührt wurde. Proſper Merimée, die Perle in Frankreichs gegen⸗ wärtiger ſchöner Literatur, ſagt in der Vorrede zur Chro- nique du temps de Charles IX: „Es iſt ſonderbar nach meiner Anſicht, die Sitten jener Zeit mit den unſrigen zu vergleichen und bei dieſen letzten einen beſondern Werth darauf zu legen, daß die energiſchen Leidenſchaften zum Beſten unſrer Ruhe und vielleicht auch unſres Gluͤckes abgenommen haben. Es 4 bleibt noch die Frage, ob wir beſſer ſind als unſre Vor⸗ fahren, und die Antwort darauf iſt nicht ſo leicht, denn in den verſchiedenen Zeitaltern ſind die Meinungen bei Beurtheilung derſelben Handlungen ſehr von einander ab⸗ weichend. So ſieht man, daß in den Jahren 1500 ein Mord oder eine Vergiftung lange nicht das Aufſehen machte, wie in unſern Tagen. Ein Adeliger ermordete ſeinen Feind meuchlings: der Mörder bat um Gnade, er⸗ hielt ſie und zeigte ſich wieder bei Hofe, ohne daß es Je⸗ manden eingefallen wäre, ihm ein ſaures Geſicht deßhalb zu machen. Bisweilen ſogar, wenn der Mord von gerech⸗ ter Rache hervorgerufen war, ſprach man von dem Thä⸗ ter, wie man jetzt von einem Mann von Ehre ſpricht, wenn er von einem elenden Menſchen gekränkt, dieſen im Duell ermordet.“ Dieſe Aeußerung über das Verhältniß der Jetzt⸗ zeit zu einem ſo fernen Jahrhunderte, ſcheint mir noch anwendbarer, wenn von weit näheren Perioden von welthi⸗ ſtoriſcher Bedeutung die Rede iſt. Es läßt ſich kaum in Abrede ſtellen, daß eine große Veränderung in unſern Sitten und Meinungen im Verlaufe der letzten 50 bis 60 Jahre vorgegangen, obwohl es auf der andern Seite den Schein hat, als ob ſich daſſelbe nur in veränderter Form beſtändig wiederholte. Z. B. würde eine verhei⸗ rathete Frau, von der allgemein bekannt, daß ſie einen begünſtigten Liebhaber hat, in jener Zeit nicht weniger gut in der Geſellſchaft aufgenommen worden ſein, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſie im Uebrigen die Anforderungen derſel⸗ ben erfüllte und folglich das Decorum bewahrte; wogegen eine Frau, der durchaus kein verbotenes Verhältniß vor⸗ geworfen werden könnte, die ſich aber nicht ſcheute, mit Geringſchätzung von ihrem Gatten zu ſprechen, oder ſich in Wortſtreit mit jungen Herren über ihre geheimen Lie⸗ besabenteuer einzulaſſen, aus den gebildeten Kreiſen aus⸗ geſchloſſen würde,— als eine für dieſe unpaſſende Per⸗ ſon. Heutiges Tags findet ungefähr das Gegentheil ſtatt. 5 Ferner: Wenn in jener Zeit ein Mann wagte, in Geſell⸗ ſchaft von Damen kecke, ja beinahe zweideutige Anſpie⸗ lungen in das Geſpräch zu miſchen, ſo fand er leicht Verzeihung, ja ſogar Beifall, ſolange ſeine Aeußerungen in die epigrammatiſche Form des Witzes oder der Galanterie gekleidet waren, wogegen ſelbſt dieſer Vorzug ihn heuti⸗ gen Tages nicht vor dem Unwillen der Geſellſchaft ſchü⸗ tzen würde. Wenn jedoch Jemand vor einem halben Jahrhundert ſich den rückſichtsloſen, unbeſcheidenen und rohen Ton erlaubt hätte, der jetzt als freie Lebensan⸗ ſchauung, als eine aufgeklärte Verachtung veralteter Formen Eingang findet, ſo würde ihn nichts vor der Ausſtoßung aus der guten Geſellſchaft gerettet haben, da er allgemein als ein Menſch ohne Erziehung angeſehen worden wäre. In unſern Tagen wird hingegen ein Liebhaber die Macht der äußeren Verhältniſſe als überwiegend betrachten und ſeine Liebe ihnen untergeordnet ſein laſſen. Beide können ſie auf dieſen von einander verſchiedenen Wegen ſich ſelbſt und den Geliebten verderben, und beide können ſie nichts deſtoweniger von der wahren und innigen Liebe durchdrun⸗ gen ſein, ja ſelbſt eine ritterliche Geſinnung beſitzen. Die Macht dieſes Zeitgeiſtes über die innerſten Ge⸗ fühle des Individuums, über alle ſeine Privatverhältniſſe und ihr Urtheil über ſich ſelbſt und Andre, der ſchneidende Gegenſatz, in welchem dieſelben menſchlichen Leidenſchaf⸗ ten, Tugenden und Schwachheiten, in den verſchiedenen Zeitläuften hervortreten,— das iſt es, was ich ſchildern wollte, wie es ſich nach meiner und Anderer Erfahrung dargeſtellt hat. Aber hiebei darf nicht außer Auge ge⸗ laſſen werden, daß die Novelle ihre Grenzen hat, daß ſie ſich zum Roman wie das Genrebild zum Hiſtorienbilde verhaͤlt. Und bei dieſem Anlaß erlaube man mir, folgende vor langer Zeit ausgeſprochenen Worte zu wiederholen: Ich ſehe wohl ein, daß es höhere Aufgaben gibt, aber dieſe möchten leicht über die Grenzen der Novelle hinaus⸗ führen; und jedenfalls träume ich mir nicht, wie der 6 Adler zu den Regionen auffliegen zu können, wohin das unbewaffnete Auge nicht fliegen kann; nein, der Verfaſſer der Alltagsgeſchichte baut wie die Schwalbe an der Menſihen Häuſer und ſtimmt da ſein anſpruchsloſes ied an.. Die Kevolutionszeit. Es war im letzten Decennium des vorigen Jahrhun⸗ derts, in der blutigſten Periode der franzöſiſchen Revo⸗ lution, als die neugeſchaffene Republik eine Geſandtſchaft nach Dänemark ſchickte, um von dieſem neutralen Lande ſich auf diplomatiſchem Wege die Anerkennung zu ver⸗ ſchaffen, welche die ſiegreichen Waffen ihnen in den krieg⸗ führenden Staaten verſprachen. Graf A. P. Berndorff, bemüht ſein edles Werk, Dänemark als eine blühende Oaſe mitten in dem ſturmvollen Wüthen des Krieges zu bewahren, mit mächtigem Arme zu fördern, ſah von ſeinen individuellen Anſichten über die Ordnung der Dinge, wie ſie damals in Frankreich herrſchte, ab; er nahm dieſe Fremden mit Wohlwollen auf und ſuchte Frankreichs Wünſche mit den Intereſſen des Nordens zu vereinigen. Außer der eigentlichen Geſandtſchaft ſchickte die Republik noch drei ſogenannte Commiſſäre, deren Auf⸗ trag dem Verlauten nach darin beſtand, Aufkäufe von Getreide zu machen, um die franzöſiſche Armee damit zu verſehen; unter dieſen Mannern hatte jedoch, wie es ſchien, wenigſtens Einer auch diplomatiſche Geſchäfte. Einzelne andre Landsleute kamen in ihrer Begleitung mit, ab und zu folgten noch mehre, theils als Abgeſandte, theils als Reiſende und ſowohl an oͤffentlichen Orten, als auf der Straße ſah man ſie ſehr häufig, oft in ziemlich großer Anzahl, wodurch die Aufmerkſamkeit ſtets auf ſie gezogen wurde. Die franzöſiſche Revolution hatte die Ge⸗ müther in dem Grade ergriffen, daß kaum Jemand, wel⸗ chen Alters, Geſchlechtes oder Standes er ſein mochte, dieſen Franzoſen mit ihren dreifarbigen Kokarden begeg⸗ nete, ohne einen wohlwollenden oder gehäſſigen Blick auf ſie zu heften, und ſo anſpruchslos und beſcheiden ſie auch einhergingen, blieb die Maſſe doch auf Gaſſen und Stra⸗ ßen ſtehen, und ſah ihnen nach, als ob ſie aus dem Monde kämen; und der heftige, oft zu Streit ausartende Wortwechſel, der in den meiſten Kreiſen über die große Frage entſtanden war, welche in jenem Augenblick den gebildeten Theil der Geſellſchaft bewegte, ſchien bei dem Anblick dieſer Republikaner neuen Nahrungsſtoff zu ge⸗ winnen. Bekanntlich zeichneten ſich zu jener Zeit die Fran⸗ zoſen im Allgemeinen durch guten Ton, Leichtigkeit und Grazie im Umgang aus. Die hier Genannten recht⸗ fertigten bei jeder Gelegenheit dieſen Ruf und Diejenigen unter ihnen, welche man die Anführer der kleinen Truppe nennen konnte, waren nicht blos liebenswürdige Menſchen, ſondern auch talentvolle wiſſenſchaftlich gebildete Männer. Sie wurden bald geſucht und in die verſchiedenſten Kreiſe der Geſellſchaft eingeführt: alle literariſchen Notabilitäten und Künſtler ſchloſſen ſich ihnen aus natürlicher Sym⸗ pathie an und unſer— in jener Periode— glänzender und gaſtfreier Han delſtand nahm ſie mit offenen Ar⸗ men auf.— In den wohlbekannten reichen Häuſern, wo Fremde von allen Ländern eine feſtliche Aufnahme fanden, trafen ſie in einen, wenn auch nicht freundſchaftlichen, ſo doch durch die Gaſtfreundſchaft und den guten Ton geſchützten Verkehr mit den Diplomaten der Frankreich feindlich geſinnten Großmächte. Ihre Geſchäfte brachten ſie außer⸗ dem mit verſchiedenen Handelshäuſern in Berührung— ſelbſt ſolche vom zweiten Range nicht ausgenommen. In einem von dieſen, in einer vermöglichen Kauf⸗ 9 mannsfamilie, die ihren Wohlſtand bisher nur in einer ziemlich beſchränkten Sphäre genoſſen, war es auffallend, welch' neues Leben, welch' neue Gewohnheiten und neue Anſchauungen mit dieſen Fremden nach und nach im Hauſe Eingang gefunden. Eines Sonntags ſaß dieſe Familie, nach beendigter Mittagsmahlzeit, um den Kaffeetiſch. Außer dem Groß⸗ händler Waller, einem Manne in den beſten Jahren, ſei⸗ ner noch jungen, hübſchen Frau und ſeiner noch ſchönern, ſehr jungen Nichte, waren drei von des Hauſes täglichen Gäſten anweſend: nämlich der Bruder des Großhändlers, Juſtizrath Waller, königlicher Beamter, ſein Sohn Ferdinand, ein Student der Rechte, und der Crimi⸗ nalgerichtsadvokat Dalund, ein Mann mit kluger, höchſt intereſſanter Phyſiognomie. Dieſe ſechs Perſonen ſaßen ganz ſtumm, als ob jedes nur in ſeine eignen Gedanken vertieft wäre. Die Hausfrau, mit der Zubereitung des Kaffees beſchäftigt, ließ indeſſen verſtohlene Blicke über die Geſellſchaft hingleiten, während ihr mildes Auge mit einem beſonders melancholiſchen Ausdruck vorzüglich auf dem Advokaten haftete, der ſeinerſeits dieſe Blicke mit einer Miſchung von Zärtlichkeit und Verdrießlichkeit be⸗ antwortete. Der Diener ging mit einem Präſentirteller mit Kaffeetaſſen umher und bot ſie den im Kreiſe ſitzen⸗ den Herren an. Der Juſtizrath nahm eine derſelben, in⸗ dem er ſagte:„Na, in Gottes Namen! Das iſt auch eine von den neuen Moden! In alten guten Zeiten, da war Rahm und Zucker ſchon in den Taſſen, jetzt hat man ſelbſt die Mühe. Damals bekam man die Taſſe ordent⸗ lich voll, aber verſteht ſich Kaffee, nicht Extract, wie dieſe ſchwarze Mixtur, die einem das Herz zerreißen kann. Darf ich bitten, mir dieſe Taſſe mit Waſſer zu füllen,“ fügte er hinzu. Madume Waller ſtreckte die Hand dar⸗ nach aus und ſagte freundlich:„Vergeben Sie, lieber Schwager! Ein ander Mal, werde ich mir merken, wie Sie es wünſchen.“ 10 Sie brachte ihm ſelbſt die Taſſe und fügte hinzu: „Ich fürchte, daß ich heute überhaupt unglücklich darin war, Ihren Geſchmack zu treffen, denn ich bemerkte bei Tiſche, daß Sie die Speiſen kaum berührten.“ „Liebe Schwägerin,“ antwortete der Juſtizrath ver⸗ bindlich, indem er ihre kleine, feine Hand küßte:„Ihre Küche war heute, wie immer vortrefflich, aber ich hatte meinen Appetit verloren, weil wir ſo lange auf unſer Eſſen warteten. Sie wiſſen wohl, daß wir in früheren guten Zeiten um zwei Uhr ſpäteſtens zu Mittag ſpeiſten, ſtatt daß wir jetzt hier im Hauſe, nach den neuen fran⸗ zoͤſiſchen Moden, erſt um drei Uhr oder noch ſpäter zu Tiſche gehen.“ „Das thut mir leid, lieber Schwager! Aber Waller wünſchte dieſe Veränderung. Man ſpeiſt jetzt allgemein ſpäter und Wallers Geſchäfte in neuerer Zeit...“ „Ja, und ſein Umgang in neuerer Zeit und die ver⸗ wünſchten franzöſiſchen Moden der unſeligen neueren Zeit, in Folge deren Sie z. B. ihren Mann nicht mal, wie ſonſt„„mein Mann““, oder„„Peter““ nennen dürfen, wie er in der Taufe genannt wurde, ſondern ihn mit ſeinem Famillennamen„„Waller““ tituliren. Sie ſollten lieber Herr Waller ſagen.“ Die wackere Frau ſchwieg, und da der Großhändler, der ſich indeſſen mit dem Advokaten unterhalten, näher trat, ging ſie ſtill an ihren Platz zurück. „Was zum Teufel iſt denn das?“ ſagte der Groß⸗ händler lächelnd:„ich glaube, Du zankſt meine Frau aus, Du biſt ja vor der Zeit ſchon ein alter Griesgram geworden.“ „Kann wohl ſein, es kommt von den traurigen Zeit⸗ verhältniſſen her.“ „Ach, was! Zeit! Es ſind ganz gute Zeiten, in denen wir leben, Zeiten für rechtſchaffene Leute, aber nicht für König, Adel und Prieſter. Nun iſt die Reihe am Kern 11 des Volkes. Wir ſollten dem Herrn danken, falls es einen gibt.“ „Na, das iſt eine hübſche Rede!“ „Hoͤrel wir wollen heute nicht mehr disputiren. Sei vernünftig! komme morgen in unſre Geſellſchaft. Wir wollen recht heiter ſein, nichts ſoll fehlen. Wir machen uns einen guten Tag mit unſern braven franzöſiſchen Freunden.“ „Ja, das brave franzoͤſiſche Geld, was Du durch Deinen Handel mit ihnen verdienſt, das läßt Dich ver⸗ geſſen, daß ſie Königsmoͤrder, blutige Raubthiere ſind, die Du zu Tiſche einladeſt.“ „Was ſoll das!“ rief der Großhändler aufgebracht: „Geld, ſagſt Du, ſollte mich bewegen! mich, der für die Freiheit ſo begeiſtert iſt, mich, der Leben und Blut für Robespierre geben würde.“ Die andern Herren näherten ſich und der Advokat ſagte:„Nein, er hat zu viel edles Blut vergoſſen, als daß ein braver Mann auch nur einen Tropfen um ſeinet Willen hingeben ſollte.“ „Bravo, vernünftiger Mann!“ rief der Juſtizrath: „Ja, Sie halten es mit mir, der täglich ſagt, daß die danzaſiche Revolution aus der unterſten Hoͤlle entſprun⸗ gen iſt.“ „Nein, Herr Juſtizrath, weit entfernt. Ich ſehe die franzöſiſche Revolution für ein Donnerwetter an, das die dicken Dünſte abgeklärt hat, die ſich Jahrhunderte lang an dem Horizonte des Menſchenlebens geſammelt. Ein furchtbares Ungewitter, wo es rast, aber wohlthätig in ſeinen Wirkungen; ein Blitzſtrahl, der ſo manche drückende Feſſel brach; eine Umwälzung, die zum Fortſchritte des Menſchengeſchlechts nothwendig war und folglich nicht ein Werk einzelner Menſchen, ſondern eine höhere Noth⸗ wendigkeit in des Schickſals Hand— oder der Vorſehung, wenn Sie ſo lieber wollen.“ „Nun,“ ſagte der Großhändler,„nun iſt die Reihe an mir zu rufen; Bravo, vernünftiger Mann!“ 12 „Ach!“ ſagte ſagte der Advokat und zuckte mit der Schulter:„Ich fürchte, es geht mir wie den Giron⸗ diſten, ich verderbe es mit beiden Parteien, denn ich muß geſtehen, daß, wenn ich an die Grauſamkeiten denke, die alles menſchliche Gefühl empörenden Abſcheulichkeiten, welche unter dem Namen der Geſetzlichkeit in dem unglück⸗ lichen Frankreich begangen werden, ſo kommt es mir manch⸗ mal vor, als ob böſe Mächte in dem ſchönen Lande hausten und rasten.“ „Ja, ja!“ rief der Juſtizrath,„das iſt eine verdiente Züchtigung für das ruchloſe Land. Die Freiheitsmänner ſollen es nur verſuchen, was es heißen will, die große Maſſe loszulaſſen, wie eine Koppel wilder Bluthunde. Ich ſcheere nun alle Franzoſen über einen Kamm, ich moͤchte wünſchen, ſie hätten alle einen Kopf und der Satan, ihr wahrer Fürſt, baute eine Gulllotine ſo groß, daß der Hals, an dem der Kopf hing, ſo abgehauen wer⸗ den koͤnnte, daß das ſchlechte Blut ſogleich in den Sund hinunterfloͤße und ich ſtünde bei der Zollbude, um meine Augen an den rothen Wogen zu weiden.“ Der Großhändler rief heftig:„Das ſind infame Worte, die Du da ausſprichſt. Die große Maſſe iſt allerdings furchtbar in ihrer Rache, aber ſie iſt es auch, welche gedul⸗ det und gelitten hat und nun Gerechtigkeit übt.“ „Gerechtigkeit?“ fragte der Advokat:„ja, ſo üben auch die wilden Naturkräfte Gerechtigkeit, wenn ſie Län⸗ der und Menſchen verderben. Sie ſind willenlos, und das iſt der Pöbel auch: aber es geht bisweilen neue Fruchtbarkeit aus dem vulkaniſchen Erdreich hervor und ich hoffe auch, daß aus alle dem etwas ſehr Gutes für die Welt entſpringen werde und wir köͤnnen bereits nicht leugnen, daß mehr als ein drückendes Kreuz durch die franzoͤſiſche Revolution und die liberalen Grundſätze, welche ſeit den Zeiten des amerikaniſchen Krieges in den civili⸗ firten Ländern Eingang gefunden, von den Schultern der Menſchheit genommen worden. Zum Beiſpiel die häusliche 13 Despotle, vielleicht die unerträglichſte von allen, unter der Kinder und Dienſtleute in den meiſten Familien ſeufzten. Aber wenn man nun dagegen behauptet, die Familien⸗ bande ſeien durch das Beiſpiel Frankreichs gelockert, ſo thut man dieſem Lande Unrecht, denn die Franzoſen ſind im Allgemeinen gute Söhne und Brüder. Wie geſagt, ich will auf das Gute hoffen, das aus der gegenwärtigen Verwirrung entſtehen wird.“ „Ja, wenn das Gute mal kommt, ſo iſt wohl noch Zeit„Du“ mit dem Scharfrichter zu trinken, wie man ſagt.“ Der Großhändler rief:„Wie meinſt Du das 24 „Ich meine, daß dieſe herzlichen Franzoſen, von denen Du ſo viel Aufhebens machſt— Deines Geſchäftes und Vortheils wegen, magſt Du auch ſagen, was Du willſt— daß dieſe Leute, offen geſprochen, Mörder ſind; ihr Miniſter — wie er heißt— dieſer Citoyen Grouvelle, las er nicht ſeinem armen Könige das Todesurtheil vor?“ Der Großhändler wandte ſich unwillig weg und mit den Worten:„Ich mag Dir gar nicht antworten,“ ſetzte er ſich in eine Ecke und nahm ein Buch, in dem er blätterte. Ferdinand wagte nun auch ſein Scherflein zum Beſten zu geben und ſagte in beſcheidenem Tone:„Lieber Vater! Citoyen Grouvelle war Sekretär beim Nationalconvent: er mußte deßhalb ſeiner Amtspflicht gemaͤß jedem Ver⸗ urtheilten das Todesurtheil vorleſen.“ dit„Fangſt Du nun auch an? Dich muß ich wirklich Rten...“ Der Advokat unterbrach ihn:„Vergeben Sie, Herr Juſtizrath! Was Ihr Sohn ſagte, iſt ja ganz wahr. Und ich will noch hinzufügen, daß, ungeachtet meine Be⸗ kanntſchaft mit dem franzöſiſchen Miniſter nicht alt iſt, ſo müßte ich mich doch täuſchen, wenn dieſer gutmüthige, feine, außerordentlich gebildete Mann ſich bei der Aus⸗ übung dieſer Amtspflicht nicht überaus unglücklich gefühlt.“ 14 „Ja gewiß,“ rief Madame Waller:„ich glaube ſeine Lippen während des Leſens zittern zu ſehen.“ „Das will ich nicht hoffen,“ rief der Großhändler aus ſeiner Ecke:„Eine ſolche Schwachheit will ich ihm nicht zutrauen.“ „Wenigſtens,“ ſagte Ferdinand,„will ich meines⸗ theils hoffen, daß er daſſelbe Gefühl bei dem Ableſen jedes Todesurtheils, für jeden andern politiſchen Ver⸗ brecher, ſelbſt für den geringſten hatte.“ „Biſt Du toll?“ ſagte der Juſtizrath:„Das war ja ein hölliſcher Unterſchied.“ „Ja, allerdings,“ antwortete der Advokat,„aber über dieſe Sachen wollen wir nun nicht wieder ſtreiten. Gott weiß wie unzählige Male pro et contra zwiſchen uns und in der ganzen Welt dieſe Gegenſtände plaidirt worden ſind. Aber ſoviel iſt gewiß, daß die hier anwe⸗ ſenden Franzoſen, wenigſtens die, mit denen wir umgehen, ſo wenig Antheil an den blutigen Verhandlungen der gegenwärtigen Regierung haben, daß ſie im Gegentheil die Gelegenheit ergriffen, um ſich den Verfolgungen zu entziehen, die auch ihnen drohten.”“ „Das iſt Verleumdung!“ rief der Großhändler:„ſie ſind ächte Republikaner, Robespierres Freunde und Ver⸗ bündete.“ „Ich will Ihnen nicht widerſprechen, aber konnte Ihnen doch Eins und das Andere erzählen, wenn ich nicht merkte, daß es einen Menſchen in Ihren Gedanken herab⸗ ſetzt, will er ſich nicht wie ein unvernünftiges Thier ſchlachten laſſen.“ Ferdinand ſagte:„Ich kann die Meinung nicht ganz verdammen, daß es etwas Unedles hat, wenn ich ſo ſagen darf, ſein Vaterland in der Noth zu verlaſſen. Wenn man ſeinen Geburtsort belagert und brennen ſähe, würde man da draußen bleiben? würde man ſich nicht lieber in die Flammen ſtürzen, als ſeine eigne unbedeutende Perſon zu 15⁵ retten? würde man ſeinen Freund in der Noth ver⸗ laſſen?“ „Ja,“ antwortete der Advokat:„wenn mein Freund wahnſinnig geworden und mich ermorden wollte, ſo ginge ich ihm allerdings aus dem Wege.“ „Nein, nein,“ ſagte der Großhändler:„All' das iſt gewiß nicht mit unſern franzöſiſchen Freunden der Fall; im Gegentheil, ich war kürzlich zugegen, als einer von unſern berühmten Freiheitsmännern in ihrer Anweſenheit von Grouvelle ſagte, daß er nicht genug Energie beſeſſen, daß er nicht würdig genug ſei, die Republik zu repräſentiren; und die von ſeinen Landsleuten, welche da waren, ſchwie⸗ gen ſtill und räumten die Wahrheit ein.“ „Hm!“ ſagte der Advokat:„Soviel will ich wenig⸗ ſtens behaupten, daß wenn man nicht eigentlich in ſtrengem Sinne behaupten kann, er repräſentire die Republik, ſo re⸗ präſentirt er doch die franzöſiſche Nation von ihrer liebens⸗ würdigen Seite und wir ſollten der Republik Dank ſchuldig ſein, daß ſie uns einen Mann dieſer Art ſandte und nicht einen vom wilden Zentrum.“ Ferdinand ſagte:„Ich will nicht alle dieſe ſtrengen Regierungshandlungen vertheidigen, aber kräftige Verhal⸗ tungsmaßregeln waren doch höchſt nothwendig in dieſem armen, außen von Feinden, im Innern von Verräthern im Schach gehaltenen Lande. Es iſt geſagt worden, ich glaube von Grouvelle ſelbſt:„Man gibt uns Gift und verdammt uns, weil wir Gegengift nehmen.“ O wie muß es doch jedes friſche Herz entflammen, Zeuge der Hand⸗ lungen und Leiden dieſes Volkes zu ſein? Welches Schau⸗ ſpiel iſt erhebender, als ein Voll zu ſehen, das für ſeine Freiheit kämpft? Wer kann in ſolchen Augenblicken an ſein Leben denken? Glücklich der, der ſeinen letzten Bluts⸗ tropfen unter der dreifarbigen Fahne vergießt!“ „en Nein, das iſt zu viel!“ rief der Juſtizrath:„ſeinen eigenen Sohn ſo ſprechen zu hören!“ Er erhob ſich mit ſolcher Heftigkeit, daß er ſeinen 16 Stuhl umwarf. Madame Waller ergriff ſeinen Arm und führte ihn in das anſtoßende Zimmer. Der Advokat folgte ihnen. Der Großhändler ſtand auf, näherte ſich Ferdi⸗ nand, ſchlug ihm auf die Schulter und ſagte:„Du biſt ein braver Junge! Aus Dir könnte etwas Beſſeres wer⸗ den, als ein Geſetzverdreher, der auf Befehl Weiß in Schwarz und Wahrheit in Lüge verwandeln muß.“ „Ach, lieber Onkel! wollte Gott, daß mein Vater dächte, wie Sie! Wollte Gott, ich dürfte den ſiebenmal verfluchten juridiſchen Unſinn ins Feuer werfen und in die raſchen Begebenheiten des Lebens eingreifen, das Leben auf das Spiel ſetzen, um ein wirkliches Leben zu ge⸗ winnen!“ „Ja, ja!“ rlef der Großhändler:„Wer weiß, was geſchehen kann, auch bei uns? Unſre Zeit kommt auch noch 4 Claudine, die Nichte des Großhändlers, hatte ſtill bei ihrer Arbeit in einer Fenſtervertiefung geſeſſen, mit geſpannter Aufmerkſamkeit jedoch aaf das Geſpräch der übrigen Geſellſchaft gelauſcht. Sie näherte ſich nun und ſagte zu Ferdinand:„Höͤre, iſt es wahr, was einer von Deinen Freunden mir anvertraut, daß Du einige ſchoͤne Gedichte geſchrieben, meiſt über die franzoſiſche Revolution, über Frankreichs Schickſal in früheren Tagen, über ſeine Helden, über Jeanne d'Arc.“ „Sei ſtill!“ ſagte Ferdinand,„laß um Gottes Willen meinen Vater nichts davon hoͤren.“ „Aber Du lieſt ſie mir doch vor. Das darfſt Du mir nicht abſchlagen. Mein Herz klopft vor Entzücken, wenn ich ſchöͤne, begeiſterte Gedichte höre oder leſe: Ein Gedicht von Jeanne d'Are! meiner Lieblings⸗Heldin! O wenn ich wie ſie in den Krieg gehen, Helm und Schwert tragen und einem Helden der Freiheit folgen dürfte— Dir zum Beiſpiel,“ fügte ſie mit leiſer Stimme hinzu, während eine hohe Purpurröthe ihre Wangen färbte. Der Großhändler ſchlang ſeinen. Arm um ſie;„Du 17 biſt ein herrliches Mädchen! Du biſt nicht umſonſt meine Nichte, es fließt ein edles Blut in Deinen Adern. Wollte Gott, alle unſre Weiber glichen Dir, dann ſtünde es an⸗ ders mit unſrem Lande! Aber Du, Ferdinand! haſt Du ſo ſchöne Gedichte geſchrieben, warum willſt Du ſie nicht herausgeben und Dein Licht unter einen Scheffel ſtellen?“ „Gott bewahre, lieber Onkel! Was würde mein Vater ſagen?“ „Na! Ja ſo! Dann biſt Du auch nicht beſſer als die, die Du neulich tadelteſt, weil ſie ihr Vaterland ver⸗ ließen; Du willſt Dein Scherflein zur guten Sache ebenſo wenig geben, weil Du fürchteſt, Dein Vater moͤchte ein paar Tage brummen oder Dir das Geld zu Deiner Schnei⸗ derrechnung verweigern? Sieh, ſo ſind ſie dieſe Helden der Freiheit!“ „Es iſt etwas Wahres in dem, was Sie ſagen, lieber Onkel, aber... der Wille eines Vaters.“ „Poſſen! Darüber iſt man jetzt hinaus. Dieſe Fa⸗ milienbande! auf die blaſen wir in unſern erleuchteten Zeiten. Wenn mein Sohn groß wird, ſo ſind wir Ka⸗ meraden, im Falle wir uns verſtehen, iſt das nicht, ſo geht jeder ſeinen eigenen Weg. Er ſoll ſeine Freiheit haben. Weßhalb ſiehſt Du mich an, Claudine?“ „Werde nicht böſe, beſter Onkel! aber dann mußt Du Dich ſehr verändern, bis er groß wird, denn jetzt biſt Du ſo ſtreng gegen ihn, daß die Tante oft weinte, obwohl ſie nur ſeine Stiefmutter iſt.“ „Ach was! Tante! Sie iſt ja wie Küſters Geske, ſie kann wegen eines guten Wortes weinen und heult über den großen Jungen, als wäre ſie zweimal ſeine Mutter, Aber lebe wohl! ich gehe zu den Franzoſen, ich habe etwas mit ihnen abzumachen. Lebewohl, Ferdinand! muß ich Dich zum zehnten Male erſuchen, endlich Dein Sie aufzugeben. Wenn wir uns wiederſehen, ſo ſagſt Du nicht anders als Du zu Deinem Onkel, wie Claudine; ihr habe Novellen. II. 2 18 ich die altmodiſchen Manieren, die für unſre Zeiten nicht mehr paſſen, bereits abgewöhnt.... Ja, ich weiß wohl, Dein Vater kann es nicht leiden, daß Du Du zu mir ſagſt, aber ich kann es nicht leiden, wenn Du Sie ſagſt, und das geht doch mich ganz allein an.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Als die beiden jungen Leute nun allein waren, ſagte Ferdinand mit lautem Gelächter:„Wenn ich nur Helm und Schwert tragen und einem Freiheitshelden folgen könnte? Dir zum Beiſpiel? Mir! Ja, ich danke! Ihr falſchen Frauen⸗ zimmer! Ich weiß wohl, wen Du meinſt.“ „Ach Scherz! wen ſollte ich meinen 2“ „Soll ich ſeinen Namen nennen? Iſt dieſer bloße Laut Dir ſüße Muſik? es iſt auch ein recht wohlklingen⸗ der Name, immerhin ſchöner als Trois oeufs oder Deux sous und dergleichen.“ „O Ferdinand, ich bitte Dich!“ „Nun, bei Gott! ich glaube wirklich, es kommen Dir Thränen in die Augen. Es iſt bei meiner Treue Ernſt mit Dir. Na, meine ſüße Claudine! ſei nicht boͤſe! Du ſollſt einen aufrichtigen Vertrauten haben, einen wahren und verſchwiegenen Poſtillon d'Amour. Ich gehe in’'s Feuer für Dich und den braven Luſard. Weißt Du wohl, daß ich bereits die wärmſte Freundſchaft für dieſen kecken, jungen Mann fühle, der Alles verlaſſen, um unter dem Banner der Republik zu kämpfen? Ich ſage das laut zu jedem, der es hoͤren will: Charles Luſard iſt ein Mei⸗ ſterwerk der Natur, männlich und klug, wie er ſchön iſt. Er ſieht aus wie ein Heros der Vorzeit, wie ein Römer und er trägt die Geſinnung eines Römers in ſich. Wie Brutus hat er ſich nicht bedacht, zwiſchen einem Menſchen und dem Vaterland zu wählen.“ „Was meinſt Du? Einem Menſchen?“ „Ja, ſiehſt Du, er iſt von einem ſehr vornehmen, adeligen Geſchlecht, aber vater⸗ und mutterlos, ohne eignes Vermoͤgen. Sein reicher Onkel, der ihn erzogen und 3 19 deſſen einziger Erbe er war, emigrirte während der Revo⸗ lution und befahl ihm, zu folgen oder enterbt und ver⸗ ſtoßen zu werden von ſeinen Verwandten, die alle Emi⸗ granten ſind. Luſard wählte das Letzte und nahm Dienſte als einfacher Soldat in der Armee. Er war in den Feldzügen in Deutſchland mit, ſchwang ſich zum Capitän und Adjutanten bei General Cuſtine auf, dem er nach Paris zurück folgte, als dieſer angeklagt wurde. Aber das unglückliche Schickſal dieſes Generals, das Luſard für unverdient hält, erſchütterte ihn in dem Grade, daß er krank wurde und als er ſich endlich wieder erholte, ſuchte er Gelegenheit, eine kleine Reiſe zu machen. Die Regle⸗ rung ſandte ihn mit Depeſchen nach Kopenhagen. Unter uns geſagt, ergreift er vielleicht auch die Gelegenheit, etwas von dem Schickſal ſeines früher genannten Onkels zu erfahren, der ſich in Jütland niedergelaſſen, wo er ein Gut beſitzt.“ „Aber woher weißt Du All' das von Luſard? Hat er es Dir erzählt?“ „Nein, aber ich habe es von dem kleinen Doctor Aubry, der die Commiſſäre hierher begleitet hat. Dieſer Mann beſitzt eine ſeltene Offenherzigkelt, man ſollte nicht glauben, daß er ein Geiſtlicher geweſen, wenn man nicht die Tonſur ſähe, die er noch heute zeigt.“ „Geht Luſard wieder zur Armee?“ „Ja, gewiß, Claudine! Du ſiehſt ja ganz betrübt aus. Du wendeſt Dich verdrießlich von mir ab. Hoͤre, meine beſte Freundin, weßhalb willſt Du Dich vor mir, Deinem brüderlichen Freunde, verſtellen? Ich preiſe Dich laut, daß Du Luſard liebſt; denn Du liebſt ihn und es wäre flau, wenn Du mit einem ſolchen Menſchen um⸗ gehen und von ihm geliebt werden koͤnnteſt, ohne mit Leib und Seele an ihm zu hängen. Zweifelſt Du an ſeiner Liebe? Ich ſchwöre Dir zu, daß er ſterblich in Dich verliebt iſt. Er ſagte es kürzlich ſelbſt zu mir, als wir mit einander von hier fortgingen. Je suis fou de cet 20 enfant, ſagte er, und dann äußexte er mit einem gewiſ⸗ ſen wehmüthigen Ernſte, daß der Liebe Glück nichts für einen armen Soldaten ſei, der nur um Ehre oder Tod werben dürfe. Aber ich antwortete, das Loos, von einem Manne geliebt zu ſein, wie er, ſei ſchon ſo viel Glück und Ehre, daß die Erinnerung daran hinreiche, das Leben eines Weibes auszufüllen, die das Zärtliche zu lieben und zu ſchätzen wiſſe, denn Wenige haben in ihrem trivialen Alltagsleben eine ſolche Erinnerung, an der ſie ſich er⸗ heben könnten.“ Claudine ſchwieg, aber ſie war ganz nahe zu Ferdi⸗ nand herangetreten. Sie hielt ſeine Hand feſt in der ihren ohne es ſich ſelbſt recht bewußt zu ſein, und ſah ihn mit Augen an, die wie Sterne flammten. Nun kamen die andern Drei aus dem nächſten Zim⸗ mer herein. Der Juſtizrath rüſtete ſich zum Gehen und ſagte zu Ferdinand:„Begleite mich zu meinem Schwa⸗ ger, dem Commerzienrath, dort wollen wir den Abend bleiben.“ Ferdinand zuckte die Achſeln.„Ach, lieber Vater! verſchonen Sie mich mit dieſer Langeweile! Ich habe über⸗ dies anderswohin zu kommen verſprochen.“ „Da haben wirs! Das iſt auch eine Frucht der auf⸗ geklarten Zeiten! Wenn mein ſeliger Vater zu mir ſagte: „„Geh' da oder dorthin!““ ſo mußte ich gehen, wenn ich auch vor Sehnſucht nach andern Orten beinahe ge⸗ ſtorben wäre.“ „Aber waren Sie bei dergleichen Gelegenheiten froh und dankbar?“ „Nein, zum Teufel! ich war toll, das verſteht ſich, aber mit der Zeit hat man doch ſein Gutes von dem Zwang und Mißvergnügen in der Jugend. Ja, geh' nur hin, wo Du willſt und laß Deinen alten Vater allein ziehen.“ Ferdinand begleitete ihn und ſagte im Vorbeigehen zu Claudine:„Sieh', nun muß ich doch mit ihm gehen. Der Onkel mag ſagen, was er will, man kann nicht, . 21 wenn man auch wollte, ſich von den eingewurzelten Vor⸗ urtheilen ganz frei machen. Aber nicht wahr? Morgen werden wir Erſatz für ſo mancher Tage Verdrießlichkeiten aben?“ Sie gingen nun und Claudine ſchlich ſich auf ihr Zimmer, um in der Einſamkeit die ſelige Gewißheit zu genießen, mit der Ferdinands Worte ihre bisher genähr⸗ ten Zweifel verjagt hatten. Indeſſen war der Advokat allein mit Madame Wal⸗ ler in dem unteren Zimmer. Er drückte ihre beiden Hände an die Lippen und ſagte:„Lebewohl! ich muß gehen und wie gewöhnlich muß ich mich mit dem Glücke eines kur⸗ zen Augenblickes für den peinlichen Zwang ſo mancher Stunden tröſten. Das iſt mein Schickſal in jüngſter Zeit. Nun lebe wohl! Denken Sie freundlich an Ihren armen Freund!“ „Ach, Dalund! Sie betrüben mich mit Ihren trau⸗ rigen Worten und Mienen! Was ſoll ich thun?“ „Ja, was ſoll ich thun? Ihr allzu theures Bild aus meinem Herzen reißen? Wollen Sie das?“ „Ich brauche Ihnen nicht zu antworten. Sie kom⸗ men doch morgen zu uns?“ „Ich werde wohl, denn obwohl es mir ſchmerzlich ſein wird, Sie in der berauſchenden Atmoſphäre zu ſehen, die rings um Sie herrſcht, ſo will ich es doch lieber mit eignen Augen ſehen, als gehen und es mir in der Phan⸗ taſie vorſtellen. Aber laſſen Sie mich ſcheiden, ehe ich noch mehr ſolcher Thorheiten ſage.“ Mit dieſen Worten drückte er ihre Hand an ſeine Bruſt und eilte fort. Mit einem tiefen Seufzer ſah ſie ihm nach, und blieb unbeweglich in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken ſtehen; aber ploͤtzlich riß ſie ſich los, rief ihren Dienſtleuten und beſchäftigte ſich eifrig damit, Befehle zu geben und ſelbſt an den häuslichen Vorbereitungen zur feſtlichen Geſellſchaft des kommenden Tages Theil zu nehmen. Ziemlich ſpät Abends, als die beiden Damen des 2² Hauſes allein beiſammen ſaßen, kam der Großhändler nach Hauſe. Er ſah vergnügt aus und zog ein Paket hervor, das er auf den Tiſch legte, indem er ſagte:„Was meint Ihr wohl, daß ich hier für Euch habe? Es iſt Putz, der ſpornſtreichs von Paris kommt, Geſchenke unſrer franzö⸗ ſiſchen Freunde, welche ſie Euch durch mich ſenden und die Ihr unter Euch theilen könnt, wie es Euch beliebt.“ Claudine ergriff ſogleich das Paket und breitete mit lautem Freudenausruf die Bänder, ſeidenen Tücher und einen goldgefransten Gürtel aus, alles mit der glänzen⸗ den franzöſiſchen Nationalfarbe. Madame Waller betrach⸗ tete dieſe Sachen mit großer Verlegenheit, während Clau⸗ vine Stück für Stück an ihr Geſicht hielt und in den Spiegel ſah. „Na, theile jetzt mit Claudine,“ ſagte der Groß⸗ händler:„natürlich müßt Ihr Euch morgen damit ſchmücken.“ Mit einer gewiſſen Befangenheit antwortete ſeine Frau:„Nein, lieber Waller. Ich trage nichts davon. Es iſt unpaſſend, uns dieſen tricoloren Putz zu verehren, ohne uns zuvor gefragt zu haben, ob wir damit gehen wollen oder nicht.“ „Was ſoll das heißen?“ rief der Großhändler un⸗ willig:„Fürchteſt Du Dich vor den Ariſtokraten und ſchämſt Dich der guten Sache?“ „Nein, nein, aber es macht Aufſehen, dieſe Farben zu tragen. Alle ſähen einem Frauenzimmer nach, das damit auftreten würde, und was hat auch eine däniſche Frau oder ein Mädchen mit ihnen zu ſchaffen? Weßhalb ſollte ſie eine politiſche Farbe tragen? Was geht ſie die Politik an?“ Der Großhändler ſchlug die Hände zuſammen.„Hat man ſo etwas gehoͤrt? Schämſt Du Dich nicht, zu ge⸗ ſtehen, daß die großen Angelegenheiten der Welt etwas ſind, womit Du nichts zu ſchaffen haben willſt? Daß Du ſo egoiſtiſch oder ſo einfältig biſt, daß Dich nur Dein Selbſt 23 oder Dein Eigenthum kümmert? Sieh dieſes Mädchen an, das Dich beſchämt! Sie hat Enthuſiasmus für das Große und Gute.“ Claudine warf in ihrem Schrecken Band und alles Uebrige von ſich und ſchlich ſich in eine Ecke, wo ſie ganz verblüfft ſtehen blieb. Madame Waller ſagte kalt:„Es mag nun mit mei⸗ nem Egoismus und meinen andern Fehlern ſtehen, wie es will, nur verſchone mich mit dem franzöſiſchen Putz. Ich mag die Franzoſen, welche ins Haus kommen, wohl lei⸗ den, und obwohl ich ihrer Sprache nicht ganz mächtig bin, ſo ſehe ich ſie doch gerne, aber ihre Geſchenke werde ich nicht tragen.“ Der Großhändler ſchlug auf den Tiſch:„Aber ich will, daß Du ſie tragen ſollſt. Morgen werde ich Euch beide mit den Geſchenken ſehen, welche die höflichen Fran⸗ zoſen ſo artig waren, Euch zu ſenden. Ich möchte nicht, daß ſie Zeugen bei dieſem Auftritte wären.“ „So moͤchte ich wünſchen,“ ſagte Madame Waller, „daß die höflichen Franzoſen Zeugen dieſer Scene ſein könnten. Ich freute mich darüber, daß Du ſeit Deiner Bekanntſchaft mit ihnen einen beſſern Ton angenommen, aber heute iſt die Natur wieder an die Stelle der Erzie⸗ hung getreten.“ „Ja, ja,“ ſagte der Großhändler mit einer pöötzlichen Sordine in ſeiner Stimme:„Ja, das verſteht ſich.... die Zeiten fordern ja eine gewiſſe... ja allerdings gegen eine Dame.. Theilt nur den Putz wie Ihr wollt... ich muß auf das Comptoir.“ Er ging, und ſogleich eilte Claudine zu ihrer Tante, ergriff ihre Hand und ſagte:„O liebe Tante, ſei nicht boͤſe, ich mußte mich unwillkürlich über die Sachen freuen, die der Onkel brachte, Es fiel mir nie ein, daß das Anlaß zu ſolchen Unannehmlichkeiten geben könnte, oder daß etwas Boͤſes daran wäre, dieſe Farben zu tragen.“ Madame Waller ſtreichelte ihr die Wangen und ſagte 24 freundlich:„Nein, liebes Kind! Es iſt nichts Schlimmes in dem, was Du ſagſt oder denkſt, aber was dieſe viel⸗ beſprochenen Farben betrifft, ſo wünſchte ich doch, daß Du ſie nicht in Geſellſchaft oder anderswo als hier trügeſt. Morgen müſſen wir freilich eiwas davon tragen, wenn wir nicht Unannehmlichkeiten haben wollen. Ich werde einiges von dieſen Bändern anzubringen wiſſen, ohne daß es in die Augen fällt. Dieſe Rolle Bänder nehme ich. Der ganze Reſt gehört Dein; aber verwende es, wie ich Dir geſagt.“ „Soll ich all' das bekommen?“ rief Claudine;:„Die⸗ ſer ſchöne Gürtel! dieſes Halstuch, dieſe Bänder? Alles, Alles? O Dank, beſte Tante! Du biſt ſo gut! Ach ich bin ſo glücklich in Deinem Hauſe! Alle die herrlichen Vergnügungen, nach denen ich immer ſo ſehr geſeufzt: Bälle, Theater und ſo vieles Andere, ich habe es reich⸗ lich bei Dir genoſſen und dennoch wiegt alle die Herr⸗ lichkeit nicht die angenehmen Geſellſchaften hier im Hauſe auf. Ich weine mir die Augen aus, wenn ich fort muß, wenn meine Tante Malfred im Herbſte von der Reiſe zurüͤckkommt und ich wieder zu ihr ſoll. Sie iſt ſo ſtreng und unleidlich.“ „Aber, liebe Claudine! Du ſollteſt daran denken, was Du ihr ſchuldig biſt. Als ein vater⸗ und mutter⸗ loſes Kind kamſt Du in ihr Haus. Sie hat Dir eine ungewoͤhnlich ausgezeichnete Bildung geben laſſen. Nur wenige Mädchen koͤnnen ſich einer ſolchen Erziehung rühmen.“ „Aber wenn Du wüßteſt, wie wenig Freude ich bei ihr hatte, wle oft ſie mich hören ließ, daß ihr mein Un⸗ terricht ſo große Koſten mache, daß ich ein armes, unbe⸗ deutendes Mädchen ſei, daß ich nach ihrem Tode nichts erwarten dürfe, denn ſie beſitze nichts. Als ob ich an der⸗ gleichen dächte! Und dazu noch die todte Einſamkeit im Hauſe! Da ſitzen wir beiſammen an den langen Winter⸗ abenden, ohne zu plaudern, ich mit meiner Arbeit oder 25 einem Buche, ſie, Karten ſchlagend oder über den Zeitun⸗ gen einſchlafend. Im Schooße ruht ihr Mops, der ganz abſcheulich ſchnarcht— manchmal gebe ich ihm einen Schlag auf ſeine dumme Schnauze— dann ſchreit das verzärtelte Thier, daß die Tante erwacht und mich aus⸗ ſchilt. Ja, das ſind ſchöne Abende!“ „Aber Du könnteſt es ja auch unterlaſſen, den Hund zu ſchlagen.“ „Ach, nein! Das iſt mein einziges Vergnügen. Aber da gibt es noch tauſend andre Dinge. Jede Stunde des Tages werde ich wegen meines Leichtſinnes gezankt. Alles Ungluck, das in den deutſchen und däniſchen Zeitungen erzählt wird, ſoll ich mir zu Herzen nehmen. Wenn ſie in Frankreich Könige und Prinzen und andre mir unbe⸗ kannte Menſchen guillotiniren, ſo ſoll ich weinen und das ganze franzoͤſiſche Land verfluchen. Damals kümmerte ich mich wenig um ihren Haß gegen die Republikaner, aber jetzt...“ Sie hielt plötzlich inne und da glücklicher Weiſe der Großhändler eintrat, ſo verſchlang ſte den Nachſatz ihrer Rede. Man ging zum Abendeſſen. Die beiden Gatten ſchienen gegenſeitig unter dem Druck einer gewiſſen Ver⸗ legenheit zu leiden, Claudinens heitere Gegenwart fam ihnen ſehr zu Statten. Der Onkel unterhielt ſich ſcher⸗ zend mit ihr und verſicherte, daß er nicht faſſe, wie er und ſeine Bekannten ihren belebenden Umgang ſollten ent⸗ behren können. Am folgenden Tage verſammelte ſich die eingeladene Geſellſchaft, welche, außer den vielbeſprochenen Fremden, deren Anzahl in dieſem Augenblicke durch einige Durchreiſende vergrößert war, aus ſchriftſtelleriſchen Notabilitäten, Ge⸗ lehrten, Künſtlern und andren Männern von verſchiedenen Fächern, aber von gleichem politiſchem Glaubensbekennt⸗ niſſe beſtand. Madame Waller, die nach der Mode jener Zeit ein kleines, weißes mit bunten Figuren durchwebtes Flortuch um ihr blondes Haar geſchlungen hatte, wußte 26 darin einige dreifarbige Bänder auf ſo ſchlaue Weiſe an⸗ zubringen, daß man ſie nur bei näherer Betrachtung ge⸗ wahr werden konnte. Der Großhändler war indeſſen eifrig bemüht, die Betreffenden darauf aufmerkſam zu machen, und nun ſammelten ſich die däniſchen und franzöfiſchen Herren um die ſchöne Frau und ſagten ihr, was man zu jener Zeit ſchöne Dinge nannte. Derjenige von den fran⸗ zoͤſiſchen Commiſſären, von welchem dieſe Geſchenke eigent⸗ lich kamen, näherte ſich indeſſen beſcheiden und bat um Vergebung wegen ſeiner Dreiſtigkeit.„Derlei Sachen,“ ſagte er,„ſchickt man uns ab und zu von Paris. Wir zeigten ſie Herrn Waller und wagten ſie auf ſein Wort hin den Damen anzubieten, mehr als eine Curioſität, denn als Etwas, was Sie zu tragen uns die Ehre erzeigen würden.“ Der Großhändler meinte, der Sprechende äußre ſich wie ein Herr vom ancien régime und nicht wie ein Republikaner. 4 In dieſem Augenblick trat Claudine ein und alle Umſtehenden ſtockten in ihrem Geſpräche bei dem Anblick ihrer Schönheit. Das tricolore Tuch war um ihre braunen Haare gebunden und die lebhaften Farben hoben ganz beſon⸗ ders den Glanz der dunkeln Locken, die ſchneeweiße Stirne und die regelmäßigen ſchwarzen Augenbrauen. Um ihr weißes Kleid trug ſie den dreifarbigen Gürtel und da er lang war, ſo war er zweimal um ihren Leib geſchlungen und an der einen Seite in einem Knoten gebunden, wodurch ihre Taille ſich mehr zu ihrem Vortheile zeigte, als es die Mode jener Zeit erlaubte, Alle Herren brachten ihren Tribut an Bewunderung und Schmeicheleien. Einer der⸗ ſelben ſagte, daß ſie ſo ausgeſtattet, bei den republikaniſchen Feſten die Freiheitsgöttin vorſtellen und die Freiheitsver⸗ theidiger begeiſtern könnte. Miniſter Grouvelle, deſſen Stärke in epigrammatiſchen Antworten und Impromptes bei den wenigen Lebenden, die ihn während ſeines Auf⸗ enthaltes hier zu Lande kannten, in friſchem Andenken ſtehen muß, antwortete mit dem ihm eigenthümlichen fei⸗ 27 nen Lächeln:„Allerdings würde Mademoiſelle Claudine im Stande ſein, als Freiheitsgöttin für die Freiheit zu begeiſtern, aber ſie würde zu gleicher Zeit die Einzelnen derſelben berauben.“ Das junge Mädchen fühlte ſich unſäglich glücklich bei all' dieſer Huldigung, und als man bald nachher zu Tiſche ging, bekam ſie ihren Platz neben Luſard, der ſie mit all' der feinen, graziöſen Galanterie unterhielt, die trotz der Republik noch immer an Ludwig XIV. ritterli⸗ chen Ton gegen Damen erinnerte und in den ſchwebenden Nuancen der Sprache ihre rechte Heimat hat. Mit die⸗ ſem verführeriſchen Elemente vereinigte Luſard einen ei⸗ genthümlichen melancholiſchen Anſtrich, der eine gewiſſe Tiefe der Leidenſchaft und bedeutungsvolle Erinnerungen ahnen ließ, und ſo genoß Claudine einen von jenen Mo⸗ menten im Leben, wo die glänzenden Genien der Jugend, Schönheit und Liebe, den Becher mit Roſen bekränzen, die ohne Dornen zu ſein ſcheinen. In der Periode, in welcher wir jetzt leben, wundern wir uns, wenn wir eine Schilderung jener geſellſchaftlichen Zuſammenkünfte hören oder leſen. Man kann ſich nicht recht vorſtellen, wie eine ſolche Freiheit in Umgang und Aeußerungen, eine ſo lebendige Hingebung an die Launen des Augenblickes ſich mit einem ſo feinen, ſo anſtändigen und im Allgemeinen von allem, was Einzelne verletzen konnte, ſo fernen Tone vereinigen ließ: und doch haben wir mündliche und ſchriftliche Berichte, die die Thatſache beweiſen. Es kann freilich nicht geleugnet werden, daß eine gewiſſe anſtößige Rückſichtsloſigkeit in Wort und Schrift bei Berührung von ſittlichen und religioͤſen Ma⸗ terien zur Tagesordnung gehörte, aber dieſes Unweſen trat in den guten Kreiſen der Geſellſchaft nicht ſo ſchroff hervor: er hüllte ſich in den Schleier des Witzes und Epigramms und verfüßte dadurch den bittern Kern, wo⸗ bei zugleich bemerkt werden muß, daß die Heiterkeit, die Komik das Anſtößige milderte, das erſt dann recht unerträg⸗ lich wird, wenn es eine ſentimentale, heldenmüthige Maske annimmt, eine Meinung übrigens, welche unſer jetziges, namentlich das Theater beſuchende Publikum nicht zu theilen ſcheint. Die Geſellſchaft, welche ſich an jenem Abende um den Tiſch des Großhändler Waller verſammelte, war wirklich im Ganzen genommen ſo, daß die alten Grie⸗ chen von ihren Sympoſien herkommend, ihr nicht den Rücken gewendet haben würden. Die launigſten Einfälle, die feinſten Artigkeiten, die ernſteſten Gegenſtände treffend und doch leicht behandelt, wechſelten unter den heiteren Gäſten ab. Jeder ſchien für dieſe Stunde des Lebens Bürde abgeworfen zu haben und ſeine Perſönlichkeit ver⸗ geſſend, doppelt zu genießen. Am Schluſſe der ſehr lu⸗ ruriöſen Mahlzeit bat der Wirth ſeine franzoͤſiſchen Gäſte, der Geſellſchaft das Vergnügen zu machen, einige ihrer Nationallieder zu ſingen. Sie willigten ſogleich ein und Duveyrier, in dieſem Augenblick ſeinen wahren und ehren⸗ vollen Namen unter ſeinem Taufnamen Honoré verber⸗ gend, begann mit einer klaren, ſtarken Stimme die im Reich der Geſchichte und Kunſt unſterbliche Marſellaiſe vorzutragen. Die andern Landsleute ſielen im Chor ein und ihr„Aux armes, citoyens!“ klang wie ein begei⸗ ſterter Aufruf zu Kampf und Sieg. Wunderbar ergrei⸗ fend lautete der letzte Vers, der im Chor in langſamem Tempo, wie ein Choral geſungen wurde, und außeror⸗ dentlich rührend war es, dieſe Männer, die alle mehr oder weniger im Unglücke des Vaterlandes gelitten und noch litten, mit einer Innigkeit, man konnte ſagen an⸗ dächtig, dieſes amour sacréè de la patrie anſtimmen zu hoͤren, an das ſich ſo manche ſchreckliche und doch erha⸗ bene Erinnerung knüpfte, z. B. die Hinrichtung der Gi⸗ rondiſten, von welchen zuletzt nur noch einer uͤbrig war, um dieſen letzten Vers der Hymne zu Ende zu ſingen, ehe er ſeinen zweiundzwanzig Unglücksbrüdern in den ge⸗ waltſamen Tod ſolgte. 29 Auf Befehl des Großhändlers wurde ein Pianoforte in den Speiſeſaal gebracht und auf die Bitte der Ge⸗ ſellſchaft begleitete Claudine den Geſang auf dem Inſtru⸗ mente. Nach der Marſellaiſe erhob ſich Luſard vom Tiſche und zog den ganz neuen, eben in Paris herausgekomme⸗ nen Chant de victoire von Chenier hervor. Er legte ihn auf das Notenpult vor Claudine hin, indem er zu⸗ gleich am Inſtrumente Platz nahm. Er ſpielte ihn raſch durch und nun erklang aus der begeiſterten Republikaner Bruſt dieſer herrliche Geſang, der in dichteriſchem Werthe noch über der Marſellaiſe ſteht und wohl eine beſſere Schlußzeile verdiente, als das allzu wilde:„Perissent les rois!“ Noch heute wird dieſe mit der Republik aus⸗ geſtorbene prachtvolle Siegeshymne, wenn man gelegent⸗ lich mal auf ſie ſtoͤßt, jeden hinreißen, deſſen Sinn nicht der Macht der Poeſie und der Töne verſchloſſen iſt; eine wie weit großere Wirkung mußte ſie nicht in jener Periode und in einem Kreiſe machen, wie der hier beſprochene, wo die Singenden die Zuhoͤrer begeiſterten und der Enthuſtasmus dieſer die Singenden entflammte? Eine beinahe magiſche Wirkung übte der Vers aus, der von dem franzoͤſiſchen Kriegsſchiff Le vengeur ſpricht. Der pompoͤſe Anfang: Lève toi! Lors des mers profondes, Cadavre fumant du vengeur“), führt den Gedanken bereits in den tiefen Abgrund; und wenn es ſpäter heißt: D'ou partent ces cris déchirans? Quelles sont ces voix magnanimes? *) Steig aus der Tiefe des Meeres herauf Rauchendes Wrack des„Vengeur.“ 30 Les rois des braves expirans Qui chantent du fond des abimes*), und der Chor einfällt: Vive la Republique, glaubt man dieſe tapfern Sterbenden zu hören, welche, mit dem Schiffe unterfinkend, die Luft von dieſen ihren letzten Worten erdröͤhnen laſſen. 4 Alle waren hingeriſſen, aber Niemand mehr, als die beiden jugendlichen Gemüther Ferdinand und Claudine. Das leicht bewegte Mädchen konnte ihre Thränen nicht zurückhalten und als der Geſang geendet hatte, ergriff Luſard ihre Hand, drückte ſie heimlich an ſeine Bruſt und ſagte:„Ein intimer Jugendfreund und Verwandter von mir war auf dem Vengeur. Ihre Thränen ſcheinen mir ihm zu gelten und fallen wie Perlen auf die Stelle in der Tiefe, wo er ruht!“ 5„Ein Freund von Ihnen!“ rief Claudine:„O mein Gott!“ 4 8,7 etlagen Sie ihn nicht! er ſtarb einen ſchönen od.“ „Aber Verwandte und Freunde, welche ihn liebten, müſſen doch über ſeinen Verluſt trauern.“ „Ja, ſo glücklich war er überdies. Sie ſind es, der ihn nun beweint.“ „Nennen Sie das Glück, denen Kummer zu verur⸗ ſachen, die man lieb hat?“ „Ja, ſo egoiſtiſch iſt der Menſch! Vielleicht, ja wahrſcheinlicher Weiſe weiß man nichts davon, wenn man erſt todt iſt, aber ich geſtehe, daß es mir ſelbſt in der Todesſtunde ein ſüßer Gedanke wäre, wenn Sie um mich weinen würden.“ *) Woher tönt uns der Jammerſchrei, Woher die Stimmen, die da riefen? Es iſt das Sterblied tapfrer Helden, Aufſteigend aus des Meeres Tiefen. 31 „Der Gedanke würde Sie nicht betrügen.“ „Geloben Sie mir zu weinen, wenn Sie hören, daß ich geſtorben bin?“ „Gott verhüte, daß Sie in Ihrer Jugend und Kraft ſterben! Wie kommen Sie darauf?“ Luſard lachte.„Worauf fällt man nicht wenn man eine liebenswürdige Dame zu intereſſiren wünſcht? Ich möchte mir gerne die Miene geben, als ob ich Ahnungen hätte, wie Turenne, Heinrich 1V. und andre ausgezeich⸗ nete Männer.“ Der Großhändler unterbrach das Geſpräch. Er rief ſie zu Tiſche, um noch ein Glas Champagner auf das Glück und den Sleg der franzöͤſiſchen Republik zu trinken, worauf man ſich erhob und die Geſellſchaft ſich in andere Gemächer zerſtreute. Am folgenden Tage ſagte der Advokat zu Madame Waller:„Das, was man ungerne kommen ſieht, wendet ſich oft zu unſrem Beſten, wenn es da iſt. Es war mir unlieb, daß die kleine Claudine dieſen Sommer hier im Hauſe zubringen und eine unzertrennliche Begleiterin der Dame meines Herzens ſein ſollte. Aber ich muß das gute Mädchen loben, weil ſie ſich in meiner Geſell⸗ ſchaft langweilt und ſobald ich komme die erſte beſte Veranlaſſung ergreift, ihrer Wege zu gehen; es muß ein halb unbewußtes Gefühl ſein, das in dieſer Sache ihren unerfahrenen Verſtand erleuchtet. Dabei erzeigt ſie mir den unbezahlbaren Dienſt, ſo ſtark mit den Herren zu coquettiren, welche hier in das Haus kommen, daß ihre Gegenwart doch ein kleiner Damm für das Meer von Galanterien iſt, welche ſonſt meine Seelenruhe fortſchwem⸗ men wüuͤrden.“ „Ihre Seelenruhe,“ antwortete Madame Waller, „ſcheint, Gott ſei Dank, in unſrer geſtrigen Geſellſchaft nicht angegriffen geweſen zu ſein. Sie waren ja außer⸗ ordentlich guter Laune.“ „Ich bin kein Knabe mehr, ich mußte mich zu be⸗ 32 herrſchen wiſſen, aber Sie dürfen mir glauben, daß ich es mehr, als einmal noͤthig hatte. Sie mögen ſagen, was Sie wollen, dieſe Franzoſen haben ein ganz eigenthümli⸗ ches Talent, ſich den Damen angenehm zu machen. Sie haben etwas in ihren Augen, in ihrer Stimme, ja ſelbſt in ihrer Sprache.. Nicht ohne Grund erzählt die alte Parabel, daß der Teufel, als er Eva verführte, franzöſiſch ſprach, denn ſeit das Paradies verloren ging, hat dieſe Sprache eine dämoniſche Macht über alle Töchter Evas.“ 1„Dieſe Sprache, die ich leider nur halbwegs ver⸗ e e.“ „Leider? Sie ſeufzen ordentlich darüber!“ „Ach, Dalund, wenn ich ſeufze, ſo müßte es über all' die Eiferſucht ſein, mit der Sie mich und ſich quä⸗ len. Mißtrauen Sie mir? Habe ich Ihre Achtung ver⸗ loren, weil ich ſo ſchwach war, eine Liebe zu erwiedern, welche ſtrafwürdig genannt zu werden verdient?“ „Was ſagen Sie? Strafwürdig! Kommen wir ſtets zurück auf dieſe Gewiſſensſerupel? O Eleonorel haben Sie vergeſſen, daß ich Sie liebte, als Sie noch ein hal⸗ bes Kind waren, daß Sie mein Schweigen mißverſtan⸗ den, daß Sie in meiner Abweſenheit Ihre Hand einem Andern gaben und damit mein Leben zerſtörten? Waren Sie mir keinen Troſt, keinen Erſatz für die Treue ſo mancher Jahre, für eine Liebe, wie die meine ſchuldig? Habe ich Ihre Güte mißbraucht? Iſt unſer Verhältniß nicht eine Sache zwiſchen uns beiden allein? Was laſen wir kürzlich? Wie lauteten die Worte des franzöſiſchen Philoſophen und Menſchenkenners:„Ein Weib gehört keinem Andern an, als dem, den ſie liebt: mögen nun zwiſchen ihnen Ehemann, Vater, Rang, Geburt, was immer ſtehen, es iſt Alles zuſammen gleichgültig.“ Und hat er nicht Recht? Iſt die Seele nicht frei? lönnen menſchliche Geſetze den Geiſt feſſeln?“ „Ach, all' das klingt ſehr ſchoͤn und verſtändig, ich ſage mir das oft ſelbſt, aber es iſt etwas in mir, was 33 ſich dieſen Vernunftgründen widerſetzt, mir Vorwürfe macht und mich in eine Unruhe verſetzt, die ich früher nie kannte. Das Einzige, was mich tröſtet, iſt der Ge⸗ danke, daß ich vor meinem Verhältniſſe zu Ihnen im Grunde ſchlechter war, als jetzt. Wie ſo Manche von meiner Bekanntſchaft lief ich allen leeren Vergnügungen nach; mein hoͤchſtes Glück war, wenn man mir den Hof machte; das konnte mir genügen; mein Putz war mein wichtigſtes Anliegen. Ihr Umgang hat mich veredelt, Sie haben mir Geſchmack an etwas Beſſerem, ja ſelbſt an der Erfüllung meiner Pflichten gegeben. Ich trage nun das Bewußtſein in mir, daß ich mein Hausweſen gut beſorge, daß ich Wallers Sohn eine Mutter bin, ja ſogar nachgiebiger und freundlicher gegen Waller ſelbſt und dienſt⸗ willig im Umgang gegen alle.“ „Liebenswürdigſtes Weſen! Und doch machten Sie ſich Vorwürfe?“ „Ja gerade jetzt, da mir ein Licht aufgegangen, das mir meine verſäumte Jugend nicht angezündet, jetzt ge⸗ ſchieht es häufiger, daß mir eine innere Stimme ſagt, ich. gehe auf verbotenem Wege.“ „Liebe Eleonore! Sie machen mich zu gleicher Zeit glücklich und unglücklich. Würden Sie vielleicht wünſchen, daß ich unſre Verbindung abbräche, daß Sie mich nle mehr ſähen?“ „Ach nein! ich würde verwelken, wie eine Blume ohne Sonne, wenn mich nicht Ihr Anblick und die Ge⸗ wißheit Ihrer Zuneigung belebte. Gott vergebe mir! Ich bitte ihn täglich darum... Sie lächeln! Ach Sie ver⸗ ſtehen nicht... Es iſt mir unmöglich, das ganz wegzu⸗ werfen, was mir von meiner früheſten Jugend eingepflanzt iſt, was mit mir aufwuchs; und gerade in jüngſter Zeit ſind mir dieſe Gedanken wieder recht nahe getreten. Ich weiß nicht warum, aber ich kann ſie nicht verbannen.“ „Das ſollen Sie auch nicht, es kleidet Sie gut!“ Novellen. II. 3 34 In dieſem Augenblicke kam der Großhändler mit zwei von ſeinen Freunden nach Hauſe, welche beide nebſt dem Advokaten mit der Familie zu Mittag ſpeiſen ſollten. Die Eintretenden hatten alle Drei ein ſo auffallendes Ausſehen, daß ſowohl die Frau, als Claudine, welche im ſelben Momente kam, ſtutzten und kaum zu fragen wagten. Sie hatten auch keine Zeit dazu, denn der Großhändler rief ſogleich:„Habt Ihr die gräßliche Neuig⸗ keit ſchon gehoͤrt? Robespierre iſt gefallen! Denkt Euch, wie ſchrecklich! Er iſt guillotinirt. Was ſagen Sie, Dalund 2 „Ah, ich ſage, daß die Gulllotine und er ſo gute Freunde geworden, daß es ganz natürlich war, wenn ſie ihn in ihre Arme ſchloß.“ „Iſt es moͤglich, daß ich ſolche Worte von Ihnen hoͤren muß? Aber was ſoll man ſagen, wenn die Repu⸗ blikaner ſelbſt... O ich ſchäme mich beinahe, es zu er⸗ zählen! Ich ging zu ihnen hinaus, ich dachte ſie in Ver⸗ zweiflung zu finden, aber es war nichts davon zu merken; und als ich meine Befürchtung äußerte, die Zeit der kräf⸗ tigen Verhaltungsmaßregeln ſei nun natürlich vorbei, ant⸗ wortete— ich will ihn aus alter Freundſchaft nicht nennen— antwortete er, die Franzoſen ſeien kein ſo rohes und wildes Volk, daß ſie mit roher Grauſamkeit regiert zu werden brauchten. Ich wurde ſo böſe, daß ich ſogleich meinen Hut nahm und ging.“ „Wer es auch ſei, der dies geſagt, ſo gebe ich ihm Recht,“ ſagte der Advokat:„denn nicht das franzöſiſche Volk, ſondern die Hefe raste unter dem Regimente der Jacobiner, und nicht zum Spaß nahmen dieſe Abweſenden jeden Poſttag die Zeitungen mit Angſt in die Hand, weil ſie die Nachricht zu erhalten befürchten, ein Freund, ein naher Verwandter ſei als Opfer der Gulllotine gefallen.“ „O in Zeiten wie dieſe muß ein Patriot ſich über das private Unglück hinausſetzen und nur an das öffent⸗ 3⁵ liche denken. Ich habe übrigens etwas von dem jungen Luſard gehoͤrt, was gut iſt, was ich loben muß.“ „Was iſt das, lieber Onkel?“ fragte Claudine. „Es iſt noch ein Geheimniß, aber Du wirſt es er⸗ fahren, wenn es Zeit iſt.“ Claudine ſah ſichtbar vergnügt aus bei den Worten des Onkels, eine frohe Ahnung ſchien ſie zu bewegen und ihre innere Zufriedenheit brach in helle Freudenflammen aus, als der Großhändler ein Etui hervorzog, das er oͤffnete und ihr mit den Worten übergab:„Sieh', was ich Dir zum Dank für geſtern ſchenken will, weil Du ſo liebenswuͤrdig warſt und ich ſo große Ehre von meiner Nichte hatte. Sieh', dieſen glänzenden Stern ſollſt Du haben, um ihn in die Schleife Deines tricoloren Tuches zu heften und dieſe Ohrenringe paſſen ganz dazu.“ Mit kindlicher Freude flog Claudine auf ihr Zim⸗ mer, ſchlang das dreifarbige Tuch um ihr Haar, befeſtigte den Stern über ihrer Stirne und zog die Ohrenringe an. Sie betrachtete mit unſaͤglichem Wohlgefallen ihr Bild im Spiegel und indem ſie für ſich wiederholte:„Welch' heitere Tage! Ich weiß nicht, wo ich hin ſoll vor lauter Glück und Freude!“ eilte ſie zu der Geſellſchaft hinab und ſetzte ſich mit Augen zu Tiſche, die prächtiger glänz⸗ ten, als alle Edelſteine. Der Großhändler beſaß ein Landhaus an der Küſten⸗ ſtraße, auf welchem ſich die Familie ſelten länger, als ein paar Tage in der Woche, gewoͤhnlich von Sonnabend bis Montag Abend aufhielt, und der Herr des Hauſes brachte in der Regel nicht mal ſo viele Zeit dort zu. Eines Dienſtags in der Frühe kam Ferdinand und hatte eine lange Unterredung unter vier Augen mit ſeinem Onkel, der ſogleich ausging, und als er nach Hauſe kam, zu ſeiner Frau ſagte:„Es iſt ſchoͤnes Wetter und ich habe Luſt, heute Abend auf unſer Landhaus hinauszugehen, und für's Erſte bis übermorgen dort zu bleiben. Sobald ich mit meiner Poſt fertig bin, fahre ich mit.“ 1 36 Es war ſchon ſpät Abends, als man an dem länd⸗ lichen Hauſe ankam, das unweit eines Fiſcherdorfes lag. ie Damen merkten, daß der Großhändler etwas Unge⸗ woͤhnliches im Sinne haben müſſe. Er ging mit ſeinem Diener zu den Fiſchern hinab, gab ihnen Geld und beſah ſich einige Jollen und als er nach Hauſe kam, richtete er an ſeine Frau mehre Fragen über häusliche Einrichtungen, ohne daß man begreifen konnte, in welcher Abſicht. Kurz vor Schlafenszeit ging er wieder an die Küſte hinaus, ſah nach dem Winde und äußerte Vermuthungen über das Wetter am nächſten Tage. Madame Waller fragte vergeblich, was denn ſo Ungewöhnliches im Anzuge ſe Der Gfoß händler behauptete lächelnd, er wiſſe nichts. Sie ängſtigte ſich in der Stille uͤber all' das Unerklär⸗ liche. Claudine tröſtete ſie und ſagte:„Du darfſt glauben, daß das Ganze etwas Angenehmes iſt, womit uns der Onkel überraſchen will. Ich freue mich darauf. Es ahnt mir, daß wir morgen einen glücklichen Tag haben werden.“ Am nächſten Morgen, als die Damen am Kaffee⸗ tiſche ſaßen und auf den Großhändler warteten, der ſchon frühe ausgegangen war, kam er endlich und ſagte:„Nun muß ich Euch wohl in das kleine Geheimniß einweihen, wegen deſſen ich mit Euch herausgezogen bin. Unſer Freund Luſard hat mit einem Emigranten eine Ehrenſache aus⸗ zufechten, weil dieſer kürzlich an einem öffentlichen Orte ehrenrührig von der franzöſiſchen Armee und Republik ſprach. Sie kamen in Wortſtreit und forderten einander⸗ In dieſem Augenblick ſind ſie mit ihren Secundanten in einer Fiſcherjolle hin ausgefahren, um auf Hveen ihre Sache mit einander auszufechten. Ferdinand iſt Lu⸗ ſards Secundant. Sie haben natürlicher Weiſe auch einen Chirurgen bei ſich.“ „Ein Duell!“ rief die Frau,„das iſt abſcheulich.“ „Nein, das iſt praͤchtig, es iſt ein nothwendiges Uebel in unſerer Zeit. Fällt Luſard, ſo ſtirbt er in ſeinem 37 Berufe, indem er ſein Vaterland gegen die verfluchten Emigranten vertheidigt, fällt jedoch der Andere, ſo iſt es meine Abſicht, Luſard zu verbergen, bis wir ihn fortſchaf⸗ fen koͤnnen, denn wie die Sachen ſtehen, darf und kann er den Geſandten nicht um Schutz anſprechen. Setzt deßhalb ein paar Zimmer in Bereitſchaft, um ihn aufzu⸗ nehmen, wenn es Noth thut.“ Claudine, deren freudigen Ahnungen auf dieſe Art in Erfüllung gingen, war kaum im Stande, ſich zu erheben und das Zimmer zu verlaſſen. Mit zitternden Knieen eilte ſie nach ihrem Zimmer hinauf, wo ſie ſich auf einen Stuhl warf. Das Fenſter ging auf den Garten hinaus, aber das Zimmer ſtieß an ein anderes, von welchem man die Ausſicht über den Strand hatte. Sie dachte daran, hineinzugehen und auf das Meer nach der verhaßten Inſel hinauszuſehen, wo in dieſem Augenblick das verwegene Spiel um Leben und Tod geſpielt werden ſollte! Sie trat matt an die Thüre und öffnete ſie, ſchloß ſie jedoch ſogleich wieder und trat zurück. Sie hatte nicht den Muth, nach dem verhängnißvollen, geiſterhaft weißen Fel⸗ ſen zu blicken. Sie bebte vor dem Gedanken, die Jolle ſich der Küſte nähern zu ſehen. Nun erſt fühlte ſie, daß ſie den jungen Fremden liebte, der, wie es auch gehen mochte, für ſie verloren war.„Nun verſtehe ich ſeine Worte an jenem Abend nach dem Geſange. Er ahnte ſeinen Tod! O Gott! laß ihn leben! Laß ihn ſiegen über den Unmenſchen, der nach einem ſolchen Herzen zielen kann. O vermoͤchte ich mich doch zwiſchen ſie zu werfen und den Stoß in meiner Bruſt aufzunehmen, der ihm zugedacht war! Wohin ſoll ich in meiner Seelenangſt fliehen?“ Sie ſprang auf und warf ſich auf die Kniee, ſie erhob ihre gefaltenen Hände und begann zu beten; ihre Hände und Augen ſanken jedoch zu Boden.„O mein Gott! köoͤnnte ich doch noch beten, wie damals, als meine Aeltern krank waren! Da konnte ich weinen, da 38 konnte ich beten. Aber nun! Ach was ſoll ich glauben? Gibt es einen Vater im Himmel? Iſt Gott nicht ſo fern von uns armen Menſchen? Die Unſchuldigſten, o die Beſten leiden und ſterben, ohne daß ihr Kummer eine Macht im Himmel oder auf Erden rührt. Mußten nicht auch meine Aeltern ſterben, obwohl ich damals ſo andäch⸗ tig für ſie betete. Nein, nirgend iſt eine Zuflucht, als im Tode. Ja, da iſt Troſt. Stirbt Luſard, ſo kann auch ich ſterben.“ Sie warf ſich mit dem Geſichte auf den Boden, erhob ſich wieder, ging unruhig auf und nieder, und ſank endlich in den Stuhl zurück. So brachte das arme Mäd⸗ chen bleich und zitternd mehre Stunden zu, deren Leiden beſſer geſühlt, als beſchrieben werden können. Eine gewiſſe Geſchäftigkeit im Hauſe und die Unruhe der Gemüther, welche die Theilnahme für den jungen Hausfreund dem Herrn und der Frau einflößte, waren die Urſache, daß man ſich nicht weiter mit Claudinen beſchäftigte. End⸗ lich hörte ſie den Onkel in das anſtoßende Zimmer kom⸗ men, das Fenſter oͤffnen und zu Jemanden ſagen, den ſie an der Stimme als den Diener erkannte:„Von hier aus kann ich ſie mit dem Glaſe kommen ſehen.“ Und nach einer Pauſe rief er:„Ich ſehe zwei Jollen. Die eine nimmt den Weg hieher. Der Wind iſt gut. Sie können ſogleich hier ſein. Ich ſehe Ferdinand in der Jolle ſtehen. Aber von Luſard gewahre ich nichts. Tod und Hoͤlle! Da liegt Jemand im Fahrzeug. Sollte er es ſein? Laufe ſo ſtark Du kannſt nach dem Ufer; ich komme ſogleich nach.“ Dieſe Rede, die in abgebrochenen Sätzen an Clau⸗ dinens Ohr drang, machte ihr Herz immer heftiger pochen und brachte ſie einer Ohnmacht nahe. Plöͤtzlich wurde ſie von einer eigenen Kraft ergriffen, ſie ſprang auf und eilte noch raſcher als der Diener nach der Brücke, von de⸗ ren äußerſter Spitze ſie mit unverwandten Blicken der ſich nä⸗ hernden Jolle folgte, in der man nun deutlich einen Mann liegen ſah, der mit einem Mantel bedeckt war, wäaͤhrend 39 ein anderer, in welchem Claudine einen Arzt erkannte, auf dem Boden an ſeiner Seite ſaß und Ferdinand wie angenagelt ſtand, die Augen gleichſam fragend auf ſein Antlitz geheftet. Claudine war in einem jener Momente, in welchem der Menſch ſein eignes Daſein vergeſſen zu haben ſcheint und in einer Spannung, die, indem ſie alle Gefühle betäubt, bewirkt, daß der Schmerz nicht mit Be⸗ wußtſein gefühlt wird. Das Boot war nun dem Lan⸗ dungsplatz nahe. Der Großhändler, die Dienſtleute, die Fiſcher kamen auf die Brücke. Sie drängten ſich an Clau⸗ dinens Seite, ohne weiter auf ſie Acht zu haben. Der Großhändler rief Ferdinand zu:„Iſt er todt?“ „Nein, aber verwundet.“ Die Jolle legte an und Ferdinand ſagte zu ſei⸗ nem Onkel:„Wir bringen ihn hier zu Ihnen, ſtatt nach Friedrichs⸗Hoſpital, wie wir Anfangs im Sinne hatten. Er wollte ſo ungerne ins Hoſpital, und ſtatt deſſen lieber nach Hauſe, aber dort hätte er keine Pflege. Der Doctor meinte auch, daß der nächſte Ort der beſte wäre, nach⸗ dem er ſo viel Blut verloren und außerdem...“ Der Großhändler unterbrach ihn:„Mache kein Auf⸗ hebens. Alles iſt zu ſeinem Empfang bereit.“ Mit großer Vorſicht wurde nun der Kranke nach dem Hauſe gebracht, von einer ganzen Schaar Anweſen⸗ der begleitet. Claudine ging ſtumm und blaß mit den übrigen. Ferdinand trat zu ihr, legte ihren Arm in den ſeinen und flüſterte:„Claudine, Du hier! Glaube mir, ich habe während des ganzen Vorganges an Dich ge⸗ dacht.“ Während nun der Arzt und die übrigen Leute mit dem Verwundeten beſchaͤftigt waren, ſchloß Claudine ſich in ihr Zimmer und ſuchte ſich zu faſſen. Es war noch Leben, alſo auch noch Hoffnung da. Der Geliebte wurde unter ihr Dach gebracht, darin lag ein großer Troſt. Nun klopfte es an ihre Thuͤre und Ferdinand trat mit lächelndem Geſichte ein.„Gott ſei Dank! die Wunde 40 iſt nicht tödtlich. Der gute Doctor hat die beſte Hoff⸗ nung. Unſer Patient ſoll blos Ruhe und Pflege haben. Ich eilte, Dir dieſe gute Nachricht zu bringen.“ Nun brach Claudine in Thränen aus, ſie faltete ihre Hände und rief:„O Gott! ich danke Dir!“ Dieſer Aus⸗ bruch kam aus der Fülle ihres Herzens und trotz ihrer oben angeführten Aeußerungen, mußte ſie, ſich ſelbſt halb unbewußt, ſich vor dem Gedanken an eine gnädige Vor⸗ ſicht beugen, einem Gedanken, von welchem doch kein Zeitalter und kein Menſch ſich ganz losreißen kann. Als die Familie nach dieſer Aufregung etwas zur Nuhe kam, wurde man endlich nach ernſtem Parlamentiren über die Anſtalten einig, welche zur Pflege des jun⸗ gen Gaſtes getroffen werden ſollten. Der Großhändler konnte und Madame Waller wollte nicht länger von der Stadt abweſend ſein. Sie entſchuldigte ſich mit der Nothwendigkeit ihrer Anweſenheit zu Hauſe und ſchlug vor, die Hausjungfer zu ſchicken, eine aͤltere, ſehr zuver⸗ läſſige Perſon, die das Nöthige beſorgen könnte, Clau⸗ dine verlangte mit den innigſten und dringendſten Bitten, bleiben und die Aufſicht über die Pflege des Kranken führen zu dürfen. Ihre Tante widerſetzte ſich dieſem Wunſche, aber der Großhändler fand ſo großes Wohlge⸗ fallen an dieſer heldenmüthigen Denkungsart, wie er es nannte, daß er mit Freuden ſeine Zuſtimmung gab, na⸗ mentlich da Ferdinand den Wunſch ſeiner jungen Freun⸗ din unterſtützte und das Anerbieten machte, ſelbſt auch bei Luſard bleiben zu wollen, bis er ſich auf dem Wege der Beſſerung befände. Er hatte dem Arzt bereits zuge⸗ ſagt, in der kommenden Nacht wachen zu wollen. Man vereinigte ſich nun, die genannte Hausjungfer mit einer Wachfrau aus der Stadt zu ſchicken, wohin ſich die Herr⸗ ſchaft noch am ſelben Tage begab, um ſogleich dieſe Leute und ein und das andere Requiſit ſenden zu können. Claudine blieb zu ihrer großen Befriedigung zurück und auf ihre inſtändige Bitte führte Ferdinand ſie einen Augenblick an 41 das Krankenlager. Als Luſard ſie gewahr wurde, reichte er ihr beide Hände und ſagte mit matter Stimme:„Iſt es moͤglich? Sind Sie es wirklich ſelbſt? Wie bin ich doch glücklich! Geſegnet ſei der Degen meines Gegners!“ Claudine hatte nicht Zeit zu antworten, denn Ferdi⸗ nand, erſchrocken über die Bewegung, in die ſeine Unvor⸗ ſichtigkeit den Kranken gebracht, führte ſie ſogleich aus dem Zimmer und verbot ihr, ſich in den nächſten Tagen bei dem Kranken ſehen zu laſſen, wenn er nicht ſchlafe, und ſelbſt dann war es ihr nur vergönnt, in die halb⸗ geöffnete Thüre zu ſehen. Sie war deßhalb ſehr er⸗ ſchrocken, als Ferdinand eines Nachts, nachdem ſie zu Bette gegangen war, in ihr Schlafzimmer trat und ſie aufzuſtehen und zu Luſard zu kommen bat. Das Wund⸗ fieber war ziemlich ſtark und in ſeiner Fieberphantaſie hörte der Leidende nicht auf, ihren Namen zu rufen. Seine unruhigen Fieberträume vermiſchten das Vergan⸗ gene mit dem Gegenwärtigen, gaukelten ihm vor, daß Claudine vor das Revolutionstribunal geſtellt worden und am folgenden Morgen das Schickſal ſeines Generales theilen ſolle. Seine Angſt ſtieg in einem ſolchen Grade, daß er ſich aus dem Bette ſtürzen wollte und Ferdinand wußte keinen andern Rath, als zu verſuchen, was Claudi⸗ nens Gegenwart vermöchte. Der Kranke erkannte ſie ſo⸗ gleich, er ergriff ihre Hand mit einem Ausbruch der Freude; augenblicklich war er beruhigt und legte ſich ſtill nieder, aber ihre Hand ſo feſt in der ſeinen haltend, daß ſie nicht die mindeſte Bewegung machen konnte, ſie zurückzuziehen, ohne den Schlummer zu ſtoͤren, in welchem er lag, und das geliebte Mädchen blieb mit inniger Be⸗ friedigung an ſeinem Lager ſitzen, bis der Morgen herein⸗ brach. In ſeine Betrachtung verſunken, ſaß ſie da und ſchaute in das edle, bleiche Antlitz und bemerkte nicht, daß die aufmerkſame Hausjungfer kam, um ihr eine Taſſe Kaffee zu bringen, bis dieſe in freundliche Klagen aus⸗ 4² brach, daß man ihrem jungen Fräulein die Nachtruhe geraubt.— Sie betrachtete nun den Kranken, der ſo ruhig zu ſchlafen ſchien, daß Claudine ihre Hand loszumachen ſuchte.„Ach! Du guter Gott,“ ſagte das Mädchen,„iſt es nicht eine Sünde, einen ſo ſchönen Menſchen, ſo elend daliegen zu ſehen! Was ſind das doch für ſchlechte Zei⸗ ten, in denen wir leben!“ „Ja, iſt er nicht ſchön?“ ſagte Claudine.„Finden Sie nicht auch, liebe, brave Suſanne, daß ſo wie er da⸗ liegt, er dem Kupfer in der Wohnſtube zu Hauſe gleicht, das den ſchlafenden Endymion darſtellt?“ „Das Bild habe ich wahrhaftig nie geſehen! Aber ich dachte, wie ich ſo daſtand und dieſen armen jungen Mann anſah, daß er... Gott verzeihe mir! ich meine nichts Böſes damit! aber es war mir, als ob er, wie er ſo daliegt mit dem ſchwarzen Haar und dem krauſen Bart, unſerm Heiland gliche, wie man ihn in der großen Bil⸗ derbibel ſieht, da wo er im Schiffe liegt und ſchläft.“ Von dieſer Stunde an leuchtete es dem Arzte und der übrigen Umgebung ein, daß Claudinens Nähe wie ein ärztlicher Talismann auf den Kranken wirkte, deſſen Heilung in ungewöhnlich kurzer Zeit bewerkſtelligt wurde. Der Großhändler kam öfter als ſonſt auf ſeinen Landſitz und auch Madame Waller kam häufiger und machte dem Patienten ab und zu einen kleinen Beſuch. Ferdinand hielt ſich beſtändig draußen auf, bis Luſard aufſtehen und umhergehen konnte; dann ging er auf zwei bis drei Tage, kam jedoch immer wieder. 3 Nun wollte Madame Waller Claudinen mit ſich nach Hauſe nehmen.„Liebes Kind!“ ſagte ſie,„es geht nicht an, daß Du bei dieſem jungen Mann bleibſt, der nun Deiner Anweſenheit nicht länger bedarf.“— Aber Clau⸗ dine widerſetzte ſich und verſicherte, daß Luſard durchaus noch nicht geheilt ſei, daß die Convenienz und das Geſchwätz der Leute einen Menſchen nicht von dem abhalten dürſe, 43 was recht und gut ſei. Luſard würde überdies bald nach Frankreich zurückreiſen und nur ſeine vollſtändige Gene⸗ ſung abwarten, um ſeine Reiſe anzutreten. Die Frau wandte ein, bis dies geſchähe, könnte noch längere Zeit vergehen.„Aber, Tante!“ ſagte Claudine und heftete ihre großen Augen auf Madame Waller mit einem wehmüthigen Ausdrucke:„Bedenke doch, wir ſehen ihn dann vielleicht nicht mehr.“ Die Thränen rollten ihr bei dieſen Worten über die Wangen. Die Tante ſah mitleidig auf ſie, ſeufzte tief, ſtreichelte die erröthenden Wangen des jungen Mädchens und ſagte mit leiſer Stimme:„Ach, meine arme Clau⸗ dine! Ich habe das Herz nicht, Dich zu betrüben, aber Gott verhüte, daß ich Dich nicht auch noch zu den übri⸗ gen Sünden auf mein Gewiſſen bekomme!“ Claudine, ſeelenvergnügt, der Gefahr entgangen zu ſein, die ihr drohte, konnte es nicht über das Herz brin⸗ gen, dieſe kleine Begebenheit zu verſchweigen, als ſie Abends mit Luſard und Ferdinand allein war. Sie ſprach mit Wärme von der Güte ihrer Tante, von ihrem liebe⸗ vollen Herzen, das durch den Kummer Anderer immer gerührt werde, und erzählte dazu mit Staunen ihre letzte Replik als etwas Unerklärliches in dem Munde eines ſo vortrefflichen Weſens. Ferdinand lächelte ſchalkhaft:„Daß ſie ein vortreff⸗ liches Weſen, ein frommes, liebevolles, ächt weibliches Gemüth, das iſt auch meine Meinung, aber was ſie mit jener Aeußerung meinte, das iſt mir ganz erklärlich; ich weiß wohl, was ihr Gewiſſen drückt. Du darſſt mich nicht ſo erſchrocken anſehen, Claudine! denn die Sünde, die ſie ängſtigt, iſt ſo groß, daß ich ſie für meinen Part — wie man ſagt— in einem Stück Butterbrod auf⸗ ſpeiſen würde. Sie hat einen Liebhaber, das iſt Alles!“ ſe„ASine Liebhaber!“ rief Claudine:„Wer ſollte das e n 44 „Wer anders, als Advokat Dalund! Zweifelſt Du 44 daran? Herr Gott! Du biſt wirklich zu unſchuldig für ein Mädchen, das in ſein achtzehntes Jahr geht.“ „Das iſt unmöglich! Pfui! Das iſt abſcheulich, etwas Derart zu denken!“ „Ja, iſt es denn ſo abſcheulich? Ich halte ſehr viel auf den Onkel, aber glaubſt Du, daß ich deßhalb weni⸗ ger auf die Tante halte? Im Gegentheil. Siehſt Du, ich bin meine ſechsundzwanzig Jahre alt; vor ſieben Jah⸗ ren heirathete ſie den Onkel. Damals war ich bereits alt genug, um offne Augen zu haben. Sie war damals ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren; ſie hatte Dalund geliebt und ihn drei Jahre erwartet. Er war in die Welt hinausgereiſt und ließ nichts von ſich hören. So freite nun der Onkel um ſie und erhielt ihre Hand. Aber ich verſichere Dich, daß ſie damals und in den erſten drei Jahren nach ihrer Verheirathung eine ſehr eitle Frau war. Da trat das Verhältniß zu ihrem alten Liebhaber wieder in ſeine Rechte ein. Er iſt ein Mann von Ver⸗ ſtand und Bildung und nun würdeſt Du die Tante nicht wieder erkennen, wenn Du ſie vor vier, fünf Jahren ge⸗ ſehen, ſo liebenswürdig iſt ſie geworden.“ „Ja,“ ſagte Luſard,„es iſt eine einnehmende Frau. Sie ſieht aus, wie die Göttin Ceres mit dem reichen blonden Haar, der vollen Figur, dem milden Ausdruck in dem ſchönen Geſicht.“ „Ich kann ohne Uebertreibung verſichern,“ ſagte Fer⸗ dinand,„daß der ſchöne Ausdruck gleichfalls mit all' der übrigen Verbeſſerung ſich gebildet hat.“ „Ja, ja!“ rief Luſard:„Wahre Liebe iſt die Zauber⸗ macht, die Verſtand, Schönheit und Tugend gibt.“ Claudine ſchüttelte den Kopf:„Aber eine verheira⸗ thete Fraul Die Heiligkeit der Che!“ „Na! fängſt Du jetzt auch das alte, abgedroſchene Lied an, das mit ſo manchem andern ſchon lange ver⸗ geſſen iſt? Die Heiligkeit der Ehe! Ja, das iſt eine hübſche Heiligkeit, wenn zwei Menſchen, die einander nicht 4³5 leiden mögen, zuſammen leben ſollen, als ob das innigſte Wohlgefallen, die wärmſte Liebe ſie aneinander bände. Und die dagegen, welche vor Liebe brennen, dürfen ſich einander nicht nähern, wenn nicht ein Prieſter geſagt: „Nun ſollt Ihr Eheleute ſein.“ Und obgleich Leiden und Kummer im Ueberfluſſe auf dieſem Cheſtande ruht und nichts Andres als Liebe und Theilnahme Euch dieſes Kreuz⸗ mit Muth tragen läßt, und wenn Ihr Euch tauſendmal darüber ärgert, vaß Ihr an einander gekettet ſeid, ſo ſollt Ihr Euch doch das Anſehen geben, als wenn Ihr in Eurer Gefangenſchaft vergnügt wäret— das iſt doch mehr, als von einer gefangenen Kreatur verlangt werden kann; dieſe hat doch das Recht zu brüllen und im Käſig vor Zorn und Ungeduld hin und her zu fahren; aber was Euch arme Menſchen anbelangt, ſo ſoll das ſo fortgehen, ohne daß ein Menſch das Recht hat, zu trennen, was Gott zuſammenge⸗ fügt;— als ob der Herr der Natur etwas ſo Naturwidriges, ſo mit den Gefühlen Unvereinbares, die er ſelbſt in das menſchliche Herz niedergelegt, befehlen würde.“ „Aber,“ ſagte Luſard,„dieſes ſogenannte, unzertrenn⸗ liche Band iſt ja auch nicht mehr unauflöslich, wenig⸗ fehe nicht in Frankreich. Bei uns wird die Scheidung ſehr eicht.“ „Ja,“ antwortete Ferdinand,„dem Himmel ſei ge⸗ dankt für jedes Band, von dem die arme Menſchheit er⸗ löst wird und das iſt wohl eines von den ſchlimmſten, aber dieſes Löſen iſt von unſern Sitten noch nicht ſank⸗ tionirt, ſelbſt wohl nicht mal von den Euren, und dieſe Trennung iſt auch ſehr unangenehm.“ „Aber, was ſoll man machen?“ fragte Luſard. „Man ſoll, wie die früheren Liebenden, Abailard und Heloiſe, ſo begeiſtert von den gegenſeitigen Vorzügen ſein, daß man alle Bande verſchmäht, welche die Freiheit be⸗ ſchränken. Was iſt die Liebe ohne Freiheit? Was gewährt mir die Gewißheit, geliebt zu ſein, wenn die Geliebte nicht ohne Aufheben mit mir brechen kann? Was iſt 46 ſüßer in einem Liebesverhältniß, als das Geheimniß? Iſt Liebe nicht heilig? und wird das Heilige nicht durch fremde, neugierige Augen profanirt?“ „Des iſt Alles wahr,“ rief Luſard:„Glückſelig der, der eine Heloiſe gewinnt! Aber es könnte doch viel gegen Ihre Theorie eingewendet werden. Wir armen Sterbli⸗ chen können die vollkommene Freiheit nicht erringen. Wir geben Leben und Blut für ſie, aber...“ Er unterbrach ſich ſelbſt. Claudine und er ſahen ſich mit unbeſchreiblichen, bedeutungsvollen Worten an. Es war in den erſten Tagen des Monates, der in unſrem Clima oft der ſchönſte iſt und nicht ſelten einen unfreundlichen Sommer erſetzt. Durch ſeinen klaren und milden Himmel, durch ſeinen eigenthümlichen aromatiſchen Duft, durch ſeinen Farbenwechſel, mit dem er die Blätter der Bäume ſchmückt, durch ſeine ſternenklaren Nächte könnte der September vor den Frühlingsmonaten den Namen der Todeszeit der Liebe verdienen. So kam es auch Luſard und Claudinen vor. Er war 25, ſie kaum 18 Jahre alt. Er war ihres jungen Herzens erſte Lei⸗ denſchaft, wie es wohl auch gelten mochte, was er ihr oft ſagte, daß ſie ſeine erſte Liebe war und— fügte er hinzu— wie er fühle, auch ſeine letzte. Einſam und ſich ſelbſt überlaſſen, hielten ſie ſich gunze Tage in dem ſchönen Garten auf oder wanderten Arm in Arm am Ufer und ſahen Mond und Sterne ihre Strahlen in der klaren See brechen, deren Wellen mit ſanftem Rauſchen ihre liebevolle Rede wie mit melodiſchem Tacte zu beglei⸗ ten ſchienen. 3 In dieſer ſchönen Zeit kam Ferdinand eines Abends in ſehr aufgeräumter Laune. Er verehrte Claudinen ein kleines Buch und ſagte:„Du ſollſt die erſte ſein, der ich dieſe Primula veris meiner Muſe darbringe. Du ſiehſt, daß ich meiner Luſt und der Aufmunterung meiner Freunde, mein Schriftſtellerglück zu verſuchen, nicht widerſtehen konnte. Meine Gedichte ſollen nun in die Welt hinaus⸗ 47 fliegen; ob ſie geliebte Lerchen oder verachtete Sperlinge werden, mag die Zeit lehren.“ Claudine dankte vergnügt, fragte jedoch furchtſam: „Was ſagt Dein Vater?“ „Ja, das wird auch die Zeit lehren, und dieſe Zeit i*ſt nicht ſehr fern, denn in wenigen Tagen wird das Buch mit meinem Namen auf dem Titel zum Verkauf ausge⸗ ſtellt, denn mit oder ohne Namen, das iſt gehüpft wie geſprungen.“ Luſard, der von dem Inhalt des oben angeführten Geſpräches unterrichtet wurde, beklagte ſehr, nicht im Stande zu ſein, ſeines Freundes Gedichte zu leſen. Fer⸗ dinand lachte und ſagte:„In der Hoffnung, Du werdeſt mit dieſer Klage kommen, wagte ich, ein kleines Gedicht zu überſetzen, das ich an unſer neuliches Geſpräch von der Freiheit der Liebe anſchließe. Aber Du mußt meine Sprachfehler mit meinem Wunſche, Dir gefällig zu ſein, entſchuldigen.“ Claudine wollte ihres Freundes und Vetters Eintritt in den Parnaß feiern. Sie ließ den Abendtiſch in einer Laube des Gartens decken, um die ſich Weinranken, voll von Trauben, und blühende Caprifollen ſchlangen. Mit flinker Hand band ſie Blumenſträuße, womit ſie den be⸗ deckten Tiſch ſchmückte, auf welchem die Lichter ruhig in der ſtillen Nacht brannten, während der Mond ſeine bläulichen Strahlen auf Tiſch und Blumen warf, als wollte er das irdiſche Licht beſchämen, und Venus, hoch am Himmel, mit zitternder Bewegung neugierig durch das Dunkel lauſchte. Unter lebendigen und heiteren Geſprächen genoß die kleine Geſellſchaft ihre Mahlzeit, gegen deren Schluß Ferdinand ſein Gedicht las, das in ſo guten franzoſiſchen Verſen geſchrieben war, als man es nur von einem Ausländer erwarten konnte; dazu fügte er einige an Luſard gerichtete Schlußſtrophen. Dieſe waren eigentlich das Schönſte im ganzen Gedicht; ſie athmeten eine jugendliche Wärme, eine Herzlichkeit und 48 Feinheit, die jedem gefallen mußte und die beiden Zuhörer begeiſterte. Luſard beugte ſich zu dem Verfaſſer hin, umarmte ihn, dankte mit thränenvollen Augen, bat um das kleine Gedicht, legte es in ſeine Brieftaſche und ver⸗ ſicherte, daß es ihn nie verlaſſen ſolle. Claudine ergriff einen von den Blumenkränzen, ſetzte ihn auf Ferdinands Haupt und ſagte ſcherzend:„Der Dichter muß gekroͤnt werden. Es ſollte freilich ein Lor⸗ beerkranz ſein.“ „Nein!“ rief Ferdinand,„der Blumenkranz paßt beſſer für den jungen Sänger. Des Lorbeers dunkles, feierliches Ehrenzeichen kommt mir noch nicht zu. Es gehört unſrem tapfern Freunde, der hier ſitzt, aber in Ermanglung deſſelben wollen wir ihm einen andern geben. Sieh, wie hübſch die bunten Blumen ſein ſchwarzes, ge⸗ locktes Haar kleiden.“ „Ach!“ ſeufzte Luſard,„die Blumen ſchmiegen ſich mit Unwillen um das Haupt des Soldaten: er muß ſie auf ſeinem mühſamen Wege zertreten und zur Strafe wird ihm kein Blumenkranz zu Theil.“ „Doch wenn er zu ſeinem Herde heimfehrt,“ ant⸗ wortete Claudine. Mit ſtrahlenden Augen rief Luſard:„Von der Liebe und der Schönheit Hand! Ja, darauf wollen wir unſere Hoffnung ſetzen! Welch' glucklicher Abend! Es iſt, als ob wir ein Feſt in Griechenlands heiligen Tagen feierten. Die Luft iſt mild, das Weinlaub ſchlingt ſich um unſere Laubhütte. Unſere Häupter ſind mit Blumen bekränzt. Ja, hier wohnen die Götter. Als eine Libation für Phoͤ⸗ buß, den Vater der Dichtkunſt, gieße ich hiemit meinen Welnbecher auf die Erde.“ laudine rief begeiſtert:„Und ich den meinen fur die milde Luna, die zu uns hereinſieht.“ „ und ich,“ rief Ferdinand,„für den kleinen Gott Amor, deſſen Mutter am Himmel ſitzt und uns betrachtet.“ Es war ſpät geworden. Ferdinand rüſtete ſich, nach 49 Hauſe zu gehen. Plötzlich ſagte er:„Heiliger Gott! Ich habe ganz vergeſſen, daß der Onkel mir einen Brief über⸗ lieferte, den er bekommen, der aber Dich angeht, Clau⸗ dine, und den Du leſen ſollſt.“ Claudine ergriff ihn raſch und ſagte:„Er iſt aus Deutſchland, von Tante Malfred.“ Sie durchflog ihn mit ſichtlicher Unruhe und rief dann:„Victoria! Nun, dieſer Tag iſt in Wahrheit ein glücklicher! Die Tante bittet den Onkel, mich den Winter über in ſeinem Hauſe zu behalten, da ſie beſchloſſen hat, ſich für die Zukunft im Mecklenburgiſchen niederzulaſſen, wohin ich im nächſten Fruͤhjahr kommen ſoll, wenn ſie eingerichtet iſt. Na, Gott ſei Dank! das iſt noch lange hin bis zum Früh⸗ jahr.“ „Ich ſollte Dir auch melden,“ ſagte Ferdinand,„daß Onkel und Tante morgen mit einem deutſchen Herrn, einem jungen Kaufmann, herauskommen, der den Brief gebracht und der Dich von Tante Malfred grüßen ſoll, die, Gott ſei Dank, nicht auch meine Tante, da ſie Deiner Matter Schweſter iſt.“ Ferdinand ſtieg nun zu Pferde und die Liebenden be⸗ gleiteten ihn ein Stück Weges und wanderten darauf an der mondbeleuchteten Küſte zurück. Auf einen ausgezeichnet angenehmen Abend folgt ſelten ein glücklicher Tag. Die Familie von der Stadt brachte eine kleine Geſellſchaft mit, und außer dem ge⸗ nannten deutſchen Kaufmann kamen einige von den fran⸗ zoͤſiſchen Freunden des Hauſes, die früher ab und zu ihren kranken Landsmann beſucht hatten. Luſard war ſchon lange vollkommen hergeſtellt, aber es wurde dem jungen Liebenden ſchwer, ſich loszureißen von dem Paradies der Liebe, in welchem er gelebt. Vor ſich und Andern ent⸗ ſchuldigte er ſich damit, daß er einige Briefe erwarte, ehe er ſeine Abreiſe beſtimmen koͤnne. Nun brachte der franzoͤſiſche Legationsſekretär ihm einen Brief und der Novellen. II. 4 50 Großhandler einen andern, nach deren Leſung er ſichtlich verſtimmt war. Vor dem Mittagstiſche ging die Geſell⸗ ſchaft im Garten umher. Der franzöfiſche Geſandte nahm Luſard auf die Seite und ging mit ihm in der Allee auf und nieder. Claudine, welche den deutſchen Kaufmann indeſſen zu unterhalten ſuchte, ging abſichtlich in derſelben Allee, ſo daß ſie fortwährend den beiden Andern begeg⸗ nete, aus deren Mienen und Bewegungen ſie ängſtlich den Gegenſtand ihres Geſpräches zu errathen ſuchte. Bei Tiſche ſaß ſie in der Nähe Luſards und ihres Onkels, und ihre bange Ahnung ward zur Gewißheit, als der junge Franzoſe ſein Glas nahm und, ſich an den Großhändler wendend, ſagte:„Laſſen Sie mich für die glückliche Zeit danken, welche Ihre allzu große Güte mir an dieſem ſchönen Orte zu verleben geſtattete, den ich nun leider verlaſſen muß, wo aber meine Gedanken ſtets bleiben und wohin alle Wünſche mich zurückführen werden.“ Der Großhändler antwortete verbindlich, und als Luſard äußerte, daß er in einigen Tagen nach der Stadt ziehen und die Woche darauf ſeine Reiſe antreten wolle, lud ihn der gaſtfreundliche Wirth zu einer Abſchiedsge⸗ ſellſchaft am Tage vor der Abreiſe ein. Die beiden Lie⸗ benden ſahen ſich ſchweigend mit einem Ausdruck an, der nur von Frau Waller bemerkt wurde. Sie ſeufzte tief und fühlte einen Schmerz, als flüſterte ihr guter Engel ihr einen bittern Vorwurf zu. Spät Abends, als die Geſellſchaft fortgegangen und die beiden Liebenden allein geblieben, ſchloß Luſard ſeine Geliebte mit tiefer Wehmuth in ſeine Arme.„O meine Claudine!“ rief er,„nie fühlte ich, was ich in dieſem Augenblicke fühle. Das Leben verlaſſen muß nichts gegen Dich verlaſſen ſein.“ Sie weinten Beide und nachdem ſie ihr trauriges Herz durch die lindernden Thränen erleichtert hatten, ſagte Luſard:„Wir wollen uns in unſere liebe Laube ſetzen 51 und ruhig mit einander zu ſprechen ſuchen... Höre mich an, Claudine! Wir wußten ja Beide, daß ich nicht hier bleiben kann. Pflicht und Ehre rufen mich. Aber meine große Schuld gegen Dich laſtet ſchwer auf meinem Ge⸗ wiſſen. Ohne Kraft, meine Leidenſchaft zu beherrſchen, ſchmeichelte ich mich in Dein unſchuldiges Herz ein, um vielleicht Dein ganzes ſchönes Leben zu zerſtören. Nicht zum erſten Male erwachen dieſe Gedanken in mir und wie leichtſinnig ich auch handelte, ſo hatte ich doch einen Plan zum Troſt für uns Beide gefaßt. Du weißt, daß ich einen Onkel habe, meines Vaters Bruder, der waͤhrend der Revolution emigrirt iſt und ſich ſeitdem in einer däniſchen Provinz niedergelaſſen. Die Politik hat jedes Band zwi⸗ ſchen uns zerriſſen; aber wenn mich auch nie reuen wird, zu dieſer Partei getreten zu ſein, ſo ſchmerzte es mich doch ſehr, auf einem beinahe feindlichen Fuße mit einem Manne zu ſtehen, den ich trotz unſerer verſchiedenen An⸗ ſchauungen ehre und liebe, einem Manne, der meine Kind⸗ heit glücklich gemacht und meine Jugend geleitet hat. Ich dachte: die Macht der Jacobiner iſt durch Ro⸗ bespierre's Fall gewiß gebrochen: mein armes Vaterland wird, wie ich hoffe, wieder aufathmen können. Nun gilt es nur, die auswärtigen Feinde zu beſiegen. Ich ſchrieb an meinen Onkel, ſagte ihm Alles, was ich Dir hier ſage, und bat ihn gerührten Herzens, ſich mit mir zu verſöhnen. Ich hatte dabei den Plan, wenn er mir vergäbe, ihm mein Verhältniß anzuvertrauen und ihn zu erſuchen, Dich in ſeinem Hauſe aufzunehmen und Dich mir zu erhalten, bis das Kriegsglück mir eine ſo eehrenvolle Stellung ver⸗ ſchafft, daß ich meinen beſten Schatz holen und ihn aus ſeiner Hand empfangen könnte. Er iſt mild und war im⸗ mer nachſichtig mit meinen Thorheiten. Aber lies ſelbſt, was er mit antwortet!“ Der Inhalt des Briefes war ungefähr: Le Due de Montalembert wiſſe nichts von einem Citoyen Charles Luſard; er habe einen Neffen verloren, den er mit Wohl⸗ 52 thaten überhäuft; wenn Citoyen Charles Luſard dieſen jungen Mann kenne, ſo möge er ihm ſagen, daß, ſobald er wieder den ehrenvollen Namen und die loyale Geſin⸗ nung ſeiner Eltern annehme, die dreifarbige Cocarde un⸗ ter ſeinen Füßen zertrete und für ſeinen König ſtreite, werde der Herzog von Montalembert ihn als einen lieben Sohn aufnehmen, aber jedem Republikaner, der ſeinen ländlichen Aufenthaltsort betrete, ſollten ſeine Jagdhunde den Weg aus ſeinem Hofe weiſen. „Kann ich ihm gehorchen, Claudine?“ fragte Luſard, als ſie ihm ſtumm den Brief zurückgab.„Tadelſt Du mich, wenn ich bekenne, daß trotz meiner Verzweiflung, Dich verlaſſen zu müſſen, doch in meiner Bruſt ein bren⸗ nendes Verlangen glüht, mich mit meinen tapfern Waf⸗ fenbrüdern zu vereinigen, ein Eifer, den berühmten An⸗ führern zu folgen, deren Namen jetzt über das erſchrockene Europa hintoͤnen? verzeihſt Du, daß auch ich ein Blatt aus ihrem Lorbeerkranze verlange?“ Claudine rief:„Ach, Luſard! glaube nicht, daß ich Dich zurückhalten würde, wenn ich auch könnte. Nein, Deine Ehre iſt mir heilig. Gräme Dich nicht um meinet⸗ willen. Sage nicht, daß Du mein Leben verdorben. Nein, komme, was ba will; der Gedanke, daß Du mich geliebt, die Erinnerung an die Tage unſerer Liebe ſoll das ſtolze Bewußtſein werden, das mich in meinem übrigen Leben aufrecht erhält, trotz meiner demüthigen Stellung und der Verläumdung Anderer. Wenn ich wieder allein bei meiner Tante Malfred ſitze, werde ich mich nicht mehr über meine ſtillen, todten Abende beklagen, denn Dein Bild, die Hoffnung, Dich wiederzuſehen, ſoll meine Ge⸗ ſellſchaft ſein. Unſer Freund Ferdinand ſagte mal: Nur wenige Frauen haben in ihrem trivialen Alltagsleben eine ſolche Erinnerung, die ſie erheben kann.“ „Meine Geliebte! meine kleine Frau! Du entzückſt mich! Du flößeſt mir Troſt und Hoffnung ein. Ja, es kann nicht mehr lange dauern, ſo haben unſere tapfern 5³ Heere uns den Frieden erkämpft. Lebe ich dann, ſo komme ich unverzüglich nach Dänemark und hole meine liebens⸗ würdige Frau nach meinem glücklichen, freien Vaterlande. Aber ach! meine Freundin! Es können auch Jahre vergehen, ehe der glückliche Tag anbricht, und wenn ich dann zu⸗ rückkomme und Dich in eines Andern Armen finde, was ſoll aus mir werden? Der junge Deutſche zum Beiſpiel, der heute hier war; er ſah Dich mit Augen an, die ich gut verſtand. Deine Familie wird ihr Anſehen brauchen und..“ „O ſchweige, Luſard! Nie, nie werde ich einem Andern angehören. Ich werde mit Hoffnung und Geduld auf Dich warten, wenn es auch ſo lange dauern ſollte, bis meine Haare grau werden.“ Es ging Claudinen, wie es Jedem geht, der an der Seite eines geliebten Weſens eine bevorſtehende Tren⸗ nung beweint. Eine doppelte Zärtlichkeit, ein Ausſpre⸗ chen der innigſten Hingebung verleiht dem Augenblick eine Süßigkeit, die die Zukunft in den Hintergrund treten läßt und den Muth belebt. Der Geliebte iſt noch an⸗ weſend. Der Unterſchied zwiſchen der Abſchiedsſtunde und der Abweſenheit gleicht dem zwiſchen Krankheit und Tod. Luſard und Claudine ſagten ſich an jenem Tage Lebewohl, an welchem der Erſtere das Landhaus verlaſſen ſollte, von welchem auch Claudine noch am ſelben Abende von Onkel und Tante abgeholt wurde. Die Liebenden hatten ſich verabredet, ihre Verbindung vor Allen zu verheimlichen, mit Ausnahme von Ferdinand, der ſich verpflichtet, die Briefe zu beſorgen, die ſie, ſoweit es die Umſtände er⸗ laubten, mit einander zu wechſeln verſprachen. Sie fan⸗ den einen Troſt in dem Gedanken, daß ſie ſich noch ein⸗ mal vor Luſards Abreiſe ſehen ſollten, nämlich bei der Abſchiedsgeſellſchaft, welche der Großhändler in einigen Tagen dem fortreiſenden Freunde geben wollte; als dieſe Geſellſchaft jedoch ſtattfand, fühlten ſie ſich Beide von dem Zwange, den ſie ſich auflegen mußten, um ihre 54 Stimmung zu verbergen, ſo beklommen, daß ſie nur mit Mühe ihr letztes Zuſammenſein aushalten konnten. Wäh⸗ rend dieſer letzten Stunden war es ihnen nicht möglich, ſich ein unbemerktes Wort zuzuflüſtern. Als Luſard Abends ſeine Landsleute ſich zum Gehen rüſten ſah, näherte er ſich dem Herrn und der Frau des Hauſes mit warmen Dankſagungen und vermochte nicht, ſeine Be⸗ wegung zu verbergen. Dann wandte er ſich an Claudine, welche etwas entfernt ſtand: ſie war bleich und ſtützte ſich mit der Hand auf den Tiſch. Luſard wollte ſprechen, vermochte es jedoch nicht. Er nahm ihre Hand. Sie ſahen einander ſtumm an. Plötzlich verbeugte er ſich, um etwas aufzunehmen, was auf dem Boden lag, kniete nie⸗ der und, nur von Claudine bemerkt, ergriff er den Saum ihres Kleides, drückte ihn an ſeine Lippen und eilte raſch aus der Thüre, während das betrübte Mädchen an das Fenſter eilte, um noch im Dunkel ſeinen Schatten zu ſehen und den Schall ſeines Fußes zu vernehmen. Nur wenige Tage nach dieſem Abende waren ver⸗ ſchwunden, als der Juſtizrath plötzlich eines Tages in größter Aufregung zu ſeines Bruders Familie kam und in den heftigſten Ausdrücken ſeinen Sohn anklagte, der mit der rückſichtsloſeſten Frechheit Unglück und Schande über ſeine Familie und über ihn gebracht. Ferdinands früher beſprochenes Buch war nämlich jetzt erſchienen und hatte ſeinen Vater mit Schrecken und Erbitterung erfüllt. Von dieſer kleinen Gedichteſammlung, die in jenem Augen⸗ blicke großes Aufſehen erregte, konnte man freilich ſagen, daß es ein ſehr jugendliches Werk ſei, die in die Welt hinauszuſchicken mehr Leichtſinn, als Beſonnenheit erfor⸗ derte, da ſie die Ideen jener Zeit von Freiheit und Sitt⸗ lichkeit mit der auffallendſten Rückſichtsloſigkeit ausſprach. Da dieſe Ideen indeſſen bei einer großen Partei Anklang fanden und die Gedichte ein nicht gewöhnliches Talent verriethen, ſo machte das kleine Buch großes Aufſehen und wurde über Verdienſt gelobt und verdammt, und als 5⁵ der Juſtizrath wie ein Raſender zum Buchhändler kam, um wo möͤglich den Verkauf zu hemmen, war beinahe die ganze Auflage vergriffen. Ein ernſtlicher Wortſtreit entſtand nun zwiſchen den Brüdern. Der Großhändler vertheidigte Ferdinand, aber der Juſtizrath beſtand darauf, ſein Sohn, dem er die Namen„verloren“ und„entartet“ beilegte, habe ſich durch dieſes Buch die ganze Zukunft verdorben: ein vernünfti⸗ ger und hochgeſtellter Mann habe ihm verſichert, daß die Rede davon ſei, den Verfaſſer gerichtlich zu belangen. „Aber die Schande,“ fügte der Vater hinzu,„würde ich nicht erleben. Ich habe noch zwei Kinder außer ihm, ich will nicht, daß ſie ihres Bruders Sünden ausbaden. Ich habe es ihm geſagt; ich bezahle ihm ſein mütterliches Erbe aus; es iſt nicht groß, aber doch groß genug, ein Jahr lang davon auf Reiſen leben zu koͤnnen; da mag er denn ſein Glück in dem verwünſchten Babylon ſuchen, das er für ein Paradies hält, und ſehen, wie gut es iſt.“ „Hab ich recht gehoͤrt? Haſt Du das zu ihm geſagt? Und was antwortete er?“ „Er war ſehr vergnügt und ſagte, er wolle je frü⸗ her, je lieber reiſen.“ Wie geſagt, ſo gethan. Ferdinand war bald reiſe⸗ fertig. Der Großhändler verehrte ihm eine anſtändige Summe Geldes und verſehen mit Recommandationsbrie⸗ fen und Creditiven, voll Hoffnung und Reiſeluſt nahm er von ſeinen Nächſten Abſchied; aber Claudine war ſo be⸗ trübt und er ſelbſt ſo gerührt, als er ihr Lebewohl ſagte, daß ihre Abſchiedsſcene den Großhändler in ſeiner Ver⸗ muthung beſtärkte, dieſe Beiden lieben einander. Späterhin ſah man auch deutlich, daß ein Gram Claudinens früher ſo muntern Sinn verzehrte und es war rührend, die Selbſtbeherrſchung zu ſehen, mit der ſie ſich vergeblich anſtrengte, ihre wahre Stimmung zu ver⸗ bergen. Nach und nach ſchien ihre Geſundheit und ihre friſche Schönheit ſich in erſtaunlichem Grade zu verlieren. 56 Sie ſuchte Einſamkeit und nahm mit ſichtlicher Unluſt an Vergnügungen und Geſellſchaften Theil, mit Ausnahme derer, welche zu Hauſe ſtattfanden, und bel denen ſie einige von Luſards Freunden treffen und die eine und andre kleine Notiz von ihm erhaſchen zu können hoffte. Von Paris hatte er ihr einen kleinen Brief geſandt. Aber dieſer Brief, der in einem an den Großhändler einge⸗ ſchloſſen war, und wie dieſer Dankſagungen für die ihm erwieſene Güte enthielt, war mit einer Vorſicht geſchrie⸗ ben, welche natürlicher Weiſe bei einem Briefe nothwen⸗ dig war, der offen und auf dieſe Weiſe geſchickt wurde. Ferdinand hatte ſpäter an ſeine Verwandten geſchrieben und in einem Briefe an Claudinen einen von Luſard ge⸗ ſandt, der am Abend vor ſeiner Abreiſe zur Sambre⸗ und Meüſearmee geſchrieben war, bei der er eine Anſtellung gefunden. Dieſe Zeilen athmeten die wärmſte Liebe und erheiterten das Mädchen auf einige Zeit, aber bald trat ihr hinſchwindender Seelen⸗ und Körperzuſtand wieder au⸗ genſcheinlich ein. Ihr Onkel ärgerte ſich ſehr über ſie und ließ ſie täglich hören, daß ſie ein anderer Menſch gewor⸗ den, daß er nicht, wie früher, Ehre oder Freude von ihr habe, was Alles nicht dazu beitrug, ſie zu ermuntern. Man hatte einen Arzt gerufen, aber dieſer ſchien ihre eigentliche Krankheit nicht zu erfaſſen und da ſie in ihrer Ungewohnheit, Arzneien zu nehmen, einen großen Wider⸗ willen dagegen hatte, glaubte die gute Madame Waller dem Arzte, welcher ein Hausfreund war, unter vier Augen anvertrauen zu müſſen, daß Claudinens Krankheit in der Seele liege und nicht durch körperliche Mittel geheilt werden koͤnne. Der Arzt, wie alle Andern, Madame Waller ausgenommen, ſchrieb dieſe geiſtige Krankheit auf Ferdinands Nechnung und tadelte ihn, daß er ein Maͤdchen verlaſſen, das nicht ohne ihn leben konnte. Madame Waller beſtrebte ſich vergeblich, Claudinen zu zerſtreuen, ſie nahm ſich vor, mit ihr über ihre Herzensangelegenheit zu ſpre⸗ chen, konnte aber nie das Wort über die Lippen bringen, 57 das die Einleitung zu dieſem Geſpräche bilden ſollte. Sie ſagte bei ſich ſelbſt:„Wie ſoll ich das Mädchen die Macht der Leidenſchaft überwinden lehren; ich, die ſelbſt ſich un⸗ ter ihr gebeugt? Ach! wenn ich ſie ſehe, ſo fühle ich zu ſpät mein Unrecht gegen ſie. Ich hätte unſer Landhaus nicht verlaſſen ſollen, als ich genöthigt war, den kranken Gaſt dort aufzunehmen. Ich hätte die Auſſicht über ſeine Pflege haben und das junge Mädchen nach der Stadt ſenden oder wenigſtens unter meinen Augen behalten ſollen. Waller wünſchte eigentlich, ich möchte draußen bleiben, aber ich durfte nicht. Und weßhalb? Aus Furcht vor Dalunds Eiferſucht. Ja, ich fühle es, ein ſolches Ver⸗ hältniß, das uns ſo unſchuldig erſcheint, ſo menſchlich, verzeihlich ſcheint, greift auf ſo manche unvorherge⸗ ſehene Weiſe in unſer Leben und unſern Wandel ein, daß der Gewiſſensfrieden kaum dabei beſtehen kann. Gott vergebe mir! Ich werde nie mehr mich daran hindern laſſen, meine Pflicht zu erfüllen.“ Das Schickſal ſchien Madame Waller ſogleich beim Worte zu nehmen; denn nicht lange vor Weihnachten ſagte der Großhändler eines Tages zu ſeiner Frau:„Du haſt doch bemerkt, daß ich einige Tage in verdammt ſchlechter Laune war, aber Du mußt wiſſen, daß ich mich mit einem Amſterdamer Haus in eine Speculation eingelaſſen, über die ich in Todesangſt bin. Doch kann Alles noch ſehr gut werden, namentlich wenn Dein Bruder, der drüben wohnt, mir behülflich ſein und ſich mit mir in dieſe Affaire einlaſſen will.“ Er erklärte ihr nun den Zuſammenhang, ſo gut es ging und fügte hinzu:„Es iſt nothwendig, daß ich je fruͤher, je beſſer, nach Amſterdam reiſe, aber Du weißt wohl, daß Dein Bruder, den ich achte und liebe, nicht immer, wie man ſagt, aus einer Schüſſel mit mir gegeſſen. Dich dagegen trägt er auf den Händen und ſagt immer, daß er Dir nie etwas abſchlagen könnte. Deßhalb würde 58 meine Reiſe nicht viel nützen, wenn Du Dich nicht ent⸗ ſchließen könnteſt, mitzureiſen.“ „Ich! reiſen, jetzt, in der Mitte des Winters?“ „Ja, es iſt wahr, es iſt eine ſchlimme Jahreszeit zum Reiſen, aber der Winter iſt noch nicht ſtreng, ich werde Alles ſo bequem und behaglich einrichten, als mög⸗ lich, und Du mußt bedenken, daß es unſre Wohlfahrt gilt. Munellen Lore!] Du ſagſt ja, das verſteht ſich wohl von e 4 „Ja,“ antwortete ſie betrübt, im Gedanken an ihr früheres Gelübde. Als Claudine am nächſten Abend um die Zeit kam, zu welcher die Familie ſich gewöhnlich zu verſammeln pflegte, traf ſie Advokat Dalund, der lange mit Madame Waller allein geweſen. Man konnte deutlich ſehen, daß die Letztere geweint und der Erſtere ſehr verſtimmt war. Claudine erinnerte ſich jenes Geſpräches mit Ferdinand und ſagte bei ſich ſelbſt:„Sie iſt ganz verweint. Ja ſie weiß, was heimliche Liebe und Trennung ſagen wollen. Ach! dürfte ich mich dieſem liebenswürdigen Mädchen an⸗ vertrauen, ich würde gewiß keinen ſtrengen Richter in ihr nen, Koͤnnte ich ihr Alles ſagen, was mein armes Herz drückt!“ Am folgenden Tage, einem Sonntag, war Madame Waller frühzeitig ausgegangen. Als ſie nach Hauſe kam, ſagte ſie zu Claudine:„Du ahnſt nicht, wo ich geweſen, Du darfſt nicht lachen und es Niemand erzählen, aber ich war in der Kirche. Ich verſichere Dich, liebe Claudine, ich bin wirklich davon getroͤſtet und geſtärkt. Es thut mir leid, daß ich Dir nicht vorſchlug, mich zu begleiten, aber es war mir, als müßte ich allein gehen und ſo ab⸗ geſondert als möglich ſitzen. Vergib mir!“ „Liebe Tante! das iſt leicht vergeben. Ich weiß nicht... aber ich glaube, der Prediger würde mir nicht mehr haben ſagen koͤnnen, als was ich ſelbſt weiß.“ „Ja, ſo ſprechen nun die aufgeklärten Leute, aber ich 59 darf kaum ſagen, daß es etwas gibt, was ſie nicht ver⸗ ſtehen, etwas, was ſie nicht gefühlt haben: wie es zu Seel' und Herzen geht, die Gedanken zu hören, die man zwar ſelbſt dunkel gehabt— aber doch auch nur dunkel— dieſe Gedanken klarer, ſchöner ausgeſprochen zu hoͤren, ja ſogar ſie nur von einem Andern zu hoͤren; das ſtärkt, das kräftigt, und wie viel mehr, an dieſem Orte, auf dieſe Weiſe! Es gibt doch Dinge, die man nicht den Muth hat, einem Menſchen anzuvertrauen und es iſt, als ob uns eine innere Sehnſucht mit Macht triebe, nach jenen Orten zu flüchten, die einem unſichtbaren Freunde geheiligt ſind, der die ſchwachen Menſchen nicht verläßt und nicht verdammt. Ich war geſtern Abend ſo betrübt, die bevorſtehende Reiſe erfüllte mich mit Furcht, ſie kam mir ſo beſchwerlich, ſo gefährlich vor. Es war, als ob eine dunkle Ahnung mir ſagte, ich würde meine liebe Hei⸗ math nicht wieder ſehen; und als ich in die Kirche kam und die Orgel hoͤrte, mußte ich recht weinen; aber es war nicht aus Kummer; ein wunderliches Gefühl ergriff mich, als ob ich von dieſer Welt und allem Wirrſal ge⸗ trennt wäre. Der Prediger redete von dem Troſte, den die Erfüllung der Pflichten uns gebe; ich wandte dieſe Worte auf mich ſelbſt und die mir ſo unwillkommene Reiſe an und es war mir, als leuchtete der Segen über meinem Vorhaben.“ Betrübt antwortete Claudine:„Aber ich! was ſoll aus mir werden, wenn Du fortreiſeſt?“ „Du ſollſt hier bleiben, meine liebe Claudine, bei unſerer alten, treuen Suſanne. Ich wünſchte, daß mein Stieſſohn, der arme Chriſtian, bei Dir bleiben möchte, aber ſein Vater will ihn in die Koſt bei ſeinem Lehrer geben. Ich habe viel an Dich gedacht und ſchon lange beſchloſſen, dafür zu ſorgen, daß wir Dich für den näch⸗ ſten Winter behalten dürfen, und es ſo einzurichten, daß wir Dich im Spätherbſte abholen. Im Frühjahr mußt Du zu Deiner Tante Malfred reiſen, um ſie nicht böſe 60 zu machen; vor dieſer Zeit koͤnnen wir noch Vieles verab⸗ reden; denn in einem, hoͤchſtens zwei Monaten werden wir ſicher wieder zu Hauſe ſein. Indeſſen pflege Deine Ge⸗ ſundheit und ſuche Dich zu erheitern.“ Mit inniger Güte, erhöht durch einen lieblichen Ausdruck von Verſchämtheit, leitete nun Madame Waller ein vertrauliches Geſpräch mit Claudine ein. Ihr feines Gefuhl erſparte dem jungen Mädchen das Geſtändniß ihrer Herzensangelegenheit.„Ich weiß,“ ſagte ſie,„weßhalb Du betrübt biſt: Du liebſt Luſard und er Dich.“ Claudinens Herz oͤffnete ſich dieſem milden Troſte, der ihr angeboten wurde. Sie ſprach von ihrer Liebe, von ihrer Sehnſucht und mit manchen Thränen von ihrer Beſorgniß um den Geliebten, von dem ſie ſo lange nichts gehört, von ihrer Angſt für ſein Leben und der Beſorgniß, bereits von ihm vergeſſen zu ſein. Die gute Tante tröſtete ſie wegen des Letzteren mit dem Getümmel und der Verwirrung des Krieges, die alle Correſpondenz mißlich und oft unmög⸗ lich mache; ſie verſprach, Claudinen während ihrer Ab⸗ weſenheit zu ſchreiben und ſich alle Mühe zu geben, um ſich eine Nachricht von Luſard zu verſchaffen. Aber ſo aufrichtig und vertraulich dies Geſpräch auch war, ſo blieb doch noch ein Punkt übrig, den keine von den Parteien zu berühren ſich überwinden konnte. So unſchuldig Clau⸗ dine war, ſo wurde ſie doch in jüngſter Zeit von ei⸗ ner ängſtlichen Ahnung befallen, welche ſie nicht den Muth hatte, mit Gedanken zu verfolgen. Auch Madame Waller hatte oft mit Schrecken an die möglichen Folgen des Aufenthaltes der jungen Liebenden auf dem Landgute gedacht. Aber weder Tante noch Nichte durften eine ſo delicate Angelegenheit berühren. Auf der einen Seite band Furcht zu kränken, auf der andern Schamhaftigkeit die Zunge. Sie tröſteten ſich mit baldigem Wiederſehen, und da Claudinens Geſundheit in letzterer Zeit beſſer war, fühlten ſie ſich dadurch etwas beruhigt. Ein Labetrank für die angſterfüllte Claudine war in⸗ 61 deſſen ſehr nahe, denn ſchon am nächſten Abend gab der Großhändler ein kleines Abſchiedseſſen für ſeine Freunde, und bei dieſem ſprachen die Republikaner von den glück⸗ lichen Nachrichten über die ſiegreichen Kämpfe ihrer Landsleute in Holland unter Pichegru's Anführung und berichteten bei dieſer Gelegenheit, daß ihr Freund Luſard zu denen gehoͤre, welche in dem Rapport des Generals mit Auszeichnung genannt würden und daß er bereits um ein paar Grade avancirt ſel. Claudine konnte in ihrer Her⸗ zensfreude es ſich nicht verſagen, zu fragen, ob ein Brief von ihm gekommen ſei, aber man verneinte augenblicklich, da dies unter ſolchen Umſtänden eine reine Unmoͤglichkeit wäͤre. Von Ferdinand dagegen liefen in denſelben Tagen Briefe ein. Er ſchien bereits etwas von der hohen Be⸗ geiſterung, den kühnen Erwartungen verloren zu haben, mit denen er ſich dem galliſchen Lande genähert, ſprach dagegen mit großer Wärme von einem jungen Grafen, deſſen Bekanntſchaft er in Paris gemacht. Schon in den letzten Tagen des Jahres traten nun der Großhändler und ſeine Frau ihre Reiſe an und Claudine, welche die letzten Nachrichten von dem Geliebten ſehr erheitert hatten, ſah ſie mit ziemlicher Ruhe und mit der Hoffnung auf ihre baldige Wiederkunft abreiſen. Dieſe Rückkehr zog ſich indeſſen ſehr in die Länge. Die Pläne des Großhändlers wurden mit Glück gekrönt, dagegen geſchah ihm das Unglück, daß er durch einen unvorſichtigen Sprung vom Wagen ein Bein brach. Ob⸗ wohl der Unglücksfall nicht ſehr bedeutend war, litt er doch, da er namentlich ſehr ungeduldig war. Die fromme Eleonore pflegte ihn Tag und Nacht mit der größten Treue. In ihren Briefen an Claudine beklagte ſie ſich nie, aber die innigſte Sehnſucht leuchtete aus ihnen her⸗ vor.— Schon war man bereits am Ende des Monats März, ohne daß die Abreiſe von Amſterdam beſtimmt werden konnte. Die arme Claudine war der Verzweiflung nahe. In ſich ſelbſt und in ihr einſames Zimmer ver⸗ 6² ſchloſſen, ohne Rath oder Stütze, verfolgt von den gräß⸗ lichen Vermuthungen, daß Luſard, von dem man nicht das Geringſte hörte, vielleicht todt oder treulos ſei, ſchien ſie ſich ſelbſt von Himmel und Erde verlaſſen. Endlich faßte ſie den einzigen vernünftigen Entſchluß, der unter dieſen Umſtänden möglich war: ſie ſchrieb an Madame Waller und vertraute ihr Alles an, indem ſie ſich ganz in ihre milden Hände übergab, entſchloſſen, ihrem Willen als dem einzigen Leitſtern in der Dunkelheit der drohenden Zukünft zu folgen. Zu ſpät— ſo ſchrieb ſie— fühlte ſie nun, wie viel ſie ſich gegen ein Haus verſündiget habe, das ſie ſo freundlich aufgenommen und das ihr nun eine drückende Bürde geworden ſei.„Ach!“ fügte ſie hinzu,„in meiner grenzenloſen Begeiſterung für den ſchönen, edeln Mann war ich ſtolz, ihm anzugehören, ſeiner Liebe jedes Opfer ohne Rückhalt zu bringen und mit allen erdenklichen Banden an ihn gebunden zu ſein. In meiner Unerfahren⸗ heit und meinem Leichtſinn dachte ich nicht an die ſchreck⸗ lichen Folgen, welche jetzt nicht mich allein, nicht allein die wenigen Menſchen, die Theil an meinem Schickſal nehmen, ſondern auch ein unglückliches Weſen treffen, deſſen Daſein mich mit Angſt und Schmerz erfüllt. Meine beſte Hoffnung iſt, daß Gott uns von einer Welt hinwegführen wird, die uns Beide verdammen müßte. Gott wird uns nicht verſtoßen, und Du, liebe Tante, Du wirſt es auch nicht. Sei barmherzig, wie er, und nimm Dich Deiner unglücklichen Claudine an.“ Dieſen Brief, welcher deutlich das Gepräge der zit⸗ ternden Hand trug, mit der er geſchrieben war, brachte Claudine ſelbſt auf das Poſthaus, um ſich zu vergewiſſern, daß er ſicher beſorgt würde, und ein Strahl von Hoffnung und Beruhigung erquickte ihre bange Seele. Die alternde Haushälterin, welche die Lage wohl begriff, in der ſich das junge Fräulein befand, verſuchte ein paar Mal, die ſchwierige Materie auf die Bahn zu bringen, aber Clau⸗ dine, welche in der jugendlichen Illuſion lebte, ihren Zu⸗ 63 ſtand verheimlichen zu können, ließ ſich nicht mit ihr ein. Die gute Suſanne nahm deßhalb, wie Claudine, ihre Zuflucht zu einem Briefe an Madame Waller und Beide ſetzten nun jede weitere Entſchließung auf die Antwort und die erſehnte Heimkehr der Hausfrau aus. Indeſſen zählte man die Tage der koſtbaren Zeit, aber ehe man noch eine Antwort von der Abweſenden erwarten konnte, kam, wie ein Bild aus einem ſchweren Traum, Juſtizrath Waͤller, mit einem Geſichte, das etwas Unglückliches be⸗ deutete, und mit einem Umſchweif, der die ängſtliche Er⸗ wartung nur noch peinlicher ſpannt, ſprach er die traurige Nachricht aus, daß die ſchöne, gute Eleonore Waller todt ſei. Ein paar Tage Krankſein hatten hingereicht, das ſcheinbar ſo friſche Leben zu enden. Dieſe unerwartete Nachricht erregte die groͤßte Theilnahme unter Bekannten und Unbekannten und einen großen Schmerz in dem Kreiſe derer, die der Verſtorbenen näher oder entfernter ſtanden. Claudine war ganz betäubt von dieſem harten Schlage, und mehrere Tage ſaß ſie ſtumm und willenlos zum Schrecken für die wohlmeinende Suſanne da, die ihr ver⸗ gebens ihren Stumpfſinn zu benehmen ſuchte. Eines Morgens erhielt ſie ein Billet von Advokat Dalund. In wenigen Worten ſagte er ihr Lebewohl, da er im Begriffe ſtehe, ins Ausland zu reiſen und deßhalb ſeine Geſchäfte auf unbeſtimmte Zeit einem Collegen anvertraut habe. Ohne näher das Geſchehene zu beſprechen, fügte er bloß folgende Worte hinzu:„Ich verlaſſe Sie, liebe Claudine, mit manchen lieben Erinnerungen und manchen herzlichen Wünſchen für Ihre Zukunft. Ob und wann wir uns wiederſehen, oder wohin mein Weg geht, weiß ich in die⸗ ſem Augenblick ſelbſt nicht. Glückſelig der, den kein Fa⸗ milienband und kein eingeprägtes Vorurtheil zurückhält, dieſe ganze jämmerliche Welt zu verlaſſen!“ Man könnte ohne Unbilligkeit ſagen, daß die arme Claudine beinahe ein Opfer der gäng und gäben Ideen des Zeitalters wurde. Von Ferdinands Geſprächen und 64 Gedichten bis zu dieſen loſe hingeworfenen Worten hatte Alles ſich mit ihrer eigenen ſchwärmenden Stimmung ver⸗ eint, um ſie im günſtigſten Momente in die Macht der Dämonen zu geben, die ſich dem Beſten und Schönſten am liebſten nahen. Bei der Lecture dieſer Worte ſank ſie in tiefes Sinnen. Sie ſagte bei ſich ſelbſt: Dalund iſt unglücklich; er verlor die, die er liebte. Das habe auch ich. Aber er geht frei hinaus in die Welt; er iſt nicht der Noth und Schande übergeben, wie ich. Er hat noch elne Mutter, einen Bruder und eine Schweſter; ich habe Niemand, keinen Menſchen auf Erden. Meine einzige Freundin iſt todt, für ewig fort und— o Gott! mein Brief! Nun erſt erinnere ich mich an ihn? Wo iſt mein Brief? In weſſen Hände iſt er gefallen? Nein, ich kann nicht leben! Was ſoll mich hindern, kühn dieſe ganze jämmerliche Welt zu verlaſſen 2 Kein Band bindet mich. Beinahe ein halbes Jahr iſt verfloſſen, ohne daß Luſard hat von ſich hören laſſen. Wie kann der Krieg ihn ſo ſehr hindern? Wenn ich in tauſend Kriegen wäre, ich würde Mittel finden, ihn an mich und meine Treue zu erinnern. Nein, er iſt todt... oder er hat mich vergeſſen. Nein, nein! das hat er nicht! er iſt todt. Und was hindert mich, ihm zu folgen? ihm ſein Kind zu bringen? Kein eingepflanztes Vorurtheil ſoll mich zurückhalten. Die Edelſten, Unglücklichſten haben einen freiwilligen Tod gewählt und ihn der Schaam und dem Zwang und der Verachtung der Welt vorgezogen. Wenn ein Gott lebt, ſollte er dieſe hochherzigen Menſchen verdammen? Nein, ich fürchte ſein Urtheil nicht. War mein Tod nicht ſein Wille, ſo wufrde er mir eine rettende Hand gezeigt haben. Der Uebergang von einer ſtumpfen in jene exaltirte Stimmung, in welcher ſich Claudine nun befand, erſchien ihr als die Folge einer erhöhten Ruhe. Sie beſchloß, den nächſten Tag nicht ſehen zu wollen. Sie ſagte bei ſich ſelbſt:„Oft, wenn ich über das Meer hinausſah, fiel es mir ein, wie naturlich die mythologiſche Vorſtellung 65 iſt, daß wir auf dem Wege von dieſer Welt zu einer an⸗ dern über die Wogen ziehen. Wir werden von ihnen wie Kinder gewiegt, die man beruhigen will, nachdem ſie ge⸗ weint; ſie kühlen das heiße Herz, ſie fingen uns in den Schlaf mit ihrem monotonen Wicgenlied, ſie bringen uns hinüber an jenes Ufer, ohne Blutvergießen, ohne die Marter des tückiſchen Giftes. Das iſt der Tod, den ich wählen will. Mit einem raſchen Sprung wlll ich mich in Charons Nachen werfen; und ſendet der unfreundliche Strand meine armen Gebeine auf die Erde zurück, der ich entfliehen will, und verräth mein Geheimniß den Menſchen, nun gleichviel! ihre ſchlimme Nachrede trifft mein Ohr nicht und ich verachte ſie.“ Claudine wandte den übrigen Theil des Tages dazu an, all' ihr kleines Beſitzthum in Ordnung zu bringen und die meiſten ihrer Papiere zu verbrennen. Ein Herz von Kryſtall, in welchem eine Locke von Luſards Haar und eine jener Blumen, die auf Franzöſiſch la pensée heißt, und die der Geliebte ihr beim Abſchied auf dem Landgute verehrt hatte, loͤſte ſie von der Bruſt, wo ſie ſie immer trug, und befeſtigte ſie mit mehren Schnüren, die ſie feſt um ihren Hals knüpfte, aus Furcht, dieſes Kleinod im Tode zu verlieren, und als der Tag ſich zu zeigen begann, hüllte ſie ſich in Schleier und Mantel und nahm den Weg nach einer einſamen Stelle am Kallebod⸗ ſtrande hinter einigen Zimmerſtapeln vor dem Weſterthor. Ermattet und mit geſunkenem Muthe ſtützte ſie ſich auf einen Baumſtamm; ſie ſuchte ſich zu faſſen und in die frühere Stimmung ſich hineinzuarbeiten. Entſetzen vor dem Tode und die Verzweiflung am Leben kämpften in dem Innern der Unglücklichen. Der Mond ſplegelte ſich in den ſanft rollenden Wogen; auf dem Meere brannten Leuchtfeuer. Die Anmuth des Frühjahres vermehrte den Schmerz Claudinens. Sie ſaß zur Erde gebeugt da und hielt beide Hände vor die Augen, als wollte ſie ſich den Novellen. II. 5 66 ſchönen Anblick der Natur entziehen, dieſer bekannten, verwandten Natur, die ſie zu verlaſſen im Sinne hatte. Da höͤrte ſie ploͤtzlich ihren Namen nennen, und als ſie aufſah, ſtand die alte Suſanne vor ihr mit gefalteten Händen und ſagte mit ſanfterer Stimme, als ſie ihr ſonſt zu Gebote zu ſtehen pflegte:„Mein Gott und Herr! Fräulein Claudine! was haben Sie im Sinne? Ich ängſtige mich ſeit vielen Tagen um Sie und heute glaubte ich wirklich Unrath zu merken, deßhalb bin ich Ihnen den ganzen Weg gefolgt. Ich meine es gut mit Ihnen, ſchlie⸗ ßen Sie doch Ihr Herz nicht ſo vor Gott und den Men⸗ ſchen! Der Herr bewahre! Was haben Sie im Sinne? Der gute Gott ſelbſt hat mich vielleicht zu Ihrer Ret⸗ tung hierhergeſandt.“ Dieſe letzten Worte, die einen geheimen Zuſammen⸗ hang mit Claudinens obenangeführten Gedanken zu haben⸗ ſchienen, daß wenn ihr Tod nicht Gottes Wille ſei, er ihr einen Menſchen zur Rettung ſenden werde, ſielen ihr ſonderbar aufs Herz. Sie brach in heftige Thränen aus. Suſanna ſetzte ſich zu ihr, ſchlang ihre Arme um ſie und ſuchte mit liebevollen Worten ſich einen Weg zu ihrem Herzen zu bahnen.„Gott verzeihe mir,“ ſagte ſie,„Got⸗ tes und der Menſchen Feinde möchten uns gerne zum Schlimmſten verführen und ich war in ſchrecklicher Angſt, Sie möchten ſich und einem andern Weſen hier ein Ende machen.“ „Ja, Suſanne,“ antwortete Claudine,„ich dachte, es ſei das Beſte, zu ſterben, das Beſte für mich und für... Ach! was ſollen wir zwei armen Weſen auf der Erde?“ „Du lieber Heiland! Ach, liebes Kind! Haben Sie ſo Ihr Chriſtenthum vergeſſen? Die Welt iſt wirklich recht gottlos, aber Ihre ſeligen Eltern haben Sie gewiß in Ihrer frühſten Jugend das Vaterunſer beten lehren. Weß⸗ halb ſollten Sie ſterben? Es geht Ihnen nicht ſchlimmer, als tauſend Anderen. Seien Sie verſichert, daß Dinge, die hundertmal ſchrecklicher ſind, verheimlicht und vergeſſen 67 werden. Ich dachte mein Theil, als Sie draußen auf dem Lande allein mit dem jungen Franzoſen blieben. Ich är⸗ gerte mich in meinem Innern über meine Herrſchaft. Gott verzeihe mir meine Sünde! Es hieß, er ſei krank. Ja gewiß war er es. Aber geſchehen iſt geſchehen und Alles kann wieder gut werden. Ich habe bereits das Ganze überlegt. Seien Sie nur vernünftig und geben Sie ſich zufrieden und hören Sie, was ich ſagen will. Ich habe ein Geſchwiſterkind, eine freundliche, ordentliche und recht⸗ ſchaffene Frau; bei ihr werden Sie, wenn die Zeit kommt, Zimmer und Pflege und Alles auf's Beſte finden und kein Hahn ſoll darnach krähen. Sie und ich werden dafür ſorgen, daß wir eine brave und honette Frau herbei⸗ ſchaffen, die das unſchuldige Kind aufnehmen kann, und die ganze Sache iſt wie ungeſchehen. Nun kommen Sie wieder hübſch mit mir zurück, damit wir näher überlegen, wie wir die Sache am beſten machen. Aber faſſen Sie nur Zutrauen zu Gott. Er kann uns ſchicken, woran wir nie gedacht. Wer weiß: Herr Luſard kann wieder kommen, ehe man es träumt, und Alles wieder gut machen.“ Wenn ein Menſch einen Schmerz ausgeſtanden, den man mit einem Gefängniß vergleichen kann, in welches das Herz eine Angſt und Sorge einſchließt, der man nie Worte geliehen, die man für ein dem menſchlichen Auge verbor⸗ genes Geheimniß hält und vor deren Entdeckung man zit⸗ tert, ſo iſt es einer von den vielen Widerſprüchen im menſch⸗ lichen Herzen, daß es eine Erleichterung dünkt, einen Mit⸗ wiſſer zu finden und ein unbeſchreiblicher Troſt, was uns ſo groß, ſo unerhört ſcheint, mit einer gewiſſen Lelchtig⸗ keit beſprechen zu hören. So oft hört man Leute ſagen, allgemeine, triviale Troſtgründe brauche man nicht von Andern zu hoͤren, dieſe könne ſich jeder, der Luſt habe, ſelbſt ſagen. Aber wenn die, die dies ſagen, je ſich vom Schickſal zerknirſcht gefühlt hätten, oder noch ſchlimmer, durch die Folgen eignen Unrechtes, ſo würden Sie den 68 unendlichen Unterſchied kennen, der in den Worten liegt, die wir uns ſelbſt in der Stunde der Trauer ſahen und denen, die uns von einem Andern geſagt wer⸗ den, der mit Beſonnenheit unſre Stellung überſchaut. Die allgemeinen, trivialen Sätze enthalten meiſt eine geſunde Vernunft, wie beinahe Alles, was man Volksklugheit nennt; mit Liebe ausgeſprochen, erhalten ſte durch dieſe einen eigenthümlichen Segen und die Hoffnung, die in unſern Geſprächen mit uns ſelbſt wie ein Irrlicht erſcheint, erhält gleichſam Fleiſch und Blut, wenn ſie uns von eines An⸗ dern Hand zugeführt wird. Claudine fühlte die Wahrheit dieſer Behauptung. Zum erſten Male ſeit mehren Monaten ruhte ihre zit⸗ ternde Hand in der eines wohlwollenden Menſchen und ein mildes Wort klang an ihre Ohren. Sie ging Arm in Arm mit Suſannen heim und als ſie beim Eintritt der Nacht ſich auf ihrem behaglichen Zimmer allein fand, das ſie mit dem Entſchluſſe verlaſſen, es nie mehr zu be⸗ treten, kam ſie ſich ſelbſt wie vom Tod zu einem neuen Leben erwacht vor und zum erſten Male ſeit mehren Jahren warf ſie ſich demüthig und reuevoll vor Gottes Antlitz nieder, dankte ihm für ihre Rettung und legte das Schickſal ihrer Zukunft in ſeine Hand. Von nun an ſaß ſie, zwar bekümmert, aber ſtill und geduldig, mit den Arbeiten eifrig beſchäftigt, welche die Sorge für die nächſte Zeit erforderte. Die alte Suſanne ordnete alles Nöthige mit einer Geſchäftigkeit, die ihr großes Vergnügen zu machen ſchien. Die früher beſprochenen glaͤnzenden Schmuck⸗ ſachen, die Gaben des Großhändlers in glücklichen Zeiten und mehre kleinere Luxusartikel von geringerem Werthe verwandelte Suſanne in baares Geld und das kleine Ca⸗ pital wurde vollkommen ausreichend für die Ausgaben in der erſten Zeit gefunden. Vor den Leuten im Hauſe ſagte man, Fräulein Claudine reiſe zu ihrer Tante nach Deutſch⸗ land, ihre Sachen wurden eingepackt und Suſanne wußte alle Zeugen ſo geſchi⸗t an ſenem Abend zu entfernen, 69 der Claudine an den für ſie beſtimmten Zufluchtsort brachte, daß Niemand am andern Morgen daran zweifelte, das Fräulein ſei, ehe man es erwartet, von der fremden Herrſchaft abgeholt worden, mit welcher es hieß, daß ſie die Reiſe machen ſolle. Als die Morgenſonne an jenem Tage in das kleine behagliche Zimmer blickte, in welchem Claudine in einem ſchneeweißen Bette lag, küßten die röthlichen Strahlen, wie zum Willkomm auf dieſer Erde, einen kleinen Knaben in der jungen Mutter Armen. Nie geahnte Gefühle durch⸗ ſtrömten Claudinens Seele. Entzücken, Wehmuth, eine neue, bisher nie gefühlte, unnennbare Liebe war für ihr Inneres aufgegangen und mit Schrecken dachte ſie bereits daran, daß die Umſtände ihr bald dieſen Schatz rauben würden, deſſen unendlichen Werth ſie früher in ihrer un⸗ glücklichen Stimmung nie bedacht hatte. Indeſſen war der Augenblick ſo glücklich. Sie betrachtete ihren Sohn mit freudiger Bewunderung, ſuchte in ſeinem kleinen Ge⸗ ſichte die Spuren der Züge des geliebten Vaters und be⸗ deckte die kleinen Hände mit ihren Küſſen. Die Frau, in deren einfacher, aber behaglicher Woh⸗ nung ſich Claudine befand, war eine Schifferwittwe mit Namen Lyng, welche von ihrem früheren Wohlſtand noch dieſes kleine Haus beſaß, das ſie bewohnte und von wel⸗ chem ſie einige Zimmer vermiethete. Sie hatte, viel erlebt und gehörte zu den nie genug geſchätzten Perſonen, bei welchen die Herzensgüte an die Stelle der Erziehung und Bildung tritt und welche die Erinnerung an die eigenen Leiden und Kränkungen Feinheit im Umgang trotz aller Stellung im Leben lehrt. Mit unverſtellter Theilnahme empfing ſie die jungen Patienten, pflegte ſie mit groͤßter Zärtlichkeit und nie kam die geringſte neugierige Frage, die kleinſte undelicate Anſpielung über ihre Lippen. Es war ausgemacht, daß Claudine ſich einen Monat bei dieſer Wittwe aufhalten ſolle, bei der ſie ſich ſo wohl befand, daß ſie dieſen Zufluchtsort nie zu verlaſſen wünſchte 70 und manchmal beinahe betrübt war über die raſche Zu⸗ nahme ihrer Herſtellung und Kräfte. Suſanne, die ſie häufig beſuchte, brachte ein paar Mal die Frau mit, die ſie zur Pflegemutter des Kindes auserſehen, aber Madame Lyng, welche den ſchmerzlichen Eindruck bemerkte, den der Anblick dieſer Perſon auf Claudine machte, erklärte, daß das Kind nicht von der Mutter genommen werden dürfe, ſo lange dieſe ſich in ihrem Hauſe aufhalte. Die dritte Woche dieſes Monates war beinahe verfloſſen, als Suſanne eines Tages mit großer Eile kam und Briefe brachte, welche am ſelben Morgen angekommen waren. Mit klopfendem Herzen erkannte Claudine die Hand ihres Onkels auf dem einen, und der Tante Mal⸗ fred auf dem andern. Der Großhändler benachrichtigte ſeine Nichte, daß der zweite Brief an ſeine Frau ein paar Tage nach ihrem Tode angekommen ſei, daß er ihn geöffnet und ſowohl den von ihr, als den von Suſanne geleſen, ohne auch nur entfernt zu ahnen, daß ſie ein Ge⸗ heimniß enthalten könnten, am wenigſten ein ſolches, wie das, welches er zu ſeinem Kummer und ſeiner größten Ueberraſchung aus der Lecture beider erfahren. Er wolle — ſchrieb er— ſich enthalten, Claudinen Vorwürfe zu machen, aber er glaube mit Recht fordern zu koͤnnen, daß ſie ſich ſtreng den Verhaltungsmaßregeln unterwerfe, die er in ſeinem Briefe an Suſanne näher detaillire und für deren Befolgung dieſe verantwortlich ſei. Von Tante Mal⸗ fred hatte er einen Brief erhalten, und einer von ähn⸗ lichem Inhalt würde vermuthlich bereits in Claudinens Händen ſein und ſie daraus erfahren haben, welchen Weg ſie zu gehen, und daß ſie ihrem guten Schickſal zu dan⸗ ken habe., das ihr ein ſo glückliches Mittel biete, die Schande wieder gut zu machen, die ſie über ſich und die Familie gebracht. In Tante Malfreds Brief befahl dieſe ſtrenge Dame ihrer Pflegetochter, je früher, je beſſer, in ihre neue Hei⸗ math nach Mecklenburg ſich zu begeben, wo ein großes, 71 unvorhergeſehenes Glück ihrer harre. Aus dem inliegen⸗ den Brief würde ſie erſehen, wovon die Rede ſei und— fügte die Tante hinzu,— wie uaglaublich viele Thorheit auch in dieſem Augenblicke in die Welt eingedrungen, ſo würde es doch unbegreiflich ſein, wenn ein Mädchen ohne Vermoͤgen und ohne alle Ausſicht in der Zukunft ein ſol⸗ ches Glück von ſich ſtoßen koͤnnte. Leider habe ſie zu ſpät erfahren, daß Claudine während ihres Aufenthaltes in Kopenhagen in den verderblichſten Kreiſen gelebt, wenn aber die Thorheit ſich ſo ſehr in ihren Leichtſinn einge⸗ drängt, daß ſie ein Anerbieten wie dieſes ausſchlagen würde, mit welchem ſie im anliegenden Briefe beehrt werde, ſo wolle die Tante ſie nicht mehr als ihre Nichte anerkennen. Claudine ahnte mit Schrecken den Inhalt des in der Tante Brief eingeſchloſſenen Schreibens. Es war nämlich eine förmliche Werbung von Seiten des früher genannten deutſchen Kaufmanns, der im letzten Sommer einen Tag auf dem Landgute zugebracht, und deſſen ver⸗ liebte Blicke und Aufmerkſamkeiten dem jungen Mädchen nicht entgangen waren. Suſanne konnte der geängſtigten Claudine kaum Zeit laſſen, dieſe Briefe zu durchlaufen und bat ſie mit ge⸗ ſchäftiger Unruhe, den zu leſen, den ſie ſelbſt empfangen und deſſen Wichtigkeit ſie nicht genug hervorheben konnte, und wirklich war dieſer Brief auch ſehr wichtig für die arme Claudine; denn der Großhändler trug Suſannen unter Androhung des gänzlichen Verluſtes ſeiner Gunſt auf, dafür zu ſorgen, daß Claudinens Fehltritt ein Ge⸗ heimniß für die Welt bleibe; auch mache er ſie dafür verantwortlich, daß das Kind ſogleich Leuten übergeben werde, wo das Daſein deſſelben geheim bleiben könnte und daß die Mutter, ſobald es ihre Herſtellung zulaſſe, ungeſäumt nach Mecklenburg reiſe. Die Ausgaben, die bei dieſer Gelegenheit nothwendig würden, könne ſie indeſſen auf ſeinem Comptoir erheben, bis er zurückkehre, was eheſtens der Fall ſein werde. Er wünſchte, daß Claudine * 72² wo moͤglich abgereiſt ſei, ehe er ſein Haus wieder betrete, deſſen Anblick ihm tranrig genug ſein werde. Er leugnete nicht, daß er ſehr ungehalten ſei über ſeines Bruders Tochter und noch mehr über ihren leichtſinnigen Verfüh⸗ rer, der ſeine Gaſtfreundſchaft ſo ſchändlich mißbraucht habe. Mit heißen Thränen, aber ganz ſtumm legte Clau⸗ dine den Brief zuſammen und gab ihn Suſanna zuruͤck. „Ja, ſüͤßes Fräulein,“ ſagte dieſe,„nun ſehen Sie ſelbſt, daß es meine Pflicht iſt, darauf zu beſtehen, daß Ihr Kind je früher, je beſſer, zu der ordentlichen Frau kommt, die Sie geſehen. Ich werde darauf Acht haben, das ver⸗ ſpreche ich und Geld wird nun auch nicht fehlen; ſo hat Gott wieder für uns geſorgt, nachdem es uns ſo ſchlecht ergangen. Dürfen wir das Kind nun nicht heute Morgen oder heute Abend holen? Nicht wahr, wir dürfen? Und wenn Sie nächſte Woche mit Gottes Hilfe ſo wohl ſind, daß Sie die Reiſe ertragen können...“ Madame Lyng, welche den ſchmerzlichen Blick bemerkte, den die bleiche junge Mutter auf ihres Sohnes Wiege warf, unterbrach Suſannens Redeſtrom und antwortete: „Nein, von Reiſen kann jetzt noch nicht die Rede ſein; die vier Wochen, die wir akkordirten, ſind noch nicht um, und früher will ich meine kleine Dame nicht miſſen; das Kind könnt Ihr weder heute, noch morgen, noch über⸗ morgen haben. Es iſt noch nicht getauft. Am Sonntag ſoll es in die Kirche. Ich habe es ſelbſt mit dem Pfar⸗ rer verabredet, der mir behülflich war, alles Nöthige an⸗ zuordnen. Die kleine Mutter und ich werden es zur Taufe tragen, und mein Miethsmann ſollen zu Gevatter ſtehen, er hat es mir verſprochen, denn der Pfarrer will Zeugen haben. So habe ich die Sache veranſtaltet, und willſt Du ſelbſt dabei ſein, ſo wird es mich freuen.“ „Ich moͤchte wohl,“ antwortete Suſanne,„aber ich habe jetzt, wo ich meinen Herrn erwarte, ſo viel Anderes zu beſorgen, daß es meine Kräfte überſteigt. Aber Gott 73 erbarme ſich! Was ſind das— gerade herausgeſagt— für dumme Anordnungen? Soll Fräulein Claudine, die hier ſo viele Bekannte in der Stadt hat, auf dieſe Art in die Kirche kommen, wo ſie von Gott und der Welt geſehen werden kann?“ „Ja, von Gott, das iſt gewiß, aber nicht von aller Welt, denn in die Kirche kommen nicht viele Leute und der Pfarrer, der mein Gönner iſt, hat uns die Zeit ſo⸗ gleich nach dem Gottesdienſte beſtimmt, wo Niemand zu⸗ gegen iſt, als ein einfaches Kind, mit welchem nur die Aeltern kommen, und dieſe kennen wir nicht, ſo daß wir alſo in jeder Beziehung ruhig ſein koͤnnen.“ „Na und obendrein ſoll ein fremder Mann zu Ge⸗ vatter ſtehen.“ „Ja, mein alter Miethsherr,“ antwortete Madame Lyng lächelnd:„der wird nicht viele Leute mehr verrathen. Er hort ſchwer und iſt ſo kurzſichtig, daß er nicht ſehen kann, wer im Wagen vor ihm ſitzt. Er wird unſre kleine Dame nicht wieder erkennen, und wenn es auch ſein Leben gälte. Uebrigens iſt es ein guter Mann, der nicht neu⸗ gierig iſt.“ Mit bedenklicher Miene und den Kopf ſchüttelnd, ſagte Suſanne:„Ja, Gott verzeihe Dir, wenn Du mich unglücklich machſt! Der Großhändler kann kommen, ehe man es weiß, ich kann nicht lügen vor dem guten Mann, dem ich ſo viele Jahre lang treu und redlich gedient. Aber, in Gottes Namen! Nach Sonntag alſo reden wir davon.“ „Nein, die Woche muß zu Ende ſein, ehe Du von dem Kinde veden darfſt.“ „Die ganze Woche? Herr Gott, Grethe! Wie kannſt Du ſo ungeräumt ſein? Nun lebe wohl! Ich habe Ande⸗ res zu thun, als hier zu ſtehen und mich zu ärgern.“ Mit herzlicher Theilnahme betrachtete die gute Ma⸗ dame Lyng die tiefe Niedergeſchlagenheit, welche nach die⸗ ſem Geſpraͤche aus Claudinens ganzem Weſen leuchtete. 74 Ste ſuchte ſie durch ihre Beſorgtheit, ihr unverkennbares Wohlwollen zu ermuntern, wußte indeß kein Mittel, das Schickſal abzuwenden, das der betrübten Mutter drohte; ja ſogar das neulich angewandte Palliativ, Zeit zu ge⸗ winnen, ſchien bald nicht mehr anwendbar.. So verfloſſen ein paar Tage und der Sonntag⸗ morgen kam, an welchem das Kind getauft werden ſollte. Die Fruhlingsſonne ſchien ſo warm in das kleine Zim⸗ mer, daß Madame Lyng ein Fenſter in dem großen, an⸗ ſtoßenden Zimmer öffnete und die Thüre dazu offen ſtehen ließ. Man war gerade damit fertig, den kleinen Knaben zu ſchmücken. Madame Lyng legte ihn in Claudinens Arme und ſagte:„Ich hatte mehremal meine Ahnungen, und ein eignes Vorgefühl bei feierlichen Gelegenheiten, wie dieſe, der wir nun entgegengehen; ich trage die Gewißheit in mir, daß, wie es nun auch gehen mag, deſer liebe Knabe Ihr Glück und Ihre Freude werden wird.“— Es klopfte indeſſen ſtark an der äußeren Thüre. Ma⸗ dame Lyng zog die Schirmwand vor die Kammerthüre, welche ſie offen ſtehen ließ. Claudine benützte ihre Ein⸗ ſamkeit, um ſich ihren Gefühlen hinzugeben; ſie drückte ihren Sohn an ihr beinahe zerſpringendes Herz und er⸗ leichterte es, indem ſie ihren Thränen freien Lauf ließ. Sie hatte nur mit zerſtreutem Sinne darauf Acht gegeben, daß ein Beſuch zu Madame Lyng gekommen war, und daß eine Frauenzimmerſtimme aus dem nächſten Zimmer durch die offne Thüre ſich hoͤren ließ. Endlich wurde ſie durch einen Ausruf der ſonſt ſo ſanften Stimme ihrer Wirthin aufmerkſam:„Was ſagen Sie? Nun das iſt ein hübſcher Gruß, den Sie mir darbringen. Es iſt lange, lange her, ſeitdem ich von meiner guten Chriſtiane zuletzt etwas gehört: ich habe ſie nie vergeſſen.“ „Ja, auch ſie hat Ihrer wahrlich nicht vergeſſen. In unſern guten Tagen, als wir zuſammen waren, ſagte ſie: und als die böſen kamen, mußten wir uns trennen.“ 75 „Es freut mich, daß Sie ſie beſucht haben. Sie lebt noch auf ihrem Dorfe?“ „Ja, ſte hat noch ihre alte Wohnung und es ſieht recht proper und behaglich bei ihr aus; man koͤnnte ſeine Lebetage dort mit Vergnügen ſein.“ „Aber wohnt ſie ganz allein?“ „Ja, mit einem kleinen Bauernmädchen, das ſie be⸗ dient und das ſie auferzogen.“ „Meine Gedanken,“ ſagte Madame Lyng,„waren oft bei unſrer guten Chriſtiane, ich habe mich manchmal darüber verwundert, wie ſie ſich draußen auf dem Lande ſeit ſo vielen Jahren ernähren konnte.“ „Ja, ſehen Sie, die Bauern dort in der Gegend ſind wohlhabend. In Allem, was ſie auf Putz und dergleichen Dinge verwandten, wandte ſich Jedermann an Madame Chriſtiane, wie ſie ſie nannten, oder Madame Niſſen, wie ſie bei den Vornehmen heißt: früher hatte ſie auch Ar⸗ beit von der Handelsſtadt in der Nähe und von den um⸗ liegenden Herrenhoͤfen. Sie war immer ſehr geſchickt mit der Hand. Sie machte Schneiderarbeit und ſtickte Hau⸗ ben und Leibchen, und ich weiß nicht was, und unterrich⸗ tete auch Mädchen aus der Stadt und den Herrenhöfen in Handarbeiten. Der Ort iſt ja ſo entfernt von Kopen⸗ hagen, daß die Leute Gott danken, für eine Perſon in der Nähe wie Madame Chriſtiane. Ja bis jetzt iſt es gut gegangen, aber nun beginnt ſie für die Zukunft zu fürchten, denn weder Augen noch Kräfte wollen Stand halten. Sie mochte gerne ein anſtändiges, jüngeres Frauenzimmer zu ihrer Unterſtützung haben, aber wo findet ſich ein ſolches? Madame Chriſtiane iſt wirklich ein gebildetes Frauenzim⸗ mer: ſie hat ordentlich etwas Vornehmes.“ „O,“ ſagte Madame Lyng:„Sie ſollten ſie in unſern guten Tagen geſehen haben, wie ſie ſie nennt. Sie war das hübſcheſte und netteſte Mädchen, das man ſehen konnte. vie hätie gedacht, daß es ihr ſo in der Welt ergehen würde?“ „Ja, Du guter Gott! ſie wurde ſchändlich behandelt in ihrer Jugend. Er verheirathete ſich vor ihren Augen mit einer Andern, der abſcheuliche Menſch, den ſie für ſo brav hielt. Aber Recht hatte ſie, daß ſie den Tag vor der Hochzeit wegging. Wer möchte bei der Mama eines ſolchen Junkers Geſellſchafterin ſein. Sie ging zu ihrer Muhme, der Frau des Pächters, die ihr mit Rath und That beiſtand, damit ſie ſich in dem Dorfe niederlaſſen konnte, als ſie den Knaben geboren. Aber was ſchwatze ich! Das wiſſen Sie ja Alles ebenſo gut, als ich.“ „Nein, die nähern Umſtände ihres Schickſals weiß ich nur oberflächlich. Lebt ihr Sohn? O wo iſt er?“ „Ach, er iſt ſeit ungefähr zwanzig Jahren todt. Er ſtarb, als er anderthalb Jahre alt war, und wiſſen Sie, was ſie ſagt? Von allem Unglück iſt das größte, daß ſie dieſen Knaben verloren. Das iſt ja eigentlich ſehr un⸗ gereimt, denn ſo ein unehliches Kind, das keinen Vater hat, und das die Mutter doch genoͤthigt iſt, Fremden zu uͤberlaſſen...“ Bei dieſer Wendung des Geſpräches erhob ſich Ma⸗ dame Lyng raſch und ſchloß die Thüre zu Claudinens Zimmer, und als die Fremde kurz darauf ging, kam ſie eilends herein, holte Mutter und Kind und führte ſie in den Wagen, welcher vor der Thüre hielt und in welchem der alte Mann bereits ſaß und ausſah, als ob er ſchliefe. Bei dem Eintritte in die große, beinahe ganz men⸗ ſchenleere Kirche fühlte Claudine ſich wunderlich zu Muthe. Es waren vier Jahre, ſeitdem ſie als Confirmandin auf dem Kirchenboden geſtanden und mit Ausnahme des Mor⸗ gens, als ſie wenige Tage ſpäter zum Altare ging, hatte ſie ſich den heiligen Gewölben nicht mehr genähert, bis ſie jetzt, als eine verlaſſene, arme Mutter ihr vaterloſes Kind zur Taufe brachte. Im Kirchenſtuhl, wo die Ge⸗ vattern ſich einige Minuten aufhielten, ſaß auch das von Madame Lyng genannte einfache Paar mit ihren Kindern. Ach! ſeufzte Claudine in ihren ſtillen Gedanken, wie glück⸗ 77 lich ſind dieſe Eltern! Zwar trägt ihr Ausſehen das Ge⸗ präge, das Plage und Widerwärtigkeit dem Menſchen auf die Stirne drücken; wahrſcheinlich kehren ſie zu einer ge⸗ ringen Wohnung zurück, wo nichts Feſtliches ihrer harrt, aber ſie bringen ihr Kind nach ihrer eigenen Heimath, wo Niemand ſie deſſelben berauben darf. Sie tragen zu Zwei alle Laſten des Lebens und freuen ſich in gemein⸗ ſchaftlicher Liebe ihres Kindes. Der Kirchendiener gab nun das Zeichen, daß der Pfarrer warte, und die kleine Verſammlung trat hinaus, wo der Geiſtliche, ein alter, ſchneeweißer Mann, ſeinen milden Blick auf der verſchämten Mutter ruhen ließ und ſeine ſonore Stimme begann durch die hohen Räume zu erſchallen. Das Ritual, das bei dieſer feierlichen Hand⸗ lung gebraucht wird, war Claudinen ſo gut, wie ganz unbekannt. Sie konnte es nicht erklären. Das ſchoͤne Evangelium von Jeſus, der ſich der Kinder annimmt und ſie ſegnet, ergriff ſie ſo tief, daß ſie ihrer Thränen nicht Herr wurde, welche wie Thautropfen auf das Kind in ihren Armen ſielen. Sie nannte ihren Sohn Charles nach ſeinem Vater und das Bild des verlornen Geliebten ſtand rein und ohne Mißtrauen vor ihrer Seele. Als ſie nach Hauſe kam, warf ſie ſich in Madame Lyngs Arme. Ihre Wangen errotheten. Die ältere Freun⸗ din ſah ſie mit Verwunderung an.„Sie kommen mir wie verwandelt vor,“ ſagte ſie.—„Ja, das bin ich,“ antwor⸗ tete Claudine:„O liebe Freundin! Sie, die Einzige in der Welt, der ich mich vertrauen darf, o haben Sie Mit⸗ leid mit mir. Ich kann mein Kind nicht von mir laſſen! Ich kann es nicht! ich darf es nicht! Ach, wenn Sie wüßten, was in meinem innerſten Weſen während der heiligen Handlung vorgegangen, von der wir kommen! Ja, meine liebe Tante Eleonore hatte Recht. In dem ſtillen Heiligthum der Kirche finden wir einen Freund, der uns in der Stunde der Trauer nicht verläßt. Es kam mir ſo lebendig vor, daß ich eine jener Frauen ſei, die 78 mit kummervollem Herzen ihre Kinder zum Erloͤſer brach⸗ ten, daß ſeine Umgebung die arme Mutter zurückſtoßen wollte, während er ſie mit ſeiner milden Stimme rief und das kleine Kind in ſeine mächtigen Arme nahm. Ein ſeliges Gefühl durchſtroͤmte mich bei dem Gedanken, daß ich ihm meinen Sohn weihe. Das Zeichen des Kreuzes auf ſeinem kleinen Geſichte und ſeiner Bruſt war mir ein Zeichen, daß der milde Erlöſer ſich meines armen Knaben als ſeines Eigenthumes annehmen wolle. Ach! nie glaubte ich, daß ſolche Augenblicke noch meiner harr⸗ ten. Aber in meinem Herzen ſagte ich: Jeſus, Herr! Du, der Du mein Kind in Deine Arme genommen, ich gelobe Dir, es nicht aus den meinen zu laſſen, ich gelobe, daß die Mutter mit Treue ſühne, was die Jungfrau leichtſin⸗ nig gefehlt, ich vertraue auf Deine Hülfe.“ Die Begeiſterung, mit der dieſe Worte ausgeſprochen wurden, rührte die gute Madame Lyng tief.„Ach, liebes Kind!“ rief ſie:„Was Sie ſagen, iſt ſo ſchön und gut. Aber leider! ſind die Noth und das Elend der Welt ſo ſchwer zu tragen. Glauben Sie mir. Ich habe ſie kennen gelernt! Wollte Gott, ich koͤnnte Ihnen helfen, aber wie ſollen wir es anfangen, Ihnen und Ihrem Sohne eine ſorgenfreie Zukunft wider den Willen Ihrer Familie zu bereiten?“ „Hoͤren Sie mich,“ antwortete Claudine:„Ein Rath wurde mir vom Himmel eingegeben. Gott ließ eine Stimme zu mir ſprechen, ja, eine Stimme! Denn meine Augen ſahen Die nicht, von der ſie kam, und Sie, liebe Freundin, können mir gewiß helfen.“ Sie gedachte nun der Unterredung, deren unſicht⸗ barer Zeuge ſie dieſen Morgen geweſen. Jene Chriſtiane, deren Schickſal ihrem eigenen glich, wunſchte eine Hülfe: dieſe zu werden, war ihr hoͤchſter Wunſch. Sie ſagte: „Ich verſtehe mich auf mancherlei Arbeiten, auch kann ich Kinder in den Elementen unterrichten. Ich werde fleißig und genügſam ſein und eine liebevolle Tochter für Ihre 79 Freundin werden, nur geſtatte ſie mir, mein Kind bei mir zu haben, und vergoͤnne mir ſo viel von dem, was ich ver⸗ diene, als eine Mutter ihrer Tochter gönnet. Madame Lyng ſchien an dieſem Plane Gefallen zu finden: nur wandte ſie die Befürchtung ein, Suſannen zu ſchaden.„Das kann keines von uns Beiden wollen,“ ſagte ſie;„und Ihre Familie, glauben Sie, werde Sie in einer untergeordneten Stellung ſehen wollen?“ Claudine meinte, dieſe Schwierigkeiten werden ſich überwinden laſſen, und nach näherer Ueberlegung einigte man ſich über einen gemeinſchaftlich auszuführenden Plan. Madame Lyng ſchrieb noch am ſelben Abend an die ſoge⸗ nannte Madame Chriſtiane und erhieltſchon nach einigen Tagen eine ſehr zufrieden ſtellende Antwort. Mit Sehnſucht er⸗ wartete Chriſtiane ihre junge Freundin, wie ſie ſich aus⸗ drückte, und ein Bauer aus dem Dorfe, welcher der Ueber⸗ bringer des Briefes war, hatte es übernommen, die junge Dame oder wenigſtens ihr Gepäck zu beſorgen. Madame Lyng gab ihm Claudinens Koffer und einen Brief mit. Die Aufgabe war nun, den Plan ausführen zu koͤnnen, ohne Suſannen eine Unannehmlichkeit zuzuziehen. Sie mußte mit aller Gewiſſenhaftigkeit ihren Herrn ver⸗ ſichern können, daß man ſeinen Befehlen nachgekommen, und da das Gegentheil bald entdeckt werden würde, mußte ſie mit ebenſo gutem Gewiſſen ihre Unwiſſenheit und Un⸗ ſchuld beweiſen können. Claudine kannte ihren Oheim genugſam, um ſich darauf verlaſſen zu können, daß, wenn er nur erſt die Verſicherung erhalten, daß man ſeinem Willen nachgekommen, werde er nicht leicht eine Sache öfter berühren, die ihm unangenehm war: ſo daß Suſanne ſchon elnige Zeit um das Geheimniß wiſſen konnte, ohne ihre Zuflucht zur Unwahrheit zu nehmen, um ſie zu ver⸗ bergen, und entdecken würde ſie die Sache ſehr bald, wenn ſie in ihrem guten Glauben hinginge, um nach dem Kinde zu ſehen. Man wählte deßhalb zu Claudinens Ab⸗ reiſe einen Tag, an welchem man wußte, daß Suſannens Zeit von häuslichen Geſchäften ganz in Anſpruch genom⸗ men war und daß ſie, um ihren Herrn zu erwarten, ſicher ein paar Tage das Haus nicht verlaſſen werde, wozu ſie erſt nach ſeiner Ankunft Gelegenheit haben würde. Ma⸗ dame Lyng hatte Claudinen einen halbgeſchloſſenen Re⸗ tourwagen beſtellt, der ſie nach einem Wirthshaus bringen ſollte, eine Meile von dem Dorfe, das ihrer Reiſe Ziel war. Dieſes Dorf lag nicht auf der allgemeinen Poſt⸗ route, aber von dem Wirthshauſe, wo ſie die Nacht aus⸗ ruhen ſollte, konnte ſie leicht am folgenden Morgen eine Gelegenheit finden, um an den Ort ihrer Beſtimmung zu gelangen. Am Tage vor der Abreiſe ſchrieb Claudine an ihren Oheim, dankte ihm für die Zeit, die ſie in ſeinem Hauſe zugebracht, bat um ſeine Verzeihung, und ohne weiter ihre Pläne für die Zukunft zu beſprechen, bat ſie ihn, ihrer zu gedenken, als wenn ſie das Grab ihrer unvergeß⸗ lichen Tante theilte. Sie ſchrieb auch an Tante Malfred, ſchlug mit beſtimmten, aber höflichen Worten die beab⸗ ſichtigte Heirath ab und fügte hinzu, daß ſie jetzt erſt die Wahrheit der von der Tante ſo oft wiederholten Aeuße⸗ rung fühle, daß ein Mädchen in ihrer Stellung ſich ſelbſt ernähren können ſollte, und da ihr ein Platz in einem guten Hauſe in einer der Provinzen angeboten worden, ſo hoffe ſie, ihre Tante werde ihr geſtatten, dieſen Weg zur Unabhängigkeit einzuſchlagen. Der Brief ſchloß mit vie⸗ len Dankſagungen für den Unterricht und die Erziehung, die ihr einen ſolchen Schritt möglich machen. Dieſer Brief ſollte erſt in einer Woche abgeſandt werden, der andere an den Onkel jedoch nach ſeiner Ankunft in ſeine Hände gelangen. Man hatte ſorgfältig überlegt, wie man Claudinens Aufenthaltsort möglichſt ſtreng geheim halten könne. Sie wollte ihres Vaters Familiennamen mit ſeinem Taufnamen vertauſchen und nannte ſich nach die⸗ ſem Johannſen; auch ſollte ſie nach Chriſtianens Wunſch 81 für eine Wittwe ausgegeben werden, deren Gatte auf einer Seereiſe umgekommen war. Abends kam Suſanne. Man ſagte ihr, daß Claudine am folgenden Tage abreiſen wolle, und Madame Lyng ver⸗ ſprach, das Kind zu ihren Pflegeältern zu beſorgen. Clau⸗ dine nahm einen liebevollen Abſchied von Suſanne, ge⸗ dachte alles deſſen, was ſie der alten, wohlmeinenden Freundin dankte, und bat ſie, einen kleinen, übergebliebenen Schmuck zur Erinnerung an ſie und jenen Abend anzu⸗ nehmen, wo Suſanne ihr guter Engel geweſen. Tief be⸗ wegt und vergnügt empfing die alte Dienerin den Schmuck und den Brief an den Onkel. Mit leichterem Herzen ging ſie nach Hauſe und früh am Morgen brachte die gute Madame Lyng Claudine unbemerkt an den Ort, wo der Wagen wartete, und ganz verborgen unter ſeinem Dache rollten Mutter und Kind aus dem Thore des Dorfes. Es war ein warmer und ſchoͤner Junitag. Nach überſtandenen körperlichen Schmerzen, nach langen, ſchwe⸗ ren Tagen voll Sorgen und Angſt ſich unter Gottes klarem Himmel zu fühlen, geſund und frei, und den beſten Schatz aus dem Schiffbruch gerettet, iſt gewiß das Glückſeligſte, was in unſerem irdiſchen Daſein armen Sterblichen zu Theil werden kann. Claudine genoß eine ſolche ſelige Empfindung. Sie athmete gierig die friſche, von den Düften des Sommertages erfüllte Luft in ihre erleichterte Bruſt. Sie grüßte die lichtgrünen Bäume, die von Ane⸗ monen blühende Gegend, als die Jugendfreunde ihrer eigenen Frühlingstage. Die BVögelchen, welche nach den in den Büſchen verborgenen Neſtern flogen, wo ſtie ihre Jungen vor jeder räuberiſchen Hand verbargen, ſchienen ihr Schickſal zu theilen und mit Geſang und Zwitſchern ihr Glück zu wünſchen. Aber ſo froh ſie auch war, ſo blieb doch ein Gefühl von Furcht in ihrem Innern vorherr⸗ ſchend. Sie erſchien ſich ſelbſt wie eine fliehende Gefan⸗ gene, der man auf der Spur iſt und die man eines Novellen. II. 6 Schatzes berauben will, den ſie mit ſich führt. Jedes Mal, ſo oft ein Wagen, ein Reitender oder auch nur ein Fußgänger ihr auf dem Wege begegnete, verbarg ſie ſich ſorgfältig in der Ecke des Wagens, und wenn das Kind weinte, ängſtete ſie ſich, und guckte umher, um zu ſehen, ob Niemand in der Nähe. Ungeachtet die Reiſe den ganzen Tag dauerte, ſtieg ſie nicht aus dem Wagen, ſondern begnügte ſich mit etwas Brod und Milch, womit ſie Madame Lyng verſehen hatte. Abends erreichte man das obengenannte Wirthshaus. Sie ließ ſich ein kleines Zimmer anweiſen, legte ihr Kind in ein Bett zur Ruhe, verlangte ein mäßiges Abendbrod, das ſie mit jugendlichem Appetite genoß, und freute ſich auf die Ruhe, deren ſie nach ſo langem Fahren ſehr bedurfte. Kurze Zeit darauf hörte ſie einen Wagen mit gro⸗ ßem Lärm und Pferdegetrappel in den Hof rollen, und bald bemerkte ſie, daß ein Zimmer, das an das ihrige ſtieß, aufgeſchloſſen wurde und einige Perſonen herein⸗ traten, aus deren Stimme ſie ſchloß, daß es Herren ſeien, die Franzöſiſch, Deutſch und Holländiſch unter einander ſprachen. Plötzlich vernahm man aus dieſen heraus eine Stimme, die auf Däniſch das eintretende Dienſtmäd⸗ chen fragte, welche Zimmer er und ſeine Geſellſchaft zum Nachtlager haben könnten. Mit Schrecken erkannte Clau⸗ dine ihres Onkels Stimme. Zur Vermehrung des Schre⸗ ckens fing ihr Kind in dieſem Augenblicke zu weinen an. Sie nahm es raſch in ihre Arme und hielt es ſo feſt an ſich, als ob man es ihr bereits entreißen wollte. „Wer wohnt in dieſem Zimmer?“ fragte nun die gefürchtete Stimme. „Da wohnt eine kleine, junge Frau mit ihrem Kinde.“ „Sollen wir das Kindergeſchrei heute Nacht an⸗ hören? Das iſt ja abſcheulich! Kann die Madame nicht ein anderes Zimmer bekommen? Kann man nicht hineingehen und ſie bitten, daß ſie mit einem von den 83. Zimmern tauſche, die wir bekommen ſollten? Laſſen Sie mal ſehen? Iſt fie ſchön?“ Ungeachtet Claudine ſich ſchon vorher vergewiſſert hatte, daß die Thüre geſchloſſen war, zitterte ſie doch vor Angſt, und nach kurzem Bedenken ſchlich ſie ſich zu einer entgegengeſetzten Thüre hinaus und ſuchte die Küche auf, wo ſie zu einigen von des Hauſes Frauen ſagte, ein Wa⸗ gen aus dem Orte, wohin ſie reiſe, hätte ſie hier abholen ſollen, und es liege ihr Alles daran, noch vor Morgen dort anzukommen, weßhalb ſie bitte, ihr doch eine Gelegenheit zu verſchaffen. Sie verſicherten ihr, daß es eine Unmög⸗ lichkeit ſei, ihren Wunſch zu erfüllen; als ſie jedoch zu fragen fortfuhr, ob nicht in der Nähe ein Bauer wohne, den man für gute Bezahlung vermögen könnte, ſie den nicht langen Weg zu fahren, ſo antworteten ſie, drüben uͤber der Wieſe liege ein Haus, deſſen Eigenthümer Rei⸗ ſende zu befördern pflege, aber ſie hätten Niemand, den ſie dorthin ſenden könnten, da ſowohl der Stallknecht, als ſie zu ſehr mit der Bedienung der neuangekommenen Herren beſchäftigt ſeien. Claudine, die um keinen Preis mit ihrem Onkel unter einem Dache bleiben wollte, be⸗ ſchloß, von der hellen Sommernacht begünſtigt, den Bauernhof, den man ihr als ganz nahe beſchrieb, ſelbſt aufzuſuchen; und da die Leute im Wirthshauſe eigentlich gerne ſahen, daß ihr Zimmer für die Benützung der vor⸗ nehmeren Gäſte leer wurde, beſtärkten ſie ſie in ihrem Vor⸗ ſatz und man hieß ein junges Dienſtmädchen ſie ein Stück Weges begleiten. Claudine ſchlich ſich unbemerkt nach ihrem Zimmer zurück, nahm ihren kleinen, ſchlafenden Knaben und wickelte ihn ſorgfältig ein, um ihn vor der Nachtluft zu ſchützen, nahm einen Pack, den ſie mitge⸗ bracht, unter den Arm, hüllte ſich und den Knaben in Schleier und Mantel und begab ſich mit dem Mädchen auf den Weg, das raſch voranlief, um bald wieder zu Hauſe zu ſein, und nur durch das Verſprechen einer guten Belohnung verhinderte Claudine, daß ſie ſchon nach den erſten hundert Schritten wieder umkehrte. Der Weg über die Wieſe war nicht ſo kurz, als ſie gehofft hatte. Es blies ihnen ein kalter Wind entgegen und die arme Claudine hatte Mühe, mit dem Mädchen Schritt zu halten. Sie war müde und es wurde ihr be⸗ ſchwerlich, das Kind und den Pack zu tragen. Endlich näherten ſie ſich dem Hauſe; das Mädchen ſah hinein in die offene Thüre und ſagte:„Der Kettenhund iſt nicht da, Sie können ruhig über den Hof gehen bis zur Stu⸗ benthüre; wenn Sie dort an das Fenſter klopfen, neben dem Stall, ſo kommt der Mann heraus, falls er nicht ausgegangen iſt.“ Nach dieſen Worten und nachdem ſie die verſprochene Belohnung erhalten, lief das Mädchen, was ſie nur laufen konnte, zurück, und Claudine folgte der Anweiſung und ging nach dem Fenſter hin, wo ſie hineinſah und zwei Betten bemerkte, in welchen einige Perſonen ſchliefen, die ihr Frauen und Kinder zu ſein ſchienen. Sie klopfte mehre Male an die Scheiben, aber die Schlafenden ließen ſich nicht ſtören. Sie ging an alle Fenſter und ſah in⸗ nerhalb des einen in einer kleinen Kammer zwei Burſche, welche ebenfalls ſchliefen. Hier wagte ſie etwas weniger dreiſt zu klopfen, aber gleichfalls ohne Erfolg. Es begann zu regnen, und als ſie in ihrer Ungeduld noch einmal zu klopfen verſuchte, rief einer von den Burſchen im Schlafe mit ſo roher Stimme, daß ſie erſchrocken zurückwich: im ſelben Augenblicke jedoch entdeckte ſie eine Scheuer, zu der die Thüre offen ſtand, und ſie eilte hinein. Sie lauſchte ängſtlich, merkte jedoch bald, daß Alles ſtill war und in den Armen des Schlafes ruhte. Sie unterſuchte den klei⸗ nen Raum, in welchem ſie ſich befand. Er ſtieß an einen Stall, in welchem Pferde ſtanden. Der Stall war von dem Verſchlag, in welchem ſie ſich befand, durch einige Bretter, wie ein Gitter, getrennt. Es war eigentlich eine Futterkammer und in der Ecke lag ein großer Haufen Heu 8⁵ und Stroh. Für die müde Pilgerin mit dem Säug⸗ ling an der Bruſt war dies ein willkommenes Lager; ſie beſchloß, hier den hellen Morgen zu erwarten, der nicht mehr ſehr ferne ſein konnte, bereitete ſich ein Lager mit ihrem Packe als Kopfkiſſen, hüllte ſich und ihr Kind in den Mantel und legte ſich nieder, nachdem ſie die Thüre angelehnt, denn ſchließen konnte man ſie nicht. Sie hatte ſich vorgenommen, auszuruhen, aber ſich zu hüten, an dieſem fremden und unſichern Orte einzuſchlafen, und ſie fand auch nicht viel Ruhe dazu, da ſie bald ein Geräuſch von Thieren vernahm, die in dem Stroh hin und her⸗ liefen, das über den ganzen Boden ausgeſtreut lag. Sie vermuthete, es ſeien Ratten und fürchtete ſich vor dieſen unangenehmen Gäſten. Plötzlich fühlte ſie etwas Kaltes und Feuchtes ihre Wange berühren; ſie fuhr erſchrocken auf, beruhigte ſich jedoch bald wieder, als ſie einen gro⸗ ßen Hund gewahrte, der ſich ihr wedelnd und demüthig kriechend näherte. Sie ſtreichelte ihn in der Freude, ein freundliches, lebendiges Weſen zu ſehen. Er legte ſich zu den Füßen ihres Lagers hin, bedeckte mit ſeinem großen Kopfe ihre kalten Füße und wärmte ſie. Dieſes kleine Ereigniß machte einen ſehr angenehmen Eindruck auf die arme, flüchtige Frau; ſie glaubte ſich ſicherer unter dem Schutze dieſes Hundes, ſie fühlte ſich weniger einſam, und trotz ihres Vorſatzes ſchloß ein ſüßer Schlaf bald ihre Augen, während der kleine Knabe gleichfalls feſt an ihrer mütterlichen Bruſt ſchlummerte. Und ſo lag denn die noch vor kurzer Zeit ſo allgemein beliebte, ſo glänzende und beneidete Claudine auf einem ſchlechten Strohlager in einem armſeligen Verſchlage, ſich vor der Welt verbergend, ver⸗ laſſen, ohne einen andern Beſchützer, als einen Hund, den der Zufall ihr zugeführt, und trotz alle dem nichts we⸗ niger, als unglücklich, ſondern ſüß eingeſchlummert, mit einem Herzen voll Hoffnung und Liebe. In früher Morgenſtunde kam der Eigenthümer des Hofes heim. Die Burſche, welche in dieſem Augenblicke 86 ihre Schlafkammer verließen, übernahmen den Wagen und begannen ihn abzuladen, während er ſelbſt die Pferde aus⸗ ſpannte und ſie in den Stall führte. Der Hund, welcher ſeinen Herrn kommen hörte, ſprang ihm entgegen und öͤff⸗ nete dabei die Thüre zu dem Verſchlage, wo die ſchlafende Claudine mit ihrem Kinde in den Armen lag. Ihr Hut und Schleier hatten ſich vom Kopfe losgelöſt und die reichen Locken wallten über Geſicht und Schulter. Die aufgehende Sonne, die gerade vor der kleinen Thüre ſtand, warf ihre rothen Strahlen auf die Schlafende, ſo daß ſie in der dunkeln Umgebung ungemein maleriſch beleuchtet war. Der Bauer, der vom Stalle aus dieſes Bild ſah, ſtand einen Augenblick wie verſteinert da. Dann winkte er dem einen der Burſche, deutete in den Verſchlag und ſagte mit leiſer Stimme:„Sieh' mal, Jörgen! was meinſt Du? Iſt das nicht, als ob man die Jungfrau Maria mit dem Kinde ſähe: die Strahlen um ihr Haupt wirft die Sonne — es iſt grade wie das Bild beim Amtmann!“ „Ja,“ antwortete Jörgen und faltete die Hände. „Aber zum Teufel, Gott verzeihe mir, daß ich fluche... aber wo kommt das Weibervolk her?“ Im ſelben Augenblick trat die Bauersfrau in den Hof. Der Mann winkte ihr und zeigte ihr die unerwar⸗ teten Gaſte, und während des Hauſes Burſchen und Mäd⸗ chen mit Verwunderung ſich um ſie ſammelten, erwachte Claudine. Im erſten Augenblick vermochte ſie ihre Ge⸗ danken kaum zu ſammeln, aber ſie beſann ſich raſch, er⸗ hob ſich und berichtete in wenigen Worten den Grund ihres Erſcheinens und Aufenthaltes auf dem Hofe. Der Bauer und ſeine Frau baten ſie gutmüthig, in ihre Stube zu treten und an dem Fruühſtücke Theil zu nehmen, das bereit ſtünde. Sie nahm das Anerbieten an und ſetzte ſich zwiſchen ſie und ihre Leute an den großen Tiſch, der mit Grützeſchüſſeln und Milchgefäßen beſetzt war. Die Frau erbot ſich, Kaffee für ſie zu bereiten, aber ſie zog es vor, ein Glas friſche Milch und etwas 87 Brod zu genießen und die kleine Mahlzeit wäre ſehr an⸗ genehm geweſen, wenn die gute Wirthin in ihrer wohlge⸗ meinten Einfalt ſie mit ihren theilnehmenden Fragen nicht in Verlegenheit geſetzt hätte.„Herr Gott!“ ſagte ſie,„es war doch zu dumm, daß ich und unſre alte Mutter und alle Leute auf dem Hofe heute Nacht ſo hart ſchliefen und ſie nichts von Ihr hörten, ſo daß Sie, die doch, wie man ſehen kann, eine feine Dame iſt, drunten in dem Loche auf dem bloßen Stroh ſchlafen mußte. Aber, Du ſüßes Gotteslamm! Wie geht das zu, daß Sie ſo allein reiſt? Sie iſt ein ſo junges Kind und die kleine Seele da iſt doch Ihr eigenes Kind? Das denke ich wohl, denn ſolche Fehltritte, wie es der Pfarrer nennt, ſollen unter den Vornehmen nicht im Schwunge ſein. Bei uns ein⸗ fachen Leuten hier auf dem Lande iſt das Ding nicht ſo gefährlich und die Leute ſagen, drinnen in Kopenhagen ſoll nun bald Kirche, Taufe und Trauung aufhören, aber ich ſehe ja noch an Ihr, daß Sie verheirathet iſt, nicht wahr?“ Claudine erröthete und antwortete mit ſanfter Stimme: „Ich war es.“ „Ei Du mein Himmel! Wo iſt der Mann? Sie iſt doch nicht Wittwe?“ So beklommen wie ein unſicherer Student im Exa⸗ men ſtammelte Claudine:„Ich weiß es ſelbſt nicht... Der Vater meines kleinen Knaben iſt fort... fort ge⸗ blieben auf der See.“ „Die Frau rief laut:„Auf der See? Ja, Gott tröſte uns! Dieſer ſchlimme Gaſt holt ſo manches Leben. Es iſt nicht länger, als ein Jahr, daß Hans Janſens Sohn und Schwiegerſohn...“ Der Mann kam nun und meldete, daß der Wagen angeſpannt ſei und ſehr erfreut, dem beſchwerlichen Exa⸗ men zu entgehen, nahm Claudine unter manchen Dankes⸗ bezeugungen Abſchied von der Bauernfamilie und ſetzte ſich auf den Wagen, der ſie nach dem erſehnten Hafen 88 bringen ſollte, während ſie unterwegs Betrachtungen über das Mißliche ihrer Lage anſtellte, welche ihr Unwahrheit und Ausflüchte zur Nothwendigkeit machte. Das Drückende und Unwürdige in dieſer Rolle, das ſie in dem vorher⸗ gehenden Geſpräche zum erſten Male ernſtlich gefühlt, er⸗ füllte ihren offenen Sinn mit Unruhe und Scham, und mit klopfendem Herzen nahte ſie ſich den neuen Verhält⸗ niſſen, in welche ſie ſchon in wenigen Augenblicken eintre⸗ ten ſollte. Hoffnung und Muth müſſen leicht der Furcht und Verzweiflung bei einem Menſchen weichen, der ſich allein fühlt, wie Dunkelheit und Geſpenſterfurcht nur für den Einſamen ſchrecklich ſind. Durch ein Stück des Waldes ging der Weg nach dem Dorfe. Der Bauer wandte ſich an Claudinen und ſagte:„Wir ſollen ja nach Frau Chri⸗ ſtianens Haus? Nicht wahr? Ja, das weiß ich gut, wo das iſt. Sie iſt in der Gegend wohlbekannt.“ Der Wagen hielt nun vor einem kleinen niedlichen Häuschen, deſſen bloßer Anblick ſchon wohlthätig auf Clau⸗ dinen wirkte. Die Weinranken ſchlangen ſich an der Mauer hinauf und umgaben das Fenſter, deſſen blanke Scheiben im Glanz der Sonne ſtrahlten: ein kleiner Garten war vor der Thüre des Hauſes, bei welcher zwei Rohrſtühle ſtanden. Im Garten dufteten ſchoͤne Blumen und Büſche, und in einer Ecke unter einem großen Kaſtanienbaume ſtand eine Bank und ein Tiſch. Claudine war noch nicht aus dem Wagen geſtiegen, als ſie ein Frauenzimmer aus dem Hauſe kommen und ſich mit freundlicher Eiligkeit nähern ſah, und Chriſtiane ſtand vor dem Gaſte in ihrem einfachen, ſaubern Anzug, mit ihrem zwar ältlichen, aber immer noch angenehmen, feinen Geſichte. Sie erhob ihre ausdrucksvollen, milden Augen zu Claudinen, während ſie ihr die beiden Hände reichte, und mit wohlklingender Stimme ihr ein„herzlich willkommen“ zurief. Die beiden Frauenzimmer ſahen einander an und es be⸗ herrſchte ſie jenes unerklärliche Gefühl, das bei der 4 d 4 89 erſten Begegnung mit einem Fremden uns zu ſagen ſcheint, daß wir einander kennen und verſtehen, und die wunder⸗ bare Ahnung uns aufdrängt, daß wir Böſes und Gu⸗ tes mit einander in einer Präexiſtenz getheilt, von der wir alles, mit Ausnahme der Liebe, vergeſſen haben. Claudine hatte den Fuß noch nicht über die Schwelle ihrer künftigen Heimath geſetzt, als ſie ſich auch ſchon wie zu Hauſe fühlte. Ein junges, reinlich gekleidetes Bauernmädchen kam mit einer Verbeugung an den Wa⸗ gen getreten, um Pack und Reiſegeräthſchaften in Empfang zu nehmen. Chriſtiane half der Mutter und dem Kind aus dem Wagen und führte ſie triumphirend in ihr Haus. Es war für die Eintretende, als ob Frieden und Freiheit ihr aus dem ſtillen Zufluchtsort entgegendufteten, ſie hatte ein Gefühl, wie der, welcher nach einer ſturm⸗ vollen Seereiſe den Fuß ans Land ſetzt. In dem ganzen Hauſe herrſchte eine ſolche Ordnung, eine ſo ſaubere Reinlichkeit und Nettigkeit, daß Niemand ohne das Gefühl eintreten konnte, hier iſt gut ſein. Chriſtiane führte ihren Gaſt in ein geräumiges und be⸗ hagliches Zimmer, das ſie für ſie eingerichtet hatte. Auch fand ſich eine hübſche Wiege. Der kleine Knabe ſchlief. Chriſtiane nahm ihn aus den Armen ſeiner Mutter, ſie betrachtete ihn ſtumm, küßte ſanft ſeine Stirne und legte ihn in die Wiege. Dann wandte ſie ſich an Claudinen und ſagte, während zwei große Thränen über ihre Wan⸗ gen rollten:„Sie können ſich nicht vorſtellen, mit wel⸗ chem Gefühle von Freude und Wehmuth ich wieder ein Kind in dieſe Wiege lege, die ich mit meinen Thränen netzte, als ſie zum letzten Male benützt wurde. Und es iſt ſchon lange her.“ Wo eine geiſtige Verwandtſchaft vorhanden iſt, wird ein ſchönes natürliches Gefühl ſich von ſelbſt einfinden. Es währte nicht lange, ſo waren unſere beiden Freundin⸗ nen wie Mutter und Tochter vereinigt, ohne ſich be⸗ müht zu haben, dies Verhältniß zu Stande zu bringen. 90 Sie waren beide im Beſitze eines wahrhaft guten Tones, der der Reflex eines edlen, gebildeten Innern und im Glück, wie im Unglück einer der beſten Penaten des menſchlichen Lebens iſt. Auf Chriſtiane wirkte dieſe Ge⸗ ſellſchaft in ihrer Einſamkeit erfriſchend und verjüngend. Es ſchien wirklich ein guter Engel an Claudinens Seite zu gehen. Ihre Erfindungsgabe und Gewandtheit in den Arbeiten, welche die Bewohner der Gegend gewoöhnlich von Madame Chriſtiane ausführen ließen, ſicherte dem Hauſe bald eine neue und vermehrte Erwerbsquelle zu, und ihr natürlich munterer Sinn, ihre Jugend und Schönheit gewannen ihr die Theilnahme Aller. Es ge⸗ ſchah einſt, daß ein vermögliches Bauermädchen, welches Hochzeit haben ſollte, kam, um ſich mit ihr zu berathen, wie ſie am beſten ihr künftiges Haus zu dieſer Feſtlich⸗ keit herausputzen ſollte. Claudine begleitete ſie nach Hauſe und wußte das Ganze ſo nett einzurichten, ohne ſich gegen den einmal angenommenen Schick und Brauch zu verfündigen, daß die junge Braut außer ſich vor Ver⸗ gnügen war und alle Hochzeitgäſte verſicherten, nie eine Bauernſtube, wie dieſe geſehen zu haben. Seit dieſer Zeit war ſelten eine Hochzeit oder andre Feſtlichkeit in der Gegend, wo man nicht zu der kleinen Madame Jo⸗ hannſen ging, um ſich Rath und Hilfe bei ihr zu holen. Später öffneten ſich auch noch andere Hilfsquellen. Der Pfarer hatte zwei Mädchen, die von Madame Chriſtiane im Handarbeiten unterrichtet worden waren. Als die Aeltern erfuhren, daß dieſe bei ⸗Claudine Unterricht in den Sprachen, dem Zeichnen und wiſſenſchaftlichen Kennt⸗ niſſen erhalten könnten, ergriffen ſie mit Freuden dieſe Gelegenheit, und da die Fortſchritte, die dieſe Kinder machten, bekannt wurden, erhielt die junge Lehrerin mehre Anerbietungen von den Honorationen in dem nahegelege⸗ nen Landſtädtchen, ihren Kindern Stunde zu geben, und bald beſuchten Claudine jeden Vormittag acht kleine Mädchen zum Unterricht, und ſie nahm ſich fleißig dieſer 91 kleinen Schule an, deren Größe ſie nicht ausdehnen wollte. So verfloß die Zeit zwiſchen Arbeit und Genuß, den nur der Genügſame zu ſchätzen weiß. Ein ſolches Daſein, gleichweit entfernt von Nahrungsſorgen und Ueberfluß, aber belebt von der Sonnenwärme der Liebe, iſt jedenfalls das, welches ſich der paradieſiſchen Ruhe am meiſten nähert. Jeder kleine Zuwachs an Genuß oder Bequemlichkeit, jede Erfüllung eines kleinen Wunſches, der in glänzenderen Verhältniſſen nur gering geachtet würde, macht Cpoche in einem beſchränkten Leben. So waren zum Beiſpiel eine Guitarre und ein kleiner Kinderwagen, der letztere ein Geſchenk der Pfarrerin und die erſte von dem Schulmei⸗ ſter, der ſie ſeit vielen Jahren als eine Jugenderinnerung aufbewahrt, köſtliche Gaben für Claudine. Wenn ſie auf ihren ländlichen Wanderungen den Wagen vor ſich her trieb und den kleinen Knaben darin aufſpringen ſah, um den Vogel zu fangen, der über ſeinem Haupte flog, fühlte ſie ein inniges Wohlbehagen, und nicht minder, wenn ſie Abends im Schatten des großen Kaſtanienbau⸗ mes ihre ſchönen Lieder mit den Tonen der Guitarre begleitete, und Chriſtiane, wie die von der Arbeit zurück⸗ kehrenden Bauern, entzückt, und dem Geſange lauſchend, ſtehen blieben. Durch Madame Lyngs ſchriftliche Mittheilungen er⸗ fuhr Claudine von ihrem früheren Kreiſe, daß nach ihrer Abreiſe alles ſo gegangen, wie ſie vorausgeſehen. Nach Verlauf einiger Zeit war der Großhändler durch Briefe von Tante Malfred von Claudinens Verſchwinden unter⸗ richtet worden, das Suſanne ihrerſeits ſchon früher ent⸗ deckt hatte; aber erſt nachdem der ganze Sturm ſich gelegt hatte, und die Geſchichte vergeſſen ſchien, hatte Madame Lyng Suſannens Wünſchen nachgegeben, und ſie von dem Schickſal und Aufenthaltsort ihres lieben Fräuleins unterrichtet, das die gutmüthige Perſon ſich mir nicht mehr verpflichtet fühlte, zu verrathen. Was dagegen die gute Madame Lyng nicht wußte, war der 9² Umſtand, daß der Großhändler in den erſten Tagen nach ſeiner Rückkehr und während er noch der Vermuthung lebte, ſeine Befehle bezüglich ſeiner Nichte ſeien pünktlich ausgeführt, durch die franzoͤſiſche Geſandtſchaft einen Brief von Luſard erhielt. Er war vor längerer Zeit geſchrie⸗ ben und hatte mancherlei Umwege gemacht, um durch das Kriegsgetümmel, in welchem der Schreiber lebte, endlich an ſeine Adreſſe zu gelangen. Ein kleiner offener Brief an Claudine war darin eingeſchloſſen. Der Groß⸗ händler Waller ſandte ihn nach Mecklenburg, wo er ſeine Nichte bei Tante Malfred vermuthete. Erzürnt über Lu⸗ ſard, wie er war, antwortete er nicht auf ſeinen Brief, ſondern beſchränkte ſich darauf, einem der franzoͤſiſchen Diplomaten auf eine nähere Anfrage zu ſagen, daß Claudine ſich bei ihrer Tante in Deutſchland befinde, und — ſoweit er unterrichtet ſei— im Begriffe ſtünde, eine gute Partie zu machen. Dieſelbe Antwort gab er Jedem, der nach ſeiner hübſchen Nichte fragte, und als er nach Verlauf von kurzer Zeit durch Tante Malfred das Un⸗ wahre in ſeiner Ausſage erfuhr, ließ er es dabei beru⸗ hen und wich ſtets den Geſprächen über Claudine aus, die er ſich nach den Mittheilungen der Tante an irgend einem Ende der Welt(wo wußte er nicht) für ihr Brod dienend dachte; deßhalb übergab er auch mit ruhigem Ge⸗ wiſſen Luſards Brief, der ihm zurückgeſandt wurde, und ihm überdies nichtsſagend vorkam, den verzehrenden Flammen des Feuers. Claudine, die wohl einen andern Commentar für die Erklärung des Briefes gehabt, als der Onkel, beweinte in mancher einſamen Stunde ihre pein⸗ liche Ungewiſſheit über das Schickſal und die Geſinnung ihres Geliebten. Aber wie tief ſie auch dieſe dunkle Seite ihres Schickſals fühlte, vermochte dies doch nicht ihr die Erkenntniß des Glückes zu benehmen, das ſie genoß. Mit ihrem Sohne auf den Armen oder auf einem ſtillen Abendſpaziergang in vertraulichem Geſpräch mit Chriſtiane 93³ ſagte ſie oft, daß ſie nach ſo mancher überſtandenen Angſt und Sorge nun erſt des Lebens rechten Werth kenne. In dieſer ruhigen Einförmigkeit wechſelte Sommer und Winter ohne Leerheit und Langeweile. Die langen Winterabende wurden durch Lectüre verkürzt, womit der Pfarrer dieſe von der ganzen Umgebung geachteten und geſchätzten Damen verſah. Wenn der kleine Knabe früh am Abend zu Bette gebracht war, las Claudine ihrer mütterlichen Freundin laut vor und ein vertrauliches Ge⸗ ſpräch entſpann ſich oft aus dieſer Lectüre. Häufig wurde dieſe Einſamkeit von Beſuchen unterbrochen. Der Schul⸗ lehrer und der Verwalter des naheliegenden Herrenhofes, beide brave, joviale, nicht ungebildete Männer, waren alte Hausfreunde von Madame Chriſtiane, die ſich mit innigem Wohlbehagen der jungen, hübſchen Geſellſchafterin näherten und von ganzem Herzen an dem kleinen hüb⸗ ſchen Knaben hingen.. So verfloſſen ſieben Jahre. Im Verlaufe dieſer Zeit hatte ſich Claudine vergebens Nachrichten von Lu⸗ ſard zu verſchaffen geſucht. In den erſten Jahren ſchrieb ſie nie an Madame Lyng oder Suſanna, ohne dieſe letz⸗ tere zu bitten, ſich durch Großhändler Waller über das Schickſal des Geliebten zu unterrichten, und als dieſer Weg gänzlich geſperrt war, wußte ſie auf ſinnreiche Weiſe ein Mittel ausfindig zu machen, ohne ſich zu nen⸗ nen, Aufklärung bei der franzoͤſiſchen Geſandtſchaft zu erhalten, aber auch dies wollte nicht gluͤcken und der mancherlei und oft wiederholten unnützen Beſtrebungen müde, hatte ſie in den letzten Jahren dieſes ihr ſo wichtige Anliegen in die Hand der Vorſehung gelegt, mit dem Gedanken, daß bei Menſchen kein Troſt zu finden. Der kleine Charles war indeſſen zum geſunden, hüb⸗ ſchen und wohlbegabten Knaben herangewachſen. Chri⸗ ſtiane ſah in ihm ihren früh verlorenen Sohn, er nannte ſie Großmutter und ſie verdiente um ihrer Liebe willen dieſen Namen. Claudine lebte nur für ihr Kind, deſſen 94 junges Herz wiederum an ihr mit einer rührenden kind⸗ lichen Liebe hing. Der Knabe beſaß eine ungemeine Wiß⸗ begierde und war ebenſo ruhig und aufmerkſam in den Lehrſtunden, die ihm ſeine Mutter, auf ſeinen eigenen Wunſch hin, täglich gab, als lebhaft und beherzt, wenn er ſich mit dem großen Hund, mit Lämmern und Ziegen auf der Wieſe umhertrieb, oder mit den Bauerkindern Soldatenſpiele ſpielte und der tapfere Anführer ihrer Schaar war. So ſtreng Claudine ihn erzog, ſo heiter wußte ſie auf alle ſeine Spiele einzugehen. Sie verfer⸗ tigte nach Anweiſung einiger Bilder, die ſie hatte, Pa⸗ trontaſchen, Helme und dergleichen für ihn und ſeine Spielgenoſſen, und wenn ſie bei dieſen kleinen Arbeiten ſaß und Charles mit ſtrahlenden Augen und gerötheten Wangen an ihrer Seite ſtand und zuſah, Freudenſprünge machte, ſeine Arme um ihren Hals ſchlang und in Dank⸗ ſagungen ausbrach, war die Mutter ebenſo kindlich glück⸗ lich, als das Kind ſelbſt, und wenn die kleine heitere Schaar am Abend auf die Wieſe hinauszog, ſetzte ſich Claudine vor die Gartenzimmerthüre, um ihren Charles unter den andern Knaben glänzen zu ſehen, wie einen jungen Damhirſch unter einem Rudel Kälber. Einſt, als Chriſtiane ihre junge Freundin mit ſchmerz⸗ lichem Ausdruck das Geſicht ſtill zwiſchen den niederhän⸗ genden Zweigen des Kaſtanienbaumes verbergen ſah, ſagte ſie bekümmert:„Meine Claudine! Du haſt geweint! Was fehlt Dir? Verheimlichſt Du Deinen Kummer vor mir? Ach, dann kann ich ihn wohl ahnen! Ich habe oft befürchtet, unſer ſtilles, beſchränktes Leben moͤchte für die Länge der Zeit Deiner friſchen Jugend zu eng werden.“—„Was ſagſt Du, liebe Mutter?“ rief Claudine:„O im Gegentheil! Tag und Nacht danke ich Gott, der ſo liebevoll meinen irrenden Fuß zu Dir und Deiner friedlichen Heimath ge⸗ lenkt. Nein, meine düſteren Gedanken ſchreiten weit von hier, ich weiß ſelbſt nicht, wohin, und es iſt mein Kum⸗ mer, daß ich es nicht weiß. Wo iſt Luſard? Iſt er 95 todt? Iſt er treulos? Wie bitter iſt der Gedanke, daß er eines von Beidem ſein muß. Wenn mein Charles, wie dies neulich geſchah, ſein ſüßes Angeſicht an mich ſchmiegt, wenn er mir in die Augen ſieht und mit ſo anmuthigen Zügen um ſeinen Mund lächelt, dann ſteht plötzlich ſeines Vaters Bild vor mir; gerade ſo ſah Lu⸗ ſard mich an; gerade ſo war der Ausdruck ſeines ſchöͤnen Antlitzes, während die bezaubernden Worte über ſeine Lippen floſſen. Hat des Todes grauſame Hand dieſe edlen Züge verlöſcht? Wie iſt er geſtorben? Iſt er im Kriege gefallen? Sind Feinde mit ihren Pferden über die ſchoͤne Geſtalt hinweggeritten und haben ſie zerriſſen? Hat er gelitten und iſt er hilflos dagelegen ohne eine liebevolle Hand, die ihn pflegte, ohne einen Freund, der ſeinen letzten Seufzer vernahm? O, dieſe Gedanken ſind mir ſo fürchterlich, daß es mir oft iſt, als würde mich's trö⸗ ſten, wenn ich ihn trellos, ja in den Armen einer An⸗ dern wüßte, wenn er nur lebte und glücklich wäre.“ „Nein, liebes Kind, glaube mir, die erfahren, was es heißen will, den verachten zu müſſen, den man dnn ganzem Herzen geliebt! Der Tod iſt weit weniger itter.“ „Verachten Luſard! das koͤnnte ich nie, ſelbſt wenn er ganz die Schwüre gebrochen, die er mir geſchworen. Und iſt er am Leben, ſo kann er doch vielleicht in dem einen oder andern Augenblicke, bei der einen oder andern Ver⸗ anlaſſung ſich der armen Claudine erinnern und ein Ge⸗ fühl von Reue und Liebe kann ſein Herz berühren; denn geliebt hat er mich, daß weiß ich gewiß.“ Chriſtiane ſchüttelte den Kopf.„Ach, beſte Claudine, ich glaube, das iſt eine Illuſton. Möchteſt Du Dir ſelbſt und Deinem Sohne nicht lieber ſagen, daß ſein Vater den Heldentod geſtorben, muthig im Kampf für ein Vater⸗ land, für ſeine Ideen gefallen?“ Claudine ſchwieg und ſagte nach einer kurzen Weile: „Vielleicht haſt Du Recht. Es iſt ſonderbar, wie Deine 96 Worte mir wie ein altes, beinahe vergeſſenes Lieblings⸗ lied klingen. Es gab eine Zeit, wo ich vor Begeiſterung für ihre Ideen von Heldenmuth, Tod für das Vater⸗ land und Freiheit glühte. Ach! was ſind ſie geworden, dieſe ſtolzen Hoffnungen der Wiedergeburt des Menſchen⸗ geſchlechtes? Ich verſtehe mich nicht darauf, ich höre nie davon ſprechen, als wie von einem ſchrecklichen Erdbeben, das eine Gegend zerſtörte, ohne im Weſentlichen ihr Ausſehen zu verändern. Allerdings ſehe ich jetzt Vieles mit andern Augen an, als damals, da ich und alles um mich her von Begeiſterung und Hoffnung beſeelt war.“ Durch eine natürliche Ideenverbindung kam Clau⸗ dine auf dieſe erſten, von Poeſie und Liebe durchglühten Jugendtage zu ſprechen, und unter Anderem namentlich auf jenen Abend, als ſie umgürtet mit dem dreifarbigen Gürtel, umtönt von republikaniſchen Ledern und umgeben von Huldigung und Anbetung zum erſten Male ſich des Herzens ihres Geliebten vergewiſſert glaubte. Sie er⸗ munterte ſich ſelbſt durch die lebendige Vorſtellung dieſes flüchtigen Zaubers und das Intereſſe, mit welchem die jugendlich gefinnte Freundin ihren Worten lauſchte. Sie ſetzten ihr Geſpräch fort, nachdem die Kühle des Herbſt⸗ abends ſie aus dem Garten in das warme Wohnzimmer getrieben. Claudine holte den beſprochenen dreifarbigen Gürtel, den ſie ſtets aufbewahrt, und zeigte ihn Chriſtiane. Im ſelben Augenblick trat der kleine Charles ein, und bei dem Anblick der glänzenden Farben, der goldenen Franzen, welche an jenem unbekannten Kleinode glänzten, wurde er von Bewunderung und Luſt ergriffen, einen ſolchen Schmuck zu beſitzen, der ſeine militäriſchen Spiele glänzend verherrlichen konnte, und mit Liebkoſen und Bitten beſtürmte er ſeine Mutter, ihm dieſe Gürtel zu ſchenken. Sie antwortete, er ſolle ihn an Feſt⸗ und Feiertagen in ſeinen Spielſtunden tragen, und während ſie ſagte:„Du haſt den nächſten Anſpruch darauf!“ band ſie ihm den Gürtel als Achſelſchärpe um und mit kindlicher Gravität 3 97 befeſtigte er ſeinen Degen daran. Dann bat er ſie, einen Marſch mit der Guitarre zu ſpielen. Wie ein Nachklang dieſes Geſpräches, das eben ſtattgefunden, ſang Claudine die Marſeillaiſe, accompagnirte ſich auf der Guitarre, und Charles, der dieſen Geſang früher gehoͤrt, ſiel als Chor ein, und rief aus voller Bruſt ſein: Aux armes cito- yens, indem er mit Ellbogen und Hand dergeſtalt auf eine kleine Trommel ſchlug und dem Aufruf: Marchons, Marchons! ſo tapfer folgte, als es in den vier Wänden des kleinen Zimmers ging. Daß dieſe kleine Scene vor einem andern Publikum, als Summa Summarum einem Zuſchauer, nehmlich Chriſtianen aufgeführt wurde, fiel niemand von den Be⸗ theiligten ein; und doch war es der Fall. Das Zimmer war ein Eckzimmer. Das eine Fenſter ſah nach einem ſchmalen Weg hinaus, der zwiſchen einer Gaſſenrinne des Dorfes und dem Hauſe hinlief, das von dieſem Wege überdieß durch einen tiefen Graben getrennt war. Der Weg wurde beinahe nie befahren und war deßhalb mit Gras und Unkraut bewachſen. Eine kleine Jagdgeſellſchaft von drei Perſonen wurde indeſſen durch das Schickſal dieſen Weg geführt, und kam in der Nähe des Hauſes vorüber, aus welchem die bekannten Toͤne der Marſelllaiſe erklangen. 4 Die Jäger blieben ſtehen, und Einer von ihnen rief: „Was zum Teufel iſt das? Kommt das verdammte, ſanskulottiſche Lirumlarum auch noch auf die Dörfer?“ Als ſie Licht im Fenſter ſahen, ſprang der Eine von ihnen, ein gewandter junger Mann, über den Graben und guckte hinein.„Kommt!“ ſagte er zu den Andern; „hier iſt etwas, das ſich der Mühe lohnt.“ Der Andere ſprang ihm nach, aber dem Dritten, der etwas corpulent war, mußten die beiden Erſten über den Graben helfen; bei dem ganzen Manoeuvre wurde jedoch das größte Stillſchweigen beobachtet, um nicht Novellen. II. 7 98 verrathen zu werden. Hier ſtanden ſie nun und betrach⸗ teten mit ſtummer Verwunderung die ſchöne Sängerin und das liebliche Kind mit ſeiner tricoloren Achſelſchärpe. Als die Marſeillaiſe zu Ende war, ſpielte Claudine einen luſtigen Walzer auf der Guitarre, wozu der kleine Knabe tanzte und ſich mit außerordentlicher Leichtigkeit und Grazie in allerlei Sprüngen und Schwingungen bewegte. Die ungebetenen Zuſchauer glaubten nun, es werde das Beſte ſein, ſich leiſe fortzuſchleichen, aber nur nach wiederholten Mahnungen gelang es, den zuerſt gekomme⸗ nen zu bewegen, ſich von dieſer Scene loszureißen, in welche er ſich ganz verloren zu haben ſchien. Es war ein junger Edelmann, der kürzlich in den Beſitz eines Guts gekommen, das eine Meile von dem Orte ent⸗ fernt lag, wo ſie ſich jetzt befanden. Die andern Zwei waren ſeine Freunde, deren er ſehr viele auf ſeinem Her⸗ renſitze ſah, wo ein lärmendes, luſtiges Leben an die Stelle der Vergnügungen der Hauptſtadt und der Hof⸗ zirkel trat, in welchen er zu leben gewohnt war. Die drei Herren gingen flill dem Ende des naheliegenden Waldes zu, wo die Diener mit ihren Pferden hielten, und erſt, nachdem ſte dieſe beſtiegen, begannen ſie zuſam⸗ men zu ſprechen, während ſie ſich in leichtem Trabe auf den Heimweg begaben. Der Aelteſte ſagte lachend:„Na, das war eine un⸗ erwartete kleine Comödie, die wir da zufällig zu ſehen bekamen. Ich liebe ſolche kleine Abenteuer auf einer Jagdparthie und wiewohl Ihr ſo unbarmherzig an mir gezogen, um mich über den Graben zu bringen, daß ich es noch in meinen Gliedern fühle, ſo reute es mich doch nicht; denn es iſt gewiß und wahr, daß viel Waſſer ans Ufer geſchwommen, ſeit ich ein ſo ſchönes Kind geſehen, wie die hübſche Dame, die auf der Zitter ſpielte. Was möͤgen das doch für Leute ſein?“ „Es ſind gewiß Franzöſinnen,“ antwortete der Andre. „Eine Mutter mit Tochter und Sohn. Dieſer kleine Ab⸗ 99 ſchaum! mit ſeiner franzöſiſchen Schärpe. Und wie er Marchons! Marchons! ſchrie. Ich hätte ihm gerne eine däniſche Ohrfeige gegeben; aber die Schweſter war auß⸗ erordentlich hübſch. Was ſagſt Du, Couſin? Haſt Du die Sprache verloren?“ „Ja gewiß,“ antwortete der Baron zerſtreut,„ſie iſt ſehr ſchön.“ Der Vetter fuhr fort:„Wie zum Teufel iſt das? Du biſt ja ganz kurios. Höll und Teufel! das würde mich amüſiren, wenn Du Dich Knall und Fall ſterblich in das Mädchen verliebt, das Du doch nicht heirathen kannſt, und vielleicht viele Unannehmlichkeiten, Seufzer und Thränen nöthig hätteſt, um ſie auf eine andere Ma⸗ nier zu bekommen. Es ſollte mich in der Seele freuen, Dich vor Liebe hinſchwinden zu ſehen, Dich verdammten Schelm, der uns immer im Wege war, ohne auch nur für zwei Schillinge Liebe zu fühlen! O könnte ich dieſe ſüße Rache erleben!“ „Ach, dummes Zeug! Was Du da herſchwatzeſt! Aber ſoviel iſt gewiß, daß ich neugierig bin, zu wiſſen, wer die Menſchen ſein mögen. Das Ganze hat etwas ſo Fremdes, Uebernatürliches!“ „Vielleicht“, ſagte der Aelteſte,„kann ich Dir Deine Gaſſfreundſchaft lohnen, indem ich Dir das auskundſchafte. Ich kenne den Pfarrer des Ortes gut. Morgen werde ich in dieſer reputirlichen Abſicht den Gottesmann beſuchen. Er muß ſeine Gemeinde wohl kennen, und was er nicht weiß, weiß die Pfarrerin.“ Der joviale Herr hielt Wort und ſchon am folgen⸗ den Tage brachte er ſeinen beiden Jagdkameraden die verſprochene Nachricht.„Macht jetzt Eure Ohren auf,“ ſagte er,„dann ſollt Ihr etwas Neues erfahren, und den Grafen wegen ſeiner ſcharfſinnigen Ahnungen bewundern. Die Familie iſt nicht franzöſiſch, ſondern gut däniſch, hier zu Lande geboren und erzogen. Die ältliche Mutter iſt keine Mutter, das ſchöne Mädchen iſt kein Mädchen, 100 der halb tolle Knabe iſt kein Bruder, ſondern ein leiblicher Sohn der Sängerin, die eine Seemannswittwe iſt und Johannſen heißt. Sie leben von ihrer Hände Arbeit und von Unterricht, den ſie an einige Mädchen geben. Die Toͤchter des Pfarrers unter Anderem haben ſie Allerlei gelehrt, die Aelteren wie die Jüngeren, und dort im Hauſe hält man förmliche Lobreden auf die Tugend und Bil⸗ dung dieſer Dame, aber davon brauchſt Du Dich nicht verblüffen zu laſſen. Die Aspecten ſind dennoch gut, wenn Du, wie Dein Vetter, der Graf behauptet, einen Streifſchuß auf unſerer Jagd erhalten haben ſollteſt. Lxtuch iſt die Wunde noch nicht, wenn ich Dich recht enne.“ Darin täuſchte ſich indeſſen der corpulente Herr, denn nach dem Sprachgebrauch war der Baron wirklich tödt⸗ lich verwundet. Der beflügelte Gott, der ſo oft der ar⸗ men Sterblichen ſpottet, läßt ſeiner nicht ungeſtraft ſpot⸗ ten, und es war, als wollte er ſich exemplariſch an einem Liebhaber rächen, der verwegen mit ſeinen Pfeilen ge⸗ ſpielt, ohne ſelbſt ihre Kraft zu fühlen. Diesmal mußte er ſie fühlen. Der kurze Anblick Claudinens, der Klang ihrer Stimme hatte ſich mit unerklärlicher Macht ſeiner Phantaſie bemächtigt,— ein Bild, von dem er ſich nicht losreißen konnte. Man höͤrt oft ſagen, daß eine Liebe, die bei der erſten Begegnung mit dem geliebten Gegen⸗ ſtande entſtehe, ſich nur in Romanen, Schauſpielen und poetiſchen Fiktionen finde. Auf der andern Seite hört man die Behauptung, beſonders von Männern, daß ſie ſich nie verlieben können, wenn ſie ſich nicht bei der erſten Begegnung von dem Pfeile der Liebe getroffen fühlen. Ohne ſich in eine beſtimmte Erklärung einer ſo unerklär⸗ lichen Sache einzulaſſen, dürfte man wohl behaupten, daß die Mythe von Amors Pfeil eine tiefe Wahrheit enthält, daß es immer der Eindruck eines einzigen Augen⸗ blickes iſt, der das Gefühl entzündet, das man Liebe nennt, ob dieſer Augenblick nun bei der erſten oder einer ſpätern 101 Begegnung eintritt, und man könnte wohl ſagen, daß dieſes erſte Begegnen, ja der bloße Anblick das für ſich haben kann, daß er aus einem unbewußt ſyapathetiſchen Gefühle entſpringt, aus einer Freude über einen andern Menſchen, ohne alle Reflexion, unmittelbar aus dem Dun⸗ keln, wie die mythologiſchen Vorſtellungen lehren, daß die Grazien und die Furien, das Schoͤne und das Gräß⸗ liche, der dunkeln geheimnißvollen Nacht entſtiegen find; und oft hat man ſchon die Bemerkung gemacht, daß Liebe, wie Leidenſchaft Ingredienzen von beiden Theilen haben,— eine Beobachtung, die der Baron, ohne ſte ſelbſt anzuſtellen, an ſich bewahrbeiten ſollte. Zum erſten Male in ſeinem Leben machte er ein Geheimniß aus ſeinen Gefühlen. Seine lärmende und zahlreiche Geſellſchaft wurde ihm zur Laſt und er ſuchte ſich ihr oft unter allerlei Vorwänden zu entziehen. In dieſen ſeinen Freiſtunden umſchwärmte er das ländliche Haus, das den Gegenſtand ſeiner Wünſche barg. Selten glückte es ihm, ſie im Garten zu ſehen oder ihr zu be⸗ gegnen, meiſt in Geſellſchaft ihres Sohnes oder der äl⸗ teren Freundin, aber ein gleichgültiger Gruß als Antwort auf ſeine ehrerbietige Verbeugung war die ganze Ausbeute dieſer Wanderungen. Es gelang ihm, die Bekanntſchaft des Pfarrers zu machen. Dort genoß er den Vortheil, von ihr ſprechen zu hören, Notizen über ihre häusliche Lage zu bekommen, ihr Lob zu vernehmen... aber ſie dort zu treffen, womit er ſich geſchmeichelt, war nicht leicht möglich, da ſowohl ſie als Chriſtiane beinahe nie an einer Familiengeſellſchaft Theil nahmen, ſondern ſorg⸗ fältig Allem auswichen, was zu vertraulichen Mittheilungen über die vergangene Zeit führen konnte. Endlich kam der Baron auf einen Einfall, der ihm von ſeinem guten Genius zugeſtüſtert zu ſein ſchien. Er ging eines ſchönen Tages geradezu in das Haus und klopfte raſch entſchloſſen, doch nicht ohne eine gewiſſe Verlegen⸗ heit, die ihn ſehr gut kleidete, an. Er wurde von Chriſtla⸗ 10²2 nen empfangen, an die er ſich mit großer Hoͤllichkeit wandte und ſagte, er ſei an ſie gewieſen, um eine hübſche Bauernt racht für ein Mädchen anfertigen zu laſſen, das auf ſeinen Gütern heirathe. Er ſuchte das Geſpräch hinauszuziehen, indem er ſich in Erklärungen über die⸗ ſen Putz einlies, die aus nahe liegenden Urſachen Chriſtianen ſo un verſtändlich erſchienen, daß ſie zur großen Freude des Barons Claudine zu Hülfe rief, und nun endlich genoß der verliebte Mann das Glück von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht der angebeteten Schoͤnen gegenüber zu ſtehen, ihre Augen auf den ſeinen ruhen und ſie ſich an ihn wenden zu ſehen. Die beſtellten Arbeiten wurden jetzt ohne große Schwierigkeit beſprochen und georonet, und ein Tag beſtimmt, an welchem der Baron ſie ab⸗ holen laſſen konnte,— ein Auftrag, den er ſelbſt auszu⸗ führen ſich vornahm; und als der beſtimmte Tag kam, erſchien der Baron zu Wagen und brachte einen Korb mit, um darin die hübſche Bauerntracht aufzunehmen, die jede Braut auf dem Gute außerordentlich gluͤcklich gemacht, die der Baron jedoch bei ſeiner Heimkunft in einer Garderobe verbarg und dies mit einer ſehr verdrüß⸗ lichen Miene, denn er hatte Claudine nicht zu ſehen be⸗ kommen, ſondern nur hören koͤnnen, daß ſie in ihrem Zimmer mit ihrem Sohne ſang, und das Daſein des Kindes, ſeine Schönheit und Claudinens große Liebe zu ihm begann bereits ein ſchmerzicher Dorn in ſeinem eifer⸗ ſuchtigen Herzen zu werden. In einigen Tagen fand er ſich wieder ein und be⸗ ſtellte ein paar geſtickte Bauernhauben; er wollte gerne einige Frauen auf ſeinem Gute, wie er ſagte, bei dem bevorſtehenden Erntefeſt mit dieſen Gaben erfreuen. Dieſe Hauben holte er gleichfalls ſelbſt ab. So ließ er nun eine große Anzahl ſolcher Prachtſtücke anfertigen und das Erntefeſt war bereits lange vorbei, ohne daß die Beſtel⸗ lungen aufgehört. Sowohl die beiden Frauenzimmer, als ſein Kammerdiener, die dieſe Sachen ſahen, machten ſich 8 103 einen und den andern Gedanken über die Artigkeit des Barons gegen die Maͤdchen des Gutes, aber dabei hatte der arme Herr noch immer einen ganzen Koffer voll glänzenden Bauernſtaates, der keinem Menſchen zu Gute gekommen. Da das Auffallende in ſeiner Handlungsweiſe ihm ſelbſt in die Augen ſprang, grübelte er über eine andere Methode nach, ſich dem lieben Hauſe zu nähern und ſich Zugang zu demſelben zu verſchaffen. Zuerſt kam er auf den Gedanken, zu einem Spazierritt einen ſehr kalten, regneriſchen Herbſttag zu wählen, da er überdies erfahren, daß der Pfarrer und ſeine Frau nicht zu Hauſe ſeien. Er ſchnitt den Riemen von ſeinem Sattel, ging zu einem Schuhmacher im Dorfe, um ihn repariren zu laſſen, ſtellte ſein Pferd im Wirthshauſe ein und eilte, von Regen triefend, in Chriſtianens Haus und bat, hier ver⸗ weilen zu dürfen, bis der Sattel gemacht ſei. Er habe — ſagte er— Pfarrers beſuchen wollen, jedoch erfahren, daß niemand zu Hauſe ſei. Man nahm ihn mit größter Höflichkeit auf und da die kleine Familie gerade beim Theetiſche ſaß, bat man ihn, an dieſer kleinen Mahlzeit Theil nehmen zu wollen. Nun war das Eis gebrochen. Der Baron war ein hübſcher, junger Mann mit ein⸗ ſchmeichelndem Weſen, verwöhnt und verzogen, aber im Beſitze eines nicht„geringen natürlichen Verſtandes und der äußern Politur der großen Welt. Die unſchuldigen Damen waren weit davon entfernt, den Plan zu ahnen, ſich in ihre ſtille Wohnung einzu⸗ drängen; ſie nahmen freundlich und lebhaft an dem Ge⸗ ſpräche Theil, das ihr Gaſt ſich die groͤßte Mühe gab, ſo lange und ſo gut, als möglich im Gange zu erhalten. Mit warmer Dankſagung für die ihm erwieſene Gaſt⸗ freundſchaft bat er um die Erlaubniß, wieder kommen zu dürfen, und ritt in einem ſchrecklichen Ungewitter, aber in der beſten Laune von der Welt, nach Hauſe. Eine ängſtliche Beſcheidenheit, die gleichfalls zu den neuen Er⸗ 104 fahrungen gehörte, die er in ſeinem eigenen Innern machte, war indeſſen Urſache, daß er nur mit einer gewiſſen Spar⸗ ſamkeit die gegebene Erlaubniß benützte, fortwährend aber auf Mittel dachte, in Chriſtianens Haus zu kommen, we⸗ nigſtens mit ebenſo viel Freiheit, als der Verwalter und Schulmeiſter; und dieſe zwei Männer, welche Niemand für gefährliche Nebenbuhler gehalten, wurden der Gegen⸗ ſtand der heimlichen Eiferſucht des jungen Liebhabers. Um Weihnachten hatte er den glücklichen Gedanken, dem kleinen Charles einen ganzen Korb voll Chriſtge⸗ ſchenke zu bringen. Der kindliche Sinn iſt beinahe immer dankbar. Der heitere Knabe ſchloß ſich mit Herzlichkeit an den milden Geber, der ihm Häuſer, Bäume, Soldaten u. ſ. w. aufſtellte, um ihn den Gebrauch der verſchiedenen Herrlichkeiten zu lehren, Bilder erklärte und ihm nament⸗ lich einige kleine Spiele zeigte, die er zur Probe mit ihm ſpielte. Es war dies ſehr klug berechnet, um ſeine Be⸗ ſuche in die Länge zu ziehen. Charles jubelte und mit mütterlichem und großmütterlichem Intereſſe nahmen beide Damen Theil an ihres Lieblings Freude und Dankbarkeit. Es war Chriſttag. Der vorhergehende Abend war in dem einfachen Hauſe nach Vermoͤgen gefeiert worden. Ein kleiner Weihnachtsbaum ſtand noch im Zimmer. Man ſchmückte ihn aufs Neue mit friſchen Aepfeln, Kuchen und Kerzen, die man zu Ehren des großen Zuwachſes an Weihnachtsgaben anzündete. Der Baron half bei dieſer Arbeit. Die beiden Hausfreunde kamen indeſſen auch und brachten ihr kleines Scherflein. Sie fühlten kein beſon⸗ deres Vergnügen, den unerwarteten, vornehmen Gaſt zu finden, der ſie ſeinerſeits auch auf den Blocksberg wünſchte. Aber die Damen des Hauſes beſaßen ein ſo ſchönes Ta⸗ lent, die Honneurs zu machen, und dabei einen ſo guten Ton, daß ſich bald jeder an ſeinem Platze fand. Der Baron erzeigte indeſſen den Neuangekommenen alle Artig⸗ keit und die gutmüthigen älteren Männer kamen bald wieder in ihre alten Falten. Die Damen baten den Ba⸗ 105 ron, bei ihnen vorlieb zu nehmen; man ſetzte ſich in der beſten Laune um den beſcheidenen, aber hübſchen Tiſch und verlebte einen Abend, der Jedem wie ein lichter Punkt in der düſtern Winterszeit erſchien. Von dieſem Tage an wurden die Beſuche des Ba⸗ rons immer häufiger. Er ſuchte ſich auf alle Arten ein⸗ zuſchmeicheln und ergriff jede Gelegenheit, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit an den Tag zu legen. Er brachte Bücher und Kupferwerke, ſchoͤne Blumen und andere ſolche Annehm⸗ lichkeiten für die ſtille Familie, und die beſcheidene Art, wie er bei alledem ſeine leidenſchaftlichen Gefühle unter dem Schleier des Wohlwollens und der Freundſchaft zu verbergen wußte, verſchofften ihm nach und nach das Vertrauen und den ungezwungenen, freundlichen Um⸗ gang der argloſen Frauen. Er war deſſen auch nicht ganz unwürdig, wie ſich in dieſem Augenblicke ſeine Denk⸗ und Handlungsweiſe geſtaltet hatte; denn es iſt zwar wahr, daß er in der erſten Periode ſeines Verliebtſeins verwe⸗ gene und ſtrafwürdige Plane genährt, aber die Reinheit und weibliche Würde, die wie eine Glorie Claudinens Haupt umgab, hatte jede unreine Hoffnung ſchon lange vernichtet. Während des ganzen Winters kämpfte der arme Baron den Kampf zwiſchen ſeiner Liebe und den Vorurtheilen ſeines Standes. Der Spott ſeiner Freunde ſenkte die Wagſchale auf der einen, ſeine unruhige und eiferſüchtige Leidenſchaft die auf der andern Seite. Es hatte großes Aufſehen in den Kreiſen der Ge⸗ ſellſchaft erregt, in welchen ſich der Baron bewegte, daß er ſich den ganzen Winter hindurch nicht am Hofe ſehen ließ. Gerüchte über eine ländliche Liebesgeſchichte kamen mit mancherlei Vermuthungen und Erdichtungen in Um⸗ lauf. Mehre von ſeinen früheren Freunden beſuchten ihn ab und zu, neugterig, ſeine Geliebte zu ſehen und etwas von dieſem Verhältniß zu erfahren, aber mit Ausnahme der beiden früher genannten Herren reiſten ſie Alle unbe⸗ friedigt nach Hauſe und hinterließen ihrem gaſtfreund⸗ 106 lichen Wirthe eine unangenehme Erinnerung an alle die Spöttereien, Neckereien und Anſpielungen, welche er mit gleichgültiger Miene zu ertragen ſich angeſtrengt hatte. Mit dem Eintritte des Frühjahrs bildete ſich endlich ein feſter Entſchluß in der Seele des Barons. Er wollte Claudinen ſeine Hand anbieten und ſeine Ruhe und Zu⸗ friedenheit ſich mit Aufopferung von weit weniger weſent⸗ lichen Gütern erwerben. Nach dieſem Entſchluſſe fühlte er ſein Inneres erleichtert und wagte nach und nach die Spitze ſeiner Freierſchaft zu zeigen. Es war Claudinen nie eingefallen, in dem vornehmen, reichen und zugleich beſcheidenen, ja beinahe ſchüchternen, jungen Manne einen Freier zu erblicken. Die kleinen Bemerkungen, welche Chriſtianen bei ein und der andern Gelegenheit über die Seufzer und verſtohlenen Blicke des Barons entſchlüpft waren, hatte Claudine mit Lächeln beantwortet; aber die Veränderung, die nun in ſeinem Tone vorgegangen war, konnte ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgehen, und dieſe Entdeckung machte ſie weniger frei und ungezwungen in ihrem Benehmen gegen ihn. Mit Schmerz bemerkte er dies und neuer Kummer und Zweifel entſtand in ſeiner Seele. Durfte er nicht hoffen, ihre Liebe zu gewinnen? Liebte ſie einen Andern? War ihr verſtorbener Mann ihr ſo theuer, daß ihr Herz mit dem ſeinen zu ſchlagen aufgehört? Wer war eigentlich dieſer Glückliche? Nie hoͤrte man ſeinen Namen nennen? Wer war ſie ſelbſt? Nie hörte man ihre Familie nennen? Amor iſt der größte aller Lehrmeiſter. Mit diplomatiſcher Fineſſe, von der der Baron ſich nie hatte träumen laſſen, wußte er ein paarmal das Geſpräch auf ein ſolches Gebiet hinzulenken, daß er aus Claudinens Aeußerungen den Schluß ziehen konnte, etwas wie eine Heirath gegen den Willen der Eltern ja Verwandten müſſe ſie von den Ihren getrennt haben, und man ſah aus Allem, daß ſie den Vater ihres Sohnes leidenſchaftlich geliebt haben mußte und ihn noch in der unſäglichen Liebe zu dieſem Kinde verehre. Eine Eifer⸗ „ 107 ſucht, die man wahnfinnig nennen konnte, erfaßte ihn bei dieſer vermeinten Entdeckung. Der verſtorbene Neben⸗ buhler wurde ihm mehr als verhaßt, und der kleine Charles, der mit unſchuldiger Zuneigung an ihm hing, wurde mit jedem Tage mehr der Gegenſtand ſeines Un⸗ willens. Bisweilen zog er das Kind nahe an ſich und ſah ihm ſtarr in das liebe Geſicht, um in den kindlichen Zügen nach denen des verhaßten Vaters zu ſuchen und zu ſeiner Qual ſich auszumalen, wie außerordentlich ſchön ſie geweſen ſein mußten. Er wurde mit jedem Tage we⸗ niger Herr über ſich ſelbſt und beſtrebte ſich beinahe nicht mehr, das Gewaltſame und Wilde in ſeinem Herzenszu⸗ ſtand vor Claudinen zu verbergen, in deren ruhiges Da⸗ ſein ſeine ſtürmiſche Nähe ſtörend einzugreifen begann. Nicht blos begegnete ſie ihm früh und ſpät auf allen ihren Lieblingswegen, ſondern ſelbſt, als ſie aus dieſem Grunde nie mehr allein das Haus verließ ſah ſie ihn ſo oft vor ſich ſtehen, wenn ſie mit der Arbeit unter ihrem lieben Kaſtanienbaume ſaß, daß ſie mit Kummer voraus⸗ ſah, ſie werde bald dieſen lieben Zufluchtsort meiden und ſich in ihr Zimmer einſchließen müſſen: denn das ganze Weſen des glühenden Liebhabers und die Anſpielungen auf die Leiden, die ſie ihm verurſachte, erfüllten ſie unwill⸗ kürlich mit einem bangen Gefühle.— Das Ungereimte dieſes Verhältniſſes konnte natür⸗ licher Weiſe nicht lange dauern. In einem lichten Augen⸗ blicke beſchloß der Baron, raſch in die Urne des Schick⸗ ſals zu greifen und mit einer erzwungen ruhigen Miene näherte er ſich eines Tages, als Claudine ſich in den Garten herausgewagt. Mit einem Ausdruck ſtiller Betrübniß ſagte er:„Sie werden doch nicht vor mir fliehen, wie vor einem wilden Thiere, und mir einen Augenblick der Unterhaltung goͤnnen?“ Claudine bot ihm einen Platz an ihrer Seite unter dem Kaſtanienbaume an, der mit freundlicher Hand die Beiden unter ſeinen üppigen Blüthen, ſeinen breiten Blät⸗ 108 tern und Zweigen barg als ob er wüßte, daß das Ge⸗ ſpräch von Liebe handeln ſolle. Mit einer Stimme, die ein leiſes Zittern verrieth, begann nun der Baron:„Was ich Ihnen zu ſagen auf dem Herzen habe, wiſſen Sie ganz ſicher, denn ich kann nicht glauben, daß Sie die unbegrenzte Hochachtung miß⸗ deuten werden, die ich für Sie nähre. Daß ich Sie liebe, kann Ihnen nichts Neues ſein. Ich ſah Sie das erſte Mal, ohne von Ihnen geſehen zu werden, und von jenem Augenblicke an hatte ich keinen andern Gedanken, als Sie. Ich kann in Wahrheit verſichern, daß Sie meine erſte Liebe ſind und auch meine letzte ſein werden. Deßhalb fomme ich, mit offnen Worten um Sie zu freien. Wollen Sie meine Frau werben? Alles, was mein iſt, lege ich Ihnen zu Fußen, ich will Ihnen der liebevollſte Gatte werden und wie es die Pflicht erheiſcht, für die Erziehung Ihres Sohnes und Ihr Schickſal nach meinem Tode ſorgen. Wollen Sie mich zum glücklichſten Menſchen machen?“ Mit großer Verlegenheit antwortete Claudine:„Ach! Herr Baron! Eine ſo auffallende Mesalliance würde, weit entfernt, Sie glücklich zu machen, Ihrer Zukunft im Wege ſtehen, die jetzt in ſo glänzenden Farben vor Ihnen liegt.“ „Nein, nur in der Verbindung mit Ihnen. Ich bin mein eigner Herr! ich wünſche kein anderes Glück, als das, in Ruhe und Liebe leben zu können.“ Claudine ſeufzte; es koſtete ihr Mühe, ihre Gedanken erklären zu können, ohne den ehrlichen Freier zu verletzen. Der Baron hatte ihre Hand ergriffen, ſie ließ ſie ihm und ſagte mit einem ſanften Händedruck:„Glauben Sie mir, ich fühle das Ehrenvolle, das Beneidenswerthe des Looſes, das Sie mir bieten, aber um ſo mehr müßte ich, wenn ich es annähme, zu mir ſelbſt ſagen, daß ich deſſen unwürdig ſei; ich müßte mir wirklich zutrauen, zu Ihrem Glücke beitragen zu koͤnnen, aber das kann ich nicht, denn 109 nur die innigſte Liebe könnte die Ihre vergelten und es ſteht nicht mehr in meiner Macht, dieſe einem Manne zu ſchenken.“ Der Baron ſchwieg mit betrübter Miene. Nach einer Pauſe ſagte er:„Aber Sie ſind doch frei.“ „Ich bin deſſen nicht gewiß,“ antwortete Claudine mit niedergeſchlagenen Augen. „Sie ſtellen ſich vielleicht vor, daß Ihr Gatte, der von einer Seereiſe nicht mehr heimkehrte, durch ein oder das andre Mirakel noch am Leben geblieben. Aber ich bitte Sie zu bedenken, wie ungereimt eine ſolche Hoffnung iſt. Sollte nach Verlauf ſo mancher Jahre kein Menſch von der ganzen Beſatzung des Schiffes oder irgend Jemand anderes Ihnen eine Nachricht gebracht haben. Jedenfalls muß es nicht unmöglich ſein, ſich hierüber ziemliche Ge⸗ wißheit zu verſchaffen? Wie hieß das Schiff? Aus wel⸗ chem Hafen lief es aus? Wer waren die Rheder oder Participanten? Nennen Sie mir all' das und es ſoll nichts verſäumt werden, Ihnen Gewißheit über ſein Schick⸗ ſal zu verſchaffen.“ Nach kurzem Bedenken antwortete Claudine:„Ich könnte der Beantwortung dieſer Fragen ausweichen, ich koͤnnte ſagen, ohne zu luͤgen, daß eine umſtändliche Nach⸗ richt von dem gewaltſamen, vielleicht ſogar peinlichen Tode eines geliebten Mannes ſo herzzerreißend iſt, daß ich ſchwach genug bin, ein Bild zu ſcheuen, das meine Phantaſte Tag und Nacht martern würde. Aber die Hingebung, die Sie gegen mich an den Tag legen, gibt Ihnen ein Recht auf mein Vertrauen, um ſo mehr, als das, was ich Ihnen mitzu⸗ theilen habe, wahrſcheinlich ein Gegengift gegen den Zau⸗ ber iſt, den ich unbewußt über Sie ausgeübt. Sie glau⸗ ben, wie alle Leute, daß ich Wittwe bin, daß mein Sohn die Frucht einer geſetzlichen Ehe ſei. Dem iſt nicht ſo. Als ein ſehr junges, unerfahrenes Mädchen, wurde ich von den regelloſen Grundſätzen der Zeit, von dem Leichtſinn mei⸗ ner Umgebung und der Liebe des liebenswürdigſten Man⸗ 110 nes hingeriſſen. Mein Sohn iſt die Frucht dieſer Liebe. Die Schaam, mit der ich Ihnen dieſes Geſtändniß mache, zeigt am Beſten, daß ich meine Strafwürdigkeit erfenne und doch muß ich hinzufügen, daß ich nicht mal von Her⸗ zen die Alles aufopfernde Liebe zu bereuen vermag, die mir das Glück der Mutter verſchafft, welche Alles er⸗ ſetzt, was ich für mein heißgeliebtes Kind gelitten und noch leiden mag.“ Dieſes Geſtändniß ſchien keinen außerordentlich tiefen Eindruck auf den Baron zu machen. Er ſchwieg kurze Zeit, dann ſagte er:„Es iſt mir früher ſchon der Gedanke erwacht, daß ein Geheimniß dieſer Art über Ihren Verhältniſſen walte. Aber dieſer glückliche Liebhaber— iſt er todt?“ „Ich vermuthe es. Wenigſtens war ſein Leben den größten Gefahren ausgeſetzt.“ „Er war alſo Seemann oder Militär?“ „Das Letztere.“ „Aber was bewog ihn, Sie unter ſolchen Umſtänden zu verlaſſen?“ 1 „Seine Ehre, ſeine Pflicht.“ „Nachdem, was Sie mir bisher geſagt, muß ich ver⸗ muthen, daß es ein Ausländer war.“ „Allerdings.“ „Sie wollen mir Ihren Namen und den ſeinen nicht nennen: ſo vermuthe ich, daß auch hierüber ein Geheim⸗ niß ruht.“ „Ich werde Ihnen alles ſagen, was Sie intereſſſren kann, Alles, was ich ſagen zu dürfen glaube; fragen Sie mich nicht mehr. Ich bin vater⸗ und mutterlos, meine Familie würde indeſſen gewiß nicht dulden, daß ich, die ſich ihrer Vormundſchaft entzogen, mir ihren Namen anmaße. Um nicht mein Kind von mir zu geben, habe ich wie eine Flüchtige Alles verlaſſen und danke Gott für die Frei⸗ ſtätte, die er mir gegönnt, für die mütterliche Freundin, die er mich hier finden ließ. Das iſt Alles, was ich ſagen kann und mehr als ich je der übrigen Welt ſagen würde.“ 111 Der Baron ſoh ſie mit inniger Zärtlichkeit an und ſagte dann:„Die Geſinnung, die Sie bewegt, mir dieſes Vertrauen zu beweiſen, erhöht Ihren Werth in meinen Augen noch und weit entfernt, ein Stein des Anſtoßes für meine Wünſche zu ſein, ſcheinen mir dieſe Mittheilun⸗ gen im Gegentheile die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Daß Sie vollkommen frei ſind, iſt außer allem Zweifel, denn entweder iſt der glückliche Mann todt oder er iſt treulos und in beiden Fällen iſt das Band zerriſſen, das Sie an ihn band. Ich läugne nicht, daß der Ge⸗ danke, daß Sie je einem Andern angehört, mir ewig bitter bleiben wird, aber ich ſah Sie von je für eine Wittwe an, wußte, daß Sie Mutter ſind, und was die Moral betrifft, ſo habe ich ſelbſt kein Recht, ein ſtrenger Moraliſt zu ſein. Das Urtheil der Welt dagegen kann mir in meiner Stellung nicht gleichgültig ſein; doch würde es keine große Schwierigkeit haben, gemeinſchaftlich ſolche Verhaltungsmaßregeln zu treffen, daß wir die Neugierde irre führten. Ich wiederhole deßhalb mein Anerbieten: Wollen Sie mir Ihre Hand geben, ſo werden Sie mir natürlich auch offnes Vertrauen ſchenken und Ihre Fami⸗ lie wird nicht anſtehen, ſich mit meiner Gemahlin zu ver⸗ ſöhnen und uns das eigentliche Geheimniß in Ihrem Schickſal verbergen zu helfen, da es Ihrer Verwandten eigner Wunſch ſeln muß, die Sache geheim zu halten. Mein Herz hängt ſo ſehr an der Hoffnung, Sie zu beſitzen, daß nichts in der Welt mich dazu vermöͤgen kann, gutwillig davon abzuſtehen.“ „Ach! Herr Baron, je mehr Güte Sie mir erwei⸗ ſen, deſto groͤßeres Unrecht würde auf meiner Seite ſein, wenn ich ſie annähme. Ich bewahre noch meine erſte, meine einzige Liebe. Ich lebe noch in der Erinnerung an ihn. Mit tiefem Schmerze verließ er mich. Wir waren beide jung und unvorſichtig: er weiß nichts von dem Da⸗ ſein ſeines Sohnes. Ich gelobte ihm Treue bis zum Tode: bräche ich meinen Eid, ſo würde der Gedanke an ihn mir 112 ſchrecklich werden. Dächte ich ihn mir lebend, ſo würde ich zittern, ihm zu begegnen und vor ſeine Augen zu tre⸗ ten. Tauſend unwahrſcheinliche Möglichkeiten, die ihn mir trotz ſeines langen Schweigens unſchuldig erſcheinen ließen, würden in meiner Phantaſie entſtehen; dächte ich ihn todt, ſo würde die Hoffnung, ihn dort zu finden, auf⸗ hoͤren, ein Troſt für mich zu ſein. In Träͤumen ſehe ich oft ſein liebes Bild: da ſehe ich ihn ſtets treu und lie⸗ bend und wenn ich erwache, fühle ich mich von meinem Traume geſtärkt; gehörte ich aber einem Andern an, als ihm, ſo würde ich mit Reue und bangen Ahnungen er⸗ wachen. Nein, für mich taugt nur das klöſterliche Leben, zu dem mich der gnädige Himmel wunderbar geführt. Mit der Welt habe ich nichts mehr zu thun. Treue iſt es, die ich Gott und mir ſelbſt gelobt und wenn ich einſt meinem Sohne ſage:„Vor den Augen der Welt iſt Deine Geburt mit Schande bezeichnet, Deines Vaters Namen kannſt Du nicht tragen,— ſo werde ich hinzufügen kön⸗ nen:„Aber Deine Mutter war treu bis in den Tod gegen ihn und gegen Dich.“ Der Baron ſchwieg lange mit finſterer Miene; end⸗ lich ſagte er:„Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß die Gefühle, die Sie ausſprechen, mir exaltirt ſcheinen und nicht für Ihr Alter, für Ihre Stellung, für das wirkliche Leben paſſen. Wie iſt es möglich, daß Sie, ſo jung, ſo ſchön, hier beſtändig verborgen und ohne Stütze ſollten leben koͤnnen. Es iſt ja ſchon ein Wunder, daß es Ihnen mehre Jahre glückte. Wie viel kann ſich nicht in Ihrer Umgebung verändern? Auch kann Ihr Sohn nicht immer bei Ihnen bleiben. Ein Knabe kann nicht in ſeiner Mut⸗ ter Schooße einzig und allein erzogen werden. Er muß hinaus in die Welt und etwas lernen.“ „Mein Charles iſt nicht vernachläſſigt, er iſt viel weiter voran, als dies Kinder in ſeinem Alter zu ſein pflegen. Es würde mir unendlich ſchwer werden, ohne ihn zu leben. Aber was die Zukunft bringt, iſt menſchlichen 113 Augen verborgen. Ein guter Engel ging in meiner groͤß⸗ ten Noth und Angſt zu meiner Seite, er wird mich nicht verlaſſen.“ Nach dieſem Geſpräch hoffte Claudine, dem Baron alle unnützen Hoffnungen benommen zu haben, aber ſie täuſchte ſich. Er kam ſtets auf ſeine Verſuche zurück, ſie zu überreden, er ſtimmte ſeine Forderungen ſo tief herab, daß er ſogar auf ihre Liebe Verzicht that und ſich mit der Hoffnung begnügen wollte, Zeit und Pflicht ſollten ihm dieſe verſchaffen. Kein erlaubtes Mittel ließ er un⸗ verſucht; er wandte ſich an Cbhriſttane, um ihren Einfluß zu benützen; aber ſie kannte Claudinen allzu gut, um ſich in dieſe Sache zu miſchen, die der Baron ſich überdies verdarb, indem er ſie durch Anerbietungen perſönlicher Vortheile zu gewinnen ſuchte. Glücklicher ging es ihm mit ver Pfarrerin, die in ihrer wohlme nenden Gutmüthig⸗ keit ſich überreden ließ, ſeine Fürſprecherin bei der Ge⸗ liebten zu ſein, deren Vertrauen der Baron indeſſen auf keine Weiſe mißbraucht hatte. Dieſe Art Verfolgung war dem Baron äußerſt un⸗ behaglich, und wurde es noch mehr durch die Herrenge⸗ ſellſchaft, welche die gute Jahreszeit nun auf ſeinem Gute verſammelte, ihm ſelbſt in ſeiner jetzigen Stim⸗ mung zu nicht geringer Laſt. Dieſe, meiſt junge und außerordentlich luſtigen, Menſchen gingen aus Neugierde und Neckerei der vielbeſprochenen Liebesgeſchichte des Ba⸗ rons auf die Spur und umſchwärmten die Gegend, wo ſie ihre Neugierde zufriedengeſtellt zu ſehen hofften. Un⸗ geachtet Claudine, die dieſe ungewöhnlichen Wanderer be⸗ merkte, ſich mit aller Vorſicht verbarg, geſchah es doch, daß ſie eines frühen Morgens, als ſie ſich aus dem Hauſe gewagt, plötzlich vor einer Jagdgeſellſchaft ſtand, unter welcher ſie zu ihrem Schrecken einen früheren Bekannten bemerkte, der ſie mit erſtaunter Miene, aber freundlich grüßte. Wie eine ſcheue Hindin, die aus ihrem Verſteck Novellen. Il. 8 114 den Jäger gewahr wird, eilte ſie in die Wohnung und konnte vor Herzklopfen Chriſtianen kaum den Grund ihrer Angſt ſagen; und als ſie Abends Charles„gute Nacht“ wünſchte und dieſer ſeine kleinen Arme um ihren Hals ſchlang, traten die Thränen in ihre Augen und ſie bat die guten Engel des Kindes, ihn vor allen Späheraugen zu verbergen. Die Ereigniſſe der Vergangenheit hatten Claudinen eine Angſt eingeflößt, ihren Sohn verlieren zu müſſen, die man beinahe für krankhaft halten konnte, denn ungeachtet ſie ſich ſelbſt ſagte, daß ſie in ihrer gegenwär⸗ tigen Stellung von ihren Angehörigen unabhängig ſei, ſo war es ihr doch, als ob ſie von dieſer Seite eine Ver⸗ folgung erwarte, wenn man ihren Zufluchtsort entdecke. In der Einſamkeit der Nacht durchkreuzten tauſend beunruhigende Gedanken ihren müden Kopf. Ab und zu hatte ſie von ihres Onkels Haus durch Madame Lyng gehört, mit der ſie nicht gerade einen lebhaften, aber auch nicht ganz ſeltenen Briefwechſel unterhielt. Sie wußte, daß der Großhändler Waller ſich bereits ſeit mehren Jah⸗ ren wieder mit einer vermöglichen Frau von engliſcher Herkunft verheirathet hatte, daß er, was man ſagte, ein großes Haus machte, und daß die alte Suſanne, welche auf Penſion geſetzt war, nun bei ihrer Couſfine, der guten Madame Lyng, lebte. Auf ihre wiederholten Fragen nach Ferdinand hatte ſie erſt in ſpäterer Zeit die Antwort er⸗ halten, daß ſein Vater, der Juſtizrath, nun ebenſo zufrie⸗ den mit ihm ſei, wie in früheren Zeiten das Gegentheil davon ſtattgefunden, denn nun hatte er Freude an dem Sohne, der in Genf vortheilhaft etablirt und verheirathet war. In einer ſchlafloſen Nacht zogen die von der Hand der Zeit gebleichten Bilder mit friſchen Farben an dem wachen Sinne vorüber. Claudine ſuchte ſich durch die Erinnerung an den Charakter des Onkels zu beruhigen: fand jedoch ſowohl Gründe des Troſtes, als der Furcht in ihm. Auf der einen Seite tröſtete ſie ſich damit, daß der Großhändler in ganz neuen häuslichen Verhältniſſen und 115 Umgebungen gewiß nicht eine Niece aufſuchen werde, die ſeiner Eitelkeit ſo wenig ſchmeicheln konnte, auch ſchien er ihr zu rechtlich geſinnt, als daß er ſie ohne Nothwendig⸗ keit beunruhigen würde, und zu leichtſinnig, um ſich ihr Schickſal zu Herzen zu nehmen. Auf der andern Seite, glaubte ſie, würde ſeine Eitelkeit und weltliche Denkungs⸗ weiſe bei einer Verbindung ſeiner Verwandten mit einem Manne wie der Baron, allzu ſehr ſeine Rechnung finden, ſo daß dieſer, wenn er fortführe, ſeinen Weg zu gehen, einen mächtigen Alliirten in dem Großhändler finden müßte. Der Gedanke an die ſtrenge und ſicherlich hoͤchſt aufgebrachte Tante Malfred hatte noch etwas Schreckli⸗ cheres.„Ach!“ ſeufzte die bekümmerte Claudine:„Eine Ahnung ſagt mir, daß meine ruhigen Tage vorüber ſind, daß ſchlimme Zeiten anbrechen.“ Sie erhob ſich im Bette und ſah beim Mondlichte, das in ihr Zimmer ſchien, den kleinen Charles, deſſen Korbbett zu ihren Füßen ſtand. Er lag in tiefem Schlafe, die kleinen Hände über die Bruſt gefaltet. Andächtig faltete die junge Mutter nun auch die ihren und ſagte: „Er iſt mit ſeinem Abendgebet auf den Lippen eingeſchla⸗ fen. Ein tröſtliches Gefühl ergriff mich bei dieſem An⸗ blick. O Du, der Du einen Strahl Deiner Göttlichkeit in mein bekümmert Herz fallen ließeſt, als ich in jener feierlichen Stunde mein vaterloſes Kind in Dein Heilig⸗ thum brachte, es Dir weihte und gelobte, eine treue Mut⸗ ter zu ſein, Du weißt, daß ich mein Gelübde gehalten. Herr! dem alle guten Geiſter dienen, ſende einen Engel, dieſes unſchuldige Kind in dieſer ſtillen Zufluchtsſtätte zu bewachen, welche kein böſes Wort oder Gefuüͤhl beſchmutzt, und das Dir und der Liebe geweiht iſt!“ Jeder Geängſtigte, der mit freiem Gewiſſen ein Ge⸗ bet, wie dieſes, beten kann, wird ſicherlich wie Claudine erfahren, daß der Engel bereits an ſeinem Bette ſteht und Ruhe und Frieden bringt. Vormittags pflegten die Gäſte des Barons gewoͤhn⸗ 2 116 lich ihren eigenen Weg zu gehen, und um dieſe Stunde ſchlich er ſich meiſt zu der ſtillen Wohnung, wo er, na⸗ mentlich an warmen Tagen, Claudine im Verſteck des Ka⸗ ſtanienbaumes finden konnte. Als er ſich an dem Tage einfand, von welchem wir ſprechen, hatte ſein Geſicht einen ganz beſonderen Aus⸗ druck, der auf etwas Außergewöhnliches deutete. Nach einigen gleichgültigen Worten ſagte er:„Ein Ereigniß, nicht eine Spionirerei von meiner Seite, hat mir die Hälfte des Geheimniſſes verrathen, das Sie mir nicht anvertrauen wollten. Ein alter Bekannter von Ihnen hat Sie geſtern geſehen und ſogleich wieder erkannt. Er nannte Ihren Namen vor Denen, die ihn begleiteten, und als ſie nach Hauſe kamen, wurde ich mit Fragen beſtürmt, die ich natürlich zu beantworten nicht für gut fand. Der, welcher ſich rühmte, Sie und Ihre Familie zu ken⸗ nen, verſicherte übrigens, daß Sie in Mecklenburg mit einem reichen Kaufmann verheirathet ſeien; ob Sie Wittwe ſeien, oder durch welche Schickſalwendung Sie in dieſe Gegend und in eine ſo wenig glänzende Stellung gekom⸗ men, war er außerordentlich neugierig zu erfahren.“ Claudine antwortete ernſt;„Ja leider, ich dachte mir, daß etwas Derart die Folge dieſer Begegnung ſein werde.“ 4 „Sie ſehen alſo ſelbſt, wie unwahrſcheinlich es iſt, daß Sie Ihrer Familie lange verborgen bleiben können. Erlauben Sie mir deßhalb bei Ihren Verwandten um Ihre Hand anzuhalten. Alle Mißverhältniſſe, alle Schwie⸗ rigkeiten werden verſchwinden, wenn ich als der auftreten darf, der ein Recht hat, Sie zu beſchützen. Sie werden ſich vor nichts mehr zu fürchten haben.“ „Nichts, als mich ſelbſt, mein Gewiſſen, meine innere Ruhe. Sie ſind zu rechtſchaffen, um nicht eine ſolche Furcht für die ſchlimmſte von allen zu halten.“ „Würden Sie ſich nicht den Vorwurf machen müſſen, die Schuld an meinem Unglücke zu tragen? Habe ich das — — 117 von Ihnen verdient? Ich darf wohl ſagen, ohne der De⸗ lieateſſe zu nahe zu treten, daß ich, um Sie zu gewin⸗ nen, kein Opfer geſcheut habe, das die Meiſten an mei⸗ ner Stelle zu bringen nicht im Stande geweſen wären, und zum Lohne für ſo große Liebe nehmen Sie auf alles Andere Rückſicht, als auf mich.“ „Vergeben Sie, Herr Baron! Sie ſehen unſer Ver⸗ hältniß von einem unrichtigen Standpunkte an. Zum Lohn für Ihre Güte gegen mich, ſchenkte ich Ihnen mein Ver⸗ trauen, meine Freundſchaft, wenn Sie dieſe annehmen wollen. Daß ich Ihnen nicht mehr geben kann, werde ich mir nie zum Vorwurfe machen, denn ich habe nie ge⸗ wünſcht oder geſucht, Gefühle bei Ihnen zu erwecken, die ich nicht erwiedern koͤnnte. Meine Gründe, meine Gedan⸗ ken habe ich Ihnen ſo oft erklärt, daß ich uns Beide nicht mit der Wiederbolung derſelben ermüden will. Ich bitte Sie deßhalb, laſſen Sie uns dieſe Materie für immer abbrechen und falls mein Schickſal Ihnen am Herzen liegt, ſo goͤnnen Sie mir den ſiillen Frieden, der Alles iſt, was ich von der Herrlichkeit der Erde wünſche. Stören Sie nicht mein und meines Kindes Daſein, indem Sie uns der Neugierde der Welt ausſetzen. Glauben Sie mir! wenn die Liebe, womit Sie mich beehren, Ihnen unange⸗ nehme Stunden gekoſtet, ſo hat ſie auch mich nicht mit Bangigkeiten und Unruhe verſchont. Machen Sie alle dem ein Ende! Seien Sie mir ein Freund, den ich ſtets hoch⸗ ſchätzen werde, und laſſen Sie dieſes Geſpräch das letzte in einer Sache ſein, über welche ich nie mehr ein Wort verlieren werde.“ Der Baron ſprang auf. Er war bleich. Claudine erſchrack bei ſeinem Anblick.„Gut!“ ſagte er mit beben⸗ den Lippen:„Vortrefflich. Ich habe nichts mehr zu ſagen und habe vielleicht ſchon zu viel geſagt. Ich werde Ihnen und den Ihrigen nicht mehr zur Laſt fallen.“ Miit dieſen Worten eilte er fort, wie von Dämonen verfolgt. Und man kann wohl ſagen, daß er es war, ſo 118 hatte die Leidenſchaft ihn der Freiheit ſeiner Seele be⸗ raubt. Sobald er nach Hauſe kam, ſetzte er ſich mit ſei⸗ nen Freunden zu Tiſche. Dieſe ſahen ihn erſtaunt an. Er affectirte eine ſo wilde Luſtigkeit, daß ſie glaubten, er ſei berauſcht, oder habe ein hitziges Fieber im Leibe. Er ließ indeſſen ſo viel Champagner und feine Weine aus dem Keller heraufkommen und trank ſeinen Gäſten ſo luſtig zu, daß die Meiſten bald nicht mehr viel von ſich hören ließen. Sogleich nach der Mahlzeit ſtürzte er in das Freie und nahm— ſeltſam genug— ſeinen Weg nach dem Dorfe, das er unter den ſchrecklichſten Eiden nie mehr zu betreten geſchworen. In der Nähe des Dorfes war eine ſteile Sandbank, die mit ihrer äußerſten Spitze in das Meer hinaushing. Hier hielt er inne, warf ſich in's Gras und überließ ſich ſeiner Verzweiflung. In ſeiner Aufregung glaubte er ſich in ſeiner Ehre gekränkt, ſein Herz belei⸗ digt, und nannte ſich mißhandelt, verſtoßen, zurückgeſetzt von einer Treuloſen. Hätte ich ihn nur hier, den ver⸗ haßten, ſchändlichen Verführer! ich würde ihn umſchlingen und mſch mit ihm ins Meer ſtürzen! Deſſen würde ich mich in jedem Falle freuen, denn iſt er todt, ſo koͤnnte ich ihn dort ſinden: auch dort muß es eine Rache geben. O daß ich ihn fände!“ In demſelben Augenblicke hörte der Baron eine zarte Stimme hinter ſich, welche ſagte:„Hier bin ich!“ Er wandte ſich um und ſah den kleinen Charles, wie er ihn zum erſten Male geſehen, mit ſeiner dreifarbigen Schärpe und dem Gewehre auf der Schulter. Der Ra⸗ ſende ergriff den lächelnden Knaben und rief:„Dich ſen⸗ det mir die Hölle ſelbſt.“ Das Kind fürchtete ſich bei ſeinem Anblicke und ſagte: „Laß mich!“ „Nein,“ rief er,„Du gleichſt Deinem Vater! und das find ſicher ſeine verhaßten Farben, mit denen Du aufgeputzt biſt. Ich ſpringe mit Dir hinab ins Meer, — 119 dann magſt Du ihn grüßen, wenn er todt iſt und ihn vor Gott anklagen, wenn er lebt.“ Charles begann zu weinen.„Laß mich,“ rief er,„Du machſt mir Angſt! Ich will Dich ſelbſt vor Gott an⸗ klagen, denn es iſt eine Sünde, daß Du mich erſchreckſt. Ich habe immer große Stücke auf Dich gehalten. Laß mich, ich will heim zu meiner Mutter.“ Der Baron ließ ihn los und warf ſich auf den Boden und ſeine Raſerei loͤſte ſich in das heftigſte Weinen auf. Charles machte eine Bewegung, um ſich dem weinenden Freund zu nähern. Der Baron gab ihm ein Zeichen mit der Hand, er ſolle ſich entfernen, und ſagte mit zorniger Stimme:„Geh' fort von mir, nach Hauſe!“ und das erſtaunte und erſchrockene Kind eilte fort von dem gefähr⸗ lichen Orte. Der unglückliche Liebhaber blieb lange an dem Ab⸗ hange liegen und weinte ſeinen doppelten Rauſch aus. Als er ſich etwas gefaßt, ſchauerte er bei dem Gedanken an die ſchreckliche Macht, mit welcher die Leidenſchaft ſeine Seele umſtrickt hatte. Er ging heim und beim Abend⸗ brod erklärte er ſeinen Freunden, daß er am nächſten Morgen nach Kopenhagen reiſen wolle, um Ein und das Andere zu ordnen, nachdem er beſchloſſen, eine Reiſe ins Ausland anzutreten. Claudine ſaß indeſſen einſam unter ihrem Baum im Garten. Sie fühlte ſich verſtimmt. Die wilden, bleichen Züge des Barons bei ſeinem Weggange hatten einen ängſt⸗ lichen Eindruck auf ſie gemacht; ſie wußte ſich ſelbſt ihre bange Ahnung nicht zu erklären. Da kam der kleine Char⸗ les in vollem Laufe, und mit gerötheten Wangen und thränenvollen Augen warf er ſich um ihren Hals und bat demuthig, daß er ungehorſam gegen ihren Befehl, den Abhang am Meere beſtlegen. „Liebe Mutter!“ ſagte das Kind,„ich habe es noch nie gethan und werde es nie mehr thun, aber ich ſah den 120 Baron droben ſitzen, und da dachte ich, daß ich wohl zu ihm hinaufgehen dürfte, aber er war ganz ſonderbar.“ Und nun erzählte er umſtändlich und der Wahrheit gemäß die Scene, welche ſich an jenem Orte begeben. Claudine konnte die innere Aufregung kaum verbergen, in die ſie dieſer Bericht verſetzte. Sie ſchloß ihr Kind feſt an ihr Herz und vermochte es kaum über ſich, ihm Vorwürfe über ſeinen Ungehorſam zu machen, und weni⸗ ger zur Strafe, als aus Furcht, ihn aus dem Geſichte zu verlieren, verbot ſie ihm heute und morgen ſich nicht über die Wieſe vor dem Hauſe zu entfernen. Charles wußte wohl, daß Bitten und Parlamentiren ſein Urtheil nicht verändern würden; er ſetzte ſich deßhalb neben ſeine Mut⸗ ter und ſchien nachdenklich zu werden. Endlich ſagte er:„Der Baron meinte, ich ſoll mei⸗ nen Vater grüßen, ich ſolle ihn vor Gott verklagen, was meinte er damit? Iſt nicht mein Vater auf der See um⸗ gekommen? Das hat mir Großmutter erzählt. Erzähle mir von meinem Vater! Das thuſt Du nie. War er nicht gut?“ „O ja, ſehr gut.“ „Sage mir, iſt er auf der See umgekommen?“ Claudine antwortete gerührt und verlegen:„Nein, er iſt im Kriege gefallen.“ „Im Kriege gefallen?“ rief Charles.„Das freut mich, das mag ich; da war er gewiß ein tapferer Mann 2 „Frage mich nun nicht mehr! Wenn Du größer biſt, werde ich Dir von Deinem Vater erzählen, jetzt würdeſt Du mich nicht verſtehen.“ Der Knabe ſaß einen Augenblick ſtille da, dann ſprang er ſehr vergnügt auf, ergriff ſeine Trommel und ſtimmte laut die Marſeillaiſe an, ein Signal, das ſogleich von ſeinen ländlichen Kameraden erwiedert wurde, die mit gutem ſeeländiſchen Bauerndialect das franzöſiſche Lied ſangen, das ihr kleiner Anführer ſie gelehrt hatte, und 121 wie eine Armee aus den jungen Tagen der Revolution eilte die kleine Truppe, mit Holzſchuhen oder baarfuß, zu ihrem General und vereinigte ſich mit ihm auf der Wieſe. Claudine war tief ergriffen von dem Berichte des Kindes.„Wie nahe war mir doch das Unglück,“ ſagte ſie,„das mich von Allem am meiſten niedergedrückt hätte. O Gott! wie erinnert mich mein Gewiſſen an die dunkle Stunde, als ich ſelbſt— wie jener Raſende— mich in das Meer mit dieſem Kinde geworfen und ſein koſtbares Leben mit meinem eigenen geendet hätte und drüben vor meinem Richter als eine Verbrecherin, Luſard gegenüber als die Mörderin ſeines Kindes, geſtanden wäre. Ich bebe bei dem Gedanken! Hätte das Unglück, das mir heute drohte, mich betroffen, ſo wäre die Strafe, ſo hart ſie auch, doch gerecht geweſen. Ja, wirklich! Es iſt kein Traum, eine höhere Hand beſchützt meinen unſchuldigen Sohn. Sollte dieſer Gedanke nicht meinen ſinkenden Muth ſtärken? Aber in dieſem Augenblick hält er nicht Stand. Wie ängſtigt mich der Gedanke an den halbverrückten Mann, der meinen ſtillen Zufluchtsort beſtändig um⸗ ſchwärmt. Ich fühle mich ſo verlaſſen; ich fühle, was es für mich und mein armes Kind heißen will, ohne Be⸗ ſchützer zu ſein“ Kaum hatte Claudine in ihrem ſtillen Sinne dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich unerwartet ein⸗Beſchützer zeigte. Ein Wagen, von einem Poſtillon gefahren, hielt in der Nähe, ein Mann ſprang heraus und eilte nach dem Gartengitter, und ehe Claudine ſich entfernen konnte, eilte er ihr entgegen, umſchlang ſie, drückte ſie an ſeine Bruſt und konnte vor innerer Bewegung kaum ſagen: „Claudine, kennſt Du mich nicht mehr?“ Und mit unbe⸗ ſchreiblicher Freude grüßte Claudine ihren Jugendfreund und Verwandten Ferdinand Waller. Als der erſte Sturm des Wiederſehens vorüber war, ſagte Ferdinand:„Endlich finde ich Dich, nach langem 122 vergeblichem Suchen. Es find nun beinahe neun Jahre, ſeit wir uns zum letzten Male ſahen. Wie viel hat ſich doch in unſrem Kreiſe und in der ganzen Welt in dieſem Zeitraume verändert? Aus meinen erſten Briefen vom Ausland weißt Du wahrſcheinlich, daß ich in Paris in ei⸗ nem jungen Schwetzer einen Freund gewann. Als er nach Hauſe reiſte, begleitete ich ihn auf ſeinen Wunſch. Seln Vater und er ſtanden an der Spitze eines großen indu⸗ ſtriellen Unternehmens. Mit Hülfe meiner Sprachkennt⸗ niſſe und der Güte meines Freundes wurde ich erſt Mit⸗ arbeiter, dann Mitintereſſent dieſes Handelshauſes, und was das Beſte war, ich wurde Sohn und Bruder der Familie, indem ich meines liebenswürdigen Freundes Schweſter heirathete, und wie Du hier Deinen leichtſinnigen Vetter ſiehſt, ſo iſt er, ohne zu prahlen ein tüchtiger Geſchäfts⸗ mann, ein liebevoller Gatte und Vater einer dreijährigen Tochter geworden. Ich kann Dich in Wahrheit verſichern, daß ich bei alle dieſem Glückswechſel nie meine ſchöne, kleine Couſine vergaß, die ſo manche Thräne bei meinem Abſchiede weinte; ich fragte in jedem meiner Briefe nach Dir und war noch nicht lange fort, als ich die Antwort erhielt, Du ſeieſt im Mecklenburgiſchen an jenen deutſchen Kaufmann verheirathet, den ich im Hauſe des Onkels ge⸗ ſehen. Ich geſtehe, daß mich dieſe Nachricht ſehr unan⸗ genehm berührte, aber nun, da ich eine Gelegenheit be⸗ nützte, die ſich mir bot, mein Vaterland wieder zu ſehen, nahm ich den Weg über Dobberan und reiſte nach einem, wenige paar Meilen von dort entfernten Landgute, das man mir als des Kaufmanns Sommerwohnung bezeichnete. Ich ließ mich bei der Frau melden und ſtand ganz er⸗ ſtaunt vor einer fremden Dame. Zum Glück war Tante Malfred zugegen, von der ich jedoch in Beziehung auf Dich nur erfahren konnte daß ſie Dir zürne. In Kopen⸗ hagen ging es nicht beſſer, bis ich endlich an die alte Suſanne gewieſen wurde. Von ihr und noch mehr von der wackeren Frau, bei der ſie ſich aufhält, erfuhr ich 123 Alles, was ſich indeſſen ereignet hatte. O meine liebe Claudine! mit tiefem Kummer hörte ich, was Du ge⸗ litten, mit Freude, wie Du die harte Probe beſtanden. Du biſt Dir ſelbſt gleich geblieben. Deiner jugendlichen Begeiſterung, wie den Tendenzen der Zeit und der Liebe, welche meine eigenen erxaltirten Ausbrüche weckten und nährten, biſt Du auf eine ſchönere Weiſe treu geblieben, als die Zeit und wir Alle, die in ihren ſchönen Verſpre⸗ chungen lebten, welche ſie nicht gehalten. Bei Dir haben ſich dieſe edeln Begriffe zu jener wahren Freiheit veredelt, die ſich nicht vom Unglücke und Menſchenfurcht zwingen läßt, ihre Treue und Liebe zu verleugnen. O ich könnte mich Dir zu Füßen werfen und Dich um Vergebung wegen des An⸗ theils anflehen, den ich an Deinem Schickſale habe, wenn ich nicht zu meinem Troſte fühlte, daß Dein Sieg größer war, als Dein Unglück.“ Tief ergriffen hoͤrte Claudine die warmen Lobſprüche des treuen Freundes, der ſie in ihren eigenen Augen er⸗ hob.„Durch unſre Fehltritte,“ ſagte er,„lernen wir manch⸗ mal unſern Sinn auf das Höhere und Beſſere richten.“ Ferdinand hielt ihre beiden Hände in den ſeinen und ſagte halblaut:„Alles kann wieder gut werden. Vielleicht iſt es mir vergoͤnnt, ein Werkzeug zu Deiner Erhebung zu ſein, wie ich es zu Deinem Unglück war.“ Mit banger Stimme ſagte Claudine:„Weißt Du nichts von Deinem Freunde Luſard?“ 3 „Wie?“ antwortete er:„Du weißt nicht...“ Claudine unterbrach ihn und legte die Hand auf ſei⸗ nen Mund:„O ſchweige! ſprich das Wort nicht aus! Tauſendmal habe ich es mir geſagt, und noch ſchaure ich es zu hören.“A „Was meinſt Du?“ Mit kaum hörbarer Stimme und abgewandtem Ge⸗ ſichte flüſterte ſie:„Daß er todt iſt.“ „Todt! Nein, keineswegs! Weißt Du nicht, daß er ſich ſeit einem halben Jahre in Dänemark niedergelaſſen? 124 In Jütland auf dem Gute ſeines Onkels, das er ge⸗ erbt.“ Claudine ſtarrte ihn an, ohne zu antworten. Ferdinand fuhr fort:„Erinnerſt Du Dich nicht, daß er oft von ſeinem Onkel, dem emigrirten Due de Mön⸗ talbert ſprach? Dieſer ſtarre Ariſtokrat, deſſen Zorn ſeinen Luſard ſo tief betrübte, ließ ſeine Erbitterung mit der Re⸗ publik aufhören: er traf ſeinen Neffen in Paris, verſoͤhnte ſich mit ihm und ſetzte ihn zu ſeinem Erben ein, worauf er ſo gut war, in das Land zu reiſen, aus dem man nicht emigriren kann.“ „Hat Luſard in der ganzen Zeit nie an Dich ge⸗ ſchrieben?“ fragte Claudine ängſtlich. „Nur ein paar Male. Im Kriegstumulte hat man nicht Ruhe und Gelegenheit, Briefe zu ſchreiben: doch hat er gerade zu der Zeit, als er von Paris nach ſeinem Beſitzthum reifte, mir durch einen Landsmann, der durch Genf kam, einige Zeilen geſchrieben. Ich reiſe zu ihm, und hoffe Dir ihn mit größerer Freude zuführen zu können, als ich ihn Dir damals im Fiſcherboote brachte. Erinnerſt Du Dich des Tages noch!“ „O Ferdinand! Du ängſtigſt mich“ „Wie? liebſt Du ihn nicht mehr?“ „O! kannſt Du fragen! Aber ach! ich weiß ſelbſt nicht. Der reiche, vornehme Montalbert erſcheint mir ſo fremd Es iſt nicht der junge Luſard, mit dem lie⸗ benden, melancholiſchen Ausdruck, er, der einem ungewiſſen Schickſal entgegenging. Er hat mich vergeſſen.“ „Wer ſagt, daß er Dich vergeſſen? Er wurde, thie ich, durch falſche Nachrichten hinter das Licht geführt; glaubt, Du ſeieſt ihm untreu, ſeiſt.. „Bedenke doch, Ferdinand! wenn er mich noch ge⸗ liebt, ſollte er, ſollte irgend ein Mann ſich abhalten laſſen, ſich Gewißheit über das Schickſal eines Mädchens zu verſchaffen, das ſich ſeiner Ehre anvertraut, vorausgeſetzt, 12⁵ daß er dieſes Mädchen noch liebte? Nein, laſſe mich todt für ihn ſein.“ „Claudine, vergißſt Du Deinen Sohn? Soll ſein Vater nichts von ſeinem Daſein erfahren? Willſt Du Dein Kind ſeines väterlichen Namens, ſeines Rechtes be⸗ rauben?“ „Ach, Ferdinand! Auf ſeines Vaters Namen und Eigenthum hat mein armer Knabe nach menſchlichen Ge⸗ ſetzen kein Recht. Gibt es keine Liebe, ſo gibt es auch kein Recht, weder für ihn, noch für mich; und ich will keine Erhebung, die ich aus anderer Hand, als der der Liebe, empfangen ſollte. Setze Dich für einen Augenblick an meine Stelle! Erinnere Dich jener Tage, da Luſard mich ſo warm, ſo innig liebte! Kein Menſch kann es beſſer weſſen, als Du, unſer gemeinſchaftlicher, einziger Vertrauter. Denke Dir, wenn nun ein Gefühl von Pflſcht und Ehre ihn zu ſeines Sohnes Mutter zurückführte, die er nicht mehr liebt, und ich ihn kalt und mißmuthig über das Band ſeufzen ſehen müßte, das den Planen und Wuüͤnſchen für ſeine Zukunft im Wege ſtünde! Denke Dir das! Nein, ſo tief kann ich mich nicht erniedrigen: ich beweinte lieber meiner Jugend Fehltritt. In meiner geringen Stellung bin ich zufrieden, ich lebe ruhig, im Schatten der Liebe und Freu ndſchaft. Und was meines Sohnes Zukunft betrifft, ſo wird es mich tröſten, daß gerade die edelſten, die ausgezeichnetſten Männer aus geringen, oft armſeligen Jugendverhältniſſen hervorgegangen find.“ Das Geſpräch wurde nun von Chriſtianen unter⸗ brochen, die von einem Beſuche im Dorfe kam, und den kleinen Charles mit ſich führte, der ihr entgegengelaufen war. Mit Her zlichkeit, wie einen alten Bekannten, em⸗ pfing Chriſtiane den Angehoͤrigen ihrer Freundin, und der kleine Knabe grüßte zum erſten Mal einen Verwandten. Ferdinand ſeinerſeits war entzückt über die Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit des Kindes.„Ach Claudine!“ ſagte er,„dieſe Schärpe, welche Dein Kind trägt, ich 126 erkenne ſie wieder, und wenn ich an jenen Abend denke, als ich ſie zum erſten Male ſah..“ Er unterbrach ſich ſelbſt, und ſagte zu Charles: „Kannſt du auch die Marſeillalſe ſingen?“ Der kleine Knabe freute ſich uͤber dieſe Frage und ſtimmte ſogleich ſein Lieblingslied an. Ferdinand umarmte ihn gerührt und ſagte, indem er ſich an Claudine wandte:„O welche Macht üben doch die Erinnerungen auf unſere Seele aus. Dieſes Lied, dieſe Schärpe, Dein liebes Geſicht, und das, wel⸗ ches mir die Züge deines Kindes ins Gedächtniß rufen, führen mich wieder in die Tage meiner Jugend zurück. Ein heiteres Feſt wurde an dieſem Abend in der einfachen Wohnung gefeiert. Die Bewohnerinnen derſelben boten Allem auf, was ihnen moͤglich war, um ihrem Gaſte die Freude zu zeigen, die ihnen ſeine Anweſenheit verurſachte. Mit weiblicher Erfindungsgabe wußten ſie ihm ein behagliches Schlafzimmer für die kommende Nacht ein⸗ zurichten, und das ländliche Abendbrod war trotz all' ſeiner Beſchränktheit äußerſt angenehm.“ Nachdem der kleine Charles zur Ruhe gegangen, blieben die beiden Freundinnen und ihr Gaſt in vertrau⸗ lichem Geſpräch bis tief in die Nacht beieinander ſitzen. Mit ebenſo großer Freiheit, als wären ſie unter vier Augen, nahmen die beiden Verwandten den abgeriſſenen Faden der früheren Verhandlung auf, und Chriſtiane ſaß wie die milde Vermittlerin zwiſchen den verſchiedenen An⸗ ſichten dabei. Das Reſultat war, daß Ferdinand feier⸗ lich verſprechen mußte, Luſard's Geſinnung auszuforſchen, ehe er mit ihm von ſeiner früheren Geliebten ſpreche. „Ja, ich verſpreche Dir das,“ ſagte Ferdinand,„ich erkenne Dich auch in Deinem edlen Stolze wieder. In keinem Fall wird Dein Vetter und Freund das Mindeſte thun, was ihn verletzen oder Deinen Frieden ſtoͤren könnte. Aber was auch geſchehen mag, ſo wirſt Du in mir einen 127 treuen Freund finden und Dein Sohn ſoll nicht vaterlos ſein, ſo lange ich lebe.“ Am nächſten Morgen trat Ferdinand ſeine Reiſe nach Jütland an und ließ Claudine in einer ſchmerzlichen Stimmung zurück. Chriſtiane verſtand ihre Stimmung und ſuchte ſie verſtändig und liebevoll zu tröſten. Clau⸗ dine ſagte:„Wie glücklich war ich doch ſeit manchen Jahren an Deiner Seite, meine zweite Mutter, Du Ver⸗ traute meiner Gedanken. Woher kamen dieſe unruhigen, leidenſchaftlichen Empfindungen, welche ſich meines ruhi⸗ gen Sinnes bemeißeerten? Wie ſtille lebte doch meine Ei⸗ genliebe in meinem Herzen? Wie innig flehte ich zu Gott um Luſards Leben! Und nun, da ich weiß, daß er lebt, daß eine ſo kurze Entfernung im Raume uns trennt, nun iſt Kes, als ob die alte Leidenſchaft in meinem Herzen erwacht wäre. Mit tiefem Schmerz glaube ich mich von ihm ver⸗ geſſen, mit Eiferſucht, daß eine Andere meinen früheren Platz in ſeinem Herzen eingenommen haben könnte. Ich ſehne mich nach ihm und zittere bei dem Gedanken, ihn wiederzuſehen. Ich zähle die Tage bis zu Ferdinands Rück⸗ kehr, und es iſt, als müßte ich vor Angſt ſterben, wenn ich mein Schickſal auf ſeinem Geſichte leſe und es von ſeinem Munde höre. Ich kenne mich ſelbſt nicht wieder. Ich glaubte von den Irrungen der Jugend geheilt zu ſein. Ich ſchäme mich vor Gott und vor Dir.“ „Nicht vor mir,“ antwortete Chriſtiane:„Meine Augen haben Thränen geweint, wie die Deinenz ich kenne die Qualen dieſer Ungewißheit. Aber mit der Gewißheit wird ſpäter die Ruhe wiederkehren, und,“ fügte ſie hinzu, indem ſie Charles, der eben eintrat, zu ſeiner Mutter führte und ſein kleines Köpſchen an ihre Bruſt legte:„Der Troſt iſt nahe.“ Die beiden Freundinnen fühlten ſich in dieſen ängſt⸗ lichen Tagen feſter verbunden als je, und verſprachen ſich — was auch je geſchehen möge— nie einander verlaſſen zu wollen. 128 1 Ferdinand kam indeſſen auf Luſards Herrenſitz an. Er ging unangemeldet auf einem Wege hinein, der durch den Garten nach dem Hofe führte⸗ Die Thüren zum Gar⸗ tenſaal ſtanden offen; einige Treppen führten in den Gar⸗ ten und in der Thüre ſah man einen Herren bei einem Tiſche mit Papieren und Büchern ſo vertieft in das Leſen ſitzen, daß er durchaus nicht bemerkte, daß Ferdinand bei der Thüre ſtand und ſeinen alten Freund beobachtete, deſſen Ausſehen ſehr verändert ſchien und davon zeugte, daß Kummer und Mühſal ihre Spuren ſeinen ſchoͤnen Zügen aufgeprägt hatten. Aber dieſer düſtere Eindruck verſchwand ſogleich, als Luſard mit ungeheuchelter Freude und Ueber⸗ raſchung den willkommenen Gaſt grüßte. Die öde Burg bekam neues Leben, und von dem großen Jagdhund bis zu dem alten Verwalter war es deutlich zu bemerken, daß dieſer Beſuch eine angenehme Unterbrechung der gewoͤhn⸗ lichen Einſamkeit bildete. Natürlich erzählten ſich die bei⸗ den Freunde bei ihrem erſten Geſpräche ſchon die Verän⸗ derungen, welche in ihrer Stellung während des langen Zeitraumes ihrer Trennung vorgegangen. Die großen Ver⸗ änderungen in der politiſchen Welt, die auch in ihrem Schickſal eine größere oder kleinere Rolle geſpielt, kam natürlich gleichfalls auf die Bahn. Ferdinand hielt noch immer feſt an ſeiner alten Vorliebe für die republikani⸗ ſchen Ideen und beharrte bei Carnots bekanntem Votum: Que César soit grand, mais que Rome soit libre! und glaubte als gewiß annehmen zu vürfen, daß ſein Freund ſich außerhalb ſeines Vaterlandes aus Mißvergnügen über das neue Kaiſerthum niedergelaſſen.„Nein“ ſagte Luſard, „ich habe nichts dagegen, daß die Republik ſich in ein Kaiſerthum verwandelte. Es wurde mir im Verlauf der Zeit klar, daß Frankreich am wenigſten unter allen Län⸗ dern für eine Republik geſchaffen iſt. Die republikaniſchen Tugenden ſetzen eine gewiſſe Feſtigkeit, eine Strenge des Willens und der Sitten voraus, welche nicht für ein Land taugt, das die Natur ſelbſt auf eine Verfeinerung angewieſen, 129 einen Luxus, ohne welchen es nicht leben kann. Sind nicht die wichtigſten Produkte unſeres Landſtrichs, was man in andern Ländern zu den Luruswaaren rechnet: Wein, Seide und dergleichen? Eine gewiſſe Sympathie herrſcht gewiß jederzeit zwiſchen eines Landes Natur und ſeiner Bevöl⸗ kerung. Der Charakter der unſrigen iſt weich und leicht wie Seide, ſtark und kräſtig, wie unſer Wein; er gährt wie dieſer, aber er iſt nicht grauſam und dämoniſch, wie er ſich in der Revolutionszeit gezeigt. Damals trat er aus ſeinem natürlichen Zuſtande und war ſeiner ſelbſt nicht bewußt. O mein Gott! In jenen Zeiten, als wir beide mit einander lebten, waren die Menſchen überall begeiſtert für das große Schauſpiel, das wir aufführten und deſſen erſter Act ſo ſchön, als die darauffolgenden abſcheulich waren; aber Du darfſt mir glauben, daß ich und meine übrigen Landsleute in unſren damaligen Krei⸗ ſen, daß wir uns nach einem Heros ſehnten, der die tau⸗ ſendköpfige Hydra zu tödten vermöchte, welche unter ver⸗ ſchiedenen Namen unſer Land und unſre Herzen zerriß. Er iſt gekommen, dieſer Heros. Wie folgten wir alle ſeiner ſiegreichen Fahne! Jeder von uns hätte ſich glück⸗ lich gefühlt, für ihn zu ſterben; ich ſelbſt fühlte mich wie im Himmel, als er mich einſt vor der Armee rühmte und auszeichnete. Aber nun, nach ſo manchem Schrecken, nach ſo vielem Vergießen edeln und tapferen Blutes, nun ſind wir doch nicht an dem Ziele angelangt, nach wel⸗ chem wir ſtrebten, die Ideen haben nicht geſiegt, für die wir ſo viel gelitten und geſiegt. Friede und Freiheit ſind noch ebenſo wenig erreicht. Der Despotismus herrſcht unter andern Formen und ich bekenne, daß ich deßhalb, müde und nach Unabhängigkeit mich ſehnend, mit Freu⸗ den nach dieſer Zufluchtsſtätte in Deinem kleinen friedli⸗ chen Vaterlande eilte.“ „Aber,“ ſagte Ferdinand,„erſcheint Dir dieſe Stille nd, Einſamteit nach ſo bewegtem Leben nicht leer und de?“ Novellen. II. 9 130 „Ja und nein! Ich fühle wohl, daß mir etwas fehlt. Wie dieſe Blumen draußen auf der Terraſſe zur Erde herabhängen, weil ſich keine liebevolle Hand findet, die ſie aufbände, ſo vermißt man auch in dieſem Zimmer, wo Jedermann die Junggeſellenwirthſchaft erkennt, den Schoͤnheitsſinn und das Leben, das ich liebe und ſo gerne um mich ſehe, das ich aber nicht zu ſchaffen verſtehe: und noch weit mehr vermiſſe ich einen Freund, wie Dich, mit dem ich offen und frei ſprechen kann.“ „Dir fehlt eine liebenswürdige Hausfrau,“ ſagte Ferdinand, erfreut, das Geſpräch endlich auf das Gebiet bringen zu können, wo er es haben wollte. Aber Luſard lies ſich nicht weiter darauf ein und zuckte mit den Schultern. So ging es einige Tage. Claudinens Name wurde nicht genannt. Es kam Ferdinand vor, als wenn Luſard dieſe Materie vermiede. Endlich eines Abends, als Ferdi⸗ nand von einer Tour in die Umgegend zurückkam, fand er den Abendtiſch in einer Laube des Gartens gedeckt. Es ſtanden Lichter auf dem Tiſche und einige Blumen lagen in einer Figur da, welche zwei Kränze vorſtel⸗ len ſollte. Luſard empfing ſeinen Gaſt mit einer Mi⸗ ſchung von Wehmuth und Heiterkeit im Geſichte, die Ferdinand ſeines Freundes Bild aus früheren Tagen zu⸗ rückrief. Als der aufwartende Diener beim Deſſert fie ver⸗ laſſen, ſagte Luſard:„Sprich! Erwacht keine Erinnerung in Dir bei dieſer kleinen Ausſchmückung, die ich veran⸗ ſtaltet? Ich wollte Dir ein Gedächtnißfeſt zu Ehren eines der ſchönſten Abende meines Lebens geben, den ich in Dei⸗ ner Geſellſchaft auf jenem mir ewig theuern Landgute am Strandwege zubrachte. Erinnerſt Du Dich deſſen nicht? Dieſer Abend iſt ſchoͤn, wie jener. Der Mond ſcheint durch das Laub, wie damals. Die Lichter brennen ſtill auf dem Tiſche. Die Blumen liegen duftend neben uns, aber welcher Unterſchied! ſie liegen zerſtreut, nicht 131 in ſchöne Kränze gebunden, wir können unſre Häupter nicht damit umſchlingen, ſie fallen auseinander, wie die blühenden Hoffnungen der Jugend. Wir waren damals unſrer Drei! Ein Platz iſt leer!“— Seine Stimme verrieth die innere Bewegung. Er füllte Ferdinands Glas und ſein eigenes und ſagte:„Dem Andenken Deiner Coufine, der reizenden Claudine!“ Mit Freuden ergriff Ferdinand ſein Glas und klingte an dem ſeines Freundes an. Nach einer kleinen Pauſe ſagte er:„Du haſt alſo Claudinen nicht ganz vergeſſen?“ „Nein,“ antwortete Luſard mit ganz verändertem Ausdrucke:„Sie war es, die mich zuerſt, ja ſchon ſehr bald vergaß.“ „Wiel haſt Du Dich nie nach ihr erkundigt? Nie geſchrieben?“ „Ach! ich muß über mich ſelbſt lachen, daß ich, Gott weiß wie, heute Abend wieder in meine alten Liebeserin⸗ nerungen falle. Aber da wir nun mal wieder auf dieſe Materie gekommen ſind, ſo fühle ich ſelbſt, daß ich Dir eine Erklärung ſchuldig bin, ja eine Abbitte meines Un⸗ rechtes gegen Deine Verwandte. Ich erkannte und er⸗ kenne von ganzem Herzen den Mangel an Herrſchaft über meine Leidenſchaft, der mich dazu brachte, mich in das Herz eines unſchuldigen Mädchens einzuſchmeicheln, und Treue für einen umherirrenden Soldaten zu fordern, deſſen Leben und Schickſal an einem Haare hing. All' das ſagte ich mir ſelbſt mit Reue und tiefer Bangigkeit, als ich Claudine verlaſſen mußte, die ich liebte, ja mit einer Schwärmerei anbetete, an der ſich weder Rouſſeau, noch St. Preur hätten ſchämen dürfen. Ich wurde ſogleich nach meiner Rückkehr mitten in das Kriegsgetümmel ge⸗ riſſen, doch ergriff ich jede Gelegenheit, mir Nachricht von meiner Geliebten zu verſchaffen. Ich ſchrieb an Deinen Onkel, an ſie, erhielt jedoch keine Antwort. Nicht mal ein Jahr war nach unſrer Trennung verfloſſen, als ich erfuhr, daß ſie ſich in Deutſchland verheirathet habe,— 132 gerade mit dem Menſchen, der die Veranlaſſung geweſen, daß ſie mir ſchwur, kein Zwang, keine Ueberredung werde ihre Treue gegen mich brechen. Ich war jung und ver⸗ liebt. Als ich dieſe Nachricht erhielt, verzweifelte ich und es war mir hoͤchſt erwünſcht, daß wir gerade am nächſten Tage eine Schlacht zu liefern hatten. Ich warf mich in das Feuer des Gefechtes, wie der, der den Tod ſucht: aber wie es gewöhnlich geht, die Kugeln ſpotteten mei⸗ ner, ohne mir doch aus dem Wege zu gehen; denn be⸗ deckt mit Wunden wurde ich von dem Wahlplatze wegge⸗ bracht und lag lange krank. Ein ſolches langes und ſchmerz⸗ liches Krankenlager hilft der Vernunft zu ihrem Recht und ich begann nach und nach mich mit dem Gedanken zu verſöhnen, daß Claudinens Schickſal ſie aus dem un⸗ ſichern Meer, auf das ſie meine Liebe hinausgelockt, in einen ruhigen Hafen geführt hatte. Indeſſen kann ich, ohne zu lügen, ſagen, daß ich ſie nie vergeſſen, denn mehremal war die Rede von Heirathsplänen, welche meine Familie oder andere Freunde, ja ſogar eine flüchtige Nei⸗ gung von meiner Seite als wünſchenswerth zeigten, aber Claudinens Bild ſtellte ſich immer wieder zwiſchen mich und die mir zugedachte Braut, und dieſe erblaßte an der Seite der Erinnerung meiner erſten Geliebten. Ich fühlte die Wahrheit deſſen, was eines unſrer Lieder ſagt: Der Frühling, der in der Natur ewig wiederkehrt, erſcheint dem Lebenden nur einmal“*). Ferdinand ſagte nun ernſt:„Aber ſetzen wir nun den Fall, die Nachrichten von Claudinen ſeien unwahr, ſie wäre frei?“ „Unmöglich! Dein eigener Onkel.. *) Hélas, hélas! ce beau printemps, Qui peu de jour à beine dure, Ne revient plus pour les amans, Comme il revient pour la nature. Florian. 13³ „Gleichviel! Er ſelbſt kann betrogen ſein, oder ſeine Gründe haben, zu betrügen, um dem ſchadenfrohen Urtheil der Welt auszuweichen. Setze den Fall, Claudine wäre, verlaſſen und ohne Stütze, als ein armer Flüchtling in die weite Welt hinausgegangen, um mit Deinem Kinde auf dem Arme eine Freiſtätte zu ſuchen?“ Luſard unterbrach ihn, ergriff mit Heftigkeit ſeinen Arm und rief mit zitternden Lippen:„Mein Kind, um Gottes Willen! O Ferdinand! Iſt das Scherz, ſo iſt er zu grauſam!“ Ferdinand fuhr fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen:„Mit Deinem Kinde auf den Armen, Deinem Kinde, das ſie nicht aus ihren Händen geben wollte, das ſie ſeit vielen Jahren mit ihrer Hände Arbeit ernährt, als ein Muſter mütterlicher Treue erzogen— treu dem leichtſinnigen Ge⸗ liebten, der auf ein vages Gerücht hin, vergeſſen, was er einem Mädchen ſchuldig war, deſſen Liebe er mißbraucht hatte.“ Luſard ſprang auf und ſtürzte in ſeiner Heftigkeit beinahe zu Boden, indem er Ferdinand an beiden Schul⸗ tern faßte.„Willſt Du mich tödten?“ rief er.„Erzählſt Du mir ein Mährchen?“ „Was wirſt Du ſagen, wenn es Wahrheit iſt?“ „Was ich ſagen werde? Führe mich zu Ihren Füßen! Hilf mir ihre Vergebung erflehen! Mache mich zum Glück⸗ lichſten aller Menſchen!“ 3 Und wie geſagt, ſo gethan. Wenige Tage ſpäter, als Claudine eines Abends allein und traurig unter dem Ka⸗ ſtanienbaume ſaß, ſah ſie Ferdinand den Kopf in das Gartengitter ſtecken, und ehe ſie ſich beſinnen konnte, lag Luſard zu ihren Füßen. Er beugte ſich tief zur Erde, ergriff den Saum ihres Kleides, drückte ihn an ſeine Lip⸗ pen und rief unter Thränen:„So ſagte ich Lebewohl, ſo komme ich wieder, Dich mehr als je anbetend. Kannſt Du mir vergeben?“ Wer je ein ſolches Wiederſehn erlebt, weiß, daß es, 134 wie der Vorſchmack der Seligkeit des Himmels Worte hat, die keine Zunge ausſprechen kann. Ferdinand war ſogleich fortgeeilt, den kleinen Char⸗ les zu ſuchen, als er eben mit ſeiner kleinen Kriegerſchaar, die er anführte, umgürtet mit der dreifarbigen Schärpe, und mit lauter Stimme die Marſeillaiſe ſingend, dem Hauſe nahte. Luſard ſprang bei dem unerwarteten Klang dieſes Liedes auf. Claudine zeigte ſtumm mit der Hand auf den kleinen Anführer. Der entzückte Vater lief ſeinem Sohne entgegen. Er ergriff Claudinens Arm, drückte ihn an ſich und ſagte:„Ach! dieſe Schärpe kenne ich. O! dieſe Farben, dieſe Toͤne, ſie haben mich und Tauſende mit mir begeiſtert, aber nie machten ſie mein Herz ſo laut ſchla⸗ gen, als in dieſem Augenblicke,“ 13⁵ Die Jetztzeit. Im Sommer des Jahres 1844 waren 50 Jahre ſeit einem Sommertage verfloſſen, an welchem die junge Claudine mit bangem Herzen auf der Brücke des Fiſcher⸗ dorfes ſtand und über das Meer hinausblickte, um das Boot zu entdecken, das ihren verwundeten Gellebten brachte. Nicht weit von dem prächtigen alten Schloffe, wo dieſe Liebenden als das liebevollſte und glücklichſte Ehepaar gelebt, hatten die beiden großen Kaſtanienbäume bei der Kirchenmauer bereits ſeit zehn Sommern ihre Blumen über den weißen Marmorſtein geſtreut, der das Grab bedeckt, wo ſie im Tode vereint ruhen, wie im Leben. Ihr Sohn Charles Luſard de Montalbert war nach mehrjähriger Abweſenheit vor wenigen Wochen auf ſeine väterlichen Güter zurückgekehrt. Er ſaß allein in dem Lieblingszimmer ſeiner Mutter, ganz vertieft in die Lectüre alter Briefe, welche er endlich, als er damit fertig war, ſorgfältig ſammelte und in eine großen Mappe zurück⸗ legte, die er zuſammenband und in einer Kommode ver⸗ wahrte, welche im Zimmer ſtand; worauf er mit ernſtem Geſichte lange ſtumm auf und nieder ging. Endlich blieb er ſtehen, als erwachte er von einem Traume und ließ ſeine Blicke über alle Gegenſtände gleiten, die ihn 136 umgaben. Es war ein klarer Frühlingsabend, die unter⸗ gehende Sonne warf ihre rothen Strahlen durch die hohen Fenſter in das behagliche Zimmer. Im Kamin brannte ein munteres Feuer. Luſard athmete tief auf und ſagte bei ſich ſelbſt: Wie iſt mir doch ſo wunderlich zu Muthe! So behaglich und ſo wehmüthig erſcheint mir dieſer kleine Aufenthaltsort, wo ich ſo oft in vertraulichem Geſpräche mit meiner Mutter ſaß. Alles ſteht hier noch, wle damals, als ſie es verließ. Wie wunderbar haben mich doch dieſe Briefe in verſchwundene Zeiten zurückver⸗ ſetzt, die zum Theil meinem Leben vorangingen! Mit ihrer eigenthümlichen Treue hat meine liebenswürdige Mutter dieſe freundlichen Worte von Freunden und Ver⸗ wandten aufbewahrt. Wie haben ſie mich intereſſirt, dieſe kurzen, wenigen, aber ſo liebevollen Zeilen von meines Vaters Hand aus den erſten Tagen ſeiner ſehnſuchte⸗ vollen Liebe! Und dieſe einfachen, von Güte und Wohl⸗ wollen durchſtroͤmten Briefe der ſchönen Eleonore; noch mehr aber die von Ferdinand, deſſen liebenswürdiger Perſönlichkeit ich mich noch von meiner Jugendzeit er⸗ innere! Es iſt mir ordentlich, als hätte ich eine Sehn⸗ ſucht nach dieſen Verwandten, die das Grab bedeckt, und nach Verwandten überhaupt, nach Blut von meinem Blute. Es iſt etwas Wahres in dem, was man von der Stimme des Blutes ſagt. Ich fühle mich zu allein in der Welt. Doch will ich nicht undankbar ſein. Da kommt mein neuer Freund, mein guter Johannes Milner. Ich höre ſeine Schritte in den andern Zim⸗ mern und höre ſie in dieſem Augenblick mit großer Freude. Luſard öffnete die Thüre einem Manne mit jovialer und intereſſanter Phyſtognomie. Er reichte ihm die Hand, führte ihn zu einem Stuhle am Kamine, bot ihm eine Cigarre, zündete ſelbſt eine ſolche an und ſetzte ſich vor ihn. Nach einigen Bemerkungen über das Wetter und dergleichen ſagte Milner:„Na! Haſt Du meine Ein⸗ richtungen auf dem Gute noch nicht näher in Augenſchein 137 genommen und meine Rechnungen über die Zeit Deiner langen Abweſenheit durchlaufen?“ „Ja, ich habe das ganze geſehen und geprüft, und ich wollte jetzt heute Abend zu Dir kommen, um Dir zu danken. Ich weiß wirklich nicht, wie ich Dir meinen Dank genug ausſprechen ſoll. Du haſt nicht blos das Gut adminiſtrirt wie ein in allen Theilen tüchtiger Mann, ſondern Du haſt Dich auch ſo in meine Gedanken und Anſchauungen einzuarbeiten gewußt, daß ich mich ganz lebhaft des Geſpräches entſinnen mußte, das wir am Tage vor meiner Abreiſe zuſammen hatten. So kann Niemand unſre Pläne ausführen, als ein intimer Freund. Während ich in der Welt umherirrte und meinen Poſten verließ, haſt Du gehandelt, gearbeitet, meine Pflichten erfüllt. Als die guten Leute hier auf dem Gute mich ſo herzlich empfingen, da ſagte ich gewiß nicht mit Unrecht, daß ich Dir Alles zu danken habe.“ „Höre auf! Das iſt keine Sache, ſagt das Sprüch⸗ wort, einen breiten Riemen von des Andern Haut zu ſchneiden. Haſt Du nicht ſelbſt alles vorgeſchrieben, was geſchehen iſt, alle Verbeſſerungen? Haſt Du nicht ſelbſt begonnen, ſie auszuführen, als Du noch bei Lebzeiten Deines Vaters das Gut bewirthſchafteteſt? Und hat er nicht ſelbſt den Grund gelegt? Ich, erinnere mich noch, wie der Pfarrer, mein ſeliger Vater und die audern Leute in der Gegend den braven Herrn tadelten. Es war zu der Zeit, da wir jeden Tag zu Pferd in die Schule und heimritten und ich Dir Deinen kleinen Schimmel miß⸗ gönnte.“ „Es iſt nicht wahr, Du haſt mir nie etwas mißgoͤnnt. Du warſt mir der Schatz, für den man Gott nie genug danken kann: ein herzlich treuer Freund, wie das alte Lied ſagt, ein Jugendfreund, deſſen mich keine Umgeſtal⸗ tung des Lebens beraubt hat.“ „Jedes Wort, das Du ſagſt, iſt mir eine wahre Herzensſtärkung. Aber beſäße ich Deine Beredtſamkeit, 138 ſo würde ich Dich fragen, wer von uns Belden dem An⸗ dern am meiſten ſchuldet. Als ich vor ungefähr zehn Jahren nach Seeland zurückkehrte, wo ich in gerechtem Zorn über meine Vorgeſetzten meine Stellung aufgab, als ich mit Frau und Kindern und leeren Händen daſaß und meine Verwandten und Freunde ſich von mir ab⸗ wandten und mich einen unruhigen Kopf nannten, da kamſt Du mir entgegen, überließeſt mir Feld und Land, bauteſt mir ein hübſches Haus und machteſt mich zu einem glücklichen Manne. Was wäre aus mir geworden, wenn ich lange in jener Stimmung mich umhergetrieben?“ „Und was wäre aus mir geworden, wenn ich mich in meiner Stimmung umhergetrieben, als meine Aeltern ſo kurz nach einander ſtarben und dieſes Haus, dieſe Gärten und Felder mir ſo melancholiſch erſchienen, daß ich ſie nicht ſehen durfte? Hätte mein gutes Schickſal Dich nicht zu mir geführt, Dich, in deſſen Hände ich meine und meiner Leute Wohlfahrt legen konnte, ſo hätte ich nicht mit ſo gutem Gewiſſen fortreiſen können, und noch weniger wäre es mir möͤglich geweſen, neun Jahre fort zu bleiben; und wäre ich hier geblieben, wäre ich vor Ueberdruß an der Welt vergangen.“ „Ja, das muß den Sinn erfriſchen, in Gottes weiter Welt umherzuſchweifen. Schwalben und Stoͤrche, die beſtändig reiſen, ſcheinen immer guten Humors zu ſein. Wäre mir das Loos gefallen, mich in der Welt umſehen zu koͤnnen, ſo würde ich lieber die Tour gemacht haben, die Du in jüngern Jahren mlt Deinen Aeltern gemacht, als die lange Relſe, die Du dann allein durch Griechen⸗ land, Amerika und dem Orient unternommen, Länder, die mir etwas Todtes, Zerſtörtes zu haben ſcheinen, was uns melancholiſch machen muß. Aber das verſteht ſich, Du ſchwärmteſt ja immer für die antike Herrlichkeit und die griechiſchen Heroen, bis auf Prinz Heetor von Byron.“ „Da ſiehſt Du! Die Wuͤnſche meiner Jugend traten wie alte Freunde tröſtend zu mir, und da mich nichts 139 hinderte, dieſe alte Neigung zufriedenzuſtellen, ſo griff ich zu dem Pilgerſtab, wie ſo mancher Andere, der Ruhe in der Veränderung ſuchte. Als ein ächter Pilger war ich auch beim heiligen Grabe.“ „Wirklich?“ „Ja, ich war in Paläſtina, ſtand auf dem Oelberg mit inniger Andacht, aber deßhalb habe ich nicht die antike Welt verleugnet, und den elaſſiſchen Boden nicht verſäumt. Ich hatte nicht im Sinne, ſo lange außer Landes zu bleiben, aber l'appetit vient en mangeant, der eine Ort weiſt uns auf den andern hin, wie ein Studium dem andern die Hand reicht; man macht Bekanntſchaften mit gleichgeſtimmten Reiſenden, man begleitet ſie auf ihren Wanderungen, und ſo kam ich nach dem ſüdlichen Ame⸗ rika, einem Land, deſſen Bekanntſchaft ich nicht miſſen mochte, und kurz, ſo verfloß die Zeit zu meiner eigenen Verwun⸗ derung.“ „Nun ja, Gott ſei Dank: jetzt haben wir Dich wieder hier. Aber wie wirſt Du Dich nach ſo viel Be⸗ wegung wieder in unſer ſtilles Leben finden?“ „Ol nun ſehne ich mich ſelbſt nach Ruhe.“ „Aber Du biſt ſo allein in Deinem Hauſe.“ „Ach ja! das iſt wahr.“ „Weißt Du, was meine Frau geſtern Abend ſagte, als Du uns verlaſſen hatteſt?„„Könnte ich erleben,““ ſagte ſie,„„auf unſeres guten Freundes und Gutheſitzers Hochzeit zu kommen, ſo glaube ich, daß ich mich ſo herz⸗ lich freuen würde, als auf unſrer einzigen Tochter Hoch⸗ zeit.““ Du lachſt und ſchüttelſt den Kopf. Aber iſt das nicht vernünftig geſprochen von meiner Frau? Was hin⸗ dert Dich, Dir ein liebenswürdiges Mädchen auszuſuchen, und Dich und ſie glücklich zu machen?“ „Erinnerſt Du Dich der Worte, die oft bei Oſſian vorkommen, wenn die Rede von einem Helden iſt, der fern von ſeiner Heimath gefallen?„„Der Tag ſeiner Heim⸗ kehr ging vorbei,““ heißt es. Das will ſagen: es iſt ein 140 Tag in den Sternen geſchrieben, an welchem er heimkeh⸗ ren ſollte: dieſer ging ungenützt vorbei. So iſt es auch mit meiner Hochzeit gegangen, der in den Sternen be⸗ ſtimmte Tag zu meiner Hochzeit iſt vorbeigegangen.“ „Ich weiß aber, Du biſt kein alter und noch ein hüb⸗ 5 Mann. Das meinte meine Frau geſtern Abend auch.“ℳ „Na, ſo ungefähr ein halbes Jahrhundert trage ich in meinen Haaren. Ich will nicht affectiren, als fühlte ich mich wie ein alter Mann. Dieſe Freude will ich un⸗ ſern jungen Leuten nicht machen, die mit zwanzig Jahren ſchon älter ſind, als ich; aber leider iſt der Tag der Liebe doch vorbei gegangen. Mein Vater ſang bisweilen ein altes franzöſiſches Lied vom Frühling: qui ne revient, plus pour les amans, comme il revient pour la nature, und dieſes Lied glaube ich hat Recht.“ „Aber, mein Gott! Soll man denn in des Lebens Frühling, in der unerfahrenen Jugend diejenige wählen, die das ganze Leben mit uns gehen wird.“ „Nein, das will ich durchaus nicht ſagen, aber es iſt mir gegangen, wle ſo manchem Andern. In der Ju⸗ gend ſucht man Abenteuer, man ergreift ſie mit Freuden und wirft ſie mit Geringſchätzung weg, weil es nur Aben⸗ teuer ohne Wahrheit waren; und findet man endlich eine Perle, ſo hat ein Anderer ſie ſich zugeeignet. Indeſſen verſtreicht die Zeit, jeder nimmt die Seine, aber ich nehme nicht die Meine und erreiche, wie Andere, Keine. Ja man ſieht freilich Leute, von welchem unſer Baggeſen ſagt: „Sie dachten alle weislich ſo: Erhältſt Du keine Aphrodite Begnüge Dich mit der Charite, Und ſei dabei von Herzen froh.“ Aber mir iſt es gegangen, wie das Lied ſagt: 141 „So genügſam und beſcheiden, Schreiber Eginhard nicht war;“ kurz: das iſt meine ganze Geſchichte.“ „Ja“ antwortete Milner,„nun lachen wir; aber ich kann doch manchmal nicht unterlaſſen, mit ſchmerzli⸗ chem Gefühle mich zu fragen: In welche Hände ſoll das Alles einſt fallen? Wer wird für das ſorgen, was wir mit ſo großer Sorgfalt aufgebaut? Wird nicht vielleicht eine gierige Hand Armuth und Elend ſäen, wo wir Wohl⸗ ſtand und Schönheit gepflanzt? ohne von Deinem eige⸗ nen verlaſſenen Junggeſellenzuſtand zu ſprechen, wenn die alten Tage kommen.“* „Da ſieht man,“ wiederholte Luſard,„wie wir beide ſympathiſiren. Solche Betrachtungen habe ich nämlich in dieſen Tagen ſelbſt angeſtellt. Was ich mir wünſche, was mich glücklich machte, wäre ein junger Mann, den ich als einen Sohn anſehen könnte, den ich nach ſei⸗ ner Herzenswahl verheirathen koͤnnte, um ſo dieſe Einſam⸗ keit mit einer jungen, liebenswürdigen Familie zu ver⸗ ſchönern, die ich lieben könnte und die mich ſelbſt liebte.“ „Das wäre herrlich. Aber wo ſollen wir einen ſo ſeltenen jungen Munn finden?“ „Ja, das iſt der Knoten. Hätteſt Du doch einen Sohn, der Dir gliche!“ „Lieber Charles! Nun machſt Du mich wieder mei⸗ nen kleinen Knaben beweinen, aber fort iſt ſort.“ „Ich habe,“ ſagte Luſard,„natürlicher Weiſe an meine eignen Verwandten gedacht, aber ſie ſind mir ei⸗ gentlich ganz fremd. Auf meines Vaters Seite iſt Nie⸗ mand, der in Betracht kommen kann; die meiner Mutter jedoch, welche däniſch ſind, ſcheinen mir am nächſten zu ſtehen. Ich las heute Abend einen Brief, der mich auf eigenthümliche Weiſe bewegte. Es gibt vielleicht Nach⸗ kommen von meiner Mutter Vetter, Ferdinand Waller, einem herrlichen Manne, der in der Schweiz wohnte und 14² dort ſtarb. Auch in Kopenhagen lebt noch ein Sohn von meiner Mutter Onkel, dem verſtorbenen Großhändler Waller.“ Milner unterbrach ihn:„Großhändler Waller, ja ſei⸗ ner erinnere ich mich von meinen Studentenjahren her, als Deine Aeltern ſich Deinetwegen in Kopenhagen auf⸗ hielten, und ich volle anderthalb Jahre in ihrem Hauſe war— ich vergeſſe das nie.“ „Erinnerſt Du Dich nicht auch des Sohnes des Groß⸗ händlers, Chriſtian Waller, der ungeachtet er zehn Jahre älter, als wir, doch ſehr befreundet mit uns war?“ „Ja gewiß, er arbeitete auf des Vaters Comptoir. Herr Gott! man kommt ſo rein aus ſeinen früheren Ver⸗ bindungen; ich glaube nicht, daß ich in vielen Jahren an ihn gedacht; vor fünfzehn Jahren ſah ich in den Zeitun⸗ gen, daß er den Tod ſeiner Frau anzeigte.“ „Gott verzeihe mir,“ antwortete Luſard,„ich habe ihn und die ganze Verwandtſchaft beinahe rein vergeſſen. Doch, ſo lange meine Mutter lebte, hörte ich bisweilen von ihm und den Seinen und weiß ſomit, daß er wieder verheirathet iſt und Kinder hat. Wer weiß, ob unter ihnen oder andern meiner Verwandten ſich ein Menſch nach mei⸗ nem Sinne findet.“ Der ehrliche Milner ging mit großer Freude auf ſeines Freundes Plan ein, beſtärkte ihn in ſeinem Vorſatz und beſchleunigte ſeine Reiſe nach Kopenhagen, welche er auch wenige Wochen ppäter antrat. Mit innigem Vergnügen ſah Charles Luſard die däniſche Hauptſtadt wieder, welche in der langen Zeit, die indeſſen verfloſſen, ſeit er als jugendlicher Student ſie verlaſſen, außerordentlich an Lebendigkeit und Behaglich⸗ keit zugenommen zu haben ſchien. Das Volksleben, das gleichſam aus dem Schlafe erwacht war und ſich auf Straßen und Gaſſen zeigte, der Schwarm von Menſchen, der aus dem weſtlichen Thore ſtrömte und ihm vor ſei⸗ nem Eintritte in die Stadt begegnete, die Muſik und 143 der Glanz, der von den illuminirten Gängen und Gon⸗ deln des Tivoli herüberklang und ſtrömte, verſetzte ihn in die heiterſte Stimmung und erfüllte ſein Herz mit froͤh⸗ licher Ahnung. Am folgenden Morgen erfuhr er, daß ſein Verwandter, Chriſtian Waller, Großhändler, wie ſein Vater, jedoch mit dem Titel Commerzienrath, des Vaters Haus bewohnte, indeß weder als Handelshaus, noch in anderer Hinſicht ſein früheres Anſehen behaupte. Luſard nahm den Weg zu dem ihm wohlbekannten Hauſe und traf den alten Ju⸗ gendfreund in ſeinem eigenen kleinen Comptoir, wo er auf demſelben Platze ſaß, auf dem ſein Vater früher auf ei⸗ nem alten Comptoirſtuhl ſaß— an einem ähnlichen Pulte, wie dieſer, aber nicht mit dem jovialen, ſtets jugendlichen Ausſehen, das den alten Großhändler auszeichnete. Der Commerzienrath ſah aus, wie einer, der an einem heißen Tage von einem Schwarme Fliegen geplagt wird. Sein runzliges Geſicht wurde indeſſen heiterer und milder, als er den beinahe vergeſſenen Jugendfreund ſo unerwar⸗ tet bei ſich eintreten ſah. „Es iſt lange her, ſeit mir eine ſolche Freude zu Theil geworden. Wo warſt Du doch ſeit ſo vielen Jah⸗ ren? Du machteſt Reiſen im Ausland, wie ſch hoͤrte.“ „Ja, doch nun beginne ich ein neues Leben in mei⸗ ner Heimath, indem ich meine Verwandten aufſuche, von denen Du der Einzige biſt, den ich kenne.“ Bei einer Begegnung, wie dieſe, iſt der Lauf der Zeit und der Wechſel der Dinge immer das Erſte, was auf das Tapet gebracht wird.„Sie find alle fort, die damals mit uns lebten,“ ſagte der Commerzienrath: „Deine Aeltern, mein Vater, mein Onkel, der alte Ju⸗ ſtizrath; und die, welche noch leben. ſind in der Welt um⸗ her zerſtreut. Meine letzte Stiefmutter, die nicht ſo gut, als die erſte war, reiſte nach England, meine Vettern und Couſinen, Ferdinand Wallers Geſchwiſter, ſind ge⸗ ſtorben oder haben ſich ferne von hier niedergelaſſen.. ℳ 144 „Aber,“ unterbrach Luſard:„Ferdinand Waller, wel⸗ cher leider auch todt iſt, hinterließ er nicht Frau und Kinder?“ 7 „Die Frau,“ antwortete der Commerzienrath,„ſtarb vor ihm; ſie beſaßen nur eine Tochter, welche hier zu Lande ſich mit einem Dänen verheirathete. Er war Fa⸗ brikbeſitzer und hieß Bergland. Es war, ſelbſt nach ſeinem Tode muß ich's noch ſagen, ein Windbeutel und Projectenmacher, der das Vermögen ſeiner Frau durch⸗ brachte und ſie und ihre Kinder in Armuth zurückgelaſſen hätte, wenn nicht ihr Vater, der vergebens dem Schwie⸗ gerſohn ſo lange er konnte, geholfen, ſo vernünftig ge⸗ weſen wäre, zu beſtimmen, daß Alles, was er hinterließ, ſeiner Tochter als Leibrente verbleiben ſollte. Davon lebte ſie ſehr honett hier in der Stadt, bis ſie vor wenigen Jahren ſtarb. Es war eine wackere Frau.“ „Aber ſie hatte Kinder, ſagſt Du?“ „Ja, einen Sohn.“ „Wo iſt er?“ „Er iſt, ſoviel ich weiß, vor einem Jahre nach der Schweiz gereiſt, um dort ſein Glück zu verſuchen, wo ſeine Familie war. Es iſt ein thörichter Menſch, ein Narr, wie ſein Vater, aber ein gewandter Kopf.“ „Nun, was fehlt ihm denn?“ „Es fehlt ihm alle Vernunft und geſetztes Weſen, er hält an nichts feſt. Zuerſt ſtudirte er Theologie und machte das Examen noch ſehr jung mit dem beſten Zeugniß: da fing er ploͤtzlich Medizin zu ſtudiren an: dann gab er auch dies auf und beſchäftigte ſich mit Naturwiſſenſchaften und Gott weiß, was er Alles mit ſchrecklichem Eifer ge⸗ trieben, ſo lange es dauerte. Er bleibt bei nichts. Ich nahm mich redlich ſeiner an und hatte ihm eine Zeitlang Wohnung in meinem Hauſe gegeben, aber ich könnte mich mit beſtem Grund über ihn beklagen, wenn ich nur davon ſprechen wollte.“ „Das thut mir leid, meine Aeltern hielten ſo viel 145 auf ſeinen Vater, Ferdinand Waller. Na, Gott ſei Dank, ich finde Dich mit Deiner alten, freundlichen Geſinnung wieder und hoffentlich glücklich als Ehemann und Vater, in dem alten, angeſehenen Waller'ſchen Haus, das Du zu meiner großen Freude unverändert erhalten haſt.“ „Ja, Gott ſei unſerem alten, angeſehenen Hauſe gnä⸗ dig! Es iſt nicht mehr, was es war. Die Zeiten haben an ihm gerüttelt, wie an den meiſten Andern. Die guten Zeiten für den Handel waren ſchon damals längſt vorbei, als Du Dich vor dreißig Jahren in Kopenhagen aufhielteſt, aber mein Vater konnte ihnen mit dem großen Vermögen ſeiner Frau trotzen: mir blieb nichts davon übrig. Ich kann nicht klagen; es wird halten, ſo lange ich lebe, aber meine Kinder werden nicht reich von dem werden, was ich ihnen hinterlaſſe.“ „Ich freue mich, die Bekanntſchaft Deiner Famllie zu machen. Haſt Du viele Kinder?“ „Vier Mädchen: eine Tochter von meiner erſten Frau und drei von meiner jetzigen.“ „Keinen Sohn?“ „Nein, Gott ſei Dank! Es ſind ſchlimme Zeiten für Söhne und eigentlich für Töchter mit.“ „Du möchteſt ſie aber doch nicht miſſen?“ „Ja, durch eine Heirath, das weiß der Herr. Das heißt nur die Aelteſte, welche neunzehn Jahre iſt; mit den andern Drei eilt es nicht; die Aelteſte von ihnen, geht in ihr vierzehntes Jahr, die beiden Jüngeren find kleine Mädchen von neun und ſieben Jahren.“ „Du biſt doch glücklich! Du biſt umgeben von einer aufblühenden Familie und haſt die Hoffnung, Sorge und Freude mit ihrer Mutter zu theilen. Es hat mich immer gerührt, wenn ich zwei alte Eheleute Arm in Arm auf einander geſtützt gehen ſah; ich dachte mir, ſo wandertea ſie die guten und ſchlimmen Wege des Lebens; und habe ich je das häusliche Glück eines Ehepaares beneidet, ſo war es das Ihre.“ Novellen. II. 10 146 „Meine Frau iſt noch jung, ſie iſt nur vierunddreißig Jahre, ſie wird allgemein für ſchön gehalten, ſie iſt ge⸗ bildet und talentvoll, eine ausgezeichnete Clavierſpielerin, ſehr gewandt in Geſellſchaften und von den Herren ange⸗ betet. Meine älteſte Tochter iſt ein gutes, kleines Mäd⸗ chen, welches die Haushaltung beſorgt, und daneben mit den kleinen Geſchwiſtern lieſt, wenn meine Frau keine Zeit hat.“ „Das iſt ja Alles ſehr ſchön; ich hoffe, Du ſtellſt mich Deiner Frau vor.“ „Ja, das Vergnügen kann ich mir ſogleich machen, denn ſie iſt, glaube ich, jetzt zu Hauſe.“ Der Commerzienrath führte nun ſeinen Verwandten in die obere Etage, welche ſeine Famille bewohnte. Im Vorzimmer begegneten ſie dem Diener, welcher ſagte, ſie ſei nicht zu Hauſe.—„Ach, Geſchwätze!“ antwortete der Commerzienrath,„ich kann ſie ja drunten ſpielen höͤren.“— Der Diener ſagte mit verlegener Miene:„Ja der Cla⸗ vierlehrer iſt drinnen und gibt der Frau Stunde, und das iſt ſo viel, als ob ſie nicht zu Hauſe wäre.“ „Gehe hinein und ſage, ich ſei mit einem Herrn von meiner Familie da.“ Der Diener ging hinein und Luſard ſuchte indeſſen die Erlaubniß zu erhalten, ſeinen Beſuch bis zu bequemerer Zeit ausſetzen zu dürfen; und als der Diener mit dem Beſcheld zurückkam, in drei Viertelſtunden werde die Frau das Vergnügen haben, ſie zu empfangen, riß Luſard ſich dn⸗ und ging, nachdem er eine Viſitenkarte zurückge⸗ aſſen. Beim Mittagstiſch entſtand ein Streit zwiſchen dem Commerzienrathe und ſeiner Frau. Sie kam mit Luſards Karte in der Hand zu Tiſche und ſagte:„Aber Gott be⸗ wahre! welch' prächtiger Name: Mr. Luſard de Montal⸗ bert? Iſt das ein Franzoſe? Ein vornehmer Herr? Iſt er von Deiner Famtlie, ich kann mich nicht erinnern, von ihm gehört zu haben.“ 147 „Ja er iſt von meiner Familie.“ „Und iſt ein Franzoſe? wie es ſcheint, ein Adeliger? Wie kommſt Du zu dieſer Verwandtſchaft?“ „Seine Mutter war meine Couſine, die hübſche Clau⸗ dine, von der Du doch ſprechen hörteſt.“ „Ah, dieſe Claudine, welche in Deines Vaters Haus war und fortlief u. ſ. w. Ihre Geſchichte kann man nicht in Gegenwart junger Mädchen erzählen.“ „Wollte Gott, die jungen Maͤdchen beſäßen ihre Tugend.“ „Ich danke! Der Herr ſchütze die, deren Mutter ich bin. Aber was wollte ich nur ſagen? Was ſſt er, die⸗ ſer Franzoſe?“ „Er iſt kein Franzoſe, im Uebrigen iſt er Gutsbe⸗ ſiber. „So iſt er wohl reich?“ „Das weiß ich nicht. Sein Gut in Jütland ſoll ein ſchoͤnes Beſitzthum ſein. Das iſt Alles, was ich welß, er ſelbſt iſt jedoch ein gebildeter, ſchöner, braver Mann und ein Jugendfreund von mir, den Du wohl hätteſt em⸗ pfangen können.“ „Aber wie konnte ich wiſſen, daß es ein ſolcher Herr war?“ „Du wußteſt doch, daß ich ihn brachte und deßhalb einen freundlichen Empfang wünſchte.“ „Die Leute, die Du bringſt, pflegen nicht von dieſem Kaliber zu ſein.“ „Wenn Dein Mann ſie zu Dir führt, ſollten ſie doch einen andern Empfang finden, als drei Viertelſtunden warten zu müſſen, bis ſie Dich ſprechen können.“ Sollte ich meinen Muſiklehrer gehen laſſen und einen Thaler hinauswerfen?“ „Du konnteſt Marianne von der Stunde profitiren laſſen.“. „Nein, Maren hat ihre Geſchäfte und Vormittags ihren Platz in der Küche.“ 148 „Das Mädchen heißt Marianne. Ich will den Namen Maren nicht hören.“ „Du mußt Dich daran gewöhnen. Ich nenne ſie Maren, der Name iſt charakteriſtiſch für eine häusliche Perſon.“ Die junge Marianne errothete und ſuchte eine Veranlaſſung, ſich vom Tiſche zu erheben und in dem an⸗ dern Zimmer etwas zu holen. Die jüngere Schweſter Colette ſchlug ein lautes Geläͤchter auf. „Was lachſt Du?“ ſagte die Frau mit zorniger Miene. „Ich muß lachen, daß Marianne in der Küche blei⸗ ben ſollte wegen einer Mahlzeit, da doch das Küͤchenmäd⸗ chen, ſelbſt wenn ſie eine Hand auf den Rücken gebunden, mit dem Ganzen hätte fertig werden können.“ „Kümmere Du Dich um Dich ſelbſt, unartiges Ge⸗ oͤpf.“. „Und dann muß ich auch lachen bei dem Gedanken an den Muſiklehrer, wie glücklich er geweſen, wenn er Mariannen hätte Stunde geben dürfen, denn er ſcheint ihr von Herzen gut zu ſein, obgleich ſie nicht ſo gut als die Mutter ſpielt. Aber ſobald die Mutter nicht zugegen iſt, wenn er eintritt, ſo ſagt er augenblicklich:„„Viel⸗ leicht wird mir das ältere Fräulein die Ehre geben?““ „Ja, der Herr iſt ein Geck, das habe ich längſt be⸗ merkt, und es kleidet ein junges Mäaͤdchen ſehr ſchlecht, ſolche Bemerkungen zu machen.“ „Ein kleines Kind von beinahe vierzehn Jahren iſt nicht ſo dumm. Als ich nicht größer war, als meine kleinſte Schweſter, da lobte die Mutter oft meinen Ver⸗ ſtand, und es wäre ſchlimm, wenn ich ſeit der Zeit nicht klüger geworden.“ Der Commerzienrath erhob ſich vom Tiſche und ſagte: „Nun will ich nichts mehr von Euren Abgeſchmackthelten hören. Schenke den Kaffee ein, kleine Marianne, ich muß ausgehen.“ 149 „Bleibe doch ein paar Minuten ruhig ſitzen und ſage mir, wann Du mir Herrn von Montalbert vorſtel⸗ len willſt.“ Der Commerzienrath ſchlug einen milden Ton an und antwortete:„Wenn ich ihn morgen Vormittag finde, ſo kann ich ihn zu Mittag einladen.“ „Kann er nicht heute Abend kommen? Ich ſehne mich, ihn zu ſehen.“ „Ich weiß nicht, ob ich ihn treffen kann, und ob er ſo höflich ſein will, noch mal heute zu kommen.“ „Thue Dein Beſtes, ich bitte Dich.“ Der Commerzienrath ging zum Kaffeetiſch, wo Ma⸗ rianne ſtand, und indem ſie ſelbſt ihre Taſſe nahm und ſie leerte, gab er Marianne ein Zeichen, ihn zu begleiten, und verließ ſein Zimmer. Als er in die Entrée hinaus⸗ gekommen war, nahm er ſeine Tochter freundlich am Kinn und ſagte:„Höre, mein Mädchen! ſorge dafür, daß Alles heute Abend hübſch und nett wird. Unſer Gaſt iſt wahrſcheinlich nicht gewoͤhnt, eine große Abendmahlzeit einzunehmen, aber das Ganze muß doch etwas elegant ſein. Du weißt ja Beſcheid.“ „Ich werde die Mutter fragen, aber ich weiß, ihr Haushaltungsgeld...“ Er unterbrach ſie:„Da haſt Du Geld, aber Du brauchſt es der Mutter nicht zu ſagen. Mache Du's nur ſo gut, als möglich, nach Deinem Geſchmacke.“ Er ging, wandte ſich aber noch einmal um und ſagte lächelnd:„Ich ſähe auch gerne, daß Du Dich umkleldeteſt und Dich ſo ſchön als möglich machteſt, denn ich wünſche, daß mein alter Freund an meinen Kindern ſeine Freude haben ſoll.“ Sehr verlegen über dlieſen Auftrag, ging Marianne mit demüthiger Miene zu ihrer Stiefmutter, erbat ſich ihre Befehle und erkühnte ſich, wie gewoͤhnlich den einen und andern Vorſchlag zu machen. Zu Mariannens Freude wurde im ſelben Augenblick ein beinahe täglicher 150 Gaſt des Hauſes, ein Herr Arnold, ein Student der Rechte und weitläufiger Verwandter der Frau gemeldet, welche nun raſch Mariannen mit folgenden, dem verlege⸗ nen Mädchen willkommenen Worten abſertigte:„Ja, nun habe ich nicht Zeit, mit Dir zu ſchwatzen. Nichte alles gut und hübſch ein, aber es darf nicht über das Gewoͤhn⸗ liche koſten....“ Sie hatte nicht Zeit, mehr zu ſagen, denn der junge, nach der neueſten Mode gekleidete Herr trat bereits ein. Als er an Mariannen vorbei ging, welche aus dem Zim⸗ mer trat, warf er ihr einen verſöhnenden Blick zu und flüſterte:„Du ſüßes Mädchen!“ Sie wandte das Ge⸗ ſicht ab und that, als hoͤrte ſie nichts. Herr Arnold verbeugte ſich vor der Frau und ſagte: „Meine ſchoͤne Couſine! Der demüthigſte der demüthigen Selaven beugt ſich vor Ihnen.— Guten Tag, ihr ſchöͤ⸗ nen Kinder!“ ſagte er darauf, indem er ſich an die bei⸗ den kleinen Mädchen wandte, welche an dem einen Fen⸗ ſter im Streite um eine Puppe begriffen waren, die jedes an ſich riß. An dem andern Fenſter ſaß Colette mit einem Buche, das ſie in den Händen hielt, während ſie mit ihren politiſchen Augen drüber hinausſah. Arnold näherte ſich ihr:„Biſt Du da? Kleiner Strick?“— Colette ſtieß mit dem Ellbogen nach ihm. Er ſetzte ſich nun neben die Frau und ſagte:„Ich habe den Auftrag von Liſſings, Sie um Ihre Gegenwart auf heute Abend zu erſuchen. Es iſt keine eigentliche Solree, nur eine ganz kleine Reunion ausgewählter guter Freunde, welche ſich der Hoffnung hingeben, Sie ſpielen hoͤren zu koͤnnen. Es kommen einige Italiener, welche ſingen wollen, im Uebrigen nur unſer eigener bekannter Cirkel, Baroneſſe Rudolph unter. Anderem und unſer Freund, der Hofjunker. Ja er hat noch einen ganz be⸗ ſonderen Grund, Ihre Gegenwart zu wünſchen— außer ſeiner glühenden Liebe, die Sie kennen. Ich mache mir kein Gewiſſen daraus, ihn zu verrathen, den Luchs, der 151 mir ins Gehege geht und meiner Couſine den Hof macht; die Geſchichte iſt ganz prächtig: heute Vormittag gingen wir auf der Straße und ſahen ein außerordentlich ſchönes Mädchen in einen Laden treten. Verſtehen Sie mich wohl, es war keine Dame, es war eine Griſette, vermuthlich eine Kammerzofe over eine Nähterin; ſie war einfach gekleidet und trug einen großen Pack. Aus Neu⸗ gierde gingen wir in den Laden und ſtellten uns an den⸗ ſelben Tiſch, an ihre Seite. Wir ließen uns das Eine und Andere zeigen und baten ſie um ihren guten Rath, und da wir voch wegen der großen Mühe in Verlegen⸗ heit waren, die wir dem Kaufmann gemacht, nahm der Hofjunker eine kleine Echarpe, ganz hübſch, mit Gold durchwoben und theuer wie Gold, und als wir auf die Straße kamen, ſagte er mit einem herzbrechenden Seuf⸗ zer:„Höre, lieber Freund! Glaubſt Du nicht, daß ich wagen dürfte, Deiner ſchoͤnen Couſine, Frau Waller, ein Geſchenk mit dieſem kleinen Stück machen zu dür⸗ fen?“—„Verſuche es!“ antwortete ich,„und nun ſterbe ich darauf, daß er heute Abend mit ſeinem Opfer hinter⸗ liſtig anrückt, und Sie es am Ende doch nicht nehmen.“ „So, wenn Sie es ärgert, habe ich allerdings Luſt, es anzunehmen. Das ſind hübſche Geſchichten, die Sie ſich erlauben, mir zu erzählen; in einen Laden einem jungen Mädchen nachzulaufen! und ich bin überzeugt, das war Ihr Einfall, nicht der ſeine, denn es iſt doch noch etwas Anſtändiges und Unſchuldiges in dieſem Menſchen.“ „Wie muß ich lachen!“ ſagte der Franzoſe und weinte. Aber was iſt denn Schlimmes dabei, wenn man ein hübſches Mädchen genau ſehen will?„Wenn ich blind für Schoͤnheit wäre, könnte ich dann Sie in ſo hohem Grade bewundern?“ „Ja, darüber Worte zu verlieren, iſt nicht der Mühe werth. Ich kann heute Abend nicht zu Liſſings kommen. Die Einladung erſcheint zu ſpät. Ich habe ſelbſt Fremde.“ 1⁵² „Fremde! Und das ſagten Sie mir nicht ſchon geſtern Abend?“ „Ich wußte es nicht. Es iſt ein Herr, der hier an⸗ gekommen, Jemand von Wallers Familie.“ 3 „Ein Herr von Wallers Familie! Das iſt gewiß ein recht alter Phlliſter.“ „Da ſehen Sie ſeine Karte.“ „Zum Teufel! Was iſt das für ein fremder Vogel? woher kömmt er?“ „Es iſt ein reicher Gutsbeſitzer, hübſch und elegant, ein Adeliger von franzöſiſcher Extraetion.“ „Nun! Da haben Sie einen neuen Courmacher und wir können einpacken.“ „Ach, ungereimtes Zeug!“ „Ungereimt! Nein, ich kenne Sie wohl. Nun co⸗ quettiren Sie mit ihm. Nun wenden Sie ſich mit Ihrem Geſpräche ganz allein an ihn und kehren uns andern, die wie der Auswurf daſitzen müſſen, den Rücken. Aber ich will mich hängen laſſen, wenn ich meinen Fuß wieder in das Haus ſetze, ehe ich erfahre, daß der Wandervogel mit den andern wilden Gänſen davongeflogen iſt.“ Die Frau ſagte mit zornigem Tone:„Was ſehlt Ihnen? Sind Sie bei ſich ſelbſt oder nicht? Sind ſie vielleicht mein Liebhaber? Habe ich mich je in ein ver⸗ trauliches Verhältniß mit Ihoen oder ſonſt Jemandem eingelaſſen? Ruht der geringſte Schatten auf mir oder meinem Rufe?“ „Gott bewahre! Das ſage ich nicht, Sie ſind die Tugend ſelbſt— bis auf ein unvergleichliches Coquet⸗ tiren.“ „Es iſt hübſch, ſolche Phraſen zu hören! Was geht das Sie an? Wenn ich auch coquettirte, wie es aber nicht der Fall, ſo würde das meiner Tugend keinen Eintrag thun! Coquetterie kann oft eine Tugend ſein. Das ſteht in einem von Serlbes Stücken.“ „Ja! jeder hat ſeinen Catechismus.“ 153 Dieſes Geſpräch wurde vom Commerzienrathe unter⸗ brochen, der nach einem flüchtigen Gruße zu ſeiner Frau ſagte:„Ich traf meinen Vetter nicht, er war nicht zu Hauſe, aber ich ſchrieb ihm ein Paar Worte, worin ich ihm meldete, in welcher Abſicht ich gekommen und bat ihn auf übermorgen zu Mittag. Dann ging ich zu un⸗ ſerem alten Freund, Staatsrath Dalund, der mir zu kommen verſprach.“ Der Commerzienrath wandte ſich nun höͤflich an Arnold:„Wollen Sie uns nicht auch das Vergnügen machen, übermorgen Mittag mit uns vorlieb zu nehmen und die Bekanntſchaft meines Vetters und Jugendfreundes, Herrn Luſards de Montalbert, zu machen, eines Mannes, der die alte und die neue Welt bereiſt hat?“ Arnold nahm die Einladung an und der Commer⸗ zienrath verließ das Zimmer und ſuchte ſeine Tochter Marianne auf, welche er vermochte, die Zurichtung für den beſtimmten Tag aufs Beſte zu beſorgen: er gab ihr ſogar zu dieſem Zwecke noch mehr Geld. Vergebens bat ihn Marianne, das Geld und die Anordnung des Gaſt⸗ mahls der Frau zu überlaſſen.„Nein, nein!⸗ ſagte er. „ſie knickt an Allem und wenn ich ihr auch doppelt ſo viel Geld gebe. Dann kümmert ſie ſich nicht ordentlich um die Sache und diesmal will ich es recht haben. Du darfſt nur ſagen: Der Vater gibt ſoviel ich wünſche, ohne die Summe zu nennen, dann iſt ſie zufrieden.“ Als der Commerzienrath das Wohnzimmer verlaſſen, rief Arnold laut lachend:„Der fremde Herr iſt alſo ein Jugendfreund von Ihrem Manne, folglich ein alter Jüng⸗ ling. Das hätten Sie mir ſogleich ſagen können, dann würden Sie mir meinen Aerger und Ihnen den Zorn er⸗ ſpart haben.“ „Sie ſchmeicheln ſich vergebens. Ich fragte den Diener, der ſagte, daß es ein ſehr eleganter, bedeutend jüngerer Mann als Waller ſei.“ „Ja, er hat doch nicht blos die Kinderſchuhe, nein 154 fogar die Tanzſchuhe ausgetreten. Seien Sie nicht boͤſe, ſonſt muß ich mir das Leben nehmen. Geben Sie mir ein Zeichen, daß Sie mit mir verſöhnt ſind. Brechen Sie eine dieſer Jasminblumen ab und geben Sle ſie mir als Verſöhnungszeichen.“ „Sie ſind ein Kind,“ ſagte die Frau lachend, indem ſie auf ſeine wiederholte Bitte einen kleinen Zweig von einem Blumentopfe abbrach und ihm denſelben gab. Er küßte ihre Hand und rief:„Aber ums Himmels Wil⸗ len! Da der vornehme Gaſt heute Abend nicht kömmt, ſo ſteht ja nichts im Wege, daß Sie mir die Freude machen, Sie zu Frau Liſſings Soirée begleiten zu dür⸗ fen. Es iſt, wie geſagt, keine große Geſellſchaft. Sie brauchen ſich nicht umzukleiden, ſo hübſch ſind Sie bereits. Die Glocke ſchlug ſo eben ſieben; halb acht Uhr wünſchte ſie uns bei ſich zu ſehen, da wir ſo viel muſikaliſchen Genuß als möglich haben ſollten, und die Geſellſchaft muß ſich zu ungewoͤhnlich früher Zeit trennen, da ihr Mann krank iſt.“ Die Frau ließ ſich ohne ſonderlich große Mühe über⸗ reden. Sie verließ das Zimmer einen Augenblick, um einiges an der Toilette zu verändern; indeſſen eilte Arnold zu Colette, ſchlang ſeinen Arm um ſie und ſagte: „Süße Colette, mit den klugen, nur allzu klugen Augen! Es iſt ſchrecklich, was Du groß wirſt. Du biſt ja ſo hochgewachſen, als wärſt Du achtzehn Jahre. Höre mal! Ich werde Dir ein im Leben wie im Tode alli⸗ irter Freund ſein, wenn Du ein gutes Wort bei Mari⸗ annen für mich einlegen willſt.“ „Bei Marlanne! Wollen Sie um meine Schweſter freien?“ „Ach! Gott bewahre! Was ſollte ich zu freien haben! Es iſt eine ganz einfache Affaire. Marianne iſt ſo verteufelt ſchnippiſch gegen mich. Sie will mir kaum antworten, wenn ich auch noch ſo freundlich mit ihr ſpreche. Das ärgert mich abſcheulich, beſonders wenn 15⁵ andere Zeugen einer ſolchen Behandlung ſind, die ich wahrhaftig nicht gewöhnt bin. Das bringt mich manch⸗ mal ganz aus meiner guten Laune.“ „Sind Sie in Mariannen verliebt?“ „Ach! Kind, Du bedienſt Dich ſo großer, decidirter Ausdrücke. Die Sache braucht nicht ſo feierlich genom⸗ men zu werden. Ich bin Deiner Schweſter außerordent⸗ lich gut, wie Dir. Sie iſt nicht ſo gewandt und nicht ſo pikant, wie Du, aber wie geſagt, ihr fremdes, ſtrenges Weſen genirt mich. Deßhalb bitte ich Dich, ihr vorzu⸗ ſtellen... Die Frau trat ein, und das Geſpräch endigte plötz⸗ lich. Die beiden jüngſten Mädchen ſtimmten nun einen lauten Klagegeſang an.„Was iſt das?“ ſagte die Mut⸗ ter.„Weßhalb weint ihr?“ Schluchzend antwortete Nathalie, die älteſte:„Nun verläßſt Du uns und Du verſprachſt uns doch heute, Du wollteſt dieſen Abend mit uns nach dem Tivoli gehen, wenn das Wetter gut werde.“ „Das habe ich ganz vergeſſen.“ „Aber wir armen,“ rief die kleine Ida,„wir haben es nicht vergeſſen, ſondern uns den ganzen Tag gefreut.“ „Höre auf mit dem Weinen. Ihr koͤnnt ja noch dazu kommen.“ Sie klingelte. Das Stubenmädchen trat ein und erhielt den Befehl, ſich ſogleich anzukleiden und mit den Kindern nach dem Tivoli zu gehen, worauf die Frau und Arnold ſich fortbegaben. Colette ſprang lachend auf, drehte ſich auf den Zehen⸗ ſpitzen umher und als Marianne im ſelben Augenblicke eintrat, warf ſie ſich ihr um den Hals, küßte ſie und rief:„Meine Marianne! Habe ich Dich endlich! Ich bekam Dich ja beinahe den ganzen Tag nicht zu ſehen. Aber Gott ſei Dank! Nun haben wir Ruhe und Frieden, denn die Mutter ging mit dem liebenswürdigen Herrn Arnold aus.“ 156 „Iſt die Mutter ausgegangen?“ fragte Marlanne. „Ja, wahrhaftig, und ſie iſt ſo gut, bis zur Schla⸗ fenszeit auszubleiben.“ Nun trat das Stubenmädchen mit den Kindern, die zum Ausgehen bereit waren, ein.„Wo wollt Ihr hin?“ fragte Marianne. „Wir wollen nach dem Tivoli,“ antwortete Nathalie. „Nein, Du kannſt nicht mitgehen, die Mutter hat geſagt, Du ſolleſt zur Strafe für Deine Unarten von ge⸗ ſtern, als Du nicht leſen wollteſt, zu Hauſe bleiben.“ „Die Mutter hat ſelbſt geſagt, ich dürfe nach dem Tivoli gehen. Du haſt nicht uͤber mich zu befehlen.“ „Ja, denn ich habe Deinen Unterricht übernommen.“ Das Stubenmädchen nahm Nathalie bei der Hand und ſagte:„Laß uns gehen.“ Dann wandte ſie ſich an Marianne und ſagte ſchnippiſch:„Sie werden entſchuldi⸗ gen, Fräulein Marianne, ich muß die Ordre meiner Frau und nicht die Ihre befolgen.. Marianne kehrte ihr den Rücken und das Mädchen ging mit den Kindern. „Nein, das iſt doch allzu toll!“ rief Colette:„weß⸗ halb duldeſt Du das? weßhalb gehſt Du nicht zum Vater und rufſt ihn zu Hülfe?“ „Der arme Vater! laß ihn Ruhe haben. Aber nun ſind wir allein und nun habe ich Zeit: wir wollen uns zum Pianoforte ſetzen und die Romanze probiren, die uns der Muſiklehrer geſtern lieh.“ Sie öffnete das Inſtrument, ſetzte ſich daran und ſchlug einige Accorde an. Colette, welche neben ihr Platz nahm, ergriff ihre Hand und ſagte:„Warte ein wenig, laß mich Dir doch zuerſt erzählen, was für einen Vorfall wir heute im Inſtitute hatten. Unſere Frau wurde wie ge⸗ wöhnlich vor Migraine krank und mußte ſich legen. Es war in der Stickſtunde und das Baldyrefräulein(altes Wort für Stickerel), wie wir ſie heimlich heißen, wurde heraus gerufen. Es war Jemand da, der ſie ſprechen 157 wollte. Sie war kaum draußen, ſo zog Lina Sörenſen einen netten Brief heraus, deſſen Aufſchrift lautete:„An die Schönſte der jungen Grazien, welche dieſes Inſtitut beſuchen.“ Nun entſtand ein Aufruhr. Wer iſt die Schönſte? Der Brief flog wie ein Vogel am Tiſche umher, ſie hatten ihn beinahe in Stücke zerriſſen. End⸗ lich fanden ſie denn nach meinem Rathe, daß es gar nicht unpaſſend wäre, den Inhalt zu leſen. Ich erhielt die Erlaubniß, das Siegel zu erbrechen, und den Brief vor⸗ zuleſen. Er war ſehr hübſch geſchrieben, und in Verſen, und lief darauf hinaus, ein Anbeter wolle ſich auf dem Heimwege einfinden, um ſie in der Nähe zu betrachten und ein paar Worte zu hören u. ſ. w., Du kannſt Dir ſchon denken, alles was prächtig klingt, aber was man früher ſchon geleſen und gehört. Das Fräulein kam in demſelben Moment herein und der Brief lief unter dem Tiſche von Hand zu Hand bis zu Lina. Du kannſt Dir wohl denken, daß wir uns ſehnten, auf die Straße zu kommen. Wir ſahen Niemand, den wir für den Brief⸗ ſchreiber halten konnten, wir gingen langſam und ſpähten nach allen Seiten, ohne Jemand zu ſehen. Als wir jedoch an die Ecke kamen, ſprangen plötzlich, nicht ein, ſondern drei elegante junge Herren aus einer Ecke hinter dem Plankenwerk hervor, das dort ſteht. Der Eine lief ſogleich zu Lina, der Andere zu Sophien und— was meinſt Du?— der Dritte zu mir. Es war ein ſehr hübſcher Menſch mit ſchönem ſchwarzem Bart und einem Knebel. Er war ſehr galant und ſagte mir tauſend Artigkeiten.“ „Gott bewahre! Und Du?“ „Ach, ich hörte ihn an und antwortete nur dann und wann ein Wort. Er begleitete mich bis zur Thüre und bat hoͤflich um die Erlaubniß, mich morgen wieder ſprechen zu dürfen, und da ich zu antworten zoͤgerte, nahm er mir einen Handſchuh zum Pfande, das er mir mit einem klei⸗ nen Geſchenke erſetzen zu dürfen bat.“ Marianne ſchwieg ſtille, dann nahm ſie die Hand 158 ihrer Schweſter und ſagte liebevoll:„Colette! Du ſagſt, Du habeſt mich gerne, ich glaube es und vergelte Dirs von ganzem Herzen. Willſt Du mich meiner einzigen Freundin berauben? Das thuſt Du, wenn Du dich in ſolche Lie⸗ beleien einläſſeſt, die mir in der Seele zuwider ſind. Glaube mir, ich bin älter als Du! Ich habe bis zu meiner Großmutter Tod vor wenigen Jahren in ihrer ſtillen ehrbaren Klauſe gelebt, ihre Lehren tief in mein Herz ein⸗ geprägt. Ich weiß, daß Du in Dein Verderben gehſt, wenn Du einen Schritt weiter auf dieſem Wege machſt⸗ den Du heute betreten. Verſpreche mir, daß Du nie mehr mit dieſem Herrn zuſammenkommen willſt und wenn er Dir morgen ſeine Geſellſchaft aufdringen will, ſo ſage, daß Du über ſein Benehmen ſo verlegen geworden ſeieſt, daß Du nicht wiſſeſt, was Du geſtern geſagt oder gethan, » daß Du Dir aber jede weitere Annäherung von ſeiner Seite verbitteſt.“. „Ach, Marianne! wie kannſt Du das von mir ver⸗ langen? Der artige, hübſche Menſch! Was iſt denn Schlimmes daran, ein Geſchenk anzunehmen, das uns auf ehrerbietige Weiſe angeboten wird? Ich bin überzeugt, die Mutter nimmt heute Abend ein Geſchenk von einem jungen Herrn an.“ Marianne zuckte die Schultern.„Das will mir auch nicht an Dir gefallen, daß Du Dir herausnimmſt, Deine Mutter beurtheilen zu wollen, und daß Du Dir einen ſo häßlichen Ton gegen ſie angewoͤhnſt. „Sie hat auch einen häßlichen Ton gegen mich, und mag mich nicht leiden, das weiß ich wohl. Und ſo lange ich klein war, hielt ſie ſo viel auf mich, da nahm ſie mich überallhin mit. Wie ſie jetzt die Kleinen behandelt, ſo behandelte ſie damals mich. Aber das verſteht ſich, ihre Zeit kommt auch noch. Nathalie, die jetzt ſo unbeſcheiden iſt, kommt nun an die Reihe, in Ungnade zu fallen. Siehſt Du, das kann ich nicht leiden.“ „Aber wie kannſt Du verlangen, Deine Mutter ſoll 159 Dich lieben. wenn Du einen ſolchen Mangel an Liebe zu ihr an den Tag legſt.“ „Ja, das iſt wahr! Die Liebe fehlt mir, aber ich kann nicht dafür und der Grund iſt auch nicht, daß ich hartherzig bin, denn ich liebe Dich, ich ehre Dich ſo aufrichtig, ſo herzlich!“ „Liebe Colette! Ich bin ſo glücklich, daß Du mich lieb haſt und mir glaubſt: nur beweiſe mirs dadurch, daß Du meinem Rathe folgſt.“ Colette ſeufzte:„Ach! Du kannſt das leicht ſagen. Du haſt einen Liebhaber, an dem Dein ganzes Herz hängt, um den alle Deine Gedanken ſich drehen.“ 8 Marianne erröthete.„Wie kommſt Du darauf?“ Colette ergriff raſch eine kleine Schnur, die unter der Halskrauſe der Schweſter hervorſah, zog ſie heraus und ſagte:„Glaubſt Du, ich kenne dieſen Ring nicht? Was bedeutet er denn? Du haſt kein Vertrauen zu mir und doch weiß ich Alles. Marianne nahm den Ring und verbarg ihn, indem ſie mit wehmüthigem Ernſte ſagte:„Wenn Du Alles weißt, ſo weiß Du auch, daß ich ſelbſt nicht weiß, welche Bedeutung oder Hoffnung ich an dieſen Ring knüpfen darf und Du weißt, daß ich Kummer genug habe, den Du, ein ſo heiteres Mädchen, gewiß nicht wirſt vermehren wollen.“ 3 „Ich, nein, eher wollte ich ſterben, als Dich be⸗ trüben.“ „Nun, ſo verſpreche mir, daß Du Dich nicht mit dem jungen Herrn einlaſſen willſt. Wenn Du die Sache überlegſt, ſo wirſt Du ſelbſt einſehen, daß wenn er wirk⸗ lich Guͤte und Achtung für dich beſäße, ſo hätte er ſich Dir nicht auf ſo undelicate Art genähert.“ „Wahrhaftig! Du haſt Recht. In Geſellſchaft mit zwei Andern.... und dann das Brieſchen auf der Stiege... Ja, Du haſt Recht! Du haſt immer Recht, ich werde thun, was Du willſt, ich verſpreche es.“ 160 Mit warmer jugendlicher Liebe umarmten die jungen Mädchen einander und Marianne ſagte:„Laß uns nun ſogleich die Zeit benützen, unſere Romanze zu probiren. Nicht jeden Tag haben wir ſo gute Gelegenheit, uns des Inſtrumentes zu bemächtigen.“ Indeſſen war Luſard ins Hötel gekommen, wo er logirte, und als er aus dem Billete, das der Commer⸗ zienrath hinterlaſſen, erſahren, daß dieſer und ſeine Familie ſeine Gegenwart am ſelben Abend wünſchten, glaubte er, es ſei noch Zeit, von dieſer Einladung Gebrauch zu ma⸗ chen. Er ging deßhalb, wie früher, nach dem Comptoir, wo er den Commerzienrath ſehr beſchäftigt, aber doch fichtlich vergnügt fand, ihn zu ſehen. „Nun,“ ſagte er,„das iſt hübſch und freundlich, daß Du noch kommſt. Ich freue mich, Dich zu meiner Frau hinaufbringen zu können, ſie ſehnt ſich ſehr, Dich zu ſehen: ich führe Dich bei ihr ein und muß Dich dann bitten, mich einen Augenblick zu entſchuldigen, da ich etwas zu beſorgen habe, was ſich nicht aufſchieben läßt.“ Er eilte nun hinauf und ging ſogleich in die Zimmer. Vor dem Wohnzimmer ſagte Luſard:„Es iſt ein gutes Zeichen, daß man ſtets vor Deiner Thüre mit Muſik und Harmonie begrüßt wird. Wie hübſch das klingt.“ Der Commerzienrath trat mit ſeinem Gaſte bei den beiden jungen Mädchen ein, die wie Singvögel er⸗ ſchraken, deren Buſche man ſich nähert, ſich raſch erhoben und den Fremden verlegen grüßten.„Wo iſt die Mutter?“ fragte der Hausherr und war ſehr erſtaunt, als er hörte, daß ſeine liebe Hälfte in eine Abendgeſellſchaft gegangen. Mit beſcheidener Galanterle näherte ſich Luſard den jungen unbekannten Verwandten und redete Colette an, die er für die Aelteſte hielt. Sie antwortete mit einer kleinen Ver⸗ beugung und ſagte verdrießlich zu ihrem Vater:„Konn⸗ teſt Du nicht uns vorſtellen, da die Mutter ausge⸗ gangen iſt.“ Der Commerzienrath lachte, nahm ſeine beiden Töch⸗ 161 ter bei der Hand, führte ſie dem alten Freunde vor, em⸗ pfahl ſie mit einigen herzlichen Worten ſelnem Wohl⸗ wollen und bat ihn, mit ihrer Geſellſchaft vorlieb zu nehmen, während er ſich auf einige Minuten entferne. Luſard ergriff die Hände der beiden Mädchen, küßte ſie und ſagte:„Ich bin ein armer Menſch, der durch das Leben gegangen iſt, ohne daß Schweſtern oder andere An⸗ gehörige mit mir aufwuchſen oder mich auf meiner irdi⸗ ſchen Wanderung begleiteten. Sie können ſich deßhalb wohl denken, wie ſehr ich mich freue, in meinen ältern Tagen junge, liebenswürvige Conſinen zu finden, die mir freundlich die Hand reichen.“ Er fragte nun nach ihren Namen, ihrem Alter, ihren Beſchäftigungen, und durch die herzliche, wie beſcheidene Huldigung gewann er ſehr leicht das Wohlwollen der an ſolche Aufmerkſamkeit und guten Ton ungewohnten Mädchen.„Ich unterbrach Ihre Muſtk,“ ſagte er,„gönnen Sie mir die Freude, wieder die jungen, friſchen Stimmen zu hören, die mir ſo wohlthuend entgegen klangen, als ich eintrat.“ „Aengſtlich fügten ſich die jungen Mädchen ſeinem Wunſche und ſangen ein zweiſtimmiges Lied. Anfangs zitterte Mariannens Stimme und ihre ſonſt ſo ſichere Hand griff unſicher in die wohlbekannten Taſten; nach und nach kehrte jedoch ihr Muth zurück und die beiden jungen Stimmen ſchmolzen ſo ſanft und mit ſo großer Präciſion zuſammen, daß Luſard bewegt ausrief:„Es iſt ſo lange her, ſeitdem ich ein ſolches Lied hörte, das mich in dieſer verkünſtelten Zeit anſpricht, wie wenn ich ferne von der Heimath meine Mutterſprache hörte. So ſang auch meine Mutter. Ihre Stimme, ihre Lieder klingen noch in meinem Herzen nach. Ich bin mit ſolchen Liedern aufgewachſen. Wenn ſie an ſtillen Abenden zur Guitarre oder zum Planoforte ſang, lauſchte ich ihr als Erwach⸗ ſener mit ſüßer Wehmuth; als Kind tanzte ſch dazu.“ Novellen. II. 11 162 Er ſchwieg und ſchien dieſe Erinnerungen zu ver⸗ folgen: Marlanne ließ ihre großen tiefſinnigen Augen mit einem ſympathetiſchen Ausdruck auf den ſeinen ruhen, der nicht unbeantwortet blieb. Nun kam der Commerzienrath und that ſein Beſtes, um ſeinen Freund zu bewegen, den übrigen Theil des Abends bei ihm und ſeinen Töchtern zu verbringen; aber Luſard, der in Anbetracht der Abweſenheit der Hausfrau die Einladung nicht annehmen wollte, entſchuldigte ſich und fügte hinzu:„Ich habe bereits heute Abend ſo viel Angenehmes in Deinem Hauſe genoſſen, daß ich aus Furcht vor einer Nemeſis nicht mehr auf einmal verlangen darf.“ „Nun, wie Du willſt,“ antwortete der Commerzien⸗ rath:„Vergiß indeſſen nicht, daß Du mir auf über⸗ morgen verſprochen. Du triffſt noch einen alten Bekannten, der aus unſrem zerſtreuten Kreiſe übergeblieben: den früheren Oberhofgerichts⸗Advokaten Dalund.“ Luſard war ſehr erfreut, dies zu hören und nahm ſich vor, ſchon am nächſten Morgen ſeinen und ſeiner Aeltern Freund zu beſuchen. Er dankte den jungen Mäd⸗ chen und ließ ſie ganz bezaubert von ſeiner Perſoͤnlichkeit zurück. Als die Frau nach Hauſe kam, empfing ſie Colette mit einer lauten Lobrede über das elegante Weſen und den feinen Ton des Vetters und vergaß nicht, ſich über das Wohlgefallen zu verbreiten, das er an ihrer und Mariannens Geſellſchaft und Singweiſe gefunden. So⸗ wohl die Frau, als der Commerzienrath waren ſehr un⸗ gehalten: ſie, weil ihr Mann in ihrer Abweſenheit einen Fremden empfangen, er, weil ſie ohne ſein Wiſſen in Geſellſchaft gegangen und überdies warf er ihr vor, daß die beiden kleinen Mädchen erſt kürzlich von einem für ſie hoͤchſt unpaſſenden nächtlichen Vergnügen nach Hauſe gekommen. Alle gingen mißvergnügt zu Bette, mit Aus⸗ nahme von Colette, die dieſe Streitigkeiten amüſirten. Am nächſten Vormittag war die Familie verſam⸗ 163 melt, als ſich Luſard melden ließ, der diesmal mit großem Vergnügen empfangen und bei der Herrſchaft des Hauſes eingeführt wurde. Frau Waller war noch eine ſchöne Frau, und wenn ſie ſich in guter Laune befand, konnte ſie ſehr angenehm und von einſchmeichelndem Weſen ſein. Sie empfing Luſard auf eine ſehr verbindliche Weiſe, be⸗ klagte ihren boͤſen Stern, der ſich ihrem Wunſche ent⸗ gegenzuſetzen ſcheine, den lieben Freund und Verwandten ihres Mannes zu ſehen; ſie ſtellte ihm ihre beiden jüngſten, ſehr ſchönen Kinder vor, die ſich ihm, vollkommen einge⸗ lernt in dem ſogenannten Anſehen der Perſon, mit verbindlicher Freundſchaft näherten. Luſard war entzückt über das häusliche Glück ſeines Verwandten; und die Huldigung, die er der Frau erzelgte, war ein ehrlicher Ausdruck des Mohlgefallens, das ſie ihm einfloͤßte. Er ſagte nun, daß er zu ſeiner Entſchuldigung wegen des heutigen Beſuches im Hauſe geſtehen müſſe, die nächſte Veranlaſſung ſei die Abſicht geweſen, den Herrn Commer⸗ zienrath einzuladen, mit ihm und Dalund zu Mittag ſpeiſen zu wollen. Mit heiterem Geſichte willigte der Commerzienrath ein und Luſard ſagte:„Wie hat es mich erfriſcht, Dalund zu ſehen. Wie er ſelbſt ſagt, iſt er über achtzig Jahre uad doch iſt er noch ſo geiſtig jung, ſo körperlich kraftig. Er nimmt jeden Tag eine kleine Wanderung vor. Die Sonne, die friſche Luft, ſagt er, ſind Lebensbedingungen für die ſchwachen Alter,— das Kind und den Greis. Er kmmt mir munterer vor, als vor dreißig Jahren. Seine Wohnung iſt ſo außerordent⸗ lich hübſch, er fand Gefallen daran, ſich mit Kunſtwerken zu umgeben, mit Blumen, mit tauſend kleinen Verſchö⸗ nerungen, um die er ſich in jungen Jahren nicht kümmerte. Er ſagte:„Wenn wir alt werden, ſo kommt es uns vor, als ob die kleinen angenehmen Gewohnheiten eben ſo viele Bande wären, die uns an das Leben knüpfen. In der Jugend fordert man ſo große Dinge vom Leben, im Alter wird man wieder Kind, man iſt genügſamer, man freut 164 ſich über kleine Dinge, man hat ſein Spielzeug lieb und kümmert ſich nicht ob dem Gedanken, daß man es bald andern überlaſſen muß. 3 „Er hat doch auch ein glückliches Alter,“ antwortete der Commerzienrath:„Er wohnt bei ſeinem Bruderſohn, dem er vor längerer Zeit ſeine Geſchäfte und einen Theil ſeines Vermögens übertragen. Der jüngere Dalund und ſeine Familie ehren den Onkel wie einen Vater und tragen ihn auf den Händen.“ Luſard fuhr fort:„Ich finde den alten Mann ſo liebenswürdig. Der kleine Anſtrich einer ſarkaſtiſchen Laune, der ihn auszeichnet, vereinigt ſich auf eine ange⸗ nehme und gefällige Weiſe mit einem tiefen Gefühle, das einen Hauptzug ſeines Characters bildet.“ Bei dieſen Worten ſah der Commerzienrath ſeine Frau mit einer Miene und Geberde an, welche deutlich ſagte:„Da kannſt Du hören!“ ein ſtummes Geſpräch, das die Frau jedoch nur heimlich beantwortete, indem 1 ſie ihrem Manne die Spitze ihrer roſenrothen Zunge zeigte, worauf man ſich beiderſeits höchſt erfreut über einander trennte. Das Einzige, was die Frau an ihrem neuen Verwandten auszuſetzen hatte, war die Eigenſchaft, daß er das Däniſche wie jeder andere Eingeborene ſprach, während ſie gehofft hatte, daß ſeine eigentliche Mutter⸗ ſprache das Franzöſiſche ſein werde, das ſie mit ziemlicher Fertigkeit ſprach. Wie verabredet, holte Luſard den alten Dalund ab, und während er ihn nach der Reſtauration führte, ſprach er mit Wärme von ſeiner Freude, den Commerzienrath in ſo glücklichen Verhältniſſen zu finden, an der Seite* einer ſo ſchönen und angenehmen Frau, worauf Dalund antwortete:„Ja, ich will Ihrem Urtheil in dieſer Hin⸗ ſicht vorgreifen. Sehen Sie mit Ihren eigenen Augen, und ich prophezeie, daß es nicht lange dauern wird, bis Sie Ihr Lob ſeines häuslichen Glückes zurücknehmen.“ Am folgenden Tage fand die beſprochene Geſellſchaft. 165 im Hauſe des Commerzienrathes ſtatt. Alles war hübſch und geſchmackvoll eingerichtet. Die Frau wußte, was ſchön und angenehm war; ihre häusliche Thätigkeit be⸗ ſchränkte ſich jedoch auf das, was in die Augen fiel, und bei ſolchen Gelegenheiten, wie große Geſellſchaften und dergleichen, war ihr Eifer ſo unruhiger und peinlicher Natur, daß er oft ein Stein des Anſtoßes für die ſtille, be⸗ ſcheidene Wirkſamkeit wurde, mit der Marianne Alles zu ordnen wußte. An dem genannten Tage, als die Familie ſich ver⸗ ſammelte, um die eingeladenen Gäſte zu empfangen, tra⸗ ten Marianne und Colette in ſchneeweißen, einfachen Kleidern, mit ſchönen Haargeflechten und glänzenden Locken ein. Die der Erſteren waren dunkelblond, die der Anderen dunkelbraun. Ihr Vater, welcher allein im Zimmer war, ging ihnen entgegen und betrachtete ſie mit Wohlgefallen. Er ſlreichelte Mariannen die gerötheten Wangen, und ſagte:„Meiner kleinen, flinken Haushälterin iſt vor lauter Geſchäftigkeit ganz heiß geworden.“ Im ſelben Augenblicke trat die Frau ein und ſagte lächelnd:„Es iſt ordentlich rührend, einen ſentimentalen Papa zu ſehen, der ſeinen großen Mädchen ſchmeichelt.“ Die Frau war ſehr elegant gekleidet, und trug über ihrem geſchmackvollen Kleide eine außerordentlich pracht⸗ volle ſogenannte Echarpe von glänzenden Farben und mit Gold durchwoben. „Was iſt das für ein prunkender Shawl, oder wie es heißt?“ fragte der Commerzienrath. „Ich habe ihn zum Geſchenke bekommen,“ antwor⸗ tete ſie. „Von wem?“ „Von dem Hoffunker.“ „Was iſt das? Nimmſt Du Geſchenke von jungen Herren? Das will ich mir verbeten haben.“ „Kümmere Dich nicht darum. Da kannſt Dir den⸗ ken, daß das auf eine Weiſe geſchehen, die durchaus 166 nichts Anſtößiges hat. Ich denke doch, daß mein Ruf und meine Aufführung derart ſind, daß jede kritiſche Bemerkung überflüſſig erſcheint.“. „Aber ſolche Geſchenke...“ Sie unterbrach ihn:„Das verſtehſt Du nicht. In unſern Zeiten iſt es ganz allgemein, Geſchenke anzunehmen und zu geben. Wenn man zu Damen am Geburtstage, bei Confirmationen und andern dergleichen Gelegenheiten kömmt, ſo iſt ein ganzer Bazar von Geſchenken ausge⸗ breitet. Meine Couſine Malle und ihre Töchter brauchen ſich beinahe nie etwas anzuſchaffen, ſie kleiden ſich beinahe nur von Geſchenken.“ Der Commerzienrath ſchüttelte den Kopf.„Dieſe Mode werde ich in meinem Hauſe nicht dulden.“ Colette ſtieß ihre Schweſter und flüſterte ihr zu: „Was ſagte ich! Da kannſt Du hoͤren, und Du noͤthigteſt mich, die huͤbſcheſte Broche abzuſchlagen.“ „Es wird Dich nicht reuen,“ flüſterte Marianne. Die Geſellſchaft, welche ſich in dem jetzigen Waller⸗ ſchen Hauſe verſammelte, war von ganz anderer Beſchaf⸗ fenheit, als die, welche vor fünfzig Jahren in demſelben Speiſezimmer die Wände von ihren Liedern und leben⸗ digen Geſprächen widerhallen ließ. Sie beſtand aus Herren und Damen der Famllien, bei welchen der Com⸗ merzienrath eingeladen zu werden pflegte. Dazu noch einige junge Herren, wie der genannte Hofjunker, Herr Arnold und ein paar ſogenannte Schöngeiſter von der gleichfalls ſogenannten neuſten Schule der Literatur. Als der Herr des Hauſes Luſard und die übrigen Gäſte einander vorſtellte, war nicht eine einzige Perſönlichkeit da, die ihm auch nur dem Namen nach bekannt geweſen wäre. Bei Tiſche erhielt er ſeinen Platz neben der Dame des Hauſes, und am unterſten Ende des Tiſches ſaß Herr Arnold zwiſchen den beiden jungen Töchtern in einem Geſpräche begriffen, das Luſards Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ungeachtet er kein Wort davon hören konnte. 167 Colette beeilte ſich nämlich, Herrn Arnold in Kennt⸗ niß zu ſetzen, daß ſie ſeine Commiſſion bei ihrer Schwe⸗ ſter ausgerichtet.„Und wiſſen Sie, was ſie antwortete?“ fügte das leichtſinnige Mädchen hinzu.„Sie antwortete: Der Ton, den ſich Herr Arnold gegen mich erlaubte, verdient eine weit ernſt ichere Antwort, als die, welche ein armes Mädchen, wie ich, ihm zu geben den Muth hat.“ Marianne gerieth über das vorlaute Weſen der Schweſter in große Verlegenheit. Da jedoch Herr Arnold eine Erkläͤrung verlangte, ſagte ſie:„Ja, das habe ich geſagt. Wenn mein Vater die Art bemerkte, wie Sie mit mir umgehen, oder wenn ich einen Bruder hätte, ſo würde er Ihnen ſagen, daß ich Ihnen nie Veranlaſſung gegeben, ſich mir mit jener unpaſſenden Vertraulichkeit zu nahen, die Sie ſich erlauben. Ich habe Ihnen zum Bei⸗ ſpiel nie geſtattet, Du zu mir zu ſagen, ſo vieles An⸗ deren gar nicht zu gedenken, weßhalb ich Sie bitte, mich zu verſchonen.“ Arnold fühlte ſich ordentlich imponirt durch des jungen Mädchens ernſtliche Anrede.„Vergeben Sie mir,“ antwortete er verlegen,„ich glaubte mich zu Ihrer Ver⸗ wandtſchaft zählen zu dürfen, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ich nicht einen jungen Herrn Sie ohne wei⸗ teren Anſtoß dutzen hörte.“ Marianne erröthete, antwortete jedoch nach kurzer Pauſe:„Das müßte ein naher Verwandter ſein, der mich von Jugend auf kannte, im Uebrigen iſt es etwas, was nur ich ſelbſt geſtatten oder verweigern kann.“ Nach dieſem Geſpräch nahmen die Geſichter und das Weſen der Betreffenden einen ganz eigenthümlichen Ausdruck an. Marjanne fühlte ſich beſchämt bei dem Ausdrucke der Heftigkeit, mit welchem ſie ihr gutes Recht vertheidigt hatte, während auf der andern Seite das Un⸗ gewöhnliche in dem ſonſt ſo ſtillen, zurückhaltenden Weſen des jungen Mädchens Arnold frappirte und beinahe wi⸗ der ſeinen Willen geſtel ſie ihm mehr denn je. Er be⸗ 168 trachtete ſie ſtumm von der Seite und ſuchte auf beſchei⸗ dene und verſoͤhnende Weiſe ein Geſpräch einzuleiten, während ſie ihm mit wohlwollender, aber verſchämter Miene antwortete. Luſard, welcher aufmerkſam die beiden Perſonen betrachtete, ging es, wie es leicht geht, wenn man ein pantomimiſches Schauſpiel ſieht, ohne das Pro⸗ gramm geleſen zu haben: er legte der pantomimiſchen Vorſtellung einen Sinn unter, der dem richtigen geradezu entgegengeſetzt war, und glaubte, eine kleine Liebesſcene zu ſehen, die ſich in den Schleier des Geheimniſſes ein⸗ zuhüllen ſuche. Manche Gedanken und Betrachtungen kreuzten ſich in ſeinem Kopfe bel dieſer vermeintlichen Entdeckung. Die Frau bemerkte ſeine Zerſtreutheit.„Ich freue mich in der Stille,“ ſaate er,„über den jungen Theil meiner für mich neuen Familie. Sie ſelbſt ſind noch ſo ſchön und jugendlich und haben berelts eine ſo erwachſene Tochter. Es iſt ein angenehmer Anblick, dieſe beiden jungen Mädchen zuſammen zu ſehen.“ Die Frau lachte. Sie ſind allzugut.„Es wäre eine Sünde, zu behaupten, eine von ihnen ſei ſchoͤn.“ „Ich will nicht ſagen, daß es regelmäßige Schönhei⸗ ten ſind, aber ich möchte ſie hübſche, angenehme Erſchei⸗ nungen nennen. Die jüngſte iſt erſt halb entwickelt, aber man freut ſich, ihre friſche Jugend zu ſehen, es ſprudelt von Leben und Geſundheit, und die älteſte iſt ſo fein, ſo ätheriſch, daß man beinahe fürchten könnte, ſie möͤchte wie die Nymphe Echo verſchwinden, und ſich in eine Stimme verwandeln, um ſo mehr, als ſie eine außeror⸗ dentlich klare und ſanſte, ja ruhrende Stimme beſitzt, die nicht wie Echo Antwort gibt, ſondern Antwort findet in der menſchlichen Bruſt. Ich hatte vorgeſtern die Freude, ſie und ihre junge Schweſter fingen zu hören, und ihr Geſang,— um bei dem Gleichniſſe zu bleiben — klingt noch in meinem Herzen nach.“ Die Frau lachte laut.„Ihr Geſang iſt aber ohne — 169 alle Schule und lohnt nicht der Mühe, ihn anzuhoͤren. Ich kann nicht begreifen, was Ihnen ſo ſehr an unſrer Maren gefällt.“ „Maren?“ erwiederte Luſard.„Sie heißt ja Ma⸗ rianne.“ „Wir nennen ſie Maren.“ „Nie konnte ein Name ſchlechter paſſen.“ „Nein, verzeihen Sie, das paßt gerade ſehr gut; es iſt ein hoͤchſt unbedeutendes Mädchen und dabei ſehr häßlich gewachſen, und meine eigne Tochter, die wirklich hübſch zu werden verſprach, wird nun ſo groß und ſchwer⸗ fällig, daß ſie mit der Zeit einen tüchtigen Grenadier abgeben wird.“ Dalund, welcher in der Nähe ſaß, ſagte lächelnd: „Was Sie von Ihrer Tochter ſagen, iſt ja ein Vorzug mehr, da ein ſolcher Wuchs zur Mode der Zeit paßt. Jeder kann bemerken, was die jüngſte Generation angeht, daß die Frauenzimmer immer groͤßer und die Maͤnner immer kleiner werden. Das muß mit der vielbeſproche⸗ nen Emanzipation der Frauen zuſammenhängen.“ Luſard ſagte:„So wie die kleine Colette iſt und wie ſie daſitzt, erfreut ſie mein Auge und bildet mit ihrer Schweſter ein hübſches Tableau.“ Dalund wandte ſich an die Frau und ſagte mit ironiſchem Lächeln:„Man merkt doch an Luſard, daß franzoͤſiſches Blut in ſeinen Adern fließt, denn er weiß immer jedem etwas zu ſagen, und da nun der ganzen Welt bekannt iſt, daß nichts einer Mutter mehr ſchmeichelt, als wenn ſie ihre Toͤchter loben hört, ſo will er ſich inſinuiren....“ Die Frau unterbrach ihn mit ungehaltener Miene: „Nein, Herr Etatrath! Sie müſſen entſchuldigen, dieſer Schwachheit weiß ich mich nicht ſchuldig. Ich kann, Gott ſei Dank! meine Kinder recht gut beurtheilen, Meine eignen ſind noch ganz klein und Colette iſt im Augenblick ein unangenehmes Mädchen. Aber meine beiden 170 jüngſten Madchen ſind anmuthig und ſehr begabt von der Natur. Das wird Niemand leugnen, der ſie kennt.“ Luſard, welcher ahnte, daß er das Geſpräch auf ein unglückliches Gebiet geführt, lenkte nun auf etwas an⸗ deres über und ergriff die Veranlaſſung, ſeine Freude hüber die mancherlei Fortſchritte im Nützlichen und An⸗ genehmen hervorzuheben, welche ſeine Vaterſtadt in den dreißig Jahren gemacht, welche er ſie nicht beſucht hatte. Er ſagte:„Dreißig Jahre ſind eine lange Zeit für den einzelnen Menſchen, aber für das Menſchengeſchlecht iſt Pes nur ſehr kurz, und muß man ſich nicht verwundern, wenn man die Entdeckungen in den Wiſſenſchaften, die Erfindungen für Erleichterung und Verſchönerung des Le⸗ bens bedenkt, welche in dieſem Zeitraum gemacht worden ſind? Wer ließ ſich in früheren Zeiten von Dampfſchiffen, von Eiſenbahnen träumen, die den Menſchen für den Mangel an Flügeln tröſten zu ſollen ſcheinen. Und dieſe neuen Unternehmungen, dieſe Induſtrie auf allen Seiten, wie viele Gelegenheit zum Verdienſt hat ſie nicht den arbeitenden Claſſen gegeben, wie weit geſchmackvoller und angenehmer iſt das häusliche Leben dadurch geworden! Mit großem Vergnügen war ich in dieſen Tagen Zeuge des Volkslebens, das ſich hier rührt. Ich wanderte in der Umgegend umher und amuſirte mich vortrefflich bei dem Beſuche der verſchoͤnerten Unterhaltungsorte, welche wie aus der Erde aufgeſtiegen ſind. Tivoli zum Bei⸗ ſpiel gefällt mir außerordentlich. Die vielen Menſchen der verſchiedenſten Claſſen, welche ſich dort zu demſelben Zwecke verſammeln, nehmlich ſich auf unſchuldige und anſtändige Weiſe zu unterhalten— das Alles bietet einen hüſchen Anblick für Aug' und Herz.“ Ein Herr antwortete;„Ich kann dieſer Meinung nicht unbedingt belpflichten. Die Unterhaltungsſucht, die wie eine Epidemie ſich mehr und mehr ausbreitet, iſt der Grund der Zerrüttung des häuslichen Wohlſtandes, des Famillenlebens und damit auch der Moralität. Ich kenne —.,— — 171 Familien, die in Ihrem Hauſe mit einer— ich moͤchte ſagen,— unanſtändigen Kargheit leben, Kinder und Dienſt⸗ leute die wirklichen Bedürfniſſe des Lebens entbehren laſſen, um ihrer Vergnügungsſucht und Eitelkeit zu fröh⸗ nen. Die Schwachen haben zu viel Verſuchung. Die Thüren zum Miß rauch ſtehen allzu offen.“ „Was kann nicht mißbraucht werden?“ antwortete Luſard.„Die, welche nicht die Kraft haben, auf den Füßen zu ſtehen, werden immer ſtraucheln, über das Eine oder Andere. Ich kann nicht umhin, es zu billigen, daß der, welcher am Tage arbeitet, Abends einen Ort finde, wo er ſich auf eine anſtändige, hübſche Art unterhalten kann, und dazu noch unbemerkt unter der Menge.“ „Ja,“ rief Dalund:„Unbemerkt unter der Menge. Durch dieſen Zuſatz erhalten Sie vollkommen Recht. Der⸗ jenige, welcher mit dieſem Wunſche kommt, er kommt ge⸗ woöhnlich, um ſich zu zerſtreuen und auszuruhen— im Tivoli, wie im Thiergarten und an andern Orten. Die ſtille Buͤrgerfamilie, welche während des Tages oder der Woche fleißig war, und welche gegen Abend oder am Sonntag in ihrer dürftigen Kleidung hinausgeht, fährt oder ſchifft, um ſich zu erfriſchen, der muß Jedermann mit wohlwollender Achtung begegnen. Aber das, was in dieſer, wie in mancher andern Richtung zu tadeln iſt, iſt die thö⸗ richte Gitelkeit, welche bewirkt, daß die Mehrzahl, nament⸗ lich junger Mäͤnner und Damen, nicht geht, um zu genießen, ſondern um geſehen zu werden. Wenn ich, wie das häuftg der Fall, dieſe Frauen und Madchen der einfachſten bür⸗ gerlichen Klaſſe in ihrem von Putz und Staat überla⸗ denen Coſtume begegne, ſo zeigt ſich's gewöhnlich bald, daß dieſe Damen keine Damen ſind, und ich huldige dann leicht der Meinung, daß die häufige Veranlaſſung, ſich zu zeigen, ſeine Freude außerhalb des häuslichen Kreiſes zu ſuchen, die gäng und gäbe Repräſentatlonsluſt naͤhrt, welche lächerlich und demoraliſirend iſt.“ Luſard ſagte:„Dieſe Geſchmackloſigkeiten und dieſer Mangel an Tact werden ihre beſte Zurechtweiſung darin finden, daß die gebildetere Geſellſchaft ſich mit der unge⸗ bildeteren vermiſcht und verbeſſert.“ „Die wirklich gebildeten Menſchen find ſehr ſelten,“ ſagte Dalund,„und man findet ſie nicht auf der Straße, wie das Sprüchwort ſagt.“ Ein älterer Herr meinte:„Man mag indeſſen von der Jetztzeit, ihrer Eitelkeit u. ſ. w. ſagen, was man will, ſo wird doch Niemand, der ein vorausgegangenes Zeitalter erlebt hat, leugnen können, daß es weit unmo⸗ raliſcher war, als das jetzige. Während, vor und einige Zeit lang nach der franzöſiſchen Revolution ging das Laſter ſtolzen Hauptes umher. Spott mit dem Heiligſten, unerlaubte Liebesgeſchichten gehörten zur Tagesordnung und entehrten Niemand. Die berühmteſten Schriftſteller, Voltaire, Wieland und Andere, prieſen den Leichtſinn als etwas Liebenswürdiges an. Rouſſeau, der beinahe wider ſeinen Willen daſſelbe that und dazu mit hinreißender Schwärmerei, machte das Schlimme noch ſchlimmer; und mehr als Einer folgte bei uns dieſem Beiſpiel. In unſern Tagen dürfte es doch Niemand wagen, Religion und Sittlichkeit zu verſpotten. Das Verhältniß der Ehe iſt en und treu, und der Gottesdienſt wird in Ehren ge⸗ alten.“ Dalund ſagte mit halbleiſer Stimme, welche ſich jedoch mehr und mehr hob und zu immer größerer Volubi⸗ lität anwuchs:„Ich bin ein alter Mann. Es iſt deßhalb zu verzeihen, wenn ich mit großer Vorliebe auf die Jahre zurückblicke, als auch ich in des Lebens Arcadien war. Ich werde nicht die Sitten und den Ton vertheidigen, die ſich von den Zeiten der franzöſiſchen Höfe über die Welt verbreiteten, oder die Roheit, womit die franzoͤſiſche Re⸗ volution in die heiligſten Verhältniſſe eingriff. Ich ließ mich von dieſen Strömen nicht mit fortreißen, ſo lange ſie noch brausten. Auch werde ich nicht leugnen, daß bereits viel damit gewonnen iſt, daß die Menſchen in 173 unſern Zeiten elne äußerliche Ehrfurcht vor dem Heiligen und Unſträflichen zeigen, und ſo in gewiſſer Weiſe mit oder gegen ihren Willen ſich vor dem Guten beugen. Bel alle dem glaube ich aber doch behaupten zu können, daß dieſe ſelben Laſter und Verirrungen als Schwarzelfen (böſe Genien) lebendig unter uns wandeln, nur unter ver⸗ änderten Masken und Geſtalten. Ich will damit durchaus nicht ſagen, daß ſie überall Eingang finden; ich ſpreche natürlicher Weiſe im Allgemeinen, nicht von Ausnahmen, welche es, Gott ſei Dank! überall und immer gibt. Man hält die Religion in Ehren, ſagen Sie. Ich antworte: „Es iſt kein Ernſt.“ Sowohl bei uns, als anderwärts gibt es eine Partei, welche öffentlich ſagt: die chriſtliche Religion iſt antiquirt, das Evangelium iſt eine Mythe und was Diejenigen unter uns betrifft, welche den Got⸗ tesdienſt frequentiren,— wie viele unter ihnen, es iſt ſchmerzlich, es ausſprechen zu müſſen, gebrauchen ihre Gottesfurcht als Coqueiterie! Wie wenige ſind Derer, die in ſtiller Betrachtung die Worte, die ſie gehoͤrt, auf ihr eigenes Leben anwenden, ihr eigenes Innere prüfen, und gerechter nach Hauſe zurückkehren, als ſie gekommen, wie jener Zöllner im Evangelium! Koͤnnte das nicht auch zu den religiöſen Gefühlen gerechnet werden, das bei an⸗ dern Menſchen zu ehren, was von Gott iſt, das Große, das Edle? etwas auch bei Menſchen anzunehmen, vor welchen man ſich beugen muß? zu glauben, daß man im Einen und Andern Grund haben koͤnnte, eine Autorität anzunehmen? ſoviel Nationalgefühl zu haben, daß man ſtets bereit iſt, vie zu vertheidigen, welche zur Ehre und Cultur der Natlon beigetragen? Thun wir das? Laſſen Sie Jemanden ſein ganzes Leben der Aufgabe widmen, einen Strahl vom Himmel auf die Erde herabzubringen, laſſen Sie das Scherflein, das er auf den Altar des Va⸗ terlandes gelegt, ſo groß ſein, daß jeder, bewußt oder unbewußt, ſeinen Theil davon genoſſen,— aber ſein Wir⸗ ken iſt im unſichtbaren Reiche des Gedankens, die nicht 174 wie Thorwaldſens Werke mit körperlichen Augen geſehen und mit Händen gegriffen werden koͤnnen— laſſen Sie einen ſolchen Mann, ſage ich, mal eine Ueberzeugung ver⸗ fechten, die mit Recht oder Unrecht gegen den Geſchmack des Zeitaltens ſtreitet, und ſehen Sie dann, mit welch' empoͤrendem Hohne und mit welcher Verachtung die klei⸗ nen Vögel die Eule der Minerva umflattern und ihr die großen Federn auszureißen ſuchen, die doch Niemand ſich zueignen kann. Iſt das nicht Mangel an Chrfurcht vor dem, was uns heilig ſein muß? Und nun unſere Sitten! das Familienleben! Wird es von einem einzigen Bande zuſammengehalten, das feſthält? Von dem der Liebe? Ich bin weit entfernt, leugnen zu wollen, daß man heut zu Tage ſeltener als vor einem halben Jahunderte verhei⸗ rathete Frauen findet, welche in Liebesverhältniſſen ſtehen, aber ſtatt dieſes Verbrechens iſt heut zu Tage daß Liebeln Mode geworden. Iſt das um pieles beſſer?“ „Ja,“ antwortete der früher genannte Herr:„In ſeinen Folgen iſt es minder ſchlimm und an ſich ſelbſt auch minder unedel.“ „Das iſt, wie man es nimmt. In der vergangenen Zeit, die wir mit der gegenwärtgen vergleichen, war die Liebe eine große Macht. Sie iſt entthront, wie ſo manche andern großen Potentaten. Sie gehört nun, wie ich einſt las, zu den verlorenen Künſten. Aber die Liebe, wenn ſie wirklich dieſen Namen verdient, iſt an ſich ſelbſt etwas Edles und Schönes. Muß man ſie auch in ihren Ver⸗ irrungen verdammen, ſo kann man ſie doch nicht verach⸗ ten. Aber die Liebelei kann man nur verachten. Die Feh⸗ ler der Liebe ſind menſchlich, aber die der Liebelei könnte man dämoniſch nennen, denn ſie ſind wie Geſpenſterſpuk, wie Schatten, die in ſich ſelbſt leer und ohne Seele ſind.“ „Ja, was verſtehen Sie unter Llebelel? Meinen Sie jene verzeihliche, weibliche Eitelkeit, die ſich freut, wenn ſie gefällt? Nach meiner Anſchauung kann ſie bisweilen die Anmuth einer jungen Dame erhöhen, und wenn ſie 175 auch dann und wann elwas zu weit gehen möchte, ſo kann ſte doch nicht mit der Gewiſſenloſigkeit verglichen werden, die eine Frau die Treue vergeſſen läßt, welche ſie ihrem Manne vor Gottes Angeſicht gelobt hat, ein Vergehen, das bisweilen Verderben über Haus und Kinder bringt.“ „Ich verſtehe unter Liebelei jenes treuloſe Spiel mit der verbotenen Frucht, die kleinen Liebesverhältniſſe, die weder Geiſt, noch Herz, ja kaum irgend ein geſundes menſchliches Gefühl berühren, deren Daſein man aber doch ſorgfältig vor Mann und Aeltern verbirgt, ſo lange ſie dauern und ſpäter verleugnen kann, ſogar vor ſeinem eigenen Gewiſſen, wie man einen leeren Traum fortraiſo⸗ nirt, was uns möglich macht, eine Phariſäergerechtigkelt zu bewahren und vor Gott und Menſchen mit einer Tu⸗ gend zu prahlen, welche eigentlich keine Probe beſtanden; denn unſere jungen Herren ſind keineswegs ſchwärmeriſche oder leidenſchaftliche Liebhaber; ihr Werben um die Gunſt einer Dame iſt nicht wirklicher Ernſt; ſie, wie die Damen, ſuchen blos einen Triumph ihrer Eitelkeit, Worte, um unwiderſtehlich zu ſein und ein Intereſſe, das die fatale Zeit ausfüllen kann. Aber— ich merke, daß der Advo⸗ kat noch in meinem Kopfe ſpukt, und daß ich träume, ich ſtünde als Defenſor der verſchwundenen Jahrhunderte in den Schranken.“ „Oder als Actor gegen das jetzige,“ bemerkte der zuvor genannte Herr. „Ja,“ antwortete Dalund mit einem gutmüthigen Lächeln:„In beiden Fällen kann ein Work leicht mit unter laufen.“ Ungeachtet der Wärme, womit dieſer Disput geführt wurde, war Dalund doch nicht ſo laut geweſen, daß ſeine Rede die übrige Geſellſchaft verhindert hätte, in kleinen Gruppen an aparten Geſprächen Theil zu nehmen, ohne ſich von der Converſation ſtoͤren zu laſſen, der die nächſte Umgebung lauſchte. Frau Waller, welche dazu gehörte, ſagte leiſe zu Luſard:„Es war Zeit, daß das 176 lange Predigen ein Ende nahm. Der Dalund iſt ein unerträglicher Menſch. So alt er iſt, ſo unmoraliſch iſt er noch. Seine eigne Geſchichte iſt nicht gerade ſehr erbaulich, ich will mich nicht auf dieſen Gegenſtand ein⸗ laſſen, aber man braucht nicht aus dieſem Hauſe oder dieſer Familie hinauszugehen, um ſolche Scandale in jenen Zeiten zu finden, die er vertheidigt, daß man ſie nicht mal erzählen kann.“ Luſard ſchwieg, dachte jedoch bei ſich ſelbſt:„Ent⸗ weder muß dieſe Frau durchaus unbekannt mit der Ge⸗ ſchichte meiner Aeltern ſein, oder beſitzt ſie einen ſchlechten Ton. Ich will das Erſte annehmen.“ Nachdem der Caffe ſervirt war, ſetzte ſich die Frau, auf den Wunſch mehrer in der Geſellſchaft, an das Piano⸗ forte und trug eine große und ſchwierige Compoſition mit viel Fertigkeit vor. Luſard hörte mit Bewun⸗ derung die überwundenen Schwierigkeiten, da der Kunſt⸗ genuß jedoch ſehr lange dauerte, war er doch ſehr zu Dank geſtimmt, als er endlich ein Ende nahm, und gab mit Freuden ſein Schärflein zu dem Opfer des Dankes und des Lobes, das ihr von allen Seiten gebracht wurde. Als einige andere Damen und Herren nun auch an der muſikaliſchen Unterhaltung Theil nahmen, ſchlich ſich Luſard in das anſtoßende Cabinet, wo er Dalund allein ſitzen ſah. „Ich ſitze hier,“ ſagte dieſer,„in ſtiller Betrachtung über die ſtumme, ernſte Sprache, mit der uns die lebloſen Dinge anregen. Es iſt mir, als ob die Wände in dieſem Cabinette zu mir ſagten:„Erinnerſt Du Dich, alter Freund, wie Du ſo manchmal auf derſelben Stelle ſaßeſt und durch dieſe offene Thüre eine Geſellſchaft ſich be⸗ wegen ſahſt, von welcher nur Du allein übrig biſt? wie Du hier Geſang und Muſik hörteſt, von ganz anderer Art, als dieſe? Erinnerſt Du Dich, wie Du eines Tages allein hier ſaßeſt, und die ſchöne Claudine eine Romanze fingen hoͤrteſt, die wie eine wehmüthige und ſüße Ahnung 177 Dein Inneres durchklang? und wie Du ſie ſpäter, ohne daß ſie Deine Nähe bemerken konnte, mit kindlicher Luſt drinnen tanzen ſahſt?— ſo wunderbar iſt die Illuſion einer Sympathie, welche der Menſch bei den lebloſen Dingen vorauszuſetzen ſcheint, während es uns in älteren Jahren beinahe nie einzufallen ſcheint, uns eine ſolche bei unſern Nebenmenſchen zu denken.“ 4 „Da verſichere ich Ihnen,“ antwortete Luſard,„daß ich mit Ihnen bereits in ähnlichen Gedanken ſympathi⸗ firt habe. Ich habe gerade heute mit wehmüthiger Erinnerung an einen Tag zurückgedacht, den ich vor dreißig Jahren in dieſen ſelben Zimmern zubrachte, welche, wie wir, ſich nicht mehr zu gleichen ſcheinen, und doch dieſelben geblieben ſind. Der alte Großonkel war von der Anweſenheit meiner Aeltern ſo heiter geſtimmt, er wußte nicht, was er alles auffinden ſollte, um mit tauſend Aufmerkſamkeiten jede Spur eines früheren Mißverſtänd⸗ niſſes auszulöſchen. Meine Aeltern waren Beide ſo auf⸗ geräumt, ſie kamen mir ſo jung und ſchön vor.“ „Ja, das waren ſie auch noch. Einſt ſaß ich in jener Zeit in vertraulichem Geſpräch mit Ihrer liebens⸗ würdigen Mutter zuſammen, und es war mir wirklich, als ſähe ich beſtändig die junge, ſchöne Claudine aus meinen glücklichen Tagen, obwohl ſie ihren achtzehnjährigen Sohn nach ihrer früheren Heimath brachte, und nie ſah ich zwei Gatten, deren inniges Glück mir ſo unzweifelhaft erſchien, als Ihre Aeltern.“ „Ja, ſie waren glücklich, und ich mit ihnen. Meine Jugendheimath ſteht noch vor meiner Erinnerung wie ein Paradies. Eine Ruhe, ein Frieden, eine Schoͤnheit, welche kein Wort beſchreiben kann, war über unſer Leben ergoſſen. Eine unſägliche Liebe, eine innige Seelenfreude erfüllte uns. Unſer heiteres gaſtfreies Haus war ein Sammelplatz gebildeter Menſchen, welche aus der Um⸗ gegend und aus fernen Orten kamen, uns mit ihrer Novellen. II. 2 178 Gegenwart erfreuten und geiſtige Anregung brachten; und der Betrübte, Der, welcher nach Hilfe und Troſt ſich ſehnte, kehrte nie von uns heim, ohne ſeinen Segen über unſere Wohnung auszuſprechen.“ 4 „Ja, es iſt ein Segen in ſolcher Menſchen Nähe. Die anderthalb Jahre, welche Ihre Aeltern hier in der Stadt zubrachten, bildeten gleichſam einen Wendepunkt in meinem damaligen melancholiſchen Zuſtande, der ſeit vielen Jahren in längeren oder kürzeren Perioden wie⸗ derkehrte, während welchen ich jede menſchliche Geſellſchaft ſcheute. Aber der Umgang mit dieſen alten Freunden, der Anblick ihres Glückes, die vertraulichen Mittheilungen ihrer überſtandenen Schickſale, das lange vermißte Gluͤck, mein eignes Herz vor erprobten Freunden ausgießen zu können, all' dies unerwartete Gute erfriſchte meinen kranken Sinn und ſang meinen Kummer in den Schlaf. Sie reiſten mit Freuden und muntern Plänen heim, aber ich vermißte ſie unbeſchreiblich.“ 5 „Die munteren Pläne, mit welchen wir Kopenhagen verließen, gingen nicht in Erfüllung, und die heitere Stimmung in unſrem Hauſe litt eine Zeit lang großen Abbruch. Sie wiſſen gewiß, daß meines Vaters Plan, ſeine Heimath mit meiner Mutter und mir zu beſuchen, vereitelt wurde— wie ganz Europas Ausſehen nach der Schlacht bei Leipzig und Napoleons Verweiſung nach * Elba ein anderes wurde. Dieſe Begebenheiten, die ſo⸗ gleich nach unſrer Heimkehr eintraten, gingen meinem Vater ſehr zu Herzen. Das ſtolze Vaterland, gede⸗ müthigt und überſchwemmt von den Feinden, dle ſie ſo oft beſtegt, ſo viel edles Blut, auch ſein eignes, wie er glaubte, umſonſt vergoſſen, all' das war für ihn zu ſchwer, um es geduldig zu ertragen. So oft hatte er geſagt, daß nun Dänemark ſein Vaterland ſei, ſo oft hatte er des Kaiſers Mangel an Achtung vor dem Rechte und der Nationalität anderer Völker getadelt: im Augenblick des Unglücks erwachte die frühere Liebe zu ſeinem früheren 179 Anführer, die Begeiſterung für die dreifarbige Fahne er⸗ hielt eine ſolche Macht, daß, als Napoleon von Elba zurückkam, ihn nichts mehr von dem Beſchluſſe zurück⸗ halten konnte, unverzüglich nach Frankreich zu eilen und ſich mit ſeinen früheren Waffenbrüdern zu vereinigen, deren Schickſal und Sieg er in einem ſolchen Augenblick zu theilen für Pflicht hielt. Er flößte mir ſeinen En⸗ thufiasmus ein, die Toͤne der Marſeillaiſe klangen aus meinen Jugenderinnerungen in mir wieder auf und ich bat ihn mit jugendlichen Thränen um die Erlaubniß, ihm zu folgen. Alles wurde zur Reiſe vorbereltet.“ „Aber, mein Gott! was ſagte Ihre Mutter?“ „Ich glaube, daß ſie viele Angſt und Kummer litt, aber ſie widerſetzte ſich dem Willen meines Vaters nicht, ſondern bat inſtändig, mit uns reiſen zu dürfen.“ „Ja, darin erkenne ich die junge Claudine wieder.“ „Aber ihr guter Engel— glaube ich— miſchte ſich in unſre Angelegenheiten. Mein Vater litt ab und zu an Gicht, als Folge ſeiner Wunden und Strapazen im Kriege; dieſe Plage überfiel ihn nun plötzlich mit größerer Heftigkeit als je zuvor; ſeine Ungeduld ver⸗ ſchlimmerte ſeinen Zuſtand und die ſogenannten hundert Tage waren verfloſſen, ehe man an eine Reiſe denken konnte. Er trauerte tief über das Schickſal ſeines Landes und ſeines Kaiſers. Napoleons Unglück erhob dieſen Helden zu einem goͤttlichen Heros in ſeinen Augen. Erſt die Julirevolution tröſtete ihn und erhob ſeinen Muth wieder. Er reiſte nun mit meiner Mutter und mir nach Paris, und wir brachten ein ganzes, höchſt angenehmes Jahr dort zu.“ Dalund ſaß einen Augenblick ſtumm da, dann ſagte er:„Wenn ein Menſch ſo alt, wie ich geworden, ſo ſollte man glauben, er müſſe ſich freuen, die Geliebten bereits in den Hafen eingelaufen zu ſehen, in welchem er ſelbſt bald landen wird; aber ich geſtehe, daß ich doch nur mit Schmerzen daran denken kann, daß Ihre Aeltern für die 180 Erde verloren ſind, auf der ich mich nun befinde. Allzu kurz ſcheint mir das glücktiche Zuſammenleben, das mit ſo viel Widerwärtigkeit und Ausdauer erkauft worden, und namentlich erſchien es mir als eine Ungerechtigkeit des Schickſals, daß Ihre Mutter den Mann überleben mußte, dem ſie mit ſo großer Treue und Liebe ihre Jugend geopfert.“ „Ach, es war auch nur kurze Zeit, nicht mal ein Jahr, daß ſie ihn miſſen mußte.“ „Wie trug ſie ſeinen Verluſt?“ „Still und mild, wie ſie immer Unglück und Glück ertragen. Ich war auf das Unglück nicht vorbereitet, ſie ſo raſch verlieren zu müſſen, obgleich ich wohl be⸗ merkte, daß ſie Tag für Tag mehr hinſchwand; aber ich ſchmeichelte mir damit, daß ihre unbeſchreibliche Liebe zu mir, die ſich nicht einen Augenblick verleugnet hatte, ſie ans Leben binden würde.“. Luſard's Rührung bei dieſen Erinnerungen war ſo groß, daß ſie einen Augenblick ſeine Stimme erſtickte; er faßte ſich indeſſen und ſagte nach einer Pauſe:„Ich hege die feſte Ueberzeugung, daß die Vorausgegangenen in einem unerklärlichen Verhältniſſe zu mir ſtehen. Im Augen⸗ blick des Todes meiner Mutter war es wirklich, als ob der geliebte Gatte ſie auf ſeinen Armen trüge. Sie lag wie in einem ſtillen Schlummer: plötzlich öffnete ſie die Augen, lächelte, breitete ihre Arme aus und ſagte mit lauter Stimme:„Luſard!“ und mit dieſem Namen auf den Lippen verließ ſich mich und die Erde, wie es ſchien ohne Kampf und Schmerz.“ Dalund rief:„O ſelig der, der zum Lohne ſeiner Liebe im Augenblick des Todes ein Bild erblickt, das in ſeinem Herzen nie zu leben aufgehoͤrt, und den die geliebte Hand den dunkeln Weg führt, der ſo nicht dunkel iſt! Ach, wer dürfte hoffen...“ Er unterbrach ſich ſelbſt und ſie ſaßen beide ſtumm da. Die Muſik in dem anſtoßenden Saale hatte indeſſen 181 aufgehört, und gegen den Schluß des obenſtehenden Ge⸗ ſpräches hatte Arnold ſich hinter die offene Thüre zu dem Cabinette geſetzt, und ohne die Abſicht, die drinnen Spre⸗ chenden zu belauſchen, hatte er doch ihre Worte vernom⸗ men. Die Frau kam nun am Arme des Hofjunkers, und Arnold hielt ſie auf, indem er ſagte:„Ich habe hier ge⸗ ſeſſen und mich göttlich amüfirt, indem ich Zeuge eines unvergleichlich ſchönen, ſentimentalen und ſchwärmeriſchen Geſpräches zwiſchen den beiden alten Männern war. Setzen Sie ſich hier zu mir, hinter dieſe Thüre, die die vortreff⸗ lichſte ſpaniſche Wand bildet. Vielleicht kommt noch mehr Dergleichen auf das Tapet.“ Er und der Hofjunker ergriffen jeder eine von den Händen der Frau und zogen ſie auf den kleinen Sopha nieder, auf dem Arnold ſaß. Die Frau ſagte:„Ach, ich kümmere mich nicht um das, was der alte Trödler, der Dalund zuſammenſchwatzt.“ „Ihr vornehmer Herr Vetter,“ antwortete Arnold, „war ebenſo rührend.“ „Laſſen Sie unſern vornehmen Herrn Vetter nur ſein, er iſt weder alt, noch jung, ſondern ein Mann comme il faut.“ „Man kann nicht leugnen,“ ſagte der Hofjunker,„daß er noch außerordentlich hübſch iſt. Er ſoll auch ſehr ſchoͤne Aeltern gehabt haben, denen er gleicht. Mein Vater, der in ſeinen jungen Tagen ſeine verſtorbene Mutter kannte, geräth noch in Ertaſe, wenn er von ihrer Schoͤnheit und Anmuth ſpricht.“ „Ach, was! ihre Schönheit war, wie ihre Tugend, nach der Mode der Zeit.“ „Na, meinetwegen!“ ſagte Arnold:„es iſt ja hübſch, daß Sie ſo viel Geſchmack an dieſem Herrn Montalbert finden, da er moͤglicher Weiſe daran denkt, Ihr Schwie⸗ gerſohn werden zu wollen. Ja, Sie ſehen mich an, als ob ich ſagte, der Mond falle vom Himmel, aber ſoviel 18² iſt gewiß, daß dieſer Herr heute bei Tiſche ſaß und die kleine Marianne betrachtete, als ob er ſie kaufen wollte.“ Die Frau ſchlug ein lautes Gelächter auf.„Der Herr ſchütze Ihren Verſtand. Sie ſehen ja Geſpenſter. Marianne, dieſe Aſchenbrödel.“ „Ja, ja! die Aſchenbrödel machte eine beſſere Par⸗ thie, als einen jütländiſchen Gutsbeſitzer.“ Der Hofjunker ſagte mit ſelbſtgefälligem Lächeln: „Fräulein Waller iſt gewiß ein hübſches, kleines Mädchen, aber das verſteht ſich, an der Seite ihrer Stief⸗ mutter fällt ſie durch; doch wer thut das nicht?“ „Ja,“ rief die Frau,„das werde ich Ihnen ſagen: das Mädchen auf der Oeſtergade, die Ihre Augen und Ihr Herz feſſelte...“ „Was ſind das für Geſchichten? Muß ich das wie⸗ der hoͤren? Ich habe Ihnen ja verſichert, daß ich in den Laden ging, weil mein Auge auf einen ſolchen Shawl fiel, wie Sie ihn ſich gewünſcht hatten, und weil ich zu hoffen wagte...“ 4 Die Frau erhob ſich.„Ja, nun gehe ich zu meinem franzöſiſchen Vetter, denn nun hat ihn, Gott ſei Dank, Dalund verlaſſen, und ich ſehe, er geht und betrachtet die Malereien an der Wand.“ „Erlauben Sie,“ ſagte Luſard zu der eintretenden Frau,„erlauben Sie, daß ich Sie nach einem ſehr hüb⸗ ſchen Bilde frage, einem Portrait der erſten Stiefmutter Ihres Herrn Gemahls, das ich in dieſem Cabinette ver⸗ miſſe? Es hing noch hier, als ich in meinen Studenten⸗ tagen in das Haus kam.“ „Das Portrait? Fanden Sie es ſo hübſch? Ja, da muß ich geſtehen, daß ich es ſchon vor langer Zeit aus dem Hauſe gegeben. Als ich unter der Hand mit dem Geheimniſſe des Originals bekannt wurde, können Sie ſich denken, daß ich es nicht in meinem Zimmer haben oder geflatten wollte, daß meine Mäadchen mit dieſem Bilde vor den Augen aufwachſen ſollten.“ „Ich leugne nicht,“ antwortete Luſard,„daß ich Sie - 483 mit Verwunderung ſprechen höre, denn nach Allem, was ich weiß, muß doch das Gedächtniß dieſer Dame Ihrem Gemahle heilig und theuer, wie das einer Mutter ſein, denn das war ſie ihm.“ „Ja, er war auch ungehalten, als ich es in die Rumpelkammer ſtellte, als jedoch Dalund es durchaus haben wollte, wurde es ihm verehrt, denn es ſteht ihm ja doch am nächſten.“ „Aber, meine beſte Couſine! Da Sie ſo ſtreng auf ein kloͤſterliches Leben halten, wie erklären Sie dann Ihren jungen Toͤchtern dieſe Bilder, welche den Platz jenes Por⸗ tralts eingenommen? Leda und der Schwan, Jupiter und Jo. Geſchichten, die jungen Mädchen gewiß ſchwer zu erzahlen find.“ „Jo? Ja ich kenne die Geſchichten nicht und habe deßhalb kein Aergerniß daran genommen.“ „Sie kennen ſie nicht?⸗ „Ja, ich erinnere mich, daß wir vor einigen Jahren ein Stück auf dem Theater hatten, welches die Schwanen⸗ haut hieß, und darin war ein langes Geſpräch von einer Leda und einem Schwane, und mehr dergleichen, aber das ſind veraltete Mährchen, von denen weder ich, noch eine meiner Bekannten Beſcheid weiß, und deßhalb machte das Slic auch kein Glück, denn die meiſten verſtanden es nicht.“ 3 „Das bewelst, daß der Dichter ſelbſt zu ſehr Schwan ſein muß, um in einer Gaſſenrinne zu ſchwimmen.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen, aber wenn die Geſchichte dieſer Leda unanſtändig iſt, ſo verſtehen wir ſie auch nicht. Doch um auf den alten Staatsrath Dalund zurückzufkommen:„Wiſſen Sie, was ſein eigner Bruder⸗ ſohn, der Hoſgerichtsadvokat, bei dem er wohnt, Wallern in meiner Gegenwart erzählte? Der ſagt, ſein Onkel treibe Abgötterei mit dem Bilde, von dem wir ſprechen: jeden Abend und jeden Morgen ſieht er zu ihm hinauf, als ob er es grüßte und guten Morgen oder gute Nacht ſagte. Manchmal ſitzt er wie in Gedanken und ſtiert es an, und dann kommen ihm Thränen in die Augen. Das habe er heimlich beobachtet, ſagte der Advokat; denn der Onkel moͤchte es gewiß nicht gerne wiſſen, daß er dies bemerkt. Wenn Sie nun geſehen, wie der Advokat und mein guter Mann die Sache wichtig genommen, ſo wür⸗ den Sie gewiß, wie ich, in lautes Gelächter ausge⸗ brochen ſein.“ „Nein, das glaube ich nicht, ich würde es gleichfalls rührend gefunden haben, denn eine ſolche treue Ergeben⸗ heit veredelt die Liebe, die man in Betracht der Verhält⸗ niſſe unedel nennen müßte, aber der tiefe Grund, den der Sieg über Zeit und Tod beweiſt, verſöhnt und heiligt ſie. Der liebenswürdige Charakter der genannten Dame wird überdies von allen denen gerühmt, die ſie gekannt haben, und wird von dem jüngern Geſchlecht als Tradition aufbewahrt.“ 4 „Sind Sie vielleicht derſelben Anſicht, wie Dalund, daß eine verheirathete Frau einen Liebhaber haben könne, ohne Präjudiz für ihren liebenswürdigen Charakter.“ „Nein, im Gegentheil! ich bin der Meinung, welche nicht neu iſt, daß Reinheit und Ehrbarkeit für das Weib daſſelbe find, was Muth und Herzhaftigkeit für den Mann, Tugenden, deren Mangel alle andern Tugenden nicht er⸗ ſetzen. Aber ich bekenne dabei, daß, wenn ich ſo glück⸗ lich wäre, eine geliebte Frau zu beſitzen, ſo würde dieſe Treue, die ich gewiß forderte, dennoch nicht den mindeſten Werth für mich haben, wenn ſie nicht mit einer höheren, geiſtigeren Treue verbunden wäre, und daß ich bei meiner Frau ebenſo wenig die Treue entbehren möchte, die ich von einem intimen Freunde fordere, als die Unſträͤflichkeit, die ein Ehemann zu verlangen das Recht hat.“ Die Frau ſah ihn verwundert an.„Das, was Sie ſagen, iſt mir nicht ganz klar, aber es iſt mir lieb, daß Sie Dalunds Aufführung in meines Schwiegervaters Haus verdammen.“ 185 „Ach nein! verdammen möchte ich ihn keinesweges. Jeder, der die Macht der Leidenſchaft gefühlt, weiß, wie ſchwer es iſt, ihr zu widerſtehen.“ „Aber man miuß ſeine Gefühle nicht zu Leidenſchaften werden laſſen.“ „Ja, das iſt eine große Aufgabe, darin haben Sle gewiß Recht, aber das iſt ja gerade der Punkt, worin die Schwierigkeit beſteht.“ „Es iſt nicht ſo ſchwer. Man muß ſich nicht ſelbſt als Beiſpiel aufſtellen; aber zu Ihnen, der Sie unſer Ver⸗ wandter und Freund ſind, darf man wohl ein vertraulich Wort ſprechen. Sehen Sie! Ich wurde als ein Kind von neunzehn Jahren an einen Mann verheirathet, der mein Vater ſein konnte. Er war Wittwer, er iſt ein guter Mann, aber man kann, ohne ihn zu beleidigen, behaupten, daß er weder ſchöͤn noch liebenswürdig war. Ich darf es offen ſagen, denn es iſt der ganzen Welt bekannt, daß wo ich erſchien, in Geſellſchaften oder zu Hauſe, man mir allgemein den Hof machte, aber wie innig mich auch der oder jener liebte, ſo habe ich mich doch nie in ein Verhältniß eingelaſſen, das nicht vor dem Richterſtuhle der Moralität beſtehen konnte. Ich ſuchte meinen Troſt in der Liebe zu meinen Kindern und in der Ausübung der ſchoͤnen Künſte. Nun bin ich der Anſicht, was mir nicht unmöglich war, iſt auch nicht unmöglich für Andere, und deßhalb geſtehe ich, daß ich von ganzem Herzen die Frauenzimmer verachte, die wie diejenige handeln, deren Bild Sie vermiſſen, ſowie ich jene frechen Zeiten haſſe, da nichts den Menſchen heilig war.“ Luſard fühlte eine gewiſſe Verlegenheit bei dieſen Worten. Er ſah ein, daß die Frau eine ſchmeichelhafte Antwort auf ihre Mittheilung erwarten mußte, aber es war ihm unmöglich, eine ſolche über ſeine Lippen zu bringen, er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann:„Ich muß theilweiſe jenem Herrn beipflichten, der bei Tiſche Da⸗ lund widerſprach, inſofern ich es nämlich für einen Ge⸗ 186 winn halte, daß die leichtſinnige Welt es nicht wagt, die Pflichten zu verhöhnen, die ſie nur insgeheim mit Füßen tritt; es zeugt dies von einer groͤßeren Relnheit in der 4* öffentlichen Meinung... Er ſtockte und konnte das Wort für das, was er eigentlich ſagen wollte nicht finden. Die Frau ſah ihn mit ſpoͤttiſchem Lächeln an und nach einer Pauſe gingen fie zu der übrigen Geſellſchaft, ohne daß dieſes Geſpräch ſie in ihrer gegenſeitigen Gunſt gehoben hätte. Luſard vertraute indeſſen Dalund die Pläne an, mit welchen er nach Kopenhagen gekommen war.„In der Wallerſchen Familie,“ ſagte er,„wünſchte ich einen Sohn und Erben zu finden. Meine Aeltern haben beide in die⸗ ſem Hauſe Gaſtfreundſchaft und Liebe gefunden. Ich be⸗ ſichtigte vor Kurzem den Ort, wo der verſtorbene Groß⸗ händler mit ſo ſeltener Güte meinen verwundeten Vater aufnahm und pflegte. Das Gut iſt nun in fremden Hän⸗ den; aber ich ging rund darum her und ſah nach den Fenſtern des Zimmers, die mir meine Mutter gezeigt, als wir eine Wallfahrt nach dieſem Heiligthume machten. Ich beſuchte die Brücke am Ufer, wo ſie voll Angſt ſtand und nach dem Boote hinausſah, das den verwundeten Gelieb⸗ ten brachte, und es wurde mir in dieſem Augenblicke klar, daß das Wallerſche Haus, vor allen andern ein Recht auf meine Dankbarkeit beſitze und daß ich in gewiſſer Weiſe eine von meinem Vater geerbte Schuld hier zu bezahlen habe. Mein Vetter Waller empfing mich mit unver⸗ kennbarem Wohlwollen.“ „Ja, Waller iſt ein guter Mann, aber er iſt ſchwach, er hat nicht ſeines Vaters kräftigen Charakter, nicht ſein Glück. Er wurde durch eine allzuſtrenge Behandlung ſchon in der Jugend entmuthigt, er verlor ſeinen guten Engel mit ſeiner erſten Stiefmutter. Von ſeinen frühern Jahren hat er mir ſeine alte Liebe bewahrt; er vertraut ſich mir ſtets an, ladet mich gewöhnlich bei häußlichen Feſten ein und ich komme auch, obleich ich ſeine Frau 187 durchaus nicht leiden mag. Ich moͤchte es wirklich wün⸗ ſchen, daß Sie ſein Alltagsdaſein durch eine große uner⸗ wartete Freude beleben könnten, aber wie wollen Sie einen Sohn und Erben in ſeinem Hauſe finden? Er hat ja keinen Sohn.“ Luſard antwortete:„Als wir kürzlich dort in Ge⸗ ſellſchaft waren, erwachte ein Gedanke in mir, der uns möglicher Weiſe zum Ziele führen könnte. Ich bin ſeiner älteſten Tochter ſehr gut; ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn es nicht ein vortreffliches Weſen wäre, auch müßte ich ein ſchlechter Beobachter ſein, wenn ſich nicht zwiſchen ihr und dem jungen Arnold ein Liebesverhältniß angeſpon⸗ nen. Sie ſaßen beiſammen am Tiſche und ihr leiſes, ge⸗ heimnißvolles Geſpräch, das ich mit meinen Augen beob⸗ achtete, drehte ſich gewiß nicht um gleichgültige Dinge. Es liegt außerdem in den Augen dieſes Mädchens etwas, was auf einen Herzenskummer deutet. Arnold iſt ein hübſcher, junger Mannz ich kenne ihn ſonſt nicht; aber liebt das Mädchen ihn, ſo ſpricht das zu ſeinen Gunſten und vielleicht könnte ich in ihr und ihm finden, was ich ſuche.“ Dalund ſchüttelte den Kopf.„Es ſollte mir leid thun, wenn Marianne den Menſchen liebt. Es iſt ein Geck, nichts weiter.“ „Er iſt jung, und eines guten und liebenswürdigen Mädchens Liebe hat ſchon ſchlimmere Sünden als Geckerei gebeſſert. Ich würde eine große Freude empfinden, wenn ich das Mädchen glücklich ſähe, und mich ihres täglichen Umganges verſichern könnte.“ „Ich will,“ nahm Dalund das Wort wieder,„nicht mit ſtrengem Ernſte gegen dieſe Sache plädiren, denn ich glaube wirklich, daß es einer von Wallers höchſten Wün⸗ ſchen iſt, dieſes Mädchen gut verheirathet zu ſehen; ſie iſt ſein Augapfel und hat bei der Stiefmuttar nichts angeneh⸗ mes. Aber ſehen Sie ſich wohl vor, ehe Sie einen Be⸗ 188 ſchluß faſſen. Denn ich kann mir nicht vorſtellen, daß Marianne in dieſen leeren Menſchen verliebt ſein ſolle.“ „Meine eigentliche Speculation,“ fuhr Luſard fort,. „als ich hieher reiſte, war allerdings, einen Descendenten des brüderlichen und lieben Freundes meiner Mutter, Ferdinand Wallers aufzuſuchen, aber es lebt ja nur Einer und dieſer ſoll, wie ich höre, nicht viel taugen und iſt Gott weiß wo in der Welt.“ „Der junge Bergland, meinen Sie? Er iſt, ſoviel ich weiß, in der Schweiz etablirt, wo er Familie mütter⸗ licher Seits hat. Aber es iſt eine Sünde zu ſagen, daß er nichts taugt. Im Gegentheil, es iſt ein Menſch von ausgezeichneten Talenten, der deſſenungeachtet nicht leicht ſeinen rechten Platz in der Welt finden wird, da er zu denen gehört, die den Stein der Weiſen in allen Künſten und Wiſſenſchaften ſuchen und wie Cometen durch alle Syſteme ſchweifen, daß es einer kleinen Ewigkeit bedarf, den nebelgeſtalteten Kern zu einem feſten Balle werden zu laſſen. Uebrigens glaube ich doch zu wiſſen, daß er von ſeinen Wanderungen niemals ohne Ausbeute zurück⸗ kehrt. Freilich wird er bei dieſem unſteten Weſen nie das erreichen, was man zum Lebensunterhalte bedarf.“ „Aber ſein Character?2„¼ „Iſt etwas ſtolz, jedoch gut und rechtſchaffen.“ „Waller ließ mich verſtehen, daß der junge Menſch ſeine Güte mit Undankbarkeit lohnte.“ „Das iſt eine von Wallers irrigen Meinungen. Berg⸗ land hatte ein paar Mal rein wiſſenſchaftliche Artikel für eines unſerer Tagesblätter geliefert, nun geſchah es, daß im ſelben Blatte ein Waller ſehr nahe betreffen⸗ der Artikel ſtand, der ein Mißverſtändniß zwiſchen ihm und einem Mann der Stadt beſprach, eine Affaire, die zufälliger Weiſe ein gehäſſiges und lächerliches Ausſehen hatte. Dieſe Sache, die bereits wieder gütlich beigelegt war, wurde von beiden Seiten geheim gehalten, aber das Schickſal wollte, daß der junge Bergland und Niemand 189 ſonſt in die Sache eingeweiht war, und als nun die Ge⸗ ſchichte in dem Blatte kam, in das er früher geſchrieben, ſo hatte ſein Onkel auf ihn Verdacht und alle Ver⸗ ſicherungen ſeiner Unſchuld hinderten nicht, daß Waller mit großer Erbitterung alle Verbindung mit ihm abbrach und ihm ſein Haus verbot. Aber die Wahrheit, die ich ſchon damals ahnte, wurde mir nun durch die Mittheilung eines der Redakteure klar bewieſen, und ich glaube Waller über⸗ führen zu koͤnnen, ohne ſeine Frau zu compromittiren, daß Niemand anders, als ſie, die Schuidige iſt. Der Mann hatte nicht bedacht, daß er ihr jene Begebenheit mitgetheilt und ſie, welche die Sache pikant fand, konnte ſich nicht verſagen, ſie einer Freundin zu erzählen, welche mit einem der witzigen Koͤpfe unſerer Zeit in Verbindung ſteht, und auf dieſem Wege kam die Geſchichte mit man⸗ chen Zuſätzen und Verſchoͤnerungen zu Tage.“ „Alles, was Sie mir hier erzählen, macht den Wunſch in mir rege, den jongen Menſchen kennen zu lernen. Wiſſen Sie ſeine Adreſſe?“ „Nein, ich glaube nicht, daß ſie Jemand hier kennt. Er ſoll, ſo viel ich weiß, irgendwo auf dem Lande in der Nähe von Genf ſein, bei einer Familie, mit der er durch Deutſchland gereiſt iſt. Vor anderthalb Jahren reiſte er von hier fort, und hat er irgendwo das tägliche Brod gefunden, ſo iſt gelungen, was nach ſeiner Denk⸗ und Handlungsweiſe das Schwierigſte war: dann bleibt es immerhin aber auch das Beſte, ihn nicht aus ſeiner Stellung herauszureißen. Außerdem iſt er ohne Zweifel verheirathet, wenigſtens hat es mir einer von ſeinen Freun⸗ den anvertraut, daß er heimlich mit einer Nichte ſeiner Mutter verlobt war, deren Familie, wie Sie wiſſen, in der Schweiz wohnt.“ Spo verfloß einige Zeit, Luſard kam täglich in das Haus des Commerzienraths, ohne bezüglich ſeines Planes wegen Mariannen und Arnold zu einem Ziele zu gelangen. Arnold war in ſeiner Gegenwart genirt, er wurde un⸗ 190 freundlich und ſtille, wenn der fetirte Verwandte eintrat, und ſagte oft zu der Frau des Hauſes, dieſe Miſchung von Franzoſe und Jüte, von Elegant und Landjunker unter⸗. grabe die Ungezwungenheit und Heiterkeit des Hauſes. Marianne wurde Luſard dagegen mit jedem Tage lieber und die Aufmerkſamkeit, die er dem jungen Mädchen er⸗ zeigte, das an ſolche Auszeichnung nicht gewöhnt, ihrer⸗ ſeits eine kindliche Zuneigung zu ihm faßte, war ſo in die Augen ſpringend, daß man ſich bald in den näheren Kreiſen des Hauſes ſagte, Herr Montalbert hege ernſtliche Abſichten in der Waller'ſchen Familie. Die Frau hörte dies Gerücht mit Spott und Lachen, Arnold wurde er⸗ bittert, ohne ſelbſt zu wiſſen, weßhalb, der Commerzienrath freute ſich darüber, wie über eine Schickung des Himmels, und Luſard und Marianne waren die Einzigen, die ganz außerhalb dieſer Speculationen ſtanden. Colette ſagte eines Tages zu ihrer Schweſter:„Ach! Marianne! ich baue das ganze Glück meiner Zukunft auf Dich und die frohe Hoffnung, daß Du unmoͤglich ſo desperat ſein kannſt, dem edeln, ſchönen, liebenswürdigen Herrn Luſard de Montalbert, der um Dich freit, nein zu ſagen. Du machſt große Augen, als ob Du nicht wüß⸗ teſt, daß er Dich liebt. Liebſte Marianne, Du heiratheſt ihn doch und nimmſt mich mit Dir nach Deinem ſchönen Gute? Du machſt mich glücklich und gut bei Dir. Ja, ich werde ſo heiter und froh werden.“ Marianne unterbrach ſie mit Lachen:„Biſt Du bei Troſte, Colette? Herr Luſard mich heirathen? Ich weiß nicht, ob ich über Deine Phantaſien lachen oder weinen ſoll.“ Ein paar Monate waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, ohne daß Luſard zur Klarheit über die Verhältniſſe und die Perſonen kommen konnte, an die er das Schickſal ſeiner Zukunft knüpfen wollte. Dieſe Ungewißheit war ihm peinlich, als ihn endlich die von andern unbemerkten Begebenheiten eines einzigen Tages auf eine ganz andere Spur ſührten. Es war ein Sonntag. Er ging in die 191 Kirche und als er ſie mit der übrigen Gemeinde verließ, traf er am Eingang Frau Waller, welche gleichfalls dem Gottesdienſte beiwohnte. Natürlicherweiſe grüßte er ſie, und da ſie allein war, begleitete er ſie nach Hauſe. Auf dem Heimwege theilten ſie einander ihre Freude über die ſchöne Predigt mit, die ſie gehört hatten, und Luſard ſagte:„Man kann nicht ohne Schmerz daran denken, daß die Menſchen ſehr hartnäckig ſein müſſen, wozu ſie doch am wenigſten ein Recht haben, denn ſeit dem Be⸗ ginne des Chriſtenthumes bis heute wurde ihnen von Duldſamkeit und Liebe gepredigt und doch iſt es, als ob dieſe Tugenden weniger als je an der Tagesordnung wären.“ Die Frau ſtimmte ihm bei und äußerte, daß die Predigt, die ſie ſoeben gehört, noch lange in ihrer Erin⸗ nerung wie eine ſchöne Melodie nachklingen werde. Lu⸗ ſard nahm an der Thüre ihres Hauſes Abſchied, verſprach jedoch, wie verabredet, zur Speiſezeit wieder zu kommen, was er auch that. Als er in das Wohnzimmer trat, hoͤrte er in einem anſtoßenden Zimmer ein lautes Geſpräch und, wie es ſchien, einen heftigen Streit zwiſchen dem Herrn und der Frau des Hauſes. Er wandte deßhalb ſeine Schritte nach dem Speiſezimmer, wo er bemerkte, daß die beiden Mäͤdchen allein bei einander ſtanden. Colette war in der heiterſten Stimmung und lachte recht von Herzensgrund. Auf ſeine Frage nach der Veranlaſſung dieſer erfreulichen Laune antwortete ſie:„Gott ſei Dank, daß Sie meine Laune erfreulich finden. Wir ſind immer ſo gut und ſo vortrefflichen Humors, aber Marianne ſteht da und ſagt, ich freue mich, wenn es ſchlimm geht...“ „Wie? Schlimm? Es iſt doch nichts Unangenehmes geſchehen.“ „Doch, aber es iſt unſäglich luſtig und amüſant. Wir können die Sache wohl unſerem vortrefflichen Onkel erzählen. Sie ſollen hören. Als die Mutter heute aus 192 der Kirche kommt, trifft ſie auf der Treppe, gerade vor der Thüre unſere Köchin, ein ſchönes, junges Mädchen, und unſern edeln Hausfreund, den Herrn Hofjunker, der das Mädchen mit Entzücken umarmt und küßt. Die Mutter verſteht keinen Spaß, ſie ſagt zu dem Mädchen: „Du ſiehſt Dich ſogleich nach einer andern Condition um, denn in acht Tagen, am erſten nächſten Monats, verläßſt Du mein Haus.“ Das iſt die traurige Seite der Geſchichte, aber nun kömmt die heitere. Darauf öͤff⸗ net ſie dem Hofjunker die Thüre und bittet ihn einzutre⸗ ten. Dieſe Scene war unvergleichlich. Sie ſollten den Herrn geſehen haben? Er ſah aus, als müßte er beichten und in einer katholiſchen Kirche auf den Knieen kriechen: etwas dergleichen iſt auch geſchehen. Ich ſaß in einer Ecke des Zimmers, aber daran dachten ſie in ihrem ſchrecklichen Eifer nicht. Die Mutter war ſo böſe, ſie glühte im Geſichte und ſchalt den Hofjunker aus. Das ſollten Sie gehört haben. Er wollte das Mädchen und ſich entſchuldigen; es ſei ein unſchuldiger Scherz, ſagte er, er liebe das Mädchen durchaus nicht, und wiſſe nichts von ihr; aber die Mutter antwortete: das mache die Sache nicht beſſer, denn die Liebe ſei an und für ſich etwas Gutes, aber die Liebelei müſſe man verachten, ſie ſei etwas Dämoniſches, ein Schatten, ein Geſpenſt. Sie lächeln ſo politiſch, lieber Onkel? Sie verſtehen wohl dieſe Worte. Ich verſtehe ſie nicht, aber ich hatte meine innigſte Freude an dem Hoffunker, denn ich ſah wohl, daß er ordentlich weinte; war das nicht hübſch? Er ſagte:„Ich will Sie auf meinen Knieen um Verzeihung bitten,“ und dabei ſank er mit ſolcher Schwere auf den Boden, daß er den Rock der Mutter in Stücke riß. Nun dachte ich, wird das Letzte ſchlimmer, als das Erſte. Aber nein! Gnade ging vor Recht, er erhielt Ablaß für alle ſeine Sünden und zum Zeichen deſſelben durfte er den Fuß der Mutter küſſen. Das Ganze war unbezahl⸗ bar komiſch. 193 Luſard nahm die ernſteſte Miene von der Welt an und antwortete:„Unleugbar hat der junge Herr großes Unrecht begangen, indem er das Haus nicht reſpektirte, das ſich gaſtfrei vor ihm öͤffnet; und daß die Hausfrau es übel aufnimmt, das kann Ihrer Mutter Niemand ver⸗ denken, liebe Colette.“ Die Art, wie Luſard die Worte„Ihre Mutter“ ausſprach, machte Coletten erröthen; ſie ſagte verlegen: „Ich lache nicht über meine Mutter, ſondern über den närriſchen Hofjunker.“ Marianne nahm nun das Wort und ſagte:„Aber der leidende Theil bei der Sache iſt das arme Mädchen, das nun weint und verzweifelt. Sie behauptete, der junge Herr, der ihr zufälliger Weiſe auf der Treppe begegnet, habe ſie in ſeine Arme geſchloſſen, ohne daß ſie es gewollt, und ich glaube ihr, denn ſie hat uns lange gedient und ſich gut aufgeführt. Sie iſt mit einem geſchickten Schreiner⸗ geſellen verlobt, und ihre Aeltern würden übel dazu ſehen, wenn ſie ſo plötzlich ihre Condition verlöre. Der Vater hat Mitleid mit ihr und iſt gerade im Begriff, Fürſprache bei der Mutter für ſie einzulegen.“ Colette lachte.„Der Vater Fürſprache einlegen⸗ Das würde viel nützen“ Luſard wandte ſich nun an Marianne und ſagte: „Liebe, kleine Couſine, da Sie etwas auf das Mädchen halten, muß es ein braves Mädchen ſein. Sagen Sie ihr, wenn ſie auf meinem Gute in Jütland dienen wollte, ſo werde ich nach Hauſe ſchreiben, und dafür ſorgen, daß ſie eine Condition in meinem Hauſe erhält, und wenn ihr Geliebter ein tüchtiger Schreiner iſt, ſo kann auch für ihn ein Platz auf meinen Beſitzungen gefunden wer⸗ den. Das Uebrige werde ich näher mit Ihnen beſprechen. Es ſoll Alles durch Ihre Hand gehen und nach Ihrem Willen geſchehen.“ Mit Wärme dankte Marianne und ging ſogleich, um Novellen. II. 13 194 dem weinenden Mädchen dieſen Troſt zu bringen. Colette flüſterte ihrer Schweſter zu:„Was habe ich geſagt? Iſt der Mann nicht verliebt, wie ſoll man dann die an⸗. dern Männer heißen 2 An der Thüre begegnete Marianne ihrem Vater, der im Vorbeigehen zu ihr ſagte:„Ich kann Gretchen nicht helfen!“ 3 „Es iſt ihr geholfen,“ antwortete Marianne.„Der gute Onkel nimmt ſie in ſeine Dlenſte.“ Der Commerzienrath freute ſich herzlich daruber, namentlich weil er darin einen neuen Beweis von Lu⸗ ſards Liebe zu ſeiner Tochter zu erblicken glaubte. Indeſſen hatten ſich noch ein paar Gäſte eingefunden. Sie hielten ſich bel der Frau im Cabinete auf und es war, als ob ſich an dieſem Tage ein Stoff des Wider⸗ ſpruchs in der Luft befände, denn die Beiden waren be⸗ reits in lebendigem Dispute begriffen. Der Eine war Herr Arnold, der Andere ein etwas älterer, aber doch noch junger Militär. Sie waren ſo ſehr mit ſich beſchäftigt, daß ſie das Geſpräch bel Luſards Eintreten nicht unter⸗ brachen, ſondern der Offizier ſagte zu Arnold:„Sie werden doch nicht behaupten wollen, er ſei ein ſchlechter, oder auch nur, er ſei ein mittelmäͤßiger Dichter. Kann im Wege ſteht, daß dieſe nicht vorwärts kommen kön⸗ nen.“ „Wenn ſie etwas taugen, kommen ſie doch ebenſogut vorwärts, wie ihre Vorgänger und taugen ſie nichts, ſo iſt es ja ein wahrer Gewinn, wenn jemand da iſt, der ihnen den Weg aus dem Muſenhaine weiſt, ehe er ganz unter Waſſer ſteht.“ 195 „Im Muſenhain ſoll doch wohl Freiheit und nicht das Anſehen der Perſon herrſchen. Dieſe Ariſtokratie der Kunſt, oder die literariſche Ariſtokratie iſt nicht ein Haar beſſer, als die, die man im Staate bekämpft. Die literariſchen Notabilitäten uſurpiren durch den Namen, den ſie nun einmal haben, nicht blos den pekuntären Vortheil, ſowohl im Theater, als im Buchhandel, die einem jüngeren Schriftſteller eine glückliche und angenehme Jugend bereiten könnten, ſondern was noch ſchlimmer iſt, auch die Berühmtheit, die der Jugend Streben iſt und die ihre Schwingen wachſen machen würden. Iſt das billig? Iſt das die Freiheit und Gleichheit, für die die Welt ſo viele Jahre gekämpft. Ich wende mich an Sie, Herr von Montalbert, Freiheit und Gleichheit find Ih⸗ nen gewiß heilige Ideen, da Ihr verſtorbener Vater ihnen Leben und Blut geopfert.“ „Da Sie mich fragen,“ antwortete Luſard,„ſo will ich ehrlich geſtehen, daß mein Vater,— wie man ſagt, — ſich im Grabe umwenden würde, wenn er hörte, daß die Freiheit und Gleichheit, für welche er Leben und Blut hingegeben, darin beſtehen ſollen, dem Verdienſte ſeine Krone und dem Arbeiter ſeinen Lohn zu verweigern, die Köpfe abzuhauen, die ſich über die Menge erheben, damit alle gleich hoch ſeien. Eine ſolche Gleichheit verwirft ſelbſt die Natur, oder richtiger geſagt, die höhere Macht, der Geiſt, der nach einem Willen, den wir nicht faſſen, uns unſer Loos zutheilt. Er gibt nicht allen gleiche Gaben, wir werden nicht gleich geboren.“ „Aber, vorausgeſetzt, daß die unbewußte Macht, die wir Natur nennen, ungerecht und parteiiſch wäre, ſollte der Menſch es dann nicht ſein? Im Uebrigen koͤnnte die Behauptung wohl beſtritten werden, daß wir bei der Ge⸗ burt nicht ganz gleich ſind. Große Köpfe waren der Anſicht, daß alle Menſchen gut ſind und wohl auch mit den⸗ ſelben Anlagen geboren werden, daß jedoch Erziehung, die größere oder geringere Gelegenheit, ſich in der Welt 196 zu bewegen, die guten Kräfte hemmt, und dies iſt es, was unſre ganze Energie in Anſpruch nimmt.“ „Ich habe den Glauben,“ bemerkte Luſard,„daß die wirklich guten Kräfte ſich nicht ſo leicht unterdrücken laſſen, und der Menſch, der ſelbſt Genie hat, wiſſen wird, was er denjenigen ſchuldet, die ihm durch ihr Licht den Weg gezeigt.“ „Ich glaubte, daß Herr von Montalbert wohl die Antiken liebe, nicht aber das Veraltete, wie z. B. die Schule, zu der der genannte Dichter gehört.“ „Aber zum Teufel,“ rief der Offizier:„Sie ge⸗ ſtehen ja ſelbſt, daß es nicht Ihr Ernſt iſt, wenn Sie ſeine Werke tadeln. Und das herabzuziehen, was man in ſeinem Herzen bewundert, oder das zu preiſen, was man in ſeinem Herzen verachtet, das iſt— wenn ich mich ſo ausdrücken darf— in geiſtiger Beziehung das⸗ ſelbe, was die Juriſten ein Falſum im Mein und Dein nennen.“ 5 „Nein, es iſt nur ein diplomatiſches Verfahren, um einen rechtmäßigen Vortheil zu gewinnen, den man ſich nicht im offnen Kampfe erwerben kann. Dieſer geiſtige Hochmuth, dieſes Dietatorweſen paßt nicht zu dem friſchen, jugendlichen Streben unſrer Zeit, ſich von den ſteifen Formen loszureißen, von jener unnützen, verſtaubten Ge⸗ lehrſamkeit, welche den Flug des Geiſtes hemmt. Das Neue ſoll leben, die neuen Formen ſollen in der Kunſt, wie im Staate triumphiren, und wenn unſrem geehrten Capitain eine Vorliebe für alles Veraltete zu verzeihen iſt, ſo kann man ſie nicht mit Herrn von Montalbert in Einklang bringen, der aus dem Lande ſtammt, das der politiſchen und literariſchen Welt eine neue Geſtaltung gegeben.“ 3 „Ich geſtehe,“ antwortete Luſard,„daß auch ich in jüngeren Tagen von Begeiſterung für die politiſchen Be⸗ wegungen geglüht, daß ich Leib und Leben für das Wohl des Menſchengeſchlechts zu opfern gewünſcht. Ja, dazu 4 — 197 wäre ich noch jetzt bereit, wenn ich klar einzuſehen glaubte, daß mein Opfer ein Opfer für die Wahrheit, nicht für die Illuſion iſt. Aber das iſt das große Wort: die Wahrheit, der reine Wille, ſie zu ſuchen. In unſern Zeiten fragt man in Frankreich, wie überall, mit Pilatus: „Was iſt Wahrheit?“ denn in der Politik, wie in der Literatur und dem Leben ſcheint die Ehrfurcht vor der Wahrheit verſchwunden zu ſein, und doch iſt die Wahr⸗ heit der Grundpfeiler, den kein Gefühl, kein Wollen ent⸗ behren kann. Zu allen Zeiten haben die Menſchen ſich ſelbſt und andere betrogen, aber ſie ſchämten ſich deſſen; das thun die meiſten nicht mehr. Dieſe Entdeckung hat meinen Eifer für manches gekühlt, was mich früher im oöͤffentlichen Leben begeiſtert. Darin, wie im Reiche der Künſte ſcheint mir die Unwahrheit zu herrſchen, und ich geſtehe, daß ich mich nicht erwehren kann, mit Verachtung die große Heerſchaar der Dichter, Kritiker und Poeten, die vielen Detailhändler in der Literatur zu betrachten, die mit ſchelem Blicke auf die Großhändler ſehen, und wie ſie's verſtehen, den alten Wahlſpruch:„Paix aux cabanes, guerre aux châteaux“ gewählt.“ Der Commerzienrath nahm nun das Wort und ſagte: „Ein Streit um ſolche Materien wurde ſo oſt zwiſchen uns Beiden geführt, daß kein Vergleich zu hoffen iſt. Ich will mich nicht drein miſchen, denn ich bin kein buch⸗ gelehrter Mann.“ Arnold unterbrach ihn lächelnd:„Aber Sie ſind we⸗ nigſtens ein buchführender Mann.“ „Ja, ſonſt wäre es ſchlimm. Aber ich wollte ſagen: Wenn ich manchmal Zeit und Gelegenheit habe, ſo iſt es mir eine große Erquickung. „Eine Priſe Tabak zu nehmen,“ unterbrach ihn Ar⸗ nold aufs Neue. Der Commerzienrath ſuhr fort, ohne ſich ſtören zu laſſen:„ein gutes Buch, und das hat mich manchmal, wenn ich melancholiſch geſtimmt war, aufgeheitert und 198 getröſtet, und deßhalb iſt es meine Meinung, daß man gem dankbar ſein muß, der uns auf dieſe Weiſe eine gute Stunde verſchafft.“ „Nein, iſt das Buch bezahlt,“ antwortete Arnold, „ſo haben Sie für nichts zu danken, haben Sie es jedoch entlehnt, ſo iſt es eine andre Sache, namentlich, wenn Sie während der Lectüre Tabak zu rauchen pflegen.“ Die Frau lachte und ſchien ſich über dieſes letzte Wort zu amüſiren. Luſard wandte ſich an ſie und ſagte: „Das iſt ein ſeltſamer Ton, in welchem ſich dieſer junge Herr mit Ihrem Gemahle zu ſprechen erlaubt.“ Er ſagte dieſe Worte leiſe, aber die Frau brach in lautes Gelächter aus:„Herr Gott! hören Sie denn nicht, daß das Ironie iſt?“ „Ironie?“ wiederholte Luſard verwundert. „Was iſt das?“ fragte Arnold:„Verſteht Herr Montalbert keine Ironie? Die meinige z. B. 2“ „Nein, ich geſtehe, daß das Ironie iſt, die ich nicht kenne, und ich glaube beinahe, daß weder Voltaire noch Lichtenberg ſie verſtehen würden, wenn ſie ſie hörten.“ „Daran läge mir nichts. Dieſe ſeligen Herren ge⸗ hoͤren auch zu den Veralteten, ſo viel ich davon verſtehe; denn ich muß geſtehen, daß Lichtenberg ein Name iſt, den ich zum erſten Male höre, und von Voltaire hatte ich genug, als ich in ſeinen Tragoͤdien kurze Zeit geblät⸗ tert. Was er noch mehr geſchrieben, mag er für ſich und ſeine Goͤnner behalten.“ Die Geſellſchaft wurde nun zu Tiſche gerufen und Luſard ſagte bei ſich ſelbſt:„Gute Nacht, mein Plan! Der Herr bewahre mich vor dem täglichen Umgang mit dieſem Menſchen, wenn ich auch mit dem kreiſchenden Papagei die liebliche Nachtigall gewinnen koͤnnte, die lelder in ſeinem Bauer ſingt. Ach, ich merke wohl, daß ich ſo arm heimkehren werde, als ich gekommen bin.“ Bei Tiſche ſagte Arnold:„Apropos, von Literariſchem zu ſprechen. Zufälliger Weiſe blätterte ich dieſen Morgen 199 in einem Catalog von Büchern, die nächſter Tage in einer Auction verkauft werden ſollen, und dabei ſiel mein Auge auf eine Piece mit dem Titel: Primulae veris, Ge⸗ dichte von F. C. Waller.“ Das werden doch nicht Sie geweſen ſein, Herr Commerzienrath, der in ſeinen jüngeren Tagen die Aurikeln im Muſenhain gepflückt?“ Der Commerzienrath hatte nicht Zeit zu antworten, Luſard rief:„Sie erweiſen mir einen großen Dienſt mit dieſer Nachricht. Meine Aeltern und ich ſuchten das Buch vergeblich, als ein verlorenes Familienkleinod. Ich bitte Sie, mir zu ſagen, wo der Catalog zu bekommen iſt, denn ich werde gewiß auf der Auction erſcheinen, und das Buch muß in meinen Beſitz kommen, wenn ich auch das Zehnfache dafür bezahlen müßte.“ „Ich glaube nicht, daß es Ihnen zu hoch geſteigert wird,“ ſagte Arnold lachend,„ich werde wenigſtens nichts dazu beitragen.“ „Dafür bin ich Ihnen dankbar,“ antwortete Luſard. Der Commerzienrath ſagte:„Ja, das Buch iſt auch in meines Vaters Haus verſchwunden, überhaupt ſcheint es nicht mehr zu exiſtiren. Der Verfaſſer, mein ſeliger Vetter, Ferdinand Waller, verſchwand um ſeinetwillen aus dem Kreiſe ſeiner Freunde und aus ſeinem Vaterlande.“ Der Herr des Hauſes fuhr mit ſeiner Frau ſogleich nach Tiſche auf ſein Landgut, das eine halbe Meile von der Stadt entfernt war, um dort den Abend zuzubringen. Die Gäſte gingen ihres Weges. Die beiden kleinſten Kinder begaben ſich mit dem Stubenmädchen nach dem Tivoli und die beiden älteren Mädchen blieben wie ge⸗ wöhnlich zu Hauſe. Der Hof, welcher auf der einen Seite an das Haus des Commerzienrathes ſtieß, gehoͤrte zu einem Hotel, wo unter andern Reiſenden in dieſem Augenblick ein Aus⸗ länder logirte, der ein alter Bekannter von Luſard war. Nachdem er kurze Zeit bei den jungen Mädchen zubrachte, verließ er ſie, um einen Beſuch bei dem genannten Herrn 200 abzuſtatten. Er war nicht zu Hauſe, ſeine Thüre war geſchloſſen, aber ein Aufwärter im Hotel verſicherte, daß er in einer halben Stunde wieder zurückkommen werde, und ſchlug Luſard vor, dieſe in einer Laube des zum Hauſe gehörenden Gartens zuzubringen. Luſard war müde; er nahm deßhalb das Anerbieten mit Vergnügen an, um ſich in der friſchen, duftenden Laube auszuruhen. Der Garten war von Gitterwerk eingeſchloſſen, das ihn von dem Hofraum des Nachbarhauſes trennte, die Laube je⸗ doch durch eine dichte Hecke und eine Stakete von dem aus früheren Zeiten, daß ein kleiner Garten zu dem Anweſen des Commerzienrathes gehört hatte, er ſah durch eine weniger dichte Stelle der ſonſt ſtark belaubten Hecke und erkannte den alten, ſehr kleinen Garten, der nur aus der genannten Laubhütte und einem Blumenbeete be⸗ ſtand, deſſen Roſen⸗ und Reſedenflor ſeinen Duft zu ihm herüberſandte und davon zeugte, daß ihm die pflegende ſei, als Marianne, welche ſagte:„Es iſt ein unſinniges Gerede, das muß ich am beſten wiſſen, aber geſetzt auch, Herr Luſard wärbe wirklich um mich, ſo kannſt Du mir glauben, daß weder er, noch irgend ein Menſch in der Welt mich bewegen ſollte, die Treue zu brechen, die ich Dir zugeſchworen.“ — 201 mein guter Stern hat mich hierher geführt, um meiner Unſchlüſſigkeit ein Ende zu machen.“ Mit größter Vorſicht, um nicht entdeckt zu werden, blickte er neugierig durch die kleine Oeffnung zwiſchen den Blättern der Hecke. Er ſah Mariannen an der Seite eines jungen Mannes ſitzen. Sie kehrten Beide der Laube den Rücken, in welcher ſich Luſard befand, und die Blätter verbargen den Kopf des Mannes ſo vollkommen, daß man durchaus nichts von ſeiner Perſon ſehen oder entdecken konnte, als daß er von hohem Wuchs, daß ſeine linke Hand, die er hinter Mariannen auf der Banklehne liegen hatte, weiß und wohlgebildet war, und daß er einen Ring von auffallender Groͤße daran trug, in deſſen Stein ein Delphin gegraben war, ſo ſchön und deutlich, daß ſelbſt ein weniger ſcharfer Blick, als der Luſard's, in einer ſo geringen Entfernung dies hätte erkennen müſſen. Als nun der halb Unſichtbare nach einer kurzen Pauſe mit einer ungewöhnlich ſonoren Stimme zu ſprechen be⸗ gann, war die Stimme Luſard durchaus fremd, und er merkte, daß er den Menſchen gar nicht kannte. Der junge Liebhaber, denn als ein ſolcher bekundete er ſich bald, ſagte nach einem tiefen Seufzer:„Liebſte Marianne! Ich bat Dich um dieſes Stelldichein, um noch einmal ein vertrauliches Geſpraͤch mit Dir zu haben. Ich werde ſuchen, ſo ruhig als möͤglich zu ſprechen, und ich bitte Dich, mich mit Ruhe anzuhören und mich nicht zu unterbrechen, ehe ich ausgeſprochen, denn das, was ich zu ſagen habe, koſtet mich Ueberwindung genug.“ „Du erſchreckſt mich,“ antwortete Marianne;„mit einer Freude, die mir in ſo langer, langer Zeit fremd geblieben, kam ich heute Abend hieher; willſt Du ſie in Kummer verwandeln?“ „O Marianne! Liebenswürdigſtes, edelſtes, beſtes aller Mädchen! Ich kann es nicht ausſprechen, wie hoch ich Deinen Werth fühle, wie glühend die Liebe iſt, die ich ſo lange für Dich empfunden. Ich weiß, daß ich nie 20² Deinesgleichen finden werde und Du ſollſt nie erfahren, vaß ich einer Andern Deinen Platz in meinem Herzen gegeben, wohin mich auch mein Schickſal führen mag. Dir dies maſahen, iſt mir Bedürfniß und Troſt. Glaubſt Du mir nicht?“ „Ja, ich glaube Dir.“ „Ich glaube auch Dir. Du ſagteſt vorhin, daß Nie⸗ mand Dich würde vermögen koönnen, Deine Treue gegen mich zu brechen. Davon bin auch ich überzeugt; ich kenne Deine männliche Treue, die ſich mit weiblicher Milde in Deinem Herzen vereint. O glückſelig der Mann, der eine ſolche Braut heimführen kann, kein Unglück wird ſei⸗ nen Muth beugen, keine Arbeit ihm zu ſchwer fallen. Ach! zu ſpät ſage ich das! Denn ich muß hinzufügen: ein ſolcher Talismann gegen des Lebens Elend gehörte mir, aber ich war ſeiner nicht werth, und muß ihn aus meiner zitternden Hand laſſen.“ „Mein Gott, was meinſt Du? Worln beſteht das Verbrechen, deſſen Du Dich anklagſt?“ „Ich klage mich deſſen an, was aller Noth des Le⸗ bens Urſache iſt: des Egeismus, der nur an ſeine eigne augenblickliche Neigung denkt; des Hochmuths, der ſich nicht dem Geſetze unterwerfen will, das dem ganzen ge⸗ fallenen Menſchengeſchlechte gilt:„„In dem Schweiße Deines Antlitzes ſollſt Du Dein Brod eſſen.““ Wer allein ſteht, mag wie der arme Vogel leben, der heute ein Korn findet und morgen todt auf dem Schnee liegt; aber der Mann, der eines geliebten Mädchens Schickſal an das ſeine gebunden, er hat es zu verantworten, wenn die ſchoͤnſten Jahre dieſes Mädchens in getäuſchten Erwar⸗ tungen dahin fließen, wenn ſie endlich, zum Lohne für ihre geopferte Jugend und Lebensluſt, ein von Nahrungs⸗ ſorgen verbittertes häusliches Daſein gewinnt. Nein, das ſoll nicht Dein Loos werden, meine junge Roſe, deren heſche Blüthe aus Kummer über mich bereits ihr Haupt eugt.“ 203 „Was meinſt Du? Was ſoll das alles heißen? Sind wir nicht beide jung? Iſt die Welt vor Dir verſchloſſen? Biſt Du ein unwiſſender, ungeſchickter Menſch, ohne Kennt⸗ niſſe? Sind nicht alle von dem Gegentheile überzeugt? Haſt Du Deine Zeit im Müßiggang verloren?“ „Nicht im Müßiggang, aber verloren gegenüber den Ausſichten für die Zukunft, verloren das Vermögen, das ich vor wenigen Jahren von meiner Mutter Onkel geerbt. Es war nicht groß, und doch hätte ich es vernünftiger anwenden koͤnnen, als zu meinen Reiſen und meinen un⸗ endlichen Speculationen. Ich ſagte Dir ſchon, meine letzte Reiſe war ganz unglücklich, Alles ſchlug fehl, ich habe nicht mehr, als was ich dazu brauche, den Beſchluß auszuführen, den ich gefaßt.“ „Hoͤre nun auch mich, Ferdinand: Ich gehöre nicht zu den Frauen, welche glauben, daß ein Mann aus Liebe zu ihnen ſein Streben nach Ehre oder ſeinen Eifer für die Wiſſenſchaften opfern ſoll. Es iſt nicht die Aufgabe eines Mannes, nur in dem Gedanken an ein geliebtes Weſen zu leben, er ſoll nicht aufopfern, was ſeinen Werth als Mann bildet. Es iſt dagegen der Beruf des Weibes, ihm ſeine Bürde mit Liebe und Geduld zu verſüßen, Kraft dazu traue ich mir zu. Ich will geduldig auf Dich harren, und mit Freuden Dein Schickſal theilen, wie es auch falle, denn es iſt doch das Deine.“ 8 „O Marianne! halte ein; mein Herz bricht bei Deinen ſüßen Worten. Aber je herrlicher Du Dich mir zeigſt, deſto mehr fühle ich die Pflicht, Deine Güte nicht zu mißbrauchen; denn ich weiß es leider und ſah zu man⸗ ches Beiſpiel von Lisbenden, die wie Du ſprachen, die aber des Lebens Kürze, die Macht und Unbeſtändigkeit des Schickſals nicht bedachten und bitter das zerſtörte Leben, die an ſich ſo ſchöne, aber trügliche Zuverſicht in die Ewigkeit ihrer Gefühle beweinten. Es würde zu lange dauern, bis ich Dir bieten dürfte, mein Schickſal zu thei⸗ len. Die Jahre gehen ſo langſam und doch ſo raſch da⸗ hin. Du haſt keine angenehme Helmath, keinen muthigen 204 Beſchützer gegen die Ungerechtigkeit und Eiferſucht Deiner Stiefmutter. Dich in einer ſolchen Stellung zu wiſſen, drückt mich wie eine ſchwere Schuld. Deßhalb habe ich mir ſelbſt zugeſchworen, wie ein Mann zu handeln und will nicht von dem weichen, was nach meiner Ueberzeu⸗ gung Pflicht iſt. Du kennſt meinen alten Freund und Kameraden Lieutenant Salmer, mit ihm bin ich hieher gekommen und mit ſeinem Großvater, dem alten Com⸗ mandeur, deſſen Schiff in wenigen Tagen auslauft, gehe ich nach Südamerlka, wie ich Dir geſagt. Laſſe mich als guten und tröſtenden Geiſt den Gedanken beglelten, daß ein glückliches Schickſal Dich erwartet. Ich glaube von ſicherer Hand zu wiſſen, daß Herr Luſard Dich liebt und wie könnte ein Mann wie er, Dich ſehen und kennen, und Deiner Liebenswürdigkeit gegenüber kalt blelben? Ich habe ihn nie geſehen und doch iſt er mir nicht fremd. Du ſagſt ſelbſt, er iſt nicht jung, aber ſchöner und liebens⸗ würdiger, als alle die jungen Herren, die Du kennſt. Ich bitte Dich, ſage ihm nicht nein, wenn er um Dich wirbt, verſtoße ſeine brave beſchützende Hand nicht. Denke Dir das reichhaltige Leben, das Dich an ſeiner Seite erwartet, wie viel Gutes Du ſchaffen, wie manchen Segen Du erndten kannſt!“ .„Und um dies Gute zu ermöͤglichen, ſoll ich eine ſchlechte Handlung begehen? O Ferdinand. Predigſt Du dieſe falſche Tugend? Wenn dieſer Mann mich liebte und mir ſeine Hand böte, was er gewiß nicht thut, ſo würde er doch ſicher erwarten, ſie einem unſchuldigen Mädchen mit einem freien Herzen zu bieten, und ich ſollte ihm die meine als Betrügerin bieten! „Nein, nein! Unſchuldigſtes, reinſtes aller Mäd⸗ chen! Du ſollteſt ihm alles anvertrauen, ihm unſer Ge⸗ ſpräch mittheilen, und dadurch Dich doppelt in ſeiner Achtung befeſtigen.“ „Nein, das thue ich nicht. Ich würde mich glück⸗ lich ſchätzen, bei Luſard als eine Schweſter, eine Tochter zu leben; ich werde herzliche Thränen vergießen, wenn 20⁵ dieſer mein einziger Freund uns verläßt; aber ſeine Frau kann ich nicht werden, ich bin deſſen nicht würdig, da mein Herz von dem Bilde eines Andern erfüllt iſt. Iſt das Deine Liebe, daß Du mich ſo gleichgültig verſchenkſt? Du liebſt mich nicht mehr, denn ſonſt würdeſt Du nicht vergeſſen, welchen Schmerz mir Deine grauſamen Worte bereiten. Nein, Du liebſt mich nicht, Du opferſt mich Deinem Stolze.“ „Ach, Marianne, ſoll ich noch immer den bittern Kelch leeren, von Dir mißkannt und mißverſtanden zu werden?“ Der junge Mann athmete tief auf. Sie ſchwiegen beide. Endlich ſagte er mit ſichtlicher Anſtrengung:„Die Zukunft ſteht in einer hoͤheren Hand. Es gibt eine ewige Gerechtigkeit, die Deine ſtillen Tugenden belohnen wird, es iſt nicht anders moͤglich. Es muß ſo ſein, ich bin ge⸗ kommen, Dir zu ſagen: Du biſt frei! Ich löſe die Bande, die Dich an mich knüpfen! Hier iſt Dein Ring! Gib mir den meinen zurück!“ Luſard ſah, daß der junge Mann einen kleinen ein⸗ fachen Ring von ſeiner rechten Hand zog und ihn Ma⸗ riannen reichte, die ſeine Hand zurückſtieß unv mit einer Stimme ſagte, die deutlich mit Thränen kämpfte:„Nein, ich nehme ihn nicht zurück. Ich will mich nicht ei⸗ nem Manne aufdrängen, der unſer Band zu brechen wünſcht, aber meinen Ring will ich nicht mehr ſehen, Du kannſt ihn ins Meer werfen, wenn der letzte Schatten der Küſten unſres Vaterlandes vor Deinen Augen verſchwin⸗ det. Den Deinen gebe ich Dir jedoch nicht wieder. Ver⸗ borgen, wie meine Liebe ihn ſeit drei Jahren getragen, ſoll er mich nun auch in den übrigen Jahren meines Le⸗ bens nicht verlaſſen.“ Sie erhob ſich. Der junge Mann ergriff ihre Hand und fragte:„Willſt Du ſo mich verlaſſen?“ „Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ „Doch, ein Lebewohl! ein herzlich Lebewohl! Eine einzige Umarmung zum Abſchied.“ 206 Sie warf ſich in ſeine Arme, weinte heftig und riß ſich endlich los, ohne ein Wort zu ſagen. Der junge Mann warf ſich mit dem Geſichte auf die Bank und überließ ſich einem Schmerze, bei dem er ſicher keinen Zeugen vermuthete oder wünſchte. Endlich erhob auch er ſich und ging. Luſard blieb noch ſitzen, erſtaunt und gedankenvoll. Es war Halbdunkel eingetreten und er ging langſam fort, ohne weiter an den Beſuch zu denken, der Grund zu ſei⸗ nem Kommen geweſen war. Er eilte zu Dalund und vertraute dem alten Freunde ſeine jüngſten Erlebniſſe an.„Wo,“ rief er,„ſoll ich dieſen Unbekannten ſuchen?“ Haben Sie eine Ahnung davon, wer er ſein kann?“ „Eine Ahnung habe ich wohl, aber keine Gewißheit. Ich glaube, daß es ein ſehr ſchoͤner Seeoffizier iſt der vor einigen Jahren häufig in Wallers Haus kam und deſſen Liebe zu Marianne jedem in die Augen fallen mußte. Er war lange abweſend, aber ich ſah aus den Blättern, daß er neulich zurückgekehrt iſt und daß er aufs neue Commando erhalten, nur erinnere ich mich nicht wohin und mit welchem Schiffe, doch ſcheinen mir ſeine Aeuße⸗ rungen vollkommen darauf zu paſſen. Sein Name iſt Kremnitz.“ 1 „Und ſein Taufname?“ „Deſſen erinnere ich mich nicht. Indeſſen mit F. beginnt er, ſoviel glaube ich aus den Blättern erſehen zu haben. Es freut mich übrigens, daß Marianne Arnold nicht liebt.“ „Aber wie ſoll ich zur Gewißheit gelangen, daß dieſer Seeofftzier wirklich der Rechte iſt? Ein Mißverſtändniß wäre hier ſehr ſchlinmm. Zu meinen Plänen würde ein Seeoffizier nicht paſſen. Er verlaͤßt nicht leicht ſeine Carrière, um Gutsbeſitzer zu werden, aber Mariannens Schickſal kann ich vielleicht ſichern. Dieſen Erfolg ſoll meine Reiſe hieher mindeſtens haben.“ „Suchen Sie Colette auszuforſchen,“ antwortete Da⸗ 207 lund:„Sie iſt ſchlau und beſitzt vielleicht das Vertrauen ihrer Schweſter. Dabei iſt ſie eine kleine Schwätzerin, aus der mal etwas ſehr Gutes oder etwas ſehr Schlechtes werden kann,— je nach den Umſtänden.“ Etatsrath Dalund täuſchte ſich indeſſen in dieſer ſeiner Vermuthung bezüglich Colettens Mangel an Ver⸗ ſchwiegenheit, denn ungeachtet Luſard am folgenden Tage mit größter Vorſicht durch ihre Mittheilungen etwas über das Verhältniß ihrer Schweſter zu erfahren ſuchte, ward ihm doch nicht die geringſte Aufklärung zu Theil und bei alle dem hatte Marianne den Grund zu der Auf⸗ regung nicht verbergen koͤnnen, in welcher ſie ſich am verfloſſenen Abend der theilnehmenden Freundin gegen⸗ über gezeigt. Luſard beſchloß den einzigen Ausweg zu wählen, der ihm blieb, und ſich geradezu an Marianne ſelbſt zu wenden; aber das arme Mädchen war ſo bleich, ihr Ausſehen ſtand in ſo großem Widerſpruch mit der Ruhe, die ſie ſich zu geben ſuchte, daß er die delicate Sache nicht zu berühren wagte, ſondern ſie bis zu einem gelegeneren Augenblick verſchob. Die früher beſprochene Bücherauction war indeſſen in vollem Gange. Luſard hatte bereits ihrem Beginne beigewohnt und begab ſich Nachmittags wieder dahin, da das Buch, das er wünſchte, wahrſcheinlich verkauft wer⸗ den würde. Kurz nach ſeinem Eintreten kam die Reihe an daſſelbe. Es wurde auf den Tiſch gelegt und für zwei Mark ausgerufen. Die dem Auctionär Zunächſt⸗ ſtehenden warfen einen Blick hinein und einige äußerten in der Stille, es würde wohl kaum ein Gebot gemacht werden, als Luſard raſch dem Auktionäre zuwinkte, wel⸗ cher rief:„Zwei Mark ſind geboten!“—„Drei!“ rief eine Stimme und Luſard bemerkte einen jungen Mann, der ihm gegenüber hinter einigen ſitzenden Perſonen ſtand. „Vier Mark, fünf, einen Reichsbankthaler!“ ging es nun wechſelsweiſe zwiſchen den beiden Bietenden hin und her, dann:„Acht Mark, zehn Mark, zwei Reichsbankthaler.“ Einige Beſitzer von Leihbibliotheken wurden aufmerkſam 208 und glaubten, es müſſe etwas Apartes in dieſer ſcheinbar unbedeutenden Pieee ſein; ſie begannen nun auch zu bieten und folgten bis zu drei Reichsbankthaler, worauf ſie ſich zurückzogen, während die beiden eifrigen Liebhaber fort⸗ fuhren, mit einem wahren Spielerparoxlsmus um die Beute zu ſtreiten. Zehn bis zwölf Thaler waren bereits geboten, der Auctionär hatte kaum Zeit, das Gebot zu nennen, als bereits ein höheres gemacht war. Alle Anweſenden betrachteten mit Verwunderung die beiden Nebenbuhler, deren Heftigkeit mit jeder Seeunde ſtieg. Das Buch ging am Tiſche umher, Alle beſahen es mit Neugierde, wäh⸗ rend die Betheiligten fortfuhren, einander ſo zu überbieten, daß man mit geſpannter Erwartung auf den Ausgang harrte. Endlich, als man bis auf 25 Reichsthaler ge⸗ ſtiegen war, ſchwieg der junge Mann und das Buch wurde Luſard zugeſchlagen, der mit lächelnder Miene das Geld vor den Auctionär legte und das Buch als ſein recht⸗ mäßiges Eigenthum in Beſitz nahm. Er betrachtete nun ſeinen Gegner genauer, der mit einer gewiſſen melancho⸗ liſchen Miene ſeinen Bewegungen folgte, als er das Buch öffnete und es dann zu ſich ſteckte. Es lag in der Phyſiognomie und Haltung dieſes ihm unbekannten Mannes etwas Edles und Ausgezeich⸗ netes, das ihn frappirte. Er ſuchte in Berührung mit ihm zu kommen, und als ſie ungefähr im ſelben Augen⸗ blicke aus dem Hauſe traten, näherte er ſich, grüßte ihn und ſagte:„Erlauben Sie, daß ich Sie einen Augenblick begleite, wir thaten es ſo treulich auf der Auction.“ Der junge Mann lüftete den Hut, ohne zu ant⸗ worten. Luſard fuhr fort:„Ungeachtet es mir aus beſondern Gründen ſehr lieb war, in den Beſitz dieſes Buches zu gelangen, das wir gegenſeitig in die Höhe trieben und das ich um den doppelten Preis nicht aufgegeben, ſo thut es mir doch leid, daß ein Anderer, der natürlich ein ähn⸗ liches Intereſſe haben muß, mir daſſelbe zu überlaſſen ge⸗ noͤthigt war.“ 209 Der Unbekannte antwortete mit einer Stimme, die Luſard zu erkennen glaubte:„Es darf Ihnen nicht leid thun, denn ehrlich geſagt, war es eine Thorheit von mir, mich in Unkoſten ſtürzen zu wollen, die verhältnißmäßig über meine Kräfte gehen; aber ich näͤhrte einen kindiſchen und beinahe abergläubiſchen Wunſch, es zu beſitzen. Ja, weß⸗ halb ſollte ich es nicht ſagen, eine kindliche Liebe zu dem⸗ ſelben, da ſein Verfaſſer mein Großvater war?“ „Was höre ich? Sind Sie Bergland? Ein Enkel von Ferdinand Waller? „Ja, ich bin Ferdinand Bergland. Iſt mein unbe⸗ deutender Namen Ihnen bekannt?“ „Ja, gewiß! Sie ſind mein Verwandter, den ich ſchon lange ſuchte, weil ich ihn für den nächſten unter all' den meinen halte. Mein Namen iſt Luſard de Montalbert.“ Der junge Mann nahm den Hut ab und heftete ſeinen Blick mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck auf den Sprechenden, der alſo fortfuhr:„Meine verſtorbenen Ael⸗ tern ehrten und liebten in Ihrem Großvater den liebſten und vertrauteſten Freund. Von meiner Jugend an wurde mir ſein Name von liebevollen, dankbaren Lippen genannt; ich ſelbſt erinnere mich, ihn geſehen und aus der Fülle meines kindlichen Herzens geliebt zu haben. Ich bitte Sie, lieber Vetter, begleiten Sie mich in mein Logis und goͤnnen Sie mir ein Geſpräch: ich hoffe, daß es Ihnen nicht unangenehm ſein werde.“ Sobald ſie in das Zimmer getreten waren, nahm Luſard das Buch und gab es Ferdinand, indem er ſagte: „Nehmen Sie dieſes Buch, das eine myſtiſche Rolle in unſrer Familie zu ſpielen ſcheint. Sie ſtehen ihm näher, als ich; es ſoll Ihnen zugehören, und nun bitte ich Sie, legen Sie Ihren Hut und Ihre Handſchuhe ab und ſetzen Sie ſich zu vertraulichem Geſpräche, wie es Verwandten gebührt, zu mir.“ Als Ferdinand ſeine Handſchuhe auszog, ergriff Novellen. I. 14 210 Luſard ſeine linke Hand und ſagte lächelnd:„Dieſer RNing war es, was ich zu ſehen hoffte. Ich kenne ihn.“ Ferdinand ſah ihn verwundert an und antwortete: „Er gehörte dem Onkel meiner Mutter, einem Manne, der gut gegen mich gefinnt war.“ „Meine Bekanntſchaft mit demſelben iſt ſehr neu,“ ſagte Luſard,„nicht älter, als von geſtern, er iſt mir je⸗ doch ein ſehr willkommenes Zeichen, das die Vermuthung bekräftigt, die mir Ihre Stimme bereits eingeflößt: daß ich in doppelter Hinſicht in Ihnen etwas finde, was ich lange geſucht und woran ich meine höchſten Wünſche ge⸗ knüpft. Sie ſind Ferdinand Wallers Enkel und Mariannen Wallers Geliebter. Sie ſehen mich erſtaunt an. Fürchten Sie nichts, mein junger Mann, ich bin nicht Ihr Neben⸗ buhler, wie Sie glauben, obwohl es einer meiner wärm⸗ ſten Wünſche iſt, das Schickſal Ihrer Geliebten eng an das meinige zu knüpfen. Laſſen Sie mich dieſes Räthſel löſen. Ein Zufall, oder richtiger geſagt, eine Schickung des Himmels, vor welcher ich mich in dieſem Augenblick dankend beuge, führte mich geſtern in eine Laube, welche hart an jene ſtieß, in welcher Sie mit Mariannen ſaßen; ich erkannte ſie, und da ich Gründe hatte, ihre Geſinnung zu erfahren zu ſuchen, blieb ich Zeuge Ihres Geſpräches.“ Mit ſichtlicher Verlegenheit antwortete der junge Mann:„Ach! wenn dem ſo iſt, ſo muß ich befürchten, daß Sie mich hart und lieblos finden. Ich habe mich ſelbſt in einer ſchlafloſen Nacht gefragt, ob ich es nicht ſei. Aber Gott iſt der Zeuge des ſchmerzlichen Kampfes, den es mich gekoſtet.“ „Ja, auch ich war Zeuge dieſes Schmerzes, und auch ich habe mich ſelbſt gefragt, ob ich zu loben oder zu tadeln ſei und ich geſtehe Ihnen ehrlich: In dieſem einzelnen Falle tadle ich Sie; denn ein ſo tieffühlendes Gemüth, wie Marianne, trägt ohne zuſammenzubrechen, den Druck äußeren Unglückes, aber von der Hand der Liebe erhält es nur allzuleicht einen unheilbaren Herzens⸗ ſtoß. Hat die friſche Hoffnung, Muth und Ausdauer ſo 211 ſehr die Jugend der Jetztzeit verlaſſen, daß ſie des Lebens Bürde nicht mehr aufzuheben wagt? Sie ſind, wie ich weiß, ein Menſch von mancherlei Kenntniſſen; weßhalb 3 wollen Sie Ihr Vaterland verlaſſen und ein Band zer⸗ Hn reißen, das Ihnen ſelbſt theuer war?“ „O lieber Onkel! Sie ſind edel, weiſe und erfahren. Doch gibt es eins, worin Sie keine Erfahrung haben: Sie haben nie die bittre Demüthigung gekannt, womit ole ſtolze Welt den Armen niederdrückt, den, dem keine bürgerliche Stellung, kein Namen Anſehen in ihren Augen gibt. Ich habe meine Zeit zerſplittert und die Wege ver⸗ ſäumt, welche zu dieſen unentbehrlichen Gütern führen; und dennoch bin ich mir bewußt, meine Zeit nicht in Müßiggang verloren zu haben. Im Gegentheil! Ein Eifer, in der Natur, in den Wiſſenſchaften ein Licht zu finden, das ſich vielleicht nicht vor dem offenbart, der es mit allzu raſtloſem Eifer ergreifen will, das iſt mein Verbrechen, deßhalb bin ich jedoch kein Tagdieb und Vagabund, obgleich ich weiß, daß man mir dieſe Ehren⸗ namen beilegt. Deßhalb wollte ich an das Ende der Welt fliehen und einen Frieden und ein Brod ſuchen, das ich hier nicht finden konnte. Vielleicht habe ich auch hierin Unrecht. Aber ich fühlte h ſo verlaſſen. Nun habe ich Sie gefunden. Mein lt Zuneigung zu Ihnen; es iſt lange her, ſeit essſich z inem Menſchen hingezogen fühlte. Fuͤhren Sie mich ⸗ un werde⸗Ihrem Willen folgen.“ „Das iſt ein Wort. Ich bin allein, ohne Frau und Kinder; auch mein Leben hatte ſeine unſtete, umher⸗ ſchweifende Periode. Doch habe ich in Einem gewirkt und eine Saat für die Zukunft geſäet: Ich bin der Be⸗ ſitzer eines großen Gutes; vieler Menſchen Wohl, man⸗ ches nützliche Unternehmen hängt mit ſeiner Bewirth⸗ ſchaftung zuſammen. Ich wünſche es elner kräftigen und lieben Hand zu übergeben; ich wünſche meine Einſamkeit zu verſchönern, mein herannahendes Alter durch ein glück⸗ liches Familienleben zu verſchoͤnern. Mit einem Worte; 212 ich wuͤnſche mir einen Sohn und Erben; einen ſolchen im Kreiſe meiner Verwandten zu finden, bin ich hierher gereiſt. Ich dachte zunächſt an die Kinder meines Onkels Ferdinand; ich ſuchte vergeblich den Einzigen ſeines Stammes; ich fand die liebenswürdige Marianne, ich wünſchte den zu finden, den ihr Herz gewählt. Uner⸗ wartet finde ich beide Wünſche in Ihnen vereinigt. Mein junger Freund! Wollen Sie meinen braven Landleuten ein Vater und mir ein Sohn ſein, ſo reichen Sie mir die Hand!“ Ferdinand ergriff ſeine Hand und drückte ſte an ſeine Lippen, ohne ſprechen zu koͤnnen. „So kommen Sie,“ ſagte Luſard.„Laſſen Sie mich— Sie in das Haus zurückführen, aus welchem Sie ungerechter Weiſe vertrieben wurden und während Sie ſich Mariannen zu Füßen werfen und Ihre Verzeihung er⸗ halten, werde ich mit ihrem Vater ſprechen und es wird mir, hoffe ich, leicht werden, Ihnen ſeine Zuſtimmung und ſeinen Segen zu bringen.“—— Eines ſchoͤnen Septembertags, gegen Sonnenunter⸗ gang ſaß die junge Marianne Bergland in dem prächtigen Garten des ſchönen Herrenſitzes, wo Luſard vor kurzem mit triumphirendem Geſichte das glückliche junge Ehepaar und in ihrer Begleitung die muntere Colette eingeführt. Beide Schweſtern ſaßen in der Laube bei ihrer Hand⸗ arbeit. See iße und ſcherzten, wie heitere Kinder, als Luſard Ferdinand zu ihnen trat und ſagte: „Himmel und Erde ſind heute Abend ſo ſchön. Wir wollen dieſen Abend recht genießen. Ich bitte Dich, liebſte Marianne, unſer Abendbrod in dieſer Laube decken zu laſſen und es mit duftenden Blumen zu ſchmücken, die Deine und Colettens freundliche Hände ſo hübſch zu binden wiſſen. Ferdinand verſprach ein Buch vorzuleſen, das uns alle intereſſirt.“ Nach Verlauf von einigen Stunden verſammelte man ſich wie verabredet. Die Lampen brannten ruhig in der ſtillen Nacht, während der Mond ſeine bläulichen Strah⸗ 213 len auf Tiſch und Blumen warf, als wollte er das irdiſche Licht beſchämen. Und die Sterne ſahen mit zitternder Bewegung neugierig durch das Laub. Ferdinand begann nun mit ſeiner ſonoren Stimme die jugendlichen Gedichte vorzutragen, die ſo mächtig in das Schickſal des Ver⸗ faſſers und der ganzen Waller'ſchen Familie eingegriffen. Er las ſie von Anfang bis zu Ende, denn kein Mitglied des Auditoriums wollte ein einziges Blatt dieſer ihnen heiligen„Primulae veris“ miſſen. Als die Lecture zu Ende war, rief Luſard:„Das ſind, wie Oſſian ſagt, Stimmen einer vergangenen Zeit.“ „Es iſt für meine Ohren eine ſchöne Stimme,“ ſagte Marianne, eine jugendliche Stimme, die aus der Tiefe des Herzens kommt, und wenn ſie auch dann und wann einen einzelnen falſchen Ton nimmt, ſo ſingt ſie doch wie der Vogel, nur um zu fingen, aus ehrlicher warmer, lebensfroher Bruſt.“ „Wohl wahr,“ antwortete Ferdinand:„aber bei aller Liebe und allem Reſpect vor meinem Großvater, bleibt es doch gewiß, daß wenn dieſe Gedichte jetzt heraus⸗ kämen, man ſie unbedeutend finden würde, ſtimmten ſte auch noch ſo ſehr mit der politiſchen Anſchauung der Zeit überein. Es läßt ſich doch nicht läugnen, daß unſere Zeit einen weit geläuterteren und veredelteren Geſchmack, als jene Zeit hat, da dieſe Gedichte ans Licht traten.“, „Das iſt wahr,“ ſagte Luſard:„unſere Zeit würde viel in Kunſt und Leben verſchmähen, womit wir ſehr zufrieden waren und das ſpricht doch gewiß für den ver⸗ edelten Geſchmack.“ „Ja,“ bemerkte Ferdinand:„und wenn man bedenkt, daß nur ein halbes Jahrhundert ſeit der Zeit ver⸗ floſſen, von welcher wir ſprechen, iſt es da nicht, als ob die Welt in dieſem Zeitraum eine in vieler Hinſicht andere geworden wäre?“ „Ach!“ ſagte Luſard:„In dem Augenblick, in wel⸗ chem Du dies ſagſt, wird es mir recht lebendig, wie ſich alles im Leben auffallend wiederholt, Wir ſitzen hier an 214 einem Septemberabend belm Mondſchein in einer mit Lichtern und Blumen verzierten Laube, und leſen dieſes Buch, deſſen erſtes Erſcheinen nach dem Berichte meiner Aeltern, von ihnen auf ganz ähnliche Art in einer Laube, wie dieſe, an einem Abend wie dieſer, gefeiert wurde, und als Wiederholung jenes kleinen Feſtes feierte mein Vater ſeine Jugenderinnerungen mit ſeinem lange vermißten Freunde in derſelben Laube, in welcher wir nun ſitzen, und hier erfuhr er von Ferdinand Waller zum erſten Male ſeines Sohnes Eriſtenz und das Schickſal ſeiner treuen Geliebten. Hier haben nun auch wir eine Wieder⸗ holung jener für meine Aeltern ſo unvergeßlichen Abende gefeiert, aber— wie alles im Leben— unter einer andern Form; und ſo ſcheint ſich mir Alles, im Großen, wie im Kleinen zu wiederholen. Ich geſtehe, daß ich nicht an ein goldenes Zeitalter in unſrer irdiſchen Gegenwart, oder an ein tauſendjähriges Reich glaube, in welchem ſich alle ſtreitenden Kräfte verſoͤhnen werden. Das Menſchenge⸗ ſchlecht bleibt im Grunde daſſelbe, dieſelben Leidenſchaften, dieſelben Ideen kehren wieder, nur unter veränderten Formen.“ „Aber doch,“ rief Ferdinand,„unter ſchöneren, klare⸗ ren und freieren Formen. Ich freue mich darüber, in einem Zeitalter zu leben, das trotz ſeiner Mängel ſo mächtige Fortſchritte in ſo manchen Richtungen macht. Ich bekenne mich zu dem Glauben, daß das Menſchen⸗ geſchlecht durch Oszillationen zwar, aber doch mit ſtetigem Gang, ſich dem Ziele der Vollkommenheit nähert, das für dieſe irdiſche Exiſtenz denkbar iſt.“ „Amen!“ ſagte Luſard:„Ja, ja, wir wollen es hoffen! Wir wollen wie brave Seeleute vertrauensvoll nach der kräftigen Hand ſehen, welche das Ruder ſteuert, wenn wir ſie auch nur durch den Nebel ſchimmern ſehen und feſt an dem Anker halten, wenn auch die Wogen ſtürmen und ihn uns zu entreißen drohen.“ — — ———— 2 Man höoͤrt oft die Aeußerung, daß alles Abenteuer⸗ liche rein aus der Welt verſchwunden ſei, daß keines Menſchen Leben mehr in bunten Farben ſpiele, daß es vielmehr auf einem grauen, aller romantiſchen Ausſicht verſchloſſenen Landwege dahinſchleiche. Wie viel auch in unſern Zeiten für dieſe Anſicht ſpricht, ſo näͤhre ich doch den Glauben, daß die meiſten Menſchen Begebenheiten er⸗ lebt, oder Zeuge von ſolchen waren, die, wenn ſie in eine erdichtete Erzählung eingeführt würden, dem oft wieder⸗ holten Vorwurfe begegnen müßten, daß ſie unwahrſchein⸗ lich ſeien. Manches wahre Ereigniß dieſer Art, wird aus dem einen oder andern Grunde nicht allgemein bekannt, oder wenn es bekannt wird, erregt es keine Verwunderung, da es nur den alten Satz beſtätigt,„daß das Wahre nicht immer wahrſcheinlich iſt.“ Ein Ereigniß, das ich wohl zu dieſer Claſſe rechnen kann, iſt mir nicht blos in meiner Jugend begegnet, ſon⸗ dern hat in ſeinen Folgen ſich ſo mit meinem Leben ver⸗ ſchlungen und einen ſo entſcheidenden Einfluß auf mein Schickſal gehabt, daß ich mir das Vergnügen nicht ver⸗ ſagen kann, dieſe Umſtände aufzuzeichnen, um ſie ſo noch einmal in der Erinnerung zu durchkoſten. An jenem Tage als ich mit ausgezeichnetem Erfolge von dem Examen artium heimkehrte, war gerade mein Geburtsfeſt, an welchem ich achtzehn Jahre alt wurde. Ich lebte bei meiner Mutter, einer Wittwe. Unſere Verhaͤltniſſe waren 218 ſehr beſchränkt, unſre Heimath war aber nichtsdeſtoweniger ſehr behaglich, da meine Mutter das unſchätzbare Talent beſaß, das in keinem Inſtitute gelehrt wird, ihr Hausweſen mit ſolcher Ordnung und Umſicht, ja warum ſollte ich nicht ſagen, mit ſo liebevollem Sinne zu bewirthſchaften, daß die Schoͤnheit unſre Umgebung und unſern Umgang nie verließ. Mein Vater war vor mehreren Jahren ge⸗ ſtorben; eine kleine Schweſter, die in ſeinen letzten Tagen geboren wurde, war ihm bald ins Grab gefolgt. Ich blieb ſomit meiner Mutter einziges Kind und der oben genannte Tag war, wie man ſich denken kann, ein großer Feſt⸗ und Freudentag für uns Beide. Auch hatte ſie alles gethan, was in ihren Kräften ſtand, um ihn zu feiern. Sie hatte unter anderem zwei von meinen liebſten Mit⸗ ſtudirenden und unſre nächſten Verwandten und Freunde, nehmlich ihre Schweſter und ihren Schwager eingeladen. Dieſer letztere war Profeſſor, ein gelehrter und tüchtiger Mann, der ſich väterlich meiner angenommen und mich in meinen Studien geleitet hatte. Nachdem wir in der beſten Laune unſre Mahlzeit genoſſen und auf des neuen Stu⸗ denten Wohl getrunken, kamen wir auf den Gedanken, ſpazieren zu gehen, da es außerordentlich ſchönes Herbſt⸗ wetter war. Meine Mutter und ihre Schweſter blieben zu Hauſe und der maͤnnliche Theil unſerer Geſellſchaft begab ſich auf die Esplanade, welche nicht ſehr entfernt von unſrer Wohnung war. Meine zwei jungen Freunde, welche in ein eifriges Geſpräch gekommen waren, gingen voran, während mein Onkel, der Profeſſor, und ich folg⸗ ten. Wir nahmen den Weg vor die Citadelle und wäh⸗ rend dieſes Spazierganges ſtellte mir mein Onkel mit großem Ernſte vor, wie von dieſem Tage an ein neues Leben für mich beginne, wie ich nun meinen Studien mit beſondrem Fleiße obliegen und mir durch Informationen meine Bedurfniſſe verſchaffen müſſe, um meiner Mutter die Koſten für mich zu erleichtern, die ſie bisher nur mit großer Aufopferung zu beſtreiten im Stande geweſen. Er 219 wiſſe am beſten, ſagte er, daß ich ungewoͤhnlich ſtark in den lebenden Sprachen ſei, die er mich ſelbſt gelehrt. Durch Unterricht in denſelben und Uebernahme von literariſchen Arbeiten müßte ich bedeutend zur Blüthe unſres Haus⸗ weſens beitragen. Er fügte noch manche, an und für ſich ganz geſunde, aber ziemlich abgedroſchene Lehren hinzu, wie z. B. das Leben habe eine dunkle und ernſte Seite, die namentlich für den Unvermöglichen fühlbar ſei, der nur durch eigene Kraft und Verzichtung auf an und für ſich unſchuldige Genüſſe ſich ein etwas ſorgenfreies Daſein verſchaffen könne. Dieſe Betrachtungen ſtimmten das Ge⸗ fühl von Gluͤckſeligkeit, das an dieſem Tage mich beſeelt hatte, außerordentlich herab. Es ſchien mir, mein Onkel hätte dieſe Ermahnungen auf eine beſſere Gelegenheit ſparen können, wenn es überhaupt nothwendig war, ſie mit einer ſo niederſchlagenden Ausſicht in meine Zukunft zu begleiten und ich muß geſtehen, daß ich noch der Mei⸗ nung bin, man ſollte dem die öde Sandwüſte nicht zeigen⸗ der zum erſten Male ſeinen Fuß hineinſetzt, ohne ihm zugleich das Ziel zu zeigen, wo ihm Glück und Zufrieden⸗ heit in der Ferne winkt, und die kleinen grünen Oaſen, welche die beſchwerliche Wanderung erleichtern werden. Wie gut deshalb meines Onkels Abſicht auch war, ſo verdarb ſie mir doch mehrere Stunden des Tages, an welchem ich glücklich den erſten, wenn auch nicht ſehr, entſcheidenden, ſo doch nicht unwichtigen Wendepunkt meines bürgerlichen Lebens erreicht hatte. Da unſre jungen Freunde beſtimmt hatten, daß wir einen ziemlich langen Weg machen ſollten, ſo wollte mein Onkel nicht weiter mit uns gehen, ſondern kehrte um, und als wir andern auf dem Heimwege uns wieder in der Nähe des Citadellthores befanden, verließen auch dieſe jungen Männer mich, da ſie den Abend in einer andern Geſellſchaft zubringen ſollten. Ich war müde und warm geworden, denn ich trug, ungeachtet es noch nicht ſonder⸗ lich kalt war, einen großen Radmantel, in den ich mich 220 aus kindiſcher Freude über dieſes neue Kleidungsſtück, ge⸗ hüllt hatte. Mein guter Onkel, der wußte, daß ein ſol⸗ cher Mantel längſt mein höchſter, weltlicher Wunſch ge⸗ weſen, hatte mir denſelben zum Geburtstage geſchenkt. Ich fand, daß ich mich ſehr gut in demſelben ausnahm, daß ſeine lichtgraue Farbe, ſein eleganter Schnitt mir ein vornehmes, ausländiſches, ja romantiſches und ritterliches Ausſehen gab. Es ging mir indeſſen auf dieſem Spazier⸗ gang, wie es oft mit Pracht und Ehre geht. Es wurde mir eine Laſt. Als meine Begleiter Abſchied von mir genommen, ſetzte ich mich, um mich abzukühlen, auf eine Bank, wie ſie damals in der Nähe der Ravelinen ſtanden. Es begann zu dunkeln und ich dachte daran, mich auf den Weg zu machen, ehe die Wache käme, um das Thor zu ſchließen, als ich einen Wagen in raſchem Laufe von der Citadelle her kommen und einige Schritte von dem Orte, wo ich ſaß, halten ſah. Ein Frauenzim⸗ mer ſteckte den Kopf aus dem Wagen, ſie trug einen ſchwarzen Schleier, nicht vor dem Geſichte, ſondern feſt um den Kopf gebunden, ſo daß ihre ſcharfen, bleichen, wie mir ſchien, ältlichen Züge für den flüchtigen Beob⸗ achter etwas Geſpenſtiſches hatten. Zu meiner großen Verwunderung winkte ſie mir und wiederholte mehre Male ein Zeichen, daß ich mich nähern ſolle, ehe ich faſſen konnte, daß ich es ſei, den ſie meinte. Endlich trat ich nahe an das Wagenfenſter und im ſelben Augenblick reichte ſie mir aus dieſem einen Korb von ſolcher Groͤße, daß er kaum durch das Fenſter ging, und mit ſolcher Haſt, daß er auf den Boden gefallen wäre, wenn ich ihn nicht ergriffen hätte. Ich hatte keine Zeit, ein Wort zu ſagen, denn kaum war der Korb in meinen Händen und ich wollte die Lippen öff nen, um zu fragen, was das heißen ſollte, als die Dame den Finger auf den Mund legte, um mir zu bedeuten, daß ich ſchweigen ſollte, indem ſie mit der andern an das vorderſte Fenſter klopfte, um dem Kutſcher ein Zeichen zu geben, daß er fortfahren ſolle, was dieſer —— 221 auch ſogleich befolgte und mit dem Wagen eine ſolche Wendung machte, daß ich mit meinem Korbe auf die Seite ſpringen mußte, um nicht überfahren zu werden. So ſtark ich konnte, eilte ich dem Wagen durch das Ci⸗ datellthor und über die Esplanade nach, aber lange ehe ich das Ende derſelben erreicht, war der Wagen mir aus dem Geſichte. Es war mir, als ob er die Amalienſtraße hinabfahre, doch wurde ich von der zunehmenden Dunkel⸗ heit und mehren Wagen, welche deſſelben Weges fuhren, verhindert, mich deſſen zu vergewiſſern. Ich hatte keine andere Wahl, als heimzugehen mit dem mir unbekannten Schatze, den ich unter meinem Mantel trug und der nicht ſonderlich ſchwer war. Ich betrachtete den Korb. Er war ſehr hübſch. Der Deckel, welcher aus ganz offner Korbmacherarbeit beſtand, war mit einem breiten Seiden⸗ bande feſtgebunden. Durch dieſen Deckel ſah ich etwas feines Weißes ſchimmern und als ich es bei dem Schein der Straßenbeleuchtung näher betrachtete, entdeckte ich, daß ein feiner Mouſſelin wie ein Schleier über etwas ge⸗ breitet war, was ein eleganter Damenputz von weißem Zeug und gefärbtem Bande zu ſein ſchien. Ich dachte lächelnd:„Wer weiß, welches hübſche Mädchen heute Abend mit großem Schmerze beklagt, daß das Alles in meine profanen Hände gefallen iſt! wer weiß, welcher Dank meiner harrt, wenn ſie aus dem Adreſſeavis erfährt, daß ein ehrlicher Finder ihr Eigenthum treulich bewahrt und ihr mit Freuden zurückbringen wird!“ Als ich in meiner Mutter Wohnzimmer kam, fand ich dort außer meinem Onkel und meiner Tante unſre Wirthin, eine Brauerswittwe, welche zu meiner Mutter heraufgekommen, um ihr und mir wegen der doppelten Feierlichkeit des Tages Glück zu wünſchen. Die freund⸗ liche Frau hatte keine Zeit, ihre Hoflichkeiten bei mir an⸗ zubringen, denn Alle beſtürmten mich mit der Frage, was in dem Korbe ſei, den ich auf den Divantiſch ſtellte. „Was iſt in dem Korbe?“ fragten Alle.„Es iſt ſoyiel 222 ich weiß, Damenputz,“ antwortete ich und erzählte mit kurzen Worten mein Abenteuer, während ich mit einiger Muͤhe das Band löste, das den Deckel feſthielt, den ich öffnete. Meine Mutter nahm raſch den Schleier weg, und— o Himmel! was ſchildert unſer Erſtaunen, als wir unter dieſer Decke ein neugeborenes Kind fanden, das in ſeinen weißen höchſt eleganten Kleidern dalag und ſchlief: es war an ein blaues Seidenkiſſen mit breiten Bändern von verſchiedener Farbe gebunden. Wir waren alle wie verſteinert. Wir ſahen einander an, ohne zu ſprechen. Endlich brach mein Onkel das Schweigen und ſagte: „Na! das fehlte noch! Du haſt Deiner Mutter eine ſchoͤne Beſcheerung ins Haus gebracht!“— Ich ſtammelte verlegen einige Worte, wurde aber im ſelben Augenblicke gewahr, daß an die innere Seite des Schleiers ein kleiner geſchriebener Zettel befeſtigt war, den meine Mutter noch in der Hand hielt. Begierig ergriff ich denſelben. Er war franzoͤſiſch und enthielt in der Ueberſetzung ungefähr folgende Worte: „Erhaltenem Auftrage zufolge(ſeinem oder ihrem konnte nicht beſtimmt werden, da ses ordres beide Er⸗ klärungen zuläßt,)„ſende ich Ihnen hiemit das Kind. Alles iſt vorbei! Sie können nicht unglücklicher ſein, als ich.“— Es war keine Unterſchrift dabei, aber weiter unten auf derſelben Seite ſtand als eine Art Nachſchrift: „In unſrer verzweifelten Lage war es nicht möglich, dem Kind das heilige Sakrament der Taufe zu geben. Sorgen Sie deßhalb ſo bald als moͤglich dafür und geben Sie ihr— was ſich eigentlich von ſelbſt verſteht— den ge⸗ liebten Namen Niſida.“ 3 Sehr viel klüger wurden wir nun zwar nicht aus dieſem Schreiben; indeſſen waren wir doch in der Ver⸗ muthung einig, daß die Perſon, an welche dieſe Zeilen gerichtet waren, wegen der Verwechslung, welche hier ſtatt⸗ gefunden, wahrſcheinlich ſehr bekümmert ſei und ſich gewiß unendlich freuen würde, das Kind zu finden. Mein Onkel 4 1 223 wollte ſogleich auf die Polizei gehen, um zu melden, was vorgefallen; meine Mutter hielt ihn zurück und bat ihn, ſeine Verhaltungsmaßregeln ſo zu nehmen, daß dieſe Sache nicht öffentlich bekannt werde, da es ihr klar zu ſein ſchien, daß mit dieſem Ereigniß ein trauriges Geheimniß verbunden ſein müſſe. Man verabredete nun näher, wie dies ins Werk zu ſetzen, und mein Onkel ging, um alles aufs Beſte zu beſorgen, nachdem in unſrem kleinen Rathe beſchloſſen worden, eine Anzeige in den Adreſſeavis und andre Tageblätter einrücken zu laſſen, welche in ver⸗ blümten Ausdrücken nur den Betreffenden verſtändlich ſein ſollte. Als der Onkel gegangen war, betrachteten und be⸗ wunderten die drei Frauen das kleine Kind, deſſen Schön⸗ heit ſie außerordentlich prieſen. Es lag beſtändig in einem ſüßen Schlaf. Die Wirthin äußerte, daß man ihm wahrſcheinlich aus Vorſicht etwas Einſchläferndes gegeben, damit es nicht im Korbe ſein Daſein verrathe. Meine Mutter ſagte gerührt:„Ach, es iſt mir, als ſähe ich mein eignes kleines Mädchen, das ich nur wenige Tage beſaß.“ Sie beugte ſich über das Kind, legte ihre Wange an ſein kleines Geſicht und erhob es etwas von dem Bette. Es erwachte bei dieſer Bewegung und ſchlug ein paar große ſchwarzbraune Augen auf. Meine Mutter nahm es in ihre Arme, während die beiden andern Frauen den übrigen Inhalt des Korbes unterſuchten, der von Kinderzeug, namentlich Linnen ganz vollgepackt war, welches ſich durch übertriebenen Lurus und Eleganz auszeichnete. Um den Hals des Kindes war ein breiter Goldring ge⸗ bunden, in welchem ein grüner Stein von derſelben Breite wie der Ring mit glänzenden Scheine funkelte. Wir forſchten, ob die Platte, in der der Stein eingefaßt war, nicht zugleich eine Kapſel bilde, die das eine oder andre Zeichen enthielt. Es ſchien dies wirklich der Fall zu ſein, aber bei näherer Unterſuchung wurde die Sache doch nicht ſo befunden und weder auf dem Ring, noch Buchſtabe zu finden. Die Frauen beriethen nun, wie man im Augenblicke für die Bedürfniſſe des kleinen Gaſtes auf irgend etwas anderem im Korbe war der geringſte ſorgen wolle. Eine Amme herbeizuſchaffen, hatte man⸗ cherlei ökonomiſche und häusliche Schwierigkeiten. Man rieth meiner Mutter, bis auf weiteres das Kind mit Milch aufzuziehen. Die Wirthin ſagte:„Eine meiner Kühe iſt jung und hat neulich gekalbt, von ihrer Milch — ſollen Sie jeden Morgen einen Topf für die hübſche Kleine bekommen, ſo lange ſie in Ihrem Hauſe iſt.“ Als mein Onkel zurückkam, war er ſehr verdrießlich über dieſe Begebenheit und zählte alle Unannehmlichkeiten und Beſchwerlichkeiten auf, welche ſie nach ſich ziehen könnte.„Das Allerſchlimmſte,“ ſagte er zuletzt,„iſt das lügneriſche Geſchwätz, zu dem boͤſe Zungen Veranlaſſung bekommen. Sie, liebe Schwägerin! ſind nur acht und dreißig Jahre alt, Sie ſind noch eine hübſche Frau, was wird die Welt für eine ſaubere Geſchichte aus all' dieſen Umſtänden zuſammenbuchſtabiren?“ Meine Mutter er⸗ roͤthete und antwortete nach einer kurzen Pauſe:„Ich habe nur äußerſt wenig mit der ſogenannten Welt zu thun. Sie, lieber Schwager, meine Schweſter, meine gute, gefällige Wirthin, welche zu meinem Glücke heute Abend bei mir ſind, Sie ſind die Zeugen dieſer Begebenheit und ſind die Menſchen, deren Zeugniß mir am wichtigſten iſt— und was über alles geht— Gott iſt ſelbſt mein Zeuge. Seine Vorſehung, welche alles reglert, ſendet mir dieſes Kind, ſendet es mir durch meinen Otto, an dieſem für uns bedeutungsvollen Tage und dies— vielleicht verlaſſene arme Kind, vielleicht von einer unglücklichen Mutter mit tauſend Thränen dem Schutze des Vaters der Waiſen anvertraut, will ich demüthig in ſeinem Na⸗ men aufnehmen und es behalten, ſo lange es ſein Wille iſt.“ Während dieſer Antwort glühten die Wangen meiner Mutter und etwas Begeiſtertes und Kraftvolles klang durch ihre ſonſt ſo ſanfte und weiche Stimme. Wir waren alle 225 gerührt. Ich eilte zu ihr, beugte meine Kniee und küßte ihre Hände, auch der Onkel nahm ihre Hand und ſagte: „Sie ſind eine gute Frau, die ich von Hexzen ehre und liebe. Ihr Frauenzimmer ſeid im Ganzen beſſer, als wir Männer! Nal Gott gebe ſeinen Segen!“ fügte er hinzu und bot die Hand über den Korb, der auf dem Tabouret neben meiner Mutter Stuhl ſtand und worin das kleine Kind ſchlief. Weder die Bemühungen der Polizei, noch unſre in drei Sprachen verfaßten Bekanntmachungen in den Blät⸗ tern oder irgend eine unſrer privaten Nachfragen führten . zu der mindeſten Aufklärung über dieſes Kind, und als vierzehn Tage auf dieſe Weiſe verfloſſen waren, konnten wir es uns gar nicht mehr anders denken, als dieſes kleine Weſen gehöre uns allein. Wir ließen es taufen und gaben ihm vorgeſchriebener Maßen den Namen Niſida. Meine Mutter zog es mit größter Sorgfalt und Liebe auf und dieſes neue Intereſſe beſchäftigte ſie ſo ganz, daß ich bald einſah, was ſie auch ſelbſt zugeſtand: es würde ihr unbeſchreiblich wehe thun, wenn ſich Jemand mit größeren Rechten an dieſes Kind meldete und ſie deſſelben beraubte. Sie ſah durch eine natürliche Illuſion ganz ihre eigne früh verlorene Tochter in dieſem Mädchen wieder aufleben. Es dauerte nicht lange, ſo war die kleine Niſida ein Ver⸗ einigungspunkt für das Intereſſe unſrer ganzen Bekanntſchaft. Mein Onkel und meine Tante, welche ſelbſt keine Kinder hat⸗ ten, ſowie die gutmüthige Wirthin freuten ſich, als ſie ſahen, wie das Kind unter der ſorgfältigen Pflege meiner Mutter an Koͤrper und Geiſt zunahm. Sie ſchienen alle an dieſer kleinen Unbekannten Theil zu haben und ſuchten meiner Mutter einen Theil dieſer Mühe abzunehmen. Beinahe taͤglich brachten dieſe Freunde eins und das andere in dieſer Hinſicht. Meine Tante nähte und ſtrickte für die Kleine, bisweilen kam ſie und ihr Mann mit einem Wagen, Novellen, II. 15 226 um eine Spazierfahrt mit ihr und meiner Mutter zu machen oder beide zu ſich nach Hauſe zu holen, wo eine Wiege und alle Bequemlichkeiten für den kleinen Liebling bereit ſtanden. Ich blieb jedoch nicht der Einzige, auf den dieſe Begebenheit keinen Einfluß hatte. Bisher machten mir— wie allen jungen Leuten in meinem Alter und meiner Stellung,— die Koſten, die ich meiner Mutter verur⸗ — ſachte, wenig Sorgen, aber die neue Laſt, die ich ihr bei dieſer Gelegenheit gegen meinen Willen und mein Wiſſen auferlegt, die liebenswurdige Art, wie ſie ſie auf ſich genommen, trieben mich an, etwas in dieſer Sache zu thun, die mir oft erſchien, als ginge ſie mich am nächſten an, als wäre die kleine Niſida mein Kind, das Kind meines eignen Herzens, etwas, was mir zugeſchickt, meiner Ehre und Liebe anvertraut war. Das war die Illuſton, welche dieſe Umſtände in meinem Innern erweckten. Die Ermahnungen meines Onkels, welche mich an meinem Geburtstage verſtimmt hatten, waren mir nun ein voll⸗ kommener Leitfaden; und durch ſeine Hülfe gelang es mir, Informationen zu erhalten, welche ſich ſpäter mehr⸗ ten und glänzender wurden, ſo daß ich bald durch ordent⸗ liche Oekonomie— eine neue Tugend, deren ich mich befleißte, meine größeren Ausgaben beſtreiten konnte. Ich war außerdem fleißig in meinen Studien und machte beide Theile des Examens mit großem Erfolge. Indeſſen hatten wir im Hauſe meiner Mutter eine neue Bekanntſchaft gemacht. Ungefähr einen Monat nach jenem Abend, als ich den viel beſprochenen Korb nach Hauſe brachte, geſchah es eines Nachmittags, als meine Mutter und ich allein ſaßen, daß das Mädchen einen Herrn mel⸗ dete, der mit der Frau vom Hauſe ſprechen wolle. Wir baten ihn näher zu kommen und ein alter Mann trat ein. Wir erhoben uns, von einer unwillkürlichen Ehrfurcht getrieben, raſch von unſern Sitzen: etwas ſo Ideales umſchwebte dieſe hohe Geſtalt. Sein blaſſes, 227 mildes und doch ernſtes Antlitz, ſeine kahle Stirne, um⸗ geben von ſchneeweißen, gelockten Haaren, ſein ganzes Weſen und Ausſehen hatte etwas Ungewöhnliches. Seine Tracht ſchien darauf zu deuten, daß er ein Geiſtlicher ſei und als ſolcher erwies er ſich auch, als er ſeinen Namen nannte und ſich als den Prieſter der katholiſchen Gemeinde vorſtellte. Er ſagte, er habe gehoͤrt, daß die kleine Etage, die wir bewohnten, vor dem eigentlichen Termine frei werde und bitte um Erlaubniß, ſich die Wohnung anzu⸗ ſehen. Als wir erklärten, daß wir keineswegs auszögen, bat er in ſehr höflichen Ausdrücken um Vergebung wegen ſeiner Zudringlichkeit. Er wußte ſich nur mit Mühe in der däniſchen Sprache verſtändlich zu machen und war deßhalb ſehr vergnügt, als wir ihn deutſch anredeten, was jedoch ebenſowenig ſeine Mutterſprache zu ſein ſchien, obgleich er es fließend ſprach. Er beklagte ſich darüber, daß die falſche Nachricht wegen dieſer Zimmer ihn ver⸗ lockt habe, einen langen beſchwerlichen Weg zu gehen, da er ſich noch in ſeiner Sommerwohnung in der Nähe der Stadt aufhalte und ein für ihn bequemeres Logis in der Stadt ſuche. Ich ſchob raſch einen Lehnſtuhl herbei und bat ihn, uns ſeine Gegenwart und ſich ſelbſt einige Ruhe nach dem langen Gange zu gönnen, meine Mutter bot ihm eine Taſſe Kaffee, da dieſe bereits auf dem Tiſche ſtand. Er nahm beide Anerbietungen mit ſichtlichem Ver⸗, gnügen an. Es war in dieſes Mannes Weſen eine auf⸗ fallende Verbindung von Zurückhaltung und Ernſt, mit einem feinen und einſchmeichelnden Weltton. Er ſagte zu meiner Mutter:„Ich werde dem Irrthum immer dankbar ſein, der mich zu einer kleinen Familie führte, die einen alten müden Mann ſo gaſtfreundlich aufnimmt. Ich vermuthe, daß Sie dieſes jungen Herrn ältere Schwe⸗ ſter ſind, daß dieſes kleine ſchlafende Kind Ihnen gehoͤrt.“ Meine Mutter lächelte und antwortete, daß alle ſeine Vermuthungen falſch ſeien.„Dieſer junge Mann,“ fügte ſie hinzu,„iſt mein Sohn: ich war verheirathet, habe 228 jedoch leider meinen Mann verloren und das Kind in der Wiege iſt eine kleine Fremde, welche ein Zufall oder Gottes Schickung in unſre Hände gebracht hat.“—„Und dieſes Kindes wollen Sie ſich annehmen und es behal⸗ ten?“—„Ja, das wollen wir, wenn Niemand es zurück⸗ verlangt.“—„Aber ohne Hülfe oder Unterſtützung zu ſeiner Erziehung?“—„Ich hoffe, Gott wird uns hel⸗ fen.“— Der Pater rief:„Ja, das wird er gewiß, meine edle Frau! Die heilige Jungfrau wird mit ihrem Kind auf den Armen in dieſes Haus herniederſteigen und es ſegnen.“ Ein wunderbares Feuer leuchtete bei dieſen Worten aus ſeinen dunkeln Augen. Er nahm raſch Ab⸗ ſchied, bat jedoch um Erlaubniß, uns wieder beſuchen zu dürfen, und als er ging, näherte er ſich dem ſchlafenden Kinde, betrachtete es, machte das Zeichen des Kreuzes und ſagte leiſe einige Worte, die wir nicht verſtehen konn⸗ ten. Erſt ein halbes Jahr ſpäter kam er wieder und ver⸗ ehrte meiner Mutter ein Bouquet von ausgezeichneten Blumen aus einem Garten, den er ſo glücklich war, wie er ſagte, bei ſeinem Logis, unfern von unſrer Wohnung zur Miethe zu erhalten. Nach dieſer Zeit kam er öfter, doch nicht gerade häufig. Er brachte gewöhnlich das eine oder andere kleine Geſchenk von Blumen oder Früchten. Er verſtand mancherlei hübſche Dreherarbeit zu verfertigen und verehrte Niſida eine Elfenbeinklapper und andere kleine Sachen von ſeiner eignen Arbeit, vor Allem ein Halsband von kleinen Perlen, an welchem ein kleines Kreuz hing. Dieſer Schmuck ſagte er, würde, wenn ſie ihn trüge, alle Gefahr in den Kindeskrankheiten abwehren. Der gute Pater wurde uns ſtets lieber. Einmal indeſſen brachte er einen Abend bei uns zu, und dieſer Abend war ein Feſt für mich, denn nicht blos war dieſer Mann der Erſte, der mich mit einer Achtung behandelte, als ſtünde ich ihm in Alter und Anſehen gleich, ſondern ſein Geſpräch war zugleich äußerſt anziehend und unterhaltend, und ungeachtet er verſchiedene Materien zu berühren vermied, 229 lag doch etwas außerordentlich Offenherziges in der Art und Weiſe, wie er mir ſeine Lebenserfahrungen und aus⸗ gebreiteten Kenntniſſe mittheilte. Auch mein Onkel unter⸗ hielt ſich gerne mit ihm, wenn er ihn traf, was jedoch ſelten der Fall war, da unſer alter Pater es ſich am liebſten bei uns behaglich machte, wenn wir allein waren. Der Onkel hatte kein beſonders gutes Zutrauen zu die⸗ ſem unſerm Freund. Er ſprach zwar immer mit Achtung von ſeiner Gelehrſamkeit und ſeinen Kenntniſſen, warnte uns jedoch vor jeſuitiſchem und papiſtiſchem Einfluſſe. Ich bin weit entfernt, behaupten zu wollen, daß dies Kreuz und die Perlen des Paters Niſida vor Krankheit und Unglück bewahrten, aber ſoviel iſt gewiß, daß kein Kind beſſer gedeihen konnte, als Niſida. Es war wirklich, als ob unſichtbare, wohlthätige Hände meiner Mutter bei⸗ ſtünden und ihr die Pflichten gegen das kleine Mädchen erleichterten. Mit größter Leichtigkeit überſtand dieſes die gewoͤhnlichen Kinderkrankheiten, welche das Leben in ſeinem Anfang bedrohen. Sie war immer munter, man höͤrte ſie beinahe nie weinen, ſie konnte allein gehen, ehe ſie das erſte Jahr zurückgelegt, und vor Verfluß des zweiten ſprach ſie vollkommen rein und zuſammenhängend. Sie war ein ſo ausgezeichnet hübſches Mädchen, von ſo ori⸗ gineller Schönheit, daß ſie die Aufmerkſamkeit Aller, die ſie gewahr wurden, auf ſich zog. Ein unſäglich zarter, und liebevoller, aber auch ſehr reizbarer Character ent⸗ wickeite ſich bei ihr ſchon in frühſter Jugend, was meine Mutter, deren Augapfel ſie war, entzückte und beunru⸗ higte; auch melner Tante und meines Onkels Liebling wurde ſie täglich mehr. Der gute Pater war außeror⸗ dentlich eingenommen für das Kind: er ſchien ſich bei ſeinem Anblick zu verjüngen und man fühlte deutlich, daß es ihm höchſt angenehm war, daß ſie ihn Papa nannte, ein Name, den ſie, ehe ſie rein ſprechen konnte, aus„Herr Pater“ gebildet hatte: und ſpäter behielt er dieſen Namen, den ihm ſeine Stellung im Leben verſagte. Ich weiß nicht, wie in mir die Ahnung erwacht war, dieſer Mann müſſe in das Geheimniß eingeweiht ſein, das über Niſidas Herkommen lag, und ſei deßhalb ab⸗ ſichtlich, nicht zufälliger Weiſe zu uns gekommen. Manche Umſtände, ſelbſt der Name des Kindes und das ganze Ausſehen hatten mir oft die Vermuthung eingeflößt, daß ſie das Kind fremder und vornehmer Aeltern ſei, und es ſchien mir nicht unwahrſcheinlich, daß der katholiſche Ge⸗ ſandtſchaftsgeiſtliche mehr als Andere davon wiſſen koͤnnte. Einſt in einem vertraulichen Augenblicke äußerte ich dieß vor ihm, er antwortete jedoch ohne die geringſte ſichtliche Verlegenheit:„Wie können Sie auf ſolche Gedanken kom⸗ men? Verkleinern Sie Ihre edle Güte gegen dieſes Kind nicht, indem Sie über ſeine irdiſche Abkunft nachgrübeln. Es iſt von der höchſten Herkunft, denn Gottes Mutter ſelbſt iſt ſein und aller von ihren Aeltern verlaſſenen Kin⸗ der Mutter, ſo viel weiß ich und das muß uns Allen ge⸗ nügen.“— Von dieſem Momente an wurde die Sache nicht mehr unter uns berührt. Eine Reihe von Jahren verfloß nun, an die ich ſtets mit einem eigenen Gefühle von Ruhe und Behagen zu⸗ rückdenke. Es war, als ob ein Segen auf allen meinen Unternehmungen ruhte. Ich gab viele Unterrichtsſtunden, und erhielt die meiſten gut bezahlt, und als ich das zweite Examen gemacht, übernahm ich verſchiedene andere Arbei⸗ ten. Ich überſetzte einige wiſſenſchaftliche Werke; ja auch von äſthetiſchen Schöpfungen wagte ich die eine und andere freie Bearbeitung. Es glückte über Erwarten und ſo ver⸗ diente ich in Jahr und Tag eine bedeutende Summe, die mich in den Stand ſetzte, das häusliche Leben meiner Mutter zu verbeſſern. Die Liebe, die heitern Geſichter, welche mir zu Hauſe entgegenkamen und mir die Heimath ſo lieb machten, im Vereine mit den mancherlei Beſchäf⸗ tigungen, welche meine Zeit in Anſpruch nahmen, waren die Veranlaſſung, daß ich beinahe nie an den Vergnügun⸗ gen oder den Verbindungen mit jungen Menſchen meines 1 231 Alters Theil nahm, die mir unter andern Umſtänden man⸗ chen Reiz geboten hätten. Wenn ich Abends von meinen Geſchäften heimkehrte, oder nachdem ich zu Hauſe gear⸗ beitet, in das ſtille Zimmer zu meiner kleinen Familie trat, war ich immer gewiß, daß Alles rings um mich her von meiner Mutter Aufmerkſamkeit auf meine kleinen Wünſche, von ihrer innigen Freude, mir etwas Angeneh⸗ mes zu erweiſen, zeugte. Mein Onkel und meine Tante und einige von meinen gleichaltrigen Freunden vergrößerten oft unſern häuslichen Kreis. Die kleine Niſida, welche mich Bruder nannte, hing mit inniger Hingebung an mir, lief mir entgegen, wenn ich nach Hauſe kam, warf ſich mir um den Hals, hüpfte vor Freude auf meine Arme und überſchüttete mich mit ihren unſchuldigen Liebeszeichen. Ihre heftige Ungeduld konnte ich mit einem Worte beru⸗ higen; ja ein ernſter Blick meiner Augen wirkte oft mehr, als die kleinen Zwangsmittel, welche meine Mutter an⸗ wandte. Viel früher, als es nothwendig war, äußerte ſich bei ihr die Lernbegierde, die mich beinahe noͤthigte, mit dem Unterrichte zu beginnen, was bei ihrem ſtaunens⸗ werthen Verſtand und ihrer Auffaſſungsgabe eine ange⸗ nehme Pflicht für mich wurde. Die Freuden, welche mir in dieſer Periode meines Lebens zu Theil wurden, waren ſo einfach, ſie würden unendlich gering in den Augen der Welt erſcheinen, und waren doch ſo groß und reich für mich. Wenn ich mich im Stande ſah, meine Mutter mit dem⸗ einen oder andern Luxusartikel zu überraſchen, den ſie, wie ich wußte, ſich ſchon lange vergebens gewünſcht hatte, ja wenn ich nur Niſida ein Bilderbuch bringen konnte, fühlte ich ſelbſt eine kindliche Freude. Es gab damals einen Ort in der Nähe der Stadt, wo man in einem ſehr ſchönen Garten mit Thee, Kuchen, Früchten, Wein und dergleichen bewirthet werden konnte. Es war keine Wirthſchaft, ſondern gehörte einem Gärtner, der Früchte und Gartenerzeugniſſe verkaufte. Dieſen Mann kannten wir ſchon lange und waren mit ihm übereingekommen, 23² daß er von einer gegenüber liegenden Wirthſchaft Alles holen ließ, was wir in ſeinem einſamen Garten zu ver⸗ zehren wünſchten. An dieſen Ort wanderten wir beinahe jeden ſchönen Sommerabend, bisweilen mit dem einen oder andern von unſern Freunden, meiſt jedoch allein. Ein einziges Mal fuhren wir nach entfernteren Orten. und dieſe Ausflüge waren uns eine Quelle unſäglicher Freuden. Niſidas Jubel, meiner Mutter Freude über das ſchöne, hübſch gekleidete Kind, das Aller Augen auf ſich zog, waren nicht die geringſten Genüſſe bei dieſen Gele⸗ genheiten. In ſolcher Einförmigkeit und Ruhe verfliegt die Zeit ſo raſch, daß man beinahe erſchrickt, wenn man den Flug bemerkt. So ging es mir, als ich, durch meines Onkels Vorſtellungen und Vorwürfe aufmerkſam gemacht, ein Jahr um das andere hingehen ſah, ohne daß ich ernſtlich an mein Amtsexamen dachte, ja nicht einmal mit mir einig werden konnte, welchen Weg ich eigentlich im bür⸗ gerlichen Leben einſchlagen wollte. Ich hatte ſeit lange mich auf das juridiſche Examen vorbereitet, aber ich kam damit nicht zu Stande. Ich verzweifelte an dieſen Stu⸗ dien und hatte immer einen Vorwand, ſie abzubrechen. Ich konnte mir das Zeugniß des Fleißes und des Fort⸗ ſchrittes in der Bildung geben; ich wünſchte mir, daß Alles ſtets bliebe, wie es war, ich fühlte mich zufrieden und ſagte oft zu mir ſelbſt, daß ich zugleich das Glück eines Hausvaters und die Freiheit eines jungen Menſchen genoß. Mit dieſen Betrachtungen und mit meinen noch jungen Jahren entſchuldigte ich mich vor mir ſelbſt und meinem Onkel, der mir antwortete: ſo wie jetzt könne 9 u nicht bleiben.— Und er hatte Recht. Der Menſch m aus dieſem ſchönen Paradies der Unſchuld geriſſen werden. Er muß ihm den Rücken kehren, um für es zu kämpfen und es wieder zu erobern. Mehre Jahre waren indeſſen verfloſſen. Ich hatte bereits mein ſechsundzwanzigſtes Jahr zurückgelegt, als ein Umſtand eintrat, der deutlich 233 bewies, daß ich nähere Bekanntſchaft mit der Welt und den Menſchen zu machen wünſchte und daß mir bisher nur die Gelegenheit dazu gemangelt. G Ich gab zwei Mädchen Unterricht im Franzoͤſiſchen. Ihr Vater war ein vermoͤglicher Bürger und Capitän beim Bürgermilitär, weßhalb ſeine Toͤchter nach Kopen⸗ hagen'ſchem Brauche ſich„Fräulein“ nennen ließen. Er ſelbſt war ein ſehr einfacher, ungebildeter Mann, und ſein Haus war gleichfalls nach Kopenhagen'ſcher Sitte eine ſeltſame Miſchung von Geiz und Verſchwendung. Er war Wittwer und die beiden Töchter wechſelten in der Haus⸗ haltung ab. Die älteſte, Beate, ein Mädchen von drei bis vierundzwanzig Jahren, war ſehr hübſch; die jüngſte dagegen, Petrine, war von der Natur, was das Aeußere betrifft, ſehr ſtiefmütterlich behandelt worden, dagegen zum Erſatze dafür mit weit groͤßeren Gaben des Geiſtes aus⸗ gerüſtet. Sie hatte in jeder Richtung einen ganz andern Schwung als die Schweſter, und der Grund dieſer Er⸗ ſcheinung lag wohl darin, daß ſie nicht im väterlichen Hauſe aufgewachſen war, ſondern bei einigen Verwandten, welche ſpäter das Land verlaſſen hatten. Und wiewohl es ſchwierig iſt, eine fremde Sprache für eine Perſon faßlich zu machen, die in ihren zweiundzwanzig Jahren nie Unterricht darin gehabt, ſo lernte doch Petrine ziem⸗ lich gut Franzöſiſch, während dagegen Beate ſo ſchlechte, Fortſchritte machte, daß ich mich jedesmal ſchämte, ſo oft ich meine Bezahlung für ihren Unterricht erhielt. Auch wunderte es mich, daß ſie ihn fortſetzen wollte, da er ſie nicht zu intereſſiren ſchien. Den Tiſch, an welchem wir ſaßen, ſtellte ſie immer zum Fenſter und ihre Augen und Gedanken waren ſtets bei dem, was auf der Straße vor⸗ ging. Mitten in einem Satze in dem Buche, in welchem wir laſen, oder mitten in einer Regel, die ich mir alle Mühe gab, möglichſt deutlich zu erklären, wurden wir von ihrem Ausruf unterbrochen:„Nein, wie verruͤckt der auf der Straße ausſieht!“ oder;„Welchen Gang die alte 234 Frau hat!“ oder:„Nein, Herr Je! ob wohl die Beiden verlobt ſind, die Arm in Arm gehen!“ u. ſ. w. Oft wur⸗ den wir von Freundinnen unterbrochen, welche zu Beſuche kamen. Dieſe Damen ſchickten ſich zwar, ſobald ſie ſahen, womit wir beſchäftigt waren, ſogleich wieder zu gehen an, indem ſie ſich entſchuldigten und verſicherten, nicht ſtören zu wollen: aber beinahe immer blieben ſie unter der Thüre oder ſogar mitten im Zimmer ſtehen und began⸗ nen eine Converſation, die bis zum Schluß der Stunde dauerte; ich erhob mich deßhalb, nachdem ich mehrmals auf die Uhr geſehen, während die Damen, noch in vollem Geplauder, kaum bemerkten, daß ich an ihnen vorüber ging. Petrine ſah bei ſolchen Gelegenheiten immer ſehr verdrießlich aus und gab mir ihr Mißvergnügen durch Mienen und kleine Sarcasmen zu verſtehen, die ſte mir zuflüſterte, und dieſe waren ſtets ſo treffend und bitter, daß ich ungeachtet ihrer Witzigkeit kaum darüber lachen durfte, wenn ich bedachte, daß ſie ihre Schweſter und ihren nächſten Umgangskreis betrafen. Dieſe Freundinnen machten auch ſtets großen Unterſchied zwiſchen den beiden Schweſtern. Sie ſchienen Petrine zu überſehen, wäh⸗ rend ſie Beate vergötterten. Eine von dieſen Damen rühmte man immer als„höchſt geiſtreich:“ dieſen Ausdruck hörte ich gewiß hundert Mal von einem Mädchen, das nicht mehr jung war und Sabine hieß. Dieſes Fräulein Sabine kam oft während unſerer Unterrichtsſtunden und einmal ſagte ſie zu mir:„Wie glücklich Sie ſind, daß Sie ein ſolches Weſen wie Beate unterrichten dürfen. Ich ſage es offen, eine ſo hoch begabte Natur erxſſtirt nicht mehr in der Welt. Alles, was ſie beginnt, kann ſie ſogleich bis zur Vollkommenheit und ich bin überzeugt, daß Sie ſich beim Franzöſiſchen nicht viele Mühe mit ihr zu geben brauchen; denn der kleinſte Wink genügt für ſie und ſie geht weiter als der Lehrer— ſo weiß ſie Alles durch ſich ſelbſt. Sie iſt ein Genie] Das iſt ange⸗ boren, wie die Anmuth und alle Vollkommenheiten. Sie 23⁵ wundern ſich nicht über die Wärme, mit der ich von mei⸗ ner Beate ſpreche. Ich ſage, was ich meine, ich anbete ſie, lieben iſt zu wenig geſagt, ich anbete ſie, und das ſcheinen wir Alle thun zu müſſen.“ Fräulein Sabine ging ſogleich nach dieſer Replik, die ſie mit ſolcher Begeiſterung ausgeſprochen, daß es doppelt auffiel, als ſie in ſelbem Athemzuge hinzufügte:„Hoͤre, Petrine! In welchem Laden kaufſt Du Deine Handſchuhe.“ Als Beate ſie begleitet hatte und ſo lange unter Wegs geblieben war, daß ich Zeit gehabt, ihrer Schweſter zwei Seiten zu dieliren, ſagte ſie, indem ſie zurück kam: „Sie dürfen ſich nicht über das Lob ärgern, das mir Sabine geſpendet hat. Sie iſt ein Genie und derart Leute nehmen immer den Mund voll. Sie machten ein Geſicht, während ſie von mir ſprach, das ſah ſo verlegen aus, daß ich wohl ſehen konnte, Sie waren anderer Meinung, als das gute Mädchen.“— Ich hatte ſchon lange im Sinne gehabt, von den geringen Früchten zu ſprechen, die Beate in meinen Stunden erntete, und ergriff deßhalb die Gelegenheit, ihr zu ſagen, daß meine Verlegenheit von den Gewiſſens⸗ ſerupeln ſtamme, Bezahlung für etwas zu empfangen, was ich nicht ausführte, wie ich wünſchte. Beate war außerordentlich verwundert über meine Aeußerungen, und verſicherte, daß ſie täglich in ihren Gedanken mir für die Fortſchritte danke, die ſie unter meiner Leitung mache,“ und daß ſie jedes franzöſiſche Buch und Geſpräch ver⸗ ſtände. Auf meine Einwendungen antwortete ſie, daß ſie allerdings in meiner Gegenwart nichts überſetzen könne, was ich ihr vorlege, denn ſie könne die däniſchen Wößter nicht finden; wenn ſie jedoch allein und ohne Verlegen⸗ heit ſei, ſo koͤnne ſie das ſchwerſte Buch verſtehen und überſetzen. Sie bat mich deßhalb auf das Inſtändigſte, mir keine Scrupel zu machen, ſondern überzeugt zu ſein, daß mein Unterricht nicht vergeblich ſei. Was dieſe Sache betraf, ſo beruhigte ich mich damit, 236 daß Petrine wenigſtens Nutzen davon habe; es kam mir jedoch im Hauſe alles ſo verkehrt vor, daß ich oft müde war und mich zurückziehen wollte; aber die beiden Mäd⸗ chen kamen mir immer mit ſo viel Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit entgegen; es war mir ſo klar, daß ſie ungerne unſre Stunden aufgeben würden— daß auch ich nicht den Muth hatte, mich loszureißen. Beate war verlobt mit einem jungen reichen Mann, einem Detailhändler, einem gutmüthigen, aber einfältigen Menſchen, den ſie mit heimlicher Verachtung behandelte, obgleich es ſchien, ols ob ſie ſich auf ihre Verbindung freute. Er hieß Andreas mit dem Taufnamen, aber ſie nannte ihn immer„mein Andrik“ oder„Andricken“ (die Ente), ein Witz, den ich der ſatiriſchen Petrine zu⸗ ſchrieb, da der arme Bräutigam in Figur und Gang wirklich eine auffallende Aehnlichkeit mit einer Ente hatte. Andreas wußte wohl, daß er dieſen Spottnamen in ſeiner künftigen Familie bekommen hatte, er trug ihn jedoch ohne den mindeſten Aerger als einen unſchuldigen Scherz jener geiſtreichen Geliebten. Eines Tages, als ich kam, ging er mir entgegen, drückte meine Hand und dankte mir, weil ich ſeine Braut ſo vortreſſllich franzöſiſch gelehrt.„Geſtern,“ ſagte er,„waren wir in einer Geſell⸗ ſchaft, in der ſich ein Franzoſe befand, mit dem Niemand ſprechen konnte, bis meine Beate kam: aber da ging es auch Papperlapap! Sie ſollten nur gehört haben!— Ich erntete wirklich Ehre von ihr ein.“ Beate höoͤrte dar⸗ auf und ſagte:„Ach ja!l das ging ganz erträglich.“ Ich wunderte mich in meinem Sinne darüber. Sie verließ das Zimmer, und Andreas ſagte nun in vertraulichem Tone zu mir:„Ich werde Ihnen ſagen, lieber Freund! Ich habe mir ein Mädchen zur Frau ausgedacht, das etwas in der Welt vorſtellt, von dem die Leute ſprechen. Denn ſehen Sie! ich war früher unglücklich, ich war mit einem andern Mädchen verlobt, auf das ich gewaltig viel hielt. Es war ein armes Mädchen, das ich glücklich 237 machen wollte; aber ich ſchäme mich's zu ſagen, ſie gab mich auf wegen eines Menſchen, der nichts beſaß und nichts verſtand, und denken Sie ſich, ſpäter ſagte ihre dumme Familie zur Entſchuldigung, ſie ſei zu gut für mich. Und deßhalb will ich nun Ihnen und allen Men⸗ ſchen zeigen, daß ich etwas Gutes werih bin.“— Was im Uebrigen das gerühmte franzöſiſche Geſpräch betraf, ſo erzählte mir Petrine mit großem Vergnügen, daß die Unterredung zwiſchen ihr und dem Franzoſen nicht franzöſiſch, ſondern deutſch geführt wurde. Der Fremde hatte Beate zuerſt Franzoͤſiſch angeredet, als er jedoch merkte, daß ſie ihn nicht verſtand, half er ſich mit Deutſch, ſo gut er konnte, worauf Beate auch deutſch antwortete. Sie hatten Beide ihre Unterhaltung mit dem einen und andern franzöſiſchen Wort gemiſcht. Beatens Deutſch war ſchwer zu verſtehen, und die Ausſprache des Franzoſen machte, daß das Seinige nicht beſſer war. Petrine fügte hinzu:„Wäre es nicht um den Effect zu thun geweſen, ſo hätte jedes bei ſeiner Mutterſprache bleiben können, denn ſie verſtanden ſich doch nicht, ſondern das Eine antwortete gerade das Gegentheil von dem, was das Andere gefragt. Indeſſen ſagte die Wirthin und ihre Schweſter öfters:„Gott, was iſt das Franzöſiſche doch für eine ſchöne Sprache!“— Beate kam während dieſes Geſpräches hinzu und Petrine war unbarmherzig genug, ſich nicht in ihrem Berichte ſtoͤren zu laſſen. Beate ſah ganz verwundert aus. Petrine rief lächelnd:„Du machſt ein Geſicht, als ob Du ſelbſt glaubteſt, Du ſprächeſt franzöſiſch und doch war es deutſch.“—„Deutſch?“ wiederholte Beate ernſt:„ich glaube, Du biſt toll. Das ſind Deine ewigen Träumereien.“ Bei näherer Unter⸗ ſuchung erfuhr ich, daß, wenn Beate behauptete, ſie und der Franzoſe hätten deutſch geſprochen, ſie es wenigſtens ſelbſt geglaubt. Sie miſchten franzöſiſche Wörter in die Rede und dies und anderes war die Urſache dieſer Illu⸗ ſion; auch ging das Ganze, wie man ſich denken kann, 238 in einer ſehr ungebildeten Geſellſchaft vor ſich. Aber es war nicht die einzige, ich darf wohl ſagen, Verblen⸗ dung, die in dieſem Hauſe gäng und gäbe war. So lebte die ganze Familie und alle Bekannten der Ueber⸗ zeugung, daß Beate ein ausgezeichnet witziges und geiſtig begabtes Mädchen ſei, das ſich vielleicht bisweilen zu ſehr von ſeiner reichen ſatiriſchen Laune hinreißen laſſe: daß Petrine dagegen zwar ein außerordentlich gutes, aber un⸗ bedeutendes Mädchen ſei, das neben der glänzenderen Schweſter bei Seite geſetzt und deßhalb etwas tiefſinnig und eiferſüchtig geworden. Zum Theil waren die Mäd⸗ chen ſelbſt von dieſer falſchen Meinung befangen; wenig⸗ ſtens hielt Beate ſich für klug und artig, und Petrine ſah ſich ſelbſt für gutmüthig und mild an, während gerade das Gegentheil ſtattfand. Beate war ein milder und gut⸗ müthiger Charaeter, der ohne die Sucht zu glänzen an⸗ genehm geweſen ſein würde; Petrine dagegen war klug und witzig, aber zugleich ſcharf und ſatiriſch. Mit wah⸗ rem Falkenblick entdeckte ſie die Schwaͤche ihrer Umge⸗ bung und deckte ſie ohne Barmherzigkeit auf. Es war ebenſo unmöglich, ſich mit ihr zu langweilen, als ganz frei zu ſein in ihrer Gegenwart, da es immer war, als ob ſie ein eignes Talent hätte, die Schattenſeiten, von denen kein Menſch ganz frei iſt, zuzudecken und aufzudecken. Unter den mancherlei Arten von Selbſtbetrug, welche in Beatens Hirn ſpuckten, war auch der, daß ſie alle Menſchen täuſchend nachzuahmen wußte. Dieſe Portraits waren jedoch, wie ſo manche andere, ſehr unvollkommen und oft durchaus unkenntlich. Sie freute ſich indeſſen ſo ſehr über dieſe vermeintliche Fertigkeit, daß ſie ſie ohne Scrupel auf Vater, Schweſter, Freundinnen, am aller⸗ meiſten ſogar auf ihren Verlobten anwandte. Der arme Andreas hatte kaum jeden Tag die Thüre hinter ſich, als ſie auch ſchon im Zimmer umherwatſchelte, ſich ſetzte, huſtete und ihn nachäffte. Einſt, als ſie ihre Kunſt an einer Freundin geübt, welche Petrine liehte, traf ich beide im 239 heftigen Wortſtreit. Petrine nannte es Falſchheit, daß man mit Liebkoſungen und freundlichen Worten eine Per⸗ ſon empfange, die man im nächſten Augenblick lächerlich zu machen ſuche.„Das iſt ein unſchuldiger Scherz,“ antwortete Beate,„der nur bornirte Menſchen beleidigen kann. Aber der, der mit dieſem gefährlichen Talente, alle Menſchen zu copiren, begabt iſt, kann ihm nicht wider⸗ ſtehen.“—„Nennſt Du das ein Talent?“—„Ja, aller⸗ dings, ich nenne das ein großes Talent.“—„So iſt es wenigſtens ein Talent, das Du mit Affen und Papagaien gemein haſt.“—„Ach, das iſt ein thorichtes Geſchwätz. Nein! was ſagt Sabine? Dieſe Gabe, ſogleich die ko⸗ miſche Seite bei jedem Dinge aufzufaſſen, dieſer Blick.... dieſe Gabe.... dieſe Kunſt... ich erinnere mich ihrer Worte nicht ſo genau.“—„Nein, das merke ich; aber der Blick, der nur das Unſchoͤne, nicht das Schoͤne ſehen kann, die Gabe, ſich das Unvollkommene anzueignen und es bis zur widerlichen Caricatur zu übertreiben, iſt keines Lobes werth.“—„Und doch rühmen alle dies Talent und amüſiren ſich dabei. Man kann eine ganze Geſellſchaft damit unterhalten.“—„Ja, eine ganze Ge⸗ ſellſchaft amüſirt ſich auch über einen Hund, der Kunſt⸗ ſtücke macht, der Karten ausſuchen und die Zahlen zu⸗ ſammenrechnen kann. Es iſt aber eine Sünde, nur mit Dir davon zu ſprechen, denn die, die Du nachahmen wür⸗ deſt, haben keinen Schaden davon. Es würde ſie doch Niemand erkennen. Du haſt nur den Willen, Deine Freunde zu verhoͤhnen, und das iſt beides ſowohl zu leicht, als zu ſchwer für Dich.“— Dieſe letztere Bemerkung kränkte Beaten weit mehr, als alle vorhergehenden Vor⸗ würfe der Falſchheit und dergleichen. Die Schweſtern brachen foͤrmlich in Scheltworte aus und Petrine verließ in der groͤßten Aufregung das Zimmer. Beate forderte mich nun lebhaft auf, meine Meinung zu ſagen. Ohne mich auf die Beantwortung ihrer Frage einzulaſſen, ob ſie weſentlich wirklich im Beſitze der Gaben ſei, die ihr 240 die Schweſter abſprach, antwortete ich:„Ich geſtehe, daß ich keinen Werth darein ſetze, Jemand nachahmen zu können, und wenn man auch dieſer Fertigkeit den Namen Talent geben mag, ſo kann ich doch dieſe Art von Scharf⸗ finn nicht bewundern, der keinen beſſern Gegenſtand für ſeine Aufmerkſamkeit hat, als die Abſonderlichkeiten im Aeußern hervorzuheben, die ſich bei jedem Menſchen in groͤßerem oder geringerem Grade finden. Durch die Nach⸗ ahmung werden jene natürlich zu einer unſchönen oder lächerlichen Carricatur, während ſie manchmal bei dem, der ſie beſitzt, mit etwas individuell Naivem, ja manch⸗ mal Graciöſem verbunden ſind, was die Nachahmung nicht geben kann; und ſein eignes oder ein andres Geſicht, das uns theuer iſt, in einem verunſtaltenden Hohlſpiegel zu ſehen, hat immer etwas Unbehagliches.“—„Berdam⸗ men Sie ſomit alle Satire? Muß man nicht über das Närriſche lachen?“—„Ja, Gott ſei Dank! Aber Sie, die Sie Profeſſion von der Nachahmung Anderer machen, wenden oft zu wenig Kritik und Tact in der Wahl Ihrer Vorſtellungen an. Ich freue mich unbeſchreiblich über eine gute Satire, aber ich haſſe das Pasquill. Die Sa⸗ tire trifft immer die Thorheit ſelbſt, aber das Pasquill trifft nur den Einzelnen und das ſſt nicht intereſſant, es ſei denn, daß dieſer Einzelne der Repräſentant einer gan⸗ zen Claſſe von Narren wäre. Deßhalb ſcheint mir immer ein guter Schauſpieler, welcher ſeiner Rolle die Indivi⸗ dualität zu verleihen weiß, von der man zu ſagen pflegt: „Sie iſt, wie aus dem Leben gegriffen,“ wie ein Typus einer Claſſe von Menſchen dazuſtehen, als der Menſch könnte man ſagen, auf einem ſolchen Standpunct der Bildung, der Leidenſchaften, in ſolchen Umſtänden; aber nicht als ein Portrait dieſes oder jenes uns bekannten Menſchen, was immer etwas Häßliches hat.“—„Sie halten es mit meiner Schweſter, wie ich merke, Sie ſetzen keinen Werth in den ſcharfſinnigen Blick für das Komiſche, das ſo wenige beſitzen?“—„Ich will ge⸗ 241 ſtehen, daß der Vergleich Ihrer Schweſter mit Affen und Papagaien mehr als erlaubt erſcheint, und ich würde ſelbſt einen Blick für das Komiſche ſchätzen, wenn es nicht, wie Ihre Schweſter ſagte, einen ebenſo ſcharfen Blick, das Schöne und Liebenswürdige aufzufaſſen, ausſchließt. Es gibt einzelne Menſchen, welche auch das Schöne nachahmen können. Dieſe Gabe halte ich hoch in Ehren, denn ſie ſetzt doch immer eine gewiſſe Sympathie mit Dem voraus, was man ſich auf dieſe Weiſe anzueignen verſteht. Ich hoͤrte einen Mann ein Gedicht repetiren, einen Monolog, den er einem berühmten Schauſpieler ſo täuſchend nach⸗ ſprach, daß alle Anweſenden entzückt und tief gerührt waren, und ſelbſt mein gelehrter und ernſter Onkel hatte Thränen in den Augen und ſagte: es ſei ihm ein großer Genuß, noch einmal die Stimme des geſchiedenen Künſt⸗ lers zu hören und von ihr hingeriſſen zu werden. Es ſei übrigens ferne von mir, die Carricatur gering zu ach⸗ ten: wer iſt nicht entzückt über Hogarth? Damit komme ich eigentlich auf ein Beiſpiel, das meine Meinung erklärt. Hogarth hat mit wahrhaft poetiſcher Kraft das charac⸗ teriſtiſch Häßliche, das Geſchmackloſe des Laſters und der Erbärmlichkeit, das Tragiſche in ihrem Gefolge geſchildert, hat jedoch nicht ſein Pfund vergeudet, die Eigenheiten zu verſpotten, welche am Ende nur die Fehler der Natur, des Zufalls, des Tanzmeiſters oder Schneiders ſind. Und das wage ich zu behaupten, daß ſelbſt in dieſem Zweig der Satyre etwas— wie ſoll ich es nur nennen— etwas Graciöſes möchte ich ſagen— ſein muß, was einen mil⸗ dern Schleier über das Verwundende werfen muß; daß ein, wenn auch bedeutend geringerer, ſo doch ſein Funke des Hogarth'ſchen Geiſtes jeden beſeelen ſollte, der es wagt, eine Carricatur mit dem Pinſel oder auf der Bühne zu machen.“ Der Himmel weiß, welcher närriſche Einfall mir dieſe Luſt einfloͤßte, mich ſelbſt zu hören, denn ich hielt Novellen. II. 16 242 dieſe Predigt doch eigentlich nur zu meiner eignen Er⸗ bauung, wie ich leicht einſehen konnte, daß Beate keinen großeren Nutzen daraus ziehen werde, als aus jener Con⸗ verſation mit dem Franzoſen. Endlich erwachte auch bei mir ſo viel geſunde Vernunft, daß ich uber mich ſelbſt lachte und ſchwieg. Aber Gott bewahre uns! wie wurde mir zu Muthe, als ich die Wirkung bemerkte, welche meine Beredtſamkeit hervorgebracht! Beate, welche mit gebeugtem Haupte, etwas von mir abgewandt dageſeſſen, zerfloß in Thränen. Erſt nachdem ich mehremal in großer Verlegenheit nach dem Grunde ihrer Bewegung gefragt, antwortete ſie, vor Weinen kaum zu ſprechen im Stande: „Ich habe mir ſchon früher geſagt, was ich jetzt deutlich merke, daß Sie mich nicht leiden mögen. Das fehlte mir noch zu meinem Unglücke, daß auch Sie, für den ich ſchwärme, mich verachten und herabſetzen.“—„Gott ſchütze mich! Sie machen mir ordentlich bange. Wie können Sie denken, daß ich.. ich möchte Sie um keinen Preis betrüben. Uebrigens muß jedenfalls mein unbedeutender Einwurf einem Weſen gleichgültig ſein, das der Gegenſtand der Bewunderung für alle Freunde und Bekannte iſt.“—„Ja, das iſt allerdings der Fall, aber darum kümmere ich mich nicht. Ich bin ein un⸗ glückliches Mädchen und wünſche mir, daß ich fort oder todt wäre.“ Ein hübſches Weib weinen zu ſehen und obenein ſelbſt die Veranlaſſung dazu gegeben zu haben, muß natuͤrlich einem Manne zu Herzen gehen, wenn er nicht von Stock und Stein iſt. Sehr gerührt bat ſch Beate um Vergebung, und mit Verſicherungen, welche in dieſem Augenblicke vollkommen aufrichtig waren, bat ich ſie, nicht an meiner freundſchaftlichen Geſinnung zu zweifeln, ſondern Vertrauen zu mir zu faſſen und mir zu ſagen, was ſie ſo tief bewegte. Ich hatte während die⸗ ſer Worte ihre Hand genommen, ſie ergriff ſie mit den beiden ihrigen, und ehe ich es hindern konnte, druckte ſie 243 ſie an ihre Lippen. In meinem Erſtaunen, und ohne daß ich ſelbſt wußte, ſtürzte ich mich ihr zu Füßen. Sie ſchlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich. Einen ſol⸗ (chen Augenblick hatte ich noch nie erlebt. Zum erſten Male in meinem Leben erwachte in mir der Gedanke, daß ein Frauenzimmer mich liebe. Ich frage jeden jungen Mann, ob er nicht an meiner Stelle ſich wie ich, im ſtebenten Himmel gefühlt hätte? Und als Beate mich nun verſicherte, daß ſie mich vom erſten Augenblicke unſrer Bekanntſchaft geliebt, und über ihre Verlöbhniß verzweifelt ſei, da ſie es nur gezwungen eingegangen, ehe ſie mich gekannt, daß alle angenommene Heiterkeit, die mir viel⸗ leicht mißfallen, nur eine Maske geweſen, um ein zer⸗ riſſenes Innere zu verhergen, nahm ich alles für Glau⸗ bensartikel und verliebte mich ſo raſend in dieſes Mädchen, als ich ſie vor zwei Stunden unliebenswürdig gefunden. Einen ſolch' unerwarteten Ausgang nahm das Geſpräch und man kann ſagen, das Ende paßte zum Anfang, wie der Refrain zu den alten Heldenliedern. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß Beate und ich jede Gelegenheit ergriffen, allein mit einander ſprechen zu können; aber nur ſelten gelang es uns, die ſchlaue Petrine zu entfernen, die mit manchem pfiffigen Blicke und kleinem beißenden Epigram uns zu erkennen gab, daß ſie unſer Geheimniß durchſchaute. In den wenigen verſtohlenen Augenblicken, welche wir armen Liebenden erobern konnten, drehte ſich unſer Geſpräch immer um ein und daſſelbe. Beate jammerte über ihre nahe bevor⸗ ſtehende Heirath mit Andreas, den ſie nie anders nannte, als den ekligen Andrik, und verſicherte, daß ſie den Tod der Ehe mit dieſem einfältigen und ungebildeten Manne weit vorziehen würde, und ich meinerſeits wandte all' meine Beredſamkeit an, ſie zu vermögen, unter ſolchen Umſtänden lieber das Band zu brechen, ſo lange es noch Zeit ſei, als eine Verbindung einzugehen, die ihr ſo ver⸗ haßt ſei. Doch hatte ich noch immer ſo viele geſunde 244 Vernunft, daß ich ihr vorſtellen konnte, eine Verbindung mit mir würde mir langer Ausſicht bis zur Hochzeit, wie noch mit mancher andern Aufopferung ihrer billigen Forderungen an die Genüſſe des Lebens verbunden ſein, und überdies ſei der arme Andreas trotz aller ſeiner Mängel außerordentlich gutmüthig und rechtſchaffen, ohne von ſeinem Reichthum zu reden. Sie antwortete mir mit manchen Liebesverſicherungen und der Drohung, vor dem Tage zu ſterben, an welchem ſie Andreas heirathen müßte: doch ſagte ſie nicht, daß ſie meinem Rathe folgen und ihre Verbindung auflöſen wolle. Sie dürfte nicht, ſagte ſie, ihr Vater würde raſen; der erſte Augenblick mit ihm und Andreas müßte zu ſchrecklich ſein. Als wir dieſe Höhe der Verzweiflung und Unentſchloſſenheit erreicht hatten, ſchlug ich ihr vor, mal auszugehen und einen Brief zu hinterlaſſen oder zu ſenden, in welchem ſie ihre Entſchließung den Aeltern kund geben könnte. Sie zählte die tauſend Schwierigkeiten auf, einen ſolchen Brief zu ſchreiben, ohne von Petrine oder andern überraſcht zu werden, und wußte auch Niemanden, bei dem ſie Zuflucht finden koͤnnte, während die ſchreckliche Exploſion zu Hauſe vor ſich ginge. Meine Vorſchläge, ſich Petrinen oder Sabinen oder einer andern Freundin anzuvertrauen und zu dieſer die Zuflucht zu nehmen, wurde mit dem größten Unwillen zurückgewieſen. Endlich wagte ich ihr vorzu⸗ ſchlagen, den ominoͤſen Tag oder mehre Tage bei meiner Mutter zuzubringen, der ich ihre Stellung und den Wider⸗ willen gegen die gezwungene Verbindung ſchildern wollte, ohne unſer Verhältniß zu berühren, in Beziehung auf welches ich ihr die ſtrengſte Verſchwiegenheit gelobt hatte. Dieſen Vorſchlag ergriff Beate mit Begierde, und ſchon am folgenden Morgen fand ſie ſich in der Frühe bei meiner Mutter ein, die nur mit großem Widerſtreben und nach mancherlei Bedenklichkeiten und Einwendungen meiner Ueberredungsgabe und der Vorſtellung, welche gute That in ihre Hände gelegt ſei, nachgab. Mit ihrer angebornen Milde empfing ſte das fremde Mädchen, das ſie ſogleich 245 ungemein offenherzig und weitläufig in ihre Angelegen⸗ heiten einweihte, ausgenommen die eine, welche das nächſte Intereſſe für ſie hatte. Meine Mutter antwortete nicht Hiel auf Beatens Worte, ſondern zeigte ihr ein einſames Zimmer, wo alles zubereitet war, um in Ruhe den wich⸗ tigen Brief zu ſchreiben. Es dauerte lange, ehe ſie von dieſem Anerbieten Gebrauch machte. Sie vergeudete die Zeit mit Betrachtung der Gegenſtände in dem Wohn⸗ zimmer meiner Mutter und durch die beſondere Aufmerk⸗ famkeit, die ſie Niſida ſchenkte. Sie machte mancherlei Fragen bezüglich dieſes Kindes, nahm es unaufhoͤrlich in ihre Arme und überhäufte es mit Liebkoſungen, welche das kleine Mädchen jedoch nicht erwiederte: ſondern ſie ſah ſie mit den dunkeln, durchdringenden Augen ernſt an und beugte den ſchlanken Hals auf die Seite, um ihren Küſſen auszuweichen. Ich war in einer verdrießlichen Stimmung, ich war boͤſe auf Niſida, ich war verlegen über den zurückhaltenden Ton meiner Mutter gegen Beate und war ungehalten über dieſe, welche ſo viel ſprach und ſo wenig handelte, denn kaum eine Stunde vor dem Mittageſſen entſchloß ſie ſich endlich, in dem für ſie be⸗ ſtimmten Zimmer zu ſchreiben. Als wir zu Tiſche gingen, ſagte ſie, daß ſie noch nicht fertig ſei, und nach Tiſche ging ſie wieder an ihre Arbeit. Ich ſaß wie auf Nadeln und wartete auf den unglücklichen Brief, den ich in ihre Wohnung zu beſorgen verſprochen. Nach Verlauf von, einer Stunde kam ſie weinend zu uns und ſagte:„Ach Gott! ich kann den Brief nicht zu Stande bringen. Ich habe ihn wohl zwanzig mal begonnen und wieder in Stücke zerriſſen. Nein, das geht nicht auf dieſe Weiſe, ich kann ihn nicht ſchreiben, es iſt mir unmöglich. Aber ich habe einen andern Plan gefaßt, der weit beſſer iſt, und dieſen werde ich ausführen, das ſchwöre ich.“ Unmuthig be⸗ gleitete ich Beaten nach Hauſe, als es dunkel geworden. Wir ſtritten den ganzen Weg. Mit manchen ſanften, liebevollen Worten bat ſie mich, Muth zu faſſen und mein Vertrauen auf ihren neuen Plan zu ſetzen, der nicht fehl⸗ ſchlagen könnte. Vergebens bat ich ſie lange, mich in denſelben einzuweihen; erſt einige Schritte vor der Thüre ſagte ſie endlich:„Ich werde vor dem Brautſchemel Nein ſagen.“— Ganz erſchrocken brach ich in Einwürfe aus, Beate unterbrach mich jedoch und ſagte:„Es iſt die einzige Art, wie ich Muth zu dieſem Schritte bekommen kann. Wir werden in der Kirche getraut: dort, in Gottes Haus, werde ich mich ſtark genug fühlen, und in Gegen⸗ wart des Pfarrers und der Zeugen wird der Vater und Andreas mich nicht übertäuben und zwingen.“—„Um Gottes Willen, liebſte Beate! wenn meine Bitte das geringſte Gewicht hat, ſchlagen Sie ſich das aus dem Kopfe. Bedenken Sie doch, welches Aufſehen das machen müßte, welchen Kummer für Ihren Vater, und welches Unrecht Sie gegen den armen Andreas begehen! Ihre Be⸗ ſcheidenheit, ja Ihr Gewiſſen muß Ihnen verbieten..“ Ich konnte nicht vollenden. Wir ſtanden am Hauſe, Beate griff raſch nach der Thürklinke und ſagte:„Ich bitte Sie, ſchweigen Sie ſtill. Mein Entſchluß iſt gefaßt und weder Sie, noch irgend Jemand wird ihn erſchüttern.“ Mit dieſen Worten eilte ſie in die geöffnete Thüre. Als ich nach Hauſe kam, ſagte meine Mutter: „Aufrichtig geſprochen, guter Otto l das Mädchen ſcheint mir eine dumme Gans zu ſein.“ Niſida fügte in ihrer Unſchuld hinzu:„Ja, weißt Du was, Bruder Otto! Es war gar nicht ihr Ernſt, den Brief zu ſchreiben. Sie wollte nur von Hauſe wegbleiben.“ Meine Mutter lachte. Ich war recht ärgerlich und ſagte mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit:„Es wundert mich unbeſchreiblich, daß Du, meine Mutter, die Du doch ſelbſt ein Frauenzimmer biſt, Dich nicht an die Stelle dieſes Mädchens ſetzen kannſt, deſſen weibliche Furchtſamkeit und Ehrfurcht vor einem ſtrengen Vater mit ihrer Verzweiflung über eine unglück⸗ liche Verbindung ſtreitet, die ſie verabſcheut. Es wunderte mich außerordentlich, daß Dein Mitleiden nicht mehr Troſt 247 für die Unglückliche beſaß, die in Thränen zerfließend da⸗ ſtand.“— Meine Mutter ſchüttelte den Kopf und ſagte nach einer kurzen Pauſe:„Ich ſage wie Niſida: ich glaube nicht, daß es ihr Ernſt war.“— Man kann ſich leicht vorſtellen, welche Nacht ich nach dieſem Tage zubrachte. Es war kaum noch vierzehn Tage bis zu dieſer Hochzeit, an die ich nicht denken konnte, ohne daß mir die Haare auf dem Kopf zu Berge ſtanden. Es ſchien mir unmöglich, den Kummer zu überleben, das ſchoͤne Mädchen, das mich liebte, in eines Andern Armen zu ſehen, zu wiſſen, daß ſie ein Opfer war, daß ſie ver⸗ zweifelte, von Kummer verzehrt hinſieche, ja ſogar ſich ſelbſtmorden werde; denn ſie hatte mich oft merken laſſen, daß ſolche Gedanken in ihr gährten. Und wenn ſie wirk⸗ lich ihren neuen Plan ausführte, welches Aufſehen müßte eine ſolche Szene in der Kirche hervorrufen! Und welche Härte gegen den armen Bräutigam, der ſie nicht verdient hatte und nicht zu wiſſen ſchien, daß man ſie gezwungen, ihm ihr Jawort zu geben. Dieſe pelnlichen Gedanken verfolgten mich Tag und Nacht. Ich ging wie im Traume umher und war in einer beſtändigen Spannung. Ich fühlte mich krank und ſah mit großem Kummer, wie außerordentlich ſich meine Mutter über meinen Zuſtand ängſtigte. Ja auch die kleine Niſida ſah mir betrübt in die Augen und fragte:„Biſt Du krank, lieber Bruder Otto? Du ſtirbſt doch wohl nicht? Um Gotteswillen,, verlaß uns nicht!“ Vergebens ſuchte ich täglich Gelegenheit, allein mit Beaten zu ſprechen. Die Vorbereitungen zur Hochzeit nahmen ihre und des Hauſes ganze Zeit in Anſpruch. Doch wollte ſie mit ihrer Schweſter die Unterrichtsſtunden nicht ganz aufgeben. Einſt in einer ſolchen Stunde dic⸗ tirte ich meinen Schülerinnen einen Paſſus, von dem ich hoffte, Beate werde den eigentlichen Inhalt verſtehen. Natürlicherweiſe richtete ich ihn nach gewiſſen grammati⸗ caliſchen Regeln ein, die wir in der Stunde durchgegangen, geleſen hatten. Dadurch hoffte ich Petrinens klarſehendes Auge blenden zu koͤnnen, daß Beate dieſe Aufgabe nicht ins Franzöſiſche zu überſetzen wiſſe, war ich uͤberzeugt: und knüpfte an einen Roman an, den wir gemeinſchaftlich das war auch nicht meine Abſicht. Sie lautete folgender⸗ maßen:„Meine liebe Freundin! Laſſen Sie ein freund⸗ liches Wort zu Ihrem Herzen ſprechen, Sie wiſſen nicht, was ich Tag und Nacht bei dem Gedanken an Sie und Ihre kühnen Pläne leide. Bedenken Sie, daß jeder Au⸗ genblick koſtbar iſt. Ich zittere bei dem Gedanken, daß die theure Perſon, an die ich ſchreibe, dem entſcheidenden Augenblick ſo nah und unſchuldig genug iſt, nicht einzu⸗ ſehen, in welches gefährliche Spiel ſie ſich einlaſſen will, ohne zu bedenken, daß ſie tauſendmal zu gut iſt, eine Rolle durchzuführen, die eine Kraft fordern würde, die ſie weder hat, noch haben darf, daß ſie vielmehr ſelbſt jedenfalls ein Opfer derſelben werden wird. Ich bitte Sie auf mei⸗ nen Knieen. Wenn ich Sie wirklich verſtanden habe, wie ich hoffe, daß Sie mich verſtehen, ſo eilen Sie, den unglück⸗ ſeligen Knoten auf eine milde und gute, nicht auf eine ge⸗ waltſame Weiſe zu löſen die Ihnen niemals glücken wird, da ſie nur ein Traum Ihrer Phantaſie iſt.“ Als beide Mädchen, wie gewöhnlich, das Geſchriebene vorgeleſen, nahm ich raſch Beatens Aufſatz, um ihn zu durchlaufen, worauf ich mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem heimlichen Händedruck das Papier vor ſie auf den Tiſch legte. Am nächſten Tage kam ich in der Hoff⸗ nung, ſie werde meinen Wink verſtanden und mir mit ein paar ſchriftlichen Worten geantwortet haben. Ich nahm deßhalb mit großer Eile ihre und Petrinens Arbeiten, und da die Zeit uns in dieſen Tagen ſo kurz zugemeſſen war, ſo wollte ich diesmal nur raſch für mich die Ueberſetzungen durchſehen. Ich ergriff mit klopfendem Herzen die Arbeit Beatens, wandte ſie nach allen Seiten, aber es war nichts zu ſehen, als mein Dictat. Mißvergnügt legte ich es vor ſie hin und ſagte:„Sie haben nichts geſchrieben.“ 249 — Sie ſah mich verwundert an und antwortete leiſe: „Ich hatte keine Zeit.“ Petrine aber ſah mich mit ſarkaſti⸗ ſchem Lächeln an und machte eine kurze Verbeugung mit dem Kopfe, wie ein Grüßen, als ich das ihre nahm. Es war in ziemlich gutem Franzöſiſch geſchrieben und lautete in der Ueberſetzung ungefähr ſo: „Mein lieber Freund! laſſen Sie ein vernünftiges Wort Ihr Herz rühren. Sie wiſſen nicht, wie ich Tag und Nacht lachen muß, wenn ich an Sie und Ihre allzu ritterliche Paſſion denken muß. Erwägen Sie, daß die Augenblicke fluͤchtig ſind. Ich zittere bei dem Gedanken, daß der theure Mann, an den ich hier ſchreibe, ſeinem dreißigſten Jahre ſo nahe ſteht, und unſchuldig genug iſt, nicht einzuſehen, in welches flaue Spiel er ſich einlaſſen will, ohne zu bedenken, daß er tauſend Mal zu gut iſt, die Rolle des betrogenen Dupe in einer Comödie zu ſpie⸗ len, deren eigentlichen Plan ich übrigens nicht kenne, von der ich jedoch mit Gewißheit behaupten kann, daß er ſelbſt in jedem Falle das tragiſche Opfer wird. Ich bitte Sie, ſchonen Sie Ihrer Kniee! Wenn ich Sie wirklich ver⸗ ſtanden habe, wie ich hoffe, daß Sie mich verſtehen, ſo machen Sie ſich kein Gewiſſen daraus, auf friedliche oder gewaltſame Weiſe einen Knoten zu löſen, der nie in Wirklichkeit exiſtirt hat, da er nichts anderes als ein Traum Ihrer Phantaſie iſt.“— Dieſe Parodie auf meinen,— wie ich glaubte,—⸗ ſo klug ausgedachten Brief, ja auf mein eigenes Weſen, bewahre ich noch immer als eine Curioſität, über die ich mich manchmal amufirt habe; in dem Augenblicke jedoch, in welchem ich ihn empfing, kam er mir, weiß der Herr, nicht amuſant vor. Die Warnung, die er für mich ſein ſollte, diente nur dazu, mich noch mehr zu verwirren, ich glaubte wahnſinnig werden zu müſſen, wenn ich nicht mit Beaten ſprechen konnte. Mit einem zornigen Blicke auf Petrine ſteckte ich das Schreiben zu mir; ſie lachte und that mir den Dienſt, das Zimmer zu verlaſſen. Nun brach ich natürlich in Klagen, in Vorwürfe aus und be⸗ ſtürmte Beate, mit Andreas mein und ihrem Plane ge⸗ mäß zu brechen. Sie weinte und ſagte:„Bin ich nicht unglücklich genug, daß auch Sie mich noch martern müſ⸗ ſen.“—„Ach Beate!“ rief ich„iſt es nicht Ihr Ernſt, Ihr Verlöbniß zu brechen, wollen Sie ſich dazu ver⸗ ſtehen, Andreas zu heirathen, ſo werde auch ich es ver⸗ mögen, ich werde ſtreben, mein unglückliches Schickſal zu tragen. Faſſen Sie einen vernünftigen Entſchluß.“— Beate weinte laut und rang die Hände.„Ja, daß Sie ſich tröſten würden, das dachte ich wohl; aber ich werde ſterben vor Kummer und Elend.“—„So wollen Sie wirklich einen Plan ausführen, der nach meiner Anſchau⸗ ung eine unnöthige Grauſamkeit gegen Sie ſelbſt und Andere iſt.“—„Ja, das will ich.“—„Sie werden es nicht können.“—„Ja, ich werde es koͤnnen, wenn mir nicht vor Angſt und Kummer die Sinne vergehen oder das Leben erloͤſcht. Wenn Sie mich dann verachten und verlaſſen, ſo gleicht das der Schlechtigkeit der Maͤnner.“— Ich hatte nicht Zeit zu antworten, denn Andreas trat ein. Er war ſehr erſtaunt, Beate weinend und in ſolcher Aufregung zu finden. Er nahm ſie unter dem Kinn, küßte ſie und ſagte:„Herr, Du mein Gott und Vater! was fehlt Dir, Kind? Iſt etwas hier nicht ganz nach Dei⸗ nem Kopfe? Steht Dir etwas von Deinen Kleidern nicht? Hängen die Gardinen nicht richtig? Willſt Du mehr Geld haben? Sage mir doch, was Dir im Wege ſteht? Denn. Gott ſei uns gnädig! Du wirſt doch nicht mit Verwicklungen oder gar Aufloͤſung ſo nahe vor der Hochzeit kommen, wie meine erſte Braut? Was? — Du haſt ja ſelbſt geſagt, Du liebeſt mich!“ Nal dachte ich, das iſt ſein guter Engel, der ihm dieſe Frage eingibt, jetzt iſt die beſte Gelegenheit da, ihm die reine Wahrheit zu ſagen. Ich konnte mich nicht überwinden, zu gehen, obgleich ich wohl fühlte, daß es eigentlich die Schicklichkeit erforderte. Endlich antwortete — 251 Beate:„Ich bin ſo betrübt und beklommen bei dem Ge⸗ danken, daß wir in drei Tagen Hochzeit haben werden, es erſcheint mir ſo gräßlich, ſchon heirathen zu müſſen.“ —„Schon! Herr Gott! Mädchen! Du biſt bald vier⸗ undzwanzig Jahre. Wie alt willſt Du ſein, ehe Du Frau wirſt? Mir ſcheint, es wäre an der Zeit.“— „Das iſt nicht ſehr hübſch von Dir, ſo zu ſprechen.“— „Ach was! Es iſt gut gemeint. Aber ſprich offen und frei, was macht Dich ſo betrübt? Ehrlich währt am längſten!“—„Ich habe es ja geſagt. Mir iſt bange vor dem Heirathen. Ein junges Mädchen hat es in ihres Vaters Hauſe ſo gut. Dieſe Tage kehren doch nie wieder.“ Andreas wandte ſich um und ſah mich an, als wollte er ſagen:„Bei dieſem Geſpräch iſt die dritte Perſon überflüſſig.“ Ich war verlegen, denn ich fühlte wohl, wie großes Recht er hatte, und ſchlich mich fort. Auf dem Heimwege ſchmeichelte ich mir mit dem Gedanken, Beate würde unter vier Augen ſo aufrichtig gegen Andreas ſein, als er es verlangt hatte. Ich machte mir am ſelben Abend bei meinen Schülerinnen zu ſchaffen, da ich der feſten Ueberzeugung war, man werde mich mit der großen Neuigkeit empfangen, auf die ich meine Hoffnung ſetzte. Aber es war keine Veränderung zu merken. Es herrſchte eine außerordentliche Geſchäftigkeit in der Familie. Sa⸗ bine und fünf bis ſechs Freundinnen waren anweſend, alle in großer Thätigkeit. Beate erröthete, als ſie mich ſah, ſie war zurückhaltend und ſchien meinen Blicken auszu⸗ weichen. So vergingen zwei Tage, deren Leiden ich nicht beſchreiben kann, ich ergriff die ſeltſamſten Veranlaſſungen, in das Haus zu kommen, indem ich mir immer ſchmeichelte, mit Beaten ſprechen zu können. Vergebens. Der Hoch⸗ zeitstag brach an. Am Morgen wagte ich mich noch einmal zu Beaten. Ich bekam ſie nicht zu ſehen. Un⸗ geachtet ich ſeit lange ein täglicher Gaſt im Hauſe ge⸗ weſen, hatte man mich doch nicht zur Hochzeit eingeladen, da es hieß, man wolle nur die nächſten Verwandten ein⸗ 25² laden, welche indeſſen eine Geſellſchaft von mehr als dreißig Perſonen bildeten. Abends eilte ich nach der Kirche, wo die Trauung ſtattfinden ſollte. Ich hoffte dort in einer Ecke ganz verborgen ein Zeuge der Szene ſein zu können, die ich mit Zittern erwartete. Schon von Weitem ſah ich die hellerleuchtete Kirche durch den dunkeln Winter⸗ abend ſcheinen. Mein Herz ſtockte bei dieſem Anblick, und als ich mich dem Eingang näherte, hatte ich kaum die Kraft, den an der Thüre ſlehenden Kirchendiener zu bitten, mir einen kleinen Platz zu goͤnnen, da die Kirche zu mei⸗ ner Verwunderung ganz mit Menſchen erfüllt war. Er hatte Mühe, mich durch das Gedränge nach einer kleinen Ecke unfern von dem Altare zu führen. Endlich ertönten die feierlichen Klänge der Orgel, die Hochzeitsgäſte traten Paar um Paar in die Kirche. Ganz vorne ging Beate an der Hand ihres Vaters. Wie bange mir auch war, ich konnte doch nicht umhin, ihre Schoͤnheit zu betrachten und zu bewundern. Ihr weißes Atlaskleid glänzte wie Silber, auf der Bruſt und in den Ohren trug ſie einen reichen Diamantſchmuck und die dunkeln Myrthen nahmen ſich ſchön in dem blonden Haare aus. Sie ging ſo nahe an dem Orte vorüber, wo ich ſaß, daß ich ihr Kleid rauſchen und den Duft ihres Bouquets einathmen konnte. Sie ſtand nun an der Seite Andreas vor dem Altare. Die Orgel ſchwieg, der Pfarrer trat vor. Ich hoͤrte nicht ein Wort von ſeiner Rede, es ſauſte vor meinen Ohren wie ein brauſender Strom: erſt als die eigentliche Trauung begann, erwachte ich wie aus einem tiefen Schlaf und als der Pfarrer ſeine Frage an die Braut richtete und ich nun das entſcheidende Nein erwartete, konnte ich keinen Athem holen;— aber alles ging ſehr friedlich ab. Beate antwortete wirklich nicht ja, aber auch nicht nein, ſie antwortete gar nicht, ſondern machte eine Bewegung mit dem Kopfe, wie ein Nicken; aber man hoͤrte keinen Laut. Ihr Antlitz konnte ich nicht ſehen, da das Braut⸗ paar mit dem Geſichte gegen den Altar gerichtet ſtand, —— 25³3 und dem Orte den Rücken kehrte, wo ich mich verborgen hielt. Ich weiß ſelbſt nicht, ob ich mich in dieſem Au⸗ genblicke leichter, oder unglücklicher fühlte. Das Braut⸗ paar erhob ſich jetzt und trat Hand in Hand in den für es beſtimmten Stuhl. Jetzt ſah ich Beatens Geſicht, ſie war außerordentlich verweint, aber roth und weiß, wie eine friſche Blume. Andreas küßte ſie, ſie lächelte ihm und ihren Verwandten zu, die ſie umarmten und beglück⸗ wuͤnſchten, worauf ſie an ihres Gatten Hand die Kirche an der Spitze der Hochzeitsgäſte verließ. Bei dem An⸗ blick dieſes Schauſpiels erwachten meine Schmerzen. Ei⸗ ferſucht, Erbitterung, Verzweiflung tobten in meiner Seele. Ich war nicht im Stande, meinen Platz zu verlaſſen. Die Kirche wurde leer, man begann die Lichter auszuloͤſchen, ohne daß ich mich vom Flecke rührte. Endlich nahte ſich einer der Kirchendiener, und wahrſcheinlich in der Erwar⸗ tung, daß ich eingeſchlafen ſei, nahm er mich am Arme und erinnerte mich daran, daß die Kirche geſchloſſen werde. Ich erhob mich ſtumm und verließ das leere, dunkle Gebäude, wo jeder Tritt ſein Echo hatte. Als ich die Treppe vor der Kirchthüre hinabging, bemerkte ich ein Kind, das feſt in ſeine Winterkleider gehüllt, weinend auf einer der Stufen kauerte und ſich an den Sockel einer Saͤule lehnte. Ich näherte mich ihm und bei dem Schein der Lichter erkannte ich zu meiner Verwunderung Niſida. Meine Beſinnung kehrte mir bei dieſem unerwarteten Zuſammentreffen plötzlich wieder. Sie jubelte, als ſie mich ſah und ſagte:„Auf ihr Gebet hätten die Heiligen mich ihr zur Rettung geſandt.“ Die Heiligen: ein Aus⸗ druck, den ich zum erſten Male aus ihrem Munde hörte. Sie war nicht im Stande, aufrecht zu ſtehen, ihr Fuß war beſchädigt, der eine Arm war zerſchlagen. Ich nahm ſie auf die Arme und trug ſie an den nächſten Ort, wo ein Wagen zu bekommen war. Ich ſetzte mich hinein und befahl dem Kutſcher, uns zu einem Arzte zu fahren, den ich kannte. Auf dem Wege erklärte ſie nun auf meine 254 Frage, daß ſie mit einigen andern kleinen Mädchen und einem Diener, der dieſe begleitete, wie gewoͤhnlich von der Tanzſtunde heimgegangen, und als ſie auf dem Wege an der Kirche vorbeigekommen, ſei die übrige Geſellſchaft auf den Gedanken gerathen, der Feierlichkeit, welche hier vor ſich ging, anzuwohnen. Niſida fügte hinzu:„Ich war in ſchlechter Laune und hatte keinen Sinn für dies Feſt, auch konnten wir nichts ſehen: denn wir ſtanden hinter einer Menge großer Menſchen. Aber die Andern wollten doch nicht gehen, ehe die Hochzeitsgäſte vorbeige⸗ kommen waren. Während ich nun ſo daſtand, dachte ich an Dich, daß Du krank ſeiſt, daß wenn Du ſtuͤrbſt, die Mutter gewiß auch aus Kummer ſterben würde und deß⸗ halb ward ich ſo beklommen und betrübt. Da erinnerte ich mich, was Vater Bernhard von den guten Heiligen ſagt, welche für uns im Himmel beten und immer in der Noth helfen, wenn wir ſie aurufen, und ſo faßte ich denn den Entſchluß, mich von den andern fort in eine Ecke zu ſchleichen, dort wollte ich niederknieen und für Dich beten. Ich ſchluͤpfte durch die Maſſe der Leute. Die Orgel be⸗ gann ſo ſchoͤn zu erklingen. Aber mit einem Male ſtürzten die vielen Menſchen heraus und ich kam in das Gedränge und wurde herausgetragen, daß meine Füße den Boden nicht berührten. Vor der Thüre ſtürzte ich auf die harte Steintreppe nieder und ſchlug meinen Arm auf, während mich ein großer Mann auf den Fuß trat. Als ich allein war, wollte ich mich erheben, aber ich konnte nicht ſtehen. Ich ſtand die größten Schmerzen aus, es war dunkel und kalt. Ich weinte, und dachte, ich müßte ſterben, aber ich betete für Dich in meinem Elend und plötzlich ſtandeſt Du vor mir. Nun weiß ich auch gewiß, daß Du ge⸗ ſund bleibſt.“ Dieſer Bericht, dieſes Ereigniß brachte mich wieder zu mir. Ich hatte für den Augenblick Hoch⸗ zeit und Beaten vergeſſen. Der Arzt, den wir zu treffen ſo glücklich waren, tröſtete uns mit der Verſicherung, daß Niſidas Arm und Fuß nicht gefährlich beſchädigt ſei: 2⁵5⁵ beruhigt und mit leichterem Herzen kehrten wir zu meiner ängſtlich wartenden Mutter zurück.— In der Einſamkeit der Nacht erwachten auf's Neue meine Plagegeiſter. Es war mir, als haßte ich die treu⸗ loſe Beate; aber wider meinen Willen ſtand ihr Bild vor mir im ganzen Glanze der Schönheit, in welchem ich ſie neulich geſehen; daß Andreas in dieſer Stunde ihre Reize beſitzen, ihre Lippen küſſen ſollte, welche ſich ſonſt an die meinen zu heften pflegten, das war für mich ein Vorſchmack der Hoͤllenqualen. Alle Vernunft, alle Hoffnung wandte mir den Rücken. Als ich nicht ſchlafen konnte, ſtand ich auf und ging in der Dämmerung in meinem Zimmer auf und ab. Erſt in der Morgenſtunde, als ich mich müde und matt fühlte, ging ich wieder zu Bette, und da ich es nicht über mich gewinnen konnte, zur gewöhnlichen Zeit aufzuſtehen, ſo ſagte ich zu dem Mädchen, das mich zu wecken kam, ich ſei krank, was auch nicht unwahr war. Meine Mutter öffnete leiſe und ſah herein. Ich that, als ſchliefe ich. Sie ging ſtill fort, ich hörte ſie in die Küche gehen und ihre häuslichen Arbeiten beſorgen. Es war noch früh, und der ſpäte Dezembermorgen ſandte ſein erſtes Tageslicht in mein Zimmer, da öffnete ſich die Thüre mit großer Vorſicht und Niſida kam lauſchend mit kaum hoͤrbaren Schritten herein. Sie ging mit Beſchwerde auf dem verwundeten Fuße und trug den Arm in einer Binde. Sie war nur halb angekleidet, die dunkelbraunen dicken Locken hingen über Hals und Bruſt. Sie näherte ſich meinem Bette, kroch auf einen Stuhl, um mich ſehen zu konnen, beugte ſich über mich, und da ſie glaubte, daß ich ſchlafe, nahm ſie von ihrem Halſe das früher beſprochene als ſchützende Reliquie geſchenkte Kreuz und legte es ſanft auf meine Bruſt, worauf ſie niederkniete und mit gefalteten Händen aus voller Seele betete. Ich konnte nichts von ihrem Gebete verſtehen, als die Worte:„Heilige Mutter Gottes.“ Dann nahm ſie das Kreuz, und ſich ſelbſt dieſes ſchützen⸗ den Amulets beraubend, ſteckte ſie es mit äußerſter Vor⸗ ſicht zwiſchen mein Bett und die Wand, worauf ſie ſich eben ſo ſtill entfernte, als ſie gekommen war. Zum zweiten Male brachte dieſes Kind eine friedliche Stille in meine aufgeregte Seele, meine Gedanken wandten ſich ihr wieder zu, um deren Erziehung ich mich ſeit langer Zeit nicht mehr bekümmert hatte. Mit Verwunderung bemerkte ich den Einfluß des Paters auf ſie, und den Gedanken, die mich kaum noch beſtürmt hatten, entrückt, verſank ich wirklich in Schlummer. Als ich erwachte, ſaß meine Mutter an meinem Bette. Ich beruhigte ſie wegen meines Zuſtandes, und als ſie mir ein Billet übergab, das für mich angekommen, und an deſſen Ueberſchrift ich Petrinens Hand erkannte, ſagte ich, ich fühle mich wohl und wolle aufſtehen, worauf ſie mich verließ, und ich war kaum allein, als ich begierig das Siegel erbrach und Folgendes las: „„Wer nicht hoͤren will, muß fuͤhlen“n „Wenn Sie eine Predigt über dieſen Text hören wollen, ſo finden Sie ſich noch heute Vormittag bei mir ein. Uebrigens bin ich als wohlbeſtallter Ambaſſadeur beauftragt, Friedensunterhandlungen einzuleiten, von wel⸗ chen ich, wie ſo mancher andere Geſandte, im Voraus weiß, daß ſie nicht angenommen zu werden verdienen, und in gleicher Weiſe habe ich eine Depeſche, von der ich ebenfalls weiß, daß ſie lauter Dummheiten enthält.“ Ich eilte zu Petrine, die mich mit Lachen und Witzen über mein Ausſehen und mein Benehmen empfing. Ich verlangte heftig die verſprochene Depeſche und empfing einen kleinen Zettel von Beate folgenden Inhalts: „Mein ewig geliebter Freund! Ihre Worte ſind all⸗ zuwahr. Ich war zu gut und zu ſchwach, dieſen Plan auszuführen, von welchem Sie mir abredeten. Als der Prieſter ſo außerordentlich feierlich zu ſprechen begann, wurde ich ſo innig gerührt, daß mir alle Faſſung ſchwand und ich nichts von mir wußte, bis ich meinem Manne 2⁵⁷7 angetraut war, der ja auch, wie Sie ſo oft ſagten, ein guter und rechtſchaffener Mann iſt, und ſo will ich denn mein Schickſal mit Geduld tragen. Das Einzige, was mich ängſtigt, iſt, daß Sie, mein Freund, auf mich böſe ſein möchten und nicht mehr mit uns umgehen wollten: Ihre Freundſchaft allein kann mich tröſten und wieder heiter machen. Ich bitte Sie auf das Inſtändigſte, mir nicht verſagen zu wollen, in unſer Haus zu kommen, und die Stunden im Franzöͤſiſchen fortzuſetzen, wofür ich Ihnen unendlich dankbar ſein werde. Ihre unvergeßliche Beate.“ Erbittert warf ich das Blatt auf den Boden.„Mit Erlaubniß,“ ſagte Petrine, indem ſie es aufhob und mit einem lauten Ausbruch von Geläͤchter las. Ihre unzei⸗ tige Heiterkeit mehrte meine Verzweiflung, welcher ich in einem Strome empörter Worte Luft zu machen, mich nicht enthalten konnte. Petrine unterbrach meine Declamatio⸗ nen.„Stillel Stille!“ ſagte ſte.„Laſſen Sie mich auf's Neue ihrer Menſchenkenntniß zu Hülfe kommen. Beate iſt nicht, wie Sie ſagen, ein Ungeheuer von Falſch⸗ heit und Treuloſigkeit, ſie iſt nur, was tauſend Andre ſind, ein leeres, unwahres Gemüth, das ſich ſelbſt und Andre belügt und betrügt, ohne ſich träumen zu laſſen, daß ſie ſich des geringſten Fehlers ſchuldig macht. Sie hat nur wenig Verſtand, ſie iſt von Schmeichlern ver⸗ wöhnt, ſie bildet ſich ein, hoch über Andern zu ſtehen, und will glänzen und Effect machen, das iſt das Ganze. Sie war nicht gezwungen, Andreas ihr Jawort zu geben. Der Vater wünſchte allerdings dieſe Partie und ſuchte ihr die Vortheile derſelben auseinander zu ſetzen: aber ſie gab ohne Widerſtand nach. Da lernte ſie Sie kennen. Sie waren der erſte gebildete Menſch, der ſich in unſerem Um⸗ gangskreiſe zeigte. Sabine und alle Andern prieſen Sie; Beate wünſchte von ganzer Seele Ihre Eroberung zu ma⸗ chen, und ich binüberzeugt, daß ſie Sie wirklich liebte, ſoweit Novellen. II. 17 258 ſie zu lieben vermag. Nur machte ſie ſich ſelbſt und Ihnen glauben, daß ſie ihr Verlöbniß reue, und daß ſie es brechen wolle; aber ich glaube, daß es nie ihr voller Ernſt war, ſondern nur ein Spiel, um ihre müßigen Ge⸗ danken auszufüllen. Vor einigen Tagen, als Andreas) kam, kurz ehe Sie gingen, muß doch etwas zwiſchen ihm und Beaten vorgefallen ſein; denn als ich zu ihr hinein⸗ kam, war ſie ganz verweint, ſaß jedoch mit ihrem Ge⸗ liebten Hand in Hand da und erzählte mir mit großem Vergnügen, daß ihr Andreas verſprochen habe, nächſtes Frühſahr mit ihr eine Reiſe nach Hamburg, vielleicht gar nach Paris zu machen; worauf Andreas ſagte:„Ja, Petrine, man muß etwas aufzufinden wiſſen, um gu⸗ tes Wetter zu machen.“ Petrine erzählte mir darauf, daß ſie dieſen Morgen Beate in ſehr guter Laune und beſchäftigt gefunden habe, ihre zahlreichen Gratulationsbeſuche zu empfangen. Sie hatte indeſſen Petrine in ein anderes Zimmer gerufen und ſie mit ungewoͤhnlicher Freundlichkeit gebeten, das genannte Billet zu beſorgen, das ſie nur mit großer Mühe verſtohlener Weiſe hatte ſchreiben können.„Ich will Dir anvertrauen,“ ſagte ſie,„daß unſer guter Freund in mich verliebt iſt und ich fürchte, er wird ſich meinetwegen grä⸗ men, deßhalb moͤchte ich ihm ein paar gute vernünftige orte ſagen. Ich weiß wohl, daß Du Augen auf ihn haſt und auf mich eiferſüchtig biſt, aber ich kann Dir nicht helfen.“ Dieſe Worte ſagte Petrine lachend und fügte hinzu:„Ich moͤchte nicht, daß Sie auf ähnliche Gedanken verfielen und Dieſem vorzubeugen und Ihnen zugleich mein Vertrauen zu beweiſen, will ich Ihnen an⸗ vertrauen, daß ich bereits ſeit drei Jahren heimlich mit einem braven Seemann, dem Sohne der Familie verlobt bin, in welcher ich erzogen wurde.“ Ich fühlte das Ver⸗ ſtändige und Freundſchaftliche in Petrinens Benehmen gegen mich und verließ ſie einigermaßen beruhlgt. Ich ging mit mir ſelbſt zu Rathe, und fühlte, daß meine . 8 — 259 Liebe zu Beate nicht eigentlich mit meinem beſſern Weſen verwachſen war, ſondern nur ein Drang zu lieben, ein Pfeil, den Amor gegen die junge Bruſt ſchießt, welche dadurch gezwungen wird, den erſten Gegenſtand zu lieben, dem ſie begegnet. Deſſen ungeachtet beſchäftigte doch das ſchoͤne Bild dieſes Mädchens, der Gedanke, daß ſie mich geliebt, unaufhoͤrlich meine Phantaſie. Eine unendliche Leere erfüllte mich: meine früheren Freuden hatten ihren Reiz verloren; meine Geſchäfte wurden mir zur Laſt. Meine Mutter grämte ſich über die Veränderung, die mit mir vorgegangen war; ſie glaubte, ich ſei krank, und ſie ſelbſt hatte oft das Ausſehen, als ſei ſie unwohl. Mein Onkel machte mir Vorwürfe und rieth mir, raſch meine Examenſtudien zu Ende zu bringen. All' dies verwirrte mich nur noch mehr. Ich wollte gerne einen raſchen Schritt thun, um meiner Stimmung eine andere Richtung zu geben, aber ich wußte kein Mittel dazu. Der, deſſen Umgang mir unter dieſen Umſtänden am angenehmſten war, war Pater Bernhard, deſſen freund⸗ ſchaftliche Verbindung mit mir und den Meinen ſich noch mehr befeſtigt hatte. Er kam in dieſer Periode öfter als gewöhnlich und wählte beinahe immer zu ſeinem Be⸗ ſuche die Stunden, wo er mich allein in meinem Zimmer zu treffen hoffte. Er bemerkte, wie ich wohl ſah, meine niedergeſchlagene Stimmung; denn nicht blos aus ſeiner Bemühung, unter vier Augen mit mir zu ſprechen, ſon⸗ dern auch aus ſeinem ganzen Benehmen gegen mich glaubte ich zu erſehen, daß er wußte, ich ſehne mich nach Troſt und er ihn mir zu bieten wünſche. Doch äußerte er nie, auch nicht mit dem leiſeſten Wink, daß eer eine Veränderung bei mir bemerke, im Gegentheil ſuchte er mich zu zerſtreuen, indem er ſich in Geſpräche über allgemein intereſſante Themate einließ und mir merk⸗ würdige Züge aus dem öffentlichen und Privatleben er⸗ zählte, in das er ungemein eingeweiht ſchien. Die väter⸗ lich liebevolle Theilnahme, die aus ſeinem ganzen Weſen thuend, daß ich nie dazu kommen konnte, meine Einwürfe gegen die Lehren, die er Niſida beizubringen ſuchte, gel⸗ tend zu machen. Endlich brachte ich die Sache doch mal leuchtete, die Achtung, die er mir zeugte, war ſo wohl⸗ auf das Tapet und äußerte in ſo milden Ausdrücken, als nur immer moͤglich, daß, wenn ich auch nicht daran zweifelte, ein Mann von ſeiner Gelehrſamkeit, ſeinem Geiſte und ſeiner Rechtſchaffenheit werde höchſt wohlthätig auf die Bildung eines jungen Herzens wirken, und wenn ich ferner weit entfernt ſei, die nöthigen Kenntniſſe zur Beur⸗ theilung des Katholieismus zu haben oder ſeine Vor⸗ züge mit denen des Proteſtantismus abzuwägen, in denen ich aufgewachſen, ſo glaube ich doch klar einzuſehen, daß die Lehre, welche die Landesreligion ſei, und in wel⸗ cher Niſida getauft worden, am dienlichſten für die Be⸗ ſtimmung ihrer Zukunft ſein müſſe, ſo weit dieſe menſch⸗ liche Augen vorausſehen könnten; ferner glaube ich— und das ſcheine mir noch wichtiger, daß für eine ſolche Natur, wie Niſida, die bereits ſo viel Phantaſie, ſo hef⸗ — tige Leidenſchaften verrathe, es wirklich nothwendig ſei, eine Religion zu wählen, die eine ſtille, innere, de⸗ muthsvolle Gottesverehrung lehre und ſich mehr an die prüfende Vernunft, als diejenige, deren äußerliche Pracht und ſinnlichen Vorſtellungen ſich meiſt an die Phantaſie wenden. Der gute Pater ſah vor ſich nieder und ſchwieg. Ich nahm ſeine Hand und drückte ſie an die Bruſt, indem ich ſagte:„Lieber, ehrwürdiger Va⸗ ter, werden Sie nicht böſe, ſondern bedenken Sie ſelbſt, welche Bande mich und meine Mutter an dieſes fremde Kind binden, das die Liebe zu unſrem eignen gemacht. Müſſen wir nicht wünſchen, ſie in dem Glauben zu er⸗ ziehen, den die Geſetze des Landes und unſre eigne Ueber⸗ zeugung fordert?“ Pater Bernhard ſah mich freundlich und wehmüthig an und antwortete:„Lieber Sohn! Um Ihre Einwendungen im Ganzen zu beantworten, müßte ich mich mit Ihnen in Unterſuchungen einlaſſen, die zu 261 tief für ein flüchtiges Geſpräch ſind; ich muß mich jetzt, wenigſtens für den Augenblick, auf das beſchränken, was unſre kleine Niſida betrifft. Sie äußerten ſelbſt mal mir gegenüber, daß es Ihnen wahrſcheinlich ſei, ſie ſtamme von Ausländern ab. Dieſe Vermuthung theile ich mit Ihnen. Aber ich gehe noch welter in meiner Vermuthung und ſetze als hoͤchſt wahrſcheinlich voraus, daß ſie von katholiſchen Aeltern abſtammt, wenigſtens, daß Eines von ihnen, vermuthlich die Mutter, in dem Glauben unſrer heiligen Kirche geboren und erzogen wurde. Ich glaube dies in Folge ihres Namens, der ſpaniſch iſt, und in Folge eines gewiſſen Schwunges in dem Billet, das bei dem Kinde lag und deſſen Inhalt mir Ihre Freundſchaft anvertraut hat. Dabei darf man wohl annehmen, daß die Verbindung, welche Niſida das Leben ſchenkte, nicht rein von Sünde iſt. Wer kann wiſſen, welches Verbre⸗ chen, vielleicht großes Verbrechen gegen die Kirche ſelbſt und ihre Geſetze, auf der Seele der armen Mutter laſtete, als ſie das arme Kind weggab? Der geſchriebene Zettel ſpricht in ſeinen wenigen Worten von Unglück, von einer verzweifelten Lage. Geben Sie ferner Acht, wie außer⸗ ordentlich das kleine Mädchen mit dem Glauben ſym⸗ pathiſirt, den ich für den allein ſeligmachenden halte: die Begierde nach den heiligen Bildern, die ich ihr zum Ver⸗ gnügen gebracht, der Eifer, mit dem ſie in mich dringt, ihr die heiligen Legenden zu erzählen. Scheint dieſe Sympathie ihr nicht angeboren? Iſt es nicht, als ob die glühende Reue der unbekannten Mutter aus dieſer oder jener Welt der Seele der Tochter zuriefe und das Verbrechen der Aeltern zu ſühnen geböte? Wenn ich dies alles vun klar ſehe, muß ich dann nicht einem ſo hei⸗ ligen Willen entgegenkommen? Muß ich nicht die führende Hand einem Weſen reichen, das ich ſo innig liebe und für würdig halte, dem Himmel anzugehoͤren und unbe⸗ rührt von den Sünden und Schmerzen der Welt dort einzugehen 24—„O Vater Bernhard! Sie erſchrecken 262 mich! Aber ich mißverſtehe ſicher Ihre Meinung! Ihren Aeußerungen nach ſcheint es ja, als ob Sie den Ge⸗ danken nährten, Nifida ſollte der Welt entſagen. Ich kann mir unſer liebenswürdiges Mädchen nicht in einem Kloſter begraben denken. Ein ſolcher Entſchluß ließe ſich auch, Gott ſei Dank! nicht ſo leicht in unſrem proteſtan⸗ tiſchen Lande ausführen. Aber, Pater Bernhard, wäre es möglich, daß ſie das Herz haben ſollten, eine ſo barbariſche Handlung zu fordern?“—„Barbariſch! Ach! lieber Sohn, was ſagen Sie! Doch ich verſichere Sie, ich werde ſie nie zu einem ſolchen Schritte zu überreden ſuchen. Das verſichere und gelobe ich Ihnen. Aber ich glaube, daß der Wunſch in ihrer Seele lebt, und wenn ſte ſelbſt in reifern Jahren dieſem innern Berufe folgen will, ſo werde ich es unterſtützen und als eine höhere Eingebung anſehen. Meine Gründe habe ich Ihnen ge⸗ ſagt.“—„Vergeben Sie, daß ich ſo offen rede; aber es ſcheint mir eine reine Schwärmerei, daß ein unſchul⸗ diger Menſch das Verbrechen des ſchuldigen ſollte ſühnen können. Streitet das nicht gegen den Gedanken der Ge⸗ rechtigkeit Gottes, der jeden nach ſeinen eignen Thaten beurtheilt?“—„Und der doch die Sünden der Aeltern an den Kindern ſtraft.“—„Das iſt eine jüdiſche Satzung, das Evangelium lehrt uns, daß Reue und Glaube den Verbrecher ſelbſt retten, wie ſollte Jemand anders als dieſer ſelbſt ſein eignes Verbrechen bereuen und ſühnen?“— „Sie ſind Chriſt, mein Sohn! und zweifeln daran, daß der Unſchuldige ſich freiwillig für fremde Sünden auf⸗ opfern kann? Aber ohne uns in tiefere Speeulationen einzulaſſen, wollen wir uns ganz einfach an das halten, was in jedes Menſchen Seele lebt. Haben Sie nie, wenn Sie Sünde und Thorheit bei einem andern lieben Weſen erblickten, einen Schmerz, eine Demüthigung in der Art empfunden, wie wir ſie beim Bewußtſein unſrer eignen Sünden fühlen. Würden Sie nicht, wenn es in Ihrer Macht ſtünde, das Boſe, das eine liebe Perſon begangen, 263 wieder gut machen. Wenn zum Beiſpiel Ihr Herr Vater ſich ein unrechtmäßiges Vermoͤgen zugeeignet, würden Sie es nicht ſeinem rechtmäßigen Beſitzer zurückgeben? Wenn er einen unſchuldigen Mann verletzt und der Tod ihm den Weg abgeſchnitten, ihm Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen, würden Sie es nicht für Ihre Pflicht anſehen, ſich der Verlaſſenen dieſes Verletzten anzunehmen und für ſie zu ſein, was er für ſie geweſen. Würden Sie das nicht, ſelbſt wenn Sie die übernommene Pflicht der Mittel zu Ihren eignen erlaubten Lebensgenüſſen beraubte? Wäre das nicht eine Buße für die Sünde Anderer 2 Und wäre dieſe Buße nicht für den Frieden Ihres eignen Gewiſſens nothwendig?“—„Sehen Sie, lieber Pater Bernhard! Damit geben Sie mir die Waffe gegen Sie ſelbſt in die Hand. Dieſe Buße, dieſe Verſöhnung iſt es, welche Gott von uns nach unſrer gereinigten Lehre for⸗ dert. Dieſe können wir nur in der Wirkſamkeit der Welt, nicht in der Abſonderung des Kioſters vom Leben üben. Auch wird gefordert, daß wir ſie aus freiem Willen, in Liebe üben, ich muß Freude an dieſen Aufopferungen finden, ſonſt iſt mein Verdienſt dahin. Der hingegen, der ins Kloſter geht, entſagt nicht blos den Guͤtern der Welt, ſondern auch der Thätigkeit, die ſie foͤrdern ſoll; auch thut er es nicht mit freiem Sinn; er iſt gezwungen oder beſtrickt, auf die eine oder andere Art, durch An⸗ derer oder eigne Verirrung.“—„Das iſt eine einſei⸗ tige Anſchauung, die Sie hier an den Tag legen. Kein Raum unter der Sonne iſt ſo eng, daß nicht ein Menſch darin ſollte Platz finden koͤnnen, das Gute zu üben. Und iſt das Gute für nichts zu nehmen, das ich in mir ſelbſt ausbilde, in ſtiller Annäherung an das Höchſte, dem ich mich vielleicht nur in der Umfriedung eines Hafens, der gegen die Stürme und Verſuchungen des Lebens ſchützt, zu nähern vermag? Wie manches herrliche Werk in Kunſt und Wiſſenſchaft ging nicht von den Kloͤſtern aus und zeugte von der Thäͤtigkeit, die dort herrſcht? Wie 265 lieber Profeſſor!“ ſagte der Pater geduldig:„Die Hei⸗ ligen bewahren mich davor, mich an des Landes Geſetzen zu vergreifen oder gegen das Haus undankbar zu ſein, das ich ehre und liebe! Auch widerſpricht es meinen Grundſätzen, Jemanden zu überreden, zu unſerer heiligen Kirche überzugehen; aber dem, der ſich ſelbſt nach dieſer Herrlichkeit ſehnt, ihm darf ich wohl die Hand als Füh⸗ rer bieten, vor allem wenn ich glaube, daß er ihr durch ſeine Geburt angehoͤrt.“—„Welche Vermuthung wäre hier gegründet? Und ſelbſt wenn ihre Aeltern Katholiken, Heiden oder Türken oder was ſonſt geweſen— Aeltern, die unnatürlicher oder unvorſichtiger Weiſe ihr Kind weg⸗ geben, und ungeachtet aller unſerer Aufforderungen in Blättern und aller Unterſuchungen ſich nicht gezeigt, un⸗ bekümmert darum, was aus ihm geworden ſſt, ſolche Aeltern haben kein Recht und keine Stimme in den An⸗ gelegenheiten ihres Kindes. Niſida hat keine andere Mut⸗ ter als meine Schwägerin, keine Verwandten, als unſere Berwandten. Sollten nun wir, die ſie lieben und erzie⸗ hen, den Kummer haben, fie den Glauben verlaſſen zu ſehen, der uns heilig iſt, ſie uns für Ketzer halten zu ſehen, die der ewigen Verdammniß geweiht ſind?“— „Dleſe Meinung hat kein aufgeklärter Katholik. Wir nehmen das Fegefeuer an, das heißt: einen Zwiſchenzu⸗ ſtand, der die irrende Seele, wie das Feuer das Gold läutert. Etwas ähnliches nimmt ja auch— ſo viel ich weiß,— Eure Lehre an. Ihr glaubt doch wohl nicht, daß die menſchliche Seele, welche in all' ihrer unvoll⸗ kommenen Schwaͤche die irdiſche Larve verläßt, ſogleich vor Gottes Antlitz tritt? Ach! liebe Freunde! glaubt mir! es würde mich tief ſchmerzen, wenn ich die Hoff⸗ nung nicht hätte, daß wir uns dort wiederſehen. Ge⸗ ſchieht es auch ſpät, einmal wird Euch doch der Apoſtel des Himmels Pforten öffnen. Er hat die Macht zu bin⸗ den und zu löſen, und hat auch ſein Statthalter hier auf Erden nicht Eure Bande gelöſt, ſo wird er ſelbſt die 266 Macht haben, ſie dort zu loͤſen.“— Mit milderem Tone ſagte mein Onkel:„Das iſt Alles ganz gut, aber ver⸗ ſprechen Sie mir, ſo lange wir hier auf Erden leben, keine Proſelytin aus Niſida zu machen.“—„Lieber Pro⸗ feſſor, ich kann dem Kinde nicht weigern, die Fragen zu beantworten, die ſie macht. Es iſt, als ob ſie ihr von einer höheren Macht eingegeben werden, und ich würde mich verſündigen, wenn ich ſie nicht beantwor⸗ tete.“—„Nein, das iſt zu toll! Dieſe hoͤhere Macht ſind ja Sie, Herr Pater! Die heiligen Bilder, die Sie ihr ſchenkten, ehe ſie richtig ſprechen konnte, die Geſchich⸗ ten dieſer Männer und Frauen, welche Sie ihr erzählten, haben ſich ihrer allzu lebendigen Phantaſie bemächtigt. Herr Gott! Es iſt etwas in dieſem Kinde, was uns mit der Zeit ſehr großen Kummer machen kann.“— „Ja, Himmel und Erde ſtreiten ſichtbar in ihrer jungen Seele, aber ich ſage Ihnen zum voraus: der Himmel wird ſiegen; denn ſie hat einen unerklärlichen Schmerz mit ſich in die Welt gebracht, der nur in dem ſtillen Schooße der Kirche Frieden finden kann!“—„Ja! das iſt nun ſo etwas, was mich toll machen könnte. Welcher Schmerz läßt ſich bei dem lebensluſtigen Kinde finden? Und wäre irgend eine krankhafte Dispoſition zu Angſt oder dergleichen in ihr, ſo müßte ſie durch Ar⸗ beitſamkeit, munteren und verſtändigen Umgang', und nicht durch Träumereien von Heiligen, Reliquien und wie das Alles heißt, gehoben werden.“—„Haben Sie nie unſchuldige Wünſche gehegt, die Ihnen wich⸗ tig waren, aber doch nicht würdig genug erſchienen, um im Gebete vor dem Allerhöchſten eine Stelle zu finden, die Sie aber dennoch Weſen anvertrauen durften, die zwiſchen Ihnen und ihm ſtanden 2—„Ja, ich gehöre allerdings nicht zu denen, die immer und ewig unſern Herr⸗ gott mit jeder Bagatelle überlaufen, habe ich aber ei⸗ nen guten und ſchicklichen Wunſch, ſo weiß ich nicht, weßhalb ich Gott nicht darum bitten ſollte. Er, der 267 alles Schöne und Gute geſchaffen, er wird mir wohl auch mein Theil davon gönnen.“—„Ach, lieber Pro⸗ feſſor! Sie ſprechen— wie der Glückliche; für den Glück⸗ lichen, für den, der ſich für gerecht hält, iſt Eure Lehre geſchaffen, die unſrige jedoch iſt für den Unglücklichen, für den Reuigen. Heilige, ruhige, ſichere Zufluchtsſtätten bietet unſere Kirche Denen, welche die Welt verfolgt und reizt. Ein vertrauter, liebevoller und verſchwiegener Freund und Rathgeber ſteht dem zur Seite, der ohne Freund iſt. Der fromme Beichtvater kann den nicht verrathen, der ſich ihm anvertraut. Er iſt frei von allen jenen Verhältniſſen, die einen weltlichen Freund beſtricken können, der Bekümmerte ſpricht mit ihm, wie mit ſeinen eignen geheimſten Gedanken und findet den Troſt und die Beruhigung, welche Freundſchaft und Religion bie⸗ ten können.“ Dieſes Geſpräch wurde von Niſida und der Mutter unterbrochen, welche in dieſem Augenblicke eintraten. Die ſtreitenden Parteien ſchienen indeß für ſich das Kind mit erhöhtem Intereſſe zu betrachten. Sie riefen ſie beide zu ſich und ſtritten gleichſam um ihre Gunſt. Mit der einen kleinen Hand ſtreichelte ſie des Paters blaſſe Wange, wäh⸗ rend ſie mit der andern den Arm des Onkels umſchlang. Sie ſah aus wie der Liebesgott, der die feindlichen Ele⸗ mente vereinigt. Mehre Tage grübelte ich darüber nach, wie ich dem Einfluſſe des Paters eine Schranke ſetzen konnte, ohne den ſo ehrwürdigen, alten Mann zu kränken. Niſida war neun Jahre. Es ſchien mir an der Zeit zu ſein, ernſt⸗ liche Verhaltungsmaßregeln in dieſer Sache zu ergreifen. Ich hatte im Sinne, mit ihr davon zu ſprechen, nur wußte ich nicht recht, wie ich das Geſpräch beginnen ſollte, in das ſie ſich, wie ich wohl ahnte, ungerne mit Andern als dem Pater Bernhard einlaſſen würde. Eines Abends hatte meine Mutter Beſuch von mei⸗ ner Tante und unſerer früher genannten Wirthin Ma⸗ 268 dame Lund. Man hatte den Ofen ſo voll gelegt, daß es zu warm wurde. Meine Mutter öffnete deßhalb die Thüre zu meinem Fenſter, wo ich allein ſaß und las, und wäh⸗ rend ſie freundlich eine Entſchuldigung wegen dieſes Ein⸗ griffes in meine Rechte ausſprach, ſagte ſie:„Ich hoffe, wir ſtoͤren Dich nicht. Wir Frauenzimmer ſprechen ganz leiſe.“ Ich antwortete, daß ſie ſich keineswegs damit ge⸗ niren möchten, laut zu ſprechen. Denn wenn ſie auch noch ſo laut ſprächen, bemerkte ich es doch nicht, wenn ich mal an ein Buch gekommen, was mich intereſſirte. Dies war indeß nicht der Fall. Ihr Geſpräch zog meine Aufmerkſamkeit von der Lecture ab. Die armen Frauen⸗ zimmer ſprachen vertraulich und mit großer Reſignation von den ſchoͤnen Geſichten, welche in der erſten Jugend wie eine Fata Morgana den Zuſchauer zu einer Zauber⸗ küſte locken, welche der Wind ſpäter in Nebel und Wol⸗ ken auflöst. Madame Lund erzählte mit rührender Treu⸗ herzigkeit die Geſchichte ihrer Jugend, wie ſie als ein armes, älternloſes Kind in einer Familie erzogen worden, die es als ein ſchreckliches Ereigniß anſah, daß der Sohn und ſie einander liebten. Mit Strenge und Kunſt⸗ griffen hatte man endlich den jungen Mann vermocht, ein anderes Mädchen zu heirathen, und die arme Verlaſſene, welche die Familie nicht verlaſſen konnte, mußte täglich den bitterſten Kelch leeren, welchen gekränkte Hoffnung und Liebloſigkeit der leidenden Unſchuld bieten können. In dieſer Zeit der Drangſal kam ein junger, vermöglicher Bürger ins Haus. Die Familie hatte Pläne mit ihm, welche er zu nichte machte, indem er dem armen, verach⸗ teten Mädchen die Hand bot.„So,“ ſagte ſie,„wurde ich unerwartet glücklich und mußte Gott und meinem guten Manne danken. Das habe ich denn auch gethan, ich habe ihm gedankt und gehorcht bis zur letzten Stunde und geduldig ertragen, daß er ſtreng gegen mich und die Kinder war. Durch die Kinder hat mich Gott geſegnet, ich habe Freude von ihnen und weiß, daß ich glücklicher — — 269 bin, als ich je hätte hoffen koͤnnen. Aber ſollten Sie es glauben, vorigen Winter kam ich unerwartet in einer Ge⸗ ſellſchaft mit meinem früheren Geliebten und ſeiner Frau zuſam men, und da wurde mir ſo ſchlimm zu Muthe, daß ich nicht bleiben konnte, bis es Abend wurde, ſondern nach dem Kaffee fortging und weinte, als ich nach Hauſe kam.“— Niſida, die auf ihrem Schemel mit einem Strickzeuge ſaß, hörte mit größter Theilnahme dieſer Erzählung zu und rief am Schluſſe:„Was ſagte Dein alter Geliebter? Weinte er nicht? Bat er Dich nicht um Vergebung?“— „Ach, nein, mein Kind! Er that, als ob er mich nie ge⸗ kannt, er ſprach und lachte mit den andern Herren und holte ſeiner geputzten dicken Frau einen Shawl, damit ſie ſich in dem kalten Speiſezimmer nicht erkälte, wo wir zu Mittag aßen,“—„Ja, da mußteſt Du freilich weinen! Pfui! welch' ein abſcheulicher Menſch. Daß ich ihn hier hätte!“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich raſch erhob und an dem Strickzeug riß. Die Andern lachten und Ma⸗ dame Lund ſagte:„Nein, mein Mädchen, er iſt kein ab⸗ ſcheulicher Menſch. Das iſt ja der Gang der Welt!“— „Ja, dann iſt die Welt wirklich ſchlecht, wie Pater Bern⸗ hard ſagt.“—„Nein, Kind!“ ſagte meine Mutter,„die Welt iſt gut, wenn ſie auch Kummer und Mängel hat.“ Sie fuhr fort, indem ſie ſich an die andern wandte: „Obwohl ich mit manchem Unglück zu kämpfen hatte, von dem Ihr beide im Ganzen verſchont geblieben, wie z. B. Nahrungsſorgen und Krankheiten, ſo war ich doch die Glücklichſte von uns Dreien; denn meine gute Schweſter hat, wie Sie, liebe Madame Lund, ihrer Jugendliebe ent⸗ ſagen müſſen, und ungeachtet ſie manches glückliche Jahr mit einem vortrefflichen Manne lebte, ſo hat ſie ihn doch wider Willen geheirathet, und erſt die Zeit lehrte ſie ihn lieben. Ich dagegen heirathete den Mann, den ich von ganzer Seele liebte, und war durch ſeine Liebe glück⸗ lich.“—„Ach! arme Marie!“ ſagte meine Tante,„wie theuer mußteſt Du nicht Dein kurzes Glück bezahlen! 270 Ich weinte oft über Dein unglückliches Schickſal, als Dein Mann krank wurde, als Eure ökonomiſchen Verhältniſſe ſich mehr und mehr verſchlimmerten, als Du während dreier Jahre nie von Deinem ungeduldigen kranken Manne weichen konnteſt, nie eine ganze Nacht in Deinem Bette liegen durfteſt. Das weiß Gott! Du trugſt Dein Kreuz ohne Klagen. Du warſt immer mild und tröſteteſt den Kranken und verheimlichteſt alle Unannehmlichkeiten vor ihm und glichſt ſie aus, ſoweit es in Deinen Kräften lag; aber glücklich war Dein Schickſal gewiß nicht.“—„Rech⸗ neſt Du das für nichts, daß ich den Mann meiner Liebe pflegen und tröſten konnte? Daß er mir in ſeiner letzten Stunde dankte und mich ſegnete? Glaubſt Du nicht, daß in meiner Treue ein wunderbares Heilmittel für mich ſelbſt lag? So beklagt man oft im Leben den, der in all' ſeiner Noth und ſeinem Schmerze eine unſichtbare Troſt⸗ quelle beſitzt, die er nur ſelbſt kennt.“ Nifida war zu meiner Mutter gegangen, hatte die Arme um ihren Hals gelegt und ſchien jedes ihrer Worte zu verſchlingen. Als meine Mutter ſchwieg, um⸗ armte ſie ſie heftig und rief:„O Mutter! wie edel und heilig biſt Du?“—„Kind! ſprich nicht ſo! Niemand iſt heilig, als Gott!“ Nifida blieb in Gedanken ver⸗ ſunken ſtehen. Dann ging ſie langſam zurück zu ihrem Schemel und ſetzte ſich ſtumm zu ihrem Strickzeug. 3 Meine Mutter erzählte mir ſpäter, daß dies Ge⸗ ſpräch einen tiefen Eindruck auf Nifidas empfindſames Herz gemacht. Als ſie allein mit meiner Mutter war, hatte ſie zum erſten Male von des Paters Lehre ge⸗ ſprochen und manche Frage gemacht, die von ihrer ſin⸗ nenden und verſtändigen Natur zeugte. Zuletzt hatte ſie geſagt:„Ja, Deine Worte ſind ſchön und klar; ein Leben, wie das Deine muß Gott angenehm ſein; ich will glauben, wie Du, und leben, wie Du; kein Menſch kann beſſer und frommer ſein als Du.“ Meine Mutter nahm keinen Theil an des Onkels 271 und meiner Furcht vor dem Hang des kleinen Mädchens zum Katholizismus oder zur Schwärmerei im Allgemei⸗ nen. Die ganze Liebe des Kindes zu ihr und die eigne helle Vernunft würden gewiß, meinte ſie, es vor aller Uebereilung dieſer glühenden Phantaſie und dieſes tiefen Gefühles bewahren, das ſie im übrigen als Niſidas aller⸗ ſchönſte Seite anpries. Eines Tages kam mein Onkel mit einem ſehr ver⸗ gnügten Geſichte und ſagte:„Na, das iſt gewiß und wahr, wenn die Noth am größten, iſt die Hülfe am nächſten. Während ich mich täglich ärgere, daß Du wie ein Nachtwandler Dich in der Welt umhertreibſt, fällt ein Anerbieten, wie vom Himmel, auf Dich nieder.“ Er erzählte mir, daß man ſich an ihn gewandt, um einen Menſchen mit Sprachkenntniſſen und von guten Umgangsfor⸗ men zu finden, der einen jungen vornehmen Herrn auf einer Reiſe ins Ausland zu begleiten und ihn zuletzt zu einem Verwandten zu bringen habe, welcher als Geſandter eines deutſchen Hofes ſich in Paris aufhielt, wo der junge Mann bleiben ſollte, um unter der Anleitung des ihm unbe⸗ kannten Verwandten ſich zum Diplomaten auszubilden. Mein Onkel fügte hinzu:„Mit Deinem juridiſchen Examen geht es nicht vorwärts. Vielleicht kann ſich hier ein Weg für Dich öffnen, obgleich ich nicht weiß, wie; denn ein Menſch ohne Amtsexamen iſt wie ein Vogel mit geſtutzten Flügeln; aber jedenfalls iſt es gut für Dich zu reiſen und etwas neues Leben in Deine ſchläfrige Perſon zu bekommen.“ Ich fand ſelbſt, daß die Reiſe in dieſem Augenblick ein vom Himmel gefallenes Glück war. Die Bedingun⸗ gen waren höchſt günſtig. Nach der Beſtimmung ſollte ich in anderthalb Jahren wieder zurückkommen. Meine Mutter gab ihre Zuſtimmung und ich nahm das An⸗ erbieten mit Freude und Dank an. Ich wurde von mei⸗ nem Onkel meinem künftigen Reiſegenoſſen und ſeinen Aeltern vorgeſtellt. Es waren ſteife, langweilige Leute. Der Vater war ein Däne, die Mutter eine geborene Deutſche. Ihre ganze Seele hing an dem herrlichen römiſchen Reich, und der Sohn, welcher in Dänemark ge⸗ boren und nie uͤber die Grenzen gekommen war, ſprach etwas Däniſch, was kaum ſo gut war, daß man Dienſt⸗ leute für ſeine Lehrer halten konnte. Der junge Graf war im Uebrigen ein ſehr hübſcher Menſch, mit einem angenehmen Weſen. Mich empfing er ſehr artig, aber ſchon bei ſeiner erſten Zuſammenkunft hoͤrte ich ihn mit einem Handwerker in einem Tone ſprechen, den ſich der König von Dänemark nie gegen den niedrigſten Diener erlauben würde. Am Tage vor meiner Abreiſe, als Alles geordnet war und ich von den vornehmen Aeltern meines jungen Grafen Briefe, Geldanweiſungen, Ermahnungen und In⸗ ſtructionen für alle nur möglichen Fälle empfangen hatte, kam ich Abends nach Hauſe, nachdem ich Abſchledsbeſuche bei meinem Onkel und der guten Madame Lund gemacht. Meine Mutter und ich hatten verabredet, den Abend allein mit einander zuzubringen. Sie hatte mich erwartet und reichte mir die Hand mit einem wehmüthigen Lächeln, in welchem ſich die Süßigkeit und der Schmerz der Ab⸗ ſchiedsſtunde abſpiegelte. Ich küßte ſtumm ihre Hände und ſagte bewegt:„Anderthalb Jahre verfließen raſch. Du wirſt Dich über den Flug der Zeit wundern, wenn ich eines Abends wieder an dieſem Tiſche ſitze.“— „Ach!“ ſagte ſie,„das iſt unſre erſte Trennung.“— „Ja, das iſt wahr, aber iſt es nicht gut, daß wir ſo lange zuſammengeleht? und bald werden wir wieder bei⸗ ſammen ſein.“ Niſida ſaß in einer Ecke, ſie trat raſch vor und ſagte heftig weinend:„Nein! das iſt nicht bald! manche hundert Abende werden wir hier ohne Dich ſitzen. Aber darum kümmerſt Du Dich nicht: Du verläſſeſt uns gerne. Du biſt es ſelbſt, der fortreiſen will; Niemand beſtehlt es Dir, weder Gott, noch König. Du thuſt es um Deines eigenen Vergnügens Willen. Du willſt ferne 273 von uns gluͤcklich und vergnügt ſein, ungeachtet Du weißt, daß wir weinen. So ſchlecht biſt Du und ſo ſchlecht iſt die Welt! Meine Mutter ſoll nicht weinen wegen des undankbaren Sohnes; ſie hat mich, die ſie tauſendmal mehr liebt, als er. Wir wollen beide ſterben: dann mag er ſehen, wie gut es iſt, wenn er wieder kommt und wir fort ſind.“ All' dies ſagte ſie mit einer von Thränen beinahe erſtickten Stimme. Ihre Wangen errötheten, die feinen Lippen zitterten und die dichten Locken wallten über das in Thränen gebadete Antlitz, als ob ſie es kühlen wollten. Endlich nahm ſie meine Mutter in die Arme und ſagte ernſt:„Niſida! Was iſt das für eine Auf⸗ führung. Schämſt Du Dich nicht über Deine Heftigkeit, ſo häßliche Worte? Gibſt Du Deinem Bruder ſo un⸗ freundliche Mahnungen mit auf den Weg? Iſt das Liebe, daß Du ihm dieſe Reiſe nicht gönnen willſt, die nützlich und wohlthätig für ihn iſt? Du willſt, er ſoll an uns denken, und Du denkſt nur an Dich 2“ Wie ein Blitz floh Niſida zu mir und rief:„O vergib mir, lie⸗ ber, guter, geliebter Bruder Otto! Sei heiter und glücklich! Ich werde die Mutter troͤſten und ſie pflegen, daß ſie nicht ſterben und nicht weinen ſoll. Ich werde Alles thun, was ſie und Du wollen.“ Sie trocknete ihre Thränen ab und ſetzte ſich mit uns zu Tiſch und es war rührend zu ſehen, wie ſie ſich zu lachen und munter zu ſein zwang. Erſt als meine Mutter gegen den Schluß unſerer Mahlzeit ihr Glas nahm, und mit mir anſtieß, indem ſie ſagte:„Auf eine glückliche Reiſe und Wieder⸗ kunft,“ nahm auch das kleine Mädchen ihr Glas und lief auf mich zu, brach aber plötzlich in Thränen aus, ſetzte das Glas weg, eilte aus dem Zimmer und kam nicht mehr herein. Als ich am nächſten Morgen in der Frühe meiner Mutter Lebewohl geſagt, und bereits auf der Treppe ſtehend, mich noch einmal umwandte, um ihre Hand zu küſſen, Novellen. II. 18 Barbar? Du wollteſt gehen, ohne Abſchied von mir zu nehmen? Sieh', unſere Katze läuft mit Dir die Treppe hinab und ich allein ſollte zurückbleiben?“ Ich hob das ſchoͤne Kind in die Höhe, küßte es und eilte fort. Periode folgt, kann ſich vorſtellen, wie willkommen eine Reiſe in einem ſolchen Augenblicke ſein muß. Es iſt in Wir beſuchten Deutſchland, Italien und England, und die zu Reiſen beſtimmten anderthalb Jahre waren bereits würdigkeiten, den ich ſah, würde mir doppelt angenehm geweſen ſein, wenn mein Reiſegefährte der Erwartung entſprochen hätte, den der erſte Eindruck ſeiner Perſön⸗ lichkeit erwecken mußte. Aber er beſaß alle Untugenden eines verzogenen Kindes, war dabei ſtolz auf ſeinen Rang und ſein Vermoͤgen und intereſſirte ſich für keinen Ge⸗ nuß, bei welchem ſeiner Eitelkeit keine Ausbeute blühte. Dies hatte indeß die gute Seite, daß, da die Luſt zu glänzen eigentlich ſeine einzige Leidenſchaft war, die Lockungen, vor welchen ſeine Mutter ſo ernſtlich warnte, keine ſonderliche Anziehungskraft für ihn beſaßen. In Paris wurden wir von ſeinem Vetter, dem Geſandten, ſehr freundlich empfangen: ich werde ihn Graf Leo nen⸗ nen, wie die Familie dies gewöhnlich that. Es war ein Mann von ungefähr 40 Jahren, ein ausgezeichnet hüb⸗ ſcher und liebenswürdiger Mann. Ungeachtet ſeine An⸗ gehörigen ihn nicht beſonders zu intereſſiren ſchienen, eilte Niſida halb angekleidet herbei und rief:„Du Jeder, der den öden, leeren Zuſtand kennt, der auf eine von dem Kummer und der Freude der Liebe bewegte manchen Stimmungen, als müßten wir unwillkührlich mit den Wolken fortfliegen oder mit den Wellen fort⸗ ſchwimmen. Ich fühlte mich auch bald ſo leicht und munter wie ein Zugvogel, der aus der nicht mehr behag⸗ lichen Heimath fortfliegt, um bei milderem Wetter am Ende doch wieder in das liebe, alte Neſt zurückzukehren. verfloſſen, als wir nach Paris, dem Ziele unſerer Reiſe kamen. Der Reichthum an Herrlichkeiten und Merk⸗ 275 empfing er den jungen Verwandten doch mit großer Güte. Die erſte Zeit unſeres Aufenthaltes in dieſer Stadt wurde den Merkwürdigkeiten derſelben gewidmet. Auf dieſen unſern Wanderungen, wie in das Theater begleitete uns gewöhnlich der Miniſter, und hier genoß ich zum erſten Male das Glück eines geiſtreichen Geſpräches. In einem freien und offenherzigen Tone, als ob wir alte Freunde wären, wandte er ſich meiſt an mich und führte mich, wie ſeinen Vetter in verſchiedene Zirkel ein, wo er ſtets der Geſellſchaft mit einem guten Beiſpiel voranging, in⸗ dem er mir Achtung und Wohlwollen zeigte. Es war einige Zeit verfloſſen, ohne vaß von den Geſchäften die Rede geweſen, in welchen der junge Graf unterrichtet werden ſollte. Als endlich dieſe Sache auf das Tapet kam, ſagte Graf Leo:„Hier gibt es keine Geſchäfte. Die Politik liegt, wie der Bär, im Winterſchlafe.“(Es war nehmlich gegen das Spätjahr 1816) Mein Vor⸗ gänger hatte eine intereſſante Miſſion, ich aber habe zu gute Zeit. Ich kann mich kaum halten vor Lachen, wenn ich die nichtsſagenden Depeſchen durchſehe, die wir nach Hauſe ſenden, und die unſer braver und rechtſchaffener, aber ſteifer und bornirter Legationsſeeretär mit ſeiner di⸗ plomatiſchen Wichtigkeit in Chiffern geſchrieben, damit ſie ihre geheimnißvolle Heiligkeit bewahren. Etwas inte⸗ reſſanter, wenigſtens für mich ſelbſt, ſind die privaten Mit⸗ theilungen, welche ich der Verabredung gemäß einer hohen Perſon ſende. Aber das Schlimmſte iſt, daß ich eine ſo unleſerliche Hand ſchreibe, daß ſie ſchwieriger zu dechiffri⸗ ren iſt, als die beſte Chiffer. Deßhalb kann mir in die⸗ ſer und mehreren Hinſichten nichts willkommener ſein, als ein treuer und verſchwiegener Freund, der mein Pri⸗ vatſecretär und meine rechte Hand ſein will. Und einen ſolchen Schatz hoffe ich in meinem jungen Couſin gefun⸗ den zu haben.“ Mein Graf fühlte ſich durch dieſe Worte ſehr geſchmeichelt, und da ich nun meine Aufgabe erfüllt hatte, ſo rüſtete ich mich zur Rückreiſe, um ſo mehr, als bereits mehr als ſechs Monate über die zu meinem Aufent⸗ halt im Auslande beſtimmte Zeit verlaufen waren. Einige Tage, ehe ich Paris verlaſſen ſollte, kam Graf Leo Mor⸗ gens auf mein Zimmer und ſagte:„Lieber Freund! Der Vetter, den Sie mir gebracht haben, iſt ein reines Wun⸗ der von Unwiſſenheit und Unfähigkeit. Mit größerer Ge⸗ duld, als mir ſonſt verliehen iſt, verſuchte ich, wie weit es moͤglich ſei, ihn zu irgend einem Geſchäfte brauchbar zu machen, aber es iſt eine reine Unmöglichkeit. Ich bin überdies ſeiner Perſönlichkeit müde und werde ihn unver⸗ züglich ſeiner gnädigen Mama zurückſenden. Sie dagegen, der ihn mir gebracht und die belden Briefe geſchrieben, die er mir ſandte, ehe er ſelbſt kam—(denn, daß Sie ſie geſchrieben, iſt mir nun klar),— Sie ſind mir einen Erſatz ſchuldig und dieſen kann ich nicht beſſer, als in Ihnen finden. Bleiben Sie bei mir und ſeien Sie für mich, was ich in ihm zu finden hoffte.“ Mit größter De⸗ licateſſe ſchlug er mir nun die vortheilhafteſten Bedingun⸗ gen vor und machte von ſeiner großen Ueberredungsgabe Gebrauch, die ihm wie ein Zauber eine unwiderſtehliche Macht über Alles gab, was mit ihm in Berührung kam. Ein Abſchlag war unmöglich. Doch ging ich nicht un⸗ bedingt auf ſeinen Vorſchlag ein. Ich ſchrieb zuerſt an meine Mutter und meinen Onkel, ſtellte ihnen meine unſicheren Ausſichten in der Heimath und die mancher⸗ lei Vortheile dieſer Anſtellung auseinander, die es mir möglich mache, nach meines Herzens Wunſche meiner Mutter eine bedeutende jährliche Unterſtützung ſenden zu können. Mein Onkel gab mit Freuden ſeine Zuſtim⸗ mung, meine arme Mutter gab auch die ihre von aufrich⸗ tigem Herzen, aber zugleich mit einer Wehmuth, die mich beinahe veranlaßt hätte, nach Hauſe zu eilen. Aber die Vorſtellungen des Grafen Leo und meine eigenen Betrach⸗ tungen vermochten mich doch, ſeine Vorſchläge auf unbe⸗ ſtimmte Zeit anzunehmen. Der junge Vetter reiſte nach 277 einer deutſchen Univerſität und es begann ein ganz neues Leben für mich. In Graf Leo's Haus herrſchte ein geſchmackvoller Lurus, ein verfeinerter Genuß des Lebens, der mir bisher eine unbekannte Sphäre geweſen: mehr als dies zog mich jedoch das lebendige und geiſtreiche geſellſchaftliche Leben der pariſer Zirkel an, in welche er mich führte; am anzie⸗ henſten war jedoch ſein eigener Umgang. In ſeinem Weſen und Geſpräch lag eine ſolche Grazie, ein ſolch unerſchöpfli⸗ cher Reichthum von Leben und Geiſt, vereint mit einer ſo vollkommenen und vielſeitigen Bildung, daß ich mich manchmal ſelbſt fragte, ob die Gewohnheit, mit einem ſolchen Menſchen zu leben, es nicht unmöglich machte, ſeinen Umgang zu entbehren. Mit dieſen Vorzügen ver⸗ band er einen ſtolzen, allem Kleinlichen fremden Charakter. Seine Dienerſchaft betete ihn an, er war wohlthätig und half, wo er konnte, obgleich er nicht reich war. Mich behandelte er mit einer Freundſchaft, die ich brüderlich nennen mschte. Er weihte mich ohne Zurückhaltung in ſeine Geſchäfte ein und öffnete mir eine reiche Quelle neuer Kenntniſſe. Freilich weihte er mich zugleich in eine andre neue Kenntniß ein, die nicht zu meiner Veredlung beitrug, nehmlich in den Theil ſeines Lebens, den man in doppelter Beziehung eine Nachtſeite nennen konnte. Dieſer thätige, leidenſchaftliche Geiſt wurde oft von einer Langweile verzehrt, die ihn unfähig machte, ſein Glück in den Genüſſen eines ruhigen Lebens zu finden, von welchen er keinen entbehrte und zu ſuchen nöthig hatte. Er war bisweilen tiefſinnig und äußerte, er fühle einen gewiſſen Eckel am Leben, alles auf Erden ſei eitel, er danke Gott, daß er weder Frau, noch Kinder, noch irgend Jemanden habe, der ihm verbieten könne, ſeine Geſundheit und ſein Geld zu vergeuden. Das Einzige, was ihm einige Be⸗ wegung in des Lebens tödtliche Langeweile zu bringen ſchien, war hohes Spliel und beſtändig wechſelnde Liebes⸗ abenteuer. Die Gelegenheit zu dieſen zwei Genüſſen bot 278 Paris vor jedem andern Orte, weßhalb er auch wünſchte, dieſe Stadt nie verlaſſen zu dürſen. Anfangs that es mir weh, dieſe Schattenſeite bei einem Manne zu ent⸗ decken, den ich ſo hoch ſchäͤtzte: aber der Leichtfinn ſteckt an. Bald gewöhnte ich mich an die Vorſtellung, daß Graf Leos glänzende und ſchwache Seiten ſo verwachſen ſeien, daß man die Letzten ſich nicht wegdenken könne, ohne den Erſtren einen Theil ihres Glanzes zu nehmen. Ich ſah mit Verwunderung, daß er trotz ſeines Hanges zu einem ausſchweifenden Leben, ein warmes Intereſſe für die ſchö⸗ nen Künſte und Wiſſenſchaften bewahrte und ſtets Zeit zu finden wußte, ſich mit dieſen zu beſchäftigen und ihren Fortſchritten zu folgen. Sein Vertrauen ſchmeichelte mir; die Offenherzigkeit, das humoriſtiſche Talent, mit denen er mir ſeine Liebesabenteuer erzählte, ohne doch jemals indiskret zu ſein, die Kaltblütigkeit, mit der er im Spiele gewann und verlor, hatten etwas ungemein Liebenswür⸗ diges und Verführeriſches. Manche Morgenſtunde, wenn wir heimgingen, nachdem wir den größten Theil der Nacht bei Fraseati zugebracht, rechnete er die große Summe aus, die er verloren und das geringe Beſitzthum, das er noch zu Hauſe hatte. Mit jugendlicher Laune machte er Epigramme auf ſich ſelbſt und äußerte ſich mit der größ⸗ ten Verachtung uͤber Kummer dieſer Art. So ſagte er: „Die Bewegung im Blute, die— ich möchte ſagen— andächtige Begeiſterung, welche das Herz ergreift, wenn man Zeuge der wechſelnden Launen des Schickſals iſt, die Möglichkeit, mit ihm zu ſpielen, ſeine Wohlfahrt daran zu ſetzen, und gleichſam ſeine geheimnißrolle Macht daran zu ſetzen; die Geſchwindigkeit, mit der es mir antwortete, kurz: das Gefühl, das er erweckt, iſt ſo kitzelnd, daß eine Stunde, in dieſer Stimmung verlebt, die Geld⸗ verlegenheit einer ganzen Woche aufwiegt: die leere Zeit, welche ſich hinſchleppt: dieſes Warten auf die Erfüllung unſerer Hoffnung, welche den Wunſch erſtickt, ehe er er⸗ füllt iſt. Es lohnt ſich wohl der Mühe, etwas zu wagen, um in einzelnen Momenten in einer andern Atmoſphäre 279 zu athmen, die, wenn ſie auch mit dämoniſchen Dünſten geſchwängert iſt, doch das Rad der Zeit mit mehr Leben und Kraft dreht.“ In Betrachtungen dieſer Art war Graf Leo uner⸗ ſchoͤpflich. Eines Abends, als ich unruhig über ſein lan⸗ ges Ausbleiben ihn im Tuileriengarten ſuchte, wohin er geſagt, daß er gehen wollte, traf ich ihn endlich in einem Bosket in Geſellſchaft eines jungen Mädchens, das, ſoweit ich in der Entfernung bemerken konnte, von ihm Abſchied zu nehmen und ihn zu verlaſſen im Begriffe ſchien. Zufrieden damit, ihn geſehen zu haben, war ich bereits umgekehrt, als er mir raſch nachkam und lachend meine Beſcheidenheit rühmte.„Meine junge Hindin,“ fügte er hinzu,„war bereits im Begriffe, zwiſchen dem Ge⸗ büſche zu verſchwinden. Es iſt nicht das erſte Mal, daß ſte dieſen Weg geht. Wenn wir ſpäter durch die Paſſage Delorme wandern, ſo können wir ſie in ihres Va⸗ ters Laden ſitzen und ſo ehrbar leſen oder arbeiten ſehen, wie eine Nonne.“— Bei dieſer Veranlaſſung konnte ich nicht umhin, ihm ernſtliche Vorſtellungen zu machen. Er be⸗ gegnete ihnen mit Lachen und Sarkasmen.„Pah! Un⸗ ſchuld!“ rief er:„Die Unſchuld verführen. Das iſt ein altes Lied. Aber Sie werden ſelbſt erfahren, daß der Mann, der etwas daran ſetzte, eine Unſchuld zu verführen, wie ein Cato leben müßte. Es gibt keine eigentliche Verführung, als in Romanen. Die heutigen Unſchuldigen kommen uns ſelbſt entgegen. Die kleine Griſette, die Geſchenke von einem fremden Geſandten annimmt, und ihm Rendez⸗vous in dieſem Garten gibt, glaubte ſie wohl, oder kann ſie glauben, daß er ihr Gatte werden wird? Die ſchöne Dame bei Hof, welche mir den Schlüſſel zu ihrer Gartenthüre gibt, während ihr Gatte beim Könige Wache hält, glaubt ſie, daß ich ihr mein Leben weihen kann, oder werde. Sie wünſchen meine Liebe, ich gebe ſie ihnen; mit ihr ſind ſie glücklich, und geſchieht es, daß ich ihrer früher müde werde, als ſie meiner, ſo geht es 280 ihnen ja nicht ſchlimmer, als allen Sterblichen, die ſtets ihre Freude mit dem einen oder andern Schmerz bezahlen müſſen. Sie tröſten ſich jedoch bald, die verheirathete Dame mit einem neuen Liebhaber, und das Mädchen mit einem guten ſoliden Bräutigam. Sie hat berelts einen ſolchen in Petto. Hymen iſt der Curator bei Amors Gantmaſſe. Der gute Philiſter verbirgt, ohne es ſelbſt zu wiſſen, viel menſchliche Schwäche in den Falten ſeines großen Schleiers. Unſchuld! Reinheit!“ fuhr er fort, vor ſich hinmurmelnd:„Fände ich etwas Aehnliches auf meinem Wege, ſo würde es mich verführen. Es gab eine Zeit, in der ich daran glaubte, aber es war ein fal⸗ ſcher Glaube.“ Er ſchwieg und ich mit. Zwar danke ich Gott, daß keine Erinnerung aus jener Zeit mich wie eine Nemeſis mit den Oualen der Reue verfolgt: indeſſen muß ich bekennen, daß die Frucht verbotenen Wiſſens allzunah an meinen Lippen hing, um ſie unberührt zu laſſen, und ich weiß ſelbſt nicht, wie weit ich es unter der Leitung meines allzu intereſſanten Führers getrieben, wenn nicht ein Brief aus der Heimath, wie eine Hand, die oft auf Wegweiſern ſteht, nach dem alten Wege und dem alten Gefühle gezeigt. Ich war bereits fünf Jahre von meinem Vaterlande entfernt und hatte beſtändig mit meiner Mutter in Brief⸗ wechſel geſtanden; auch mit meinem Onkel hatte ich cor⸗ reſpondirt und trotz meiner gegenwärtigen behaglichen Stellung hatte ich, im Gefühle meiner Pflicht, an meine Rückkehr zu denken, meinem Onkel die Vollmacht gegeben, einige Mal für mich um eine Anſtellung in Dänemark anzuſuchen, was indeß bis jetzt mißglücktwar. Der Inhalt der Briefe, die ich empfing, drehte ſich indeſſen nament⸗ lich um Nifida. Nach meinem Wunſche hatte mein Onkel meinen Platz als Lehrer bei ihr eingenommen. Dieſer Aufgabe hatte er ſich mit außerordentlicher Treue und Eifer unterzogen, ja er hatte ſogar dafür Sorge getra⸗ gen, ihr Unterricht in den Fächern geben zu laſſen, in 281 welchen er nicht ſelbſt Lehrer ſein konnte. Sie hatte bis zu einem ungewöhnlichen Grade von Fertigkeit tanzen gelernt und nach allen Berichten es weit in der Muſik gebracht, für die ſie ein ausgezeichnetes Talent zu haben ſchien. Alles dies beſprach mein Onkel in ſeinen Briefen. Mit Freuden lobte er ihren Verſtand und Fleiß, an ihrem Charakter und ihrer Aufführung hatte er jedoch Verſchiedenes auszuſetzen, und beklagte, daß meine Mutter ſie verziehe und blind für ihre Fehler ſei. Die Briefe meiner Mutter dagegen waren voll Lobes über die Liebenswürdigkeit und Vortrefflichkeit Niſida's: ſie dankte Gott, der ihr in die⸗ ſem Kinde einen Troſt geſchenkt, der es ihr möglich mache, meine Abweſenheit zu ertragen. Oft berichteten mir dieſe Briefe ein und daſſelbe Ereigniß, aber von entgegenge⸗ ſetzten Geſichtspunkten. So ſchrieb einmal mein Onkel, nichts gleiche den unſteten und heftigen Launen dieſes Kindes, und als ein Beiſpiel davon erzählte er mir, daß er und ſeine Frau ihr kürzlich angeboten, ſie auf einer Reiſe von zehn Meilen zu einem Pfarrer zu begleiten, den ſie beſuchen wollten. Niſida nahm dieſes Anerbieten mit Entzücken an, und konnte kaum die zur Reiſe be⸗ ſtimmte Stunde erwarten, ſie war in ihrer ungeduldigen Freude um fünf Uhr Morgens aufgeſtanden und hatte auf den Wagen gewartet, der, wie ſie wohl wußte, nicht vor zehn Uhr Vormittags kommen ſollte. Auf dem Wege hatte ſte über jede neue Ausſicht, jede kleine Waldparthie gejubelt. In der Pfarrei empfing man die alten Freunde mit großer Freude und fand inniges Wohlgefallen an dem hübſchen jungen Mädchen. Die beiden Töchter des Pfar⸗ ters waren viel älter als ſie, und da ſie zugleich im Hauſe beſchäftigt waren, ſo blieb Niſida ſich etwas ſelbſt überlaſſen. Es war Abend: ſie ging allein in den Garten und wanderte lange darin und einem anſtoßenden Wäldchen umher, bis man nach vielem Rufen und Suchen ſie end⸗ lich fand, da man zum Abendtiſche gehen wollte. Man 282 konnte deutlich ſehen, daß ſie geweint, ſie ſprach nicht, aß nicht und als ſie ſpäter mit ihrer Tante allein in ihrem gemeinſchaftlichen Schlafzimmer war, ſagte ſie: „Es thut mir ſo leid, daß ich die Mutter um meines Vergnügens willen verlaſſen, daß ſie nun allein zu Hauſe ſaß und zu Bette ging, ohne daß ihr Jemand ein freund⸗ liches gute Nachte ſagte.“ Meine Tante hatte ſie theils ermahnt, theils verſpottet, am nächſten Morgen war je⸗ doch Niſida außer ſich. Sie hatte geträumt, die Mutter ſei krank, ſie müſſe ſogleich nach Hauſe zu ihr oder ſie ſterbe vor Sehnſucht an einer ihr unerklärlichen Melan⸗ cholie, die ſie von dem Augenblicke ergriffen, als ſie dieſen düſtern Pfarrhof betreten. Kein Zureden und Schelten half. Sie rüſtete ſich ſogleich, die zehn Meilen zu Fuße zu machen, ganz allein. Mein Onkel fügte hinzu:„Du kannſt Dir wohl denken, wie unangenehm es für meine Frau und mich war, den vernünftigen Pfarrersleuten einen ſolchen kleinen Unhold zugeführt zu haben, über den ſie ſich nicht genug waͤndern konaten. Sie war nicht zu überreden. Sie auf eigene Hand gehen zu laſſen, war nicht rathſam. Wir hatten verſprochen und ausgemacht, eine Woche lang bei unſern Freunden zu bleiben, dann wollten dieſe uns mit ihrem Wagen und Pferden nach Hauſe bringen. Aber zweimal konnten wir ihre Beförde⸗ rung doch nicht verlangen. Man war mitten im Hoch⸗ ſommer und an dem Tage, von welchem ich hier ſpreche, waren weder Pferde noch Kutſche zu Hauſe. Was war nun zu thun? Ich mußte mit dem Pfarrer eine halbe Viertelmeile in ſchrecklicher Sonnenhitze zu einem Bauern traben, der bisweilen Reiſende befoͤrdert. Hier bekamen wir einen Wagen und Pferde, und da der Mann dem Pfarrer als ein alter ſicherer Mann bekannt war, über⸗ trugen wir ihm, unſer unartiges Kind zu ſeiner Mutter Haus zu fahren und ihr indeß auf alle Weiſe zu Dienſt zu ſein. Es war mir eigentlich unangenehm, ſie nicht ſelbſt begleiten zu können: aber ich ſcheute mich, den 283. Pfarrhof ſo plötzlich zu verlaſſen, um mich den Launen eines verzogenen Mädchens zu fügen, auch fürchtete ſie ſich durchaus nicht, allein zu reiſen, im Gegentheile, ſo⸗ bald ſie hörte, der Wagen komme, um ſie abzuholen, war ſie ploͤtzlich die Heiterkeit ſelbſt. Sie entſchuldigte ſich mit wunderbar einſchmeichelndem Weſen bei der Familie des Pfarrers, bat mich und meine Frau mit großer De⸗ muth um Vergebung, und als ſie im Wagen ſaß, lächelte ſie und ſo lange wir ſie ſehen konnken, warf ſie uns Kuß⸗ hände zu und winkte uns Lebewohl. Die gute Pfarrerin, welche mit uns Andern daſtand und ihr nachſah, ſagte: „„Es iſt doch ein unvergleichlich liebliches und ſchöͤnes Kind. Sieh' wie die dunkeln Locken um die kleinen Wan⸗ gen ſpielen, die vor Freude erröthen, daß man ihren Wil⸗ len erfüllt.““ Meine Mutter erzählte dieſelbe Geſchichte, aber als einen Zug, der ihre Meinung von Niſida's tiefem Gefühle noch mehr beſtärkte. Wie ſehr ſie auch ihren Liebling in den ſechsunddreißig Stunden vermißt, die ſie ſie entbehrt, war ſie doch ſo weit entfernt, ihre Heimkehr zu erwarten, daß ſie ſehr erſchrocken war, als ſie den Wagen, auf wel⸗ chem ſie ſaß, vor der Thüre halten ſah. Sehr lebendig beſchrieb ſie, wie Niſida ſich in ihre Arme geworfen und allen Mächten des Himmels gedankt, daß ſie ſie friſch und geſund traf, wie ſie den ganzen Tag ſich über ihre Heimath gefreut, als ob ſie, aus großer Noth und Ge⸗ fahr entronnen, ſie glücklich wieder erreicht, und wie ſie am Abend, als ſie zu Bette ging, in die Worte ausge⸗ brochen:„O Gott ſei Dank! Hier in meinem eigenen kleinen Bette, das neben dem Deinen ſteht, bin ich ſo glücklich! Geſtern Abend war mir zu Muthe, als ſchwebte ich auf wildem Meere allen Winden Preis gegeben, und als ſollte ich nie mehr heimkehren.“ Aehnliche Begebenheiten wurden mir oft erzählt und jedesmal, ſo oft ich ſolche Briefe empfing, fühlte ich im⸗ mer etwas, was dem Heimweh glich. Aber nun erhielt 284 ich einen Brief von Niſida ſelbſt. Sie hatte ab und zu ein paar Worte geſchrieben, dies war jedoch der erſte ausführliche Brief, den ich von ihr empfing. Sie benach⸗ richtigte mich, daß meine Mutter eine nicht unbedeutende Krankheit überſtanden, aber noch zu ſchwach, um ſelbſt zu ſchreiben, ihr aufgetragen, mir zu ſagen, daß ſie nun wohl und außer aller Gefahr ſei. Der Gedanke, daß mir die Gefahr gedroht, eine Mutter zu verlieren, die ich ſo innig liebte, die Freude, einem ſolchen Unglücke ent⸗ gangen zu ſein, ergriff mich heftig und trug wohl das Seine zu der wunderbaren Wirkung bei, welche Nifida's Brief auf mich machte. Es war, als ob die Züge dieſer jungen unſchuldigen Hand mit magiſcher Kraft meine Seele berührten. Mit einer Lebendigkeit, die ich mit Recht poetiſch nennen kann, beſchrieb Niſida ihren Schmerz am Krankenlager der Mutter. Die langen bangen Nächte, die Sehnſucht, mit der ſie und die Kranke mich in ihren Gedanken zurückgerufen, die Freude über die Heilung meiner Mutter, manche kleinen rührenden Züge ihres ſtil⸗ len Zuſammenlebens. Nicht blos Pater Bernhard ſelbſt, ſondern auch ein deutliches Echo ſeiner Lehre ſpielten eine nicht geringe Rolle in der Schilderung dieſer Periode. Indeſſen berichtete Nifida, daß ſie nach der Beſtimmung meiner Mutter im künftigen Sommer zum Pfarrer gehen und nächſtes Frühjahr, natürlich nach der Vorſchrift der lutheriſchen Kirche, confirmirt werden ſollte. Niſida war zwar bis zum Herbſte erſt zwiſchen vierzehn und fünfzehn Jahre alt: aber damals vollzog man dieſen Act früher. Es muß wohl im einen oder andern Augenblick eine Dispoſition in der Seele ſein, die ſie für fremde Einwir⸗ kung empfänglich macht, ſo daß ſie in gute Erde fällt und Frucht trägt. Es iſt mir unmöglich, zu erklären, was in Niſida's Worten lag, die einen ſo tiefen Eindruck auf mich machten. Es war wie ein Duft aus der Hei⸗ math, ein Ton aus einem verſchwundenen Paradies. Das Leere in den Genüſſen, denen ich mich hingab, war 28⁵ mir in dieſem Augenblicke ſo füͤhlbar als Gegenſatz zu dem Geiſte, der ſich in dieſem Briefe ausſprach, und wenn ich von dieſem Tage an Aufheiterung auf meinen leicht⸗ ſinnigen Wegen ſuchte, ſo war es mir, als ob das Bild meiner kleinen Schweſter wie eine erwachſene Jungfrau in herrlicher Reinheit zwiſchen mich und alle dämoniſche Einflüſterung träte und der Zauber verſchwände. Ich hatte Niſida's Brief ſogleich beantwortet und das Heim⸗ weh geäußert, das er in mir erweckt. Ich bat meinen Onkel, an mich zu denken, wenn eine Gelegenheit zur Anſtellung ſich für mich zeigen ſollte, und erſuchte ihn, ſeinen Einfluß zu meinen Gunſten geltend zu machen. Wenn ich früher vor Graf Leo einen Gedanken von ſolchen Plänen, die ich ihm nie verſchwieg, äußerte, wurde er ſtets ſchlechter Laune und entwarf ganz andere Pläne für meine Zukunft; nur wenn ich Einwendungen gegen dieſe Wahrſcheinlichkeit machte, ſchloß er mit einem, der ſtets gleichſam im Geſichtskreis ſeiner Gedanken lag. Und bei dieſer Gelegenheit ſagte er:„Ich behalte nicht immer meinen gegenwärtigen Poſten, es iſt wahrſcheinlich, daß ich bald beordert werde, Paris zu verlaſſen; aber ich bin nun einmal mit dieſer Stadt ſo feſt verwachſen, daß es mir unmöglich ſcheint, anderswo zu leben. Ich habe mir deßhalb feſt vorgenommen, auf jeden andern Poſten zu ver⸗⸗ zichten und hier als Privatmann zu leben. Ich habe ein Gut in Ungarn, deſſen Pachtſumme ziemlich bedeutend iſt. Von dieſer kann ich als Privatmann anſtändig leben. So viel werde ich immer übrig haben, um einem Freunde anzubieten, es mit mir zu theilen. Wir wollen einander nicht verlaſſen, ſondern als Brüder zuſammen leben.”“ Wie ſehr mich ſeine Güte auch rührte, ſo banden doch allzu liebe Bande mich an das Vaterland, als daß ich hätte darauf verzichten können. Auch bat ich Gott, Graf Leo vor einem eingeſchränkten und unthätigen Leben zu bewahren, da nichts weniger für ſeine Natur paßte, als das. Aus Hingebung, aus Liebe für ihn folgte ich ihm 286 den Freuden der Letzteren Theil zu nehmen, die alle An⸗ ziehungskraft für mich verloren hatten. Einen großen Genuß verſchaffte er mir dagegen, indem er mich auf ein paar Reiſen mitnahm, welche er nach Wien und in ein deutſches Bad machte. Eine Reiſe in ſeiner Geſell⸗ ſchaft vereinigte die ſeltenſten Annehmlichkeiten: alle Be⸗ quemlichkeiten, die man ſich denken kann, den Vortheil, daß, wo man hinkam, man ſogleich von ihm in die erſten Geſellſchaften— und zwar nicht blos dem Range nach die erſten— eingeführt war; und endlich, was das Sel⸗ tenſte war, ein Reiſegeſellſchafter, der ſich in alles fügte und unerſchöpflich an gehaltvollen Geſprächen war. Als wir das letzte Mal von einer ſolchen Reiſe nach Paris zurückkehrten, trafen wir dort den früher genannten Grafen, mit welchem ich Dänemark verlaſſen hatte. Wir fanden ihn ſehr verändert, ſeit unſerem früheren Zuſam⸗ menleben. Das deutſche Studentenleben hatte ſeine Un⸗ tugenden, eine Folge ſeiner ſchlechten Erziehung, theil⸗ weiſe abgeſchliffen. Er war oder ſchien zum mindeſten weniger adelſtolz zu ſein. Seine äußere Stellung war gleichfalls ganz verändert. Sein Vater war todt und hatte ihm ſein Beſitzthum hinterlaſſen. Seine Mutter war zu ihrer Familie in das nördliche Deutſchland ge⸗ zogen. Er war nun als ſein eigner Herr zu ſeinem Ver⸗ gnügen nach Paris gereiſt und wollte nach einem Aufent⸗ halt von mehren Monaten nach Kopenhagen zurückkehren. Als dieſe Zeit herannahte, bat er mich hoͤflich, ihm Briefe an meine Familie mitzugeben, um ihr perſönlich meine Grüße bringen zu können. Ich gab ihm einen Brief an meinen Onkel, den er bereits kannte, und erfuhr ſpäter, daß er nach ſeiner Rückkehr auch meine Mutter beſucht hatte und einige Male in ihrem Hauſe geweſen. Weß⸗ halb mir das unangenehm war, wußte ich nun ſelbſt nicht zu erklären. Ich hatte oft mit Graf Leo von meiner Mutter ge⸗ auf ſeinen geſetzlichen und ungeſetzlichen Wegen, ohne an 287 ſprochen, auch ſogar mein Abenteuer mit meiner neuge⸗ bornen Pflegeſchweſter erzählt, eine Geſchichte, die er ſchnurrig fand, ohne jedoch weiter Gewicht darauf zu legen. Ich erinnere mich, daß er gerade an jenem Tage in ſchlechter und zerſtreuter Laune war, und ich erzählte ihm dies, um ihn mit Etwas zu unterhalten, was ihn von den Gedanken, die ihn zu beſchäftigen ſchienen, ab⸗ führen ſollte. Ob ich bei dieſem Berichte den Namen des Kindes genannt, weiß ich nicht mit Gewißheit. In jenen Tagen, als der junge Graf reiſen ſollte, und ich einen Brief an meinen Onkel ſchrieb, wollte ich einen Zettel an Niſida mit einlegen. Ich hatte gerade die Worte geſchrieben:„Liebe Niſida!“ als Graf Leo raſch in mein Zimmer kam und an den Tiſch trat, um mir etwas zu ſagen. Seine Augen ſielen unwillkürlich auf das Papier, das vor mir lag, er ſtockte in ſeiner Rede und ſagte:„Niſida! Schreiben Sie an eine Niſida?“ Ich antwortete, es ſei meine Pflegeſchweſter, das Kind, von welchem ich ihm erzählt.„Niſida?“ fragte er:„Iſt das ein gewöhnlicher Name in Ihrem Lande. Das iſt ein ſpaniſcher Name.“— Ich wiederholte mit wenigen Worten, was ich ihm bereits geſagt zu haben glaubte. Er hoͤrte mich aufmerkſam an und verließ das Zimmer, ohne weiter zu ſprechen. Als ſein Vetter am folgenden Tage Abſchied von uns nahm und beim Empfang meines Briefes an den Onkel äußerte, er werde ihm und meiner Tante meine Grüße bringen, ſagte Graf Leo:„Wenn Sie die hübſche Niſida ſehen, ſo grüßen Sie ſie von mir.“ — Ich war außerordentlich erſtaunt über dieſe Worte. Abends ſaßen wir nach dem Theater in einer Reſtauration im Palais royal. Ungeachtet der Saal voll von Men⸗ ſchen war, waren wir doch ſo gut wie allein an dem kleinen Tiſche, an dem wir uns befanden, denn das Ge⸗ murmel der vielen Stimmen, das wie das eintönige Brau⸗ ſen eines Stromes klang, machte es für jeden Einzelnen möglich, mit ſeinem Nebenmanne ebenſo ungeſtoͤrt und 288 unbemerkt, wie unter vier Augen, ſprechen zu koͤnnen. Graf Leo ſagte mir:„Nichts iſt mir mehr verhaßt als Schwärmerei. Sie erſcheint mir immer wie ein ſchwaches Surrogat für gediegene Ausſchweifungen, mit welchen ſich ſchwache Seelen in unbewußter Heuchelei für den Mangel an Gelegenheit oder Kraft zu tröſten ſuchen, welche ſie hindert, raſch die wirklichen Genüſſe des Le⸗ bens zu ergreifen. Es hat mich deßhalb ordentlich ſtau⸗ nen gemacht, etwas Aehnliches bei mir zu finden. Das kleine Wort: Niſida, das ich geſtern zierlich geſchrieben auf Ihrem Tiſche fand, machte eine Wirkung auf mich, als ob ein Flügelſchlag Amors zu einem leichten Feuer anfachte, was in einem Winkel meines Herzens unter Aſche lag und dort ſeit manchen Jahren gelegen haben mag. Eine Niſida, will ich Ihnen ſagen, war meine erſte, ja vielleicht meine einzige wahre Liebe, denn ſie war die Einzige, an deren wahre Unſchuld ich geglaubt. Aber auch ſie war nicht beſſer, als andere!“ Dieſe Worte erregten in hohem Grade meine Aufmerkſamkeit: es ahnte mir, daß ſich hier vielleicht die Schlüſſel zu der räthſel⸗ vollen Herkunft meiner Pflegeſchweſter finden könnten— jene Schlüſſel, die ich fürchtete und wünſchte. Inſtändig bat ich den Grafen, mich in dieſe Liebesgeſchichte aus ſeiner Jugend einzuweihen und endlich nahm er das Wort und ſagte:„Nun wohl, da wir mal in dieſe ſentimentale Stimmung gekommen find, ſo will ich Ihnen eine Ge⸗ ſchichte erzählen, die merkwürdiger iſt, als tauſend andere. Dieſe Niſida war die Tochter des ſpaniſchen Geſandten an unſerem Hofe. Die Tochter war ſehr jung, ſehr hübſch, unbeſchreiblich anmuthig, der Vater war ein ſpa⸗ niſcher Grande von dem guten alten Schlag, ſehr ſtolz, ſehr jähzornig, unbeſchreiblich langweilig. Das Unglück wollte, daß mein Bruder und ich uns in die junge Spa⸗ nierin verliebten. Mein Bruder war der älteſte Sohn und hatte bereits meines Vaters hohen Rang und großes Vermögen geerbt; ich dagegen hatte nichts, als mein oft 289 beſprochenes Gut in Ungarn, das all mein Erbtheil war. Natürlicherweiſe war die Werbung meines Bruders dem Miniſter ſehr willkommen, die meine dagegen ſah er mit der groͤßten Verachtung an. Aber die junge Niſida ſchien der entgegengeſetzten Meinung zu ſein. Sie zeichnete mich ſtets vor Andern aus und einſt, als ich ſie in Thränen ſchwimmend fand, pertraute ſie mir, daß ihr Vater er⸗ klärt, ſie habe nur eine Wahl, entweder meinen Bruder zu heirathen, oder ſogleich den Schleier in einem Kloſter zu nehmen, wo ihre Tante Aebtiſſin ſei. Sie äußerte den größten Abſcheu vor meinem Bruder, doch mit bei⸗ nahe noch größerem Abſcheu ſprach ſie vom Kloſter, wo ſie mehremals ihre Tante beſucht und Zeuge der Ein⸗ kleidung einiger Nonnen geweſen. Der peinliche Eindruck, den der Anblick dieſer Ceremonie und das Kloſterleben im Allgemeinen auf ſie gemacht, war ſo groß, daß ich ein⸗ ſah, der Vater konnte kein zweckmäßigeres Zwangsmittel wäͤhlen. Das Vertrauen, das mir das geliebte Mädchen auf dieſe Weiſe erzeigte, entflammte meine Liebe und meinen Muth in einem Grade, daß ich im Stande zu ſein glaubte, mit Himmel und Hölle zu kämpfen, um ſie zu retten und zu gewinnen. Ich verſuchte mit meinem Bruder von ihrem Widerwillen gegen eine Verbindung mit ihm zu ſprechen. Er iſt hochmüthig und herzlos, meine Vorſtellungen wurden mit Spott und Unwillen aufgenommen. Ich faßte einen Plan, den ich Niſida mittheilte. Ich wollte nichts mehr und nichts weniger, als ſie entführen und auf meinem Gute in Ungarn ver⸗ bergen. Ich ſchlug ihr dies vor, blos als ein Mittel zu ihrer Rettung, ohne von meiner Hoffnung zu ſprechen, daß ſie mir nach dieſem Schritte ihre Hand geben werde. Das verſtehe, dachte ich, von ſelbſt. Ich weiß indeſſen nicht, ob mich Niſida ganz ſo verſtand. Sie dankte mir mit Wärme für meine Freundſchaft, für den Schutz, den ich ihr anbot, ſchlug jedoch aufs Beſtimmteſte meinen Novellen. II. 19 290 Antrag aus, frellich mit ſo großer Verwirrung und Ver⸗ legenheit, daß ich noch mehr in dem Glauben beſtärkt wurde, ſie liebe mich. Sie machte Miene, das Zimmer zu verlaſſen, kehrte jedoch um und ſchien ſichtlich mit ſich zu kämpfen, ob ſie noch Etwas ſagen ſollte. Doch ſchwieg ſie und verließ mich. Ich glaubte mich nun überzeugt zu haben, daß nichts als mißverſtandene kindliche Ehrfurcht ſie abhielt, mir zu folgen; deßhalb beſchloß ich, uns beide, ſelbſt wider ihren Willen, glücklich zu machen. Ihre Zimmer in dem Palaſte, den ſie mit ihrem Vater be⸗ bewohnte, gingen auf einen Balkon, der nach dem Garten zu lag. Eines Nachts, als ich wußte, daß alles im Pa⸗ laſte ruhig war, ſchlich ich mich, verſehen mit einer Strick⸗ leiter, in den Garten. Ein Wagen mit Poſtpferden und Allem zur Reiſe Nöthigen hielt in unſerer Nähe. Ich wollte Niſida durch meinen kühnen Schritt und durch Bit⸗ ten und Vorſtellungen vermögen, mit mir zu fllehen. Leiſe näherte ich mich dem Balkone und wollte die Leiter zum Gitter hinaufwerfen, als im ſelben Augenblicke zu meinem Erſtaunen eine andere Strickleiter herabgeworfen wurde. Ich zog mich etwas zurück und hinter einem Baume verborgen, gewahrte ich in der Dunkelheit ein Frauenzimmer in weißer Nachtkleidung, in welcher ich ſogleich Niſida erkannte; ſie war auf den Balkon an der Seite eines Mannes getreten, dem ſie mit Kuß und Um⸗ armung Lebewohl ſagte, worauf ſie in das Zimmer zurück ging und ich die Balkonthüren ſchließen hörte. Mein ver⸗ haßter Nebenbuhler ſchwang ſich mit Leichtigkeit die Leiter herab. Ganz außer mir ſtürzte ich hervor, ich war mit Piſtolen bewaffnet; ich ſchoß nach ihm, ohne zu treffen; er fuhr auf mich los und ſtieß mir den Degen in die Bruſt. Ich ſtürzte, behielt jedoch ſo lange das Bewußt⸗ ſein, daß ich merkte, wie mein Gegner raſch die Wunde verband, mich auf ſeine Arme nahm und aus dem Garten trug. Mehr weiß ich nicht. Ich erwachte zu Hauſe in meinem Bette. Ein Arzt, der meine Wunde verbunden 291 hatte und meine eignen Diener ſaßen bei mir. Ich er⸗ fuhr, daß mit Heftigkeit an der Thüre geklingelt worden und die ganze Dienerſchaft herbeigeeilt ſei. Man war zur Thuͤre hinabgelaufen, hatte ſie geöffnet und mich auf der großen Marmortreppe liegen gefunden. Ich war in einen einfachen Mantel gehüllt, der nicht mir gehoͤrte. Man trug mich in mein Zimmer und war gerade im Be⸗ griffe, einen in der Nähe wohnenden Arzt zu holen, als dieſer Mann ſelbſt ſich einfand und vorgab, im ſelben Augenblick zu mir gerufen worden zu ſei Ich begriff, daß mein Gegner auf alle Weiſe für mich zu ſorgen ge⸗ ſucht, und dieſes ſein Benehmen war mir ein neues Aer⸗ gerniß, da es mich hinderte, ihn ſo gründlich zu haſſen, wie ich es gerne wollte.“—„Wer war dieſer Gegner?“ —„Das habe ich nie mit Gewißheit erfahren. Man ſprach von einem jungen Franzoſen, der ſich zu jener Zeit an unſrem Hofe aufhielt und plötzlich verſchwand, aber es iſt eine bloße Vermuthung. Nur als ein Gerücht wurde es ſpäter erzählt, daß der ſpaniſche Geſandte ent⸗ deckt habe, jener junge Mann ſei der Geliebte ſeiner Tochter geweſen. Daß mein unglücklicher Schuß Allarm im Hauſe gemacht und zu einer für Niſida gefährlichen Entdeckung geführt, iſt mir oft eingefallen und hat mich mehr als meine Wunde geſchmerzt. Ich war lange krank und erſt als ich wieder zu mir kam, gab man mir Ant⸗ wort auf meine Frage, was in meinen Kreiſen indeß vor⸗ gegangen. Ich erfuhr nun, daß Niſida meinem Bruder ihre Hand gegeben, daß der Miniſter ſich jedoch ausdrück⸗ lich ausbedungen, ihr Gatte ſolle ihr geſtatten, ihrem Vater an einen nordiſchen Hof zu folgen, wohin er ſo⸗ gleich nach der Hochzeit in Privatangelegenheiten reiſen wollte. Denken Sie ſich, wie abſcheulich von beiden Sei⸗ ten! Dieſe Bedingung mußte mein Bruder in Anbetracht der offenbaren Abneigung eingehen, welche ſeine Braut gegen ihn hegte; und Niſida, dieſes Mädchen, das ich wie eine Heilige anbetete, ſie empfing nicht blos nächtliche Beſuche von einem heimlichen Liebhaber, ſondern ließ ſich trotz eines ſolchen Verhältniſſes überreden, ihre Hand einem andern zu geben. So ſind die Frauenzimmer: zu gefährlichen unerlaubten Liebeshändeln haben ſie Muth, aber wenn es gilt, einen raſchen und hochherzigen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, ſo ſind es unſchuldige, furchtſame Tauben. Glauben Sie mir! ich kenne die guten Damen, ich habe ſo manche Erfahrung dieſer Art gemacht. Man kann nicht mehr auf ſie vertrauen, als auf Kinder. Ich möchte beinahe ſagen, es ſind keine wirklichen Menſchen, ſondern liebliche Luftgeiſter ohne eigentliche Seele. Wir Männer mit allen unſern Laſtern, wir haben doch einen geiſtigen Grund in unſerem Weſen; man kann doch ſagen: das würde er nie thun! Aber das iſt unmöͤglich zu ſagen, was ein Frauenzimmer nicht thun würde, wenn es die Umſtände mit ſich brächten. Feſtigkeit, Wille, Kraft zu rechter Zeit und am rechten Orte, das wiſſen ſie nicht, was das iſt. Bei ihnen iſt alles Laune. Ihre Liebe, ihre Freundſchaft iſt ſo unwiderſtehlich, bethört uns ſo ganz; aber es ſind nur bunte Wolken, welche vom Winde getrieben werden.“ Während der letzten Replik lachte er und leerte ſein Champagnerglas, indem er ſagte:„Es leben die ſchönen Sylphiden! Laßt ſie aus und einfliegen in unſrem Herzen und unſern Armen!“—„Aber Niſida!“ ſagte ich,„wo iſt ſie?“ Plötzlich ernſt geworden, ant⸗ wortete er:„Wo ſie iſt? In der Kapelle bei der Klo⸗ ſterkirche, wo unſre Familie ihr Begräbniß hat.— „Todt alſo 2“—„Vor vielen Jahren. Der Verabredung gemäß ſollte ihr Vater ſie ein halbes Jahr nach der Hoch⸗ zeit dem Gatten bringen. Mein Bruder war ihnen ent⸗ gegengereiſt, aber nur ihre Leiche führte er heim.“— „Wo ſtarb ſie?“ rief ich.—„In Kopenhagen, In Ihrer eignen Vaterſtadt.“—„Wie lange iſt das her?— „Das mag wohl fünfzehn Jahre oder etwas mehr ſein.“ —-— Es ſchien mir außerordentlich wahrſcheinlich, daß es meiner lieben Niſida Aeltern waren, deren traurige 293 Geſchichte ich hier hörte. Ich verſchwieg dieſe Vermuthung nicht.„Ja,“ ſagte Graf Leo,„etwas Derart iſt auch mir ſeit geſtern durch den Kopf gegangen. Doch wollte ich nicht glauben, daß mein Bruder Niſida unter ſolchen Umſtänden geheirathet hätte. Mein Bruder würde ſich in etwas ſo Unwürdiges nicht mit ſeinem Willen einge⸗ laſſen haben, dazu iſt er zu ſtolz.... Es hieß, ſie ſei an den Folgen eines unglücklichen Falles geſtorben, durch den ſie die Bruſt beſchädigt habe. Sie war lange krank. Es verſteht ſich, das konnte eine Maske ſein. Ihre Duenna, die alte Marquiſe war wohl im Stande, eine Liſt zu erfinden und ſie conſequent durchzuführen. Ach! das ware doch ſeltſam, wenn ein ſolches Band zwiſchen Ihnen und mir beſtände: denn ein Band iſt das. Eine Tochter von Niſida, ein Bild von ihr ſollte noch leben! Und in Ihrer ſtillen Heimath?— Laſſen Sie uns zu Frascati gehen und eine Stunde ſpielen! Ich muß etwas Er⸗ friſchendes thun, um dieſe weichen, eitlen Grillen zu ver⸗ ſcheuchen, die mich in dieſen Tagen überfallen haben.“ Wir gingen indeſſen nicht zu Frascati. Ich überredete ihn, nach Hauſe zu gehen, da es ſpät war. Am nächſten Morgen ſagte er zu mir:„Es taugt nichts, daß man Abends ſeine alten, ſchwärmeriſchen Erinnerungen heraufbeſchwört: denn da ſie ſelbſt Träume ſind, ſo folgen ſie uns in die Träume der Nacht und der Traum folgt uns wieder in den Tag: und auf dieſe Weiſe werden wir Nachtwandler. So lebendig, wie ich jetzt Sie ſehe, ſah ich heute Nacht im Traume Niſida. Sie war Nonne in dem Kloſter geworden, wo ſie begraben liegt: ich traf ſie dort und ſetzte mich an ihre Seite; ſie reichte mir freundlich die Hand, und ich fühlte, wie ſich Friede und Freude meiner bemächtigten. Ich kann ſonſt Träume nicht ausſtehen. Dieſes dunkele Schattendaſein iſt mir verhaßt. Ich will ſchlafen, wenn ich ſchlafe, und wachen, wenn ich wache.“ Von dieſem Tage an gab Graf Leo Acht, wenn ich Briefe aus der Heimath bekam und fragte dann ſtets nach meiner Pflegeſchweſter. Wenn ich ihm den Inhalt dieſer Briefe mitgetheilt, wollte er ſeine Neugierde ganz zufriedengeſtellt wiſſen, denn es fand in dieſem Augenblick ein ſehr eifriger Briefwechſel ſtatt und der Inhalt drehte ſich meiſt um Niſida. Meines Onkels aite Klagen über ihre Unbeſtändigkeit und Heftigkeit verwandelten ſich nun in die noch ſchlimmeren Beſchuldigungen der Coquetterie und des unvorſichtigen Benehmens. Meine Mutter legte all' das auf eine andere Weiſe aus, doch war in den Berichten immerhin etwas Beunruhigendes. Schon in den erſten Jahren meiner Abweſenheit wurde mir gemel⸗ det, daß Beate ſogleich nach ihrer Rückkehr von der ver⸗ ſprochenen Pariſerreiſe meine Mutter beſucht und Niſida einige kleine Geſchenke gemacht habe. Sie war ab und zu wieder gekommen, aber nur ſelten. Meine Mutter war ſo verändert in ihrem Urtheile über ſie und ſprach von ihr mit einem ſo großen Wohlwollen, daß ich den Schluß daraus ziehen zu foͤnnen glaubte, Beate habe meiner Mutter unſer früheres Abenteuer auf eine Weiſe erzählt, daß ſie auf den Gedanken kommen mußte, die junge Frau habe mich geliebt oder liebe mich noch; auch gewann ſie ihre Gunſt durch das Wohlwollen, das ſie für Niſida an den Tag legte. An dem Conſirmationstag der Letzeren hatte ſie meiner Mutter einen Beſuch abge⸗ ſtattet und Niſida einen koſtbaren Schmuck verehrt, der das junge Mädchen außerordentlich freute. Seit dieſer Zeit war ſie öfter gekommen und war unerſchöpflich in Geſchenken und Einladungen zu Geſellſchaften und öffent⸗ lichen Vergnügungen geweſen. Mein Onkel ſchrieb: „Dieſe alberne Frau verſäumt Haus und Kinder, um allem Andern nachzulaufen. Ihr Mann iſt eine gute Nachthaube, die ſie in Großem und Kleinem ſchalten und walten läßt. Sie will ihr Haus zu einem eleganten Hauſe machen, wo lauter ausgezeichnete Leute zuſammenkommen, und kein Raubthier kann begieriger auf der Lauer liegen, als ſie, um alles in ihre Klauen zu bekommen, was ihren 295 Geſellſchaften Glanz geben kann. Sie hat unſere Niſida recht ins Schlepptau genommen. Das Mädchen iſt lei⸗ der hübſch! Sle ſingt wie eine Nachtigall und ſpielt dazu auf der Guitarre. Es entzückt Aug und Ohr. Ich ſage „wleider““ von alle dem, denn wenn ich geahnt, daß es ſo gehen würde, ſo hätte ſie weder Maſik, noch Sprachen gelernt, mit denen ſie nun in der Geſellſchaft dieſer Frau glänzt und all' die Eitelkeit einſaugt, die ſo manche ihres Geſchlechtes unglücklich gemacht. Auch die unſelige und verderbliche Sucht nach Putz hat die Frau ihr ein⸗ gepflanzt. Die früher ſo verborgene Blume iſt nun den Augen und dem Geſpräche aller ausgeſetzt. Jeden Donnerſtag kann man ſie in der Loge ihrer Gönnerin ſehen und würde ſie auch auf den Klubbällen ſo ſicher als die Muſikan⸗ ten finden, wenn Deine Mutter nicht ſo vernünftig gewe⸗ ſen, es ihr ausdrücklich zu verbieten. Das einzige Gute bei dieſer Sache iſt der Umſtand, daß die Reden Pater Bernhards von der Eitelkeit und den Lockungen der Welt wie die Stimme ſind, die in der Wüſte ruft.“ In den Briefen meiner Mutter klang das Alles ganz anders. Es würde, meinte ſie, unnatürlich ſein, wenn ein ſo lebhaftes, ſo begabtes Mädchen, wie Niſida, ſich nicht nach der Herrlichkeit dieſer Welt ſehnen und ſich nicht über ihre eignen Vorzüge und den Eindruck, den ſie auf andere machte, freuen ſollte. Frau Beate konnte keinen andern Grund für ihre Höflichkeit haben, als die reine Güte für die junge Freundin und die Freude über ihre Liebenswürdigkeit; es war meiner Mutter lieb, daß ihrem Liebling bisweilen Jemand unſchuldige Zerſtreuungen und ſchöne Kunſtgenüſſe verſchaffte, die ihr das beſchränkte und einfoͤrmige Leben ſonſt verſagen würde. Ein Gemüth, wie das Niſidas müßte bald von ſich ſelbſt lernen, das Leere in Allem von dem wirklich Guten trennen und dieſes in ſeinem eignen Weſen zu finden wiſſen, das überdies nur allzu tief war, und wie Pater 296 Bernhard oft bemerkte, mit einem gewiſſen unerklärlichen Schmerze geboren zu ſein ſchien. Nach Verlauf von einiger Zeit miſchte ſich in dieſe Briefe etwas Neues, was mir noch mehr zuwider war, als alles Uebrige. Mein junger Graf hatte, wie geſagt, ein paar Beſuche bei meiner Mutter abgeſtattet, die dieſe Bekanntſchaft indeſſen vorſätzlich wieder entfernt. Dagegen hatte er bei dieſer Gelegenheit Frau Beate getroffen, die ihm mit um ſo groͤßerem Wohlwollen entgegengekommen war. Der junge Mann war in Niſida verliebt, darüber waren meine Correſpondenten einig— ſowie auch darüber, daß Beate ſeine Liebe unterſtütze, was meinen Onkel raſend machte, während meine Mutter es für eine ſchlecht be⸗ rechnete, aber wohlgemeinte Speculation der älteren Freun⸗ din hielt. Meine Mutter war ganz davon überzeugt, daß der Graf Niſida vollkommen gleichgültig, und daß dieſe reine Seele allen Verlockungen der Liebe oder der irdi⸗ diſchen Güter unzugänglich ſei. Mein Onkel dagegen er⸗ zählte, daß, da der Graf jeden Tag mehre Mal an den Fenſtern vorübergehe und grüße, meine Mutter Niſida verboten habe, am Fenſter zu ſitzen, daß dieſe aber, als ob ſie eine Ahnung hätte, wenn ihr Anbeter in der Nähe ſei, immer unter irgend einem Vorwande an das Fenſter zu kommen wiſſe, um ſeinen Gruß zu empfangen. Ganz wie eine Parodie auf die Aeußerungen meiner Mutter fügte er hinzu:„Was kann man nicht befürchten von einer ſolchen Natur? Das ſüdliche Feuer leuchtet ja ſichtbar aus ihren Augen.“ Nun begann ich wirklich unruhig wegen meiner ge⸗ liebten Pflegeſchweſter zu werden, und da ich mir Licht in dieſer Sache zu verſchaffen wünſchte, ſo kam ich auf den Gedanken, mich in dieſer Ungewißheit an Petrinen zu wenden, die ſich vor einigen Jahren mit ihrem Seemann, einem Kauffahrteicapitän verheirathet hatte, der auf die ſogenannten langen Reiſen ging. Ein für mich glück⸗ licher Umſtand hatte eine Art neues Band zwiſchen dieſer 297 meiner alten Freundin und mir begründet. Als ich näm⸗ lich bei meiner Abreiſe ihr einen Beſuch machte, traf ich ſie betrübt und unruhig wegen ihres damaligen Verlob⸗ ten, von dem ſie lange nichts gehoͤrt und über deſſen Schickſal auf einer Seereiſe beunruhigende Gerüchte im Umlaufe waren. Es fügte ſich nun, daß ich bereits in Hamburg erfuhr, ſein Schiff ſowohl, als er ſeien glücklich am Orte ihrer Beſtimmung angekommen. Ich wollte Petrine von dieſer guten Neuigkeit unterrichten; als einziger Mitwiſſer ihres Geheimniſſes gebrauchte ich natuͤrlicher Weiſe die einfache Vorſicht, Franzoͤſiſch zu ſchreiben, da ich wußte, daß der Brief ohne Gefahr in die Hände jedes Mitgliedes der Famllie fallen konnte. Sie antwortete mir in derſelben Sprache, dankte mir mit Wärme und bat mich, wenn ich je etwas in der Heimath von einer ſtummen und treuen Freundin beſorgt wiſſen wolle, mich an ſie zu wenden. Dieſes gute An⸗ erbieten benützte ich nun. Ich bat ſie, ohne Rückhalt auf meine Fragen bezüglich Niſidas zu antworten, die, wie ich vorausſetzte, ihr aus dem Hauſe der Schweſter be⸗ kannt ſein müſſe. Petrine antwortete unverzüglich und rechtfertigte vollkommen mein Vertrauen auf ihren Ver⸗ ſtand und ihren guten Willen, und die Wahrheit wurde mir durch ihre Darſtellung ziemlich anſchaulich.„Sie kennen ja Beate,“ ſchrieb ſie:„Sie iſt ganz dieſelbe, wie an jenem Tage, als ich Ihnen das intereſſante Billet überlieferte. Die Jahre, welche zwiſchen jener Zeit und jetzt liegen, ihre veränderte Stellung als Frau und Mutter von vier Kindern, nichts von alle Dem hat eine Verän⸗ derung in ihrer Denk⸗ und Handlungsweiſe hervorge⸗ bracht. Das große Verdienſt, eine Reiſe gemacht zu haben, in Paris geweſen zu ſein, hatte die glückliche Illuſion von ihren perſönlichen Vorzügen noch vermehrt. Ihre Liebe zu der jungen Niſida iſt gewiß nicht verſtellt, ihr Eifer, ſie an ſich zu ziehen, hat keinen böſen Grund, aber ebenſowenig einen guten und edeln. Was ein aus⸗ 298 gezeichnet ſchoͤner Papagai ihr vor einigen Jahren war, was ihr älteſter Sohn in ſeinen erſten Jahren, das iſt ihr Niſida jetzt: ein Mittel, um Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen, zu prahlen, zu glänzen, was Beatens Lebensziel ſtets war und ſtets bleiben wird. Aeußerlichkeiten oder Men⸗ ſchen, mit deren Vorzügen ſie coquettiren kann, ſind für ſie wie Strahlen, die ſich in einem Brennpunkt concentriren, der ihr eignes Ich iſt. Sie ſetzt eine große Ehre darein, eine, wie ſie es nennt, gebildete Geſellſchaft um ſich zu ſam⸗ meln und da nun ein Papagai und ein kleines Kind, Weſen ſind, die manche Menſchen nicht auf die Länge intereſſiren, ſo koͤnnen Sie ſich wohl denken, welchen Schatz ſie in einem Gegenſtande gefunden haben muß, der alle und immer intereſſirt, nämlich ein junges Mäd⸗ chen, das mit ungewoͤhnlicher Schoͤnheit Verſtand und Talente verbindet. Was Niſida ſelbſt betrifft, ſo hat Ihr Onkel Recht, wenn er ſagt— wie Sie mir erzählen— daß ſie von der Luſt an Vergnügungen, Glanz und Schmuck, von Gefallſucht berauſcht iſt; aber Ihre Mutter ⸗ hat auch Recht, wenn ſie behauptet, ein tiefes Gefühl, ein höherer Schwung in ihrem innern Weſen hebe ſie über alles, was ſie zu befangen ſcheine. Ich will Ihnen nur einen Zug erzählen, der ſich geſtern zutrug. Es war Ball im Hauſe meiner Schweſter. Niſida war dort, ſtrah⸗ lend vor Schönheit und Freude. Ihre Mutter, welche gleichfalls eingeladen war, befand ſich nicht wohl und hatte Niſida der Obhut meiner Schweſter anvertraut. Sie tanzte wie eine Nymphe, ſo leicht und mit all' der kindlichen Freude, die allein den Tanz für den Zuſchauer angenehm machen kann. Mitten in dieſer Herrlichkeit b kam mein armer Schwager, wie ein wirklicher Entrich (Andrik), der weit von dem erwünſchten Waſſerpfuhl iſt. Er leidet gegenwärtig am kalten Fieber, matt und elend ſetzte er ſich in den Tanzſaal und ſuchte pflichtſchuldigſt den einen und den andern Gaſt zu unterhalten. Aber das Sieber, das er überſtanden zu haben glaubte, hatte ihn 299 noch nicht ganz verlaſſen. Seine Anſtrengung griff ihn an, er war einer Ohnmacht nahe und mußte in ſein Zimmer hinaufgehen. Niſida hatte den Tanz verlaſſen und an ſeiner Seite Platz genommen. Sie beklagte ihn, nahm ſeine großen, groben Hände in die ihren und ſchmeichelte ihm mit unſäglicher Anmuth. Als er ſich erhob, um aus dem Saale zu gehen, begleitete ſie ihn. Drei, vier Cavaliere ſuchten ſie auf, um ſie an den Tanz zu erinnern, aber ſie ließ ſich nicht bewegen, den Kranken zu verlaſſen. Ich ging mit, und als wir auf ſein Zimmer kamen und ihn bequem auf ſeinem Sopha plaeirt hatten, kam Beate, welche indeſſen getanzt, und bat Niſida und mich hinab⸗ zukommen. Ich hatte zwei junge Couſinen auf den Ball geführt, und konnte ſie alſo nicht verlaſſen: deßhalb rüſtete ich mich zum Gehen. Niſida fragte Beate, wer bei ihrem kranken Mann bleiben ſolle?—„„Das Stubenmädchen,““ antwortete Beate.„„Nein, ich!““ rief Niſida,„nich bleibe am liebſten hier, ich habe keine Luſt mehr zum Tanzen, ich will dem Herrn des Hauſes Geſellſchaft leiſten.““ Es war nicht möglich, ihren Entſchluß zu ändern, wir gingen zur Geſellſchaft ohne ſie. Ein paar Stunden ſpä⸗ ter ging ich wieder zu meinem Schwager hinauf. Ich fand ihn und Niſida bei einer Partie Ecarté und ehe ich öffnete, hoͤrte ich ſie beide lachen und munter zuſammen ſprechen. Mein Schwager war ganz aufgeräumt und wollte durchaus nicht zu Bette gehen, obgleich es ſchon ſpät war. Niſida bat mich, ihr Abendeſſen mit dem ſeinigen heraufbringen zu laſſen. Sie ſpeiſten beide zu⸗ ſammen. Ich kam ſpäter wieder hinauf. Der kaum noch ſo kranke Mann war luſtig und wohl. Er konnte nicht genug den ſchönen Abend rühmen, den er mit ſeiner Ge⸗ ſellſchafterin verbracht, die ſeine Mahlzeit mit einem Liede gewürzt. Erſt, als er zu Bette gehen wollte, kam Niſida zur Geſellſchaft; aber ſo munter ſie bei dem Kranken geweſen, ſo ernſt ſchien ſte nun; ſie nahm keinen Theil am Tanze mehr und als ich mit meinen jungen Couſinen 300 früher als die übrigen fortging, bat ſie mich, mit uns fahren zu dürfen, da wir an ihrer Wohnung vorüber⸗ kämen. Weder Bitten, noch Vorwürfe vermochten ſie zurückzuhalten. Unterwegs ſagte ſie zu mir:„„Es wird meiner Mutter nicht unangenehm ſein zu hören, wie ich meine Zeit auf dem Balle zugebracht. Ich glaube, ſie ſah es ungerne, daß ich dahin ging, doch ſie iſt ſo fromm und gut, daß ſie es nicht übers Herz bringt, mir ein Vergnügen zu verſagen; aber ich bin nicht fromm und gut, ſonſt verließe ich ſie nicht ſo häufig und ließe ſie allein zu Hauſe ſitzen.““ Sie werden in dieſer kleinen Ge⸗ ſchichte, ſo unbedeutend ſie auch für andere ſcheinen könnte, die Bekräftigung meiner obigen Behauptung finden.“ Be⸗ zglich der eigentlichen Geſinnung Niſidas gegen den jungen Grafen erklärte Petrine nicht im Stande zu ſein, etwas Beſtimmtes zu ſagen. Der Graf war ein ſchöner Mann und in ſie verliebt, auf der andern Seite erſchien er jedoch Petrine ſo unbedeutend, daß ſie ſich nicht vor⸗ ſtellen konnte, wie er einem Mädchen, wie Niſida, gefähr⸗ lich werden ſollte. Beate beſchützte ſeine Liebe und war ſeine Vertraute, das war ſicher. Sie hatte Petrinen anvertraut, daß ſie es wohl ſo weit zu bringen verſtehen werde, ihre liebe Niſida zu einer reichen Gräfin zu machen. Es war kein anderes Hinderniß für dieſen Plan vorhan⸗ den, als die Furcht des Grafen, die Zuſtimmung ſeiner Mutter nicht zu erhalten. Aber Petrine dachte kluger Weiſe, der eigne Adelſtolz des jungen Mannes werde ebenſo ſchwer zu überwinden ſein, als der der Mutter. Ungeachtet dieſe klare Darlegung der Sachlage ganz das Gepräge der Wahrheit trug und viel Beruhigendes hatte, ſo blieb doch noch Etwas, was es mir wünſchens⸗ werth, ja beinahe nothwendig machte, daß ich heimkehrte, um ein Beſchützer und eine Stütze für die junge Schweſter, und eine Hülfe und ein Rathgeber für die geliebte Mut⸗ ter zu ſein. Ich fühlte eine brennende Sehnſucht nach meinem Vaterlande, das ich nun in ſieben Jahren nicht 301 geſehen. Meines Onkels letzter Brief machte mir Hoff⸗ nung, eine Anſtellung zu erhalten, die mir ſehr erwünſcht war, da ſie mir nicht nur ein erträgliches Auskommen, ſondern auch einen Wirkungskreis nach meinem Sinne verſprach, in welchem ich nützlich werden zu können hoffte: aber die Hoffnung war in dieſer Hinſicht mehre Male fehlgeſchlagen. Auch ſtand der Gedanke, den Grafen Leo zu verlaſſen, wie ein dunkler Schatten zwiſchen mir und dieſer hellen Ausſicht. Er hatte ſich ſo an mich ge⸗ wöhnt, daß es mir unmöglich ſchien, mich von ihm los⸗ zureißen. Und doch wurde es moͤglich. Freilich kann ich auch ſagen, es war im eigentlichen Sinn des Wortes nicht möglich und wird es auch nie. Graf Leo ſtand ſeit einiger Zeit in einem geheimen Liebesverhältniſſe mit einem jungen Frauenzimmer, das er zu ſehen mir Gelegenheit verſchafft hatte und von dem er oft mit mir ſprach. Es war die Wittwe eines Offi⸗ ziers der napoleoniſchen Armee und hatte nach ihres Mannes Tod in Nancy gewohnt, wo ſie ein kleines Gut beſaß. Da ihre ökonomiſchen Verhältniſſe nicht ſehr glän⸗ zend waren, ſo hatten ſie ihre Aeltern, welche in Paris lebten, zu ſich gerufen, um eine neue Partie zwiſchen ihr und einem jungen Offtzier zu ſtiften, der einiges Ver⸗ mögen beſaß. Sie hatte gegen ihre Neigung in dieſe Verbindung gewilligt. Sie ſehnte ſich nach ihrem netten Haus und Garten in Nancy und beweinte das freie und unabhängige Leben, das ſie dort geführt. Sogleich nach der Verlobung hatte ſie die Bekanntſchaft des Grafen Leo gemacht, und von der heftigſten Liebe ergriffen, ſich ihm ganz hingegeben, ohne an die Zukunft zu denken. Der Hochzeitstag rückte heran. Der Graf machte Miene, ſeinen Platz dem rechtmäßigen Bräutigam zu überlaſſen, aber die arme Frau konnte, wollte nicht von dem Heiß⸗ geliebten laſſen. Beinahe täglich ſandte ſie ihm kleine Briefe, die in Ausdrücken, welche nur die heftigſte Lei⸗ denſchaft eingeben kann, ihn beſchworen, zu ihr zurückzu⸗ 302 kehren und ſie zur beſtimmten Stunde und am gewoͤhn⸗ lichen Orte zu erwarten. Der Graf fand ſich auch nach einigem Kopfſchütteln, und nachdem er während des Weg⸗ gehens wie für ſich ſelbſt ſagte:„Gott weiß, wie das enden wird,“ ein.“ Ich warf mich ungerufen zum Sprecher für die junge Wittwe auf, und als Graf Leo einſt bekümmert von ihrer Stellung ſprach, rieth ich ihm, ihrer Noth ein Ende zu machen, und ſelbſt um ihre Hand anzuhalten. Er ſah mich verwundert an:„Sie heirathen?“ rief er.„Das war ein großes Wort.“—„Vergeben Sie mir!“ ant⸗ wortete ich:„ich weiß wohl, wie viel ſich in ihrer Stel⸗ lung dieſer Verbindung entgegenſetzt, aber Ihnen darf ich es auch ſagen, daß es nur untergeordnete Rückſichten ſind. Sie iſt nicht von vornehmer, aber doch von guter Familie, ſie iſt die Wittwe eines napoleoniſchen Offiziers.“ Er unterbrach mich:„Und wenn ſie die Wittwe Napo⸗ leons ſelbſt wäre, ſo hätte es für mich nichts zu ſagen. Mich verheirathen! Mich für meine Lebenszeit an ein Frauenzimmer binden! Schwiegerältern, Schwäger und Schwägerinnen, Verdrießlichkeiten und triviale Ausgaben! Nein nie! nie!“ „„Aber ein einſames Leben, ein verlaſſenes Alter, iſt das eine ſchöne Ausſicht?⸗“—„Das ſind nur Phra⸗ ſen! Mancher Menſch iſt einſam und verlaſſen mitten im Schooße ſeiner theuern Familie, und dieſe Einſamkeit iſt tauſendmal ſchlimmer, als jene. Nein, ein ſolches Opfer habe ich Erneſtinen nicht verſprochen, und das erwartet ſie auch nicht von mir.“—„Aber ſie iſt unglücklich aus Liebe zu Ihnen, ſie iſt hübſch, ſie hat Verſtand.“—„Das iſt alles wahr, und doch, wenn ſie meine Frau würde, ſo fühle ich, daß ſie mir widerlich werden könnte. Ihr mangelt ein Vorzug, der für mich weſentlicher, als Verſtand und Schoͤnheiſt iſt. Ihr mangelt das, was die Alten unter dem Gürtel der Schönheitsgöttin vorfanden; nehmlich: die wahre Weib⸗ lichkeit in ihrer höchſten Bedeutung; es iſt nicht die 303 Grazle in den äußern Bewegungen, nicht mal in Sprache und Benehmen, es iſt etwas mehr, etwas Inneres, Un⸗ ſichtbares, was durch das Sichtbare leuchtet. Es iſt das warme, für Liebe gebildete Herz, das durch die anmuthige Zurückhaltung ſcheint, wie die rothe Farbe durch die weiße Roſe und was man auf Engliſch die Jungfernroͤthe nennt. Wenn Sie unſre, jene oft beſprochene Niſida gekannt, ſo verſtünden Sie mich ohne weitere Erklärung. Die dunkeln, brennenden Augen waren ein Widerſchein von Spaniens warmer Sonne, aber ein milder, jungfräulicher Schleier lag ausgebreitet über dieſe Liebesſterne, wie über das heilige Bild zu Sais. Das iſt der Zauber, der allein das Herz des Mannes feſſeln kann. Erneſtine dagegen iſt ſo leidenſchaftlich in ihren Aeußerungen und Handlun⸗ gen, daß ſie die Rolle mit dem Manne wechſelt, den ſie liebt, und ſo ſelbſt den Zauber vernichtet. Was ſagt Jean Paul?„„Die weibliche Pſyche, wenn ſie auch mit Grauſamkeit von der tödtlichen Nadel durchbohrt wird, muß doch nicht ſo gewaltſam die Flügel bewegen, daß der Staub davonfliegt.““— Aber was ſagt dagegen Goͤthe?„„Eine leidenſchaftliche Liebe hat etwas ſo Hin⸗ reißendes, daß ſie ſelbſt den rührt, der nicht ihr Gegenſtand iſt.“%—„Ja, ich erinnere mich wohl, daß er eine Perſon im Wilhelm Meiſter etwas ähnliches ſagen läßt; aber erin⸗ nern Sie ſich auch, daß das Mädchen, von welchem dies geſagt iſt, von ihrem Geliebten verlaſſen und wegen einer proſaiſchen Figur auf die Seite geſetzt wird— vielleicht nur um des Gegenſatzes willen. Nein, ich bin bekümmert wegen Erneſtinens Schickſal, ich habe nicht das Herz, ſie zu betrüben, indem ich mich ganz zurückziehe und ihre Furcht vor den Aeltern, vor dem UÜrtheil der Welt, vor einer Entdeckung unſrer Verbindung verbietet ihr jeden vernünftigen Ausweg; aber auf der andern Seite wird ihre Leidenſchaft, ihre Unvorſichtigkeit leicht zu der Entdeckung führen, die ſie ſo ſehr fürchtet. Da kommt mein Wort wieder: So ſind die Frauen⸗ zimmer.“ Kurz nach dieſer Unterredung war Graf Leo einige Tage ſehr ernſt und zerſtreut. Auf meine Frage nach dem Grunde ſeiner Stimmung, antwortete er, daß er ſich nicht wohl befinde. Eines Morgens, als ich nach meiner Gewohnheit auf ſein Zimmer kam, mußte ich lange auf ihn warten, da er in einem Cabinete Geſchäfte mit ſeinem Banquier hatte. Als dieſer gegangen, ſagte er zu mir: „Ich habe mir einen wichtigen Dienſt von Ihrer Güte zu erbitten. Wollen Sie Erneſtine nach Nancy begleiten und ihre Geldangelegenheiten mit einer Summe arran⸗ giren, die ich Ihnen geben werde? Was ich befürchtete, iſt eingetroffen: Erneſtinens Bräutigam, der Argwohn geſchoͤpft, hat ſpionirt und mich kürzlich Nachts aus ihrer Wohnung gehen ſehen. Er machte einen raſenden Spek⸗ takel, die aufgebrachten Aeltern haben ſie ganz verſtoßen. In ihrer Noth flüchtete ſie zu mir und verbarg ſich hier im Hauſe bei unſrer Haushälterin. Ich habe eine Summe Geldes aufgebracht, die ihr kleines Beſitzthum in Nancy zu retten im Stande iſt, und es ihr möglich macht, un⸗ abhängig an dem Orte zu leben, wo ſie ſich früher ſo glücklich fühlte. Mancherlei Gründe verbieten mir, ſie ſelbſt an den Ort ihrer Beſtimmung zu begleiten. Wollen Sie die Güte haben und ſie begleiten, ſie durch Ihre freundliche Gegenwart tröſten und das Geld einem Ge⸗ — ſchäftsmann in Naney überliefern, den ſie mir ſelbſt an⸗ gegeben?“, Ich unterzog mich natürlich ſogleich dieſem Auftrag, und als Graf Leo mich verſicherte, daß dieſe Sache hie⸗ mit beendigt ſei, fand ich, daß es unter dieſen Umſtänden der beſte Ausgang, den ſie nehmen konnte. Noch am ſelben Tage traten wir die Reiſe an, nachdem eine Ab⸗ ſchiedsſcene ſtattgefunden, bei welcher die arme Erneſtine ſich ſo ganz ihrem Schmerze und ihrer Leidenſchaft uͤber⸗ ließ, daß ich an die Aeußerungen des Grafen in einem 30⁰⁵ früheren Geſpräche denken mußte und ſie nicht ganz un⸗ begründet finden konnte. 3 Es war eine ſehr traurige Reiſe. Als jedoch Erne⸗ ſtine ihre hübſche Heimath wieder betrat, deren Beſitz ihr nun geſichert war, als die alten Bekannten mit heiterer Freundlichkeit ſich um ſie verſammelten, machte doch all dies einen ſo beruhigenden Eindruck auf ihren zeriſſenen Sinn, daß ich ſie mit der beſten Hoffnung für die Ruhe ihrer Zukunft verließ. Sie gab mir einen Brief an Graf Leo und einen Zweig voll von Winterroſen mit, die in ihrem Zimmer blühten. Da ich in eigenem Wagen mit Poſtpferden reiſte und am nächſten Abend in Paris anzu⸗ kommen dachte, ſo machten wir eine ſinnreiche Einrichtung mit einer kleinen Waſſerflaſche, die wir im Wagen feſt⸗ banden, wodurch es mir möglich wurde, dieſe Roſen friſch zu erhalten und ſie ſo ihrem Eigenthümer zu überliefern. Ich fand in dieſer Gabe einen ſo ſchoͤnen Abſchiedsgruß, ein Symbol der abgebrochenen Verbindung und Erneſti⸗ nens gegenwärtiger Häuslichkeit, daß ich recht con amore für dieſe meine duftenden Reiſegeſellſchafter ſorgen wollte. Ich ſagte dies Erneſtinen. Mit ruhiger Freundlichkeit nahm ſie Abſchled von mir, und ich trat meine Reiſe mit leich⸗ terem Sinne und bei ſchoͤnem, klarem Winterwetter an. Ich freute mich, den Grafen Leo wiederzuſehen und durch meine beruhigenden Nachrichten ihn in beſſere Laune zu bringen, als ich ihn verlaſſen hatte. Es war das erſte Mal ſeit unſerem Zuſammenleben, daß ich mehre Tage ohne ihn war. Ich fühlte recht wie Gewohnheit und Neigung ſich vereint, um mich an dieſen Mann zu feſſeln. Es war ſpät am Abend, als ich nach Paris kam. Alles war ſtill im Höôtel. Als der Portier mich einge⸗ laſſen, fragte ich:„Iſt der Graf zu Hauſe?“ Langgezogen antwortete er mir:„Der Graf? Zu Hauſe? Ja, er iſt zu Hauſe.“— Es lag etwas in ſeiner Stimme, was mich erſchreckte. Raſch fragte ich:„Er iſt doch nicht Novellen. II. 20 krank?“—„Krank? Nein, er iſt nicht krank.“— Ich eilte die Treppe hinauf, in die Zimmer. In dem erſten brannte ein einziges, düſteres Licht auf dem Kronleuchter. Ich hörte den Legationsſekretär und den Kammerdiener mir nachlaufen und meinen Namen nennen, aber mit ängſtlicher Haſt ſturzte ich in des Grafen Wohnzimmer. Es war ſtockfinſter. Mitten auf dem Boden ſchimmerte etwas Weißes, ich eilte darauf los, um zu unterſuchen, was es war, und griff— eine eiskalte Hand. Im ſel⸗ ben Augenblicke ſtanden der Legationsſekretär und der Kammerdiener an meiner Seite mit Lichtern. Was ver⸗ mag meinen Schrecken auszudrücken!— Ich ſtand bei Graf Leo's Leiche. Ich weiß nicht mehr, was vorging, was man zu mir ſagte, ich erinnere mich nur, wie eines Traumes, daß ich die ganze Nacht betäubt in einem Lehn⸗ ſtuhl in meinem Zimmer ſaß, daß der alte Kammer⸗ diener bei mir blieb, daß er weinte, daß er mir mit zitternden Händen Waſſer zu trinken gab, und mich zuletzt gegen Morgen halb mit Macht zu meinem Bette führte, auf das ich mich in einem Zuſtande warf, der weder Schlafen, noch Wachen genannt werden konnte. Wie ich bei Tages Anbruch zu der ſchmerzlichen Gewißheit erwachte, will ich nicht zu ſchildern verſuchen. Ich erfuhr nun, daß Graf Leo, von Erneſtinens Verlobten herausgefordert, im Duell gefallen ſei. Kein Zeuge war zugegen, als der Kammerdiener. Der Graf hatte am Abend zuvor ſein Vorhaben nicht blos ſeinem treuen, alten Diener, ſondern auch dem verwunderten und erſchrockenen Lega- tionsſekretär mit dem ausdrücklichen Verlangen mitge⸗ theilt, daß das Duell ein Geheimniß bleibe, und man eine andere Urſache des Todes angebe, wenn er falle,— eine Vorſicht, ſagte er, die er dem Rufe ſeiner Dame ſchulde, und in ſeiner Stellung als fremder Geſandter der Sicherheit des Gegners am meiſten dienlich hielte. Der Kammerdiener verſicherte, daß der Graf, der den erſten Schuß hatte, abſichtlich fehlgeſchoſſen, während der 307 Gegner, den der alte Diener verband, den Grafen ins Herz getroffen, daß er auf der Stelle todt geblieben. Der betrübte alte Mann, der in einem geſchloſſenen Wagen die Leiche ſeines geliebten Herrn nach Hauſe führte, mußte dem Befehle gemäß vorgeben, daß der Graf ſelbſt durch eine unfreiwillige Unvorſichtigkeit ſeine Piſtole abgefeuert und dadurch ſeinem Leben ein Ende gemacht. Dieſer ploͤtzliche Todesfall hatte ungemeines Aufſeben gemacht und die allgemeine Theilnahme erregt, obgleich Paris an ſchreck⸗ lichen Begebenheiten ſo reich iſt. Als ich mich endlich ſo weit gefaßt hatte, daß ich im Stande war, mit Samm⸗ lung die oben erzählten traurigen Umſtände zu vernehmen, und mit meinen Umgebungen zu ſprechen, übergab mir der Kammerdiener den Schlüſſel zu dem Schreibepulte ſeines Herrn. Der Graf hatte ihn am letzten Morgen vor ſeinem Tode beauftragt, dieſe Schlüſſel in meine Hände zu liefern und mir zu ſagen, daß ich in dieſem Verſchluſſe einen Brief finden werde, der mich von ſeinen letzten Wünſchen unterrichten ſollte. Ich ging in ſein Cabinet, wo alles unberührt ſtand, wie er es verlaſſen hatte. Ich ſetzte mich auf den Stuhl, worauf er zuletzt geſeſſen, öffnete das Schloß, das er ſelbſt zuletzt ge⸗ ſchloſſen, und ein Brief mit der Aufſchrift an mich war das Erſte, was mir in die Augen fiel. Nur der, der eine ähnliche Stunde erlebt, kann ſich das Gefühl vor⸗ ſtellen, mit welchem ich dieſen Brief öffnete und las. Worte von geliebten Lippen, welche der Tod geſchloſſen, ſind wie eine Begegnung mit dem, der das irdiſche Leben verlaſſen. Zeit und Ewigkeit reichen einander in einem ſolchen Augenblicke die Hand und eine tröſtende Stimme ſcheint uns zu ſagen, daß wir ſelbſt noch mit dem Freunde leben, den wir verloren nennen, ihm ſtets noch nahe ſind in einem Leben, über deſſen Grenze der Tod nicht treten kann. Graf Leo ſagte mir in dieſem Brief: daß wenn er mir in die Hände komme, ſo könne er nur noch auf dieſe Weiſe mit mir ſprechen; und eine ihm unerklärliche 308 Stimme ſchien ihm zu ſagen, daß er mich zum letzten Male in dieſem Leben geſehen. Er bat mich, aus ſeinem Pulte ein Paquet mit der Auſſchrift an ſeinen hohen Gönner zu nehmen und ſelbſt an ſeinen Hof zu reiſen, um mit eigner Hand es abzuliefern. Von ſeinen eignen Papieren war alles vernichtet, was er fremden Blicken entziehen wollte. Er dankte mir für die Jahre, die wir mit einander zugebracht, und fügte liebevoll hinzu, daß unſre Freundſchaft das Einzige in ſeinem Leben geweſen, was ſeinen Hoffnungen entſprochen. In dieſer ernſten Stunde dachte er mit Kummer daran, daß er vielleicht meiner Zu⸗ kunft geſchadet, indem ich ſeinen Wünſchen nachgegeben und ſo lange außerhalb meines Vaterlands gelebt. Er wünſchte deßhalb von Herzen, mir ſein Gut in Ungarn teſtamen⸗ tiren zu können, allein das ſtünde nicht in ſeiner Macht, da es als Erbe den Kindern ſeines Bruders zufallen müßte. Es ſei indeß die Sache ſeiner Erben,(oder in ihrer Minder⸗ jährigkeit ihres Vaters, ſeines Bruders) für ſeine Dienſt⸗ leute zu ſorgen, wie er es in ſeinem letzten Willen vor⸗ geſchrieben, und ein Document in dieſer Hinſicht, nament⸗ lich zum Beſten ſeines alten Kammerdieners, war in das erwähnte Paquet eingeſchloſſen. Ebenſo bat er mich, als einen Beweis meiner Freundſchaft für ihn eine Summe Geldes anzunehmen, die mir meine Reiſe in die Heimath erleichtern würde, wenn ich, wie er glaubte, mich darnach ſehnte. Wenn ich dagegen in die Dienſte ſeines Vater⸗ lands eintreten wollte, ſo glaubte er ſicher, daß ſein hoher Goͤnner, dem er ſeine letzten Wünſche übergeben, nach ſeinem Tode ſie noch mit größerer Güte erfüllen würde, Ich werde außerdem in dem Pulte einige unbedeu⸗ tende Prezioſen ſinden, die ihm werth geweſen und die er deßhalb nur in meine Hände übergeben wollte. Ein liebevolles, warmes und muthiges Lebewohl ſchloß dieſen Brief. Eine milde Wehmuth verband ſich wunderbar mit meinem unbeſchreiblichen Schmerze. Die Roſen, die ich mitgebracht, hatte man in mein Zimmer geſtellt. Ihr 309 kurzes, hinfälliges Leben hatte das herrliche, kräftige die⸗ ſes Mannes überlebt, für den ſie beſtimmt waren. Ich ergriff ſie und ging in das Zimmer, wo man die theure Leiche aufgeſtellt hatte. Die traurige Pracht war indeß hergerichtet worden. Das früher ſo heitere Zimmer, das ſo oft von unſrem munteren Geſpräche wiedergeklungen, war mit Schwarz drapirt. Graf Leo lag in ſeinem Sarge auf einer mit ſchwarzem Teppich belegten Erhöhung. Hohe Gueridone mit großen Lichtern ſtanden umher. Doch waren dieſe noch nicht angezündet. Man hatte ein Fen⸗ ſter offen gelaſſen und der Tag ſah zum letzten Male auf dieſe edeln Züge, welche die Hand des Todes noch nicht verändert hatte. Die ſchwarzen Locken kräuſelten ſich noch um die hohe marmorweiße Stirne, um die feinge⸗ bildeten Wangen; der ſchoͤne Mund ſchien zu lächeln. Ich legte die Roſen auf ſein weißes Leichenkleid neben die blaſſe Hand, damit dieſe letzte Gabe trauernder Liebe mit ihr verwelke; ich küßte ſeine kalten Hände, ſeine Stirne und ſagte ihm mit blutendem Herzen Lebewohl, während mein brennender Schmerz endlich ſich in wohlthuende Thränen aufloͤſte. Mein erſtes Geſchäft, als ich mich etwas gefaßt hatte, war, an Erneſtinen zu ſchreiben, damit ihr die unglückliche Nachricht nicht auf eine angreifendere Art bekannt werde. Natürlicherweiſe durfte Niemand weniger, als ihr, die wahre Todesart des Grafen bekannt werden. Aus einigen Zeilen, die ſie mir ein paar Tage darauf als Antwort ſandte, bemerkte ich zu meinem Troſte, daß ſie nicht die geringſte Ahnung von der Wahrheit hatte und ungeachtet ihr Brief einen tiefen und rührenden Schmerz ausdrückte, war dieſer doch nicht von jener ver⸗ zweifelten Heftigkeit, die ſie früher in den Briefen an ihren Liebhaber gezeigt hatte. Den Legationsſekretair, den ich immer für einen ſehr ſtarren und verſteinerten Diplomaten gehalten, lernte ich bei dieſer traurigen Begebenheit von einer weit beſſeren 310 Seite kennen. Er war aufrichtig und herzlich betrübt, und während er mit formeller Wichtigkeit Sorge trug, daß kein Ceremoniel bei dieſer Gelegenheit verſäumt werde, ſorgte er zugleich mit rührender Güte für Alles, was er wußte, daß es dem Todten theuer geweſen; ſeine Dienſt⸗ leute, ja ſogar ſeine Pferde waren Gegenſtand ſeiner freund⸗ lichen Fürſorge. Er ſagte mir, die Leiche des Grafen müſſe nach dem Familiengrabe der Kapelle bei der Kloſter⸗ kirche gebracht werden, welche er ſelbſt vor mir genannt, und da dieſes Kloſter in der Nähe der Stadt lag, wohin ich nach dem Willen des verſtorbenen Freundes reiſen ſollte, ſo ſchlug er mir vor, die Leiche in Geſellſchaft des alten Kammerdieners, der nach ſeiner Heimath zurückkehren wollte, zu begleiten. Ich fand einen ſchmerzlichen Troſt darin, mich dieſem Geſchäfte zu unterziehen. Mit auf⸗ richtiger Rührung nahmen der Legationsſekretair und ich Abſchied von einander. Ein Käſtchen mit einigen Koſt⸗ barkeiten, welches nach einer beſtimmten Adreſſe abgeliefert werden ſollte, wurde dem alten Diener übergeben und mit einem ſchweren zugedeckten Wagen, der die Leiche des Grafen in ſich ſchloß, verließen wir Paris in früher Morgenſtunde, die ſo düſter und nebelig war, wie unſere Stimmung. Langſam ging die Reiſe mit dem ſchweren Wagen vor ſich, der uns bald voran, bald hinter uns fuhr, doch konnten wir meiſt ſein hohles Rumpeln auf dem Wege hören. Wenn wir aus dem einen oder andern Grunde nicht bei Nacht fahren konnten, ſo ſuchten wir, wo irgend möglich, ein Kloſter oder eine Kirche, um die Leiche über Nacht aufzuſtellen. Denſelben Weg war ich vor ſo kurzer Zeit mit ihm gereiſt; im ſelben Reiſewagen ſaß er an meiner Seite, damals fuhr er leicht und raſch dahin, während die Stunden in ſeinem geiſtreichen, freund⸗ lichen Geſpräche verflogen. In demſelben Kloſter hatten wir die Nacht zugebracht, in demſelben Wirthshauſe hatten wir bei Tiſche geſeſſen und eine brauſende Flaſche Cham⸗ pagner geleert, während unſer e Scherze und unſere Lieder 311 noch lauter und hoͤher geſprudelt!— Damals war es Sommer, alles blühte, die Luft war mild und die Nacht hell. Jetzt war es Winter, alles war weiß, die Stürme heulten um uns und die Nächte waren dunkel und lang. Eines Abends, als wir wegen ſchlechten Wetters und Weges nicht mehr weiter reiſen konnten, mußten wir Herberge in einem Dorfwirthshauſe ſuchen. Es war keine Kirche da, wir mußten den Rüſtwagen in eine Scheuer ſtellen. Der Regen ſchlug an die Fenſter der unbehag⸗ lichen Stube, die man mir angewieſen, ich dachte nicht daran, mich in das unreinliche und ſchlechte Bett zu legen. Alle meine ſchmerzlichen Gedanken ſtürmten ſo heftig auf mich ein, daß es mir unmöglich war, im Zimmer zu bleiben; und wie von einer unwiderſtehlichen Sehnſucht getrieben, ging ich in die Scheuer, hob den Deckel von dem Rüſtwagen und ſah in den Sarg. Ich vermochte nicht meinem Schmerze in Thränen Luft zu machen, ich fühlte etwas, was der Verzweiflung glich. Da bemerkte ich, daß ſich etwas in meiner Nähe be⸗ wegte, und bei dem Scheine einer matten Lampe, welche in der Scheuer brannte, ſah ich einen alten ärmlich ge⸗ kleideten Mann, der ſein ſchlechtes Lager hier aufge⸗ ſchlagen, um in der Nähe von ein paar Pferden zu ſein, welche in einem Stalle auf der Seite ſtanden. Sich ſchüttelnd kam er näher und ſah gleichfalls in die Kiſte, indem er ſagte:„Das ſteht gut! Der gute, ſelige Herr ſchläft ſanft! Ja ſelig ſind Die, die in dem Herrn ruhen.“— Es gibt Augenblicke, in welchen ein ſolches Wort von einfältigen Lippen geſprochen uns wie ein dämpfendes Mittel für unſer ſtürmiſches Blut erſcheint, wie ein Wort, das uns nicht blos vom Zufall geſagt wird. So ging es auch mir in dieſer Nacht, die ich nie vergeſſe. Hinſichtlich Erneſtinens traf ich die Veranſtaltung, daß wir uns auf der Reiſe durch Nancy nicht in dieſer Stadt aufhielten, ſondern während der Nacht dieſelbe paſſirten. 312 Wir kamen an Erneſtinens Haus vorbei. Alles war ſtill und dunkel.„Schläfſt Du, arme Erneſtine?“ ſo ſprach ich bei mir ſelbſt:„Sagt Dir kein Traum, keine Ahnung, was mit hohlem und unheimlichem Lärm an Deinem Hauſe vorüberzieht?— Träumſt Du vielleicht, daß der Geliebte in der Stille der Nacht ſich Deinem Zimmer nähert, wie er ſo oft zu Deinem und ſeinem Unglück that?“— Der Prior des Kloſters, welches das Ziel unſerer Reiſe bildete, war von unſerer Ankunft unterrichtet, der Sarg wurde in die Kirche gebracht und beim Altare bis zum nächſten Tage niedergeſetzt, an welchem ſie mit feierlichen Ceremonien in die anſtoßende Begräbnißkapelle gebracht werden ſollte. Ein prachtvolles Zimmer wurde mir im Kloſter angewieſen und auch für den Kammerdiener Sorge getragen. Am nächſten Morgen kamen zwei kleine Knaben mit ihrem Hofmeiſter. Es waren Söoͤhne des früher ge⸗ nannten Bruders von Graf Leo, Kinder ſeiner zweiten Ehe, und ſollten nun dem gänzlich unbekannten Onkel die letzte Ehre erweiſen. Sie kamen mit dem Hofmeiſter zu mir, um einige Entſchuldigungen von ihrem Vater zu⸗ bringen, daß er nicht ſelbſt gekommen. Die Heiterkeit der Knaben, die unter ſolchen Umſtänden natürlich und verzeihlich war, noch mehr aber die pedantiſche Feierlich⸗ keit des Hofmeiſters und manche unzeitige Frage mehrte meine beklommene Stimmung. Unter dem Geläute der Glocken und dem Geſange der Möoͤnche begaben wir uns zur Kirche und begleiteten die edle Leiche in die kleine Kapelle, wo die Aeltern des Grafen ruhten. Mit mancherlei Inſignien prangte das zum Theil verloſchene Wappen auf der ſchimmeligen Wand. Der ſchoͤne Geſang drang mit wehmüthiger Süßigkeit in mein Inneres. Ich kniete mit den frommen Brüdern nie⸗ der und fand es troͤſtlich, mit heißen Bitten die von der Erde fliehende Seele zum Throne der Barmherzigkeit zu begleiten. 313 Als man die Kapelle verlaſſen ſollte, bat ich einen der Moͤnche, ſie offen ſtehen zu laſſen, um noch einige Minuten bei der Leiche bleiben zu koͤnnen. In einer Ecke der Thüre ſah ich ein paar arme Knaben, die dem Zuge gefolgt waren, um Kränze von Blumen und Grünem zu verkaufen, was das mildere Klima gegen den Schluß des Winters bereits bot. Ich kaufte ſie alle, um ſie zum Abſchied auf den Ruheplatz des geliebten Freundes zu legen. Ich wurde auf den zunächſt ſtehenden Sarg auf⸗ merkſam. Er war ziemlich klein; aber mit geſtickten Wappen überladen, deren Gold und Silber in dieſem Aufenthaltsort des Todes ſeinen vergänglichen Glanz ver⸗ loren. Ich näherte mich und las eine lateiniſche Inſchrift, ddie in Verbindung mit manchen glänzenden Titeln und Beinamen einen für mich bedeutungsvollen Namen nannte, nämlich: Maria Niſida Clara Eugenia. Plötzlich erinnerte ich mich, was mir Graf Leo geſagt, und jenes Traumes, in welchem er ſich in dieſem Kloſter an der Seite der einzigen Geliebten ſah. Ach! er war erfüllt, dieſer Traum! Thränen, die ich wohlthuend und mild nennen konnte, floßen an meinen Wangen nieder und netzten die Kränze und Blumen, womit ich den Sarg des Grafen ſchmückte. Auf dem nebenſtehenden hatte ich bereits bemerkt, daß Datum und Jahreszahl von Geburts⸗ und Todestag mit dem feſten Glauben übereinſtimmte, dieſer Sarg berge den ſchönen, irdiſchen Staub der unbekannten Mutter meiner Pflegetochter. Auf dem Deckel lag ein Kranz verblühter V Blumen, der jedoch die Spuren trug, daß er noch nicht lange dagelegen. Ich vertauſchte ihn mit einem friſchen, V indem ich ſagte:„Theure Verſtorbene! Es iſt keine fremde Hand, die Dir dieſen Kranz bietet. Kannſt Du mich von Deinem Paradieſe ſehen, ſo ſiehſt Du gewiß mit freundlichen Augen auf mich nieder.“— Ich überließ mich ganz meiner Schwärmerei, ich dachte an Leos Traum, daß ſeine Niſida ihm ſchweſterlich die Hand gereicht und ſchlang eine lange Guirlande um beide Särge. Als ich da⸗ 314 mit zu Ende war, konnte ich die Kapelle noch immer nicht verlaſſen. Ich ſetzte mich auf die Treppe bei Leos Sarg, lehnte mein Haupt an ihn und weinte mich müde. End⸗ lich kam der Mönch, um mich aus der Kapelle zu rufen, welche geſchloſſen werden ſollte.„Ihr habt bei Eures Freundes Sarge gebetet,“ ſagte er,„und ihn mit Kränzen geſchmückt? Das iſt ſchoͤn! Die heilige Jungfrau troͤſte Euch! Aber ſeht! Ihr habt auch friſche Kränze auf den nächſten gelegt?— Nun, das war gut; ich ſehe, der letzte iſt verwelkt. Der Sarg pftegte der Blumen nicht zu mangeln, aber die Hand, die ihn ſchmückte, kommt nicht mehr hieher und faltet ſich zum Gebete.“ Auf meine eifrige Frage antwortete er, daß eine alte Spanierin, die ſeit mehreren Jahren in der Nähe dieſes Kloſters gewohnt, jede Woche die Kapelle beſucht; aber dieſe Dame ſei kürzlich geſtorben. Er fügte hinzu:„Unſer ehrwürdiger Prior beſuchte ſie in den letzten Tagen, und ſchon morgen wird ein Kloſterbruder auf ſeinen Befehl fortreiſen, um einige Papiere, die ſie dem Prior anvertraut hat, ich weiß nicht wohin, zu bringen.“ Ich machte mehre Verſuche, etwas mehr in dieſer Sache zu erfahren, deren Zuſammenhang mit Niſida ich zu ahnen glaubte. Aber ich erfuhr nichts Näheres. Ich reiſte nun unverzüglich an den Ort meiner nächſten Be⸗ ſtimmung und überlieferte die mir anvertrauten Pakete in die Hände des Herrn, an welchen ſie adreſſirt waren. Mit größter Hochachtung und inniger Freundſchaft ſprach er von Graf Leo, und beklagte deſſen Verluſt. Die Ge⸗ ſchäfte, in die mich der Verſtorbene eingeweiht hatte, waren die Veranlaſſung, daß ich öfter zu dieſem Herrn gerufen wurde und mich deßhalb genoͤthigt ſah, mich längere Zeit in ſeiner Nähe aufzuhalten. Mit warmem Eifer führte er Alles aus, um was ihn Graf Leo gebeten, und er hatte auch die Gnade, mir die Hoffnung auf eine Anſtellung im Dienſte ſeines Landes zu geben; aber die Sehnſucht nach meinem Vaterlande war auf eine ſolche 31⁵ Hohe geſtiegen, daß ich die Stunden zählte, bis ich dieſes und meine Nächſten wiederſehen ſollte; ich überließ mein Schickſal der Vorſehung und begab mich auf die Heimreiſe, nachdem ich Alles gethan, was ich mit Graf Leos letzten Wünſchen für übereinſtimmend hielt. In Hamburg fand ich zwei Briefe aus der Heimath. Der eine hatte mich bereits vergebens in Paris ge⸗ ſucht und war mir nachgeſandt worden. Begierig öffnete ich ſie zugleich und ſah, daß ſie beide von meinem Onkel waren und nur einige Zeilen von meiner Mutter und Niſida enthielten. Ich durchlief die erſten und letzten Linien des Jüngſten; da ich jedoch daraus zu erſehen glaubte, daß Alles wohl ſei, ſo las ich ſie nach der Ord⸗ nung und nahm den älteſten zuerſt: der Brief war von köſtlichem Inhalt. Ich hatte den Poſten erhalten, um den ich angeſucht.— Die Freude meiner Mutter bei der Hoffnung, mich bald wieder zu ſehen, Niſidas wenige, aber ſüßen Worte ließen die lange vermißte Freude in meinem Herzen wieder einziehen. Ehe ich Paris verließ, hatte ich meinen Verwandten in der Kürze meine bevorſtehende Reiſe gemeldet und ihnen ſelbſt vorgeſchlagen, mir keinen Brief zu ſenden, ehe ich ſie von meinem Aufenthaltsorte näher unterrichtete. Zwiſchen dieſen zwei Briefen lag deßhalb ein Zeitraum von einigen Monaten, und der Letzte war über vierzehn Tage alt. Aber was ſchildert mein Erſtaunen, als ich aus dem letzten ſo ganz uner⸗ wartete Neuigkeiten erfuhr! Niſidas Herkunft war entdeckt, und ihr Vater, ein franzöſiſcher Baron, von ihrer Exiſtenz und ihrem Aufenthaltsorte unterrichtet, war nach Kopen⸗ hagen gekommen, und hatte ſie mit Entzücken als ſeine Tochter anerkannt. Es war mit wenigen Zuſätzen dieſelbe Geſchichte, die mir Graf Leo erzählt hatte. Der Baron, in ſeiner Jugend arm und vaterlos, an einem deutſchen Hofe von Verwandten auferzogen, von denen er abhängig war, konnte ſich keine Hoffnung machen, die Einwilligung des Vaters von Nifida zu einer Verbindung mit ſeiner 316 Tochter zu erhalten. Er glaubte indeſſen, ſich dieſe zu erzwingen, wenn er die Geliebte vermöchte, ſich heimlich von einem proteſtantiſchen Geiſtlichen mit ihm trauen zu laſſen. Er ſelbſt war Proteſtant, und Niſfida, welche vor dem Kloſter zitterte, war nicht ſonderlich eifrig für den katholiſchen Glauben, in welchem ſie erzogen war. Sie willigte in den Plan ihres Geliebten, und als ſeine Frau machte ſie ſich keine Scrupel, die ihr blind ergebene Duenna, die alte Mariquita für ihre Liebe zu gewinnen und mit Hülfe dieſer die nächtlichen Beſuche ihres Gatten in ihrem eignen von dem übrigen Hauſe entfernten Zimmer zu empfangen. Der Lärm, welcher durch den Kampf des Barons und des Grafen Leo verurſacht wurde, führte zur Entdeckung. Es war nicht ſchwer für einen Mann in der Stellung des Miniſters mit ſeinem Einfluß eine Ehe aufzuhe⸗ ben, welche den katholiſchen Geſetzen zu Folge ungültig war. Der Baron wurde von ſeinen Verwandten entfernt, und der grauſame Spanier zwang die zwar heftige, aber eben ſo furchtſame Niſida, ihre Hand dem von ihm beſtimmten, ihr verhaßten Bräutigam zu geben, worauf er ſogleich nach der Vermählungszeremonie mit ſeiner Tochter fort⸗ reiſte. Erſt nachdem ſie ein paar Monate in Kopenhagen angekommen, entdeckte die unglückliche Niſida, daß ſie guter Hoffnung ſei. Durch Mariquita's gewandte Liſt gelang es, dieſen Zuſtand zu verbergen. Doch war der Vater nicht ganz frei von Mißtrauen, ſondern rief einſt Mariquita zu ſich und erſchreckte ſie und Niſida mit den gräßlichſten Drohungen, wenn ihm etwas Derartiges be⸗ kannt würde. In dieſer bangen Zeit traf ploͤtzlich der Baron bei den erſchrockenen Frauen ein. Es war ihm endlich gelungen, heimlich ſeiner verloren Geliebten nach⸗ zureiſen. Nur ein einziges Mal genoß der Unglückliche den Troſt, mit ihr zu ſprechen; aber bei dieſer einzigen Zuſammenkunft verabredeten ſie, daß das Kind, das ſie erwarteten, ſogleich ſeinem Vater übergeben werden ſolle, der es mit nach ſeinem Vaterland nehmen wollte, wo er 317 jetzt eine Stellung zu finden hoffte. Der Baron hegte die groͤßte Erbitterung gegen die Kirche, die es möͤglich gemacht, ſeine Che zu brechen, und Niſida, welche ſeinen Anſchauungen einigermaßen huldigte, gab ihre Einwilli⸗ gung, daß das Kind in der proteſtantiſchen Lehre erzogen werde. Das kleine Mädchen wurde heimlich geboren, ihr Vater in aller Stille davon unterrichtet, und ihm Zeit und Ort beſtimmt, wo Mariquita ihm das Kind übergeben ſollte. Aber in der Nacht nach der Geburt ſtarb plötzlich die von Kummer und Angſt entkräftete Mutter. Der Baron, der immer um ihre Wohnung her ſpionirte, erfuhr bereits am frühen Morgen ſein Un⸗ glück und war ſo angegriffen davon, daß er kaum ſeine Wohnung erreichen konnte, als ihn ein hitziges Fieber ergriff und aller Beſinnung beraubte. Mariquita, vom Schmerze betäubt, ängſtlich und erſchöpft, traf an dem zum Stelldichein beſtimmten Orte einen Menſchen, deſſen Geſtalt und Mantel dem des Barons glich und übergab ihm das Kind ohne die geringſte Ahnung eines Irrthums. Schon am nächſten Tage rief ſie den Pater Bernhard, und erleichterte ihr Gewiſſen, indem ſie den Antheil beich⸗ tete, den ſie an der Verbindung ihrer verſtorbenen Herrin mit einem Proteſtanten und der Uebergabe deſſelben an ihn hatte. Der Pater, welcher ſpäter aus unſern Be⸗ kanntmachungen erfuhr, daß das Kind in fremde Hände gefallen war, und der ſich Aufklärungen verſchaffte, wo es ſich befand, unterrichtete die erſchrockene Mariquita von der Wahrheit. Aber die Angſt vor der Entdeckung des Geheimniſſes, die Sicherheit des Kindes, eine ſchwache Hoffnung, es möglicherweiſe auf dieſe Art für die recht⸗ gläubige Kirche zu retten, und endlich die Unmöglichkeit, es für den Augenblick in die Hände des Barons zu ſchaf⸗ fen, all' dies bewog Mariquita, dem Pater Verſchwiegen⸗ heit wegen des im Beichtſtuhl Anvertrauten aufzuerlegen, bis ſie ſelbſt oder ihr Tod ihn von ſeinem Eide erlöͤſe. Schon nach kaum drei Wochen verließ Niſida's Vater 318 Kopenhagen mit Mariquita, welche ſich ſpäter in der Nähe des Kloſters niederließ. Wenige Tage, ehe ſie Ko⸗ penhagen verließen, hatte der Baron, welcher jetzt erſt zur Beſinnung gekommen war, einen Boten an Mariquita geſandt und ſie erſucht, zu ihm zu kommen. Das wagte ſie nicht, ſondern ſandte ihm einen Brief, worin ſie ihn verſtehen ließ, daß das Kind todt ſei, ohne dies jedoch ausdrücklich zu ſagen; ſie bediente ſich nämlich des Aus⸗ druckes:„das Kind iſt verloren wie die Mutter.“ Ganz kurze Zeit darauf reiſte auch der Baron. Der gute Pa⸗ ter, in deſſen Macht es eigentlich nicht ſtand, etwas von dieſem Geheimniß zu entdecken, unterrichtete ſich indeſſen von des Barons Wohlfahrt und folgte ihm mit Liebe. Bei dem Herannahen des Todes hatte Mariquita alles dem Prior anvertraut, und ihm einen Brief an den Ba⸗ ron dietirt, in welchem ſie ihm berichtete, was ſie wußte, und ihn wegen des Näheren auf den Pater Bernhard verwies. Der Baron war indeſſen ein reicher Mann ge⸗ worden, hatte ſich auf ſeinen Gütern an der belgiſchen Grenze niedergelaſſen, ſich vor mehreren Jahren verhei⸗ rathet und war Vater zweier Söhne. Doch hatte er ſeine Jugendliebe nicht vergeſſen. Bei der Nachricht von dem Daſein ſeiner Tochter, ſchrieb er ſogleich an Pater Bern⸗ hard, zitternd vor dem Gedanken, ihren Tod zu erfahren, und kaum hatte er des Paters zufriedenſtellende Antwort erhalten, als er unverzüglich nach ihrem Aufenthaltsorte reiſte. Der erwähnte Ring, welcher wirklich geöffnet wer⸗ den konnte, enthielt beide Namen der Eltern: doch hatte der Baron geäußert, daß dieſer Beweis gering ſei gegen den weit ſprechenderen, welchen Niſida's ganzes Weſen ſelbſt bot. Ihre auffallende Aehnlichkeit mit ihrer Mutter war ſo außerordentlich, daß der Baron bei ihrer erſten Bewegung wie von einem elektriſchen Schlage berührt wurde, und mit einem Entzücken, das die Erinnerung des Liebenden und die Zärtlichkeit des Vaters in ſich zu ſchlie⸗ ßen ſchien, nicht müde werden konnte, ſie zu betrachten. 319 Er hatte ſich in der Eile in dem erſten Hötel der Stadt mit ſo großer Eleganz eingerichtet, als es die Umſtände zuließen, um ſogleich ſeine Tochter bei ſich aufzunehmen, deren Aufenthalt in ſeinem Hauſe er während der kurzen Zeit nicht entbehren wollte, die er in Kopenhagen zu⸗ bringen konnte, denn nach ſeiner Heimath wollte er ſie aus Gründen nicht mitnehmen, die mir mein Onkel in dieſem Briefe näher mittheilte. Er ſchrieb:„Dieſer Ba⸗ ron iſt ein Mann ganz nach meinem Sinne, geſetzt und verſtändig; etwas heftig und auffahrend ſcheint er zwar zu ſein, aber das ſchadet unſerm verzogenen Mädchen nicht. Er kann nicht müde werden mit ſeinen Dankſa⸗ gungen für die Güte unſerer Familie gegen ſein verlaſ⸗ ſenes Kind. Als er zum erſten Male zu Deiner Mutter kam, fiel er auf die Kniee vor ihr und dankte ihr mit einer ſolchen Heftigkeit, daß ſie ganz bange und verlegen wurde. Geſtern beſuchte er mich und ſprach vertraulich mit mir. Er hat ſeiner Frau Alles erzählt; aber will doch ſeine Tochter nicht zu ihr und ſeinen jüngern Kindern bringen. Dagegen will er Niſida als ſeine Tochter aner⸗ kennen, ohne ihre Mutter zu nennen, und ihr ein bedeu⸗ tendes Capital als ihr väterliches Erbe ausbezahlen. Zu alledem hat er mich mit den nöthigen Vollmachten ſeiner Regierung verſehen. Er wird ab und zu herüber reiſen, um ſich des Umgangs ſeiner Tochter zu erfreuen und wünſchte von ganzem Herzen, ſie zu verheirathen, ehe er ſie verläßt, um ſo ihre Zukunft geſichert zu ſehen. All' dies finde ich wohl bedacht und verſtändig. Er iſt außerordentllch erfreut darüber, daß ſie in unſerer luthe⸗ riſchen Lehre erzogen iſt, denn er haßt die Papiſterei noch mehr, als ich. Aber Niſida iſt ein eurioſes Kind, das zeigt ſich bei dieſer Gelegenheit. Pater Bernhard mel⸗ dete uns zuerſt die Ankunft dieſes unbekannten Vaters. Er brachte ſeinen Brief und theilte den oben erwähnten Bericht von Niſida's Herkunft mit. Ich war dabei und hatte bange für das Mädchen; mit ſo geſpanntem, beinahe 320 fieberhaftem Ausſehen hörte ſie auf ihn. Aber nun wirſt Du mir Recht geben in dem, was ich ſo oft von des Paters Einfluß auf ihren kindlichen Sinn geſagt: wo die Schwärmerei mal Eingang gefunden, da iſt es ſchwer, Mäuſe und Ratten zu vertreiben. Was meinſt Du, daß ſie am meiſten in der Geſchichte ihrer Eltern rührte? Der Umſtand, den der Pater hervorhob, daß ihre Mutter ohne Beichte und Sakrament geſtorben. Darüber weinte ſie ganze Stunden. Als ſie ihren Vater erwartete, war ſie ſo angegriffen von ungeduldiger Sehnſucht, daß ſie kaum die Kraft hatte, ihn zu empfangen. Sie waren beide wie außer ſich bei dieſer erſten Begegnung; aber ſpäter ſagte ſie, daß ſie ſich ihren Vater nicht ſo gedacht. Da er ein ſchöner Mann mit einer freundlichen Phyſio⸗ gnomie war, fragten wir ſie nach ihrer Meinung und ſie ſagte: Sie habe ſich ihn als Ritter gedacht.— Als er am Tage darauf kam, um ihr vorzuſchlagen, bei ihm zu wohnen, wollte ſie das nicht gerne und nur die Vorſtel⸗ lungen Deiner Mutter konnten ſie vermoͤgen, ihr Haus zu verlaſſen. Sie ging mit manchen Thränen, obwohl es ausgemacht war, daß ſie ihre alte Heimath täglich be⸗ ſuchen ſollte. Aber ſchon am nächſten Morgen war ſie berauſcht vor Freude, wie im dritten Himmel über all' ihre neue Herrlichkeit, über die prachtvoll eingerichteten Zimmer, die hübſche Equipage und die nette Kammer⸗ jungfer, des vielen Staates und des reichen Schmuckes nicht zu gedenken, den ihr ihr Vater geſchenkt. Von dieſem Kram ſchleppte ſie eine ganze Ladung in dem Wagen mit, um ihn Deiner Mutter zu zeigen; ſie konnte den Mittag nicht erwarten, an welchem ſie und wir An⸗ dern bei ihrem Vater ſpeiſen ſollten. Das Mädchen war rein verrückt.“. Mir ward wunderlich zu Muthe bei dieſen Neuig⸗ keiten. Ich ſagte mir ſelbſt vergebens, daß ich mich über eine ſo glänzende Wendung in Niſidas Schickſal freuen ſollte; aber ich vermochte meinen egoiſtiſchen Schmerz 321 über die verfallenen Luftſchloͤſſer, die ich aufgeführt, nicht zu überwinden. Allzu anziehend war mir die Vorſtellung, daß ich der brüderliche Beſchützer dieſes Mädchens wer⸗ den, und daß ſie von Niemand abhängig ſein ſollte, als von mir und meiner Mutter. Ich hatte nicht Zeit, dieſe Sache in meinem Sinne zu verarbeiten, denn ſchon am ſelben Tage lief ein neuer Brief ein, wodurch das Letzte ſchlimmer wurde, als das Erſte. Mein Onkel unterrichtete mich davon, daß Niſida halb und halb mit dem erwähn⸗ ten jungen Grafen verlobt ſei. Es ſcheine allerdings, als ob ſie nicht ſehr geneigt zu dieſer Partie wäre.(Das nannte Onkel lauter Coquetterie und Launen, da ſie früher, ehe ſich der Graf erklärt, ſeine Liebe aufgemuntert.) Er hatte foͤrmlich um ihre Hand angehalten, und der Vater wünſche von Herzen dieſe Partie, da ihm der Zug bei dem Gra⸗ fen gefalle, daß er um Niſida gefreit, während ihre Her⸗ kunft noch unbekannt und kein weltlicher Vortheil durch eine Verbindung mit ihr zu gewinnen geweſen. Dieſen Um⸗ ſtand hatte Frau Beate, als des Grafen Vertraute, be⸗ zeugt. Dieſe Frau, von der mein Onkel nun eine beſſere Anſicht gewonnen, war ſehr thätig in dieſer Angelegenheit. Sie war jetzt täglicher Gaſt im Hauſe des Barons und hatte ihre Zuflucht zu dem Einfluſſe meines Onkels und meiner Tante auf Niſida genommen. Sie hatten ſie alle mit Bitten und Vorſtellungen beſtürmt, der junge Liebhaber hatte geweint und ſich den Tod gewünſcht. Endlich hatte Niſida nachgegeben, aber noch immer nicht ein wirkliches feierliches Gelöbniß ausgeſprochen; ſondern er⸗ klärt, daß ſie nichts Derart ohne meine Zuſtimmung thun koͤnne; ich ſei bisher ihr Vater und Bruder gewe⸗ ſen und ſie wolle meine Heimkehr abwarten. Meine Mut⸗ ter hatte im ſelben Tone geſprochen, und ſchien für dieſe Partie nicht günſtig geſtimmt, während mein Onkel die großen Vortheile einleuchtend zu machen ſuchte, überzeugt davon, daß ich, wie er, Gott für den glücklichen Ausgang Novellen. II. 21 322 danken werde, welchen dieſer räthſelvolle Roman ge⸗ nommen. Außer mir vor Unwillen, warf ich den Brief weit von mir und fuhr wie ein Wahnſinniger im Zimmer auf und ab, während ich ein Glas um das andere über meine fieberglühenden Lippen ſtürzte. Dieſer flaue, ſtolze Graf, Niſidas Bräutigam! meine Niſida! Mein? Wie mein? Meine Schweſter. Ich begann mit mir ſelbſt zu Rathe zu gehen. Nie war es mir eingefallen, daß ich andere Ge⸗ fühle nährte, als die rein brüderliche Liebe für dieſes Mädchen, das mir als ein Kind von neun Jahren ein kindlich liebevolles Lebewohl geſagt. Ich mußte nun vor mir ſelbſt geſtehen, daß ich ſie mir ſeit Jahren nie anders gedacht, denn als die erwachſene, bezaubernde Jungfrau, die mir ſo oft beſchrieben wurde, und daß das Bild ihrer Mutter, der von Graf Leo ſo lebendig geſchilderten, ſo väterlich angebeteten Gekiebten, in meiner Phantaſie mit dem Bilde ihrer Tochter zuſammengeſchmolzen, ja, daß die Liebe meines verlorenen Freundes gleichſam in meine eigene Seele übergegangen war. Bei näherer Ver⸗ folgung dieſes Gedankenganges, ſchämte ich mich meiner ſelbſt, ich fühlte, welch' phantaſtiſche, für meine fünf⸗ unddreißig Jahre unpaſſende Schwärmerei ſich meiner bemeiſtert hatte, ich ſagte mir ſelbſt, daß das ideale Bild meiner Pflegeſchweſter vielleicht ebenſo wenig mit der Wirklichkeit übereinſtimme, als das, welches Niſida ſelbſt ſich von ihrem noch unbekannten Vater gebildet. Durch dieſe Betrachtungen glückte es mir, meinen empörten Sinn in's Gleichgewicht zu bringen und es erſchien mir leicht, nur als älterer Bruder mich mit dem Schickſal meiner jungen Schweſter zu beſchäftigen. Ich kam Abends in meiner Vaterſtadt an und betrat mit unbeſchreiblichen Gefühlen die alte, wohlbekannte Helmath, wo ich meine geliebte Mutter allein und ent⸗ zückt über mein Wiederſehen fand. Alle alten und neuen Sorgen verſtummten an dieſem glücklichen Abend, als 323 ich nach ſo langer Abweſenheit wieder in vertraulichem Geſpräche mit ihr ſaß und die wunderbare Kraft fühlte, womit dieſes erſte, natürlichſte und ſicherſte aller menſch⸗ lichen Bande jedes fühlende Herz umſchlingt. Es war mir nie zuvor eingefallen, daß das vertrauliche Verhältniß zwiſchen dem Grafen Leo und mir eigentlich nicht voll⸗ kommen gegenſeitig war; meine untergeordnete Stellung, die Verſchiedenheit mancher unſerer Anſichten mußte mir eine Zurückhaltung eingefloͤßt haben, der ich mir nun erſt in dieſer Stunde bewußt wurde; denn nun fühlte ich, daß ich zum erſten Male ſeit mehr als ſieben Jahren mein Herz ausgoß, gewiß auch verſtanden zu werden. Meine Mutter ſagte mir, daß Niſida ſich hatte überreden laſſen, dem Graſen ein, freilich nur bedingtes, Ja zu geben und fügte hinzu, daß ſie ihrerſeits viel gegen dieſe Parthie und gegen den Grafen ſelbſt habe; ſie hoffte, daß ich durch meinen Einfluß dieſes Unglück von der ge⸗ liebten Niſida abwende, obgleich ſie zugeſtehen mußte, daß ein ſolches Vornehmen Schwierigkeiten haben werde, 1 rt den Forderungen der Delicateſſe beinahe unverein⸗ ar ſei.. Am folgenden Tage kam der Onkel ſchon früh Morgens; kurz darauf kam auch der junge Graf und bat ſich meine Zuſtimmung aus, welche Niſida zur Bedingung bei ihrem entſcheidenden Ja gemacht. Dies ſagte er indeß mit einer unangenehmen Dreiſtigkeit und miſchte in ſeine Rede einen gewiſſen ſatyriſchen Ton, indem er ſagte, daß ihr wirklicher Vater dieſe Verbindung wünſche, er alſo hoffe, daß ich, den Niſida als ihren zweiten Vater be⸗ trachte, was ich nach meinen Jahren auch wohl ſein könnte, mich ſeinem Glücke nicht widerſetzen werde, um ſo weniger, als ich ja ſelbſt ſein Mentor geweſen und an den Platz getreten, den ſein verſtorbener Vetter ihm zu⸗ gedacht.— Ich ließ mich nicht weiter mit ihm ein und vergab ihm ſeine ungezogenen Bemerkungen, da ich aus Allem, was er ſagte, zu bemerken glaubte, daß ein Ge⸗ fühl von Eiferſucht wegen Niſidas Erinnerung an mich, ihm eine Bitterkeit gegen meine Perſon einflößte. Kurz nach ſeinem Weggang kam der Baron mit ſeiner Tochter. Ni⸗ ſida flog mir entgegen, aber kaum einen Schritt von mir blieb ſie ſtehen. Sie ſah mich ernſt an, dann ſchlug ſie ihre Augen nieder und blieb wie verſteinert ſtehen, wäh⸗ rend eine Purpurroͤthe ſich uͤber Geſicht und Hals ergoß. Auch ich blieb ſtumm und wie von einem Zauberſtab berührt ſtehen, denn ſie erſchien mir wie eine ſichtbare Offenbarung meiner idealen Phantaſie; ſo ganz glich ſie dem Bilde, das die Erinnerung an ihre kindlichen Züge, vereint mit meinen ſpäteren Vorſtellungen in meiner Seele hervorgezaubert. Ich dachte an Graf Leos Wort von der weißen Roſe und dem heiligen Bild in Sais. Endlich wagte ich, ihre Hand zu ergreifen und einige Worte her⸗ vorzuſtammeln, von welchen ich blos weiß, daß ich ſie meine theure Schweſter, nannte. Sie erhob die großen funkelnden Augen, wandte ſich an meine Mutter und ſagte:„Aber, liebe Mutter! Iſt das wirklich Dein Sohn? mein früherer Bruder Otto?“— Meine Mutter ant⸗ wortete lächelnd:„Haſt Du ihn ſo ganz vergeſſen?“— „Ja, wenn er damals ſo ausſah, wie jetzt: ich muß ihm eine andere Geſtalt in meiner Erinnerung geliehen haben.“—„Ja, liebe Niſida!“ antwortete ich,„die Zeit iſt ein ſchlimmer Feind des friſchen Blumenflors der Ju⸗ gend, ſie nimmt jeden Tag ein Blatt und in traurigen Tagen nimmt ſie eine ganze Blume.“—„Nein, das war nicht ſo gemeint,“ ſagte Niſida verlegen. Der Baron unterbrach dieſes kurze Geſpräch. Er drückte meine Hand mit Thränen in den Augen und überhäufte mich mit Dankſagungen und Wünſchen, mir etwas Angeneh⸗ mes erweiſen zu können. Ich mußte die Worte meines Onkels beſtätigen: es war ein hübſcher Mann, mit noch jugendlichem Ausſehen und mit einer ſeltſamen Miſchung von weichem, überſtroͤmendem Gefühl und auffahrender Heftigkeit, von beiden Seiten ſah ich Beweiſe bei dieſer 1 unſerer erſten Begegnung, denn als Niſida äußerte, daß ſie ihn nicht in die vornehme Geſellſchaft, zu welcher fie eingeladen waren, begleiten, ſondern bei meiner Mutter bleiben wollte, wurde er hitzig, und erſchreckte ſeine Toch⸗ ter, welche ihren Beſchluß ſogleich geändert haben würde, wenn ſich meine Mutter nicht dazwiſchengelegt und ſich Niſidas Geſellſchaft für dieſen Tag ausgebeten hätte. Der Baron wurde ſogleich wieder gut, gab ſeine Ein⸗ willigung zu dem Wunſch der Damen und ging mit größter Geduld allein fort. Als er weggegangen, beklag⸗ ten wir alle Drei, daß ich nicht zu Hauſe bleiben konnte, da ich mit einem Vorgeſetzten Geſchäfte hatte, welcher mich eingeladen, bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Eigentlich wußte ich ſelbſt nicht, ob es mir lieb oder unlieb war, mich zu entfernen. Ich mußte mich ſetzen. Mein Auge ſiel auf Niſida. So viel ſie auch meinem Bilde von ihr glich, ſo verſchieden war die äußere Umgebung von dem, wie ich ſie mir vorgeſtellt. In meinen Gedanken hatte ich die ſchweſterliche Freundin an der Seite meiner Mut⸗ ter als eine liebe, beſorgte Tochter in anſpruchsloſem und häuslichem Gewande geſehen; und nun ſtand ſie vor mir als eine vornehme Dame, in all' der Pracht, welche Mode und Luxus erfinden können, ſtrahlend von Diamanten⸗ ſchmuck: daß ſie, ſo wie ſie hier ſtand, das Schönſte war, was ich geſehen, das ſagte ich mir wohl ſelhſt, aber dennoch mißfiel mir dieſe Pracht. Sie ſchien mir zu ſehr geputzt— Alles zu ſehr auf den Effect berechnet, und es ſchmerzte mich, daß ſie ſich ſo zum erſten Male vor ihrem Jugend⸗ freund in ſeiner einfachen, beſchränkten Heimat zeigte, wo ſie in der Stille zwiſchen beſſeren Schätzen, als all dem eiteln Mammon aufgewachſen. So ſprach ich mit mir ſelbſt, mißvergnügt und übel geſtimmt, während ich zerſtreut und wunderbar bewegt an den beſtimmten Ort ging, wo ich nur mit Mühe meine Gedanken zu ſammeln im Stande war. Als ich nach Hauſe kam, war Niſida fort. Meine 326 Mutter erzählte mir, daß das heftige Mädchen, als ſie allein mit ihr war, ſich in ihre Arme mit dem Ausrufe geworfen:„O, Mutter! Iſt das Otto? Welch' edles Ausſehen, welcher Ausdruck in ſeinen Augen! welche Züge um ſeinen Mund! welche Stimme! Ja ſo dachte ich mir meinen Vater, aber älter. Nein, ſo ſieht Niemand aus, als Dein Sohn!“— Wie wenig ich auch von dieſen Lobeserhebungen verdiente, ſo fühlte ich mich doch ſo un⸗ ſäglich glücklich über den unverſchuldet günſtigen Eindruck, den meine Perſon auf Die gemacht, die meine Gedanken erfüllte, daß ich mich ganz der unvernünftigen Freude darüber hingab, und als Niſida am nächſten Tage wieder kam, ging ich ihr mit weit größerer Faſſung und Herz⸗ lichkeit entgegen. Sie ſelbſt war auch freier. Sie war den ganzen Tag einfach gekleidet, in einem weißen Rocke ohne allen Schmuck. Wir ſaßen vertraulich zuſammen mit meiner Mutter, ſo wie ich es mir ſo oft gedacht; aber ihre kindliche Freude, ihre Liebenswürdigkeit übertraf alle meine Träume. Die Guttarre, die ſie in meiner Mutter Haus beſeſſen, und welche nun in der neuen Hei⸗ math mit einem koſtbaren Inſtrumente vertauſcht war, hing noch an der Wand. Nach meiner Mutter Wunſche nahm ſie den alten armen Freund, der wieder aufzuleben ſchien, als er in ihrem Arme ruhte und mit ſeinen Tönen ihren wunderbar ſchönen Geſang begleiten durfte,„ent⸗ zückend,“ ſchrieb einmal mein Onkel,„für Aug und Ohr.“ Ja entzückend waren dieſe Töne, dieſe leidenſchaftliche Liebe, dieſe ſtille Wehmuth, dieſe nächtliche Ruhe, welche die verſchiedenen Romanzen ausſprachen, entzückend war der Anblick der Sängerin ſelbſt, die in ihrem weißen Kleide mit der dunkeln Guitarre in dem runden Arme, mit glühenden Wangen, umſchwebt von den weichen dun⸗ keln Locken daſaß, und verlockend waren die lieblichen Züge, welche die ſingenden Lippen bildeten. Ich ſaß, in den unbeſchreiblich ſuͤßen und tiefſinnigen Genuß verſun⸗ ken da; meine ganze Seele ſog ihr Bild, ihre Töne ein, — 3²7 und die ganze darauffolgende ſchlafloſe Nacht war ein Echo dieſes Geſanges mit dem unterlegten Texte einer Betrachtung, die ich oft von Graf Leo gehoͤrt, nämlich: „Amor iſt ein unvernünftiges Kind, das keine Raiſon annimmt; was kann es helfen, daß alle vernünftige Leute ſich in Streit mit ihm einlaſſen.“— Ich ſagte zu mir ſelbſt:„Ich will mein armes Herz Frieden haben laſſen; keine Macht kann mir verbieten, ſie zu lieben, ihr Bild in meiner Seele zu tragen, wie Leo das ſeiner Mutter trug; aber mit kaltem Blute und Ueberlegung zu han⸗ deln, wie ein treuer Bruder, das fordert meine eigne Ehre und die Pflicht, mit keiner zweideutigen Handlung das gewiſſenhaft geübte Liebeswerk zu beſchämen.“ Täglich ſah ich nun Niſida, bald zu Hauſe bei mei⸗ ner Mutter, bald bei ihrem Vater, der mich beſtändig einlud und keine Gelegenheit unbenützt lies, durch die er meiner Mutter und mir ſeine freundliche Geſinnung an den Tag legen konnte. In ſeinem Hauſe traf ich beinahe immer den Grafen, der ſich alle Mühe gab, Niſida für ſich zu gewinnen: die Art und Weiſe, wie er dies that, erſchien mir ſehr außdringlich. Sie ſelbſt ſchien ihm auszuweichen und gab ihm nicht die geringſte Aufmun⸗ terung. Mir dagegen zeigte ſie eine auffallende Aus⸗ zeichnung. In ihren Augen, in ihrer Stimme war etwas ſo Zartes, Liebevolles, und doch zugleich Verſchämtes, daß ich nicht ganz aufrichtigen Herzens den Gedanken von mir abwehren konnte, den die Bemerkungen meiner Mut⸗ ter täglich bei mir nährten: daß Niſida mich liebe. Ihr Vater und der Graf hatten mich mehre Mal aufgefor⸗ dert, die Clauſel zu erfüllen, welche ſie als Bedingung an ihre Verbindung mit dem Grafen geknüpft. Ich ant⸗ wortete ſtets, daß ich erſt mit Niſida ſprechen müſſe, aber weder ſie, noch ich ſchienen das Wort zu einem ſolchen Geſpräche finden zu konnen. Es geſchah indeß eines Abends, als wir belde allein mit meiner Mutter waren, daß der Graf uneingeladen kam und Viertermann in 328 unſrem kleinen Kreiſe ſein wollte. Willkommen war er zwar keinem von uns, doch empfingen ich und meine Mutter ihn mit größter Höflichkeit. Niſida dagegen war ſo ungnädig gegen ihn, und zeigte ihm ſo deutlich, daß er hier überflüſſig ſei, daß er es ſelbſt merkte und erzürnt fortging. Bei dieſer Gelegenheit kam es wie von ſich ſelbſt zu einer Entſcheidung, denn Nlfida erklärte in heftiger Bewegung, daß ſie dieſen Grafen durchaus nicht leiden möge, daß die Wünſche ihres Vaters, Frau Beatens Drängen, die Vorſtellungen des Onkels und noch mehr der Tante, welche ihr ernſtlich und liebe⸗ voll ihr eignes Beiſpiel vorgehalten, daß alles Dies auf ihr allzugefühlvolles Herz eingewirkt; namentlich hatten ſie die Thränen und die Verzweiflung des jungen Mannes gerührt.„Es ſchien mir,“ ſagte ſie,„ſo gräßlich zu ſein, einen Menſchen zum Lohn für ſeine Liebe, die er ſo lange für mich an den Tag gelegt, unglücklich zu machen. Ich konnte es deßhalb nicht über mich gewinnen, nein zu ſagen: aber ich habe eben ſo wenig Ja geſagt. Ach! ich glaube beinahe, daß ich, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, falſch genug war, eine Ausflucht zu ſuchen, und die Hoffnung zu nähren, Du werdeſt, lieber Otto, Deine Zuſtimmung verweigern: und darum bitte ich Dich inſtändig, es iſt das Einzige, was mich retten kann. O ich weiß es wohl! ich habe ſchlecht gehandelt, aber ich war damals noch ſo kindiſch. Es iſt mehr als ein Monat, doch ſeit jener Zeit bin ich ein anderer Menſch geworden, ein neues Licht iſt in meiner Seele aufgegangen. Ich fühle die Wahrheit der Worte des Pater Bernhard:„„Die Herr⸗ lichkeit der Welt iſt ein leerer Schein, der uns mit einem Lohne verlockt, den er nicht geben kann.““ Als mein Vater mich in all' den fremden Glanz und Lurus ver⸗ ſetzte, da war ich von Freude berauſcht. Ich wollte alles thun, was ein ſo liebevoller, liebenswürdiger Vater wollte; ich fühlte mich durch die große Liebe des Grafen zu mir geſchmeichelt; ja vielleicht... Zur Suhnung meiner 329 Sünde will ich alles bekennen!.... Vielleicht lag eine häßliche Eitelkeit im Hintergrunde. Es ſchien mir prächtig, eine Gräfin zu ſein, eine reiche, vornehme Dame. Frau Beate ſagte von alle Dem ſo viel zu mir. Sie liebt mich, ſie war ſo gut gegen mich; was ſie ſagte, war gut gemeint und ich war damals ein Kind. Ach Gott! nun will ich lieber ſterben, als den Grafen hei⸗ rathen; ich bin meiner neuen Heimath herzlich müde. Ich liebe meinen Vater, das weiß Gott! wäre er doch ein einfacher und unvermoͤglicher Mann: ſo wär' ich bei Mutter und bei Otto geblieben. Dürfte ich hieher wie⸗ der zurückkehren, wie glücklich wäre ich. Alle meine Gedanken Tag und Nacht und all' mein Sehnen gilt dieſer theuren Heimath.“ Die Thränen brachen den Schluß dieſer Rede ab, deren Wirkung auf mein Herz ich nicht zu beſchreiben brauche. Doch ſtellte ich Niſida vor, wie ſchwierig es für mich ſei, als ein Stein des Anſtoßes vor ihren Vater zu treten, daß ich mich in dieſem Falle nothwendig auf ihren eignen Willen berufen müßte, und ich es deßhalb mit ihrer kindlichen Pflicht überein⸗ ſtimmend fände, daß ſie ſelbſt vertraulich ihr Herz ihrem Vater öffne. Das dürfte ſie nicht, antwortete fie; ihr Vater ſei der beſte und liebevollſte Mann, aber ſo heftig, wenn er boͤſe werde, daß ſie vor ihm zittere. Ich dürfte wohl ſagen, daß ſie ſich meiner Mutter und mir anvertraut, aber bei dem Geſpräche ſelbſt möchte ſie nicht zugegen ſein. Wunderlich genug, obwohl in einer an⸗ dern Geſlalt, wiederholte ſich hier mein früherer Streit mit Beaten. Ich dachte daran und ſchwieg. Nach einer kurzen Pauſe nahm Niſida meine Hand und ſagte mit unbeſchreiblichem Ausdrucke:„Koͤnnteſt Du mich mit die⸗. ſem Grafen verheirathet ſehen?“—„O Niſida!“ rief ich, indem ich ihre Hand an meine Bruſt drückte:„Cher wünſchte ich mir den Tod!“ Die Freude leuchtete aus ihren Augen bei dieſem unfreiwilligen Ausbruch meines 330 Gefühls und ich verſprach die ſchwierige Unterhandlung zu übernehmen. Am nächſten Morgen ging ich zum Baron und ſagte ganz offen, daß es mir unmöglich ſei, gegen mein Gewiſſen das ſchweſterliche Zutrauen ſeiner Tochter zu mißbrauchen, indem ich die Hand zu einer Verbindung reiche, die nach meiner Ueberzeugung ſie unglücklich ma⸗ chen müſſe. Da der Baron ſogleich beim erſten Worte meiner Rede hitzig wurde, ſo konnte ich nur mit Mühe meine Gründe vorbringen: die Mängel des jungen Man⸗ nes und Niſidas Abneigung gegen ihn. Bei dieſer letzten Aeußerung kam der Baron ganz außer ſich und ließ mich nicht undeutlich verſtehen, daß dieſe Abneigung ihr von andern eingeflößt ſein müſſe, da ſie früher den braven, jungen Mann geliebt, deſſen wahrer Charaeter, ſo wie Niſidas Liebe für denſelben ihm durch ihre vertraute Freundin Frau Beate geſchildert worden ſelen: mein Onkel ſelbſt habe, da die Frau ſich nicht Franzoͤſiſch oder Deutſch auszudrücken verſtehe, als Dolmetſcher gedient und ihre Ausſagen beſtätigt. Ich wies ihn auf das Zeug⸗ niß meiner Mutter, als das, nach meiner Meinung gül⸗ tigſte, hin. In ſeinem Zorn gab er mir eine ziemlich be⸗ leidigende Antwort. Ich ſah nun keinen andern Ausweg, als ihn zu bitten, Niſida ſelbſt zu rufen und ihre eigne Erklärung gelten zu laſſen. Sie kam mit banger Miene und ſah mich vorwurfsvoll an. Mit wenigen Worten ſuchte ich ihr Muth einzuflößen und bat ſie, ſich, ohne Rückhalt zu erklären. Der Baron ließ ſie nicht zu Worte kommen; er ſagte, daß ein ſo leichtſinniges und launevolles Mädchen, das heute einen Willen habe und morgen elnen andern, nicht auf das Recht Anſpruch machen koͤnne, in einer ſo wichtigen Sache gehört zu werden; er hätte ſich nie vorgeſtellt, daß ich ſeiner Tochter Berufung auf meine Zuſtimmung als etwas Andres anſehen werde, denn als ein Compliment, als eine bloße Formalität. Er, ihr Vater, habe dem Grafen ſein Verſprechen gegeben, das 331 Recht des jungen Mannes und ſein eignes verpflichteten mich, mich dem nicht zu widerſetzen, was ich im Grunde nicht verhindern koͤnnte. Nun hatte meine Geduld ein Ende.„Recht, Herr Baron,“ ſagte ich ernſt,„entſchuldi⸗ gen Sie, aber ein ſolches habe ich hier ſo gut geltend zu machen, als ein anderer. Sie haben Niſida das Le⸗ ben gegeben, aber dieſes Leben in den erſten Tagen dem Zufall überlaſſen: was wäre aus ihm geworden, wenn meine Mutter das verlaſſene Kind nicht liebevoll aufge⸗ nommen und gepflegt? Wenn Ihre Tochter nun Ihr Stolz und Ihre Freude iſt, haben meine Mutter und ich keinen Theil daran? Sie haben ſie zu Rang und Reich⸗ thum erhoben. Aber unſre Liebe, unſre Sorge haben ihren natürlichen Adel und Reichthum ausgebildet und jene Vortheile ſind gering gegen dieſe. Dieſes mein Recht, Niſida ein älterer Bruder, ein Beſchützer zu ſein, will ich heute geltend machen und verweigere aufs Beſtimm⸗ teſte meine Zuſtimmung, die ſie ſelbſt zur Bedingung hei ihrem Ja gemacht, und Niemand in der Welt, als ſie ſelbſt, wird es mir abzwingen. Daß Sie, Herr Baron, dieſen meinen Proteſt reſpectiren, iſt der Lohn, welchen meine Mutter und ich für ſiebenzehn Jahre treuer Liebe fordern.“ — Der Baron war während dieſer Entgegnung etwas milder geſtimmt worden.„Ich weiß,“ ſagte er, wie viel ich Ihnen ſchuldig bin und es ſei fern von mir, daß ich ...“ Hier ſtockte er in ſeiner Rede, als er, indem er melne Hand ergreifen wollte, auf einen Ning aufmerkſam wurde, den ich trug. Es war ein kleiner, einfacher Ring, aber von ganz ungewoͤhnlicher Form. Er gehörte zu den Sachen, die mir Graf Leo teſtamentirt hatte, und da ich ihn oft an ſeiner Hand geſehen, trug ich ihn mit großer Vorliebe. Der Baron betrachtete ihn genau, ſtammelte: „Dieſer Ring!... ich täuſche mich nicht!... wie? ... Wer?“ Ich reichte ihm den Ring und erzählte mit wenigen Worten ſeine Geſchichte. Mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit hoͤrte der Baron mich an.„Mein 332 Gott!“ rief er:„Der deutſche Graf, den ich gehaßt und geliebt, bei ihm haben Sie gelebt? Hat er Ihnen nie erzählt?....“„Ja, Herr Baron, ich weiß Alles. Er beehrte mich mit brüderlicher Freundſchaft. Ich begleitete ſeine Leiche nach der Capelle, wo auch Nifidas Mutter ruht.“ Der Baron war gerührt.„Ach!“ ſagte er, ſdieſer Ring hat ihr gehört. Im Scherze gab ſie ihn einſt dem Manne, den ich als den gefährlichſten Neben⸗ buhler in ihrer Gunſt anſah. Ich raſte und machte ihr Vorwürfe. Der Ning hat ihr manche Thränen gekoſtet, ich aber dachte nicht daran, ihn je wieder zu ſehen.“— Er wandte die Augen nicht davon ab, ſteckte ihn wie zum Scherze an ſeinen Finger, und ich bemerkte, daß er ſich wegwandte, um ihn unbemerkt zu küſſen. Dann reichte er mir ihn wieder.„Behalten Sie ihn, Herr Baron!“ ſagte ich:„die Hand, die ihn trug, ehe er mein Eigen⸗ thum wurde, gehöͤrte einem ſtolzen Freund und Feind.“ —„Nein,“ antwortete der Baron,„als ich zum letzten Male dieſe Hand berührte, war ſie mit Blut befleckt, das ich vergoſſen. Ich darf den Ring nicht tragen, aber laſſen Sie ihn zur Erinnerung an dieſe Stunde eine Hand ſchmücken, die ſo ganz der gleicht, welche ihn zuerſt trug.“ — Mit dieſen Worten ſteckte er den Ring an Niſidas Finger und ſagte:„Mit der Erlaubniß Deines brüder⸗ lichen Freundes gebe ich Dir dieſe Erinnerung an Deine Mutter, mit dem Gelübde, nie ihrem ſtolzen Vater zu gleichen, nie ihr Schickſal und mein eignes zu vergeſſen. Sage dem Grafen„Ja“ oder„Nein“, wie Du willſt. Ich opfre meinen Wunſch dem Deinen.“ Mit überſtrö⸗ mendem Gefühle, mit Augen voll Thränen ſagte der Graf alles dies. Niſida war außer ſich vor Freude. Sie dankte ihrem Vater und mir voll Entzücken mit allen Ausbrüchen jugendlicher Freude. Sie bat um Erlaub⸗ niß, ſogleich meine Mutter beſuchen zu dürfen, um ihr ſelbſt ihr Glück mitzutheilen. Doch mußte ſie dieſen Be⸗ ſuch noch eine Stunde verſchieben, da der Baron wollte, 333 daß ſie noch einen Brief an den Grafen ſchreibe, den er ſelbſt ihm übergeben wollte. Mir wurde wunderlich zu Muthe bei dieſer unerwar⸗ teten Wendung und dem glücklichen Ausgang meiner ſchwierigen Aufgabe. Das erregbare, für die Eingebun⸗ gen des Augenblickes nur allzu empfängliche Gemüth, das ihn bewogen, meinen Ring an den Finger ſeiner Tochter zu ſtecken, erſchlen mir in dieſem Augenblicke wie eine Warnung. Meine täglich wachſende Ueberzeugung, daß Niſida mich liebe, meine eigne unbeſchreibliche Liebe, rief mir zu, mein Glück im Fluge zu ergreifen, mich nicht untergeordneten Rückſichten aufzuopfern— am aller⸗ wenigſten aber die Geliebte preiszugeben. Ein Gefühl von Delicateſſe und Scham, das ich nicht als verwerf⸗ lich abweiſen konnte, erinnerte mich an meinen Mangel an Rang und Vermögen und an die vielen Jahre, die ich vor ihr voraus hatte. Ich that, was man im All⸗ gemeinen bei ſolchen Gelegenheiten thut. Ich beſchloß, mich paſſiv zu verhalten, und mich ohne weiteres Grübeln der Seligkeit des gegenwärtigen Augenblickes zu überlaſſen, denn ſelig waren dieſe Stunden,⸗ welche Niſida bei meiner Mutter und mir zubrachte. Sie brach in lebendige Dank⸗ ſagungen für die Entſcheidung dieſes Morgens aus, die ſie eine Wohlthat von meiner Hand nannte. Zum zwei⸗ ten Male im Leben, ſagte ſie, habe ich ſie vor unbere⸗ chenbarer Noth und Unglück gerettet. Mit kindlicher Freude betrachtete ſie den Ring des Grafen Leo und bat mich, ihr näher zu erklären, welches Verhältniß zwiſchen dieſem Herrn und ihren Aeltern obwaltete. Ich erfüllte ihren Wunſch und empfand ein wehmüthiges Vergnügen, als ich die Begierde ſah, mit der ſie meinen Worten lauſchte, und mit welch' warmer Theilnahme ſie den un⸗ bekannten Freund beweinte.„O!“ ſagte ſie,„meine Mutter war glücklich in all' ihrem Unglücke. Wer war geliebt, wie ſiel Sahſt Du es, wie mein Vater bei der Erinnerung an ſie weinte? wie er heimlich den Ring 334 küßte? O welcher Schmuck gleicht dieſem Ring! Meine Mutter trug ihn und Du! und der liebenswürdige Graf Leo. Wie ich ihn liebe, dieſen edeln, ritterlichen Lieb⸗ haber! Ach! ſein verklärter Geiſt hat aus dem Para⸗ dieſe für meine Sache in einem Augenblicke geſprochen, der ſo wichtig für mich war.“ So ſprach Niſida mit funkelnden Augen, als im ſelben Augenblicke eine andere Perſon mit höchſt verdrieß⸗ lichem, geſpanntem und erroͤthendem Antlitz eintrat. Dieſe andere war Frau Beate. Ich war ſeit meiner An⸗ kunft mehremal mit ihr und Petrinen zuſammen geweſen. Ich hatte eine große Geſellſchaft bei Beaten beſucht, ihre Kinder geſehen und mit Geduld mir die mancherlei ge⸗ nialen Züge des älteſten Sohnes erzählen laſſen, welche als Vorläufer ſeiner künftigen Groͤße galten. Petrine hatte ſich in ihrem Ausſehen nicht im geringſten verän⸗ dert, erſchien mir jedoch angenehmer, als früher. Es gibt manche Frauenzimmer, welche es weit beſſer kleidet, Frau zu ſein, als Mädchen, und das war der Fall mit ihr. Auch fand ich, daß ihre ſcharfe und ſatiriſche Natur einen milderen Anſtrich von Laune und Schalkhaftigkeit angenommen. Ein unabhängiges, von den täglichen kleinen Aergerniſſen freies Leben, Sehnſucht und liebevolle Sorge für den meiſt abweſenden Gatten hatten ſichtlich ihren Charakter gemildert. Beate dagegen hatte ſich in ihrem Aeußern ſehr verändert. Sie war eine außerordentlich dicke Frau geworden, mit einem ſehr rothen Geſichte, das der unveränderte Ausdruck einfältiger Naivetät, der in den jüngeren Jahren nicht ſo auffallend war, wunder⸗ lich kleidete: auch eontraſtirte er ſehr ſtark mit dem an⸗ genommenen, vornehmen Weſen. Ich wunderte mich oft in meinen ſtillen Gedanken über die Möglichkeit, daß dieſes Frauenzimmer mir je gefallen. Was meine Ab⸗ neigung gegen ſie noch vermehrte, war der unangenehm vertrauliche Ton, den ſie gegenüber von mir affectirte, und der bisweilen zu meinem Aerger in leiſen Winken 1 335 auf das frühere Einverſtändniß zwiſchen uns hindeutete.— An einem ſo ſchönen Sommertage, wie der, von welchem ich⸗ jetzt ſpreche, erſchien ſie nun wie ein plötzliches Gewitter. Sie grüßte kaum meine Mutter und mich, ſondern wandte ſich ſogleich an Niſida und ſagte ganz athemlos:„Gott! mein Mädchen, was iſt das für eine Geſchichte, die unſer guter Freund, der junge Graf, mir von Dir erzählte! O Gott! der gute Menſch; er war halb todt, ich mußte ihm Tropfen geben, ihm wurde ſchlecht. Was iſt das für ein Brief, den Du ihm geſchrieben? daß Du ihn nicht liebſt, daß Du aus Unbeſonnenheit, von Andern überredet, Dich mit ihm verlobt!“—„Ich habe mich nicht mit ihm verlobt,“ antwortete Niſida verſchämt: „Sei nicht boͤſe, liebſte Beate! ich habe mich dumm benommen, aber ich liebe den Gr afen nicht und..“ Beate unterbrach ſie:„Wie? Du liebſt den Grafen nicht? Aber Du haſt ihn doch bei Gott geliebt.“—„Das iſt ſchlecht, daß Du Gott zum Zeugen nimmſt, denn das iſt nicht wahr.“—„Nicht wahr? Du wirſt mich doch nicht zum Lügner machen? Das iſt Jedermann bekannt, daß nie ein unwahres Wort aus meinem Munde koͤmmt.“— „Werde nicht böſe! ich meinte nur, Du täuſcheſt Dich.“ —„Täuſchen, mich? Gott! Niſiva! Biſt Du nicht jeden Tag an's Fenſter gelauſen und haſt ihn gegrüßt. Lag er nicht in meiner Gegenwart vor Dir auf den Knieen und küßte Deine Hände, und Du haſt ſeiner Liebe ge⸗ ſchmeichelt und verſprochen“....„O ſchweige, Beate! Ich geſtehe es! Dumm und unrichtig habe ich mich aufgeführt. Ich war ein Kind, es ſchien mir eine außerordentliche Ehre, daß dieſer ſchöne und vornehme Herr ſo ſehr von mir eingenommen war. Ihr ſpracht Alle ſo viel für mich, aber ich habe ihm nie damit ge⸗ ſchmeichelt, daß ich ihn liebte: das habe ich nie geſagt und nie gethan.“—„Ja, gethan haſt Du es, bei Gott, mein Maͤdchen! Das brauchteſt Du nicht zu ſagen, denn man konnte es aus Deinen Augen leſen.“ 336 „Nein, nein!“ rief Niſida heftig,„es iſt eine Sünde, ſo mit mir zu ſprechen. Ich habe mich nicht verlobt, nichts Beſtimmtes habe ich dem Grafen verſprochen. Ich ſagte, es komme auf die Zuſtimmung meines Bruders Otto an.“—„Nun jal! und dieſe Zuſtimmung wurde doch wohl nicht verweigert?“—„Allerdings,“ rief Niſida, „fie wurde verweigert.“—„Das läßt ſich nicht denken,“ ſagte Beate, indem ſie ſich an mich wandte. Ich war bis jetzt eine ſtumme Perſon bei dieſer Seene geweſen, die auch in dem Grade Schlag auf Schlag ging, daß meine Mutter, welche mehrere Male zu ſprechen Miene machte, kein Wort dazwiſchen werfen konnte. Ich muß zugleich bekennen, daß die Beſchuldigungen der Frau Beate für mich waren, was Spukgeſchichten für Kinder ſind: man lauſcht ihnen mit Begierde und Angſt, es möchte etwas Wahres darin ſei. Bei Beatens Fragen warf Niſida mir einen Blick zu, ſo bittend und freund⸗ lich, daß ich ohne weiteres Bedenken antwortete:„Ja, Frau, ich nehme mir die Freiheit, meine Zuſtimmung zu verweigern.“—„O Gott bewahre! Und weßhalb, wenn ich fragen darf?“—„Meine Gründe habe ich Niſida's Vater geſagt, und er hatte die Güte, ihnen nachzugeben.“ —„Das iſt nicht möglich. Der Baron wünſcht dieſe Partie für ſeine Tochter! Und was ſollte er auch gegen ſie haben? Ich will nicht von dem Rang und Vermöͤgen des Grafen fprechen, ja, ich will nicht mal davon ſpre⸗ chen, daß er der hübſcheſte und liebenswürdigſte Menſch iſt; ſondern nur das will ich ſagen, daß er ein ſeltener Mann, er weiß, was Treue iſt, das hat er gegen Niſida gezeigt, als ſie noch ein armes verlaſſenes Mäd⸗ chen war, liebte er ſie und hatte ehrbare Abſichten. Er iſt rein, wie eine Perle, ungeachtet er in Paris war, und das bei dem deutſchen Miniſter, der als ein greulicher Menſch bekannt iſt, und das will mehr heißen, als man ſagen kann.“—„Der deutſche Miniſter, wie ſie ihn nennen, ſteht zu hoch über dieſem Grafen, um von ihm 337 beurtheilt werden zu können.“—„Nein, das müſſen Sie mir verzeihen.. Ich war auch zu Paris, da war er juſt angekommen und ich hörte von ihm ſprechen. Es war ein abſcheulicher Menſch, der das Unglück von Mil⸗ lionen von Frauenzimmern auf ſeinem Gewiſſen hatte... Ich glaube, Sie lachen! ja, es thut mir leid, das hier bei Ihrer guten Mutter ſagen zu müſſen, aber der Graf kann aus der Zeit, die er in Paris zubrachte, Verſchiede⸗ nes von Ihren und ſeines Vetters Wegen erzählen.“ — Ich ſah Niſida an, ſie wechſelte die Farbe und wandte ſich weg. Meine Mutter ging hin zu ihr und ſagte leiſe etwas, worauf ſie meine Mutter mit Thränen in den Au⸗ gen küßte. Frau Beate ſchwatzte indeß noch mancherlei, worauf ich nicht achtete. Sie wandte ſich dann an Ni⸗ ſida und ſagte:„Mein Kind! biſt Du noch derſelben Anſicht? Wirſt Du den jungen Mann unglücklich machen?“ —„Nein, Gott bewahre mich!“ ſagte Niſida mit be⸗ trübter Stimme,„aber ich kann doch nicht ja ſagen. Es bleibt bei dem, was ich geſagt.“—„O!“ rief ich, „was das Unglück angeht, ſo hat es keine Noth. Der Graf troͤſtet ſich, ich kenne ihn.“ Frau Beate wurde noch röther als ſie war, und kam in große Verwirrung, indem ſie ſich nach mir umwandte und ſagte:„Sie find alſo Schuld an Nifſida's Widerſetzlichkeit? Sie wünſchen, daß ſie mit dem Grafen brechen ſoll?“—„Ja, in Got⸗ tes Namen, Frau, ich bin es! laſſen Sie nun den Vogel flie⸗ gen!“—„Nein, dazu iſt mir Nifida zu lieb. Das muß Zedermann geſtehen, daß ich gegen das Mädchen mich betragen, als wäre es meine leibliche Schweſter, ja mein eigenes Kind. Wenn ich alt genug wäre, ihre Mutter zu ſein, ſo könnte ich nicht mehr für ſie gethan haben. Alles, was ich an Vergnügungen erfinden konnte, habe ich ihr geſchafft, Alles, was ich zuſammenraffen konnte, gab ich ihr, um ſie damit zu ſchmücken. Ich glaube deßhalb, wohl ein Wort mitſprechen zu dürſen, wenn es ihre Wohlfahrt gilt.“— Niſida, die etwas von ihrem Novellen. II. 2² 338 früheren Muthe verloren zu haben ſchien, antwortete mit etwas ſanfterer Stimme:„Ja, liebſte Beate! Ich werde Deine Liebe gegen mich nie vergeſſen; aber da Du mich lieb haſt und mein Wohl willſt, ſo laß mich frei und ungebunden ſein und ſprich nicht mehr von allen den Sachen. Ich kann nichts weiter hören, Du weißt nicht, welchen Schmerz Du mir dadurch bereiteſt.“—„Ja, mein ſüßes Mädchen, ich weiß, welcher Schmerz das iſt, und ich ſehe wohl ein und verſtehe, wie das Alles zuſam⸗ menhängt, beſſer als Du, unſchuldige Seele, und will es Dir erklären, wenn auch mein Herz darüber bräche. Der Herr, der hier ſteht, den Du Deinen Bruder nennſt, und für ſo gut hältſt, das iſt mein ehmaliger Liebhaber, von dem ich Dir erzählt, ohne ihn zu nennen, zum zweiten Male ſpielt er dieſelbe Rolle; denn auch mich wollte er verführen, mit meinem Manne zu brechen, mit dem ich, zwar gezwungen, aber doch ordentlich verlobt war. Ja Gott! Du ſollteſt geſehen haben, wie er vor mir auf den Knieen lag und flehte, und mir ſchrieb, und mich hierher brachte, wie ſeine Mutter bezeugen kann und Du ſelbſt vielleicht Dich noch zu erinnern weißt, damit ich einen Abſagebrief ſchriebe. Aber ich dachte an meinen alten Vater und an den guten Andreas, und mir wurde ſo bange, daß ich weinte und nicht im Stande war zu ſchrei⸗ ben. Die Frau hier erinnert ſich gewiß noch jenes Ta⸗ ges; ich war ſo verweint, daß ich zum Schreiben nicht mal ſehen konnte.“—„Ja!“ antwortete meine Mutter, „ich erinnere mich noch des Tages, aber damals erzählten Sie mir von Ihrer Verlobung und Ihrer Stellung auf eine ganz andere Art, als jetzt.“—„Ja Du lieber Gott! Ich mochte meinen Mann nicht, als ich aber daran dachte, wie unendlich er mich liebte, und wie gut er war, und an meinen Vater, wie geſagt, und an meinen guten Ruf, da konnte ich es doch nicht über's Herz bringen, mit ihm zu brechen. An jenem Abend aber, als ich hier geweſen und mit Ihrem Sohne heimging, da ſagte er ſoviel zu mir, daß ich verſprach, vor dem Brautſchemel nein zu 339 ſagen; als ich jedoch in das Gotteshaus kam und der Prediger ſo feierlich ſprach und mein guter Mann ſo vergnügt und heiter bei mir ſtand, ging ich in mich ſelbſt und bat Gott um Verzeihung und konnte nicht nein ſagen. Und der Herr half mir, mich in mein Schickſal zu fügen; aber meine Ruhe erheiſchte, daß ich mit meinem alten Liebhaber ſprach, und hörte, daß er mir vergab, und daß auch er ſich gefaßt hatte. Deßhalb ſchrieb ich ihm, und bat ihn, ein einziges Mal zu kommen, und mit mir zu ſprechen, aber er war ſo hart, mich nicht vor ſeinen Augen ſehen zu wollen. Das war grau⸗ ſam! Gott! was habe ich gelitten!“— Sie zu unter⸗ brechen, war rein unmöglich; als ſie jedoch etwas pau⸗ firte, um ihre Thränen zu trocknen, die zu fließen be⸗ gannen, konnte ich endlich zu Worte kommen und ſagte: „Wirklich, ich bewundere die Kunſt, womit Sie,— ver⸗ geben Sie!— lauter Unwahrheiten ſagen können, ohne doch eigentlich nach dem allgemeinen Sprachgebrauch zu lügen.“—„Iſt auch nur das Mindeſte wahr?“ rief Niſida, indem ſie von ihrem Stuhl aufſprang und ſich näherte.„Es iſt wahr,“ antwortete ich,„daß ich uner⸗ fahren und mit der Welt und Liebe unbekannt, mir ein⸗ bildete, ich liebe Frau Beate...“„Ihnen einbildeten?“ rief Beate heftig:„Sie wollen ſagen, daß Sie ſterblich in mich verliebt waren?“—„Verliebt war ich, verliebt wie ein junger Mann, der ſich zum erſten Male von einem hübſchen Frauenzimmer geliebt ſieht.“—„Ja, auf dieſe Ausflüchte verſtehe ich mich nicht! Mich geliebt, haben Siel Zu meinen Füßen haben Sie gelegen und mich angebetet! Die großte Vertraulichkeit herrſchte zwi⸗ ſchen uns: wir waren vereint, daß wir nie mehr ganz getrennt werden können. Gott verzeihe mir die große Schwachheit, meine unerlaubte Liebe zu Ihnen; denn das weiß Gott, daß Sie Gaben von der Natur haben, daß kein Frauenzimmer in der Welt Ihrer Verführung widerſtehen kann. Ja, Gott helfe mir! ich kann Sie wohl nie ganz aus meinem Herzen reißen, ſo gewiß als ich 340 weiß, daß Sie nie Jemand lieben können, wie Sie mich geliebt.“—„Nein, Frau, das iſt doch zu toll!“— „Ich bitte Sie ſchweigen Sie ſtill!— Sie wurden krank aus Kummer über meine Hochzeit. Sie gingen und ver⸗ zehrten ſich und reiſten endlich fort, weil Sie nicht mehr im Lande bleiben konnten. Das weiß ich Alles.“— Meine Mutter unterbrach ſte:„Ich bitte Sie, hören Sie auf. Sie ſprechen ſo laut und ſind ſo aufgebracht, daß Sie meine Niſida erſchrecken, die ſich ganz unwohl befindet.“— In einer Ecke des Zimmers ſaß Niſida, blaß wie eine Leiche und lehnte den Kopf mit geſchloſſenen Augen an meiner Mutter Bruſt. Wir eilten zu ihr hin. Sie öffnete die Augen und ſagte:„Ich bin krank, ich will nach Hauſe.“— Ich nahm ihre Hand, ſie entriß ſie mir, Beate wollte ſie umarmen, ſie wehrte ſie mit dem Ausdruck des Abſcheus von ſich ab.„Mein gutes Kind!“ rief Beate, laut weinend:„Biſt Du krank? Biſt Du böſe auf mich? Achl bin ich unglücklich genug, als daß auch Du mich noch verſtoßen ſollteſt? Laſſe mich Dich nach Hauſe fahren, mein Wagen hält unten und wartet auf mich.“ Niſida erhob ſich matt und ſagte:„Nun wohl! ſo fahre mich raſch zu meinem Vater zurück.“ Meine Mutter und ich baten ſie inſtändig zu bleiben. Meine Mutter ſagte: „Biſt Du krank oder betrübt, Niſida, bei wem kannſt Du dann beſſer ſein, als bei mir?“ Niſtda warf ſich weinend in ihre Arme, umarmte und küßte ſie heftig, und ſagte:„Du biſt die Beſte von Allen, die Liebſte; aber ich kann nicht hier bleiben.“ Beate warf ihr den Shawl um, ſetzte ihr den Hut in lauter Eile verkehrt auf den Kopf und zog ſie mit ſich fort. Als ſie fort waren, kam meine alte Geſchichte mit Beaten zum erſten Male zwiſchen mir und meiner Mut⸗ ter auf das Tapet. Daß Niſida mich liebte, daß Eifer⸗ ſucht der Grund ihrer heftigen Aufregung war, mußte uns einleuchtend ſein. Es war bereits Abend. Wir über⸗ legten mit einander, daß meine Mutter am nächſten Mor⸗ gen Niſida beſuchen und ihr den ganzen Zuſammenhang 341 erklären ſollte. Nur mit Mühe erhielt ich von ihr das Verſprechen, daß ſie in ihrem Geſpräche ſich jeder Htn⸗ deutung auf ihre und meine Wünſche enthalte, und in Anbetracht alles deſſen, was ſich ihnen entgegen⸗ ſtellte, warte, wie die Zeit die Sache entwickle, und ſich darauf beſchränke, Niſida zu beruhigen und ihr alles Miß⸗ trauen gegen den brüderlichen Freund zu benehmen. Dies, meinte ſie, ſei leicht; und ziemlich ruhig, obwohl ſehr verſtimmt, beſchloſſen wir den Tag, deſſen Temperatur ſo unbeſtändig geweſen. Am nächſten Morgen, als meine Mutter ſich zum Gehen rüſtete, kam der Graf mit triumphirender Miene und wünſchte mit mir zu ſprechen. Er ſagte, er ſei über⸗ zeugt, daß es mich freuen werde, zu hören, daß Niſida die kleinen Launen überwunden, die ſie in letzter Zeit be⸗ herrſcht hätten und ihm nun ihr Ja gegeben. Er ſei ge⸗ ſtern Abend mit ihr bei Frau Beate geweſen, die Niſida bewogen habe, mit ihr nach Hauſe zu gehen, um ſich einigermaßen zu faſſen, ehe ſie ſich vor ihrem Vater ſehen ließe, der ſehr erſchrecken würde, wenn ſie krank heimkäme.„Die liebenswürdige Frau,“ ſagte er,„und meine liebevollen Bitten haben das junge Mädchen zur Vernunft gebracht; ſie iſt etwas leichtſinnig und launen⸗ voll, aber ich liebe ſie deßhalb nicht minder und bin nicht bange für die Zukunft; denn, da ich ſogleich nach der Hochzeit auf meine Güter in Holſtein reiſe und meine Mutter bitten will, bei uns zu wohnen, ſo wird dieſe vollkommene Dame wohl ihre junge Schwiegertochter zu erziehen wiſſen.“ Der Schrecken hatte bisher meine Lippen geſchloſſen. Meine Mutter war zugegen und mit einem ihr ungewöhnlichen Eifer wagte ſie dem entzückten Bewerber zu widerſprechen und behauptete, allzu gut über die wahre Geſinnung ihrer Pflegetochter unterrichtet zu ſein, um zu glauben, doß ſie mit freier Wahl und Ueber⸗ legung dem Grafen ihr Ja gegeben. Sie ließ auch ein paar Worte über meine Zuſtimmung fallen, welche Ni⸗ ſida ausdrücklich zur Bedingung gemacht. Der Graf 342 lächelte boshaft und ſagte:„Ueber dieſe Zeremonie, denke ich, werden wir uns hinausſetzen. Ich bin zufrieden mit der Liebe, die Nifida für mich empfindet, und Ihr Herr Sohn hat gewiß keinen andern Wunſch, als des jungen Mädchens Glück. Dies, hoffe ich, ſoll in meinen Händen wohl verwahrt ſein. Ihr vortrefflicher Charakter,“ fuhr er fort, indem er ſich an mich wandte,„Ihre intime Freundſchaft mit meinem Vetter, Ihre eigne Stellung in der Welt, Ihre Jahre vor Allem ſprechen Sie von jedem Mißtrauen hinſichtlich eigennuͤtziger Wünſche auf meine Braut frei.“— Es iſt wunderbar, daß ſchwere Beſchul⸗ digungen moraliſcher Sünden zwar unſern Unwillen erre⸗ gen können, aber nicht etwas ſo Verwundendes haben, als bittre Bemerkungen über zufällige Mängel, denen man doch nicht entgehen kann, wie namentlich dem Alter, das ja nothwendig jedes Menſchen Schickſal iſt. Die Scham und Demüthigung, die man bei dieſer Art von Aeußerun⸗ gen empfindet, die oft, wie man im Franzöͤſiſchen ſagt, sans réplique ſind, ſind hier, glaube ich, aus zwei ganz einfachen Gründen am Orte: erſtens, weil man er⸗, röthet über den Mangel an Erziehung bei dem, der ſich einer ſolchen Gottloſigkeit ſchuldig macht, und fürs zweite, weil man vor Scham erröthet, daß man von egoiſtiſchem Selbſtbetrug verführt, ſich einen Platz anmaßen wollte, der einem nicht zukömmt und man deßhalb zurückgewieſen werden mußte. Ein ſolches Gefühl benahm mir für den Augenblick das Wort; bald jedoch faßte ich mich und antwortete:„Da Sie mich ſelbſt an den ſtolzen und lie⸗ benswürdigen Mann erinnern, deſſen Verwandter Sie zu ſein die Ehre haben, ſo muß ich Ihnen ſagen, Herr Graf, daß ich zu lange an ſeiner Seite gelebt, um mir von andern Vorzügen imponiren zu laſſen, als denen, die ihn auszeichneten. Meiner Zuſtimmung zu irgend einer Wahl bedarf Niſida allerdings nicht; aber mein Recht, ihr zu rathen, wird ſie und ihr Vater anerkennen, und ich ſor⸗ dere deßhalb, daß ſie ſelbſt ausdrücklich mir ſage, ſie habe Ihnen freiwillig ihre Hand geſchenkt.“ Der Graf murmelte — 9 343 Verſchiedenes über verdorbene Sitten und die Gabe, un⸗ ſchuldige Frauenzimmer zu überreden, wobei ich mir die Miene gab, als hörte ich es nicht. Er verließ uns im Zorne und kaum war er gegangen, als der Baron ſich einfand. Mit unverſtellter Freundlichkeit äußerte er, daß er weit entfernt ſei, meine und meiner Mutter wohlbe⸗ gründete Rechte kränken zu wollen, indem er ſeine Toch⸗ ter ohne unſere Einwilligung verheirathe, weßhalb er ge⸗ kommen ſei, letztere einzuholen. Wir ſagten ihm beide, was Niſida hinſichtlich des Grafen ſelbſt uns erklärt hatte; ich erinnerte ihn an die Freude, mit welcher ſie am vorhergehenden Tage für die Erlaubniß gedankt, die Hand des jungen Mannes ausſchlagen zu dürfen. Aber er ſchrieb das Alles dem unbeſtändigen und wankelmüthi⸗ gen Charakter zu, welchen junge Frauenzimmer häufig in Heirathsangelegenheiten an den Tag legen, was ſie jedoch keineswegs hinderte, vortreffliche Frauen und Mütter zu werden, wenn ihre Vorgeſetzten ihnen über den ſchweren Stein des Anſtoßes geholfen, endlich eine vernünftige Wahl zu treffen. Er führte die Gründe an, die es wün⸗ ſchenswerth machten, ſeine Tochter zu verheirathen, ehe er ſie verlaſſen müſſe. Es waren ungefähr dieſelben, von welchen mein Onkel in ſeinem Briefe geſprochen. Doch fügte der Baron noch Eins hinzu. Er ſagte nämlich:„Es iſt meine Pflicht und mein Wunſch, daß meine Tochter mit dem Namen und Rang verheirathet werde, der ihr zukömmt, und daß ihr Gatte die Mitgift empfange, welche ich ihr beſtimmt habe, und die ſelbſt einen Unvermögli⸗ chen wohlhabend gemacht hätte. Ich habe alle Verhal⸗ tungsmaßregeln getroffen, daß mir Niemand einen Ein⸗ wand zu machen im Stande iſt; obwohl ich, wie es meine Schuldigkeit war, den Namen ihrer Mutter ver⸗ heimlicht, ſo gibt es doch Menſchen, welche in dieſer Hinſicht nicht ohne Mißtrauen ſind. Mein ſchlimmſter Feind, ihr Vater, der ſpaniſche Marquis, iſt, Gott ſei Dank, zu ſeinen Vätern gegangen, aber ihr ſogenann⸗ ter Gemahl lebt noch, iſt ein ſchlechter und rachſüchtiger 344 Mann, und kurz und gut, ich kann nicht ruhig ſein, ehe ich ihre Tochter in den Armen eines braven Mannes weiß, wo ſie ſicher iſt. Verſtehen Sie mich nicht falſch, lieber Freund! Ich weiß ſehr wohl, daß ſie in Ihnen den edelſten Beſchützer hat; aber Ihr Schickſal kann Sie zwingen fortzureiſen, ſich anderswo aufzuhalten, was ja bereits viele Jahre der Fall war. Ich kann mei⸗ nen Aufenthalt in dieſer Stadt nicht über einige Wochen ausdehnen und meine Tochter nicht mit Ruhe verlaſſen, wenn ich ſie nicht an der Seite eines Gatten ſehe, der ihr ſeinen Namen gibt, und deſſen Schickſal unauflöslich mit ihr vereinigt iſt.“— Daß es dem Baron durchaus nicht einſiel, Niſida und ich koͤnnten einander lieben, daß es ihm als etwas ganz Undenkbares erſchien, mich als den Schwiegerſohn zu betrachten, den er ſuchte, war wieder ein Tropfen mehr in den bittern Kelch, den ich in dieſen Tagen leeren mußte. So gefaßt, als möglich, antwortete ich, daß Niſtda ja keineswegs dieſer Einwilli⸗ gung bedürfe, welche ihr Vater ſo höflich ſei, von mir zu begehren, daß jedenfalls ſein Wort, er wünſche es, hinreiche, um es meinerſeits zu geben. Indeſſen baten meine Mutter und ich mit Niſida ſprechen zu dürfen, ehe ihre Verlobung feierlich erklärt würde, welche der Baron zu meinem Schrecken auf denſelben Abend feſtſetzte, damit alle Verwirrung, wie er ſich ausdrückte, mit einem Male ein Ende hätte. Sehr freundſchaftlich entſprach er die⸗ ſem Verlangen und fügte hinzu, daß er uns ſelbſt zu ihr führen wolle. Wir begleiteten ihn beide nach Hauſe; als wir uns jedoch bei ſeiner Tochter melden ließen, kam Frau Beate aus ihrem Zimmer und ſagte, Niſida ſei nicht wohl, und habe ſich zur Ruhe begeben, um ihre Kräfte zu dem feſtlichen Abend zu ſammeln. Die gute Frau war ſehr beſchäftigt und hatte die Hände voll Putz und Schmuck. Es erinnerte mich dies lebhaft an Beatens Hoch⸗ zeitstag, an welchem eine ähnliche Geſchäftigkeit mit Putz meine fruchtloſen Beſtrebungen, ſie zu ſprechen, hinderte. Meine Mutter ließ ſich indeſſen nicht auf dieſe Art ah⸗ 345 weiſen, ſondern, als wir eine gute Weile gewartet, ver⸗ langte ſie zu ihrer Pflegetochter eingelaſſen zu werden. Frau Beate hatte uns inzwiſchen Geſellſchaft geleiſtet, als ob ſte die Frau vom Hauſe wäre, ſie tätſchelte den Baron auf die Schulter und ſprach in ſehr vertraulichem Tone mit ihm; da er aber nichts davon verſtand, ſo konnte er es ihr auch nicht ſonderlich übel nehmen; er wandte ſich jedoch an mich und ſagte:„Es iſt eine gute Frau, aber unerzogen, ſie beſitzt einen ſchlechten Ton.“ Endlich erhob ſich meine Mutter und ſagte:„Mit der Erlaubniß des Herrn Barons gehe ich unangemeldet hin⸗ ein zu Niſida.“— Der Baron bot ihr den Arm und ſagte, er wolle ſie bis an die Thüre ſeiner Tochter be⸗ gleiten. Beate folgte. Ich blieb natürlich zurück. Wenige Minuten ſpäter hoͤrte ich ich ein Hin⸗ und Herlaufen, ein Rufen, einen Tumult, der mich erſchreckte; ich eilte zur Thüre, und begegnete Frau Beate, die ſich in einen Stuhl warf und rief:„Gott, meine gute Niſida! ſie iſt fort! ſie muß entführt ſein!“— Meine Mutter und der Baron kamen gleichfalls und beſtätigten die Ausſage Beatens; meine Mutter mit ſtillem Kummer, der Baron dagegen raſend vor Unruhe und Zorn. Ein Kammermädchen, das ihnen folgte, hatte kaum Zeit, die Fragen zu beantworten, mit welchen er und Beate ſie beſtürmten. Mit Furcht und Beben ſagte das Mädchen aus, daß ihr Fräulein, ſobald ſie allein geweſen, mit großer Eile ſich umkleiden laſſen, ihr befohlen habe, Hut und Shawl zu bringen und aus⸗ gegangen ſei, ohne ihr nähern Beſcheid zu ſagen. Der Graf kam indeſſen auch, und als er die ängſtliche Neuig⸗ keit hörte, geberdete er ſich wie ein Wahnſinniger und eilte begleitet von Frau Beate aus dem Hauſe. Es würde unmöglich ſein, den Aufruhr zu beſchrei⸗ ben, der im Hauſe des Barons losbrach, und die Angſt, mit der ich mehrere Stunden lang umherlief, ohne zu wiſſen, wohin ich meine Schritte lenken ſollte. Meine Mutter, welche matt und angegriffen war, blieb bei dem ganz untröſtlichen Vater, während die Leute des Hauſes 346 nach allen vier Ecken der Welt ausgeſandt wurden. Mein erſter Gang war der nach Hauſe, dort war ſie nicht. Dann trieb mich meine Ahnung zu Pater Bern⸗ hard; aber ich wurde nicht angenommen; ſein alter Die⸗ ner ſagte, ſein Herr habe Geſchäfte und könne Niemand empfangen. Auf meine Frage, ob nicht eine Dame zu ihm gekommen ſei, antwortete der Diener, Nein, der ehrwürdige Vater ſei allein. Ich ging zu Madame Lund, zu Frau Beaten, zu meinem Onkel und Alles ver⸗ gebens. Mit beklommenem Herzen kam ich zum Barone zurück. Keine Niſida! keine Spur von ihr! Alle waren wieder ohne die geringſte Auskunft zurückgekommen. Mein Onkel, ängſtlich wegen meines Nachfragens in ſeinem Hauſe, kam auch. Er vermehrte die allgemeine Unruhe durch ſeine hoͤchſt unnothwendige Rede über Niſidas unerklärlicher Aufführung und unberechenbarem Einfall. Noch ſchlimmer wurde es, als auch der Graf und Frau Beate ſich einfanden; die lauten Klagen, Thrä⸗ nen und Ohnmachten der Erſten, und des Letztern ver⸗ zweifelte Gebärden, das Auf⸗ und Niederrennen, das Fechten mit geballten Fäuſten und das Seufzen und Stoͤhnen vermehrten den unerträglichen Zuſtand in einem finnverwirrenden Grade. Endlich, nach einem Mittage, der vorüberging, ohne daß Jemand von uns zu Tiſche ge⸗ kommen, hörten wir in den äußern Theilen des Hauſes lau⸗ tes Freudengeſchrei und ehe jemand Zeit hatte, den Saal zu verlaſſen, ging die Thüre auf und Nifida trat an Pater Bernhards Hand ein. Blaß, mit niedergeſchlage⸗ nen Augen, in einem einfachen, ſchwarzen Kleide ſtand ſie neben dem alten, gleichfalls ſchwarz gekleideten Mann, er⸗ hob die Augen nicht und machte auch keine Miene, einem von uns Allen zu antworten, die ſich um ſie drängten. Sobald es möglich war, zu Worte zu kommen, ſagte Pater Bernhard:„Niſida hat mir erklärt, daß ſie, von einer innern Stimme getrieben, zu der heiligen römiſchen Kirche, in welcher ihre Mutter geboren iſt, überzutreten wünſche und dann dies Land verlaſſen wolle, um den — 347 Schleier in einem Kloſter zu nehmen, den ich für ſie wählen werde und wohin ich ſie trotz meines hohen Alters zu begleiten gedenke.“ Jedermann wird ſich die Wirkung vorſtellen koͤnnen, die dieſe Worte bei uns Allen hervorbrachten. Alles drehte ſich mit mir im Kreiſe umher, ich war nicht im Stande, einen zuſammenhängenden Gedanken zu faſſen. Die Raſerei des Barons, ſeine und meines Onkels harte Ausfälle gegen den alten Pater, der ganz geduldig ihre ſchonungsloſen Vorwürfe über ſich ergehen ließ, Niſidas Zittern und niedergedrücktes Ausſehen, waren Alles, was ich bei dieſem ſtürmiſchen Auftritte bemerkte. Als jedoch der Baron und mein Onkel ſich auf die Geſetze des Landes beriefen, welche dieſen Beſchluß Niſidas unaus⸗ führbar machen mußten, erhob ſie ihr gebeugtes Haupt, trat ernſt zu ihrem Vater, küßte ſeine Hand und ſagte: „Mein theurer Vater! Der Himmel weiß, daß ich Dich liebe und ehre. Achl ich habe mir in dieſer Nacht recht lebhaft Deine Treue gegen meine Mutter und mich vor⸗ geſtellt. Aber ſiehſt Du dieſen Ring? Bei ihm haſt Du mir gelobt, nie ihrem grauſamen Vater gleichen zu wollen. Nur ihr irdiſches Schickfal vernichtete dieſer ſtolze Mann, was mich betrifft, ſo gilt es die Rettung meiner Seele. Ich bin nicht gut genug, nicht ſtark ge⸗ nug, den Verlockungen der Welt und der Menſchheit zu widerſtehen. Du fiehſt ſelbſt meine wankelmüthigen Ent⸗ ſchließungen, meinen unruhigen Sinn, mit dem ich Dir und meiner edlen geliebten Pflegemutter Sorge und Angſt gemacht. Ich bin noch ſo jung und habe bereits Sünden zu bereuen. Einen tiefen, ſchweren Schmerz trage ich in meinem Innern: ach! er hat mich immer gequält, wie eine wehmüthige Sehnſucht, eine ſchmerzliche Üngeduld! nun iſt er ausgebrochen, wie ein Vulkan und wird mich verzehren, wenn Du mir verbieteſt, Ruhe bei dem erbarmenden Himmel in dem Frieden eines Kloſters zu ſuchen. Dort will ich beten für Dich, für Alles, was ich liebe.“— Bei dem Anblick des Ringes wandte der 348 Baron ſein Geſicht ab. Er wurde durch Niſidas Worte nach und nach milder geſtimmt, er ſtand mit gekreuzten Armen vor ihr und— wie es ſchien— ohne daß er es wußte, floßen große Thränen über ſeine Wangen.„O, Niſida!“ ſagte er,„Deine Mutter ſchauerte bei dem Ge⸗ danken an das Kloſter; die Furcht vor ihm, war die Macht, mit der man ſie zwang.“—„Ja,“ antwortete Niſida,„zu einem Looſe, das tauſendmal ſchlimmer war. Ach! laſſe mich freiwillig den Schleier wählen, den ſie mir aus der andern Welt zu reichen ſcheint, damit ich dem Himmel angehöre, denn auf Erden finde ich niemals Ruhe! Gib Deine Zuſtimmung und Deinen Segen zu meinem Vorhaben, o liebſter Vater! Denke an meine Mutter! ich gleiche ihr, ſie lebt noch in mir, liebt Dich in mir und bittet Dich durch mich!“ Der Baron war in Wehmuth aufgelöͤſt.„Hoͤre, Kind,“ ſagte er endlich;„Mir dünkt das Alles höchſt unnatürlich. Ich fürchte, Du ſagſt mir nur die halbe Wahrheit, eine unglückliche Liebe trägt die Schuld an Deiner Luſt, der Welt zu entſagen und an Allem, was uns ſo launenvoll und ſonderbar bei Dir erſcheint. Iſt dem ſo? Liebſt Du Jemanden? ſo vertraue Dich Deinem Vater an, der nichts inniger wünſcht, als Dein Glück.“ Niſida erröthete lebhaft, ſchüttelte jedoch den Kopf. Der Graf trat näher und ſagte ſcheinbar beleidigt:„Ich will hoffen, Herr Baron, daß weder Sie, noch Ihre Tochter mich als eine überflüſſige und ſtumme Perſon anſehen. Der Baron antwortete ihm hitzig:„Laſſen Sie mich mit meiner Tochter ſprechen, hier iſt nicht mehr die Frage von Convenienzen, es iſt zu ernſt.“— Beate wollte auch ihr Schärflein dazu geben, aber der Baron machte ihr ein abweiſendes Zeichen, das ihren Worten zuvorkam. Er wandte ſich an Niſida und ſagte liebevoll:„Ich glaube richtig geahnt zu haben. Deine erröthenden Wangen be⸗ kräftigen meine Meinung, nenne den Mann, den Du liebſt. Er kann kein Unwürdiger ſein, da Du auf alles um ſeinetwillen berzichten willſt. Iſt er ein Freund des 6 — 349 Hauſes, in welchem Du erzogen wurdeſt, gleicht er im geringſten dem Manne, den Du Bruder genannt, ſo ſprich ſeinen Namen ohne Furcht aus und ich werde Deine Wahl mit Freuden billigen.“— Kaum im Stande, ſich aufrecht zu erhalten und mit kaum hoͤrbarer Stimme antwortete Niſida:„Ach, mein liebſter Vater! ich habe Niemanden zu nennen.“ Meine Mutter, welche bisher ganz ſtill, wie eine Säule geſtanden, trat nun plötzlich hin zu ihr und ſagte ernſt:„Hoͤre mich, Nifida! habe ich kein Recht in Deinem Herzen?“ Niſida warf ſich ihr in die Arme und rief:„Keine Rechte! Du, meine Mut⸗ ter, der ich Alles verdanke, was ein Kind der liebevollſten Mutter ſchulden kann.“—„So beweiſe mir heute dieſe Geſinnung und gib einer Bitte nach, die ich an Dich richte. Ich verlange, daß Du mich nach Hauſe beglei⸗ teſt, daß Du acht Tage bei mir zubringſt, in Deiner al⸗ ten Heimath, und erſt wenn dieſe Zeit vorüber iſt, magſt Du Deine Entſcheidung treffen“—„Nun wohl, Mutter, Deine Tochter gehorcht.“ Der Baron dankte meiner Mutter mit Innigkeit für dieſen— wie er es nannte— Becher des Troſtes und der Hoffnung, den er nur von ihrer Hand hoffen durfte. Er unterſchreibe, fügte er hinzu, jede Bedingung, die ſie mache, jede Beſtimmung, die ſie tref⸗ fen würde.— Pater Bernhard hatte indeſſen an einen Tiſch gelehnt, ſtumm und ſtill dageſtanden. Aber, mit der großten Aufmerkſamkeit war er Allem gefolgt, was vorging. Als Niſida bei ihres Vaters Fragen ſo lebhaft erröthete, fühlte auch ich das Blut in meine Wangen ſteigen und im ſelben Augenblicke bemerkte ich, daß der Pater mit verwundertem und ſcharfem Blicke ſein Auge auf mich heftete. Meine Mutter wandte ſich nun an Pater Bernhard und ſagte:„Auch Ihre Zuſtimmung erbitte ich mir, ehrwürdiger Pater! Sie waren ſo man⸗ ches Jahr Niſida ein väterlicher Freund und ein lieber und geehrter Gaſt in meinem Hauſe.“— Der alte Mann lächelte freundlich und antwortete:„Meine edle Frau! Ihr Wille war immer rein und gut, und ich unterwerfe 350 mich ihm ohne Widerſpruch.“ Er legte die Hand an Niſidas Kopf und ſagte:„Die heilige Jungfrau ſei mit Dir, meine Tochter! Gehe mit Dir zu Rathe. Die Furcht vor der Sünde und den Verlockungen der Welt, die Sehnſucht nach dem Himmel ſollen Deine Begleiter in des Kloſters ſtillen Frieden ſein, nicht irdiſche Leidenſchaf⸗ ten, ſie ſind den heiligen Mauern fremd.“ Er ging, der Baron ließ ſogleich auf meiner Mutter Wunſch den Wagen vorfahren und Alle verließen das Haus. Ich ging aus der Stadt, um auf einer einſamen Wanderung meine von des Tages Begebenheiten verwirrten Gedanken zu ſammeln. Es war ein ſchöner Sommertag, überall begegnete ich Spaziergängern, oft wurde ich von Be⸗ kannten angeſprochen. Ich fand weder Einſamkeit, noch Ruhe füͤr meine aufgeregte Stimmung und kam endlich an Seel und Leib ermattet nach Hauſe. 3 Als ich in das Wohnzimmer meiner Mutter trat, fand ich Niſida allein. Sie ſaß in einer Ecke des Sophas und hatte das Geſicht in die Kiſſen verborgen. In die⸗ ſem Augenblick wurde ſie meiner gewahr, erhob ſich und wollte das Zimmer verlaſſen. Ich hielt ſie zurück und ſagte:„Nifida! meine Freundin, meine Schweſter! was habe ich gethan, daß Du vor mir, wie vor einem gif⸗ tigen Thiere fliehſt?“— Sie ſchwieg und ſetzte ſich ſtille auf ihren Platz. Ich ſetzte mich an ihre Seite, nahm ihre Hand, küßte ſie, drückte ſie an meine Bruſt, hielt ſie trotz ihres Widerſtandes feſt und ſagte:„Ach, liebſte Niſida! womit habe ich verdient, daß Du mich unglücklich machen, mein Leben verderben willſt und ich wünſchen muß, daß es mit dieſem Tage ein Ende nähme?“ Sie ſah mich fragend an und ließ mir ihre Hand. Ich fuhr fort:„Iſt nichts in Deinem Herzen, was Dir ſagt, daß ich Dich liebe?“ Bei dieſen Worten durchzuckte ein elektriſcher Schlag Niſidas Hand, welche ich in der meinen hielt.„Wie Deine Mutter von Graf Leo geliebt war, wie ſie ſeine einzige Liebe geweſen, die er mit ritterlicher Treue mitten in all' ſeinen weltlichen Verirrungen in 3⁵¹ ſeinem Herzen bewahrte, ſo biſt Du meine erſte, letzte, einzige Liebe.“—„O Gott!“ rief Niſida, indem ſie in großer Aufregung auffuhr:„welche Wortel welche hin⸗ reißenden, entzückenden Worte!— Aber es iſt nicht der Geiſt der Wahrheit, der aus Deinem Munde ſpricht. Es iſt das ſüße Gift, vor welchem mich Pater Bernhard ge⸗ warnt, es iſt der Zauberbecher, mit welchem der Geiſt der Unterwelt den Leichtgläubigen berauſcht. Aber ich will die Macht der Wahrheit gegen die Deine ſetzen. An des Grabes oder des Kloſters Schwelle hat man den Muth, zu ſagen, was man im Leben und in der Welt nimmermehr zu offenbaren gewagt. Ich liebte Dich vom erſten Augenblicke an, als ich Dich wiederſah! Niemand hat geliebt, wie ich, Niemand wird je wieder ſo lieben. Ich würde wie Alceſte mein ſchwindendes Leben hingeben, um das Deine zu retten; ich würde Dir wie Kains Frau in die öde Wüſte folgen; ich fühlte mich gering und unwürdig an der Seite des hohen Werthes, den ich Dir gab; aber biſt Du treulos und verdorben, was bleibt noch Schönes und Gutes in der Welt zurück. Nein, ich will ſie fliehen, ehe ihre Teufelsklauen mich ſelbſt ergrei⸗ fen. Ich fühlte ihre Macht. Ich betrübte meinen Va⸗ ter; ich habe Unrecht gegen den Grafen; mich zu rächen, und Dich zu verwunden gab ich mein Verſprechen, die Seine zu werden. Niemand haͤtte es von mir erzwingen koͤnnen, wenn meine Leidenſchaften nicht mit ihnen⸗ im Bunde geweſen. Nein, laß mich Deine Seele retten und für Deine Mutter und Dich beten!“—„Geliebte Nifida! Du hebſt mich in den Himmel, um mich wieder in den Abgrund ſinken zu laſſen. Ach! ein Mann ſchwärmt umher auf dem wilden Meer der Welt und muß an ihren Klippen und Felſen ſcheitern, um den Werth des ſtillen Hafens zu ſchätzen und zu wünſchen, ihn nie mehr verlaſſen zu dürfen; er muß die Häßlichkeit der Sünde kennen lernen, um die Schönheit der Unſchuld und Rein⸗ heit in ihrem ganzen Werthe zu ſchätzen. Ich bin nicht verdorben, nicht treulos, kein Unſchuldiger ſoll mich vor der himmliſchen Gerechtigkeit anklagen.“—„Kein Un⸗ ſchuldiger, ſagſt Du? was war Beate? O Gott! wenn ich daran denke, daß ſie ſo innig geliebt, daß Du ſie mit denſelben Augen angeſehen, mit denen Du nun mich be⸗ trachteſt, daß Du vor ihr gekniet, geweint vor ihr, daß Du an jenem Abend, als ich Dich auf der Kirchentreppe fand, als ich in kindlicher Unwiſſenheit für Dich gebetet und geweint, aus Liebe zu ihr verzweifelteſt, daß Du ihr angehörteſt, ach! da könnten mich dieſe Vorſtel⸗ lungen wahnfinnig machen.“—„Aber, Niſida! ich habe Beaten nie geliebt. Gibt es denn keine ſolche Illuſto⸗ nen für den Unerfahrenen? Beſinne Dich! haſt Du nicht ſelbſt geglaubt, den Grafen zu lieben?“— „Nein, nie! Ich konnt' es nicht ertragen, daß er mir in die Augen ſah, daß er meine Hand berührte; aber ich konnte es auch nicht ertragen, daß er um meinetwillen weinte und ſterben wollte. Ich war ein Kind, ich wollte ihm etwas Tröſtliches ſagen und verwickelte mich in ein Labyrinth, das ich nicht kannte. Und nun geſtern! ach, da war ich meiner ſelbſt nicht mächtig, ich hatte nur ein Gefühl, den Unwillen gegen Dich. Aber heute kehrte meine Vernunft zurück und ich flüchtete zu Pater Bern⸗ hard und fand Zuflucht bei ihm.“—„Aber auch ich, liebe Niſida! auch ich verwickelte mich mit Beaten in ein Labyrinth, das ich nicht kannte, aber das Ganze war wirk⸗ lich lächerlich und nicht dieſer Folgen werth.“—„Iſt es möͤglich, daß Du ſo ſprechen kannſt? Nie kann das Band gelöſt werden, das Dich an Beaten bindet. Ihr Schick⸗ ſal gleicht dem meiner armen Mutter; ſie hatte eben ſo großes Unrecht gegen meinen Vater, als Beate gegen Dich, aber er verließ die Unglückliche und ſein Kind nicht. Mit Gefahr für ſeine Sicherheit folgte er ihr nach dem fernen Lande und nach Verlauf ſo mancher Jahre eilt er nun zu ſeiner unbekannten Tochter und überhäuft ſie mit Liebe. Du dagegen— ich habe es ſelbſt geſehen— Du empfängſt mtt groͤßter Gleichgültigkeit den kleinen Knaben, den die unglückliche Mutter Dir vorſtellt....“—„Niſida, 3⁵³ was ſagſt Du? welchen Knaben? welche Mutter? weiß Gott, ich glaube, ich träume! Was iſt das für ein un⸗ glückſeliges Mißverſtändniß, das hier obwaltet?“... Ich konnte nicht mehr ſagen, denn meine Mutter trat mit einem Billet ein, das, wie der Ueberbringer geſagt, große Eile habe. Ich erkannte Petrinens Hand und er⸗ brach raſch das Siegel. Es enthielt nur die Worte, ſie bitte mich, ſo bald als möglich zu ihr zu kommen, da ſie mir etwas zu ſagen habe, was ſie für wichtig halte. Wie an jenem längſt vergangenen Tage empfing ſie mich mit Gelächter.„Ich glaube wirklich,“ ſagte ſie,„daß der Herr uns beide auserleſen, einander zu tröſten. In dieſer Rückſicht will ich mir ſelbſt und der Welt den pikanten Schluß der Geſchichte Niſidas ver⸗ ſagen, daß der Mann, der ſie als neugeborenes Kind in einem Korb empfing, als Vergeltung einen leeren Korb von ihr empfange. Ich vermag dem Romane vielleicht eine andere Wendung zu geben.“ Sie erzählte mir nun, daß Beate ganz aufgelöſt in Thränen und Schmerz zu ihr gekommen ſei und ihr den Erfolg berichtet hätte, welchen ihre wohlgemeinten Beſtrebungen für Niſidas Glück gehabt. Bei näherer Ausforſchung begriff die ſcharfſinnige Petrine den ganzen Zuſammenhang.„Nun,“ ſagte ſie, „Sie werden nicht glauben, daß Beate all' dies nach einem eigentlichen Plane gethan oder gar um Ihnen zu ſchaden. Nein, ſie goͤnnte ſich nur die doppelte Freude, ihr leeres Daſein durch die Einmiſchung in fremde An⸗ gelegenheiten zu beſchäftigen, in welchem vornehme Leute Hauptperſonen waren, und auch ſie eine ſolche ſein konnte, namentlich aber, um ſich durch die romantiſche Liebesge⸗ ſchichte intereſſant zu machen, welche ſie mit Ihnen ge⸗ habt und die ſie auf ihre Weiſe allen ihren Freundinnen zu angenehmer Erbauung erzählte. Unglaublich ſollte es ſcheinen, daß ſie einen abſcheulichen Schatten ſogar auf ſich ſelbſt wirft, indem ſie darauf anſpielt, daß ihr älteſter Sohn Ihr ſprechendes Ebenbild ſei, ungeachtet der Knabe Novellen. II. 23 3⁵4 anderthalb Jahre nach Ihrer Abreiſe geboren iſt und keine andere Aehnlichkeit mit Ihnen hat, als ſchwarze Haare, welche Sie zufälligerweiſe mit Andrik gemein⸗ ſchaftlich haben, dem der Knabe gleicht. Daß Niſida, als Beate nach ihrer Ausſage mit tauſend Thränen den kleinen Jungen vor ſie ſtellte, eine Aehnlichkeit mit Ihnen finden konnte, beweiſt nur, daß ſie Sie in Allem ſieht. Beatens Abſicht iſt nicht, daß man dieſer Anſpielung die ſchlimmſte Deutung gebe, ſondern ſie will es ſo erklären, ihre heftige Sehnſucht, die ihr immer Ihr Bild vorführte, habe dem Knaben Ihre Züge geſchenkt. Ihre Liebe, Ihre genaue Verbindung mit ihr zu beweiſen, iſt ihr wichtiger, als einem kränkenden Mißtrauen zu entgehen. Es iſt wie alles, was ſie thut und ſagt, eigentlich Nichts, Un⸗ wahrheit, Schatten, Geſchwätz ohne Seele und Idee. Da ſie mir nun ſelbſt ihr Benehmen gegen Nifida ohne die mindeſte Ahnung, daß ſie etwas Unrechtes gethan, erzählt, dachte ich daran, ob ſich nicht ein zur Aufflärung nöthiges Document aus jener Zeit finden ließe, und da erinnerte ich mich jenes Briefes, den Sie mir ſogleich nach Ihrer Abreiſe von Hamburg ſandten. Ich wußte, daß ich ihn als eine liebe Erinnerung aufbewahrt, da er mir eine tröſtende Botſchaft brachte, und nun werden Sie ſehen, wie eine gute That ſich lohnt. Hier iſt der Brief; theils beſprechen Sie darin mit ehrlichem und überzeugen⸗ dem Vertrauen Ihr wahres Verhältniß zu Beaten, Ihren Spott über Sie ſelbſt und Ihre eingebildeten Gefühle; theils kann das Datum beweiſen, daß Sie Dänemark anderthalb Jahre früher verlaſſen, als jenes hübſche Aver⸗ tiſſement, das ich Ihnen hiemit übergebe, in einer Ham⸗ burger Zeitung erſchien, und das mir mein Mann zum Scherze herübergeſchickt. Hier ſteht mit meines guten Schwagers Unterſchrift:„„Auswärtigen Freunden und Bekannten zeige ich hiemit an, daß meine liebe Frau am ſiebenten dieſes Monats von einem geſunden Knaben ent⸗ bunden worden““ u. ſ. w.“„ Mit wie großer Freude und Dankbarkeit ich au 35⁵⁵ dieſe herrlichen Doeumente empfing, ſo fühlte ich mich doch verlegen, bei dem Gedanken, ſie ſelbſt Niſida vor⸗ legen zu ſollen. Auf meine Bitte begleitete mich deßhalb Petrine nach Hauſe, und während ich mit klopfendem Herzen mich in mein Zimmer zurückzog, ging ſie allein zu meiner Mutter und Niſida. Nach einer Weile, die wohl nicht ſo lange dauerte, als es meiner ungeduldigen Sehnſucht erſchien, kamen ſie alle Drei zu mir. Ohne zu ſprechen, führte meine Mutter die heftig bewegte Ni⸗ ſida zu mir und legte die Hand der geliebten Tochter in die des Sohnes, während ſie uns beide an ihr theures Herz drückte und mit unbeſchrelblichem Ausdruck ihr mil⸗ des Auge zum ſegnenden Himmel emporhob. Ich nahm Niſida in meine Arme, erhob ſie und küßte ſie zum erſten Male ſeit jener Abſchiedsſtunde, in welcher ich wie jetzt die kindliche Freundin erhob und ſie küßte, ohne zu ahnen, daß eine Wiederholung, wie dieſe, mir zu Theil wer⸗ den ſollte. Wir eilten ſogleich zum Barone, den wir an ſeinem Fenſter in der Dunkelheit ganz allein und traurig brütend ſitzen fanden. Niſida flog ihm entgegen und ſagte ihm Alles mit einer Miſchung jungfräulicher Schamhaftigkeit und inniger Freude. Etwas verlegen näherte ich mich dem vornehmen, reichen Vater, aber ich bekam bald Muth, als der Baron mit ungeheuchelter Freude ſeine Arme um Niſida und mich ſchlang und äußerte, der Gedanke, ich könnte Der ſein, den ſeine Tochter liebe, ſei heute zum erſten Male in ihm erwacht und habe ſeine wärmſten Wünſche rege gemacht, dieſe Vermuthung möchte zur Gewißheit wer⸗ den— als die einzige Art, wie er im Stande wäre, zu bezahlen, was er mir ſchuldig ſei. Ein paar Tage ſpäter kam er zu meiner Mutter und bat ſie, eine Gabe anzunehmen, die er ihr ſchon lange zugedacht und die in nichts Geringerem beſtand, als einem überaus hübſchen, kleinen Landſitz, unfern von der Stadt. Er hatte ſich ſchon einige Zeit lang damit be⸗ ſchäftigt, von Niſidas Rath unterſtützt, ihn ganz nach dem 356 Geſchmack der künftigen Eigenthümerin einzurichten und zu meubliren. Meine Mutter, deren unerfüllter Wunſch ſtets etwas Derart geweſen, wurde kindlich froh und, glücklich bei dem Anblick der lieblichen Wohnung und be⸗ ſtimmte, daß wir hier den Reſt des Sommers zubringen, und daß ich meine Braut herausführen ſollte; doch wünſchte ſie, daß wir zuerſt unſere Hochzeit in der alten Heimath, wo wir ſo lange zuſammen gelebt, feiern. An jenem glücklichen Abend, als wir in der Stille vereint und heiter in meiner Mutter Wohnzimmer ſaßen, ſagte mein Onkel:„Seht, in dieſer ſelben Stube, auf denſelben Tiſch ſetzte Otto den Korb mit der neugeborenen Niſida, und wir Alle, mit Ausnahme des Barons und des Paters, wir Alle waren zugegen.“ Da ſagte ich, frei⸗ lich nicht in dem Sinne, wie ich es jetzt ſage:„Das iſt ein hübſcher Schatz, den Du Deiner Mutter ins Haus bringſt,“ aber meine Worte waren prophetiſch, und ſo kann man Prophet werden, ohne ſich eine ſolche Würde träumen zu laſſen.„Was meinen Sie davon, ehrwür⸗ diger Vater?“ fügte er hinzu, indem er ſich an Pater Bernhard wandte.„Ja,“ antwortete dieſer,„Gottes Gedanken ſind nicht der Menſchen Gedanken: auch ich hatte meine Abſichten, aber ich liebe dieſes Brautpaar zu ſehr, um mich nicht über ſein Glück zu freuen. Auch meine Worte waren prophetiſch; denn als ich das erſte Mal dieſe Fremde beſuchte, ſagte eine himmliſche Einge⸗ bung:„„Die heilige Jungfrau mit ihrem Kinde auf den Armen wird unſichtbar in dieſes Haus niederſteigen und es ſegnen.““ 2 — —,— Ein vermöglicher und angeſehener Beamter in einer der Handelsſtädte Seelands ſaß einſt vor mehren Jahren mit ſeiner Familie in ſeinem ſchönen und geräumigen Wohnzimmer. Es war ein heiterer Herbſtabend. Die Sterne ſchienen am Himmel und der Mond guckte in die Fenſter, als wollte er mit weiblicher Neugierde die ſchönen feſtlichen Kleider, den glänzendweißen Atlas, die Blonden und Bänder betrachten, welche rings im Zimmer ausgebreitet lagen, wo die Frau des Hauſes mit ihren zwei Toͤchtern ſaß, und bei dem Schirme vor Licht und Lampe arbeitete, während der Herr ganz vertieft in den ſo eben angekommenen Zeitungen daneben las.— In einer Ecke bei dem Fenſter war die kleine Karen lebhaft mit Nähen beſchäftigt, und arbeitete ungemein emſig. Dieſe kleine Karen war die Tochter eines kürzlich verſtor⸗ benen, ſehr gebildeten, aber ſehr armen Mannes, der nach manchem Schiffbruch auf des Lebens Meere ein kleines Amt in dieſer Stadt bekleidet und mit einer ältern Schweſter und ſeiner einzigen Tochter gelebt, welche er von früheſter Jugend in die Muſen eingeweiht, die in allen Widerwärtigkeiten ſtets ſein Troſt geweſen. Die gute Tante, wohl bewandert in allen häuslichen und weiblichen Geſchäften, hatte das junge Mädchen in dieſen unterrichtet, und der glückliche Vater fand, daß ſeine kleine Karen alles verband, was ein weibliches Weſen liebens⸗ würdig und einnehmend macht. Er freute ſich auf die 360 Conſtrmation, wo er oͤffentlich vor Gott und Menſchen dieſen ſelnen Liebling, als einen bislang verborgenen und der Welt unbekannten Schatz vorſtellen ſollte. Er dachte ſchon darauf, wie er ihr für dieſe feierliche Gelegenheit eine anſtändige Kleidung verſchaffe, als der Tod plötzlich ſeinen Hoffnungen und Sorgen ein Ende machte. Die arme, kaum fünfzehnjährige Karen und ihre Tante befan⸗ den ſich nun in derſelben Lage, wie Abgebrannte oder Schiffbrüchige, ohne andere Zuflucht, als die, welche ihnen das Mitleiden ſchenken würde. Die Tante ſuchte eine Con⸗ dition als Haushälterin, während Karen mit ähnlichen Ausſichten zu einem Verwandten ihres Vaters, dem ge⸗ nannten Beamten, kam, den wir Hr. A. nennen wollen. Hier ſollte ſie vor der Hand bleiben und am nächſten Sonntag mit den Töchtern des Hauſes, mit denen ſie zum Geiſtlichen gegangen, confirmirt werden. Man ſaß und arbeitete an dem Putz dieſer jungen Damen: auch Karen war damit beſchäftigt. Sie freute ſich darüber, unbemerkt in der ſtillen Ecke ſitzen zu kön⸗ nen. Sie fühlte ſich fremd in dieſer Umgebung und ver⸗ laſſen von der ganzen Welt. Ihre Gedanken ſchwärmten mit unſäglicher Wehmuth in die verſchwundenen Zeiten zurück und wandten ſich mit Bangigkeit der Zukunft zu. Mit beklommenem Herzen erhob ſie ihre Augen von der Arbeit und ſah zum ſternenvollen Himmel empor, als plotzlich eine Sternſchnuppe über ihr hinfuhr und das be⸗ trübte Mädchen ermunterte: ein guter Geiſt ſchien ihr Troſt und Hoffnung durch dieſes Zeichen zuzuflüſtern. Im ſelben Augenblick kam ein prächtiger Reiſewagen mit vier Pferden durch die Straße, der vor der Thüre hielt. Die Dame des Hauſes ſprang auf und rief laut:„Ach, Herr Gott! Das iſt Herr von S. Müſſen wir uns nun mit dem gräßlichen Ungeheuer placken!“ Der Herr des Hau⸗ ſes drohte ſeinen Toͤchtern und eilte hinaus, um den ſo unheimlich angekündigten Gaſt zu empfangen; indeſſen ſagte die jüngſte Tochter zu der ganz erſchrockenen Karen: 361 „Das iſt ein reicher und vornehmer Gutsbeſitzer, der ein paar Meilen von hier wohnt.“—„Iſt er ſchlecht oder grauſam?“ fragte die unſchuldige Karen.„Nein, keines⸗ wegs,“ ſagte Fräulein Louiſe und lachte laut:„Man kann wohl ſagen, er iſt gut, aber er iſt zugleich ein lang⸗ weiliger Pedant und eine abſcheuliche Mißgeburt!“— Nun ging die Thür auf und Hr. A. führte mit mancher Verbeugung und Complimenten einen Mann von mittlerem Alter und düſterem Ausſehen ein. Er war ganz verwach⸗ ſen, ſchief und krumm, und ſtützte ſich auf eine Krücke. Die Damen empfingen ihn mit groͤßter Zuvorkommenheit und Artigkeit. Er ſetzte ſich und ſprach mit Lebhaftigkeit und feinem Weltton. Karen konnte nicht müde werden, ſein ſonderbares Ausſehen zu betrachten. Sein todtenblaſſes Geſicht, ſeine krankhaften, leidenden und ſcharfen Züge, und namentlich ſeine großen Augen hatten einen ſolchen Ausdruck von etwas Hohem und Edlem, daß ſie ſich durch ſeine Nähe gewiſſermaßen erquickt fühlte. Sie hatte be⸗ merkt, daß er oft mit Aufmerkſamkeit ſeine Augen auf ſie geheftet und leiſe die Frau gefragt, wer ſie ſei. Er ließ ſich nun mit den Damen in ein Geſpräch über ihre Confirmationskleider und den Putz ein, den ſie vor ihm entfalteten und erklärten. Mit Mühe erhob er ſich ſpäter, näherte ſich Karen und fragte beſcheiden:„Sie nähen auch an Ihrem Putz für nächſten Sonntag?“—„Nein,“ ant⸗ wortete ſie verſchämt,„es iſt nicht mein Putz.“—„Iſt der Ihre fertig?“— Das arme Mädchen ſchwieg ver⸗ legen.„Ich werde Ihnen Karens Staat zeigen,“ rief Fräulein Louiſe lachend, indem ſie aus dem Zimmer lief und mit einem hinſichtlich des Stoffes und der Form ſehr aͤrmlichen und nichts weniger als neuen Kleide zurückkam. Das Fräulein breitete es aus und ſagte lachend:„Es iſt, wie Sie ſehen, ein Trauerkleid, denn Karen trauert um ihren Vater, aber wie betrübt ſie auch ſelbſt iſt, ſo ſieht der Rock noch trauriger aus, als ſie.“ Die Thränen ſtanden der armen Karen in den Augen, Herr von S. 36² ſah ſie an, ohne ein Wort zu ſagen und ſtieg ſogleich in ſeinen Wagen und fuhr heim. Am folgenden Tage erhielt Karen die freudige Nach⸗ richt von ihrer Tante, daß ſie ganz unerwartet zu Herrn von S. geholt worden ſei, der ſie ohne weitere Empfeh⸗ lung unter höchſt günſtigen Bedingungen zur Führung ſeines Hausweſens angenommen, deſſen Pracht und Be⸗ haglichkeit ſie nicht genug rühmen konnte. Ein großer Kummer wurde dadurch von Karens Herzen genommen und noch eine große Ueberraſchung harrte ihrer, denn am Tage vor der Confirmation brachte eine Staffete von Kopenhagen eine große Kiſte und einen Brief unter ihrer Adreſſe. Der Brief war ohne Unterſchrift und lautete fol⸗ gendermaßen: „Faſſe Muth, liebenswürdiges Mädchen! und glaube nicht, daß Du verlaſſen und allein in der Welt biſt. Glaube lieber, daß ein guter Schutzgeiſt Dir folgt und auf jeden Deiner Schritte achtet. In ſeinem Namen em⸗ pfängſt Du beifolgende geringe Gaben: Du kannſt ſie tragen, ohne zu erröthen.“ Mit größter Verwunderung fand man nun in der Kiſte einen ganzen Anzug, der offenbar für die Feier des nächſten Tages beſtimmt war. Es war ein hoͤchſt eleganter, geſchmackvoller und doch zugleich beſcheidener Traueran⸗ zug. Er war mit größter Sorgfalt ausgewählt, auch fehlte nicht das Mindeſte. Alle waren verwundert, Karen fand einen Reichthum von Troſt in den obigen Linien und der Gedanke, daß ein guter Geiſt ihr wirklich beſchützend folge und Alles ſehe, was ſie that, beſchäftigte ihte Phan⸗ tafie, obgleich ihr klarer Verſtand wohl einſah, daß es ein irdiſcher Freund ſei, welcher hier handle. Sie dachte auch an Herrn von S., und als ſie ihn am nächſten Mor⸗ gen beim Eintritt in die Kirche ſah, grüßte ſie verlegen und dankbar. Unbeſchrelblich ſchon und liebenswürdig ſtand die kleine Karen in ihrem ſchwarzen Anzuge an der Seite der weißen, glaͤnzenden Couſtnen, die ſie ganz verdunkelte. — 363 Niemand fühlte dies mehr, als der junge Huſarenlieute⸗ nant H., ein ausgezeichnet ſchöner und angenehmer Mann, der mit ſeiner Mutter von Kopenhagen gekommen war, um Herrn A's Familie zu beſuchen, mit der ſie in freund⸗ ſchaftlicher Verbindung ſtanden. Dieſer junge Mann faßte eine wirkliche Leidenſchaft für die hübſche Karen und wußte ſeine Gefühle ſo gut zu erkennen zu geben, daß er ihr unſchuldiges, treues Herz ganz für ſich gewann. Für ſie, welche mit aller Verſtellung und Coquetterie unbekannt war, war der Mann, den ſie liebte, der Letzte, vor dem ſie ſich zu verſtellen wußte. Unter dem beſtändigen Zwange der mißtrauiſchen Augen der Umgebung durften ſie ſich nur in wenigen, flüchtigen Augenblicken nähern. Eines Tages fand Karen in ihrem Arbeitstiſchchen einen Zettel, von welchem ſie nicht begriff, woher er kam. Sie oͤffnete ihn, erkannte dieſelbe Hand, wie in jenem anonymen Briefe, der die Kiſte begleitet hatte, und las Folgendes: „Hüte Dich, unſchuldige Karen! Lieutenant H. war mehre Monate mit Deiner Couſine, Fräulein Louiſe A., verlobt. Nach ſeiner Mutter Wunſch, jedoch freiwillig, ging er dieſe Verbindung ein.“ Die arme Karen war wie vom Blitze getroffen. Lieutenant H. und ſeine Mutter reiſten am folgenden Tage fort, ohne daß es ihr moͤglich war, ein Wort allein mit ihm zu ſprechen, aber tauſend kleine Umſtände, welche ſie jetzt erſt bemerkte, und Fräulein Louiſens eigenen Aeu⸗ ßerungen überzeugten ſie davon, daß die Worte des war⸗ nenden Schutzgeiſtes wahr waren. Ihr Aufenthalt in Herrn A's Familie wurde ihr nun doppelt ſchwer, und da ſich ihr zu gleicher Zeit eine Gelegenheit bot, das Haus zu verlaſſen, ergriff ſie dieſe mit Begierde und nahm eine Condition bei einer Dame an, die eine ſogenannte Jungſer ſuchte, das heißt, eine Perſon, die außer den Arbeiten, welche einem einfachen Dienſtmädchen aufgetra⸗ gen werden, die noch weit ſchwierigere Pflicht hat, ſich in 364 der Geſellſchaft der Herrſchaft aufzuhalten,— als ein Ab⸗ leiter der boͤſen Launen, eine Theilnehmerin und Mithel⸗ ferin in allen Sorgen und Beſchwerlichkeiten der Familie, ohne doch als Mitglied derſelben gezählt zu werden. Eine ſolche Stellung, wie ſie wenige Männer ertragen könnten, wurde nun das Loos der fünfzehnjährigen Karen. Aber es gibt Menſchen, namentlich beim weiblichen Ge⸗ ſchlechte, welche, wenn ſie auch das Schickſal in die ſchlimmſte Wüſte hinausſchleudert, doch immer einen grü⸗ nen Fleck zu gewinnen wiſſen, und dort eine kleine Hütte gegen den Sturm aufbauen, wo jeder bekennen muß, daß es hier gut ſein müſſe. Dies glückliche Talent beſaß Karen; ſie war mit einer eigenen Gabe, Andern zu ge⸗ fallen und ſich ſelbſt zu tröſten, geboren. In dem Hauſe, in welchem ſie ſich befand, war eine erwachſene Tochter, die Verſtand und Herz genug beſaß, Karens Vorzüge zu ſchätzen und durch ihre Freundſchaft und ihren Umgang ſie für das Dornenvolle in ihrer Stellung zu entſchädigen. wußte. Die beiden jungen Freundinnen wußten es ſo einzurichten, daß Karen die Erlaubniß erhielt, ſich meiſt mit ihrer Arbeit in dem Zimmer des Fräuleins aufzu⸗ halten, und dort richtete ſie ſich denn auch eine behagliche und freundliche Heimath ein. Sie war von ihrem Schutzgeiſte nicht verlaſſen: von Zeit zu Zeit fand ſie in ihren Behältniſſen allerlei Geſchenke, nothwendige und an⸗ genehme Dinge, und kleine Briefe, die ihre Aufführung lobten und ſie auf eine glücklichere Zukunft vertröſteten, die nicht ausbleiben werde. Sie forſchte eifrig nach, um zu erfahren, von wem und auf welche Weiſe dieſe Dinge in ihre Hände kamen. Ihr Verdacht fiel auf ein altes 4 Mädchen im Hauſe, das ſich oft in ihrem Zimmer zu ſchaffen machte, aber auch dieſe Spur verſchwand, ohne nähere Aufklärung zu geben. 3 Mehr als ein Jahr war auf dieſe Weiſe verfloſſen, als eines Tages große Geſellſchaft im Hauſe war und ſie in dieſer zu ihrem Erſtaunen Lieutenant H. begegnete, der 365 ſich in dieſer Famllie Zugang zu verſchaffen gewußt. Noch am ſelben Abend fand er Gelegenheit, mit Karen zu ſprechen. Mit glühender Liebe ſchilderte er ihr ſeines Herzens Zuſtand, ſagte ihr(was er bereits gehört), daß er ſeine Verbindung mit Fräulein A. ganz abgebrochen, da er ſie nur, von ſeiner Mutter überredet, und vor ſeiner Bekanntſchaft mit Karen eingegangen; daß er lange Zeit vergebens ſich ſeiner geliebten Karen zu nähern geſucht, die er nun bat, ihre geringe Stellung zu verlaſſen und ihm ihr Vertrauen zu ſchenken. Zu ſeiner Mutter konnte er ſie leider nicht führen, aber er wollte ſie zu einer Fa⸗ milie bringen, wo ſie ſich aufhalten koͤnnte, bis er, wie er hoffte, in wenigen Jahren in ſolcher Lage ſich befände, daß er ihr anbieten dürfte, ſie mit ihm zu theilen. Das arme Mädchen dachte, alle Lagen würden ihr angenehm ſein, wenn ſie ſie nur mit ihm theilen könnte. Aber der Gedanke, ſich in den Schutz einer fremden Familie zu begeben, und ſich mit dieſem jungen Manne wider den Willen ſeiner Mutter zu verbinden, verletzte ihr reines Gefühl. Sie ſah oͤfter den Geliebten, der keine Mühe ſparte, ſie zu überreden, ſeine Wunſche zu begünſtigen. Er ſtand außerdem in freundſchaftlicher Verbindung mit einem Sohne des Hauſes, in welchem ſich Karen aufhielt, und durch dieſen erhielt ſie gewoͤhnlich Briefe und münd⸗ liche Nachrichten. Die Wagſchale ſank bedeutend auf die Seite des Lieutenants. Da fand Karen wieder einen der wohlbekannten Zettel und ſein Inhalt lautete folgender⸗ maßen: „Laſſe Dich warnen, geliebte Karen! Laß Dein war⸗ mes Herz, Deine Unerfahrenheit Dich nicht verleiten, von dem Wege abzuweichen, welchen Vernunft und Maß an Deiner Seite gegangen ſind. Lieutenant H. hat keine Ausſichten, Dich vor mehren Jahren heirathen zu können. Laſſe Dich nicht in eine Verbindung ein, welche die Zeit beinahe immer ihres Zaubers beraubt. Iſt der junge Mann treu und männlich, ſo laß ihn dies durch Geduly 366 und Beſcheidenheit zeigen. O, Karen! höre eines unbe⸗ kannten, aber treuen Freundes Stimme. Verdirb Deine Zukunft nicht! Dein Glücksſtern glänzt bereits am Ho⸗ rizonte und wird bald über Deinem Haupte ſcheinen.“ Es ſchien Karen unmöglich, dieſer Stimme nicht zu achten. Vernunft und Recht, meinte ſie, ſei immer mit ihr einig. Als ſie den Geliebten wieder ſah, ſuchte ſie mit der liebenswürdigſten Frömmigkeit ihm die Gründe beizubringen, die ſie beſtimmen könnten, ihn oder ſich ſelbſt durch Verſprechungen zu binden, oder an den Handlungen Theil zu nehmen, welche gegen ihr feines weihliches Ge⸗ fühl ſtritten. Der junge Mann, welcher den Sieg in der Hand zu haben glaubte, war verzweifelt, und wagte zu äußern, er habe von ihrer eigenen Familie gehört, daß ein gehei⸗ mer Liebhaber ihr bereits vor dem Confirmationstage Geſchenke und Briefe geſandt, und ſie ſtehe beſtändig in Verbindung mit dieſem Unbekannten. Er habe, ſagte er, ſie ſo hoch verehrt, daß dieſe Gerüchte ohne Wirkung auf ihn geblieben: aber nun erwachten ſie mit neuer Gewalt. Wie tief dies auch Karen ſchmerzte, ein Verhältniß, das ihr ſo heilig war, auf dieſe Weiſe beſprochen zu hoͤren, ſo erzählte ihm doch das offenherzige Mädchen Alles, was ſie ſelbſt von dieſer Sache wußte; aber weit entfernt, ihn dadurch zu beruhigen, wurde er nur noch mehr aufge⸗ bracht, und in ſeiner Heftigkeit redete er ſich in ſeine, ſo raſende Leidenſchaft hinein, daß er Karen auf das Schrecklichſte beleidigte und ſie in einer Aufregung ver⸗ ließ, die dem kleinen, frommen Mädchen einen toͤdtlichen Schreck einjagte. Tief gekränkt und in ihrem Innerſten zerriſſen, wurde das arme Mädchen noch unglücklicher, als ſie kurze Zeit ſpäter erfuhr, daß Lieutenant H. ſogleich nach jener Seene ſeine alte Verbindung mit ihrer Couſine, Fräulein Louiſe, erneuert habe. Das war mehr, als Karen ertragen konnte. V ¹ — 367 Sie wurde krank, und es währte lange, ehe ſie Geſund⸗ heit und Faſſung wieder gewann. Eines Abends gegen Herbſt ſtand ſie im Fenſter, ganz vertieft in ihre Gedanken; da kam ein praͤchtiger Reiſe⸗ wagen, mit vier Pferden, die Straße herab und hielt vor der Thüre. Mit Verwunderung ſchien Karen dieſelbe Equi⸗ page wieder zu erkennen, welche an jenem Abend vor zwei Jahren Herrn von S. gebracht; ehe ſie jedoch Zeit hatte, Betrachtungen darüber anzuſtellen, trat ihre Tante bei ihr ein, und mit allen Zeichen der innigſten Liebe ſchloß dieſe erſte Freundin den lange vermißten Liebling in ihre Arme. Sie ſagte Karen mit wenigen raſchen Wor⸗ ten, daß ſie im Namen ihres Herrn komme, um ſie zu holen, da Herr von S. auf den Tod liege und ihr eine Sache von Wichtigkeit zu ſagen habe; ſie ſolle ſie raſch begleiten, da kein Augenblick zu verlieren ſei. Die Tante verlangte den Abſchied von der Herrſchaft, bei welcher ſie war. Ihre Freundin, das gute Fraͤulein, umarmte ſie mit Thränen, half ſelbſt ihre wenigen Sachen einpacken, und ehe eine Stunde verging, war Karen und ihre Tante auf Reiſen. Sie fuhren die ganze Nacht, und indeſſen erzählte ihre alte Freundin, was Karen längſt geahnt, daß Herr von S. der geheime Freund war, den ſie ihren Schutzgeiſt nannte; durch hoͤchſt einfache Mittel, nament⸗ lich einen Freund, der in der Hauptſtadt wohnte und in dem Hauſe aus⸗ und einging, wo Karen ſich aufhielt, hatte er ihre Schritte verfolgt, über ihr gewacht und die gedachten Briefe und Geſchenke in ihre Hände zu bringen gewußt. Sie offenbarte nun auch Karen, daß Herr von S. im Sinne hatte, ihr ſein ſchönes Gut und all⸗ ſeinen Reichthum zu hinterlaſſen; um dies jedoch geſetzmäßig und ſicher zu machen, ſei es nothwendig, daß ſie ſeine Wittwe werde, und deßhalb habe er beſchloſſen, ſich auf ſeinem Sterbebette mit ihr trauen zu laſſen. Karen war erſchrocken und hatte tauſend Bedenklichkeiten, welche die Tante alle aus dem Felde ſchlug, indem ſie ihr vorſtellte, daß Herr von S. keine nahen Verwandte habe, daß die weitläufigen Verwandten, die er beſitze, reich und im Auslande ſeien, und daß dieſer edle Mann, von dem erſten und einzigen Male an, als er ſie geſehen, den Plan gefaßt, den er nun ausführen wollte. Karen war innig bewegt, als ſie den Herrn von S. wiederſah. Dieſe Züge, welche an jenem Abend einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht, ſah ſie nun ſo deutlich von der Hand des Todes berührt.„Nur ſo,“ ſagte er, „wollte ich Ihre warme friſche Hand in meine kalte froſtige legen; nur wenn der Tod als Zeuge an meiner Seite ſtunde, wollte ich ein blühendes Geſchöpf an einen haͤßli⸗ chen Krüppel binden.“ Ein Juriſt war zugegen und das Teſtament bereits aufgeſetzt. Der Pfarrer des Gutes weihte mit wenigen Worten den ſeltſamen Vertrag. Alle Formalitäten wurden beobachtet. Es war gegen Abend. Karen und ihre Tante ſaßen ſtumm an dem Bette des Sterbenden. Alles war ſtill. Man hörte keinen Laut, als das Picken des Perpendikels einer Stubenuhr, die eine lange Vorleſung über die Kürze des Lebens und die Länge der Minuten und Stunden wie dieſe zu halten ſchien. Nun kam ein alter Diener mit verweinten Augen herein und flüſterte der Tante etwas in's Ohr, und Karen bemerkte mit Schauer, daß er von dem Tiſchler ſprach, welcher von der Stadt gekommen war, um das Maß zum Sarge zu nehmen. Mit beklom⸗ menem Herzen trat Karen an das Fenſter. Der ganze Hof war voll von Menſchen, meiſt Bauern, Männer und Frauen, welche nach dem Fenſter ſahen. Der Diener ſagte, es ſeien die Leute des Gutes, welche kämen, um ſich nach dem Befinden des Herrn zu erkundigen. Karen bemerkte, daß manche unter ihnen weinten. Ihre Thränen floßen gleichfalls, ſie erhob ihre Augen zum Himmel und betete inbrünſtig für ein Leben, das ſo manchen theuer war.„Schenke ihm das Leben, o mein Gott!“ ſagte ſie. „und goͤnne mir, ihn mit dieſem Daſein zu verſöhnen.“ 369 Eine Sternſchnuppe ſchoß über den Himmel hin und Karen gedachte mit Wehmuth jenes Abends, an welchem ſie wie jetzt ein ſolches Lichtbild geſehen und im ſelben Augenblicke der Mann eingetreten war, der ſo mächtig und wohlthätig in ihr Leben eingegriffen. Gegen Mitternacht erwachte der Kranke aus einem tiefen Schlummer, in den er gefallen war; er ſchien ge⸗ ſtärkt. Karen reichte ihm einen Labetrank, er leerte ihn, drückte lächelnd ihre Hand und ſchlief wieder ein. Früh am nächſten Morgen kam ein älterer Arzt aus der benachbarten Stadt: er kam Schritt für Schritt ge⸗ fahren und wurde von einem Amanuenſis die Treppe her⸗ aufgeführt, der Herrn von S. während der Krankheit ſeines Prinzipals behandelt. Der Wunſch, noch einmal dieſen ſeinen alten Freund zu ſehen, hatte ihn bewogen, zu Herrn von S. zu reiſen. Er näherte ſich dem Bette, unterſuchte den Zuſtand des Kranken und ſagte:„Ich halte es nicht für abgemacht, daß der Tod ſo nahe iſt.“—„Es iſt aller⸗ dings ein bedeutender Fortſchritt zum Beſſern ſeit geſtern zu bemerken,“ antwortete der junge Arzt. Und wirklich beſſerte ſich Herrn von S. Zuſtand von Stunde zu Stunde, ſo daß die Aerzte vor Verlauf von drei Tagen den Kranken außer Gefahr erklärten. Es war, als ob die Freude, den lange überlegten Plan ausgeführt und die Zukunft der kleinen Karen geſichert zu haben, eine wohlthuende Ruhe über das Weſen des Kranken ergoſſen und das Glück, von ihr gepflegt zu werden, die bereits entfliehende Seele auf der Erde zurückgehalten. Eines Tages, als Herr von S. ſelbſt fühlte, wie die Geſundheit zurückkehrte, nahm er wehmüthig Karens Hand, küßte ſie und ſagte:„Vergib mir, geliebte Karen! Gott iſt mein Zeuge, es war nicht ſo gemeint: das Leben war mir nie ſo theuer, als jetzt, und doch bin ich beinahe im Stande, es von mir zu werfen, um ein ſo liebens⸗ würdiges Mädchen von einem ſo ungleichen, ſo unglückſe⸗ Novellen. II. 24 370 ligen Bande zu befreien, wie das, womit ich gegen mei⸗ nen Willen ihre ſchoͤne Jugend an mich gefeſſelt.“ Mit all der Wärme dieſer ſchoͤnen Jugend entfaltete Karen ihr ganzes engelgleiches Herz vor ihm, erzählte, wie ſie ſtets ihn ihren Schutzgeiſt genannt, welche warme Bitten ſie zum Himmel geſandt, und wußte ihn ſo gut zu be⸗ ruhigen, daß Herr von S. in dieſem Augenblicke die erſte ſelige Stunde genoß, die ihm je in ſeinem, von einer harten Hand ſchmerzlich verdorbenen Leben zu Theil ge⸗ worden. Er erholte ſich nun bald ganz; ja es ſchien ſogar, als ob ſeine ſchwächliche Geſundheit durch dieſe letzte Krankheit geſtärkt worden ſei, ſo daß er ſich nie ſo ge⸗ ſund gefühlt, als jetzt. Aber ſeine Seele war zu rein, um nicht in manchem Momente mit unbeſchreiblichem Schmerze an Karens Zukunft an ſeiner Seite zu denken, und auch ſie war nicht immer im Stande, das enthuſia⸗ ſtiſche Gefühl ſeines innern Werthes, das ſie während ſeiner langen Krankheit über ſie erhoben, ſich zu erhalten. In manchem Augenblicke fühlte ſie eine traurige Leere, die ſie oft zu verbergen Alles aufbot.— Ihre Stellung war im Uebrigen, wie man ſich denken kann, glänzend. Die kleine, beſcheidene Karen war umgeben von Pracht und Reichthum, geliebt von Allen, die ſich ihr näherten, ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit Aller und angebetet von ihrem Gatten, der ſich bemühte, ihre Wünſche zu errathen. Karen war nicht blind für die glückliche Veränderung in ihrem Schickſal; aber was ſie mehr als Alles mit dieſem verſoͤhnte, war ihres Gatten Delicateſſe im Umgang. Es ſchien wirklich, als ob die Natur ſeine koͤrperlichen Fehler durch einen ſeltenen Reichthum geiſtiger Gaben erſetzt hätte. Man konnte nicht ohne Verwunderung die große Lebendigkeit ſehen, welche ſo außerordentlich mit ſeinem verkrüppelten Körper contraſtirte und die feurigen Augen, die beweglichen Züge, welche, wenn er ſprach, ſein blaſſes Geſicht belebten. Es war unmoͤglich, ſich mit ihm zu b 371 langweilen. Ein Reichthum von Gedanken und Gefühlen leuchtete unaufhörlich aus ſeinem Geſpräche und eine feine Galanterie, ein ausgezeichneter Takt im Umgange machten ihn ſelbſt für Den angenehm, der ſich keine Rechenſchaft von dieſen Vorzügen geben konnte. Karen verſtand dieſe zu ſchätzen. Herr von S. war den ganzen Vormittag beſchaͤftigt. In den kurzen Wintertagen traf man erſt zum Mittageſſen in dem hübſchen Speiſeſaale zuſammen, wo ein feſt lich und elegant gedeckter Tiſch die kleine Familie erwartete, die außer der Tante, meiſt durch einige von den vornehmſten Beamten, den Pfarrer und Andere ver⸗ größert wurde. Dieſe Mahlzeiten verſtand Herr von S. durch ſein großes Talent als Wirth und die kleinen Worte des Geſpräches zu würzen, welche nichts find, wenn man ſie genau betrachtet, die jedoch den Moment ver⸗ ſchönern, der ſie gebiert, weßhalb man mit Recht ein ſol⸗ ches Geſpräch mit einem Feuerwerk vergleichen kann. Die langen Abende, welche ſie oft einſam in Karens Cabinet verbrachten, floßen raſch und angenehm bei einem trauli⸗ chen Feuer dahin, während der Sturm draußen heulte und der Schnee die Fenſter peitſchte oder der Mond an ſtillen Winterabenden ſchien und man das Geſchrei der Eule aus dem nahe liegenden Walde hoͤrte. Oft las Herr von S. laut der Tante und Karen vor, die er dadurch mit bisher ungekannten Schätzen bekannt machte; oft entfaltete er hier im ſtillen Geſpräche ſeines eigenen Geiſtes und Herzens reiche Schätze. Keine Kunſt oder Wiſſenſchaft ſchien dieſem Manne fremd. Sein unglückli⸗ cher Körperbau, der ihm von Jugend auf ſo manchen Weg zu Vergnügungen verſchloſſen, die die Zeit der Glück⸗ lichen ausfüllen, hatten, vereint mit ſeinen geiſtigen An⸗ lagen und ſeiner äußerlich glücklichen Lage ihm Luſt, Zeit und Mittel gegeben, ſich ganz den Wiſſenſchaften und Studien zu widmen und in der Bildung, die er ſich da⸗ durch verſchaffte, Erſatz für ſein Unglück zu finden. Der Winter war auf dieſe Weiſe verfloſſen; da er⸗ 372 hielt Karen eines Tages einen Brief von Herrn A.s Fa⸗ milie, worin man ihr meldete, daß ihr früherer Geliebter, Lieutenant H., mit ſeiner Braut Hochzeit haben ſolle, da ein Civilpoſten, den er in einer entfernten Provinz erhal⸗ ten, es für das junge Paar möglich mache, anſtändig zu leben, und daß die Hochzeit in einem Monate ſtattfinden werde. Man lud Herrn von S. und ſeine Frau zu die⸗ ſem Feſte ein. Karen wurde blutroth, als ſie dieſen Brief las. Sie übergab ihn ihrem Gatten und verließ das Zimmer. Als ſie zurückkam, fand ſie Herrn von S. verſtimmt. Es war ihr, als ob er geweint.— Vergebens ſuchten beide den alten Ton wieder anzuſchlagen. Es war unmöglich. Dieſe unglückliche Stimmung wollte am nächſten Tage nicht weichen, auch alle folgenden nicht und ſo ging es Wochen und Monate. Karen fragte oſft lie⸗ bevoll nach dem Grunde zu dem Mißmuth ihres Freundes. Sie fragte liebevoll, aber nicht freimüthig, nicht offen⸗ herzig, und erhielt folglich auch keine freimüthige und offenherzige Antwort. Seine Stimmung benahm ihr den Muth, wenn ſie frei mit ihm ſprechen wollte. Herr von S. ſah wieder bleich und betxübt aus, wie damals, als Karen ihn zum erſtenmale geſehen. Er ſetzte ſich oft weit von ihr und betrachtete ſie mit inniger Wehmuth. Sie grämte ſich, ohne mehr davon zu ſprechen, aber ihre friſche Jugend ſchien zu erbleichen. Es war ein ſchöner Oſtermorgen, als Karen mit leichterem Herzen denn gewöhnlich aufſtand. In ihrem kleinen Cabinette fand ſie Blumen und Kränze von friſchem Laube, welche die Mädchen des Guts gebracht hatten. Durch das offene Fenſter dufteten die Blüthen ihr aus dem ſchönen Garten entgegen. Sie fragte nach Herrn von S. Man antwortete, daß er ausgefahren ſei. Ohne ſich weiter darüber Gedanken zu machen, ging ſie in die Kirche und trat unter die große Verſammlung von Bauern, die ſie alle mit liebevoller Verehrung begrüßten. Eine freudige Regung ſchien ihr Herz zu durchdringen, als 373 ſie im Vereine mit dieſen einfachen, aber treuen Freunden ihre Bitten zum Himmel aufſandte. Als ſie nach Hauſe kam, eilte ihr Herr von S.'s alter Diener entgegen und bat ſie, in das Zimmer ſeines Herrn zu treten. Herr von S. empfing ſie mit feierlicher und gerührter Miene und ſagte:„Meine theure Karen! Du weißt ſelbſt, daß ich Dir meine Hand nur in dem Gedanken bot, der Tod werde bald unſere unnatürliche Verbindung löſen. Meine Abſicht war, Dich glücklich zu machen, aber ich habe wider meinen Willen das Gegentheil gethan. Du weißt, daß ich— trotz all' meiner Liebe— doch mich Deiner Anmuth nie anders als mit der Ehrfurcht eines liebevollen Vaters genähert und ich kann deßhalb ohne Verlegenheit Dir zur Unterſchrift dieſen Scheidungscontract reichen, den ich ſelbſt bereits unterzeichnet. Das Gut, das ich in einer andern Provinz beſitze, gehört Dein; in drei Jahren kannſt Du Deine Hand dem Lieutenant H. reichen, den Du liebſt. Ich habe mich nach ihm erkundigt. Ich glaube ſicher, daß er nur in der Erbitterung über Deine vermeintliche Untreue ſeine Verbindung mit der Couſine erneuert hat, und zweifle nicht, daß er mit Freuden die⸗ ſes Band brechen wird, wenn er dadurch hoffen darf, Dich zu gewinnen. Ich habe ihm geſchrieben. Lies den Brief, ehe ich ihn abſende, damit Du Dich überzeugſt, daß ich die Sache nicht undelieat behandelt habe. Du reiſeſt nun raſch nach Deinem Gute und harrſt die drei für die Trennung beſtimmten Jahre aus. Ihr ſeid beide jung, die Zeit wird bald vergehen...“ Herr von S. hatte nicht ausgeſprochen, als ſich Karen mit heftigem Weinen in einen Stuhl warf. Er näherte ſich ihr. Sie erhob ſich und ſagte mit Faſſung:„Das hatte ich nicht erwar⸗ tet, Herr von S., daß Sie mich auf dieſe Weiſe entfernen würden. Ihr Benehmen iſt edel, aber ich kann es nicht bewundern. Ich habe Lieutenant H. geliebt, das iſt wahr, aber ich glaube, daß ich in meinen verlaſſenen Tagen dieſe Liebe ausgeweint. Bei der Nachricht von ſeiner 374 nahe bevorſtehenden Hochzeit wurde ich verlegen, ich weiß ſelbſt nicht, weßhalb. War es ein Aufflackern der alten Liebe, ſo war es das letzte. Ich habe mich ſeit jenem Augenblicke ſelbſt geprüft. Ich liebe ihn nicht mehr. Ich habe etwas Beſſeres kennen gelernt. Ich lernte ſchätzen, welchen Werth die Feſtigkeit und Selbſtbeherr⸗ ſchung eines Mannes für das wehrloſe Weib hat. Ich kann nicht ohne Sie leben. Ihr geiſtreicher Umgang, Ihre hohe Tugend überwiegen für mich alle andern Vorzüge. Sie können mich verſtoßen, wenn Sie wollen, aber dieſes Dokument unterſchreibe ich nicht.“— Mit dieſen Worten zerriß ſie erbittert das Papier, das ihr Herr von S. übergeben, verließ mit Thränen das Zimmer und ging in ihr Cabinet, wohin der über alle Beſchrei⸗ bung glücklicher Gatte ihr folgte. Am Oſtermorgen des folgenden Jahres ließ Herr von S. mit großer Feierlichkeit ſeinen und Karens Sohn taufen und die glückliche junge Mutter fühlte von jenem Augenblicke keine Leere in ihrer Heimath und ihrem Her⸗ zen mehr.