N —-——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur) von—.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. d 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von l jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 d 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. „ 3 „ u“ 1— uI. 9—„„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleikezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 9 — 0 363/ 9 ——* 9 Die Novellen des Verfaſſers der Alltagsgeſchichte.“ Däniſch herausgegeben von J. L. Heiberg. Deutſch von Dr. Edmund Zoller. Erſtes bis fünftes Bändchen. —”,— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Eine Alltagsgeſchichte. 4 Novellen. 1. 1 — Vor einigen Jahren machte ich in Staatsangelegen⸗ heiten eine Reiſe in das Ausland und erhielt auf dem Heimwege die Erlaubniß, mich einige Zeit im Mecklen⸗ burgiſchen aufzuhalten, um eine Privatſache in Ordnung zu bringen. Mein eigentliches Standquartier war nicht weit von Dobberan auf einem adeligen Gute, deſſen an⸗ muthige, heitere Lage ſeltſam mit dem Tone der Leute contraſtirte, welche ſich dort aufhielten.— Eine ſolche Steifheit und Etikette, einen ſolchen Mangel an Leichtig⸗ keit im Umgang und Geſpräche kann man ſich in unſerm guten Kopenhagen kaum vorſtellen, wo man keine Spur mehr von dem Adelsſtolz und der Förmlichkeit findet, welche das nördliche Deutſchland und namentlich die kleineren Höfe characterifirt. Ich kann nicht unbemerkt laſſen, daß man ſich, wie durch einen Zauberſchlag, in eine andere Welt verſetzt glaubt, wenn man nach einem ſolchen Auf⸗ enthalt in Norddeutſchland nach Schleswig kommt, und das liebenswürdigſte Fürſtenpaar, umgeben von ſchönen, blühenden Kindern, ſieht, und in ihrem häuslichen Leben die Einfachheit der Sitten und jene patriarchaliſchen Tugenden findet, für die man in der freiheitsbegeiſterten Jugend geſchwärmt hat. Doch iſt hier nicht der Ort, mich näher hierauf einzulaſſen, als ſoweit dieſe Gedanken in mein Schickſal eingriffen. Ich wende mich deßhalb zu melinem mecklenburgiſchen Gute zurück und muß geſtehen, daß mir am meiſten die * Art und Weiſe mißſiel, wie die Damen jene minder lie⸗ benswürdigen Seiten der Engländerinnen nachahmten, welche den Umgang mit dieſen ſo beſchwerlich macht, daß man z. B. ſeine weiblichen Bekannten auf oͤffentlicher Straße kaum grüßen darf, ohne Gefahr zu laufen, für unbeſcheiden oder aufdringlich zu gelten. Bei keiner Ge⸗ legenheit iſt dieſe Steifheit ſo auffallend, als bei einem Balle. Es traf ſich gerade, daß ich mehrmals ſolchen Unterhaltungen anwohnte, und wenn ich nun ſo ſtille daſaß und die Tanzenden betrachtete, den wunderbaren Contraſt zwiſchen ihrer ernſten, ja feierlichen Miene und der Raſchheit, mit der ſie ſich im munteren Tanze be⸗ wegten, war es mir immer, als ob man über dieſen Anblick zugleich lachen und weinen ſollte. Es hat nach meiner Anſicht etwas Unnatürliches an ſich, erwachſene Leute, manchmal ſogar ältere, corpulente Perſonen ſprin⸗ gen zu ſehen, wie Kinder, während ihnen der Schweiß über das blutrothe Geſicht in großen Perlen fließt, und die Augen dabei unbeweglich in der geſpannten Phyſiognomie ſtehen. Wenn dies nun nicht mit ſichtbarer Luſt und Laune geſchieht ſo finde ich, daß es ein trauriger und lächerlicher Anblick iſt. Man kann freilich annehmen, daß der, der ſtille ſitzt und ſolche Bemerkungen macht, in ſchlechter Laune ſei. Und das war ich auch, wie ich gerne einge⸗ ſtehe. Ich langweilte mich unſäglich in dieſem Kreiſe: und fühlte mich wie in einem Paradieſe, als die Geſell⸗ ſchaft des Gutes durch eine iunge Landsmännin vergrößert wurde, welche gerade zum Beſuche kam, und mit Näch⸗ ſtem wieder nach Kopenhagen zurückreiſen ſollte. Nun bekamen Bälle und Geſellſchaften Reiz für mich. Ihre anſtändige Freiheit im Umgang, die Offenherzigkeit, mit der ſie mich behandelte, die jugendliche Munterkeit, mit der ſie tanzte, wirkte ſo erfriſchend auf mein Weſen, daß Henriette H. mir wie von einer guten Fee als Troſtengel geſandt ſchien. Vielleicht war es auch nicht ihr kleinſtes Verdienſt, daß ſie außerordenlich ſchoͤn war, und deßhalb 5 wie eine Sonne unter den andern Damen hervorſtrahlte; denn Schönheit iſt ziemlich ſelten im noͤrdlichen Deutſch⸗ land. Bei dem Zuſammentreffen aller dieſer Umſtände war es natürlich, daß ich mich von dieſem Mädchen un⸗ gemein angezogen fühlte, von welchem ich übrigens nichts wußte, als daß ſie ſchön, freundlich und die Tochter eines achtungswürdigen und in ſeinem Fache hochge⸗ ſchätzten Mannes war.— Eine ältere Kopenhagener Dame hatte ſie begleitet. Es war in der Badezeit, in welcher Dobberan reich an Vergnügungen und Frem⸗ den iſt. Eines Abends hatten wir mit einander einem Balle angewohnt. Durch ein Mißverſtändniß blieb der Wagen aus, der uns von unſerem gemeinſchaftlichen Wohnorte abholen ſollte, und da es ſehr hübſches Wetter war, wünſchten die Damen den Weg zu Fuße zurückzulegen, nachdem ein junger Mann ihrer Bekanntſchaft und ich unſre Begleitung zugeſagt. Wir wanderten nun an dem ſchönen Ufer hin, der Mond ſpiegelte ſich in der klaren See, auf deren Fläche die Bote dahinglitten, während die Ruderſchläge und die Toͤne einer fernen Muſik durch die Stille der Nacht klangen. Es war eine warme, herr⸗ liche Sommernacht, Alles kam mir ſo ſchön vor; am ſchönſten aber das Mädchen, deſſen weicher Arm in dem meinigen ruhte, und— ich weiß nicht, wie ein Wort das andere gab, wir kamen als Verlobte heim. Als ich allein war, wunderte ich mich freilich über die Unbeſonnenheit, mit der ich dieſen Schritt gethan: es war mir, als hätte ich das Ganze nur geträumt. Am folgenden Tage, als ich die däniſchen Damen beſuchte, ſtellte mich meine Braut ihrer Begleiterin ohne Umſtände als ihren Verlobten vor, ſagte Du zu mir und behan⸗ delte mich, als ob wir uns ſchon ſeit manchen Jahren durch Luſt und Leid kennen und lieben gelernt. Wenn dies nun auch für mein Gefühl etwas Verletzendes hatte, ſo wurde ich auf der andern Seite wieder angenehm über⸗ 6 raſcht, indem ich nach und nach bei meiner Henriette Talente entdeckte, an die ich nie gedacht. Sie ſpielte mit großer Fertigkeit Pianoforte, ſang ziemlich kunſtgerecht und war eine große Meiſterin in den üblichen Handar⸗ beiten.— Wir ſchrieben Beide an ihre Eltern in Kopen⸗ hagen, und ich hielt förmlich um die Hand der Tochter an, indem ich von meinen ökonomiſchen Verhältniſſen Re⸗ chenſchaft ablegte, die mir eine Familie zu verſorgen ge⸗ ſtatteten. Mit dem nächſten Dampfboote wollte Henriette ab⸗ reiſen. Wir wünſchten und hofften, durch dieſe Gelegen⸗ heit ein paar einwilligende Zeilen von ihren Eltern zu empfangen. Inzwiſchen gingen wir täglich allein ſpa⸗ zieren, und mit offenherziger Redſeligkeit erzählte Henriette von ihrer Heimath und ihren Verhältniſſen. Ihren Vater ſchien ſie nicht außerordentlich zu lieben, dagegen der Liebling der Mutter zu ſein.—„Gott ſei Dank!“ ſagte ſie einmal,„daß meine armen Eltern nun die Freude haben, mich mit Dir verlobt zu ſehen, da ſie vor kaum einem halben Jahre ſo großen Kummer wegen meiner ſchwe⸗ diſchen Schweſter hatten.“—„Deine ſchwediſche Schweſter 2“ rief ich:„wer iſt das? ich glaubte, Du habeſt keine Ge⸗ ſchwiſter?“—„Es iſt auch nur meine Halbſchweſter,“ ſagte ſie mit gleichgültiger Miene:„es iſt eine Tochter von meines Vaters erſter Frau, welche ſtarb, als das Kind geboren wurde.“—„Aber weßhalb nennſt Du ſie ſchwediſch und welchen Kummer hat ſie Deinen Eltern bereitet 27—„Das werde ich Dir alles erzählen: Wir nennen ſie die ſchwediſche Schweſter, weil ſie ſeit ihrem zehnten Jahre in Schweden bei einem Oheim war. Vor drei Monaten iſt er geſtorben. Es war ein reicher Mann, der ſich in Allem ein ſehr vornehmes Anſehen gab. Er hatte die ganze Welt bereiſt, und war ſo klug, daß er Gtas wachſen hören konnte, wie man ſagt. Einſt kam er nach Kopenhagen, und da der Vater ſchon lange wieder verheirathet war, nahm er ſeine kleine Nichte mit ſich 7 nach Stockholm, und machte einen ſolchen Abgott aus ihr, daß er, als ſie älter wurde, keine Raſt noch Ruhe hatte, bis er ſie mit ſeinem einzigen Sohne verlobt, der ein paar Jahre älter war, als ſie. Es mag nun ungefähr zwei Jahre ſein, da waren ſie alle drei zu Beſuch bei uns in Kopenhagen und es war eine Freude und eine Herrlichkeit: Henning(ſo heißt der Sohn) iſt der ſchoͤnſte und artigſte Menſch von der Welt, das darfſt Du mir glauben. Und es hieß, daß er außerordentlich ver⸗ liebt in meine Schweſter ſei, obwohl, Gott weiß, Nie⸗ mand merken konnte, daß die Beiden verlobt waren: ſie ſagten weder Du zu einander, noch kamen ſie einander näher. Das Höchſte wozu er ſich meines Wiſſens verſtieg, war, ihre Hand zu küſſen. Und aus ihr konnte voll⸗ ends Niemand klug werden; ſie iſt ſo ſteif und ſo vor⸗ nehm; das ſagt auch die Mutter.— Jedes reiſte nun ſeiner Wege: er in das Ausland und ſie mit ihrem Oheim zurück nach Stockholm. Aber ungefähr vor einem halben Jahre kam ein Brief von ihm, daß er ſich im Ausland ſterblich in ein Mädchen verliebt habe, die auch ihn liebe; er wolle das meiner Schweſter offen geſtehen, und lege ſein Schickſal in ihre Hände, denn wenn fie es verlange, werde er wiederkommen und ſein Wort als braver Mann halten.— Aber Gott bewahre! dazu iſt ſie zu ſtolz, ſie gab ihm ſogleich ſeine Freiheit und verſöhnte ihn auch mit dem Vater, der hoͤchſt aufgebracht über ihn war, daß er eine Franzoͤſin oder Italienerin heirathete und Maja ſitzen lies.“—„Maja!“ rief ich:„das iſt ein ſchöner Name.“—„So heißt ſie nach ihrer Mutter, die auch eine Schwedin war: der Name ſoll dort ſehr be⸗ liebt ſein. Aber denke nur! Der Vater nahm ſich die Geſchichte mit dem Sohne ſo zu Herzen, daß man ſagte, es ſei ein Nagel zu ſeinem Sarge geweſen, und das hat nun Maja auf dem Gewiſſen, ſagt die Mutter.“—„Da⸗ rin,“ unterbrach ich ſie,„hat die Mutter großes Unrecht, wie ich glaube. Es war vernünftig und gut, was Deine Schweſter that.— Du ſcheinſt ſie nicht zu lieben? Weß⸗ halb nicht?“—„Ach!“ antwortete ſie:„Sie iſt aller⸗ dings ein herzensgutes Mädchen, aber, wie geſagt, ſo ſteif und fremd und vornehm, daß es unangenehm iſt, mit ihr umzugehen,“—„Iſt ſie hübſch?“—„Nein, gar nicht hübſch. Sie beſitzt auch keine Talente, die der Rede werth wären. Die Mutter ſagt, ſie weiß am beſten die Hon⸗ neurs bei Tiſche zu machen, denn das rechnete ihr der Oheim immer hoch an, daß ſein Haus durch ſie ſo ſchoͤn und angenehm gewoden.— Nun iſt er todt und der Sohn, ihr früherer Geliebter, wollte das Erbe mit ihr, wie einer Schweſter, theilen, allein das nahm ſie nicht an, ſondern behielt nur, was der Oheim ihr geſchenkt hatte, und das war nicht einmal ein Gut. Sie hat ſich thöricht dabei benommen, ſagte die Mutter; es war ja das Wenigſte, was der thun konnte, der ihr Glück zer⸗ ſtört hat. Aber der Vater hielt es darin, wie in Allem, mit Maja. Eine Tante, die ſie drüben hat, wurde ins Haus genommen, denn ſie kann während der Abweſenheit des jungen F. nicht Alles verlaſſen, bis ſein alter Bevollmäch⸗ tigter, oder was er iſt, nach Stockholm gekommen und es unter ſeine Verwaltung genommen; aber ſobald Alles in Richtigkeit gebracht iſt, kommt ſie nach Hauſe zu uns, und das iſt das Schlimmſte, denn der Vater iſt rein ver⸗ narrt in ſie und die Mutter hat ſchon mancherlei Unan⸗ vehand hteitn ihretwegen gehabt und wird ſie noch ferner aben.“— Dieſe Erzählung machte einen ſehr unangenehmen Eindruck auf mich, denn mein neues Verhältniß begann mich zu beängſtigen. Vater und Mutter uneinig und ver⸗ muthlich ungerecht gegen ihre Kinder; dieſe ſchwediſche Schweſter, welche nun meine Schweſter werden ſollte, ſteif, kalt und vornehm, vermuthlich abgehärmt von Kummer, voll krankhafter Empfindlichkeit, die im All⸗ gemeinen an den Frauenzimmern klebt, deren Forderun⸗ gen an das Leben nicht erfüllt worden. Ich beſchloß deß⸗ 9 halb in der Stille, meine Hochzeit zu beſchleunigen und mein Haus ſo einzurichten, daß ich für meine Perſon von dem Mißklang, der in meiner neuen Familie herrſchte, nicht geſtört werden konnte. Mit dem nächſten Dampfſchiff kam der erwünſchte Brief, welcher die Einwilligung in die Verbindung zwi⸗ ſchen Henrietten und mir brachte; doch entſprach er nur halb meinen Wünſchen, denn vom Vater war kein Wort dabei. Aber die Mutter verſicherte uns ihres Bei⸗ falls und ihr Brief war ſo verbindlich gegen mich, daß ich ganz verlegen wurde, während ſie freilich auch wieder das Glück pries, das mir nach ihrer Ueberzeugung durch die Verbindung mit ihrer Tochter zu Theil werde, welche gewiß ein Muſter von Frau würde. Henriette reiſte nun, und in meiner Einſamkeit be⸗ gann ich Betrachtungen über mich und meine Zukunft anzuſtellen. Das Mädchen iſt hübſch und gut und liebt mich, dachte ich: was will ich mehr?— Ich konnte mich uͤbrigens nicht genug über ihre ſonderbare Erzie⸗ hung wundern, die, während ſie ſo manches Talent in ihr ausgebildet, doch auch ſo mancher Verſäumniß ſich ſchuldig gemacht hatte. So konnte ich nie einen Brief von ihr ohne großes Aergerniß leſen; ſo hübſch die Hand, ſo häßlich die Orthographie, und beſonders konnte ich den leeren, ja nichtsſagenden Inhalt nicht mit einem Mäd⸗ chen reimen, auf deſſen Bildung ſo viel verwendet wor⸗ den. Das Intereſſanteſte, was ſie mir in dieſen Briefen erzählte, die ich jede Woche regelmäßig empfing, war das, daß mein Hund bei ihr ſei. Dieſes außerordentlich ſchoͤne Thier, das ich erſt ſeit Kurzem beſaß, war ein Erbſtück meines kürzlich verſtorbenen Bruders und mir deßhalb ſehr theuer. Er war mit mir im Boote geweſen, als ich Henriette auf das Dampſſchiff begleitete und im Gedränge hatte ich ihn verloren; er war, wie ich nun erfuhr, auf dem Schiffe geblieben. Ich antwortete ihr, daß es mich freue, daß mein Hund glücklicher ſei, als ich, und ſie moͤge Fido(wie er hieß) als ein lebendiges Bild meiner Treue betrachten, die ihr überall folge. Mit dem letzten Dampfboote, das im Herbſte abging, wollte ich nach Kopenhagen reiſen. Am ſelben Morgen wurde ich angenehm durch den Beſuch meines alten Freun⸗ des Anton B. überraſcht, der ploͤtzlich bei mir eintrat. Er erzählte mir, daß er, was ich nicht wußte, eine ſehr gute Anſtellung in Fünen erhalten und auf dem Wege dahin ſei.„Auf dem Wege?“ rief ich:„von Ko⸗ penhagen nach Fünen? Geht der über Dobberan?“— „Ja,“ antwortete er,„was wirſt Du ſagen, wenn ich Dir erzähle, daß ich hierher gekommen, nur um eine einzige Unterredung mit Dir zu haben, denn heute Nachmittag reiſe ich zu Lande weiter: ich habe mich bereits mit einem Freunde verabredet, der denſelben Weg macht. Gott ſei Dank! daß ich Dich nicht verfehlt habe. Es war mir unmöglich, früher zu kommen oder Dich in Kopenhagen zu erwarten, da ich nicht wußte, ob Du vor dem Frühjahr kommen würdeſt.“—„Lieber Freund!“ ſagte ich:„Du ſpannſt meine Erwartung. Welches wich⸗ tige Anliegen...“—„Das Wichtigſte in meinem Leben,“ unterbrach er mich,„das, woran ich mein ganzes Herz, meine ganze Seelenruhe geſetzt, und wozu ich nie einen beſſern Ministre plénipotentiaire finden zu können glaube, als Dich.“—„Sprich, lieber Freund, ſprich! ich gehe ins Feuer für Deine Ruhe und Dein Glück.“ —„Du begreifſt wohl bereits,“ ſagte er, indem er zum Fenſter hinausſah, um eine Verlegenheit zu verbergen, „Du begreifſt wohl bereits, daß es eine Liebesgeſchichte iſt, in die ich Dich einzuweihen wünſche.— Du glückli⸗ cher Menſch! Du wirſt nun täglich das Mädchen ſehen und in engem Familienverhältniſſe mit der, leben, die ich anbete,— anbete, das iſt das rechte Wort. Du biſt ja verlobt mit Henriette H.? Ihre Schwe⸗ ſter Maja iſt es, die ich meine.“—„Wie 2“ rief ich verwundert:„Maja H., die weder ſchoͤn, noch— 11 wie ich vermuthe,— ſonderlich jung iſt? Das von ihrem Verlobten verlaſſene Mädchen?“—„Wer darf das ſagen?“ unterbrach er mich heftig, wurde aber mit jedem Worte weicher, als er fortfuhr:„Nicht jung! Sie iſt kaum zwei Jahre aͤlter, als Henriette, die achtzehn Jahre alt iſt. Herr H., der ſeine erſte Frau zwar ſehr beweinte, war doch nach Verfluß von einigen Jahren wieder Gatte und Vater. Nicht ſchön? ſagſt du.— Sieh' ſie ſelbſt! ſchön iſt zu wenig geſagt: kein Wort vermag es auszudrücken, was ſie iſt. Verlaſſen von ihrem Verlobten:— der dumme Menſch, der eine ſolche Perle aus der Hand glei⸗ ten ließ.— Aber das gerade machte ſie doppelt herrlich in meinen Augen.— Denn ſie liebte ihn doch gewiß, obgleich ich oft dachte, ſie behandle ihn mehr als Bru⸗ der, denn als Geliebten. Aber auch angenommen, ſie war nicht in ihn verliebt, wie viele wären im Stande, ſo zu handeln, wie ſie es that?— Ich hatte ſie ſchon lange geliebt. Ich glaubte vor Freude zu ſterben, als ich erfuhr, ſie ſeie frei.“—„Aber wo haſt Du ſie kennen gelernt?“ fragte ich.—„In Stockholm! das verſteht ſich. Lebt nicht meine Mutter ſchon ſeit mehren Jahren in Stockholm? Ich habe mich während drei Jahren immer ſechs Monate dort aufgehalten. Damals kam ich häufig in ihres verſtorbenen Oheims Haus. Das war ein Haus! Das war ein Mann! Ich werde nichts Aehnliches wieder finden.“—„Aber,“ ſagte ich:„vergieb mir meine Auf⸗ richtigkeit; ein ſolches Mädchen, die einen Geliebten ge⸗ habt, würde doch nie meine Wahl werden.“—„In Dänemark magſt Du eines Theils Recht haben in dem, was du ſagſt, aber nicht in Schweden, wenigſtens nicht in dem Hauſe eines Mannes, wie der, von welchem wir ſprechen. Er bewahrte noch die feinen und gebildeten Sit⸗ ten aus Koͤnig Guſtav des dritten Zeit. Ob ſie überall herr⸗ ſchend ſind, weiß ich nicht, denn es war das einzige ſchwe⸗ diſche Haus, mit dem ich verkehrte. Aber ſoviel iſt gewiß, daß Maja und der Bräutigam nie einander geküßt, außer vielleicht als ſie die Ringe wechſelten und möglicher Weiſe zum Abſchied, als er fortreiſte. Nein, die ſchroediſchen Sitten ſind in dieſer Hinſicht ſtreng und verſtehen keinen Scherz, was die Mädchen betrifft.“— „Aber ſage mir,“ wiederholte ich,„haſt Du ihr Deine Liebe geſtanden?¹¼—„O Gott, nein! Ich habe kaum gewagt, ſie ihr von Ferne zu verſtehen zu geben. Ob ſie mich verſtand, weiß ich nicht.“—„Was willſt Du nun, daß ich thun ſoll?“—„Ueber meinem Schatz ſollſt Du wachen, ein ſtrenges Auge auf Alles zu haben, was ſie betrifft, und mir Nachricht davon geben, und— wenn Du mein Freund biſt und mir die groͤßte Wohlthat er⸗ zeigen willſt, die mir je von einem Menſchen werden kann, ſo ſuche Dich ihr zu nähern, wähle einen glückli⸗ chen Augenblick, nenne mich in Deinem Geſpräche, und hört ſie meinen Namen mit dem mindeſten Intereſſe, ſo übergib ihr dieſen Brief(er zog ihn aus einer Brief⸗ taſche hervor und drückte mir ihn mit Heftigkeit in die Hand), den ich aus der Fülle meines Herzen geſchrieben. Es bleibt ſich gleich, wenn er auch noch ſo alt wird, bis er in ihre Hände kommt. Meine Gefühle werden ſich nicht verändern, wenn es bis ans Ende meiner Tage dauern ſollte.“ Ich verſprach aufrichtigen Herzens Alles, was Anton von mir verlangte, und wir trennten uns, um an den Ort unſerer Beſtimmung zu reiſen. Als ich auf dem Ver⸗ deck des Dampfbootes auf und niederging und mich meinen Betrachtungen hingab, verglich ich unwillkürlich Antons Gefühle fuͤr Maja mit den meinen für ihre Schweſter. — Munderbar, ſagte ich zu mir ſelbſt, iſt dies Gefuͤhl, das wir Liebe nennen. Es ſcheint, wie die Palme, nur wachſen zu können, wenn es in der Jugend unterdrückt wird. Auch las ich irgendwo, daß der Baum der Liebe mit Thränen genetzt werden muß, wie der Freiheitsbaum mit Blut.— Glücklich iſt doch der, der ein ſolches Alles erfüllendes Gefühl in ſeinem Herzen trägt; wenn nur 13 eine Hoffnung, ſei ſie noch ſo klein,— nicht größer als die Antons,— ihn beſeelt, ſo iſt dieſer kleine Funke von Hoffnung ebenſo beſeeligend, als es eine Gewißheit nur immer ſein kann.— Doch die Ehe kann auch ohne Leiden⸗ ſchaft glücklich ſein; ja am glücklichſten ohne ſie.— Unter ſolchen Gedanken näherte ich mich Kopenhagens Zollbude und ſtieg froh und leichten Herzens ans Land. Ein altes Sprüchwort ſagt: Königs Dienſt geht vor Gottes Dienſt. Ich hielt es für Pflicht, dieſe kleine Lebens⸗ regel auf den Dienſt des kleinen Gottes anzuwenden, den man gar zu leicht allem andern vorgehen läßt. Ich beſorgte deßhalb verſchiedene wichtige Geſchäfte, ehe ich um die Mittagsſtunde das Haus meines künftigen Schwiegervaters betrat. Man wußte nichts von meiner Ankunft. Ich wurde in einen hübſch meublirten Salon geführt, wo das Erſte, was in meine Augen ſiel, mein Fido war, der auf einem zierlichen Kiſſen in einer Ecke des Zimmers lag. Freudig eilte ich ihm entgegen und ohne mir weitere Ge⸗ danken über ſeine Unbeweglichkeit zu machen, bückte ich mich zu ihm herab, um ihn zu ſtreicheln. Man denke ſich meine Ueberraſchung— ich kann wohl ſagen, meinen Schreck!— er war todt! Ausgeſtopft war mein ſchoͤner, lebendiger Hund. Eiskalt waren ſeine weißen Glieder, mit todten Glasaugen ſtarrte er mich an.— Ich ſtand da, als wäre ich ſelbſt todt und ausgeſtopft— da ging die Thüre auf und Henriette flog mir mit einem Freuden⸗ ſchrei an den Hals und lief an die halb offene Thüre und rief:„Mutter, Mutter, hier iſt mein Geliebter!“— Eine noch ſehr hübſche und elegant gekleidete Frau trat ein und begrüßte mich mit herzlicher Umarmung, als ob ich ihr eigener Sohn wäre. Man führte mich nun in das Wohnzimmer, aber ich konnte nicht umhin, noch einmal mich nach dem todten Hunde umzuwenden; Henriette führte mich zu ihm hin und ſagte:„Ich habe viele Thränen über Deines Hundes Tod geweint, aber ich wollte Dir nichts davon ſchreiben, um Dich auf dieſe Weiſe zu uͤberraſchen. 14 Iſt er nicht vortrefflich ausgeſtopft? Sieht er nicht aus, als wäre er lebendig?“—„Ja, nur allzu ſehr,“ an⸗ wortete ich, mit Mühe die Mißſtimmung verbergend, in die mich dieſe wohlgemeinte, aber ſchlecht bedachte Ueberraſchung verſetzte. Bei meinem Eintreten in das Wohnzimmer ward meine üble Laune durch die läſtige Geſellſchaft von vier Damen, welche ich dort fand, noch erhöht: ſie wurden mir als verwandt und dem Hauſe be⸗ freundet vorgeſtellt. Alle waren, wie die Damen des Hauſes, eifrig mit Nähen beſchäftigt. Tiſche, Sofa, Stühle lagen voll von fertigen und unfertigen Kleidern und Nähzeug, ſo daß Henriette und ein paar von den Damen die größte Mühe hatten, mir einen Stuhl zum Sitzen zu verſchaffen. Nach kurzem Aufenthalt wollte ich gehen, aber man verlangte ſo nachdrücklich, ich ſollte blei⸗ ben und zu Mittag mit der Familie ſpeiſen, daß ich einwilligte, um ſo mehr, als ich meines künftigen Schwie⸗ gervaters nähere Bekanntſchaft zu machen wünſchte. Ich hatte ihn oft geſehen, aber wir hatten uns doch nie ein⸗ ander genähert. Bald kam er nach Hauſe, begrüßte mich ernſt und höflich mit wenigen, aber inhaltsreichen Worten und begann darauf ein ſtilles, gleichgültiges Ge⸗ ſpräch. Mit großer Mühe und Anſtrengung wurde der Tiſch geräumt und endlich mit auffallendem Mangel an Zierlichkeit und Ordnung gedeckt und auch die ſehr ſchlechte und knappe Mahlzeit ſtach wunderbar ab von den elegant meublirten, wenn auch unordentlichen Zimmern und den geputzten, modern gekleideten Damen, welche bei Tiſche ſich wegen eines Glaſes ſtritten, um gierig eine halbe Flaſche Bier nach der andern auszuleeren. Dieſem Leiden machte Herr H. ein edelmüthiges Ende, indem er Wein und Weinglas verlangte, um auf meine glückliche Ankunft zu trinken. Nach einer ziemlich langen Pauſe wurde auch dies aufgeſtellt und mein künftiger Schwiegervater brachte mein Wohl auf eine für mich ſo angenehme Weiſe aus, daß ich nicht blos alle vorangegangenen kleinen Unannehm⸗ 15 lichkeiten vergaß, ſondern auch mit der beſten Miene eine Taſſe ſogenannten Kaffes verſchlang, den mir Henriette von ihrer eignen Zubereitung brachte, den ich aber unter an⸗ dern Umſtänden als die häßlichſte Mirtur ausgegoſſen hätte. Als Herr H. nun die Miene machte, fortzugehen, ergriff ich mit Freuden die Gelegenheit, ihn zu begleiten; aber Mutter und Tochter beſtürmten mich ſo ſehr mit Bitten, ihnen dieſen erſten Abend zu ſchenken, den ich bei ihnen zubringen könnte, daß ich geduldig meinen Hut wieder wegſtellte und bei den Damen Platz nahm, welche längſt bei ihrer Näherei ſaßen. Herr H. war fort⸗ gegangen, und es begann ein langweiliges Geſpräch. Man fragte mich über meine Reiſe, fremde Städte. Ich verſuchte ſo unterhaltend, als möglich zu ſein, aber ver⸗ gebens, denn ſo oft ich in den Zug zu kommen begann, wurde ich von den Damen unterbrochen, welche nach einem raſch hingeworfenen„Um Vergebung,“ ſich wichtige und unaufſchiebbare Bemerkungen über ihre gemeinſchaftliche Arbeit mitzutheilen hatten.„Um Gottes Willen! Louiſe, Du wendeſt den Aermel verkehrt!“—„Nein, gewiß nicht, er iſt wie der Andere.“—„Ja, dann iſt der Andere auch verkehrt.“ Nun begann eine lange Discuſſion dar⸗ über.— Dann hieß es von der andern Seite:„Frau H., ich habe keine Bänder mehr.“— Oder:„Henriette, gib mir eine neue Nähnadel,“ u. ſ. w. Darauf wandte man ſich an mich:„Ich bitte Sie tauſendmal um Entſchul⸗ digung, daß wir Sie mitten in der Erzählung unter⸗ brechen mußten. Wir ſprachen vom Landleben in Eng⸗ land: es ſei ſo angenehm, ſagten Sie?“— und ſo ging es ein paar Stunden lang fort, bis ich zu meiner großen Freude die Theemaſchine hereinbringen ſah; denn unge⸗ achtet ich kein Freund von Thee bin, ſo fand ich doch ein inniges Behagen an dem Pfeifen und Surren der Maſchine, das mir ein weit vernünftigeres Geſpräch zu ſein ſchien, als das ſo eben geführte. Nun iſt der Abend bald vorbei, dachte ich, aber— was thut die Frau? Kaum war Hen⸗ riette aufgeſtanden, um den Thee einzuſchenken, als ihre grauſame Mutter ſagte:„Zur Belohnung für unſern heu⸗ tigen Fleiß könnteſt Du wohl die Sonate ſpielen, die mir ſo ſehr gefällt.“—„O ja, ſüße Henriette!“ hieß es nun von allen Seiten. Henriette ſetzte ſich an das Piano⸗ forte und ſpielte ein Ungeheuer von einer Sonate; wenig⸗ ſtens kam es mir wie das längſte Muſikſtück vor, das ich in meinem ganzen Leben gehört. Ich verfluchte in meinem Herzen den berühmten Componiſten. Die Theemaſchine ſchlief gleichfalls darüber ein und nach manchen frucht⸗ loſen Verſuchen, ſie wieder in's Leben zu bringen, begann man endlich den lauen, dünnen Thee zu trinken, welchen man den Damen an ihren Arbeitstiſch brachte, den ſie nicht verlaſſen wollten. Als dies überſtanden war und die Damen mit vielen Umſtänden ihre Arbeitsgegen⸗ ſtände geſammelt und jede das Ihre eingepackt, war es beinahe eine Stunde über Mitternacht. Nun entſtand ein großes Geflüſter unter den Freundinnen und den Damen des Hauſes, worauf Henriette rief:„Das darf uns nicht kümmern: mein Bräutigam iſt ein galanter Cavalier; er wird Euch Alle gerne nach Hauſe führen.“— Ich war außerordentlich ſchläfrig und noch müde von der Reiſe, jedenfalls war die Freude das Geringſte bei der Sache; indeſſen, da kein anderer Ausweg war, machte ich gute Miene zum böſen Spiel und begleitete die vier Damen nach allen vier Enden der Stadt, ſo daß ich erſt Morgens drei Uhr nach Hauſe kam. In welchem Humor ich war, mag jeder ſelbſt beurtheilen. So ging es nun mit kleinen Abwechslungen jeden Tag in dem Hauſe meiner Braut zu. Immer dieſelbe Unordnung und Unruhe, dieſes unaufhoͤrliche Nähen von Kleidern, Kragen, Mänteln u. ſ. w., als ob in der Welt nichts exiſtirte, als Putz und Mode; immer dieſelbe Knau⸗ ſerei in allem Andern. Nur in dieſem Stücke und in Allem, was ſonſt einen äußerlichen Glanz verlieh, nahm es nicht genau mit den Ausgaben; nur dies allein, 17 fand man, war des Geldes und der Mühe werth.— Herr H. war, wie ich bereits bemerkte, ein Mann, der nie unnütze Worte verſchwendete, nie hitzig wurde, aber wenn er einmal einen beſtimmten Willen hatte, ihn durch⸗ zuſetzen verſtand. Ich nahm mich indeſſen wohl in Acht, mehr Stunden dort im Hauſe zuzubringen, als es die nothwendige Höflichkeit und Aufmerkſamkeit verlangte. Es war mir einige Zeit wie einem, der am Tage zuvor einem Trinkgelage angewohnt, ſo leer und verwirrt im Kopfe, daß kein vernünftiger Gedanken Raum gewinnen konnte. Ich hatte mancherlei Geſchäfte und vermied, an meine eignen Angelegenheiten zu denken. Einen Monat nach meiner Rückkehr, als ich eines Mittags bei H's zu Tiſche geladen war, hatte ich mir einige Theaterbillette verſchafft, um damit, wie ich hoffte, den Damen eine Freude zu machen und mir den Schmerz zu erſparen, ewig mit den mir unausſtehlichen Freundinnen in Geſellſchaft zu ſein, welche keinen Abend ſehlten. Aber ſchien es immer, als ob ein Nixe ſein unheilvolles Spiel in dieſem Hauſe triebe, ſo war es an dieſem Tage nun rein, wie an einem Tycho Brahes Tag. Ungeachtet man wußte, daß wir bei Zeiten in das Theater mußten, um einen guten Platz zu bekommen, ging man doch nicht vor fünf Uhr zu Tiſche, und da hatten ſich Küchenmädchen und Katze ſich ſo verſchworen, daß die Hälfte der Mahl⸗ zeit angebrannt, die andere Hälfte geſtohlen war und wir buchſtäblich vom Tiſche aufſtehen mußten, ohne das Ge⸗ ringſte genoſſen zu haben, außer ein Glas Wein. Die An⸗ nehmlichkeit des Mahles wurde dadurch noch erhöht, daß Herr H. verſtimmt war und gegen alle Gewohnheit in einen heftigen Wortſtreit mit ſeiner Frau wegen zweier Zimmer gerieth, die er in der obern Etage für ſeine älteſte Tochter gemiethet, welche er im Frühjahr erwartete.— „Sie ſoll haben, woran ſie gewöhnt iſt,“ ſagte er,„und ſie ſoll das Hausweſen führen; ich bin dieſes Lebens Novellen. 1. 2 18 müde.“ Mit milderem Tone fügte er hinzu:„Es iſt Zeit, Mutter, daß Du mehr Ruhe und Freiheit bekömmſt. Verſtehe mich recht, ich meine nicht, daß Du eine alte Frau biſt; im Gegentheil! Du biſt noch jung und ſchön in meinen Augen, aber da unſre Mädchen erwachſen ſind, ſo kommen die häuslichen Verrichtungen ihnen zu. Henriette ſoll an ihrer Ausſteuer nähen, Maja das Hausweſen be⸗ ſorgen. Sie verſteht ein Haus einzurichten, wie es ſein ſoll, das hat ſie bei ihrem Oheim gelernt; er verſtand zu leben und am rechten Orte zu ſparen.“ Mit einer Weh⸗ muth, die ich nie zuvor an ihm bemerkt, nahm er ſein Glas und ſchwang es, als wollte er des Verſtorbenen Gedächtniß feiern, und indem er hinzufügte:„Was ver⸗ ſtand er nicht?“ ſetzte er das Glas an die Lippen und ſagte:„Gott ſchütze ihn im Paradieſe,“ und leerte es mit Thränen in den Augen. Die Frau ſchwieg eine Minute und ſagte dann:„Ja, laſſe nur Maja die Haus⸗ haltung führen: ſie hat keine Talente, die ſie zerſtreuen könnten, wie Henriette!“—„Ach! was Talente!“ ſagte Herr H.,„ich blaſe in die Talente, die das Leben nicht angenehmer machen, ſondern nur Schaugerichte ohne Leben und Nahrung ſind. Hat Maja nicht Talente?— Sie ſingt ja unter Anderem wie eine Sirene.“—„Wie eine Sirene, Vater?“ rief Henriette lachend:„Können Blumen ſingen? Das habe ich nie gehört.“—„Ja, da haben wir ſogleich eine Probe von Henriettens guter Erziehung,“ rief der Vater:„ich ſollte das nicht in Gegenwart ihres Bräutigams ſagen, aber die Unwiſſenheit, in der unſre jungen talentvollen Mädchen aufwachſen, iſt unerhöͤrt. Sie verſtehen kein Gedicht, keine Malerei; ſie lernen in der Schule Geographie, Geſchichte, Sprachen und Gott weiß was, aber ſie kennen weder Himmel, noch Erde, bibliſche Geſchichte oder Mythologie; ſie ſchwatzen fran⸗ zöſiſch und deutſch und verſtehen kein Buch in dieſer Sprache. Erinnerſt Du Dich, wie Du Henriettens Ver⸗ ſtand und gutes Herz wegen der Rührung rühmteſt, die 19 ſie auf der Ausſtellung zeigte, als ſie die ſchoͤne Gruppe von Thorwaldſen ſah, welche den Ganymed und Jupiters Adler vorſtellt. Sie ſagte, das müſſe der junge Napoleon ſein: ihre Freundinnen waren derſelben Meinung und weinten Alle vor innerer Rührung.“ Die Frau war un⸗ gehalten und wollte gerade antworten, als die Nachricht gebracht wurde, daß in der nächſten Reſtauration, wohin man geſchickt, um Erſatz zu holen, nichts zu haben ſei; im ſelben Augenblick ging die Thüre auf und der Poſt⸗ bote trat mit den Worten:„Geſegnete Mahlzeit,“ die in dieſem Augenblick wie ein Sarkasmus klangen, zur Thüre herein und übergab Herrn H. einen Brief. Als dieſer ihn flüchtig durchleſen, klärte ſich ſein Geſicht auf. „Er iſt von Maja,“ ſagte er,„ſie kommt beſtimmt zum Frühjahr.“ Darauf erhob er ſich vom Tiſche, wir Andern folgten ſeinem Beiſpiel. Er näherte ſich ſeiner Frau, ſagte einige freundliche Worte zur Entſchuldigung, küßte Hen⸗ riette und da es längſt über die Theaterzeit war, die Damen aber doch dahin gehen wollten, ſo begleiteten wir ſie beide, verſchafften ihnen mit großer Mühe einen Platz, um zu ſehen, was noch zu ſehen war, worauf ich ſeiner Einladung in eine Reſtauration folgte, wo wir uns ein eignes Zimmer geben ließen. Bei dieſer kleinen Mahlzelt war Herr H. der liebenswürdigſte Wirth, aufgeraͤumt und voll guter Laune, wie ich ihn noch nie zuvor geſehen. Zuletzt ließ er eine Flaſche Champagner bringen, und als wir beide immer munterer und offenherziger wurden, ſagte er:„Ich habe mich noch nicht bei Ihnen entſchuldigt wegen des Mangels an Höoͤflichkeit, den ich an den Tag legte, indem ich nicht auf den Brief antwortete, in welchem Sie um meine Tochter anhielten: meine Frau wollte ſogleich antworten und ich weiß ſelbſt nicht, was mich abhielt. Ich geſtehe Ihnen, ich fühle, ich habe Unrecht gegen dieſes Kind. Meine Liebe zu meiner erſten Frau und der Tochter, welche ihr gleicht,— denn eine Jugendübereilung machte mich zum zweiten Male zum 20 Gatten und Vater— hatte mich in Hinſicht der Erziehung meiner jüngſten Tochter manches verſäumen laſſen. Aber Natur und Schickſal waren beſſer, als ich. Henriette iſt ein gutes Mädchen, und an der Seite eines Mannes, wie Sie, wird ſie eine brave Frau werden, das hoffe ich.— Seit ich Sie näher kennen gelernt, werden Sie mir mit jedem Tage theurer. Ich fühle, daß ich Sie lieben werde, wie einen Sohn und hoffe, daß Sie mein Unrecht wieder gut zu machen auserſehen ſind. Auch iſt mir der Ge⸗ danke ein großer Troſt, daß, wenn mich der Tod einmal ruft, in Ihnen ein Bruder und Beſchützer lebt für meine Maja, mein armes Mädchen, das von dem Manne ver⸗ laſſen wurde, den ſie von Jugend auf liebte, und des väterlichen Freundes beraubt iſt, der ſie ſo innig liebte.“— Er fuhr mit der Hand über die Stirne, ſah nach der Uhr, ſprang auf und ſagte;„Es iſt Zeit, daß wir unſre Damen aus dem Theater holen.“ Dieſes Geſpräch ſchien beruhigend auf mich zu wir⸗ ken. Ich fand mehr und mehr in meinem künftigen Schwiegervater einen Freund und angenehmen Geſell⸗ ſchafter, der mir manche beinahe unerträgliche Stunde in ſeinem Hauſe verſüßte. Auch die Frau, mit allen ihren Schwachheiten war immer freundlich und liebevoll gegen mich. Henriettens Weſen aber wurde mir mit jedem Tage widerwärtiger; auf der andern Seite gab ſie mir ſo viele Proben ihres guten Herzens, ihrer Zuneigung, mit der ſie meine Wünſche zu errathen ſuchte, daß der Gedanke, ein Verhältniß zu brechen, das nur die Frucht einer tauſendmal bereuten Uebereilung war, nicht im Ernſte bei mir aufkommen konnte. Mancherlei Umſtände in meinen äußeren Verhältniſſen erleichterten den Wunſch, meine Hochzeit hinauszuſchieben, die ich vor meiner Heim⸗ kehr ſo ſehr beſchleunigen wollte. Ich ſuchte dieſe Zeit zu nützen, um meiner Braut etwas mehr Geſchmack und wahre Bildung beizubringen. Aber dieſe Verſuche ſchei⸗ terten alle an des Hauſes Unruhe, den zahlreichen 21 Freundinnen, dem unzeitigen Fleiße, der eigentlich nur in einer Art Geſchäftigkeit beſtand, und mehr dergleichen Klippen der häuslichen Glückſeligkeit. Mit geſpannter Erwartung ſah ich der Zeit entgegen, welche die mit ſo verſchiedenartigen Farben geſchilderte Schweſter bringen ſollte. In einem Punkte ſtimmten übrigens dieſe Bilder überein: ſie war unglücklich, natürlich auch traurig und bedurſte der Aufmunterung und Geduld. Schon dieſer Gedanke war mir drückend, denn ich war verſtimmt und bedurfte ſelbſt des Troſtes und der Schonung, die ich in glücklicheren Tagen dem Betrübten zu Theil werden zu laſſen mich bemühte. Auch war es nur zu wahr, daß Herrn H's Haus nicht den kleinſten Zuwachs von Pflich⸗ ten, Beſchwerlichkeiten, häuslichen Streiten oder Unan⸗ nehmlichkeiten ertragen konnte. So verfloß indeſſen der lange Winter. Das Frühjahr kam: Veilchen, Lerchen, Schwalben, Mai und Maja. Ich war einige Tage auf dem Lande geweſen. Es war Abend, als ich zur Stadt zurück kam und nach Pflicht und Schuldigkeit meine Braut beſuchte. Nach den erſten Be⸗ grüßungen rief Henriette:„Die ſchwediſche Schweſter iſt gekommen. Ich will Dich ihr vorſtellen.“— Sie zog mich die Treppe hinauf und oͤffnete die Thüre eines Zimmers⸗ wo— ich weiß es mir nicht zu erklären, aber es war mir, als ob ſich die Luft ſchon ganz anders athmete. Sie ſchien mir von den Düften des Frühlings durchzogen. Hier war es ſo zierlich, ſo ruhig und ſtille, als ob das kleine Zimmer ein Tempel wäre. Ein Frauenzimmer ſaß an einem Tiſche mit einem Schirm vor dem Lichte und ſchrieb, wie es ſchien, ganz in ſich vertieft. Henriette hatte die Thüre ſehr leiſe geöffnet und ſteckte den Kopf mit mir herein. Endlich rief ſie:„Maja, hier bin ich mit meinem Bräutigam!“— Die ſchreibende Dame ſprang raſch auf und kam uns entgegen.— Das war alſo Maja!— wie verſchieden von der Vorſtellung⸗ die ich mir gemacht! Es war ein kleines Maͤdchen von 22 äußerſt feinem und leichtem Bau, deſſen jugendliches, kindliches munteres Ausſehen auf den Namen hinzudeuten ſchien, den ſie von der Nymphe, welche den leichtbeſchwing⸗ ten, raſchen und beredten Gott gebar, der im Leben und Tode das Schickſal der Menſchen ebnet, und von dem lächelnden Frühlingsmonat hatte, der ihr geheiligt iſt. Ich entſchuldigte mich, daß ich ſie im Schreiben geſtört. Sie antwortete mit einer Stimme, deren Wohlklang mir zur Seele drang, mit dem ſonoren Accent unſerer nachbar⸗ lichen Sprache, die durch eine Miſchung der däniſchen Ausſprache noch verſchoͤnert war:„Ach! die Poſt geht erſt morgen, ich kann dann nach Hauſe ſchreiben.— Nach Hauſe? Das war nicht gut geſagt. Hier iſt meine Heimath, bei den Meinen.“ Und mit dieſen Worten nahm ſie Henriettens Hand, druͤckte ſie freundlich und begleitete uns hinab.— Den ganzen Abend konnte ich meinen Blick nicht von dieſer neuen Erſcheinung wenden.— Ich dachte an Antons Aeußerung:„Sieh ſie ſelbſt! kein Wort vermag zu ſagen, was ſie iſt.“ Denn das, was ihre Schönheit ausmachte, das, was kein Wort ſagen konnte, war ein eigenthümlicher Ausdruck in ihrer Phyſtognomie und ihrem ganzen Weſen, etwas ſo ungemein Seelenvolles, woraus zugleich Verſtand und Froͤmmigkeit, tiefer Ernſt und Heiterkeit leuchtete. Sie war wirklich keine regelmäßige Schönheit, aber man konnte nichts Feineres, Lieblicheres finden, Nichts, was mehr einer eben aufgeſprungenen Blüthe glich. Ihre himmelblauen Augen waren nicht groß oder bei dem erſten Blicke ſchön zu nennen. Aber begegnete man dieſen Augen, ſo war ees, als ob man den Schimmer einer höheren Natur ſähe. Der außer⸗ ordentlich kleine Mund war ungemein hübſch, um⸗ ſäumt von den lieblichſten Zügen und zeigte zwei ſchoöne Perlenreihen. Die edle ſchneeweiße Stirne wurde von den glänzenden lichtbraunen Haaren noch erhoͤht, und nie⸗ mals ſah ich eine ſolche Schöͤnheit in Farben, ſolche Lilien und blaſſen Roſen, wie die, welche auf ihrem Antlitz 23 und Halſe blühten und auf der hohen, ſchoͤngewoͤlbten Bruſt leuchteten. Wenn der Süden die herrlichſten Far⸗ ben auf die Blumen ausgießt, welche auf dem Felde blühen, ſo hat der Norden den Vorzug, daß er ſeinen Töchtern eine Blumenſchönheit leihet, wie ſie den ſüd⸗ lichen Frauen nur ſelten zu Theil wird. Und— mit einem Worte, ich fühlte, daß ich mich mit Aug und Ohr in der Erſcheinung des Mädchens verlor und in einem ſeligen Rauſche nach Hauſe ging, über deſſen eigentliche Natur ich mir ungerne Rechenſchaft gab. Von nun an bekam Herrn H's Haus ein ganz ande⸗ res Ausſehen. Eine früher ungekannte Ruhe, Ordnung und Zierlichkeit, eine vernünftige Oekonomie, gleich weit entfernt von Verſchwendung und Geiz, machte ſich geltend und verdrängte das äußerliche Weſen. Die Frau, Hen⸗ riette und ihre Freundinnen trieben ihr altes Weſen un⸗ geſtoͤrt in dem Wohnzimmer; bisweilen nahm auch Maja eifrigen Antheil an ihrer Beſchäftigung, dann bekam Ar⸗ beit und Geſpräch ein anderes und neues Leben: aber zu deſtimmten Stunden verſammelte man ſich im Salon, wohin Maja, nach des Vaters Wunſche, das Pianoſorte hatte ſtellen laſſen, über welchem des Oheims Bild hing— ein herrliches, männliches Antlitz!— Herr H. brachte nun ſtets die Abende zu Hauſe zu und lud hie und da den einen oder andern Bekannten ein, was er nie zuvor gethan. Mutter, Töoͤchter und Freundinnen, Alle ſammelten ſich um den Vater und jede Diſſonanz war verſchwunden.— Was mir indeß am meiſten ge⸗ ſiel, war die Art und Weiſe, mie alle dieſe Veränderun⸗ gen ins Werk geſetzt wurden. Man darf nicht glauben, daß Maja's Stiefmutter ihr Anſehen im Hauſe verlor. Nein, im Gegentheil! Maja wandte ſich ſtets mit kindli⸗ cher Ehrerbietung an ſie; Jedes hatte das Gefühl, als ob ſie nur die Befehle ihrer Mutter ausführte und dieſe ſchien ſehr zufrieden. Nach Herrn H's Wunſch mußte Maja jeden Abend 24 ſingen und ſpielen. Welche Stimme! Welcher Geſang! Welches Spiell Sie ſang nichts Anderes, als Romanzen und kleine Lieder, wozu ſie ſich ſelbſt mit dem Pianoforte accompagnirte. In der ältern franzöſiſchen Poeſie ſtoͤßt man oft auf den Ausdruck:„Marier sa voix au son de la lyre.“— Jetzt erſt wurde mir die Bedeutung dieſes Wortes klar, denn Maja verſtand das Inſtrument ſo ihrem Geſange zu accommodiren, daß es ſchien, als ob die innigſte Verbindung zwiſchen ihnen beſtände. Dasſelbe konnte man von Text und Melodie ſagen, wenn Dichter und Componiſt ihre Schuldigkeit nur einigermaßen gethan. Henriette ſpielte weit ſchwerere Sachen und beſaß größere Fertigkeit als Maja. Aber dieſe ſang und ſpielte die Romanzen, welche von ihr verlangt wurden, vom Blatt, während Henriette Monate lang ihre Sonaten einſtudirte, weßhalb Maja's Lieder immer das Intereſſe der Neuheit hatten, während Henriettens Sonaten und Arien den Zu⸗ hörern verhaßt und entleidet waren, ehe man ſie richtig zu hoͤren bekam. All' dieß wußte Maja auszugleichen und hob immer das Talent der Schweſter hervor, nicht als ob ſie ſich dazu verpflichtet fühlte, ſondern als ob es ihr ein wirklicher Genuß wäre. In allem war ſie natür⸗ lich und wahr und wußte immer das Rechte zu treffen: „Mit feſtem Schritte wandelt ſie Die ſchmale Mittelbahn des Schicklichen Unwiſſend, daß ſie Anbetung erzwungen, Wo ſie vom eignen Beifall nie getraͤumt.“ (Don Carlos, 2. Act., 15. Scene.) Ich war kein unerfahrener Jüngling; meine Gefühle für dieſes Mädchen waren mir ſelbſt wohl bekannt, aber was mir unbekannt war, das iſt der Leidenſchaften räth⸗ ſelhafte Macht. Ich hatte noch nie ein Mädchen ge⸗ funden, das meinem Ideale weiblicher Liebenswürdigkeit entſprach und glaubte nicht, daß es etwas ähnliches in der Welt gäbe, Ich wußte nicht, was es heißen wollte: 2⁵ im Geiſte und in der Wahrheit lieben. Ich hatte immer eine heimliche Verachtung gegen die gefühlt, die nicht ſo viel männliche Kraft beſaßen, dem Walten der Leidenſchaften zu widerſtehen. Ich ahnte nicht, daß es mit mir ſelbſt ſo weit kommen würde. Darin wurde ich durch den eigenthümlichen Widerſpruch in mei⸗ nem Innern beſtärkt, daß es mir bisweilen ein Troſt war, Maja in meinen Gedanken zu tadeln und an Hen⸗ riettens Aeußerung, ſie ſei ſteif und vornehm, Niemand könne aus ihr klug werden, zu denken. Wie ungereimt dieß auch ſcheint, ſo iſt doch gewiß, daß kein Menſch ge⸗ rader, ungezwungener und allen vornehmen Launen frem⸗ der ſein konnte, daß jene Aeußerung deſſen ungeachtet aber nicht ohne allen Grund war, denn obwohl Maja mit der größten Freiheit und Offenherzigkeit mit Jedermann umging und ihre Meinung niemals verbarg, ſo war in ihrem Weſen doch etwas ſo Zurückhaltendes, ſie beobach⸗ tete eine ſo ſtrenge Verſchwiegenheit über ihre nächſten Verhältniſſe und die Anliegen ihres eigenen Herzens, daß es wirklich unmöglich war, klug aus ihr zu werden. Eine Sache beſchäftigte mich ſehr, die Frage nem⸗ lich, ob ſie ihren früheren Bräutigam geliebt und noch liebe, ob ſein Verluſt ihr Kummer mache. Einmal glaubte ich nahe daran zu ſein, den Schlüſſel zu dieſem Näthſel zu finden, denn ich war einſt Zeuge eines ſich dar⸗ auf beziehenden Geſpräches. Ihre Eltern warfen ihr nemlich vor, daß ſie noch mit einem Menſchen correſpon⸗ dire, der ſie auf dieſe Weiſe gekränkt.„Nicht gekränkt!“ rief ſie,„nein, geehrt hat er mich! Er wollte mich nicht betrügen, nicht eine Treue von mir heiſchen, die er mir nicht erwiedern konnte, deßhalb werde ich ihn ach⸗ ten und ihm danken, ſo lange ich lebe.“—„Nein!“ rief Henriette,„wenn Du ihn geliebt, wie ich meinen Bräutigam liebe,(und dabei küßte ſie mich), ſo hätteſt Du nicht ſo leicht von ihm laſſen koͤnnen.“— Maja ſchlug die Augen nieder und antwortete ſichtlich verwirrt; 26 „Je inniger ich ihn geliebt, deſto mehr mußte ich ja fürch⸗ ten, ihn unglücklich zu machen.“— Die Frau nahm das Wort und ſagte:„Weßhalb ſollteſt Du ihn unglücklich machen? Er war öffentlich verlobt mit Dir, Du hätteſt Dein gegebenes Wort und Deine Pflichten erfüllt, ſein Herz wieder zu gewinnen geſucht und er wäre gewiß ein guter Mann geworden. Das hat keine Noth.“—„Sein Herz wieder gewinnen! meine Pflichten erfüllen! Ach Gott! all' das ſcheint mir unmöͤglich unter ſolchen Um⸗ ſtänden. Wir würden gelobt haben, Gutes und Schlim⸗ mes zu theilen. Was will das heißen? Gute und ſchlim⸗ me Tage? Mann und Frau müſſen ſie ja theilen. Aber Schlimmes und Gutes in der hoͤhern Bedeutung: kummervolle Stunden, kleine unbedeutende Freuden und Wünſche; unſere Schwachheiten gegenſeitig ertragen, in dem Glauben an das Gute und Schoͤne ſich vereinigen: nur das ſcheint mir eine Ehe: kann dieſe ohne Liebe be⸗ ſtehen?“— Ploͤtzlich brach ſie in Thränen aus, küßte die Hand der Frau und ſagte mit ſanfter, ſchwacher Stimme:„Vergib mir, daß ich ſo heftig ſpreche: ich kann es nicht ertragen, daß meine Nächſten unfreundlich von Henning ſprechen und ihn verkennen.“ Sie liebt ihn, ſagte ich bei mir ſelbſt und fühlte bei dieſem Gedanken alles Blut in meine Wangen ſteigen. Herr H. ſaß bei Maja, er beugte ſich zu ihr herab und ſagte:„Ich kann nicht ohne Erbitterung an dieſen Menſchen denken. Liebe Majal ich bin noch kein alter Mann, aber ſiehſt Du die grauen Haare, welche die braunen zu verdrängen drohen? Ich danke ſie ihm.“— Mit unſaͤglicher Anmuth ſchlang Maja ihre Arme um des Vaters Hals, netzte die grauen Haare mit ihren Thränen und ſagte:„O Vater! um meinetwillen?“—„Nein, mein Kind! es iſt nicht Deine Schuld! Du haſt ſchön und gut gehandelt.“—„Nein, lieber Vater, das habe ich nicht, ich hatte keine Wahl.“ —„Du haſt Dich doch gehärmt, mein Mädchen! Sei aufrichtig!“— Maja lächelte:„Ja ich will nicht lügen. 27 Es kränkte mich im erſten Augenblicke, aber zu meiner Schande will ich geſtehen, daß ich bald einſah, wie gro⸗ ßen Theil die Eitelkeit an meinem Kummer hatte. Es war auch nur ein Augenblick: und glaube mir, ich fühle nun ganz, daß Alles zu meinem Beſten war und danke Gott dafür.“— Sie llebt ihn nicht, dachte ich. Als ſie ſpäter das Zimmer verließ, ſagte ihr Vater be⸗ trübt:„Wie ſie ihn vertheidigt, das arme Kind! ich weiß wohl, ſie liebt ihn noch!“— und ich ging heim in tiefen Gedanken, nicht klüger, als ich gekommen war; das Geſpräch aber blieb ein Thema, das ich Jahr und Tag unaufhoͤrlich in meinem Sinne variirte. Aus dieſer Szene wird man ſehen, wie vertraut man in dem Hauſe meines Schwiegervaters mit mir um⸗ ging. Auch Maja behandelte mich mit ausgezeichneter Aufmerkſamkeit, aber zugleich mit der ihr eigenen Zu⸗ rückhaltung, die, wie ich geſtehen muß, obgleich ich mich darüber ärgerte, ſie noch liebenswürdiger machte. Ein Umſtand, den ich nicht unerwartet nennen kann, zeigte mir bald die Macht der Feſſeln, in die ich mich ver⸗ rickte. Ich hatte mein, Anton B. gegebenes, Verſprechen nicht vergeſſen, aber ſtets tauſenderlei Vorwände, meinen Vorſatz aufzuſchieben, namentlich die große Schwie⸗ rigkeit eines Geſpräches unter vier Augen mit Maja. Ich hatte ihn indeß mehrmals vor ihr genannt, und ſie ſehr viel Intereſſe für ihn gezeigt und geäußert, daß ſie dankbar der Theilnahme gedenke, die er während der Krankheit und bei dem Tode ihres Oheims an den Tag gelegt.— Einſt, als ich wußte, daß Henriette und ihre Mutter an einer Waldpartie theilnehmen wollten, Maja jedoch zu Hauſe bleiben würde, um bei ihrem Vater zu ſein, der ſich, wie ich, mit Geſchäften entſchuldigt, glaubte ich die beſte Gelegenheit zu haben, meines Auf⸗ trages mich zu entledigen.— Die Verwirrung, in die ich bei dem bloßen Gedanken gerieth, daß meine Miſſion 28 glücken könnte, war ſo ſchrecklich, daß keinem Miniſter, deſſen Leben und Wohlfahrt auf dem Spiele ſteht, mehr vor einem ſolchen Momente bangen kann. Je mehr ich daran dachte, deſto wahrſcheinlicher ſchien es mir, daß Antons heftige Liebe ſie rühren werde, ja es kam mir ſehr wahrſcheinlich vor, daß ſie ihn bereits liebe. Ich nannte es unnatürlich und ungerecht, von mir ſelbſt zu fordern, daß ich daran arbeiten ſolle, was mich zur Ver⸗ zweiflung bringen mußte.— Nun fühlte ich erſt, wie weit es mit mir gekommen war. Ich ſah die ganze unglückſelige Lage, in der ich mich befand. Ich begriff all' das Unglückſelige meines Ver⸗ hältniſſes zu dieſen beiden Schweſtern. Meine Stellung war mir nach und nach unerträglich geworden. Die Grazie, welche aus allen Worten und Handlungen Majas leuchtete, war ſo abſtechend gegen die Undeli⸗ cateſſe und Geſchmackloſigkeit, welche Henriette aus⸗ zeichnete, daß der Gedanke, ich ſollte mein ganzes Leben Zeuge, ja zum Theil Gegenſtand derſelben ſein, mir im höchſten Grade peinlich war. Ich hatte alle meine Faſ⸗ ſung noͤthig, wenn ſie, wie es leider oft der Fall war, wollte, ich ſolle ganze Stunden, ihre Hand in der meinen, bei ihr ſitzen; ja, wenn ſie ſogar ohne Um⸗ ſtände ſich auf meinen Schooß ſetzte und ihren Arm um meinen Hals ſchlang. Solche Liebeszeichen in Gegenwart anderer Leute kamen mir immer unpaſſend vor. Ueber alle Beſchreibung peinlich waren ſie mir namentlich im Beiſein von Maja. Dieſe Letztere ſchien auch außeror⸗ dentlich verlegen und ſuchte immer das Zimmer zu ver⸗ — laſſen. Die alberne Rolle, welche ich in ſolchen Augen⸗ blicken ſpielte, brachte mich in Verzweiflung, und wenn ich in einer ſolchen Stimmung mich unfreundlich zurück⸗ zog, ſah Henriette mich mit ein paar Augen an, aus welchen ſo viel Verwunderung und Betrübniß über mein Benehmen leuchtete, daß ich das groͤßte Mitleid mit dem armen Mädchen fühlen mußte, dem Natur und Erzieh⸗ 29 ung die Grazie verſagt, die mir vor allem am Meiſten geftel und deren großes Unglück war, in meine Hände gefallen zu ſein.— Es gab jedoch keinen Vorwand mehr, unſere Verbindung länger hinauszuſchieben. Ohne eigent⸗ lich meine Zuſtimmung verlangt oder erhalten zu haben, war unſre Hochzeit auf den Beginn des nächſten Winters feſtgeſetzt.— Jeden Tag ſah ich die Frauen an der verhaßten Ausſteuer arbeiten, die man mir ſtets zu meinem größten Mißvergnügen zeigte. Manchmal mußte ich ſogar Maja an dieſen Vorbereitungen Theil nehmen ſehen.— Niemand, der nicht in einem ähnlichen Zu⸗ ſtande, wie ich geweſen, kann ſich meine Verlegenheit und Unentſchloſſenheit vorſtellen.— Alle dieſe Leiden, traten lebendig vor meine Augen und nachdem ich eine ganze Nacht hindurch einen fürchterlichen Kampf mit mir ſelbſt beſtanden, fand ich erſt Ruhe in dem Gedan⸗ ken, wieder eine Reiſe zu machen und mich auf einige Zeit von allem loszureißen, was mich umgab. Eine Gelegenheit dazu war gerade in dieſem Augenblick vorhanden. Dieſe wollte ich mit allen Händen ergreifen, und da ich ſo glücklich war, von meinen Vorgeſetzten geliebt zu werden, ſo hoffte ich meinen Wunſch erfüllt zu ſehen.— Ich be⸗ ſchloß nun, gewiſſenhaft meines Freundes Auftrag zu vollziehen, und mich ſobald als möglich zu entfernen, um — drohende Zukunft den ſchützenden Sternen zu über⸗ aſſen. 3 4 Als ich am folgenden Tage bei Maja eintrat, ſaß ſie allein bei ihrer Arbeit. Die unverkennbare Freude, die ſie bei meinem Anblicke zeigte, hätte meine guten Vorſätze beinahe vereitelt. Mit ſo großer Verlegenheit, mit ſo ängſtlich klopfendem Herzen, als ob ich für mich ſelbſt ſpräche, trat ich endlich mit meinem Anliegen her⸗ vor. Maja, die mit geſpannter Erwartung ihre Augen auf mich geheftet hatte, ſchlug ſie zu Boden als ſie endlich den Inhalt meiner Rede begeiff, und erröthete ſo, daß nicht blos ihr Antlitz von einer Purpurroͤthe übergoſſen 30 wurde, ſondern auch ihr ſchoͤner Hals, ja Bruſt und Arme, welche von dem weißen Kleide bedeckt waren, mit einem Abendglanz durch das dünne Zeug ſchienen.— Ich konnte mein Herz ſchlagen hoͤren. Nach einer kurzen Pauſe antwortete ſie ernſt:„Das thut mir leld, ich ließ mir nie träumen, von Herrn B. geliebt zu werden, und ich kann ihn nicht lieben.— Ich hatte ſeinen Brief her⸗ vorgezogen und üͤbergab ihn ihr: ſie machte keine Be⸗ wegung, ihn zu nehmen.—„Wollen Sie doch wenigſtens den Brief leſen, den er aus der Fülle ſeines Herzens, wie er ſich ausdrückte, an Sie geſchrieben.“— Sie machte eine Bewegung, als wollte ſie die Hand ausſtrecken, aber plötzlich bedachte ſie ſich und ſagte:„Nein, ich kann dieſen Brief nicht leſen. Er ſchrieb ihn, wie Sie ſagen, aus der Fülle ſeines Herzens; das würde er gewiß nicht gethan haben, wenn er meine Gefühle ganz gekannt hätte. Nein, er ſoll ſein Herz nicht vor einem Mäd⸗ chen ausſchütten, das ſeine Worte nicht mit derſelben Empfindung aufnehmen kann, mit der ſie geſchrieben ſind. Ich bitte Sie, ſagen Sie ihm dies und ſagen Sie ihm zugleich, daß er in dieſer meiner Weigerung, ſeinen Brief anzunehmen, einen Beweis meiner Achtung und Freundſchaft ſehen möge.“— Die Feinheit, welche in dieſen Worten lag, die anmuthige Würde, mit der ſie ſie ausſprach, die Freude, welche ich fühlte, als ich erfuhr, daß ſie Anton nicht liebe, all' dies entzückte mich ſo ſehr, daß ich nahe daran war, mich ihr zu Füßen zu werfen, als glücklicher Weiſe ihr Vater nach Hauſe kam. Maja war außerordentlich verſtimmt, wie ich ſie nie geſehen. Herr §. bat ſte, wie gewoͤhnlich, zu ſingen und zu ſpielen. Sie entſchuldigte ſich, gab mir ein Buch, und bat mich, ihrem Vater und ihr daraus vorzuleſen. Sie ſah nicht von der Arbeit auf und ſprach den übrigen Theil des Abends ſehr wenig.— Am folgenden Tage waren dieſe Wolken von ihrem himmliſchen Geſichte verſchwunden, aber es kam mir lange Zeit vor, als ob ſie mir aus⸗ 31 weiche. Das ſchmerzte mich, und ich konnte mich nicht enthalten, meine Aufmerkſamkeit gegen ſie in ſolchem Grade zu verdoppeln, daß ihre Stiefmutter mißtrauiſch zu werden ſchien und mich dies mit großer Bitterkeit fühlen lies. Henriette dagegen war unbekümmert: es kam ihr durchaus nicht in den Sinn, daß ihr verlobter Bräu⸗ tigam ein anderes Gefühl oder einen andern Willen ha⸗ ben koͤnnte, als den, der ihr angenehm— eine Mei⸗ nung, die doppelt wunderbar in einer Familie ſein mußte, in der ein Beiſpiel von dem Gegentheil ganz neu und friſch war.„Das weiß ich,“ ſagte ſie oft,„mein Geliebter und ich, wir lieben uns und das von ganzem Herzen.“* deber arme Anton, dem ich mit der Poſt ſeinen Korb hatte überſenden müſſen, ſchrieb ſogleich zurück und gegen meine Erwartung mit ziemlicher Ruhe.„Wie konnte ich erwarten,“ ſchrieb er,„daß ein ſolcher Engel mich lieben würde? Ich habe es ja eigentlich nie zu hoffen gewagt. Ich wünſche nur, daß ſie meine Liebe dulde, mir vergönne zu leben, um für ihr Glück und ihre Zu⸗ friedenheit zu wirken. Ich werde mich in jedes Opfer finden; ich will ſie ehren und wie eine Schweſter be⸗ trachten, nur möge ſie mir ihre Hand ſchenken, meinen Namen tragen, mich durch ihre Nähe glücklich machen, und mir zu hoffen vergoͤnnen, mit der Zeit ihre Neigung gewinnen zu können. Dieſe Hoffnung kann ich nicht aufgeben. Ich habe keinen andern Gedanken.— Das Einzige, was dieſen Hoffnungen ein Ende machen koͤnnte, wäre die Gewißheit, daß ſie einen andern liebe. Es drängt ſich mir bisweilen das Gefühl auf, daß, wenn ich he gewiß wüßte, und alle Hoffnung aus wäre, ich Ruhe tte. Da Anton wünſchte, daß ich dieſe ſeine Aeußerungen Maja mittheilen ſollte, that ich's— die Freundſchaft ver⸗ gebe mir— mit weit leichterem Herzen, als das Letzte⸗ mal, ſuchte jedoch mehre Tage vergebens Gelegenheit, allein mit ihr zu ſprechen. Endlich fand ich einen Augen⸗ blick, übergab ihr den Brief und bat ſie mit wenigen Worten, ihn zu leſen. Schon am nächſten Abend gab ſie mir ihn, gleichfalls unbemerkt, zurück, und dabei ein kleines verſiegeltes Billet mit der Ueberſchrift an Anton. Den eigenthümlichen Eindruck, welchen dies auf mich machte, kann ich nicht beſchreiben. Ein Brief von Maja! in meinen Händen! Ich betrachtete die ſchöne Handſchrift, das kleine rothe Siegel. Ich ſchien Anton zu mißgönnen, daß ſein Name von ihrer Hand geſchrieben war, daß ſie ihre ſüßen Worte an ihn richtete. Es koſtete mich beinahe Ueberwindung, mich von dieſem Briefe zu trennen, und ihn, in einige Worte von mir eingelegt, auf die Poſt zu bringen. Es ſiel mir nicht ein, daß ich ihn in wenigen Tagen wieder ſehen ſollte. Die nächſte Poſt brachte mir nehmlich eine Antwort von Anton, die mit dieſen Worten begann:„Was im angebogenen Brief“... Ich erkannte augenblicklich Majas Hand wieder und ließ es mir nicht zweimal ſagen. Ich ergriff ihn begierig, und las Folgendes: „Ihr Freund hat mir Ihren letzten Brief mitgetheilt, und ich las ihn mit großer Dankbarkeit für Ihre Güte, mit Verwunderung über Ihre Gefühle für ein ſo unbe⸗ deutendes Mädchen, und mit Schmerz, eine Neigung, die Sie für mich hegen, nicht erwiedern zu können. Daß ich, um Sie zu beruhigen, gerne jedes Opfer bringe, davon will ich Ihnen ſogleich einen Beweis geben, in⸗ dem ich Ihnen ein Geſtändniß mache, das mich wirklich Ueberwindung koſtet. Sie ſagen, daß wenn Sie gewiß wären, ich liebte einen Andern, Sie glauben, Ruhe zu gewinnen. Wohlan! ich liebe wirklich einen Andern, aber die Umſtände bei dieſer Liebe ſind der Art, daß ſie nie etwas Andres werden kann, als was ſie iſt: ein ſtilles Gefühl, das blos in meinem eignen Herzen lebt und nicht den mindeſten Einfluß auf ein anderes Weſen haben wird⸗ Da ich jedoch feſt beſchloſſen habe, nie einen Mann zu 33 helrathen, den ich nicht liebe, ſo folgt daraus, daß Sie. mich nie in eines Andern Arme ſehen werden, und ich verſichere Sie, daß die Liebe, mit der Sie mich beehrten, in jeder Hinſicht weit weniger unglücklich iſt, als die, welche ich Ihnen vertraut.— Soviel habe ich bereits in der Schule des Unglückes gelernt, daß ich weiß, wie man ſeine Bürde erträglich machen kann, und ich hoffe deßhalb, daß ſie mein Leben nicht zerſtören wird. Indem ich dieſes ſage, iſt es mir ein großer Troſt, denken zu können: daß, was für ein armes Mädchen möglich iſt, für einen Mann, wie Sie, leicht werden muß.“ Mein erſtes Gefühl bei Durchleſung dieſer Zeilen war eine ſo raſende Eiferſucht auf den unbekannten Glücklichen, der in Majas ſtillem Herzen lebte, daß ich wie ein Wahnſinniger in dem Zimmer auf und nieder rannte, und mich der Höllenqual überließ, die mein Inneres verzehrte.— Endlich nahm ich Antons Brief, den ich noch nicht geleſen hatte. Er verfluchte ſeine Liebe, alle Frauenzimmer und beſonders ſeinen Neben⸗ buhler, von welchem er ſagte:„daß die Erde zu klein, um ihn und dieſen ſeinen bittern Feind zugleich zu tragen.“ Seine Raſerei goß Waſſer in mein Blut. Ich ſchämte mich meiner eignen Heftigkeit, als ich die ſeine ſah. Im Schmerz des erſten Augenblickes hatte er mit ſeiner gewöhnlichen Heftigkeit dieſen Brief geſchrieben, und was noch ſchlimmer war, ohne weiteres Bedenken mir den von Maja geſandt, deſſen Inhalt er nicht das Recht hatte, irgend einem Menſchen anzuvertrauen. Ich mußte beinahe lachen über den groben Selbſtbetrug, der ihn verleidet hatte, in einer Aufklärung Frieden zu ſuchen, die ihn ſo ſehr in Harniſch brachte.— Ich las Majas Brief wieder. So ganz ſchilderten dieſe einfachen Worte dieſes liebenswürdige Mädchen. Welcher edle Charakter ſprach ſich nicht in jedem Worte aus. Welche Feinheit und Würde, welches verſtändige Beſtreben, einen unglück⸗ Novellen,. I. 3 94 lich Liebenden zu tröſten, und ihm zugleich alle Hoffnung zu nehmen!— Alle meine Sorgen verſchwanden in dem reinen Genuſſe der Bewunderung der Geliebten, in der ſeligen Freude uͤber ihre Vollkommenheit. Aus dieſen Betrachtungen riß mich eine Botſchaft, die mir den lange erſehnten Befehl brachte, ohne Ver⸗ zug in den Angelegenheiten abzureiſen, die ich zu be⸗ ſorgen mich angeboten.— Dieſe Ordre erſchien mir wie ein Brief vom Himmel. Sie ſchob meine Hoch⸗ zeit hinaus, riß mich für einige Zeit aus meinen drücken⸗ den Verhältniſſen, und gab mir die Freiheit, klar zu überlegen, und meine Ruhe wieder zu gewinnen.— Was will ich hier? ſagte ich bei mir ſelbſt: Maja liebt einen Andern und ich darf nur ihr Freund und Bruder ſein. Ich will mich beſtreben, ſie für ein überirdiſches Weſen, für einen Engel anzuſehen, der nicht der Gegenſtand irdiſcher Liebe werden kann. Ach! ein ſolches Weſen iſt ſte ja wirklich. Ich will ſie ehren und beſchützen, mich glücklich ſchätzen, daß dies mein Loos und daß dies Glück und ihres Vaters Freundſchaft mir Erſatz für das Dornen⸗ volle in der Verbindung mit dieſer Familie bieten kann. Ich will die Scenen voll Thränen und Umarmungen, Krämpfen und Ohnmachten nicht beſchreiben, welche meine unerwartete Abreiſe bei Henrietten, ihrer Mutter und ſogar bei den oft beſprochenen Freundinnen hervorrief. Mit Hülfe meines braven Schwiegervaters riß ich mich von alle dem los, umarmte ihn herzlich, drückte einen warmen Kuß auf die Hand der ſtummen Maja und verließ meine Vaterſtadt ungefähr zu derſelben Zeit, um welche ich im verfloſſenen Jahre zurückgekommen war. Meine Reiſe und meine Geſchäfte gingen äußerſt glücklich von Statten. Ich ſuchte mit ganzer Macht meine geiſtige Freiheit wieder zu gewinnen. Mit größtem Eifer beſorgte ich meine Angelegenheiten, uberließ mich meiner Liebe zu Kunſt und Wiſſenſchaften, und nahm an 3⁵ allen Zerſtreuungen und Vergnügungen Theil. Kurz alle Mittel, die mir gegen meine Liebe wirkſam ſchienen, brachte ich auch in Anwendung, aber wenn ich bisweilen glaubte, auf dem Wege der Heilung zu ſein, trat dieſer oder jener Umſtand ein, der mich wieder ganz in den Kreis zurückbrachte, den ich verlaſſen hatte, z. B. eine Aeußerung in einem Briefe aus der Heimath, eine Melodie, die ich früher unter andern Umſtäͤnden gehört, eine Aehnlichkeit, oft eine ſehr entfernte, mit dem Bilde, das mir das Lieblichſte ſchien, ein Traum oder Gott weiß, wie alle die kleinen Liebesgötter heißen, welche Amor ausſendet, um über ſeine Sklaven Wache zu halten und ihr Entweichen zu verhindern. Nach Verlauf von acht Monaten waren meine Ge⸗ ſchäfte beendigt und ich konnte meine Heimreiſe nicht mehr aufſchieben. Ich kam zurück— ich glaube unver⸗ ändert— und fand alles unverändert. Es war, als ob ich nicht fortgeweſen. Wenige Tage nach meiner Zurückkunft war mein Geburtstag. So manche Erinnerungen aus meiner Kind⸗ heit und Jugend verbanden ſich mit dieſem Tag im Jahre.— Es war mir wunderbar zu Muthe und beſonders war die Erinnerung an meinen verſtorbenen Bruder ſehr lebendig in mir geworden. Um alles Aufheben zu ver⸗ meiden, hatte ich meiner neuen Familie verſchwiegen, daß mein Geburtstag war. Doch ſchien ich eine kindiſche Luſt zu haben, ihn mir angenehm zu machen, ohne doch zu wiſſen, wie das geſchehen ſollte. Als ich Abends in meinem gewöhnlichen Kreiſe ſaß, hoͤrte ich Maja im Saale, wo ihr Vater bei ihr ſaß, ſingen und ſpielen.— Es war zum Erſtenmale ſeit meiner Zurückkunft, daß ich dieſe ſüßen Töne hörte. Ich ſuchte ſogleich einen Anlaß, das Zimmer zu verlaſſen, in welchem ich mit der Frau, Henrietten und den Freundinnen ſaß, die dieſen Abend ſehr zahlreich gekommen und ungemein geſchäftig geweſen waren. Ich ſetzte mich unbemerkt bei dem Pianoforte nieder und überließ mich ganz dem lange entbehrten Genuſſe, um unge ſtört den holden Gegenſtand aller meiner Wünſche zu ſehen.— Es kam mir vor, als ob ſie blaſſer und noch feiner als zuvor geworden: als ob ein leichter melancholiſcher Zug, der oft um ihren Mund ſchwebte, noch mehr hervorgetreten wäre. Ich hatte manchmal gedacht, daß ſie beim Geſange eine Schwärmerei, einen Reichthum von Liebe ausſpreche und ausdrücke, die ſonſt nie bei ihr zu bemerken waren, ſo daß mein Genuß bei ihren Liedern zum Theil in einer Illuſion beſtand, in die mich des Dichters lieberfüllte Worte auf ihren Lippen verſetzten. Es war mir oft, als ob ſie ſich, umſchwebt von ihren ſchönen Tonen, zu mir hinwendeten. Es war ein ſchöner Sommerabend. Die Sonne ging vor dem Fenſter unter, und warf ihre roͤthlichen Strahlen auf die Geſtalt, die für mich die ſchönſte in der Welt war. Einige von dieſen Strahlen fielen auch auf meinen Fido(der ſtets auf derſelben Stelle lag, wo ich ihn zu⸗ erſt gefunden) und ſie beleuchteten unheimlich ſeine todten Glasaugen. Die wunderlichſten Gedanken ſtiegen in mir auf. Meine Treue gegen Henrietie verglich ich einmal dieſem Hunde. Dieſe Worte kamen mir jetzt prophetiſch vor. Damals lebte er, nun lag er unbeweglich auf einem ſchönen Kiſſen und ſtarrte mich an, wie ein Bild der Treue, die nicht Leben und Seele hatte und zu der ich mich thoͤrichter Weiſe verpflichtet.— Maja ſang gerade Clara's Romanze aus dem erſten Acte der Ludlamshöhle. Dieſes Muſikſtück war mir immer als das Muſter einer Ro⸗ manze erſchienen. Das Romantiſche, das Schwärmeriſche darin hatte mich ſtets auf eigenthümliche Weiſe ergriffen. Auch die Worte machten dieſen Abend einen tiefen Ein⸗ druck auf mich.— So war ich ſelbſt zurückgekommen mit zerriſſenen Segeln, um die Inſel der Liebe aufzuſu⸗ chen. Als der Geſang zu Ende war, ſagte ich;„Sie laſſen 37 etwas aus, wie ich glaube. Es ſteht ja in dieſer Romanze: „„Doch wird das Herz verlieren nicht die Hoffnung mit dem Anker.““— Maja blätterte in den Noten.„Das ſteht nicht hier,“ ſagte ſie,„es muß ein Vers ausgelaſſen ſein.“—„Das iſt ſehr ſchlimm von dem, der es gethan,“ antwortete ich,„denn es iſt ein ſehr ſchöner Gedanke.“— Maja antwortete nicht, ſondern ſang einige andere Sachen. Herr H. hatte indeſſen das Zimmer verlaſſen. Wir waren allein. Sie machte Miene, ſich zu erheben. Ich ergriff ihre Hand, dankte für ihren Geſang, und hingeriſſen von meinen Gefühlen, wiederholte ich unwillkürlich halb leiſe, indem ich dieſe Haad an meine Lippen drückte:„Das Herz wird nicht verlieren die Hoffnung mit dem Anker.“ Maja er⸗ röthete und ſagte wie im Scherze:„Das wird das Herz doch wohl gethan haben, denn hier iſt weder Anker, noch Hoffnung.“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als die düſtere Bedeutung, die in ihnen lag, uns Beide ergriff. Wir ſahen einander an und ſchwiegen. Maja blieb ſitzen, ließ die rechte Hand über die Taſten des Klavieres gleiten und wiederholte unbewußt in ſchwachen Tönen das Nach⸗ ſpiel jener ſchönen Romanze.„Liebe Maja,“ ſagte ich mit bewegter Stimme:„das waren Worte von ſchlimmer Vorbedeutung, und an meinem Geburtstag!— Ja, es iſt wirklich mein Geburtstag!“—„Und das haben Sie uns verſchwiegen?“ rief ſie.—„Sprechen Sie nicht davon,“ antwortete ich:„Niemand als Sie ſoll es wiſſen. Sehen Siel Ich habe weder Vater, noch Mutter, mei⸗ nen Bruder habe ich auch verloren. Sie find alle fort, die mir dieſen Tag werth machten. Ich bin nicht in der Stimmung, mit Jemanden davon zu ſprechen. Sie haben ihn mit Ihren ſchoͤnen Liedern gefeiert, ich habe den Ahend herrlich genoſſen. Ich moͤchte beinahe wünſchen, daß ich dieſen Tag zum letzten Male gefeiert.“— Zu meinem Erſtaunen brach Maja in Thränen aus. Sie legte den rechten Arm auf eine Ecke des Inſtrumentes, verhüͤllte ihr Antlitz und weinte ſtille.— Ich ergriff ihre linke Hand, drückte ſie an meine Bruſt, an meine Lippen, an meine thränenvollen Augen.— Sie trug ein Armband mit einem eiſernen Schloſſe, in welchem ein Amor abgebildet war. Ganz zerſchmolzen von ihren Thrä⸗ nen, beugte ich unwillkürlich meine Kniee vor ihr.„O Maja!“ ſagte ich,„anbetungswürdigſtes aller Mädchen! ſchenke mir dieſes Armband zu meinem Geburtstag. Es ſoll mich im Leben und Tode begleiten. Gib mir dieſes Bild des kleinen Gottes, der ſo ſchlimm mit meinem Her⸗ zen geſpielt. Gib mir es als Erinnerung an dieſe unver⸗ geßliche Stunde.“— Maja erhob den Kopf, trocknete ihre Thränen ab, ſah mich mit milden, ernſten Blicken an und ſagte:„Nein, nicht dieſes Bild, ein beſſeres Zei⸗ chen ſoll Ihnen als Erinnerung an Ihre Schweſter Maja werden,“ und damit löſte ſie ein kleines, mit Rubinen eingefaßtes Kreuz von ihrem Ohrringe ab, nahm meine Hand, legte es darein und ſagte:„Dieſes Zeichen iſt der Anker, den das Herz nicht verlieren wird,“ worauf ſie ſich erhob und das Zimmer verließ. Ich blieb allein zurück. Ich küßte das kleine Kreuz, ſteckte es zu mir und, nicht im Stande, mich unter die äbrige Geſellſchaft zu miſchen, ging ich einen Augenblick hinein, entſchuldigte mich kurz, und eilte ſelig berauſcht nach Hauſe, in meinem innerſten Weſen erſchüttert und nur des einen Gedankens fähig: „Maja liebt mich! Ich bins, den ſie liebt! Komme, was da kommen mag! Nichts kann mich mehr beugen und demüthigen!“ Am nächſten Morgen kam Herr H. zu mir, um ſich mit liebevoller Theilnahme nach meinem Befinden zu er⸗ kundigen, da ich am Abend zuvor eine plöͤtzliche Unpäß⸗ lichkeit als Grund meines Weggehens vorgeſchützt.— „Ich vermißte Sie ſehr, als ich zu den Andern hinabkam, und die armen Mädchen ſtill und verlaſſen daſaßen, denn ich war in ſehr ſchlechtem Humor. Ich habe ſonſt ein gutes Talent, mich in ſolchen Momenten zu verſtellen, aber dieſen Abend wollte es mir nicht glücken.“—„Iſt Ihnen etwas Unangenehmes begegnet, lieber Vater? (ſo nannte ich ihn ſchon lange, mehr aus innerer Zunei⸗ gung und nach dem Beiſpiel der Toͤchter, als in Betracht unſeres künftigen Verhältniſſes).—„Nein,“ antwortete er,„es iſt mir nichts begegnet, mein Kummer iſt nur die Furcht, daß mir das Schlimmſte noch begegnen wird. — Ja, das Schlimmſte für mich! meine Maja in das frühe Grab ihrer Mutter finken zu ſehen.“ Ein Schauer durchrieſelte mich. Er fuhr fort:„Geſtern Abend war ſie wieder ſo bleich; ſie glich ganz meiner lieben Frau in ihren letzten Tagen.— Sie müſſen ſie ſelbſt ſehr ver⸗ ändert finden. Sie härmt ſich ſichtbar ab, ein Wurm nagt an meiner kleinen Roſe. Vergangenen Winter, als Sie abweſend waren, hätten Sie ſehen ſollen, wie oft ſie Ge⸗ legenheit ſuchte, in der Dämmerung am Klavier zu ſitzen, bis es ganz dunkel war, und wenn wir dann Licht be⸗ kamen, konnte Jedermann ſehen, daß ſie geweint hatte.— Nun, Gott verzeihe Henning F.! ich wünſche ihm nichts Boͤſes, aber er hat ihre ſchöne Jugend vergiftet.“— Meine Verwirrung und mein Schmerz bei dieſen Worten, welche ich beſſer zu verſtehen glaubte, als er ſelbſt, benahmen mir im erſten Augenblick die Sprache, und ehe ich mich gefaßt hatte, wurden wir unterbrochen. Als ich wieder allein war, ſchien es mir klar, wel⸗ chen Weg ich nun zu nehmen habe: Maja liebte mich! Liebe zu mir war der Wurm, welcher die Roſe ver⸗ zehrte, an die ihres edeln Vaters Schickſal gebunden war. Hier bleibt keine Wahl, dachte ich: alle Bedenklichkeit muß der einen Nothwendigkeit weichen:— die Geliebte zu retten. Mein Entſchluß war gefaßt. Ich wollte ihren und Henriettens Vater zum Vertrauten meines Herzens machen; ich konnte mir keinen edlern Freund wünſchen; keinen, der mir beſſer zu helfen verſtand und vermochte.— 40 Um die Nachmittagsſtunde, welche er gewöhnlich auf ſeinem eignen Zimmer zubrachte, begab ich mich in dieſer Abſicht zu ihm. Ich klopfte an ſeine Thüre, ſie war geſchloſſen. Ich trat in den Salon, wo ich zu meiner großen Ver⸗ wunderung Henrietten ganz allein in einer Ecke ſitzen fand.„Die Mutter iſt ausgegangen: Maja ebenfalls,“ ſagte ſie mit einer Stimme, aus der die Thränen ſpra⸗ chen. Ich ſah ſie an, ſie war ganz verweint. Auf meine Fragen brachte ſie unter Thränen und Schluchzen dieſe Worte hervor:„Mutter hat mir oft und viel geſagt, Du liebeſt mich nicht aufrichtig; aber ich wollte es nie glau⸗ ben, da Du vor Gott und allen Menſchen mein Bräu⸗ tigam biſt, und ich nichts Böſes von Dir glauben kann. Aber heute Nacht träumte ich ſo lebhaft, als ob es wirk⸗ lich geſchehen wäre, daß der Vater mir einen Brief ge⸗ bracht, in welchem ſtand, daß Du... daſſelbe was Hen⸗ ning an Maja ſchrieb, als er mit ihr brach.— Ich weinte die ganze Nacht im Schlafe und wenn der Traum in Erfuͤllung ginge, und Du ſo hart gegen mich ſein könn⸗ teſt, ſo wollte ich Gott bitten, daß er mich, armes Mäd⸗ chen, ſterben laſſe, denn ich moͤchte nicht mehr in dieſer ſchlechten Welt leben.“— Wie mir bei dieſer Anrede zu Muthe wurde, läßt ſich nicht beſchreiben. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm ich Henriettens Hand, küßte ſie und eilte aus dem Hauſe. Ich ging mit ſo raſchen Schritten, als wollte ich der verfolgenden Nemeſis entfliehen. Ich wußte nicht, wohin und kam erſt zu mir, als ich mich weit vor den Thoren der Stadt befand. Ich ging bis nach Mitter⸗ nacht umher, zerriſſen von tauſend ſchmerzlichen Gefüh⸗ len, unter welchen das ſchmerzlichſte die bittere Unzufrie⸗ denheit mit mir ſelbſt war.— Ein neuer Umſtand war in⸗ deſſen eingetreten, und ein Schmerz, den ich entfernt nicht ahnte, erwartete mich. Am nächſten Morgen kam Herr H. wieder zu mir. Sein Angeſicht war wie verklärt.„Lieber Freund!“ ſagte 41 er:„Sie zeigten geſtern eine ſo herzliche Theilnahme an meinem Kummer; heute mögen Sie meine Freude thei⸗ len. Weßhalb waren Sie geſtern Abend nicht bei uns, um Zeuge unſerer Ueberraſchung zu ſein. Als wir in unſre Gedanken vertieft daſitzen, fliegt die Thüre auf und ein Menſch tritt ſtürmiſch herein; er eilt auf mich zu, um⸗ armt mich heftig und wirft ſich mit einem Strom von Thränen und unzuſammenhängenden Worten Maja zu Füßen. Sie haben gewiß längſt errathen, daß es Hen⸗ ning F. war. Denken Sie ſich unſer Erſtaunen, er iſt nicht verheirathet! Es iſt ein Knoten am Faden des Verhält⸗ niſſes zwiſchen ihm und ſeiner Geliebten durch die Reli⸗ gion entſtanden, denn ſie iſt katholiſch. Maja wußte zwar aus ſeinen Briefen, daß etwas Derart im Wege ſtand. Aber ſie war zu verſchwiegen, um Jemand ahnen zu laſſen, was er ihr vertraute. Sie hatte indeſſen lange nichts von ihm gehört und glaubte, Alles ſei ins Reine gebracht: am wenigſten ließ ſie ſich ſein Wiederkommen träumen.“—„Was will er denn nun?“ fragte ich, kaum im Stande, ein Wort hervorzubringen.„Was er will? Natürlich, wie jeder Sunder, Vergebung und Gnade.— Und in Wahrheit, er iſt ein ſehr reuiger Sünder. Seine frühere Liebe zu meiner Tochter ſcheint mit doppelter Hef⸗ tigkeit erwacht zu ſein.“—„Und Maja?“— Kaum hatte ich den Muth zu dieſer Frage.—„Ja, Maja wun⸗ derte mich allerdings,“ antwortete er:„Sie war außer⸗ ordentlich erfreut, ihn wieder zu ſehen, aber ſie nahm ihn doch im Uebrigen nicht mit ſo großem Entzücken auf, wie der Vater den verlorenen Sohn im Evangelium. Und als Henning, der heftig und ohne alle Verſtellung iſt, in ſie drang, ihm zu verſprechen, daß ſie die frühere Ver⸗ bindung wieder erneuern wollte, antwortete ſie ernſt: „Nicht ſo, Henning! daß dergleichen Gelübde keine Scherze ſind, das haben wir Beide erfahren. Morgen ſprechen wir unter vier Augen davon.“— Als er ſie betrübt anſah, 43 daß ſie das früher ja nicht gethan, antwortete Maja: „Doch, als Kinder waren wir Du. Nach mehrjähriger Abweſenheit, als wir uns als Erwachſene wiederſahen, ſagten wir nicht mehr Du zu einander. Aber bei unſerer letzten Trennung erneuerten wir das gute Verhältniß un⸗ ſerer Jugend wieder.“ Ich konnte nicht leugnen, daß unſer Krels durch Hennings Gegenwart bedeutend gewonnen.— Je öfter ich ihn ſah, deſto mehr verwunderte ich mich über das Originelle in ſeinem Charakter, der ſich zu gleicher Zeit durch ein hohes Ehrgefühl, eine ſtrenge Rechtſchaffen⸗ heit und einen großen Leichtſinn, einen männlichen Muth und eine beinahe weibliche Weichheit auszuzeichnen ſchien. Seine Schönheit und feinen Sitten machten ihn zu einem Liebling des ſchoͤnen Geſchlechtes, und es ſchien ihm un⸗ möglich zu ſein, einer Verſuchung zu widerſtehen, welche ihm von dieſem kam. Die Aufmerkſamkeit und Artigkeit, welche er Frau H. und Henrietten erzeigte, nahm dieſe ganz für ihn ein, ſo daß Henriette täglich in die Worte ausbrach:„Gott! wie iſt Henning lieb!“— In unſrem täglichen Kreiſe genirte er ſich nicht mit ſeiner Bewer⸗ bung um Maja; ja er legte ſogar Beſchlag auf unſre Unterhandlung, um zum Ziele zu gelangen, während Ma⸗ ja beſtändig ſolchen Geſprächen aus dem Wege ging. Eines Abends, als wir Alle vertraulich am Tiſche ſaßen, ſagte Henning zufällig:„Jenes ganze Jahr, als ich an einer Kloſtermauer Wache ſtand.“— Als Hen⸗ riette äußerte, daß er uns nie den rechten Zuſammenhang ſeines abgebrochenen Verloͤbniſſes erzählt, antwortete er ungezwungen:„Das iſt bald erzählt.— Meine Bea⸗ trice und ich waren wirklich verlobt und unſre Hochzeit beſtimmt. Wir liebten einander bis zur Raſerei und Nie⸗ mand von uns dachte daran, daß uns Etwas trennen könnte, da wir ihrer Aeltern Einwilligung hatten und Majas Edelmuth auch meinen Vater zu bewegen gewußt. 22 reichte ſie ihm die Hand und ſagte:„Komm' morgen zeitig zu mir, guter Henning, lieber Freund und Bruder! Wir haben viel zu ſprechen. Es iſt mancherlei geſchehen, ſeit wir uns nicht mehr ſahen.“ Und damit nahm das Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung. Sie kamen auf ihren ſeli⸗ gen Vater zu ſprechen, und weinten Beide.“ Herr H. zog ſeine Uhr heraus:„In dieſem Augenblick iſt er bei ihr, und es müßte mit des Teufels Kunſten zugehen, wenn ein ſo ſchöner und liebenswürdiger Manm nicht ein Mäd⸗ chen zu gewinnen wüßte, das ihn im Grunde liebt und um den es ſich ſo ſehr gegramt.— Aber, um Got⸗ tes Willen! was fehlt Ihnen, beſter Freund? Sie werden ja ſo bleich, wie eine Leiche.“— Was ich antwortete, weiß ich nicht. Nur ſo viel weiß ich von dem Geſpräche buch daß ich zu Mittag kommen mußte und mich auch einfand.—. Nun ſtand er da vor mir, der verhaßte Nebenbuhler.— Wie er ſchoͤn war!— Welcher Ausdruck von Kraft und Gutmüthigkeit! wie offenherzig! wie warm und herzlich!— Es war mir unmöglich, ihn zu haſſen; meine Eiferſucht wurde freilich immer heftiger, je mehr ſeine Vorzüge ins Licht traten, aber dieſes häßliche Gefühl verſchwand bei dem Empfang, den er mir zu Theil werden ließ, und der aufrichtigen, einfachen und doch feinen Art und Weiſe, wie er mit mir und Allen umging. Maja gab mir gleich⸗ falls keine Veranlaſſung zur Eiferſucht. Es war in ihren Augen, ihrem Tone gegen mich Etwas,— ich weiß es nicht zu erklären,— etwas ſo Süßes, Verſchämtes— Etwas, kurz geſagt, was meinen ſtolzen Gedanken vom verfloſſenen Abend Nahrung gab. Henning behandelte ſie dagegen, als wäre ſie ſeine Schweſter. Sie war weniger zurückhaltend gegen ihn, als gegen irgend einen andern Mann, und doch lag nichts Erotiſches, wenn ich mich ſo ausdrücken ſoll, in ihrem Benehmen gegen ihn. Sie ſag⸗ ten auch Du zu einander, und da Henriette bemerkte: 44 — Ihr Vater war ein Franzoſe; er hatte nichts dagegen gehabt, daß ich ein Proteſtant bin. Seine Geſchäfte ſoll⸗ ten ihn in kurzer Zeit nach Paris führen, und da die Hochzeit mit Beatrice ſtattfinden. Aber ihre Mutter war abweſend, ſie war eine Römerin. Als dieſe von ihrer Vaterſtadt nach Florenz zurückkehrte, wo wir uns alle auf⸗ hielten, und erfuhr, daß ich, was ſie einen Ketzer nannte, ſei, ſo beſchwor ſie Himmel und Erde und machte mit Hülfe ihres Beichtvaters der Tochter die Hölle ſo heiß, daß dieſe, als keine Hoffnung mehr blieb, mich zu bekehren, heim⸗ lich mit der Mutter fortreiste; und als ich und ihr Va⸗ ter ihnen nacheilten, fanden wir meine arme Beatrice als Novize in einem Kloſter nicht weit von Rom. Ich war wie ein Wahnſinniger. Ein ganzes Jahr lang brachte ich alle Nächte bei dieſer Kloſtermauer zu, ohne an⸗ dern Troſt, als die göttlichen Ermahnungen eines armen Moͤnches. Durch Geld und Verſprechungen hatte ich die⸗ ſen Bruder, der im Kloſter aus⸗ und einging, vermocht, einige Zeilen von mir in Beatricens Hände zu liefern. Ich bekam nicht die geringſte Antwort darauf: erſt nach Verlauf von einem ganzen Jahre, ſandte ſie mir durch dieſen Kloſterbruder einen kleinen Brief, in welchem ſie mich unterrichtete, daß ſie am nächſten Tage den Schleier nehme. Sie ſagte mir ein herzzerreißendes Lebewohl und — denke an meinen Schmerz, liebe Maja!— ſie ſchrieb, daß ſie durch Buße und Aufopferung ihres Lebens meine Sünden abbüßen und mir die Seligkeit zu erringen ſtre⸗ ben wolle, in der wir uns, wie ſie hoffe, wiederſehen würden!— Denke Dir nur!— für meine Sünden ihr ganzes Leben eingeſchloſſen zur Buße und Beſſerung! Das ſchoͤne Mädchen, das ſelbſt keine Sünden abzubüßen hatte!“ — Bei dieſen Worten rannen die Thränen uͤber ſeine Wangen. Maja nahm ſeine Hand und ſah ihm in die Augen.„Siehſt Du, mein lieber Henning! Deine Bea⸗ trice, ſie iſt es, die Du noch liebſt, nicht mich und darin 45 haſt du Recht.“—„Nein, melne Maja!“ ſagte Henning lächelnd:„Niemand iſt für mich, was Du biſt, Du haſt ſchon als kleines Mädchen meine Sünden auf Dich ge⸗ nommen, Du haſt als Erwachſene meine Schulden mit Deinem Schmucke bezahlt, als ich Pharao geſpielt und es meinem Vater nicht ſagen durfte.— Du haſt,— und dieſe Wohlthat kann nur Gott Dir lohnen,— Du haſt zugegeben, daß ich dich verlaſſen konnte, und mich mit meinem Vater verſoͤhnt. Was hätte aus mir werden ſollen, wenn er geſtorben wäre, ohne mir zu vergeben? Seine letzten Worte, als ich fortreiste, waren:„Wenn ich ſterben ſollte, während Du fort biſt, ſo lebe, um meine Maja glücklich zu machen!— Ich bin ſehr ängſtlich— (hier näherte er ſich geheimnißvoll Maja): der alte Berg⸗ ſtröm ſchreibt mir, daß er oft in der Nacht etwas gehen höre, leibhaftig, wie meines Vaters Gang— von ſeinem Zimmer zu dem Deinen, und oft im Traume iſt es mir,..“ Herr H. unterbrach ihn lächelnd:„Nun, da haben wir den ſchwediſchen Aberglauben!“— Henriette gab dem Geſpräch eine andere Wendung, indem ſie Henning fragte, weßhalb er nicht, um ſeine Geliebte zu retten, die katholiſche Religion angenommen?—„Abſchwoͤren mei⸗ nes Landes Glauben!“ rief Henning verwundert,„und wenn ich auch ſo unmännlich hätte ſein koͤnnen, wie ſollte ich in meinem Regimente, unter meinen Kameraden ferner eriſtiren?“ In ſolch' einem vertraulichen und doch geſpannten Verhältniſſe hatten wir eine Zeitlang gelebt. Mehr als hundert Mal hatte ich im Sinne, mein Herz vor Majas Vater zu öffnen, aber ein Blick auf Henrietten, eine, wie mir ſchien, allzu liebevolle Aeußerung Majas gegenüber von Henning, die Vorzüge dieſes jungen Mannes— all' dies warf mich in meine Unentſchloſſenheit und Unthätig⸗ keit zurück, über die ich manchmal verzwelfelte und mir die bitterſten Vorwürfe machte. 486 Mitten in alle Dieſem wurde ich von Anton B's Ankunft überraſcht. Er war außer ſich.„Nein,“ rief er bei unſerem erſten Geſpräche:„laß Maja wählen, wen ſie will, aber nicht dieſen flauen Jungen, der einſt ein ſolches Kleinod von ſich warf: das wird er bei jeder Ge⸗ legenheit wieder thun. Nein, dieſe kleine Heilige ſoll nicht in die unreine Hand eines Libertins fallen, deßhalb bin ich hierher gekommen. Das ſoll nicht geſchehen, ehe ſie meine Augen geſchloſſen.“— So fuhr er fort und erſt nachdem er ſeinen Zorn über mich ausgegoſſen, da ich ihn in Herrn Hs' Haus einzuführen mich weigerte, wenn er nicht vernünftig ſei, wurde er nach und nach ruhiger und wir verabredeten uns, daß ich ihn am nächſten Tage dorthin bringen wolle. Ich war deßhalb ſehr verwundert, als ich am Abend in Frau H's Salon trat und das Erſte, was meinen Augen begegnete, Anton B. war, der bei Maja am Theetiſche ſaß, Henning, welcher ſein Ne⸗ benmann war, beinahe den Rücken bot und ausſah, als ob er Fieber hätte. Er konnte den nächſten Tag nicht erwarten und hatte ſich als ein alter Bekannter von Maja und ihrem Oheim ſelbſt eingeführt. Man preist bei jeder Gelegenheit gute Beiſpiele an. Ich glaube, die Schlechten ſind noch wirkſamer zur Beſſerung des Nächſten. Die rohe Heftigkeit, deren ſich Anton ſchuldig machte, war die beſte Warnung für mich, wenn meine Eiferſucht mich bisweilen ungerecht machen und in üble Laune bringen wollte. Anton, welcher Geiſt genug hatte, die Vorzüge ſeiner Geliebten einzuſehen und Herz genug zu lieben, beſaß nicht Selbſtbeherrſchung, nicht Bildung genug, einen ſo gefährlichen Nebenbuhler, wie Henning, zu behandeln, und dieſer, welcher jung und heftig war, hatte ſeinerſeits nicht das geringſte Mitleid mit einem unglücklichen Liebhaber, denn als ein ſolcher zeigte ſich Anton ganz gegen ſeinen Willen.— Es war wirklich lächerlich, zu ſehen, wie ſie ſich grüßten, wenn 47 ſie zuſammentrafen, die Miene und die Art, wie ſie ein⸗ ander Platz machten, wenn der Eine dem Andern im Wege ſtand.— In allen ſolchen Dingen hatte Henning das beſte Spiel, da ſeine Schönheit und ſein Anſtand ihm halfen; während dagegen der arme Anton mit ſeinem ver⸗ biſſenen Zorne, der immer loszubrechen drohte, eine lä⸗ cherliche Figur ſpielte. E in unglückſelig Moraliſiren über⸗ ſiel ihn, wie eine krampfhafte Krankheit, ein beſtändig Sticheln auf frivole Verbindungen, Leichtſinn und der⸗ gleichen. Henning ſeinerſeits nahm Veranlaſſung, die zahmen Bären, die Aufdringlichen zu verdammen, welche, ſich unaufgefordert in andrer Leute Sachen mengen u. ſ. w. Maja entfernte ſich bei ſolchen Szenen, Henriette aber ſchien eine innige Freude an der geſellſchaftlichen Ueber⸗ legenheit Hennings im Guten, wie im Boͤſen zu haben. Die beiden Nebenbuhler waren in ihrer gegenſeitigen Erbitterung, wie ein glimmendes Feuer, das nur des leiſeſten Hauches bedarf, um loszubrechen. Eines Abends, als ich glaubte, alle Frauenzimmer ſeien ausgegangen, wollte ich Herrn H. beſuchen, um ihm Geſellſchaft zu leiſten.— Die Dienſtleute ſagten, Fräulein Maja ſei zu Hauſe und auch die andern Herren ſeien oben. Lange ehe ich mich der Thüre näherte, höͤrte ich einen großen Allarm drinnen, und als ich eintrat, ſah ich Maja bleich und zitternd daſitzen, während ihr Vater, gleichfalls ganz erſchrocken, ſich vergebens beſtrebte, zwiſchen Henning und Anton Frieden zu ſtiften, die wie zwei Ra⸗ ſende einander gegenüberſtanden.— Sie ſchienen mitten ein einem heftigen Wortſtreit begriffen.„Niemand hat weniger Recht, als Sie ſelbſt, mein Herr!“ rief Anton. „Sie, der treulos und grauſam dieſen Engel verlaſſen und gekränkt,“—„Und doch,“ rief Henning,„doch ſtehe ich bereit, mit meinem Leben und Blut ſie gegen Ihre Zudringlichkeit zu vertheidigen und mein Recht an ſie mit dem letzten Blutstropfen geltend zu machen.“—„Dieſe Worte ſind mir willkommen,“ rief Anton;„Sie ſind Militär, ich verſtehe gleichfalls die Waffen zu führen. Belieben Sie die Waffen, ſowie Zeit und Ort zu be⸗ ſtimmen. Ich bin bereit.“—„Ich bin damit einver⸗ ſtanden,“ ſagte Henning:„die Zeit kann ſogleich ſein, den Ort moöͤgen Sie beſtimmen. Wir nehmen unſre Diener mit, andrer Zeugen bedarf's nicht. Die Piſtolen ſollen entſcheiden, wer von uns beiden den nächſten Morgen nicht ſieht.“— Maja ſprang auf, ſchlang beide Arme um Henning und ſagte mit zitternder Stimme:„Henning, iſt das Deine Liebe? Dies Dein Dank für meine ſchweſter⸗ liche Treue?“ Seine Raſerei ſchien mit einem Male ge⸗ ſtillt, er führte ſie zu ihrem Stuhl, ſie konnte ſich kaum aufrecht erhalten: er ſiel vor ihr auf die Kniee und ſagte: „Süße Maja! ſprich ein Wort! ſage, daß Du mir ver⸗ gibſt! daß Du mein werden willſt! und Alles ſoll ver⸗ geſſen ſein. Ich reiche dieſem Herrn meine Hand zum Vergleiche.“—„Auch ich, mein Fräulein!“ ſagte Anton, „auch ich will die Hand zum Vergleiche reichen, wenn Sie erklären, daß Ihr treuloſer Liebhaber Ihrer Hand und Ihrem Herzen näher ſteht, als der Mann, der Sie nie vergißt und deſſen erſte und letzte Liebe Sie ſind.“— Maja begrub ihr Antlitz in ihre Hände. Ihr Vater nahm ſie in ſeine Arme, hob ſie von dem Stuhle empor und drückte ſie an ſeine Bruſt: ihr Kopf ſank auf ſeine Schulter nieder.„Meine Maja!“ ſagte er:„mein Liebling, all' meine Freude im Leben, höre Deines armen Vaters Stimme. Kannſt Du dieſe ſonſt ſo braven Männer ſich um Delnetwillen morden ſehen? Wirſt Du Dich ſelbſt und die Deinen dem Urtheil der Welt Preis geben? Reiche einem von ihnen die Hand. Und ſiteht es Henning im Wege, daß er einmal unbeſtändig war, ſo laſſe mich der Fürbitter für den Freund Deiner Jugend ſein, der Dich noch liebt? Sieh!“ fügte er hinzu, indem er auf die Malerei über dem Claviere zeigte:„ſein Vater ſieht auf Dich 49 herab, und bittet für ihn.“ Mit dem Geſichte eines Mär⸗ tyrers, mit Blicken, die man mit Recht die einer Ster⸗ benden nennen konnte, erhob Maja ihre Augen zu dem Bilde ihres Oheims, wandte ihr Antlitz mit unbeſchreib⸗ licher Betrübniß nach ihrem Vater und machte eine Be⸗ wegung, als wollte ſie Henning die Hand reichen.— Nun konnte ich es nicht länger ertragen.— Ich trat zwiſchen ſie, riß Maja aus ihres Vaters Armen, umſchlang ſite mit den meinen und rief mit einer Kraft, die ſie Alle erſchreckte:„Nein, nie! nie wird dieſe Hand durch Zwang verſchenkt werden! Zurück, ihr Raſenden! Ich habe auch einen Arm, dieſes Mädchen zu vertheidigen und ein Herz, durch das der Weg zu ihr geht.“— Maja ſtützte ſich auf mich, ſie ſah mit einem Ausdruck zu mir auf, den kein Wort beſchreiben kann; und als ob die ganze Welt vor uns verſchwände, umarmten wir einander und unſere Seelen und Lippen ſchmolzen zu einem ſeligen Kuſſe zu⸗ ſammen.— Maja riß ſich aus meinen Armen los, und eilte aus dem Zimmer, wir ſtanden ſtumm da und ſahen einander an. Verwirrt ergriff ich meinen Hut und ging. Die Andern ſtanden wie Säulen da; als ich auf die Straße gekommen, merkte ich erſt, daß Anton mir gefolgt war. Wir gingen nebeneinander, ohne ein Wort zu ſprechen; als wir jedoch an meiner Hausthüre ſtanden, ſagte er mit einer von Thränen beinahe erſtickten Stimme:„Ich ſehe wohl, wie Alles zuſammenhängt. Ich kann mich nicht über Dich beklagen. Du haſt meiner Liebe gedient, ungeachtet Du ſelbſt— lebe wohl, armer Menſch!— Ich reiſe noch heute Abend nach Hauſe! Du ſollſt bald von mir hören!“ Mit dieſen Worten drückte er meine Hand und entfernte ſich raſchen Schrittes.. Ich will zu Maja gehen und ihr mein Herz mit klaren und deutlichen Worten entfalten: ſie ſoll entſcheiden. Mit dieſen Gedanken eilte ich am nächſten Morgen zu Novellen. 1. 4 50 Maja, um die Zeit, da ich wußte, daß ſie ſtets allein war, und gegen meine Gewohnheit ging ich ſogleich in ihre eignes Zimmer hinauf. Ein Mädchen kam mir mit leiſen Schritten entgegen und flüſterte, Fräulein Maja ſei geſtern Abend krank geworden und ſchlafe noch, da der Herr verboten habe, ſie zu wecken. Die Frau und Fräu⸗ lein Henriette ſeien noch nicht aufgeſtanden.— Ich eilte fort und unfähig zu jever Arbeit, trieb ich mich den langen Vormittag umher. Als ich in meine Wohnung zurückkam, ſagte man mir, daß Herr H. dageweſen und nach mir gefragt habe, und außerdem ein junger Herr, der nach der Beſchreibung Niemand anders ſein konnte, als Henning. Ich ging nach Herrn H's Haus zurück. Man ſagte mir, daß die Frau und Fräulein Henriette Niemand annehmen; ſie ſeien oben bei Fräulein Maja, welche eine Ohnmacht hekommen und ſehr krank ſei. In größter Unruhe verließ ich das Haus.— Wenige Schritte davon kam Henning athemlos mir nachgeeilt, ergriff mich beim Arme und ſagte:„Exlauben Sie, daß ich Sie nach Hauſe begleite, ich habe ein paar wichtige Worte mit Ihnen zu ſprechen.“—„Gerne, mein Herr!* antwortete ich raſch, eine Ausforderung erwartend. So⸗ bald wir in die Thüre getreten waren, warf Henning den Hut weit von ſich, ſiel mir um den Hals, küßte mich und rief mit herzlicher Freude:„Nun, lieber Bruder! Nun freue Dich(ich ſage Du zu Dir, denn nun ſind wir Brüder), Alles iſt gut! Du biſt frei, ich bin Hen⸗ riettens Bräutigam.“— Mit groͤßtem Erſtaunen ſah ich ihn an. Er fuhr fort:„Wie bin ich blind geweſen! ja, ich werde ein Muſter von einem Ehemann! Als mir geſtern Abend die Augen aufgingen, faßte ich ſogleich meinen Entſchluß. Ich vertraute mich meinem Oheim an. Er verlangte nichts Beſſeres. Er umarmte mich und ſagte:„Nun erkenne ich in Dir Deines edlen Vaters Sohn.“— Dieſen Morgen ging ich zu meiner Tante 51 und Henriette. Ich erzählte Ihnen das Ereigniß des geſtrigen Abends und ich weiß nicht,— ich faßte meine Worte ſo glücklich, daß Henriette und ich einander zu tröſten beſchloſſen und ſie,— wie es ſchien, mit großer Freude— mich als ihren Bräutigam umarmte. Sieh hier! Ihr Vater ſollte Dir dieſen Brief übergeben— aber Maja ſiel in Ohnmacht, weil ich vielleicht allzu ſtür⸗ miſch mit dieſer Nachricht eintrat, und da ihr Vater ſie ungerne verlaſſen wollte, nahm ich den Brief, um ihn an ſeiner Statt zu bringen.— Ich bitte übrigens tauſend⸗ mal um Verzeihung, daß ich einen Korb bringe. Ich hoffe, Du nimmſt und trägſt ihn mit Grazie.“ Damit übergab er mir einen Brief von Henrietten, worin ſie unſere Verbindung aufhob, mir übrigens alles Glück und Heil wünſchte. Meine Ueberraſchung und Freude war ſo groß, daß ich vor Zittern kaum den Brief halten konnte und mich niederſetzen mußte.—„So, nun fällt er auch in Ohnmacht!“ rief Henning. Im ſelben Augen⸗ blicke trat Herr H. ein. Er umarmte mich herzlich: „Mein Vater!“ ſagte ich,„iſt es möglich? Wollen Sie mir wirklich Ihre Maja geben? Und Du Henning! Freund! Wohlthäter! wie ſoll ich Dir danken?— Aber haſt Du nicht aus Edelmuth Dich ſelbſt und Henrietten unglücklich gemacht?“—„unglücklich?“ rief er:„da müßte ich ein jämmerlicher Menſch ſein, wenn mich ein hübſches und gutes Mädchen unglücklich machen koͤnnte, und ſollte Henriette unglücklich werden? nein, ſehr glücklich ſoll ſie werden. Ich werde meine kleine Frau auf den Händen tragen und Maja! meine engelgleiche Schweſter! Konnte ich weniger für ſie thun? Lebe Du, um meine Maja glücklich zu machen! Das war meines Vaters letztes Wort an mich.“—„Kommt, meine lieben Söhne!“ ſagte Herr H.,„ſie warten zu Hauſe auf uns.“ Als wir in den Salon traten, der uns ſo oft verſam⸗ melt hatte, ging Herr H. einen Augenblick fort und kam bald * 5² darauf mit beiden Töchtern an der Hand zurück. Maja war blaß und trug ein weißes Kleid, Henriette erröthete und trug ein rothes.„Hier,“ ſagte er, bringe ich die rothe und die weiße Roſe. Sie ſollen nicht länger Streit zwiſchen ihren Rittern wecken.“ Die hellen Nächte. — Ich bin in Norwegen im Jahre 1782 geboren. Mein Vater war Seeoffizier und zog ein paar Jahre nach meiner Geburt nach Kopenhagen. In meinem ſiebenten Jahre verlor ich meine Mutter und wenige Wochen ſpäter ſtarb auch mein Vater. Meine Aeltern hatten hier zu Lande keine Verwandten und auch keine eigentlichen Freunde, mit Ausnahme eines Einzigen, der wohl für viele gelten konnte. Dieſen Mann nannte ich ſtets Onkel Albert, ungeachtet er nicht zu meiner Familie gehörte, aber wahrſcheinlicher Weiſe hatte ich ihm dieſen Namen gegeben, weil mein Vater ihn„Bruder Albert“ nannte. Er war ein Jugendfreund meines Vaters und täglich in meiner Aeltern Haus. Er war Organiſt an einer der kleineren Kirchen der Stadt, ernährte ſich aber hauptſächlich von Stundengeben im Pianoforteſpiel, worin er allgemein für einen Meiſter galt. Die erſte Begebenheit in meinem Leben, deren ich mich mit klarem Bewußtſein erinnere, iſt meines Vaters letzte Krankheit. Onkel Albert war in jener Zeit Tag und Nacht bei uns und als mein Vater todt war, tröſtete er mich in meinem kindlichen Schmerze mit mancherlei Beweiſen der Liebe und ſagte, daß ich in ihm einen Vater finden werde, ein Gelübde, das er treulich gehalten⸗ Er nahm mich ſogleich zu ſich. Er war unverhei⸗ rathet, und bewohnte ein paar Zimmer in einem Hauſe, das einer alten Wittwe gehörte. Dieſer Frau, welche 56 ſein Hausweſen zu beſorgen pflegte, übergab er mich zu Pflege und Aufſicht in den Stunden, die er nicht zu Hauſe zubrachte. Aber ſobald er heimkam, war es ſein Erſtes, zu ſeiner Wirthin zu gehen, mich zu holen, und zu ſich hinaufzubringen. Die Nacht brachte ich in ſeinem Schlafzimmer zu, er ſelbſt kleidete mich aus und an; er lehrte mich leſen und ſchreiben und die Anſangs⸗ gründe der gelehrten und lebenden Sprachen, denn er ſelbſt war Student geweſen, und hatte mit Ehre die academiſche Laufbahn bis zum theologiſchen Examen durchgemacht: aber theils eintretende Umſtände, theils ſeine Vorliebe für die Muſik hemmten ſein Fortſchreiten auf dieſer Bahn. Es iſt der allgemeine Fall, daß liebende Aeltern das Leben in ihren Kindern noch einmal durchleben wollen, ein beſſeres Leben, wenn ich mich ſo ausdrücken darf. Das heißt: ſie wollen, daß die Kinder das Ziel erreichen ſollen, das ſie ſelbſt, durch ihre eigne, oder des Schickſals Schuld verfehlt haben. So war es auch meines Pfleg⸗ vaters aufrichtigſter Wunſch, daß ich bei Zeiten das theologiſche Examen machen ſollte, zu dem er ſich nicht herangewagt, und mit wahrhaft inniger Freude konnte er ſich und mir die Möglichkeit ausmalen, daß ich Pfarrer an der Kirche werde, an der er Organiſt war.„Wie würde ich da auf der Orgel phantafiren,“ ſagte er, „wenn Du, mein Sohn, mich und die Gemeinde von der Kanzel begeiſtert hätteſt!“ Mein ganzes Herz hing an meinem vaterlichen Wohlthäter. Als Knabe war ich gut, fleißig und ge⸗ horſam. Ziemlich früh entließ man mich auf die Uni⸗ verſität. Beim Examen artium wurde ich ausgezeichnet, und das zweite Examen beſtand ich gleichfalls mit Ehre. Aber die große Veränderung aus dem ſtillen Leben heraus, in dem ich erzogen worden, in den luſtigen Kreis junger Mitſtudirender, in welchem ich mich nun befand, wirkte berauſchend auf mich. Der Zufall führte mich in einige Geſellſchaften, in welchen ein paar Damen von mir als 57 elnem ausgezelchnet ſchönen Menſchen ſprachen. Dies wurde mir bei jeder Gelegenheit von meinen Freunden vorgeworfen und machte mich ganz verwirrt im Kopfe. Zum Unglück wurde ich mit einem gefährlichen Kreiſe von Mitſtudirenden bekannt, von denen die Meiſten älter waren, als ich, und für witzige Köpfe zwar, aber auch für zügelloſe Trinkbrüder galten. In dieſem Kreiſe unter⸗ grub ich die Sittlichkeit und den Fleiß meiner Jugend. Ein Jahr verfloß nach dem andern, ohne daß ich meinem Amtsexamen einen Schritt näher kam. Meine einſt ge⸗ rühmte Geſchicklichkeit hatte mir gute Informatlonen verſchafft. Ich verſäumte ſie beinahe gewoͤhnlich. Den halben Tag und die meiſten Nächte brachte ich auf Billardhäuſern, bei Conditoren und in Weinkellern mit meinen ſogenannten Freunden zu. Ich kam in Geldver⸗ legenheit, ſiel Juden und Wucherern in die Hände, kurz, der breite Weg, der zum Verderben führt, lag offen vor mir. Dieſes Leben blieb meinem aufmerkſamen Pflege⸗ vater nicht lange unbekannt, und er ließ es nicht an ernſten Vorſtellungen fehlen, mich auf den rechten Weg zurückzuführen. Es war etwas ungemein Orginelles in meinem ſogenannten Onkel Albert, etwas, was man eigentlich ſehen und hoͤren mußte, um es zu verſtehen und was ſich nur ſchwer beſchreiben läßt. Es war nehmlich, als ob die Muſik, die er liebte, und mit der er von Morgens bis Abends beſchäftigt war, ſein Weſen ganz durchdrungen hätte. Die beſtimmte Vertheilung der Zeit, die man in der Muſik Takt nennt, beobachtete er auch im Leben. Außerdem war ſeine ganze Seele(ſoweit dies eine menſch⸗ liche Seele ſein kann) frei von allen Diſſonanzen. Eine liebenswürdige Kindlichkeit, die ſich nie von dem ächten Künſtler trennen läßt, verband ſich bei ihm mit einer gewiſſen Unbekanntſchaft mit der Welt, die eine Folge ſeines ſtillen und regelmäßigen Lebens war. Er beſaß eine eigenthümliche Beredtſamkeit, die mir manchmal, wenn ich in der Erinnerung ſeine Rede wiederholte, das Gefühl 58 erweckte, als hätte er geſungen oder in Verſen geſprochen, obwohl keines von Beiden der Fall war. Aber der Grund zu dieſer Illuſſion bei mir lag wohl zum Theil in fol⸗ gendem Umſtand: Wenn er Abends nach Hauſe kam, ſo war es unabweichbare Regel, daß er ſpgleich einen Schrank im Zimmer öffnete, und den Rock, den er trug, darin aufhing, indem er einen alten Frack hervorholte und anzog, wahrend welcher Verrichtung er ſtets, wenn ich zugegen war, mir einen flüchtigen Gutenabend wünſchte. Dann eilte er an's Klavier, nahm einen Stuhl— immer denſelben Stuhl— öͤffnete das Inſtrument, und indem er ſagte:„Ich habe heute ſo viel thörichte Muſik an⸗ gehört, daß ich ſie mir aus dem Kopfe ſchaffen muß,“ begann er zu ſpielen, und das dauerte mindeſtens eine Stunde; aber das Eigenthümlichſte dabei war, daß er, der in ſeinen Unterrichtsſtunden ernſt und ziemlich wortkarg geweſen, nun an ſeinem Inſtrumente zu ſprechen begann, ſo zu ſagen, für den ganzen Tag, den er geſchwiegen, und es war, als ob die Tone erregend auf ihn wirkten, wie ein guter Wein, und ſeine Lebensgeiſter in Bewegung ſetzten, und nun war es ſehr merkwürdig, die Ueberein⸗ ſtimmung zu beobachten, welche zwiſchen der Materie, die er abhandelte, und dem Gedankengang obwaltete, der ſich in ſeinem Spiele ausdrückte, das meiſt in freier Phantaſie beſtand, mit einem Potpourri von Thematen gemiſcht, welche, ihm ſelbſt halb unbewußt, durch den unterlegten Text oder auf andre ähnliche Weiſe, mit den Worten zuſammenſchmolzen, welche er ſprach. So erinnere ich mich zum Beiſpiel, daß er eines Abends, als er mir mit großem Eifer das Unwürdige in der Lebensweiſe vorſtellte, die ich führe, bei dieſer Gelegenheit Melodieen aus dem Eece quam bonum und andern leichtfertigen Studenten⸗ liedern anbrachte. Er erinnerte mich an meines Vaters rühmliches Andenken, und ſprach von ſeinem Tode, wobei erſt einige Töne von„Kong Chriſtian ſtod ved höͤlen Maſt“ und„Vi Sömänd gjör ei mange Ord“ ſeine Worte 59 begleiteten und die Toͤne zuletzt in einen Choral aus⸗ ſtrömten; und wie alles menſchliche Streben endigte das Ganze damit, und machte um ſo mehr Eindruck, als er nun zu ſprechen aufhörte, und lange über dieſes ſchöͤne Thema zu phantaſiren fortfuhr. An dieſe muſikaliſchen Ermahnungen war ich ſo gewoͤhnt, daß ich ſtets den Gedankengang begriff, ſelbſt wenn ich nicht hörte, was er ſagte: und ſie verfehlten ihre Wirkung nicht auf mich, obwohl ich ſtolz und hartnäckig genug war, dieſe Gefühle nicht merken zu laſſen, die er bei mir erweckte, und die Thränen verbarg, die er mir oft auf dieſe Weiſe entlockte. In ſolchen Stunden gab ich mir ſelbſt das heiligſte Ver⸗ ſprechen, mich zu beſſern, hielt es aber nicht länger, als bis eine neue Verſuchung ſich einfand. So nahte der Sommer 1805. Da geſchah es einſt, daß ich mit ein paar von meinen Freunden mich bei einem Conditor befand, wo wir bei einer Bowle Punſch ziemlich laut geworden waren. Einer von meinen Kameraden hatte eine unglückliche Liebe, die ihn zu den lächerlichſten Thorheiten verleitete. Wir Andern zogen ihn darüber auf, und brachten ihn dadurch in ſolchen Zorn, daß er mit lauter Stimme, ohne ſich um die Anweſenden zu kümmern, uns alle tollen Streiche, die er von uns wußte und an denen er ſelbſt Theil genommen, vorrechnete. Unter andern Aeußerungen, die ſeinen vor Wuth zitternden Lippen entſchlüpften, war auch die, daß ich nie ein Frauenzimmer geliebt, daß ich gänzlich unzugänglich für Liebe ſei, was nach ſeiner Meinung das ſichere Zeichen eines ſchlechten Herzens war. Während dieſer Scene bemerkte ich, daß ein Herr, der an einem andern Tiſche geſeſſen, ſich erhoben und uns genähert hatte: nun ſtand er mir gegenüber und betrachtete mich mit feſten, aufmerkſamen Augen. Es war ein ſehr gut gekleideter Mann von mittlerem Alter, in deſſen lauernden, ſcharfen Augen etwas ſo Unbehagliches lag, daß ich mich ſobald als möglich erhob und nach Hauſe ging. Am 60 folgenden Tage tranken ich und mein Kamerade die Ver⸗ ſöhnung mit unſerem aufgebrachten Freunde bei demſelben Konditor. Der Aufwärter erzählte, daß der genannte fremde Herr, ſobald ich am vorigen Abend gegangen, mit großem Intereſſe nach meinem Namen und meinen übrigen Verhältniſſen gefragt, wovon er ihm ſo viel mit⸗ getheilt, als er gewußt. Auf meine Frage erzählte er nun auch mir, daß dieſer Mann ein„Vornehmer Commiſſionär“(ſo drückte er ſich aus) ſei, der in den Häuſern der fremden Geſandten und vornehmen Aus⸗ länder ein⸗ und ausgehe, und mehrmals mit Herren da⸗ geweſen ſei, die zum diplomatiſchen Corps gehörten. Wenige Tage nach dieſer Begebenheit ging ich mit einigen meiner Freunde nach Kirſten Piils Quelle. Es war gerade Thiergartenszeit und die Vergnügungen hatten in jenen Jahren weit mehr Glanz, als jetzt. Wir brachten dort und auf den umliegenden Wirthshäuſern einen Abend, eine Nacht und den ganzen folgenden Tag zu. Als die nächſte Nacht einbrach, waren unſre Vermögensumſtände ſo ſchlecht und wir ſelbſt von Schlaf und Müdigkeit ſo niedergedrückt, daß wir in einem ſehr einfachen Zelte Nachtlager ſuchten, wo wir mit einer Lage von feuchtem Stroh fürlieb nahmen, das man ſparſam für uns auf die Erde breitete. Ich ſank bald in tiefen Schlaf und erwachte erſt ſpät am andern Tag. Zu meiner Ver⸗ wunderung waren alle meine Kameraden fortgegangen, und was noch ſchlimmer war, ohne das Nachtlager, und was wir am Abend zuvor verzehrt, bezahlt zu haben. Der Wirth erſchien mit einer übertriebenen Rechnung, die ich aus guten Gründen zu bezahlen weigerte. Er beſaß noch einen guten Reſt von dem Rauſche des letzten Abends, wurde grob und verlangte meine Uhr zum Pfande. Ich hatte nichts; ſie war mit mehren andern Dingen be⸗ reits verſetzt, um dieſe Vergnügungstour machen zu koͤnnen. Da ich nichts von Werthe bei mir hatte, wollte er meinen Rock behalten, und bot mir ein altes Wamms an, um — 61 nach Hauſe zu kommen. Es entſtand ein heftiger Wort⸗ ſtreit zwiſchen uns. Ich wollte das Zelt verlaſſen, er hielt mich zurück. In dieſem Momente ſah ich einen Mann in der Nähe des Zeltes ſtehen, er trat näher, nannte meinen Namen, und fragte, was geſchehen ſei. Ich erkannte ſogleich den Herrn wieder, den ich an jenem Abend bei dem Conditor geſehen, und von dem der Auf⸗ wärter geſprochen. Der Wirth im Zelte unterrichtete ihn von dem Vorgefallenen. Ohne ein Wort zu ant⸗ worten, bezahlte er die Rechnung und bat mich höflich, ihn zu begleiten. Meine Verlegenheit war unbeſchreiblich; ich fühlte einen unerklärlichen Widerwillen dagegen, einen Dienſt von dieſem Manne anzunehmen, und ſuchte nach Worten für eine Entſchuldigung. Er ließ mich nicht ausſprechen, ſondern ſagte, es ſei ihm eine Freude, mir einen geringen Dienſt erweiſen zu können, da er meinen verſtorbenen Vater gekannt, von dem er mit Anerkennung ſprach. Er lud mich zu einem Frühſtück auf Bellevue ein, wo ſein Wagen hielt, in welchem er mir einen Platz zur Rückfahrt nach Kopenhagen anbot. Der Mann hatte einen ſehr artigen und guten Ton: er nannte mir ſeien Namen— Sekretär F., ſagte, ſeine Aeltern ſeien Aus⸗ länder geweſen, von früheſter Jugend aber habe er ſich in Kopenhagen aufgehalten, wo er von einer Rente lebte. Während des Frühſtücks, bei welchem mein gaſtfreier Wirth den Wein nicht ſparte, verſchwand nach und nach meine Antipathie gegen ihn und da er gutmüthig äußerte, daß es ihn ſchmerze, den wackern Sohn meines braven Vaters in ſchlechten Umſtänden und in einer Geſellſchaft zu finden, die ſeiner ſo zunwürdig ſei, antwortete ich mit der Offenherzigkeit der Jugend und machte ihn mit mei⸗ ner ganzen Stellung bekannt. „Hoͤren Sie, mein junger Freund,“ ſagte Herr F. indem er ſeinen Stuhl vertraulich zu mir heranrückte, vich intereſſire mich aufrichtig für Sie und was geben Sie mir, wenn ich Ihnen aus aller Verlegenheit helfe 63 Ruf ſo unbefleckt, daß ihre Hand einen Prinzen ehren würde; ſie kann überdies jeden Augenblick, ſobald ſie will, Herzogin werden. Ein reicher und vornehmer Ausländer, der ſich im Augenblick hier zu Lande aufhält, hat eine liebenswürdige Mündel, die Tochter eines verſtorbenen Freundes. Das Mädchen iſt nur ſechszehn Jahre und der Vormund liebt ſie wie ein Vater. Sie iſt ſeines Alters Troſt und Freude, und ihm ebenſo theuer, als ſein einziger Sohn. Um dieſe junge Dame freit ein Herzog, einer der vornehmſten Herren in jenem Lande. Mit jeder Poſt aus der Heimath erhält die Familie Briefe, welche ſte mit Bitten und Anerbietungen beſtürmen; Vormund, wie Mündel haben Grund, dieſe Partie zu verabſcheuen, aber der Herzog iſt mächtig, der Vormund iſt alt und ſchwach am Koͤrper und Geiſt. Er wagt es nicht, dem Herzog eine abſchlägige Antwort zu geben, und hat deß⸗ halb im Sinne, zu dem Auswege zu greifen, ſie mit einem Manne von geachtetem Namen unter der Bedingung trauen zu laſſen, daß ſie nicht an dieſen Unbekannten ge⸗ bunden ſein, ſondern im Hauſe ihres Vormundes blei⸗ ben ſoll, wie bisher. Er reist dann mit ihr in die Hei⸗ math zurück, meldet jedoch zuvor dem Herzog, daß ſie hier zu Lande eine Verbindung mit einem jungen Manne eingegangen, deſſen Geſchäfte ihn hier zurück halten. Ich bin mit dem Vertrauen des alten Mannes und ſeines Sohnes beehrt. Sie haben mir überlaſſen, einen jungen Mann aus guter Familie zu wählen, der dieſe Bedingun⸗ gen eingeht. Meine Wahl iſt auf Sie gefallen. In dem, was ich Ihnen hier vorſchlage, finde ich Nichts, was der Moral oder der wahren Ehre widerſtreitet. Ich kann Tauſend für Einen finden, welche meinen Vorſchlag mit Freude annehmen. Aber ich halte Sie, trotz Allem, wozu Jugend und Leichtſinn Sie verleitet haben, für einen Mann, der Condutte beſitzt, und deßhalb wünſche ich, daß Sie der Glückliche werden möchten; denn glücklich nenne ich den, der auf ſo leichte Weiſe unabhängig werden kann. 64 Bedenken Sie ſich, ehe Sie Ihr Glück von ſich ſtoßen. Es pocht nicht jeden Tag an unſre Thüre.“ Es war ziemlich einleuchtend, daß in dieſem Berichte etwas Unklares blieb, daß Herr F. mir nicht die reine Wahrheit ſagte, zum mindeſten nicht die ganze, und daß dieſe Sache, wie man ſagte, einen Hacken haben müßte. Indeſſen erinnerte ich mich doch, gehoͤrt zu haben, daß im Frühjahr oft auf den Spaziergängen Kopenhagens ein kranker, vornehmer Engländer geſehen worden, der ſich auf ein junges Frauenzimmer ſtützte, und daß ferner ich zufäl⸗ liger Weiſe erzählen gehoͤrt, dieſes junge Maͤdchen ſei ſeine eigne Tochter, deren wahre Herkunft er ver⸗ ſchweige, da ſeine Gemahlin noch in England lebe. Das Abenteuer begann mich zu intereſſiren.„Wie groß?“ fragte ich,„iſt wohl die Summe, die Mitgift, oder, wie ich ſonſt ſagen ſoll....“ Herr F. unterbrach mich er⸗ freut:„Sie werden ſogleich eine Summe ausbezahlt er⸗ halten, welche ſich in däniſchem Gelde ungefähr auf fünf⸗ tauſend Reichsthaler beläuft, und außerdem eine Anwei⸗ ſung auf eine jährliche Penſion von tauſend Reichsthalern in däniſchem Gelde, welche— ſolange Sie nicht ſelbſt den Contract brechen— Ihnen hier von der engliſchen Ge⸗ ſandtſchaft oder wo Sie ſich ſonſt aufhalten mögen, nur nicht in England, ausbezahlt werden wird; jeder andere Aufenthaltsort ſteht Ihrer Wahl frei.“ Ich fand dieſe Bedingungen ſehr verlockend. Oft ſchon hatte ich in meinen beſſeren Augenblicken nach einem glücklichen Zufall geſeufzt, der es mir möͤglich mache, ein ordentliches Leben zu beginnen, meine täglich zuneh⸗ mende Geldberlegenheit verſetzte mich manchmal in ſo ſchlechte Laune und machte mich ſo unfähig, kräftig etwas zu ergreifen, was mich retten koͤnnte, daß ich mich in die erſte beſte Zerſtreuung ſtürzte, um mich ſelbſt zu betäuben. Alle dieſe Gedanken erwachten jetzt bei mir, auch der Ge⸗ danke an die Freude, die ich fühlen wuͤrde, wenn ich meinem Onkel Albert die eine und andere Bequemlichkeit 65 verſchaffen könnte, ſtatt daß ich jetzt an ſeinem dürftigen Erwerbe zehrte. Mit einem Wort: das Ehrgefühl, das ſich erſt einer Handlung widerſetzt hatte, wie man ſie mir vorſchlug, verſchwand, je mehr ich den Vortheil erwog, vie dieſe mir bringen würde. Nach kurzem Bedenken nahm ich F's Vorſchlag an und wir verabredeten nun, daß ich mit ihm nach Kopenhagen fahre, wo wir, nachdem ich meine zerſtörte Toilette in die beſtmoͤgliche Ordnung ge⸗ bracht, uns in einer Reſtauration treffen, und Punkt fünf Uhr zu Mittag ſpeiſen wollten, um nach Tiſch noch auf das Landgut zu fahren, wo die Familie, ein paar Meilen von der Hauptſtadt, wohnte. Wie geſagt, ſo gethan. Ich traf den Onkel nicht in unſerer Wohnung; deßhalb hinterließ ich einen Zettel an ihn, worin ich unter einem annehmbaren Vorwande ihn bezüglich meiner Abweſenheit ſowohl am vorhergehenden Tage als am darauf folgenden Abende beruhigte. Dann begab ich mich an den beſtimmten Ort, wo Herr F. bereits meiner harrte. Wir waren beide ſowohl während des Eſſens, als der darauf folgenden Fahrt ziemlich ſtumm. Auf dem Wege ſagte mir Herr F., was ich be⸗ reits errathen, daß der genannte Vormund, zu deſſen Haus wir fuhren, der alte Lord A. ſei, der ſich einige Zeit hier zu Lande aufgehalten. Als wir bei der prächtigen Villa ankamen, wurden wir von einem ſchwarzen Diener in glänzender Livrée empfangen; er führte uns in einen Salon hinauf, und nachdem mein Begleiter ein paar Worte leiſe mit ihm geſprochen, verließen ſie mich Beide und ich blieb eine gute Weile allein. Endlich kam ein wohlgekleideter Mann, grüßte mich mit einer nachläſſigen Verbeugung, betrachtete mich und ging durch das Zimmer, indem er auf Franzö⸗ ſiſch ſagte:„Mylord wird ſogleich hier ſein.“— Kurz darauf kam ein junges, hübſch gekleidetes Frauenzimmer. Ich ging ihr mit großer Hoͤflichkeit entgegen, in der Er⸗ Novellen. I. 5 66 wartung, daß dies dle mir beſtimmte Braut ſei. Sie beantwortete meinen Gruß mit einem kleinen Knixe, be⸗ trachtete mich von Kopf bis zu Fuß und, ohne ein Wort: zu ſprechen, ging auch ſie durch das Zimmer und zur ſelben Thüre hinaus, wie der Franzoſe. In der Thüre wandte ſie ſich noch einmal um und ſah mich an. Ich vermuthete, daß dieſe beiden Perſonen, ungeachtet ihres vornehmen Ausſehens, Domeſtiken ſeien und begann ganz verlegen über die Rolle zu werden, die ich ſpielte. End⸗ lich kam Herr F. und mit ihm ein junger, außerordentlich hübſcher Mann. Hatten die beiden zuvor Genannten meine Perſon gemuſtert, ſo wurde es nun noch Zehn⸗ mal ſchlimmer, denn dieſer Herr betrachtete mich mit Augen, als wollte er mich durchbohren. Darauf wandte er ſich an F., ergriff ſeinen Arm, führte ihn ein paar Schritte auf die Seite und ſagte mit großer Heftigkeit einige Worte, die ich nicht verſtehen konnte, denn ungeachtet mir das Engliſche nicht fremd war, wußte ich doch nicht ſo viel, um auffaſſen zu konnen, was ein Eingeborener leiſe und mit großer Heftigkeit ſprach. Nicht viel beſſer ging es mir mit F's Antwort. Aus ein und dem andern Worte, das ich auffangen konnte, begriff ich ſo viel, daß der junge Herr mit der Wahl meiner Perſon nicht zufrieden war, und daß F. mit einer Miene antwortete, die eine wunder⸗ bare Miſchung von tiefer Demuth und beinahe boshafter Ironie bildete. Zuletzt verſtand ich, daß F. ſagte:„Ich habe nicht, wie Mylord zu ſagen belieben, den ſchönſten Mann im Lande aufgeſucht. Aber, was kann es hindern, wenn er ſchön und das ſein einziger Fehler iſt? Dieſe Commiſſion war äußerſt ſchwierig zu beſorgen. Ich hatte Mühe genug, einen Menſchen ausfindig zu machen, der ſich zu einer ſolchen Sache herbeilaſſen wollte. Der junge Herr, in dem ich ſogleich Lord A's Sohn erkannte und den man, wie ich hörte, Sir Charles nannte, klingelte, der früher genannte Franzoſe trat ein und ſein Herr be⸗ fahl ihm in ſchlechtem, gebrochenem Franzoͤſiſch, die Pa⸗ 67 piere und das Uebrige zu bringen. Während dieſe Sachen geholt wurden, ging Sir Charles mit heftigen Schritten auf und nieder. Der franzöoͤſiſche Kammerdiener ſetzte Schreibzeug, einige Papiere und einen großen Beutel mit Geld auf einen Tiſch im Zimmer. Sir Charles winkte mir näher zu treten und reichte mir ſtumm mit vornehmer Miene ein großes, offnes Papier. F. ſagte auf Däniſch zu mir:„Das iſt der Contract; haben Sie die Güte, ihn zu leſen.“— Er war in aller Kürze auf Franzöſiſch und Engliſch abgefaßt. Ein Bräutigam, deſſen Namen in blanco ſtand, heirathete eine Miß Louiſe Lamiré und machte ſich verbindlich, ſogleich nach der Verehelichung ſich fortzubegeben, ohne ſich je ſchriftlich oder mündlich ſeiner Gattin zu nähern, oder ohne ihre Erlaubniß den engliſchen Boden zu betreten, wogegen ihr Vormund ſich verpflichtete, ſogleich nach der Unterzeichnung des Con⸗ tractes ihm ihre Mitgift auszubezahlen und ihm eine be⸗ ſtimmte jährliche Einnahme zu garantiren(hier wurde in engliſchem Gelde die Summe und die jährliche Penſion genannt, von welcher mir F. geſprochen.) Ich gab das Papier mit einer ſtummen Verbeugung zurück. F. fragte mich nach meinem vollen Namen und ſetzte ihn in den Contract. Darauf legte er ihn mir zur Unterſchrift vor. Mein Herz pochte; es war mir, als ob ich mich dem Teufel verſchreibe; aber in meiner Angſt und Verzweiflung wußte ich nicht, wozu ich greifen ſollte, und meiner al⸗ bernen Blödigkeit, wie ich es nannte, mich ſchämend, nahm ich das Geld und unterſchrieb. Sir Charles warf mir den Beutel mit verächtlichem Lächeln hin und reichte mir auf gleiche Weiſe ein Papier, das, wie F. mir ſagte, ein Document war, welches mir die verſprochene Summe an⸗ wies. Ich ſteckte Beides zu mir. Deer franzoͤſiſche Kammerdiener, der während dieſes angs an einer Thüre geſtanden hatte, oͤffnete dieſe wir traten nun hinter Sir Charles in ein anderes Bimmer, wo wir drei Perſonen vorfanden; einen Mann, 68 der ſich bei unſerem Eintreten erhob und den ich ſogleich für einen Geiſtlichen hielt; ferner ein alter, todtenblaſſer, magerer Herr, der, in einen Oberrock gehüllt, in einem Voltaireſtuhl ſaß; und endlich an ſeiner Seite ein Frauen⸗ zimmer, die in einem Lehnſtuhl ruhte. Sie trug ein ein⸗ faches, weißes Kleid. Sie hatte das Geſicht von mir ab⸗ gewandt, daß ich es nicht ſehen konnte; aber die aus⸗ gezeichnet ſchöne, fein gebaute Geſtalt, der kleine Fuß, der in einem niedlichen Schuh ruhte, das dunkelbraune, reiche Haar, das kunſtlos in Flechten halb aufgeheftet war, halb in Locken herabwallte, feſſelte meine Augen. Sie machte nicht die geringſte Bewegung, um nach den Eintre⸗ tenden zu ſehen. Herr F. ſagte etwas zu dem alten Herrn, was ich nicht hoͤrte! dieſer ſtreckte die Hand aus, um mich zu bitten, näher zu treten, worauf er mit dumpfer Stimme einige engliſche Worte ſagte, welche ich nicht verſtand; als er dies merkte, ſagte er auf Franzöſiſch:„Sie willigen darein, mich nie von meiner Mündel, meiner Louiſe zu trennen, deren liebevolle Sorgfalt die letzten Reſte meines Lebens zuſammenhält.“ Dieſe erſten etwas freundlichen Worte, welche in dieſem Hauſe hoͤrte, gaben mir Muth, zu antworten:„Ja mein Herr! mein Unglück noͤthigt mich, eine ſolche Erklärung abzugeben, wie ich ſie unterſchrie⸗ ben.“— Bei dieſen Worten wandte ſich Louiſe um, und ſah mich an. Ihr Geſicht, das ich nun erſt ſah, machte einen ſolchen Eindruck auf mich, daß ſich mein ganzes Weſen zu verändern ſchien. Sie war durchaus keine regel⸗ mäßige Schönheit, aber in ihrer Phyſiognomie lag ein ungemein ſchöner Ausdruck; und ein paar Augen, ſo 2 fromm, ſo klug, ſo außerordentlich melancholiſch, begeg⸗ neten den meinen, daß ein nie gefühltes Feuer mein Weſen durchzuckte. Sir Charles übergab den Contract dem alten Herrn, der ihn ſehr langſam durchlas. Louiſe und ich ſahen uns unberwandt an. Etwas tief Ernſtes lo ihren Zügen. Ich merkte, daß mir Thränen in Augen kamen. Sir Charles trat zwiſchen uns und ſ ₰— 69 mich bei Seite; Louiſe erröthete und ſah zu Boden. Der junge Lord beugte ſich zu ihr herab und ſprach mit ihr. Sie wandte ſich raſch auf die Seite, ohne zu antworten. F. näherte ſich mit dem Contract und bat um die Unterſchriſt. Sie blieb unbeweglich ſitzen. Der alte Herr reichte ihr die Hand und ſagte einige Worte, darauf erhob ſie ſich raſch, näherte ſich dem Tiſche, unterſchrieb und ſetzte ſich wieder auf ihren Platz, ohne mich oder einen der Anweſenden eines Blickes oder Wortes zu würdigen. 1 Auf einen Wink von F. brachten einige Diener einen Tiſch, der einer Art Altar glich, mit einem aufgeſchlagenen Buche und einigen andern Sachen, die ich keiner großen Aufmerkſamkeit widmete. Ein Mann, der wie ein Geiſt⸗ licher ausſah und den ich für einen Küſter hielt, trat ebenfalls ein. Der franzöſiſche Kammerdiener ging fort, und kam ſogleich mit einer ganzen Schaar Leute, den Do⸗ meſtiken des Hauſes, ſowohl männlichen, als weiblichen, zurück, und unter dieſen bemerkte ich das junge Frauen⸗ zimmer, das früher durch das Zimmer gegangen war. Sie blieben Alle an der Thüre ſtehen. Wenige Augen⸗ blicke ſpäter befand ich mich an Louiſens Seite vor dem Geiſtlichen, der eine kurze Rede hielt, und etwas aus einem Buche vorlas. Ich konnte nicht ein Wort im Zuſammen⸗ hange faſſen, theils weil die Rede in einem ſingenden Tone und in einer mir unverſtändlichen Sprache gehalten wurde, theils weil ich mich in einem verwirrten, beinahe träumenden Zuſtande befand. Ich erwachte erſt, als der Geiſtliche meinen und Louiſens Namen nannte und ihre Hand in die meine legte. Ich wagte die kleine ſüße Hand zu drücken, und glaubte zu meiner unbeſchreiblichen Freude einen Gegendruck zu fühlen. In dieſem Augenblick durch⸗ zuckte ein Entſchluß, wie ein electriſcher Funken, meine Seele, und kaum war der Geiſtliche nach vollendeter Zeremonie einen Schritt zurückgetreten, als ich mit einem Sprunge bei dem Tiſche ſtand, wo der Contract noch lag, und ehe es Jemand verhindern konnte, ergriff ich ihn, riß ihn entzwei, 70 warf Geld und Papier, die mir Sir Charles gegeben, ihm vor die Füße, eilte zu Louiſen, ſchloß ſie in meine Arme und rief:„Nun iſt dieſes Mädchen meine Frau vor Gott und den Menſchen.“ * Der Aufruhr, der dadurch unter den Anweſenden ent⸗ ſtand, läßt ſich nicht beſchreiben. Bleich, wie eine Leiche, aber mit einem augenſcheinlichen Ausdruck von Freude, ſah Louiſe mich an, riß ſich los und eilte zu dem alten Herrn hin, der die Hände zuſammenſchlug, und ſich in ſeinen Stuhl zuruͤckwarf. Wie ein Wahnſinniger ſchrie Sir Charles, und gebot den Leuten, mich zu ergreifen, rief nach ſeinen Piſtolen und nahm in Ermangelung anderer Waffen, einen Stuhl, mit dem er auf mich losſtürzte. Wie ein Pfeil flog Louiſe zwiſchen uns und rief auf Engliſch, aber mit einer fremdartigen Ausſprache, die mich jedes Wort verſtehen ließ:„Halten Sie ein, Mylord! Ein Schritt weiter, und keine Macht ſoll mich in Ihrer Nähe halten.“ Der junge Mann hielt inne, warf ſich ihr zu Füßen und rief:„O, Louiſe! laſſen Sie mich nicht in Verzweiflung ſterben!“ Der alte Herr hob die Hände in die Höhe und ſagte Mancherlei, was ich nicht verſtand; F. ſchoß auf mich los, fluchte und bat. Die Dienſtleute murmelten halblaut. Es war eine babyloniſche Verwirrung. Louiſe ſchien Muth zu faſſen. Mit zornglühendem und ernſtem Blicke antwortete ſie Lord Charles:„Ihre Dro⸗ hung, ſterben zu wollen, ſoll nicht länger wie ein furchtbares Geſpenſt Ihren Vater und mich zu einer unwürdigen Nachgiebigkeit zwingen.“ Naſend fuhr Sir Charles auf, und indem er rief:„Grauſame!“ Du ſollſt dieſe Worte bereuen! dieſer Nectar wird mich befreien,“ zog er einen goldenen Flacon heraus, das er um den Hals an einer Kette trug und ſchickte ſich an, ihn zu oͤffnen. Der alte Herr ſtieß einen Schrei aus; F., der Kammerdiener und ein paar andere Diener eilten herzu, ergriffen ſeinen Arm und entriſſen ihm Kette und Fläſchchen. Louiſe näherte ſich ihm.„Hoͤren Sie mich, Mylord,“ ſagte ſie:„laſſen Sie —— 4 71 ein ruhiges Wort zu Ihren Ohren dringen! Sehen Sie Ihren Vater an! Wollen Sie ihn auf's Neue in Lebens⸗ gefahr bringen? Laſſen Sie mich allein mit dieſem Herrn reden,“ fügte ſie hinzu, indem ſie auf mich deutete,„und ich gelobe Ihnen, daß Sie zufrieden ſein ſollen.“—„Allein mit ihm ſprechen!“ rief Sir Charles:„nie, nie!“— „Die Thüre kann offen ſtehen bleiben,“ antwortete Louiſe, „aber ich will einige Worte ohne Zeugen mit ihm ſpre⸗ chen, in jenem Zimmer dort.“— Der Geiſttliche näherte ſich ernſt.„Mylord!“ ſagte er,„Sie können dieſer Dame die Erfüllung ihres Wunſches nicht weigern, ſie ſind Ehe⸗ leute.“— Sir Charles barg ſein Angeſicht mit einem Ausbruch von wildem Schmerz in ſeine Hände, Louiſe winkte mir, und ich folgte ihr in ein anderes Zimmer, deſſen Thüre wir offen ſtehen ließen. Der junge Lord trug ſeinen Stuhl an den Eingang und ſtierte uns unbe⸗ weglich an. Louiſe führte mich in die entfernteſte Ecke des Zimmers. Es war, als ob ſie alle Kraft verließe, ſie zitterte, und ſtützte ſich auf einen Fenſterſims, ohne ſprechen zu können. Es ahnte mir, was auch ihr Name anzudeuten ſchien, daß ſie eine Franzöſin von Geburt war. Ich redete ſie in dieſer Sprache an, aber ich wußte ſelbſt nicht, was ich ſagte, tauſend verwirrende Gedanken kreuzten ſich in mei⸗ ner Seele; endlich wagte ich zu ſagen:„Die Art, wie ich vor Ihnen aufgetreten, iſt unſrer Beider unwürdig. Aber ſeſen Sie überzeugt, daß Sie in mir einen Ehren⸗ mann finden werden. Antworten Sie mir aufrichtig: Iſt der junge Herr, deſſen Augen uns. ſo ängſtlich verfolgen, was ich vermuthe: Ihr Geliebter?“—„Nein,“ antwor⸗ tete Louiſe, und ſah mich mit erzürnter Miene an.„Nein,“ fuhr ſie leiſer fort:„Dieſer Augenblick fordert Wahrheit: Er iſt mein Bruder. Aber wir ſind nicht unbewacht. Ge⸗ loben Sie mir um Gottes Willen, um meinet Willen, daß Sie ruhig gehen und meinem armen, kränklichen Va⸗ ter vor Allem ſagen wollen, Sie werden ſich ohne weitere 72 Verpflichtung in Allem nach meinem Willen richten, und ſogleich dieſes Haus verlaſſen. Wollen Sie dies, ſo werde ich dagegen Ihnen Alles vertrauen und mit Ihnen über⸗ legen, was wir vornehmen dürſen und können, wenn Sie ſich um Mitternacht an dem kleinen Staketenthor ein⸗ finden, das dieſem Fenſter gegenüber in den Garten führt. Dort werde ich Sie um die zwoͤlfte Stunde erwarten. Aber ums Himmels Willen, ſelen Sie vorſichtig! Sie kennen meine unglücklichen Verhältniſſe nicht.“ Entzückt von dem Gedanken an dieſes nächtliche Rendez⸗vous, verſprach ich Alles, was das liebliche Kind von mir verlangte. Ich folgte ihr zu den Andern, näherte mich dem armen Herrn und ſagte die Worte, die ſie mir befohlen. Er reichte mir die Hand und ſagte:„Gott ſegne Sie! Leben Sie wohl!“ worauf er mir das Geld und die ſchriftliche Anweiſung auf die jährliche Penſion geben wollte. Ich ſchlug beides aus und verließ das Zimmer. — F. lief mir mit dem ſchwarzen Diener und dem Fran⸗ zoſen nach. Sie riefen nach dem Wagen, der uns gebracht, und F. ſchrie mit Heftigkeit, daß er mich nach Hauſe zu bringen verſprochen. Geduldig blieb ich im Hofe ſtehen, bis der Wagen vorgeſpannt war und ſetzte mich darauf an F's Seite hinein. Wir waren noch nicht zur Einfahrt hinaus, als mein Begleiter gegen mich losbrach. Er nannte mich einen in⸗ triguanten Betrüger, einen Wahnſinnigen, einen Undank⸗ baren, der ſeine Freundſchaft damit belohne, daß er Zwie⸗ tracht zwiſchen ihm und Sir Charles ſäe, ſagte, daß ich ſeine Ruhe und ſein Glück zerſtöre, und mehr dergleichen. Lange hörte ich dies Alles geduldig anz aber da es zu keinem Ende kam, ſprang ich ploͤtzlich aus dem Wagen und ſagte:„Leben Sie wohl, Herr F., ich bedanke mich!“ Er rief dem Kutſcher zu, er ſolle halten, und ſchrie mir wie ein Beſeſſener nach. Ich ging ſtille zu ihm hin und ſagte leiſe:„Seien Sie ruhig und machen Sie keinen Läͤrm, mitten auf der Landſtraße! Ich gehe zu Fuße nach ¹ * 73 der Stadt. Ich verſpreche Ihnen bei meiner Ehre, daß ich weder heute, noch jemals etwas gegen den Willen von Miß Lamiré unternehmen werde. Morgen ſende ich Ihnen den Betrag des ausgelegten Geldes. Fahren Sie nun mit Gott! Fort Kutſcher!“ rief ich und ging ruhig meines Weges. Ich ſah, daß F. ſo lange er mich im Auge behalten konnte, ſich jeden Moment aus dem Wa⸗ gen beugte. Noch lange, nachdem er mir aus dem Ge⸗ ſichte war, ging ich in der gleichen Richtung fort, bis ich berechnen konnte, daß es F. unmöglich ſei, meine Wege auszuſpioniren. Ich wandte mich um und als ich die Kirchenglocke in Gjentofte zehn ſchlagen hörte, und über⸗ legte, daß es noch zu fruh ſei, um ſogleich nach Lerd A's Gartenthüre zu gehen, trat ich in den Kirchhof und ſetzte mich unter einen großen Baum, und hier zwiſchen den ſtillen Gräbern überließ ich mich ungeſtört meinen Ge⸗ danken. Ich fühlte mich wie in einer neuen ſeligen Welt. Vergangenheit und Zukunft, Alles war vor mir verſchwun⸗ den, ich lebte nur in dem gegenwärtigen ſeligen Augen⸗ blicke. Das bevorſtehende Stelldichein war mein einziger Gedanke, die plötzlich entſtehende Liebe hatte all' mein Weſen durchdrungen. Endlich ſchlug die Thurmglocke elf. Ichtbegab mich nun auf die Wanderung und näherte mich der beſtimm⸗ ten Stelle, wo ich noch nicht lange gewartet, ehe ſich eine kleine Seitenthüre im Hauſe oͤffnete und ein Frauen⸗ zimmer heraustrat, in welchem ich ſogleich das hübſche Kammermädchen erkannte, von dem ich bereits geſprochen. Zugleich bemerkte ich, daß ein Fenſter geoͤffnet wurde und die helle Sommernacht, welche durch den Mondſchein noch heller wurde, zeigte mir den ſchwaszgelockten Kopf des verhaßten Sir Charles, der aus dem Fenſter ſah und die nächtliche Wandererin zu beobachten ſchien. Ich zog mich in den Schatten zurück, unmuthig über den Gedanken, daß Louiſe, zu kommen verhindert, ihr Mädchen mit dieſer Trauerbotſchaft ſandte. Das Mäd⸗ 74 chen näherte ſich und legte ihr Geſicht hart an das Stack⸗ etenthor, um nach mir zu ſpähen.— O Freude! es war Louiſe! ſie winkte mir und ſteckte den Schlüſſel in die Stacketenthüre. Vorſichtig trat ich näher, und unter⸗ richtete ſie, daß der Feind im Hinterhalte uns belauſche. „Ich weiß es wohl,“ antwortete ſie,„aber das hat Nichts zu ſagen. Er hält mich für mein Kammermädchen, deſ⸗ ſen Kleider ich angezogen und in Ihnen ſieht er ihren Verlobten, mit dem ſie oft zur Nachtzeit mit meiner Erlaubniß ſpazieren geht. Er iſt Ihr Landsmann, wohnt in Kopenhagen und kann wegen ſeiner Geſchäfte nicht bei Tage kommen. Das weiß Jedermann im ganzen Hauſe. In wenigen Tagen werden ſie Hochzeit haben.“ Während Louiſe dieſe Worte ſprach, öffnete ſie die Thüre und bat mich, in den Garten zu treten, indem ſie hinzu⸗ fügte:„Drücken ſie den Hut tief ins Geſicht und gehen ſie mit krummen Knieen.“ Ich that, was ſie befahl. Wir warfen einen verſtohlenen Blick nach dem Fenſter und ſahen den Feind ſeinen Poſten verlaſſen. Louiſe er⸗ griff meinen Arm und ging raſch mit mir nach den dunkeln Gängen des Gartens. . So mancher Tag, ſo manches Jahr iſt ſeit jener hellen Nacht verſchwunden, aber ſo oft ich ſie in meine Erinnerung zurückrufe, fühle ich mich aufs Neue von jener Seligkeit ergriffen, in die ſie mich verſetzte. Ich war nie verliebt geweſen, hatte mich nie einem edeln, weiblichen Weſen genähert und nun wanderte ich durch⸗ glüht von der erſten Liebe Flammen in einer paradieſi⸗ ſchen Sommernacht an dem Arme eines ſolchen Mäd⸗ chens. Und dieſes Mädchen war mein durch ein heiliges Band, durch gegenſeitige Liebe, denn ich fühlte mit Ent⸗ zücken, daß derſelbe Pfeil, der mein Herz getroffen, auch das ihrige berührt. Eine Beredtſamkeit, wie ich ſie nie zuvor beſeſſen, bemächtigte ſich meiner Zunge und machte mir es moͤglich, meinen Gefühlen Worte zu leihen. Louiſe ſchien mein Entzücken zu theilen.„O,“ ſagte 8 75⁵ ſie,„wie gnädig hat ſich der allgütige Himmel meiner Verlaſſenheit angenommen und da einen Retter zu meiner Vertheidigung geſandt, wo ich ein verächtliches Werkzeug in der Hand meiner Feinde zu ſinden glaubte.“— Sie erzählte mir nun, daß ſie in Paris geboren und dort in einem Inſtitute erzogen worden ſei. Ihrer frühe ſchon geſtorbenen Mutter konnte ſie ſich nicht erinnern; von ihrem Vater hatte ſie nur gewußt, daß er in Paris lebte und Geld zu ihrem Unterhalte und ihrer Erziehung ſandte. Vor ungefähr einem Jahre, als ſie fünfzehn geworden, kam Lord A.(der damals ſo hinfällig ge⸗ weſen, wie jetzt) ſelbſt nach Paris, um ſie abzuholen. Er überhäufte ſie mit Beweiſen ſeiner Liebe und weinte bel der Erinnerung an ihre Mutter; er erklärte ihr fer⸗ ner, daß ſie ſeine Tochter ſei, erzählte ihr aber zugleich, daß er als junger Mann in ſeinem Vaterlande mit einem reichen Mädchen von ſehr vornehmer Familie verbunden worden, daß der ſtolze und eiferſüchtige Charakter die⸗ ſer Dame jedoch nach einer unglücklichen Ehe von meh⸗ reren Jahren ſie Beide bewogen habe, getrennt zu leben, ſo daß ganze Jahre vergehen können, ohne daß ſie ſich ſähen. Aus Achtung vor dieſer Verbindung mit einer mächtigen Familie und vor dem einzigen Sohn, der die Frucht derſelben geweſen, ſah Lord A. ſich nach ſeiner Meinung genöthigt, Louiſens wirkliche Herkunft zu ver⸗ ſchweigen. Er beſchloß deßhalb, ſie für die Tochter eines Jugendfreundes, eines vor langer Zeit verſtorbenen Fran⸗ zoſen auszugeben, und als er ſie mit nach London brachte, legte er ihr auch den Namen deſſelben bei und nannte ſie Lamiré. Er umgab ſie im Uebrigen mit Glanz und Herrlichkeit und führte ſie in die Zirkel der großen Welt ein. Louiſe ſagte:„Ich war ſehr glücklich. Mein Vater überhäufte mich mit Liebe, ich bemerkte mit Freuden, daß meine Gegenwart bedeutend zu ſeiner Zufriedenheit beitrug. Auch mein Bruder empfing mich mit außeror⸗ dentlicher Güte, als wenn ihm eine Ahnung geſagt hätte, ———— 76 ich ſei ſeine Schweſter. So verging einige Zeit. Ich merkte bald, daß Sir Charles ein Mann von heftigem Charakter war, daß er keinen Wunſch ſich verſagte, und den Vater, der den Ausbruch ſeines wilden Zornes zu fürchten ſchien, gänzlich heherrſchte. Gegen mich war er indeſſen die Nachgiebigkeit ſelbſt und es ſchmeichelte meiner weiblichen Eitelkeit, daß meine kindliche Hand dieſen Löwen zwingen und ſeine Heftigkeit mit dem leiſe⸗ ſten Winke dämpfen konnte. Ich bemäntelte ſeine Fehler vor mir ſelbſt und andern, liebte ihn von ganzem Herzen und vergalt ſeine,Güte mit aller erdenklichen Aufmerk⸗ ſamkeit.— Da geſchah es, daß Mylord der Herzog von D. auf den unglücklichen Gedanken verſiel, meine Hand von dem vermeintlichen Vormunde zu verlangen. Lord A. freute ſich, mich auf eine ſo glänzende Weiſe verſorgt zu ſehen. Mir dagegen war dieſer Herzog in 3 innerſter Seele verhaßt, und als ich eines Tages allein mit meinem Vater und Bruder war, bat ich den Erſteren unter Thränen, mich von dieſer abſcheulichen Verbindung zu befreien. Zu meinem Erſtaunen warf ſich mein Bru⸗ der zu den Füßen des Vaters, und bat mit einer für ihn ungewöhnlichen Unterwürfigkeit förmlich um meine Hand. Ueberraſcht fuhr ich auf und rief in meiner Be⸗ ſtürzung:„O mein Gott! Ich bin Ihre Schweſter!“ Mein Vater ſchien in Verwirrung über dieſe Worte, die mir entſchlüpft waren, beſtätigte übrigens meine Ausſage. In Verzweiflung verließ Sir Charles das Zimmer, kam jedoch ſogleich wieder mit ruhiger Miene zurück und ſtellte meinem Vater und mir vor, da Niemand wiſſe, daß ich ſeine Schweſter ſei, köoͤnne dieſer Umſtand uns nicht ver⸗ hindern, einander zu heirathen. Er ſuchte mit tauſend Gründen die Zuläſſigkeit einer ſolchen Ehe zu be⸗ weiſen und da er ſah, daß der bloße Gedanke an eine ſolche Ehe uns Abſcheu einfloͤßte, verlor er ſeine ganze Herrſchaft über ſich und brach in ſo gräßliche Drohun⸗ gen und Verwünſchungen aus, daß mein armer Vater 77 bei dieſer Scene einen Anfall von Krämpfen bekam, der uns Alle in den groͤßten Schrecken verſetzte. Glücklicher 3 Weiſe wurde mein Bruder in jenen Tagen beordert, ſich mit ſeinem⸗Regimente für einige Zeit auszumarſchiren.— In ſeiner Abweſenheit erholte ſich mein Vater einiger Maßen, und da ſich eine Gelegenheit für ihn bot, ſeinen Aufenthaltsort zu verändern, eine Veränderung, welche ihm die Aerzte angerathen, reiste er mit mir in dieſes Land. Nur kurze Zeit hatten wir uns aufgehalten, als mein Bruder plöͤtzlich vor uns ſtand, finſterer und hefti⸗ ger als je. Zur ſelben Zeit liefen Briefe vom Herzog von D. ein, der ſeinen Antrag erneuerte. Da mein Va⸗ ter in dieſer Partie eine Rettung in unſerer Noth ſah, war er nahe daran, dem Herzog mein Ja zu geben. Aber die Raſerei meines Bruders bei dem Gedanken an meine . Heirath mit einem Andern, ſtieg zu ſolcher Höhe, daß mein Vater einen neuen Anfall bekam. Seit der Zeit iſt er doppelt ſchwach und doppelt nachgiebig gegen die wil⸗ den Launen ſeines Sohnes. Die Leidenſchaftlichkeit Sir Charles' nimmt jeden Tag an fürchterlicher Wildheit zu. Err droht, mich zu entführen, mich und ſich zu ermorden, d durch dieſe ſogenannte Liebe, die nur allzuſehr dem aſſe gleicht, iſt es ihm geglückt, daß der, der mir einſt theuer war, mir nun im höchſten Grade zuwider und haßt geworden. In aller dieſer Noth kam Sekre⸗ rr F., und ſchlug mir vor, eine ſolche Scheinheirath eſcenhe bisweilen in England vorkommt. Die⸗ 4 NVorſchlag ſand Beifall. Mein Vater glaubte darin ein Mittel zu ſehen, ihn vor des Herzogs gefürchtetem Zorne zu beſchützen und meines Bruders beſtändig erneu⸗ en Heiratheprojecten ein Ende zu machen. Sir Charles ſeinerſeits fand darin einen Troſt für ſeine eiferſüchtige Aengſt lichkeit und die Gewißheit, mich in ſeiner Nähe zu behalten. Mein Abſcheu vor einer Verbindung mit dem B Herzog, mein Kummer über das Elend, das ich in mei⸗ ner eignen Familie hervorgerufen, die Muthloſigkeit, 78 in die mich meine verlaſſene Stellung verſetzte, lockte auch mir meine Einwilligung ab. Dieſer F. iſt ein verächtli⸗ cher Menſch, ein Commiſſionär, der ſich zu Allem brau⸗-⸗ chen läßt; er wußte ſich in meines Bruders Vertrauen einzuſchmeicheln und übernahm es, einen Menſchen herbei⸗ zuſchaffen, der zu Sir Charles Abſichten tauge.„Es muß,“ ſagte F.,„ein junger Menſch ſein, von welchem der Herzog(wenn er ſich darnach erkundigt) glauben kann, daß ein Mädchen ihn zu wählen im Stande wäre, kurz, ein Mann aus den gebildeten Ständen, übrigens natürlich ein mauvais sujet.“ Das waren ſeine Worte und dieſe Vorſtellung halte ich von Ihnen. Die wenigen Worte, die Sie meinem Vater antworteten, der Ton Ihrer Stimme zwang mich, wider Willen meine Augen zu Ih⸗ nen zu erheben. Ihre edeln feinen Züge flößten mir die Hoffnung ein, daß mein gutes Schickſal mir eiwas Beſ⸗ ſeres zugeführt, als ich erwartet hatte, und Gott im Himmel ſei geprieſen! der Erfolg bewies, daß ich mich nicht getäuſcht. Der ſtolze Sir Charles hat mich gegen ſeinen Willen verheirathet; aber nun ſoll mich keine Macht mehr von meinem Gatten trennen und keine Trennung meine Treue erſchüttern.“ Berauſcht von Liebe und Freude, war f ich mich zu Loniſens Füßen. Dieſe Erzählung ihres Schickſals, welche jeden Zweifel löſte, dieſer Nimbus von Reinheit und Helligkeit, der meine Geliebte umgab, entzückte mich. Ich fühlte mich meines Glückes unwürdig, ich benetzte ihre kleinen weißen Hände mit meinen Thränen und ge⸗ ſtand ihr alle meine Sünden, vertraute ihr jeden Ge⸗ danken meines Herzens. Ich brauchte ihr nicht Beſſe⸗ rung zu verſprechen, denn wie der Schmetterling, der ſeine häßliche Larve zerbricht, fühlte ich mich über mein ver⸗ gangenes Leben erhoben und warf meine unwürdigen Neigungen ab, wie der verwandelte Wurm ſeine zer⸗ brochene Hülle mit der Moͤglichkeit abwirft, je wieder in ſie zurückzukehren und auſs Neue als Wurm im Staube 79 zu kriechen. Meine liebliche Louiſe hob mich auf, troͤſtete mich und vertheidigte mich gegen mich ſelbſt. Wir ſchworen einander ewige Treue und vergaßen die Erde und alle ihre Sorgen. Wir brachten dieſe ſeligen Stunden in einem Pavillon an den Ufern eines Sees zu. Die Strahlen des Mondes zitterten auf der Waſſerfläche. Jasmine, Roſen und tauſend duftige Pflanzen erfüllten die milde Luft mit ihrem Wohlgeruche. Der ganze ſchöne Garten ſah in der nächtlichen Beleuchtung wie ein Feenparadies aus. Hohe Bäume wölbten ihr Laub und ihre Zweige beſchützend über unſern Zufluchtsort. Nur der Ton eines fernen Bleichdammwächters, der Schrei eines Seevogels, der über das Waſſer flog, und das Quacken ferner Fröſche unterbrach die Stille der Nacht. Louiſe erzählte mir, daß die Stunde ihrer Trennung nahe bevorſtehe, da ſie in vierzehn Tagen ihren Vater nach England begleiten müſſe.„Ach!“ ſagte ſie,„wel⸗ cher Schmerz, Dich verlaſſen zu müſſen! Wie gerne bliebe ich bei Dir! aber ich darf uns nicht den Ver⸗ folgungen Sir Charles ausſetzen; und welche Grauſam⸗ keit, meinen armen Vater zu verlaſſen und ihn der Ra⸗ ſerei meines Bruders zu überlaſſen! Ich bin ſein ein⸗ ziger Troſt, ſeine einzige Freude. Nein, wir wollen unſer Glück nicht auf ſeine Koſten erkaufen. Der Him⸗ mel wird ſich unſrer gerechten Sache annehmen. O ſei mir treu, mein Friedrich! Liebe mich nicht mit wilder Leidenſchaft, ſondern mit ſtiller, wohlthuender Zärtlichkeit, und laſſe uns geduldig beſſerer Zeiten harren!“ Der ſilberblaue Streifen des anbrechenden Tages, der bereits auf der Waſſerfläche ſchwamm, und das Zwitſchern der Vögel, welche in ihren Neſtern erwach⸗ ten, mahnten uns, daß wir uns trennen müſſen. Auf meine Bitte verſprach mir Louiſe, mich öfter an dieſem Orte zu erwarten. Sie erlaubte mir, in zwei Tagen wieder mit dem Eintritte der Nacht zu kommen, und bat mich, zum Zeichen, daß ich da ſei, einen Zweig nach 9 . 80 einem Fenſter zu werfen, das ſie mir als des Kammer⸗ mädchens Schlafzimmer bezeichnete, das an das ihre ſtieß und einen eigenen Ausgang hatte.„Meine Betty iſt mir ergeben und treu,“ ſagte ſie:„in ihren Kleidern werde ich Dich immer erwarten, während ſie ſich in mei⸗ nem Zimmer einſchließt.“ Mit wehmüthiger Freude ſah ich nun meine liebliche Frau wie eine leichte Gazelle über den Grasplatz vor dem Hauſe eilen und durch die genannte Thüre verſchwinden, nachdem ſie das Stacketen⸗ thor hinter mir verſchloſſen. Ich blieb noch ſtehen und ſah zum Hauſe hinauf, bis ich zu meiner Beruhigung merkte, daß Alles drinnen ſtille war, worauf ich nach⸗ Hauſe eilte, und da ich ein eigenes Schlafzimmer mit einem beſonderen Eingang hatte, gelang es mir, mein Ge⸗ mach zu erreichen und zu Bette zu gehen, ohne meinen Onkel Albert zu ſtören, der mich am andern Morgen im tiefſten Schlafe fand und ausging, ohne es zu wagen, mich zu wecken. Als er am Abend um die gewoͤhnliche Zeit nach Hauſe kam, und mich in ſeinem Zimmer traf, ſagte er, wie gewöhnlich:„Guten Abend, mein Junge!“ Darauf wechſelte er wie gewöhnlich ſeinen Rock, ſetzte ſich an das Piano und begann:„Wo biſt Du doch geweſen, Fried⸗ rich? Seit mehreren Abenden habe ich die Freude ent⸗ behrt, Dich zu ſehen. Dort auf dem Bücherbrett liegen drei bis vier hoͤchſt intereſſante Romane, mit denen ich mir die Zeit hätte vertreiben können, aber ich vermochte es nicht mal über mich, hineinzugucken, weil ich früher immer gewöhnt war, daß Du mir Abends, wenn ich nach Hauſe kam und mich nach Erheitrung ſehnte, laut vorlaſeſt. Du weißt, wie mich ſolches Vorleſen erfreut, aber Deine Stimme gehört dazu, daß mich eine Erzäh⸗ lung oder ein Gedicht recht erquicken ſoll. O Friedrich! wie haſt Du Dich doch in ein paar Jahren verändert, Gott kennt Deine Wege; ich will ſie nicht ausforſchen. Ich will das Beſte von Dir glauben. Dieſen Morgen 8 8 81. in der Frühe war ich in Deinem Zimmer, waͤhrend Du noch ſchliefſt. Ich ſah Dich an, ohne daß Du es be⸗ merkteſt, Dein Antlitz verrieth nur Gutes. Du glicheſt Deiner ſeligen Mutter, das troͤſtete mich. Gott ſchütze Dich! Jeden Tag bitte ich ihn, Deine guten Engel herab⸗ ſteigen und Dir zur Seite gehen zu laſſen.“— Bei dieſen Worten zerſchmolz mein Herz. Ich eilte zu ihm hin, ſetzte mich auf die Ecke ſeines Stuhles, ergriff ſeine Hand und küßte ihn, indem ich rief:„O lieber Onkel Albert! mein Wohlthäter! mein Vater! Deine Bitte iſt erhoͤrt. Ein guter Engel hat ſich zu mir herabgelaſſen und ging an meiner Seite. Ich bin von nun an ein anderer Menſch, vergib mir den Kummer, den Dir mein Leicht⸗ ſinn verurſachte. Ich ſchwöre ihm auf ewig ab!“— Onkel Albert und ſeine Muſik verſtummte.„Lieber Junge!“ ſagte er gerührt:„was iſt das? Was iſt geſchehen?“— „Frage mich heute nicht, mein Vater!“ ſagte ich:„Laß mich kurze Zeit meine eigenen Wege gehen. Sie ſind nicht unwürdig. Ich verſpreche, Dir bald Alles anzu⸗ vertrauen.“ Onkel Albert war ſo liberal, daß er ſich mit dieſer Erklärung beruhigte und nicht weiter in mich drang. Louiſe hat von mir verlangt, daß ich unſre Ehe vor allen Fremden geheim halten ſolle; natürlich nahm ich meinen väterlichen Wohlthäter davon aus. Uebrigens bedurfte es nur geringer Weltkenntniß, um einzuſehen, daß eine Ehe dieſer Art reiche Veranlaſſung zu Spott und Klatſchereien gab, und daß man am Beſten that, ſie fremder Neugierde nicht Preis zu geben. Daß ich in⸗ deſſen Onkel Albert nicht ſogleich in mein Geheimniß eeinweihte, rührte meinerſeits nicht von einem undankbaren Mangel an Vertraulichkeit her; ſondern ein inneres Ge⸗ fühl machte es mir unmöͤglich, von meinen nächtlichen Stelldichein zu ſprechen, ſo lange ſie noch im Gange waren. Dieſe Sache zu berühren, ſchien mir eine Ent⸗ Novellen. I. 6 82 weihung der Myſterien meiner Liebe. Sobald mein Pfleg⸗ vater im Bette lag, ſchlief er ſogleich ein und ſchlief ſo tief und feſt, wie ein erwachſener Jüngling. Ein Zim⸗ mer trennte ſein Schlafgemach von dem meinen, welches, wie geſagt, einen eigenen Ausgang auf die Treppe hatte. Die Leute, welche in der Etage unter uns wohnten, gin⸗ gen frühzeitig zu Bette. Es war mir deßhalb leicht, mich aus meinem Zimmer und aus dem Hauſe zu ſtehlen und ebenſo wieder zurückzukehren, ohne bemerkt zu wer⸗ den. Jede zweite, dritte Nacht beſuchte ich mein ſtilles Paradies und mein Herz hieng ſich immer feſter an den Gegenſtand aller meiner Wünſche. Wenn ich auf meinen nächtlichen Wanderungen überlegte, daß dieſe Glückſeligkeit ſo bald aufhoͤren ſollte, bemächtigte ſich meiner eine ſolche Verzweiflung, daß ich Alles anzuwenden beſchloß, um Louiſen zu vermögen, Verwandte und Freunde zu verlaſſen und bei ihrem rechtmäßigen Gatten zu bleiben. In beſſern Augenblicken ſagte ich freilich zu mir ſelbſt; „Welche egoiſtiſchen Gedanken! Um meinetwilllen ſollte ich ihren Gewiſſensfrieden ſloͤren und ſie Nahrungsſorgen und Mangel ausſetzen! Ein Mädchen, das in Pracht und Reichthum lebt! womit wollte ich ſie ernähren? Ich, der ſich bisher ſelbſt nicht ernähren konnte!“ Ich geſtand Louiſen dieſe, wie alle meine Gedanken. Den letzten Theil meiner Bedenklichkeiten bekämpfte ſie mit der Verachtung, welche der Jugend, die keine Geld⸗ ſorgen kennt, eigen iſt. Sie ſagte:„Ich bin nicht in dem Ueberfluſſe erzogen, in welchem ich während des letzten Jahres lebte, und ſeiner bedarfs nicht zu meiner Zufrie⸗ denheit. Alles Vermögen meines Vaters gehört meinem Bruder, aber ich beſitze eine kleine Leibrente, die mir mein Vater zum ſogenannten Nadelgelde gegeben. Sie reicht allerdings nicht zum Unterhalte einer Familie hin, aber in dieſem Lande wäre es immerhin eine Hülfe. Außerdem habe ich mancherlei gelernt, womit ich etwas verdienen zu können glaube. In Frankreich, wo ich ge⸗ 9- 83 boren und aufgewachſen bin, iſt man ſo ſehr an den Wechſel des Glückes gewoͤhnt, daß jeder Erzieher ſelne Zöglinge auf Hilfsmittel im Unglücke bedacht ſein lehrt. Nein, unſre Umſtände könnten mich nicht abhalten, bei Dir zu bleiben, aber der Gedanke an den Kummer mei⸗ nes Vaters, wenn ich ihn verließe. O Gott! ich würde nie mehr froͤhlich werden. Ich könnte nicht ſchlafen, ohne von ihm zu träumen, ich dürfte nie in den Splegel ſehen, ohne befürchten zu müſſen, daß ich, wie La Belle im Maͤhrchen, unſre Heimath ſehen würde, wo er mit betrübtem Antlitz einzoͤge. Wer könnte dieſe Worte hören, ohne den, der eine ſolche abſchlägige Antwort gibt, noch höher zu lie⸗ ben? Auch tröſtete und beruhigte ſie mich in Beziehung auf ihr Schickſal in dem Falle, dem ich mit Angſt ent⸗ gegenſah, nemlich, daß Lord A. ploͤtzlich ſtürbe und ſie ſich ganz in Sir Charles Macht befände.„Ich bin nicht ganz verlaſſen in unſerer Heimath,“ ſagte ſie:„Ein Mann, deſſen ſtrenge Rechtſchaffenheit bekannt iſt, Lord M., hat neulich meine beſte Freundin, meines Vaters Nichte, geheirathet. Zu dleſem Paare werde ich in einem ſolchen Falle meine Zuflucht nehmen. Mein geliebter Freund! faſſe Muth! und bewahre mir Deine Liebe und Treue. Meine Gedanken werden Dich nie verlaſſen. Meine Betty, welche ſich hier verheirathet, bleibt na⸗ türlicher Weiſe zurück. Mit ihrer Hülfe glaube ich Dich von mir hoͤren laſſen zu können und den einen und an⸗ dern lieben Brief von Dir zu empfangen. Wieviel kann nicht geſchehen, was mir möglich macht, zu Dir zu kommen! Es ahnt mir, daß wir uns bald wieder ſehen werden und unſre Glückſeligkeit wird der lange Schmerz der Trennung erhöhen.“ Was kann mit der Süßigkeit ſolcher tröſtenden Worte von den Lippen der Geliebten verglichen werden! Auch fühlt man die Schmerzen des Abſchieds nicht, ſo lange man noch die Seligkeit der Gegenwart genießt. 84 Die Nacht, an deren Zwiegeſpräch ich hier gedenke, war nicht die letzte. Wir hofften noch auf ein paar ähnliche glückliche Zuſammenkünfte, ehe wir einander Lebewohl ſagen wollten. Beim erſten Scheine des Tages ſchloß mich Loulſe, wie gewoͤhnlich, aus dem Stacketenthore; ich blieb ſtehen und ſah ihr nach, während ſie in's Haus eilte.— Plötzlich fühlte ich einen Schlag auf die Schulter. Ich wandte mich um und ſah einen Mann von ziemlich un⸗ anſehnlichem Aeußern; er verbeugte ſich vor mir und ſagte mit verbiſſener Heftigkeit:„Nehmen Sie mir nicht übel, mein Herr! aber ich muß mir die Freiheit nehmen, Ihnen zu ſagen, daß das, was Sie hier vorhaben, eine niederträchtige Handlung iſt. Ein unſchuldiges Mädchen zu verführen, das obendrein eines Andern Geliebte iſt, verdient den Namen eines Schurkenſtreichs.“—„Ah!“ ſagte ich, indem ich den Mann unter den Arm nahm und ihn mit fortzuziehen ſuchte,„Sie ſind vermuthlich der Berlobte der kleinen Betty.“—„Ja, leider!“ antwortete e- der Mann, der indeſſen trotz ſeiner Wuth mich doch begleitete:„Mein Name iſt N. Ich bin Thee⸗ und Porzellanhändler in Kopenhagen. Wer Sie ſind, weiß ich nicht, aber ich kann mir wohl denken, daß Sie einer von den Geſandten und fremden Herren ſind, die bei dem engliſchen Grafen aus⸗ und eingehen; aber das iſt gleich⸗ gültig; ich muß Ihnen nur ſagen, daß Betty und ich in vier Tagen Hochzeit haben werden. Alles iſt vorbereitet, alle meine Bekannten wiſſen es. Soll ich nun daſtehen, wie ein Narr und mich ſpotten laſſen? Und das geſchieht, wenn ich ſie heirathe, nachdem es ſoweit gekommen, oder ſoll ich eine ſolche Dirne heirathen, die in der Nacht Stell⸗ dicheins mit einem fremden Herrn hat? Eines von Beiden muß doch geſchehen.“—„Nein! nein!“ rief ich, mit Mühe ſeinen Wortſchwall unterbrechend,„Nichts, Keines von Beiden ſollen Sie. Ich ſchwöre Ihnen, bei allem, was heilig iſt,„daß Betty nie ein Stelldichein mit mir 5 —— I—————— 85 hatte.“—„Was ſoll das?“ rief er ſchluchzend,„wollen Sie mich zum Narren haben? Sah ich ſie nicht mit elgenen Augen? Nachdem ich drei Stunden hier umher⸗ gegangen und auf ſie gewartet, ſehe ich ſie mit Ihnen.“— „Ich verſichere Sie,“ ſagte ich:„ſie brachte mir blos Nachricht von einer Perſon in Lord A's Haus.“—„Was iſt das für eine Perſon?“ fragte er,„die den Leuten Nachts drei Uhr Nachricht ſendet? Das ſind hübſche Aufträge!“ Ich weiß ſelbſt nicht, was ich in meiner Ver⸗ legenheit ſchwatzte. Ich hielt ihn feſt am Arme und ließ ihn nicht los, bis wir vor ſeinem Hauſe ſtanden. Ich ſchien ihn zlemlich beruhigt zu haben, aber ich ſelbſt war nichts weniger als ruhig und dieſe Begebenheit gönnte mir weder den Frieden der Nacht, noch des darauffolgen⸗ den Tages. Als es Abend geworden, beſchloß ich zur gewöhn⸗ lichen Zeit zu dem wohlbekannten Gartenthore zu wandern und das verabredete Zeichen zu geben, obwohl Louiſe mir nicht erlaubt hatte, dieſe Nacht zu kommen. Nachdem ich einige Zeit gewartet, ſah ich zu meiner Freude die kleine Thüre ſich oͤffnen und die mir ſo theure Geſtalt heraus⸗ treten und ſich dem Stacketenthore nähern. Aber diesmal war das Gegentheil von meinem glücklichen erſten Stell⸗ dichein. Denn dieſe Geſtalt war wirklich Betty. Das arme Mädchen war ganz verweint. Mit einigen Worten ſagte ſie auf Deutſch, was ſie ſehr fertig ſprach, daß ihre Herrſchaft heute Nacht nicht mit mir zuſammen kommen könne, und bat mich morgen um dieſelbe Zeit wieder zu kommen, um Abſchied zu nehmen, denn die Abreiſe ſei auf übermorgen feſtgeſetzt, da die engliſche Fregatte, mit welcher die Familie gehen wolle, einige Tage früher, als man erwartet, die Anker lichte. Auf meine Frage er⸗ zählte ſie mir, daß ihr Geliebter heute bei ihr geweſen und Himmel und Erde ſo wild herabgeſchworen, daß ſie ſich genöthigt geſehen, ihre Frau zu bitten, ihm die Wahrheit zu ſagen. Louiſe hatte geſucht, ihn zu beruhigen und 86 ihm unter dem Siegel der Verſchwiegenheit einen Theil der Wahrheit anvertraut und ihn mit Geſchenken zufrieden geſtellt. Indeſſen hatte dieſes Ereigniß meine arme Louiſe ſo ſehr erſchreckt, daß ſie nur einmal und nur zum Ab⸗ ſchied noch mit mir zuſammenzukommen wagte. Zwei Tage nach der Abreiſe der Herrſchaft ſollte Betty ihren Verlobten heirathen, der, wie ſie hinzufügte, ein guter Menſch, nur etwas heftig und eiferſüchtig ſei.— Ich bat das gute Mädchen wegen des Verdruſſes, den ich ihr wider meinen Willen bereitet, um Verzeihung und beklagte bei mir ſelbſt, ihr meine Aufmerkſamkeit nicht durch die geringſte Brautgabe beweiſen zu können. Ruhiger und gelaſſener, als ich gekommen, aber auch betrübter, wan⸗ derte ich heim.— Es iſt mir unbegreiflich, daß manche Menſchen aus Furcht vor dem Bittern im Becher des Abſchiedes, ihn zu leeren vermeiden und damit auf das unendlich Süße, das er enthält, verzichten. Ich meines Theils bin der Meinung, daß es für den, der zu lieben verſteht, in dieſem unvollkommnen menſchlichen Leben nichts ſo inhaltsreiches als die Stunde gibt, wo man an dem gegenwärtigen Augenblicke gleichſam feſthält und nur in ihm lebt, ohne dem Künftigen entgegenzuſehen, in welchem der Menſch ſonſt immer lebt, ohne darin zu ſein. Nie, ſcheint mir, fühlt man ſein Daſein mit der Klarheit und Bewußtheit, als in dem Zuſtande, in welchem Schmerz und Freude einander ſo feſt die Hand geben, daß man das eine nicht von dem andern unterſcheiden kann. Kein Wort iſt unbedeutend, jedes Gelübde doppelt bindend. Etwas Feier⸗ liches, etwas Erhebendes beſeelt uns. Die Geliebte iſt noch bei uns. Man ſucht das Beſte, Schönſte der Seele in dieſen kurzen Augenblicken auszuſprechen, deren raſches Verſchwinden ihren Zauber vermehrt. Glückſelig der, dem ein Wiederſehen vergönnt iſt, das im Werthe der Stunde des Abſchiedes verglichen werden kann! Er kann ſagen, daß er hier ſchon ein Gut gefunden, das dem beſſern 8 87 Leben dort aufbehalten ſchien. Meine Louiſe und ich leerten den bitterſten Becher bis zum Boden. Leider! auf dem Boden liegt die wohre Bitterkeit. Das liebliche Kind brach in dem Augenblick, als wir an dem Stacketenthore ſtan⸗ den, das ſich nun zum letzten Male hinter mir ſchließen ſollte, zuſammen. Mit Heftigkeit drückte ich ſie an meine Bruſt, riß mich raſch aus ihren Armen, eilte aus der Thüre und warf ſie hinter mir in's Schloß. Sie faßte ſich und ging mit raſchen Schritten in das Haus zurück. In der Thüre wandte ſie ſich um, ihr Antlitz erſchien mir in der bläulichen Morgenbeleuchtung ſo blaß, wie das einer Leiche. Ich trat hinter eine Hecke auf dem Felde und warf mich in das vom Thau benetzte Gras. Die Sonne begann den Himmel zu färben, als ein Knabe mit einigen Schafen und Lämmern hart an mir vorüberkam. Er blieb ſtehen und ſah mich an.„Gottes Friede!“ ſagte er freundlich.„Danke!“ antwortete ich,„das war ein guter Gruß.“ Mit dieſen Worten gab ich ihm einige kleine Münze, die ich bei mir hatte, ſprang auf, warf einen verſtohlenen Blick und einen Kuß nach Louiſens Fenſter und eilte fort. Es war noch ſehr früh, ich be⸗ gegnete beinahe keinem Menſchen auf meinem Wege. Die Strahlen der Sonne ſchienen mild auf mich. Es war mir, als wenn ſie und die ganze Natur rings umher den Gruß des Bauernjungen wiederholten. Ein ſtilles Wort goß Frieden in meine Seele. Ich dachte mit Entzücken daran, daß ich geliebt ſei, wiederholte in meiner Erinnerung alle Gelübde Louiſens und ſchwor, die meinigen bis zum Tode zu halten. Ich betrachtete bei dem Strahle der Sonne einen Ring, den ſie mir zum Abſchied gegeben. Ein dunkelblauer Stein darin ſchien ihren ſchönen Augen zu gleichen, die um meinetwillen dieſe Nacht ſo manche Thräne geweint. Ich rief mir in's Gedächtniß zurück, wie betrübt ich geſagt hatte:„Und ich armer Menſch! ich beſitze nicht das Geringſte, es Dir als Erinnerung von mir zu geben.“ Da ergriff ſie meinen einen Hand⸗ 88 ſchuh und antwortete:„Dieſen nehme ich und will ihn als ein Pfand anſehen, daß ich nicht verlaſſen bin, daß es eine Hand zu meiner Vertheidigung gibt.“— Ich be⸗ ſchloß den Ring in einem Bande um den Hals zu tragen, um ihn der Aufmerkſamkeit der Leute zu entziehen.„Erſt an dem glücklichen Tage, wo ich Louiſen wieder ſehe, ſoll er den Platz einnehmen, den ſie ihm gab. Und dieſen unpaaren Handſchuh will ich bewahren, bis ich ſeinen Genoſſen einſt wieder ſehe. Bis dahin hat er ein halbes, ein zerriſſenes Daſein, ein treues Bild meiner ſelbſt.“... Ermattet an Seele und Leib erreichte ich meine Wohnung und gegen mein Erwarten ſank ein tiefer Schlaf auf meine müden Augen nieder. Ich erwachte am folgenden Tage ſo ſpät erſt, daß ich berechnete, meine Louiſe müſſe nun ſchon lange an Bord gegangen und bereits weit fort ſein. Nachmittags trieb eine ſchmerzliche Unruhe mich aus der Stadt, und es war, als ob eine unbekannte Macht meine Schritte nach dem Orte lenkte, den ſie verlaſſen. Den lieben Pa⸗ villon am See mußte ich wieder ſehen. Meiner Louiſe Gedanken weilten gewiß gleichfalls dort. Als ich zu der Villa kam, fand ich, daß meine wohlbekannte Thüre offen ſtand. Im Hauſe, das ich von dort aus ſehen konnte, ſtanden Fenſter und Thüren gleichfalls offen und mir unbe⸗ kannte Leute trieben ſich darin um, als ob ſie flüchteten. Ein Gefühl, deſſen Unbehaglichkeit ſich nicht beſchreiben läßt, überſiel mich. Nun glaubte ich auch den Sekretär F. in der Ferne zu ſehen. Ich wandte mich raſch von meinem verlorenen Paradieſe fort und ging in der melancholiſchſten Stimmung von der Welt nach Hauſe. Die Gegen⸗ ſtände, die ich ſo oft in der Abendbeleuchtung mit freude⸗ trunkenen Augen geſehen, ſtanden nun vor mir, als ob ein feindlicher Sturm über ſie gefahren wäre und ſie ihrer Friſche beraubt hätte. Ich ging auf dem Küſtenwege, um das Meer zu ſehen. Ich glaubte Troſt darin zu finden, wenn ich den Weg ſaͤhe, welchen Louiſe gezogen 89 war. Aber nichts, ſcheint mir, weckt mehr die innere Sehnſucht, welche, oft unerklärlich, in jedes Menſchen Bruſt wohnt, als das Meer. Die Wellen ſind ewige Reiſende, die in einer herzergreifenden, dunkeln Sprache von einem unbekannten Feenlande erzählen, das uns doch ſo bekannt iſt, daß es unſer Heimweh weckt. Wie mußte mir in meiner Stimmung bei dem Anblick des unruhigen Ele⸗ mentes, auf dem meine Louiſe nun ſchwebte, zu Muthe werden? Ich folgte den Schiffen, die ich in der Ferne ſah, mit ſtarren Blicken. Meine Sehnſucht ſchien mir unerträglich. Als ich endlich nach Hauſe kam, ſaß Onkel Albert an ſeinem Inſtrumente. Ich ſetzte mich an das Fenſter und wir waren Beide ſtumm, während ich halb im Trau⸗ me den Character von Unruhe bemerkte, der ſich in ſei⸗ nem muſtkaliſchen Dichten ausdrückte. Es war wie Sturm und Kriegslärm. Endlich ſagte er:„Es war heute Nacht Feuersbrunſt in der Stadt. Eine ſtarke Feuersbrunſt. Die Brandtrommeln und Zollhauspfeifen weckten mich aus meinem ſüßen Schlafe. Ich ſtand auf und ging in Deine Kammer. Aber Du warſt nicht da. Du warſt gar nicht in Deinem Bette geweſen. Heute Nacht haſt Du auf's Neue Deine ſtrafwürdigen Wege betreten. So hältſt Du die Verſprechungen, die Du mir vor Kurzem ge⸗ macht.“ Mit einem Accompagnement, das beſtändig ſei⸗ ner Rede entſprach, fuhr er fort, mir meine leichtſinnige Schwäche und den Kummer vorzuhalten, den ich ihm ver⸗ urſache. Er ſprach von des Lebens Unbeſtändigkeit und der Reue, welche die Verſtorbenen an den Lebenden rächt. Hier gebrauchte er die Ausdrücke:„Wenn wir einander: „„Lebewohl! des Todes Nacht umgibt mich,““ ſagen; und dabei kam er durch eine natürliche Ideenverbin⸗ dung in eine alte Compoſition von Benda, das The⸗ ma eines Duettes aus„Romeo nnd Julie,“ wo die Liebenden einander Lebewohl ſagen und wo ſich gerade jene Worte finden. Als ich dieſes Thema ſogleich er⸗ 8 90 kannte, war es gleichfalls eine natürliche Ideenverbindung bei mir, nicht bloß, daß ich Aehnlichkeit zwiſchen Romeo's Schickſal und dem meinen fand, ſondern auch, daß eine Stelle von Shakſpeares Tragödie mir einfiel, wo es nehm⸗ lich Romeo in dem Augenblick des Abſchieds iſt, als ſähe Julie wie eine Leiche aus, eine räthſelhafte Ah⸗ nung deſſen, was die Zeit in ihrem Schooße trägt. Mit Schrecken dachte ich daran, daß mir etwas Aehnli⸗ ches an jenem Morgen begegnet war, und indem ich einen heftigen Schrei ausſtieß, hielt ich beide Hände vor das Geſicht. Die Muſik hörte plötzlich auf und Onkel Albert lief zu mir hin, hob mir den Kopf in die Hohe und bat mich mit liebevollen Worten, ihm anzuvertrauen, was mich ſo ſehr beunruhige. Seine Liebe war mir in dieſem Augenblick ein unbeſchreiblicher Troſt und als ich mich etwas gefaßt hatte, erzählte ich ihm meine Erlebniſſe von der Stunde an, als ich zum erſten Male mit Sekretär F. bei dem Conditor zuſammentraf, bis zu dieſem Tage. Er hörte mich mit ſo geſpannter Aufmerkſamkeit und Theilnahme an, wie ein Kind, dem man Mährchen er⸗ zählt. Das Reich der Phantaſie war ſein Vaterland und dieſer wahre Roman, in welchem ſein Pflegſohn die Hauptrolle ſpielte, erfüllte ſeine ganze Seele. Er folgte mir in Gedanken, tadelte und lobte mich und weinte vor Kummer und Freude im Verlaufe der Erzäh⸗ lung. Als ich zu Ende war, pries er mich glücklich und rief mit unendlicher Wärme:„Nun biſt Du geret⸗ tet! Das glaube ich mit feſter Zuverſicht! In einer ge⸗ ſunden Seele begeiſtert die wahre Liebe zu allem Guten und Schönen.“ Als das Mädchen kam, um unſern ge⸗ wöhnlichen frugalen Abendtiſch zu decken, bat er ſie, wie⸗ der zu gehen und ſagte, daß wir heute Abend auswärts ſpeiſen würden; worauf er mich bat, ihn in eine Reſtau⸗ ration zu begleiten.—„Wir wollen heute Abend heiter ſein,“ ſagte er. Es war ziemlich ſpät. Niemand war im Saale, als wir und zwei Herren, die in tiefem Ge⸗ 4 — — 91 ſpräche an einem kleinen Tiſche ſaßen und Ausländer zu ſein ſchienen. Onkel Albert ließ uns ein gutes Gericht, Deſſert und eine Flaſche Champagner geben, ein Lurus, den ich nie erwartet oder bei ihm geſehen.„Wir müſſen Deiner Louiſe Wohl trinken,“ ſagte er:„Haſt Du ihr nie von mir geſprochen?“—„Gewiß, mein Vater!“ rief ich:„ſie hat oft geſagt, daß ſie Dich liebe.“—„Ola rief er:„wenn ich es erleben koͤnnte, ſie an Deiner Seite zu ſehen! was würde ich thun, ihr zu gefallen! Das liebenswürdige Kind! Du biſt glücklich, denn glücklich iſt der, deſſen Liebe einen edeln Gegenſtand hat und der wieder Liebe findet. Die Trennung, wie ſchwer ſie uns auch werden mag, gehört nur zu den äußerlichen Un⸗ glücksfällen und in der Liebe ſind dieſe nicht die ſchlimmſten.“ —„Haſt Du je geliebt, lieber Vater 20 fragte ich.— „Ja,“ antwortete er halb verlegen:„einmal und weißt Du wen? Deine ſelige Mutter. Ach Du mein Gott! Als ſie mit Deinem Vater in dieſes Land kam, war ſie ſo ſchön, ſo fromm, ſo gut. Ihr Mann war mein Freund von Kindesbeinen an. Gott behüte mich! Du kannſt Dir wohl denken, daß ich mit keinem Worte, nicht mit dem leiſeſten Winke ihr meine ſtrafwürdige Leiden⸗ ſchaft merken ließ. Die Muſik war ihre groͤßte Freude. Wenn ich nun Abends nach Hauſe kam, bat ſie mich, auf dem Claviere zu ſpielen. Wie ich da phantaſirte! das hätteſt Du hoͤren ſollen! In Toͤnen wagte ich von meinen Gefühlen zu ſprechen. Ich bemerkte oft mit Freude, daß ſie ihre Thränen abtrocknete, und einmal ſagte ſie: mein Spiel entzücke ſie ſo ſehr, daß ſie den Himmel offen zu ſehen glaube. Das war das höͤchſte Glück, das ich in der Liebe genoſſen. Aber ſelbſt dieſes machte ich mir zuletzt zum Vorwurf, als ein Unrecht gegen Deinen Vater, der meiſt bei meiner Muſik ein⸗ ſchlief. Wie große Ueberwindung es mich auch koſtete, ſo ſuchte ich mich doch dem Splele ſo viel als möglich zu entziehen, bis ſie krank wurde; da kam ich wieder alle 92 Tage und phantaſirte ganze Stunden. Selbſt in der Stunde, als ſie ſtarb, ſaß ich am Pianoforte, ſo daß ich ſagen kann, ihre Seele flog auf den Schwingen mei⸗ ner Töne zu dem Himmel auf, den ſie offen geſehen. Die vertraulichen Mittheilungen dieſes Abends ſtärk⸗ ten mich und banden mich feſter als je an meinen väͤter⸗ lichen Freund. Durch das vertrauliche Verhältniß, das nun zwiſchen uns entſtand, glückte es mir auch, ſeine Zu⸗ ſtimmung dazu zu erhalten, daß ich das theologiſche Studium verlaſſen konnte, zu welchem ich im Ganzen nie Beruf gefühlt. Ich wollte mich den Wiſſenſchaften im Allgemeinen widmen, eine Ahhandlung ausarbeiten und nach den damaligen Anordnungen um den philoſophi⸗ ſchen Doctorgrad diſputiren. Von jener Periode an wurde ich wirklich ein anderer Menſch. Ich ſtudirte mit Eifer und fand meine Freude daran. Die Dichtkunſt, die mich immer begeiſtert, ſchien ich nun erſt in ihrem innerſten Weſen zu erfaſſen und wählte deßhalb einen dichteriſchen Gegenſtand zum Stoffe meiner Diſputation, an welcher ich mit großer Liebe ar⸗ beitete. Auch beſorgte ich mit Eifer meine Informatio⸗ nen und verſchaffte mir neue, ſo daß ich ziemlich viel verdiente und Onkel Alberts und meine eignen Umſtände ſich weſentlich verbeſſerten. So ſuchte ich meine Sehn⸗ ſucht nach der abweſenden Freundin nicht zu überwinden, ſondern zu mildern. Manche Beängſtigung von dieſer Seite machte es mir indeß oft unmöglich, mein inneres Gleichgewicht zu bewahren. Einen Monat nach Louiſens Abreiſe kam Betty. eines Morgens zu mir und überlieferte mir einen Brief, der unter ihrer Adreſſe von ihrer früheren Herrſchaft für mich angekommen war. Onkel Albert empfing die nied⸗ liche kleine Frau mit aller möglichen Artigkeit und un⸗ terhielt ſich mit ihr, während ich mit klopfendem Herzen den liebenswürdigen Brief meiner Louiſe beinahe verſchlang; er enthielt neben liebeyollen und troͤſtlichen Worten die ——— 93 Erzählung ihrer Reiſe und benachrichtigte mich, daß Sir Charles jeden ihrer Schritte bewache, im Uebrigen jedoch ruhiger und umgänglicher ſei, als früher. Sie ſtellte das Anfinnen an mich, meine Briefe ſtets unter Betty's Adreſſe gehen zu laſſen, um moͤglichem Unheil vorzubeugen und dieſer zuverläſſigen Perſon die weitere Beſorgung zu über⸗ laſſen. Ich dankte der hübſchen Brieftaube herzlich und verabredete mit ihr, daß ich nächſten Poſttag ihr einen Brief bringen wollte, den ſie in Louiſen's Händen zu ſchaf⸗ fen verſprach und zwar durch die Hülfe einer Tante, welche in London in der Nähe von Lord A's Hotel wohnt. So, ſagte ſie, habe ſie es mit ihrer guten Frau verab⸗ redet, von der ſie mit Liebe und inniger Theilnahme ſprach. Jene Tage waren außerordentlich glücklich. Ich genoß von Grund des Herzens die Freude, an meine Geliebte zu ſchreiben und ſegnete, während ich mit mei⸗ nem Brief nach Betty's Hauſe eilte, den Wohlthäter der Menſchen, der das Poſtweſen erfunden. Ihr Mann, welcher zu Hauſe war, empfing mich, als ob ich feind⸗ liche Einquartirung wäre. Er kannte mich von jener Nacht, und war nahe daran, mir die Thüre zu weiſen. Ich ſagte, ſeine Frau habe verſprochen, einen Brief für mich an ihre frühere Herrſchaft zu beſorgen und näherte mich Betty, der ich den Brief übergab. Kupferroth im Geſichte fuhr der Mann hinzu und riß mir den Brief aus der Hand, las die Ueberſchrift und ſchrie wle ein Wahnſinniger:„An ihre Herrſchaft! Neinl der Teufel ſoll mich holen, wenn der Brief nicht an ſie ſelbſt iſt!“ Ich nahm ihm denſelben aus der Hand, erbrach das Siegel und zeigte ihm den Namen Louiſe in der erſten Linie, während Betty und ich ihm den Zuſammenhang zu erklären ſuchten. Er ſah in den Brief, rief jedoch: „Wer kann daraus klug werden? Das iſt ja in einer kauderwelſchen Sprache geſchrieben, die Niemand verſte⸗ hen kann!“ Betty ſagte:„Lieber Mann! Das iſt fran⸗ 94 zoͤſiſch, mein Fraͤulein iſt ja eine Franzöſin. Dieſer Herr iſt ihr Geliebter.“—„Der Teufel iſt er!“ ſchrie er: „Nein er iſt ſo zu ſagen ihr Mann. Der Bediente John, der ſelbſt bei der Trauung war, hat mir Alles erzählt. Der Herr iſt erkauft, daß er ſie heirathe. Er kümmert ſich wenig um ſie. Glaubſt Du nicht, daß ich weiß, was Dein Fräuleiu für Eine iſt? Sir Charles! ihr eigener Bruder! Die Haare ſtehen einem ehrlichen Manne zu Kopfe, wenn er an ſolche Verbrechen denkt. Ja, weine nur! Und Sie, mein Herr! Ich bin kein grober Mann. Ich habe, Gott ſei Dank, eine gute Erziehung erhalten, ich verdenke Ihnen nicht, was Sie gethan ha⸗ ben. Die Zeiten ſind ſchlimm und Jeder muß vor ſeiner eigenen Thüre fegen, aber meine Frau ſoll an ſolchen Geſchichten keinen Antheil haben. Nehmen Sie Ihren Brief zurück und. Gott ſoll uns bewahren,“ fügte er hinzu, indem er ſich verbeugte,„ich bin nicht unhöflich, ich bin weit entfernt, Ihnen die Thüre zu wei⸗ ſen. Wollen Sie ſich nicht meinen Laden beſehen! Sie koͤnnen ihn mit jedem in der ganzen Stadt meſſen.“ Damit kehrte er ſich um und zeigte mir den Weg in den Laden durch ein anderes Zimmer. Seine Frau und ich folgten ihm. Betty ſtieß mich an den Arm und ſtreckte die Hand aus. Ich verſtand ihren Wink und ſteckte ihr den Brief zu. Mit einem Zeichen gab ſie mir ferner zu verſtehen, daß ſie ihn verſiegeln und beſorgen werde. Im Laden befanden ſich Käufer, welche bald die Auf⸗ merkſamkeit N's in Anſpruch nahmen, und mir Gelegen⸗ heit gaben, mich fortzuſchleichen. Mehr als drei Monate verfloßen nach dieſem Tage, ohne daß ich das Mindeſte von Louiſen hörte. In mei⸗ ner Ungeduld ging ich nach dem Poſthauſe, ſo oft die Poſt angekommen war, und ſah auf dem Zettel nach, ob kein Brief an Madame Betty N. ſich unter den an⸗ gekommenen befände. Immer vergebens. Ich hatte mich eifrig auf die engliſche Sprache gelegt und beſuchte dann —,—— — —4— — 95 und wann einen oͤffentlichen Ort, wo man engliſche Zei⸗ tungen fand und in dieſem bodenloſen Chaos ſuchte ich unermüdet, ob ich nicht unter den Neuigkeiten ein Wort fände, das ſich auf den Kreis bezoͤge, in welchem ſich meine Louiſe bewegte. Plötzlich uͤberraſchte mich die Zeitung mit der wichtigen Nachricht, daß Lord A. todt ſei und am nächſten Poſttage fand ich auch auf dem Poſtzettel Madame Betty N's Namen. Mit fieberhafter Ungeduld eilte ich nach ihrem Hauſe, konnte ſie jedoch nicht ſprechen. Ich machte mir in dem Laden zu thun. Dort ſtand ein ſchläfriger, verdrießlicher Knabe, der auf meine Frage, ob Madame nicht zu Hauſe ſei, mich ſprach⸗ los anglotzte. Ich brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; am andern Morgen jedoch brachte mir ein unbekannter Knabe einen Brief, der von Betty war und einen andern ohne Aufſchrift einſchloß. Ich griff zuerſt nach dieſem, öffnete ihn raſch und zu meiner Verwunderung fielen einige Scttücke zerriſſenes Papier auf den Tiſch. Ich hob ſie auf und erkannte Louiſens Hand. Betty ſchrieb mir, daß ein Brief, den der Poſtbote geſtern brachte, in ihres Mannes Hände gefallen ſei. Er habe ihn ohne Umſtände eroͤffnet, da er jedoch engliſch geweſen, was er nicht ver⸗ ſtand und einen andern darin mit meiner Adreſſe gefunden, ſo habe er im höchſten Zorne beide zerriſſen. Es war Betty indeſſen geglückt, einige Stücke des Briefes an mich zu ſammeln, die ſie mir hiemit ſandte. Sie fügte hinzu, ich werde einſehen, ſie habe bereits ſo viel um dieſer Briefe willen gelitten, daß ſie keine weitere Be⸗ ſorgung übernehmen koͤnne, was überdieß im Augenblicke unmöglich ſei, da ihre Tante, welche bisher die Briefe bei Louſenueholt London verlaſſen habe, wovon ſte Pasver einen Brief mit Schiffsgelegenheit unterrichtet abe.. In einer Stimmung, die man ſich ſchwer vorſtellen kann, nahm ich den zerriſſenen Brief vor mich und ſtu⸗ dirte ihn mit glühendem Eifer. Alles, was ich aus die⸗ 96 ſen auf verſchledenen Schnitzeln zerſtreuten Worten zuſam⸗ menleſen konnte, waren folgende abgeriſſene Sätze:.... „Aber in dem Zwang, in welchem ich wie eine Gefan⸗ gene lebte, kannſt Du Dir ſelbſt meine Angſt und Ver⸗ legenheit bei dieſer Entdeckung denken. Ich beſchloß, meine Zuflucht zu meines Vaters Liebe zu nehmen, als ſein ploͤtzlicher Tod..... Ich ergriff die Gelegenheit und entkam glücklich. Lord M. und ſeine Frau nahmen mich liebevoll auf. Aber denke Dir meinen Schrecken und meinen Kummer, als mein aufgebrachter Bruder ——— Meine arme Fanny war nicht mehr beſorgt, als ich und nicht mehr erfreut, als er friſch und geſund zurückkam——— hoffe ihn zur Vernunft zu brin⸗ gen———— ganz abhängig von dieſen Freunden, muß ich wohl Geduld haben, namentlich da mein Ge⸗ ſundheitszuſtand mir zu reiſen verbietet. O mein Fried⸗ rich! ich ſterbe vor Sehnſucht nach Dir! Wann wünſchte ich ſo ſehr Dich bei mir zu haben? Ich bin oft bange. Ich würde ſo ungerne ſterben, ohne Dich vorher noch ge⸗ ſehen zu haben. Oft bin ich wieder fröhlich, bei dem Gedanken, daß Dein geliebtes Bild————— Bitte zu Gott für mich und Dich.————— 3 Dieß war Alles, was ich aus dem Briefe, deſſen Inhalt mir ſo wichtig war, herausleſen konnte. Meine Angſt und Unruhe ſtieg durch das, was ich geleſen hatte, in ſolchem Grade, daß mein Pflegevater ſehr erſchrak, als er mich ſah. Acht Tage lang litt ich eine Qual, die mir ſicher eine Krankheit zugezogen hätte, wenn ſie länger gedauert, aber glücklicherweiſe brachte die näch ſte Poſt einen Brief, der mir durch die hieſige engliſche Geſandtſchaft zugeſchickt wurde. Er war von einer aus⸗ gezeichnet ſchönen engliſchen Handſchrift und von George M. unterzeichnet. Ich errieth, daß mein unbekannter Correſpondent der Freund und Beſchützer meiner Louiſe ſei. Der Brief war in einfachem und edlem Tone ab⸗ gefaßt und ſchien meine Bekanntſchaft mit den Ereigniſſen 97 vorauszuſetzen, die durch das Zerreißen des Briefes von Louiſen für mlch verloren gegangen. Aus den Aeußerun⸗ gen des Grafen, zuſammengehalten mit den einzelnen Worten in Louiſens Schreiben errieth ich jedoch, daß ein Duell zwiſchen Lord M. und Sir Charles ſtattgefun⸗ den haben mußte, das durch Louiſens Flucht in das Haus des Erſteren veranlaßt war und daß in dieſem Duell Sir Charles verwundet worden. Lord M. ſchrieb, wie folgt: „Nach meiner Schuldigkeit beſuchte ich täglich ſein Haus, um mich nach ſeinem Befinden zu erkundigen, und hatte endlich die Ehre, von ihm eingeladen zu werden. In ſeinem ſchwachen Zuſtande fand ich ihn heiterer und em⸗ pfänglicher für vernünftige Forderungen, als je zuvor. Ich benützte dieſe Stimmung und brachte es zu einer Art friedlicher Uebereinkunft zwiſchen uns, welche, wenn ſie auch nicht ſo ganz nach den Wünſchen eines liebenden Paares und ihrer Freunde iſt, doch die Ruhe herbei führen kann, welche die Verhältniſſe für den Augenblick ſo gebieteriſch verlangen. Sir Charles hat ſich verpflich⸗ tet, auf zwei Jahre in das Ausland zu reiſen, um in die⸗ ſer Zeit Herr über ſeine Leidenſchaft zu werden, indeſſen niemals weder durch Handlung, noch durch That ſeine Schweſter zu beunruhigen, wogegen ich in ihrem Namen verſprochen, daß ſie während dieſer Zeit in meinem Hauſe verbleiben und nicht nur ihren Gatten nicht ſehen, ſon⸗ dern nicht einmal Briefe mit ihm wechſeln ſoll. Wie hart dieſe Bedingungen find, fühle ich von ganzem Her⸗ zen, aber ich glaube doch, daß der Verluſt für Sie und Ihre Frau unbedeutender iſt, als es auf den erſten Blick ſcheint. Ich bin davon überzeugt, daß Sie und Ihre Louiſe ſich weder in Dänemark noch anderswo vereinen könnten, ohne daß Sir Charles Sie aufſuchen und beun⸗ ruhigen würde. Auch war jetzt nicht der Augenblick, Ihre Frau, welche von den Ereigniſſen der letzten Zeit angegriffen iſt, den Anſtrengungen einer Reiſe auszu⸗ Novellen. 1. 7 98 ſetzen. Was den Briefwechſel betrifft, ſo glaube ich ein Mittel zu wiſſen, durch welches Sie und Ihre Geliebte nie lange Zeit über das gegenwärtige Befinden im Un⸗ gewiſſen bleiben ſollen. Sobald etwas von Wichtigkeit geſchehen, werde ich ſelbſt die Ehre haben, Sie davon zu unterrichten. Wenn Sie nichts von mir hoͤren, iſt es ein Zeichen, daß Alles noch beim Alten ſteht. Ich bitte Sie, mich mit einer Antwort auf dieſen Brief zu beehren, in Zukunft aber zähle ich darauf, daß Sie das Ehrenwort, das Ihnen ein Freund gegeben, berückſichti⸗ gen. Auch hoffe ich, daß Sie, als der Glückliche, edel⸗ müthig den unglücklichen Nebenbuhler ſchonen werden. Sir Charles geiſtiger Zuſtand muß das Mitleid aller Menſchen erwecken. Sie kennen ihn nur von ſeiner ſchlim⸗ men Seite, aber er beſitzt auch eine gute. Er iſt ein Mann von ausgezeichneten Gaben, ein braver Offizier und hat im Grunde eine edle Seele. Zwei Jahre Ab⸗ weſenheit werden ihn, wie ich hoffe, zu Pflicht und Ver⸗ nunft zurückbringen und ich verſichere Sie, es ſoll mir ein Freudentag ſein, wenn ich Ihre Frau in die Arme ihres Gatten führen kann. Seien Sie indeß überzeugt, daß ſie in meinem Hauſe in der Obhut der beſorgteſten Freundſchaft weilt. Meine Fanny und ich haben ſie ſelbſt auf unſer Landgut gebracht, wo ſie vorderhand ſich aufzuhalten wünſcht. Wir ſuchten ihr dort alle Bequem⸗ lichkeit und Behaglichkeit zu verſchaffen, die in unſerer Macht ſteht, und ſorgten für ihre vollkommene Sicher⸗ heit. Laſſen Sie mich Ihnen noch ſagen, daß ich der Freund und Verwandte Ihrer Frau bin, daß ich nur durch die Prüfungen mehrerer Jahre den Beſitz des Weibes erkämpft habe, das ich liebte, meiner jetzigen Frau. Möchten dieſe Umſtände mir Ihr Vertrauen, Ihre Freundſchaft erwerben!—“ Dieſer Brief, der unter andern Umſtänden mich wahrſcheinlich in die ſchlimmſte Stimmung verſetzt hätte, milderte in dieſem unglücklichen Augenblicke meinen Kum⸗ 99 mer. Louiſe in Sicherheit zu wiſſen, war ein unbeſchreib⸗ licher Troſt und ich glaubte überdieß mit Lord M's Hülfe hoffen zu dürfen, in zwei Jahren meinem Kummer ein Ende gemacht zu ſehen. Ich gab mich zufrieden und ſchrieb in dieſem Geiſte an Lord M., indem ich ihn in⸗ ſtändig bat, mich über den Geſundheitszuſtand meiner Louiſe zu unterrichten, der mich nach den letzten Nachrich⸗ ten unſäglich beunruhigte. Es dauerte nicht lange, ſo kam ein eleganter junger Herr zu mir, nannte ſeinen Namen und ſagte, daß er bei der engliſchen Geſandt⸗ ſchaft ſei und mit Lord M. in Verbindung ſtehe, der ihm aufgetragen, zu mir zu gehen, mich zu grüßen und mir zu ſagen, daß er und ſein ganzes Haus ſich wohl befänden und daſſelbe von mir zu hoͤren wünſche. Jede ſechste, ſiebente Woche kam dieſer junge Mann mit der gleichen Nachricht, bisweilen mit einem kleinen offenen Zettel, der von Lord M's Hand geſchrieben und von dem gleichen Inhalt war. Ich wagte nun ebenfalls ein paar Linien zu ſenden, in welche ich einige Worte von meiner Sehnſucht einfließen zu laſſen verſuchte. Wie unbedeutend dieſe Comunication mit meiner Geliebten auch war, ſo lebte ich doch jedesmal für ein paar Tage wieder auf, wenn mich der junge Mann beſucht hatte. Bei einer ſolchen Gelegenheit ſagte ich mal zu Onkel Albert:„Die Liebe lebt von Wenigem.“—„Nennſt Du das wenig?“ ſagte er:„Du weißt, ſie lebt, iſt ge⸗ ſund und ruhig, und liebt Dich. Du kannſt hoffen, wie⸗ der mit ihr vereint zu werden. Wer kann läugnen, daß das über die Maßen viel iſt?“ Ich mußte ihm Recht geben. Doch fühlte ich eine Leere, die Nichts auszufül⸗ len im Stande war, und wenn ein heiteres Gefühl mein Herz bei dem Gedanken ergriff, daß jeder Tag mich dem näher brachte, der uns vereinen ſollte, folgte ihm ſtets die kummervolle Bedenklichkeit nach: wie ſollte es mir möglich werden, Louiſen eine nur einigermaßen ange⸗ nehme Exiſtenz an meiner Seite zu verſchaffen. ——;é— 100 Ein Jahr war auf dieſe Weiſe verfloſſen. Da be⸗ kam Onkel Albert eines Tages einen Beſuch von einem alten Bekannten, den ich einigemal bei ihm geſehen. Die⸗ 1 ſer Mann war ein vermoͤglicher Weinhändler, mit Namen R. Mein Pflegevater ſagte, es ſei ein ſehr ordentlicher Mann. Nichts deſtoweniger war er mir ſehr unwillkom⸗ men, weil er, wenn er mal glücklich in einem Stuhle ſaß, beinahe nicht mehr zum Fortbringen war, ſondern ganze Stunden lang ſtumm und mit der groͤßten Geduld ſitzen blieb. Dieſer Mann kam, wie geſagt, eines Tages und ſetzte ſich nieder, nachdem er gefragt:„Wie geht es?“ worauf mein Pflegevater ſagte:„Wie leben Sie zu Hauſe?“—„Ich danke,“ antwortete R., und damit war ſein Geſpräch zu Ende. Onkel Albert ging an ſein Pult und ſchrieb einige Noten, indem er leiſe vor ſich hinſummte. Ich las in einem Buche, das mich intereſ⸗ ſirte. Indeſſen ſchien mir doch die Höflichkeit zu fordern, daß ich mit dem Manne ſpreche. Ich legte das Buch zur Seite, wußte aber nicht, wie es anfangen. Nach einer Pauſe von einer Viertelſtunde begann ich endlich: „Das iſt ein fatales Wetter, was wir dieſes Jahr haben.“ —„Ja,“ ſagte R.;„es iſt beinahe unmöglich, geſund zu bleiben.“—„Ja gewiß,“ antwortete Onkel Albert, ohne ſich ſtören zu laſſen.„Das kommt wahrſcheinlich,“ fuhr R. fort,„von dem Cometen, den man nächſtes Jahr erwartet. Man ſagt ja, er könne gefährlich werden und die Erde in tauſend Stücke zerſchlagen.“—„Bah!“ antwortete Albert:„Der Lauf des Cometen iſt beſtimmt und begrenzt.“—„Ja,“ ſagte der Andere,„das iſt etwas, was Niemand wiſſen kann.“—„Aber wenn das Nie⸗ mand wiſſen kann, woher weiß man dann, daß er kömmt?“ rief mein Onkel.—„Das weiß ich wahrlich nicht,“ antwortete R. Nach einer langen Pauſe nahm ich das Wort und ſagte:„Der Lauf der Planeten und Cometen läßt ſich ja berechnen.“—„Ja,“ antwortete R.,“ das iſt eine von den Sachen, die die Gelehrten behaupten, —„,— —— —— ** 101 die aber gewiß kein Menſch glaubt.“—„In dieſer Sache,“ ſagte ich,„bedarf es auch keines Glaubens, denn es iſt etwas, was man gewiß weiß.“—„Das widerſtreitet allem geſunden Menſchenverſtande,“ antwortete R.:„Wie ſollte ein Menſch im Stande ſein, die Dinge da oben zu meſſen, von denen man nicht mal weiß, was ſie ſind?“— „Wie!“ rief Onkel Albert:„Zweifelt Jemand daran, daß es Kugeln ſind, voll Leben, wie unſere Erde? daß ſie in beſtimmten Kreiſen ſich in ihren Bahnen drehen?“ —„Ja,“ antwortete R. ſehr kaltblütig:„daran zweifle ich ſehr lebhaft, denn das kann Niemand wiſſen und es kann uns auch ſehr gleichgültig ſein.“—„Aber,“ fuhr der Onkel fort,„Ihr Herz muß doch vor Begeiſterung und Freude ſchlagen, wenn Sie in der Nacht die Augen zu dem ſternenvollen Himmel erheben.“—„Herr Gott!“ rief R. mit einem Seufzer:„Welche Freude kann man daran haben, dieſe hellen Punkte zu ſehen? Es kann ein ganzes Jahr vergehen, ehe ich mal zum Himmel auf⸗ ſehe, und auch dann nur, um zu wiſſen, ob es regnen wird, damit ich meinen Schirm mitnehme.“— Mein Pflegevater wandte ſich nach ſeinem Pulte um, ſummte und ſchrieb wieder. Als nun R. eine gute halbe Stunde dageſeſſen und geſchwiegen, erhob er ſich, um Abſchied zu nehmen, blieb aber noch bei der Thüre ſtehen. End⸗ lich trat er zu mir heran und ſagte:„Ich bin eigentlich gekommen, um mit Ihnen zu ſprechen. Sie geben ja Unterricht im Franzoͤſiſchen und Italieniſchen. Die kleine Sara zu Hauſe hat Luſt bekommen, ſich im Franzöſiſchen zu vervollkommnen und möchte auch gerne italieniſch ler⸗ nen. Und ſo dachte ich an Sie, ob Sie Luſt hätten, ihr Stunden zu geben.“—„Iſt dieſe Dame Ihre Tochter?“ fragte ich.—„Nein, Gott bewahre!“ ſagte R.:„Sie wiſſen ja wohl, daß meine Frau und ich keine Kinder haben. Nein, das Mädchen iſt die einzige Tochter mei⸗ nes ſeligen Compagnon, der das Geld beſaß, womit wir den Weinhandel begannen. Aber nun war ja das Glück 10² auch mir günſtig. Und da ihn der Herr vor einigen Jahren von ſeinem einzigen Kinde genommen und die Mutter auch geſtorben iſt, ſo beſtimmte ich, daß ſie in meinem Hauſe bleibe, bis ſie ſich einſt verheirathe. Mün⸗ dig iſt ſie bereits. Aber verheirathen ſcheint ſie ſich nicht zu wollen. Und das iſt recht thöͤricht, denn ſie könnte einen Mann glücklich machen. Sie beſitzt ihre baaren ſechzigtauſend Thaler. Aber ſie denkt vielleicht, weil ſie einen kleinen Schaden im Rücken“„Scha⸗ den im Rücken?“ rief Onkel Albert.„Ja, wiſſen Sie das nicht?“ antwortete R. gleichgültig.„Nun ſehen Sie, meine Frau und ſie gehen mit einander in's Thea⸗ ter und ſpazieren, und es kommen auch angenehme Leute in unſer Haus, aber ich weiß nicht, wie es kommt, ſie langweilt ſich dennoch und nun iſt ſie auf den Einfall gekommen, ſich mit dieſen Sprachen plagen zu wollen und ſeit lange quält ſie mich jeden Tag, ihr doch einen Leh⸗ rer zu verſchaffen. Und wenn ſie ſich ſelbſt das Leben damit ſauer machen will, ſo kann ich es ihr nicht weh⸗ ren. Sie hat ja Geld, es zu bezahlen.“—. Da die Bezahlung, welche mir geboten wurde, un⸗ gewöhnlich gut war, ſo kamen wir bald wegen der Stun⸗ den überein und nächſten Tages verfügte ich mich nach dem Hauſe des Weinhändlers, nicht ohne einen gewiſſen Widerwillen gegen meine neue Schülerin, die ich mir alt, mißgeſtaltet und bloß aus Langeweile zu Sprachſtunden ge⸗ willt dachte, um ſich damit die Zeit zu vertreiben. Frau R. empfing mich, mit dem ganzen Geſichte lächelnd, und mit ſo freundlichen Worten. über das Glück, das ihre Pflege⸗ ₰ tochter haben ſolle, von einem ſo gebildeten und intereſſanten Manne unterrichtet zu werden, daß ich im Begriffe war, mich zu entſchuldigen und wieder fort zu gehen, als die genannte Pflegetochter eintrat. Es war ein kleines Mäd⸗ chen, das ſehr jung ausſah und ungeachtet einer etwas verwachſenen Figur doch ein außerordentlich angenehmes Aeußere hatte. Ihr blondes, weiches Haar und ihre —— 103 weißen Zähne nahmen ſich gut aus zu den dunkeln Augen⸗ brauen und den ſchönen braunen Augen. In ihrem ganzen Weſen war ein Ausdruck von Anmuth und Güte, der vereint mit dem körperlich ſchwachen Ausſehen, ihr etwas ſo Intereſſantes gab, daß man dem Schickſal zürnen mußte, das mit ſo harter Hand dieſes⸗ zarte Geſchöpf berührt. Sie ließ ſich mit mir in ein Geſpräch über den Gegenſtand meines Kommens ein und ſprach ſo ver⸗ ſtändig, daß ich mit ebenſo großer Luſt zu unſern ge⸗ meinſchaftlichen Studien das Haus verließ, als ich mit Unluſt gekommen war; und ſchon am folgenden Tage begann ich meinen Unterricht. Meine Schülerin übertraf meine Erwartung. Sie lernte mit ſo großer Leichtigkeit, ſie überſetzte die Schriftſteller, die wir laſen, in ſo ſchoͤner und gebildeter Sprache, und die Stylübungen, die ſie ſelbſt nach eignem Kopfe aufſetzte, waren an und für ſich ſo intereſſant, ſo witzig, daß die Stunden, die ich ihr gab, eine wahre Erfriſchung für mich waren. Das Verhält⸗ niß zu einem lernbegierigen, klaren, namentlich einem weib⸗ lichen Eleven, hat etwas, was unmerklich zu Freundſchaft und Vertraulichkeit führt. Sara und ich hatten doppelten Grund, Troſt in unſerem gegenſeitigen Umgange zu finden, da wir beide an einer Leere litten, wenn auch aus verſchie⸗ denen Gründen, wobei ich bemerken muß, daß mein Loos beſſer war, als das ihre, denn ich litt an einer Sehnſucht, die einen beſtimmten Gegenſtand hatte, ſie dagegen ſchien nach etwas Unbekanntem und Unerreichbarem zu ſeufzen und war um ſo mehr zu beklagen, als ihre tägliche Um⸗ gebung weit unter ihrer Sphäre war. Es dauerte auch nicht lange, ſo wußte ſie es zu veranſtalten, daß nicht nur ich, ſondern auch mein Pflegevater in R's Haus ein⸗ geführt wurden und nach und nach, ſo zu ſagen, ohne daß wir es merkten, gewoͤhnliche Gäſte wurden, obgleich das Haus alles angenehmen Umgangs, mit Ausnahme des ihrigen, entbehrte. Sie beſaß üͤberdieß ein großes Talent, die Wünſche ihre Freunde zu errathen und einen 104 unermuͤdlichen Eifer, ſie zu erfüllen. Es war alſo kein Wunder, daß nicht nur ich die Freundſchaft dieſes Mäd⸗ chens als einen unerwarteten Troſt vom Himmel be⸗ trachtete, ſondern daß auch Onkel Albert ſich von ihrem Umgang angezogen fühlte; wozu noch kam, daß ſie Muſik liebte und ſelbſt gut auf dem Inſtrumente ſpielte, wie er. Eine gewiſſe Freiheit hatte ſich in das gegenſeitige Verhältniß zwiſchen Sara und mir eingeſchlichen. Wir gingen mit einander um, wie Bruder und Schweſter. Ein ſolches Verhältniß iſt gefährlich und es mag vermeſſen ſein, ſich in ein ſolches einzulaſſen, denn ſelten ziehen beide Thelle die Hand unverletzt aus der Kehle des Loͤwen. Was mich betrifft, ſo war mir dieſes Mädchen von ganzem Herzen theuer; aber es war mir, als ob meine Neigung eine rein brüderliche ſei. Meine Liebe zu Louiſen hatte tief in mein geiſtiges Weſen eingegriffen. Die ſuͤßen Er⸗ innerungen, welche ſtets meine Phantaſie beſchäftigten, konnten nicht leicht von Etwas verdrängt werden. Jede andere Liebenswürdigkeit erſchien mir fremd im Vergleiche mit der, welche meine junge Frau ſchmückte, die die Sehn⸗ ſucht und die Trennung noch feſter an mein Herz gebun⸗ den hatten. Auch waltete ein Umſtand od, der mir ein Schild gegen den Eindruck der Vorzüge Saras war— ihr körperlicher Fehler. Nein, weit entfernt! Er war nicht in die Augen fallend, und durch den täglichen Um⸗ gang mit ihr hatte ich ihn ganz vergeſſen. Der Keim des Anſtoßes, von welchem ich ſpreche, war eine Art von Exaltation, der niemals die Wirkung auf mich zu machen verfehlte, als ob Waſſer in das Feuer meiner Begeiſterung gegoſſen würde. Wenn wir zum Beiſpiel in der Unter⸗ richtsſtunde einen Dichter laſen, und ſie nun bei der einen oder andern Stelle, die mich in der Einſamkeit zu Thränen hingeriſſen, in laute Bewunderung der Schöuheit aus⸗ brach, wurde ich ganz kalt und ſuchte manchmal etwas herauszufinden, um zu tadeln, was ich ſelbſt bewunderte, da ich mich in der ſtillen Freude nicht durch ein überſpanntes 10⁵ Lob ſtören laſſen wollte. Wenn ich einen Abend bei ihren Pflegeeltern zubrachte, ſo hatte ich eingeführt, daß ich der kleinen Geſellſchaft laut vorlas. Herr R. ſchlief indeß ein, Onkel Albert jedoch folgte mit leuchtenden Blicken, oft mit Thränen in den Augen, aber ſtets in tiefem Schwei⸗ gen, jedem Worte, das ich las, während Frau R. un⸗ aufhoͤrlich mich mit den nichtsſagendſten Ausrufungen unter⸗ brach, von denen ich immer ſchon im Voraus wußte, wenn ſie kamen, wie zum Beiſpiel:„Gott, wie ſchoͤn! Nein, das halte ich nicht aus!“ u. ſ. w. Dieſe oft vor⸗ kommenden, einſörmigen Umterbrechungen pflegten Onkel und ich unter uns die Minutenſchüſſe zu nennen. Sara war eine aufmerkſame, verſtändige, fühlende Zu⸗ hörerin, aber wenn die Vorleſung zu Ende war, brach ſie in ſo heftige Ausdrücke, mit ſo leidenſchaftlichen Be⸗ wegungen aus, daß mir ordentlich vor dem Momente grauen konnte, wo ich das Buch ſchloß. So ging es auch Onkel Albert. Eines Abends, als wir zuſammen nach Hauſe gingen, fragte ich, weßhalb er gegen alle Gewohn⸗ heit nicht zu bewegen ſei, das Piano zu berühren, obgleich man ihn von allen Seiten ſo inſtändig gebeten.„Es war eine alberne Schüchternheit von mir,“ antwortete er: „Als ich das letzte Mal in Saras Gegenwart phanta⸗ ſirte, war das gute Mäͤdchen ſo hingeriſſen von der Mufik, daß ſie, als ich mich vom Claviere erheben will, auf mich zuſtürzt, ſich auf die Kniee vor mir wirft und mich auf die Hand küßt. Ich wurde, offen geſtanden, ſo ver⸗ wirrt, daß mir das Blut vor den Ohren ſauſte, und nun hatte ich bange, daß es heute wieder ſo gehen möchte, deß⸗ halb war es mir unmoͤglich, zu phantaſiren.“— Einſt als wir auf Göthe zu ſprechen kamen, äußerte Sara, daß ſie gerne ihr ganzes Vermögen geben, ja ihr halbes Leben opfern wollte, wenn ſie nur einen Augenblick mit ihm ſprechen könnte. Ich mußte ihr unwillkürlich widerſprechen und ſagte:„Ich würde nicht mal die neue Weſte geben, die ich anhabe, um Göthe einen Augenblick 106 zu ſehen. Was koͤnnte es nützen, einen Mann in einem gleichgültigen Augenblicke zu ſehen, mit ihm vom Wetter, von Reiſen und Landwegen zu ſprechen, obendrein mit der wahrſcheinlichen Vermuthung, daß er der Hoͤflichkeit und guten Art durch das Geſpräch, das er mir gönnte, ein Opfer brächte. Ein anderes wäre, mit ihm auf einem vertrauten Fuße zu leben, ſeine Bemerkungen über ſeine eignen und Anderer Schöpfungen zu hoͤren, ihn in unbe⸗ wachten Augenblicken zu ſehen, und ihm ſeine Zwei⸗ fel und Gedanken vorlegen zu dürfen. Das wäre viel werth. Im Uebrigen haben wir ja ſein eignes beſſeres Weſen in ſeinen Werken und in dieſen gehen wir mit ihm um. Nur als Dichter exiſtirt er für uns und als Dichter ſpricht er auch vertraut mit uns.“—„Aber,“ ant⸗ wortete Sara,„rechnen Sie das für nichts, ſeines Herzens Drange folgen zu koͤnnen, indem man ſeiner Anbetung Luft gibt. Welcher glückliche Augenblick, wenn ich mich ihm zu Füßen werfen und in Dank und Thränen aus⸗ brechen könnte! Er ſelbſt würde gerührt werden, glauben Sie nicht?“—„Ich weiß nicht,“ antwortete ich,„aber nach der Idee, die ich von ihm habe, glaube ich nicht, daß ihm eine ſolche Scene angenehm ſein würde.“— „Wie!“ rief Sara:„Ein Dichter, wie er, ſollte ſo ge⸗ fühllos ſein?“—„Nein, nicht das,“ antwortete ich, „aber..... in Wahrheit, ich weiß Ihnen meine Meinung nicht klar zu machen. Es geht mit unſerem Entzücken über die ſchoͤnen Künſte und die Schönheit der Natur, wie mit der religioͤfen Andacht: Sie kann nicht in laute Ausrufungen und leidenſchaftliche Worte ausbrechen. Nur in ſtiller Demuth dürfen wir uns der Gottheit und ihren Offenbarungen im Leben nahen.“ Sara ließ mich nicht mehr ſagen. Mit Heftigkeit brach ſie in die Worte aus:„So ſpricht das nordiſche Phlegma, aber das iſt nicht Jedem gegeben. Die Gefühle eines warmen Herzens ſind für unſre Klimate eine ungangbare Münze. Doch, fügte ſie mit milderer Stimme hinzu,„was Göthe betrifft, 107 ſo ſehe ich wohl ein, daß ihn meine geringe Huldigung nicht intereſſiren könnte. Ein armes Weſen, wie ich An einer Stelle ſagt er freilich: wahre Hingebung, von welchem Menſchen ſie auch komme, ſei nicht zu verach⸗ ten.“— Sie konnte ihre Thränen nicht länger zurück⸗ halten, ſondern wandte ſich weg und weinte. Dieſer Auf⸗ tritt betrübte mich und ich ärgerte mich, dieſes gute Mädchen, das nie einem Geſchöpfe das mindeſte Böſe zufügte, ſondern jeden Tag etwas Gutes that, verwundet zu haben. Ihre Exaltation, die mir ſo ſehr zuwider bunr mußte man für eine Folge ihrer korperlichen Schwäche anſehen. Unter den Klagepunkten, die ich in meinen Gedan⸗ ken gegen Sara vorbrachte, war auch der, daß ſie einige unſäglich flaue Freundinnen zu lieben und aufzuſuchen ſchien; beſonders beſuchte ſie eine Fräulein Hanſine bei⸗ nahe täglich, und ſchien ſehr in ihr Vertrauen eingeweiht zu ſein. Dieſe Dame, welche 29 Jahre alt war, ſechs Jahre älter als Sara, beſaß eine beſondere Gabe, mir unangenehm zu ſein, und ich glaube ihr nicht Unrecht zu thun, wenn ich behaupte, daß, mit Ausnahme elner ſehr hübſchen Taille nichts an ihr war, was einen Men⸗ ſchen einnehmen konnte. Einſt beklagte ſie ſich in meiner Gegenwart, über eine ſehr unangenehme Szene, die auf einem Balle ſtattgefunden, auf dem ſie geweſen, und über eine Beleidigung, die ihr ein thörichter Menſch bei dieſer Gelegenheit zugefügt. Sie wurde von dem Berichte ſelbſt ſo gerührt, daß ſie in die bitterſten Thränen ausbrach. Sara ſagte:„Weßhalb gehſt Du in dieſe Geſellſchaft? Ich habe Dir früher geſagt, daß ich gehoͤrt, es herrſche ein ſchlechter Ton dort.“—„Gott!“ rief Fräulein Sine:„Soll man denn hier kein Vergnügen haben? Tanz iſt ein mal mein Vergnügen. Du haſt gut ſprechen, Du haſt keinen Grund, auf einen Ball zu gehen und zu tan⸗ zen.“— Die arme Sara wurde blutroth. Die Andere fuhr fort:„Es iſt bei Gott! nicht ſo leicht, ſich vor der Zudringlichkeit der Herren zu ſchützen.“—„Ich glaube doch, daß man es kann,“ antwortete Sara.—„Ja Du ſprichſt wohl,“ rief Fräulein Sine:„Du verſtehſt nichts davon. Es drängt ſich Niemand auf dieſe Weiſe um Dich.“— Nun konnte ich es nicht länger aushalten. „Wie verſtehen Sie das, mein Fräulein, was Sie da ſagen“ fragte ich.„Das⸗iſt leicht zu verſtehen,“ rief das Fräulein, beſtändig weinend:„Sara iſt ein ganz vor⸗ treffliches Mädchen, dem ich Alles anvertraue und das ich ehre und achte vor allen jungen Mädchen unſres Al⸗ ters, aber ſie iſt ſchief im Rücken, das weiß ſie ſelbſt und macht ſich keinen Kummer daraus, dazu iſt ſie zu klug und vernünftig.“— Sara erhob ſich in tödtlicher Ver⸗ legenheit und trat ans Fenſter.—„Vergeben Sie, mein Fräulein!“ rief ich:„das ungemein Undelicate, was Ihre Worte enthalten, mag entſchuldigen, daß meine Antwort gleichfalls etwas Undelicates enthält. Nicht blos ich, ſon⸗ dern Alle, glaube ich, halten Fräulein Sara für das liebenswürdigſte Mädchen ihres Kreiſes. Den körperlichen Fehler, von dem ſie ſprechen, vergißt man leicht. Ich zum Beiſpiel, ſehe ihn nie und ich müßte den Mann für einen gefühlloſen Klotz halten, den eine ſolche kleine Unregelmäßigkeit in der Figur blind für vie Anmuth und die Vorzüge machen könnte, welche manches Mäd⸗ chen für eine ſchöne Taille eintauſchen zu können wünſchen müßte.“—„Ich weiß nicht, was Sie wollen,“ antwortete das Fräulein,„Sie ſprechen aus Liebe ſo.“— „Ja,“ antwortete ich:„aus der beſten Liebe: aus Liebe zu dem, was ſchön und gut iſt. Es thut mir leid, wenn Sie dieſe Liebe nicht mit mir theilen.“ Sara näherte ſich, mit freudeſtrahlenden Augen. Sie reichte mir die Hand und ſagte:„Ich danke Ihnen für Ihre Freundſchaft, aber Sine meinte es nicht ſo ſchlimm, Sie iſt ein gutes Mädchen.“ Und mit dieſen Worten umarmte ſie das Fräulein, als ob ſie ihr für die Vertheidigung dankbar wäre, zu der ſie die Veranlaſſung gegeben.„Ja, kleine 109 Sara,“ ſagte Fräulein Sine,„ich verſtehe wohl, wie das zuſammenhängt, Gott laſſe Dich glücklich werden. Es ſoll Niemand mehr freuen, als mich.“— Die Verlegen⸗ heit, die mich bei dieſen undelicaten Hindeutungen auf meine Gefühle für Sara befing, wurde am folgenden Tage durch einen an ſich unbedeutenden Umſtand noch großer. Während des genannten Geſpräches hatte ich mit meinem Uhrenſchlüſſel geſpielt und ihn im Zorn und Eifer zerbrochen und weggeworfen. Er war von keinem Werthe, nicht einmal von Gold. Ein Stück gefärbten Glaſes war in ihn eingefaßt. Da er zerbrochen war, bildete er ein kleines Viereck mit einem Oehre. Als ich nun am nächſten Vormittag zur beſtimmten Stunde kam, machte mich Sara ſelbſt darauf aufmerkſam, daß ſie es an einem Bande um den Hals trug. Ich fühlte, daß ich erröthete und ſtammelte einige Worte, daß ich einer ſol⸗ chen Ehre unwürdig ſel, da das Glas unächt und ohne allen Werth!—„Für mich,“ ſagte ſie,„iſt es von größerem Werthe, als alle Diamanten der Erde. Es erinnert mich an eine Stunde, die ich nie vergeſſen werde.“ Bei dieſen Worten nahm ſie meine Hand in die ihre, drückte ſie und behielt ſie noch lange, nachdem wir unſre Unter⸗ richtsſtunde begonnen. Zum erſten Male fiel es mir ein, daß Saras Gefühle für mich anderer Art ſeien, als die meinen für ſie. Ich warf mir mit Recht meine Unvor⸗ ſichtigkeit im Umgange mit dem guten Mädchen vor, das nicht an die Eiſenmauern dachte, die ſie von ihren unſchul⸗ digen Wünſchen trennte. Ich beſchloß mit ſo großer Scho⸗ nung als moͤglich mich zurückzuziehen, und da ich in kurzer Zeit um den Doctorsgrad disputiren ſollte und viel zu arbeiten hatte, ſo bot dies einen annehmbaren Ent⸗ ſchuldigungsgrund, ſeltener zu kommen. Auch glaubte ich, daß es in einem Verhältniß, wie dieſes, mehr als er⸗ laubt ſein köͤnne, ihr meine Verbindung mit Louiſen an⸗ zuvertrauen; aber der Mangel an Gelegenheit zu einer ſolchen Veriraulichkeit und die Furcht, das arme Mäd⸗ 11⁰ chen zu betrüben, verhinderten, daß ich ihr meine früheren Erlebniſſe mittheilte. Sich von einem Weibe geliebt zu wiſſen, das man achtet, iſt indeß etwas, was nichts anderes als eine ge⸗ wiſſe Zärtlichkeit erwecken kann„dis manchmal wie Liebe ausſieht und bisweilen bemerkte ich ſelbſt, daß ich wider meinen Willen bei Sara und ihrer Umgebung einen ſol⸗ chen Irrthum nährte. Es geſchah indeß Eins und das Andere, was die Wärme meiner Gefühle kühlte. Eines Tages, als ich zu Sara kam, fand ich ſie ſehr düſter ge⸗ ſtimmt, und auf meine Frage um den Grund ihres Kummers, erzählte ſie mir, daß ein junger Mann, den ſie mir nannte, um ihre Hand werbe; daß ihre Pflege⸗ ältern ſie mit Vorſtellungen und Bitten überhäufen, ihm ihr Ja zu geben, und was ſie am meiſten betrübe, doß dieſer unglückliche Liebhaber aus Verzweiflung Alles verlaſſen und nach Oſtindien reiſen wolle. Ich kannte dieſen jungen Mann oberflächlich und hatte ihn, doch nicht in letzterer Zeit mehre mal in R's Haus getroffen. Es war etwas in dieſer Geſchichte, was mich wunderte. Ich ſagte Sara, wie es meine Ueberzeugung war, dieſer Bräutigam ſei nicht zu verachten; aber dieſe meine Aeußerungen vermehrten ihre Betrübniß noch.„Mein Gott!“ rief ſie,„was ſollte mich dazu bewegen, mich gegen den Wunſch meines Her⸗ zens zu verheirathen? Meine Freiheit iſt mein einziges Gut, hätte ich nur Ruhe vor den Vorſtellungen Ande⸗ rer! Ich bin recht unglücklich! Daß ich im Grabe läge!“ Als ich einige Tage ſpäter mit Frau R. allein war, brachte ich ſie auf dieſes Kapitel, was ſehr leicht war, und ließ einige Worte darüber fallen, daß es eine Sünde ſei, Sara mit dieſer Sache zu beunruhigen.„Ach du mein Gott!“ rief die Frau: piſt das der Kummer Saras? das iſt ja eine alte Geſchichte. Es traf ſich, daß mein Mann zu ihr ſagte, der Vater des jungen Menſchen habe geäußert, es könnte ein hübſches Paar aus Sara und ſeinem Sohne werden, der unſerer Pflegtochter ſehr gut 111 zu ſein ſcheine und ſo plauderten wir hin und her und meinten, es waͤre eine gute Partie. Aber wir haben ihr ſpäter zu ſagen vergeſſen, daß der junge Menſch verlobt iſt.“—„Aber er will ja nach Oſtindien gehen,“ ſagte ich.„Ja,“ antwortete die Frau,„und das glaube ich wohl. Er hat ja ein gutes Amt drüben bekommen, und ſoviel ich weiß, wird er zuvor Hochzeit haben.“ Das war das Ende dieſes Romans. Wenige Tage ſpäter zogen mich Frau R. und Fräulein Sine wegen eines kleinen goldnen Herzens auf, das Sara um den Hals trug, wo ſie früher meinen Uhrenſchlüſſel getragen, der, Gott ſei Dank, in Stücke gegangen war. Dieſes Herz, meinten ſie, hätte ich Sara verehrt: und in dem Wortſtreit, der nun durch ihr heftiges Behaupten und mein Läugnen entſtand, trat es deutlich in die Augen, daß Sara, wenn auch nicht ausdrücklich geſagt, doch hatte verſtehen laſſen, daß ich ihr dieſen Schmuck gegeben. Dieſe unwahre Seite in Saras Character hatte ich nicht vermuthet und der Eindruck, pflichtung, die ich mir täglich zu erfüllen vornahm, wo⸗ zu ich aber niemals die rechte Stimmung finden konnte. Ich habe indeſſen einen Plan für die Zukanft ge⸗ faßt, der mich mit Entzücken erfüllte. Es war das zweite und im Vereine mit ihr Verhaltungsregeln für die Zu⸗ kunft treffen. Die Nachrichten von ihr empfing ich beſtaͤn⸗ 11² dig auf dieſelbe Weiſe. Ein freundliches Wort von Lord M. beantwortete mir einmal zwiſchen einer halbverblüm⸗ ten Frage, ob man noch mit derſelben Güte meiner denke, ob Sir Charles noch abweſend ſei u. ſ. w. An dem Tage, an welchem ich mit Ehre mir den Doctorhut erkämpfte, waren Onkel Albert und ich zu einer Abendgeſellſchaft bei R's eingeladen. Wir hatten freilich gewünſcht, den Tag auf eine andre Weiſe zu feiern. Aber die Aufmerkſamkeit der Familie war doch zu groß, als daß ſie hätte abgeſchlagen werden koͤnnen. Sara hatte überdies mit ihrem angeborenen Talente, auf an⸗ genehme Weiſe überraſchen zu können, ihre freundliche Theilnahme durch einige geſchmackvolle Gaben ihrer Arbeit uns an den Tag gelegt. Wir fanden den gewöhnlichen Kreis von Bekannten bei Frau R., Alles übrigens ſehr feſtlich. Die Frau nannte mich mehr als hundert Mal „Herr Doctor,“ und fügte hinzu, daß meine Frau, wenn ich einmal heirathete, nun einen recht hübſchen Titel bekäme. Davon ging ſie auf die Mahnung über, nun recht bald eine gute Wahl zu treffen.„Sie können ja nicht wiſſen,“ ſagte ich,„ob ich nicht ſchon gewählt.“— „Nein,“ antwortete ſie,„das kann ich allerdings nicht wiſſen, ob Sie ſchon in Gedanken gewaͤhlt, aber eine Braut haben Sie nicht, darauf wollte ich ſterben!— „Meine beſte Frau! Das wäre doch gewagt, Ihr Leben auf dieſe Art zu riskiren.“—„Mein beſter Freund!“ fuhr ſie fort:„Das glaube ich deßhalb, weil Sie in kein anderes Haus, als dieſes kommen, das hat Ihr Onkel oft geſagt; und hätten Sie eine Braut, ſo müßten Sie ſie auch beſuchen.“—„Aber,“ antwortete ich,„ſie koͤnnte ja weit entfernt, in einem andern Lande, oder in einer Provinz ſein.“—„Nein,“ fuhr die Frau fort,„Sie waren nie außer Landes, nicht mal weit von Kopenhagen fort. So gleichgültig könnten Sie doch nicht ſein und ſie nie beſuchen, wenn ſie in Fünen oder Jütland wäre.“— Ich wollte noch etwas antworten, aber in dieſem Momente — — 113 fiel mein Blick auf Sara. Ich ſah, wie ſie ihre Farbe wechſelte, und ich hatte deßhalb nicht das Herz, mehr davon zu ſprechen. Frau R. fuhr fort und ſagte:„Ant⸗ worten Sie mir auf Ehre und Gewiſſen: ſind Sie verlobt?—„Gewiſſensfrage, liebe Frau!“ rief ich lächelnd. Onkel Albert ſah vor ſich hin und ſummte mit einem politiſchen Geſichte.„Nein,“ ſagte er,„ich antworte für ihn: verlobt iſt er nicht.“—„Nun, ich danke Ihnen für dies Wort,“ ſagte die Frau:„es fällt ein Stein von meinem Herzen, denn ich meine es gut mit dem lieben jungen Doctor.“— Beij jeder ſolchen Gelegenheit dachte ich mit Freude daran, daß ich bald fortreiſen werde und gelobte mir, vor dem Abſchiede Sara alles anzuvertrauen. Eines Tages, als wir allein waren, wollte ich dieſes Geſpräch einleiten und begann damit, ſie von meiner bald bevorſtehenden Abreiſe zu unterrichten, welche jedoch aus verſchiedenen Gründen erſt im Au⸗ guſt ſtattfinden ſollte. Ehe ich in meinem Texte weiter kam, brach Sara in heftiges Weinen aus, und zeigte einen ſo leidenſchaftlichen Schmerz bei dem Gedanken an unſere Trennung, daß ich betrübt und verlegen wurde, und aus Furcht vor einer noch heftigeren Scene nichts mehr ſagen durfte. Ich dachte nicht daran, daß mein unzeitiges Schweigen nur noch weit Schlimmeres hervor⸗ rufen würde, als ich mir dachte. Einige Zeit ſpäter wurde Onkel Albert und ich von R's Familie zu einer Spazierfahrt nach dem Thiergarten eingeladen. Es war Saras Geburtstag, und da dieſer Sommer paradieſiſch ſchon und warm war, ſo glaubte man dieſes Familienfeſt am beſten außerhalb der dumpfen Mauern der Stadt feiern zu können. Schon am Tage vorher war in R's Hauſe ein Kochen, Backen und Ein⸗ packen, als ob eine Auswanderung ſtattfinden ſollte. Als der große Tag kam, ſetzte ſich unſre Geſellſchaft auf zwei Holſteiner Wagen, die ſo vollgepackt von Menſchen, Körben Novellen. J. 8 114 mit Lebensmitteln, Fäſſern, Tellern und Gläſern waren, daß die Pferde ſie kaum ziehen konnten. Ich mußte Herrn R. beiſtimmen, der, nachdem man endlich in dem mit lauter Körben und Päcken angefüllten Wagen Platz genommen, mit einem Seufzer ausrief:„Herr Gott! Solch' eine Tour koſtet ſo viel Müh' und Plage, ohne von dem Gelde zu ſprechen, das aufgeht, daß man ſich gewiß auf eine weit bequemere Art viel Vergnügen machen könnte.“ Ich konnte um ſo mehr in ſeine Ideen ein⸗ gehen und dieſe Spazierfahrt unbehaglich nennen, als die Fremden, welche eingeladen waren, namentlich der jüngere Theil der Damen, unter denen Fräulein Hanſine eine Hauptrolle ſpielte, mir ſehr fatal waren. Che wir in den Wagen ſtiegen, begann ſie ſchon mich zu quälen. Onkel Albert und ich hatten nach unſren Verhältniſſen Sara einige kleine Geſchenke gemacht, welche leider der Geſell⸗ ſchaft gezeigt wurden. Ich hatte zufälligerweiſe ein paar Theetaſſen mit einer hübſchen Idee in der Zeichnung ge⸗ funden und ſie zu meiner geringen Gabe gewählt.„Seht mal!“ ſagte Fräulein Sine:„Dieſe Taſſe wird nun jeden Tag Saras Lippen küſſen. Ja, ja! Der Doctor weiß wohl, was er thut.“—„Schweige ſtill!“ rief Frau R.„Es kann noch Manches vor Abend geſchehen.“— Sehr verſtimmt und müde von einer langſamen Fahrt in der Sonnenhitze und in einer langweiligen Geſellſchaft kam ich endlich bei dem Walde an, den ich ſeit jenem Zuſammentreffen mit F. nie ohne ein eigenthümliches Gefühl ſehen konnte. Es war mir, als wenn dieſe prächtigen Buchen um mein Geheimniß wüßten. Meine Gedanken führten mich weiter landeinwärts nach jenem Pavillon am See, wo der Mond ſich ſpiegelte. Ich war nur halb bei der Spazierfahrt und hörte nur flüchtig die Stimmen und verblümten Sticheleien der Frau und der Freundinnen. Sara ſah verlegen aus und vermied mich. Die Ere⸗ mitage ſollte das Ziel unſrer Reiſe bilden. In einem der unterſten Zimmer wurde nach manchem Hin⸗ und 115⁵ Herlaufen der Damen endlich ein Tiſch gedeckt und mit allen Arten von Speiſen und Getränken beſetzt. Man gab mir einen Platz an Saras Seite, was mir nicht unangenehm war. Gegen den Schluß der Mahlzeit nahm Frau R. ihr Glas, indem ſie ihrem Mann einen Wink gab und ihm leiſe zuflüſterte:„Nun, Mann!“— Der Mann erhob ſich, und ſchlug vor, auf Saras Wohl zu trinken. Wir erhoben uns alle und nahmen unſre Gläſer. Da räuſperte er ſich und ſagte:„Meine liebe Mündel, Fräulein Sara F. iſt mir von ihrem ſeligen Vater, der mein ſeliger Compagnon war und dem ich mein Aufblühen ſchulde, wofür ich ihm im Grabe danke, zur Erziehung übergeben worden, und es war, wie jeder einſehen wird, meine verfluchte Schuldigkeit, mich als Vatev ſeiner Tochter zu bezeigen, und kurz, da meine Frau und ich gefunden haben, daß ſie und ein achtungswürdiger junger Mann einander lieben, aber aus großer Beſcheidenheit, weil ſie reich iſt und er nichts hat, ſich ihre Liebe nicht geſtehen wollen, ſo machen wir, als Eltern, der Sache ein Ende und brechen das Eiſen und trinken das Wohl der Verlobten, indem wir ihnen unſre Einwilligung geben. Herrn Doctor Friedrich L's und Fräulein Sara F's Geſundheit!“— Ich glaube nicht, daß ein Erdbeben, durch welches die Eremitage eingeſtürzt wäre, mich mehr erſchreckt hätte, als dieſe Rede R's. Die Verzweiflung aber, glaube ich, gab mir meine Geiſtesgegenwart wieder. Ich ſetzte mein Glas nieder und ſagte:„Herr R.! Dieſer Scherz iſt in der That ſehr unpaſſend. Ich bin durchaus nicht ſo glücklich, von Fräulein Sara geliebt zu werden. Sie iſt meine beſte Freundin, der ich anvertraut, was Sie mich nun zu ſagen zwingen: daß ich mich durch ein heiliges und unzerreißbares Band bereits vor zwei Jahren mit einem andern Frauenzimmer verbunden.“— Bei die⸗ ſen Worten nahm ich Saras Hand. Ich hatte be⸗ merkt, daß ſie waͤhrend der Rede des Herrn R. zu 116 zittern begann. Mit einem lauten Schrel ſank ſie nun in Ohnmacht. Die Frauenzimmer ellten herbei und brachten ſie in ein anſtoßendes Zimmer. Die ganze Geſellſchaft kam in Aufruhr. Das Eine lief dahin, das Andere dorthin. Ich blieb verlegen am Tiſche ſitzen, ebenſo Onkel Albert und Herr R., der dann und wann ausrief: „Mein Gott, welche Geſchichten! Gott ſoll mich bewah⸗ ren!“ Frau R. kam aus dem andern Zimmer, wo die Damen waren. Sie war außer ſich. Die belden Gatten kamen nun in Streit.„Es war Deine Schuld, Frau!“ ſagte Herr R. ziemlich geduldig:„Sagte ich es nicht, wir ſollten unſere Naſe nicht in ſolche Sachen ſtecken, aber Du warſt Deiner Sache ſo gewiß!“—„Das war ich,“ ſagte die Frau,„und das hängt auch nicht ſo zu⸗ ſammen. Wenn Sara gewußt hätte, daß der Doctor verlobt iſt, ſo hätte ſie es geſagt, und uns nicht Alle zum Narren gehabt.“—„Na!“ ſagte Herr R.:„Du haſt mir ſelbſt geſagt, daß Sara nicht wiſſe, was Du im Sinne habeſt.“—„Nein!“ rief die Frau:„das wußte ſie auch nicht. Das heißt, ich habe ihr's nicht mit baaren Worten geſagt, aber ſie ahnte es.“—„Ja, das iſt wahr,“ rief Fräulein Sine, welche in dieſem Momente eintrat:„Das arme Mädchen! Pfui, Herr Doctor! Sie ſollten ſich ſchämen. Ich habe ſelbſt gehoͤrt, welche Worte Sie zu ihr ſagten, und Jedermann mußte glauben, Sie lieben ſie.“—„Ja,“ rief Frau R.,„Sie haben ihr ein Herz gegeben, das ſie um den Hals trägt und ſtets ihre Hand in der Ihren gehalten, wenn Sie mit ihr laſen.“ ... Von allen dieſen Verbrechen wußte ich mich ebenſo frei, als ich mit Aerger ahnte, daß dieſe Gerüchte alle aus Saras eignen, wirklich vollkommen unwahren Aeußerungen ſtammten. Ich wollte ihnen nicht widerſprechen, und ließ deßhalb ruhig die Frauenzimmer mich ausſchelten, ſo viel ſie Luſt hatten. Nun kam die Reihe an Onkel Albert.„Und Sie haben geſagt, der Doctor ſei nicht verlobt!“ Er erhob ſich ganz ruhig, leerte ſein Glas und 117 ſagte:„Zu ſchuldiger Dankſagung!“ Darauf wandte er ſich an mich und meinte:„Es iſt wohl das Beſte, daß wir beide heimgehen.“ Mir war nichts erwünſchter. Wir wanderten ſtumm durch den Wald und fanden am Ausgang einen Wagen, worauf wir nach Hauſe fuhren, und erſt in unſerer einſamen Wohnung faßte ich mich nach dieſem Auftritte und erleichterte mein Herz in einem vertrau⸗ lichen Geſpräche mit meinem alten geprüften Freunde. Am nächſten Tage war mein erſter Gang zu Sara. Man ſagte mir, daß ſie krank ſei, daß man den Arzt gerufen habe, ließ mich aber doch, da ſie es wünſchte, eintreten, und wir blieben allein. Sie lag in ihrem Sopha, blaß, mit verweinten Augen. Innig gerührt, küßte ich ihre Hand und bat ſie, mir zu vergeben, daß ich ihr nicht ſchon lange mein Anliegen anvertraut. Sara weinte. End⸗ lich ſagte ſie:„Frau R. hat in der beſten Abſicht das größte Unrecht begangen. Auch Sie haben grauſam gegen mich gehandelt; aber ich ſelbſt that am meiſten Unrecht. Wie war es moglich, daß ich einen Augenblick ſo ver⸗ meſſen ſein konnte, zu denken, ein Mann, wie Sie, werde ein ungluͤckliches Weſen, wie ich, lieben? Eine von der Natur und dem Schickſal Verſtoßene„ wie ich? Ich habe es geglaubt, ich geſtehe es! ich träumte einen Traum, der mir mehr werth war, als mein ganzes Leben. Aber das iſt Ihre Schuld. Nicht blos ich, ſondern die ganze Welt mußte glauben, daß Sie mich lieben und ich war ſtolz genug, zu vergeſſen, daß ich einer ſchlanken Geſtalt entbehrte. Aber Sie haben mich betrogen und gekränkt.“ Bei dieſen Worten, die Sara mit großer Milde begonnen, ſtieg ſie nach und nach zu leidenſchaftlicher Heftigkeit.„O liebe Sara!“ rief ich;„der Himmel iſt mein Zeuge, daß Sie in meinen Augen ſchön und ohne körperlichen Mangel ſind. Ich weiß, daß ich Unrecht gegen Sie habe, aber die Freundſchaft, die ich für Sie im Herzen trug, war ſo warm, wie eines Bruders reine Liebe. Keine Betrügerei war's, wenn ich Ihnen die Ge⸗ 118 fühle an den Tag legte, die mich für Sie beſeelten. Laſſen Sie mich Sie als eine Schweſter anſehen, und nehmen Sie die Vertraulichkeit eines Bruders freundlich auf.“—„Ich geſtehe Ihnen,“ antwortete ſte,„daß ich ſelbſt und all' die Meinen Ihre Verlobung für eine Aus⸗ flucht hielten, um auf höoͤfliche Weiſe ſich zurückzuzie⸗ hen.“—„Liebe Sara!“ rief ich:„ich bin nicht verlobt, ich bin verheirathet!“—„Verheirathet!“ rief ſie heftig und verbarg ihr Geſicht in den Sophakiſſen. Ich erzählte ihr nun meine Erlebniſſe ſo kurz und ſo ſchonend, als möglich. Doch geſtand ich ihr offen, daß meine junge Frau meine erſte und einzige Liebe ſei. Als meine Erzählung zu Ende war, reichte mir Sara die Hand und ſagte mild und reſignirt:„Ich habe Ihnen nichts vorzuwerfen. Gott ſegne Sie und Ihre Louiſe.“ Ich will Sie wie eine Schweſter aufnehmen.“ Bei dieſen Worten rollten Thränen über das ſchoͤne, ausdrucksvolle. Geſicht.„Sie ſollen mein Bruder ſein,“ fuhr ſie fort, „mein beſter und einziger Freund.“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich um meinen Hals, umarmte und küßte mich heftig. In dieſem Augenblicke öffnete Frau R. die Thüre, ſteckte den Kopf herein und rief:„Nun! das gefällt mir! Iſt jetzt Alles gut und im Reinen?“— Sara antwor⸗ tete:„Liebe Mutter! Der Doctor hat mir alles anver⸗ traut. Er iſt ganz unſchuldig. Frage mich nicht welter, ſondern empfange ihn und ſeinen Pflegevater mit derſel⸗ ben Freundſchaft, wie zuvor, ja womoͤglich mit noch groͤßerer.“ Mir war es leichter nach dieſer Scene und da ich nun, nach meiner Anſicht, Sara meine Aufmerkſamkeit frei und offen zeigen durfte, ließ ich es nicht mangeln an allen erdenklichen Beweiſen meiner Theilnahme und Fürſorge während ihrer Krankheit, die eine Zeitlang dauerte und die ſie ſelbſt für ſehr bedenklich hielt, denn ſie äußerte häufig, daß ſie ſich auf den nahe bevorſtehen⸗ den Tod freue, der ſie von einer Welt hinwegführe, die 3 119 kein Glück für ſie in ihrem Schooße trage. Sie lag in⸗ deſſen nicht zu Bette, ſondern beſtändig auf einem Sopha, ſehr nett gekleidet, in einem hübſchen Negligé. Ihre Augen leuchteten vor Freude, wenn ich kam, und ich widmete ihr deßhalb auch jeden Augenblick, den ich enthehren konnte. 3 Sie wollte nur aus meiner Hand Medizin nehmen; und da ſie ſo matt war, daß ſie ſich nicht einmal emporrichten konnte, ſo trug ich ſie jeden Morgen in meinen Armen von ihrem Schlafzimmer nach dem anſtoßenden Gemache und jeden Abend zurück. Einmal, als ich nicht vor Abend kommen konnte, empfing mich Frau R. mit Weinen und Klagen.„Ach!“ rief ſie:„unſre liebe, kleine Sara! ach Gottl ach Gott!“— Ich durfte kaum fragen.„Ach!“ fuhr ſie fort:„ſie fühlt wohl, daß ihr Ende nahe iſt. Sie hat heute Vormittag ihr Teſtament gemacht. Das liebe Kind! ſie denkt wohl: es wäre ſchade, wenn ihr Vermöͤgen in fremde Hände käme. Wir dagegen, mein Mann und ich, waren ihr fünf Jahre lang treue Pflegeältern. Gott ſegne ſie für ihr gutes Herz! ich vergeſſe ſie nie.“—„Iſt Sara ſehr krank geworden?“ fragte ich ganz erſchrocken.—„Ja i⸗ ſagte Frau R. in heftiges Weinen ausbrechend:„Sie iſt ſehr übel auf.“— Ich ging nun zu ihr hinein und fand ſie wie am vorigen Tage, nur war es mir, als ob ſie geweint hätte.— Ich kannte ihren Arzt. Am nächſten Tage ſuchte ich ihn auf und bat ihn, mir aufrichtig über Sara's Zuſtand Beſcheid zu ſagen.„Ja, das kann ich wohl,“ antwortete er:„es fehlt ihr nichts mehr, und ſie kann ausgehen, wann ſie will.“—„Aber,“ fragte ich verwundert,„ſie hat ja geſtern ihr Teſtament gemacht.“— „Ja, das hat ſie allerdings gethan,“ entgegnete er,„das ſollten Alle thun, die etwas zu teſtamentiren haben.“— „Sie glaubt ſelbſt,“ verſetzte ich,„daß ſie bald ſterben wird.“—„Bah!“ ſagte er:„das iſt nichts anderes, als jene Krämpfe und Ueberſpanntheiten, welche Aerzte und Chemänner zur Verzweiflung bringen.“— An jenem Abend ſaß Onkel Albert, als ich nach Hauſe kam, am Claviere und begleitete ſeine ernſten Worte mit den paſſenden Toönen, indem er mir vorhielt, was wahre Treue bedeute; wie unwürdig es ſei, die Auserwählte ſeines Herzens zu verleugnen u. ſ. w. Auf meinen Einwurf, was das heißen ſollte, erzaͤhlte er mir, daß er von Frau R's Haus wiſſe, daß Sara zu ihren Vertrauten geſagt, ich ſei mehr zu beklagen, als ſie, denn der Leichtſinn meiner Jugend habe mich verführt, mich in ein Verhältniß einzulaſſen, das ich jetzt bereue. Frau R. und Hanfine, fügte er hinzu, nährten die Hoffnung, ich werde dieſes Verlöbniß(wie ſie meine Verbindung nannten) brechen, da ich im Grunde doch Sara liebe.— Es war mir leicht, mich vor meinem Onkel zu rechtfer⸗ tigen. Ich ſagte ihm, daß dieſe unwahre und unſchöne Seite bei Sara mir wohlbekannt ſei, ich entſchuldigte ſie jedoch damit, daß ich alle vieſe Schwachheiten bei ihr für eine Krankheit, einen geiſtigen Krampf, eine mißleitete Phantaſie halte, die den Menſchen dazu bringen koͤnne, ſich ſelbſt und andern etwas vorzudichten, und ich vergebe ihr dieſe Fehler, da ſie von der Maſſe des Guten und Edeln, das ſie beſaß, aufgewogen würden.“—„Nun, da danke ich!“ ſagte Onkel Albert:„Unwahrheit, reine Lüge, das kann ich einem Menſchen am allerwenigſten verzeihen. Das kommt ja von dem Boͤſen ſelbſt.“—„Ja,“ ant⸗ wortete ich,„es iſt doch eigentlich nicht Lüge. Es iſt immer etwas Wahres darin.“—„Das iſt die ſchlimmſte Lüge,“ rief er:„es iſt ein Mißbrauch des Heiligen; die Verdrehung der Wahrheit, daß man ſie nicht von der Lüge unterſcheiden kann! Das gleicht dem Mißbrauche, den man jetzt auch in der Muſik treibt, wo man vor lauter Bei⸗ und Flickwerk die ſchöne Melodie nicht mehr kennt. Wie würde das gehen, wenn eine ganze Gemeinde einen Choral in der Kirche herausputzen wollte? Der Eine ſänge in Oſten, der Andere in Weſten. Das wäre ja zum umkommen; und Gott tröſte den Organiſten! Wie würde —— — 121 es gehen, wenn alle Menſchen die Unwahrheit ſagen wollten? Ich kann mich gar nicht hineindenken. Ich be⸗ greife wohl, daß ein Menſch ſich volltrinkt, ſtiehlt und vieles Andere, aber das geht über meinen Verſtand.“ Nach und nach zog ich mich von meinen Kranken⸗ wartungen bei Sara zuruͤck, welche ſich auch bald erholte. Meine Reiſe war vor der Thüre und der Tag dazu be⸗ ſtimmt, als ſich plätzlich die Schreckensnachricht verbrei⸗ tete, eine engliſche Flotte nähere ſich in feindlicher Ab⸗ ſicht unſern Küſten. Anfangs ſchenkte man dem Geruüchte keinen Glauben, und ich, für den das oͤffentliche Unglück zugleich ein privates war, ſtritt ſo lange dagegen, bis die Landung der feindlichen Truppen mich und alle mit Schrecken erfüllte. Die Ereigniſſe jener Tage ſind noch friſch in der Erinnerung der Generation ſowohl, welche Zenge derſelben war, als auch der Jüngeren, welche be⸗ gierig der Tradition lauſchen. „Na in Gottes Namen!“ ſagte Herr R.:„Nun iſt der Komet am Himmel. Erinnern Sie ſich, wovon wir vor einem Jahre ſprachen? Und Krieg haben wir auch.“— „Ja,“ ſagte der Onkel:„Das letzte iſt das Schlimmſte.“— „Das kann ich nicht ſagen,“ fuhr R. fort:„Krieg, das weiß man doch, was das iſt, aber der Kram da oben, das kann Niemand wiſſen, was das für Unglück mit ſich bringt. Aber wird es Ernſt mit dem Feinde, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß das ſehr ſchlimm iſt. Ich bin Ca⸗ pitän von der Bürgerſchaft und werde meine Pflicht thun, wie die Andern, obwohl das nicht viel helfen kann; der Feind iſt zu ſtark.“ Dieſe Worte nahm Sara ſehr übel auf. Sie war vom erſten Augenblicke an von krie⸗ geriſchem Eifer beſeelt, und wünſchte nur, daß man ſie in Männerkleidern mitnähme, um ſo glücklich zu ſein, ihr Herzblut für die gute Sache vergießen zu koͤnnen. Sobald die Aufforderung des Kronprinzen an das Stu⸗ dentencorps erſcholl, ſammelten wir uns alle mit freudi⸗ gem Muthe. Onkel Albert ſelbſt, obgleich er über die Jahre 122 war, wo eine Pflicht dieſer Art von ihm gefordert wer⸗ den konnte, wollte nicht zurückbleiben, ſondern machte ſein Recht geltend, und nahm an allen Uebungen der Corps Theil und ſtellte ſich auf die Poſten, die uns anvertraut wurden. Beinahe alle Einkommensqguellen verſiegten mehr oder minder. Unſre Informationen, von denen wir lebten, hörten ganz auf. Zur Beſtreitung unſerer täglichen Be⸗ dürfniſſe mußte ich einiges Geld verwenden, das ich be⸗ reits von meinem Reiſeſtipendium aufgenommen, denn weder ich, noch Andere, dachten an die kommende Zeit. Eine ganz eigenthümliche Stimmung herrſchte in unſerer ſo friedlichen Stadt. Unſere nationale Gutmüthigkeit und Mildthätigkeit zeigte ſich im ſchönſten Lichte. Die meiſten theilten mit den Andern, was ſie hatten; die allgemeine, große Gefahr glich die Unterſchiede aus, die in ruhigeren Tagen herrſchten und des täglichen Lebens klelne Er⸗ bärmlichkeiten und Aergerniſſe verſchwanden. Wie groß dieſe Gefahr war, ſchien indeſſen unſern friedlichen Mit⸗ bürgern nicht klar. Sie kannten die Schrecken einer Bela⸗ gerung und eines Bombardements nicht; ſie dachten nur an die Gefahren, denen die, welche für das Vaterland ſtreiten ſollten, ausgeſetzt ſein würden, und dieſe waren mit großer Reſignation bereit, das Leben zu opfern. An brennende Häuſer, den gräßlichen Anblick verwundeter Frauenzimmer und Kinder dachte Niemand. Keine Muth⸗ loſigkeit war zu verſpüren, ſelbſt nicht bei den ſonſt Furcht⸗ ſamen; und Abends, wenn unſere ausmarſchirten Trup⸗ pen zurückkamen, herrſchte in den Familien, welche Nie⸗ mand von den Ihrigen vermißten, ſogar ein lebendigerer und munterer Ton, als in ruhigen Tagen. Niemand war geſchäftiger, als Sara. Mit großer Mühe bewog ſie Herrn R. einige, ihr gehoͤrenden Obli⸗ gation zu realiſiren, die ſie theils in Geld, theils in Le⸗ bensmitteln an die Dienſtthuenden und ihre Famllien aus⸗ theilen ließ. Sie zupfte ſelbſt Tag und Nacht Charpie und als von den Hoſpitälern bekannt gemacht wurde, daß 5 V 123 man, um die Laſt der Wohlthäter zu erleichtern, Leute zu dieſer Arbeit angeſtellt und ſich nur die Leinwand aus⸗ bat, war ſie ſehr ungehalten, ihre Zeit nicht mehr auf dieſe Weiſe anwenden zu können. Um nun aber nicht ganz unthätig zu ſein, ſandte ſie beinahe all' ihre Lein⸗ wand und obendrein alle gebrauchte, die ſie bekommen konnte. Da man im Falle einer langwierigen Belagerung Mangel an Lebensmitteln in der Stadt befürchtete, ſo erließ ein geachteter Offizier eine Aufforderung an die Einwohner, ſich der größten Genügſamkeit und Sparſam⸗ keit in der Lebensweiſe zu befleißigen. Kaum hatte Sara dieſe Worte gehoͤrt, als ſie ſich ein ſo ſtrenges Faſten auferlegte, daß ſie es nach zwei Tagen nicht länger aus⸗ halten konnte, und zur gewoͤhnlichen Diät zuruͤckkehren mußte. Herr R. dagegen war anderer Meinung. Wenn er Abends nach Hauſe kam, wollte er beſſer leben, als ſonſt und ließ den beſten Wein aus dem Keller auf den Tiſch ſetzen.„Das iſt das Wenigſte, was man haben kann,“ ſagte er,„wenn man den ganzen Tag daſtand und beinahe verſchmachtete. Wozu ſollte man in ſo lang⸗ weiliger Zeit ſparen, wo man keinen Tag ſeines Lebens ſicher iſt?“—„Wir müſſen uns troͤſten,“ ſagte Onkel Albert,„mit den Worten, die unſer Biſchof kürzlich ſprach, als der ehrwürdige alte Mann mit entblößtem Haupte einherging und die Truppen ermahnte, welche auf dem Walle aufgeſtellt waren, ſich nicht zu fürchten vor Jenen, welche nur den Koͤrper toͤdten, aber der Seele nichts anzuhaben vermöchten.“—„Ja, Gott ſegne den Biſchof und ſeine Ermahnungen!“ antwortete R.,„das iſt nun wieder eine von den Sachen, die weder Er, noch irgend Jemand wiſſen kann. Aber man muß einmal ſter⸗ ben, das iſt gewiß; und iſt meine Stunde noch nicht ge⸗ kommen, ſo trifft mich keine Kugel. Seht, das iſt meine Religion.“— Ich konnte mich in jener Zeit nicht genug über dieſen Mann wundern. So phlegmatiſch er war, ſo pünktlich hielt er auf ſeine militäriſchen 124 Pflichten, und ungeachtet keine patriotiſche oder religiöſe Begeiſterung ſeinen Muth belebte, zeigte er ſich doch ſtets unerſchrocken. Als ich eines Morgens ſehr früh von der Wache kam, ſah ich ihn in voller Uniform daſtehen und ſeinen Säbel an einem Schleifſtein, der an der Gaſſen⸗ ecke ſtand, ſchleifen. Ich ſtand ſtille und unbemerkt da⸗ bei; und als ich ihn anredete, ſagte er ganz phlegmatiſch: „Na, guten Morgenl ich ſtehe hier und ſchleife meinen Sä⸗ bel; man kann ja nicht wiſſen, wie nah uns der Feind kömmt.“ Bei der freiwilligen Arbeit, die das Studenten⸗ korps übernahm, nehmlich den Theil des Walles zu be⸗ feſtigen, den wir ſelbſt bewachten, geſchah es, daß Onkel Albert einen gewaltigen Schlag auf den linken Arm be⸗ kam; er war nicht gefährlich, verhinderte ihn jedoch am fernern Dienſte, was ihn ſehr betrübte; und als er den Arm in einer Binde tragen mußte, konnte er ſich nicht mal die Zeit mit Muſtziren vertreiben. Ich war ſelten zu Hauſe; er litt an Langweile und Unruhe. Ich überredete ihn deßhalb, den größten Theil des Tages und den gan⸗ zen Abend in R's Hauſe zuzubringen. Nun erſchien jener merkwürdige zweite Sep⸗ tember, der ſchönſte Sommertag, welcher plötzlich von einem Abend abgelöſt wurde, der wie das jüngſte Gericht ſeine Schrecken über die ruhige Stadt ausgoß. Die Erde ſchien unter dem Donner der Kanonen zu erzittern; Brandraketen und glühende Kugeln fuhren leuchtend durch die ſtille, klare Luft zwiſchen des Himmels Sternen hin, daß man glaubte, dieſe fallen aus ihren Bahnen nieder. Lohen angezundeter Häuſer flammten in die Hoͤhe. Ungefähr eine Stunde nach dem Beginne des Bombardements wurde ich auf einige Zeit von melnem Poſten abgelöͤſt, und eilte nach R's Hauſe, wo ich, wie ich hoffte, mei⸗ nen Pflegevater traf. Frau R. war in großer Angſt. Ihr Mann ſtand auf dem Walle. Sara war unglück⸗ licher Weiſe zu Beſuche bei Hanſine, deren Haus in dem 125 der Gefahr am meiſten ausgeſetzten Theile der Stadt lag. Ich eilte ſogleich dahin, um ſie zu holen, und während ich mich durch Brandſpritzen, Wachen und flie⸗ genden Bomben durchkämpfte, glückte es mir zugleich, einen Weg durch einige Quergaſſen ausfindig zu machen, auf welchem ich ſie unbeſchädigt nach ihrem Hauſe zu brin⸗ gen hoffte, das im ruhigſten Theile der Stadt lag. Ich fand Fräulein Sine und ihre Familie damit beſchäftigt, ihre Sachen und Meubel einzupacken und zu flüchten, da es wenige Häuſer von ihnen entfernt brannte. Sara ging ihnen eifrig an die Hand. Sie war in der eral⸗ tirteſten Stimmung und ſprach von dem Glücke, lieber mit ihren Freunden zu ſterben, als ſie in der Stunde der Noth zu verlaſſen. Erſt nach vielen Vorſtellungen willigte ſie endlich ein, mit mir gehen zu wollen,„doch,“ ſagte ſie,„gehe ich nicht fort, ehe ich jedem von dieſer Familie, die ich vielleicht nie wieder ſehe, Lebewohl ge⸗ ſagt.“— Sie lief in das nächſte Zimmer, wo ſich die Frau des Hauſes gerade befand. Im ſelben Augenblicke zerſprangen die Fenſter, ein gräßliches Gepolter folgte, Alles ſchien in Rauch und Flammen zu ſtehen. Ich und meine Umgebung ſtand wie betäubt, doch mein erſter Ge⸗ danke war Sara. Ich eilte in das Zimmer, in welchem ſie ſich befand und aus welchem der Rauch und das Ge⸗ toͤſe zu kommen ſchien. Im erſten Augenblicke konnte ich vor dem Rauche nicht ſehen. Ich rief nach Sara; end⸗ lich ſah ich etwas Weißes auf dem Boden, und— wel⸗ cher Schreck!— Da lag das arme Mädchen ohne ein Lebenszeichen. Auch Hanſinens Mutter⸗ lag auf dem Bo⸗ den, aber ihr Geſchrei und Gejammer zeigte, daß ſie noch am Leben war. Die Leute vom Hauſe kamen her⸗ bei. Man hob die Frau auf. Sie war leicht verwundet an der einen Wange. Ich knieete bei Sara. Sie gab ein Lebenszeichen von ſich. Ich nahm ſie in meine Arme. Das Blut drang aus der einen Seite. Ein Vetter des Hau⸗ ſes und ich nahmen ein leichtes Sopha, das im Zimmer 126 ſtand, legten ſie vorfichtig darauf und trugen ſie beide, mit großer Anſtrengung und nicht ohne Gefahr, nach dem weit entfernten Hoſpitale. Man nahm uns ſogleich auf; die beſten Vorſichtsmaßregeln waren getroffen. Ein Arzt unterſuchte ihre Wunde und verband ſie. Auf einem an⸗ dern Bette im ſelben Zimmer lag ein hübſches kleines Mädchen, das, von einer Bombe getroffen, toͤdtlich ver⸗ wundet war und ſein junges Leben ſtill verblutete. Ihr Vater hatte den Arm verloren. Die jammernde Mutter ſaß zwiſchen dem Lager Beider und hielt auf dem Schooß einen kleinen Knaben, der eine leichte Wunde im Ge⸗ ſichte erhalten. Sobald ſich der Arzt von Saras Lager entfernte, eilte ich zu ihm und fragte, ob ihre Wunde gefährlich ſei.„Gewiß,“ ſagte er wehmüthig,„die eine Hüfte iſt ganz zerſchmettert. Ich fürchte, es geht uns nicht beſſer, als mit dem kleinen Mädchen, dem wir hoͤchſtens einen ſchmerzloſen Tod bereiten können.“ Ich trat wieder zu Sara und nahm ihre Hand. Sie wandte den Kopf nach mir hin und es war mir, als ob ſie lächelte. Dann ſchloß ſie die Augen und ſchien zu ſchla⸗ fen. Mit blutendem Herzen eilte ich nach Frau N's Haus und brachte dieſe Trauerbotſchaft. Ich bat meinen Vater, dort zu bleiben, bis ich ihn am nächſten Mor⸗ gen abholen werde, und eilte nun auf meinen Poſten zurück. 1 Bei Tagesanbruch hörte das Bombardement und der Donner unſrer Kanonen auf den Wällen auf. Die ſchoͤnſte Morgenröthe beleuchtete die noch rauchende Stadt und die bleichen, erſchöpften Bürger, welche von ihren Poſten nach Hauſe eilten, bange vor der Kunde, die ihrer vielleicht dort harrte. Manche Menſchen, welche der Schrecken der Nacht gefeſſelt, liefen ſumm umher, ihre Nächſten aufzuſuchen. Der eine und andere Schornſtein begann zu rauchen, wie in friedlichen Tagen. Schaaren von Vögeln ſaßen auf den Dächern, wohin ſie vor Schrecken geflogen. 127 Sobald ich von meinem Poſten abgelöſt war, eilte ich nach dem Hoſpitale. Sara athmete noch, aber ſie lag in tiefem Schlafe und öffnete die Augen nicht. Das kleine Mädchen an ihrer Seite war tod. Die betrübte Mutter ſaß noch auf derſelben Stelle. Sie hielt die Hand des todten Kindes in der ihren, war aber mit dem Knaben auf dem Schooße eingeſchlafen. Ich ſtand einige Augenblicke da und betrachtete die Gruppe, küßte noch einmal die Hand meiner bleichen Freundin und eilte, nach⸗ dem ich meinen Pflegevater abgeholt, mit ihm nach un⸗ ſerer einſamen Wohnung, wo vir belde einige Stunden Ruhe ſuchten. Ich konnte kaum ſchlafen. Unſer Mäd⸗ chen kam leiſe herein und meldete mir, daß ein Bote unſers Corps mit mir ſprechen wollte. Ich ſprang raſch auf und empfing eine Ordre von meinem Chef, welcher mich mit dem Befehle beehrte, einige wichtige Aufträge auszuführen. Ich begab mich ſogleich auf meinen Po⸗ ſten und war bis gegen Abend beſchäftigt. Es war den ganzen Tag ziemlich ſtille. Sobald ich frei wurde, eilte ich nach dem Spitale. Sara war tod. Tief und innig war der Schmerz, den ich bei dieſer Nachricht empfand. Wie liebevoll war dieſes Herz, das nun ausgeſchlagen; wie innig hatte mich die⸗ ſes Mädchen geliebt; wie manchen ſchmerzlichen Augen⸗ blick hatte ich ihr wider meinen Willen bereitet!— In der düſterſten Stimmung kam ich zu meinem Onkel zu⸗ rück, der den ganzen Tag in tiefer Einſamkelt zugebracht, da Frau R. nach Amack geflüchtet war und alle andern Freunde da⸗ und dorthin ſich zerſtreut hatten. Auch 128 Am folgenden Tage war ich vom früheſten Morgen an in derſelben Weiſe beſchäftigt, wie am vorhergehenden. Abends begann das ſchreckliche Bombardement, deſſen zer⸗ ſtörende Spuren noch jetzt nach Verlauf ſo mancher Jahre innerhalb unſerer Wälle noch nicht ganz verſchwunden ſind. Die ſchöne Stadt ſchien den fürchterlichen Flam⸗ men ganz zu erliegen. Ich erhielt einige Stunden Ur⸗ laub und eilte nach unſrer Wohnung, höchſt unruhig über das Schickſal meines Pflegevaters. Die Nachbarhäuſer ſtanden in hellen Flammen; auch an dem Dache des unſrigen leckte das Feuer. Die Flammen ſchlugen ſchon zu den Giebelfenſtern heraus. Ich fand Onkel Albert beim Einpacken der wichtigſten Sachen. Mit unbeſchreib⸗ licher Freude, ihn friſch und wohl zu finden, nahm ich ihn unter dem Arm und bat ihn, mit mir zu flüchten. Mit großer Faſſung nahm er Hut und Oberrock, wandte ſich um und warf einen letzten Blick in das Zimmer. Er eilte zum Piano, ſchlug einen Accord an und rief in Thränen ausbrechend:„Lebewohl, edler Freund!“ Raſch ergriff er dann den Korb am einen Ende, bat mich, das andere zu faſſen und entfernte ſich ſchweigend mit mir. Wir nahmen den Weg nach Amack und erreichten gluͤcklich die einzige Zufluchtsſtätte. In einem der äußer⸗ ſten Häuſer des nächſten Dorfes gelang es mir, uns ein kleines ſchlechtes Zimmer zu verſchaffen. Die armen Bewohner waren ſehr freundlich. Sie brachten uns ein paar Decken und Pfühle, die ſie auf dem Boden ausbrei⸗ teten und ſetzten ein Licht auf den Tiſch. Dieß und zwei breſthafte Stühle war Alles, was ſich in der Kammer vorfand, die übrigens von einer Legion Flöhen in Beſitz genommen war, welche das Licht umſchwärmten und bei⸗ nahe verloͤſchen machten. In dieſe unbehagliche Umge⸗ bung führte ich meinen armen Pflegevater ein, der Gott für dieſe Freiſtätte dankte, und im angenehmen Bewußt⸗ ſein ſeiner Sicherheit verließ ich ihn mit dem Verſpre⸗ 129 chen, nach Mitternacht zu kommen, ſobald ich von mei⸗ nem Poſten abgelöst worden. Als ich aus dem Hauſe trat, befand ich mich auf offnem Felde und hatte Kopenhagen vor mir. Es war als ob die ganze Stadt in hellen Flammen ſtünde. Der Frauenthurm brannte. Die drei Kronen an der Spitze glühten in den Flammen. Ich brach unwillkürlich in die lauten Worte aus:„O dreifache nordiſche Krone, unbefleckt von Treuloſigkeit und Grauſamkeit! Du leuch⸗ teſt in deinem Märtyrtode mit einer Glorie um Dein Haupt!“ Ich erſchrak ſelbſt uͤber meine weit vernehm⸗ lichen Worte und bemerkte nun erſt, daß ich von Schaa⸗ ren von Menſchen umgeben war. Das ganze Feld war mit gefluͤchteten Gegenſtänden bedeckt. Obdachloſe Fami⸗ lien ſaßen theils auf dem Wracke ihrer geretteten Effec⸗ ten und Moͤbeln, theils lagen ſie im Graſe und an den Gräben umher; Manche ohne das Mindeſte, worauf ſie ihr Haupt ſtützen konnten. Kleine Kinder ſchrieen. Da weinte einer und dort rang ein anderer die Hände; Man⸗ cher gewiß über den Verluſt ſeiner Nächſten. Innig dankte ich Gott, daß Louiſe dieß Alles nicht erleben mußte.„Liebe Louiſe!“ ſagte ich bei mir ſelbſt:„Weißt Du Etwas von dem, was hier vorgeht, wie unruhig mußt Du nicht ſein! Wie würdeſt Du zittern, wenn Du mich hier wandern ſäheſt, wo der Todesengel auf jedem Schritt uns umſchwebt und ich trotz meiner Be⸗ waffnung nicht das Geringſte zu meiner Vertheidigung thun köͤnnte!“ Als ich ungefähr um ein Uhr in der Nacht deſſelben Weges zurückging, kam ich auf Chriſtianshafen an einem Weinkeller vorüber, der noch offen war und wo ich Licht ſah. Ich gerieth auf den Einfall, hinabzugehen und ein paar Flaſchen Wein zu kaufen, die ich fuͤr Onkel Albert mitnehmen könnte. Der Weinhandler, welcher ſelbſt zu⸗ gegen war, bat mich höflich, mich zu ſetzen, und ihm zu Novellen. I. 9 130 erlauben, mich mit dem beſten Weine, den ich wünſchte, zu regaliren.„Ich ſehe.,“ ſagte er,„daß Sie die Stu⸗ dentenuniform tragen; Sie hatten gewiß eine beſchwer⸗ liche Nacht. Leute Ihres Schlags können wir nicht ge⸗ nug ehren.“ Ich dankte ihm für ſeine Güte und theilte ihm mit wenigen Worten mit, was der Grund meines. Kommens ſei und daß der alte Vater meiner harre „Ja, da wäre es Sünde, Sie aufzuhalten,“ ſagte er“ indem er ſelbſt zwei Flaſchen Wein holte, für welche er durchaus keine Bezahlung annehmen wollte; er fügte im Gegentheil ein Tellerchen mit Zuckerbrod hinzu, das auf einem Tiſche ſtand. Mit größter Eilfertigkeit band er das Ganze in eine Serviette und übergab es mir, ohne nach meinem Namen zu fragen. Schon ehe ich an der Thüre des Hauſes ſtand, wo ich meinen Pflegevater zurückgelaſſen, hörte ich ihn ſingen und einen Geſang, der abſonderlich klang. Ich guckte in das niedre Fenſter und ſah ihn zu meiner Verwunde⸗ rung mit einem kleinen Kinde auf ſeinem Schooße da⸗ ſitzen, dem er vorſang und das er auf ſeinen Knieen rei⸗ ten ließ. Der Kleine lachte laut und jubelte vor Freude, was einen wunderbaren Contraſt mit der kummervollen und unruhigen Miene des alten Mannes bildete, der den ſehnſuchtsvollen Blick nach der Thüre gerichtet hatte. Ich ahnte, daß er mich mit Bangigkeit erwarte und eilte in das Haus. Bei meinem Anblick klärte ſich ſein ganzes Weſen auf und nach dem Ausbruch der Freude über meine glückliche Wiederkehr ſagte er:„Sieh', welchen hübſchen kleinen Knaben ich hier habe! Er iſt nur anderthalb Jahre alt, aber ſo klug, als wenn er dop⸗ pelt ſo alt wäre. Sieh', welch' ktuge Augen, mit denen er uns betrachtet, als wenn er Alles verſtünde, was wir ſprechen. Ich ging vor ein paar Stunden zur Thüre hinaus und traf ſeine arme Mutter, welche mit ihm auf dem Schoße daſaß. Sie war mit ihm aus dem bren⸗ nenden Hauſe geflohen und hat nichts gerettet als den — — 13¹ kleinen Buͤndel, der dort liegt. Sie iſt ein ganz junges Kind und von Allem verlaſſen. Ich glaube beinahe, ſie iſt fremd. Sie ſpricht freilich däniſch, aber, wenn mir recht iſt, mit engliſchem Accente. Ich brachte ſie mit mir herein und da ſie unſäglich erſchöpft war, beredete ich fie, ſich niederzulegen und verſprach, indeſſen das Kind zu hüten.“— Nun bemerkte ich erſt, daß in einer Ecke des Zimmers, wo die obengenannten Bettſtücke aus⸗ gebreitet waren, eine Geſtalt lag, welche von Kopf bis zu Fuß in eine Art Mantel gehüllt und wie es ſchien in tiefen Schlaf verſunken war. Still ſetzte ich mich zu meinem Pflegevater und betrachtete das Kind. Es war ein ſchoͤner, kräftiger Knabe, mit klugen lebhaften Augen, in hohem Grade luſtig und beweglich. Er war ſehr hübſch und fein gekleidet. Da er noch nicht gut ſprechen konnte, verſtanden wir, obgleich er viel plauderte, nicht, was er ſagte. Deſto beſſer begriff ich ſein Mienen⸗ ſpiel, als ich die mitgebrachten Lebensmittel auspackte. Bittend hob er ſeine kleinen Arme zu mir auf. Die Gaben des guten Weinhändlers kamen mir ſehr zu Stat⸗ ten. Ich nahm ein Zuckerbrod heraus, träufelte einige Tropfen Wein darauf und erquickte damit meinen jungen Gaſt, der mit großem Vergnügen dieſe Mahlzeit verzehrte und deutlich:„merci!“ ſagte. Mehrere Male rief er den Namen Mary und bei dieſer Gelegenheit. ließ er einige Worte hoͤren, welche engliſch waren.—„Pfui, Knabe!“ ſagte ich,„ſprich nicht engliſch in dieſer Nacht. „Gott weiß,“ fügte er hinzu,„woher dieſes Kind kommt.“ Ein Gefühl der Neugierde trieb mich zu der ſchlafenden Mutter hin. Ich beugte mich ſachte herab, um ihr halb verborgenes Antlitz zun ſehen. Nur ein ſehr ſchwaches Licht drang in dieſen Theil des Zimmers. Dunkle Locken, eine ſchneeweiße Stirne weckten meine Aufmerkſamkeit. Ich wagte mich noch näher hinzu und.....o mein Gott! ich glaubte zu träumen: die Züge meiner Louiſe traten immer deutlicher hervor. Meine Sinne waren 13² nahe daran, mich zu verlaſſen, ich konnte mein Herz ſchlagen hoͤren. Ich eilte an den Tiſch, ergriff das Licht und näherte mich, indem ich mit der Hand den Schein des Lichtes abwehrte, um die Schlafende nicht zu ſtören. Es blieb kein Zweifel mehr; ſie war es!— Onkel Al⸗ bert ſprach mit mir; ich hoͤrte nicht, was er ſagte. Mechaniſch ſetzte ich das Licht auf den früheren Platz und eilte zu dem Lager zurück. Ich warf mich auf die Kniee und hielt mein Geſicht ſo nahe an das ihre, daß ich ihren Athem fühlte, ohne jedoch durch die geringſte Beruhrung ſie zu wecken. Ich ſog das geliebte Bild ein, das nie meine Gedanken verlaſſen hatte: doch war es mir, als ob es nur dunkel in meiner Erinnerung ge⸗ lebt, als ob meine Liebe in jüngſter Zeit geſchlummert und nun erſt bei dieſem Wiederſehen in ſeine erſten Flam⸗ men ausbräche. Sie war bleich. So hatte ich ſie im Augenblicke des Abſchiedes geſehen. Aber damals waren ihre ſchoͤnen Augen offen, nun wurden ſie von den weißen Au⸗ genlidern mit den langen, dunkeln Brauen bedeckt. Welche Frömmigkeit, welch' kindliche Unſchuld leuchtete aus die⸗ ſen ſchlummernden Zügen. Ich war ſo vertieft in dieſe ſelige Betrachtung, daß mehrere Minuten lang kein ande⸗ rer Gedanke bei mir aufkommen konnte, nicht einmal die ſo natürliche Frage: wie kommt Louiſe hieher, und weſſen iſt das Kind, das ſie mitgebracht?— Plötz⸗ lich ſprang ich auf, eilte an den Tiſch und ſagte mit zitternder Stimme:„Onkel Albert! Dieſe Frau iſt meine Louiſe,.... aber das Kind? Mein Gott! Wem gehört das Kind?“ Onkel Albert blieb ſtumm vor Erſtaunen und ſah mich mit großen Augen an. Endlich rief er: — „Was ſagſt Du? Deine Louiſe? Deine Frauk.. Der Knabe hier? Sie ſagte, ſie ſeie ſeine Mutter.“ — Kein Menſch kann die Gefuhle beſchreiben, die mein Herz beſtürmten. Ich ſah den Knaben an, als wollte ich mein Schickſal in ſeinem kleinen Geſichtchen leſen, Onkel Albert that das Gleiche.„O mein Friedrich!“ 133 rief er freudig:„Ich weiß nicht, ob ich träume, aber mir iſt, als wären dieß Deine Augen, Deine Stirne, Dei⸗ ner Mutter Stirne, ihr ſüßer Mund. Iſt es möglich! Sollte ich ſo glücklich ſein, Deinen Sohn in meinen Armen zu halten!— Ach nein! das wäre zu viel des Glückes!“— Ich eilte zu der Schlafenden; aber es war, als ob ein Gefühl von Ehrfurcht mir verböte, ihren tie⸗ fen, ſtillen Schlaf zu ſtoͤren. Ich wandte mich um und ſtieß zufällig mit dem Fuß an den Bündel, der neben ihrem Bette lag. Es ſchien mir ein Wink des Schick⸗ ſels zu ſein. Ich ergriff den Bündel, um ihn zu öffnen; Onkel Albert wollte es hindern, aber ich riß ihn mit Ungeduld auf, in der ſichern Ahnung, daß mir ſein In⸗ halt Licht in dieſer Sache bringen würde. Meine Hoff⸗ nung betrog mich nicht. Das Erſte, worauf mein Auge fiel, war Kinderzeug und Frauenwäſche. Begierig ergriff ich ein Taſchentuch und ein Stück von der Kinderwäſche. Das Taſchentuch war L. L. und die Kinderwäſche F. L. gezeichnet— meine eignen Buchſtaben. Mit Entzücken betrachtete ich dieſe beiden lieben Namenszüge. Mitten in dem Bündel ſtieß ich auf etwas Hartes, das zwiſchen dem Zeuge verborgen war. Ich zog es heraus: es ſchien ein Juwelenſchrein zu ſein. Ich drückte an einer Feder des Schloſſes: es ſprang auf und ich fand einigen Schmuck, einen Handſchuh, den ich ſogleich als den meinen wieder erkannte, welchen Louiſe beim Abſchied behalten hatte. Mit einem erſtickten Freudenſchrei drückte ich ihn an meine Bruſt, an meine Lippen. Nichts hätte mich in dieſem Augenblick mehr freuen können, als das Wiederfinden dieſes alten Freundes, und als mir im ſelben Augenblicke einige Aeußerungen aus jenem zerriſſenen Briefe von Loui⸗ ſen einſielen und ihre Erklärung mir in die Augen ſprang, brach ich in Thränen aus: ich eilte zu dem Knaben hin und wollte ihn in meine Arme ſchließen, aber er ſtieß mich von ſich und verbarg ſein Geſicht an Onkel Alberts Bruſt. Ich knieete, küßte den Saum von des Kindes 134 Kleide, umfing ſeine kleinen Füße und netzte ſte mit meinen Thränen. Der Onkel weinte mit mir und legte die eine Hand auf meinen Kopf, während er mit der andern den kleinen Knaben an ſich drückte.— Nun konn⸗ ten wir unſerer Sehnſucht nicht länger widerſtehen. Onkel Albert erhob ſich mit dem Kinde auf dem Arme und beugte ſich zu Louiſen herab; ich kniete an ſeiner Seite. Der Kleine ſtreckte ſeine Arme nach ihr aus und rief: „Maman, Maman!“— Ploͤtzlich erwachte die liebevolle Mutter, richtete ſich halb auf, oͤffnete die Augen und ſtieß, als ſie auf mich fielen, einen Schrei aus, ſchlang die Arme um meinen Hals und war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. Unſer Kind ſchlang ſeine kleinen Arme um ſie. Onkel Albert nahm ihre Hand und küßte ſie oftmals. Ich will mich nicht vermeſſen, eine Seene, wie dieſe auszumalen. Als ich wieder zur Beſinnung kam, bemerkte ich, daß mein Pflegevater von dem jugendlichen Gefühle, mit dem er an dieſer Scene Theil genommen, ſehr ange⸗ griffen war. Louiſe und ich vermochten ihn, einige Stun⸗ den zu ruhen. Er legte ſich auf das ſchlechte Bett, das Louiſe verlaſſen, und nahm unſeren Sohn in den Arm. Als wir ſahen, daß ein ſanfter Schlaf ſich Beider be⸗ mächtigt hatte, verließen wir das niedere Zimmer und eilten Arm in Arm unter den freien Himmel. Er ſtand in Flammen. Das rothe Feuer beleuchtete alle Gegen⸗ ſtände. Louiſe ſchauerte bei dieſem Anblicke.„O!“ ſagte ſie,„welche Nacht! welcher Unterſchied zwiſchen dieſer und jenen ſtillen Sommernächten, als wir zuſammen ſpazieren gingen. In der erſten Nacht unſrer Begegnung, ſchien des Mondes bläuliches Licht auf dem Waſſer und ſpiegelte ſich in dem See; und nun thun die furchtbaren, rothen Flammen daſſelbe. Es war gegen Morgen. Das Feld hatte ſich von Menſchen ziemlich geleert. Es war ruhiger geworden. Einige hatten Obdach gefunden, andere lagen in tiefem 135⁵ Schlafe und feſt verhüllt am Boden. Abſeits an einem Graben ſtand ein altes Meubel, eine Art Sofa. In der einen Ecke deſſelben ſaß ein halb erwachſenes Mädchen und ſchlief, mit einem Hunde auf dem Schooße. Das gute Kind ſchien im frohen Gefühle, dieſen Schatz gerettet zu haben, eingeſchlafen zu ſein. Unbemerkt von ihm ſetzten wir uns in die andre Ecke des Sofas. Louiſe ſchlug ihren großen Mantel um uns beide. Ich hielt ſie feſt in meinen Armen und fühlte mich glücklich in all' dem Unglücke. Nach ſo manchen ſehnſuchtsvollen Tagen waren wir nun wie durch ein Wunder vereint. Ich bat meine Louiſe, mir die Räthſel zu löſen, die mich verwirrten, und mir zu erklären, weßhalb mich Niemand von der Geburt meines Sohnes unterrichtet, und wie es zuging, daß wir uns hier, in einem ſolchen Augenblicke, fänden? Daß ich nichts von dem Daſein meines Kindes wußte, wunderte ſie ſehr. In jenem Zeitpunkt, ſagte ſie, ſei Lord M. fort⸗ gereiſt, ſeine Frau auf das Land gezogen, um ſie ſchweſter⸗ lich zu pflegen, und habe mir ſelbſt geſchrieben, um mir die erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Ihr Brief, welchen Louiſe geleſen, war mit einem ſichern Boten ſogleich nach London geſchickt, aber in Mylords Abweſenheit vermuthlich nicht mit der gewöhnlichen Genauigkeit beſorgt worden und dadurch verloren gegangen. Der Umſtand, daß einer von Louiſens Briefen zerriſſen wurde, und ſein Inhalt mir ſo gut als unbekannt blieb, war ein Grund mehr, daß ich mir von der glücklichen Ueberraſchung nichts träumen ließ, welche mir vorbehalten war; als ich mir jedoch jetzt den fragmentariſchen Inhalt jenes zerriſſenen Briefes wieder⸗ holte, verſtand ich, was mir früher darin unverſtändlich geweſen war und ſah, daß ich aus dem Brief mein Glück hätte errathen können, wenn es mir vergoͤnnt geweſen, das Ganze im Zuſammenhang zu leſen.. Louiſe erzählte mir nun, daß Lady M. ſie vor kurzer Zeit davon unterrichtet habe, ihr Gemahl ſei durch Befehl zu einer Expedition nach der Oſtſee commandirt und ſie 136 ſelbſt hege den Wunſch, ihn zu begleiten. Louiſe bat ihre Freunde, ſie nicht zurückzulaſſen, um ſo mehr, als Sir Charles jeden Tag von ſeiner Reiſe in's Ausland zurück erwartet würde. Sie gaben ihren Bitten nach und durch den Einfluß Lord M's erhielt ſie die Erlaubniß, ſeine Frau zu begleiten. Die Beſtimmung der Expedition war den Damen unbekannt; man ſagte, die Flotte wolle nach Rußland gehen, da ſie jedoch jedenfalls die däniſche Küſte paſſiren mußte, bat Louiſe ihren Beſchützer, ſie dort an's Land zu ſetzen, um endlich ihrem Gatten und dem Vater ihres Kindes zugeführt zu werden. Lord M. antwortete ausweichend auf dieſe Bitte. Er ſchien, gegen Gewohn⸗ heit, ungerne an dieſer Erpedition Theil zu nehmen. „Kaum,“ ſagte Louiſe,„waren wir zwei Tage in See geweſen, als ich erfuhr, daß mein Bruder an der Expedition Theil nehme und ſich auf einem andern Schiffe beſinde. Am erſten Tage, als die Flotte Anker warf, kam er zu Beſuch an Bord zu uns. Mit Schrecken be⸗ merkten wir, daß ſeine zweijährige Abweſenheit durchaus keine Aenderung in ſeiner Stimmung und Neigung hervor⸗ gebracht. Sein Zuſammentreffen mit mir war, wie un⸗ ſere früheren Scenen, von ſeiner Seite eine Miſchung von Liebe und Raſerei, von Zärtlichkeit und Erbitterung. Er beſchwor mich knieend, meine Verbindung mit Dir abzuſchwören, ihm zu verſprechen, daß ich ihm folgen werde, ſobald der Zug zu Ende ſei; er verpflichtete ſich, jedenfalls mich für ſeine Schweſter zu erklären und auch als ſolche zu achten. Mein Kind wollte er erziehen und lieben, wie ein theures Glied der Verwandtſchaft.„„Mein Eigenthum,““ fügte er hinzu:„„werde ich ihm zwar nicht hinterlaſſen; aber ich will ſeine Jugend glücklich und glänzend machen und ihn bereichern, ſo lange ich lebe.“ Als alle dieſe Anerbietungen nichts nützten, nahm er ſeine Zuflucht zu Drohungen und ſchwor, Du ſollteſt nie in Beſitz des einzigen Weibes kommen, das er liebez ein Kampf auf Leben und Tod zwiſchen mir und ihm — 137 ſollte ihm die erwünſchte Ruhe verſchaffen. Er verließ uns, taub für all' unſre Vorſtellungen. Bald erſuhr ich zu meinem Schrecken, daß die Flotte, auf der ich mich befand, feindliche Abſichten gegen Dein Vaterland hege. Lord M. tröſtete mich und gewiß auch ſich mit der Hoffnung auf eine freundſchaftliche Uebereinkunft zwiſchen beiden Regierungen; aber bald wurde dieſe Hoffnung ver⸗ nichtet. Ich verzweifelte. Der Anblick der däniſchen Küſte entflammte meine Sehnſucht. Die Gefahr des Krieges, die auch Dir drohte, vermehrte meinen Wunſch, Dein Schickſal zu theilen; auf der andern Seite wurde ich von der Furcht zurückgehalten, Dich meines Bruders Raſerei auszuſetzen, auch hatte Lord M. verboten, mich an einer Küſte auszuſchiffen, die bereits der Schauplatz des Krieges war. Ich wollte nun zum Wenigſten an Dich ſchreiben, aber man ſagte mir, daß ein Brief von der feindlichen Flotte Dich in's Unglück ſtürzen koͤnnte. Ich entwarf in meinem Kopfe tauſend Pläne, ohne auch nur einen von ihnen ausführen zu koͤnnen. Lord M. hatte mehre Male davon geſprochen, daß man Amak ſchonen würde, wodurch es eine Zufluchtsſtätte für die wehrloſen Einwohner wer⸗ den könnte. Ich wußte Nichts von Deinen militäriſchen Pflichten, ſondern glaubte hieher mit Dir und unſerem Kinde flüchten zu koͤnnen und warf ſehnſuchtsvolle Blicke nach der kleinen Inſel, die meine Träume ſtets umſchwebten. Sehr häufig kamen Boote von der Küſte, welche uns Lebensmittel und andre Dinge brachten. In meiner Einſamkeit hatte ich Deine Mu tterſprache zu er⸗ lernen geſucht. Es freute mich, die Dänen, welche auf unſer Boot kamen, zu verſtehen und mich ihnen verſtändlich machen zu können. Ein Paarmal fragte ich ſie, ob ſie wohl Jemand von der engliſchen Flotte an die Kuͤſte bringen dürften. Einige verſicherten, es wäre wohl thunlich, obgleich die Thore von Kopenhagen durchaus geſperrt ſeien. Einer von ihnen ſagte:„„Ich wohne auf Dragd und ich wollte ſelbſt den engliſchen Admiral zu mir in's Haus bringen, 138 ohne daß ihm oder mir ein Haar auf dem Kopfe gekrümmt würde.““ Lady Fanny, welche meine Abſicht ahnte, ſtellte mir vor, daß dieſe Leute ſchlechte Menſchen, Verräther an ihrem Vaterlande ſeien, welche für einen ſchlechten Gewinn dem Feinde Proviant brächten, und ermahnte mich zur Ge⸗ duld. Aber dieſe verließ mich nur zu oft. An meinem Ge⸗ burtstage, dem 30. Auguſt, kam mein Bruder wieder an Bord unſres Schiffes. Er ſchien anfangs heiterer als ſonſt und ſagte, er komme, um mir Glück zu wünſchen. Ich ſaß mit meinem Sohne auf dem Schooße. Der Anblick des Kindes verſetzte ihn plötzlich in heftige Aufregung. Er verfluchte das Kind und den Vater, ſich ſelbſt und alle Menſchen. Ich erhob mich, um zu gehen. Er hielt mich zurück und ſagte mit erſtickter Stimme:„„Gehe nicht fort. Ich kam in einer guten Stimmung, um Dir Glück zu wünſchen, und Dich zu bitten, dieſen Ring zu empfangen.““ Er überreichte mir einen Ring von großem Werth. Ich ſtieß ſeine Hand zurück. Raſch eilte er nach dem Bord des Schiffes, als wollte er den Ring in das Meer werfen. Plötzlich blieb er ſtehen und ſagte zu mir:„„Dieſer Krieg mit Dänemark iſt ein verfluchter, abſcheulicher Krieg und doch bitte ich den Himmel, daß er mich in ihm fallen laſſe. Ich habe eine Ahnung, daß wir uns zum letzten Male ſehen, vergib mir, Louiſe! Reiche mir die Hand und empfange dieſe Erinnerung an einen unglücklichen, allzu innig liebenden Bruder.“ Ich reichte ihm die Hand. Er kniete vor mir, küßte mir die Hand, ſteckte den Ring daran und ein Gefühl meiner früheren Zuneigung durchſtroͤmte mein Herz. Ich brach in Thränen aus. Er ſprang auf und eilte fort. Schon am folgenden Tage brachte Lord M. mir die Nachricht, daß Sir Charles bei einem Ausfall der Dänen in die Bruſt verwundet worden und die Wunde für gefährlich angeſehen werde. Es war mir nun, als ob ich dieſen Augenblick ergreifen müßte, um zu meinem ſo lange ver⸗ mißten Gatten zu kommen, aber Lord M. war nicht zu 139 überreden.„„O, Louiſe!““ rief er bewegt:„„Sie wiſſen nicht, welche Schrecken dieſer unglücklichen Stadt bevor⸗ ſtehen.““ Dieſe Worte verdoppelten meine Sehnſucht, ſtatt mich zurückzuhalten; und als ich allein mit Lady Fanny blieb, brach ich in ſo verzweifelte Klagen, ſo glü⸗ hende Bitten aus, daß ſie mir endlich verſprach, mir bei meinem Vorhaben behülflich zu ſein. Der oben genannte Mann von Dragö kam am folgenden Tage. Wir verab⸗ redeten Alles mit einander, verſprachen ihm eine kleine Summe, die er verlangte, und bei Nacht brachte er wieder eine Ladung Proviant in ſeinem Boote, mit welchem er am Schiffe anlegte. Lord M. war am Lande. Lady Fanny umarmte mich mit Thränen, und gab mir alles Geld, das ſie beſaß; verſehen mit einem kleinen Koffer, in welchen ſie die nothwendigen Kleider einpackte, ging ich, mit dem Kind auf dem Arme in das Fahrzeug des Dra⸗ goͤers und erreichte glücklich vor Tagesanbruch ſein Haus. Meine erſte Sorge war, mit Hülfe meines Wirthes einen Brief an Betty zu ſenden und am ſelben Vormittage noch kam dieſe mir ſtets ergebene Frau mit ihrem Manne und brachte mich und meinen kleinen Friedrich in ihr Haus. Wir ſandten ſogleich nach Deiner Wohnung, erfuhren aber, daß Du und Dein Pflegevater geflüchtet waren; man wußte nicht wohin. Ehe wir dieſe neue Wohnung erfahren konnten, war es Abend und die Schrecken des Bombardements begannen. Die arme Betty, welche ihrer Niederkunft entgegenſah, wurde von Geburtsſchmerzen überfallen und nach dem Gebärhaus gebracht. Ich blieb mit ihrem Manne und den Dienſtleuten allein im Hauſe zurück. Furcht vor Gefahr, welche meinem Kinde drohen konnte, und die Ungeduld, daß ich Dich nicht fand, drückten mich nieder. Als es am nächſten Tage ſtiller war, ver⸗ mochte ich durch Gaben und Verſprechungen einen der Ladendiener, Deine Wohnung aufzuſuchen. Es gelang endlich, aber Du warſt nicht da, die Leute im Hauſe ſagten, Du habeſt Dienſt. Am folgenden Morgen ſandte 140 ich Dir ein Billet, war jedoch ſo unvorſichtig, zu befehlen, daß man es nur Dir ſelbſt übergebe. Du warſt nicht zu finden, und erhielteſt es nicht. Abends ſtand unſere ganze Straße in Flammen. Betty's Mann und ihre Leute waren eifrig beſchäftigt, zu retten, was ſie retten konnten. Ich ſtarb beinahe vor Angſt und Sorge über die Gefahr meines Kindes. Endlich ließ ſich einer der Leute des Hauſes herbei, mir hieher zu folgen, wo ich in Sicherheit zu ſein glaubte. Matt und bange ließ ich mich hier mit meinem armen Knaben nieder. Verlaſſen und fremd bat ich innig zu Gott, ſich des armen Kindes anzunehmen. Er erhörte mich. Ein ehrwürdiger Mann ſtand vor mir und betrachtete uns mit mitleidigen Blicken..... Louiſe ſprach nicht zu Ende, denn in dieſem Augen⸗ blick ſtürzte der Frauenthurm aus der Hoöhe herab, wo er ſo manches Menſchenalter über der Stadt gethront. Die Flammen ſchlugen fürchterlich zuſammen. Man hörte Freudengeſchrei und Hurrahruf in der Ferne. Wir fuhren Beide auf.„Hörſt Du!“ rief Louiſe:„Sie jubeln, die Barbaren! O Gott! und unter dieſen habe ich Verwandte und Freunde! O Lord M. iſt es möglich?“.. Sie brach in Thränen aus und barg ihr Antlitz an meiner Bruſt. Ich konnte kein Wort finden. Sie erhob das Haupt, ſah mich an und ſagte:„Du biſt betrübt!“— „Ach Louiſe!“ antwortete ich,„Seligkeit und Schmerz kämpften in meinem Herzen.“. Sobald ich glaubte, daß die größte Gefahr über⸗ ſtanden ſei, ſorgte ich im Verein mit Onkel Albert für einen beſſeren Aufenthaltsort. Wir mietheten ein kleines Logis in einem der Wirthshäuſer. Dorthin führten wir meine in Kriegesunruhen mir zugeführte Gattin und ſorten, ſo gut wir konnten, für ihre Pflege und Bequem⸗ chkeit. Abends, als Mutter und Sohn zur Ruhe gegangen waren, ſaßen Onkel Albert und ich beiſammen und über⸗ 141 legten, nicht ohne Kummer, wie wir die kleinen Gaͤſte verſorgen ſollten. Unſre kleine Wohnung war abgebrannt, kaum das Noͤthige gerettet. Louiſe und das Kind waren, wie wir, von Allem entblößt. Unſre Ausſichten auf Verdienſt in der Zukunft waren gleichfalls bei dem allgemeinen Unglücke ſehr traurig.„Nein!“ ſagte mein Pflegevater,„laß uns nicht für den morgenden Tag ſorgen! Wer weiß, welch' unerwartet Glück er uns bringt. Wer hätte gedacht, daß eine Schreckensn acht Louiſe in Deine Arme führen würde und uns das engelgleiche Kind ſchenkte, das nur Segen in unſern Kreis bringen kann? Laß uns auf Ihn hoffen, der Alles lenkt, hier und dort. Er ſtimmte nun mit begeiſtertem Tone das Lied an:„Wer nur den lieben Gott läßt walten,“ u. ſ. w., indem er die Finger über den Tiſch laufen lies, als accompagnirte er ſich. Es that mir herzlich wehe, ſeine kunſtfertigen Hände den klangloſen Tiſch berühren zu ſehen und unwillkürlich mußte ich daran denken, wie wenig Ausſicht vorhanden war, ihm ſein ver⸗ lorenes Piano wieder zu erſtatten. Am folgenden Abend kam Herr R. zu uns und ſagte, daß er mich ſeit ein paar Tagen überall geſucht. Ich ſtellte ihm meine Frau und meinen Sohn vor.„Na!“ ſagte er, ohne beſondere Verwunderung zu äußern:„Meine Frau wollte nicht mal glauben, daß Sie verlobt ſeien; nun wird ſie ſich erſt wundern. Er ſetzte ſich nieder und nach einer kurzen Pauſe ſagte er:„Herr Gott! Es iſt viel geſchehen, ſeit wir uns zum letzten Male ſahen. Aber das thut nichts. Unſre kleine Sara! Es war doch ein großes Unglück! Wer hätte geahnt, daß ſie im Kriege fallen ſollte?— Ja,“ fuhr er fort, indem er ſein großes Portefeuille hervorzog, und es langſam oͤffnete:„ich ſehe wohl, es ſchmerzte Sie der Gedanke an das edle Mäd⸗ chen. Aber hier habe ich etwas, was Sie tröſten kann. Es iſt das Teſtament der ſelig Verſtorbenen, wonach Sie der Univerſalerbe ſind. Ich gratulire! Meine Frau ſah etwas ſauer dazu; aber ich gönne es Ihnen von ganzem 1⁴² Herzen. Wir haben genug für uns und kein Kind, dem wir hinterlaſſen könnten, was wir haben. Wir müſſen Gott danken, daß wir in dieſer miſerablen Zeit ſo glücklich durchgekommen ſind.“ Während dieſer Replik hatte er mir das in den geſetzlichen Formen abgefaßte Teſtament überreicht, in welchem ich mit tiefer Bewegung die in jener Unterredung geäußerten Worte meiner verſtorbenen Freundin wiederfand:„Sie betrachte mich als einen Bruder, als ihren beſten Freund, und bitte mich, Alles, was ihr gehöre, als eine Erinnerung an die Stunden zu empfangen, die ſie in meiner Geſellſchaft zugebracht, die einzigen— wie ſie ſagte— in welchen ſie den Werth des Lebens gefühlt.“ Ich mußte bei dieſen Worten wie ein Kind weinen. Onkel Albert kam herein und fragte erſchrocken:„Iſt ein Unglück geſchehen?“—„Nein,“ rief Herr R.:„Im Gegentheil ein großes Glück. Er hat eigentlich keinen Grund zu weinen.“—„Das iſt wohl wahr,“ antwortete ich und reichte Onkel Albert das Te⸗ ſtament:„dennoch koſtet mich dieſes Glück die aufrichtigſten Thränen.“ Sobald es nach der Capitulation den engliſchen Of⸗ fizieren erlaubt war, die Stadt zu betreten, erhielten wir einen Beſuch von Lord M., der uns mit freundſchaft⸗ licher Unruhe lange geſucht hatte. Er brachte Louiſen die Nachricht von dem Tode ihrers Bruders. Daß auch dieſes Ereigniß ein Glück ſei, mußten wir uns ſelbſt ſa⸗ gen, aber es koſtete Louiſen dennoch Thränen, denn der Tod iſt ein Bote aus der beſſeren Welt; deßhalb ver⸗ löſcht er die Erinnerung an das Schlimme und erhöht das Gedächtniß des Guten. Noch einmal beſuchte uns Lord M. Er brachte die Effeeten mit, welche Louiſe auf dem Schiffe zurückgelaſſen und überlieferte ihr einige Pa⸗ piere bezüglich der Leibrente, welche er in Verwahrung gehabt. Unſer liebenswürdiger Verwandter nahm Abſchied von uns, und ich begleitete ihn ein Stück Weges nach Gammelholm, wo er Geſchäfte hatte. Vor dem Thore 143 hielt er und ſagte:„Weiter ſollen Sie mich nicht beglei⸗ ten. Vergeſſen Sie mich als Engländer, behalten Sie mich in der Erinnerung als Freund!“ Als die Ruhe in der Stadt wieder hergeſtellt war, ſorgten Louiſe und ich für eine behagliche Wohnung. Mit Freuden richteten wir ein paar Zimmer für Onkel Albert ein und ich ſuchte ihn mit alle dem zu verſehen, was zu ſeinen genügſamen Wünſchen gehörte. Als wir ihn eines Abends dort einführten, war es rührend, ſeine kindliche Freude zu ſehen, namentlich bei dem Anblick des neuen Inſtrumentes. Er öffnete es ſogleich und weihte unſre neue Wohnung mit einem feierlichen Tedeum ein, von dem er in die ſchönſte Phantaſie überging, die ich jemals von ihm gehört zu haben glaubte. Unſer kleiner Knabe ſtützte ſich auf ſeine Kniee und lauſchte mit offenen Augen und Munde. Louiſe ſaß an meiner Seite. Entzückt von der Phantaſie des Onkels trocknete ſie ihre Thraͤnen, wie einſt meine Mutter, und die Erinnerung an verſchwundene glückliche Tage verjüngte die Züge meines Onkels und klang in ſeinen Toͤnen wieder. So bewegt, ſo reich an Erreigniſſen waren die Tage meiner Jugend. Nach Verlauf ſo mancher. Jahre fühle ich klar, wie unbedeutend, wie ſchwach mein eignes Weſen im Verhältniſſe zu dem war, was ſich um mich her zu⸗ trug. Mein Schickſal iſt ein lebendiges Beiſpiel der 144 mancherlei Sentenzen, welche mit den Worten, das Glück ſei beſſer als der Verſtand, oder der Herr ein Vormund der Thoren, zu bezeichnen ſcheinen, daß eine unſichtbare, aber ſehende Macht ſich eines blinden, aber kindlichen und gutmüthigen Thoren annimmt. * Die Ertreme. Novellen. I. — An einem der ſchonen Abende des warmen Sommers im Jahre 1834 wanderten zwei Männer auf der Land⸗ ſtraße. Es waren Freunde von gleichem Alter, beide zwiſchen 26 und 30 Jahren. Rudolph Hermes war Arzt und Philipp Roller Großhändler. Ihre vertraute Freund⸗ ſchaft hielten nähere Bekannte mehr für eine Frucht der Gewohnheit, des Zuſammenlebens als Kinder und Jüng⸗ linge, weniger der innigen Sympathie. Sie wanderten wie geſagt, einen Fußpfad der Landſtraße entlang in tiefem Schweigen. Hermes ſchien in ernſte Gedanken verſunken einherzuſchlendern, während Roller ſich mit heiterer Miene umſah und eine Tanzmelodie pfiff. Plötzlich blieb Hermes ſtehen und ſagte:„Sind wir nicht bald am Orte unſrer Beſtimmung?“—„Ja,“ antwortete ſein Freund;„dort bei dem Wald verlaſſen wir die Landſtraße und haben dann nur noch eine Viertelmeile.“—„Herr Gott!“ rief Hermes,„eine ganze Viertelmeile! Du ſagteſt, das Land⸗ gut Deines Onkels liege nicht volle drei Meilen von Kopenhagen entfernt und wir haben ſicher ſchon über vier Meilen zurückgelegt.“—„Da ſiehſt Du den Mellenzeiger, worauf deutlich ſteht 2 ½ Meilen,“ antwortete Roller.— „Ich war niemals ſo müde, als heute,“ fuhr Hermes fort.— „Es iſt Deine eigne Schuld; weßhalb wollteſt Du auch dieſe kleine Reiſe zu Fuße machen? Du ſagteſt ja, Du ſeieſt ein guter und geübter Fußgänger; Du habeſt auf Deiner Reiſe in's Ausland manche Station mit dem 3 148 Ranzen auf dem Rücken zuruckgelegt.“— Hermes holte tief Athem.„Die Luft iſt drückend,“ ſeufzte er:„wir bekommen ſicher Donnerwetter.“ Roller lachte laut:„Ver⸗ ſündige Dich nicht gegen den ſchoͤnen, klaren Himmel; nicht eine Wolke läßt ſich ſehen. Aber hier ſtehen wir gerade am Wirthshauſe. Laß uns hineingehen, eine Er⸗ — friſchung nehmen, und unſre Kleidung etwas reinigen, die ziemlich ſtaubig und unordentlich ausſteht. Wir würden uns doch nicht ſehr zu unſrem Vortheil ausnehmen, wenn wir uns ſo den ſchönen Augen meiner ſchönen Couſine vor⸗ ſtellten; Du namentlich, der als Freier kömmt.— Was ſoll das, Du ſchüttelſt den Kopf?— Nein, es gibt keinen Menſchen, wie Du, in der Welt! Kein Wind, kein Waſſer, kein Wetterhahn, nichts in der Natur iſt ſo unbegreiflich und unbeſtändig, als Dein Sinn.“ Sie traten nun in das Wirthshaus und ließen ſich ein eigenes Zimmer geben. Roller ſetzte ſich in ein Sopha und genoß mit Wohlbehagen den kühlen Wein, den er ſich hatte vorſetzen laſſen. Er ſchenkte Hermes ein Glas ein und bat ihn mehrmal, ſich doch an den Tiſch zu ſetzen, ſtatt am Fenſter zu bleiben, in deſſen Inſchriften er eine intereſſante Lectüre zu finden ſchien. Endlich ſetzte ſich Hermes zu ſeinem Freunde und ſagte:„Du lachſt viel leicht, aber ich verſichere Dich, daß dieſe häufig ſehr flauen Schmierereien auf den Fenſterſcheiben der Wirths⸗ häuſer ſtets etwas eigenthümlich Anziehendes für mich gehabt, und mir gar manchmal Stoff zu phantaſtiſchen Vermuthungen und Träumen gegeben haben. Ich erinnere mich, daß ich einmal als Knabe mit meinem Vater und andern älteren Leuten in Kjöge im Wirthshauſe von Hanſens war und mit einem Freunde an den Fenſter⸗ ſcheiben las, was in ſie gekritzelt war. Plötzlich brach mein Nebenmann in ein unbändiges Lachen aus und machte die Anweſenden auf eine Scheibe aufmerkſam, auf welcher die Worte ſtanden:„„O Gott! O Gott! In Kjöge.““ Alle Anweſenden lachten und jeder gab ſein — — 149 Schärflein, um das Lächerliche in dieſer Sentenz nach⸗ zuweiſen.„Haben ſie einen eigenen Gott in Kjöge?“ fragte Einer; ein Anderer ſagte:„Ich habe wohl gefürchtet, daß Kjöge, das ein ſo ſchreckliches Hauskreuz beſitzt, einen verkehrten Glauben haben müſſe; daß aber dieſe gute, alte Stadt Götzendiener behauſe, das habe ich nicht ge⸗ dacht.“ Ich ſtand ſtumm da, denn ich durfte nicht ge⸗ ſtehen, daß dieſe Worte auf der Fenſterſcheibe, die den Erwachſenen und Vernünftigen ſo lächerlich erſchienen, mir ſehr rührend vorkamen; ich bildete mir nämlich ein, daß ſie vielleicht von einem tief Betrübten geſchrieben ſeien, der in der weiten Welt vergebens einen geliebten Gegenſtand geſucht und ſeine Spur nun in dieſer kleinen, alterthüm⸗ lichen Stadt fand, todeskrank, entehrt, unglücklich und verloren! Das war eine von den Vorſtellungen, die ich mir machte. In meinem Sinne verband ich damit das Bild eines Lehrers, gegen den ich am Tage vorher un⸗ artig geweſen und der mir mit Güte mein Unrecht vor⸗ gehalten, ohne daß meine unzeltige Heftigkeit mir mein Vergehen zu bereuen erlaubte. Nun brannte ich vor Be⸗ gierde, ſeine Verzeihung zu erhalten und es war mir, als würde ich ihn vergebens ſuchen, wenn ich nach Kopen⸗ hagen käme. Ich hätte mich gerne ſogleich auf den Heim⸗ weg gemacht, und weinte heimlich, daß wir die kleine Reiſe, auf die ich mich lange gefreut, nicht ſchon hinter uns hatten. Dieſe an und für ſich dumme Geſchichte hat ſich meinem Gedächtniſſe ſo feſt eingeprägt, daß ſie mir manchmal wie eine Ahnung erſcheint, ich werde einſt im Leben, von Liebe und Rene durchdrungen, vergebens einen geliebten und gekränkten Gegenſtand ſuchen, der vor mir flieht, und es werde mir gehen, wie dem, von welchem die Tauſend und eine Nacht erzählt, daß er, in einen Stern verliebt, der ſich im Meere ſpiegelte, ſich in die Wellen ſtürzte, ihn zu erreichen.“—„Das iſt ein albernes Mähr⸗ chen,“ rief Roller.—„Albern?“ wiederholte Hermes: vich halte es für eine ſchöne Mythe, ihre tiefe Bedeutung 150 wird Jedermann verſtehen. Werden wir armen Menſchen nicht von einer unerklärlichen, wehmüthigen Sehnſucht verzehrt, ſtreben wir nicht mit Verluſt des Lebens nach dem Himmliſchen, das uns nur einen Widerſchein zeigt, nach dem wir ewig greifen und der uns ewig flieht. Ich könnte dieſe Fabel gut auf mich ſelbſt anwenden, und mein Schick⸗ ſal in dem der ganzen Menſchheit, wie das der ganzen Menſchheit in meinem beweinen; denn ewig flieht uns, was eigentlich der Kern des Lebens iſt... Ewig 2... Sie ſagen freilich, daß dort, jenſeit des Grabes... Ach, wer weiß!l,!„Gott weiß,“ ſagte Roller,„wie ein Menſch auf ſo wunderliche Ideen kam, auf ſolch einen Miſchmaſch von Gedanken, die in einander greifen wie Räder und ſich drehen, daß man ſchwindlich werden könnte.“—„O!“ antwortete Hermes:„wenn ich doch nie verwirrtere Gedanken hätte, als dieſe. Indeſſen ge⸗ ſtehe ich ein, daß ich bisweilen auf unnütze Hirngeſpinſte verfalle. Schwärmerei iſt mir in der Seele zuwider; ich könnte verzweifeln, wenn man mich zu dieſer mir ver⸗ haßten Menſchenclaſſe rechnete, aber ich werde wohl auch einmal klug, wie andre Leute.“—„Das hoffe ich,“ ſagte Roller,„und ein gutes Mittel dazu iſt, ein geſetzter und guter Hausvater zu werden, was Dir mit Gottes Hülfe bald glücken ſoll. Nun,“ fügte er hinzu und nahm ſein Glas—„laß uns anſtoßen! Auf die Erfüllung unſrer höchſten Wünſche!“ Hermes klingte an und trank aus; dann ſetzte er das Glas nieder und ſagte wie in Ge⸗ danken:„Gott, wollte Gott, ich wüßte, was meine hoͤch⸗ ſten Wünſche ſind!“— Roller ſah ihn an und brach endlich in die Worte aus:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Dich ver⸗ ſtehe. Beſinne Dich doch! Erinnerſt Du Dich, wie Du auf einem Balle im Winter Dich in meine Couſine ſterb⸗ lich verliebteſt? Daß Du immer von ihr ſprachſt, ſelbſt mit dem alten Doctor, Deinem Vater? Daß Du einſt in meiner Gegenwart zu ihm ſagteſt, Du könneſt weder — — 151 3 ſchlafen, noch eſſen, noch leſen— vor lauter Liebe. Daß er ſich um einen andern Amanuenſis umſehen möchte, da Du immer in Gedanken ſeiſt und die Patienten tödteſt?“— Hermes lachte recht herzlich.„Ja, ich erinnere mich wohl noch, und obgleich natürlicherweiſe viel Scherz und Ueber⸗ treibung in meinen Worten lag, ſo war ich doch in Deine Couſine verliebt und das iſt kein Wunder bei ihrer Schoͤn⸗ heit. Ich ſehe ſie noch vor mir, wie auf jenem Balle, wo ich ſie zum erſten und letzten Male ſah und ſprach. Dieſe prachtvolle Figur, die glänzenden Farben, gehoben von dem kohlſchwarzen Haare, die großen, ſchmachtenden, blauen Augen! Welcher Mann, wenn er nicht von Stein oder Holz iſt, könnte mit einer ſolchen Schoͤnheit tanzen, und nicht Feuer und Flamme werden?“—„Nan,“ ſagte Roller,„und wenn man Hoffnung hat, Beſitzer einer ſolchen Schönheit zu werden, ſo ſeufzt und grübelt man, nachdem man vorher außer ſich vor Entzücken war, wie Du vorgeſtern, als Dein Vater.. Gott ſegne ihn, den alten Doctor! ich kann das Geſicht noch ſehen, mit dem er ſagte:„„Rudolph, Du haſt Dich als einen guten Sohn und tüchtigen Arzt gezeigt; nun magſt Du ſehen, daß ich auch ein guter Vater und ein Arzt für die Ge⸗ ſunden bin,““ worauf er mit gravitätiſcher Miene einen Brief aus der Taſche zog und ihn Dir übergab. Und Du, Du hätteſt Dich ſehen ſollen, als Du ihn geleſen, wie Deine Wangen errötheten, und wie Du Deinen Vater umarmteſt und den alten Mann preßteſt, daß mir bange wurde, Du koͤnnteſt ihn erſticken.“—„Ach Gott! frellich, ich war ganz berauſcht. Aber weißt Du, was in dem Briefe ſtand?“—„Der Brief,“ antwortete Roller, „war von meinem Onkel.“—„Allerdings! von Juſtiz⸗ rath Roller. Aber ſein Inhalt war nicht ſo prachtig, als er mir im erſten Augenblicke ſchien. Dein Onkel ſprach anfangs ein Weites und Breites von Hochachtung, Dankbarkeit u. ſ. w., welche ihn an meinen Vater bänden und von der Freude, die es ihm machen würde, in nähere 152 Verbindung mit einem ſo vortrefflichen Manne zu treten, der der Sohn eines ſo vortrefflichen Mannes ſei u. ſ. w.; aber— hier kommt ein Aber: Seine Tochter, ſchreibt er, ſei Wittwe und habe ausſchließliche Verfügung über ihre Hand und ihr Vermoͤgen. Doch— hier kommt das Schlimmſte— werde weder er, noch ihre ältere Schweſter es an gutem Rath und Ermahnungen fehlen laſſen, welche ſie bereits ſchon einmal zu einer Wahl ver⸗ anlaßt hätten, die jetzt mit Recht eine glückliche genannt werden koͤnnte.— Denke Dir! Deine arme Couſine, welche ſchon einmal Familienverhältniſſen geopfert wurde, ſollte vielleicht zum zweiten Male überredet werden, den Reſt ihres Lebens gegen ihren Wunſch zu verſchenken! Und ich ſollte der ſein, der ein ſolches Opfer annähme! Sie kennt mich ja gar nicht. Wodurch könnte ich ein ſolches Frauenzimmer einnehmen, dem alle Welt zu ge⸗ fallen ſtrebt?“—„Wodurch?“ rief Roller:„Du willſt wohl, daß ich Dir Complimente ſagen ſoll? Du weißt ja, daß Du den Damen gefällſt, obgleich Du ſo oft das Gegentheil behaupteſt. Du biſt ſcheinheilig. Aber ſteht nichts Anderes im Wege, ſo gratulire ich. Meine Couſine widmete Dir gleichfalls auf jenem Balle große Aufmerk⸗ ſamkeit und ſprach vortheilhaft von Dir.“—„Iſt das wahr?“ rief Hermes.—„Ja, weiß Gott, es iſt wahr. Das heißt, ſie ſprach von Dir mit der ihr eigenen Ruhe. Arme Eliſe! Sie hat Grund genug, einen Mann, wie Dich, auszuzeichnen, nachdem ſie ſo viele Jahre mit einem alten, mürriſchen und tyranniſchen Menſchen, wie dieſer Barthold, lebte.“—„Wie lange war ſie mit ihm ver⸗ heirathet?“—„Das kann ich ſogleich ausrechnen: In voriger Woche wurde ſie drei und zwanzig Jahre alt; als ſie ſich verheirathete, war ſie ſiebenzehn; etwas über ein Jahr iſt ſie Wittwe; alſo lebte ſie ungefähr fünf Jahre mit ihm draußen in Holſtein.“—„Fünf Jahre!“ rief Hermes:„Ein ganzes Luſtrum ſchöner Lebensjahre! Und das nennt ihr Vater eine glückliche Wahl von einem * — 153 Ehemann?“—„Ja,“ antwortete Roller,„das heißt, weil der Mann todt iſt und ihr ſein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen hat. Du mußt wiſſen, daß dieſe Heirath für meinen Onkel allerdings glücklich genannt werden konnte, denn dieſer Schwiegerſohn rettete ſeine Ehre und Wohlfahrt mit einer tüchtigen Summe Geldes. Der gute Papa war verteufelt in der Klemme, und ſo mußte die Tochter den Schmaus bezahlen.“—„Abſcheulich!“ rief Hermes.—„Nun ja!“ fuhr Roller fort,„jetzt ſitzt er auf einem grünen Zweige und da er Eliſe wieder bei ſich hat, ſo iſt Alles gut und ſchön und der Alte wünſcht ſich nur einen Schwiegerſohn, der durch Willfährigkeit und Artig⸗ keit gegen die Familie das erſetzt, was ihm, wie Dir, an Vermoͤgen fehlt, einen Mann, der ſeine Tochter aus Liebe heirathet und ſeinem Schwiegervater die Vermögensverwal⸗ tung überläßt, wie bisher. Niemand von Eliſens Famtlie hat ſie beſucht oder geſehen, ſo lange ſie verheirathet war, denn der alte Barthold bat uns auf höͤfliche Weiſe, fort zu bleiben; aber er machte ein großes Haus drüben und es kamen viele jungen Männer zu ihnen. Meiner Anſicht nach macht es Eliſen große Ehre, daß unter ſolchen Um⸗ ſtänden nicht der leiſeſte Schatten auf ihren guten Ruf fiel; Alles ſtimmt darin überein, daß ihre Aufführung ganz vortrefflich war. Muß man ſich nun nicht mit Recht wundern, wenn ein Mann, wie Du, dem die Hoffnung blüht, eine junge, ſchöne, reiche und brave Frau zu hei⸗ rathen, in die er noch geſtern verliebt war, heute ausſieht, als ob man ihn mit Gewalt zum Brautſchemel ſchleppe?“ „Hoͤre, lieber Roller,“ antwortete Hermes,„ich be⸗ greife wohl, daß Du mich thoͤricht und ungereimt finden magſt; aber ich will verſuchen, Dich in aller Vertrau⸗ lichkeit in meinen Gedankengang einzuführen. Siehſt Du, ein Menſch wie ich, ſucht unermüdlich nach etwas, was ſeine Seele ganz erfüllen könnte. Ein ſolches Ge⸗ fühl iſt freilich die Liebe. Aber gibt es in der Wirklich⸗ keit ein Weſen, das ein ſolches heiliges Feuer, wie ich 154 es mir gedacht, doch nie gefühlt, nicht nur erwecken, ſon⸗ dern auch erhalten könnte? Ich verliebe mich leicht, weibliche Schoͤnheit verfehlt ſelten ihre Wirkung auf mich. Aber wenn ich nun eine ſolche Schönheit finde, lege ich ihr alle möglichen geiſtigen Vollkommenheiten in der Phantaſie bei. Ich verſetze die Geliebte in roman⸗ tiſche Lagen und Verhältniſſe: ich denke ſie mir durch⸗ drungen von Liebe zu mir; ich ſpreche mit ihr in meinen Träumen; kurz, es iſt ein Heiligenbild, das ich bewahre und das nur in meiner Idee exiſtirt. Ich habe mir oft die groͤßte Mühe gegeben, mit dieſer Dame des Herzens zuſammen zu kommen, welche für einen Augenblick das Original zu meinem phantaſtiſchen Bilde war: aber wenn mein Wunſch erfüllt wurde, ging es, wie mit aller Zauberei: ſie verſchwand, ſobald ich ihr näher kam. Deß⸗ halb fühle ich, indem ich Eliſen mich nähere, eine ge⸗ wiſſe Bangigkeit; und die ernſtlichen Schritte, welche ohne mein Wiſſen und meinen Willen gethan worden, find mir unſäglich unangenehm. Ich war über die liebe⸗ volle und gute Abſicht meines Vaters gerührt, ja ent⸗ zückt— aber nur im erſten Augenblicke. Es iſt eine eigne Sache, wenn zu einem Manne geſagt wird: Du ſollſt ein ſchoͤnes Weib haben, in das Du Dich vergafft. Aber ich verſichere Dich, kaum war ich allein, ſo ſchau⸗ erte ich vor dem Gedanken, dem Verluſte meiner Frei⸗ heit ſo nahe zu ſein. Noch vor wenigen Abenden fuͤhlte ich mich ſo glücklich, daß mich kein Band feßle. Ich ritt auf meinem raſchen Pferde, dem ufer entlang und fühlte mich ſo frei, wie die Lerche, die über meinem Haupte ſang.“—„Aber, mein Gott!“ ſagte Roller, „es zwingt Dich ja Niemand. Du kannſt ja meine Fa⸗ milie beſuchen und Dich in der Stille zurückziehen, wenn Eliſe Deinem Ideale nicht entſpricht.“—„O lieber Rol⸗ ler, ich weiß nur allzugut, daß ich ein Träumer bin, ich haſſe mich ſelbſt deßhalb. Deine Coufine iſt gewiß ein Engel, wenn es Engel auf der Erde gibt; ſie iſt gewiß —; — 1⁵⁵ tauſendmal zu gut für mich, und wenn ich nicht ein alter Hageſtolz werden will, der nach einem Tag voll Laſt und Hitze Abends in ſein leeres Haus zurückkehrt, wo ihn höchſtens ſein Hund mit Freundlichkeit empfängt, ſo muß ich doch Mal dran denken, mich zu verheirathen und wo kann ich hoffen, eine würdigere Braut zu finden, als Frau Barthold? Ich ſpreche nicht von ihrem Vermögen, denn da ich anſtändig leben und eine Frau verſorgen kann ohne dieſes, ſo iſt es mir beinahe ein Dorn im Auge, um ſo mehr, als ich ihr ſelbſt keinen Reichthum bieten kann. Ich ſchätze denſelben nur in ſofern, als ich ihr damit das Leben angenehmer zu machen im Stande bin.“—„Nun, in Gottes Namen!“ rief Roller,“ das iſt das erſte vernünftige Wort, das ich heute von Dir gehört! Indeß will ich doch, als Freund von Euch Bei⸗ den, Dich bitten, nicht allzu raſch vorzugehen, ſondern Dir Zeit zu laſſen, meine Couſine näher kennen zu ler⸗ nen, denn dieſe idealen Phantaſieen oder Gott weiß, wie ſie heißen, könnten Dir vielleicht in den Weg treten und..“ —„Nein! Nein!“ rief Hermes,„ich werde dieſe leeren Schatten verjagen, die nichts Anderes ſind, als Schatten, ... und doch! wer weiß! Gott iſt ja der Vormund des Thoren. Vielleicht ſinde ich in Deiner Coufine Alles, was ich mir geträumt, vielleicht iſt es möglich, den Stern zu faſſen, der ſich in den Wellen ſpiegelt.,.. Die beiden Freunde wurden in dieſem Augenblick wunderbar überraſcht: ſie hörten vor dem offnen Fenſter einige Worte ſingen, die auf die letzte Aeußerung in ihrem Geſpräche paßten. Der ſich nähernde Wanderer ſang nemlich folgende Strophe: Die Sterne an des Himmels Blau Erſchaut der Wanderer ſo gerne; Doch bald verſcheucht der Sonne Strahl Das Licht des Mondes und der Sterne, 156 Die jungen Freunde eilten an das Fenſter und ſahen einen Mann aus dem Walde kommen, der geſtützt auf einen ſchweren Knotenſtock ſich mit raſchen und langen Schritten dem Wirthshauſe nahte.„Potz tauſend!“ rief Roller:„Das iſt ja der verrückte Maler; den müſſen wir zu unſrer Aufheiterung hereinholen.“ Und ohne die Zuſtimmung ſeines Reiſegefährten abzuwarten, eilte er aus dem Zimmer und führte alsbald einen ältlichen Mann in ziemlich abgeſchabtem Frack und entſprechendem Hute herein, der trotz alldem eine große Nobleſſe im Aeußeren beſaß. Seine Weſte und ſeine Wäͤſche, welche ſehr in das Auge traten, waren weiß wie Schnee und außerordentlich fein. In ſeinem ganzen Weſen, in der Art und Weiſe, wie er den ihm unbekannten Hermes grüßte, auf beider Freunde Einladung ſich bei ihnen niederließ und ein Glas Wein annahm, lag etwas, was man edel nennen konnte, was von Bekanntſchaft mit der feinen Welt zeugte; aber auch etwas eigenthümlich Nachläſſiges. Mit Aufmerkſamkeit betrachtete Hermes ſeine höchſt intereſſante Phyſignomie: dieſe ſcharfen und doch mild blickenden Augen: dieſe noch ſchönen Züge, die ſo deutliche Spuren ſchwerer Leiden und Sorgen trugen; die ganze Figur, in der eine frühere Kraft mit einer gewiſſen Schlaffheit zu kämpfen ſchien. Nachdem man von beiden Seiten einige höfliche und nichts ſagende Worte gewechſelt, ſagte Roller, er hoffe den Fremden auf Birkehöi, dem Landgute ſeines Onkels, zu treffen, wohin er und ſein Wandergenoſſe ſich begeben wollen. „Nein, das wird nicht ſo bald der Fall ſein,“ antwortete der Fremde,„ich komme ſelten von meiner Behauſung fort. Ich bin von Geſellſchaft ganz entwöhnt.“—„Aber,“ fuhr Roller fort,„Sie malen ja ein paar Zimmer dort im Hauſe?“—„Ein Zimmer habe ich im letzten Jahre dort gemalt, einen Saal.“—„Aber das Andre,“ ſagte Roller:„ein Cabinet?“—„Nein, das male ich nicht. Das Zimmer hat ein ſchlechtes Licht und iſt überdieß — 157 eine ſehr proſaiſche Stube, die ich nicht leiden mag, ſie kann ſich mit einer Papiertapete behelfen.“—„Aber,“ wandte Roller ein,„unſre Familie wünſchte zwei Zim⸗ mer von Ihrer Meiſterhand gemalt zu haben. Alle Ken⸗ ner bewundern den Effect, das Kecke und Geniale, das“ ... Der Maler unterbrach ihn:„Das iſt mir lieb, aber ich kann vorerſt nicht malen und müßte ſchon länger ausſetzen, da ich die Gicht in meinem rechten Arm habe. Heſ⸗ Plage hindert mich oft halbe Jahre lang an der Arbeit.“— Hermes wandte nun das Geſpräch auf andere Ma⸗ terien und Roller ſchenkte dem neuen Gaſte fleißig ein, bedeutungsvoll dem Freunde zuwinkend. Der alte Künſt⸗ ler ſchien großes Behagen an dem Geſpräch mit Hermes zu finden, und angeregt von dieſem und dem Weine, wurde er lebendig und heiter wie ein Jüngling. Endlich kam das Gefpraͤch auf das Lied, das er geſungen, und Hermes äußerte, die Melodie, welche er recht originell finde, ſei ihm unbekannt, aber der Worte glaube er ſich zu erinnern.—„Die Melodie,“ antwortete der Maler,„iſt etwas, was ich ſelbſt componirt habe; es kommt mir oft dergleichen in den Kopf, ich weiß ſelbſt nicht, wie. Aber die Worte werden Sie ſicherlich kennen, denn ſie ſind von Rahbeck und ſeine Lieder werden nie auf däniſchen Lippen ſterben, ſelbſt dieß kleine erotiſche Liedchen nicht, das weniger bekannt iſt. Sie, meine Herren, Sie gehören ja einer neueren Zeit an, aber Ihr Blick und Ihre Worte ſagen es mir, daß Sie nicht zu denen zählen, die die Dicht⸗ kunſt jener Tage verachten. Es iſt wahr, daß ihr etwas Wichtiges fehlt, was die jetzige beſitzt; aber ſie beſitzt auch etwas Wichtiges, was dieſer oft mangelt, etwas, was ich Lebensfreude nennen moͤchte, etwas innig Ver⸗ gnügtes, Freies, Offenes, Empfängliches, was ich nicht recht erklären kann, was aber z. B. in Rahbecks Trink⸗ liedern herrſcht, dieſen Meiſtergeſängen, welche von Witz, Laune und Heiterkeit ſprudeln. Sie gleichen einem Men⸗ 158⁸ ſchen, der ſeelenvergnügt zwiſchen vertrauten Freunden ſitzt und ſeine Worte nicht abwägt. Der Geiſt des Weines und der Geiſt der Freude durchſtroͤmt ſie, und man fühlt ſich von ihnen berauſcht, ehe man den Wein trinkt, den ſie beſingen. Ja, mein Herr! ich verſichere Sie: jene Gelage, zu denen dieſe Weiſen gedichtet wur⸗ den, das waren Feſte, dergleichen man jetzt nicht wieder findet. Nun kömmt man zu Gaſtungen, auf Bälle, zu Trinkgelagen; ſelbſt jene Gelage aber waren dem Bachus und nicht ihm allein, auch Apollo und den Muſen, oft ſelbſt den Grazien geheiligt. Arteten ſie bisweilen am Ende aus, geſchah die eine oder andere kleine Unordnung, ſie war ſelten mit Rohheit, mit Streit verbunden. Brachte der Eine und Andere auch ein kleines Räuſchchen mit nach Hauſe, es war in heiterem Gelage errungen und hatte nichts, als eine erhoͤhte Stimmung zur Folge. Die nächſte Morgenſonne fand jeden an ſeiner Arbeit und mit neuer Friſche ging er, in heiterer Erinnerung an den Abend, an ſeine Aufgaben.“—„Aber,“ ſagte Hermes, „Sie müſſen ja noch weit jünger als die Zeit ſein, in welcher Rahbeck die Lieder dichtete, von welchen Sie ſprechen.“—„Nein! ich bin über die Fünfzig und war, obgleich noch jung, Zeitgenoſſe von Rahbeck und ſeinen genialen Freunden Baggeſen und Andern. Namentlich fand ich in ſpäteren Zeiten eine Freiſtätte gegen alle Sorgen in dem für ſo Manche unvergeßlichen Bakkehaus. In dieſer Wohnung der Gaſtfreundſchaft wurden die Menſchen nach ganz andern Regeln gewogen, als in der übrigen Welt. Es war wie im Himmel, wo Rang und Reichthum nichts gelten. Der Arme, den die Welt über⸗ ſah, der aber einigen Künſtlerwerth, einiges Verdienſt be⸗ ſaß, konnte ſicher ſein, ein Aſyl zu finden, wohin er ſich in düſteren Stunden wenden und Troſt holen konnte, ge⸗ wiß, mit einem warmen Hähndedruck und freundlichem Antlitz von dem ewig jungen Knud Lyne aufgenommen, verſtanden und durch das Geſpraͤch mit ſeiner geiſtreichen 159 Frau auf gar manche Tage erheitert zu werden. Wie Viele verſammelten ſich dort, Alles, was unſre Nation in zwei Generationen Herrliches und Ausgezeichnetes aufzu⸗ weiſen hat. In dieſem Kreiſe, unter dem niederen Dache, wieviel iſt dort nicht geſäet worden, was jetzt getrieben und Früchte getragen, wie die Bäume und Blumen des Gartens, die Cammas Hand gepflanzt und gepflegt! Hätte Socrates gelebt, er hätte dieſes Haus mit Plato und Alcibiades beſacht. Stiegen Jupiter und Mercur wieder zur Erde nieder, ſie würden dieſen Tempel betreten, wel⸗ chen Baucis und Philemon aus einer Hütte bildeten.“ Wenn ich noch vor einigen Jahren Abends nach der Veſtergade in Kopenhagen wanderte, wie freute ich mich jedesmal, in der frühen Morgenſtunde dem lieben Dache zu nahen, und den Rauch daraus aufſteigen zu ſehen! Wenn ich wieder heimkehrte, brachte ich erſt den Abend dort zu und holte mir Stärkung und heitre Laune zu meiner nächtlichen Wanderung. Nun ſehe ich betrübt auf den Weg nieder, unter deſſen Bäumen ich und ſo mancher Andere früher mit Freuden dahin wanderten. Ich hoͤre, daß es Leute gibt, welche die Denkſäule tadeln, die in der Allee ſteht. Ich ſage, die Denkſaͤule iſt gut und die Inſchrift herrlich. Wer ſie gemacht, weiß ich nicht; aber ich ehre den Verfaſſer. Er fühlte, wie ich, was in den wenigen Worten liegt:„„Hier wohnte Knud Lyne Rahbeck und ſeine liebenswürdige Frau.“ Hier wohnten ſie: ſie wohnen hier nicht mehr. Kehre um, armer Pilger! Du findeſt den alten treuen Sänger und ſeine liebens⸗ würdige Frau nicht mehr. Ja gewiß liebenswürdig!„O Margarita, Perle rein und klar.““ 3 Begeiſtert ergriff der Redner das Glas, die beiden Freunde thaten desgleichen, ſie klingten an und der Maler erhob ſich mit jugendlich ſtrahlenden Augen und Zügen, indem er rief:„Es lebe das Genie, die Schönheit, die Kunſt und die ganze herrliche Erde! Es lebe, was wir lieben und was wir geliebt! es lebe hier und dort ein 160 verklärtes Leben, wie es in unſrer Erinnerung lebt!“ Mit dieſen Worten leerte er das Glas, ſchwang es und warf es aus dem Fenſter. Hermes war ergriffen und bewegt von des alten Künſtlers Enthuſiasmus, dieſer ſelbſt ſchien jedoch etwas verlegen über die lebhafte Aufregung, und es entſtand eine kleine Pauſe. In dieſem Augenblick ſteckte ein Bauerknabe den Kopf in das offene Fenſter und ſagte, indem er das Glas hereinreichte:„Seien Sie ſo gut! hier iſt Ihr Glas! es ſiel ins Gras und hat ihm nicht geſchadet.“ Der Maler lief raſch zu dem Knaben hin, nahm das Glas und ſagte:„Dank, mein Knabe. Warte ein wenig!“ Darauf zog er ſein Zeichenbuch aus der Taſche, blätterte darin und ſagte, indem er ein kleines Stück Papier her⸗ vorzog:„Ich habe nur wenig Geld bei mir, aber vielleicht gefällt Dir dies Bild?“ Hermes warf einen Blick auf das Bild und ſah, daß es eine in kecken Zügen hinge⸗ worfene Skizze war, die der Entwurf zu einer grͤßeren Arbeit zu ſein ſchien. Sie ſtellte ein ländliches Haus von behaglichem Aeußern vor: Weinranken ſchlangen ſich an der Mauer empor; in der Thüre ſaß eine Katze, ein nie⸗ deres Giebelfenſter ſtand offen, hinter deſſen halb zu⸗ gezogenen Gardinen eine weibliche Geſtalt ſichtbar war, deren feiner Nacken und prächtiges Haargeflecht das Ein⸗ zige war, was man ſehen konnte. Der junge Arzt be⸗ mächtigte ſich des Blattes und ſchlug dem Knaben vor, ihm einen Reichsthaler zu bezahlen, wenn er es ihm laſ⸗ ſen wollte. Der Knabe war außerordentlich vergnügt und Hermes wandte ſich an den Maler und bat ihn, zu ver⸗ zeihen, daß er ſich ſo wohlfeilen Kaufes dieſe Zeichnung verſchafft, deren Werth er zu ſchätzen wiſſe.—„Sie ſind zu gütig,“ antwortete der Maler beſcheiden:„es iſt nur ein Entwurf und von Seiten der Ausarbeitung ohne allen Werth. Da ich jedoch merke, daß ſie ein Kunſtliebhaber ſind, will ich Ihnen etwas Beſſeres zeigen, was ich bei mir trage. Es iſt nicht meine Arbeit; nein, ich verſtehe 161 nicht den Pinſel ſo fein zu führen. Es iſt die Arbeit eines Schülers, auf den ich ſtolz bin.“ Mit dieſen Wor⸗ ten zog er eine Schachtel hervor und zeigte uns vorſich⸗ tig einige Miniaturmalereien von verſchiedener Größe. Hermes und Roller bewunderten laut dieſe lieblichen Kunſt⸗ werke und der Maler ſchien ſie mit innigem Behagen auf das Geniale in der Ausführung und das lebendige Colorit aufmerkſam zu machen. Ein Paar ſtellten länd⸗ liche Scenen vor; dieſe, ſagte er, ſeien Originale, das Meiſte aber waren Copieen nach berühmten Meiſtern oder nach Antiken, welche durch die Macht der Farben Leben bekommen hatten. Er theilte uns auf die Frage des jungen Mannes nach der Beſchauung dieſer Bilder mit, daß ſie von einem Kopenhagener Kunſthändler gekauft wurden, der ſie meiſt ins Ausland ſende; doch ſei es auch ſchon geſchehen, daß ſie in Doſen oder andere Bijouterieen ge⸗ faßt wieder zurückgekommen und als franzoͤſiſche Arbelt verkauft worden.„Nach Umſtänden,“ ſagte der Maler,„wer⸗ den ſie gut bezahlt.“ Er zeigte ihnen noch eine andere Schachtel, in welcher einige ſehr kleine Malereien mit großer Vorſicht eingepackt waren: Engelköpfe, Vögel, Blumen.„Dieſe,“ ſagte er,„ſind zur Verwendung als Schmuck beſtimmt, aber dergleichen haſſe ich, denn ſie ſind zu gut für ſolchen Mißbrauch, und dieſe Arbeit iſt ein wahres Verderben für ein paar ſchoͤne Augen.“—„Schöne Augen!“ rief Hermes:„iſt Ihr Schüler eine Dame?“ —„Kann ein Herr nicht auch ſchoͤne Augen haben?“ entgegnete der Maler lächelnd:„Ihre eignen ſind ein Beiſpiel davon.“ Roller zog ſeine Uhr heraus und ſtutzte als er ſah, wie ſpät es bereits war.„Ja, es iſt mir wie Ihnen gegangen,“ ſagte er:„Man erwartet uns in Birke⸗ hoͤi. Wir müſſen fort.“—„Wollen Sie wirklich die ganze Nacht hindurch gehen?“ fragte Hermes den Maler.— „Ja, das iſt meine Luſt!“ antwortete dieſer:„Der Him⸗ mel weiß, wie oft ich dieſen Weg gegangen, denn ich Novellen. I. 11 ⸗. 162 wohne ſeit mehren Jahren in der Gegend; ab und zu wanderte ich jedoch nach dem guten Kopenhagen, von dem ich nicht ganz loſſen kann und wo ich auch noch ein und den andern alten Freund habe. Ich gehe nie in des Tages Hitze und Staub. Aber in der ſtillen Nacht, wenn alles ruht und alle Blumen im Graſe duften, da fühle ich mich, als wenn ich zwanzig Jahre alt wäre.— Nun, gute Nacht, meine Herren! Ich danke Ihnen, Herr Roller, und Ihnen, Herr Doctor! Ich hoffe, wir werden uns öfter ſehen. Gute Nacht!“ Die jungen Männer, welche während der letzten Worte ihre Rechnung mit einer an⸗ weſenden Aufwärterin abgemacht, verließen nun auch das Wirthshaus. Roller und Hermes gingen dem Walde zu, der Maler aber kehrte ſich nach ein paar Schritten um und ſagte:„Es iſt keine Stunde mehr bis zu Mitternacht. Fuͤrchten Sie nicht, meine jungen Herren, dem alten Pan im Walde zu begegnen? Aber es iſt ſpät; ich vergeſſe mich ganz in Ihrer Geſellſchaft.— Ja, wiſſen Sie was? Ich bin an nächtliche Spaziergänge gewöhnt und doch wurde ich manchmal von einem paniſchen Schrecken überfallen, namentlich in dieſem Walde, der ſelbſt bei dieſer hellen Jahreszeit von undurchdringlichem Dunkel umwoben iſt. Darf ich Ihnen einen Rath geben? Sie müſſen nicht lachen! meine Worte ſind wohlgemeint. Wenn Ihnen je etwas begegnet, was Sie erſchreckt, oder eine unerklärliche Angſt Sie ergreift, ſo machen Sie ein Kreuz vor der Bruſt. Ich weiß wohl, daß Manche über dergleichen ſpotten, aber ich verſichere Sie, daß dieſes Zeichen unſichtbar in der Luft ſchwebt; wie ein Schild gegen alles Boͤſe die Bruſt deſſen ſchützt, der daran glaubt. Boͤſe Geiſter und böſe Anſchläge beben davor zurück.— Nun, glückliche Reiſe!“ Damit wandte er ſich um und ging raſchen Schrittes fort. „Welch' ein wunderlicher Mann!“ rief Hermes: „und ihn nennſt Du verrückt?“—„Ja,“ antwortete Roller,„ich nenne ihn in dem Sinne verrückt, daß er * 163 excentriſch iſt, und daß ſein ganzes Leben eine Kette von tollen Streichen bildet. Er iſt zu Reichthum und Glück geboren, denn er war Stammherr eines großen Gutes in Jütland. Aber er wollte mit Gewalt Maler werden, und als der Vater ſich dieſem Wunſche nicht fügte, lief er noch als Knabe fort und kam nach Kopenhagen, wo er Zeichenunterricht nahm und mit andern Schülern auf die Kunſtacademie ging. Dort waren Leute, die ſich ſeiner annahmen und eine Verſöhnung zwiſchen ihm und dem Vater zu Stande brachten, der ihn nun ſeiner Nei⸗ gung folgen laſſen mußte. Als ſein Vater mehre Jahre ſpäter ſtarb, reiſte der Sohn ſogleich nach Italien, hielt ſich da und dort viele Jahre lang auf und ſetzte den größten Theil ſeines Vermögens zu. Als er endlich zu⸗ rückkehrte, verſchenkte er, wie man ſagt, den Reſt und hat noch etwa ſo viel, daß er jährlich von hundert Thalern leben muß. Er könnte ſich in ganz anderer Lage befinden, denn er ſoll ein tüchtiger Künſtler ſein und ehrenvolle Anträge erhalten haben, aber er kann und will ſich nicht in einen beſtimmten Geſchäftskreis fügen. Auch könnte er ſich viel Geld durch Dekorirung von Zimmern verdienen, denn er iſt ein großer Meiſter in dieſem Fache, aber es vergehen ganze Jahre, ohne daß man ihn vermögen kann, einen Pinſel anzurühren, um ſich etwas zu verdienen. Er wohnt bei ſeinen Verwandten hier in der Gegend; bis⸗ weilen bringt er Tag und Nacht mit Leſen und Studiren zu; bisweilen geht er nach Kopenhagen, und hält ſich einige Tage dort auf. Dann ſchwärmt er, und ich ſah ihn manchmal etwas beſpitzt. Sobald er drei bis vier Gläſer Wein getrunken, wird er fidel und begeiſtert, wie es heute Abend der Fall war.“—„Woher weißt Du alles das?“ fragte Hermes:„Woher kennſt Du ihn? Und wie heißt er?⸗—„Er heißt Palmer, ſeines Va⸗ ters Gut hieß Palmfelt. Ich kenne ihn von früher, als ich ſo oft in dieſe Gegend kam, und Einiges, was ich Dir erzäͤhlt, weiß ich von meiner Couſine Molly, 164 Eliſens älterer Schweſter, welche ſeine und der ganzen Familie Geſchichte genau kennt.“—„Das iſt betrübt,“ ſagte Hermes,„daß man ſeine Achtung einem Menſchen nicht ſchenken kann, deſſen ganzes Weſen etwas ſo anzie⸗ hendes hat, wie dieſer Mann es wenigſtens für mich beſitzt. Ich geſtehe, daß ich mich durch dieſe Begegnung wie neu geboren fühle. Alle meine Grillen und Grübeleien ſind verſchwunden. Ich bin durch ſein Geſpräch in die glück⸗ lichſte Laune verſetzt. Es iſt wunderbar, welche jugend⸗ liche Friſche die Menſchen aus ſeinem Zeitalter auszeichnet. Daneben beſitzen ſie eine Höflichkeit, eine Galanterie, eine Munterkeit, die dem neueren Geſchlechte im Allgemeinen unbekannt ſcheint. Das Zeitalter, das dem unſrigen vor⸗ anging, war frivol, ich lobe es nicht; aber ich wänſchte, wir könnten ſeine Vorzüge mit denen vereinigen, die wir unſerem Jahrhundert beilegen. Die politiſchen Gährungen in allen Ländern haben die Menſchen ernſt und alt gemacht.“— Hermes ſprach nun lange und munter, während er Arm in Arm mit ſeinem Freunde durch den dunkeln Wald ging; er malte Roller das häusliche Leben aus, das er mit der hübſchen und reichen Frau führen wollte, die er zu erobern hoffte; wie ſein Haus ein zweites Bakkehaus werden ſollte, gaſtfrei, heiter, zugänglich für alle ausgezeichneten Menſchen, geſchmückt mit allen Schätzen des Geſchmackes und verſchönt durch eine hübſche und liebenswürdige Hausfrau. Er wurde ausgelaſſen und ſchimpfte auf die Bäume, an deren Wurzeln er und ſein Begleiter in der Dunkelheit die Füße ſtießen.„Sie ſtehen da,“ ſagte er,„wie klotzige Kerle mit langen Beinen, die ſie ausſtrecken, damit man drüber fallen ſoll. Es konnte übrigens ſein Gutes haben, hier zu fallen und etwas Schaden zu leiden, um als verwundeter Ritter auf die Burg meiner Dame gebracht zu werden. Dann müßte ſie mich pflegen und ich bekäme Gelegenheit, ihren Cha⸗ racter zu ſtudiren. Denn das iſt ein vortreffliches Kenn⸗ 165 zeichen des Characters einer Dame, wenn ſie beſorgt oder gleichgültig bei Kranken iſt. Auch wäre es nicht übel, wenn Eliſe krank würde, denn dann müßte ich ihr Arzt werden, und in dieſem Fall habe ich einen guten Blick und greife in meinem Urtheile über den Werth des Patien⸗ ten als Menſch beinahe nie fehl. Es iſt unglaublich, was ſich bei dieſer Gelegenheit offenbart; Reſtgnation und Geduld, Selbſtbeherrſchung, Ordnung und Reinlichkeit und manche andere Vorzüge oder die entgegengeſetzten Fehler treten bei einer Krankheit hervor; nämlich bei den Damen; das Gleiche läßt ſich nicht von den Männern ſagen. Die armen Männer ſind überdieß beinahe immer gegen ihren Willen krank, die Damen aber find häufig krank, weil ſie es wollen. Ich meine nicht verſtellt krank, aber in manchen wirklichen Krankheiten iſt doch etwas Freiwilliges. Ich glaube, es immer merken zu können, und wenn ich dann meine Patientin frage, ob ſte nicht einen Kummer oder Schreck gehabt, ſo vertraut ſie mir gewöhnlich an, daß ſie einen Verdruß gehabt. Und dieſer Verdruß iſt häufig der unbedeutendſte von der Welt. Inzwiſchen grämen ſich ein paar liebevolle Eltern oder ein gutmüthiger Ehemann über die Kranke, der bloß ein guter und kräftiger Wille fehlt, um geſund zu bleiben.“— „Du biſt ſtreng gegen die armen Frauenzimmer,“ ſagte Roller.—„Ach, im Gegentheil! ſie gefallen mir nur allzuſehr, ich bin ganz unglücklich, wenn ich eine von ihnen wirklich leiden ſehe. Die Frauen ſind gewiß beſſer als wir, aber es gehoͤrt viel dazu, ſie zu kennen, denn etwas Kleinliches, über das ſich der Mann ſchämen würde, klebt an den meiſten. Aber ungeachtet ich all' dieſes ſage und meine, wird ein Arzt doch jedenfalls ein guter Chemann, da er beinahe den ganzen Tag außer dem Hauſe iſt und ab und zu auch des Nachts.“ Roller ſchritt ſtumm und gedankenvoll einher; es war, als ob die beiden Freunde den Charakter gewechſelt hätten. Hermes bemerkte dieß und der Andere antwortete: 166 „Ich geſtehe, daß unſre Wanderung hier durch den Wald, ein Weg, den ich früher ſo oft ging und die Begeg⸗ nung mit dem Maler, den ich während meines Aufent⸗ halts in der Gegend gar häuftg traf, eine Erinnerung in mir aufgefriſcht hat, die, wie ich glaubte, keine Macht mehr über mich haben ſollte. Im letzten Sommer, mußt Du wiſſen, war ich verliebt.“—„Sagte ich es nicht?“ rief Hermes:„Du warſt beſtimmt in Deine Couſine Eliſe verliebt.“—„Weit gefehlt! Eliſe iſt zu ernſt und ſtill für mich. Nein, es war ein ſehr junges Mädchen, das ich hier außen traf, ein lebendiges, heitres, leichtes und flinkes kleines Geſchöpf, in das ich geſchoſſen war. Aber ich überwand meine thörichte Liebe.“—„Weßhalb?“ War das Mädchen Deiner unwürdig?“—„Nein, Gott bewahre! Aber ſie war eine geborene Gräftn. Ihr Va⸗ ter iſte ein vornehmer, alter Ariſtokrat, der mir auf ver⸗ blümte Weiſe die Thüre wies, und wie der Teufel drein ſah, wenn er mich traf.“—„Ja ſol das war freilich ſchlimm. Aber das Mädchen? liebte ſie Dich?— „Nein, das nicht. Ich glaube, ſie kann ſich nicht verlie⸗ ben; ſie iſt leichtſinnig, auch noch kindiſch, aber anmuthig, das weiß Gott. Indeſſen ging ich in mich ſelbſt und dachte: was ſoll daraus werden? Gott ſoll mich bewah⸗ ren, mich in einen Ameiſenhaufen, wie dieſe adelſtolze und dabei bettelarme Familie zu ſtürzen! Ich zog mich deßhalb zurück und als mein Vater ſtarb und das ganze Geſchäft auf mir lag, hatte ich ſo viel zu thun, daß dieſe Grillen vergingen.“—„Ja,“ antwortete Hermes,„es iſt bei allem Verliebtſein gewiß viele Ein⸗ bildung. Das glaube ich ſelbſt, und wünſche Dir von Herzen Glück, daß Du einem Verhältniß dieſer Art ſo gut entkommen biſt, vorausgeſetzt, daß Du das Mädchen nicht erringen und den Vater und die Familie bei Seite liegen laſſen konnteſt.“ Während dieſes Geſpräches waren unſre Wanderer an die Villa gekommen. Alles im Hauſe ſchien zu 167 ſchlafen, mit Ausnahme eines Hofhundes, der ihr Pochen mit lautem Gebell beantwortete. Endlich kam ein Dlie⸗ ner, der ſich den Armen des Schlafes ſo eben entwunden zu haben ſchien. Er führte uns in einen Salon und ſagte, die Frau und der alte Herr ſeien zur Ruhe gegan⸗ gen; das Fräulein aber ſei noch auf und werde ſogleich die Ehre haben, herabzukommen.—„Wer iſt das Fräu⸗ lein?“ ſragte Hermes, als der Diener das Zimmer ver⸗ laſſen hatte.„Couſine Molly, von der ich früher ſprach. Du haſt ſie wohl nie geſehen? Es iſt ein Mädchen nahe an dreißig; ein vortreffliches Frauenzimmer von großem Verſtand; Du wirſt Dich freuen, mit ihr umzugehen.“ Der Diener kam mit einem Präſentirteller mit Erfri⸗ ſchungen zurück und gleich darauf kam auch Fräulein Molly, grüßte die Fremden mit großer Freundlichkeit, ſetzte ſich mit ihnen an den Tiſch und übte die Pflichten einer Wirthin. Sie hielt ſich ſehr gerade und war ziem⸗ lich ſtark. Ihre Farbe war etwas blaß, ihr Anzug aber außerordentlich geſchmackvoll. Auf die Entſchuldigung der neuen Gäſte wegen ihrer ſpäten Ankunft, antwortete ſie:„Wir erwarteten Sie allerdings nicht mehr. Der Vater iſt ſchwach und geht früh zu Bette und meine Schweſter hat ſich gleichfalls zur Ruhe begeben, aber ich bleibe immer lange auf und leſe bis ſpät in die Nacht hinein. Ich bin ein leidenſchaftlicher Liebhaber vom Leſen und bei Tage habe ich keine Zeit dazu, da ich Alles be⸗ ſorgen muß, was zum Hausweſen gehoͤrt. Eliſe hatte nie Luſt zur Haushaltung und deßhalb haben wir uns ſo eingerichtet, daß ſie bei uns wohnt und wir eine Haushaltung führen, die ich beſorge. Gliſe iſt ſehr dank⸗ bar dafür, der Vater iſt auch zufrieden und das iſt mir ein ſo großer Lohn, daß ich mir keine Veränderung in dieſer Lebensweiſe denken kann.“— Nachdem man nun die Tagesneuigkeiten, literariſche, wie politiſche, verhandelt, war es heller Tag geworden und die Fremden quartirten 168 ſich in zwei für ſte beſtimmte Zimmer ein, die neben ein⸗ ander lagen. Als unſre Freunde am nächſten Morgen zum Früh⸗ ſtück hinabkamen, trafen ſie die junge Frau nicht, aber den Juſtizrath Roller und Fräulein Molly, welche am Kaffeetiſche ſaßen. Der Juſtizrath empfing ſie ſehr ver⸗ bindlich und das Fräulein begann Kaffee einzuſchenken, indem ſie einem Diener befahl, die Frau zu bitten, ſte möchte herabkommen, da Alles beim Frühſtück verſam⸗ melt ſei. Er kam ſogleich wieder und meldete, die Frau ſei ausgegangen.„Iſt ſie nun wieder ausgegangen, ohne es zu ſagen?“ murmelte Fräulein Molly halb leiſe. Der Juſtizrath bemächtigte ſich ſogleich des jungen Arztes, um ihn in mediziniſchen Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen, indem er ihm mit größter Vertraulichkeit alle Krankheits⸗ fälle erzählte, die er ſeit ſeiner Kindheit durchgemacht. Nachdem das Fräulein ihrem Vetter ſeinen ſeltenen Beſuch hier außen vorgeworfen, dankte ſie ihm, daß er ſeinen Freund mitgebracht und ihnen Hoffnung gemacht, ſo liebe Gäſte acht Tage behalten zu dürſen. Mit gro⸗ ßer Verlegenheit hörte Hermes ſie nun, ſich in großen Lob⸗ ſprüchen uͤber ihn ergehen, welche allerdings in einem Tone ausgeſprochen wurden, als ob ſie nur an Roller gerichtet wären, aber doch immerhin ſo deutlich, daß ſie ihm nicht entgehen konnten. Roller antwortete leiſe, worauf das Fräulein ſagte:„Ja, das weiß Gott, daß ich das wünſche. Sollte ich nicht wünſchen, was zu mei⸗ ner Schweſter Glück dient, auch denke ich, daß ein ſo liebenswürdiger Menſch gewiß nicht das Herz haben würde, uns alle der lieben Eliſe zu berauben, daß unſer Haus, das das langweiligſte von der Welt iſt, im Gegentheil Le⸗ ben und Abwechslung bekommen ſoll. Es war in dieſem Frühjahre hier wie in einem Grabe. Kommen Fremde, ſo ſind es meiſt ſteife Herren und geputzte Damen, deren Geſellſchaft man je früher, je lieber wieder los iſt. Das Landleben und die ſchoͤne Natur iſt mein Glück, das weiß 169 Gott! aber man ſehnt ſich doch auch nach intereſſanter Geſellſchaft. Man verſauert ohne den Umgang geblldeter Menſchen.“—„Aber,“ antwortete Roller,„hier in der Gegend gibt es ja ganz nette Leute.“—„Wer ſollte das ſein? Pfarrers ſind gute einfache Leute, aber die Töchter ſind unbedeutende Mädchen.“—„Doch,“ ſagte Roller gedehnt,„es gibt ja noch andere.“—„Ich danke, Vetter Philipp, ich weiß wohl, wen Du meinſt. Ich goͤnne Dir ihre Geſellſchaft. Das alberne flaue Mäd⸗ chen. Ich glaubte wirklich, Du ſeiſt von Deiner Krank⸗ heit curirt.“—„Ach Gott bewahre!“ antwortete Rol⸗ ler verlegen,„ich dachte nicht..... ich meinte nicht ...—„Herr Gott! Du wirſt ordentlich roth. Iſt das nicht, was ich oft geſagt. Die Männer halten im Grunde am meiſten von unbedeutenden Mädchen. Haſt Du alle unſre früheren Geſpräche vergeſſen?“—„Nein, liebe Molly! Du mißverſtehſt mich. Ich habe mir wirk⸗ lich dieſe Gedanken aus dem Kopfe geſchlagen, aber ich meine nur, daß....“—„Laß uns dieſes Geſpräch abbrechen,“ ſagte das Fräulein.„Da kommt meine Schweſter. Sieh' den Engel, wie liebenswürdig, ſtill und gedankenvoll ſie naht!“ Man ſah die junge Frau nun durch die Allee des Gartens kommen, welche nach dem Salon führte, wo ſich die Geſellſchaft in dieſem Augenblicke befand. Sie ging mit gebeugtem Kopfe und der Hut verbarg ihr Geſicht; ihr Gang war unſicher und deutete auf Er⸗ ſchoͤpfung; ihr Anzug war außerordentlich nachläßig; ein nichts weniger als hübſcher Morgenrock, der um ihre ungeſchnürte Taille hing, war ſehr kurz und zeigte ein paar ziemlich große Füße mit alten Schuhen, die bei jedem Schritte von der Ferſe zu gleiten ſchienen. Ein großer Hühnerhund folgte ihr. Hermes, der ihr mit Roller entgegen gegangen war, konnte kaum ſeinen Augen glauben, daß dieß wirklich die von leichtem Flor um⸗ ſchwebte, blumengeſchmückte Tänzerin ſei, von der er ein 170 ganz anderes Bild in ſich trug. Es war ihm, als ob ſie ſeit jenem Ball nicht bloß ſtärker, ſondern auch größer geworden und unerachtet er das ſehr regelmäßige und ſchoͤne Geſicht wieder erkannte, erſchien es ihm doch als ein ganz anderes; er glaubte eine gewiſſe Feinheit der Far⸗ ben und des Ausdruckes zu vermiſſen.„So geht es ja immer,“ dachte er:„Die Schönheit, von der man durch das Blendwerk der Lichter und der Toilette bezaubert wird, iſt wie ein Cactus grandiflorus, ſie blüht nur eine Nacht.“ Nach den erſten Begrüßungen und gegenſeitigen Höflichkeiten ging man auseinander in den Salon. Fräu⸗ lein Molly machte ihrer Schweſter liebevolle Vorwürfe, daß ſie ohne Frühſtück in die Morgenluft hinausgegangen und ſich einer Erkältung ausgeſetzt.„Weßhalb gehſt Du ſo allein, ſüßer Engel, ohne Deine Molly mitzunehmen, die Dir mit derſelben Treue folgt, wie Dein Hund? ——᷑—ỹ—x—:˖—ÿ—ͦ—’’:-:—— Sehen Sie!“ fügte ſie hinzu und führte den Hund zu Hermes:„Betrachten Sie dieſen Hund. Sie müſſen Bekanntſchaft mit unſerem liebenswürdigen Hector machen. Meine Schweſter hat das vortreffliche Thier mit ſich von Holſtein gebracht. Sie müſſen ihm Ihre Achtung zollen; ich liebe ihn leidenſchaftlich, obgleich ich wegen der Liebe, die ihm Eliſe zeigt, eiferſüchtig auf ihn bin. Meine liebe Eliſe,“ rief ſie, indem ſie ihre Schweſter heftig umarmte:„Einen kleinen Platz über Hector wirſt Du mir doch in Deinem Herzen zugeſtehen.“ Eliſe antwortete auf all' dies kein Wort. Sie ent⸗ wand ſich mit höflicher, aber kalter, beinahe verlegener Miene den Armen ihrer Schweſter, und ſagte, indem ſie ſich an ihren Vater wandte:„Da haſt Du die Zeitungen, deutſche und däniſche. Ich habe ſie ſelbſt auf der Poſt geholt.“—„Mein Gott!“ rief Molly,„biſt Du ſelbſt auf der Poſt geweſen? Wie ſchickt ſich das?“—„Ach was!“ antwortete Eliſe:„was kümmere ich mich darum. Es iſt ja nur eine Viertelſtunde dahin. Ich ging dort in der Nähe ſpazieren und holte ſelbſt die Zeitungen, da 171 wir ſie ſonſt erſt in ein paar Stunden bekämen. Es waren keine Briefe für uns da,“ fügte ſie hinzu.— „Haſt Du die Zeitungen geleſen?“ fragte der Juſtizrath. „Ja,“ antwortete ſie,„ich habe ſie auf dem Wege durch⸗ flogen.“ Roller fragte ſie eifrig nach dem Gang der Dinge in Spanien, nach den Kammerdebatten in Paris, aber davon wußte ſie keine Rechenſchaft zu geben. Während ſte ihr Frühſtück einnahm, näherte ſich Hermes und ſuchte eein Geſpräch anzuknüpfen. Sie antwortete ihm freundlich, aber ohne für ſeine Worte oder ſeine Perſon ein Inte⸗ reſſe zu zeigen. Bei der erſten Veranlaſſung erhob ſie ſich und ging in ein anſtoßendes Zimmer, wo ſie ſich mit einem Buche in der Hand an ein Fenſter ſetzte. Fräulein Molly ſchlug einen Spaziergang vor, um Hermes den Garten und die nächſte Umgebung zu zeigen. Eliſe ent⸗ ſchuldigte ſich mit Müdigkeit, der alte Herr war in die Zeitungen vertieft, und unſre Freunde gingen allein mit dem Fräulein. Als ſie zurückkamen, war es über die ge⸗ woͤhnliche Speiſezeit und Molly beklagte, daß ihr Vater und ihre Schweſter gewiß ungeduldig geworden, ſo lange warten zu müſſen. Dieſe Furcht verſchwand indeſſen, als man in das Haus trat, denn man erfuhr, daß die Zeit auf gleiche Weiſe für Beide ſtille geſtanden, da nicht blos der Juſtizrath im Gartenſaale mit den Zeitungen im Schooße und in tiefem und ſüßen Schlafe verſunken daſaß, ſondern auch die junge Frau im naͤchſten Zimmer deßgleichen that, nur daß ihr Buch nicht in ihrem Schooße, ſondern auf dem Boden lag. Molly lief zu ihr hin und rüttelte ſie ziemlich ſtark, indem ſie ihr dafür die ſüßeſten Namen gab. Eliſe fuhr auf, ohne eine Verlegenheit zu zeigen, daß ſie im Schlafe überraſcht wurde, während Molly lebhaft erröthete und ſie bat, doch auf ihr Zimmer zu gehen und ſich zum Mittageſſen anzukleiden.„Na, iſt es denn ſchon ſo ſpät?“ fragte Eliſe, erhob ſich langſam, ſtieß mit dem Fuß an das Buch, das auf dem Boden lag, und verließ das Zimmer. Als ſie eine gute Stunde ſpa⸗ 172 ter zur Geſellſchaft zurückkam, war ſie ſehr elegant ge⸗ kleidet, doch ohne daß ihr Anzug die mindeſte Muͤhe verrieth, das auszuwählen, was ihr ſtand. In ihrer gan⸗ zen äußeren Erſcheinung, wie in ihrem Weſen und Ge⸗ ſpräch, war nicht das Geringſte, was auf die Abſicht, zu gefallen, deutete. Dieſe Seite ihres Characters ſprach ſehr zu ihren Gunſten in Hermes Augen, dem alle Affectation, alle Abſicht, Effect zu machen, in den Tod verhaßt war; auf der andern Seite wurde ſeine lebendige, höchſt be⸗ wegliche Natur von dem wunderbaren Phlegma, das er bei dieſer jungen Dame zu entdecken ſchien, unangenehm abgeſtoßen. Kein Geſpräch ſchien ſie zu intereſſiren, keine Schönheit in Natur und Kunſt ſie zu entzücken; dazu kam noch ein unglaublicher Grad von Bequemlichkeit. Verlor ſie etwas auf dem Boden, ſo ließ ſie es liegen, bis ſie es bei Gelegenheit wieder mit Bequemlichkeit auf⸗ heben konnte. Wurde etwas, was bei den Anweſenden umhergehen ſollte, ihr überreicht, ſo legte ſie es neben ſich und ließ ihre ältere Schweſter, ja ſogar ihren alten Vater aufſtehen, um es zu holen. Beinahe täglich mußte die Geſellſchaft bei dem Mittageſſen auf ſie warten, weil ſie noch nicht angekleidet oder ausgegangen war, ohne ſich um die Zeit zu kümmern; ja manchen Abend, wenn der Thee hereingebracht wurde, und Alles verſammelt war, kochte das Waſſer mehrere Mal, ehe man zum Theetiſch kommen konnte, weil die junge Frau Karten legte und ſo vertieft in dieſe Beſchäftigung war, daß ihre Schweſter und ihr Vater über zehn Mal ſie rufen müßten, ehe ſie ſich endlich bewogen ſah, zu kommen. Dieſe Unbeweglichkeit war doppelt auffallend neben der Unruhe, welche ihre Schweſter beherrſchte, denn dieſe war nicht nur in den häuslichen Geſchäften außerordentlich thätig, ſondern ſie drückte auch bei jeder Gelegenheit ihren glühenden Enthu⸗ ſiasmus aus, und legte eine Verehrung fur ihre Schweſter an den Tag, die dieſer zur Laſt zu ſein ſchien. Ein paar Tage nach der Ankunft der jungen Freunde — O 173 geſchah es, daß Hermes, als er durch den Gartenſalon ging, der der Familie zum Wohnzimmer diente, Roller und das Fräulein in ſehr heiterer Stimmung und damit beſchäftigt fand, einige Servietbänder von verſchiedenen Farben zu ordnen, welche Molly, nach ihrer Behauptung, von Kopenhagen hatte kommen laſſen.„Sehen Sie, Herr Doctor!“ rief ſie:„dieſes Band habe ich für Sie be⸗ ſtimmt. Dieſer feuerfarbige Grund mit ſchwarzen und grünen Figuren bedeutet die verliebten Wünſche eines jungen Mannes, vermiſcht mit Hoffnung und Furcht.“— „Soll das auf mich paſſen, mein Fräulein?“ fragte Her⸗ mes.„Auf alle jungen, geiſtreichen Herren, folglich auch auf Sie. Das weiße Band mit den Silberſternen ſoll Eliſe haben, als ein Bild ihrer frommen, reinen Seele...“ So ordnete ſie mehre Bänder für die ganze Familie. Zuletzt nahm ſie ein dreifarbiges und ſagte:„Mit dieſen berühmten franzöſiſchen Farben will mein Vetter Philipp, daß ich heute die Serviette für einen Gaſt ſchmücke, den wir zu Mittag erwarten.“—„Nein, Coufine!“ rief Rol⸗ ler:„dieſer gute Einfall kam allerdings von Dir, aber ich gönne ihm von ganzem Herzen dieſe unſchuldige Necke⸗ rei.“—„Ja,“ rief das Fräulein,„das iſt das geringſte Vergnügen, das wir zum Erſatz für die Langeweile haben können, die der Vater uns durch ſeine Einladung aufer⸗ legt, und das thut er jedesmal, ſo oft der alte Narr zu ihm kommt. Freillich geſchieht es nur ein paar Mal im Jahre wegen Geldangelegenheiten, die ſie mit einander haben.“ Roller wandte ſich an Hermes und ſagte:„Das i*ſt der alte Ariſtokrat, von dem ich Dir auf dem Wege hierher erzählte. Es iſt ein Graf Granhjelm, ein Mann, der ſür ein Geſpenſt aus dem achtzehnten Jahrhundert gelten konnte.“—„Vielleicht,“ ſagte Hermes lächelnd, „hat er wie ein Siebenſchläfer in tiefem Schlafe in der Erde gelegen, nur mit dem Unterſchiede, daß die Sieben⸗ ſchläfer ihrem Zeitalter vorausgingen, und nun zu einer Ordnung der Dinge erwacht ſind, zu der ſie paſſen, wah⸗ 174 rend der Graf zu Ideen und Anſchauungen erwachte, die ihm vorausgegangen und die er, auf ſeinen Gütern ver⸗ graben,...“—„Seinen Gütern!“ rief Molly,„Gott helfe ihm. Ein kleines Haus mit einem Garten und einer Wieſe, das iſt ſein ganzer Herrenſitz, und ſieben bis acht⸗ hundert Thaler Renten ſind alles, was eer noch übrig hat.“—„Iſt er arm?, ſagte Hermes:„da iſt es ja Sünde, ihn zu necken.“—„Ja arm und hoffärtig,“ rief Roller. „Es iſt keine Sünde,“ ſagte Molly,„einen Mann zu necken, der es für eine große Ehre anſteht, daß er ſich herabläßt, unſere Speiſen zu eſſen und unſern Wein zu trinken. Seine Armuth iſt ſeine eigene Schuld. Er erbte von ſeinem Vater ein außerordentlich großes Vermögen. Er hatte prächtige Güter, auf denen er jedoch nichts an⸗ baute; dagegen hielt er ſich theils in Kopenhagen auf, wo er einen außerordentlichen Staat machte, theils reiſte er mehre Male nach Italien und jeden Augenblick. nach Paris, wo er wie ein verrückter Menſch lebte und Alles zuſetzte. Er war bereits nicht mehr jung, da hatte er das unverdiente Glück, ein reiches Mädchen aus einer adeli⸗ gen Familie zu heirathen. Ihr Vater war ein Gutsbe⸗ ſitzer in Jütland und hatte außer der Tochter noch einen Sohn, der mit Recht für verloren gelten konnte. Dieſer verzichtete zu Gunſten ſeiner Schweſter gegen eine beſtimmte Rente auf das Gut. Und nun hielt unſer Graf da wieder ſo gut Haus, daß er das Vermögen ſeiner Frau mit Gut und allen Herrlichkeiten in Kurzem durchbrachte und Alles von den Gläubigern verkauft wurde; und als die Frau ſtarb, ſammelte er die Reſte ſeines früheren Reichthums und zog hierher in die Gegend, wo er ſich ein ſchoͤnes, kleines Landgut kaufte und nun von den Renten des übrig gebliebenen Capitales zehrt ſo gut es geht,.... vielleicht auch von Schulden, denn er lebt in Armuth und Hoffart, wie Don Ranudo, hält Diener, ſoll jeden Mittag Wein trinken und erlaubt ſich mehr dergleichen Thor⸗ heiten, ſo daß die achthundert Thaler kaum ausreichen 175 werden. Er beſaß einen einzigen Sohn, einen verrückten Menſchen, der in einem Inſtitute in Deutſchland erzogen wurde, den der Herr aber zu ſich nahm.“—„Er hat eine liebenswürdige Tochter, wie ich gehoͤrt habe.“ Dieſe Worte äußerte Hermes mit einer gewiſſen ſchüchternen Miene und Stimme, die ihn ſehr gut kleidete, und zeigte, daß er in Rollers Gegenwart den Namen der früheren Gellebten deſſelben nur mit ſchonungsvoller Scheu nenne. Molly lachte:„Liebenswürdig! ja, wer Ihnen das vor⸗ geſpiegelt, kann ich leicht ahnen.“—„Ach, Couſine!“ rief Roller,„laß mich damit in Ruhe. Ich will mein Herz nicht zu einer Räuberhöhle machen. Ich hielt ſehr viel auf das Mädchen. Aber die Vornehmheit des Vaters und die vernünftigen Vorſtellungen meiner lieben Couſine Molly ließen mich meine Thorheit einſehen, ich weiß, ich habe mich wie ein Mann benommen; ich bin der Gräfin Granhjelm ausgewichen, ich ſetzte keinen Schritt in die Kirche, um ſie nicht in dem Stuhle des Paſtors zu ſehen, wo ſie gewöhnlich zu ſitzen pflegt.“— Molly unterbrach ihn:„Das iſt nur ein thoͤricht Lob für Dich. Gott be⸗ wahre! In der Kirche! Sind dort Deine Gedanken nicht von etwas höherem erfüllt, was Dir verbietet, ſie auf junge Mädchen zu richten, die in dem Predigerſtuhl ſitzen.“—„Mein Gott!“ antwortete Roller:„wenn ſie nun ſo vor meinen Augen ſitzen..„Sagen Sie, Herr Doctor!“ rief Molly:„Sehen Sie nicht eine Ehe zwi⸗ ſchen Menſchen von ungleichem Stande, Vermögen und Bildung... Roller unterbrach fie:„Bildung? was meinſt Du damit?“—„Ich meine, daß ich die Gräftn Granhjelm nicht für ein wirklich gebildetes, feinfühlendes Mädchen halte... Ihre ſelige Mutter ſoll es geweſen ſein und man ſagte allerdings, daß ſie ihr ſelbſt Sprachen und Gott weiß was gelehrt; aber die Mutter iſt ſeit fünf Jahren todt; da war die Tochter erſt zwoͤlf Jahre alt und in dieſen für die Bildung ſo wichtigen Jahren, lebte ſie allein mit dem Vater und ſah niemals Damen comme 176 il faut, denn die Frau und die Töchter des Pfarrers kann man nicht als Damen rechnen. Und nun frage ich den Doctor noch einmal: wäre Vetter Philipp nicht un⸗ glücklich geworden, wenn er dieſe Liebe nicht überwunden hätte, namentlich da der Vater nie ſeine Zuſtimmung gege⸗ ben 24—„Ich weiß nicht,“ antwortete Hermes mit einem ironiſchen Lächeln;„wenn das Mädchen ihn geliebt hätte... ſo wüuͤrde ſich das Uebrige wohl gegeben haben. Ich kannte in England eine Familie, in welcher die Frau aus einem ſehr vornehmen Hauſe war— und das will viel ſagen in England. Der Mann, ein einfacher Capitän, hatte ſie entführt und ſie lebten gut zuſammen und hatten ſich mit der Familie der Dame verſoͤhnt. Indeſſen machte dieſe ſich das unſchuldige Vergnügen, ihre Che gleichſam zu ignoriren, was immerhin eine eigene Sache war, da ſie ſechs Kinder beſaß. Sie nannten ſie mündlich und ſchriftlich bei ihrem Familiennamen und luden ſie bei feſtlichen Gelegenheiten ohne Mann ein. Solche Einrich⸗ tungen konnte man ja auch mit unſrem Freunde Philipp treffen. Während er über ſeiner einen Thüre ein gro⸗ ßes Schild mit ſeinem Namen Großhändler Roller anbringen ließ, konnte er über die andere ſetzen laſſen: Frau Gräfin Roller⸗Granhjelm, und zwiſchen beide Thüren konnte man mit großen Buchſtaben malen: „Honny soit, qui mal y pense.“— Molly ergriff ſeine Hand.„Gott! ſegne Sie, lieber Doctor! Sie ha⸗ ben eine vortreffliche Antwort gegeben.“ Sie verließ das Zimmer, worauf Hermes zu Roller ſagte, indem er ihm die Hand reichte:„Kummere Dich nicht um Alles, was wir ſprechen, und laſſe Dich nicht irre machen. Liebſt Du das Mädchen und ſie Dich, ſo werde ich Dir mit Freuden zur Flucht behülflich ſein und wir wollen den alten hochmüthigen Vater ſchon narren, — der einen rechtſchaffenen Schwiegerſohn verſchmäht, welcher ſeine Tochter ernähren und ihm ſelbſt mit ſeinem Vermö⸗ gen beiſtehen kann.“ Roller ſchüttelte den Kopf.„Nein, 177 nein! das iſt rein unmöglich! ſie liebt mich nicht und ich liebe ſie auch nicht mehr und werde nie eine adelige Dame heirathen. Aber das iſt langweilig, daß Molly nicht müde werden kann, von ihr zu ſprechen.“—„Das iſt ſchlimm,“ ſagte Hermes,„daß ich nie ſo glücklich bin, an ſolch' in⸗ tereſſanten Begebenheiten, wie eine Entführung und der⸗ gleichen, theilnehmen zu können.“—„Das iſt gewiß nicht Deine Meinung,“ verſetzte Roller:„Du willſt ja ſonſt kein Aufſehen erregen, oder Dich dem Urtheile der Welt ausſetzen.“—„Ja ſiehſt Du! das kommt wieder daher, daß ich nicht eine Seele, ſondern zwei oder mehr habe, deren Wünſche immer mit einander im Kampfe liegen. Die eine haßt und fürchtet das Geſchwätz der Leute, ſie hat ordenilich bange davor, die Alltagsgeſichter eine fei⸗ erliche Miene annehmen zu ſehen; aber die andere Seele brennt nach etwas, was dieſe tägliche Einfoͤrmigkeit, dies laue Thauwetter unterbrechen könnte, in welchem unſer Leben ſich hinſchleppt, dieſes däniſche Phlegma, das Alles ſich ebnen läßt, ſein Liebſtes ohne Verzweiflung aufgibt, nicht nach etwas Fernem ſtrebt, ſondern ſich mit dem Mittelmäßigen gut durchhilft. Dieſes Nachtwandlerleben iſt mein Tod. Apropos! Deine ſchöne Couſine iſt auch nicht außerordentlich lebhaft, es wäre eine Sünde, das zu behaupten.“ „Ja,“ antwortete Roller,„ſie ſcheint wirklich etwas todt und gleichgültig. Sie war zwar immer etwas ſtill, aber ſo wie jetzt, war ſie durchaus nicht als Mädchen.“ —„Nein,“ rief Hermes,„das iſt natürlich. Dieſer Zu⸗ ſtand iſt nichts anderes als die Folge ihrer erzwungenen und unglücklichen Ehe. Aber wie dem auch ſei, ich kann es nicht länger hier aushalten. Offen geſagt, dies Haus iſt zu langweilig, um ſich volle acht Tage hier um⸗ zutreiben. Ich habe mehr als genug von den drei, die ich hier zugebracht und morgen, wenn Dein Onkel zur Stadt fährt, begleite ich ihn und komme nicht wieder. Novellen. 1. 12 178 Eliſe und ich paſſen nicht zuſammen, ich liebe ſie nicht, und es mag gehen, wie es will, ich ziehe mich aus der Sache.“— Roller ſuchte ſeinen Freund zu überreden, we⸗ nigſtens noch einige Tage zu bleiben, konnte jedoch kein beſtimmtes Verſprechen erhalten. Hermes ließ ſeiner Uu⸗ geduld freien Lauf und fühlte ſich noch mehr verſtimmt bei dem Gedanken an den neuen Gaſt, mit dem er zu Mittag zuſammentreffen ſollte und den er ſich als ein langweilige und ſteife Figur vorſtellte, die die Steifheit und Langeweile des täglichen Kreiſes vermehren würde. Als er in den Geſellſchaftsſalon trat, war er deß⸗ halb ſehr überraſcht, einen alten Mann mit feinem An⸗ ſtand und edlem, hübſchem Aeußern zu finden. Seine ein⸗ fache Kleidung war geſchmackvoll und ſaß nach der allge⸗ meinen Mode der Zeit. Seine Geſtalt war hoch und ſchlank, ſeine weißen Haare kräuſelten ſich noch in unge⸗ zwungenen Locken über der hohen gefurchten Stirne. Er grüßte die Fremden höflich, aber ziemlich kalt. Einen ähnlichen Ton beobachtete er gegen die übrige Geſellſchaft, Eliſe ausgenommen, die er mit ausgezeichneter Galanterie be⸗ handelte. Auch ſie ſchien heute weit lebhafter als gewöhn⸗ lich und Hermes bemerkte mit Verwunderung, daß ſie den Grafen oft von der Seite betrachtete und daß ihre Phyſiognomie bei ſolcher Gelegenheit einen neuen und intereſſanten Ausdruck bekam. Der junge Mann verſank bei dieſem Anblick ſelbſt in Gedanken. Molly näherte ſich ihm und flüſterte:„Ich kann Ihnen anſehen, daß Sie dieſelbe Betrachtung, wie ich anſtellen. Koͤnnen Sie den Grund zu den Blicken begreifen, mit denen Eliſe den alten Mann anſieht? Und dies iſt nicht das erſte Mal. So ſitzt ſie da und ſieht ihn an, ſo oft ſie ihn trifft?“ —„Ich weiß nicht,“ antwortete Hermes,„bielleicht gleicht er ihrem verſtorbenen Mann.“ Molly lachte:„Nein, das weiß Gott, nicht! Der Selige war ſo dick wie eine Tonne und blutroth im ganzen Geſichte. Aber es iſt ge⸗ — 179 wiß etwas Seltenes und Edles, was ihr Herz bewegt, ſei es nun, was es wolle.“— Mit großem Anſtand bot der alte Graf Eliſen den Arm, als man zu Tiſche ging. Mit ſteigender Verwunderung bemerkte Hermes, daß ſie bei dem Anblick des dreifarbigen Serviettbandes auf dem Couvert des Grafen erröͤthete, und dasſelbe raſch mit dem ihrigen vertauſchte, was jedoch der Aufmerkſamkeit des Grafen nicht zu entgehen ſchien, denn er wechſelte die Farbe, wie ſie. Bei Tiſche drehte ſich das Geſpräch um politiſche und ſociale Angelegenheiten und berührte natürlich auch die neuerdings ins Leben gerufenen Provinzialſtände, die das Intereſſe und die Hoffnungen der Nation erweckten. Der Juſtizrath freute ſich über den Gedanken, wählbar zu ſein und äußerte, daß des Grafen kleines Eigenthum vermuthlich groß genug ſein werde, um ihn auf die Liſte der Wählbaren oder wenigſtens der Wahlberechtigten zu bringen. Mit ernſter Miene antwortete der Graf:„Ich zweifle, daß dies der Fall iſt, aber wenn auch, ſo ver⸗ ſichere ich Sie, daß ich durchaus keinen Theil an Ver⸗ handlungen nehmen würde, in welchen Bauern, die kaum leſen können, Pferdehändler, Branntweinbrenner u. ſ. w. ihre Stimme über Dinge abgeben ſollen, die ſie ſo gut verſtehen, wie ich verſtehe, was im Monde vorgeht. Jeder, der mit dieſer Art von Menſchen zu thun hat, kennt auch ihren Unverſtand.“ Roller, der den Groll nicht überwin⸗ den oder verbergen konnte, den er gegen dieſen Mann empfand, der einſt zwiſchen ihm und ſeinem höchſten Wunſche ſtand, antwortete bitter und hitzig, worauf der Graf mit verbiſſenem Unwillen abermals entgegnete. Her⸗ mes unterbrach dieſen Streit, indem er mit Ruhe die Aeußerungen des Grafen zu widerlegen ſuchte.„Ich meine,“ ſagte er,„daß dieſe Claſſe des Volkes Theil am Staate habe, ſo gut wie jede andere. Daß ſie, unbekannt mit ſolchen Geſchäften, anfangs nicht das Richtige treffen werde, iſt wohl möglich; aber es iſt ausdrücklich des 180 Königs Wille, daß die neue Verfaſſung ſie zu groͤßerer Theilnahme an den oͤffentlichen Angelegenheiten heranziehe. Würde man nicht anfangen, das zu treiben, was man verſteht, ſo würde ja kein Menſch das Geringſte lernen; nicht mal das Kind leſen und ſchreiben. Handwerker, ein⸗ fache, unſtudirte Menſchen erſetzen oft durch geſunde Ver⸗ nunft, was ihnen an Gelehrſamkeit mangelt und jeder fühlt in ſeinem Fach am beſten, was in dieſem ſeine freie Wirkſamkeit hindert. Sie ſollen auch nur rathen, nicht handeln, aber aus dieſem Rathe, aus dieſen Meinungs⸗ Aeußerungen wird man doch ſicher die Wahrheit entneh⸗ men können.“ Der Graf zuckte mit den Schultern. „Sie meinen gewiß,“ ſagte Roller,„daß Niemand als der Adel dem König rathen koͤnne?“—„Wohlan!“ antwortete der Graf,„da Sie mich fragen, ſo will ich Ihnen meine Meinung nicht vorenthalten. Der Adel iſt des Königs natürlicher Rath. Er. iſt dazu geboren, ſich mit der Staatsverwaltung abzugeben; er iſt zu glei⸗ cher Zeit eine Mauer gegen die Deſpotie und die Anarchie. Seine Ehre und Eriſtenz iſt an das Land und den Hof gebunden, deſſen Smuck er ſein ſoll. Die Ehre, die Ritterlichkeit iſt ihm heilig vor allen Andern und dieſe Triebfedern beſitzt kein anderer Stand.“—„Wie!“ rief Hermes.„Ehre! Ritterlichkeit, ſind ſie nur die Triebfe⸗ dern für den Adel? Ich verſtehe damit nicht die Ritter⸗ lichkeit des Mittelalters, ſondern die Humanität unſerer Zeiten: was iſt dieſe anderes? Und iſt nicht der Mann der Wiſſenſchaft, namentlich der Schriftſteller, vor allen Andern an das Land gebunden, deſſen Sprache ihm zum Organe dient?“—„Vergeben Sie?“ antwortete der Graf: „Wiſſenſchaft und Kunſt, namentlich die ſchönen Künſte, wer⸗ den hinter dem Schilde des Adels am beſten gepflegt. Die Länder, welche eines Adels und Hofes entbehren, entbehren zugleich der ſchönen Künſte und vieles von dem, was das Leben verſchoͤnert.“— Hermes rief heftig:„Das iſt eine greuliche Behauptung, die Kunſt ſolle nur hinter 181 dem Schilde des Adels geübt werden, denn Wiſſenſchaft und Kunſt ſollen nicht als Treibhauspflanzen hinter dem Schilde des Adels, ja nicht einmal hinter dem Schilde des Königs ſtehen. Sie ſind ſelbſt eine Macht, welche mehr und mehr die Welt erobert, und nur durch ſie iſt 8 jedes Reich ſtark. Aber ich will Ihnen einräumen, daß die neuorganiſirten Länder, z. B. Amerika und unſer frü⸗ herer Zwillingsbruder Norwegen, zum Theil Ihrer Be⸗ hauptung Relief geben; es ſcheint wirklich, daß ein Hof, welcher die ſchönen Künſte achtet und liebt, ihrem Auf⸗ ſchwnng weit größeren Vorſchub leiſtet, als die republika⸗ niſche Tendenz, die jedes andere Intereſſe ertödtet; ja ich will ſogar weiter gehen und zugeſtehen, daß ein Land, wo ein gebildeter Fürſt Hof hält, in meinen Augen ein ganz anderes Leben hat, als ein Land, wo dieß fehlt. Aber ein gebildeter Fürſt wählt ſeine Umgebungen nicht ausſchließlich aus dem Adel und hier muß ich wieder elner Aeußerung des Herrn Grafen widerſprechen, nem⸗ lich, daß der Adel eine Mauer gegen Deſpotie und Anar⸗ chie ſei. Ich zweifle nicht daran, daß einzelne Adelige, daß der Herr Graf ſelbſt ein ſo edles Ziel vor Augen haben, aber die Geſchichte der letzten Jahrhunderte zeigt uns doch, daß der Adel in allen Ländern, wie früher auch in unſerm eigenen Vaterlande, ſtatt ein Band zwi⸗ ſchen Fürſt und Volk zu bilden, eine Macht war, die Beide zu unterjochen ſtrebte.“—„Es ſcheint doch,“ ſagte der Graf,„als ob die Menſchen etwas, wie den Adel nicht entbehren könnten, denn in unſerer an Surro⸗ gaten ſo reichen Zeit ſetzt man Titel und Charakter an die Stelle. In Norwegen, das ſtolz darauf iſt, keinen Adel zu haben, graſſirt die Rangſucht mit dem Freiheits⸗ fieber um die Wette. In andern Ländern jagt man nach der Deputirtenwürde. Iſt das Alles etwas Anderes, als der wilde Trieb eines alten, edleren Baumes?“ Man kam hievon natürlich auf Republiken zu ſpre⸗ chen, und die Gährung, welche von den deutſchen Univer⸗ —η³4 182 ſttäten ausging. Hier wurde der Streit ſehr lebhaſt. Der Graf behauptete, daß die jungen Menſchen, welche an dieſen Unruhen Theil nehmen, durchaus als Räuber zu betrachten ſeien, die ſich von der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft losreißen und ſich aller Menſchlichkeit entkleiden; jede Regierung ſollte ſie darnach behandeln. Die andern Her⸗ ren widerſprachen ihm heftig. Roller ging ſo weit, daß er die jungen Demagogen Mäͤrtyrer und Wohlthäter der Welt nannte. Hermes ſagte, man müſſe doch zwiſchen politiſchen Verirrungen und groben Verbrechen unterſchei⸗ den, welche Gut und Geld rauben und Unſchuldige mor⸗ den, während das Unrecht jener exaltirten Menſchen einem lobenswerthen Enthuſiasmus für das Vaterland entſpringe. „In Dänemark,“ fügte er hinzu,„iſt die ſtudirende Kiaſſe ziemlich royaliſtiſch gefinnt, in mehreren fremden Ländern aber ruft die Härte der Regierung ſelbſt dieſe Aus⸗ ſchweifungen hervor.“—„Und dieſe Ausſchweifungen,“ antwortete der Graf,„fordern die Strenge der Regie⸗ rungen heraus, und dieſe können nie zu ſtreng ſein.“ —„Ach!“ ſagte Fräulein Molly:„Manche dieſer jun⸗ gen Unglücklichen find Söhne von guten Familien. Den⸗ ken Sie ſich, Herr Graf, wenn Sie Vater eines ſolchen wären!“— Der Graf wechſelte die Farbe, mit zittern⸗ der Stimme antwortete er:„Ich habe meinen einzigen Sohn verloren, aber wenn er lebte und als einer dieſer Aufruhrer zurückkäme— weiß Gott! ich würde ihn ſelbſt ſeinen Richtern ausliefern.“— Eliſe, die bei dieſem Geſpräche am meiſten ange⸗ griffen ſchien, obwohl ſie kein Wort geſprochen hatte, erhob ſich, worauf die Geſellſchaft das Gleiche that, und während die geſpannte Stimmung, in die man auf allen Seiten gekommen war, noch fortdauerte, trank man Kaffee, und der Graf nahm endlich Abſchied. In dem Vorzim⸗ mer wartete längſt ſein alter Diener mit ſeinem Man⸗ tel. Ehrerbietig half er ſeinem Herrn beim Anziehen und folgte ihm dann, als er ging. Die Anweſenden mach⸗ —,„,— — 183 ten ſich über dieſes Fortgehen luſtig, nur Eliſe nicht, welche ihrem Vetter den Streit mit dem Grafen und ihrer Schweſter den unpaſſenden Scherz mit dem dreifar⸗ bigen Bande vorwarf. In dieſem Augenblick kam der Diener, welcher den Tiſch abdeckte und fragte nach dem Band. Molly und er ſuchten lange vergebens darnach, endlich kam Eliſens Hund ſtöhnend und unruhig in das Zimmer und bei näherer Betrachtung fand man das vermißte Band um den Hals des Hundes, ein Schmuck, womit ihn der Graf dekorirt haben mußte, denn man erinnerte ſich nun, daß er ihn bei Tiſche an ſich gelockt und ſich mit ihm beſchäftigt hatte. Eliſe freute ſich über den Witz des Mannes, den ſie beſchützte. Hermes lachte, aber die Uebrigen ſchalten über die Profanazion dieſer bedentungsvollen Farben. Molly vergaß nicht, bei dieſer Gelegenheit die abſonderliche Gunſt zu berühren, deren ſich der alte Adelige zu erfreuen habe, namentlich der Blicke, mit denen ſie ihn betrachte und zum andern Mal war Hermes Zeuge, daß Eliſe mit Heftigkeit und leb⸗ haft errötheten Wangen antwortete. Sie ſetzte ſich darauf an den Tiſch und legte mit einem Eifer und einem In⸗ tereſſe Karten, als wenn ſie in dieſen Figuren die Ant⸗ wort auf wichtige Fragen zu finden hoffte und in dem Buche des Schickſals leſen zu können glaubte. Hermes ſetzte ſich zu ihr und bot all' ſeine Liebenswürdigkeit auf, um ſie zu intereſſiren und ein Geſpräch einzuleiten; aber ſie würdigte ihn kaum eines Blickes oder Wortes. Ihr Be⸗ tragen ſchadete ihr jedoch keineswegs in ſeinen Augen, im Gegentheil brachte ihre Kälte und das Räthſelhafte ihres Benehmens am heutigen Tage die Flamme wieder zum Auflodern, die ſie bereits in ihm angeſchürt; und als Roller am Abend, da ſie auf ihre Zimmer kamen, ſeine Bitten wegen des Aufſchubs der Heimreiſe erneuerte, ver⸗ ſprach dieſer ſogleich die anfangs beſtimmten acht Tage auf dem Landhauſe zubringen zu wollen. Als der häusliche Kreis am nächſten Morgen wieder — 185⁵ milie anſtändig ernähren und für die Zukunft meiner Frau ſorgen kann, wenn ich auch vor ihr ſterben ſollte.“ —„Ja, das iſt Alles ſehr gut; aber meine Nichte iſt doch die Tochter eines Beamten, eines Canzleiraths und auf eine Art erzogen, die Der junge Mann un⸗ terbrach ihn auf's Neue:„Sie iſt von Verwalter Ludwig⸗ ſen und ſeiner rechtſchaffenen Frau erzogen, die ſich des bater⸗ und mutterloſen Kindes angenommen. Sie iſt an Häuslichkeit und Genügſamkeit gewöhnt. Wenn ſie meine Frau wird, ſoll ſie mehr Ueberfluß haben, als bis⸗ her. Wir lieben einander, ihre Pflegeeltern ſind ſehr vergnügt über unſre Verbindung, und ſo denke ich, daß der Juſtizrath ihr wohl auch durch mich ſeinen Glück⸗ wunſch ſendet. Das iſt Alles, was ich verlange.“— Philipp Roller ſagte leiſe zu ſeinem Onkel:„Das iſt ja gut, ſie wird verſorgt. Laſſe ſie nehmen, wen ſie will. Was geht das uns an? Der Juſtizrath erhob ſich und rief zur Thüre hinaus:„Laſſe meinen Wagen vorfahren!“ Dann ging er zu dem Fremden hin und ſagte:„Ja, in Gottes Namen denn! Grüßen Sie Ihre Braut und den Verwalter. Ich wünſche viel Glück.“— Fräulein Molly wandte ſich nun mit vornehmer Herablaſſung an den beſtändig bei der Thüre ſtehenden Freier und ſagte: „Wollen Sie eine Taſſe Kaffee trinken?“ Er entſchul⸗ digte ſich und ging. Das Fräulein rief ihm nach:„So grüßen Sie Ricke.“— Der Juſtizrath nahm Abſchied und ſtieg in den Wagen. Er grüßte den Schuhmacher, der noch bei der Einfahrt ſtand, bot jedoch dem jungen Wanderer keinen Platz im Wagen an, der noch drei Por⸗ ſonen außer ihm aufnehmen konnte.. Als die Zurückgebliebenen allein waren, äußerte Molly ihre Bekümmerniß über Eliſens langes Ausbleiben und die jungen Freunde gingen, ſie zu ſuchen. Auf dem Wege brach Hermes in heftige Vorwürfe über die vorhergegan⸗ gene Scene aus.„Was war das für ein Empfang, den dieſer brave junge Mann bei Dir und Deiner Familie fand? Biſt Du es 186 „der geſtern wie ein Republikaner ſprach und ſich heute wie ein Ariſtokrat benimmt? Was haſt Du dem Grafen Granhielm vorzuwerfen? Er iſt zu ſtolz, um ſeine einzige Tochter einem Kaufmann zu geben, und ein Kaufmann iſt zu ſtolz, ſeine Verwandte an einen Handwerker zu verhetrathen?“—„Nicht ich, ſondern mein Onkel machte Einwendungen.“—„Du warſt es aber, der lachte, der nicht aufſtand, keinen Stuhl einem Manne bot, welcher die Höflichkeit beſaß, drei Meilen hin und drei Meilen zurück zu machen, um einer ſolchen Familie eine unnoͤthige Achtung zu erweiſen. Nun komme ich wieder auf das, was ich gegen Dich habe und was ich Dir ſchon früher geſagt:„den ſtolzen Ton, in dem Du mit Deinen Comptotriſten ſprichſt, das Feilſchen um den Lohn mit armen Leuten“....„Ach was!“ ſagte Roller „„das verſtehſt Du nicht. Ueberdieß habe ich den Lohn des armen Menſchen, von dem Du ſprichſt, aus freien Stücken verdoppelt, weil ich erfuhr, daß er ſeine Mutter und eine Schweſter ernähre. Der Ton, der Ton, über den Du ſo großes Aufheben machſt, hat nichts zu ſagen.“—„Nein, das iſt nicht ſo unwich⸗ tig! Der hochmüthige Ton bei Leuten, welche ſich liberal nennen, thut der Freiheit weit mehr Schaden, als die Ariſtokraten.“—„Ja, das iſt es, was ich gegen Dich habe,“ antwortete Roller,„daß Du im Herzen Ariſtokrat biſt, ohne es ſelbſt zu wiſſen.“—„Nein, keineswegs! Ich haſſe Alles, was das Schlechte auf Koſten des Verdien⸗ ſtes hebt. Ich haſſe ebenſoſehr den Geldſtolz, als den Adelſtolz, oder den gelehrten Profeſſorenſtolz und den Kunſtſtolz. O! wenn ich an alle die Vorurtheile, alle die Kleinlichkeiten denke, die ſich legionenweis gegen den erheben, der ſeinen eignen Weg gehen will, dann fühle ich eine Luſt zum Leben, es zu opfern im Kampfe gegen das Heer der Dunkelheit. Wie glücklich iſt doch der, der als Opfer für die gute Sache fällt. Er lebt nach dem Tode, das bleibt gewiß.“—„In der Erinnerung, 187 meinſt Du?„Ja, das kann dem Todten viel helfen,“ ſagte Roller. Hermes ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er:„Sollte man gar nichts davon fühlen, wenn die Zurückgebliebenen in einem Ausbruch von Begeiſte⸗ rung und Dankbarkeit unſern Namen nennen?“ Er blieb ſtille ſtellen, ſah zu Boden und ſagte, als ſpräche er mit ſich ſelbſt:„Freilich iſt eine Leiche etwas ſo ganz Todtes und Materielles, und das ohne in dem Augen⸗ blick, wenn das Leben aufgehört hat, daß der Sprung vom Sterben zum Tode ein unendlich großer iſt. Es ſieht wirklich aus, wie wenn der Schmetterling die Larve verlaſſen hat, deren Exiſtenz doch der des Wurmes ganz entgegengeſetzt iſt.“....„Höre! Gott ſei uns gnädig!“ ſagte Roller,„wenn Du nun wieder auf die alte Weiſe fortfährſt, ſo gehe ich fort. Was kann ungereimter ſein, als über ein Leben zu ſpeculiren, das uns ein Ge⸗ heimniß iſt und in dem wir nicht leben.“—„Ja, wer weiß, ob wir nicht hier ſchon in ihm leben können.“— „Höre Freund, nimm Vernunft an! Es ſoll ja ewig ſein, alſo läuft es uns nicht davon, und wir brauchen uns durchaus nicht zu übereilen, uns hineinzuſtürzen; wir kommen zeitlich genug. Ja, Gott ſei Gank! Da ſehe ich Eliſen, ſie ſitzt auf der Bank am Wege.“ Sie eilten beide zu der jnngen Frau, welche die Zei⸗ tungen las, die ſie, wie früher, ſelbſt geholt. Sie war ſo vertieft in dieſe Lectüre, daß ſie die beiden Männer nicht bemerkte, als bis ſie vor ihr ſtanden. Dieſer Eifer für die Zeitungen war ein neues Raͤthſel für Hermes, da Eliſe ſonſt kein Intereſſe für politiſche Angelegenheiten zeigte; auch das Leſen ſchien ſie nicht zu intereſſiren, denn er hatte ſie mehre Mal mit dem Buche in der Hand einſchlafen ſehen. Selbſt Handarbeiten konnten ihr keine Unterhaltung gewähren, Zeitungen leſen und Karten⸗ auflegen ſchien dage gen ihre ganze Seele zu erfüllen und ſie geiſtig anzuregen. Roller hatte einen Handſchuh auf dem Wege verloren. Er ging einige Schritte zurück, um ihn zu ſuchen. gutes Mädchen, ſie war meine Geſpielin, ich will ſie be⸗ ſuchen, wenn ich nach der Stadt komme.“— Hermes ſprach nun von der Unruhe Fräulein Molly’s über die Morgenſpaziergänge ihrer Schweſter. Eliſe ſah vor ſich nieder und ſagte:„Ich will gerne allein gehen und wenn ich mich nicht fortſtehle, ſo würde au Ende Molly mich begleiten. Ich geſtehe, daß ich oft aus einem Nichts eine Heimlichkeit mache, aber das kommt daher, daß ich an Widerſpruch gewöͤhnt bin und ihn daher bei dem unſchul⸗ digſten Wunſche fürchten zu müſſen glaube.“ Dieſes kleine Geſpräch vermehrte das Intereſſe für Eliſen, das ihr Be⸗ tragen am vorhergehenden Tage bei Hermes angeregt hatte; Roller kam endlich zurück und man begab ſich auf den Heimweg. Der junge Arzt ging hinter Beiden und konnte nicht ohne einen gewiſſen Widerwillen Eliſens An⸗ zug betrachten, der von Kopf bis zur Zehe einen außer⸗ ordentlichen Mangel an Ordnung und Reinlichkeit ver⸗ rieth; namentlich konnte er kein Auge verwenden von dem plumpen Fuße, der vor ihm einherging, und deſſen von Natur nicht ſehr glückliche Formen durch die häßlichen Strümpfe und beinahe niedergetretenen Schuhe, ſammt dem ſchlechten und ſchweren Gang noch in die Augen fallender wurden. Da es bereits uͤber Mittag war, als man nach Hauſe kam, ging die junge Frau ohne Be⸗ denken in dieſem wenig kleidſamen Morgenanzug zu Tiſche. Aber das Schlimmſte war ihnen noch aufbehalten: als ſich die kleine Geſellſchaft nach Tiſche trennte, kam Hermes auf den Gedanken, einen niedern Saal der oberſten Etage des Hauſes zu beſuchen, um dieſes Zimmer, deſſen Decke und Wände Palmer gemalt hatte, in der Nachmittags⸗ beleuchtung zu beſichtigen. Er blieb lange allein dort Hermes ſetzte ſich indeſſen bel Eliſen nieder und erzählte ihr von dem Beſuche des Schuhmachers. Sie hörte ihn mit ungewöoͤhnlicher Aufmerkſamkeit an und ſagte:„Das iſt mir lieb für meine Couſine; ſie thut Recht, daß ſie nach ihrem Herzen wählt. Ricke iſt ein 189 und freute ſich über den wunderbaren magiſchen Effect, den ſtarken Styl, den er ſchon früher bewundert, aber noch nicht ſo genoſſen, wie jetzt, da er allein war. Die Thüre zu einem ihm unbekannten Zimmer ſtand offen. Die Neugierde trieb ihn, einen Blick hineinzuwerfen. Es ſah aus, wie nach der Zerſtoͤrung von Jeruſalem. Schuhe, Kleider, Arbeiten, Bücher, Alles lag auf Stühlen und Tiſchen umher. Hermes dachte ſich ſogleich, dies müſſe Eliſens Zimmer ſein; er glaubte, es werde Niemand drinnen ſein und trat ein, war aber beinahe erſchrocken, als er Eliſe in tiefem Schlaf auf dem Sopha liegen ſah. Ihr unordentliches Ausſehen wurde in dieſem Augenblick noch unangenehmer, ihr häßliches Bein umſchloß kein Schuh, ihr Angeſicht war roth und perlte von Schweiß, der offene Mund ſchnarchte laut: ſie wurde dabei über⸗ dies von ihrem großen Hunde accompagnirt, der im ſelben Sopha zu ihren Füßen lag. Hermes entfernte ſich raſch, indem er bei ſich ſagte:„Wie kann doch die Schönheit ſo häßlich werden, wirklich, nur die Grazien verleihen ihnen Reiz.“ Verſtimmt ging er in den Wald, der an den Garten ſtieß.. Es war ein ſchöner Abend. Die Sonne ſtand noch hoch am Himmel. Unſer Freund ſetzte ſich auf eine Bank, die beinahe ganz von Bäumen und Büſchen bedecktem war, von welchen ſie auf allen Seiten umgeben wurde. Dieſer gegenüber war eine Terraſſe, zu welcher einige Treppenſtufen hinaufführten. Er überließ ſich hier ganz dem angenehmen Gefühle, das man empfindet, wenn man aus einer langweiligen Geſellſchaft ſich in eine für jedes Auge unzugängliche Einſamkeit flüchtet. Er ſuchte ſeine Gedanken zu ordnen und ſagte bei ſich ſelbſt:„Was in aller Welt wollte ich doch hier? In welches unbehagliche Verhältniß habe ich mich verwickelt. In dieſer Familie, in der ich mich ſo fürchterlich langweile, betrachtet man mich bereits als ein Mitglied, Dank ſei es meiner eignen und meines Vaters Unvorſichtigkeit. Doch, ich will meinen Vater nicht anklagen; es ſind meine eignen Aeußerungen, die ihn zu dieſem Schritte verleiteten, der mich nun eine ſo ſchlechte Rolle ſpielen läßt. Weßhalb ſprach ich in ſo leidenſchaftlichen Ausdrücken von einer Liebe, die ich im Grunde durchaus nicht nährte? Ein reines Hirngeſpinſt war es. Weßhalb ſagte ich ſo oft, ich wünſche mir Reichthum, um dieſes Lebens Güter zu genießen, während ich ſie doch zu genießen vermochte? Ich pries freilich auch aus edleren Gründen die Glückſeligkeit des Reichen; ich dachte an ſeinen freien Wirkungskreis, ſeine beneidenswerthe Unabhängigkeit. Nun werden ſie mir vielleicht geboten und ich verſchmähe ſie! Mit wie weit größerer Kraft könnte ich in meiner Wiſſenſchaft wirken, wenn der goldene Schlüſſel zu ſo mancher Kraft in meinen Händen wäre, die ſie nicht mißbrauchen würden?— Und Eliſe? Etwas mir Unbekanntes bewegt ſich in ihrer Seele, etwas, was mir picant iſt, was ich gerne kennen möchte, denn ich glaube, es iſt gut und vortrefflich. Und ſie kommt mir auf keine Weiſe entgegen, das gefällt mir. Entweder weiß ſie nichts von meines Vaters Vorſchlag oder ſie achtet nicht darauf, ehe ſie mich genauer kennt.— Aber ſte iſt ohne Grazie, ohne jene weiblichen Vorzüge, die mir beſonders gefallen, ſie iſt ſchläfrig, unordentlich und lang⸗ weilig. Welche Qual, zu einer ſolchen Frau nach einem Tage voll Laſt und Hitze zurückzukehren!— Ich liebe ſie durchaus nicht; nein, ich ſuche nach dem Platze, den ſie einſt in meinem Herzen, oder richtiger geſagt, in meiner Phantaſie hatte. Nach der Hochzeit würde ſie mir mit all' ihrer Schoͤnheit zuwider ſein; ſchön iſt ſie frellich, trotz ihrer dicken Füße, aber ſie beſitzt nicht jene Art von Schönheit, die mir gefällt. Da hat wieder meine Phantaſie mich zum Narren gehabt. Hätte ich mich ſelbſt geprüft, ſo wüßte ich das Alles ſchon lange. Und doch hatte ich nie im Sinne, mein ganzes Leben und meine Freiheit für Gold zu verkaufen. Nein, je weniger Mammon uns beſchwert und an dieſe Erde bindet, deſto freier ſind . 191 wir. Und dieſe Güter der Welt? Ja, was ſind ſie? Häßlich wird die ſchönſte Umgebung, wenn man ſie mit langweiligem Sinne betrachtet. Wie prächtig und ſchön iſt nicht dieſes Birkehöt; wie häßlich erſcheint es mir manchmal. Wie zähle ich nicht die Stunden, bis ich es wieder mit meinem einfachen, einſamen Zimmer in der Stadt vertauſchen kann.— Und manchmal erfaßt mich wieder eine Sehnſucht?— wonach? Ich weiß es nicht. In dieſem Augenblicke nach einem Orte— der freilich nicht exiſtirt, nach einem Phantaſiebild, wie gewöhnlich.“— Er zog ſein Portefeuille hervor und betrachtete ein Blatt, das er darin liegen hatte, nämlich die oben beſprochene Skizze des alten Malers.„Wunderbar ergreift mich dieſe Zeichnung, dieſes Haus, ſo einfach, ſo lieblich mit ſeinen Weinranken an der Mauer hinauf, mit ſeinen nie⸗ deren Fenſtern, ja, bis auf die Katze, die in der Thüre ſitzt! Das Ganze iſt ſo behaglich, ſo wohlthuend! O, wer unter dieſem Dache weilen dürfte! Wem es vergönnt wäre, durch den Wald zu wandern und die Gardine ſich im Winde bewegen zu ſehen, wie ſich dann die Geſtalt, welche dort ſitzt, nach mir umwendete, ſich erhoͤbe und mir einen freundlichen guten Abend zuwinkte! Es iſt ge⸗ wiß ein feines, liebliches, weibliches Weſen. Wie ſchoͤn umſchlingt das dichte Haargeflecht den zarten Nacken! Sie ſitzt fleißig bei ihrer Arbeit. O, ſtilles Glück, das uns Fleiß und Genügſamkeit ſchenkt! O, liebliches Mäd⸗ chen! wo werde ich Dich finden!“— Er fuhr mit der Hand über die Augen, legte die Zeichnung in das Porte⸗ feuille und ſteckte dieſes in die Taſche.„Ich bin thöricht,“ fuhr er fort:„Indeß iſt mir früher der Gedanke ge⸗ kommen, daß das unerklärliche Gefallen, das wir in dem Einen und Andern finden, vielleicht eine dunkle Erinnerung aus einem vergangenen Leben iſt. Die Sehnſucht, die mich ſo oft ergreift, iſt ſie nicht ein Suchen nach der Geliebten, die ich an jenem Ufer verloren, nach einerhoͤheren, glücklicheren Exlſtenz, die ich durch ein Vergehen verſcherzt, 19² das mich noch heute martert, und das ich bereue, obgleich ich die näheren Umſtände vergeſſen.“.... Er wurde in, dieſen Betrachtungen durch den Ton einer angenehmen Stimme unterbrochen, welche Melodie und Zwiſchenſpiel der Partie der Anna in dem bekannten ſchoͤnen Duett aus der Jägerbraut ſang. Das Heitere in dieſer Muſik, die dazu paſſenden Worte:„Grillen haß' ich, wie die Peſt,“ griffen in den melancholiſchen Ideen⸗ gang des Andern ein. Hermes ſtutzte. Es war zum zweiten Mal in kurzer Zelt, daß ein Lied gewiſſermaßen auf ſeine Gedanken oder Aeußerungen geantwortet hatte. Er erhob ſich und durch das Laub guckend, das ihn ver⸗ barg, ſah er oben auf der Teraſſe ein junges Mädchen leichten und raſchen Schrittes herabkommen. Sie war ſehr nett und einfach gekleidet. Ein hellrothes, geſtreif⸗ tes Kleid ſiel in ſchoͤnen Falten um die feine Geſtalt, eine kleine weite Schürze von weißem Zeug bewegte ſich im Winde, ein einfacher Strohhut bedeckte ihren Kopf, und um ihre Schultern hing ein ſchmaler grüner Florſhawl mit eingeſtickten Palmen, welchen die ſcherzenden Zephyre auf und nieder wehten, daß es ausſah, als trüge ſie Flügel und die Illuſion vollendeten, als ob ein luſtig Weſen mit bunter Schmetterlingspracht durch den Wald floͤge. Als ſie die Treppen herunter kam, nahm fie alle zugleich in einem Sprung und ſo leicht, daß ihre kleinen und niedlichen Füße kaum die Erde zu berühren ſchienen. Sie trug auf dem Arm einen hübſchen Korb mit Erd⸗ beeren, die ſorgfältig zwiſchen grüne Blätter gelegt waren. Ein kleines, armes Mädchen ſtand unten an der Terraſſe. Die fluͤchtige Nymphe blieb ſtehen und ſah das Kind an, das ohne ein Wort zu ſprechen, bittende Blicke nach den ſchonen, rothen Beeren warf. Mit noch durchdringenderen Blicken betrachtete Hermes die liebliche Unbekannte, die feinen Züge, das dunkle, leuchtende Auge, die ſchoͤ⸗ nen gewoͤlbten ſchwarzen Augenbrauen, die braunen Haare, die ſich unter dem Hute hervorſtahlen. Mit 193 einer weichen und angenehmen Stimme ſagte ſie zu dem kleinen Mädchen:„Du willſt doch wohl einige von dieſen Erdbeeren haben?“ Das Kind ſteckte verlegen das Ge⸗ ſicht in die Hände. Das junge Mädchen aber ſetzte den Korb auf die Erde, ging nach dem Gebüſch und pflückte einige Blätter ab. Hermes wollte ſich zurückziehen, aber gerade dieſe Bewegung verrieth ihn. Das junge Mäd⸗ chen ſah mit Schrecken das Geſicht eines Mannes ihr aus den Blättern entgegen blicken. Raſch ſprang ſie zu⸗ rück, ergriff ihren Korb, legte in größter Eile einige Erdbeeren auf die abgepflückten Blätter und gab ſie dem Kinde. Einen Augenblick war ſie unentſchloſſen, ob ſie weiter gehen oder dahin zurückkehren ſollte, woher ſie gekommen, als Herm es ploͤtzlich vor ihr ſtand. Chrer⸗ bietig grüßte er ſie und bat in höflichen und einſchmei⸗ chelnden Worten um Vergebung. Er nannte ihr ſeinen Namen, erzählte, daß er auf dem benachbarten Birkehöi zu Beſuch ſei, deßhalb die Gegend nicht kenne und bat ſie, ihm zu erlauben, daß er ſie durch den Wald be⸗ gleiten dürfe, da er den Weg nicht wiſſe. Sie antwor⸗ dete nur mit einem leichten Knix. Eine kleine Weile wanderten Sie ziemlich ſtumm neben einander. Endlich ergriff Hermes das Wort, bat ſie noch einmal um Ver⸗ gebung, daß er ſie belauſcht, was eigentlich durchaus nicht ſeine Abſicht geweſen.„In tiefen Gedanken ſaß ich hier hinter dieſem Gebuüſche,“ ſagte er,„und hörte plötzlich muntere bekannte Töne, und ſah Sie kommen, zu mir herabſteigen. Sie erſchienen mir wie eine wohl⸗ thätige Nymphe aus dieſen Wäldern, wie ein längſt be⸗ kanntes Weſen, doch nicht aus der Wirklichkeit, nein, aus dem Lande der Ideale. Laſſen Sie es ſich nicht Leid thun, mich wie das arme Kind erquickt zu haben, dem Sie Erdbeeren gaben. Zeuge einer ſolchen Her⸗ zensgüte zu ſein, iſt auch Erquickung.“ Das junge Mäd⸗ chen ſchien nicht ohne Vergnügen dieſe ſchmeichelnden Aeuße⸗ Novellen. I. 13 194 rungen zu vernehmen, und mit erroͤthenden Wangen ant⸗ wortete ſie:„Meine Herzensgüte bei dieſer Gelegenheit ver⸗ dient vielleicht eher Tadel, als Lob, denn ich verſchenkte etwas, was nicht mir gehörte. Dieſe Erdbeeren ſind für die Frau des Pfarrers beſtimmt, welche nicht weit von hier wohnt. Sie ſind von ſeltener Art; ich ſollte ſie ihr von meinem Vater bringen, in deren Garten ſie gewach⸗ ſen. Aber das kleine Mädchen ſah mich mit Augen an, denen ich nicht widerſtehen kann.“—„Welche Augen ſind ſo glücklich?“ fragte Hermes lächelnd.„O das find jene Augen, in denen etwas Bittendes, Schmerz⸗ liches, Kummerbolles liegt, was ich nicht erklären kann. Ich glaube nur Kinder und Thiere können dieſen Aus⸗ druck in ihrem Blicke haben. Vielleicht ſchenkt die Na⸗ tur ſie ſolchen, die ſich nicht mit Worten zu erklären vermögen. Sie ſind auch weit mehr zum Herzen ſprechend, als mündliche Bitten. Als ich klein war, konnte ich mir trotz alles Verbotes und Undankes nicht verſagen, mein Frühſtuck mit meines Vaters großem Jagdhund zu thei⸗ len, weil er mich mit ſolchen Augen anſah.“—„Ihr Herr Vater wohnt im Sommer hier außen?“—„Wir wohnen hier Sommer und Winter;“ antwortete ſie:„dieſer Wald iſt mir ſo bekannt, wie mein eigenes Zimmer. Seit mehreren Jahren gehe ich beinahe täglich dieſen Weg nach dem Pfarrhaus und zurück.“ Je mehr Hermes das Mädchen ſah und hörte, deſto mehr fühlte er ſich an ihrer Seite in eine höhere Welt gehoben. Es war ihm, als ob er ſie lange ſchon kenne; auch ſie ſchien der Verlegenheit Herr zu werden die ſich ihrer bei dieſer unerwarteten Begegnung be⸗ mächtigt hatte. Er beugte ſich im Verlaufe des Geſprä⸗ ches zu ſeiner Begleiterin herab, deren Geſtalt ziemlich klein war. Sie ſahen einander mit dem Blicke in die Augen, mit welchem verwandte Seelen ſich grüßen und die ſich in die Seele mit einer Schrift einpraͤgen, die nicht von dieſer Welt iſt. 195⁵ Nur allzu kurz war der Weg nach dem Pfarrhof. Sie blieben bei einem Pfoͤrtchen ſtehen, das in den Gar⸗ ten führte.„Ehe wir uns hier trennen,“ ſagte Hermes, „erzeigen ſie mir die Ehre, mir Ihren Namen zu nen⸗ nen, damit ich,“ fügte er lächelnd hinzu,„ihn, ehe ich zur Ruhe gehe, in mein Abendgebet einſchließen kann.“— „Ich heiße Gabriele.“—„Gabriele! das hätte ich ahnen ſollen.“ Sie heißen nach einem der Engel des Lichtes, nach dem freundlichſten, den ich kenne, denn er bringt Troſt auf die Erde. Sie wiſſen nicht, wie ſehr Sie heute Abend Ihren Namen erfüllt haben. Aber Sie haben noch einen andern Namen? den Ihres Vaters?— Gabriele ſchlug die Augen nieder und ſagte mit leiſer Stimme:„Gabriele Palmer.“ Hermes dachte bei ſich ſelbſt: die Tochter des Malers! Ja, nun gehen mir die Augen auf, ſie hat einige Aehnlichkeit mit ihm.— „So hatte ich die Ehre,“ ſagte er,„Ihren Herrn Va⸗ ter kennen zu lernen.“—„Das hat mir mein Vater be⸗ reits erzählt,“ antwortete Gabriele;„aber ich muß Ihnen ſagen, man erwartet mich,“ fügte ſie hinzu und eilte in die Thüre. Hermes blieb ſtehen und ſah ſie durch den Garten in das Haus eilen. Er ging nun um den Pfarrhof, betrachtete Fenſter und Thüren und wünſchte ſehnlich über dieſe Schwelle treten zu dürfen; endlich aber riß er ſich los und eilte in den Wald. Hier verlangſamte er ſeinen Schritt, ließ in Gedan⸗ ken die jüngſten Ergebniſſe an ſich vorüberziehen und fühlte ſich entzückt, beſeelt von einem neuen Leben, von einem früher nie empfundenen Glücke, einer ſüßen Weh⸗ muth.—„Aber,“ ſagte er langſam und kummervoll: „Des Malers Tochter! Der verrückte Maler, wie Roller ihn nannte... Gleichviel! Der Mann geſiel mir, wirkte erfriſchend auf mich. Es war eine Ahnung, daß ich in ſeiner Tochter den Engel des Friedens finden würde, der meinem Herzen Ruhe zu ſchenken die Kraft beſitzt. Ich 196 kenne ſie und bedarf nicht der langſamen Lehre der Zeit, um zu erkennen, daß ſie jene Hälfte iſt, die ich auf der Grenze des Lebens verloren, weßhalb mein Leben auch bis heute nur ein halbes war. Alle Rückſichten ſchwin⸗ den vor dieſem Gedanken.“ Als Hermes nach Birkehoi zurückkehrte, war es ſpät; man hatte ihn lange erwartet, und es lag in ſei⸗ nem Ausſehen und ganzen Weſen etwas ſo Begeiſtertes, daß ſowohl Fräulein Molly als Roller anfangs glaubten, er komme vom Wirthshauſe, wo er ein ungewoͤhnliches Quantum von Wein genoſſen haben müßte. Er war in⸗ deſſen ſo aufgeräumt, ſo munter, ſo freundlich geſtimmt, daß ſeine Laune neues Leben in die kleine Geſellſchaft brachte.— Von dem Zuſammentreffen mit Gabriele ſagte er nichts; auch vor Roller verſchwieg er gegen alle Gewohnheit das Vorgefallene. Zum erſten Male ver⸗ ſchloß er ſeine Gefühle im eignen Herzen. Es waren nur noch drei Tage von der Woche über, welche ſich die jungen Freunde auf dem Lande zuzubrin⸗ gen vorgenommen; am Morgen des vierten Tages woll⸗ ten ſie in Geſellſchaft des Juſtizraths nach der Haupt⸗ ſtadt zurückfahren. In dieſen drei Tagen ſchwärmte Her⸗ mes von Morgens bis Abends auf den Wegen umher, wo er Gabrielen begegnet. Am erſten Tage vergebens. Spät Abends kehrte er nach Birkehöi zurück und zeigte ſich in einer ſo verſtimmten, unbehaglichen Laune, als er am Abend zuvor ſich in der entgegengeſetzten gezeigt hatte. Die mancherlei Fragen und Neckereien, die er aushal⸗ ten mußte, vermehrten ſeine Verdrießlichkeit. Am fol⸗ genden Tage war er glücklicher. An derſelben Stelle, wie das letzte Mal, ſah er Gabrielen die Terraſſe herab⸗ kommen. Er wagte es, ihr entgegenzugehen und ſie grüßte ihn mit unverkennbarem Vergnügen. Noch ſchoͤ⸗ ner, noch liebenswürdiger, als das erſte Mal, erſchien ſie ihm heute. Er erzählte, daß er in zwei Tagen die Gegend verlaſſen werde und beklagte, geſtern vergebens 197 nach einem Blick von ihr ſich geſehnt zu haben. Gabriele antwortete, häusliche Geſchäfte hätten ſie an das Haus gefeſſelt; dadurch kam ſie nätürlich auf das Hausweſen, das ſtille, beſchränkte und doch nach ihrem Sinn glückliche Leben zu ſprechen, das ſie führe. Unmerklich ging man auf die Schilderung der beiderſeitigen Stellung und Ver⸗ hältniſſe über und ſprach vertraulich, wie alte Freunde. Mit einiger Wehmuth gedachte Gabriele ihrer verſtorbe⸗ nen Mutter, die ſie vor fünf, ſechs Jahren verloren, und eines Bruders, der auch todt war. Mit Wärme nannte ſie die Frau des Pfarrers, bei der ſie die Liebe der Mut⸗ ter wieder gefunden und die ſie in der Haushaltung und weiblichen Arbeiten unterrichtet, welche ſie, als ihre Mutter ſtarb, noch nicht vollkommen verſtand. In den Töchtern des Pfarrers hatte ſie liebevolle Schweſtern gefunden; deßhalb könne ſie keinen Tag vergnügt ſein, ohne dieſe Familie zu ſehen, wenn es auch ſchon eine halbe Stunde weit ſei. Wie das letzte Mal, begleitete Hermes ſie bis an die genannte Gartenpforte und als er ſie verließ, bat er ſie, zu beſtimmen, zu welcher Stunde er hoffen dürfe, ſte auf der Terraſſe zu finden, um ihr Lebewohl zu ſa⸗ gen. Er äußerte dieſe Bitte mit ſo freundlichem, inni⸗ gem und liebevollem Ausdruck, daß Gabriele ihm ohne Einwendung die gewünſchte Antwort gab.. Am folgenden Tage fanden ſie ſich wieder auf der Terraſſe. Der Gedanke an die nahebevorſtehende Trennung machte ſie beide noch weicher und miſchte in den Becher ihrer Freude den Tropfen Wermuth, der ſie noch berau⸗ ſchender machte. Diesmal ſetzten ſie ſich neben einander auf die Bank unter der Terraſſe, wo Hermes Gabrielen zum erſten Male geſehen. Er ſprach von ſeiner Hoffnung, bald wieder zurückzukommen und nannte bei dieſer Gele⸗ genheit die Pflichten, die ihm als Arzt und Amanuenſis ſeines alten Vaters oblagen.„Es iſt wohl unklug,“ ſagte er,„Sie daran zu erinnern, denn ich glaube, junge Da⸗ men haben vor den Aerzten wie vor der Medizin häufig 198 Furcht, um nicht zu ſagen Abſcheu.“—„Im Gegentheil!“ antwortete Gabriele:„Wer ſollte Sie nicht achten, der nur lebt, um uns armen leidenden Menſchen zu helfen und das Leben derer zu erhalten, die uns theurer ſind, als unſer eigenes? O mein Gott: ich höoͤre jeden Tag von Krieg und Gefangenſchaft, von Elend und Streit auf Erden ſprechen. Ich dachte recht oft in der Stille mei⸗ nes Herzens, daß die, die uns in aller dieſer Noth tröſten, Dichter und Künſtler, die uns in eine beſſere, ruhige Welt ſühren, Aerzte, welche heilen, Schmerz und Angſt und Kummer lindern— daß dieſe die wahren Wohlthäter der Menſchen, ihre beſten Freunde ſind.“—„O Gabriele!“ rief Hermes,„Sie verſtehen beſſer zu heilen und zu tröſten, als ich.“—„Nein, das weiß ich nicht beſſer,“ antwortete ſie wehmüthig:„ich verſuche es oft vergeblich. Mein Vater iſt manchmal bekümmert, ohne daß ich ihn aufzumuntern vermag.“— Hermes bat ſie, ihm zu geſtatten, daß er bei ſeiner Wiederkehr ihren Vater beſuchen dürfe; ſie ant⸗ wortete ausweichend und hörte mit Verwunderung die Lobſprüche, in die ſich Hermes über ihres Vaters anzie⸗ hendes Weſen ergoß. Ein Ausdruck von Verlegenheit zeigte ſich auf ihrem Geſichte. Während dieſer und ähnlicher ſtiller Geſpräche war man in die Nähe des Pfarrhauſes gekommen. Gabriele hatte den Arm ihres Begleiters angenommen. Sein Geſicht war wie verklärt, ſeine Augen leuchteten; in poetiſcher Begeiſterung erzählte er von ſeiner Sehn⸗ ſucht, ſeiner Freude bei dem Gedanken, ſie hier wiederzufinden, und ſeine Augen, der Ausdruck in ſeiner Stimme, noch mehr als ſeine Worte, ſprachen laut von ſeiner leidenſchaftlichen, raſch auflodernden, aber darum nicht minder innigen Liebe. Man ſtand nun am Garten⸗ pförtchen. Hermes ergriff Gabrielens Hand, küßte ſie und entfernte ſich mit raſchen Schritten, während ſeine junge Freundin langſam durch den Garten ging und vor der Familie des Pfarrers mit ſo lebhaft geroͤtheten Wangen A —— 199 ſtand, ſo zerſtreut und ernſt war, daß ihre Freundinnen in ihrer Beſorgniß glaubten, ſie ſei krank. Der alte Doctor Hermes wünſchte aus mancherlei väterlichen und— wie er meinte— vernünftigen Grün⸗ den die Verbindung ſeines Sohnes mit der Wittwe. Als ſein Rudolph nun zurückkam, beſtürmte er ihn ſogleich mit Fragen über den glücklichen Erfolg ſeiner Werbung. Ohne die Begegnung mit Gabrielen zu nennen, theilte der Sohn ihm freimüthig ſeine Meinung und ſeinen Beſchluß bezüg⸗ lich Eliſens mit. Der alte Doctor wurde ſehr ärgerlich und ungehalten, und machte ſeinem Sohne heftige Vor⸗ mürfe, die dieſer, da er ſeinen Vater kannte, ſich ſehr zu Herzen nahm. Nach Verlauf von vierzehn Tagen, als Roller ſeinem Freunde vorſchlug, ihn wieder hinaus nach Birkehöt zu begleiten, und Hermes ſogleich einwilligte, glaubte der Doctor darin die Früchte ſeiner Ermahnun⸗ gen ſehen zu dürfen und übernahm mit Freuden die Ge⸗ ſchäfte des Sohnes während deſſen Abweſenheit. Auf dem Wege beſchloß Hermes, ſich eine andere Wohnung in der Gegend zu verſchaffen und ſich höflich von der Familie auf Birkehöi zurückzuziehen. Mit keiner Aeußerung oder Miene hatten Eliſe und er ſich bis jetzt genähert und folg⸗ lich durfte er ſich, trotz der unglücklichen Familienverab⸗ redung, für frei anſehen. Er nahm ſich vor, Alles an⸗ zuwenden, um ſich Gabrielens Herzen und der beiderſei⸗ tigen Einwilligung der Väter zu verſichern. Der Juſtizrath, Fräulein Molly, ja ſogar Eliſe em⸗ pfingen ihn diesmal mit ſo großer Freundlichkeit, daß er ganz verlegen wurde. Schon am ſelben Abend fand er ſich bei der lieben Terraſſe ein und ſah zu ſeiner Freude Gabriele auf der beſprochenen Bank ſitzen. Eine Ahnung, ſagte ſie, habe ihr geſchmeichelt, daß ſie dieſen Abend ihn finden werde, obgleich, fügte ſie hinzu, eine Ahnung von ſeiner Nähe ſie ſchon mehrere Male betrogen. Dieſe un⸗ ſchuldigen und offenherzigen Aeußerungen machten einen ſo tiefen Eindruck auf den verliebten, ſungen Mann, daß 200 e ihm die Thränen in die Augen kamen. Mitten in dieſer glückſeligen Stunde wurden die Liebenden auf Etwas auf⸗ merkſam, was ſich näherte, und wie es ſchien, mitz unſi⸗ cheren Schritten und einzelnen abgebrochenen Jorten. Gabriele glaubte ihren Namen nennen zu hören und als ſie ſich umwandte, ſah ſie zu ihrem Schreck den Maler Palmer, ſichtlich betrunken, die Terraſſe hinaufgehen. Aus Furcht, er möchte die Treppenſtufen herabfallen, eilte ſie ihm entgegen. Hermes folgte ihr. Sie ergriffen ihn unter den Armen.„Dank, meine Kinder,“ ſagte er mit einem unſäglich lächelnden Geſichte:„Dank! Ich bin etwas ſchwindlich. Ich ſuchte Dich überall, Gabriele! Zu Hauſe war Niemand, als die alte Cathrine. Der Hund und der alte Peter waren auf der Jagd. Sie wollten nicht gerin⸗ ger ſein, als der Graf und der Jägermeiſter. Er lebe, der gute Herr! Ohne ihn hätte unſer Alter nie ein adeliges Vergnügen. Aber, was wollte ich eigentlich ſagen? Ich wollte eigentlich mit Dir ſprechen, und Dich um Ver⸗ zeihung bitten, weil ich einen kleinen Spitz habe, was Du nicht leiden kannſt. Nun bitte ich aber beſonders, nicht zu weinen, was Du das letzte Mal thateſt.— Herr Gott! Das iſt ſchon ſehr lange her, daß ich mir einen vergnügten Tag machte. Aber heute traf ich hier außen auf dem Weg meinen alten Freund, den treuen Merlin, das herrliche Genie, der ſeit zwanzig Jahren in dieſer undankbaren Welt Noth und Kummer gelitten. Was meinſt Du wohl? Der Teufel ſteht nicht alle Tage vor der Thüre eines armen Mannes, wie ein franzoͤſiſches Sprichwort ſagt. Seine einzige Tochter ſoll den reichen Gutsbeſitzer eine halbe Meile von hier heirathen. Die Hochzeit wird in einem halben Jahre hier in der Kirche voor meinem Altarbilde gefeiert werden. Merlin kam von dem Gute, er war heiter und ich war gleichfalls guter Dinge und ſo gingen wir in's Wirthshaus und tranken das Wohl der Braut und das Wohl der guten Himmels⸗ fügung, und das Wohl der Kunſt, und des kleinen Amors 201 Wohl, und ſo kam es, daß meine Füße etwas ſchwer wurden, aber mein Verſtand iſt frei und klar, wie ihr an meiner Rede hören könnt.“— Nun ward er erſt Her⸗ mes gewahr, und machte eine freudige Bewegung, indem er ausrief:„Biſt Du es, mein prächtiger Junge? Ich kenne Dich gut. Du trägſt denſelben Namen, wie der freundliche Gott, der die Schatten über die unterirdiſche Flut führt. Laß es Dir deßhald nicht Leid thun, daß Du mich hier führſt, denn ich bin auch ein Schatten,— der Schatten eines braven Künſtlers, des ehrlichen Palmer, der einſt ein tüchtiger Maler war, aber frühzeitig zu Grunde ging, weil die ſchöne Dalila eine Verrätherin an dem Freunde wurde, der vertrauensvoll den Kopf in ihren Schooß legte und weil Hercules nicht mit dem Tode für mich ſtreiten und meine Alceſte holen wollte.“ Während dieſer verwirrten Reden wurde Palmer von ſeinen beiden Begleitern nach ſeiner Wohnung zu⸗ rückgeführt, welche ganz in der Nähe lag; aber man war noch immer auf dem Wege, als der Maler nicht mehr gehen konnte. Gabrielens ſchmerzliche Verlegenheit bei dieſer Scene konnte der Aufmerkſamkeit ihres Begleiters nicht entgehen. Sie zitterte ſichtlich und Thränen ſtahlen ſich unter den geſchloſſenen Augenwimpern hervor. Her⸗ mes beugte ſich hinter Palmers Rücken und ſagte leiſe: „Faſſen Sie ſich, liebſte Gabriele! Laſſen Sie ſich das nicht kümmern! Könnte ich dieſe und jede Bürde ſtets mit Ihnen theilen!“ Indeſſen war ihm ſelbſt nicht ganz wohl bei der Sache. Er ſah ſich nach allen Seiten um, ob er nicht von Jemand geſehen würde, und ſagte bei ſich ſelbſt:„Das wäre freilich ein hübſches Vergnügen, ſeinen berauſchten Schwiegervater zu begleiten und ſeinen Bekannten zu begegnen!“— Aber der Anblick der ſtill weinenden Gabriele brachte dieſe Betrachtungen zum Schwei⸗ gen. Man ſtieg auf der andern Seite der Terraſſe herab und kam zu einem kleinen, eingehegten Luſtwäldchen. Sie traten in die ſchönen Gänge und ſahen bald das Haus 202 vor ſich. Erſtaunt erkannte Hermes den Ort, deſſen Ab⸗ bildung er bei ſich trug. Die hohen Bäume im Vorder⸗ grund, die Weinranken, das kleine Fenſter, Alles war da, bis auf die große Katze, welche wirklich vor der Thüre ſaß. Ein Ausruf der Verwunderung und Freude ent⸗ ſchlüpfte Hermes.— Ein paar Stufen führten in eine Art Vorſaal von eigenthümlich altväteriſchem Ausſehen. Es war ein viececkiger Saal, der durch das ganze Haus ging. Vor dem Haupteingang waren Thüren zum Gar⸗ ten, welche offen ſtanden, mehre Thüren führten in die übrigen Zimmer des Hauſes. Der Boden war mit Mar⸗ morflieſen belegt und die Wände von polirtem Gips. Mitten im Saale war ein Kamin, über welchem ſich ein mit bunten Farben bemaltes, großes Wappen befand. Die⸗ ſelbe Malerei ſchmückte die gegenüber liegende Wand und an dieſer ſtanden mehre altväteriſche, große, vergoldete Lehnſtühle. Zu einem von dieſen führte man Palmer. Gabriele beugte ſich zu ihm herab und ſagte:„Lieber Onkel! erlauben Sie, daß ich Sie in Ihr Zimmer führe.“— „Onkel,“ wiederholte Hermes:„iſt Herr Palmer nicht Ihr Vater?“—„Vater?“ rief der Maler:„Nein, mein Freund! da lügſt Dul ich bin keines Menſchen Vater; ich habe nie Frau oder Kinder gehabt. Die, die ich am meiſten liebte, iſt vor vielen Jahren in die Erde, in die neidiſche Erde gelegt worden, die das ſchönſte verzehrt, was ſie hervorgebracht.„„Auch hab' ich weder Gut, noch Geld, noch Chr' und Herrlichkeit der Welt.““— Und dennoch werdet Ihr mokant, wenn ich alle halbe Jahre einmal von der irdiſchen Lethe trinke, welche Gott barm⸗ herzig auf der verjüngten Erde unter dem erſten Regen⸗ bogen wachſen ließ. Dieſer Lethetrank, den die Sonne aus⸗ brütet, iſt weit herrlicher als der unterirdiſche, denn er läßt uns die Sorgen vergeſſen, und vergeſſen.... das taugt nichts! Nein, die Lethe der Trauben läßt uns die Sorgen verachten, hebt uns über ſie hinweg, begeiſtert und ſtärkt die Seelenkräfte, wenn auch der Koͤrper etwas 3 — — ————— 203 an Gleichgewicht verliert. Das thut nichts. Zum Teu⸗ fel mit dem Körper!“ Während dieſer Reden hatte Ga⸗ briele mehrmals vergeblich verſucht, Palmer dazu zu ver⸗ mögen, daß er ſich erhebe, und Hermes hatte ihn mehr⸗ mals mit der Frage unterbrochen, wer Gabriele denn eigentlich ſei. Endlich antwortete ſie ihm ſelbſt:„Mein Vater iſt Graf Granhjelm Palmer.“ Hermes ſchien ver⸗ ſieinert bei dieſen Worten. Er wurde todtenblaß. Endlich fragte er:„Sie nannten ſich Gabriele Palmer?—„Ja,“ antwortete ſie:„Mein Vater heißt ja auch Palmer.“— „Ja, ſiehſt Du, mein Junge, das verſtehſt Du nicht,“ ſagte der Maler,„das ſind adelige Flauſen. Mein ſeliger Vater war ein nengebackener Adeliger, er dachte mehr daran, daß dieſer hochadelige Name nicht ausſterbe, als an die Unſterblichkeit der Seele, und der, welcher das Gut Palmfeld bekam, mußte auch den Namen Palmer tragen. Nun ſtarb er aber doch aus, denn unſer Fritz iſt den Weg alles Fleiſches gegangen. Siehſt Du nicht das ſchͤne Wappen da an der Wand mit den vielerlei raren Sachen d'ran und d'rum? Siehſt Du nicht die Palme, die mitten in dem Uebrigen ſteht? Das ſieht hübſch aus und bedeutet Palmer. Das iſt, Gott ſei Dank, das vereinte Wappen! All' das mußte ich an die Wand ſchmieren, um dem Alten nachzugeben. Aber nun will ich Dir auch das Uebrige ſagen: Siehſt Du die Schellen, die an dem Zipfel des Mantels außen um das Wappen hängen? Das glaubt mein Schwager, es ſei Schmuck und alle glauben's, aber es ſind nur Nar⸗ renſchellen. Ich habe ſie zu meinem Vergnügen und zur Beruhigung meines Gewiſſens angebracht. Aber das darfſt Du dem Alten nicht ſagen, er hat Kummer ge⸗ nug, verſichere ich Dich; denn Fritz— der war unſer Sohn und dieſes Mädchens Bruder, viel älter, als ſie, ſieben, acht Jahre älter und Stammherr— aber er war deßhalb nicht beſſer. Nein, dieß Mädchen iſt eine Perle! 204 und ein ſchoͤnes Mädchen, nicht wahr?— Ja, Du fühlſt es, mein Knabe, ich ſehe es an Deinen Augen!“ Endlich gelang es der verlegenen Gabriele, ihren Onkel zu überreden, daß er ſich in ſein Zimmer führen laſſe. Als ſie in den Vorſaal zurückkam, fand ſie Her⸗ mes die Ellbogen auf die Knie geſtützt und das Geſicht mit den Händen bedeckt, daſitzen. Erſt bei ihrer Anrede ſprang er auf und ſah ſie mit ſo verwirrten Augen und Zügen an, daß das arme Mädchen erſchrocken zurückfuhr. „Mein Gott!“ fragte ſie:„Was fehlt Ihnen?“— Er ergriff ihre Hand und ſagte mit einer Stimme, in der eine gewiſſe Erbitterung mit erſticktem Weinen zu käm⸗ pfen ſchien:„O Gabriele! Sie find Comteſſe Granhjellm! Weßhalb verſchwiegen Sie mir Ihren wahren Namen?“ —„Verſchwiegen?“ antwortete Gabriele erzürnt:„Was ſollte mich bewegen, Ihnen meines Vaters achtungswer⸗ then Namen zu verſchweigen? Oder was ſollte mich ver⸗ binden, alle ſeine Namen jedem Fremden aufzuzählen?“ — Hermes fuhr in heftiger Bewegung zuſanemen. Gab⸗ riele ſagte in milderem Tone:„Werden Sie nicht boͤſe! Sie waren mir gewiß nie ein Fremder, nicht einmal bei jener erſten Begegnung. Nein, ich will xecht offen⸗ herzig ſprechen: Sehen Sie ſich um in dieſem Hauſe: jeder Blick wird Ihnen zeigen, daß es eine Ruine frühe⸗ ren Glanzes iſt. In dieſem beſchränkten dürftigen Leben klingen die prachtvollen Titel wie eine Parodie in meinen Ohren; es iſt mir unangenehm, wenn mich die Pfar⸗ rerstoͤchter, meine beſten Freundinnen, in Gegenwart von Fremden Comteſſe Granhjellm nennen; mit Thränen bat ich ſie, mir nicht den lieben Namen ihrer ſchweſterli⸗ lichen Gabriele zu entziehen; und als ich nun vor Ihnen ſtand, wünſchte ich vielleicht, mir ſelbſt halb unbewußt, mich vor einem zeremoniellen, verletzenden Tone bei dem neuen Freunde zu ſichern.“— Waͤhrend dieſer Erwiederung ging eine gaͤnzliche Verwandlung auf Hermes Antlitz vor. Mit einem urbeſchreiblich zärtlichen — — 20⁵ und melancholiſchen Ausdruck ruhten ſeine Augen auf Gabrielen. Er drückte ihre Hand an ſeine Bruſt.„O Gott!“ ſagte er:„O Gott! wie unglücklich bin ich! Was würde Ihr ſtolzer Vater ſagen, wenn er Sie Arm in Arm mit dem einfachen Gelehrten wandeln ſähe?“ — Gabriele erhob freimüthig ihren Kopf:„Er würde ſagen: Ich kenne meine Tochter. Sie iſt nicht ängſtlich, gegen die leere Etikette zu ſündigen, die einem jungen Mädchen verbietet, die Begleitung eines Mannes anzu⸗ nehmen: ſie verläßt ſich auf ihr eignes Gefühl über das Schickliche und Unſchickliche!“—„Nein! nein!“ rief Hermes,„das würde er nicht ſagen. Mit Verach⸗ tung und Stolz würde er den Unadeligen fortweiſen, der es wagte, ſich ſeiner Tochter zu nähern. Laſſen Sie mich gehen! ſprechen Sie nicht mit mir! nicht in dieſem Augenblicke! Leben Sie wohl, Gabriele! Liebenswürdig⸗ ſtes aller Geſchöpfe Gottes! Einzige in der Welt, die .... Ach, leben, Sie wohl!“ Mit dieſen Worten ſtürzte er aus dem Hauſe und durch das Luſtwäldchen. Gabriele ſtand ſtumm da und ſah ihm nach. Dann warf ſie ſich in den Stuhl, wo er geſeſſen, brach in hef⸗ tige Thränen aus und ſagte:„O ich armes Mädchen! Gott im Himmel! nimm Dich meiner anl ich fühle mich ſo verlaſſen und einſam.“ 1 Nicht mit ſo mildem Schmerze, nicht mit einem nach dem gnädigen Himmel gerichteten Blicke eilte Her⸗ mes nach Birkehöi. Mit wenigen Worten entſchuldigte er ſich, nicht an den Abendzirkeln der Familie Theil nehmen zu koͤnnen, und eine Unpäßlichkeit vorſchützend, die ſein Ausſehen zu bekräftigen ſchien, ging er auf ſein Zimmer, wo Roller ein paar Stunden ſpaͤter ihn mit ſtarken Schritten auf und nieder gehend fand. Auf die theilnehmende Frage ſeines Freundes beichtete er mit manchem Ausfall auf die Ungerechtigkeit in dem Schick⸗ ſal der unglucklichen Menſchen, Alles, was er erlebt. „Blindlings,“ ſagte er,„führt ſie uns zu einem Ziele, 206 das wir ſelbſt verabſcheuen. So fand, liebte, ja freite ich beinahe Deine, meines beſten Freundes Geliebte. Und ich ſehe an Deinen Mienen, Deinen Augen, die voll Thränen ſtehen, wie ſehr ich Dich wider meinen Willen gekränkt. Du liebſt ſie noch! Ach, wie waͤre es auch möglich, Gabrielen zu vergeſſen!“— Mit einem verklär⸗ ten, aber lächelnden Geſichte, ſagte Roller:„Du darfſt nicht glauben, daß ich mir das ſo ſchrecklich zu Herzen nehme. Doch.... ich weiß beim Satan nicht, wie das iſt, wenn man von dieſem Mädchen ſpricht. Nein, ich glaube nicht, daß ich ſie liebe, aber es ärgert mich nun in der Seele, daß ich letzten Sommer früh und ſpät wie ein Narr nach jenem Hauſe lief, wo Du heute Abend geweſen, und mich ſo liebenswürdig vor der wür⸗ digen Gräfin machte, um mir am Ende ſagen zu laſſen: „Sie werden ſelbſt einſehen, mein guter Herr Roller, wenn ich nicht wüßte, daß Sie ein allzu vernünftiger Mann, um eine Verbindung mit meiner Tochter zu er⸗ ſtreben, ſo wäre es meine Pflicht, als ihr Vater und Ihr Freund, Sie zu bitten, meinem Hauſe nicht ferner die Ehre Ihres Beſuches zu geben.“ So klangen die angenehmen Worte des alten verhaßten Ariſtokraten. Ich fühle es in mir kochen, wenn ich nur daran denke. Ich antwortete ihm allerdings nicht höflicher, als er verdiente; und auf ein derartiges intereſſantes téte à téte kannſt Du Dich auch gefaßt machen, wenn Du die Sache wei⸗ ter treibſt.“—„Aber Gabriele?“ rief Hermes:„Was ſagte ſie?“—„Sie weiß wohl in dieſem Augenblicke noch nichts davon, das glaube ich, denn vor einigen Ta⸗ gen, als ich ſie bei dem Paſtor fand, kam ſie mir ganz ungenirt entgegen und fragte, weßhalb ich nie mehr in ihres Vaters Haus käaͤme? Doch ſagte ſie dieß blos hoͤf⸗ lich, nicht herzlich. Sie iſt ſelbſt nicht frei von adeligen Grillen. Das zeigt ſich ja nun auch in den Geſpraͤchen, die Du mir erzählteſt, in der Antwort, die ſie Dir gab, als Du fragteſt, weßhalb ſie Dir ihres Vaters Namen 207 verſchwiegen; ja ſogar in dem Verſchweigen zeigte ſich's, denn was iſt es anders, als Stolz, Kummer, daß ſie nicht mit äußerlicher Pracht ihre Hohheit unterſtützen und geltend machen kann, Eitelkeit, die ſich in der Be⸗ ſcheidenheit Mantel hüllt? Und wenn ſie nun auch Dich liebt, wie es wirklich der Fall zu ſein ſcheint.... Herr Gott! Menſch! Sei doch vernünftig! Du benimmſt Dich ja, als wären meine Worte Meſſer, die Dir in's Herz ſchnit⸗ ten!... Wenn ſie Dich liebt, würde ich ſagen, ſo kannſt Du mir glauben, der ich ſie beſſer kenne, als Du, daß ſie ſich nie wird überreden koͤnnen, nichts mehr und nichts weiter als Frau Hermes zu werden.“—„Ach Gott!“ rief Hermes,„wie könnte ſie es auch wollen, wenn ihr Vater ſich der Sache ſo ſtreng widerſetzt? und wenn ſie es wollte, dürfte ich vielleicht ihre Gemüths⸗ ruhe zerſtören, indem ich ſie in ein geſpanntes Verhält⸗ niß zu ihrem Vater brächte. Und ſchmerzt ſie, wie Du ſiehſt, der Verluſt der Herrlichkeit und des Glanzes der Welt, womit ſollte ich einen ſolchen Verluſt erſetzen? O daß ich ſie nie geſehen! O daß ich nicht wüßte, es lebt ein ſolches Weſen wirklich auf der Welt, iſt mir ſo nahe, lächelte mir mit ſolcher Holdſeligkeit zu, legte ſeinen Arm in den meinen. Ich pries meinen guten Genius, der dieſes Mädchen mir auf den Weg geführt... Ich Thor! Die guten Genien ſind nur gefallene Engel, wie kann ein denkendes Geſchöpf etwas Anderes als gefallen ſein! Wenn es ſolche Weſen gibt, ſo ſind ſie unfreundlich, feindlich gegen die Menſchen. Warum ſollten nicht auch ſie feindlich ſein, da die ganze Natur es iſt. Alles ſtürmt auf den Menſchen ein: die Zeit, die Luft, das Meer, die Dünſte ver Erde, die Thiere, unſre Mitmenſchen und unſere eigene Seele; und der Tod, dieſer Freund, der dem Ganzen ein Ende macht, iſt ſo ſtumm, hat ein ſo häßliches Geſicht.“...„Halt ein!“ ſagte Roller:„Gott bewahre! Iſt es auch der Mühe werth, wegen eines Mäd⸗ chens, das man kaum zehnmal geſprochen, zu ver⸗ 208 zweifeln? Was ſollte der thun, der ſie leidenſchaftlich liebte? Geht es Dir ſchlimmer, als mir? Ich habe wie ein Mann überwunden. Kannſt Du nicht das Gleiche thun? Biſt Du ſo ſchwach und ſo thoͤricht?“—„Nein, nein!“ rief Hermes:„Du ſollſt ſehen, daß ich ein Mann bin.“—„Weißt Du was?“ fuhr Roller fort:„Man ſagt, und ich glaube es auch, daß das beſte Gegengift gegen eine unglückliche Liebe, ſeine Gedanken auf ein anderes Weſen richten, ſei. Du ſcheinſt ganz vergeſſen zu haben, weßhalb Du hier in dieſe Gegend kamſt, wel⸗ che Schritte Dein Vater in dieſer Familie that. Nun werde ich Dir etwas vertrauen, was mir ſelbſt unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertraut worden; aber gleichviel. Molly hat heute Abend unter vier Au⸗ gen mit großem Schmerze von Deiner ſcheinbaren Gleich⸗ gültigkeit gegen ihre Schweſter geſprochen, denn ſie be⸗ hauptet, Eliſe liebe Dich, ſie ſei während Deiner Ab⸗ weſenheit ſo zerſtreut, ſo traurig geweſen, daß ſie nichts habe erheitern können.“—„Ach, ſo iſt ſie ja immer.“ —„Nein, Molly ſagt, daß es weit ſchlimmer geworden, daß ſie ſie oft mit verweinten Augen trifft; auch machte ſie mich darauf aufmerkſam, mit welch' ſichtlichem Ver⸗ gnügen Eliſe Dich heute empfing und mit welch' forſchen⸗ dem Auge ſie Dich beim Mittageſſen angeſehen, beinahe mit ebenſo unverwandten Augen, wie ſie gewöhnlich den Grafen anzuſehen pflegt.“—„Das bedeutet nichts! Gott bewahre mich! Das wäre auch nur ein Unglück mehr. Nein, nein! ich kann nicht um Die ſtreiten, die ich nicht liebe; nie, nie. Ich weiß jetzt, was ich früher nicht wußte, daß ich in Wirklichkeit finden könnte, was ich träumte. Nein, nein! ich kehre ſogleich zur Stadt zurück, gehe zu meinen Kranken und helfe ihnen ſich noch eine kummervolle Zeit durch's Leben ſchleppen, wäh⸗ rend ich ſelbſt das Leben abnutze, wie einen Rock, deſſen man miüde iſt, der uns genirt, den man aber doch nicht ablegen darf, weil er noch nicht bezahlt iſt, und weil „ 209 man nicht weiß, ob man einen neuen bekommen kann. Morgen reiſe ich in aller Frühe zu meinem Vater heim!“ Roller üͤberredete ihn mit großer Mühe, dieſen letzten Entſchluß aufzugeben, was ihm nur dadurch glückte, daß er über ſeine Unmännlichkeit, ſeine ſentimentale Schwär⸗ merei ſpottete, die ihm nicht geſtattete, in Gabrielens Nähe zu leben, ohne ſie aufzuſuchen, und es ihm nicht moͤglich mache, wie ein Mann den Schmerz einer fehlge⸗ ſchlagenen Hoffnung zu tragen, die, recht beſehen, nur eine flüchtige Grille war. Hermes, durch dieſe Aeuße⸗ rungen pikirt, beſchloß, ſeinem Freunde zu zeigen, daß er der Feſtigkeit und des Muthes nicht entbehre und ver⸗ ſprach deßhalb, eine ganze Woche zu bleiben, ohne die Wege zu betreten, wo er Gabriele zu begegnen hoffen konnte. Mehrere Tage blieb er dieſem Entſchluſſe treu und das junge Mädchen, deſſen Herz bereits an dieſer ſeiner erſten Liebe hing, wandelte vergeblich ſpähend auf den gewöhnten Pfaden umher, ohne den Kampf zu ahnen, den der undankbare Liebhaber mit ſeinem eignen Herzen kämpfen mußte. Zerſtreut und traurig, mit langſamem Schritt und verändertem Ausſehen, trat ſie in den Pfarr⸗ hof, wo ſie ſonſt leicht wie eine Gazelle, mit blühenden Wangen und leuchtenden Augen, einzutreten pflegte. Müde und betrübt kehrte ſie nach Hauſe zurück und der kleine Vogel im Käſig vor dem Fenſter, ſo oft bei der Morgendämmerung der erſte, ſang, als der Schlaf ihre von Thränen getruübten Augen ſchloß. Oben im Giebel des ſchönen Landhauſes hatte Gab⸗ riele zwei hübſche kleine Zimmer. Alle Moͤbel, die ihrer Mutter gehört, waren aͤußerſt elegant, aber ein paar Jahrzehnte im Geſchmack zurück, da ſie, wie das ganze Inventar des Hauſes, ein Ueberbleibſel der Pracht des Palmfeld'ſchen Gutes waren. Die kleine Welt, welche Gabriele ſich hier geſchaffen, war voll An⸗ muth und Reiz. Die Fenſter des einen Zimmers ſahen Novellen. I. 14 210 nach dem Garten hinaus, das andre nach dem Luſtwäld⸗ chen. In der Vertiefung eines dieſer Fenſter ſtand ein Tiſch, der zur Miniaturmalerei eingerichtet war. Der oberſte Theil wurde mit einem Deckel geöffnet, der, wenn er offen ſtand, einen Schirm vor dem unterſten Theil des Fenſters bildete und das Licht auf die unter dem Deckel an⸗ gebrachte Fläche fallen ließ. Eines Morgens ſaß Gabriele hier an ihrer gewöhnlichen Vormittagsarbeit. Ihr Auge ſchmerzte ſie bei der feinen Malerei, ſie ſchloß es und be⸗ deckte ihr Geſicht mit ihren Händen. Plötzlich fühlte ſie ein paar warme, weiche Hände die ihrigen umſchlin⸗ gen. Sie ſprang auf und ſah ihre beſte Freundin, des Pfarrers älteſte Tochter, Hanne, welche einige Jahre mehr zählte, als Gabriele, hinter dem Stuhle ſtehen. Dieſe Hanne war eines von jenen weiblichen Weſen, das in häuslicher Stille auferzogen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, jene Feinheit und Leichtigkeit im Umgange, all' jene Anmuth im Geſpräche beſaß, die, wie man glaubt, nur in der großen Welt erworben werden kann. Unruhig über den Kummer, den ſie bei Gabrielen bemerkt, kam ſie nun allein, um in einer vertraulichen Stunde vielleicht zu er⸗ fahren, was die geliebte Freundin ſo ſehr bewege. Mit herzlicher Theilnahme äußerte ſie ihre Gedanken, und Gabriele, die ſich in Hannen's freundlicher Nähe leichter fühlte, überließ ſich ganz dem Troſt, ihren Kummer in ein treues und verwandtes Herz auszuſtrömen. Sie er⸗ zählte mit großer Offenherzigkeit Alles, was ſich ſeit jenem Augenblicke zugetragen, als ſie zwiſchen dem Laube Hermes Augen begegnet war.—„O!“ ſagte ſie:„wenn Du ihn ſäheſt, er gleicht dem Kreuzritter drinnen in des Onkels Malerſtube’, oder dem Maler Van Dyk. Wenn Du wüßteſt, welch' ritterlicher, ſchwärmeriſcher Ausdruck aus ſeinen Worten ſpricht und ſeinen Augen leuchtet!“ —„Geſehen habe ich ihn,“ antwortete Hanne:„ich ſah ihn eines Abends an unſrer Gartenthüre; er küßte Deine Hand und ging und Du bliebſt ſtehen und ſahſt ihm 211 nach. Ich ging in den Garten, aber Keines von Euch bemerkte mich.“—„Wiel Und das haſt Du mir nicht früher geſagt!“—„Ich habe mit keinem Menſchen da⸗ von geſprochen; ich ſchlich mich in's Haus und ſtand im Gartenzimmer, als Du eintratſt. Ich wollte nicht mit Dir darüber ſprechen: da ich Dich jedoch ſpäter ſo be⸗ trübt ſah, ahnte mir wohl, daß Dein Kummer aus die⸗ ſer Quelle fließe.“— Gabriele erzählte nun, nicht ohne Thräͤnen, wie der ſo liebenswürdige Freund plötzlich un⸗ ſichtbar geworden.„Ein großes Mißverſtändniß,“ ſagte ſie,„herrſchte zwiſchen uns: er glaubte, ich ſeie meines Onkels Tochter, und meinte dieſen, wenn er mit mir von meinem Vater ſprach. Ich beging eine Unvorſichtig⸗ keit, daß ich nicht meinen ganzen Namen nannte. Ach, ich glaube, daß der Grund, weßhalb ich dieſen Fehler beging, das Mißfallen war, mit welchem mein Vater von einer Geſellſchaft auf Birkehöl ſprach, wobei er mit Bitterkeit den jungen Mann nannte.“ In dieſem vertraulichen Geſpräche wurde das Wort Liebe auf keiner Selte genannt. Gabrlele ſprach von ihrem Schmerz, als von einer bittern, unverdienten Demüthi⸗ gung, und Hanne war delicat genug, im ſelben Tone zu antworten. Sie rieth ihrer Freundin, nicht mehr die ge⸗ wohnten Wege zu gehen, um einem Mann zu begegnen, der bei allen ſeinen Vorzügen ſtolz zu ſein und feiner Bildung zu ermangeln ſchien.„Ach!“ rief Gabriele:„man ſpricht ſo viel von dem Stolz des Adels; aber der Bür⸗ gerliche verachtet den Adeligen ebenſo ſehr, als der un⸗ vernünftige Adelige ihn verachtet; und es ſcheint mir, daß, wenn dieſer Stolz einem Adeligen gezeigt wird, der arm oder in andrer Hinſicht in ſchlimmer Lage iſt, dieſer doppelt verletzt. Ich habe nie von abgeſetzten Fürſten und ihren Familien, deren es in unſrem Jahrhunderte ſo viele gibt, ſprechen hoͤren, ohne von einer innigen, theilnehmen⸗ den Wehmuth ergriffen zu werden.“— Hanne antwortete: „Für jeden, der es verdient, bleibt ja der große Troſt, 212 daß es eine Würde gibt, die kein Schickſal geben oder nehmen kann. Und ich fühlte oft, daß ſie ein reicher Er⸗ ſatz für die weltlichen Güter iſt, die man entbehrt. Du ſelbſt, Gabriele, biſt ein Beiſpiel davon. Wenn Du in der beinahe fürſtlichen Pracht und dem vornehmen Tone auf⸗ gewachſen, die in dem Hauſe Deiner Aeltern herrſchten, als Du geboren wurdeſt, hätte man Dich der Erziehung einer Gouvernante übergeben, und Dich von Deiner vor⸗ trefflichen Mutter entfernt, die darin, daß ſie Dich ſelbſt bildete und lehrte, ihr beſtes Glück und vollen Erſatz für den täglich abnehmenden Reichthum und Glanz fand. Und ohne dieſes Unglück, wie wäreſt Du in ſo nahe Be⸗ rührung mit Deinem Onkel gekommen, der mit Aufopfe⸗ rung ſeines eigenen, übriggebliebenen Vermögens Deinen Vater vor gänzlichem Untergange rettete, und dadurch ſich ſo großes Recht auf ſeine Freundſchaft und Dankbarkeit erwarb?“—„Ja, Du haſt Recht!“ rief Gabriele:„Dieſer letzte Umſtand iſt mehr werth, als alle Gaben des Glückes Was bin ich ihm nicht ſchuldig? Wie hat er nicht Zeit und Fleiß angewandt, um mir armem, einſamen Kinde aus ſeinem reichen Vorrath an Kenntniſſen und Kunſt mitzutheilen!“—„Ja,“ rief Hanne,„und bedenke, wel⸗ ches Glück es iſt, eine Kunſt wie dieſe zu üben.“ Sie beugte ſich auf die kleine Malerei herab, die vor ihnen lag.„Wie ſchön iſt das! Welcher Schmerz müßte ſich nicht mildern, wenn man ſich einer ſolchen Arbeit über⸗ läßt. Ich will nicht einmal von der Freude ſprechen, zur Annehmlichkeit Deiner kleinen Haushaltung, zur Erhei⸗ terung Deines Vaters beitragen zu können.“—„Was ich verdiene,“ ſagte Gabriele,„iſt nicht ſehr bedeutend.“— „Es iſt doch bedeutend,“ antwortete Hanne:„es würde viel fehlen, wenn es ausbliebe; auch wird Deine eigne Unabhaͤngigkeit dadurch geſichert, daß Du Deine perſön⸗ lichen Ausgaben beſtreiteſt. Viel Glück iſt Dir zu Theil geworden, liebe Gabriele. Laß nicht einen Traum in Dein ſchönes Leben greifen und es zerſtören.“—„Manchmal,“ 213 antwortete Gabriele,„habe ich alle Güter, von denen Du ſprichſt, mir aufgezählt, aber meine Stellung hat auch ihre düſtere Seite. Manchen Tag ſpreche ich nicht zwei Worte, wenn ich zum Beiſpiel nicht Zeit bekommen kann, Dich zu beſuchen, und der Onkel fortgegangen oder in das Leſen und die Arbeit vertieft iſt. Ganze Wochen lang iſt der Vater oft ſo ſtill, ſo ſtreng. Ach! ich weiß nicht! aber ſo lange ich mich nur erinnern kann, hat ein ſtrenger Blick von ihm, der Ton, mit welchem er biswei⸗ len„„Gabriele!““ ſagt, mein ganzes Weſen, wie ein plötzlicher Schrecken durchzuckt. Und auf der andern Seite iſt er doch ſo gut gegen mich. Dieſer junge Mann, dieſer Hermes hatte etwas ſo Anziehendes in ſeinem Geſpräche; ich ſehne mich recht nach ſolchen Geſprächen.— O meine Hannel werde nicht böͤſe! ich weiß wohl, was ich an Dir habe! Aber das iſt auch eine von meinen Sorgen, daß ich Dich miſſen ſoll. Nächſtes Frühjahr kommt Dein Bräutigam und holt Dich. Dann wohnſt Du weit ent⸗ fernt! Du weilſt bei ihm, den Du ſo lange geliebt, und denkſt nicht an die verlaſſene Freundin.“ In dieſem Augenblick trat Maler Palmer in das Zimmer. Die jungen Mädchen liefen ihm entgegen. Er ſchlang ſeine Arme um Beide, grüßte ſie mit liebevollen Worten und betrachtete ſie mit leuchtenden Augen. Dann ſagte er zu Gabrielen, ihr Vater, der ſehr früh Morgens auf die Jagd gegangen, habe ſeinen alten Diener zurück⸗ geſchickt und ſagen laſſen, man möge ſich auf zwei Gäſte, den Jägermeiſter und einen fremden Herrn, gefaßt machen. Sie hatten ſich ſelbſt eingeladen, um ein Stück Wildpret, das ſie geſchoſſen und hergeſandt, zu verzehren. Gabriele wurde verlegen und ſagte halb leiſe:„Du weißt, lieber Onkel, daß wir nur noch ſehr wenig Wein im Hauſe haben, nicht mehr, als für zwei Tage reicht, und daß wir erſt übermorgen....“„Geld bekommen!“ rief der Maler ſie unterbrechend:„Ja, mein Kind, hier iſt das übrige Geld für Deine Malereien. Unſer Kaafmann hat — 214 es mir heute geſchickt und eine große Kiſte der modernen weißen Holzwaaren, Schachteln, Tiſchplatten u. ſ. w., die Du für ihn, außer den gewöhnlichen Miniaturmalereien, zu liefern verſprachſt. Es iſt Arbeit auf lange Zeit und für vieles Geld da. Komm' in mein Zimmer und be⸗ trachte Dir Alles!“— Gabrielens Antlitz drückte eine große Freude über dieſe Nachricht aus.„Siehſt Du,“ ſagte Hanne:„Es ahnte mir, daß dieſer Tag etwas Gutes bringen würde.“—„Auch mir!“ rief Palmer, „auch mir! Ich hatte ein Zeichen, das mich niemals täuſcht: dieſen Morgen ſetzte ſich ein bunter Vogel auf das offne Fenſter. Und an dem Tage, an welchem ein ſolcher Vogel oder eine weiße Taube ſich auf das Fenſter ſetzt, trifft etwas Gutes ein, das ſchlägt nicht fehl. Aber hoͤre mich, meine Gabriele! Der alte Peter erwartet Deine Befehle. Er hat auf dem Heimweg ausgekundſchaftet, daß ein Wagen von Birkehöl nach Kopenhagen geht, der ſogleich wieder zurückkehrt. Mit dieſem kann er fahren, und den Wein und was ſonſt noch im Hauſe fehlt, holen.“— Gabriele ging hinab und gab dem Diener und dem alten Mädchen ihre Befehle; ſpäter nahm ſie Hannens Einladung, im Pfarrhauſe zu Mittag zu eſſen, mit Palmer an. Auf dem Wege dahin konnte Gabriele nicht unter⸗ laſſen, ſpähende Blicke nach den Büſchen und Bäumen zu ſenden, hinter welchen eine liebe Geſtalt ihr früher entgegengetreten war. Nichts rührte ſich und ein Schleier von Schwermuth ſank deutlich über ihr klares Antlitz. Hanne, welche Arm in Arm mit ihr ging, verſtand ſie und drückte zum Zeichen ihren Arm an ſich. Auch der Maler bemerkte ihre Stimmung und fragte freundlich um die Urſache. Gabriele antwortete ausweichend. Der Maler wandte das Geſpräch auf die bevorſte⸗ hende Arbeit und ſagte:„Wenn nun Dein Vater all' das morgen in meinem Zimmer liegen ſieht, wird er von der ſchrecklichſten Angſt überfallen werden, die Welt möchte — 215 entdecken, daß Du für Geld arbeiteſt. Der Gedanke iſt ihm unerträglich und bei aller Güte und Hochachtung, die er für Hanne und ihre Mutter in ſich trägt, iſt es ihm unangenehm, daß Du es nicht vermeiden konnteſt, dieſe, unſere beſten Freunde, in das unbedeutende Geheim⸗ niß einzuweihen.“—„Der arme Vater!“ ſeufzte Ga⸗ briele.„Seine melancholiſche Laune und Angſt wegen nichtiger Sachen hat ſeit meines Bruders Tod ſehr zuge⸗ nommen. Es iſt eigentlich unſer Unglück. Ich dachte, ich werde vor Kummer ſterben, als wir Fritzens Tod erfuh⸗ ren. Erinnerſt Du Dich ſeiner noch, liebe Hanne? Es ſind nun vier Jahre her, bald nach unſrem Hierherzuge, daß er heimkehrte. Ich hatte ihn ſeit meiner früheſten Kind⸗ heit nicht geſehen, da er ſich immer in Holſtein oder Deutſchland aufgehalten. Ich war ſo ſtolz auf den großen, ſchmucken Bruder, ich liebte ihn ſo ſehr. Es iſt kein Wunder, daß der Vater ſich nicht über ſeinen Verluſt tröſten kann.“—„Ja,“ ſagte Palmer,„das Schlimmſte iſt, daß er in Feindſchaft mit ſeinem Vater ſtarb.“— „In Feindſchaft!“ riefen beide jungen Mädchen.„Das habe ich nie gewußt,“ ſagte Gabriele.„Du warſt damals ſo jung,“ antwortete der Maler:„Du warſt nicht Zeuge jener Scenen, die ich leider erleben mußte. Fritz hatte alle jene unſinnigen, radicalen Prinzipien eingeſogen, die an manchen deutſchen Univerſitäten graſſiren, und ſein Vater, der orthodor, ja katholiſch in der Politik iſt, fürch⸗ tet gewiß, daß ſein Sohn nicht ſelig werden kann, da er in politiſcher Ketzerei geſtorben iſt. Es gefällt mir jedoch an meinem Schwager, wenn ich aus der einen oder an⸗ dern Aeußerung, die ihm wider Willen entſchlüpft, ſeinen ſtummen Schmerz über den Verluſt dieſes Sohnes be⸗ merke, obgleich ihm freilich dieſes Mädchen noch geblie⸗ ben, das ihn jeden Verluſtes tröſten könnte.“ Mit dieſen Worten ergriff er Gabrielens Hand und küßte ſie, obgleich ſie mit kindlicher Ehrfurcht es verhindern wollte, und da die kleine Geſellſchaft in dieſem Augenblicke an der Gar⸗ ————— 216 tenthüre des Pfarrhofes ſtand, dachte Gabriele an den, der hier an derſelben Stätte mit ſo liebevollen Augen ihre Hand an ſeine brennenden Lippen gedrückt, und eine Purpurröthe übergoß ihre Wangen. Nach der erſten Begrüßung erzählte die Pfarrerin, daß die Familie von Birkehöi dieſen Vormittag zu Be⸗ ſuche auf dem Pfarrhofe geweſen, und daß ſie ſie, nebſt den beiden Herren, die ſich dort aufhielten, auf den näch⸗ ſten Abend eingeladen. Sie bat nun auch Palmer, Ga⸗ briele und ihren Vater dazu. Gabriele nahm zu Han⸗ nens Verwunderung die Einladung mit ſichtlicher Freude an und von dieſem Augenblicke an war auch ihre frühere Heiterkeit wieder erwacht. Auf Birkehöt hatte man in der letzten Woche etwas mehr Veränderung in das Alltagsleben zu bringen ge⸗ ſucht. Man machte Beſuche und Luſtfahrten; einige Mal kamen auch große Geſellſchaften aus Kopenhagen und der Umgegend. Dieſe Unterhaltungen hatten indeß Niemand unterhalten, am allerwenigſten Eliſen und Hermes, welche beide an einer außerordentlichen Schwermuth zu leiden ſchienen, die durch ihre Umgebung beſtändig vermehrt wurde, da Fräulein Molly unermüdlich ihre Schweſter ausfragte und ſie mit der Bitte beläſtigte, ihr ihr Ver⸗ trauen zu ſchenken. Mit ſolchen Reden und wohl auch heftigen Klagen über ihre verkannte grenzenloſe Liebe be⸗ ſtürmte ſie Eliſen unter vier Augen und in Anderer Ge⸗ genwart. Roller ſeinerſeits war unerſchöpflich an Sar⸗ kasmen und Anſpielungen auf ſeines Freundes unglückliche Leidenſchaft, und in ihren einſamen Stunden hatte er ſtets eine Menge Neuigkeiten von Graf Granhjelm und ſeiner Familie zu erzählen, was immer darauf zielte, dieſe in ein läͤcherliches und unedles Licht zu ſtellen. Jedes Wort dieſer Art war für Hermes höchſt unangenehm, und den⸗ noch wich er ſolchen Geſprächen nicht aus, da er ſie als eine Cur für ſeine Seelenkrankheit— ſo nannte er ſeine Liebe— betrachtete. Er hielt ſie für unvernünftig, für 217 8 eine Quelle von Demüthigungen, welche er nicht ertragen wollte. Trotz alle dem war es ihm unmoͤglich, ſich mit einem andern Gedanken zu beſchäftigen, als dem, der Gabrielens Spur folgte. Er hatte ſich ſelbſt gelobt, ein Zuſammentreffen mit ihr nicht mehr zu ſuchen; aber zu Zeiten, wo er eine ſolche Begegnung für unmöglich hielt, wie am frühen Morgen und ſpäten Abend, ſchwärmte er wie ein unruhiger Geiſt auf den gewohnten Wegen um⸗ her. Er wagte ſich in das Luſtwäldchen, deſſen Gitterthor nicht geſchloſſen war, er ging nach dem Hauſe, wo ge⸗ wöhnlich alles geſchloſſen und ſtille war. Er rief mit flüſternder Stimme Gabrielens Namen, ſandte ihr manche „gute Nacht,“ manchen Kuß nach dem Fenſter, hinter welchem das arme Mädchen oft ſaß, und im Traume die Gleichgültigkeit des Geliebten beweinte, ohne ſeine Nähe oder ſeine Gefühle zu ahnen. Dieſe nächtlichen Wande⸗ rungen waren eine wahre Erquickung für Hermes. Er ſagte ſtets, Gabriele liebe ihn im Stillen und manchmal ſegnete er ſeinen gegenwärtigen Zuſtand, im Vergleiche mit der Leerheit, welche ihn früher geplagt. Er überließ ſich in dieſem Augenblicke ſeiner Liebe, wie einem Gute, das ſeine Seele erfüllte. Zu andern Zeiten verzweifelte er und ſah ſein Leben für verloren und vernichtet an. Abends, als der Jägermeiſter und ſeine Geſellſchaft bei dem Grafen waren, wanderte Hermes, wie gewöhn⸗ lich, über die Terraſſe und ſtieg nach dem Luſtwäldchen herab. Es war über Mitternacht und er ſtaunte nicht wenig, als er bereits an der Gitterthüre die Lichter durch die Bäume ſcheinen ſah. Er ging näher. Die Fenſter in einem der unterſten Zimmer ſtanden offen; die zugezoge⸗ nen Gardinen hinderten ihn, deutlich zu ſehen, was in dem Zimmer vorging, das hell erleuchtet war; aber er höͤrte deutlich die Stimme des Grafen, auch die des Ma⸗ lers und der Fremden; er hörte das Klirren von Gläſern und Tellern, das Gelächter und laute Reden, ohne je⸗ doch die Worte unterſcheiden zu können. Plötzlich rief * 218 eine männliche Stimme:„uUnſre junge, ſchöne Wirthin lebe!“ Hermes merkte, daß die Geſellſchaft ſich von den Stühlen erhob; man ſtieß die Gläſer an. Bei einer hef⸗ tigen Bewegung, die ſeine Anweſenheit verrieth, fuhren ein paar große Jagdhunde von der Thürſchwelle auf, wo ſie lagen. Raſch eilte Hermes aus dem Luſtwäldchen, und kam in einer höchſt unruhigen und unbehaglichen Stim⸗ mung heim. Er hätte gerne den ſchlafenden Roller ge⸗ weckt, um möglicher Weiſe von ihm, der immer ſo gut Beſcheid von des Grafen Haus wußte, etwas von der Begebenheit zu erfahren, die, ſo einfach ſie auch war, ihn doch in große Aufregung verſetzt hatte. Erſt gegen Morgen fand er die gewünſchte Ruhe und als er er⸗ wachte, war Roller bereits zur Familie hinabgegangen. Er brauchte nicht lange auf Aufklärung in dieſer Sache zu warten, die ihn ſo ſehr beſchäftigte, denn bei ſeinem Eintreten in den Gartenſaal hörte er, daß Rol⸗ ler und Fräulein Molly bereits in vollem Gang mit ihren Bemerkungen über des Grafen verkehrte Oekonomie waren. „Der alte Diener,“ ſagte das Fräulein,„kam geſtern Mor⸗ gen und bat um Erlaubniß, mit dem Wagen in die Stadt fahren zu duͤrfen, um das Eine und Andere zu holen; und als er Nachmittags zurück kam, führte er eine ganze Kiſte mit Wein und Spezereiwaaren und der⸗ gleichen Luxusartikel mit ſich. Iſt es nicht ſchrecklich, daß Leute, die in dürftigen Umſtänden ſind, ihr weniges Geld für ſolche unnothwendige Sachen ausgeben? Ich verſichere Dich, daß unſer Vorrath an ähnlichen Artikeln, die wir mit demſelben Wagen kommen ließen, nicht über viermal ſo groß, als der des Grafen war.“ Sie ſah in dieſem Augenblick Hermes, der eingetreten war, und fügte hinzu: „Ach, Herr Doctor! ich ſehe wohl Ihre ſatiriſchen Blicke bei meinen Worten; aber wir haben das Vermoͤgen zu dieſen Ausgaben, alſo ſollte ich auch glauben, daß wir das Recht dazu haben.“—„Unzweifelhaft!“ antwortete Hermes,„aber ich möchte um keinen Preis den Grafen „ 219 dieſer Erlaubniß berauben, wenn ich es auch koͤnnte. Er und ſeine Familie, von Geburt auf an die groͤßte Ver⸗ ſchwendung gewöhnt, wären doch allzuſehr zu beklagen, wenn ſie auch die kleinen Genüſſe entbehren müßten, die für die gebildete Claſſe zu Nothwendigkeitsartikeln gewor⸗ den ſind. Wenn ich z. B. den Caffe oder Thee ganz entbehren müßte, wäre es mir, als entbehrte ich des täg⸗ lichen Brodes.“—„Aber wenn Sie nicht die Mittel hätten, dieſe Dinge zu bekommen, müßten Sie ſich doch darein finden,“ ſagte das Fräulein und Roller fügte hin⸗ zu:„Es wäre auch ehrenvoller, als Schulden zu machen, um ſie ſich zu verſchaffen.“—„Unläugbar,“ antwortete Hermes,„vorausgeſetzt, ich wüßte, daß ich dieſe Schuld nie abbezahlen koͤnnte; ſähe ich aber einen Ausweg, ſo glaube ich gewiß, ich würde mir kein Gewiſſen daraus machen, ſie für eine beſtimmte Zeit auf Credit zu nehmen. Man muß ſich erinnern, was auch Schiller ſagt: daß eine große Seele ſich in ein großes Unglück findet, daß es aber ſchmerzlich iſt, die kleinen Genüſſe zu entbehren. Die ſtrenge ſpartaniſche Tugend kann zu weit getrieben wer⸗ den. Es gibt ein Geſetz, aber auch ein Evangelium. Man iſt zu hart gegen den, den bereits ein hartes Schickſal verfolgt. Kein Menſch kann ohne allen Genuß leben. Es iſt nicht zum erſten Male, daß ich dies denke. Als ich in meiner roſigen Jugend auf das Hoſpital ging, beſorgte ich immer ganz beſonders die armen Patienten, die im Delirium tremens dalagen, denn Branntwein⸗ trinken iſt doch der einzige Genuß des Armen, das ein⸗ zige Mittel, wodurch er ſich erwärmt und belebt.“— „Apropos, bei der Trinkſucht,“ ſagte Roller,„fällt mir ein, daß Maler Palmer geſtern Abend ſelig zu Bette gegangen; es war Geſellſchaft bei dem Grafen. Herr Gott! daß ſolche Menſchen Schulden machen, um Fremde einzuladen! Gott weiß, wo ſie Credit haben mögen, denn das, was der Wagen holte, iſt gewiß geborgt.“— „Nein!“ ſagte Fräulein Molly,„das iſt doch wirklich 220 bezahlt, das ſagte unſer Burſche; er ſah, daß der Die⸗ ner die Quittung bei ſich hatte.“—„Pah!“ rief Röl⸗ ler,„ſo iſt es mit entlehntem Gelde bezahlt, denn ich kenne einen Kaufmann in Kopenhagen, der, wie ich ge⸗ merkt, ihm Geld leiht. Als ich einſt bei ihm war, kam Palmer, nahm ihn auf die Seite und ſagte leiſe, doch ſo, daß ich es hoͤren konnte:„„Wenn es Ihnen nicht ungelegen wäre, möchte ich Sie bitten.“... Mehr hörte ich nicht, aber ich ſah, daß der Kaufmann mit ihm in das Comptoir ging, zu welchem die Thüre offen ſtand, und ihm das Geld übergab. Auf dieſe Art ſchlagen ſie ſich durch.“ Wie ſehr Hermes auch in dieſer Sache wi⸗ derſprach, bemächtigte ſich ſeiner doch ein gewiſſes Ge⸗ fühl der Scham und des Mißmuthes gegen eine Fami⸗ lie, von der man ſo ſprach. Er hätte gerne gefragt, wer die Gäſte waren, die Gabriele zu ſeinem Kummer bewirthete, während er vor der Thüre ſtehen mußte. Er öffnete mehrere Male die Lippen, um zu ſprechen, konnte jedoch kein Wort hervorbringen. Endlich riß ihn Fräu⸗ lein Molly aus dieſer Verlegenheit, indem ſie ſagte: „Ja, nun kann ja Alles gut werden. Es war der Jä⸗ germeiſter Baron Trolle dort, der die Gräfin heirathen ſoll!“—„Gabriele!“ rief Hermes, ſich ſelbſt vergeſſend. Molly ſah ihn an.„Ja, haben Sie etwas dagegen, Herr Doctor?“ Roller lachte laut.„Kennen Sie ſie?“ fuhr das Fräulein fort. Hermes hatte ploͤtzlich all' ſeine Verlegenheit verloren, die ihn vor Kurzem überfallen. „Ja, ich ſah ſie und ſprach mit ihr. Sie iſt zu gut, um ſich zu einer Convenienzheirath zwingen zu laſſen.“ —„Zwingen!“ rief Molly:„Sie müßte ſehr ſchlecht ſein, wenn Zwang nöthig wäre. Der Baron hat ein gutes Amt und beſitzt ſelbſt Vermögen. Man ſagt, er iſt in ſie verliebt.— Die Männer haben ihren eigenen Geſchmack— und folglich wird ſie ihrem Vater ein an⸗ genehmes Alter bereiten. Wäre das nicht eine ſchlechte Tochter, die ſich nicht für ihre Eltern aufopfern wollte? — 221 Iſt das mehr als einfache Pflicht?“—„Solche Pflich⸗ ten gehen über meinen Begriff,“ rief Hermes:„ſoll ein Mädchen, um ihren Eltern weltliche Vortheile zu ver⸗ ſchaffen, deßhalb einen Mann betrügen, der ſie liebt und aus deſſen Hand ſie dieſe Vortheile empfangen will?“ —„Ihn betrügen?“ rief Molly.—„Ja, ihn betrügen! Muß ſie ihm nicht Liebe heucheln? Was iſt das für ein Frauenzimmer, das um Geld heuchelt? Oder ſoll ſie kalt und ſpröde gegen ihn ſein? Darauf würde er ſich wohl nicht einlaſſen, wenn er es vor der Hochzeit wüßte.“ —„Gott bewahre!“ rief Molly:„kann denn keine Ehe „ ohne Leidenſchaft geknüpft werden?“—„Das ſage ich nicht; aber keine ſollte gegen des Herzens Neigung ge⸗ knüpft werden. Den, den man wählt, muß man wenig⸗ ſtens achten und liebenswürdig finden.“—„Nein!“ rief das Fräulein:„ihn liebenswürdig finden, iſt nun durch⸗ aus nicht nothwendig, aber das Nothwendige iſt das, was Wenige beſitzen: wahre Tugend und die Kraft, ſeine Pflichten zu erfuͤllen.“—„Niemand,“ ſagte Hermes, gerfüllt ſeine Pflichten im höheren Sinne, wenn das Herz nicht dabei im Spiele iſt.“—„O lieber Doctor! Sie brauchen nicht weit zu gehen, um ein Beiſpiel zu finden. Mein ſeliger Schwager war gewiß einer von den unliebenswürdigſten Menſchen. Unſre Eliſe war weit entfernt, ihn andern vorzuziehen, im Gegentheil, er wäre vielleicht der letzte geweſen, den ſie gewählt hätte; aber ſie heirathete ihn aus kindlicher Liebe; es war ihre Pflicht, das ſagte ich damals, das ſage ich noch. Und wie herr⸗ lich hat ſie nicht ihre Pflichten gegen den abgeſchmackte⸗ ſten aller Männer erfüllt? Fragen Sie nur die Leute, die mit ihr gelebt, während ſie verheirathet war: eine deutſche Couſine von uns, unter Anderen, mit der Eliſe noch Briefe wechſelt. Dieſe Dame war im Winter hier. Die ſollten Sie geſprochen haben.“—„Ich zweifle nicht,“ antwortete Hermes:„aber iſt nicht die jugend⸗ liche Heiterkeit, die Thätigkeit, das Intereſſe an der Welt -——— 222 bei Ihrer Frau Schweſter darüber zu Grunde gegangen 24 —„Ach Gott!“ rief Molly weinend:„Der Engel!.... Sie ſprechen in einem wunderbaren Tone von einem ſo hohen, ich möchte ſagen, heiligen Weſen. In Ihren Aeußerungen liegt etwas— ich hätte beinahe geſagt Gottesläſterliches.“ Mit dieſen in groͤßter Heftigkeit ge⸗ geſprochenen Worten verließ das Fräulein das Zimmer. Wenn dieſe Dame ſich jedoch an Hermes rächen wollte, ſo war ihr Wunſch bereits erfüllt, denn der Funke von Eiferſucht, den ſie durch den Bericht von der Wer⸗ bung des Jägermeiſters in ſein Herz geworfen, brannte bereits mit einer früher nie gefühlten Heftigkeit, die durch Rollers Aeußerungen noch vergroͤßert wurde: er ſei ein hübſcher Mann, ſagte er, noch in ſeinen beſten Jahren und eine ſehr paſſende Parthie für Gabrielen, die ſie ge⸗ wiß nicht ausſchlagen würde, ob ſie nun der Mann liebe oder nicht.—„Könnteſt Du den Gedanken ertragen?“ fragte Hermes.—„Ja,“ antwortete Roller:„ich gönne dem Adelspack, daß ſie hingehen und ſich unglücklich ma⸗ chen zur Ehre ihrer Stammbäume und Rangverordnun⸗ gen.“—„Dann iſt Dein Kummer über ihren Verluſt auch nicht Liebe, ſondern nur gekränkte Citelkeit.“— „Das iſt meine Ehre!“ antwortete Roller:„Der Aerger über einen Korb iſt bei dem Mann ein gerechtes Gefühl und immer beſſer und weniger zu verſchmerzen, als eine thoͤrichte Liebe.“—„Für dieſe Worte empfange mei⸗ nen Dank,“ ſagte Hermes und ging. Seine innere Unruhe ließ ihn einen Augenblick alle ſeine Vorſätze vergeſſen. Er eilte nach der Terraſſe, an alle Orte, wo er Gabrielen zu begegnen hoffen konnte; er wagte ſich ganz nahe an das Haus. Die große Katze ſaß vor der Thüre und badete ſich im Sonnenſchein. Kein anderes lebendes Weſen war zu ſehen. Vor dem Fenſter im Giebel war der früher beſprochene Deckel des Malertiſches aufgerichtet. Hermes erſchöpfte ſich in Ver⸗ muthungen, was das ſein koͤnnte. Mißmuthig ging er 223 heim und troͤſtete ſich mit dem Gedanken, daß er wahr⸗ ſcheinlich den Abend in Gabrielens Geſellſchaft beim Pfarrer zubringen werde, deſſen Einladung er am Tage vorher anfangs nicht annehmen wollte, der er nun aber mit größter Begierde Folge leiſtete. Acht Tage waren — nicht eigentlich verfloſſen— nein, ſie hatten ſich ſeit jenem Tage im Schneckengange hingeſchleppt, als er den Maler nach Hauſe begleitete. Am folgenden Tage ſollte er auf's Neue dieſe Gegend verlaſſen, die er ſich in die⸗ ſen Tagen oft gelobt, nie mehr zu betreten. Die Geſellſchaft war am Abend im Pfarrhofe ver⸗ ſammelt. Die Damen ſaßen um den Theetiſch im Gar⸗ tenzimmer, deſſen Thüre offen ſtand. Fräulein Molly und Eliſe hatten die Ehrenplätze im Sopha eingenom⸗ men. Mit großer Geſprächſamkeit unterhielt die erſte die Pfarrerin, die andere dagegen ſaß ſtumm und ſteif da und Hannens Beſtreben, ein Geſpräch mit ihr anzu⸗ knüpfen, wirkte nur ſehr wenig. Hermes und Roller gingen mit dem Pfarrer auf und nieder. Nur mit gro⸗ ßer Anſtrengung gab der junge Arzt ſein Scherflein zum Geſpräche. Die Sehnſucht, Gabrielen eintreten zu ſehen, die Furcht, ſie möchte nicht kommen, beſchäftigten ihn ganz und gar. Endlich ſah er im Garten die weiße, ſchwebende Geſtalt Arm in Arm mit der jüngſten Toch⸗ ter des Pfarrers ſich dem Gartenzimmer nähern. Die jungen Mädchen traten mit Palmer ein. Gabriele grüßte die Geſellſchaft mit höflichem Anſtand und eilte dann zur Frau des Pfarrers, die ſie freundlich in die Arme ſchloß und fläſterte:„Was biſt Du heute Abend hübſch, mein liebes Mädchen!“ Und wirklich hatte die gute Frau Recht. „Gabriele war in ihrem hübſchen weißen Anzug ſo reizend, ſo anmuthig, als ob die Königin der Feeen bei ihrer Tollette ſelbſt präſidirt hätte. Die Freude, welche Her⸗ mes bei ihrem Anblick fühlte, wurde indeſſen bald ge⸗ dämpft, als er ſie zur Pfarrerin ſagen hörte:„Mein Vater hat mir befohlen, ihn zu entſchuldigen, daß er erſt 224 ſpäter das Vergnügen haben könne, zu kommen, da er mit Baron Trolle ausgefahren, und dann Sie zu bitten, ihm zu erlauben, daß er dieſen Herrn in Ihr Haus ein⸗ führe, da der Baron wünſcht, des Herrn Paſtors nähere Bekanntſchaft zu machen.“ Die Pfarrerin antwortete verbindlich und Gabriele ſetzte ſich zwiſchen die andern jungen Mädchen, unter welchen, außer den Toͤchtern des Pfarrers, ſich ein paar Couſinen aus Kopenhagen befan⸗ den. Hermes und Roller ſchloßen ſich an und es gelang endlich dem Erſtern, Gabrielen einige von der Geſellſchaft unbemerkte Worte zuzuflüſtern. Die vielen kleinen Lie⸗ besgötter, die ſie an dieſem Abend umſchwebten, die Ei⸗ ferſucht, die ſich in ſeine Seele eingeſchlichen, ja ſogar eine gewiſſe Zurückhaltung und Furcht in ihrem Beneh⸗ men gegen ihn, all' dieß trug dazu bei, ſein Gefühl zu einer Leidenſchaft zu entflammen, die er kaum zu verber⸗ gen vermochte. Gabriele theilte zwar im Grunde ſeine Liebe und jubelte in ihrem Herzen bei jedem Beweiſe derſelben; aber je mehr er ſich näherte, deſto mehr zog ſie ſich zurück, nicht aus Coquetterie, ſondern aus Ver⸗ ſchämtheit, aus Furcht vor der Aufmerkſamkeit der Ge⸗ ſellſchaft; wozu noch kam, daß der Gedanke der Krän⸗ kung, die ihr von ihm widerfahren, ihren weiblichen Stolz erweckte. Als deßhalb Hermes die innige Sehn⸗ ſucht nach einem Rendezvous, wie die früheren, ausſprach und hinzufügte, daß, wenn ſie ihm ein ſolches zugeſtände, er ſeine Heimreiſe aufſchleben würde, antwortete ſie, er ſelbſt habe ihr zu verſtehen gegeben, daß in dieſen, wie ſie geglaubt, unſchuldigen Spaziergängen doch etwas ſei, was ihr Vater zu tadeln Grund haben könnte. Hermes fühlte alles Blut in ſeine Wangen ſteigen,„vielleicht,“ ſagte er mit einer gewiſſen Bitterkeit,„vielleicht koͤnnte jemand anderes Grund haben, ſich darüber au ärgern 2, — Gabriele ſah ihn verwundert an:„Ich hörte ſagen, daß Baron Trolle um Sie wirbt, und ich finde nichts glaublicher.“—„Das iſt mehr; als ich gehört und als 225 ich glaublich finde.“— Hermes freute ſich unſäglich über dieſe Antwort, aber durch den kalten Ton Gabrielens ge⸗ reizt, ſagte er doch:„Jedenfalls muß ich mir glückwün⸗ ſchen, der Erſte zu ſein, der Ihnen dieſe angenehme Nach⸗ richt bringt.“—„Aber wenn ſie unangenehm wäre?“ antwortete ſie ernſt,„was dann?“— Jeder Schatten von Bitterkeit verſchwand aus der Seele des glücklichen Lieb⸗ habers. Mit bewegter Stimme flüſterte er:„O Gabriele! zürnen Sie mir?“ Gabriele wandte ihr ſeelenvolles Auge nach ihm hin. Aber in dieſem Momente ſchlug Fräulein Molly Hermes auf die Schulter und ſagte:„Nun, Herr Doctor! Sie ſcheinen Ihre alten Freundinnen ganz zu vergeſſen. Unten in der gemauerten Hütte ſpielt man Billard, woran meine Schweſter Theil nimmt, und folglich hoffe ich, daß Sie mit von der Partie ſein werden.“— Gabriele wechſelte bel dieſen Worten die Farbe. Hermes entſchuldigte ſich bei dem Fräulein und wollte ſeiner jun⸗ gen Freundin folgen, die ſich erhob und in den Garten ging, aber Roller, der in dieſem Augenblicke kam, ergriff ſeinen Arm und nahm ihn mit ſich fort. Endlich kam der Graf und führte den Jägermeiſter ein. Hermes mußte Rollers Worten Recht geben: es war ein großer, ſchöner Mann, in den Dreißigen. Er vereinte mit einem jovialen und gutmüthigen Weſen etwas Rohes und Ungebildetes in ſeinem Tone, namentlich gegen Frauen⸗ zimmer, etwas, was in unſern Tagen nur zu allgemein iſt und was bei einem großen Theile unſrer jungen Adeligen die altfranzöſiſche Galanterie abgelöst zu haben ſcheint. Gegen Gabriele trat dieſer Ton am wenigſten hervor. Es ſchien wirklich, als ob er zwiſchen ihr und den bür⸗ gerlichen Mädchen einen Unterſchied machte. Die Toͤchter des Pfarrers verſtanden indeſſen mit ſtiller Würde die Unbeſcheidenheit in Grenzen zu halten, aber die Kopen⸗ hagener Couſinen ſchienen ſich in dieſer Sphäre zu Hauſe zu fühlen. Novellen. I. 15 226 Als das Abendeſſen zu Ende war, blieb die Geſell⸗ ſchaft bei Tiſche ſitzen, denn die Männer waren in ein eifriges Geſpräch uͤber Jagdgeſetze und Forſtweſen ver⸗ wickelt. Die jungen Mädchen ſchlichen ſich mit dem Maler fort, den ſie ſchon lange durch Zeichen und Winke aufgefordert, ſie zu begleiten. Kurze Zeit ſpäter hörte man von dem Garten die fernen Töne einer Guitarre, und Hermes, der ſich erhob und in das Gartenzimmer trat, ſah in der hellen Sommernacht und bei dem Schein des Vollmondes weit draußen im Garten auf einem Bleich⸗ platz die jungen Mädchen auf dem Graſe tanzen, wäh⸗ rend Palmer auf einem Baumſtumpfe ſaß und Guitarre ſpielte. Es war ein lieblicher Anblick, ein zauberhaftes Bild. Hermes eilte in Begleitung Rollers hinab. Zwei junge Studenten aus der Geſellſchaft thaten desgleichen. Die leichten Geſtalten hielten inne, als die Männer ſich näherten.„Was ſagen Sie, meine Herren?“ fragte Pal⸗ mer:„iſt das nicht ein hübſches Gemälde? Der alte Satyr, der zum Tanze der Nymphen ſpielt?“— Die jungen Männer erhielten nun Erlaubniß, an dem Tanze Theil zu nehmen. Man führte einen ordentlichen Contre⸗ tanz auf, man ſang dazu, man lachte, die jugendliche Luſt wurde allgemein, als ſich plöͤtzlich die ältre Geſell⸗ ſchaft ſehen ließ. Mit ſtrenger Stimme rief der Graft „Gabriele!“— Roller hatte ihr in dieſem Augenblicke die Hand zum Tanze gereicht, ſie riß ſich von ihm los und eilte aus der Reihe der Tanzenden zu dem Grafen, der ſie mit ernſter Miene zurecht zu weiſen ſchien.„Es iſt Zeit, daß wir aufbrechen,“ ſagte er, ſich an die Uebri⸗ gen wendend. Der Tanz hatte plöͤtzlich aufgehört, die Luſt war verſtummt. Palmer erhob ſich und gab Hannen die Guitarre. Alle nahmen Abſchied. Da der Abend ſehr ſchön war, ſchlug der Jägermeiſter vor, einen Umweg zu machen, und den Weg an Birkehoͤi vorbei zu nehmen, um den Juſtizrath und ſeine Toͤchter nach Hauſe zu be⸗ gleiten. Der Baron bot Eliſen ſeinen Arm und Hermes 227. näherte ſich in gleicher Abſicht Gabrielen, als der Graf raſch zwiſchen ſie trat, ſelbſt ſeiner Tochter Arm nahm und zum Baron und der Geſellſchaft von Birkehöi eilte, die einige Schritte vorausgingen. Der Maler näherte ſich dem verſtummten Hermes, nahm ihn unter dem Arm und ſagte:„Gönnen Sie mir das Vergnügen, Sie zu beglei⸗ ten. Mein Arm iſt nicht ſo angenehm, als der meiner Nichte, aber es iſt wenigſtens Niemand da, der ihn Ihnen mißgönnt. Ich hoffe,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu, „daß der Tag erſcheinen wird, an welchem Sie einen Theil unſres täglichen Kreiſes bilden; dann werden Sie durch Gewohnheit und Güte, wie wir Andern, die ſchärfſten Ecken meines Schwagers ertragen lernen, ohne ſich an ihnen zu ſtoßen. So mancherlei entſchuldigt und mildert ſeine Ei⸗ genheiten, wenn man ihn kennt, und es iſt wirklich inter⸗ eſſant, einen Charakter, wie den ſeinen zu ſtudiren. Wie Don Quiyote in einer lange verſchwundenen Ritterzeit leben wollte, ſo will mein Schwager in dem adeligen Glanze, in den halb ſteifen, halb loſen Grundſätzen leben, welche am Pariſer Hof kurz vor dem Ausbruch der Re⸗ volution herrſchten. Damals beſuchte er dieſe Welthaupt⸗ ſtadt und lebte als junger Menſch, beinahe noch als Knabe, am Hofe. Er war zu jener Zeit ſehr reich, nur abhängig von bornirten Aeltern, welche den einzigen Sohn vergoͤtterten, und dieſe Periode iſt das goldene Zeitalter ſeines langen Lebens, das Capital von Glück⸗ ſeligkeit, an welchem er bis jetzt gezehrt. Uebrigens ver⸗ ſichere ich Sie, daß viel Gutes mit dieſer Schattenſeite zuſammenhängt. Sein Wort iſt heilig, er vergißt nie einen empfangenen Dienſt, er iſt ſehr dankbar, auch gegen einen Feind, er iſt ſehr redlich und trägt ſtandhaft und ohne Klage jeden Verluſt, der ſeine Ehre nicht betrifft; und für dieſe Idee, wenn ſie auch mißverſtanden, koͤnnte er mit Ruhe leben und Alles aufopfern, was ihm lieb iſt.“—„Ich will ihn nicht verdammen,“ antwortete Her⸗ mes,„obwohl es ſcheint, als koͤnnte er das Ehrgefühl 228 Anderer ohne Schonung verletzen. Indeſſen fühle ich bis⸗ weilen ſelbſt, daß das, was wir Ehre nennen, für Jeden ein Schreckbild iſt, das oft zwiſchen uns und unſerm wah⸗ ren Glücke ſteht.“—„Nein!“ rief Palmer:„das iſt, meiner Anſicht nach, ein Mißverſtändniß. Das Urtheil der Welt iſt nicht das, was wirkliche Ehre iſt. Dieſe hängt mit unſerem Gewiſſen zuſammen, mit dem Heilig⸗ thum unſrer Seele, und kann nie unſrem wahren Glücke im Wege ſtehen. Ich meines Theils habe nie ein Opfer für das gebracht, was die Welt unter Ehre verſteht. Dieſe Herrlichkeit zog ich aus, wie einen Rockz deßhalb gehe ich auch zerriſſen und wie ein Ritter von der trau⸗ rigen Geſtalt umher. Aber das macht mich nicht unglück⸗ lich, ich bin in dieſer Hinſicht wie die Lazzaroni: Frei⸗ heit, Unabhängigkeit, Zeit— das ſind die Güter, die ich nicht aufopfern kann.— Das Leben iſt zu kurz, als daß ich das Mindeſte davon für andere Rückſichten ver⸗ kaufen moͤchte.“—„Das Leben iſt kurz,“ rief Hermes: „ja gewiß, aber es wäre nicht gut, wenn es länger wäre: es iſt zu voll von Irrthümern und Schmerzen, als daß man wünſchen möchte, es möge länger dauern.“—„Was ſagen Sie, junger Mann?“ rief Palmer und blieb ſtehen: „Das Leben iſt ſchän! Glauben Sie mir altem Manne, deſſen Weg durch das Leben manchen ſpitzen Dorn hatte; niemals horte ich auf zu ſagen: Das Leben iſt ſchoͤn! Manche Nacht in meiner leidenſchaftlichen Jugend ging ich in meinem Zimmer auf und ab und üͤberließ mich den verzweifelten Einflüſterungen feindlicher Dämonen. Aber wenn eine leuchtende Morgenröthe über meinem und aller Geſchöpfe Hauſe aufging, da fühlte ich die Wahrheit des Wortes:„„Gottes Güte iſt jeden Mor⸗ gen neu.““ Welches Glück faßt nicht der Gedanke des Lebens in ſich? eines menſchlichen Lebens? ſich bewußt zu ſein, zu denken, zu fühlen, Kunſt und Natur anzu⸗ ſchauen, nicht als ein Uneingeweihter, nein als der, der das Goͤttliche ahnt, das ſich in ihnen zeigt und das mit 229 veerwandter Stimme anredet, was göttlich in unſerem ei⸗ genen Weſen iſt? An einem Abend, wie dieſer, müſſen da nicht alle kleinlichen Sorgen vor dem Abglanze einer unendlichen Herrlichkeit weichen? Wenn ich in ſol⸗ chen Nächten meine einſamen Wege wandle, da iſt es mir, als ob Alles mit mir ſpräche. Die ſichtbare Natur liegt wie im Traume und ein geiſtiges Weſen wacht und offenbart ſich. Freundliche Nymphen winken dem Wande⸗ rer ihren Gruß zu, die Dryade im Baume flüſtert ihm aus dem ſanften Rauſchen der Blätter und die fernen Geſänge der Nereiden werden ihm von den Zephyren zugetragen, um ihn zu tröſten.“— Hermes lächelte. „Dieſe mythologiſchen Vorſtellungen ſind ſehr ſchön, aber ſie ſind todt und vorbei für die Jetztwelt.“—„Nicht für mich,“ rief der Maler:„Nein, wo ich gehe und ſtehe, entzücken mich dieſe Bilder. Der alte Ovid beglei⸗ tet mich wie ein treuer Freund und es liegt uberdies eine große Wahrheit in der Vorſtellung, welche uns alle Natur menſchlich und verwandt macht.“ Dieſes Geſpräch wurde von einer andern lauteren und ganz verſchiedenen Unterhaltung abgebrochen. Man hatte die Damen bereits bis nach Birkehöl begleitet, in der Hitze des Geſpräches aber nur kurz Abſchied genom⸗ men und die übrige Geſellſchaft begleitete nun den Gra⸗ fen und ſeine Tochter nach ihrer Wohnung, da dieſe wei⸗ ter entfernt von dem Pfarrhauſe lag, als das Roller'ſche Landhaus. Der Graf hatte in ſeiner Heftigkeit Gabrielen losgelaſſen, der der Jägermeiſter den Arm gab. Der alte Herr und Roller ſchienen ſehr erhitzt. Palmer und Hermes eilten hinzu, um dem Streite ein Ende zu machen. Der Erſtere ging zum Grafen und begann ein ganz anderes Geſpräch, der Andere ergriff Rollers Arm, zog ihn zurück, und warf ihm ſeinen blinden Eifer und die geringe Schonung eines alten Mannes, wie der Graf ſei, vor. Dieſer eilte der Geſellſchaft mit ſo raſchen Schritten voran, daß die Jüngern ihm nur mit Anſtren⸗ 230 gung folgen konnten. Vergebens warnte ihn der Maler vor den gefährlichen Baumwurzeln, welche das Gehen im Walpve unſicher machten, in den man nun eingetreten war, als er ploͤtzlich vor ſeinem Gitterthor ſtrauchelte und der Länge nach zu Boden fiel. Er lag unbeweglich da. Man eilte hinzu, die Männer hoben ihn auf und trugen ihn mit vereinten Kräften durch das Luſtwäldchen nach ſeinem Haus. Der Schrecken war allgemein. Ga⸗ briele ſtand wie eine Marmorſäule ſtumm und bleich da und nur ihr heftiges Zittern verrieth, daß ſie noch lebte. Hermes wandte Alles an, was ſeine Kunſt für den Au⸗ genblick vermochte. Der Graf erwachte aus ſeiner Ohn⸗ macht und öͤffnete die Augen. Man merkte, daß er bei Bewußtſein war; aber er war ſo ſchwach, daß er nicht reden konnte. Hermes unterſuchte die Contuſion, die nicht bedeutend ſchien, indeſſen zeigten ſich Symptome, die den Arzt eine Hirnerſchütterung fürchten ließen; doch verſchwieg er dies Gabrielen noch, die er zu beruhigen ſuchte. Man brachte den Kranken zu Bette. Hermes ſchrieb Rezepte, welche Roller mit größter Gutmüthigkeit aus der Apotheke zu beſorgen verſprach, die ſich eine Vier⸗ telmeile entfernt in einer kleinen Stadt befand.„Ich habe jüngere Beine,“ ſagte er,„als der alte Peter. Es eilt; und Pferde und Wagen ſind nicht ſo nahe, daß ich nicht raſcher laufen ſollte, als ſie herbeigeſchafft werden koͤnnen.“ Er kam wunderbar raſch zurück und entfernte ſich darauf mit dem Jägermeiſter. Der Maler und Hermes wollten bei dem Kranken warten; und nach manchen inſtändigen Bitten gelang es den Beiden, Gabrielen zu vermoͤgen, daß ſie die Ruhe ſuchte, deren ſie ſo ſehr bedurfte. . Nach Verlauf von einigen Stunden befand ſich der Graf beſſer. Er ſprach, nahm Medizin, welche ihm Her⸗ mes anbot, dankte ihm verbindlich, rief den Maler zu ſich, drückte ſeine Hand und fragte nach Gabrielen. Dann legte er ſich zur Ruhe und ſchien bald einzuſchlafen. Die beiden andern Männer waren lange ſtumm. Hermes ſaß 231 am Bette, betrachtete den Patienten und fühlte dann und wann ſeinen Puls. Palmer ſtand oft auf, ging mit ſicht⸗ licher Unruhe zu dem Kranken hin und ſah ihn feſt an. Endlich ſagte er:„Iſt das ein wirklicher Schlaf, in dem er liegt, ſo ſchläft er, ſcheint es, ſehr ſanft.“—„„Jd,“* antwortete der Arzt,„er ſchläft wirklich, und ich beginne aus dieſem und andern Umſtänden die beſte Hoffnung zu ſchöpfen. Vor einigen Stunden hatte ich noch bange. Ein ſolcher Fall iſt bei einem alten Manne immer be⸗ denklich.“—„Ja,“ ſagte Palmer,„namentlich in ſo auf⸗ geregter Stimmung. Es iſt mir eine wahre Erquickung ihn ſo ruhig daliegen und ſchlafen zu ſehen. Der Schlaf iſt doch einer der beſten Freunde der Menſchen.“—„Ja,“ antwortete Hermes: veine ganz beſonders heilende Kraft liegt in dieſem Zuſtande.“—„Gewiß heilend,“ rief Pal⸗ mer,„und nicht bloß für den Körper, ſondern auch für die Seele. Der Kummer, die Kränkung, die Abends oft unerträglich erſcheint, erſcheint Morgens gewoͤhnlich ſo unbe⸗ deutend, daß wir der Empoͤrung unſeres Innern ſpotten, die der milde Schlaf gedämpft. Ich dachte manchmal, ſo müſſe der tiefere und wahrſcheinlich längere Schlaf, den wir Tod nennen, die Affecte beruhigen und mildern, und uns mit einer edlen Verachtung unſerer irdiſchen Kümmerlichkeit erwachen laſſen. Iſt es nicht ſonderbar, daß wir Men⸗ ſchen, die wir uns mit ſo groß em Wohlbehagen dem Schlafe übergeben, davor zurückſchauern konnen, uns dem kraftigeren vielleicht noch wohlt hätigeren Bruder hinzuge⸗ ben?“— Hermes hatte ſich während dieſer Entgegnung über den Kranken gebeugt, und nachdem er noch einmal ſeinen Puls gefühlt, nahm er Palmer unter dem Arme und führte ihn nach dem entgegengeſetzten Ende des Zimmers, wo ſie ſich beide ſetzten. „Sie haben da,“ ſagte Hermes,„eine Materie be⸗ rührt, die beinahe ſo lange ich mir bewußt bin, in ſo hohem Grade meine Gedanken beſchäftigte, daß ich oft lange dem Grübeln und der Melancholie verfallen bin. 23² In meiner Stellung iſt ſo vieles, was dieſe Ideen her⸗ vorruft: der Tod, den ich von meiner früheſten Jugend in ſo mancherlei Geſtalten geſehen: die Natur, deren Wirken wir vergebens zu durchdringen ſuchen..... Es gibt Augenblicke, in welchen ich ordentlich verzweifeln kann bei den Gedanken, den Zweifeln, die in meiner Seele aufſteigen. Mein Vater ſagt oft zu mir:„„Suche Deine Patienten für dieſes Leben zu erhalten und kümmere Dich nicht um das Schickſal, das ihrer jenſeits harrt.““— Aber es iſt mir unmsglich, dieſer Vorſchrift nachzukom⸗ men. Alles drängt mich, über dieſe und die damit ver⸗ bundene große Frage zu grübeln. Was Sie neulich über den Schlaf und Tod äußerten, habe ich auch gedacht. Man nennt ſie Brüder. Gott gebe, daß ſie es vollkommen wären! Aber während des Schlafes werden alle Glieder zu des Lebens nothwendigen Verrichtungen in Thätigkeit erhalten, deßhalb wachen wir; im Tode jedoch haben ſie alle aufgehört, mit dem Köͤrper iſt es vorbei, das iſt gewiß; und wenn wir alſo erwachen ſollen, ſo muß es unter ganz andern Bedingungen geſchehen, als denen, unter welchen wir einſchliefen und hier bleibt unſer Wiſſen ſtehen.“—„Wohl wahr,“ antwortete Palmer,„aber etwas Licht ſcheinen wir doch unter anderem aus dem Schlafe ſchöpfen zu koͤnnen. Der Koͤrper iſt unbrauch⸗ bar für die Seele, und dieſe lebt, wirkt, iſt ſich im Traume ihrer ſelbſt bewußt; manche Kraft iſt ſogar voch ſtärker.“—„Vielleicht, aber nicht klarer. Und bedenken Sie, welch' ſonderbares, verwirrtes Schweben von Vor⸗ ſtellungen, das uns ergreift, ehe der Schlaf ſich unſrer ganz bemeiſtert hat, etwas, was mich oft erſchreckte, daß ich auffuhr, und ordentlich bange hatte, einzuſchlafen und mich ſelbſt zu verlieren.“—„Das iſt der Fall, ehe man wirklich ſchläft,“ ſagte Palmer,„aber wenn der rechte Schlaf da iſt, ſo lebt die Seele in einem uns un⸗ erklärlichen Zuſtande, unabhängig vom Körper.“—„Un⸗ abhängig? ja, das iſt eine Frage! Von der Herrſchaft 233 des Körpers über das Geiſtige in unſrem Weſen könnte ich manche wunderbare Geſchichte erzählen. Ich will mich blos auf eine beſchränken, die mir einfällt; Einer von meinen Bekannten, ein junger Mann, wurde von ſeiner Geliebten betrogen; er nahm ſich dies ſo zu Herzen, daß ſeine Nächſten befürchteten, er habe den Vorſatz gefaßt, ſich zu ermorden. Die treuloſe Dame, eine Perſon, deren Verluſt nicht ſolches Aufhebens werth war, ſollte bald Hochzeit mit ihrem Bräutigam haben. Vor dieſem Hoch⸗ zeitstag fürchtete man ſich ſehr, und als er herannahte, rief man mich als Arzt und Freund zu dem jungen Manne. Daß ich als Freund nichts ausrichten konnte, merkte ich bald, denn er war für alle vernünftigen Vor⸗ ſtellungen ganz unzugänglich; und da ſein Herzenskummer ihn wirklich etwas krank gemacht, griff ich zu dem Mit⸗ tel, daß ich ihm an jenem Tage ein ſtarkes Vomitiv gab, das ihm nicht Zeit ließ, ſeinen Grillen nachzuhän⸗ gen und das überdies eine ſolche Mattigkeit für den näch⸗ ſten Tag hinterließ, ſeine Aufregung ſo ſehr dämpfte, daß ich und ſeine bekümmerten Verwandten ihn dazu vermochten, uns anzuhören und mit Ruhe auf unſre Ge⸗ danken einzugehen. Kurz, er war von dieſem Momente an geheilt.“—„Die Geſchichte iſt ſehr gut,“ ſagte Pal⸗ mer,„aber das beweiſt nur, daß äußerliche Mittel dazu beitragen können, den Sinn eines Menſchen zu beruhigen. Eine Krankheit, ein körperlicher Schmerz, eine große An⸗ ſtrengung iſt wie der leucadiſche Sprung, der, wie man nicht ohne Grund glaubte, eine unglückliche Leidenſchaft heilen konnte. Ein großer, neuer Schmerz, eine große Veränderung jedenfalls thut daſſelbe ohne körperliche Mit⸗ . wirkung. Daß der Körper indeſſen eine große Herrſchaft über den Geiſt hat, iſt gewiß. Aber deßhalb hofft dieſer auch auf größere Freiheit.“—„Ach! wer recht zu hof⸗ fen verſtündel“ ſagte Hermes:„denn wiewohl ich noch jung bin und vielleicht mit allzu großer Begierde mich nach den Genüſſen des Lebens ſehne, deren Werth ich 234 wohl kenne, ſo muß ich doch beſtändig zu mir ſelbſt ſagen: was iſt das Leben wohl werth, wenn nicht der Geiſt der Unſterblichkeit das Ganze belebt? Es gibt Augenblicke, in welchen mich eine Empfindung des hoͤheren Lebens er⸗ greift. Wenn ich ſehr glücklich wäre, wenn ich immer bei einem geliebten, bewunderten Weſen und in einem täglichen Umgange leben koͤnnte, der mich ſo anzöge, wie der Ihrige, lieber Herr Palmer, ſo glaube ich, daß dieſes ſelige Gefühl öfter erwachen würde; aber wenn ich— wie es oft geſchieht— mich allein unter vielen andern Menſchen fühle, ſo erſcheint mir das ganze Leben, die ganze Natur in einem Lichte, daß ſie mir nur den tiefſten Eckel einfloͤßen können. Die Bäume erſcheinen mir wie große Farrenkräuter, was ſie, wie man ſagt, in der Urzeit der Welt geweſen ſein ſollen; die Menſchen wie etwas veredelte Seehunde; alles Lebende dem ab⸗ ſcheulichen Scepter der Verweſung und Vernichtung un⸗ terworfen; und keine Barmherzigkeit, keine Liebe, als die in meiner eignen Bruſt, die nichts unter dem leeren Him⸗ mel erwiedert; und es iſt mir, als müßte ich das ganze Geſchlecht der Vernunftweſen auf dieſem und allen andern Erdbällen umarmen, um ihnen meine Liebe einzu⸗ flößen, mit ihnen zu weinen, und für ſie zu ſterben.“— Der Maler antwortete ernſt:„Etwas ähnliches fühle ich auch in düſtern Stunden. Aber wie der Menſch auf dieſe Weiſe einige Zeit in der Hölle leben kann, ſo gibt es auch Tage, die er wie im Himmel lebt. Sagen Sie mir, wo⸗ her kommt dieſe Liebe, dieſe Sehnſucht in Ihrer Bruſt? Doch nicht von der Natur, die Ihnen todt ſcheint? oder von dem Himmel, der Ihnen eine öde Leere iſt? Sie vermoͤgen in Ihrer menſchlichen Bruſt alles Elend der Menſchen aufzunehmen, und führt dieſes Gefühl nicht zu dem, der alle Schmerzen der Menſchheit in ſeiner eigenen Bruſt aufnahm, der ihr ſeine Liebe gab, mit ihr weinte und für ſie ſtarb? Und werden wir von ſeiner Lehre durchdrungen, ſo ſehen wir den Geiſt, der über der ver⸗ 23⁵ gänglichen Welt ſchwebt.“—„Ach, lieber Palmer! weiß Gott, ich höre Ihnen gerne zu. Ihre Worte freuen mich, aber ich weiß, ich kann ſie nicht feſthalten. Es iſt ſo Manches in dieſer gewiß ſo ſchönen Lehre, was meine Vernunft nicht annehmen kann: dieſe Wunder und...“ Palmer unterbrach ihn:„Sie werden ſich vielleicht wun⸗ dern, wenn ich ſage, daß etwas in mir iſt, was mir dieſe Wunder anſchaulich macht, obgleich ich es mir nicht erklären kann, wie ich moͤchte. Z. B.: Ich glaube, daß es eine Kraft im Menſchen gibt, die wir nur ahnen, die wir aber vielleicht gebrauchen könnten, wenn wir ohne Sünden und unſer Wille ſo rein, ſo heilig, wie der ſeine wäre. In den magnetiſchen Erfahrungen liegt ja bereits eine dunkle Spur davon.“—„O weh!“ rief Hermes:„die magnetiſchen Erfahrungen! Da naͤhern wir uns dem Reich der Schwärmerei, das ich ſo große Angſt zu betreten habe.“—„Gott bewahre!“ rief der Maler:„Glauben Sie nicht, daß ich Alles, was Schwär⸗ merei und Betrügerei uns von dieſen Dingen erzählen, für baare Münze nehme, aber etwas iſt daran; unter den Seelen iſt eine Sympathie, eine Verbindung, die wir fühlen, und uns nicht erklären koͤnnen. Und,— gibt es nicht ſelige Augenblicke, in welchen ſich uns das hoͤhere Leben offenbart? Ich bin deſſen gewiß; wir leben bereits in einer beſſern Welt, aber wir ſind es uns nur in ein⸗ zelnen lichteren Momenten bewußt. Wir ſind Nachtwandler 5 dieſem Erdenleben, wir haben nur ein halbes Bewußt⸗ ſein.“— Sie ſchwiegen Beide. Endlich ſagte der Maler:„Es gab eine Zeit, einen Augenblick in meinem Leben, der einen unvergänglichen Eindruck in meiner Seele machte. Waren Sie je in unſrer Kirche und ſahen Sie das Al⸗ tarbild?“ Hermes verneinte. Der Maler fuhr fort:„Das habe ich vor vierundzwanzig Jahren gemalt, als ich aus dem Ausland zurückkehrte. Zwölf Jahre lang reiſte ich in Europa umher und mehre Jahre lang hielt ich mich 236 in Italien auf, wo ich meine Augen und meinen Geiſt mit den Werken der großen Meiſter berauſchte, und mit inniger Liebe ein paar zu copiren verſuchte, was mir eini⸗ germaßen gelang. Im Uebrigen iſt die Landſchaft mein eigentliches Fach, aber ich fühlte damals einen unbeſchreib⸗ lichen Drang nach meinem eigenen Kopfe ein Altarbild für die Kirche meines väterlichen Gutes zu componiren. In jener Kirche wurde ich getauft. Das Gut gehörte nun meiner Schweſter, Gabrielens Mutter, welche damals noch lebte. Ich hatte oft Betrachtungen über den Um⸗ ſtand angeſtellt, daß die Meiſter, welche Momente aus Jeſu Leben behandelten, ſo oft ſein Leiden und ſeinen Tod zur Darſtellung wählten. Ich ſah wohl ein, daß eine ſchoͤne Idee darin liege, anſchaulich zu machen, wie das Menſchliche verſchwindet, während ſich das Göttliche los⸗ reißt, aber doch immer noch ein Ausdruck des Leidens hervorleuchtet. Indeſſen ſchien mir der Kampf zwiſchen dem Göttlichen und Menſchlichen nicht das rechte Mo⸗ ment für die Kunſt zu ſein; nicht dieſe Leiden, vor wel⸗ chen die Natur zurückſchauert, und durch welche die Seele ſich nicht erhoben fühlt. Der Sieg des Göttlichen über die Welt, des Lebens über den Tod, das ſcheint mir der rechte Standpunkt. Die Kunſt hat ja⸗auch mehre Mal die Auferſtehung behandelt. Und die höchſt poetiſchen Scenen, welche dieſer folgten, haben mich immer ange⸗ ſprochen und hingeriſſen. Ich wählte deßhalb zum Vor⸗ wurfe für meine Darſtellung die Stelle der heiligen Schrift, wo der Apoſtel erzaͤhlt, daß die Schüler nach dem Tode des Herrn und Meiſters, verlaſſen und muth⸗ los, verfolgt von den Juden, ſich heimlich verſammelten und ſtille die Thüren von innen verſchloſſen, als der, den ſie beweinten, plöͤtzlich mitten unter ihnen ſtand und ſagte: „„Friede ſei mit Euch!““— In meiner Phantaſie malte ich dieſe Scene aus: Die Ueberraſchung dieſer kleinen treuen Schaar; ihr Uebergang von Angſt und Sorge zu ſeliger Freude; die leuchtende, halb verklärte Geſtalt unter 237 ihnen— in dem dunkeln verſchloſſenen Raum, wo ſie ſich mit ihrem Kummer in Demuth verbargen. Ich dachte mir dieſen Ort als ein verfallenes Gewoͤlbe orientaliſcher Architectur, mit einer Oeffnung an der Decke, durch welche einige Zweige eines Palmenbaums, beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne, blickten, deren rother Schein mit dem reinen, weißen Licht contraſtirte, das von des Erlöſers Geſtalt ausſtromte— gleichſam als Symbol des Lichtes, das für die Welt aufging. Auf meiner Reiſe hatte ich zufällig die Bekanntſchaft eines alten engliſchen Marineoffiziers gemacht, der ein eifriger Swedenborgianer war und ſich alle Mühe gab, mich in ſeine wunderbare Lehre einzuweihen, von der mich wirklich Ein und das Andere intereſſirte; und da mein erwähntes Bild ſchon damals vor meiner Seele ſchwebte, ſo lag in ſeinen Vorſtellungen eine Idee, die mich beſonders ergriff, da ſie auf das anwendbar ſchien, was meine Gedanken beſchäftigte. Er nahm nämlich an, daß der Gegenſatz des ſterblichen Korpers zum unſterblichen Geiſte, der des Menſchen innerſter Kern iſt, durch die Seele aufgelöst wird, die eine ebenfalls unſterbliche, aber nicht unverän⸗ derliche Form iſt, welche wie das Licht, ein Medium zwi⸗ ſchen der geiſtigen und leiblichen Natur bildet, und ſchon hier auf Erden im Köxper entſteht, ihm Leben gibt und nach dem Tode dem Geiſte unzertrennlich folgt. Doch, ſagte er, ſei dieſe Seele nicht ſogleich nach dem Tode ſo geiſtiger Natur, als ſpäter. Ich ergriff, wie geſagt, die⸗ ſen Leitfaden für meine Phantaſie und ſtellte mir vor, der Erloͤſer habe ſich in dieſer— wie ſoll ich es nur nennen?— ſeeliſchen, ätheriſchen, aber immer noch an⸗ ſchaulichen Menſchengeſtalt vor ſeinen geliebten und be⸗ kümmerten Freunden gezeigt. Die beiden Jünger, welche nach Emaus wanderten, und die er auf dem Wege traf, kannten ihn nicht, ehe er das Brod bei dem Abendmahle brach; da verſchwand er vor ihren Augen. In der Scene, vwelche ich darſtellen wollte, kam er durch geſchloſſene 238 Thüren. All' dies deutet auf etwas Schwebendes, Blen⸗ dendes und für das Auge Unſicheres, wie man ſich eine ſichtbare Offenbarung denken muß. So dachte ich, müßte der Auferſtandene ſich zeigen, bis er zuletzt mehr und mehr den irdiſchen Staub abwarf, der nach ſeiner Lehre noch an der Seele klebte, und bei der Himmelfahrt vor den ſterblichen Augen verſchwand, die ſeine Strahlen nicht mehr ertragen konnten. Begeiſtert von dieſen Vorſtellungen begann ich zu malen. Anfangs ging es gut, als ich jedoch zu der Hauptfigur kam, erſchrack ich über die Auf⸗ gabe, deren Löſung ich mir geſtellt. Es war mir unmög⸗ lich, das Bild feſtzuhalten, das in unſicheren Umriſſen vor meiner Seele ſchwebte. Jeden Tag betrachtete ich meine Arbeit, nahm den Pinſel in die Hand und warf ihn wieder fort; jede Nacht ſuchte ich in meiner Phan⸗ taſie meine Vorſtellungen zu ſammeln; vergebens! ſie flohen vor mir, wie Schatten. Ich grämte mich und ſagte mir ſelbſt, was ich leider oft geſagt: ich bin kein wah⸗ rer Künſtler; was in meiner Seele lebt, werde ich erſt dort von Angeſicht zu Angeſicht ſehen. Ich hielt mich zu jener Zeit bei meinem Schwager und meiner Schweſter auf ihrem Gute in Jütland auf. Mißmuthig und ver⸗ ſtimmt reiſte ich nach Kopenhagen und blieb dort das ganze Jahr, ohne die geringſte Arbeit vorzunehmen. Nach dem Wunſche meiner Schweſter ging ich indeß nach Palm⸗ feld zurück. Meine kaum halbfertige Arbeit ſtand da, wie ich ſie verlaſſen. Als ich ſie nun nach Verlauf von ſo langer Zeit wieder ſah, ergriff mich eine unſägliche Weh⸗ muth. Es war ſpät in der Nacht, ich war mit meiner Nachtlampe in der Hand von meinem Schlafzimmer in mein anderes Zimmer gegangen, getrieben von Sehnſucht, es wieder zu ſehen. Wunderbar nahm es ſich in dieſer Beleuchtung aus. Die Gruppen der beinahe fertigen Fi⸗ guren der Jünger erſchienen nun wie lebend, wie erſchrocken über die todte Geſtalt der ſkizzirten Hauptfigur. Nachdem ich die Malerei einen Augenblick betrachtet, loͤste ſich 239 mein Schmerz in Thränen auf, ich faltete meine Hände mit demuthsvoller Andacht, und betete leiſe: O, mein Herr und Meiſter, deſſen verklärte Züge ich in vermeſſenem Vertrauen auf meine Kunſt darſtellen wollte! Du weißt, es iſt nicht geſchehen aus thoöͤrichtem Stolze, ſondern aus Liebe zu Dir und der Kunſt, um der Willen ich Alles veerlaſſen. Bin ich Sünder um dieſer Liebe Willen nicht voon Deiner Gnade verſtoßen, ſo erhebe meinen geſunkenen Muth und laß einen Strahl Deiner Sonne das Dunkel erhellen, das über meiner Seele brütet.— In dieſem Augenblicke dachte ich an den großen Raffael, von dem man ſagte, daß ſich ihm die Madonna im Traume offen⸗ barte. Er war als Menſch ein Sünder, wie ich, aber in der Kunſt ein Heiliger. Ich fühlte tief meine Unbedeuten⸗ heit, mein Leben ſchien mir vergeudet, aber ich fühlte zu⸗ gleich ein inniges Mitleiden mit mir ſelbſt und eine Art Beruhigung in meinem Gewiſſen. Ich weinte ſo lange und ſo herzlich, wie ich nie in meinem ganzen Leben ge⸗ weint. Endlich ging ich zu Bette, aber ich konnte nicht ſchlafen. Doch ruhte ich mit geſchloſſenen Augen, und eine ſtille Ruhe, ein Troſt, ich weiß ſelbſt nicht wie, erquickte mich. Ich heftete in dieſem Zuſtande die Gedanken auf mein Bild, auf die Scene, die ich malen wollte. Ich fühlte lebendig die Sehnſucht, die Liebe, die die glück⸗ lichen Schüler beſeelte, welche Jeſus begleiteten und von ihm geliebt waren. Da ſtieg ſeine Geſtalt klar vor mir auf: es war mir, als näherte er ſich mir von ferne, ge⸗ folgt von einer Schaar Menſchen, während ich unter einem Baume ſtand und mich hinter dem Stamme verbarg. Er ging vorbei, warf aber in ſeinem ſchwebenden Glanze einen Blick auf mich, der in meine innerſte Seele ſiel und mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Sein Gewand hatte eine Farbe, wie die Wolken bisweilen bei der Morgenroͤthe. Ich ſtreckte die Hand aus, um einen Zipfel davon zu er⸗ reichen und ihn an meine Lippen zu drücken, zog jedoch die Hand wieder zurück und dachte: Nein, ich bin nicht 240 würdig, dies Kleid zu berühren. Aber ich ſah ſeine Fuß⸗ tapfen im Sande, warf mich nieder und drückte mein Geſicht in dieſe heiligen Spuren. Die Seligkeit, die ich in dieſem Augenblick fühlte, kann ich nicht beſchreiben; ſie war zu groß für eine ſterbliche Bruſt; auch verließen mich meine Sinne, ich ſank in einen tiefen Schlaf und ſchlief beinahe zwölf Stunden. Aber für mich war dies eine göttliche Offenbarung, die mich für immer beruhigt hat. Oft ſuchte ich dieſe Stimmung, dieſes Bild wieder hervorzurufen, aber vergeblich. In meiner Todesſtunde hoffe ich es wieder zu ſehen; dieſer Blick wird mich aus dem Winterſchlafe wecken; ich werde den Zipfel vom Kleide meines Herrn ergreifen und mich an ihm zum Himmel erheben.“ „Lieber Palmer!“ rief Hermes:„Sie ſind wahr⸗ haftig ein Dichter. Herrlich hat Ihr Gedicht mich erho⸗ ben. O Gott! könnte ich armer, zweifelnder Menſch auf Ihren Schwingen mich in das ſtille Paradies des Glau⸗ bens erheben.“ Die Thränen glänzten in des jungen Mannes ſchoͤnen Augen. Der Maler drückte ſtumm ſeine Hand. Nach einer kleinen Pauſe fragte Hermes:„Aber das Bild? Glückte es Ihnen, auf der Leinwand zu verſinnlichen, was Sie ſo in der Phantaſie geſehen?“— „Nein, das vermochte ich nicht; aber es gelang mir, einen Abglanz davon zu geben. Muth und Freude kehrten wieder, und die Zeit, während welcher ich an meinem Werke arbeitete, war die glücklichſte meines Lebens. Es war um Oſtern, daß ich wieder zu malen begann. Jenes Frühjahr war ungewöͤhnlich ſchön. Ich brachte täglich mehre Stunden auf Spaziergängen in meinen heimiſchen Gegenden zu. Ich glaubte, ein orientaliſcher Himmel blaue über mir; meine Gedanken folgten den poetiſchen Sagen, welche die Evangelien des Tages verkündeten; ich glaubte die Gegenwart der himmliſchen Heerſchaaren zu ahnen, ich war verſöhnt mit mir ſelbſt und mit der ganzen Na⸗ tur und in dieſer verſchwundenen ſchoͤnen Zeit lebte ich 241 wirklich in der beſſeren Welt. Am Weihnachtsmorgen wurde das Bild zum erſten Male in der Kirche aufge⸗ ſtellt. Wir hatten einen kleinen Kronleuchter in der ein⸗ fachen Dorfkirche angebracht, die wir mit grünen Tannen⸗ zweigen und andern Wintergewächſen ſchmückten. Bei dem Scheine der Altarkerzen und der andern Lichter in den dunkeln Wölbungen, nahm ſich mein Bild ganz magiſch aus. Ich dachte an jene Nacht und weinte vor Freude, wie ich damals vor Kummer weinte.“—„Aber,“ fragte Hermes,„ſagten Sie nicht früher, daß Ihr Bild hier in der Kirche ſei?“—„Ja,“ antwortete der Maler:„Ein eignes Schickſal hat es verfolgt. Sogleich nach jenem Weihnachtstage reiſte ich nach Kopenhagen zurück. Andre Verbindungen und Beſchäftigungen waren die Urſache, daß ich Jütland mehre Jahre nicht mehr ſah. Ein Familien⸗ feſt führte mich dorthin zurück. Meine Schweſter und mein Schwager hatten einen Sohn, der bereits ſieben bis acht Jahre alt war; ſpäter waren ſie ſo unglücklich, mehre Kinder zu verlieren, die todt zur Welt kamen. Als endlich die bekümmerte Mutter wieder ein lebendes Kind gebar, unſere Gabriele, äußerte ſie ſo lebhaft den Wanſch, mich ihre Freude theilen und ihr Kind aus der Taufe heben zu ſehen, daß ich ungeſäumt zu ihr reiſte. Während ich mich nun dort aufhielt, ſchlug der Blitz in die alte Kirche und zündete ſie an. Mit banger Beſorg⸗ niß für mein Altarbild wagte ich mich in den brennenden Bau, begleitet von einigen muthigen Burſchen; und nicht ohne Gefahr glückte es uns, meinen Schatz zu retten. Er ſtand nun mehre Jahre in meines Schwagers Saal, da es langſam mit dem Bau der neuen Kirche ging und ehe ſie fertig wurde, hatte ſich Alles verändert: meine Schweſter war todt, das Gut Palmfeld verkauft. Mein „Schwager und ich beſchloſſen nach mehren Glückswechſeln uns gemeinſchaftlich in dieſer Gegend niederzulaſſen, wo ich ſchon mehre Jahre im Sommer in dem kleinen Haus Novellen. I. 16 242 der Küſterin gewohnt. Wir nahmen unter Anderem dieſes Bild mit, ich reſtaurirte es und ſchenkte es der kleinen Dorfkirche, wo Sie es ſehen können, wenn Sie Luſt haben.“ Während dieſes Geſpräches war die Nacht verſchwun⸗ den. Der Kranke, der indeſſen geſchlafen, erwachte und fühlte ſich ſo wohl, daß der Arzt ihn außer aller Ge⸗ fahr erklären zu können glaubte. Gabriele kam ſachte lauſchend herein. Die Morgenſtrahlen fielen auf die weiß gekleidete, feine, bleiche Geſtalt und verliehen ihr ein eigen⸗ thümlich ätheriſches Ausſehen. Ihre Augen zeugten davon, daß ſie die Nacht mehr mit Weinen als mit Schlafen zugebracht. Hermes ging ihr entgegen, beruhigte ſie über ihres Vaters Zuſtand und führte ſie zu ſeinem Bette. Der Graf ſprach mild und heiter mit ihr und die lieb⸗ lichſten, jungfräulichſten Roſen lösten die Lilien auf dem jungen, freudeſtrahlenden Geſichte ab. Der alte Peter kam nun auch, und da er die Pflege ſeines Herrn übernahm, ſprach der Graf den Andern zu, einige Stunden der Ruhe zu ſuchen. Man wies Hermes ein hübſches Gemach an. Der Maler ging in ſeine Zimmer: Hermes begab ſich nach dem Vorſaal, wo er Gabrielen traf, der er auf das eifrigſte zuredete, ihren verweinten Angen ein paar Stun⸗ den Schlaf zu gönnen.„Ihr Vater iſt außer Gefahr,“ fügte er hinzu:„in wenigen Tagen, hoffe ich, iſt er ganz munter: Sie koͤnnen deßhalb ruhig ſein........ und froh, nicht wahr?“—„Ja,“ rief Gabriele, indem ſie die Hände faltete:„Ich danke Gott und Ihnen!“ Mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck ſah ſie zu ihm auf und ſagte:„Sie ſind auch froh?“—„Als wenn Ihr Vater mein eigener wäre!“ rief Hermes, indem eine Pur⸗ purröthe ſich über ſeine Wangen ergoß. Er war ganz berauſcht vor Liebe, er war nahe zu dem lieblichen Mäd⸗ chen herangetreten, ſein Arm umſchlang ſie, er ſah ihr in die dunkeln Augen und beinahe ohne es zu wiſſen, drückte er ſeine brennenden Lippen auf den Roſenmund. . 243 Gabriele wand ſich ſanft aus ſeinen Armen. Er hielt ſie zurück.„Sind Sie böſe?“ fragte er mit einem Ausdrucke inniger Zärtlichkeit.„Nein!“ antwortete ſie verſchämt und mit niedergeſchlagenen Augen. Er drückte ihre Hand an ſeine Bruſt, küßte ſie heftig und ſagte:„O Gott! daß ein ſolcher Augenblick doch ewig dauerte!“— Ga⸗ briele floh, aber der Bund war geſchloſſen und— wie ſie Beide dachten— auf fwig. 3 Hermes fühlte ſich ſo glücklich, daß ſeine Bedenk⸗ lichkeiten wegen einer Verbindung mit Graf Granhjelms Tochter und Rollers früherer Geliebten bei ihm nicht zu Worte kamen. Er konnte nicht ſchlafen. Deßhalb wanderte er in dem ſtillen Hauſe umher, dieſem Hauſe, das ſo lange ein Gegenſtand ſeiner wachen Träume geweſen. Er öffnete leiſe eine Thüre nach der andern und beſah die Zimmer, die ihm bisher unbekannt geweſen. Alles erſchien ihm wie ein Mährchen, wie ein Ort, den man in Träumen ſieht, ein ſo magiſches Licht war über dieſen Verein von Ge⸗ ſchmack, Ordnung, Kunſt, Einfachheit und altväteriſcher Pracht, die hier herrſchten, ausgegoſſen. Im Wohnzimmer waren die Wände mit Bildern bedeckt, von denen die meiſten der niederländiſchen Schule angehoͤrten. Die Rah⸗ men und das ganze Ausſehen,— alles trug das Gepräge des Alters. Nur einige wenige ſchienen Palmers Arbeit zu ſein und bei näherer Unterſuchung fand ſich auch ſein Name auf ihnen. Zwiſchen den Fenſtern, die auf den Garten hinausgingen, hing ein Spiegel, deſſen außeror⸗ dentliche Groͤße davon zeugte, daß er zu einem großeren und höheren Zimmer gehoͤrte. In einem kleinen Kabinette, wo verſchiedene Jagdgeräthſchaften, ein Schreibtiſch und eine kleine Bücherſammlung darauf deuteten, daß es des Grafen eigenes Zimmer war, ſiel Hermes Auge auf ein kleines Miniaturbild, eine vortreffliche Ausführung der oft beſprochenen Skizze, die er bei ſich trug. In der anmu⸗ thigſten Beleuchtung ſah man das Haus von dem Luſt⸗ walde aus; auch die Katze ſaß da, ihrem lebendigen Ori⸗ 244 ginale vollkommen gleich.„Wer malt doch dieſe Stücke?“ dachte Hermes:„wer iſt doch dieſer Schüler, auf den Palmer ſtolz ſein zu dürfen behauptet?“— Er ging in den Garten hinaus. Dieſer war in einem ungewöhnlichen, aber hübſchen Geſchmacke angelegt und mit großer Liebe und Sorgfalt im Stande gehalten. Der ſchönſte Som⸗ mermorgen lächelte ihm entgegen und er glaubte in einer neuen, idealen Welt zu leben, die er bis jetzt nur in der Phantaſie betreten. Der Graf erholte ſich bald; doch war er ſehr ſchwach und konnte in der erſten Woche nicht den ganzen Tag auf ſein. In dieſer Zeit ſchien er den Arzt nicht miſſen zu wollen. Er hatte ein großes Zutrauen zu Hermes gefaßt, überhäufte ihn mit Artigkeiten und war nie zu⸗ frieden, wenn dieſer, was bisweilen geſchah, nach Birke⸗ hoͤt gegangen. So war unſer junger Freund wie zu Hanſ. bei dem Grafen und brachte dort ſeine meiſte eit zu. Ein Theil des Sommers verfloß auf dieſe Weiſe, Der alte Herr erholte ſich nach und nach und begann ſeine alte Lebensweiſe; doch konnte er das Jagen nicht mehr ertragen, fuhr indeſſen oft mit dem Jägermeiſter aus, der gewöhnlich ſein Haus beſuchte, Hermes ging ab und zu nach Kopenhagen, kam jedoch wieder, ſobald ſeine Geſchäfte es irgendwie erlaubten. Er machte beinahe täg⸗ liche Beſuche auf Birkehöi, wohnte jedoch bei dem Grafen und verließ nur wenig dieſen Ort, wo er in einem bisher ungekannten Meere von Glückſeligkeit und Hoffnungen ſchwelgte. Seit jenem Ausbruche ihrer jugendlichen Liebe, hatten Gabriele und er ſich nicht mehr genähert. Sie ſprachen zuſammen mit Blicken, mit tauſend kleinen, nur ihnen ſelbſt verſtändlichen Andeutungen, über ihr gegen⸗ ſeitiges Verhältniß. Dieſes Haus, das Hermes mit ſo ſchlechten Farben geſchildert worden, fand er nun als ein Muſter von vernünftiger Sparſamkeit, Genügſamkeit und bewundernswürdigem Geſchicke, die dürftige Lage erträg⸗ 3 245 lich zu machen und ſie durch Ordnung und Anmuth zu verſchoͤnern. Jeden Morgen ſah er Gabrielen ſchon früh mit der Haushaltung beſchäftigt und den Maler im Gar⸗ ten. Die Genügſamkeit und Enthaltſamkeit dieſes Man⸗ nes im täglichen Leben, konnte er nicht genug bewundern. Jeden Tag beſuchte er Palmer in ſeinem Zimmer und freute ſich über die Arbeiten, die dort aufgeſtellt waren. Manche waren freilich nicht fertig und ſchienen es nie werden zu ſollen. Als er einſt ſein Staunen darüber äußerte, daß ein ſo ausgezeichneter Künſtler ſo wenig ge⸗ kannt und geſchätzt ſei, ſagte dieſer:„Es hat mir ſeiner Zeit nicht an guten Anträgen gemangelt; als ich jedoch jung war, beſaß ich noch einiges Vermögen und konnte auf mein freies und ungebundenes Leben nicht verzichten; nun kann ich es noch weniger, da ich alt geworden. Auch bin ich zufrieden: ich habe Alles, was ich brauche, denn ich brauche nur wenig.“— Dieſes Haus war wirk⸗ lich ein Tempel der ſchönen Künſte. Ueberall begegnete das Auge den Schöpfungen derſelben, und Abends, wenn die Familie verſammelt war, las man aus den vorzüglich⸗ ſten Werken der ältern und neueren Literatur vor, welche Palmer immer herbeiſchaffte. Bisweilen führte er mit Gabriele zweiſtimmige Geſänge auf, die ſie mit zwei Guitarren begleiteten. Dieſe Lieder waren beinahe alle, wie das Hausgeräthe, ein paar Decennien in der Zeit zurück, aber die meiſten außerordentlich ſchön, namentlich franzöſiſche und italieniſche Romanzen, ja ſogar ſpaniſche Nationalgeſänge. Man ſah deutlich, daß ſowohl die Lie⸗ der, als auch die Art des Vortrags den Reiſeerinnerun⸗ gen Palmers angehoöͤrten. Bisweilen wurde der kleine Kreis durch die Familie des Pfarrers vermehrt und— „zu Hermes Schmerze— durch den Jägermeiſter, deſſen Aufmerkſamkeit gegen Gabriele dem eiferſüchtigen Lieb⸗ haber nicht entging. Roller hatte gleichfalls ſeinen Um⸗ gang wieder angeknüpft, ſeitdem der Graf krank geweſen, während welcher Zeit er täglich ſich nach deſſen Befinden 246 erkundigte, theils aus Theilnahme, theils aus Kummer, daß er durch ſeinen heftigen Streit zu dem ihm zuge⸗ ſtoßenen Unglücke Veranlaſſung geweſen. Eines Abends, als Gabrielens fanfte, ſonore Stimme den hohen Vorſaal erfüllte, wo man ſich aufhielt, ſtand Roller mit ſchwärmeriſchem Blicke dem Geſange lauſchend da. Hermes ergriff ihn am Arme, ging mit ihm in den Garten, an einen einſamen Ort und ſagte:„Unſre alte Freundſchaft macht es mir zur Pflicht, Dir zu beichten. Kannſt Du mir vergeben, daß ich Gabrielen liebe? Ich kann dieſe Liebe nicht unterdrücken? Macht es Dich nicht unglücklich, wenn ich mit allen Kräften darnach ſtrebe, dieſes Mädchen zu gewinnen?“—„Nein, lieber Freund,“ ſagte Roller bewegt:„Du biſt eine ehrliche Seele und ich will deßhalb auch ehelich gegen Dich ſein, und Dir geſtehen, daß ich ſeit einiger Zeit mein Auge auf die jüngſte Tochter des Pfarrers, die liebliche Lina gewor⸗ fen. Da ſie jedoch noch ſo jung iſt und die Aeltern ſolche Dinge ernſt nehmen, ſo darf ich nur ſelten dort ins Haus kommen, aber es freut mich, wenn ich ſie, wie heute Abend, hier treffen kann.“— Hermes wurde es unſäglich leicht zu Muthe; er dankte ſeinem Freund, der fortfuhr: „Aber Du? wie wird es gehen? Ein Duell mit dem Jägermeiſter iſt nicht das einzige Unglück, das ich Dir prophezeie. Sieh' dieſen verſteinerten Grafen an! Die ariſtokratiſchen Grillen leuchten ja aus Allem, was er thut und ſagt, von Morgens bis Abends. Sieh' wie er aller Lebensart zum Trotz, ſich bei Tiſche zuerſt vor allen andern Gäſten bedienen läßt; wie er die Forderung macht, daß alle bei Tiſche aufſtehen, wenn er ſich erhebt; wie er....“ Hermes unterbrach ihn:„Herr Gott! üuber ſolche Kleinigkeiten kann man bei einem Manne von ſei⸗ nem Alter wegſehen. Ich habe mich ganz mit ihm ver⸗ ſöoͤhnt. Ich verſichere Dich, daß mich ſein Geſpräch oft in hohem Grade intereſſirt. Wenn er bisweilen auf ſeine Lieblingsmaterie, den früheren franzoͤſiſchen Hof, auf die 247 Bourbonen, auf das Kaiſerreich zu ſprechen kommt, was er alles in der Nähe geſehen, merkt man wohl, daß er kein ge⸗ dankenloſer Zuſchauer geweſen. Natürlicher Weiſe hat er Alles durch die Brille der Ariſtokratie geſehen, aber auch die⸗ ſer Geſichtspunkt iſt nicht ohne pſychologiſches Intereſſe.“— „Aber verſuche Deine Anſchauungsweiſe zu äußeren!“ ſagte Roller.—„Weßhalb ſollte ich das thun? weßhalb ſollte ich einem alten Manne das Vergnügen verbittern, das er über meine Aufmerkſamkeit empfindet? Es wäre überdies ſehr undankbar, da er mir ſo viele Freundſchaft erweiſt, daß er mich wirklich vor allen Andern auszuzeich⸗ nen ſcheint. Mein Umgang iſt ihm ſo angenehm, daß, wenn ich mich in Kopenhagen aufhalte und einen Tag länger ausbleibe, als ich beſtimmt habe, er einen Boten nach Birkehöi ſendet, um wo möglich etwas von mir zu hören.“—„Das iſt Alles ſehr gut: aber glaubſt Du deßhalb er möchte Dich zum Schwiegerſohne haben? Und das ganze Weſen hier iſt verkehrt. In des Vaters Ge⸗ genwart mußt Du und Paſtors und Alle Gabriele Com⸗ teſſe Granhjelm nennen— gnädige Comteſſe. Seid Ihr dagegen allein, ſo legt Ihr die ſchönen Titel ab, die Gott weiß, nicht auf ein Mädchen paſſen, das ſo einfach ge⸗ kleidet geht, und manchmal bei häuslichen Arbeiten ſelbſt Hand ans Werk legt, den Tiſch deckt, wenn der Diener fort iſt und dgl.“—„Ach!“ rief Hermes,„wie ver⸗ ſchieden find doch unſre Anſchauungen! Noch heute Mor⸗ gen, da ich ſie in der Haushaltung beſchäftigt, und die Zimmer aufräumen ſah, dachte ich, daß ſie mitten in die⸗ ſen Beſchäftigungen eine Würde bewahre, die das Gepräge des innern Adels trägt, der die wahre Vornehmigkeit iſt.“—„Ja, Du biſt bethoͤrt! Du wirſt durch Schaden klug werden. Auch muß ich Dich bitten, auf die junge Dame aufmerkſam zu ſein. Jetzt, da ich ſie mit unpar⸗ theiiſchen Augen ſehe, wird es mir klar, was ich früher dunkel geahnt: daß etwas Geheimnißvolles— um nicht etwas Schlimmeres zu ſagen— in ihr iſt. Es ſiel mir 248 ein, daß ſte einen geheimen Liebhaber haben könnte.“ Hermes fuhr zuſammen. Roller aber ſprach weiter:„Wer iſt wohl der Schüler Palmers, deſſen Arbeiten man ab und zu ſieht? Bemerkteſt Du nicht geſtern, wie Gabriele erroͤthete, als Du ſie fragteſt:„„Wer hat dieſes Bild gemalt?““ und ſie antwortete:„„meines Onkels Schüler,““ worauf der Graf hinzufügte:„„ein junger Mann, deſſen ſich mein Schwager annimmt.““— Den er aber niemals nennt! Dieſe Sache iſt verdächtig!“ Ungeachtet Hermes dem allem widerſprach und dieſe Argumente wirklich alle aus der Luft gegriffen fand, wirkte doch das geheime Gift, das ſo leicht einem Gemüthe, wie dem ſeinen, beizubrin⸗ gen iſt. Mehres kam noch dazu, das unſchuldige Para⸗ dies zu ſtören, in welchem die Liebenden bisher gelebt, ohne ein größeres Glück zu begehren, als das größte: das, zu lieben. Am nächſten Tage, als Hermes gegen Mittag von Birkehöi heimkehrte, begegneten ihm in dem Luſtwäldchen die verhaßten Jägerhunde, welche die Anweſenheit des Jägermeiſters verkündigten, und als er in das Haus trat, ſah er außer dieſem zwei andere Herren, welche der Baron bei dem Grafen eingeführt. Dieſe beiden Herren waren vom Hofe und von hohem Rang. Hermes wollte ſich entfernen, aber der Graf bat ihn, näher zu kommen und ſtellte ihn den Herren als ſeinen Arzt vor, den er zu Mittag eingeladen. Ungeachtet dieſe Worte an und für ſich unſchuldig waren, lag doch in dem Tone des Grafen etwas Fremdes, beinahe Verletzendes für Hermes. Er nannte ihn ſeinen Arzt, den er an dieſem Tage eingeladen, nicht ſeinen Freund, der ein theurer und täglicher Gaſt in ſeinem Hauſe war. Schlimmer wurde es ſpäter noch, als er den Unterſchied bemerkte, den der Graf zwiſchen ihm und der vornehmen Geſellſchaft machte. Bei Tiſche wurde gegen Gewohnheit nicht dem Wirthe zuerſt ſervirt, ſondern den fremden Herren, dann dem Grafen und zuletzt Hermes. Auch erhob ſich die Geſellſchaft nicht jedesmal, 249 ſobald der Graf aufſtand, ſelbſt der Jägermeiſter nicht; und als Hermes nun gleichfalls ſitzen blieb, glaubte er zu bemerken, daß dies dem alten Herrn mißſiel. So nichts⸗ ſagend dieſe Dinge auch waren, ſo fühlte der Arzt ſich doch ſehr gekränkt dadurch und dachte an Rollers Aeuße⸗ rungen mit einer gewiſſen Bitterkeit. Nach Tiſche gingen die Herren fort und nun war der Graf ganz der Alte, ja es war, als ob er ſelbſt fühlte, daß er ein Unrecht gegen ſeinen jungen Freund wieder gut zu machen habe. Gabriele war ſo ſchon, ſie ſah ihn mit ſo bittenden Augen an, der Maler nahm ihn beiſeite und bat ihn, zur Er⸗ innerung ein ſehr ſchönes kleines Bild von ſeiner Arbeit anzunehmen. All' dies wirkte wohlthuend auf unſers Freundes bewegliche Seele; er ſah das Ganze in einem milderen Lichte an, er fühlte ſich wieder zu Hauſe in dem ihm theuren Kreiſe, der an dieſem Abend nur aus der Familie beſtand; nur als er am folgenden Tage nach der Stadt reiſen ſollte, nahm er für eine Woche Abſchied und ging durch die Zauber der Nacht nach Birkehöi, von wo er am folgenden Tage mit dem Juſtizrathe abfahren wollte. Er trug das kleine Bild unter dem Arme und überlegte bei ſich ſelbſt, daß er ſeinem Vater ein Geſchenk damit machen und da der alte Doctor ein enthuſiaſtiſcher Kunſtfreund war, die Gelegenheit benutzen koͤnnte, ein vertrauliches Geſpräch mit ſeinem Vater einzuleiten, um ihn für ſeine geheimen Wünſche zu gewinnen— ein Plan, der ſeiner Menſchenkenntniß Ehre machte. 4 Als die Familie am nächſten Tage auf Birkehöi verſammelt war, begann der Tag mit einem Streite zwiſchen den beiden Schweſtern wegen der im Geſpräche unentbehrlichen Motive, nehmlich des Wetters. Eliſe be⸗ „hauptete, das Wetter ſei ſchön, Molly dagegen, es gehe ein ſtarker Wind und habe geregnet, weshalb ſie den Diener nach den Briefen und Zeitungen auf die Poſt geſandt, um ihre Schweſter zu hindern, ſie ſelbſt zu holen, wie ſie zu thun pflegte. Mit ungewöhnlichem Eifer 250 behauptete die Frau, daß ſie nie gehe, um jene zu holen, ſondern um einen Spaziergang zu machen, was ſie jetzt nun auch ſogleich thun wolle. Indeſſen begann das Fräulein Hermes mit ſeinem beſtändigen Aufenthalt in Gabrielens Nähe zu necken. Sie nannte ſie ſpöttiſch die gnädige Comteſſe, wünſchte Hermes Glück, daß er Arzt ſei, ſagte, es gebe Beiſpiele, daß dies ein guter Weg zu Hoheit, und daß er ruhig damit beginnen könne, Arzt zu ſein, um mit ſeiner Liebenswürdigkeit Graf zu werden; daß ſeine Geſichtszüge überdies etwas Schwärmeriſches an⸗ genommen, was ihm viele Aehnlichkeit mit Werthern ver⸗ leihe. Hermes konnte ſchwer verbergen, wie ſehr ihn dieſe Spöttereien kränkten und er war deßhalb ſehr er⸗ freut, als der Diener mit den Blättern und Briefen für den Juſtizrath und einem Briefe für die junge Frau kam. Mit Begierde ergriff Hermes eines von den Blättern und Roller ein anderes. Der Juſtizrath erbrach und las ſeine Briefe, während Eliſe mit dem ihren in der Hand in das nächſte Zimmer eilte. Hermes, der ganz zerſtreut das Blatt durchlief, das er in der Hand hielt, hatte ſich der offnen Thüre zu dieſem Zimmer genähert und bemerkte nun, daß Eliſe in großer Aufregung den Brief zu Ende las und ihn dann in kleine Stücke zerriß und dieſe raſch aus dem Fenſter warf, wo ſie der Wind lange umhertrieb. Mit gerötheten Wangen, doch ſcheinbar ruhig, trat ſie nun zu den Andern hinein und ſogleich begann Fräu⸗ lein Molly ein Verhör wegen des Briefes, woher er ſei und was er enthalte. Eliſe antwortete, daß er von der deutſchen Coufine ſei und gleichgültige Dinge ent⸗ halte. Molly lächelte mit dem ganzen Geſichte.„Du wirſt ihn mich doch leſen laſſen, meine liebe Eliſe? Nichts iſt mir gleichgültig, was Dich betrifft.“ Eliſe antwortete mit großer Contenance:„Ja, du ſollſt ihn haben; ich glaube, ich ließ ihn in dem andern Zimmer liegen.“— Sie ging hinein, kam aber ſogleich wieder:„Ich kann nicht begreifen, wo er hingekommen; das Fenſter ſtand 251 offen, er muß hinausgefallen ſein.“— Sie that, als ſuchte ſie. Molly war außer ſich. Zuletzt ſagte Eliſe: „Laß es gehen, es iſt nicht der Rede werth.“— Dann nahm ſie eine von den Zeitungen und ſetzte ſich zum Leſen; aber kurz darauf erhob ſie ſich mit einem todten⸗ bleichen Geſichte, machte eine Bewegung, um hinauszu⸗ gehen, wankte jedoch und ſank betäubt zu Boden. Alles lief hinzu, Fräulein Molly ſtieß ein Jammergeſchrei aus. Man trug Eliſe zu einem Sofa, brachte Waſſer und Eau de Cologne und es dauerte nicht lange, ſo oͤffnete ſie ihre ſchoͤnen Augen wieder. Aber ſie bedeckte ſie mit beiden Händen und ſchien ihre Gedanken zu ſammeln. Molly rief in einem fort:„Gott, Eliſe! Was war das? Was kann in den Zeitungen geſtanden haben, das Dich ſo ſehr erſchreckte?“ Eliſe ſchüttelte den Kopf und ant⸗ wortete endlich auf die wiederholten Fragen ihrer Schwe⸗ ſter:„Ach, mein Gott! es ſtand nichts in den Zeitungen. Laßt mir nur etwas Ruhe. Klingle meinem Mäd⸗ chen, ich will zu Bette gehen.“— Hermes, der hier aufs Neue eine unerwartete Praxis bekam, richtete an die Kranke verſchiedene mediziniſche Fragen, die ſie eilig be⸗ antwortete. Sie dankte ihm ſogar, weil er um Erlaub⸗ niß bat, ſie beſuchen zu dürfen, wenn ſie zur Ruhe gekommen. Seine und des Juſtizraths Reiſe nach der Stadt wurde durch dieſen Zufall auf den nächſten Tag verſchoben. Ein Mädchen kam herein. Eliſe erhob ſich matt und wollte ſich an ihrem Arme entfernen, aber das Fräulein nahm den andern Arm und wollte ſie, ungeach⸗ tet aller Bitten der Schweſter, nicht allein laſſen. Als ſie das Zimmer mit dem Iuſtizrathe verlaſſen, äußerte Hermes auf Rollers Frage die Meinung, daß „eine plötzliche Aufregung wahrſcheinlich die Ohnmacht der jungen Frau veranlaßte. Unvorſichtigerweiſe verrieth Roller dieſe Aeußerung des Arztes bei dem Fräulein, die in dieſem Augenblicke eintrat. Sie hob die unglückliche Zeitung, die auf dem Boden lag, auf und ſagte:„Was 2⁵² kann da in dem verwünſchten Journale ſtehen? O Gott! ich zittre, ich kann die Buchſtaben nicht ſehen.“— Sie wandte ſich nach allen Seiten und gab die Zeitung Roller: „Da, Vetter Philipp! Sieh doch nach, ob Du etwas recht Gräuliches und Unglückſeliges finden kannſt, das unſerer engelgleichen Eliſe ſo zu Herzen gegangen ſein⸗ kann.“ Roller und Hermes durchflogen die Zeitung.„Des Un⸗ glücks iſt hier genug,“ ſagte Hermes:„aber ich kann nicht glauben, daß die Frau ſich ſo zu Herzen genommen haben ſollte, daß Don Carlos eine Niederlage in Spanien erlitten oder daß ein ungeheures Lavameer und ein Aſchen⸗ regen großen Schaden bei Neapel angerichtet; oder daß man in Berlin eine Anzahl junger Leute als Mit⸗ glieder eines demagogiſchen Vereins feſtgenommen, daß mehrere eingeſteckt, andern Steckbriefe nachgeſandt wurden, die entkommen ſind und hier genannt werden.“ Roller brach in die Worte aus:„Das iſt etwas, was mir zu Herzen geht. Wenn ſie hier wären! Ich würde ihnen helfen und ſie verbergen, als ob ſie meine eigenen Brüder wären.“ Fräulein Molly rief, heftig weinend, in nur allzu deutlichen Worten, der Zuſtand ihrer Schweſter ſei die Wirkung einer Neigung für Hermes, der als Freier in das Haus gekommen und mit Güte aufgenommen wor⸗ den, nun aber einer Perſon ſeine Gedanken zugewendet, die unſäglich weit unter Eliſe ſtehe. Der junge Arzt war unbeſchreiblich verlegen und eilte fort. Er begab ſich zu Eliſen, wo man ihm ſagte, daß ſie ſchlafe, ihn aber bitten laſſe, in ein paar Stunden wieder zu kommen. Er benützte dieſe Friſt, um einen Beſuch bei dem Grafen abzuſtatten. Als er dem Hauſe näher kam, ſah er an Gabrielens Fenſter den Deckel des Malertiſches: und die Neugierde, welche dieſer Anblick früher ſchon in ihm erregt, wurde in dieſem Augenblicke noch lebendiger. In der Krankheit des Grafen hatte er einmal Gabrielens eigene Zimmer betreten, aber damals waren beide Fenſter frei von dieſem Schirm. Das Geheimnißvolle dieſer un⸗ 253 bedeutenden Sache reichte hin, ihn zu beunruhigen. Er beſchloß, ſich Gewißheit zu verſchaffen und ging mit lei⸗ ſen Schritten durch den leeren Vorſaal nach Gabrielens Thür. Sie war geſchloſſen. Er ging zu der, welche von dem Gange in ihr Schlafzimmer führte. Sie war gleichfalls geſchloſſen. Er klopfte leiſe an und nun öffnete ſich die Thüre zu dem erſten Zimmer und Gabriele empfing ihn mit freudigem Ausruf. Er trat ein. Aber nun war kein Schirm da, der das Fenſter bedeckte; ein Tiſch ſtand da, nichts Anderes. Nachdem er kurz den Grund des Aufſchubs ſeiner Reiſe mitgetheilt, fragte Hermes geradezu nach dem Phänomen, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich gezogen. Gabriele wurde roth und antwortete:„Es iſt der Deckel meines Arbeitstiſches, der offen ſteht, wenn ich arbeite.“—„Das iſt ein ſonder⸗ barer Arbeitstiſch,“ ſagte Hermes,„hier ſteht ja Ihr Nähtiſch mit dem Nähzeug.“— Außerordentlich verlegen ſtammelte Gabriele:„Das iſt ein Schreibtiſch... ich ſchrieb einen Brief.... an eine entfernte Freundin.“ Alles Blut ſtieg Hermes zu Kopfe. Er ſah ein kleines Miniaturbild, das im Fenſter lag. Er konnte ſeine Auf⸗ regung nicht länger im Zaume halten und ſagte:„Wenn der Brief, den Sie ſoeben ſchrieben, mit den übrigen, die Sie gewiß oft ſchreiben, zufällig an den Maler dieſes Bildes gerichtet wären, ſo würde es mir eine Ehre ſein, ſie an ihn zu beſorgen, denn ich hatte längſt ein beſonde⸗ res Intereſſe für Ihres Onkels geheimnißvollen Schüler.“ — Gabriele ſchwieg. Sie fühlte wohl, daß Eiferſucht der Grund zu dieſer Bitterkeit bei Hermes war, ein Ge⸗ danke, der ſie ſchmerzte und ihr ſchmeichelte. Die Furcht,⸗ gegen ihres Vaters ſtrenges Gebot zu handeln, indem ſie haſte 1 ſie ſelbſt dieſer Schüler ſei und die Verlegen⸗ eit über ihre Kunſtfertigkeit kämpften in ihr mit der Angſt, den Geliebten zu erzürnen und mißtrauiſch gegen ſie zu machen, als Palmer, der ſeines jungen Freundes Stimme hörte, eintrat und dem Geſpräche ein Ende 254 machte. Mit der Rachſucht eines gekränkten Liebhabers malte Hermes nun die Scene aus, die ſeine Reiſe ver⸗ ſchoben und that dies auf eine Weiſe, daß es ſchien, als ob ihn die neue Patientin, die er in Kur hatte, beſonders intereſſirte; und bei jedem ſeiner Worte durchzuckte ein glühender Schmerz die Bruſt der armen Gabriele. Sie beſaß indeſſen Selbſtbeherrſchung genug, ihre Gefühle zu verbergen und man trennte ſich mit großer Kälte. Ga⸗ briele ging ans Fenſter und ſah den Geliebten ſich ent⸗ fernen, um ſich zu ſeiner ſchoͤnen Patientin zu begeben. Sie warf ſich weinend in einen Stuhl und ihr Schmerz löste ſich in Thränen auf, waͤhrend Hermes in verzweifelt ſchlechter Laune nach Birkehöi eilte. Als er zu Eliſen hineinkam, fand er ſie im Bette und Molly ſaß daneben. Bei näherer Betrachtung ihres Zuſtandes wurde es ihm als Arzt klar, daß keine eigent⸗ liche Krankheit, ſondern eine innere Unruhe die Schuld ihrer Unpäßlichkeit trug und er bemerkte zugleich, daß die beſtändige Gegenwart der Schweſter ihr zur Laſt war, ja es kam ihm vor, als wollte ſie ihm etwas ſagen, was das Fräulein nicht hören ſollte. Sie machten beide ver⸗ gebens den Verſuch, ſie zu entfernen. Man wurde zu Tiſche gerufen und während Molly damit beſchäftigt war, den Kaffee einzuſchenken, ſtahl ſich Hermes aus dem Zimmer zu ſeiner Patientin hinauf. Sie war allein und ſchien ſich herzlich ſeines Anblicks zu freuen. Sie ſagte:„Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich mir ſchmeichle, daß Sie meinen ſtummen Wunſch verſtanden, mit Ihnen allein zu ſprechen. Die Gefangenſchaft, in der ich gehalten werde, und aus der ich mich zu befreien nicht die Kraft habe, macht den Augenblick koſtbar.“ Sie zog einen Brief hervor, den ſie unter der Bettdecke ver⸗ borgen hatte.„Erzeigen Sie mir den Dienſt, wenn Sie nach Kopenhagen kommen, dieſen Brief ſelbſt an meine Couſine Rikke zu beſorgen, welche jetzt an den geſchickten Schuhmacher verheirathet iſt, und wenn Sie hieher zurück⸗ 25⁵ kommen, was, wie ich bitten möͤſchte, bald geſchehen ſollte, ſo bringen Sie mir eine Antwort von ihr und geben Sie mir ſie unbemerkt.“— Mit aufrichtigem Vergnügen ver⸗ ſprach Hermes, ihren Auftrag gewiſſenhaft ausführen zu wollen, und bot ihr ſeine Dienſte in jeder Beziehung an. Sie dankte ihm herzlich und ſagte:„Ich habe ſchon längſt die Hoffnung genährt, daß die Vorſehung Sie in unſere Familie führte, um in Ihnen einen Freund zu finden, dem ich mich anvertrauen könnte.“ Sie würde noch mehr ge⸗ ſagt haben, aber das Fräulein unterbrach ſie. Dieſe war ganz athemlos und ſagte: ſie fühle ſich von Angſt be⸗ klommen, da ſie geſehen, daß der Arzt zu ihrer Schweſter hinaufgegangen: ſie habe geglaubt, ihre Eliſe halb todt zu finden. Sie warf ſich über ſie, benetzte ſie mit ihren Thräͤnen und rief:„Man muß wohl fürchten, daß Du dieſe ſchlechte Welt verlaſſen wirſt; Du biſt viel zu gut für ſie, Du reiner Engel, der Du ohne Sünde biſt!“ Auf einer einſamen Wanderung ſuchte Hermes ſeine Gedanken zu ſammeln, das Bezaubernde und das Dornen⸗ volle in ſeinem Verhältniſſe zu Gabrielen ſtellte ſich le⸗ bendig vor ſeine Augen. Was ihre Gefühle für ihn be⸗ traf, ſo gab ihm doch eine innere Stimme den ſeligen Glauben, daß keine Verſtellung in dieſen ihren reinen Zü⸗ gen wohnte und tauſend ſüße Erinnerungen ſprachen für dieſe Meinung. Er ärgerte ſich über ſeine Aufführung bei ihrem letzten Geſpräche, er dachte mit Unruhe an die gereizte und kalte Miene, mit der ſie ihm Lebewohl ge⸗ ſagt, und ehe er ſelbſt wußte wie, ſtand er an dem theuren Hauſe, deſſen Anziehungskraft er nicht widerſtehen konnte. Er fand Gabrielen im Garten. Sle ſaß in einer Laube mit einer Handarbeit. Der Maler ſaß mit einem Buche daneben und las ihr und dem Grafen laut vor, welch' Letzterer ſich mit gekreuzten Armen in einen Stuhl lehnte. Hermes grüßte ſtumm und nahm ganz leiſe Platz, um die Lectüre nicht zu ſtören. Er ſah Gabrielen an; ihre ſchönen Augen trugen das Gepräge, daß ſie geweint⸗ * 25⁵6 Er ſchrieb ſich ſelbſt die Schuld dieſer Thränen zu und als ſie endlich ihm einen mehr als ganz flüchtigen Blick goͤnnte, legte er die Hand auf die Bruſt und bat mit flehender Miene und allzu deutlich ſprechenden Augen um Vergebung— allzu deutlich ſprechenden, denn der Graf, der in ſeine Betrachtungen verſunken ſchien, bemerkte dieſe ſtumme Sprache und ein Gedanke ward in ihm lebendig, der ihm nie zuvor in den Sinn gekommen und der das Blut in ſeine bleichen Wangen trieb. Als die Vorleſung zu Ende, ging er in einem Pfade des Gartens auf und nieder, die Hände auf dem Rücken gekreuzt. Sobald er fort war, konnte die Gegenwart des Malers Hermes nicht abhalten, ſich Gabrielen zu nähern und mit einſchmeicheln⸗ der Stimme ſie zu fragen, ob ſie böſe ſei.„O vergeben Sie mir!“ ſagte er:„vergeben Sie mir, daß ich den Ge⸗ danken nicht ertragen kann, daß ein Anderer mehr Theil an Ihrem Vertrauen hat, als ich! Wer er auch ſein mag, er kann kein redlicherer Freund ſein, als ich.“— Auf Palmers Frage erzählten die Liebenden mit wenigen Worten ihr Geſpräch vom Vormittage und Hermes ſagte: „Sie können mir entgegnen und ich weiß es nur allzu wohl: ich habe kein Recht, mich in Ihre Geheimniſſe ein⸗ zudrängen; aber wenn Sie mir das antworten, wird es mich tief kränken. Denn treue Ergebenheit wird ſich immer einbilden, Rechte zu haben.“ Der Maler konnte ſich nicht enthalten zu lachen.„Und dieſer Streit dreht ſich um meinen Schüler. Befürchten Sie nicht, daß er Ihnen einen Theil unſrer Freundſchaft rauben werde. Was wetten wir? Sie werden ihm ſelbſt die Ihre ſchenken, wie ich ihn Ihnen präſentire, was ich zu thun im Sinne habe, wenn Sie von Kopenhagen zurückkommen. Das können wir wohl, Gabriele, nicht wahr?“— Gabriele erröthete und ein freundliches Licht ging dem verliebten Hermes auf. Alles war ihm nun klar. Er erinnerte ſich der Ausſagen des Malers bei ihrer erſten Begegnung, Rollers mißverſtandene Berichte über die Schulden der * 2 257 Familie bei dem Kaufmann und manche dergleichen Sachen, welche die Liebenswürdigkeit Gabrielens in ſeinen Augen erhöhten. Er ſchwieg beſcheiden mit ſeiner Entdeckung, aber ſeine Liebe, ſeine Freude leuchtete durch Alles, was er that und ſagte. Baron Trolle kam auch und ging im Garten mit dem Grafen, wie es ſchien in tiefem Ge⸗ ſpräche, auf und nieder. Der Maler ſaß etwas entfernt mit einem Buche. Hermes, der ſich allein mit Gabrielen in der Laube befand, ſuchte den Eindruck ſeiner früheren Aeuße⸗ rungen bezüglich Eliſens zu ſchwächen. Mit jugendlicher Laune malte er Fräulein Mollys Wache bei der kranken Schweſter aus, ihre exaltirten Aeußerungen und unzeitige Angſt, natürlich ohne Eliſens Geſpräch mit ihm zu ver⸗ rathen. Gabriele lachte. Hermes wurde von einer Aus⸗ gelaſſenheit ergriffen, die oft plötzlich ſeine düſtere Laune ablöste. Er begann nun, was er gleichfalls oft that, ſich über ſich ſelbſt luſtig zu machen, und beſchrieb die flaue Rolle, die er nach ſeiner Behauptung bei kranken Damen ſpiele, die nicht gerne Arzneien nehmen und weinten, wenn ſie die Mirxturflaſche ſehen.„Soll man ihnen oben⸗ drein Ader laſſen, iſt es rein zum Verzweifeln; das beſorge ich auch ſelten ſelbſt. Ihrem Herrn Vater ließ ich allerdings an jenem Abende zur Ader, als er krank war, aber wären Sie es geweſen, die Sache hätte nicht dieſen Erfolg gehabt.“ Er nahm ihren Arm und hielt ihn an ſich.„Sehen Sie! mein Herz klopft ſchon bei dem Gedanken daran. Es würde mir gehen, wie dem franzöſiſchen Chirurgen, deſſen Entzücken, zu einer ſchönen Herzogin gerufen zu werden, ſich in die gräßlichſte Ver⸗ zweiflung verwandelte. Ich kann mich recht in ſeine Stimmung verſetzen, als er das Blut ſich aus dem wei⸗ ßen Arme wälzen ſah, in dem es eben noch ſo warm und munter floß.“ Bei dieſen Worten drückte er ſeinen Mund an Gabrielens Arm und fühlte durch das Kleid den jungen Puls an ſeinem Munde ſchlagen. Auch dies Novellen. I. 17 258 ſah der Graf, ohne daß ihn die Liebenden bemerkten. Nach einiger Zeit traten er und der Baron in die Laube und der Letztere ſagte:„Befinden ſich die gnädige Com⸗ teſſe nicht wohl, daß Sie eine ſo lange Conferenz mit dem Doctor haben?“— Gabriele vergalt dieſe kleine ſpöttiſche Bemerkung mit derſelben Münze und antwortete:„Man kann doch wohl mit einem Doctor über Anderes ſprechen als Medizin, wie mit einem Jägermeiſter über Anderes als die Jagd.“— Daß der Graf den übrigen Theil des Abends ungewöhnlich kalt gegen Hermes war, bemerkte dieſer durchaus nicht, theils weil der alte Herr beſtändig mit dem Jägermeiſter beſchäftigt war, theils weil in ſei⸗ nem Glücke kein Mißtrauen Platz greifen konnte. Am nächſten Morgen fuhr er mit dem Juſtizrath in die Hauptſtadt, am folgenden Tage kehrte er jedoch bereits wieder zurück, um Eliſen von der Couſine eine Antwort zu bringen, die er glücklich in ihre Hände lieferte. Er war zu Pferde, konnte ſich nur wenige Stunden aufhal⸗ ten und nahm deßhalb Abſchied, nachdem er ſich nach Eliſens Geſundheitszuſtand erkundigt und ſie nicht ohne Mühe vermocht hatte, von dem Bette aufzuſtehen und in die Luft zu gehen, eine Aufforderung, die um ſo noͤthiger war, als der Mangel an Ordnung und Reinlichkeit in ihrem Zimmer und an ihrer eigenen Perſon, ſowie der Umſtand, daß ihr Liebling, der große Jagdhund, ihr Bett theilte, in Verbindung mit der großen Hitze jenes Som⸗ mers gefährliche Folgen für ihre Geſundheit hatten. Er eilte nach dem Hauſe des Grafen, wo er Gabrielen allein mit Hanne traf, und nach einem kurzen Beſuche beſtieg er wieder ſein Pferd und ritt langſam durch den Wald, gefolgt von den beiden jungen Mädchen, die ihm alle Thüren öffneten, und mit Freuden des Reiters ritterliche Geſtalt betrachteten, während ſie das ſchöne Thier hät⸗ ſchelten, das ihn trug. Er überließ ſich auf dem Heimweg den ſüßen Träu⸗ men ſeiner Liebe. Des Herzens ſeiner Gabriele und, wie 259 er glaubte, auch der Achtung und Freundſchaft des Gra⸗ fen gewiß, hoffte er durch die Vermittelung ſeines Vaters und Palmers die Schwierigkeiten zu überwinden, die ſich ſeinen Wünſchen in den Weg ſtellten. Seine eignen Grundſätze über ungleiche Chen und ſeine Furcht vor dem Spotte der liberalen Welt verſtummten bei dem Gefühle des Werthes der Geliebten und ſeiner eignen Liebe. Im Verlauf der Woche, während Hermes ſich ruhig und vergnügt in Kopenhagen aufhielt, veränderte ſich Gabrielens Stellung in bedauerlicher Weiſe. Der Graf unterrichtete ſie davon, daß Baron Trolle um ihre Hand angehalten und daß er erwarte, ſie werde ein ſo vortheil⸗ haftes Anerbieten nicht ausſchlagen. Im Charakter Ga⸗ brielens lag etwas Keckes und Muthiges, was ſie während ihres kurzen Lebens noch nicht Gelegenheit gehabt, zu ent⸗ wickeln. Die ihr ſelbſt unbewußte Kraft erwachte in die⸗ ſem Augenblicke ſtärker, als je und dämpfte die Furcht, die ſie vor ihrem Vater hatte. Beſcheiden, aber beſtimmt wies ſie ſeine Vorſchläge ab. Sie führte als Grund dafür an, was ihr an dem Baron mißfiel, ſowie den gänz⸗ lichen Mangel an Liebe zu ihm. Der Graf begriff ſehr wohl, daß ſie noch einen geheimen Grund hatte und daß ein bitterer Schmerz ihre Seele gegen den jungen Freund erfüllte, der ihm bisher ſo theuer geweſen. Er war indeſſen klug genug, einzuſehen, daß hier mit Macht nichts auszurichten ſei. Er ſprach mit dem Jägermeiſter und rieth ihm, darnach zu ſtreben, Gabrielens Herz zu gewinnen, ehe man weitere Schritte in dieſer Sache thue. Der Baron fühlte wohl, daß er nicht ſonderlich bei Gabrielen angeſchrieben ſtand, was er auch ausſprach und hinzufügte: daß man jedenfalls keine Gefahr laufe, wenn man eine ſo vortreffliche Dame heirathe, die, ſei ſie mal erſt Gattin, ihre Pflichten gewiß erfüllen werde. Er verſprach indeſſen, ſich noch einige Zeit paſſiv zu ver⸗ halten. Der Graf aber war darauf bedacht, den gefähr⸗ lichen Nebenbuhler zu entfernen. Eines Tages ſagte er 260 in Gabrielens Gegenwart zu dem Maler, daß es ihm ſchon lange ein unangenehmer Gedanke ſei, Hermes die Belohnung ſeiner Mühe, die er als Arzt gehabt, noch ſchuldig zu ſein. Er beklagte, für den Augenblick kein Geld zu haben, und fragte Gabrielen nach dem Stande ihrer Kaſſe. Gabriele, deren Wangen bel dem Gedanken an die Abſicht ihres Vaters errotheten, freute ſich, der Wahrheit gemäß antworten zu koͤnnen, daß ihr kein Geld entbehrlich ſei. Sie und Palmer ſtellten nun dem Grafen vor, daß es den jungen Arzt kränken würde, wenn man ihm Bezahlung für eine Selbſtaufopferung bote, die nur Freundſchaft vergelten könne und daß Hermes, der ein ſo ſtrenges Ehrgefühl habe, ſich dadurch zurückgeſtoßen fühlen müßte. Der Graf zuckte mit dem Munde und antwortete: „ein Ehrgefühl dieſer Art ſchicke ſich für einen Adeligen, aber bei einem Bürgerlichen, einem Manne, der von ſei⸗ ner Arbeit leben müſſe, ſei es ein lächerlicher Stolz, den er ſich abgewöhnen müſſe.“ Gabriele ging auf ihr Zimmer; ſie brach unwillkür⸗ lich in Weinen aus. Endlich nahm ſie ein Geſchenk, das für Hermes beſtimmt war, küßte es und ſprach:„Du ſollſt ihm ſagen, daß die arme Gabriele ihm mit Thränen ihres Vaters Mangel an Erkenntniß ſeines hohen Werthes abbittet. Du ſollſt ihm ſagen, daß ich ihn ſchätze, daß ich ihn unter allen Männern zu meines Herzens Ritter erwähle.“ Sie fühlte nun einen kleinen Troſt darin, ſich mit dieſer Arbeit zu beſchäftigen, die nicht ganz fertig war. Sie beſtand in einem Miniaturbilde, das einen Ort im Walde vorſtellte, den Hermes oft als ſein Lieblings⸗ plätzchen bezeichnet hatte. Es war ein einfaches Bauernhaus, das an einem Sumpfe lag, in welchem Enten ſchwammen. Das Haus ſelbſt war mit Schlingpflanzen bewachſen und auf dem Dache hatte ſich ein Storch ſein Neſt gebaut. Das Bild war außerordentlich ſchöͤn ausgeführt und ſollte in den Deckel eines Schreibzeuges eingefügt werden. Die beſcheidene Künſtlerin wollte ihren Freund mit dieſer 261 Gabe überraſchen und arbeitete fleißig daran in der Hoff⸗ nung, damit der Ausführung des Planes ihres Vaters eine mildere Kehrſeite zu verleihen. Aber der Graf, der ſich weder durch Schwierigkeiten, noch durch Einwendun⸗ gen Anderer einſchüchtern ließ, entlehnte eine kleine Summe von dem Jägermeiſter und hielt ſie für das erſte Zuſammentreffen mit dem Arzte in Bereitſchaft, und als dieſer das nächſte Mal das Haus betrat, das er als ſeine zweite und beſſere Heimath anſah und mit Freuden die geliebte Freundin und den alten Freund Palmer begrüßte, trat der Graf mit feierlicher Miene ein und über⸗ gab Hermes ein gefaltetes Papier, indem er ſich wegen der unbedeutenden Bezahlung entſchuldigte, die er ihm biete, dankte aber für ſeine Bemühungen. Verwundert öffnete Hermes das Papier und als er ſah, daß es Bank⸗ noten enthalte, erröthete er, faltete das Papier, legte es auf den Tiſch und ſagte:„Vergeben Sie mir, Herr Graf, ich kann dies Geld nicht annehmen.“—„Weßhalb nicht? fragte der Graf, welcher gleichfalls das Blut in ſein Ge⸗ ſicht ſteigen fühlte:„Arzt zu ſein, iſt Ihr Lebensunterhalt, und ein Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth.“—„Ich bin auch weit entfernt, mich zu ſchämen, meinen Lohn zu empfangen. Jedermann im Staate macht ſeine Kenntniſſe, ſeine Talente,, ſeine Arbeit fruchtbringend für ſich ſelbſt und andere, dieſes Schickſal theile ich mit dem erſten Miniſter, wie mit dem einfachſten Tagelöhner. Aber die Umſtände ſind nicht überall die gleichen. Sie haben mich nicht zu ſich gerufen als Ihren Arzt; ein Zufall hat mich dazu gemacht; und weniger als Arzt, denn als Freund habe ich meine Pflicht gegen Sie erfüllt. Ich habe bei Ihnen gewacht, für Sie mit der Treue eines Freundes, eines Sohnes geſorgt; manche Nacht, ehe Sie ganz her⸗ geſtellt waren, habe ich mein Lager verlaſſen und ſtand an dem Ihren, ohne daß Sie es wußten, lauſchte auf Ihre Athemzüge und freute mich bei jedem ſchwachen Strahl der wiederkehrenden Geſundheit. Mein Lohn, deſſen ich 262 werth zu ſein hoffte, iſt deßhalb Ihre Freundſchaft, nur dieſe kann mich bezahlen; und bin ich dieſes Lohnes 1ht werth, ſo nehme ich keinen andern an.“—„Sie ſind ſtolz, mein junger Herr.“—„Dadurch glaube ich mir nicht den Tadel des Herrn Grafen zuzuziehen.“— Der Graf ſah ihn unmuthig an und ſchwieg; Hermes fuhr fort:„Ich bitte Sie, das Geld zurückzunehmen. Ich müßte ſonſt mit tiefem Schmerze glauben, daß Sie die mir unſchätzbare Güte verdrieße, mit der Sie mich in Ihrem Hauſe aufgenommen, ein Glück, das größeren Werth für mich hat, als alle Güter der Welt.“— Mit dieſen Worten verbeugte er ſich vor dem Grafen, verließ das Zimmer und eilte in den Garten, wo er auf und ab ging, um die Faſſung wieder zu gewinnen, der ihn dieſe Scene beraubt hatte. Kurze Zeit ſpäter kam Palmer herab zu ihm, nahm ihn unter dem Arme und ging mit ihm, indem er mit freundlichen und entſchuldigenden Worten das Bittre in ſeines Freundes Stimmung zu mildern ſuchte. Als ſie auf ihrem Wege an die Thüre des Vorſaales kamen, trat Gabriele heraus und näherte ſich. Sie trug das genannte Schreibzeug in der Hand und ſich an Her⸗ mes wendend, ſagte ſie mit einer Miſchung von Ver⸗ ſchämtheit und Freude, die etwas unbeſchreiblich Anmu⸗ thiges hatte:„Wenn Sie, lieber Doctor, ſich nicht hier außen in unſerer Gegend aufhalten, ſo fürchte ich immer, daß Sie uns vergeſſen. Ich war deßhalb darauf bedacht, Sie zu zwingen, an dieſen Ort zu denken, wo wir Sie alle vermiſſen, wenn Sie fort ſind. Es iſt, wie Sie wiſſen, in der Nähe ein Bauernhaus im Walde, deſſen Lage und Ausſehen Ihnen gefällt; nun wünſche ich, daß, wenn Sie in der Einſamkeit an Ihrem Schreibtiſche fitzen, dieſe Stelle ſtets vor Ihrem Auge ſtehen möge, um Ihre Sehnſucht nach unſrer Gegend anzuregen.“— Bei dieſen Worten öffnete ſie das Käſtchen und zeigte das Bild im Deckel. Hermes ergriff mit der Gabe die Hand, 563 welche ſie darreichte und küßte ſie. Er war gerührt von Gabrielens Güte und entzückt von der Schönheit des Bil⸗ des.„Ich ahnte wohl,“ ſagte er,„daß Sie Ihres Onkels vortrefflicher Schüler find.“—„Ja,“ antwortete Gabriele, indem ſie Palmers Hand nahm:„Dies und noch mehr danke ich meinem Freunde und Lehrer. Aber meine geringe Kunſtfertigkeit iſt ein Geheimniß. Ich mache mir eine Freude daraus, ſie zugleich als eine kleine Erwerbsquelle anzuwenden, aber mein Vater wünſcht, daß dies nicht bekannt werden möchte. Dieſe Arbeit ſoll von Niemand als Ihnen geſehen werden; daßhalb verbirgt ſie ſich im Deckel des Schreibzeugs, den nur Sie öffnen dürfen.“— Dies Geſpräch, das vor der Hausthüre vor⸗ ging, wurde von Anfang bis zu Ende von dem Grafen gehört, der ſich auf dem Vorſaale befand. Plötzlich ſtand er vor ſeiner Tochter und ſagte mit ſtrenger Miene: „Gabriele!“— Das junge Maͤdchen wechſelte die Farbe, faßte ſich jedoch und ſagte:„Lieber Vater! ich glaubte nicht Dein Verbot zu übertreten, indem ich dies unbe⸗ deutende Geheimniß dem Doctor anvertraute, den ich für unſern beſten Freund halte und dem ich nicht dankbar ge⸗ nug ſein kann für ſeine Güte gegen uns wäaͤhrend Deiner Krankheit. Vor ihm zu lügen, wäre mir ganz unmög⸗ lich, und es freut mich, ihm etwas anvertrauen zu kön⸗ nen, was Andere nicht wiſſen dürfen.“— Der Graf ſah ſeine Tochter mit bitterem Lächeln an und ſagte:„Ich will Dich nicht tadeln wegen Deines Vertrauens zum Doctor. Im Gegentheil! Ich ſelbſt wünſche ein vertrau⸗ liches Geſpräch mit ihm und bitte ihn deßhalb, mich in mein Arbeitszimmer zu beglelten.“— Hermes verbeugte ſich mit erwartungsvoller Miene und ſie gingen zuſammen in das Haus. Als ſie fort waren, warf ſich Gabriele weinend in ihres Onkels Arme. Palmer, der ebenfalls nichts Gutes ahnte, ſuchte das betrübte Mädchen zu be⸗ ruhigen und konnte es nicht über's Herz bringen, ihr die allzu raſche Antwort vorzuwerfen, durch die er befürchtete, 264 vaß ſie in ihrem jugendlichen Eifer für den gekränkten Freund ſeine und ihre eigene Sache verdorben. Er be⸗ gleitete ſie auf ihr Zimmer und bat ſie, ſich ruhig zu verhalten, worauf er ſie verließ, jedoch verſprach, bald wieder zurückzukommen und zu berichten, was er von dem téte-à-téte erfahren konnte, das ſie in ſo große Un⸗ ruhe verſetzte. Nachdem der Graf mit größter Höflichkeit Hermes einen Stuhl angeboten und ſich ſelbſt zu ihm geſetzt, ſagte er: da er ihn als einen Freund ſeines Hauſes be⸗ trachte und wiſſe, daß ſeine Tochter großen Werth auf ſeine Meinung lege, was ihre Worte vor wenigen Minu⸗ ten bekräftigt, ſo bitte er um ſeine Vermittlung in einer Sache, die er ſeiner Freundſchaft anvertrauen wolle. Er erzählte nun dem erſchrockenen Liebhaber von der Werbung des Jägermeiſters und Gabrielens Abneigung gegen dieſe Heirath, deren Vortheile er zu entwickeln ſuchte.„Meine Tochter,“ fügte er hinzu,„iſt ein Kind, das ſelbſt nicht weiß, was es will und ſich keinen klaren Begriff von ſeiner Stellung in der Welt machen kann. Ein altes Frauenzimmer iſt ſtets zu beklagen; doppelt jedoch, wenn ſie aus vornehmem und edlem Stamme entſproſſen iſt und kein Vermoͤgen beſitzt. Ich bin alt, ich beſitze nichts, als dieſes kleine Landgut und eine Leibrente, die mit mir aufhört; denn als mein Schwager Palmer und ich nach dem Verluſte unſeres großen Vermöͤgens die Ueberreſte desſelben ſammelten, ſahen wir uns, um leben zu können, genöthigt, unſer Capital in einer Leibrente anzulegen und und um dieſe ſo hoch als möglich zu machen, wurde der größte Theil für mich ausgeſetzt, da ich weit älter, als er bin. Sie ſehen ſelbſt, Herr Doctor, wie vertraulich ich mit Ihnen rede.“ Mit klopfendem Herzen ſtammelte Her⸗ mes ſeinen Dank für das ihm erzeigte Vertrauen, wagte jedoch einige Einwendungen gegen den ihm gewordenen Auftrag zu machen. Die Liebenswürdigkeit der Comteſſe, ſagte er, würde ſie unzweifelhaft vor dem Unglücke be⸗ 265 wahren, eine Wahl treffen zu müſſen, die gegen ihres Herzens Wünſche ſtritte. Der Graf antwortete, ein Mädchen in ihrer Stellung ſei in ihrer Wahl von Verhältniſſen beſchränkt, die nicht für jeden gälten.„Aber,“ antwortete Hermes,„zu einer Wahl dieſer Natur iſt doch nichts weiter nothwendig, als gegenſeitige Zuneigung.“„Ja!“ rief der Graf,„es koͤnnte wohl mehr dazu noͤthig ſein. Oder halten Sie es für weniger nothwendig, der Ehre und Pflicht zu folgen, als der Neigung??—„Herr Graf!.... ich verſtehe Sie nicht.“— Der Graf fuhr fort:„Nothwen⸗ dig iſt es zum Beiſpiel von gutem Adel zu ſein, wenn man Graͤfin Granhjelm heiralhen will.“— Es entſtand eine Pauſe. Hermes fühlte ſein Blut kochen. Er erhob ſich, ohne ſelbſt zu wiſſen, weßhalb. Der Graf that das Gleiche. Sie gingen beide einige Male auf und ab, ohne zu ſprechen. Endlich brach Hermes das peinliche Schwei⸗ gen.„Herr Graf,“ ſagte er,„vergeben Sie, wenn ich mich täuſche, indem ich vermuthe, daß es nicht eigentlich eine ſchmeichelhafte Vertraulichkeit von Ihrer Seite iſt, der ich dieſes Geſpräch zu danken habe, ſondern daß Sie nur die Gelegenheit ſuchten, mir die Sentenz zu ſagen, womit Sie Ihre Aeußerungen ſchloßen. Irre ich mich in dieſer Vermuthung, wollten Sie mich wirklich mit Ihrem Vertrauen beehren, ſo iſt die Pflicht der Freund⸗ ſchaft, jenes mit dem meinen zu erwiedern, und im entgegengeſetzten Falle iſt es männliche Pflicht, Liſt und Umſchweifen mit ehrlicher, offner Freimüthigkeit zu be⸗ gegnen. Erinnern Sie ſich unſres Geſpräches, als ich zum erſten Male die Ehre hatte, Sie zu ſehen? Eine ritterliche Denk⸗ und Handlungsweiſe ſei nicht abhängig von Geburt, behauptete ich damals und will es heute be⸗ weiſen, indem ich Ihnen ehrlich ſage:„Ich bin der Letzte, der eines andern Bewerbers Sache bei Ihrer Tochter vertreten kann, denn ich ſelbſt liebe ſie und liebte ſie, ehe ich wußte, daß ſie Ihre Tochter ſei.“— Der Graf blieb ſtehen und ſchlug die Hände zuſammen über die kecke Rede des jungen — —ÿ—ÿx:—— — — 266 Mannes. Hermes fuhr in einem milderen Tone fort: „Niemand weiß beſſer als ich, wie verwegen mein Wunſch iſt, nicht blos in Hinſicht unſres ungleichen Standes; daß dieſer ein Hinderniß iſt, weiß ich überdies wohl; aber ſollte es unmöglich ſein, daß etwas von meiner Seite dieſe und andere Mängel mildern könnte? Bei keinem Manne in der Welt würde Ihre Gebriele innigere Liebe finden, wärmere Schätzung ihres Werthes, aufrich⸗ tigeres Streben, ihr das Leben zu verſüßen, als bei mir. Bei Niemanden würden Sie, Herr Graf, dankbarere Ge⸗ fühle eines Sohnes finden. Mein alter Vater iſt nicht von Adel, aber er beſitzt in hohem Grade die allgemeine Achtung. Wir find nicht reich, aber meine ökonomiſche Stellung verbeſſert ſich mit jedem Jahre und mein Vater, wie ich ſelbſt, wir würden unſer Beſtes thun, Sie und Ihre Tochter mit Allem zu umgeben, was ihre Jugend freuen und Ihr Alter verſchönern könnte.“— Der Graf hörte dieſe Entgegnung mit einem leiſen Schütteln des Kopfes an, während ſein Geſicht ſich wunderbar verzog. Die Thränen ſtanden ihm bei den Worten des jungen Mannes in den Augen; ein ſpoͤttiſches Lächeln um den Mund zeigte jedoch, daß er ſich durch ſeine allzu dreiſten Worte gekränkt fühlte.„Mein junger Freund!“ ſagte er:„ich habe alle mögliche Achtung vor Ihnen und Ihrem Vater. Ich will ſogar hinzufügen:„Daß er ein Adeliger wäre! — Aber... Sie ſind es nicht!“—„Wenn Sie jedoch nichts gegen meine Perſon haben, ſollte da ein Vorur⸗ theil, das nicht mehr im Geiſt des Zeitalters iſt 2...“ Der Graf unterbrach ihn:„Sie nannten da ein Wort, das gerade für mich ſpricht und meine Anſicht von dem Vorwurf des Vorurtheils freiſpricht. Der Geiſt des Zeit⸗ alters führt Krieg gegen den Adel, der in den meiſten Ländern ſein Blut zur Vertheidigung des Vaterlandes vergoſſen; er wird ihn der Gerechtſame berauben, welche Jahrhunderte, ruhige, glückliche Jahrhunderte geheiligt. Wir haben ſogar in dieſem Krieg verloren. Unſer 267 Eigenthum, unſre Reichthümer find zum groͤßten Theile in den Händen der entgegengeſetzten Partei; die große Freiheit, Aufklärung wußte man auf des Feindes Banner anzubringen, als ob wir nicht vor der Zeit der Kreuzzüge gegen die Barbarei für dieſe Freiheit und Auf⸗ klärung gekämpft. Sollten wir nun durch feiges Nach⸗ geben, wie getaufte Juden, uns mit unſern Verfolgern vermiſchen und mit Verluſt unſrer alten Ehre— des Einzigen, was wir noch haben— uns ihre Toleranz er⸗ kaufen? Nein! eher ſterben, eher das Liebſte opfern, was wir haben! Wir ſind ſtolz, ſagt man. Sind nicht die ſogenannten Liberalen hochmüthig? Ein vernünftiger Bürger wird ſeiner Tochter nicht geſtatten, in eine ade⸗ lige Familie einzutreten, weil er befürchten muß, daß ihr geringerer Stand ihr Demüthigungen zuzieht. Muß nicht ein Adeliger dieſelbe Furcht haben, wenn er ſeine Tochter unter bürgerlichen Verwandten ſieht? Werden dieſe nicht ſuchen, ſie zu demüthigen, weil ſie immer glauben, ſie werde ſich überheben wollen?“—„Nein, Herr Graf! Wo ſolche Mißverhältniſſe ſtattfinden, da rühren ſie nicht von der Ungleichheit des Standes her, ſondern von Mangel an Bildung. Es iſt„„die unſicht⸗ bare Kirche der Wahrheit,““ welche auch in unſern Tagen mächtig für edle Freiheit und wahre Aufklärung ſtreitet; zu dieſer gehört der Adelige und der Bürger, der Jude und der Chriſt, wenn er in dieſem Sinne geadelt iſt; und wer dies iſt, macht ſich gewiß nicht unglücklich, wenn er einen Unadeligen heirathet.“ Der Graf ſchlug Hermes auf die Schulter und ſagte lächelnd:„Mein junger Freund! Alle ſolche ſchönen Sophismen erſcheinen mir wie ein Dunſt, von dem man ſo betäubt wird, daß Alles zu wanken Fuß keinen Halt auf dem Bo⸗ „ben finden kann. was muß der Menſch als feſt und beſtimmt annehmen, ohne weiteres Raiſoniren. Es würde ſonſt leicht ſei mit ſeinen Grundſätzen abzufinden. Wenn ein Menſchei er Schlacht auf einen Fähndrich 268 ſtößt, der hartnäckig für ſeine Fahne ſtreitet, und zu ihm ſagt:„„Welch' ungereimtes Vorurtheil, Dein Leben für ein Stück Tuch zu opfern, das an einer Stange hängt? Deine Partei hat die Schlacht ſo gut als verloren. Sei vernünftig und gib mir die Narrenpoſſen,““— ſo ſchweigt der brave Soldat, kämpft bis zu ſeinem letzten Bluts⸗ tropfen und hüllt ſich ſterbend in ſeine Fahne. So geht es auch mir: dieſes Zeitalter iſt in Gährung, aber die Gährung wird eine Ende nehmen: die alte Ordnung wird zurückkehren, die alte Ehre wird Sieger und da gilt es, im Kampfe frei zu ſein. Ich verlor meinen Sohn, ich beweinte ihn; ich kann meine Tochter verlieren, aber ſolange ſie und ich leben, ſoll ſie dem Blute treu bleiben, das in ihren Adern fließt.“— Hermes ſchwieg. Ein tiefer Schmerz zeigte ſich in ſeinem Geſichte. Nach einer Pauſe ſagte der Graf:„Es thut mir leid, Sie betrübt zu haben, laſſen Sie mich jedoch hinzufügen: Ein Mann mit Ihrem Verſtande ſollte ſich ſelbſt dieſen Schmerz er⸗ ſpart und eingeſehen haben, daß nur das herrſchende Blendwerk der Zeit ihm die Möglichkeit einer Vereinigung, wie dieſe, vorgegaukelt haben kann.“— Hermes fuhr heftig auf:„Mein Herr! dieſer Ton... Dochl ich will nicht vergeſſen, daß Sie ein alter Mann und Gabrielens Vater ſind.“ Von dieſer vertraulichen Benennung unan⸗ genehm berührt, ſagte der Graf:„Sprachen Sie mit Gabrielen, wie Sie ſie zu nennen belleben, ſchon von Ihrer Liebe? Kennt ſie ſie?“—„Sie weiß es gewiß, obgleich ich nie davon geſprochen.“—„Wollen Sie mir verſprechen, ſich zu beherrſchen, nie mit dem geringſten Worte oder Zeichen Ihr verliebtes Herz zu verrathen.“— „Nein, Herr Graf! Das kann und werde ich nicht ver⸗ ſprechen!“— Der Graf trat einen Schritt zurück, ver⸗ beugte ſich und ſagte mit ſtolzer Miene:„So thut es mir leid, Sie bitten zu müſſen, dieſes Haus nie mehr zu betreten.“—„Wie, Herr Graf! Sie weiſen mir die Thüre?“—„Das bin ich der Ruhe meiner Familie und 269 Ihrer eigenen ſchuldig.“— Hermes eilte aus dem Zim⸗ mer und der Graf in ſeinem Zorne ihm nach, ohne ſelbſt zu wiſſen, weßhalb. Wie ein Paar wüthende Löwen ka⸗ men ſie beide in den Vorſaal. Während dieſes Vorganges ſtand Gabriele an dem Fenſter ihres Schlafzimmers, das auf den Garten hinaus⸗ ging. Sie hatte dieſen Poſten eingenommen, um ihren Onkel zu beobachten, den ſie vor dem Hauſe auf und niedergehen und ungeduldige Blicke in den Vorſaal werfen ſah. Das arme Mädchen konnte ihr Herz ſchlagen hören. Endlich ſah ſie Palmer ins Haus eilen. Sie ſchien einen erſchrockenen Ausdruck in ſeinem Geſichte zu bemerken und ihrer ſelbſt nicht mächtig, eilte ſie die Treppe hinab und trat beinahe zu gleicher Zeit mit den Andern in den Vorſaal. Hermes war zu Palmer hingetreten und drückte ſeine Hand, indem er mit unſicherer Stimme ſagte:„Ich hoffe, daß Sie mein Freund bleiben und daß wir uns anderswo wiederfinden, als in dieſem Hauſe, das ich nie mehr ſehe.“— Ehe der erſtaunte Palmer antworten kounte, ſtand Gabriele zwiſchen ihm und dem bleichen Hermes. Sie ergriff ſeine Hand und rief:„Was ſagen Sie? Unſer Haus nicht mehr ſehen? Weßhalb?“— „Weil der Herr Graf mir die Thüre gezeigt.“ Die arme Gabriele wurde ebenſo bleich als Hermes; ſie zitterte und ſagte mit erſtickter Stimme, indem ſie Hermes mit beiden Händen feſthielt, da er gehen zu wollen Miene machte: „Mein Vater? Wie! Iſt es möglich! Weßhalb?“ —„Weil...o vergeben Sie mir, liebliches Kind! weil ich es wage, Sie zu lieben. Ja, ich liebe Sie, allem zum Trotze was uns vielleicht trennen könnte. Leben Sie wohl! bewahren Sie mir Ihre Freundſchaft, und laſſen Sie mich Ihnen dafür danken.“— Die Thränen ſtanden ihm in den Augen, er küßte ihre Hände und wollte gehen. Palmer war wie verſteinert, der Graf, der wäͤhrend dieſer kleinen Scene in ſein Zimmer gegangen, kam nun zurück. Er blieb in der Thüre 270 ſtehen und rief mit ſtrenger Stimme:„Gabriele!“— Außer ſich, warf ſie ſich ihm zu Füßen, während ſie mit der einen Hand Hermes feſthielt.„O mein Vater! haben Sie Mitleid mit mir. Laſſen Sie nicht unſern edeln Freund ſo von uns gehen! Ich ſterbe vor Schmerz, wenn er uns verläßt.“—„Iſt das meine Tochter?“ rief der Graf:„Iſt das ein ſchamhaftes Mädchen?“— Hermes erhob Gabrielen und ſagte flüſternd:„Meine geliebte Freundin! demüthigen wir uns nicht mehr; wir ſind bereits gedemüthigt genug.“— Damit riß er ſich los und verließ das Haus. Palmer machte einige Schritte, um ihm nachzueilen, kehrte aber zuruͤck, nahm die troſtloſe Gabriele in ſeine Arme, bat ſie in den liebe⸗ vollſten Ausdrücken, ſich zu faſſen und ging ſogleich nach dem Pfarrhof, um Hanne zu holen, deren Gegenwart ſeinem betrübten Liebling Troſt bringen ſollte. Die treue Freundin begleitete ihn ſogleich. Die jungen Mädchen brachten den Abend allein mit einander zu und beim Abendmahle beſorgte Hanne Gabrielens häusliche Pflichten und entſchuldigte ihre Freundin mit einer Unpäßlichkeit, die nicht erdichtet war, denn die vorhergehenden Scenen hatten ſie außerordentlich angegriffen, auch konnte ſie es nicht über ſich gewinnen, mit dem Jägermeiſter, der ſich an dieſem Tage eingefunden, in Geſellſchaft zu ſein. Als Palmer, nachdem er Hanne heimbegleitet, zurück⸗ kam und den Grafen allein traf, fragte er geradezu nach der Veranlaſſung jener unangenehmen Scene, und der Graf erzählte ihm Wort fuͤr Wort, was zwiſchen Hermes und ihm vorgegangen war. Der ehrliche Mann nahm ſich mit Wärme der Sache ſeines jungen Freundes an und ſuchte ſeines Schwagers Herz zu bewegen, indem er ſeine väterliche Liebe zu Hülfe rief.„Palmer!“ ſagte der Graf,„Du biſt ſelbſt von Adel und obwohl ich weiß, wie verſchieden unſere Grundſätze ſind, ſo fühlte ich doch immer, daß Dein adeliges Blut— Dir ſelbſt unbewußt— ſich in allen Deinen Handlungen geltend mache.“ Palmer 271 ſah ſeinen Schwager erſtaunt an. Der Graf fuhr fort: „Haſt Du nicht jede bürgerliche Anſtellung verſchmäht? Iſt es Dir nicht eine Plage, Beſtellungen auf Arbeit und für Geld zu empfangen? Haſt Du nicht Deine Unabhän⸗ gigkeit bewahrt und manchmal Dein Wohlleben dabei ge⸗ opfert?“—„Du großer Gott!“ rief Palmer:„nie glaubte ich eine ſolche Erklärung meiner Handlungsweiſe zu erleben, ich, der ich in meinen Kinderjahren Herrlichkeit und Adel hingab, um in die Zeichenſchule zu gehen und ſpäter ein ungebundenes Leben lebte, das ich nicht ver⸗ theidigen will. Weßhalb verſchmähte ich all' dies? Theils weil meine Muße ſich koſtbar macht, mich ſelten be⸗ ſucht, und ich nicht arbeiten will ohne ihren Beiſtand, theils auch— der Himmel beſſ're es— weil der Teufel mich bereits mit einer Kralle gepackt hat. Ich kann nicht pünktlich ſein und mit dem Glockenſchlag meine Geſchäfte verrichten.“—„Aber,“ ſagte der Graf,„nun will ich Dich etwas fragen: Würdeſt Du aus Liebe zu Gabrielen, der Du— ich erkenne es an— ein zweiter Vater ge⸗ weſen, würdeſt Du, um ihr Freude zu machen, etwas Schlechtes malen, etwas, was Dir zuwider wäre und mit deinem Künſtlerſinne ſtritte?“—„Das iſt eine verfluchte Frage. Wenn ich es wollte? Wie köoͤnnte ich es? Es würde nicht in meiner Macht ſtehen, Ernſt daraus zu machen.“—„Siehſt Du!“ rief der Graf:„Deine Künſtler⸗ ehre geht Dir über Alles und meine Adelsehre ſollte mir nicht eben ſo heilig ſein?“—„Zum Teufel!“ rief Palmer, „Deine Gedanken, Mann, find ja rein verkehrt. Willſt Du Adel mit Kunſt vergleichen? Glaubſt Du, daß, wenn ich an meiner Staffelei ſitze, ich an meine Ehre, an Fried⸗ rich Palmers Chre denke? Glaubſt Du nicht, daß ich dies armſelige Ding rein vergeſſe, wenn ich den klaren Mond malo, der in der Stille der Nacht mit dem tiefen Meer von den tauſend Menſchengeſchlechtern ſpricht, die über dieſe Erde gingen und wie Schatten verſchwunden ſind? Nein, in meiner Kunſt war ich treu, in ihr habe ich ein 272 gutes Gewiſſen und meine Bilder werden leben, wenn ich nicht mehr bin und werden hier und dort für meine Sache ſprechen. O Granhjelm! wir ſind alte Leute. Bald werden wir vor dem Richter ſtehen, der nach einer andern Rang⸗ ordnung, als der der Welt, rechnet. Dein Adelswappen wird Dir nicht jenſeits des Grabes folgen; laß Dir Deiner Tochter Dankbarkeit folgen und verdirb ihr ſchönes Le⸗ ben nicht.“— Ernſt antwortete der Graf:„Du ſprichſt wie ein Künſtler, ich handle wie ein Ritter. Du haſt Alles für deine Kunſt aufgeopfert; ich opfre Alles für das, was ich Ritterehre nenne. Ich habe ihr vielleicht mehr Opfer gebracht, als Du weißt.“— Dies letzie Wort ſagte er mit eigenthümlich bedeutungsvollem Aus⸗ drucke, indem er Palmer die Hand reichte, und Jeder ging ſeines Weges. Als Hermes nach Birkehöi kam, ſchlich er ſich un⸗ bemerkt auf ſein Zimmer. Er ſchien ſich zu ſchämen, ſich vor Jemanden ſehen zu laſſen und eine tiefe Demü⸗ thigung prägte ſich auf ſeiner Stirne aus. Er warf ſich auf das Sopha, ohne ſich Rechenſchaft von ſeinen Ge⸗ danken zu geben. So wurde er von Roller überraſcht, der ſelbſt ſehr erſtaunt war, ihn hier zu finden.„Wir glaubten,“ ſagte dieſer,„Du habeſt heute Abend dieſem Hauſe nicht die Ehre Deiner Gegenwart gegönnt, ſondern Du liegeſt in dem gräflichen Hafen Deiner Wünſche vor Anker.“—„Nein,“ antwortete Hermes verdrießlich:„wie Du ſiehſt, ſitze ich hier.“— Roller fügte lachend hinzu: „Und ſiehſt aus wie der Tod, nicht wie ein Arzt. Was fehlt Dir 24—„Ich bin krank, ich will zu Bette gehen.“ —„Krank? Ja ſol Willſt Du, daß man Dir Thee herauf⸗ bringt, oder willſt Du zur Familie hinabkommen?“—„Kei⸗ nes von Beidem. Ich will keinen Thee haben.“ Er erhob ſich, nahm ein großes Glas Waſſer, das im Zimmer ſtand, ſtürzte es hinunter und ſetzte ſich wieder. Roller folgte ihm mit den Augen.—„Höre, Rudolph!“ ſagte er,„ich begreife ſehr gut, worin dieſe Krankheit beſteht. Du haſt 1 273 einen Korb bei der Comteſſe geholt, oder der hochadelige Papa hat Dir die Thüre gewieſen, wie mir. Sage die Wahrheit! Sind wir nicht alte Freunde?“—„Ja, das iſt wahr... das Letztere! Der Graf hat... wie Du ſagſt.“— Roller lachte laut.„Werde nicht böſe, wenn ich lache; aber das iſt doch ein curioſes Schickſal, was wir beide in jenem Hauſe haben. Wir kommen wie Marder oder Katze nach dem hohen Taubenſchlag ge⸗ ſchlichen und kriegen beide einen Schuß Schrot in den Nacken und ziehen mit Schimpf und Schande ab. Jal Das iſt eine alte Geſchichte, doch bleibt ſie ewig neu. Aber betrachte Dich in meinem Spiegel. Richte Deinen Sinn auf eine Andere, freie um meine Couſine Eliſe. Sie iſt eine regelmäßigere Schönheit, als Gabriele; räche Dich mit Gleichgültigkeit und tanze mit Deiner jungen Frau auf der Hochzeit des Jägermeiſters.“—„O ſchweig!“ rief Hermes:„Deine Worte vermehren meine böſe Laune.“ —„Willſt Du mit zum Thee hinabkommen?“—„Nein, um keinen Preis! Ich bin wirklich krank. Laß mich nun in Ruhe.“—„Aber ich ſoll Dir ſagen: meine Couſine Molly möchte gerne mit Dir ſprechen, wenn die Andern zu Bette gegangen ſind; ſie ſehnt ſich ſehr nach Dir.“—„Iſt ſie krank?—„Nein, ſie iſt betrübt.“— „Darum kümmere ich mich nicht, ich kann ihr doch nicht helfen.“—„Kannſt Du ſo gleichgültig gegen das gute Maͤdchen und die rührende Liebe zu ihrer Schweſter ſein?“ —„Gott bewahre Jeden vor einer ſolchen rührenden Liebe!“—„Ja Du ſchwatzeſt wohl! Eliſe iſt wirklich wunderlich und Molly kam auf die Idee, daß ſie auf dem Wege ſei, wahnſinnig zu werden.“—„Ach tolles Zeug! Sage dem Fräulein von mir, daß ſie weit mehr Ausſicht hat, wahnſinnig zu werden, als Eliſe.“—„Gute „Nacht,“ ſagte Roller,„Du ſelbſt biſt heute Abend zu toll, um ein vernünftiges Wort zu ſprechen.“— Er ging zur Thüre, wandte ſich aber wieder um und ſagte:„Es Novellen. I. 18 274 iſt wahr, ich vergeſſe, Dir zu ſagen, daß der kranke Bauer, deſſen Du dich angenommen, ſehr übel auf iſt und heute Abend Krämpfe bekommen. Die Frau war vor Kurzem da und fragte nach Dir.“— Hermes ſprang auf.„Got⸗ tes Tod! Und das ſagſt Du erſt jetzt!“ Er nahm raſch einige Arzneimittel aus ſeinem Koffer, ergriff ſeinen Hut und eilte fort.—„Ja!“ ſagte Roller:„zu dem Bauern kannſt Du gehen trotz Deiner Krankheit, aber nicht zu uns Andern herab.“—„Es iſt auch ein verteufelter Unterſchied zwiſchen Theetrinken und Schwatzen und einen armen Mann beſuchen, der in Krämpfen liegt.“ Die Thätigkeit, die ſich in dieſem Augenblicke dem jungen Manne aufdrängte, der Umſtand, daß er eine ganze Nacht bei einem Patienten zubringen mußte, wirkte wohlthätig auf ſeine erregte Stimmung. Die Sonne ſtand am Himmel, als er, begleitet von den Segens⸗ wünſchen der Familie, aus dem Bauernhauſe trat. Er hatte nicht Luſt, ſich zur Ruhe zu begeben. Er wanderte in der kühlen Morgenluft umher und überließ ſich ſeinen Betrachtungen. Die Begebenheiten des vorhergehenden Tages zogen an ſeiner etwas ruhigeren Seele vorüber. Gerührt und entzückt wiederholte er ſich, wie dentlich ſich Gabrielens Liebe ausgeſprochen; gedemüthigt und erbittert, wie ſie, vor ihrem ſtolzen Vater knieend, für den verſto⸗ ßenen Freund gleichſam um Gnade gebeten. Er konnte ſich nicht von dem Gedanken losreißen, daß ſeine Ehre eine tödtliche Wunde erhalten. Er verzweifelte über ſeine eigene Thorheit, die ihn in ein ſolches Verhältniß ver⸗ wickelt, und manche ungereimte Plane durchzuckten ſeinen Kopf, ebenſo haſtig verworfen und bereut, als ſie ent⸗ ſtanden. Endlich faßte er einen Vorſatz, in welchem ſeine müde Seele Ruhe zu finden ſchien. Er ermannte ſich, ſchlich ſich ſachte an das Gitter des Luſtwaldes und ſo tief in dieſen, daß er das liebe Haus grüßen konnte, wo Alles noch zu ſchlafen ſchien. Nur die Katze ſaß bereits auf ihrem Platze, aber nun wurde die Thüre geoͤffnet . 275 und Hermes eilte fort, mit einem bittern Gefühle der Furcht, geſehen zu werden. Mehre Male ging er an jenem Tage auf dem Wege, wo er Gabrielen zu begegnen hoffte. Endlich gegen Abend ſah er das liebliche Mädchen die Terraſſe herab⸗ kommen, nicht ſingend und mit leichten Sprüngen, wie das erſte Mal, ſondern ſtill und mit niedergeſchlagenen Augen. Bei dem Anblick des Geliebten belebte ſich ihr ganzes Weſen. Sie eilten einander entgegen, ſie legte ihren Arm in den ſeinen und beide ſchienen nie einen glücklicheren Augenblick erlebt zu haben, als dieſen, wo ſie ſich, vor der verfolgenden Macht verbergend, feſt an einander haltend, auf einem einſamen Waldwege be⸗ fanden, der zum Pfarrhofe führte. Zum erſten Male ſprachen ſie mit Worten von ihrer Liebe und Hermes ſagte:„Ich will Ihnen geſtehen, geliebte Gabriele, daß Sie mich noch nicht von einer Seite kennen, die unglück⸗ bringend für mich iſt und es für mein Liebſtes und Nächſtes leicht auch werden koͤnnte. Es iſt etwas in meinem innerſten Weſen, das ich einen tiefen Schmerz nennen moͤchte, eine unbeſtimmte Sehnſucht, die von meiner früheſten Jugend an meine Gedanken zu Grübeleien, zu Zweifel, zu Verachtung von Vielem geführt, was das Ziel des Strebens Anderer iſt. In allen Freuden, die ich mit Begierde ſuchte, fand ich etwas Leeres, Etwas ſo weit unter meiner Vorſtellung, daß ich meinen Sinn bald auf ein Andres warf wo mich daſſelbe Schickſal er⸗ wartete. Die ernſten Studien, denen ich mich von früher Jugend an widmen mußte, die Gelegenheit, das große Elend zu ſehen, das des Menſchen Loos iſt, haben meinen Sinn mit ſo düſtern Zweifeln, mit ſo dunkeln Vorſtellun⸗ gen erfüllt, daß das Leben in manchen Augenblicken mir wie verbittert war. Aber ſeitdem ich Sie zum erſten Male fand, verſcheuchte Ihre Nähe alle meine böſen Dä⸗ monen. Sie ſind nicht blos das anmuthigſte und liebens⸗ würdigſte Weſen, das ich jemals zu finden träumte, ſon⸗ 276 dern Sie ſind auch das edelſte, das achtungswertheſte. Eine ſolche Wahrheit, ein ſolcher Mangel an Eroberungs⸗ ſucht, an allen weiblichen Kleinlichkeiten, vereint mit elner ſo ſüßen Kindlichkeit, einem ſo einnehmenden Aeußern, einer ſo bezaubernden Stimme, all' dies, was ſtets vor mir als Ideal ſchwebte, nach welchem ich mich ſehnte, um das ich verzweifelte, je auf Erden zu finden— das ſoll ich nun gefunden haben, und noch mehr, ſo glücklich ſein, eines ſolchen Weſens Herz zu gewinnen, aber es wiederum wegen eines thörichten Vorurtheils willen verlieren.“— „Nein,“ antwortete Gabriele:„Mein Herz ſoll Ihnen Niemand rauben. Auch Sie ſind für mich, was ich mir Herrlichſtes und Edelſtes dachte.“—„Aber, meine beſte Freundin, vereinigen koͤnnen wir uns doch nicht?“— „Die beſte Vereinigung,“ ſagte Gabriele,„iſt gegenſei⸗ tige Liebe; ſie ſei ſtärker, als der Tod ſelbſt, ſagt man!“ —„Ach!“ ſeufzte Hermes:„aber ohne ſein Schickſal theilen zu koͤnnen, in langer Zeit oft, ohne ſich zu ſehen, nach dieſen kurzen, dieſen verſtohlenen Zuſammenkünften ſeufzend, ſo mancher Veränderung ausgeſetzt, die die Zeit zu unſerer Trennung herbeiführen kann... 4„Di Zeit,“ ſagte Gabriele,„kann auch guten Wechſel brin⸗ gen.“—„Mein liebſtes Mädchen! Sehen Sie nur ſelbſt in Ihrer eignen ſchönen Seele einen Beweis der menſch⸗ lichen Unvollkommenheit, der Verſuchung, die auch den Neinſten ergreift. Welchen guten Wechſel ſollte uns die Zeit bringen? Fürchten Sie ſich nicht ſelbſt vor dem Gedanken, daß Sie ihn wünſchen koͤnnen, nehmlich Ihres Vaters Tod?27 Gabriele ſchauerte.„Nein, nie!“ rief ſie:„Gott weiß, ich liebe meinen Vater. Koͤnnte ich ſeine ehr⸗ würdige Geſtalt ſehen und ſie mir bleich und todt den⸗ ken?“— Sie brach in Thränen aus:„O. Gott! wäre es möglich, daß je ein ſo abſcheulicher Gedanke ſich in mmeine Seele ſchleichen koͤnnte, ſo würde ich ihn mit tau⸗ ſend Thränen Gott abbitten und mit verdoppeltem Ge⸗ horſam und Zärtlichkeit meine Pflichten gegen den „ 277 Vater erfüllen.“—„Liebe Gabriele! Laſſen Sie ſich doch nicht ſo betrüben und ſagen Sie mir: Glauben Sie, daß er je von ſeinem Beſchluſſe abgehen wird?— Gabriele ſchwieg und ſchüttelte den Kopf mit niederge⸗ ſchlagenen Augen. Hermes nahm ihren Arm und ſuchte nun mit aller Leidenſchaft, die in ſeinem Herzen glühte, und mit aller Beredſamkeit, die ihm die Natur geſchenkt, ſte zu überreden, in den Plan einzuwilligen, den er ge⸗ faßt und der darin beſtand, daß ſie ihm in ſeine Heimath folge, wo er ſie dem Schutze ſeines Vaters ubergeben wolle, um nach der Hochzeit hieher zurückzukehren und des Grafen Verzeihung zu erflehen, wobei er auf die Unterſtützung des alten Doctors und Palmers rechnete, deren Einfluß bei dieſer Sache von großer Wichtigkeit ſchien. Gabriele ſah ihn betrübt an.„Ach! Hermes,“ ſagte Sie mit einer Stimme, die das härteſte Herz hätte ſchmelzen können:„Sie lieben mich und köͤnnen wollen, daß ich meinen Gewiſſens⸗Frieden opfre, meinen alten, ſchwachen Vater verlaſſe, den ſo manche Sorgen nieder⸗ gebeugt? Wollten Sie ihn ſeiner Tochter, ſeines einzigen Kindes berauben? Mit welcher Stirne ſollte ich wohl vor Ihren Vater treten? Würde er eine ſolche Tochter lieben können?“—„Das wird er. Er würde die ſegnen, die ſeines Sohnes gekränkte, tief verletzte Ehre rächte.“— „Achl nun ſprechen Sie auch von Ehre, wie mein Vater.“ —„Darf ich nicht von ihr ſprechen, weil ich kein Adeli⸗ ger bin?“—„Hermes! wollen Sie mich kränken?“— „Nein, nein! nicht um die ganze Welt! Aber, geliebte Gabriele, ſollen wir des Lebens Glück ein ewig Lebewohl ſagen?“—„Nein, wir werden es in unſerer unſchuldi⸗ gen Liebe, in unſerer Treue finden. Wie können wir wirklich unglücklich ſein, wenn wir bisweilen, wie in dieſer Stunde, uns begegnen? wiegt nicht eine ſolche Stunde die Sehnſucht eines ganzen Jahres auf?“— Ungeduldig ſchuͤttelte Hermes den Kopf:„Das ſcheint uns wohl ſo in einem ſolchen Augenblicke; aber während der langen 278 Entbehrung nagt die Sorge an des Lebens Kern. In einem unſchuldigen, kindlichen Herzen, wie dem Ihren, können vielleicht ſolche heilige Gefühle Wurzel faſſen; aber nicht in dem eines Mannes, nicht in dem meinen. Leidenſchaft, Eiferſucht, tauſend Furien werden mich zer⸗ reißen. Der Menſch hat nur wenig von dem Himmel, der unſer Vater iſt; unſre Mutter Erde zieht uns ſtets zu ſich. Schwärmerei ſtraft ſich im Verlauf der Zeiten und keine Treue ſteht feſt ohne menſchliches Band.“ —„Ich ſtehe für die meine,“ ſagte Gabriele.—„Das können Sie nicht! ich auch nicht.“— Es entſtand eine Pauſe. Gabriele ſagte ungehalten:„Es gehe, wie es wolle! Meine Mutter ſagte oft zu mir, kein Glück könne durch ſchlechte Mittel erkauft werden. Damit will auch ich das Meine nicht erkaufen.“ Hermes war außer ſich: „Wenn Sie den Jägermeiſter heirathen, ſo werden Sie ſich Ihres Vaters Segen verdienen.“—„Auch dieſen will ich mir nicht durch ſchlechte Mittel erkaufen.“— „Er bat mich, Sie zu überreden zu ſuchen, dieſen ſeinen Wunſch zu erfüllen und vielleicht wäre es edel von mir, wenn ich Ihnen vorſtellte, daß dieſer Schritt eine kindliche Pflicht ſei.“—„Wenn Sie mir beweiſen können, daß es meine Pflicht iſt, ſo werde ich Ihren Ermahnungen Gehoͤr ſchenken.“—„Bedenken Sie ſich,“ ſagte Hermes,„ſo werden Sie vielleicht ſelbſt Beweisgründe finden. Leben Sie wohl! ich reiſe nach der Stadt.“— Er wandte ſich zum Gehen, blieb jedoch wieder ſtehen und ſtützte ſich mit der Hand vor den Augen auf einen Baum. Gabriele eilte zu ihm hin und umſchlang ihn mit ihren Armen, während große Thränen über ihre Wangen rollten.„Um Gottes Willen!“ ſagte ſie mit zitternden Lippen:„Laß uns doch nicht ſo ſcheiden!“ Hermes nahm ſie in ſeine Arme legte ihr Haupt an ſeine Bruſt und ſtammelte tief bewegt:„Gabrielel meine Geliebte! meine einzige Liebe! Lebe wohl!...“ Er drückte ſie noch einmal heftig an ſich und eilte fort, während Gabriele ihre Arme um den * 279 Baum ſchlang, an welchen Hermes den Kopf gelehnt, drückte ihre blühenden Lippen auf die kalte Rinde und warf ſich in das Gras, wo ſie ſich dem Troſte des Weinens uͤberließ. Hier fand Palmer ſeinen Liebling, den er lange ge⸗ ſucht. Er bot all' ſeine Liebe und Theilnahme auf, um das betrübte Mädchen zu tröſten, und da es zu ſpät war, um nach dem Pfarrhofe zu gehen, begleitete er ſie nach Hauſe und erzählte ihr auf dem Wege, daß er zweimal auf Birkehöi geweſen ſei und Hermes geſucht habe, ohne ihn zu treffen, doch verſprach er, morgen wieder hinzu⸗ gehen und ihn zu beruhigen. Als der treue Palmer am nächſten Morgen nach Birkehbi kam, ſagte man ihm, daß ſein junger Freund, ſobald er am vorigen Abend heimgekommen, ſein Pferd habe ſatteln laſſen und trotz aller Ueberredung beim Eintritt der Nacht nach Kopen⸗ hagen geritten ſei. Unter dem ſchönen Sternenhimmel einer Auguſtnacht ritt Hermes nach der Stadt. In der Stille, welche in der Nacht auf dem nur wenig beſuchten Landwege herrſchte, wo der Hufſchlag des Pferdes und das Zwitſchern eines einſamen Vogels das Einzige war, was an ſein Ohr drang, glückte es ihm, einigermaßen ſeine Faſſung wieder zu gewinnen, ſo daß er mit ziemlich ruhigem Anſtande ſich vor ſeinem Vater zeigen konnte.„Ich will mir ſelbſt ſagen,“ dachte er,„daß ich ein Mann bin! Wie viele muſſen nicht auf des Lebens Glück verzichten und wiſſen don ihr Schickſal zu tragen! Das muß ich wohl auch önnen.“ Ein paar Wochen verfloſſen in dem täglichen Gang der Geſchäfte und des Zuſammenlebens. Es wäre un⸗ möglich, den ſeelenverzehrenden Kampf zu beſchreiben, welchen Hermes in dieſer Zeit mit ſeinem eigenen Innern kämpfte, die Plane, die er entwarf und verwarf, die Grü⸗ beleien, in denen er ſich verlor. Bisweilen wurde er von bitterem Harme gegen den Grafen, ja ſelbſt von Unwillen 280 gegen Gabrielen fortgeriſſen.„Sie liebt mich mit der gewoͤhnlichen lauen Liebe der Weiber, die ausſieht wie Ernſt, aber nur Spott iſt, ein Blumenblatt, mit dem der Wind ſpielt. Und er? der alte Ariſtokrat! weßhalb er⸗ hielt ich ſein Leben, als er dalag, und ſein aufgeblaſenes Hirn erſchüttert hatte?“— Einen Augenblick ſpäter tobte er wegen dieſer ſchlimmen Gefühle gegen ſich ſelbſt. Der Gedanke an ſeine verletzte Ehre und die Feſtigkeit, welche dieſe von ihm heiſchte, ſtritt heftig gegen ſeine glühende Sehnſucht, Gabrielen zu ſehen, und ohne ſich dieſen Selbſt⸗ betrug zu geſtehen, den er ausübte, nahm er einigemal Veranlaſſung von des Bauern Krankheit und ritt nach Birkehoͤi, wo er ſich einige Stunden bei der Rollerſchen Familie aufhielt, beſuchte dann ſeinen Patienten, und da er in letzter Zeit bei ſeinem Aufenthalt in der Gegend mit dem Paſtor wegen einiger Medizinal⸗Anordnungen bei der Gemeinde in Berührung gekommen war, ſo unterließ es der Arzt nicht, ſich auf dem Pfarrhofe einzufinden. Das Glück, Gabrielen dort zu treffen, war ihm anfangs nur eine dunkle Hoffnung, die er ſich ſelbſt nicht geſtehen wollte; als er ſie aber nicht traf, lehrte ihn eine ſchmerz⸗ liche Ungeduld ſeine eigentliche Abſicht kennen. Und da er bei ſeinem dritten Beſuche ſeinen heftigen Wunſch noch nicht erreicht, konnte er nicht umhin, obwohl mit einer gewiſſen Ueberwindung, ſich bei Hanne nach dem Befinden ihrer Freundin zu erkundigen; ja, erwagte ſogar die Frage, ob ſie nicht, wie früher, täglich in den Pfarrhof komme. Hanne, Gabrielens Vertraute, war etwas ungehalten über den Liebhaber, der dieſes feine Weſen ſo wenig geſchont. Sie antwortete ziemlich kurz, Gabriele ſei in letzterer Zeit ſehr blaß und ſtill geworden. Die Pfarrerin fügte hinzu, die Comteſſe komme nicht mehr ſo häuſig heraus, da ihr Vater an Melancholie leide, die ihn ſeit ſeines Sohnes Tod ab und zu befalle, und in ſolcher Zeit nehme er keinen Theil an der Jagd und dergleichen Vergnügungen, 281 ſondern ſei viel zu Hauſe und ſehne ſich nach der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Tochter. Das Bild der bleichen und ſtillen Gabriele trat mit lebendigen Farben vor die Phantaſie des Liebenden. Er wollte fort und konnte der Unruhe nicht widerſtehen, die ihn trieb, ſich dem lieben wohlbekannten Hauſe zu nähern. Es war bereits dunkel. Er ſah Licht in dem Zimmer des Grafen; die Fenſter ſtanden offen; durch dieſe hörte er Gabrielens Stimme und durch eine Oeffnung zwiſchen den Gardinen konnte er in das Zimmer blicken. Er ſah den Grafen in einem Lehnſtuhle ſitzen und Gabriele vor ihm, welche aus einem Buche vorlas, das von hiſtoriſchem In⸗ halte zu ſein ſchien. Bei dem Scheine der Lampe erſchien ſie ihm wirklich ſehr bleich und in ihrer harmoniſchen Stimme war etwas Wehmüthiges, das mit dem trockenen Styl des Buches contraſtirte. Dieſer Anblick, dieſe Stimme wirkten heftig auf den verliebten Mann. Er hatte ſein Geſicht an ein geſchloſſenes Fenſter gelehnt, neben einem andern, das offen war. Plötzlich entdeckte er an dem Fenſter Gabrielens Namen. Die Erinnerung an jene Inſchrift auf der Fenſterſcheibe in Kiöge ergriff ihn; es war, als ob ſeine alte Ahnung in Erfüllung ginge; er konnte kaum einem Gefühle widerſtehen, das ihn an⸗ trieb, hineinzugehen und ſich der Geliebten zu Füßen zu werfen; aber die Stimme des Grafen, die er in dem⸗ ſelben Moment vernahm, hielt ihn zurück. Mit glühendem Geſichte drückte er ſeine Lippen auf den theuren Namen, während das ſehnſuchtsvolle Mädchen, in der ſtillen Er⸗ füllung ihrer kindlichen Pflicht, obgleich ihre Gedanken, weit entfernt von dem Buche, in welchem ſie las, den Geliebten umſchwebten, nicht von dem Triumphe träum⸗ te, den ihre Liebe in dieſem Augenblick feierte. Bei einer Bewegung, welche Hermes hinter ſich zu hören glaubte, fuhr er wie aus einem Traume auf und eilte fort. Wie gewöhnlich, ritt er kurz vor Mitternacht von Birkehöi weg. Auf dem Wege ſpottete er ſeiner ſelbſt, 28² nannte ſich einen unmännlichen Schwärmer und litt alle die Qual, womit ſtreitende Gefühle und Gedanken die Seele martern.„Ich gehe rein zu Grunde,“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„Sie ſo nahe zu wiſſen und mich ihr doch nicht nähern dürfen, mich geliebt zu wiſſen und dennoch beſchränkten Pflichten und Grundſätzen nachgeſetzt zu ſein, die ich trotz all' meines Zornes ehren, ja billigen muß; ſie ſehen, ſie hoͤren, wie heute Abend und mich wie ein verfolgter Verbrecher entfernen zu müſſen, das iſt ja tan⸗ taliſche Höllenqual.— Was ſagte doch in jener Nacht der brave Palmer?„„Der leucadiſche Sprung, der die unglückliche Liebe heilte.““ Kann ich dieſen Sprung nicht machen? Wie oft wünſchte ich fortzukommen!.... Die Cholera wüthet in Schweden. Dorthin will ich eilen, dem Tode dies und jenes Opfer entreißen und ihn heraus⸗ fordern, mir ſelbſt Ruhe zu ſchenken!“ Am folgenden Tage wagte der junge Arzt, ſeinem Vater dieſen neuen Plan mitzutheilen. Dem alten Doctor wurde ſehr ſchlimm zu Muthez er äußerte ſein Erſtaunen und ſeinen Kummer über einen Entſchluß, der ihn einer Stütze in ſeinem bürdevollen Amte beraubte und ihn der Angſt des Gedankens an die Gefahr des einzigen Sohnes ausſetzte. Mit Beredſamkeit und halb wahrer, halb er⸗ kämpfter Begeiſterung für ſeine Wiſſenſchaft und die lei⸗ dende Menſchheit, mit ruhiger Ueberzeugung, aus der Gefahr ungefährdet hervorzugehen, wußte Hermes ſeines Vaters Einwendungen ſo aus dem Felde zu ſchlagen, daß dieſer ſich beinahe ſchämte, ſeinen Sohn da zuruͤckzuhalten, wo er von einem innern Beruſe getrieben ſchien. Er ſchwieg und gab zuletzt nach. Eiligſt ſuchte Hermes einen ihm bekannten, tüchtigen jungen Arzt zur Uebernahme ſeiner Praxis zu gewinnen, während er abweſend war; und nun be⸗ gann er die Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen. In dieſer Zeit geſchah es, daß er eines Nachts einen Traum hatte, der einen ſolchen Eindruck auf ihn machte, daß er, ſobald er . 283 des Tages Pflichten erfüllt, ſich auf das Pferd ſetzte und nach Birkehöi eilte, wo er bei Nacht ankam. Er konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um ſeine Sehnſucht, Gabrielen wiederzuſehen, zufriedenzuſtellen. Es war Sonntag und da er gehört zu haben ſich erin⸗ nerte, daß ſie an Feſttagen mit den Töchtern des Pfar⸗ rers zur Kirche gehe, eilte er zur Zeit des Beginns des Gottesdienſtes nach dem Luſtwäldchen und lugte durch das Gitter. Es dauerte, nicht lange, ſo ſah er mit klopfendem Herzen die geliebte Geſtalt aus dem Hauſe treten. Sie war allein, wie er gehofft. Sie ging ſtill mit dem Geſangbuch in der Hand. Die dunkeln Locken ſtahlen ſich unter dem kleinen Strohhut hervor und ſielen an den blaſſen Wangen nieder. Sie fuhr zuſammen, als ſie plötzlich Hermes eentdeckte, der ſich mit einem Aus⸗ drucke von Demuth, von wehmüthiger Zärtlichkeit nahete, die wohl im Stande geweſen wäre, ſelbſt ein weniger befange⸗ nes Herz, als das Gabrielens, zu bewegen. Stumm ergriff er ihre Hand, küßte ſie, legte ſie in ſeinen Arm und ſagte:„Gott ſei gelobt, daß ich Sie wiederſehe! daß ich dieſen Arm in dem meinen haltel— Wenn Sie wüßten, wie ich mich nach Ihnen ſehnte, wie ich mich fürchtete, Sie nie wieder zu ſehen!“— Gabriele hob ihre dunkeln Augen zu ihm auf und ein wehmüthiges Lächeln ſpielte um ihren Mund.—„Sie ſagen das mit ſo aufrichtiger Miene, und doch haben Sie ſo lange Zeit nicht den ge⸗ ringſten Schritt gethan, mich zu ſehen.“—„Meine ge⸗ liebte Gabriele, machen Sie mir keine Vorwürfe; laſſen Sie mich ungeſtört die wenigen glückſeligen Augenblicke genießen; ſie ſind mir ſparſam zugemeſſen.“— Er er⸗ zählte ihr nun, daß ein Traum ihn beunruhigt und ſeine Seele mit einer gräßlichen Ahnung erfüllt habe.„Es war mir,“ ſagte er,„als ob ich mit banger Ungeduld nach Ihnen ſuche; athemlos lief ich durch den Wald, um Ihr Haus zu erreichen. Schon ehe ich zum Gitter kam, ſah ich, daß Ihr Fenſter im Giebel innerhalb der weißen, 284 zugezogenen Gardinen ſtark beleuchtet war; ich näherte mich dem Hauſe, aber die große Katze, die meiſt in der Thüre ſitzt, kam mir mit krummem Rücken und ſchmei⸗ chelnden Geberden, wie gewöhnlich, entgegen. Als ſie mir ganz nahe war, erhob ſie ſich auf die Hinterfüße und zur Höhe eines Menſchen heranwachſend, flüſterte ſie mir in's Ohr:„„Sie wiſſen ja wohl, daß unſere Comteſſe todt iſt? Sie liegt droben auf dem Paradebette, umſtellt von Lichtern. Sie ſieht ſchön aus.“— Verzweifelt wollte ich in das Haus eilen, aber der große Baum in dem Luſtwäldchen war vor die Thüre geſtellt. Er war ganz abgeſtorben und die Rinde von Stamm und Zweigen ge⸗ ſchält. Ihr Familienwappen hing wie ein Schild daran und unter dieſem ſaß Ihr Herr Vater bleich mit gefal⸗ teten Händen. Ich konnte nicht zur Hausthüre gelangen. Darauf ſagte die Katze:„„Nun tragen ſie ſie zur Kirche.“ℳ — Ich kehrte um und lief durch den Wald nach der Kirche, welche gleichfalls erhellt war und deren Thüren offen ſtanden. Ich trat ein, der Pfarrer ſtand in vollem Ornate vor dem Altare. Viele Geſtalten bewegten ſich hin und her. In einer dunkeln Ecke entdeckte ich ein Marmormonument; ich dachte mit Schauern daran, daß Sie darunter ruhen; ich wollte hin zu ihm, aber eine unſichtbare Macht hielt mich zurück. Verzweifelt ſtritt ich mit ihr und erwachte im ſelben Momente in einer unbeſchreiblichen Miſchung von Angſt und Freude dar⸗ über, daß mein Unglück ein Traum war. Doch hat er einen Eindruck hinterlaſſen, der mir keine Ruhe gönnte, ehe ich Sie ſah; und mehr als je fühlte ich, wie feſt meine Seele an Ihnen hängt.“ Mit inniger Bewegung, mit unſäglicher Freude hoͤrte Gabriele die lebendige Beſchreibung der nächtlichen Er⸗ ſcheinung, in der ihr Bild ihn umſchwebt hatte. Ver⸗ ſchämt ſagte ſte:„Wenn ich wirklich ſo glücklich bin, daß Sie mich lieben, wie können Sie es da über's Herz brin⸗ gen, mich mit Ihrer Abweſenheit zu betrüben? Auch ich 285⁵ ſehne und gräme mich Ich glaube immer, Sie haben mich vergeſſen. Ja, was das Schlimmſte iſt: Fräulein Molly hat bei Pfarrers geſagt, daß Sie mit ihrer Schwe⸗ ſter ſo gut als verlobt ſeien.“ Hermes erzählte aufrichtig den Zuſammenhang in dieſer Sache und beruhigte ſeine Geliebte mit Verſicherungen, wie tief er fühle, daß kein weibliches Weſen ihren Platz in ſeinem Herzen einnehmen könne. Die arme Gabriele, deren ſtummer Schmerz wie ein trüber Tag vor der Sonne verflog, war deßhalb wie vom Blitze gerührt, als ſie die Nachricht von dem Reiſe⸗ plane bekam. Ihre zerriſſene Seele ergoß ſich in die bit⸗ terſten Klagen. Sie nannte Hermes lieblos gegen ſeinen alten Vater und kalt und grauſam gegen ſie. Er erſchrak über ihre Aufregung und ſuchte ſie mit liebevollen Wor⸗ ten zu beruhigen. Er ſtellte ihr vor, daß ein Arzt in ſeinem löblichen Berufe ohne Furcht und meiſt auch ohne Gefahr täglich zwiſchen anſteckenden Krankheiten ſich umherbewege und daß dies ohne Zweifel auch hier der Fall ſein werde. Gabriele entgegnete, daß keine Pflicht ihn verbinde, ſich in das fremde Land zu wagen, daß da⸗ gegen die Pflicht ihn hier zurückhalte.„O Gott!“ rief ſie,„ich habe ſo bange bei dem bloßen Gedanken an dieſe Reiſe.“ Hermes war entzückt von dieſer Liebe und be⸗ trübt über ihren Kummer.„Meine geliebte Gabriele!“ ſagte er:„wenn ich Ihnen theuer bin, werden Sie mich dann nicht lieber in der Ferne wiſſen, wenn auch auf gefährlichem, aber ehrenvollem Wege, als mich hier umher⸗ wandeln zu ſehen, verzehrt von Kummer, von ſtreitenden Leidenſchaften, unfähig zu jeder Arbeit, ſchlaff, zerſtreut, auf dem Wege zum Wahnſinne? Iſt das nicht tauſendmal ſchlimmer, als der Tod? Müſſen nicht Sie und mein Vater weit mehr leiden, wenn Sie mich ſo zu Grunde gehen ſehen, als wenn Sie mich in meinem Berufe, mit erhebendem Nachruhm geſtorben, beweinen? Ich weiß, was Sie mir antworten werden. Aber, meine beſte Freun⸗ din, Sie ſind ein junges, unſchuldiges Mädchen. Sie 286 können ſich nicht in meine Lage verſetzen. Ich träume nicht von der Raſerel, die mich bei dem Gedanken an unſer unglückliches Verhältniß überfällt; die böſen Ge⸗ fühle, die gewaltſamen Entſchlüſſe, die manchmal bei mir aufſteigen, die Bitterkeit, die ich bei dem Gedanken em⸗ pfinde, daß wir ſelbſt in einer ſo glücklichen Stunde, wie dieſe, von Ihrem Vater überraſcht werden können und Demüthigungen ausgeſetzt ſind, die die Ehre eines Man⸗ nes nicht ertragen kann. Ach, Gabriele! Sie wiſſen nicht, was Leidenſchaft heißen will.“—„Nein,“ antwortete ſie: „Wenn das nicht Leidenſchaft iſt, was in dieſem Augen⸗ blick mein Herz verzehrt, ſo lerne ich ſie nie kennen, denn etwas Schmerzlicheres kann es nicht geben.“—„Aber, liebſte Freundin! Sie ſelbſt wollten ja unſre Trennung nicht verhindern. Sie ſelbſt ſtellen Ihre Ueberzeugung höher als Ihre Liebe. Ach, glauben Sie nicht, daß ich niedrig und egoiſtiſch den Schmerz dieſes Augenblickes benützen will, um Sie zu bewegen, Ihren Vater zu ver⸗ laſſen. Nein! in Wahrheit! ich kann dieſes Opfer nicht im Ernſte wünſchen. Ich ſtand eines Abends, von Ihnen unbemerkt, vor Ihrem Fenſter und hörte und ſah Sie. Ich will den Saul nicht ſeines Davids berauben. Ich bin ſelbſt ein Saul, ich habe Mitleid mit meinem gefallenen Geſchlecht. Aber unſer Verhältniß iſt unglücklich und ich glaube, daß ich ruhiger werden werde, wenn ich ſo weit von Ihnen entfernt bin, daß ich nicht den täglichen Reiz habe, heraus zu ellen, und wie ein unruhiges Geſpenſt den Ort zu umſchwärmen, wo Sie ſind. In einem ſtark bewegten, neuen Leben werde ich die Schwärmerei und Unvernunft überwinden, die eines Mannes unwürdig iſt. Meine Gabriele! Laſſen Sie mich in dieſem Augenblicke Sie mein nennen. Rauben Sie mir nicht den Muth mit dieſen Thränen, dieſem ſtummen Schmerze! Laſſen Sie uns die Süßigkeit dieſes Augenblickes genießen. Ge⸗ ben Sie mir noch einmal einen Kuß! und ſagen Sie mir ein muthig Lebewohl.“— Gabriele warf ſich in ſeine 287 Arme, ganz in Thränen aufgeloͤst. Er drückte ſie mit Heftigkeit an ſich und brach ſelbſt in Thränen aus. Er ließ ſie los und warf ſich auf eine Bank, welche unfern der Kirche in einer dichten Bedeckung von Buſchwerk ſtand. Der heftige Ausdruck ſeines Schmerzes erſchreckte Ga⸗ brielen. Sie näherte ſich zitternd und das Verſprechen, Alles um ſeinetwillen zu verlaſſen, ſchwebte bereits auf ihren Lippen. Sie beugte ſich zu ihm herab, da geſchah es, daß ein kleines Herz von Cdelſteinen, das ſie immer um ihren Hals trug, von ſeinem Orte ſiel, und im ſel⸗ ben Augenblicke begann die Kirchenglocke zu läuten. Das Herz hatte ihrer Mutter gehoͤrt, und durch eine der Ideen⸗ verbindungen, welche oft wie ein Blitz durch die Seele zucken, dachte ſie an die Stunde des Begräbniſſes der Verſtorbenen, in der die Dorfkirchenglocke gleichfalls er⸗ klungen war. Es erſchien ihr wie eine Warnung vom Himmel. Sie ergriff die Hand des betrübten Freundes und ſagte:„Lieber Hermes, begleiten Sie mich in die Kirche und laſſen Sie unſre Bitten vereint zu dem auf⸗ ſteigen, der auf Erden ſich der Betrübten annahm; er wird ſich unſrer erbarmen, Sie auf fernen Wegen be⸗ ſchützen und Sie hieher zurückführen. Laſſen Sie uns Troſt im gemeinſamen Gebete ſuchen und auf einen gnä⸗ digen Himmel hoffen.“— Hermes ſchüttelte den Kopf und recitirte bitter:„Als wenn drüben wär ein Ohr zu hören meine Klage, ein Herz, wie mein’s, ſich der Be⸗ drängten zu erbarmen.“—„Welche troſtloſen Worte!“ ſagte Gabriele ſchmerzlich. Hermes fuhr fort:„Weßhalb ſollte ich mein Herz noch ſchwerer durch Illuſionen machen? Ich habe lange genug von Illuſionen gelebt,⸗ nun drängt es mich nach Muth. Eine ſtrenge, eine un⸗ beugſame Macht herrſcht über das unglückliche Menſchen⸗ geſchlecht; der Schmerz des Einzelnen rührt ſie nicht.“— „Um Gottes Willen!“ ſagte Gabriele ängſtlich,„laſſen Sie uns doch nicht das letzte Rettungsbrett verlieren! Nein, ſollten wir hier auf Erden getrennt werden, ſo 288 finden wir uns ſicher in einer beſſeren Welt und bald, denn wenn Sie ſterben, folge ich Ihnen nach.“—„O Gabriele! wenn Sie ſterben, ſo kommt vielleicht der Engel, deſſen Namen Sie tragen, und ſchmiegt ſeine weißen Schwingen um Sie und trägt Sie in ſeine Hei⸗ math, an die Sie glauben und hoffen; aber meine trotzige, zweifelnde Seele ſteigt in die ſchwarzen Fluthen der Un⸗ terwelt hinab.“—„O nein,“ rief Gabriele,„kein Him⸗ mel ſoll ſo hoch ſein und kein Abgrund ſo tief, daß er mich hindern ſollte, Sie aufzuſuchen und in meine Arme zu nehmen.“ Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich zu ihm und ſchlang ihre Arme um ihn, als ob ſie ſich fürchtete, ihm entriſſen zu werden. Er beugte ſein Antlitz zu ihr herab und beide weinten.—„Ich bleibe hier,“ ſagte Gabriele: „ich gehe nicht in die Kirche. Hören Sie, wie Sie drin⸗ nen ſingen! O Hermes! verlaſſen Sie mich nicht in dieſer Stimmung! Laſſen Sie dies nicht das letzte Mal ſein, daß ich Sie ſehe! Verſprechen Sie mir, daß es nicht das letzte Mal iſt!“—„Nein!“ ſagte Hermes weich: „Das ſoll es nicht ſein. Ich werde noch einmal kommen, ehe ich reiſe. Aber“— fügte er hinzu, indem er ſich erhob—„laſſen Sie mich nun gehen. Ich ſehe dort Jemanden kommen.“—„Es iſt mein Onkel!“ ſagte Ga⸗ hriele:„Gönnen Sie ihm die Freude, Sie zu ſehen.“— „Nein, nicht in dieſem Augenblick— überdies iſt ein Fremder bei ihm.“ Mit einem leichten Händedruck verließ er Gabrielen und eilte fort. Sie ſah ihren Onkel mit dem Unbekannten nahen; in einiger Entfernung ver⸗ abſchiedete dieſer ſich, Palmer aber eilte mit raſchen Schritten und einem wunderbar geſpannten Ausdruck im Geſichte auf ſie zu. Hermes wanderte ein paar Stunden im Walde um⸗ her und ſuchte ſich zu faſſen, ehe er ſich wieder vor der Familie auf Birkehöi ſehen ließ, wo er es nicht ausſchla⸗ gen konnte, heute zu Mittag zu ſpeiſen. Unfern von die⸗ ſem Landhauſe begegnete er einem Holſteiner Wagen mit 2 289 einem Manne und einer Frau, die ihn grüßte und den Wagen halten ließ. Sie ſtiegen ab, nannten ihn beim Namen und näherten ſich ihm. Er erkannte nun die frü⸗ her genannte Couſine des Roller'ſchen Hauſes, Ricke und ihren Mann. Die nette junge Frau bat ihn um eine kurze Unterredung und der Mann war ſo höflich, in eini⸗ ger Entfernung ſtehen zu bleiben. Nun ſagte ſie, ihre Couſine habe ſie gebeten, ſich an den Doctor zu wenden, der der Einzige ſei, dem ſie ihr Anlliegen offen mittheilen dürfe.„Ich kam in einer Angelegenheit, die mir Eliſe ſelbſt aufgetragen, in der beſten Abſicht zu meinen vor⸗ nehmen Verwandten heraus, die nicht wiſſen, ob ſie mich kennen ſollen oder nicht. Mein Mann war beim Wagen geblieben, das erzählte ich; aber Niemand bat ihn, ein⸗ zutreten; ich mußte deßhalb eilen, fortzukommen, um ihn nicht warten zu loſſen. Eliſe war ſehr artig, das weiß Gott, und fand hundert Vorwände, allein mit mir zu bleiben; aber die abſcheuliche Molly hängte ſich wie eine Klette an uns, und da wir merkten, daß kein Ent⸗ kommen moͤglich war, ſo flüſterte ſie mir ins Ohr:„„Haſt Du mir Etwas zu ſagen, ſo ſage es nur dem Doctor Hermes und bitte ihn, daß er allein mit mir zu ſprechen verlange.““— Ich wartete auf Sie, aber da Sie nicht kamen, war ich genöthigt, unverrichteter Dinge mich zu entfernen. Mein guter Mann und ich waren daher froh, als wir Sie ſahen. Wollen Sie ſo gütig ſein und meiner Couſine ſagen, daß die Perſon, für die ſie ſich intereſſirt, vorige Woche in Kopenhagen war, ſich jedoch nur zwei Tage dort aufhielt; dann reiſte er— wie ſie in ſeiner Wohnung ſagten— auf das Land, aber ſie wußten nicht, wohin. Mein Mann lief in der ganzen Stadt umher und gab ſich alle erdenkliche Mühe, ihn auf⸗ zuſuchen, aber es war ihm unmöͤglich, deßhalb bin ich ge⸗ nöthigt, Sie zu bitten, meiner Couſine dieſen Brief zu⸗ rückzugeben, den ich Ihnen hiemit überliefere.’— Wäh⸗ Novellen.. 19 4 290 rend ſie dieſen hervorzog, kam ihr Mann näher und fügte hinzu:„Rein herausgeſagt, Herr Doctor, fürchte ich, daß der Menſch, von dem wir ſprechen, ſich in einer fata⸗ len Lage befindet, denn während ich in ſeinem Logis war, kamen zwei Kerle, die ausſahen, als ob ſie von der Polizei wären, und fragten den Wirth nach ihm.“ Nicht ohne Verwunderung empfing Hermes dieſen Auftrag, und ver⸗ ſprach, ihn beſtens zu beſorgen, worauf das junge Ehe⸗ paar ſeine Reiſe fortſetzte. Er betrachtete den Brief, der an einen Herrn Horazius Turbus adreſſirt war.„Welcher gefährliche Name!“ ſagte er bei ſich ſelbſt, während er das ſorgfältig verſiegelte Papier zu ſich ſteckte. Sogleich nach dem Mittageſſen ſagte Hermes, daß er nach der Stadt reiſen müſſe; er näherte ſich Eliſen und bat ſie um eine Unterredung unter vier Augen, ehe er ſich zu Pferde ſetze. Die ſchöne Frau erröthete, und ihre Verlegenheit theilte ſich Hermes mit, der gleichfalls roth wurde, Fräulein Molly, welche dies bemerkte, lächelte bedeutungsvoll und gegen alle Gewohnheit, legte ſie dem Weggehen ihrer Schweſter mit dem jungen Manne keine Hinderniſſe in den Weg. Eliſe führte ihn auf ihr Zimmer und ſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ihm. Als Hermes ſeinen Auftrag ausgerichtet, ſchwieg ſte mit düſterer Miene. Endlich ſtam⸗ melte ſie einige Worte und wiederholte ihre früheren Aeußerungen, daß ſie überzeugt ſei, ſie werde in ihm einen vertrauten Freund finden, wie ſie ihn in ihrer Lage brauche. Mit niedergeſchlagenen Augen fügte ſie hinzu: „Sie wiſſen, daß ich gezwungen einen Mann heirathen mußte, deſſen ganze Perſönlichkeit und tyranniſches Be⸗ nehmen mich unglücklich gemacht, und mein trauriges Schickſal wird, wie ich hoffe, zu meiner Entſchuldigung ſprechen, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ein junger, lie⸗ benswürdiger Mann, mein halb zerſtörtes Herz gewann, und daß ſeine Zuneigung das Einzige war, was mich vor dem Tiefſinne rettete. Aber er war heftig und ſeine Auf⸗ 291 führung floͤßte mir oft Angſt ein, mein Ruf und meine Verhältniſſe, die mir heilig waren, moͤchten darunter leiden. Unſre Streitigkeiten in dieſer Hinſicht ſtiegen einſt zu ſolcher Heftigkeit, daß er mich augenblicklich verließ, und noch in derſelben Nacht von Kiel abreiſte, wo er einige Jahre ſtudirt hatte, und ſeit jenem unglücklichen Abend habe ich ihn weder geſehen, noch von ihm gehört; nur dann und wann kam mir eine oberflächliche Nach⸗ richt durch eine gemeinſchaftliche Freundin über ihn zu. Ich will nicht beſchreiben, was ich bei alle dem litt. Ein Jahr nach ſeiner Abreiſe ſtarb mein Mann. Mein Vater und meine Schweſter kamen ſelbſt und holten mich nach Hauſe. Ungerne ging ich über das Meer, das uns nun trennt, und unterwarf mich auf's neue dem alten, ge⸗ wöhnten, unbedingten Gehorſam und der Abhängigkeit von meinem Vater und meiner älteſten Schweſter. Da ich jedoch weiß, daß all' der Zwang, den ſie mir aufer⸗ legen, ſeinen Grund in einer übertriebenen Liebe zu mir hat, fand ich mich in mein Schickſal, bei dieſer, wie bei jeder andern Angelegenheit.— Nur verſtohlen durfte ich nach dem Geſchicke meines abweſenden Freundes forſchen. Die Briefe meiner früher genannten Freundin wußte ich mir auf mancherlei Arten zu verſchaffen, da Molly ſie ſonſt hätte leſen wollen. So erfuhr ich ſchon vor einem Jahre, daß mein Freund, der ſich auf mehren deutſchen Univerſitäten aufgehalten, an verſchiedenen revo⸗ lutionären Plänen Theil genommen. In dieſem Frühjahr wurden die Nachrichten noch beunruhigender. Mit bangem Gefühle ging ich ſelbſt, ſo oft die Poſt kam, um mich ſobald als moͤglich der Zeitungen zu bemächtigen, und mit klopfendem Herzen ſuchte ich in dieſen nach dem einen oder andern Hoffnungsſtrahle. Leider trat das Gegentheil zein! Meine plötzliche Ohnmacht an jenem Tage, deſſen Sie ſich vielleicht noch entſinnen, war die Folge eines Artikels in der Zeitung, in welcher ich ſeinen Namen auf der Liſte derer las, die man mit Steckbriefen ver⸗ 292 folgte. Das Uebrige wiſſen Sie. Meine Couſine Ricke und ich waren von Jugend auf Freundinnen. Ich hatte kürzlich unſer gutes Verhaͤltniß erneuert. Meine Gedanken fielen in meiner Noth auf ſie. Sie ſelbſt brachten ihr den Brief, in welchem ich ſie bat, ſich nach dem verfolgten Freunde zu erkundigen, in der Vorausſetzung, daß er möglicher⸗ weiſe ſeine Zuflucht zu Dänemark nehmen und nach Ko⸗ penhagen kommen könnte, wo er Verwandte zu haben behauptete. Ihnen Alles zu geſtehen, war längſt meine Abſicht, daß ich aber in jenem Augenblicke meine Zu⸗ flucht nicht zu Ihnen nahm, kam daher, daß Sie ſich — damals ſeltener in Kopenhagen aufhielten, als dies jetzt der Fall iſt. Aber nun erlaube ich mir, Sie um die große Wohlthat zu bitten, ſich nach dem Aufenthalte des jungen Mannes zu erkundigen, deſſen Name auf dieſem Briefe ſteht, den ich Sie außerdem in ſeine Hände zu liefern bitte, wenn ich ſo glücklich bin, daß wir ihm auf die Spur kommen. Sie ſchenken mir durch dieſe Güte wieder ſoviel Luſt zum Leben, als ich in langer Zeit nicht empfunden. Ich bin gewiß, daß Turbus mich noch im⸗ mer liebt; ich bin frei, ich habe Vermögen und kann uns beide glücklich machen. Jetzt bin ich verzagt und habe nicht den Muth, den geringſten Schritt gegen meiner Schweſter und meines Vaters Willen zu machen; ſteht aber dieſer Freund mir zur Seite, ſo werde ich die Kraft bekommen, die mir mangelt.“— Hermes dankte Eliſen für ihr Vertrauen und bot gerne die Hand zur Sache; doch ſtellte er ihr die Schwie⸗ rigkeit vor, unter dieſen Umſtänden den Herrn Turbus auszuforſchen, namentlich da zu vermuthen ſei, daß er ſich einen erdichteten Namen geben werde. Eliſe antwortete: „Ein einziges Kennzeichen ſeiner Perſoͤnlichkeit kann ich Ihnen geben: er gleicht auffallend dem alten Grafen Granhjelm und dies iſt der Grund zu der Vorliebe, die ich immer für dieſen Mann nährte; ich glaube, Sie würden Turbus bei der erſten Begegnung an dieſer Aehn⸗ 293 lichkeit erkennen. Uebrigens iſt Deutſch ſeine Mutter⸗ ſprache; er iſt ein Pfarrersſohn aus Hannover; doch ſpricht er auch ziemlich gut Däniſch.“ Hermes verſprach zu thun, was in ſeiner Macht liege, und kurz nach dieſer Unterredung nahm er Abſchied von der Familie, ohne ſich weiter um Fräulein Molly's liſtige und ſelbſtgefällige Anſpielungen auf das vertrau⸗ liche Verhältniß zwiſchen ihm und Eliſen zu kümmern. Trotz ſeiner melancholiſchen Stimmung konnte er ſich kaum enthalten, zu lachen, wenn er an die überſpannten und beinahe verwegnen Aeußerungen dieſes Fräuleins über die engelreine Tugend und Schuldloſigkeit ihrer Schweſter dachte, obwohl er ſeinerſeits weit entfernt war, den Stab über die arme Eliſe zu brechen, deren Aufrichtigkeit und Vertrauen zu ihm ihr ſeine Theilnahme und Freundſchaft erworben. Als Hermes nach Hanſe kam, fand er ſeinen Vater allein und in einer ungewöhnlich weichen Stimmung. „Wenn Du früher auf dem Lande warſt, mein Sohn,“ ſagte er,„ſo freute ich mich bei dem Gedanken, daß Du vergnügt ſeiſt und fand mich deßhalb in Deine Abweſen⸗ heit; aber jetzt, da ich weiß, daß Du ſo lange von mir entfernt ſein wirſt und auf ſolche Weiſe namentlich, da fühlte ich recht, was es heißen will, alt und allein zu ſein.“— Hermes, deſſen Herz durch die Thränen Ga⸗ brielens und ſeine eigenen bereits geſchmolzen war, fühlte ſich tief gerührt und wankte in ſeinem Entſchluſſe; und als nun er und ſein Vater allein und vertraulich bei⸗ ſammen ſaßen, wagte er ihn in all' ſeine Gefühle und die Begebenheiten dieſes Sommers einzuweihen. Ganz gegen das Vermuthen, das er oft genährt, nahm der alte Vater mit jugendlicher Freude an dieſem Abenteuer Theil und im Gegenſatze zu ſeinem jungen Freunde Roller, ſprach er mit inniger Liebe von Gabrielen. Dabei theilte er auch des Sohnes gekränktes Ehrgefühl und rieth ihm ab, ferner das Haus des Grafen zubetreten. Der große, unerwar⸗ — 294 iete Troſt, den Hermes indeſſen darin fand, ſo unge⸗ ſpottet von ſeiner Liebe reden zu dürfen und noch dazu mit ſeinem Vater, erquickte ihn ſo ſehr, daß er in ſeinem Dankgefühle dieſem verſprach, ſich zu bedenken, und ſeine Reiſe vor der Hand aufzuſchieben. Zwei Tage ſpäter kam Roller und fragte, ob er eine Partie nach Birkehoͤi mit ihm mache. Er wolle, ſagte er, noch am ſelben Nachmittage hinausfahren: ein Guts⸗ herr in der Nähe habe Hochzeit und ziehe mit großer Begleitung in die Kirche. Hermes ſchlug die Einladung ab. Roller ſagte darauf:„Es iſt freilich gut, Arzt zu ſein. Die, welche einem Doctor den einen Tag das Haus verbieten, koͤnnen beim kleinſten Fieber ihm in vollem Feuer den andern Tag nachlaufen. Sonntag Abend, als Du fortgeritten warſt, kam Maler Palmer nach Birkehöi, um Dich zur Comteſſe zu holen, welche krank geworden.“ —„Mein Gott! was ſagſt Du?“ rief Hermes:„Ga⸗ briele krank?“—„Nimm Dir die Sache nicht ſo ſehr zu Herzen: Unſer Herrgott hat ihr ohne des Doctors Beiſtand geholfen; denn geſtern ſah ich ſie im Garten des Pfarrers— Arm in Arm mit einem jungen Herrn ſpa⸗ zieren gehen. Höre, Du darfſt mir glauben, es iſt drau⸗ ßen curios zugegangen ſeit Sonntag. Etwas iſt im Werke; aber ich begreife nicht eigentlich was.“—„Ei, zum Teufel!“ rief Hermes:„Du räthſelhafter Menſch! ſo ſprich doch und quäle mich nicht ſo ſehr l“—„Biſt Du ſo raſch fertig,“ antwortete Roller ruhig,„ſo iſt es gleich viel, ob Du früher oder ſpäter zum Ziele koͤmmſt... Na! nal werde nicht böſe! Das Ganze iſt wohl nicht ſo wichtig! Siehſt Du, Sonntag morgen ging ich hin⸗ aus, Dich zu ſuchen und glaubte Dich, offen geſagt, wenn ich mich in der Nähe des gräflichen Hauſes aufhielte, auch ſicher zu finden. Dich ſah ich indeſſen nicht, dage⸗ gen ſaß der tolle Maler auf der Bank am Gitter des Luſtwäldchens. Er lud mich ein, an ſeiner Seite Platz zu nehmen und ſchwatzte mit mir über dies und das, 595 und als wir ſo im beſten Geſpräch ſitzen, ſehe ich einen Menſchen, der draußen ſteht und zum Gitter hereinlugt. Er ſieht aus wie ein Maler oder ein Kieler Student mit dem Barette auf dem Kopfe u. ſ. w. Ich glaube, er macht ein Zeichen gegen Palmer und ich wollte dieſen gerade darauf aufmerkſam machen, als ich im ſel⸗ ben Momente unſern alten Maler von der Bank auf⸗ ſpringen ſehe, bleich und ſich bekreuzend. Ich redete ihn an, aber er antwortete nicht; er fuhr mit der Hand über die Stirne und ſtürzte darauf aus der Gitterthüre auf die ominöſe Geſtalt zu, die ſich in ſeine Arme warf, worauf ſie mit einander in den Wald gingen. Der wird wohl der vielbeſprochene Schüler ſein: das ſiel mir gleich ein. Ich ſprach nicht von der Geſchichte, weil ich mir die Sache erſt überlegen wollte; aber geſtern Nachmittag ging ich in die Nähe des Pfarrhofes, in der Hoffnung, ein oder das andere Glied der Familie zu ſehen, das mich vielleicht einladen würde, denn von ſelbſt durfte ich nicht kommen da ich den letzten Abend dort zugebracht hatte. Als ich zur Gartenthüre kam, ſehe ich meinen früher genannten Fremden mit Comteſſe Gabriele hinein⸗ treten. Sie gingen Arm in Arm in tiefem Geſpräche. — Was geſchieht?— Eliſens Hund, der ſonſt ſo ver⸗ nünftige Hector, beginnt zu wedeln und zu knurren und mit einem Male fährt die Beſtie über den Gartenzaun auf den Fremden zu, ſpringt an ihm hinauf, leckt ihm im Geſichte und quält ihn mit ſeinen Liebeszeichen, die er in gleichem Maaße vergilt, indem er deutſch ſagt:„„Mein lieber Hector! guter, alter Junge!““ Ich ſtehe da und pfeife und rufe, aber der Hund kümmert ſich um nichts. Nun gehe ich in den Garten und ſage ſehr höflich zu dem Kerl mit dem Knebelbart und wüthenden Ausſehen, der Hund gehöre Frau Barthold. Er antwortet nichts mehr und nichts weniger, als:„„Sagen Sie Frau Bar⸗ thold, daß der Hund zu ſeinem früheren Beſitzer gegangen ſei.““— Ich ging nach Hauſe und dachte, Eliſe werde 296 ſehr aufgebracht ſein. Aber nein! Sie ſagte nicht ein Wort, ſondern ging aus dem Zimmer. Molly weinte und meinte, Eliſe koͤnne vor lauter Schrecken nicht ſprechen und werde durch meine Unvorſichtigkeit gewiß krank. Sie wollte, ich ſolle alle Leute mitnehmen und den Hund ho⸗ len. Wir disputirten ein Langes und Breites und als Molly endlich ſo viel Ruhe beſaß, daß ſie Eliſen auf⸗ ſuchen konnte, um ſie zu troͤſten, war dieſe allein ausge⸗ gangen. Wir mußten alle zuſammen Eliſe ſuchen, die ich ſogleich beim Pfarrer fand, wo ſie ſehr ruhig ſaß und mit der Familie und dem Fremden Thee trank, dem ſie den Hund zurückließ, als wir gingen: Gabriele war nicht mehr da. Molly dagegen war uns nachgeeilt. Später ſagte Eliſe, dieſer Deutſche ſei ein alter Bekann⸗ ter ihres ſeligen Mannes und ſie antwortete ſehr kurz und raſch auf Molly's Klagen und Fragen; und heute, ehe ich abreiſte, ging ſie in früher Morgenſtunde allein ſpa⸗ zieren. Die arme Molly weiß nicht, was ſie denken ſoll.“— 1 Hermes wußte dagegen ſehr wohl, was er denken ſollte; doch ſagte er Roller nichts von ſeinen Vermuthungen, ſondern äußerte nur, daß er, ſobald einige Krankenbeſuche abgemacht ſeien, ihn nach Birkehöi begleiten wolle. Seine Ungeduld geſtattete ihm jedoch nicht, ſich der langſamen Beförderungsweiſe Rollers zu bedienen, und ſobald er mit ein paar Worten ſeinem Vater geſagt, daß er fürch⸗ tete, Gabriele ſei krank, ſetzte er ſich raſch zu Pferde und eilte auf den bekannten Weg. Hermes ahnte nicht blos, daß Eliſe ihren Geliebten gefunden, ſondern ſeine Vermuthungen gingen noch weiter, und in Folge des Berichtes von Roller ſowohl, als Eli⸗ ſens Aeußerung von der auffallenden Aehnlichkeit zwiſchen dem alten Grafen und Horazius Turbus, ſchien es ihm nicht unwahrſcheinlich, daß dieſer und der ſo oft beſpro⸗ chene Sohn des Grafen eine Perſon ſeien, die auf die 297 eine oder andere Weiſe von ihren Nächſten als todt be⸗ weint werde. Unſer Freund ahnte vollkommen richtig. Der Un⸗ bekannte, der am letzten Samſtag in Palmers Begleitung jenes Geſpräch der Liebenden unterbrach, war kein anderer als Fritz Granhjelm, der ſich entfernte, um nicht durch ſein ploͤtzliches Kommen ſeine Schweſter zu erſchrecken. Gabriele warf ſich mit Entzücken in des ſo innig bewein⸗ ten Bruders Arme und von der vorhergehenden Scene bereits heftig erſchüttert, gerieth ſie durch all' dies in ſolche Bewegung, daß ſie kaum vermochte, ihrer Heimath zu nahen. Fritz hatte indeſſen ſeinem Onkel und ſeiner Schweſter mitgetheilt, daß ſein Vater, durch ſein politi⸗ ſches Treiben aufgebracht, ihm mehreremale geſchrieben und ihn in den härteſten Ausdrücken bedroht habe, ihn als ſeinen Sohn verläugnen zu wollen. Hartnäckig hatte Fritz im gleichen Tone geantwortet und in ſeiner Handlungs⸗ weiſe dieſelben Grundſätze beibehalten, bis ſein Vater end⸗ lich, ſchon vor drei Jahren, ihm einen Brief geſchrieben, in welchem er ihn gänzlich verſtieß, ihm ſeinen Namen zu tragen verbot, da er ſich deſſen unwürdig gemacht, und hinzufügte, er werde ihn für todt anſehen und vor der ganzen Welt dafür ausgeben. Daß er indeſſen dieſen Vorſatz ſo conſequent ausgeführt, daß ſogar ſein Schwager und ſeine Tochter in dieſem Irrthum gelebt, das hatte der Sohn nicht vermuthet. Auf Gabrielens Aeußerung, daß es nun doch wohl ſeine Abſicht ſei, als ein guter Sohn ſich die Verzeihung des alten Vaters zu erwerben, ant⸗ wortete Fritz:„Nichts weniger als das! wofür ſiehſt Du mich an? Glaubſt Du, ich werde wie ein Hund vor ſeinen Füßen kricheen und mich fortſtoßen laſſen? Glaubſt Du, ich ſei ein Renegat und werde meinen politiſchen Glauben ſeinen Grillen opfern? Nein, glaube nicht, daß ich um Seinetwillen gekommen bin; Dich wollte ich ſehen, dieſen ehrlichen Onkel und offen geſagt, vielleicht eine früh⸗ ere Geliebte wiederfinden, die, wie ich hoͤre, hier in der 298 Gegend wohnt. Sie kränkte mich einſt, aber ich konnte ihre ſchmachtenden Augen nicht vergeſſen; auch ſprach ich mit einer Dame in Holſtein, die darauf ſchwor, daß mich meine Donna noch immer liebe. Sie hatte, als wir uns zum letzten Male ſahen, einen alten Mann, den der böſe Feind indeſſen geholt, und nun möchte ich ein paar Worte mit ihr ſprechen. Iſt ſie treu, ſo werde ich ſuchen, nach Norwegen oder einem ſolchen honetten Lande zu kommen, wo ich in Sicherheit bin; gibt ſie mir aber einen Korb, ſo gehe ich zurück und werfe mich in des Löwen Rachen und theile das Schickſal mit meinen Kameraden, unge⸗ achtet einige von ihnen Beſtien find, andere freilich find auch brave Menſchen, mit denen zu ſterben eine Luſt iſt.“ Palmer ſuchte alles anzuwenden, um eine Ausſöhnung zwi⸗ ſchen Vater und Sohn einzuleiten und begann die Grund⸗ ſätze und Handlungsweiſe des Letztern zu bekämpfen, indem er ſie in ſeinem Eifer jugendlichen Uebermuth und vergeb⸗ liches Streiten gegen die Zeit, die unüberwindliche Alliirte nannte, ohne die kein Sieg errungen oder behalten werden könne;„denn,“ ſagte er,„das eigentliche Volk in jedem Lande iſt des Unglückes müde, welches die politiſchen Um⸗ wälzungen in ihrem Gefolge hatten. Das Volk will Ruhe haben, und was gegen den Wunſch des Volkes iſt, iſt gegen den Geiſt der Zeit. Was die Zeit zur Reife gebracht, wird ohne Gewalt und Grauſamkelt ausgeführt. Wer gegen dieſe ſtreitet, iſt ein Narr, er ſei Furſt oder Bürger.“ Fritz behauptete dagegen, daß ſeine Partei ge⸗ rade dafür kämpfe, die Forderungen des Zeitalters geltend zu machen. Er ſagte:„Wir ſind die Kreuzritter der Freiheit.“ Palmer antwortete:„Ihr ſeid der Freiheit ſchlimmſte Feinde. Ueberhaupt, was verſteht Ihr unter Freiheit? Ihr wißt es ſelbſt nicht. Ich ſagte pft, es iſt doch eine häßliche Geſtalt, dieſe alte, wohlbekannte Frei⸗ heitsgöttin mit ihrer blutigen Jacobinerfarbe, wie ſie auf dem niedern Baum ohne Wurzel ſitzt. Die wahre Frei⸗ heitsgoͤttin iſt die bewaffnete Pallas, die aus der goͤttli⸗ 4 — 299 chen Stirne entſprang. Nur hinter ihrem Schilde kann die Hydra gefällt werden. Aber für manche Demagogen unſrer Zeit iſt die Freiheit eine Marketenderin, bei der ſie wohlfeilen Kaufes ſich nähren koͤnnen, oder wenn ihr Streben hoch geht, ein Lorbeerkranz von Blättergold, mit welchem der Wind ſpielt.“—„Onkel Palmer,“ rief Fritz: „ich ertrage mehr von Dir, als von einem Andern, denn im Grunde biſt Du der freieſte und liberalſte Menſch, den ich kenne. Du biſt eigentlich„vein flotter Burſch,““ und ich will Dir im Vertrauen geſtehen, daß es wohl Augenblicke gab, in welchen ich Gelegenheit hatte, Deine letzte Be⸗ merkung zu beſtätigen; aber ſie paßt nicht auf Alle und namentlich nicht auf mich. Ich dachte weder an Ehre, noch Vortheil, ſondern ich wollte kämpfen für die gute Sache, die in dieſem Augenblicke der Gewalt und Tyran⸗ nei weichen muß, die aber dennoch Kraft gewinnen und ſiegen wird. Ich habe bereits viel für ſie gelitten. Ich habe mich mit Stundengeben in Franzöſiſch und Engliſch durchgeſchlagen, und manchmal nicht das trockene Brod gehabt.“ Palmer ſchloß Fritz in ſein Arbeitszimmer ein und ging mit Gabrielen zum Grafen, den er ohne weiteren Umſchweif von dem Vorgefallenen unterrichtete, und ihm die Anweſenheit ſeines Sohnes mittheilte, wozu Gabriele fügte:„Goͤnne mir die Freude, daß ich die bin, die Dir Fritz zuführen darf.“—„Ich will ihn nicht ſehen.“— Gabriele und Palmer wandten ihre ganze Beredtſamkeit an, ſeinen Beſchluß zu erſchüttern. Mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit warf Palmer ſeinem Schwager vor, daß er ihn und Gabriele mit einer falſchen Nachricht betrogen.„Ich will nicht von den kummervollen Stunden ſprechen, die ich bei dem Gedanken an den vermeintlichen Tod des gu⸗ ten Knaben ausgeſtanden; aber alle Thränen, die dieſes Mädchen geweint! daß Du ſie ſehen konnteſt, ohne ſie zu trocknen, das kann ich Dir nicht vergeben!“— Der Graf antwortete:„Würde ſie nicht weit bitterere Thränen 300 geweint haben, wenn ſie ihren Bruder ſtrafwürdig gewußt? Mußteſt Du nicht tieferen Schmerz empfinden, wenn Du wußteſt, daß der ſchlecht geworden, den Du einen guten Jungen nennſt? Aber er iſt ein Mann von fünfund⸗ zwanzig Jahren. Wenn Ihr ihn lieber verachten, als ſeinen Tod beweinen wollt, ſo iſt das ein Zeichen, daß Ihr ihn nicht genug liebt, ihn nicht liebt, wie ich ihn geliebt, ich, ſein gekränkter, tiefgebeugter Vater! Für mich iſt er todt, laßt mich glauben, daß er es iſt! das kann ich ertragen, aber nicht ihn als Verbrecher, als Verräther an dem Blute wiſſen, dem er entſprungen.“— „Verbrecher? Verräther?“ rief Palmer:„Was iſt das für eine Rede? Das iſt gerade das Unglück, daß Ihr Ariſtokraten in Eurem blinden Eifer politiſche Vergehen mit groben, gemeinen Verbrechen vermiſcht. So gräbt man ſein gemeinſchaftliches Grab. Du biſt Vater. Der Adel iſt beſſer, als der, dem Du Deine Kinder opfern willſt. Rufe Deinen Sohn zu Dir, vergib ihm! und.... ſieh dieſes betrübte Mädchen an. Sie köͤnnte wohl auch einen Troſt für all' den Troſt verdienen, den ſie Dir ge⸗ währte.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf.„Ich müßte mich ſelbſt verachten,“ ſagte er,„wenn ich um meiner Kinder willen meine Grundſätze bräche. Die Ehre iſt mehr als ſie. Fritz muß mein Haus verlaſſen und ſoll es nicht wagen, unter meine Augen zu kommen. Sein Anblick würde mein Tod ſein.“ Gabriele, welche vergebens mit Bitten und liebevollen Vorſtellungen ihren Vater zu rühren ſuchte, war zuletzt ſo angegriffen von den Scenen dieſes Tages, daß ſie ein heftiges Fieber bekam und zu Bette gehen mußte. Ua⸗ ruhig über ihren Zuſtand, eilte Palmer nach Birkehoͤi, um Hermes zu holen, den er zugleich auf dieſe Weiſe in das Haus des Grafen zurückführen zu koͤnnen ſich ſchmei⸗ chelte; da der junge Arzt jedoch bereits fortgeritten war, ging er zum Pfarrer, dem er die Ankunft ſeines Neffen mittheilte und ihn bat, ihm eine Zufluchtsſtätte bis auf 301 weiteres in ſeinem Hauſe zu gönnen— eine Bitte, welche die gutmüthigen Leute mit Vergnügen erfüllten. Als er ſelbſt ſpät Abends den Flüchtling nach dem Pfarrhofe geführt und nach Hauſe kam, ſagte er zum Grafen: „Weißt Du, daß Dein Sohn von Reclamationen des Landes verfolgt wird, aus dem er flüchtet? Wir müſſen ſehen, ihn zu retten.“—„Thu' es, wenn Du kannſt,“ antwortete der Graf.— Palmer fuhr fort:„Morgen früh reiſe ich nach der Stadt, um ihm einen Paß zu lverſchaffen. Da er während ſeines akademiſchen Lebens nie ſeinen wahren Namen genannt, ſo glaube ich, daß es nicht ſchwer werden kann, einen Paß auf dieſen lautend zu bekommen.“—„Auf meinen Namen?“ rief der Graf.—„Ja, allerdings, das werde ich thun,“ ant⸗ wortete der Maler,„und Du wirſt es nicht verhindern können. Es iſt zu Deinem eignen Beſten.“ Wie geſagt, ſo gethan. Am nächſten Morgen eilte Palmer nach Kopenhagen. Mit Hülfe eines in ſolchen Sachen erfahrenen Freundes glückte es ihm, einen Paß zu bekommen, der auf des jungen Grafen wirklichen Na⸗ men ausgeſtellt war, und eine Schiffsgelegenheit nach Norwegen auszukundſchaften. Ein engliſches Schiff, das dorthin beſtimmt war, lag auf der Rhede von Helſingör, um auf günſtigen Wind zu warten. Der ehrliche Maler bot außerdem alle ſeine Kräfte auf, um dem Reiſenden einiges Geld zu verſchaffen und da er diesmal gegen Ge⸗ wohnheit hin und zurück gefahren war, ſo kam er ſchon frühzeitig nach Hauſe. Er fand den Grafen ſehr blaß und ſtille. Dieſer verlangte den Paß zu ſehen und ſagte, indem er ihn zurückgab:„Ja, Du ſollſt meinen beſten Dank haben! Rette ihn, wenn Du kannſt, aber laſſe mich aus dem Spiele.“— Er nahm darauf einen koſt⸗ baren Ring, übergab ihn Palmer und ſagte:„Dieſt Ring gehoͤrte ſeiner Mutter. Gib ihm denſelben un ermahne ihn zu einem beſſern Leben.“ Als der Maler in das Pfarrhaus kam, fand er 30² Eliſen, und ſie und Fritz machten ihn zum Vertrauten ihrer Liebe und Plane. Die junge Frau war wie ein neuer Menſch. Mit Freude ſprach ſie von ihrem Ver⸗ mögen, das dem Geliebten gehöre, und wollte ihm nicht erlauben, von Andern als von ihr Hülfe anzunehmen. Auf den nächſten Abend verabredete man die Abreiſe. Bis dahin wollte Eliſe ihren Angehörigen Alles mit⸗ theilen und von ihrem Vater das nöthige Geld und die Creditiven zur Reiſe fordern. Man glaubte, ſo Alles auf das Beſte eingerichtet zu haben. Aber am folgendeu Mittag kam ein reltender Bote mit einem Brief an Pal⸗ mer von dem früher genannten Freunde in Kopenhagen, der ihn benachrichtigte, daß der von dem ſogenannten Horazius Turbus gewählte Zufluchtsort entdeckt worden und die Gerichtsdiener bereits auf dem Wege ſeien, den jungen Mann feſtzunehmen, dem ſein Paß nicht helfen könnte, wenn ſie ihn träfen, da ſeine Perſönlichkeit ſo kenntlich und ſo genau ſignalifirt ſei, daß ſein bloßes Er⸗ ſcheinen ihn verrathen muͤſſe. Von Dänemarks Seite— fügte der Brief hinzu— würde freilich Alles gethan werden, um ihn zu retten; wenn die ausgeſandten Ge⸗ richtsdiener ihn jedoch fänden, würde er der Feſtnahme nicht entgehen. Das Aengſtliche bei dieſer Nachricht wurde noch durch den Umſtand vermehrt, daß der Bote, der ſie brachte, unterwegs von einem Unfall aufgehalten worden, der ſei⸗ nem Pferde zugeſtoßen war. Es war alſo kein Augen⸗ blick zu verlieren. Palmer eilte nach dem Pfarrhoſe. Es dämmerte ſchon ſehr; er ſah bereits in der Ferne die Wagen, welche die Hochzeitsgäſte brachten. Der gute Maler ſeufzte. Die Braut war Merlins Tochter. Der alte Freund war auch in der Begleitung. Palmer hatte ſich auf dieſe Hochzeit gefreut und nun lief er athemlos mit bekümmertem Herzen dem Pfarrhofe zu. Dort war Alles eingerichtet, um die Brautleute mit einem eleganten Thee zu empfangen, ehe man zur Kirche ging. Die Damen des Hauſes waren in ihrem ſchoͤnſten 303 Putz. Palmers Botſchaft ſetzte alle in Unruhe und Hanne eilte mit ihm nach dem Hauſe der alten Küſterfrau, wo⸗ hin Fritz in Begleitung Gabrielens gegangen war, um der Geſellſchaft auszuweichen, die man im Pfarrhauſe er⸗ wartete. Unterwegs ſahen ſtie bereits einige Perſonen, die ſie für die gefürchteten Gäſte hielten. Sie kamen aus einem Landhauſe und gingen nach einem andern Hauſe. Fritz blieb ziemlich ruhig bei dieſer Nachricht, nur ſagte er: „Ich hätte jetzt mehr Luſt, nach Norwegen zu reiſen und meine Eliſe zu heirathen.“— Hanne hatte bereits einen Plan gefaßt. Sie führte Fritz und Gabriele auf einem Umwege in die Kirche, welche zur Hochzeitsfeierlichkeit geoͤffnet war, wo ſich jedoch noch kein Menſch eingefunden; nur des Küſters erwachſener Sohn war da und war mit dem einen und andern beſchäftigt. Hanne gab ihm einen Auftrag, der ihn für einige Augenblicke fortſchaffte. Im Hintergrunde war eine Art Holzgallerie mit Bänken für die Gemeinde, wenn die Plätze im untern Raume beſetzt waren. Unter dieſer, in einer dunkeln Ecke, ſtand eine Bank, die eher für einen Kaſten zu halten war, da ſie aus zu⸗ ſammengefügten Brettern beſtand. Sie war einige Ellen hoch und zu ihr führten ein paar kleine Stufen, um hinaufzuſteigen. Nach Hannens Anweiſung rückte man mit Leichtigkeit dieſen Sitz von der Stelle und Fritz kroch unter die hohe Bank, die ihn vollkommen verbarg. Er ſetzte ſich auf den Boden und Gabriele nahm Platz auf der Bank. Es ſah alles ſehr natürlich aus, nament⸗ lich da der hohe Sitz ein Standpunkt war, von welchem aus man die Kirche überſah. Ehe Fritz in ſein Verſteck kroch, zog er eine Brieftaſche hervor, die er Hanne über⸗ gab und ſagte:„Könnten Sie dieſe verbrennen, ſo wäre es ſehr gut.“— Hanne nahm ſie und verbarg ſie nicht ohne Mühe, denn ſie war ſehr groß. Der alte Kirchen⸗ ſänger kam und zündete die großen Altarleuchter und noch einige andere Lichter an, die man da und dort in der Kirche angebracht, ohne daß ſie die Dunkelheit der hohen 304 Gewoͤlbe zu zerſtreuen vermochten. Hanne eilte ihm ent⸗ gegen und da der alte Mann ſehr gutmüthig und mit dem Pfarrhauſe innig verbunden war, trug ſie kein Be⸗ denken, ſich ihm anzuvertrauen. Sie bat ihn, auf die Ecke Acht zu haben, wo Gabriele ſitze, und die Lichter fortzunehmen, die dieſem Theil der Kirche am nächſten ſtänden. Dieſe begann ſich nun ſowohl mit Bewohnern der umliegenden Landhäuſer, als Leuten aus der Gemeinde zu füllen, die bei der Feierlichkeit Zeuge ſein wollten. Hanne ging nicht nach Hauſe, ſondern eilte nach der Wohnung des Grafen, wohin ſich Palmer bereits bege⸗ ben hatte, um anweſend zu ſein, wenn die Gerichts diener ſich melden würden. In der Hausthüre begegneten dieſe dem muthigen Mädchen, das ſich keine Verlegenheit an⸗ merken ließ, ſondern mit gleichgültiger Miene an ihnen vorü⸗ berging: und ungeachtet ſie ſie fortgehen ſah, dachte ſie, daß es doch in jedem Falle das Beſte ſein würde, die ihr an⸗ vertrauten Papiere zu verbrennen. Sie holte ſelbſt ein Licht in der Küche und begab ſich unbemerkt auf Ga⸗ brielens Zimmer, in deren Ofen ſie die Papiere Stück für Stück hineinwarf, nachdem ſie ſie am Lichte anzün⸗ dete. Zugleich gebrauchte ſie die Vorſicht, die Thüͤre zu ſchließen und die Gardinen zuſammenzuziehen. Dies trug ſich gegen Ende Septembers zu, als eine ungewoͤhnlich ſtarke Kälte und heftige Stürme ploͤtzlich die beſtändige Wärme, welche den ganzen Sommer über geherrſcht, ablöſte. Mit dem wilden Sturme kämpfend, ſprengte Hermes mit einem Pferde dahin, aus deſſen weitgeöffneten Nüſtern ein ſtarker Dampf aufſtieg und ſich in der kalten Luft zeigte. Wie gewöhnlich ſtieg er in Birkehöi ab und ungeachtet der Unruhe, die ihn nach des Grafen Haus trieb, glaubte er doch Eliſens Vertrauen ſchuldig zu ſein, ſie zuerſt zu ſprechen. Als er zu dieſem Ende bei der Familie eintrat, bemerkte er ſogleich, daß eine ungewöhnliche Spannung ſtattfand und das Geſpräch bei ſeinem Eintreten abgebrochen wurde. Doch hoͤrte er — Ks 5 30⁵ das Fräulein ſagen:„Du allmächtiger Gott! was meinſt Du, Eliſe? Was willſt Du eigentlich ſagen? Wenn ich Dich wirklich verſtände, ſo müßte ich aus Verzweiflung über Dich in den Mühlkanal ſpringen. Aber es iſt, wie ich ſage: Du biſt krank. Ja!“ fügte ſie hinzu,„Gott ſei Dank! da kommt der Doctor wie gerufen.“—„Das thut er,“ antwortete Eliſe und reichte Hermes die Hand. „Die junge Frau ſah unſäglich verlegen aus, das Fräulein erröthete, als ob ihr Geſicht in Feuer ſtünde, der Juſtiz⸗ rath ſaß ganz verblüfft da und ſah mit hängender Unter⸗ lippe und gefalteten Händen vor ſich nieder. Alle Par⸗ teien ſchienen durch die Dazwiſchenkunft des Fremden er⸗ leichtert. Hermes mußte ſich darein ergeben, niederzu⸗ ſitzen und einige Erfriſchungen zu nehmen. Eliſe wandte ſich an ihn und ſagte:„Iſt Vetter Philipp nicht mit Ihnen?“—„Nein,“ antwortete Hermes,„aber er muß ſogleich hier ſeln, da er früher aus der Stadt fortgefah⸗ ren, als er beſtimmt hatte, denn als ich beim Walde um⸗ wandte, ſah ich in weiter Entfernung den Wagen, in welchem er zu fahren pflegt.“ Hermes glaubte zu be⸗ merken, daß Eliſe über dieſe Nachricht erfreut ſei und wirklich hoffte ſie, daß ihres Vetters und des Doctors Anweſenheit ihr das Geſtändniß erleichtern würden, das ſie den ganzen Tag auf den Lippen hatte, aber nicht den Muth beſaß, auszuſprechen. Nun waren die Augenblicke koſtbar, und ſie hatte bereits eine Art Erklärung gegen⸗ über von Vater und Schweſter begonnen, als Hermes durch ſeine Ankunft das Geſpräch abbrach. Kurz darauf ſtürzte Roller in das Zimmer und rief: „Da ſind angenehme Gäſte in Deinem Hauſe: die Ge⸗ richtsdiener ſtehen unten, es zu durchſuchen. Sie fahnden nach einem armen Jungen, der von„draußen“ wegen politiſcher Umtriebe reclamirt iſt, er ſoll Turbus heißen. Hole der Teufel ſolche Inquiſitionen!?— Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als Eliſe bleich wie eine Leiche Novellen. I. 20 auf Roller zuſtürzte, ſich ihm und Hermes zu Füßen warf und in töodtlicher Angſt rief:„O rettet ihn! rettet ihn! mein Leben hängt an dem ſeinen. Es iſt mein Bräutigam, mein Geliebter. Er heißt nicht Turbus; es iſt Graf Granhjelms Sohn.“ Mit Ausnahme von⸗ Hermes geriethen alle Anweſenden in die unbeſchreiblichſte Verwirrung. Der Diener trat ein und meldete die Ge⸗ richtsdiener, der Juſtizrath trippelte umher, und fuhr end⸗ lich zu den ungebetenen Gäſten hinaus, denen er das ganze Haus zu zeigen befahl. Fräulein Molly eilte auf Eliſe zu, nahm ſie in die Arme und ſagte:„Um des Himmels Willen! biſt Du bei Dir? Wie konnteſt Du zu dieſem Bräutigam kommen 2 Gott, laß mich doch nie glauben oder denken, daß Du bereits als verheirathete Frau...o ich kann einen ſolch' ſchrecklichen Gedan⸗ ken gar nicht faſſen.“ Eliſe riß ſich los und ſagte:„Laß mich in Ruhe! Iſt hier nun Zeit zu ſolchem Wirrwarr?“ Roller ſagte lebhaft:„Meine beſte Eliſe, wo finde ich ihn? Ich wage Leben und Blut, um den braven Kerl zu retten. Graf Granhjelms Sohn und doch ein Demagog! es iſt aller Ehre werth.“ Eliſe und er liefen Arm in Arm zum Pfarrer, wo ſie die zu finden hofften, die ſie ſuchten. 3 Hermes eilte nach dem Hauſe des Grafen. Sein Herz pochte unruhig. Es war dunkel im Walde und ganz einſam. Der Wind warf das dürre Laub von den Bäumen, daß es zu Boden rauſchte; eine und die andere Krähe flog mit heiſerem Schrei über den Wald; Eulen ließen ſich aus den leeren Scheuern hören. Als Hermes zu dem Luſtwäldchen kam, ſah er Gabrielens Giebelfenſter hell erleuchtet. Ein Schauer überſiel ihn. Ganz ſo hatte ſein Traum ihm dieſe Fenſter gezeigt. Die weißen Gardinen waren zugezogen; ein ſtarkes Licht leuchtete drinnen. In dieſem Augenblicke hatte nehmlich Hanne, welche die Papiere alle verbrannt, das Portefeuille ſelbſt ins Feuer geworfen, da der Name Horazius Turbus „ 307 darauf gedruckt war. Die Brieſtaſche, welche von ſtark gefirnißtem Papier war, loderte hell auf. Hermes fühlte ſich von der lebendigen Erinnerung dieſes Anblickes ſo er⸗ griffen, daß er ganz verwirrt war. Er warf ordentlich mit bangem Gefühl ſeine Augen auf die Thür, um zu ſehen, ob die große Katze ihm als ein Unglücksprophet entgegenkommen würde. Aber nichts Lebendes ließ ſich ſehen. Die Thüren waren verſchloſſen. Nach einem Au⸗ genblick der Ueberlegung beſchloß er, nicht den gewöhn⸗ lichen Weg durch den Vorſaal zu gehen, wo er den Grafen zu begegnen fürchtete, ſondern über eine hohe Stackete zu ſpringen und ſo von der Gartenſeite eine Treppe zu gewinnen, welche zum Giebel führte. Er näherte ſich Grabrielens Thüre, aber ſie war geſchloſſen. Nach langem Klopfen kam endlich Hanne leiſe aus der Thur und ſchloß ſie vorſichtig hinter ſich. Auf ſeine Frage nach Gabrielen antwortete Hanne anfangs kurz und aus⸗ weichend; aber bei dem Anblicke ſeiner ſichtbaren Angſt und Unruhe ſagte ſie endlich:„Ich glaube, ſie iſt in der Kirche.“—„Liebe Hanne,“ rief Hermes und ergriff ihre Hand:„Haben Sie Mitleid mit mir! ſagen Sie mir! Iſt Gabriele krank? Iſt der junge Graf gerettet?“ Seine Be⸗ wegung rührte das gutmüthige Mädchen. Sie führte ihn in das Zimmer, ſagte Alles mit wenigen Worten und bat ihn, in die Kirche zu gehen, um wo möglich ſeinen Freunden Beiſtand zu leiſten. Er verließ ſie raſch und ging ohne weiteres Bedenken den gewöhnlichen Weg durch den Vor⸗ ſaal, wo ein neuer Anblick ihn überraſchte. Der Graf ſaß allein vor dem Kamine unter dem großen Wappen. Er war bleich und hatte die Hände in die großen Aermel ſeines Oberrockes geſteckt. Er ſtierte unbeweglich auf die Wand vor ſich. Ein plötzliches Zittern durchzuckte ihn. Hermes ſtand da und betrachtete ihn.„Guter Gott!“ ſagte er bei ſich ſelbſt:„Welch' trauriger Anblick! So zeigte mein Traum mir ihn unter dem abſterbenden Baume.“ Alles vergeſſend, was zwiſchen ihm und die⸗ 308 ſem Manne vorgegangen, trat er in das Zimmer und ſprach ihn mit ungeheuchelter Liebe und Theilnahme an. „Sie ſind krank,“ ſagte er,„und nun darf ich mich Ihnen wohl nähern.“— Der Graf reichte ihm mit wehmüthi⸗ gem Lächeln die Hand. Hermes ſuchte ihm all' ſein Wohlwollen als Freund, alle Hülfe als Arzt, ſo weit es im Augenblicke moglich war, darzulegen. Da das Zimmer kalt und der Graf nicht zu bewegen war, ſich zu Bette zu begeben, rief der Arzt den alten Diener und das Mädchen, hieß Feuer im Kamine machen und Thee kochen, und holte in des Grafen Zimmer einige Arznei⸗ mittel, die er während des alten Herren Krankheit dort aufbewahrt hatte. Dieſe Mittel, das erwärmende Feuer im Kamine, vereint mit den tröſtenden Worten des jungen Arztes ſchienen wohlthuend auf den alten Mann zu wirken. Der eintretende Diener ſchien geweint zu haben und ſein Herr ſah ihn mit ängſtlichen Blicken an. Hermes ging zu ihm hin und fragte ihn um die Urſache ſeines Kummers.„Ach! unſer junger Herr!“ antwortete der Diener:„Ich habe Angſt, bis wir von ihm hoͤren. Herr Palmer ging fort, um uns Nachricht zu bringen; aber die Zeit wird einem ſo lange, wenn man wartet.“— „Schweige!“ rief der Graf erzürnt. Hermes, welcher merkte, daß dieſe Saite nicht berührt werden dürfe, that, als ob er nichts wiſſe. Deſſenungeachtet glaubte er eine gewiſſe Verlegenheit bei dem Grafen zu verſpüren, und es war ihm, als ob dieſer eine Veranlaſſung ſuche, ihn zu entfernen. Als nun auch Hanne kam und die Pflege über⸗ nahm, glaubte der Arzt, daß ſeine Gegenwart nicht mehr nothwendig ſei; er folgte daher ſeiner Sehnſucht, die ihn nach dem Orte trieb, wo er die Geliebte in Angſt und Verlegenheit glaubte. Beim Abſchiede reichte der Graf ihm die Hand und ſagte:„Ich bitte Sie, wieder zu kommen. Ich werde dieſe Stunde nicht vergeſſen, in der ich hier ſaß, einſam und verlaſſen, und Sie, der.... — — . 309 o vergeben Sie mir?... Sie allein zu meinem Troſte kamen.“ Indeſſen hatten die Gerichtsdiener ſich im Pfarrhauſe gemeldet und ſobald der Hochzeitszug ſich nach der Kirche begeben, ließ man ſie das Haus durchſuchen, wo die einzige Spur des Flüchtlings, ſein Ranzen, von der Pfar⸗ rerin in einen Graben im Garten geworfen und mit Stroh bedeckt wurde. Da die Leute nun nichts fanden, und ſo viele Leute in die Kirche gehen ſahen, folgten ſie dieſen und ließen durch den Kirchenſänger beim Pfarrer um die Erlaubniß bitten, die Kirche durchſuchen zu dür⸗ fen. Der Pfarrer geſtattete dies, doch nicht, ehe die Hochzeitsfeierlichkeit vorüber ſei und Alles die Kirche ver⸗ laſſen habe; indeſſen konnte man ſie nicht hindern, alle Ein⸗ und Ausgehenden zu beaugenſcheinigen. Sie thaten dies und muſterten ſo genau, als moͤglich, alle Anweſen⸗ den. Einer von ihnen blieb vor der Kirchenthüre. Von den Beiden, welche nun innerhalb ſtanden, ſagte der Eine, der ein ältlicher Mann war, zu dem Anderen, etwas jüngeren:„Höre, Ulfsgaard, wir haben, glaube ich, genug geſuchtz der Menſch iſt nicht hier!“—„Nein, ich glaube es auch nicht,“ antwortete der Jüngere,„er muß entkommen ſein. Da wir aber nun mal Alles durchſucht haben, ſo wollen wir auch hier ſuchen; es kann jedenfalls nichts ſchaden.“—„Es iſt doch eine eigne Sache, in Gottes Haus zu gehen, wie wir jetzt thun.“— „Weßhalb? Haben wir nicht Befehl?“—„Ja, weißt Du was? Ich leugne nicht, mir iſt nicht wohl bei der Sache, ſo in der Kirche umherzuſchnüffeln. Kennſt Du Berg nicht? Der ſing einen Verbrecher in einer Kirche in Holland; dabei ſah er aber etwas in der Kirche... er konnte ſich nicht erklären, was es war; er wußte es ſelbſt nicht, aber von der Zeit an war er melancholiſch und ſeine Geſundheit war untergraben.“—„Ahl das hat keine Noth! Es geht nicht ſo ſtreng zu, als der Pfarrer predigt.“—„Der Menſch, auf den wir hier 310 Jagd machen,“ fuhr der Aeltere fort,„hat ja weder ge⸗ tagediebt, noch geſtohlen oder todtgeſchlagen.“—„Ja. Dieſe Geſchichten drüben in Deutſchland ſind ſo gut, wie Todtſchlagen.“—„Ja, in Deutſchland, was geht das uns an. Die Deutſchen mogen ſelbſt auf ihr Lumpenge⸗ ſindel aufpaſſen. Es ſoll ein hübſcher Menſch ſein, der Student.“—„Ja, darüber haben wir nun nicht zu rai⸗ ſonniren.“—„Das wohl; aber wir ſollen heute Nacht in der Dunkelheit heimtappen, da kann uns das Eine und Andere begegnen.“ Die Zeremonie war vorbei, der Hochzeitszug hatte ſich entfernt, auch die Uebrigen verließen die Kirche. Nur Roller und Eliſe blieben ſitzen, obwohl ſie nicht wußten, daß der, den ſie ſuchten, in ihrer Nähe verborgen war; aber ſie wollten überall dabei ſein, wo ſie fürchteten, daß die Gerichtsdiener Nachforſchungen anſtellten. Eliſe zitterte ſo heftig, daß ſie ſich auf ihren Vetter ſtützen mußte. Auch Palmer ſaß in einem Stuhle und wagte kaum einen verſtohlenen Blick in die verhängnißvolle Ecke zu werfen. Nun kam auch Hermes und ſetzte ſich an einen einſamen Platz. Seine Augen ſuchten und fanden bald den Gegenſtand ſeiner Furcht und Liebe. Er ſchauerte bei dem Anblicke, denn ganz unbewußt hatte Gabriele eine Kleidung und Stellung gewählt, die ihr eine frappante Aehnlichkeit mit einem Geiſte gaben. Sie trug einen ſchwarzen Rock und über dieſen einen langen, weißen Shawl, den ſie, um ſich gegen Kälte und Zugwind zu ſchützen, über den Kopf geworfen hatte. Der ſchwarze Rock fiel mit dem dunkeln Hintergrunde zuſammen, und ſah wie ein Schatten aus gegen den weißen Shawl, der an beiden Seiten herabhing und das bleiche Geſicht, das man unter den Falten des Shawls kaum erblickte, gaben dem Ganzen das Ausſehen eines in das Leichentuch gehüllten, kleinen Mädchens, das ſich vor dem ſchwarzen Sarkophage erhob. Obwohl Hermes wußte, welche Illuſion ihn bethörte, wirkte dieſer Anblick doch ſo heftig 311 auf ihn, daß er nur mit Anſtrengung ſeine Faſſung be⸗ halten konnte. Dieſer Augenblick der Spannung, der Traum, ſeine eigne, lebendige Phantaſie, alles zuſammen verſetzte ihn in eine Stimmung, daß er ſich ſelbſt wie ein von der Erde losgeriſſener Geiſt erſchien, der in der Kirche einherging und die vorangegangene Geliebte ſuchte. Die Gerichtsdiener ſtanden am Eingange der Kirche und betrachteten aufmerkſam jeden Vorübergehenden, ohne Jemanden zu finden, der dem Bezeichneten auch nur im Entfernteſten äͤhnlich ſah. Sie näherten ſich nun, und geführt von dem Kirchenſänger, betraten ſie das geweihte Heiligthum, ſahen in alle Stühle, gingen auf die Holz⸗ gallerie und näherten ſich dem Altare. Vor dieſem ſtand der Pfarrer in vollem Ornate ſtumm und ſtill, und als ſie Miene machten, die Stufen des Allerheiligſten zu be⸗ treten, ſtreckte er die Hand gegen ſie aus mit einer ab⸗ wehrenden Bewegung, die etwas ſo Würdiges und Ge⸗ bietendes hatte, daß ſie unwillkürlich zurückwichen. Sie gingen nun rund um den Altar, während der Pfarrer unbeweglich ſtehen blieb. Aller Augen folgten ihnen mit bangem Gefühle. Es herrſchte eine Stille wie im Grabe. Man hörte nur das Echo der Spionentritte. Als ſie am Altare wieder vorüberkamen, grüßten ſie den Geiſtlichen und während ſie nach dem unterſten Theile der Kirche gingen, ſahen Hermes und Palmer mit Schrecken, gerade als ſie an ihnen vorüberkamen, daß ſie ſtehen blieben und die Augen nach der Ecke richteten, wo Ga⸗ briele ſaß. Aber die Angſt verſchwand, als ſie den Ael⸗ teren ſagen hörten:„Herr Jeſus! Sei uns gnädig! Siehſt Du nicht das todte Kind, das dort ſteht?“ „Hm!“ antwortete der Andere:„Ja komm', laß uns gehen.“— Sie ellten fort, ohne ſich weiter umzuſehen. Der Kirchenſänger begleitete ſie zu ihrem Wagen, der in einiger Entfernung hielt. Er hörte den Aelteren ſagen: „Hatte ich nicht Recht? Nun ſchuttelt mich das Fieber in all' meinen Gliedern.“— Raſch beſtiegen ſie den 31² Wagen und der Jüngere ſagte:„Fahre tüchtig zu, Kutſcher, nach Kopenhagen!“— Sobald ſie ihm aus dem Geſichte waren, eilte der Küſter zurück nach der Kirche und fand dort Alles, wie er es verlaſſen hatte. Gabriele ſaß ganz ſtille; ſie wagte nicht, ſich zu bewegen. Der Pfarrer, der etwas von dem Zuſammenhange ahnte, ſtand gleichfalls ſtille. Hermes und Palmer wagten in geſpannter Erwar⸗ tung gleichfalls nicht, ſich der ominöſen Stelle zu nähern und Roller und Eliſe wußten durchaus nicht, was vor⸗ ging. Der Küſter hatte die Thüre vorſichtig hinter ſich geſchloſſen. Er eilte freudig auf Gabrielen zu und nun folgten ihm alle Uebrigen.„Wir find frei!“ rief er, in⸗ dem er die Bank wegrückte, und mit einem luſtigen Sprung flog der Vogel aus ſeinem Gefängniß. Eliſe warf ſich in ſeine Arme; Palmer, Gabriele, Hermes, der Pfarrer, Alle umringten ihn und überhäuften ihn mit Händedrücken und Freudenausrufungen.—„Jetzt, Fritz,“ ſagte Palmer,„raſch zu Deinem Vaterl Nun bin ich überzeugt, daß er Dich mit Freuden aufnimmt. Ich weiß, was er heute um Deinetwillen litt.“— Der Kirchen⸗ ſänger erbot ſich, ſie einen kürzern Weg über den Kirch⸗ hof und die ihm gehörende Wieſe zu führen. Alleverließen jetzt die Kirche. Gabriele ging am weiteſten hinten, und Hermes, der allen ihren Bewegungen folgte, ſah, daß ſie ſchon in der Kirchthüre ſich umwandte. Unbemerktſchlich er ihr nach, und ſah das fromme Mädchen, das ſich allein glaubte, zum Altare eilen. Still knieete ſie hier nieder und hob die gefalteten Hände und die freudeſtrah⸗ lenden Augen in dankbarem Gebete zu dem Altarbild em⸗ por. Die großen Lichter und die übrige halbdunkle Be⸗ leuchtung in der Kirche warfen einen wunderbar magi⸗ ſchen Schein auf das Gemälde. Zum erſten Male ſah Hermes, von Gabrielens Blicken geführt, dieſes poetiſche Werk der Kunſt. Unbeſchreiblich war die Wirkung deſ⸗ ſelben auf ſeinen bereits von den vorhergehenden Scenen aufgeregten Geiſt. Er ſchien mit eignen Augen den Auf⸗ —— — — 313 erſtandenen ſich offenbaren zu ſehen; er träumte ſich unter die erſtaunten und entzückten Schüler, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, knieete er hinter die betende Geliebte, und die Arme nach der aus dem Bllde leuchtend und verklärt heraustretenden Geſtalt ausſtreckend, rief er, wie der zweifelnde, aber in freudiger Gewißheit jubelnde Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“— Erſchrocken wandte Gabriele den Kopf, aber ehe ſie ſich erheben konnte, knieete Hermes an ihrer Seite, ergriff ihre Hand und ſagte:„Meine Gabriele! vergib mir! Ich gelobe Dir Glauben vor dieſem heiligen Bild, deſſen Licht in meine Seele ſtromt und ſie heilt. Ich gelobe ſtille Geduld und Treue. Zufrieden mit Deiner Liebe, werde ich all' mei⸗ nen ſtürmiſchen Wünſchen entſagen. Ich will Dich nicht verlaſſen. Ich will hier bleiben und Dich beſchützen, wie ein liebender Bruder, ohne eigennützige Forderungen. Ich will leben für Dich, für meinen alten Vater, demüthig und liebend. O Gott, ich habe nie gefühlt, was ich in dieſem Augenblicke fühle. Die Unſterblichkeit hat ſich mir geoffenbart; auch ich empfing mein Theil von dem Frieden, der von jenen ſtrahlenden Lippen floß.“— Ga⸗ briele ſah den Geliebten mit Augen voll Freudenthränen an. Der ganze Segen des Himmels ſchien auf ſie nieder⸗ zuſtrömen. Die Liebenden waren indeſſen in dieſem Augenblicke nicht die Einzigen, welche einen„Wiederſchein der fernen Seligkeit“ ſahen. Palmer, der wenige Schritte von der Kirche Gabriele vermißte und umkehrte, um ſie aufzu⸗ ſuchen, war nun ein unbemerkter Zeuge dieſer kleinen Scene. Mit ſeliger Begelſterung faltete er die Hände und rief:„Herr und Meiſter! Mit welchem Ruhm krönſt Du den Scheitel des geringen Künſtlers! Du offenbarſt Dich aufs Neue und durch mein Werkl“— Die Lie⸗ benden ſprangen auf und kamen ihm entgegen. Stumm und ſelig umarmte er ſie und eilte mit ihnen heim. Das Erſte, was ſie beim Eintreteu in den Vorſaal 71 ſahen, war Fritz, der auf den Knieen vor dem Grafen lag und ſeine Hand küßte, während der Vater ſegnend die andere auf ſein Haupt legte. Eliſe und Roller ſtanden daneben. Die Freude, welche die Eintretenden bei dieſem Anblick fühlten, verwandelte ſich bald in Kummer, als ihre Blicke auf den Grafen ſielen. Der Tod ſaß ſichtbar auf ſeinen Lippen, die ſich vergebens zu ſprechen bemühten. Der Arzt eilte auf ihn zu und wollte ſich ſeines Armes bemächtigen. Mit einer leiſen Bewegung ſchüttelte er den Kopf, ergriff die Hand des jungen Mannes, winkte Ga⸗ brielen, nahm auch ihre Hand und legte ſie in die des Geliebten. Dann reichte er Palmer die Hand, erhob noch einmal das brechende Auge zu ſeinem Wappen, ſank zurück und war nach ein paar krampfhaften Athemzügen todt. Die Umſtehenden waren von dieſem unerwarteten Tode wie betäubt. Aber die Forderungen des Augenblicks, die Nothwendigkeit, an die Rettung des jungen Grafen zu den⸗ ken, brachte ſie bald wieder zu ſich. Roller eilte nach Birkehöͤi und beſorgte Alles nach Eliſens Wunſche mit dem theilneh⸗ mendſten Eifer und Wohlwollen. Eine große Geſchäftigkeit loͤſte plötzlich die gewöhnliche Stille dieſes Hauſes ab. Alles Geld, was man in der Eile zuſammenbringen konnte, wurde flüſſig gemacht, Creditive ausgeſtellt und der Wagen des Juſtizrathes mit den vier Pferden ſtand in Bereitſchaft. Mit ziemlicher Kälte wurde Fritz von ſeinem Schwieger⸗ vater und ſeiner Schwägerin aufgenommen: ſie ſagten ſich zu gleicher Zeit Willkommen und Lebewohl, und noch vor Mitter⸗ nacht ſaß der Flüchtling mit Hermes und Roller im Wagen. Mit Tagesanbruch ging der junge Graf an Bord. Die beiden neuen Freunde begleiteten ihn an Bord; ſie nahmen herz⸗ lichen Abſchied. Der Wind war gut, das Schiff ging ſogleich unter Segel; und die beiden Freunde verließen das Ufer erſt, als er ihnen aus dem Geſichte war. Soweit es die Umſtände geſtatteten, begrub man den alten Grafen mit all' der Pracht und Feierlichkeit, die er im Leben geliebt, und errichtete ſpäter ein Monument auf — VO⏑—ÿ—ÿ—˖——᷑—B—ꝛ—ꝛ——:.——— — —— 3¹⁵ ſeinem Grabe, in welchem das Wappen eingehauen war, das ſeinem Beſitzer ſo heilig geweſen. Der alte Doctor kam zum Leichenbegängniß und drückte zum erſten und zum letzten Male die kalte Hand ſeines unbekannten Ver⸗ wandten. Er war unbeſchreiblich eingenommen von Ga⸗ brielen, und überhäufte ſte mit Liebe und Fürſorge. Er begrüßte Palmer als einen bewunderten Künſtler und theuren Freund. Die beiden ältlichen Männer fanden großes Gefallen an einander und der brave Maler mußte ihm und dem jungen Paare verſprechen, ſie nie zu ver⸗ laſſen, ſondern ihr Leben und ihr Schickſal zu theilen. Das letzte norwegiſche Dampfſchiff, das im Herbſte abging, brachte Eliſe an die klippenreiche Küſte, an deren Ufer der dankbare Geliebte ſie erwartete. Sie ließen ſich ſogleich durch der Kirche Band vereinen und kauften kurze Zeit ſpäter ein Landgut nur eine Meile von Chriſtiania, wo ſie ſich niederließen. Als das Weihnachtsfeſt Aller Herzen zur Freude ſtimmte, wurden Hermes und Gabriele feierlich durch die Hand des Pfarrers, ihres alten Freundes, vereint— unter jenem ſchönen Altarbilde, von welchem der verklärte Erlöſer ſeinen Frieden ausſtrömte. Sie zogen mit Pal⸗ mer und dem alten Diener des Grafen nach Kopenhagen, wo Hermes Vater Alles recht con amore eingerichtet, um die geliebte Schwiegertochter und den durch die Freude verjüngten Maler aufzunehmen. Das alte Haus im Walde ſteht unverändert. Soweit es die Geſchäfte der beiden Aerzte erlauben, wird die Familie die Sommermonate an dieſem anmuthigen Orte zubringen. Der wache Traum, den Hermes bei der Be⸗ trachtung von Palmers Skizze des bedeutungsvollen Hauſes träumte, wird in Erfuͤllung gehen. Er wird„ſeine Hei⸗ math unter dieſem Dache haben, er wird, wenn er Abends durch den Wald wandelt, die Gardine ſich im Winde bewegen und die Geſtalt, welche am Fenſter ſitzt, auf⸗ ſtehen und ihm einen freundlichen guten Abend zuwinken ſehen. 1 Jeder, den ſein Weg durch dieſen abgelegenen Theil des Waldes führt, wird leicht dieſes Haus erkennen. Die Weinranken ſchlingen ſich am Hauſe hinauf; durch die offene Thür des Vorſaales glänzt das alte Wappen und die große Katze ſitzt noch auf der Thüre und badet ſich in den Sonnenſtrahlen.