98————— t 3 0. 9 P 5 Leihbibliothek deutſcher,engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Edmard Ottmann in Gießen 3* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt:. 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 9 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 u 5 „ 5/ 2 9—— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersàtz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch eiinn Theil eines größeren Werkes, ſo iſt beſonders darauf aufmerkſan der Bücher nicht ſtattfinden ſelben von mir geliehen, au —— —-— Maria. Novelle vom Verfaſſer einer Alltagsgeſchichte. Herausgegeben von Johann Ludwig Heiberg. Aus dem Daͤniſchen von W. C. Ehriſtiani. „Ritter, treue Schweſterliebe „Widmet euch dies Herz.“ Schiller. Leipzig, 1839, bei Eduard Kummer. — In einem beſcheidenen Haͤuschen der Straße, die nach dem Hafen hinunter fuͤhrt, ſaß, in einem einfachen aber uͤberaus reinlichen und gemuͤthlichen Zimmer, eine junge, ſchoͤne Frau, mit ihren beiden vaterloſen Stiefkindern, einem Knaben von zehn, und einem Maͤdchen von vier Jahren. Es war der Tag vor'm Weihnachtsabend, die Daͤmmerung bereits eingetreten; durch die halb zugefror⸗ nen Fenſterſcheiben guckten ſchon die Sterne in's Stuͤbchen hinein, waͤhrend das Ofenfeuer mit ſeiner rothen Flamme die ſanfte feine Geſtalt Mariens, ſo wie das bluͤhende, zu ihren Fuͤßen ſitzende Kind beſchien. Den Strickſtrumpf in der Hand, das gedankenvolle Geſicht aber dem Fenſter und dem ſternenhellen Himmel zugewendet, ſaß ſie da, dem Anſcheine nach in ſtille Betrachtungen verſunken, waͤhrenrnd die kleine Liſe, am Fußboden knieend, mit zweien aus Papier geſchnitzten Puppen ſchwatzte, die ſie auf dem Schemmel, zu Fuͤßen der Mutter, aufgeſtellt hatte. An dem einen Fenſter ſtand Victor, bemuͤht, durch ſeinen Athem und mit den Haͤnden eine Scheibe aufzuthauen, um die Straße beſſer uͤberſehen zu koͤnnen. 8 1 Nach einer langen Pauſe ließ ſich endlich Mariens melodiſche Stimme vernehmen:„Lieber Victorl geh' nun vom Fenſter fort, daß ich die Gardinen zuſammen⸗ ziehen und Licht anzuͤnden kann; ich habe nicht Zeit mein Naͤhzeug laͤnger ruhen zu laſſen.“ Victor gehorchte ſofort, obgleich noch einige ſehnſuͤch⸗ tige Blicke nach der Straße ſendend, waͤhrend er ſeufzte: „Ich ſchaute da eben nach Mamſell Holm aus, ich ſehne mich doch ganz entſetzlich nach ihr.“ Ein halb erwachſenes Dienſtmaͤdchen brachte Licht, waͤhrend Maria die kleine Liſe auf einen Stuhl hob, und ihre Papierpuppen auf den Tiſch vor ihr hinſtellte, ſich ſelbſt aber mit der Arbeit neben ſie ſetze. Victor ſchlich ſich leiſe hinter ihren Stuhl, ſchlang ſeine Arme um ihren Hals, und ſagte:„Lieb⸗ Muͤtterchen! glaubſt Du nicht wohl, daß Mamſell Holm Dir Geld mit nach Hauſe bringt?“ Maria blickte ihn an und ſagte laͤchelnd:„Ich hoffe es mein Kind.“ „Iſt es Dir denn nicht gewiß?“ „Nein, wie kann mir dergleichen gewiß ſein? Die Dame, die mir die kleine Rechnung bezahlen ſoll, kann ja ausgegangen ſein, oder ſonſt Abhaltung haben, wer kann das wiſſen?“ „Wenn ſie aber ausgegangen iſt da kann ja Mamſel 9. — 3— Holm, oder unſer Maͤdchen morgen fruͤh der Dame die Rechnung bringen, und dann bekommen wir noch zeitig genug das Geld, um morgen Abend den Weihnachtsbaum zu ſehen, den Du uns verſprochen haſt, nicht wahr?“ „Das meine ich freilich auch. Aber, mein guter Junge! der Weihnachtsbaum wird jedenfalls ſehr kaͤrglich.“ „O!“ rief Liſe,„ich bekomme doch ein Puͤppchen, das nicht flach iſt, wie dieſe Papier⸗Damen.“ „Und ich,“ rief Victor,„ich bekomme einen Farbe⸗ kaſten, Zeichenpapier, ſchwarze Kreide und Bleifeder. Ach, wenn ich nur zeichnen darf, dann bin ich gluͤcklich! Ver⸗ ſteht ſich, ein Weihnachtsbaum mit Lichterchen, Kuchen 3 und Aepfeln iſt auch nicht zu verachten. O, mein Herz klopft vor Freude!“ „Mein's auch!“ rief Liſe. Maria zog das kleine Maͤdchen zu ſich hin, kuͤßte ſie, und den andern Arm um Victor ſchlingend, ſprach ſie:„Lieber Victor! Du biſt in der Schule fleißig ge⸗ weſen, Du biſt ein guter, ein vernuͤnftiger Knabe, und es wuͤrde mich nicht weniger freuen, als Dich und Deine kleine Schweſter, wenn ich Euch an dem heiligen und ſchoͤ⸗ nen Weihnachtsabende eine Freude bereiten koͤnnte; aber ſiehſt Du, der ganze Reichthum, auf den wir hoffen, be⸗ ſteht in ſieben Reichsthalern; von dieſen will ich vier zu unſerer Weihnachtsfreude anwenden; das iſt faſt mehr als 1* ich thun kann, und fuͤr vier Reichsthaler laͤßt ſich nicht viel Praͤchtiges anſchaffen. Der fuͤnfte Reichsthaler iſt fuͤr Dich zu einer Mitze beſtimmt, deren Du ſehr bedarfſt.“ „Fuͤnf Reichsthaler! ja das iſt freilich gewaltig viel Geld. Kannſt Du aber auch ſo viel entbehren? Es blei⸗ ben Dir dann ja nur zwei Reichsthaler uͤbrig!“ „Ja, unſere taͤglichen, nothwendigen Ausgaben kann ich damit bis gleich nach den Feiertagen wohl beſtreiten, dann erwarten ſowohl Mamſell Holm als ich einiges Geld einzunehmen, und waͤhrend ich fuͤr die Dame, die Mamſell Holm unterrichtet, die Pellerine ſtickte, ergoͤtzte ich mich an dem Gedanken, die Einnahme ſei beſtimmt, mei⸗ nen Kindern ein Weihnachtsvergnuͤgen zu machen; auch Mamſell Holm hat fuͤr Arbeiten Geld zu Gute, das ſie zu aͤhnlichem Zwecke fuͤr die Familie anwenden will, wo ſie ſo viel Umgang hat.“ „Da iſt ſie! Gott ſey Dank! da iſt ſie!“ rifen beide Kinder, und fuhren auf eine hohe, duͤrre Geſtalt los, die eben zur Thuͤr herein trat, gehuͤllt in einen dunkeln Man⸗ tel, und einen ſchwarzen Hut tief uͤbers Geſicht herab gezo⸗ gen.„Beſte, gute Holm! was haſt Du fuͤr uns? Was traͤgſt Du da!“ rief die kleine Liſe, waͤhrend Vic⸗ tor, mehr beſcheiden, ſich darauf beſchraͤnkte, die Eintre⸗ tende mit ſeinen Blicken gleichſam zu verſchlingen. „Fort, fort, Ihr kleines Gezuͤcht!“ ſagte Mamſell 4 6 — — — 5— Holm:„Laßt mich doch in's Zimmer hinein kommen. Schaut her! Was ich bringe, iſt ein Weihnachtskuchen zu zwei Mark. Der iſt eben nicht ſehr groß; aber der liebe Gott weiß, daß ich meinen letzten Schilling dafuͤr ausge⸗ geben habe, denn Etwas, ſchien mir, muͤßte ich doch mit nach Hauſe bringen, und uͤbrigens,“— fuͤgte ſie mit lei⸗ ſerer Stimme, zu Marien gewendet, hinzu,— uͤbri⸗ gens komme ich leider mit leeren Haͤnden. Fraͤulein Emma wollte ſich nicht ſprechen laſſen; ſie habe heute keine Zeit mit mir zu ſticken, ließ ſie ſagen. Ich bat den Diener wieder zu ihr zu gehen, mit der Nachricht, ich kaͤme nicht, um ihr dieſen Abend Unterricht zu geben, ſondern um ihr die verlangten Muſter zu zeigen, und die Pelle⸗ rine zu bringen, deren Fertigung ſie ſo ſehr beeilt haͤtte noch hinzufuͤgend, ich baͤte mir eine augenblickliche Unter⸗ redung mit ihr aus. Sie aber ließ antworten, ſie habe Geſellſchaft bei ſich und koͤnne mich nicht ſprechen, baͤte mich aber die Pellerine abzuliefern, und gleich nach den Feſttagen wieder zu kommen, um fuͤr dieſe und mein eige⸗ nes Guthaben die Bezahlung abzuholen. Da war ich denn gezwungen zu gehen.“ Maria ſeufzte und ſchuͤttelte, ohne zu antworten, mit betruͤbter Miene den Kopf. Jene fuhr fort:„Ja, das iſt ſchlimm! am allerſchlimmſten aber iſt es, daß wir jetzt wohl keinen Mundvorrath im Hauſe haben?“ „Nicht mehr, als eben fuͤr dieſen Abend, und das kaum.“ „Daͤcht' ich's doch wohl, und deshalb will ich nun gleich zur Frau Niſſen laufen, und einige Reichsthaler von ihr leihen. Sie iſt meine gute Freundin, und wird mir die Bitte nicht verweigern. Gleich bin ich wieder hier, ſie wohnt nur einige Schritte entfernt. Den Weihnachts⸗ baum muͤßt Ihr Euch fuͤr dies Mal aus dem Sinne ſchla⸗ gen, Kinder Nun ſteht nur nicht und plinſet daruͤber! ſo iſt nun einmal der Welt Lauf.“— Mit dieſen MWortan eilte ſie zum Zimmer hinaus. Victor hatte ſich unterdeſſen in einen dunkeln Winkel des Zimmers zuruͤck gezogen. Er ſaß auf einem Schemmel, mit abgewendetem, geſenktem Antlitz, meinend, es koͤnne Keiner ſehen, wie die Thraͤnen auf ſeine dicken, dunkeln Locken, mit denen er ſeine Augen abtrocknete, hinabſtroͤm⸗ ten. Liſe war vor ihm nieder geknieet, ſtreckte ihre klei⸗ nen Haͤnde zu ſeinen Wangen empor, ſtreichelte dieſe und trocknete ſeine Thraͤnen, waͤhrend die eig'nen ſtill und un⸗ bemerkt floſſen. Maria blickte ſchweigend und wehmuͤ⸗ thig auf dieſe Gruppe, ließ die Kinder ihren erſten Schmerz ausweinen, und rief ſie dann zu ſich her. Liſe nahm ſie auf ihren Schooß, hob liebevoll Victors welnendes Ant⸗ litz empor, und ſagte ſanft vermahnend:„Victor, mein guter, mein vernuͤnftiger Knabe, der Du empor wachſen 5 1 —— ſollſt, um mir der beſte Freund und meine Stuͤtze zu ſein, iſt es Dir angemeſſen, eine ſo kleine Widerwaͤrtigkeit Dir ſo zu Herzen zu nehmen?“ „Iſt das eine kleine Widerwaͤrtigkeit, ein Gluͤck auf⸗ geben zu muͤſſen, zu dem man ſich ſo lange gefreut, auf das man Tag und Nacht gedacht hat?“ „Du brauchſt es ja aber nicht ganz aufzugeben; gleich nach den Feſttagen bekomme ich Geld, da wollen wir denn zum Neujahrsabend den Weihnachtsbaum bereiten.“ „Dank Dir, liebe Mutter! ja, Du biſt immer gut! aber es iſt fuͤr uns, die wir jeden Morgen, und jeden Abend ſeit— o ich weiß nicht, wie vielen Wochen und Tagen— nachgerechnet, und mit Freuden zu einander geſagt haben: „„Nun ſind es nur ſo und ſo viele Tage bis Weihnacht,““ uns iſt es ſo lange jetzt bis Neujahr;z denn denke Dir, die⸗ ſen Abend haͤtten wir ſagen koͤnnen:„„Morgen! mor⸗ gen!““ Thraͤnen erſtickten die Stimme des armen Victor. „Morgen,“ wiederholte Maria,„morgen wirſt Du Deinen Kummer ausgeweint haben, und Dich auf den Neujahrsabend vertroͤſten.“ „Ach der Neujahrsabend iſt doch kein Feſt wie der Weihnachtsabend. Was aber hat auch Weihnacht fuͤr Schoͤnes, ohne Weihnachtsbaum und Luſtigkeit?“ — 8— „Pfui Victor! das war ein haͤßliches Wort! haſt Du ſo wenig bedacht was Weihnacht bedeutet?“ „Weihnachtsabend,“ ſagte die kleine Liſe,„da kommt das liebliche Chriſtuskind, und beſucht alle gute Kin⸗ der, und da ſind ſie alle froh.“ „Ja,“ rief Victor aus,„alle Kinder haben Freude, uns ausgenommen, an unſerer Thuͤr geht das Chriſtuskind voruͤber.“ „Nein, Victor,“ ſagte Maria ernſt,„das Chri⸗ ſtuskind geht an unſerer Thuͤr nicht voruͤber, wenn es uns hier geduldig und liebevoll beiſammen ſitzen ſieht. Der Heelland war ſelbſt ein armes Kind, die armen Kinder ſte⸗ hen ihm am naͤchſten; und oft ſehen wir, daß er ihnen Gaben ſchenkt, welche ſich die Reichen gern fuͤr ihre ganze Herrlichkeit erkauften; denn Geſundheit, gute Eltern, ein gutes Gemuͤth und viele andere dergleichen beſſere Guͤter fehlen oft jenen Armen, die alles haben, was ſich durch Geld erkaufen laͤßt. Weihnacht kehrt uͤberdies jedes Jahr wieder, und kann Dir noch oft bringen, was es Dir dieſes Mal verſagt; auch kannſt Du gar nicht wiſſen, ob es Dir nicht noch eins oder das andere unerwartete Vergnuͤgen bringen koͤnnte.“ Wenn Maria ſo mit Waͤrme redete, weilte auf ihren einnehmenden Antlitze ein unbeſchreiblicher, gleichſam ver⸗ — 0— klaͤrter Ausdruck. Ein inneres Feuer faͤrbte ihre Wangen, und belebte ihre ſonſt ziemlich blaſſe Geſichtsfarbe. Nach und nach, wie Victor ihren Worten aufmerkſam lauſchte, nahmen ſeige Zuͤge einen immer ruhigern Character an; laͤchelnd heftete er ſeine ſchoͤnen, klugen Augen auf die der muͤtterlichen Freundin, und als dieſe ſchwieg, ſchlang er beide Arme um ihren Hals, aus einem aufrichtigen Herzen die gehoͤrige Reſignation verſprechend. Er ſuchte nun ein Stuͤckchen Papier hervor, ſetzte ſich damit neben ſeine kleine Schweſter, und ſchnitt dieſer allerlei Puppen aus. Das Spiel hatte indeſſen doch keinen rechten Fortgang; Beide ſeufzten von Zeit zu Zeit, und ſchienen mit Langer⸗ weile zu kaͤmpfen. Nun kam Mamſell Holm nach Hauſeu und ſagte zu Marieen:„Ja, da haben Sie mich wieder mit leeren Haͤnden; morgen fruͤh aber koͤnnen wir Stine zur Frau Niſſen ſchicken, dann bekommen wir vier Reichsthaler. Sie hatte kein Geld, ehe ihr Mann dieſen Abend ſpaͤt nach Hauſe kommt; dann aber wollte ſie vier Reichsthaler an mich couvertiren, nnd ſie ihrem Maͤdchen geben, da⸗ mit ich morgen, ſo fruͤh ich wollte, das Geld koͤnne ab⸗ holen laſſen. Dann behalten Sie zwei Reichsthaler, und ich helfe mir, ſo gut ich kann, mit den andern beiden zu meinen Weihnachtsgeſchenken.“ Maria dankte der wohl⸗ wollenden Freundin, bedauerte, daß dieſe in der abendlichen Dunkelheit einen ſo wenig angenehmen Gang habe machen muͤſſen, und verließ dann das Zimmer, um die Abendmahl⸗ zeit zu beſorgen. Gleich darauf kam ſie mit Stinen zuruͤck; dieſe trug einen großen Praͤſentirteller mit Thee⸗ zeug, Brod, einer kleinen Schuͤſſel mit gekochten Kar⸗ toffeln und einer kleinen Portion Butter. Waͤhrend Maria nun mit dem Maͤdchen den Tiſch deckte, ſagte ſie:„Seh'n Sie nur wie flink unſere Stine wird, hat ſie doch dieſes Alles ohne Huͤlfe und ohne erinnert zu wer⸗ den, ſo ordentlich und nett beſorgt.“ „Ja,“ entgegnete Mamſell Holm,„Stine kann Ihnen nie genug danken, denn Sie haben ſie eigentlich zu einem Menſchen gemacht; ehe Sie zu mir zogen, war ſie ein recht unbeholfenes Ding.“ Maria nickte dem jungen Maͤdchen, das uͤber dieſes Kinder naͤherten ſich dem Tiſche, und betrachteten den Weihnachtskuchen mit ſo frohen Augen, daß ſie uͤber dieſen Anblick ihren Kummer zu vergeſſen ſchienen. Man ſetzte ſich um den Tiſch und waͤhrend Maria den Thee berei⸗ tete, ſagte ſie:„Wir muͤſſen unſerer guten Holm fuͤr dieſen Weihnachtskuchen ſehr dankbar ſein, er kommt uns dieſen Abend recht gelegen, da unſer uͤbriger Vorrath nur kaͤrglich beſtellt iſt.“ Mamſell Holm zerlegte unterdeſſen den Kuchen, und ſagte:„Ja dieſer iſt, leider Gottes, ziemlich unſanfte Lob ſehr roth wurde, freundlich zu. Die — — 11— auch nicht groß; nun theile ich ihn aber in ſieben Theile, jede von uns Erwachſenen bekommt einen Theil, Stine einen, und jedes der Kinder zwei.“ Die Kleinen laͤchelten vergnuͤgt, als man ploͤtzlich auf der Treppe einen Laͤrm vernahm, begleitet von einer zorni⸗ gen Menſchenſtimme, und klaͤglichem Geheul, wie es ſchien, von einem Hunde. Das Maͤdchen, welches eben wieder eintrat, berichtete:„Es iſt nur ein armer, fremder Hund, der mit der Mamſſell, die oben wohnt, hereingekommen iſt, und den ihr Bruder, der grobe Menſch, die Treppe hin⸗ unter pruͤgelt und ſtoͤßt.“— Es ſchien, als ob das ver⸗ 1 folgte Thier in ſeinem Falle gegen die Thuͤr des Wohn⸗ zimmers taumelte. Victor ſprang hinzu, und durch die von ihm geoͤffnete Thuͤr, ſtuͤrzte ein Hund herein, der, zu ſeinen Fuͤßen hinkriechend, den Knaben mit ſo ruͤhrenden Augen anblickte, als wollte er ihn um Schutz anflehen. Mit der waͤrmſten Zaͤrtlichkeit beugte ſich der Knabe uͤber ihn hinab; die kleine Liſe eilte in derſelben Abſicht hinzu, auch Mamſell Holm und Maria naͤherten ſich, und das arme Thier, welches bald merkte, es ſei in ein freundliches Land gekommen, ſprang mit faſt ungeberdigen Liebkoſun⸗ gen zwiſchen Allen umher. Es war ein ſehr großer, aus⸗ gezeichnet ſchoͤner, getigerter Hund; er trug ein Hals⸗ band mit dem Polizeizeichen, und um dieſes war ein Strick geſchlungen, deſſen zerriſſene Enden ihm nachſchleppten. — 12— Mamſell Holm ſagte:„Das iſt gewiß ein vornehmer Hund! man ſieht es ihm ganz deutlich an. Sicher iſt er ſeinem Herrn verloren gegangen, und von einem Fremden der ihn aufgefangen hat, eingeſchloſſen und gebunden ge⸗ weſen.“ „Ja,“ antwortete Maria,„er ſcheint ſich freilich aus einer Gefangenſchaft losgeriſſen zu haben, das zeigt dieſer Strick, von dem ich ihn jetzt befreien will.“— Sie loͤſete nun den Strick von ſeinem Halſe und ſtreichelte ihn mit ihren kleinen, weichen Haͤnden, die er dankbar leckte, waͤh⸗ rend er mit ſeinen großen, klugen Augen zu ihr empor ſchaute, als verſtaͤnde er wohl zu ſprechen, und wollte es gern, nur fehlte ihm das Organ, um die Worte hervor zu bringen. Das Entzuͤcken der Kinder uͤber dieſen unerwarteten Gaſt war unbeſchreiblich. Jeder Kummer wegen der eben vereitelten Hoffnungen war voͤllig verſchwunden, und nur mit Muͤhe brachte man die Kleinen wieder an den Tiſch. Der Hund ſetzte ſich zwiſchen ſie; ſein Kopf ragte ſo weit uͤber den Tiſch empor, daß er mit Victors Geſicht in glei⸗ cher Linie ſtand. Bittend blickte er ſeine kleinen Nachbarn an; er ſchien einer Erquickung ſehr beduͤrftig, und Victor und Liſe theilten mit herzlicher Freude ihren Antheil mit ihm; ja nicht nur das eine Stuͤck der ihnen zugetheilten Portionen vom Weihnachtskuchen wurde ihm geopfert, auch die Haͤlfte des andern Stuͤcks ſchoben ſie ihm, trotz der Ermahnungen der Mamſell Holm in den großen Ra⸗ chen. Selbſt Maria theilte ihm alles zu, was irgend moͤglich der kleinen Mahlzeit entzogen werden konnte, und ſo zeigte ſich die ſeltene Erſcheinung, daß man gleichſam reicher geworden, indem man den ſchon geringen Vorrath mit einem nothleidenden Fremden gaſtfrei theilte, und die⸗ ſer Fremde war obendrein nur ein Thier. Als nichts Eß⸗ bares mehr im Hauſe vorzufinden war, ſtreckte ſich der Hund behaglich beim Ofen hin. Die Kinder eilten auf ihn zu. Victor ſetzte ſich auf den Fußboden neben ihn, und legte den Kopf des Hundes auf ſeinen Schooß, waͤh⸗ rend Liſe ſich uͤber ihn hinneigte, koſend ihr Geſichtchen gegen ſeine Bruſt druͤckte, und die zarten Arme um ſeinen Hals ſchlang. Nicht lange dauerte es, da war das ganze Triumvirat in einen ſuͤßen Schlummer verſunken. Es war eine reizende Gruppe. Selbſt im Schlaf neigte Vic⸗ tor ſeinen Lockenkopf dem behaarten Freunde zu, und ruͤh⸗ rend war es, das kleine Maͤdchen zwiſchen den ausgeſtreck⸗ ten Pfoten und maͤchtigen Tatzen des großen Thieres zu ſehen. Ihre Roſenwange ruhte auf dem dunkelgefleckten Koͤrper des Hundes, und die blonden Locken breiteten ſich, glaͤnzenden Blumen gleich, uͤber ſeinen Hals aus. Maria betrachtete mit ihrer Freundin laͤchelnd dieſe Gruppe, und Erſtere bemerkte, es gemahne ſie dieſelbe an ein Gemaͤlde, die Unſchuld vorſtellend, in Geſtalt eines Kindes, wie es zwiſchen den Klauen eines Tigers, die Hand in ſeinem Rachen, ruhig ſchlief. Obgleich ſchon die gewoͤhnliche Bettzeit der Kinder heran gekommen, konnte es die Mutter doch nicht uͤber's Herz bringen, ſie zu ſtoͤren, und die beiden fleißigen Freun⸗ dinnen ſetzten ſich unterdeſſen in fluͤſterndem Geſpraͤche zu ihrer Arbeit. „Es giebt,“ hob Maria an,„ein Etwas, ich weiß ſelbſt nicht wie ich es nennen ſoll,— einen Gedanken, eine Vorſtellung,— das mich in truͤben Augenblicken oft auf⸗ gerichtet hat. Es kommt mir naͤmlich vor, als ob immer, wenn mir etwas Unangenehmes begegnete, und mich ver⸗ ſtimmte, gleich ein kleiner Troſt in der Naͤhe geweſen, der ganz unerwartet den ſinkenden Muth empor richtete. Nicht ohne Schaam muß ich geſtehen, daß mir oft uubedeutende Dinge ſehr zu Herzen gehen koͤnnen, wie zum Beiſpiel die⸗ ſen Abend. Die Betruͤbniß der Kinder uͤber ihre getaͤuſch⸗ ten Hoffnungen; Victors Aeußerung, das Chriſtuskind ginge an unſerer Thuͤr voruͤber, verſetzten mich in eine recht trube Stimmung; und ich bin eben ſo kindiſch wie die Kleinen, denn dieſer Hund, der, verfolgt und veritrt, 4 zu uns ſeine Zuflucht genommen hat, macht mir faſt eben ſo⸗ viele Freude wie ihnen; ja es will mich beduͤnken, als ſei er uns von einem unſichtbaren Troͤſter geſandt, auf daß — 6= v auch wir zur Weihnacht etwas unerwartet Angenehmes haben moͤchten.“ Mamſell Holm ſchuͤttelte lachelnd den Kopf:„Da wuͤrde doch eine ſo große, gefraͤßige Beſtie, wenn wir mit ihr belaſtet bleiben ſollten, unſerer kleinen Haushaltung nur zu geringem Gluͤcke gereichen.“ „Das verſteht ſich,“ entgegnete Maria verlegen:„ich meine auch nur, daß uns der Hund fuͤr dieſen Abend ein willkommener Gaſt geweſen.“ „Ja, es wird in den Zeitungen wegen des Hundes ſchon Nachfrage geſchehen; ſicher herrſcht uͤber ſeinen Ver⸗ luſt, wo er zu Hauſe gehoͤrt, große Betruͤbniß; uͤbrigens, liebe Madame Blume, will ich von Herzen wuͤnſchen und glauben, daß Ihnen der liebe Gott in jedem Ihrer truͤben Augenblicke unerwartet Troſt und Huͤlfe ſenden werde, denn Sie verdienen es ſicherlich. Das ganze Land moͤchte man wohl mit einer Leuchte durchſuchen, ohne eine junge Frau von vierundzwanzig Jahren zu finden, die im Beſitz Ihrer Tugenden und Ihrer Denkungsweiſe, und welche eine ſo beiſpielloſe Stiefmutter waͤre. Das ſage ich auch allent⸗ halben wohin ich komme. Waͤhrend des letzten Jahres— ſage ich— da dieſe Frau zu mir gezogen, hat ſich mein einfaches Haus in ein Paradies verwandelt.“ Maria ergriff ihre Hand:„Gute, liebe Holm! — 16=— Sie ſind gar zu gut! Sehn Sie, da habe ich nun wieder eine neue Freude an dieſem Abend, daß Sie ſo zu mir ſprechen; denn oft, ſelbſt noch vor wenigen Stunden, habe ich mit Bekuͤmmerniß gedacht, daß Ihnen ſicher beſſer ge⸗ weſen, als Sie nur fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen hatten. War dann zu Hauſe nichts, da konnten Sie zu Ihren Bekann⸗ ten gehen, wo Sie immer willkommen ſind, und Ihr Haus ſich ſelbſt uͤberlaſſen.“ „Behuͤte Gott! Wie koͤnnen Sie auf ſolche Grillen verfallen! Nicht zu gedenken, daß ich mir in den ſpaͤteren Jahren immer habe ein Maͤdchen halten muͤſſen, dem ich es doch nicht, wenn ſie allein zu Hauſe ſaß, an dem Noth⸗ wendigen konnte fehlen laſſen, bleibt es doch auch nur ein trauriges Vergnuͤgen fuͤr eine arme Perſon, wie ich, die ſchon uͤber die Vierzig hinaus iſt, den ganzen Tag umher laͤuft, um zu unterrichten und zu naͤhen, und mancher Or⸗ ten behandelt wird, als ob man die armſelige Bezahlung erbettelte und nicht ſauer verdiente, fuͤr eine ſolche Perſon, wollte ich ſagen, iſt es nur ein trauriges Vergnuͤgen, Abends in Viſiten zu gehen. Nein, man kann wohl der Zuflucht in einer gemuͤthlichen Behauſung, und eines guten Umganges beduͤrfen, um ſich daran fuͤr den folgen⸗ den Tag zu ſtaͤrken.“ „Ja,“ ſeufzte Maria,„waͤre ich nur im Stande, zu unſerm Auskommen etwas mehr beizutragen!“ — 17— „Aber du lieber Gott! liefern Sie denn dazu nicht treulich Ihren Beitrag? Thun Sie nicht alles Moͤgliche, was in Ihren Kraͤften ſteht? Ihre unbedeutende Einnahme an Zinſen geht, wie recht und billig, zur Erziehung der Kinder hin, aber von Ihrer kleinen Penſion bezahlen Sie ja unſere Feurung und die Haͤlfte der Hausmiethe, nicht zu gedenken, was Ihre fleißigen Haͤnde zu unſerer kleinen Haushaltung beiſteuern. Seh'n Sie! zur Zeit meines Einſiedlerlebens, da wohnte ich erbaͤrmlich. Nur ein Zim⸗ mer hatte ich, mit einem kleinen finſtern Alcoven, in welchem ich mit meinem Dienſtmaͤdchen ſchlief. Tags uͤber war ich aus, und wenn ich ſpaͤt Mittags nach Hauſe kam, eilte ich nur, ein wenig elendes Eſſen aus einer Re⸗ ſtauration zu verſchlucken, dann machte ich mich wieder aus dem Staube. Ging ich nun Abends zu dieſer oder jener Familie, um mich ein wenig zu zerſtreuen, da traf es ſich nicht ſelten, daß ich Fremde vorfand, und mich fuͤr uͤberfluͤſſiig hielt; dann traf ich wieder einmal die Leute in uͤbler Laune, und glaubte mich nicht willkommen. Wurde ich deſſen dann uͤberdruͤſſig, und blieb einen Abend oder zwei zu Hauſe, da ſaß mir meine junge Magd und ſchlief, die Stube war duͤſter und triſt, und keine Seele hatte ich, mit der ich ein vernuͤnftiges Wort ſprechen konnte. Nein, ein armes, einſames Frauenzimmer iſt in der That zu be⸗ klagen, und dennoch gluͤcklich die, welche, wie ich, ſich 2 — 19— ſelbſt ernaͤhren kann und nicht bei Andern das Gnadenbrod zu eſſen braucht. Ja, ich habe bei Alledem dennoch mei⸗ nem Gott fuͤr meine Freiheit und mein eignes Haus, wie es denn auch war, gedankt; was ich aber ſagen wollte: als ich nun ſo große Luſt hatte, dieſe Wohnung zu mie⸗ then, die mich ſo ſehr anſprach, ich aber nicht die Miethe bezahlen konnte, es ſei denn, daß mir der liebe Gott eine gute Miteinwohnerin zuſenden wuͤrde, da war ich ſo gluͤck⸗ lich, mit Ihrem Schwager zuſammen zu treffen, der Sie hierher begleitet hatte, und ſich um ein Unterkommen fuͤr Sie bemuͤhte— fuͤr einige Monate, ſagte er; aber, Gott ſei Dank! die Monate ſind zu einem Jahre geworden, und werden, ſo hoffe ich, zu mehreren werden. Jetzt hab' ich es beſſer, als je zuvor. Hier haben wir doch Jede unſer Schlafkaͤmmerlein, außer der niedlichen Wohnſtube, die mir ſo lieb iſt; und wie allerliebſt iſt nicht Alles hier ge⸗ worden, ſeit Sie aus Fuͤnen Ihre Meublen heruͤber kom⸗ men ließen, und wie ordentlich und ſparſam, und dennoch nett wiſſen Sie unſere kleine Haushaltung einzurichten? Ja, es war eine gute Stunde, da Sie ſich entſchloſſen, hier in Kopenhagen zu bleiben, und vernuͤnftig war es, ob⸗ gleich ich wohl weiß, daß Sie lieber zu Ihrer Schweſter und Ihrem Schwager, die Ihnen ſo theuer ſind, zuruͤck gereiſt waͤren.“ „Ja, leugnen kann ich's nicht, daß ich mich oft nach —y 4—C— — — 19— meiner Schweſter ſehne, daß mein liebſtes Luftſchloß neben ihrem Hauſe, im Zuſammenleben mit ihr aufgebauet iſt, und daß ich an manchem Sommerabend mit Wehmuth daran denke, wie ich in Fuͤnen faſt jeden Abend mit mei⸗ ner lieben Anna luſtwandelte, waͤhrend ihre und meine Kinder vor und um uns her huͤpften. Obgleich ich aber dieſes eingeſtehe, duͤrfen Sie doch nicht zweifeln, daß ich innig erkenne, wie ſehr es zu meinem Gluͤck gereichte, daß ich mit Ihnen zuſammen traf. Sie nahmen mich ſo freundlich bei ſich auf, und oͤffneten mir den Weg, durch meiner Haͤnde Arbeit zu verdienen, was zu meinem eignen und der Kinder Unterhalt fehlte. Seh'n Sie, auch damals, als die Noth am groͤßten, war Huͤlfe am naͤchſten. Meine Schweſter und mein Schwager haben eine große Familie, und nur ein ſpaͤrliches Auskommen; bei ihnen konnte ich nicht ſein. Ich erinnere mich noch ſo lebhaft meiner Ge⸗ fuͤhle, als ich hierher kam; mein Herz war ſchwer, ich kam, um eine Wittwenpenſion zu ſuchen; man ſagte mir gleich vorher, dieſe wuͤrde eben nicht bedeutend werden; ich ſah' keinen Ausweg, dieſe beiden Kinder, die ich ſo innig liebte, die mir von ihrem ſterbenden Vater auf's Gewiſſen gebunden waren, zu ernaͤhren, noch weniger, ſie zu erziehn. Ach! er glaubte, ſo ihr, wie mein Schickſal zu ſichern, in⸗ dem er mich ihnen zur Mutter gab, da er ſelbſt ſie verlaſſen mußte. Doch das Recht, ſie mir vor den Augen der Welt * 2* — 20— aneignen zu duͤrfen, war Alles, was wir durch dieſen Schritt gewannen; aber— auch dafuͤr danke ich ihm.“ Nach einer kleinen Pauſe ſagte Mamſſell Holm: „Ich erinnere mich eines Umſtandes, den ich Ihnen zu erzaͤhlen vergeſſen habe. Neulich kam, in einem Hauſe, wo ich Unterricht gebe, die Rede auf Sie; es war eben ein Mann aus Fuͤnen anweſend, ein ſehr vernuͤnftiger Mann, und dieſer behauptete, es ſei mit dem Nachlaſſe Ihres ſeli⸗ gen Mannes unverantwortlich verfahren worden; der ſelige Kammerrath Blume habe immer fuͤr einen ſehr vermoͤ⸗ genden Mann gegolten, und er ſelbſt habe ſich dafuͤr ge⸗ halten; es ſei ſe chmaͤhlich wenn man bedaͤchte, daß ſein gan⸗ zes Vermoͤgen auf fuͤnftauſend Reichsthaler, das ganze Erbe, was ſowohl Sie als die Kinder erhielten, zuſammen geſchmolzen ſei. Wenn der Kammerrath das ſehen koͤnnte, ſagte eben derſelbe vernuͤnftige Mann, er wuͤrde ſich in ſeinem Grabe umkehren.“ „Das wuͤrde er kaum. Er wuͤrde einſehen, daß er ſeine öͤconomiſche Lage ſelbſt nicht gekannt habe. Ich glaube nicht, daß die Verlaſſenſchaft unrechtlich behandelt worden. Mein Schwager war in meinem Namen zuge⸗ gen und hat ſicher ſowohl mein wie der Kinder Intereſſe wahrgenommen. Solche Faͤlle ſind ja aber in unſeren Zeiten nichts Ungewoͤhnlichesn“ „Nun ja, dem ſei wie ihm wolle, Alles kann noch ſehr — 2à— gut werden. Ich habe eine Ahnung, daß Sie bald ein großes Gluͤck machen werden. Glauben Sie nur, es ge⸗ ſchehen bei mir oft Nachfragen in Betreff der ſchoͤnen Dame, die bei mir wohnt, und das hauptſaͤchlich von Her⸗ ren, ſowohl jungen als alten. Geben Sie nur Acht! Es kommt ſchon der Tag, da ſich ein reicher und braver Mann, als redlicher und annehmbarer Freier hier einfindet.“ Maria lachte:„Nein, das hat ſicher keine Noth. Ernſtlich um eine arme Wittwe mit zwei Kindern zu freien, darauf wird ſich wohl Jeder bedenken.“ „Aber geſetzt nun den Fall, daß wirklich Einer in die⸗ ſer Abſicht kaͤme, wuͤrden Sie dann nicht einwilligen? Wuͤrden Sie nicht mit Freuden einen guten, wohlhabenden Mann heirathen?“ „Ach nein, das, deucht mir, koͤnnte ich doch nicht. Es ſcheint mir weit beſſer, mit meinen Kindern ſtill und kaͤrglich, aber in Freiheit und Liebe zu leben, als ſie und mich dem Willen eines Fremden zu unterwerfen“ „Eines Fremden! Wenn Sie ihn aber liebten, dann waͤre er ja kein Fremder mehr.“ „Ja wenn ich ihn liebte!“ „Waͤre es denn unmoͤglich, daß Sie einen braven und ſchoͤnen Mann lieben koͤnnten?“ „Ich halte es fuͤr unmoͤglich, jemals wieder in dem Sinne lieben zu koͤnnen.“ „Jemals wieder! Du lieber Gott! Werden Sie nie Ihren ſeligen Mann vergeſſen koͤnnen? Sie blicken mich verwundert an! Sie werden blutroth. Ei Du mein Gott! Sie brauchen ſich der Trauer um Ihren ſeligen Gatten wahrhaftig nicht zu ſchaͤmen. Nun iſt er aber ſeit zwei Jahren todt. Sie ſind noch ſo jung, und auf⸗ richtig geſprochen, Sie ſind ja nie mit ihm verheirathet ge⸗ weſen, denn der Kammerrath war ja ſchon vom Arzte auf⸗ gegeben, als Sie mit ihm getraut wurden.“ Maria ſchwieg, und blickte auf ihre Arbeit hinab; endlich hob ſie wieder an:„Ach, meine gute Freundin! Es geht in eines Menſchen Sinne Vieles vor, woruͤber man nicht ſich ſelbſt, und weit weniger Andern Rechenſchaft ablegen kann.“ „Nun, nun, meine Beſte! ich will nicht weiter in Sie dringen. Das wuͤrde auch Unrecht ſein; denn es hat mich recht aufgeheitert, hier mit Ihnen zu plaudern; ich will es nur geſtehen, ich war auch verſtimmt, als ich nach Hauſe kam. Ich kann mich uͤber ein ſo dummes Ding, wie die⸗ ſes Fraͤulein Emma, recht aͤrgern. Ihresgleichen ſcheint zu meinen, uͤber jede menſchliche Widerwaͤrtigkeit, uͤber jede Truͤbſal erhaben zu ſein, und nie werde an ſie die Reihe kommen koͤnnen. Weil ſie nicht Luſt hat aufzuſtehen oder ihre Geſellſchaft nur auf einen Augenblick zu verlaſſen, der noͤthig waͤre, um in eine andere Stube zu gehen und ihren — — 2535— Geldkaſten zu oͤffnen, laͤßt ſie lieber einen armen Arbeiter ſchweren Herzens nach ſeiner oͤden und leeren Heimath zu⸗ ruͤckkehren. Eine ſolche Perſon weint nicht ſelten, weil ſie den Staat nicht fertig bekommen kann, den ſie zu einem beſtimmten Abende, da ſie ſich putzen ſoll, beſtellt hat, und meint, man koͤnne gern die Nacht aufſitzen, um ihr den⸗ ſelben fertig zu ſchaffen; daß aber Diejenige, welche die Nacht aufgeſeſſen, und fuͤr ſie geſklavt hat, nicht wei⸗ nend von ihr gehen ſolle, daran denkt eine ſolche Perſon nicht.“ „Ja, liebe Holm! Das iſt eben die Sache: Man denkt nicht daran. Wuͤrde Jemand ein Maͤdchen, wie dieſes Fraͤulein, auf das Ungerechte in ihrem Betragen auf⸗ merkſam machen, ſie wuͤrde daſſelbe ferner ſicher zu vermei⸗ den ſuchen. Die ſogenannten Gluͤcklichen kennen das Le⸗ ben nur halb, deshalb leben ſie wirklich auch nur halbp, und wir Andern, die wir ſowohl Freud' als Leid kennen, die wir in unſerm Innern gleich empfinden und verſtehen, was Andere fuͤhlen, wir ſind im Grunde die Gluͤcklichen; denn wir haben, im rechten Sinne des Wortes, gelebt, bevor wir ſtarben. Dieſes junge Maͤdchen aber, von dem hier unter uns die Rede iſt, haben Sie doch, deucht mir, fruͤher gelobt. Sie haben geſagt, es ſei ein Vergnuͤgen, ſie zu unterrichten.“ „Das iſt freilich wahr, ſie hat Anlage zum Sticken — 24— und zur Erfindung mancher Veraͤnderungen in ihrer Ar⸗ beit, und Alles, was ſie beginnt, kann ſie gut zu Ende bringen. Aber das hat doch Grund, was mir neulich die Haushaͤlterin ſagte: Sie hat von dem Nothwendigſten gar keine Kenntniß: ſie wiſſe kaum, daß die Bruͤhe auf Fleiſch gekocht werde, noch koͤnne ſie ſehen, daß in ihrer Stube fingerdicker Staub liege. Bisweilen ſitzt ſie und weint, Keiner weiß weshalb, nicht einmal ſie ſelbſt weiß Neulich Tags, ſagte die Haushaͤlterin, ſei ein großer Laͤrm geweſen. Das Fraͤulein ſei in der Stube umher geſprun⸗ gen, habe vor ihrem Vater den Tiſch umgeworfen, und dabei ſeinen Vorrath an Taback verſchuͤttet, der ſich in einem großen Glaſe befand; als Papa hieruͤber muͤrriſch geworden, ſei ſie auf ihn zugeflogen, habe ihm ſeine kleine Peruque vom Kopfe genommen, dieſe auf ihren Fuß ge⸗ ſetzt, und ſolchermaaßen mit derſelben umhergetanzt, bis ſie ausgeſehen, daß ſich Gott erbarme. Es waren auch junge Herren zugegen; dieſe lachten, was ſie nur konnten; der alte Etatsrath aber wurde boͤſe und ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Er vergoͤttert uͤbrigens das Maͤdchen; den⸗ noch aber wuͤnſcht er ihrer los zu werden, und ſie an den Mann zu bringen. Da iſt ein junger Mann, der Sohn eines Obriſten, der ihr Haus beſucht, den haͤtten ſie gern zu ihrem Freier. Er beſitzt ein Gut in Seeland, das es; zu anderen Zeiten iſt ſie wie ein wilder, toller Bube. — 25— er nach ſeinem Onkel geerbt hat; gegenwaͤrtig aber iſt er hier in der Stadt. Uebrigens ſagt die Haushaͤlterin: „„Schade waͤr's, wenn ſie ihn bekaͤme, er iſt gar zu gut fuͤr ſie; beſſer waͤr's, ſie bekaͤme ſeinen juͤngeren Vruder.“ — Ich habe ſie alle Drei geſehen. Der Obriſt iſt ein ſchoͤner Mann, in der That! er ſieht noch ganz jung aus, und hat ein unbeſchreiblich angenehmes Weſen. Keiner der Soͤhne iſt ſo ſchoͤn, wie der Vater. Die Soͤhne uͤbri⸗ gens waren es, welche dieſen Nachmittag den Etatsrath heimgeſucht hatten; deshalb konnte wohl Fraͤulein Emma das Zimmer nicht verlaſſen.“ Maria, die ſchon laͤngſt den Faden dieſer Unterre⸗ dung verloren hatte, erhob ſich nun, um die Kinder zu wecken. Mamſell Holm rief das Maͤdchen herein, er⸗ theilte ihr ſehr weitlaͤufigen Beſcheid wegen des Geldbriefes, der am folgenden Morgen von der vorerwaͤhnten Dame abgeholt werden ſollte, und ſagte dann gute Nacht. Als die Kinder, mit ihrem vierbeinigen Schlafgefaͤhrten wach geworden, ſtritten ſich Erſtere, wer von ihnen des Gluͤckes theilhaftig werden ſollte, den Hund, waͤhrend der Nacht, in ſeiner Naͤhe liegen zu haben. Maria's Urtheil that den Ausſchlag zu Gunſten Victors. Die kleine Liſe ſchlief in der Mutter eignem Schlafkabinet, Victor hingegen in einem Kaͤmmerlein hinter dieſem, wo nicht mehr Platz war, als zu ſeinem Bette, einem Stuhle und amn— — 26— einem kleinen Tiſche, welcher Letztere aus dem Kaͤmmerchen entfernt wurde, um dem großen Hunde Platz zu machen, dem ſein Nachtlager auf einer Decke angewieſen wurde, die ihm Victor vor ſeinem Bette ausgebreitet hatte. Bevor er zur Ruhe ging, ſagte er:„O, liebe Mutter! wie hatteſt Du doch Recht! Dies iſt ein ſo herrlicher Weihnachtsabend geweſen, daß ich an den morgenden gar nicht denke.“ Waͤhrend der Nacht erwachte mehrmals der Knabe, und ſtreckte die Hand nach dem Hunde aus, um ſich zu uͤberzeugen, ob er noch da, oder ob die ganze Gluͤckſeligkeit nur ein Traum ſei. Spaͤt am folgenden Mittage eilte Mamſell Holm, das Intelligenzblatt in der Hand, nach Hauſe, und rief, indem ſie hinein trat:„Was hab' ich geſagt! Hier ſteht die Nachfrage wegen des Hundes. Ihr koͤnnt ſelbſt ſehen daß er es iſt, das leidet gar keinen Zweifel! Der Hund iſt ſeit vielen Tagen fortgeweſen; dem Bringer werden fuͤnf Reichsthaler Belohnung zugeſichert. Sieh', das iſt Dein Gluͤck, Victor! da kannſt Du heut' Abend doch noch einen Weihnachtsbaum bekommen. Der Hund hoͤrt auf den Namen Tiger, ſteht da. Laß ſeh'n! Tiger... Tiger... Sieh', da kommt er gleich.“ „Ach,“ rief Victor,„wem haͤtte das einfallen koͤn⸗ nen? Iſt das ein paſſender Name fuͤr ein ſo frommes * —— ——— — 27— Thier? Alle Hundenamen, die ich kannte, habe ich ver⸗ ſucht. Aber es bedarf keines Namens fuͤr den gehorſamen Hund. Er kam bei dem kleinſten Wink. O Tiger! Tiger! gutes, liebes Thier!“ Bei dieſen Worten um⸗ armte er den Hund mit Thraͤnen in den Augen. „Aber Junge! biſt Du von Sinnen?“ rief Mamſell Holm:„Ich glaubte meine Sachen recht gut zu machen, und Dich zu erfreuen; deshalb lief ich mit der Zeitung, und eilte was ich nur konnte, um nach Hauſe zu kommen, weil es ſchon ſpaͤt iſt, und bald dunkel wird.“ „Ja, vielen Dank, gute Holm! aber ich wollte ſo ungern den Hund verlieren.“ „Gott ſei mir gnaͤdig! Du willſt doch wohl nicht Leuten ihr rechtmaͤßiges Eigenthum vorenthalten? Das darfſt Du nicht einmal.“ „Nein, lieber Victor! das darfſt Du nicht,“ wieder⸗ holte Maria:„Sobald wir gegeſſen haben, muß der Hund nach Hauſe geſchickt werden.“ Victor wendete ſich ab, und verbarg ſeine Thraͤnen. „Dagegen aber bekommſt Du fuͤnf Reichsthaler,“ ſagte Mamſell Holm:„dann kannſt Du Dir einen Farbe⸗ kaſten kaufen, und das Uebrige, was Dir verſprochen iſt, bis auf den Weihnachtsbaum, denn das wird wohl zu ſpaͤt; aber Licht und Kuchen koͤnnt Ihr wohl bekommen, Kinder!“ Maria nahm Mamſell Holm bei Seite und fluͤſterte: 4 „Es ſcheint mir ſo ſonderbar, von Leuten Geld zu nehmen, um ihnen ihr Eigenthum zu bringen; das muß man ja umſonſt thun.“ „Ei, daß ſich Gott erbarm'!“ rief Mamſell Holm aus:„das waͤre doch wohl nicht Recht, ſo vornehm zu thun, und Victor an eine ſo honnette Ambition gewoͤh⸗ nen zu wollen. Es waͤre ja auch Unrecht gegen die Kin⸗ der. Laſſen Sie die armen Dinger nun ihre Weihnachts⸗ freude genießen!“ Maria erroͤthete, ſchwieg aber, und ſobald das kaͤrg⸗ liche Mittagsmahl beendet, und mit dem Hunde treulich getheilt war, machte ſich Victor ſelbſt bereit, ſeinen Gaſt, in deſſen Halsband er ſein Taſchentuch befeſtigt hatte, fort zu fuͤhren. Die Freude, mit ſeinen theueren Gefangnen die ganze Stadt durchwandern zu ſollen, ſchien ihn uͤber den Verluſt deſſelben einigermaaßen zu troͤſten; er fuͤhlte ſich gleichſam ſtolz, das große Thier dergeſtalt in ſeiner Macht zu haben. Als es unterdeſſen dunkel geworden, erhielt Stine die Weiſung, ihn nach dem in der Zeitung angedeuteten, weit entlegenen Hauſe, und darauf nach den Laͤden zu begleiten, wo er die ihm und Liſen verſproche⸗ nen Sachen ankaufen konnte; denn, ſo war es ihm er⸗ laubt, dazu durfte er die ganze Summe der zu erwartenden fuͤnf Reichsthaler verwenden.— Kummer und Freude kaͤmpften in der Seele des Knaben. Waͤhrend Mamſell — 29— Holm ihm und dem Maͤdchen weitlaͤuftig aus einander ſetzte, wohin ſie ihre Schritte lenken ſollten, um den vor⸗ theilhafteſten Einkauf zu machen, blickte er ſie mit freude⸗ trunkenen Augen an; dann aber wendete er ſich zu dem Hunde, und gleich wurde ſein Geſicht recht innig betruͤbt. „Ach!“ ſagte er,„lieber Tiger! wer weiß, ob wir uns in dieſer Welt wieder ſehen werden!“ Er ſtand einen Au⸗ genblick und betrachtete den Hund, waͤhrend dieſer, ſeiner⸗ ſeits, mit wedelndem Schwanze ſeine Augen auf den Kna⸗ ben richtete.„Seht, wie ruͤhrend er mich anblickt; er weiß, daß er mir Lebewohl ſagt. Koͤnnte ich ihn doch ſo zeichnen!“ rief er, ergriff eilig einen Bleiſtift, und ent⸗ warf, in wenigen Zuͤgen, auf der Ecke des Intelligenz⸗ blattes, welches eben auf dem Tiſche lag, das Bild des Hundes. Endlich, nachdem ſowohl er als Liſe unter haͤu⸗ figen Thraͤnen das liebe Thier gekuͤßt, und ſelbſt Maria einen freundlichen Abſchied von ihm genommen hatte, be⸗ quemte ſich Victor, in Begleitung der jungen Stine, die mit jugendlichem, herzlichem Gelaͤchter dieſer Scene beigewohnt hatte, ſeine Wanderung anzutreten. Mamſell Holm ſchickte ſich nun auch an, zu gehen; kehrte aber mit wichtiger Miene zuruͤck, und ſagte:„Hoͤ⸗ ren Sie! dieſer Tag iſt ſicher gluͤcklich. Es iſt bei uns viele Arbeit beſtellt worden, woruͤber ich Ihnen morgen das Naͤhere erzaͤhlen will, wenn mir beſſer Zeit wird; doch muß ich Ihnen dieſe Stickerei, Sie ſehen wohl, es iſt ein angefangenes Sophakiſſen, gleich uͤberliefern. Madame Soͤrenſen, der es gehoͤrt, iſt der Arbeit uͤberdruͤſſig, und mag ſie nicht fertig naͤhen; das Kiſſen ſoll um einen Mo⸗ nat zu einem Brautgeſchenk dienen, weshalb Sie ſich be⸗ eilen muͤſſen.— Und, ſehen Sie nur! alles Garn, dop⸗ pelt ſo viel, wie Sie dazu gebrauchen koͤnnen, zum Werthe von drei Reichsthalern, hat ſie mir fuͤr einen Reichstha⸗ ler uͤberlaſſen.“ „Nun,“ ſagte Maria,„da Sie meinen, der Tag ſei gluͤcklich, was ich auch glauben will, da es Weihnachts⸗ abend iſt, ſo will ich meine Arbeit gleich angreifen, bevor Victor kommt, und zu der Einrichtung des kleinen Feſtes fuͤr die Kinder meine Huͤlfe in Anſpruch nimmt; unter⸗ deſſen will ich anfangen, dieſes Garn, das mir ziemlich unordentlich behandelt ſcheint, abzuwickeln.“ So ſprechend ergriff ſie die vorerwaͤhnte Zeitung, und Victors Zeich⸗ nung nicht bemerkend, legte ſie dieſelbe zuſammen, und bewickelte ſie auf allen Seiten mit Garn. Sie ſaß unter⸗ deſſen allein, denn Mamſell Holm hatte ſich entfernt, Lieschen war in einem Winkel des Zimmers eingeſchla⸗ fen, und bei der leichten Arbeit, die ſie beſchaͤftigte, wollte es ſie beduͤnken, als ob ſich ein Gefuͤhl der Zufriedenheit, eine Vertroͤſtung auf eine hoͤhere Lenkung, einer gluͤcklichen Ahnung gleich, erquickend ihrem Herzen zuneigte. II. In dem Hauſe, wohin die eben erwaͤhnte, kleine Cara⸗ vane ihre Schritte lenkte, wohnte gerade der von Mam⸗ ſell Holm vorher genannte Obriſt, Namens Lidner, mit ſeinen beiden Soͤhnen. Er ſelbſt ſaß in der Daͤmmerung neben einem hell lodernden Ofenfeuer, und rauchte eine Cigarre. Auf gleiche Weiſe beſchaͤftigt ſaß vor ihm ſein aͤlteſter Sohn Adolph, waͤhrend Philipp, der Juͤngere, heftig redend vor ihm ſtand. Er hatte eben ſeine Rede unterbrochen, um ſeine Cigarre wieder anzuzuͤnden. Mit einer ironiſchen Miene ſagte der Obriſt:„Ich muß Dich darauf aufmerkſam machen, das es eine ſchwierige, equilibriſtiſche Uebung iſt, zu gleicher Zeit predigen und rauchen zu wollen; woruͤber aber disputirt Ihr eigent⸗ lich? Dreht ſich um Emma der Streit?“ „O, mein Gott!“ antwortete Adolph,„die ganze Geſchichte iſt keine Pfeife Taback werth, und ich haͤtte ſelbſt nicht einmal etwas davon gewußt, wenn mich nicht Philipp vorhin, als wir allein waren, gleichſam von meiner mir unbewußten Suͤnde in Kenntniß geſetzt haͤtte. Er behauptet, ich habe mich entweder einer galanten Falſch⸗ heit ſchuldig gemacht, oder auch ich liebe Fraͤulein Emmaz ich dagegen behaupte, weder des einen noch des anderen ſchuldig zu ſein. Die ganze Sache iſt die: als wir geſtern bei Groͤndals beiſammen waren, konnte das Fraͤulein nicht ablaſſen, mir eine verſtimmte und uͤble Laune zuzu⸗ ſchreiben, die ſich, ſo behauptete ſie, vom Kummer uͤber den Verluſt meines Hundes herſchriebe. Unter den da⸗ durch veranlaßten hundert und aber hundert Witzen, die mich, die Wahrheit zu ſagen, langweilten, fragte ſie auch: wenn mir der Verluſt eines Hundes ſo nahe zu Herzen ginge, was ich dann thun wuͤrde, wenn ich meine Geliebte verloͤre?— Ich habe keine, antwortete ich, kann demnach auch keine verlieren.— Haben Sie keine? fragte ſie: Haben Sie Ihre Geliebte denn ſchon verloren?— Meine Verſicherungen, nie eine Geliebte gehabt zu haben, leiteten ſie auf allerlei Aeußerungen, durch welche ſie endlich veran- laßt wurde, mich zu fragen, wie das Frauenzimmer eigent⸗ lich ſein ſolle, das ich lieben koͤnne?“ „Ja,“ rief Philipp aus,„und darauf antwortete mein Herr Bruder: ſo wie Sie, mein Fraͤulein!“ „Nein, nein nicht ganz ſo. Ich antwortete: Das iſt eine Gewiſſensfrage, die kein Mann aufrichtig beantwor⸗ ten kann, wenn ſie ihm von einer ſchoͤnen Dame vorgelegt wird; denn es liegt die Antwort gar zu nahe: Diejenige, — 33— welche ich lieben koͤnnte, muß ſo ſein, wie Sie.— Ant⸗ wortet der Mann dieſes nicht, ſo macht er ſich eines Man⸗ gels an Galanterie ſchuldig; lautet dahingegen ſeine Ant⸗ wort ſo, dann ſetzt er ſich der Verlegenheit aus, einen Korb zu bekommen, und keins von beiden iſt angenehm.“ „Ja!“ rief Philipp,„nun frage ich Dich, Vater; iſt dies nicht entweder eine Liebeserklaͤrung oder eine Spitzfin⸗ digkeit, die ſo viel ſagen ſoll, als dieſes ſei eine Frage, die keine Dame einem Manne machen muͤſſe?“ „Das geſtehe ich ein,“ ſagte Adolph,„ein ſolcher Ge⸗ danke fuhr mir durch den Sinn; ich fand es taktlos, mich in ein Geſpraͤch uͤber meine Herzensangelegenheiten ver⸗ wickeln, noch mehr, mich dahin bringen zu wollen, die Worte auszuſprechen, die Du mir vorhältſt, welche ſie mir aber ſelbſt in den Mund legte.“ „Und die Du auch ganz richtig ausſprachſt.“ „Nicht als eine Liebeserklaͤrung ſprach ich ſie aus. Ungalant war ich, das iſt das Ganze, was mir kann vor⸗ geworfen werden.“ „Ei was!“ ſagte der Obriſt mit verdrießlicher Miene: „das Ganze iſt Gewaͤſch. Sollten wir Menſchen fuͤr je⸗ des ſolche unnuͤtze Wort Rechenſchaft ablegen, die Ewigkeit wuͤrde ja kaum hinreichen, fuͤr eine ſo weitlaͤuftige Duhe halterei.”“ „Da halte ich es fuͤr eine große Suͤnde,“ fuhr Phi⸗ 3 — 34— lipp fort,„einem unſchuldigen Herzen Hoffnungen ein⸗ zufloͤßen, und ſeine Ruhe zu vergiften.“ „Der Meinung bin ich auch,“ ſagte Adolph,„aber ein ſolches Wort“.— Der Obriſt unterbrach ihn:„Die Ruhe und das Herz, die von ſo Wenigem crepiren koͤnn⸗ ten, muͤßten denn doch fuͤr Gift verteufelt empfaͤnglich ſein. Uns Maͤnnern kommt es zu, die Cour zu machen, wann wir koͤnnen; den Weibern aber gebuͤhrt es, ſich ſo vieler Einſicht zu befleißigen, daß ſie Scherz vom Ernſt unterſcheiden koͤnnen. Sie ſollen nicht ſo eitel ſein, zu glauben, man werde gleich aus lauter Liebe zu ihnen ſter⸗ ben. Und was Emma betrifft, die iſt wohl gar zu ge⸗ wohnt, ſich ſchoͤne Dinge ſagen zu laſſen, als daß ſie ſo unſchuldig ſein ſollte.“ „Unſchuldig!“ rief Philipp:„Ja, unſchuldig iſt ſie, wie eine weiße Taube, obgleich Keiner, der ſich ihr naͤ⸗ hert, umhin kann, ſie anzubeten. Sie entfaͤrbte ſich bei Adolphs Worten, das arme Maͤdchen; die Thraͤnen traten ihr in die Augen; und wie konnte ſie auch gegen ihre eignen Vorzuͤge ſo blind ſein, daß ſie den Gedanken haͤtte abweiſen koͤnnen: Adolph und jeder Mann in der Welt koͤnne ſich nie ein ſchoͤneres Loos wuͤnſchen, denn ein Maͤdchen, wie Emma, Keiner koͤnne dergleichen ſagen, ohne es zu meinen, Mancher aber koͤnne es meinen, ohne es ausſprechen zu duͤrfen.“ — 35.— „Ich meine es nicht und habe nicht daran gedacht, es auszuſprechen. Ich denke mir meine Geliebte anders, ja faſt entgegengeſetzt. Ich will mir keine prahlende Tulpe waͤhlen, welche die Blicke jedes Voruͤbergehenden auf ſich zieht; ich wuͤnſche mir ein beſcheidenes Bluͤmchen, deſſen feine Farbenmiſchungen nur von feinen Augen geſehen wer⸗ den koͤnnen, deſſen Duft ſich uͤber meine Wohnung aus⸗ breitet, und mir, beim Eintritt in dieſelbe, erquickend ent⸗ gegen wallt.“ „Und wo waͤchſt dieſe ſeltene Pflanze?“ „Das weiß ich nicht. Bisweilen will es mich beduͤn⸗ ken, als ſchwebe meiner Erinnerung das Bild einer ſolchen Lilie vor; doch glaube ich, es muß ein Traum ſein, denn ich wuͤßte nicht, wo ich es hinfuͤhren ſollte.“ „Ja, Gott behuͤte! Traumbilder zu beurtheilen, dar⸗ auf kann man ſich nicht einlaſſen; und uͤberhaupt halte ich es nicht fuͤr paſſend, das Geſpraͤch uͤber einen Gegen⸗ ſtand fortzuſetzen, der in der That gar zu heilig iſt, um auf dieſe Weiſe verhandelt zu werden.“— So ſprechend, verließ Philipp das Zimmer. Der Obriiſt blickte ihm laͤchelnd nach, und ſagte:„Ar⸗ mer Junge! Er iſt ſtaͤrker angeſchoſſen, als fuͤr einen Lieutenant ohne Vermoͤgen dienlich. Freilich iſt das Maͤdchen reich; aber ſie kuͤmmert ſich nicht um ihn, viel⸗ mehr, es ſcheint mir, ſie habe ihn zum Beſten.“ 3* — 36— „Ja,“ ſagte Adolph,„mir iſt ſchon vorigen Winter, als ich hier zur Stadt gekommen, und meine alte Bekannt⸗ ſchaft mit dem Groͤndalſchen Hauſe erneuert hatte, ſeinetwegen ganz uͤbel zu Muthe geweſen; ſpaͤter aber habe ich mich durch eine Betrachtung, die ich in dieſer Veran⸗ laſſung anſtellte, einigermaßen beruhigt gefunden. Ich habe naͤmlich zu bemerken geglaubt, daß in ſeiner enthu⸗ ſiaſtiſchen Leidenſchaft fuͤr Fraͤuliin Emma mehr Ei⸗ telkeit, als wahre innige Liebe zu finden ſei. Ihre Schoͤn⸗ heit, ihre Talente wuͤrden in ſeinen Augen einen Theil ih⸗ res Zaubers verlieren, wenn ſie aufhoͤrten ein Gegenſtand des Geſpraͤchs und der Bewunderung der Welt zu ſein.“ „Ja einer ſo ſtrengen Unterſuchung kann man in der That auch nicht unſere menſchlichen Gefuͤhle unterwerfen; und unter die verſchiedenen Elemente, aus denen ſich Liebe bildet, iſt ſicher nicht als das Geringſte zu rechnen, daß die Welt unſere Wahl billige, ja ſogar unſer Gluͤck beneide.“ „Das ſcheint mir nicht ſo. Selbſt ſeit meinen Kna⸗ benjahren habe ich Numas Loos geprieſen: das Loos deſſen, der in dem einſamen Walde, von menſchlichen Au⸗ gen ungeſehen, mit ſeiner weiſen und ſchoͤnen Esperia zuſammen traf. Aber Gluͤckſeligkeit darf gerne ein My⸗ ſterium ſein, unbekannt den Uneingeweiheten, die es nicht verſtehen koͤnnen.“ Der Obriſt ſchwieg einen Augenblick, dann nahm er = 97— wieder das Wort:„Nach Allem, was zwiſchen uns ge⸗ ſprochen worden, koͤnnte ich ja freilich Bedenken tragen, Etwas vorzubringen, welches, Dir mitzutheilen, ich die erſte Gelegenheit zu ergreifen beſchloſſen hatte. Ich muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht Emma Dich allen andern Maͤnnern vorzoͤge. Du blickſt mich ſtaunend an; aber es beruht vielleicht eben nur auf dem Umſtande, daß Du der Einzige biſt, der ihr nicht die Cour macht. Das Unge⸗ woͤhnliche beſchaͤftigt immer, und Widerſtand feſſelt den⸗ jenigen, dem nie widerſtritten worden, deshalb aber eben ſich uͤber ſein Gluͤck langweilt, und dies iſt, glaube ich, mit Emma der Fall. Hoͤre mich ruhig an, laß mich zu Ende reden: das Maͤdchen iſt huͤbſch, und hat Ver⸗ ſtand; ſie iſt ein verzogenes Kind, und von Schmeichelei verwoͤhnt; geraͤth ſie aber einem vernuͤnftigen Mann in die Hand, und liebt ſie dieſen, da kann ſie ein braves Weib werden und jedem Hauſe zur Ehre gereichen. Sieh' nun! Du haſt wirklich immer das Gluͤck mit Dir gehabt. Du beſitzeſt eine Gabe, Herzen zu gewinnen. Schon als Kind gewannſt Du das Herz Deines braven Lehrers, der Dich nicht laſſen wollte, ſondern Dich entnahm nach Odenſee, wo er angeſtellt war. Spaͤter gewannſt Du das Herz Deines Oheims in dem Grade, daß er Dich zu ſeinem Erben einſetzte. Jetzt biſt Du wegen der letzten Summe in Verlegenheit, die Du, nach dem Teſtamente, den — 38— holſteiniſchen Verwandten ausbezahlen ſollſt, und.... nun iſt das alte Gluͤck da, nun gewinnſt Du wieder ein Herz; ein reiches Maͤdchen ſcheint an Dir Gefallen zu finden, ihr Vater ſcheint denſelben Wunſch zu hegen; er erzaͤhlte mir ganz unaufgefordert, wie groß ihre Mitgift ſei; dieſe betraͤgt bei Weitem mehr, als Du fuͤr den Au⸗ genblick bedarfſt. Huͤte Dich nun, Dein Gluͤck zu erzuͤr⸗ nen, indem Du es von Dir ſtoͤßt. Haͤtte ich noch das Vermoͤgen, was ich vor zehn Jahren beſaß, da koͤnnte ich Dir ſelbſt helfen; Du weißt aber, das iſt dahin. Die einzige unangenehme Seite bei einer Partie zwiſchen Dir und Emma, iſt Philipps Liebe zu demſelben Maͤdchen; er wuͤrde aber doch keinen Falls der Gluͤckliche werden.“ „Deſſen ungeachtet,“ entgegnete Adolph,„wuͤrde ich mich auf keine Weiſe zwiſchen ihn und ſeine Wuͤnſche ſtellen; wie dem aber auch ſei, Emma iſt nicht das Maͤd⸗ chen, das ich lieben koͤnnte. Meine Freiheit iſt mir noch koſtbarer als mein Gut; was uͤbrigens meine augenblick⸗ liche Verlegenheit betrifft, ſo iſt die ſo gut wie gehoben. Der alte Kaufmann Jiſſen, der mit dem ſeligen Onkel in Verbindung ſtand, hat mir das beſte Verſprechen gege⸗ ben, mir die zweitauſend Reichsthaler, die ich, laut Ueber⸗ einkunft, zum naͤchſten Junitermin, den holſteiniſchen Verwandten auszahlen ſoll, gegen Sicherheit in meinem Gute, vorſchießen zu wollen. So viel ich einſehn kann⸗ — 39— wagt er bei dem Darlehn dieſer Summe nichts. Die Un⸗ bedeutendheit derſelben im Verhaͤltniß zum Ganzen hat mich in dieſer Verlegenheit, in die ich auch nur durch die Dir bereits mitgetheilten, unerwarteten Umſtaͤnde gerathen bin, am meiſten geaͤrgert. So iſt ja aber nun meine groͤßte Sorge gehoben, denn damit ſind dieſe Auszahlungen zu Ende, und uͤbrigens muß ich mich durchzuſchlagen ſu⸗ chen, wie ich es bisher gethan habe. Es wird ja mit je⸗ dem Jahre beſſer.“ „Lieber Adolph! Du biſt nun achtundzwanzig Jahre alt, und ich wuͤnſche recht von Herzen, Dich verheirathet zu ſehen, ich leugne es nicht, auch um meiner ſelbſt willen. Ich bin dieſer Junggeſellenwirthſchaft uͤberdruͤſſig. Wenn Du mir eine brave, gebildete Schwiegertochter in's Haus braͤchteſt, ſo koͤnnten wir eine Familie ausmachen. Den Winter koͤnntet Ihr hier in Kopenhagen bei mir zu⸗ bringen und einen Theil des Sommers verlebte ich bei Euch. Wo im Hauſe eine Frau die Honneurs macht, da iſt gleich ein Vereinigungspunkt, um den ſich Alle gern verſammeln, und todt und oͤde wird doch am Ende das Leben, ohne weiblichen, erheiternden Umgang.“ Adolp hſchwieg einige Augenblicke; es war als ſchwebe ihm etwas auf den Lippen. Er heftete ſeine Augen auf des Vaters, vom Ofenfeuer beleuchtetes Antlitz, und ſagte endlich, deſſen Hand ergreifend:„Mein lieber, guter Va⸗ — — 40— ter, den ich uͤber Alles in der Welt ehre und liebe! Wie ein nachſichtiger Freund haſt Du mich ſtets behandelt; darf ich zu Dir reden, wie zu einem Freunde, nicht wie zum Vater? Unſer Alter iſt ja auch nicht ſo ſehr verſchie⸗ den, wie es gewoͤhnlich zwiſchen Vater und Sohn der Fall iſt, und ein Verhaͤltniß, wie zwiſchen Freunden, hat ja immer unter uns ſtattgefunden.“ „Sprich, lieber Adolph! wozu die lange Vorrede?“ Halb verlegen nahm Adolph wieder das Wort:„Du biſt noch kein alter, Du biſt noch ein ſehr ſchoͤner Mann. Verheirathe Dich ſelbſt, und ſchenke meinem Bruder und mir eine gute und liebenswuͤrdige Stiefmutter.“ Der Obriſt lachte laut auf:„Welch ein Einfall! Ich zaͤhle bereits meine zweiundfunfzig Jahr! Das wuͤrde ei⸗ nen willkommnen Stoff zum Stadtgeſchwaͤtz abgeben, wenn ſich der Obriſt Lidner, nachdem er zwanzig Jahre Witt⸗ wer geweſen, eine junge Frau naͤhme!“ „Es brauchte ja aber nicht eben eine ganz junge Frau zu ſein,“ ſagte Adolph halb leiſe. „Eine alte Jungfer, oder eine verwelkte Wittwe? Nein, den gehorſamſten Dank!“ „Auch das nicht,“ ſagte Adolphmit immer ſteigender Verlegenheit.„Aber ein noch huͤbſches Frauenzimmer, eine fromme, edle Natur, Eine, deren Perſoͤnlichkeit Dir fruͤher gefallen hat.“ — 41— „Wie meinſt Du das? Was willſt Du damit ſagen?“ Mit niedergeſchlagenen Augen fuhr nun Adolph fort:„Auf meinem Gute lebt eine Frau, die ich zufaͤlli⸗ gerweiſe habe kennen gelernt. Ich ehre und achte ſie, ob⸗ gleich die ſtrenge, moraliſche Welt ſie verdammt, weil ſie in ihrer unerfahrnen Jugend ihrer Liebe zu einem jungen Manne, den ſie noch liebt und beweint, zum Opfer fiel. Demuͤthig und gnuͤgſam verbirgt ſie ſich vor Aller Augen, und indem ſie fuͤr die Baͤuerinnen naͤht, und deren Toͤchter unterrichtet, ernaͤhrt ſie ſich und ihren Sohn, einen herr⸗ lichen Jungen, der jetzt ſechszehn Jahre alt iſt, und dieſes Knaben Vater... iſt auch der meinige.“ Der Obriſt ſchwieg einige Augenblicke, und ſahe vor ſich nieder. Dann erhob er ploͤtzlich den Kopf und ſagte laͤchelnd:„Du ſprichſt von Line Jenſen, kann ich denken. Nun, lieber Adolphl ich vertroͤſte mich, daß wir Beide, wie Du ſelbſt ſagſt, immer als Freunde mit einan⸗ der gelebt haben, und hoffe, daß Dein Vater wegen einer menſchlichen Schwaͤche nicht als ein Suͤnder vor Deinen Augen ſtehe; denn Du haſt wohl ſchon genug von dem Laufe der Welt geſehn, um zu finden, daß Schwaͤche zu entſchuldigen ſei. Es iſt dies eine alte Geſchichte. Ich war krank geweſen, und hatte Urlaub geſucht, um den Sommer auf dem Lande, bei meinem Schwager, zuzu⸗ bringen, auf dem Gute, welches jetzt Dein Eigenthum iſt. — 42— Es war da todt und langweilig, ich beſuchte alle Bewoh⸗ ner der Gegend. Die Tochter des Kuͤſters kam mir ſelbſt mit einer Ergebenheit entgegen, die ganz gewiß ſehr un⸗ ſchuldig, eben deshalb aber doppelt verfuͤhreriſch war, und ... ich weiß ſelbſt nicht, wie man in einen ſolchen Wirr⸗ warr hinein kommt. Ich habe ihr nie die Ehe verſprochen; der Vater ſtarb um dieſe Zeit, ohne von unſerm Liebes⸗ abentheuer etwas zu erfahren. Ich gab ſie in dem naͤch⸗ ſten Staͤdtchen bei einer Wittwe in die Koſt, und unter⸗ hielt ſie waͤhrend zweier Jahre. Darauf bekam ich einen Brief, in welchem ſie mir ſchrieb, daß ſie meiner Unter⸗ ſtuͤtzung nicht mehr beduͤrfe, und ſeitdem, muß ich geſtehen, habe ich die ganze Geſchichte faſt vergeſſen. Die vielen Sorgen, die vielen Umwechslungen des Gluͤcks, denen ich ſeit jener Zeit unterlegen, muͤſſen mir zur Entſchuldigung dienen. Aber das weiß Gott! leidet ſie Noth, ſo nenne nur, weſſen ſie bedarf, und“... „Nein, es fehlt ihr an nichts. Eine der kleinen nied⸗ lichen Wohnungen, die der Onkel, ich weiß nicht zu wel⸗ chem Zwecke, hat auffuͤhren laſſen, iſt ihr von mir einge⸗ raͤumt. Seit einigen Jahren kommt ihr Sohn taͤglich zu mir, und es iſt eine meiner liebſten Beſchaͤftigungen gewe⸗ ſen, ihm zu lehren, was ich ſelbſt weiß. Er iſt ein ſehr guter Kopf, und beſitzt ein vortreffliches Herz.— Sehnſt Du Dich nicht, ihn zu ſehen?“ — 43— „Nein durchaus nicht! Ach, lieber Adolph! Solche Kinder haben nicht den Platz in unſern Herzen, wie dieje⸗ nigen, die wir bei ihrer Geburt mit Freuden in unſere Arme aufgenommen haben, die unter unſern Augen aufgewach⸗ ſen ſind, gute und boͤſe Tage mit uns theilten, und unſern Namen fuͤhren ſollen. Es iſt ſonderbar genug, aber es geht allen Maͤnnern ſo; ich bin nicht ſchlechter als alle Andere.“ — Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Obriſt fort:„Wie aber kamen wir denn doch auf dieſes Capitel? Es war ja von einer Heirath unter uns die Rede; es war doch wohl zum Henker, nicht Deine Meinung, daß ich Line Jenſen heirathen ſollte?“ „Ich muß geſtehen, mein Vater! Ja, es ſchiene mir dies ganz in der Ordnung.“ „Menſch! Biſt Du von Sinnen? Wie wuͤrde ſie ſich in unſerm Kreiſe ausnehmen? Was wuͤrde die Welt von einer ſolchen Frau in unſerm Hauſe ſagen?“ „Was die Welt ſagen wuͤrde, iſt und bleibt jetzt und in Ewigkeit meine geringſte Sorge; uͤbrigens aber wuͤrdeſt Du nie eine beſſere Frau fuͤr Dein Haus finden, und ſo⸗ wohl da, wie in unſerm, und jedem vernuͤnftigen Kreiſe, wuͤrde ſie ſich gut ausnehmen.“ „Sie iſt ohne alle Erziehung.“„ „Ohne Kenntniſſe und Talente, das iſt wahr! Ich — 44— will ſogar einraͤumen, daß ich in ihrem Weſen etwas Ver⸗ legenes finde, einen Anſtrich, welcher zeigt, daß ſie immer auf dem Lande, in einem einfachen Kreiſe gelebt habe; aber eine edle Natur, eine wahre, innere Feinheit, ein Takt, der theils angeboren, theils in der Schule der Drangſale er⸗ worben worden iſt, ſtellt ihren Umgangston weit uͤber den mancher Dame, welche die Welt wohlerzogen nennt. Sie iſt noch recht huͤbſch”“... „und ſehr linkiſch! Nein, der Himmel behuͤte mich! Du biſt ein wunderlicher Menſch, Adolph! Dichten und Trachten dieſer Welt ſieh'ſt Du mit ſchwaͤrmeriſchen, ja ich moͤchte ſagen, mit kloͤſterlichen Augen an. Man ſollte faſt glauben, Du waͤreſt in einer Moͤnchszelle erzogen wor⸗ den. Nun, nun! zuͤrne nur nicht! Auch etwas Ritter⸗ liches wohnt in Dir, und hat ſeinen Theil an Deinen An⸗ ſichten, das habe ich oft gedacht; ungereimt ſind aber oft Deine Meinungen, und keine mehr als diejenige, die Du in dieſer Angelegenheit geaͤußert haſt; denn, ſiehſt Du, was dies betrifft, da bin ich Philipps Meinung; Ein Mann muß ſtolz darauf ſein koͤnnen, ſeine Frau der Welt zu zeigen, denn der Platz, den ſie in dieſer einnimmt, wirft auf ihn entweder Licht oder Schatten. Und eine einfache, baͤuriſche, verblichene Braut, einen erwachſenen Jungen, die wie aus den Wolken herab gefallen waͤren, ſollte ich in mein Haus einfuͤhren, die kleinen ſpoͤttiſchen Zuͤge um den — 45— Mund der Damen, die ironiſchen Gluͤckwuͤnſche der Her⸗ ren, ſchon Tags nach der Hochzeit, ſollte ich ertragen, und obendrein wiſſen, daß ſie unter ſich ſagten: Nun, hat denn der Obriſt Lidner zwanzig Jahre lang als Witt⸗ wer geſeſſen, da hat er denn auch freilich gewußt, was er ſich am Ende ausſuchen wollte!— Tod und Teufel! mir wird heiß und kalt, wenn ich nur daran denke!“ Adolph ſchuͤttelte den Kopf, und wollte noch Meh⸗ reres anfuͤhren, als eben ein Diener ſchnell hineintrat, und freudig ſagte:„Hier iſt ein kleiner Knabe mit Tiger.“ „Bravo!“ rief Adolph, und eilte in's Vorzimmer, waͤhrend ihm der Diener nachrief:„Sie ſtehen auf der Treppe, ſie wollten nicht herein. Es iſt auch ein Maͤd⸗ chen mit.“ Auf der oberſten Stufe der großen Treppe ſtand Vic⸗ tor, den Hund noch gebunden haltend. Indem Adolph die Thuͤr oͤffnete, ſah' er, wie ſich der Knabe uͤber das Thier hinabbeugte, und, beide Arme um ſeinen Hals ſchlingend, das Geſicht an den Kopf des Hundes legte. Dieſe liebe⸗ volle Stellung, ſo wie die Schoͤnheit des Kindes, ſetzten Adolph in Erſtaunen. Mit freundlichen Worten bat er den Knaben naͤher zu treten, und mit gluͤhenden Wan⸗ gen trat Victor in's Zimmer, den Hund, der ſich, beim Anblick ſeines Herrn, mit Ungeduld loszureißen ſuchte, von — 46— ſeiner Feſſel befreiend. Stine war ihnen gefolgt, und an der Thuͤr ſtehen geblieben. „Ich danke Dir recht ſehr, mein lieber Knabe!“ ſagte Adolph:„Du haſt mir eine große Freude bereitet, in⸗ dem Du mir meinen Hund wieder bringſt. Wie iſt er Dir zu Haͤnden gekommen?“ Verlegen ſtammelte Victor:„Er kam geſtern Abend an unſere Thuͤr, und blieb dieſe Nacht bei uns; als wir aber heute aus der Zeitung erfuhren, wohin er gehoͤre, be⸗ fahl mir meine Mutter, ihn hierher zu bringen.“ „Du haſt ihm alſo dieſe Nacht gaſtfreundlich ein Ob⸗ dach geſchenkt? ich bin Dir viel Verbindlichkeit ſchuldig.“ So ſprechend, zog Ad olph ſein Taſchenbuch hervor, und reichte Victorn einen Fuͤnf⸗Reichsthalerzettel.„Nun ſei ſo gut!“ fuͤgte er hinzu, als der Knabe Bedenken zu tragen ſchien, das Geld anzunehmen. Endlich nahm er er es mit einem kleinen Buͤckling und niedergeſchlagenen Augen. Noch einen liebevollen Blick warf er dem Hunde zu, und naͤherte ſich dann der Thuͤr.— Adolph hielt ihn auf:„Sage mir doch, bevor Du gehſt, wie heißeſt Du, mein kleiner Freund?“ „Ich heiße Victor,“ antwortete dieſer, ſich immer weiter nach der Thuͤr zuruͤck ziehend. „Wer ſind Deine Eltern?“ — 47— „Mein Vater iſt todt; ich bin bei meiner Mutter.“ „Hier in der Stadt, nicht wahr? Aber wo?“ „Weit von hier.“ Adolph, welcher wohl merkte, daß ſeine Fragen den Knaben genirten, richtete keine mehr an ihn, fand aber ſo großen Gefallen an dem Kinde, daß er doch nicht um⸗ hin konnte hinzuzufuͤgen:„Mein braver Junge! ich. moͤchte Dir gern ein Vergnuͤgen machen. Es iſt Weih⸗ nachtsabend! haͤtteſt Du nicht Luſt, Dir einige Kleinig⸗ keiten zu kaufen? Darf ich ein kleines Weihnachtsgeſchenk hinzu fuͤgen?“— So ſprechend hatte er noch einige Reichsthalerzettel aus ſeinem Taſchenbuche hervor genom⸗ men. Victor that einen Schritt zuruͤck, und hielt beide Haͤnde auf dem Nuͤcken, waͤhrend er, mit einem Gemiſch von Dankbarkeit und Scham, die Augen zu dem fremden Manne empor richtete. Seine Lippen laͤchelten, aber Thraͤ⸗ nen ſtanden ihm in den Augen:„Nein, auf keine Weiſe!“ ſtammelte er:„ich danke Ihnen fuͤr Ihre Guͤte, aber meine Mutter hat mir erlaubt, fuͤr... dieſe fuͤnf Reichs⸗ thaler, kaufen zu duͤrfen, was ich mir wuͤnſche.“ Er ſprach dieſes mit immer leiſer werdender Stimme. Adolph betrachtete ihn ſchweigend.„Nun wohl!“ ſagte er, indem er ſich Stinen naͤherte:„So laß mich wenigſtens dieſem kleinen Maͤdchen danken, fuͤr ihre Muͤhe, meinen Hund begleitet zu haben.“ Mit dieſen Worten reichte er ihr ei⸗ — 48— nen Reichsthaler, den ſie unter Verneigen und mit erroͤ⸗ thenden Wangen annahm, und dann dem ſchnell enteilen⸗ den Victor folgte. Adolph blickte ihm nach, und ſagte fuͤr ſich:„Dieſer Knabe kommt mir vor, wie der junge Leu im Hundehauſe. Erſt im Kampfe mit den ge⸗ ringeren Thieren wird er ſeine edlere Natur erkennen.“ . III. Am Neujahrstage, in einem ſchoͤnen, klaren Froſtwetter, waren Maria und Victor mit einander zum Thore hin⸗ aus gewandert. Vertraulich an ihrem Arme haͤngend, ſchuͤttete Victor ſein Herz vor der muͤtterlichen Freundin aus:„So,“ ſagte er,„ſo, wie ich es Dir jetzt erzaͤhlt habe, trug es ſich zu, und das war die Urſache, weshalb ich am Weihnachtsabend lange nicht ſo vergnuͤgt war, wie ich Tags zuvor zu werden meinte, und freilich wohl auch haͤtte ſein muͤſſen. Du darfſt mir deshalb nicht zuͤrnen. Ich weiß wohl, daß ich ein muͤrriſches Geſicht aufſtellte, und habe auch ſpaͤter gedacht, daß es vielleicht naͤrriſch von mir geweſen, auf keine Weiſe das Geld annehmen zu wol⸗ len, was mir der fremde Herr als ein Geſchenk zudachte; er bot es mir ſo freundlich, nannte es ein kleines Weih⸗ nachtsgeſchenk; es war mir aber faſt unmoͤglich, auch nur die fuͤnf Reichsthaler anzunehmen, die mir doch eigentlich von Rechtswegen zukamen. Waͤre es ein ſtolzer Cava⸗ lier geweſen, der mir das Geld nur ſo hingeworfen haͤtte, ich wuͤrde es ohne Weiteres eingeſaͤckelt, und mich aus dem 4 Mal, und wir Beide wollen in's Kuͤnftige einig ſein, lieber — 50— Staube gemacht haben; nun aber kam dieſer freundliche Herr, redete mich ſo uͤberaus artig an, dankte mir, und ſagte, er ſei mir verbunden, und da ſchaͤmte ich mich, Be⸗ zahlung zu nehmen, weil ich ihm ſeinen eigenen Hund wie⸗ der brachte, was ja doch jedenfalls meine Schuldigkeit war. Ich wurde ſo verlegen; nie iſt es mir auf ſolche Weiſe ein⸗ gefallen, daß ich ein armer Knabe ſei. Es ſchien mir geradezu, als haͤtte ich gebettelt, da er mir den Fuͤnf⸗ Reichsthalerzettel reichte. Kaum konnte ich mich des Wei⸗ nens enthalten.“ 1 3 „Mein lieber Junge!“ antwortete Maria,„ich ſelbſt muß Dir geſtehen, ich hatte ein aͤhnliches Gefuͤhl, als Du mit dem Hunde gingſt, und es war mir zuwider, daß Du ihn bringen ſollteſt, ſtatt Stinen ſowohl Gewerbe als Verdienſt zu uͤberlaſſenz aber Mamſell Holm, gegen welche ich meine Bedenklichkeiten aͤußerte, gab mir eine Antwort, die mich ſelbſt auf den Gedanken brachte, meine Anſicht in dieſer Ruͤckſicht entſpringe aus einem thoͤrichten Stolze, einer Gewohnheit aus beſſeren Tagen, meiner jetzigen, demuͤthigen Lage nicht angemeſſen. Auch wollte ich Euch Kindern gern die kleine Weihnachtsfreude goͤn⸗ nen, die ich Euch ſonſt haͤtte verſagen muͤſſen. Am wenig⸗ ſten aber dachte ich, daß Du, mein Victor, meine An⸗ ſicht theilen wuͤrdeſt. Nun weiß ich es fuͤr ein anderes — 51.— unſeren Wuͤnſchen zu entſagen, als ſie durch Demuͤthigun⸗ gen zu erkaufen. Schwierig aber iſt es ſicherlich, in be⸗ ſchraͤnkten Verhaͤltniſſen den rechten, aber ſchmalen Weg zwiſchen edelm und thoͤrichtem Stolze zu ſinden; und wenn ich Dich waͤhrend dieſer Feiertage bei Deinen Farben und Zeichnungen habe ſo gluͤcklich ſitzen ſehen, da bin ich doch uͤber die kleine unerwartete Einnahme, welche Dir dieſelben verſchaffte, recht froh geweſen.“ 3 „Ach ja, Mutter! Wenn ich nur zeichnen kann, dann vergeſſe ich Alles. Immer komme ich auf denſelben Punkt zuruͤck: Duͤrfte ich doch nur ein Maler werden! Findeſt Du nicht Aehnlichkeit in meinen vielen Portraits von Tiger? Hab' ich ihn doch in ſo vielen verſchiedenen Stellungen abgebildet. So kam er zu unſerer Thuͤr her⸗ eingefahren, ſo kroch er zu meinen Fuͤßen hin, ſo lag er neben dem Ofen und ſchlief, und ſo blickte er mich beim Abſchiede an. O, welche Augen hatte doch das herrliche Thier! Laß es Dich nur nicht kuͤmmern, daß Du meine erſte Zeichnung, auf dem Intelligenzblatte, mit Garn bewickelt haſt! Du ſiehſt, ich habe nach dem Gedaͤcht⸗ niſſe noch beſſer getroffen. Der gute Hund! Wie ſehne ich mich doch nach ihm! er aber denkt wohl kaum mehr an mich; er wurde ſo unausſprechlich froh, als er ſeinen Herrn wieder ſah, und ſprang an ihm empor.“ Ein Seuf⸗ zer entſchluͤpfte Victorn bei dieſen Worten. 4* — 52— In der Esplanade kam Mamſell Holm mit der kleinen Liſe, die ſie zu einem Beſuche mitgehabt hatte, den Luſtwandelnden entgegen. Man ging nun zuſammen, und war der Heimath ſchon ganz nahe, als die kleine Ge⸗ ſellſchaft von einem Bekannten aufgehalten wurde, keinem Andern, als dem oft erwaͤhnten Hunde, Tiger, der unter Bellen und Freudenaͤußerungen hinter ihnen her kam, und mit ſolcher Heftigkeit an Victorn empor ſprang, daß der Knabe dem Fallen ganz nahe war. Mit nicht geringerem Entzuͤcken, als dem des Hundes, empfingen beide Kinder den vermißten Freund, und erſt nach Verlauf einiger Mi⸗ nuten gewahrte man einen wohlgekleideten Herrn, der ganz in der Naͤhe ſtand, und die Geſellſchaft begruͤßte. Adolph Lidner naͤherte ſich Victorn, faßte deſſen Hand, und ſagte:„Nun! es freut mich, mein kleiner Freund, Dich hier anzutreffen, und Dir ein froͤhliches neues Jahr wuͤn⸗ ſchen zu koͤnnen! Iſt das Deine Mutter?“.. fuͤgte er, auſ Mamſell Holm deutend, hinzu. .. 5 1 „Nein!“ rief Victor:„Da ſteht meine Mutter, mit meiner kleinen Schweſter an der Hand.“ Als Adolphs Augen auf Marien fielen, trat er ehrerbietig einige Schritte zuruͤck, und zog wieder den Hut. Das feine, man moͤchte ſagen, vornehme Aeußere der jun⸗ gen Frau, welches durch ihre niedliche, aber einfache Klei⸗ — — 53.— dung eher gehoben, als verdunkelt wurde, war ihm auffal⸗ lend. Einen Augenblick betrachtete er Maria ſchwei⸗ gend, waͤhrend ſich dieſe erroͤthend uͤber die kleine Liſe hin⸗ abbeugte. Mamſell Holm verneigte ſich, und ſagte: „Ich bin wohl nicht ſo gluͤcklich, daß ſich Herr Lidner meiner erinnere? Ich habe die Ehre gehabt Sie verſchie⸗ dentlich bei dem Fraͤulein Groͤndal zu ſehen.“ Adolph antwortete mit einer Verlegenheit, welche bewies, daß er ſich ihrer Perſon nicht erinnerte, obgleich er dies aus Hoͤf⸗ lichkeit nicht eingeſtehn wollte. Mamſell Holm fuhr mit geſchwaͤtziger Zunge fort:„Ja, ſowohl Sie, als Ihren Herrn Vater und Ihren Herrn Bruder habe ich, waͤhrend der Unterrichtsſtunden, die ich jeden Dienstag und Freitag dem Fraͤulein gebe, zu ſehn das Vergnuͤgen gehabt. Alſo Ihnen gehoͤrt der Hund, der gute Tiger, der um Weih⸗ nacht zu uns kam? Das arme Thier ſtuͤrzte mit ſchreck⸗ lichem Gepolter gegen unſere Thuͤr. Die boͤſen Menſchen, welche uͤber uns wohnen, ſchlugen und ſtießen ihn; wir aber nahmen ihn auf, wie einen guten Freund, und Ma⸗ dam Blume, die dort ſteht, und ihre Kinder freuten ſich ſeiner wie einer Gabe Gottes.“ Sie hatten eben ihre Hausthuͤr erreicht. Adolph begleitete ſie bis zur Thuͤr⸗ ſchwelle, dankte fuͤr ihre Guͤte gegen ſeinen Hund, und entfernte ſich, von Tigern begleitet, der noch einmal zu⸗ ruͤcklief, und von Victorn einen liebevollen Abſchied — 4— nahm, waͤhrend dieſer in der Hausthuͤr ſtehen blieb, und ihm nachſah, bis er mit ſeinem Herrn um die Straßenecke verſchwand. „Was hab' ich da eben geſehen?“ ſagte Adolph zu ſich ſelbſt:„Wo doch geſehen, wann getraͤumt von dieſen dunkeln, wunderbar ruͤhrenden Augen, dieſen feinen Bogen von ſchwarzen Augenbraunen, dieſem cendrirten Haar, dieſer blendenden Weiße? Dieſes Bild hat immer meiner Phantaſie vorgeſchwebt... Aber mein Gott! dieſe Dame gemahnt mich doch gar zu lebhaft an Maria Seeburg, das kleine Maͤdchen auf Fuͤnen, von dem ich ſo viel hielt, das ich meine Schweſter nannte, und wel⸗ ches ich in der That ganz vergeſſen hatte, wie ſo manche andere Erinnerung aus meiner fruͤheren Jugend. Und doch war ich in das zwoͤlf⸗ oder dreizehnzaͤhrige Kind foͤrm⸗ lich verliebt, was mit einem Buben von ſechszehn bis ſie⸗ benzehn Jahren wohl ſelten der Fall iſt... Sollte ſie es ſein? ach, unmoͤglich! Sie koͤnnte ja nicht uͤber drei⸗ oder vierundzwanzig Jahre zaͤhlen, und dieſe Madame Blume, wie die andere ſie nennt, iſt ja die Mutter de gtoßen Kna⸗ ben!“ Noch gedankenvoller, noch zerſtreuter, als gewoͤhn⸗ lich, kam Adolph nach ſeines Vaters Hauſe zuruͤck, wo ſich eben eine Geſellſchaft befand, in welcher er der Frem⸗ deſte zu ſein ſchien. — 55— „Das war ja Adolph Lidner!“ rief Maria aus, ſobald ſie mit Mamſell Holm in ihr Zimmer trat.“ „Ja freilich! kennen Sie ihn?“ „Ja, ich erkannte ihn gleich. Er iſt mein Jugend⸗ freund, den ich in meiner Schweſter Hauſe taͤglich ſah. Sie wiſſen wohl, daß mich mein Vater, als meine Mutter ſtarb, und ich erſt ſieben Jahre alt war, von Altona zu meiner eben verheiratheten Schweſter nach Fuͤnen ſchickte, wo mich meine liebenswuͤrdige Anna erzog, und meine zweite Mutter war. Adolph Lidner war im Hauſe bei ſeinem fruͤheren Lehrer, und ging auf die Odenſeer Schule; ſeine meiſten Freiſtunden aber brachte er in dem Hauſe meines Schwagers zu, welches eben außerhalb Odenſee belegen war. Dort ſpielten wir, als Kinder, im Garten— wir waren ja auch Kinder— laſen mit einander, und ſpielten Duette. Er ſpielt die Violine ſehr gut. Als ich ihn zum letzten Mal ſah, rettete er mir das Leben: Auf einer Spatziertour in ſeiner Geſellſchaft, lief ich hinter meiner Schweſter aͤlteſten Tochter her, glitt aus, und ſturzts jn den Muͤhldamm. Adolph, ein Schwim⸗ mer, wie ein Fiſch, ſprang gleich nach, und brachte mich wieder an's Land. Schreck und Erkaͤltung machten mich krank, und als ich mich erholte, erfuhr ich, daß mein Freund und Retter unterdeſſen nach Kopenhagen ge⸗ — 56— reiſet ſei, um Student zu werden, ſo daß ich ihm nicht einmal fuͤr meine Rettung danken konnte.“ „Aber, daß ſich Gott erbarme! weshalb ſprachen Sie denn nicht zu ihm, als Sie mit ihm zuſammen trafen?“ „Ach, ich merkte, daß er mich nicht wieder erkannte, und dann weiß ich auch nicht... ich wagte nicht zu ihm zu ſprechen, ich wurde ſo verlegen.“ „Das war, deucht mir, doch ein bischen wunderlich.“ „Ja, jetzt thut es mir auch leid. Ich haͤtte ſo gern mit ihm geſprochen.“ Als Mamſell Holm das naͤchſte Mal bei Fraͤulein Emma war, fand ſich auch Adolph ein. Sehr freund⸗ lich begruͤßte er die alte Dame, wie eine Bekannte, und leitete gleich eine Unterredung ein, in welcher er eine wil⸗ lige Zuhoͤrerin und Antworterin fand; von ſelbſt auch lenkte ſich das Geſpraͤch bald auf die Wohnung der Mam⸗ ſell Holm, und auf die Familie, welche dieſe mit ihr theilte. Natuͤrlicherweiſe erfuhr Adolph ſogleich, daß die Madame Blume in der That keine andere ſei, als die vorige Maria Seeburg.„Aber,“ rief er aus,„wie iſt es moͤglich, daß ſie die Mutter eines ſo großen Sohnes ſein kann; er iſt doch ſicher zehn bis zwoͤlf Jahre alt?“ „Ja, er geht in's eilfte Jahr; ſie iſt aber auch nicht ſeine rechte Mutter, ſondern ſowohl ſeine als des kleinen Maͤdchens Stiefmutter.“ —— — — 57— „Sie iſt Wittwe, nicht ſo?“ „Ja, die Arme! ſie hat in der That ſchon verſucht, was dieſe Welt bietet. Sie war ſehr jung, nur ungefaͤhr vierzehn oder funfzehn Jahre alt, als es mit dem Vater, der ein vermoͤgender Kaufmann geweſen, zuruͤckging. Da mußte ſie denn als Hausmamſell dienen, und was das fuͤr eine betruͤbte Stellung iſt, das weiß wohl Jeder. Endlich kam ſie zu dem Kammerrath Blume in Fuͤnen. Er war Wittwer, und ſuchte ein zuverlaͤſſiges Frauenzimmer, um fuͤr ſeine Kinder und ſein Haus zu ſorgen. Da hatte ſie es nun recht gut; ploͤtzlich aber wurde der Mann kraͤnk⸗ lich, und als er ſein Ende herannahen fuͤhlte, ließ er ſich mit ihr trauen, auf daß ſie und die Kinder zuſammen, und ſein hinterlaſſenes Vermoͤgen in ihren Haͤnden geſammelt bleiben koͤnnte. Es fanden wohl zwiſchen ihm und einem Bruder einige Familienſtreitigkeiten und Zwiſtigkeiten ſtatt, von denen ich aber nicht recht Beſcheid weiß. Gegen alle Vermuthungen aber ſchmolz das ganze Erbe auf eine ſo unbedeutende Kleinigkeit zuſammen, daß ſie nicht ſich ſelbſt, vielweniger noch die Kinder ernaͤhren koͤnnte, wenn ſie nicht ſo arbeitſam und ſparſam waͤre, wie ſie iſt. Eine kleine Penſion hat ſie freilich, die iſt aber auch ſehr unbe⸗ deutend.“ Adolph ſtand wie in Gedanken verſunken, Emma betrachtete ihn aufmerkſam und ernſt. Endlich ſagte er: 8 — 538— „Alſo erſt auf ſeinem Sterbebette ließ ſich der Kammer⸗ rath mit ihr trauen?“ „Ja, er ſtarb zwei Tage darauf.“ „Aber,“ ſagte Fraͤulein Emma mit einem ſareaſti⸗ ſchen Laͤcheln,„der ſelige Herr iſt wohl laͤnger Liebhaber als Ehemann geweſen?“ „Liebhaber?“ rief Adolph mit verdrießlicher Miene: „Wie meinen Sie das?“ „Ich meine, der Kammerath habe dieſe Perſon geliebt; darin liegt wohl nichts Boͤſes.“ 1 Nein, in der That nicht! vielmehr, von Stein haͤtte er ſein muͤſſen, wenn er ſolche Reize nicht geliebt haͤtte.“ Emma enffaͤrbte ſich, und ergriff ſchnell ihre Arbeit. Mamſell Holm ſetzte das unterbrochene Geſpraͤch fort: Was die Liebe betrifft, da kann ich freilich nicht mitſprechen; aber einen hohen Grad von Achtung muß doch ſicher der ſelige Blume fuͤr ſie gehegt haben, da er ſeine Kinder und ſein ganzes Vermoͤgen ihren Haͤnden uͤberantwortete. Dagegen habe ich freilich gedacht, daß ſie ihn wohl muß geliebt haben, ſei es nun aus Dankbarkeit, oder weil er wirklich liebenswuͤrdig geweſen; denn vor nur wenigen Ta⸗ gen noch ſagte ſie, nie wuͤrde ſie fuͤr Jemanden Liebe fuͤh⸗ len koͤnnen.“ Es entſtand eine Pauſe. Adolph durchmaß ſchwei⸗ gend mit großen Schritten das Zimmer. Endlich ſagte — 59— das Fraͤulein, ſie fuͤhle Kopfſchmerz, und koͤnne nicht laͤn⸗ ger vertragen, ihre Augen anzuſtrengen Mamſell Holm erhob ſich, packte ihre Sachen zuſammen, und nahm mit Adolph zugleich Abſchied. Im Vorzimmer half dieſer ihr hoͤflich ihren Mantel um, und bat um Erlaubniß, ſie beſuchen, und die Bekanntſchaft mit ſeiner Jugendfreundin erneuern zu duͤrfen, eine Bitte, die mit der groͤßten Bereit⸗ willigkeit zugeſtanden wurde, und ſo trennte man ſich, ge⸗ genſeitig ſehr zufrieden. Emma dagegen hatte das eben ſtattgefundene Geſpraͤch dermaßen verſtimmt, daß ſie ſich in ihr Schlafzimmer verſchloß, und weinte; und als ſie ſich ſpaͤter wieder blicken ließ, war ſie ſo uͤbler Laune, daß nicht nur ihr Vater, ſondern auch Philipp Lidner, der eben ihr Mittagsgaſt war, ſo auch die Hausmamſell, und wer ſonſt in ihre Naͤhe kam ebenfalls— wenn auch nicht weinte— ſo doch gleich ihr verſtimmt wurde. IV. Schon den folgenden Tag ging Adolph zu Marien. Sie ſaß mit der kleinen Liſe allein. Mamſell Holm war ausgegangen, und Victor in der Schule. Freudig eilte ſie dem alten Freunde entgegen, der ihre Haͤnde ergriff und kuͤßte.„O, Madam!“ ſagte Adolph geruͤhrt: „liebe Marial erlauben Sie ihrem bruͤderlichen Freunde, Sie bei dieſem gewohnten Namen nennen zu duͤrfen. Sie erkannten mich geſtern, und wollten nicht zu mir ſprechen; und ich! wie war es moͤglich, daß ich nur Zweifel hegen konnte, Diejenige, die ich vor mir ſah, ſei eine Andere, als Sie?“ „O!“ ſagte Maria,„Nichts iſt natuͤrlicher als das. So viele Jahre ſind verronnen, ſeit wir uns ſah'n; ich war ja nur ein Kind.“ „Aber es ſind ja doch ganz noch dieſelben Zuͤge, der⸗ ſelbe Ausdruck! Ach Gott man wird in der Welt umher⸗ geworfen, eine Erinnerung verwiſcht die andere; aber das verſichere ich Ihnen, Ihr Bild hat doch, faſt mir ſelbſt unbewußt, wie ein ſuͤßer Traum, auf dem Grunde meiner 9 — 61— Phantaſie geweilt; und jetzt, da Sie vor mir ſtehen, jetzt iſt es mir ſo lebhaft, wie ich Sie das letzte Mal ſah. Wiſſen Sie, wann das war? Sie ſahen mich nicht, ſie lagen ſchlafend in Ihrem Bette, Sie waren krank. Ganz leiſe fuͤhrte mich Ihre Schweſter zu Ihnen hinein, damit ich Ihnen Lebewohl ſagen koͤnnte, vor meiner Abreiſe von Odenſee, die ſelbigen Tages ſtatt finden ſollte. Weil Sie aber ſo ruhig ſchliefen konnt' ich es nicht uͤber's Herz bringen, Sie zu wecken, und nur mit meinen Augen, und in Gedanken durfte ich von Ihnen Abſchied nehmen.“ „Ach,“ antwortete Maria,„ich weinte manche Thraͤne, als ich erfuhr, Sie waͤren abgereiſet, ohne daß ich Ihnen fuͤr die Rettung meines Lebens hatte danken können; denn ich war ja ohnmaͤchtig, als Sie mich aus dem Waſſer zogen. Wie freuet es mich, Ihnen jetzt danken zu koͤnnen!“ fuͤgte ſie hinzu, ihm die Hand reichend, die er an ſeine Bruſt druͤckte. „Ol ich verdiene keinen Dank!“ rief er:„Es war dies wahrlich keine Heldenthat. In's Waſſer zu ſpringen iſt fuͤn mich keine groͤßere Gefahr, als fuͤr einen Andern in einem Boote zu rudern.“ Tiger war ſeinem Herrn gefolgt, und hatte bereits ſeinen gewohnten Platz beim Ofen eingenommen, uͤber⸗ ſchuͤttet von Liſens Liebkoſungen. Das kleine Maͤdchen ſetzte ſich neben ihn auf den Fußboden, und die wieder zu⸗ — 62— ſammengetroffenen Freunde genoſſen unterdeſſen die Freude, in trautem Geſpraͤche die kleinen Freuden und Sorgen ihrer fruͤhen Jugend wieder zu durchleben. Maria ſagte:„Mein Sprung in den Muͤhlendamm iſt mir in ſpaͤteren Jahren oftmals erſchienen, wie ein Sprung von meinem ganzen Kindheits⸗, ja Jugendgluͤcke; denn traurige Zeiten nahmen von dem Tage an fuͤr mich ihren Anfang. Zuerſt war ich lange krank, und als ich mich erholte, bekam ich von meinem Vater aus Altona einen Brief, in welchem er verlangte, ich ſolle mich noch vor Eintritt des Winters bereit halten, zu ihm zu reiſen, um ſeinem Hausweſen vorzuſtehn. Ich gehorchte mit großem Schmerz. Mein Vater war mir faſt fremd, ein ſtrenger und ernſter Mann. Ich zaͤhlte noch nicht dreizehn Jahre, und ſollte ſo große Pflichten uͤbernehmen. Der vernuͤnftige Unterricht meiner guten Schweſter Anna kam mir hier ſehr zu ſtatten; aber die Trennung von ihr, meine tiefe Einſamkeit— denn kein Weſen hatte ich, das mit mir ein freundliches Wort wechſelte— dieſes Alles machte mich aͤlter als die Zahl meiner Jahre, und von der Zeit an bin ich nicht mehr im Stande geweſen, die unverwuͤſt⸗ liche gute Laune wieder zu gewinnen, die man mir in jenen Tagen zuſchrieb, als wir noch in meiner Schweſter Garten Ball ſpielten. Sie fragen aber gar nicht nach Anna und ihrem Manne, die doch ſo viel von Ihnen hielten?“ — 63— „Ach, ich habe dieſe Freunde aus meiner Jugend nicht vergeſſen; oft habe ich mich nach ihnen erkundigt. Die letzten Nachrichten aber waren eben nicht ſehr erfreulich; man ſagte mir, daß Ihr Schwager ſein Amt aufgegeben, und einen großen Landbeſitz in der einſamſten Gegend Fuͤnens bezogen habe, wodurch ſeine oͤkonomiſche Lage ſich ſehr verſchlimmert. Iſt dem ſo?“ „Ja leider! Es war eine ſehr ungluͤckliche Berechnung, die meinen Schwager veranlaßte, dergeſtalt ſeine Lage zu veraͤndern. Das Gut, welches er ſo vortheilhaft glaubte, entſpricht ſeinen Erwartungen ſo wenig, daß er nicht im Stande iſt, ſich aus der groͤßten Verlegenheit zu retten, wenn ihm nicht ſein Bruder helfen kann und will. In dieſer Hoffnung iſt er ſelbſt, vor ungefaͤhr einem Monat, nach Drontheim gereiſet, wo der eben erwaͤhnte Bru⸗ der anſaͤſſig iſt. Die arme Anna iſt mit ihren Kindern auf dem oͤden Gute allein zuruͤckgeblieben, und kann vor dem Fruͤhjahr ihren Mann nicht zuruͤck erwarten.“ Mamſell Holm, wie auch Victor, kamen nun nach Hauſe, und waren ſehr vergnuͤgt, den willkommenen Be⸗ ſuch vorzufinden; hauptſaͤchlich freute ſich Victor uͤber Adolphs Begleiter, den guten Tiger. Bei Erwaͤhnung der Liebe des Knaben fuͤr dieſen Hund, folgte es von ſelbſt, daß ſeine vielen Ahbildungen deſſelben herbeigeholt und vorgezeigt wurden. Adol ph erſtaunte uͤber das unver⸗ kennbare Talent, welches aus dieſen Skizzen hervor⸗ leuchtete, und erbot ſich, in Ermangelung eines geſchick⸗ teren Lehrers, dem Knaben im Zeichnen, in welcher Kunſt er ſelbſt ein ausgezeichneter Dilettant war, Unterricht und Anleitung zu ertheilen. Mit einem Ausbruch des Entzuͤckens umſchlang Victor ſeinen Hals, Maria dankte mit ſichtlicher Freude, und die Stunden wurden aufgezaͤhlt, die Victor der Schule abmuͤſſigen konnte, und waͤhrend welcher jetzt Adolph, ſo oft ihm moͤglich, dem Knaben den Unterricht ertheilen wollte, der lange ein Gegenſtand ſeiner innigſten Wuͤnſche geweſen war. Es war bereits ſpaͤt geworden, und Adolph ließ ſich leicht uͤberreden, an der kaͤrglichen Abendmahlzeit der Fa⸗ milie Theil zu nehmen. Maria ſowohl als Mamſell Holm ſuchten Alles hervor, was ſie an kleinen, ſonſt ſorg⸗ faͤltig aufbewahrten Zierlichkeiten beſaßen, um ihren Thee⸗ tiſch, und ihre einfache Einrichtung ſo angenehm zu machen wie moͤglich. Es war das erſte Mal, daß ein lieber Gaſt ihr einſames Beiſammenleben erheiterte, und wunderbar heiter und gluͤcklich war dieſer Abend. Ungewoͤhnliche Roſen bluͤhten auf Marias Wangen, Mamſell Holms ganzes Geſicht lachte, die Kinder ſaßen in ſtillem Entzuͤcken, den guten Tiger zwiſchen ſich; Keiner aber war gluͤcklicher als Adolph. Er ſchien in ein ſchoͤneres Daſein verſetzt, ſeine Augen glaͤnzten, er war zugleich wehmuͤthig und luſtig — 65— geſtimmt, und kehrte endlich in einer Aufregung nach Hauſe, die ihm waͤhrend der ganzen Nacht keinen Schlaf ließ, ohne ihn jedoch fuͤr den folgenden Tag des neuen Le⸗ bens zu berauben, das aus jedem ſeiner Worte, und jeder ſeiner Mienen hervorſtrahlte. Es verronnen nicht viele Tage, bis Adolph wieder Mariens Wohnung heimſuchte, und in der Eigenſchaft eines Zeichnenlehrers eine ganze Menge von Sachen mit⸗ brachte, die bei dieſem Unterrichte benutzt werden ſollten. Mit unausſprechlichem Vergnuͤgen begannen ſowohl Leh⸗ rer als Schuͤler dieſe Stunden, die zur groͤßten Zufrieden⸗ heit beider Parteien oͤfter und immer oͤfter, zuletzt faſt taͤg⸗ lich fortgeſetzt wurden. Da es indeſſen immer Abendſtun⸗ den waren, die hierzu verwendet werden mußten, und ſich dieſe gewoͤhnlich den groͤßten Theil des Abends hinzogen, ſo folgte daraus, daß Adolph die meiſten Abende ein Gaſt des Hauſes war, ebenfalls zur Zufriedenheit aller Parteien. Ein neuer, gluͤcklicher Stern ging uͤber die de⸗ müthige Wohnung der genuͤgſamen Frauen auf. Ein theilnehmender, geiſtreicher, immer heiterer Freund belebte jetzt ihre einſamen Abende, und uͤberdies wurde ihre haͤus⸗ liche Lage durch tauſend Kleinigkeiten verſchoͤnert, die gleich⸗ ſam ganz von ſelbſt kamen; auf eine ſo zartfuͤhlende Weiſe wußte Adolph ſeine kleinen Wohlthaten anzubringen. Er pflegte ſich immer an Mamſell Holm zu wenden, ſie 5 — 66— um Erlaubniß bittend, von den mancherlei Produkten, die er zu dem Ende von ſeinem Gute kommen ließ, Fruͤchte, Wildpret und manches andere, ihnen ſenden zu duͤrfen; und wenn man nun eines Abends dieſe Herrlichkeiten feſt⸗ lich mit einander genießen wollte, da brachte er ſelbſt einige Flaſchen feinen Weines, die er unter ſeinem Mantel ver⸗ borgen, und heimlich in die Kuͤche ſtellte, ſie Stinens Sorgfalt mit einer Vorſicht empfehlend, als haͤtte er ſie geſtohlen, nicht zum Geſchenk gebracht. Fragte man bei einer ſolchen Gelegenheit Stine, ſo lautete immer die Ant⸗ wort:„Das weiß ich nicht, das muß der Niß gebracht haben. Es iſt erſtaunlich, wie dieſen Winter das Voͤlkchen hier im Hauſe umherſpukt.“— Dieſer gute Niß war un⸗ erſchoͤpflich in ſolchen kleinen Aufmerkſamkeiten. So nahm er von den Zeichenſtunden Anlaß, Victorn eine Aſtrallampe zu ſchenken, die er mit einem Vorrath an allem Zubehoͤr fuͤr ſehr lange Zeit begleitete, ein Geſchenk, das ſehr viel dazu beitrug, die bisher dunkeln, langen Abende heiterer zu machen. Lange hatte er ſchweigend be⸗ merkt, das Maria nicht im Beſitz eines Inſtrumentes ſei. Einſt fragte er ſie, weßhalb ſie nie mehr das Fortepiano ſpiele; und ohne ihre Antwort abzuwarten, rief er ihr die Zeit in's Gedaͤchtniß zuruͤck, da ſie miteinander muſicir⸗ ten, und, ſich beklagend, daß er jetzt Niemanden kenne, der mit ſeiner Begleitung vorlieb nehmen moͤge, erzaͤhlte 1 ———— — 67— er, wie er ein Fortepiano gemiethet habe, in der vergeblichen Hoffnung, dieſes Inſtrument, welches ſelbſtſtaͤndiger ſei als die Violine, ſpielen lernen zu koͤnnen; da er aber nun keinen Gebrauch dafuͤr habe, wuͤrde es ihm eine große Freude ſein, wenn er es ihr zuſenden, und auch in dieſer Ruͤckſicht die Freuden ihrer erſten Jugend erneuern duͤrfte. Maria, die den Genuß, welchen ihr fruͤher die Muſik verſchafft, unbeſchreiblich vermißt hatte, fuͤhlte uͤber dieſen Vorſchlag ein inniges Vergnuͤgen, ſagte aber doch mit er⸗ roͤthenden Wangen:„Lieber Lidner, Sie ergreifen ſo freundlich jede Gelegenheit, mich und die Meinigen mit Guͤte zu uͤberſchuͤtten, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen danken ſoll, und aͤußerſt verlegen wuͤrde es mich machen, ſo viel Gutes von Ihrer Hand anzunehmen, wenn ich Sie als einen Fremden betrachtete; das thue ich aber nicht. Dieſe Erinnerungen aus unſern fruͤhern Jahren, das Gluͤck mit Ihnen, ſo ganz demſelben, wie damals, wieder zuſam⸗ men zu treffen, haben die ſchweſterliche Ergebenheit, die ich zu jener Zeit fuͤr Sie hegte, wieder aufgefriſcht. Es kommt mir ganz ſo vor, als ob Sie wirklich mein Bruder waͤren, und ich ſetze Sie in meinem Herzen eben ſo hoch, wie meine Schweſter Anna, welche immer die Haͤlfte meiner eigenen Seele ausgemacht hat.“ Wie liebevoll auch dieſe Worte waren, wie große Be⸗ deutſamkeit ſie auch in Mariens Munde hatten, es lag 5* — 68— in ihnen doch etwas, fuͤr Adolph Schmerzliches. Das Fortepiano, wie auch Muſikalien, wurden unterdeſſen nach Mariens Wohnung gebracht, und ein neuer Zuwachs edeln und unſchuldigen Genuſſes, eine neue Veranlaſſung, beiſammen zu ſein, wurde dadurch gewonnen, ſo daß Adolph alle Zeit, die er der geziemenden Aufmerkſamkeit fuͤr ſeinen Vater und deſſen Umgangskreiſe entziehen konnte, in dem einfachen Hauſe ſeiner Freundin zubrachte. Es iſt aber auch nicht moͤglich, mit groͤßerer Liebe aufgenommen zu werden, als ihm hier von allen Suten entgegen kam. Maria faßte jeden kleinen Wink auf, um ihrem geliebten Freunde eine Freude zu bereiten, und manche Mitternachts⸗ ſtunde ſah ſie beim Scheine der Lampe allein ſitzen, und mit vergnuͤgtem Antlitze an allerlei kleinen Geſchenken fuͤr ihn arbeiten, die an Geſchmack und Erfindungsgabe erſetz⸗ ten, was ihnen an Werth abging. Wenn ein Verhaͤltniß ſo gluͤcklich iſt, daß man von demſelben ſagen kann, es ſei gleichſam von einem paradie⸗ ſiſchen Frieden angehaucht, dann iſt es auch, als ob der alte Feind vom Paradieſe her dem gefallenen Menſchenge⸗ ſchlechte dieſe Ruhe mißgoͤnne. Es gehoͤrt ſo wenig dazu, den reinen Frieden eines ſolchen Verhaͤltniſſes zu ſtoͤren; eine Kleinigkeit, ein Wort, erweckt die ſchlummernden, boͤ⸗ ſen Maͤchte. Als einſt Adolph Maria angeſtrengt arbeiten ſah, und ſeine Bekuͤmmerniß aͤußerte, weil ihre — 69— Lage ihrer nicht wuͤrdig ſei, ſagte ſie:„Ich bin keines⸗ weges zu bedauern; ich flehe zu Gott, daß keine Veraͤn⸗ derung das Leben, wie ich es dieſen Winter genoſſen, un⸗ terbrechen moͤge. Bei meinen Kindern, bei Ihnen, mei⸗ nem bruͤderlichen Freunde, ja ſelbſt bei der, freilich etwas beſchraͤnkten, aber guten Mamſell Holm fuͤhle ich mich gluͤcklich. Mit Dank gegen Gott weiß ich den Frieden zu ſchaͤtzen, der ſich in mein Herz und in meine Verhaͤltniſſe eingewohnt hat. Kein Streit, keine Disharmonie, nur Ruhe und Liebe. Ich denke mir dieſen Zuſtand als zum Reiche Gottes auf Erden gehoͤrend, wo hingegen ich die brennenden Wuͤnſche, die heftigen Leidenſchaften als daͤmo⸗ niſche Einfluͤſterungen betrachte, welche ſtoͤrend in unſer armes, menſchliches Daſein eingreifen.“ Auch dieſe Worte verwirrten und betruͤbten Adolph⸗ denn ſchon ſeit lange hatte er ſich geſtehen muͤſſen, daß brennende Wuͤnſche, leidenſchaftliche Liebe ſich ſeiner Seele bemaͤchtigt hatten, ohne daß er doch dieſe Gefuͤhle als daͤ⸗ moniſche Einfluͤſterungen betrachten konnte. Seine Hoff⸗ nung, ſein ſehnlichſtes Verlangen war, daß Maria ſeine Gattin werden und ihm dadurch das Recht einraͤumen moͤchte, fuͤr ihr und der Kinder Gluͤck zu leben, die ſie die ihrigen nannte. Das Geſtaͤndniß dieſer redlichen und herz⸗ lichen Wuͤnſche ſchwebte ihm oft auf den Lippen; aber — 0— Mariens ruhiger, rein ſchweſterlicher Ton gegen ihn feſſelte ſeine Zunge. „Was ſoll ich denken?“ ſagte er in ſeinen Selbſtge⸗ ſpraͤchen:„Liebt ſie mich denn gar nicht? Herzlich lieb bin ich ihr dennoch, das iſt klar. Sie ſehnt ſich nach mir, wenn ich abweſend bin. Bringe ich, wie es bisweilen der Fall iſt, einige Tage auf meinem Gute zu, da nennt ſie eine ſolche Zeit„„die triſten Tage.““ Sie blickt mich mit ſo milden Augen an, ſucht meine kleinen Wuͤnſche zu errathen, und ſich nach denſelben zu richten. Kann dieſes Alles einzig und allein Freundſchaft ſein?... Oft aber iſt es doch, als wollte ſie mir mit klaren Worten ſagen, ſie betrachte mich nur mit den Augen einer Freundin, einer Schweſter, ſo daß mir die Woͤrter„„Bruder und Schwe⸗ ſter,““ die ſie immer im Munde fuͤhrt, faſt verhaßt ge⸗ worden ſind. Aber ſie iſt ſo unſchuldig. Sie iſt weit juͤnger, als ihre Jahre. Sie liebt mich vielleicht, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Sie kennt die Liebe nicht. Doch— was ſagte einſt Mamſell Holm, der kraͤchzende, unheil⸗ verkuͤndende Vogel? Maria, ſagte ſie, habe behauptet, ſie werde fuͤr keinen Mann wieder Liebe fuͤhlen koͤnnen, denn ſie habe ihren verſtorbenen Gatten geliebt. Ihren Gatten! Dies Wort ſtroͤmt mir wie ein Gift durch alle Adern. Waͤhrend zweier Jahre war ſie in ſeinem Hauſe, allein bei ihm und den Kindern, die ſie mit einer Zaͤrtlich⸗ keit liebt, welche faſt unnatuͤrlich ſcheint, wenn ſie nicht in ihnen den Vater liebte. Die Kinder ſind ſchoͤn! Er war wohl auch ſchoͤn!— Wie liebevoll blickt ſie Victor an, wenn er ſie mit ſeinen Armen umſchlingt, und ihre Wange kuͤßt. Er iſt gewiß dem Vater aͤhnlich. Der dumme große Bengel! was das wohl auch bedeuten ſoll, daß er ſie kuͤſſen darf!... Was faͤllt mir da ein! Vor⸗ geſtern, als ſie auf dem Schemmel ſaß, und mit ihren Ar⸗ men Liſe umſchlang, welche, neben ihr ſtehend, die Wange an ihre Schulter lehnte, und mir, von Mariens himmli⸗ ſchen Reizen hingeriſſen, die Worte entfuhren:„„Sie vereinigen in ſich die beiden ſchoͤnſten, und ſonſt unvereinbar⸗ ſten weiblichen Wuͤrden; Sie ſind Jungfrau und Mutter, gleich Ihrer heiligen Namensgenannten, deren irdiſches Bild in Ihnen auch, was Schoͤnheit, Froͤmmigkeit und Reinheit betrifft, wiederſtrahlt““— da entfaͤrbte ſie ſich, Thraͤnen traten ihr in die Augen, ſie warf mir meine Worte vor und ſagte:„„Vermeſſen iſt es, mich mit der Heiligen vergleichen zu wollen, mit der ich nur den Namen gemein haben“— und mit einem Seufhzer fuͤgte ſie hinzu:„„Gott ſei mir Suͤnderin gnaͤdig!““— O mein Gott! mein Gott! was bedeutet dieſes Alles?— Nein, nein! Solche abſcheuliche Gedanken ſind Suͤnde, ſind daͤmoniſche Ein⸗ fluͤſterungen!“ und nicht Unrecht hatte Adolph in dieſer letzten Be⸗ — 72— merkung, ſofern man annehmen kann, daß ſich in der Bruſt eines von leidenſchaftlicher Liebe aufgeregten Men⸗ ſchen ein Funke aus der Hoͤlle mit dem himmliſchen Feuer vermiſche. Die friedlichen, ſchoͤnen Tage ſeines Zuſam⸗ menlebens mit Marien wurden nach und nach immer haͤu⸗ figer von der finſtern Stimmung geſtoͤrt, die ihn bis⸗ weilen ploͤtzlich ergriff, und eben ſo ploͤtzlich wieder ver⸗ ſchwand, um einer unbaͤndigen Freude Raum zu geben, einer demuͤthigen Verehrung des Gegenſtandes aller dieſer Gemuͤthsbewegungen. Seine Eiferſucht nahm mit jedem Tage zu; es ſchmerzte ihn, ihr, die ihm Alles war, nicht auch Alles ſein zu koͤnnen, und ihre große Liebe fuͤr die Kinder, ihre Aengſtlichkeit bei dem bloßen Gedanken an irgend eine Gefahr, die ſie bedrohen koͤnnte, ihre Sehnſucht nach Victorn, wenn dieſer laͤnger als gewoͤhnlich in der Schule blieb, waren dem liebenden Adolph eine Quelle der marterndſten Gefuͤhle. In manchem Augenblicke war er ſo wenig Herr ſeiner ſelbſt, daß er den Unwillen nicht verbergen konnte, den er hauptſaͤchlich gegen Victor fuͤhlte, welcher ihm faſt als ein Nebenbuhler erſchien. Es war augenſcheinlich, wie er ihn zu entfernen ſuchte, und haupt⸗ ſaͤchlich wenn er den Abend bei Marien zubrachte, da beſchuldigte er Victorn der Schlaͤfrigkeit, und zwang ihn durch wiederholte Anmahnungen, das Bette zu ſuchen. Der unſchuldige Knabe, der mit ganzer Seele an ſeinem — 73— fruͤher liebevollen Lehrer hing, verzweifelte uͤber deſſen veraͤn⸗ dertes Betragen gegen ihn, und beklagte ſich daruͤber, bit⸗ terlich weinend, insgeheim gegen Maria. Dieſe fuͤhlte ſich uͤber dieſes Alles ſehr verwirrt und verſtimmt; ſie bemerkte, daß wenn ſie ihr und Victors Recht behauptete, ſie das Uebel nur aͤrger machte, und ſuchte deshalb mit weiblicher Zartheit, dieſe Unannehmlich⸗ keiten, ſo gut ſie konnte, auszugleichen und zu mildern. Sehnſuchtsvoll harrte ſie einer Gelegenheit, um mit Adolph uͤber ſein veraͤndertes Weſen vertraulich zu ſprechen; aber ihre angeborene Furchtſamkeit, und ihre Angſt, den ſo lie⸗ ben Freund zu verwunden und zu betruͤben, verurſachten, daß ſie manche ſolche Gelegenheit unbenutzt voruͤbergehen ließ. Einſt endlich, als ſie ganz allein waren, faßte ſie Muth, und bat ihn, ihr mit bruͤderlichem Vertrauen mitzutheilen, welche Sorge und Unruhe ſein Gemuͤth belaſte.„Helfen kann ich freilich wohl nicht,“ ſagte ſie,„aber Ihren Kum⸗ mer theilen, und mit liebevollem Herzen meinen Antheil auf mich nehmen, das kann ich, und wuͤrde das denſelben nicht moͤglicherweiſe leichter machen?“ Adolph war geruͤhrt und unſchluͤſſig. Das Gefend⸗ niß ſeiner Liebe, ſeiner Leiden ſchwebte ihm auf den Lippen, aber er ſchaͤmte ſich, ſeine Eiferſucht, ſeinen Verdacht zu geſtehen.„Ach, liebſte Maria!“ ſagte er tief geruͤhrt: „Gluͤckſelig wuͤrde ich die Stunde nennen, da ich mein — àA— Herz vor Ihnen ausſchuͤtten duͤrfte; mir iſt aber ſo bange, daß mich meine Geſtaͤndniſſe, wenn ich ſie mit der Offen⸗ herzigkeit ablegen ſoll, die ich Ihnen ſchuldig bin, eines Theils Ihres Wohlwollens, ohne welches ich nicht leben kann, berauben moͤchten. Mit dem Geſtaͤndniſſe einer meiner Sorgen will ich den Anfang machen; dieſe aber erfordert Ihrerſeits eine zutrauliche und offenherzige Ant⸗ wort. Darf ich dieſe erwarten, wenn auch meine Frage unzart erſcheinen moͤchte? Von Ihnen iſt mir die Ehre ge⸗ worden, daß Sie mein Vertrauen forderten; darf ich die⸗ ſelbe Forderung an Sie ſtellen?“ Maria blickte ihn ernſt an, und ſagte dann nach kurzem Bedenken:„Ja! ich will Ihnen offen und ehrlich antworten.“ Adolph fuhr mit unſicherer Stimme fort:„Es druͤckt mich der Gedanke, daß ich ihre Verhaͤltniſſe ſo weit unter dem finde, wie ſie ſein ſollten, es druͤckt mich die Furcht, es ſeien nicht aͤußere, ſondern innere Urſachen, die Ihre Zufriedenheit ſtoͤren.“ Maria unterbrach ihn:„Ich bin zufrieden, das habe ich Ihnen ſchon fruͤher geſagt. Ihre veraͤnderte Gemuͤths⸗ ſtimmung iſt mein einziger wirklicher Kummer, das Uebrige iſt nicht des Nennens werth.“ „Nein, meine liebſte Marial das glaube ich nicht. Ich fuͤrchte, es ſtehe nicht in menſchlicher Macht, ja es — 25— liege ſogar außerhalb der Grenzen der Moͤglichkeit, Sie gluͤcklich zu machen. Mit einem Worte, ich glaube, Sie haben Ihren verſtorbenen Gatten ſo innig geliebt, daß Ihre Freude in dieſer Welt mit ihm zu Grabe getragen worden. Iſt dem nicht ſo?“ Maria ſenkte die Augen, nach einem kurzen Schwei⸗ gen aber erhob ſie wieder ihr himmelklares Antlitz, und ſagte freimuͤthig:„Nein! Sie ſind im Irrthum. Ich habe den verſtorbenen Blume nie geliebt und mit Wahr⸗ heit kann ich behaupten, ihn nur wenig gekannt zu haben, obgleich ich waͤhrend ganzer drei Jahre in ſeinem Hauſe lebte, und es ſo unumſchraͤnkt verwaltete, als waͤre ich Frau des Hauſes geweſen. Nach dieſem Geſtaͤndniſſe wer⸗ den Sie es vielleicht, am Nachſichtigſten beurtheilt, unzart ſinden, daß ich mich durch ein heiliges Band an dieſen Mann habe binden laſſen; erlauben Sie mir aber deshalb, Ihnen die Beweggruͤnde auseinander zu ſetzen, die mich leiteten, und— ſo hoffe ich— entſchuldigen werden.“ Adolph war entzuͤckt, Freudenthraͤnen perlten in ſei⸗ nen Augen, und, Mariens Hand kuͤſſend, rief er aus: „O reden Sie! reden Sie, meine beſte Freundin! verheh⸗ len Sie mir nichts! Sein Sie uͤberzeugt, daß ich jedes mir von Ihnen anvertraute Wort in einem treuen Herzen bewahren werde!“ „Sie wiſſen,“ ſagte Maria, indem eine liebliche Roͤthe ihre Wangen faͤrbte,„Sie wiſſen, daß ich in meiner erſten Jugend, waͤhrend einiger Jahre bei den Kindern eines Be⸗ amten Lehrerin war. Es fehlte mir an Muth, dieſe Fa⸗ milie zu verlaſſen, obgleich meine Lage ziemlich dornenvoll war. Es ereignete ſich nun, daß der Kammerrath Blume, ein Verwandter des Hauſes, ſeine junge Frau verlor. Er reiſete nach Hamburg, um ſich zu zerſtreuen, und beſuchte bei dieſer Gelegenheit meine Herrſchaft. Er bedurfte eines Frauenzimmers, um ſein Haus zu verwalten, und fuͤr die mutterloſen Kinder Sorge zu tragen. In mir glaubte er zu finden, was er ſuchte, und da die Familie, bei der ich ⸗ mich aufhielt, ſeinem Wunſche ſich nicht widerſetzen wollte, begleitete ich ihn gleich nach Odenſee, ſeinem Wohnorte. Hier war ich gluͤcklich; denn nicht zu gedenken, daß ich mit meinen beſten und einzigen Freunden, meiner Schweſter und meinem Schwager, taͤglichen Umgang pflegen konnte, befand ich mich hier in einem Wirkungskreiſe, ganz nach meinem Sinne, und genoß einer Freiheit, deren Suͤßigkeit ich nach ſo vieljaͤhrigem Zwange recht zu ſchaͤtzen wußte. Blume hatte viele Geſchaͤfte, die ihm eine Laſt zu ſein ſchienen, und waͤhrend der ganzen Zeit, die er denſelben— entziehen konnte, entſchaͤdigte er ſich, durch Aufſuchung von Vergnuͤgungen. In einem Klub, auf Luſtpartien mit ſeinen Freunden, vertrieb er alle ſeine Freiſtunden. Ohne Uebertreibung kann man ſagen, daß er nie zu Hauſe war. Haus und Kinder uͤberließ er gaͤnzlich mir. Ein ſo großes Zutrauen mußte mir natuͤrlicherweiſe doppelten Eifer fuͤr meine Pflichten auferlegen; aber dieſe Triebfeder war nicht einmal noͤthig. Die kleinen, mutterloſen Kinder nahmen mein ganzes Herz ein, Liſe war eben geboren, Victor erſt fuͤnf Jahre alt. Sie kamen mir ganz wie meine eig⸗ nen Kinder vor, ich fuͤhlte wie die muͤtterliche Liebe begluͤckt, und in der Seele keine Leere zuruͤck laͤßt. Dieſe guten Tage wurden bald unterbrochen. Ein ungluͤcklicher Sturz mit einem Pferde zerruͤttete Blumes Geſundheit. Er lag lange krank, und litt ſehr; aber nicht allein koͤrperliche Leiden hatte er zu erdulden, ſondern unter Sorgen ſah der kraͤftige, lebensfrohe Mann ſeinem Tode entgegen, und dieſe Gemuͤthsſtimmung nahm augenſcheinlich jedesmal zu, wenn ihn ſein Bruder beſuchte, mit dem er, waͤhrend ſeiner geſunden Tage, faſt gar keinen Umgang gehabt hatte. Dieſer rohe, herzloſe Menſch ſprach zu dem Kranken ſtets von ſeinem nahebevorſtehenden Tode, und nahm es als entſchieden an, daß es ihm dann zukommen wuͤrde, als Vormund der Kinder, ihr Vermoͤgen zu verwalten, und fuͤr ihre Erziehung Sorge zu tragen.„„Ihr verzaͤrtelten Dinger!““ ſagte er in Gegenwart des kranken Vaters: „„ Ihr ſollt es noch anders gewohnt werden.“"— Zu⸗ letzt nahm Blume die Beſuche des verhaßten Mannes nicht mehr an, dagegen unterhielt er ſich oft mit einem — 28— Rechtsgelehrten, mit welchem er ſich zu berathen, und ſeine irdiſchen Angelegenheiten zu ordnen ſchien. Eines Tages, als dieſer Mann bei ihm geweſen, bat er mich, an ſeinem Bette Platz zu nehmen, da er mich zu ſprechen wuͤnſche. Sehr geruͤhrt dankte er mir fuͤr die ſorgfaͤltige Pflege ſei⸗ ner Kinder, aͤußerte mit Waͤrme ſeine Bekuͤmmerniß wegen ihres Schickſals nach ſeinem Tode, und machte mir den Vorſchlag, ſo ihre, wie meine eigne Zukunft zu ſichern, indem ich mich ihm antrauen ließe, da er mich in dieſem Falle teſtamentariſch als Vormuͤnderin der Kinder einſetzen koͤnne. Es machte mich dieſer Antrag ſehr beſtuͤrzt, und nicht ſogleich konnte ich in ſeinen Wunſch willigen. Eine innere Stimme ſprach gegen dieſe Handlung. Eine Ver⸗ bindung, die ich ſonſt nie wuͤrde eingegangen ſein, ſollte ich in der Hoffnung knuͤpfen, daß der Tod ſie ſogleich wie⸗ der aufloͤſen wuͤrde? Mit ſolchen Gefuͤhlen ſollte ich meine Hand einem Manne geben, dem ich Dankbarkeit ſchuldig war, und deſſen gutes Herz ich waͤhrend ſeiner Krankheit hatte kennen gelernt? Nein, mit einer ſo zweideutigen Handlung wollte ich eine in aͤußerer Ruͤckſicht beſſere Zu⸗ kunft mir nicht erkaufen. Waͤhrend ich einſam und ſtill in dieſen Betrachtungen verſunken ſaß, kamen die Kinder aus dem Garten zu mir herein gelaufen. In den Haͤnden hielten ſie einige lange Zweige von Farrenkraͤutern, eilten auf mich zu, faͤchelten mich mit den gruͤnen Blaͤttern, und — 79—. umſchlangen mich in ausgelaſſener Luſtigkeit. Wie weh⸗ muͤthig geſtimmt fuͤhlte ich mich bei dieſer kindlichen Sorg⸗ loſigkeit in einem Augenblicke, deſſen Wichtigkeit den Un⸗ ſchuldigen nicht ahnete. Da trat ploͤtzlich der harte Oheim herein, und ſchnell entflohen die armen Kinder, ſich in ei⸗ nen Winkel verbergend, den Voͤglein gleich, die in ihrer Naͤhe einen Habicht erblicken. Er entfernte ſich bald, und ſogleich kam Victor wieder hervor, ganz ernſt, die kleine Liſe an der Hand haltend, welche den Bruder mit fragen⸗ den und aͤngſtlichen Augen anblickte.„„Wir fuͤrchten uns ſo ſehr vor dem Onkel,““ ſagte der Knabe:„„Wir wollen nicht mehr ſpielen. Duͤrfen wir wohl bei Dir blei⸗ ben?““— Dieſe Worte ſchienen mir, wie von einer hoͤhern Stimme ausgeſprochen. Mit einer Liebe, die mein ganzes Weſen durchſtroͤmte, umarmte ich die reizenden Kin⸗ der, und ging gleich zu ihrem Vater hinein, dankte ihm fuͤr ſein Zutrauen, und verſprach, mich deſſen im Leben wie im Tode wuͤrdig zu machen. Er ſchien nach dieſer Unter⸗ redung ruhiger. Drei Tage darauf wurden wir getraut, und zehn Tage ſpaͤter beſuchte ich mit Victorn ſein Grab.“ Adolph hatte dieſem Berichte in einer Spannung gelauſcht, wie ein Menſch, der ein Urtheil vorleſen hoͤrt, von dem ſeine Ehre und ſeine Wohlfahrt abhaͤngt, und kein Freierkannter kann mit mehr erleichtertem Sinne Gott und Menſchen danken, als er es in dieſem Augenblicke that. — 80— Er ergriff Mariens Haͤnde, kuͤßte dieſelben mit thraͤnen⸗ vollen Augen, und mit ſo warmen und begeiſternden Aus⸗ bruͤchen der Freude uͤber ihre Vortrefflichkeit, daß ſie ſich verſchaͤmt zuruͤckzog, und eine dunkle Ahnung ſeiner wah⸗ ren Gefuͤhle fuͤr ſie ihr Gemuͤth beruͤhrte. Dieſe Ahnung aber wurde doch nicht zum Gedanken. Ohne zu wiſſen weßhalb, erroͤthete ſie heftig, freute ſich aber doch uͤber die gluͤckliche und ungezwungene Stimmung ihres Freundes. Victor, der eben aus der Schule nach Hauſe kam, und etwas furchtſam hineintrat, als er Adolph erblickte, unterbrach ihr Geſpraͤch. Mit dem, Kindern eignen, ſchar⸗ fen Tact hatte er ein Gefuͤhl, daß er zu ungelegener Zeit komme. Aber der jetzt gaͤnzlich umgewandelte Freund ging ihm mit groͤßerer Freundlichkeit entgegen, als je zuvor, ließ ſich ſeine letzten Zeichnungen vorlegen, lobte ihn, verſprach folgenden Tags wieder zu kommen, um ihre Uebungen im Zeichnen fortzuſetzen, unterhielt ſich mit ihm, und ver⸗ wiſchte in der weichen, kindlichen Seele jede unangenehme Erinnerung. Er ſollte dieſen Abend bei ſeinem Vater zu⸗ bringen, wo eine kleine Geſellſchaft zuſammen kam. So ſpaͤt wie moͤglich nahm er Abſchied, und eilte nach Hauſe, gleichſam getragen von den Fluͤgeln der Freude und Hoff⸗ nung. Als er fort war, ſagte Mamſell Holm, die eben vor⸗ her nach Hauſe gekommen:„Nun, meine kleine, liebe ————— —&1— Frau! Jetzt kommt wohl das Gluͤck, das ich geweiſſagt, und fruͤher noch, als ich es gedacht haͤtte. Solch' ein Mann iſt unſer lieber Herrgott!“ Dies war die Einlei⸗ tung zu einem Thema, welches ſie ſchon laͤngſt von Adolphs Liebe und Abſichten, die man keineswegs bruͤ⸗ derlich nennen koͤnne, Marien eaͤglich vorſang. Maria(achte und ſagte:„Ach, liebe Holm! Sie ſehen mich wahrlich in einem gar zu guͤnſtigen Lichte, Sie ſind wie eine liebevolle Mutter, die in jedem unverheira⸗ theten Manne einen Freier fuͤr ihre Tochter zu erblicken glaubt. Was aber den guten Adolph Lidner betrifft, ſo ſind die Bande, welche uns verbinden, ganz anderer Art, als diejenigen, welche die ſogenannte Liebe knuͤpft. Ju⸗ genderinnerungen, eine liebe Gewohnheit, ſich gegenſeitig zu Vertrauten zu machen, unerſchuͤtterliches Zutrauen, lange und gepruͤfte Treue— o mein Gott!— ſind nicht dies die beſten Beſtandtheile der Liebe? Iſt nicht ein ſol⸗ ches Verhaͤltniß gar zu ſchoͤn, um nur die geringſte Veraͤn⸗ derung wuͤnſchen zu koͤnnen? Ich wuͤnſche keine und Lid⸗ ner denkt hierin ſicher wie ich.“ „Das glaube ich nicht, er iſt ein Mann und nicht mehr ein Heiliger, als Andere. Dennoch aber will ich mich von Herzen freuen, und Ihnen Gluͤck wuͤnſchen, wenn ich ihn als Ihren Gatten und der Kinder Vater ſehen darf.“ —— Waͤhrend der letzten Aeußerung war Victor in's Zim⸗ mer getreten, und ſtutzte, indem er die eben ausgeſprochenen Worte hoͤrte. Schnell ging er auf Marien zu, und ſchauete ihr mit einem aͤngſtlich fragenden Blicke in's Auge. „Hoͤre, Victor!“ fuhr Mamſell Holm fort:„Waͤre es nicht ſchoͤn, einen guten Vater zu haben?“ „Mein Vater iſt todt,“ ſagte der Knabe ernſt. „Deine Mutter iſt ja auch todt, und Du haſt eine neue Mutter bekommen, deren Du Dich freueſt; ſolcher⸗ weiſe kannſt Du auch einen neuen Vater bekommen.“ „Aber du lieber Gott! da haͤtten wir ja weder Vater noch Mutter.“ „Nal da ſprichſt Du doch recht wie ein Einfaltspinſel. Du großer Junge! Du mußt doch ſelbſt einſehn koͤnnen, daß was Du da ſprachſt, ohne Sinn und Verſtand iſt.“ „Nein,“ ſagte Maria,„fuͤr mich iſt in ſeinen Wor⸗ ten Sinn.“— Sie ſtreckte ihre Hand nach Victorn aus. Er kuͤßte dieſelbe mit gluͤhenden Wangen, und ſagte leiſe: „Ich kann mich meiner erſten Mutter nicht erinnern, nie habe ich einem andern Menſchen zu gehorchen gehabt als Dir, ich liebe Dich als waͤre ich Dein eigener Sohn, und ich bin Dir immer gehorſam geweſen.“ Liſe, welche, ohne zu verſtehen, wovon zwiſchen den Aeltern die Rede ſei, doch zu ahnen ſchien, daß etwas Un⸗ gewoͤhnliches beſprochen werde, kam auch herbei, legte ihren —-— 83— Kopf ſchmeichelnd in Mariens Schooß, und blickte ſie Alle mit einer gewiſſen Furchtſamkeit an, ohne zu wiſſen weßhalb. „Seh'n Sie, liebe Freundin!“ ſagte Maria:„So ſind meine Verhaͤltniſſe. Wuͤrde es nicht eine Suͤnde ſein, mit vermeſſener Hand in dieſelben einzugreifen? Sind ſie nicht auch zu gut, um eine Abaͤnderung ihrer zu wuͤnſchen?“ Dieſe Mariens Aeußerungen waren ſicherlich die aufrichtige Meinung ihres Herzens, und obgleich ſie wohl nicht ganz freigeſprochen werden konnte, zu den Blinden zu gehoͤren, die nicht ſehen wollen, ſo gab es doch viele Umſtaͤnde, welche verurſachten, daß ſie wirklich nicht ſah; denn außer ihrer aufrichtigen Demuth, ihrer Unwiſſenheit hinſichtlich der Macht, die ihre Reize ausuͤbten, lag auch in dem Tone Adolphs gegen ſie ein Etwas, das ſie in ihrer Sicherheit ruͤckſichtlich ihrer gegenſeitigen Verhaͤltniſſe beſtaͤrken mußte; denn neben all' ſeiner Leidenſchaft, all ſeiner Eiferſucht, zeigte ſeine Liebe doch einen ſo großen Theil von Freundſchaft, von Zartheit und Innigkeit, daß das Feuer der Leidenſchaft dadurch milder, und gleichſam verſchleiert wurde; und obgleich nicht zu leugnen ſteht, daß ſeine heftigen Paroxismen in der letzten Zeit ihn freilich in Mariens Gegenwart uͤberfallen, iſt es doch auch ge⸗ wiß, daß ein Blick, ein Wort von ihr dieſelben ſtillen konnten, und daß die Milde, die beſtaͤndige Ruhe, die 6* — — 84— uͤber ihr ganzes Weſen ausgebreitet war, beruhigend auf ihn wirkte, jede leidenſchaftliche Aeußerung in dem Grade zuruͤckhielt, daß ſie immer noch einer warmen, bruͤderlichen Neigung zugeſchrieben werden konnte. Mariens Wunſch, Alles auf dieſe, ihrer Meinung nach, beſte Weiſe zu deuten, entfernte auch jeden andern Gedanken. Unzart und un⸗ wuͤrdig fand ſie jede Beſtrebung, fremde Gefuͤhle und Plaͤne in ein ſo reines Verhaͤltniß hineinzumiſchen. —— ——— V. In Adolphs Kreiſe waren ſeine haͤufigen Beſuche bei Marien kein Geheimniß, obgleich er ſelbſt nicht davon ſprach, auch die Andern unter ſich dieſen Gegenſtand noch nicht abgehandelt hatten. Sein Bruder, der zuerſt dieſer Sache auf die Spur gekommen, war auch der Erſte, der ſie dem Vater hinterbrachte, aber nur oberflaͤchlich, im Laufe der Unterredung. Der Obriſt, welcher in den taͤg⸗ lichen Gaͤngen ſeines Sohnes zu einer jungen, ſchoͤnen Wittwe in druͤckenden Verhaͤltniſſen nur eine gewoͤhnliche, voruͤbergehende Liebesgeſchichte ſah, war weit entfernt, ſich um dergleichen zu kuͤmmern. Philipp, der in dieſer Ruͤckſicht Adolphs Geſinnungen richtiger beurtheilte, hatte uͤber dieſes Verhaͤltniß einen ganz andern Begriff, freute ſich aber ſehr, ſeinen Bruder auf einer Faͤhrte zu wiſſen, wo ihre Plaͤne nicht in Gefahr ſtanden, zu caram⸗ boliren. Die Einzige, der dieſe Geſchichte Unruhe ver⸗ urſachte, war Emma. Die Vermuthungen in Betreff ihrer Geſinnung gegen Adolph, die der Obriſt in jener Unterredung mit demſelben geaͤußert hatte, machten ſicher⸗ — 36— lich ſeinem pſygologiſchen Talente alle Ehre. Fuͤr Emma, die es gewohnt war, in jedem jungen Manne einen mehr oder weniger erklaͤrten Anbeter zu finden, war es eine pi⸗ quante Aufgabe, einen Aufruͤhrer zu beſiegen, der aller in ihrem Umgangskreiſe eingefuͤhrten guten Ordnung Trotz zu bieten ſchien. Das Freie und Maͤnnliche in Adolphs Weſen, das Gehaltreiche in ſeiner Unterhaltung war uͤber⸗ dies fuͤr das junge Maͤdchen, dem es nicht an Verſtand fehlte, um Gold vom Flitter zu unterſcheiden, ſehr an⸗ ziehend. Gleich nach Adolphs Unterredung mit Mamſell Holm in Emmas Gegenwart hatte ſie geſucht, dieſe Letztere aus⸗ zuforſchen, um ſo genau wie moͤglich die Unbekannte ken⸗ nen zu lernen, die Adolph zu intereſſiren ſchien. Wie wohl⸗ wollend ſich auch Mamſell Holm uͤber die Vollkommen⸗ heit ihrer Hausgenoſſin ausbreitete, lag doch in ihrer Schil⸗ derung der Perſoͤnlichkeit Narienseine gewiſſe Bläͤſſe und Kraͤnklichkeit, die, gegen ihren Willen, der aͤtheriſchen Geſtalt einen matten und verblichenen Anſtrich gab. Was ihre Talente betraf, da waren es hauptſaͤchlich die haͤus⸗ lichen, welche ſich in der Beſchreibung recht ausnahmen, und obgleich die wohlwollende Rednerin auch die uͤbrigen hervorzuheben ſuchte, und von Mariens Sprachkenntniſ⸗ ſen erzaͤhlte, die ſie in den Stand ſetzten, ihre Kinder ſelbſt zu unterrichten, und ſie vollkommen befaͤhigten, die Er⸗ — 87— ziehung der Tochter allein zu uͤbernehmen, von ihrem ferti⸗ gen Pianoforteſpiel, ihrer lieblichen Singſtimme: es wurde doch bei Emmas naͤherer Inquiſition klar, daß ſie zwar recht gute Sprachkenntniſſe beſitze, aber keine Uebung im Sprechen anderer Sprachen als Daͤniſch und Deutſch, und daß ſie in Ausuͤbung der Muſik ſich auf kleine Lieder und weniger ſchwierige Compoſitionen fuͤr's Fortepiano beſchraͤnke. Es wurde demnach der eitlen Emma einleuch⸗ tend, daß dieſe Nebenbuhlerin gar zu weit unter ihr ſtehe, um ihr gefaͤhrlich werden zu duͤrfen; und wie gern ſich auch Mamſell Holm ſelbſt reden hoͤrte, wie wenig ſie auch verſtand, ihre Worte abzuwaͤgen, beſaß ſie doch hinreichende Weltklugheit, um der Beſuche Adolphs bei ihnen und ſeiner Aufmerkſamkeit fuͤr Maria mit einer beſonderen Discretion zu erwaͤhnen, auf daß nicht der geringſte Schatten auf ihre Freundin fallen moͤchte, wiewohl ſie zu⸗ gleich in ihrem ſtillen Sinne uͤber die Eroberung jubelte, die ihre einfache Wohnung dem reichen Hauſe und deſſen Fraͤulein entriſſen, einer Dame, die ſie immer mit einem gewiſſen Vornehmthun behandelt hatte, weshalb ſie bei ihr eben auch nicht ſonderlich in Gunſt ſtand. So ſtanden die Sachen an dem Abende, da Adolph nach Hauſe zuruͤckkehrte, leicht wie ein Vogel, deſſen ge⸗ bundene Fluͤgel ploͤtzlich geloͤſet ſind. Es war ſpaͤt, man — 88— hatte ſeiner gewartet, um ſich an Tiſch zu begeben. Waͤh⸗ rend der Mahlzeit fiel das Geſpraͤch auf eine Stadtneuig⸗ keit, die den Gegenſtand der Unterhaltung des Tages ab⸗ gab. Ein gemeinſchaftlicher Bekannter hatte ſein ſchon einige Jahre altes oͤffentliches Verloͤbniß aufgehoben, um gleich darauf eine bedeutende Mesalliance einzugehen. Man ſprach uͤber dieſe Geſchichte hin und her. Einer aus der Geſellſchaft brach uͤber den Delinquenten voͤllig den Stab, ein Anderer uͤbernahm ſeine Vertheidigung. Der Obriſt ſchlug ſich, was die Aufhebung des Verloͤbniſſes betraf, zu dieſer letzten Partei, und ſagte:„Es ſind doch gar zu harte Bedingungen, die einem armen Menſchen auferlegt werden, daß, weil ein einziges ungluͤckſeliges, un⸗ beſonnenes Wort einmal ſeinen Lippen entſchluͤpft iſt, die⸗ ſes Wort ihm wie eine eiſerne Klammer, wie ein wahrer Klotz am Beine, fuͤr ſeine ganze uͤbrige Lebenszeit angelegt werden ſolle— ein kleines Wort, ausgeſprochen vielleicht in einem halben Rauſche, auf einem Balle vielleicht, auf⸗ geregt durch Muſik und Galoppaden, oder in einer ju⸗ gendlichen Schwaͤrmerei, oder gar in einer verzweifelten Laune. Es verrinnen indeſſen Tage und Jahre. Ihm wird Zeit ſich zu beſinnen. Die Roſe, die er pfluͤcken wollte, hat ein Blatt nach dem andern verloren, es iſt nicht viel mehr zuruͤck, als Dornen, dennoch aber heißt es:„„Er⸗ greife den Dornenbuſch, mein Freund! Du haſt Dich dazu — 89— verpflichtet!“„ Das iſt, bei meiner Secle! hart fuͤr Fleiſch und Blut.“ Der erſtgenannte Herr, der in dieſer Sache die Rolle des Actors ſpielte, behauptete, dies ſei etwas, was keines⸗ wegs auf dieſen Fall anzuwenden waͤre, denn die verlaſſene Braut ſei jung und ſchoͤnz und Emma fuͤgte hinzu:„Er i*ſt um ſo viel weniger zu entſchuldigen, als ſie nicht allein ſchoͤn, ſondern im hoͤchſten Grade talentvoll iſt; ſie ſpricht Franzoͤſiſch und Engliſch, ſogar Italieniſch mit einem Ac⸗ cent, wie eine Eingeborne, ſie ſpielt mehrere Inſtrumente, und malt bis zur Vollkommenheit.“ Philipp unterbrach ſie:„Ja! und die kleine Gri⸗ ſette, die er geheirathet hat, iſt ganz unwiſſend und ohne Erziehung, da kann er ſich denn nun zur Strafe mit ihr zu Tode langweilen, ſtatt daß er mit der Andern nie einen leeren Augenblick gehabt haͤtte.“ Defenſor nahm nun wieder das Wort, und ſagte: „Dieſes Alles moͤchte doch ſicherlich mancher Modifica⸗ tionen und naͤherer Erlaͤuterungen beduͤrfen. Huͤbſch, talentvoll iſt ſeine fruͤhere Geliebte, das iſt wahr, und mit dieſen Vorzuͤgen machte ſie ſeine Eroberung; ihre Verlo⸗ bung fand gleich ſtatt, indem er nur einer reinen Verlie⸗ bung, ſie nur ihrer Eitelkeit folgte; denn geliebt hat ſie ihn nie. Es iſt dies eine wahre Alltagsgeſchichte, deren ſich zwiſchen Jahr und Tag viele ereignen. Eine naͤhere Be⸗ kanntſchaft lehrte auch ihm, deſſen Sache ich hier plaidire, daß ſeine Angebetete anmaßend, launenvoll, im taͤglichen Umgange unangenehm, nur fuͤr Fremde liebenswuͤrdig ſei⸗ eigentlich, was ich unerzogen nenne, waͤhrend dahingegen ſeine junge Frau liebenswuͤrdig, fromm, haͤuslich iſt, und ihn liebt, ſo daß ich wohl die Behauptung wagen darf, er werde bei wejtem nicht ſo viel Gefahr laufen, ſich mit ihr zu langweilen, wie mit der glaͤnzenden Dame, obgleich ſei⸗ ner Frau freilich Alles abgeht, was Jene auszeichnet. Ich, der ich die Sache in der Naͤhe geſehn, kann ihn nicht verdammen.“ 3 „Und ich, rief Adolph aus,„der ich die Sache nicht in der Naͤhe geſehn habe, ich meinestheils, ſpreche ihn frei⸗ ja ich will ſogar geſtehn, daß ich, in ſeiner Lage, daſſelbe gethan haͤtte. Man verheirathet ſich um ſeiner ſelbſt, nicht um des Publikums willen; es kann mir nur wenig nuͤtzen, daß meine Frau Italieniſch ſpricht, mit einem Accent wie eine Eingeborne, wenn dieſer Accent fuͤr mich keinen ita⸗ lieniſchen Wohlklang hat, wenn ſie nicht in unſerer Mut⸗ terſprache Toͤne beſitzt, die meine Heftigkeit, meine Sorgen in den Schlaf lullen, und meine beſſere Seele erwecken.“ „Thun nicht eben dies die ſchoͤnen Kuͤnſte?“ fragte Phitipp. „Gewiß! und deßhalb fordere ich von Derjenigen, die ich lieben ſoll, daß ſie von ihrem Geiſte durchdrungen ſei, — 91— merke wohl auf: von ihrem Geiſte! denn Mancher uͤbt eine oder die andere derſelben, und ſogar in einem vorzuͤg⸗ lichen Grade, ohne ſelbſt von dem Geiſte der Kunſt durch⸗ drungen zu ſein.“ „Ja, was willſt Du damit ſagen?“ fragte der Obriſt: „ich habe freilich Virtuoſen in der Muſik, im Geſange, im Tanz und dergleichen gekannt, von denen man behaup⸗ ten konnte, ſie ſeien Menſchen von ſo wenig Geiſt, daß ihr Talent eigentlich als ein angeborner Inſtinkt zu betrach⸗ ten ſei; Derjenige aber, der ſelbſt Sinn fuͤr die Kunſt hat, muß doch wohl erkennen koͤnnen, ob der Geiſt fehlt, oder nicht.“ „Ja, Derjenige, der ſelbſt Geiſt hat, wird es erkennen, die Menge aber nicht, ihr rechtes Element iſt das Mittel⸗ maͤßige.“ „ um aber nun nicht aus dem Hundertſten in's Tau⸗ ſende zu kommen;“ nahm Philipp wieder das Wort: „Bis zu welchem Grade der Meiſterſchaft willſt Du wohl,⸗ daß ein Frauenzimmer die Kunſt ausuͤben ſolle?“ „Ich verlange gar nicht, daß ſie die Kunſt ausuͤhe, was man gewoͤhnlich unter Ausuͤbung derſelben verſteht.“ „Wie aber ſoll ſie denn von ihrem Geiſte durchdrungen ſein? Bei der Kunſt iſt es doch wohl ein nothwendiges Bedingniß, daß ſie ausgeuͤbt werde?“ „Ach!“ ſagte Adolph mit faſt verlegener Miene, — 92— „ich fuͤhle wohl, daß ich mich hier auf eine gar zu ſchwie⸗ rige Materie eingelaſſen habe, die, mit der gehoͤrigen Klar⸗ heit auseinander zu ſetzen es mir ſelbſt an Talent gebricht; und doch iſt mir dies ein liebes Thema, deſſen Sache ich ungern durch meinen Mangel an Geſchicklichkeit verloren ſehen moͤchte.“ Mit einer komiſchen Feierlichkeit ſetzte er ſich auf ſeinem Stuhle zurecht, legte ſeine Serviette auf den Tiſch, raͤusperte ſich, und ſprach: „Geehrte Zuhoͤrer! moͤge es Ihnen gefallen mir mit Aufmerkſamkeit zuzuhoͤren, und mit billiger Schonung meinen ungelehrten Vortrag zu beurtheilen. Ich habe ir⸗ gendwo geleſen, daß in jener beſſern Welt die Kunſt ver⸗ ſchwinden werde, und zwar aus dem Grunde, weil dort Alles Schoͤnheit ſein muͤſſe. Dieſen Satz will ich meiner Rede als Text zum Grunde legen. Die Kunſt, die man wohl mit Recht die Grundlage aller Kuͤnſte nennen kann, deren Athem wohl in jedem Zweige derſelben, wenn er uͤberhaupt Kunſt genannt werden ſoll, muß gefuͤhlt wer⸗ den, iſt die Poeſie— daruͤber ſind wir wohl Alle einver⸗ ſtanden. Jeder ſagt:„„Es iſt in dieſer Muſik etwas Wunderbares, das gleichſam das Gemuͤth uͤber dieſe Erde erhebt,— es iſt Etwas in dieſem Gemaͤlde, das mich von der Stelle, wo ich ſtehe, fortruͤkkt,— es liegt Etwas in der Darſtellung dieſes Schauſpielers, welches mir, obgleich ſeine Rolle nicht zu dem ruͤhrenden Genre gehoͤrt, Thraͤnen 5 — 93— in die Augen lockt.“— Was Anderes luuchtet hieraus wohl ein, als daß der poetiſche Beſtandtheil in dieſen Lei⸗ ſtungen hervortritt, und das Gefuͤhl ergreift? denn es iſt in jedem Kunſtwerke nur die Poeſie, welche begeiſtert. Wenn ich alſo ſage:„„Diejenige, die ich lieben ſoll, muß von dem Geiſte der Kunſt durchdrungen ſein,““ ſo meine ich damit, ihre ganze Seele muͤſſe durchdrungen ſein von der Poeſie in ihrer hoͤchſten Vereinigung mit Religion und Liebe, ſie muͤſſe allenthalben begleitet ſein von den Gefaͤhr⸗ ten dieſer Vereinigung, als Demuth vereint mit chriſtlichem Muthe, Beſcheidenheit mit Wuͤrde, und endlich wahrer Bildung, die wohl in ihrer ganzen Bedeutung nicht exiſti⸗ ren kann, ohne Bekanntſchaft mit den ſchoͤnen Kuͤnſten, wohl aber ohne daß man ſie ſelbſt ausuͤbt. Ich ſpreche hier von einem weiblichen Weſen, nicht von einem Manne. Die maͤnnlichen und weiblichen Tugenden ſind von einander verſchieden; ich bin der Meinung, daß auch bei den Seelen eine Geſchlechtsverſchiedenheit ſtattfinden muͤſſe, daß ſie in alle Ewigkeit verſchieden bleiben werden und deßhalb will ich hier nur noch hinzufuͤgen: Das Bild, welches mir vor⸗ ſchwebt, ſoll ſeinen kindlichen Sinn bewahrt haben, eine unſchuldige Weisheit ſoll ihm durch unmittelbares Gefuͤhl Dasjenige lehren, was wir Andern durch muͤhſames Stu⸗ dium und langes Forſchen zu ergruͤnden ſuchen. Die Schoͤnheit ſoll von ihrem ganzen Thun und Treiben unzer⸗ — 94— trennbar ſein, mit einem Worte: ſie ſoll ſelbſt ein erhabenes und herrliches Kunſtwerk ſein, das von ſeinem Meiſter zeugt; und die Ruhe, die Erhebung der Seele, welche die Kunſt uns ſchenkt, ſoll ihr Umgang Demjenigen ſchenken, der ſo gluͤcklich iſt hrem Herzen nahe zu ſtehn;z und ſo— um zu den Worten meines Textes zuruͤckzukehren— ſoll ſie ſchon hier im Leben etwas anticipirt haben von dem Leben in der Kunſt, welches uns ſelbſt zum Kunſtwerk macht, und dort unſerer wartet, wo Alles Schoͤnheit iſt.”“ Die Anweſenden, welche bei den erſten Saͤtzen dieſer Rede durch ein leiſes Bravo, oder andere aͤhnliche Aeu⸗ ßerungen ihre luſtige Stimmung zu erkennen gegeben hat⸗ ten, wurden gegen den Schluß ernſter. Philipp nahm nun lachend das Wort:„Hoͤre, Adolphl ich glaube Deinen Geſchmack zu kennen. In dem Bildniſſe, welches Du da von dem Ideale Deiner ſtillen Wuͤnſche entwirfſt, fehlt ſicher ein wichtiger Zug: Sie ſoll haͤuslich und or⸗ dentlich ſein; der Tiſch ſoll gut beſorgt, das Deckzeug weiß 3 und nett, das Zimmer propre und zierlich ſein”... Adolph unterbrach ihn:„Ja in der That, es gehoͤrt auch zu der weiblichen Liebenswuͤrdigkeit, daß ihre haͤusliche Heimath das Gepraͤge ihrer ſelbſt, Alles den Stempel der Schoͤnheit traͤgt, daß Derjenige, der in dieſes ſtille Heilig⸗ thum hineintritt— ſelbſt wenn er, wie Fauſt vom Me⸗ phiſtopheles hineingefuͤhrt wuͤrde— dennoch in„„Gret⸗ — 9z— chens““ kleiner Kammer ſein beſſeres Ich erwachen fuͤhlt. Dieſe Ruhe, dieſe ſchoͤne Ordnung ſoll der Widerſchein ih⸗ res eignen Weſens und Antlitzes ſein. Ich will ſagen koͤn⸗ nen, wie der Ehemann in L' Ecole des vieillards: „„Wenn dieſer Stern des Morgens vor meinen Augen geglaͤnzt hat, dann iſt meine Stirn fuͤr den ganzen Tag aufgeklaͤrt;““ und an jedem meiner Tage, moͤgen ſie uͤbri⸗ gens gut oder boͤſe ſein, will ich zu dieſem Sterne empor ſchauen, ja in meiner Todesſtunde will ich ihm meinen Blick zuwenden, und glauben, daß er, gleich jenem uͤber Bethlehem, mich zum Heile meiner Seele fuͤhren werde.“ Adolph hielt ploͤtzlich inne, halb verlegen, daß er ſich von einer gewiſſen Luſt, ſeine Geliebte gleichſam zu beſin⸗ gen ſo weit habe hinreißen laſſen.„Nun!“ ſagte er la⸗ chend:„Da ich nun inne werde, daß ich unmerklich— wie alles Lebende— gerade bis an die Pforten des Todes gelangt bin, ſo halte ich es fuͤr's Beſte, hier ſtehen zu blei⸗ ben, und meine Rede zu ſchließen, ſie dem reiflichen Nach⸗ denken meiner geehrten Zuhoͤrer empfehlend.“ „Die Rede war ja ganz poetiſch,“ ſagte einer der Herren.—„Moͤchte ſie denn auch prophetiſch ſein!“ fuͤgte ein Anderer hinzu:„und auf dieſen guten Wunſch wollen wir unſere Glaͤſer leeren.“ Dem gewoͤhnlichen Umgangskreiſe Adolphs— und zu dieſem gehoͤrten Alle, welche dieſe kleine Geſellſchaft aus⸗ — 96— machten— war es nichts Neues, daß er ſich, wenn er dieſe oder jene Lieblingsmeinung verfocht, den Ausbruͤchen einer Art rhetoriſcher Begeiſterung uͤberließ. Doch wuͤrde er wohl in einer gewoͤhnlichen, mehr beſonnenen Stim⸗ mung kaum dieſes Thema gewaͤhlt haben, welches leicht auf ſeine geheimen Gedanken ein Licht werfen konnte. Aber ſeine Unterredung mit Marien hatte in ſeiner Seele einen inneren Jubel erregt, und mit dieſer gluͤckſeligen Laune in einer heitern Geſellſchaft, hatte er in'sgeheim in ſo vielen Glaͤſern Bourgogne auf die Geſundheit ſeiner Geliebten getrunken, daß er, ohne berauſcht zu ſein, doch ungewoͤhn⸗ lich begeiſtert, und zur Offenherzigkeit aufgelegt war. Der Obriſt ſagte fuͤr ſich:„Ei der Tauſend! der ſcheint gerade in's Herz geſchoſſen zu ſein. Der Teufel ſollte ihn doch wohl nicht verleiten, eine ernſtliche Thorheit zu begehn? Ja, was iſt dabei zu machen? ich kenne ihn zu gut, um zu glauben, daß Ermahnungen ihn zuruͤckhalten wuͤrden, wenn er dergleichen im Schilde fuͤhrt.“ Wenige Tage nach dieſem Abende reiſete Adolph nach ſeinem Gute, wo er wider ſeinen Willen gezwungen war, einige Wochen zuzubringen, und der Obriſt trat ebenfalls eine weitere Reiſe an, von der er, vor Ausgang Auguſts nicht zuruͤckzukehren meinte, dann aber hatte er verſprochen, ſeinen Sohn auf deſſen Gute zu beſuchen. Auf Emmas Gemuͤth hatten Adolphs oben ange⸗ —— — 9,)— fuͤhrte Aeußerungen einen tiefen Eindruck gemacht. Sie ſah' ein, es ſei, um das Herz zu gewinnen, welches ſie ſich wuͤnſchte, ein Werth ganz anderer Art erforderlich, als der⸗ jenige, auf deſſen Beſitz ſie ſtolz war. Wie aber dieſer Werth doch eigentlich beſchaffen ſei, daruͤber ſann ſie ver⸗ geblich nach. Den folgenden Tag nach jenem Abende traf Philipp ſie ernſt und gedankenvoll an⸗ und ihre Unterre⸗ dung lenkte ſich, nach dem Wunſche Beider, gleich auf die Geſpraͤche des vorigen Abends. „Ich verſtand nur halb die ſchoͤne Rede Ihres Bru⸗ ders,“ ſagte Emma ſpitzfindig:„Natuͤrlichem Menſchen⸗ verſtande mußte es ſcheinen, als widerſpraͤche er ſich ſelbſt.“ „Ja, mein Bruder iſt ein Schwaͤrmer, der immer ſtark in Paradoxen geweſen iſt; was aber dasjenige betrifft, was er geſtern Abend behauptete, ſo laͤßt ſich dieſes beſſer praktiſch als theoretiſch erklaͤren. Seh'n Sie, Ihnen kann ich wohl anvertrauen, was Sie vielleicht ſchon wiſſen: daß er ſeinen taͤglichen Gang bei einer jungen Wittwe hat, derſelben, die mit dem alten Papagei, der zu Ihnen kommt, in Compagnie iſt.“ „Ja, ich weiß, daß Ihr Bruder die Mamſell Holm beſucht,“ ſagte Emma ſtark erroͤthend. „Mamſell Holm? Nein, gehorſamer Diener! Die Andere beſucht er, und uͤberſchuͤttet ſie mit Artigkeiten und Geſchenken. Das Letzte iſt mir lieb, denn es laͤßt doch 7 — 98— vermuthen, das Verhaͤltniß ſei nicht ſo ehrfurchtsvoll, daß man eine Mesalliance zu befuͤrchten habe, wie diejenige, von der geſtern Abend die Rede war,— obgleich er, Gott weiß es, zu Allem faͤhig iſt. Was ich aber eigentlich ſa⸗ gen wollte: ihr Portrait ſollte es vermuthlich ſein, welches er entwarf.“ „Iſt ſie dieſer Schilderung denn aͤhnlich?“ „Ach, aͤhnlich? Sie iſt eine Naͤtherin, eine unbedeu⸗ tende Perſon; ſie mag aber wohl fromm und gutmuͤthig ſein, und ihr Hausweſen verſtehen, denn das ſind ja die Tugenden, die Adolph am meiſten ſchätzt. Daß ein ſol⸗ ches Frauenzimmer keine Pretenſionen macht, iſt ziemlich natuͤrlich, dazu iſt ſie wohl gezwungen. Sie gehoͤrt zu Denjenigen, die einen Mantel tragen, der ein Mal gekehrt, und zwei Mal aufgefaͤrbt iſt.“ „Haben Sie ſie geſehen?“ „Ja, ſie iſt mir mit Mamſell Holm auf der Straße begegnet, und erſt vorgeſtern ſah ich ſie am Fenſter ſtehen, den Arm um ein kleines Maͤdchen geſchlungen, das vor ihr auf der Fenſterbank ſaß. Uebrigens läßi ſie ſich ſelten am Fenſter blicken.“ „Iſt ſie huͤbſch 24 „Ja! das iſt ſie in der That,“ rief Philipp aus, lenkte aber gleich wieder ein und ſagte langſam:„O ja! gewiß! Wie man es nehmen will. Sie iſt eine kleine — 99— unbedeutende Figur; auch iſt ſie blaß; aber ſie ſieht ſehr jung aus; unbegreiflich iſt es, daß ſie die Mutter der bei⸗ den Kinder ſein kann, die man in ihrer Begleitung ſieht.“ Emma fuͤhlte ſich nicht veranlaßt, ihn in dieſer Ruͤck⸗ ſicht beſſer zu unterrichten, ſie ſchwieg mit einer mißver⸗ gnuͤgten Miene. Philipp fuhr fort:„Es iſt merkwuͤr⸗ dig, wie geſchmacklos, man moͤchte faſt ſagen dumm, ver⸗ nunftige Menſchen, ſo z. B. mein Bruder, werden koͤnnen, wenn ſie es erſt darauf anlegen, ſich Originalitaͤt aneig⸗ nen zu wollen. Ein Mann mit ſeiner ſtolzen Seele kann hingehen und einer ſo unbedeutenden kleinen Creatur die Cour machen, waͤhrend er faſt taͤglich Diejenige vor Augen hat, die alle Vollkommenheiten in ſich vereinigt, und welche ſehen, hoͤren, bewundern und anbeten zu koͤnnen, wenn auch ohne Hoffnung, ſchon ein Troſt iſt.“— Bei dieſen Worten ſeufzte Philipp, und ſchickte dieſe letzte Bemer⸗ kung mit einem bedeutungsvollen Blicke und einer kleinen Verbeugung an ihre Addreſſe. „Ich weiß nicht, wen Sie meinen,“ ſagte Emma: „geſetzt aber, es gaͤbe unter der Bekanntſchaft Ihres Bru⸗ ders eine ſolche... ſo gebildete... ſo liebenswuͤrdige und talentvolle junge Dame, da muͤßte ſie ja leicht, wenn ſie es anders wollte, die geringen Tugenden, auf welche er ſo großen Werth legt, ſich aneignen, und ſolchergeſtalt ſpäͤt oder fruͤh, die Andere ganz ausſtechen können.“ 7* 1 Philipp ſchwieg mit bekuͤmmerter Miene, endlich aber antwortete er:„Ja, Gott behuͤte! das koͤnnte wohl nie fehlen, wenn es moͤglich waͤre, daß ſich eine ſolche Dame wirklich ſo weit herablaſſen wollte.“ Spaͤter dachte er zu ſeinem Troſte:„Das hat keine Noth, wenn ich anders Adolph recht kenne; iſt er erſt wirklich gefangen, ſo kann man ohne Gefahr ſeinen Kaͤfig offen ſtehen laſſen, er fliegt doch nicht hinaus.“ Selbigen Tages leitete Emma ein recht inquiſitori⸗ ſches Geſpraͤch mit Mamſell Holm ein, von der ſie frei⸗ lich ſo viel erfuhr, daß ſie einſah, Adolph ſcheine wirklich mit ernſtlichen Abſichten die verhaßte Nebenbuhlerin zu be⸗ ſuchen. Mamſell Holm glaubte jetzt des Ernſtes und der Feſtigkeit dieſer Abſichten ſo ſicher zu ſein, daß ſie nicht laͤnger der Verſuchung widerſtehen konnte, Emma fuͤhlen zu laſſen, 8s zaͤbe maͤchtigere Anziehungskraͤfte, als dieje⸗ nigen, in deren Beſitz ſie ſei. Doch behauptete ſie, daß Maria, die faſt als eine Heilige zu betrachten waͤre, fuͤr ihren Jugendfreund nur reine, ſchweſterliche Gefuͤhle hegte, und ſicherlich, aus Liebe zu ihren Stiefkindern, und deren verſtorbenem Vater, ſich nie verheirathen wuͤrde— Etwas, welches Mamſell Holm halb und halb glaubte, dennoch aber hoffend, es gehoͤre dies zu ſolchen Hinderniſſen, die wohl zu uͤberwinden ſeien. Die alte Dame ſagte dies in der Abſicht, ihre Freundin dadurch noch mehr zu heben, — 101— nicht ahnend, daß ſie dadurch Emmas Seele einen Strahl der Hoffnung einfloͤßte, indem dieſe dachte, unter ſolchen Umſtaͤnden werde doch Zeit gewonnen, und dies ſei oft uͤber die Liebe den Sieg davon tragen.. Schon denſelben Abend ließ Emma die alte Haushaͤl⸗ terin rufen, und theilte dieſer ihren Vorſatz mit, das Haus⸗ haltungsfach erlernen zu wollen, wozu ſie ſich ihre Leitung erbat. Mit Freuden ſagte ihr die Haushaͤlterin dieſe zu, obgleich nicht wenig verwundert uͤber dieſen ploͤtzlichen Ent⸗ ſchluß, den ſie ſich indeſſen durch die Vermuthung zu er⸗ klaͤren ſuchte, daß ihr Fraͤulein wohl bald ihren Fuß unter den eignen Tiſch zu ſetzen gedenke. Folgenden Morgens begann Emma mit großem Eifer ihre neuen Beſchaͤfti⸗ gungen, des feſten Glaubens, ſie werde ſich dadurch den Schluͤſſel zu den weiblichen Vollkommenheiten erwerben, die Adolph bezauberten. Nicht ganz Unrecht mochte ſie wohl auch in dieſer Meinung haben, denn dieſe Beſchaͤf⸗ tigungen, die es zu einer Nothwendigkeit machen, die eig⸗ nen Gedanken fuͤr das Wohlbefinden Anderer in Thaͤtig⸗ keit zu ſetzen, duͤrften wohl ein Anfang ſein, den eignen Willen einem allgemeineren Geſetze unterzuordnen, und ſol⸗ chergeſtalt die erſte Bedingung fuͤr weiblichen Werth zu er⸗ fuͤllen. Aber ſchon dieſer Anfang war nicht ſo leicht, wie es Emma geglaubt hatte. An die Ueberzeugung gewoͤhnt, ſie koͤnne Alles, was ſie wolle, wunderte und aͤrgerte es ſie, — 102— in dieſem ihr gaͤnzlich unbekannten Fahrwaſſer haͤufigere Gegenſtroͤmungen zu finden, als ſie erwartet hatte, und deren geringſte eine war nicht diejenige, daß ſie der beſſern Einſicht und dem unbeugſamen Willen der Haushaͤlterin nachgeben mußtes dies aber hatte wieder den Uebelſtand zur Folge, daß im Hausweſen keine auffallende Veraͤnder⸗ ung bemerkbar wurde, und Emmas Verdienſte alſo ohne alle Anerkennung blieben. Ihrem Vater war es gleich⸗ guͤltig, ob ſeine Tochter oder eine Andere die Haushaltung beſorgte, wenn ſie nur betrieben wurde, wie es ſich gehoͤrte. Niemand wuͤrde demnach von ihren neuen Talenten Kennt⸗ niß erlangt haben, wenn ſie ſich nicht ſelbſt uͤber dieſelben ausgeſprochen haͤtte. Hieraus folgte zwar, daß ſowohl die maͤnnlichen, als weiblichen Bewunderer in ihrem Umgangs⸗ kreiſe die Haͤuslichkeit eben ſo ſehr erhoben, wie ſie dieſelbe fruͤher mit Geringſchaͤtzung zu betrachten geſchienen; Der⸗ jenige aber, um deſſentwillen dieſes Alles geſchah, war um dieſe Zeit faſt immer abweſend, und wenn er ſich auf kurze Beſuche in der Hauptſtadt blicken ließ, war er ſo gedanken⸗ voll und zerſtreut, daß alle Anſtrengungen Emmas, um ihm zu gefallen, unbemerkt an ihm voruͤbergingen. Dieſe Widerwaͤrtigkeiten ließen das junge Maͤdchen manche un⸗ angenehme Erfahrung machen, deren Moͤglichkeit ihr fruͤher nie geahnet hatte; und die erſten Lehren von der Reſigna⸗ tion, welche die menſchliche Willkuͤhr hauptſaͤchlich ihrem — — 103— Geſchlechte auferlegt, wurden iihr auf eine ziemlich harte Weiſe ertheilt. Es iſt freilich nicht zu leugnen, daß ihr brennendes Verlangen, Adolphs Liebe zu gewinnen, ei⸗ gentlich aus ihrer Eitelkeit entſprang, aus der ihr ange⸗ gewoͤhnten Ungeduld, ihren Willen durchzuſetzen; auf der andern Seite aber fand doch in ihrer Seele eine klare Erkennt⸗ niß ſeiner Vorzuͤge, eine jugendliche Neigung fuͤr ſeine Per⸗ ſon ſo wahr und innig ſtatt, daß ſeine Gegenliebe ſicherlich vermocht haͤtte, all' das Gute zu erwecken, welches eine unrichtige Erziehung und Umgebung in dem Weſen dieſes, mit Talenten und Geſchicklichkeiten uͤberladenen Maͤdchens unentwickelt gelaſſen hatte. VI. So ſtanden die Sachen, als Adolph im Juni⸗Termine von ſeinem Gute nach Kopenhagen kam. Es hatte mit dieſem Gute eine eigene Bewandniß. Adolphs Oheim von muͤtterlicher Seite, der ihn laut Teſtaments zu ſeinem eigentlichen Erben eingeſetzt, hatte in Holſtein Verwandte, die der Erbſchaft naͤher geweſen waͤren, wenn kein Teſta⸗ ment ſtattgefunden haͤtte. Obgleich dieſe vermoͤgend wa⸗ ren, fuͤhlten ſie ſich doch erbittert, daß der Verſtorbene das Gut verſchenkt, und ihnen, als Erſatz, nur die Auszahlung eines Capitals zugeſtanden habe.— Dieſes Capital, deſſen Zahlung in beſtimmten, doch nicht ſchnell auf einander fol⸗ genden Terminen geleiſtet werden ſollte, war, im Verhaͤlt⸗ niſſe zu dem Werthe des Gutes nicht ſehr bedeutend, wurde aber dennoch, durch manche eintretende Umſtaͤnde, fuͤr Adolph ſchwer herbei zu ſchaffen; uͤberdies waren jene abweſenden Erben in ihren Forderungen ſo ſtrenge, und der Commiſſionair, den ſie in ihrem Namen nach Kopen⸗ hagen ſandten, wußte die Worte des Teſtamentes ſo ſchlau zu drehen, daß, in Ermangelung prompter Leiſtung der beſtimmten Auszahlungen, das Eigenthumsrecht an — 105— dem Gute Adolphen ſtreitig gemacht werden, oder er doch wenigſtens dieſerhalb in einen weitlaͤuftigen Prozeß ver⸗ wickelt werden konnte. Die letzte dieſer Auszahlungen ſtand ihm jetzt eben bevor, und bei ſeiner Ankunft vom Lande erhielt er die Nachricht, der eben erwaͤhnte Commiſ⸗ ſionair ſei auch in der Stadt, und habe ſchon nach ihm ge⸗ fragt. Eine noch ſchlimmere Nachricht kam ihm zu Oh⸗ ren, die naͤmlich, daß der alte Kaufmann, der ihm das Verſprechen ſeines Beiſtandes gegeben, ſehr krank darnie⸗ derliege. Er eilte zu ihm hin, fand ihn aber bewußtlos, und erhielt folgenden Tages die Nachricht von ſeinem Tode. Adolphs Bekuͤmmerniß bei dieſer Gelegenheit wurde noch dadurch vermehrt, daß ſein Vater verreiſt war, ſo daß er nicht wußte, wohin er ſich wenden ſolle, um wenigſtens ei⸗ nen guten Rath zu bekommen. Sein Bruder, den der Zufall zu ſeinem Vertrauten machte, rechnete ihm man⸗ cherlei Auswege vor, die nur dazu dienten, ihn noch mehr zu verwirren. Gegen Abend beſchloß er zu Marien zu geh'n.„Rath oder Huͤlfe kann ich da nicht holen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„wenn ich aber ihr Antlitz ſehe, dann ver⸗ geſſe ich alle die langweiligen Sorgen dieſer Welt.“ Dieſe Sorgen hinterließen indeſſen doch in ſeinem We⸗ ſen eine Spur, die Mariens Blicke nicht entging, und da es ſich eben traf, daß ſie allein waren, befragte ſie ihn mit einer ſo zaͤrtlichen Theilnahme, daß er nicht im Stande — 106— war, ihr die Wahrheit zu verhehlen. Maria ſtand ſchnell auf, oͤffnete ihren heimlichſten Verwahrſam, und mit gluͤ⸗ henden Wangen ſich Adolph naͤhernd, ſagte ſie verlegen: „Seh'n Sie, hier ſind 2000 Reichsthaler in koͤniglichen Obligationen. Dieſe gehoͤren freilich dem Geſetze nach mir, denn eine etwas groͤßere Summe ſteht als Vermoͤgen der Kinder in der Obervormuͤnderei, dennoch aber betrachte ich dieſes Vermoͤgen nicht als mein, ſondern als der Kinder Eigenthum. Ich verſtehe mich nicht auf dergleichen Geld⸗ angelegenheiten, aber ich denke, dieſes Geld koͤnne nicht ſicherer ſein, als in Ihren Haͤnden, und iſt dem ſo, da wird ſich Ihre arme Freundin reich und gluͤcklich fuͤhlen, den guten Willen des verſtorbenen Kaufmannes erſetzen zu koͤnnen.“ „Maria!“ rief Adolph:„iſt es denn doch nicht wahr, daß ich hier gegen jede Widerwaͤrtigkeit Troſt finden ſoll? Ihr und das Eigenthum der geliebten Kinder wollen Sie meinen Haͤnden anvertrauen? Ja, meiner Anſicht nach ſoll es bei mir auch gut aufbewahrt ſeinz ich wage es, Ihre Guͤte anzunehmen. Es macht mich gar zu gluͤck⸗ lich, daß Sie an dem Gute, welches ich beſitze, einen An⸗ theil haben ſollen, und mir von Ihren geliebten Haͤndchen die Huͤlfe gereicht wird.“— So ſprechend ergriff er ihre Hand, und druͤckte dieſe heftig an ſeine Lippen. Ma⸗ riens Augen weilten auf ihm mit einem Ausdruck der — 107— Milde und Freude. Ihr Antlitz war ihm ſo nahe, es er⸗ griff ihn die groͤßte Verſuchung auf ihren kleinen roſen⸗ rothen Mund einen Kuß zu druͤcken; doch wagte er es nicht, dieſem brennenden Wunſche, der ſchon oft mit tan⸗ taliſchem Schmerze uͤberwunden war, nachzugeben. In einem wahren Freudenrauſche ging er indeſſen dieſen Abend nach Hauſe, nicht ſo ſehr, weil er aus ſeiner Verlegenheit gerettet worden, als uͤber den Gedanken an Mariens Vertrauen, und ihre Ergebenheit fuͤr ihn. Ueberdies ſchien es ihm eine gluͤckliche Vorbedeutung, daß ihr Vermoͤgen in ſeinem Verwahrſam ſein ſolle. Die Hoffnung, daß ſie bald ſeine Gattin werden, daß ihr eigner Vortheil demnach mit dem ſeinigen vereint ſein werde, war in dieſem Augen⸗ blick in ſeiner Seele ſo lebhaft, daß es ihm leicht ſchien, ihr die Liebe zu erklaͤren, die ihr unmoͤglich unbekannt ſein konnte, und welche zu theilen ihr Benehmen ſo oft zu zei⸗ gen ſchien. Er hatte die Obligationen nicht in Empfang nehmen wollen, bevor er fuͤr das Geld dieſelbe Sicherheit ge⸗ ſtellt, die dem verſtorbenen Kaufmanne angeboten war. Da es noch nicht ſpaͤt, ging er an demſelben Abende zu einem Geſchaͤftsmanne, um das Noͤthige zu verabreden. Es war ihm eine Freude, Mariens Namen in einem ihn betreffen⸗ den Dokumente zu ſehen, und es machte ihm der Gedanke Vergnuͤgen, daß er ihr hoͤhere Zinſen geben wolle, als ſie ſonſt von den Obligationen wuͤrde erhalten haben. — 108— Es war ſpaͤt, als er nach Hauſe kam, und ihm des⸗ halb auffallend, als der Diener berichtete, es ſei zwei Mal vom Etatsrath Groͤndal ein Bote da geweſen, um ihn zu bitten, wenn er nach Hauſe kaͤme, ſich dorthin zu ver⸗ fuͤgen, da man ihn zu ſprechen wuͤnſche. Sogleich eilte er hin, und eben in's Haus getreten, wurde er zum Fraͤu⸗ lein gefuͤhrt. Emm aa war allein, ſorgfaͤltig und geſchmack⸗ voll gekleidet, eine niedliche Erſcheinung; wie eine leichte Wolke ſchwebte bei Adolphs Eintreten eine jungfraͤuliche Roͤthe uͤber ihr Geſicht; ſie war in dieſem Augenblicke wirklich bezaubernd. Mit niedergeſchlagenen Augen ſagte ſie, daß ſich ihr Vater bereits zur Ruhe begeben, ihr aber das Vergnuͤgen uͤberlaſſen habe, Herrn Lidner ein Bil⸗ let zu uͤberreichen, deſſen Inhalt, ſo hoffe er, ihm ange⸗ nehm ſein wuͤrde. Adolph oͤffnete ſchnell das unverſie⸗ gelte Billet, welches folgendermaßen lautete:„Da mir meine Tochter ſagt, ſie habe von Ihrem Herrn Bruder er⸗ fahren, daß der Tod des Kaufmanns Jeſſen Sie wegen 2000 Reichsthaler in Verlegenheit geſetzt, ſo habe ich hiermit die Ehre, Ihnen zu melden, daß es mir ein Ver⸗ gnuͤgen ſein werde„Ihnen dieſe Summe gegen ſolche Si⸗ cherheit zu uͤberlaſſen, die Sie zu beſtimmen ſelbſt belieben moͤgen.“ 1 „Ich bin Ihrem Herrn Vater uͤberaus verbunden,“ ſagte Adolph:„Morgen werde ich ſelbſt die Ehre haben, — 109— ihm meinen Dank zu uͤberbringen fuͤr ſeine Guͤte, die ich indeſſen fuͤr den Augenblick nicht mißbrauchen werde, da mir ſchon anderweitig geholfen iſt.“ „Ja ſo!“ entgegnete Emma ſichtlich verſtimmmt: „Es thut mir... es wird meinem Vater ſehr leid thun, daß ein Anderer ihm das Vergnuͤgen geraubt hat, Ihnen dienen zu koͤnnen.“ Sie nahm eine luſtige, ironiſche Miene an, und ſagte laͤchelnd:„Wir glaubten.. Sie ſelbſt ſagten es neulich— ſo im Laufe der Unterredung— daß von Ihren Freunden nicht ein Einziger eigentlich ver⸗ moͤgend ſei. Da nun mein Vater den geringen Vorzug hat, ziemlich reich zu ſein, ſo meinte ich ohne Hexerei er⸗ rathen zu koͤnnen, daß Sie uns nicht zu Ihren Freunden rechneten; heute aber...“ Adolph unterbrach ſie:„Mein beſtes Fraͤulein! ich weiß mich nicht zu erinnern, dieſe Worte ausgeſprochen zu haben, natuͤrlicherweiſe aber habe ich in jenem Augenblicke gemeint Gefaͤhrten gleichen Alters, Jugend⸗Verbindungen, was man ſo gewoͤhnlich unter Freunden verſteht, nicht ei⸗ nen aͤlteren Goͤnner, wie Ihren Herrn Vater...“ „Oder eine juͤngere Goͤnnerin, als mich, an der ſo viel auszuſetzen iſt, daß ein Mann, wie Herr Adolph Lidner ſich um ihre Freundſchaft kuͤmmern oder ſie uͤber⸗ haupt beachten koͤnnte.“ „Beſtes Fraͤulein! In der That, Sie unchen mich — 110— ganz verwirrt. Jeder Mann muß ja auf Ihre Freund⸗ ſchaft ſtolz ſein. Nie iſt es mir eingefallen, daß ich die⸗ ſelbe weder erwerben, noch verdienen koͤnnte. Ich begreife ubrigens nicht, wie wir auf einen ſo abſonderlichen Abweg von dem eigentlichen Gegenſtande unſerer Unterredung ge⸗ rathen ſind, und, um auf den rechten Weg zuruͤckzukehren, will ich Ihnen ſagen, daß mir dieſe Summe, wegen wel⸗ cher ich in Verlegenheit war, ganz unerwartet von Jeman⸗ dem angeboten worden, bei dem vorzufragen, mir nie ein⸗ gefallen waͤre.“ „Von einem vermoͤgenden Freunde doch, den Sie neu⸗ lich unter die Zahl Ihrer Freunde zu rechnen vergaßen?“ „Nein! von einem ſehr Unvermoͤgenden. Zweitau⸗ ſend Thaler zu beſitzen, die man durchaus nicht vermindern kann oder darf, das heißt ſicherlich nicht reich ſein.“ „Der ſehr wuͤrdige Freund hat Ihnen alſo ſein gan⸗ zes Vermoͤgen uͤbergeben?“ „Vielleicht! Die Engel freuen ſich, wenn die Armen einander gegenſeitig helfen; ſo ſagt ja die Volks⸗Lehre.“ Es entſtand eine Pauſe; Adolph machte Miene, Abſchied zu nehmen. Emma bedeutete ihn durch Zei⸗ chen, er moͤge ſitzen bleiben.„Sagen Sie mir, Herr Lidner!“ nahm ſie mit niedergeſchlagenen Augen das Wort:„Weshalb fiel es Ihnen gar nicht ein, ſich wegen dieſer Angelegenheit an meinen Vater zu wenden?“ — 111— „Ach! mir war in der That zu keiner Spekulation in dieſer Veranlaſſung noch Zeit geworden.“ „Das glaube ich beſſer zu wiſſen. Sei'n Sie auf⸗ richtig! Sie glaubten uns dadurch verbunden zu werden, und das wollten Sie nicht. Uns ſage ich; denn natuͤrli⸗ cherweiſe bin ich die Einzige, die auf meines Vaters Ver⸗ moͤgen Anſpruch hat.“ Adolph ſchwieg, und blickte ſie verlegen an. Emma fuhr mit einem beſtaͤndig erzwungenen Anſtrich von Iro⸗ nie fort:„Ich bin nicht gewohnet, Jemandem meine Freund⸗ ſchaft aufzudringen und das iſt in der That auch in dieſem Augenblicke nicht meine Abſicht; unſere Vaͤter ſind nun aber einmal alte Bekannte, ich bin ſo kuͤhn, Sie ſehr hoch zu ſchaͤtzen, und, meinem thoͤrigten Maͤdchenkopfe zum Trotze, erkenne ich klar Ihre Ueberlegenheit uͤber alle juͤngeren Maͤnner meiner Bekanntſchaft; deshalb aber auch ſchmerzt es mich, in Ihren Augen ſo durchaus Nichts zu ſein, es ſchmerzt mich, daß keine Aufmerkſamkeit von meiner Seite ſich jemals der geringſten wohlwollenden Auf⸗ nahme von Ihnen erfreuen konnte.“ „Aber, mein Gott, liebſtes Fraͤulein! ich glaube in der That zu traͤumen. Wann haben Sie mich irgend ei⸗ ner Aufmerkſamkeit gewuͤrdigt? und wann haͤtte ich ſo uͤbermuͤthig ſein ſollen, eine ſolche von Ihnen zu erwarten? - 112— oder ſo undankbar, deren eine zu uͤberſehen? ich bitte Sie, nennen Sie mir doch ein Beiſpiel 42 „Ach! die Beiſpiele, die ich nennen koͤnnte, wuͤrden jedenfalls ſo unbedeutend ſein, daß ich mich ſchaͤmen muͤßte, ſie anzufuͤhren, Sie wuͤrden uͤber mich lachen.“ „Nein, in der That! ich wuͤrde nicht lachen! Bitte, antworten Sie mir!“ Emma ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie ohne ihn anzuſeh'n:„Nun wohl! Erinnern Sie ſich der So⸗ nate von Kuhlau, deren Sie einſt mit ſo vieler Waͤrme er⸗ waͤhnten? Sie ſagten, wenn Sie nur die erſten Toͤne derſelben hoͤrten, da waͤre es Ihnen, als erwachten Sie, nach einer langen und duͤſtern Winterzeit, an einem ſchoͤ⸗ nen Fruͤhlingsmorgen. Ich verſchaffte mir dieſe Sonate; weiß Gott, ich kaufte ſie fuͤr mein eigenes Geld; recht mit Fleiß und con amore ſtudirte ich ſie mir ein, und eines Abends, als Sie zugegen waren, ſetzte ich mich ploͤtzlichhin, um dieſe Accorde anzuſchlagen, durch deren bekannten Laut Sie zu einem heiterern Leben erwachen ſollten, was mir in der That wuͤnſchenswerth ſchien, denn Sie ſaßen da mit ſo finſtern Mienen, ſo in ſich ſelbſt ver⸗ tieft, daß Sie wohl noͤthig haben konnten, durch etwas Erheiterndes erweckt zu werden; Sie aber ſchienen die ſonſt ſo liebe Sonate nicht zu hoͤren, Sie erhoben ſich, und traten in's Nebenzimmer, ſich dort einigen alten Herren — 113— zugeſellend.— Einſt ſagten Sie, es fehle nie, daß der Duft von Lavendel belebend auf Sie einwirke. Als wir Sie das naͤchſte Mal erwarteten hatte ich beide Wohnzim⸗ mer mit einem ſo ſtarken Lavendelduft angefuͤllt, daß alle Anweſenden es bemerkten, einige ſogar ſich daruͤber be⸗ klagten; ich aber trug kein Bedenken, ſie Alle insgeſammt erſticken zu laſſen, damit Sie, durch den belebenden Es- prit de lavande, recht aufleben moͤchten; doch Sie ka⸗ men, und beachteten gar nicht den Duft, deſſen belebende Kraft nie fehlen ſollte.— Ein anderes Mal.. doch, was will ich dieſe Beiſpiele aufrechnen, mit denen ich nie fertig werden wuͤrde! Es ſind dieß ja uͤberhaupt nur Kleinigkeiten.“ „Nein!“ entgegnete Adolph ernſt,„es ſind dies keine Kleinigkeiten. Zu gut kenne ich den großen Werth, die heilende, wohlthuende Kraft, welche in dieſen kleinen Aufmerkſamkeiten liegt, die im Grunde nicht ſo klein ſind. Zu gut weiß ich, was uns oftmals zu den großen Auf⸗ opferungen treibt, wie wenig dieſe eine wirklich freund⸗ liche Geſinnung gegen Denjenigen beweiſen, der von ihnen Gutes genießen ſollte, waͤhrend dahingegen dieſe taͤglichen Beſtrebungen, die kleinen Wuͤnſche eines Andern zu er⸗ fuͤllen, aus dem tiefen Grunde eines wohlwollenden Her⸗ zens entſpringen; deshalb fuͤhle ich mich gegen Sie, lieb⸗ ſtes Fraͤulein, wenn ich wirklich fuͤr Ihre Guͤte blind und 8 — 114— undankbar geweſen, ſehr ſtrafwuͤrdig, und bitte Sie auf⸗ richtig um Verzeihung.“ „Ach, Herr Lidner! So iſt es nicht gemeint; ich habe Ihnen nichts zu verzeihen! aber ich geſtehe, daß ich lange eine Gelegenheit gewuͤnſcht habe, Ihnen zu ſagen, daß ich der Freundſchaft eines ausgezeichneten Menſchen„ nicht ſo unwuͤrdig ſei, wie es vielleicht Ihnen bisweilen ſcheinen moͤchte. Ach! was ſollte wohl, meinen Sie, ein armes Maͤdchen thun, das ohne Leitung iſt, und aus ihrem eignen Kopfe ſich immer Raths erholen muß? 1 Meine Mutter ſtarb, als ich ein kleines Kind warz mein Vater hat gedacht, an meine Erziehung genug zu wen⸗ den, indem er mir eine ſteife Gouvernante gab, die mich vergoͤtterte, und allerlei Lehrer, die mir ſchmeichelten. Daſſelbe thun noch dieſe Stunde alle meine Umgangs⸗ freunde und Freundinnen. Sie, Herr Lidner, ſind der Erſte, deſſen Worte in mir ein wahres Nachdenken erweckt haben.“ „Ich, mein Fraͤulein? Wie konnte ich..2“ „O, durch manche Aeußerung; zum Beiſpiel: eines Abends— es iſt ſchon lange her— als Sie mit Waͤrme die haͤuslichen, ſtillen Tugenden hervorhoben. Gleich fol⸗ genden Tags begann ich, mich des Hausweſens meines Vaters anzunehmen, und bemuͤhte mich einzuholen, was ich in dieſer Ruͤckſicht verſaͤumt hatte. Davon wiſſen Sie — 115— nun freilich auch nichts, denn des Guten geſchieht keine Erwaͤhnung.“ „Ach ja! Es gehoͤrt zu dem Schickſale der Frauen, ohne Anerkennung, ſtill und unbemerkt zu wirken; aber dies iſt eben das Schoͤne in dieſer Wirkſamkeit. Es iſt 1 dieſelbe dem Getraide zu vergleichen, welches ohne Pracht und Farben daſteht, unbewundert, ohne das aber kein Menſch gedeihen koͤnnte.“ „Ach, Herr Lidner! Jedes Ihrer Worte zuͤndet in meiner Seele ein neues Licht an. Ich bitte Sie, ſchenken Sie mir Ihre Freundſchaft, Ihren Rath, Ihre Leitung.“ „O, beſtes Fraͤulein! Ich kann ſelbſt in den vielen unklaren Gedanken, die mich oft umfangen halten, des Nathes und der Leitung beduͤrftig ſein.“ Emma, die waͤhrend der ganzen eben erwaͤhnten Scene ſich Muͤhe gegeben, ihre ernſten Worte in einem gewiſſen leichten, halb ſcherzhaften Tone vorzubringen, hatte indeſſen im Laufe der Unterredung dieſen Ton abge⸗ 6 legt, und ſchwieg jetzt, mit Thraͤnen in den Augen. Adolph fuͤhlte ſich ſehr verwirrt. Es fiel ihm jene laͤngſt vergeſſene Unterredung mit Vater und Bruder ein. Un⸗ glaublich ſchien es ihm damals daß dieſes, von Allen ſo ſehr hervorgehobene Maͤdchen ihm einen Vorzug geben 1 koͤnne, um den er ſich nie beworben; aber ihre eignen 8* — — 116— Worte, wie ihr Betragen ſchienen jetzt deutlich ein Ge⸗ fuͤhl fuͤr ihn zu verrathen, welches ihn zugleich ruͤhrte und ſchmerzte. Mit Zaͤrtlichkeit faßte er ihre Hand, und ſagte: Fraͤulein Emma! Zum Rathgeber, zum Fuͤhrer tauge ich ſicherlich nicht; deshalb aber bin ich nicht gefuͤhl⸗ los gegen die unverdiente Guͤte, die Sie mir beweiſen; und koͤnnte Ihnen jemals ein treuer Freund, der Schutz eines Bruders Noth ſein, ſo moͤgen Sie ſich uͤberzeugt halten, daß Ihnen dieſe Stunde in mir einen Freund und Bruder erworben habe.“ So ſprechend kuͤßte er ihre Hand, und wollte gehen. Emma hielt ihn wieder zuruͤck, und ſagte mit froher, dennoch aber geſpannter Miene:„Ich danke Ihnen, jetzt aber haben Sie mir auch die Gerechtſame einer Schweſter eingeraͤumt, und deshalb wage ich, Sie zu fragen: welche Laſt iſt es, die auf Ihrem Gemuͤthe zu weilen ſcheint, was macht Sie oft ſo gaͤnzlich abweſend, und kurz, ſo ganz anders, wie Sie es fruͤher waren?“ „Gewiß bin ich immer ſo geweſen. Unſere Bekannt⸗ ſchaft, mein Fraͤulein, iſt ja nicht aͤlter, als ſeit dem vo⸗ rigen Winter; denn erſt ſeit der Zeit fand ich meines Va⸗ ters Haus mit dem Ihrigen ſo freundſchaftlich verbunden Fruͤher wohnte mein Vater ſo weit von hier, ich kam nur ſelten zur Stadt, und wir ſahen uns faſt nie.“ — 117— „Dennoch habe ich Sie genug geſehen, um zu wiſſen, daß Sie in mancher Ruͤckſicht ganz veraͤndert ſind. Sie ſind in Ihrem Benehmen viel freier, und in der That.. ich wage es zu ſagen, viel liebenswuͤrdiger, zugleich aber mehr nachdenkend, zerſtreuter, ſchwaͤrmeriſcher,— ich weiß nicht, wie man es nennen ſoll; man moͤchte faſt glauben, Sie waͤren verliebt.“ Dieſe Worte ſprach Emma wie Einer, der mit Gewalt Muth faßt, um einen verzweifelten Sprung zu wagen. „Verliebt!“ wiederholte Adolph:„Und wenn dem ſo waͤre, da wuͤrden Sie, ſelbſt Frauenzimmer, mir dieſes nicht verdenken?“ „Nein, weit entfernt! aber... es wuͤrde mich betruͤ⸗ ben, aus Freundſchaft fuͤr Sie wuͤrde es mich betruͤben, wenn es, wie es den Anſchein hat, eine ungluͤckliche Liebe waͤre.“ „Ungluͤcklich! ja ich weiß es nicht; ich habe nicht den Muth gehabt, darnach zu fragen. Sie ſehen, ich ant⸗ worte Ihnen mit der Aufrichtigkeit der Freundſchaft. Je⸗ denfalls aber iſt eine ungluͤckliche Liebe, die das ganze Herz erſuͤllt, immer beſſer, als gar keine, und ich bin ja nicht der Einzige, der ſeine guten Jahre in einem unruhigen Umherſchwanken zwiſchen Furcht und Hoffnung zubringt. Da wir nun aber in ein ſo vertrautes Geſpraͤch gerathen ſind, ſo erlauben Sie mir, Ihnen einen gemeinſchaftlichen — n8= Freund zu nennen, der ſich in demſelben Fall befindet. Mein Bruder liebt Sie, bewundert Sie mit der innigſten Waͤrme, ich darf ſagen, er betet Sie an. Darf ich Sie auf ſeine furchtſame Liebe, die er Sie wohl kaum ſelbſt hat merken laſſen, aufmerkſam machen? Darf ich es wagen, einem Bruder das Wort zu reden, und mir auf eine ſo liebenswuͤrdige Schweſter Hoffnung zu machen?“ Mit gluͤhenden Wangen antwortete Emma:„Was dieſe Sache betrifft, Herr Lidner, ſo geſtehe ich, hierin weder Rath noch Leitung annehmen zu koͤnnen.“ Dann verzeihen Sie meine Unbeſcheidenheit, und vergeſſen Sie, was ich geſagt habe,“ antwortete Adolph, und entfernte ſich. Beide Parteien waren mit ſich ſelbſt herzlich unzufrie⸗ den, als ſie nun in der Einſamkeit dieſes Geſpraͤch uͤber⸗ dachten.„Du lieber Gott!“ dachte Adolph:„welche dumme Rolle habe ich doch geſpielt! ich war ja ſo verle⸗ gen, daß ich kaum wußte, was ich ſagte. Wie wuͤrde mein Vater uͤber mich lachen, wenn er von dieſem ſonder⸗ baren téte à tete mit einem ſchoͤnen Maͤdchen, ſo nahe der ſtillen Mitternachtsſtunde, Kenntniß erhielte! Und doch wuͤrde er nicht gehandelt haben, wie ich? Ich weiß nicht, weshalb ich eigentlich mit mir ſelbſt ſo unzufrieden bin; denn war ich auch in meiner Rede und meinem Beneh⸗ men unbeholfen, ſo bin ich doch ehrlich geweſen, und das — 119— wollte ich ſein; ich will das arme Maͤdchen nicht taͤuſchen. Wie iſt es doch auch wohl zugegangen, daß ſie fuͤr mich ein ſolches Wohlwollen hat faſſen koͤnnen? Sollte man nicht in der That glauben, daß ein ſchadenfroher Geiſt dieſe Liebesgeſchichten lenke? Philipp liebt Emma, Emma mich, ich Maria, und Maria?... ach! vor zwei Stunden war ich ſo gluͤcklich, ſo voller Hoffnung, und jetzt!... Ein verliebtes Gemuͤth iſt den Wolken zu vergleichen: ſie bilden ſich in unbegreiflichen Formen, drohend und laͤchelnd, ſie kommen und ſchwinden, und loͤſen ſich auf, wenn man ſie recht betrachtet.“ Emma war mit ihrem Benehmen waͤhrend jener Zu⸗ ſammenkunft noch weit unzufriedener. Sie wiederholte in ihren Gedanken jedes Wort, das zwiſchen ihr und Adolph gewechſelt worden, und wog es mit einem bit⸗ tern Gefuͤhle ab. Daß die oft erwaͤhnte Geldſumme von der verhaßten Nebenbuhlerin gekommen, errieth ſie auch aus Adolphs Aeußerungen, denn Mamſell Holm hatte einſt erwaͤhnt, daß Maria im Beſitz eines unbedeuten⸗ * den Vermoͤgens ſei. Die Behauptung der alten Freun⸗ din, daß Maria Adolphs Liebe nicht erwiedere, war der einzige Hoffnungsanker, an welchem ſich Emma jetzt hielt:„Denn,“ ſagte ſie,„ſo viel glaube ich doch gewon⸗ nen zu haben, daß er mich nicht mehr geringſchaͤtzt; nein! ſeine Freundſchaft habe ich doch ſicher erobert, und eine — 120— unerwiederte Liebe kann wohl unmoͤglich von Dauer ſein.“ Ein Raiſonnement welches um ſo ſonderbarer erſcheinen muß in einer Seele, die eben ſelbſt eine unerwiederte Liebe hegte. Das Beduͤrfniß der Mittheilung iſt in unſerer menſch⸗ lichen Natur ſo tief eingewurzelt, und die arme Emma war eben ſo arm an vertrauten Freunden, wie reich an Bewunderern. Es war demnach natuͤrlich, daß Philipp, theils von dieſem geiſtigen Beduͤrfniſſe, theils vom Zu⸗ falle beguͤnſtigt, Emmas Vertrauter wurde, ſofern die⸗ ſes Vertrauen ſtattfinden konnte, ohne daß ſie ihm ihre Liebe zu Adolph eingeſtand, welches ſie behende zu um⸗ gehen wußte. Philipp ahnete wohl— und nicht ohne innere Unruhe— die wahre Triebfeder zu Emmas Eifer fuͤr ſeines Bruders und deſſen Familie Wohl, deſſen un⸗ geachtet aber fuͤhlte er ſich durch ihr Vertrauen uͤberaus begluͤckt. Die Achtung und Freundlichkeit, mit der ſie ihn jetzt behandelte gegen fruͤher, der vertraute Ton zwiſchen ihnen, den Philipp ſelbſt allen ſeinen vermeintlichen und wirklichen Nebenbuhlern bemerkbar zu machen ſich bemuͤhte, that ſeiner Eitelkeit ſo wohl, daß er die unangenehme Ur⸗ ſache dieſer angenehmen Veraͤnderung vergaß. Emma wuͤnſchte mit Ungeduld, uͤber Adolphs Verhaͤltniß zu Marien, uͤber ihre Perſoͤnlichkeit, ihre wahre Geſinnung und uͤber die Plane Beider etwasrecht Beſtimmtes zu er⸗ — 121— fahren. Von Mamſell Holm war nichts weiter herauszu⸗ bringen; Philipp verſprach naͤhere Nachrichten einzuzie⸗ hen; aber die eingeſchraͤnkte und zuruͤckgezogene Lebensweiſe der beiden einſamen Frauen machte jede Annaͤherung un⸗ moͤglich. Philipp hatte wiederholt geſucht, ſich bei Mam⸗ ſell Holm einzuſchmeicheln, um, wenn moͤglich, in ihrem Hauſe Zutritt zu erlangen, aber vergebens; er hatte ſich in. ihrer Wohnung Geſchaͤfte gemacht, und war ſo gluͤcklich geweſen, einen Augenblick zu treffen, da ſich Maria im Zimmer befand. Der ganze Gewinn dieſes Zuſammentref⸗ fens aber war eben nur, ſie geſehen zu haben; kein Wort hatte er aus ihrem Munde gehoͤrt. Als ihn Mamſell Holm als Herrn Adolph Lidners Bruder vorſtellte, begruͤßte ihn Maria freundlich und erroͤthend, aber ganz ſchwei⸗ gend; und die einzige Ausbeute dieſer ſo lange erſehnten Zuſammenkunft beſtand in der Entdeckung, ſie ſei in der Naͤhe und in einem Zimmer noch ſchoͤner, als auf der Straße und von ferne geſehen; und dieſe Bemerkung war obendrein nicht der Art daß Philipp geneigt ſein konnte, ſie Em ma mitzutheilen, dielmehr weislich bedacht war, dieſelbe fuͤr ſich zu behalten. In allem Schrecklichen liegt eine gewiſſe aͤngſtliche Anziehungskraft. Kinder horchen mit der groͤßten Begierde auf Geſpenſtergeſchichten, obgleich ſie wiſſen, daß dieſe Unterhaltung ſie Nachts mit Schrecken erfuͤllen werde; — 122— und Erwachſene forſchen mit brennendem Eifer nach Auf⸗ klaͤrungen, von denen ſie eben ſo gut wiſſen, daß ſie in noch hoͤherem Grade ihre Nachtruhe ſtoͤren werden. Die ungeduldige Emma fuͤhlte ſolchergeſtalt eine unausſprech⸗ liche Sehnſucht, das Verhaͤltniß recht zu durchſchauen, welches ſie aͤngſtigte, die Kraͤfte, gegen welche ſie zu kaͤm⸗ pfen hatte— die Schoͤnheit, Liebenswuͤrdigkeit und die Gefuͤhle ihrer Nebenbuhlerin fuͤr Adolph— recht kennen zu lernen. Eiferſucht verleitete ſie zu dem Wunſche, daß ſeine Wahl recht unwuͤrdig und ungluͤcklich ſein moͤchte. Philipps Aeußerungen in dieſer Ruͤckſicht ſchmeichelten ſtets ihren geheimen Wuͤnſchen, dennoch aber regte ſich in ihr nicht ſelten Furcht vor dem Gegentheile. In einem ſol⸗ chen Augenblicke gerieth ſie auf den Einfall, ſich ſelbſt nach dem verhaßten Hauſe zu begeben, an dem ſie auf ih⸗ ren Spaziergaͤngen verſchiedentlich voruͤber gekommen war, und es betrachtet hatte, gleichſam von der obenerwaͤhnten Anziehungskraft getrieben. Es war ihr ein Leichtes, bei der Mamſell Holm, mit welcher ſie in ununterbrochener Beruͤhrung ſtand, ſich ein Geſchaͤft zu machen. Es war an einem Abende waͤhrend der hellen Som⸗ merzeit. Mit zitterndem Fuße betrat Emma dieſe Schwelle, dieſen Eingang, den Adolph taͤglich mit frohem Eifer zu betreten pflegte. Sie ſeufzte bei dieſem Gedanken, und klopfte furchtſam an die Thuͤr einzs Zimmers, in welchem — 123— ſie die Muſik eines Pianoforte und einer Violine hoͤrte. Sollte das Adolph ſein, der mit Marien ſpielte? Waͤre es nicht am beſten, ſchnell ſich wieder davon zu ma⸗ chen? Adolph war ja aber nicht in der Stadt?— Waͤh⸗ rend Emma ſo mit der Schnelligkeit der Gedanken ihre Betrachtungen anſtellte, wurde ploͤtzlich eine andere Thuͤr geoͤffnet, und in dieſer zeigte ſich Mamſell Holm, ſehr erſtaunt, das Fraͤulein in ihrem geringen Hauſe zu erbli⸗ cken, und bat ſie hoͤflich, in ihr Zimmer zu treten, wohin dieſe Thuͤr fuͤhrte. Hier ſetzte ſich die arme Emma ganz erſchoͤpft auf einen ihr von der Mamſell Holm dargebote⸗ nen Stuhl, beſtellte verlegen und ganz zerſtreut ihr Gewerbe, und blickte oft nach der Thuͤr des angrenzenden Zimmers, aus dem ſich keine Muſik mehr vernehmen, von wo aber einige redende Stimmen ſich hoͤren ließen, unter denen Emma Adolphs deutlich zu unterſcheiden glaubte. End⸗ lich nahm ſie Abſchied, und ſagte zur Mamſell Holm, die ſie hinaus begleitete:„Sie hatten ſchoͤne Muſik bei ſich, als ich kam.“ „Ja!“ entgegnete Jene,„das war drinnen bei der Madam Blumez ſie ſpielt mit Herrn Lidner, den Sie ja kennen.“ „Iſt Herr Lidner hier in der Stadt?“ „Ja er kam dieſen Abend, und reiſet morgen fruͤh wieder ab.“„ — 124— „So, ſo! gute Nacht!“ entgegnete Emma, und eilte fort; Mamſell Holm ging zuruͤck und verſchloß hin⸗ ter ſich die Thuͤr. Die Muſik begann von Neuem. Emma, welche ſchon die Hausthuͤr erreicht hatte, ſchlich ſich einige Schritte zuruͤck, und lauſchte den langſamen, zuſammen⸗ ſchmelzenden Toͤnen, in denen ſich jetzt die Muſik verneh⸗ men ließ, waͤhrend ihr Herz in einem weit ſchnelleren Tempo ſchlug. Recht von Herzen verſtimmt ging das arme Maͤdchen nach Hauſe, beſtuͤrmt von tauſend mar⸗ ternden Gedanken. Der einzige kleine Troſt, welchen ihr Genius ihr einzufluͤſtern auffinden konnte, war die Be⸗. merkung: Die Muſik, die ſie gehoͤrt, ſei ihr als leicht be⸗ kannt, keine Virtuoſitaͤt ſei vonnoͤthen, dieſelbe aus⸗ zufuͤhren, und ſie ſelbſt ſei ſich einer weit groͤßeren Kunſt⸗ fertigkeit bewußt. VII. Adolphs ſchnelle Reiſe und ſein diesmaliger kurzer Aufenthalt in der Stadt, hatten keinen andern Zweck, als den, Maria zu vermoͤgen, einen kurzen Theil des Sommers auf ſeinem Landgute zuzubringen. Bei dieſem Gute, deſſen Hauptgebaͤude ſehr einfach war, befanden ſich— wie fruͤher erwaͤhnt— ein paar niedliche kleine Haͤuſer mit ganz kleinen Gaͤrten, die an das aͤußerſte Ende des ſehr großen und praͤchtigen Luſtwaldes graͤnzten, von dem die Gutsgebaͤude und deren Gaͤrten unmittelbar um⸗ geben waren. Eine dieſer Wohnungen waͤhrend der Fe⸗ rienzeit, da Victor von der Schule frei war, zu be⸗ wohnen, dazu lud er nun Maria mit Mamſell Holm, den Kindern und dem Maͤdchen ein. Sie ſollten, ſagte er, Alles ſo eingerichtet finden, daß ihre kleine Haushaltung den gewohnten Gang gehen koͤnne. Er bat ſo herzlich; aus jedem ſeiner Worte, jeder ſeiner Mienen leuchtete uͤber die⸗ ſen Plan ſo große Freude hervor; der Jubel der Kinder uͤber dieſen Vorſchlag, Mamſell Holms Luſt zu dieſem unvermutheten Vergnuͤgen, Marias eigne Liebe zum — 126— Landleben und ihre Ergebenheit fuͤr Adolph, Alles ver⸗ einte ſich mit ſeinen Ueberredungen, und es wurde beſchloſ⸗ ſen, daß er in der folgenden Woche die kleine Geſellſchaft ſelbſt abholen ſolle. Mamſell Holm machte ſich nun auch von ihren Unterrichtsſtunden frei, ſuchte aber doch ſo viele Beſtellungen auf Arbeit, wie nur irgend moͤglich, zu ſam⸗ meln, auf daß ihre Erwerbsquelle unter der einmonatlichen Abweſenheit von der Stadt nicht gar zu ſehr leiden moͤchte, und an dem beſtimmten Tage fuͤhrte der entzuͤckte Adolph, unter vielen frohen Ahnungen, ſeine froͤhlichen 8 Gaͤſte nach der ihnen beſtimmten Wohnung, vor deren Thuͤr ihnen ſchon der freundliche Tiger entgegenſprang, ſeine Liebkoſungen zwiſchen ihnen und ſeinem Herrn thei⸗ lend, der ihm nicht erlaubt hatte, auf dieſer kurzen Reiſe ſein Begleiter zu ſein. Freudig begruͤßten die Angekomme⸗ nen den alten Freund, und betrachteten dieſes erſte Zuſam⸗ mentreffen als eine gluͤckliche Vorbedeutung. Beide Frauen wurden durch den Anblick ihrer laͤndli⸗ chen Wohnung ganz bezaubert. Es war ein kleines ge⸗ ſchmackvolles Haus, uͤber deſſen rothem Ziegeldache hohe Lindenbaͤume hervorragten. Laͤngs der Mauer hin ſchlan⸗ gen ſich reiche Weinranken, von Roſenhecken untermiſcht, die augenblicklich in voller Bluͤthe ſtanden. Unter dem Dache niſteten Schwalben, in einer naheſtehenden alten Eiche hatte ein Storch ſein Neſt, und in einem Teiche auf — 127— der Wieſe hinter dem kleinen, von duftenden Blumen an⸗ gefuͤllten Garten, quakten die Froͤſche. Das Innere des Hauſes war mit ſo vielem Geſchmack, einem ſo hohen Grade von Sorgfalt und Umſicht fuͤr alles Nothwendige und An⸗ genehme ausgeſtattet und eingerichtet, daß Mamſell Holm nachdem ſie Alles recht beſehen, nicht umhin konnte in Ver⸗ wunderung auszubrechen, und hinzufuͤgte: Aber, beſter Herr Lidnerl es iſt doch faſt unmoͤglich, daß Sie, als Mann, von Allem was zu einem Hauſe gehoͤrt ſo viel Verſtand haben, daß Sie ohne weibliche Hilfe dieſes Alles ſo vollkommen einrichten konnten.“ „Nein!“ antwortete Adolph,„ich habe freilich zum Theil, doch nicht allein die Ehre, wenn ich ſo gluͤck⸗ lich bin in dieſer einfachen Einrichtung getroffen zu haben, was Ihnen gefaͤllt. Es hat mir wirklich ein Frauenzim⸗ mer mit Rath und That beigeſtanden, eine brave Frau, die in dem Hauſe jenſeits der Wieſe wohnt; ſie iſt Wittwe, und lebt ſtill und arbeitſam mit ihrem Sohne, einem herr⸗ lichen jungen Menſchen, den ich Ihnen vorzuſtellen um Erlaubniß bitte.“ Maria war kindlich froh und gluͤcklich, ihre Wan⸗ gen gluͤhten von Vergnuͤgen, ſie eilte aus dem einen Zim⸗ mer in's andere, betrachtete von allen Fenſtern aus die laͤndlichen Ausſichten, lief in den Garten, nach der Wieſe, begleitet von den jubelnden Kindern und dem luſtigen — 128— Hunde, der in wilden Freudenſpruͤngen mit dem ausgelaſ⸗ ſenen Victor wetteiferte. Mariens Freude und warme Dankſagungen machten Adolph ſo uͤberſchwenglich gluͤck⸗ lich, daß ihm dieſer Abend als der lichteſte Augenblick er⸗ ſchien, den er noch je erlebt hatte. Folgenden Tags wuͤnſchte Maria die oben erwaͤhnte Nachbarin zu beſuchen, um dieſer fuͤr den Antheil zu dan⸗ ken, den ſie an ihrer haͤuslichen Einrichtung gehabt. Dieſe Nachbarin war keine Andere als die Line Jenſen, die Adolph in jener Unterredung ſeinem Vater in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckzurufen ſich bemuͤht hatte. Ein ſympathetiſches Gefuͤhl ergriff Maria bei'm Anblick dieſer blaſſen, von erlebten Sorgen ſichtlich beruͤhrten, aber doch noch ſchoͤnen Geſtalt, die ſie mit demuͤthiger Freundlichkeit empfing und in ihr einfaches, nettes Haus fuͤhrte, wo ihnen ein ganz junger Menſch entgegentrat. Adolph ſtellte dieſen Marien vor:„Sie ſehen hier,“ ſagte er,„meinen lieben jungen Freund und Schuͤler Carl Jenſen, von dem ich Ihnen fruͤher geſ agt habe.“— Maria ſtutzte, und konnte kaum antworten. Die Aehnlichkeit des jungen Menſchen mit Adolph war ſo auffallend, daß ſie kaum umhin konnte ihre Verwunderung hieruͤber zu aͤußern. Da ſein und Adolphs Alter indeſſen jeden Verdacht gegen den Letzteren undenkbar machte, wagte ſie es auf dem Heimwege dieſer außerordentlichen Aehnlichkeit, nicht allein in den Geſichts⸗ — 129— zuͤgen, obgleich dieſe bei Carl noch etwas von der Weichheit des Kindesalters an ſich trugen, ſondern ſogar in Stimme und Manieren zu erwaͤhnen.— Adolph antwortete:„Es muß dies ein ganz beſonderes Naturſpiel ſein; denn ich glaube nicht, mit dem ausgezeichnet ſchoͤnen Manne, der ... ſein Vater war, die geringſte Aehnlichkeit zu haben.“ „Sie haben alſo ſeinen Vater gekannt?“ Adolph bejahete es, brach uͤbrigens aber dieſes Ge⸗ ſpraͤch ab. Von dieſer Zeit an ſahen ſich Line und Ma⸗ ria taͤglich, doch war es immer, als hielte ſich Line mit einer gewiſſen furchtſamen Demuth zuruͤck, obgleich ſie ſich augenſcheinlich durch Mariens Annaͤherungen ge⸗ ſchmeichelt und gluͤcklich fuͤhlte. Mariens feiner Tact hielt ſie ſtets von aller Bemuͤhung zuruͤck, das traurige Geheimniß zu erforſchen, welches ihr in dem Schickſale dieſer Frau ahnete. Mit freundlicher Aufmerkſamkeit kam ſie ihr entgegen, und ließ ſich gern auf die beiden Gegen⸗ ſtaͤnde ein, von denen Line am liebſten ſprach, naͤmlich: von ihrem innig geliebten Sohne und von Adolph, deſ⸗ ſen Tugenden ſie mit Begeiſterung hervorhob.„Jeder Menſch,“ ſagte ſie,„jede Familie auf dem Gute verdankt ihm Gluͤck und Wohlergehen, und ſegnet ihn dafuͤr. Mich,“ fuͤgte ſie hinzu,„fand er verlaſſen mit meinem armen Kinde, duͤrftig, muthlos und niedergebeugt. Ich verdanke ihm Alles, auch meinen groͤßten Troſt, die Freude, die 9 — 130— ich an meinem Sohne erlebe, deſſen er ſich wie ein Vater angenommen, und ihn ſelbſt gebildet hat; auch Carl haͤngt an ihm mit ganzer Seele, begleitet ihn uͤberall, wenn er hier bei uns, und ſehnt ſich herzlich, wenn er abweſend iſt.“ Schon war die Haͤlfte der fuͤr dieſen laͤndlichen Aufent⸗ halt beſtimmten Zeit verſchwunden, und alle Parteien be⸗ dauerten die gar zu ſchnelle Flucht dieſer ſchoͤnen Tage. Paradieſiſch erſchien dieſes Leben der aller Luſt und Zer⸗ ſtreuung ſo ungewohnten kleinen Familie, und ein ſorgen⸗ freies Leben erhoͤhete die Annehmlichkeit; denn, als Et⸗ was, das auf dem Gute allgemein Sitte war, und ſich ganz von ſelbſt verſtand, ließ Adolph das Haus ſeiner Gaͤſte taͤglich mit einem Ueberfluſſe von Lebensmitteln ver⸗ ſehen. Die groͤßte Zufriedenheit, Heiterkeit, Einigkeit, Freiheit und gegenſeitige Zuneigung wuͤrzten alle gemein⸗ ſchaftlichen Luſtpartieen und Wanderungen, wie alle taͤg⸗ lichen Zuſammenkuͤnfte in Mariens kleinem Garten. Noch hatte Adolph es nicht gewagt, ſein Herz vor Ma⸗ rien auszuſchuͤtten. Es war ihm, als fuͤrchtete er ſich, an dem augenblicklichen Stande der Dinge das Geringſte zu aͤndern. Doch mahnte ihn jeder ſchwindende Tag an die bald bevorſtehende Abreiſe der Geliebten aus ſeiner Heimath. An dieſe ſie zu feſſeln, war ihm gar zu wichtig, und, obgleich nicht ohne Zittern, beſchloß er nun raſch den erſten guͤnſtigen Augenblick zu ergreifen. F — 131— Es war ein warmer, ſchoͤner Abend, als er am Ufer einer Aue ſaß, die, einen natuͤrlichen Kanal bildend, den Luſtwald durchſchnitt. Ein kleines Boot lag an der Bruͤcke, die an dieſer Stelle angebracht war. Adolph ſetzte ſich in's Boot, und ſtarrte gedankenvoll in das ſtille, leicht gekraͤuſelte Gewaͤſſer hinab. Ploͤtzlich hoͤrte er Etwas zwiſchen den Buͤſchen ſich regen und vor ihm auf der Bruͤcke ſtand Maria, ihm freundlich einen guten Abend bietend. Sie kehrte von einer weiten Spatziertour zuruͤck, ungewoͤhnlich rothe Roſen flammten auf ihren Wangen. Ein Strohhut, mit einem gruͤnen Bande gebunden, be⸗ ſchattete das lichte Haar, welches ſich von ſeiner Feſſel be⸗ freien zu wollen ſchien, und ſich um die ſchneeweißen Schlaͤfe ſchlang, deren Glanz die dunkeln Augenbraunen noch erhoͤheten. Schelmiſche Winde ſpielten mit dem wei⸗ ßen Kleide, und zeigten die Schleifen der Schuhbaͤnder, die das feine Bein umſchlangen.„Ach Maria!“ rief Adolph aus:„wie Sie da uͤber mir auf der Bruͤcke ſtehen, ſo leuchtend weiß gegen den dunkeln Hintergrund, den Baͤume und Gebuͤſch bilden, ſo milde, ſo ruhig, da erſcheinen Sie mir wie eine Fee, die ploͤtzlich dem einſa⸗ men Wanderer ſichtbar wird,— ach nein! laſſen Sie mich lieber ſagen: wie der ſchirmende Schutzengel dieſer Gegend. Schauen Sie, wie ſich Ihre Geſtalt im Waſſer abſpiegelt! es ſieht faſt aus, als bemuͤhe ſich die Waſſerflaͤche, ruhig . 9* — 132— zu ſein, um Ihr Bild feſthalten zu koͤnnen, vermoͤge es aber nicht vor innerer Bewegung, vor Herzklopfen, beim Anblick Ihrer Schoͤnheit.“ „O Lidner!“ ſagte Maria lachend:„ſprechen Sie doch nicht in ſo prachtvollen Worten zu Ihrer einfa⸗ chen Freundin! ſagen Sie mir lieber ein herzliches Guten⸗ abend! den ganzen Tag ſah ich Sie nicht, und habe Sie geſucht.“ „ Dank Ihnen, liebſte Marial Meine Gedanken ſuchten auch Sie. Seh'n Sie, wie ſchoͤn der Abend iſt! Wollen Sie nicht zu mir in's Boot ſteigen, und mir er⸗ lauben, Sie auf der Aue eine Strecke hinzurudern. Sie wiſſen nicht, wie ſchoͤn ſich, von dieſem Canale geſehen, der Wald ausnimmt.“ Maria folgte ſeiner Einladung, und nun ſchwamm das leichte Boot, unter geringer Anſtrengung von Adolphs Seite, weit hinein unter die hohen, dichten Baͤume, welche, uͤber das Waſſer ſich hinausbeugend, gleichſam eine Grotte bildeten, die ihn mit ſeiner Geliebten den Blicken der gan⸗ zen uͤbrigen Erde, ja des Firmamentes verbarg. „Wie wunderbar ſchoͤn iſt doch dieſer Ort!“ ſagte Maria:„Wie klar ſpiegeln ſich in dem ſtillen Waſſer die hohen Baͤume. Es iſt faſt wie ein doppelter Wald, einer uͤber uns, einer unter uns in geheimnißvoller Tiefe. 9, hoͤren Sie doch, wie dort ein Vogel lieblich ſingt! Faſt — 133— iſt es wie der Geſang der Nachtigall; die kann es doch nicht ſein!“ „Nein, die Singzeit der Nachtigall iſt voruͤber. Es iſt dies indeſſen ein Vogel, der ihr im Geſange gleicht. Im Fruͤhling ſind hier viele Nachtigallen, und eben hier an dieſem Orte war vor wenigen Wochen noch ein Paar, welches ausgezeichnet ſchoͤn ſchlug. Eines Abends lag ich hier, wie jetzt, im Boote, und lauſchte ihren Toͤnen.“ Waͤhrend dieſes letzten Zwiegeſpraͤchs hatte Adolph die Ruder eingezogen, und leiſe ſchaukelnd lag das Boot ſanft ruhig da. Er fuhr fort:„Ich erinnere mich ſo deut⸗ lich aller meiner Gedanken an jenem Abende; ich vergaß ganz die Zeit, und kam ſehr ſpaͤt nach Hauſe. Der Ge⸗ ſang der Nachtigall ruͤhrte mich ſo wunderbar. Es hat derſelbe etwas Eigenthuͤmliches, Sehnſucht⸗Wehmuther⸗ weckendes! Nicht ohne Grund nennt man die Nachtigall die Saͤngerin der Liebe. Deutlich tritt es hervor, daß ſie ihren Geliebten, ihre Gluͤckſeligkeit und ihren Schmerz beſingt.“ „Mir iſt es immer vorgekommen, ſagte Maria,„als ſaͤnge ſie ihre Kinder in den Schlaf.“ „Ihre Kinder!“ rief Adolph:„Pfuil haͤtt' ich faſt ſagen moͤgen. Verzeihen Sie mir! wenn ich mich aber erinnere, daß ich bisweilen Zeuge geweſen, wie eine arme Mutter, brennenden Antlitzes, gebeugt und muͤde, mit ei⸗ — 134— nem ſchreienden Kinde in den Armen die Stube auf und ab gegangen iſt, und heiſer und kurzathmig ein monotones, triſtes, und triviales Lied angeſtimmt hat, ſo finde ich es unbegreiflich, daß Ihnen bei den erotiſchen Toͤnen der Nachtigall ein ſolcher Gedanke einfallen koͤnne.“ „Das Lied der Nachtigall iſt, wenn auch nicht eigent⸗ lich monoton, ſo doch eine ſtets wiederkehrende Melodie, einem ſtillen, ſuͤßen Wiegenliede vergleichbar, welches, be⸗ ruhigend und troͤſtend, das weinende Kind zaͤrtlich in den Schlaf lullt. Es ſteigt und faͤllt in ſtaͤrkeren und ſchwaͤche⸗ ren Toͤnen, es geht gleichſam im Wogen⸗ oder Wiegen⸗ gange, lautet wehmuͤthig, liebevoll und froh zugleich. Es liegt mir ſo nahe, mir eine junge Mutter zu denken, in der Stille und Einſamkeit der Nacht an dem Lager ihres Sohnes wachend. Weshalb ſich das muͤtterliche Wiegen⸗ lied mit einem ſo unſchoͤnen Bilde vereint denken, als wel⸗ ches Sie es ausmalten? Stellt uns nicht die Kunſt die hoͤchſte und ſchoͤnſte weibliche Geſtalt d, als eine Mutter mit ihrem Kinde im Arme?”— Es entſtand eine kleine Pauſe, waͤhrend welcher nur die Stimme des oben erwaͤhnten Vo⸗ gels ertoͤnte. Adolph ſtarrte in's Waſſer hinab, und dſe ſeiner Ruder zwiſchen den ſtillen Wogen ſpielen. taria unterbrach das Schweigen und fuhr fort:„Viel⸗ leicht i*ſt es ein proſaiſcher Geſchmack, den ich an den Tag lege, wenn ich geſtehe, das mich das Lied der Nachtigall, — 135— wie ſchoͤn ich es auch finde, weniger ruͤhrt als das der Lerche. Wenn ich dieſen lieben Vogel mit ſeinen leicht be⸗ wegten Fluͤgeln ſich uͤber das Feld emporſchwingen und ſteigen ſehe, bis ihn die Wolken meinen Augen verbergen, waͤhrend ich noch immer ſein klares, freimuͤthiges Lied hoͤre, da kann ich mich der Vorſtellung nicht erwehren, er ſchwinge ſich empor zum hohen Himmel, ſeinen Dank darbringend fuͤr den Sommer, fuͤr die Sonne, fuͤr das Leben, fuͤr die Gabe des Geſanges; und es ſcheint mir, daß ſich meine Seele, mit Dank und Freude, auf den Fluͤgeln der Lerche zu den Regionen erheben muͤſſe, wohin nicht das Auge, nur das Herz reichen kann.“ „O Maria!“ ſagte Adolph, indem er ſich erhob und das Ruder bei Seite legte:„Gehoͤren Sie einer an⸗ dern, einer hoͤhern Natur an, als die uͤbrigen Sterblichen? Kann nur Mutterliebe und himmliſche Froͤmmigkeit in Ihrem Herzen Platz finden? Darf ich, der ich Sie ſo lieb habe, meine Augen nicht zu dem Heiligenſcheine erheben, der Sie umgiebt?“— So ſprechend ergriff er ihre Hand mit ſeinen beiden. Sie fuͤhlte dieſelben zittern. Verwun⸗ dert blickte ſie ihn an, ſein Geſicht gluͤhete, und verrieth eine heftige Bewegung. „Lieber Lidner!l ich verſtehe ſie nicht! Ihre Worte klingen mir wie Spott. Ich! ein Heiligenſchein! was mei⸗ nen Sie eigentlich?“ „Ach, ich meine.. ich zittre bei dem Gedanken, daß Sie meine Ergebenheit fuͤr Sie nicht erwiedern!“ „O, mein Gott! Moͤchten Sie in meinem treuen Her⸗ zen leſen koͤnnen!“ „Ach, liebe Freundin! wie ſoll ich Worte ſinden?... ja, ich weiß wohl, daß Sie... o Got tſei gedankt, daß ich es weiß... Sie hegen Freundſchaft fuͤr mich, Sie nehmen Theil an dem, was mich angeht; aber eine ſolche Freundſchaft, die ich theilen muß mit”... „Mit Keinem!“ ſagte Maria, ihn unterbrechend: „Nein, keinen Freund habe ich außer Ihnen, keinen habe ich außer Ihnen je gehabt. Selbſt meine liebe Anna macht Ih⸗ nen den Rang nicht ſtreitig; denn, muß ich auch geſtehen, daß mich eine freiere, eine unbedingtere Vertraulichkeit an meine Schweſter gefeſſelt, ſo iſt es doch gewiß, wunderbar iſt das Vertrauen, die Ueberzeugung des Schutzes, der hohe Grad begeiſterter Achtung, die mich an meinen Bruder feſſelt.“ „Ach! wie kann eine Anrede in ſo ſuͤßen Toͤnen be⸗ ginnen, und in einer ſo ſchneidenden Diſſonanz enden! Bruder nennen Sie mich oft, und wiſſen nicht, oder wol⸗ len es nicht wiſſen, daß mir dieſe Benennung unangenehm iſt. Koͤnnen Sie in der That meine Gefuͤhle fuͤr Sie miß⸗ verſtehen? Geliebte, reizende, angebetete Marial nicht Ihr Bruder will ich ſein, ſondern Ihr Geliebter, Ihr Gatte. Jetzt iſt es ausgeſprochen! O, Marial was ſoll — 137— ich denken? Sie ſenken Ihr ſchoͤnes Haupt, als waͤre ein Sturm uͤber daſſelbe hingefahren.— Ach! laſſen Sie mich doch Ihr Antlitz ſchauen! Guter Gott! Haben meine Worte die Roſen von Ihren Wangen verjagt? Iſt Ihnen meine Liebe ein Schreck?“ „O Lidner! O mein Freund!“ fluͤſterte Maria mit dem ſchmerzlichſten Ausdruck. Adolph ſchlang ſeinen Arm um ſie und druͤckte ſie feſt an ſich. „Kleine Heilige!“ ſagte er ſchmeichelnd:„Iſt Dir Liebe ein fremdes Wort? Steht ſchon dein kleiner Fuß im Paradieſe, und hat allen irdiſchen Staub abgeſchuͤttelt? Dennoch liegt in Deinen Augen ein ſo liebender Ausdruck, dennoch fließt ja das rothe Blut faſt ſichtlich in Deinen Adern, ſo friſch, ſo jugendlich und warm. Ich fuͤhle ſeine ſuͤße Waͤrme, und jeder Pulsſchlag zieht mich naͤher heran.“ Adolphs ſo lange verſchloſſene Leidenſchaft glich in dieſem Augenblick einem Strome, der ſeine Schranken durchbricht. Mit brennender Heftigkeit druͤckte er Maria an ſeine Bruſt, und ſuchte mit ſeinen Kuͤſſen ihr abge⸗ wendetes Antlitz zu erreichen. Wie mit ihren letzten Kraͤf⸗ ten riß ſich Maria los, ſie war todtenblaß, ein Schauder durchzuckte ihr ganzes Weſen. Er ließ ſie los, und behielt nur ihre Hand in der ſeinigen. Von ihm abgewendet lehnte ſie ſich auf den Rand des Bootes, das Geſicht in ihren Arm verbergend.„O, verzeihen Sie mir!“ ſagte Adolph, — 138— „Zuͤrnen Sie mir nicht! ich bin nur ein Menſch, ſind Sie es nicht auch? Verachten Sie die ehrliche, treue Ergeben⸗ heit eines Mannes? Ach!l wenn Sie wuͤßten, was ich ge⸗ litten, wie ich mit Hoffnung und Furcht gekaͤmpft habe waͤhrend der ganzen Zeit, ſeit wir am Neujahrstage zu⸗ ſammentrafen! denn von dem Augenblicke an habe ich Sie geliebt,.. ja fruͤher noch! ich habe Sie geliebt ſeit Sie ein kleines Maͤdchen waren! Ihr Bild hat mir ſtets, ohne daß es mir ſelbſt klar geweſen, als das Ideal meiner Wuͤnſche vorgeſchwebt, und als ich ſie nun wiederfand, Sie gegen mich ſo freundlich geſinnt wiederfand, ſeitdem habe ich nichts gedacht als nur Sie.“ Heftig kuͤßte er ihre Hand, und fuhr dann fort:„Werden Sie mein Weib, geliebte Freundin! Leben Sie mit mir an dieſem Orte, der Ihnen gefaͤllt, wo Alles aufgeboten werden ſoll, um Ihre Tage ſo gluͤcklich zu machen, wie es dem zaͤrtlich Lie⸗ benden nur immer moͤglich iſt. O, ſagen Sie mir nicht Nein; ich wuͤrde es nicht ertragen koͤnnen. Faſſen Sie nicht wie ein Mann liebt? welches Feuer mich bei Ihrem Anblick verzehrt, welche Traͤume mir Tag und Nacht Ihr Bild vormahlen?“ „O, ſchweigen Sie, Lidner!“ ſagte Maria ſich er⸗ hebend, und ihre Hand zuruͤckziehend:„Setzen Sie mich an's Land! ich bitte Sie dringend!“ Adolph blickte ſie mit einem unausſprechlich betruͤb⸗ — — 139— ten Ausdruck an. Mit einem wehmuͤthigen Laͤcheln reichte ſie ihm, ſtark erroͤthend, wieder die Hand.„O, reizende Jungfrau!“ ſagte Adolph,„haben Sie nicht geleſen, daß ſelbſt die Veſtalin das heilige Feuer unterhielt?“ „Das heilige Feuer,“ wiederholte Maria ernſt, „aber nicht die dunkle Glut der Leidenſchaft.“ „Iſt leidenſchaftliche Liebe Suͤnde?“— „Das weiß ich nicht, ich glaub' es nicht; mir aber iſt ſie aͤngſtlich, ſie erſchreckt mich, wie eine Suͤnde.“ „Aber Marial Sie kennen die leidenſchaftliche Liebe ja nicht?“— „Jal ich kenne ſie hinreichend, um vor ihr zu erbeben.“ „Wie? Tod und Leben! Lieben Sie einen Andern?“ „Nein, nein!“ In dieſem Augenblick hoͤrte man Stimmen, welche riefen:„Mutter! Mutter! wo biſt Du?“ Auch Mam⸗ ſell Holms Stimme ließ ſich in der Entfernung verneh⸗ men.„Da haben wir die langweilige Garde, die Sie zu meiner Verzweiflung ewig umgiebt!“ ſagte Adolph. „O, laſſen Sie mich an's Land!“ bat Maria: „Laſſen Sie mich aus dieſer Finſterniß herauskommen, damit ich wieder den klaren Himmel ſehen, und Athem ſchoͤpfen kann!“ Die Kinder und Mamſell Holm wurden nun an dem nicht weit entfernten Landungsplatze ſichtbar. Sie winkten — 140— und riefen. Adolph hatte unterdeſſen die Ruder ergrif⸗ fen, und arbeitete mit verzweifelter Haſt. Beide ſchwiegen. Er ſprang an's Land, und reichte Marien die Hand, um ihr aus dem Boote zu helfen. Mit matten Schritten ſtieg ſie aus, und ohne die Anrede der Umſtehenden zu beantworten, warf ſie ſich auf eine naheſtehende Bank, kaum im Stande, ſich aufrecht zu erhalten.„Du lieber Gott! Was fehlt Ihnen?“ rief Mamſell Holm. Ma⸗ ria konnte ſich nicht laͤnger bezwingen, ſondern brach in heftiges Weinen aus. Die kleine Liſe kletterte auf die Bank, klammerte ſich an die Mutter und begann auch zu weinen; Victor ſetzte ſich halb knieend vor ihr hin, um⸗ ſchlang ihre Knie und ſtammelte einzelne liebevolle Worte hervor, waͤhrend die geſchwaͤtzige Holm ununterbro⸗ chen eine Exclamation und eine Frage nach der andern wiederholte. Endlich ſagte Maria:„Ich fuͤhle einen entſetzlichen Kopfſchmerz.“ „Aber du mein Gott! Wann pflegen Sie uͤber der⸗ gleichen zu weinen?“ „Ich bin“... ſtammelte Maria,„ich weiß ſelbſt nicht!... Ach, ich bin recht herzenskrank!“ Adolph, der unterdeſſen das Boot feſtgebunden hatte, naͤherte ſich jetzt und erſchrack ſehr, Maria in ſolcher Gemuͤthsbewegung zu finden. Mit unſicherer Stimme ſprach er einige unzuſammenhaͤngende Worte zu ihr, und — 141— bat, ſie nach Hauſe begleiten zu duͤrfen. Sie erhob ſich und ſaßte ſeinen Arm; unterweges fand er Gelegenheit, ihr unbemerkt zuzufluͤſtern:„Sagen Sie mir, Maria! Lieben Sie einen Andern?“ „Nein!“ „In der That nicht?“ „Ach nein! nein!“ „So erklaͤren Sie mir Ihr Betragen. Was konnte Sie ſo bewegen? Womit habe ich Sie beleidigt?“ „Mich beleidigt! Ach, Lidner! Glauben Sie, daß ich das Ehrenvolle in Ihrer Liebe zu mir nicht fuͤhle?“ „Aber ſo ſagen Sie mir doch, beſte Freundin!“... „Ich bitte Sie, laſſen Sie mir Zeit, mich zu faſſen! Morgen!“.. „Ach! zwiſchen jetzt und morgen liegt eine lange Nacht. Doch ich will Sie nicht quaͤlen. Geben Sie mir das Ver⸗ ſprechen, daß Sie mir morgen ein vollkommenes Vertrauen ſchenken, die ganze, reine Wahrheit ſagen, eine klare Dar⸗ ſtellung Ihrer Gefuͤhle mittheilen wollen! Verſprechen Sie mir das 2““ Maria ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie: „Ja, das verſpreche ich Ihnen!“ Sie waren nun zum Eingange ihres Hauſes gelangt, und mit einem ſchweigenden Haͤndedruck nahm Adolph Abſchied. Die Kinder liefen an ihm voruͤber, und folgten — 142— der Mutter; Mamſell Holm aber, die zuletzt kam, hielt ihn zuruͤck, und ſagte:„Lieber Herr Lidner! Sie, der Sie doch in allen Dingen ſo klug ſind, ſagen Sie mir nur, was meinen Sie von der Madam Blume? Glau⸗ ben Sie, daß ſie ſehr krank ſei? Es ſollte doch wohl nicht gefaͤhrlich ſein?“ „Behuͤte Gott! Nein! eine kleine Unpaͤßlichkeit, Kopf⸗ ſchmerzen ſagte ſie ja ſelbſt,“ antwortete Adolph, unge⸗ duldig uͤber dieſes unwillkommene Zwiegeſpraͤch. „O, ſagen Sie mir doch! glauben Sie, daß ſie wirk⸗ lich unpaͤßlich iſt? Sollte ſie nicht irgend einen Verdruß gehabt haben? Woruͤber ſprachen Sie, als Sie mit ihr im Boote allein waren?“ „Woruͤber wir ſprachen?.. ich erinnere mich deſſen wirklich nicht.“ 3 „Ja, guter Herr Lidner! Sie erinnern ſich deſſen gewiß, erzaͤhlen Sie mir doch, was kann es wohl geweſen ſein? ich habe ſie nie ſo geſehen.“ „uUnſer Geſpraͤch kann ſie, meines Wiſſens nicht be⸗ truͤbt haben. Wir ſprachen uͤber manche Gegenſtaͤnde, ich weiß ſelbſt nicht mehr, was es war.“ „Na, uͤber gleichguͤltige Gegenſtaͤnde?“ „Ja, uͤber gleichguͤltige!“ „Nun, in Gottes Namen denn! da hat das Ganze wohl nichts zu bedeuten, es wird wohl von der Hitze her⸗ — 143— ruͤhren. Es war heute ein angenehmer Abend, nicht wahr? Moͤchte der morgende wie dieſer ſein!“— Ihre Worte erſchienen Adolph wie das Unheil verkuͤndende Gekraͤchz eines Sturmvogels, und mit einem kurzen„gute Nacht!“ eilte er fort. Mitternacht war voruͤber, Alle ſchliefen in Mariens Wohnung, nur ſie nicht; ſtill und vorſichtig, um nicht bemerkt zu werden, erhob ſie ſich von ihrem Lager, zuͤndete ein Licht an, und verwendete den uͤbrigen Theil der Nacht, um an Adolph zu ſchreiben. VIII. Ihr Brief lautete, wie folgt: Ein vollkommenes Vertrauen, die ganze, reine Wahrheit, eine klare Darſtellung meiner Gefuͤhle! Das iſt es, was Sie von mir verlangen, und was ich Ihnen verſprochen habe, lieber Lidner! Es iſt dies meine Pflicht gegen Sie, es iſt mein eigner Wunſch. Doch ſcheint es mir eine ſchwierige Aufgabe. Verzeihen Sie mir, daß ich den Weg der ſchriftlichen Mittheilung waͤhle. Ich bin verlegen und furchtſam wegen deſſen, was ich zu ſagen habe, und bedarf meiner ganzen Beſonnenheit zu den Geſtaͤndniſſen, die ich Ihnen ablegen will. Haben Sie Geduld dieſelben zu leſen; ſie werden, ſo hoffe ich, Sie weder verwundern noch betruͤben. Um aber, ſo viel moͤglich, Ihnen, ja vielleicht mir ſelbſt, meine Gefühle klar zu machen, muß ich in der Zeit weit zuruͤck geh'n, zu einer Periode meines Lebens, die Ihnen unbekannt iſt. Ihre Gedanken, waͤhrend Sie dieſes leſen, glaube ich zu errathen. Es verlangt Sie nicht, die weitlaͤuftige Er⸗ 1 — 145— zaͤhlung der vergangenen Begebenheiten eines unbedeuten⸗ den Lebens zu erfahren. Das Reſultat des Ganzen, in Bezug auf unſer Verhaͤltniß, eine kurze und ehrliche Ant⸗ wort auf eine wichtige Frage, auf ein ehrenvolles, edles Anerbieten, welches Sie mir geſtern Abend machten, das wollen Sie. Wohlan! laſſen Sie mich hier den Anfang machen. 3 Sie fragen mich— ſo habe ich Sie verſtanden:„Lie⸗ ben Sie mich? Wollen Sie mein Weib ſein?“— O, mein liebſter, einziger Freund! moͤchte ich jetzt im Stande ſein, mich Ihnen verſtaͤndlich zu machen! Ob ich Sie liebe? Darauf kann ich ſicherlich mit einem Ja antworten, wenn Sie unter Liebe ein Gefuͤhl verſtehen wollen, ſo warm, ſo innig, ſo zaͤrtlich, daß ich gewiß weiß, Nichts, was die Welt Liebe nennt, koͤnne dieſelbe in dieſen Punkten uͤber⸗ treffen. Verſtehen Sie aber darunter eine brennende Lei⸗ denſchaft, ein ausſchließendes Intereſſe, das alle aͤltere Bande loͤſet, von allem bisher Beſtehenden ſich abwen⸗ det— ach nein! in dem Sinne liebe ich Sie nicht. Un⸗ beſchreiblich war der Schmerz, den ich geſtern Abend bei dem leidenſchaftlichen Ausbruche Ihrer Gefuͤhle fuͤr mich, die ich ſo ruhig glaubte, denen ich mich ſo ganz ohne Zu⸗ ruͤckhaltung hingab, empfinden mußte. Mit der treuen Liebe einer Schweſter haͤnge ich Ihnen an, und ſo feſt iſt dieſe Anſicht unſeres Verhaͤltniſſes in meine Seele einge⸗ 10 — 446— wurzelt, daß mir bei dem Gedanken, Ihre Gattin zu wer⸗ den, ſchaudern wuͤrde; wie vor einer Suͤnde, einer Enthei⸗ ligung des reinen Bandes, daß Bruder und Schweſter ver⸗ knuͤpft. Koͤnnen dieſe meine Aeußerungen Sie wohl erzuͤr⸗ nen? Laſſen Sie mich hinzufuͤgen, daß ich, was ich Ih⸗ nen nicht ſchenken kann, auch keinem Andern ſchenken werde; daß die Zaͤrtlichkeit, die man Liebe nennet, mir zum Schreck geworden. Das iſt unnatuͤrlich, werden Sie ſagen: es iſt eine Seelenkrankheit.— Vielleicht!— Ich bin aber Derjenigen zu vergleichen, die den Schleier ge⸗ nommen, und der irdiſchen Liebe Lebewohl geſagt hat. Oft wurde gewiß ein ſolches Lebewohl durch eine verzeihliche Jugend⸗Verirrung veranlaßt, die eine unheilbare Wunde zuruͤckließ. Daß dies auch mit mir der Fall geweſen, ge⸗ ſtehe ich Ihnen hiermit, und obgleich ich Ihnen dieſes Geſtaͤndniß nicht ohne Beſchaͤmung mache, fuͤhle ich doch einen wehmuͤthigen Troſt darin, mein Herz ganz vor Ih⸗ nen auszuſchuͤtten, auf daß ſich in meinem ganzen Leben und meinem ganzen Weſen nichts Raͤthſelhaftes mehr vor Ihren Augen finden moͤge. Mit einer unbedeutenden Begebenheit, die aber auf mein Schickſal einen ſehr bedeutenden Einfluß gehabt hat, muß ich den Anfang machen. Gleich nachdem ich meinen gluͤcklichen Zufluchtsort, meiner Schweſter Haus, verlaſſen, und das vaͤterliche — — 147— Haus in Altona betreten hatte, ereignete es ſich, daß ich meinen Vater eines Morgens, als ich gewohnterweiſe zu ihm in ſein eignes Zimmer kam, außerordentlich aufge⸗ bracht fand. Mit harten Worten und Drohungen uͤber⸗ ſchuͤttete er einen jungen Comptoiriſten, der ſchweigend, blaß und zitternd an der Wand lehnte, als wuͤnſche er, es moͤchte dieſelbe uͤber ihn zuſammenſtuͤrzen, und ihn unter ihren Truͤmmern begraben. Dieſer junge Menſch hieß Gottlieb Seeburg, war der Sohn eines nahen Verwandten mei⸗ nes Vaters, und das einzige freundliche Geſicht, das mir in unſerm Hauſe begegnet. Es that mir ſehr leid, ihn ſo zerknirſcht daſteh'n zu ſehen, und mit Entſetzen ſah ich meinen Vater nach der Thuͤr eilen, um ihn, wie er ſagte, verhaften und den Gerichten uͤbergeben zu laſſen. Ich er⸗ griff ſeinen Arm, um ihn zuruͤck zu halten, und faſt kni⸗ end naͤherte ſich der junge Mann, indem er ſagte: Ach, beſte Couſine! bitten Sie fuͤr mich! retten Sie mich, wenn Sie es koͤnnen! Ich habe mein Schickſal verdient, aber ich habe eine liebende Mutter, und bin ihr einziger Sohn; meine Schande und mein ungluͤck wuͤrden ihr das Herz brechen.“ Ohne mich weiter um den Zuſammenhang des Gan⸗ zen zu kuͤmmern, warf ich mich meinem Vater zu Fuͤßen, umſchlang ſeine Knie ſo feſt, daß er ſich nicht zu entfernen vermochte, und ich weiß nicht, wie es mir eingegeben wurde 10* zu ſagen:„O, mein Vater! denke an Deine eigne Mutter! Du erzaͤhlteſt neulich, wie herzlich ſie weinte, als Du von ihr reiſeteſt, wie Du ſelbſt weinteſt. In ihrem Namen bitte ich Dich fuͤr dieſen, Deinen eignen Verwandten. Glaube mir! ſie bittet fuͤr ihn durch Deiner Tochter Mund.“— Mein Vater ſtutzte bei dieſen Worten. Es war klar, daß ich die rechte Saite angeſchlagen hatte, um ſein Herz zu ruͤhren. Es wurde nun mit mehr Ruhe ge⸗ ſprochen, und ich erfuhr, daß Gottlieb, von ſchlechter Geſellſchaft und Spielſucht verfuͤhrt meinen Vater um eine bedeutende Summe Geldes betrogen hatte. Der junge Menſch ſagte, daß ein Schiffscapitain, der ſegelfertig liege, um nach einem andern Welttheile zu gehn ſich erboten, ihn als Schreiber mitzunehmen, und ihm Hoffnung ge⸗ macht habe, auf einem Comptoire in Jamaika, wo man einen ſprachkundigen Handlungsdiener wuͤnſche, angeſtellt zu werden.„Vielleicht,“ ſagte er, laͤchelt mir das Gluͤck, und mein erſter Gedanke ſoll dann ſein, Ihnen meine Schuld abzutragen.“ Mein Vater ließ ſich uͤberreden, und unter tauſend Dankſagungen fuͤr meine Fuͤrbitte rei⸗ ſete Gottlieb noch ſelbigen Tages ab. Ob der Verluſt dieſes kenntnißreichen und tuͤchtigen jungen Mannes ſo ſchaͤdlich auf meines Vaters Geſchaͤft einwirkte, oder ob an⸗ dere eintretende Ungluͤcksfaͤlle es thaten, weiß ich nicht, ſo viel aber iſt gewiß, daß von Stund' an kein Tag ver⸗ — 149— ging, an welchem ſich nicht mein Vater beklagte, daß ihn alles Gluͤck verlaſſen habe, und immer endigten dieſe Klagen mit Vorwuͤrfen gegen mich, weil ich fuͤr Gottlieb ge⸗ beten, der, wie mein Vater immer behauptete, ſein erſtes Ungluͤck geweſen, und all ſein Gluͤck mit ſich genom⸗ men habe. Ungefaͤhr ein Jahr nach dieſer Begebenheit ließ er mich eines Morgens zu ſich rufen, und ſagte:„Ich bin ein ungluͤcklicher Mann, ein Fallit ſteht mir vor der Thuͤr, und ſolche Schande kann ich nicht uͤberleben, denn Ehr⸗ liebe iſt meine zweite Natur. Bin ich nicht zu retten, dann uͤbergebe ich Alles, bis auf mein letztes Stuͤck Meuble, den Creditoren, und verlebe meine noch uͤbrigen Tage, wie ein Bettler!“ Er erzaͤhlte mir nun die naͤheren Umſtaͤnde ſeiner un⸗ guͤnſtigen Lage, was ich aber durchaus nicht verſtand, zum Theil auch in meiner aͤngſtlichen Stimmung uͤberhoͤrte. Das Einzige, was ich faßte, war, daß ein Kaufmann in Hamburg der von fruͤheren Zeiten her meinem Vater Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldig war, ihn retten koͤnne, indem er ihm eine Summe von fuͤnftauſend Mark Banco liehe, oder fuͤr dieſelbe in Caution ginge, und daß mein Vater dieſem Manne Sicherheit geben koͤnne, wenn er nur Ge⸗ duld und Vertrauen zu ihm haben wollte.„Haͤtte ich nun,“ — 1350— ſagte er, die Summe in Haͤnden, um welche mich der ſchlechte Kerl, der Gottlieb, betrog, da waͤre mir geholfen. Fuͤr ihn bateſt Du, daß es einen Stein ruͤhren mußte; zeige nun, daß Du fuͤr Deinen Vater nicht weniger thun willſt. Gehe nach Hamburg, zu dem Manne, den ich Dir nannte; er hat zu Dir Gevatter geſtanden, lobt Dich jedesmal, wenn er mich ſieht; ſprich fuͤr mich, wie Du fuͤr Gott⸗ lieb ſprachſt, das wird beſſer wirken, als wenn ich mich ſelbſt an ihn wendete.“ Um mir dieſe Sendung zn erleichtern, gab er mir in⸗ deſſen einen Brief mit, der ſeine Wuͤnſche und Verpflich⸗ tungen naͤher erklaͤrte. Ein alter Comptoiriſt unſeres Hauſes ſollte mich nach dem mir faſt ganz unbekannten Hamburg begleiten, nachdem er mich aber an den Ort meiner Beſtimmung gebracht, mich verlaſſen, um einige Geſchaͤfte zu beſorgen, und nach einer Stunde wiederkom⸗ men, um mich abzuholen. So lauteten die Befehle mei⸗ nes Vaters, denen nie, weder von mir, noch von Andern, der geringſte Widerſpruch geleiſtet wurde, und gleich trat ich meine Wanderung an. Zwar war ich unausſprechlich verlegen, in einem ſol⸗ chen Auftrage geſchickt zu werden; auf der andern Seite aber war es mir eine große Freude, meinem Vater Troſt bringen zu koͤnnen; denn auf den guten Ausfall hoffte ich — 151— ſicher. Man iſt in der fruͤhen Jugend ſo voller Hoffnung, und beurtheilt die Weichherzigkeit Anderer nach der eigenen. Das Haus, zu dem ich kam, lag am Jungfernſtieg, und war uͤberaus praͤchtig. Ein Diener in Livree fragte nach meinem Namen, und ging hinein, um mich zu mel⸗ den. Mein Muth ſank bedeutend beim Anblick der Ele⸗ ganz und Pracht, die mich umgab. Wie jung man auch iſt, wie unbekannt auch mit der Welt, dennoch erſchrickt man aͤber den Reichthum und die Herrlichkeit derſelben, wenn man ſich dieſen als Bittender naht. Es lehrt uns eine innere Stimme, daß in dieſen Umgebungen gar zu ſelten ein menſchenfreundliches Herz zu ſuchen ſei. Der Diener kam zuruͤck, und ſagte— wie mir ſchien, mit ei⸗ ner liſtigen Miene— ſein Herr ſei zu Hauſe und wolle mich empfangen. Mein alter Begleiter verließ mich nun, und mit klopfendem Herzen folgte ich dem Diener durch mehrere Zimmer. Endlich oͤffnete er eine Thuͤr, und bat mich hineinzu⸗ treten; was aber ſchildert meine Beſtuͤrzung, als ich mich in einer ganzen Geſellſchaft von Herren befand, die um einen mit Schuͤſſeln, Glaͤſern und Flaſchen beſetzten Fruͤh⸗ ſtuͤckstiſch ſaßen. Ganz verſteinert blieb ich an der Thuͤr ſtehen. Der alte Hausherr bat mich naͤher zu treten, und befahl dem Diener, mir neben ihm einen Stuhl hinzuſetzen. „Nun!“ ſagte er,„mein ſchoͤnes Kind! mein Paͤthchen! — 152— was verſchafft unſerer Maͤnnergeſellſchaft die Ehre der An⸗ weſenheit einer kleinen Dame?“ Schon dieſe Anrede war nicht geeignet, meinen Muth zu beleben. Ich ſtammelte hervor, daß ich von meinem Vater geſendet ſei und mir eine kurze Unterredung unter vier Augen erbaͤte. „Gott behuͤte, mein liebes Juͤngferchen! Freilich bin ich ein alter Hageſtolz, aber mit einem ſo allerliebſten Kinde unter vier Augen ſprechen, das darf ich wegen der boͤſen Zungen dieſer Herren ſchon nicht. Sie wiſſen nicht, was das fuͤr Kerle ſind. Gleich wuͤrden ſie eiferſuͤchtig werden.“ Mehrere der Herren lachten laut, und brachten Witze vor, die ich nicht verſtand, die mich aber doch gaͤnzlich ver⸗ wirrten. Ganz ſtumm zog ich meines Vaters Brief hervor, und uͤberreichte ihn dem Hausherrn. Dieſer las ihn lang⸗ ſam, und mit einem langen Geſichte, deſſen Ausdruck nichts Gutes verkuͤndete. Darauf ſagte er, nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit:„Es thut mir uͤberaus leid, daß ſich Ihr Vater, den ich als einen rechtſchaffenen und braven Mann kenne, in einer ſo ungluͤcklichen Lage befinden muß, und es wuͤrde mir ein Vergnuͤgen ſein, wenn moͤglich ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllenz augenblicklich aber ſteht es nicht in meiner Macht. Wollen Sie ihm das ſagen?“ Er hatte un⸗ terdeſſen einen ernſten, weniger anſtoͤßigen Ton angenom⸗ men. Er bot mir Erfriſchungen, die ich nicht anruͤhrte, — 153— 1 und ſagte dann:„Sie ſind meine Pathin und ich weiß, Sie ſind ein ſehr achtbares Maͤdchen, aͤhnlich Ihrer ſeli⸗ gen Mutter, die eine fromme, vortreffliche Frau warz und da Sie nun zum erſten Male die Guͤte haben, mich zu beſuchen, ſollen Sie auch nicht mißvergnuͤgt von mir gehen.⸗„ So ſprechend, verließ er das Zimmer. Ein Hoffnungsfunke erwachte in meiner Seele. Ein Herr aus der Geſellſchaft erhob ſich und naͤherte ſich mir. Mit einer Stimme, deren ſanfter Wohlklang, gleich nach dem trockenen und harten Organe meines ſogenannten Gevatters, doppelt wohlklingend war, bot er mir ein Glas Limonade, und bat mich, daſſelbe zu genießen, um mich nach dem langen Wege, den ich bereits gegangen, und jetzt wieder vor mir haͤtte, zu erquicken und abzukuͤh⸗ len. Ich nahm das Glas aus ſeiner Hand und fuͤhrte es an meine Lippen, ohne doch vermoͤgend zu ſein, davon zu trinken. Mein Hals ſchien mir zuſammengeſchnuͤrt. Jetzt kam der Hausherr zuruͤck, und warf mir mit einer triumphirenden Miene einen prachtvollen Shawl um die Schultern, indem er ausrief:„Da, mein Paͤth⸗ chen! Da haben Sie ein Stuͤck, deſſen ſich keine Prinzeſſin ſchaͤmen duͤrfte.“ Ich ſtand ſchnell auf, mich der Thuͤr naͤhernd, warf ich den Shawl uͤber einen Stuhl, und eilte zum Hauſe hinaus. Nicht rechts, nicht links blickend erreichte ich das — 154— Ende der von einer auf⸗ und abwogenden Menge belebten Gaſſe. Hier erblickte ich unter einem großen Baume eine Bank, die mir einigermaßen verborgen ſchien. Ganz athemlos warf ich mich auf dieſelbe hin, und ſuchte mich zu faſſen. Eine Demuͤthigung, wie ich ſie eben erlitten, hatte ich mir nie als moͤglich gedacht; ſchmerzlich ergriff mich eine Ahnung, daß ich mir irgend etwas Ungebuͤhrliches habe zu Schulden kommen laſſen. Scham und Erbitterung kaͤmpften in meiner Seele mit dem Kummer uͤber mein verungluͤcktes Unternehmen, uͤber die Antwort, die ich mei⸗ nem armen Vater bringen ſollte; dahinzu geſellte ſich noch Furcht vor ſeinem Zorne, denn er hatte mir ausdruͤcklich auferlegt, jede moͤgliche Ueberredung anzuwenden, und ich war mir bewußt, kaum zehn Worte geſprochen zu haben. unruhig gedachte ich jetzt erſt meines alten Begleiters, der mich um die beſtimmte Stunde, die noch nicht verfloſſen ſein konnte, bei dem Kaufmanne vergeblich ſuchen wuͤrde; aber zuruͤckkehren, um ihm zu begegnen, mich dem eben verlaſſenen Hauſe wieder naͤhern, war mir ein abſchrecken⸗ der Gedanke. Nicht lange hatte ich in dieſen Betrachtungen dageſeſ⸗ ſen, als mich hinter mir eine Stimme anredete, an der ich den Herrn wiedererkannte, der mir die Limonade ge⸗ — 155— boten. Mit dem liebenswuͤrdigſten Anſtande ſagte er, er ſei mir nachgeeilt, um mir, wegen meines Benehmens ſeine Achtung und zugleich ſeine Scham zu bezeugen, ſich in einer Geſellſchaft befunden zu haben, die einen Mangel an Delicateſſe bewieſen haͤtte, den er nicht weniger als ich gefuͤhlt habe. Indeſſen, fuͤgte er hinzu, ſollte meine kindliche Liebe beſſer belohnt werden, als einen ſolchen Gang vergeblich gemacht zu haben, und er baͤte mich des⸗ halb, ihn zu meinem Vater zu fuͤhren, deſſen Brief er, nach meiner Entfernung, geleſen, und dem er die verlangte Summe unter den vorgeſchlagenen Bedingungen anbieten wolle.„Mein Name,“ ſagte er,„iſt Wilſonz ich bin Capitain in hannoͤvriſchen Dienſten, und werde Ih⸗ rem Vater immer ein eben ſo zuverlaͤſſiger Freund ſein, wie ſich ihm der hamburger Kaufmann gezeigt hat.“ Ein Engel, in der Stunde der Noth zur Hilfe ge⸗ ſandt, erſchien mir dieſer Unbekannte. Ich weiß nicht, was ich in meinem dankbaren Entzuͤcken zu ihm ſagte; ich weinte und lachte zugleich. Er aaͤchelte, blickte mich liebevoll an, und kuͤßte meine Hand, welche die ſeinige ergriffen hatte. Jetzt erſt bemerkte ich, daß dieſer Mann, der mir als ein Bote des Himm els erſchienen, auch im Aeußern das Ge⸗ praͤge eines Hoͤhern an ſich trug. Er war uͤberaus ſchoͤn, und eine ſolche Schoͤnheit, ein ſolcher Anſtand trat mir zum erſten Male in einem Augenblicke, wie dieſer, entge⸗ — 156— gen. Ich war nur vierzehn Jahre alt, und unbewußt ſog in meiner Unſchuld meine ganze Seele dieſes Bild ein. Mein alter Begleiter hatte ſich nun auch eingefunden, und alle Drei wanderten wir miteinander nach Altona. Mein Vater, der nur, was die Hauptſache betraf, die ab⸗ ſchlaͤgige Antwort des Kaufmannes naͤmlich, von meiner ungluͤcklichen Sendung unterrichtet wurde, nahm mit Dank und Freude das Anerbieten des Capitains an, und Alles wurde vorlaͤufig verabredet. Wilſon ſagte meinem Va⸗ ter, er habe bei einem Kaufmanne in Hamburg, der mei⸗ nem Vater bekannt war, ein Capital ſtehen. Im Namen dieſes Kaufmannes ſollte, ſo wuͤnſchte er es, die Sache pro forma arrangirt werden; denn er habe Gruͤnde zu wuͤnſchen, daß ſein eigner Name nicht genannt werde, weil er ſich, einer Ehrenſache wegen, außerhalb ſeines Va⸗ terlandes aufhalte, und in jeder Ruͤckſicht unbemerkt blei⸗ ben moͤchte. Er verließ uns bald, kam aber folgenden Morgens in Begleitung des erwaͤhnten Kaufmannes wieder. Waͤhrend der Verhandlungen, die ſie mit meinem Va⸗ ter pflogen, war ich nicht zugegen. In unſerm Garten wandelte ich umher, ſuchte die ſchoͤnſten Blumen aus, meine Lieblinge die ich lange gehegt hatte, und wand aus dieſen einen Strauß fuͤr unſern Wohlthaͤter, der mir von meinem frohen Vater die erſten Liebkoſungen und Lob⸗ ſpruͤche verſchafft hatte. An einer kleinen Gartenthuͤr, die V — 157— nach der Straße hinausfuͤhrte, gab ich Acht, wann der willkommene Gaſt fortgehen wuͤrde. Zu meiner Freude ſah' ich den Kaufmann ſich fruͤher entfernen, und erſt einige Minuten darauf kam der Capitain. Schnell oͤffnete ich, indem er voruͤberging, das Gitterthor, und bot ihm die Blumen. Ich bemerkte ſelbſt, daß mir die Hand zitterte, indem ich ſie ihm uͤberreichte, und daß mir das Blut in den Wangen brannte. Er heftete mit ſichtlichem Wohlge⸗ fallen ſeine Augen auf mich, dankte mir ſehr, lobte die Blumen, und trat ohne Weiteres in den Garten, um die⸗ ſen zu beſehen. Hier wandelten wir nun ungefaͤhr eine halbe Stunde Hand in Hand. Er fragte mich nach mei⸗ nen Beſchaͤftigungen, meinem haͤuslichen Leben, und mit kindlichem Vertrauen beantwortete ich ſeine Fragen. Als er gehen wollte, uͤberfiel mich eine foͤrmliche Beaͤngſtigung, und ich konnte nicht umhin, zu fragen, ob ich ihn nie wiederſehen wuͤrde. Augenſcheinlich ruͤhrte ihn meine Frage, und er antwortete:„Ja, ſicherlich! Es wuͤrde mich gar zu ſehr betruͤben, ein ſo ſuͤßes Kind nicht wiederzuſehen. Faſt taͤglich fuͤhrt mich mein Weg nach Altona, und im⸗ mer werde ich an dieſem Gitterthore voruͤbergehen, und in den Garten hineingucken, um Sie, wenn Sie hier ſind, zu begruͤßen.“ Es verging faſt ein Monat, waͤhrend welcher Zeit ich faſt jeden Abend, um die verabredete Stunde, Wilſon — 158— am Gitterthore erwartete, und ihn einließ. Eine halbe, hoͤchſtens eine ganze Stunde ſaßen wir dann Hand in Hand in einer dichten Laube, und ſprachen freundlich und ver⸗ traulich mit einander. Mein kindiſches Geſchwaͤtz ſchien ihn zu unterhalten, und meine unſchuldige Liebe, die ich keineswegs zu verbergen bedacht war, ihn zu ruͤhren. Er nannte mich ſeine kleine Geliebte, und jedes Mal, wenn er ging ſchlang er ſeinen Arm um mich, und kuͤßte meine Wange. Dies war der hoͤchſte Punkt unſerer Vertraulich⸗ keit. Meine Einfalt ging ſo weit, daß es mir nie einfiel, uͤber dieſe geheimen Zuſammenkuͤnfte mir Skrupel, weit weniger noch Vorwuͤrfe zu machen. Man muß ſo kloͤſter⸗ lich erzogen ſein, wie ich es, Sie wiſſen es ſelbſt, in dem patriarchaliſchen Hauſe meiner Schweſter wurde, um mit der Welt, und deren Forderungen an uns ſo unbekannt zu ſein. Auch habe ich mir in ſpaͤteren Jahren die Blicke in's Gedaͤchtniß zuruͤckgerufen, mit denen mich oft Wilſon betrachtete. Es lag in denſelben ein Gemiſch von Verwun⸗ derung, Zweifel, Zaͤrtlichkeit, welches mich damals veran⸗ laßte, ihn zu fragen, woruͤber er nachſaͤnne, deſſen Erklaͤ⸗ rung mich jetzt aber mit Scham erfuͤllt. Meine Ergeben⸗ heit fuͤr ihn fand ich ſo gerecht, gebauet auf die edelſten Gruͤnde, auf Dankbarkeit, Hochachtung und Vertrauen. Weit entfernt war es, daß meine Gedanken auf irgend eine Sorge fuͤr die Zukunft gerichtet geweſen, ich verlangte b — — 159— keine groͤßere Gluͤckſeligkeit, als neben ihm im Garten zu ſitzen, ſeine liebevollen Blicke zu ſehen, ſeine ſanfte Stimme zu hoͤren, und mein Herz vor ihm auszuſchuͤtten. In mei⸗ nes Vaters Haus kam nie ein Beſuch, ich ging ſelten aus, hatte gar keinen Umgang, nicht die geringſte Zerſtreuung. Die Stunde, welche ich bei Wilſon zubrachte, war mir ein Himmelreich. Eines Abends kam er fruͤher, als gewoͤhnlich. Er harrte ſchon meiner am Gitterthore, als ich hinabkam, und dies war ſicher nicht ſpaͤter als zu'r beſtimmten Stunde. Jeder Zug ſeines Antlitzes war mir ſo wohl bekannt, und deshalb bemerkte ich in demſelben gleich einen ungewoͤhnli⸗ chen Ausdruck. Mit einer wunderbar weichen Stimme be⸗ antwortete er meine Frage, was ihm begegnet ſei, druͤckte meine Hand an ſeine Lippen, und ſagte:„Meine liebe, kleine Freundin! Nichts Anderes iſt mir begegnet, als deſſen ich mir lange gewaͤrtig ſein mußte, der Kummer naͤmlich, Ihnen Lebewohl ſagen zu muͤſſen. Die Ehren⸗ ſache, die mich aus meinem Vaterlande verbannt hielt, iſt jetzt ausgeglichen, und meine Heimath ruft mich zuruͤck.“ Mein Schreck bei dieſen Worten war unbeſchreiblich. Daß es nothwendiger Weiſe ſo kommen muͤſſe, war mir durchaus nicht eingefallen, und nie hatte der Capitain uͤber ſeine aͤußeren Verhaͤltniſſe zu mir geſprochen. Unverholen uͤberließ ich mich dem jugendlichen Ausbruche meines — 160— Schmerzes, und Wilſ on ſelbſt wurde von demſelben ſympathetiſch ergriffen. Das Verſprechen ſeiner Ruͤckkehr, welches ich ihm abzwingen wollte, ſuchte er freilich zu um⸗ gehen, aber er weinte mit mir, und kuͤßte mir die Thraͤ⸗ nen von den Wangen; er hatte mich auf ſeinen Schoos geſetzt, und ich ſchlang meine Arme um ſeinen Hals. Ploͤtzlich ſtand mein Vater vor uns. Seinen heftigen Zorn vermag ich nicht zu beſchreiben. Er ergriff mich am Arm und warf mich zur Seite, daß ich zu Boden ſtuͤrzte; und kaum vermoͤgend, vor Wuth zu ſprechen, ſtieß er gegen Wi ſſon die ſchrecklichſten Fluͤche aus, und fragte dieſen, ob er ſich durch die Schande ſeines Kindes die Hilfe wolle bezahlt machen, die er ihm geleiſtet habe. Vergebens ſuchte der Capitain ihn zu beruhigen.„Sind Sie verheirathet?“ fragte mein Vater. „Nein!“ „Nun! ſind Sie frei, ſo muͤſſen Sie wiſſen, was Ihnen als ehrlicher Mann obliegt. Verloben Sie ſich mit meiner Tochter! Innerhalb eines Jahres ſoll ſie confir— mirt ſein, und gleich muͤſſen Sie dann ſie heirathen.“ „Das kann ich nicht,“ entgegnete der Capitain,„und deſſen bedarf es auch nicht. Ihre Tochter iſt noch ein Kind⸗ ihre Liebe fuͤr mich iſt kindlich rein und unſchuldig gewe⸗ ſen, und nie hab' ich dieſelbe gemißbraucht!“ Kaum weiß ich mehr, was ſich, waͤhrend dieſer ab⸗ — 461— ſcheulichen Scene, ferner zutrug, auf meinen Knien war ich nach einem Gebuͤſche gekrochen, wo ich mich verborgen hielt; doch guckte und lauſchte ich aͤngſtlich nach dem, was vorging. Meines Vaters ſchreckliche Beleidigungen reizten zuletzt den Capitain zu gleicher Heftigkeit.„Sie ſind ein Tollhaͤusler!“ ſagte er:„Die kleine vernuͤnftige Maria kann kaum Ihre Tochter ſein, und iſt ſie es, ſo iſt dies auch das einzige Boͤſe, was ihr nachgeſagt werden, und ihrem Gluͤcke hinderlich ſein kann;z ihre Bekanntſchaft mit mir wird dies nicht thun.“— Schnellen Schrittes ſah ich ihn ſich entfernen, durch's Gitterthor erblickte ich ſeine ſchleunig voruͤbereilende Geſtalt, und die untergehende Sonne warf ſeinen Schatten auf die Stelle, wo ich zit⸗ ternd kauerte. Laſſen Sie mich mit Stillſchweigen uͤbergehen, was ich an dieſem Schmerzens⸗Abende von dem Zorne mei⸗ nes Vaters litt. Von allen ſchrecklichen Vorwuͤrfen„ mit denen er mich uͤberſchuͤttete, traf mich keiner ſchmerzlicher, als der, daß mich meine Auffuͤhrung zu einem Gegenſtande fuͤr Wilſons Verachtung gemacht, daß mich dieſer Mann verſchmaͤhen und verſtoßen muͤſſe. Waͤhrend der Nacht, die auf dieſen Abend folgte, glaubte ich, nie einen hoͤhern Grad der Verzweiflung und Zerknirſchung erfahren zu koͤn⸗ nen, als durch das eben beſchriebene Ereigniß, und den⸗ noch verſetzte mir der folgende Tag einen faſt noch fuͤhlba⸗ 411 — 162— reren Stoß, als ich erfuhr, daß mein Vater— durch wel⸗ chen Geldumſatz weiß ich nicht— Wilſon gleich die von ihm angeliehene Summe zuruͤckgeſandt, und zugleich ſich inſolvent erklaͤrt habe. Ein anderer Kaufmann, ein alter Freund, war bei ihm, als er mich hiervon benachrichtigte. Er koͤnne, ſagte er, Jedem das Seinige bezahlen, habe dann aber Nichts zuruͤck, und wolle den Reſt ſeiner Tage bei dieſem ſeinem Jugendfreunde, der von nun an ſein Herr ſein ſolle, als Comptoiriſt verleben. Ich ſei an ſei⸗ nem Ungluͤcke Schuld, fuͤgte er hinzu, und deshalb befehle er mir, ihm nie wieder vor Augen zu kommen, ſondern bei ſeiner Schweſter zu bleiben, die mich noch ſelbigen Ta⸗ ges abholen wuͤrde. Der alte Kaufmann ermahnte mich, kuͤnftig auf beſſeren Wegen zu wandeln, meine Tante em⸗ pfing mich, als waͤre ich ein ganz verlorenes Geſchoͤpf, eine Schande, eine Laſt meiner Familie, und ich ſelbſt konnte mich in meinen Gedanken nicht zurecht finden; aber im Gefuͤhle der ſchrecklichen Folgen, die mein Verhaͤltniß zu Wilſon mit ſich gefuͤhrt hatte, unterwarf ich mich dieſem Urtheile, als verdient. Kaum wagte ich es, meine Augen zu erheben, kaum zu Gott zu beten. In dieſer Stimmung ſchrieb ich einige Zeilen an meine Schweſter, welche dieſe dergeſtalt entſetzten, daß die gute Anna alle haͤuslichen Schwierigkeiten uͤberwand, und unverzuͤglich zu mir heruͤber reiſete. Ach! niemals konnte mir eine groͤßere — 163— Wohlthat zu Theil werden! Die Erde hat kein Gluͤck, das die Stunde aufwiegen koͤnnte, da eine von Reue gebeugte Seele einer verwandten Seele beichten und von geliebten Lippen Licht und Ablaß empfangen darf. Die verſtaͤndigen, milden Worte meiner Anna machten mir nicht nur das begangene, ſondern auch das erlittene Unrecht klarz ſie ver⸗ ſoͤhnte mich mit mir ſelbſt, und bemuͤhte ſich— aber ver⸗ gebens— mich mit meinem Vater auszuſoͤhnen. Sie flehete ihn an, ebenfalls vergebens, mir zu erlauben, ſie nach ihrer Heimath zu begleiten. Ich blieb bei der harten Tante, betrachtete dieſes mein Gefaͤngniß als eine Buße fuͤr den Leichtſinn meiner Jugend, und trug mein Schick⸗ ſal mit Geduld. Waͤhrend des letzten Jahres meines dor⸗ tigen Aufenthalts wurde mir ein Troſt zu Theil. Gott⸗ lieb ſandte naͤmlich meinem Vater die Summe, die er ihm ſchuldig war. Dieſes Geld, welches auf eine Leibrente geſetzt wurde, trug dazu bei, meines Vaters Alter ſorgen⸗ freier zu machen, und obgleich ich im Grunde an der Be⸗ zahlung der Summe ebenſo unſchuldig war, als ich es an dem Verluſte derſelben geweſen, ſo beſaͤnftigte doch dieſer Umſtand inſofern das Gemuͤth meines Vaters, daß er nicht allein meine Anweſenheit duldete, wenn er ſeine Schweſter beſuchte, ſondern ſogar erlaubte, daß ich in ih⸗ rer Geſellſchaft bisweilen zu ihm kommen durfte. Wenn es nicht unerlaubt iſt, den ſchoͤnen Glauben zu 11* — 164— hegen, es gebe gute Engel, die es nicht verſchmaͤhen, ſich ſchweſterlich dem unvollkommenen Menſchengeſchlechte an⸗ zuſchließen, und ſeine Kuͤmmerniſſe zu mildern, ſo muß ich glauben, daß ein ſolcher mir zur Seite wandelt, und in meinen truͤbſten Tagen mir einen oder den andern Troſt zufuͤhrt. So gab es der Zufall, daß in meiner Tante Hauſe ein alter Mann wohnte, der ſich bei ihr auf die Koſt begeben hatte, und taͤglich bei uns aß. Er war fruͤ⸗ her an einer deutſchen Univerſitaͤt Profeſſor geweſen, und wegen ſeiner vielſeitigen Kenntniſſe beruͤhmt. Dieſer faßte Mitleid fuͤr mich, und machte mir das Anerbieten, mir taͤglich in fremden Sprachen, die ich nur unvollkommen verſtand, Unterricht ertheilen zu wollen, auf daß ich da⸗ durch befaͤhigt wuͤrde, den Platz einer Lehrerin einnehmen, und ſo aus meiner gegenwaͤrtigen Lage herauskommen zu koͤnnen. Mit beſonderem Wohlwollen und Intereſſe fuͤhrte er dieſen Vorſatz aus. Lieh mir uͤberdies Buͤcher, ſprach belehrend mit mir, und munterte mich zum Fleiß und zur Hoffnung auf beſſere Zeiten auf. Endlich war es auch dieſer mein Wohlthaͤter, der mir eine Anſtellung als Gou⸗ vernante in einem reichen und angeſchenen Hauſe ver⸗ ſchaffte, wodurch ich mich mit einem Male allen meinen druͤckenden Verhaͤltniſſen entriſſen glaubte. Damals zaͤhlte ich ſechszehn Jahre, und es waͤhrte laͤngere Zeit, ehe mein unerfahrenes Gemuͤth zu faſſen — 165— vermochte, was eigentlich die beklommene Gewitterluft ver⸗ urſachte, die immer uͤber dieſem, dem aͤußern Anſcheine nach, ſo gluͤcklichen Hauſe ſchwebte. Die Frau des Hau⸗ ſes war noch jung; ſie war immer truͤbſinnig, heftig, un⸗ ruhig, gleichguͤltig gegen Mann, Kinder und Alles in der Welt, einen Liebhaber ausgenommen, dem ſie ſich mit einer an Wahnſinn graͤnzenden Leidenſchaft anſchloß. Eiferſuͤchtig auf dieſen Liebhaber, aͤngſtlich, daß ihre Ver⸗ bindung mit ihm entdeckt werden moͤge, lebte ſie gleichſam in einem unaufhoͤrlich brennenden Fieber. Meine Angſt beim Erkennen dieſes Verhaͤltniſſes, das eigentlich Keinem ein Geheimniß war, ihren Gatten ausgenommen, ſtieg bis zu einem unertraͤglichen Grade, als ich ſelbſt der Ge⸗ genſtand einer aͤhnlichen Raſerei wurde. Ein junger Ver⸗ wandter des Hausherrn, ein vornehmer Auslaͤnder, kam zum Beſuch nach Hamburg, und wohnte in unſerm Hauſe. Ich begreife nicht, wie es zuging, daß dieſer glaͤn⸗ zende Herr an meiner demuͤthigen Perſon Gefallen finden konnte; was aber ſchon fruͤher mir Schrecken und Abſcheu eingefloͤßt hatte gegen dieſe ſogenannte Liebe, wurde jetzt noch mehr beſtaͤrkt durch die Auftritte, die ich mit dieſem Manne erlebte. Kein Wageſtuͤck gab es, das er nicht verſuchte, um mich allein zu treffen, kein Anerbieten, keine Drohung, wodurch er nicht die Kaͤlte, den Widerwillen zu uͤberwinden ſuchte, den er mir einfloͤßte. Eben hatte — 166— ich die Hilfe meines alten Profeſſors in Anſpruch genom⸗ men, um mich zu entfernen, als Blume zu meiner Be⸗ freiung erſchien, und mich nach ſeiner ruhigen Heimath fuͤhrte.— Das Uebrige wiſſen Sie. Ich habe nichts mehr zu bekennen. Da ich nun aber dieſes Alles geſtanden habe, ſo ſagen Sie ſelbſt, iſt es wohl ein Wunder, wenn mein Herz von dem ſchweren, bleiernen Pfeile getroffen worden, den Amor, nach der Sage der Mythologie, gegen die Bruſt abſendet, die er der Liebe verſchließen will? Die warme, enthuſiaſtiſche Liebe meiner fruͤhen Jugend wurde mit ſo großen Demuͤthigungen und Leiden belohnt, und obgleich ich nicht glaube, ſo harte Strafe verdient zu haben, wie ich erlitten, ſo habe ich mir doch nie den An⸗ theil verzeihen koͤnnen, den ich an dem Schickſale meines Vaters gehabt; ja, in manchen Augenblicken ergreift der Gedanke daran, wie mit ſcharfen Klauen, mein Herz. Wenn ich in den folgenden Jahren Zeugin ſein mußte von der Scheußlichkeit der Leidenſchaft, ſo dachte ich mit Ent⸗ ſetzen, daß ich ſelbſt ſchon den erſten Schritt gethan, der zu der Hoͤlle fuͤhrt, welche dieſe in der Seele anzuͤndet, und die Erinnerung an jene Stunden, die ich an Wil⸗ ſons Seite zubrachte, die damals meine Freude waren, ſtehen jetzt vor mir, wie ein duͤſterer Schatten, von dem ich aͤngſtlich mein Auge abwende; ja, obgleich ich ſicher — 167— weiß, daß dieſe meine erſte Liebe auch die letzte ſein wird, iſt mir doch Wilſon eine fremde Geſtalt geworden, ſein Bild iſt in meiner Seele durch die Macht der Zeit und der Sorgen gleichſam verblichen, und in den Spuren die⸗ ſes Bildes ſind ſie entflohen, alle die ſehnſuͤchtigen Gedan⸗ ken und Illuſionen, welche, wie man ſagt, dem Leben die ſchoͤnſten Bluͤthen darbieten. Ich vermiſſe ſie nicht. Es will mich beduͤnken, als haͤtten die vielen Benennun⸗ gen, wie Schlange, Drache, Ungeheuer u. ſ. w., welche die alten Mythen dem Amor beilegen, wirklich einen tiefen Sinn. Dieſes Gefuͤhl, welches man Liebe nennt, ſcheint oft einer daͤmoniſchen Einfluͤſterung zu gleichen, welche eine Zeitlang den Menſchen ſeiner moraliſchen Freiheit beraubt, die Stimme des Gewiſſens, Gottes Stimme im Herzen, betaͤubt, der Vernunft ihre Klarheit, dem Herzen ſeine Milde benimmt, gegen Gottes und der Menſchen Geſetze ſich auflehnt, die heiligſten Bande loͤſet, jede edle Thaͤtigkeit erſchlafft, und, obgleich ſie ſich Liebe nennt, eigentlich nur ſich ſelbſt liebt, und oft ſogar gegen den Gegenſtand ihrer Liebe, ſich hart und grauſam zeigt, auf Sand bauet ſie ihr Haus, auf Vorzuͤge, die heute exiſtiren, morgen nicht mehr zu finden ſind, und dann ſoͤßt ſie mit Verachtung von ſich das Goͤtzenbild, welches ſie kuͤrzlich noch anbetete. Wie ganz entgegengeſetzt iſt die Liebe, welche Altern und Kinder, Geſchwiſter, Gatten — 168— vereinigt, deren Zuſammenleben Zeit und Treue geheiligt hat! Dieſe Liebe feſſelt uns an unſere Pflichten mit lieben Banden, ſie erhellt den Verſtand, ſaͤnftigt das Herz, ſchenkt Muth zur Thaͤtigkeit, lehrt Selbſtverlaͤugnung und das Gluͤck, fuͤr Andere zu leben; ſie trotzt der Macht der Zeit und der Verletzung, ja— wir duͤrfen es hoffen— ſie trotzt dem Tode; denn dieſe Liebe, die nur das Gute will, ſchmilzt mit dem Willen Gottes zuſammen. In dem Menſchen, welche ſie liebt, liebt ſie Gott, und dieſe Liebe muß wohl diejenige ſein, die unſerer an jenem Ufer harret, wo die Seele den irdiſchen Staub abſchuͤttelt. Ol man⸗ chen Abend, wenn ich in der Daͤmmerung in meiner ge⸗ ringen, beſchraͤnkten Wohnung mit meinen Kindern geſeſ⸗ ſen, habe ich mich ſo gluͤcklich gefuͤhlt, und dann gedacht, in liebevoller Uebereinſtimmung mit meinem eignen In⸗ nern, habe mir die Vorſehung den Platz angewieſen, der mir zukomme, indem ſie mir dieſe ſchoͤnen, liebenswuͤrdi⸗ gen Kinder ſchenkte, die nur durch geiſtige Bande mir angehoͤren. Ich bin von der Liebe nicht verlaſſen; die innigſte, die zaͤrtlichſte: die Mutterliebe iſt mir zu Theil geworden. Zum Erſatz fuͤr alle andern Entbehrungen des Lebens glaube ich mich auf die Pflichten und Freuden einer Mutter verwieſen, und ſind dieſe nicht hinreichend, um ein Menſchenleben auszufuͤllen? Ich weiß, was Sie mir antworten werden. Sie wer⸗ — 169— den ſagen, daß in einer edel'n Seele ſelbſt die Leidenſchaf⸗ ten veredelt ſind, daß die edelſten Beſtandtheile deſſen, was ich Liebhaben nenne, auch in der Liebe einer edel'n Seele ſich finden. Ja, mein edler Freund! ich glaube, daß Sie ein Recht haben, dies zu ſagen, und ich weiß es wohl: Gluͤcklich Diejenige, der Adolph Lidner ſeine treue Hand reicht— wenn ſie ſeine Gefuͤhle theilen kann! Kann ſie aber dies nicht, ſind ihre Gefuͤhle einer andern Art, als die ſeinigen, wird er ſich dann nicht bald Demjenigen gleich fuͤhlen, der ein Meerweib, oder einen andern Elemen⸗ targeiſt liebte? O, laſſen Sie mich doch nicht mich ſelbſt einem dieſer kalten, ſeelenloſen Weſen vergleichen! Mit mei⸗ nem ganzen warmen Herzen haͤnge ich Ihnen an; tief wuͤrde ich den Verluſt Ihres Umganges fuͤhlen. Wuͤßte ich Sie krank, oder ungluͤcklich, es wuͤrde fuͤr mich keine Ruhe geben, als nur bei Ihnen; wuͤrden ſie von der gan⸗ zen uͤbrigen Welt verkannt, getadelt, in meinem Herzen lebte Ihre Vertheidigung. Keine Zeit, kein Menſch wird es vermoͤgen, meine warme Ergebenheit, meine treue, ſchweſterliche Liebe fuͤr Sie zum Wanken zu bringen. Un⸗ veraͤndert, wie ſie iſt, werde ich Sie mit mir in den Him⸗ mel hinuͤber nehmen koͤnnen, wo ich mit Ihnen zuſam⸗ menzutreffen hoffe. Ein Dichter ſagt:„O, ſelig Der, wel⸗ cher ſein ſchoͤnſtes Eigenthum in das ſtille Land der Schat⸗ ten mit ſich hinuͤber nehmen kann!“ — 170— Und nun, mein beſter Freund! nun habe ich Ihnen die ganze, reine, ungeſchminkte Wahrheit geſagt, wie Sie es forderten. Wenn Sie dieſen langen Brief geleſen, zuͤr⸗ nen Sie mir dann? oder ſind Sie vielleicht betruͤbt? Ach! dann bin ich es auch! Aber ſelbſt wenn ich ſo ungluͤcklich waͤre, Sie zu verwunden, glaube ich doch, Ihnen dieſe Zeilen ſenden zu muͤſſen; denn ich ehre Sie gar zu hoch, um den Verſuch zu wagen, Ihnen, durch verbluͤmte Worte, eine falſche, voruͤbereilende Freude zu verſchaffen. Deshalb, mein Freund, mein Bruder! ſehen Sie in dieſen meinen Bekenntniſſen, in dieſer vertraulichen Darſtellung meiner geheimſten Gedanken, den beſten Beweis fuͤr den Platz, den Sie in Mariens Herzen einnehmen. IX. Maria hatte dieſen Brief noch nicht vollendet, als ſie es im Hauſe ſchon ſich regen hoͤrte; ſie verwahrte deshalb eilig ihr Papier, und als Mamſell Holm zu ihr hinein⸗ trat, ihre vom Nachtwachen angeſtrengten Augen, ſo wie ihr mattes Ausſehen bemerkte, fand ſie es ſehr natuͤrlich, daß ſich Maria gleich nach dem Fruͤhſtuͤck in ihr Schlafzim⸗ mer zuruͤckzog, um einige Stunden zu ruhen, die ſie in⸗ deſſen nur zur Vollendung ihres Briefes anwendete. Carl hatte verſprochen, Victor dieſen Vormittag zu einem Spatziergange abzuholen; ihm uͤbergab ſie unbemerkt den Brief, und bat ihn, wenn er auf ſeinem Wege an dem Haupthofe vorbeikaͤme, denſelben ſicher in Herrn Lidners Haͤnde zu uͤbergeben, ein Auftrag, den der dienſtgefliſſene junge Freund mit Vergnuͤgen uͤbernahm. Der Tag verrann, ohne daß Maria etwas von Adolph ſah. Carl, der Mittags mit Victor zuruͤck⸗ kehrte, ſagte, er habe Herrn Lidner ſelbſt den Brief uͤber⸗ geben, und kurz darauf haben er und Victor ihn in ei⸗ ner anderen Richtung, als welche ſie einſchlugen, durch — 172— den Wald reiten ſehen. Nachmittags ging Maria die das Gut zunaͤchſt umgebenden Wege, um ihm zu begeg⸗ nen, doch ohne Erfolg. Endlich, gegen Abend, als ſie, von dem vergeblichen Suchen ermuͤdet, den Heimweg ein⸗ ſchlug, gewahrte ſie ploͤtzlich, daß zwiſchen den dichten Buͤſchen, tief unten bei der Aue, etwas ſich regte. Leiſe naͤherte ſie ſich, und erblickte nun ihren traurigen Freund auf einer einſamen Bank ganz unbeweglich daſitzen, den Kopf gegen einen Baumſtamm gelehnt.„Lidner!“ rief ſie, mit einer Stimme, aus welcher die innigſte Wehmuth hervortoͤnte. Adolph ſprang auf, und fuhr mit der Hand uͤber die Augen hin. Fremd ſchien ihm die geliebte Geſtalt; es kam ihm in dieſen Augenblicke vor, als waͤh⸗ ren Jahre verfloſſen, ſeit er ſie geſehen.„Lidner!“ wie⸗ derholte Maria mit kaum hoͤrbarer Stimme; ſie ſtreckte ihm beide Haͤnde entgegen; ihre Blicke begegneten ſich; hef⸗ tig ergriff er ihre Haͤnde und Beide brachen in Thraͤnen aus. Lange ſaßen ſie, ohne ein Wort zu wechſeln, neben einander. Endlich ſagte Adolph:„O Marial was habe ich leſen muͤſſen! Wie hat dieſe kleine weiche Hand ein ſo har⸗ tes Urtheil niederſchreiben koͤnnen? Wie haben dieſe lieben Augen, die jetzt beim Anblick meines Schmerzes weinen, es ertragen koͤnnen dieſe Worte geſchrieben zu ſehen, die mein ganzes Lebensgluͤck vernichten mußten?— Sie, Ma⸗ —— — 173— ria, Sie haben einen Andern geliebt, mit einem ſolchen Feuer ihn geliebt! Ihre heiligen Lippen haben ſeinen treu⸗ loſen Mund beruͤhrt! Sie haben ſich nach ihm geſehnt, von ihm getraͤumt, ſind unter dem Schatten der abſcheu⸗ lichen Baͤume insgeheim mit ihm zuſammengekommen..“ „Lidner!“ ſagte Maria, ihn unterbrechend:„Scho⸗ nen Sie meiner! Lohnen Sie ſo mein Vertrauen?“ „Verzeihung, Verzeihung, geliebte Freundin! Ach, ich habe kein Recht, mich zu beklagen, und das iſt es eben, was mich zur Verzweiflung bringt!“ „Weshalb verzweifeln? Bin ich Ihnen lieb, kann es Ihnen da nicht Freude machen, zu wiſſen, daß Sie mir lieber ſind, als irgend ein anderer Mann, daß ich erkenne, nie einem edleren begegnet zu ſein?“ „Doch aber Einem, der tiefere Gefuͤhle in ihrem Her⸗ zen erweckte.“ „Nein, nicht tiefere. Ich war ein Kind, verlaſſen und betruͤbt; er ſtand vor mir, wie ein rettender Freund. Ach, Sie wiſſen es ja, ich habe Ihnen Alles geſagt.“ „O, Marial Alles, was Sie mir geſagt haben, kann den Heiligenſchein nicht verdunkeln, der in meinen Augen immer Ihr Haupt umgiebt. Was Sie ſich vorwer⸗ fen koͤnnen, iſt ja Nichts; nicht auf Ihnen, allein auf Ihrem Vater ruht die Schuld, der den Schatz nicht beſ⸗ ſer zu huͤten verſtand, den er eben ſo wenig zu ſchaͤtzen . 2 — 4— wußte, und welcher, mit der, ungebildeten Menſchen eig⸗ nen, Inconſequenz, zuerſt ſeine junge ſchoͤne Tochter in einem ſolchen Auftrage ausſchickte, und nachher aus einer Mucke einen Elephanten machte. Noch mehr aber faͤllt die Schuld auf denjenigen, deſſen verhaßten Namen ich nicht einmal nennen mag. O, moͤgte er doch im Leben einſt vor mir ſtehen, der herzloſe Verfuͤhrer 4“ „Nein, Lidner! Sprechen Sie nicht ſo! Oft hab' ich mir ſelbſt geſagt: Wilſon war nicht der Strafwuͤr⸗ dige, ich ſelbſt war es. Ach, es iſt hart, dies geſtehen zu muͤſſen, aber ich kam ihm mit meiner kindiſchen Liebe entgegen, um welche er ſich bei unſer'm erſten Zuſammen⸗ treffen nicht bewarb, denn damals naͤherte er ſich mir in einer ehrlichen, edel'n Abſicht. Ließ er ſich ſpaͤter von mei⸗ ner Ergebenheit ruͤhren, die er ja— wie er ſelbſt ſagte— nie mißbrauchte, wollen Sie ihn deshalb verdammen 27 „Ja gewiß, das muß ich! Sie waren ein Kind, er nicht; Sie wußten nicht, weſſen ſie ſich ausſetzten, er aber wußte es. Darf ſich ein Mann des Vertrauens eines un⸗ ſchuldigen Kindes bedienen, um ſeiner Eitelkeit, ſeiner Sinnlichkeit zu ſchmeicheln? Wie unwuͤrdig, wie unritter⸗ lich. Waͤre das nicht Mißbrauch,— hieße das nicht miß⸗ brauchen, was ſo heilig iſt, wie die erſte Liebe eines jun⸗ gen Herzens? Und welche Grauſamkeit, ein junges Maͤd⸗ — 175— chen dann, ohne weiteres Bedenken ſeinem Schickſale zu uͤberlaſſen!“ „Was aber ſollte er thun? Die unzarte Forderung meines Vaters zu erfuͤllen konnte ihm doch manche, uns unbekannte Ruͤckſicht, manches Verhaͤltniß verbieten; und uͤberdies ſollte er ſich zwingen laſſen? Er hat die ganze Sache als einen Kinderſtreich betrachtet, ohne weitere Be⸗ deutung und Folgen.“ „Und durch dieſe Folgen hat er doch ihr Lebensgluͤck untergraben, und“— fuͤgte er mit leiſer Stimme hinzu,— n„das meinige auch.“— Es erfolgte hierauf eine Pauſe. Endlich ſagte Adolph:„Das Einzige, was ich Ihnen vorwerfe, iſt, daß Liebe zu einem ſo unwuͤrdigen Gegen⸗ ſtande in Ihrem Herzen ſo tiefe Wurzel hat ſchlagen, es jeder ſpaͤteren Zaͤrtlichkeit verſchließen koͤnnen.“ „Nicht die Liebe hat dies gethan, ſondern meine Reue, mein Abſcheu vor der Leidenſchaft.“. „Nein! Sie taͤuſchen ſich. Sein Andenken, ſein fal⸗ ches Bild iſt es. Sie lieben ihn noch.“ „Nein, in der That nicht! O, Lidner! glauben Sie mir, klar und wahr erkenne ich, es gebe beim Manne ei⸗ nen groͤßern Werth, als denjenigen, den er beſaß, einen Werth, der Glauben und Zutrauen einfloͤßt, einen Werth, wie Sie ihn beſitzen. In unſer'n ſtillen Unterredungen habe ich ein Intereſſe anderer, beſſerer Art gefunden, als in jenen.“ — 176— „Und dennoch wuͤrde ich, mitſammt dem Intereſſe, welches ich erregt, einem Nebel gleich verſchwinden, wenn Sie den alten Geliebten wiederſehen.“ Maria ſtutzte bei dieſen Worten; er wiederholte ſie:„Wie wuͤrde es wohl gehen, wenn Sie ihn wiederſaͤhen?“ „Sonderbar genug! nie iſt mir der Gedanke eingefal⸗ len, daß ich in dieſer Welt je wieder mit ihm zuſammen⸗ treffen koͤnnte.“— „Seh'n Sie! Seh'n Sie! denken Sie aber nun, daß er vor Ihnen ſtaͤnde, was dann?“ „Ich weiß nicht! Ein Entſetzen, eine unbeſchreibliche Scham wuͤrde mich ergreifen.“ „Und die alte Liebe erwachen?“ „Nein! das glaube ich nicht.“ Naach einer kleinen Pauſe ergriff Adolph liebevoll ihre Hand, und ſagte mit zaͤrtlicher und leiſer Stimme: „Liebſte, beſte Marial Bin ich denn wirklich ſo gluͤck⸗ lich, Ihnen lieb zu ſein, haben Sie Glauben und Ver⸗ trauen zu mir, darf ich hoffen, daß kein anderes Bild, weder jetzt, noch im Laufe der Zeit mich aus Ihrem Her⸗ zen verdraͤngen werde, ſo reichen Sie mir Ihre Hand! mir genuͤgen die Gefuͤhle, die Sie fuͤr mich hegen!“ Maria druͤckte ihm die Hand, wendete aber ihr Ant⸗ litz ab, und weinte. Es dauerte eine Weile, bevor ihr ſein freundliches Zureden Muth einfloͤßen konnte, zu ſprechen. — 177— „Ach Lidner!“ ſagte ſie:„edler, geliebter Freund! wie ſchmerzlich iſt es mir, Ihnen antworten zu muͤſſen: ich kann es nicht! Wie ich hier neben Ihnen ſitze, eine liebe⸗ volle, treue Schweſter, ſo weiß ich, werde ich bis zu mei⸗ ner letzten Stunde bleiben koͤnnen; wuͤrde ich aber Ihre Gattin, da koͤnnte es mir uur ſcheinen, als haͤtte ich das reine Band entheiligt, welches mich an Denjenigen ge⸗ knuͤpft, den ich von Kindheit an als meinen Bruder be⸗ trachtet; es wuͤrde ſich in unſer Verhaͤltniß etwas Unfreies, Unwahres geſtalten, Sie wuͤrden mir ein Anderer erſchei⸗ nen und ich koͤnnte nicht Dieſelbe bleiben. Geſtern Abend fuͤhlte ich es! Nein, nie will ich einem Manne angehoͤren.“ „Aber mein Gott! liebe Maria! Solches iſt ja un⸗ natuͤrlich, wider alle Vernunft und Ordnung ſtreitend!“ „Ach, was fuͤr den einen Menſchen paßt, iſt nicht dem andern genehm. Glauben Sie mir, es iſt ein Kummer nicht verſchwunden, weil ihn die Zeit uͤberwunden zu ha⸗ ben ſcheint. Er hinterlaͤßt in der Seele oft einen unuͤber⸗ windlichen Eindruck, unvertilgbare Spuren, dem Lava⸗ ſtrome gleich, der, wenn die Ausbruͤche des Vulkans auf⸗ gehoͤrt haben, dieſer ſelbſt nicht mehr gluͤht, dennoch die von ihm verheerten gruͤnen Wieſen, wie ein kalter, ſchwerer Stein uͤberdeckt.“ „Aber die Seele darf ſich nicht, den Grashalmen gleich, niedertreten laſſen, erheben muß ſie ihr unſterbliches Haupt, 12 — 178— verjagen die naͤchtlichen Schatten, und einem neuen Tage entgegenſchauen.“ „Ja, einem neuen, aber milderen, nicht brennenden Tage entgegenſchauen. Das thut auch die Seele, wenn ſie diejenige Liebe ſich aneignet, die mit den irdiſchen Leiden⸗ ſchaften nichts zu ſchaffen hat.“ „Sie haben Recht, Maria, wenn Sie ſich ſelbſt ei⸗ ner Nonne vergleichen; denn Sie denken und ſprechen durchaus kloͤſterlich.”— Adolph ſeufzte, und ſchwieg. Fenſeits der Aue wurde es jetzt laut, und gleich darauf erſchien zwiſchen dem Gebuͤſch eine ganze Schar Bauern⸗ knaben, die unter lauten Freudenaͤußerungen und luſtigen Spruͤngen einen, mit friſch gemaͤhtem Heu, von einem Ziegenbocke gezogenen, kleinen Wagen umringten. Hinter dieſem heiter'n Haufen her ſchritten zwei alte Bauern, die dampfenden Tabackspfeifen im Munde. Die Arme hat⸗ ten ſie in einander geſchlungen, und augenſcheinlich war es, daß ſie, nach den Muͤhen des Tages, in trautem Zwiege⸗ ſpraͤch neben einander herwandelten. Mit Vergnuͤgen ſchie⸗ nen ſie den voraneilenden jungen Zug zu betrachten, und ihres Gutsherrn gewahr werdend, gruͤßten ſie dieſen mit freundlicher Ehrerbietung. Adolph ſeufzte:„Kinder ha⸗ ben es gut, und Greiſe haben es auch gut, Kindheit und Greiſenalter ſind die ſchoͤnſten Zeiten des Lebens; wer in der Mitte ſteht, hat der Unruhen und Kaͤmpfe vollauf.“ — 179— Maria entgegnete:„Das Gluͤck dieſer Kinder und dieſer Greiſe, der Wohlſtand und die Zufriedenheit, wor⸗ aus dieſes freudige und ruhige Leben hier auf dem Gute entſpringt, iſt dies nicht Alles Ihr Werk, lieber Lidner? Das Alter, welches in der Mitte des Lebens liegt, das Alter, in welchem Sie ſich befinden, iſt das nicht die Zeit der Thaͤtigkeit? Und iſt nicht Derjenige gluͤcklich, dem Gott einen Wirkungskreis angewieſen hat, der ſo vielen Segen bringt? O Lidner! mein Freund! ſagen Sie doch nicht, wie Sie vorhin ſagten— daß Ihr Leben unter⸗ graben ſei!“ „O liebe Marial weinen Sie nicht mehr, ich kann es nicht ertragen.“ „Ach es iſt mir ſo ſchmerzlich, zu denken, es ſei Ihr boͤſes Schickſal geweſen, das Sie mit mir habe zuſammen⸗ treffen laſſen!“ „Nein, beſte Freundin! Wie erbaͤrmlich muͤßte doch der Menſch ſein, der nicht ſeinem Schickſale danken wollte, wenn es ihn mit dem Hoͤchſten und Schoͤnſten zuſammen⸗ treffen ließe, ſelbſt wenn dieſes Gluͤck die Nemeſis in ſeinem Gefolge haͤtte? Es iſt dies wohl immer der Fall! Schmerz und Freude, Tag und Nacht, Leben und Tod, beruͤhren ſich ja immer.“ Es wurde dieſes Geſpraͤch jetzt von einem Diener un⸗ terbrochen, der ganz athemlos meldete, er habe lange ſei⸗ 12* — 180— nen Herrn geſucht, um dieſem anzuzeigen, daß Fremde auf dem Gute angelangt waͤren, naͤmlich Lieutenant Lidner, des Gutsherrn Bruder, nebſt einem alten Herrn und einer jungen Dame. Adolph ſagte zu Marien:„Herren und Damen— die kommen mir ganz ungelegen! Gott helfe mir! wie wer⸗ den die ſich in meiner Geſellſchaft langweilen muͤſſen!“— Darauf verließ er mit ihr den dunkeln Gang, kuͤßte ihr, noch einige freundliche Worte ſprechend, die Hand, und folgte dann dem Diener. — X. Die mit Philipp Angekommenen, waren keine An⸗ dern, als Emma und ihr Vater; doch hatte der Erſtge⸗ nannte keineswegs die Veranlaſſung gegeben, ſeinem Bru⸗ der dieſe Geſellſchaft in einem Augenblicke zuzufuͤhren, da dieſer ſo wenig geſtimmt war, die Pflichten eines guten Wirthes zu erfuͤllen, vielmehr befand ſich Philipp uͤber dieſen, ihm nicht weniger als Adolph unerwarteten Be⸗ ſuch in der uͤbelſten Laune. Er hatte naͤmlich mit dem Etatsrath Groͤndal und deſſen Tochter eine kleine Reiſe durch Seeland gemacht, welche, laut Abrede, durch ganz andere Gegenden gehen ſollte, als wo Adolphs Gut belegen, und deren endliches Ziel Moͤens⸗Klint*) ſein ſollte. Mit einem Male aber gelang es Emma, ih⸗ ren Vater dahin zu uͤberreden, daß er die Reiſeroute veraͤnderte, und bei Adolph einen Beſuch abſtatten wollte. Der ſonſt gegen Emma's Launen ſo nachgiebige Philipp hatte tauſend Einwendungen gemacht, und ²) Ein Kreide⸗Gebirge an der Weſtkuͤſte Seelands. Anm. des Ueberſetzers. — 4182— ſeine Begleiter mit ſehr verdroſſener Miene ihrer Beſtim⸗ mung zugefuͤhrt. Waͤhrend man auf Adolph wartete, und der alte, ermuͤdete Etatsrath ſich entfernt hatte, um ſich in den Zimmern, die ihm von der hoͤflichen, wohlunterrichteten Dienerſchaft angewieſen worden, ein wenig auszuruhen, blieb Emma mit Philipp allein, und ſo groß war ſeine Verſtimmtheit, daß er ſich nicht enthalten konnte, in Kla⸗ gen uͤber den veraͤnderten Reiſeplan auszubrechen.„Du lieber Gott!“ ſagte er,„weshalb ſollten wir unſern ſchoͤ⸗ nen Reiſeplan aͤndern, um auf dieſes langweilige Gult zu kommen? Was ſollen wir hier? Wir ſind weder eingeladen noch erwartet.“ Emma erroͤthete, und ſagte beleidigt:„Freilich, wenn Sie glauben, daß mein Vater und ich Ihrem Herrn Bruder unwillkommen ſind....“ „Ja es iſt wahrhaftig ſehr moͤglich, daß Sie und ich, und unſer eigener Vater und der Koͤnig ſelbſt in dieſem Augenblicke ihm unwillkommen ſein wuͤrden. Sie wiſſen ja wohl, daß er auf Freiersfuͤßen geht, ſeine Herzallerliebſte hat er hier bei ſich, und Niemand kann ihm verdenken, daß er die ganze uͤbrige Welt auf den Blocksberg wuͤnſcht.“ „Gott behuͤte! Sollte es wirklich ſo ſchlimm ſein!“ — 183— „Aber, mein allerbeſtes Fraͤulein! weshalb nehmen Sie an dieſem Allen ſo großen Antheil? Sowohl mein Vater als ich ſollten es Ihnen freilich im Namen der Fa⸗ milie Dank wiſſen, doch ſind wir jetzt in dieſer Ruͤckſicht reſignirt. Mein Vater ſchreibt:„„Mag Adolph in Gottes Namen ſuchen, die Sache zu Ende zu bringen, wenn es nicht anders ſein kann;z““— und ich, meines Theils, wuͤnſche recht von Herzen, daß er ſchon verheira⸗ thet waͤre. Fuͤr ihn, da er ſich nun doch hier auf ſeinem Landgute begraben will, iſt es ja doch eigentlich beſſer, eine⸗Frau zu bekommen, die Schafe ſcheeren und buttern kann, als eine gebildete, elegante Dame, die den Henker darum geben wuͤrde, hier zu leben, ohne ſich von der Welt, zu der ſie paßt, ſehen uͤnd bewundern zu laſſen.“ „Es kaͤme darauf an, wie hohen Werth eine ſolche Dame darauf legte, von ihm bewundert zu werden.“ „O! es giebt keinen Menſchen, der darauf Werth legt, ſein Licht unter den Scheffel zu ſtellen, und ſolches Licht verſteht Adolph auch nicht zu ſchaͤtzen. Uebrigens iſt dieſe Naͤhmadam huͤbſch; ich weiß Mehrere, die in ſie verliebt ſind,— in ihr Aeußeres, Notabene;— denn von ihrer Converſation und ihren uͤbrigen Eigenſchaften haben wohl nicht Viele Kenntniß; weder Worke noch Blicke ſchenkt ſie einem Fremden.“ — 184— „Da hab ich es doch ſtark im Sinne, einen Verſuch zu wagen, mit ihr eine Unterredung zu erlangen.“ „Aber mein Gott! weshalb wollen Sie das?“ „Aber mein Gott! verhandeln wir denn dieſe Sache zum erſten Male? Weshalb ſprechen Sie jetzt aus einem ganz neuen Tone? „Weil ich des alten von Herzen uͤberdruͤſſig bin!“ „Ich verſtehe Sie in der That nicht. Haben Sie ſich nicht ſelbſt Muͤhe gegeben, die Bekanntſchaft dieſes Frau⸗ enzimmers zu machen? Haben wir nicht oft zu erfahren gewuͤnſcht, ob ſie Ihren Bruder liebte, es mit ihm ehrlich meinte, oder ihn zum Beſten haͤtte? Haben wir nicht ge⸗ meinſchaftlich ſeine melancholiſche Stimmung beklagt?“ „Ja! weil aber aus dieſem Allen durchaus nichts Ge⸗ ſcheidtes herauskommt, ſo laſſen Sie uns jetzt einig ſein, ihn ſeiner melancholiſchen Stimmung zu uͤberlaſſen, wenn es ihm ſo gefaͤllt. Moͤge er nun ſelbſt ſehen, ſich auf die eine oder die andere Weiſe herauszuwinden, er iſt ja nicht der Einzige, der lange Zeit um ein Weib geſeufzt und ſpaͤ⸗ ter maͤnnlichen Muth und Herz gefaßt hat, wenn er ſah, daß er, zum Lohn fuͤr ſeine Anbetung, nur zum Narren gehalten wurde.“ Wie ein Wunder erſchien es Emma und ſelbſt Phi⸗ lipp, als ſich ſeine erſte Hitze gelegt hatte, daß er in ei⸗ nem ſolchen Tone zu dem vergoͤtterten Maͤdchen habe ſpre⸗ — 3 — 185— chen koͤnnen, und ihre Geduld bei dieſer Scene kam ihr ſelbſt eben ſo wunderbar vor, wie ihm. Wider alles Er⸗ warten aber war dieſe kuͤhne Sprache des allezeit gehorſa⸗ men und anbetenden Bewerbers weit entfernt geweſen, ihm bei der geliebten Emma zu ſchaden. Ohne es ſich erklaͤren zu koͤnnen, fuͤhlte ſie ſich, durch ſeinen maͤnnlichen Wider⸗ ſtand gegen ihren Willen imponirt, und zum erſten Male fand ſie zwiſchen ihm und ſeinem Bruder eine Aehnlichkeit. Sie war nahe daran, ihre Anweſenheit hier zu bereuen; dennoch aber beſchloß ſie, den Plan nicht aufzugeben, um deſſentwillen ſie gekommen war. Ohne fuͤr ſich ſelbſt eigent⸗ lich, weder ihr endliches Ziel, noch die Mittel, durch welche ſie es erreichen wollte, ernſtlich uͤberlegt zu haben, ging vorlaͤufig ihr ganzes Streben darauf hin, das Raͤthſel zu loͤſen, welches ſo lange ihre Gedanken beſchaͤftigt hatte. Nachdem ſie am folgenden Morgen mit der groͤßten Sorgfalt ihre Toilette beſorgt, verfuͤgte ſie ſich ohne Be⸗ gleitung nach dem Orte, den man ihr als Mariens Wohnung bezeichnet hatte. Ein lebendiges Gehege umgab den kleinen Garten, in deſſen Mitte das laͤndliche Haͤus⸗ chen belegen war. Langſam umging Emma das Gehege, und betrachtete das Haus. Eine offenſtehende Glasthuͤr fuͤhrte in den Garten. Es war ein warmer Tag, alle Fen⸗ ſter geoͤffnet, aber die herabgelaſſenen, gruͤnen Jalouſien machten es unmoͤglich, hineinzuſehen. Vor der Gartenthuͤr — 186— ſtanden zwei Gartenſtuͤhle, und ein kleiner Tiſch, auf die⸗ ſem eine große Vaſe, mit Blumen angefuͤllt, ein Buch und eine Puppe. Kein lebendes Weſen war zu blicken, außer einem Kaͤtzchen, das, in der Sonnenwaͤrme liegend, mit erwachender boͤſer Begierde nach den Voͤgeln hin⸗ ſtarrte, die auf den naͤchſten Zweigen umherhuͤpften. Emma ſtand ganz ſtill, ſpaͤhend folgten ihre Augen je⸗ dem Gegenſtande, und ſie gedachte, wie ſie ſchon fruͤher mit denſelben Gefuͤhlen vor der Thuͤr ihrer Nebenbuhlerin geſtanden. Ein Gefuͤhl der Bitterkeit und Geringſchaͤtzung gegen dieſe Unbekannte erfuͤllte ihre Seele. Sie faßte Muth, und dachte:„Dieſe ſimple Perſon, die fuͤr mich gearbeitet hat, ohne alle Tournure iſt und arm an Klei⸗ dern, wird mich ſicher demuͤthig empfangen und ſich durch meinen Beſuch geehrt fuͤhlen.“— Sie fand nun eine Gitterthuͤr im Gehege, und trat ſchnellen Schrittes in den Garten. 3 Niemand war zu erblicken; als ſie aber aus einer dicht vverwachſenen Laube Stimmen vernahm, richtete ſie dahin ihre Schritte, und dieſe Schritte waren ſo leiſe und leicht, daß Diejenigen, die ſich in der Laube befanden, ihr Kom⸗ men nicht bemerkten, waͤhrend ſich ihr dagegen ein Anblick darbot, der ſie neuerdings veranlaßte, ihre Schritte zu hemmen. In dem dunkeln Hintergrunde, den gruͤne Zweige und Blaͤtter bildeten, waͤhrend ein Bogen bluͤhender Schling⸗ — 187— pflanzen den Eingang zu dieſer Laube zierte, erblickte ſie Maria mit beiden Kindern. Liſe ſtand auf einem Sche⸗ mel und ſchien eben in einem Buche zu leſen, welches auf dem Schooſe der Mutter lag, waͤhrend von der andern Seite her Victor ſich uͤber das Buch hinbeugte, und mit laͤchelndem Antlitze uͤber die ernſten Beſtrebungen der Schweſter ſich zu freuen ſchien. Maria blickte auf das Buch hinab; man ſah' ihre Augen nicht, aber die ſanften, feinen Zuͤge, die hohe, weiße Stirn, die dunkeln Augen⸗ brauen, das cendrirte Haar, noch mehr hervorgehoben durch ein mit blauen und orangefarbenen Streifen durch⸗ wirktes Tuch, welches, das Haar nachlaͤſſig umgebend, unter dem Kinn geknotet war, um ſie gleichſam gegen das herabfallende Laub zu ſchuͤtzen, verliehen ihr ein gewiſſes romantiſches Ausſehen. Mit dem einen Arm hielt ſie Liſe umſchlungen; ſie trug ein weißes, das kleine Maͤdchen ein roſenrothes Kleid, und Victor eine Blouſe von gruͤnem Zeuge. Beider Kinder Arme ruhten auf dem Schooſe der Mutter. Liſens blonde Locken und Victors dunkles Haar beruͤhrten die Falten des weißen Kleides. Wunder⸗ bar war die Wirkung dieſer Figuren und dieſer Farben in ſolcher Beleuchtung, und Niemand haͤtte dieſe Gruppe ſe⸗ hen koͤnnen, ohne an die Darſtellungen der alten italieni⸗ ſchen Meiſter von der Madonna mit dem Kinde und Jo⸗ hannes dem Taͤufer lebhaft erinnert zu werden. — 188— Emma war wunderbar uͤberraſcht, fuhr mit der Hand uͤber die Augen, als glaubte ſie zu traͤumen, es kam ihr vor, wie eine Erſcheinung aus einer andern Welt, und eben ſtand ſie im Begriff ſich zu entfernen, als Maria emporblickte, und ihrer gewahr wurde. Sie erhob ſich ſchnell und ging ihr entgegen. Beide Frauenzimmer blick⸗ ten einander ſtaunend an. Mariens Augen, die Emma jetzt erſt ſah, ſchienen in ihrer dunkeln Pracht, und mit ihrem eigenthuͤmlichen Ausdruck dieſe in Staunen zu ſetzen, und Maria uͤberraſchte der unerwartete Anblick des ſchoͤnen Maͤdchens, das ſich in ſeiner bunten, modernen Tracht wie eine prachtvolle Blume aus einem reicheren Klima ausnahm. Emma begruͤßte ſie verlegen, und fragte nach Mamſell Holm. Furchtſam nannte ſie ihren Na⸗ men, und ſtammelte etwas hervor, das einer Entſchul⸗ digung glich. Victor lief gleich fort, um Mamſell Holm zu holen, und Maria bot der ſchoͤnen Unbekannten ſehr verbindlich einen Stuhl. Mamſell Holm war nicht zu Hauſe, Maria uͤberredete nun ihren neuen Gaſt, mit ihr in's Haus zu gehen, und da Emmas Wangen gluͤheten ſetzte ſie ihr Fruͤchte und einen kuͤhlenden Trunk vor. Wie ganz entgegengeſetzt war die beſcheidene Wuͤrde, der unge⸗ zwungene Anſtand, womit Maria redete und ſich benahm, der Vorſtellung, die ſich Emma von ihr gemacht hatte. Die Verlegenheit und Zuruckhaltung, die ſich bei dieſem — 189— Zuſammentreffen in ihrem Weſen abpraͤgte, kleidete ihr wohl, und nahm Maria fuͤr ſie ein. Dahingegen war Emma, ats ſie ſpaͤter mit mehr Ruhe uͤber dieſes ihr er⸗ ſtes Zuſammentreffen nachdachte, mit ſich ſelbſt unzufrieden. Sie nahm ſich vor, bei ihren ferneren Zuſammenkuͤnften ſich freier und mit mehr Weltklugheit zu benehmen. Trotz Philipps Wuͤnſchen wurde die Abreiſe von einer Zeit zur andern aufgeſchoben, und ſo verrannen fuͤnf bis ſechs Tage. Waͤhrend dieſer Zeit beſuchte Emma Mamſell Holm und Maria wenigſtens zwei Mal taͤglich. Sie hatte es zwar dahin gebracht, ſich freier zu zeigen, aber Mariens Gegenwart floͤßte ihr eine unerklaͤrliche Verlegenheit ein, und hatte zugleich etwas Anziehendes, welches es ihr un⸗ moͤglich machte, gewohnterweiſe ihre Vorzuͤge geltend zu machen, dennoch aber zugleich ſie aufzufordern ſchien, Ruhe zu ſuchen, indem ſie ſich der ruhigen und ſanften Seele anvertraute, die ihr entgegenleuchtete. Einſt traf ſie Adolph dort. Auch da war Maria ruhig und un⸗ gezwungen, ſie bewies dem Freunde eine ausgezeichnete Aufmerkſamkeit, aber nicht die geringſte Spur deutete die Liebhaberin an. Er dahingegen war ſichtlich unruhig und genirt, und zeigte, wider Wiſſen und Willen„in jedem Blicke, jedem Worte den durchaus eingenommenen Lieb⸗ haber. Er ergriff die erſte beſte Veranlaſſung ſich zu ent⸗ fernen. Zum Abſchiede verbeugte er ſich mit einer gleich⸗ guͤltigen Miene vor den Damen; als ſich aber Maria er⸗ hob und ihn bis zur Gartenthuͤr begleitete, wendete er ſich zu ihr, faßte ihre Hand, und kuͤßte dieſe mit einem nicht zu verkennenden Ausdruck. Emma ſagte zu ſich ſelbſt: „Es ſcheint mir klar, daß Mamſell Holm mir die Wahr⸗ heit ſagte. Er liebt ſie! ach, das hab' ich ja wohl gewußt; ſie aber erwiedert ſeine Liebe nicht.” Sie beſchloß einen raſchen Schritt zu thun, und er⸗ wog nun fuͤr ſich, wie ſie ihre Worte ſchlau belegen, und ein Geſpraͤch einleiten wolle, welches ihr das Licht verſchaf⸗ fen koͤnnte, das ihrer Ungewißheit ein Ende machen, und, ſo meinte ſie, dadurch ihr Ruhe verſchaffen werde. Den folgenden Vormittag ging ſie wieder zu Marien, und zwar zu einer Zeit, da ſie wußte, daß dieſe allein zu ſein pflegte. Sie fand Maria an einem offenen Fenſter, das aber von einem der oben erwaͤhnten Jalouſien bedeckt war, vor einem Arbeitstiſche ſitzend. Emma dachte:„Jetzt oder nie!“— Sie ſetzte ſich neben ſie, und nach einigen einleitenden Bemerkungen uͤber die Schoͤnheit des Orts, uͤber die Freude, die ihr Vater bei naͤherer Bekanntſchaft mit dem Zuſtande und den guten Einrichtungen des Gu⸗ tes geaͤußert haͤtte, fuͤgte ſie hinzu:„ Was kann das Al⸗ les helfen? Der Beſitzer des Ganzen, der die groͤßte Freude davon haben ſollte, ſieht doch aus, als gaͤbe es fuͤr ihn kein Gluͤck mehr auf Erden.“. — 191— Ein wehmuͤthiger Zug umſpielte Mariens Lippen, indem ſie antwortete:„Ich hoffe gewiß, daß, wenn auch fuͤr den Augenblick Etwas Herrn Lidner verſtimmen ſollte, dies nur ein voruͤbergehendes Uebelbefinden iſt. Er beſitzt einen kraͤftigen, maͤnnlichen Character, und wird ſich nicht von den Abwechſelungen der Sorgen und Freuden, die ja aller Menſchen Loos ſind, niederbeugen laſſen.“ „Inzwiſchen aber iſt doch das Leben zu kurz, um 24 Periode der Sorgen viel Zeit einzuraͤumen, und es iſt wirk⸗ lich bereits lange, daß Herr Lidner ſein fruͤheres Weſen verleugnet hat. Sein Vater iſt um ihn ſehr bekuͤmmert, und ebenſo unſer ganzer Kreis, denn es wird Ihnen ſicher bekannt ſein, daß unſere Familien ſeit vielen Jahren in einem intimen, freundſchaftlichen Umgang gelebt haben. Ich meines Theils werde ganz betruͤbt, wenn ich ſein me⸗ lancholiſches Ausſehen erblicke, und dies iſt bei Ihnen ge⸗ wiß auch der Fall. Sie ſind ja auch ſeine Freundin, und von den erſten Jugendjahren her, gewiß ſind Sie ſeine vertrauteſte Freundin; wiſſen Sie nicht, was ihm fehlt?“ „Nein, mein Fraͤulein!“ „O, er hat ſich Ihnen gewiß anvertraut!“ „Nein, dies iſt nicht der Fall, wenn er es aber haͤtte, ſo ſehen Sie ſelbſt ein, daß ich Ihre Frage nicht beant⸗ worten koͤnnte.“— Beide ſchwiegen nun, und erroͤtheten — 192— verlegen. Emma fuͤhlte, daß ſie hier ein ſchlechtes Spiel ſpiele, und ihren Angriff ganz veraͤndern muͤſſe. Sie ruͤckte Marien naͤher, und ſagte einſchmeichelnd: „Beſte Madam! Halten Sie mich nicht fuͤr unbeſcheiden und zudringlich. Ich weiß wohl, daß unſere Bekannt⸗ ſchaft jung iſt, und daß ich auf Ihr Vertrauen keine An⸗ ſpruͤche habe. Erlauben Sie mir deshalb, damit den An⸗ fang zu machen, Ihnen das meinige zu ſchenken, nicht, um Sie mit meinen perſoͤnlichen Angelegenheiten zu belaͤ⸗ ſtigen, ſondern um einen Auftrag auszurichten, der mir von anderer Hand uͤbertragen worden. Ich habe eine Ju⸗ gendfreundin, ein junges Maͤdchen, welches Sie nicht verachten wuͤrden, wenn Sie ſie kennten; ſie heißt Roſa, und hat ſich fuͤr Herrn Adolph Lidner beſtimmt ge⸗ glaubt; die Verwandten von beiden Seiten haben ihr die⸗ ſen Gedanken eingefloͤßt, und bei genauerer Bekanntſchaft hat ſie ſelbſt gewuͤnſcht, ihm zu gefallen; uͤber den eigent⸗ chen Zuſtand ſeines Herzens aber hat ſie nie Gewißheit erlangen koͤnnen.“ „Dann iſt ſicher nicht Adolph Lidner Schuld an ihrer Ungewißheit. Er iſt gar zu ritterlich, um mit fal⸗ ſchen Hoffnungen zu taͤuſchen.“ „Sind Sie deſſen ſo gewiß? Maͤnner bleiben immer Maͤnner.“ — 193— „Ja, eben weil er ein Mann iſt im edelſten Sinne des Worts.“ „Man ſagt nun— und dies Geruͤcht iſt auch Roſa zu Ohren gekommen— daß Lidner fuͤr eine andere Dame eine ungluͤckliche Liebe hegt, und Roſa brennt vor Begierde, hieruͤber Gewißheit zu erlangen.“ Maria erroͤthete, ſowohl ſie als Emma wurden bei jeder folgenden Replik dieſer Unterredung immer verle⸗ gener. Beide gaben ſich die unglaublichſte Muͤhe, ihre Faſſung zu behalten, und nach einer kurzen Pauſe ant⸗ wortete Maria:„Lidner iſt ſo offenherzig, ſo redlich in Wort und That, daß es mir ſcheint, es muͤſſe dem jun⸗ gen Maͤdchen ein Leichtes ſein, den Zuſtand ſeines Herzens in Bezug auf ſie ſelbſt zu bemerken, und das iſt ja in die⸗ ſer Sache der weſentliche Punkt; das Uebrige kann ja un⸗ gefaͤhr gleichviel ſein.“ 3 „Sie glaubt freilich zu wiſſen, daß er fuͤr ſie Freund⸗ ſchaft hege, wenn aber eine Andere... Es iſt ja einleuch⸗ tend, daß, wenn ſein Herz voraus eingenommen...“ Emma wußte keine Worte mehr zu finden, zupfte an den Zipfeln ihres Florſhawls, blickte auf denſelben hinab, und legte ihn in die ſonderbarſten Falten und Figuren. Maria ihrerſeits naͤhete, als haͤnge Leben und Wohlfahrt davon ab. Es entſtand eine neue Pauſe. Endlich nahm Emma wieder das Wort:„Roſa hat von wohlunter⸗ 13 — 104— richteten Leuten gehoͤrt, daß Lidners Liebe eine ungluͤck⸗ liche ſei, und wenn ſie nur dies wuͤßte...“ Maria unterbrach ſie:„So wuͤrde dieſer Umſtand, den Sie ja ſelbſt ungluͤcklich nennen, unmoͤglich ein gutes Maͤdchen freuen koͤnnen, am allerwenigſten, wenn ſie ihn wirklich lieb hat.“ „Nein, Gott behuͤte! Das koͤnnte gewiß nicht der Fall ſein, und uͤberdies waͤre es ja auch ſonderbar, wenn ein Frauenzimmer, das Lidner liebte, ſeine Liebe ver⸗ ſchmaͤhen wuͤrde. „Ja in der That, das waͤre auch ſonderbar.“ „Und wenn ſie alſo einander lieben, und einig ſind, ſo thut die arme Roſa am beſten, zu ſchweigen, und ſich zuruͤckzuziehen.— Aber ich fuͤrchte, daß mein Vater auf mich wartet; wir ſollen unſere Weiterreiſe ver⸗ abreden. Wenn ich alſo nicht Gelegenheit bekomme, Sie wieder zu beſuchen, ſo ſage ich Ihnen hiermit Lebewohl, und bitte, Mamſell Holm von mir zu gruͤßen.“ So ſprechend erhob ſich Em ma, und naͤherte ſich der Thuͤr. Maria ergriff ihre Hand, als um ſie zuruͤckzu⸗ halten. Sie blickten einander an, und Maria ſagte freundlich, aber mit einer Anfangs erzwungenen Faſſung: „Liebſtes Fraͤulein! Wenn Ihre Freundin Ihnen gleicht, dann iſt ſie von der Natur und dem Schickſale gar zu reich begabt, um ihre ſchoͤnen Jahre von einem Wunſche — 195— ſoͤren zu laſſen, an deſſen Erfuͤllung ich, aufrichtig ge⸗ ſprochen, fuͤr den Augenblick wenigſtens zweifeln muß; und waͤre ich Diejenige, welche Lidner liebte, ſo wuͤrde ich zu der jungen Roſa ſagen: Mein Verhaͤltniß zu ihm wird nicht der Stein des Anſtoßes ſein, der Ihrem Wunſche im Wege liegt; aber die Worte:„„ich liebe ihn nicht,““ kann ich doch nie uͤber meine Lippen bringen.“— Mit inniger Waͤrme ſprach Maria dieſen letzten Theil ihrer Rede. Thraͤnen perlten in Emma's Augen; ſie beugte ſich zu der fruͤher verhaßten Nebenbuhlerin hin, und ohne zu ſprechen, umſchlangen ſie ſich in einer herzlichen Umarmung. Schnell trat Emma in den Garten hinaus; ihre Wangen gluͤhten, ſie riß den Hut ab, und hielt ihn in der Hand; aber eben vor der Gartenthuͤr rannte ſie in ihrer verwirrten Eile mit der Stirn gegen einen Baum. Ein Schrei entſchluͤpfte ihr; Maria eilte herbei, und nun ſah man ploͤtzlich noch eine Perſon erſcheinen, deren Naͤhe man bisher nicht geahnet, Philipp naͤmlich, der ebenfalls mit einem Sprunge auf die erſchreckte Emma hinzu⸗ eilte. Man fuͤhrte ſie in's Haus zuruͤck. Mit der groͤß⸗ ten Theilnahme und Sorgfalt badete Maria die ver⸗ wundete Stirn, die weiter nicht beſchaͤdigt ſchien, als daß ſich uͤber dem einen Auge ſchon eine bedeutende Anſchwel⸗ lung zeigte. Maria ſchlang eine duͤnne Binde um die . 8 13*⁵ — 196— Stirn, und bedauerte in freundlichen Ausdruͤcken das huͤbſche Geſicht, gab aber doch den Troſt, daß bald das Ganze verwunden ſein wuͤrde. Emma bemuͤhte ſich nun ſelbſt, uͤber ihren Unfall zu lachen, und als ſie nach Hauſe wollte, begleitete Maria ſie und Philipp eine Strecke auf den Weg. Als ſie das Paar verlaſſen hatte, konnte Philipp ſeine uͤble Laune nicht laͤnger bezwingen, ſondern brach los:„Nun, mein Fraͤulein! das war in der That eine huͤbſche Expedition! Wir koͤnnen behaupten, eine ſchoͤne Reiſe gemacht zu haben. Sie haben ein ausgezeichnetes diplomatiſches Talent entwickelt in der vortrefflichen Con⸗ ferenz, deren Zeuge ich geweſen bin, und wenn Sie auch 3 uͤbrigens mit Ihrer Miſſion nicht ſonderlich zufrieden ſein koͤnnen, tragen Sie doch ein Siegeszeichen mit ſich nach Hauſe.“ Emma heftete ihr eines ſchoͤnes Auge auf ihn, und ſagte, noch ſtaͤrker erroͤthend:„Wie meinen Sie das?“ „Ol ich war Zeuge Ihrer Unterredung mit der Ma⸗ dame Blume. Ich kam, um dieſer einen Beſuch abzu⸗ ſtatten, ich bin ja nicht bei ihr geweſen, ſeit ich ihr von meinem Bruder vorgeſtellt wurde; als ich aber an die Thuͤr kam, vernahm ich Ihre Stimme, ich bemerkte, daß beide Damen in einem eifrigen Geſpraͤche begriffen waren, wollte nicht ſtoͤren, und ſetzte mich beſcheiden auf eine Bank un⸗ — 197— ter einem Fenſter. Daß dieſes Fenſter offen ſtand, daß Sie gerade innerhalb deſſelben ſaßen, daß die herabgelaſſe⸗ nen Jalouſien mich Ihren, wie Sie meinen Augen ver⸗ bargen, und daß ich demnach jedes geſprochene Wort ge⸗ hoͤrt habe, dafuͤr kann ich nicht.“ „Es iſt ganz abſcheulich von Ihnen, Ihrer durchaus unwuͤrdig, ſo zu lauſchen, und ich bin Ihnen ſehr boͤſe,“ ſagte Emma, indem ſie ihren Arm dem ſeinigen entzog, auf den ſie ſich bisher gelehnt hatte. „Ja, dann bin ich Ihnen auch boͤſe, oder richtiger geſagt, um Ihretwillen boͤſe; denn Alles, was Sie be⸗ trifft, iſt mir, als ginge es mich ſelbſt an. Was Ihren Glanz hebt, hebt meinen Muth, was Ihren Glanz ver⸗ dunkelt, ſchlaͤgt meinen Muth darnieder. Habe ich Sie nicht flehentlich gebeten, dieſen Ort zu verlaſſen, dieſes gar zu oft erwaͤhnte Verhaͤltniß auf ſich beruhen zu laſſen? O welche Unterredung! wie ſchmerzt es mich, geſtehen zu muͤſſen, daß dieſe Frau, die ſo weit unter Ihnen ſteht, bei dieſer Gelegenheit weit groͤßere Feinheit bewies, als Sie! Ich bekomme in der That Reſpect vor ihrem Ver⸗ ſtande, und moͤchte recht herzlich wuͤnſchen, daß ſie noch heute meine Schwiegerin wuͤrde!“ „Meinetwegen gern,“ rief Emma mit einer Stimme, die mit verhaltenem Weinen kaͤmpfte:„Was ich gethan habe, mag ſchwach, mag dumm ſein; aber es geſchah in — 1938— Unſchuld, iſt kein Verbrechen, und ſicher verzeihlicher, als die Haͤrte, die Schonungsloſigkeit, die Bitterkeit, mit der Sie— ganz gegen mich veraͤndert— jetzt mein Vertrauen lohnen, und das in einem Augenblicke, da ein nur eini⸗ germaßen wohlwollendes Herz mir Schonung und Theil⸗ nahme beweiſen wuͤrde.“ Das arme Maͤdchen konnte ſeine Thraͤnen nicht laͤnger zuruͤckhalten, brach in heftiges Wei⸗ „O Emmal liebſte, beſte, geliebte Emmal verzeihen Sie mir! weinen Sie doch um Gotteswillen nicht! Ihre geſchwollene Stirn wird ja weit ſchlimmer! O Gott! hab' ich Sie betruͤbt? Wie bin ich doch ungluͤcklich!“— Er wollte ſich ihrer Hand bemaͤchtigen; da ſie ihm dieſelbe aber nicht reichen wollte, ergriff er die Zipfel ihres Shawls, kuͤßte dieſe, und hielt ſie ſo feſt, daß er Em ma zum Still⸗ ſtehen zwang.„Ach, ich habe Unrecht!“ ſagte er mit von Thraͤnen erſtickter Stimme:„ich werde es mir nie verzeihen koͤnnen. Aber Emma! verſtehen Sie nicht die Urſache meines Vergehens? Wiſſen Sie nicht, daß ich von Liebe und Eiferſucht aufgezehrt werde? Daß ich Sie anbete, als waͤren Sie ein hoͤheres Weſen, auf Ihre Vor⸗ zuͤge ſtolz bin, als duͤrfte ich Ungluͤcklicher hoffen, daß ein Wiederſchein Ihrer Herrlichkeit auf mich zuruͤckfallen koͤnnte? O verzeihen Sie mir! ſtuͤtzen Sie ſich wieder auf meinen Arm, oder ich verzweifle!“— Emma reichte ihm nen aus, und hielt die Haͤnde vor dem verletzten Geſichte. d' d — — 199— ihren Arm, und ſeine ſchmeichelnden Worte wirkten in dieſem Augenblicke wohlthaͤtig auf ihr tief gedemuͤthigtes Gemuͤth. Gleich wie die unbedeutendſte Sache in der menſchli⸗ chen Bruſt einen brennenden Wunſch entzuͤnden kann, ſo kann oft eine aͤhnliche, an ſich unbedeutende Begebenheit uͤber die Flamme gleichſam Aſche ſtreuen, daß ſie nicht mehr auflodert. Emmas Scham uͤber ihre erfolgloſen Bemuͤhungen, der ungluͤckliche Stoß, der fuͤr den Augen⸗ blick ihre Schoͤnheit verunſtaltete, traten als warnende und heilende Genien zwiſchen ſie und die auflodernde Leiden⸗ ſchaft. Beim Mittagstiſche, wo ſie mit Adolph zuſam⸗ mentraf, blickte ſie ihn mit ruhigeren, faſt mit andern Augen an, und er ſchien in der That auch ein Anderer, als waͤhrend der vorigen Tage;z eine ungezwungene Heiter⸗ keit leuchtete aus ſeinem ganzen Benehmen hervor, eine Veraͤnderung, welche Emma und ihr Vater glaubten ei⸗ nem Briefe des Obriſten zuſchreiben zu muͤſſen, der ſei⸗ nem Sohne anzeigte, daß er noch ſelbigen Abends auf deſſen Gute eintreffen wuͤrde, die ſich aber Philipp⸗ und mit groͤßerem Rechte, als ſein Werk anrechnete. Er hatte naͤmlich, gleich nachdem er Emma nach Hauſe begleitet, ſeinen Bruder aufgeſucht, und da, naͤchſt Adolph ſelbſt, Keiner eifriger wuͤnſchen konnte, ihn mit Maria feſt verbunden zu ſehen, ſo glaubte er dieſe Ver⸗ — 2⁰07— bindung zu beſchleunigen, indem er zum erſten Male zu Adolph von deſſen geheimer Liebe ſprach. Nachdem er ihm gedankt, weil er ihn mit der ſchoͤnen Frau bekannt gemacht, und nachdem er ihrer Liebenswuͤrdigkeit eine kleine Lobrede gehalten, fuhr er fort:„Werde nicht boͤſe, Bru⸗ der! daß ich mich auf Deine Herzensangelegenheiten hin⸗ einwaͤlze, aber ich wuͤrde mich unbaͤndig freuen, dieſe kleine Dame meine Schwiegerin nennen zu koͤnnen, und ich be⸗ greife nicht, worauf Du ſo lange warteſt. Du biſt in ſie verliebt, das iſt gewiß, und ſie liebt Dich, das iſt eben ſo gewiß.“ b Ein bitteres Laͤcheln umzog Adolphs Lippen, indem er antwortete:„Du biſt wohl unterrichtet!“ „Ja, das bin ich, bei meiner Seele! und das will ich Dir beweiſen.“ Philipp erzaͤhlte nun die Unterredung, die er belauſcht hatte, doch mit einigen kleinen Veraͤnde⸗ rungen ruͤckſichtlich Emmas, um nicht Etwas zu ſagen, das ihren Antheil an der Sache verrathen koͤnnte; hier aber ſpielte er ſelbſt die naͤmliche Rolle, die er eben an Emma getadelt hatte: Sein Mitſpieler war feiner als er; Adolph begriff eben ſo gut Emmas Abſicht, wie Ma⸗ ria ſie begriffen, ließ aber der Gegenpartei unangefochten ihre Maskenfreiheit, wie Maria es gethan hatte. Ma⸗ rias Aeußerungen dahingegen ruͤhrten Adolph tief, doch ſagte er:„O, ich verſtehe die treue Seele! ſie konnte es — 201— nicht uͤbers Herz bringen, die Worte auszuſprechen, die den abweſenden Freund kraͤnken wuͤrden, wenn ſie ſein Ohr haͤtten erreichen koͤnnen. So liebevoll denkt ſie ſich in ſeine Gedanken hinein. Aber dieſe Liebe iſt bei alledem nicht der Art, daß ſie je die Meinige werden wird.“ „Hoͤre, weißt Du was! Das ſind Narrenpoſſen, Schwaͤrmerei von Deiner, Coquetterie von ihrer Seite.“ „Maria coquett? verſuͤndige Dich nicht!“ „Ja dann iſt es Mißverſtaͤndniß, oder uͤbertriebene Ziererei, oder ſonſt ſolche Verkehrtheit; denn wenn man erſt den Grad der Zuneigung, der hohen Gedanken und Zaͤrtlichkeit fuͤr einen Menſchen hegt, wie ſie es in der Un⸗ terredung, die ich hoͤrte, an den Tag legte, ſo liebt man dieſen Menſchen, man moͤge es nun geſtehen wollen oder nicht. Ja, gebe es Gott, daß ich Derjenigen, an die ich denke, ſo ſicher waͤre, wie Du es Mariens ſein kannſt!“— Okbgleich nun freilich Adolph dieſes Alles beſſer zu wiſſen glaubte, was er auch ſeinem Bruder wie⸗ derholte, konnte er doch nicht ſein Herz dem Troſte ver⸗ ſchließen, den ihm Philipps Worte einfloͤßten, und eine Hoffnung, die er indeſſen nicht naͤher zu zergliedern wagte, belebte ſeinen Muth. Nachmittags fand ſich Maria auf dem Gute ein, um ſich nach Emmas Befinden zu erkundigen. Zugleich — 2⁰2— brachte ſie der Verwundeten einige der bei ſolcher Gelegen⸗ heit gebraͤuchlichen, einfachen Heilmittel, mit denen ſorg⸗ ſame Mütter fuͤr vorkommende Faͤlle verſehen zu ſein pfle⸗ gen. Da ſie Emma im Ganzen in der Beſſerung fand, die Beſchaͤdigung des Geſichtes ſich auch als unbedeutend auswies, fuͤhlte ſie ſich augenſcheinlich beruhigt. Adolph war zugegen, und ſeine ungewoͤhnliche freie Heiterkeit wirkte auf ſie zuruͤck. Roſen entſproſſen ihren Wangen und verſchoͤnerten die auf der einnehmenden, beweglichen Phyſiognomie haͤufig erſcheinenden und wieder verſchwin⸗ denden Gruͤbchen. Philipp war innig vergnuͤgt, indem er ſich dieſe gute Stimmung, und die Folgen, die er von derſelben hoffte, zuſchrieb; auch Emma wurde von der allgemeinen Freude ergriffen und es war lange her, ſeit die Mauern der ſtillen Burg Zeugen einer ſo lebhaften Scene geweſen. Als Maria gehen wollte, ergriff Adolph ohne Wei⸗ teres ſeinen Hut, und bat, ſie begleiten zu duͤrfen. Unter⸗ wegs ſagte er:„Ich habe mir eine Gunſt von Ihnen zu erbitten. Noch dieſen Abend erwarte ich meinen Vater. Ich moͤchte ihm gern das Beſte zeigen, was ſich in mei⸗ ner Umgebung findet, und deshalb erſuche ich Sie, mir den Gefallen zu erzeigen, morgen Mittag mit ihm bei mir zu ſpeiſen.“— Da ſich Maria zu bedenken ſchien, fuhr er fort:„Verſagen Sie es mir nicht! Goͤnnen Sie mir N — 203— das Vergnuͤgen, Sie als meinen Gaſt zu ſeh'n! Natuͤrli⸗ cherweiſe iſt Mamſell Holm auch eingeladen.“ „Ja, wenn Sie es wuͤnſchen werde ich ſicher kommen.“ Mit einer zufriedenen Miene verließ Adolph die Freundin, und da es noch fruͤh am Abend war, ging dieſe nach Linens Wohnung, um ſie zu beſuchen. Vor der Thuͤr hielt ein Wagen, und ſowohl Line als ihr Sohn Carl waren reiſefertig. Sie wollten, ſagten ſie, einige Tage bei einem, wenige Meilen entfernten, Bekannten zu⸗ bringen. Linens Ausſehen zeigte deutliche Spuren, daß ſie geweint habe, eine ſonderbare Unruhe leuchtete aus ih⸗ rem ganzen Benehmen hervor. Carl war verlegen, und folgte mit bekuͤmmerten Mienen jeder Bewegung der Mut⸗ ter. Maria entfernte ſich gleich, verwundert und faſt ver⸗ ſtimmt uͤber das Unheilverkuͤndende in dieſer kurzen Scene. Mamſell Holm hatte lange im Stillen Mariens und Adolphs Verbindung als zwiſchen ihnen ſelbſt abge⸗ macht angenommen, und Mariens verneinende Ant⸗ wort auf ihre taͤglichen Fragen als Folge einer zwiſchen den Liebenden getroffenen Verabredung, ihre Verbindung bis des Obriſt Heimkunft und gegebener Einwilligung geheim zu halten, angeſehen. Sie wurde demnach ſehr erfreut uͤber die erwaͤhnte Einladung, welche, ſo hoffte ſie ſicher, ein foͤrm⸗ liches Verlobungsfeſt zum Zweck haͤtte. Um die beſtimmte Zeit warf ſie ſich in ihren beſten Putz, und trug auch das Ihrige dazu bei, daß Mariens Anzug ſo zierlich und vortheilhaft wurde, wie moͤglich, und ſchritt dann mit triumphirender Miene neben der beſcheidenen Freundin in den Gartenſaal des Herrenhauſes. Die Geſellſchaft war bereits verſammelt, und beſtand, aaußer dem Obriſten, ſeinen Soͤhnen, Emma und ihrem Vater, aus einem Major, der den Obriſt auf ſeiner Reiſe begleitet hatte. Adolph trat mit vergnuͤgter Miene ſeinen willkommenen Gaͤſten entgegen. Der Obriſt folgte ihm in — 205— einer kleinen Entfernung. Adolph trat einen Schritt zu⸗ ruͤck, und ſtellte die eben Angekommenen ſeinem Vater vor. Wohlgefaͤllig ließ der Obriſt ſeine Blicke uͤber die vor ihm ſtehende, liebliche Geſtalt hingleiten, und ſagte:„Ich habe die Ehre Madam,.“ Weiter kam er in ſeiner Rede nicht. Bei dem erſten Laute ſeiner Stimme ſchlug Maria die bisher geſenkten Augen auf, und beim Anblick dieſer Augen verſtummte er ſelbſt.„Maria Seeburg!“ rief er endlich, und wollte, obgleich etwas verwirrt, ihre Hand ergreifen. „Wilſon!“ ſtammelte ſie mit hinſterbender Stimme, und erblaßte, ſchien aber ein Laͤcheln erzwingen zu wollen, und Alles aufzubieten um ſich aufrecht zu erhalten; ploͤtz⸗ lich aber verſagte ihr alle Kraft, und ſie waͤre niedergeſun⸗ ken, wenn nicht Adolph ſie in ſeine Arme aufgefangen haͤtte. Er ſelbſt war todtenblaß, und zitterte ſo heftig, daß er kaum vermochte, die anſcheinend Lebloſe in ein angraͤn⸗ zendes Zimmer zu tragen. Hier legte er ſie auf ein Sopha, und kniete ſchweigend, aber in ſchrecklicher Gemuͤthsbewe⸗ gung an ihrer Seite. Emma und Mamſell Holm wa⸗ ren gefolgt, und eifrig bemuͤht, durch allerlei Hilfsmittel die Ohnmaͤchtige in's Leben zuruͤckzurufen. Der Obriſt und Philipp hielten die Thuͤr eben geoͤffnet, und guckten hin⸗ ein, ohne zu ſprechen. Endlich ſchlug Maria die Augen auf, hob ſich halb empor, und blickte umher:„Wo bin — 206— ich?“ fragte ſie mit leiſer Stimme. Sie fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, gleichſam um ihre Gedanken zu ſammeln, und bedeckte dann ihr Antlitz mit beiden Haͤn⸗ den. Der Obriſt zog ſich zuruͤck, und machte leiſe die Thuͤr zu. Adolph erhob ſich und fragte:„Wie befinden Sie ſich?“ „Jetzt iſt es gut,“ antwortete Maria, indem ſie ihre Haͤnde von den Augen nahm, und ein Laächeln hervor⸗ zwang.„Es thut mir leid, der Geſellſchaft Ungelegenheit und Stoͤrung verurſacht zu haben.“ „Aber Gott behuͤte! Was war es denn?“ rief Mam⸗ ſell Holm?„Was verurſachte Ihr Unwohlſein? Und wie hing es mit dem Obriſten zuſammen? Wurde Ihnen vor ihm bange?“ Emma beugte ſich uͤber Maria hin, und ſagte: „Sie werden doch, wenn Sie ein wenig ausgeruht haben, zur Geſellſchaft zuruͤckkehren?“ „O nein!“ antwortete Maria, faſt entſetzt:„ich muß nach Hauſe! ich bin ſehr krank.“— Sie erhob ſich ſchnell, konnte aber nicht ſtehen, und ſank auf's Sopha zuruͤck.„Ich danke Ihnen Allen fuͤr Ihre Sorgfalt und Guͤte; aber ich bitte dringend, daß Sie zur Geſellſchaft zuruͤckkehren, und mich einige Augenblicke allein laſſen wollen, dann werde ich mich bald erholen, und Kraͤfte — 207— erlangen, um nach Hauſe gehen zu koͤnnen; der Weg iſt ja nur kurz.“ 1 Mamſell Holm beſtand darauf, ſie nicht verlaſſen zu wollen.„Ich begleite Sie nach Hauſe,“ ſagte ſie:„Ich habe doch keine Ruhe, bevor ich ordentlich mit Ihnen ge⸗ ſprochen.“ „Wenn Sie es wuͤnſchen will ich mich entfernen,“ ſagte Emma und naͤherte ſich der Saalthuͤr; Adolph folgte ganz mechaniſch, und war ſo zerſtreut, daß er ſich uͤberraſcht fuͤhlte, als er ſich von den Menſchen umgeben fand, die er vor Kurzem verlaſſen hatte. Er kam bald wieder zu ſich, indem er das Wechſelge⸗ ſpraͤch der aͤlteren Herren hoͤrte.„Ich verſichere Ihnen,“ ſagte der Obriſt,„Sie ſind in Betreff dieſer Angelegen⸗ heit auf einer ganz falſchen Faͤhrte. Der Vater dieſer jun⸗ gen Dame und ich ſind Unfreunde geweſen; ich fuͤrchte, daß vielleicht... daß unſere Zwiſtigkeit auf ſeine Ge⸗ ſchaͤfte, und dadurch leider auch auf die Lage der Tochter einen nachtheiligen Einfluß gehabt habe. Deshalb wurde ſie beſtuͤrzt, als ſie mich ſah. Es thut mir ſehr leid, es iſt eine niedliche Frau; als ich ſie zuletzt ſah, war ſie noch Kind. Der Vater war ein alter Baͤr und ein dummer Kerl.“ Der Major, ein aͤltlicher Mann und Freund des Obriſts, nickte mit einem ironiſchen Laͤcheln. 82 „Nein, mein Freund!“ rief der Etatsrath aus:„Du — 208— ſollſt mir nicht einbilden, daß Weiber in Ohnmacht fallen, weil ſie mit Jemandem zuſammentreffen, der mit ihrem ſeligen Papa uneins geworden iſt! Ja, waͤre es ein An⸗ derer als Du, ſo moͤchte es hingehen; aber der Major und ich kennen genugſam Deine alten Streiche, Du Meiſter⸗ ſchelm! Wohl eher waren es Deine Uffairen mit der Toch⸗ ter, als mit dem Vater, die dem Geſchaͤfte ſchadeten.“— Beide Herren lachten laut auf, der Obriſt ſchuͤttelte mit verdrießlicher Miene den Kopf;z Philipp, der ganz miß⸗ vergnuͤgt d'rein blickte, konnte ſich doch eines Laͤchelns nicht verwehren, hauptſaͤchlich, da ihm Emma einen ſarkaſti⸗ ſchen Blick zuwarf, und fluͤſternd wechſelten ſie einige Worte mit einander. Adolph zitterte vor Unmuth; ſchnell verließ er das Zimmer, und kehrte gleich zuruͤck, Mariens oben er⸗ waͤhnten Brief in der Hand. Er nahm den Obriſt bei Seite, und ſagte:„Leſe dieſen Brief, mein Vater! Er i*ſt nur fuͤr mich geſchrieben, und nie haͤtte ich mir traͤu⸗ men laſſen, daß irgend etwas in der Welt mich vermoͤgen „wuͤrde, ihn aus meinen Händen zu laſſen; jetzt aber iſt er ein unumſtoͤßlicher Beweis fuͤr die Unſchuld, die tief be⸗ leidigte Unſchuld der edelſten, reinſten Seele, die ich auf jede Weiſe zu vertheidigen entſchloſſen bin. Ich vertraue dieſes mir heilige Papier Deinen Haͤnden an. Leſe es, mein Vater! und wenn Du es geleſen, ſo wirſt Du ſelbſt — 209— am beſten wiſſen was Du zu thun haſt.“ Mit flammen⸗ den Augen und brennenden Wangen ſprach er dieſe Worte, und ſchien nichts dagegen zu haben, daß ſein Bruder, der nicht weit entfernt ſtand, ſie hoͤrte und naͤher trat. Mit einer ernſten Miene ſteckte der Obriſt den Brief zu ſich; Philipp wollte ſeinen Bruder anreden, ſchwieg aber, ungewiß, was er ſagen ſollte; und als ſich Adolph um⸗ wendete, um den Saal zu verlaſſen, machte Philipp eine Bewegung, als um ihn zuruͤckzuhalten, hielt aber doch inne, und ließ ihn gehen. Er eilte auf ſein Zimmer, wie ein verwundeter Loͤwe in ſeine Hoͤhle, wo er, weit von ſeinen Verfolgern ent⸗ fernt, ſeine Klagetoͤne ausſtoßen kann. Ermattet warf er ſich in einen Seſſel, ſprang wieder auf, und fuhr wie ein Raſender im Zimmer umher. Seine Verzweiflung ſchien zugleich ſeinen Kopf zu verwirren, ſo daß er nicht faͤhig war, irgend einen Gedanken feſtzuhalten. Sein Diener, ein junger, ihm innig ergebener Menſch, trat ſchuͤchtern zu ihm hinein, und ſagte:„Madam Blume hat mir befohlen, meinen Herrn zu gruͤßen, und zu ſagen, ſie befaͤnde ſich jetzt ſo wohl, daß ſie ſich im Stande fuͤhle, in Begleitung der Mamſell, die bei ihr iſt, nach Hauſe zu gehen. Sie bat, der Herr moͤge es nicht uͤbel nehmen, daß ſie nicht vermoͤgend waͤre, zur Geſellſchaft zuruͤckzu⸗ kehren, da ſie ſich noch nicht ganz wohl fuͤhle, und der 14 — 210— Ruhe beduͤrfe.“ Durch Mariens Gruß gelangte Adolph wieder zu ſeiner Beſinnung, und mit Hilfe ſeines ſchnellen Gedankenganges begriff er, daß es Ma⸗ riens Wunſch ſei, jedem ferneren Aufſehen zu entgehen, und fuͤhlte zugleich, daß er dieſes Beſtreben nicht verhin⸗ dern duͤrfe. Auch fand er eine Erleichterung darin, ſie von der anweſenden Geſellſchaft entfernt zu wiſſen, und da nun alſo der Diener hinzufuͤgte, daß es bereits weit uͤber die beſtimmte Speiſezeit hinaus ſei, nahm er ſeinen ganzen Muth zuſammen, befahl, daß angerichtet wuͤrde, und begab ſich zu ſeinen Gaͤſten, wo er ſich waͤhrend des Mittagseſſens mit einer Kraft, die man faſt verzweifelt nennen koͤnnte, anſtrengte, ein artiger Wirth zu ſein. Sein Vater betrachtete ihn mit einer bekuͤmmerten Miene, er bemerkte, daß er nur den Schein annahm, als ob er von den Gerichten eſſe, obgleich er gar nichts genoß, au⸗ ßer Wein, deſſen er ein Glas nach dem andern leerte. Auch dem Obriſten koſtete es Anſtrengung, ſeine gewoͤhn⸗ liche gute Laune zu zeigen; auch er konnte nichts genießen, und ſobald die Mahlzeit beendet war, entfernte er ſich, und verſchloß ſich in ſein Zimmer. Adolph, der ſeine Rolle nicht laͤnger aushalten konnte, gab vor, daß wich⸗ tige Geſchaͤfte ihn zwaͤngen, ſeine Gaͤſte zu verlaſſen, und bat Philipp, an ſeiner Statt fuͤr ihre Unterhaltung zu ſorgen. Es wurde eine Spatzierfahrt verabredet, ein Wa⸗ — 211— gen angeſpannt, und wenige Minuten darauf war es auf dem Gute ſo ſtill, wie es dort gewoͤhnlich zu ſein pflegte. Wieder in ſeine einſame Freiſtatt zuruͤckgekehrt, that Adolph den erſten Schritt, der zur Faſſung und Ruhe fuͤhrt: er bemuͤhte ſich, dem Ungluͤck in's Auge zu ſchauen, und ſich den ganzen Umfang deſſelben klar zu machen. „Maria iſt fuͤr mich verloren!“ ſagte er:„ihre erſte und einzige Liebe lebt noch in ihrem Herzen. Das habe ich immer gefuͤrchtet; und jetzt, jetzt ſehe ich es vor meinen Augen. Und dieſer ſo verhaßte Nebenbuhler, den ich ver⸗ achtet, dem ich geflucht habe, den ich von der Erde ver⸗ tilgt wuͤnſchte, auf daß weder ſie noch ich je ihm begegne⸗ ten, mit ihm ſind wir zuſammengetroffen! Und dieſer Wilſon, in deſſen Namen jeder Buchſtabe mir ein boͤſes Zeichen war, der iſt kein Wilſon! Bis auf den Namen iſt Alles falſch! Mein Vater iſt er, mein liebevoller, hoch⸗ geſchaͤtzer Vater,... ja mehr als Vater: mein beſter, mein einziger Freund! O Gott! welches Schickſal! Nicht nur ſie verliere ich, die ich liebe, die ich bis an's Ende meines Lebens lieben werde, ſondern auch ihn verliere ich, den ich von Anbeginn meines Lebens geliebt habe; ich ver⸗ liere ſie durch ihn, und ihn durch ſie! Gibt es einen groͤ⸗ ßern Schmerz, als haſſen muͤſſen, was man liebt, und lieben muͤſſen, was man haſſet!— Wozu aber nuͤtzen dieſe fruchtloſen Klagen? Bin ich denn von Himmel und 14* — 212— Erde verlaſſen? Ich bin doch unſchuldig an all' dieſer Verwirrung; iſt es denn nicht erbaͤrmlich, daß ich ſo gaͤnz⸗ lich den Muth verliere? Im Ungluck ſoll ja der Mann zeigen, aus welchem Erz er gebildet iſt. Laß mich nach⸗ denken! was kann geſchehen? Genugthuung iſt mein Va⸗ ter der Verkannten ſchuldig, die um ſeinetwillen ſo viel gelitten hat, deren Ehre ſogar durch das ungluͤckliche Zu⸗ ſammentreffen dieſes Tages beleidigt iſt. Sollte er ihr ſeine Hand anbieten? O Gott! und ich! und die arme Line und Carl! Ich dachte immer, daß einſt... O Traͤume! Thoͤrichte Jugendtraͤume! Verſchwundene gluͤckliche Tage! Vergeſſene Eide! ihr gleicht den alten Buͤchern, die nur Wenige hervorſuchen, um ſie wieder zu leſen. Ach Maria! In meinen Armen wuͤrdeſt Du gluͤcklicher ſein, als in den ſeinigen. Wenn Deine Schoͤn⸗ heit verbliche, wuͤrde ich Dich nicht weniger lieben; die Lilie, deren ſchlanker Stengel ſich der Erde zuneigte, wuͤrde ich mit doppelter Zaͤrtlichkeit aufrichten, und mit meinen treuen Armen unterſtuͤtzen; ich wuͤrde ſie ſchoͤn finden in dem demuͤthigen Hinabneigen des feinen Haup⸗ tes; ſie wuͤrde mir lieblich und doppelt unentbehrlich er⸗ ſcheinen in meiner Furcht, ſie verſchwinden zu ſehen. Er aber! ſeine Liebe iſt nicht wie die meinige! er ſieht nicht die Pſyche im Schmetterlinge. Er faͤngt ihn, ſpielt mit ihm, und wirft ihn weit von ſich, wenn der Staub von — 213— ſeinen bunten Fluͤgeln verwiſcht iſt. Aber Maria liebt ihn! Ach, dieſes Verdienſt wiegt Alles auf.“ Adolphs Betrachtungen wurden von einem leiſen Klopfen an ſeiner Thuͤr unterbrochen. Da dieſe nicht verſchloſſen war, mochte er in ſeiner unmuthigen Stim⸗ mung dem Klopfenden kein„Herein“ zurufen. Als aber dieſes Klopfen in kleinen Zwiſchenraͤumen wiederholt wurde, ging er endlich nach der Thuͤr, und riß diefe auf. Langſam trat ſein Vater ein, und ſagte mit faſt furcht⸗ ſamer Stimme:„Ich habe lange vor Deiner Thuͤr ge⸗ ſtanden, ich fuͤrchtete, Dich zu ſtoͤren, deshalb trat ich nicht ein.“ Mit mehr Faſſung fuͤgte er hinzu:„Komm, mein guter Adolphl Setze Dich zu mir, und laß uns mit einander ſprechen, wie alte Freunde. Wir ſind es ja.“— Er zog Mariens Brief hervor, und uͤbergab ihn ſeinem Sohne mit den Worten:„Ich habe dieſen Brief mit gro⸗ ßer Ruͤhrung und eben ſo großer Ueberraſchung geleſen. Ja, was ſoll ich ſagen? Ich ſtehe ja hier wie ein Suͤnder, und habe freilich mehr gut zu machen, als eigentlich in eines Menſchen Macht ſteht. Doch kann ich nicht ein⸗ ſehen, daß mein Unrecht ſo entſetzlich groß ſei, wie es den Anſchein hat, wenn man dieſen Bericht lieſt,... nicht, daß ich damit ſagen wollte, er enthalte etwas Unwahres. Nein, weit entfernt! Jedes Wort, das mich betrifft, iſt die reinſte Wahrheit, und hat in mir dieſe Erinnerungen — 214— aufgefriſcht, die, ich geſtehe es, aus meiner Seele ſo gut wie verwiſcht waren. Aber, du lieber Gott!„„Wer rein iſt, werfe den erſten Stein.““ Es war dies zur Zeit meiner Landfluͤchtigkeit, als ich naͤmlich, wie Du weißt, mich ſelbſt landfluͤchtig machte, bis Zeit und Gerechtigkeit den Schatten wuͤrden aufgeklaͤrt haben, der uͤber meinem guten Namen und Rufe weilte. Von meinem Amte ſus⸗ pendirt, einer gerichtlichen Unterſuchung unterworfen, die ich freilich zu fuͤrchten nicht Urſache hatte, befand ich mich doch in einer ſo mißlichen Lage, daß ich mich nicht blicken laſſen mochte, aus Furcht, eine unangenehme Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen. Wo ich mich deshalb hie und da im noͤrdlichen Deutſchland aufhielt, gab ich mir vor Fremden und Unbetheiligten dieſen oder jenen Namen, wie es mir eben einfiel. So gelangte ich in der hier bezuͤglichen Sache zu dem Namen Wilſon. Mit dem Kaufmanne, der dem alten Seeburg das Geld ausbezahlte, hatte ich die Uebereinkunft getroffen, daß er meinen wirklichen Namen dieſem Philiſter nicht nannte,— denn als einen ſolchen mußte ich, ſchon ehe ich ihn ſah, den Mann betrachten, der ſeine junge Tochter allein und ohne Schutz nach dem Orte ſandte, wo ich ſie zum erſten Male erblickte. Die Scene, deren Zeuge ich war, das Benehmen und die Schoͤnheit des Maͤdchens, mußten natuͤrlicherweiſe jedes Menſchen Theilnahme rege machen. In der beſten Abſicht — 215— naͤherte ich mich ihr. Bei unſer'm naͤchſten Zuſammen⸗ treffen aber trat mir ihre unſchuldige Liebe ſo klar entgegen, daß es mir unmoͤglich war, dem Zauber zu widerſtehen, der mein ganzes Weſen ergriff. Ich verliebte mich foͤrm⸗ lich in dieſes Kind, und, wie ich ohne alle Freude und Auffheiterung war, uͤbergab ich mich unbedachtſam dem Gluͤcke, welches ich fuͤhlte, indem ich dieſes unſchuldige Herz fuͤr mich ſo eingenommen ſah. Dieſe Unbedachtſam⸗ keit iſt meine einzige Schuld; denn Gott weiß es, daß kein Plan, am allerwenigſten ein ſtrafbarer, in meinen Gedanken entſtand, auch ließ ich mich an ihrer Seite kei⸗ nen Augenblick von meiner inneren Verſuchung uͤberraſchen. Und hier muß ich auch, der Wahrheit zur Ehre, geſtehen, daß bei aller Ergebenheit, die mir das junge Maͤdchen be⸗ wies, doch Etwas war, was ich weder zu nennen, noch zu beſchreiben weiß, aber Etwas, welches ſelbſt den Ruch⸗ loſeſten haͤtte im Zuͤgel halten muͤſſen. Als ihr dummer, roher Vater mit plumpen Haͤnden in dieſes unſer ſtilles Verhaͤltniß eingriff, beleidigte und reizte er mich in ſo hohem Grade, daß in dieſem Augenblicke jedes andere Gefuͤhl verſtummte. Spaͤter, in ruhigerer Stimmung, aͤngſtigte mich der Gedanke an die Tochter. Was aber ſollte ich thun? Auf ſeinen Vorſchlag eingehen, mich mit einem Kinde verloben, das juͤnger war, als mein juͤngſter Sohn, mit einem— trotz allen ihren Vorzuͤgen— nach den An⸗ — 2146— ſpruͤchen der Welt, unbedeutenden Maͤdchen, mit der Toch⸗ ter eines ſolchen Vaters! Obendrein gleichſam gezwungen von dieſem Grobian! Wie laͤcherlich wuͤrde ich nicht in meinen eigenen, meiner Kinder und in den Augen der Welt dageſtanden haben— Ich war gezwungen, den folgenden Abend nach Hauſe zu reiſenz vor meiner Abreiſe erkundigte ich mich nach Marienz der Freund aber, den ich in dieſem Auf⸗ trage abſandte, kam nur mit der Nachricht zuruͤck, der Vater habe ſich inſolvent erklaͤrt, und ſeine Tochter bei einer Ver⸗ wandten untergebracht. Vor Abend ſandte er mir die ihm an⸗ geliehene Summe, nebſt einem groben Briefe. Ich kam in meine Heimath zuruͤck, hatte genug Anderes zu bedenken, und ſonſtige Gegenſtaͤnde und Verhaͤltniſſe brachten jene Bege⸗ benheit nach und nach in Vergeſſenheit. Doch habe ich mich verſchiedentlich, in Briefen an meinen Freund in Hamburg, nach Marien erkundigt, aber vergebens. Nun ſteht ſie heute unerwartet vor meinen Augen! Zehn⸗ mal ſchoͤner, als in jenen Tagen, und doch ganz Dieſelbe! Der Blick, den ſie auf mich heftete, bevor ſie, immer blaſ⸗ ſer werdend, hinſank, gleichſam durch meinen Anblick ent⸗ ſetzt, dieſer Brief, den Du mich haſt leſen laſſen, dieſes Alles belebte, ja ich moͤchte ſagen, entflammte zu wirkli⸗ chem Feuer die Liebe, die fruͤher nur gleichſam in der Aſche glimmte. Ich habe ihr Schmerz und Thraͤnen verurſacht, um meinetwillen iſt ſie verkannt worden. Ja ſogar der — 217— heutige Auftritt gibt ſchadenfrohen Zungen Anlaß, ihrer Luſt den Zuͤgel ſchießen zu laſſen. Ich bin ihr großen Er⸗ ſatz ſchuldig, und auf Antrieb, ſowohl meines Gewiſſens als meines Herzens, wuͤrde ich ſchon bei ihr geweſen ſein, um ſie anzuflehen, meine Hand anzunehmen, wenn mich nicht eine einzige Betrachtung zuruͤckgehalten haͤtte. Du haſt ſie geliebt! vielleicht iſt ſie noch der Gegenſtand Dei⸗ ner Hoffnungen! Soll Dein Vater Dein Nebenbuhler ſein? Kannſt Du ſie ohne Bitterkeit in einem ſo ganz an⸗ dern Verhaͤltniſſe zu Dir ſehen, als welches Du Dir ge⸗ dacht und gewuͤnſcht hatteſt?“ Waͤhrend dieſer ganzen langen Rede hatte Adolph mit in einander geſchlungenen Armen, die Augen auf den Fußboden geheftet, regungslos dageſeſſen. Nachdem der Obriſt ſchon zu reden aufgehoͤrt hatte, verharrte er noch in dieſer Stellung.—„Antworte mir, mein Sohn!“ ſagte der Obriſt:„Dein Vater hat zu Dir geſprochen, wie ein Freund, und verdient doch eine Antwort.“ Adolph. fuhr zuſammen, als erwachte er aus einem Traume. Nach einem Seufzer, der aus einem Abgrunde des Schmerzes hervorzutoͤnen ſchien, ſagte er:„Ach! was ſoll ich antworten? Verſetze Dich ſelbſt in meine Lage! Was ſich heute begeben hat, habe ich weniger gedacht, als daß der Himmel uͤber mich zuſammenſtuͤrzen koͤnnte. Aber .. ich habe Alles gehoͤrt, was Du eben ſagteſt, jedes — 218— Wort hab' ich verſtanden, ja ich hatte mir ſchon etwas Aehnliches gedacht. Du haſt Recht, Du biſt ihr einen großen Erſatz ſchuldig, und Du kannſt ihn ihr geben; denn ſie... ja ſie liebt Dich. Sie hat lange genug gelitten, laß Sie nun gluͤcklich werden! Ich liebe ſie aufrichtig ge⸗ nug, um dies ſelbſt zu wuͤnſchen. Welches Recht hab' ich uͤberdies auch an ihr? Du haſt ihre Worte ja ſelbſt gele⸗ ſen. Die Meinige wuͤrde ſie ja doch nicht werden.“ Mit einem Ausbruch der Freude und Zaͤrtlichkeit er⸗ griff der Obriſt ſeine Hand:„Nun erkenne ich meinen Adolph wieder!“— Adolph wendete ſich von ihm ab:„O mein Vater! verzeihe mir, ich kann in dieſem Augenblicke Deine Liebe nicht erwiedern. Auch kann ich nicht hier bleiben und Zeuge ſein... Ich reiſe noch in dieſer Stunde fort. Laß es kein Aufſehn erregen. Alle unſere Bekannte wiſſen, daß ich mit unſern. Verwandten in Holſtein Geſchaͤfte gehabt habe. Sage ihnen Allen, ſage Marien, daß mich eine uner⸗ wartete Nachricht gezwungen, gleich dahin abzureiſen. Ich reiſe aber nicht dahin, ich reiſe umher, wohin mich der V Wind treibt. Wenn ich mich gefaßt, mir einige Ruhe er⸗ kaͤmpft habe, dann kehre ich zuruͤck. Bis dahin bitte ich Dich, keinen Brief von mir zu erwarten, auch nicht an mich zu ſchreiben. Ich wuͤnſche uͤber Alles, was hier zu Hauſe vorgeht, in voͤlliger Unwiſſenheit zu bleiben. Ich — 219— will es erſt erfahren, wenn ich es mit eignen Augen zu ſe⸗ hen ertragen kann.“ „Wie Du willſt, mein Sohn! ich will mich ganz nach Deinen Wuͤnſchen richten. Kann ich Dir ſonſt in nichts dienen? Haſt Du Geld genug zur Reiſe?“ „Ich danke Dir, ich habe Geld; es wurde mir ge⸗ ſtern einiges ausbezahlt. Ich habe nur noch mit meinem Verwalter fuͤr die Zeit meiner Abweſenheit etwas zu ord⸗ nen; mein Diener ſoll unterdeſſen einpacken, und ſich ſelbſt fertig machen, mich zu begleiten.“ „Wann ſehen wir uns wieder?“ „Das weiß nur Gott.“ „Nun, ſo lebe wohl, mein lieber Sohn! Willſt Du mich nicht noch zum Abſchiede umarmen? Zuͤrnſt Du mir?— Adolph wendete ſich zum Obriſten, Thraͤnen ſtanden dieſem in den Augen; er warf ſich in des Vaters Arme, und druͤckte ihn mit krampfhafter Heftigkeit an ſeine Bruſt. Darauf riß er ſich los, zog ſchnell und heftig am Glockenſtrange, und eilte in's naͤchſte Zimmer. Der Obriſt ging in das ſeinige zuruͤck, und nach Verlauf von anderthalb Stunden ſah er ſeinen Sohn auf dem kleinen Wagen, den dieſer zu ſeinem eignen Gebrauch zu benutzen pflegte, ſeinen Diener als Kutſcher, das Gut verlaſſen. Auf Mamſell Holms Arm geſtuͤtzt, hatte Maria ihre Wohnung erreicht, nicht ohne Muͤhe, denn ſie fuͤhlte — 220— ſich nicht nur ſehr matt, ſondern fieberhaftes Zucken und Hitze durchſtroͤmte ihre Adern. Ihre geſchwaͤtzige Freun⸗ din konnte ſich trotz ihrer Theilnahme doch nicht enthalten ſie mit tauſend Fragen zu beſtuͤrmen.„Wie mich dies Alles aͤngſtigt, beſte Madam Blume! Es iſt beſtimmt Etwas nicht wie es ſein ſollte! Du lieber Gott! verhehlen Sie mir es doch nicht, was es denn auch iſt. Sie kennen den Obriſt Lidner? Weshalb aber haben Sie dies nie weder mir noch ſeinem Sohne geſagt?“ „Weil ich ihn nicht unter ſeinem wirklichen Namen kannte.“ „Ei, daß ſich Gott erbarme!— ja der Obriſt hat freilich das Wort, eben nicht zu den Beſten zu gehoͤren. Aber ſagen Sie mir nun ,liebe Freundin,— Sie wiſſen, ich halte viel von Ihnen, und bin Ihnen treu— es ſieht doch aus, als. mir iſt wirklich bange, daß der Obriſt .. daß er, wollte ich ſagen, ein alter Geliebter von Ih⸗ nen iſt.“ „Ach nein! kein Geliebter, aber... in meiner erſten Jugend bin ich mit ihm zuſammengetroffen, und“... „Und haben ſich gegenſeitig geliebt, nicht wahr?“ „Ja, ich glaube, daß.. ich ihn geliebt habe.“ „Nun in Gottes Namen! Aber wie ging es dann weiter?“ — 221— „Mein Vater und er wurden Unfreunde.— Aber liebe Holm! ich bin wirklich ſo krank, und die ganze Ge⸗ ſchichte iſt ſo wenig intereſſant, oder von Bedeutung, daß ich Ihnen in dieſem Augenblicke unmoͤglich mehr daruͤber mittheilen kann. Im Ge genommen iſt auch nicht mehr daruͤber zu ſagen, als ich ſchon geſagt habe, und das iſt wahr.“ Mamſell Holm verſchob nun die Nachforſchung uͤber dieſe Sache bis auf eine gelegnere Zeit, welche ſie jedoch nicht zu weit hinauszuſchieben ſich vornahm. Maria hatte ſich auf ein Sopha gelegt, und da ſie allein zu ſein wuͤnſchte, ſtellte ſie ſich, als ob ſie ſchliefe. Mamſell Holm verließ das Zimmer, und als ſich Maria von menſchli⸗ chen Augen ungeſehen glaubte, gab ſie ihrem geaͤngſteten Herzen in einem Strome von Thraͤnen Luft. Eine Bewe⸗ gung im Zimmer veranlaßte ſie, ſich umzuſehen, und nun entdeckte ſie die kleine Liſe, die ihr zu Haͤupten ſtand, ganz ruhig, waͤhrend große Thraͤnen uͤber ihr kindliches Antlitz hinabrollten.„Meine Liſe!“ rief Maria, und ſtreckte den Arm aus, um ſie zu ſich zu ziehen:„Weshalb weinſt Du?“ „O Mutter! weil Du weinſt, weil Du krank biſt. Ich bin ſehr betruͤbt! mir iſt ſo bangel ich weiß nicht wo⸗ vor. Victor iſt zu des Verwalters Kindern gegangen. Ich war bei Stinen allein zu Hauſe, da kam es mir vor, — 222— als wuͤrdeſt Du nicht wieder zu uns zuruͤckkehren, und mir wurde ſo angſt.“ Maria hob das kleine Maͤdchen zu ſich empor, umarmte und troͤſtete es; ſie legte das lieb⸗ liche Haupt neben ſich auf, fis Kiſſen„ und es ſchien ihr, als ob die Naͤhe des reiter en Kindes beruhigend auf ſie wirke, ſo daß ſie am Ende wirklich einſchlief. Mamſell Holm weckte ſie, indem ſie leiſe ihre Hand faßte, und mit vergnuͤgtem Antlitze ſagte:„Nun mein liebes Frauchen! Verzeihung daß ich Sie aus Ihrem ſuͤ⸗ ßen Schlafe wecke, aber hier gibts Neues; ſehr gutes, vortreffliches Neues! Es iſt hier ein Beſuch fuͤr Sie. Wer meinen Sie wohl? Der Obriſt ſteht draußen, und bittet dringend um eine Unterredung mit Ihnen. Ja man mag vom Obriſt Lidner ſagen, was man will; ein unwider⸗ ſtehlicher Menſch iſt er doch. Er ſagte zu mir:„„Liebe Mamſell Holm! Wir Beide ſind ja alte Bekannte. Le⸗ gen Sie ein gutes Wort fuͤr mich ein! Verſchaffen Sie mir eine halbſtuͤndige Audienz bei Ihrer ſchoͤnen Freundin! Es iſt mir von der groͤßten Wichtigkeit, mit ihr zu ſpre⸗ V chen.“— Seh'n Sie, meine Beſte! ein ſolcher Mann iſt der liebe Gott! Alles kann noch ſehr gut werden. Ja, der Menſch denkt, und Gott lenkt.“ Waͤhrend dieſer Rede hatte ſich Maria von ihrem Lager erhoben, ihr halb herabgefallnes Haar in Ordnung gebracht, und ſich in einen Shawl gewickelt, der ſie vom — 223— Kopf bis zum Fuß verhuͤllte.„Bitten Sie den Obri ſt, her⸗ einzukommen,“ ſagte ſie mit etwas zitternder Stimme, und ſehr vergnuͤgt lief Mamſell Holm ſogleich zur Thuͤr, und oͤffnete dieſe mit einer tiefen Verbeugung. Der ſchlanke, noch ſchoͤne Mann, trat beſcheiden ein. Die kleine Liſe, die an Mamſell Holms Hand das Zimmer verließ, rich⸗ tete im Voruͤbergehen ihre großen blauen Augen auf den glaͤnzenden Fremden, der mit einem freundlichen Kopfni⸗ cken ſeinen Blick uͤber das ſchoͤne Kind hingleiten ließ. Schnell eilte er auf Max ia zu, die ihm einige Schritte entgegentrat; er ergriff ihre Hand; mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck blickten ſie einander ſchweigend an. Maria machte eine Bewegung, als um ihn zu bitten, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen; er aber nahm einen Stuhl, und ſetzte ſich ihr gegenuͤber. Lange ſprachen ſie miteinander. 4 Als er gegangen war, ſchien Maria ganz entkraͤftet; ſie ließ ſich auf keine eigentliche Beantwortung der von Mamſell Holman ſie gerichteten Fragen ein, ſondern ſuchte Ruhe, deren ſie ſehr beduͤrftig zu ſein behauptete. Am folgenden Vormittage kam der Obriſt wieder. Er und Maria pflogen abermals ein langes Zwiegeſpraͤch, und als er ging bemerkte Mamſell Holm zu ihrer Freude, daß er die Hand ihrer Freundin mit inniger Waͤrme kuͤßte, und an ſeine Bruſt druͤckte. — 224— Am folgenden Tage ſandte er, nach Mariens Wunſche, Adolphs Reiſewagen, in welchem dieſer Freund die kleine Familie nach dem Gute hinausgebracht hatte, die nun, ohne ihn, nach Kopenhagen zuruͤckkehrte, und ihre demuͤthige Wohnung am Hafenwege bezog. XII. Es war wieder Weihnachtsabend. Adolph fuhr den ſogenannten Koͤnigsweg, und erblickte in der Daͤmmerung die Thuͤrme Kopenhagens am nebligen Horizonte. In ſeinen Mantel gehuͤllt, die Wintermuͤtze tief uͤber die Stirn herabgezogen, ſaß er in dem kleinen, leichtbepackten Wa⸗ gen, neben ſeinem Diener, der die fluͤchtigen Roſſe lenkte. „Seh'n Sie nur, wie ſie eilen; ſie ſpuͤren wahrlich die Naͤhe der Heimath, und ſogar den armen Thieren iſt dieſe lieb,“ ſagte der Diener in einem Tone, welcher deutlich zeigte, daß er mit den Pferden einerlei Meinung ſei. „Ach!“ ſeufzte Adolph fuͤr ſich:„Dieſe unerklaͤrbare Sehnſucht nach der Heimath iſt es ja auch, die mich hier⸗ her zuruͤcktreibt. Und jetzt, da ich dieſe wohlbekannten Thuͤrme erblicke, will es mich beduͤnken, als winkten und rie⸗ fen ſie mir zu: Kehre um! Kehre um!— Nein! ich kehre nicht um! Feiges Herz! was fuͤrchteſt du? Hab' ich mir nicht hundert Male ſelbſt geſagt, wie ich hier Alles vor⸗ finden wuͤrde?— Sie iſt meine Stiefmutter, oder nahe daran, es zu werden! Weshalb kann ich es nicht ebenſo 15 . — 226— gut ſehen als wiſſen? Liegt nicht immer ein Heilmittel in der Gewißheit, der Wahrheit, der Selbſtzufriedenheit, die man fuͤhlt, wenn man ſein Ungluͤck muthig und wuͤrdig traͤgt? Und welche Qual iſt mir nicht die Sehnſucht gewe⸗ ſen! wie hab' ich mich nach ihr geſehnt! wie mich geſehnt, ihre Augen zu ſchauen, ihre Stimme zu hoͤren! Sie hat mich doch lieb! Mit gedoppelter Freundſchaft wird ſie jetzt mich zu troͤſten ſuchen. Aber Maria meine Stiefmut⸗ ter! Egoiſtiſche Betrachtungen! Gleichviel! ſie wird froh und gluͤcklich ſein. Soll ich meine Geliebte beneiden?— Und mein Vater! Die Entbehrung meiner hat ihn betruͤbt, in all' ſeiner Gluͤckſeligkeit als ein finſt'rer Schatten vor ihm geſtanden, das weiß ich gewiß, obgleich es mir Nie⸗ mand geſagt hat. Friſchen Muth! ich will Beide ſeh'n! ich will Marien zeigen, daß meine Liebe nicht daͤmoni⸗ ſcher Natur war.“ Adolph wollte doch nicht gerade nach ſeines Vaters Hauſe fahren. Er ſtieg in einem Wirthshauſe ab, kleideke ſich um, und eilte nun durch die Straßen dem wohlbekann⸗ ten Hauſe zu. Es war ein finſterer Abend. Die matte Flamme der Straßenlaternen flatterte vor dem Winde. Mit klopfendem Herzen blickte Adolph zu den Fenſtern der alten Heimath empor. Es war dort ſtark erleuchtet. Neue prachtvolle Gardinen in verſchiedenen Farben waren zuſammengezogen, und leuchteten, mitttelſt der vielen in⸗ 227— nerhalb derſelben brennenden Lichter, wie Transparente. Er blieb einen Augenblick ſtehen, bevor er Muth ſammeln konnte, die Klingel zu ziehen. Schnell oͤffnete ſich nun die Thuͤr. Auch der Vorplatz, wie die Treppe waren ungewoͤhnlich erleuchtet. Adolph ſchlich leiſe uͤber den Hof und die Hintertreppe hinauf. Auch hier deutete Alles eine Feſtlichkeit an, zwiſchen der Kuͤche und den Zimmern wurden die Thuͤren auf⸗ und zugeſchlagen. Diener eilten hin und her. Einer derſelben naͤherte ſich dem Kommen⸗ den. Es war des Obriſten eig'ner alter Diener, der, ſo⸗ bald er Adolph wiedererkannte, laut ausrief:„Nun, Gott ſei Dank! lieber, guter Herr Lidner! Jetzt wird erſt die rechte Freude beginnen.“— Adolph winkte ihm, zu ſchweigen, und bat ihn dann, ihm vorlaͤufig nach ſei⸗ nem fruͤheren Zimmer zu leuchten.—„Mit dem groͤßten Vergnuͤgen, es ſteht wirklich noch Wenſo, wie Sie es ver⸗ ließen.“ Als ſie nun ganz ſtill und unbemerkt dort angelangt waren, ſagte Adolph mit etwas unſicherer Stimme: „Wie ich merke, iſt hier im Hauſe dieſen Abend wohl Geſellſchaft?“ „Ja, wir haben heut' Abend große Mittagsgeſellſchaft. Ich ſage heut' Abend, weil ſie bei Licht zu Tiſche gingen, und jetzt wohl eben bei'm Deſſert ſind. Die Hochzeit wurde geſtern in aller Stille begangen, doch waren deshalb Braut 15* * — 228— und Braͤutigam nicht weniger froh. Sie moͤgen aber glau⸗ ben, daß der Herr Obriſt, bei aller ſeiner Freude, Sie ver⸗ mißte. Als ich ihn angekleidet hatte, ſagte ich, was wahr iſt:„Nun das weiß Gott, der Herr ſehen aus, als zaͤhlten Sie erſt dreißig Jahre. Die neue Uniform kleidet Ihnen ganz beiſpiellos, und die Freude traͤgt wohl das Ihrige dazu bei, denn ich weiß wohl, daß der Herr Obriſt uͤber die Maaßen vergnuͤgt ſind.“— Wiſſen Sie aber, was er da antwortete?—„„Ja,““ ſagte er:„„haͤtte ich nur meinen Sohn Adolph hier, dann wuͤrde mir dieſer freilich ein rechter Freudentag ſein.““ „Nun wohl denn, ſo gehe hin und ſage ihm, daß ſein Sohn Adolph hier ſei. Sage es ihm aber ſo, daß ſonſt Niemand es hoͤrt. Bitte ihn, zu mir zu kommen, daß ich mit ihm ſprechen koͤnne. Ich bin nicht gekleidet, um in eine Geſellſchaft zu gehen, wie dieſe.“ „O! Sie ſind ſehr gut, wie Sie eben ſind! Gehen Sie doch ja hinein, um die ſchoͤne Braut zu ſehen. Ja, Sie kennen ſie wohl, und wiſſen, daß ſie huͤbſch iſt, heute aber iſt ſie gewiß ſchoͤner, als je zuvor.“ Als Adolph allein geblieben, fuͤhlte er ſich von al⸗ lem Muth verlaſſen. Er ſetzte ſich, denn die Stube ſchien mit ihm rund zu laufen. Nicht lange dauerte es, bis der Obriſt ſchnell in's Zimmer trat, auf ſeinen Sohn zueilte, ihn umarmte, und geruͤhrt und froh ſagte:„Willkommen! — 229— Tauſend Mal willkommen, mein Adolph! Komm mit mir zu unſerer Geſellſchaft, dann erſt werde ich merken, daß wir ein Familienfeſt feiern.“ „Lieber Vater! verſchone mich! Fuͤr heut' Abend iſt es mir hinlaͤngliche Freude, Dich geſehen und umarmt zu haben! Morgen will ich kommen! Ach! ich glaubte mich ſo ſtark; aber der Anblick dieſer Feſtlichkeit... ich weiß nicht... habe Nachſicht mit mir!“ „Was meinſt Du? Kann Dich Deines Bruders Gluͤck ſi 9 verſtimmen?“ „Meines Bruders? Was ſagſt Du?“ „Ja, weißt Du nicht, daß geſtern Dein Bruder ſeine Hochzeit mit Emma feierte?“ Adokph ſtand einen Augenblick, wie ſtumm. Eine ploͤtzliche Roͤthe faͤrbte ſeine Wangen. Endlich ſtammelte er:„Meines Bruders und Emmas Hochzeit war es? Nicht Deine und...“ „Und Mariens? Wollteſt Du das nicht ſagen? Aber mein Gott! haſt Du denn nicht meinen Brief erhal⸗ ten, den ich zwei Tage nach Deiner Abreiſe nach Ham⸗ burg ſandte?“ „Nein! ich bin gar nicht in Hamburg geweſen, ich reiſete in Schweden und Norwegen umher.“ „Nun, da ſiehſt Du die guten Folgen Deines Ver⸗ bots gegen alle Nachrichten aus der Heimath. Ich brach — 230— mein Verſprechen, um Dir einen Troſt zu bringen, deſſen ich Dich beduͤrftig glaubte, den naͤmlich, daß mir Maria gleich einen foͤrmlichen Korb gab.“ „Wie? Sie hat Deine Hand ausgeſchlagen! Iſt es moͤglich? Ich glaubte ſicher, daß ſie Dich liebte.“ „Ja, die Wahrheit zu ſagen, das glaubte ich auch; und ganz bin ich, was dieſe Sache betrifft, auch noch nicht im Reinen, außer in dem Punkte, daß ſie mir ein entſchie⸗ denes Nein geſagt hat, das iſt rein und klar.“ „O lieber Vater! Erzaͤhle mir, was ſie geſagt hat! Sage mir Alles!“ „Jetzt haben wir keine Zeit! Die Geſellſchaft vermißt mich.“. „Ol die bedarf Deiner weniger als ich. Erleichtere, ich bitte Dich, durch Deine Worte mein Gemuͤth! Du weißt nicht, wie ich mit mir ſelbſt gekaͤmpft, was ich ge⸗ litten habe.“ „Nun ja! Das iſt bald erzaͤhlt; und ich will Dir das Ganze ehrlich mittheilen, ſo wie es mir vorgekommen iſt. Als ich am Abend Deiner Abreiſe zu ihr ging, war mir warm um's Herz. Aus ihrem Briefe an Dich, den ich vor Kurzem geleſen, hatte ich foͤrmlich eine ſuͤße Schwaͤr⸗ merei eingeſogen. 3 Flehen um Vergebung des vielen Un⸗ gemachs, welches ich ihr wider meinen Willen zugefuͤgt, Liebes⸗Erklaͤrungen, brennende Wuͤnſche ſtroͤmten uͤber — 231— meine Lippen. Ich hatte in dieſem Augenblicke von mei⸗ nem Alter dreißig Jahre abgeſchuͤttelt. Schweigend und ſtill hoͤrte ſie mich an, doch aber in ſichtlicher Bewegung, ſie betrachtete mich mit dieſen unbeſchreiblich bezaubernden Augen, in denen ich die erwuͤnſchte Antwort zu leſen glaubte, und es wollte mich beduͤnken, als ſammelte ſie ihre Gedan⸗ ken, bevor ſie mir antwortete mit einer Stimme, ſo ſanft, ſo ſuͤß, daß ich ſie noch zu hoͤren meine. Sie danke mir, ſagte ſie: dieſen Tag werde ſie ſtets als einen gluͤcklichen Wendepunkt ihres Lebens betrachten, weil ich durch mein ſchmeichelhaftes Anerbieten, durch meine unverſtellte Guͤte ſie uͤberzeugt habe, daß ich ſie nicht verachte, noch ver⸗ ſchmaͤhe, ein Gedanke, der ihre Seele immer bedruͤckt, wenn ſie in beſſeren Augenblicken es gewagt habe, ihr Haupt emporzuheben. Sie habe mir Nichts vorzuwerfen; da ich ihre Geſtaͤndniſſe geleſen, ſei mir ihre Geſinnung bekannt, und Nichts weiter habe ſie hinzuzufuͤgen. Mir aber ihre Hand zu reichen, ſchlug ſie unumwunden aus. „„Sie wiſſen es,““ ſagte ſie,„„Ihr Sohn liebt mich. Behuͤte mich Gott, daß ich, als ein boͤſer Genius zwiſchen Vater und Sohn ſtehen, ein ſo heiliges Verhaͤltniß ſtoͤren ſollte! Es koͤnnte mich uͤberdies niemals Etwas erfreuen, was Adolph⸗Lidner betruͤbte. Er iſt der Edelſte, den ich kenne, und was ich ihm verweigert habe, werde ich keinem andern Manne einraͤumen.““— Ich will es Dir — 232— nur geſtehen, daß ich in meiner berauſchten Stimmung ſo wenig Vater war, daß ich ihre Gruͤnde zu beſtreiten, meine Liebe und meinen Schmerz hervorzuheben wagte; ſie aber antwortete:„„Dieſe Gefuͤhle werden einſt ſchwin⸗ den; diejenigen aber, die Sie an einen geliebten Sohn, und ihn an Sie feſſeln, die ſind im Herzen tieſ eingewur⸗ zelt, und koͤnnen demſelben nie entriſſen werden.““— Nun! ich ging nach Hauſe— waͤhrend der Stille der Nacht goß ich Waſſer in's Blut, und— Gott ſei Dank! in den funfziger Jahren ſtirbt man doch nicht leicht an der Liebe. Ich dachte an Dich, an das Geſicht, mit wel⸗ chem Du mich verließeſt— ich vergeſſe es nie; und weil ich nun auch keinesweges um Nichts und wieder Nichts daſteh'n mochte, ging ich folgenden Vormittag zu ihr, und verſuchte, zu Deinem Beſten zu reden.— Ich leugne es nicht, es wuͤrde mir druͤckend genug ſein, ſie als meine Schwiegertochter zu finden, denn immer noch, ich will nicht luͤgen, bin ich doch ein wenig verliebt in ſie. Du wuͤrdeſt indeſſen doch freilich draußen auf Deinem Gute leben, ich hier in der Stadt, es waͤre ja eben nicht noͤthig, daß ich ſie oft ſaͤhe. Etwas dergleichen war ich ehrlich genug, ihr zu ſagen, und meinte uͤbrigens, daß, wenn man fuͤr einen Mann eine ſolche Zuneigung hegte, wie ſie fuͤr Dich an den Tag gelegt, dies mehr als hinreichend waͤre zu einer gluͤcklichen Ehe. Aber auch hierauf wollte — 233— ſie ſich nicht einlaſſen. Sie liebe Dich, ſagte ſie, mit treuer, ſchweſterlicher Liebe, und koͤnne Dich nur als Bru⸗ der betrachten.— Nun erwachte wieder der alte Adam. Wenn es von keinem Nutzen ſein konnte, dachte ich, Dir das Wort zu reden, ſo duͤrfte es mir doch wohl erlaubt ſein, fuͤr mich zu ſprechen. Das that ich denn auch, ich ſprach mich in eine ſo leidenſchaftliche Heftigkeit hinein, daß es einem zwanzigjaͤhrigen Juͤnglinge keine Schande gemacht haͤtte. Mit einem Ernſte aber, mit einer Wuͤrde, die ich bei Maria Seeburg nicht gekannt, antwortete mir Maria Blume mit einem entſcheidenden Nein. Sieh' da haſt Du die ganze Geſchichte. Maria wuͤnſchte folgenden Tages nach Hauſe zu reiſen, und ich ſagte ihr Lebewohl, nicht ohne ein eig'nes, wehmuͤthiges Gefuͤhl im Herzen. Seitdem habe ich ſie nicht geſehen; aber wie ge⸗ ſagt: das Fieber hat ſich ſo ziemlich gelegt. Gott ſei ge⸗ dankt fuͤr die Kunſt des Vergeſſens! Es iſt dies nicht die geringſte der ſchoͤnen Kuͤnſte. Nun aber begleite mich zur Geſellſchaft! Ich weiß es, Alle werden ſich freuen, Dich zu ſehen, Niemand aber ſo ſehr wie ich.“ „Wie Du willſt, lieber Vater!“ antwortete der zu ei⸗ nem neuen Leben erweckte Adolph:„Sage mir aber noch Eins! Emma hat Philipp geheirathet! Iſt ſie deſſen froh?“ — 234— 1 „Ja, es ſcheint ſo; es iſt in der That in dem Ver⸗ haͤltniſſe dieſer beiden Perſonen nach und nach eine wun⸗ derbare Veraͤnderung eingetreten. Fruͤher war er ſo demuͤ⸗ thig, und ſie ſo ſtolz; jetzt dahingegen ſcheint ſie ſich mit weiblicher Nachgiebigkeit ganz ſeinem Willen zu fuͤgen, waͤhrend er ſeines Gluͤckes ſtolz iſt. Uebrigens betet er ſie an, und meint, daß alle Andere ein Gleiches thun muͤſſen. Ich hoffe ſicher, daß ſie miteinander ſehr gluͤcklich werden. Der Etatsrath hat ſie, was das Auskommen betrifft, in die vortrefflichſten Umſtaͤnde geſetzt, und Alles auf's Praͤch⸗ tigſte eingerichtet.“ „Nun, Gott ſei Dank! Von ganzem Herzen will ich mich uͤber Emmas und meines Bruders Gluͤck freuen.“ Mit einem Geſicht, das in der That zu einer frohen Feſtlichkeit paßte, nahm nun Adolph an der heiter'n Geſellſchaft Theil; aber nach Verlauf einiger Stunden bat er um Erlaubniß, ſich entfernen zu duͤrfen, indem er Muͤdigkeit nach der Reiſe vorgab. Doch ſuchte er keine Ruhe, ſondern eilte ſchnellen Schrittes nach Mariens ſtiller Wohnung. Waͤhrend der vier Monate, die verſtrichen waren, ſeit⸗ dem wir dieſe Freundin verließen, hatten ſie und ihre Ge⸗ faͤhrtin ihr gewohntes arbeitſames und kaͤrgliches Leben fortgeſetzt. Die Marien eigenthuͤmliche, milde Ruhe — 235— war wieder uͤber ihr ganzes Weſen ausgebreitet. Es aͤng⸗ ſtigte ſie indeſſen, daß Niemand das Geringſte von Ad olph gehoͤrt, noch ſeinen Aufenthaltsort wußte. Zur Terminzeit war ſein Verwalter gekommen, um ihr die Zinſen von dem kleinen Capitale, das ſie in ſeinem Gute ſtehen hatte, auszubezahlen. Dieſes Geſchaͤft, ſagte er, ſei ihm unter den Befehlen, die ihm Adolp h bei ſeiner Abreiſe hinter⸗ laſſen, ausdruͤcklich aufgetragen worden. Uebrigens hatte er ſeit dem Tage von ſeinem Herrn durchaus keine Nach⸗ richt. Dieſer Verwalter, ein gutmuͤthiger Mann, der, von ihrem kurzen Aufenthalte auf dem Gute her, die bei⸗ den Frauen kannte, und gern mit ihnen ſprach, fuͤhlte ſich durch ihre gaſtfreie Aufnahme ſehr wohlgemuth, und wurde geſpraͤchig. Unter Anderm ſagte er, es ſei ihm von Line Jenſen aufgetragen, der Madame Blume die freundlichſten Gruͤße zu bringen. Bei dieſer Gelegenheit erzaͤhlte er noch Vieles von Carln, wie lieb dieſer junge Menſch dem Gutsherrn waͤre, wie ſehr dieſer auf ihn baue, ſo daß er ihm ſogar die Oberaufſicht, nebſt einem Theil der Verwaltung des Gutes uͤbektragen habe.„Er behan⸗ delt ihn,“ ſagte der Verwalter,„wie einen Sohn und Erben. Und das verſteht ſich,“ fuͤgte er hinzu,„es iſt dies ja auch kein Wunder, wenn man weiß, wer dieſer ſogenannte Carl Jenſen eigentlich iſt.“ 8 Mit der groͤßten Freude ergriff Mamſell Holm dieſe — 236— Aeußerung, um zu fragen:„Ja, wer iſt er denn eigentlich? Ein Sohn des Herrn Adolph Lidner kann er doch nicht ſein?“ „Ein Sohn! Nein, weit gefehlt! Ein Bruder aber, ſeh'n Sie, das iſt er, unter uns geſagt; denn man ſpricht nicht gern davon, wiewohl es eben kein Geheimniß iſt. Ach, du lieber Gott! Es moͤgen jetzt wohl ungefaͤhr acht⸗ zehn Jahre her ſein,— es war noch zur Zeit des vorigen ſeligen Herrn— da kam der Obriſt heraus, um ſeinen Schwager zu beſuchen, denn ſeine ſelige Frau war eine Schweſter des ſeligen Juſtizraths; der Obriſt war Wittwer, aber ganz jung noch, und ein ſchoͤner Menſch... ja, dem mag nun ſein wie ihm wolle, er iſt noch ein huͤb⸗ ſcher Mann. Er verliebte ſich nun bis uͤber die Ohren in des Kuͤſters Tochter Line, die freilich auch das huͤbſcheſte Maͤdchen war, das man nur ſehen konnte. Ich war da⸗ mals ein junger Burſche, und ging meinem Vater zur Hand; denn vor mir war mein Vater Verwalter auf dem Gute, und ich erinnere mich noch ſo deutlich, als waͤre es heute, daß, wenn ich Abends nach Hauſe ging— denn wir hatten eben jenen Sommer Arbeit in den Feldern jen⸗ ſeit des Waldes— wenn ich dann— wollte ich ſagen— Abends nach Hauſe ging, ſo ſah ich immer den Obriſt, der damals nur noch Capitain war, wie er in ſeinem hell⸗ grauen Frack umherſchritt, und um des Kuͤſters Haus her⸗ — 237— umlauſchte, um zu ſehen, ob die Fenſterladen in des Al⸗ ten Schlafzimmer geſchloſſen waͤren, denn dann wußte er, daß der Kuͤſter zu Bette ſei. Er war kraͤnklich, der arme Wicht, und ging um acht oder halb neun Uhr zu Bette; dann ging des Obriſts Sonne auf. Ja ich habe oft Gott gedankt, daß er den armen Vater zu ſich nahm, bevor er den Zuſtand der Tochter erfuhr; denn das Maͤdchen war ſein Augapfel, und ſie iſt wahrhaftig auch noch dieſe Stunde ein herrliches Frauenzimmer. Du lieber Gott! wir Alle ſind Menſchen. Es iſt uͤbrigens wunderlich ge⸗ nug mit einer ſo alten Liebe! Wenn Line Jenſen hoͤrt, daß man den Obriſt auf dem Gute erwartet— was ſelten geſchieht— ſo kann ſie nicht in ihrem Hauſe bleiben, nicht vertragen, ihn zu ſehen; ſie reiſet dann nach einem, einige Meilen entfernten Orte, und nimmt den Sohn mit; dennoch ſagt meine Frau, die viel mit ihr umgeht, ſie hege noch ſo viel Liebe fuͤr den Obriſt, daß ſie, wenn ſie nur hoͤre, er habe Schnupfen, ihre Thränen nicht zuruͤckhalten koͤnne, und einige Male, als das Geruͤcht ging, daß er ſich wieder verheirathen wolle, haͤtte ſie dieſes dermaßen an⸗ gegriffen, daß ſie wirklich krank geworden; ſie konnte dies nicht ertragen, wiewohl es ihr freilich gewiß nie eingefallen, eine Frau Obriſtin werden zu koͤnnen; ſolche Gedanken zu hegen ſei ſie gewiß gar zu vernuͤnftig.— Es ſcheint mir aber doch, daß der Obriſt den Sohn ſehen muͤſſe, es iſt — 238— recht curios, wie er unſer'm Herrn Lidner aͤhnelt, und ich kann doch nicht ſagen, daß Herr Lidner ſeinem Va⸗ ter aͤhnlich ſei.“ „Ja freilich iſt er dem Obriſt aͤhnlich,“ ſagte Mam⸗ ſell Holm, und fuͤgte hinzu:„Finden Sie das nicht auch Madam Blume.“ Maria, deren Wangen, waͤhrend des Verwalters Bericht, mit Purpurroͤthe uͤberzogen waren, antwortete: „Das iſt mir nie eingefallen.“ Als ſie mit Mamſell Holm allein geblieben, ſagte ſie:„Erinnern ſie ſich, liebe Freundin, wie boͤſe Sie mir wurden, als ich Ihnen durchaus geſtehen mußte, ich habe das Anerbieten des Obriſts ausgeſchlagen? Was ſagen Sie jetzt? Muß ich nicht Gott danken, der mich behuͤtete, auf doppelte Weiſe mich an heiligen Gerechtſamen zu ver⸗ greifen? Mit welcher Angſt haͤtte ich nicht an Adolphs Abweſenheit denken muͤſſen, denn um dieſer Sache willen iſt er doch ſicher ſo ploͤtzlich fortgereiſt? Und welchen Sin⸗ nes haͤtte ich der betruͤbten Line und ihrem Sohne ent⸗ gegen treten muͤſſen?“ „Ei was!“ entgegnete Mamſell Holm:„Wollte man es mit den Maͤnnern ſo genau nehmen, da wuͤrden ihrer nicht Viele weder Frauen noch Braͤute bekommen.”“ 8 — 239— „An dem hier erwaͤhnten Weihnachtsabend gelang es Marien beſſer, als an dem vorigen, den Kindern dieſes ſchoͤne Feſt als einen wahren Feiertag zu geſtalten. An einem kleinen Weihnachtsbaume mit unbedeutenden Ga⸗ ben, Kuchen, Aepfeln und Lichtern waren bereits letztere ausgebrannt, und von demſelben die Herrlichkeiten abge⸗ pfluͤckt. Die vor Freude gluͤhenden Kinder hatten ihre klei⸗ nen Schaͤtze auf einem abſeits ſtehenden Tiſche geſammelt, ſaßen jetzt um den Theetiſch, und genoſſen mit innigem Wohlgefallen ihren Weihnachtskuchen zum Thee.—„Er⸗ innerſt Du Dich noch, Liſe, den heutigen Tag vor'm Jahre?“ ſagte Victor.„Nein,“ fuͤgte er hinzu,„es war nicht der Weihnachtsabend, ſondern der Abend vor⸗ her, da ſaßen wir auch hier, und aßen Weihnachtskuchen, aber der gute Hund ſaß zwiſchen uns, und bekam die groͤßte Portion.“ „Ja, waͤre der doch heut' Abend wieder hier,“ ant⸗ wortete das kleine Maͤdchen,„gern wollt' ich mit ihm theilen. Wo mag er nun wohl ſein?“ „Er iſt ſeinem Herrn auf deſſen Reiſe gefolgt,“ ant⸗ wortete der Knabe:„Er ſaß im Wagen zu ſeinem und des Dieners Fuͤßen, das ſagte Peter, der Kutſcher. Aber Gott mag wiſſen, wo er und Herr Lidner heut' Abend das Weihnachtsfeſt feiern.“ * — 240— Ein Seufzer entſtieg Mariens Bruſt, und floh zu dem abweſenden Freunde. Mamſell Holm war nicht zu Hauſe, ſie verlebte den Weihnachtsabend an demſelben Orte, wie voriges Jahr. Nach beendigter Mahlzeit gingen die Kinder wieder zu ihrem Tiſche, und freueten ſich ihrer Weihnachtsgeſchenke. Maria nahm ein Buch, und begann zu leſen, legte es aber bald wieder hin, denn ihre Gedanken konnten dem Geleſenen nicht folgen; ſie eilten in der Zeit zuruͤck, und durchgingen mit ſtiller Wehmuth Alles, was das verron⸗ nene Jahr gebracht hatte. Da ſchellte es an der Straßen⸗ thuͤr.„Ein Mal! Das muß ja zu uns ſein,“ ſagte Vic⸗ tor:„Sollte Mamſell Holm ſchon nach Hauſe kommen? Stine macht auf!... Hoͤre nur, wie laut ſie ruft.“— In dieſem Augenblicke kratzte ein Hund an der Stuben⸗ thuͤr. Mit einer frohen Ahnung eilte Victor hin, und mit ungeſtuͤmen Liebkoſungen ſprang der liebe Tiger an dem gluͤcklichen Knaben empor, waͤhrend ſein Herr der uͤberraſchten Maria entgegen eilte. Halb kniend beugte er ſich vor ihr, kuͤßte ihre Haͤnde mit Thraͤnen in den Au⸗ gen, und ſagte:„O Marial O ſeliger Augenblick 1 Neicher Lohn fuͤr all' meinen Schmerz! Ich ſeh' Sie wie⸗ der, und ſehe Sie frei! Keinem gehoͤren Sie naͤher an als mir; o laſſen Sie mich Ihnen danken! Ach Worte ver⸗ ſagen mir, Ihnen meinen Dank auszuſprechen! Alles — 241— weiß ich! Mein Vater hat mir Alles geſagt. Wie gluͤck⸗ lich bin ich, eine ſolche Freundin, eine ſolche Schweſter zu beſitzen! denn ich fuͤhle es:„Ihre Freundſchaft iſt mehr werth, als die Liebe Anderer, und undankbar waͤre ich, wenn ich mehr verlangte, als das Gluͤck, welches ich be⸗ ſitze, ein Gluͤck, deſſen Keiner als ich ſich ruͤhmen darf; denn es giebt auf dieſer Erde nur eine Maria. Die beſcheidene Freundin freuete ſich unausſprechlich uͤber Adolphs Ruͤckkehr, und ſeine letzten Aeußerungen brachten ihr einen wahren Troſt, denn ſie dachte ſich nicht, daß die augenblickliche Freude, ſie frei zu wiſſen, ihm dieſe Worte einfloͤßte, hoffte vielmehr, das fruͤher ungezwun⸗ gene Verhaͤltniß zuruͤckkehren zu ſehen. Waͤhrend ſich nun die Kinder mit dem Hunde beſchaͤftigten, und ihm von dem uͤbriggebliebenen Weihnachtskuchen, der ihnen fuͤr den kommenden Feſttags⸗Morgen zum Fruͤhſtuͤck beſtimmt war, ein großes Stuͤck zugetheilt hatten, ſaßen Maria und Adolph wieder, wie im vorigen Winter, in ſtillem und trautem Zwiegeſpraͤch. Er forſchte nicht weiter nach den Gefuͤhlen der Geliebten bei dem Zuſammentreffen ſei⸗ nes gefuͤrchteten und doch lieben Nebenbuhlers; es war, als fuͤrchteten ſie ſich beiderſeits, das kleinſte Wort auszu⸗ 4 ſprechen, welches, nach ſo vielem Sturm die ruhige Mee⸗ resſtille dieſer Stunde ſtoͤren koͤnnte. Mamſell Holm, die unterdeſſen nach Hauſe gekommen, war nicht weniger 16 — 242— verwundert als erfreut, den alten Hausfreund vorzufinden. Als er indeſſen gegangen war, ſeufzte ſie, und ſagte zu Marien:„Das iſt Alles gut genug! Aber Du lieber Gott! dieſe wunderlichen Verhaͤltniſſe fuͤhren doch zu Nichts. Ich frage mich oft: Wie ſoll doch das Ende werden?“ XIII. Folgenden Tags reiſete Adolph nach ſeinem Gute hin⸗ aus, kehrte aber nach acht Tagen wieder zur Hauptſtadt zuruͤck. Am Neujahrstage fand er ſich bei Marien ein. Es ſei dies, ſagte er, der Jahrestag ihrer erneuerten Be⸗ kanntſchaft, ein Tag, den er nicht genugſam feiern koͤnne. Er brachte fuͤr Maria, die Kinder und Mamſell Holm kleine Geſchenke mit. Wieder verlebte der kleine Kreis ei⸗ nen frohen Abend; doch ſchien Ad olph nicht ſo aufge⸗ raͤumt, wie das vorige Mal, und als er ſich einen Augen⸗ blick unbemerkt ſah, ſagte er zu Marien:„Was habe ich doch fuͤr ein Jahr verlebt! Es war inhaltsreicher als zehn andere.“ „Da darf man es,“ entgegnete Maria,„wohl ein gutes Jahr nennen; denn nur das Inhaltsreiche iſt ja das Element der Seele.“ „Ja, bei dem Allen aber finde ich doch, daß dieſes Jahr, was mich betrifft, jenen Erzaͤhlungen gleicht, welche intereſſant anfangen, und die Erwartung auf's Hoͤchſte ſpannen, bis es heißt:„„Hier erwachte ich, und das 46* — 244— Ganze war ein Traum.““ Nach einer ſolchen Geſchichte, und einer ſo inhaltsreichen Zeit iſt einem herzlich flau und uͤbel zu Muthe.“ Maria blickte ihn betruͤbt an und ſchwieg. Als Adolph das naͤchſte Mal mit Marien allein war, ſagte er:„Meine liebe Freundin! ich habe mir frei⸗ lich in meinen beſſeren Augenblicken vorgenommen, eine Saite nicht anzuſchlagen, die ich aus doppelter Nuͤckſicht unberuͤhrt laſſen muͤßte; es regt ſich aber in meiner Seele eine Frage, die Tag und Nacht meine Ruhe ſtoͤrt. Haben Sie Mitleid mit Ihrem Freunde, und beantworten Sie dieſelbe.“ 1 „Ja, lieber Lidnerl fragen Sie, ich werde antwor⸗ ten. Moͤchte Gott geben, daß ich im Stande waͤre, Ih⸗ nen die Ruhe zu verſchaffen, die ich uns Beiden wuͤnſche.“ „So laſſen Sie mich denn,“ ſagte Adolph,„Sie an die Spannung erinnern, in der wir uns an jenem un⸗ gluͤckſeligen Tage befanden, da ich fortreiſete. Nicht will ich meines Seelen⸗Zuſtandes erwaͤhnen, weder in dieſem Augenblicke, noch waͤhrend meiner ganzen Abweſenheit. Ein nicht zu beſchreibendes Heimweh und Sehnen trieb mich nach Hauſe. Alles ſchien mir ertraͤglicher, als dieſe Landfluͤchtigkeit. Als ich meines Vaters Haus betrat ver⸗ einten ſich viele Kleinigkeiten, um die Vermuthung zu be⸗ ſtaͤtigen, ich wuͤrde Sie als meine Stiefmutter finden. 4 — 245— Faſt gaͤnzlich verließ mich meine Faſſung, und bei der Nachricht, Sie waͤren frei, glaubte ich vor Freude ſterben zu muͤſſen. Meines Vaters Aeußerung, daß Sie meinet⸗ wegen, aus Guͤte fuͤr mich ſeine Hand ausgeſchlagen, erhoͤhete noch in dieſer gluͤckſeligen Stunde mein Entzuͤ⸗ cken, kurz darauf aber entſtanden natuͤrlicherweiſe andere Betrachtungen. Sie lieben meinen Vater! nicht wahr? Die waͤrmſte, erſte Jugendliebe, um ſeinetwillen erlittener Kummer, Entfernung, Sehnſucht, Alles vereint ſich ihm zu Gunſten; und Sie ſelbſt, Ihre Perſoͤnlichkeit vereint in ſich Alles, was ihm gefaͤllt, er liebt auch Sie. Ja, es iſt meine Pflicht, ich muß es ſagen: Sie wuͤrden ihn gluͤck⸗ lich machen. Sollen nun Sie, liebſte Maria! Sie, die Sie ſo viel gelitten haben, ſollen Sie um meinetwillen das Gluͤck, welches Ihnen jetzt endlich entgegenlaͤchelt, Ihr ganzes ſchoͤnes Leben, aufopfern? Um meinetwillen gleich⸗ ſam in ein Kloſter geh'n?— Und er? Ich will nicht luͤgen, ich kann nicht umhin, mit bitterer Eiferſucht an den Ca⸗ pitain Wilſon, Ihren Geliebten, zu denken; dennoch aber iſt mir mein Vater unausſprechlich lieb; er iſt mir der liebevollſte Vater, der beſte Freund geweſen; er iſt gut, beſitzt ein edles Herz— ach! ich kann nicht zwiſchen ihm und Ihnen ſtehn! Und wenn Sie ihn doch lieben, wenn er der Gegenſtand Ihrer Wuͤnſche und Traͤume iſt, was kann es mir dann eigentlich nuͤtzen, daß Sie ihm nicht — 246— ganz angehoͤren? im Grunde thun Sie es ja doch. Un⸗ gluͤckſelig iſt dieſes Verhaͤltniß, dahingeſtorben meine Hoff⸗ nung, und das Gluͤck meines Lebens. Was kann es mir . helfen, daß die Beiden, die ich von Allen am innigſten liebe, mit mir zugleich ungluͤcklich ſind?“ Thraͤnen ſtanden Marien in den Augen.„O Gott!“ ſagte ſie:„wie Sie mich doch betruͤben! wie koͤnnen Sie es doch uͤber's Herz bringen, ſo grauſame Worte gegen mich auszuſprechen! Ach, verzeihen Sie! ich fuͤhle das Edle in Ihrer Handlungsweiſe, ich weiß, Sie meinen es auf⸗ richtig und liebevoll. Auch ich will Ihnen, wie fruͤher, die ganze Wahrheit ſagen. Ja, ich geſtehe es: als ich ſo unerwartet, ſo unvorbereitet Wilſon wiederſah, erwach⸗ ten ploͤtzlich in mir die Gefuͤhle, denen ich mein Herz un⸗ zugaͤnglich glaubte. Als er Abends zu mir kam, und mit derſelben wehmuͤthigen Miene, derſelben weichen Stimme, die mir noch von unſ'rer fruͤher'n Abſchiedsſtunde her, leb⸗ haft im Gedaͤchtniſſe war, ſo ſanft, ſo ruͤhrend ſeinen Schmerz ausſprach uͤber die Sorgen, die ich um ſeinet⸗ willen ausgeſtanden, da kehrten die Gefuͤhle jener Stunde in meinr Seele zuruͤck. Als er mir die Achtung bewies, die ich verſcherzt zu haben glaubte, mir ſeine Hand bot, die er damals mir zu reichen ſich weigerte, da war es mir, als wuͤrde ein erniedrigendes Urtheil, das uͤber mich aus⸗ geſprochen worden, von einer hoͤheren verſoͤhnenden Ge⸗ 4 — 247— rechtigkeit aufgehoben; und daß ich in dieſem Augenblicke ſein Anerbieten ausſchlug, das geſchah... ja ich geſtehe es— weil Ihr Bild zwiſchen uns trat.“ „Es iſt genug! es war, wie ich wohl fuͤrchtete, ein Opfer.“ „Nein! laſſen Sie mich ausreden, es war doch kein Opfer. Eine Stimme in meinem Herzen ſagte mir, was ich immer gewußt habe, daß es fuͤr mich kein Gluͤck gebe, wenn Adolph Lidner darunter leiden muͤſſe; und eine Stimme in meinem Gewiſſen gab mir die Warnung, mich nicht auf ein Verhaͤltniß einzulaſſen, das Vater und Sohn entzweien koͤnnte,— ein Verluſt fuͤr den Obriſt, den ich ihm nicht zu erſetzen im Stande waͤre.“ „Ach Marial ſolche Gruͤnde!“... „ Unterbrechen Sie mich nicht! laſſen Sie mich Sie in meine geheimſten Gedanken einweihen! Waͤhrend der Nacht, die dieſem Tage folgte, floh mich der Schlaf. Es wehte ſtark, die Zweige der Weinranken vor den Fenſtern ſchlugen gegen die Scheiben, das Geſchrei der Eulen toͤnte vom nahegelegenen Walde heruͤber. Mit Beaͤngſtigung fuͤhlte ich die Wahrheit der Aeußerung, daß die Nacht, dem Tode verwandt, mit Stimmen zu uns rede aus einer geheimnißvollen, dem Menſchen unfreundlichen Welt, vor der das Gemuͤth Zuflucht ſucht, in dem Gedanken an Denjenigen, der Tod und Finſterniß uͤberwunden hat. — 248— In einer ſolchen Stimmung ſpricht unſer beſſeres Ich. Meines Vaters Bild ſtand vor mir in ſeinem demuͤthigen, abhaͤngigen Alter, tauſend vergeſſene Gedanken und Vor⸗ ſaͤtze lebten in meiner Seilg wisder auf; ich fuͤhlte es, daß ich in einem Verhaͤltniſſe nicht wuͤrde athmen koͤnnen, dem irgend etwas anklebte, das nicht ſo vollkommen rein und frei ſei, daß ich es in meinem Gebete Gott vorlegen koͤnnte. Als der O briſt den folgenden Tag zu mir kam, weiß ich ſelbſt nicht, wie unſere, Anfangs ſo ruhige Unterredung ſeinerſeits eine ſo leidenſchaftliche Wendung nahm, daß er mich erſchreckte, und es wollte mich beduͤnken, als waͤre der Obriſt Lidner ein ganz Anderer als der Capitain Wilſon. Ruhig, faſt wehmuͤthig war Wilſons Zaͤrt⸗ lichkeit gegen mich, faſt nie ſprach er von leidenſchaftlicher Liebe, nie von um meinetwillen erduldetem Schmerz, be⸗ gehrte nichts von mir, naͤherte ſich nur als ein troͤſtender, rathender Genius, wie er ſich mir von Anfang an gezeigt hatte. Ganz anders erblickte ich jetzt den heftigen, von Liebe entbrannten Obriſt, und Wilſons neuerdings auf⸗ gefriſchtes Bild ſchien mir in der Naͤhe des Obriſts Lid⸗ ner ſich in einen Nebel aufzuloͤſen, und vor mir zu ver⸗ ſchwinden, wie ein Traum, deſſen Gegenſtand nur ein Blendwerk geweſen. Und wohl mag ich der gnaͤdigen Vor⸗ ſehung danken, die meine Gedanken lenkte; denn ſeitdem habe ich erfahren, daß ein Menſch lebt, deſſen Gerechtſame —— — 249— der Art ſind, daß ich mich nie daruͤber wuͤrde troͤſten koͤn⸗ nen, wenn ich mich an denſelben verſuͤndigt, und einem treuen Herzen die letzte Wunde beigebracht haͤtte.“ „Wen meinen Sie? Ich bitte, erklaͤren Sie mir“... „Ich habe Line Jenſens Schickſal erfahren.“— Es entſtand eine Pauſe; endlich ſagte Maria, indem ſie liebevoll Adolphs Hand faßte:„Jetzt habe ich Ihnen Alles geſagt! Sie ſehen nun ſelbſt, lieber Freund und Bruder, daß ich kein Opfer gebracht, daß nichts Sie beun⸗ ruhigen darf, daß ich nur nach einer innern Nothwehdig⸗ keit gehandelt habe.“ Adolph ſchoͤpfte tief Athem, wie Einer, der ſich er⸗ leichtert und frei fuͤhlt.„Ja, geliebte Marial! es iſt ge⸗ wiß, von Ihren Lippen ſtroͤmen Ruhe und Troſt in mein Herz. Sie allein beſitzen den Schluͤſſel zum Innerſten meiner Seele! Ihr klares Weſen verſcheucht die finſtern Geſpenſter, die mich oft verfolgen.“ Nach dieſer Unterredung verrann einige Zeit, während welcher ſich Adolph wirklich einigermaßen beruhigt fuͤhlte. Angenehme Abende vereinigten wieder den kleinen Kreis; die unterbrochenen Zeichnenſtunden und Muſik⸗Uebungen nahmen wieder ihren gewohnten Gang. Doch fehlte es oft an dem Beſten, an der alten Freiheit und dem innern Frieden; denn nicht ſelten war es der Fall, daß ſich Adolph durch ein geſprochenes Wort, ein Lied, ein Ge⸗ — 250— dicht, ja durch einen Seufzer, der Marien s Buſen ent⸗ quoll, ploͤtzlich wie von einem geheimen Schmerz ergriffen fuͤhlte, den zu verbergen er nicht im Stande war. Bis⸗ weilen ging er dann gleich fort, einige Male ſogar reiſete er, gegen ſeine fruͤhere Beſtimmung, ploͤtzlich nach ſeinem Gute ab. Oft ergriff ihn die Furie der Eiferſucht, wenn er bei ſeinem Vater daheim ſaß, oder mit dieſem ſich in des Bruders Hauſe in munterer Geſellſchaft befand. In finſteren Gedanken betrachtete er ſchweigend ſeines Vaters nochſchoͤne Geſtalt, und beneidete ihm die Gabe, die einſt Mariens Herz eingenommen hatte. Spaͤter bereuete er ſehr dieſe boͤſen Einfluͤſterungen. Wenn er dann vom Lande zuruͤckkehrte, war er immer doppelt liebevoll und froh, wie bei einem Wiederſeh'n nach langer Trennung, obgleich er nicht ſelten etwa nur eine Woche abweſend geweſen. Einſt ſagte er zu Marien:„Ich muß hierher zuruͤck, zu dieſer kleinen Wohnung am Hafenwege. Ich bin wie der Rit⸗ ter in der Ballade, der jeden Morgen ſeine geliebte Nonne vom Fenſter ins Thal hinabſchauen ſah, ruhig und engel⸗ mild. Ach, moͤchte ich doch, wie er, eines Morgens da⸗ ſitze, mein todtes Antlitz dem Orte zugewendet, wo ich in erwartungsvoller Freude der Geliebten harrete!“ Solche Aeußerungen und der ganze leidenſchaftliche Anſtrich von Adolphs Seelenzuſtande betruͤbten Maria tief. Sie verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit fuͤr ihn, ver⸗ ———— — 251— mied Alles, wovon ſie glaubte, es koͤnne ihn verwunden; ja einſt, als er ſie in einer beſonders melancholiſchen Stim⸗ mung verlaſſen, pruͤfte ſie ſich ſogar ernſtlich, ob ſie es nicht ſich muͤſſe zum Vorwurf gereichen laſſen, ein ſo edles Leben zu verbittern; ob es nicht ihre Pflicht ſei, das Ge⸗ fuͤhl zu uͤberwinden, welches ihr verboͤte, ihn zu heirathen? „O Gott!“ betete ſie leiſe:„verleihe mir Licht in meinen von aͤngſtigenden Zweifeln umnebelten Gedanken!“ Sie fuͤhrte ſich ſelbſt ſeine treue Liebe vor, die Freude, die er in ihrer Zaͤrtlichkeit finden wuͤrde; und durch eine natuͤr⸗ liche Ideenverbindung dachte ſie ſich ihn ſtatt Wilſon in jener Abſchiedsſtunde, als ſie, in ſeinem Arme ruhend, ſein Antlitz mit Thraͤnen benetzt hatte. Unwillkuͤhrlich aber zog ſie ihr Haupt zuruͤck, als wolle ſie mit Schrecken ihr Antlitz von dieſem Bilde abwenden.„Nein!“ fluͤſterte ſie,„ich kann ihn nicht heirathen! ich wuͤrde aufhoͤren, ihn zu lieben, er iſt mir in Wahrheit ein Bruder. Ach! ich erkenne es mit Beſchaͤmung: nicht genug iſt es, daß ich uͤberzeugt bin, er ſei der Edelſte, der Beſte; es gibt ein Gefuhl, welches aus Nichts entſteht, das wie ein Blitz⸗ ſtrahl in die Seele hinabfaͤhrt, ſo wie es in meine junge Bruſt niederſchlug in jenem Augenblicke, als Wilſon im Jungfernſtieg vor mir ſtand, und mir die Hand kuͤßte; dieſes Gefuͤhl aber kann nie wieder mein Herz erreichen. Liebe ich denn aber wirklich noch Wilſon? Den Obriſt — 252— Lidner liebe ich nicht!... Adolphs Vater! Carls Vater! der in ſeinem hellgrauen Frack an den Fenſtern der armen Line umherſpaͤhete! Ach Gott! nein! Das iſt nicht Wilſon, und Wilſon ſelbſt exiſtirt nicht mehr, nicht einmal in meinen Traͤumen. Ihn aber betruͤben! O das wollte ich nicht, wenn ich dadurch auch alle Schaͤtze der Welt gewinnen koͤnnte! Und was ſagte mir geſtern Emma, als ſie mich beſuchte? Die gute Emmal jetzt iſt ſie ſelbſt froh, und dachte mir eine Freude zu machen. Der Obriſt, ſagte ſie, habe eines Abends in traulicher Unterredung ge⸗ ſagt, auf daß kein Schatten auf unſerem fruͤheren Verhaͤlt⸗ niſſe weilen moͤge, wolle er ihr und Philipp von unſer'm Zuſammentreffen in Altona erzaͤhlen, und ſpaͤter habe er hinzugefuͤgt:„„Ich mag kaum davon ſprechen, daß ein alter Kerl, wie ich, noch verliebt ſein kann; iſt er es aber mit Manier, ſo braucht er ſich deſſen ja nicht zu ſchaͤmen und demnach werde ich auch nichts dagegen haben, wenn ſie meinen Adolph heirathet; nur will ich weder auf der Hochzeit tanzen, noch ſie auf ihrem Gute beſuchen!““— O mein Gott! Sollte ich ihn der Naͤhe ſeines Sohnes, ſeines beſten Freundes berauben? ihm— wenn auch nur einen— traurigen Tag bereiten?— Nein nimmermehr! — und Adolph, wie edel, wie gut er auch iſt, ſeine 8* 3 Eiferſucht iſt doch fuͤrchterlich. Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich mit ſeinem Vater zuſammentreffen — 253— koͤnnte, kaum ertraͤgt er es, daß ich meine Kinder liebe. Er war vor Kurzem ganz verſtimmt, weil ich an meines Victors Bette, als dieſer krank war, wachte und weinte;„ er warf es mir vor, daß mir dieſe Kinder das Unentbehr⸗ lichſte waͤren. Nein! jeder Zweifel iſt geſchwunden: Mut⸗ ter und Schweſter, das iſt mein Loos, der mir angewie⸗ ſene Platz in dieſer Welt. Das will ich auch ganz ſein, und nichts Anderes.“ XIV. Der Winter war voruͤber, der Fruͤhling herangekommen, aber kalt und ſtuͤrmiſch, und der erſte Sommermonat ſchien auch nicht dem vorigen milden und warmen Som⸗ mer aͤhnlich zu werden. Adolph hatte, wie im vorigen Jahre, Maria eingeladen, ihre laͤndliche Wohnung wie⸗ der in Beſitz zu nehmen. Die ſeit jener Zeit veraͤnderten Verhaͤltniſſe machten ſie geneigt, dieſes ſonſt liebe Aner⸗ bieten abzulehnen. Die unguͤnſtige Witterung, Victors kuͤrzere Schulferien lieferten ihr einen annehmbaren Vor⸗ wand. Eines Abends aber kam nun Adolph, und bat ſo freundlich, daß ſie ihm das Verſprechen nicht verwei⸗ gern konnte, ſich und den Ihrigen dieſe Annehmlichkeit auf eine kurze Zeit zu geſtatten. Es war noch uͤber einen Maonat bis zur Ferienzeit; dennoch aber verabredete man ſchon das Noͤthige, obgleich Adolph aͤußerte, ſie wuͤrden ſich vor der Zeit noch oͤfter ſehen. Er war, nachdem er Mariens Verſprechen ihres Beſuches erhalten, unge⸗ woͤhnlich frei und aufgeraͤumt, ſprach mit Intereſſe von neuen Einrichtungen, die er auf ſeinem Gute in's Werk — 255— geſetzt, von ſeiner Freundſchaft fuͤr Carl, der ganz auf ſeine Plane und Ideen einging, und Maria fuͤhlte ſich gluͤcklich, ihn ſo zu ſeh'n. Als er fortgehen wollte kuͤßte er zu wiederholten Malen Mariens Hand, und ſagte: „Ich beabſichtige nicht laͤnger fortzubleiben, als hoͤch⸗ ſtens ungefaͤhr vierzehn Tage; aber ich weiß nicht, wes⸗ halb es mir vorkommt, als werde es ſo lange, ſo ſehr lange waͤhren, bis wir wieder ſo beiſammen ſind.“ Nach Verlauf von ungefaͤhr zwoͤlf Tagen kam ein reitender Bote vom Gute mit einem Briefe an Maria. Dieſer war von Line Jenſen, und mit Entſetzen las Maria, daß Adolph gefaͤhrlich krank liege. Schon ſeit der Ruͤckkehr von ſeiner Reiſe ins Ausland, ſchrieb Line ſei er uͤberaus reizbar, zerſtreut und unruhig geweſen, oft ſei er waͤhrend dieſes kalten, unbeſtaͤndigen Sommers ganze Tage lang einſam umher gewandert, ohne das Ge⸗ ringſte zu genießen, ja nicht ſelten ſei er bei Einbruch der Nacht ausgegangen, und habe die ganze Nacht unter freiem Himmel zugebracht, bisweilen auf der Aue umher⸗ rudernd, ohne ſich weder um Regen noch Sturm zu be⸗ kuͤmmern. Vor ungefaͤhr acht Tagen ergriff ihn ploͤtzlich ein Fieber, welches er Anfangs durchaus nicht beachtete, und als er endlich einen Arzt rufen ließ, hatte die Krank⸗ heit bereits eine gefaͤhrliche Wendung genommen. Der Arzt gab nicht viel Hoffnung. Der Kranke lag in beſtaͤn⸗ — 256— digen Fieberphantaſien, kannte Keinen von ſeiner Umge⸗ bung, ſondern rief unaufhoͤrlich Mariens Namen, aͤu⸗ ßerte nach ihr die heftigſte Sehnſucht, und wiederholte im⸗ mer, daß wenn er ſie nur ſaͤhe, er gleich geheilt ſein wuͤrde. „Ich muß gleich abreiſen!“ rief Maria:„Jeder Augenblick iſt mir koſtbar.“— Sie bat den Bauer, der den Brief brachte, ihr mit irgend einem Wagen, der nach dieſer Gegend ſollte, eine Gelegenheit zu verſchaffen. Er entfernte ſich mit dem Verſprechen, bald moͤglichſt zuruͤck⸗ zukehren, und ihr Beſcheid zu bringen. Mamſell Holm Anſtalten fuͤr ihre Abreiſe. Gleich trat ihr die erſte Schwie⸗ rigkeit entgegen; Ohne Geld konnte ſie nicht reifen, und ihre eigne Kaſſe, ſo wie die der Mamſell Holm waren fuͤr den Augenblick faſt ganz leer. Mit der unruhigen Eile wahrſamen, um Etwas zu finden, das zu Gelde gemacht werden koͤnnte. Es fanden ſich nur Kleinigkeiten von ge⸗ ringem Werthe. Das beſte Stuͤck war eine kleine huͤbſche Uhr, ein Erbtheil von ihrer Mutter, das einzige Anden⸗ ken, welches ſie bei allen Drangſalen als ein Heiligthum bewahrt hatte. Mit einem wehmuͤthigen Gefuͤhl betrach⸗ tete ſie dieſelbe:„Ich bekomme nur wenig dafuͤr, wenn ich ſie nun gleich verkaufen will, und fuͤr mich hat ſie ſo großen Werth.“— An der Wand hing eine groͤßere Uhr, war nicht zu Hauſe. Maria uͤberdachte nun die naͤhern eines beklommenen Herzens ſuchte ſie in allen ihren Ver⸗ ——-— ,f“ — 257— die dem verſtorbenen Blume gehoͤrt hatte. Dieſe war von weit groͤßerem Werthe, eine weit gangbarere Waare. Maria betrachtete ſie.„Nein, das iſt Victors Eigen⸗ thum; ich will meine eig'ne verkaufen. Ach! laß mich nur dahin kommen; das Uebrige Alles iſt von keiner Bedeu⸗ tung.“ So ſprechend nahm ſie Shawl und Hut, und eilte zu dem naͤchſten Uhrmacher, wo ſie die Uhr zu einem un⸗ verhaͤltnißmaͤßig niedrigen Preiſe verkaufte, doch ſo, daß ſie von dem Erloͤs die Koſten der Reiſe genugſam beſtrei⸗ ten konnte. Als ſie nach Hauſe kam, traf ſie Mamſell Holm ſehr verwundert an, indem dieſe Stine im Begriff ge⸗ funden, einige Kleidungsſtuͤcke ihrer Madame in einen Ranzen zu packen. Die alte Dame war uͤberaus ſchlechter Laune, und machte ihrer Freundin die ernſtlichſten Vor⸗ ſtellungen uͤber das Ungereimte in dieſem Reiſeplane, uͤber die ſowohl oͤconomiſchen als conventionellen Betrachtun⸗ gen, die ihr von einem ſolchen Unternehmen abrathen muͤß⸗ ten.„Und wo ſollen wir die Kinder laſſen? Ich kann ſie doch nicht in meine Unterrichtsſtunden mitnehmen! Sol⸗ len ſie bei der jungen Dirne, der Stine allein bleiben?“ „iſe begann zu weinen, und ergriff das Kleid der Mutter, gleichſam um dieſe zuruͤckzuhalten. Victor rief: „Nein! ich muß meine Mutter begleiten. Sie ſoll nicht allein reiſen; ich bin ein großer und ſtarker Junge; ich 17 3 — 258— will ſie auf der Reiſe vertheidigen, uͤber ſie wachen. Und iſt unſer guter Lidner krank, da muß auch ich ihn ſehen, und ihn pflegen.“ „Nun wohl!“ ſagte Maria,„ich nehme beide Kin⸗ der mit. Ich kann ſie Linen uͤberlaſſen, waͤhrend ich ſelbſt bei dem Kranken bleibe.“ „Bedenken Sie aber,“ ſagte Mamſell Holm,„daß es wahrſcheinlich ein anſteckendes Fieber iſt.“ „Einerlei! und waͤre es die Peſt, ich muͤßte zu ihm eilen, wenn er mich riefe. Ach Gott! ich wuͤrde vor Angſt ſterben, wenn ich hier bliebe.“ Die kleinen Vorbereitungen zur Reiſe waren bald ge⸗ macht, und nachdem ſie einen Boten an Emma abgefer⸗ tigt, um die Familie von Adolphs Zuſtande zu benach⸗ richtigen, ging ſie mit den oben erwaͤhntem Bauer, der die kleine Liſe, und mit Victorn, der den Ranzen trug, nach einem weit entlegenen Wirthshauſe, wo ſie mit ihren Kindern einen unbequemen Sitz auf einem mit allerlei Sachen bepackten Bauerwagen einnahm. Die unbequeme, ermattende Fuhre wuͤrde Maria in ihrer unruhigen Stim⸗ mung kaum bemerkt haben, wenn nicht die unausſtehliche Langſamkeit derſelben mit ihrer inneren Eilfertigkeit in ſo ſchneidendem Widerſpruche geſtanden haͤtte. Schon neigte ſich der Tag ſeinem Ende zu, und kaum hatte man noch ein Drittheil des Weges zuruͤckgelegt. Obendrein ſagte der 4 4 — 259— Bauer, er koͤnne ſie nur bis zu ſeiner Heimath fahren, die ſei aber noch eine halbe Meile von dem Gute entfernt. Maria begann zu fuͤrchten, und bereuete, daß ſie in ih⸗ rer Ungeduld dieſe Fuhre gewaͤhlt habe, ſtatt bis zum fol⸗ genden Tage zu warten, da eine Poſtbefoͤrderung nach ei⸗ nem dem Gute nahegelegenen Staͤdtchen abging. Es begann zu regnen. Der Bauer ſuchte in einer Scheune bei einem Wirthshauſe unterzukommen. Er ſelbſt ſtieg vom Wagen und trat in die Wirthsſtube. In der Scheune hielten mehrere Wagen, aber es war da dunkel, man konnte ſie nicht von einander unterſcheiden. Kurz da⸗ rauf kam der Bauer mit einem Manne heraus, der eine Leuchte trug, und ſich dem Wagen naͤherte. Mit frohem Staunen erkannte Maria den Verwalter von Adolphs Gute, und erfuhr, daß dieſer, laut Abrede mit Carln, abgereiſet ſei um ſie zu holen, was Line in ihrer Verwir⸗ rung zu beſorgen vergeſſen hatte. In fliegender Eile wurde nun die uͤbrige Strecke des Weges zuruͤckgelegt. Unterwegs ſuchte der Verwalter Maria ruͤckſichtlich Adolphs Zu⸗ ſtande zu troͤſten; ſie aber bemerkte ſehr gut, daß er ſelbſt von Herzen ſehr bekuͤmmert ſei. Es war bereits Mitternacht, als der Wagen vor der großen Treppe des Herrenhauſes hielt. Carl trat den An⸗ gekommenen entgegen. Er war verweint, und beantwortete nur Mariens Fragen mit wenigen, von Thraͤnen faſt 47* 3 — 260— erſtickten Worten. Der Verwalter uͤbernahm es, die Kin⸗ der nach Linens Wohnung zu bringen, da Carl ſagte, ſie ſei vor ganz Kurzem auf ſein dringendes Bitten nach Hauſe gegangen, und habe es ihm uͤberlaſſen, bei dem Kranken zu wachen. Auch der Arzt war auf dem Gute, hatte ſich aber in einem Zimmer, neben dem des Patienten zur Ruhe gelegt. Maria trat nun, von Carln gefuͤhrt, in Adolphs eig'nes Zimmer, welches an die Schlafſtube des Erſteren graͤnzte. Der fruͤher erwaͤhnte junge Diener und ein altes Maͤdchen ſaßen jedes in ihrer Ecke, ſtanden aber, als Maria eintrat, ehrerbietig auf. Wankenden Fußes betrat ſie nun den Ort, wo ſie ihren leidenden Freund erblicken ſollte. Eine duͤſtere Lampe brannte auf einem mit Medicinglaͤſern und andern ſolchen Dingen be⸗ ſetzten Tiſche. Ein Fenſter ſtand offen, und wie mit aͤngſt⸗ licher Unruhe bewegten ſich die Gardinen von dem Luft⸗ zuge, der auch die Flamme der Lampe zum Flackern brachte. Vor dem Bette ſtand ein Schirmbret; Carl zog es ein wenig zur Seite, und Maria naͤherte ſich dem Kranken. Er lag ganz ruhig, todtenblaß, mit halb geoffnetem Munde, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich in heftiger Bewegung. Bei dieſem Anblicke brach Maria in Thraͤnen aus, warf ſich neben ſeinem Lager auf die Knie und benetzte die Bett⸗ decke mit einem Strome von Thraͤnen. Carl naͤherte ſich mit Medicin und einem Glaſe Waſſers, welches er Ma⸗ 8 7 — 261— rien uͤberreichte, waͤhrend er ſelbſt den Kopf des Kranken emporhob und einen Loͤffel an deſſen Lippen brachte; Adolph verſchluckte die Arznei, und nun fuͤhrte Maria das Glas mit Waſſer an ſeinen Mund. Leiſe nannte ſie ſeinen Namen. Er oͤffnete die Augen, ſtarrte ſie an, und bewegte die Lippen, ohne daß man jedoch hoͤren konnte, ob er wirklich ſprach. Er faßte das Glas, und trank, die Augen beſtaͤndig dem geliebten Antlitze zugewendet. „Ich glaube, er erkennt Sie!“ fluͤſterte Carl erfreut: „O Gott ſei Dank, daß Sie kamen!“ Adolph lag ruhig da, aber es ſchien, als kaͤmpfe er, um ſein Bewußtſein wiederzugewinnen. Maria haette ſich neben ſein Bett geſetzt, ſeine Blicke verließen ſie keinen Augenblick, und wenn ſie im Zimmer umherging, folgten ſie jeder ihrer Bewegungen. Er nahm Arznei und Trinken von ihrer Hand, ohne zu ſprechen, doch aber ohne die Augen von ihr abzuwenden. Endlich ſchloſſen ſich ſeine Augen, wie ganz ermattet, und es hatte den Anſchein, als ſchliefe er. Carl und Maria begannen ein wenig Hoffnung zu ſchoͤpfen. Alles im Zimmer war ſtill; nur das Athmen des Kranken hoͤrte man, und den Schlag des Perpendikels in einer Stubenuhr, neben dem Sauſen des Windes drau⸗ ßen und dem Flattern der von demſelben ergriffenen Fen⸗ ſtergardinen; Carl hatte die Thuͤr zu dem aͤußeren Cabi⸗ nette verſchloſſen, wo die beiden Dienſtboten ſich befanden; 8 er ſelbſt ſetzte ſich in einen Winkel, und, von Kummer und Wachen ermattet, ſenkte ſich der Schlaf wohlthuend auf ſeine jungen Augen hinab. Zu Fuͤßen des Bettes lag Tiger, und ruͤhrend war es zu ſehen, wie der treue Hund von Zeit zu Zeit die Vorderpfoten aufs Bett ſetzte, und ſeine klugen Augen auf den kranken Herrn richtend deſſen Hand leckte, waͤhrend aus ſeiner ſtummen Bruſt ein Ton ſich hervordraͤngte, der einem Seufzer glich. Ma⸗ ria ſaß neben dem Bette. Mit Thraͤnen und unter innigem Gebete zu Gott betrachtete ſie den blaſſen Freund, waͤhrend ihre Hand leicht auf deſſen Arm weilte. Der junge Tag brach an, ſie erhob ſich, und ging hin, um die Lampe auszuloͤſchen. Es kam ihr vor, als hoͤrte ſie Adolph leiſe ihren Namen ausſprechen; ſchnell wendete ſie ſich um, und ſah ihn wachend, mit laͤchelndem Antlitze ihr ſeine Hand entgegenreichen. Sie eilte auf ihn zu, ergriff ſeine Hand, und druͤckte ſie unter Freudenthraͤ⸗ nen an ihre Lippen:„O Maria!“ ſagte Adolph mit ſchwacher Stimme;„Sie ſind bei mir! welche Gluͤckſelig⸗ keit! wie danke ich Ihnen!“ „Ach mir ſelbſt iſt es eine Gluͤckſeligkeit, bei Ihnen zu ſein, Sie pflegen zu duͤrfen, Sie zum Leben zuruͤckkeh⸗ ren zu ſehen.“ Mit feſterer Stimme ſagte Adolph:„Nein, meine geliebte Freundin! ich kehre nicht wieder zu dieſem irdiſchen — 263— Leben zuruͤck. Die Morgenroͤthe einer beſſeren Welt leuch⸗ tet mir ſchon entgegen.“ Maria blickte ihn an, ein ver⸗ klaͤrter Ausdruck umſchwebte ſeine Zuͤge und leuchtete aus ſeinen uͤberaus glaͤnzenden Augen hervor. Sie brach in heftiges Weinen aus, und warf ſich nieder, das Antlitz in ſeine Bettdecke verbergend. Leiſe hob er mit ſeiner mat⸗ ten Hand ihr Haupt empor, und ſagte:„O weine nicht, meine geliebte, treue Schweſter! Beneide mir nicht den ſe⸗ ligen Frieden, der mich durchſtroͤmt, einen Frieden, den ich nicht beſchreiben kann, der nicht von dieſer Welt iſt, ein Vorgefuͤhl der im Inneren ſich entfaltenden Schwingen. O laß mich, waͤhrend das letzte Sandkorn in meinem Stundenglaſe verrinnt, das groͤßte Gut des Lebens genie⸗ ßen, dasjenige, welches ich nicht im Tode verlieren werde: Freude uͤber meine Geliebte! Laß mich Dir danken, holde Freundin, liebliche Schweſter, fuͤr all' Deine treue Liebe! Jetzt ſinken die Feſſeln des Staubes; jetzt fuͤhle ich eine Liebe, der Deinigen gleich. O! vergoͤnne mir nun, was ich immer wuͤnſchte, nie erlangte: Gieb mir einen herzli⸗ chen Kuß und eine Umarmung zum Abſchiede, und laß den Sternen Deiner Augen mich naͤhern, auf daß ſie mir zum Himmel leuchten!“ Er erhob ſeine matten Arme, um ſie ihr entgegenzuſtrecken. Maria faßte ihn ſanft in die ihrigen, und druͤckte einen warmen und langen Kuß auf ſeine blaſſen Lippen. Ein electriſcher Stoß ſchien ihn — 264— zu durchzucken, es glich einem heftigen Auflodern der Le⸗ bensflamme, er ſchlang ſeine Arme feſt um die Geliebte, dann ſank ſein Haupt auf ihre Schulter hinab, einige Krampfzuckungen erſchuͤtterten ihn, ein tiefer Seufzer, und er lag todt in Mariens Armen. Es entſchluͤpfte ihr ein gedaͤmpfter Schrei, Carl eilte herbei, und rief den Die⸗ ner wie den Arzt zu Hilfe. Maria war ohnmaͤchtig auf's Bett niedergeſunken, Adolph ruhete noch in ihrem einen Arme. Carl trug ſie in das angraͤnzende Zimmer. Man verſuchte alle Mittel, um Adolph in's Leben zu⸗ ruͤckzurufen, obgleich der Arzt erklaͤrte, er habe ſchon am vorigen Abend gewußt, daß es fuͤr ihn keine Hoffnung mehr gebe. Da alle Bemuͤhungen vergeblich waren, legte Carl, unter warmen, bruͤderlichen Thraͤnen die geliebte Leiche leiſe auf ihrem Lager zurecht, und ſchloß Adolphs freundliche Augen, die noch gleichſam dem Antlitze der Geliebten zugewendet ſtanden. Ein Laͤcheln umſchwebte ſeinen Mund. Lange noch ſtand Carl vor der Leiche, ſei⸗ nen hingeſchiedenen Freund mit einem Gemiſch von bitter'm Schmerz und ſtiller Andacht betrachtend. Der Arzt, ein junger, gutmuͤthiger Mann, war un⸗ terdeſſen zu Marien hineingegangen, um ihr ſeine Hilfe zu leiſten. Es dauerte lange, bevor ſie aus ihrer Ohnmacht erwachte. Das alte Maͤdchen, ſo wie das ganze weibliche Perſonal des Gutes hatte ſich um ſie verſammelt. Sie — 265— kannten ſie als ihres geliebten Herrn ſo hoch verehrte Freun⸗ din, und wetteiferten, dieſer ihre Sorgfalt zu beweiſen. Nach der Vorſchrift des Arztes brachten die weinenden Frauen Maria in einem entlegenen Gaſtzimmer zu Bette, wohin Line, nach Verlauf einer Stunde zu ihr kam, und ihren eig'nen Schmerz zu unterdruͤcken ſtrebte, um den der aͤußerſt angegriffenen Freundin zu beſchwichtigen. Victor trat leiſe ins Zimmer und naͤherte ſich dem Bette der Mutter. Er war drinnen geweſen, und hatte— wie er ſich ausdruͤckte— dem guten Herrn Lidner Lebewohl geſagt, und dieſe Scene hatte dergeſtalt auf den lebhaften Knaben eingewirkt, daß ſein blaſſes und kummervolles Ausſehen Maria entſetzte. Sie umarmte ihn, und be⸗ muͤhte ſich, ihn aufzuheitern und zu troͤſten:„Ach!“ ſagte ſie, und lehnte ihr muͤdes Haupt an ſeine kindliche Bruſt: „Hier ſchlaͤgt noch ein Herz, um deſſentwillen mir das Leben werth iſt!“ Gegen Mittag hielt der Wagen des Obriſts vor der Thuͤr. Adolphs junger Diener ſaß betruͤbt auf einer Bank im Hofe. Er erhob ſich, und trat an den Wagen⸗ ſchlag, den bereits des Obriſts eig'ner Diener geoͤffnet hatte.„Wie ſteht's hier?“ fragte der Obriſt. Der junge Diener antwortete nur mit ſeinen Thraͤnen.„Was ſagſt Du?“ fragte der geaͤngſtigte Vaker:„Mein Gott! es iſt doch wohl nicht vorbei?“ — 266— „Ja, Herr Obriſt!“ ſchluchzte der Diener. „Schlag die Wagenthuͤr wieder zu!“ rief der Obriſt mit faſt erſtickter Stimme, und winkte ſeinem eig'nen Die⸗ ner, der wie verſteinert neben dem Wagen ſtand:„Laß den Kutſcher umkehren, und mich wieder zu meinem alten Major im naͤchſten Staͤdtchen zuruͤckfahren. Du bleibe hier, guter, alter Lorenz, um bei vorkommenden Faͤllen Hilfe zu leiſten. Komme zu mir, wenn... Du verſtehſt mich!“— Er konnte nicht weiter ſprechen, der Wagen kehrte um und fuhr davon, Lorenz aber eilte ins Haus hinauf, und kuͤßte unter tauſend Thraͤnen die kalte Hand ſeines lieben jungen Herrn. Am Begraͤbnißtage traf Philipp mit einigen weni⸗ gen Verwandten und Freunden ein. Der Obriſt war nicht zugegen. Der ungluͤckliche Vater war nicht vermoͤgend, den Anblick dieſer herzergreifenden Feierlichkeit zu ertragen. Eine unermeßlich lange Schaar von Bauern des Gutes, alten und jungen, ſelbſt Weiber und Kinder nicht ausge⸗ geſchloſſen, begleiteten unter aufrichtigen Thraͤnen den ſchwarzen Sarg, der von den angeſehenſten Maͤnnern des Kirchſprengels getragen, und, mit Blumenkraͤnzen geziert, die Mariens und Linens Haͤnde gewunden, in das ſtille Grab hinabgeſenkt wurde, in Begleitung der ſchoͤn⸗ ſten Blumenpracht des Sommers und aller der Thraͤnen, welche dieſe begoſſen hatten. Maria, die eben an dieſem — 267— Tage ihr Krankenlager verlaſſen, ging gegen Abend mit Vietorn nach dem kleinen Friedhofe hinaus. Sie tru⸗ gen Koͤrbe mit Blumen und Laub, um damit das friſche Grab zu ſchmuͤcken, das von den Zweigen einer ſchoͤnen, hohen Buche beſchattet wurde. Ploͤtzlich ſetzte Victor ſeinen Korb nieder und rief aus:„Ach, Mutter! Sieh den armen Tiger!“— Mit nicht zu verkennenden Zeichen einer wirklichen Betruͤbniß lag der treue Hund geſenkten Hauptes auf dem Grabe, wie ein ſchoͤnes, lebendiges Mo⸗ nument, das Symbol der Treue darſtellend. Maria und Victor eilten auf den Hund zu, und ſuchten ihn durch Liebkoſungen von dem eingenommenen Platze zu ent⸗ fernen. Er leckte ihnen die Haͤnde mit heißer Zunge, wich aber nicht von der Stelle. Ein Arbeiter, der in der Naͤhe beſchaͤftigt war, trat zu ihnen heran, und ſagte, der Hund ſei dem Leichenzuge gefolgt, und ſobald das Grab zuge⸗ worfen, habe er ſich obendrauf gelegt; ſpaͤter haben der Verwalter, wie auch Andere geſucht, ihn ſowohl durch Freundlichkeit als durch Gewalt zu entfernen, der Hund aber habe ihnen die Zaͤhne gezeigt, und ſei nicht fortzubrin⸗ gen geweſen. Laut weinend warf ſich Victor neben ihn hin. Der kluge Hund blickte ihn an, erhob ſein Haupt, und begann ihm die Thraͤnen von den Wangen zu lecken. Victor umſchlang ihn mit ſeinen Armen, und konnte nicht aufhoͤren zu weinen; endlich erhob ſich Tiger, und — 268—- es gelang den liebevollen Bemuͤhungen des Knaben, den Hund zu vermoͤgen, mit ihm das Grab zu verlaſſen. Wie an jenem Weihnachtsabende ſchlang er ein Taſchentuch in⸗ den Ring ſeines Halsbandes, um ihn feſtzuhalten; Tiger ließ dies geduldig geſchehen, und legte ſich, als Victor ſich ins Gras ſetzte, auf einen Wink neben ihn, ſeinen Kopf auf des Knaben Schoos lehnend. Maria begann unterdeſſen ihre Blumen hervorzuneh⸗ men, und das Grab zu ſchmuͤcken. Sie lag auf den Knieen an der Erde, eifrig mit ihren Blumen beſchaͤftigt. Ploͤtzlich wurde ſie gewahr, daß der Obriſt ganz ſtill neben ihr ſtand. Er beugte ſich zu ihr hinab, faßte ihre Hand, und kuͤßte dieſelbe, ohne ein Wort zu ſprechen. Auch ſie ſchwieg. Darauf kniete er, gleich ihr, neben den Blumen⸗ koͤrben, und nahm ohne weitere Verabredung an dem Ordnen und Aufpflanzen der Blumen Theil, waͤhrend mancher Seufzer, manches liebevolle Lebewohl von ſeiner ſtummen, beklommenen Bruſt Demjenigen uͤberſe andt wur⸗ de, der dort unten in der Erde weilte. Das ganze Grab gewaͤhrte bald den Anblick, als waͤre ein bunter Teppich uͤber daſſelbe ausgebreitet. Sie hatten ihr Werk vollendet, und erhoben ſich, als der Obriſt ploͤtzlich heftig zuſammenfuhr, erblaßte und halb leiſe ſagte:„Gott! was iſt das?“ 1 83 — 269— Mariens Augen waren der Richtung gefolgt, welche die ſeinigen genommen, und entdeckten nun Carl und Line, die in derſelben Abſicht mit Blumen zum Grabe gekommen waren, beim Anblick des Obriſts aber im Be⸗ griff ſtanden, ſich zuruͤckzuziehen. Line hatte ſich hinter einer Hecke verborgen, an welche ſie ſich lehnte, ohne Kraft um weiter zu gehen. Carl, der ſie hinweg fuͤhren wollte, blickte noch ein Mal zuruͤck, um den zuvor nie geſehenen Vater in's Auge zu faſſen. In dieſem Momente traf ihn ein Blick des Obriſts, der den Sohn zu ſehen glaubte, an deſſen Grabe er ſtand. Maria faßte ſogleich den Zuſam⸗ menhang. Wie von einer inneren Einfluͤſterung getrieben, eilte ſie auf Carl zu, ergriff deſſen Hand, und fuͤhree ihn, faſt mit Gewalt, dem Obriſten entgegen.„Seh'n Sie hier Adolphs Bild,“ ſagte ſie,„ſeinen Liebling, ſeinen liebſten Bruder, den großen Troſt, den Ihnen Got⸗ tes Barmherzigkeit in dieſer Stunde der Truͤbſal zuſendet!“ Beſtuͤrzt blickte der Obriſt den jungen Mann an, der verlegen vor ihm ſtand; ſtreckte ihm dann ploͤtzlich beide Haͤnde entgegen, und rief:„Komm in meine Arme, mein Sohn! mein geliebter Sohn! ſei Du mir an Aldolphs Stelle, ich will bei Dir die ſeinige einnehmen!“ Carl warf ſich mit hervorbrechenden Thraͤnen in ſeine Arme. V b — 270— „Kannſt Du Deinem liebloſen Vater verzeihen?“ fragte der Obriſt geruͤhrt. Carl zeigte nach der Hecke hin, und ſagte:„Da ſteht meine Mutter.“. Zitternd, mit niedergeſchlagenen Augen trat Line hervor, blieb aber dann wieder wie eine Bildſaͤule ſtehen. Das einfache, ſchwarze Kleid fiel in reichen Falten um die hohe, ſchlanke Geſtalt, und die feinen, regelmaͤßigen Zuͤge des bleichen Antlitzes verliehen ihr das Anſehn einer edlen Statue. Der Obriſt ſchien von dieſem Anblick tief er⸗ griffen; er naͤherte ſich, faßte ihre beiden Haͤnde, und ſagte: „Ach Line! arme Line! Verzeihe mir! ich bitte Dich, verzeihe mir um dieſes unſeres Sohnes willen, fuͤr den ich Dir danke! verzeihe mir um Deſſentwillen, der hier ruht, und den wir Beide beweinen!“ Maria hatte waͤhrend dieſer Unterredung ſich zuruͤck⸗ gezogen, und begab ſich nun leiſe mit Victorn auf den Heimweg, der den gutmuͤthigen Hund mit ſich fuͤhrte, und ſich gluͤcklich fuͤhlte, ſolchergeſtalt ſich das liebe Thier zugeeignet zu haben. Die kleine Liſe war ſchon Tags zuvor aus Linens Hauſe zuruͤckgekehrt. Das ſchoͤne, freundliche Kind ſtand mit einem der Maͤdchen vor der Thuͤr, um die Mutter zu erwarten. Jubelnd eilte ſie ihr entgegen, und ſchmiegte ſich an ſie. Victor ergriff Mariens Arm, indem er ihr mit einem unbeſchreiblichen — 271— — Blicke in's Auge ſchaute. Mit der innigſten Liebe umarmte Maria ihre lieblichen Kinder, und beugte ſich liebkoſend uͤber den treuen Hund des verlornen Freundes hinab, der V mit dem ruͤhrenden Blicke des Thieres ſie anſah, und gleich⸗ ſam um einen neuen Zufluchtsort in ihrer Heimath flehte. Der folgende Tag war zur Heimreiſe beſtimmt. Mor⸗ gens trat der Obriſt zu ihr hinein.„Liebſte Maria!“ ſagte er:„treue Freundin! laſſen Sie mich Ihnen wegen Ihrer Freundſchaft fuͤr meinen Ad olph danken! Ja laſ⸗ ſen Sie mich Ihnen auch fuͤr Alles danken, was Sie mir geweſen ſind. Sie waren es auch, die mir meinen bisher ungekannten Sohn zufuͤhrte. Ja, ich geſtehe es mit Dank gegen Gott: wunderbar wohlthaͤtig iſt der Eindruck, den der Anblick dieſes Sohnes auf mein verwundetes Herz gemacht hat. Es iſt ja, als ſaͤhe ich Adolph vor mir; von dieſem iſt er gebildet, ſicher hat ihm auch Adolph Etwas von ſeiner eig'nen edlen Seele eingefloͤßt. Ja, Ihre Worte waren wahr: Gottes Barmherzigkeit ſandte mir dieſen Troſt zur Stunde der bitterſten Truͤbſal; und er ſandte mir ihn durch Ihre Hand. Laſſen Sie mich nun auch vor Ihnen meine Gedanken entfalten, meine innig geliebte Freundin! Wunderbar erwecken Tod und Kummer unſer im Taumel der Welt erſchlafftes Herz. Linens Anblick hat mich tief geruͤhrt. So viele ſchoͤne Jahre hat ſie um meinetwillen kuͤmmerlich hingebracht! Dem von ———— ————————ͤ— — 272— ſeinem leichtſinnigen Vater verlaſſenen Sohne iſt ſie eine treue Mutter geweſen. Einſt redete Adolph ihr mit Waͤrme das Wort, er wuͤnſchte, daß ich ihr die Genug⸗ thuung gewaͤhren moͤchte, die in meiner Macht ſtaͤnde.“ „Ja gewiß, lieber Obriſt! ich weiß es, wie ſehr ihm das Schickſal dieſes Bruders am Herzen lag, und nicht ohne Bedeutung iſt es, daß Ihnen die Vorſehung, bei ſeiner ſtillen Ruheſtaͤtte Mutter und Sohn entgegenfuͤhrte. Beide verloren an ihm einen Freund und eine Stuͤtze, moͤgen ſie denn in Ihren Armen eine Zuflucht wieder⸗ finden.“ „Ja, liebe Marial ich wuͤrde mich ohne diefen mei⸗ nen neuen Sohn gar zu einſam fuͤhlenz denn mein guter Philipp iſt ja nicht mehr in meinem veroͤdeten Hauſe, und ich bedarf der Anweſenheit eines liebenden Kindes; hier aber erkenne ich auch den Zoͤgling meines Adolph wieder; Carl ſchlug alle Guͤter der Erde, ſelbſt die Liebe ſeines Vaters aus, wenn er ſie nicht mit ſeiner Mutter theilen koͤnnte. Ach! Line liebt mich noch, und meine alte Neigung fuͤr ſie iſt nicht erloſchen. Ich habe ihr ſchon meine Hand angeboten, und werde ehrlichen Sinnes Alles aufbieten, um ihre kuͤnftigen Jahre ſo gluͤcklich zu ma⸗ chen, daß ſie den Kummer der fruͤheren vergeſſe.“ Als Maria mit ungeheuchelter Theilnahme ihre Zu⸗ friedenheit uͤber dieſen Entſchluß des Obriſts aͤußerte, faßte 3 44 4 ———S, —— — 273— er ihre Hand, und ſagte:„Ach Maria! Glauben Sie mir, ich erkenne Ihren Edelſinn, Ihre Liebenswuͤrdigkeit. O ſagen Sie mir, wie ſoll ich mein Unrecht gegen Sie ſuͤhnen?“ „Lieber Obriſt! Sie haben mir kein Unrecht abzubit⸗ ten. Bis zu meiner letzten Stunde ſollen meine Freund⸗ ſchaft und meine guten Wuͤnſche Ihre Begleiter ſein.“ „Kann ich doch gar nichts thun, um Ihnen gefaͤllig zu ſein? Giebt es auch nicht einen kleinen Wunſch, den zu erfuͤllen in meiner Macht ſtaͤnde?“ „Jal! ich habe wirklich eine Bitte an Sie: Erlauben Sie mir, Adolphs Hund zu behalten! Mein Victor hat ihn vom Grabe, wo er lag, mit ſich fortgenommen. Erlauben Sie, daß er ihm ein Erbgut, ein Andenken an unſer'n verlorenen Freund ſein moͤge!“ Dieſe Bitte wurde natuͤrlicherweiſe gleich zugeſtanden. Victors Freude uͤber dieſe Nachricht war unbeſchreiblich; noch ſelbigen Tages reiſete die kleine Familie nebſt dem treuen Tiger, wie das vorige Mal, in Adolphs Reiſe⸗ wagen nach der Hauptſtadt zuruͤck, und zog wieder in ihre demuͤthige Wohnung am Hafenwege ein. 18 XV. Es war wieder Weihnachtsabend. Der kaͤrgliche Mittags⸗ tiſch der kleinen Familie ſtand fruͤher gedeckt als gewoͤhn⸗ lich, weil Mamſell Holm das kurze Tageslicht zum Aus⸗ gehen benutzen wollte, um einige kleine Geſchaͤfte zu be⸗ ſorgen. Maria ſaß an ihrem Arbeitstiſche, die kleine Liſe ſtand am Fenſter, und ließ ihre Haͤndchen fleißig die Strickſtoͤcke ruͤhren. Victor hatte Erlaubniß bekommen mit ſeinem Hunde einen Spatziergang zu machen, und da an der ihm vorgeſchriebenen Zeit noch ein halbes Stuͤnd⸗ chen fehlte, wartete man mit dem Mittagseſſen auf ihn. Mamſell Holm, die eben nach Hauſe gekommen, ſetzte ſich zu Marien, und ſagte freundlich:„Nun, mein liebes Frauchen! wie iſt es denn heute mit Ihnen? Sie ſeh'n mir ſo blaß aus, und ſitzen doch ſo eifrig bei der Arbeit.“ „Dank' Ihnen, liebe Holm!“ ſagte Marjia laͤ⸗ chelnd:„Heute iſt mir recht wohl.“. „Nun, Gott ſei Dank! Ja, es wird ſchon gut wer⸗ den, wenn wir nur erſt beſſeres Wetter bekommen. Gewiß — 275— ſind es noch die Folgen der ſchlimmen Reiſe im verwiche⸗ 4 nen Sommer. Schreck und Erkaͤltung zugleich ſind nicht ſo leicht verwunden.“ „Ja, geliebte Freundin! Sie haben leider ſeit laͤnge⸗ rer Zeit viel mit mir zu ſchaffen gehabt. Gekraͤnkelt hab' ich an Seele und Koͤrper, und ich glaube, daß die Muth⸗ loſigkeit, die mich bisweilen befaͤllt, eine Suͤnde ſei, daß guter Muth mit gutem Gluͤcke im Bunde ſtehe, ſo daß es mir faſt ſcheint, es liege an mir die Schuld, daß dieſe letz⸗ ten Monate an Arbeit und Verdienſt fuͤr uns nicht ſo guͤn⸗ ſtig geweſen ſind. An dieſem heiligen, chriſtlichen Feſttage hab' ich mir auch vorgenommen, mich zu beſſern, und Gott gebeten, mir dazu Kraft zu verleihen.“ „O liebe Madame Blume! Sie machen mir das Herz ganz warm. Nein, an Ihnen liegt wahrlich keine Schuld, Sie waren immer ſanft und geduldig, nie muͤr⸗ riſch und mißlaunig. Ich dahingegen! ja ſeh'n Sie, ich bin wirklich auch an dieſem heiligen Feſttage in mich ge⸗ gangen, und habe von Herzen bereut, oft unmuthig ge⸗ weſen zu ſein, wenn es uns nicht nach Wunſch ging, und gedacht— ja leider auch geſagt zu haben— es haͤtte Al⸗ 4 les anders ſein koͤnnen, Sie haͤtten ſelbſt das Gluͤck von 4* ſich geſtoßen; aber Gott weiß es, daß ich doch bei alledem * nicht an mich gedacht habe, ſondern nur an Sie. Ich 4 kann die Idee nicht aus meinem Kopfe verbannen, daß ich 18* ——————— b — 276— Sie noch einſt in Glanz und Reichthum, von Allen und Jeden geehrt und anerkannt ſehen werde. Nun, der Menſch denkt, aber Gott lenkt. Sein Sie mir nun nur nicht boͤſe! Oft bin ich nicht geweſen, wie ich haͤtte ſein ſollen, und bitte Sie deshalb um Verzeihung.“ „Liebe Freundin!“ ſagte Maria, und druͤckte der alten Jungfer die duͤrre Hand:„Gebe Gott, daß ich mit Ihnen, die Sie mit mir ſo treulich die ſchweren Tage er⸗ tragen, einſt auch die guten theilen koͤnne!“ „Ja ziemlich ſchwer ſind freilich dieſe Tage geweſen. Iſt es nicht aber doch merkwuͤrdig, wie aͤhnlich dieſer Weihnachtsabend dem vor zwei Jahren iſt? Damals wa⸗ ren wir wegen des Nothwendigſten in Verlegenheit, hat⸗ ten nur fuͤr dieſen Abend, und nichts fuͤr den folgenden Morgen; accurat wie heute. Damals ging ich zu der Frau Niſſen, und lieh von ihr etwas Geld, das hab' ich heute auch ſchon gethan. Sie hatte damals das Geld nicht bei der Hand, heute auch nicht; ich kann es aber doch abholen wenn wir gegeſſen haben. Damals aber bekam ich vier Reichsthaler, heute kann ich nur drei bekommen, und das iſt das Schlimmſte. Ich habe mich deshalb auch bei mei⸗ ner alten Weihnachtsgeſellſchaft entſchuldigt, und vorge⸗ ſchuͤtzt, daß Sie krank waͤren. Gott ſei Dank, daß ich dieß gelogen habe!“ „Ach! am meiſten betruͤbt es mich, daß Sie der Ge⸗ — 277— ſellſchaft entſagen muͤſſen, in welcher Sie ſeit ſo vielen Jahren dieſen Abend zu feiern pflegen.“ „Ach, mir deucht, ich kuͤmmere mich dies Mal nicht darum. Ich komme eben ſo gern wieder nach Hauſe, wenn ich meine Geſchaͤfte beſorgt habe. Sie ſollten ja etwas Ze⸗ phyrwolle haben, nicht wahr?“ „Ja dieſen Abend brauche ich das Allerletzte von dem Vorrathe, den Sie kauften, und welchen ich vor zwei Jahren, an demſelben Weihnachtsabende, deſſen Sie eben erwaͤhnten, abwickelte. Von dieſem weißen Garn ſollte ich etwas haben, um noch heute Abend mit dieſem Schirme fertig zu werden, dann koͤnnten wir ihn morgen abliefern, und vielleicht das Geld fuͤr denſelben, oder wenigſtens doch etwas von dem bedungenen Lohn empfangen. Seh'n Sie nur, er iſt huͤbſch.“ „Ja wunderſchoͤn iſt er! Sie muͤſſen aber doch geſtern Abend ſtramm genaͤht haben, ſtatt auszugehen, um ſich zu zerſtreuen. Doch es iſt wahr! ich glaube, daß ich Ih⸗ nen von geſtern Abend noch gar nichts erzaͤhlt habe. Ich kam ſo ſpaͤt nach Hauſe, und ging dieſen Morgen ſo fruͤh wieder aus, daruͤber habe ich es verſaͤumt. Wiſſen Sie was, es war Schade, daß Sie nicht mit waren! Eine kleine Geſellſchaft befand ſich da, nur die naͤchſten Ver⸗ wandten, und einige alte Freunde des Hauſes. Der Obriſt will dieſen Winter in ſeinem Hauſe keine große Geſellſchaf⸗ — 278— len haben, und dieſe war ein foͤrmliches Familienfeſt, um ſo viel artiger von Obriſts, daß ſie uns einluden, und man war ſehr betruͤbt, daß Sie nicht kommen konnten.“ „Sie hatten wohl die Guͤte zu ſagen, ich ſei unpaͤß⸗ lich? Sie ſelbſt wiſſen es, daß dies nicht die Unwahr⸗ heit war.“ „Ich brachte ſehr huͤbſch Ihre Entſchuldigungen vor; aber es war doch betruͤbt, daß ich Sie nicht mit hatte. Sie wiſſen wohl daß es geſtern der Jahrestag von Lieute⸗ nant Lidners Hochzeit war; was Sie aber nicht wiſſen iſt, daß ſein und Emmas Soͤhnchen geſtern Vormittag getauft, und Adolph genannt wurde. Es iſt wunderbar und niedlich zu ſehen, wie das fruͤhere Fraͤulein Emma, das ein ſo ſtolzes und dummes Ding war, jetzt eine nette, artige und vernuͤnftige Frau geworden iſt. Sie hat aber auch an ihrer Schwiegermutter, der Obriſtin, ein Vorbild vor Augen. Ja, ich will der guten Line Jenſen ihr Gluͤck nicht mißgoͤnnen, denn eine beſſere und vortreffli⸗ chere Frau in ihrem Hauſe kann es in der Welt nicht mehr geben. Wie war ſie geſtern Abend ſo vergnuͤgt. Sie macht ſo viel aus dem Lieutenant und deſſen jungen Frau; und den kleinen Engel, der geſtern Abend auch da war, holte ſie aus einer Nebenſtube, wo er ſich bei der Waͤrterin be⸗ fand, und zeigte ihn mir mit großer Freude uͤber ihren kleinen Pathen; denn ſie hat ihn ſelbſt aus der Taufe ge⸗ — 29— hoben. Spaͤter vertraute ſie mir(denn ſie hat wirklich Vertrauen zu mir), am aller gluͤcklichſten fuͤhle ſie ſich uͤber des Obriſts große Liebe fuͤr Carl. Noch geſtern hatte er zu ihr geſagt:„„Es kommt mir ſo lebhaft vor, als ſei mir mein Adolph in einem juͤngeren Alter wieder ge⸗ ſchenkt, und Carls Freude am Leben, ſein heiterer Sinn ſind mit meiner eig'nen Natur noch naͤher verwandt.“— Der Obriſt war uͤbrigens geſtern Abend nicht beſonders guter Laune. Er hatte Geſchaͤfte, und fand ſich erſt ſpaͤt bei der Geſellſchaft ein. Als mich Carl nach Hauſe be⸗ gleitete, fragte ich ihn, was ſeinem Vater wohl fehlen moͤchte, und da erzaͤhlte er mir, daß er mit dieſem Com⸗ miſſionaͤr aus Holſtein eine lange Unterhandlung gehabt, und erklaͤrte mir demnaͤchſt die ganze Sache.“ „O erzaͤhlen Sie mir davon, liebe Holm! Es inte⸗ reſſirt mich außerordentlich.“ „Nun, Sie wiſſen ja wohl, daß nach Adolph ein Papier vorgefunden wurde, vermuthlich zu Anfang ſeiner Krankheit geſchrieben, in welchem er ſeinen Vater bat, Carl zu legitimiren, und falls er Adolph uͤberleben ſollte, dann das Gut der Leitung und Verwaltung Carls zu uͤberlaſſen; der Obriſt wuͤnſchte es auch nach dem Wil⸗ len ſeines verſtorbenen Sohnes einzurichten. Da aber brach der ungluͤckliche Prozeß mit den holſteiniſchen Er⸗ ben los. Seh'n Sie, es iſt aber auch ſchaͤndlich, daß Leute — ————— — —— ————— — 280— nicht einmal ihren allerletzten Willen in dieſer Welt ſo deutlich und ordentlich niederſchreiben, daß ſpaͤter kein Zank daruͤber entſtehen kann.“ „Ja, dieſes Alles hat mir der Obriſt erzaͤhlt, als er bei mir war, um mir mitzutheilen, das kleine Capital, welches ich im Gute ſtehen habe, koͤnne mir fuͤr's Erſte noch nicht ausbezahlt werden, er mir aber fuͤr die Zinſen verantwortlich ſein wolle. Was aber erzaͤhlte Ihnen Carl?“ „Nun er ſagte, die Holſteiner haͤtten dem Obriſt geſtern einen Vergleich vorgeſchlagen: daß, wenn er ihnen innerhalb Monatsfriſt fuͤnftauſend Thaler auszahlen wolle, ſo ſolle der Prozeß aufgehoben, und ihm das Gut ohne Weiteres uͤberlaſſen werden. Der Obriſt wollte dies gern, ſagte Carl, denn das Gut ſei unverhaͤltnißmaͤßig mehr werth, als Alles, was Jenen, die fuͤnftauſend Thaler einbe⸗ rechnet, ausgezahlt worden. Ein Prozeß koſte viel Geld, der Ausfall deſſelben ſei zweifelhaft; jedenfalls koͤnne er ſich viele Jahre in die Laͤnge zieh'n, und das Grundſtuͤck wuͤrde leiden, indem es, waͤhrend dieſer ganzen Zeit, ohne eigent⸗ lichen Beſitzer, einer mittlerweiligen Adminiſtration unter⸗ geben wuͤrde. Dagegen aber ſaͤhe der Obriſt keine Aus⸗ wege, das verlangte Kapital herbeizuſchaffen. Daruͤber war er uͤbler Laune.“ „Aber Emmas Vater iſt reich. Koͤnnte er nicht?... Oder Philipp und Emma ſelbſt?... — 21— „Nein, Philipp und ſeine Frau beſitzen kein Kapi⸗ tal; nur eine gewiſſe, ziemlich bedeutende Einnahme hat ihnen der Alte zugeſtanden, und, was ihn ſelbſt betrifft, ſo war es ein Grund mehr zu des Obriſts Aerger, daß er ſich an ihn vergeblich gewendet, denn dieſer uͤbrigens gute aber ſtreitſuͤchtige Mann behauptete, der Obriſt muͤſſe den holſteiniſchen Erben nicht nachgeben, ſondern den Pro⸗ zeß gegen ſie auf Leben und Tod durchfuͤhren.“ „O wie wuͤrde es mich betruͤben, wenn Adolphs liebevoller Wunſch auf ſolche Weiſe ſcheitern muͤßte!“ „Es thut mir doch am meiſten um Carl leid, er ſagte ſo wehmuͤthig: Wie wuͤrde es mir ſchwer fallen, das liebe Gut in ſolchen Haͤnden, und alle Adolphs ſchoͤne Unter⸗ nehmungen und Plane geſtoͤrt zu ſehen!“ Victor trat jetzt ein und Mamſell Holm wendete ſich gleich zu ihm:„Nun mein Junge! biſt Du da mit Deinem Hunde?“— Darauf ſtreichelte ſie Tiger, und ſagte:„Mein armes Thier! du warſt mir freilich als un⸗ ſer beſtaͤndiger Geſellſchafter nicht willkommen, jetzt aber deucht mir doch, wir koͤnnen dich nicht entbehren, und gern moͤchte ich dich zum Weihnachtsfeſte ein wenig trac⸗ tiren. Nun! einen Weihnachtskuchen bringe ich doch wohl nach Hauſe, und da wirſt du von den Kindern ſicher nicht vergeſſen werden. Das iſt wieder eben wie vor zwei Jah⸗ — 282— ren, damals brachte ich auch einen Weinachtskuchen, und Tiger bekam von demſelben den groͤßten Antheil.“ Es war noch nicht dunkel geworden, als Mamſell Holm fortging. Maria nahm nun eine Schachtel her⸗ vor, und ſagte zu den Kindern:„Meine lieben Kinder! Es thut mir recht leid, daß ich Euch nicht ein frohes Weihnachtsfeſt bereiten kann. Keinen Weihnachtsbaum, nicht einmal kleine Lichter und Kuchen koͤnnt Ihr heute er⸗ halten. Ich will Euch deshalb gleich einige Kleinigkeiten geben, die ich fuͤr Euch verfertigt habe; damit koͤnnt Ihr Euch denn unterhalten bis zur Theezeit. Dann bringt un⸗ ſere gute Holm einen Weihnachtskuchen, und ſo muͤßt Ihr Euch fuͤr dieſen Abend begnuͤgen.“ Indem ſie dies ſprach oͤffnete ſie die Schachtel, und nahm fuͤr Li ſe eine Puppe und einen kleinen Strickkorb heraus, fuͤr Victor eine aus Pappe verfertigte Zeichenmappe und ein eben ſolches Federpennal. Die Kinder waren entzuͤckt, und um⸗ armten ſie unter warmen Dankſagungen. In dieſem Au⸗ genblicke trat ein großer, ſchoͤner Mann ins Zimmer, der mit freudiger Haſt auf Maria zueilte, und ſie nebſt bei⸗ den Kindern in ſeine Arme ſchloß.„Onkel!“ rief Victor, und Maria erkannte den Gatten ihrer lieben Schweſter. Nach den erſten Ausbruͤchen gegenſeitiger Verwunderung und Freude, nach den erſten Fragen und Antworten ſagte Maria:„Lieber Friedrich! ſetze Dich nun zu mir, und — 283— erzaͤhle mir von Dir und unſerer Anna! Ihre Briefe haben mich in Betreff Eurer eigentlichen Lage nicht befrie⸗ digt. Du biſt lange abweſend geweſen.“ „Ja! das war eine lange und jaͤmmerliche Reiſe. Ueber ein ganzes Jahr war ich vom Hauſe. Mein Bru⸗ der in Drontheim konnte mir nicht helfen, doch wollte er gern, und erſann tauſend Plane, die alle zu Nichts fuͤhrten. Endlich reiſete er mit mir nach Bergen, wo ſein reicher Schwiegervater wohnt. Aber die Zeit verſtrich, Alles mißlang, und ich trat meine Ruͤckreiſe an, aͤrmer als ich gekommen war. Ich habe die Thorheit, mich mit dem Landweſen abzugeben, das ich nicht verſtand, und wozu ich kein Geſchick hatte, ſehr bereut. Du weißt es, liebe Maria, ich war— ohne mich ſelbſt zu ruͤhmen— ein tuͤchtiger und geachteter Beamter. Viele Menſchen haben ihre Geldangelegenheiten meinen Haͤnden anvertraut, und Keiner hat Urſache gehabt, dieſes zu bereuen. Aber ſchlecht habe ich gegen mich ſelbſt und die Meinigen ge⸗ handelt; denn Du kannſt glauben, die arme Anna hat eine boͤſe Zeit gehabt. Seit meiner Heimkehr ſind unſere Ausſichten immer ſchlechter geworden. Es wuͤrde gar zu weitlaͤuftig ſein, Dir auseinanderzuſetzen, bis auf welchen Grad der Verlegenheit wir gekommen ſind. Jetzt aber ſcheint ſich uns der Himmel aufzuklaͤren. Mein fruͤherer Chef und Goͤnner hat mich benachrichtigt, daß ein Mann — 284— hier in der Stadt, der ein ziemlich eintraͤgliches Amt be⸗ kleidet, dieſes gegen einen Landbeſitz vertauſchen wolle. Ich habe mit ihm correſpondirt, und bin auch ſchon heute bei ihm geweſen, um mit ihm Ruͤckſprache zu halten. Seine Bedingungen ſind recht gut. Er will mir das Amt uͤberlaſſen, und mein Gut mit der auf demſelben haften⸗ den Schuld uͤbernehmen, ja er hat ſich ſogar bereit erklaͤrt, mir die dreitauſend Reichsthaler, die ich aus meinen eige⸗ nen Mitteln an dem Gute verwendet habe, verzinſen zu wollen, wenn ich dagegen gleich zweitauſend Reichsthaler herbeiſchaffte, wegen welcher ſonſt in der kommenden Woche auf dem Gute gepfaͤndet wird. Das iſt nun Alles recht gut, doch, wie Du Dir ſelbſt denken kannſt, das Ding hat ein Aber. Dieſes koͤnnteſt Du vielleicht beſeitigen, meine beſte Marial und in dieſer Veranlaſſung hat Anna einen Brief an Dich geſchrieben, den ich Dich hie⸗ mit zu leſen bitte. Ich gehe ein Stuͤndchen fort, und komme dann wieder, um mit Dir das Naͤhere zu verabre⸗ den.“ Mit einer etwas verlegenen Miene hatte er dieſe letzten Worte geſprochen, und dabei den erwaͤhnten Brief Marien in die Hand gedruͤckt, worauf er ſich entfernte. Unter bangen Ahnungen ließ Maria gleich Licht bringen, und oͤffnete den Brief. Mit liebevollen Worten bat Anna die Schweſter, ihrem Manne die zweitauſend Reichsthaler zu leihen, die ſie in koͤniglichen Obligationen — 285— beſaͤße, natuͤrlicherweiſe gegen die ublichen Zinſen, und Sicherheit im Gute, in welchem er ja ſelbſt, wenn der vorgeſchlagene Tauſch zu Stande kaͤme, dreitauſend Tha⸗ ler ſtehen haͤtte. Eine herzergreifende Schilderung des Lebens, welches Anna waͤhrend der letzten Jahre mit ih⸗ ren Kindern gefuͤhrt, ſo wie der frohen Tage, die ſie jetzt in Mariens Naͤhe zu verleben hoffen durfte, ſchloß die⸗ ſes Schreiben, welches Maria kaum zu Ende geleſen, als ſie, von dem bitterſten Schmerze ergriffen, laut wei⸗ nend, das Antlitz mit beiden Haͤnden bedeckend, den Kopf auf den Tiſch niederſinken ließ. Die Kinder eilten auf ſie zu, und umſchlangen ſie mit ihren Armen. Victor fragte zu wiederholten Malen:„Was iſt geſchehen? Iſt Tante Anna krank?“ 8 4 Nein, ſie iſt nicht krank, aber ungluͤcklich, und bit⸗ tet mich, ſie zu retten. Fruͤher haͤtte ich es gekonnt, jetzt aber ſteht es nicht mehr in meiner Macht.“ Sie reichte Victorn den Brief hin, und ſagte:„Leſe dieſen Brief, Du biſt ein vernuͤnftiger Knabe.“ Als Victor den Brief geleſen, und ihn Maria uͤberdies wegen des Zuſammenhanges mit den Obligatio⸗ nen Aufklaͤrung gegeben, ſagte er:„Es iſt ja ſehr hart, . daß Du dem armen Onkel Nein ſagen mußt. Er ſah ſo froh aus, und jetzt wird er ſehr betruͤbt werden; Du biſt — 286— ja aber unſchuldig. Du kannſt nicht bereuen, dem guten Lidner einen Dienſt erwieſen zu haben.“ „Nein, wahrlich nicht! da haſt Du Recht. O haͤt⸗ ten wir ihn doch noch, dann wuͤrde uns wohl Rath wer⸗ den! Jetzt aber ſind wir ganz verlaſſen.“ „Hoͤre, mein eigen lieb' Muͤtterlein!“ ſagte Victor, indem er ſeinen Arm um ſie ſchlang, und ihr in's Auge blickte:„Es giebt Etwas, welches mir taͤglich in Gedan⸗ ken ſchwebt, und das ich jetzt nicht umhin kann, Dir mitzutheilen: An dem Morgen, als Lidner geſtorben war, und ich dies erzaͤhlen hoͤrte, eilte ich gleich nach dem Herrenhauſe, und trat in das Zimmer, wo er lag. Mir wurde grauenhaft aͤngſtlich und betruͤbt zu Muthe, als ich ihn ſo daliegen ſah, ſo ganz todt, und ich zog mich weit vom Bette zuruͤck. Neben demſelben ſtanden Carl und der Verwalter, und Carl ſagte:„„Meine Mutter und ich ſind ganz verlaſſen;““ und da erwiederte der Verwal⸗ ter:„„Ihr ſeid nicht die Einzigen, die verlaſſen ſind.““ Daruͤber kam ich auf den Gedanken, wie unausſprechlich viel Lidner von Dir gehalten, und daß auch Du durch den Verluſt Deſſen, den Du Bruder nannteſt, einſam und verlaſſen waͤreſt. Es that mir von Herzen leid, und ich dachte: Leider bin ich noch nur ein Kind, habe aber doch ſchon mein zwoͤlftes Jahr erreicht; die Zeit geht ſchnell, bald kann ich zum Manne heranwachſen. Da wurde mir ſo feierlich zu Muthe, gleichſam als hoͤrte ich die Toͤne der Orgel in der Kirche. Ich fuͤrchtete mich nicht laͤnger vor dem Todten, ging hin, faßte ſeine Hand, und ſagte leiſe:„„Lebe wohl, lieber Lidner! Dank Dir fuͤr all' Deine Guͤte. Ich verſpreche Dir heilig, meiner Mutter ein Freund und Bruder zu ſein, wie Du es ihr geweſen biſt, und dazu ein Sohn, wie ich es bin. ³ν Da kam es mir vor, als laͤchelte er, und ich kuͤßte ihm die Hand und weinte ſehr, aber ich waͤre gern ſtehen geblieben, um ihn anzuſehen, und zu ihm zu ſprechen, ſo lange es haͤtte ſein koͤnnen.“ Victors Thraͤnen floſſen, ihm ſelbſt un⸗ bewußt, waͤhrend dieſes Berichts. Darauf ſagte er mit leuchtenden Augen:„Sprich nicht, Du ſeiſt verlaſſen! Du haſt ja mich! ich liebe und ehre Dich. Ich will Dir ein Sohn, ein Bruder und Beſchuͤtzer ſein. Wenn jetzt auch nur noch ein Kind, bin ich doch nicht kraftlos. Ein Knabe kann ſeine Mutter wohl vertheidigen und ihr die⸗ nen, wenn er nur das Herz auf dem rechten Fleck hat.“ Maria umarmte den wackern Knaben, und ſagte: „Achl ich fuͤhle es wohl, daß ich in meiner Armuth reich bin.“ Victor fuhr mit froher Miene fort:„Du ſollſt nur ſehen, meine ſuͤße Mutter! der Onkel wird ſchon ohne Deine Hilfe einen Ausweg finden. Du darfſt nicht mehr weinen. Erinnerſt Du Dich noch des Weihnachtsabends — 288— vor zwei Jahren? Da weinte ich, und ſagte, das Chri⸗ ſtuskind ginge an unſerer Thuͤr voruͤber. Oft hab' ich ſpaͤter an dieſe Worte gedacht, und ſie bereut. Erinnerſt Du Dich noch, daß damals unſer Tiger zum erſten Male zu uns kam?“ Er ſtreckte die Hand dem Hunde entgegen, der ſich wedelnd zu ihm an den Tiſch ſetzte, als wolle er an der Unterredung Theil nehmen, zuvor aber ſtreckte er ſeinem jungen Herrn den Kopf entgegen, als wolle er ihm Etwas uͤberreichen, das er im Maule trug.„Was haſt du da?“ ſagte Vie etor, und nahm ihm das Knaul mit Zephyrwolle aus dem Maule. „Mein Garn!“ ſagte Maria:„das muß auf die Erde gefallen ſein.“ „Sieh das hat der gute Hund aufgenommen, und 5 bringt es ſo huͤbſch her.“ „Pfui aber! es iſt von Tigers Munde ganz naß.“ So ſprechend wickelte Maria das Garn vom Papiere ab, und breitete beide Theile auf dem Tiſche aus. Vic⸗ tor nahm das Papier, betrachtete es und rief:„Nein, ſieh' doch nur! Das iſt die Zeitung, auf welcher ich an demſelben Tage vor zwei Jahren Tiger abzeichnete. Nun, da ſteht meine Zeichnung, ja, die iſt auch ſchlecht genug.“ Er lachte herzlich, und ſagte dann:„Nun will ich auch die Anzeige wegen Tiger leſen.“— Er wendete das — 289— Zeitungsblatt nach allen Seiten hin um, und ſagte:„Wo ſteht es doch? ich ſehe ja deutlich, daß es dieſe Zeitung iſt.. Aber Du mein Gott!... Mutter! da ſteht ja Dein Name:„„Wenn ſich Maria Seeburg, Toch⸗ ter des verſtorbenen Kaufmanns Seeburg in Altona, hier in der Stadt aufhalten ſollte, ſo erſucht man ſis⸗an... Maria ergriff die Zeitung, und las mit Vi ctorn zu⸗ gleich:„„oder, falls ſie ſollte mit Tode abgegangen ſein, ihre naͤchſten Erben, ſich auf dem koͤniglich hollaͤndi⸗ ſchen Conſulat⸗Comptoire, oder bei uns Unterzeichneten zu melden, um uͤber die ihnen zugefall'neErbſe Haft naͤhere Nachricht zu erhalken. 91 In dieſem Augenblicke trat Friedrich in's Zimmer. Die beſtuͤrzte Maria reichte ihm die Zeitung hin, und fuͤgte hinzu:„Das muß ein Irrthum ſein! wer ſollte mich zur Erbin einſetzen?— und uͤberdies, ſeit zwei Jahren nichts Naͤheres davon gehoͤrt zu haben?“ Friedrich aber ergriff dieſe Neuigkeit mit großem Eifer, und rief aus:„Ich laufe gleich, zu denen, welche die Anzeige unterzeichnet haben; Einen derſelben, den Advocaten, kenne ich, zu dem will ich gehen; es iſt nicht zu ſpaͤt. Gib mir aber Deinen Tauſſchein, ich weiß, Du haſt ihn, daß wir uns legitimiren koͤnnen.“ Schnell oͤff⸗ nete Mar ia eine Schieblade, in welcher ſie ihre Papiere 19* — 290— aufbewahrte. Friedrich nahm von denſelben, was er fuͤr dienlich hielt, und eilte fort. Victor umarmte Maria, und ſagte:„O liebe Mutter! Sieh', das war unſer guter Hund, der uns die⸗ ſes Gluͤck brachte!“ „Ja!“ ſagte Maria, indem ſie den Kopf des Hun⸗ des emporhob, und ihn ſtreichelte:„Iſt uns wirklich ein Gluͤck beſchieden, ſo iſt es nicht ohne Bedeutung, daß Ado lp hs Hund es uns gebracht hat. Es verrannen einige Stunden, und die kleine Familie konnte ſich eines aͤngſtlichen Gefuͤhls der Spannung und Erwartung nicht erwehren, hauptſaͤchlich Mamſell Holm nicht, die unterdeſſen nach Hauſe gekommen, und erfahren hatte, was ſich zugetragen. Victor ſtand wieder hinter der Gardine am Fenſter, und blickte ſehnſuͤchtig nach dem Erwarteten auf die Straße hinaus; ſelbſt Liſe, die nicht recht begriff, was dies Alles zu bedeuten habe, leiſtete ihm Geſellſchaft. Endlich riefen die Kinder:„Da kommt er!“ Es ertoͤnte der erwuͤnſchte Schall der Straßenthuͤrklingel, und Alle liefen hinaus, um zu oͤffnen. In wenigen Spruͤngen hatte Friedrich die Stube erreicht, warf ſeinen Hut unter die Decke, und rief: „Hurrah! Victoria! Es lebe unſere Marial Sie iſt reich, wie eine Koͤnigin von Saba!“ Darauf ſagte er: Es iſt Alles richtig! laut Teſtamentes biſt Du als einzige — 291— Erbin eingeſetzt nach einem Kaufmanne Namens Gott⸗ lieb Seeburg, der in Rotterdam geſtorben, fruͤher aber irgend wo in Jamaica anſeſſig geweſen iſt, welchen Ort er aber, ſeiner ſchwachen Geſundheit wegen, verlaſſen hatte. Ich habe die Abſchrift des Teſtamentes geleſen; er ſagt in demſelben, er habe weder Aeltern, Frau noch Kinder, ſei⸗ ner Couſine, Maria Seeburg, verdanke er Alles, was er beſitze, da ſie allein in ſeinen juͤngeren Jahren ſeine Ehre und Wohlfahrt gerettet habe. Ich bin bei dem hollaͤndi⸗ ſchen Conſul geweſen, und ſowohl dieſer, als auch mein alter Freund, der Advocat, erklaͤrten, daß hunderttauſend Gulden in der amſterdamer Bank, andere hunderttau⸗ ſend in engliſchen Fonds ſtaͤnden, und fuͤnfundzwanzig⸗ tauſend Gulden ſeien hierher gekommen, und in klingender Muͤnze in der Bank deponirt. Alle Papiere ſind in Rich⸗ tigkeit. Das baare Geld koͤnnen wir bekommen, ſobald Du ſelbſt perſoͤnlich mit einem Lebensatteſte und dergleichen bei dem Conſulate und den beiden Maͤnnern, die auch mit der Sache zu thun haben, Dich legitimirſt, und dann noch einige Verpflichtungen erfuͤllſt, die unſere Geſetze vorſchrei⸗ ben. Beide Herren, mit denen ich ſprach, wunderten ſich ſehr, das waͤhrend ganzer zwei Jahre Niemand dieſe Auf⸗ forderung bemerkt habe, die auch in den deutſchen Zeitun⸗ gen geſtanden hat; aber ich kann es mir leicht erklaͤren; denn theils iſt die Bekanntmachung nicht ſo abgefaßt, — 292— daß irgend ein Fremder, der ſie lieſet, glauben konnte, es ſei hier von einer ſo bedeutenden Sache die Rede; theils auch war ich ja abweſend, und ſowohl meine Familie, als Du, haben eingezogen und ungekannt gelebt.“ „Hauptſächlich aber,“ fuͤgte Maria hinzu,„hat mich hier faſt Niemand unter dem Namen Maria See⸗ burg, ſondern nur als Madam Blume gekannt.“ „Nun,“ ſagte Friedrich,„will ich nur noch hinzu⸗ fuͤgen, daß ich, was Deine Beſtimmung uͤber die im Aus⸗ lande ſtehenden Capitalien betrifft, morgen mit Dir hier⸗ uͤber Ruͤckſprache nehmen will.“ Daß das eben mitgetheilte Geſpraͤch mehr als ein Mal von Ausrufungen des Staunens, wie der Freude der Zu⸗ hoͤrer unterbrochen wurde, wird man ſich leicht denken. Auf die letzte Tirade aber antwortete nun Maria:„Nein, lieber Friedrichl ich will uͤber dieſes Alles gar nichts be⸗ ſtimmen. Als Vormund meiner Kinder ſollſt Du allein meinen unerwarteten Reichthum, bis Victor das Alter der Muͤndigkeit wird erreicht haben, verwalten. O laß mich Gott danken! Wunderbar und gnaͤdig hat er mein Schickſal gelenkt, und iſt mir immer nahe geweſen, wenn die Noth am groͤßten. Eben weinte ich bittere Thraͤnen weil ich Deinen und Annas Wunſch nicht erfuͤllen konnte. Jetzt kann ich ſagen: Meine Freunde ſindereich, da ich es bin.“ — 293— „Nun denn!“ rief Friedrich,„ſo wollen wir auch alle Sorgen fahren laſſen. Du ſiehſt blaß und angegriffen aus, meine liebe Maria! Ich weiß es, Du haſt Sor⸗ gen genug gehabt, aber Anna und ich, wir wollen Dich pflegen, Dich auf unſer'n Haͤnden tragen, und Dich ehren⸗ wie eine Schutzheilige. Unſ're Anna ſoll gleich heruͤber⸗ reiſen. Auf's Allerſchoͤnſte wollen wir uns einrichten. Un⸗ ſ're Kinder ſollen zuſammen aufwachſen, und miteinander ſpielen, wie in vorigen Zeiten Du ſelbſt in meinem Gar⸗ ten ſpielteſt. Ach vergib! in meiner uͤbergroßen Freude ſpreche ich, als gehoͤrten alle Deine Reichthuͤmer mir.“ „Das thun ſie auch, lieber Friedrich! Dir und Anna. Ja wir wollen eine Familie ausmachen. O wel⸗ ches Gluͤck mit meiner Anna wieder zuſammenzuleben! — und Sie, gute Holm! Sie muͤſſen mir auch nicht den Kummer machen, mich zu verlaſſen. Nein! wie ich vorhin ſagte: wir haben die ſchweren Tage miteinander getragen, nun wollen wir auch die guten theilen.“ Mamſell Holm warf ſich ihr um den Hals, und ſagte, zugleich lachend und weinend:„Na ſeh'n Sie nun,⸗ daß meine Ahnungen nicht zu verachten waren? So ein Mann i der liebe Gott!“ iſt Weihnachtsabend,“ ſagte Friedrich: die ugr Wir wollen das gute Feſt noch feiern. Komm, Victor, geh' mit mir aus, wir wollen Spiel⸗ — 294— ſachen kaufen und Lichter und Confect, und was uns ſonſt vorkommt. Mein letzter Schilling ſoll heut' Abend ſprin⸗ gen; morgen koͤnnen wir Geld genug bekommen. Ach, wenn doch Anna dieſes Alles ſehen koͤnnte!“ Gleich nachdem er und Victor ſich entfernt hatten, kam Carl mit einem großen Korbe, voll verſchiedener Weihnachtsgaben, die ſeine Mutter den Kindern ſchickte. Maria erzaͤhlte dem jungen Freunde ihr Gluͤck, und aͤu⸗ kerte mit einer Beſcheidenheit, als waͤre ſie die Bittende, daß nicht allein die fruͤher erwaͤhnten fuͤnftauſend Thaler, ſondern Alles, was er wuͤnſchte, um die von Adolph be⸗ gonnenen Unternehmungen zu foͤrdern, mit Freuden zu ſei⸗ nen Dienſten ſei. Mit kindlicher Freude antwortete er, und ging gleich nach Hauſe, um ſeinem Vater dieſe gute Nach⸗ richt zu bringen, auf Mariens Einladung aber kam er ſpaͤter wieder, und nahm ein Stuͤndchen an der Weih⸗ nachtsfreude der kleinen Familie Theil. XVI. Ieder, der aus eig'ner, oder aus der Erfahrung Anderer die Macht kennt, mit der Nahrungsſorgen Muth und Keraft niederbeugen, wird einſehen, wie leicht und befrei't ſich Derjenige fuͤhlen muͤſſe, der ploͤtzlich von den Gaben des blinden Gluͤcks ſich uͤberſchuͤttet fuͤhlt; und doppelt wird ſich Derjenige freuen, deſſen liebevoller Sinn fruͤher am meiſten um Andere bekuͤmmert war, und jetzt ſich haupt⸗ ſaͤhlich um Anderer willen freuet. So ging es auch Ma⸗ rien. Das Gluͤck, die Mittel zu beſitzen, nach Wunſch fuͤr die Zukunft und Erziehung ihrer Kinder ſorgen zu koͤn⸗ nen, ja ſogar die Freude, die ſie ſelbſt kindlich theilte, ih⸗ nen tauſend kleine unſchuldige Genuͤſſe verſchaffen zu koͤn⸗ nen, die ſie fruͤher ſtets hatten entbehren muͤſſen, der große Troſt, das Leben der treuen Schtweſter verſuͤßen, in ihrer Naͤhe wohnen, die vom Schickſal vernachlaͤſſigte, alternde Mamſell Holm vor Gluͤckſeligkeit uͤber ihre neue Lage in Mariens Hauſe verjuͤngt ſehen, kurz das Loos, um ſich her Zufriedenheit verbreiten zu koͤnnen, ſchien eine Zeitlang auf Mariens, waͤhrend der ſpaͤteren Monate truͤbe — 296— Stimmung und ſchwache Geſundheit, wohlthaͤtig einzu⸗ wirken. Die vereinten Freunde wohnten in einem Hauſe; Alles war ohne Aufwand eingerichtet, beſcheiden, nichts aber fehlte zur wahren Gemuͤthlichkeit. Ruhige und gute Tage ſollten jetzt beginnen. Nach und nach aber bemerkte Mariens Umgebung, daß ein geheimer Schmerz gleichſam Tag fuͤr Tag der Heiterkeit ihres Gemuͤthes, ihrer Jugendfriſche mehr und mehr zu rauben ſchien. Dennoch klagte ſie niez augenſcheinlich aber war es, daß es ihr Anſtrengung koſtete, Seele und Koͤr⸗ per aufrecht zu erhalten. Es hatte den Anſchein, als hinge ſie mit gedoppelter Liebe an den Kindern, als ſuche ſie mit gedoppeltem Eifer jede Gelegenheit, ſo in Worten, wie in der That ihrer ganzen Umgebung, hauptſaͤchlich aber ihrer Schweſter Anna, eine innige Ergebenheit zu beweiſen. Mehrmals jedoch uͤberraſchte dieſe bekuͤmmerte Freundin ihre liebe Maria weinend im einſamen Kaͤmmerlein;z als ſie aber bemerkte, daß ſie ihren Fragen auswiche, wollte ſie nicht weiter in ſie dringen, ſondern bewies ihr durch jene kleinen, feinen Aufmerkſamkeiten, die ſo heilenden Balſam fuͤr eine kranke Seele enthalten, ihre Theilnahme, und keins dieſer Heilmittel ging an Marien unbemerkt, noch ungewuͤrdigt voruͤber. Anna war gar zu lange Ma⸗ riens Vertraute geweſen, kannte gar zu wohl den Grund⸗ ton ihrer Seele, um nicht den ſtummen Schmerz zu ver⸗ b — 297— ſtehen, den dieſe hegte. Selten nannte Maria Adolphs Namenz geſchah dies aber, ſo war es ſtets in einem nicht zu beſchreibenden Tone; es war dieſer dem Klange einer Saite zu vergleichen, die der Wind bewegt; man findet dieſen Laut von demjenigen verſchieden, der durch eine mehr materielle Beruͤhrung hervorgebracht wird. Naͤherte ſich Jemand ſtarken Schrittes der Thuͤr, ſo wendete ſie ſich derſelben ſchnell zu, entfaͤrbte ſich bisweilen, und ſchlug dann die Augen mit einem tiefen Seufzer nieder. Nur zu zweien Malen entſchluͤpfte eine Aeußerung dieſer Gefuͤhle ihren Lippen. Ein Mal ging ſie mit Mamſell Holm an ihrer alten Wohnung am Hafenwege voruͤber, und ſandte ſehnſuͤchtige Blicke zu ihren fruͤhern Fenſtern empor. Oft waͤhlte ſie dieſen Weg, wie es Emma fruͤher gethan hatte. Heute aber ſagte die vergnuͤgte Mamſell Holm:„Ja mein liebes Frauchen! Freilich iſt es erfreulich, in reichen und guten Tagen den Ort zu betrachten, wo man armſelig und kummervoll gelebt hat.“ „O gaͤbe doch Gott!“ rief Maria aus,“ daß ich wieder dort wohnte, daß Alles waͤre, wie vor zwei Jahren!“ „Ei, daß ſich Gott erbarm'!“ fiel Mamſell Holm ein:„Wie wuͤrde es Ihnen jetzt wohl ſcheinen, wenn Sie bis uͤber Mitternacht aufſitzen, Ihre Augen mit Naͤhen anſtrengen ſollten, um fuͤr morgen vielleicht einen Reichs⸗ thaler zu verdienen?“ — 298— „O manche Nacht hab' ich d'rinnen geſeſſen, um an einem kleinen Geſchenke fuͤr Adolph Lidner zu arbei⸗ ten... oder fuͤr meine Kinder... und bin gluͤcklicher geweſen, als ich es jetzt jemals wieder werden kann!“— Ein anderes Mal hatte ſie ſich mit ihrer Umgebung uͤber⸗ reden laſſen, endlich, nach vielen Einladungen, einen Abend in des Obriſts Hauſe zuzubringen. Auf dem Heimwege ſprachen die Andern von dem angenehmen und heiter'n Tone, der in dieſem Hauſe herrſche; da ſagte Ma⸗ ria leiſe, wie zu ſich ſelbſt:„Ach! Alle koͤnnen ſie ſeinen Verluſt verwinden, nur ich nicht.“ Als der Fruͤhling herankam, verordnete der Arzt des Hauſes, Maria muͤſſe die beſten Sommermonate auf dem Lande zubringen. Ihr Schwager und ihre Schweſter ſchlugen ihr dieſe und jene der ſchoͤnſten Luſtſtellen zur Sommerwohnung vor; ihr aber ſchien keine derſelben zu gefallen. Da kam Carl zur Stadt, und lud ſie ein, ihren laͤndlichen Aufenthaltsort auf dem Gute zu waͤhlen, welches jetzt ihm angehoͤre. Er bat ſo herzlich, und ſagte: „Sie muͤſſen doch das uͤberaus ſchoͤne Marmorkreuz ſehen, welches Sie ſelbſt auf meines Bruders Grab haben ſetzen laſſen.“ 3 Maria nahm dieſe Einladung mit augenſcheinlicher Zufriedenheit an, und bat ihn, ſtatt der Zimmer, die im Herrenhauſe fuͤr ſie beſtimmt waren, die laͤndliche Woh⸗ — 299— nung beziehen zu duͤrfen, die Adolph einſt fuͤr ſie einge⸗ richtet hatte. Kurz darauf reiſete ſie mit Liſen hinaus; zu ihrer Aufwartung folgte ihr nur die junge Stine, die ſie in 1 ihrem Dienſte behalten hatte. Victors Schulgang und Friedrichs Amtsgeſchaͤfte verboten der uͤhrigen Familie vor der Ferienzeit einen ſtaͤtigen Aufenthalt ſo weit von der Stadt entfernt. Bis dahin wollten ſie Alle jeden Sonnabend und Sonntag bei ihr verleben. Auch Mam⸗ ſell Holm wuͤnſchte, zu dieſer Partie zu gehoͤren, weil ſich eben einige ihrer Verwandten aus den Provinzen fuͤr kurze Zeit in Kopenhagen aufhielten. Dieſe Ueberein⸗ kunft ſchien den Meiſten der Betheiligten zu gefallen. Augenſcheinlich war es, daß Maria die Einſamkeit ſuchte, und Anna war der Meinung, es wuͤrde fuͤr ihre Schwe⸗ ſter heilbringend wirken, eine Zeitlang ihren truͤben Er⸗ innerungen ungeſtoͤrt leben zu koͤnnen, was, ihrer Meinung nach, die Macht derſelben ſchwaͤchen wuͤrde. Nur Vic⸗ toͤr war betruͤbt, der Anweſenheit ſeiner Mutter ſo lange entſagen zu muͤſſen, und auch Liſe weinte im Stillen, daß ſie ihren Bruder und die juͤngſten Kinder der Tante Anna verlaſſen ſollte.— Maria fuͤhlte einen wehmuͤthigen Troſt darin, an dem Orte zu leben, wo Alles, was ſie umgab, gleichſam . voon dem verſtorbenen Freunde und deſſen Liebe zu ihr ſprach. — — 300—: In der groͤßten Einfoͤrmigkeit verlebte ſie hier ihre Zeit. Tags ſaß ſie in ihrem kleinen Garten, in dieſem befand ſich ein großer Kaſtanienbaum, in welchen Ado lph ihren und ſeinen Namen eingeſchnitten hatte. Unter dem Schat⸗ ten dieſes Baumes waͤhlte ſie ihren beſtaͤndigen Platz. Hier beſchaͤftigte ſie ſich damit, ihre Liſe zu unterrichten, und wenn das kleine Maͤdchen, jetzt ſechs Jahre alt, ihre muͤſſigen Stunden bei den kleinen Toͤchtern des in der Naͤhe wohnenden Verwalters zubrachte, ſo las Maria, oder wandelte einſam umher, am liebſten gegen Abend, und immer beſchloſſen ſich dieſe Wanderungen an Ado lphs Grabe. Oft ſah man ſie hier auf dem breiten Fundamente des weißen Kreuzes, welches ſie uͤber ſeinem Grabe ſelbſt hatte errichten laſſen, ganz ſtill daſitzen; und mancher Wanderer, dem dieſe ihre Wege nicht bekannt waren, kreu⸗ zigte ſich, wenn er an dieſer Staͤtte, die dem Marmor aͤhnliche Geſtalt in der ſpaͤten Abenddaͤmmerung erblickte. Wenn ihre Angehoͤrigen an den beſtimmten Tagen zu ihr herauskamen, war es augenſcheinlich, daß ſie deſſen froh wurde; ſie war die aufmerkſamſte Wirthin, hauptſaͤchlich gegen Victor lauter Zaͤrtlichkeit, und erſann alles Moͤg⸗ liche, um ihn zu erfreuen; reiſeten ſie aber fort, ſo war es, als haͤtte ſie ſich geſehnt, allein zu bleiben, um ihre ſich beſtaͤndig wiederholenden Wanderungen neuerdings zu beginnen. — 301— Die Ferienzeit, welche ſich diesmal auf kaum drei Wochen beſchraͤnkte, verſtrich aͤhnlicher Weiſe, wie die vor⸗ hergehenden Tage, wenn die Familie verſammelt war. Da das Haus, welches Maria bewohnte, klein, Annas Familie aber groß war, ſo nahm dieſe die Wohnung ein, welche fruͤher der Line Jenſen eingeraͤumt geweſen. Maria unternahm demnach ihre Wanderung zu dem ge⸗ liebten Grabe entweder Morgens fruͤh, wenn die Andern noch nicht zum Vorſchein gekommen waren, oder zu irgend einer andern Zeit des Tages, wenn ſie glaubte, unbemerkt ſein zu koͤnnen. Uebrigens aber war ſie ſo ſanft, ſo ruhig, ſo theilnehmend an Allem, was man zur Sprache brachte, daß ſelbſt die aufmerkſame Anna nicht wußte, was ſie ei⸗ gentlich denken ſollte, ſondern es der Zeit uͤberließ, eine Ge⸗ legenheit herbeizufuͤhren, die ihr erlauben moͤchte, die alte Vertraulichkeit geltend zu machen, und die geliebte Schwe⸗ ſter zu vermoͤgen, ihr aͤngſtliches Schweigen zu brechen. So war der ganze Sommer verſtrichen, und der Sep⸗ tember⸗Monat nahete ſich ſeinem Ende. Vergeblich hat⸗ ten Marias Angehoͤrige ſie erſucht, nach Vorſchrift des Arztes, zur Stadt zuruͤckzukehren, bevor das unruhige Herbſtwetter eintreten wuͤrde. Sie antwortete nur aus⸗ weichend; es hatte den Anſchein, als wuͤnſchte ſie, den Winter auf dem Lande zuzubringen. Dennoch kam ſie eines Tages ganz unerwartet mit Liſen zur Stadt, ſagte — 302— aber gleich bei ihrer Ankunft, daß ſie nur auf einige Tage zum Beſuch kaͤme. Sie ging aus, ohne zu ſagen, wohin, und als ſich Anna und Mamſell Holm wun⸗ derten, und ſie ausfragen wollten, lachte ſie, und gab nur ſcherzhafte, ausweichende Antworten. Nach Verlauf dreier Tage reiſete ſie nach ihrem laͤndlichen Aufenthaltsorte zu⸗ ruͤck, und nahm Liſe mit, auch Victor, der zufaͤlliger⸗ weiſe einige Tage Ferien hatte. Bei der Abreiſe ſagte ſie zu ihrer Schweſter:„Meine beſte Annal Gott weiß es, ich ſehne mich nach Dir! noch aber kann ich mich nicht voon der Staͤtte losreißen, die ich bewohne. Ich komme in⸗ deſſen wieder zur Stadt, um mit Dir zu ſprechen, oder auch ſchreibe ich Dir!“— So ſprechend, und mit einem eigen⸗ thuͤmlichen Ausdrucke in ihrem blaſſen Antlitze, umarmte ſie Anna liebevoll, und ſtieg dann ſchnell in ihren Wagen. Als Anna Abends mit ihrem Gatten allein war, aͤußerte ſie mit inniger Bekuͤmmerniß ihre duͤſtern Ahnun⸗ gen uͤber Mariens Zuſtand, und ihre Verwunderung uͤber deren geheimnißvolles Benehmen.„Dir,“ ſagte Friedrich,„kann ich es wohl anvertrauen. Auf ihren geheimen Wegen bin ich ihr gefolgt; es fuͤhrten dieſelben zu meinem Freunde, dem Advocaten. Sie wollte ihr Teſtament durchaus ſo geſetzlich niederlegen, wie moͤglich.“ „ mein Gott!“ rief Anna weinend:„Dacht' ich's doch, ſie ſieht ihrem Tode entgegen.“ — 303— „Nein, nein, liebe Annal faſſe doch nicht dieſe Meinung! Sie ſagte, kein Menſch koͤnne ja irgend einen Augenblick ſeines Lebens ſicher ſein, es ſei demnach Pflicht, die irdiſchen Angelegenheiten zu ordnen, waͤhrend man noch bei vollen Sinnen waͤre; und darin hat ſie ja Recht. Hoͤre, laß nun das Weinen! Du wuͤrdeſt Dich freuen, wenn Du wuͤßteſt, wie vernuͤnftig und edel Deine Schwe⸗ ſter uͤber ihren Nachlaß disponirt hat. Das ſagte auch der Advocat. Der groͤßte Theil des Vermoͤgens faͤllt na⸗ tuͤrlicherweiſe den Kindern zu; doch aber nicht Alles. Ein nicht kleines Capital ſoll in Carl Lidners Gut geſetzt werden, um die Plane des verſtorbenen Bruders zu foͤrdern. Reichlich hat ſie fuͤr Dich und Deine Kinder geſorgt, fuͤr Mamſell Holm, fuͤr ihre ganze Bedienung, fuͤr einen, jungen Menſchen, der in iudien des erwaͤhnten ſeligen Lidners geſtanden... Anna unterbrach ihn:„O ſchweige, Friedricht ich kann es nicht ertragen, dieſes Alles zu hoͤren. Ich muß mit ihr ſprechen— morgen ſchon. Laß mich mor⸗ gen zu ihr reiſen! ich habe keine Ruhe!“ Es war gegen Abend, als Anna auf dem Gute an⸗ kam. Sie fand Mariens Haus leer, bis auf Stine. Die Kinder waren bei'm Verwalter; Madame ſei ausge⸗ gangen, wie ſie es immer zu thun pflege, ſagte das Maͤd⸗ chen. Anna ging auch, ohne zu wiſſen, wohin. Gluͤck⸗ 20 — 304— licherweiſe begegnete ihr Carl, mit dem ſie in ihrer Un⸗ ruhe uͤber den Zuſtand der Schweſter ſprach. Mit Waͤrme ließ er ſich auf dieſen Gegenſtand ein, erzaͤhlte Alles, was er ſelbſt erſonnen und in's Werk gerichtet hatte, um die gemeinſchaftliche Freundin aufzuheitern.„Aber,“ fuͤgte er hinzu,„es iſt klar, daß ſie die Einſamkeit ſucht. Wie ein Schatten wandelt ſie immer auf den oft betretenen Wegen umherz; nicht ſelten bin ich ihr Abends gefolgt, wollte mich aber nicht naͤhern, aus Furcht, zudringlich zu erſcheinen. Iſt ſie nicht zu Hauſe, ſo darf ich wohl mit Gewißheit behaupten, Sie werden ſie an meines Bruders Grabe finden.“ Durch das Gitter, welches den Friedhof umgab, er⸗ blickten ſie das hohe, ſchneeweiße Marmorkreuz, das in den Strahlen des aufgehenden Mondes, gegen den dun⸗ keln Hintergrund, den das Gebuͤſch und der große, ſich uͤber das Monument hinwoͤlbende Baum bildeten, wie eine Lufterſcheinung glaͤnzte. Schoͤne, ſpaͤt bluͤhende Pflanzen umdufteten es. Auf dem breiten Fußſtuͤcke ſaß Maria, ſie lehnte ſich an's Kreuz, ihre Haͤnde lagen gefaltet in ihrem Schooße, das ſchoͤne Antlitz war gen Himmel gewendet, in ihren klaren Augen ſpiegelte ſich der Mond, bei deſſen blaſſem Lichte ſie ſelbſt noch blaſſer erſchien, als geiboͤhnlich. Schweigend blieben die Ange⸗ kommenen einen Augenblick ſtehen. Darauf entfernte ſich — 305— Carl ſtill, Anna eilte auf Marien zu, und warf ſich, heftig weinend, in die Arme der Schweſter.„O Ma⸗ ria!“ ſagte ſie,„ſoll ich Dich hier finden! ſo blaß, ſo kalt, als gehoͤrteſt Du bereits dieſem Aufenthaltsorte der Trauer an!“— Als ſich Anna einigermaßen gefaßt hatte, ſagte ſie, daß die ſchmerzlichſte Unruhe ſie hergefuͤhrt habe.„Ich weiß,“ fuhr ſie fort,„welches Geſchaͤft Dich nach der Stadt fuͤhrte, ich weiß Alles. Danken ſollte ich Dir, aber ich kann es nicht, Du handelſt grau⸗ ſam gegen Diejenigen, welche Dich lieben; Du wirfſt Dein ſchoͤnes Leben hin, vorſaͤtzlich wirfſt Du es hin, aus Kummer uͤber einen Verſtorbenen, und bedenkſt nicht, daß Du uns denſelben Kummer bereiteſt, der Dich jetzt aufzehrt; Du vergißt mich, Deine treue Schweſter, Du vergißt Deine Kinder.“ „O meine Anna!“ rief Maria:„mache mir keine Vorwuͤrfe! Habe Nachſicht mit mir, wie Du ſie damals hatteſt, als Du, wie jetzt, mit liebender Sorge zu mir nach Altona eilteſt. Ja, eben wie damals fuͤhle ich, daß Deine Liebe das Siegel bricht, welches der Kummer auf die Lippen des Niedergeſchlagenen druͤckt, ſo daß alle Thraͤnen zum Herzen zuruͤckfließen, und es zuſammenpreſ⸗ ſen. Komm! ſetze Dich zu mir an dieſem mir lieben und heiligen Orte, wo ich jeden Tag allein geſeſſen habe. Ach Annal Hier ruht ein chriſtlicher Ritter! Das iſt der 20* — 396.— wahre Ausdruck fuͤr Adolph Lidners Character. Kei⸗ ner liebt, wie er mich liebte, Keiner iſt treu, wie er es war!“ „Ja, Marial treu warſt auch Du! Das Weſent⸗ liche Eures Verhaͤltniſſes kenne ich. Was Du ſelbſt in Deinen Briefen an mich geaͤußert haſt, iſt nicht Viel; zuſammengehalten aber mit dem, was mir Mamſſell Holm ausfuͤhrlich erzaͤhlt und vertraut hat, reicht es hin, mir die ganze Sache zu erklaͤren. Ich, die ich Deine reine, offene Seele vollkommen kenne, ich habe Dich ver⸗ ſtanden. Du haſt Dir Nichts vorzuwerfen.“ „Ja, Annal das hab' ich doch. Die alte Suͤnde, die erſte Suͤnde, meine geheime Liebe zu Wilſon, die hat mich raͤchend durch mein ganzes Leben begleitet; denn die hat— wie Adolph einſt ſagte— mein Herz jedem ſpaͤteren Eindrucke verſchloſſen.“ „Ach, Marial Dein Kummer, Deine einſame Zu⸗ ruͤckgezogenheit in Dich ſelbſt haben Deine Seele krank gemacht, und ihren klaren Blick verdunkelt. Du ſelbſt weißt es am beſten, Du haſt nicht anders handeln koͤnnen; ein finſteres Geſchick, nicht Deine Schuld, hat ſich dem Wunſche Deines verlor'nen Freundes widerſetzt.“ „Aber Annal gewiß iſt es doch, daß er um meinet⸗ willen ſtarb. Kummer uͤber mich hat ihm ſein fruͤhes Grab gegraben. Finſter und ſchweigend wandelte er zur Zeit der Nacht umher. Dieſer Gedanke iſt mir ſo ſchmerz⸗ 3 — 307— lich. Und jetzt, da er geſchieden iſt, will es mich beduͤn⸗ ken, er ſei mir noch tauſend Mal lieber, als da er noch lebte. Allenthalben vermiſſe ich ihn. Ich kann es nicht faſſen, daß er wirklich ſo fuͤr immer geſchieden ſei. Die⸗ ſen Winter oft, wenn die Stunde ſchlug, da er Abends zu kommen pflegte, ſchien es mir, als erfreueten mich dieſe Schlaͤge, weil ich ihn nun erwarten koͤnnte. Naͤherte ſich Jemand ſchnellen Schrittes meiner Thuͤr, ſo glaubte ich ſeinen Gang zu erkennen. Nachts traͤumte mir, er ſei verreiſet, und im Traume ſchrieb ich ihm Briefe voller Sehnſucht, um ihn zuruͤckzurufen. Ach oftmals— ja es war undankbar gegen die Vorſehung— aber oftmals habe ich mit Bitterkeit an den Reichthum gedacht, der mir zufiel. Es ſchien mir Spott eines ironiſchen Schickſals, mir, als Troſt, ja als Erſatz fuͤr ſeinen Verluſt, fuͤr den Verluſt eines Menſchen, aͤußeres Gluͤck gewaͤhren zu wollen! O kann in der Welt Etwas einen ſolchen Verluſt erſetzen?— Man ſagt: Der Todte, der mit liebevoller Geſinnung gegen uns hinſchied, der Abweſende, von dem wir wiſſen, er gedenke unſ'rer, Keiner derſelben ſei fuͤr uns verloren, obgleich wir ſie nicht ſehen, nicht mit ihnen ſprechen koͤnnen. O! ſo ſpricht Derjenige nicht, der weiß, was ein Verluſt iſt, der gefuͤhlt hat, wie der taͤgliche Anblick des geliebten Antlitzes, die taͤgliche Erquickung der ſanften Worte dem Menſchen ſind, was Sonne und Thau den Pflanzen!— Und nun — 308— hier in Lidners fruͤherer Heimath, wo Alles voller Denk⸗ maͤler ſeiner Guͤte, ſeiner Liebe iſt, welch' wehmuͤthigen Genuß habe ich hier gefunden, indem ich die Staͤtten durchwandelte, wo mich ſein Andenken am meiſten um⸗ ſchwebte! Dort auf der Aue hat er mich im Boote unter die dichten Baͤume hingerudert, wo er mir zum erſten Male ſeine Liebe geſtand. Wir ſprachen von der Nachti⸗ gall; ſie ſchlug dieſen Sommer wieder; er aber hoͤrte ſie nicht; mir ſchien, ſie ſaͤnge von ihm. Spaͤter ſang auch der mir unbekannte Vogel, der an jenem Abende unſere Worte vernahm. Dort unten auf der Bank am Ufer ſaßen wir neben einander, und weinten Beide. Nun ſaß ich allein da, und weinte um ihn. Da ſchien es mir im⸗ mer, als triebe mich eine tiefe Sehnſucht zu dieſem Grabe. Hier ruhete ich aus. Hier glaubte ich ihm naͤher zu ſein. Ja Annal ich will es Dir geſtehen: Oft habe ich ge⸗ dacht, daß auch er noch in ſeinem beſſeren Daſein mich vermiſſe und zu ſich rufe. Du weißt es nicht! Keinem Menſchen habe ich es geſagt: In ſeiner Sterbeſtunde bat er mich um einen Kuß, und in dem Augenblicke, da meine Lippen zum erſten und letzten Male die ſeinigen beruͤhrten, lag er todt in meinen Armen. Maria konnte dieſe Worte kaum hervorbringen. Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort:„Es kommt mir bisweilen vor, als habe mich dieſer Kuß mit jener Welt — 309— verlobt, und als waͤren meine Tage gezaͤhlt. Ach, Anna! wende Dich nicht ab! laß nicht dieſe Worte Dich ſo tief betruͤben! Es iſt nicht ſchmerzlich, zu ſterben! O, wenn Du haͤtteſt Lidner ſterben ſehen, da wuͤrde ein Strahl der Seligkeit ſich Deinen Augen dargeſtellt haben! Ich beneide ihm ſeinen Himmel nicht, ich ſehne mich nur nach ihm, wie nach dieſem. Und da ich nun ſo vertraulich an Deiner Seite ſitze, ſo laß mich denn auch Dasjenige aus⸗ ſprechen, was ich geſtern ſagte Dir mittheilen zu wollen. Laß mich Deinen Haͤnden das Beſte, das Liebſte uͤberge⸗ ben, was ich auf dieſer Erde hinterlaſſe: meine Kinder. Meine Annal treue Schweſter! ſei ihnen eine Mutter, wie Du es mir geweſen biſt, ſo werden Sie mich nicht vermiſſen. Meiner Liſe floͤße Deine eig'nen weiblichen Tugenden ein, daß weder Reichthum noch Schoͤnheit ihre junge Seele in kommenden Jahren berauſchen, ſie nie ver⸗ geſſen moͤge, daß eine weibliche Seele ſagen muͤſſe, wie unſer Herr und Meiſter, ihr Reich ſei nicht von dieſer Welt. Laß meinen Victor ſeiner Neigung folgen, ſeinem Berufe duͤrfte ich wohl nicht ſagen, und ein Maler wer⸗ den, auf daß er in der Kunſt ein Gegengift finde gegen den verderblichen Einfluß des Reichthums. Sprich zu meinen Kindern von mir! laß ſie mich nicht vorgeſſen.“ Maria konnte nicht weiter ſprechen, ihre Thraͤnen, die ſchon waͤhrend dieſer ihrer erſten lautwerdenden Klagen — 310— gefloſſen, brachen jetzt mit der groͤßten Heftigkeit hervor. Auch Anna weinte und beide Schweſtern hielten ſich in ſtummer Umarmung umſchlungen. Endlich ſagte Maria, indem ſie die Hand auf ihre Bruſt legte:„Wie fuͤhle ich mich erleichtert, in Deinen Armen, meine Anna, mich ausgeweint, vor Dir meine Klagen ausgeſchuͤttet zu haben!“ Anna antwortete:„Wenn ich Dir lieb bin, wenn ich Dir eine Mutter und Schweſter geweſen— und mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich es war— ſo hoͤre mich, Ma⸗ ria! Du mußt nicht ſterben, Deine Schwaͤchlichkeit ent⸗ ſpringt aus Seelen⸗Leiden, das behauptet auch Dein Arzt. Bekaͤmpfe Deinen Gram, kehre zum Leben zuruͤck! Ich kenne Dich nicht wieder! Du, die Du ſo Vieles mit Ruhe und Reſignation erduldet, Du willſt nun verzagen, weil ein Freund, ein Bruder Dir nach dem Lande der Se⸗ ligen vorangegangen, wohin wir Alle ihm zu folgen hof⸗ fen? Weshalb blicken Deine Gedanken in die Gruft hinab, wo Dein Freund nicht iſt? Weshalb kommt es Dir vor, als ſei er Dir hier am naͤchſten? Lieber ſchaue empor zu dem leuchtenden Kreuze, das Du ſelbſt auf ſein Grab haſt ſetzen laſſen. Dieſes heilige Symbol unſeres Glaubens, bei dem wir Alle Geduld und Hoffnung gelobt haben, dies vereint uns Alle, ſowohl uns hienieden, als unſere voran⸗ gegangenen Bruͤder jenſeit. Nicht an einem Orte, wie — 311— dieſer, der Kummer und Muthloſigkeit naͤhrt, ſondern in unſern beſten Stunden, in unſer'm Gebete, auf dem Wege, den wir in unſer'm Berufe wandeln, da ſind uns die lie⸗ ben Verſtorbenen nahe. „Ach, meine Annal Du mißverſtehſt mich. Ich bin nicht muthlos, ich verzweifle nicht, werfe nicht vorſaͤtzlich mein Leben von mir; ich weiß, daß es ſchoͤn iſt, ich bin von Liebe zu meinen Kindern durchdrungen, von Liebe zu Dir, zu allem Herrlichen und Liebenswuͤrdigen. Nicht um mich dem Kummer und der Sehnſucht hinzugeben, nein, um fuͤr Beides Linderung zu finden habe ich dieſe Staͤt⸗ ten aufgeſucht, und obgleich ich weine und mich ſehne, habe ich hier doch ſelige Gefuͤhle gehabt. Ja verſchiedent⸗ lich habe ich bei dieſem Grabe, wie Adolph den inneren Fluͤgelſchlag der Seele empfunden, und eine unerklaͤrbare Ahnung hat mir vom Frieden des Paradieſes her einen Gruß gebracht. Was ich im Leben erduldet, iſt nicht von Bedeutung, denn, gluͤcklicher als tauſend Andere, habe ich immer empfunden, daß ein liebevoller Geiſt mein Schick⸗ ſal lenkte, und zur Zeit der Truͤbſal mir nahe war. Alles in mir und um mich bringt Ruhe in meine Seele. Ich danke nun Gott innig fuͤr die Gabe, die mir das Weih⸗ nachtsfeſt brachte, das Vermoͤgen, welches Dein und mei⸗ ner Kinder Schickſal ſichert, und ein Mittel war, Dich in meine Naͤhe zu bringen. O meine geliebte Annal ich — 312— fuhle mich in dieſem Augenblicke ruhig und gluͤcklich. Ich halte Dich in meinen Armen, ich weine, aber es ſind dies keine Schmerzensthraͤnen. Ich ſegne dieſes Leben, und freue mich auf das zu hoffende.“ „O!“ rief Anna aus:„Bleibe bei uns, meine liebſte Maria! begleite mich nun zuruͤck nach Deinem Hauſe, zu Deinen Kindern!“ In dieſem Augenblick vernahm man ſchnelle Fußtritte, und Victor und Liſe, beide in der heftigſten Gemuͤths⸗ bewegung, ſtuͤrzten ſich i Mariens Arme.„Kinder!“ ſagte ſie:„was bedeutet dieſes? wo kommt Ihr her?“ „Ach! es war mir,“ fagte Liſe, kaum vermogend zu ſprechen:„mir wurde ſo ſchrecklich angſt!“ „Ja,“ begann Victor:„Liſe kam zu mir in den Garten hinaus, wo ich mit des Verwalters Knaben ging, und weinte, und ſagte... Es dauerte eine Weile, bevor die Kinderi in ihrer ver⸗ wirrten Stimmung erklaͤren konnten, daß Liſe, die in der Stube des Verwalters, unbemerkt in einem Winkel ge⸗ ſeſſen, einen Erwachſenen erwaͤhnen gehoͤrt hatte, Maria beſuche jeden Abend Adolphs Grab, und ein Anderer habe geantwortet:„Ja es wird wohl nicht lange waͤhren, ſo liegt ſie ſelbſt bei ihm in der Erde.“— Dieſer Aus⸗ druck hatte in Liſens kindlichem Sinne faſt eine Vor⸗ ſteellung erweckt, als koͤnne ihre Mutter buchſtaͤblich in die — — 313— Gruft hinabſinken. Sie verlangte, Victor ſolle ſie gleich nach dem Kirchhofe begleiten, was auch mit ſeinem eig'nen Wunſche aͤbereinſtimmte:„Ach Mutter!“ ſagte Victor: „Du willſt nicht wieder mit uns zuruͤckkehren zu unſer'm Hauſe in der Stadt, Du willlſt hier bleiben, Du willſt uns verlaſſen, das merke ich wohl!“ „O mein Victorl ſprich nicht ſo!“ rief Maria, und ſtreckte ihm die Arme entgegen. Knieend warf er ſich vor ihr nieder, und verbarg ſein weinendes Antlitz in ih⸗ ren Schoos. Liſe ſchmiegte ſich an ſie, und ſagte:„O liebe Mut⸗ ter! begleite uns! Verlaſſe dieſen Ort! Mir iſt ſo angſt! habe Mitleid mit mir armen kleinen Maͤdchen!“ „Ja meine Kinder! meine geliebten Kinder!“ ſagte Maria und druͤckte ſie an ihre Bruſt:„Ja, ich gehe von hier, reiſe mit Euch in unſere Heimath zuruͤck. Ja, ich will Euch ſehen, Euch angehoͤren in jeder Stunde die mir noch zugezaͤhlt iſt.“ Sie erhob ſich und folgte ihnen bis zum Ausgange des Kirchhofes, hier kehrte ſie jedoch ſchnell um, und ging zum Grabe zuruͤck. Die Andern blieben ſtehen, und ſahen ihr nach. Aengſtlich rief die kleine Liſe aus:„Ach Tante Anna! Sieh nur, wie ſich Mutter zu dem Grabe hin⸗ abbeugt! — 314— „Sie pfluͤckt nur eine Blume,“ ſagte Victor: „Sieh', nun kommt ſie zu uns.“ 3 „Ach!“ fuhr Liſe fort:„Mutter iſt, ſo blaß, mir wurde ſo bange, daß ſie ſchon ſtuͤrbe, und in's Grab hin⸗ abginge.“ „Nein, meine lieben Kinder!“ ſagte Anna ſich zu ihnen hinabbbeugend, und ſie umarmend.„Nein!“ wiederholte ſie, und wendete ſich ab, um ihre Thraͤnen zu verbergen:„Noch nicht! Leipzig, gedruckt bei Friedr. Heinr. Elbert. Bei dem Verleger ſind noch folgende Werke er⸗ ſchienen: 81 O. T., Roman von H. C. Anderſen. Aus d. Daͤniſchen von W. C. Chriſtiani. Rthlr. 2. 4 Gr. Montanus der juͤngere.— Niſida. 2 Novellen vom Verfaſſer einer„Alltagsgeſchichte.“ Herausgegeben von J. L. Heiberg. Aus d. Daͤn. von demſelben. Rthlr. 2. 4 Gr. Novellen vom Verfaſſer einer„Alltagsgeſchichte.“ Enth: 1) Eine Alltagsgeſchichte. 2) Traum und Wirklichkeit. 3) Der magiſche Schluͤſſel. 4) Koͤnig Hirſch. Aus d. Daͤn, von demſelben. Rthlr. 1. 8 Gr. Wilhelm Zabern. Eine Autobiographie, enth. bisher unbekannte Nachrichten aus Chriſtians II. Zeit. Aus d. Daͤn. von demſelben. Rthlr. 1. 16 Gr. Buͤrk, A., Alt und Neu. Roman. 2 Thle. Rthlr. 2. 4 Gr. Ortlepp, E., die Geaͤchteten, oder Valerio und Iſidora. Hiſtor. Roman. 2 Thle. Rthlr. 2. Minckwitz, J., Graf von Platen als Menſch und Oichter. Literaturbriefe. Rthlr. 1. 10 Gr. Briefwechſel zwiſchen Graf von Platen und J. Minck⸗ witz. Nebſt einem Anhange von Briefen Platens an G. Schwab. 22 Gr. 3 Ferner ſind bei dem Verleger folgende im Preiſe bedeutend herabgeſetzte Werke zu haben: Anſichten von FItalien, nach den neuer'n auslaͤndiſchen Reiſeberichten, in Verbindung mit einigen Freunden her⸗ ausgegeben von H. Hirzel. 3 Bde. 8. 1823— 1824. (ſonſt 5 Thlr. 8 Gr.) 2 Thlr. 6 Gr. Baͤder, die, am Oſtſeeſtrande. Geſchildert in maleriſchen Briefen von einer Dame an ihre Freundin. 8. 1828. (ſonſt 12 Gr.) 6 Gr. Beitraͤge, neue, zur Voͤlker⸗ und Laͤnderkunde; heraus⸗ gegeben von M. C. Sprengel und G. Forſter, 13 Theile, mit Karten. 38. 1790— 94.(ſonſt 10 Thlr. 6 Gr.) 3 Thlr. 12 Gr. Bourrienne, Memoiren uͤber Napoleon, das Directorium, das Conſulat, das Kaiſerreich u. die Reſtauration. Aus d. Franz. 10 Thle. 8. 1829— 30. Aà 18 Gr.(ſonſt 7 Thlr. 12 Gr.) 3 Thlr. Bourrienne und ſeine freiwilligen und unfreiwilligen Irrthuͤmer, oder Bemerkungen uͤber ſeine Memoiren, von dem Hrn. Gen. Belliard, Gen. Gourgaud, Gr. v. Aura, Gr. v. Suͤrvilliers, Bar. Meneval, Gr. Bonacoſſt, Fuͤrſt v. Eckmuͤhl, Bar. Maſſias, Gr. Boulay de la Meurthe, Min. v. Stein, Cambaceres. Geſammelt von A. B. Aus dem Franzoͤſiſchen. 2 Bde. 33494830. (ſonſt 2 Thlr.) 12 Gr. Clemens XIV. und Carlo Bertinazzi bis jetzt ungedruck⸗ ter Briefwechſel. Aus dem Franzoͤſiſchen von F. A. Ruͤ⸗ der. 8. 1830.(ſonſt 14 Gr.) 6 Gr. Denkwuͤrdigkeiten der Prinzeſſin Caroline von Wales, Gemahlin des Prinzen⸗Regenten von England In Brie⸗ fen an ihre Tochter, die Prinzeſſin Charlotte. Herausg. von Thom. Aſhe. Aus d. Engl. 2 Bde. 1814.(ſonſt 1 Thlr. 20 Gr.) 18 Gr. Faber, K., Preußiſches Archiv oder Denkwuͤrdigkeiten aus der Kunde der Vorzeit. 3 Sammlungen mit 1 Plan. 8. 1809, 1810.(ſonſt 2 Thlr. 16 Gr.) 1 Thlr. Große, Ed., Spaniſche Charactere. Eine Geſchichte der neueſten Ereigniſſe in Spanien. 8. 1836.(ſonſt 1 Thlr. 8 Gr.) 12 Gr. Heinrich, C. G., Geſchichte von England. 4 Bde. gr. 8. 1806— 1810.(ſonſt 8 Thlr. 16 Gr.) 3 Thlr. Joͤrdens, Karl Heinr., Denkwuͤrdigkeiten, Anekdoten und Charakterzuͤge aus dem Leben der vorzuͤglichſten deutſchen Dichter und Proſaiſten. 2 Thle. 8. 1812.(ſonſt 2 Thlr. 12 Gr.) 1 Thlr. 4 Gr. Leißnig, W. L., Maͤrſche, Kriegsereigniſſe, Terrainbemer⸗ kungen, Gefahren und Muͤhſeligkeiten eines Saͤchſ. Dra⸗ gonerofficiers bei der franz. Armee. im Jahre 1812. 8. 1829.(Konſt 2 Thlr.) 18 Gr. Leſſing, G. E., Lebensgeſchichte, oder Leſſing als Menſch dargeſtellt von Graͤre. Mit 1 Bildniß. 8. 1829. (ſonſt 16 Gr.) 9 Gr. Lippold, G. H. C., Graͤuelſcenen aus der Geſchichte des Pabſtthums. gr. 8. 1830.(ſonſt 1 Thlr. 12 Gr.) 16 Gr. Muͤller, Fr., Denkwuͤrdigkeiten aus Griechenland, herausg. von P. O Broͤndſted. Mit 1 Karte. 8. Paris. 1833. (ſonſt 1 Thlr. 12 Gr.) 12 Gr. Rade, K. A. von, meine Flucht nach und aus Frankreich, nebſt der darauf folgenden dreimonatlichen Verhaftung. 8. 1816.(ſonſt 1 Thlr. 8 Gr.) 12 Gr. Rikord, Ruſſ. Flott⸗Capitains, Erzaͤhlung von ſeiner Fahrt nach den japaniſchen Kuͤſten, in den Jahren 1812 und 13, und von ſeinen Unterhandlungen mit den Japanern. Gedruckt auf Allerhoͤchſten Befehl. St. Petersb. 1816. Aus d. Ruſſ. uͤberſ. von Aug. von. Kotzebue. 8.(ſonſt 21 Gr.) 12 Gr. Ruſſel, M., Palaͤſtina oder das heilige Land, von der ſruͤheſten Periode bis zur jetzigen Zeit. Aus dem Engl. von F. A. Ruͤder. Mit 1 Charte u. 1 Kupf. gr. 8. 1833.(ſonſt 1 Thlr. 20 Gr.) 20 Gr. Schiffbruch der Fregatte Meduſa auf ihrer Fahrt nach dem Senegal im Jahre 1816, oder vollſtaͤndiger Be⸗ richt von den merkwuͤrdigen Ereigniſſen auf der Floͤße in der Wuͤſte Sahara, zu Saint Louis und in dem La⸗ ger bei Daccard ꝛc., von J. B. H. Savigny und A. Correard, beide Schiffbruͤchiche auf der Floͤße. gr. 8. 1818.(ſonſt 16 Gr.) 8 Gr. Schiſchkow, des Admirals A., Memoiren uͤber die Zeit ſeines Aufenthalts bei der Perſon des wohlſel. Kaiſers Alexander I.(in Funktion e. Staatsſecretaͤrs) waͤhrend des Kriegs mit den Franzoſen in den Jahren 1812— 1814. Aus dem Ruſſ. von C. Goldhammer. gr. 8. 1832.(ſonſt 1 Thlr. 4 G.) 12 Gr. Schmidt, Oſtpreußens Schickſale im Jahr 1812 waͤh⸗ rend des Kriegs zwiſchen Frankreich und Rußland. gr. 8. 1825.(ſonſt 1 Thlr. 4 Gr.) 12 Gr. Seidler, C., Braſiliens Kriegs⸗ und Revolutionsge⸗ ſchichte ſeit dem Jahr 1825 bis auf unſre Zeit. 8. 1837.(ſonſt 22 Gr.) 9 Gr. Spazierfahrt nach Moskau. 8. 1810.(ſonſt 20 Gr.) 6 Gr. Tocqueville, A. v., uͤber die Democratie in Nordame⸗ rica. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von F. A. Ruͤder. Mit 2 Anhaͤngen: 1) Die Verfaßung der verein. Staa⸗ ten, und die Verf. des Staats Newyork. 2) Auszug aus Beaumont'’s Marie od. die Sclaverei in den ver⸗ einigten Staaten. 2 Bde. gr. 8. 1836.(ſonſt 2 Thlr. 16 Gr.) 1 Thlr. 12 Gr. Wachsmuth, W., hiſtoriſche Darſtellungen aus der Ge⸗ ſchichte der neuern Zeit. 3 Theile. gr. 8. 1831— 1832.(ſonſt 5 Thlr. 4 Gr.). 3 Thlr.