——— Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 1 Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 6 ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 p 2) Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen, 3.(aution. ÜUnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe eines Buches, 5 4 6. n Zurückgabe von mir zurückerſtattet vinterlegen, welche bei deſſen wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: d für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —öy—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 6„„„„„ 55 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Ul. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———jj ——— Der Kaufmann von Luzern. Hiſtoriſcher Roman aus der Schweizergeſchichte von Guſtay von Heeringen. Erſter Theil. Dresden und Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1849. Inhaltsverzeichniß. Erſtes Kapitel: Der Hafen von Genf.... S. 1. Zweites Kapitel: Die Engen in Bern.... 50. Drittes Kapitel: Oltingen.... 783. Viertes Kapitel: Das Mündel von Grdzer 1408. Fünftes Kapitel: Die Hinrichtung der Rebellen.. 451. Sechstes Kapitel: Joinville's Verlegenheit... 474. Siebentes Kapitel: Der luſtige Rath..... 194. Achtes Kapitel: Die Gefangenen von Etivaz.. 228. Neuntes Kapitel: Das Gaſthaus von Gurnigel.. 253. Erſtes Kapitel. Der Hafen von Genf. — Auf der Waſſerſeite der alten Stadt Genf, das heißt derjenigen, welche dem See zugekehrt iſt, eine andere zieht ſich an den Ufern des Rhoden oder der Rhone hin, befanden ſich vor Jahrhunderten allerdings nicht die Paläſte, welche ſie jetzt ſchmucken, immer aber doch viele von den anſehnlichſten Häu⸗ ſern der Stadt. Da erhob ſich das Kaufhaus am Hafen, umgeben von Krahnen, Speichern und Hö⸗ fen, ein Zollgebäude für die Waaren, die mittels der Schifffahrt hier ankamen oder verſendet wurden; Herbergen zeigten ihre Aushängeſchilde weit in den ſchönen See hinein, der mit ſeiner ſmaragdgrünen oder azurblauen Fluth gegen die Hafenmauer des Strandes anſpülte; Läden und Kaufmannsgewölbe, wenn auch nicht in derſelben Pracht, wie dieß in ſpäterer Zeit der Fall wurde, lockten ſchon damals den Ankömmling in ihren verführeriſchen Kreis und v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 1 ließen ihn ahnen, daß er ſich einer heiteren, wohl⸗ habenden, lebensluſtigen Stadt nähere; eine Ahn⸗ ung, die auch Niemanden betrog und welche Genfs ſchöne Umgebung, ja eine Natur ohne Gleichen, in deren Schooße die burgundiſche Stadt ihre Zin⸗ nen erhob, noch verſtärkte und erhöhte. Burgun⸗ diſch nennen wir die Stadt, denn in der That ge⸗ hörte ſie Jahrhunderte lang dieſem franzöſiſchen Herzogthume an; zu Anfang des fünfzehnten Sä⸗ culums aber, der Zeit, von der wir hier reden, bildete ſie bereits einen Theil des helvetiſchen Staa⸗ tenbundes oder Gebietes und wurde, ohne eben die Oberherrſchaft eines ihrer fürſtlichen und zum Theil mächtigen Nachbarn anzuerkennen, von ihren eigenen Biſchöfen regiert und verwaltet. An einem ſchönen Sommertage, die Sonne brannte heiß auf die Stadt und den See, indem ihre Strah⸗ len ſowohl von dem Juragebirge als von den Al⸗ pen zurückgeworfen wurden, war es, als ein mehr als alltägliches Treiben im Hafen zu walten ſchien. Außer den Schiffen und Kähnen, die ihn durch Ankunft oder Abfahrt zu beleben pflegten„wehte innerhalb der gemauerten Bucht eine Anzahl hellfar⸗ biger Flaggen, mit dem Wahrzeichen eines der inne⸗ ren Cantone geſchmückt; die dreieckigen lateiniſchen — 3 Segel, wie ſie üblich waren auf dem See, ſchwellten und rauſchten im Winde, und eines berührte faſt— das andere, ſo dicht lagen die Fahrzeuge darunter vor Anker; auf den Verdecken der Schiffe aber, auf den Hafentreppen, die vom Kaufhaus herab führten nach dem Waſſer, in den Speicherhöfen, am Zollhauſe bei der großen Wage und den Krahnen wimmelte es von Arbeitern, Bootsknechten, Pack⸗ trägern, Schiffern, Mäklern und ähnlichen Leuten, deren Thätigkeit innerhalb eines Hafenplatzes, ſei derſelbe am Meer, an einem ſchiffbaren Fluß oder an einem großen Landſee, ihren Spielraum findet. Alle ſchienen heut mit beſonderer Emſigkeit und ver⸗ doppeltem Eifer beſchäftigt; die Arbeit, die ſie voll⸗ zogen, mochte zwar die gewöhnliche, nicht leichte ſein, aber eine gewiſſe Heiterkeit, ja ausgelaſſene Luſt waltete ſichtbar in der Menge und theilte ſich ſelbſt müſſigen Zuſchauern und Volkshaufen mit, welche hier und da gegen die Hafenmauer gelehnt ſtanden. Die nächſte Urſache dieſer Fröhlichkeit, dieſes geſteigerten Wohlſeins im Kreiſe der Arbeiter war eben nicht ſchwer zu entdecken; der gefüllte Weinkrug ging öfter von Hand zu Hand oder viel⸗ mehr von Mund zu Mund, vielleicht auch das Branntweinglas; man hörte jauchzen und öfter Lebe⸗ 41* hoch rufen, wodurch die Vermuthung entſtand, welche auch die richtige war, daß irgend ein ein⸗ heimiſcher oder fremder Handelsherr Güter laden laſſe und dabei Veranlaſſung gefunden haben müſſe, gegen die Hafenleute beſonders und in ungewöhn⸗ lichem Maße freigebig zu ſein. Aber welche Ver⸗ anlaſſung? War eine Hochzeit im Hauſe irgend eines der bekannten Kaufherren der Stadt, eines Mäklers, eines Schiffers? Holte man die Braut ab? Verlud man ihre Ausſteuer, und gehörten ihr die blanken Kiſten und Ballen, welche aus den Speichern des Kauf⸗ und Zollhauſes hervorkamen und auf die Schiffe gebracht wurden? Möglich.— Dennoch wußte man von keiner Braut in den be⸗ kannteſten Kaufherrenfamilien; auch fehlte den Schiffen der Schmuck auf dem Maſt und die Hoch⸗ zeitwimpel, die bei ſolchen Gelegenheiten, nament⸗ lich bei Abführung einer Braut oder Neuvermählten in ihre neue Heimath, üblich zu ſein pflegten; eine andere Urſache mußte daher von den Müſſigen und Theilnahmloſen aufgeſucht werden, irgend ein an⸗ derer Grund der Freigebigkeit des Verladers gegen die lärmenden Bootsknechte, und man ließ es an den verſchiedenſten Vermuthungen und Zuſammen⸗ ſtellungen nicht fehlen. 5 Vor einem der Kaufläden, wie ſich ihrer gar viele am Seeufer befanden, ſtand mittlerweile ein Käufer und feilſchte mit dem Inhaber der ſchön ins Sonnenlicht in zierlichen Glaskäſtchen und Schränken ausgeſtellten Waaren um den Preis einer derſelben, die er gewählt hatte und zu deren Ankauf er Luſt bezeigte— nur daß ſie ihm zu theuer war. Genf hatte und verdiente von jeher den Ruf, ſchönes Geſchmeide in Gold, Silber und edlen Steinen zu liefern; von hier ward es weit und breit verſchrieben, und alle Fürſten der Um⸗ gegend beſtellten oder entnahmen bei den hieſigen Goldſchmieden ihren Bedarf an Schmuck und Ge⸗ ſchmeide. Der, welcher jetzt auch um ein Kleinod, wenn gleich um ein beſcheidenes, handelte, war allem Anſchein nach kein Fürſt der Umgegend, ſon⸗ dern, wenn man ihn genauer betrachtete, allenfalls der Dienſtmann eines Höheren, ein Edeljunker oder Knappe. Seine Kleidung war einfach, doch ſchmuck, und deutete auf ritterlichen Stand. Er trug hohe, beſpornte Stiefel, ein Schwert, und auf ſeinem kurzen Lederwams zeigte ſich vorn auf der Bruſt ein Feldzeichen oder Wappenſchild, faſt wie die Wappenſchilde der Herolde angebracht; es beſtand in einem Balken mit aufwärtsſteigendem ſchwarzen Bär, und wer ein wenig bekannt war mit den geltendſten Wappenzeichen der umherliegenden Her⸗ ren und Länder, mußte in dieſem augenblicklich Farben und Wappen von Bern, dem mächtigen Freiſtaat an der Aar und unter den Gletſchern der Hochalpen, erkennen. Der, auf deſſen Wams es ſich hier zeigte, war ein junger, ſchmucker Geſell in der erſten Blüthe der Männlichkeit und ſo ſchön von Antlitz, daß ein Blick auf ihn wohl bald einen zweiten und längeren zur Folge zu haben pflegte. Kaum zwanzig Jahre mochte er alt ſein, aber er war groß, ſchlank und vom ebenmäßigſten Glieder⸗ bau. Kurzes, lichtbraunes Haar drängte ſich ge⸗ wallt und in Locken um den Rand der leichten Stahlhaube, die er trug, und die, wie alles Me⸗ tallene, an ſeiner Kleidung hell und ſtattlich in der Sonne blitzte; die Farben der Roſe lächelten auf ſeinen Wangen, und wie er ſo da ſtand unter dem leinenen Schirmdach des Goldſchmieds, zum Schutz gegen die Sonne aufgeſpannt, in ſeinen Händen einige von deſſen Waaren, die er eben mit Wohl⸗ gefallen und großer Aufmerkſamkeit betrachtete, bot er ein Bild dar, das den Vorübergehenden wohl veranlaſſen mochte, zweimal nach ihm hinzuſchauen. Hinter ſeinen mit Ringen, Ket⸗ 14 7 ten, Spangen, Buſennadeln, Armbändern und ähn⸗ lichen Schmuckſachen wohl verſehenen Glaskäſten wal⸗ tete der Verkäufer dienſtfertig, doch mit ſchlauer Auf⸗ merkſamkeit auf jede Bewegung des Käufers, deſſen etwaigen Stand und vermuthliche Herkunft er bei ſich erwog, indem er ſeinem Aeußern nach darüber in's Reine zu kommen ſuchte, wie weit man ihm nun und erforderlichen Falles Credit geben möchte. Aller⸗ dings war ihm der ſchöne, kriegeriſch behelmte Jüng⸗ ling ein Fremder, aber nicht ſo das Bannerzeichen auf ſeiner Bruſt, welches der kluge, in der Welt erfahrene Goldſchmied wohl erkannte; auch überſah er nicht das Ehrenhafte, Ritterliche in ſeiner Er⸗ ſcheinung, ſein freundliches Antlitz, das ſchöne, von jedem Trug entfernte blaue Auge, ſo klar wie der Himmel, die edelgebildete Hand, von der er den Handſchuh gezogen hatte, um die Kleinodien beſſer zu halten, um welche er feilſchte, und noch manche andere kleine Eigenthümlichkeit, die dem Gleich⸗ gültigen wohl entgangen ſein würde, die aber Je⸗ ner in ſeinem Handel und Wandel gewohnt war ſchnell mit feinem Blick aufzufaſſen, und welche jetzt mit zu der Höflichkeit beitragen mochte’ die er dem jungen Kunden gegenüber zeigte. Beide redeten die landesübliche Sprache, das Franzöſiſche; doch klang bei dem Letzteren eine fremde Betonung durch. Dieſes Kreuz, ſagte er und ließ es in der Sonne ſpielen, dieſes kleine Kreuz iſt in der That ſehr zier⸗ lich... wäre es der Preis nur auch! Aber der iſt es nicht, mein theuerer Herr Deſorgis! Ich finde ihn vielmehr hoch, zu hoch— wenigſtens für mich... Eine Caroline iſt Alles, was ich Euch für das Kleinod bieten möchte und kann. Wollt Ihr es mir dafür laſſen? Unmöglich, Junker. Betrachtet die Arbeit, den Stein hier oben, es iſt ein Saphyr, ſo blau wie der Himmel. Denkt, wie ſchön dieſes goldene Kreuz auf der Bruſt der Dame ſich wiegen wird, für die Ihr es doch wahrſcheinlich beſtimmt. Ihr erröthet? Ich hab's getroffen. Und den Ring— und das Kettlein nehmt Ihr auch gleich dazu— für die Nämliche. Wo denkt Ihr hin? Glaubt Ihr, ich trüge Schätze bei mir? Da ſeid Ihr ſehr im Irrthum, mein Herr, ſagte der Jüngling. Ich irre doch nicht, wenn ich Euch für einen Edelmann in berniſchem Dienſt halte, dem grim⸗ migen Bären nach auf Euerem Collet! Der Bär iſt bekannt, lächelte der Andere. Nun ſeht, mein edler Junker, die Berner haben 9 guten Glauben, was wir Kaufleute Credit nennen, und nicht die Kleinigkeiten allein, die Ihr da in Eurer Hand habt— mehr noch, mein halbes La⸗ dengewölbe würde ich Euch creditiren auf Euer ehrlich Geſicht. Ihr ſeid ſehr höflich. Wie wäre es, wenn Ihr noch einen hübſchen Steinring wähltet für Euch zum Wappenring— dieſen da zum Beiſpiel mit dem Rubin; gleich nebenan wohnt ein Schleifer, der Euch, nicht zu theuer und ohne Verzug, jedes Wappenbild hinein⸗ graben wird. Oder tragt Ihr vielleicht ſchon einen Siegelring unter dem Handſchuh, an der Linken? Das nicht, Herr. Ei, wie hübſch der Ring iſt— man könnte in der That verſucht werden— Und lächelnd ſchob er zur Probe den darge⸗ botenen Ring an den Zeigefinger ſeiner Rechten und betrachtete ihn daran. Nun, ſteht der nicht, fuhr der Juwelier fort, Euch beſſer als hundert Anderen? Dieß iſt eine Hand für ſolchen Ring. Ihr habt eine ſchöne Hand, mein junger Herr. Und wir Goldſchmiede ſind närriſche Käuze. Gern ſehen wir, wenn unſere Arbeiten, die Producte unſerer Erfindungsgabe, unſeres Nachdenkens, unſeres Fleißes, ja unſeres Schweißes darf ich ſagen, in edle und ſchöne Hand, nicht in gemeine übergehen. Der Ring bleibt an der Eurigen, Ihr kauft ihn— Nicht doch, Herr Deſorgis. Wie könnte ich—! Glücklich bin ich, wenn ich das Kreuz bezahlen kann— und Ihr etwas nachlaßt vom Preis— Unmöglich, Herr Berner; fordert mein Leben, und es iſt Euer, aber nachlaſſen am Preis dieſes Kreuzes— 1 Seid Ihr ein Genfer? Durch Niederlaſſung. Von Geburt habe ich die Ehre Franzoſe zu ſein und zwar aus der großen Stadt Paris— Euch zu dienen. Ja, ja, ich glaube es, ſagte lächelnd der Käufer. Warum? fragte etwaszweifelhaft der Kaufmann. Weil Ihr mir Euer Leben anbietet, aber ein paar Francs nicht nachlaſſen wollt. Das iſt wälſch, wie ſie in Bern ſprechen. Jener verzog den Mund etwas und würde vielleicht auch eine kleine Spitze in ſeiner Entgeg⸗ nung gefunden haben, wäre nicht ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit durch etwas Anderes in Anſpruch genom⸗ men worden. Ein Vorübergehender ſtand nahe bei ſeinem Laden ſtill und ſchien dieſen, ſo wie den — 41 Käufer davor, zu betrachten.— Herr Deſorgis, indem er ſein Haupt entblößte, verbeugte ſich tief hinter ſeinem Tiſch und gab alle Zeichen großer Höflichkeit von ſich, wie dieß der Niedere und min⸗ der Begüterte nicht ſelten gegen den Reichen und Vornehmen zu thun pflegt. War er gegen den berniſchen Junker ſchon ſehr leutſelig geweſen, ſo ging dieſe Leutſeligkeit jetzt in jene unterwürfige Geſchmeidigkeit über, die Mancher dem Rang oder dem Reichthum ſchuldig zu ſein glaubt. Sehr edler Herr, ſprach er mit dem ehrerbietigſten Gehaben, ich bin Euer unterthäniger Diener. Beliebt es Euch nicht näher zu treten! Dort, zwei Schritte rechter Hand, iſt die große Hausthür— Ew. Gna⸗ den kommt wegen des beſtellten Schmucks— ſehr viel Ehre— doch wollt Euch gütigſt erinnern, daß derſelbe erſt für morgen befohlen ward, um welche Zeit er unfehlbar fertig wird. Alle meine Meiſter und Geſellen, die geſchickteſten von Genf, arbeiten daran, und wahr iſt es, ohne Ruhm zu melden, eine ſchönere Faſſung erhielten Diamanten nie. Ihr werdet gewiß zufrieden ſein, vortrefflichſter Herr! Der ſo Angeredete, ein großer, ſtarker und wohlbeleibter Mann, etwa ein Fünfziger ſeines Alters, prächtig in Sammt und Seide geklei⸗ 12 det, war indeſſen unter ziemlich unverſtändlichem Murren näher getreten, womit er fürs Erſte für gut hielt des Goldſchmieds geſuchte Höflichkeit zu erwiedern. Schon gut, ſagte er endlich, ſchon gut, Marcell— ich weiß wohl— ſpare die Worte— morgen— ja doch, dann werde ich einen meiner Leute ſenden, das Beſtellte anzuſehen und zu holen.— Es iſt nicht darum, daß ich konme— ich gehe vorbei hinunter nach dem Kaufhaus, wo ſie meine Güter laden— und erblicke da— nicht wahr, Ihr ſeid berniſch? wandte er ſich, plötzlich deutſch redend, an den Jüngling, oder Euer Wams lügt. Es lügt nicht, entgegnete dieſer mit einem freien Blick auf den vornehmen Mann. Wetter! Ich ſollte Euch kennen— Euer Fratzli ſah ich ſchon, denke ich— ſeid Ihr nicht von Burg Oltingen an der Aar— des Vogtes Sohn? Der bin ich, und Egon von Stein iſt mein Name. So müßt Ihr mich auch kennen— Gewiß! Herr Schilling aus Luzern. Wie ſollte ich nicht? Ihr ſeid ja öfter zu Bern und auf Oltingen. Ja, ja, lachte der Luzerner Herr etwas laut und faſt höhniſch; Euer Vater weiß davon, denke 43 ich— Doch, bei Sanct Veit, wie kommt Ihr hierher? Was kann Euch nach Genf führen und juſt vor den Laden des erſten und theuerſten Gold⸗ ſchmieds? Das nimmt mich Wunder, wie ich Euch nicht bergen will. Ihr feilſcht hier um Kleinodien, wie ich ſehe— Ihr habt ſie ja noch in Händen, und Euer Vater, der Vogt— Ihr ſolltet es wiſſen— nun, ich will nichts geſagt haben, meine Bücher werden ſchon reden— ſtatt meiner— Er ſchlug noch einmal ſein rauhes und kurzes Lachen auf, das mit raſſelndem Baßton aus ſeinem Munde hervorkam; der Jüngling aber legte, feuer⸗ roth, Kreuz, Kette und Ringe wieder von ſich auf die Glastafel eines der Schmuckkäſtchen und er⸗ widerte ſichtbar verlegen: Einen Augenblick, Herr Werner! Ich ſtehe Euch Rede. Vergönnt nur, daß ich den Kaufmann bedeute— Und zu dieſem gewendet, ſagte er wieder franzöſiſch: Dank, Herr Deſorgis, ich werde nichts kaufen. Faſt hätte ich mich verführen laſſen durch das Funkeln Euerer Kleinodien; noch zu rechter Zeit werde ich daran erinnert, daß ſolche nicht für mich ſind— verzeiht mir— und lebt wohl! Herr Deſorgis, gleichfalls verdutzt und ſtutzig gemacht von dem herriſchen Weſen des Luzerners Zügen den Ausdruck von Häßlichkeit gab, bis es gegen den jungen Käufer, deſſen Saͤckel faſt ſchon gezogen war, ſtotterte einige unverſtändliche Worte, die Alles, nur keinen Widerſtand gegen Herrn Schilling's etwaige Verfügungen bedeuten konnten, und war im Begriff, ſeine Waaren wieder an ſich zu nehmen, als Jener dazwiſchen rief: Mortlew! So haben wir nicht gewettet. Ich will kein Po⸗ panz ſein, der Euch die Kunden verjagt. Glaubt das ja nicht, Fuchs Marcell. Nun ſoll er kaufen, gerade nun! Bin doch begierig, wie ſein Geld aus⸗ ſieht. Habt Ihr ihm aber Credit verſprochen, deſto beſſer, ſo wird die Sache immer luſtiger, und ich lache, wie oft ſchon, über die klugen Genfer, die ſich ſo leicht bethören laſſen. Herr Werner! rief der Sohn des Vogtes mit zorniger Geberde, und ſeine Hand fuhr nach dem Griff des Schwertes an ſeiner Seite. Der Gold⸗ ſchmied verſtummte vor Schrecken, und in der That war ein heftiger, mindeſtens unangeneh⸗ mer Auftritt zu fürchten, denn des jungen Berners Augen hatten ganz ihren ſanften Ausdruck verloren und glühten und ſprühten drohend. Auch in dem breiten Antlitz des Luzerners kämpfte es zwiſchen Ernſt und Scherz, was ſeinen ſonſt gewöhnlichen 1⁵ ihm gelang, ſeiner Bewegung Herr zu werden und jene luſtig⸗höhnende Ueberlegenheit wieder zu ge⸗ winnen, die er bis dahin ſeinem unerwartet getroffe⸗ nen Bekannten gegenüber geltend gemacht hatte. Er näherte ſich ihm laut lachend, ergriff ſeinen Arm und zog ihn mit ſich fort, ohne weiter auf den Goldſchmied zu achten, der in ſeiner Höflichkeit nicht nachließ und ſich noch in ſeinem Laden ver⸗ beugte, als die Beiden ſchon um mehre Schritte von demſelben entfernt waren. Nur ungern folgte der Jüngling dem zudringlichen Manne, der ihn nicht losließ, und gegen den er allerdings Rück⸗ ſichten zu beobachten hatte, weswegen er ihm auch nicht offenbaren Widerſtand leiſtete— doch geſchah es unter düſterem Schweigen. Deſto redſeliger war der Andere. Ihr Steine, rief er, ihr Steine des Anſtoßes in meinem betrübten Leben!— Seid ihr nicht wie die Kieſelſteine, die Feuer ſpru⸗ hen, ſobald man ſie nur ganz leiſe berührt mit dem Stahl? Biſt Du nicht wenigſtens ſo, kleiner Egon, den ich noch auf meinen Armen getragen habe? Deß erinnere ich mich weniger, entgegnete der Jüngling düſter, als deſſen, daß Ihr immer barſch und ungütig gegen mich und meine Geſchwiſterwaret, wenn Ihr nach Oltingen kamet, da ich noch Knabe war. 16 Ihr ſeid, mit Gunſt, noch nicht weit darüber hinaus, junger Herr. Aber was wollt Ihr? Soll man Umſtände machen, freundlich thun mit den Kindern eines böſen Schuldners? Bös war mein Vater nie, zu gut vielmehr. Aber er zahlte nie— weder Schuld noch Zins— und hat dieſe gute Gewohnheit beibehalten. Kein Erinnern und Mahnen hilft. Woran Ihr es nicht fehlen laßt. Dieß Zeug⸗ niß muß ich Euch geben, Herr Werner— Ihr quält meinen lieben Aeti gehörig mit ſolchem, ob⸗ .wohl Ihr wißt, daß er, ſo lange unſere Ver⸗ hältniſſe bleiben, wie ſie ſind, die Schuld nicht zah⸗ len kann, die er von ſeinen Vorfahren ererbt hat. Euer Vater ſoll in dieſer Beziehung viel nachſich⸗ tiger geweſen ſein als Ihr. Hat ſich was mit der Nachſicht!— zu meinem und Euerem Schaden war er es. Oder wollt Ihr, wenn ich es auch bin, etwa die Schuld erben? Soll ſie noch einmal auf ein Geſchlecht übergehen? Warum nicht? Ja, Herr Schilling!— werthe⸗ ſter Herr, ſo ſei es! rief der Jüngling mit Wärme und ergriff des Luzerners beide Hände. Mir über⸗ laßt es, Euch einſt zu bezahlen, nur quält den armen Vater nicht fürder mit Eueren Anſprüchen! — 17 So? Ei, höre mir doch Einer dieſen Vorſchlag! Und worauf, wenn es erlaubt iſt zu fragen, grün⸗ den ſich denn die Ausſichten des edlen Junkers von Stein? Auf eine Erbſchaft etwa, auf eine reiche Freit oder auf ein unmittelbares Wunder der hei⸗ ligen Jungfrau? Doch bei Seite das und im Ernſt geſprochen, immer muß mir das auffällig ſein, was ich ſo eben geſehen habe. Ihr handelt hier um Precioſen, während Euer Vater daheim der nöthigen Baarſchaft ermangelt, um ſeine Verpflicht⸗ ungen zu löſen, gleichviel ob ſelbſt gewirkte oder ererbte. Wißt denn, daß meine Nachſicht vorüber iſt, und daß ich nächſtens den Burgvogt von Oltin⸗ gen bei ſeinen Gerichten verklagen werde. Ja, das werde ich, gewißlich und wahrhaftig, wie ich Wer⸗ ner Schilling heiße. Der Sohn des Burgpogtes ſeufzte bei dieſer Verkündigung. ¹ Und meinen Proceß, fuhr Jener unbarmherzig fort, gewinne ich; wer könnte mein Recht beſtreiten? Doch hörte ich zuweilen den Aeti ſagen, es ließe ſich beſtreiten— auch einige Nechradoetalen in Bern ſollten der Anſicht ſein. Will es ihnen zeigen, ſagte Herr Schiling lachend und ſpielte in ſeiner Seitentaſche mit Gold⸗ v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 2 48 ſtuͤcken, die er tönen ließ— will es ihm zeigen, dem hochweiſen Herrn, Eurem Vater— ſollen den Werner kennen lernen, wenn ſie ihn noch nicht kannten. Von nun an will ich das Rauhe gegen Euch herauskehren, daß Ihr es nur wißt, Junker— Beßter Herr, ſagte dieſer in großer Bedrängniß, Ihr ſeid ein billig denkender Mann. Erwägt gütigſt meine Lage. Ich müßte ja untröſtlich ſein, wenn ich die Veranlaſſung von Maßregeln würde, die— die meinen lieben Vater mindeſtens beunruhigen könnten. Warum kauft Ihr Kleinodien in Genf und ſeht überhaupt aus wie ein Grafenſohn, ſo ſchmuck und blank— Ihr— Ihr— Er ſtockte beim letzten Worte; der Geſcholtene überhörte es und ſagte freundlich: Ich kaufte ſie ja nicht, wie Ihr geſehen haben müßt, lieber Herr Werner, ich gab ſie dem Kaufmann zurück, um Euch nicht zu mißfallen. Uebrigens, felbſt wenn ich ſie gekauft hätte, würde dieß noch keine ſehr große Verſchwendung geweſen ſein, denn es waren Gegenſtände von geringem Werth, deren Preis ich von dem Sold erſpart habe und bei mir trage, den mir der hohe Rath von Bern zahlt, ſo lange ich in ſeinen Dienſten bin— —— 19 Ihr ſeid im Dienſt Eueres Cantons? So ſehe ich an den Bären auf Euerem Wams, der ſchwarz und goldenen Binde und dem eidgenöſſiſchen Kreuz am Helm— Dinge, die mich freilich, da ich bei Euch vorbei ging, erſt aufmerkſam auf Euch machten— ein Prunk, dem Ihr es zuſchreiben dürft, Junker, wenn ich Euch ungelegen in die Quere kam. Oho! Großen Reſpect!— Alſo ein Kriegsmann oder gar Feldhauptmann der hohen Republik? Wünſche Glück! Ja, nun erkläre ich mir die ſtolze Hin⸗ deutung auf ein Bezahlen der väterlichen Wechſel⸗ ſchuld durch Euch. Junker Egon iſt etwas Großes geworden. Nicht doch, Ihr ſpottet, Herr Werner— aber es ſei, ſagte, von Neuem erröthend, der Jüngling. Wie Ihr mich ſeht, bin ich nichts als ein Knappe, von Seiten der Stadt dem edlen Ritter von Rin⸗ kenberg für ſeine Geſandtſchaftsreiſe nach Savoyen beigegeben und zu deſſen Gefolge gehörend. Wir kommen ſo eben zuruͤck aus Chambery, wo Graf Johann Hof hielt, und verweilen wenige Tage hier wegen Krankheit eines Roſſes, welches dem Ritter werth iſt; da verführte mich denn die Muße oder die Langeweile, wenn Ihr wollt, hier am Seeufer zu ſchlendern und am Laden des Herrn 2* 20 Deſorgis ſtehen zu bleiben, wo Ihr ſo gütig waret, mich zu bemerken. Herr Werner ſtarrte den Jüngling an und ſchien in Gedanken verloren. Wie? rief er, ſagt's doch noch einmal! Aus Chambery kommt Ihr, vom Hofe des Grafen Johann— mit einer Geſandt⸗ ſchaft? Ihr müßt folglich wiſſen, wie es um Krieg und Frieden ſteht— wie man mit den ſavoyiſchen Schirmvögten in der Waadt und im Freiburgiſchen daran iſt— ob man den wilden Joinville auf Greyerz, den Thonon auf Echallens und Andere zu fürchten hat— wie es mit der Sicherheit von Waarenzügen jenſeit Lauſanne beſchaffen iſt— ge⸗ nug, worauf man ſich vorzuſehen hat auf der Reiſe. Sollte es wahr ſein, was man ſchon in Lyon ſagte und ich nicht glauben wollte, daß Graf Johann böſe Abſichten habe auf die Eidgenoſſenſchaft und unſer Friede mit ihm auf ſchwachen Füßen ſtehe? Ich bitte Euch, ſollte es wahr ſein? Ihr begreift, daß einem armen Kaufmann, der mit reichen Gü⸗ tern unterwegs iſt, an einer ſicheren Nachricht über ſolches gelegen ſein muß. Mein guter Herr Werner, entgegnete der junge Knappe ohne alle Bitterkeit über das Vorgefallene, ich begreife das wohl und kann Euch leider nur 24 wenig beruhigende Kunde darüber geben. So viel mir bekannt geworden, hat der erlauchte Graf alle Anträge und Friedensvermittelungen unſeres Vor⸗ ortes ſtörriſch zurückgewieſen und nur ſolche Ant⸗ worten darauf ertheilt, die faſt keinen Zweifel mehr laſſen über den nahen Ausbruch eines Krieges; doch iſt mein edler Ritter darüber nicht traurig, vergnügt vielmehr, indem er meint, Krieg ſei beſſer als ein halber und ungewiſſer Friede. Wollt Ihr Euch aber näher darüber unterrichten laſſen, ſo be⸗ gleitet mich in die Herberge zum Thaler, wo wir mit Mann und Roß raſten und der Ritter Euch gern Rede ſtehen wird. Er iſt ein gar ernſter, doch überaus leutſeliger Herr. Rinkenberg? Iſt nicht Euer Schultheiß ein Rinkenberger? 8 Meines Ritters Bruder. Gut, Eueren Vorſchlag nehme ich an, ſagte der Luzerner Kaufmann. Doch eilt's nicht ſo ſehr. Dieſen Abend vielleicht— Ich habe ein Geſchäft im Hafen für den Augenblick. Meine Lyoner Güter werden geladen, lauter koſtbare Seiden⸗ ſtoffe, Junker, in denen viel Geld ſteckt, auch Waaren von der Meſſe von Beaucaire, Gewebe und Prachtſtücke jeder Art. Denn es wird Euch nicht unbekannt ſein, daß Werner Schilling in Luzern ganz Helvetien mit wälſchen Waaren verſorgt und mein Gewölbe daheim nirgend ſeines Gleichen hat in der Eidgenoſſenſchaft. Kiſten, ſo groß wie manche Fiſcherhutte, werden den Wellen aufgepackt. Ihr müßt es ſehen— Junker Knappe— Junker Habe⸗ nichts— eines Handelsherrn Herrlichkeit müßt Ihr ſehen— das wird Euch dienlich ſein, und Ihr könnt in Bern davon erzählen. Kommt mit mir hinab zum Kaufhaus, zu den Zöllen, wo die Wagebalken ächzen unter der Laſt meiner Reichthümer. Sehr gütig, Herr Werner— allein entſchuldigt mich— ich habe noch andere Gänge in dieſer Stadt, und gerade jetzt, wo der Ritter mein nicht bedarf, Muße dazu. Nein, nein! rief der Kaufmann faſt gebieteriſch— Ihr müßt mit in das Kaufhaus— ich will es— Ihr ſollt meine Kiſten ſehen und bewundern. Keine Ausflucht, keine Widerrede— Ihr folgt mir, Jun⸗ ker— ich nehme Eueren Arm— ſo, jetzt ſeid Ihr mein. Er riß in der That den Arm des Jünglings an ſich und hing ſich daran; es ſchien nun einmal ſein ausdrücklicher Wunſch zu ſein, daß Jener mit ihm gehe, und Egon's natürliche Höflichkeit, ſo wie auch 4 23 die Rückſichten, die er gegen den Gläubiger ſeines Hauſes nehmen zu müſſen glaubte, erlaubten keine fernere Gegenwehr, obwohl ihm die Nähe des herri⸗ ſchen und ſpöttelnden Kaufmanns keineswegs ange⸗ nehm war. Noch einen leichten Verſuch machte er, ihm zu entrinnen, indem er ſagte: Sehr gütig, für⸗ wahr, Herr Wernli, allein ich denke— ein anderes Mal, ſo es Euch beliebt—— Herr Schilling wollte aber vor dem Junker mit der Menge und Größe ſeiner Kiſten, im Hafen und Kaufhaus aber mit dem ſtattlichen Junker, dem Bei⸗ gegebenen einer Geſandtſchaft, vor den Augen ſeiner Handelsfreunde prunken, und er ſprach daher: Nichts— junger Fant— mir beliebt, daß wir mit⸗ ſammen dort hinunter gehen, wo das viele Volk iſt. Seht nur das Treiben— wie die Aufläder und Pack⸗ knechte geſchäftig ſind, wie ſich die Krahnarme auf⸗ und niederbewegen. Und nun ſchaut auch einmal nach dem Altan des Zollhauſes. Da ſchimmert's von bunten Farben. Richtig, ſie ſind ſchon da. Ich hatte ſie hinbeſtellt, und mir gehorcht man pünktlich. Ja, reißt nur Euere Augen auf. Damen ſinds, und meine Sibylle iſt darunter mit ihrem Bräutigam, dem Herrn Victor Deleſſers, Sohn des alten Frederic Deleſſers, des reichſten Seidenwebers in der großen 2¼ Handelsſtadt an der Rhone, von wo ich eben komme. Das hat ſich dort in Lyon gemacht, und es war kein unkluger Gedanke, daß ich mein Töchterlein mit da⸗ hin nahm, mich von ihm begleiten ließ auf dieſer Reiſe. Seht, junger Herr, Glück und Verſtand gehört zu einer Speculation— Nicht, daß ich mich rühmen will, aber nicht einem Jeden gelingt, was ich vollbringe. Es iſt wahr, der junge Herr Deleſſers konnte anderer Meinung ſein über dieſe Angelegen⸗ heit als ich und ſein Vater, die bald miteinander ins Reine kamen, was Mitgift und Hochzeitsgut anbe⸗ langt— er konnte ſchon ſein Herz verſchenkt, ander⸗ wärts gewählt haben, denn er ſteht im vierundzwan⸗ zigſten Jahr und iſt ein ſehr ſchöner Mann— jede Lyoneſerin wäre glücklich geweſen, auf die er ſein Auge geworfen hätte. Alle geizten nach ſeiner Hand— Eya Popeyal geizt nur, zürnt nur, Däm⸗ chen von yon— der Schilling kam mit ſeiner Toch⸗ ter und trug den Sieg über euch Alle davon. Hert Victor war noch nicht verplempert, hatte noch keine weiteren Verbindlichkeiten— ſein Herz— oder was ihr einfältigen Leute ſo nennt— geht mich weiter nichts an— genug, nicht vier Wochen war Sibylle in des alten Frederic Hauſe, als Zuſpruch bei deſſen Toch⸗ ter, wie es vor den Leuten hieß; ich hauſte während — 2⁵ deſſen auf der Meſſe zu Beaucaire— als ſie ſchon Victors Verlobte ward, in welcher Eigenſchaft ich ſie vorfand, da ich zurückkehrte von der Meſſe. Mein alter Handelsfreund hatte bei der Verlobung meine Stelle vertreten. Freilich that er es gern und hatte auch Urſach dazu. Iſt ſein Sohn reich oder wird er es einmal, ſo iſt Sibylle Schilling auch nicht arm. Teufel auch! das will ich meinen! Sie iſt mein ein⸗ ziges Kind— meine Erbin. Zehn Junker hätte ſie haben können daheim, ja Freiherren und Grafen— ſo wahr ich— Ihr zweifelt doch nicht? Wie beliebt Ihr? fragte Egon zerſtreut; er hatte im Fortſchlendern an der Seite des Kaufmanns deſ⸗ ſen redſeligen Herzenserguß nur ſo viel Aufmerkſam⸗ keit geſchenkt, als eben dringend nothwendig war. Ich frage, ob Ihr zweifelt, daß meine Sibylle Junker und Grafen zu Freiern hätte haben können, wenn wir gewollt hätten. Nein, Herr Werner, ich zweifle nicht, da Ihr es ſagt, antwortete Egon unſchuldig. Was Freiherren,— fuhr der Handelsherr gering⸗ ſchätzig fort— was Junker oder Grafen aus der nächſten Burg, Hungerleider, die vom Stegreif le⸗ ben— ein Fremder, ein Ausländer und nun gar ein reicher Ausländer wiegt den fürnehmſten Einheimi⸗ 26 ſchen auf. Werden ſie in Luzern— Stadt und Can⸗ ton— in Bern, überall, wo wir bekannt ſind, Augen machen, wenn ich mit meinem Eidam, Herrn Victor Deleſſers aus Lyon, dort ankomme! Die Weiber müſſen vor Neid, die Männer vor Aerger ſchwarz werden über den Fall! Und wir lachen ſie Alle aus und freuen uns ihres Grolles. ei Er lachte wieder laut auf und ſchaute ſeinen Be⸗ gleiter dabei ſo herausfordernd an, als erwarte er von ihm daſſelbe; über des Jünglings Antlitz aber flog nur ein leichtes Lächeln hin, womit Jener in⸗ deſſen ſchon zufrieden war. Er fuhr noch fort, ſeine Schlauheit und ſein Glück zu preiſen, während die Umgrenzung des Kaufhauſes erreicht ward und man in dieſelbe eintrat. Es herrſchte hier fürwahr ein ſtarkes Getümmel von Packträgern, Handlangern, Bootsknechten, Mäklern, Schiffern und anderen Perſonen, die in einem belebten Hafenplatz verſam⸗ melt zu ſein pflegen, und ein ſolcher war für den Handel von ganz Helvetien und ſämmtlichen Ufer⸗ ſtaaten des ſchönen See's, der hier ſein Ende nahm, der Hafen von Genf mit ſeinen gemauerten Daͤm⸗ men, zwiſchen denen die Frachtſchiffe und Kähne aus⸗ und einliefen mit ihren dreieckigen Segeln. Auch manche ſchöne Barke zu Luſtfahrten wiegte ſich auf — * 27 der Fluth, entweder noch an der Kette, unter den Stufen, die zu ihnen niederführten, oder ſchon los⸗ geſchloſſen, mit Luſtfahrenden beſetzt und dem Ruder⸗ ſchlag fröhlicher Bootsleute gehorchend. Ueberall drängten ſich die bunteſten Gruppen und Erſchein⸗ ungen dem Auge des Beobachters entgegen; am leb⸗ hafteſten aber ging es innerhalb des Hofes zu, den Herr Werner Schilling mit ſeinem Begleiter jetzt be⸗ trat. Der vielgekannte Mann in der Pracht ſeiner goldverbrämten Kleider erregte ein ihm willkommenes Aufſehen unter der Menge, die ſo eben großentheils aus Arbeitern in ſeinem Solde beſtand; man machte ihm ehrerbietig Platz, grüßte ihn mit Unterwürfigkeit und bezeigte ſich von vielen Seiten gegen ihn wie der Knecht gegen ſeinen Gebieter und Brotherrn; er ſchien dieß mit Wohlgefallen wahrzunehmen und ſeine Geſtalt unter dem Einfluß des Stolzes ſich auszu⸗ dehnen, zu wachſen; hierhin und dorthin grüßte er mit vornehmen Neigen des Hauptes oder mit einer Handbewegung; auch ließ er ſich ſo weit herab, einige der Packknechte oder Laſtträger anzureden, unterließ jedoch nicht bei dem Allen, den ihn beglei⸗ tenden Junker dann und wann mit dem ſchlaueſten Blick ſeiner kleinen Augen anzuſehen, mit der ſtum⸗ men Frage gleichſam, ob derſelbe die Triumphe 28 b— auch beachte, deren er genoß. Guten Abend, Fran⸗ cois— Gott grüß Dich, Jean⸗Pierre— ſo ſprach der Luzerner zu den Arbeitern des Genfer Hafenſpeichers 3— nun, ſeid Ihr wieder fleißig, wie es ſich gebührt? Euer Lohn iſt gut, ſo greift auch gut zu. Gelt, meine Kiſten ſind groß und ſchwer? Ja, nicht alle Packgüter ſind wie dieſe.. Was ſehe ich, alter Trunkenbold Molard; Du ſetzeſt eine leere Flaſche an die Lippen und zieheſt daran, als wäre ſie gefuͤllt? Schäme Dich; ich bin heute gnädig wie ein Fürſt 4 und erlaube Dir, ſie wieder füllen zu laſſen auf meine Koſten— da— geh hinüber zur Mutter Cliquetille, 4 die einen guten Wein ſchenkt, wie ich höre, und laß den Betrag von Herrn Charlot, dem Mäkler, auf meine Rechnung ſetzen— Ihr Anderen ſeht mich an— nun— weil es heut iſt— was meint Ihr, Junker von Stein— ſoll ich Puan Allen einen freien Trunk 4 geben? Herr Werner⸗ 6 habe wahrlich dabei keine Stimme— Es ſei. Hört Ihr, es ſei! Laßt Euch Wein geben bei Mutter Cliquetille. Ich bezahle ihn— da— um kürzere Rechnung zu machen— da! Er griff in eine der Seitentaſchen ſeiner faltigen, unendlich weiten, nur bis zum Knie reichenden Bein⸗ 29 kleider, wo ſie mit goldenen Bändern befeſtigt waren, zog ein paar Münzen aus dem Schatz hervor, der da verborgen ruhte und womit er bei paſſender Gelegen⸗ heit anmuthig zu ſpielen verſtand, ſo daß es hell und lockend darin klirrte, und warf ſie in den dichteſten Haufen ſeiner Arbeiter. Es lebe Herr Schilling! Es lebe der große Handelsherr von Luzern! riefen dieſe, nachdem ſie den Ausfluß ſeiner Großmuth— nicht ohne Kampf und Streit— an ſich geriſſen hatten. Danke! Danke! entgegnete Herr Werner mit leiſem, doch huldvollem Kopfnicken, wobei ſein Antlitz von Befriedigung und Vergnügen ſtrahlte. Nun, wandte er ſich an ſeinen jungen Gefährten, nun, was ſagt Ihr? Brave Leute das, brav in der That— dankbar für Wohlthat— ehren mich Alle wie ihren Herrn— ſeht doch die Kiſten da unten im Lauſanner Schiff— ſeht dieſe, die ſie da eben herab⸗ wälzen von der Wage— un ſie gleichfalls einzu⸗ ſchiffen— betrachtet auch den Haufen von Ballen dort mit dem verſchlungenen S und D. Lauter Waa⸗ ren aus des alten Herrn Frederie Werkſtätten— Seidenzeuge in allen Farben, viele auch durchwebt oder geſtickt in Silber und Gold. Viel davon laſſe ich nach Deutſchland gehen, wo ſie an den Fürſten⸗ höfen gar prunkſüchtig ſind. Was meint Ihr, Junker 30 Egon— eine rechte Thorheit iſt es, prunkſüchtig zu ſein— eine Leidenſchaft, die Geld koſtet; frei⸗ lich muß der arme Schlucker davon bleiben. Jetzt begeben wir uns, denke ich, die Stiege empor in die oberen Räume, hinauf auf den Söller, wo meine Sibylle— Ah— Er hatte nicht Zeit auszureden, und es ſchien fürwahr, daß Herr Schilling zu den Auserwählten des Glückes gehöre, der nur einen Wunſch, ein Verlangen äußern dürfe, um es auch ſchon erfüllt zu ſehen. Eben kam Fräulein Sibylle mit ihrer Begleitung die breite Stiege herab, die nach dem oberen Stockwerk des Kaufhauſes führte. Ihre Hand ruhte im Arm eines in der That ſehr ſchönen jungen Mannes in reicher Kleidung; ein noch nicht völlig erwachſenes Mädchen ging zu ihrer Linken. Sie ſelbſt war eine Dame, welche man in anderer Umgebung für eine Fürſtin gehalten haben würde, die ſo eben zu dem verſammelten, ihrer harrenden Hofſtaat herabkommt, ſo herrlich zeigte ſich ihre Erſcheinung. Es war ſchwer zu ſagen, was den Vorzug verdiente, die Pracht oder der Geſchmack ihrer Gewänder. Sie trug ein Ueberkleid vom koſtbarſten Seidenzeug, Spitzen und Geſchmeide, und ihr Antlitz war ohne Tadel ſchön, wenngleich — — 31 es, wie man bei näherer Betrachtung erkennen mußte, viel von den Zügen des Vaters hatte, auch den Ausdruck, welcher bei ihm in den des Hoch⸗ muthes ausgeartet war, bei der Tochter aber nur einen eitlen Stolz verkündete. Nichts konnte präch⸗ tiger ſein als der Aufſchlag ihres langbewimperten braunen Auges. Den Scheitel ihres Haares von gleicher Farbe begrenzte eine elfenbeinerne, majeſtä⸗ tiſche Stirn.— Die Art, wie Fräulein Sibylle den Vater grüßte, mit dem ſie unten am Treppen⸗ fuß nun zuſammentraf, war gemeſſen und im Ge⸗ genſatz der vielen Worte, welche der glückliche Kaufherr bei dieſer Gelegenheit ſo wenig zu ſparen ſchien, als ſein Geld, mehr zurückhaltend, ja kalt, wie ein ſtrengerer Beobachter vielleicht gefunden haben würde. In ſeiner Freude, das liebe Töch⸗ terlein und den Bräutigam hier gefunden zu haben — allerdings hatte er Beide herbeſtellt, und bei den vielfachen Fragen, die er an Beide richtete, und deren Beantwortung er kaum abwartete, ver⸗ gaß er ganz des jungen Bekannten, den er mit⸗ gebracht hatte, und der beſcheiden zurückgetreten war, um dieſes Wiederſehen durch ſeine Gegenwart, die nicht einmal ganz freiwillig war, möglichſt we⸗ nig zu ſtören; ſein Auge ward jedoch unwillkürlich 32 angezogen und haftete bewundernd bald auf der ſchönen Sibylle, bald auf dem prächtigen Wehr⸗ gehänge ihres Führers und, wie er vernommen hatte, Bräutigams, eines jungen Mannes, der ſei⸗ nem Aeußeren nach vollkommen einer ſolchen Braut würdig war, wie der berner Knappe in ſeiner Un⸗ ſchuld und völlig richtig bei ſich urtheilte.— Bei Allem, in des Lyoneſen Geſtalt und Weſen, beur⸗ kundete ſich der Südländer; ſein Antlitz war dunkel gefärbt, ſein lebhaftes Auge glühte, Bart und Haupthaar zeigten ſich vom glänzendſten Schwarz. Auch das Mädchen an des Fräuleins Linken mochte einiger Beachtung ſchon werth ſein; ſie war eine hübſche Kleine, welche die Grenzen der Kindheit noch nicht weit hinter ſich hatte— etwa zwiſchen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahr. Die Unter⸗ haltung, welche nun begann, ward nur in der Landesſprache geführt.— Ach, meine Tochter, ſagte Herr Schilling, indem ſein Blick wie zufällig auf ſeinen ſchweigſamen Begleiter ſiel, und ſehr ehren⸗ werther künftiger Eidam, faſt hätte ich vergeſſen, Euch dieſen jungen Mann vorzuſtellen, den ich vor dem Laden des Juweliers Deſorgis traf, deſſelben, bei welchem der bewußte Schmuck beſtellt iſt, Si⸗ bylle, der morgen fertig werden wird. Er kaufte 33 dort ebenfalls Schmuck, oder wollte es doch— wolltet Ihr nicht, Junker?— genug, der Junker Egon von Stein aus Bern, Geſandter des hohen Rathes der Republik bei dem Fürſten von Savoyen, von wo er eben zurückkommt, und hier im Kauf⸗ haus, weil er neugierig war, meine Waarenballen und Kiſten, meine ganze Schiffsladung zu ſehen. Freilich, desgleichen ſieht man in Bern nicht. Nun, Herr Geſandter, was ſagt Ihr? Bevor ich hierauf antworte, entgegnete der junge Menſch lächelnd und erröthend, erlaubt mir, einen Irrthum zu berichtigen, in welchem Ihr rück⸗ ſichtlich meiner befangen zu ſein ſcheint, werther Herr, und— ſo viel ich weiß, ohne meine Schuld. Nicht ich bin der Geſandte meiner Republik, ſon⸗ dern nur in deſſen Geleit; Jener iſt der edle Ritter von Rinkenberg, unſeres Landammanns Bruder vom Schloß Rinkenberg am Brienzer See— Ja doch, ja doch, fiel ihm Herr Schilling är⸗ gerlich ins Wort, ſo ſeid Ihr doch ſein Geheim⸗ ſchreiber, Herr—, Jetzt lachte der Jüngling laut auf. Wofür haltet Ihr mich doch? rief er, entweder die Ab⸗ ſicht des Luzerners, mit ihm zu prunken, nicht ver⸗ ſtehend, oder nicht willens, ſie zu verſtehen— wie v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 3 3 ½ oft ſoll ich Euch ſagen, daß ich nichts bin als ein Edelknecht, ein Knappe der Republik, jetzt dem Dienſte des Ritters beigegeben, und allenfalls Auf⸗ ſeher über ſeine Troßbuben und Roſſe— Zum Teufel! Sehe ich aus wie ein Geheimſchreiber? Wo ſäße mir das? Wir haben allerdings auch einen ſolchen bei uns, aber mit weißem Bart und Haar, den würdigen Herrn Mathias Furter nämlich, Syndik der Stadt, den Ihr ja kennen müßt, Herr Werner— Ei wohl, wohl! entgegnete dieſer, noch immer ärgerlich über ſeines Clienten verwünſchte Aufrich⸗ tigkeit und bemüht, dem Geſpräch eine andere Wend⸗ ung zu geben. Recht gut kenne ich ihn, das alte gebrechliche Haus. Warum bleibt er nicht daheim und überläßt Anderen, Jüngeren ſeine Stelle bei Geſandten in der Fremde? Seine Schweſter hei⸗ rathete einen Adeligen— Den Ritter von Aarburg, deſſen Sohn zu meinen Freunden gehört.. Hier ſtockte das Geſpräch, in welches der junge Deleſſers finſtere Blicke warf; ihm dauerte es be⸗ reits zu lange, und die Erſcheinung des hübſchen helvetiſchen Reiters war ihm entweder vollkommen gleichgültig oder ſogar unangenehm; er ſtand ihm 3⁵ mit ſtolzer Haltung gegenüber und war eben im Begriff, ſeine Verlobte weiter zu führen, als dieſe ihren holden Mund öffnete und ſich zu einer An⸗ rede gegen den ihr ſo eben Vorgeſtellten herabließ. Was kauftet Ihr denn bei Deſorgis? fragte ſie kalt. Nichts, edle Dame; Euer Vater hielt mich da⸗ von ab, und ich danke es ihm, denn es wäre eine Thorheit geweſen— Aber der Vater ſagte doch, daß Ihr um Schmuck handeltet— welcher Art war denn dieſer? Mein Heiland! entgegnete der Jüngling mit einiger Verwirrung, ſehr geringer fürwahr, edles Fräulein. Ich will den Gegenſtand wiſſen, ſagte nach einer Pauſe die Tochter des Kaufherrn, mehr ge⸗ bieteriſch als verbindlich, indem ihr Auge zwiſchen Stolz und Antheil auf dem hübſchen Berner ruhen blieb, dem das Blut ſchon wieder in die Wangen ſtieg und die ohnehin blühenden noch höher färbte. Ein Goldkettlein war es mit einem Kreuz— ſtammelte er. Doch nicht für Euch? Nicht doch, das ſcheint für eine Dame beſtimmt geweſen zu ſein— Ge⸗ ſchwind, für welche? Habt Ihr Mutter und Schweſtern? 3* 36 Man ließ ihm nicht Zeit zur Antwort, denn neben Sibyllen ward jetzt eine Stimme laut, die bis dahin geſchwiegen hatte, eine kleine ſüße Nach⸗ tigallenſtimme, die mit dem reinſten Silberton ſich vernehmen ließ. Sie kam aus dem Munde des faſt noch unerwachſenen Maͤgdleins zur Linken des Fräuleins. Ei, ſprach ſie keck, für wen ſonſt war das Kleinod als für ſeine Geliebte, Dame! Quält ihn doch nicht, Ihr ſeht, wie er erröthet. Sagt, mein Paladin, habe ich nicht Recht, das Kreuz war für die Dame Eures Herzens? EGgon hatte Zeit gewonnen, ſich zu faſſen, und erwiderte, wenn gleich noch immer ein wenig be⸗ ſtürzt über dieſe kecke Art, an das innerſte und zarteſte Geheimniß zu rühren, weil er mit dem franzöſiſchen Thun und Weſen doch im Ganzen nicht vertraut genug war,— für eine Verwandte, eine Muhme, wenn Ihr es denn wiſſen müßt, ſchöne Dame. Oh, ſolche Muhmen kennt man, lachte die Fremde, wobei ihr purpurner Mund Reihen von Perlenzähnen zeigte. Ich finde Deine Neugier ſehr überflüſſig, meine Schweſter, ſagte hier der junge Deleſſers mit einem ſtrengen Blick auf die kleine Vorlaute; er bedachte im Eifer nicht, daß er hiermit auch der Braut eine 37 Art von Verweis ertheilte. Dieſe aber empfand ihn; ſie legte ihren blendenden Arm an des Kindes Nacken und zog es näher an ſich.— Komm, Flo⸗ rine, ſagte ſie, das gilt für uns Beide; Dein Bruder iſt ein ſtrenger Präceptor, wie ich ſehe, und liebt es nicht, daß man der Männer Geheim⸗ niſſe erforſchen will. Lägen ſie doch überall ſo offen da wie auf jener Stirn und in dem hellen Erröthen dieſes hübſchen Knaben.— Ihr, Junker, beruhigt Euch. Unſerer Neugier iſt genug geſchehen, wir wollen nicht weiter forſchen! Mit einem leichten Neigen des Hauptes gegen Egon, das ſeine Verabſchiedung, ſeine Entlaſſung bedeuten konnte, ſchritt ſie dahin am Arme ihres Führers. Herr Schilling, überdrüſſig des Schutzes, den er bis dahin dem Jüngling gewährt oder auf⸗ gedrungen hatte, da dieſer nun ſeinen Reichthum ſah und bewunderte, ohnehin verdrüßlich darüber, daß mit dem ſteifen Berner dem Lyoneſer gegen⸗ über kein Prunk zu machen geweſen war, indem er die ihm angedichteten Eigenſchaften eines Ge⸗ ſandten ſtörriſcher Weiſe von ſich gewieſen und, albern genug, die nackte Wahrheit geſagt hatte, ließ ihn ebenfalls ſtehen und folgte geſpreizten Schrittes der Tochter, kaum daß er noch einen 38 nachläſſigen Gruß mittels Kopfneigens an ihn richtete; daſſelbe that der junge Deleſſers, und nur der klei⸗ nen Florine anmuthiges Geſicht wandte ſich noch einmal nach ihm hin und nickte ihm freundlich, ja ſchelmiſch zu. Das Kind, dachte Egon, als ſie im Gedränge verſchwanden, wäre mir von dieſer gan⸗ zen Sippſchaft noch der erträglichſte Theil. Er wollte das Kaufhaus verlaſſen, als er be⸗ merkte, daß das in den unteren Räumen und in den Speicherhöfen waltende Getöſe ſich vermehrt hatte und in einen Lärm übergegangen war, der eine außerordentliche Veranlaſſung zu haben ſchien. Unter den vielen Lebehochs, die mit erhitzten und rauhen Stimmen gebrüllt wurden, ließen ſich Angſt⸗ und Huͤlferufe hören, erſt ſchwach, bald aber immer vernehmlicher. Zur Hülfe! hieß es, Molard kämpft mit den Wellen— wer rettet? Diebe— Mörder— Piraten ſind unter uns— hoch, Herr Schilling von Luzern! Und in wildem Getümmel drängte ſich ein dichter Menſchenknäuel nach den Hafentreppen, ungewiß, ob es gelte, dort der Freude noch aus⸗ gelaſſener zu fröhnen, einen Ertrinkenden zu retten oder irgend einen Angriff abzuwehren. Alle drei Vermuthungen waren nicht ohne Grund. Die Weinflaſche kreiſte üͤber den Häuptern und ging, 39 immer neu gefüllt, von einer durſtigen Lippe zur anderen— Folgen von Herrn Schilling's Freigebig⸗ keit und ſeiner Anweiſung auf Mutter Cliauetille. Molard, der Trinker, plätſcherte im Waſſer, bei der Tiefe des Sees und dem allgemein herrſchen⸗ den Getümmel am Ufer mit Gefahr für ſein Leben, — auch Diebe, vielleicht ſogar Mörder fehlten nicht. Die Mannſchaft eines fremden Frachtſchiffes, welches mit halber Ladung dicht neben des Luzer⸗ ners Kähnen lag, wild ausſehende Leute, die man für Anwohner des linken Seeufers, Walliſer oder Savoyarden, hielt, hatten ſich unter die Genfer gemiſcht und bei Fortſchaffung der Kiſten und Güter, die dieſen anvertraut war, mit Hand angelegt. Dieß wäre bei der allgemeinen Aufregung, welche herrſchte, wohl kaum bemerkt worden, ohne den alten Molard, der, ſo trunken er auch war, plötz⸗ lich einen Burſchen faßte, wie er ſo eben ein Schilling'ſches Gut, anſtatt an Bord des dafür be⸗ ſtimmten Schiffes, auf ſein eigenes lud. Der Alte, der den fremden Bootsknecht nicht überwältigen konnte, erhob ein furchtbares Geſchrei und lag im nächſten Augenblick in der Fluth, von dem ſchmalen Bret, auf welchem der Kampf ſtattfand, mit Ueber⸗ macht hinabgeſtoßen. Alles dieß erfuhr Egon erſt 40 ſpäͤter; jetzt erkannte er nichts als das plötzlich unter wildem Geſchrei entſtandene Getümmel, woraus er ab⸗ nahm, daß etwas Beſonderes geſchehen ſein müſſe und hier nicht Alles ſo war, wie es ſein ſollte. Er ſah den ſtolzen Mann mit allen Geberden des Schreckens in die dichteſten Haufen dringen und hörte das Hülfegeſchrei vom See her; alles Uebrige kümmerte ihn weiter nicht, und er eilte nun ſelbſt nach der Hafentreppe, dem Ufer zu, um zu ermitteln, was es gebe, wer in Noth ſei, und wo mwöglich, ſo weit es ſeine Kräfte erlaubten, zu helfen. Von dem⸗ ſelben Eifer beſeelt, hatte auch der Franzoſe den Arm ſeiner Dame losgelaſſen und ſich in das Ge⸗ dränge geſtürzt. Der alte Molard war es jetzt nicht mehr allein, der mit den Wellen kämpfte, noch Mehre theilten das Loos mit ihm, von dem Bret, welches die Verbindung des Ufers mit den Kähnen bildete, herabgeglitten oder herunter geſtürzt worden zu ſein. Hülfe hier! Wir ertrinken! Räuber! Ent⸗ reißt ihnen die Beute! Sie lichten die Anker! ſo ſchrie es von allen Seiten, und es bedurfte des jungen Berners ungebeugter Kraft und Stärke, ebenſo wie ſeiner Gewandtheit, um auf der Brücke, die er nun betrat, feſten Fuß zu behalten. Es fehlte nicht an Verſuchen von Seiten der diebiſchen 41 Schiffer, auch ihn hinabzuſtoßen, und einer von den verwegen ausſehenden Burſchen draͤngte mit einem Waarenballen auf ſeiner Schulter gewaltſam gegen ihn an. Zurückl rief er dazu, mache Platz, oder es geht Dir übel! Haltet, haltet! ließen ſich die Stimmen der Genfer Packträger vernehmen; haltet ihn auf, den Dieb— ſchon den zweiten Ballen entwendet er ſo! Und wie ein Blitz fuhr Egon's Schwert aus der Scheide, und anſtatt zu viel ge⸗ drückt zu werden, war er es, der den Mann drängte, indem er zwiſchen ihm und dem Schiffe den Weg abſchnitt und ihn verhinderte, an den Bord des einen oder des anderen zu kommen. Dicht neben ihm raſſelte es wie ſchwere Ketten, es war das Geräuſch vom Aufwinden des Ankers, welches man in einem der Kähne, unmittelbar bei der Brücke, vornahm; an der Haſt, womit dieß geſchah, ſowie an mehren anderen Merkmalen, die er mit ſicherem Blick raſch auffaßte, glaubte der Junker von Stein zu erkennen, wo hier Unrecht und Verrath war; er ſprang, einige gegen ihn geſchwungene Streit⸗ kolben und Aerte nicht achtend, von ſeinem höheren Standpunkt hinab oder hinüber in das Schiff und zwar, als eben von unten herauf zwei aus den Wellen tauchende Hände ſich am Schiffsrand feſt 42² klammerten und ein triefender Mann daran empor⸗ zuklimmen verſuchte— es war der alte Molard, der entweder nur dem Triebe, ſich zu retten, ge⸗ horchte oder, ſchnell nüchtern geworden im Waſſer, noch mit ſeinen letzten Kräften die Abfahrt der Diebe und ſeiner Verfolger hindern wollte; dieſe aber ſtießen ihn ſo lange mit ihren Rudern zurück und ſchlugen nach ſeinen Händen, nach ſeinem Kopfe ſogar, bis Egon's Sprung in das Schiff dieſem ein Ende machte. Man hatte jetzt zwei Feinde zu bekämpfen und gleich darauf einen dritten, der dicht hinter Jenem gleichfalls mit blanker Klinge ſich in das Getümmel an Bord des verdächtigen Schiffes ſtürzte; ſeine Dazwiſchenkunft entſchied viel, wie der Blitz zuckte ſein Stahl um die Haͤupter der verbrecheriſchen Schiffer, die nur noch wenige Augen⸗ blicke einen verzweifelten Widerſtand leiſteten. Egon erkannte ſeinen Mitkämpfer, es war der Franzoſe, Fräulein Sibyllens Verlobter. Er hatte indeſſen ſo viel Luft gewonnen, daß der Emporklimmende, vor Ruderſchlägen und anderen Feindſeligkeiten ſicher, ſeine Abſicht ausführen konnte, wozu er ihm nach Kräften hülfreiche Hand leiſtete; der alte Mo⸗ lard gewann den Schiffsbord, von Egon herauf⸗ gezogen, der ihm auf ſolche Art das Leben rettete, — 43 und ſtuͤrzte ſich nun mit Wuth auf die Diebe, die ſeine Mörder hatten werden wollen. Ihre Abfahrt, ihr Entkommen war auf dieſe Weiſe gehindert, und als jetzt auch vom Ufer her die ſtädtiſche Schar⸗ wacht ſich nahete, geleitet von Herrn Schilling, der, bebend vor Eifer und Schrecken, ihr voranlief, war das Schickſal der Freibeuter entſchieden, und ſie zogen ſich entweder fluchend in die Verſtecke ihres Schiffes zurück oder fielen, um Gnade flehend, auf ihre Knie. Die Scharwacht und viel Volk drängte nun laut und lärmend von allen Seiten auf das Schiff, deſſen Räume faſt überfüllt wur⸗ den. Herr Werner Schilling ſuchte rollenden Auges ihm zugehörige und etwa entwendete Güter, nichts Anderes um und neben ſich betrachtend; der Junker von Stein aber, als er ſah, wie das Weitere hier auch ohne ſein Zuthun geſchlichtet werden würde, und diejenigen, welche noch ſo eben in Gefahr ge⸗ ſchwebt hatten, an Gut oder Leben beſchädigt zu werden, in Sicherheit waren, ſuchte das Schiffs⸗ bret wieder zu gewinnen, was ihm gelang, und verlor ſich ſtill aus dem Getümmel. In der Halle des Kaufhauſes aber ſtürzten ihm die beiden Damen entgegen, die zu Herrn Schilling gehörten. Wo iſt mein Vater? Wo iſt Victor? rief Sibylle— 44 wo mein Bruder? deren junge Begleiterin. Egon beruhigte Beide ſo gut er konnte. Euer Bruder, Mademoiſelle, ſagte er, iſt ein wackerer Mann, ich freue mich ſeiner Bekanntſchaft. Er weiß ſeine Klinge zu führen, obgleich er nicht zum Waffen⸗ handwerk gehört. Schlimm ſah es aus drüben im Schiff— bevor er dazu kam und Alles durch ſeinen Muth entſchied. Gott befohlen. Damit ging Egon, denn er ſah in der Ferne den Geprieſenen, und Braut und Schweſter eilten bereits auf ihn zu. Sein eigenes Verdienſt bei der Schlichtung der Händel im Schiff, bei der Wahr⸗ ung der bedrohten Güter vor Raub, der Rettung Molard's und Anderer aus der Fluth, überſah ſeine Beſcheidenheit. Er kehrte in die Herberge zurück, wo allerlei Verrichtungen für den Abend ihn er⸗ warteten, doch nicht, ohne vorher noch einmal bei Herrn Deſorgis, dem Goldſchmied, vorgeſprochen zu haben, jetzt ohne die Dazwiſchenkunft, die ihn vorhin bei ſeinem kleinen Ankauf geſtört hatte. Herr Schilling verfehlte aber nicht, dem ihm ge⸗ gebenen Rath zufolge ſich Abends gleichfalls im Gaſthaus zum Genfer Thaler einzuſtellen und bei dem Ritter von Rinkenberg ein Gehör zu erbitten, das er durch Egon's Vermittelung auch erhielt; in 45 Anbetracht ſo vielfachen Verdienſtes aber hatte der ſtolze Kaufherr kaum ein dankendes oder freund⸗ liches Wort für den Jüngling, deſſen ſchlichter Sinn vereitelt hatte, daß er gegen ſeinen künftigen Eidam mit ſeiner Bekanntſchaft groß thun konnte. Dankbarer zeigte ſich der alte Trunkenbold Molard, der noch ſpät und lärmend in den Gaſthof drang, um ſeinem Retter, wie er ihn nannte, den er erſt jetzt aus⸗ gekundſchaftet hatte, zu danken. Im Stall, bei den Roſſen, wo der Knappe eben weilte, warf ſich der Alte zu ſeinen Füßen nieder und umarmte ſie unter lauten Betheuerungen ſeiner Erkenntlichkeit, die der Jüngling vergebens von ſich abzuwenden oder min⸗ deſtens zu mäßigen ſuchte. Molard ging endlich, noch von ihm beſchenkt. Egon aber ſtieg, als es ſchon ſpät Abends war, nach einem der oberen Gemächer hinauf, an deſſen Thür er klopfte. Er trat zu einem Greis ein, der ihn mit Wohlwollen und Freundlich⸗ keit empfing. Es war Herr Mathias Furter, Ge⸗ heimſchreiber des hohen Rathes zu Bern, der als ſol⸗ cher der Geſandtſchaft des Ritters von Rinkenberg beigegeben war. Nun, Junker, ſagte der Alte, Ihr habt Euere Befehle für morgen— Alles bereit zum Aufbruch? Roſſe und Knechte im Stand? Früh mit dem Tage ſoll's fortgehen. 46 Ganz recht. So befahl der Ritter. Es iſt Alles in Ordnung. Eines der Handpferde lahmte zwiſchen Annecy und hier. Ließet Ihr den Hufſchmied kommen und das Roß unterſuchen?„ Ein ſchlechter Reiter wäre ich doch, wenn ich das verſäumt hätte— ein ſehr nachläſſiger Knappe— haltet Ihr mich dafür, Herr—? Nun— nun! Jugend hat nicht Tugend. Brauche ich nicht darüber zu ſchelten, ſo iſt es über Anderes. Ja, junger Herr, zur Stelle fällt mir was ein. He! Wie mögt Ihr uns den Kaufmann auf den Hals hetzen?— Nicht wieder frei wurde man von ihm, und Ihr waret es, der ihn heraufführte. Da, *auf dem Stuhl da, ſaß er eine Glockenſtunde, was mir und dem Ritter keineswegs gleich war, denn wir hatten Geſchäfte. Verzeiht, Herr Geheimſchreiber, das war freilich nicht meine Meinung. Er hat eine reiche Ladung von hier heimwärts zu führen, und da glaubte ich, würde es ihm von Nutzen ſein, Eueren Rath zu hö⸗ ren in Betreff der Maßregeln, die er ſeiner Sicherheit halber zu nehmen hat. Ich dachte nicht, daß dieß einen ſo langen Beſuch zur Folge haben würde. Hatte ihn aber, ſeufzte Furter. Wir konnten 47 ihm Eines rathen, was auch Ihr, Junker, ihm allen⸗ falls hättet thun können: ſeht euch vor und ſucht ſicheres Geleit. Aber Herr Schilling iſt ein breiter Mann und macht kein Ende— Indeſſen beruhigt Euch. Wir wiſſen ſchon, wie Ihr mit ihm ſteht, und verzeihen Euch darum; Euer Vater iſt ſein Schuld⸗ ner, und ſo trugen wir gewiſſermaßen eine Schuld Eueres Vaters ab. Immerhin! Egon erröthete. Zürnt der Ritter? fragte er nach einer Pauſe. Nicht ſo ſehr, um aus Euch einen Märtyrer kind⸗ licher Liebe zu machen. Dieß ſei unſer letztes Wort über den Luzerner. Und jetzt, Egon, nimm die Laute und klimpere ein wenig in ihren Saiten; es hört ſich gut zu im Mondſchein. Der junge Knappe gehorchte; bald ſaß er auf einer kleinen Bank zu des Geheimſchreibers Füßen und ließ ſeine Finger durch die Saiten einer Laute ſtreifen, die er von der Wand genommen; er beglei⸗ tete dieſe einfache Muſik mit einem anfänglich leiſen, dann immer voller tönenden Geſange, und der Greis hörte ihm zu, indem er mit ſeinen Locken ſpielte. In einer Pauſe, die eintrat, ſagte er: Wie lieb ſeid Ihr doch, Junker! Ihr könntet mein Enkel ſein, und wahrlich ich könnte wünſchen, daß Ihr es wäret! 48 Dank, Herr Fulter! Was wollt Ihr nun hören? Mir gleich, wenn ich Dich nur höre, Goni. Zwei Söhne hatte ich, fuhr der Greis, ſein Haupt auf die Hand geſtützt, dann wieder fort, ſie ſtarben beide noch unvermählt an einer Peſt, die zu der Zeit wüthete. Mein Weib war ihnen vorange⸗ gangen— ſo ſtand ich denn allein in der Welt. Doch eine Schweſter blieb Euch, Herr Furter; Ihr ſeht, ich kenne Euere Familienverhältniſſe gut. Ja, und dieſe Schweſter heirathete einen Adeli⸗ gen gegen meinen Willen; denn ich wollte, daß ſie einem Bürger Hand und Vermögen zuwendete; der Adelige aber brauchte Geld, um ſeine verſchuldeten Güter ein wenig frei zu machen.— Ihr Junker ſeid leichtes Volk— mein Neffe iſt auch ſo einer— doch ſtill! Geh in Dein Kämmerlein, Goni, und ſchlafe bis morgen der Tag graut— den Schlaf der Engel. Ach, wer ſo ſchlafen könnte, ſo tief, ſo ſüß, wie Ihr junges Gezücht! Das Alter ſehnt ſich vergebens nach ſolcher Ruhe.— Gute Nacht, Goni. Schlaft wohl, Herr. Damit ging Egon und legte ſich in ſeinem Käm⸗ merlein nieder. Des anderen Morgens früh aber ſpiegelte ſich im See, an deſſen Ufern er hinzog, ein ſchmucker und ſtattlicher Reiſezug, aus einigen Herren 49 und einer anſehnlichen Zahl von berittenen Knech⸗ ten beſtehend, die ſämmtlich entweder auf Helm oder Kleid, oder auf beiden zugleich, das Feld⸗ zeichen trugen, welches Egon's Wams ſchmückte. Er ſelbſt tummelte einen munteren Falben unter ſich und war bald an der Spitze, bald am Ende des Reiſezuges, mit deſſen Ordnung und Führung er betraut ſchien. Sein Antlitz lächelte friſch mit dem friſchen Morgen um die Wette und zeigte keine Spur mehr von Kummer, den die Begegnung mit dem Kaufmann doch geſtern darauf erzeugt hatte, Er war ſchön und roſig wie das Leben. v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. ¼ 4 Zweites Capitel. Die Engen in Bern. Die heimkehrende Geſandtſchaft erreichte, kraft der Geleitsbriefe, die ſie bei ſich fuͤhrte, und in Folge ſonſtigen klugen und vorſichtigen Benehmens, glücklich ihr Ziel, und ihre Ankunft in Bern ward wie ein Feſt gefeiert. Bei den obwaltenden miß⸗ lichen Umſtänden hatte man ſie erſehnt, darauf geharrt, war nicht ohne Beſorgniß für die Reiſen⸗ den geweſen und jetzt von allen Seiten zufrieden, daß durch Rinkenberg's mitgebrachte Botſchaft min⸗ deſtens die Ungewißheit, die oft peinlicher ſein kann als eine ſchlimme Gewißheit, ihr Ende erreichte. Zwiſchen ſeiner Abreiſe nach Savoyen und dem Tage ſeiner Wiederkunft lagen etwa zwei Wochen, und es hatte ſich in dieſer Zeit Verſchiedenes ereignet, was den Ausbruch von Feindſeligkeiten, ſelbſt ohnß Graf Amadeus' ziemlich unverhohlene — 51 Kriegserklärung gegen die Berner Geſandtſchaft, unvermeidlich gemacht und beſchleunigt haben wuͤrde. Die Landſchaft Sanen, dem Grafen von Greyerz oder Gruyéres gehörig, ſtand ſchon ſeit längerer Zeit in Burgrecht mit Bern, in einem Bündniß zu Schutz und Trutz nämlich, zu welchem der mäch⸗ tige Canton von minder mächtigen Nachbarn, Rit⸗ tern, Gemeinden, Städten, ja ganzen Landſchaften gar oft eingeladen ward, und das er ſchloß, meiſt zu eigenem Nachtheil und faſt immer zum Vortheil deſſen, der ihn ſuchte. Darüber erzürnte der Graf auf Schloß Greyerz, oder vielmehr, da er noch Kind war, ſein Vormund Joinville, ein Edelmann aus Savoy, und beſtritt geradehin den Unterthanen das Recht, ohne ſeine Einwilligung Verbindungen und Verträge zu ſchließen. Er gab ihnen auf, ihrem Burgrecht mit Bern zu entſagen, und da ſie dieß verweigerten, befahl er ſeinen Amtleuten und Vögten, die Ungehorſamen ſeinen ganzen Unwillen fühlen zu laſſen, was auch in reichem Maße ge⸗ ſchah; mit Bußen, Gefangenſchaft und anderen herr⸗ ſchaftlichen Rechten wurde den Landleuten von Sa⸗ nen gar hart zugeſetzt, und dieſe kamen endlich ſo weit, ihre Klage darüber in Bern erſchallen zu laſſen. Bern ſuchte durch rnaunse helfen. 52² und entſchloß ſich endlich, da ſolche nichts fruchtete, Joinville vielmehr immer härter und hochmüthiger ward, zur Geſandtſchaft an deſſen Lehnsherrn, zu welcher der in großer Achtung ſtehende Ritter von Rinkenberg nebſt dem gelehrten und klugen Raths⸗ ſchreiber auserſehen wurde. Sie reiſten ab; aber gerade die Zeit der Unterhandlungen glaubte Join⸗ ville zu einem Gewaltſtreiche geeignet und benutzen zu müſſen. Er wollte die Vornehmſten der Landſchaft gefangen nehmen und ſie ſo lange in ſeinen finſteren Thürmen verwahren, bis ſie dem ihm ſo miß⸗ fälligen Burgrecht entſagen würden. Zu Ausführ⸗ ung dieſes Vorhabens beſtimmte er den Jahrmarkt zu Oeſch, einem Städtchen am Fluſſe Sanen, auf welchem die Einwohner der Landſchaft in großer Zahl ſich einzufinden pflegten. Den Caſtellan von Oeſch und andere reiche Männer daſelbſt hatte er durch Verheißungen gewonnen; auf ſeine Greyerzer Dienſtmannen durfte er rechnen; tiefe Verſchwiegen⸗ heit wurde Allen anempfohlen. Dennoch ward der Anſchlag verrathen durch einen reiſigen Knecht, den Sohn eines Landmanns von Etivaz, einem wilden und hochgelegenen Theile des Kirchſpiels, wo Muth und Entſchloſſenheit wohnten. Jener, ein uner⸗ chrotee Mann berathſchlagte mit ſeiner Ge⸗ 3 53 meinde, was zu thun ſei. Ein raſcher Entſchluß that Noth. Es war gebräuchlich, daß die Ein⸗ wohner jeder Dorfſchaft vereinigt zu Markte zogen. So verabredeten ſich heimlich faſt zweihundert Männer aus Etivaz und Sanen, nicht ohne heim⸗ liche Waffe nach Oeſch zu gehen. In munterem Geſpräche, ohne Zorn oder Mißtrauen zu verrathen, zogen ſie das Thal herunter und langten in Oeſch an, als eben der Venner von Greyerz mit fünf⸗ hundert Reiſigen in das Städtchen rückte. Ge⸗ laſſenen Schrittes ging jener Landmann von Etivaz auf ihn zu, faßte ihn, ohne ein Wort zu ſagen, und riß ihn vom Pferde. Dieß war für ſeine Genoſſen das Zeichen; ſie ſtürzten ſich auf die Rei⸗ ſigen, drangen in die Häuſer des Caſtellans von Oeſch und anderer Anführer der Verſchwörung; ein heftiger, aber kurzer Kampf entſpann ſich, in wel⸗ chem die erzürnten Landleute Sieger blieben. Das Volk, von Schrecken ergriffen, verlief ſich. Mit vielen Gefangenen kehrten die Bewohner von Sa⸗ nen und Etivaz heim und ſandten augenblicklich einen Boten nach Bern, das Vorgefallene zu mel⸗ den und, in Folge ihres Burgrechts, Hülfe zu be⸗ gehren. Am gleichen Tage, nur wenige Stun⸗ den fruher als die rückkehrende Geſandtſchaft, war 54 dieſer Bote angelangt, und eine allgemeine Ent⸗ rüſtung und Aufregung herrſchte in der alten Aar⸗ ſtadt, die allmälig ein immer freudigeres Weſen annahm, denn ein Krieg war— bei wohlverſehe⸗ nen Zeughäuſern, ziemlich gefüllten Caſſen und Hunderten, ja Tauſenden von kräftigen Armen, die dem hohen Rathe zu Gebote ſtanden,— nichts eben Gefürchtetes, vielmehr zu Zeiten, wie eben jetzt, etwas Erwuünſchtes und Willkommenes. Die aus der ſavoyiſchen Hofſtadt Zurückgekehr⸗ ten, Herren wie Knechte, durften daher die nächſten Stunden und Tage nach ihrer Ankunft in Bern nicht über Kälte oder Theilnahmloſigkeit, mit der ſie empfangen worden wären, klagen; man riß ſich vielmehr um ſie, geizte nach ihren Erzählungen und Berichten, drängte ſich an den öffentlichen Orten um ſie, rief ihnen den Vorgang auf dem Jahr⸗ markt von Oeſch zu und wollte dann von ihnen entnehmen, welches nach dem Beſcheid in Cham⸗ bery, den ſie mitbrachten, oder nach ihren dortigen Erlebniſſen die nächſte Zukunft für den Canton und ſeine Verbündeten ſein werde.— Einer von denen, die am meiſten mit Fragen beſtürmt wur⸗ den, war— nicht etwa der Ritter von Rinken⸗ berg oder Herr Mathias Furter, beide ſchützte 5⁵ ihr hoher Rang, und ſie ſprachen von Geſchäften nur im Rathsſaal oder zu vertrauten Freunden— wohl aber der freundliche junge Knappe, dem ſei⸗ nes Wohlverhaltens wegen die Auszeichnung zu Theil geworden war, zum Anführer der Reiſigen, welche die Bedeckung des Ritters bildeten, unter gar vielen Junkern gewählt zu werden. Egon gab mit ſeiner leutſeligen Weiſe ſo weit Auskunft, als er glaubte, daß es mit ſeiner Pflicht ver⸗ träglich ſei; zwar hatte er weder von Seiten des Ritters noch des Geheimſchreibers ſtrenge Weiſungen über etwa zu beobachtende Verſchwie⸗ genheit erhalten, aber ein gewiſſes Schicklichkeits⸗ gefühl leitete ihn bei ſeinen Erzählungen im Kreiſe geſpannter Zuhörer beim Junkerbrunnen oder auf der Engenwieſe, wo die vornehmen Jünglinge der Stadt ſich zu Spielen und Leibesübungen zu verſammeln pflegten— ſo daß er ſtets, anſtatt von Dingen zu berichten, die er nur ungenau oder halb kannte, oder deren Darſtellung ihm vermeſſen ſchien, wie die Unterhandlungen über Krieg und Frieden am ſavoyiſchen Hof, lieber Solches zum Beßten gab, wovon er ſelbſt Zeuge, vielleicht mithandelnde Perſon geweſen war, wie Reiſeerlebniſſe, Begeg⸗ nungen und kleine Abenteuer unterwegs. Auch 56 hörte man ihm gern zu, denn Egon von Stein ſprach trotz ſeiner Jugend ſo ſicher, ſo ruhig und männlich und erzählte zuweilen ſo luſtig und drollig, daß er auf der einen Seite Achtung vor ſeinem beſcheidenen Ernſt, auf der anderen Heiterkeit, Lachen und munteres Leben erweckte. Selbſt die Mißgünſtigſten und Ernſteſten von ſeinen Zuhörern konnten nicht anders, als den hübſchen Egon auf⸗ hören zu haſſen wegen des kürzlich erlebten Vor⸗ zuges, der ihm von Seiten des hohen Rathes zu Theil geworden war, und mancher anderen Vor⸗ züge, womit die Natur in einer gütigen Laune ihn begabt hatte; denn er war ſo fern von Eitelkeit, von prunkendem Vordrängen, dabei ſtets freund⸗ lich, Jedem Rede ſtehend und in ſeinem ganzen Weſen gediegen und wahr. Gern wäre Egon gleich am nächſten Tage nach ſeiner Ankunft in Bern weiter geeilt, die Aar abwärts, nach Schloß Oltin⸗ gen, ſeinem Vaterhaus, denn es zog ihn aus mehr⸗ fachen Gründen dahin, aber die Umſtände und ſeine Eigenſchaft als Fähnleins⸗Anführer des Raths erlaubten ſolches nicht ſo ſchnell, und er mußte das ungeduldige Herz bezwingen. In einer Trinkſtube der Engenwieſe ſaß er an einem der nächſten Abende, die ſeiner Wiederkehr folgten, und ſollte einem dicht⸗ — — 57 gedrängten Zuhörerkreiſe erzaͤhlen. Er that es, in⸗ dem er ſeine Begegnung mit des reichen Herrn Schilling im Hafen von Genf zum Beßten gab und damit die Neugier nach anderen wichtigeren Dingen, über die man ihn zu befragen Luſt be⸗ zeigte, geſchickt von ſich ablenkte. Die Geſchichte vom Auflauf im Speicherhof, von der Gefährdung der Ladenden durch frechen Diebſtahl und von der Angſt des Kaufmanns um ſeine Güter, die freilich nicht grundlos war, mußte er wiederholen und erregte damit eine allgemeine Heiterkeit. Er war mitten im gemüthlichen Plaudern, als eine Hand ſchwer auf ſeine Schultern fiel und Einer aus dem Kreiſe der Verſammelten dicht zu ihm trat mit ge⸗ fülltem Weinkrug. Gott zum Gruß, Vetter! ſprach derſelbe, ei, biſt ein recht mannlich Bübli gewor⸗ den, Goni. Schlag ein und thue mir Beſcheid, Du gefällſt mir, wie Du ſo kurzweilige Mähr erzählſt. Alſo fürwahr, reich waren des alten Schilling Güter, die er zu Schiff bringen ließ auf den See? ſprich doch, wie reich wohl, Goni, Du kannſt's überſchätzen. Still doch, riefen Andere, laß ihn, Aarburger, falle ihm nicht ins Wort. Wozu willſt Du wiſſen, was Du fragſt? Haſt Du etwa Luſt zu jenen Gütern? Die laß Dir vergehen, Donat, damit wirſt Du Deine zerfallende Burg nicht wieder auf⸗ bauen. Zerfallende Burg? Wer ſagt das? Nur ein Stück Mauer iſt eingeſtürzt und ſteht bereits wie⸗ der, die Werkleute ſind über der Arbeit! erwiderte mit lauter Stimme ein ritterlich gekleideter Mann von nicht unebenem, doch etwas vernachläſſigtem Aeußeren, das Viele ſogar wüſt finden wollten. Er war noch jung, kaum im Anfang der dreißiger Jahre, doch zeigte ſein Antlitz bereits Spuren von Verlebtheit, die der ſtarke und wenig gepflegte Bart, den er trug, vielleicht noch greller hervortreten ließ. Es war Herrn Mathias Furter's Neffe, ſeiner Schweſter Sohn, der Sprößling aus der adeligen Verbindung, welche Letztere gegen den Willen der Ihrigen geſchloſſen, und verwandt auch durch ſeinen Vater mit dem Stein'ſchen Geſchlecht. Donat von Aarburg, als Kind von ſeiner Mutter verzär⸗ telt, ſpäter, da ſie geſtorben, verwildert, war jetzt, nach dem unlängſt erfolgten Tode ſeines Vaters, von deſſen Nachlaß er Reichthümer gehofft hatte, ohne ſie zu finden, ein ziemlich wüſter Geſell, aus⸗ ſchweifend, händelſuchend, in unruhigem Umgange ſich gefallend und gern gemieden von Beſſeren. 59 Sein Schloß Aarburg lag mehre Stunden entfernt von der Stadt, wo er ein Haus beſaß, und der Aufenthalt in dieſem letzteren, umgeben von Gleichgeſinnten und Zechbrüdern, gefiel Herrn Donat mehr als die Reſidenz in ſeiner einſamen Burg, die er nur in gewiſſen Fällen beſuchte. Donat war Ritter und hatte ſeine Sporen im Reiche verdient, wo er eine Zeit lang an Kriegs⸗ zügen und Fehden, die dort nie ausgingen, Theil genommen hatte; er war ehrgeizig auf dieſen Ruhm und hielt darauf, daß man ihn anerkenne. Ob⸗ gleich nächſter Nachbar von Oltingen, war er hier doch der ſeltenſte Zuſpruch, denn er fand da nicht, was er ſuchte. Egon, um zehn Jahre mit ihm im Alter verſchieden, war ihm zu jung und deſſen Vater wieder zu alt; Egon's kleinere Geſchwiſter lagen vollends außer ſeiner Beachtung, und die Frauen, die er auf Burg Oltingen traf, waren ihm zu ſtill, zu ſittſam, zu fromm, zu fleißig. So kam es, daß er den Amtmann oder Burgvogt von Oltingen nebſt den Seinen ſtets mit Geringſchätz⸗ ung angeſehen und behandelt hatte, die noch da⸗ durch verſtärkt wurde, daß ſie nicht reich waren. Nie hatte er ſich um den Vetter Egon bekümmert, der, früh zur Stadt gethan, den Unterricht der Mönche in einer Kloſterſchule genoß und dabei auf Koſten des Raths, der ſeinen Vater ſchätzte, im Waffenwerk geübt ward, um dereinſt im Kriegs⸗ dienſt der Republik gebraucht werden zu können; jetzt aber hatte der Jüngling eine der erſten Proben ſeiner Brauchbarkeit und Treue abgelegt, indem er die Geſandtſchaft nach Savoyen begleitet. Zu⸗ fällig war der Aarburger eben nicht in der Stadt, ſondern dringender Beſorgungen wegen auf ſeiner väterlichen Burg, die er zerfallen ließ, als Jener abreiſte und wiederkam. Große Augen aber machte er, als er jetzt, gleichfalls zurückgekehrt in die Stadt, Vetter Egoön's geſtiegene Geltung im Junkerbrunnen ſah und ſeine Erzählungen hörte. War dieſer hübſche, ſchlanke Burſch wirklich Vetter Egon, dieſer ſchöne, roſige Jüngling, ſo ſchmuck, ſo ſtattlich, der arme Knabe, den er bis dahin keines Blickes gewürdigt hatte? Er war es in der That, und Donat ſtand jetzt vor ihm und bot ihm — eine beiſpielloſe Herablaſfſung— den Trunk mit ihm an. Egon ſchüttelte ihm, frei von Be⸗ fangenheit, herzlich die Hand, dankte für ſeine Freundlichkeit und fragte nach ſeinem Ergehen, in⸗ dem er zugleich ſo gut als möglich ſeiner Wißbe⸗ gierde in Betreff von Herrn Schilling's Waaren 64 diente. Donat blieb ſeitdem an ſeiner Seite und ließ noch einen Dritten bei ihnen niederſitzen, den er dem Vetter als ſeinen beßten Freund, Herrn Hans Pottinger, einen Ritter aus dem Reich, vorſtellte. Herr Hans war ein Mann, älter als Donat, doch ihm im Thun und Weſen ähnlich, wodurch ihre Freundſchaft erklärlich ward. Zwiſchen dieſen bei⸗ den Männern ſah ſich Egon für den Abend ge⸗ fangen, er mußte ihnen Beſcheid geben, und zuletzt that er ſolches nicht ungern, denn auch er liebte Munterkeit, ſelbſt laute Luſt bis zu einem gewiſſen Grade, und heitere Geſellſchaft war ihm lieb. An⸗ dere Genoſſen wären ihm vielleicht angenehmer ge⸗ weſen, und auch von Seiten der übrigen Junker und munteren Geſellen in der Gelagsſtube wurden wohl Verſuche gemacht, ihn von Jenen zu befreien, doch kannte man ſie als Raufbolde und mied, wo es mit Ehren ging, die Händel mit ihnen. Nicht aus letzterem Grunde blieb Egon— er blieb, weil es ihm überhaupt gefiel, und er dem älteren Vetter, der ihm früher freilich nur Gleichgültigkeit oder Geringſchätzung gezeigt hatte, jetzt aber, obgleich Ritter und ſelbſtſtändiger Mann, ſo zuthulich mit ihm, dem Knappen, verkehrte, gar nicht abgeneigt war. Und mit noch einem anderen tüchtigen Kriegs⸗ 6² helden zog er ihn in Bekanntſchaft— wie viel Güte, wie viele Herablaſſung von Seiten des Aar⸗ burgers! Hatte er ihm und ſeinem Freunde die kleinen Ereigniſſe ſeiner Reiſe nach Savoyen zum Beßten gegeben, welche Abenteuer aus ihren Kriegszügen erzählten ſie dagegen und wie bereit⸗ willig thaten ſie es! Das waren andere Vorgänge und Handlungen, als die, womit der jugendliche Rathsknappe dienen konnte; da triefte Alles von Blut; Fehde, Ueberfall, Kampf, Todtſchlag war noch das Mindeſte in ihren Abenteuern, und bei den bekannten Unruhen im Reiche, den Kriegen zwiſchen großen und kleinen Herren, die dort nie endeten, den inneren Gährungen und Spaltungen der Kirche, die von Böhmen ausgegangen waren und den Kaiſern viel zu ſchaffen machten, den Judenverfolgungen am Rhein und in Schwaben und ähnlichen Ereigniſſen, deren Ruf und Gerücht durch die Welt ging, lag weder etwas Befremdliches, noch Unglaubliches in den Erzählungen der beiden Käm⸗ pen, womit ſie die Gelagsſtube unterhielten. Einige wollten zwar den Kopf dazu ſchütteln, doch unter dieſe gehörte Egon nicht, der viel zu treuherzig war und es gerade herausgeſagt haben würde, wenn des Vetters Abenteuer ihm rückſichtlich ihrer 63 Natur oder Glaubwürdigkeit zuwider geweſen wären oder Zweifel angeregt hätten, was jedoch bis jetzt noch keineswegs der Fall war. Vielmehr folgte ſeine Einbildungskraft ihnen gern in das Schlacht⸗ getümmel, welches für ihn nichts durchaus Frem⸗ des war und das er bei früheren Auszügen der Berner, an denen er Theil genommen, auch bereits — wenn gleich im Kleinen— kennen gelernt hatte. Einger, Weinher! rief der Aarburger, füllet die Becher noch einmal zum Nachttrunk!— mein junger Vetter lebe— obgleich ich, mit Gunſt, Egon, nicht weiß, wie wir Beide zu der Ehre kommen, mit einander verwandt zu ſein; unſere Großväter wur⸗ den es durch Heirath, wenn ich nicht irre; nun, gleichviel, wir ſind Vettern, und Du haſt mir heut eine Mähr erzählt, die mir behagt und für welche ich mir Deine Vetterſchaft ſchon gefallen laſſen kann— Du ſollſt leben! Wie verſtehſt Du das? fuhr Egon auf. Nun, nun, nichts für ungut, mein Bub, bleib' ruhig. Ich ſage nur, daß Deine Kunde vom reichen Kaufmann, wenn ſie wahr iſt, das heißt, in allen ihren Umſtänden ſich ſo verhält, wie Du ſie erzählt haſt— Ich lüge nie, warf der Jüngling ein. 64 Ihres Lohnes werth iſt, lachte Jener; ſie hat mich beluſtigt, und wünſchen könnte ich wohl, daß ſich Jemand fände, der dem reichen Schuft die Sorge für ſeine Waaren erleichterte. Hans, was meinſt Du dazu? Pottinger lächelte und ſtrich ſeinen Bart, er⸗ widerte aber nichts. Ihr äußertet ſo eben, ſagte Egon, daß unſere Verwandtſchaft Euch zweifelhaft, vielleicht ſelbſt nicht angenehm ſei; was mich betrifft, Ritter von Aarburg, ſo bin ich bereit— Was? Euch unſere Vetterſchaft zurückzugeben, wenn Ihr es wünſchet, entgegnete der Knappe ernſt und entſchloſſen. Hoho, Büble! Fein ſtill, nicht ſo prutzig! Verſtehſt keinen Scherz? Je nachdem er iſt. Da ſchau meinen Freund Pottinger an, der i*ſt doch noch ein anderer Mann als Du, der verſteht eher Kurzweil und Spaß. Wie war's, Hans, wandte er ſich nun an dieſen, mit dem Juden⸗ mädchen von Rottweil, das ich Dir entführte. Da brauſteſt Du freilich auf— aber dann wurden wir doch gute Freunde! 4 65 Pottinger lachte. Hört doch die Mähr, fuhr Ritter Donat fort, ſie iſt ſchnurrig genug. Wir kannten einander noch nicht, und ich focht im Heerhaufen Friedrichs des Oeſterreichers gegen einige widerſpänſtige Städte. Wir lagen vor Rottweil, wo das Reichsgericht ſeinen Sitz hatte. Eben machten ſie dort einem Knecht, der einen Chriſtenknaben ermordet und den Leichnam zur Oſterzeit an Juden verkauft haben ſollte, auf dem Hochgericht den Garaus. Der Knecht aber war des Pottingers, der unfern von der Stadt auf einer alten Burg hauſ'te, die ihm— und den Juden gehörte.— Sage ich Un⸗ rechtes, Hans? Den Teufel auch! Meinetwegen. Nun ſeht, ein alter Jude, auf den ſie es auch abgeſehen hatten, und der bei der Geſchichte mit dem ermordeten Knaben nicht unbetheiligt ſein mochte, hatte ſich zu ihm geflüchtet mit ſeiner gan⸗ zen Sippſchaft und ſuchte Schutz gegen die Ge⸗ rechtigkeit und Volkswuth hinter den gebrechlichen Mauern von Pottinger's alter Veſte.— Mit Gunſt, Hans, ich glaube, ſie hätten ſich an Dir ſelbſt ver⸗ griffen, die Rottweiler, wenn ſie gleich über Deine Zugbrücke gekonnt und nicht eben noch mit uns zu v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 5 thun gehabt hätten— Dein Ruf in der Gegend war der feinſte nicht— einen Strolchhahn und Mädchenjäger nannte man Dich. Ja, Pfaffen und Betbrüder mochten mich ſo heißen, lachte Pottinger. Und des alten Ben⸗Samuels Tochter ſei eine ſchöne Dirne, und ihretwegen beſchütze Ritter Hans den Vater, hieß es ferner. Das hörte ich und erbot mich, gegen den Herzog die Burg zu brechen und den Juden der Gerechtigkeit zu überliefern. So geſchah es. Faſt aus ſeinen Armen riß ich die ſchöne Rahel, aber freilich— um ſie in die meinigen zu ſchließen. Acht Tage ſpäter brannte ſie luſtig wie eine Fackel auf dem Scheiterhaufen in Rottweil. Pottinger's Burg ward gebrochen, er ſelbſt aber erhielt auf Verwendung des Herzogs, weil er ein mannhafter Kämpe war, und ſolche konnte der Fürſt gebrauchen, Verzeihung vom Reichsgericht. Seitdem wurden wir Freunde— nun frage ich, ob Hans Pottinger Spaß verſteht— und ob Du, Milchbart, nicht von ihm lernen kannſt! Er wandte ſich mit dieſen letzten Worten wieder an Egon, der aber ſeine Geſchichte nur wenig ge⸗ hört und jetzt bereits ſeinen Platz verlaſſen hatte, um einem Mann entgegenzueilen, der in die Ge⸗ 67 lagsſtube getreten war und irgend wen zu ſuchen ſchien— er ſchüttelte hocherfreut beide Hände dieſes Mannes und kümmerte ſich um den Aarburger und ſeinen Anhang nicht mehr; der Mann näherte ſich, ſeinem Anſehen nach, dem Greiſenalter; ſein Haar war ergraut, vielleicht vor der Zeit; denn aller⸗ dings ſchien ſein Antlitz noch ziemlich friſch, wenn gleich von Sorgen durchfurcht; er war ritterlich, doch mit großer Einfachheit gekleidet und bildete hier unter der Verſammlung prunkender Jünglinge und Männer eine Art von grellem Abſtand mit ſeiner bleichen, beſcheidenen Erſcheinung; es war der Raths⸗Amtmann und Burgvogt des Schloſſes Oltingen an der Aar, eines Beſitzthums und Herr⸗ ſchaftsgerichts des hohen Cantons, drei Stun⸗ den Weges von der Stadt entfernt, Willibald von Stein, Egon's Vater. Ihn hatten Amtsge⸗ ſchäfte zur Stadt geführt, und da er hier von der Wiederkunft der ſavoyiſchen Geſandtſchaft und ſeines Sohnes vernommen, ſo kam er, den Letzteren aufzuſuchen und zu begrüßen. Daß er zu dem Ende nach der Gelagsſtube am Junkerbrunnen auf der Engenwieſe gehen mußte, befremdete ihn nicht, denn daſelbſt war, ſobald der Tag ſich neigte, die Zuſammenkunft der mannhaften und ritterlichen 5 ½ 68 Jugend aus der ganzen Umgegend zu Kurzweil und Waffenuͤbungen, und nicht hier angetroffen zu werden, würde für einen freien Jüngling, der eben keine ernſtere Beſchäftigung darüber verſäumte, eher als ein Makel denn als eine Ehre gegolten haben. Herzlich begrüßten ſich Vater und Sohn, und des Letzteren Freude vermehrte ſich noch, als Jener ihm nach den erſten Wechſelfragen eröffnete, wie er bereits den Ritter von Rinkenberg und auch den Geheimſchreiber geſprochen und von Beiden die Beſtätigung ihrer Zufriedenheit mit den Dienſten des Knappen während der Reiſe erhalten habe, und wie dieſe Dienſte von Seiten des hohen Rathes vielleicht recht bald wieder in Anſpruch genommen werden dürften. Auch den Vetter Aarburger nebſt ſeinem Genoſſen und noch manchen Bekannten, den er fand, begrüßte hierauf Herr Willibald von Stein, und hatte Donat's Geſchichte, die er eben erzählt, ohnehin nur eine getheilte Aufmerkſamkeit gefunden, ſo ward ihr auch dieſe jetzt entzogen; man ließ ſie fallen und vergaß ſogar, ein Urtheil oder eine Meinung darüber auszuſprechen, was Beides nicht ganz günſtig für den Erzähler und ſeinen Freund gelautet haben würde. Um den Amtmann ſchaare ſich die Menge, und das mit um ſo größerem Eifer, 69 als er nicht allein ſeines freundlichen, wenn gleich ein wenig ernſten Weſens willen beliebt, ſondern jetzt auch der Mitbringer von Nachrichten war, die wohl eine allgemeinere Theilnahme erregen konnten und manchen der hier Verſammelten, ja die mei⸗ ſten vielleicht, perſönlich angingen. Herr Willi⸗ bald kam vom Rathhaus, wohin er beſchieden ge⸗ weſen war, und hatte dort wichtigen Verhandlungen beigewohnt; Eröffnungen der verſchiedenſten Art waren ihm gemacht worden. Was davon ohnehin morgen oder auch heut noch bekannt werden mußte, theilte er hier zu großem Dank der Verſammelten mit, in deren Kreis er ſich auf kurze Zeit niederließ, wobei er auch einen Trunk nicht verſchmähte, den ihm der Sohn brachte; bald jedoch brach er mit dieſem auf, und Beide gingen nach der Stadt, wo der Amtmann, dem Aarburger Thor und dem Bären⸗ zwinger nahe, eine Wohnung inne hatte. Der Abend verging Vater und Sohn unter wechſelſeiti⸗ gem, bald fröhlichem, bald ernſtem Geſpräch, deſſen Gegenſtand Egon's Erlebniſſe auf der ſavoyiſchen Reiſe, der werthen Mutter und der Geſchwiſter Befinden, überhaupt das Thun und Treiben im Vaterhauſe zu Oltingen war, das eheſtens wieder zu ſehen er heiß gewünſcht und gehofft hatte, eine Hoffnung, die durch des Vaters Andeutungen nun als ferner gerückt und in das Ungewiſſe hinaus⸗ geſchoben erſchien. Der Knappe konnte nicht um⸗ hin, ein ernſtes, ja trauriges Geſicht dabei zu zei⸗ gen, wenn gleich jene Andeutungen für ihn ehren⸗ voll waren; der Vater ſchalt ihn darum, doch auf die milde Weiſe, womit er Alles uͤber ſeinen Erſt⸗ geborenen vermochte. Indeſſen hatten die Boten, welche faſt gleich⸗ zeitig mit dem Ritter von Rinkenberg in Bern ein⸗ getroffen waren, die Boten aus der von ihren Herren bedrängten Landſchaft Sanen, ihre Abfer⸗ tigung erhalten. Mit gutem Troſt konnten ſte heimkehren. Bern hatte, dem mächtigen Fürſten zum Trotz, welcher der Grafen von Greyerz ober⸗ ſter Lehnsherr und Schirmer war, Hülfe und Bei⸗ ſtand zugeſagt und den Gemeinden von Etivaz und Sanen ihr weiteres Verhalten in der bewußten Angelegenheit vorgeſchrieben, ſich auch erboten, die zu Oeſch gemachten Gefangenen in irgend einer dem Canton gehörigen Veſte oder Burg bis zu ihret Auslöſung unterzubringen und zu bewahren. Hiet⸗ auf ſollten ſeine Angehörigen im Frutiger Land und Simmenthal zum ſchleunigen Zuzug b werden. Faſt zugleich mit dem zurückkehrender Saner Boten verließen Boten des hohen Rathes in verſchiedenen Richtungen die Thore der Bären⸗ ſtadt, unter dieſen des Burgvogts Sohn von Ol⸗ tingen, an der Spitze eines berittenen Haufens, den er befehligte; er nahm ſeine Richtung dem Aar⸗ ſtrom und den Gebirgen entgegen, denn ſeine Be⸗ ſtimmung ging nach den dem Thuner See angränzen⸗ den Thälern und dem Frutiger Land, endlich noch weiter.— In der Stadt und in mehren Bur⸗ gen rüſtete man ſich zur Fehde. Auch Donat verſchwand den Tag nach ſeinem Zuſammentreffen mit Egon und deſſen Vater im Junkerbrunnen aus Bern, und man war ungewiß, wohin er ſich ſammt ſeinem Waffenbruder Pottinger gewendet haben möchte. Einige wollten wiſſen, er habe die Abſicht geäußert, wieder nach dem Reiche, der Heimath des Letzteren, zu ziehen; Andere meinten, der hohe Rath der Republik ſei durch Vermittelung des alten Furter, Aarburg's Oheims, bewogen worden, auch ihn mit einem Auftrag rückſichtlich des bevorſtehenden Krie⸗ ges zu betrauen, und er ſelbſt ſeiheimgezogen nach ſeiner Burg, um zu Vollführung dieſes Auftrages Vor⸗ bereitungen zu treffen. Vorbereitungen und Kriegs⸗ rüſtungen, warfen dagegen wieder Andere ein, wenn auf dieſen, für die Meiſten ſonſt ziemlich unwichtigen Gegenſtand die Rede kam, ließen ſich im Schloß Aarburg nicht wohl treffen und anſtellen, weil dort nichts als kahle Wände und leere Ställe zu finden ſeien. Um den wahren Thatbeſtand kümmerte man ſich nicht viel, weil es wichtigere Dinge zu bedenken und zu bereden gab und in der Gelagsſtube am Junkerbrunnen Ritter Donat und ſein Genoſſe nicht ungern vermißt wurden. —— ——— Drittes Capitel⸗ Oltingen. In einer ſchönen Landſchaft, wo der Sanenfluß in die Aar fällt, auf einem Felſen, deſſen Fuß beide Ströme beſpülten, drei Wegſtunden in nord⸗ öſtlicher Richtung von der Hauptſtadt des Can⸗ tons, lag die Burg Oltingen, welcher ein be⸗ trächtlicher Theil der Umgegend, nämlich die Ort⸗ ſchaften Wyler, Oltingen, Haſſel, Goletten, Fries⸗ wyl, Säriswyl und noch mehre andere, unter⸗ than war. In früheren Zeiten hatte hier ein Ge⸗ ſchlecht geherrſcht, das davon den Namen trug; nach deſſen Erlöſchen kam die Burg zuerſt an die Grafen von Mömpelgard, dann an die von Kyberg, und ſie befand ſich jetzt ſeit einigen Jahrzehnten durch Kauf, Tauſch, theilweis auch wohl durch Eroberung, im Beſitze der mächtigſten Republik von Helvetien, unter der Herrſchaft Berns, das ſie durch Amtleute oder Vögte verwalten ließ. Eine ſtattliche Veſte war Oltingen, nicht eben groß an Raum und weitläufigen Höfen, aber mit ſtarken Mauern und Thürmen verſehen. Sie hatte keine weitere Be⸗ ſatzung als die Knechte des jedesmaligen Burg⸗ vogtes, deren Anzahl ſich nach dem Bedürfen und der Meinung des Letzteren richtete und zu Zeiten ſtieg oder vermindert ward; dieſelben ſtanden zu⸗ nächſt unter dem Befehl eines zweiten Vogtes oder Rüſtmeiſters, welcher überhaupt alle inneren Ein⸗ richtungen der Burg, Knechte, Waffenhaus und Stall beaufſichtigte; er war ein Mann von Be⸗ deutung und Anſehen, ſeiner Geltung nach wohl der Erſte unter dem Amtmann. Der jetzige Rüſt⸗ meiſter auf Oltingen, durch Herrn Willibald's Gunſt erſt unlängſt zu dieſem Amte gelangt, war ein Kind verbotener Liebe, eines verſtorbenen Chorherrn Sohn aus der nahen Stadt Solothurn, mit welchem der Amtmann in Freundſchaft gelebt hatte. Seit etwa zehn Jahren befand er ſich im Schloß, das er als achtzehnjähriger Jüngling und als eine verlaſſene Waiſe, die keine andere Zuflucht hatte, zuerſt be⸗ treten; mehr als Sohn denn als Knecht hielt ihn der Ritter von Stein, wozu Kunibert durch auf⸗ — 7⁵ gewecktes, rühriges Weſen, durch muntere Dienſt⸗ fertigkeit und ſonſtige Vorzüge in Perſon und Be⸗ tragen wohl manchen Anſpruch begründete. Als Egon heranwuchs, ward er deſſen Lehrer in Vielem, was einem Edelknaben zu lernen und zu wiſſen Noth that, und trotz der Verſchiedenheit des Alters bildete ſich eine Art von Freundſchaftsverhäͤltniß zwiſchen ihm und dem Sohne ſeines Wohlthäters. Als Jener, faſt noch Knabe, das väͤterliche Haus verließ, trug der Amtmann Kunibert an, ihn in die Stadt zu begleiten und dort einige Zeit in ſeiner Nähe zu weilen. Solches geſchah auch, aber bald kehrte er nach Oltingen zurück, weil, wie er meinte, er Egon nur wenig nützen könne in der Stadt, wo ganz Andere als er ſich ſeiner Ausbild⸗ ung annähmen, und— weil es ihm dort, unter hoffärtigen und ſtolzen Junkern, mit denen er öfter Streit bekommen, überhaupt mißfalle; ihm gefalle es nirgends als in Oltingen, und da wolle er bleiben mit des geſtrengen Herrn Gunſt und Er⸗ laubniß. Kurze Zeit darauf ſegnete der bisherige Rüſtmeiſter, ein Greis von achtzig Jahren, das Zeitliche, und nun wußten es die Frauen in Oltin⸗ gen, die dem ſtets munteren Kunibert von der erſten bis zur letzten gewogen waren, es dahin zu bringen, daß der Amtmann nach Bern ritt und ſeinem Schützling die erledigte Stelle, die der Rath vergab, mitbrachte. Sie nährte ihren Mann, machte ihn bis zu einem gewiſſen Grad unabhängig, und wer war nun glücklicher als Kunibert auf der Mauer, ein Name, den von jetzt an zu führen ihm der Ritter gleichfalls die obrigkeitliche Erlaub⸗ niß ausgewirkt hatte, und der den Makel ſſeiner Geburt vor den Augen der Welt, das heißt der übrigen Schloßbewohner und der Umgegend, eini⸗ germaßen zudecken ſollte, ja ganz in Vergeſſenheit zu bringen vielleicht allmälig bewirken konnte. Herr Kunibert auf der Mauer war es denn, der angenehme und rüſtige Rüſtmeiſter, der, mit Putzen und Blänkeln von allerhand Wehrgeräth beſchäftigt, in der unteren Halle des Amtsgebäudes eines Nach⸗ mittags ſaß und dabei die Weiſe eines Liedes vor ſich hinträllerte; zwei Knaben, die allerlei Lärmen machten, befanden ſich mit ihm in der Halle; ſie liefen, ſprangen, übten ſich mit einer Armbruſt, ſchoſſen mit Bolzen nach einem Ziel und ſtörten durch ihr Treiben den Meiſter hier und da nicht unbedeutend. Ruhig, Buben! befahl Kunibert, ſeine Melodie unterbrechend, ſchon mehr als ein⸗ mal— ſagt mir doch, Dolderbuben, ſetzte er hinzu, ——y— 77 ob es nöthig iſt, daß Ihr Euer Schießen mit ſol⸗ chem Lärm begleitet, als Ihr anſtellt. Schlecht gezielt das, Rudi! Mußt den Kolben feſter legen an die Wange. Laß mir den Harniſch, Uli, ich habe ihn erſt blank gemacht, unterſtehe Dich, ihn anzufaſſen! Und wenn ich's nun doch thue? fragte Uli, ein Knabe von acht Jahren. So werde ich ſo frei ſein, Dich durchzuprügeln. Das dürft Ihr nicht, Meiſter; wir wiſſen wohl, die Mutter hat's Euch verboten und der Vater auch. Hoho! Seid Ihr ſo klug? warf Kunibert ein, der nicht in Abrede ſtellen konnte, daß der Knabe Recht hatte. Nun, darauf hin verſucht's nicht, mich zu necken. Kann ſein, daß Euere lieben Aeltern— ſie ſind eben zu gut für Euch Schelmen⸗ gezücht, doch mögt Ihr wiſſen, daß Euer Bruder Egon manchen Hieb von mir gefaßt hat, und er war artiger als Ihr. Getroffen das Schwarze! rief der zwölfjährige Rudolph freudig und jubelte, indem er ſeine Arm⸗ bruſt vom Antlitz nahm. Du hatteſt Recht, Meiſter, feſt muß man den Kolben an ſich drücken. Da ſieh, wie ich traf— was ſagtet Ihr vom Bruder? Ja, Mutter meint, er koͤnne mit dem Vater heute Abend kommen, da es gewiß ſein ſoll, daß er zu⸗ rück iſt von ſeiner Reiſe— der alte Gäppi, der in der Stadt war, will ihn geſehen haben. Käme er nur mit dem Aeti, mir wär's recht. Mir nicht, ſagte der Kleine und faßte, der daraufgeſetzten Strafe zum Trotz, den geblänkten Harniſch an, ſo daß die berührte Stelle unter ſei⸗ nem warmen Händchen ſogleich anlief; nun aber galt es Fertigkeit der Beine; Kunibert ließ nicht mit ſich ſpaßen; raſch ſprang er auf, verfolgte den Freoler, den er auch nach wenigen Sprüngen er⸗ reichte und hielt ihn am Kragen ſeines kleinen Wam⸗ ſes feſt. Warum nicht? herrſchte er ihm zu. Was denn, Meiſter?— Au! Was denn? Warum wäre es Dir nicht recht, wenn Goni käme? Weil— weil er ſo groß iſt— aul laß mich los, Meiſter! Du kleiner Teufel, Du! Wie kannſt Du Dich unterfangen, meinen Harniſch anzufaſſen, was ich perbot? Jetzt ſetzt es keine Zuckerſchoten— nimm Dich zuſammen. Und er ſchüttelte den kleinen Sünder, welcher mit beiden Füßen zappelte, und erhob hitzig, wie er war, ſogar die Hand, ihn zu ſchlagen. Hülfe! ——yy— —— —— 79 rief Uli, zu Hülfe, Rudi!— Muetti! Schweſter Helene! Baſe Marie! Gleichſam als habe das letztere Wort wie ein Zauber auf ihn gewirkt, ließ Kunibert, der bis dahin ſeine drohende Miene nicht um ein Haar breit verändert hatte, raſch den Kna⸗ ben los und ſtellte ihn mit den Worten auf ſeine Füße: Schreie nicht ſo, Bub! Wo iſt Baſe Marie? Da, da! Ulrich wies nach der Thür, wo in der That eine Frauengeſtalt ſich zeigte, die, wie vom Lärmen in der Halle erſchreckt, an deren Ein⸗ gang von der Stiege her einen Augenblick zögernd ſtehen blieb, als fürchte ſie, näher zu kommen. Das Letztere geſchah aber jetzt, da die Drohung des Rüſtmeiſters unerfüllt blieb und der befreite Knabe davonſprang. Die Eintretende war ein ſchönes Fräulein von feinem, ſchlanken Wuchs und einem Antlitz, das ſchön war, doch ſo eben ein wenig bleich und ernſt erſchien— in Folge des Unmuths vielleicht, den ihr die Wildheit des Knaben er⸗ regte— fürwahr zog es wie ein Schatten über ihre Stirne, als ſie in die Halle trat; doch lächelte ſie gleich darauf wieder, und indem ſie einen Teller mit Lebensmitteln, den ſie trug, auf einen nahen Tiſch ſetzte, ſagte ſie freundlich: Ich bringe das Vesperbrot, Rüſtmeiſter! Wohl bekomm's! Buben, 80⁰ Ihr ſollt hinauf zur Mutter, wenn Ihr Hunger habt. Nicht zweimal ließen die Söhne des Herrn Willibald ſich das ſagen; ſie ſtürmten davon, und das Fräulein, obgleich ihre Verrichtung hier nun vorüber war, blieb an den Tiſch gelehnt, und ein feines Roth hauchte über ihre Züge hin, die ſich darunter verſchönerten. Marie, ſagte der Rüſt⸗ meiſter, näher tretend, und ergriff mit ſeinen bei⸗ den Händen, die er vorher von den Spuren ſeiner Beſchäftigung gereinigt, die ihrigen; theuere Marie! Lug, meine Hände ſind ein wenig rußig, ſtoße Dich daran nicht, ich habe meine Waffen geblänkt und den Harniſch, den ich tragen will, wenn ich Dich vor den Altar führe. Glänzt er nicht wie Silber und Gold? Ich hätt's einem Knecht übertragen können, aber das wollte ich nicht; ſchöner wird, was man ſelbſt macht, und ich will ausſchauen an meinem Chrentage, wie ein geborener Junker. Bin ich's nicht eigentlich, Marie? War mein Vater nicht ein Freiherr? Hal den will ich ſehen, der in Zu⸗ kunft daran zweifelt, oder nur eine halbe Miene macht, als waͤre ihm meine Herkunft nicht recht, mein Name nicht ebenbürtig; zeichnen will ich ihn mit blutrothen Streichen, wie einige der vorlauten Geſellen in Bern auf der Junkerwieſe. Auf der —— ———— —— 81 Mauer, heiße ich. Iſt es nicht ein ſchöner Name, Marie? Sei ſtolz, Du wirſt ihn auch führen! Das Fräulein erwiderte nichts auf dieſen Aus⸗ bruch eines fröhlichen und trotzigen Gemüthes, doch zog ſie ihre Hand nicht zurück, die Kunibert jetzt ſtreichelte und küßte. Marie! fuhr er nach einer Weile fort, Du ſaheſt geſtern bleich und heut wie⸗ der— ſtill biſt Du und ernſt. Warum? da wir am Ziel unſerer Wünſche ſtehen? Biſt Du nicht meine Braut? Liebſt Du mich nicht? Ja doch, Kunibert, ja! aber immer— mir iſt ſo bange— Still doch davon! unterbrach er die ſich Sträu⸗ bende und raubte ihr einen Kuß. Ihr ſeid ſo wild, ſo ungeſtüm, ungeſtümer wohl ſelbſt als die Buben, die eben gingen. Nun, nun, die Schlingel ſind auch nicht ver⸗ liebt, ſagte der Rüſtmeiſter lachend. Wäre ich nicht ungeſtüm, ſo hätte ich Euch nicht errungen. Geſchah dieß eetwa ohne Muͤhe und Angſt? Nein, bei allen Heiligen nein! wir haben Noth genug gehabt. Denkt an Euere Verwandten, Marie, wie ſie zögerten, hinhielten— ja, wenn Eines mich trüben könnte, ſo wäre es dieſes Hinhalten und Verzögern unſeres Glücks von Seiten Eueres Oheims; eine verſteckte v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. J. 6 8² Weigerung lag darin und zugleich eine Demüthig⸗ ung für mich, die ich empfinde. Nicht doch, Kunibert, die Sache mit Euerem Namen mußte doch erſt in Ordnung kommen— der Oheim konnte doch nicht— er mußte doch— Mußte doch, ergänzte der Rüſtmeiſter, den Flecken rein waſchen von meiner Stirn, den mein ſündiger Vater— hal fluchen könnte ich ihm— doch nun, Marie, da endlich alle Hinderniſſe weggeräumt ſind, der Oheim und die Baſe ihr Jawort gegeben haben und der Hochzeitstag bereits anberaumt iſt, nun Triumph und Freude— das edelſte Fräulein des Landes und das ſchönſte zugleich wird mein. Vergeßt nicht hinzuſetzen: auch das ärmſte, lächelte Marie ſchmerzlich; ja das ärmſte Mädchen des Gaues wird Euer Weib werden, Rüſtmeiſter, das allerärmſte, ſage ich; ein Hinterſaſſenkind iſt reicher; nichts von einem Schatz bringe ich Euch mit, nichts, gar nichts von dem, was ſonſt eine Braut— Sie wandte ſich ab, doch der Rüſtmeiſter umfing ſie und küßte ihr eine Thräne vom Auge. Still, ſagte er, ſtill, ich will nichts weiter hören, denn Euer Wort und dieſe Thräne klagt— klagt über mich! Wozu das Trauern? Ehe acht Tage in's Land kommen, ſind wir Mann und Weib. 83 Darum luſtig und guter Dinge! Ich bin ohnehin ein Feind der Thränen und des Finſterblickens; zu geſchehenen Dingen muß man das Beßte reden, das iſt eine alte Regel der Weisheit. Iſt ſie es nicht, Marie? Er legte bei dieſer Frage dreiſt ſeinen linken Arm um ihre Schultern und faßte ihr mit der Rech⸗ ten unter das Kinn. Marie duldete es, aber unter leiſem Zittern. Kunibert ſuchte ſie aufzuheitern und ſagte: Gelt, unſer Häuslein drüben wird wohn⸗ lich? Wie gefällt Euch die Eckſtube, Euere künf⸗ tige Reſidenz? Doch Ihr waret heut noch nicht drüben, um nachzuſehen— wie kommt das, Marie? Es giebt viel zu ſchicken hier; die Baſe bedurfte mein. Sie macht die Gaſtſtube zurecht, wie ich im Vorbeigehen bemerkt habe. Für wen denn? be⸗ kommt Ihr Gäſte? Den Vetter Egon erwartet man, Ihr wißt's ja, Rüſtmeiſter. Den Vetter? Nun, kann der nicht bei ſeinen Brüdern ſchlafen in der Kammer, wie ſonſt, wenn er kam? Die Baſe meint, er ſei doch zu groß jetzt für die Geſellſchaft der Knaben— nächſtdem auch ein 6 ¾ 84 Mann bei der Stadt— genug, ſie will es ſo, und die Gaſtſtube iſt hergerichtet für ihn. Was doch die Fremde thut, ſagte der Rüſt⸗ meiſter unmuthig. Draußen muß man ſich herum⸗ getrieben haben, wenn man daheim etwas gelten will. Dieſe Reiſe in's Welſchland— ja— wird der Bube ſtolz ſein— Ihr freut Euch auch wohl ſehr auf den Vetter, Marie? Nein, nein, entgegnete ſie raſch. Ein ſchlanker Burſch iſt er freilich, zwanzig Jahre alt. Redet etwas Anderes, Kunibert. Als er im vorigen Jahre hier das Fieber bekam, da pflegtet Ihr ſein ſehr eifrig, Fräulein. Ich that, was meine Schuldigkeit war. Nicht ohne Eiferſucht konnte ich es mit anſehen. Weil Ihr thöricht ſeid, Knnibert. Wer bin ich denn? Eine arme Waiſe, der Hausfrau weitläufig verwandt, deren man ſich annahm und erbarmte, obgleich, wie Ihr wißt, nichts weniger als Ueber⸗ fluß herrſcht im Hauſe. So bin ich denn ein Mittel⸗ ——— ding zwiſchen Baſe und Magd); ſoll ich etwa zögern mit meiner Hülfe, wo ſie nützen kann und erheiſcht wird? den Sohn meiner Wohlthäter, den ich übri⸗ gens haſſe, nicht pflegen im Gebreſte? 8⁵ Ihr haßt ihn, Ihr haßt den Junker, Marie? rief der Rüſtmeiſter freudig. Ja. Und welchen Grund hättet Ihr dafür? Erlaßt mir den. Nur ſo viel auf Euere Eifer⸗ ſucht, die mich ſchon öfter verletzt hat. Das ſchwöre ich Euch: reitet heute der Vetter mit ſeinem Vater hier ein, ſo wunſchte ich nichts ſehnlicher und hei⸗ ßer, als daß er ſein Roß ſchon auf der Brücke wieder wenden möchte. Sein Hierſein ängſtigt und be⸗ läſtigt mich. Seid Ihr damit zufrieden? Sie ſprach das Letztere, indem ihre bleichen Wangen ſich rötheten. Süße Braut! ſagte der Rüſtmeiſter, ſie von Neuem umfangend. Horch! die Baſe ruft. Laßt mich! Damit machte ſich das Fräulein los und ver⸗ ſchwand aus der Thür, die zur Stiege aufwärts führte. Kunibert ſah ihr nach, ſo lange es der Raum geſtattete. Marie war eine ſchöne, ſtattliche Maid, jetzt in ihrem dreiundzwanzigſten Jahre. Faſt gleichzeitig mit dem nunmehrigen Rüſtmeiſter war ſie in Willibald's, ihres Oheims, Haus gekommen, damals ein elfjähriges Kind, und ſo verlaſſen wie der Sohn des Chorherrn, nur hülfloſer 86 noch, denn er, bereits ein kräftiger und herange⸗ wachſener Geſell, hätte ſich auch wohl ohne die Hülfe, die ihm hier zu Theil ward, durch das Leben geſchlagen, nicht ſo die arme Marie. War es nun die Aehnlichkeit ihrer Schickſale, die ſie zu einander zog, oder Mariens aufblühende Reize, welche den ſinnlichen jungen Mann lockten, genug, bald hatte ſich zwiſchen Beiden eine Art von zärt⸗ lichem Verhältniß gebildet, das, obwohl unſchuldig und ſehr natürlich, doch Frau Hedwig von Stein veranlaßte, mit beſonderer Sorgfalt auf die ihr Anvertrauten zu achten. Die ſtrengſte Sittenrein⸗ heit herrſchte im Hauſe des Amtmanns, ohne Härte zwar, doch ſo ſicher, ſo hervorgehend aus den in⸗ nerſten Verhältniſſen einer wohlanſtändigen und frommen Ehe, daß ein Anſtoß dagegen oder eine Verletzung derſelben faſt gar nicht als möglich ge⸗ dacht werden konnte. Als das Bäslein zur Jung⸗ frau ward, hätten ihre Pflegeältern nicht ungern ——— es geſehen, wenn ein anderer Mann ſich um ſie be⸗ worben, ſie zur Ehe begehrt hätte, aber Marie war zwar von adeliger Herkunft, aber arm; ſie beſaß von irdiſchen Gütern nichts als einen unbe⸗ fleckten Namen und die Anmuth ihrer Jugend; keine Brautwerbung wollte erfolgen; darüber verging die —— 87 Zeit, und da man Kunibert's Geſinnungen, ja ſeine Leidenſchaft kannte, ſo dachte man zuletzt ernſtlich daran, eine Verbindung zwiſchen ihm und der Pflegetochter, welcher ſich übrigens auch mannich⸗ fache Schwierigkeiten entgegenſtellten, möglich zu machen— möglich zu machen durch des Amtmanns Einfluß in Bern. Er konnte dort für Kunibert wirken, und er that es. Der Pflegetochter, außer einer beſcheidenen Ausſteuer, noch Geld und Gut mitzugeben, erlaubten ſeine eigenen beſchränkten und durch eine geerbte Schuldenlaſt vielgedrückten Ver⸗ mögensumſtände nicht. Kunibert, zu Namen und Amt durch ſeine Bemühungen gelangt, bedurfte deſſen auch weniger und machte keine Anſprüche darauf, ein Grund mehr, weßhalb man ſich bewo⸗ gen fand, ſeinen Anträgen endlich ein geneigtes Ohr zu ſchenken und denjenigen Zuſtand von freu⸗ digem Hoffen auf nahes Glück eintreten zu laſſen, in deſſen Genuß der Rüſtmeiſter gegenwärtig ſchwelgte. Der Ausdruck, mit welchem er der ſich entfernenden Braut nachblickte, war der treue Spie⸗ gel ſeines Inneren, ein Gemiſch von Leid, Ver⸗ druß, Erzeugniß des Hinblicks auf manches ihm Widrige aus der Vergangenheit und eine bis zum Uebermuth geſteigerte Luſt, eine Art von trotzigem 88 Glücksgefühl, wenn er bedachte, welche Hinderniſſe er beſiegt, welche Berge er geebnet hatte, freilich mit Hülfe ſeines guten Sterns und einer viellei cht nicht gewöhnlichen Ausdauer, bevor er auf dem Punkt angekommen war, auf welchem er nun ſtand. Gehörte nicht ihm, dem Knecht, das Ritterfräulein, die Nichte ſeines Herrn und Wohlthäters, die ſchöne, ſo heiß begehrte Marie? Wie ſie dahin ging und ſchwebte— fürwahr ein höheres Gebilde, und er hatte dieſes Kleinod gewonnen! Sie liebte ihn— konnte er daran zweifeln? Haßte ſie nicht ſelbſt ihren nächſten Anverwandten, nur um ihn allein, ihn ausſchließlich zu lieben? Ha! Marie war ein Engel, und dieſer Engel ſollte ihm durch des Prieſters Hand angetraut werden, war gewiſſer⸗ maßen ſchon ſein; denn wie ſchnell im Vergleich zu den vergangenen Jahren mußte die kurze Zeit verlaufen, die noch zwiſchen dem gegenwärtigen Augenblick und dem Traualtar lag. Kunibert pfiff eine muntere Weiſe bei dieſen und ähnlichen Ge⸗ danken, die durch ihn hinſtürmten, und fuhr ſo pfeifend in dem unterbrochenen Geſchäfte fort, indeß Marie hinaufſtieg nach dem oberen Stockwerk, von wo die Baſe in der That nach ihr gerufen hatte. Es fehlte noch etwas bei der Ordnung des Gaſt⸗ 89 zimmers, wozu Frau Hedwig der Pflegetochter Handreichung wünſchte. Marie leiſtete dieſer Ge⸗ horſam. Bald war die Stube ſo in völligem Stand, wie es zur Aufnahme eines Gaſtes erforderlich war, und indem das Fräulein eben ein ſchönes weißes Tuch von Damaſt über einen Tiſch breitete, ſagte ſie leiſe: Wir ſchmücken ja das Zimmer faſt wie damals, als der Herr Landammann zum letzten Mal hier übernachtete; erwartet Ihr wieder vor⸗ nehmen Zuſpruch, Baſe? Nicht doch, entgegnete Willibald's Gattin und erröthete faſt, als ſchäme ſie ſich ihrer Sorg⸗ falt, Du weißt ja, wer heut kommen kann mit dem Vater und hoffentlich kommt.— Du weißt es ja, Marie. Sonſt wohnte Egon in einer Kammer mit ſeinen Brüdern. Nun ja, jetzt iſt er kein Knabe mehr, wie ſie, denke ich— Und darum ehrt Ihr ihn wie einen Gaſt, wie einen Fremden? Wozu das, Baſe? Wozu? Du haſt eigentlich nicht Unrecht, ſo zu fragen, Marie, ich weiß auch nicht eben, ob mein Herr zufrieden ſein wird mit der getroffenen Ein⸗ richtung, aber ſchelten, zürnen wird er doch darum 9⁰ nicht. Denn geſetzt, ich ehre den liebe Sohn zu viel auf dieſe Weiſe— es iſt möglich, ja, wahr ſogar; doch vergieb, Marie, von Dir hätte ich am wenigſten erwartet, daranſ aufmerkſam gemacht zu werden. Und warum nicht, gnädige Frau? fragte Marie. Weil ich annahm, auch Du liebteſt Deinen Vetter, der ſtets ſo gut, ſo brüderlich gegen Dich war. O, Ihr wißt nicht, wie oft Egon bei unſeren Spielen mir Leides that. Bei Eueren Spielen?— ſo lange Ihr Kinder waret— möglich. Ein wilder Bub war er wohl, aber doch guten Herzens, und Du ſollteſt Dich im Ernſt darum über ihn beklagen, ihm gram ge⸗ worden ſein? —— Ja, Baſe, ja, erwiderte Marie mit leiſer, doch feſter Stimme. Kleine Närrin! ſagte Hedwig einigermaßen be⸗ fremdet. Warum auch ließeſt Du, die Aeltere, Dich noch auf die Knabenſpiele ein? Schon lange gehörteſt Du hinter die Spindel oder den Stick⸗ rahmen, als Egon ſich noch mit Buben in den Burghöfen tummelte. Dir geſchah ſomit nicht ganz 94 Unrecht, wenn Du in Geſellſchaft, die Dir nicht ziemte, Unbill erlitteſt. Ich fühle es, Baſe. Doch muß Dein Unwille gegen den Thäter erſt neueren Urſprungs ſein; denn als mein Sohn krank war vor Monden, erfüllteſt Du treulich und eifrig alle Pflichten einer Schweſter, was ich dank⸗ bar anerkannte und anzuerkennen nie aufhören werde. Meine Pflicht, gnädige Frau. Nun, um ſo rühmlicher, wenn es nur Pflicht⸗ gefühl war, was Dich leitete. Doch laſſen wir das, Baſe. Waret Ihr ſchon recht fleißig heut in der Linnenkammer? Arbeitetet Ihr wieder an dem, was einem Maͤdchen die liebſte Arbeit ſein muß, an Euerer Ausſtattung? Gütige Baſe! Kaum bedarf es meiner dabei. Habt Ihr doch zwei Nähterinnen kommen laſſen aus der Stadt, die mir helfen; da geht freilich Alles flinker und beſſer. Ihr ſelbſt legt oft Hand an, ſo gütig ſeid Ihr. Wie kann ich Euch je vergelten, was Ihr für mich thut und ſchon lange gethan habt.?! Mit unverſtellter Rührung ergriff Marie die Hand ihrer Pflegemutter und zog ſie an ihre Lippen. Eine Thräne benetzte dieſe Hand, die für eine Frau von mehr als vierzig Jahren— in dieſem Alter ſtand Frau von Stein— noch immer wohlgebildet und ſchön war, der Rührigkeit, ja der oft harten Arbeit zum Trotz, welcher die Dame ſich unterzog. Gutes Kind, ſagte ſie jetzt, Du kannſt es, wenn Du eine brave Hausfrau Deinem künftigen Ehegeſpons wirſt und ſo meiner Erzichung Ehre machſt. Auch Kunibert iſt wacker, ich verkenne das keineswegs, des Makels ſeiner Geburt nicht zu ge⸗ denken, für den er nichts kann und der ja nun hoffentlich durch meines Herrn Fürſorge gut gemacht worden ſein wird. Ich hoffe es auch, ſagte die Nichte mit einem leiſen Seufzer. Früher allerdings, fuhr die Baſe fort, klebte das an ihm wie ein Fleck. Er durfte ſich nicht mit uns zu Tiſch ſetzen, wenn Gäſte da waren, ja fremde Knechte litten ihn öfters nicht an dem ihrigen, da dauerte er mich jedesmal, aber ändern konnteich's nicht. Der Vater that ihn mit Egon nach Bern; ich ließ es geſchehen, obgleich ich vorherſah, daß das nicht gut thun würde, wie es denn auch kam. Ja, ſte ſind gar ſtolz da drinnen in der Stadt. Jetzt iſt es anders. Der Rüſtmeiſter auf Schloß Oltingen, Herr Kunibert 93 auf der Mauer, hat kein Auge mehr zu ſcheuen und ſein Eheweib noch weniger. Ja, Marie, gutes Kind, zwei Nähmägde habe ich kommen laſſen aus Bern, und wir Beide, ſelbſt Hildegard, mein Töchter⸗ chen, greifen wohl mit an; fein und dauerhaft iſt das Linnen aus meinen Schränken, ich darf es loben, denn Du haſt ſelbſt mit daran geſponnen, aber dieſe Ausſtattung iſt auch Alles, was wir Dir mitgeben können, Alles, Du weißt es ja und kennſt den Grund. O, redet nicht davon, theuere Baſe! Welchen Anſpruch an Euere Güte hätte ich denn, dem Ihr nicht tauſendmal genügtet? Nein, Ihr thatet an mir mehr, als ich jemals vergelten kann. Wir haben kein Vermögen, und Deinen armen Ohm drückt eine Geldſchuld, die er von ſeinem Vater ererbte, eine böſe, böſe Wechſelſchuld, herſtammend von einem Lombarden, von dem ſie ſpäter an einen Luzerner Kaufherrn überging, in deſſen Macht wir dadurch gleichſam gegeben ſind. Ein Glück, daß un⸗ ſer Gläubiger ein reicher Mann iſt, der uns aus die⸗ ſem Grunde nur mäßig drangſalirte. Doch fällt das Abfuͤhren der Zinſen dem armen Oheim immer ſchwer, und oft ſchon, wenn dieſelben einmal ſtockten, drohte der reiche Lombarde mit ſtrengen Maßregeln, 94 Klage, Gefangenſchaft ſelbſt. Betrachte nur meines Eheherrn weißes Haar, das kam nicht vom Alter. Ach! Und ich vermehrte noch Euere Laſt, Euere Sorgen? rief Marie ſchmerzlich. Nicht doch, Kind, ſo mußt Du es nicht nehmen, was ich Dir über dieſen Gegenſtand ſagte. Du ſiehſt blaß, wahrlich, Marie, bleich ſchauſt Du aus, als wenn Du Kummer hätteſt— unſeres Schuld⸗ weſens wegen etwa— das wärejaſchrecklich, und dann wollte ich wünſchen, ich hätte Dir nie ein Wort da⸗ von— horch! das war der Thurmwart. Er ſtößt in's Horn. Lug, lug, Marie! Siehſt Du Staub unten auf dem Heerweg? Der Vater! Der Vater! ließen ſich jetzt helle Stimmen vernehmen. Der Vater kommt! riefen die Buben in das Gemach, indem ſie weiter eilten die Treppe hinab; auch die dreizehnjährige Tochter kam geſprungen, ein ſchlankes, hübſches Mägdlein, die älteſte von den Geſchwiſtern nach Egon,— zwei Kinder zwiſchen Beiden in der Reihenfolge waren ganz klein an der böſen Bräune geſtorben. Sie faßte der Mutter Arm und zog ſie mit fort. Mutter! der Vater kommt zurück aus der Stadt! · Gut, gut, ja doch, wir wollen ihm entgegen— — 9⁵ den Burgpfad hinab— ob der Bruder mit ihm iſt? Siehſt Du nichts, Gründli? Sie ſind ſchon voran— ſie ſpringen die Stiege hinab. Nicht doch, Egon meine ich. Weiß nit, Mutter. So komm—! O gewiß! Er iſt mit dem Vater! Die Staubwolke unten auf dem Wege ſchien mir ſo groß— Du gehſt doch mit, Marie? Komm, Bäslein! Nein; vergönnet, daß ich bleibe. Gerade um dieſe Zeit habe ich zu thun in der Linnenkammer— ich verſprach den Mädchen, ſie dort zu beſuchen. Laß ſie doch warten, mein Egon kommt ja, mein Sohn, mein Liebling, auf den ich ſtolz bin. Später begrüße ich Oheim und Vetter, entſchul⸗ digt mich, Baſe! ſagte Marie. So gehe! Aber mich wundert's. Alſo wir Beide— komm, mein Kind, Deinem lieben Bruder ent⸗ gegen! Damit verließ die Amtmännin, ihre kleine Toch⸗ ter am Arm, das Gemach und folgte den Knaben, die bereits weit voraus waren. Marie blieb allein und drückte beide Hände gegen ihre wogende Bruſt. Ihre Augen glühten düſter und ſchmerzensreich. 96 Dann begab ſie ſich in die Linnenkammer zu den Nähmägden, denen ſie eifrig im Geſchäft half. Sie ließ ſich in dieſem Eifer nicht ſtören, ſelbſt als eine halbe Stunde ſpäter Pferdehufſchlag im Hof laut ward; viele Stimmen, und unter dieſen die des Hausherrn ſelbſt, verkündeten ſeine Ankunft. Marie vernahm es, ohne ſich zu erheben, aber ihre Wangen glühten unter nicht an ihr gewohntem Purpur; ſie wollte aufſtehen und dem Oheim entgegengehen, wie ſie fühlte, daß es die Schicklichkeit erforderte, doch blieb ſie ſitzen, und die geſchäftige Nadel flog mit ver⸗ doppelter Schnelligkeit in ihren feinen, leiſe bebenden Händen. Endlich, als ſie eben im Begriff war, ihre Abneigung oder Befangenheit zu beſiegen, trat Frau Hedwig zu den Nähterinnen ein. Nun, Marie, ſagte ſie, willſt Du nicht den Vater begrüßen gehen, Kind! Aber ich bin traurig, Du mußt es mir an⸗ ſehen. Denk, der Goni iſt nicht mit dem Aeti kom⸗ men. Sie haben ihn abermals weiter verſchickt in Bern. Nach Thun und in's Frutiger Land, ſo ich meinen Herrn recht verſtanden. Nun iſt die Gaſt⸗ ſtube vergeblich ſo traulich bereitet, das Bettlein ſo rein und weiß— mein Sohn ſchläft heut nicht darin; wer weiß, auf welchem harten Lager in dieſer Nacht er die Ruhe ſuchen muß, die ihn im Vater⸗ — 97 haus ſo wohl geworden wäre. Ja, Marie, ſo geht es uns armen Erdenkindern mit unſeren Hoff⸗ nungen— ich hatte ſo feſt darauf gerechnet, meines Egons Antlitz heut' noch zu küſſen— wer weiß, wann es nun geſchehen wird. Wie? rief Marie mit erleichtertem Herzen und ſtrebte vergebens ihre Freude zu verbergen. Er kommt alſo nicht— er iſt nicht hier— nicht mit dem Oheim eingeritten in's Schloß?— Nein— nein, wie ich Dir ſage— Marie athmete auf, und unwillkürlich machte der Purpur auf ihren Wangen einer ſanfteren Röthe Platz; ſie konnte nicht verhindern, daß ihr Antlitz allmälig den Ausdruck von Heiterkeit und Beru— higung annahm; der Baſe entging dieß nicht, und ſie ſagte: Es ſcheint, als ob wir uns heut' nicht verſtehen ſollten, Marie. Du frohlockſt offenbar über das, was mich traurig macht— und das ganze Haus— ſieh die Knaben an, ſieh Girtli, Alle hängen die Köpfe— nur Du— vielleicht auch Kunibert, der den Berg aufwärts, wo wir Uebrigen im Leid der getäuſchten Erwartung ſtilll waren und nicht viel redeten, ſich äußerſt munter und geſprächig zeigte— ſollte es wahr, ſollte es möglich ſein, daß Ihr uns die Freude mißgönnt v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 7 . 98 oder meinem Sohn abgeneigt wäret— fürwahr— faſt ſollt' ich es glauben. Doch nähme es mich Wunder, theuere Baſe— Nicht doch— rief das Fräulein und umſchlang demüthig und zärtlich die Amtmännin— wer möchte Euch eine Freude mißgönnen, die Ihr ſo mild, ſo gütig ſeid— fordert's, und ich ſterbe für Euch— Solches zu fordern, wird mir hoffentlich nie in den Sinn kommen, und keine Noth wird mich dazu zwingen. Verzeiht, Marie, wenn ich Euch Unrecht that. Ich vergaß einmal wieder, daß Ihr und der Rüſtmeiſter Brautleute ſeid, und die Launen ſolcher Leutchen ſind oft wunderlich, man weiß es ja. Laßt es ungeſprochen ſein, wenn ich Euch kränkte, und folgt mir zum Gaden, wo der Oheim ſeinen Im⸗ biß nimmt! Allein ſitzt er am Tiſch, der für Zwei gedeckt war! Recht betrübt! Iſt's nicht ſo, Bäsli? Beide gingen dann in den Gaden oder die Wohn⸗ ſtube und leiſteten dem Amtmann Geſellſchaft; auch Kunibert kam dazu, und unter mancherlei fröhlichem und ernſtem Geſpräch, in welchem dem Haus- herrn über Alles, was ſich während ſeiner Ab⸗ weſenheit zugetragen hatte in und um Schloß Oltingen, Bericht abgeſtattet wurde, entſchwand die Zeit des Mahls. Nach dem Eſſen wurden 99 die Kinder zu Bett geſchickt, die Frauen gingen nach häuslichen Verrichtungen, und Herr von Stein blieb mit dem Rüſtmeiſter allein, der ſich auch ent⸗ fernen wollte, aber von Jenem zurückgehalten ward. Bleibt noch, Kunibert, ſagte der Amtmann, ich habe Verſchiedenes mit Euch zu reden und ſehe es nicht ungern, daß wir allein ſind. Zuvörderſt wie geht es mit Euch und Eurer Liebſchaft, Herr auf der Mauer? Mir ſcheint Fräulein Marie, meine Baſe, nicht ſo munter, als es von einer glücklichen Braut erwartet werden dürfte. Ihre Antworten ſelbſt auf Euere Fragen waren einſilbig, und ein gewiſſer trüber Ernſt lag darin. Pah! pah! entgegnete der Rüſtmeiſter zuver⸗ ſichtlich, Weiberlaunen, edler Herr, nichts weiter, die Beßten ſind nicht frei davon. Ei, wie ſcharf⸗ ſichtig Ihr doch ſeid, Solches bemerkt zu haben! Ganz recht; ſchon ein paar Mal hielt ich ihr dieſe Launen vor und ſchmollte auch wohl d'rum, aber was will man zuletzt machen? Uebrigens ſind ſie ſelten bei meiner Braut, und nur heut' Abend tra⸗ ten ſie abſonderlich heraus— wohl gegen ihren Willen, denn ſie kämpfte damit, wie mir nicht ent⸗ gangen iſt, und ſuchte ihrer Herr zu werden. Sonſt iſt Marie ein Engel— Ihr wißt es ja, lieber Herr. 7* 1⁰⁰ Ja, eine treffliche Maid war ſie immer, voll Sanftmuth, Pflichttreue und Liebe. Nun, ſie wird eine ebenſo wackere Hauswirthin werden— der Himmel ſegne ſie und Euch. Von etwas Anderem, Kunibert, wir haben noch Wichtiges zu verhandeln. Wie es mit dem Kriege gegen Savoyen und Egon's Sendung in's Frutiger Land zuſammenhängt, wißt Ihr nun; wir ſprachen darüber viel unter Tiſch; einen Umſtand aber hielt ich zurück, um die Weiber nicht zu bennruhigen. Es iſt Zeit, wenn ſie mor⸗ gen davon hören. Der Rath hat beſtimmt, daß die von den Saner Landleuten zu Oeſch gemachten Gefangenen auf einer ihm gehörigen ſicheren Veſte verwahrt werden. Blankenburg ober'm Simmen⸗ thal kam dazu in Vorſchlag, aber zu nahe am Kriegsſchauplatz liegt jenes Schloß, man wählte daher Oltingen, und ſo werden wir in Kurzem Gäſte bekommen, das heißt Einwohner für den Thurm und die feſten Gemächer. Sind dieſe in baulichem und ſonſt gutem Stande? Das ſchlägt in Euer Amt, Herr Rüſtmeiſter. Ich denke doch und werde gleich morgen— Wann ſind die Gefangenen zu erwarten? kommen ſie ſo ſchnell? Nicht doch. Rathet, wer ſie bringen wird? 101 Egon, der den Befehl empfing, nach Vollziehung ſeiner Aufträge im Thuner Gau und dem Frutiger Land gen Sanen zu reiten und jene Männer hier⸗ her zu führen. Der Himmel gebe, daß er es mit Umſicht thue! Es iſt in dieſem Augenblick, wo Fehde und Krieg in jenen Thälern auszubrechen im Begriff ſind oder auch bereits zum Ausbruch kamen, ge⸗ rade kein leichtes Geſchäft, das man dem jungen Menſchen anvertraut hat, doch ein ehrender Be⸗ weis des Zutrauens, welches man ihm ſchenkt. Mehre Junker und Ritter waren im Vorſchlag für den Ritt nach Sanen; ſo auch der Aarburger, die Wahl fiel aber auf meinen Sohn. Ei ſeht doch! ſagte Kunibert mit einem etwas falſchen Blicke. Ich will Euch ſagen warum— fuhr der Amt⸗ mann zutraulich fort— nicht ſeines Verdienſtes wegen; denn obgleich ich zugebe, daß Egon ein wackerer und guter Junge iſt, ſo überſchätze ich ihn darum doch nicht. Er iſt nicht beſſer als Andere, wenn ich auch damit nicht ſagen will, er wäre nicht beſ⸗ ſer als mein liederlicher Vetter Donat, der ſein ſchönes Vatererbe verpraßt hat— aber Egon hat einen mächtigen Gönner im hohen Rath. Das iſt der alte Furter, der Geheimſchreiber, ein Fuchs 1⁰² an Schlauheit— deſſen Gunſt hat er ſich auf der wälſchen Reiſe erworben— Aber Herr Furter iſt ja, warf der Rüſtmeiſter ein, Ritter Donat's Oheim und ihm näher ver⸗ wandt als Cuerem Sohn— mich nimmt's daher Wunder, daß er nicht Jenem den Auftrag zuwandte. Dennoch geſchah es nicht, ſagte Herr Wilibald. Donat aber, heißt es, wolle auf eigene Hand in die Fehde ziehen mit ſeinem Schatten, dem Schur⸗ ken Pottinger. Nun, er thue es, wenn er es kann. Es ſind übrigens deren Mehre, die daſſelbe Ge⸗ lüſte haben, und wenn ich Euch, Kunibert, nicht— in Hinblick auf den Zuſpruch, der uns bevorſteht,— nothwendig auf Oltingen brauchte, ſo würde ich Euch rathen, ſelbſt Euch beim Rath zu melden oder die⸗ ſem oder jenem Heerhaufen, der gegen Greyerz zieht, Euch anzuſchließen; zweifelsohne wuͤrdet Ihr Euch tapfer halten und durch Kriegsthaten Eue⸗ rem Anſehn vor den Leuten nicht wenig nützen. Doch, wie geſagt, ich kann Euerer in den jetzigen Umſtänden nicht miſſen, und Ihr müßt Euch ſchon gefallen laſſen, Kunibert, ſetzte der Amtmann mit jenem Lächeln hinzu, das ihm ſo gut ſtand und der Ausdruck freundlichen Wohlwollens war, Ihr müßt Euch ſchon gefallen laſſen, mein lieber Pflege⸗ 6 4⁰³ ſohn, anſtatt in den rauhen Krieg zu ziehen, wo Wunden und Tod zu holen ſind, auf Oltingen zu bleiben und Hochzeit zu machen. Recht gern, entgegnete der Rüſtmeiſter und ſchlug ein Schnippchen. Mögen ſie ſich dort ohne mich raufen; nur wenig beneide ich ſie um die Beute, die ſie mit heimbringen werden, und was mein Anſehn betrifft— pah— ich bin ſo adelig wie ſie Alle— mein Vater gehörte dem Kyburger Grafengeſchlecht, und ſeit ich auf der Mauer heiße— wer darf— wer wagt— Still doch, ſtill doch, mein Sohn— Die Naſe zu rümpfen oder wegzurücken, wenn ich Platz nehme am Tiſche? Niemand thut das mehr. Nicht gleich ſo wüſt, Ku⸗ nibert— ich meinte es gut, ſagte der Amtmann und reichte ihm die Hand. Und jetzt noch Eines— das Geldeapitel, das Schwierigſte und Schwerſte. Wie lang iſt's noch bis zum erſten des künftigen Monats? Ach nur noch anderthalb Wochen. An dieſem Tage aber iſt der Termin, wo die Nachſicht meines Gläu⸗ bigers rückſichtlich der ererbten Schuld aufhört und, tilge ich ſie nicht, ſein Lombardenrecht in Kraft tritt. Wovon aber ſie tilgen? Meiner Väter Haus und Hof in Emmenthal trat ich ihm bereits 1⁰⁴ ab— mir iſt nichts mehr von liegenden Gründen geblieben. Vergebens that ich mich in Bern nach Hülfe um; einige weitausſehende Verſprechungen waren das Einzige, was ich von dortigen Geldmän⸗ nern erhielt. Nun, Kunibert, ruht meine Hoffnung noch in Euch. Waret Ihr in Solothurn und was ſagte der reiche Schlothauer daſelbſt, an den ich Euch ſandte? Als Ihr mir den Auftrag an ihn gabt und ich ihn annahm, vergaßen wir Beide die Meſſe in Augsburg und Frankfurt, im Reich— dort iſt Herr Schlothauer. Ich traf ihn nicht daheim. Nicht daheim? Das iſt ein Unglück— er hätte vielleicht— wir kennen uns ſeit lange— bei kei⸗ nem anderen Wechſelmann waret Ihr in Ermang⸗ elung ſeiner? Nein, Herr, nur an ihn lautete mein Auftrag, und die Uebrigen ſind unbedeutende Krämer. So bin ich in großer Bedrängniß! ſeufzte der Amtmann. Herr Schilling ſelbſt iſt auf der Reiſe, doch bereits auf dem Heimweg begriffen; mein Sohn traf in Genf mit ihm zuſammen, wie er er⸗ zählte. Was beginn' ich? Geht zu Bett, Kuni⸗ bert, und laßt mich nachdenken. 1 —— Er ſenkte das Haupt ſorgenvoll in die Hand und gab dem Rüſtmeiſter ein Zeichen der Entlaſſ⸗ ung, worauf dieſer ging. Kunibert war ein junger Mann von wenig über dreißig Jahre, mittleren und kräftigen Wuchſes und mit ſtark bebartetem Antlitz. Die Farbe ſeines Backen⸗ und Kinnbartes ſpielte etwas in's Röthliche, und ſein Hals war ſehr kurz, zwei Umſtände, die vielleicht dem ange⸗ nehmen Eindruck ſeiner Perſönlichkeit etwas Weni⸗ ges ſchadeten, aber durch andere Vorzüge weit über⸗ wogen wurden. Sein aufgewecktes Weſen, ſeine Munterkeit, die Kraft und Stärke, die er zeigte, wo es galt, ſeine Anhänglichkeit und Treue für den Amtmann und deſſen ganzes Haus waren Eigenſchaften, die ihm zum Lobe gereichten, wenn gleich die letztere nur als eine natürliche Folge der Dankbarkeit fur zahlloſe Wohlthaten, deren er ſeit einer Reihe von Jahren genoſſen hatte und noch genoß, betrachtet werden konnte. Das Gegen⸗ theil würde eine gewiſſe Verwahrloſung des Ge⸗ müthes, Verwilderung des Herzens kundgegeben haben; Kunibert's Natur war aber nicht bös, und zeigte er mitunter heftige Leidenſchaften, geringe Selbſtbeherrſchung, Eigenſinn und ähnliche Mängel, in ſeinem ſonſt lobenswerthen Betragen, ſo war 1⁰⁶ man ſehr geneigt, dieſe auf Rechnung ſeiner eigen⸗ thümlichen Lebensverhältniſſe und ſeiner Jugend zu ſchreiben, wie er denn überhaupt in ſeinem Wohl⸗ thäter und deſſen Gemahlin von jeher nachſichts⸗ vollere Beurtheiler gefunden hatte, als ſeinem Heil vielleicht gut geweſen war. Nicht ganz ſo nach⸗ ſichtig war man in der Stadt während ſeines kurzen Aufenthaltes daſelbſt gegen ihn geweſen, was eine Haupturſache der geringen Dauer dieſes Aufenthaltes und der Abneigung ward, die Kuni⸗ bert auf der Mauer ſeitdem gegen Bern und ſeine ritterliche Jugend im Herzen trug. Am folgenden Tage machte Herr Wilibald von Stein ſeine Gattin mit dem ganzen Umfang von ihres Sohnes Aufträgen bekannt, dann nahm er, vom Rüſtmeiſter geführt, des Schloſſes Räume und das Innere der entlegenſten Thürme in Augen⸗ ſchein, gab Befehle über ihre zweckmäßige Ein⸗ richtung behufs der Bewohner, die ſie erwarteten, und ließ zuletzt ſatteln, um abermals eine Reiſe zu unternehmen, nach Neuenburg nämlich, wo er den alten Grafen von Valendis, einen reichen Herrn, der in früherer Zeit ſein Gönner und Freund geweſen, um Hülfe in der Geldbedrängniß, die ihm von Luzern her drohte, anſprechen wollte. Er hätte ſolches 1⁰7 läͤngſt thun können, aber immer ſchämte er ſich da⸗ vor. Denn unter allen Demüthigungen, die ein edler Mann erleben mag, iſt die, einen Reichen um Geldhülfe angehen zu müſſen, eine der ſchmerzlich⸗ ſten und verletzendſten. Viertes Kapitel. Das Mündel von Greyerz. Wenngleich bei dem„Putſch“ von Oeſch— ſo nannten die Landleute der Sane-⸗Gegenden den durch ihr Zuvorkommen und ihre Tapferkeit miß⸗ lungenen Anſchlag der Herrſchaft von Greyerz auf ihre Rechte und Freiheiten— der Sieg auf ihrer Seite geblieben war und ſie eine nicht unbeträcht⸗ liche Zahl von Gefangenen gemacht hatten, die einſtweilen, bis ein beſſerer Platz dazu ausgemittelt ſein würde, in der feſten Kirche des Dorfes Etivaz aufbewahrt wurden, ſo hatten doch auch die gräf⸗ lichen Reiter während des blutigen Gedränges auf dem Jahrmarkt und während ihres Zurückweichens vor dem unerwarteten und heftigen Andrang einer erzürnten Volksmaſſe mehre von den Landleuten, meiſt Unſchuldige, Wehrloſe, ergriffen, mit ſich fort⸗ geriſſen in ihrer Flucht und ſo auch Gefangene ge⸗ macht. In den Verließen der hohen Grafenburg — 109 Greyerz oder Gruyeres ſchmachteten dieſe, und die Herren, in deren Gewalt ſie gerathen waren, ließen, ihren weitgekannten Eigenthümlichkeiten nach, nicht eben das Beßte für ſie hoffen. Es war der Rit⸗ terſaal der Burg, in welchem wenige Tage nach den erzählten Vorgängen in Oltingen mehre Männer beim Pokal ſaßen, Ritter und Mönche; Diener gingen ab und zu und beſetzten die Tafel mit immer neu gefüllten ſilbernen Kannen und Krügen; alle Geräthſchaft und was ſonſt im Saal zu ſchauen war trug den Stempel des Reich⸗ thums, des Ueberfluſſes, der Pracht. Und daß man dieſes Ueberfluſſes zu genießen wiſſe, zeigten die Trinkenden an der Fülle des Maßes, welches ſie zu ſich nahmen, an dem Körperumfang Einiger und an der, des Herrenthums gewohnten Art und Weiſe, die ſie in Erſcheinung, Wort und Beweg⸗ ung kund gaben. Der Einzige in dieſem Zecher⸗ kreiſe, der weniger hierher zu paſſen ſchien, war ein etwa zwölfjähriger Knabe, der zur Seite eines Mönchs ſeinen Platz hatte und ſich verſchüchtert und furchtſam an dieſen ſchmiegte, wenn die Män⸗ ner ſehr laut wurden in ihrem Geſpräche; von Zeit zu Zeit ſchlüpfte er durch den Saal mit ſeiner ſchmiegſamen und leichten Geſtalt; er war ſchön, 44⁰ wohl gekleidet, doch bleichen Antlitzes, dem die Fuͤlle und Blüthe ſeines Alters fehlte. Es geſchah durch Zufall, daß er einem Ritter bei ſeinem geräuſch⸗ loſen und ſchüchternen Hin⸗ und Hereilen zu nahe kam und ſie aneinander ſtießen; der Knabe fiel und— war es, daß ſeine Hände des Ritters große Sporen dabei ſtreiften, oder daß dieſer ihn unverſehens ver⸗ letzte, vielleicht ſogar trat— er gab einen erſtickten Schmerzenslaut von ſich und wand ſich, von Blut triefend, am Boden. Diable! rief der Ritter,— die hier gangbare Sprache war die franzöſiſche— wer kriecht mir zwiſchen die Füße? Seid Ihr es, junger Menſch? Vorgeſehen, Freund! Warum bleibſt Du nicht an der Seite Deines Lehrers, wo⸗ hin Du gehörſt? That ich Dir weh? Meiner Treu, es war nicht meine Abſicht; aber nun ſtehe auf und laß das Plärren und die Jammermiene, mit der Du mich anſchaueſt. Du weißt, ich kann das nicht leiden. Caplan, wo ſeid Ihr? bringt ihn weg. Zu Bett' mit ihm. Er weilte ſchon zu lange im Saale. Gleich— gleich, erwiderte der Mönch mit einem theilnahmloſen Blick auf den hingeworfenen Knaben, ſogleich zu Euerem Befehl, Ritter; nur dieß Glas will ich noch leeren. 111 Ihr konnt das auch ſpäter thun. Entfernt den weinenden Wurm, oder ich vergreife mich an ihm.. Der Caplan erhob ſich ſchwerfällig, that noch einen Zug aus dem vor ihm ſtehenden Pokal und ging dann langſam zu dem Niedergeworfenen, der aber ſeine Annäherung nicht abwartete, ſondern wieder auf ſeinen Füßen ſtand, bevor dieſe erfolgte; er weinte auch nicht mehr, obwohl Thränen in ſeinen langen Wimpern hingen, und barg die blu⸗ tende Hand in ſeiner Bruſt. So ließ er den um— fangreichen Pater herankommen, deſſen fettes An⸗ tlitz nicht eben Huld und Zufriedenheit mit dem Zögling verkündete. Schämt Euch, Thibaut! ſagte er, ſich ſo zu gehaben um Nichts— Ihr macht Euch lächerlich vor den Junkern— ſchämt, ſchämt Euch. Guter Vater, erwiderte der Knabe mit einem Ausdruck von Leiden, ſcharf ſind des Ritters Spo⸗ ren— ſehr ſcharf— ſie haben mir die Hand zer⸗ riſſen— es ſchmerzt— erlaubt wenigſtens, daß ich ſie in Waſſer tauche— Verzaͤrteltes Kind! Man wird Euch einſper⸗ ren in das Kaminloch, ſo Ihr noch einen Laut ſagt— Marſch! 412 Der Verwundete biß die Lippen zuſammen und wandte ſich der Thür zu, aus welcher er ver⸗ ſchwand, von dem Caplan gefolgt; manche unter den Dienern ſahen ihm mitleidig nach, doch nur heimlich, damit es nicht etwa der gebietende Herr bemerke, und zeigten ſich, von dieſem Beiſpiele ſeiner Strenge nur zu größerem Eifer in ihrem Dienſte angefeuert. Während Jene fortgingen, hatte der Gebieter eine Meldung empfangen, welche die Leb⸗ haftigkeit des Geſprächs einen Augenblick unter⸗ brach, dann aber zu verdoppeln ſchien; man redete und ſtritt mit größerer oder geringerer Erhebung der Stimmen durcheinander, bis plötzlich wieder eine Pauſe entſtand und Aller Blicke ſich nach einer der Flügelthüren richteten, durch welche ein fremder Mann, vom Burgvogt geleitet, in den Saal trat. Es war eine unterſetzte, mehr kleine als große und in den Schultern etwas verwachſene Geſtalt, die ſich unter lautem Zuruf der Verſam⸗ melten zeigte. Ah maitre Etienne! hieß es, biſt Du es? Kamſt Du! Sei willkommen, Meiſter, es lebe der Meiſter Stephan von Lauſanne! Joinville! Mit Deiner Erlaubniß. Ich ſende ihm dieſen Becher, ſagte einer der Ritter. Nicht doch, Freund Armand— er wird draußen 113 gelabt werden. Daß er in unſerer Gegenwart trinke, will ſich denn doch nicht ſchicken. Aber reden wollen wir mit ihm. Ich habe ihm den Eintritt geſtattet. Komm' näher, Etienne! Der Buckelige gehorchte beſcheiden, doch mit einer Art von Zuverſicht. Wann verließeſt Du Lauſanne? Geſtern Abend kam Euer Bote, Ritter, und heut' früh machte ich mich auf zu Cuerem Befehle. Ich lobe Deine Pünktlichkeit. Es gab eben nichts Anderes zu thun, gnädiger Herr, ich hatte keine Aufträge weiter. Außerdem hättet Ihr warten müſſen, ein ſo werther Kunde Ihr mir ſeid. Grober Geſell! Deine Sitten werden ſich ſo wenig jemals glätten wie Dein Buckel, ſagte Rit⸗ ter Joinville mit Lachen. Ein allgemeines Gelächter ging um die Tafelrunde. Entſchuldigt meine Dreiſtigkeit, gnädiger Herr— Ja doch, Meiſter Kopfab! Sei Deine Zunge plump, wenn nur Dein Schwert ſcharf iſt. Hof⸗ fentlich haſt Du Dein beßtes mitgebracht? Es fin⸗ det zu thun morgen. Eine ziemliche Ernte wird es halten. Wo aber ſind Deine Knechte— biſt Du allein gekommen? v. Heerin gen, der Kaufmann von Luzern. I. 8 114 Nicht doch, gnädiger Herr, ſie ſind unten. Sind es wackere und geübte Burſchen? Auch wohlbekannt mit der Folter? Verlaßt Euch auf mich. Es wird morgen allerlei Arbeit geben. Gehört wirſt Du haben, Alter, von der ſchändlichen Re⸗ bellion in meinem Marktflecken Oeſch, und wie das Landvolk dort wagte, ſich meinen Reiſigen zu wi⸗ derſetzen, ja ſie anzugreifen. Ein ſolches Vergehen kann nicht ſtreng genug beſtraft werden. Ein war⸗ nendes Exempel thut noth. Die, welche mit den Waffen in der Hand aufgegriffen und gefangen wurden, ſollen ſterben— Andere, minder Schuldige, mögen mit dem Leben davonkommen— obgleich ich thöricht bin mit dieſer Milde, denn kein Rebell ver⸗ dient Gnade. J nun, Herr Ritter— lächelte der Meiſter von Lauſanne, und aus ſeinen grauen Augen ſprühte es hervor wie Funken— Ihr könnt ja noch im⸗ mer, wenn es Euch gut däucht— Freilich iſt ein Umſtand dabei zu erwägen— ich kenne die Sache— ich weiß, wie die Commerzien hier ſtehen— man ſpricht von nichts Anderem in unſerer Stadt— Nun, Etienne, was meinſt Du, welcher Um⸗ 115 ſtand? Rede frei, alter Satan, dem die Mordluſt aus den Augen blitzt— Ihr beliebt zu ſcherzen, gnädiger Herr— Der Umſtand iſt der: Nicht Ihr allein machtet in Oeſch Gefangene, ſondern die Rebellen auch, und man ſagt, dieſe in größerer Zahl;— wenn ſie nun, ge⸗ ſtützt auf Bern, deſſen Hülfe ſie ſchleunigſt nach— geſucht haben— Dieſe Berner— dieſe Beſchützer jeder Empör⸗ ung— Gott vernichte ſie, zürnte Joinville. Gut, aber wenn es nun den Landleuten bei⸗ käme, Herr Ritter, ihren Gefangenen in Etivaz zu thun— etwa wie Ihr den Eurigen— wenn ſie deren Schickſal erfahren? Ein Schweigen entſtand bei dieſer Frage des Scharfrichters. Nur ein unverſtändliches Summen lief durch die Verſammlung, Aller Blicke ſuchten den Boden. Schweig!! rief endlich einer der Rit⸗ ter, der zur Rechten des Herrn Sitzende, ſchweig', Du Nachteule, alter, heiſer, krächzender Rabe, und thue, was Deines Amtes iſt. Recht gern— zu Euerem hohen Befehl, Rit⸗ ter von Corbière— ich meinte nur— Du haſt nichts zu meinen, ſondern nur zu ge⸗ horchen. 8* 116 Laß' ihn doch, Horace, ſeine Bemerkung hat Grund, und wir haben ja ſelbſt dieſen Gegenſtand hin und her erwogen. Aber, Etienne, höre mich— ſie werden nicht; ſo weit wird ihre Vermeſſenheit nicht gehen, und wäre es— nun gut— ich opfere die paar Leute— ja, hier ſchwöre ich's— meinen letzten Mann opfere ich auf, wenn es ſein muß, ehe ich des Herrenrechtes entſage, Rebellen zu ſtrafen, der Wolluſt, das Blut dieſer Verworfenen auf meinem Hofe ſtrömen zu ſehen. Nein— und wenn die Welt zu Grunde ginge— es muß fließen— röthen die weißen Quaderſteine dieſer Grafenburg— ich bin hier, die Rechte des Beſitzes aufrecht zu er⸗ halten, und ſo Gott hilft, ich will es! Geh', Eti⸗ enne, laß Dich bedienen, Küche und Keller ſind zu Deinem Dienſt, aber morgen, wenn Du nicht friſch biſt und zu feig in Deinem Amte, laß ich Dich ſelbſt an den Querbalken des Thorweges hängen oder Deinen Kopf aus ſeinen ſchiefen Schultern heben, mittelſt Deines eigenen Schwertes, oder Dich hin⸗ abſtürzen über die Bruſtwehr des Altans, ſo daß Dein Hirn den Fels tränken ſoll— verſtehſt Du mich? Ihr ſprecht deutlich, Herr von Joinville, ich bedarf keines Dolmetſchers, ſagte Meiſter Etienne 117 mit leiſem Lächeln. Darauf zog er ſich zuruͤck und fand in einem unteren Gemache, abgeſondert von der Dienerſchaft des Schloſſes, die ihm ſcheu aus⸗ wich, für ſich und ſeine Knechte ein reichliches, faſt fürſtliches Mahl und das Nachtlager ſo weich und üppig, als wäre es für einen Grafenſohn bereitet. Erſt ſpät in der Nacht gingen die ritterlichen Gäſte zur Ruhe. In ſeinem einfachen Kämmerlein aber, auf ziem⸗ lich hartem Lager durchwachte die erſten Stunden der Nacht der junge Thibaut unter Thränen und Schmerzen. Die wunde Hand, deren ſich keine hülfreiche Pflege angenommen, that ihm gar weh, faſt mehr aber noch die rohe, ſpottende Behand⸗ lung, die er von Seiten des Ritters erfahren hatte, der hier unumſchränkt gebot und vor nicht langer Zeit— Thibaut konnte ſich ihrer ſogar noch er— innern— nur einer der Dienſtmannen der Burg, einer der Vaſallen des Grafenhauſes geweſen war, wie Corbieère, Eſtavayer, Moleſton und Andere, die heut im Saale zum Gelag verſammelt waren, und über welche Joinville jetzt ſo ſehr erhöht ſchien, daß er ihnen auch gebot, wie Allem und Jedem in Gruyeres und ſeinen Umgebungen. End⸗ lich ſiegte die Knabennatur über den Schmerz und 418 Gram— immer milder fühlte Thibaut das Bren⸗ nen ſeiner Wunden, immer weniger vernahm er das ſtarke Schnieben und Schnarchen ſeines Leh⸗ rers, des Caplans, der im Nebengemach ſchlief, und deſſen Schlummer, von der Fülle der Abendmahlzeit und des genoſſenen Weines beunruhigt, ſo laut war, wie der eines ſchnaufenden Stieres; ſeine langbe⸗ wimperten, ihränennaſſen Augen ſchloſſen ſich in ſchönem Frieden, und er ſchlief tief und feſt ein. Vielleicht würde dieſer Schlaf länger gedauert ha⸗ ben, wäre der jugendliche Schläfer nicht aufgeweckt worden. Ihm war es, als ächze und ſtöhne etwas neben ihm, dicht an ſeinem Ohre, als werde er von einer fremden Hand berührt und aus dem Reiche holder Träume, die ihn mit ſchönen Bildern der Vergangenheit umgaben, zurückgeriſſen in die weniger freundliche Wirklichkeit. Thibaut fuhr auf von ſeinem Lager und richtete ſich empor, der Tag dämmerte bereits, doch war es noch eine ſeiner frü⸗ heſten Stunden und das Licht, welches mit der Nacht kämpfte, noch unſicher und matt. Da erhob ſich eine flehende, wehmüthige Stimme zu den Füßen des Knaben und flüſterte: Lieber, theurer Junker, verzeiht doch, ich bin es; die arme Mar⸗ got von Oeſch, die immer die erſten Maiblumen 119 heraufträgt in's Schloß und ſie Euch bringt, iſt es, die zu Eueren Füßen liegt und Euer Erbarmen anfleht. Durch Nicole's, des Küchenjungen, Gunſt bin ich bis in Euer Schlafgemach gedrungen. Da liege ich zu Eueren Füßen, Gnade, Gnade! für meinen alten Vater, der morgen ſterben ſoll mit den Anderen.— Meiſter Etienne von Lauſanne, ſagt man, iſt ſchon im Schloß— vorn im Hofe ſollen ſie Alle bluten— Gnad baut— duldet es nicht! Das Mädchen, welches vor dem B beiden Kiniern lag, hatte hidaußi wun beſtrebte, ſie ihr zu entgen Laß ſagte er, ja, ich kenne Dich, Du biſt die meiner Amme, die vor drei Jahren ſtarb, der gu⸗ ten Frau Alicon— ja doch, ich kenne Dich— aber was willſt Du— und zu jetziger Stunde? Was ich will? um Eueren Schutz, um Euere Gnade flehen, Junker, ſie wollen, wenn die Sonne aufgeht, meinen Vater köpfen, den alten Jean Pierre Fleuriol— Warum wollen ſie denn das, Margot? Ach— ſo fragt Ihr! Weil er von Euren Rei⸗ ſigen gefangen ward auf dem Jahrmarkt— auf 42⁰ jenem unglückſeligen Markt— mit noch Anderen, 1 fuͤr die auch der Meiſter Etienne gekommen iſt. Dann, ſagte Thibaut, ſie plötzlich verſtehend, ja dann, arme Margot, ich hörte davon— dann be⸗ dauere ich Dich— dann mußt Du Dich an den Ritter von Joinville wenden mit Deiner Bitte. Ich that es ſchon, geſtern Abend thaten wir inen Fußfall vor dem geſtrengen Ritter, Er ſtieß uns mit Hohn zurück. nu ſere Augen nach Euch, unſerem Herrn, und wollte wiſſen, wo Ihr waret, Nie⸗ wollte uns zu Euch führen. Man jagte lich aus dem Schloſſe.— Nur ich verbarg 3 ch am 1 eeren Thor und dann in der Küche unter Nicole's Schutz. Nun habe ich Euch gefun⸗ den, und ich will ſo lange vor Euch knieen und weinen, bis Ihr mein Flehen um Gnade er⸗ hört habt. Laß meine Hand los, Margot, ſie iſt wund— ſieh doch das Blut daran— Die liebe, ſchöne, weiche Hand! Wenn ſie wund iſt, will ich ſie heilen mit meinen Küſſen, ab⸗ waſchen mit meinen Thränen— Gnade für mei⸗ nen Vater, Herr! Ach! Margot, ich bin kern Herr. 121 Ihr ſeid doch des ſeligen Grafen, unſers Ge⸗ bieters, Sohn— Euere Unterthanen ſind wir— wer wäre unſer Herr, wenn nicht Junker Thibaut — der Ritter nicht— nicht der hochwürdige Ca⸗ plan, an deſſen Bett ich vorbei mußte, um zu Euch zu kommen— aber ich ging ſanft, ich ſchlich, daß er mich nicht hörte, auch ſcheint er tief zu ſchlafen — hört nur, wie er ſchnarcht— Ihr ſeid es. Ich muß Dich abweiſen, Margot, ich bin es nicht, ich bin der Letzte in dieſem Schloß.— Geh, Dein Vater muß ſterben, wenn Joinville ſo be⸗ ſchloſſen hat. Margot ſchrie auf. Still, Mädchen— ſtill! Junker Thibaut, von Dir fordere ich meinen Vater— über Dich komme ſein Blut, wenn er ſtirbt— Du biſt unſer Herr— Du allein— Wehe über Dich, wenn Du uns verläſſeſt. Du raſeſt. Margot, ich bin ein Kind. Nein! Man weiß, wie alt Du biſt— dreizehn Jahre wirſt Du zu Michaelis— Du biſt kein Kind mehr. Joinville iſt mein Vormund, und ich bin ihm unterworfen— Leide es nicht— zeige, daß Du nicht mehr 4 22 Kind biſt— fordere das Leben meines Vaters und der anderen Gefangenen von ihm;— erbitte, er⸗ flehe, ertrotze es. Geh, Thibaut, mache Dich des Namens Deiner Väter würdig. Großer Gott, was verlangſt Du, Margot? Es iſt etwas Unmögliches. Joinville iſt fürchterlich, wenn er zürnt. Er zermalmt mich, und ich habe vor ihm keinen Schutz— keinen in der Burg— keinen in den weiten Gauen meiner Grafſchaft— ſieh dieſe Hand, Margot— iſt ſie nicht zerriſſen? — Joinville's ſcharfer Sporn zerriß ſie. Noch mehr— er trat mich mit Füßen— ja, wie ich's mir auch läugnen möchte— er trat mich geſtern Abend mit Füßen.— O, mein Vater! Thibaut barg ſein Antlitz in den Kiſſen. Mar⸗ got drückte ſchluchzend ſeine Hand an ihre Bruſt, an ihre Lippen. O, meine Mutter! rief der bedauernswerthe Erbe. Eine bange Minute verging unter Schwei⸗ gen, bis plötzlich Margot, wie aus ſelbſtvergeſſe⸗ nem Zuſtand, aus einem ſüßen Traume aufſchreckend, abermals einen Schrei ausſtieß, der jeden Anderen erweckt haben würde, als den Schläfer im anſto⸗ ßenden Gemach. Was iſt Dir, Margot? fragie der Knabe erſchreckt. 423 Schon ſehe ich, antwortete die Dirne, wie ſinn⸗ verwirrt vor Angſt, ſchon ſehe ich das gezückte Schwert und meines Vaters bluttriefendes Haupt. — Errettung, Erbarmen!— Wehe uns! Thibaut hatte viele Mühe, ſie zu beruhigen, ihre krampfhafte Angſt, der ſie erlag, zu mindern — er that es mit dem unter Liebkoſungen wieder⸗ holten Verſprechen, Alles thun zu wollen, was in ſeiner Macht ſtehe, um die Gefangenen vor der ihnen drohenden Gefahr zu ſchirmen; daß dieß nur dann geſchehen konnte, wenn es ihm gelang, ſeines Vormundes Strenge zu brechen und deſſen blut⸗ dürſtige Entſchlüſſe wankend zu machen, war klar, und er ſah dieß ein, denn ſein eigener Wille und Be⸗ fehl galt Nichts im Schloß— aber wie an Join⸗ ville kommen, woher den Muth nehmen, an ihn eine Bitte zu richten, da er ſchon die ſchlimmſten Erfahrungen in dieſer Beziehung gemacht hatte und ſein ganzes Herz ſich ſträubte und zitterte bei dem Gedanken, dem Manne ſich als Flehender zu nahen, der ihn geſtern ungereizt niedergeworfen, mit ſeinen Sporen geritzt, mit ſeinen Füßen ge⸗ treten hatte. Einige Secunden lang kämpfte Thi⸗ baut, auf ſeinem Lager ſich wälzend, den ſchmerz⸗ lichſten Kampf, dann aber richtete er ſich plötzlich 12½ auf und ſagte leuchtenden Blickes zu der wimmern⸗ den Margot: Es iſt beſchloſſen, ich gehe zum Rit⸗ ter; ſei ruhig, ich rette Deinen Vater. Er ſoll nicht ſterben, oder ich ſterbe mit ihm. Möglich das, aber— Du haſt Recht, ich werde dreizehn Jahre alt und bin kein Kind mehr. Ich habe Muth b— es iſt nur die erſte Minute, ihm gegenüber, vor der ich mich fürchte— dann mag geſchehen, was da will.— Meine Kleider, Margot. Was wollt Ihr, Junker? Hin, zu Joinville! Jetzt? Worauf ſoll ich warten? ja! Nicht jetzt, das könnte Alles verderben. Ma⸗ dame Guibert, die ſchöne Burgunderin— Mar⸗ got ſtockte— Was iſt mit ihr? fragte der Knabe. b Ihr wißt, Junker, ſie iſt des Ritters Freundin— Ja, und darum nicht die meinige. Ich belei⸗ digte ſie nie, und dennoch verfolgt ſie mich. Nun ſeht— ſie würdet Ihr antreffen bei dem Ritter. Ich weiß, ſie wohnt bei ihm— ſie hat die Gemächer meiner Mutter inne. Ihr würdet ſie ſtören jetzt, was den n 12⁵ ter erzürnen könnte. Wartet noch, bis ſie auf⸗ geſtanden ſind. Ich will warten, ſagte Thibaut, die Wimpern niederſchlagend, mit ſchönem Erröthen. Margot konnte nicht ſatt werden, ihren Athem auf ſeine verwundete Hand zu hauchen, ſie mit ih⸗ ren Thränen zu waſchen. Endlich ging ſie; auf ihren Zehen ſchlich ſie mit wenig erleichtertem Her⸗ zen davon; nur ein matter Hoffnungsſtrahl, dieß verhehlte ſie ſich nicht, war ihr aufgegangen, aber der Verſinkende hält ſich auch an einen Strohhalm feſt. Der Schloßcaplan, Pater Auguſtin aus dem nahen Kloſter Bulle, ſchlief, als Margot an ſei⸗ nem Bett vorüber huſchte, noch ſo tief und feſt, als werde ihn heut nicht ſonderlich die Luſt an⸗ wandeln, zu erwachen. Jenſeit deſſen Thür im Gange lauſchte der Küchenjunge Nicole, Margot's Gönner und Beſchützer, der ſeinen Schützling hier in Empfang nahm und ihn zu irgend einem Ver⸗ ſteck leitete, wo er bleiben konnte. Die Stunden vergingen, und hell und glänzend ſtieg der Morgen über die öſtlichen Cisgebirge herauf. Im Hofe von Gruyéres begann Geſchäftigkeit zu erwachen, aber nicht die gewöhnliche, eine andere, wenngleich nicht minder geräuſchvolle; Etienne und ſeine Knechte trafen da unter Hammerſchlag, Pfeifen und Singen allerlei Vorbereitungen, die auf das Ge⸗ ſchäft hindeuteten, welches ſie heut hier verrichten ſollten.— Da erhoben ſich, links und rechts vom inneren Burgthor, kleine Gerüſte, Pfähle, Leitern, Balken und Wippgalgen; unweit von dem Platze, wo dieß geſchah, noch im Hofraume zeigte ſich die Pforte eines Thurmes, der das Burgverließ über⸗ wölbte, in welchem die durch ein Machtgebot zum Tode verurtheilten Gefangenen ſchmachteten. Zu⸗ weilen öffnete ſich dieſe Pforte, und einer oder mehre von den Mönchen, welche geſtern Abend die Geſellſchaft der Ritter im Saale getheilt hatten, gingen aus und ein; ſie waren in Ausübung des barm⸗ herzigen Auftrages begriffen, die Gefangenen zum Tode zu bereiten. Uebrigens ſollten während der Erecution, damit ſo viel Landvolk als möglich ſie ſehen und ſich dieſe Strafe zum warnenden Bei⸗ ſpiel dienen laſſen möge, die Thore offen, die Zug⸗ brücken niedergelaſſen bleiben, doch waren die Wa⸗ chen auf den Thuͤrmen und Wällen verſtärkt. Nicht daß ein Ueberfall oder Gefahr irgend einer au⸗ deren Art zu beſorgen geweſen wäre, denn Schloß Gruyeres war die größte und beßtbewachte Veſte 127 weit und breit im Land, welche anzugreifen ganz an⸗ dere Kräfte erforderte, als die unzufriedenen und rebelliſchen Landleute der Sanenthäler aufbieten konnten. Ueber den Erfolg ihrer Sendung nach Bern verlautete noch nichts; auf den Sturm von Oeſch war eine Stille von beiden Seiten eingetreten, in welcher man ſich gegenſeitig beobachtete und ſeine Maßregeln traf. Im Stillen oder auch nur im ver⸗ trauten Rath ſeiner nächſten Nachbarn, die zugleich ſeine Dienſtmannen waren, hatte Armand von Join⸗ ville auch die ſeinigen getroffen— ſie gingen dar⸗ auf hinaus, die Aufrührer zu züchtigen; die Befreiung ſeiner Leute aus der Gefangenſchaft, in welche viele gerathen waren, würde ihm zwar auch erfreulich und lieb geweſen ſein und hing gewiſſermaßen mit jener Rache zuſammen, ſie war aber nicht Haupt⸗, ſon⸗ dern nur Nebenzweck; jener hieß Demüthigung der Rebellen, und war dieſe erreicht, wozu er durch Werbung und Aufgebot alle Anſtalten traf, ſo muß⸗ ten ihm die geſtraften Verräther die Freiheit ſeiner Reiſigen ſelbſt in reuevoller Zerknirſchung antragen und ſich glücklich genug ſchätzen, wenn ſie dadurch den kleinſten Anſpruch auf Verzeihung und Gnade gewannen. Nur ein Vorſpiel der verdienten Züchtigung ſollte 128 am heutigen Morgen aufgeführt werden, und beim Frühimbiß ſaßen Joinville und ſeine ritterlichen Gäſte im Saal; auch die Burgunderin war zugegen, ein üppiges, ſogar ſchön zu nennendes Weib; in einem prächtigen Nachtgewand von Spitzen und Seide hatte ſie, etwas abſeit von den Männern, Platz in einem Erker genommen, deſſen Bogenfen⸗ ſter die volle Ausſicht in den Hof gewährten. Ruhig ſchweiften ihre Augen über dieſen hinweg und haf⸗ teten dann wieder mit gleicher Ruhe auf einem klei⸗ nen Hunde, der auf ihrem Schooß ein lüſternes Aſyl gefunden und den ihre marmorweißen Hände bald ſtreichelten, bald mit Zuckerbrot fütterten. Man ſprach von der Thätigkeit unten, von dem Meiſter aus Lauſanne und ſeinen Knechten, von dem Glück oder Unglück im Würfelſpiel am geſtrigen Abend und von der bevorſtehenden Abthuung der Rebellen wie von einer Jagd und ihren Ergötzungen. Der Pa⸗ ter Caplan war noch nicht bei der Frühſtücksgeſell⸗ ſchaft erſchienen, und man vermißte ihn als eine Zielſcheibe ritterlicher Späße und Witze, die, ſo ſcharf ſie zuweilen ausfallen mochten, doch Mühe hatten, durch den Panzer ſeiner Wohlbeleibtheit bis auf den Fleck zu dringen, wo ſie empfunden wurden oder gar ſchmerzten; geſchah ſolches aber ja Vhan 129 erzürnte ſich der heilige Mann, ſo war die Kurz⸗ weil der adeligen Herren um ſo größer. Wo iſt ſeine Hochwürden, der Caplan? fragte der Schloß⸗ herr einen der Diener; geht, ſagt ihm, daß wir verſammelt ſind und ſeinen Wein trinken, ſeine Suppe aber den Jagdhunden vorſetzen werden, wenn er nicht käme. Gnädiger Herr, Seine Hochwürden beliebt noch zu ſchlafen, wie Bertrand verſichert, der an ſeinem Zimmer vorüberging und ſein Schnarchen gehört haben will. So wecke man den Dickbauch. Seine Hochwürden liebt nicht ſonderlich geweckt zu werden. Einer der Gäſte lachte. Er macht ſich und ſeinem Zögling gute Zeit, bemerkte er. Ich wette, daß er ihn nicht allzuviel mit Lernen plagt. Joinville ſtieß gleichfalls ein kurzes Lachen aus. Schweigt mir von dem— ſprach er dann, von Allem will ich hören, nur von ihm nicht— er iſt mein ſchwacher Punkt— Lief er Dir nicht geſtern zwiſchen die Beine, Armand? Ich denke, er wird es ſobald nicht wieder thun. Morbleul ich trat ihn wie einen Hund, aber Sol⸗ v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 9 3 13⁰ ches iſt nöthig— wollt Ihr glauben, daß der Bube einen verborgenen Stolz hat— daß er mich zuweilen anſieht mit Augen, die— die ich nicht leiden kann. Ha, ha— hal er zittert und bebt ja vor Dir! An Deinen Blicken hängt er voll Angſt. Wenn Du die Augenbrauen zuſammenziehſt, ſo iſt der kleine Feigling ſchon verloren. Wie ich Euch ſage, das muß ſein— wenn ich — doch wer wagt es, ſolchen Gegenſtand auf das Tapet zu bringen! Er könnte mich böſe machen. Von etwas Anderem bitte ich— es thut Noth. Schon verfinſterte ſich des furchtbaren Armand Stirn, ſeine dunklen Augenbrauen näherten ſich einander, und zwiſchen ihnen erhob ſich oder ſchwoll an jener Hügel von Stirnhaut, der der Thron des Zornes iſt. Er wird bös, flüſterte Florian Corbière ſeinem Nachbar Eſtavayer zu— nun iſt's Zeit, einzulen⸗ ken— er mag nun einmal von dem Knaben nichts hören. In dieſem Augenblick trat durch eine der ge⸗ öffneten Thüren der, von dem eben die Rede war, und deſſen bloße Erwähnung auf Jonville's Stirn die Zornader hatte anſchwellen laſſen, leiſen und 134 furchtſamen Schrittes in den Saal und näherte ſich dem Tiſche, wo die Ritter ſaßen. Bei ſeinem Anblick ließ die Burgunderin den Hund von ihrem Schooß gleiten. Die Diener konnten ſich in Vor⸗ ahnung des ſchlimmen Empfanges, der dem armen jungen Herrn hier zu Theil werden würde, eines kurzen Aufſchrei's nicht enthalten, obgleich ſie recht wohl wußten, daß jedes Zeichen von Theilnahme für ihn als ein Verbrechen betrachtet wurde und ärger verpönt war, denn Diebſtahl und Mord. Aller Augen ſtarrten nach der unerwarteten Erſcheinung, und endlich mußten die Blicke des Ritters dieſer Richtung folgen; er wandte das Haupt um, da ſtand ſein Mündel, allerdings mit heimlich beben⸗ den Knieen, aber nach Muth und Faſſung ringend; ſeine Wangen, ſeine Lippen ſelbſt waren bleich, er verſuchte zu reden, aber das Wort erſtarb in ſei⸗ nem Munde, und die plötzlich eingetretene Stille im Saal in Mitte ziemlich geräuſchvoller Unter⸗ haltung machte ſeine Lage noch ängſtlicher, die all⸗ gemeine Spannung noch fühlbarer. Was willſt Du? ſchnob endlich der erzürnte Vormund, was willſt Du, Knabe? Etwa noch ei⸗ nen Sporenſtich holen, wenn Du geſtern davon zu wenig empfingſt? Gut, er kann Dir werden. Wie aber, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, magſt Du Dich unterfangen, zu jetziger Stunde und ohne Erlaubniß hierher zu kommen und allein?— wo iſt Dein Lehrer? Er ſoll Dir dafür die ſtrengſte Büßung ertheilen. Ich kam, ſagte nun Thibaut unter kaum ver⸗ hehltem Zittern ſeiner Stimme, ich kam, Ritter Armand— ich kam— für die Verurtheilten, die Gefangenen im Thurm, die in einer Stunde ſter⸗ ben ſollen, mein Fürwort bei Euch einzulegen. Dein Fürwort? rief Joinville mit verächtlichem Lachen, Dein Fürwort, Knabe— Euch um Gnade zu flehen, verbeſſerte ſich Thi⸗ baut und ſank vor dem grimmigen Vormund auf ſeine Knie, indem er die verletzten, nur ſchlecht ver⸗ bundenen Hände— er hatte ſie, in Ermangelung anderer Hülfe, ſelbſt, ſo gut er konnte, verbunden — zu ihm erhob. Dieſe Demuth, dieſe Stellung ſeines Mündels vor ihm in Gegenwart ſo Vieler war Joinville min⸗ der unangenehm, er lehnte ſich in den Seſſel zurück, worin er ſaß, ſchlug ohne Rückſicht auf den Knieen⸗ den ein Bein über das andere, eine Bewegung, wodurch er ihn faſt umgeſtoßen hätte, und nahm dann einen der Pokale vom Tiſch, aus dem er einen . 433 langen und langſamen Zug that.— Moleſton, ſagte er dann zu einem Fernſitzenden gekehrt, fahre doch fort— Du erzählteſt vorhin von der Bärenjagd im Jura, wobei ein Treiber zerriſſen ward, eine ſchreckliche Geſchichte war's, ich bin begierig, das Ende zu hören. Nimm Dir Zeit, mein Junge— erzähle hübſch breit— wir hören Dir gern zu. Ja, wirklich! In der That, ſtammelte der Bä⸗ renſchütz Eſtavayer verlegen— nun, wenn Du ver⸗ langſt, Joinville, aber allerdings— ich dachte— Was dachteſt Du? fragte ihn der Tyrann mit durchbohrendem Blick. Nichts, fürwahr, eigentlich nichts.— Alſo an der Dole war's, dem höchſten Gipfel des Gebirges, wie Ihr wißt, als ich eines Abends, nur von meinen Rüden begleitet— als ich eines Abends— wollte ich ſagen, eines Morgens— nicht doch— Abends— ach— Armand— ich erinnere mich nicht gleich der Tageszeit— überhaupt fällt mir die Geſchichte nicht gleich im Zuſammenhange bei— ich bin plötzlich ſo verwirrt— geſtehen muß ich's und bitten, daß ich ſie morgen erzählen darf. Was kommt dem Schwachkspf an? fragte Join⸗ ville herriſch. Gnade! Gnade! ertönte wieder die leiſe, flehende 13³⁴½ 4 Stimme Thibaut's, Gnade, Gnade, lieber Herr Ar⸗ mand— um Gnade flehe ich für die Verurtheilten. Zum Teufel! rief der Ritter aufſpringend und ſtampfte mit dem Fuße— dieß Ottergezücht noch immer zu meinen Füßen! Jetzt ſpute Dich, Bube, daß Du fortkommſt, oder ich thue, was mich ſpüterr viel⸗ leicht reut— vielleicht auch nicht. Seid mild, ſeid gütig, lieber Herr, Ihr werdet dieß nicht thun. Was habe ich armer, wehrloſer Knabe verbrochen, das Eueren Zorn reizt? Er iſt fürchterlich, ich kenne ihn.— Aber ſei es— vollen⸗ det über mir Eueren Zorn. Dulden will ich Alles ohne Klage und Leid— Euere ſtrenge Hand will ich küſſen, wenn Ihr mich ſtraft— nur Eines ge⸗ währt mir— die erſte Bitte, die ich an Euch zu richten wage: Gnade, Gnade für die Grfangenen! Schweig! donnerte Joinville mit aufgehobener Fauſt. Buſenfreund meines Vaters— dem er ſein un⸗ umſchränktes Vertrauen ſchenkte— Joinville, ſähe mein verklärter Vater mich alſo vor Euch im Staube! Gnade! Der Ritter ließ die ſchon zum Schlage gehobene Hand ſinken, warf den verächtlichſten Blick aus dem Arſenal ſeiner verächtlichen Blicke auf den Knaben, 13⁵ murmelte ein Fluchwort in den Bart und wandte ſich ab. Durch ſein raſches Umwenden und Fortgehen fiel Thi⸗ baut mit ſeinen Armen und Händen zur Erde, raffte ſich aber ſchnell wieder auf, es war, als wüchſe ſein Muth mit der Mißhandlung, die er litt. Er ſah im Kreiſe um ſich, ſein feuchter Blick gleitete über alle die Männer, welche an der Tafel ſaßen, und die theils mit den Augen ihrem Gebieter folgten, theils vor ſich nie⸗ derblickten. Dame Guibert! rief endlich Thibaut und ſtürzte zu dieſer hin, indem er ihre Knie umſchlang, liebe Dame Guibert— helft mir bitten, ſteht mir bei, ſo Ihr mir geneigt ſeid, vergeßt es nur während der Dauer weniger Sekunden und— erbarmt Euch der Angſt meiner Seele. Ihr ſeid ein Weib— die Freundin, die Herrin des Ritters, wie ich höre— geht und verſucht, was Ihr über ihn vermögt. Laßt mich, ſagte die ſtolze Buhlerin und drängte den, ihre Knie umfaſſenden ſchlanken und ſchönen Knaben ſanft von ſich. O, dieſer Platz, wo Ihr da ſitzt, Dame, wie theuer war er mir einſt! Hier ſaß meine Mutter gar oft, mich auf ihrem Schooß haltend, und unten im Hof wimmelte es von Armen, von Preßhaften, die uns ſegneten und laute Gebete für uns an die Heiligen 136 ſchickten, während ſie unten geſpeiſit und getränkt wurden. Ach, ſie ſind wohl noch da, gute Dame? Hört doch das Getöſe— hört doch, wie es ſich rührt und ſummet im Hofe. Seine Stimme verklang horchend— dann aber ſchrie er plötzlich auf: Dame, um Eurer Sünden willen— Gnade. Ihr werdet die Gnade des Him⸗ mels bedürfen, verſchafft mir die Eures Buhlen. Aber ſchon ſaß deſſen Fauſt ihm im Genick, bei dem Kragen ſeines knappen Wamſes riß ihn Join⸗ ville zornig empor, hielt ihn einige Augenblicke ſchwe⸗ bend in der Luft, ſchlug ihn in's Antlitz und ſchmet⸗ terte ihn dann mit aller Kraft ſeines Armes zu Bo⸗ den. Zu jeder anderen Zeit würde eine ſo gewalt⸗ ſame Mißhandlung Thibaut der Beſinnung beraubt, ihn ohnmächtig gemacht haben— jetzt aber fand das Gegentheil ſtatt— alle ſeine Lebensgeiſter ſchienen zu erwachen und in ihm aufzuflammen. Schnell wie der Blitz raffte er ſich auf vom Sturz und ſtand wie⸗ der auf ſeinen Füßen; ſeine Augen leuchteten, Pur⸗ pur färbte ſeine Wangen. Joinville! rief er laut und kräftig, das war meines Vaters Meinung nicht, als er Dich mir zum Vormund ſetzte— im Namen meines Vaters fordere ich Dich auf, mich gütiger zu behandeln. Bin ich nicht Deines Freundes Sohn und Erbe? Iſt nicht dieß, wo ich Schmach er⸗ leide, meiner Väter Schloß? Ritter, die Ihr im Saale ſeid, war mein Vater nicht Euer Lehnsherr? Habe ich, Graf Renigald's Sohn, gar keinen An⸗ ſpruch an Eueren Schutz?— Seht, o ſeht, meine blutenden Hände— Joinville zerriß ſie mit ſei⸗ nen Sporen— ſeht, was ich ſo eben erleide, und ich — bin dieſes Schloſſes Herr— unſers Herrn von Savoyen erſter Vaſall, was mein Vater war. Thibaut konnte nicht weiter reden, zwei Knechte, auf ihres Gebieters Wink leiſe herangetreten und jetzt nur noch ein Zeichen erwartend, welches erfolgte, packten gleichzeitig den Knaben und riſſen ihn nach hin⸗ ten zurück; einer warf ihn über ſeine Schultern, der andere hielt ſeine Arme mit knochigen Händen feſt, wie mit eiſernen Klammern, und ſo bewegte ſich der Zug nach der Saalthür, die in das Innere führte. Vorerſt, befahl Joinville mit einer Stimme, die völ⸗ lig ruhig ſcheinen ſollte, aber vor Ingrimm und Wuth bebte, vorerſt— ha— ha— ha— das un⸗ gezogene Kind!— hinaus in die Pönitenzſtube mit ihm, oben im öſtlichen Thurm— dort mag es die Ruthe bekommen, ſobald ſein Hofmeiſter wach iſt. Weckt ihn auf dem Rückweg. Doch halt! Laßt den Caplan nur ſchlafen— es eilt ja nicht mit der 138 Züchtigung dieſes unartigen Buben— wir haben heut mehr zu thun— einſtweilen mag er bei Waſſer und Brot über ſeine Beſſerung nachdenken— Fort, mir aus den Augen! So ward Thibaut fortgeſchleppt. Margot! ſchrie er noch, indem ſeine Henker über die Thürſchwelle traten, Margot, arme Margot! ich that, was ich konnte— einſt wird mir Recht werden. Keine Gnade für Peter— Gnade! Gnade! hörte man ihn noch von der Wendeltreppe her mit weinender Stimme rufen und flehen— dann verhallte dieſe Stimme, und im Saale herrſchte Todtenſtille, nur unterbrochen von Joinville's ſchwerem Tritt, der, mit ſeinem Zorn käm⸗ pfend, auf⸗ und niederwandelte. Er mußte ſehr zor⸗ nig ſein, denn ſein Antlitz war bleich geworden. Nun, was ſagte ich? hob er endlich an, da Alles fortfuhr im Schweigen— was ſagte ich von ſeinem verborgenen Stolze?— Mehr ſelbſt als das liegt in dem Buben, er weiß— ja, er weiß, wer er iſt, und hat darüber nachgebacht— hat er nicht?— ſprich, Juliette! Die Freundin, an die er ſich mit dieſen Worten wandte, ordnete ihr Gewand, das durch Thibaut's ſtürmiſches Umfangen ihrer Knie etwas gelitten hatte; ſie verzog die Korallenlippen und erwiderte 4139 ſpöttiſch: Der kleine Gimpel— hätte ihm ſo viel Feuer nicht zugetraut. Will nur ſehen, nahm der Bärenjäger aus dem Jura das Wort, will nur ſehen, was für ein Herr das einmal ſein wird, wenn er groß iſt. Joinville handelt weiſe. Strenge thut Knaben gut, und ſie gedeihen ſo beſſer. Mein Burgvogt in Eſtavayer kennt die alten Geſchlechter. Im achtzehnten Jahr, ſprach er noch neulich, als die Rede darauf kam, wer⸗ den unſere hochgeborenen Landesherren, die Grafen von Gruydôres, mündig, und auch der letztverſtorbene Graf trat ſeine Regierung da an. Wie lange hat Junker Thibaut noch bis zu dem Alter? Alter Schwätzer! Noch lange! ſagte Joinville, vor ihm ſtehen bleibend, mit untergeſchlagenen Ar⸗ men. Ja, freilich, wenn es morgen wäre, ſo ginge es Dir an den Kragen, denn Du biſt auch ſein Vaſall — aber tröſte Dich nur, Haſenherz; nicht alle Kna⸗ ben werden groß— die Schaar der Krankheiten und Zufälle iſt Legion, und— im Fall er ſtürbe, nun— man hat in Chambery gute Freunde— und ein Joinville kann auch Graf von Gruyeères werden. Luſtig, Freunde! darauf leert den Becher! Ihr wißt, ich bin Euer guter Kumpan und würde Euch— ein 14⁰ Lehensherr werden— wie Ihr noch keinen gehabt— Stoßt an! Fort die Grillen!— Bald verlor ſich der düſtere Ernſt im Saal eine laute Munterkeit trat an ſeine Stelle; jeder ergriff das Wort, die Pokale klirrten an einander, Scherz⸗ reden und Späße wachten wieder auf, und dazwiſchen erhob ſich hoch vom Schloßſeiger das Geläut einer kleinen Glocke; der Meßglocke, die bei Begräbniſſen oder bei Abhaltung von Seelenmeſſen gezogen zu werden pflegte. Jetzt war ſie beſtimmt, das Zeichen zum Beginn des Strafgerichts zu geben, das ſich auf dem Schloßhofe bereitete, und ihr Klang, anſtatt die Luſtigkeit der Saalgeſellſchaft zu ſtören, ſchien dieſelbe eher zu begeiſtern und zu beflügeln. Man öͤffnete die Fenſter, zu welchen der Strahl einer war⸗ men und ſchönen Herbſtſonne hereindrang. Unten zündeten die fremden Knechte aus Lauſanne ein Feuer an, über welches ein Dreifuß mit eiſernem Tiegel geſtellt ward; in das Feuer ſelbſt aber legten ſie allerhand eiſerne Werkzeuge, um ſie glühend zu machen; Leitern, Marterpfähle, Kolben mit Ketten und Schnuren, Sandhaufen und ähnliche Unheil verkündende Gerüſte, Inſtrumente und Anſtalten zeigten ſich überall in einem Umkreiſe, der mit einer leichten hölzernen Schranke umzogen war, um die 441 Henkersknechte vor Störung bei ihrem Geſchäfte zu ſchützen. Zahlreiche Zuſchauer umgaben dieſes Ge⸗ länder, die jedoch meiſtens zu den Schloßleuten oder den nächſten Häuslern und Umwohnern gehörten; nur wenig Landleute aus den Dörfern oder Einwoh⸗ ner des zu den Füßen der Burg liegenden Städt⸗ chens hatten ſich eingefunden; überall ſtanden be⸗ waffnete Reiſige in Eiſenhaube, Bruſtharniſch und mit gezücktem Schwert. Margot's Geheul ſchallte aus dem Bogengange heraus, zwiſchen deſſen Pfei⸗ lern ſich der Eingang zur herrſchaftlichen Küche be⸗ fand; Nicole hatte Mühe, ſie feſtzuhalten, daß ſie ſich nicht unter die Lanzen und Schwerter der Reiſi⸗ gen ſtürzte und überhaupt keine weiteren Ausſchweif⸗ ungen des Schmerzes beging; mehre Berufsgenoſ⸗ ſen und Kumpane halfen ihm das wilde Landmädchen zügeln. Schon war die äußere Pforte des Gefange⸗ nenthurmes geöffnet, und Meiſter Etienne's nicht lie⸗ benswürdige, aber deſto bedeutungsvollere Geſtalt zeigte ſich, bald niederſteigend zur Tiefe des Verlie⸗ ßes, bald wieder heraufkommend, auf der Schwelle — ſeine Blicke erhoben ſich jetzt zu den Fenſtern des Saales und ſuchten fragend den Schloßherrn, oder den, der ihm als Solcher galt, um von einem Winke ſeiner Hand das Zeichen zum Herausführen der 7 142 Verurtheilten und zum Beginn ſeiner blutigen Thä⸗ tigkeit zu erhalten; Joinville, der ihn bemerkte, war auch gar nicht abgeneigt, es zu geben, und erhob be⸗ reits zur Hälfte die verhängnißvolle Rechte, als der Hornruf des Thurmwarts erklang und er ſie, von dieſem Tone getroffen, der eine allgemeine Aufregung bewirkte, wieder niederſinken ließ. Ein ſolcher Horn⸗ ruf war ſtets das Zeichen einer auffälligen oder unge⸗ wöhnlichen Erſcheinung. Entweder nahten Gäſte dem Schloſſe, die der Thurmwart ſchon von Weitem be⸗ merkte, oder eine Reiterſchaar oder dem Aehnliches, freundlicher oder feindlicher Zuſpruch. Dießmal hatte es bei Erſterem ſein Bewenden, aber war es, daß der Wächter fahrläſſig aufgemerkt hatte, zerſtreut und abgelenkt von ſeiner Pflicht durch die Zurüſtungen im Hofe, die ſeinen Blick mehr anzogen als das, was unten im Thal und jenſeit der Brücken ge⸗ ſchah— genug, eben erſt als ſie um die letzte Stein⸗ mauer des Felſenweges bogen und ihre Roſſe faſt ſchon den Huf des Schloßpflaſters traten, wurden die Nahenden geſehen und durch den üblichen Horn⸗ ſtoß angekündigt. Es waren mehre Reiter, ein oder zwei Herren, wie es ſchien, Knechte die Ande⸗ ren— und obwohl Joinville, der ſie vom Fenſter aus beobachten konnte und ſeinen Burgvogt mit ih⸗ 143 nen reden und unterhandeln ſah, nicht ohne Spann⸗ ung deſſen Meldung erwartete, ſo klärte ſich doch nach den erſten Worten des alten Marcel, als dieſer in den Saal trat, ſein und aller Anderen Antlitz auf. — Wer ſind ſie und was wollen ſie? fragte haſtig der Burgherr; ſah ich recht, ſo war es ein feiſter, fetter Haſe, der mit Dir redete, ſein Nebenmann auf dem langmähnigen Fuchs aber ein feiner junger Ge⸗ ſell von Ritterart— nun— wer ſind ſie? was iſt ihr Begehr? Mach's kurz. Bringen ſie von irgend⸗ wo den Abſagebrief— den von Bern etwa? He! Gnädiger Herr, gab Marcel zurück, fragen will ich zuvörderſt, ob Meiſter Etienne— Er ſtockte. Tod und Teufel! Nun? Anfangen oder warten ſoll? Warten. Der Tag iſt noch lang. Die Frem⸗ den alſo, die Fremden?— Alter Gaudieb— die Fremden?— Beruhigt Euch, gnädiger Herr— ſind nichts als Kaufleute, die um einen Geleitsbrief von uns bitten. Bitten? Und mit klingendem Golde zu löſen erbötig ſind. Ci, ei, das läßt ſich hören! ſagte Joinville. 4⁴⁴ Sie bringen Waaren aus Frankreich und wollen dieſelben nach einem deutſchen Canton führen— nach Luzern, wenn ich recht verſtand. Da nun der Weg dahin, von Lauſanne, wo die Waaren zu Waſ⸗ ſer angekommen ſind, durch unſere Grafſchaft geht, ſo iſt der Eigenthümer, eben der dicke Lombarde, mit dem ich ſprach, auf den ganz vernünftigen Gedan⸗ ken gekommen, bevor er ſich mit ſeinem Gut, das bis jetzt noch im Lauſanner Packhof liegt, auf die Straße begiebt, hierher zu reiten, um von Ew. Gnaden zu erwirken, was er zu ſeiner Sicherheit braucht. Es ſcheint ein ganz umgänglicher Geſell, dieſer Kauf⸗ mann, und unſere Kaſſen könnten ſchon ſein Geld gebrauchen. Das iſt nicht unwahr, Marcel. Laß ihn ein⸗ reiten, abſitzen und führe ihn herauf. Wer iſt der Andere? Ein Franzoſe, denke ich, ein Lyöneſe, des Alten Eidam, ſo ich recht hörte. Der Burſch ſieht aus wie ein Prinz. Meinet⸗ halben. Um ſo mehr ſoll er zahlen. Und Etienne, hörſt Du, Etienne mag einſtweilen verziehen— ich laſſe ihn bitten darum— nur eine Stunde etwa — bis man weiß, weß Geiſtes Kind die Fremden ſind— ſie ſollen ſchnell bedient werden, wenn ſe gut zahlen. Wein und Becher herauf!— Das große Inſiegel der Grafſchaft bereit geſtellt und einige Schreiber aus der Gerichts⸗Canzlei mit ih⸗ rem Handwerkszeug hierher beſchieden! Verſtanden, Marcel? Nun geh'. Der Vogt ging, und im Vergleich zu den frü⸗ heren finſteren Mienen Armand's von Joinville war es ein förmlicher Sonnenſtrahl der Huld zu nen⸗ nen, der ſein Antlitz jetzt zu verklären begann. Er ließ noch verſchiedene kleine Anordnungen durch die Diener treffen, gab Befehle, winkte vom Fen⸗ ſter herab mit gnädiger Miene dem erſtaunten und über die unerwartete Zögerung faſt erzürnten Eti⸗ enne zu, und nicht allzu lange dauerte es, da öff⸗ nete ſich des Saales hohe Flügelthür und Herr Werner Schilling, nebſt Victor Deleſſert, ſeinem künftigen Schwiegerſohn, trat ein. Der Kauf⸗ mann von Luzern ſprach, wie ſchon bemerkt, voll⸗ kommen gut die Sprache Frankreichs und Savoyens, und da er ſich hier noch immer in letzterem Lande — mindeſtens in einer, von Savoyen abhängigen Grafſchaft und unter ſavoyiſchen Rittern befand, ſo hatte er Gelegenheit, dieſe ihm angenehme Fer⸗ tigkeit zu üben, was er denn auch hinlänglich that. Seine Begrüßung des Schloßherrn und der im v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 10 446 Saal Verſammelten war wortreich, demüthig— nach ſeines Schwiegerſohns ſtiller Meinung faſt zu demüthig— und der Empfang, welcher Beiden da⸗ für zu Theil ward, ein— nicht eben freundlicher und wohlwollender, doch herablaſſender und gnädi⸗ ger, wie es zu ſein pflegt zwiſchen dem Bit⸗ tenden, um etwas Nachſuchenden und dem Mäch⸗ tigen, der dieſe Bitte gern gewährt, weil ihre Ge⸗ währung ihm Vortheil verheißt.— Herr Schilling berichtete nach dem erſten Trunk, daß er ge⸗ ſtern in der ſavoyiſchen Stadt zu Schiff von Genf aus angekommen und nun über den ferner mit ſei⸗ ner Ladung einzuſchlagenden Landweg in Zweifel geweſen ſei. Allerdings verlaute die Kunde von Frie⸗ densſtörung zwiſchen Bern und Savoyen, in Folge gewiſſer Vorgänge in der Grafſchaft Gruyéres, und man habe ihm deßhalb von vielen Seiten ge⸗ rathen, ſich nah an die Ufer des Sees von Gran⸗ ſon oder Neufchatel zu halten— er habe auch die⸗ ſen Rath wohl erwogen, es aber vorgezogen, gleich an die rechte Quelle zu gehen, einen Ritt und Um⸗ weg nach Schloß von Gruydres nicht zu ſcheuen und bei dem erlauchten Verweſer der Grafſchaft, dem mächtigen und hochedlen Herrn von Joinville, deſſen Biederkeit, Ritterſinn und Tugend die ganze 147 Welt bewundere und verehre, um Schutz, Protec⸗ tion, Sicherheit für ſich und ſeine Waaren, mit einem Wort, um einen Geleitsbrief mit ſeinem Na⸗ men und Siegel zu flehen. So gab der ſchlaue Kaufmann die Urſache ſeines Kommens an, die eigentliche war aber die, daß er das Gebiet der Grafſchaft, welches ſich bis an den Neuenburger See erſtreckte und faſt deſſen ganzes öſtliches Ge⸗ ſtade bildete, auf ſeinem Weiterzuge nach Bern gar nicht umgehen konnte, wenn er nicht das weſtliche Seeufer wählte. Dieſes aber war dreien Herren un⸗ terthan, den Grafen von Granſon, Valengis und Neufchatel— er hätte alſo, um mit einiger Si⸗ cherheit reiſen zu können, drei Freibriefe erwerben und löſen müſſen, während es in Gruyèéres mit einem abgemacht war. Nördlich ſchloß ſich Gruyères an das Gebiet von Bern, und hatte er erſt dieſes er⸗ reicht, ſo war er ja in helvetiſcher Heimath— ge⸗ borgen und ſicher mit ſammt ſeinen Schätzen. Join⸗ ville durchſchaute ein wenig dieſe eigentliche Trieb⸗ feder der Ehre des Zuſpruchs, den er empfing, doch hielt er ſeine Bemerkungen vor der Hand zurück. Euer Name, mein Herr, erwiderte er dem Suppli⸗ kanten, iſt mir nicht ganz unbekannt. Ich ver⸗ nahm ihn bereits, wenn ich nicht irre, denn es 40* 448 reiten hier viele Fremde aus und ein— oft in gleicher Abſicht wie Ihr. Sogleich zu unſerem Geſchäft. Einſtweilen erlaubt mir, zu bemerken, daß Euere unerwartete Ankunft ein Geſchäft unter⸗ brach oder verzögerte, deſſen Vorbereitungen Ihr im Durchwandern des Hofes geſehen haben müßt und noch, wenn es Euch beliebt, an dieſe Fenſter zu treten, erblicken könnt. Schaut! Der Caſtellan, erhob hier der junge Deleſſerts zum erſten Male ſeine leiſe, weiche und doch metall⸗ tönende Stimme, der Caſtellan berichtete uns, eine Hinrichtung bereite ſich vor; es iſt dieß, mit Euerer Erlaubniß ſei es geſagt, edler Ritter, kein günſtiges Omen für unſere Ankunft, und wir konn— ten da wohl zu keiner unglücklicheren Stunde in Eue⸗ rem Reſidenzſchloß erſcheinen— Das ich nicht wüßte, warf Herr Schilling hin, unzufriedener mit dieſer Bemerkung als Joinville, der den prachtvoll gekleideten jungen Mann nicht ohne Wohlgefallen betrachtete. Es ſind Rebellen, Sir, antwortete er, gegen den Franzoſen gewendet, aufrühreriſche Bauern, die ihren Lohn empfangen ſollen— durch das Schwert ei⸗ V nige— einige ſind mit Torturen begnadigt— dazu 3 449 die Stangen und Pfähle.— Wir ſchieben es auf, ſo Ihr kein Freund ſolcher Schauſpiele ſeid. Ei, nicht doch! Wer ſagt das? nahm Herr Schilling ſeinem künftigen Eidam das Wort vom Mundo, die gröͤßten, Herr Ritter, die größten! Re⸗ bellen verdienen ihren Lohn! Eueren Befehlen nicht zu gehorchen, ſich vielleicht gar dagegen auflehnen— wo bliebe die Ordnung der Welt, frage ich, wenn Solches nicht beſtraft würde? Wie möchtet Ihr, gnädiger Herr— verzeiht! einen Geleitsbrief aus⸗ ſtellen wollen, wenn Ihr nicht auf den Gehorſam Euerer Unterthanen rechnen dürftet?— Nein! laßt ſie tanzen, die Häupter der Rebellen— es ſoll mir ein füßes Vergnügen ſein, dieß zu ſehen. Victor ſchlug ſeine Augen erröthend nieder und ſagte nichts. Wohlan! rief Joinville, dieſe Geſinnung— Ihr ſeid ein Kernmann, Lombarde, und gefallt mir! O, des Glücks! ſo dürfte ich auf gnädige Be⸗ dingungen, auf einen billigen Preis meines Ge⸗ leitbriefes hoffen? Marcel! ſag' dem Meiſter Etienne— doch nein! Wir wollen erſt unſer Geſchäft beenden, um dann mit mehr Ruhe und Heiterkeit uns an die Fenſter 4⁵⁰ ſetzen zu können.— Alſo, Ihr Herren.— Wann verließet Ihr Lauſanne? Geſtern Mittag und ritten die Nacht durch. Die Nacht! Ja, aus Ungeduld, Euer erhabenes Antlitz deſto früher zu ſchauen. Ihr ſeid ein alter Fuchs, Lombarde, der mir ſchmeicheln will.— Nun, wie hoch haltet Ihr denn den Geleitbrief, den ich Euch geben ſoll, im Preiſe? He! Ich bin begierig, zu hören, ob Euer Gebot übereinſtimmen wird mit Eueren ſchö⸗ nen Worten. Das eigentliche Geſchäft begann nun; man bot, verwarf, handelte, feilſchte— und der Schrei⸗ ber am Tiſche wartete lange vergebens vor dem Pergament auf das endliche Ergebniß, um es zu beider Parteien Vortheil zu Papiere zu bringen und den Geleitbrief in ſeiner herkömmlichen Weiſe mit allen Formen und Formeln auszufertigen. Fünftes Kapitel. Die Hinrichtung der Rebellen. Während dieß im Saale vorging, war der arme Thibaut nach der Pönitenzſtube mehr geſchleppt als geführt und dann in dem kleinen Thurmgemach eingeſchloſen worden. Es hatte ſeit dem Tode ſeines Vaters ſchon öfter zu ſeinem Kerker gedient und war der oberſte, unter dem Zinkdach befindliche Raum des Thurmes, der in ſeinen unterirdiſchen Gewölben das Verließ für die gemeinen Uebelthä⸗ ter oder Gefangenen barg, in welchem jetzt die zum Tode Verurtheilten ihr endliches Schickſal mit Angſt und Herzklopfen erwarteten. Der frühere Schloß⸗ herr benutzte, ſo hieß es beim Geſinde, das betref⸗ fende Thurmzimmer, deſſen Fenſter eine weite Um⸗ ſicht gewährten, öfter zu Betrachtung des Ster⸗ nenhimmels, denn er war ein Freund der Ster⸗ nenkunde; einſam und ſtill, losgetrennt von dem Treiben und Leben unter ihm und nur mit⸗ 1⁵² tels einer engen Wendeltreppe zugänglich, mochte ſich dieſes weit und breit am höchſten gelegene Ge⸗ mach allerdings zu Betreibung tiefſinniger Studien geeignet haben, jetzt paßte es aber auch gut zum Strafaufenthalt von Joinville's Mündel, der zur Büßung kleiner Fehler und Vergehen— oder auch, ohne ſolche verwirkt zu haben, je nach der Laune des Lehrers oder des ſtrengen Vormunds, oft ge⸗ nug hinaufgeſchickt ward und ſich dann abgeſchnit— ten von der übrigen Welt befand, ſobald der Thür⸗ riegel hinter ihm in ſeine Krampe geſchoben war. In jedem anderen Gewahrſam ließ ſich eine Art von Zuſammenhang, von Verſtändigung des Gefang⸗ enen mit irgend Jemand von außen denken und argwöhnen, hier nicht; nur mit den Winden und ziehenden Wolken mochte der Inſaſſe der Thurm⸗ ſtube verkehren— und vermuthlich hatte ihr Er⸗ bauer mit guter Abſicht, um nicht von dem Alltagsge⸗ triebe unten geſtört zu werden, eine Art Schirm oder Mantel von Stein um das Geſims des Bodens le⸗ gen laſſen, auf welchem ſich das kleine Gemach er⸗ hob. Dieſer Mantel verhinderte, in den Hofranm hinab und umgekehrt von dem Hofraum aus hin⸗ aufzuſchauen zu ihren Fenſtern. Eine alte, reich⸗ belaubte Ulme ſtand unfern vom Thurme an der 453 Mauer, doch zu weit ab von ihm, als daß dadurch der Gedanke hätte erweckt werden können, irgend eine Verbindung mit der Thurmſtube ſei durch den Baum und ſeine Zweige zu bewerkſtelligen. In der That, ellenweit befanden ſich die Zweige der Ulme mit ihren letzten ſchlanken Spitzen abſeits vom Geſims des Thurmes oder ſeinem Mantel, ſo daß nicht leicht ein argwöhniſcher Gedanke hinſicht⸗ lich der Flucht eines in der Laterne— ſo nannte man das oberſte Zimmer auch— Verwahrten mittels des Baumes entſtehen konnte. Joinville hatte ihn deſſen⸗ ungeachtet bereits in's Auge gefaßt; das Todesurtheil der Ulme war bereits geſprochen und ihr Umlegen in ſeinem Inneren beſchloſſen, aber Wichtigeres hatte ihn immer abgehalten, den Befehl dazu zu geben. Thibaut, angekommen in der Pönitenzſtube, wel⸗ chen Namen die Laterne von ihrer Beſtimmung erhalten hatte, ihm als Strafort zu dienen, warf fich nieder auf ihren Eſtrich und blickte düſteren Auges umher. Schmerz, bis zur Verzweiflung er⸗ höht, durchtobte ſeine junge Bruſt.— Dieſes Ab⸗ weiſen ſeiner Bitten, ſeines Flehens, dieſe ver⸗ ächtliche Behandlung, wie er ſie von allen Seiten 2 erfahren, ſeine Ohnmacht, die Willenloſigkeit und vollkommene Unthätigkeit, in die er nun verſetzt war, und der ſich bald noch neue, vielleicht ſchmerzhafte Demüthigungen anſchließen ſollten— nur zu gut kannte Thibaut ſeinen hochwürdigen Erzieher, der vorhin noch ſchlief, jetzt aber erwacht ſein konnte — die Vorſtellung von Margot's Schmerz, wenn das Haupt ihres Vaters trotz der, von ihm ver⸗ ſprochenen Vermittelung fiel, und in der That, daß es fallen würde, war nunmehr faſt gewiſſer als vorher, da eben dieſe Vermittelung Joinville's Zorn nur noch mehr gereizt und jede Hoffnung auf Gnade verdrängt hatte— alles dieß erzeugte in dem unglücklichen Knaben die tiefſte Niedergeſchlagenheit und den Wunſch zu ſterben. Wozu leben in die⸗ ſer ſündlichen Welt? Was wollte er hier mit ſei⸗ nem verwaiſten Daſein? Düſtere Entſchlüſſe wog⸗ ten durch ſeine Seele, während er am Boden lie⸗ gen blieb und die heiße Stirn dagegen drückte. Wie lange er in dieſem Zuſtande verharrte, war ihm ſelbſt unbekannt, plötzlich aber war es ihm, als träfen Töne ſein Ohr, die für den Zuſtand ſeines Inneren paßten, mit ſeiner dumpfen Troſt⸗ loſigkeit übereinſtimmten. Jammergeſchrei war es, das aus der Tiefe heraufdrang, aus der Mitte des Hofes, wie es ſchien, durch den Bau des Thurmes und die geſchloſſenen Fenſter zwar ge⸗ 4⁵⁵ brochen und undeutlich, aber in ſeinem gefährlichen Hinbruͤten doch das Erſte, was ſeine erlöſchenden Sinne wieder berührte und zu neuer Thätigkeit aufrief. Er erhob das Haupt— er lauſchte— neue Glut trat in ſeine Augen, deren große dunkle Pupillen ſich wieder bewegten. Gelock ſeidenen Haares verbarg ſein Ohr, er ſtrich es mit der Hand weg, um beſſer zu lauſchen. Horch! klang das nicht wie Margot's Stimme, weinte ſie nicht? Nein doch— aber andere Klageſtimmen waren es— zudem fing jetzt in ſchauerlicher Nähe die Thurmuhr an zu ſchallen, und mit ihrem erſten Schlage begann das Geläut einer Glocke, welches dicht unter der Thurmſtube Thibaut's die ferneren Klagelaute übertönte.— Erraffte ſich auf und ſtürzte vor an die Fenſter— haſtig lief er von einem der⸗ zum anderen und riß ihre Flügel auf, um eine Möglichkeit zu erſpähen, hinab zu ſchauen in den Hof, aber er ſah nichts, als das ſteinerne, ſchröfig zur Tiefe geneigte Geſims unter ſich, den Thurm⸗ mantel von Steinquadern, der ihm jede nahe Ausſicht abſchnitt— nichts als die Spitzen oder ſtumpfen Hauben einiger anderen Thürme des Schloſſes, den Firſt des Daches mit ſeinen gold⸗ ſchimmernden Windfahnen von dem Flügel des 1⁵6⁶ Hauſes, worin der Saal war, aus welchem man ihn ſo ſchnöde entfernt hatte— weiter links einige Zweige von der Krone des Baumes, der da wur⸗ zelte,— dann ferne Bergſpitzen, die mit ewi⸗ gem Schnee bedeckten Häupter der Berner Alpen im Oſten, den hohen Moleſſon, die Hörner⸗ kette des Jaman im Weſten und Süden, und um ſich ringsum ausgeſpannt das ſchöne blaue Him⸗ melsgewölbe, wohin des Knaben zerknirſchtes Herz ſich erſt eben noch ſo feurig geſehnt hatte. Ein neuer Schrei, neue Wehklagen drangen an ſein Ohr — er ſtürzte gegen die Thür und ſuchte ſie durch die Gewalt ſeines Stoßes aufzuſprengen— ver⸗ gebliche Anſtrengung! der Riegel klirrte draußen gegen die Stange, als ſpotte er des durch ihn Ge⸗ fangengehaltenen, und deſſen Blick umirrte jetzt den Mantel, auf den hinauszuſteigen der erſte Schritt in den Tod war, denn er umfing den Thurm in einer Neigung nach unten und ohne die mindeſte Bruſtwehr. Thibaut's Ahnungen täuſchten ihn nicht; das blutige Schauſpiel im Hofe hatte in der That be⸗ gonnen, und die Jammertöne, die zu ihm herauf drangen, waren die Wehklagen Gemarterter, mit deren Züchtigung durch Feuer und Maſchinen — 157 Meiſter Etienne mit ſeinen Gehülfen nach endlich erhaltenem Zeichen, auf welches er wohl über eine Stunde unthätig und unwillig gewartet hatte, den Anfang machte und ſeine blutige Darſtellung eröffnete. Der Handel über den Geleitbrief war ſchneller zu einem Ziele gelangt, als man nach den erſten Präliminarien dazu hätte hoffen dürfen, aber Joinville's Ueberredungskraft und ein paarmaliges derbes Aufſtampfen von ſeiner Seite mit dem Fuße, die begehrlichen Blicke einiger der Ritter, die zu den nächſten Vertrauten und Rathgebern des mäch⸗ tigen Gebieters von Gruyères zu gehören ſchienen, trugen über Herrn Schilling's Geiz einen ziemlich raſchen Sieg davon, und er zahlte— ſeufzend zwar und unter tauſend Schwüren, daß es zu viel ſei, wozu er ſich verſtanden,— eine namhafte Summe von Gold⸗ und Silberſtücken auf den Tiſch. Join⸗ ville ſtrich ſie ein und vollzog den einſtweilen auf⸗ geſetzten und beſiegelten Brief durch ſeines Na⸗ mens Unterſchrift, das Geſchäft war abgemacht, der Schloßherr in gute Laune gerathen, und nun wurden die Fenſter des Saales weit aufgethan und Marcel hinabgeſchickt zu Meiſter Etienne, der unten an der Thürpforte mit Stricken und Banden im Arme mürriſch lehnte und längſt ſchon Zeichen 458 ungeduldigen Harrens von ſich gegeben hatte. Seine Knechte verſchwanden in der Tiefe und ſchleppten gleich darauf ein paar ältliche Männer heraus, welche halb entkleidet über Leitern gezogen, ausgedehnt, gegeißelt und mit anderen Torturen belegt wurden. Margot's Vater war nicht unter ihnen, aber ſie heulte dennoch unter der Arkade. Ich muß geſtehen, ſagte Sibyllens Bräutigam, mit den Uebrigen in ein Fenſter gedrängt und ſich möglichſt abwendend, ich muß geſtehen, daß ein ſolcher Anblick— Herr Werner— unſer Geſchäft iſt abgemacht— wir werden ſehnſüchtig erwartet in— der Weg iſt weit— brechen wir auf— empfehlen wir uns dem geſtrengen Herrn. Ei, entgegnete Schilling, ſich die Hände heftig reibend, warum ſo eilen? Seht doch— ſeht— wie dieſer dürre Rücken ſich windet!— Nicht doch, Herr Eidam, da der hochedle Herr von Joinville uns das Hierſein einmal zu geſtatten geruht hat — da wir es theuer— er ſchlug ſich auf den Mund— kurz, wir warten, bis der Spaß da un⸗ ten vorüber iſt. Narrenthun das, fiel der Ritter ein, der et⸗ was von Deleſſert's Mahnung zum Aufbruch ver⸗ nommen hatte, Ihr habt Recht, Herr Looneſe, 159 — es verlohnt nicht der Mühe hinzuſehen— es langweilt.— He, Meiſter, rief er in den Hof hinab, zücke Dein Schwert, die Blutrothen vor— Raſch, beeile Dich, uns langweilt Deine Spielerei bis jetzt.— Verzeiht, Herr, ſogleich ſollt Ihr Beſ⸗ ſeres ſchauen. Sogleich! wiederholte der Luzerner und ſchlug freudig in ſeine beiden Hände. Vietor Deleſſert wollte nichts ſehen. Da er aber nicht ſogleich wußte, wie es anfangen, daß er von dem Schauſpiel unten verſchont bleibe, ohne den Ritter zu erzürnen, blickte er nach oben und richtete ſeine Augen gen Himmel;— kaum aber war dieß geſchehen, als er aufſchrie— Um Gott!— ſeht dieß dort— er ſtürzt— er muß fallen! Dazu wies er heftig mit der Hand hinüber nach dem Thurme, auf deſſen äußerſtem Rande, dem Mantel, ſich das Befremdlichſte ereignete. Ein Menſch zeigte ſich darauf ſtehend— nur während der Dauer einiger Secunden, denn länger erlaubte es die ſchiefe Fläche der glatten Quadern nicht; dann lief er mit der Kühnheit und Geſchicklichkeit einer Katze am Rande des Abgrunds hin, gegen die Mauer zu und ſtand dort wieder einen Augenblick lang— jetzt ver⸗ ſchwand er, oder vielmehr er machte einen ungeheu⸗ 160 eren Sprung— dem Sprung eines Eichhorns, faſt dem Flug eines Vogels gleich, nach der Ulme zu— nicht daß er ſie vollkommen erreichte— es war ſolches faſt ein Ding der Unmöglichkeit, aber doch erfaßten ſeine weit vorgeſtreckten Hände die Spitzen der äußerſten Aeſte und verhinderten auf dieſe Art die ganze Wucht des Falles, die Gewalt des Stur⸗ zes— die Zweige knickten— man hörte ſie rau⸗ ſchen mit ihren Blättern und brechen, aber doch trugen ſie den ſich an ſie klammernden Körper einen Augenblick, um ihn dann weiter fallen zu laſſen; ein zweites Mal erfaßte der Stürzende die Aeſte, und ein zweites Mal brachen ſie, zugleich aber die Heftigkeit ſeines Falles vermindernd; eben ſo ein drittes Mal, von wo Thibaut— denn kein Anderer war es— den Reſt des noch zu durchmeſſenden Rau⸗ mes, etwa zwölf bis funfzehn Fuß Höhe, nicht mehr beachtete, ſondern ſich gleiten ließ; er ſprang auf die Erde, ſo ſchnellkräftig, ſo gewandt und ſo glücklich, daß Alle, die ihm bis jetzt zugeſehen hatten, nun erſt wieder Athem ſchöpften und ſich erholten von dem ſtarren Entſetzen, womit des Knaben wagehalſige Kühnheit ſie erfüllt hatte. Kaum berührte Thi⸗ baut's Fuß den Boden, und ſeine Bruſt keuchte eine Secunde lang unter der Erſchütterung, die 16¹ ſolches verurſachen mußte, als er auch ſchon wieder aufſprang, vollkommen unbeſchädigt, friſch und leicht wie eine aufſchnellende Feder, und auf die Blutbühne flog, wo indeß das Werk der Züchtig⸗ ung und der Schmerzen— denn des Knaben Herabkommen vom Thurme dauerte nicht ſo lange, als es ſich erzählen läßt— ſeinen ununterbrochenen Fortgang gehabt hatte. Eben ſchrie Margot doppelt laut auf, und aller Küchenmeiſter und Küchenjungen vereinte Kraft vermochte ſie kaum zu halten, denn man brachte ihren Vater die Stiege hinauf an das Tageslicht, um das Licht ſeines Lebens aus⸗ zulöſchen. Der Alte wankte, von den Henkers⸗ knechten geführt, die Stufen des Gerüſtes hinauf, wo ſein Blut— vielleicht ganz unſchuldig— fließen ſollte, denn es war keinesweges erwieſen, daß er auf dem unglücklichen Jahrmarkte zu Oeſch zu den Angrei⸗ fern der gräflichen Reiſigen gehört hatte, indem er nur im Gedränge mit fortgeriſſen worden war, wie er behauptete und zu behaupten fortfuhr ſelbſt noch an der Grenze des Lebens; er betete mit leiſem Ge⸗ murmel, und ſein Auge ſuchte ſeine Tochter, als er ſchon auf dem Gerüſte ſtand, wo Etienne, das ge⸗ zückte Richtſchwert unter dem Mantel haltend, ſeiner, als des erſten Opfers, das ihm heimfiel, wartete. v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 11 162 — Unſchuldig ſterbe ich, betete der Alte, Mutter der Gnaden, erbarme dich mein und meiner armen Margot, die mit kindlicher Treue an mir hing— Mutter der Gnaden, ſende einen deiner Engel her⸗ ab, um meine Seele zu empfangen.— Mutter der Gnaden— Er konnte nicht weiter— nicht daß Etienne's Schwert ihm das Ende ſeines Gebetes zugleich mit dem Halſe abgeſchnitten hätte— aber einen heftigen Anſtoß empfing er— heftig und unge⸗ ſtüm warf ſich ihm ein Menſch an die Bruſt, und ein Paar weiche Arme umſchlangen ihn.— Vater Fleuriot, hauchte eine Stimme mit heißen Athem⸗ zügen an ſein Ohr, retten konnte ich Dich nicht, aber ſterben will ich mit Dir! Halte ſtill— ſtill! Rühre Dich nicht— keine Muskel verziehe, Vater Fleuriot, damit des Meiſters Schwert uns Beide treffe— uns Beide— Im Hofe ein allgemeiner Aufſchrei— dann Todtenſtille und Entſetzen.— Niemand wagte b eine Bewegung oder ein Wort. Starren Auges ſah man den Knaben, jedes Hinderniß beſeitigend, auf das Schaffot dringen und den verurtheilten Alten umſchlingen, als wollte er ihn nicht wieder laſſen in dieſem Leben. Der Junker! der junge 163 Graf! flüſterte hier und da faſt lautlos eine be⸗ bende Lippe im Saale, an den Fenſtern aber er⸗ hielt man zuerſt, nachdem man die Feſſel namen⸗ loſen Staunens abgeſchüttelt hatte, Sprache und Kraft zu handeln wieder. Marcel! ſchrie Join⸗ ville hinab— Thomas! André! Meiſter Etienne! ſeid Ihr Alle zu Salzſäulen oder Kindern ge⸗ worden? Entfernt das Kind, und Alles geht ſeinen vorgeſchriebenen Weg! Hal ha! lachte er dann in den Saal hinein, ſei⸗ ner Umgebung und ſeinen Gäſten zu. Die Unart eines Knaben, der ſeinem Gewahrſam entſprang, wie Ihr geſehen habt, ſoll uns nicht irren. Teu— fel auch! Ich ſtand in dem Wahne, der Käfig da oben wäre feſt und zur Pönitenzſtube eines Kin⸗ des hoch genug— gut, daß ich mich mit meinen eigenen Augen vom Gegentheil überzeugte— er ſoll nicht wieder hinaus. Entſchuldigt doch ja, ehrenwerthe Herren— ich weiß, Euere Zeit iſt koſtbar, aber Ihr ſollt durch dieſen ſeltſamen Fall, der allerdings abermals eine kleine Verzögerung veranlaßt, nicht viel daran verloren haben. Wei⸗ ter, Meiſter! Indeſſen hatte man Thibaut mit Gewalt von ſeinem greiſen Schützling geriſſen, den er nicht ret⸗ 14* 164 ten konnte. Etienne's Schwert blitzte in der Sonne wie das Flammenſchwert des Paradieſes— und Pater Fleuriot's Haupt rollte in den Sand. Herr Ritter, ſagte Victor Deleſſert, der es ſah, mit geröthetem Antlitz und mit vielleicht nicht kluger, aber edler Hitze— dieſer hätte, meiner An⸗ ſicht nach, Gnade verdient. Gnade? wie ſo? Was fällt Euch ein? Nur um des Kindes willen, das vom hohen Thurm herab ſich ſchwang. Meiner Treu! es iſt unglaublich— und hätte ich es nicht mit meinen Augen geſehen, ich hätte es nimmer für möglich gehalten.— Des Alten Sohn oder Enkelſohn vermuthlich— Gott! wie er an ſeiner Bruſt lag! wie er ihn umfaßte, als wolle er mit ihm ſterben! Ein ſchöner Knabe und ein braver dazu. Bei den Wunden unſeres Herrn! ſeinetwegen müßte der Alte begnadigt werden! Wie? Ich verſtehe Euch nicht, Sir, ſagte Joinville, die Stirn runzelnd. 1 Rede ich ſo undeutlich, Ritter, fuhr Victor, bei dem gleichfalls die Stirnader ſchwoll, mit erhöhter Stimme fort, ſo will ich es denn noch einmal in gutem Franzöſiſch ſagen. Ich finde es barbariſch, daß Ihr den Vater in des Sohnes oder Enkel⸗ 165 ſohnes Arme beina) ermorden ließet— dieſes herrlichen Knaben, der vom Thurm herab— Seid Ihr von Sinnen? fiel ihm Joinville in die Rede, und ſeine Hand fuhr nach dem Schwert⸗ griff. Doch faßte er ihn nicht, ſondern lachte kurz und rauh auf, während ſein Mienenſpiel einen ganz beſonderen Ausdruck annahm; er wandte hier⸗ auf dem jungen Kaufmann den Rücken zu. Schil⸗ ling aber drängte ſich eilig an die Seite ſeines künftigen Eidams und raunte ihm zu: Er hat Recht, Ihr ſeid von Sinnen, Herr Deleſſert. Was fällt Euch ein, ſo zu reden?! Bei St. Nicolaus! ich muß Euch fürchterlich den Tert leſen, ſobald wir allein ſind— draußen im Freien ſoll es ge⸗ ſchehen. Und ich ſage Euch, Herr Schilling, entgegnete der Lioneſe, daß, waͤre ich nicht überzeugt, daß Euerer ſchönen Tochter Herz unendlich beſſer iſt als das Eurige, ich mich heut von ihr trennte. Indeß man heirathet den Vater nicht, wenn man die Tochter freit. Brecht auf, ich habe es ſatt, hier zu ſein. Und zögert Ihr, ſo beurlaube ich mich. Nicht doch— nicht ſo hitzig, Freund— Alles mit Form und Anſtand.— Nun ja, wir wollen 166 uns empfehlen, wenn Ihr durchaus ſo wollt. Ich glaube auch nicht, daß man ſich viele Mühe geben wird, uns zu halten. Er hob nun, eine neue Unbeſonnenheit von Seiten des jungen Mannes fürchtend, die ihm zu⸗ letzt noch— wer mochte alle Folgen des Zornes dieſes wilden Löwen Joinville vorausſehen?— die Frucht ſeines theuer erkauften Geleitbriefes koſten konnte, abermals ſeine Litanei von Zeitmangel und Eile an, mit der ſie ſuchen müßten, wie⸗ der nach Lauſanne zu kommen, um dann ſogleich ihre Reiſe mit dem Waarenzug anzutreten, wes⸗ wegen er demüthig um die Erlaubniß bat, Abſchied zu nehmen und ſich entfernen zu dürfen; ſo wortreich dieſes Geſuch war, mit ſo kurzen Umſtän⸗ den ward die Gewährung ertheilt, und keine Vier⸗ telſtunde war vergangen, als alle Ceremonieen der Beurlaubung vorüber waren und die beiden Lom⸗ barden— ſo nannte man zu ihrer Zeit die Kaufleute überhaupt— wieder hinabgingen in den Hof und nach den Ställen, wo ihre Pferde nur abgezäumt gewartet hatten. Der Ritter Horace von Corbière, gräflicher Vogt im Schloß Bellegarde, mehre Stunden nordwärts von Gruy'sres gelegen, gelei⸗ 167 tete ſie beſonders dienſtfertig dahin und ſuchte ſie beßtens zu unterhalten beim Durchreiten des blut⸗ bedeckten Hofes, in welchem die Hinrichtungen indeſſen ihr Ende genommen hatten, der aber mit verſtümmel⸗ ten Leichen wie bedeckt war, mochte es ſein, um ihre Aufmerkſamkeit von dieſem traurigen Aufent⸗ halt abzulenken, daß er viel von der Heer⸗ ſtraße ſprach, die ſie von Lauſanne aus einzuſchla⸗ gen haben würden, von der vollkommenen Sicher⸗ heit, die ein Geleitbrief, wie der eben gelöſete, gewähre, der jede weitere Bedeckung unnöthig mache. Für Herrn Schilling waren dieß aller⸗ dings Geſprächſtoffe, denen er mit ganzer Seele das Ohr lieh, und in die er mit regſtem Antheil einging. Nicht ſo für Deleſſert, der mit düſterem Auge um ſich ſchaute, wenig von dem vernahm, was die beiden Männer abhandelten, und ſtatt deſ⸗ ſen neugierig umher ſpähte, ob er den Knaben, deſſen Benehmen ihm ſo wohl gefallen hatte, nicht mit einem Blick noch einmal werde ſehen können. Sie waren nun ſchon im zweiten Hofe und bei den Noſſen, ohne daß dieß der Fall geweſen wäre; jetzt aber konnte Victor die Frage nach ihm nicht unterdrücken. Seht doch, verehrteſter Herr, begann er, wo 168 iſt der hübſche Bube hin, der— Ihr wißt ſchon, was ich ſagen will— Ihr bemerktet ihn— Ei ja— ein wenig. Wer war es? vermuthlich ein naher Angehöri⸗ ger des ungluͤcklichen Alten? Ja, ſo ungefähr— es möchte ſein— In der That, ſein Benehmen entzückte mich; das des Ritters aber wenig— er hätte um des Enkels willen den Großvater begnadigen müſſen. Hm! hm! wie man es einſteht. Möglich, wer⸗ ther Herr. Genug, wie ich Euch ſage, ſo Ihr den Weg über Payerne einſchlagt mit Eueren Fracht⸗ geſchirren, ſo wählt Ihr den fahrbarſten und beß⸗ ten; ich kenne ihn, ich kenne ihn, denn nur eine Stunde abſeits vom Gebirge liegt mein Schloß Bellegarde. Noch heut kehre ich dahin zurück, und wenn Ihr morgen mit Eueren Waaren aufbrecht von Lauſanne, ſo könnt Ihr übermorgen oder ſpäte⸗ ſtens den dritten Tag im Bereiche des Kreiſes ſein, den ich verwalte. Zu großem Vergnügen würde es mir gereichen, Euch einen Imbiß in Belle⸗ garde anbieten zu dürfen, Euch und Euerer Be⸗ gleitung. ——ÿ—ÿ—ꝛÿ— 169 Ihr ſeid ſehr höflich, Ritter von Corbière ſagte der junge Deleſſert kalt. So bin ich immer— ja, ohne mich zu rüh⸗ men, ein wahrer Schutzgeiſt für die Reiſenden, ein Engel des Schirms für ſie, namentlich wenn ſie mit reichen Gütern ziehen. Wer einmal den Be⸗ zirk von Bellegarde erreichte— er huſtete. Nun?! Ihr habt da fürwahr ein wackeres und ſchö⸗ nes Roß, Herr Deleſſert— auch das Euere iſt ein ſtarker Gaul, Meſſiere Luzerner— ganz wie er für einen Mann Eueres geſegneten Umfanges ſich ſchickt.— Unverſchämte Buben! das will im⸗ mer ein Trinkgeld für Abwarten und Zäumen der Thiere.— Marſch fort! So herrſchte Herr von Corbière einigen Stall⸗ buben zu, welche bei den Roſſen der Kaufleute ſtanden, um ihren Herren den Bügel zu halten, und allerdings mit etwas begehrlichen Mienen zu ihnen emporſahen, als ſie nun aufſtiegen. Nein, bitte, ſagte raſch der Franzoſe und fuhr mit der Hand in die Taſche; jeder Dienſt, auch der kleinſte, iſt ſeines Lohnes werth.— Da, Bu⸗ ben! Hoffentlich ſeid Ihr zufrieden! Er warf ihnen ein paar Goldſtücke zu, vor⸗ nehm wie ein Fürſt, und dann hob ſich ſein Roß in prächtigen Sätzen. Dank— Dank— Herr! Ein großmüthiger das! raunten die Buben ſich zu. Et;, ſolche ſollten öfter kommen! Der Dicke aber giebt nichts! Herr Schilling that ſo— und zwar nicht un⸗ gern, weil er dieſes Geſchäft, eines der unangenehm⸗ ſten für ihn, durch ſeinen Eidam nunmehr für abgemacht hielt. Sie ritten davon; Corbière ſah ihnen noch lange nach und murmelte dann, wieder nach dem inneren Hofe zurückgehend, es iſt offen— bar— es liegt klar vor Augen— dieſe Krä⸗ mer haben des Geldes zu viel! Welch ein Staat, welcher Uebermuth im Weſen dieſes jungen Fants! Könnte ich ihn doch davon heilen! Trotz dem Geleitbriefe! Zum Teufel alle Geleitbriefe! Joinville ſteckt das Löſegeld in ſeinen Säckel, und wir Anderen haben das Nachſehen. Er kam ins Schloß zurück, und eine Stunde mochte vergangen ſein, als man anfing ernſtlich den Knaben Thibaut zu ſuchen, der nirgends zu finden war und den Niemand nach dem Auftritte 171 bei der Hinrichtung des alten Fleuriot geſehen ha⸗ ben wollte. Man hatte ihn von der Leiche weg⸗ geriſſen und bei Seite geſtoßen; aber was weiter aus ihm geworden war, ob ihn Jemand feſt ge⸗ halten, in das Schloß, vielleicht in die Thurmſtube zurückgeſchleppt hatte oder ſonſt ihn irgendwo ver⸗ borgen hielt, davon wollte weder Knecht noch Magd, Niemand vom Schloßgeſinde überhaupt, das Geringſte wiſſen. Nun hatte der junge Graf aller⸗ dings die Gewohnheit, ſich, wenn es der Fall war, daß er Strafe oder harte Behandlung erwartete,— und nicht ſelten war dieß der Fall— ſich in irgend einem ſchwer zu ermittelnden Winkel zu verbergen, aus welchem er erſt durch den Hunger wieder her⸗ vor⸗ und ſeinem Schickſal entgegengetrieben ward. Heut' hatte er— kein Wunder, wenn er es fühlte— doppelt und dreifach Werg am Rocken— und man mochte es ſich wohl erklären, wenn er ſich mit doppelter Vorſicht verſteckte. Was hatte er nicht ſeit dieſem Morgen Alles begangen und geſündigt — und er wußte ja, daß man ihm nicht ein Jota von der Büßung ſeines Sündenregiſters ſchenken würde. Thoren, die Ihr ſeid, ſagte der dicke Kaplan, der ge⸗ gen die zehnte Morgenſtunde endlich zum Frühſtück 172² gekommen war und ſehr ſeelenruhig ſeine warme Suppe ſchlürfte, Thoren Ihr! wartet den Mittag ab, und— den Ihr ſucht, wird ſich ohne Euer Zuthun ſtellen— wie ſonſt auch— aber darin gebe ich Euch Recht, heut, muß die Züchtigung doppelt— ja, fürwahr, es thut mir leid, daß ich— ſo ſpät— zu ſpät, um Zeuge des Vor⸗ ganges im Hofe zu ſein; hättet Ihr mich lieber wecken laſſen, Ritter, doch nein, es iſt beſſer ſo. Mein Morgenſchlummer geht mir über Alles— ich kann nicht ſagen, daß ich mich während der Nacht mit Grillen plagte, aber dagegen muß ich auch Morgens meine Ruhe haben. Den Heiligen ſei Dank, es ſchlägt bei Euch an, ſagte der gern witzelnde Corbière und klopfte im Vorbeigehen auf des Paters Rund⸗ bauch. Ja, waͤhrend Ihr, Ritter Corbière, trotzdem, daß Ihr die Füße beſtändig unter unſerem Tiſche habt, ein dürrer Fuchs bleibt. Tod und Teufel! Gemach! das war für Euer Antaſten meines Leichnams, das ich nicht leiden kann. Jedem des Seine. Suum cuique! ſagen wir Lateiner. 473 So unter Scherzen, die zuweilen nicht ganz gut ausfielen, erwartete man den Mittag vollkom⸗ men ſorgenlos. Man wähnte Thibaut im weit⸗ läufigen Schloß verborgen, er war es aber nicht, und es dürfte Zeit ſein, ſich nach ihm umzu⸗ ſchauen. Fünftes Kapitel. Joinville's Verlegenheit. Als man Thibaut von dem Gerüſte ſtieß, worauf der alte Pater Fleuriot und nach dieſem noch meh⸗ re Andere verbluteten, gerieth der Knabe in ein Gedränge von Hellebardieren und Knechten, wel⸗ ches ihn einen Augenblick lang der Aufmerkſamkeit, die er erregt hatte, entzog. Noch hatte er das Haupt von Margot's Vater fallen ſehen, und ein brennender Schmerz durchzuckte ſeine Seele— jetzt war jede Hoffnung dahin, mit dieſem Streiche von Meiſter Etienne's Schwert war es ihm, als riſſe das letzte Band zwiſchen Joinville und ihm — zwiſchen ihm und dem Schauplatze ſeiner Kind⸗ heit, dem Schloſſe ſeiner Väter, dem ihm verleide⸗ ten Sitze ſeiner Ahnen. Die offenen Thore reizten ihn zur Flucht. Der Gedanke dazu war kaum in ihm entſtanden, als er ihn auch ſchon ausfuhrte — er lief davon, in ſeinem knabenhaften Sinn 175 unbekümmert, was weiter aus ihm werden könne und müſſe. Ueber die Zugbrücken weg trug ihm ſein leichter Fuß, und bald verbarg ihn der nahe Wald, der faſt den ganzen Berg deckte, auf wel chem Schloß Gruysères lag. Ohne feſten Plan, wohin, ſelbſt ohne ganz beſtimmtes Bewußzſein und Erkennen deſſen, was er that, eilte Thibaut den Felspfad hinunter und, wo dieſer ſich krümmte, durch die Gebüſche dahin in gerader Linie, wie ein flüchtiges Reh, das dem Geſchoß des Jägers und der klaffenden Meute zu entkommen ſucht. Aber wenn auch der halsbrecheriſche Sprung vom Thurmgeſims, den nur ein Solcher wagen konnte, welchem am Leben nichts liegt, gelungen war, durch den unſichtbaren Schutz der Engel, der letzte Fall von der Ulme, ſo glücklich der Springer auch dabei auf ſeine Füße zu ſtehen ge⸗ kommen war, hatte doch ſeine Muskeln, ſeinen ganzen Körper mehr erſchüttert, als er glaubte und in den erſten Momenten fühlte. Auch befand ſich in dieſen Momenten ſeine Seele in einer Aufreg⸗ ung, die ihn unempfindlich machte für körperlichen Schmerz und körperliche Leiden. Aber das Gefühl für ſolche kam jetzt mit um ſo erhöhter Stärke, als es vorher gänzlich unterdrückt geweſen war. 176 Thibaut, ehe er es ſich verſah, ſank um, und Ohn⸗ macht umnebelte ſeine Sinne, wobei jedoch ein ſtechendes Weh durch ſeine Nerven zuckte. Er ver⸗ lor nicht durchaus ſein Bewußtſein, ſondern er fühlte ſeine Gefahr, wenn er hier liegen blieb, ohne jedoch, um ſich weiter fortzuſchleppen, die nö⸗ thige Kraft zu haben; ſo bot er denn die letzte auf, um nur etwas mehr auf den Felſenrand der hohlen Gaſſe zu kommen, in welcher er niedergeſunken war und auf deren Rande er etwas dichteres Gebüſch bemerkt hatte, eine Art von Dickicht, das vielleicht zum Verbergen beſſer geeignet war als der Weg, den die Gaſſe bildete, und auf den er gerathen war, er wußte ſelbſt nicht wie; ſeine letzte ohn⸗ mächtige Mühe gelang in ſo weit, als er den Fel⸗ ſenrand der Hohlung erreichte und hier ſeinen Oberkörper in die Gebüſche fallen ließ, die mit ihrer reichen Blätterfülle über ihn zuſammen rauſchten, als wollten ſie ihn ſchützen und umhüllen; ſeine Füße aber hingen über den Fels herab, und daß ein unten im Wege Vorübergehender ſie bemerken, ihrer anſichtig werden könne, daran dachte der arme Knabe nicht, oder wenn er daran dachte, ſo hatte er nicht Kraft genug, dieſem Uebelſtande abzuhelfen und weiter hinauf zu kriechen. Er lag nicht all⸗ 4177 zulange ſo in halbwacher Ohnmacht und leiſe vor ſich hinwinſelnd da, als Reiter durch den Hohlweg daher zogen. Meiner Treu! ſagte einer der Vor⸗ derſten, ſein Roß anhaltend, und wies mit einer kleinen ſilbernen Gerte, die er in der Hand trug, nach den Füßen oben am Rande der Gebüſche und dem vorgeſtreckten ſchlanken Beine, welches mit ih⸗ nen in Verbindung ſtand und ſich heftig wie im Schmerze zu bewegen ſchien— meiner Treu! dort oben liegt ein Menſch, der entweder ſchläft oder krank iſt oder, die Heiligen wiſſen, was ſonſt thut; ſeht Ihr die Füße— beſchuhet oder beſtiefelt— ein Barfüßler iſt es nicht— ſeht Ihr ſie, Herr Schwiegervater? So ſprach Victor Deleſſert zu Herrn Werner Schilling, welche Beide in Begleitung einiger berittener Knechte des Weges von Gruyeères herab zogen, um nach Lauſanne— zu den Waaren, der Tochter, der Braut und der Schweſter zurück⸗ zureiten. Sie befanden ſich eben, etwa eine Stunde von Grafenſchloß, noch im Gebirge. Laßt mich in Frieden, entgegnete Schilling gräm⸗ lich und widerhaarig, was er nun außerhalb des Geſichtskreiſes des furchtbaren, überall gefürchteten Joinville zu zeigen wagte und nicht mehr für v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 12 478 nöthig hielt zu verbergen— ich habe Bauchgrim⸗ men— die hundert Gulden, die ich habe zahlen müſſen— liegen mir im Magen.— Aber laßt mich nach Luzern kommen! Um hundert Goldgul⸗ den theuerer ſind meine Waaren geworden— was ſage ich? um hundert— um fünfhundert, um tau⸗ ſend. Dieſe Dummköpfe von Junkern auf un⸗ ſeren helvetiſchen Burgen, dieſe Großthuer in Bern, wo ſie nicht reich genug einher gehen können, dieſe Pfauen ſollen es mir bezahlen— wieder⸗ geben— doppelt und zehnfach, was ich hier für ſie ausgelegt habe! Dann will auch dieſer Ritt in den Rachen des Löwen berechnet und angeſchla⸗ gen werden auf die Waaren. Nun, wir wollen das ſchon machen. Wollen mir nicht, Deleſſert ju- nior— wollen wir nicht? frage ich. Thut, was Euch recht dünkt, Herr Werner; jetzt erlaubt mir die ergebenſte Frage zu wieder⸗ holen, ob Euere mereantiliſche Speculation Euch erlaubt, jene Beine zu bemerken, die da oben zucken? 1 Ich kümmere mich jetzt um kein Bein in der Welt, als um mein eigenes und— wahrlich, kaum um das. Nach Euerem Gefallen. Ich aber hätte Luſt, 179 zu erfahren, wem jene Beine angehören— ſeht nur, wie ſchlank und rund— einer Frau oder ei⸗ nem Knaben müſſen ſie ſein. Laßt ſie dem Engel Gabriel gehören, oder wem ſie ſonſt wollen, wir haben Eile, dächte ich, weiter zu kommen.— Je ferner von dieſen Rittern, deſto beſſer; ich dächte, Ihr hättet das ſelber eingeſehen, Deleſſert. Ja wahrlich, ſagte dieſer ſchaudernd, ja wahr⸗ lich! Noch ſtockt mir das Blut in den Adern, wenn ich an das denke, was wir anzuſehen ge⸗ zwungen waren; aber— dennoch— ich will wiſ⸗ ſen, wem dieſe Füße gehören. Kommt, kommt! Aber ſchon war der junge Franzoſe aus ſei⸗ nem Sattel geſprungen; er warf die Zügel ſeines Roſſes einem der Knechte zu, der dienſtfertig herbei⸗ kam, und, gewandt, wie er war, ſtieg er leicht den Wall des Hohlweges hinauf, um ſeine Neu⸗ oder Wißbegierde zu befriedigen. Oben fand er den von den Zweigen und Blättern des Buſches halb Zugedeckten— er ſprach ihm zu, er rührte ihn an— keine Antwort, endlich ſah er, daß Le⸗ ben in der Geſtalt des Hingeſtreckten war, und er glaubte ſich ſonach für überzeugt halten zu können, 12* 4 48⁰ daß es ein Kranker ſei, oder vielleicht ein durch Gewalt Niedergeſchlagener, welcher hier ſeine letz⸗ ten Athemzüge verhauchte. Sibyllens Bräutigam beugte ſich zu ihm nieder und hob ihn auf, er rich⸗ tete ihn ſo weit empor, daß Thibaut's Haupt rücklings über ſeinen Arm ſank und ſein bleiches Antlitz ſich ihm zuwendete. Des jungen Menſchen Hände bewegten ſich, als wollten ſie Jemand von ſich abhalten oder wegdrängen, doch ganz kraftlos. Laßt mich, athmete er dann mit geſchloſſenen Au⸗ gen, laßt mich ſterben— laßt mich ſterben mit — dem Vater Margot's. Victor fuhr zuſam⸗ men— jetzt erkannte er dieſes Antlitz, dieſe Geſtalt — hatte er ſie doch erſt vor einer Stunde geſehen, wenn auch nur auf Augenblicke, aber— welche Augenblicke!— Die Erſcheinung dieſes Knaben war tief in ſeine Seele gedrungen. Schwiegerva⸗ ter! rief er zu den unten wohl oder übel Har⸗ renden hinab, die doch ohne ihn nicht weiter reiten konnten. Was iſt's? antwortete Herr Schilling, nicht eben in roſiger Laune. Wißt Ihr, wem die Füße gehören? Zum Teufel, nein! Es iſt auch ganz verdammt gleichgülſtig! Aber gar nicht gleichgültig iſt es 184 mir, daß Ihr unſere Reiſe um Nichts und wieder Nichts aufhaltet. Habt Ihr denn gar keine Un⸗ geduld nach meiner Tochter Sibylle, Herr Victor? Was geht dieſe Ungeduld einer Pflicht der Menſchlichkeit, des Chriſtenthums an, die ich er⸗ fülle, indem ich dem Unglücklichen beiſpringe, der hier liegt. Es iſt der hübſche Knabe, der vorhin bei der Hinrichtung vom Thurme herab ſich ſchwang oder ſtürzte und der beinahe mit dem Greiſe, an deſ⸗ ſen Hals er ſich hing, ermordet worden wäre. Nun, und was hätte uns das gekümmert? Haben wir nicht unſer Geld bezahlt? das heißt, habe ich nicht hundert Goldgulden bluten müſſen? Dafür laſſe ich allenfalls ganz Gruyères— ab⸗ ſchlachten— den Ritter von Joinville an der Spitze. Bſt! wir ſind noch nicht weit genug von der Burg. Wie ſchön im Grunde dieſer Burſche iſt, fuhr De⸗ leſſert fort, ohne auf den Schwiegervater zu hören — er iſt krank— unmöglich kann man ihn hier liegen laſſen. Ob ich ihn durch meinen Antoine wieder hinaufſende auf das Schloß— doch nein, wenn er ein Verwandter des Hingerichteten iſt und die Flucht ergriffen hat, wie es ſcheint,— 18² nein— nein— ich nehme ihn mit auf mein Roß — Antoine! Herr. Komm herauf und hilf mir dieſen Schläfer oder Ohnmächtigen hinabtragen. Eidam! Herr Deleſſert junior aus Lyon, ſeid Ihr bei Sinnen? Was wollt Ihr denn unten mit ihm? rief Schilling.. Ihn vor mich nehmen auf's Roß, bis er ſelbſt — bis er ſelbſt zum nächſten Ort— bis Lauſanne meinethalben, wenn es nöthig ſein ſollte— Da, Antoine, greife an! Wirklich und wahrhaftig, Herr Schilling, es iſt der Knabe, der im Hofe— der vom Thurme herab— nun, bei St. Dionys! mich wundert es nicht, daß er ohnmächtig iſt, viel⸗ mehr daß er überhaupt noch einen geſunden Kno⸗ chen am Leibe hat, was doch der Fall zu ſein ſcheint. Trotz aller Gegenvorſtellungen von Seiten des Handelsfreundes und Schwiegervaters, von denen einige allerdings Beachtung verdienten, führte der Franzoſe ſeinen Vorſatz aus. Sanft und vorſichtig ſchaffte ermit Hülfe ſeines Dieners den kranken Knaben herab, deſſen Stand und Namen er weit entfernt war zu ahnen, und ließ ihn zu ſich auf ſein Roß heben, 183 wo er ihn mit der Sorgfalt einer zärtlichen Mut⸗ ter in ſeinen linken Arm nahm und ſein Haupt an ſeiner Bruſt ruhen ließ. In Victor's Natur lag etwas Großmüthiges und Edles, und eine kühne oder ſchöne That konnte ihn ungemein be⸗ geiſtern. Nun hatte er zwar nichts von dem frem⸗ den Knaben geſehen, was mit der letzteren Eigen⸗ ſchaft hätte bezeichnet werden können, denn die Ur⸗ ſache und Veranlaſſung ſeines Thurmſprunges war ihm ja noch dunkel, aber die ungeheuere Kühnheit, die einer völligen Lebensverachtung gleichkam, welche der Knabe gezeigt hatte, um einen alten Mann vor ſeinem Sterben noch einmal zu um⸗ armen, dieß allein hatte Victor's Herz bis in ſeine Tiefen erſchüttert und gewonnen. Nächſtdem war es wie ein Zug der Sympathie, der ihm dieſen werth, ja, man hätte ſagen können, theuer machte. Dieß ſeidene Haar, das um die reinſte Stirn floß, dieſe holden Züge eines Antlitzes, das gewiß nur frühes Leiden gebleicht hatte, dieſe leichten, ſchön gerundeten Glieder einer ſchlanken Geſtalt— für⸗ wahr der arme Knabe war eine anmuthige Erſchein⸗ ung, und nachdem Victor ihn näher betrachtet hatte, und als er das Säuſeln ſeines Athems an ſeiner Bruſt fühlte, ſchien es ihm faſt unmöglich, ihn hülflos 184 liegen zu laſſen oder im nächſten Dorf frem⸗ den Händen zu übergeben. Man ſetzte nun, um einen Reiſenden vermehrt, ſeinen Weg fort, und lange dauerte es nicht, als Thibaut's Beſinnung zurückkehrte und er ſeine Augen öffnete, überhaupt durch Bewegungen kund gab, daß ſeine Ohnmacht vorüber war. Mit welchem Erſtaunen fand er ſich auf einem rüſtig fortſchreitenden Roß, im Arm ei⸗ nes ihm völlig fremden Mannes, und wie kämpften in ihm und auf ſeinem Antlitz Freude, Furcht, Ueberraſchung und Schrecken, als er nach und nach deutlich die Gegenſtände, von denen er um⸗ geben war, erkannte. Sein erſter Gedanke war, in den Händen ſeiner Feinde zu ſein, er fürchtete, unter den Reitern ſogleich Ritter Joinville's Ge⸗ ſtalt hervortauchen zu ſehen, und noch ſo viel Fe⸗ derkraft hatte er in ſeinen Muskeln, daß er beinahe ſich aus Deleſſert's Arm losgemacht und durch ei⸗ nen zweiten Sprung, der freilich nicht ſo gefähr⸗ lich geweſen ſein würde, als der erſte, ſich auf die Erde verſetzt hätte. Indeß half des fremden Man⸗ nes Zureden und die ſanfte Gewalt, die derſelbe anwendete, ſeinen Schützling zu halten, daß er ſich endlich beruhigte, ſtill blieb und die Augen mit mehr Zutrauen zu des jungen Franzoſen Antlit . 18⁵ emporſchlug. Nun wechſelten von beiden Seiten Fragen mit Fragen, und jeder Theil gab ſo viel Auskunft über ſeine Perſon und über ſein Hier⸗ ſein, als ihm nöthig dünkte; Victor war offener und weniger zurückhaltend dabei als der Knabe, deſſen abhängige Lage allerdings Vorſicht und Klugheit gebot, da er ja nicht wiſſen konnte, ob dieſe fremden Männer ihm die Wahrheit ſagten, ob ſie nicht doch zu der Genoſſenſchaft Joinville's gehör⸗ ten, abgeſchickt, ihn zu ſuchen, ihn zu fangen, ſich ſeiner zu bemächtigen. Zwar blickte das Auge des jungen Herrn, der ihn hielt, ſo arglos, ſo treu— ſein Benehmen war ſo gütig, wie Thibaut es ſeit Jahren nicht mehr gewohnt war— dennoch hielt er es für nöthig, ihm ſeinen wahren Namen zu verſchweigen— er nannte ſich einen Anverwand⸗ ten Joinville's, was nicht ganz unwahr war, der, ſtreng von ſeinem Oheim gehalten und im Augenblicke der Hinrichtung eingekerkert, den Ver⸗ ſuch gewagt habe, Vater Fleuriot, den Mann ſei⸗ ner Amme, noch einmal zu ſehen. Mit dieſer Auskunft, die keine Lüge enthielt nur nicht die ganze Wahrheit, mußten Victor Deleſſert und ſein Reiſegefährte ſich vor der Hand begnügen; zehn⸗ mal erinnerte der Letztere daran, daß nun hier in 186 dem Dorfe, in dem Städtchen, welches vor ih⸗ nen lag, Zeit und Gelegenheit ſein würde, die un⸗ verhofft aufgeleſene Bürde wieder abzuſetzen. Vic⸗ tor verſchob dieß von einem Termine zum ande⸗ ren, und ſo ſank allmälig der Tag, und mit dem letzten Strahle der Sonne erhoben ſich vor den Reiſenden die Thürme der ſtolzen ſavoyer Stadt Lauſanne, die ſchneebedeckten Alpengipfel jenſeit des See's und entfaltete ſich die ganze Herrlichkeit einer Gegend, die kaum ihres Gleichen in der Welt hat. Mit Ungeduld erwarteten Sibylle und Florine, die einſtweilen bei einem Handelsfreunde Schilling's ſich aufgehalten, des Vaters und Bru⸗ ders Rückkehr und empfingen, da namentlich Letz⸗ terer ſie darum bat, auch den armen Anverwandten Joinville's freundlich, den die Reiſenden freilich ſehr unerwarteter Weiſe mitbrachten. Alle Anſtalten zum Abgange des Waarenzuges waren bereits getroffen, und ſo machte man ſich des folgenden Tages auf den Weg nach Bern. Groß war Joinville's Zorn, als der Mittag und der Abend kam und noch immer Thibaut ſich nicht wieder gezeigt hatte. An eine Flucht von Seiten des ſchüchternen Knaben zu denken, ſiel ihm lange nicht bei, und erſt als man mit dem 187 Sinken des Tages, ungefähr um die Zeit, als Je⸗ ner mit ſeinem Beſchützer in Lauſanne ankam, das ganze Schloß bis in die letzten und verborgenſten Winkel auf des Ritters Befehl durchſucht hatte, ohne etwas zu finden— als er endlich ſelbſt, fin⸗ ſter wie ein Ungewitter, welches den ſchwanken Baum ſucht, um einzuſchlagen und ihn zu zer⸗ ſchmettern, die gleiche Hausſuchung mit eben dem Erfolge vorgenommen hatte, fing er an zu ahnen, Thibaut könne ſich heut' Morgen, bei der Oeff⸗ nung aller Thore, und mit Benutzung der nieder⸗ gelaſſenen Zugbrücken, aus dem Schloſſe entfernt haben. Wohin konnte er aber gelaufen ſein, der zarte Jüngling, bei ſeinem ſchwächlichen Körperbau und ſeiner vollkommenen Unerfahrenheit in der Welt? Vielleicht hatte er in einer, der die Burg umgebenden Häuslerwohnungen Aufnahme geſucht und gefunden, vielleicht gar unten im Städtchen, und, für ſolche Dreiſtigkeit, für ſolche Mißachtung ſei⸗ nes Anſehens ſchwor ihm und dem, der ihn ver⸗ borgen hatte, der erzürnte Vormund die ſchrecklichſte Rache, unter Geſtalt einer wohlverdienten Strafe. Noch immer konnte es ſein, daß Thibaut ſich allem Suchen zum Trotz irgendwo im Schloſſe ver⸗ 188 borgen hielt, und man begnügte ſich daher, ihn nur unter der Hand, ohne großen Lärm, in den Umgebungen der Burg aufſuchen zu laſſen; als aber auch die Nacht verſtrich und der Morgen anſtatt des Vermißten Wiedererſcheinung nichts als eine Fluth abenteuerlicher auf ihn bezüg⸗ licher Gerüchte brachte, da begann Joinville in der That ernſtlich beunruhigt zu werden, nicht um des Knaben Wohl und Leben, aber in Betracht der Folgen, die ſein Verſchwinden nach ſich ziehen konnte und mußte. Der Tod ſeines Mündels durfte nicht auf dieſe Weiſe— nicht auf dieſe gerade ſtatt⸗ finden— auch kam er noch zu früh für vielfache Pläne, die Joinville brütete.— Hätte Thibaut bei ſeinem Sprunge vom Thurme herab den Hals gebrochen— nun, für dieſes Unglück hätte Nie⸗ mand, ſelbſt der höchſte Lehenshof in Chambery nicht, ihn zur Verantwortung ziehen können— aber alle Welt hatte geſehen, daß Thibaut glück⸗ lich zur Erde gekommen, was zu bezeugen ge⸗ wiß Viele erbötig waren, wenn es höheren Or⸗ tes verlangt werden ſollte. Aber des Knaben Flucht, ſein Davonlaufen, vielleicht ſein Umkom⸗ men draußen auf dieſe oder jene Weiſe, konnte 189 viel ernſte und unangenehme Folgen, Unterſuch⸗ ungen, Rechnungsablegungen und ſonſtige Ver⸗ antwortungen vor dem Lehnsherrn nach ſich ziehen, deren Gefahr und Schrecklichkeit, trotz der guten Freunde in Chambery, erſt jetzt vor des unge⸗ treuen Vormundes Seele trat. Sein Mündel zu beerben, war zwar ſein Vorſatz und ſein Tod ihm erwünſcht, doch ſollte dieſes Abſcheiden ſtill, durch eigene Schuld des Knaben, oder durch zufällige Umſtände herbeigeführt werden, nicht mit ſolchen verbunden ſein, die Aufſehen, Gerede, Zweifel und Neugier zu erregen geeignet waren. Ein an⸗ derer Umſtand noch waltete ob, der für Joinville verhängnißvoll werden konnte, wenn Thibaut jetzt ſchon das Zeitliche ſegnete. Ein alter Großohm von ihm war noch am Leben, der in Frankreich am Hofe des Königs lebte. Dieſer, nicht Join⸗ ville, war der nächſte Lehns⸗Agnat für die Graf⸗ ſchaft Gruyères, für die Herrſchaften Moleſton, Bellegarde, Payerne und andere, nach dem Ab⸗ leben Thibaut's ohne Deſcendenten. Der Conne⸗ table, ſelbſt reich, hatte ſich bisher nur wenig um die Möglichkeit einer Erbſchaft von einem entfern⸗ ten Anverwandten gekümmert, deren Anfall an ihn ſo unwahrſcheinlich war; jedenfalls aber mußte 19⁰ für Joinville's Pläne jener Mann, ein Greis— bereits an des Lebens Grenzen, früher als Thi⸗ baut verſcheiden, wenn er ſelbſt nicht aus dem Be⸗ ſitze verdrängt werden ſollte. Nun wunderte er ſich, nun war es ihm unbegreiflich, wie er bisher ſo wenig Sorgfalt auf Thibaut's Geſundheit und Lebenserhaltung hatte verwenden, wie er ſogar bei ſeinem Sturze von der Thurmſtube, denn et⸗ was Anderes konnte der Sprung doch eigentlich nicht genannt werden, hatte ſo ruhig bleiben können, daß er nicht einmal Meiſter Etienne's Treiben dadurch unterbrechen oder verzögern ließ. Was war nur die Urſache ſolcher Gleich⸗ gültigkeit bei ſo großer Gefahr?— denn jetzt er⸗ kannte es Joinville, er fußte mit ſeinem An⸗ ſehen, ſeiner Macht, ſeinem Reichthum, ſeinen Hoffnungen, ſeinem ganzen Daſein mit einem Worte, ganz allein auf Thibaut— und dieß hatte er in der Wüſtenei ſeines Treibens, in der Geſell⸗ ſchaft gleichgeſinnter Kumpane und an der Seite eines ſchönen buhleriſchen Weibes ſo gänzlich au⸗ ßer Acht gelaſſen. Unbegreiflich und doch nur zu wahr! Er ſchlug mit der Fauſt an die zuſammen⸗ 4 gezogene, rothe, mit dicken Adern unterlaufene Stirn, und in der erſten Wuth dieſes Erkennens 191 fluchte er Allen, die bisher die Diener und Helfer ſeiner Freuden geweſen waren. Einen ſilbernen Trinkbecher warf er zu Boden mit ſolcher zornigen Gewalt, daß er platt wurde. Endlich kam er zu ruhigerer Ueberlegung und begann Entſchlüſſe zu faſſen. Er berief ſeine ritterlichen Gäſte, alle von ihm abhängigen Vaſallen der Grafſchaft— durch gleich gewiſſenloſes Regiment noch enger mit ihm verbunden und bei jetziger Lage der Dinge in glei⸗ cher Gefahr mit ihm— in den Saal und ſtellte ihnen hier noch einmal mit einleuchtender Beredt⸗ ſamkeit das Heer verdrießlicher, ja höchſt gefähr⸗ licher Folgen und Händel vor, wenn der junge Herr, den man ſuchte, ſich nicht wiederfinden, wenn es ihren vereinten Bemühungen nicht gelingen ſollte, ſeiner Perſon wieder habhaft zu werden. Geradehin ſprach Joinville es aus, man müſſe ihn wiedererlangen. Ueber das Wie und darüber, wohin der Flüchtling ſich gewendet haben könne, wurden viele Anſichten und Meinungen laut, die ein Jeder hitzig verfocht, und lange war die Un⸗ terhaltung im Ritterſaal unter gleichen Perſonen nicht ſo ſtürmiſch geweſen, ja ſie ſtand in Geſahr, zu Zank und Streit zu werden. Zum erſten Male wagte man es, Joinville die Behandlung vorzu⸗ 192 werfen, die er dem Knaben angedeihen laſſen, der doch ſein und ihrer Aller Erbherr und Fürſt war. Nun wollten Viele dieſe Härte, ja Grauſamkeit, die er ihm bei jeder Gelegenheit gezeigt, längſt gemißbilligt haben, freilich im Stillen nur, denn daß jemals Einer ein Wort darüber verlo⸗ ren hätte, ließ ſich von Keinem beweiſen. Endlich ſah man ein, daß ſchon jetzt mit Joinville zu bre⸗ chen, noch nicht an der Zeit ſei, daß vielmehr das Verſprechen ſeiner Belohnungen für den, der von dem Entſchwundenen eine ſichere Spur oder gar ihn ſelbſt unverletzt wieder in die Burg liefere, ein geneigtes Ohr und die reiflichſte Erwägung verdiene. Ein Streifzug in der ganzen Umgegend nach allen Richtungen hin wurde beſchloſſen, eine förmliche Jagd auf das Edelwild, an welchem ſo viel gelegen war; weit konnte es nicht ſein, in einem Dickicht der nahen Wälder mußte es ſich verborgen haben, und dieſe zu durchſpüren, war nun die nächſte Hauptaufgabe Aller. Es geſchieht nicht ſelten, daß der menſchliche Scharfſinn, indem er etwas mit Eifer und Leidenſchaft auffinden will, eher die fernſten Möglichkeiten zuſammenſtellt, als das ihm zunächſt Licgende— ſo war es bei der ſtürmiſchen Verhandlung der Ritter nicht einem in 193 den Sinn gekommen, die fremden Kaufleute, die am geſtrigen Morgen juſt zur Stunde der Abſtraf⸗ ung und Hinrichtung der gefangenen Rebellen von Oeſch, um einen Geleitbrief zu löſen, im Schloſſe an⸗ gelangt, mit der Flucht des jungen Grafen in Ver⸗ bindung zu bringen; man hatte ihrer ſchon gänzlich vergeſſen; wäre jenes aber auch geſchehen, ja, hätte man ſie in dem unmittelbarſten Verdacht gehabt, Thibaut entführt oder zu ſeinem Entkommen die Hand geboten zu haben, was konnte es jetzt noch nützen? Natürlich waren alle Freundeund Dienſtman⸗ nen Joinville's zu der von ihm geforderten Hülfe bei der ſie ſelbſt ihrer Stellung nach ſo betheiligt waren, bereit und wurden dazu noch mehr ange⸗ feuert von der faſt. königlichen Belohnung, die Joinville auf die Wiederhabhaftwerdung des Kna⸗ ben geſetzt hatte. Man kannte ihn, er war der Mann, ſein Wort in dieſem Falle zu halten. Je⸗ dem Eigenen Freiheit für ſich und ſeine Nachkom⸗ men, nebſt einem Grundſtück zum Beſitz, dem Vogt oder adeligen Dienſtmann aber das Schloß oder die Herrſchaft, in der er jetzt als gräflicher Beam⸗ teter waltete, als unbeſchränktes Eigenthum für v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 13 194½ ewige Zeiten— was konnte lockender ſein? Und daß Joinville, wenn er dergleichen wollte, es auch auszuführen Macht und Mittel hatte, daran war, wie man ihn kannte, kein Zweifel. Siebentes Kapitel. Der luſtige Nath. Während dieſer Vorgänge in und um Greyerz, nach helvetiſcher Mundart, wimmelte und lebte es hell auf am ſüdlichen Ufer des Thuner Sees, im Frutigerland, im prächtigen, breiten, mit Dörfern und Höfen angefüllten und von Hochalpen über⸗ ragten Simmenthal. Die Jünglinge probten und ſpannten ihre Bogen, von den Wänden herab nah⸗ men die Männer ihre alten, oft ſchon in mehren Geſchlechtern bewährten Streitäxte, die Schwerter wurden mit dem Wetzſtein der Senſe geſchliffen, die kaum mit der Ernte fertig geworden, und überall, wo der junge Kriegsknappe aus der Haupt⸗ ſtadt, der Berner Bote, mit der Aufmahnung ſich ſehen und hören ließ, ſtand eine rüſtige, wohlbe⸗ waffnete Mannſchaft in kürzeſter Friſt kampfluſtig da. Wohl würde die Botſchaft, auch von jedem Anderen 13* 496 überbracht, eine gute Wirkung gehabt haben, denn man kannte im glücklichen Berngebiet die Noth der lieben Nachbarn jenſeit der Schündli-Kette und des hohen Stockhorns, in den Thälern der Sanen, wo die deutſche Sprache aufhörte und die welſche begann, man kannte die Bedrängniß der Landleute gräflichen Gebiete von Greyerz, unter einem Tyrannen und harten Verweſer oder Herrn, was zur Zeit daſſelbe war, und ſeine letzten Bedrückungen und Gewalt⸗ thätigkeiten gegen ſie, und war gar ſehr geneigt, ihnen gegen dieſen Herrn zu helfen, aber ein we⸗ nig zu der allgemeinen, freudigen Bereitwilligkeit, dem Aufrufe des hohen Rathes zu gehorchen, trug auch der Bote des letzteren ſelbſt bei, mit ſeiner Munterkeit, ſeinem freundlich⸗ernſten, umſichtigen Weſen, der Art und Weiſe, in der er zu den Vätern der Gemeinden ſprach und mit ihnen verhandelte, und welche ihm Aller Herzen gewann. Lugt, lugt! wis⸗ pertendie Dorfmädchen einander zu und wieſen ver⸗ ſtohlen auf Herrn Willibald's Sohn, wenn er vor⸗ über ritt an der Spitze eines größeren oder kleineren Zuges, dem ihre Väter, Brüder und Geliebten ſich eben beigeſellt hatten, den hübſchen Junker ſchaut an, den Berner, wie ihm Helm und Harniſch glänzt, und wie er ſo ſchmuck iſt und friſch wie 197 ein Sennbube dazu. Manches ſchöne Auge lächelte Egon und manche zärtliche Bruſt wallte ihm ent⸗ gegen, er ſah es aber nicht, wie er denn mit Zärt⸗ lichkeit nur an Schloß Oltingen und die dort hau⸗ ſenden Lieben dachte und im Uebrigen nur der Pflicht, dem Berufe lebte und auf Nichts ſann und Acht gab, als auf eine glückliche Ausführung der ihm ertheilten Weiſungen und Befehle. Die erſte Hälfte derſelben, das Aufgebot der Zuzug⸗ Männer, hatte er bereits ausgeführt; jetzt blieb noch die größere und ungleich wichtigere zu voll⸗ ziehen übrig, die nämlich, mit ſeinen Reiſigen und der vereinten Kriegsmannſchaft des Thales ſo bald als möglich in das Greyerzer Land einzufallen und ſich der Gefangenen von Etivaz zu verſichern. Nicht, daß Egon der ganzen Schaar Anfuͤhrer ge⸗ weſen wäre nach dem Willen des hohen Rathes zu Bern, dazu kannte dieſer ſeine Bürger zu gut und war zu klug, eine Menge erfahrener Männer unter den Befehl eines unerfahrenen Jünglings zu ſtellen, in ihrer Mitte ſelbſt mangelte es an geſchickten Anführern nicht, die mit jeder Oertlich⸗ keit ihrer und der benachbarten Thäler genau ver⸗ traut waren; ſolche leiteten den Zug über das Nießen⸗ und Stockhorn⸗Gebirge, um auf dem ge⸗ 198 radeſten Weg in die Landſchaft zu gelangen, die ihrer Hülfe bedurfte. Nicht als Befehlende, wohl aber als Theilnehmende und von Allen gern ge⸗ ſehen und geachtet befanden ſich Egon und ſeine Reiter im Zuge. Einen Oberanführer erhielt dieſer im Dorfe Boltigen, am Fuße des Schündli, wo ein von Bern beauftragter Mann ihn erwartete, deſſen Name, im ganzen Berngebiete und weiter hinaus hochgeehrt, allein hinreichend geweſen wäre, zerſtreute und getrennte Kräfte unter ſeinem Panier zu vereinigen und ein Feldherr der Heere von Thun und Simmenthal zu werden, wäre er nicht vom hohen Rathe der Republik dazu auserſehen und ernannt geweſen, wie es der Fall war, der Ritter von Rinkenberg, Herr des Lütſchinenthales und von Brienz und der ſchönen Burg Rinkenberg zwiſchen dem Thuner und Brienzer See. Es war gegen Abend, als der Ritter in Boltigen ankam, wo der Kriegszug unter Vertheilung in die um⸗ liegenden Dörfer und Höfe zu übernachten geſon⸗ nen war und ſein Erſcheinen eine allgemeine freu⸗ dige Bewegung hervorbrachte, die Niemand feuriger theilte als der, der den verehrten Herrn ſeit ihrer gemeinſchaftlichen Reiſe nach Savoyens Hofſtadt 199 hier zum erſten Male wiederſah, und auch der Ritter freute ſich, dem munteren und ſtets dienſt⸗ gefälligen Knappen wieder zu begegnen. Eine Feier ſollte den Abend verherrlichen, wie der all⸗ gemeine Wunſch war; man lagerte in dichten Schaaren unter der alten Dorflinde bei Speiſe und Trank und manchem munteren Lied, welches Zither⸗ klänge begleiteten, hier und da loderten luſtige Feuer auf, und noch weit entfernt ſchien der Zeit⸗ punkt, wo ein Jeder ſeine Ruheſtätte ſuchen und die Maſſe ſich trennen würde— morgenden Tages hoffte man über den Schündlipaß und dann jenſeit deſſelben im Feindesland den Krieg unter Leitung des erfahrenen Feldoberſten zu eröffnen, auf deſſen Wohl und Bewillkommnung von allen Seiten Lebe⸗ hochs und Zurufe erklangen. Noch früher aber, als man gedacht hatte, ſollte der Kriegseifer Nahrung erhalten. Ein Mann aus Ablentſchen, einem jenſeit der Berge, ſchon innerhalb der Grafſchaft gelegenen Dorfe, kam in Boltigen ſchweißtriefend an und brachte die aufregendſten und traurigſten Nachrichten. Das ganze Lager gerieth durch ihn und ſeine Wehrufe in Schrecken und Alarm. Vor den Ritter gebracht, wohin ſich ihm Alles nach⸗ — 200 drängte, gab er vor, daß er ein Bote der Ge⸗ meide von Sanen ſei, die von der Aufmahnung im Simmenthal und dem Frutigerland theils durch ihre aus Bern zurückgekehrten Boten, theils durch Hirten vernommen habe und nun ihn ſende, damit er ſich über dieſe Thatſache vergewiſſere und, falls ſie in Wahrheit ſtattfinde, zu eiligſter Be⸗ ſchleunigung auffordere, damit ſie nicht zu ſpät kämen, denn der Zorn des Herrn auf Greyerz ſei ein ſchrecklicher, und auf jede Weiſe laſſe er ihn die Landleute empfinden. Nicht genug, daß er die Bewohner von Oeſch, deſſen unglücklicher Jahr⸗ markt die gegenſeitigen Streitigkeiten zum Aus⸗ bruch gebracht hatte, hart geſtraft und ge⸗ zwungen habe, nicht allein dem Burgrechte mit Bern zu entſagen, ſondern auch mit Hintanſetzung aller ihrer alten Freiheiten ihm einen unbedingten Gehorſam zu ſchwören— ſo laufe auch noch ein anderes ſchreckliches Gerücht durch die Thäler der Grafſchaft und verbreite ringsum Entſetzen und Furcht. Es heiße nämlich, der Graf habe am Morgen die Gefangenen, die ſeine Reiſigen zu Oeſch gemacht, durch den Scharfrichter martern oder gar des Lebens berauben laſſen. Nun ſei 201 das Aeußerſie von Druck und Zwang geſchehen, und Niemand halte ſeinen Kopf mehr für geſichert auf ſeinen Schultern, daher bäten die bedrängten Saner inſtändigſt und fußfällig die Berner, ſo ſchnell als möglich zu ihrem Beiſtande zu eilen und nirgends unterwegs zu raſten. Was die Ge⸗ fangenen von Etivaz betreffe, ſo hätten ſie ſelbſt mehrfache Verſuche gemacht, ſich zu befreien, doch ohne Erfolg; feſt entſchloſſen ſei man aber, an ihnen Rache zu nehmen für die Ermordungen in Greyerz und ſich ihrer ſo zu entledigen, wofern die Hülfe von außen noch lange zögere. Dieß war der Hauptinhalt vom Berichte des alten Hirten von Ablentſchen, dem der Mann noch eine Menge Einzelnheiten unter Jammer und Weh⸗ klagen beifügte, denn er ſelbſt hatte einen Sohn, ſeine Stütze und ſeinen Ernährer, unter den Ge⸗ fangenen auf Schloß Greyerz, über deren Schick⸗ ſal ſo Schreckliches verlautete. Weinend warf der Greis ſich auf die Knie vor dem Ritter, der ihm, Egon an ſeiner Seite, mit Ernſt und Aufmerkſam⸗ keit zugehört hatte, und beſchwor ihn, ſeines Sohnes Leben zu retten oder zu rächen. Rinkenberg ſuchte ihn zu beruhigen und erhob ſich von ſeinem Sitz, indem er mit der Hand winkte und dem Knappen 20² einige Worte ſagte. In Zeit von einer Viertel⸗ ſtunde waren die Feuer gelöſcht, die Waffen zur Hand genommen und der Nachtruhe für heut ent⸗ ſagt. Die Heerſchaar brach auf nach dem Schündli⸗ Paß, und während Rinkenberg mit den Führern voranſtieg, überlegten ſie gemeinſchaftlich den An⸗ griffsplan und das, was für den folgenden und die nächſten Tage am geeignetſten zu thun ſei. Der Hirt zeigte ihnen die gangbarſten Wege über das Gebirge. Ohne auf ein beſonderes Hinderniß zu ſtoßen und ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden, gelangte das kleine Heer hinüber, und der Tag war noch nicht angebrochen, als es ſich bereits innerhalb der Grenzen der ſchönen Grafſchaft befand, die unter des ſavoyiſchen Ritters ſtrengem Regiment ſeufzte. Hier trennte ſich Egon von ſeinem rit⸗ terlichen Gönner, um mit der ihm ſchon von Bern aus zugetheilten Schaar, verſtärkt durch Landleute, die ſich ihr freiwillig anſchloſſen, eine ſüdliche Richtung einzuſchlagen, den Weg nach Etivaz nämlich, wohin die Beſorgung eines wichtig.⸗ Auf⸗ trages ihn rief. Rinkenberg gab ihm noch gute Rathſchläge, mit und die Weiſung, wo ſie einander in der Kürze wieder treffen könnten, wenn nicht —— 203 unvorhergeſehene Umſtände einträten und es beider Beruf dann anders beſtimmte. Niemand in den Grenzen der weiten Grafſchaft Gruysères mochte aber dem Tage, der ſich nun er⸗ hob, fröhlicher und heiterer entgegenblicken, als die junge Florine, Victor Deleſſert's Schweſter, die ſich ſeit dem Aufbruche von Lauſanne ſchon den zweiten Tag auf der Reiſe befand, denn dieſelbe ging der Waaren wegen, die Herr Schilling nicht aus den Augen laſſen wollte, nur langſam. Auch war der Weg ſchlecht und Fräulein Sibylle nicht ganz wohl, und ſo hatte man denn in einem Städtchen übernachtet, um mit der heutigen Mor⸗ genröthe gemächlich weiter zu reiſen. Florine litt niemals an Schwermuth, vielmehr war ſie ein ver⸗ körperter Gedanke der Munterkeit und Luſt, und ihre kleinen Füße tanzten oder ſchwebten beſtän⸗ dig; ſelten, wenn nicht in der Meſſe, war ſie ernſthaft, und die ſchalkhaften Augen ſchienen allem Gram und Kummer einen ewigen Krieg angekün⸗ digt zu haben. Nur einmal, ſeit ſie an der Seite ihres lieben Bruders die Vaterſtadt verließ, um eine Reiſe mit anzutreten, von der ſich ihr kind⸗ liches Herz tauſendfaches Vergnügen verſprach, waren die Roſen von ihren Wangen gewichen, und ſie hatte von ferne erfahren, was Angſt und Schrecken iſt— es war im Packhof von Genf, wo ſie den Bruder im Gewühle einer aufgeregten Maſſe verſchwinden, wo ſie ihn das Schwert ziehen, in Gefahr gerathen ſah— nach einigen Augenblicken wurde ſie aber getröſtet durch den hübſchen jungen Mann, einen Berniſchen Junker, wie ſie vernahm, der ihr und Sibyllen beruhigende Kunde gab; ſpäter hatten Victor und Herr Schil⸗ ling ſeiner noch mehrmals erwähnt, und Florine hörte immer gern von ihm, denn an ſeine Er⸗ ſcheinung knüpfte ſich das wohlthuende und freu⸗ dige Gefühl jener Entlaſtung von ſchwerer Sorge, die damals durch ihn bewirkt worden war. Ein zweites Mal verfinſterten ſich der hübſchen Franzöſin Züge, und zwar in Lauſanne im Hauſe des alten Kaufmanns, wo es galt, zurückzubleiben, indeſſen Vater und Bruder den Ritt nach Gruysères unter⸗ nahmen, der nach dem Rathſchlage ſämmtlicher Handelsfreunde am Platz unerläßlich war. Die Nothwendigkeit, ſich von Victor zu trennen, die Langeweile, in einem fremden Hauſe allein zu bleiben, ſeine Rückkehr zu erwarten, war beiden Damen peinlich, doch mußten ſie ſich ihr unter⸗ werfen. Im Grunde fand zwiſchen Victor's 20⁵ Schweſter und Sibyllen ſehr wenig Gleichheit des Gemüthes, des Thuns und Weſens, auch des Al⸗ ters ſtatt; Florine, faſt noch Kind, raſch, heftig in ihrem Willen, ja zuweilen ſogar eigenſinnig, im⸗ mer aber heiter, lieblich, reizend ſelbſt im Ueber⸗ muthe, konnte im Grunde der deutſchen Jungfrau wenig Berührungspunkte der Seele und eine nur mäßige Uebereinſtimmung bieten. Sibylle hatte nichts von franzöſiſchem Blute, ſie war eine Tochter deutſch⸗helvetiſcher Hochgebirge, ſtill, ernſt, ſelbſt kalt erſcheinend, doch voll tiefer Empfindung und ſogar heftiger Leidenſchaften fähig, was man nicht hätte glauben ſollen, wenn man ihr Antlitz voll gleichmäßiger Ruhe, ihr ſchönes, ſanftes, blaues Auge betrachtete. Nur in der Liebe zu Victor begegneten ſich beider Herzen, und dieß mochte wohl der Hauptgrund ſein, auf dem Sibyllens und Florinens Zärtlichkeit zu einander beruhte; letztere lebte und webte in dem Bruder, den die erſtere heißer liebte, als ſie ihm, ſich ſelbſt und Anderen geſtehen wollte.— Jetzt war er nicht al⸗ lein wohlbehalten zurückgekehrt von dem Grafen⸗ ſchloß, ſondern hatte auch noch einen feinen, huͤb⸗ ſchen, nur etwas bleichen jungen Menſchen mit⸗ gebracht, für den er die Sorgfalt der Frauen in 206 Anſpruch nahm, einen kleinen Unglücklichen, der da oben Schlimmes erfahren hatte und der Enkel eines Greiſes war, den der böſe Graf hatte tödten laſſen; dieß und die Theilnahme, welche ihm Victor be⸗ zeigte, die Art von Zärtlichkeit, die er ihm wid⸗ mete und wofür der Knabe ſo dankbar ſchien, war genug, auch Florinen und Sibyllen für ihn zu gewinnen; Florinen um ſo mehr, als Herr Schil⸗ ling, mit dem ſie beſtändig in ſcherzhaftem Kriege lebte, nicht weniger als günſtig geſtimmt war für Victor's Schützling und darauf beſtand, daß man ſich ſeiner entledigen, ihn zurückzulaſſen müſſe in Lauſan⸗ ne, bis wohin man ihn gar nicht hätte mitnehmen dürfen, wenn es nach ſeinem Willen gegangen wäre. Wie hübſch der kleine Thibaut war— ſo nannte ſich der Knabe— wie dankbar für jedes freund⸗ liche ihm geſpendete Wort, für jede kleine Auf⸗ merkſamkeit, für die Sorge um ihn— ach, er kannte das Alles ſeit lange nicht mehr und glaubte ſich in Victor's und der Seinigen Nähe in den Himmel verſetzt, deſſen Seligkeit nicht einmal Herrn Schilling's grämliche Miene, mit der er ihn an⸗ ſchaute, zu trüben oder zu ſtören vermochte. Herr Victor Deleſſert hatte erklärt und verſprochen, ihn nicht von ſich ſtoßen, ſondern einſtweilen bei ſich behalten 207 zu wollen, mehr verlangte der Knabe nicht, nur dieß gewährt, und er war mit Allem zufrieden, mochte man ihn führen, wohin es ſei, nur nicht. unter Joinville's Oberherrſchaft zurück, zu deſſen Freunden und Kumpanen, zu der Dame Guübert, deren Stolz und Hohn er ſo oft hatte erfahren müſſen. Ueber des Knaben Zukunft hatte der junge Deleſſert ſelbſt noch nicht ernſtlich nachge⸗ dacht; vor der Hand kam es darauf an, ihm ein Aſyl zu gewähren, deſſen er bedürftig war, denn daß es ihm auf Schloß Gruyéères, wo er einen ſo verzweifelten Sprung gewagt aus dem Kerker, wie Thibaut nicht läugnen konnte, nicht wohl er⸗ gangen ſein könne, war klar auch ohne ſein Ein⸗ geſtändniß; daß er aber ein unſchuldig Ver⸗ folgter, mindeſtens zu hart Behandelter war, da⸗ für bürgte ſein ſchönes unſchuldiges Auge, wel⸗ ches, von Thränen gefüllt, einen unwiderſtehlichen Zauber übte, ſein ganzes Thun und Gehaben, das wohl ſchüchtern, faſt furchtſam, doch wie das eines Schuldbewußten war. So behielt ſich denn der edle Lyoneſe vor, aus dem Knaben zu machen, was ihm den ſich ergebenden Umſtänden nach gut dünken würde, und wirkte ihm einſtweilen bei ſeinem künftigen Schwiegervater die, wiewohl 208 ungern gegebene Erlaubniß aus, entweder eines der Dienſtroſſe zu beſteigen oder bei den Fuhr⸗ werken, welche die Waaren führten, ein ſchickliches Plätzchen zu ſuchen, mindeſtens dem Reiſezuge nach Luzern über die Gebirge ſich anzuſchließen. Flo⸗ rine war äußerſt zufrieden mit dieſer Einrichtung und umarmte bald den Bruder, bald die einſtige Schwägerin, bald ſogar den alten Herrn Schilling und den jungen Burſchen ſelbſt, der ja nur ein Kind und faſt mehr als ein ganzes Jahr jünger war als ſie. Und er wußte gleich am erſten Reiſetage ſich vollends feſtzuſetzen in der Gunſt der jungen Herrin; er lief neben ihrem Zelter ein⸗ her, obgleich er ſolches nicht nöthig gehabt hätte, brach Blumen und Zweige für ſie im Walde, ord⸗ nete ihre Zügel, ihre Bügel, war behülflich, thä⸗ tig, und ſein Antlitz färbte ſich dabei und heiterte ſich auf, daß es eine Luſt war, zu ſehen. Un⸗ willkürlich erwachte auch in ihm der Knabenſinn, er lachte, ſcherzte und war ſchon jetzt auf Augen⸗ blicke ein ganz Anderer als geſtern, wo Gram und Schwermuth ſeine Züge, ja ſein ganzes We⸗ ſen noch umflorten. Auf Rechnung dieſes jugend⸗ lichen, ſeinen Jahren nicht unnatürlichen Leicht⸗ ſinnes war es zu ſchreiben, wenn Thibaut ſich um die Richtung, welche man eingeſchlagen hatte, nur wenig kümmerte, ſie war ihm ſogar völlig gleichgültig, konnte er nur bei ſeinen Freunden und Schützern bleiben, konnte er nur die liebliche Dame Florine lachen hören, konnte er nur neben ihr gehen, auf ihr Geplauder antworten, genug in ihrer oder Herrn Victors Nähe ſein. Sibyllens Gunſt hatte ſich Thibaut weniger zu erfreuen, in ihr regte ſich eine Art von Mißfallen oder kleiner Eiferſucht in Betreff des Lobes, der Aufmerkſamkeit, der Huld, die ihr Verlobter dem fremden Knaben widmete, der ſo unerwartet ihren Kreis vermehrt hatte; ſie ſchalt ſich ſelbſt darüber und ſuchte dieſe Regung zu verbergen, aber ganz verleugnen konnte ſie ſie nicht. Etwas Aehnliches fand bei ihr hin⸗ ſichtlich Florinens ſtatt, bisher war ſie der jungen Franzöſin einzige Vertraute und einziger An⸗ halt geweſen, außer den Männern, jetzt plau⸗ derte Florine mit dem Knaben, ließ ſich zu Spielen mit ihm herab, wie ein Kind, nahm kleine Dienſte und Handreichungen von ihm an und vernach⸗ läſſigte die ältere Freundin ein wenig, die ſolches zwar nicht gerade ſchmerzlich empfand, aber doch dem neuen Schützling darum nicht gewogener ward. v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 414 240 Uebrigens war Thibaut nicht der Einzige, um den ſich der Reiſezug von Lauſanne aus vermehrt hatte. Die Knechte abgerechnet, welche die Fuhr⸗ werke und Roſſe bedienten, zeigte ſich bei dieſen auch noch ein Spielmann mit Ouerpfeife und Dudel⸗ ſack, der des gleichen Weges wie ſie zu ziehen ſchien und zwiſchen dem Geraſſel der ſchweren Wagen, dem Seufzen der Räder und dem Huf⸗ ſchlag der Pferde dann und wann ſein luſtiges Lied ertönen ließ, das bis zur Herrſchaft hindrang, welche den Fremden ſpäter vor ſich kommen ließ, befragte und beſchenkte, auch ihm geſtattete, beim Zuge zu bleiben, ſo lange es mit dem Ziele des Weges, den er zog, ſich vertragen würde. Bei Ertheil⸗ ung der Erlaubniß war Herrn Schilling's Meinung und Gunſt die vorherrſchende, er fand Geſchmack an dem hellen Tone der Querpfeife, die ein ſo luſtiges Echo in den Gebirgen weckte, ſowie an dem närriſchen Weſen des Pfeifers, der ein Deutſcher war, ein Landſtreicher allerdings, wie es ſchien, aber ein kluger umſichtiger Geſelle, mit dem ſich reden ließ; genug, obwohl die Damen ſeiner Muſik nicht ungern enthoben geweſen wären und Victor den närriſchen Hans und ſeine Zu⸗ dringlichkeit ſogar mit einem Anfluge von Miß⸗ 241 trauen betrachtete, zu welchem ihm ſein Geplauder mit den Knechten und dem Herrn ſelbſt über Weg und Steg und die Richtung, die man zu ver⸗ folgen beabſichtigte, Veranlaſſung gab,— obwohl ein paarmal der Vorſchlag gemacht worden war, ihn zum Teufel zu jagen, ſo blieb Hans dennoch — unter der mächtigen Protection des Gebieters — beim Zuge. Von dem in Gruyoères gelöſten Geleitbriefe hatte man, an Burgen oder in deren Nähe vor⸗ uͤberziehend, ſchon einige Male Gebrauch machen müſſen, doch war es ſtets mit günſtigem Erfolge geſchehen, ſo daß Herr Schilling anfing, den Preis, den er ihm koſtete, weniger zu beklagen, und die Weisheit des Rathſchlages, ſolchen Brief zu erwirken, von wem der Rath auch ausgegangen ſein mochte, anerkannte. Bei den Gelegenheiten, wo der Freibrief vorgezeigt werden mußte, und während der Verhandlungen darüber pflegte Thibaut ſich entfernt zu halten; entweder machte er ſich bei den Roſſen zu thun oder benutzte den Halt, um mit Florinen nach Blumen oder Schmet⸗ terlingen zu jagen. Uebrigens war der Fall im Laufe des erſten Reiſetages nur zweimal vorgekommen, und die Reiſigen oder Gewappneten, mit denen 14* 212 man dabei zu verkehren hatte, die Ritter ſelbſt waren dem Knaben fremd, wie er ihnen. Jetzt mit dem zweiten Tage hoffte man, den nördlichen Theil der Grafſchaft zu erreichen und ſogar ihre Grenze zu überſchreiten. Der Krieg mit ſeinem Lärmen hatte die Gegenden, welche die Reiſenden durchzogen, noch nicht berührt, und obwohl ſie hin und wieder in den Dörfern allmälig darauf Bezug habende Gerüchte vernahmen, ſo konnte ihnen dieß aus dem Grunde keine ernſte Beſorgniß einflößen, weil, wenn ſie in der That auf Kriegs⸗ volk von Bern ſtoßen ſollten, dieß für ſie kei⸗ nesfalls feindliches war; ſie hatten hier nichts zu fürchten als die ſavoyiſchen Herren ſelbſt, und vor dieſen ſchützte ſie der Geleitbrief von Gruyères. So zogen ſie denn fröhlich weiter, Herr Schilling mit Hans, den er an ſeiner Seite gehen ließ, im Geſpräche, Florine und Thibaut über Nichts plaudernd wie die Kinder, Victor an der Seite Sibyllens, der Wagen und die Knechte bald vor, bald hinter ihnen, wie es Ort und Gelegenheit geſtattete. Man war jetzt bis zum Eingang eines Thales gekommen, das das heilige Thal oder val sainte ge⸗ nannt wurde, eines Kloſters und verſchiedener 213 Kapellen wegen, die da lagen, unfern des Klo⸗ ſters erhob eine Herberge ihr gaſtliches Dach, und innerhalb dieſer Herberge ſo wie auch in ihren Um⸗ gebungen ſchien ein regeres Leben als gewöhnlich zu walten. Sie war noch nicht ganz von den Reiſenden erreicht, als bewaffnete Reiter ihnen entgegenkamen, ſie anhielten und die nämlichen Fragen an ſie richteten, die ſie ſchon einige Male an anderen Orten beantwortet hatten. Mein Knabe, ſagte indeſſen Florine zu ihrem kleinen Paladin, ſieh nur, ſchon wieder ein Auf⸗ enthalt. Papa Schilling wird abermals genöthigt, ſeinen Brief mit dem großen rothen Siegel her⸗ vorzuholen. Nun, er thue es; mir iſt es ſogar lieb, wenn er es thut, denn ich bin durſtig. Be⸗ trachte nur, wie Fräulein Sibyllens Vater zor⸗ nige Blicke umherwirft und mit vieler Anmuth gegen die Eiſenmänner Bewegungen macht, als wäre er der Stärkere und nicht ſie, und als erklärte er ihnen Widerſtand, Krieg und alles denkbare Uebel. Es iſt doch ein muthiger Mann, dieſer künftige Schwiegervater. Du aber, mein Freund, thäteſt wohl, in das Haus zu gehen, um mir ein Glas Milch oder Waſſer mit etwas Wein zu holen. Geh' nur immer, Zeit wirſt Du haben, dieſen kleinen Auftrag zu erfüllen, denn immer dauert es ziemlich lange mit dieſem Briefe und den Herren Reiſigen, aber lange genug für meine Geduld, geh', Thibaut, laufe, ſpringe, ich ſehe Dich ſo gerne ſpringen mit Deinen leichten Füßen— ſo mögen die Hirſche ſpringen in den Wäldern. Das Letztere hörte Thibaut nicht oder nur halb, er war ſchon an der Thür der Herberge und bat eine Frau, die dort ſtand und ihrem Aeußeren nach die Hansfrau zu ſein ſchien, um das von ſeiner jungen Gebieterin verlangte kleine Labſal; die Frau gab anfänglich nicht Acht darauf, ſondern horchte mit über die Augen gehaltener Hand nach den Verhandlungen hin, die einſt⸗ weilen zwiſchen den Reiſenden und der gewapp⸗ neten Schaar nur eine kurze Strecke weit von ihrem Hauſe ſtattfand und immer lauter, immer lärmender ward. Nicht nur Knechte und Reiſige ſtritten dort und redeten heftig gegeneinander, auch der Helmbuſch eines Vornehmeren, eines Rit⸗ ters vielleicht, war über dem Haufen wahrnehmbar. Gleich, gleich, erwiderte die Wirthin auf Thi⸗ baut's wiederholtes Verlangen, gleich, junger Herr— noch einen Augenblick— bin doch neu⸗ 245 gierig, wie das ausgeht— ſie ſträuben ſich— wird ihnen nichts helfen— Worte machen ſie? Pah, pah! Alſo Milch verlangt Ihr, Waſſer, ein wenig Wein— ja doch— aber wer wird es bezahlen? Frau! ſtammelte Thibaut betroffen, liebe Frau, Ihr werdet doch— Ja, denn was habt Ihr noch, wenn der Rit⸗ ter Ernſt macht— und, meiner Treu! er ſieht ganz ſo aus, als ob er es wollte— doch— er lag einen ganzen Tag hier mit ſeinen Leuten, mit all dem Volk und hat nicht eben geknauſert, auch iſt's für Euch— Ihr durſtet— ei ſchaut doch, ein hübſches junges Blut. Sie legte hiermit dreiſt ihre dicke Hand unter Thibaut's Kinn, der hoch⸗ erröthete. Nicht doch, für mich verlange ich nichts von Euch, ſagte er faſt unwillig, doch für die junge ſchöne Dame dort auf dem Zeiter— Eilt— bringt, um was ich bitte. Ihr ſollt bezahlt werden. Gleich, weil Ihr es begehrt, mein kleiner Herr, Ihr ſollt bedient werden, ſagte die wohlbeleibte Wirthin und verfügte ſich in das Innere ihres 246 Hauſes; zu gleicher Zeit nahten ſich die heftig re⸗ denden Männer. Nein, nein!— ließ ſich Herrn Schilling's Stim⸗ me, die im Eifer ſcharf und ſchnarrend zu werden pflegte und auch jetzt ſo klang, vernehmen— nein! Ein Wort für tauſende und ein Dank für alle; Ihr ſeid, wie hundertmal geſagt, außerordentlich gütig, Herr Ritter, viel zu gütig und gaſtfrei, wir aber können bei den obwaltenden Umſtänden und dem Zeitmangel, den wir berückſichtigen müſſen, von Euerer Güte und Gaſtfreundſchaft keinen Ge⸗ brauch machen und müſſen uns auf eine gelege⸗ nere Zeit das Vergnügen aufſparen, Euch auf Euerem Schloß Bellegarde unſeren Beſuch abzuſtatten. Euer gehorſamer Diener! Dort geradeaus geht der Weg nach Charmy und Thun, den wir ziehen wollen, nicht rechts ab, wo Euere Burg liegt; ich weiß das recht gut, zum Theil aus eigener Ortskenntniß in dieſer Gegend, zum Theil von dem Manne da belehrt, der hier ebenfalls genau Beſcheid weiß, wie ich mich überzeugt habe. Sage, Hans, Hans— er wandte ſich damit an den Spiel⸗ mann, der ſchüchtern einen Schritt hinter ihm her⸗ ging, iſt's nicht ſo? Liegt dort nicht, zwei ſtarke Stun⸗ den von hier, tiefer im Gebirge nach der Grenze, Schloß Bellegarde? Gewiß, Herr, entgegnete der Querpfeifer, der beſtürzt und verlegen ausſah, faſt in noch höherem Grade als ſein verehrter Gönner. Da hört Ihr's!— Oh, Ritter, wehrt doch Eueren Knechten— es ſind zudringliche Geſellen. Da, da! Seht nur, ſie nöthigen die Meinen und die Geſchirre, rechts einzubiegen in den Kreuz⸗ weg. Laßt ſie immer, entgegnete der Ritter nur noch halb höflich, laßt ſie doch, Alter— nun ja, 's iſt der Weg nach Bellegarde, und Ihr werdet meiner Freundſchaft, meiner zärtlichen Ungeduld doch keinen Widerſtand leiſten? Ich habe es feſt beſchloſſen, Euch dort zu bewirthen. Ihr könnt ja dann, falls Euch ſo viel Großmuth beläſtigen ſollte, mir und meinem Bruder, der dort mit mir hauſt, einen namhaften Theil Euerer Waaren als An⸗ denken zurücklaſſen. Auch ein Geldgeſchenk nimmt unſere Haushälterin an.— Zugefahren, Leute! herrſchte er den Geſchirrknechten zu, und dieſe hieben in der That auf ihre Zugthiere, wobei die fremden Reiſigen hülfreiche Hand leiſteten. 248. Halt! Halt! ſchrie mit emporgehobenen Armen Herr Schilling, und Hans flüſterte ihm zu: Ihr ſeid ein verlorener Mann, wenn Ihr nachgebt. Das iſt ein Schnapphahn! Zieht Euch aus der Schlinge, wie Ihr könnt, und folgt ihm nicht. Halt! fuhr Werner, ſo laut er konnte, zu ſchreien fort und bewirkte dadurch in der That, daß ſeine Leute, trotz des Drängens der fremden Knechte, anhielten. Hier iſt der Geleitbrief, hier in meiner Taſche. Gleich ſollt Ihr ihn ſehen. Ihr kennt ihn ja, Ritter— Ihr waret ja dabei, als er mir ausgeſtellt ward gegen vieles Geld— da — da!— Corbière, denn kein Anderer war es, lachte höhniſch auf.— Jetzt aber ſchien es Victor, der bis dahin einen ſtummen Zuſchauer des Streites zwiſchen ſeinem künftigen Schwiegervater und dem Ritter an Sibyllens Seite abgegeben hatte,— er miſchte ſich nie gern in die Streitigkeiten des Erſteren— an der Zeit, auch ein Wörtchen zu den Anmaßungen des Letzteren zu ſagen. Mit blitzenden Augen ſprang er aus ſeinem Sattel und wollte, zornig wie er war, des läſtigen Ritters Schulter unſanft berühren, als dieſer plötzlich eine Bewegung des Erſtaunens, der höchſten Ueberraſch⸗ ung machte. Zufällig war ſein Auge an der Her⸗ bergsthür vorübergeſtrichen, denn er hatte nicht uͤbel Luſt, noch einen Abſchiedstrunk bei Mutter Jacotte zu nehmen, die er doch noch unlängſt hier ſtehen geſehen, als eine ganz andere Erſcheinung als dieſe ſich in der Pforte zeigte. Thibaut, mit einem Glaſe auf einen Credenzteller, kam vorſichtig her⸗ aus und näherte ſich Florinens Roß, das, unge⸗ duldig wie ſeine Herrin, auf ſeinen ſchlanken Hufen hin⸗ und hertrappelte. Ha! rief Corbière aus, ha, was ſehe ich! Weder Schilling's Verlegenheit, noch Deleſſert's Zorn ſchien ihn mehr zu kümmern. Er hielt die Hand vor ſeine Augen, um nicht durch irgend einen Lichtſchein geblendet und getäuſcht zu werden, dann wiederholte er ſeinen Ausruf und ſtürzte auf den Knaben zu, der, eben bei ſeiner Herrin angelangt, dieſer das verlangte Labſal reichte. Thibaut, Junker Thibaut! ja, bei allen Qualen der Hölle, Ihr ſeid es, Ihr ſeid aus Schloß Gruyères— und ich muß es ſein, der Euch findet! Nun morbleu! fürwahr, ſo günſtig iſt mir das Glück lange nicht geweſen an einem Tage! Ich bin von nun an ein gemachter Mann! Kommt! 220 Damit riß Corbière den Knaben gewaltſam zu ſich und ſah ſich nach ſeinen Knechten um. Hedal! rief er, hierher! Alles Andere laßt jetzt— eine Feſſel für dieſen— Verzeiht, Junker, ich muß Euch feſſeln laſſen, denn Ihr ſeid ja flüchtig wie der Wind, und— In dieſem Augenblicke blitzte Victor's Klinge dicht vor Corbière's Antlitz, und der Franzoſe drang auf ihn ein. Elender Räuber! ſagte er knirſchend, jetzt iſt es genug, mein Geduldsfaden reißt! Mag die Zahl Deiner Knechte ſein, welche ſie will, ich trotze Dir! Die Hand von dem Knaben, ſage ich, oder— Herr Deleſſert, Herr Schwiegerſohn,— Beßter — flüſterte nun der Kaufherr von Luzern, der erſchrocken hinter Victor's Rücken herbeikam. Was thut Ihr?— Ihr vergeßt— Bedenkt doch. Was giebt's da noch zu bedenken? fragte Victor, mit zornglühenden Wangen um ſich ſchauend. Daß er der Stärkere iſt, um Gott!— Seht unſere Schaar und die Seinen! Wir haben ja nicht einen Gewaffneten! Der Geleitbrief, ſo hoffte ich, ſollte unſer Schild und Panzer ſein. Laßt 2²2“ ihm den Knaben, was geht er uns an? Zehn für einen ſolchen Geſellen gäbe ich hin, könnte ich da⸗ mit erkaufen, daß er uns zufrieden läßt. Nein! rief Victor. Corbière hatte indeſſen Zeit gehabt, ſeinen Knechten, von denen mehre auf ſein wieder⸗ holtes Winken und Rufen eiligſt herbeigekommen waren, Thibaut zuzuſchleudern und ihnen anzu⸗ deuten, was ſie mit dem Knaben beginnen ſollten; faſt im nämlichen Momente ſtürzten ſich andere auf Victor, und nun begann ein Kampf, der aller⸗ dings mit ungleichen Kräften geführt ward. Eine wohlgerüſtete und an Fehden und Handgemenge gewohnte Schaar hatte es mit dem jungen ta⸗ pferen Kaufmanne aus Lpon faſt allein zu thun, denn Thibaut's Gegenwehr und vergebliche An⸗ ſtrengung, ſich dem Eiſenarme Corbière's zu ent⸗ winden, der, um ſeiner ſicherer zu ſein, ihn ſelbſt packte und umſchlang, ſein Hülferufen, das Geſchrei Florinens, die, als ſie den Bruder in Gefahr ſah, ſich mitten in die Streitkolben und Schwerter ſtürzen wollte, endlich der Beiſtand Antoines, Victor's Dieners, der ſeinem Herrn mit lobenswerthem Muthe zu Hülfe eilte, Sibyllens Wehklage und ihres Vaters Händeringen und fortgeſetzter Zuruf 22² an ſeinen künftigen Eidam, doch nicht thöricht zu ſein und durch ſeinen Widerſtand Alles auf's Spiel zu ſetzen, dieß zuſammengenommen war nur eine ſchwache Schutzwehr des Lyoneſen im ungleichen Kampfe, der kein anderes und kein beſſeres Schild hatte als ſeine eigene Tapferkeit. Mit ſeiner guten Klinge fing er eine hübſche Zeit lang die Hiebe von Schwertern und Streitkolben auf, oder wehrte die Angreifenden von ſich; ein Schlag auf die rechte Schulter aber, den er nicht hatte ab⸗ wehren können, machte, daß er den Arm mit der tapferen Hand einen Augenblick ſinken ließ.— Sogleich ward ihm das Schwert entriſſen, und er ſah ſich ſogleich von zwanzig rohen Fäuſten überwältigt. Corbière! ſchrie indeſſen Thibaut, ebenfalls überwältigt, Corbière, was thuſt Du? O, laß ab, Corbière! Ich kenne Dich, Du biſt es. Ja doch, und Dank den Heiligen, daß es kein Anderer iſt, Herr Flüchtling! Wie konntet Ihr auch heimlich fortlaufen von Schloß Gruyéères! Doch gut, daß Ihr's thatet, gut für mich. Morgen bin ich Herr von Bellegarde. Es lebe Herrn Thibaut's Fortlaufen! 223 Großer Gott! Corbière, Du wirſt mich doch nicht nach Gruyères zurückbringen? rief Thibaut ſchaudernd. Das will ich allerdings. Wehe! zu Joinville zurück?! Er wird erfreut ſein, Euch wiederzuſehen. Vor der Hand werdet Ihr auf eine Nacht fürlieb nehmen in Bellegarde— mit Eueren Freunden da— Ha, wie kamt Ihr zu ihnen? Sicher— jetzt geht mir ein Licht auf— ſicher raubten ſie Euch. O nicht doch! Nein! Ja, ja, Herr Thibaut, ſie raubten Euch, und für Geſindel ſolcher Art giebt es keinen gültigen Geleitbrief. Herrlich das! Ei, Ihr ſeid ein Gold⸗ bübchen, das man küſſen möchte. So fällt ſelbſt der Schatten dieſes Vorwurfs weg, und dieſe Güter gehören mir von Rechtswegen. Für die aber— er wies verächtlich auf den rathloſen Schil⸗ ling und die Seinen und erhöhte ſeine Stimme, daß man ihn ja vernehme— für die, ſage ich, iſt Meiſter Etienne wohl noch auf Gruyéères.— An den Galgen die Maänner, die hübſchen Weiber für— Doch das verſteht Ihr nicht, Junker! 224 Auf! Fort! Den widerſpänſtigen Burſchen bindet und werft ihn auf einen der Wagen. Dieſen nehme ich ſelbſt auf's Roß. Doch zuvor— Er winkte, und faſt im nämlichen Augenblicke geſchah bereits, was er wollte. Thibaut's noch wunde Hände und ſeine Füße wurden gefeſſelt; er mußte es geſchehen laſſen, trotz ſeinem ohnmächtigen Zucken, Sträuben und Stoßen. Während deſſen ſan Herr Schilling nicht ohne Anſtrengung auf ſeine Kniee vor dem ſchrecklichen Ritter, deſſen gleißner⸗ iſche Freundlichkeit im Grafenſchloſſe ihn in dieſes Unglück geführt hatte; faſt heulend, wenigſtens verlaſſen von allem männlichen Muthe, bat er um Gnade, nichts als Hohn und Drohung war Cor⸗ bière’s Antwort, eine Drohung, die auszuführen ihn in der That nichts gehindert hätte; ſein war die Macht, die er im unbeſchränkteſten Sinne aus⸗ üben konnte, denn ſelbſt für den Fall, daß Join⸗ ville geneigt geweſen wäre, die Verletzung ſeines gegebenen und geſchriebenen Wortes, die Nicht⸗ achtung ſeines Geleitbriefes— ſonſt ſelbſt für ihn ein Heiligthum, weil ohne deſſen ſtrenge Beachtung keine Käufer ſolcher Briefe ſich ge⸗ funden haben würden— zu ahnden, ſo hieß er doch ſicherlich Alles gut, was der Wiederein⸗ bringer ſeines Mündels gegen deſſen etwaige Räuber oder Entführer unternommen haben dürfte. Jede über ſie verhängte Strafe, jede ihnen zuge⸗ fügte Mißhandlung war ihm vielleicht noch zu mild, zu gering. Corbière konnte deßhalb Alles thun, und er brütete, da ſein Fang nun entſchieden war, in der That düſtere Pläne rückſichtlich des mit dem Kaufmanne, ſeinem Gute und ſeinen An⸗ gehörigen einzuhaltenden Verfahrens. Auch das Bitten und Flehen der Frauen, der ſchönen Si⸗ bylle, der anmuthigen Florine, die mit ihren kleinen weichen Händen Corbièére's rothen Stachelbart ſtreichelte, war vergebens, ja diente nur dazu, ſeine böſen Begierden noch mehr anzufachen, und allen Widerſtrebens ungeachter ſchlug nun der Zug, aus Frohlockenden und ſchier Verzweifelnden beſtehend, die Straße ein, die der Ritter ſchon vorhin vorgeſchrieben und gegen welche Herr Werner mit ſo vielen Worten, ſo feierlich und doch ſo vergeblich Proteſt eingelegt hatte, die Straße nach Bellegarde im Gebirge. Er und Alles, was zu ihm gehörte, war beſtürzt, tief be⸗ trübt und niedergeſchlagen; tiefer jedoch konnte Niemand betrübt ſein als der Knabe Thibaut, v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 15 226 der, mit gefeſſelten Gliedern vorn über das Roß des Ritters geworfen und von deſſen linkem Arm geſtützt, unter leiſem Wimmern wie ein Opfer dalag, das widerſtandslos zur Schlachtbank ge⸗ ſchleppt wird. Kein Zureden von Seiten Corbière’s, weder ſanftes noch unſanftes, vermochte ihm ein Wort abzugewinnen. Nur einer von der Umgeb⸗ ung Schilling's beim Unfalle in der Herberge hatte ſeinen Kopf weislich aus der Schlinge gezogen und war unſichtbar geworden, befand ſich min⸗ deſtens nicht utner den unfreiwilligen Gäſten, die nach Bellegatde zogen, um dort Bewirthung und Gaſtrecht zu genießen, zu welchem ſie ſich auf ſo unwiderſtehliche Weiſe eingeladen ſahen; der Spiel⸗ mann Hans, Herrn Schilling's Spaßmacher und Vertrauter, hatte Gelegenheit gefunden, ſich der Gefahr zu entziehen, und wartete, in einem Winkel des Herbergshofes verſteckt, den Ausgang einer Sache ab, die auch ihm verſchiedener Urſachen wegen ſehr in die Quere kam und unangenehm war. Indeſſen konnte er noch von Glück ſagen, nicht mit ergriffen und weggeſchleppt worden zu ſein, ein Glück, welches er freilich nur ſeiner Schlauheit verdankte. Gleich nachdem der Ritter mit ſeinen Reiſigen und ſeinem Fange aus dem Ge⸗ 227 ſichtskreiſe der Herberge verſchwunden war, kam Hans aus ſeinem Verſtecke hervor und feierte einſtweilen jenes Glück mit einem Trunk guten Weines in der Gaſtſtube der Mutter Jacotte, unter deren wirthlichem Dache er unter ſo bewand⸗ ten Umſtänden die Nacht zuzubringen gedachte. 45⁵*† Achtes Kapitel. Die Gefangenen von Etivaz. Lange dauerte es, bis Florine im langſamen Weiterziehen nach der Burg ihres Räubers ſich beruhigte. Sie und Sibylle waren faſt die Ein⸗ zigen, welche auf ihren Roſſen geblieben waren und die Corbière nicht hatte feſſeln laſſen, oder deren mögliches Entſpringen, deren Flucht er nicht durch b irgend welche Maßregel zu hindern oder unmöglich zu machen geſucht hatte, wie es mit Herrn Schil⸗ ling und Victor geſchehen war, die, zwar auf ihren Roſſen gelaſſen, doch aber, wie überwieſene Ver⸗ brecher mit ſtarken Banden an den Händen ge⸗ feſſelt, Jeder in der Mitte zweier Reiſigen daher zogen. Die Frauen hatten nicht einmal den Troſt, mit ihnen zu ſprechen, mit ihnen weinen zu duͤrfen, weil ſie entfernt und abgeſondert gehalten wurden. 229 Neben einander ganz vorn im Zuge und nur we⸗ nige Schritte hinter Corbière, ritten Florine und Sibylle, ſo daß ſie Thibaut's Aechzen, wenn er dergleichen ausſtieß, vernehmen konnten, was dazu beitrug, der kleinen Franzöſin Herz vollends zu empören und zu zerreißen. Meine Schweſter! flüſterte ſie ſo leiſe als möglich Sibyllen zu, ach, meine Schweſter! Keine Klage, Kind, ich überlege, was uns, mir und Dir, übrig bleibt zu thun. Ich auch, und ich weiß es. Nun? Du haſt einen ſchönen Dolch in Genf ge⸗ kauft, wozu? Stille doch! Der Griff von Achat und Elfen⸗ bein gefiel mir. Wo iſt er? In der kleinen Sammettaſche, die ich trage. So nimm ihn, ſpringe vom Roſſe und bohre ihn dem verdammten Rothbart in den Nücken, es läßt ſich machen. Florine! Du willſt nicht, Du zauderſt? Ja. 230 Gieb ihn mir, Schweſter, ich bin leicht und ſtark, zwiſchen die Fugen ſeines Harniſches bohre ich das Meſſer hinein. Ich bitte, gieb es mir, ich befreie uns. Was ſchwatzeſt Du, kleine Thörin? Dergleichen fehlte noch zu unſerem Unglücke. Du willſt mir den Dolch nicht geben? Nein! Schweig, daß uns Niemand hört.— Man bemerkt unſer Flüſtern. O Schweſter! Uns haben die Heiligen ver⸗ laſſen! In dieſem Augenblicke ſtockte der Zug, Corbièére's Roß that einige Schritte rückwärts, bäumte ſich und berührte mit ſeiner Gruppe faſt die Köpfe der Gäule der beiden Frauen; ein verworrenes Getöſe ließ ſich hören, und der Boden dröhnte dumpf, wie dieß zuweilen unter ſchweren Tritten oder dem Hufſchlag von Pferden zu geſchehen pflegt. Es war ſchon finſter geworden, der Abend hatte ſeine Schatten ausgebreitet, um ſo früher und tiefer, als es ein ziemlich dichtes Waldgebüſch war, in dem man ſich eben befand. Deutlich ließ ſich nichts mehr unterſcheiden, doch erkannte man wohl, daß ein Roß und Reiter, ja deren mehre auf dem Wege waren, den man verfolgte, denſelben ver⸗ ſperrend und ausfüllend. Es blinkte und leuchtete im Lichte der Sterne, von denen erſt einige am Himmel erſchienen waren, und im letzten falben Abendſchein wie Waffenglanz, wie helle Harniſche und Schwertſcheiden; auch wurde alsbald eine Stimme laut, die dem ſich ſtaunenden Zuge Cor⸗ bière's ein donnerndes„Werda!“ entgegenrief. Tiefe Stille während einiger Secunden, der Vogt von Bellegarde hielt es unter ſeiner Würde oder nicht für angemeſſen, auf einen ſolchen Anruf Be⸗ ſcheid zu geben; auch mochte es ſein, daß er ihn nicht verſtand, denn er tönte nicht in wälſcher Sprache, ſondern in deutſcher; endlich aber er⸗ mannte er ſich und rief mit ärgerlicher und etwas unſicherer Stimme in ſeiner Sprache: Wer iſt hier? Warum kommt man mir in den Weg? Fort, ſage ich! Platz für den Vogt von Bellegarde, unſeres gnädigſten Lehns⸗ herrn auf Gruyoères erſten Vaſallen. Buſchklep⸗ per, kennſt Du meine Stimme nicht, die Stimme Deines Herrn? Sicher biſt Du niemand Anderes als der tolle Martin unten aus der Mühle, der ſeines Vaters Klepper zum Hufſchmied reitet und 232 noch immer deutſch radebrecht, weil er einmal in Bern war. Aus dem Wege, Martin, toller Gauch, den ich morgen— Ein derber Schwerthieb, der auf ſeinen Hut herabfiel wie der Blitz aus der Gewitterwolke, machte ſeinen herriſchen Worten ein Ende, und zwar eben ſo kurz und bündig, als ſeine Ent⸗ gegnung, wie in der Regel die der Unſicherheit und der Furcht, breit und weitſchweifig geweſen war. Noch mehre Hiebe regneten faſt zu gleicher Zeit auf ihn nieder, und die Stimme, die ihn an⸗ gerufen, ließ ſich abermals vernehmen: Hier Bern! Bern hier! Du aber, ſetzte ſie franzöſiſch hinzu, ſchicke Dich zur Gegenwehr oder ſtrecke die Waffen, ſo Du ein Gruyeriſcher biſt. Zwiſchen uns iſt Krieg. Bern! ſchrie Corbière voller Entſetzen— Bern! Jetzt ſchon! Unmöglich! Zweifelſt Du noch? Willſt Du durchbohrt ſein? fragte der Reiter dicht vor Corbière’s Roß und neigte ſich vorwärts, um ſeinen Zügel zu faſſen. Zu meiner Hülfe! rief nun der Ritter, ſich um⸗ blickend nach ſeinen Reiſigen. Der Feind! Bern! Ein Ueberfall! Schreihals, ergieb Dich, bewaffnete Reiter und eine Kriegsſchaar aus dem Simmenthale iſt hinter mir und meines Zeichens zum Angriff gewärtig Daß dem die Wahrheit ſein mochte, ſchien das Getöſe zu beſtätigen, welches im Rücken des Re⸗ denden jetzt lauter ward; man hörte Wiehern von Roſſen, nahen und ferneren Zuruf, dunkele Maſ⸗ ſen, über denen Waffen blitzten, drängten heran und ſchienen einen großen Theil der Hochebene, auf der man ſich befand, zu überdecken. Wäre es Tag geweſen, ſo hätte Corbieère's Erbleichen ſicht⸗ bar ſein müſſen; er warf ſcheue Blicke nach allen Seiten hin, beſonders nach der einen, wo ein Pfad nicht weit von ſeinem Roſſe in einen größeren Weg einmündete und der ihm nicht unbekannt ſein mochte. Woher kommt Ihr? fragte er mit gedehnter Stimme, gewiſſermaßen um Zeit zu gewinnen, wobei er ſeinem Roſſe einen heimlichen Schenkel⸗ druck gab. Es ſcheint mir, entgegnete der, mit welchem er verhandelte, und der, ſo viel das Zwielicht wahrzunehmen geſtattete, eine rüſtige und ſchlanke 234 Geſtalt war, es ſcheint mir, daß Du wenig Recht haſt, darnach zu fragen, Vaſall von Gruyeres, doch wiſſe es: von Etivaz im Sanenthale. Und das Feldzeichen auf Euerem Koller oder Harniſch, das Feldzeichen, das ich erſt jetzt bemerke — der Bär, wenn ich nicht irre— Keineswegs, Ihr könnt ſeine Bekanntſchaft machen, ſo es Euch beliebt. Danke, danke! Ein ander Mal. Und ſich umdrehend nach dem Zuge, den ſeine Knechte geleiteten und anführten, rief er mit erhöhter Stimme hinter ſich: Hier rechtsab in den Mühlpfad! Laßt die Wagen, wir haben Eile und wollen für heute— Adieu! Gott befohlen, Herr von Bern! Damit riß er ſein Roß von der Seite, gleich⸗ zeitig mit einer allgemeinen Bewegung im Zuge; auf die Ebene hinaus ſprengten ſeine Reiſigen, die Wagen des Kaufmannes verlaſſend; ihn ſelbſt aber, den Gefeſſelten, nebſt dem Franzoſen, ſeinem Schwiegerſohn, riſſen die, welche Beider Roſſe bisher am Zügel geleitet hatten, mit ſich fort. Daſſelbe geſchah mit den Gäulen der beiden Rei⸗ terinnen, in deren Zäume plötzlich die kräftige 4 Fauſt eines beſonnenen Knechtes eingriff; ſie ſchrieen hell auf nach Hülfe, die, wie ſie wohl gemerkt hatten, ihnen nahe war. Heller und durchdringender noch als die Frauen ließ Herr Werner ſeine Stimme, ſeinen Hülferuf vernehmen— auch er, obgleich weiter zurück im Zuge, hatte aus Allem entnommen, daß ſeinem grau⸗ ſamen Bedränger irgend ein Hinderniß aufge⸗ ſtoßen, ein Widerſtand ſich ihm entgegengeſetzt habe— welcher Natur dieſes ſei, wußte er noch nicht, doch, gleichviel, jeder Feind Corbière's war ſein Freund, und da ſein ſcharf hinhorchendes Ohr nun gar etwas von„Bern“ vernahm, dem Ruf aus Freundes Land, ſo erhob er ein ſolches Geſchrei, daß ſchon dieſes Geſchreies wegen die Corbieériſchen Knechte für angemeſſen erachteten, ihn mit fortzu⸗ ſchleppen auf der Flucht, die auf den Wink ihres Herrn ſo eben wieder eröffnet werden ſollte, denn man brauchte einem überlegenen Feinde gegenüber, dem man auswich, keinen Ankläger, deſſen Geheul und Ausſage jenen vielleicht noch zu allerlei mißliebigen Maßnahmen reizen und aufſtacheln konnte. Indem Corbière's Knechte ſo durchaus in ſeinem Siune handelten, widerfuhr dieſem ſelbſt 236 ein Unfall, den zu verbeſſern jedoch der Drang der Umſtände nicht geſtatten wollte. War es ſeine eigene Unachtſamkeit oder eine gewaltſame Anſtreng⸗ ung des an Händen und Füßen gefeſſelten Knaben, der, von ſeinem Arm gehalten und unterſtützt, vor ihm über dem Sattelknopfe hing, genug, plötzlich ſchnellte ſich derſelbe durch ein Zucken ſeiner Glieder aus ſeiner Gewalt, glitt vom Sattel mit unauf⸗ haltſamer Geſchwindigkeit und ſtürzte— Corbiére hörte ihn fallen— zu den Füßen ſeines Roſſes nieder. Wie ein Dolchſtich ging es dem edlen Ritter durch's Herz, nicht der Fall und ſeine mög⸗ lichen Folgen für den gefangenen Knaben, aber für ihn, denn mit Jenem ging ihm die ganze Frucht dieſes Tages verloren. Sollte er aus dem Sattel ſpringen und ihn wieder zu ſich hinaufheben, ihn emporreißen— die Zeit war nicht da, keiner ſeiner Knechte bei der Hand, wohl aber ſtürmten bereits die verwünſchten Berner Reiter ihm und dem Hülfegeſchrei nach, das aus der Mitte ſeiner Schaar ertönte, ihre Schwerter raſſelten und klirrten, der Boden dröhnte unter dem Hufſchlag ihrer Roſſe, der mitleidslos über den armen, am Boden lieg⸗ enden Thibaut hinwegbrauſte, und nach kurzer — 237 Friſt waren die Flüchtigen mit den von ihnen Davon⸗ geführten erreicht. Ein Gefecht entwickelte ſich, das anfangs hart und hitzig zu werden verſprach, denn die Corbiériſchen hielten einen Augenblick Stand, um die Gelegenheit, das Feld zu räumen, deſto beſſer wahrnehmen zu können; vornan bei den Bernern ſtürmte der, welcher mit Corbière geredet hatte und ſeinem Thun und Weſen nach der An⸗ führer der Schaar ſein mußte; ſein Schwert war es, das zuerſt unter die Bellegarde'ſchen Reiſigen ein⸗ ſchlug, er ſprengte den Haufen auseinander, der ſich um die Gefangenen gebildet hatte, und brach ſich, der Erſte, Bahn bis zu dem ſchreienden Schilling und ſeinen Unglücksgefährten. Noch hatten die Fäuſte, die den Zügel von deſſen Roß gepackt hatten, nicht losgelaſſen, hielten ihn viel⸗ mehr feſt und riſſen daran; ein kräftiger Hieb von der mit guter Stahlklinge bewaffneten Hand des Berners befreite den bedrängten Kaufmann von ihnen; in gleichem Augenblicke ward auch Victor's Roß freigegeben, und nicht minder zerſtäubte der Haufe um Sibyllen und Florinen, in Folge der ihrem Führer nachahmenden und mit friſcher Kraft einhauenden Berner. Nun entwickelte ſich in 238 voller Haſt die Flucht der Corbisriſchen mit Zurücklaſſung aller und jeder Beute; ſie ging wie ein Sturmwind über die Bergebene hin; die beiden Männer und Frauen aber hielten noch ganz betäubt und außer ſich vor Freude in der Mitte des vom Feinde geräumten Kampfplatzes und umgeben von ihren Befreiern. Reitet nur, riefen dieſe den Fliehenden nach, gebt Eueren Gäulen die Sporen, es thut Euch Noth! Sie ſandten ihnen noch verſchiedene ähn⸗ liche Spottreden nach, der Anführer aber näherte ſich denen, die er aus ihrer Gewalt befreit hatte, und ſagte: Es ſcheint, daß Ihr in ſchlimmer Hand waret. Wer ſeid Ihr und welches waren die Umſtände, in denen wir Euch antrafen? Freuen ſollte es mich, wenn wir Euch einen Dienſt erwieſen hätten durch unſere zufällige Begegnung. Zufällig! ach theuerer Herr, der Himmel ſandte Euch, die Hochheiligen ſelber! ſtöhnte Herr Schilling. Mich erſtickt die Freude, vor Allem aber laßt mir und meinem Leidensgefährten da, meinem einſtigen Schwiegerſohne, die Bande abnehmen, womit dieſe Schufte unſere Hände zuſammengeſchnürt haben, 239 und Ihr ſollt Alles wiſſen, großmüthiger Herr! Erweiſet mir dieſe Güte, aber ſchnell, ſchnell, wenn ich bitten darf, ich leide Pein innerhalb dieſer hölliſchen Stricke und habe Urſache, zu vermuthen, daß auch mein Herr Eidam— Wie iſt's mit Euch, Herr Deleſſert junior? Der Reiter, an welchen der mißhandelte Kauf⸗ herr ſeine Bitte richtete, wobei er ſchmerzlich mit den Armen zuckte, wandte ſich zu ſeinen Leuten und befahl ihnen, die Leiden der gefeſſelten Männer ſchnell zu endigen. Dieß geſchah, und bevor einige Minuten vergangen waren, hatte man mit Hülfe ſcharfer Meſſer ihre Stricke durchſchnitten; ſie ath⸗ meten und bewegten ſich wieder frei und ſanken dann ſogleich in die Arme von Tochter, Schweſter und Braut, die ihre Thiere verlaſſen und ängſtlich den Vorgang der Entfeſſelung abgewartet, ja, ſelbſt hülfreiche Hand dabei geleiſtet hatten. Mit hervorſtürzenden Thränen umſchlang Florine, die bis dahin noch nicht geweint hatte, den Bruder jetzt, da er wieder frei und außer Gefahr war, Sibylle den Geliebten; auch der Alte empfing, was er nicht immer von ſeinem einzigen Töchterchen gewohnt war, zärtliche Liebkoſungen. 240 Seht doch, ſagte er, noch im Drange dieſer Gefühlswallung, ſeht doch nach den Wagen, ob ſie noch alle da ſind, oder ob dieſer Räuber von Corbière— Alle ihr Heiligen, will ich an den Weg denken durch die Grafſchaft von Gruyeères! Dem Hochaltar von Maria⸗Einſiedeln gelobe ich, ein neues Kleid und der Kapelle von St. Pila⸗ tus eine Orgel, deren ſie ſchon lange bedarf. Ja, Billi, weißt Du, die Orgel— O das Glück!— Nun, zählte man die Wagen? Es wird geſchehen, warf hier die Stimme deſſelben Reiters ein, der Herrn Schilling's Be⸗ dränger zuerſt auseinandergeſprengt und durch ſeinen kräftigen Schwertſtreich bewirkt hatte, daß ſie die Zügel ſeines Roſſes losgelaſſen. Doch ſeid unbeſorgt, Jene nahmen nichts mit ſich auf ihrer Flucht, was einem beladenen Wagen ähnlich ſah, wie Ihr deren führen mögt, Herr Schilling. Ihr nennt meinen Namen! Ihr kennt mich! Nun es iſt möglich, mich kennen gar Viele, na⸗ mentlich Stadtkinder Berns. Werner Schilling aus Luzern iſt meine Firma, die keinen ſchlechten Klang hat weit und breit, meine ich. Selbſtruhm iſt verrufen, aber fragt meinen künftigen Eidam da 241 aus der Stadt Lyon in Frankreich, er koſet mit mei⸗ ner Tochter— die Kleine iſt ſeine Schweſter— ein kleines Wetterding das. Der Reiter erwiderte nichts auf dieſe Eröff⸗ nungen, die beſſer zu hören ſeine Untergebenen oder Gefährten ſich jedoch nahe herbeidrängten und mit Anmerkungen begleiteten; Herr Schilling, einmal im Zuge des Vertrauens, gab jetzt im raſchen Redefluſſe, den die Freude über die Errett⸗ ung aus großer Gefahr beflügelte, alle ſeine in letzter Zeit erlebten Abenteuer zum Beßten; er er⸗ zählte, wie er mit einer werthvollen Waarenlad⸗ ung auf der Rückreiſe aus Frankreich nach der Heimath begriffen ſei, wie er in Genf die Berner Geſandſchaft von Savoyen getroffen und den hoch— edlen Ritter von Rinkenberg nebſt dem Rathsherrn Furter ſelbſt geſprochen habe, wie er dann ſpäter ſich den Geleitbrief von Gruyères mit ſchwerem Golde gelöſt und trotz demſelben doch jetzt in die Klauen des habſüchtigen Buſchkleppers von Belle⸗ garde gefallen ſei, der Schlimmeres mit ihm im Sinne gehabt haben möchte, und aus deſſen Ge⸗ walt er nun mit Gottes und der Heiligen Hülfe noch zu rechter Zeit erlöſt worden. Wäaͤhrend Herr Schilling ſo ſprach, waren im Haufen der Sim⸗ v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 16 242 menthaler einige Fackeln angezündet worden; mit einer davon näherte man ſich dem Kreiſe, welchen die Reiter um die von ihnen Befreiten geſchloſſen hatten, mit den anderen beleuchtete man Schilling's Wagen und Knechte, den ganzen Zug, der hier mit der Kriegsmannſchaft zu Roß und zu Fuß zuſammengeſtoßen war. Auch in ihrem Zuge be⸗ fanden ſich Wagen, auch unter ihnen gab es Ge⸗ feſſelte als Ladung dieſer Fuhrwerke, welche Letztere ſchwerfäͤllig knarrten und dumpf aufſchlugen mit den eiſenbeſchlagenen Rädern, jetzt aber wie Alles Halt gemacht hatten. Als das Licht der herbei⸗ gebrachten Fackeln ſich dem Reiterkreiſe näherte, beleuchtete es meiſt junge kräftige Geſtalten und fiel zufällig mit vollem röthlichen Strahle auf das Antlitz deſſen, der dem Kaufmanne zunächſt hielt, und an welchen des Letzteren Mittheilung ſich vorzugsweiſe richtete. Plötzlich verſtummte Herr Schilling, ſeine Augen ſtierten den ſchmucken Reiter an, der heller als die übrigen in Stahl⸗ und Metallſchmuck glänzte und an deſſen Bügel oder Sattel der Schaft einer kleinen Fahne be⸗ feſtigt war, welche der Bär, das Banner ſeiner Stadt, ſchmückte, während zugleich ſeine linke Hand dieſen Schaft loſe umfaßt hielt. 243 Herr!— ſtammelte Schilling— Junker— ja, Euere Stimme erkannte ich bereits, ſie ſchien mir mindeſtens nicht fremd. Junker von Stein aus Oltingen, Ihr ſeid es oder mich täuſcht das Licht!. Egon— er war es in der That— hatte nicht Zeit, hierauf etwas zu erwidern, denn er mußte die Meldung eines Simmenthalers in Empfang nehmen, die ihm ſo eben gemacht ward, und wozu er ſich herabbückte vom Roß. Der Franzoſe Deleſſert war bis dahin nur mit den Liebkoſungen von Schweſter und Braut be⸗ ſchäftigt geweſen, womit Beide, vorzüglich aber die Erſtere, ihn beſtürmten; er erwiederte ſie zwar und fühlte das Glück, befreit zu ſein, lebhaft, aber eine traurige Betrachtung miſchte ſich dieſem Glücke bei: der arme Thibaut, auf welchen der abſcheu⸗ liche Räuber von Bellegarde ein beſonderes Ab⸗ ſehen zu haben ſchien, war von dieſem ohne Zweifel mit fortgeſchleppt worden, ein Gedanke, der Sibyllens Bräutigam trübte und ſtörte und die Urſache war, weßwegen er zwar nicht weniger herzlich, aber doch weniger laut Florinens Jubel, Sibyllens Glück theilte. Doch bezog ſich eben die Meldung des Wehrmannes aus dem Simmenthale, 16* 244 die an den Bannerträger gerichtet war, auf den Verlorengeglaubten; man hatte beim Fußvolk, während des Verfolgens der Flüchtigen durch die Reiter und während des kurzen Gefechtes, welches ſtattfand, eine wehklagende Stimme und einen er⸗ ſtickten Hülferuf in der Nähe gehört und einen am Boden liegenden gefeſſelten Knaben gefunden, der, da er ein Welſcher ſein mußte, die an ihn gerich⸗ teten Fragen nur ſchlecht verſtand und beantwortete; mit der Meldung dieſes Vorganges an den Führer der Reiter entſendeten die Simmenthaler einen Mann und fragten durch ihn zugleich an, was mit dem Gefundenen zu thun ſei. Ich komme ſogleich, gab Egon zurück. Ueber⸗ haupt, denke ich, ſetzen wir unſeren Weg fort; die Herberge und das Dorf, wo wir übernachten wollen, kann nicht mehr fern ſein. Geht zum Zuge, richtet die Wagen— wie ſieht es bei unſeren Geſchirren aus? Gut, Junker! Anfangs wollte es ein wenig lebhaft werden unter den Herren von Etivaz, da ſie die Freunde witterten, doch gaben ſie ſich bald wieder zur Ruhe, als der Strauß zu Ende war. 245 Der wilde Kapleſer auch? Der wollte entwiſchen, Junker, kaum daß wir ihn am Herabſpringen vom Wagen hinderten. Ich ſage Euch, laßt den ſtörrigen Mann feſſeln, die Uebrigen auch, Ihr ſeid zu gut. Es mag geſchehen, ſagte Egon ſeufzend, Im Dorfe, wo wir uns trennen, mag es geſchehen; bis dahin, im Verein mit Euch wackeren Männern, war es unnöthig, und nur ungern— Wo iſt der Knabe, von dem Ihr ſpracht? Thibaut ward unter Begleitung einer Fackel herbeigetragen. Er mochte ſelbſt nicht mit Sicher⸗ heit wiſſen, ob er in Feindes⸗ oder Freundeshand war; ſein Haupt hing matt über die Schulter des Mannes, der ihn trug; ſeine Füße und Arme waren noch gefeſſelt; er gab kein Lebenszeichen von ſich. Ein lauter Aufſchrei aber erfolgte von Seiten Florinens, als ſie ſo ſeiner anſichtig ward; mit freudiger Ueberraſchung eilte Victor hinzu und hätte ſeinen Schützling gern den Armen des Kriegsmannes, der ihn hielt, entriſſen, um ihn in die ſeinigen zu nehmen, aber der wehrhafte Berner geſtattete das nicht, ſondern ſchleppte den jungen Gefangenen bis dicht vor das Roß desjenigen, der 246 über ſein Schickſal zu entſcheiden hatte. Florine und Victor begleiteten ihn bis dahin. Wer biſt Du, Knabe? fragte Egon in reinem Wälſch, er erhielt aber keine Antwort, weil entweder Ohnmacht, Schmerz oder Furcht Thibaut's Zunge band. Statt ſeiner nahm Victor das Wort und erzählte, wie und wo man den Knaben gefunden, daß er ſeitdem von Lauſanne aus ihr Begleiter geweſen, der ſich bei Allen beliebt gemacht, und fügte die Bitte hinzu, ihn auch ferner bei ſich be⸗ halten und mitnehmen zu dürfen. Während der Franzoſe mit edlem Anſtande ſo ſprach, fühlte der helvetiſche Junker ſeinen Fuß, ſeine Knie leiſe berührt. Florinens zarte Hände reichten daran hinauf, ſie blickte mit ihren lebhaften, ſchönen Augen flehend zu dem empor, der ihr nicht mehr ganz ein Fremder war, und an deſſen Be⸗ gegnung in Genf ſie nicht ungern zurückgedacht hatte. Lieber, guter Herr, bat ſie ſchmeichelnd, ſeid ſo gütig, als Ihr ſchön ſeid, und befehlt, daß der arme Knabe entfeſſelt werde; er leidet unter ſeinen Banden. Fräulein Deleſſert— 247 Ihr wißt noch, wie ich heiße? o das iſt galant von Euch. Seht, ich habe Euerer auch nicht ver⸗ geſſen und würde Euch einen Fußfall thun, wäret Ihr nicht hoch zu Roß. Ihr ſcherzet, Fräulein. Iſt Euch der Knabe werth, ſo laßt ihn entfeſſeln und nehmt ihn im⸗ merhin mit Euch. Ich ſollte ihn eigentlich wohl als Gefangenen betrachten, denn der Ort, wo er zu Euch ſtieß— doch mit Kindern führt Bern keinen Krieg. Hierauf gab er den ihm zunächſt Stehenden einen Wink, und in wenigen Augen⸗ blicken war Thibaut ſeiner ſchmerzenden Banden ledig. Florine aber drückte in der Wallung ihres Gefühls Egons Steigbügel gegen ihre roſigen Lippen und wollte ihm ſelbſt den Stiefel küſſen, was er nur durch raſches Fortreiten verhinderte; dann wandte ſie ſich zu dem des Gebrauchs ſeiner Gliedmaßen zwar nun wieder mächtigen, aber doch immer noch halb betäubten ſchwindelnden Knaben. Jener ſprengte zu ſeinem Zuge, um nach der Aus⸗ führung der für die Weiterreiſe ertheilten Befehle zu ſehen und ſie zu leiten. Faſt noch eine Viertel⸗ ſtunde ging darüber hin; Herrn Schilling's Fracht⸗ geſchirre mußten gewendet und verſchiedene andere nöthige Annordnungen getroffen werden; endlich 248 war Alles gethan, was die augenblichen Umſtände erforderten, und die Befreiten, von ihren Befreiern umgeben, ſetzten ſich von Neuem in Bewegung, aber nicht mehr in der Richtung nach Bellegarde, wo ſie eine ſo gern entbehrte Gaſtfreundſchaft ge⸗ nießen ſollten, ſondern in der nach der Herberge, wo ihnen das Unglück, in Corbière's und ſeiner Knechte Hinterhalt zu fallen, begegnet war und an deren Ecke, die ſie mit ihrem Hauſe bildete, mehre Fahr⸗ und Heerwege ſich kreuzten. Als nun Alles, was beritten geweſen war, wieder zu Roſſe ſaß und der Zug in Gang kam, gab es erſt recht die nöthigen Erklärungen von beiden Seiten. Als Erwiderung anf Herrn Schilling's pomphafte Erzählungen von ſeinen Abenteuern und Leiden, die er auf der bis jetzt von ihm zurückgelegten Reiſe hatte erfahren und dulden müſſen, gab ihm Egon nur ganz ſchlicht die einfache Erörterung, wie er mit einer ziemlich anſehnlichen Kriegsſchaar aus dem Frutigerland und Simmenthal unter An⸗ führung des Ritters von Rinkenberg über den Schündlipaß in die Grafſchaft gekommen, die aber keineswegs von den Bernern als Feindes⸗, ſondern vielmehr als Freundesland betrachtet werde, dem man auf ſein ausdrückliches Begehren zu Hülfe geeilt ſei. Nur den Herren und Bedrängern der Landleute, nicht den Bewohnern und Inſaſſen bringe man den Krieg. Darum möge auch Ritter von Corbière ſich vorſehen auf ſeiner Felſenburg, da er der Verrufenſte von Vielen ſei und die Hauptleute der Simmenthaler mit Genehmigung Rinkenberg's einen Angriff auf ſein Schloß in Abſicht gehabt, vielleicht gar ſchon verſucht hätten. Er ſelbſt komme jetzt aus dem Dorfe Etivaz, von wo er Gefangene in das Innere des Berngebietes zu führen den Auftrag habe; dieſe Gefangenen, meiſt Reiſige des Herrn auf Gruyeères, wären kaum der Volkswuth entgangen bei der Nachricht von einer an ſchuldloſen Gefangenen dort verübten Grau⸗ ſamkeit, die grauſen⸗ und zornerregend durch die Thäler liefe; ſchon ſeien Schaaren von Rache⸗ durſtigen nach der Kirche von Etivaz geſtürmt, wo die Landleute ihre zu Oeſch gemachten Gefangenen unter ſtarker Bewachung verwahrt hätten, um an ihnen ein blutiges Vergeltungsrecht zu üben, als die Ankunft der Berniſchen Reiter die Ausführung dieſes Vorhabens gehindert hätte, und zwar nicht ohne Mühe. Nur der ernſtlich ausgeſprochene Wille des mächtigen Hülfsgenoſſen, daß die Gefangenen nach Bern geführt werden ſollten, konnte dieſe vom 4 —— 250 Tode retten, der ihnen ſchon nahe genug war, und, was der Berichterſtatter in ſeiner Beſcheiden⸗ heit nicht erwähnt, ſein Muth, ſeine Enſchloſſen⸗ heit, ſein entſchiedenes und gediegenes Weſen. Es konnte nicht anders ſein, die Gefangenen mußten ihn und eine Handvoll Reiter als ihre Retter betrachten, woher es denn keiner Zwangsmaßregel bedurfte, ſie auf den Fuhrwerken feſtzuhalten, mit⸗ telſt deren ſie fortgeſchafft werden ſollten, und welche die umliegenden Dörfer, zum Theil auch Etivaz ſelbſt, hatten liefern müſſen. Nur einer be⸗ fand ſich unter den Gefangenen, deſſen ſtörriſches und widerſpänſtiges Benehmen ſchon einige Male Ermahnungen zur Ruhe und Drohungen von Seiten Egons nöthig gemacht hatte; als einen günſtigen, mindeſtens ihm äußerſt angenehmen Zufall betrachtete er das auf ſeinem Weiterzuge erfolgte Zuſammentreffen mit einer Abtheilung des Simmenthaler Fußvolkes, deſſen Beſtimmung eben Schloß Bellegarde war, um dort einen beab⸗ ſichtigten Angriff unter Rinkenberg zu verſtärken. Der Wege, die dahin führten, waren viele, und die Simmenthaler wußten, daß ſie, genau genommen, ihre Richtung verließen, wenn ſie dem Junker bis an die Herberge von Charmy das Geleite gaben, aber ſie 251 ſcheuten, ihm zu Gefallen, dieſen Umweg nicht, der ihre Ankunft vor Bellegarde nur um ein Ge⸗ ringes verzögerte. Dieß war das Thatſächliche von Egons gegen⸗ wärtiger Lage und ſeinen Verhältniſſen in dem Augenblicke, als das Schickſal ihn würdigte, mit. dem Gläubiger ſeines Vaters zuſammenzutreffen und ihm einen Dienſt zu erweiſen, den, Herrn Schilling's eben ſtattfindendem Bedrängniſſe nach, Jedermann für einen großen und wichtigen zu erkennen nicht angeſtanden haben würde; faſt ſo unmittelbar, wie die Gefangenen von Etivaz, ent⸗ riß Egons Erſcheinen Herrn Schilling der Schmach unnd dem Tode, der Beraubung gar nicht zu gedenken, und ſo entfernt der Rathsknappe und Banner⸗ träger von Bern war, darauf Acht zu haben oder deſſen zu erwähnen, ſo dachte doch Herr Schilling daran auf dem Wege zur Herberge, und allerlei Grübeleien ſtiegen ihm darüber zu Kopfe— Grübeleien, die der Spielmann Hans, welcher ſich hocherfreut beim erſten Eintritt ſeines Gönners in das Haus wieder zu ihm fand und abermals gern geſehen ward, zu nähren für wohlgethan er⸗ achtete. Man richtete ſich nun ſo gut, als es ging, für die Nacht in der Herberge ein. Seine Mann⸗ 25² ſchaft nebſt den Gefangenen von Etivaz und ſich ſelbſt brachte Egon im nahen Dorfe unter, nach⸗ dem er ſich von Herrn Schilling und ſeiner Ge⸗ M noſſenſchaft bis zum nächſten Morgen freundlich beurlaubt hatte; beſonders herzlich war die Be⸗ grüßung und das Vernehmen zwiſchen ihm und dem Lyoneſen geweſen, da ſie gegenwärtig einander ſchätzten und achteten. Die Simmenthaler Schaar brach nach kurzer Raſt in der Herberge wieder auf und zog noch in der Nacht weiter, um wo möglich mit dem Frühlichte unter den Mauern von Bellegarde zu ſein, wo Ritter von Rinken⸗ berg ihrer bedürfen konnte. ⅓— Neuntes Kapitel. Das Gaſthaus von Gurnigel. Lieber Herr, ſehr verehrter Gönner und Schutz⸗ herr,— ſprach zu den Füßen ſeines Lagers ſitzend, wo er den Morgen zu erwarten geneigt ſchien, der getreue Spielmann zu Herrn Schilling, mit dem er immerfort geflüſtert und verkehrt hatte, während Victor Deleſſert, Thibaut an ſeiner Seite, in demſelben Gemache ſchlief, und die Frauen eine Kammer daneben einnahmen,— lieber, ſehr verehrter Gönner, Ihr habt in dem Bedenken, welches Euere Ruhe ſtört, wie ich ſehe, nicht allein Recht, ſondern zeigt dabei ein ſo vollkommenes und gediegenes Urtheil, eine ſo tiefe Kenntniß des Menſchen mit ſeinen leider nicht immer tugend⸗ haften Neigungen und Beweggründen, daß man nichts kann, als Euere Klugheit, Euere Umſicht doppelt bewundern. Woran ein alltäglicher Mann wohl nie gedacht haben würde, hell und klar und unwiderleglich tritt es ſelbſt dem Beſchränk⸗ teſten, wie ich einer bin, vor die Seele, ſo⸗ bald Ihr es beleuchtet mit Euerem Geiſte und Euerem durchdringenden Verſtande. Ich ſchmeichle nie und verachte die Schmeichler, aber was wahr iſt, muß man ſagen. Nicht? Du biſt kein unebener Geſelle, Hans. Dieſer Junker, der mir übrigens, mit Gunſt und Euerer Erlaubniß ſei es geſagt, ein vorlauter, eigenwilliger, rechthaberiſcher Fant zu ſein ſcheint, denn mit welchen Mienen trat er in dieſer Herberge auf,— mit den Mienen eines Herrn und Gebie⸗ ters. Ihr ſelbſt, Euer eigener Wille— erinnert Euch nur, Edelſter,— kam nur wenig in Betracht vor ſeinen Befehlen und Anordnungen. Genug, wenn ich ihn einen dünkelvollen Fant heiße, ſo ſage ich nicht zu viel— einen aufgeblaſenen Wicht, einen Dolderbuben. Um Gotteswillen, leiſe! Wenn mein Ei⸗ dam, der einen Narren an ihm gefreſſen hat, es hörte— Heerr Dleſſert, fuhr Hans leiſe fort, iſt ſonder Zweifel ein trefflicher Herr, weil Ihr ihm Euere 255 Tochter zum Weibe geben wollt, aber ſeltſame Neig⸗ ungen hat er— da, der Knabe an ſeiner Seite — hört nur, wie ſie beide ſchnieben im tiefen Schlafe. Wer iſt der Bube? Das kümmert mich weniger, wollen ſeiner ſchon wieder ledig werden in Luzern, oder wenn er will, mag er ihn meinetwegen mitnehmen nach Lyon, wenn er dahin zurückkehrt, Leute braucht der Kaufmann immer in ſeinem Geſchäfte. Wie ge⸗ ſagt, Hans, dazu lache ich, aber dieſer Berniſche Junker, meines Schuldners Sohn— Pah, pah! das iſt vorbei, Ihr ſeid nun be⸗ zahlt, Herr Schilling. Hoch genug wird man Euch anrechnen, was doch, bei Licht betrachtet, nur der Zufall bewirkte. Bis jetzt ſeid Ihr eigent⸗ lich noch völlig ohne Verbindlichkeit gegen den Burſchen, aber mit morgen beginnt ſie, ſo Ihr ſein Geleite fernerhin annehmt und, wie es ver⸗ abredet iſt, mit ihm ziehen wollt bis an die Marken der Grafſchaft. Dieſes Geleite, das, ſeid ſicher, und Ihr ſeid auch davon durchdrungen in Euerem erleuchteten Geiſte, wird Euch theuerer zu ſtehen kommen als der Geleitbrief von Greyerz, den Ihr mit hellem Golde löſen mußtet.— Pah! was iſt das? Mit wenigen Goldſtücken kommt 256 Ihr hier nicht durch. Des Vaters Schuldver⸗ ſchreibungen und Wechſel werden die Münze ſein, womit Ihr des Sohnes Schutz bezahlen müßt. Wenigſtens eine mir unwillkommene Nachſicht mit dem Alten, das iſt gewiß. Und könnt Ihr weniger thun? Befindet Ihr Euch nicht in der Gewalt des jungen Burſchen, als wahres Spielwerk ſeiner Launen, ſo lange Ihr bei ihm ſeid? Ihr, ein unbewehrter Mann mit Gold und Gut und etlichen harmloſen Knechten, er, der Anführer gewaffneter Reiter— werdet Ihr nicht ſo gut von ſeinem Willen abhängen als die Gefangenen, die er in zwei Wagen mit ſich führt und die auf ſeinen Befehl unter der Dorflinde ge⸗ feſſelt wurden, wie ich mit eigenen Augen geſehen habe? Wer iſt Euch Bürge dafür, daß es ihm uͤber Kurz oder Lang einfalle, daſſelbe mit Euch zu verſuchen, ſehr edler Herr? Nein, nein! rief Herr Schilling faſt entrüſtet, niemals! Er iſt nicht ſchlimmer Natur juſt und mir ohnehin gut, wie ich glaube. So ſagt Euerem Guthaben an ſeinen Vater Valet— 2⁵⁷ 4 Den Teufel will ich! Biſt Du toll, Spielmann? Denkſt Du, ich könnte Tauſende verſchleudern, wie Du Töne auf Deiner Querpfeife? Und geſetzt, ich könnte es, würde ich jemals wollen? Das iſt ein Anderes, ſagte Hans, die Achſel zuckend, mit Kälte; ſo findet Euch mit ihm ab, wie Ihr ſonſt mögt und koͤnnt. Abfinden! häßliches Wort! Wüßte ich, wer es erfunden hat und die Sache dazu, ich fügte ihm ein Leides zu. Wo willſt Du hin, Hans? Fort, mich aufmachen, wegſchleichen bei Nacht und meiner Wege ziehen; ſo leid es mir thut, Eu⸗ erer verehrten Geſellſchaft, Eueres belehrenden Um⸗ gangs nicht mehr genießen zu dürfen, ſo muß ich doch fort. Ein Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte und hat Pflichten gegen ſich und ſeine Kinder. Ich bin ein armer Mann zwar, und viel zu holen iſt nicht bei mir, aber— Aber! was für ein Aber um aller Heiligen willen? Was ſticht Dich an, Hans? Nichts, als daß ich nicht Luſt habe, wie Ihr meine Haut bei dieſen Bernern zu Markte zu tra⸗ gen, die zuletzt in ihrem Uebermuthe— denn der Stärkere iſt immer übermüthig— mit mir Fange⸗ ball ſpielen würden, wenn ſie mit Euch feriſj ſind— v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. J. Mit mir fertig? Großer Gott, Hans, wie verſtehſt Du das? Bleibe, eile nicht ſo. Nun, viel Zeit habe ich eben nicht zu verlieren, will ich mich unbemerkt von unſeren Häſchern auf die Socken machen. Könnte ich das nur auch, Hans! Bei allen Wunden des Heilands, ich thäte es. Aber wie ſoll ich fort, ohne daß er oder ſeine Leute es be⸗ merken? Pah! jung Blut ſchläft gut. Und überdieß liegen ſie im Dorfe, Euere Knechte, Roſſe und Wagen ſind hier. Seid Ihr ein Gefangener? Könnt Ihr nicht abreiſen zu welcher Zeit es Euch beliebt, Eueren Weg fortſetzen auf welche Weiſe Ihr wollt? Ohnehin müßtet Ihr, um bei dem Junker zu bleiben, einen weiten Umweg machen. Er nimmt, wie ich mir habe ſagen laſſen, die Straße auf Freiburg und Laupen. Ihr gedachtet, ſo viel ich weiß, nach Gurnigel und Thun. Folglich er geradeaus dem Fluß nach, Ihr rechts, Grund genug, dachte ich, Euch wieder von ihm zu trennen. Wohl! wohl! Und ein ſchönes Nachtlager verſpreche ich Euch 259 in Gurnigel— ich kenne das Haus— und die Wirthin iſt meiner Mutter Schweſter. Sieh! Sieh! Biſt Du nicht aus dem Reich? ſagte Herr Schilling, noch unſchlüſſig, doch ſchon halb entſchloſſen, ſich nicht von Hans zu trennen. Nun, trefflichſter Herr, kann ich nicht aus dem Reich gebürtig ſein und doch eine Baſe in Gurnigel haben. Alle Heiligen mögen Euch in ihren mächti⸗ gen Schutz nehmen. Ich empfehle mich Euerer Gunſt und Huld, und wollt Ihr ein Uebriges thun, ſo grüßt doch den geſtrengen Junker von Bern aller⸗ demüthigſt von mir. Hans! Hans! Eurer Geſtrengen— Verlaß mich nicht— ich gehe mit Dir— wecke die Schläfer da— dann gehe hinunter in die Kammern und Ställe. Sage den Lohnknechten in meinem Namen, daß ſie ſchirren und ihre Thiere rüſten. Horch! da ſchlägt es drei Uhr im Klo⸗ ſter. Ehe der Hammer der Uhr zu vier ausholt, müſſen wir die Herberge und das Dorf hinter uns haben. Wir ſchleichen uns hinter dem letzteren weg. Bei Licht beſehen, fuhr Herr Schilling fort und richtete ſich auf ſeinem Lager auf, haſt Du voll⸗ 47* 260 kommen Recht. Trotz der heut gemachten ſchlim⸗ men Erfahrung mit dem Ritter von Corbière, der für einen Schnapphahn bekannt iſt, gebe ich auf meinen Geleit-Brief doch mehr als auf alles Ber⸗ niſche Geleit zuſammen genommen. Sind wir über Charmy hinaus, ſo giebt's keinen Schnapphahn mehr. Auch er wäre vielleicht anders geweſen und hätte Handſchrift und Siegel ſeines Herrn und Meiſters aus Greyerz reſpertirt, aber er machte uns ja ſelbſt zu Räubern, den Burſchen da ſollte ich geſtohlen haben. Gerechter Himmel, du weiß es, wie viel Schuld ich daran habe, daß dieſer Range, der da an der Seite von Deleſſert junior— doch wecke ihn, Hans— er ſoll nicht oft mehr da ſchlummern — auf, ſtoße ihn mit der Fauſt in die Seite und dann hinunter— die Knechte geweckt! Es geſchah, wie Herr Schilling wollte. Keine Gegenvorſtellung von Seiten Victors und der eige⸗ nen Tochter wirkte; er ſetzte, wie ſo oft, auch die⸗ ſes Mal ſeinen Willen durch, und noch vor Ablauf der beſtimmten Zeit verließ er mit Mann und Maus, Roß und Gepäck die Herberge, ſeelenver⸗ gnügt, unbemerkt hinter dem noch ſchlummernden Dorfe Charmy vorbeizukommen und wenigſtens ſeinen Hans bei ſich zu haben, der ein ſo kluger 261 und beſonnener Geſell war. Als man ihm in der Morgendämmerung den Giebel des Pfarrhauſes zeigte, wo, wie er wußte, ſeines Schuldners Sohn raſtete, ſchlug er im Stillen drei Kreuze. Ver⸗ muthlich hatte ein ſolches Zeichen der Abwehr vom Schlimmſten der arme Egon nicht verdient. Aber Herr Schilling glaubte es nun einmal, weil Hans es ihm eingeredet hatte. Noch ſchlummerte Egon, aber der Morgen, wie er heraufſtieg, obgleich er einen reinen und wolken⸗ loſen Himmel verklärte, ſollte ihm eine düſtere und traurige Kunde bringen. Als Hans gegen Herrn Schilling der Feſſelung von Gefangenen er⸗ wähnte, die geſtern zu Abend noch bei Fackelſchein unter der Dorflinde ſtattgefunden hatte, log er allerdings nicht;— jetzt, da Egon mit ſeinen we⸗ nigen Reitern allein ihre Bedeckung bildete, rieth die Klugheit zu einer Maßregel, die im Ganzen gegen des Junkers gütigen und milden Sinn anſtrebte, ja machte ſie ſogar nöthig und unabweisbar,— denn obgleich im Allgemeinen der Geiſt der Bevölkerung in den Thälern von Greyerz für Bern war, deſſen Boten und Kriegswehr nicht wie Feindesſchaar, ſondern wie erſehnte Helfer und Befreier von Tyran⸗ nenjoch betrachtet und überall vom Landmann freudig 262 begrüßt wurden, und obgleich man in den Gefange⸗ nen von Etivaz, die jetzt auf Berns Befehl auf Berner Boden geſchafft wurden, die Knechte Join⸗ ville's, die verhaßten Werkzeuge ſeiner Bedrückung recht wohl erkannte, ſo mochte die Stimmung in allen Dörfern nicht gleich ſein, mindeſtens kannte man ſie nicht unbedingt. Doch dehnte Egon die Vor⸗ ſichtsmaßregel nicht auf ſämmtliche Gefangenen aus, ſondern nur die unterwarf er ihr, denen er am we⸗ nigſten zu trauen Veranlaſſung hatte. Dazu ge⸗ hörte ganz beſonderes einer, den ſeine Gefährten den wilden Kapleſer nannten, ein unbändiger, wildblickender Mann, noch vor Kurzem reiſiger Knecht, einer der Bevorzugten und Günſtlinge ſei⸗ nes Herrn, der rüſtigſte Helfershelfer bei Aus⸗ führung von Gewaltthaten, der ſchon in ſeinem Aeußeren das Gepräge eines Teufels oder Hen⸗ kers trug; man hätte ſagen können, die Natur habe Kapleſer gezeichnet, ſo falſch und wild war ſein Blick, ſo abſtoßend von Leidenſchaften zerriſſen der Ausdruck ſeines dicht umbarteten Antlitzes. Auf dem ganzen Wege von Etivaz bis hierher, ſo lange er ſich nur unter dem Schutze der Berner befand, deren zeitige Ankunft vor der Dorfkirche, dem einſtweiligen Kerker der Gefangenen, ihn allein vor Ermordung durch die erzünten Landleute rettete, hatte er ſich ſtörriſch, ungehorſam und nicht etwa dankbar gezeigt wie die meiſten anderen von glei⸗ chem Schickſal Geretteten, vielmehr ſo, daß ſogar in dem Augenblicke, da ſeine zufällige Verſtärkung, die Simmenthaler Schaar, ihn verließ, Egon es für angemeſſen und nothwendig erachtete, ihn nebſt noch einigen anderen Verdächtigen feſſeln und in dieſem Zuſtand abgeſondert bewachen zu laſſen. Früh war das Dorf munter; eher als wohl ſonſt, wovon die Anweſenheit der Gäſte, die hier übernachtet hatten, die Schuld tragen mochte. Mit Tagesanbruch kamen die Hirten und Landleute aus ihren Hütten und Häuſern hervor, um den Abzug Jener zu ſehen, der, wie Jedermann wußte, um dieſe Zeit ſtattfinden ſollte. Leben und Beweg⸗ ung zeigte ſich bereits im Dorfe; Dirnen holten Waſſer am Brunnen, Roſſe wurden von ihren Reitern dahin geführt, andere geſchirrt und geſat⸗ telt, die Wagen der Gefangenen aufgefahren und gerüſtet. Nun kamen die letzteren ſelbſt unter der Bedeckung ihrer Wächter und beſtiegen mit mehr oder minder düſterem Ausdruck ihrer Mienen die Fuhrwerke. Einige, die Gefeſſelten, brauchten dazu Hülfe. Es entſtand währenddeſſen hier und da 264 unter den Zuſchauern Gelächter und Spottrede, was wohl mehr dem drolligen oder ungeſchickten Gehaben Dieſes oder Jenes galt als dem Un⸗ glück, welches Alle drübte, und dem Uebermuth des Schwachen entſpringen mochte, der zu erwachen pflegt, wenn der Starke, vor dem er einſt zitterte, gedemüthigt wird; in dem wilden Kapleſer aber erwachte die Wuth. Er knirſchte gegen ſeine Bande, verhielt ſich jedoch ruhig und winkte einer Dirne, die mit einem Milcheimer in der Hand eben vor⸗ überging. Es war ein bleiches, hübſches, etwa ſechzehnjähriges Kind, das krank oder ſehr betrübt ausſah und gar nicht zu wiſſen ſchien, was hier vorging, ſo wenig kümmerte ſie ſich darum. Es fiel ihr gar nicht einmal auf, daß Kapleſer ſie mit ihrem Taufnamen rief; ſtill trat ſie näher an ſeinen Wagen, als erwarte ſie eine Anrede oder einen Befehl. Eine Anrede erfolgte auch: Ah ſieh da, Margot! ſprach der Gefangene, Du hier? wie kommſt Du nach Charmy? Ich bin eine Waiſe, Herr Kapleſer, und diene meiner Mutter Schweſter als Magd. Du hatteſt Dich irgendwo verſteckt, Dirne; nir⸗ gends warſt Du zu finden und wußteſt doch, wie ich Dich liebe. und bleich. Das wußteſt Du, Maͤdchen, und floheſt mich immer, Du wußteſt, daß ich Dich liebte mit Leiden⸗ ſchaft, mit Feuer— He! wußteſt Du das nicht? Ich erinnere mich deſſen nicht, ſagte Margot voll⸗ kommen ruhig und blickte mit ihren ſchuldloſen Augen zu dem Manne empor. Bedenkt doch, lieber Herr, ich weiß nur Eines noch, nur Eines, o mahnt mich nicht daran; es iſt eine blutige Geſchichte, un⸗ ſer lieber junger Graf ſprang aus der Laterne— und unten war Meiſter Etienne— und— doch was wollt Ihr? dort vor dem kleinen Hauſe ſteht die Baſe,— ſeht Ihr ſie?— ſie winkt, ich muß zu ihr. Nun nicht ſo eilig, Margot. Die Alte kann warten. Sage mir erſt, warum Du Dich vor mir verbargſt. That ich das? Ich war Dir doch gewogen, Dirne, und hoffte immer, Du würdeſt mich wieder lieben. Euch lieben! rief Margot lauter, als ſie bisher geredet hatte, Euch lieben, Herr Kapleſer? wie iſt denn das möglich? Gans Du! Was trägſt Du in Deinem Krug? Milch, friſch vom Senn, bei dem ich ſie holte. Margot erwiderte nichts, Ihr Geſicht blieb ſtill Laß mich ein wenig trinken, Margot. ein verdammt knappes Frühftück gehalten. Das lügſt Du, ſagte einer der Wächter, ein Landmann aus dem Dorfe, es war reichlich für Dich und die Anderen, ich brachte es Euch ſelbſt. Margot näherte ſich, ohne darauf zu hören, dem Dürſtigen und hielt ihm den Krug hin. Kap⸗ leſer, noch am Wagen ſtehend, den er beſteigen ſollte, neigte ſich, um ſeine Lippen an den Rand. des Gefäßes zu bringen; zu gleicher Zeit befreite er nicht ohne heftige Anſtrengung, doch mit Erfolg eine ſeiner auf dem Rücken gefeſſelten Hände von den Banden, die ſie mit nur unvollkommener Halt⸗ barkeit umſchloſſen, entriß mit einem raſchen Griff dem Wächter das Meſſer, welches dieſer nach Art der Landleute in einer ledernen Scheide am Gürtel trug, und im nächſten Augenblick ſank Margot mehr mit einem Seufzer als mit einem Schrei vor Kap⸗ leſer in die Knie, ſeine Mörderfauſt aber über⸗ ſtrömte roſtges Blut; er hatte das Meſſer, indem ſie ihm den Krug wie eine barmherzige Samari⸗ terin hinhielt und indem er ſeine Lippen mit deſſen Inhalt netzte, in ihren Buſen geſtoßen. Jetzt barg er es ſchnell in ſeinen Kleidern und kehrte ſich, als wäre nichts geſchehen, gegen den Wagen, auf wel⸗ Ich habe * 267 chem ſeine Gefährten ihn bereits erwarteten und wo ſein Platz offen gehalten worden war; Margot erblutete indeſſen ſtill wie ein Lanr. das der Schlächter getroffen, und ihr Blut miſchte ſich mit der Milch aus dem ihrer Hand entſunkenen Ge⸗ fäß; doch blieb in den erſten Augenblicken danach die Gräuelthat unbemerkt, bis der Mann, deſſen Meſſer man dazu mißbraucht hatte, ſich von ſeiner Beſturzung erholte und die Gefangenen auf den Wagen ſelbſt Lärm erhoben. Nun entſtand ein wildes Geſchrei von allen Seiten, die Dorfleute, Männer und Weiber, ſtürzten hierbei und umring⸗ ten die Blutende wie den Mörder, Wehklagen ver⸗ miſchten ſich mit dem Rufe nach Rache. Meſſer wurden aus ihren ledernen Scheiden gezuckt, und die Berner Reiſigen, die der Lärm aus Ställen und Häuſern herbeirief, konnten kaum verhindern, daß der Funke zur Flamme aufſchlug und die ganze Einwohnerſchaft von Charmy ſich auf die Ge⸗ fangenen ſtürzte, um alle entgelten zu laſſen, was einer verbrochen hatte. Margot, die ſtille freundliche Margot, die durch des Herrn auf Gruyeères grauſame Strenge ohnehin ſo viel gelit⸗ ten und verloren hatte, war allgemein beliebt ge⸗ weſen; wer konnte es ruhig mit anſehen, daß die ₰ 268 arme Dirne von einem der letzten Knechte dieſes Herrn hier mitten im Dorfe ſchmählich gemordet ward? Schon einmal hatte Egon durch ſeine Da⸗ zwiſchenkunft Kapleſers Leben erhalten, in Etivaz, als dort die Mordſcenen von Gruyèéres bekannt wurden; die Gelegenheit, ein Gleiches zu thun, wiederholte ſich ſchnell. An der Seite ſeines freundlichen Wirthes, des Pfarrers, unter deſſen Obdach er übernachtet hatte, kam Herrn Wilibalds Sohn auf dem Schauplatz des begangenen Ver⸗ brechens an; bald wußte er, um was es ſich han⸗ delte, er ſah die Verwundete oder Ermordete, deren ſchöne unſchuldige Bruſt man entblößt hatte, um ihre Wunde zu unterſuchen und das aus derſelben quellende Blut zu ſtillen und die nur noch ſchwache Lebenszeichen von ſich gab, dann den Mörder, der mit tückiſcher Miene daſtand und, weil ſeine Flucht unmöglich war, mit kalter Ruhe die Folgen ſeiner That erwartete, welche äußerſt bedenklich zu werden drohten. Der Kreis, den die Landleute und Egon's Reiſige um ihn geſchloſſen hatten, öffnete ſich bei dem Herzutreten jener Beiden; der Pfarrer, ein Greis, beugte ſich alsbald zu der Sterbenden nieder, um ihr in ihren letzten Augen⸗ blicken beizuſtehen, der Jüngling aber wandte ſich * —— 269 erſchüttert und entrüſtet zu dem, der ihn in die Nothwendigkeit verſetzt hatte, ſein Richter zu wer⸗ den. Nach einem kurzen Verhör, in welchem das Geſtändniß überflüſſig war, denn die That, im Angeſicht Vieler begangen, lag offen da und er⸗ heiſchte Nichts als Strafe oder blutige Vergeltung, ſah man im Antlitz des hübſches Junkers, an wel⸗ chem Aller Blicke mit Spannung und Ungeduld hingen, Röthe und Bläſſe, die Spuren ſeiner inneren Bewegung, in raſcher Folge wechſeln. Sollte er den Tod über den Schuldigen ausſprechen? Derſelbe ſchwebte auf ſeinen Lippen, ſeinen Athemzügen. Nur bewilligen durfte Egon, was das allgemeine Verlangen hier war, ein Wink der Genehmigung von ſeiner Hand, und das Todesurtheil über den wilden Kapleſer war geſprochen, gefällt und voll⸗ zogen. Mit einer inneren Regung, die er kaum verbergen konnte, blickte er ſich nach dem Pfarrer um, der eben mit dem Trauerberichte zu ihm trat, die Verwundete habe ausgeathmet im Schooße ihrer Baſe, nachdem ihr letztes Wort ein Gebet und Anruf der Heiligen geweſen. Mein Vater, was ſoll ich thun? fragte Egon, des Greiſes Hände erfaſſend, dieſer Mann hat den Tod verdient, und ich muß ſein Urtheil ſprechen. den iſt, und wie er die Schuld geſühnt hat, die er hier 270 So ſprich es männlich und feſt, mein Sohn! Dennoch bitte ich, ehrwürdiger Vater, be⸗ ruhigt Euere Bauern und hört mich an. Gönnt mir Euer Ohr und Euer Fürwort bei Jenen. Wozu? thue, was Dir Recht dünkt. Der Mör⸗ der verdient den Tod. Er verdient ihn, ich aber verdiene Euere Nach⸗ ſicht wegen meiner Jugend und Unerfahrenheit. Sagt es den erzürnten Männern. Nicht ſtraflos, o nein, nicht ungeſtraft ſoll dieſer Ruchloſe bleiben, aber erſpart mir ſeine Züchtigung. Und übrigens, bin ich ſein Richter? Ich bin es nicht. Ihn von Etivaz nach Oltingen zu führen, iſt mein Auftrag, und den will ich vollziehen, ja, das will ich, rief Egon freudig mit neu aufleuchtendem Roth im Antlitz und zog mit einer raſchen Bewegung ſein Schwert; die Reiſigen folgten ſeinem Beiſpiel. Wer mich daran hindern will, den fordere ich her⸗ aus und werde mit ihm kämpfen auf Tod und Leben. Nicht ich, der hohe Rath von Bern iſt dieſes Mannes Richter und Herr, ich bin nur ſein Beſchützer, und wir Berner Alle ſind es. Mein Wort aber verpfände ich Euch, daß Ihr erfahren ſollt über Kurz oder Lang, daß und wie er gerichtet wor⸗ 271 unter Euch verwirkte. Seid Ihr damit zufrieden, Ein⸗ wohner von Charmy? Eine tiefe Stille erfolgte, das Schweigen der Zuſtimmung, wenn gleich einer ungern ertheilten. Legt dem Mörder doppelte Feſſeln an, gebot Egon. Nach einer Viertelſtunde des Murrens, des Wi⸗ derſpruches, des Wehklagens von Seiten der Bauern uͤber Margots Leiche, der auch der junge Anführer warme Theilnahme bezeigte, endlich der Zurüſtung zur Abreiſe und des raſchen Vollziehens empfang⸗ ener Befehle von Seiten der Berniſchen Krieger verließ man das Dorf unter dem Klang eines Trauermarſches, den die Letzteren aus ihren Trom⸗ peten ertönen ließen. Man hatte kurz zuvor, im Augenblicke des Abzugs aus der Herberge, die Kunde von der ſchnellen und ſtillen Weiterreiſe der Gäſte, die dort übernachtet hatten, erhalten; bei der durch den begangenen Mord herbeigeführten Auf⸗ regung der Gemüther fand man jedoch wenig Zeit, über die etwaige Veranlaſſung eines Aufbruchs zu grübeln, der in ſeiner Heimlichkeit und Eile einer Flucht nicht unähnlich war. Allerdings fiel es Egon auf, daß ſein alter Freund und Gönner mit ſammt ſeinem Anhang ohne Abſchied und Gruß 272 ihn verlaſſen habe, doch verlor er kein Wort dar⸗ über und fühlte nichts weniger als Zorn. Viel⸗ mehr war es ihm, da er aus Charmy ritt, als ſänke eine Laſt von ſeinem Herzen, mochte dieſelbe beſtanden haben, worin ſie wollte. Der Morgen⸗ wind ſpielte mit ſeinen Locken, die um den Rand des Stahlhelms ſich lieblich kräuſelten, die Strah⸗ len der aufgehenden Sonne küßten ihm Stirn und Antlitz und malten die friſcheſten Roſen auf ſeine Wangen; er empfand eine ſo lebhafte Freudigkeit wie ſelten, und dieß ſpiegelte ſich in ſeinem Weſen, in ſeiner ganzer Erſcheinung wieder. Sogar die ſtrenge Marie hätte ihn in dieſem Augenblicke nur mit Wohlgefallen anſchauen können; er war ſo ſtattlich als hold, ſo ſchön wie der Morgentraum eines Mädchens. Mit jedem Schritt der Roſſe der Hei⸗ math oder mindeſtens der Grenze ſeines Cantons entgegen, fühlte Egon ſich heiterer, trotz ſeiner. ſchwerfälligen und traurigen Begleitung der Ge⸗ fangenen mit dem Mörder, der jetzt nicht mehr auf einem der Wagen mit den Uebrigen gefahren ward, ſondern dergeſtalt zwiſchen zwei Reitern gehen mußte, daß jeder von dieſen ein Ende der Bande hielt, die ihn feſſelten. So leiteten ſie ihn, zwar ein hartes Loos für den Geleiteten, aber doch —————y— ———— —— 273 noch immer das mildeſte, das ihm ſeinen Thaten nach zu Theil werden konnte. Ohne Egons fäſt jungfräuliche Scheu, ein Todesurtheil zu ſprechen, würde Kapleſers Blut zugleich mit dem, welches er ſelbſt vergoſſen, den Boden von Charmy geröthet haben. Die heitere Stimmung, die es zu erregen pflegt, einer harten oder unbequemen Nothwendigkeit, einem Zwange entgangen zu ſein, dem wir uns ungern fügen, theilte Herr Schilling mit dem Sohne des Amtmannes von Oltingen, und zwar um ſo mehr, je weiter ihre Wege auseinander liefen. Konnte er ſich doch nun ganz frei und ohne be⸗ engende Rückſichten der Unterhaltung mit ſeinem Schützlinge Hans hingeben, der, obgleich ein Fremder, überall, mindeſtens hier zu Lande, Beſcheid wußte, wie ein Eingeborener, immer guten Rath zu geben vermochte, über Alles Auskunft ertheilte und in der That ganz allein die Richtung des Zuges leitete, was Herr Werner mit Vergnügen geſchehen ließ, wäh⸗ rend der jüngere Theil der Reiſegeſellſchaft ſich nur wenig darum kümmerte. Man befand ſich im Gebirge. Alles war ſtill und friedlich, jedes kriegeriſche und feindliche Lärmen verhallt und nur hier und da ein kleines Dorf, von Hirten und v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. I. 18 274 Köhlern bewohnt, argloſen, treuherzigen Menſchen, die einzige Unterbrechung des Weges, den man langſam dahin zog. Was wollte man mehr? Muße und Ruhe waren nöthig, ſich von den ge⸗ ſterigen Wechſelfällen und Schreckniſſen zu erholen, und das Geplauder zwiſchen den Kindern Thi⸗ baut und Florine, das vertrauliche Koſen zwiſchen dem Brautpaare ging neben Herrn Schillings Ver⸗ traulichkeiten mit dem wohl unterhaltenden Spiel⸗ manne ſeinen guten Schritt. Das dauerte bis zur Mittagszeit, wo zur Mahlzeit in einem Dorfe Halt gemacht ward und noch vor Beendigung dieſer Mahlzeit Hans ſich von der Geſellſchaft trennte, um, wie er ſagte, ihr Nachtlager in Gur⸗ nigel zu beſtellen, nachdem er vorher den Weg da⸗ hin, den ſie zu weiterem guten Fortkommen würden einſchlagen müſſen, auf das Genaueſte angegeben und bezeichnet hatte. Herr Schilling mußte den Nutzen dieſes Voraneilens von Seiten Hanſens zwar anerkennen, aber er that es mit Widerſtreben, denn ſeine Geſellſchaft während der Reiſe war ihm lieb, und er entließ ihn nur mit dem Vorſatze, deſto mehr nach Gurnigel zu eilen, um Abends ſich um ſo länger mit dem beredten und geſchmeidigen Manne, der ſeinem Stolze nie 275 zu nahe trat, vielmehr ihm ſtets ſchmeichelte, letzen zu können. b „Es mochte ungefähr um die vierte Nachmit⸗ tagsſtunde ſein, als von der Herberge des Fleck⸗ ens Gurnigel, einer ſchon auf Berniſchem Gebiete, doch unfern von der Grenze der Grafſchaft Grey⸗ erz gelegenen Ortſchaft, ein Reiter auf dampf⸗ endem und erhitztem Roſſe angeſprengt kam. Er ſprang aus dem Sattel, warf die Zügel einem ihm entgegenkommenden Knechte zu und eilte die Hausſtiegen hinan in die Gaſtſtube. Da ſaß vor dem großen Holztiſche ein Mann in Rittertracht, mit dem Rücken gegen die Thür, den Kopf auf beide Arme geneigt und ſchlafend, wie es ſchien, wenngleich Becher und Weinkrug dicht neben ihm ſtanden. Er mochte beiden zugeſprochen haben, denn ſie waren leer; eine Frau oder Dirne zeigte ſich in ſeiner Nähe geſchäftig und ordnete beim Eintritte des Ankömmlings Buſentuch und Haar, das ein wenig verwirrt und loſe ſie umhing. Die Augen des Weibes waren dunkel und feurig, ihre Bewegungen etwas frei, und ihre Wangen glühten, wie es nach dem Genuß erhitzender Ge⸗ tränke zu geſchehen pflegt; mit ihren runden, kern⸗ haften Armen ſchlang ſie das Band auf ihrem 18* 276 Haupte feſter, ſtreckte dann eine ihrer runden Hände nach dem Kommenden aus und ſprach: Grüß Di Gott, Ritter Pottinger. Nicht? Biſt's doch? 3 Ob ich es bin! entgegnete Jener, hart auftret⸗ end, mit lauter Baßſtimme. So denke ich, Liesli? Was treibt Ihr?— Der da ſchläft? Er wies auf den Schlummernden. Nur eben erſt— der Wein— die Wärme— ich ſelbſt bin müde— Der Schläfer regte ſich jedoch in dieſem Augen⸗ blicke, richtete ſich auf und ſtürzte mit großem Ge⸗ räuſche dem Ankömmling entgegen. Seine Waf⸗ fenrüſtung raſſelte, ſeine Sporen klirrten; er war ein kriegeriſch ausſehender, nicht unſchöner Mann, doch mit etwas wüſtem Ausdrucke im Antlitz und mit verlebten Zügen. Egons Vetter war es, des Geheimſchreibers Furter Sohn, Donat von Aar⸗ burg.— Holloh auf! rief der Andere mit einem Fluche und ſchüttelte ihm kräftig die Hand. Auf, Aarburger, ich bringe den Fang! Wir haben ihn ſchon, er iſt ſchon ſo gut wie unſer. Rufe, ſchreie, brülle! Laß die Knechte aufſitzen! Fort in den 277 Wald von Gautery, nach jenſeit der Grenze, da müſſen wir Stellung nehmen! Keine Zeit verloren! Hans, Du kommſt von Lauſanne? Erzähle doch. Alles ſollſt Du wiſſen, Bruderherz, ich berichte Dir ausführlich, nur erſt Befehle gegeben, wie ſie nothwendig ſind. Gleich, gleich! Und er that, was Pottinger verlangte; Haus und Hof wurden ſchnell lebendig, ſie waren angefüllt mit Knechten, die bisher wie ihr Herr der Ruhe und dem Müſſiggange mit ſeinen Zerſtreuungen ge⸗ pflogen hatten; jetzt rief ſie die Stimme des Ge⸗ bieters zu rühriger Thätigkeit auf, und ſie ſäumten nicht, ihr zu gehorchen. Der kam aus der Küche Liesli's, die eben ohne ihre Herrin war, der aus dem Keller, der vom Boden, aus noch ſoli⸗ derem Verſtecke und von noch ſüßerem Zeitvertreibe, wobei er nicht allein geweſen war, ein Anderer, und Alle eilten, ſich und ihre Roſſe zu rüſten; während dieß aber geſchah und die Ritter es gleicherweiſe thaten, ſtattete Pottinger dem neu⸗ gierig zuhörenden Aarburger ſeinen Bericht ab. 278 Nun ſchau', ſagte er im Verlaufe deſſelben,'s hat Mühe gekoſtet und Noth dazu. Nicht von der Ferſe bin ich ihm gegangen, dem Alten, von Lau⸗ ſanne an. Er iſt ein Fuchs, aber der Hans iſt ſchlauer. Ganz eingeniſtet war ich in ſeiner Gunſt, er that, was ich wollte, und vertraute mir mehr als ſeinen eigenen Leuten. Am ſchlimmſten ſtand's bei der Begegnung mit dem Corbière. Wer Teufel hätte daran gedacht! Der Schuft entriß uns unſere Beute, und ich hatte ſie ſchon aufgegeben. Was blieb mir auch weiter übrig? Dem Wolfe muß der Fuchs weichen. Auch bei Deines glattwang⸗ gen Vetters Daswiſchenkunft war mir nicht wohl. Sollteſt Du glauben, daß der Burſche ſich geber⸗ dete wie ein Anführer und Ritter? Aus Cor⸗ bière's Gefangenſchaft war der Alte durch ihn be⸗ freit, um in die ſeinige überzugehen, und wahrlich! dieſe war ſchlimmer als jene für meine Zwecke; doch wußte ich auch hier Rath, den Stein ſandte ich ohne Herrn Schilling und ſeine Güter nach Bern, dieſe aber ſind jetzt kaum eine halbe Stunde von hier im Walde von Gautery zu Deinem Befehle, wenn Du nicht lange ſäumſt, Aarburger. 279 Nicht einen Augenblick. Du ſiehſt, ich bin fertig, Pottinger, erwiderte zufrieden der nun völlig Gerüſtete. Wird's einen Strauß geben? fügte er hinzu, ſich in den Sattel ſchwingend, während auch Hans ein friſches Roß beſtieg. Je nachdem— es kommt darauf an— Hat der Alte ſo wehrhafte Geſellen als Knechte, die unſeren Eiſenfreſſern die Spitze bieten könnten und möchten? Sein künftiger Eidam, ein Franzoſe, iſt mit ihm, und die Franzoſen, Bruder, ſind Leute, die nicht mit ſich ſpaßen laſſen. Da hört Ihr es! wandte ſich der Aarburger zu ſeinen Knechten. Alſo das Rauhe heraus, meine Jungen, wir laſſen auch nicht mit uns ſpaßen und ſtehen niemals von einem Fange ab, den wir einmal auf der Fährte haben, ſelbſt wenn zehn Teufel ihn beſchützen. Was iſt ein Franzoſe? Nun, nun! ſagte Pottinger bedenklich, und beide Raubritter ſprengten aus dem Hof der Her⸗ berge, noch einmal zurückgrüßend nach Lisli, die am Fenſter lugte und dem Aarburger fürwahr in Liebe zugethan war; die Knechte folgten ihrem Gebieter. Und fort ging's dem Walde von Gau⸗ 280 tery zu, der jetzt noch ſtill und ruhig war, bald genug aber von wildem Geſchrei und dem Getöſe eines ungleichen, doch heftigen Kampfes angefüllt werden und wiederhallen ſollte. Ende des erſten Theils. Druck von Alexander Wiede in Leipzig⸗