—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 on 1 Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen.. ¹. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſl pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 3 2. Besebreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 wird. S 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 eträgt: 3 für mochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —ã—————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 1.=„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. ¹ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 6 — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 3 3. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.— 5————— — ——— —— —-—— —— Elisabeth und Anna. Roman aus der ruſſiſchen Geſchichte von Ernst Wadomerius. Zweiter Theil. —õ—-————————y Leinynzig, Verlegt bei Ch. E. Kollmann. 8 1 8 2 7. ———y— Ein kleiner Sarg ſchwankte durch die Straße Staraja⸗Ruſſa nach dem Friedhof der Metropo⸗ litankirche hin; ihm folgten zwei Grenadiere von der Preobraſchenskiſchen Garde, Peter der Roth⸗ kopf und Fedor, die weinende Katinka in ihrer Mitte fuͤhrend, denn es war ihr Knaͤblein, der junge Peter, Elias, Fedor, Wilhelm, Anton Paul, Nicolaus; Alexander, den man zur Ruhe trug. Alle dieſe hohen vornehmen Namen, wo⸗ mit das Kind bei der Taufe, ſeinen Pathen und Schutzheiligen zu Ehren, ausgeſtattet ward, hat⸗ ten ihm kein Plaͤtzchen im Leben zu ſichern ver⸗ mocht; ſeine ſchwaͤchliche Natur erlag der heiligen Ceremonie, die ſein Vater ihm durchaus nicht er⸗ II. 1* ſparen wollte. Das Jordans⸗Bad in der Newa, welches Peter gleich nach Oſtern mit dem Kna⸗ ben vornahm, fuͤhrte zuerſt deſſen fortdauernde Kraͤnklichkeit und zuletzt ſein Ende herbei; der Tod empfing abermals aus den Haͤnden des Wahnglaubens Eines der unzaͤhlbaren Opfer, die derſelbe nie muͤde wird, ihm zu uͤberliefern. Leiſe weinend, aber mit ſtiller Ergebung, ſah Katinka ihr Liebſtes in den Schoos der Erde verſcharren; kein Klagelaut entſchluͤpfte ihren bleichen Lippen, und Peter, dem vor ihrem Schmerz bange geweſen war, freute ſich ſchon ſo wohlfeilen Kaufes mit ihr davon zu kommen; als jetzt nach der Ruͤckkehr in die Huͤtte ihr Auge auf die leere Wiege fiel, worin der Knabe zu ſchlummern pflegte, und bei dieſem Anblick das ganze Weh des gekraͤnkten Muttergefuͤhls in ih⸗ rem Buſen erwachte. Sie neigte ſich uͤber die Wiege und uͤberhaͤufte Petern, der ruhig am Tiſch ſaß und Branntwein trank, mit Vorwür⸗ fen.„Fuͤhlloſer Trinker,“ rief ſie,„haͤtteſt du mein Kind nicht ertraͤnkt!— Du— Du haſt ſein Leben auf dem Gewiſſen, Deine Thorheit, Deine Heuchelei allein, haben unſer Knaͤblein ermordet,— o mein armes Knaͤblein!“— „Du biſt ein albernes Weib,“ grinſete Pe⸗ ter und reichte ihr die Branntweinflaſche,„da trinke einmal und troͤſte Dich! Du biſt ſo albern, daß Du nicht einmal weißt, was Froͤm⸗ migkeit iſt. Lieber geſtorben, als nicht in den Jordan getaucht, das muß ich verſtehen, Welch Ungluͤck iſt es denn auch weiter? Bald laſſen wir wieder taufen, und dann— ja das will ich Dir verſprechen, Katinka, dann bitte ich die Re⸗ gentin ſelber und den ganzen Hof zu Gevatter.“ Katinka wandte ſich ſchaudernd ab, es wäͤre gut geweſen, haͤtte ſie geſchwiegen, aber ſie, die ſonſt nie ein Wort des Widerſpruchs wagte, fuͤhlte mit einem Male alle erlittene Kraͤnkung in ih⸗ rem Herzen aufgaͤhren und die lange verhaltene Erbitterung auf ihre bebenden Lippen treten. „Niedrige Seele!“ rief ſie, die Flaſche zuruͤck⸗ ſtoßend,„wie viel Glas Branntwein gilt Dir ein Kind, wie viele Rubel und wie viel Kopeken? O Du haſt ein ſchlechtes Gemuͤth, ich weiß es, und erkenne es immer mehr; als mein Vater 1* 4 mich Dir anfreite, hat er mich ungluͤcklich ge⸗ macht. Warum biſt Du nicht wie Dein Bru⸗ der? Dein Bruder iſt gut und wie Er, aber nicht wie Du, haͤtte mein Kind werden ſollen.“ Fedor, der ganz ſtill am Ofen ſaß, lachte jetzt und meinte, in dieſem Fall waͤre es doch wohl beſſer, daß der Himmel einen Engel aus dem Knaben gemacht habe, denn an ihm ſei ja auch nicht viel Geſcheidtes. Peter aber kruͤmmte ſeine langen Finger mit innerm Grimme und ſeine Augen begannen zu funkeln wie die Blicke des Tiegers, den eine kuͤhne Gazelle reizt. „Schau mich nur an, wie Du willſt,“ fuhr Katinka mit gluͤhenden Wangen fort,„ich fuͤrchte mich nicht vor Dir— Rothkopf nennen Dich die Leute und Dein ganzes Weſen Schultertraͤge⸗ —— 4 rei; ſie haben Recht, unter Deiner Soldaten⸗ montur ſchlaͤgt ein falſches, feiges, granſunnes Herz.— „ Hoͤrſt Du Bruder— hoͤrſt Du, wie ſie mich laͤſtert,“ ſchrie hier Peter,„die undankbare e, die ich erſt fee gemacht habe dun meine . — A₰ als eine ſchlechte Leibeigne in Kneeskoje, die jetzt nach Sibirien wandern koͤnnte— mit Vater und Bruͤdern und der ganzen Sippſchaft.“— Fedor ſuchte zum Guten zu ſprechen, und Katinka, durch jene Worte ihres Gatten ploͤtzlich auf den ganzen Zuſtand ihrer Verlaſſenheit zuruͤck⸗ gefuͤhrt, ließ das Haupt troſtlos auf die Wiege herabſinken und weinte, wodurch Peter nur noch muthiger gemacht ward. Er ergriff eine Knute und ſchlug damit heftig auf den Tiſch, indem er rohe Drohungen ausſtieß— ſchon ſtand er auf und naͤherte ſich, das abſcheuliche Inſtrument in der Hand, ſeiner ungluͤcklichen Frau, als Fedor zwiſchen beide trat, und mit gutmuͤthiger Feſtig⸗ keit den Wuͤthenden zuruͤck wieß.— Peters Zorn wandte ſich nun auch gegen ihn und er ſchwor, nichts ſolle Katinka von der verdienten Zuͤchti⸗ gung retten; Er ſei ihr Mann und ihr Herr und wolle er auch jetzt, aus beſonderer Ruͤckſicht fuͤr ihre Trauer, ihr nichts Leides weiter zufuͤ⸗ gen, ſo ſei das Aufgeſchobene deßhalb nicht auf⸗ gehoben und es werde ſich ſchon ein guͤnſtiger Zeitpunct fuͤr ſeine Rache finden. 3 — 6— „Ach, das iſt nur zu wahr!“ klagte Katinka, „ich bin ihm hingegeben.— Bruder er wird mich umbringen und Niemand wird mich ſchuͤtzen!“ „Nun, nun, Frau Schwaͤgerin,“ troͤſtete Fedor,“ ſo ſchlimm wird es nicht ſeyn!— uͤbrigens Peter, vernimm, daß ich Dir den »Hals breche, wenn Du ſie jemals ſchlagen ſoll⸗ teſt.— „Ha— ha!“ lachte jener widrig auf,„ein ſchoͤner Beſchuͤtzer, ſag das noch einmal und ich verklage Dich auf der Stelle beim Hauptmann. Bruder, ſeit wann darf in Rußland der Mann ſein Weib nicht mehr ſchlagen?“ „Auch bedenke,“ fuhr Fedor fort,„daß Ka⸗ tinka noch andere Beſchuͤtzer hat.— Unſer guter Paul Michalowitſch Woronzow, ja die Czarewna ſelber.“— „Narren!“ rief Peter,„Woronzow iſt ein paar hundert Werſte von hier und die Czarewna hat an Anderes zu denken, als an ein tolles Soldatenweib.— Auf die Gefahr hin,“— er erhob die Knute, aber in dieſem Augenblick ward eine fremde Stimme im Zimmer laut, und ein — —— —,— ₰ — 7— Mann, den man in der Hitze des Streites nicht hatte eintreten ſehen, ſtand auf der Thuͤr⸗ ſchwelle. Es war jener deutſche Hausbediente der Prinzeſſin, Herr Schwarz, der zuweilen Brannt⸗ wein in den Kaſernen austheilte. Sein glattes, freundliches Geſicht voller Dienſtfertigkeit und Schlauheit legte ſich in augenblickliche Falten, als er dieſen haͤuslichen Krieg gewahrte; aber ſchnell wieder laͤchelnd begann er:„Ihr irrt Euch ſehr, mein verehrteſter Herr Grenadier, wenn Ihr glaubt, Ihre Kaiſerliche Hoheit habe Eure gute Frau vergeſſen. Keineswegs iſt dieß der Fall, vielmehr muß ich Euch ſagen, daß ſie ge⸗ rade jetzt in hohen Gnaden ihrer gedacht hat. Wie ihr mich hier ſeht, bin ich gekommen, um Frau Katinka nach Strelna zu unſerer gnaͤdig⸗ ſten Czarewna abzuholen.— Ich hoffe, daß ſie mich begleiten wird, meine Kibitke ſteht draußen.“ Ein unverhoffter Donnerſchlag kann nicht mehr Wirkung hervorbringen, als das Erſcheinen und dieß Anerbieten des Herrn Schwarz in den Gemuͤthern der ſtreitenden Eheleute erzeugte. Der 8— gedruͤckte Theil fuͤhlte ſich ploͤtzlich beſchuͤtzt und alſo erhoben und geſtaͤrkt. Der unterdruͤckende dagegen ſchnell entmuthigt und niedergebeugt. In⸗ deſſen mußte Schwarz ſeine Botſchaft, die dahin lautete: Katinka nach Strelna zu bringen, wo es ihr frei ſtehen werde, ſo lange, als ſie wolle, bei der Prinzeſſin zu bleiben, mehrmals wieder⸗ holen, ehe man an ihre Wirklichkeit glaubte, als ſich aber nicht mehr daran zweifeln ließ, wechſelte der Ausdruck des Schreckens wunderbar auf den Geſichtern der Eheleute.— Katinka laͤchelte wie verklaͤrt— Peter ließ die Knute heimlich fallen und ſtarrte bald den Diener, bald ſeine Frau mit verlegenen dummen Blicken an.— Endlich als Katinka nicht ohne Spott ihn um ſeine Er⸗ laubniß mitzugehen befragte, bat er ſie beinah fußfaͤlig um Verzeihung und Vergeſſenheit des Vergangenen, entſchuldigte das Vorgefallne mit dem Branntwein, der ihm immer gleich zu Kopfe ſteige, und flehte Herrn Schwarz tauſend⸗ mal an, der Czarewna die allerunterthaͤnigſte Er⸗ gebenheit von ſeiner Seite zu verſichern. Katinka ſchmuͤckte ſich nun aufs Beſte und ſo heiter, als —;,, 2 — 9— eine Mutter es ſeyn kann, die ſo eben vem Grabe ihres Kindes zuruͤckkehrt, ſagte ſie ihrem „Gatten und Schwager Lebewohl, beſtieg in Ge⸗ ſellſchaft des Herrn Schwarz das Fuhrwerk und rollte mit ihm davon. Dreißig Werſte von der Hauptſtadt den fin⸗ niſchen Meerbuſen entlang, liegt in einer waldi⸗ gen Gegend nah an der Kuͤſte das alte Czaren⸗ ſchloß Strelna und ſpiegelt ſeine hohen grauen Thuͤrme in den Wellen des Meeres. Es gehoͤrte zu den eigenthuͤmlichen Beſitzungen der Prinzeſſin und keinen paſſenderen Ort, um ſich den Augen des Publikums fuͤr einige Zeit zu entziehen, konnte ſie waͤhlen als dieſen, indem weder die oͤde Gegend, noch der finſtere Charakter des alten Gebaͤudes mit ſeinen verfallenen Gaͤrten, Neu⸗ gierige reizte, ſich ſeinen Umgebungen zu nahen. Hier wohnte Eliſabeth ſchon ſeit einer Woche in tiefer Einſamkeit, nur von wenigen Dienern um⸗ geben, der groͤßte Theil ihres Hofſtaates, beſon⸗ ders der weibliche Theil deſſelben, war in Peters⸗ burg zuruͤckgeblieben, und wenn man ihrer da⸗ ſelbſt gedachte, geſchah es nur, um die edle 10— Prinzeſſin zu beklagen, die ſich freiwillig aus den Kreiſen der großen Welt verbannt hatte, um einem unwuͤrdigen Verdacht zu entgehen, womit Einzelne ihre Freundſchaft fuͤr die Regentin, ihre Zufriedenheit mit der beſtehenden Ordnung, und ihre Ergebenheit gegen dieſelben anzutaſten wag⸗ ten.— Indeſſen war die Stimmung der Fuͤrſtin nicht ſo duͤſter, als man in der Hauptſtadt ver⸗ muthete, und ihre Umgebungen ahnen ließen, vielmehr verklaͤrte ihre Stirn eine ſeltene Heiter⸗ keit, die ihre naͤchſte Urſach in der Freiheit hatte, deren ſie genoß. Denn da mit wenig Ausnah⸗ men jedem Beſuch der Zutritt bei ihr verſagt war, fuͤhlte ſie ſich voͤllig Herrin ihrer Handlun⸗ gen und gab ſich zum erſtenmal zwanglos dem freien Spiel der Einbildungskraft, dem kuͤhnen Auffaſſen ſchmeichelnder und gigantiſcher Plaͤne hin.— Nicht einmal vor LEſtocq's Augen durfte ſie die maͤchtige Empfindung uͤberſchleiern, die ihr ganzes Weſen beherrſchte, ungetadelt von dem Laͤcheln des klugen Pundarztes, hafteten ihre Blicke ſtundenlang an der Himmelsgegend, nach welcher das unruhige Herz ſie fortzog, nannten — 11— ihre Lippen tauſendmal einen Namen, vor deſſen Klang ihr Fuͤrſtenſtolz erroͤthete, waͤhrend ihn ihr Ohr mit Wonne in ſich aufnahm und alle Groͤße der Erde ihr nichtig und werthlos erſchien, ohne denjenigen, welcher ihn fuͤhrte. Es war ſchon ſpaͤt am Abend, als Katinka mit ihrem Fuͤhrer Herrn Schwarz im Schloſſe von Strelna ankam, ſie hatte unterwegs ſchnell Zutrauen zu dem Manne gefaßt, deſſen guͤtevolles, theilnehmendes Betragen, im Gegenſatz zu dem, welches ſie gewoͤhnlich erdultete, ihrem bedraͤng⸗ ten Herzen wohl that, ſo daß Schwarz, als er jetzt vor ſeiner Gebieterin erſchien, derſelben die ungluͤckliche Lage und geruͤhrte Geſinnung der Soldatenfrau mit wenigen Zuͤgen auseinander ſetzen konnte. Eliſabeth hoͤrte ihn mit wachſen⸗ der Zufriedenheit zu, denn ſie ſah ein, daß dieſe Umſtaͤnde, indem ſie Katinka vor der Hand we⸗ nigſtens von ihren haͤuslichen Pflichten entbanden, ſich um ſo guͤnſtiger ihren eignen Abſichten fuͤg⸗ ten.— Sie ließ Katinka rufen und als ſich dieſe, von einigen freundlichen Begruͤßungsworten er⸗ muthigt, ihr zu Fuͤßen werfen wollte, richtete ſie — 12— 1 Elifabeth auf und lieh ihr Ohr geduldig den Kla⸗ gen der betruͤbten Mutter und der Krankheitsge⸗ ſchichte ihres Knaben, wobei es nicht fehlen konn⸗ te, daß Peters Barbarei gegen Kind und Frau auch mit zur Sprache kam. Einmal im Fluß der Worte uͤber einen Gegenſtand, von dem ihr Herz ſo voll war, vergaß Katinka nach und nach, zu wem ſie redete, und noͤthigte dadurch der Prinzeſſin zuweilen ein Laͤcheln ab;„troͤſte dich, mein Kind,“ unterbrach ſie dieſe endlich;„der Verluſt deines Knaben iſt zwar ſchmerzlich, aber oft nimmt uns die Vorſehung ein theures Gut, um uns zum Empfang eines noch groͤßeren deſto geneigter und dankbarer zu machen. Du haſt durch dieſen Vorfall das unempfindliche Herz dei⸗ nes Gatten zur Genuͤge kennen gelernt, und wirſt dich gluͤcklich ſchaͤtzen, einige Zeit von ihm entfernt bleiben zu duͤrfen, was ohne den Tod Eures Kindes nicht wohl zu machen geweſen waͤre. Meine Abſicht, indem ich Dich zu mir bringen ließ, war nicht eigentlich, Dich in meine Dienſte zu nehmen.— Du ſollſt mir bloß eini⸗ ges Naͤhere uͤber Deinen Geburtsort und den ſchlimmen Antheil Deiner Verwandten an den Unruhen auf den Woronzowſchen Guͤtern aus⸗ einander ſetzen, damit ich kraͤfliger, als bisher, zu ihrer, Dir zugeſagten, Rettung, mitwirken könnte; jetzt aber, da Du ſo ungluͤcklich und verlaſſen biſt, waͤre ich geneigt, Dich ganz zu mir in meinen Schutz zu nehmen, wenn Du mir treulich anhaͤngen willſt.“ Es bedurfte kei⸗ ner Ueberredungskunſt, um dieſem Anerbieten, worin Katinka nichts als die menſchlichſte Herab⸗ laſſung und Gnade von Seiten einer ſo hohen Fuͤrſtin ſah, die freudigſte Annahme zu verſchaf⸗ fen. Zwar wandte ſie noch ein: daß ſie bisher gehofft habe, durch die Anweſenheit des jungen Grafen Paul in Kneeskoje befinde ſich das Schick⸗ ſal ihres Vaters und ihrer Bruͤder ſchon in den beſten Haͤnden— denn dieſer ſei ſo mild und barmherzig, als ſein Vater unbarmherzig und ſchlimm;— Eliſabeth horchte auf, dieſer Name auf fremden Lippen— die Verehrung, mit welcher die Frau fortfuhr von ihm zu reden, öffneten ploͤzlich ihr Herz, ſie ergriff Katinkas Hand, und ſagte:„ja ſo iſt er, Du haſt Recht, — 14— gutes Weib, Dein Auge hat ihn beobachtet und eben laͤchelſt Du ſo angenehm, als ſaͤheſt Du ſein Bild vor Dir. Ich fuͤhle mich zu Dir hin⸗ gezogen und ich werde Dir eine gnaͤdige Gebiete⸗ rin ſeyn. Sprich, wie dankbar wirſt Du mich ehren, wenn ich Dich hinfuͤhre nach Kneeskoje in die Arme Deines Vaters, Deines Bruders, zu den Fuͤßen ihres Gebieters! Wenn ich ihre Strafe in Gluͤck verwandle, ſie aus der Dienſt⸗ barkeit erloͤſe, ihnen ein Freigut ſchenke?“— Alles das war faſt zu viel fuͤr die arme Ka⸗ tinka und ſie mußte ſich mehrmals fragen, ob ſie nicht im Traume liege. Eliſabeth wiederholte jedoch ihre Worte, und befahl endlich der Ueber⸗ raſchten, ſich auf die folgende Nacht zu einer Reiſe bereit zu halten, die aber fuͤr Alle und Jeden ein tiefes Geheimniß bleiben muͤſſe. Nur Schwarz, der deutſche Diener, ſei davon unterrich⸗ tet, und werde ſchon mit dem naͤchſten Morgen vorangehen, um auf dem Wege, den man, neh⸗ men werde, Alles Erforderliche zu beſtellen und anzuordnen.„Nach Kneeskoje?“ fragte Katinka ſchuͤchtern. „Du wirſt es ſehen, mein Kind,“ entgegnete Eliſabeth,„jetzt geh und benimm Dich ſo, daß ich mit Dir zufrieden ſeyn kann.“ 4 Das Abenteuerliche einer Reiſe, wie die Prinzeſſin ſie beſchloſſen hatte, ſchien ſie ſelbſt 4 4 am wenigſten zu beruͤhren. Zwar ging die ganze Folge der Inconvenienzen, die daraus entſtehen konnten, fluͤchtig an ihrer Seele voruͤber, aber die Heftigkeit ihres Charakters ließ ſie nur nach der Ausfuͤhrung eines Planes brennen, den de— Phantaſie ihr einmal ſo vorgeſpiegelt hatte. Ihr — war auch im Grunde wenig daran gelegen, oh die Reiſe ein Geheimniß blieb, oder nicht, genug daß ſie die Stimme des Publikums in ſo fern ehrte, als ſie wenigſtens verſuchte, ein Geheimniß daraus zu machen. Wußte ſie doch, daß man in der Meinung ſtehe, ſie ſei vom Hof beleidigt worden, und habe dieſem etwas zu vergeben, wie gern wuͤrde man ihr daher eine kleine Uebertretung des Gewoͤhnlichen, wodurch ſie ihren Kummer zu vergeſſen ſuchte, eine Entſchaͤdigung fuͤr jahrelan⸗ ges Entbehren zu Gute halten.— Dieß waren die leichten Betrachtungen, welche Eliſabeth ge⸗ —— ——— — 46— woͤhnlich anſtellte, wenn irgend ein maͤchtiger Hang ſie zu unſtatthaften Schritten fortzog, und in dieſem Sinne fuhr ſie fort, alle noͤthigen An⸗ ſtalten zur Abreiſe zu treffen. Dieſe erfolgte wirklich in der dazu beſtimmten Nacht, nur von Katinka und zwei verſchwiegenen Bedienten beglei⸗ tet, verließ Eliſabeth unter dem Namen einer polniſchen Edeldame Strelna und ſchlug den Weg von Witebsk ein. Mehrere Meilen von dieſer Stadt und etwa 3 Werſte von dem Hauptgute Woronzows entfernt, lag in einer von den waldi⸗ gen Gegenden Weißrußlands ein verlaſſenes Jagdſchloß, welches den unmuͤndigen Erben einer adelichen Familie angehoͤrte, und darum ſeit laͤn⸗ gerer Zeit nicht bewohnt worden war. Eliſabeths ſchlauer Agent, Herr Schwarz, hatte dieſes Ge⸗ baͤude fuͤr ſie gemiethet und erwartete nun, da⸗ hin vorausgeſchickt, ſeine kaiſerliche Gebieterin, in Umgebungen, die ihrem Rang ſo wenig ent⸗ ſprachen. Den Tag nach ihrer Abreiſe von Strelng ward ſie indeſſen dort fuͤr unpaͤßlich er⸗ klaͤrt und LEſtocg, der von Petersburg kam, ſcheinbar ſeiner aͤrztlichen Huͤlfe wegen, ordnete —-— 17— das Betragen des Schloßkaſtellans in dieſer Ruͤcke ſicht und wiederholte ſpaͤterhin oͤfter ſeinen Be⸗ ſuch, theils zur Taͤuſchung des Publikums, theils fuͤr die Fortbeſtehung derſelben Sorge zu tragen. Der kluge Mann wußte auch aus dieſer Taͤu⸗ ſchung, die ihm nur zu wohl gelang, Vortheil fuͤr ſich und ſeine Gebieterin zu ziehen. Nach einer Reiſe von 2 Tagen befand ſich jetzt Eliſabeth in dem Jagdſchloß, dem Ziel ihrer Waͤnſche, ohne eigentlich klar zu wiſſen, was ſie hier nun beginnen wolle. Sie ſchritt an Katin⸗ kas Arm durch die grauen rußigen Gemaͤcher, worin nur nothduͤrftig fuͤr die Bequemlichkeit ge⸗ ſorgt war, und ihr Blick fiel durch das Fenſter auf das rauhe Thal zu ihren Fuͤßen und die un⸗ ermeßlichen Waͤlder, die ſich rings umher aus⸗ ſtreckten. Ein Seufzer hob ihre Bruſt,„ach,“ ſagte ſie leiſe,„hier lebt er. Dieſe Wuͤſtenei umfängt ihn, fuͤr den ich ein Paradies erſchaffen moͤchte.“ „Keine Wuͤſte, gnaͤdige Frau,“ unterbrach ſie Katinka, deren Herz von heimathlichen Gefüh⸗ ien geſchwellt ward,„ich kenne hier Alles, hier II. 2 — 18— iſt es ſchoͤn, hier wird mir wieder wohl. Selbſt an der Schwelle dieſes Hauſes bin ich als Maͤd⸗ chen oͤfters geweſen, wenn wir Haidekraut ſuch⸗ ten. Sehen ſie den kleinen Fluß dort unten am Huͤgel, es iſt die Wiasma, die in den Gaͤrten von Kneeskoje einen Teich bildet und weiter hin die Graͤnze zwiſchen unſerm großen Kaiſerreiche und dem Koͤnigreich Polen macht. Dort oben auf der Kuppe des Berges, wo der freie Platz iſt, kann man das Herrenhaus ſehen, laſſen Sie uns hin.“ 1 „Wir wollen hin,“ entgegnete Eliſabeth in Sinnen verloren,„horch fuhr ſie dann auf, was war das fuͤr ein Ton?“ „Das ſind die Woͤlfe, die in der Wildniß heulen,“ belehrte ſie Katinka.„O, deren giebts hier viele, gnädige Frau, auch wohl Baͤren, aber ſie ſind ſcheu, weil ſie die Jͤger immerwaͤhrend verfolgen.“ Eliſabeth ging tiefſinnig zur Ruhe; am an⸗ dern Morgen erwachte ſie jedoch mit Heiterkeit und Muth und war auch mehr einig mit ſich — 49= ſelbſt uͤber die Art ihres Betragens fuͤr die naͤchſte Zukunft. 8 Paul lebte indeſſen wie ein froͤhlicher Selbſt⸗ herrſcher in ſeinem kleinen Reiche. Zwar gab er beſcheiden den Rathſchlaͤgen erfahrner Landbeſitzer aus der Umgegend Gehoͤr, denn dieſe ſahen in der Angelegenheit, die der Juͤngling richten und ſchlichten ſollte, ihr eignes Intereſſe betheiligt, und wuͤnſchten nicht ohne Grund, daß ein Ver⸗ gehen, wie jenes, deſſen ſich die Bauern von Kneeskoje ſchuldig gemacht hatten, zum warnen⸗ den Beiſpiel fuͤr Andere, mit Haͤrte beſtraft wer⸗ de, aber indem Paul zum Theil ihre Ermahnun⸗ gen befolgte, zeigte er auf der andern Seite ſo viel Beruͤckſichtigung der Umſtaͤnde, Gerechtigkeit und Milde, wie ſie den ungluͤcklichen Leibeigenen ſelten geworden war, ſo daß ſie ihn gar bald als ihren Schutzengel anſahen, waͤhrend ihr barbari⸗ ſcher Vogt, der Verwalter, vor ihm erzitterte. Zum erſtenmal ſahen ſie einen freundlichen Herrn uͤber ſich, der mit weicher, theilnehmender Stim⸗ me zu ihnen redete, nach ihrem Ergehen fragte, ſich ihre Kuͤmmerniſſe erzaͤhlen ließ und ihren 2* — 20— Klagen ſein Ohr lieh. Mußte er eine Strafe ver⸗ haͤngen, ſo geſchah es mit Menſchlichkeit und groͤßtentheils wurde die nothwendige Strenge durch kleine Beweiſe der Guͤte wieder ausgeſoͤhnt und vergeſſen. Oft verſammelte er Abends die ermuͤ⸗ deten Froͤhner mit Weib und Kind im Herren⸗ hofe ließ ſie mit Trank und Speiſe erfriſchen, waͤhrend Muriew ihnen Lieder und Taͤnze vor⸗ ſpielte, munterte ſie zur Froͤhlichkeit auf, und verſchmaͤhte ſogar nicht, ſich in ihre Kreiſe zu miſchen, wobei er zuweilen, wenn Burſchen und Dirnen ſich zum Tanz reihten, ſelbſt dieſer oder jener den Arm bot, um mit ihr die ſchoͤnen Wendungen der Maſurka zu verſuchen. Er er⸗ ſtaunte dann gewoͤhnlich, eine Leichtigkeit und An⸗ muth, ja ſelbſt Kunſtfertigkeit, in den Bewegun⸗ gen dieſer baͤuriſchen Taͤnzerinnen zu finden, wie er ſie oft bei den glaͤnzendſten Damen der Haupt⸗ ſtadt vermißt hatte. Denn die ruſſiſchen Land⸗ maͤdchen, ſo rauh der Himmel uͤber ihnen iſt, und ſo kalt die Luͤfte ſind, die ſie den groͤßten Theil des Jahres umwehen, ſo raſch und feurig fließt das Blut in ihren Adern. Sie tanzen gern 1. — 21— und ſchoͤn und lieben die Spiele, wobei ſie Ge⸗ legenheit haben, die Anmuth ihrer Formen zu entwickeln und Bewunderer ihrer kleinen Reize zu gewinnen.— Indeſſen fuͤhlte Paul bald eine Art von Leere in ſeinem Innern entſtehen, die er durch nichts auszufuͤllen wußte. Dieſes ſchaͤferartige Begluͤcken eines kleinen Kreiſes von Menſchen war ſeiner ſtrebenden Kraft zu gering und gewiſſe Erinnerungen und Bilder erwachten mit verfuͤhre⸗ riſchem Glanz in ſeinem Herzen. Die geliebten, die hohen Kreiſe, aus denen er verwieſen war, riefen ihn mit lockenden Stimmen zuruͤck. Hatte man ihn nicht vielleicht vergeſſen? Schwiegen nicht Melaniens Briefe wie abſichtlich von der Regen⸗ tin, und Eliſabeth in ihrer Abgeſchiedenheit zu Strelna— bereute ſie nicht vielleicht, einſt von der Hoͤhe ihres Ranges herab, einen guͤtigen Blick auf ihn geworfen zu haben? Er wußte ſelbſt recht gut, daß drei Monate mehr als hin⸗ reichend ſind, um in der großen Welt vergeſſen zu werden.— Einmal auf der Oberflaͤche ihres Meeres verſchwunden, und die ewig treibenden 22 Wellen ſchlagen ſpurlos uͤber den Verſunkenen zuſammen— Andere nehmen ſeine Stelle ein, werden emporgehoben, bemerkt, geliebt.— Paul fuͤhlte durch dieſen Gedanken ſein Selbſtgefuͤhl verletzt, ſein Ehrgeiz regte ſich, und die Eitelkeit, von der kein Erdenſohn frei iſt, that das Ihrige, ihm das Ziel ſeines aufgezwungenen, aber doch ſo harmloſen Landlebens, herbei wuͤnſchen zu laſſen. Daher ſuchte er allerlei auf, um ſich zu zer⸗ ſtreuen. Der Umgang mit zwei benachbarten Edelleuten, die nie ihren Landſitz verlaſſen hatten, und mit ihren Gemahlinnen und Toͤchtern ein wenig lockendes Bild des Adels abgaben, ſchreckte ihn bald zuruͤck, dagegen fand er ein großes Ver⸗ gnuͤgen in den Waͤldern zu jagen, die Faͤhrte der Raubthiere zu verfolgen und den, oft gefaͤhr⸗ lichen, Kampf mit ihnen zu wagen.— Der Ver⸗ walter und einige ſeiner Bauern, geſchickte Wolfs⸗ jaͤger, ſtanden ihm darin bei und meiſt, wenn die Jagd gluͤcklich geweſen war, beſchloß den Abend des Tages ein froͤhlicher Tanz auf der Terraſſe des Herrenhauſes. Durch dieſe Art —— ſich die Zeit zu verkuͤrzen, fand er allerdings eine ruͤſtige Uebung der Kraͤfte, und— was der Juͤngling gern aufſucht, Wagniß und Gefahr, denen Paul in dem unruhigen Zuſtand ſeiner Seele mit einer Art von Wolluſt trotzte.— We⸗ nigſtens, dachte er, wenn ich ein Opfer dieſer Wildniß wuͤrde, wohin ſie mich verwieſen haben, wenn dieſes Blut, das ich fuͤr ſie verſpritzt haͤtte, von Baͤren oder gierigen Woͤlfen getrunken wuͤr⸗ de,— wenigſtens erklaͤnge dann mein Name noch einmal vor ihren Ohren und vielleicht wein⸗ ten ſie um mich! Aber wer denn? Anna's Auge hat noch keine Thraͤne zaͤrtlicher Theilnahme be⸗ netzt und Eliſabeth bot laͤngſt ihren Goͤtterbuſen einem kluͤgeren und Gluͤcklicheren als mir!— O Thor, der ich war! In einer Stimmung, die dieſen Betrachtun⸗ gen entſprach, kam er eines Abends von der Wolfsjagd heim und fand bereits auf der Terraſſe das Landvolk verſammelt, heute in groͤßerer An⸗ zahl und in beſſeren Kleidern als gewoͤhnlich, denn man hatte durch Muriew erfahren, daß der Na⸗ menstag des jungen Herrn ſei, und jener ein — 24— * eignes Liedchen dazu gedichtet. Unter der großen Weißbuche vor dem Schloſſe, die mit Baͤnken umgeben war, ſaßen beide, der heitere Greis mit ſeinem toͤnenden Inſtrument und der wohllauten⸗ den, wenn auch oft zitternden Stimme, der das Landvolk in gedraͤngtem Kreiſe andaͤchtig zuhoͤrt, neben ihm der Juͤngling in ſeiner polniſchen Jagdlitevka, deren Kragen nachlaͤßig zuruͤckgewor⸗ fen war; ſein rechter Arm ruhte auf Muriews Schulter, waͤhrend der andere dem ſchoͤnen, an⸗ muthig geneigten Haupt zur Stuͤtze diente, und ſeine Augen in melancholiſcher Wehmuth zu Bo⸗ den ſahen. Oft ſprach der Alte dem großen Becher voll Ukrainiſchen Meths zu, der vor ihm auf dem Tiſche ſtand, und bot ihn ſeinem jungen Freunde ebenfalls dar, Paul wieß ihn meiſtens zuruͤck oder benetzte, um nicht unfreundlich zu ſeyn, hoͤchſtens die Lippen mit dem Getraͤnk. „Gospodin,“ ſagte endlich Muriew ungeduldig, nich bin heute nicht mit dir zufrieden, du boͤſer, du verſtockter Freund! Macht man ſolche Mienen im zwei und zwanzigſten Lebensjahr, wenn man begluͤckt iſt wie Du? Pfui, Pfui! den Tag im — — — — wilden Forſt durchtobt, blutgieriger noch als die Woͤlfe, die du verfolgſt, und Abends finſter wie der Baͤr, wenn er in ſeiner Hoͤhle mit dem Sternenhimmel grollt!“ „Du haſt Recht, entgegnete Paul laͤchelnd— „ſchilt nur— ach Muriew, ich ſchelte mich ja oft ſelber, daß ich ſo unmuthig bin. Aber es iſt nun einmal ſo; ich habe heute uͤberdem Ungluͤck auf der Jagd gehabt; die Beſtie von Wolf haͤtte ſich beinah widerſetzt und entrann noch oben⸗ drein.“ r en „Eil iſt das eine wuͤrdige Urſach zur Schwer⸗ muth,“ laͤchelte der Alte—„indeſſen, ſo arg es auch iſt, vergiß es Gospodin— mache dich luſtig mit den Landleuten— ſieh die Dirnen und Burſche brennen vor Begierde zu tanzen. Einige haben auch kleine Geſchenke fuͤr Dich, Erzeugniſſe ihres Fleißes, die wohl werth ſind, daß du ſie beachteſt— laß ſie kommen.“„Ge⸗ ſchenke?“ fragte Paul muͤrriſch,„ich mag keine. Dieſes Sclavenvolk kann ja doch nur heucheln und ſchmeicheln und ſich von der Bodogge loskau⸗ fen wollen, die es wohl oͤfter verdient als woir * glauben.— Auch find eigentlich die Dirnen haͤß⸗ lich, dieſe bleichen„ fahlen Geſichter.“ „So?“ entgegnete der Alte,„die Dirnen ſind haͤßlich, aber Paul iſt es auch. Der freund⸗ liche Gospodin, dem ich hierher gefolgt bin, iſt wieder abgereiſt und hat einen finſtern kalten Zwingherrn zuruͤckgelaſen—"„ „Wohl moͤglich,“ ſagte Paul faſt erzuͤrnt. „Mein guter Herr,“ fuhr jener nach einer Weile fort, und nahm ſeine Hand,„du biſt noch mild und brav wie ſonſt, aber ein geheimes Etwas faͤngt an deinen Frieden zu verſtoͤren und eine Wolke um deine heitere Seele zu ziehen. Gern moͤchte ich fragen, was dich quaͤlt, nicht aus Neugier, denn ich bin nicht mehr neugierig, ſeit ich meines Alexis Ende erfahren habe,— aber wenn deines treuen Freundes Theilnahme dich bewegen koͤnnte, dein Herz zu erſchließen”“— „Du wuͤrdeſt nichts Erfreuliches ſehen,“ unterbrach ihn der Juͤngling.—„Ein heftiges Verlangen nach dem Ende meiner Verbannung iſt Alles, was ich dir nennen kann,— denn fuͤr das Eigentliche, was meine Seele aufregt, 4 — 257— habe ich keine Worte— Unbandige, zielloſe Wuͤnſche beſtuͤrmen mich, die einfachen Freuden dieſes Daſeyns haben ihren Reiz an mir verloren, ich ſehne mich wieder hinaus ins bewegte Le⸗ ben.“ Muriew tadelte ſanft ihn wegen dieſer Unge⸗ duld, indem er ihm zu Gewiſſen fuͤhrte, daß wohl kein Verwieſener noch in ſo gluͤcklichen Ver⸗ haͤltniſſen gelebt habe, als er:„Frei ſchaltend und waltend als Gebieter uͤber mehrere hundert Leibeigne, anſtatt gefangen zu ſeyn, die Ausſicht, nach Ablauf eines Monats wieder in die theure, ſo ſehr vermißte Hauptſtadt zuruͤckkehren zu duͤr⸗ fen und endlich die Anhaͤnglichkeit und Liebe eben dieſer Menſchen— dieß Gospodin,“ ſagte Muriew,„ſollte Dich leicht uͤber Dein kleines Mißgeſchick troͤſten.“ „Liebe— Liebe“— wiederholte Paul leiſe in ſich hineinmurmelnd—„o ſie iſt ein Phan⸗ tom!— Der alte fing dieſe Worte auf und glaubte nun den rechten Punkt zu treffen.—„Daher kommts?“ fragte er liſtig—„ia nun verſtehe G— 28— ich meinen Freund! Sein junges Herz brennt in Liebesſehnſucht und zweifelt an der Beſtaͤndigkeit ſeiner Schoͤnen— ſei ruhig. Petersburg hat keinen zweiten Paul— ſei ruhig, ſchoͤner Jüng⸗ ling, ſie vergißt dich nicht.“ „ Faſele nicht Alter,“ gebot Paul,„geh lieber und ſpiele den Leuten auf. Nein, du irrſt, mich liebt in Petersburg Niemand, als meine ſanfte Schweſter Melanie— ich haͤtte vielleicht geliebt,“ ſetzte er finſter hinzu,„aber man verſchmaͤhte mein Herz, zerriß es und warf es weg.— 191ed Aan. Thraͤnen glaͤnzten in Pauls Augen, waͤhrend er dieß ſprach und Muriew, der wohl ſah, daß er einen andern Weg einſchlagen muͤſſe, um ihn zu zerſtreuen, griff mit beiden Haͤnden in die Saiten ſeiner Balalaika und forderte das Land⸗ volk zu Tanz und Froͤhlichkeit auf. Bald gerieth Alles in muntere Bewegung und waͤhrend die Alten ſich in der Vorhalle des Hauſes ſammel⸗ ten, wo Brod, Ukrainiſcher Meth und Brannt⸗ wein ihrer wartete, fingen einige Paar der ge⸗ wandteſten Burſchen und Dirnen an, die Kara⸗ — 29— minskaja zu tanzen. Dieſer Tanz, ein Gemiſch von polakiſchen, ukrainiſchen und ruſſiſchen Taͤn⸗ zen, uͤbertrifft alle andern an Schoͤnheit und Ausdruck der Bewegungen. Oft ſchon rief er die erſten Regungen der Liebe, ja das wilde Ver⸗ langen der Sinne in dem jungen Buſen der Taͤnzer wach, aber gerade darum moͤgen ſie ihn nicht weniger gern. Feurig eilt der Burſch mit ſeinem Maͤdchen auf den Platz, umarmt ſie und ſtuͤrmt mit raſchen fliegenden Tacten von ihr,— daruͤber erzuͤrnt, ſchaukelt die Kleine ihren bieg⸗ ſamen Koͤrper, wie ein Schmetterling bald hier⸗ hin, bald dorthin und laͤßt ſich nicht wieder er⸗ haſchen. Doch endlich ſiegt die Muſik, und der kuͤhne Verfolger; durch das Band ſuͤßer Harmo⸗ nien wieder vereinigt, gehen ſie beide eine Zeit⸗ lang neben einander, triumphirend tritt der Juͤng⸗ ling den Boden mit den Abſatzen, waͤhrend des Maͤdchens Arme auf ſeinen Schultern ruhen und ſie ſich, in gleichem Tact mit ihm anmuthig auf den Fußſpitzen wiegt; jetzt umfaſſen ſie ſich, jetzt ruhen ſie im ſanften Adagio aus. Da ploͤtzlich rauſcht es wieder heftiger in die Saiten, der — 330— Sturm des Schickſals erwacht uud ſie trennen ſich, um abermals vereint zu werden. Die Aufmerkſamkeit, womit Jeder dieſem Tanz zuſah, der mit vieler Anmuth ausgeführt ward, ſelbſt wenn man auch die Taͤnzer nicht ſchoͤn nennen durfte, verhinderte zu bemerken, daß waͤhrend dem ſich mehrere Zigeuner auf der Terraſſe eingefunden hatten. Nichts war gewoͤhn⸗ licher als Mitglieder dieſes Nomadenvolkes, ent⸗ weder Truppweiſe oder vereinzelt in den Grenzpro⸗ vinzen von Rußland umher ſtreifen zu ſehen. Denn ſehr haͤufig verließen ſie ihre eigentli⸗ chen Heimathlaͤnder, die Tartarei, Podolien und die Moldau und ſuchten in der Fremde auf allerlei Weiſe ihr Daſeyn zu friſten, man dultete ſie uͤberall und zum Theil gern, denn die kleinen Kuͤnſte, die ſie uͤbten, erfreuten zu⸗ weilen nicht allein den Landmann, ſondern auch deſſen einſam lebenden Gutsherrn und ſeine Fa⸗ milie. Vorzuͤglich aber eine Claſſe dieſer Zigeu⸗ ner oder Tartaren, die ſogenannten Urſary, die das ausſchließliche Vorrecht vor ihren Stammver⸗ weandten beſaßen, Muſik treiben zu duͤrfen, befand — 31— ſich durch geſchickte Ausuͤbung dieſer Kunſt in ei⸗ ner Art von Wohlſtand, ihr Ausſehen war oft nichts weniger, als zerlumpt, ſie ritten auf klei⸗ nen Pferden oder fuhren in einer tartariſchen Palanka, und die Tracht ihrer Weiber, trotz der phantaſtiſchen Willkuͤhr, die ſie auszeichnete, graͤnzte oft an das Praͤchtige. Diejenigen, welche ſich jetzt auf dem Herren⸗ hof von Kneeskoje zeigten, mußte man, ihrem Aeußerem nach, fuͤr die Mitglieder einer Urſary⸗ Bande erkennen; es waren zwei Frauen und drei Maͤnner, welche letztere muſikaliſche Inſtrumente trugen, und ſobald Muriews Balalaika ſchwieg, den Gutsherrn um die Erlaubniß bitten ließen, gleichfalls aufſpielen zu duͤrfen. Sie erhielten dieſelbe und näͤherten ſich nun dem Jüngling, der mit untergeſchlagenen Armen an dem Stamm der Weißbuche lehnte, und ſeine Blicke zerſtreut uͤber ſie hinſendete. Die Muſik, aus einer Floͤte und zwei Violinen beſtehend, nahm ihren Anfang und zeigte, daß die Spieler ihre Kunſt verſtan⸗ den. Von Zeit zu Zeit ertoͤnte dazwiſchen das leiſe phantaſtiſche Schwirren eines Tambourins und lenkte die Blicke auf eine von den Tartarin⸗ nen, die dieſes Inſtrument fuͤhrte und es zuwei⸗ len auf eine eigen ſonderbar anmuthige Weiſe bewegte.— So viel die zunehmende Daͤmme⸗ rung und die verhuͤllende Tracht unterſcheiden ließen, war ihre Geſtalt ſehr ſchoͤn, eng und reeizend hielt der Potwal, oder breite, tartariſche Guͤrtel, mit Goldplaͤttchen beſetzt, die vielen fal⸗ tenreichen Gewaͤnder zuſammen, das Stirnband von Sammt mit Perlenſpitzen geſchmuͤckt, die ſchöne Maina, umkraͤnzte die Schlaͤfe und aus der uͤppigen Fuͤlle des dunkelen Haares wallte ein Schleier herab, worin mit Silberfaͤden meh⸗ rere ſeltſame Figuren eingewebt waren. Dieſer Schleier, den die Luͤfte gleich einem Gewoͤlk um ſie her bewegten, ließ nur zuweilen ihr Antlitz und den Feuerblick herrlicher Augen ſehen. Paul fuͤhlte wunderbar ſich von ihnen getroffen; auch er konnte ſeine Blicke nicht mehr von ihnen loslaſſen und ein unerklaͤrliches Grauen von Wonne und Schmerz fing an, jemehr er ſie betrachtete, durch ſeine Seele zu zittern. Noch ſtand er ſtaunend und angefeſſelt da, als die Muſik laͤngſt geendet — 8 722 — 0 hatte und es dauerte lange, ehe er ſich ſo weit ſammelte, um den Befehl zu geben, die geſchick⸗ ten Urſary mit Erfriſchungen zu bewirthen. Er that, waͤhrend dieß geſchah, einige Fragen an die⸗ ſelben uͤber ihr Vaterland und ihr Wandern und erhielt darauf die in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlichen Antworten, auch die Zigeunerin wollte er anre⸗ den, aber der Muth dazu erloſch in ſeinem Herzen, als er vor ſie trat, das Wort erſtarb ihm auf der Zunge— die duͤſtere Glut ſeiner Augen tauchte ſich in der ihrigen und er wandte ſich, wie von einem elektriſchen Strahl beruͤhrt, weg.— Noch außerhalb des Kreiſes, am andern Ende der Terraſſe, wohin er fluͤchtete, hielt er die Hand vor die Augen, ihm war als habe er in die Sonne geſehen. Eine leiſe Beruͤhrung ſeiner Betaͤubung, er ſah auf und erblickte die beiden Tartarinnen vor ſich, die ihm nachgefolgt waren.„Herr, begann die Eine,“ dem Anſchein nach aͤltere, mit etwas zitternder Stimme,„Du zurnſt mit uns und wir haben doch nichts ge⸗ than. Sei guͤtig, ſonſt weint meine Zylla.— II.⸗ 3 am Arm weckte ihn nach einigen Minuten aus Zylla iſt kunſtfertig im Wahrſagen und moͤchte gerne deine Hand ſehen, um aus ihren Linien dein Schickſal zu leſen. Reiche ſie ihr, edler Gospodin!“— Der Juͤngling zoͤgerte, endlich hielt er ſchwei⸗ gend und mit forſchendem Blick ſeine Hand der jungen Tartarin entgegen, die ſie mit ihren bei⸗ den heftig ergriff. Ihr Haupt ſank darauf nie⸗ der— ihr Athem umſpielte ſie koſend, faſt be⸗ ruͤhrten ſie ihre Lippen.„Deine Hand iſt ſchoͤn,“ begann ſie endlich mit leiſer, kaum hoͤrba⸗ rer Stimme„und dein Herz iſt es auch. Aber wie das ſiedende Blut dieſe Hand erhitzt, und den Pulsſchlag in fieberhaften Schlaͤgen treibt, ſo, mein Gospodin, ſo ſtroͤmt es durch dein Herz und entzuͤndet es zu kuͤhnen, verwegenen Sehnen. Aber hoffe nur und wuͤnſche noch ſo verwegen, es wird dir Alles erfuͤllt werden.“ „Sehr guͤtig,“ unterbrach ſie Paul mit ei nem Seufzer. „Und mehr noch, und mehr noch, ſchoͤner Herr,“ fuhr die Tartarin fort—„ein hohes Schickſal ſteht in den Linien Deiner Hand ge⸗ ,— — — — 35— ſchrieben. Dich wird die Liebe uͤber Alle deines Eleichen empor heben, wenn du faͤhig biſt wie⸗ der zu lieben; Du duͤrfteſt der Maͤchtigſte werden in dieſem Reiche.“— 3 Ihre Stimme verſagte bei dieſen Worten, ihre Wangen gluͤhten, ſie warf einen fluͤchtigen Blick auf den Juͤngling, in deſſen Antlitz ſich ebenfalls ein hohes Inkarnat entzuͤndete.„Wie⸗ derhole es mir noch Einmal,“ rief er laut,„noch einmal von Liebe und Groͤße, wornach meine Seele duͤrſtet.“ Aber Zylla ließ ſeine Hand los, ihr Schleier wehte herab und ſie lehnte ſich ſchwankend an ihre Begleiterin—„verzeihe Herr,“ nahm dieſe, anſtatt ihrer, das Wort,„es greift meine Zylla an, aber wenn du vergoͤnnen willſt, kehren wir morgen zuruͤck, denn unſere Horde iſt nicht weit von hier gelagert.“— Sie gingen— Paul haͤtte ſie zuruͤckgehalten, aber ſein Unſtern fuͤhrte ſo eben den Verwalter herbei, der, wenn er ein⸗ mal daran kam, mit ſeinem Herrn zu reden, ſo leicht nicht wieder von ihm abließ, ſchon hatte er ihn eine Weile in Geſellſchaft der beiden 3* = 36— Zigeunerinnen bemerkt, und brannte vor Begier ihn daraus zu erloͤſen.—„ Laß mich Bernſtol!“ rief Paul, indem er mit wildem Blick den bei⸗ den Geſtalten nachſah, die von der Dunkelheit und einem nahen Gebuͤſch beguͤnſtigt, ſeinem Auge entſchwanden, aber Bernſtol hielt ihn mit unterwuͤrfiger Zudringlichkeit zuruͤck.— „Nicht zu gnaͤdig, nicht zu herablaſſend ge⸗ gen dieſes Geſindel, Gospodin„“ ſchnarrte er zu wiederholten Malen,„was ſie uns vorſchwatzen, iſt eitel Thorheit, verruͤckt den Sinn— Wahn⸗ witz— man muß nicht Alles glauben.— „Ja beim Himmel,“ entgegnete Paul, und faßte des Verwalters Arm kraͤftig,„ja du haſt recht— Wahnwitz, Thorheit— ſie verruͤcken den Sinn, ich will ſie nicht wieder anhoͤren— ach und vor Allen nicht wieder ſehen!“— Als ſie nach einer Weile in das Schloß zuruͤckkehrten, war es voͤllig Nacht geworden, die Urſary hatten ſich in der Stille entfernt und einige der Haus⸗ leute wollten das Getrappel ihrer kleinen Pferde und das Geraͤuſch einer fortrollenden Palanka hinter dem Garten vernommen haben. 2 — 37— Die Nacht, die hierauf folgte, war fuͤr Paul die unruhigſte ſeines Lebens. Traͤume, wie er ſie nie getraͤumt, bevoͤlkerten ſeinen Schlaf; aus den Tiefen ſeiner Seele ſchoͤpfte die aufgereizte Phan⸗ taſie mit leichter Hand ihre Bilder, und zeigte ihm verfuͤhreriſch im wilden Spiel, was ihm die wachende Vernunft auszudenken verbot. Er ſah die ſchoͤne Tartarin in ihrem ganzen Liebreiz vor ſich und wie Sirenenklang rauſchte ihre Weiſſa⸗ gung um ſein durſtiges Ohr; ſehnſuͤchtig breitete er die Arme aus, aber wenn er die ſchoͤne Pro⸗ phetin zu umfaſſen glaubte, war es eine Andere, nicht ſie, eine Andere ohne Maina und Potwal, ein von Glanz umſtrahltes Weib, im Goldge⸗ wande der Majeſtaͤt.— Dieſes Ineinanderfließen ganz verſchiedener Weſen in Zyllas Erſcheinen folterte ihn bis zur heißeſten Qual.— Endlich am fruͤhen Morgen entriß er ſich den Armen eines unerquicklichen Schlafes, weckte ſeine Leute und indem er jetzt mit hellerem Bewußtſeyn an die Vorgaͤnge des geſtrigen Abends dachte, be⸗ ſchloß er allen dieſen Erinnerungen auf der Jagd zu entfliehen, wobei er ja ſchon öfter die noͤthige Zerſtreuung in Unmuth und uͤbler Laune gefun⸗ den hatte. Vielleicht hoffte er auch in den nahen Waldungen noch einmal Zyllas Spur zu ent⸗ decken, um ſich bei hellem Tageslicht unwider⸗ ſprechlich von dem Wahnwißz ſeiner Phantaſie zu uͤberzeugen, genug er befahl zu ſatteln und ſchlug mit ſeinen Jagdleuten und Schuͤtzen den Weg ein, der hinter dem Schloßgarten in die Waͤlder fuͤhrte. Spaͤter als Paul verließ an demſelben Mor⸗ gen die kuͤhne Czarewna ihr prunkloſes Lager im Jagdhauſe. Vor ihr kniete Katinka den Toilet⸗ tenſpiegel im Arm, auf deſſen kriſtallner Flaͤche das Auge der Fuͤrſtin wohlgefaͤllig ruhte. Ihre ſchoͤnen Zuͤge ſtrahlten im Glanz der Zufrieden⸗ heit und Roſen, die der Schlaf gemahlt, bluͤhten auf ihren Wangen.„Sieh, Weib,“ ſagte Eli⸗ ſabeth,„wie gut mir die Nachtluft bekommen iſt, ja wir Großen trauen uns immer zu wenig zu. Zylla hat ſanfter geſchlafen als jemals die Prinzeſſin, ach und wie fuͤß getraͤumt, denn ſie traͤumte von ihm!“— Katinka ſeufzte ſtatt der Antwort. — 39— 8 „Haſt du wohl geſehen, wie verwirrt ihn meine Erſcheinung machte,“ fuhr Eliſabeth fort, ohne darauf zu merken.—„Haſt du geſehen, wie ſeine Augen erſtarrten, an meinem Anblick verloren gingen, jede meiner Bewegungen ver⸗ ſchlangen?— So ſieht man auf kein Tartaren⸗ maͤdchen herab. Zylla erinnerte ihn an Eliſabeth und es iſt klar, wie dieſer Tag, er liebt!— Heute Abend wiederholen wir unſeren Beſuch.“— „Ach, was wagt die Gaarewna!“ ſagte hier Ka⸗ tinka leiſe.—„Thoͤrin,“ entgegnete Eliſabeth, „in dieſem Reiche wage ich nichts, aber ich weiß ſchon, was dich bedraͤngt, du haſt deine Anverwandten geſehen, und ſie nicht umarmen duͤrfen. Nur noch eine kleine Geduld, ich bezahle ſie dir gut, denn du ſollſt deine Rolle nicht um⸗ ſonſt bei mir ſpielen. Uebrigens war ich geſtern mit dir zufrieden und mit dem Schwarz auch— die Deutſchen kann man doch zu Allem gebrau⸗ chen.” 4 Katinka wollte noch einige Einwurfe machen, aber die Prinzeſſin gebot ihr Stillſchweigen und Folgſamkeit. Die Kuͤhnheit der Liebe beſeelte ſie, ſie war nicht mehr die ſchuͤchterne Eliſabeth, nur in ihren Plaͤnen groß, aber in der Ausfuͤhrung furchtſam und ſchwankend, die Leidenſchaft regierte jetzt uͤber ihre Natur und hatte die Zuͤgel ihrer Handlungen ergriffen.— Sie erhielt im Lauf dieſes Tages Briefe von LEſtocg, denen andere nicht unwichtige Depeſchen, zum Theil aus Schweden und Deutſchland beigefuͤgt waren, aber die Prinzeſſin ſchenkte ihnen nur halbe Aufmerk⸗ ſamkeit. Leicht flog ihr feuriges unſtetes Auge uͤber dieſe verhaͤngnißvollen Schriftzuͤge hinweg, worin Fragen und Vorſchlaͤge, die auf das Schick⸗ ſal von Fuͤrſten und Voͤlker Einfluß haben konn⸗ ten, enthalten waren, und folgte pruͤfend dem Zuge der Wolken und dem langſamen Niedergang der Sonne, der den Abend verkuͤndete. Oft wenn ſie das Fenſter oͤffnete, vernahm ſie in der Ferne einen dumpfen, vielſtimmigen Schrei und gleich darauf den unharmoniſchen Ton des ruſſiſchen Jagdhorns. Wie der Ruf des Todes erſchallte es durch die unermeßlichen Waͤlder, deren hungriges Wild es aufjagte aus ſeinem Verſteck und beengte Eliſabeths Herz in ſeinen freudigen — — F — 41— Schlaͤgen. Um ſich zu zerſtreuen, rief ſie fruͤher, ls es eigentlich noͤthig war, Katinka herbei und ließ ſich den Schmuck von geſtern Abend anlegen. Kaum umflatterte die tartariſche Burka ihren ſchoͤnen Leib, kaum fuͤhlte ſie die Maina mit dem magiſchen Schleier auf ihrem Haupte, von dem ſie leichtſinnig das Diadem herabnahm, als die augenblickliche Bangigkeit wieder wich und der Geiſt froͤhlichen Uebermuths ſie von Neuem be⸗ lebte. Sie eilte die Treppe hinab in den kleinen umzaͤunten Garten, der das Haus umgab, und brach einige Blumen, mit deren einfacher Zierde ſie heute noch ihren Anzug verſchoͤnern wollte. Ploͤtzlich ſprengte aus dem nahen Walddickigt ein Reiter hervor ,bis dicht an die Umzaͤunung, er hielt ſein Pferd an und ſtutzte, da er Eliſabeth gewahrte, doch ſchien ihn die Noth zu draͤngen und er fragte raſch:„was machſt du hier Zigeu⸗ nerin?“ Eliſabeth erkannte mit nicht weniger Ueberraſchung denſelben Mann, der geſtern Abend zwiſchen ſie und Paul getreten war und den ihr Katinka als den Verwalter Bernſtol bezeichnet hatte. Noch ehe ſie antworten konnte, fuhr Bern⸗ — 42— ſtol fort:„Gleichviel wie du hierher kommſt, Dirne; ſchleicht doch deines Gleichen uͤberall um⸗ her. Jetzt ſprich, iſt die fremde Dame, die ſich hier aufhalten ſoll, im Hauſe?“ Eliſabeth ſah aus dem ganzen Weſen des Verwalters, der außer Athem ſchien, daß etwas ungewoͤhnliches vorge⸗ fallen ſeyn muͤſſe, ſie dachte an den Geliebten und das Herz ſtand ihr ploͤtzlich ſtill. Zum Gluͤck trat ſo eben ihr vertrauter Diener Schwarz aus dem Hauſe; nach ihm deutete ſie in ſtummer Erwartung hin und Bernſtol richtete nun ſeine Worte an dieſen:„Mein Herr,“ ſagte er haſtig, „iſt ſo eben mit ſeinem Pferde geſtuͤrzt und liegt betaͤubt kaum hundert Schritte von hier.— Leiſtet ihm Huͤlfe und vergoͤnnt, daß ich ihn hier⸗ her ſchaffe.— Denn nach Kneeskoje iſt es zu weit. u bezahlen gut, wenn ihrs ver⸗ langt.— 3 rief Eliſabeth,„o Himmel und gefaͤhrlich verwundet. Eilt, eilt— ſchafft ihn hieher.“ Ihre Verkleidung vergeſſend, ertheilte ſie an Schwarz und einige andere hinzukommen⸗ de Diener die noͤthigen Befehle, welches der Verwalter nicht ohne Befremdung mit anſah. Jedoch war keine Zeit zu verlieren; man gehorchte ihren Anordnungen und Bernſtol konnte es nicht hindern, daß ſie jetzt, von Katinka und Schwarz gefuͤhrt, ihm mit an den Ort folgen wollte, wo ſeinem Herrn der Unfall begegnet war. Mit fliegenden Schritten eilte ſie dahin, ihr Buſen wogte in banger und ſuͤßer Erwartung und in⸗ dem ſie das Aergſte fuͤrchtete, frohlockte zugleich ihr trunkenes Herz uͤber das Spiel des Zufalls, der ihren brennendſten und geheimſten Wuͤnſchen auf dieſe Weiſe entgegen arbeitete. Einige hun⸗ dert Schritte hinter dem Waldhauſe in einem von Graͤben durchſchnittenen Dickigt fand man den verungkickten Reiter; noch lag das ermuͤdete geſtuͤrzte Pferd neben ihm, und ſein bleiches Haupt, von Blutstropfen beſprengt, ruhte auf ei⸗ ner Baumwurzel, die mit ihrem hervorragenden Knorren deutlich die Urſache ſeiner Betaͤubung zeigte.— Man richtete ihn auf, Eliſabeth em⸗ pfing ihn in ihren Armen, ihre Finger gleiteten pruͤfend uͤbe ſeine Stirn und durch ſein Haar und nur einige kleine Verletzungen fanden ſich, — 44— 1 deren Blutstropfen ihr weiches Tuch in ſich ſog. Mit einer ſtaͤrkenden Eſſenz rieb ſie ſeine Schlaͤfe, ihr Athem ſaͤuſelte uͤber ſeine Wangen, und es war, als wenn er die Farbe des Lebens wieder uͤber ſie hauchte; bald ermannte ſich der Juͤng⸗ ling, er ſchlug die Augen auf und ſchaute ſeine Umgebungen an.—„Das war ein boͤſer Sturz,“ ſagte er laͤchelnd, aber mit einem tiefen Seufzer,„ſorgt nur lieben Leute, ich bitte, fuͤr mein armes Pferd— das nichts dafuͤr kann, mir iſt ganz wohl— Aber“— ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„wo bin ich— wer haͤlt mich denn, wem gehoͤrt denn dieß Tuch? Zylla— du hier!“ Er neigte den Kopf an ihre Ruſt zuruͤck 8. und ſchloß die Augen wieder—„wie kannſt du nur,“ fuhr er halbbeſinnungslos fort—„Zylla, wie kannſt du nur ſo dreiſt ſeyn, mich in deine Arme zu nehmen— horch— das Herz ſchlaͤgt in deinem himmliſchen Buſen— vom Kaiſer⸗ mantel bedeckt— denn ſie iſt wie du und du wie ſie— und ihr Beide ſeid.. 2“ Er ſagte nichts weiter, aber ein verwirrtes Laͤcheln ergaͤnzte 14 — 45— ſeine Worte und druͤckte den Zuſtand ſeiner Seele aus. Eliſabeth befahl nun, ihn nach dem Wald⸗ hauſe zu fuͤhren und Bernſtol, der an der Folg⸗ ſamkeit der Uebrigen wohl ſahe, daß ſie hier die Gebieterin ſpiele, ließ es geſchehen und duldete ſogar, daß die Zigeunerin auf dem Wege ſeines Herrn Rechte nicht losließ, ja dieſelbe zuweilen an Bruſt und Lippen druͤckte. Paul ward auf ein Ruhebett ſanft niedergelegt, und ſein Ver⸗ walter von Herrn Schwarz in ein unteres Zim⸗ mer gewieſen, wo er Bequemlichkeiten und Er⸗ friſchungen fand. Bald gefiel es ihm in dem wirthlichen Hauſe und der volle Becher, dem er fleißig zuſprach— ließen ihn ſeine Bewohner im hellſten Licht wohlthaͤtiger Gaſtfreundſchaft er⸗ blicken, ſo daß er endlich keinen Anſtand nahm, den jungen Grafen fuͤr dieſe Nacht ihrer Pflege zu uͤberlaſſen und allein wieder nach Kneeskoje heruͤber zu reiten. Muriew war ſchon zur Ruhe, als er dort ankam, vielleicht wuͤrde außerdem der alte getreue Saͤnger, durch ſeine Anhaͤnglichkeit an Paul verleitet, ſich auf den Weg begeben und durch ſeine Dazwiſchenkunft eine Nacht * — 45— unterbrochen haben, deren Verlauf auf das Le⸗ ben ſeines jungen Freundes den wichtigſten Ein⸗ fluß uͤbte. Eliſabeth hatte nie einen beſtimmten Plan genaͤhrt, was ohne die Mitwirkung des Zufalls aus ihrem abentheuerlichen Spiel hervorgehen ſollte. Blindlings folgte ſie der Stimme der Leidenſchaft, die unwiderſtehlich nach dem Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe verlangte, jetzt lag dieſer an ih⸗ rem Herzen, und ſie kannte keinen Zwang und ee, keine Zuruͤckhaltung mehr. Mit kuͤhner Hand zerriß ſie den unhaltbaren Schleier der Taͤuſchung vor Pauls Augen, und gab ſich ihm, wie ſie war. Die Morgenſonne beleuchtete ſchon nicht mehr den unbedeutenden Schaͤfer iner Zylla, oder den von der Welt vergeſſenen Verbannten auf Kneeskoje— ſie fand einen trunkenen Ri⸗ nald an dem Buſen einer kaiſerlichen Armida. Aber kaum vermochte er ſo viel Gluͤck zu faſſen. Wie, dieſes herrliche Weib,, in deſſen Arm ſein Haupt ruhte, war die Tochter der Gzaaren, und die Tochter der Czaaren liebte ihn? Seinetwegen war die hohe Eliſabeth ſo weit herabgeſtiegen! . 8 4 4 — — 4— Bis in dieſe Wildniß war ſie ihm gefolgt, und er hatte jemals gewagt uͤber ſein Schickſal zu murren? Ein wildes, unbezaͤhmbares Gefuͤhl von Gluͤck, eine Art von flammender Wonne bemaͤch⸗ tigte ſich ſeiner ganzen Natur, als er ſich endlich von der Wahrheit dieſer Dinge uͤberzeugte. Die unbefriedigten Wuͤnſche des Herzens, Ehrgeitz, Eitelkeit, das jugendliche Feuer friſcher Sinne, alles was nicht zu dem Edleren im Menſchen gehoͤrt, fand hier ſeine Nahrung und loderte in uͤppigem Verein uͤber die beſſeren Regungen ſei⸗ ner Seele empor.— Die Vergangenheit loͤſchte in wenigen Stunden hinter ihm alls, an dem Buſen der Czarewna ging Anna's Bild unter, oder ward wenigſtens zum lebloſen Schattenriß; er ſah und empfand nichts mehr als Eines Weibes Liebe, die ihn aus der Tiefe des Elendes zum Gott empor hob, und die zu erwiedern er noch reich genug war. 4 Zwar konnte es nicht fehlen, daß Bedenklich⸗ keiten und Zweifel gleich den erſten Tag ſeines Gluͤckes truͤbten, aber Eliſabeth wußte durch die Kunſt der Ueberredung und durch tauſend ſchlaue — 43— Sophismen des Juͤnglings Urtheilskraft gefangen zu nehmen.„O ihr ſtarken Maͤnner,“ ſagte ſie eines Abends, als Paul ihr tiefſinnig gegenuͤber ſaß,„wie wenig muͤßt ihr das maͤchtige Gefuͤhl verſtehen, das Euch die weiblichen Herzen un⸗ terwirft, wenn Du, mein Liebling, mich noch immer geiſterbleich anſtarrſt, zweifelhaft ob Deine Augen nicht luͤgen, Dein klarer Geiſt nicht ver⸗ wirrt iſt, ob ich es auch wirklich bin.— „Ja,“ entgegnete Paul ſeufzend,—„Sie haben Recht— ich kann es nicht faſſen.“ „Und warum denn nicht, mein Knabe?“ lächelte die Fuͤrſtin holdſelig. „Weil,“ fuhr jener fort,„»„ Himmel, weil Peters Tochter ſo tief nicht herabſteigt, weil ich ſo nicht von der hohen Czarewna geliebt ſeyn kann— Nein, nein!“* „Bloͤder Knabe!“ ſagte Eliſabeth ernſt und legte die ſchoͤnen Finger auf ſeinen Mund,„Du biſt beſcheidener, als es ſeyn muß. Gerne thue ich es nicht, aber Du zwingſt mich, meiner Mut⸗ ter zu gedenken, die in noch niedrigerem Stande geboren war, ats derjenige iſt, deſſen Huͤlle ich — 49— phantaſtiſch auf wenige Stunden erborgte. Mei⸗ nes Vaters Liebe erhob die Leibeigne auf ſeinen Thron; dieſelbe Liebe, die durch das Geſchlecht der Czaaren forterbt und ihre Seele zu gewaltigen Thaten antreibt, iſt dieſelbe Glut, die auch durch meine Adern rollt.— Paul, auch ich kann das Ungewoͤhnliche thun, und das Große vollbringen, Du wirſt es noch erleben, ja Du ſolſſt ſelbſt mit daran helfen und darum wollte ich Dein Herz pruͤfen,“ „Nehmen Sie es hin,“ erwiederte der Juͤng⸗ ling heftig,„nehmen Sie es hin, maͤchtige Zaube⸗ rin, es gehoͤrt Ihnen mit allen ſeinen Kraͤften und Schlaͤgen. Es war im Begriff zu erſterben, aber Sie weckten es wieder zum Leben auf, zum neuen ruͤſtigen Leben. Sie ſind ſeine zweite Schoͤpferin geworden, meine Seele erkrankte, aber Sie werden ſie heilen!“ Er ſprach dieſe Worte zu den Fuͤßen Eliſa⸗ beths, die ſie freudig aufnahm und Sorge trug, durch einige hingeworfene Winke uͤber die Zu⸗ kunft des Juͤnglings Phantaſie immer mehr zu gewinnen und ſich ſeine Willenskraft wie ein II. 4 4 — 50— maͤchtiges Werkzeug zu unterjochen, zugleich aber beherrſchte ſie die Leidenſchaft und mit der demuͤ⸗ thigen Hingebung eines morgenlaͤndiſchen Weibes ſah ſie zu ſeiner holdſeligen Erſcheinung empor. Ihr Haupt neigte ſich zaͤrtlich zu ihm, ambro⸗ ſiſche Lippen koſeten uͤber ſeine Stirn;„mein Freund,“ fluͤſterte ſie unter unzaͤhligen Kuͤßen, „ich will die Welt beherrſchen, aber du ſollſt mein Gebieter ſeyn. Verwirf dieſes goͤttliche Loos, wenn du kannſt! habe den Muth es aus⸗ zuſchlagen und die nichtsſagende ohnmaͤchtige Rolle wieder zu ergreifen, die Du bis jetzt dieſer Anna gegenuͤber geſpielt haſt! Tritt in das Nichts zu⸗ ruͤck, woraus ich Dich hervorgehoben; verſuche es, Du kannſt es nicht.“— „ Ich kann es nicht,“ entgegnete Paul und ſchlang ſeinen Arm um die volle Görtergeſt, der Sieg war ihre.— Es hielt nicht ſchwer dahin Anſtalten zu aef fen, daß das gluͤckliche Paar in ſeiner Einſam⸗ keit ſo wenig als moͤglich von der Außenwelt geſtoͤrt wurde. Katinka ging nach Kneeskoje zu ihren Verwandten und etzaͤhlte dort Jedem, der es hoͤren wollte, daß die Fremde im Jagdhauſe eine vornehme Dame aus Petersburg und eigent⸗ lich die Geliebte des jungen Grafen ſei, welche die Sehnſucht nach ihm nicht laͤnger in der Hauptſtadt geduldet habe. Als ſie ſich zur Reiſe hierher entſchloſſen, habe ſie von Katinka und deren Abkunft gehoͤrt, weßwegen ſie ihre Beglei⸗ tung gewuͤnſcht und ſie in ihre Dienſte genom⸗ men haͤtte. Niemand fand Anlaß dieſe Ausſage zu bezweifeln, da die ganze Sache ſich in einer Sphaͤre bewegte, die ohnedem uͤber den Geſichts⸗ punct der beſchraͤnkten Bauern hinaus ging und um Bernſtol und den erfahrnen Muriew zu taͤuſchen, haͤtte Katinka nur die Haͤlfte jener Schlauheit bedurft, die auch den beſten ihres Ge⸗ ſchlechts angeboren iſt und die bei ihr, durch große Verſprechungen von Seiten ihrer Gebiete⸗ rin, ſich außerordentlich ſchnell entwickelt hatte. Zwar ſchuͤttelte der muͤrriſche Verwalter den Kopf und drehte dem niedlichen beredſamen Weibe ſei⸗ nen breiten Ruͤcken zu, auch ſchnellte er wohl halb grollend, halb laͤchend, das Inſtrument ſei⸗ ner Herrſchaft, den Kantſchu nach ihr hin, und 4* es ſchien, als thue es ihm leid, daß ſie der Zucht deſſelben entlaufen waͤre. Muriew aber jubelte laut und im Stillen, daß nun endlich der Miß⸗ muth ſeines theuern Freundes ſich in Gluͤck und Wonne verwandelt haben werde; er ſegnete die edle Dame, deren treue und beſtaͤndige Liebe ſie bewogen habe, ihm bis hieher nachzufolgen und wandte ſeinen ganzen Einfluß an, daß ihr Bei⸗ ſammenſeyn ſo ungeſtoͤrt als moͤglich bliebe. Er ſelbſt ging nicht nach dem Waldhauſe, ſondern ſorgte nur fuͤr die Hinſendung aller Beduͤrfniſſe, die er etwa fuͤr noͤthig erachtete, Paul dagegen beſuchte im Verlauf der naͤchſten Tage einigemal Kneeskoje und wenn gleich der alte Saͤnger eine Veraͤnderung in ſeinem Weſen vermuthet hatte, ſo uͤberraſchte ihn doch dieſe gaͤnzliche Umwand⸗ lung, die er beim erſten Wiederſehn entdeckte. Das Gluͤck leuchtete in faſt zu deutlichen Strah⸗ len von des Juͤnglings Stirne, ſein Auge flamm⸗ te; die ſtille melancholiſche Haltung, die ihm in der letzten Zeit eigen war, der langſame Schritt, der ſonſt nur auf der Jagd Fluͤgel erhielt, waren zum gebietenden Auftreten geworden; ſtolzer trug — 53— er ſeinen Nacken und eine Art von Majeſtaͤt um⸗ floß ihn.— Er fragte nicht mehr nach den wil⸗ den Beſtien der Waͤlder, ſeine Jagdleute hatten Ruhe und einige Bitten, die er vielleicht fruͤher nicht gewaͤhrt haben wuͤrde, erfuͤllte er jetzt raſch, ohne Beſinnen und mit fuͤrſtlicher Freigebigkeit.— „Gospodin,“ ſagte Muriew, als er eines Abends nach einem ſolchen Beſuch eben Pauls Steigbuͤ⸗ gel hielt,„dir iſt eine Sonne aufgegangen, wie diejenige ſeyn muß, die in dem warmen Lande Italien leuchtet, alle Knospen ſind ploͤtzlich ge⸗ kommen, alle Bluͤthen haben ſich entfaltet, und die Pracht des Baumes iſt da.“— „Meinſt Du?“ entgegnete Paul laͤchelnd, ſchuͤttelte dem Alten treuherzig die Hand und ritt davon. Aber dieſes lachende Gluͤck wich dennoch nach und nach einem gewiſſen Ernſt und der froͤhliche Uebermuth fuͤr den das Herz eines Juͤnglings ſo leicht empfaͤnglich iſt, und dem auch Paul ſich hingegeben hatte, erbleichte bald genug vor einem rieſenhaften Phantom, das mitten aus den Um⸗ armungen und in den Genuͤſſen am Buſen ſeiner — 34— hohen Gebieterin finſter vor ihm aufwuchs.— Eliſabeth, nur zu Zeiten eine ſchlaue Diploma⸗ tin, aber immer ein ſchwaches Weib, wann ihr Herz der Leidenſchaft unterlag, hatte alle die großen Plaͤne, die ſich um ſie bewegten, ihrem Liebling enthuͤllt. Da ſie das Feuer ſah, womit er ſich ihr hingab, die Innigkeit, womit er ihre Knie umarmte, gleich dem Ertrinkenden der ſei⸗ nem Retter dankt, da der Name: Anna laͤngſt auf ſeiner Lippe erſtorben ſchien, glaubte ſie das gefäͤhrliche Geheimniß, welches ihr Herz erdruͤckte, endlich mit auf das Seinige waͤlzen zu duͤrfen. Schon hatte ſie ſich auf die Begeiſterung gefreut, womit er dieſen neuen Koͤder umfangen wuͤrde, und wohl mag es dem Juͤngling zu verzeihen ſeyn, wenn der verfuͤhreriſche Hinblick auf eine gehoffte Groͤße und Macht, ſeine Phantaſie be⸗ ſtach, wenn er das goldne Fuͤhlhorn aller irdiſchen Guͤter von den Haͤnden des ſchönſten Weibes an ſeine Lippen geſetzt, nicht entſchloſſen wegwies und die Groͤße des Entwurfs nebſt der Gefahr ſeiner Ausfuͤhrung ſeine ruhenden Kraͤfte und ſeinen Jugendmuth reizten. Sich ſelbſt ſahe er ploͤtzlich in dem Mittelpunkt unermeßlicher Hoff⸗ nungen, unermeßlicher Wagniſſe ſtehen— und indem ihm Eüliſabeth alle Briefe und Depeſchen mittheilte, die ſie faſt taͤglich auf verſchiedenen Wegen ſowohl von LEſtocq, als durch dieſen von Schweden und Deutſchland erhielt, begannen nach und nach ſaͤmmtliche Faͤden des großen Gewebes in ſeiner Hand zuſammen zu laufen. Aber der erſte Rauſch der Sinnen verflog, der blendende Lichtſtrom, der auf ſeine unvorbereitete Seele ge⸗ fallen war, machte allmaͤhlich dem milderen Elemeicte Platz, in welchem die Vernunft ihr Recht behauptet, und ſo ſah er dann endlich, auf welchem vulkaniſchen Boden ſein Fuß ruhte. Die Ueberlegung ward zur Reue, die Reue zum Ent⸗ ſetzen, die immer zunahm, je mehr er die un⸗ vereinbaren Conflicte ſeiner jetzigen Stillung fuͤhl⸗ te,— denn wie vertrug ſich ſeine Unterthanen⸗ pflicht mit demjenigen, was er jetzt erfahren hatte, und was ſeine Seele ſo maͤchtig erregte?— War er nicht kaiſerlicher Offizier? hatte er nicht der Regentſchaft, hatte er nicht Iwans Mutter Treu⸗ geſchworen und dieſer heilige Schwur ſollte — 536— vor Eliſabeths ſiegender Verfuͤhrung wie ein leich⸗ ter Hauch verwehen? Freilich Anna hatte ihn ſehr gekraͤnkt— ihn wie einen unartigen Knaben behandelt, ihm nur die Herrſcherin gezeigt.— Eliſabeth, Peters Tochter, ſtieg zu ihm herab, gab ihm das Gluͤck des Himmels zu koſten und zeigte ihm die Krone ſelber in der Ferne! Ach und welches Herz hat noch dem Reiz der Krone widerſtanden. Je ſcharfſichtiger das Auge der Liebe iſt, je weniger konnte der Fuͤrſtin das duͤſtere Schwan⸗ ken entgehen, welches die obigen Betrachtungen in dem Herzen ihres Freundes erzeugten.„Fluch denen,“ ſagte ſie einſt in heftiger Bewegung, „die meine Landsleute, meine ruſſiſchen Voͤlker von mir entfernt und ſie den Fremden zugewandt haben. Wem gebührte der Thron, als Katharina ins Grab ſtieg, wem anders als der Tochter ge⸗ buͤhrte der leergewordene Platz auf dem Stuhl ihrer Eltern? Aber die Fremden, die Fremden! Muͤnich, Loͤwenwalde jener alte ſchlaue Fuchs, Oſtermann entriſſen mir mein heiliges Recht, teugen es ſtaatsverraͤtheriſch uͤber die Graͤnzen . und ich mußte Annen von Curland huldigen! Zehn Jahre ſchmachtete ich, als erſte Sclavin unter ihrer Herrſchaft, zehn Jahre lang, Paul, erlitt ich alle Kraͤnkungen, alle Demuͤthigungen von Seiten dieſes Weibes und ihrer Beguͤnſtigten, ich, welche ich die Gebieterin ſeyn ſollte! Meine Gefuͤhle mußte ich verlaͤugnen, meine Neigungen verſtecken, die, welche ich liebte, durfte ich nicht groß machen. Wehe mir, welcher Zwang!— Aber es iſt vorbei; Anna ruht im Grabe und dieſe zweite ſoll nicht auch uͤber mich triumphiren. Die Rache iſt eingeleitet, ihre Stunde wird ſchlagen und das Verderben naht meinen Feinden und Verraͤthern. Ich wil ſie ſchrecklich beſtrafen, fuhr Eliſabeth mit gluͤhenden Augen und Wan⸗ gen fort,„mit ihrem Herzblut ſollen ſie mir jedes geſtohlne Gluͤck und jede Thraͤne bezahlen, die ich geweint habe— ich will ſie auf den Henkerblock ſchleppen und ſterben ſehen.“ „Auch Graf Oſtermann?“ fragte Daat kleinlaut, 3 „Er iſt mein grimmigſter Feind, ihn ui ich am Meiſten.) Paul mit bebender Stimme fort. „ Warum,“ entgegnete Eliſabeth faſt außer ſich,„warum haben ſie ſich auf meinen Thron gedraͤngt? ſie muͤſſen ſterben.“— 1 „Aber der ſchoͤne, ſchuldloſe Knabe“ fragte Paul weiter,„Iwan unſer Kaiſer?“ „ Ich will ihn mit meinen Haͤnden erwuͤrgen, denn ich bin ſein Kaiſer.“ „Ungeheuer,“ rief jener bis in ſeine tiefſte Seele erſchuͤttert,„ſo morde mich auch, ehe ich die Waffen zu ihrer Rettung ergreife, ehe ich die Sturmglocke laͤuten laſſe und dein entſetzliches Geheimniß verrathe!“ „ Wie denn, mein Jüngling?“ entgegnete Eliſabeth mit ſanfter Stimme und neigte das ſchoͤne Gorgonen⸗ Haupt beinah ohnmaͤchtig an ſeinen Buſen,„wie denn, mein Juͤngling?“ ihr ſtuͤrmiſcher Athem ward milder, die Anſpan⸗ nung ihrer Nerven loͤßte ſich auf, ihre Seele trat wieder in die Graͤnzen weicher, weiblicher Natur zuruͤck. Am Saum ihres Kleides kroch eine Raupe„ ſie bat Paul dieſelbe wegzunehmen, „ Und die Regentin und ihr Gemahl?“ fuhr —,— —— —— — 59— aber ſie nicht zu toͤrten;„denn,“ ſetzte ſie mit unerkuͤnſteltem Gefuͤhl hinzu,„wer moͤchte ein lebendiges Weſen muthwillig toͤdten; ich konnte es nie, und werde es nimmer koͤnnen.“ Paul hielt ſie in ſeinen Armen und blickte finſter auf ſie herab. „Ich weiß,“ ſagte er nach einer langen Stille,„ich weiß, daß Ihr Herz nicht barbariſch iſt, vielmehr kennt Jeder die Weichheit ihrer Gefuͤhle. Sie ſind nicht blutduͤrſtig, Eliſabeth, aber die Gewalt und die Leidenſchaft koͤnnte ſie zum Tiegerſinn reizen; welche Buͤrgſchaft leiſten Sie mir?“— „Ich bin nicht ſchlimm,“ laͤchelte Eliſabeth unter Thraͤnen. „Verrathen kann ich Dich nicht, ſchoͤnes Weib,“ fuhr Paul in ihrem Anſchauen verloren fort—„ich Dich verrathen, die Du mir groß⸗ artig vertrauend Deine Seele hingabſt— Czaar Peters Tochter verrathen— eher mich ſelbſt.“ Wer moͤchte auch in dieſem Streit richtig ent⸗ ſcheiden? Gehe das Verhaͤngniß ſeinen Weg und moͤge Gott ſein Urtheil daruͤber ſprechen. — 60— „Wenn aber,“ ſetzte er mit furchtbarem Ernſt hinzu,„wenn aber Ihre Plaͤne erfuͤllt werden, Eliſabeth, und ſie uͤber Menſchen trium⸗ phiren, die keine Niederlage verdienten, bleiben Sie menſchlich, ſchwoͤren Sie mir kein Leben anzutaſten, kein Blut zu vergießen, bei dem An⸗ denken Ihres großen Vaters, bei der Erinnerung der ſchoͤnen Tage die wir hier lebten, bei Allem, was Ihnen heilig und werth iſt, ſchwoͤren Sie es mir!“ 5* Folgſam wie ein Kind glitt Eliſabeth auf die Knie nieder und ſchwor mit aufgehobenen Fin⸗ gern, was Paul von ihr verlangte. Es war als fuͤhlte ſie ſelbſt die Nothwendigkeit, ihr veraͤnder⸗ liches Herz durch einen Eid in die Gleiſe der Menſchlichkeit zu feſſeln;„wenn ich,“ ſetzte ſie noch hinzu,„wenn ich jemals vergeſſen ſollte, was ich Dir jetzt gelobt habe, ſo mahne mich daran. Ich will deine Stimme hoͤren, es ſei, wo es ſei. Im Ungluͤck ſoll ſie mir Troſt, im Gluͤck eine Warnerin ſeyn— in Kloſtermauern oder auf dem Throne will ich Deinen Worten — — 61— wie der Stimme meines Gottes à dehoochen⸗ iſt Dir das genug?“— Herr Schwarz ſtoͤrte dieſe Unterredung, indem er mit der Meldung bei ſeiner Gebieterin eintrat, daß ſo eben ein Bote aus Petersburg bei ihm eingekehrt ſei, der unter der Verkleidung eines Wildhaͤndlers ihm ein verſiegeltes Paquet von LEſtocg uͤberbracht habe.— Dieſer Bote war Schwarzens untergeordneter College im Dienſte der Prinzeſſin, auch ein Deutſcher, Namens Gruͤnſtein, der faſt dieſelbe ſchlaue Gewandtheit als ſein Vorgeſetzter beſaß und von dieſem zu Allem gebraucht werden konnte. Er bildete die fortwaͤhrende Communikation zwiſchen der Haupt⸗ ſtadt und dem jetzigen Aufenthalt der Fuͤrſtin, und obgleich er uͤber den letzteren ſelbſt nicht recht im Klaren war, und die Briefe, die er trug, nie Aufſchriften hatten, ſo konnte man ſich doch auf ſein Schweigen und ſeine wohlbezahlte Treue verlaſſen. Um ſeine letzte Botſchaft beſſer wuͤrdi⸗ gen zu koͤnnen, wird es noͤthig ſeyn, einen Blick auf die vielfach verſchlungenen Gewebe zu wer⸗ fen, welche ſich in der Hauptſtadt gebildet hatten. — 362— Wenn es den Anſchein hat, als duͤrfte man LöEſtoca einer Unvorſichtigkeit beſchuldigen, daß er Eliſabeth, deren ſchwankenden Charakter er kannte, auf ſo lange Zeit gewiſſermaßen aus den Augen verlor, daß er das Werkzeug ſeines kuͤh⸗ nen Baues, womit er ſich nur einen Ehrentem⸗ pel oder ein Schaffot zimmern konnte, gleichſam aus der Hand gleiten ließ, ſo iſt dieß eben nur der Schein, hinter dem ſich die Wirkſamkeit des klugen Mannes wohl berechnet und deſto ſicherer verſteckte.— Seine Umſicht in der ſchwierigen und gefahrvollen Stellung, zu der ſich die Seinige allmaͤhlig bildete, graͤnzte an das Unendliche und ein ſchwaͤcherer Kopf als Er haͤtte die Richtung in dem tauſendfachen Gewebe verloren, das er kunſtvoll uͤber Freund und Feind ausſpann und an deſſen feinen Faͤden er die widerſtrebendſten Gemuͤther ſeinem Zwecke entgegen lenkte.— Eliſabeths Abweſenheit aus der Hauptſtadt in dieſem Zeitpunkt war ihm nicht nur erwuͤnſcht, ſondern ſogar nothwendig und ihre Leidenſchaft fuͤr den jungen Woronzow, die ihn anfangs er⸗ ſchreckte, die aber ſein Widerſtand nur vergeblich — — — 63— bekaͤmpft haͤtte, konnte geſchickt angewandt ſich zu einem der vorzuͤglichſten Mittel geſtalten. Was den erſten Punkt betrifft, ſo berechnete LEſtocq ſehr wohl, daß durch die freiwillige Verbannung nach Strelna die Aufmerkſamkeit des Hofes von ihr ab und die des Volkes zu ihr hingeleitet werde. Ihm lag Alles daran, die Theilnahme der niederen Claſſen fuͤr ſeine erhabne Clientin zu gewinnen, und ſie in den Augen derſelben als das Opfer der Unterdruͤckung von Seiten des Ho⸗ fes und des Cabinets erſcheinen zu laſſen. Mit ſchwaͤrmeriſcher Begeiſterung hingen die Bewoh⸗ ner von Petersburg noch an dem Andenken des großen Mannes, der dem ruſſiſchen Namen zuerſt Ruhm gab und dieſe herrliche Stadt erbaute⸗ Unzaͤhlige hatten ihn noch ſelbſt gekannt, viele verdankten ihm ihr Gluͤck— und Eliſabeth, die herablaſſende, guͤtige wohlthaͤtige Eliſabeth war ſeine Tochter! Wie, und dieſe, der es nach Recht und Natur gebuͤhrt haͤtte, uͤber die Ruſſen zu herrſchen, mußte einer Hofkabale weichen und ſich tief gekraͤnkt von der Anmaßung der fremden Gewalthaber in Eins ihrer entlegenſten Schloͤſſer zuruͤck ziehen!— Man ſah ihr holdſeliges An⸗ tlitz nicht mehr an den Stufen der Altaͤre und in den Kloͤſtern und Kirchen, nicht mehr in den Huͤtten der Armuth, ſie erſchien nicht mehr auf dem Altane ihres Palaſtes, auf dem Marsfelde, und wenn es ſchon gewoͤhnlich war, daß ſich die Kaiſerstochter jeden Sommer auf ein Landſchloß zuruͤckzog, ſo wucherte dennoch die Idee einer unfreiwilligen Entfernung nur allzuſehr in den Gemuͤthern des Volkes fort. Dieß war es ge⸗ rade, was LEſtocg wuͤnſchte.— Auf der andern Seite machten es die Ver⸗ haͤltniſſe wichtig, Paul fuͤr das große, gehelmne Intereſſe zu gewinnen. War man aber der Gunſt der niederen Volks⸗ claſſen auch ziemlich gewiß, ſo reichte ſie doch noch nicht aus; es mußten auch die Armee, die Garniſon, vorzuͤglich aber Offiziere gewonnen, in das Vertrauen gezogen und mit dem Stand der Dinge auf das Genauſte bekannt gemacht werden. Paul beſaß im hohen Grade die Liebe ſeiner Cameraden; ſein Beiſpiel galt und ſeine nahen Verbindungen mit dem Hof gaben ihm ſelbſt bei — 65.— Hoͤheren eine Art von Uebergewicht; außerdem kannte der Wundarzt, dem es ein Leichtes war, Charaktere wie den des Juͤnglings zu ergruͤnden, deſſen Ehrgeiz und großmuͤthiges Herz und die Erregbarkeit ſeiner Phantaſie; alles Eigenſchaften, die ſeinen Abſichten entſprachen. Aber dennoch zoͤgerte LEſtocg lange, ihn in dem Umkreis des gefaͤhrlichen Geheimniſſes zu ziehen, und Eliſabeth war ohne daß ſie es wußte gezwungen, ihr uͤberwallendes Herz bis auf den rechten Zeitpunkt in Schranken zu halten. Nicht daß LEſtocg Verrath von Pauls Seite befuͤrchtete; er wußte wohl, daß ein feuriger Juͤng⸗ ling von 22 Jahren vielleicht den Lockungen der Groͤße widerſtehen, aber nicht der Moͤrder eines Weibes werden kann, die mit allen Reizen einer Schaͤferin vom Thron zu ihm herabſtieg, und ihre Majeſtaͤt in ſeinen Armen vergaß, er konnte die Wirkung auf Pauls Gemuͤth nicht mit Sicherheit berechnen, aber wohl wußte er, daß jener eher ſelbſt ſterben, als ein Geheimniß preis⸗ geben werde, das ihm die Liebe verrieth— ihn hielt noch ein anderer Umſtand zuruͤck. LEſtocq's II. 5 ——— — ———— — 66— Herz war keineswegs den Eindruͤcken des Guten und Schoͤnen verſchloſſen, er ſchaͤtzte den Juͤng⸗ ling ſammt ſeinem ſtuͤrmiſchen Weſen, er be⸗ wunderte ihn ſeit jenem Auftritt bei Graf Oſter⸗ mann, er liebte ihn und zoͤgerte deßhalb mit Recht den Feuerbrand in dieſe heitere unbefange⸗ ne Seele zu werfen. Gerade zu jener Zeit trat Muͤnich von den Geſchaͤften zuruͤck und allgemein ſchloß man daraus auf eine unvorſichtige Kraͤn⸗ kung dieſes großen Mannes von Seiten des Ho⸗ fes; nichts konnte dem ſchlauen Wundarzt will⸗ kommener ſeyn, denn eine Eroberung, wie Muͤnch, war ihm wichtiger, als die geſammten Verſprechun⸗ gen der fremden Cabinette.— Er ließ daher alles Andere fallen und begann mit einer Fein⸗ heit, worin nur er Meiſter war, die Geſinnun⸗ gen des Feldmarſchalls zu erforſchen. Lange ver⸗ ſuchte er alle ſeine Schluͤſſel an einem Charakter, gegen deſſen funfzigjaͤhrige Treue ſchon dieſe Verſuche Beleidigungen waren und er mußte end⸗ lich davon abſtehen, wenn er nicht Verdacht auf ſich zu ziehen Gefahr laufen wollte. Mit dem Verdruß einer fehlgeſchlagenen Unternehmung und — 67— dem Grimm auf ein Gemuͤth geſtoßen zu ſeyn, das uͤber dem Bereich kunſtvoller Verſuchungen erhoben war, ließ er von Muͤnch ab, und bereute den Fehlgriff, dem wunſchloſen Alter die Beweg⸗ lichkeit der Anſichten zugetraut zu haben, die nur von der begehrlichen, leidenſchaftsvollen Jugend erwartet werden darf. Jetzt war es an der Zeit, Eliſabeth nach Strelna, und wohin ſie außerdem ihr Herz noch zog, abgehen zu laſſen. Behutſam hielt LEſtocq den Faden, woran ſie flatterte, in ſeiner Hand, was ſie aus eigener Freiheit zu thun glaubte, war von ihm mit allen ſeinen Folgen vorausge⸗ ſehen und erwogen, und indem er die ſcharfen Augen keine Minute von ihr abzog, durchſpaͤhe⸗ ten ſie zugleich alle Bewegungen auf dem großen Theater, das ihn in der Hauptſtadt umgab.— Mit geheimer Freude bemerkte er die Unzufrie⸗ denheit des Volkes mit der Abweſenheit der Czarewna, worin ſich ihm zuerſt das Zutreffen ſeiner Berechnungen kund that; dieſe Unzufrie⸗ denheit ging in Murren uͤber, als ſich das Ge⸗ ruͤcht verbreitete, Eliſabeth ſey krank; ein Geruͤcht, 5* —— ——— — 68— welches um ſo leichter Glauben fand, als ihm ihr Wundarzt nicht widerſprach und man den Wagen deſſelben zu wiederholten Malen auf der Straße nach Strelna fahren ſah. Ward LEſtocq uͤber das Befinden der Czarewna befragt, ſo be⸗ obachtete er ein raͤthſelhaftes Schweigen, oder ließ Anſpielungen fallen, welche die Theilnahme fuͤr die ungluͤckliche Kaiſerstochter bis zum brennen⸗ den Mitleid erhoͤhten; etwas dieſem ganz entge⸗ gengeſetztes gab er jedoch der Regentin zu ver⸗ ſtehen, als ſich dieſelbe nach dem Zuſtand ihrer kaiſerlichen Baſe bei ihm erkundigte.— Die Czarewna, erwiederte er, mit vielen Umſchweifen, ſei innigſt geruͤhrt uͤber die Beweiſe hoher Theil⸗ nahme, indeſſen beabſichtige ſie, daß das Geruͤcht ihrer Unpaͤßlichkeit nur das Volk beſchaͤftige, Ihre kaiſerliche Hoheit die Regentin aber, nichts als den Wunſch nach der ungeſtoͤrteſten Einſamkeit darin erkennen moͤchten!— „Den werde ich zu ehren wiſſen,“ entgegnete Anna dem Wundarzt, in der Privataudienz, die e ihm allein dieſerhalb ertheilte.„Jedoch moͤch⸗ ich die Frage hinzuſetzen, was unſere geliebte — 69— Baſe veranlaſſen kann, die Einſamkeit ſo ſtrenge zu ſuchen und uns das Vergnuͤgen ihrer Geſell⸗ 8 ſchaft dadurch gaͤnzlich zu entziehen. Ich will doch nicht hoffen, LEſtocg, daß nur der Schat⸗ ten einer Beleidigung die Czarewna“— „Keineswegs,“ unterbrach eifrig LEſtocq die Regentin—„aber“ ſetzte er mit bedeutendem Laͤcheln hinzu—„Ew. Kaiſerliche Hoheit ken⸗ nen ja dieſes gluͤhende und empfindſame Herz, deſſen zaͤrtliches Verlangen wohl auch eine Krank⸗ heit genannt werden duͤrfte— und das nur durch Zwang bey Lebzeiten der Hochſeligen Kai⸗ ſerin in Schranken gehalten ward.— Jetzt fuͤhlt dle Prinzeſſin ihre Freiheit— das Be⸗ duͤrfniß zu lieben iſt ihr noch daſſelbe, ich weiß nicht ob ich fortfahren darf“— „Und wenn Sie es duͤrften,“ entgegnete An⸗ na erroͤthend„wuͤrden Sie es nur zur Ehre Ih⸗ rer Gebieterin thun. Ich verzeihe Ihnen Ihre Aufrichtigkeit gegen mich, LEſtocg, verbiete ſie Ihnen aber jenſeits dieſer Schwelle.— Meines erhabenen Großoheims Tochter darf nur im Ehſe Lichte geſehen werden. Jetzt gehen Sie, 2 Ihrer Kaiſerlichen Hoheit die Verſicherung mei⸗ nes tiefgefuͤhlteſten Beileids mit ihrer Kraͤnklich⸗ keit zu uͤbertragen, und ſagen Sie, daß nur ihr Befehl mich abhalte, mich in eigener Perſon mit meinem ganzen Hof nach Strelna zu verfuͤgen, um von ihrem Befinden zu hoͤren.“ LEſtocg ging vollkommen zufrieden, und die Regentin war es im Grunde nicht minder. Je⸗ ner triumphirte uͤber die gelungene Liſt, dieſe fuͤhlte ſich im Innern beruhigt und von Beſorg⸗ niſſen erloͤßt, die verſchiedne Große ihres Hofes, namentlich aber Graf Oſtermann und der Hof⸗ marſchall Loͤwenwalde nicht muͤde wurden, in ihre Seele zu ſtreuen. Auch uͤber dieſen zuruͤck⸗ gezogenen Aufenthalt in Strelna hatte der Erſtere ſchon manches argwoͤhniſche Wort in Annens Gegenwart fallen laſſen, ſie uͤberhoͤrte jedoch der⸗ gleichen gern, weil ſie nicht klar wußte, worauf es zu beziehen ſey, und freute ſich jetzt im Ge⸗ heim, das Raͤthſel auf eine ſo beruhigende Weiſe geloͤßt zu ſehen. Warum ſollte ſie einen ſchaͤrfe⸗ ren Blick auf die kleinen Verirrungen ihrer Tan⸗ te werfen⸗ Gerne ſchloß ſie die Auxen davor, —— —— — — g — 71— fuͤhlte ſie doch ſelbſt, daß jedes weibliche Herz, mag es noch ſo edel ſchlagen, ſeine unverwahrte Seite habe, die weder das Schild der Minerva noch der Purpur der Könige zudeckt. Cliſabeths Schwaͤche beruͤhrte die ihrige nicht, denn derjenige, fuͤr welchen ihr Buſen zuweilen in ſanfterer Wallung ſich hob, deſſen holdes Bild wohl aus der Hauptſtadt und ihren Umgebungen, aber nicht aus dem Gedankenkreis der Fuͤrſtin zu verdraͤn⸗ gen war, Melanien's Bruder war ja fern von Strelna, und in ſeiner Verbannung den feſſeln⸗ den Blicken der Kaiſertochter nicht ausgeſetzt. Die Regentin hatte nun LEſtocq allerdings befriedigend abgefunden, nicht aber ſo den auf⸗ merkſamen Cabinetsminiſter, Graf Oſtermann, der ihn wenige Tage darauf ebenfalls zu ſich be⸗ ſcheiden ließ.— Oſtermann war dem Wundarzt aus mehreren Urſachen ſchon perſoͤnlich nicht hold, er ahnete in ihm den maͤchtigen Geiſt, der ſich hinter dem Flitter nichtsſagenden Tandes zu verbergen ſtrebte, und es war eine ſeiner Schwaͤ⸗ chen, ſich in der Nähe ſolcher Perſonen unbe⸗ quem zu fuͤhlen, die auf gleicher Stufe geiſtiger — 72— Kraft mit ihm ſtanden, was ihm uͤbrigens nur ſehr ſelten begegnete. Der Miniſter wußte, daß LEſtoeg ſich mit Bedeutenderem baſchaͤftigte, als das Taͤndelnde ſeiner Worte und ſeines Betra⸗ gens, der ſtete Roſenſchimmer ſeiner Laune ver⸗ muthen ließen, und es kraͤnkte ſeinen Stolz, Centnerſchwer an Dingen zu tragen, die er von einem Andern gleich einem Federball handhaben ſah.. LEſtocg ſtand ſchon eine Weile an der Thür des Cabinets, in welchem der kraͤnkliche Reichs⸗ Canzler, von ſeiner ſchoͤnen Tochter unterſtuͤtzt, auf und nieder wandelte, ehe ihn derſelbe mit forſchendem Blick um den Aufenthalt ſeiner Ge⸗ bieterin befragte.—„Excellenz,“ entgegnete er keck,„mein hochgebietender Herr Canzler hat ſicher ſchon von der Unpaͤßlichkeit vernommen, die Ihre Kaiſerliche Hoheit, in Folge einer Er⸗ kaltung in Strelna uͤberfallen hat— das macht, die Prinzeſſin iſt zu raſch, zu wenig beſorgt fuͤr ihre erhabene Perſon, ſie ſchont ſich nicht— Indeſſen,“ fuhr er leiſe fort,„wer darf einer — —-— 73— ſtrahlenden Juno die verhuͤllende Aengſtlichkeit der Parzen zumuthen, wer“— Ein zuͤrnender Blick des Grafen gebot ihm Schweigen;„Sie ſind ſehr kuͤhn,“ unterbrach ihn derſelbe.„daß Sie mir Dinge berichten, von de⸗ ren Unwahrheit ich Sie uͤberzeugen kann, die Czarewna iſt weder in Strelna, noch daſelbſt krank, ich weiß es, und wuͤnſche jetzt von Ihnen zu erfahren, wohin Ihre Kaiſerliche Hoheit ſich begeben haben. Noch will ich glauben, daß dies kein ihrem Range und Stellung unangemeſſener Ort ſey, obgleich es von treuen Dienern zu er⸗ warten war, ihre Gebieterin vor extravaganten Schritten zu warnen.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſtammelte LEſtocq, von dieſen Worten und dem durchſchauenden Auge des Grafen außer Faſſung gebracht.„Excellenz befinden ſich im Irrthum— vielleicht eine kleine Luſtreiſe der Prinzeſſin, ihre Einſamkeit zu zer⸗ ſtreuen“ „Sie waren erſt geſtern in Strelna und re⸗ den von: vielleicht,“ entgegnete Oſtermann,„ver⸗ ſuchen Sie nicht mich zu hintergehen, wie An⸗ dere. Ich weiß, daß Sie einen Bedienten, Na⸗ mens Gruͤnſtein, ſchon drei Mal mit Briefen ver⸗ ſchickt haben, und zwar in verſchiedenen Verklei⸗ dungen, wodurch es ihm gelungen iſt, meiner Wachſamkeit zu entgehen. Was ſoll dieſes ganze geheimnißvolle Weſen. Ich warne Sie, L Eſtocg, fordern Sie den Argwohn nicht heraus; oft iſt derſelbe grauſam und blutig, und ſtuͤrzt ſich wie ein verſchlingendes Raubthier auf denjenigen, der ihn gereizt hat.— Ich befehle Ihnen, die Wah⸗ uun zu ſagen.“— „Und wenn nun,“ antwortete LEſtocq mit ruhigem Laͤcheln, denn die Naͤhe der Gefahr gab ſeiner ſtarken Seele augenblicklich ihre Haltung zuruͤck,„und wenn nun meine Gebieterin, die Garewna, mir das Gegentheil befohlen haͤtte? Ich muß unendlich bedauern, den Wuͤnſchen Ew. Excellenz diesmal nicht nachkommen zu koͤnnen, denn das Letztere iſt wirklich der Fall. Ihre Kaiſerliche Hoheit iſt der M Leinung, daß Ihre Handlungen frei ſind und keinen Richter hahen⸗ als Gott und ſich ſelbſt.“ — d — 7.5— „Eine Idee, Franzoſe, die Sie ihr beyge⸗ bracht haben!“ unterbrach ihn Oſtermann zuͤrnend. „Die Czarewna wußte von Kindheit auf, daß die Handlungen derjenigen, die dem Throne am naͤchſten ſtehen, am verantwortlichſten ſind, und daß namentlich die ihrigen auf die Wohlfahrt des Reichs einen genauen Bezug haben koͤnnen. Eli⸗ ſabeth war ſtets eine gute Tochter, was ſie un⸗ ter fremdem Einfluß als Unterthanin ward, wage ich nicht zu beſtimmen.“ 3 „Sollten das Ew. Exrellenz nicht berechnet haben, als Sie ſie vom Throne ihrer Eltern ausſchloſſen?“ entgegnete LEſtocg, und ſeine klei⸗ nen blltzenden Augen flammten ſo gewaltig dem Miniſter entgegen, daß dieſer ſich beſiegt fuͤhlte, und die Seinen zu Boden ſchlug. Gleichſam um der Verwirrung zu entgehen, oͤffnete er eine „Seitenthuͤr und ließ den alten Woenn e barch dieſelbe hereintreten. „Nun, Graf Michael,“ tief er ihm zu,„nun brauchen Sie nichts mehr zu verhehlen, nicht. mehr heimlich zu thun, nun duͤrfen Sie das Geheimniß, welches Ihnen das Herz abdrüͤckt, — 6— frei herausſagen, wir wiſſen Alles— Ich Stn⸗ tulire Ihnen, wuͤrdiger Mann.“ Oſtermann ſchlug mit dieſen letzten Worten nur auf den Buſch, denn er hatte in dem Ver⸗ höͤr des alten Grafen, das demjenigen LEſtocqs vorausging, wohl gemerkt, daß jener etwas ver⸗ ſchweigen muͤßte, wovon er ſich großen Vortheil verſprach. Sein ſonderbar⸗ hoffaͤrthiges Weſen, die duͤnkelvollen Anſpielungen, die ſeine Eitelkeit nicht zuruͤckhalten konnte, erregten des Miniſters Spannung noch mehr; er ahnte dunkel die Wahr⸗ heit, und erlaubte aus dieſem Grunde Natalien die Anweſenheit im Cabinet, als er jener durch LEſtocg noch beſſer auf die Spur zu kommen gedachte; durch dieſen Gewaltſtreich glaubte er, wenn ſeine Ahnung ihn nicht trog, die aufkei⸗ mende Neigung im Herzen ſeines Kindes, die ſeinen Abſichten nicht entſprach, mit einem Male zu toͤtten, und der Erfolg ſchien ſeine kluge Be⸗ rechnung zu kroͤnen.„Ei cwirklich?“ entgegnete Woronzow raſch, mit Blicken, die geſpannt an Oſtermann hingen, und ihn daher verhinderten, EEſtocgs abwehrende Mienen und Zeichen zu be⸗ — — 1 — 1zꝛ— merken,„ich darf es alſo jetzt frei und uͤberall ſagen, daß mein Sohn das Gluͤck hat, von einer ſo großen Prinzeſſin geliebt zu ſeyn? Das freut mich wahrhaft, Herr Canzler, und iſt mir ſo viel werth, als tauſend Rubel. Nun es iſt mein Blut, und ſchoͤn iſt er auch, das muß ihm der Neid laſſen, nicht wahr, Graͤfin Natalie? Sonſt waͤre ihm ja auch die Czarewna nicht ſo weit nachgereiſt.“— 3 LEſtocg zerdruͤckte ein Fondre! zwiſchen den Lippen, um die ſich jedoch ſchnell wieder ein gleichguͤltiges Laͤcheln zuſammen fand; Natalie erbleichte und ihr Vater ſah mit einem triumphi⸗ renden Blick auf den Wundarzt, dann wandte er ſich wieder zu Woronzow.„So gluͤcklich,“ ſagte er zu dieſem, ohne das geringſte Erſtaunen merken zu laſſen,„ſo gluͤcklich dieſer Umſtand allerdings fuͤr Ihren Sohn und Sie, Graf Mi⸗ chael, werden kann, ſo iſt es doch noͤthig, daß die Kenntniß davon unter uns Freunden bleibt.“ Er empfahl ihm hierauf Verſchwiegenheit. Ohne ſich wieder an LEſtocq zu wenden, dem er doch kein Zeichen der Entlaſſung gab, fuhr er fort,⸗ in zwangloſem Geſpraͤch den alten Woronzow uͤber Alles auszuforſchen, was er in Bezug auf die Lebensweiſe des jungen Rinald und ſeiner Armida zu wiſſen verlangte, und Jener, durch Bernſtols heimliche Berichte von Woche zu Wo⸗ che uͤber den Lebenswandel ſeines Sohnes in Kenntniß geſetzt, ermangelte nicht, die weitlaͤuf⸗ tigſte Auskunft daruͤber zu geben. Der Wund⸗ arzt ſtand finſter ſchweigend dabei und ſein Ent⸗ ſchluß in jedem Fall war ſchon gefaßt, als Oſter⸗ mann jetzt ploͤtzlich das Geſpraͤch wieder an ihn richtete.„Ich danke Ihnen, meine Herren,“ ſagte er,„daß Sie mir uͤber Dinge endlich den genuͤgenden Aufſchluß gegeben haben, die Sie mir als einem Miniſter des Innern nie haͤtten verheimlichen ſollen. Ich gebe Ihnen dagegen die Erklaͤrung zuruͤck, daß, ſo leid es mir thut, das Gluͤck zweier Liebenden zu ſtoͤren, doch das Schaͤferſpiel an der Wiasma jetzt ſein Ende er⸗ reichen muß. Der Zeitpunkt naht uͤberhaupt heran, wo die Sommertage ihren Reiz verlieren und dagegen der Glanz des Hofes einer jungen. Prinzeſſin wieder eine angenehme Zerſtreuung ge⸗ —,— — — — 2— waͤhren wird. Dieſer Glanz aber duͤrfte ſich naͤchſtens durch ungewoͤhnliche Feſte außerordent⸗ lich vermehren, denn wiſſen Sie, meine Herren,“ fuhr er mit erhoͤhter Stimme fort,„daß unſere Durchlauchtigſte Regentin Anna im Begriff iſt, 3 die Krone, die ſie jetzt nur proviſoriſch trug, ſich fuͤr immer auf das Haupt zu ſetzen, und nach⸗ dem ſie den Thron ihrer hochſeligen Tante beſtie⸗ gen haben wird, ihren Sohn, den unmuͤndigen Kaiſer, zu ihrem Nachfolger zu ernennen. Die Stimme des Volkes, der Großen und der be⸗ 4 deutenderen Haͤlfte des Senats erklaͤren ſich un⸗ umwunden fuͤr dieſen Plan, den Vernunft, Bil⸗ ligkeit und Kraft gleich maͤchtig unkerſtuͤtzen. Kein Hinderniß ſteht ihm mehr entgegen, noͤthig aber iſt es, daß bei einer ſo wichtigen Verhand⸗ lung ſich die Glieder der kaiſerlichen Familie in der Hauptſtadt befinden. Ihnen, Herr Leibarzt, liegt es daher ob, Ihre ganze Kunſt zur ſchleu⸗ nigen Geneſung der Czarewna aufzubieten, und ich mache ſie dafuͤr verantwortlich, daß Ihre Kaiſerl, Hoheit ſich binnen hier und 14 Tagen in der Hauptſtadt befinden.“— „ — 80— „Was Sie betrifft, mein guter Graf, ſchloß er, ſich an Woronzow wendend,„ſo laſſen Sie Ihren Sohn nur immer wieder nach Petersburg zuruͤckkehren. Er hat fuͤr die Uebereilung, der er ſich ſchuldig machte, genugſam gebuͤßt, und ich nehme zu viel Theil an dem jungen Mann, um ihn gleichguͤltig der Gefahr ausgeſetzt zu ſehen, daß er ſich in neue und ſchlimmere ſtuͤrze. Ich betrachte die raſchen Handlungen und Schwindeleien der Jugend, ſo lange das erfahrne Alter ihren Zuͤgel nicht verliert, gleich nothwen⸗ digen Krankheiten, deren Paroxismen nur unter dem Auge des Arztes unſchaͤdlich voruͤber gehen. Ich liebe ſogar die jungen Hitkopfe, ſetzte der ſchoͤne Greis laͤchelnd hinzu, denn ſie allein ſind der Begeiſterung faͤhig und wer moͤchte dieſe ver⸗ werfen, gleichviel fuͤr welchen Gegenſtand ihr goͤttliches Feuer ſich entzuͤndet?— Waren wir nicht auch jung, meine Herren, haben wir nicht auch geliebt und geſchwaͤrmt? Leben Sie wohl!“ Woronzow und der Wundarzt gingen und oh⸗ ne ſich weiter bei Vorwuͤrfen aufzuhalten, die der erſtere wohl verdient haͤtte, begnuͤgte ſich LEſtocq, — —— der das einmal Geſchehene doch nicht aͤndern konnte, ihm fuͤr die Zukunft mehr Vorſicht zu zu empfehlen, zugleich dankte er im Stillen Gott, daß auch diesmal die Liebesgeſchichte der Gzarew⸗ na ihnen Schirm und Rettung geworden war, obwohl ihm manche Ausdruͤcke des Kanzlers durchaus nicht gefallen wollten. Indeſſen war doch noch nichts entdeckt und er eilte, um ſeinen getreuen Gruͤnſtein zum letzten Male als verklei⸗ deten Courier abzufertigen und durch die Mitthei⸗ lung jenes ganzen Auftritts bei Oſtermann, ſeine Gebieterin mit der Lage der Dinge bekannt zu machen und zur ſchleunigen Ruͤckkehr zu bewe⸗ gen. Vorſichtiger geworden, huͤtete er ſich wohl, unterdeſſen eingegangene Briefe aus Schwiden und Holſtein, wie fruͤher, dieſer Gelegenheit an⸗ zuvertrauen; auch empfahl er aͤngſtlich alle nur erdenklichen Ruͤckſichten und die Ankunft jenes Boten war es, welche die paſtoraliſche Selbſt⸗ vergeſſenheit der Liebenden im Waldhauſe an der Wiasma ploͤtzlich aufſtoͤrte und ſie wieder an die „Welt und ihre Verhaͤltniſſe erinnerte, die ſie im 3 Begriff waren, aus den Augen zu verlieren. II. 6 — 82— Paul ſah gleich am andern Morgen den getreuen Kutſcher ſeines Vaters, Herrn Roſtow in die Thorfahrt von Kneeskoje einreiten, und ihm mit froͤhlicher Selbſtzufriedenheit den Befehl zur Ruͤck⸗ kehr in die Hauptſtadt uͤberbringen; das ſchoͤne Leben der Freiheit, des Ueberfluſſes und der Liebe, hatte nun ein Ende— Paul klagte nicht; denn ſein unbefriedigtes Herz wuͤnſchte es im Grunde herbei. Muriew aber ließ ſeine Balalaika in wehmuͤthigen Akkorden ertoͤnen, die Bauern um⸗ ringten Schaarenweiſe am Abend vor der Abreiſe das Schloß und die Mehrzahl weinte um ihren Wohlthaͤter und Liebling; auch Herr Bernſtol nahm Ehren halber die Miene der Trauer an, aber weder der wahre noch der erkuͤnſtelte Schmerz konnte hier in Betracht gezogen werden und zwei Tage, nachdem das Waldhaus wieder eine Einoͤde geworden war, fing auch in Kneeskoje die alte Stille wieder an.— Paul und ſeine Bedienten nebſt Muriew und Noſtou hattene es verlaſſen.— Indeſſen war Natalie— aneswegs im Stande, die Entdeckung, die ſie im Cabinet . - 8&23— ihres Vaters gemacht hatte, lange im verwunde⸗ ten Herzen zu verſchließen. Unter einem Bos⸗ ket im Sommergarten erfuhr ſie noch an dem⸗ ſelben Tage Melanie, und dieſe, zu aufgeregt durch das lange Schweigen des Bruders, in Zweifel und Vermuthungen verloren uͤber deſſen anſcheinende Kaͤlte, zugleich aber ſelbſt ein Ge⸗ heimniß in ſich tragend, das ſchon alle Raͤume ihres Herzens gewaltig ausfuͤllte, ihre wachſende Leidenſchaft nemlich fuͤr den Herzog, fand fuͤr dieſes neue kaum mehr Raum in der Bruſt, und vertraute es im Sturm ihrer Gefuͤhle einer Dame an, die ſich ihr ſeit einiger Zeit als theil⸗ nehmende Freundin geltend gemacht hatte. Dieſe Dame, die Baroneſſe von Mengden, eine heim⸗ liche Feindin des Woronzowſchen Hauſes, dem ſie die Gunſt der beiderſeitigen Hoͤfe beneidete, fuͤhlte ſich jetzt doppelt gekraͤnkt, einmal durch das Gluͤck des jungen, vorlauten von ihr gehaß⸗ ten Paul bei einer Kaiſerstochter und weil ſie auf fremdem Wege ein Geheimniß erfuhr, das ihr LEſtocg vorenthalten hatte; ſie beſchloß ſich fuͤr beides zu raͤchen und es der Regentin zu 6* — A— verrathen. Fruͤher, als ſie gehofft hatte, fand ſich hierzu die Gelegenheit und indem die Baro⸗ neß Aurore mit gemuͤthlicher Umſtaͤndlichkeit alle Einzelnheiten wiedergab, die ihr Melanie vertraut hatte, vielleicht auch, wo ihr die Farben des Bildes zu matt ſchienen, demſelben einige kraͤftigere Pinſelſtriche verlieh, ahnete ſie nicht, in weſſen Buſen ſie eigentlich den Dolch bohrte. — Anna's Herz war ja nicht ſo von zaͤrtlichen Regungen leer als man waͤhnte, ſie verſtand nur ſeine Gefuͤhle zu meiſtern und ſie der Herrſchaft der Tugend zu unterwerfen. Mit dem Gebot der Pflicht brachte ſie ſterbliche Wuͤnſche zum Schweigen und der Guͤrtel ihres Monarchenpur⸗ purs war ihr zugleich der Guͤrtel der Schaam. Lange ſtraͤubte ſie ſich das zu hoͤren und zu glauben, was ſie durch die Baroneß vernahm; als ſie endlich nicht mehr zweifeln konnte, ward ihre Wange blaß, in ihrem Auge zitterte eine Thraͤne, aber ſie ſagte nichts. Auch gegen Me⸗ lanien behielt ſie dieſelbe Faſſung bei, kein Vor⸗ wurf, keine Laune, kein finſterer Blick klagte der Schweſter, wie ſehr der Leichtſinn des Bruders —r — — 35— dieſes edle Herz getroffen habe, und nur eines Abends, als ſie die Wiege des kleinen Kaiſers beſuchte, konnte ſie ſich nicht erwehren, das Kind unter Thraͤnen zu umarmen und die Worte aus⸗ zurufen:„Mein Kind, mein Kind verſchließe „dein kleines Herz, denn die Untreue der Men⸗ „ſchen wird es brechen. A) So tief auf einer Seite Anna ihre Perſoͤn⸗ lichkeit verwundet fuͤhlte, ſo unerſchuͤtterlich war auf der andern ihr Vertrauen in die politiſche Rechtlichkeit ihrer Tante, und als Oſtermann, dem es ſein Eifer gebot, wenigſtens einen Theil ſeiner Entdeckungen und ſeiner Beſorgniſſe der Regentin mitzutheilen, einen beſondern Werth auf dieſe Eroffnungen legte, blieb ſie ganz ruhig und erregte dadurch des Staatsmanns große Ver⸗ wunderung.—„Sie ſagen mir nichts Neues, lieber Freund,“ entgegnete ſie laͤchelnd,„denn alles dieß, auf deſſen Spur zu kommen ſie faſt gewaltſame Mittel gebrauchen mußten, habe ich ohnlaͤngſt aus des Wundarztes eignem Mund er⸗ » Hiſtoriſche Anekdote. — 86— fahren. Sie ſehen daraus, daß Ihr Eifer, fuͤr den ich Ihnen uͤbrigens ſehr danke, ſie dießmal ungerecht machte, indem er einem Manne ver⸗ brecheriſche Abſichten zutraut, der die Diskretion gegen ſeine Gebieterin und die Aufrichtigkeit, die er dem Throne ſchuldig iſt, wirklich auf eine ſehr zarte Weiſe zu vereinigen wußte. Und Eliſabeth — ſie liebt— was koͤnnen Sie von ihr befürch⸗ ten?“ „Alles, Alles Hoheit,“ erwiederte Oſtermann etwas aͤrgerlich und verwirrt. „Sie liebt gluͤcklich,“ fuhr Anna mit einem leiſen Seufzer fort,„und ſollte Raum haben in ihrem Buſen fuͤr ein anderes Gefuͤhl, Raum fuͤr die widrigen Phantome der Politik? Mein guter Vater, da kenne ich mein Geſchlecht beſſer; be⸗ ruhigen Sie ſich, Ich ſelber ſage Ihnen fuͤr Eliſabeth gut, und wenn Sie wollen, auch fuͤr ihren Arzt.“ Die Fuͤrſtin reichte ihm ihre Hand, die der Greis zaͤrtlich faßte.„Sie haben mich Vater genannt, rief er aus, o, meine edle Tochter, koͤnnte ich von Ihrem reinen Haupte jedes — 2 Mißgeſchick bannen! Halten Sie mich fuͤr keinen finſteren Eiferer, fuͤr keinen Verlaͤumder, mein Herz iſt voll Wohlwollen, aber mein Verſtand von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, daß um den Stuhl der Koͤnige ſtets der Argwohn ſchleichen muß. Ich bin ein alter Mann und habe ſchon viel Untreue erlebt. Meine Tage verrinnen, und gerne ſaͤhe ich dieſem Reiche, dem ich ſo oft den Frieden gegeben habe, ihn auch jetzt ver⸗ ſichert— Ihre Hoheit wiſſen, worauf ich hin⸗ deute.“— „Ich weiß es,“ entgegnete Anna—„ich weiß es und bin es zufrieden, aber draͤngen Sie mich nicht;— nur dieſen Herbſt noch laſſen Sie mich frei umher gehen, ehe Sie mir die goldnen Ketten anſchmieden.“— 5 „Alles iſt in Richtigkeit ,“ unterbrach ſie Oſtermann,„die Bedeutenderen ſind auf Unſe⸗ rer Seite. Muͤnich, Dolgorucki, Trubetzkoi— ſchon liegen die Proklamationen zum Druck bereit in meinem Cabinet, es fehlt nichts als der Da⸗ tum und die Austheilung. Sie ſind Kaiſerin, ſo bald Sie es wollen.“*— „Kaiſerin!“ wiederholte Anna und ein ploͤtz⸗ liches Feuer ſtrahlte auf und verloſch in ihren Augen—„Kaiſerin! nun wohl, nur einige kurze Monate noch laſſe man mich Regentin ſeyn, im November iſt der Namenstag meiner Mutter, dann vielleicht./— Neue Meldungen unterbrachen dies Zwiege⸗ ſpraͤch und der Miniſter trat ab. In Peter des Rothkopfs kleinem Hauſe in der Staraja⸗Ruſſa, nahe bei dem Fontanka⸗ Canal war Alles ſehr reinlich aufgeputzt und ge⸗ kehrt, zwei Wachskerzen erleuchteten die Stube, in der ſtatt der gewoͤhnlichen Bewohner LEſtoeq allein ſaß und theils beſchaͤftigt war, feines Raͤucherwerk auf ein Kohlenbecken zu ſtreuen, theils ungeduldig durch das ſchmale Fenſter in die Dunkelheit des Abends hinein zu ſehen. „Diable!“ rief endlich eine feine Stimme vor der Hausthuͤr„G'est le chémin de l'enfer— j'etouffe, la fatigue m'accable,— und kaum hatte der Wundarzt einen Ton dieſer Stimme ver⸗ nommen, als er mit einem Licht heraus eilte und wenige Sekunden darauf den Marquis de la v — —y 71. “ — 89— Chetardie ins Gemach fuͤhrte.„Mein Herr,“ fuhr dieſer noch immer in der Sprache ſeines Landes fort, blies um ſich, und ſchuͤttelte den Schmuz von ſeinen Schuhen,„mein Herr, das iſt zu viel. Einen ſo endloſen Weg zu Fuß, ein Ambaſſadeur von Frankreich, ein Mann der. die Ehre hat, Chef des illuſtren Hauſes derer de la Chétardie zu ſeyn! Mein Herr, ich bin beinah ſtecken geblieben im Moraſt, und mein Jean obendrein, denn hier in dieſer noͤrdlichen Capitale iſt ja nicht einmal Pflaſter uͤberall.— uUnd— o Himmel, wo bin ich— in welcher Huͤtte— wie riecht es hier— Torniſter⸗Juf⸗ tenleder— ja ich erſticke“— „Monscigneur,“ nahm EEſtocq das Wort und warf ſchnell eine Hand voll Ambra in die Kohlen—„es iſt das Haus eines Soldaten, der der Czarewna mit Leib und Seele ergeben iſt.“—. „Iſt ers?“ rief der Marquis—„o, der brave Mann! Er theilt meine Geſinnung und es riecht auch ſchon beſſer. Ach LEſtocg, wie liebe ich ſie! Ich moͤchte es eine Fureur nennen und — 99— was ich auch wage und leide, iſt es doch fuͤr ſie, die Goͤttliche! Koͤnnen Sie glauben, beſter Mann, trotz dem, trotz dem, daß ich mich nicht in meiner Equipage befand, habe ich einen Um⸗ weg uͤber das Marsfeld gemacht, bloß um Licht in den Fenſtern ihres Palaſtes zu ſehen, Gott ſei Dank, die Girandolen brannten wieder und ich eilte leichten Schrittes voruͤber.“ „Ja, ja,“ erwiederte LöEſtocg verbindlich,„Ew. Excellenz ſind ein franzoͤſiſcher Ritter und was waͤre dem chévaleresken Geiſt unſers gemein⸗ ſchaftlichen Vaterlandes nicht moͤglich! Man ruͤhmt die Galanterie der Franzoſen nicht ohne Grund in Europa und Monſeigneur verherrlichen ihren Ruhm bis an den Pol hinauf.— Die Czarew⸗ na wird geruͤhrt ſeyn, wenn ſie Ihre Guͤte, Ihre Bereitwilligkeit erfaͤhrt.“— „Wirklich? wird ſie?“ fragte Chotardie ge⸗ ſchmeichelt und geſchmeidig,„ja guter Mann, ich hoffe, denn ich habe Proben davon. War ſie nicht ſchon damals geruͤhrt, nicht ſchon dieſen Winter geruhrt, in meinem Hotel uͤber meine Fete, die ich ihr gab— uͤber meinen Geſchmack? —jj—Q— ———-„— —x Sprach ſie nicht den ganzen Abend mit mir, gab ſie mir nicht die Karte, und als ich ihr die ge⸗ wuͤnſchte Bagatelle, das Aſſignat von zehn tau⸗ ſend Dukaten in den Handſchuh ſchob, druͤckte ſie mir nicht leiſe die Hand? Aber geſtehen ſie es auch nur, LöEſtocg, das war ein Streich ſo fein, ſo fein, ſo witzig— nein das kann weder der Ruſſe, noch der plumpe Deutſche noch der Schwede— nicht einmal der verſchmitzte Pole, das konnte nur ein Franzoſe, ha! ha! ha!“ „Und Monſeigneur werden dieſes goͤttliche Kunſtſtuͤck wiederholen? nicht wahr?“ ſagte der Wundarzt,„das heißt, es dießmal verdoppeln. Wir brauchen zwanzig tauſend Dukaten und meine Gebieterin die Czarewna laͤßt Ew. Gnaden um den Vorſchuß dieſer Summe foͤrmlich er⸗ ſuchen. Es wuͤrde dieß auch in Gegenwart der uͤbrigen Herren geſchehen ſeyn, die ich jeden Mo⸗ ment erwarte, denn unſere Bitte bettifft nicht allein Sie, ſondern mehr den franzoͤſiſchen Hof, der uns durch Monſeigneur ſeine Unterſtuͤtzung zu⸗ geſagt hat. Auch wird die Czarewna als Kaiſe⸗ rin dieſe Summe mit großmuͤthigen Zinfen zu⸗ — 92— ruͤckzahlen. Ew. Gnaden aber bemühte ich einige Minuten fruͤher an dieſen Ort, als die uͤbrigen Herren Ambaſſadeur's, um Ihnen zufluͤſtern zu koͤnnen, daß Eliſabeth vorzuͤglich darum großen Werth auf jene Summe legt, weil ſie dieſelbe aus Ihren Haͤnden empfaͤngt, daß ihr Herz da⸗ bei intereſſirt iſt, und die ſchnelle Ueberlieferung als einen Beweis ritterlicher Zaͤrtlichkeit anerken⸗ nen wird.“. „Ritterlicher Zaͤrtlichkeit“— wiederholte der Marquis nachſinnend,„ja, ja, recht ſchoͤn! zwanzig Tauſend— Tn bien! fuhr er endlich auf, kommen Sie morgen in mein Hotel, Schar⸗ manteſter, ich will Ihnen beweiſen, daß ich zaͤrt⸗ lich bin, ich will Ihnen die Summen uͤbergeben, ſie liegen eben baar da, denn neulich erſt, das hollaͤndiſche Schiff auf der Newa, beanhte mir eine Million.“— „Wie ungluͤcklich bin ch entgegnete L'Eſtocq erfreut,„den Befehlen des gnaͤdigen Herrn nicht in Allem nachkommen zu koͤnnen. Die aͤußerſte Vorſicht verbietet mir, das Hotel eines der Herrn Geſandten, mit denen ich in Verbindung — ſtehe, zu betreten— ach, auch dasjenige meiner theuren Nation, dasjenige von Monſeigneur! Bin ich nicht von Barbaren umgeben, deren Spaͤher⸗ augen jeden meiner Schritte beobachten? Die Nacht iſt nicht finſter genug, mich vor ihnen zu verhuͤllen und ſchon die Wahl dieſes Zuſammen⸗ kunftortes hier mag Ew. Gnaden ein Beweis meiner Vorſicht ſeyn.“ 3 „Ja wahrhaftig“ lachte der Geſandte,„eine Soldatenbaracke! O Louis, erhabener Louis, in deinem Verſailles, du wuͤrdeſt ſelber daruͤber lachen! wohlan denn, mein Beſter, ſo ſchicken Sie einen ſichern Boten, ſtatt Ihrer.“— Auch dieſer Vorſchlag ſchien dem Wundarzt zu gewagt und nach einigem Hin⸗ und Herreden kam man endlich darin uͤberein, daß der Capitaͤin des hollaͤndiſchen Schiffes, welches noch auf der Newa ankerte, die geforderte Summe wieder zu⸗ ruͤck an den Bord ſeines Fahrzeugs bringen und LEſtocg ſie unter irgend einer Verkleidung im Zwielicht des Abends von dort abholen ſollte.— Ein ſchwarzes Geſicht ſah in dieſem Augen⸗ blick mit funkenſpruͤhenden Augen, gleich der — 9— Larve eines Daͤmons in das Gemach, es war Hannibal, der Mohr des oͤſtreichſchen Geſandten, des Neapolitaners Marcheſe von Botta; er oͤffnete dem Leßteren die Thuͤr, und nicht viel weniger erſchoͤpft von der Wanderung, und verwundert uͤber die Umgebungen, als Chétardie, trat der Marcheſe ein. Gleich nach ihm erſchienen unbe⸗ gleitet und unermuͤdet der ſchwediſche Freiherr von Pechlin, und der deutſche Graf von Lynar. Das diplomatiſche Corps, welches OEſtocg er⸗ wartete, war ſomit beiſammen, und die Stunde ſchlug fuͤr den Letzteren, zu handeln, zu reden, zu uͤberzeugen. Mit friſcher Kraft entfaltete ſein Geiſt ſeine Fluͤgel und zeigte, daß er weit uͤber die Sphaͤre hinaus reichte, die ihm ſeine jebige Stellung anwies.— Mit ſo viel Klarheit, Um⸗ ſicht als Kuͤrze, ſetzte er in einer Rede an die vier Geſandten, die Lage der Dinge auseinander, er zeigte zuerſt in blendendem Licht Eliſabeths unterdruͤckte Rechte, und die Nothwendigkeit eines Thronwechſels fuͤr das ruſſiſche Reich. Dann hob er die Vortheile heraus, die bei die⸗ ſem Wechſel fuͤr das Intereſſe Jedes der reſpecti⸗ ) — 95— d. ven Hoͤfe erwachſen muͤſſe; dem Franzoſen ſchil⸗ derte er Eliſabeths Haß gegen Friedrich und ihre Vorliebe fuͤr ſein Volk; dem Oeſtreicher Anna's„ wankende unverbuͤrgte Geſinnungen gegen den roͤmiſchen Kaiſerhof, die jeder Windſtoß wieder anders zu leiten vermoͤge, und verſprach im Na⸗ men ſeiner Gebieterin Huͤlfstruppen und Graͤnz⸗ Cordons, wohin man ſie verlangen werde. Dem Grafen Lynar, ſaͤchſiſch⸗ polniſchen Geſandten, machte er Hoffnung auf die Erblichkeit der polni⸗ ſchen Krone, um welche das alte Chur⸗Haus von Sachſen lange gebuhlt hatte, und dem Frei⸗ herrn von Pechlin ward die Zuruͤckgabe des, durch Peter J. eroberten Finnlands, einer Pro⸗ vinz, deren Verluſt Schweden bis dahin nur ſchmerzlich ertrug, angedeutet. Zuletzt ſchloß LEſtocg ſeine Rede damit, daß er den Herren Geſandten fein, aber meiſterhaft zu erkennen gab, wie es eigentlich nicht mehr in ihrer Wahl ſtehe, ſich fuͤr das Projekt zu intereſſiren oder nicht, daß ſie durch früͤhere Briefe und Depeſchen ſowohl, als durch die Anhoͤrung der eben ge⸗ thanen Vorſchlaͤge ſchon mithandelnde Perſonen — 96— im Complott geworden ſeyen, die nicht mehr zu⸗ ruͤcktreten koͤnnten ohne die Ehre ihrer Hoͤfe, ohne die eigene Sicherheit, ohne das Leben in Gefahr zu ſetzen. „Denn Gefahr,“ rief LEſtocq,„Gefahr iſt vorhanden meine Herren, wir duͤrfen uns das nicht verhehlen. Was Anders iſt's im Karten⸗ ſpiel zu gewinnen oder zu verlieren, als in dem großen Spiel, das wir unternommen haben. Der Thron iſt eine elektriſche Maſchine, deren hervorgerufne Blitze toͤͤten— nicht ohne Wag⸗ niß verſucht man es, ſeine Inhaber zu verdraͤn⸗ gen und Andere hinauf zu verſetzen. Aber dieſer Verſuch iſt großer Geiſter und großer Kraͤfte wuͤrdig, der edlen Maͤnner wuͤrdig, die eben ſo edle Nationen vertreten und die ich ſo gluͤcklich bin, in dieſem kleinen Gemach verſammelt zu ſehen.“ Eine tiefe Stille herrſchte lange, nachdem LeEſtocg aufgehoͤrt hatte zu reden.„Bravo! Bravo“ unterbrach endlich Chétardie dieſe Pauſe. Was mich betrifft, charmanter Herr LéEſtocg, wiſſen Sie, welche Huͤlfe ich Ihnen zugeſagt. „— — — — — 97— Geld, heißt es im Sprichwort, iſt ja der Grund⸗ hebel von Allem, Pamour fait beaucoup, mais l'ar- gent fait tout!“— Botta und Lynar hatten keine active Huͤlfe zu verſprechen, aber ſie verſicherten wenigſtens die Billigung des Unternehmens von Seiten ihrer Hoͤfe und machten ſich anheiſchig im Fall eines Krieges, den daſſelbe herbeifuͤhren koͤnnte, keine Truppen fuͤr die Regentin marſchiren zu laſſen. Der Freiherr von Pechlin nahm nach ihnen das Wort.„Welches auch die Beweggruͤnde ſeyn moͤgen, meine Herren“ ſagte er,„die Ihre Hoͤfe zur Theilnahme an einem Plan ver⸗ anlaſſen, deſſen Gelingen und deſſen Folgen zwei⸗ felhaft ſind, ſo werden Sie mir doch zugeſtehen, daß kein Cabinet von Europa mehr Urſach hat, eine Thronveraͤnderung in dieſem Reiche zu wuͤnſchen, als dasjenige, deſſen Geſchaͤftstraͤger zu ſeyn, ich die Ehre habe. Mit ſoviel Unwillen als Schmerz ſah Schwe⸗ den ſeit 20 Jahren eine ſeiner beſten Provinzen II. 7 ſich entriſſen und auf der Oſtſeite des Bothni⸗ ſchen Meerbuſens ruſſiſche Fahne wehen. Eliſabeth verſpricht, die ſchwediſchen daſelbſt wieder aufzupflanzen, unſern Kummer zu be⸗ ſchwichtigen und die Gewaltthat ihres Vaters durch Finnlands Zuruͤckgabe wieder gut zu machen. Dieß allein ſchon fordert uns zum thaͤtigen Beiſtand auf und unſere Scheerenflotte von Aland erwartet nur des Winkes, um ihre An⸗ ker zu lichten; einen Umſtand indeß, wuͤnſchten die Reichsſtaͤnde von Schweden und mein gnaͤ⸗ digſter Herr, der Herzog Adminiſtrator, vorher noch erlaͤutert zu wiſſen. Den Noten zu Folge, die wir bereits gewechſelt haben, mein Herr LE⸗ ſtocg, hat Ihre Hoheit die Czarewna im Fall, daß ihr Plan gelaͤnge, ihren Neffen den minder⸗ jaͤhrigen Pupillen unſerer Reichsſtände, den jungen Herzog Carl Peter Ulrich von Holſtein, zu ihrem Nachfolger in der Regierung beſtimmt; ohne Zweifel wird man daher verlangen, daß Derſelbe, ſobald er nach Rußland koͤmmt, ſeine Religion mit der griechiſchen vertauſche; iſt dem ſo?“ — —ꝙ 14 — — 999— „Ich glaube faſt,“ entgegnete LEſtocg;„der Thronfolger muß ſich zu der Religion des Staa⸗ tes bekennen. „Aber“ fuhr Pechlin fort,„dieſer Prinz iſt noch nicht in dem Alter, wo man fäͤhig iſt, die hoͤheren Wahrheiten zu erkennen und aus eigener Wahl ſeine Confeſſion gegen eine andere zu vertauſchen; zu dem hat er die Hoffnung, durch die guͤtige Zuneigung der Reichsſtaͤnde auch auf den ſchwediſchen Thron gerufen zu werden ehe ich daher nach Kiel und Stockholm be⸗ richte...“ Er wollte weiter reden, aber ein ploͤtzliches Geraͤuſch außerhalb des Hauſes unter⸗ brach ihn, man klopfte heftig an das niedrige mit einem Laden verſchloſſene Fenſter, und vor dieſem Ton verſtummte ploͤtzlich der Freiherr, und ſaͤmmtliche Herren ſahen ſich erſchrocken an. Eine Stille wie die des Todes entſtand, waͤhrend die Heftigkeit des Pochens zunahm, und eine Stimme durch die Spalten des Ladens hin⸗ ein rief,—„um aller Heiligenwillen macht auf!“ Alle entfäͤrbten ſich mehr oder weniger, LEſtocq aber, der ſtets ſeine Beſonnenheit behielt, ſchob 7*† — 100— jettz den Riegel des Ladens zuruͤck, oͤffnete dieſen ein wenig und fragte, was es gebe.„Ach Herr EEſtoeq,“ fluͤſterte ihm ein bekanntes Geſicht ganz außer Athem entgegen,„Ihr ſeyd alle verloren, das Haus iſt in weitem Kreis bis an die Fon⸗ tanka mit Grenadieren umſtellt.“ „Wie? was? Fedor?“ entgegnete LEſtocq zuruͤckfahrend—„Du? und ganz in Waffen, Du raſeſt!“ „Nein, Herr! Nein„— fuhr jener fort, nich gehoͤre ja ſelbſt zur Mannſchaft und ich wage die Knute fuͤr Euch.“ „Wer fuͤhrt ſie an?“ unterbrach ihn der Wundarzt heftig, dabei aber legte er ſich weit zum Fenſter hinaus, ſo daß die im Zimmer befindli⸗ chen Herren nichts von ſeinem Geſpraͤch verneh⸗ men konnten, dann trat er wieder zuruͤck, und ſchloß den Laden; ſeine Lippen bebten, aber ſeine Augen ſpruͤhten Feuer.„Meine Herren,“ ſagte er dann zu den beſtuͤrzten Geſandten,„Ruhe! ich bitte Ew. Excellenzen um Ruhe.“ Keine Frage, kein Laut, das Leben haͤngt davon ab. 9 — „⸗ — 401— — Vertrauen Sie mir, gleich bin ich wieder bei Ihnen.“ 1 3 Damit verſchwand er aus der Thuͤr, ehe jene noch Zeit hatten ſich zu beſinnen, oder ihm einen Einwurf zu machen. Keiner regte ſich, ohne Erlaͤuterung fuͤhlten ſie die nahe Gefahr, gleich einer Gewitterwolke, uͤber ihre Haͤupter ziehen, und ſelbſt der bewegliche Chotardie ſaß erſtarrt wie eingewurzelt auf ſeinem Stuhle. Das Er⸗ ſchrecken eines großen Geiſtes raubt den Kleinen alle Faſſung und erſchuͤttert ſie bis zur Ohn⸗ macht, und wenn Botta, Lynar und Pechlin auch nicht zu den Letzteren gehoͤrten, ſo befanden ſie ſich dennoch in der Lage, nicht zu wiſſen, was zu thun ſey. Dieſe ploͤtzliche Stoͤrung— Fedors Worte, die ſie nur undeutlich verſtanden, des Wundarztes Ausſehen und raͤthſelhaftes Betragen, alles dieſes benahm ihnen die klare Ueberſicht der Dinge, und ſie ſaßen noch verſtoͤrt und ſchweigend einander gegenuͤber, als LEſtocg wieder ins Zimmer trat. Sein Geſicht war abgeſpannt und blaß, aber ſeine Zuͤge laͤchelten zufrieden, und er gab auf 8 — 102— alle gragen, mit denen man ihn jetzt beſtuͤrmte, kurze Antworten.„Was war es? wo ſind Sie geweſen? was iſt vorgefallen? quel terreur, sace dieu! per diavolo!“ riefen die Geſandten durch einander.„Nichts, nichts, meine Herren,“ ent⸗ gegnete L'Eſtocg, und trocknete den Schweiß von der Stirn.„Blinder Laͤrm, nichts weiter. Aber es wird Zeit ſeyn, daß wir uns von hier ent⸗ fernen, der Poͤbel koͤnnte unſere Zuſammenkunft bemerken. Monſeigneur,“ wandte er ſich an den Marquis de la Chétardie,„es bleibt Alles beim Alten. Uebrigens wartet draußen ihr Kammer⸗ diener Le Blanc.“— Der Mohr Hannibal brauchte nicht angemeldet zu werden, er zeigte ſich in der halboffenſtehenden Thuͤr, und nicht ſobald erblickten die beyden Suͤdlaͤnder, denen es laͤngſt mehr als unheimlich geworden war, ihre getreuen Diener, als ſie ſich raſch, ohne viele Abſchieds⸗ ceremonieen, an deren Arm hingen, und die ver⸗ wuͤnſchte Huͤtte verließen. Auch Lynar und Pechlin ſchickten ſich dazu an„Vehe ſie aber gin⸗ gen, ſtellte ſich LEſtocg vor ſie, und ſagte mit feierlichem Ton:„Meine Herren, uns beſchutzt die großen ſchoͤn gemalten Karten mit ihrem wech⸗ — 103— der Himmel. Sie haben Papiere bey ſich, auch ich, und ſo waͤren wir jetzt um ein Haar ver⸗ loren geweſen. Die vierte Compagnie von Preo braſchenskoi umringte auf Oſtermanns Veran⸗ laſſung dieſes Haus. Keine Flucht, kein Entrin⸗ nen war moͤglich. Aber die Vorſehung fuͤgt es, daß ein gutherziger Burſche unter den Grena⸗ dieren, des Hausbeſitzers Bruder, Reihe und Glied verlaͤßt, um uns zu warnen, und daß end⸗ lich der commandirende Officier mein Freund war. Es koſtete mich Muͤhe, aber es gelang, er fuͤhrte ſeine Truppen weg. Meine gnaͤdigen Herren, ich wuͤnſche ihnen unterthaͤnigſt, recht wohl zu ſchlafen.“ Damit ſchritt er fort und verſchwand in der Dunkelheit der Nacht, wie ein unterirdiſcher Geiſt; Graf Lynar und Pechlin ſahen einander bedeutend an, ſchuͤttelten den Kopf⸗ und folgten ihm nach. An demſelben Abend befand ſich im Winter⸗ palais der engere Zirkel des Hofes verſammelt. Die Regentin ſaß mit ihrem Gemahl, der Cza⸗ rewna und Graf Oſtermann am Tarocktiſch, aber — 104— ſelnden Gluͤck konnten diesmal das Intereſſe kei⸗ nes der Mitſpielenden feſſeln. Eliſabeth war zum erſten Mal wieder bey Hof, und es ward ihr ſchwer, die milden guͤtigen Blicke der Regentin, die ſie ſo furchtbar verrieth, zu ertragen. Oſter⸗ mann beobachtete ſie ſcharf und ließ in ſeine Un⸗ terhaltung mannichfache Anſpielungen und Fragen mit einfließen, die ihre Verlegenheit mehrten und ihr das ſiedende Blut zum Herzen trieben; ſie ſaß mit hochrothen Wangen und zuſammen ge⸗ biſſenen Lippen da, und zuweilen fiel ein Blick des Todes aus ihren flammenden Augen auf den Miniſter. Anna, welche die Abſicht des Letz⸗ tern und die innere Qual ihrer Tante bemerkte, ſah darin nichts, als das verwundete weibliche Zartgefuͤhl, und ihr eigenes empoͤrte ſich gegen das Benehmen Oſtermanns; ſchnell vergab ſie die geheime Kraͤnkung, die Eliſabeth ihrem Herzen durch Pauls Eroberung zugefuͤgt hatte, und ſuch⸗ te durch verdoppelte Ruͤckſicht und Freun 1 wieder auszugleichen, was der ſtrenge Gt darb. Indeſſen war doch die Spannung unter dieſen Dreien ſo uͤberwiegend und gewaltig, daß — 105— man oft ganzer Pauſen der Erholung bedurfte, um die gegenſeitige Naͤhe zu ertragen. Die Blicke fielen zu Boden, die Karten ruhten in den bebenden Haͤnden', und der Herzog Generaliſ⸗ ſimus hatte vollkommene Zeit, ſein dunkles, viel⸗ ſagendes Auge pruͤfend uͤber jeden Einzelnen hin⸗ gleiten zu laſſen. Ein Page nahte ſich jetzt dem Miniſter und fuͤſterte ihm etwas ins Ohr— ohne zu ant⸗ worten ſaß Oſtermann einige Minuten lang in duͤſteres Sinnen verloren da; Triumph und Schmerz nahmen abwechſelnd Platz in ſeinen Zuͤgen. Endlich wandte er ſich an die Regentin. „Ew. Kaiſerliche Hohelt,“ ſagte er,„verzei⸗ hen einem alten Staatsmann, deſſen Haar im Dienſte Ihres Thrones ergraut iſt, wenn er ein⸗ mal aͤber die Wichtigkeit gewiſſer Geſchaͤfte den Hoſgebrauch bey Seite ſetzt. Geſtatten Sie, daß ich eine Meldung hier in Ihrer erlauchten Ge⸗ genwart empfange.“ „Eine Meldung? agte Anas wnaaf at ſie Bezug?“ SssGten e — 106— „Noch weiß ichs nicht,“ entgegnete Oſtermann, indem er die Czarewna fixirte,„noch will ich 1 glauben, daß ſie nichts mit der Sicherheit des Thrones und der beſtehenden Ordnung zu thun hat, jedoch wer kann zu vorſichtig ſeyn? Ich bin nicht geizig und ſomit erfahre ich Alles. Dies⸗ mal ward ich veranlaßt, heut Abend ein gewiſſes kleines Haus an der Fontanka umzingeln und Alles was darin ſei, arretiren zu laſſen. Der Officier, den ich aus beſonderem Vertrauen mit dieſer Expedition beauftragte, iſt ſo eben zuruͤck, und wuͤnſcht mir, meinem Befehl gemaͤß, ſchleu⸗ nigen Rapport abzuſtatten. Laß ihn heuuf kommen, Alexis.“ Der Edelknabe huͤpfte fort, und die Negediin, deren Neugierde gereizt war, vergaß die Erlaub⸗ niß zu verweigern, wie ſie ſchon beſchloſſen hatte. „Was fehlt der Czarewna!“ rief ſie ploͤtzlich,„ſie wird blaß, ſie wird ohnmaͤchtig“— Wirklich lehnte Eliſabeth bleich wie ein Marmorbild in ihrem Stuhl zuruͤck, die Karten waren aus ihrer Hand gefallen, ihr Auge ſtarrte nach der geoͤffne⸗ ten Thuͤr des Salons, durch welche der meldende. „— —.,— 3 erbleichte wieder. — 107— Officier eintreten ſollte; ſchon war ſie im Begriff aufzuſtehen, und eine ploͤtzliche Krankheit vor⸗ ſchuͤtzend, ſich hinweg zu begeben, als jener er⸗ ſchien, und durch ſeinen Anblick ihre unſaͤgliche Verwirrung noch vermehrte. Aber nicht Eliſabeth allein, noch viele Andere, die im Saal gegenwaͤr⸗ tig waren, erſchuͤtterte der Eintritt des Officiers in ſeiner Dienſtuniformn auf wunderbare Weiſe. Melanie erkannte den Bruder, der Kammerherr oronzow den Sohn in dieſer hohen bleichen Geſtalt; Natalie, Eliſabeth und Anna— Alle ſahen ihn mit ſchlagenden Herzen uͤber den Tep⸗ pich des Fußbodens ſchreiten, und nahe am kai⸗ ſerlichen Spieltiſch, wo er den Miniſter gewahr⸗ te, die militairiſchen Ehrenbezeigungen machen. Keine Spur von Laͤcheln oder Muthwillen lag mehr in Pauls ſchoͤnem Geſicht, ſeine Bluͤthe war dahin, ernſt wie der Todesengel blickte er auf Eliſabeth nieder, die ſie gebrochen hatte, und de⸗ ren Schickſal jetzt auf ſeinen Lippen ſchwebte. Auch auf Anna und ihren Gemahl ſiel ſein un⸗ ſtetes Auge, er erroͤthete fuͤr einen Moment und — 108— „Nun, Capitain,“ ſagte Oſtermann„ und reichte ihm die Hand enkgegen,„ſeyn Sie mir wieder in Petersburg willkommen. Daß man Ihre kleine Uebereilung vergeſſen hat und noch Liebe und Vertrauen zu Ihnen hegt, ſehen Sie an dem Auſtrag, womit ſie gleich nach Ihrer Zuruͤckeunft beehrt wurden. Ja ich kann es ge⸗ ſtehen, aus einer Art von Vorliebe, die Sie ſtets rechtfertigten, waͤhlte ich Sie und Ihre Com⸗ pagnie zu dieſem beſonderen Dienſtgeſchaͤft, das Treue und Klugheit erheiſchte, und um welches Sie Ihre Kameraden beneiden werden. Statten Sie denn Ihren Rapport ab.“— Paul ward mit jedem Worte, das der Mi⸗ niſter ſprach, blaͤſſer, er ſah in des Greiſes edles, wohlwollendes Antlitz— vor Anna, Eliſabeth mit der Miene des Schreckens und der Angſt, ſeinem Vater, ſeiner Schweſter, Natalie— vor allem, was er hochſchaͤtzte und liebte und fuͤrchtete, ſollte er ſich jetzt entehren.—— Die Luͤge, die er auszuſprechen im Begriff war, und durch die er ſich feierlich und ewig von Annen losſagte, weigerte ſich über ſeine 2 —·,⸗ — — 409— Lippen zu gehen, und kroch ſcheu zu ſeinem bre⸗ chenden Herzen zuruͤck.— Schon war der erſte Schritt zum Falle gethan, und die Daͤmonen des Boͤſen hingen ſich mit tauſend Gewichten an den zweiten.„Ich fuͤhrte,“ begann der Juͤngling, als er endlich reden mußte,„ich fuͤhrte meine Leute nach der bezeichneten Gegend an der Fon⸗ tanka, und ließ ſie das kleine Haus der Grena⸗ diere, Peter und Fedor, umzingeln. Es war dun⸗ kel darin und Alles ſtill, die Thuͤr und die Fen⸗ ſterladen verſchloſſen— nichts, was Verdacht er⸗ regen konnte, war zu entdecken.“— Er hielt inne—„und,“ fragte der Mini⸗ ſter mit forſchendem Blick—„und dann ließen die Thür erdrechen und fanden im Hauſe/— „Nii ts,“ entgegnete Paul mit erloͤſchender Stimme.„Fedor, einer der Bruͤder, welche die Baracke bewohnen, und der ſich mit unter meiner Mannſchaft befand, oͤffnete mit einem Schluͤſſel, ich durchſuchte Alles und fand nichts.“ Oſter⸗ mann ſah ihn zweifelhaft mit zurchiohrenden Blicken an. — — 110— „Nichts!“ wiederholte er endlich;„um welche Zeit beſetzten Sie das Haus?“ „Wie Ew. Excellenz befohlen hatten,“ war die Antwort,„vor einer Stunde, um 9 Uhr.“ „Das iſt die Zeit”“— rief jener„wie, und Sie fanden nichts?“ „Nein.“ „Wo war der Aeltere von den Gebruͤdern Schubin?“ fuhr Oſtermann etwas ruhiger fort. 3„Ich kann daruͤber Auskunft geben, weil derſelbe, wie ſein Bruder bei meiner Compagnie ſteht,“ entgegnete Paul.„Peter Schubin zeigt jetzt immer eine reichliche Baarſchaft und betrinkt ſich haͤufig. Er liegt untauglich zum Dienſt und ſchlafend im Regimentshauſe.“— „Es iſt gut,“ erwiederte der Miniſter und ſuchte vergebens einen kleinen Anflug von Verle⸗ genheit nieder zu kaͤmpfen.„Capitain, Sie ha⸗ ben Ihren Auftrag erfuͤllt, und duͤrfen ſich ent⸗ fernen, wenn Ihre Kaiſerliche Hoheiten nichts weiter zu gebieten haben.“ Eliſabeth hatte waͤhrend der letzten Haͤlfte die⸗ ſes Geſpraͤchs Leben und Athem wieder gewon⸗ ———— au— nen, und ſah endlich entzuͤckt wie eine Verklaͤrte an dem Juͤngling empor, der, ein ſchoͤnes Bild der Vernichtung, da ſtand. Anna, geruͤhrt von ſeinen unverkennbaren Leiden, deren Grund ſie allein der Scham zuſchrieb, nicht mehr ſo rein als fruͤher und in Gegenwart ſeiner Verfuͤhrerin vor ihr erſcheinen zu muͤſſen, zugleich aber un⸗ willig uͤber des Miniſters ſeltſam heftiges und ſtrenges Benehmen, reichte ihm mit unbeſchreib⸗ licher Guͤte ihre Hand zum Kuſſe.„Bleiben Sie, Woronzow,“ ſagte ſie ſanft, waͤhrend Paul, auf ein Knie geworfen, die theure edle Hand der Fuͤrſtin an ſeine Lippen preßte,„bleiben Sie⸗ und freuen Sie ſich mit mir, daß Sie mir keine Gelegenheit zum Strafen aufgefunden ha⸗ ben. Die finſtere Miene Graf Oſtermanns ſtoͤre ſie nicht in dem Vergnuͤgen, die Ihrigen wieder zu ſehen. Glauben Sie, ſetzte ſie zu Jenem ge⸗ wandt hinzu, man dient mir mehr durch die Ent⸗ ſchuldigung ſterblicher Schwaͤchen, als durch ihre Vergroͤßerung— denn es iſt ſo viel ſeliger zu verzeihen, als Strafe zu verhaͤngen. Guter Oſter⸗ mann, Sie ſelbſt legten den Zuͤgel von Rußland — ͦ-⁊3ägg— — 112— in eines Weibes Haͤnde, wundern Sie ſich daher nicht, wenn keine Schlachtopfer mehr fallen, keine Kriege mehr toben, und die Milde regiert.“ Graf Sſtermann, ſo ſehr ihn dieſer Ver⸗ weis ſchmerzte, den ihm ſein Eifer zugezogen hatte, konnte dennoch der Regentin nicht ganz Unrecht geben. Das Spiel ward fortgeſetzt, und Paul, der erhaltenen Weiſung gemaͤß, ging ſeinem Vater entgegen, den er ſeit ſeiner Ruͤckkehr nur erſt fluͤchtig begruͤßt hatte. Nach einem langen, aber unbedeutendem Ge⸗ ſpraͤch mit demſelben, wankte er endlich auf Me⸗ lanien zu, die, mit Natalien, in einer Fenſter⸗ niſche ſitzend, bis dahin jede Bewegung des theu⸗ ren Bruders beobochtet hatte. Die leiſe, faſt wortloſe Begruͤßung, wie ſie die Etikette am Hofe vorſchrieb, artete zwiſchen ihnen in eine lange und heftige Umarmung aus. Die Herzen beider Geſchwiſter, wenn gleich auf verſchiedene Weiſe, waren bis zum Zerſprengen gepreßt; Beide brachen in Thraͤnen aus, und ei⸗ nem Sterbenden aͤhnlich, ein Sinnbild der ge⸗ 1 —,— — 4143— brochnen Kraft, lag der Juͤngling waͤhrend der Dauer mehrerer Minuten in den ſchweſterlichen Armen des Maͤdchens. Sie fuͤhlte ihren Buſen von ſeinen Thränen benetzt:„Paul,“ fluͤſterte ſie in ſein Ohr,„ſo ſehe ich Dich wieder?“ „So ſiehſt Du mich wieder!“ war ſeine Antwort. Seine Hand ruhte waͤhrend dem auf Melaniens Schulter, und raſch, ehe es Jemand bemerken konnte, von den reichen Vorhaͤngen des Fenſters zur Häͤlfte gedeckt, kuͤßte ſie Natalie leiſe.„Mit dieſem Hauche,“ gelobte ſie im Stillen,„mit dieſer Huldigung, die ich Deiner ſchoͤnen gefallnen Seele bringe, ungluͤcklicher Freund, ſtroͤme meine Liebe dahin! Ich haͤtte Dich gluͤcklich gemacht!“ Dann trat ſie vor, und endigte mit einigen leichten Worten die Selbſt⸗ ver geſſenheit der Geſchwiſter. Liebliches Laͤcheln umſpielte ihren Mund, die zarte Grazie des Scherzes trat koſend auf ihre Lippen, und un⸗ vermerkt leitete ſie dadurch jene Beiden in die verlaſſenen Schranken geſelligen Verkehrs zuruͤck. Paul mußte erzaͤhlen, anhoͤren, ſich gegen kleine Beſchuldigungen vertheidigen, d ie ihm Natalie ge⸗ II. 8 — — 414— ſchickt vorwarf, um ihm eine Urſach ſeiner Blaͤſſe, ſeines verſtoͤrten Ausſehens, ſeiner vergoßnen Thraͤnen zu geben, deren wahren Grund ſie nur allzuwohl ahnete. Bald traten Mehrere herzu, und aus der Gruppe, die ſich bildete, ertoͤnte in Kurzem jenes leiſe ſchalkhafte Geraͤuſch von Wor⸗ ten und Lachen, welches bei hoͤfiſchen Verſamm⸗ lungen der Ausdruck der Beluſtigung und der Freude iſt. Man ging endlich auseinander und Paul war gluͤcklich, des Zwanges enthoben zu ſeyn. Ein Anderer wartete jedoch auf ihn, denn waͤhrend der Nachhauſefahrt, die er in Geſell⸗ ſchaft des alten Grafen, ſeines Vaters, zuruͤck legte, drang dieſer mit Anſpielungen und Fragen uͤber ſein Verhaͤltniß mit der Gzarewna in ihn, und gab zu verſtehen, daß er von Allem unter⸗ richtet ſei, alles billige, ja das feine meiſterhafte Spiel angelegt habe. Er pries ihm das uner⸗ meßliche Gluͤck, zu dem er gewuͤrdigt werde, und rieth, es nicht unbenutzt von der Hand zu laſſen. Paul fuͤhlte allerdings die Befriedigung eines un⸗ ermeßlichn Gluͤcks, aber auch einen unernrezlichen — 415— Schmerz in ſeiner Seele; ſeine Antworten trugen das Gepraͤge dieſes Zuſtandes, und der Alte, der ſich denſelben nicht zu erklaͤren wußte, aber jetzt eine Art von ehrfurchtvoller Scheu gegen ſeinen Sohn fuͤhlte, entließ ihn mit zaͤrtlichen Worten in ſein Schlafzimmer. Hier erlagen die widerſtreitenden Kraͤfte den wohlthaͤtigen Staͤrkun⸗ ggen eines tiefen Schlafes, und es war ſchon ſpaͤt am Morgen, als der Juͤngling erwachte, und auf der rothſeidenen Matratze ſeines Bettes einen Brief fand, deſſen Adreſſe an ihn lautete, und deſſen Handſchrift er kannte. „Wie ſoll ich Dir danken, ſchrieb Eliſabeth, „Paul, mein Geliebter, mein Einziger, wie „ſooll ich Dir Dein heutiges Benehmen danken? „So eben zuruͤckgekehrt aus dem Palaſt, wo „ich Holle und Himmel zugleich erſchoͤpfte, „ſitze ich noch zitternd da und meine Arme „ſtrecken ſich ſehnſuͤchtig nach Dir aus. Wo „biſt Du? wo weilſt Du? warum kann ich „Dich nicht an meine Bruſt ſchließen? Ja „Paul, jetzt ſind wir durch ein unzerreißbares „Band vereinigt, Du biſt mein geworden, mit 8* — ————,. — 116— „Deinen Kraͤften, Deiner Seele, mit deinem „Gewiſſen, jetzt hab ich Dich ſicher, Du kannſt „Dich nicht mehr von mir losreißen.“ „Aber ich Thoͤrin! haſt Du denn das je „gewollt, ſchoͤner allzugeliebter Knabe? Nein „Du weißt ja, daß Du mir theurer biſt als nalle Thronen der Erde, weißt, daß ich ge⸗ „ſonnen bin, Deine liebe Stirn mit Diademen „zu ſchmuͤcken und Dir meine kaiſerliche Hand „vor dem Altare zu reichen.“ „Nur noch eine kleine Geduld, mein Freund, „mur noch eine kurze Zeit, Muth und Beſtaͤn⸗ „digkeit auf der betretenen Bahn fort zu wan⸗ „deln! Was jetzt Verbrechen heißt, ſoll bald „der Gipfel der Tugend genannt werden, und „Deine hinſterbende Blaͤſſe, die Dich ſo reizend zkleidete, werde der Heiligenſchein eines Maͤr⸗ ntyrers. Was iſt auch die Ehre mein Paul 2 „ein Phantom mit doppeltem Geſicht; das⸗ 4„jjenige gilt, welches eben dem Sunnenglans „der Macht zugekehrt iſt.“ „unſere Sachen gehen gut, denn LeEſtven Ae niſt froͤhlich und auf dieſen unbegreiſlichen —,— — m „Menſchen kann man bauen. Lebe wohl, wenn „es Dir moͤglich iſt, ohne mich gluͤcklich zu „ſeyn. Ich denke, ich fuͤhle nur Dich, mein „Ehrgeiz, meine Begierde, mein Verlangen „ruhet in Dir! wirſt Du mich auch verſtehen, „mein Liebling?“ — Eliſabeth. So viel Feuer und Leidenſchaft dieſer Brief athmete, ſo vermochte er dennoch nicht, die Stimmung Pauls, wie ſie in Kneeskoje geweſen war, herzuſtellen. Er hatte ja Anna wieder ge⸗ ſehen, ihre Hand gekuͤßt, ihr himmliſches Auge hatte ihm zugelaͤchelt. Auch Melaniens Um⸗ armung und die ſuͤße Anmuth Nataliens, mit der ſie ſich zu ihm herab ließ, uͤbten die Gewalt der Reinheit auf ſeine verdorbene Seele, und zeigten ihm in grellem Abſtand den Segen der Unſchuld und den Fluch des Falles. Noch fuͤhlte er ſich reinen Weſen verwandt, und ſo tief er geſunken war, ihrer Theilnahme werth.„Eliſa⸗ beth,“ ſagte er vor ſich hin:„Du biſt ein goͤtt⸗ liches Weib und haſt mir Goͤtterwonne zu ge⸗ nießen gegeben, aber ich habe ſie mit meinem — 118— Frieden bezahlt. Ungluͤcklich war ich, da ich mich von Niemand geliebt waͤhnte, aber ich bin noch elender geworden, ſeit Du mich liebſt! Sie, ſie die Einzige, der mein Herz gehoͤrt, ſie muͤßte mich verachten, wenn ſie darin leſen koͤnnte, mich ſtrafen und auf immer verbannen, wenn ſie die Geheimniſſe entdeckte, die Du barbariſch darin verſchloſſeſt. Wie, Du ſtrebſt nach dem was ihr gehoͤrt, nach ihrer Krone ſtrebſt Du, und ich ſoll helfen, ſie von ihrer Stirne zu reißen? Wehe mir, ich habe ſchon geholfen!“ Das Bewußtſeyn dieſes letzteren Umſtandes bohrte ſich wie ein giftiger Stachel in Pauls Herz und trug dazu bei, ein Gefuͤhl gegen die Czarewna in ihm zu erzeugen, das den Empfindungen der⸗ ſelben keinesweges entſprach. Vorzuͤglich aber der Wundarzt, in deſſen Netzen er die Prinzeſſin ſowohl als ſich erblickte, der ihn Schritt vor Schritt dahin fuͤhrte, wo er jetzt ſt tand und ihm auch die letzte Pflichtvergeſſenheit aufgedrungen hatte, ward fuͤr ihn ein Gegenſtand der Erbitte⸗ rung. Er ergriff Papier um der Czarewna zu antworten, aber bald floſſen Kraͤnkungen aus ſei⸗ 8 8 — 119— ner Feder, welche die gluͤhende, hingegebene Eliſa⸗ beth nicht verdiente; bald war es ihm, als athme in dieſem oder jenem Ausdruck noch ein Reſt von ſuͤßen Erinnerungen oder Liebe, ſo daß er die Mittelbahn des Schicklichen nicht finden konnte, und endlich den letzten Entwurf ſeines Billets mit dem Entſchluß zerriß, gar nicht zu ſchreiben. Um Zerſtreuung zu finden, begab er ſich gegen Abend nach Waſſili⸗Oſtrow und ſchlenderte zu Fuß uͤber die große Schiffbruͤcke, welche dieſer Stadttheil mit dem der Admiralitäͤt verbindet. Sein Auge ſtreifte, angenehm unter⸗ halten, uͤber die ihn umgebenden Gegenſtaͤnde hin. Der große Strom, uͤber den er wegſchritt, von Schiffen und Schaluppen bedeckt und mit ſeinen majeſtaͤtiſchen Ufern, zur Rechten die Ad⸗ miralitaͤt und der Senatspalaſt, der Iſaaksplat und ſeine praͤchtige Kirche, in weiter Perſpective der Sommergarten und die ungeheuern Stein⸗ maſſen des Winterpalaſtes; zur linken der pracht⸗ volle Quai von Waſſili⸗Oſtrow. Dieß Ganze gab ein großartiges Bild, das von dem Handel treibenden Gewuͤhl der Menſchen reizend belebt — 420— war. Der freundliche Nuſſe, der Koſak vom Ural und Don, der bleiche Finne gingen hier durch einander, hier ſah man den Sohn des europaͤiſchen Suͤden, von Goldfruͤchten umgeben, neben dem dickwangigen Groͤnlaͤnder in ſeiner Thranbude, dort rollten europaͤiſche Kutſchen neben aſiatiſchen Palanken, Pferde galloppirten an traͤgen Kameelen voruͤber, die die Stoffe Per⸗ ſiens oder die Habe des Armeniers trugen, und rings um das Alles plaͤtſcherten die Ruder der Schiffe in den Wellen und die Flaggen aller Voͤlker flatterten hoch in den Luͤften. Ein engli⸗ ſches Kauffartheiſchiff war ſo eben im Begriff ſeine Seegel aufzuziehen und ſeine Anker zu lich⸗ ten. Paul ſah es mit einem leiſen Gefuͤhl der Sehnſucht nach der Ferne, eilig ging er weiter und brachte dann mehrere Stunden in einem Caffeehauſe am andern Ufer der Newa zu. Mehr der große Pokal voll gruſiniſchen Weins, den er ſich reichen ließ, und der, feuriger als ein anderer, ſeinen aͤtheriſchen Geiſt zum Gehirne treibt, als die Unterhaltung der vorge⸗ fundenen Geſellſchaft, hielt den Juͤngling bis kurz — 121— vor Mitternacht daſelbſt feſt. Als er ſich endlich auf den Heimweg machte, hatte ſich das Gewuͤhl auf den Straßen verloren, das Geraͤuſch war verſtummt, und die lange Schiffbruͤcke, von ein⸗ zelnen Laternen nothduͤrftig beleuchtet, lag wie ein dunkler ſchmaler Streif da; unter ihr brach mit dumpfem Gemurmel die Newa ihre Wellen. Es regnete herbſtlich aus umwoͤlktem Himmel nie⸗ der, alles war ſtill und todt, nur von den fernen Quai's heruͤber ertoͤnte das Raſſeln einzelner Droſchka's, und ſchon bereute Paul, welcher naß ward, ſich der Seinigen auf dieſem Wege nicht bedient zu haben, als er vor ſich in einiger Entfernung eine Geſtalt gewahrte, die denſelben Weg als Er zu nehmen ſchien. Es war ein kleiner Mann, vom Kopf bis zu den Fuͤßen in einen Mantel gehuͤllt, langſam ging er vorwaͤrts, der Balluſtrade des Iſaaksplatzes entgegen und blieb zuweilen ſtehen als ruhe er aus, oder werde von irgend einer Laſt zu Boden gezogen. Ploͤtzlich fiel er nieder, und in demſelben Augenblick richteten ſich drei Geſtalten, wie aus den Plauken der Bruͤcke hervorwachſend auf, die — 122— ihm offenbar Gewalt anthaten, ein erſticktes Huͤl⸗ fegeſchrei ließ ſich hoͤren. Das Geraͤuſch, das Widerkaͤmpfen eines Menſchen, der der Ueber⸗ macht unterliegt, und Paul konnte keinen Zwei⸗ fel mehr haben, daß hier ein verſpaͤteter Fußgaͤn⸗ ger von Straßenraͤubern uͤberfallen werde. Der⸗ gleichen Ueberfaͤlle, welche auf den Bruͤcken großer Staͤdte zumal in der Naͤhe von Hafenplaͤtzen nichts Seltenes ſind, gehoͤrten in Petersburg zu Folge der nationellen Ehrlichkeit des gemeinen Ruſſen und ſeiner ſclaviſchen Scheu vor den Reichen, der meiſtentheils auch ſein Leibherr iſt, zu den außerordentlichen Erſcheinungen. Um ſo mehr erzuͤrnte den Juͤngling, was er ſah; raſch wie der Blitz fuhr ſein Saͤbel aus der Scheide, und mit wenigen Spruͤngen hatte er den Ort erreicht, wo die Gewaltthat vor ſich ging. Er kam noch eben zu rechter Zeit; unter den Fuß⸗ tritten und Fauſtſchlaͤgen von Drei vermummten Raͤubern kruͤmmte ſich jener Kleine am Boden, und hielt mit beiden Haͤnden einen Riemen feſt, den man ihm mit aller Gewalt zu entreißen ſuchte, nah uͤber ſeiner Bruſt funkelte im blei⸗ —,— — chen Schimmer der Nacht die Spitze eines Sti⸗ lets, ſchon ſenkte ſie ſich und wuͤrde ihn durch⸗ bohrt haben, wenn nicht Pauls kraͤftiger Saͤbel⸗ hieb ſo eben den Arm des Moͤrders gelaͤhmt haͤtte. Ein zweiter traf deſſen Kopf, und Hieb auf Hieb ſtuͤrzte jetzt uͤber die erſchrockenen Boͤſewichter her⸗ ein, ſo daß ſie glauben mußten, das Richtſchwert ſelber, habe ſchon ihre ſchuldigen Haͤupter er⸗ reicht. Blut floß aus geſchlagenen Wunden, des Verbrechers angeborne Feigheit kam uͤber ſie, und nach einem kurzen Widerſtande, ließen ſie ihr Opfer los, und flohen nach allen Seiten davon. Paul konnte nicht daran denken, ſie zu verfolgen, er beugte ſich zu ſeinem Geretteten nieder, rich⸗ tete ihn auf und nahm ihn in ſeine Arme. Dieſer hielt noch den breiten Traggurt feſt, der ſich um ſeine Schultern ſchlang, und an deſſen beiden Enden eine Art von Chatulle befeſtiget war. „Gottlob“ ſtoͤhnte er endlich, indem er Die⸗ ſelben mit ſeinen Haͤnden betaſtete:„ Gelobet ſei der Herr!das Geld iſt noch da!“ Darauf blickte — 14— er fragend zu Demfenigen empor, in deſſen Ar⸗ men er lag, ein paar mißtrauiſche Feueraugen warfen gelbliche Blitze in ſeines Retters Antlitz, und Paul rief mit innerem Erbeben:„Sie ſind es, L'Eſtocq!“ „Ja ich bin es,“ entgegnete der Wundarzt, der ihn gleichfalls erkannte und um den Hals ſiel.„Ja Herzensmaͤnnchen, ja theurer, geliebter Freund, ich bin es! Sieh doch nur, das Geld iſt noch da, Du haſt es gerettet und mich dazu! ſchon zum zweitenmal biſt Du mein Schutzgeiſt, Dich fuͤhren offenbar die Engel ſelber!“ „Oder die Daͤmonen,“ ſetzte Paul finſter hinzu:„Wie aber kommen Sie hierher?“ LEſtocg erzaͤhlte nun mit ſeiner gelaͤufigen Summe nicht im Hotel Ché tardie, ſondern am 4 1 Bord des hollaͤndiſchen Schiffes in Empfang zu 4 nehmen.„So eben,“ fuhr er fort,„komme ich daher und trage unter meinem langen Man⸗ tel dieſe kleine Maſchine, welche den Schat ent⸗ — — 125— halt. Zwar keuchend unter der ſuͤßen Laſt des Goldes, aber froh wie ein Koͤnig und vollkom⸗ men arglos gehe ich die Bruͤcke entlang, da ploͤtz⸗ lich ſtolpere ich uͤber etwas/ ich falle, oder viel⸗ mehr man reißt mich zu Boden, und wie es nun weiter ging, weißt Du ja, Herzensfreund! Unbegreiflich iſt es mir, wer die Burſche waren, die mir augenſcheinlich aufgepaßt hatten, denn außer dem Geſandten, dem dicken Maſter van Daelen und Le Blanc, der treuen Seele, weiß kein Menſch in ganz Rußland um das Geſchaͤft. Du aber, mein theurer Bundesbruder, laß Dich noch einmal umarmen, ach erſt geſtern war Deine Gefaͤlligkeit meine Rettung, heute Dein ſtarker Arm!“ Paul ſchwieg mit erſtarrendem Herzen. Er hatte ſich auf eine Bank nah am Gelaͤnder nie⸗ dergelaſſen, LEſtocg ruhte in ſeinem Schooße. „Weißt Du denn auch Bruͤderchen“ fluͤſterte ihm dieſer immer zutraulicher ins Ohr,„weißt Du denn auch, wozu wir das Geld anwenden werden? Wir brauchen es zum Beſtechen. Du biſt ſchon beſtochen, kleiner Schalk, Dich hat — 126— Amor mit fſuͤßeren Gaben beſtochen, als dieſes elende Gold, aber das gemeine Volk, auch die Garniſon, will nur mit Mammon gewonnen ſeyn. Freue Dich, das Feſt der Waſſerweihe fuͤhrt dießmal einen großen Augenblick herbei. Paul denke an mich, wenn Du eine Kaiſerin um⸗ armſt!"“) 3 „Das Feſt der Waſſerweihe?“ fragte Jener mit kaum hoͤrbarer Stimme,„wie iſt mir denn, um welche Zeit faͤllt es denn dieß Jahr?“ „Soͤhnchen, es iſt ſchon gefallen,“ erwiederte LEſtocq,„ Du ſchlechter Chriſt haſt das vergeſſen. Aber in weniger als drei Monaten kommt der heilige Drei⸗Koͤnigstag wieder am 6ten Januar. Nun ſieh was hilft das lange Zaudern, man muß die Gelegenheit nutzen. Die ganze Be⸗ ſatzung iſt dann verſammelt auf der Newa. Du auch. Hier gerade, wo jetzt dieſe Bruͤcke ſchwankt, iſt der Jordan; der Strom iſt mit Soldaten be⸗ deckt, tauſende von Bajonetten blitzen, und ſind mir zu Dienſten; dann fuͤhr ichs aus, gieb Acht, dann mache ich Ernſt.“— — — — 127— „Ich auch,“ rief Paul fuͤrchterlich, ergrif den Wundarzt mit beiden Armen, ſprang auf und hielt ihn uͤber das niedrige Gelaͤnder der Bruͤcke, ſchwebend uͤber den Waſſerſpiegel des Stroms. Ein einziger Ruck, eine leiſe Bewe⸗ gung war hinreichend ihn hinab zu ſtuͤrzen, ihn den Wellen rettungslos zu uͤbergeben. Das Ver⸗ haͤngniß rauſchte mit ſeinem eiſernen Fluͤgel uͤber das Juͤnglingshaupt, er fuͤhlte Anna's Schickſal und ſeines Vaterlandes Zukunft an dieſen Mo⸗ ment gefeſſelt, und ſeine Arme bebten und ſeine Augen flammten den Tod.„LEſtocq,“ ſagte er mit heiſerer Stimme,„Verraͤther, Verfuͤhrer meiner Seele, nimm Abſchied vom Leben, ver⸗ ſoͤhne Dich mit Deinem Gott, Du mußt ſter⸗ ben!“ „Freund,“ lachte der Wundarzt, dem nicht wohl zu Muthe ward, der aber doch die Geiſtes⸗ gegenwart nicht verlor, ich glaube Du biſt nicht recht bei Sinnen! Du machſt ſeltſame, verdammte Spaͤße, laß mich nicht fallen, um Jeſu willen, denn ich verſaͤumte die Schwimmkunſt zu lernen. — 128— Hoͤr auf, lieber Sohn, denk, wenn Du zufäͤllg ein Moͤrder wuͤrdeſt.“ „Ein Moͤrder!“ wiederholte Paul ſchaudernd und ließ es halb bewußtlos geſchehen, daß OEſtocq ſeine Schultern umklammerte, den einen Fuß auf die Balluſtrade ſtemmte und ſich ſo mit ei⸗ nem leichten, aber kraftvollen Sprung wieder auf die Bruͤcke verſetzte. Er bemaͤchtigte ſich ſeiner Chatulle von Neuem„ und blickte zweifelhaft an ſeinem Retter und Bedraͤnger empor; noch ſtand dieſer unbeweglich da„ ſein Auge ſtarrte in den— Strom, ſeine hohe Geſtalt neigte ſich uͤber die Balluſtrade. LEſtocg erfaßte ſeinen Arm und ſchuͤttelte ihn heftig,„Paul,“ rief er,„lieber Capitaͤn, lieber Paul Michalowitſch, was iſt Dir? beim Himmel Du haſt ein Fieber! wie ſeine Hand brennt, und der Puls fliegt! Komm, geh zu Bette, mein Sohn, Du darfft mir nicht krank werden!“ 4 19, Ich bin krank,“ erwiederte Paul, aus ſei⸗ nem Tiefſinn erwachend,„ach LöEſtocg ich bin ſehr krank, und nur im Tode kann ich geneſen,. — — laß mich ſterben!““ 54 — 129— 9„ um Gotteswillen nicht, Liebchen!“ antwor⸗ ſer verdammten Bruͤcke verweilen, ſtehe ich fuͤr nichts.“ „Aber komm nur, ich will Dir einen andern, beſſern Platz anweiſen, und Dir ein tuͤchtiges Recept verſchreiben.“ Er zog ihn mit ſich weg; denn, fuhr er im Weiterſchreiten fort—„denn wie ſind die Haare auf dieſem Haupte gezaͤhlt! wie biſt Du geliebt Paul! nein, ſo wie Du, ward noch kein irdiſcher Juͤngling geliebt. Was ſoll daher dies ſonderbare ungleiche Weſen, Du Trotzkopf? gieb es auf, ihr gehoͤrſt Du mit Leib und Seele, Eliſabeth iſt Deine Loſung und Dein Gebet.“ „und mein Fluch!“ murmelte Paul. „Verzeih, ich muß lachen,“ entgegnete Jenn und keuchte unter der Geldlaſt, die er trug.„Ein Gluͤcklicher, nach dem das ſchoͤnſte Weib dieſes Erd⸗ theils ihre Arme ausſtreckt, fuͤr den ſie Alles opferte, was Fuͤrſten⸗ und Weiberſtolz werth haͤlt, fuͤr den ſie eine Krone erobern will— und ploͤtzlich ein Grillenfänger!— der feurigſte 1. 9 tete Jener;„freilich, wenn wir laͤnger auf die⸗ — 430— Liebhaber mit einem Mal ein traͤger unheimlicher Phantaſt, ein Stoiker! denn ſprich, wuͤrdeſt Du ſonſt um Mitternacht auf jener Bruͤcke umher ſchleichen, und der Polizei ins Handwerk pfuſchen, waͤhrend Dir der Tempel des Gluͤcks offen ſtand! Zwar diesmal ſei es verziehen, weil Dich das Schickſal wuͤrdigte, mir beizuſtehen, aber zum zweiten Mal, Paul, finde nicht vergebens gewiſſe Briefe auf Deiner Matraze!“ 4 „Halt ein!“ unterbrach ihn der Juͤngling heftig,„ich kann dieſe Sprache nicht hoͤren, Wundarzt! ich bin ſie nicht gewohnt, am we⸗ nigſten von einem Diener Eliſabeths. An mei⸗ nem Herzen lag Deine Gebieterin„ und Du willſt Dich uͤber mich erheben! Demuͤthige Dich, Elender!“— „Gerne wuͤrde ich das thun,“ erwiederte LEſtocg,„von Herzen gerne lieber Paul, Dir alle moͤgliche Demuth erweiſen, wenn wir hier nicht mitten auf einer ſchmutzigen Straße waͤren, warte nur noch eine kleine Spanne Zeit. Die Goͤtter ſind ja mit uns; das ſieht man deutlich, und vollends mit Dir, Du Auserwaͤhlter! Dann, 2 — 131— wenn Du Eliſabeth und Dir ſelber treu bleibſt, dann wird ganz Rußland zu Deinen Fuͤßen lie⸗ gen, und um die Huldigung des Einzelnen wirſt Du Dich nur wenig bekuͤmmern.“ 8 In dieſem Ton fuhr LEſtocq noch eine Weile zu reden fort, und merkte wohl, daß es ihm gelang den Geiſt ſeines Zuhoͤrers abermals zu betaͤuben, glaͤnzende beſtechende Bilder in ihm hervorzurufen und jenes Delirium zu erzeugen, welches das Spiel der Sinne entfeſſelt und den Schmeicheleien der Phantaſie geneigt macht. Ohne darauf zu achten war man indeſſen uͤber mehrere Plaͤtze und Straßen fortgeſchritten, und ſtand jetzt vor der Hinterſeite eines großen Ge⸗ baͤudes ſtill, zu deſſen Inneren eine kleine Thuͤr fuͤhrte. LEſtocg holte einen Lihaſe hervur und oͤffnete dieſelbe. „Wo ſind wir?“ fragte Paul. „Schlecht genug, mein ſchoͤner Ritter, wenn du dieſe Gegend nicht kennſt,“ war die Antwort, „indeß beruhige dich, wir ſind beide auf unſerm Platze. Folge mir nur!“ . 9* — 132— „Nein, nein,“ rief Paul„ und hatte ſchon einen Fuß auf der Schmmein„ n nein, eſäaag nein! ſage nur erſt.. „Nun denn,“ unterbrach ihn Jener,„hoͤre das welke Laub kauſchen.— Es ſind die Ge⸗ buͤſche, welche die Moika umzaͤunen; hoͤre das Knarren der Windfahnen auf Eurem Regiments⸗ hauſe, und das Hin und Hergehen der Schild⸗ wachen auf der andern Seite dieſes Palaſtes! Wo kannſt Du ſeyn, als auf dem Marsfelde, wem wird wohl das Haus gehoͤren? Nur herein, bloͤder Schaͤfer!“ Mit ſiegreichem Laͤcheln zog er den Juͤngling nach ſich in das Innere, und ſchloß die kleine Thuͤr behende wieder zu. LEſtocg huͤtete ſich wohl von ſeinem naͤcht⸗ lichen Abentheuer auf der Bruͤcke ein beſonderes Aufheben zu machen, oder wohl gar die Polizei der Hauptſtadt davon in Kenntniß zu ſetzen. Ihm war es gleichviel, wer diejenigen waren, die ihr Gewiſſen mit dem Verbrechen eines Straßen⸗ raubs hatten belaſten wollen, befanden ſich doch die gefäͤhrdeten Goldrollen in Sicherheit, und fin⸗ —— —y — —.,— — 133— gen ſie doch, bei dem geſchickten Gebrauch, den er davon machte, bereits an, gute Wirkung zu thun. Indeſſen ging ihm und ſeinem Vertrauten dennoch ein Licht in dieſer Ruͤckſicht auf, als man nach wenigen Tagen erfuhr, daß Le Blanc und Hannibal, der Mohr, den Dienſt ihrer Herren und die Hauptſtadt heimlich verlaſſen haͤtten. Der beſtuͤrzte Marquis von Botta und der de la Chstardie, welcher Letztere ſich⸗ ploͤtzich um einen Herzensfreund und Vertrauten aͤrmer ſah, ent⸗ deckten bald bedeutende Entwendungen von Koſt⸗ barkeiten, zu denen nur jene beiden Getreuen hat⸗ ten gelangen koͤnnen; zum Theil aus dieſer Ur⸗ ſach, vielleicht aber auch großentheils aus verbor⸗ genen Gruͤnden, lag ihnen viel an der Wiederer⸗ langung der Entwichenen, und die Polizei der Hauptſtadt und des ganzen Gouvernements wurde deshalb aufgeboten.— So wenig dieſe Begebenheit geeignet ſchien, in die Kreiſe hoͤherer Beachtung gezogen zu wer⸗ den, ſo wenig entging ſie doch der Aufmerkſam⸗ keit eines Mannes, der es ſich einmal zum Ge⸗ ſet gemacht hatte, nichts zu uͤberſehen, was in — 134— gewiſſen Haͤuſern vorging, und deſſen unermuͤd⸗ liche Wachſamkeit ſowohl begruͤndet als ſchlecht anerkannt war. Graf Oſtermann wuͤnſchte vor allen die Fuͤchtlinge in ſeine Gewalt zu bekom⸗ men, er erfuhr jedoch bald und auf eine Art, die ſeine Unruhe noch vergroͤßerte, die Fruchtloſigkeit aller dahin zielenden Bemuͤhungen. Von Seiten der engliſchen Geſandtſchaft wurde nemlich die Anzeige gemacht, daß um die Zeit von Le Blanc's und Hannibals Flucht zwei Maͤnner, welche oh⸗ ne Zweifel die Vermißten waren, Paͤſſe nach Eng⸗ land verlangt und erhalten haͤtten. Ein engliſches Paketboot habe ſo eben ſegel⸗ fertig auf der Newa gelegen, und allem Vermu⸗ then nach ſeyen ſie mit dieſem abgereiſt. Hierbei haͤtte nun die Sache ihr Bewenden gehabt, aber der brittiſche Geſandte, Herr Finch, ſpann ſie noch weiter aus. In einem Privat⸗ ſchreiben an die Regentin theilte er derſelben mit, daß ein Matroſe von jenem Schiffe, an deſſen Bord ſich die beiden Verdaͤchtigen begeben haͤtten, kurz vor der Abfahrt plotlich erkrankt und des⸗ halb in Cronſtadt zuruͤck gelaſſen worden ſai. —x — — 135— Dieſer Matroſe ſei vor kurzem geſtorben, und in ſeinem wenigen Nachlaß habe man ein Papier gefunden, worauf mit Bleiſtift in franzoͤſiſcher Sprache geſchrieben ſtehe: Ihrer Kaiſerlichen Ho⸗ heit drohe Gefahr von einem gewiſſen LEſtoca, Wundarzt der Prinzeſſin Eliſabeth Petrowna, und wenn Dieſelbe einen guten Rath, gleichviel woher? nicht verſchmaͤhen wollte, ſo thaͤte ſie am Beſten, den beſagten LEſtocg je eher je lieber ar⸗ retiren zu laſſen. Das Original dieſes ſeltſamen Actenſtuͤckes war der Mittheilung des Miniſters beigelegt. Jetzt glaubte Graf Oſtermann, dem dieſe keinesweges vorenthalten ward, gewonnenes Spiel zu haben, und mit einem Male alle Intriguen, mochten ſie von einer Natur ſeyn, von welcher ſie wollten, durch die Feſtnehmung ihres Urhebers beendigen zu koͤnnen, aber wie groß war ſein Er⸗ ſtaunen, als Anna zwar befahl, dem Herrn Finch fuͤr ſeine Aufmerkſamkeit zu danken, aber zugleich jede gewaltthaͤtige Maasregel, gegen Einen von den Dienern ihrer Tante auf das Strengſte verbot. 3 „Das iſt das ungluͤckliche Geſchick der Großen,“ ſagte ſie, faſt zuͤrnend,„daß alle Men⸗ ſchen, auch die Beſſeren, Zwietracht in ihre Mitte zu werfen ſuchen. Wir ſollen uns der ſchoͤnſten Himmelsgabe, des Friedens, nicht freuen, ſo iſt der Wille der Niedern, ſelbſt wenn an den Gren⸗ zen unſerer Reiche keine Schlachten geliefert wer⸗ den, und keine Kanonen donnern. Wem meine Gnade lieb iſt, der beflecke ſich nicht mehr mit elenden Anſchuldigungen der Czarewna und ihres Hofes. Ich wiederhole es: in ihrem geringſten Diener werde ich meine geliebte Tante zu ehren wiſſen.“ 1 Zu derſelben Zeit war Katinka wieder in die Huͤtte ihrrs Mannes zuruͤckgekehrt, denn eine be⸗ deutende Krankheit hielt dieſen auf ſeinem ſchlech⸗ ten Lager gefeſſelt, und ſchnell loͤſchte das Mit⸗ leid in dem weichen Herzen des Weibes jedes Andenken an Kraͤnkungen aus, die ſie fruͤher von ihm ſo reichlich erduldet hatte. Mit verbundenen Kopf und Geſicht lag der Kranke eines Nach⸗ mittages da, ſein rothhaariges, ſtruppiges Haupt ruhte in Katinka's Schooße, und ihre ftomaen Haͤnde ſtreichelten es ſanft. Zufaͤllig entblößte ſie dabei ein wenig eine große Narbe, die von der Stirn bis zum Kinn herablief, und ſchauderte vor dieſem binennſiien⸗ haͤßlichen Anblick zuſammen. „Du armer Peter,“ ſagte ſie dann,„was mußt Du fuͤr Schmerzen leiden! O der boͤſe Fe⸗ dor, ſo etwas haͤtte ich ihm doch nun und nim⸗ mermehr zugetraut! Sonſt war er ſo ſanft, ſo gut, und nun auf einmal ſo wild— ich kanns nicht begreifen.“ Peter murmelte etwas in den Bart, wovon Katinka nichts verſtand. „Du haſt eben kein Fieber, Freund,“ fuhr ſie fort,„drum erzähle mir doch einmal recht aus⸗ fuͤhrlich, wie der Streit eigentlich war. Ich bin ſo neugierig. Du glaubſt es nicht! vielleicht ließe ſich doch eine Entſchuldigung fuͤr den Fedor finden, die ſeine Strafe milderte— denk einmal — keumm geſchloſſen nun ſchon ſo lange!”“„ „Albernheit!“ fuhr Peter barſch heraus,„ge⸗ nug, wir zankten uns, und er nahm ſeine Klinge * — 138— und gab mir unverſehens den Hieb uͤbers Ge⸗ ſicht. Du willſt es nicht glauben, Weib⸗ hat er es etwa geleugnet, hat er es nicht ſelber einge⸗ ſtanden?“ e „ Das iſt es eben,“ entgegnete Katinka ſeuf⸗ zend,„ja, das hat er; nun denn, ſo moͤgen die Heiligen die Wahrheit wiſſen! Unverſehens, wie ein wuͤthender Moͤrder— ach es ſieht ſeinem frohen, lieben, gutmuͤthigen Herzen gar nicht gleich. Hat er ſich Jemals an Dir vergriffen, Peter? noch nie, obgleich er zweimal ſo ſtark iſt, als Du. Aber eben das ſchuͤtzte Dich immer, wenn Deine Zunge ihn noch ſo ſehr ſtachelte; ja wahrhaſtig, er war großmuͤthig, und nun ploͤtzlich ſo ſchlecht, o wie jammert mich das! Peter grinſete boshaft laͤchelnd vor ſich hin. „Sieh,“ fuhr Katinta weinend fort,„wenn er's auch verdient hat, er iſt ja doch unſer Bru⸗ der, wir koͤnnens nicht mit anſehen, daß er ſo hart geſtraft werden ſoll; nicht wahr, lieber Pe⸗ ter? ach da habe ich einen herrlichen Einfall,“ rief ſie ploͤzlich,„der fuͤr Dich und ihn heilſam ſeyn kann, laß mich fort, fort!—", e T r — 189— „Wohin?“ fragte Peter. „Wohin anders, als zu meiner gnaͤdigen Frau, der Czarewna!“ war die Antwort,„ihr werfe ich mich zu Fuͤßen, flehe um ihr Fuͤrwort, und gieb Acht, etwas hilft es wenigſtens! Aber auch fuͤr dich, mein Alter, will ich ſorgen, ſchon oft hat dich der Herr Regimentsfeldſcheer beſucht, und noch immer iſt deine Wunde ſchlimm. Er verſteht nichts, der dicke Herr,— warte nur, da iſt der Herr LEſtocg, dem gebe ich ein gutes Wort, der iſt ein Wundarzt!“ † „Wer?“ rief Peter, und richtete ſich heftig empor—„wen nennſt du Weib! Nein bleib hier, nicht von der Stelle— rege dich nicht— ich will keinen Andern, als den Regimentsfeld⸗ ſcheer.— „Herzensmann, das verſtehſt du nun ein⸗ mal jetzt nicht,“ ſagte Katinka, legte ihn behut⸗ ſam zurecht und nahm Mantel und Kopftuch um, denn der Schnee fiel draußen in großen Flockenß darauf verließ ſie, was Peter auch bit⸗ tend oder drohend einwenden mochte, die Huͤtte, rief eine alte Frau, die in der Nachbarſchaft — 440— wohnte, zur einſtweiligen Pflege ihres Gatten herbei und ſetzte ſich dann in das Fuhrwerk eines Iswoſchtſchiks, welches ſie leicht und ſchnell nach dem Ziel ihrer Wuͤnſche hinfuͤhrte. Keine zwei Stunden waren vergangen, als eine Droſchke mit der Woronzowſchen Livree vor Peters Huͤtte gefahren kam und OEſtocg, Paul und Katinka herausſtiegen. Die Bemuͤhungen der Letzteren waren begluͤckt, ſie hatte die Prin⸗ zeſſin in der guͤnſtigſten Stimmung getroffen und dieſe ſogleich einen Befehl an LöEſtoeg erlaſ⸗ ſen, ſich des Kranken anzunehmen, und auf dem ihm bekannten Wege fuͤr die Begnadigung Fe⸗ dors zu wirken. LEſtoeg eilte zu Paul und Beiden ſchienen die naͤhern Umſtaͤnde von Peters Krankheit ſo bedeutend, daß ſie augenblicklich den Bitten der niedlichen Katinka nachgaben und ſie ſelbſt in die Huͤtte ihres Mannes wieder zuruͤck⸗ fuͤhrten. Fluͤchtigen Fußes eilte ſie voran, oͤff⸗ nete die Thuͤr der Wohnſtube und machte den Kranken, uͤber deſſen Lager ſie ſich mit Ausru⸗ fungen der Freude hinbeugte, mit dem Erfolg ihrer Bemuͤhungen bekannt, zugleich wieß ſie hinter ſich und des Grenadiers erloſchnes Auge fiel auf ſeinen ſchoͤnen jugendlichen Hauptmann und auf den Wundarzt, welche Beide mitten im Zimmer ſtanden und wovon ihn der Letzte ſon⸗ derbar anſah. Wiie voy den Erſcheinungen eines Fieber⸗ bildes bebte er zurüͤck, ein leiſer Schrei des Entſetzens fuhr uͤber ſeine verwundeten Lippen und ſeine Arme ſtreckten ſich ihnen, wie abweh⸗ rend entgegen. Indeſſen konnte er es nicht ver⸗ hindern, daß LEſtocg ſich ihm nahete und unter freundlichem Zureden ihn bewog, ſich von ihm verbinden zu laſſen. Die Geſchicklichkeit, mit der dieß geſchah, der Schmerzen lindernde Bal⸗ ſam, womit er unmerkbar die Wunde beſtrich, milderten in Etwas das konvulſiviſche Zittern, das den Kranken unter ſeinen Haͤnden befiel; „Freund,“ lachte endlich LEſtocq,„du biſt arg zugerichtet— ſprich doch, wer hat das boͤſe Kunſtſtück veruͤbt?“ Peter ſtammelte nun die oft wiederholte Anklage ſeines Bruders her, doch war es, als koͤnne er diesmal nicht damit enden, die Worte erſtarben ihm auf der Zunge, vorzuͤg⸗ 4 — 142— lich, wenn er in Pauls Auge ſah, das ernſt auf ihn gerichtet war. „Du dauerſt mich,“ unterbrach ihn endlich dieſer,„auch glaube ich dir Alles, denn da Fe⸗ dor ſein Verbrechen ſelbſt eingeſtanden hat„ und nicht wiederruft, auch jetzt, da ihm die Strafe angekuͤndigt iſt, ſo kann man keinen Zweifel weiter hegen. Uebrigens laͤßt es ſich denken, wie nach einer ſolchen Behandlung jedes bruͤderliche Gefuͤhl in dir erſtickt iſt und du nur nach der Beſtrafung des Miſſethaͤters Verlangen tragen wirſt. Erfahre denn, daß derſelbe, in Erwaͤgung ſeines moͤrderiſchen Angriffs auf einen Camera⸗ den und Bruder, von dem Kriegsgericht zum Tode verurtheilt worden iſt und dieſen morgen erleiden wird.“ AUnwillkuͤhrlich that Katinka einen Schrei. Peter faltete mit frommer Ergebung die Haͤnde. „Den Tod?“ ſagte er—„nun wenn es denn einmal unſere hohen, gnaͤdigen Vorgeſetzten nicht Anders beſchloſſen haben, ſo moͤgen die Heili⸗ gen und die Maͤrtyrer und die lieben Engelein „ 443— dem armen Suͤnder gnaͤdig ſeyn; ich will ihm auch vergeben!“. 4 „Willſt Du das, frommer Peter?“ fragte Paul und faßte heftig, wie in einer krampfhaften Zuckung des Soldaten Arm.„Wohl— Du biſt doch ein braver Mann! Aber ſprich, haſt Du nichts mehr an Deinen ungluͤcklichen Bru⸗ der zu beſtellen?“ „Nichts, mein gnaͤdiger Hauptmann,“ aͤchzte Peter. Es entſtand eine tiefe Pauſe, waͤhrend ein aͤngſtliches Schweigen herrſchte, man vernahm die beklommenen Athemzuͤge jedes Einzelnen.—„Ich habe aber noch etwas an Dich zu beſtellen,“ fuhr Paul endlich fort,„und deshalb bitte ich Alle, mich auf einige Minuten allein mit ihm zu laſſen.“ Er winkte mit der Hand. Lſtocg, Katinka, die Waͤrterin machten Anſtalt das Zim⸗ mer zu verlaſſen, aber bleich wie ein Geiſt rich⸗ tete ſich der Verwundete auf.— „Allein?“ ſchrie er,„allein mit dir? Nim⸗ mermehr!“— aber ſchon waren Jene hinaus und Paul trat nun zu ihm, zog ſeinen Saͤbe = 144— aus der Scheide und hielt ihm denſelben dicht vor die Augen.— „Kennſt Du dieſe Klinge,“ fragte er drauf mit dem Ernſt des Todtenrichters.„Boͤſewicht, kennſt Du ſie und vielleicht auch das ſchaͤndliche Blut, wovon Du einige Flecken daran kleben ſiehſt? Laͤugne es, wenn Du kannſt— es iſt Dein eignes!“ „Mein eignes,“ wiederholte Peter leichenblaß und bebend. 5 „Auf der Bruͤcke Minskoi erhielteſt Du den Hieb,“ fuhr der Officier fort,„und weißt Du, von wem?“ „Ich weiß es,“ knirſchte Jener. „Mithin iſt Dein Bruder unſchuldig, Ver⸗ worfener!“ „Unſchuldig,“ lallte ihm Peter nach. Halb ohnmaͤchtig, von jedem Heuchelſchein verlaſſen, muthlos heulend rang er ſich von ſeinem Lager auf und ſtuͤrzte dem Juͤngling zu Fuͤßen.„Gna⸗ de!“ rief er, ſich wie ein Wurm kruͤmmend, nmein Hauptmann, Gnade! Sie haben mich verfuͤhrt; jene beiden Schelme, Le Blanc und Hannibal, verſprachen mir große Belohnung..“ „Verfuͤhrt?“ unterbrach ihn Paul.„Ungluͤck⸗ licher, ich weiß was Verfuͤhrung heißt, und will Dich retten, wenn Du mir Alles bekennſt. Du haſt Sibirien durch Deinen Mordanfall, und die Hoͤlle durch Deines Bruders Opferung verwirkt, aber ſieh, ich will ſchweigen, wenn Du mir offen Alles geſtehſt.“— Neu belebt kuͤßte Peter unter einem Strom niedriger Betheurungen den Staub von ſeines Hauptmanns Fuͤßen, und fing nun die verlangte Beichte an. Er hatte jedoch eigentlich nichts zu offenbaren, als daß er ſchon ſeit der Taufe ſeines ſeligen Knaben eine Bekanntſchaft mit jenen bei⸗ den Auslaͤndern angeknuͤpft habe, die fuͤr ihn nicht ohne Nutzen geweſen ſei, indem ſie ihn fuͤr kleine Dienſte oft reichlich belohnt haͤtten. Auf dieſe Weiſe habe er ſich eigentlich in ihrem Solde befunden, und ſich deswegen um ſo weniger wei⸗ gern duͤrfen, ihnen bei ihrer naͤchtlichen Unterneh⸗ mung auf der Bruͤcke Minskoi huͤlfreiche Hand zu leiſten. Die Verantwortlichkeit eines Straßen⸗ II. 10 — 146— raubs falle wohl allein auf ſie, da ſie ihn, Petern, nur zum Haffershelfer beſtimmt haͤtten, in der Abſicht zu dreien deſto leichter und raſcher mit Einem fertig zu werden; beſtraft aber ſeyen ſie ja alle ſchon durch das Mißlingen des Verſuches. Er aber beſonders durch das Verluſtiggehen der verſprochnen Belohnung, und— wie der Haupt⸗ mann geruhen wolle ſelbſt zu ſehen, durch die heilloſe Narbe, die er davon getragen. Zuletzt geſtand er noch, ohne weitere Veranlaſſung, daß, als Herr LEſtoeg ihm ſeine Huͤtte abgemiethet, um eine Geſellſchaft darin zu halten, er derjenige geweſen ſei, der dem Grafen Oſtermann Winke davon gegeben, und eine reichliche Belohnung da⸗ fuͤr empfangen habe. Paul biß die Lippen zuſammen, und ſtarrte auf den Suͤnder herab, der eben in der demüͤ⸗ thigſten Stellung von der Welt, ſeine Knie um⸗ faßt hielt, und die falſche Miene, in der ſich der 3 Brudermord ſpiegelte, zur grinſenden Freundlich⸗ keit zwang— Wohl mir! rief ſein Genius, es giebt noch tiefer Gefallne als mich! dann winkte er Lſtosn, den er, in der Thuͤr lauſchend, ge⸗ * 3 —, — 447— wahrte, und ſagte, als ſich das Zimmer wieder mit Perſonen angefuͤllt hatte, nicht ohne Schau⸗ der:„Steh auf, Soldat, es freut mich, daß Du mein Fuͤrwort fuͤr Deinen Bruder erflehſt, und ich verſpreche Dir, Alles anzuwenden, was ich vermag, um ſein Schickſal zu lindern. Auch muß ich Dir ſagen, daß er noch nicht verurtheilt iſt, und ich, durch die falſche Nachricht davon, bloß Deine bruͤderlichen Gefuͤhle auf die Probe ſtellen wollte.— Ich habe ſie mit Erſtaunen erkannt. Kommen Sie, kommen Sie, LEſtocq,“ ſetzte er hinzu, und ergriff fortſtuͤrzend deſſen Arm— hich erſticke in dieſer Luft, hier bruͤtet der Dampf der Hoͤlle, dieſe Huͤtte bricht zuſam⸗ men, und dieſer Fußboden wankt!“— Sie eil⸗ ten hinweg und Peter blieb wie erſtarrt in ſeiner poorigen Stellung, bis von dem Geraͤuſch der fort⸗ rollenden Droſchke nichts mehr zu hoͤren war, dann ballte er beide Faͤuſte und grimmige Thraͤ⸗ nen benetzten ſeine Augen.„Bube!“ knirſchte er zwiſchen den Zaͤhnen, unbekuͤmmert ob ihn je⸗ mand hoͤre,„Knabe, Du haſt mich erdruͤckt, zer⸗ treten, Du mußt ſterben fuͤr dieſe Stunde!“— 10* — 148— Mehrere Wochen vergingen, und ſchon hatte Schnees uͤber die Fluren gelegt; kalt bließen die Nordwinde vom Ladoga heruͤber und erſtarrten die fliehenden Wellen der Gewaͤſſer, die ſich ver⸗ gebens bemuͤhten, noch den Meerbuſen zu errei⸗ chen. Ganz im Prachtgewande ſeiner alten Herr⸗ ſchaft, deſſen Saum mit Diamanten beſaͤet iſt, die Nebelkrone in ſeinem ſtarren Haar, zog Ruß⸗ lands Winter vom Eispol herab, wo er ſeit Ewigkeit herrſcht, und breitete ſeine Schleier wie⸗ der uͤber die Natur hin, die es kurze Zeit gewagt hatte, zu leben. Er ſtreifte das Laub von den Bäͤumen ab, vernichtete was gebluͤht hatte, und feſſelte wieder, was frei geweſen war. Da ſuch⸗ ten die Schiffe, im Hafen oder auf dem Meere, ihre Anker noch raſch nach einer waͤrmern Zone zu lichten, oder die es nicht konnten, in dieſer ei⸗ nen ſichern Platz fuͤr achtmonatlicher Ruhe zu finden, die Bruͤcken, von Men chen zuſammen⸗ gefuͤgt, verſchwanden, denn das Eis begann ſeine Woͤlbungen zu fuͤgen, auf dem Ruͤcken der Fon⸗ tanka wiegten ſich keine Schaluppen mehr, und 4 7 ſich wieder der ſchüͤtzende, weiche Mantel des — 140— das Rollen der Naͤder war in den Straßen ver⸗ ſtummt.— Aber auf dem gefrornen Strom und ſeinen Canaͤlen begann das eigenthuͤmliche Win⸗ terleben der nordiſchen Hauptſtadt; unzaͤhlige klei⸗ ne Schlitten, die Iwanuſchka's, ſchwirrten wieder, leicht, wie die Luft, uͤber Schnee und Eis dahin. Feuer loderten auf oͤffentlichen Plaͤten, und in alle Pelze gehuͤllt, die der Norden erzeugt, vom ſchlechten Wolf bis zum Eisbaͤr, vom Marder bis zum edlen Zobel und koſtbaren Hermelin, ſah man die Bevoͤlkerung der Rauheit des Clima's Trotz bieten. Durch eine praͤchtige Schlittenfahrt auf der Newa gab der Hof der Wiederkehr des Winters und ſeinen Vergnuͤgungen, welche den Nordlaͤn⸗ der mehr anzuſprechen pflegen, als die eines un⸗ vollkommenen Sommers, gewiſſermaßen die Weihe. Anna liebte ſeit einiger Zeit glaͤnzende Feſte und es iſt ungewiß, ob ſie dadurch blos einer Neigung nachgab, die einer jungen reizen⸗ den Fuͤrſtin, von dem groͤßten Hof Europa's umgeben, a zu verzeihen ſeyn mag, oder ob ſie in dem Geraͤuſch derſelben die geheime Un⸗ ruhe vergeſſen wollte, von der ihr Herz trotz ſei⸗ ner Argloſigkeit durch unaufhoͤrliche Zufluͤſterun⸗ gen nach und nach erfuͤllt wurde. Vielleicht war es auch ihr Plan, durch dieſe Feſte ihre Tante Eliſabeth mehr als waͤhrend des Sommers der Fall geweſen war, an den Hof zu knuͤpfen— ſie zu beobachten, und wenn etwa ja was feind⸗ liches gegen ſie in dem Gemuͤth derſelben verbor⸗ gen liegen ſollte, dies durch hingebendes Vertrauen und unbegrenzte Guͤte zu beſiegen. Anna war eine gute Fuͤrſtin und eine milde Regentin, aber et⸗ was Weſentliches ging ihr von den Eigenſchaf⸗ ten eines Herrſchers ab. Sie kannte die Falſch⸗ heit der Menſchen nicht und glaubte nicht daran. Ihrem Ideenkreis war die Wahrheit fremd, daß der Egoismus in ſeinem Laufe nichts verſchont, und das werdende Geſchlecht im Mutterleibe er⸗ mordet, wenn es darauf ankommt, ſein Ziel zu erreichen.— Nur unter einer Regierung wie die Ihrige war es daher erklaͤrlich, daß Erſchei⸗ nungen, welche ihrer Natur nach, immer mehr ſich ausdehnten und ſchon hier und da den Mantel des Geheimniſſes uͤberragten; unter dem — 151— ſie geboren wurden, fortfahren konnten, ihre Exi⸗ ſtenz zu behaupten. Denn ſo vorſichtig und klug ſich LEſtocg auch benahm, ſo ſehr er Schritt vor Schritt die Eroberungen deckte, die er im Gebiete der Verſchwoͤrung weiter machte— die Beſtechung eines Regimentes, die Austheilung von Geldern und Rollen, kurz die ganze Vorbe⸗ reitung eines großen Schlages waren Dinge, die oft unwillkuͤhrlich das Geheimniß verletzten und auch einer minder ſcharfen, als Oſtermanns Wachſamkeit gefaͤhrliche Machinationen verrie⸗ then. Von vielen Seiten wagte man es daher endlich die Regentin aufmerkſam zu machen, ſie aus ihrer blinden Sicherheit reißen zu wollen und ihr ernſte Warnungen vor ihrer Tante Eli⸗ ſabeth zuzufluͤſtern. Aber Anna's Ohr blieb taub und ihr Herz dem Argwohn verſchloſſen. Vergebens wiederholte Finch, der brittiſche Mi⸗ niſter, der indeſſen mancherlei diplomatiſche Ent⸗ deckungen gemacht, Le Blanc's Rathſchlaͤge hin⸗ ſichtlich LEſtocqs; vergebens baten Oſtermann und der Hofmarſchall Lowenwalde, ja der alte Muͤnich ſelbſt, der bis dahin in ungeſtoͤrtem — 152— Frieden der Abgeſchiedenheit gelebt hatte, jetzt aber noch einmal zum Wohl des Thrones ſein altes ſchwaches Auge ſchaͤrfte und die Faͤden des Complotts zu entdecken meinte, ſich vor der Cza⸗ rewna zu huͤten.„8 mein Gott,“ rief Anna, durch einen dieſer letzteren Verſuche außer ſich gebrage,„wohin werdet ihr mich fuͤhren! Nicht meine Tante, nicht die Gzarewna Eliſabeth iſt meine Feindin, keine Verſchwoͤrung habe ich zu fuͤrchten, als die Eurige, meinen Frieden zu morden. Ihr habt Euren Zweck erreicht, be⸗ gnuͤgt Euch damit! Die Ruhe iſt weg aus mei⸗ ner Seele, das freundliche Vertrauen zum Men⸗ ſchen iſt dahin! aber ich will mich an den Bu⸗ ſen meiner Tante werfen und es dort wieder ſuchen.“ dr Bei einer ſo klar ausgeſprochnen Meinung blieb den treuen Rathgebern nichts uͤbrig, als zu ſchweigen und alle ihre Hoffnungen auf einen Zeitpunkt zu concentriren, der nicht mehr weit hinaus geſchoben werden ſollte, nehmlich auf die Kroͤnung Annens zur Kaiſerin. Das Gelingen dieſes Planes, meinten ſie, werde die geheimen / — 153— 1 Umtriebe, deren Daſeyn unleugbar war, erſchrecken, verwirren, ja wohl gar vernichten.— Indeſſen fand Graf Loͤwenwalde, daß es doch noch einen Weg gebe, um auf Anna zu wirken, den man bis jetzt verſaͤumt habe einzuſchlagen, nehmlich den, durch den Herzog, ihren Gemahl. Er kannte zwar ſo gut als der ganze Hof die ehkebbietige Scheu, womit beide Gatten ſich gegenſeitig aus der Ferne zu betrachten gewohnt waren, aber er glaubte die außerordentliche Veranlaſſung werde vielleicht ein Mittel ſeyn, ſie einander mehr zu naͤhern, und eine Warnung ven den Lippen An⸗ ton Ulrichs, der ſich ſonſt nie in Staatsangele⸗ genheiten miſchte, einen doppelten Eindruck auf die Regentin hervorbringen. Der Herzog ward daher von Oſtermann und Loͤwenwalde in die Kenntniß der Dinge eingeweiht und um ſeine thaͤtige Mitwirkung bei ſeiner Gemahlin zeluche Er lehnte ſie jedoch ab. So ſchnell ſein klarer Verſtand begrif, um was es ſich eigentlich hier handle, und wie die Politik geſtaltet ſei, von deren tauſend Zuͤgeln man jetzt einen in ſeine Hand legen wollte, ſo — 454— ſehr widerſtrebte ſein inneres Gefuͤhl bei einer ſo wichtigen Sache thaͤtig und handelnd aufzutreten. Er ſpuͤrte in ſich den dunklen Genius ſeines Le⸗ bens, der Alles, was von ihm ausging, mit ſei⸗ nem Fluche verfolgte, mit ſeinen naͤchtlichen Schleiern umhuͤllte.— Durch kein Zureden war er daher zu bewegen, ſeiner Gemahlin unmittel⸗ bare, als von ihm ſelbſt ertheilte Rathſchlaͤge zu geben; doch ſchienen ihm Briefe, ſcheinbar vom Auslande kommend, anonyme Zuſchriften und dergleichen, kein ganz unpaſſendes Mittel zu ſeyn, um ſo paſſender, da ſich die Perſon des War⸗ ners in dieſer Huͤlle verbergen konnte. Wie ſehr den Herzog auch hierbei ſein dunkles Schickſal fuͤhrte, wird der Verlauf der Geſchichte zeigen. Es war an einem der langen November⸗ abende*), als in den glaͤnzenden Gemaͤchern der Regentin die Verſammlung des Hofes bei Thee und Spiel ſtatt fand. Reich mit Diamanten geſchmuͤckt“ und von einem weiten Halbkreis ge⸗ putzter Damen umgeben, ſaßen Anna und Eliſa⸗ *¹) Am 23ſten. — 155— beth am Spieltiſch, mit ihnen der Herzog und ein anderer deutſcher Fuͤrſt, der ſich in ruſſiſchen Dienſten befand, der Prinz von Heſſen⸗Hom⸗ burg. Leicht und lebendig bewegte ſich die Un⸗ 4 terhaltung, die beiden kaiſerlichen Damen beſeelte die heitere Anmuth des Scherzes, ſie fluͤſterten in holder Vertraulichkeit mit einander, und wer ſie ſo ſah, mußte ſich ihrer herrlichen Erſcheinung freuen und zwei Schweſtern zu erblicken waͤhnen, wovon die Juͤngere ſich mit bingebender Liebe an die Aeltere anſchloß. Ploͤtzlich trat der Graf Loͤwenwalde mit einem goldnen Teller, worauf verſchiedene Papiere lagen, an den Spieltiſch, und bat die Regentin drin⸗ gend, einige Augenblicke der Durchſicht dieſer Blaͤtter zu widmen, die ein niederlaͤndiſcher Cou⸗ rier gebracht habe, und wichtig genug empfohlen worden waͤren. Nach einigem Zoͤgern unterbrach Anna das Spiel, begann ſich zum Hofmarſchall zu wenden und ein Papier nach dem Andern von ſeinem Teller zu nehmen. Sie las und legte das Geleſene gleichguͤltig wieder weg;„ein unter⸗ ſchriebener Handels⸗Traktat mit den General⸗ — 156— ſtaaten,“ ſagte ſie—„Vorſchlaͤge aus Saardam zum Flottenbau- gut, aber iſt das Alles ſo wichtig?“— Jetzt oͤffnete ſie auch den letzten Brief; ihre ſchoͤnen Augen flogen uͤber die fran⸗ zoͤſiſchen Zeilen hin, die er enthielt, und verfin⸗ ſterten ſich ſchnell; ſie warf einen Blick auf Eliſabeth und fuhr fort zu leſen, aber jemehr ſie las, jemehr verbreitete ſich Todesblaͤße auf ihrem Antlitz, ihr Buſen begann in aͤngſtlichen Schlaͤ⸗ gen zu klopfen; das Blatt entſank ihr und ſie ſtarrte ungewiß fragend um ſich her. Die Baro⸗ neß Aurora von Mengden, die von den Damen ihr zunaͤchſt ſtand, nahm den Brief vom Boden ⸗ auf, und reichte denſelben ihrer Gebieterin wieder zu. Dieſe aber ergriff ihren Arm, erhob ſich, winkte dem Grafen Lowenwalde„ und ließ ſich von beiden durch den Saal fortfuͤhren nach einem entlegenen Cabinet.. Der Brief, der dieſe außerordentliche Wirkung hervorbrachte, war aus Bruͤſſel datirt, und hatte keinen Namen zur Unterſchrift⸗ Er enthuͤllte der Regentin die ganze Gefahr, in welcher ſie ſchweb⸗ te, und nannte mit Namen alle die Mitwiſſer — 4157— und handelnden Perſonen des Complottes, das gegen ſie angeſponnen worden war. LEſtocq, hieß es, ſtehe mit dem franzoͤſiſchen Geſandten in der engſten Verbindung, beſuche haͤufig deſſen Hotel, und habe daſelbſt große Summen von ihm empfangen, die zur Beſtechung des Militairs verwendet wuͤrden. Der Zweck von dem Allen ſei, die beſtehende Regierung umzuſtuͤrzen und Eliſabeth auf den Thron zu erheben, dieſelbe wiſſe ſehr wohl darum, und arbeite ſchon lange mit meiſterhafter Verſtellung dieſem Plan entge⸗ gen. Keine Maaßregel ſei daher fuͤr die Sicher⸗ heit und Rettung des Kaiſers wie der Regentin nothwendiger, als eine ſchleunige Gefangenneh⸗ mung der Czarewna und ihres Wundarztes. Anna durchlas mehremal mit einem gemarter⸗ ten Herzen dieſen ungluͤcklichen Brief, und ließ auch den Grafen Loͤwenwalde und die Hofdame an ſeinem Inhalt Theil nehmen.„So viel wird mir gewiß,“ rief ſie endlich in Thraͤnen, „daß ich von grimmigen unverſoͤhnlichen Feinden umringt bin! Dieſer Brief ſtamme, woher er will— die Hand, die ihn zu ſchreiben wagte, bohrt den Dolch in mein Herz. Wie? Eliſabeth, mit der ich ſo eben noch traulich gekoſet habe, meine naͤchſte Verwandte in dieſem Reich— ſie ſollte mich verrathen? Nimmermehr. Dieß alles iſt Luͤge!“ Bei dieſen Worten warf ſich ihr Lö⸗ wenwalde zu Fuͤßen und bat mit einer Stimme, worin ſich die treue Abſicht deutlich ausſprach, ihr Ohr dieſer Warnung nicht zu verſchließen, wenigſtens zur Vorſicht den im Brief bezeich⸗ neten Perſonen Arreſt zu geben, und eine genaue Unterſuchung uͤber ſie zu verhaͤngen. Anna durchmaß mit heftigen Schritten das Zimmer, ſie rang nach einem Entſchluſſe, end⸗ lich blieb ſie ſtehen.„Nein,“ rief ſie—„ich will auf kuͤrzerem Wege zur Wahrheit gelangen. Jetzt will ich thun, womit ich Euch ſchon oft gedroht habe. Auge im Auge, und Seele um Seele will ich ſie fragen, ob ſie mich verrathen hat, oder nicht! Fraͤulein von Mengden! bitten Sie die Czarewna, daß ſie ſich auf einige Au⸗ genblicke zu mir heruͤber bemuͤhe, doch kein Wort, hoͤren Sie! von dem was hier vorgefallen!“— Unterdeſſen war durch die a auſſäiende Entfernung 7* der Regentin der ganze Hofkreis in eine geſpannte Bewegung gerathen. Man fluͤſterte leiſe, man raunte ſich Vermuthungen ins Ohr, und aller Augen hafteten auf Eliſabeth, die vergebens kämpfte, ihrer Unruhe Meiſter zu werden. Mit hochrothen Wangen ſaß ſie da, auch ihr Buſen flog und ein unerklaͤrliches, aber unwiderſteh⸗ liches Gefuͤhl draͤngte Thraͤnen aus ihrem be⸗ klommenen Herzen in ihre Augen hinauf. Ihr war mit jedem Pulsſchlag, als werde ihre letzte Sekunde hereinbrechen, und mit undeutlichem Bewußtſeyn, woher dieſe Angſt ruͤhre, fuͤhlte ſie die Schauer der Vernichtung durch ihre Seele ziehen.— Die Erſcheinung der Mengden machte dieſem Zuſtand ein Ende; ſie ermannte ſich ploͤtz⸗ lich, und mit ihrer ganzen Majeſtaͤt ſich erhebend, folgte ſie der Einladung, die ihr Jene ausrichtete. Feſten Fußes wie eine herrſchende Monarchin, „Hoheit in Blick und Haltung, ſchritt ſie an den gebeugten Hoͤflingen voruͤber, und endlich uͤber die Schwelle des Zimmers, wo Anna ſie erwartete. „Tante, meine Tante!“ rief ihr dieſe, auf ei⸗ nem Divan ruhend, entgegen, und ſtreckte die Arme nach ihr aus,„wohl mir, daß Sie kom⸗ men! Man will uns trennen, meine Tante, ach, mehr als durch Weltmeere trennen, man will unſere Herzen in Haß und Feindſchaft entzweien; leſen Sie dieſen Brief!“ Sie reichte ihr ihn hin, und Eliſabeth konnte nicht anders, als das verhaͤngnißvolle Blatt leſen. So traurig die Ahnung auch war, die vor we⸗ nigen Minuten ihre Bruſt zuſammen ſchnuͤrte, und ſo groß der Trotz erkuͤnſtelter Unſchuld„wo⸗ mit ſie auf dem Wege hierher und beim Eintritt geprangt hatte— vor dieſem ſchrecklichen Papiere brach ihre Kraft zuſammen. Hier ſtand mit klaren Buchſtaben, ohne Umhuͤllung ausgeſprochen, ohne Zweifel, ach unleugbar wie das Daſeyn des gegenwaͤrtigen Moments ihr Verbrechen geſchrie⸗ ben, ein Verbrechen, deſſen Kundwerden ſie dem Schickſal der ungluͤcklichen Halbſchweſter ihres Vaters Preis gab, ihre Freunde dem Schaffot uͤberlieferte. Sie ſah alles verrathen— offen⸗ bart und keinen Schutz in und außer ſich, denn die Kraft der Verſtellung hatte ſie verlaſſen und den ſchuldbewußten Blick auf die Regentin zu — 161— richten, um in den Mienen derſelben ihr Urtheil zu leſen, wagte ſie nicht. Anna beobachtete ſie genau,— dieſe zunehmende Verwirrung im Antlitz, dieſe Todesblaͤſſe und die wankenden Kniee— das Zittern dieſer herrlichen, mit Diamanten geſchmuͤckten Arme— jeder Richter haͤtte die Anzeichen eines ſchuldigen Gewiſſens darin gefunden, aber konnte ſich nicht die ge⸗ kraͤnkte beleidigte Unſchuld eben ſo offenbaren?— In dieſem Sinn nahm Annens Engelherz, was ihre Augen mit Schrecken erblickten, und ſchon bereute ſie die unwuͤrdige Probe, der ſie ihre Tante unterworfen, als Graf Loͤwenwalde mit liſſtiger, thriumphirender Miene fragte:„nun, was erwiedern Ew. Kaiſerl iche Hoheit?n— Eliſabeth anſtatt mit edlem Zorne, wie es ſich gebuͤhrt haͤtte, wenn ſie unſchuldig war, die⸗ ſer anmaßenden Frage zu begegnen, ſtammelte ohne aufzuſehen mit bleichen Lippen:—„ich erwiedere, ich betheure— ich kann es beſchwoͤ⸗ ren, daß LEſtocq mein Wundarzt niemals, ſo lange Er in meinen Dienſten iſt, das Hotel der II. 11 — 462— franzoͤſiſchen Geſandtſchaft betreten hat— ich be⸗ theure— „Genug, meine edle Tante,“ unterbrach ſie Anna ploͤtzlich—„ fahren Sie nicht fort in die⸗ ſer unwuͤrdigen Vertheidigung, die Sie und mich zugleich entehrt, Loͤwenwalde! Sie haben es jetzt vernommen— LEſtocg ſtand nie mit dem Ge⸗ ſandten Chétardie in Verbindung, und die Un⸗ wahrheit dieſer Einen Beſchuldigung, hebt die Andern, duͤnkt mich, von ſelber auf. Ich will nichts weiter davon hoͤren, ich will jenes teufliſche Blatt nicht mehr ſehen— kommen Sie in mei⸗ ne Arme Eliſabeth!“— Ein Verlaßner— Ver⸗ dammter, der ſich von Himmel und Erde auf⸗ gegeben ſah, und zu dem nun ploͤtzlich ein mit⸗ leidiger Engel herabſteigt, und ihn an ſeine lie⸗ bende Bruſt nimmt, empfindet vielleicht, was Eliſabeth bei dieſen Worten der Regentin em⸗ pfand. Sie ſank in die geoͤffneten Arme derſel⸗ ben, ein Strom von Thraͤnen brach aus ihrem Auge, und machte dem toͤdtlich gepreßten Herzen Luft; an dem Buſen derjenigen, die ſie verrathen hatte, kehrte ſie zur Menſchlichkeit zuruͤck. Anna — 4 — 163— miſchte ihre Thraͤnen mit den ihrigen, und fuhr fort ihr liebevoll zuzureden; mit ihrem Taſchen⸗ tuch trocknete ſie die naſſen Wangen der Czarew⸗ na, ihre Lippen berüͤhrten deren Augen und Stirn, ihre Haͤnde ſtreichelten koſend uͤber ihre dunklen Locken hin;„meine Schweſter,“ ſagte ſie mit dem weichſten Accent ihrer Stimme, „warum ſind wir ſo lange entfernt von einander geblibben— warum haben unſere Herzen ſich nicht ſchon fruͤher gefunden?— Einſam ſtehen wir auf der kalten Hohe des Thrones, nach Freundſchaft und Liebe ſuchend, und wir verhoͤr⸗ ten die Stimme der Natur, die uns zu Schwe⸗ ſtern ſchuf?— Laſſen Sie uns dieſen Fehler wieder gut machen, die Vergangenheit durch die Zukunft verſoͤhnen, und uns von nun an namen⸗ los lieben!“— Eliſabeth erwiederte nichts, aber immer haͤu⸗ figer floſſen ihre Thraͤnen, immer inniger um⸗ ſchlang ſie die Regentin, es war als konnte ſie nicht wieder von ihr laſſen. Keine Verſtellung entadelte in dieſen Augenblicken ihr Herz, es ſtroͤmte uͤber von Empfindung, von Reue— ſo 41* = 464— vieler Liebe, ſo vieler Großmuth konnte ſie nicht widerſtehen.— Der Augenblick war gekommen, wo an dem reinen Feuer einer edlen Natur ſich ihr beſſeres ſelbſt entzuͤndete, wo ſie zu jeder er⸗ habenen Opferung faͤhig geweſen waͤre, und vor dem bloßen Gedanken an niedere Falſchheit er⸗ roͤthete. Ich will alles aufgeben, gelobte ſie mit hei⸗ ßen Schwuͤren in ihrem Innern— ich will meine Liebe, meinen Ehrgeiz aufgeben, meine Plaͤne zerreißen, und nach nichts ringen, als nach dem Wohlwollen dieſes Weibes. „Ja!“ rief ſie dann ploͤtzlich mit vernehm⸗ barer Stimme,„ich willige ein, laß mich Deine Freundin ſeyn, Anna!“ „Und“ fuhr dieſe, gleichſam wie noch ein⸗ mal von ihrem Genius gewarnt, fort—„und dort jener Brief enthaͤlt nichts als Laͤſterung, und ich darf ihre Verlaͤumder zur Rechenſchaft ziehen?“— „Ja!“ athmete Eliſabeth.— „O Himmel, wie wohl iſt mir!“ rief nun die Regentin aufſtehend, und huͤpfte leichten — 165— Schrittes, faſt tanzend durch das Gemach— „man hat mich um meine Verwandte betruͤgen wollen, und ich habe eine Freundin gewonnen! Laſſen Sie mich vor Ihnen knieen, Czarewna, laſſen Sie mich Ihre ſchoͤne Hand kuͤſſen, denn meine Seele huldigt Ihnen!“ „O wie iſt der Argwohn ſo ſchmerzlich, und das Vertrauen ſo begluͤckend!“ fuhr ſie fort, waͤhrend ſie wirklich ein Knie beugte, und mit ihren koſenden Lippen Eliſabeths Haͤnde kuͤßte, die leiſe unter dieſer Huldigung bebten.„ Das haben unſere Feinde nicht vorher geſehen, daß wir uns lieben wuͤrden, nicht wahr, Tante? Aber wir wollen es ihnen kund thun— Europa ſoll es erfahren, und— kommen Sie gleich jetzt meinem Hofe zu zeigen, welche Geſinnungen wir hegen.“ Mit liebenswuͤrdigem Eifer zog ſie Anna fort, und Eliſabeth folgte ihr willenlos. Sie blickte unterweges auf ihre Nichte herab, deren zartes ſeelenvolles Geſicht von einem Strahl himmliſcher Freude verklaͤrt war, und der innere Richter erhob ſeine Donnerſtimme von neuem in — 166— ihrem Herzen. Sie iſt die Gluͤckliche, rief er ihr zu, denn ſie iſt die Reine, die Flecken⸗ loſe, die keine Schuld belaſtet. Ich aber, der ſie vertraut, der ſie ſich arglos hingiebt— ich habe alle Schlingen fuͤr ſie bereit gelegt, alle Meſſer fuͤr ihren Buſen geſchliffen, und den Ab⸗ grund unter ihren Fuͤßen gegraben. Weh mir! was ſoll ich thun? Soll meine Hand ſie hinab ſtoßen, oder erretten? Nein fuhr Eliſabeth in ih⸗ rem Selbſtgeſpraͤch fort— ein Ungeheuer bin ich nicht, ich bin mit Muttermilch genaͤhrt wie ſie— ich kann die Menſchlichkeit nicht in meinem Her⸗ zen ermorden— Paul! Lebe wohl— lebe wohl, Hoffnung des Thrones— es iſt aus mit mir, und mit meiner Zukunft! Als beide Fuͤrſtinnen jetzt wieder in den Saal traten; die Spuren gewaltſamer Aufregung und vergoßner Thraͤnen im Antlitz, aber Arm in Arm, und eine gewiſſe Verklaͤrung von ſich ſtrahlend, ſtaunte der verſammelte Hof, ohne je⸗ doch dieſes Erſtaunen deutlich zu offenbaren. Der Herzog aber warf einen einzigen Forſcher⸗ blick auf ſeine Gemahlin, und die Czarewna, — 467— ſtockte einige Sekunden, einen Augenblick in dem Geſpraͤch, das er mit dem Prinzen von Hom⸗ burg fuͤhrte, und ſetzte dieſes dann fort. Die gewoͤhnliche Unterhaltung, das Spiel, ward wie⸗ der begonnen, aber Anna ſowohl als Eliſabeth konnten daſſelbe mit ihrem Herzen voll unge⸗ woͤhnlicher Empfindungen nicht lange ertragen; die Erſtere gab das Zeichen zum Aufbruch, und man trennte ſich, um unter dieſen Verhaͤltniſſen niemals wieder zuſammen zu kommen. Eliſabeth fuhr nach ihrem Palaſte zuruͤck, und als haͤtten ihre Gedanken ihn herbei gerufen, fand ſie LEſtocg in ihren Zimmern auf ſie war⸗ tend. Er war froͤhlich und guter Dinge, ſie aber entkraͤftet und bleich.„Behalte Deine Nachrich⸗ ten,“ rief ſie ihm entgegen, denn ſie bemerkte, daß er ein Papier hervorzog,„behalte ſie, ſie gelten nichts mehr, es iſt aus mit unſerm Spiel, mit unſern Hoffnungen, bereite mir ein Grab, denn ich will ſterben!“— „Kaiſerliche Hoheit,“ entgegnete der Wund⸗ arzt von dieſen Worten, und dem Ausſehen der Prinzeſſin beſtuͤrzt Sie erſchrecken mich,— 168— 1 was iſt geſchehen, kommen Sie nicht aus der Reſidenz?“ Sns „Aus den Armen der Regentin,“ ſagte Eli⸗ ſabeth mit ſtieren Blicken. „Nun, und was mehr?0 lachte der Wund⸗ arzt—„ſo iſt ja Alles gut. „Nicht Alles gut,“ fuhr Jene außer ſich fort—„nein, es iſt Alles vorbei! Sie hat mich geſchlagen, beſiegt mit Waffen, worauf ich getreten! L'Eſtocg gieb Deine Machinationen auf, zerreiß Deine Kontrakte, fuͤhre die Gemuͤther, die Du fuͤr mich gewonnen haſt, ihr wieder zu— ich kann ihren Thron nicht mehr beſteigen, ich kann es nicht, eher will ich ſterben.“ „Parbleu!« rief L'Eſtocq ſich auf einem Abſatz herumdrehend—„ich traͤume wohl? was muß ich hoͤren— belieben Ew. Hoheit ſich etwas naͤher zu erklaͤren.“— Er hielt fuͤr eine außer⸗ ordentliche Grille, fuͤr eine ſonderbare Phantaſie, die ihre Urſach wohl in einem koͤrperlichen Uebel⸗ befinden haben moͤchte, das, was er ſo eben ver⸗ — 8 — 169— nahm, als nun aber Eliſabeth unter Thraͤnen und Seufzern ihm die ganze Geſchichte dieſes Abends mittheilte, ihm auch den ungluͤcklichen Brief zu leſen gab, der ſie verurſacht hatte, und den ſie heimlich zu ſich ſteckte, begann er ernſter zu werden, und die Gefahr der gegenwaͤrtigen Lage einzuſehen. „Sie ſind alſo,“ fuhr er nach einigem Hin⸗ und Herreden, finſter fort,„Sie ſind alſo in dieſer teufliſchen ſentimentalen Scene ploͤtzlich un⸗ tergegangen? Eliſabeth, die ſtarke Tochter meines großen, ſeligen Herrn, welche das rechtmaͤßige Erbe ihres Vaters wieder zu erobern ſuchte, iſt verſchwunden, und ein ſchwaches, weinendes Weib, ohne Thatkraft, an ihre Stelle getreten! Welche Schmach!“ „Nicht dieſe Sprache,“ entgegnete Eliſabeth, „von Schmach iſt hier keine Rede. Wahrlich, LEſtocg, es war kein Gedanke von Schmach in mmaeeiner Seele, als ich mir heilig gelobte, meine Unternehmungen aufzugeben und ſie nicht in ihrem ruhigen Beſitze zu kraͤnken. Wahrlich LE⸗ ſtocq, ich fuͤhlte mich niemals ſtaͤrker und groͤßer — 170— und gluͤcklicher, als in jener Minute; ich war dem Himmel verwandt!“— nees Der Wundarzt ſchlug ein Gllaͤchter auf. „Du lachſt, Mann„“ zuͤrnte die Fuͤrſtin,„du lachſt, weil du die Gewalt nicht ahneſt, der ich gegenuͤberſtand.— Es war die Allmacht der Tugend, ich fuͤhle es, es war etwas Goͤttliches, dem kein irdiſches Weſen widerſteht.“ „Pah“— unterbrach ſie LEſtocg auf ein goldenes Kruzifix deutend, das in einer Niſche des Zimmers auf einem Bet⸗Altar ſtand,„dort iſt das Goͤttliche fuͤr eine ruſſiſche Thron⸗Praͤ⸗ tendentin— weiter nichts im Himmel und auf Erden! Was ſtreiten wir uns aber,“ fuhr er fort und warf ſich auf einen Stuhl, der dem Zeichnen⸗Tiſch der Prinzeſſin nahe ſtand„„gut, ich gebe nach. Wir ſind gleich unartigen Kin⸗ dern, die voreilig nach einem Zuckerbrod langten, auf die Finger geklopft, mit einer Bußpredigt entlaſſen, und ziehen uns weinend in unſere Winkel zuruͤck. Mittlerweile haben wir aber dreiſigtauſend Dukaten Schulden gemacht, um eine nimmerſatte Soldateska mit etwas beſſerm als Comisbrod zu fuͤttern,— wer wird dieſe be⸗ zahlen?“— „Ich verkaufe meine Juwelen,“ entgegnete Eliſabeth kleinlaut. 4„Vortrefflich!“ fuhr jener fort, waͤhrend er mit einem Silberſtift in der Hand, auf einem leeren Pergamentblatt zeichnete, vortrefflich! das geht! Ginge es nur eben ſo leicht, den Ein⸗ druck jenes verdammten Briefes zu vertilgen, deſſen Inhalt Loͤwenwalde und, ich wette meinen Kopf, auch Oſtermann, auswendig wiſſen! Oder glauben Sie, dieſe beiden Herren werden ſich eben ſo gut, als die Regentin, bei der Verſicherung beruhigen, daß ich niemals die Schwelle des Marquis de la Chetardie uͤbertreten habe? Da irren Sie. Man weiß zu viel. Trotz der Re⸗ gentin wird man uns nachſpuͤren, unterſuchen, verfolgen, und das Ende vom Liede wird ſeyn...—. Er ſtockte,„Nun was?“ fragte Eliſabeth beklommen. Statt der Antwort reichte ihr LEſtoeg mit einer[galanten Verbeugung das Pergamentblatt — 172— hin, worauf er mit vieler Geſchicklichkeit ein klo⸗ ſterartiges Gebaͤude, von Schaffotten und Galgen umringt, gezeichnet hatte.„Unſer letztes Schick⸗ ſal,“ ſagte er mit graͤßlicher Kaͤlte;„dieſes Haus fuͤr Sie und dieſe kleinen Geruͤſte fuͤr Ihre Freunde!“ Eliſabeth konnte einen lauten Schrei nicht unterdruͤcken. Sie ſtarrte die Zeichnung an, ihr Buſen athmete convulſiviſch.„Nein,“ rief ſie endlich,„nein, nein LEſtocg, man wird es ſoweit nicht treiben. Du verkenneſt meine Nichte Anna, ſie kann kein Blut vergießen, ſie iſt mild wie ein Engel.—“ „So lange ſie uns ſchuldlos glauöt,“ fiel LEſtocq ein.„Aber geben Sie ihr Zeit, laſſen Sie ſie hinter dieſe Taͤuſchung kommen, erkennen, daß ſie dennoch betrogen ward, ſo wird dieſes graͤnzenloſe Vertrauen einer graͤnzenloſen Rache weichen. Anna zweifelt aus Eitelkeit, die ſo groß 1 als ihre Tugenden iſt, daß ſie hintergangen wer⸗ den koͤnne, und daß noch andere Gefuͤhle, als die der Liebe und Bewunderung, in den Herzen der Menſchen fuͤr ſie Raum haben duͤrften— jetzt — 173— frage ich Sie ſelbſt, kann und wird ſ d bes Gegentheil verzeihen?“— „Nein,“ ſagte Eliſabeth kaum hoͤrbar nach einer Pauſe,„Du haſt Recht, EEſtocq, das kann kein Weib!“— „und geſetzt, Anna euͤnnte es,“ fuhr der Wundarzt fort,—„was wird Graf Oſtermann thun, und ſeine Parthei? Hier ſtoße ich auf un⸗ ſere Feinde, auf Loͤwen und Tieger zugleich, die wir ſo liſtig, ſo unausſprechlich klug und mit ſo vieler Gefahr zu umgehen wußten, und die uns nun zum Lohne dafuͤr zerreißen werden; von ihnen hoffen Sie keine Schonung.“ Eüiſabeth ſtand auf und ging mit heftigen Schritten durch das Zimmer.„Ha!“ rief ſie weinend,„dieſe Gehaßten, die die Tochter desjeni⸗ gen verfolgen, der ſie aus dem Staube erhob und groß machte! Ich werde mich nicht mehr an ih⸗ nen raͤchen duͤrfen! das ſchmerzt mich, LEſtocq!“ „Das ſchmerzt Sie,“ rief dieſer; ſich ihr zu Fuͤßen werfend,„ach, und keine Regung des Mit⸗ leids, und keine Thraͤne haben Sie fuͤr den un⸗ gluͤcklichen Diener, der Ihnen treu war bis auf dieſen Augenblick, der mit Gefahr ſeines Lebens Ihr Gluͤck zu bauen ſuchte, und den Sie nun ſchmaͤhlich verlaſſen. O, ſieh herab, großer Vater, wie deine Tochter ihre heiligen Rechte ſo klein⸗ muͤthig aufgiebt, und gieße einen Tropfen Deines Heldengeiſtes in ihre zagende Seele. Eliſabeth, um meinetwillen ermannen Sie ſich, ziehen Sie Ihre Hand nicht von mir ab, ich bin verloren, wenn Sie zuruͤcktreten, und habe das nicht um Sie verdient.“ „Nein,“ entgegnete Eliſabeth und ergrif ſei⸗ ne Haͤnde mit ihren beiden,„nein, guter Herr⸗ mann, lieber LEſtocg, ich verlaſſe Dich nicht, und will Alles fuͤr Dich thun. So wie Du jeßt vor mir knieeſt, ſo will ich mich hinwerfen vor die Regentin und um Deine Begnadigung flehen!— Vor Löwenwalde, vor Muͤnich, vor Oſtermann ſelber, wenn es noͤthig iſt, ich bin zu Allem bereit. Nur fordere nichts von mir, was mein Herz aufgehoͤrt hat, leiſten zu koͤnnen. Noch geſtern war der Thron ſein Idol, von heute an ſehnt es ſich nach dem Schleier— 11 — 175— CLFEſtocg ſtand ſchnell auf und wandte ſich, wie vernichtet, nach dem Hintergrunde des Zim⸗ mers zuruͤck; hier blieb er eine Weile unbeweg⸗ lich, den Blick finſter und kalt vor ſich hin ge⸗ richtet, es war, als habe er alle ſeine Kraͤfte er⸗ ſchoͤpft. Waͤhrend dem ſank Eliſabeth auf ihren 4 Betſchemel, ihre Arme umfaßten den kleinen Al⸗ tar, ihr ſchoͤnes Haupt neigte ſich darauf nieder, und ihre Augen ſchloſſen ſich.— Das Schwei⸗ gen des Todes herrſchte mehrere Minuten lang in ihrem Gemach.— Ploͤtzlich fuͤhlte ſie LEſtocqs Hand leiſe ihre Schulter beruͤhren, ſein Athem wehte dicht an ihrem Ohr—„Etwas,“ ſagte er,„etwas haben Ihre Kaiſerliche Hoheit doch zu berechnen vergeſſen, haben Sie auch an Paul gedacht bei Ihrem Entſchluſſe? Er, der Schul⸗ digſte von Ihren Freunden, was wird ſein Schickſal ſeyn, wenn wir fallen?“— 2 „Paul!“ rief Eliſabeth aufſpringend,„o Gott, mein Paul.“— „Ihn rettet nichts,“ fuhr LEſtocq ploͤtz⸗ lich, Triumph in Blick und Mienen, fort— „Jedes Kriegsgericht, das barmherzigſte ſelbſt, im Fall Sie aber Kaiſerin geworden waͤren, ſtand es bei Ihnen, den Werth ſeiner Handlun⸗ gen zu beſtimmen.“— „Bei mir,“ entgegnete die Fuͤrſtin ſinnend, „o Himmel, bei mir! Du haſt Recht, LEſtocq, fuͤr ihn allein habe ich ja Alles gethan, ihn zu erheben habe ich nach der Gewalt geſtrebt, ihn groß zu machen war das Ziel aller meiner Tha⸗ ten und Gedanken. Denn ſeit ich ihn zum er⸗ ſtenmale ſah, habe ich ihn geliebt. Seit jenem himmliſchen Augenblick war mein Daſeyn nur ein Streben nach ihm, die Welt ging unter um ihn her. Meine Phantaſie hatte keine Farben mehr als fuͤr ſein Bild, meine Träume keinen Abgott als ſeine ſuͤße Erſcheinung— und in meinen Plaͤnen fuͤr die Zukunft herrſchte nur Er! Ihr Thoren bildetet Euch ein, ich lebte fuͤr Euch! — Als er mir nun naͤher trat, LEſtocg— als ich alle Kuͤnſte ſpielen ließ, ihn zu erobern, und endlich uͤber ſeine Tugend den Sieg davon trug, 4 da LEſtocg, da war der Himmel mein, und ich gelobte mir, ihm die Erde zu unterwerfen. Dich ließ ich gewaͤhren, denn Dein Treiben ver⸗ II. 12 — 16— verdammt ihn zum Tode. Iſt er er nicht Offi⸗ cier des Kaiſers Iwan, und hat er nicht um unſere Geheimniſſe gewußt? Wer fuͤhrte auf mein Zureden ſeine Soldaten aus der Staraja⸗ Nuſſa hinweg, als er Befehl hatte uns gefangen zu nehmen, wer hat mich und mein Geld auf jener Bruͤcke gerettet und geſchwiegen? das Alles war Hochverrath und kann nicht vergeben werden.“ „Du raſeſt, Ungluͤcklicher, ſchrie Eliſabeth— „Hochverrath, was er aus Liebe zu mir, was er aus himmliſchem Erbarmen gethan hat! wie? man ſollte es wagen ihn anzutaſten, ihm ein Haar zu krummen, an dem meine Seele haͤngt, den ich mehr liebe, als mein Leben? LEſtocq, wiederrufe, was Du geſagt haſt, denn dieſer Gedanke toͤdtet mich.“ 3 „MNichts kann ich wiederrufen,“ erwiederte Jener,„ſondern Ihnen nur einen Ausweg zu ſeiner Rettung zeigen. Eliſabeth, der Himmel iſt guͤtiger gegen Sie, als Sie es verdienen, indem er Ihnen noch ein Mittel zur Ermuthigung laͤßt. Hdͤren Sie mich wohl an! Hochverrath hat Paul⸗ begangen, da wir zu unterliegen im Begriff ſind, — 178— ſprach mir eine Krone, die der Schmuck ſeiner Locken werden ſollte, und inei Scepter zum Spyielwerk ſeiner Haͤnde... Der Wundarzt laͤchelte.„Bald,“ fant er, „werden dieſe ſchoͤnen Haͤnde verdorrt, und dieſer holde Kopf ein Eigenthum des Scharfrichters ſeyn. Der arme Junge dauert mich ſelber. Dann, wenn Geyer und Raben um den Pfahl flattern, und die Augen aushoͤhlen werden, die einſt Eliſabeths Sterne waren— wenn der Nachtwind dieſes Haar— einſt ihr Liebesnetz, zum wirren Graus entzaubert haben wird— ℳ „Halt ein!“ ſchrie die Prinzeſſin,„mein Herz zerreißt— was ſoll ich thun?“ EEſtocq nahm nun ihre Hand, die fieberhaft gluͤhte, und fuͤhrte ſie zu einem Divan„ worauf er ſie e⸗ ſchoͤpft niederließ. „Meine theure Czarewna,“ fuhr er fort,„Sie befinden ſich ſchon dieſen ganzen Abend in einem Zuſtand der Exaltation, worin Sie keinen richti⸗ gen Entſchluß zu faſſen vermoͤgen. Ueberlaſſen Sie ſich der Sorgfalt Ihres treuen Dieners, der ſchon ſo oft fuͤr Sie handelte. Nur Eins, — 479— Eins nur, meine geliebte Fuͤrſtin, bitte ich Sie einzuſehen. Wir ſind nicht mehr in der Lage, wo wir den Eingebungen einer momentanen „Großmuth Gehoͤr geben duͤrften. Wir haben keine Wahl mehr, das Schwert haͤngt an einem Haar uͤber uns, es ſtuͤrtt herab, wenn wir ihm nicht zuvorkommen. Ein Krieg um Leben und Leben hat ſich jetzt zwiſchen Ihnen und der Re⸗ gentin erhoben— Sie ſind verleren, wir alle ſind es, und der Gegenſtand Ihrer Liebe mit uns, wenn Sie ohne Gegenwehr den Kampf⸗ platz raͤumen. Wollen Sie das— wollen Sie Pauls Blut auf Ihrer Seele haben?“ „Nein, LEſtocq,“ antwortete Eliſabeth unter Thraͤnen,„das will ich nicht, ich will Alles thun, was Du fuͤr gut findeſt.“— „Wohlan! Jetzt ſind Ew. Hoheit wieder Sie ſelbſt, jetzt ſind Sie Peters Tochter wieder. Aber kein Augenblick Zeit iſt zu verlieren. Dieſe Nacht noch oder morgen muß unſer Werk aus⸗ gefuͤhrt ſeyn. Sieg oder Tod!“ „Sieg oder Tod!“ wiederholte Eliſabeth mit gerungenen Haͤnden. 8 12 † — 180— „Schreiben Sie,“ fuhr der Wundarzt fort, „ſchreiben Sie augenblicklich einige Zeilen an den Marquis de la Chétardie. Wir brauchen noch Zehn tauſend Dukaten. Bitten Sie ihn darum.“ „Wo denkſt Du hin?“ rief die Prinzeſſin. „Ich, an Choétardie ſchreiben, und wie wollteſt Du das Billet in ſeine Haͤnde bringen?“ „Ich ſelbſt trage es zu ihm,“ entgegnete Jener.„Jetzt habe ich nichts mehr zu ſchonen. Schreiben Sie, ſchreiben Sie- dann ſollen Sie weiter von mir hoͤren.“ Er rollte bei dieſen Worten den Schreibtiſch der Prinzeſſin vor den Divan, gab ihr eine Fe⸗ der in die Hand, und faſt gaͤnzlich willenlos ſchrieb Eliſabeth, was ihr LEſtocg dictirte. Als er das Billet in den Haͤnden hatte, leuchteten ſeine Augen wieder voll Muth und Feuer auf. Er kuͤßte ſeiner Gebieterin die Haͤnde, und bat ſie, getroſt zu ſeyn, und ſich fuͤr jetzt den Er⸗ quickungen des Schlafes hinzugeben.„Denn,“ ſagte er,„Ihr erſchoͤpfter Koͤrper und gequaͤlter Geiſt brauchen Ruhe, und morgen duͤrften beide Standhaftigkeit und Keoſe noͤthig haben.“ Mit — 181— dieſer Hindeutung verließ er Sie, und Eliſabeth folgte ſeinem Rathe. So ſchwer war dem Wundarzte noch kein Sieg der Ueberredung geworden; als er die Trep⸗ pen des Palaſtes hinunter eilte, trocknete er den Schweiß von der Stirn. Geraden Weges eilte er von da zum Hotel des franzoſiſchen Geſand⸗ ten und nicht wenig war der Marquis uͤberraſcht, aus dem Schlaf geweckt zu werden und LEſtocq in ſeinem Hauſe, vor ſeinem Bett zu erblicken. Der Drang der Umſtaͤnde, den ihm derſelbe ſchleunig auseinander ſetzte, entſchuldigte jedoch dieſe Verletzung alles Gewoͤhnlichen und obwohl Chétardie ganz beſtuͤrzt daruͤber war und nicht wußte, was er zuerſt fragen, zuerſt rathen ſollte, ſo ließ er ſich dennoch endlich willig finden, den Ueberredungskunſten LEſtocqs und dem eigenhaͤn⸗ digen Billet der Czarewna abermals nachzugeben. Er ſchloß ſein Buͤreau auf und reichte jenem ſeufzend eine Chatulle mit der verlangten Sum⸗ me hin; es waren jetzt vierzigtauſend Dukaten*), —— 2 Geſchichtlich. Sie ſind ſpaͤterhin nur zur Haͤlf⸗ te zuruͤckgezahlt worden. — 182— die er im Ganzen vorgeſchoſſen hatte. Nur mit halbem Ohr vernahm LEſtoeg die Ermah⸗ nungen zur Vorſicht bei dem gefaͤhrlichen Unter⸗ nehmen, die Gluͤckwuͤnſche, die Bitten des Ge⸗ ſandten im Fall des Mißlingens, ihn und ſeinen Hof nicht zu compromittiren, er eilte mit dem Gelde fort und ſtand nun wieder auf der Straße mitten in der kalten unwirthbaren Nacht, die nur von wenigen Sternen erhellt war. Die Kaͤlte ſchlug ſeine Zaͤhne vor Froſt aneinander„ aber unter ſeiner heißen Stirn tummelte ſich ein Heer von Entwuͤrfen und Plaͤnen, wovon einer immer den andern verdraͤngte. Der naͤchſte Mo⸗ ment mußte benutzt werden, aber wie am geſchick⸗ teſten; wo zuerſt das rieſenhafte Werk angreifen? Noch ſtand er unerſchuͤttert, dieſer maͤchtige Thron, noch ſaßen ſeine Inhaber gewaltig herr⸗ ſchend darauf, von Tauſenden und aber Tauſen⸗ den geſchuͤtzt, von Millionen liebender Unterthanen 3 umgeben und Er, ein ſchwaches Individuum, deſſen Kraͤfte ſich zu den ihrigen, wie der Tropfen zum Weltmeer verhielt; er hatte es unternommen, ſie aus ihrem Beſitze zu reißen, ſie von dem Gi⸗ 4 — 183— 6* pfel ihrer Macht herabzuſtuͤrzen und ſeine Clien⸗ tin an ihre Stelle zu ſetzen? Kein Wunder, wenn ſein kuͤhner Geiſt vor dieſen Betrachtun⸗ gen ſchwindelte, indeſſen verlor er darum die Be⸗ ſonnenheit, die ihm jetzt ſo nothwendig war, keinesweges. Er uͤberdachte ſchnell die Lage der Dinge. Das Militair war das einzige Werk⸗ zeug, deſſen er ſich zu einem raſchen und ent⸗ ſcheidenden Schlage bedienen zu koͤnnen, hoffen durfte, aber von allen Garderegimentern, die in und bei St. Petersburg lagen, war es allein das Preobraſchenskiſche, in welchem bis jetzt ſeine Beſtechungen einige Fruͤchte getragen hatten. Da er aber keinen Offizier außer Paul in ſeine Abſichten hatte einweihen koͤnnen und nur eine geringe Anzahl von Grenadieren durch Herrn Schwarz dahin gewonnen worden war, bei jeder Loſung fuͤr die Prinzeſſin El ſabeth ihre Waf⸗ fen zu ergreifen; ſo konnte man dies auch nur einen mißlichen Stuͤtzpunkt nennen. Indeſſen er⸗ gab ſich auf der andern Seite auch wieder der gunſtige Umſtand, daß vor wenigen Tagen ein 24 Befehl erſchienen war, dem zufolge ein großer 8 — 183— Theil der Garderegimenter ſich fertig halten ſollte, nach Finnland wider die Schweden zu marſchie⸗ ren, und daß dieſer Befehl viele Unzufriedenheit erregt hatte. Hierauf fußte Eſtocg und ſeine Verwegenheit, welche vielleicht den edlern Namen des Muthes verdient, richtete ſich daran glaͤnzend wieder empor. Er nahm ſeinen Weg zum Re⸗ gimentshauſe der Preobraſchenskiſchen Garde und 4 erkannte zu ſeinem Vergnuͤgen in der Schildwach, die vor demſelben auf und nieder ging, ſeinen Freund und Feind, Peter Schubin, der ſich ſeit Kurzem von ſeiner Krankheit erholt und den Dienſt heute zum erſtenmale wieder angetreten hatte. So viel Kenntniß beſaß OEſtocg ſchon von deſſen Charakter um zu wiſſen, daß Gold der Goͤtze war, vor dem er ſich beugte, und der Pe⸗ tern zu allen bewegen konnte; ſeine Klugheit rieth ihm daher, dieſes jetzt eben ſo wenig als freundliche Redensarten zu ſparen und mit einem vollen Erguß der Letzteren oͤffnete er ſeine Cha⸗ toulle, brach einige Rollen auseinander und ließ die klingenden Stuͤcke in die Hand und in den Torniſter des Soldaten gleiten. Jetzt durfte er uͤber ihn gebieten, And er erfuhr, was er zu wiſſen wuͤnſchte, nehmlich, daß ein Theil der vierten Compagnie morgen die Wache im Kaiſer⸗ lichen Palaſt beziehen werde, und daß ſo eben faſt ſaͤmmtliche Offiziere, die im Regimentshauſe wohnten, zu einem großen Gaſtmahl auswaͤrts ſeyen, welches ihre Cameraden von einem andern Regiment veranſtaltet haͤtten. Hierauf ließ ſich LEſtocq die Namen derjenigen Soldaten nennen, die ſich in der Wachtſtube befanden, und als er vernahm, daß es faſt lauter Bekannte waren, die ſchon fruͤhere Geſchenke nicht zuruͤckgewieſen hatten, ging er dreiſt in das Haus und trat mitten unter ſie.—„Freunde!“ redete er ſie an,„kennt ihr mich wohl, und wenn ihr mich wieder kennt, als den treuen Diener der großen Prinzeſſin Eliſabeth Petrowna, unſerer theuren Gzarewna, die Euch liebt, wie ihre Kinder, ſo werdet ihr einſehen, daß ich nur in guter Abſicht zu Euch kommen kann. Ihr armen Burſche, ſeyd von der Regentſchaft beſtimmt zu marſchie⸗ ren, nach Finnland zu marſchieren gegen unſere braven Nachbarn, die Schweden, die eine aber⸗ 2— 186— malige Kraͤnkung von unſerer Seite gewiß nicht verdienen. Geht ihr gern in dieſen Feldzug? ⁷ „Nein, nein Herr L'Eſtocg, nein!“ erſcholl es von allen Seiten.„Warum nicht?“ ſagte eine einzige Stimme— es war die, Fedors— warum nicht, wenn es unſere Obern befeh⸗ len?“ Ein lautes Geraͤuſch uͤberſtimmte den treuen Sprecher, L'Eſtocq warf einen wuͤthenden Blick auf ihn und fuhr fort: „Die Czarewna kann Euch die Schmach je⸗ nes Feldzuges erſparen— es ſteht in ihrer Macht und ſie will es, wenn Ihr Euch als ihre treuen Kinder benehmen„ und morgen ein⸗ mal alles thun und ausfuͤhren werdet, was ſie befiehlt— Soldaten, ſtellt Euch vor, man hat es gewagt, auf die ungluͤckliche Prinzeſſin, auf Eure Beſchuͤtzerin und ſtete Vertreterin vor dem Throne einen ſchaͤndlichen Verdacht zu werfen, und will ſie morgen zu einem niedrigen Verhoͤr nach dem Winterpalaſt fuͤhren! Leidet das nicht!“ „Reihet Euch um ihren Schlitten, wenn ſie hier voruͤberzieht und Euren Schutz aufruft. Eure Ehrfurchtgebietenden Waffen„ Eure Treue — — 187— gegen Eure Wohlthaͤterin wird ihre ſchaͤndlichen Anklaͤger in Furcht ſetzen, und ihr die Freiheit verſchaffen. Dann, wenn Ihr dieſes ſchoͤne Ziel erreicht hat, wird es auf Euch ankommen, noch ein ſchoͤneres zu erringen, nemlich die gekraͤnkten Rechte der Kaiſerstochter, der die Krone gebuͤhrte, welche jetzt ein fremder Stamm traͤgt, wieder aufzurichten. Daran denkt, tapfere Grenadiere, deren Waffen und Farben Eliſabeths Vater vor Allen liebte, und ehrt ihn in ſeiner Tochter! Von ihrer Niebe zu Euch, die ſie geerbt hat, von ihrer freigebigen Großmuth, die Ihr ſchon mehr als einmal erfahren habt, kann ich abermals Be⸗ weiſe geben. Seht, Eliſabeth bezahlt Dienſte, die Ihr noch nicht einmal geleiſtet habt, fuͤrſt⸗ licher als Ihr je bezahlt worden ſeyd, und ſendet Euch dieſes Gold durch mich.“ Hatte dieſe Rede ſchon heftig in den Gemuͤ⸗ thern der Grenadiere gewirkt, ſo waren die Haͤn⸗ de voll glaͤnzender Dukaten, die LEſtocg jetzt un⸗ gezaͤhlt rings umher austheilte, nicht geeignet⸗ dieſe Wirkung zu ſchwaͤchen. Begierig grif man uͤberall zu, ein maͤchtiges Hurrah wogte ſchon — 188— wie verhaltener Donner auf den Lippen der Sol⸗ daten, und LEſtocg hatte Muͤhe, es nieder zu druͤcken. „Jetzt nicht, jetzt noch nicht, meine Kinder,“ ſagte er freundlich, gleich einer Segen ſpendenden Gottheit,„jetzt haltet Euch noch ruhig. Ver⸗ ſpart Euren loͤblichen Eifer, Euren Enthuſias⸗ mus bis morgen zur paſſenden Stunde, wenn ich das Signal gebe. Jeder von Euch hat ja wohl einen vertrauten Bekannten, einen Freund, der gleich brave Geſinnungen mit ihm fuͤhlt; die⸗ ſen nun, meine Soͤhne, theilt im Stillen mit, was ich Euch jetzt mitgetheilt habe; gewinnt ſie fuͤr die gute Sache, damit wir eine recht ſtarke Stuͤtze finden, und denkt Ihr etwa, dieſes Gold waͤre das Letzte, das Euch die Prinzeſſin, wenn Ihr ihr beiſteht, zufließen laſſen wird? da irrt Ihr Euch. Ihre Dankbarkeit iſt ohne Graͤnzen, und auf Offizierpatente, Adel, und Ritterguͤther koͤnntet Ihr, gemeine Burſche, getroſt rechnen, wenn ſie Kaiſerin waͤre“— „Sie lebe!“ murmelte es abermals durch den ganzen Kreis. 4 — 489— „Ich bin zufrieden, mit dem was ich bin,“ lachte Fedor dazwiſchen. „Du Toͤlpel,“ wandte ſich EEſtocg an ihn, „Du loſer Schalk, der Du nur immer wider⸗ ſprechen willſt, gut biſt Du doch, ich kenne Dich wohl und Dein treues, dankbares, ja Dein groß⸗ muͤthiges Herz. Du kannſt am allerwenigſten vergeſſen, was die Czarewna fuͤr Deine Schwa⸗ gerin und ihre Sippſchaft gethan hat. Waͤre es aber dennoch der Fall, ſo empfange hier eine neue Errinnerung an ihre Gnade.“ Er reichte ihm eine Hand voll Gold, aber Fedor wies ſie zuruͤck. „Nicht doch, Herr EEſtocq,“ ſagte er ſcher⸗ zend,„behaltet's, es iſt nicht angewandt bei mir. Mein Gemuͤth iſt ja wohl ganz, aber meine Taſchen ſind zerriſſen, dies runde Zeug rollt nur ſo hindurch. Wißt Ihr was! gebt es draußen meinem Bruder Peter, der hebt es beſſer auf. Oder legt es hierher fuͤr ihn, weil er jetzt unterm Gewehr iſt, und kein Geld annehmen darf.“ LEſtoca laͤchelte, druͤckte ihm die Hand und befolgte ſeinen Rath. Noch einmal ſchaͤrfte er — 4190— den Grenadieren ein, was er ſo eben geſagt hatte, bat um ihre Verſchwiegenheit bis zum entſchei⸗ denden Augenblick, und verließ, voͤllig befriediget von dem Erfolg ſeiner Bemühungen, aber freilich mit etwas erleichterter Chatoulle, die Wachtſtube. Draußen befahl er Petern, der vor ihm das Ge⸗ wehr anzog, morgen Abend, bei einbrechender Dunkelheit, mit einigen ſeiner Kameraden auf dem Marsfelde ſich einzufinden und in der Naͤhe von Eliſabeths Palaſte ſeiner zu warten. Er unterſtuͤtzte dieſen ſeinen Befehl mit noch ei⸗ nem goldnen Haͤndedruck, und eilte nach Haus.— So ſpaͤt es indeſſen geworden war, die Be⸗ muͤhungen dieſer Nacht hatten fuͤr den thaͤtigen Mann ihr Ende noch nicht erreicht. Schwarz und Gruͤnſtein wurden geweckt, und ihnen die ge⸗ meſſenſten Inſtructionen ertheilt, ſich ſogleich nach dem Kaiſerlichen Palaſt zu begeben, und auf alles genau zu achten, was ſich daſelbſt ereignen wuͤrde. Schwarz, der viele Bekanntſchaft unter den Schloßbedienten hatte, ſollte das Innere, Gruͤnſtein die Umgebungen des Palaſtes im Auge halten, und beide von jeder ungewoͤhnlichen — 491— Veraͤnderung, die ſie bemerken wuͤrden, ſogleich Bericht abſtatten. LEſtocg bezweckte hiermit, vorzuͤglich in Erfahrung zu bringen, ob am Hof alles ruhig bliebe, ob man die gewoͤhnlichen Wachten etwa verſtaͤrkt habe, und wo das Schlaf⸗ zimmer der Regentin, welches ſie zuweilen wech⸗ ſelte, ſich gegenwaͤrtig befinde.— Er erhielt im Lauf des folgenden Tages die gewuͤnſchten Nach⸗ richten durch ſeine Agenten. Jetzt uͤberließ er ſich auch auf kurze Zeit der Ruhe, aber der er⸗ quickende Schlaf floh ſein Lager, und ein Heer zum Theil glaͤnzender, zum Theil furchtbarer Bilder, draͤngte ſich im wilden Wirrwarr an ſei⸗ nen geſchloſſenen Augen voruͤber. Die große Criſis des Schickſals gaͤhrte in ſeinem Blute, und trieb es ſtuͤrmiſcher als ſonſt zu ſeinem muth⸗ vollen Herzen, obgleich er die Nothwendigkeit ein⸗ ſah, der Prinzeſſin eine heitere, ja zuverſichtliche Miene zu zeigen, und auch im Uebrigen den kommenden Tag hindurch die Gleichguͤltigkeit des alltaͤglichen Lebens zur Schau zu tragen. End⸗ lich ging die verhaͤngnißvolle Sonne des vier und zwanzigſten Novembers auf und LEſtocg fuhr in — 4192— den geheimen Zuruͤſtungen fort, die er zu ſeinem großen Plane noͤthig erachtete. Es haͤtte jedoch wenig gefehlt, daß Eliſabeths Standhaftigkeit vor dieſem Plane, der ihr nun in allen Einzelnheiten auseinander gelegt ward, abermals zuſammengebrochen waͤre. Sie ſollte jetzt die eiſernen Wuͤrfel zwiſchen Seyn und Nichtſeyn ergreifen, die Hauptrolle in einem Drama uͤbernehmen, deſſen letzter Act uͤber ihre Leiche hinwegrauſchen konnte, ſie ſollte mit dem Schwerte der Gewalt aus ihren ſtillen Frauenge⸗ maͤchern heraustreten und den zarten verwoͤhnten Leib den Gefahren eines moͤglichen Gefechtes Preis geben! Dieſe weiche ſehnſuͤchtige Bruſt, mit dem Bilde des Geliebten erfuͤllt— der Ru⸗ heſitz koſender Amoretten, wer ſchuͤtzte ſie vor den Flintenkugeln widerſpenſtiger Grenadiere? Wer dieſe ſchoͤnen Schläfe vor den Saͤbelhieben von Annas Getreuen? Scenen des Mordes und des Gemetzels entfalteten ihre graͤßlichen Zuͤge vor Eliſabeths Seele— ſie ſchauderte, ſie wankte, aber es gelang LEſtocg faſt durch dieſelben Be⸗ wegungsgruͤnde, als diejenigen waren, die er in vergangner Nacht anwandte, ihren hinſinkenden Muth wieder zu ſtaͤhlen, zudem verſprach er alle moͤglichen Maasregeln zu ihrer perſoͤnlichen Si⸗ cherheit vorbereiten zu wollen, und ſo ergab ſie ſich von Neuem in Alles, was er anordnen wuͤr⸗ de. Die Liebe trug abermals den Sieg uͤber ihr zagendes Herz davon.„Mein Juͤngling,“ rief ſie, als ſie allein war,„ſieh, ſo liebe ich dich, daß ich den Tod ſelber nicht fuͤrchte! fuͤr dich nur trete ich auf den Kampfplatz, denn deinem theu⸗ ren Haupte droht Gefahr und ich habe dir ja eine Krone verſprochen. Heute in der Nacht ſtrecke ich meine ſchuldige Hand darnach aus und reiße ſie hinterliſtig von der Stirn meiner Freundin herab, morgen aber, wenn Du erwachſt, biſt Du Herr uͤber Millionen, oder— Du weinſt uͤber meine Leiche.“— Der letztere Ge⸗ danke uͤberwältigte ſie; ſie ſtuͤrzte vor dem Betal⸗ tar nieder und hob ihre Haͤnde in ſtummem Fle⸗ hen zu dem Kruzifix empor, aber es war, als blicke der Gekreuzigte ſchmerzlich und zuͤrnend auf ſie herab und als gebe das Gebet keine II.— 13 3 ——— —-— —— — 194— Troͤſtungen in dem bangen Zweifel verbreche⸗ riſcher Wuͤnſche.— LEſtocg hatte nach mannigfachem hin und her Ueberlegen beſchloſſen, Paul nicht in Voraus von der Exploſion zu unterrichten, zu welcher er ſo lange vorher die Mine hatte graben ſehen; die neueſten Ereigniſſe veraͤnderten in dieſer Ruͤck⸗ ſicht Alles und ſtießen die fruͤhern, wohl berechne⸗ ten Entwuͤrfe gaͤnzlich um; im gegenwaͤrtigen Moment kam alles darauf an, zu uͤberraſchen, zu erſchrecken und durch die Beſtuͤrzung zu ge⸗ winnen. Moͤglich, daß Paul, in das Geheimniß eingeweiht, mit dem Enthuſiasmus der begluͤck⸗ ten Liebe fuͤr Eliſabeths Sache gekäͤmpft haͤtte, moͤglich aber auch, daß in ſtundenlanger Muße der Betrachtung, die man ihm nicht nehmen konnte, abermals, wie ſchon oͤfter, Geſpenſter von Pflicht und Gewiſſen in ſeine Seele einzogen, ſeine Thatkraft laͤhmten, oder wohl gar zum Nachtheil der Verſchwoͤrung aufreizten.— Wenn aber mit einemmale, ploͤtzlich wie der Blitz, Eli⸗ ſabeths Schickſal in ſeiner Kriſis uͤber ihn herein⸗ brechen, wenn ihm keine Zeit zur Beſinnung ge⸗ 4 — 195— laſſen wuͤrde, dann, meinte LEſtocg, ſey es kei⸗ nem Zweifel unterworfen, daß die Stimme des Herzens uͤber jede andere den Sieg in ihm da⸗ von tragen werde. Gegen Mittag, berichtete ihm Gruͤnſtein, daß Graf Woronzow mit einem Theil ſeiner Com⸗ pagnie, worunter ſich Fedor Schubin befaͤnde, die Wache im kaiſerlichen Palaſte bezogen habe und uͤbrigens Alles in der gewoͤhnlichen Ordnung darin zugehe, auch Schwarz erſchien und ver⸗ ſprach zu jeder Stunde bei Tag und Nacht das Schlafzimmer der Regentin finden zu wollen. LEſtocq war zufrieden mit den Bemuͤhungen Beider.— 8 Immermehr neigte ſich der kurze Tag zu Ende und eine verhaͤngnißvolle Nacht begann hereinzubrechen. Die Straßen wurden nach und nach ruhig, die Laternen loͤſchten aus und die Bewohner von St. Petersburg uͤberließen ſich dem Schlaf, unbewußt, welch ein großes Schick⸗ ſal, das den Hohen wie den Niedern in ſeinen Folgen beruͤhrte, jetzt auf den Fittigen des Nord⸗ windes uͤber ihren Daͤchern ſchwebte.— Auch 13* — 196— auf dem Marsfelde in Etiſebahs Palaſte ſchien bereits Alles zu ſchlummern, aber im Innern, hinter den dichtverwahrten Fenſtern, brannte Licht und unten in der weiten Halle, deren Thorfluͤgel ebenfalls noch verſchloſſen waren, hielt der vier⸗ ſpaͤnnige Schlitten der Czarewna, jedoch ohne das goldene Schellengelaͤute, welches ihn ſonſt durch ſeine harmoniſchen Toͤne vor allen kennt⸗ lich machte. Etwa hundert Schritt vom Pa⸗ laſte ging ſchon ſeit mehreren Stunden ein Haufe Soldaten auf und nieder, es war Peter, mit zehn bis zwoͤlf anderen Grenadieren„ die er geworben und auf LEſtocg's Weiſung hieher ge⸗ fuͤhrt hatte; von Zeit zu Zeit kam dieſer ſelbſt heraus und befeuerte durch gluͤhenden Wein und aufmunternde Reden die guten Geſinnungen der Soldaten und dieſes Mittel wirkte ſo, daß ſie den Augenblick des Handelns kaum erwarten konnten. Endlich, nachdem die elfte Stunde ſcen voruͤber war, traten der Wundarzt und der alte Graf Woronzow bewaffnet und in Pelze gehullt, in Eliſabeths Zimmer. Der Erſtere trug in der — 107— Hand einen kleinen Bruſtharniſch, von Silber mit Sammt und Baumwolle reichlich gefuͤttert, und bat die Prinzeſſin denſelben anzulegen. Sie that es mit einigem Zittern und duldete, daß beide Maͤnner ihr dabei huͤlfreiche Hand leiſteten. Der Kuͤraß war mit dem großen Stern des Ca⸗ tharinenordens geſchmuͤckt; jetzt hing ihr LEſtocq auch das breite Band deſſelben uͤber, druͤckte ein leichtes Casket, mit Sammt uͤberzogen, und von Federn umwallt, in ihr Haar, und reichte ihr den Hermelinmantel, der von ihren Schultern herabfließend, die ganze Geſtalt ſchoͤn und idealiſch umhuͤllte.„Jetzt ſind wir fertig,“ ſagte LEſtocq leiſe, und winkte Woronzotw ſeiner Gebieterin den Arm zu geben. „Jetzt noch nicht,“ entgegnete Eliſabeth,„laß mir noch einen Augenblick Zeit!“ Sie ſchwankte durch das Gemach, unter den Falten des Man⸗ tels rang ſie, ohnmaͤchtig bebend, die Haͤnde. „Wo iſt Dein Sohn Michajla?“ ſagte ſie end⸗ lich, ſich an den Grafen wendend.„Wo wir ihn wuͤnſchen eoͤnnen,“ erwiederte dieſer raſch, „im Winterpalaſt, mit unſeren Getreuen; er — 198— brennt vor Verlangen, fuͤr ſeine angebetete Eza⸗ rewna den Degen ziehen zu duͤrfen.“ „Haſt Du das aus ſeinem eigenen Munde?“ antwortete Eliſabeth—„Michajla— ich fuͤrch⸗ te— Du kannteſt ja Deinen Sohn nie— ich fuͤrchte! wenn er anders daͤchte!“ „So traͤfe ihn mein Fluch!“ rief der Alte barſch und mit ſpruͤhenden Blicken— Eliſabeth laͤchelte ſchmerzlich: wahnſinniger Mann! fluͤſter⸗ ten ihre Lippen, und LEſtocg erinnerte ſie noch einmal, daß es Zeit zum Aufbruch ſei; ſie ging, an der Schwelle des Zimmers aber ſtand ſie ploͤtzlich ſtill und fragte:„Iſt denn auch alles ruhig? Haſt Du Gruͤnſtein und Schwarz ge⸗ ſprochen, LEſtocq?“ „Noch vor einer Viertelſtunde;“ war die Antwort.„Alles iſt ſtill im Palaſt, und der guͤnſtige Augenblick iſt der Gegenwaͤrtige. Zoͤgern Ew. Hoheit nicht laͤnger, kommen Sie!“— „Nein,“ entgegnete Eliſabeth,„nein doch, aber Herrmann, ich thue einen ſchweren Gang, darum laß mich noch einmal beten.“ Ohne ſeine Einwilligung abzuwarten, kehrte ſie um — 199— und ſtuͤrzte vor dem Kruzifix nieder.— Sie wollte um einen gluͤcklichen Ausgang ihres Unter⸗ nehmens flehen, aber es war unmoͤglich. Wie konnte ſie auch mit vollem Herzen den Beiſtand des Himmels fuͤr ein Verbrechen anrufen— ſie fuͤhlte das wohl, ihr innerer Richter donnerte es ihr zu, und die Gedanken verſagten ſich ihr, die Worte erſtarben auf ihren Lippen. Endlich erhob ſie ſich wieder, und ließ ſich jetzt halb gewaltſam fortfuͤhren. Sie ſetzte ſich in den Schlitten, der unter der Halle hielt, LEſtocq und Woronzow ſtellten ſich hinter ſie auf die Kufen, und die Thorfluͤgel des Palaſtes oͤffneten ſich. Indem man nun nach dem Marsfeld hinaus⸗ fuhr, rief LEſtocq durch das verabredete Signal Petern und ſeine Kameraden herbei; er ſandte die Haͤlfte derſelben nach der Hauptwache der Preobraſchenskiſchen Garden voraus, um dort die Ankunft der Prinzeſſin zu verkuͤnden, und die Grenadiere zu ihrer Huldigung aufzurufen, die Andern behielt er zuruͤck und ließ ſie den Schli ten begleiten. Hierauf bewegte ſich die ver⸗ haͤngnißvolle Fahrt langſam vorwaͤrts, um Jenen 200— Zeit zu laſſen„ihren Auftrag zu erfuͤllen; endlich aber naͤherte man ſich mit beklommenem Herzen dem Regimentshauſe, und wußte nicht ob man halten oder voruͤber fahren ſollte, als ploͤtzlich eine Anzahl Soldaten mit Fackeln und Lichtern aus dem Innern hervorkam, und den Schlitten der zagenden Eliſabeth mit allen Zeichen der Ehr⸗ furcht umringte. Immer groͤßer wurde das Getuͤmmel der her⸗ beiſtroͤmenden Grenadiere, eine aufgerollte Fahne flatterte, von dem unſichern Schein der Lichter angeſtrahlt, hoch uͤber ihren Haͤuptern, Eliſabeth verließ jetzt etwas ermuthigt den Schlitten und begab ſich von LEſtocg und Woronzow gefuͤhrt in das Haus.— Hier ſtand ſie nun in der ſchlechten Halle der wachthabenden Soldaten, ſchoͤn wie eine goͤtt⸗ liche Erſcheinung von den rohen Soͤhnen des Kriegs ehrfurchtsvoll angeſtaunt. Die Tochter Peter des Großen, die erhabene Czarewna, ihre geliebte Wohlthaͤterin, da ſtand ſie nun mitten unter ibnen, vertrauend auf ihre Dankhbarkeit, 2 — 201.— ihren Schutz, in tiefer Nacht war ſie zu ihnen gefluͤchtet— und ihre ruͤhrende bezaubernde Stim⸗ me ſprach ſie um Huͤlfe an. Kaum einige Worte hatte Eliſabeth noͤthig, heraus zu ſtammeln, da ſtuͤrzte alles auf die Kniee nieder, mehr als hun⸗ dert nervige Haͤnde ſtreckten ſich ſchwoͤrend zu ihr empor, man umarmte ihre Kniee, man riß die Zipfel ihres Mantels an die Lippen— ſchnell entfaltete jetzt LEſtocq ein Papier, das er bei ſich trug, und das die Formel enthielt, wodurch der rechtmaͤßigen Thronerbin, Eliſabeth Petrow⸗ na der Eid der Treue geleiſtet ward; er forderte die Soldaten mit lauter Stimme auf, ſie ihm nachzuſprechen, und es geſchah im Taumel des Enthuſiasmus. Als dieſer tumultuariſche Auf⸗ tritt voruͤber war, der ſo gluͤcklich fuͤr ſie geendet hatte, ließ ſich die Prinzeſſin, jetzt ſchon mehr ermuthigt, in dem Schlitten zuruͤckfahren, und ſetzte den Weg nach dem kaiſerlichen Palaſt fort. Mehr als drei hundert Grenadiere begleiteten ſie, deren Fortbewegen ſchon ein ziemliches Geraͤuſch verurſachte. LEſtocq gebrauchte daher die Vor⸗ ſicht, bei jedem Wachthauſe, woran der Zug vor⸗ uͤber fuͤhrte, die Inſtrumente des Allarms, die Trommeln durch einige Meſſerſchnitte zu vernich⸗ ten, und alle Soldaten, die er antraf, zur Theil⸗ nahme an dem verhaͤngnißvollen Zuge aufzufor⸗ dern, was ihm bei vielen gelang. Schon auf dem Quai der Neva, nicht mehr fern vom Win⸗ terpalaſte, ließ er haltmachen, und ſchickte drei Haufen, jeden zu 25 Mann ab, um ſich der Grafen von Oſtermann, von Muͤnich und Go⸗ kofkin zu bemaͤchtigen. Hierauf fuͤhrte er eine andere Abtheilung gerade auf den kaiſerlichen Palaſt zu, beſetzte alle Ausgaͤnge, und ſtellte neben jede daſelbſt befindliche Schildwache, von denen die Meiſten nicht wußten, was dieſe Ver⸗ ſtaͤrkung bedeute, zwei Grenadiere. Als er dieß vollendet hatte, gab er dem Schlitten ein Signal ſich zu naͤhern— eben ſchlug von den Thuͤrmen der Admiralitaͤt, und von allen Glockenuhren der Hauptſtadt die Mitternacht— Anna ſchlief arg⸗ los und ſanft— Ungluͤckliche Anna! erwache, denn das Verderben iſt dir nah— du traͤumſt ſo lieblich, aber ach, deine Traͤume verrathen dich. Kein warnender Engel huͤllt ſich in ihr Gewand— geſchwiegen hatte.„Du haſt ein herrliches Lied fuͤhlt. Ach Muriew, dieſe unendliche Liebe, die -— 203— kein ſchuͤtzender Gott iſt dir nah, und der Abgrund oͤffnet ſich unter deinen Fuͤßen!— Halb ausgeſtreckt auf einem eiſernen Feldbett, deſſen Stäͤbe weiche Decken verhuͤllten, ſaß Paul in der Officiersſtube der Schloßwache, ihm gegen⸗ uͤber am Kamin ſein Freund Muriew mit der Balalaika, deren Saiten ſo eben die letzten Toͤne eines Liedes begleiteten, das ſich mit ernſtem er⸗ habenen Schwung uͤber die Lippen des greiſen Saͤngers bewegte. Seine Augen gluͤhten Be⸗ geiſterung, ſeine zitternden Haͤnde griffen maͤchtige Akkorde auf dem ſchwachen Inſtrument— Paul hoͤrte ihm aufmerkſam zu, und ſeine Seele war in den Gegenſtand des Liedes verloren.„Habe Dank,“ ſagte er, nachdem der Alte ſchon lange geſungen, von dem ſich mein Herz tief ergriffen alles, alles umfaßt— dieſe himmliſch⸗thronende, an deren Buſen das Weltall und der Wurm, der Engel und der Menſch mit gleichen An⸗ prüchen liegt— dieſe ewig beglückende— nim⸗ —* 8 — 204— mer zuͤrnende— ſprich Alter, wer dichtete dieß Lied, wer faßte dieſen goͤttlichen Gedanken?“ „Ich ſetzte es ſelber auf, Gospodin,“ ent⸗ * gegnete der Invalide,„es enthaͤlt mein Glau⸗ bensbekenntniß— und daß ichs Dir vorſang— verzeih, eine innere Stimme trieb mich dazu"„— „Du ſelbſt, Alter?“ rief der Juͤngling— „mein Gott, warſt Du denn nicht in der Schule der Popen? da iſt ein anderer Gott, ein eifriger ſtarker Herrſcher, fern von dem Men⸗ ſchenherzen und ſeinen Schwaͤchen, unerreichbar dem Geiſt, Du kannſt ihn nicht lieben und nicht begreifen, Du kannſt nur vor ſeinem Zorne er⸗ beben. Weh Dir, wenn Du in der Stunde des Gerichts ſchuldig hintrittſt vor ſeinen Stuhl, da iſt kein menſchliches Erwaͤgen Deiner menſch⸗ lichen Thaten. Die Verdammniß ergreift Dich mit troſtloſer Ewigkeit— wenn nicht etwa ein beſtochner Heiliger— doch ſtill Muriew, hoͤrteſt Du nicht Geraͤuſch?“ „Es ſind Deine muntern Soldaten,“ ent⸗ gegnete der Alte.„Ja, lieber Juͤngling,“ fuhr er fort,„Himmel und Hoͤlle ſind uns nicht ſo fern, als wir glauben. Hier, hier in der Bruſt haben ſie ihren Sibz 2 hier wohnt Gott, warum ihn erſt ſuchen, in dem goldnen Hauſe jenſeit der Wolken, wohin nur der Prieſter den Weg wiſſen will?— Straucheln fallen, es iſt der ſterblichen Loos— aber bewahre Dein menſchen⸗ freundliches/ liebendes Herz, die Wohnung der Gottheit— vergieb gern, haſſe Niemand— denn der Haß iſt die einzige Suͤnde gegen den heiligen Geiſt“— „SIch haſſe Niemand und liebe viele,“ ſagte Paul.„So wird Dir auch viel vergeben wer⸗ den,“ rief Muriew mit emporgehobenen Haͤnden, und erhob ſich einem Apoſtel gleich von ſeinem Sitz. In demſelben Augenblick ging die Thuͤr auf und Fedor trat haſtig herein.„Verzeihung, mein Hauptmann„“ ſagte er raſch,„ich melde, daß eine Bewegung unter den Kameraden ſtatt findet, die mir ſonderbar vorkommt, vorzuͤglich nach dem, was ich geſtern mit angeſehen habe, und was ich bis jetzt zoͤgerte, Dir zu eroͤffnen. Ich mache nicht gern den Angeber.. gend. in militäͤriſcher Haltung fort,„war geſtern es wuͤrde wohl beim Reden bleiben. Jetzt aber Vorhalle voll Soldaten, ja Herr LEſtocg ſelber Muͤhe mich fortzuſchleichen, um es Dir zu mel⸗ den, mein Hauptmann.“— 8 Vater, gleichfalls mit blankem Seitengewehr in „Nun was iſts?“ fragte Paul aufſprin⸗ „Herr LEſtocg, der Wundarzt,“ fuhr Fedor Nacht im Regiments⸗Hauſe und beredete die Grenadiere, Ihrer kaiſerlichen Hoheit der Czarew⸗ na heute zu Willen zu ſeyn, wenn ſie es ver⸗ langen wuͤrde. Auch Geld theilte er reichlich aus, ich habe aber keines genommen, denn ich dachte ſcheint es anders zu kommen. Rings um den Palaſt raſſelt es mit Waffen, ſchon iſt die ganze hat ſo eben die Wachtſtube betreten, und ich hatte „Gott im Himmel!“ ſchrie Paul und zuckte den Degen, denn ein dumpfer Laͤrm ließ ſich ſo eben außerhalb vernehmen, er wollte fortſtuͤrzen, aber kaum war er an der Thuͤr, als ihm ſein der Hand, entgegen trat— Paul erſtarrte.— . — 207— — „Vater!“ rief er,„um Gotteswillen, wie kom⸗ men Sie hierher, was iſt geſchehen?“ „Das fragſt Du noch,“ entgegnete der Alte und faßte ihn ſtark beim Arm,„freue Dich, Gluͤcklicher, die Kaiſerin Eliſabeth laͤßt Dich gruͤßen.“„Kaiſerin? Wo iſt die Regentin?“ „Das wars!“ laͤchelte der Graf fuͤrchterlich, indem er den Juͤngling noch immer feſt hielt. „Das Eine iſt noch uͤbrig, ſie gefangen zu neh⸗ men. Aber beruhige Dich, ſie kann nicht ent⸗ rinnen, der Palaſt iſt umſtellt. So eben hul⸗ digt Deine Mannſchaft der Kaiſerin— da ſieh es ſelbſt.“+ Er riß die Thuͤre weit auf— auch die von der großen Wachthalle gegen uͤber ſtand geoͤffnet, und Pauls ſtarre Augen erblickten Eliſabeth im hellen Scheine von Fackeln, umringt von knieen⸗ den Grenadieren, welche die Haͤnde zum Schwur emporhoben, und Worte murmelten. „Meineidige!“ bruͤllte bei dieſem Anblick der Juͤngling in edlem Zorn,„Nichtswuͤrdige, aͤßt ab! den ſteche ich nieder, der ſeine Pflicht vergißt— Iwan iſt Euer Kaiſer!“ Wild hob — 208— er die Klinge empor und wollte hinuͤber ſtuͤrzen, aber der alte Graf hielt ihn gewaltſam zuruͤck, mit beiden Armen umfaßte er ihn, ſie rangen mehrere Sekunden lang mit einander.„Vater,“ flehte Paul,„Barmherzigkeit, laſſen Sie mich los, meine Seligkeit haͤngt davon ab, laſſen Sie mich fort! Vater, Vater! Schonen Sie ihr und mein Leben, Sie uͤberliefern mich der Hoͤlle, laſſen Sie mich!“„Nein! misrathner Bube,“ knirſchte der Alte 2, ſeine letzten Kraͤfte aufbietend, ſteht es ſo mit Dir— nein, ich laſſe Dich nicht, elender Thor, abgeſchmackter Narr!“ LEſtocqs Dazwiſchenkunft endigte dieſen graͤß⸗ lichen Auftritt, er trat ſo eben von Soldaten gefolgt herein, uͤberblickte ſchnell was hier vorging, und ſchlug den Alten lachend auf die Schulter. „Was macht Ihr doch?“ ſagte er,„wozu das unnuͤtze Weſen? dieſer junge Herr wird ſchon zahm werden. Freut Euch, Alter, ſie haben ge⸗ ſchworen und ſind unſer mit Leib und Leben. Jetzt, Freund Schwarz! hinauf in die Schlaf⸗ gemaͤcher, nehmt dreißig Mann mit Euch, wir, Graf Woronzow bleiben bei der Kaiſerin.“ „. ——yj— — 209— Er ſchwieg und blickte forſchend auf Paul, deſſen flammende Augen ihn ungewiß muſterten. „Damit aber,“ fuhr er beſorgt fort,„damit von keiner Seite eine Stoͤrung vorfalle— Lieu⸗ tenant Peter Schubin! Zehn Grenadiere herbei zur Wache fuͤr den Hauptmann Graf Woronzow. Er verlaͤßt dieſes Zimmer nicht. Hoͤret Ihr, bei Eurem Leben befehle ichs Euch, im Namen der Kaiſerin!“ Paul blieb von dieſem Aeußerſten erſchuͤttert, einige Sekunden lang unſchluͤſſig ſtehen, er ſah ſeine eigenen Leute, Peter den Rothkopf an der Spitze, ihn dicht umringen, und dieſer wollte ihm ſeinen Degen abnehmen, den er feſt in der erampfhaft geballten Fauſt hielt. Jetzt die Trep⸗ pen hinauf, Schwarz voran! befahl noch einmal LEſtocqs kreiſchende Stimme, und gleich Poſau⸗ nenton rief ſie des Juͤnglings Seele aus ihrer kurzen Apathie wach. Ein ungeheurer Schmerz ergrif ihn, und eine furchtbare Kraft ſchwellte ſeine Nerven. Dem gereizten Lowen gleich, ſtuͤrzte er uͤber die naͤchſten Soldaten her, warf II. 14 — 210— ſie zu Boden, machte ſich durch die vorgehaltenen Bajonette Bahn, und ſchleuderte LEſtocg, der 1 ſich ihm auf der Schwelle der Thuͤr noch entge⸗ genſtellte, wie einen ohnmaͤchtigen Spielball bei Seite.— Auf nichts mehr achtend, ſtuͤrmte er uͤber den Hof, die große Marmortreppe hinan, und war ſchon in den Corridors der Regentin, als ihn ſeine Verfolger ereilten. Er kehrte um, und ſtemmte ſich ihnen wuͤthend entgegen, ohne Ruͤckſicht, daß er nur Einer war gegen Dreißige, nur eine einzige Klinge gegen eine ganze Gallerie 4 voll Bajonette, die im erloͤſchenden Schimmer eines Wandleuchters blutroth funkelten, begann er den ungleichen Kampf. Schritt vor Schritt ward er zuruͤck gedraͤngt, aber jeden Fußbreit den ſie eroberten, mußten ſie mit Wunden bezahlen, ſchon roͤthete Blut die Teppiche des Corridors, und auch aus Pauls Ermel quoll es tropfenweis nieder.„Ergieb Dich— Hund!“ ſchrie ihm 4 Peter mit heiſerer Stimme aus dem dritten oder vierten Gliede zu, wohin ihn ſeine Feigheit ge⸗ ſtellt hatte;„ergieb Dich Ihrer kaiſerlichen Ma⸗ ——+— — 211— jeſtaͤt, Eliſabeth Petrowna, unſerer gnaͤdigſten Frau!“ die Uebrigen riefen es ihm nach, aber der heldenmuͤthige Juͤngling vertheidigte ſich kaͤm⸗ pfend bis zu einer hohen Fluͤgelthuͤr, die am Ende der Gallerie war.— Hier ruhete er einen Augenblick aus, und ſchoͤpfte tief Athem; die Spitze ſeines Degens neigte ſich zur Erde, und er gab mit der Hand ein Zeichen, daß er reden wollte.„Grenadiere!“ rief er dann,„Kameraden, Bruͤder, hoͤrt meine Stimme, ſeht mich an, ich trage denſelben Rock wie Ihr, wir haben gleiche Pflichten und gleiche Geſetze. Was wollt Ihr, was iſt Eure Abſicht? ſeht, dieſe Thuͤre hier fuͤhrt in die Gemaͤcher Eures Kaiſers und ſeiner Eltern— ſtreckt Eure Waffen vor denen, die ſie Euch zu ihrem Schutze verliehen, misbraucht ſie nicht zu ſchaͤndlichem Verrath!— Es lebe Iwan unſer Kaiſer, und ſeine Mutter unſere erhabene Regentin!“ „Nicht doch, Hauptmann,“ entgegnete Ei⸗ ner von den Grenadieren,„ſtelle Dich uns nicht 14* — 212— entgegen, damit wir Dir kein Leides zufuͤgen muͤſſen. Fort mit dem Kinde— nieder mit den Fremden! Peters Tochter iſt unſere Kaiſerin, Hurrah, Eliſabeth Petrowna!“— „Hurrah!“ droͤhnte ihm die Menge dumpf aah „Freunde!“ fuhr Paul fort,„bei allen Hei⸗ ligen hoͤrt mich! Man hat Euch verfuͤhrt, betro⸗ gen. Die Czarewna ſelber will nicht, was Ihr thut— Ich kenne ſie wohl, glaubt mir, ich kenne ſie mit allen ihren großmuͤthigen Regun⸗ gen— viellleicht iſt ſie jetzt im Irrthum, aber morgen wird ſie tadeln, was ſie Euch heute be⸗ fahl— Gebt mir Zeit, ich will mit ihr ſprechen/. Si k „Schon alles beſprochen, mein wertheſter Herr Hauptmann,“ kraͤhte Schwarz, ſich auf die Zehen erhebend dazwiſchen.„Um Gotteswillen eden Sie ſich doch nicht um Ihren Kopf— laſſen Sie die Thuͤr frei— da— da hinein meine Herren Grenadiere— friſch hinein— — 213— es iſt das rechte Zimmer, ich habe es er⸗ ſpuͤrt!“— Eine Bewegung unter den Soldaten entſtand, ſie drangen vorwaͤrts. Noch einmal erblickten ſie Paul mit leuchtenden Augen und fliegendem Haar, ſchoͤn wie der Engel vor dem Paradieſe, daſtehen und ſeine Waffen von neuem erheben. Ploͤtzlich fiel der Wandleuchter, der die Gallerie erhellte, von einem Bajonet unvorſichtig herab geſtoßen, zur Erde, das Licht ging aus, und truͤbe Finſterniß huͤllte alles ein— da benußte Peter der Rothkopf den guͤnſtigen Moment zu einer That der Nacht und der Rache— gebuͤckt draͤngte er ſich hervor, gekruͤmmt wie der Scha⸗ kal, der ſeiner Beute nahe iſt, und unverſehens lautlos ſtuͤrzte Paul mit wohlgetroffenem, durch⸗ bohrten Herzen zuſammen. Anna! hauchten ſeine ſterbenden Lippen, ſein purpurnes Blut ſtroͤmte dahin, und der Tod nahm den ſchoͤnen Juͤngling in ſeine Arme. Ruhig zog Peter den blankge⸗ ſchliffenen Stahl aus ſeinem Buſen.— 4 — 214— „Burſche!“ ſagte er vor ſich hin,„jetzt iſt mir wohl, und Deine Hauptnnangſtale iſt mein!“— Die Gernadiere indeſſen, die in der Finſterniß und im Getuͤmmel kaum gewahr wurden, was ſich begab, merkten bloß, daß jetzt kein Wider⸗ ſtand mehr da ſei, und drangen ſchonungslos uͤber den Gefallenen hinweg, und uͤber die Schwelle der erbrochenen Thuͤr in das Vorgemach der Regentin. So wurden die ungluͤckliche Anna und ihr Gemahl Eliſabeths Gefangene. Waͤhrend ſie ſchlummerten, brach unter ihren Fuͤßen das Ge⸗ ruͤſt der Groͤße und des Gluͤcks zuſammen, der Verrath hatte es unterwuͤhlt, und als ſie erwach⸗ ten, waren ſie hinabgeſtuͤrzt.— Gern wendet ſich die Muſe von den Roheiten ab, die man den gefallenen Fuͤrſten im erſten Moment der Leiden⸗ ſchaft zu ertragen gab, gern moͤchte ſie verhehlen, wie die edle zarte Anna von Eliſabeths Namen, den man in ihr Ohr bruͤllte, uͤberwaͤltigt, dahin⸗ 2 — 215— ſank, und ohnmaͤchtig in den Hof hinabgetragen ward, hier erſt bekleideten ſie ihre weinenden Kammerfrauen mit einem ſamtenen, mit Zobelpelz gefutterten Mantel, gaben ihr eine Kopfbedeckung, und in dem Schlitten, der ihre Feindin herbeige⸗ fuͤhrt hatte, mußte ſie nebſt ihrem Gemahl, ihr Haus, ihren Heerd, ihren Thron, den Sitz ih⸗ res Glanzes und ihres Gluͤcks verlaſſen. Man brachte beide nach dem Marsfelde in Eliſabeths Palaſt, wo ſelbſt ſchon mehrere Gefangene ange⸗ kommen waren— Wäͤhrend alles dieß geſchah, verweilte Eliſa⸗ beth in einem Gemach des Erdgeſchoſſes nah an der Wachthalle, von wo ſie nicht ſehen konnte, was ſich außerhalb begab.. Mit bangen erwartungsvollen Herzen und bebenden Knieen ging ſie auf und nieder auf die⸗ ſem Boden, der wie Feuer unter ihr brannte; bald befahl ſie ihren beiden Begleitern, zu ſehen wie es ſtehe, bald bei ihr zu bleiben. Woron⸗ zow huͤtete ſich wohl das Betragen ſeines Soh⸗ 8 4 — 216— nes gegen ſie zu erwaͤhnen, aber ſeine alten Glieder zitterten noch vor Zorn und Anſtrengung, und er hatte nichts als ein dumpfes Murren zur Erwiederung der tauſend zaͤrtlichbeſorgten Fra⸗ gen Eliſabeths nach ihrem Liebling: Wo iſt er nur, wo bleibt er? rief ſie mit Thraͤnen— Warum kommt er nicht zu meinem Troſt in dieſer entſetzlichen Stunde! Es war, als habe ſie aller Muth, den ſie vorhin zeigte, wieder ver⸗ laſſen.— Zagen ergrif ihre Seele von Neuem. „Michajla,“ ſagte ſie—„gieb Acht, wir werden in dieſem furchtbaren Wageſtuͤk unter⸗ liegen.— Zwar ſie haben mir Treue geſchworen, aber auch Annen, und wehe mir, wenn ſie ſie ſehen.— Wo iſt Dein Sohn Michajla?“ fuhr ſie fort,„ſchaffe mir Deinen Sohn, ſonſt ſter⸗ be ich— Wirklich war es Zeit, daß LEſtocg, der ſich entfernt hatte, um nach dem Verlauf der Dinge, die er leitete, zu ſehen, jetzt eben mit der Nach⸗ richt der gluͤcklichen Gefangennehmung der Regen⸗ tin und ihres Gemahls hereintrat. Kaum traute *½ —2 — 217— Eliſabeth ihrem Ohr und kaum ihrem Auge, da ſie den Wundarzt niederknieen, und ihr mit allen Zeichen des Entzuͤckens als Kaiſerin huldi⸗ gen ſah;„iſt es moͤglich,“ rief ſie,„iſt es wahr, iſt Anna in meiner Gewalt?“ Als es LEſtocg zu wiederholten malen betheuerte, und fortfuhr, ſie mit dem Titel einer Kaiſerin anzu⸗ reden, verbreitete ſich ein Strahl von unnennba⸗ rer Freude auf ihrer Stirne; zu gleicher Zeit kamen Meldungen aus der Stadt von den Grena⸗ dier⸗Detaſchements, denen die Gefangennahme der Grafen Muͤnich, Golofkin und Oſtermann uͤbertragen worden war; ſie berichteten die gluͤck⸗ liche Ausfuͤhrung dieſes Befehls, und erſt jetzt wagte es Eliſabeth ſich ſuͤßen Hoffnungen zu aberlaſſen.„Oſtermann,“ rief ſie, ſich ſtolz er⸗ hebend,„Oſtermann iſt gefangen? Ja ich bin Kaiſerin von Rußland!“— LEſtocg, der ge⸗ wiſſermaßen uͤberall war, befahl nun der aufge⸗ ſtoͤrten Dienerſchaft, raſch einige Caroſſen zu be⸗ ſpannen, und er eilte ſo eben nach den obern Corridors hinauf, um zu ſehen, wo ſeine Grena⸗ 8 — 248— diere mit dem jungen Kaiſer blieben, den ſie ſchon laͤngſt haͤtten herabbringen ſollen, als ihm mehrere Schloßbedienten mit Fackeln begegneten, die dumpf ſchweigend etwas in ihrer Mitte tru⸗ gen. Es war ein entſeelter Koͤrper— ein Offi⸗ cier, deſſen Kleider Blut bedeckte, aber deſſen ſchoͤ⸗ nes marmorbleiches Geſicht OEſtocg mit Ent⸗ ſeßen erkannte, es war Paul. Viel haͤtte nicht gefehlt, ſo waͤre er zu Boden geſtuͤrzt, denn ſo verſchieden er in Allem von dem Juͤngling war— er hatte ihn mit Freundeszaͤrtlichkeit geliebt. Ohne daher noch an Eliſabeth zu denken, fragte er mit ſtammelnder Zunge, was hier geſchehen ſei? Die Traͤger konnten ihm jedoch keinen an⸗ dern Aufſchluß geben, als daß ſie die Leiche ſeit⸗ waͤrts von der Thuͤr gefunden haͤtten, die zu den Gemaͤchern der Regentin fuͤhrte, und daß ſie recht wohl den wachthabenden Officier erkann⸗ ten, der wahrſcheinlich bei der Vertheidigung jener Gemäͤcher gefallen ſei. Gleichviel, welche Umſtaͤnde hierbei obwalten mochten, genug, LEſtocq riß die Uniform des Juͤnglings auf, — 219— unterſuchte mit Kenneraugen die Wunde, und pruͤfte, ob vielleicht noch ein Funken von Leben uͤbrig geblieben waͤre, den die Kunſt wieder an⸗ fachen koͤnnte. Aber vergebens, die ſchoͤne Bluͤ⸗ the war gebrochen, Paul ſchlief den ewigen Schlaf.— Jener ließ ihn daher in das Zimmer tragen, deſſen Vertheidigung ihm das Leben ge⸗ koſtet hatte, und auf die weichen Decken von Annens Lager ward der Todte niedergelegt. Dann traf LöEſtocg alle Anſtalten, daß die Kunde von des Juͤnglings Fall, wenigſtens dieſe Nacht noch nicht, Eliſabeths Ohr erreiche,— denn er fuͤrchtete das Schrecklichſte, wenn dieß geſchaͤhe. Waͤhrend er ſo mit wild aufgeſtoͤrtem Ge⸗ muͤth, wie es ſonſt ſeinem Charakter fremd war, durch die Reihe der prachtvollen Gemaͤcher fort⸗ eilte, die Rußlands geſtuͤrzte Herrſcherin be⸗ wohnt hatte, ward er ploͤtzlich durch einen hel⸗ len Schein von Lichtern angezogen, der aus ei⸗ nem nahen Cabinet hervordrang.— LEſtocq blieb auf der Schwelle deſſelben ſtehen, und 1 — 220— 3 ſtarrte mit irren Blicken hinein; was er ſah, ſchien ihm ein Traumbild der Phantaſie.— In ſeiner Wiege von Elfenbein, lag Anna's Sohn, der kleine Kaiſer Iwan, ſuͤß ſchlummernd da⸗ Melanie Woronzow, ſeine Oberhofmeiſterin, kniete neben ihm am Boden, und ihr ſchwim⸗ mendes, aufgeloͤßtes Haar, ihre ſeidenen Nacht⸗ gewaͤnder, ihre ſchoͤne Arme, bedeckten wie ein heiliger Schutz die Haͤlfte der Wiege— rings um ſie her aber ſtanden ohne Regung, in ehr⸗ furchtsvoller Stille die baͤrtigen wilden Geſtal⸗ ten der Grenadiere, und blickten auf das ſchla⸗ fende Kind nieder— deſſen Eltern ſie ſo eben entthronten. „Was macht Ihr da?“ fluͤſterte OEſtocq, wie von einer unſichtbaren Gewalt gleichfalls zur Stille gezwungen. Die Soldaten winkten mit der Hand.„Er ſchlaͤft,“ ſagte der zunaͤchſtſtehende, ſo leiſe als moͤglich,„wer moͤchte ihn wecken?“ Bei dieſer Antwort war es, als ob ein Strahl vom Himmel LEſtocgs Herz beruͤhre. ——— —— — 221— Eine unendliche Zerknirſchung ſchwellte mit un⸗ aufhaltſamer Fluth durch ſeine Seele, ſeine Lip⸗ pen begannen zu zittern, die Muskeln ſeines Geſichtes zuckten ſeltſam, und aus ſeinen nie benetzten Augen brach ein Strom von Thraͤnen hervor.— Halb knieend auf der Schwelle, die er nicht zu uͤberſchreiten wagte, zerriſſen von Wehmuth und Schmerz, beſtuͤrmt von der Macht des Augenblicks unterlag die Kuͤnſtelei ſeiner Grundſätze den Regungen der Natur, und er weinte, wie ein Kind.— Keiner regte ſich, keiner ſtoͤrte den andern waͤhrend einer voͤllgen halben Stunde*)— die Welt ſchien hier aufgehoͤrt zu haben, bis der erſte Laut des erwachenden Knaben die ſuͤße Taͤuſchung vernich⸗ tete. Die Engel ließen ihn aus ihren Armen los, und gaben ihn ſeinem irdiſchen Schickſale hin.— Jetzt war die Schonung voruͤber, das kaiſerliche Kind ward aus ſeiner Wiege geriſſen, und nur mit Muͤhe gelang es Me⸗ » Eine Stunde, ſagte die Geſchichte. — 222— A „lanien, ihm folgen zu duͤrfen, wohin man die Abſicht hatte es zu bringen. So ſehr ſie ſich vor LEſtocgs Anblick entſetzte, ſeine Ge⸗ genwart war ihr in dieſem Augenblick von Nutzen, denn er bot ihr den Arm, und gelei⸗ tete ſie und ihren ungluͤcklichen Pflegling ſicher, nach einer der Karoſſen, die im Sofe hiel⸗ ten.— Ueber beider Lippen kam waͤhrend des Weges kein Wort, aber der Arm des Fuͤhrers zitterte.„Graͤfin,“ ſagte er am Schlage der Kutſche, die mit Wachen um⸗ ringt war,„die Gnade der Kaiſerin, die Ihren Bruder ſo gluͤcklich machte, wird ſich auch auf Sie erſtrecken, Faſſen Sie Muth.“— „Bin ich etwa verzagt?“ entgegnete Mela⸗ nie ſtolz, indem ſie den Wagen beſtieg und den laͤchelnden Knaben, Nußlands entthronten Kaiſer, an ihren jungfraͤulichen Buſen nahm;„wir ſcheinen die Rollen getauſcht zu haben, mein Herr. Was aber meinen Bruder betrift, ſo be⸗ klage ich ihn wahrhaft, er wird nie gluͤcklich ſeyn.“ . —-— 233— „Doch, doch,“ ſagte LEſtocg mit leiſe beben⸗ der Stimme„„per iſt ſchon gluͤcklich, gluͤcklicher als wir; beklagen Sie ihn nicht, er hat ſeine Pflicht gethan. O Melanie, hoͤren Sie nie auf, ſein Andenken zu lieben!“ „Großer Gott!“ ſchrie Melanie,„ſein An⸗ denken? was wollen Sie damit ſagen?“ Aber ſtatt der Antwort druͤckte ſie LEſtocqg in den Wagen nieder, ſchloß haſtig die Thuͤr, gab dem Kutſcher ein Zeichen, und die Caroſſe, von beiden Seiten mit bewaffneter Mannſchaft umgeben, ſetzte ſich in Bewegung. Langſam rollte ſie dem Marsfelde zu und ihre Ankunft in dem Palaſt der Gefangenen war der erſte Troſt fuͤr die un⸗ gluͤcklichſte der Fuͤrſtinnen und Mutter.— Es ſchlug jetzt Ein Uhr auf den nahen Thuͤr⸗ men der Admiralitaͤt und mit heulendem zerriß⸗ nen Klange von der Schloßuhr des Winterpalaſtes. So lag denn in dem kurzen Zeitraum von ſech⸗ zig Minuten das Schickſal ſo vieler Perſonen, das Verhaͤngniß eines Jahryunderts, zuſammen — 224— gedraͤngt; der enge Zirkel einer Stunde umfaßte ſo viel Unerhoͤrtes. Aber die großen Geſchicke gehen keinen langſamen Schritt, wie die gewoͤhn⸗ lichen; ſchnell unverhoft rauſchen ſie auf Stur⸗ mmesfluͤgeln heran, erfaſſen mit gewaltiger Hand die uͤberraſchten Sterblichen, werfen die Looſe der Welt und ziehen voruͤber. Noch ſaß jedoch die geraubte Krone nicht feſt auf Eliſabeths Haupte, es fehlte noch die Un⸗ terwerfung der uͤbrigen Garden, die Huldigung der Hauptſtadt und Großbeamten; OEſtocg ſandte daher an ſäͤmtliche, in und bei St. Petersburg liegende Regimenter Grenadiere ab, mit der An⸗ kuͤndigung des Vorgefallenen und dem Befehl, augenblicklich nach dem Marsfelde aufzubrechen und ſich um den Palaſt ihrer nunmehrigen Kai⸗ ſerin zu verſammeln. Dann beruhigte er Eli⸗ ſabeth, die nur an Pauls Arm dahin zuruͤckkeh⸗ ren wollte und vor Begierde brannte, den Ge⸗ liebten zu ſehen, um an ſeiner Freude die ihrige zur Flamme zu entzuͤnden— mit der Vorſpie⸗ gelung, daß derſelbe in eigner Perſon den Auf⸗ — 225— trag an die Garderegimenter uͤbernommen habe. „Wohlan denn,“ ſagte Eliſabeth, waͤhrend ſie ſich zum Wagen fuͤhren ließ,„ſo wird mir nunmehr das Gluͤck nicht fehlen, denn ihm iſt es hold. Michajla, LEſtocq, getreue Diener! erfreut Euch — der Tag Eures Ruhmes, Eures Glanzes bricht heute an. Ich will Euch uͤber Alle erhe⸗ ben, und in meinem unermeßlichen Gluͤck will ich Euch unermeßlich belohnen. Du, mein Herr⸗ mann haſt das groͤßte Verdienſt um mich, aber ſei nicht eiferſuͤchtig auf dieſen alten Mann— iſt er nicht Pauls Vater? Michajla,“ fuhr ſie leiſe fort und lehnte das Haupt ſchwaͤrmeriſch an deſſen Schulter—„ich danke dir— Kaiſerin an deines Sohnes Seite— fuͤhle es, alter Mann— es iſt ein Verbrechen werth!“ Obgleich ſie einige Abneigung empfand, nach ihrem Hauſe auf dem Marsfelde zuruͤckzukehren, deſſen einer Fluͤgel jetzt ein Gefaͤngniß geworden war, ſo ließ ſie ſich doch dazu bereden, indem die Bewachung der Gefangenen mancherlei Veran⸗ ſtautungen noͤthig machte..* II. 15 — 226— Der Weg fuͤhrte an dem Hotel des franzoͤſi⸗ ſchen Geſandten voruͤber und Eliſabeth befahl zu halten, um dem Marquis de la Chétardie den Ausgang ihres Unternehmens zu melden. Nicht weniger, als in der vergangenen Nacht erſtaunte der Franzoſe, O'Eſtocg vor ſeinem Bett erſcheinen zu ſehen, jedoch war ſein Erſtaunen diesmal ein Freudiges. So raſch es ſich thun ließ, warf er einige Kleider uͤber und eilte vor die Hausthuͤr um ſeiner erhabenen Schuldnerin Gluckwuͤnſche und Huldigungen zu ſtammeln.— Eliſabeth verſicherte ihn ihrer Gnade und fuhr weiter. Mit geheimem Schauder betrat ſie die Schwelle ihres Hauſes, wo ihre verrathne Freun⸗ din jetzt uͤber ſie weinte, aber die frohen Hoff⸗ nungen der naͤchſten Zukunft, die glaͤnzenden Bil⸗ der, die immer reizender ihre trunkene Seele um⸗ gaukelten, unterdruͤkten jede Anwandlung von Schmerz und Reue. Ohne zu erbeben, hoͤrte ſie durch die Gaͤnge ihres Hauſes die Patrouillen ziehen, die zur Bewachung Anna's und der uͤbri⸗ gen Geſtuͤrtzten, befehligt wurden, der ſtille ſchoͤne — 227— Palaſt wiederhallte von Waffengeraͤuſch, die Trep⸗ pen ſeufzten unter dem Fußtritt der ſchwer ge⸗ ruſteten Cuͤraſſiere, der leichten Koſaken, und ein Regiment nach dem andern zog in ſchweigender Ordnung im Marsfelde auf. Eliſabeth ruhte erſchoͤpft in einem Divan, ihre Nerven waren abgeſpannt, ſie bedurfte der Erholung, LEſtocq aber, der Unermuͤdliche, hatte ſich indeſſen beur⸗ laubt und ging in Begleitung einiger Mann⸗ ſchaft aus, um dem Prinzen von Heſſen⸗Hom⸗ burg, dem General Feldmarſchal von Lacy und noch einigen andern Vornehmen, die Thronbeſtei⸗ gung ſeiner Gebieterin in Perſon zu melden. Ueberall traf er auf Erſtaunen, Beſtuͤrzung, Zweifel, aber auf Unterwerfung, und ſchon graute der Tag, als er von dieſem muͤhſamen Umzug zuruͤckkehrte. Die Hauptſtadt war unterdeſſen in Beivegung gerathen, Volkshaufen bildeten ſich in den Straßen und auf den Plaͤtzen, wie ein Lauf⸗ feuer eilte die große Nachricht uͤber Petersburg hin und entzuͤndete die Gemuͤther. 4 15* — 228— Man draͤngte ſich in dumpfem Schweigen nach dem Marsfelde und ſah hier tauſende von Truppen, alle die ſchoͤnen gefuͤrchteten Regimenter aufgeſtellt und fuͤr die Sache der neuen Kaiſerin entſchieden, man ſah eine Karoſſe nach der An⸗ dern, mit den bekannten Livreen großer Staats⸗ maͤnner in das Portal von Eliſabeths Palaſt einfahren, und mit der aufgehenden Sonne zu⸗ gleich kehrte ſich Alles dem neuen Geſtirn der Macht, der Groͤße und des Anſehens zu.— LöEſtocg ließ die Regimenter ſchwoͤren, in einem beſondern Saal die Großen huldigen, und Eliſa⸗ beth war Kaiſerin von Rußland. Mit ſiegreichem triumphirenden Schritt, den Purpurmantel hinter ſich ſchleppend, Gluͤck und Befriedigung in jedem Zuge ihres ſtrahlenden Antlitzes, kehrte ſie eben aus dem Saal, worin jene Huldigung geleiſtet worden war, nach ihren Zimmern zuruͤck. An der Schwelle deſſelben ſtand Peter Schubin, die Freiheit benutzend, die in den gegenwaͤrtigen Augenblicken trunkener Begeiſterung noch nicht durch Etikette beengt — war, und warf ſich auf die Kniee nieder, ſobald ſich ihm die Monarchin nahte. Eliſabeth er⸗ blickte nicht ſobald die wohlbekannte Uniform des Preobraſchenskiſchen Regiments, als ſie auch den Mann erkannte, und trotz dem wilden ſchrecklichen Anblick Peters, huldreich vor ihm ſtehen blieb—„Glorwuͤrdigſte Kaiſerin,“ hub der Soldat an—„ich komme— ich bitte— ich bin—“ „Wohl kenne ich Dich,“ fiel ihm Eliſabeth hoͤchſt gnaͤdig ins Wort,„Du heißeſt Peter und gehoͤrſt zur vierten Compagnie Preobra⸗ ſchenskoy“ en„Zu allergnaͤdigſtem Befehl, Eurer Maje⸗ ſtäͤt,“ ſtammelte Peter, zur vierten Compagnie und eben deswegen—“ „und eben deswegen,“ unterbrach ihn Eliſa⸗ beth von Neuem,„haſt Du nicht noͤthig um Belohnung zu bitten. Nie werde ich vergeſſen, was ich dieſer Compagnie verdanke, und ihr —jjjüͤ — 230— ſters in Gnaden gewogen bleiben. Ja Peter, ich will Eure Mannſchaft vor Allen in der ganzen Armee erhoͤhen. Ihr ſollt Alle von nun an adlich ſeyn, Alle Offiziersrang haben. Ihr ſollt das vornehmſte Corps in Europa werden, bis auf Euren geringen Trommelſchlaͤger will ich meine Gnade erſtrecken. Geh, verkuͤnde es Dei⸗ nen Cameraden.“ Peter verſuchte den Zipfel ih⸗ res Mantels zu kuͤſſen. „Gnaͤdigſte Kaiſerin,“ fing er abermals an, ohne aufzuſtehen,„moͤchten ſich die Blicke Eurer Majeſtuͤt vorzuͤglich auf mnih armen Mann rich⸗ ten, der das Gluͤck hatte.ℳ „Hal ich weiß ſchon, woran Du mich mah⸗ nen willſt, Schelm!“ fuhr Eliſabeth ſcherzend fort,„Du biſt der, deſſen Knaben ich im letzten Winter aus der Taufe hob; nun wohlan, es komme Dir zu Gute— denn war nicht— war nicht Er dabei?— Genug, ich erhebe Dich zum Hauptmann; ehe Du mir aber wie⸗ der naheſt, wechſele Deine Montur, ſie iſt be⸗ — 231— fleckt, ſchmutzig— ja wahrhaftig, ich dlaube voll Blut— biſt Du verwundet?“— „Das iſt es ja bben/ rief Peter, jetzt voͤllig ermuthigt, ſich nicht mehr unterbrechen zu laſſen —„Das iſt es ja eben, weswegen ich Ew. Majeſtaͤt um eine ganz beſondere Belohnung anflehen wollte, die mein Eifer gewiß verdient hat. Mir, mir iſt es zuzuſchreiben, daß in dieſer Nacht Alles ſo leicht und ſchoͤn von ſtat⸗ ten gegangen iſt; meine Entſchoſſenheit, mein Muth allein haben das Zimmer der Anna Car⸗ lowna erobert. Ein Verraͤther war unter uns, leider Ihro Majeſtaͤt— ein Verraͤther, noch obenein ein Offizier, der uns nicht hineinlaſſen wollte, aber ich,— fuhr er mit erhobener Stimme und gekruͤmmten Fingern fort, ich ſtieß ihn an der Schwelle nieder.“ „Schweig, Peter Schubin!“ rief ihm jetzt LEſtocg mitten aus einem gedraͤngten Haufen zu, der ſich zu allen Seiten der Keiſerit gebil⸗ der hatte. — 2³32— „Schweigen,“ entgegnete Peter hoͤhniſch,„das befiehlt man keinem Hauptmann mehr— ha, daß mir ein Anderer zuvorkaͤme!“— „Hoͤren ihn Ew. Majeſtaͤt nicht an!“ ſchrie LEſtocq noch lauter, und draͤngte verdebene um vorzukommen.—— „Jetzt grade,“ ſagte Eliſabeth von wilder Ahnung gepackt, und ploͤtzlich blaß, wie eine Marmorbuͤſte—„jetzt grade will ich ihn hoͤren. Sprich Ungluͤcklicher,“ fuhr ſie fort und lehnte ſich wankend an Peters Schulter,„wem gehoͤrt dies Blut? wen haſt Du niedergeſtoßen?“ „Einen Feind unſerer gnaͤdigſten Kaiſerin,“ erwiederte der Rothkopf grinſend, nden Haupt⸗ mann Paul Woronzow.“— Ein lauter Schrei war Eliſabeths Anrchort Gleichſam als fuͤhle ſie ſelbſt einen Dolch im Herzen, ſtuͤrzte ſie zuſammen, der Purpur rauſchte uͤber ſie hin, und LEſtocg, der ſich jetzt Bahn zu ihr gemacht hatte, trug die Daamnäch tige in ihr Zimmer. 360 nedap e — — 233— Alles war beſtuͤrzt, Alles fragte und wollte die Urſach dieſes unbegreiflichen Vorfalls wiſſen, aber am unbegreiflichſten war er fuͤr Peter ſelbſt. Der alte Woronzow, der Auskunft haͤtte geben koͤnnen, ſtand betaͤubt da, und ſchlich endlich die Treppen des Palaſtes hinab nach ſeinem Wagen. Nach einer Stunde kam LEſtocg wieder hervor, und gab Befehl, den Leichnam des Juͤnglings hierher zu ſchaffen. Man brachte ihn, und er ward in einem kleinen Cabinet auf eine Art von ſchnell errichteten Sarkophag niedergelegt. Keine Spur des Todes entſtellte ſein ſchoͤnes Geſicht, er ſchien auf den koſtbaren Kiſſen, worauf er ruhte, eingeſchlummert zu ſeyn. Hierher fuͤhrte LEſtocg die Kaiſerin, und ſie lag thraͤnenlos, ſtarr, ohne Laut und Bewe⸗ gung uͤber ihn hergeworfen; ſie preßte ſein todtes geliebtes Haupt mit gluͤhendem Schmerz an den Buſen, und hoͤrte nicht das jubelvolle Getoͤſe außerhalb des Palaſts, das droͤhnende Hurrah von tauſend und aber tauſend Stim⸗ men gebruͤllt, den Donner der Kanonen, der die — — —— 24— Luft erſchuͤtterte, das heulende Glockengelaͤute. „Mein Geliebter!“ fluͤſterte ſie endlich, auf⸗ geſcheucht von dem Allen, in das Ohr des Tod⸗ ten,„mein Geliebter hoͤre es in Deinen Him⸗ meln, ſie huldigen Dir, denn ich bin Kaiſerin geworden— ich habe die Krone errungen, die⸗ ſen elenden Reif, aber die Krone meines Da⸗ ſeyns iſt untergegangen. Paul, meine Seele, warum haſt Du mir das gethan?“— LEſtocg, der lange ſchweigend in ehrerbieti⸗ ger Entfernung geſtanden hatte, trocknete jetzt ſeine heiße Stirn, und ermahnte die Kaiſerin, daß ſie ihrem Schmerz gebieten muͤſſe, und daß es Zeit ſei, ſich ihrem Volk zu zei⸗ gen.„Folgen mir Ew. Majeſtaͤt, und tre⸗ ten Sie auf den großen Altan!“ flehte er leiſe. 1 „Geh hin, Mann,“ entgegnete Eliſabeth ohne aufzuſehen,„ich habe keinen Altan, kein Volk und keine Reiche— hier liegt meine Welt!“— 255 „Ha!“ rief LEſtocg, der die Nothwendigkeit einſah, die Fuͤrſtin auf eine andere Art zu erſchuͤttern,„dieſer Todte ſelbſt wuͤrde die Schwaͤche tadeln, die Sie abermals zeigen. Er erlaubt Ihnen, ihn zu beweinen, aber nicht, in ihrem Schmerze unterzugehen. Folgen Sie mir, Eliſabeth!“— Die Kaiſerin ließ ſich empor richten, weg⸗ fuͤhren, und noch immer hatte ſie nicht ge⸗ weint; als ſie aber jetzt uͤber die Schwelle des Zimmers ſchreiten wollte, und noch einmal zu⸗ ruͤck ſah nach ihrem bleichen Liebling, brach ihr erſtarrtes Herz, eine Thraͤnenfluth ſtroͤmte in ihre Augen, und wer ſie ſo mit verhuͤll⸗ tem Anblitz uͤber die Gallerie hinwanken ſah, ahnete in dieſer Leidensgeſtalt nicht die begluͤckte Thronraͤuberin, die herrſchende maͤchtige Eliſa⸗ beth, die jetzt den Huldigungen eines Volkes ent⸗ gegen ging.— Hier faͤllt dem Zeichner der Griffel aus der Hand, und er verweißt den Fragenden ͤͤſͤſͤſͤſͤſſſſſ — 236— nuf das große Theater der Geſchichte von dem er ſeine Darſtellung entlehnte. Aber da die Muſe vor dem ſtarren Bilde der Wahrheit er⸗ bleicht und die Entwuͤrdigung mitfuͤhlt, die der nackte Anblick der Leidenſchaften und ihres Gefolges in edlen Herzen erregt, ſo verzeihe der Menſchenfreund den verhuͤllenden Schleier, den ſie uͤber die nothwendige Perſpektive ihres Gemaͤhldes hinwirft. Nur mit halbem Auge, das von mitleidigen Thraͤnen erfuͤllt iſt, ſehe er die Familie des ungluͤcklichen Anton Ulrich von Braunſchweig, der ſich Melanie Woronzow und die Baroneſſe Juliane von Mengden, trotz glaͤnzender Anerbietungen von Seiten der Kaiſe⸗ rin, anſchloſſen, zuerſt nach Riga und dann nach Sibirien wandern; er ſehe den entthron⸗ ten Knaben, fern vom Vater⸗ und Mutterhet⸗ zen, als bluͤhenden Juͤngling in einem Kerker enden, und Rußlands langjaͤhrige Stützen, Oſtermann, Muͤnich, Loͤwenwalde, Golofkin, nach einem ſchrecklichen Prozeſſe, der ſie auf das Schaffot fuͤhrte, von deſſen Stufen ſie Eliſabeths barbariſche Gnade wieder herabriß⸗ ihren Gebietern in das Elend folgen. Aber iſt — 237— guch da Elend, wo groſdenkende ungluͤckliche Menſchen wohnen? Kann nicht der Eispol ſel⸗ ber unter dem warmen Schlage ihrer Herzen erwarmen? Wir wollen es wenigſtens glauben. LEſtocg ward mit Ehren und Reichthuͤmern aͤberhaͤuft, und heirathete ſpaͤterhin, als Graf und Staatsrath ſeine alte Freundin, die Baro⸗ neſſe Aurore von Mengden. Aber er fuͤhlte nach Jahren den Unbeſtand aller irdiſchen Herr⸗ lichkeit, denn er fiel in die Ungnade ſeiner Gebieterin, und mußte nach Sibirien gehen. Der Groß⸗Canzler Woronzow hatte keinen Sohn und keine Tochter mehr, und ſtand in freuden⸗ loſem Alter, allein. Peter wurde nach einer fernen Garniſon, tauſend Meilen von Peters⸗ burg, verſetzt, wohin ihm jedoch Katinka nicht folgte, da ihr Eliſabeth die Herrſchaft von Kneeskoje kaufte. Sie pflegte dort den alten Muriew bis an ſeinen Tod. Nach Jahresfriſt ward ſie Wittwe, und bald dranf die gluͤckliche Gattin des Majors und Fluͤgeladjudanten, Fedor Schubin.— — — 238 und Eliſabeth—? Elſſabeth hatte das 1 Juwel ihres Daſeyns, und mit ihm den Adel— ihrer Seele relühe ſie ward, wie die Ge⸗* ſchichte ſie kennt.— 4 En de. —* * 5 8 7 . „ 5 . 8 „ urunnumrwwmunnRnnu 14 15 16 17 18 1 4 4 5 6 4 4 8 4 1 1 18