„ 1 „a ee eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von.. Eduard Öttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Mihäbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„.„=.„—„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———y —— eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —— —— — SElisabeth und Anna. Roman aus der ruſſiſchen Geſchichte von Ernst Wadamerius. Erſter Theil. ———õ——— Weipzig, Verlegt bei Ch. E. Kollmann. 1 8 7. Es geſchohh um das Jahr 1741, daß an einem heitern, kalten Wintermorgen ein junger Menſch um die Ecke der Straße Staraja⸗Ruſſa zu St. Petersburg bog. Dieſe Straße, welche ihren Namen von den, in der Naͤhe der Haupt⸗ ſtadt befindlichen Salzwerken hat, liegt in dem Viertel der Admiralitaͤt und wird an dem einen Ende von der Kirche der heiligen Maria von Caſan, am andern von einem freien Platz be⸗ grenzt, an dem ein Canal der Newa, die Fon⸗ tanka hinfließt. Obgleich ſchon damals mit praͤchtigen Gebaͤuden beſetzt, hatte die Straße doch noch ein ſehr unvollendetes Anſehen. Leere Bau⸗ ſtrecken unterbrachen ſohr oft die Linie von Pal⸗ laͤſten, das Material der letzteren: ungeheure I.* 1 Quadern von Granit oder von ſibiriſchem Mar⸗ mor, lagen in formloſen Maſſen durcheinander und thuͤrmten ſich hoch uͤber das Dach hoͤlzerner Huͤtten, die nachbarlich neben ihnen ruhten und deren nationales Ausſehen den fremden Beobach⸗ ter an das Land erinnern mochten, gegen deſſen kalten Himmel der Rauch ihrer Schornſteine auf⸗ ſtieg. Wie leicht war er im Begriff es uͤber die Pracht ſuͤdlicher Climate zu vergeſſen, die ſich uͤberall ſeinem Auge entgegen draͤngte, uͤber den Anblick von Tempeln und Saͤulenfagaden, das Erzeugniß einer griechiſchen Sonne, und luftiger Balkone, unter denen nichts fehlte, als der Klang ſpaniſcher Mandolinen. Der junge Menſch, der in die Straße einbog, war ſeinem Aeußeren nach ein Ruſſe niederer Herkunft; er trug einen Rei⸗ ſetorniſter auf dem Ruͤcken, einen Wanderſtab in der Hand, und einen Soldatendegen uͤber den kur⸗ zen Pelzrock geſchnallt; ſein Gliederbau war ge⸗ drungen und kraͤftig, ſeine Geſichtsfarbe bluͤhend, und ein paar kleine Augen blitzten ſchelmiſch unter der hochgewoͤlbten, beinah runden Stirn hervor. Munter ſchritt er auf eine der Baracken zu, die 3 — 3— ziemlich am Ende der Straße lag und von den uͤbrigen Haͤuſern durch einen großen Bauplatz getrennt war, ploͤtzlich aber blieb er ſtehen, ſah ſchaͤrfer nach der Huͤtte hin und gewahrte etwas vor der Thuͤr derſelben, was er dort keinesweges vermuthen konnte,— eine praͤchtige Kutſche mit 4 Pferden beſpannt und von reich gekleideten Li⸗ vreebedienten umgeben. Er ſtaunte, aber ehe er noch Zeit hatte, ſich zu beſinnen, rollte eine zweite Kutſche heran, jetzt eine dritte, ja die ſtolze Glas⸗ karoſſe, die ſo eben dicht an ihm voruͤber raſſelte und ihn beinahe zu Boden gefahren haͤtte, hielt auch vor der Huͤtte ſtill und vollendete ſeine hoͤch⸗ ſte Verwunderung. Hohol! ſprach er vor ſich hin, und fuhr mit der Hand unter die Muͤtze in das dicke, rundab⸗ geſchnittne Haar, ich bin wohl irre gegangen, oder die dort auf den Boͤcken wiſſen nicht, was ſie thun! Wohnt denn nicht in jener Huͤtte Bruder Peter, der Rothkopf, der arme Soldat, der ſo wenig hat als ich? Was wollen denn die glaͤnzenden Kutſchen bei uns? Beim heiligen Ni⸗ kolaus, das geht nicht mit rechten Dingen zu! 1* — 4— Er ſtand noch eine Weile auf ſeinen Knotenſtock geſtuͤtzt, wiegte den Kopf und aͤchelte vor ſich hin, dann ſchritt er dreiſt nach der Baracke, um welche die Equipagen ſo eben einen Halbkreis bildeten, der nach vorn zu, fuͤr die noch zu Er⸗ wartenden offen blieb.„Hoͤrt einmal Eure Excel⸗ lenz!“ redete er einen der Wagenfuͤhrer an, der, in einen weiten Pelzmantel gehuͤllt, martialiſch von ſeinem Bock herabſah,„erzeigt mir doch die Gna⸗ de, und ſagt mir, wenn es Euch bekannt iſt, wer denn eigentlich in dem Pallaſte wohnt, vor dem Ihr haltet? der vorige Beſitzer muß ausgezogen ſeyn.“ „Keineswegen, du Spitzbube, du Erzſchelm!“ verſetzte der baͤrtige Kutſcher, und hieb mit ſeiner Peitſche neckend nach dem Frager,„da drinnen in dem Loche wohnt Peter Schuboff von der Preo⸗ braſchenskiſchen Garde und haͤlt heute Kindtaufe; du aber, ich kenne dich wohl, du biſt der luſtige Fedor, ſein Bruder, der gewiß einmal wieder aus dem Himmel faͤllt oder vom Strafkommando zuruͤckkommt; nun du haſt die Zeit gut abge⸗ paßt. Geh hinein, es giebt vornehme Geſellſchaft drinnen und Schnaps und Kuchen.“ „Ach, Herr Roſtow,“ entgegnete der Burſch, „jetzt erkenne ich Euch erſt und die Livree, die Ihr tragt, Gott gruͤße Euch recht ſchoͤn!— Alſo ſeht einmal, der Peter haͤlt Kindtaufe und die niedliche Katinka erlebt endlich Mutterfreuden! ſie hat ſich kange darnach geſehnt. Was ſich doch in einem Jahr alles begeben kann, denn ſo lange gerade iſt es, Herr Roſtow, daß ich weg war, aber nicht in Strafe, wie Ihr denkt, ſondern bloß auf Com⸗ mando in Moskau und Preobraſchenskoi; ja, ja! glaubts ſicher, Gott und die Kaiſerin wiſ⸗ ſen's!“ 1 „Narr,“ lachte der Kutſcher,„die Kaiſerin iſt ja geſtorben!“ „Ja ſo!“ ſprach Jener weiter,„ſie iſt ge⸗ ſtorben; ach die gute Dame, wenn ſie doch noch lebte! Nun, trinkt einmal auf ihre Geſundheit, Herr Roſtow,“ fuhr er fort, und reichte dem Kutſcher eine Flaſche aus ſeinem Reiſetorniſter, „echter, reiner Moskowiter, ſo wahr ich lebe, Gott und die Kaiſerin wiſſen's! Jetzt ſagt mir aber doch, wie kommt Ihr hierher, und was wol⸗ len uͤberhaupt die vielen Kutſchen hier 2 ,. — 6— „Bedanke mich,“ ſagte der Kutſcher vornehm, und gab die, faſt geleerte Flaſche zuruͤck.„Ja Fedor, das will ich dir ſagen, das hat eine eigne Bewandniß. Dein Bruder Peter, weißt du, iſt in allen Dingen geſcheider als du; da iſt er denn auf den Gedanken gekommen, daß eine vornehme Gevatterſchaft bei ſeinem Jungen ihm und dem Kinde von beſſerem Nutzen ſeyn wuͤrde, als der Plebs aus Eurem Stande; ſomit hat er ſich ein Herz genommen und in tiefer Unterthaͤnigkeit zu Pathen eingeladen erſtlich Uns, das heißt, meines gnaͤdigen Herrn Grafen Sohn, den ich ſo eben hergefahren habe— ſieh, dort ſchaut er am Fenſter.”“ „Meinen Lieutenant, Paul Alexiewitſch!“ rief Fedor.„Grafen von Woronzow,“ ergaͤnzte der Kutſcher,„ganz Recht. Und auch noch hoͤher hinauf hat ſich der Menſch gewagt. Siehſt du dort die Livree, blau mit roth, das iſt Graf Oſtermann, der alte Miniſter, der Preußenfreund; jene dort mit Gruͤn und Silber, die hinter mir haͤlt, brachte den Feldmarſchall Muͤnch her, und die — 7— Uebrigen gehoͤren dem Hofſtaat der Czarewna, welche ſo eben erwartet wird.“ „Der Czarewna?“ rief Fedor voller Erſtau⸗ nen,„beſinnt Euch, Herr Roſtow; der Moskowi⸗ ter wirkt in Eurem Kopf; die Czarewna? ſie wird doch nicht— wollte ich ſagen— mein Bruder, Peter der Rothkopf, wird doch nicht“— „Armer Schlucker!“ entgegnete der Kutſcher, „ich bedaure dich, daß du ſo wenig Verſtand haſt! Dein Bruder, der Rothkopf, beſitzt deſſen mehr; er hat die Czarewna zu Gevatter gebeten und dieſe hat in ihrer gewoͤhnlichen Huld und Gna⸗ de zugeſagt. Freilich iſts wahr, zehn Andere, zehnmal Geringere, als die Tochter unſers großen Peter, haͤtten den frechen Soldaten mit Verach⸗ tung zuruͤckgewieſen, aber man kennt ſie ja— ſie iſt ein Engel in Menſchengeſtalt und gegen den Geringſten freundlich. Aber jetzt packe dich aus dem Wege, dort kommt der Protopope*) mit ſeinem Gefolge.“ **) Ein weltlicher Geiſtlicher, ſoviel als Oberpfar⸗ rer. 1 — 8— / „Heitiger Andreas, heiliger Alexander Newsky heiliger Nil von Prokowskoi!“ rief der Burſch, indem er zur Seite trat,„wie klug und wie dumm man in der Welt werden kann! Ja, Peter iſt ein ganzer Kerl voll angenehmer Unverſchaͤmtheit. Koͤnnte ich doch nun auch gleich taufen laſſen, wer weiß, wen ich zu Gevatter baͤte! Nun, ich empfehle mich, Herr Roſtow, und wuͤnſche, daß Ihr das Gleichgewicht auf Eurem hohen Bock nicht verlieren moͤgt, denn wer hoch ſitzt, kann auch tief fallen.“ 1 Bey dieſen Worten ſchwenkte er ſein Muͤtz⸗ chen, drehte ſich um und ſah nicht mehr, wie ihm der Kutſcher halb im Ernſt, halb ſpaßhaft, mit der Peitſche nachdrohte. Bald verlor er ſich in der immer zuneh⸗ menden Menſchenmenge, die zum Theil aus Neugier in der Umgegend der Huͤtte zuſammen⸗ lief, zum Theil andaͤchtig den Geiſtlichen folgte, welche ſo eben von der Seite der Caſaniſchen Kirche herkamen. Es war der Protopope jener Kirche nebſt ſeinen Diakonen und zwei Lectoren. Sie trugen ſaͤmmtlich die feſtlichen Kleider, die einer feierlichen Kirchenhandlung angemeſſen ſind; von den Schultern des Prieſters wallte das reiche Phelonium*) nieder, an der rechten Seite bis üͤber das Knie herab hing das Epiganation*4), ein Schmuck der nur Biſchoͤfen oder Oberpopen zu tragen erlaubt iſt. Der Aberglaube des Ruſſen legt ihm eine große Macht uͤber die boͤſen Geiſter bei und traut ihm die Kraft zu, dieſelben fern zu halten oder zu uͤberwaͤltigen. Dem Protopopen zur Seite wandelten der Dia⸗ konus und der Subdiakonus, im Sticharion mit dem Orar geſchmuͤckt; das heißt in einem langen violetten Ueberkleide und zwei Streifen vonn Gold⸗ brokat, die nach vorn zu ſich in einem Kreutz ſchließen und uͤber die Schultern herabfallen. Der Diakonus trug außerdem noch die Epima⸗ **) Ein Ueberkleid von Sammt, mit Gold und Silber geſtickt, auch am untern Rand mit Edelſteinen beſetzt. **) Ein verſchobenes Viereck von Sammt, einer Patrontaſche aͤhnlich. Es iſt reich geſtickt, in der Mitte mit einem Kreutz und an den Zipfeln mit großen ſeidnen Quaſten beſetzt, außer an dem, mit welchem es an den Guͤrtel befeſtigt iſt. — 10— nikia zum Unterſchied von dem Subdiakonus, enge Ermel nehmlich, welche unter den weiten Ermeln des Stichars hervorſehen und endlich die ſilberne Kanne mit geweihtem Waſſer nebſt dem Flaſchchen mit heiligem Oel, waͤhrend Jener den Sprengbuͤſchel, oder wie ihn der Ruſſe nennt, die Baſilka, in der Hand hielt. Auch die Lec⸗ toren waren mit dem Stichar bekleidet, wobei ein kurzes Maͤntelchen von anderer Farbe ihre Schultern bedeckte. Lange Baͤrte und fliegendes Haar geben den Geiſtlichen ein ehrwuͤrdiges An⸗ ſehen. Auf ihrem Wege begruͤßte ſie das Volk mit mannichfachen Zeichen der Ehrfurcht. Jetzt traten ſie in die Huͤtte, an deren Schwelle Peter der Soldat bereits ſtand, den Protopopen mit einer Kniebeugung und einen Handkuß begruͤßte, und ihn dann nebſt ſeinem Gefolge in die Wohnſtube zu der Woͤchnerin fuͤhrte. Hier tra⸗ fen die geiſtlichen Herren jene vornehme Geſell⸗ ſchaft, von der der Kutſcher dem jungen Fedor erzählt hatte, und es machte einen ſonderbaren Eindruck, die praͤchtigen Uniformen, Hofkleider und geiſtlichen Gewaͤnder gegen die Armuth die⸗ — 11— ſer Umgebungen abſtechen zu ſehen. Man laͤ⸗ chelte ſich gegenſeitig zu, gleichſam verwundert, einander hier zu finden; auf manchen Lippen mochten beißende Witzworte ſchweben, aber man hielt ſie zuruͤck, theils um die Wuͤrde nicht zu beleidigen, die eine kirchliche Feier erfordert, theils aus Ehrfurcht vor der hohen Perſon, die man erwartete, und die ſich ja durch ihr Erſcheinen noch weit mehr herabließ, als Jeder der Anwe⸗ ſenden. 8 Die bleiche huͤbſche Katinka ſchaute indeſſen, von ihrem Wochenbett, das ſich auf der Decke des ſtark geheitzten Ofens befand, verlegen auf die Geſellſchaft nieder; ein Schaafpelz, der noch uͤber ſie geworfen war, verhuͤllte zur Haͤlfte die ſchlanke Geſtalt; das neugeborne Kind ruhte, aͤrmlich ge⸗ putzt, an ihrem Buſen, und auf ihrer Stirn glaͤnzte ein feuchter Thau, den ſowohl die uner⸗ traͤgliche Waͤrme, welcher ſie ausgeſetzt war, als auch die Aengſtlichkeit, die ſichtbar in ihren Mie⸗ nen ſpielte, erzeugt haben konnte. Furchtſam folgte ihr Auge den Bewegungen der Anweſen⸗ den, vorzuͤglich aber denen ihres Mannes, welcher 7— 12— nicht aufhoͤrte dem Protopopen ſeine Demuth zu bezeugen, oder bald dieſem, bald jenem vor⸗ nehmen Herrn in Unterthaͤnigkeit einige Worte zu ſagen; endlich blieben ihre Blicke auf einen jungen Officier haften, der am Fenſter lehnte, und auch ſie mit einer Art von mitleidsvoller Theilnahme betrachtete. Unbemerkt von den, Uebrigen winkte ſie ihn leiſe mit dem Finger; er fah es und folgte etwas verwundert dem ſtum⸗ men Rufe; leicht ſchwang er ſich auf die Ofen⸗ bank, und fragte, uͤber die Woͤchnerin geneigt, nach ihrem Begehr. „Ach, gnaͤdiger Herr,“ fluͤſterte ſie mit kaum hoͤrbarer Stimme,„verzeiht doch ja meiner Drei⸗ ſtigkeit, aber ich weiß nicht an wen ich mich an⸗ ders in meiner Herzensangſt wenden ſoll. Ihr könnt doch meinem Peter befehlen, denn er ſteht bei Eurer Compagnie, das kann zwar dort der alte Herr Feldmarſchall auch, und alle uͤbrigen Herren wohl auch, aber die ſind mir gar zu vornehm, an Euch wende ich mich, Herr Lieu⸗ tenant!“ — 13— „Nun was iſts?“ fragte dieſer etwas rauh. „Seht, lieber Herr,“ fuhr Katinka fort,„der Jordan*) iſt dieſer Tage aufgethan, das heilige Waſſer fließt, da will denn der Peter den armen Wurm hier gleich nach der Taufe hinaustragen laſſen in die Kaͤlte, in das eiskalte Waſſer; ach, es iſt ja wohl geweiht und ſehr kraͤftig, und vertreibt den Teufel beſſer als das dort in der Kanne, aber denkt nur, das arme Kind in die Kaͤlte! verbietet's ihm doch!“ „Biſt du klug, Frau?“ entgegnete der Lieu⸗ tenant.„Was ein guter Ruſſe werden will, muß das aushalten koͤnnen. Ich bin auch in der Newa getauft. „Ihr auch,“ erwiederte die junge Mutter aͤngſtlich,„Ihr ſeyd vornehmer Leute Kind, das haben die Herren Popen ſchon feſt gehalten. Aber man weiß ja, wie es manchmal geht bei gemeinen Leuten; kalt iſts einmal, die Herren „ *) Das Loch, welches in das Eis der Newa, oder einen ihrer Canaͤle, zur Waſſerweihe gehauen wird. Die Waſſerweihe faͤllt auf den ôten Januar. 44— Popen haben ein Schnaͤpschen zu ſich genommen, zur Geſundheit, das iſt recht ſchon, auch wohl zwei, das dient noch immer zur Heiligkeit, aber die Hand macht's doch zittern; ſo ꝛein Kindchen iſt glatt und entgleitet leicht; man hat ja die Beiſpiele; da heißt's freilich: der Herr hat's ge⸗ nommen, und das iſt auch wahr; aber die armen Muͤtter!!— drum beſter Herr Lieutenant— goldner Herr Lieutenant, ſprecht ein Wort da⸗ gegen!“— Eine ruͤhrende Angſt malte ſich bei dieſen Worten auf dem Antlitz des jungen Weibes; ihre blaſſen Wangen eoͤtheten ſich; ſie druͤckte mit der einen Hand den Saͤugling feſt an ihre Bruſt, und ſtreichelte mit der andern, ſich ſelbſt vergeſſend, die bluͤhenden Wangen des Officiers.— „Nun, nun,“ ſagte dieſer ſie abwehrend,„laß nur gut ſeyn, wir wollen ſehen, was zu machen iſt. Doch beſſer als ich wird die Czarewna deinem Wunſch entſprechen koͤnnen. Wende dich an ſie.“ „An die Prinzeſſin? an die Czarewna?“ ent⸗ gegnete die Woͤchnerin—„ach, wie haͤtte ich den 8 — 17— Militaͤrſtand gewogen bin, vor Allem der Garde von Preobraſchenskoi, die mein großer Vater ſelber errichtete, und deren erſte Soldaten ſeine Poteſchni*) waren. Er hat ſeine Liebe fuͤr Rußland auf mich vererbt, wenn ich auch nicht berufen bin, es zu beherrſchen, ja! ich fuͤhle mich ſeine Tochter.“ „Muͤßte man nur nicht fuͤrchten,“ nahm der alte Oſtermann, ein wuͤrdiger Greis mit ſchnee⸗ weißem Haar, das Wort,„daß die ungewohnte Athmosphaͤre ſolcher Gemaͤcher, wie dieſes, der Ge⸗ ſundheit Eurer kaiſerlichen Hoheit nachtheilig waͤre. „Ich danke Ihnen,“ lieber Oſtermann, laͤchelte die Prinzeſſin,„Sie meinen es mit der Tochter gut, wie ehemals mit dem Vater. Indeſſen dafuͤr iſt mir der Arzt verantwortlich. Nicht wahr LöEſtocg, ich habe Sie vorher um Ihre Zuſtimmung befragt, und Sie kennen ja meine ſtarke Natur? Nein, mein guter Graf, keine Beſorgniſſe; zur Sache jetzt, wenn ich bitten darf; wo iſt der Taͤufling?“ *) Spielgeſellen — 18— Bei dieſen Worten blickte ſie, mit der haͤus⸗ lichen Einrichtung in den Huͤtten ihrer niedern Landsleute nicht unbekannt, nach dem Ofenlager und gewahrte dort die Woͤchnerin und den Offi⸗ cier, die, noch immer in ihrem Anſchauen verſun⸗ ken, in der vorigen Stellung verharrt waren. Eini⸗ ge Augenblicke betrachtete ſie ſchweigend die Gruppe. „Ei, eil Peter,“ ſagte ſie dann zum Sol⸗ daten,„deine Eiferſucht muß nicht groß ſeyn, daß du deine huͤbſche Frau da mit unſerem ſchoͤnſten Officier zuſammengebracht haſt, doch zes iſt Alles zu etwas nuͤtze, auch daß er gerade da oben ſteht und mir das Compliment zu machen vergeſſen hat, ſo iſt er der Naͤchſte am Kind und kann es uns herabreichen. Graf Woronzow, bringen ſie mir den Taͤufling her!“ Der Juͤngling gehorchte. Vorſichtig nahm er das Kind, welches ihm die Mutter, mit Blicken die mehr als Worte ſprachen, uͤberließ⸗ in ſeine Arme und trat damit, ſich demuͤthig verneigend vor die Prinzeſſin. „Eine ſeltſame Kinderfrau!“ lachte dieſe. „Wie heißt der Knabe?“ fragte ſie dann und legee die wunderſchoͤne Hand leicht auf ſeine Stirn. 1 8 4 „Elias, Peter, Fedor, Alexander, Baſil, Anton, Paul, Nikolaus Weſili, Demetrius“— erwiederte der Vater des Knaben raſch und un⸗ terwuͤrfig*). „Nun beim Himmel!“ bemerkte Eliſabeth, „du biſt nicht unaufmerkſam gegen die Heiligen, wke gegen die Pathen. Wohlan, er ſey geſegnet!“ Damit machte ſie ein kleines goldnes Kreutz nebſt Kette von ihrem Halſe los, uͤberreichte es dem Protopopen, der es alsbald auf den bloßen Leib des Kindes legte,— ein Aberglaube der Ruſſen, die ein ſolches, ihnen waͤhrend der Taufe umgehangenes Kreutz nie wieder ablegen, ſondern ihm die ſchuͤtzende Kraft eines Amuelets zutrauen. Die Ceremonie begann nun, mit allen, der griechiſchen Kirche eigenthuͤmlichen Gebraͤuchen. Drei Kerzen brannten auf dem kleinen Tiſch in der Mitte des Zimmers, auf welchem der Tauf⸗ napf mit dem heiligen Waſſer befindlich war. ³) In Rußland giebt man den Kindern ihre Namen gleich mRach der Geburt, noch vor der Taufe. * 8* — 20— Nachdem ſich die Pathen um denſelben gereiht hatten, nahm der Pope den Taͤufling aus des Officiers Arm, entkleidete ihn und hielt ihn gegen Oſten, als den Urquell des Lichtes, der Gnade, der Gottheit. Dann hauchte er dreimal in das Geſicht des Kindes, bezeichnete deſſen Stirn dreimal mit dem heiligen Kreutz, legte ihm ſeine Hand auf den Kopf und betete. Nun folgten drei Verſchwoͤrungen des Satans, wobei er die Haͤnde des Kindes empor hob, es gegen Weſten wandte und fragte:„Entſagſt du dem Teufel und allen ſeinen Werken?“—„Ich entſage,“ erwie⸗ derten die Pathen. Der Prieſter wiederholte dieſe Frage dreimal, dann hauchte er den Taͤuf⸗ ling abermals an, ſpie ihm ins Geſicht und die Pathen ſpieen ebenfalls weſtwaͤrts, wodurch die Verachtung gegen die Finſterniß und ihre Geiſter bezeichnet wird. Der Pope wendete das Kind wieder nach Oſten zu, netzte ihm mit dem heili⸗ gen Oel, das ihm einer der Diakonen reichte, Bruſt und Nuͤcken, und nach mehreren Fragen, die er noch that und die von den Pathen beant⸗ — 21— wortet wurden, vollzog er die Taufe, indem er es dreimal in das Waſſer untertauchte. Nach Beendigung der Ceremonie beſchenkten die Pathen den nunmehrigen kleinen Chriſten, oder vielmehr ſeine Eltern reichlich; und die Prin⸗ zeſſin ließ durch LEſtocg einen Beutel mit Gold auf das Bett der Woͤchnerin legen. Peter, von ſo viel Gnade hingeriſſen, glaubte nun um deſto mehr ſich als ein ſtarkglaͤubiger, echter Ruſſe bezeugen zu muͤſſen; nachdem er daher gebuͤhrend gedankt hatte, bat er in Demurh den Protopopen um die Verguͤnſtigung, ſeinen Knaben nach der Fontanka zu begleiten, wohin er ihn tragen wolle, um ihn in den heiligen Jordan tauchen zu laſſen. Der Protopope, wie die meiſten Prieſter fanatiſch, laͤchelte wohlgefaͤllig zu dieſem Vorſchlag, bei welchem die arme Katinka erbleichend in ihre Kiſſen zuruͤckſank; die vornehmen Herren der Gevatterſchaft laͤchelten gleichfalls, aber mit philo⸗ ſophiſcher Ironie uͤber den Volkswahn; der Wundarzt der Prinzeſſin, L'Eſtocg, nahm eine der⸗ be Priſe und drehte ſich auf dem Abſatz um, und Eliſabeth ſelbſt maß den rothkoͤpfigen Peter mit — 22— einem Blick der Verachtung.„Du biſt mehr fromm als zaͤrtlich und vaͤterlich, ſagte ſie kalt, „denkt dein Weib auch ſo?“— 3 „Ach, kaiſerliche Hoheit,“ rief ploͤtzlich ermannt, Katinka von ihrem Lager herunter,„Erbarmen mit dem armen Kinde, das kalte Waſſer iſt ſein Tod, es ſtirbt darin!“ „Frau, du laͤſterſt!“ nahm der Protopope mit großer Salbung das Wort,„das Waſſer iſt ge⸗ weiht durch die Weihe des Herrn, es iſt der wahre Lebensquell, der Sitz der Gnade, und macht Leib und Seele gegen die Anfechtungen des Satans, ſo zu ſagen foͤrmlich Hieb⸗ und Stichfeſt. Ich lobe deinen Gatten ſeines Ent⸗ ſchluſſes wegen. Er folge mir mit dem Knaben zum Jordan, wir koͤnnen das heilige Geſchäft ſogleich verrichten.“ Kein Laut des Widerſpruchs regte, matt ließ die Mutter ihre Arme, die ſie ſchon nach dem Kinde ausgeſtreckt hatte, ſinken und eben wollte der Vater danach greifen, als ploͤtzlich Paul Woronzow zwiſchen ihn und das kleine Opfer trat.„Gemach, mein Freund,“ ſagte er, „vorher habe ich ein Wort mit dir zu reden. Erinnere dich, 12 du geſtern zu ſpaͤt zur Para⸗ de kamſt und, daß ich dich vorgeſtern bei der Runde betrunken fand. Iſt dem nicht ſo?“ Peter, der Grenadier, ſah ihn erſtaunt und mit dummer Verwundernng an, als wollte er fragen, wie er jetzt gerade auf dieſe kleinen Dienſtfehler komme, die er vergeſſen waͤhnte. „Herr Lieutenant,“ ſtammelte er dann,„um eine Minute zu ſpaͤt— und um ein Troͤpf⸗ chen uͤber den Durſt.“— „Gleichviel,“ entgegnete Paul finſter,„Strafe muß dennoch ſeyn, darum begiebſt du dich augen⸗ blicklich als Arreſtant nach Jamskoi in unſere Hauptwache, und bleibſt dort bis auf weiteren Befehl. Marſch!“ Bei dieſen Worten nahm er das Kind, ſprang leicht auf die Ofenbank und legte es der entzuͤckten Mutter wieder an die Bruſt. Der Soldat ſtand verſteinert da, und zeigte große Luſt nicht zu gehorchen. Seine Blicke ſuchten die Augen der Anweſenden von denen die Meiſten des Lieutenants geſchicktes Betragen verſtanden und zu keinem Widerſpruch geneigt waren. — 24— „Ew. Exeellenz, Herr Generalfeldmarſchall!“ flehte Peter, zum alten Muͤnich gewendet,„faiſerliche Hoheit, allerglorreichſte Czarewna?“ fuhr er fort, die Haͤnde zur Prinzeſſin aufhebend. Dieſe laͤchelte zwiſchen Ueberraſchung und Unwillen; welche Drei⸗ ſtigkeit einen Soldaten in ihrer Gegenwart zu be⸗ ſtrafen, noch dazu Einen, den ſie ſo eben mit Be⸗ weiſen ihrer Gnade uͤberhaͤufte; ſtol uͤberflog ihr ſchoͤnes Auge den kecken Officier, der ſo etwas wagte; ruhig, unbeweglich ſtand Paul wieder auf ſeinen Platz, unbekuͤmmert uͤber die Folgen ſeines Thuns und bloß den Feuerblick auf den Solda⸗ ten gerichtet, deſſen ungehorſames Zoͤgern ſeinen Zorn zu erregen begann—. Die Kaiſerstochter konnte ſich, je laͤnger ſie ihn anſah, eines geheimen Wohlgefallens an dem ſchoͤnen Juͤngling nicht erwehren.„Wenn ich nun vorbaͤte?“ ſagte ſie endlich mit unſicherer, ſanfter Stimme und ein Abglanz von unbeſchreib⸗ licher Schoͤnheit verklaͤrte ihre Zuͤge. „Kaiſerliche Hoheit befehlen uͤber mein Leben,“ entgegnete der Lieutenant,„aber Subordination muß ſeyn! Die hat Czar Peter in unſerm Regi⸗ — 25— mente eingefuͤhrt und mit ihrem Blute hat ſie die Garde von Preobraſchenskoi unterſchrieben. So eben hat dieſer Menſch gegen ſie gefehlt. Ohne einen Laut des Widerſpruchs mußte er gehorchen, und da er dieß nicht gethan, ſo ſoll⸗ er nun 8 Tage ſtatt Einem in Arreſt bleiben. Der Gnade Euerer kaiſerlichen Hoheit dankt er es, daß ich ihn nicht der Knute unterwerfe,“ „Trotzkopf!“ lachte die Prinzeſſin.„Ja, da bleibt freilich nichts Anderes uͤbrig als in aller Kuͤrze zu gehorchen, ehe dem geſtrengen Herrn eine zweite Steigerung der Strafe einfaͤllt. So geh denn, mein Sohn,“ wandte ſie ſich an Peter, „ich werde ſchon fuͤr ein Pflaſter auf die Wunde Sorge tragen muͤſſen. LEſtocq! laſſen Sie ihn noch hundert Rubel zahlen.“ „Hundert Rubel!“ jauchzte Peter und um⸗ faßte bald die Kniee der Kaiſerstochter, bald die ſeines Lieutnants.„O Vergnuͤgen! o Wonne, hundert Rubel! Dafuͤr ſitze ich ein ganzes Jahr lang im Kaſten, dafuͤr nehme ich dreimal die Knute, dafuͤr haͤnge ich mich auf, wenn es dleyn muß! — 26— Er nahm nun eilig Torniſter, Saͤbel und Fſchacko von der Wand, machte die millitaͤriſchen Ehrenbezeugungen und ging, ohne Frau und Kind eines Abſchiedsgrußes zu wuͤrdigen. Der Protopope wandte ſich jetzt an Katinka, um aus ihren Haͤnden den Knaben zur Vollziehung des ſogenannten heiligen Werks zu empfangen, da er aber hier den entſchiedenſten Widerſpruch fand, ſtand er bald von ſeinem Vorhaben ab und verließ nebſt ſeinem Gefolge die Huͤtte. Die Czarewna that desgleichen, nach ihr gingen der Feldmarſchall, der Miniſter und alle die vorneh⸗ men Herren, die der Taufe beigewohnt hatten, und zuletzt wollte auch Paul ſich entfernen, aber die Woͤchnerin rief ihn noch einmal zu ſich. „Dank, lieber Herr!“ ſagte ſie, und druͤckte ſeine Hand feurig an ihre Lippen,„tauſend Dank! Sie haben mein Knaͤbchen gerettet. Acht Tage iſt eine lange Friſt, indeſſen wird der Junge ſtark und Peter beſinnt ſich zehnmal eines Andern.“* „Du biſt aber nun allein,“ ſagte der Juͤng⸗ ling,„wer wird dich und dein Kind in der Zeit verpflegen?“ Das letztere weinte ſo eben. — 27— „Gott wird ſorgen,“ entgegnete die Mutter, es beſchwichtigend;„habe ich doch meinen Jungen; das Uebrige iſt mir gleichguͤltig.“ „Ich werde dir eine Frau zur Bedienung ſchicken,“ troͤſtete ſie der Lieutenant und machte ſich zum Fortgehen bereit; da ſchaute ein freund⸗ licher Dickkopf zur Stubenthuͤr herein; nickte gruͤßend und ſagte: 3 „Gluͤck mit Euch, Frau Schwaͤgerin und mit Eurem Jungen, Gluͤck mit Ihnen, Herr Lieutenant, ich bin auch wieder da und will ſchon das Meinige zur Pflege beitragen. Sind aber der gnaͤdige Herr geſonnen, eine Waͤrterin zu ſchicken, ſo iſt das, des guten Rufes wegen, recht paſſend, obgleich ich ein ganz ehrlicher Junge bin und vor Fran Katinka allen nur moͤglichen Re⸗ ſpect habe.“ „Fedor, mein Schwager!“ rief dieſe freudig, „willkommen guter Menſch, dich fuͤhrte mein Schutheiliger her, dumm biſt du zwar, aber du haſt ein Herz wie Gold.“ „Bedanke mich“ antwortete der Burſch eintre⸗ tend.„Sehen Sie, Herr Lieutenant, ſo ſind nun — 28— die Weiber— ſie kratzen und ſtreicheln mit einem Strich!“ Paul laͤchelte, that ihm einige Fragen uͤber ſeinen Aufenthalt zu Moskau und ſeine Ruͤckreiſe von dorther, druͤckte ihm dann ein Goldſtuͤcke in die Hand und verließ die Huͤtte von den Segens⸗ wuͤnſchen der beiden Inhaber begleitet. Die ver⸗ ſprochne Waͤrterin kam wenige Stunden darauf.— Am andern Morgen ſaß der alte Graf Oſtermann in ſeinem Studierkabinett, ausgebrei⸗ tete Briefſchaften vor ſich auf dem weiten Bu⸗ reau und neben ſich einen kleinen runden Tiſch zum Fruͤhſtuͤck, welches noch immer nicht aufge⸗ tragen war. Schon mehreremal hatte er geſchellt, und eben wollte er zum drittenmal nach der Glocke greifen, als er ſeine Augen ploͤtzlich von einem Paar weichen Haͤnden zugehalten fuͤhlte, und das Wehen eines ſuͤßen ambroſiſchen Athems ſein Haar beruͤhrte. 4 „Wie ungeduldig, mein gutes Vaterchen!“ fluͤſterte es hinter ihm, und gleich darauf neigte ſich der Engelskopf eines Maͤdchens uͤber ſeine Schulter; zwei Arme, weiß wie Schnee und ſchoͤn 29— wie von Marmor geformt, umfiengen koſend den Greis; es war Natalie, ſeine juͤngſte Tochter, von drei Kindern das einzige, welches ſich noch im vaͤ⸗ terlichen Hauſe befand.— Ihre beiden Bruͤder wa⸗ ren ſchon ſeit laͤngerer Zeit fern von demſelben auf einer großen Reiſe in fremde Laͤnder begriffen. Natalie war des Vaters Liebling, ſeine Vertraute, bei der er oft von den Muͤhen des Lebens aus⸗ ruhte, ihr kindlcher Frohſinn ſcherzte ſeine Sorgen hinweg und ſelbſt in den ſchwerſten Amtsge⸗ ſchaͤften, die auf ihm laſteten, ließ er ſich oft herab, des unerfahrnen Maͤdchens Meinung zu hoͤren und ihr geſundes Urtheil zu pruͤfen. „Guten Morgen mein Kind“ ſagte der Graf, als ſie jetzt leicht wie eine ſchoͤne Sylphide um ihn. hergaukelte, und die Chokolade kredenzte, welche gleich nach ihr ein Cammerdiener hereinbrachte,„du biſt fruͤh auf, kaum iſt es recht Tag geworden.“ „Weil ich mit Ihnen fruͤhſtuͤcken wollte, gu⸗ ter Vater,“ entgegnete Natalie.„Ich habe mir vorgenommen, mit Ihrer Erlaubniß dieß jetzt alle Tage zu thun. Sie ſollen nicht gleich mit dem Aufgang der ſchoͤnen Gottesſonne Ihren 1 —. 30— Geiſt in das Joch der Geſchaͤfte ſpannen, denn ich bemerke ſeit einiger Zeit, daß Ihre Heiterkeit darunter leidet. Das darf nicht ſeyn! bis um zehn Uhr gehoͤren Sie mir, dann erſt dem Staat.“ „Dieſer Staat,“ erwiederte der alte Graf ſeufzend, und legte die Feder weg,„iſt ein Koloß und druͤckt freilich oft ſchwer; doch kann ja das nicht anders ſeyn!“ „Laſſen Sie uns Eins plaudern, Vaͤterchen,“ fuhr Natalie fort,„erzaͤhlen Sie mir etwas! Sie waren geſtern bei einer luſtigen Parthie, ja, ja, ich weiß es wohl, Sie haben Gevatter geſtanden, bei einem Soldatenkinde— auch Munnich, Golofkin, Loͤwenwalde und gar die Czarewna. Sehen Sie, da giebt es Stoff genug zum Lachen, davon geben Sie mir etwas zum Beſten!“ „Stoff genug zum Denken wenigſtens,“ ſagte der Graf.„Mir, liebes Kind, war dieſe Gevatter⸗ ſchaft, wie auch einige vorhergegangene aͤhnliche, keinesweges laͤcherlich, vielmehr unangenehm und Beſorgniß erweckend. Dieſe Art von Herablaſ⸗ ſung ſcheint mir unnatuͤrlich und nicht in der freien Regung eines guͤtigen Herzens begruͤndet. —— — Ein Streben nach Volksgunſt liegt nnverkennbar darin, ein Trachten, die Zuneigung der niederen Claſſen, vor allen aber die des Militaͤrs an ſich zu reißen, draͤngt ſich unwillkuͤhrlich meiner Beo⸗ bachtung auf. Dieſe Eliſabeth, kann ſie es ver⸗ geſſen, daß eine fremde Linie auf dem Thron ihrer Vaͤter herrſcht und kann ſie, trotz des Leicht⸗ ſinns den ſie erkuͤnſtelt, uns glauben machen, ſie habe es vergeſſen? Dieſer LEſtocg, verliebt und narrenhaft, gleich dem beſten franzoͤſiſchen Stutzer, glaube mir, iſt mehr als er ſcheint; unter ſeiner Pariſer Wolkenperruͤcke gaͤhrt ein heißes Gehirn, und ehrſuͤchtige Plaͤne durchkreutzen ſeine Seele.“ „Da moͤchte ich denn doch widerſprechen, Vaͤterchen,“ entgegnete läͤchelnd Natalie;„Sie irren ſich. Nein, nein! der gute LEſtocg iſt harmloſer als ein Kind, harmloſer als ich. Noch geſtern Abend war ich mit ihm in der Aſſembleé bei der Hofdame, Baroneſſe von Mengden; da erzaͤhlte er uns mit einer Laune ohne Gleichen die geſtrige Parthie in der Soldatenbaracke; er machte ſich daruͤber luſtig, er ſtroͤmte uͤber in Witz und war unerſchoͤpflich an bons mots— — 32— die Czarewna ſelber entging ſeinen Pfeilen nicht. — Aber ſtill von ihm, lieber Vater! Laſſen ſie uns von etwas Beſſerem reden; nicht wahr, jener junge Menſch war auch da, LEſtocq's ſchreiender Gegenſatz, der Liebling der Maͤdchen⸗ welt und auch der meinige; Vaͤterchen, nicht wahr, Paul Woronzow wahr auch da?“ „Du erſchreckſt mich, mein Kind,“ ſagte der alte Graf,„wie, auch dein Liebling? er waͤre dir nicht gleichguͤltig dieſer Paul? Und das ſprichſt du ſo leicht aus, ohne an den Ernſt zu denken, den deine Worte enthalten.“ „Ernſt?“ laͤchelte Natalie, und ſuchte ſich zu faſſen,„iſt es denn ſo ſchwer und ernſt, wenn ich Wohlgefallen an dem braven Juͤngling habe? Seine Vorzuͤge muͤſſen ja ſelbſt die Maͤnner an⸗ erkennen. Ich tanze gern mit ihm, welche thaͤte das nicht, denn er tanzt vortrefflich; ich unter⸗ halte mich gern mit ihm, denn ſein Geiſt iſt ge⸗ bildet, und die Gutmuͤthigkeit eines reinen Herzens leuchtet aus ſeinen Augen; ich ſehe ihn gern, denn er iſt ſo ſchoͤn.“—— — 33— „Halt ein, Natalie,“ unterbrach ſie der alte Graf—„o mein Kind,“ fuhr er fort, und ergriff mild ihre Haͤnde,„nimm dein kindliches unbewachtes Herz in Acht, bezwinge ſeine Wal⸗ lungen, ſeine Wuͤnſche, ſeine Hoffnungen, ſo lange es noch Zeit iſt; wende deine Liebe keinem Sohn dieſes Volkes zu, thue es mir zu Gefal⸗ len; unter dieſem rauhen Himmel, auf dieſem eiserſtarrten Boden gedeiht kein aͤchtes Gluͤck.— Gern ſaͤhe ich dich nach Deutſchland verheira⸗ thet, nur hier nicht!“ „Sie ſcherzen Vaͤterchen,“ ſagte Natalie⸗ „Iſt denn nicht Rußland Ihre zweite Heimath und das Land, das Sie groß gemacht hat? Iſt es nicht auch mein Vaterland? In Deutſchland waͤren Sie vielleicht arm und niedrig geblieben, waͤhrend hier Ehre und Ruhm und alle Lorbeer⸗ kraͤnze des Kriegers, wie des Staatsmanns fuͤr Sie erbluͤhten.“— „O Gluͤck der Niedrigkeit,“ rief der Graf wehmüͤthig,„o Wieſenthal, das mich geboren, o friedliche Huͤtte meiner Heimath, haͤtte ich dich nie verlaſſen! Es iſt wahr, Natalie, mein Le⸗ 4. 3 benslauf iſt wunderbar„ und wenn ich ihn uͤber⸗ denke, ergreift mich ein banges Staunen. Er gleicht einem Bache, den ein maͤchtiger Strom mit in das Weltmeer fortriß in den weiten Raum voller Stuͤme, wo die wogende Brandung gaͤhrt und wo die harmloſen Fahrzeuge zwiſchen Klippen zerſchellen. Mein Vater war ein biederer deutſcher Landprediger, der mich fromm erzog und mich auf eine unſerer beruhmten Hochſchu⸗ len ſchickte, auf welcher ich bis in mein zwanzig⸗ ſtes Jahr den Wiſſenſchaften oblag. Da trieb mich der Uebermuth der Jugend an, mein Gluͤck im Auslande zu verſuchen, ich ging nach Hol⸗ land und lernte dort den Mann kennen, den ſeit⸗ dem Europa angeſtaunt hat, deſſen Ruhm mit dem Jahrhundert zugleich aus der Wiege ſtieg und deſſen Geiſt wie ein verklaͤrendes Nordlicht auf⸗ ging und ſeine Welt uͤberſtrahlte.— Ich ward ſein Diener und endlich ſein Freund— Peters Freund, Natalie!— dieſe große Natur entfal⸗ tete ſich an meinem Buſen mit allen ihren Licht⸗ ſeiten und allen ihren Schatten, aber wenn ich jene hochbewunderte, mußte ich vor dieſe zuruͤck⸗ beben. Derſelbe Mann, der mit Schoͤpferkraft aus einem rohen Koloß einen Staat bildete und mit den muͤhſam gebrochnen Bluͤthen fremder Cultur, ſein unermeßliches Reich bepflanzte, er trug ein grauſames Herz in der Bruſt und wur⸗ de von wilden Leidenſchaften beherrſcht. In ſei⸗ nen Wuͤſteneyen am Nordpol ſeufzten Schaaren von Verbannten, die Newa und die Moskwa roͤthete das Blut, welches ſeine Strafgerichte vergoſſen, ja, die eignen Verwandten ſchonte er nicht, ſeine erſte Gemahlin*) ward von ſeiner Seite in den Kerker geſtoßen; im Kerker ſchmachtete ſeine Schweſter Sophia, und ſein ungluͤcklicher Sohn Alexei wurde barbariſch von ihm ermordet. Da bewunderte ich ihn noch, aber ich liebte ihn nicht mehr.“ „Er heirathete Katharinen, die ſeine Nachfol⸗ gerin ward, und der er ſein Vertrauen zu mir vererbt hatte. Ich ſtieg unter ihr bis zum Reichskanzler empor und auf ihrem Sterbebette ernannte ſie mich noch zum Oberhofmeiſter des jungen Kaiſers, Peter des Zweiten und Sohn *) Eudoxia Lapuchin. 3* des hingerichteten Czarewitſch Alexei. Aber das boͤſe Schickſal ſeines Vaters waltete uͤber dieſen zarten Juͤngling fort; keine Pflege vermochte die Bluͤthe ſeiner geiſtigen und phyſiſchen Kraͤfte zu entwickeln, ſchwer druͤckte die Kaiſerkrone auf ſeine hellblonden Locken, er neigte das Haupt und ſtarb nach drei Jahren in meinen Armen. Jetzt war der Thron wieder erledigt; zwei Frauen hatten die naͤchſten Anſpruͤche darauf, die Tochter und die Nichte Peters des Großen, Eliſabeth und Anna Jwanawna. Die Letzere beſtieg ihn durch meine Huͤlfe, denn ich ſtimmte den Senat und die Großen fuͤr ſie.“ „Fragſt du, warum ich fuͤr Annen und nicht fuͤr die Tochter meines erſten Gebieters handelte, ſo wiſſe, das Annens feſter Charakter, ihr maͤnn⸗ licher Geiſt, mir fuͤr ein Reich heilſamer erſchien, das von Partheien zerriſſen und in innerer Ver⸗ wirrung faſt aufgeloͤßt, einer kraͤftigeren Leitung bedurfte, als von einem neunzehnjaͤhrigen Maͤd⸗ chen zu erwarten ſtand, wie Eliſabeth damals war.— Auch liebte ich Peters Stamm ſeit ſei⸗ nes Enkels Tode nicht mehr; dieſer hatte mein ganzes Herz und meine ganze Neigung, und nahm ſie mit ſich in ſein fruͤhes Grab, Eliſabeth konnte ſie nie von mir gewinnen. Sie ſah ſich jetzt um ihre Anſpruͤche geſchmaͤlert— aber ob ſie ſie ſtill verſchmerzte, oder ein Degennium hindurch in ihrem Buſen naͤhrte, ich weiß es nicht— denn wer kann ſie ergruͤnden? Doch traue ich ihr nicht, ſie iſt ein Weib im eigentlichen Sinne des Wortes, flatterhaft, unbeſtaͤndig, jedem Ein⸗ druck hingegeben, aber dabei mit unergruͤndlichen Tiefen in der Seele, mit Ahgruͤnden von taͤu⸗ ſchenden Roſen bedeckt.“ „Und das nennen Sie weiblich, Vater?“ rief Natalie entruͤſtet.„Giebt es keine andere als dieſe Weiblichkeit, die Sie zu ſtreng der freund, lichen, oft verkannten Czarewna aufbuͤrden— wahrhaftig, ſo moͤchte ich kein Maͤdchen ſeyn!“ Der alte Oſtermann laͤchelte.„Anna,“ fuhr er fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen,„Anna iſt nun auch dahin, und zum viertenmale habe ich den Thronenwechſel erlebt. Ein Kind von drei Monaten beſtimmte uns der letzte Wille der Kaiſerin zum Beherrſcher, waͤhrend Biron, ihr Guͤnſtling, bis zur Volljaͤhrigkeit Iwan's die Regeutſchaft fuͤhren ſollte,— ſchwache, wahnſin⸗ nige Waliung, eines noch bis zum Tode zaͤrt⸗ lichen Herzens! Was nun geſchah, du haſt es ſelber geſehen, Natalie, vor deinen Augen begab es ſich erſt ſeit Wochen.“ „Ganz recht,“ entgegnete Natalie,„Biron der unertraͤglich Herrſchſuͤchtige, der uͤbermuͤthige Em⸗ porkoͤmmling brach ſein ſtarres Haupt an Ihrem beſſeren Willen. Er ward gefangen genommen, entſetzt und in die Verbannung geſchickt; Sie und Muͤnnich leiteten die Sache, wofuͤr Ihnen beiden noch ganz Rußland Dank weiß. Des jungen Kaiſers Mutter bekam die Regentſchaft, die holde herrliche Anna von Mecklenburg. O ſeitdem iſt ein anderes Daſeyn an dieſem Hofe, die Sonne in Rußland ſcheint waͤrmer, der Him⸗ mel iſt milder geworden. Wie edel, wie ſanft iſt ihr Herz, wie engelgleich die Regungen ihrer Seele.“. „Du beurtheilſt ſie richtig, meine Tochter,“ fuhr der Greis fort—„ſie vereinigt in ſich die hoͤhere Natur der Weiblichkeit, waͤhrend meiner 4 —-— 39— Anſicht nach Eliſabeth ein Inbegriff der niedri⸗ geren iſt. Wer weiß, welch ein Lohn ihrer Tu⸗ genden ſchon auf Anna wartet, ob nicht die un⸗ umſchraͤnkte Gewalt, vielleicht der Kaiſertitel ſelber, doch laſſen wir das jetzt ruhen, ſie alle bekommen ihren Lohn, aber was bleibt uns aus dem Wechſel der Begebenheiten zuruͤck?— Un⸗ ruhe, Beſorgniß, Bangigkeit. Ich ſehe den Hori⸗ zont bewoͤlkt und fuͤhle die Hinfaͤlligkeit des Alters, die keinem Sturme mehr gewachſen iſt; ich habe einem ſchnellen Wechſel des Gluͤcks nichts mehr entgegen zu ſetzen als ein ohnmaͤch⸗ tiges Unterliegen. Die Kraft meines Wirkens iſt am Ende.“ „Welche traurige Vorſtellungen, Vater!“ rief Natalie.„Wie vergebens quaͤlen Sie ſich damit! Sie duͤrfen nichts fuͤrchten. Heiter iſt der poli⸗ tiſche Himmel, aber ſelbſt wenn ein ploͤtzliches Unwetter ihn verfinſterte, an Ihrem Haupte rauſchte jeder Sturm machtlos voruͤber; dieſe ehrwuͤrdigen Schlaͤfe, die im Dienſt von fuͤnf Monarchen ergrauten, ſind vor jedem Unheil ge⸗ ſichert.“ — 40— „Ach, mein Kind,“ ſeufzte der Graf, lehre mich nicht Rußland kennen. Hier herrſcht die rohe Willkuͤhr und die zerſchmetternde Gewalt. Was ſchuͤtzte jene Eudoxia, jene Sophia, jenen ungluͤcklichen Alexei? Was Menzikoff, Dolgorucki und noch ſo viele Andere, die ich vom Glanz der Hoheit habe herabſtuͤrzen ſehen? Nein! In meinem Deutſchland iſt es doch anders. Da wird kein Verbrechen und keine Tugend mit Sibirien gebuͤßt, da waltet menſchlich das milde Geſet und die Humanitat laͤßt noch auf den Stufen der Schaffotte ihre Kinder nicht los. Da beſteigen die Fuͤrſten ohne Mord und Ver⸗ rath ihre angeerbten Throne, da bluͤht frei und lieblich die Cultur wie die Blumen auf den Wieſenmatten— o dahin ſehnt ſich mein Herz! Mein Vaterland! mein Vaterland! nur noch ein Blick von deinen Bergen ſey mir geſtattet, vur eine Huͤtte in deinen Thaͤlern, nur ein Grab in deiner heiligen Erde!“— Natalie ſchwieg geruͤhrt, denn ſie ſah eine Thraͤne in dem Auge des Vaters perlen.„Ge⸗ liebtes Kind,“ fuhr Dieſer dann fort,„gewaͤhre mir eine Bitte: verſprich mir, keinen andern als einen Deutſchen zu lieben— du haſt die Wahl unter mehreren edlen Maͤnnern, die gleich uns von jener werthen Nation abſtammen; da iſt der Obriſt Muͤnnich, meines alten Freun⸗ des, des Feldmarſchalls Sohn, der junge Loͤwen⸗ walde, Neffe des Hofmarſchalls, der kuͤrzlich Kammerherr beim Gemahl der Regentin gewor⸗ den iſt, auch der Graf Zeplin, ein Preuße, mir ſchon deswegen werth, endlich noch...“ „O nichts mehr, mein Vater,“ unterbrach ihn Natalie,„nichts mehr, wenn Sie mich lieb haben! Alle dieſe ehrenwerthen Herren— welch' ein Gluͤck koͤnnen ſie mir bieten, das den Schmerz aufwoͤge, von Ihnen getrennt zu werden 2 Nein, nein ich bin noch zu jung, ich liebe noch nicht, gewiß nicht, Vater! Jenes fluͤchtige Wohl⸗ gefallen an dem jungen Woronzow, war, ich hoffe es, eine bloße Aufwallung, die meine Ver⸗ nunft beſiegen wird, eine Verfuͤhrung des Auges, des Ohres, der Sinne, die nichts weiter zu bedeu⸗ ten hat. Er ahnet ſie nicht, und mein kuͤnftiges Betragen ſoll ihm keine Veranlaſſung geben, ſie . †. 36 1 jemals zu erfahren. Sie ſollen mit mir zufrieden ſeyn, Vaͤterchen.“). „Das bin ich ja immer— und werde es immer ſeyn, liebes Kind“ ſagte der Greis und ſchloß die holde Tochter in ſeine Arme. Sie ſetzte ſich auf ſeinen Schooß und liebkoſete ihn eine Weile auf ihre kindlich unſchuldige Weiſe. Endlich ſchickte ſie der Graf fort, denn die Stunde ſchlug, wo ihn die weit ausgedehnte Wirkſamkeit ſeiner Aemter in Anſpruch nahm. Er war vor kurzem Groß⸗Admiral geworden, ein Beweiß von der Huld der Regentin, daher ſein Vorgemach von Seeofficieren nie leer ward; ſeine Funktionnen als Cabinettsminiſter fuͤhrten gleichfals eine Menge von Menſchen aus den entfernteſten Theilen des ungeheuren Reiches zu ihm, und ſo begab ſich denn jetzt der vielbedeu⸗ tende Mann in den taͤglich ſich erneuenden Wir⸗ bel ſeiner großartigen Geſchaͤfte. Im Regimentshauſe der Preobraſchenskiſchen Grenadiere verlebte indeſſen der arme Peter ziemlich freudenleere Tage. Ein dunkeles Verließ in der Hauptwache, das er mit noch mehrern andern Arreſtanten theilte, war ſein Aufenthalt; und hier ſaß er die meiſte Zeit finſter und muͤr⸗ riſch auf ſeinem Holzbock, ohne an den Geſpraͤ⸗ chen, Witzen und oft rohen Spaͤßen Theil zu nehmen, womit ſich Jene die lange Weile zu ver⸗ treiben ſuchten. Sehr oft war er ſelbſt der Gegenſtand dieſer Spaͤße; man machte ſich luſtig uͤber ſein muͤrriſches Weſen, uͤber ſeinen rothen Kopf, der gleich einer Kohle, mitten durch die Daͤmmerung des Kerkers ſchimmerte und gab ihm noch mannichfach zu verſtehen, wie wenig man ihm eigentlich gewogen war— Peter ließ Alles dies uͤber ſich ergehen, ihn plagten naͤchſt dem beſtaͤndigen Durſt, den ſeine Gefaͤhrten mit ihm theilten, da nur Waſſer und kein Brandwein den Gefangenen gereicht ward— eine empfindli⸗ chere Strafe, als die Gefangenſchaft ſelbſt— noch andere Sorgen, die ſelbſt der troͤſtliche Gedanke an ſeine ungewohnten Reichthuͤmer zu Hauſe, nicht zu lindern vermochte. Mißtrauen, Neid, Eiferſucht zerriſſen ſein Inneres. Er war nehm⸗ lich, als er neulich ſeine Huͤtte verließ, um ſich in den Arreſt zu begeben, geradezu in die offnen 44— Arme des zuruͤckgekehrten Fedor gerannt, der noch auf der Straße verweilte, um die abfahrende hohe Gevatterſchaft zu bewundern. Eine Geiſter⸗ erſcheinung haͤtte ihn in dieſem Augenblick weni⸗ ger erſchreckt, als dieß Zuſammentreffen mit dem Bruder; er liebte ihn nicht, denn alle Neigun⸗ gen des luſtigen Fedor lagen im Streit mit den ſeinen. Daher konnte ihm jetzt nichts ſchlimmeres begegnen, als denſelben in einem Zeitpunkt, wo er die Huͤtte auf viele Tage verlaſſen mußte, darin einwandern zu ſehen. Wer ſtand ihm dafuͤr, daß Fedor ſich nicht ſeiner Gevatterge⸗ ſchenke bemaͤchtigte, oder ſie wenigſtens als Ge⸗ meingut betrachtete und damit umſprang, wie mit ſeiner Kopekencaſſe 2 Wer buͤrgte ihm dafuͤr, ob Frau Katinka Kraft und Willen genug haben werde, ihn daran zu verhindern; hatte er nicht oft bemerken muͤſſen, daß ſie dem unreifen Bur⸗ ſchen gar nicht abgeneigt war, und ſeine Naͤhe gerne ſah, ja vielleicht lieber, als die des Gatten ſelbſt? Zwar hatte er nicht verſaͤumet, dem Bru⸗ der im Vorbeigehen noch alle moͤgliche Befehle, Ermahnungen und Warnungen zuzufluͤſtern; aber Fedor nahm ſich oft die Freiheit, nicht zu gehorchen, und Peter mußte ſich das gefallen laſſen, thaͤtlich durfte er ſich nicht an ihm ver⸗ greifen, denn jener war auch Grenadier und dabei zweimal ſo ſtark und kraͤftig als er. Er haßte ihn deshalb im Stillen, und ihn jetzt in ſeinem Eigenthum ſchaltend zu wiſſen, war dieje⸗ nige Qual, die ſeinen Arreſt am meiſten ſchaͤrfte. So ſaß er bereits den dritten Tag, abgeſondert von ſeinen Leidensgefaͤhrten, finſter in der Ecke, und auch dieſe waren aus anhaltendem Mangel an ihrem Leibgetraͤnk, dem werthen Brandwein, mattherzig und verſtummt, als von der, nicht fernen Wachtſtube heruͤber das Getoͤſe der Sol⸗ daten froͤhlicher, als gewoͤhnlich erklang. Es war deutlich zu unterſcheiden, daß man jubelte, mit den Glaͤſern anſtieß, Geſundheiten ausbrachte und Peter glaubte in einzelnen Zwiſchenraͤumen auch ſeines Bruders Stimme unter den Uebrigen zu erkennen. Im erſten Augenblick war ihm dieß angenehm, denn er ſchloß daraus, daß Fedor auf Wache ſeyn muͤſſe, und dadurch wenigſtens — 46— fuͤr einen ganzen Tag ſeinem Hausaltare entruͤckt ſey; bald aber kam ihm der Gedanke, ob Jener nicht vielleicht auf ſeine Koſten den Großmuͤthi⸗ gen ſpiele, von ſeinem Gelde Getränke angeſchaft habe, und damit die Cameraden bewirthe; dieſer Argwohn ward ihm ſchnell zur Gewißheit, in⸗ grimmig ſprang er auf, fluchte, was ſonſt ſelten geſchah und ſtieß mit geballter Fauſt gegen die⸗ unbarmherzige Mauer des Gefaͤngnißes. Da nah⸗ ten ſich ploͤlich Schritte, die Riegel der Thuͤr wurden zuruͤckgeſchoben und Fedor in Begleitung eines Unterofficiers, in beiden Haͤnden gefuͤllte Brandweinflaſchen haltend, trat herein.„Hier Cameraden,“ rief er luſtig, und reichte Jedem der Gefangenen eine.„Hier iſt Troſt in eurer Noth; trinkt, und du Peter, armer Schelm, laß dich umarmen und thue dir etwas zu Gute. Mich koſtet es nichts, theurer Bruder, darum bin ich ſo freigebig, aber ſelber, wenn es mich etwas koſtete, mit dir muͤßte ich theilen.“ „Das mußt du, Hallunke, Spitzbube!“ fuhr ihm Peter auf den Leib;„herausgeben mußt du mein Geld, ganz wieder herausgeben und wenn du ſchon zwei Drittel davon verſoffen haͤtteſt. Her damit, Canaille! wo haſt du mein Geld, meine hundert Rubel; bekenne, oder ich wuͤrge dich.“— Fedor ſtand einige Augenblicke ver⸗ ſteinert und ſah mit ſonderbarem Erſtaunen in das Hyaͤnenantlitz ſeines Bruders, endlich lachte er laut auf. Der Unterofficier riß indeß Petern aus ſeinem Irrthum.„Verfluchter Rothkopf!“ donnerte er ihn an,„du biſt nicht bei Sinnen und machſt immer unnuͤtzen Spektakel. Danken ſoll⸗ teſt du deinem Bruder, aber nicht ihn ſchimpfen, denn ohne ihn waͤre gar nicht an euch Maul⸗ wuͤrfe hier gedacht worden. Da ſchickt ihre kai⸗ ſerliche Hoheit, die Czarewna, ein Faͤßchen Cron⸗ ſtaͤdter aus Gnaden in die Hauptwache zur Staͤr⸗ kung der Grenadiere.— Wir nehmens mit un⸗ terthaͤnigem Reſpect an, trinken luſtig, laſſen die hohen Goͤnnerin leben und waͤhrenddem fällts dem Fedor da ein, dem gutmuͤthigen Burſchen, daß es euch Arreſtanten auch ſchmecken wuͤrde, und bettelt ſo lange bei dem Officier, bis der er⸗ laubt euch eine Stärkung zu bringen. Nun was ſagſt du, Rother?“ — 48— Peter horchte, ſein Geſicht verklaͤrte ſich mit jedem Wort des Unteroffiziers, jetzt griff er haſtig nach der Flaſche in Fedors Hand, ſetzte ſie an und trank in vollen Zuͤgen. Er ließ nicht eher ab, als bis der letzte Tropfen geleert war. Dann zog er den Bruder in ſeine Ecke, fluͤſterte dort mit ihm, bald mit bittender, bald mit zorniger Miene; bald ſtreichelte er ihm die Wangen, bald drohte er ihm mit geballter Fauſt, und dieß wuͤr⸗ de noch lange ſo fort gedauert haben, wenn nicht der Unterofficier der Sache ein Ende gemacht haͤtte. Er rief Fedor zu ſich und nachdem die uͤbrigen Gefangenen dem ſelben dankbar die Hand geſchuͤttelt hatten, verließ jener mit ihm das Ge⸗ faͤngniß, verſchloß es ſorgfaͤltig und beide gingen wieder nach der Wachtſtube zuruͤck. Hiier ſah es bunt aus, und Alles befand ſich in der aufgeregteſten Laune. Die Grenadiere ſaßen, lagen oder ſtanden, in einem Halbkreis gereiht, und einen kleinen Schlitten, worauf das Geſchenk der Czarewna, das Brandweinfaͤßchen, hergefahren und gleich, der groͤßeren Bequemlich⸗ keit wegen, liegen geblieben war; ihm zur Seite „ — 49— ſtand ein hagerer grauer Mann von mittlerem Alter, der in der einen Hand einen Trichter, in der andern ein Glas hielt, und damit geſchaͤftig und flink das Geſchaͤft des Einſchenkens und Umherreichens verrichtete. „Meine Herren,“ ſprach er waͤhrenddem mit gelaͤufiger Zunge,„wie ich Ihnen ſage, ich bin aus Deutſchland, aber das iſt ein ſchlechtes Land, da wiſſen ſie das Genie und die Talente nicht zu ſchaͤtzen, und mochte ich beginnen, was ich wollte— ich konnte nirgends mein Gluͤck ma⸗ chen.— Nun dachte ich, Daniel Schwarz, du mußt einmal auswandern, viele tauſend Meilen weit von deiner Heimath, da liegt ein ſchoͤnes Land, das heißt Rußland, da giebts allzuguten Schnaps und ſo brave Leute, wie die Garden von Preobraſchenskoi. Ich ſetzte mich alſo auf mein Rennthier und ritt her. Unterwegs paſ⸗ ſirte ich den Aequator und lͤßte geſchickt einige Bernſteine davon ab, die ich denn nicht ermangelte Ihrer kaiſerlichen Hoheit der Czarewna allerunter⸗ thaͤnigſt zu Faͤßen zu legen. Die huldreiche Dame nahm mich in ihren Dienſt und macht 1. 4 — 50— mich gewiſſermaßen zu einem Canal, wie der iſt, der die Stadt Jeruſalem mit meinem Vaterlande verbindet. In dieſer Eigenſchaft bin ich denn jetzt hier meine Herren, um ſie in der Winter⸗ kalte zu laben, und alle Morgen werde ich mit einem aͤhnlichen Faͤßchen auf Befehl meiner Prin⸗ zeſſin zuruͤckkehren. Trinkt, trinkt!“—„Hurra! ſie lebe hoch,“ antworteten die Grenadiere ein⸗ ſtimmig, ihre kleinen Glaͤſer ſchwenkend. Herr Schwarz wollte in ſeiner Litanei wei⸗ ter fortfahren, als hinter dem ungeheuren Ofen hervor das leiſe Praͤludiren eines Saiteninſtru⸗ mentes erklang und die Aufmerkſamkeit dorthin lenkte. Ein alter blinder Invalide, in einigen Fetzen von der Uniform der vormaligen Preobra⸗ ſchenskiſchen Garde gekleidet, im Arm eine Bala⸗ laila, uͤber deren wenige Saiten ſeine zitternde Hand hinfuhr, ſaß auf der Ofenbank und bewegte die Lippen, wie zum Singen. Sein Geſicht war ſo bleich, ſeine Zuͤge ſo ſtarr und erloſchen, daß er einer Leiche aͤhnlich ſoh, die aus dem Grabe zuruͤckgekehrt iſt. „Muriew iſt da“ riefen Einige von den jungen Soldaten.—„Still, Ihr Burſche ſtill! Muriew will ſingen.“—„Er ſolls bleiben laſſen,“ meinten Andere;„was ſollen uns ſeine traurigen Lieder? Sie nuͤtzen nichts und verderben nur den Spaß.“ „Sing, Muriew! ſing!“ wiederholten dage⸗ gen die Erſtern;„man hoͤrts doch gern.“ Der Alte, als habe er ſich weder um die eine, noch um die andere Meinung bekuͤmmert, fuhr fort ſein unmelodiſches Inſtrument zu ſtimmen; einzelne abgebrochne Laute zitterten dabei uͤber ſei⸗ ne Lippen; endlich erhob ſich ſein Geſang, aber undeutlich, bis er zuletzt in folgende, wohlver⸗ nehmbare Strophen ausbrach: Finſter ſchaut er um im Kreiſe, Toͤdtlich, der gewalt'ge Czar; Und es beben die Poteſchni,*) Und es ſtraͤubt ſich jedes Haar!— Und die Schuldbewußten ſinken Nieder vor ihm in den Staub; Aber alle ſind verloren, Alle ſeines Zornes Raub. *) Spielgeſellen. — 52— Die er haßte, die er liebte, Alle ſtraft ſein Mordgebot, und den Sohn, den Selbſterzeugten, Selber giebt er ihm den Tod. Einen nur, nur Einen rettet Eines Engels maͤchtig Flehn; Doch der Eine muß verwieſen Nach dem fernen Eispol gehn! „Gehn— gehn“— wiederholte des Greiſes brechende Stimme, und es war, als koͤnne er nicht uͤber dieſen Gedanken hinaus.„Hoͤre auf, du Ungluͤcksvogel, du ewige alte Klageule,“ rief hier die unzufriedene Parthei der Grenadiere, „was ſoll dein Gepinſele, wir habens ſatt! packe dich!“ 1 „Ein ſtrenger Herr muß es doch geweſen ſeyn der Czar!“ nahm ein Anderer das Wort; „wie es damals unſerm armen Negimente er⸗ gangen iſt, man ſchaudert ordentlich!“— „Nach Verdienſt iſt's ihm ergangen,“ rief der Unterofficier mit einem derben Schlag auf den Tiſch.„Wer nicht gehorchen will, muß — 33— fuͤhlen. Das koͤnnt Ihr noch alle Tage erleben, ihr Burſche! druͤbem beim Lieutenant haͤngt die Knute, beliebts etwa?“— „Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorſamſt, meine Herren,“ ſagte hier der Diener der Prin⸗ zeſſin, Herr Schwarz, und legte einem Knaben, den er waͤhrenddem herbeigerufen hatte, den Ziehriemen des kleinen Schlittens uͤber die Schultern;„empfehle mich ganz ergebenſt, das Faͤßchen iſt leer, denn die charmanten jungen Herren haben's an Appetit nicht fehlen laſſen. Nun morgen komme ich wieder oder ſchicke doch wenigſtens.“ Gleichſam als aͤußere der Name des Inſtru⸗ mentes, welches der Unterofficier ſo eben nannte, eine abſtoßende Kraft auf die Nerven des Deut⸗ ſchen, ſo ſchnell und eifrig ſuchte er die Thuͤr zu gewinnen. Er verſchwand haſtig, jedoch mit vielen Verbeugungen, und als er heraus war, ertoͤnte ſein Lob unter den ehrlichen Grenadieren. „Das muß doch wahr ſeyn,“ ſagte der Un⸗ terofficier,„uͤber ſo einen gebildeten Deutſchen geht nichts. Alles wiſſen ſie, ſchwatzen koͤnnen — 6— ſie wie die Popen, und hoͤflich ſind ſie, wie die Hunde, eine brave Nation, beim heiligen Nil! ſie ſoll leben!“— „Leben!“ riefen ihm die Grenadiere nach, und tranken den Reſt ihrer Glaͤſer aus.„Aber Herr Unterofficier,“ ſagte Einer derſelben.„Ja etwas ſind wir ihnen doch voraus. Wir koͤnnen die Knute bekommen und ruͤhren uns nicht. Gebt einmal dem Deutſchen da einen herzhaften Hieb, ihr haut ihn beim heiligen Nikolaus mitten von einander.“ „Nun, nun, Michael“ war die gravitaͤtiſche Antwort,„daß verſteht ſich von ſelbſt, daß wir auch unſere Vorzuͤge haben. Alles Gute bei einem Volke zu ſuchen, waͤre ja Thorheit.“— Dießmal waͤre es ein Vorzug des Herrn Schwarz, daß er ſein Verſprechen hielt, und jeden folgenden Morgen in der Wachtſtube der Preobraſchenskiſchen Garde erſchien, um eine der Erſterm aͤhnliche Quantitaͤt Brandwein austhei⸗ len zu laſſen, wodurch die Begeiſterung fuͤr ihn und ſeine hohe Gebieterin, in deren Namen es geſchah, immer hoͤher ſtieg. Auch die Gefangenen — 55— bekamen jedesmal ihren Theil davon, und ſegneten laut die milde Hand, die ihnen dieſen Troſt im Ungemache gewaͤhrte. Am achten Tage endlich ſchlug die Befreiungsſtunde für Peter Schuboff; derjenige, der ihn beſtraft hatte, kuͤndigte ihm ſelbſt ſeine Erloͤſung an. Paul trat zu ihm in das Gefaͤngniß und entließ ihn nach einigen wohlgemeinten Ermahnungen. Auf leichten Soh⸗ len eilte Peter heim und traf Frau und Kind im beſten Wohlſeyn, die Pathengeſchenke zu ſeiner großen Freude voͤllig unberuͤhrt, ſo daß er im Entzuͤcken ſeines Herzens mit ungewohnter Milde den Bitten Katinka's nachgab, und von dem Vorſatz abſtand, den kleinen Nikolaus in den heiligen Jordan tauchen zu laſſen.— Paul dagegen wandte ſeinen Schlitten, worin er zum Regimentshauſe gekommen war, der praͤchtigen Newa entgen; leicht und wetteifernd mit dem Winde flog ſein Koſak durch die Straße Konnuſchennaja in die Newskiſche Perſpective hinein, an deren oberen Ende ſich das Kloſter des heiligen Alexander Newski, an dem untern aber das Admiralitaͤtsgebaͤude mit ſeinen goldnen Thuͤrmen erhebt. In der Naͤhe des letzteren, 7 am Quai der Newa, befindet ſich der kaiſerliche Pallaſt, den die Monarchen Rußlands im Win⸗ ter bewohnen, und in die Thore dieſes Palla⸗ ſtes lenkte der Juͤngling jetzt ſein raſches Fahr⸗ zeug.— Er uͤbergab es ſeinem Diener und ſtieg die marmornen Treppen keck und bekannt hinauf. Unzaͤhlbare Schildwachen hielten die Corridors und Gemaͤcher beſetzt, ſo daß der Fremdling, der den ſanften Charakter derjenigen nicht kannte, welche jetzt hier herrſchte, leicht auf die Vermuthung gefuͤhrt werden konnte, ein ſtrenger Despot verwahre ſich auf dieſe Weiſe gegen den gerechten Haß ſeines Volkes. Und doch hatte noch kein milderer Zepter uͤber Rußland gewaltet, als der war, welchen Anna von Mecklenburg fuͤhrte.— Alles Guͤtige und Milde ihres Geſchlechts hatten ihre Vorgaͤngerin⸗ nen auch auf dieſe junge Fuͤrſtin vererbt, ohne die heftigen Leidenſchaften, denen ſie Unterthan waren, mit auf ſie uͤberzutragen. Sie ſtammte vom Czar Iwan, dem Bruder Peter des Erſten ab, ihre Mutter war deſſen juͤngere Tochter, die Kaiſerin Anna die geltere, welche ſie bald nach ihrer Thronbeſteigung zu ſich nach Petersburg berief, und unter ihren Augen erziehen ließ. Anna's Schoͤnheit entfaltete ſich von Jahr zu Jahr immer mehr und wuͤrde die Eiferfucht der ſtolzen und eitlen Ke ſerin gereizt haben, wenn nicht die eigenthuͤn ℳ Anſpruchsloſigkeit ihres Charakters und eine Beſcheidenheit, die Alles entwaffnete, waͤhrend ſie ſich ſtets beſiegt glaubte, im Stillen dazu beigetragen haͤtten, ſie in der Gunſt ihrer Tante immer mehr zu be⸗ feſtigen. Als daher der Senat und die Großen des Reiches es endlich bei der Monarchin dahin brachten, ſich mit der Wahl eines Nachfolgers zu beſchaͤftigen, beſchloß dieſelbe ihre Nichte zu vermaͤhlen, und auf die, in dieſer Ehe erzeugten Kinder die Thronfolge Rußlands uͤberzutragen. Sonach ward Anna mit dem Herzog Anton Ulrich von Braunſchweig verheirathet, und bald erfreute ſie den Hof und den Senat mit der Geburt eines Prinzen, welcher auch ſogleich den Titel eines Großfuͤrſten von Rußland bekam. Die Kaiſerin liebte dieſes Kind mit muͤtterlicher — 58— Zaͤrtlichkeit, ja mit Leidenſchaft, oft ließ ſie es zu ſich bringen, druͤckte es an ihre Bruſt und trug es ſtundenlang auf ihren Armen— das Laͤcheln des ſchoͤnen munteren Knaben entzuͤckte ſie— ſchon ſah ſie ihn im Geiſt erwachſen— als Gebieter hier wandeln und fuͤr das uner⸗ meßliche Geſchenk, das ſie ſeiner Wiege einband, ihr Andenken ſegnen. Fruͤher, als ſie wohl ge⸗ ahnet haben mochte, ſtarb ſie, und hinterließ ihm die Krone. Ihr Teſtament ernannte, zum Vormund des jungen Kaiſers und zum Neichs⸗ verweſer bis zu deſſen Vollaͤhrigkeit, ihren ehe⸗ maligen Gaͤnſtling Biron, einen franzoͤſiſchen Edelmann, den ſie von einer Stufe zur andern bis zum Herzog von Curland erhoben hatte, und auf dieſe Art ſprach noch in ihrer letzten Verfuͤ⸗ gung das ſchwache weibliche Herz. Aber die Nation ſowohl, als die Großen haßten dieſen Guͤnſtling und ſahen mit Unwillen die Mutter des jungen Kaiſers in ihren Rechten geſchmaͤlert; durch eine kuͤhne und raſche Verhaftung bemaͤch⸗ tigte man ſich des Regenten, ſchickte ihn in die Verbannung, und legte die gewichtigen Zuͤgel des — 59— ungeheuren Staates in Anna's zarte ungewohnte Haͤnde. Sie ergriff ſie zagend, aber mit deſto mehr Vertrauen in den Rath und die Einſicht der vielerfahrnen Maͤnner, die ihr Cabinett bil⸗ deten, und vielleicht entſprach ſie auf dieſe Art eben, allen von ihr gehegten Erwartungen der⸗ ſelben.— Es war ihr uͤbrigens nicht zu verden⸗ ken, daß ſie die die Zugaͤnge ihres Pallaſtes mit Wachen reichlich beſetzte, ſie hatte einen Sohn und Kaiſer zu beſchuͤtzen und nicht lange erſt das Beiſpiel eines geſtuͤrzten Herrſchers in Biron vor Augen gehabt. Pauls Abſicht, als er in den Winterpalliſ fuhr, war, ſeine Schweſter Melanie zu beſuchen, welche eine Stelle als Hofdame bekleidete, und vor kurzem, durch das beſondere Zutrauen und die Neigung der Regentin, zur Oberaufſeherin des jungen Kaiſers ernannt worden war. Viel⸗ leicht wuͤnſchte auch die Fuͤrſtin durch die Wahl einer ruſſiſchen Dame zu dieſem Ehrenpoſten der Nation ein Zeichen ihrer Achtung zu geben, welches derſelben bisher, da nur immer Auslaͤn⸗ der die fruͤheſte, wie die ſpaͤtere Erziehung — 60— ihrer känftigen Monarchen geleitet hatten, noch nicht zu Theil geworden war. Die Zimmer der Graͤfin Melanie befanden ſich demnach in Verbindung mit denen des kai⸗ ſerlichen Kindes; ſo eben kam ſie von deſſen Wiege zuruͤck, wo es ſauft ſchlummerte und begab ſich in ihr Cabinett um dort den Bruder zu erwarten, der gewoͤhnlich um dieſe Stunde, kurz vor der Parade, bei ihr einſprach. Jetzt ertoͤnte ein leiſer aber maͤnnlicher Schritt in dem anſtoßenden Gemach, ſchon wollte Melanie dem Bruder entgegen, aber anſtatt des raſchen wilden Paul, der auch gar nicht ſo langſam zu kommen pflegte, trat eine hohe bleiche Geſtalt auf die Schwelle, ein Mann von mittleren Jahren mit ernſten tiefen Zuͤgen und in reiche Generalsuni⸗ form gekleidet. Melanie wich betroffen einige Schritte zuruͤck, und verneigte ſich dann ehrerbietig. „Erſchrecken Sie nicht, Fraͤulein,“ ſagte der Eintretende mit einem melancholiſchen Laͤcheln, das ſeinem edlen Antlitz einen eignen Zauber ver⸗ lieh;„erſchrecken Sie nicht, ich bin nicht immer ein Ungluͤcksbote— ſondern dießmal komme ich, — 6— um mir von Ihnen zu meiner neuen Befoͤr⸗ derung Gluͤck wuͤnſchen zu laſſen.“— Er hielt inne und wartete auf eine Antwort, doch da das Fraͤulein dieſe nicht gab, ſondern ihn fragend anſah, fuhr er fort: „Meine Gemahlin hat Avancements vorge⸗ nommen und nebenbei auch mich gnaͤdigſt zu bedenken geruht. Auf Muͤnnichs Vorſtellungen ernannte ſie mich zum Generaliſſimus ihrer Ar⸗ meen, in welcher neuen Eigenſchaft ich mich Ihnen zeigen wollte und Ihre Gratulation zu empfangen wuͤnſche.“ „Die ich hiermit unterthaͤnigſt abſtatte/“ er⸗ wiederte Melanie, und ſette erroͤthend hinzu:„Ew. Durchlaucht greifen den frommen Wuͤnſchen eines unbedeutenden Maͤdchens zuvor. Außerdem wuͤrde ich heute bei der Cour, welche dieſes frohe Ereig⸗ niß unfehlbar veranlaſſen wird, nicht ermangelt ha⸗ ben, meine Freude daruͤber auszuſprechen und meine Devotion zu Dero Fuͤßen niederzulegen.“ „Melanie!“ ſagte Anton Ulrich ſchmerz⸗ lich und nahm ihre Hand,„habe ich es denn verdient, daß Sie immer und immer die — 62— Hofdame reden laſſen, wenn ich Ihnen gegenuͤber ſtehe?— daß Sie dann ſtets Ihre weiche Natur verſteinern und mir Schneegefilde zeigen, wo ich weiß, daß ein Auſonien bluͤht?— Doch ich ver⸗ ſtehe Sie; Sie zuͤrnen, daß ich wagte, Ihre Zim⸗ mer zu betreten und hierin kann ich Ihnen nicht ganz Unrecht geben. Aber halten Sie es dem zu Gute, der ſo ſelten im Stande iſt, eine Freu⸗ de zu bereiten, wenn er in dieſem gluͤcklichen Fall einmal gegen den Anſtand ſuͤndigt. Ich habe hier noch ein Papier, das Ihnen angenehmer ſeyn wird, als meine Generalsdiplome; es iſt das Patent eines Compagnie⸗ Chefs fi Ihren Bruder.“ „Guͤtiger, huldvoller Fuͤrſt!“ rief das Fraͤu⸗ lein mit frohem Erſtaunen;„dieſe Gnade, wie wird ſie meinen Bruder uͤberraſchen und erfreuen, doch eine Frage erlaube ich mir. Sollte durch ſeine Befoͤrderung kein Verdienſtvollerer, kein Beſſerer uͤbergangen worden ſeyn?— Paul iſt erſt ein und zwanzig Jahr alt.“ „Doch hat er ſich ſeine Sporen verdient,“ entgegnete der Herzog.„Seyn Sie unbeſorgt, — 63— Frau Juſtitia, ich habe ihm meine eigne Com⸗ pagnie gegeben. Jetzt nehmen Sie das Blatt; aus Ihren Haͤnden wird er es am liebſten em⸗ pfangen.“ „Warum nicht aus den Ihrigen, mein Fuͤrſt,“ fragte Melanie, den feinen, zuſammenge⸗ legten Bogen zuruͤckweiſend,„o vergoͤnnen ihm Ihro Durchlaucht die Freude, ſeinen edlen Wohl⸗ thaͤter und General gleich hier danken zu duͤrfen; ich erwarte ihn jeden Augenblick.“ „So gehe ich,“ ſagte der Herzog raſch. „Nein, nein Melanie, wer haͤtte jemals aus mei⸗ nen Haͤnden ein Gluͤck empfangen? Selbſt meine Gemahlin nicht! Doch mir faͤllt ein paſſender Ausweg ein. Hoffentlich wohnt jenem ſchlum⸗ mernden Kinde dort ein freundlicherer Genius bei, als ſeinem Vater, laſſen Sie uns das Blatt in ſeine Wiege legen, dort mag es der Hauptmann finden.“ Melanie ſah mit einem Blick unausſprechli⸗ cher Ruͤhrung an dem hohen duͤſtern Mann em⸗ por, uͤber deſſen koͤnigliche Stirn die Schatten der Schwermuth flogen; ein Nachthimmel ſtrahlte in 7 — 8a— ſeinen Augen, und in ſeinem Lacheln theilte ſich die Wehmuth und die unbefriedigte Sehnſucht. „Immer ſo truͤbe,“ rief ſie hingeriſſen, und ſich ſelbſt vergeſſend,„theurer Fuͤrſt, immer ſo duͤſter! O welche Wolken ſind es denn nur, die Ihre Seele belagern und nicht zerſtaͤuben vor alle den Sonnen Ihres Gluͤcks!— Gemahl der liebenswuͤrdigſten Prinzeſſin, der Naͤchſte am Thro⸗ ne, und Vater eines ſchoͤnen Knaben, ber in der Wiege ſchon Kaiſer iſt.“— „Still, ſtill Melanie!“ unterbrach ſie Anton Ulrich,„berufen Sie nichts. Feindliche Geiſter hoͤren das Lobpreiſen der Himmelsgaben und raͤ⸗ chen ſie an dem Begluͤckten. Sie haben Recht, ich nenne unſchaͤtzbare Guͤter mein, aber das un⸗ ſchaͤtzbarſte fehlt mir dennoch.“— „Und das waͤre— 2“ fragte Melanie— „Horch! vernehmen Sie nicht den leichten, fliegenden Sporenſchritt im Corridor,“ rief der Herzog.„Jetzt naht ein Gluͤcklicher, es iſt Ihr Bruder; ich gehe. Leben Sie wohl.“ 8 Sie wollte ihn zuruͤckhalten, aber er entfernte ſich, und ſie ſah noch durch die Reihe der offen⸗ — 4 ³— ſtehenden Gemaͤcher, wie er im Vorbeiſchreiten bei der Wiege ſeines Sohnes das Patent unter die ſeidne Decke derſelben ſchob. Geich darauf trat Paul herein und begruͤßte die Schweſter freundlich, ſetzte ſie aber durch ſein abſonderliches Ausſehen ein wenig in Erſtaunen, Er war auf⸗ geregt, ſein Auge blitzte; man wußte nicht, war es Freude oder Zorn, die von ſeinem ſtrahlenden Antlitz leuchtete. Auf dem Aermel ſeines Rockes befand ſich ein laͤnglicher Riß und mehrere weiße Flecke auf der Bruſt, wie vom Puder hingr⸗ ſtaͤubt, tiegerten ihn ſeltſam. „Schweſter“ ſagte er, nachdem er einigemal das ſchmale Cabinett durchmeſſen hatte,„beneide mich Melanie, mir iſt ein Gluͤck zu Theil gewor⸗ den, das ich nicht verdiente; ich durfte ſo eben fuͤr unſere herrliche Fuͤrſtin den Degen ziehen!“ „Ich will nicht hoffen,“ rief Melanie er⸗ ſchreckt. „Ja hoffe“ fuhr jener fort,„leider war es nur kein Gegner, wie ich mir ihn gewuͤnſcht haͤtte, kein Rieſe, kein tuͤchtiger, derber Mann⸗ Hoͤre zu! Auf dem Wege hierher ſtreife ich an I. 5 der Gallerie voruͤber, die zu den Gemaͤchern der Regentin führt. Eben naht ſie im Gefolge von Miniſtern und Großofficieren, um ſich nach den Conſeil zu begeben; der Zug muß an mir voruͤ⸗ ber; das bedenke ich ſchnell, aber was thun? ſtehen bleiben, oder hinter die Tapete treten, die dicht an mir niederwallt, mein Herz klopfte, aber im Gefühl, daß ich die Augen nicht haͤtte empor richten koͤnnen, wenn ihr Blick mich traf, ein gluͤhendes Erroͤthen befuͤrchtend, kurz, von meinem Schickſal getrieben, ſchluͤpfe ich hinter die verbergenden Stoffe. Sie war noch weit in der Gallerie zuruͤck, noch konnte ſie nicht nahen und mich hatte Niemand bemerkt.— Da oͤffnet ſich ploͤtzlich ganz in meiner Naͤhe eine Thuͤr', die der Baroneſſe Aurore von Mengden, und heraus tritt mit tauſend Kratzfuͤßen und einem Schwall fran⸗ zoͤſiſcher Redensarten, jener kleine fatale Menſch LEſtocg, der Wundarzt der Czarewna, und will durch die Gallerie eilen. Er ſieht den nahenden Zug, bleibt ſtehen; ſchnell wechſelt der fade Aus⸗ druck ſeines Geſichtes mit ernſten, ehrerbietigen Falten, ſeine Fuͤße bilden die dritte Poſition, der — 62— Ruͤcken wird zu einem Sprenkel gekruͤmmt, und ſo ſtellt er ſich an die Seite, um Jene voruͤber⸗ zulaſſen. Jetzt kommt die Regentin; wer ſie umgab, weiß ich nicht. Melanie!— ich ſah nur ſie; ſchoͤn wie eine Koͤnigin und beſcheiden laͤchelnd, wie ein Schaͤfermaͤdchen, ſchwebt ſie in reizender Majeſtaͤt daher; ein Mantel von purpurnem Sammt faͤllt von ihren Schultern, in ihrem blonden Haar blitzt heimlich das Diadem, und ich glaube, die Luͤfte trugen ſie, denn ihr zarter Fuß beruͤhrte kaum die perſiſchen Teppiche, die den Boden bedecken; die Hand von Marmor, der herrliche Buſen unter Silberflor wallend.“ „Paul, Paul!“ unterbrach hier Melanie den Erzaͤhler,„wohin fuͤhrt dich dein Schoͤnheitsſinn! Gleich bleib bei der Schnur, und berichte, was ſich weiter begab; vor Allem, wodurch du in den Zuſtand einer Vogelſcheuche verſetzt wurdeſt, wie ich dich leider jetzt erblicken muß.“ „Ja ſo,“ fuhr Paul fort,„das haͤtte ich beinah' vergeſſen. Verzeihe, Schweſterchen, es ſoll gleich nachkommen. Der Zug geht voruͤber, und Lſtocq verharrt in ſeiner demuͤthigen Stellung, 5* — 68— bis der letzte Mann verſchwunden iſt, dann lauſcht er um ſich, und als er ſich allein waͤhnt, ſchnellt er empor, dreht ſich auf dem Abſatz und mit bei⸗ den Haͤnden eine Spottfigur vor der Naſe bil⸗ dend, ruft er ziemlich laut: à bas Coquine! Mit einem Sprung will er nun weiter, aber ſchon ſtehe ich vor ihm, er rennt an meine Bruſt, ſo daß der Puder in weißen Wolken aus ſeiner Peruͤcke ſtaͤubt, und mir leider ſein beſtuͤrztes An⸗ tlitz verhuͤllt; mit ſtillem Grimm faſſe ich ſeinen Arm, fuͤhre ihn lautlos, ohne mich an ſein Straͤuben und ſeine leiſe Wehlklage zu kehren— denn du mußt wiſſen, daß meine Hand ihn graͤu⸗ lich preßte,— in das naͤchſte leere Gemach und noͤthige ihn hier, ſeinen Degen zu ziehen. Warum, brauchte ich ihm nicht lange zu eroͤr⸗ tern, auch mochte er mir anſehen, daß kein Ent⸗ rinnen moͤglich war, genug er focht, und wahr⸗ haftig mit ziemlichem Anſtande; dieſer Riß in meinem Aermel iſt eine Trophaͤe ſeiner Tapferkeit, kaum aber habe ich ihm ein beſſeres Denkzeichen in die Schulter verſetzt, als das Zimmer ſich mit Bedienten anfuͤllt, und LEſtocq, ob in wirklicher — — 69— oder kuͤnſtlicher Ohnmacht, das weiß ich nicht, in die Arme Eines derſelben hinſinkt. Es entſteht Laͤrm, immer Mehrere laufen herzu, man fragt, man will mich aufhalten, ich aber entſchluͤpfe dem Troß und da bin ich nun, Schweſterchen, und bitte dich vorerſt um eine Kleiderbuͤrſte und dann um die Gefaͤlligkeit dieſen defecten Aermel mit einigen Stichen nothduͤrftig wieder zuſammen zu naͤhen; bei mir thuts Seide oder Zwirn, der kleine Wundarzt dagegen wird ſich wohl ein Pfla⸗ ſter bereiten muͤſſen.“ „Unbeſonnener Wildfang!“ ſchalt Melanie, „der nie die Folgen ſeiner raſchen Handlungen be⸗ denkt! Weißt Du wohl, daß du gegen eins der erſten Geſetze des Pallaſtes geſuͤndiget haſt? Jeder feindliche Gebrauch von Waffen innerhalb dieſer Mauern, worunter natuͤrlich auch ein Duell ge⸗ hoͤrt, wird doppelt geſtraft.“ „Naͤhe, naͤhe nur, liebſtes Maͤdchen,“ draͤngte Paul,„die Stunde zur Parade ruͤckt heran!“ Und als die Schweſter jetzt, noch immer et⸗ was beſtuͤrzt und zuͤrnend, aber im Innern ſchon halb verſoͤhnt mit dem ſchoͤnen, wilden Bruder, 4 ſeinen Arm nahm, und mit zierlicher Geſchicklich⸗ keit das Schneidergeſchaͤft begann, fragte er traulich—„glaubſt du wohl, daß ich beſtraft werde, und fuͤr ſie leiden darf?— O wenn es waͤre! dann erfuͤhre ſie mein Vergehen, und die Urſache des Streites. Indem ſie mich ſtrafte, muͤßte ſie mir Dank wiſſen.“— „Und LEſtocq?“ fragte Melanie,„ſchime dich, eitler, grauſamer Egoiſt, nicht wahr und LEſtocq wuͤrde aufgeopfert? die beleidigte Ma⸗ jeſtät zermalmte den Armen und mein gutmuͤthi⸗ ger Paul triumphirte auf ſeinem Falle?“ Der Juͤngling ſchlug beſchaͤmt und etwas beleidigt die Augen nieder. Dann ſagte er nach einer Pauſe:„Du liebſt ihn wohl auch, wie die meiſten Weiber, und wie die Baronneſſe Aurore!“—— Ein fuͤhlbarer Nadelſtich war die Antwort. „Nein, mein Paul“ fuhr endlich Melanie reitzend fort„ich kenne dich ja— du biſt ein guter Junge und kannſt unmoͤglich dem Wund⸗ arzt groͤßere Unannehmlichkeiten zuziehen wollen. Glaube mir, er iſt durch den ganzen Vorfall 4* der Aufſchrift; erſtaunt, betroffen, aber voller 41— ſchon beſtraft genug. Niemand weiß bis jetzt die Urſache eures Streites, er ſelbſt wird ſich huͤten, ſie zu verrathen und nur vor deiner Aus⸗ ſage bangen; wenn du alſo befragt wirſt...“ „Ja doch, ja,“ laͤchelte Paul bitterſuß, und Melanie gab ihm einen Kuß, indem ſie, nach vollendetem Werk, den Faden abſchnitt. Indeſſen war das junge kaiſerliche Kind er⸗ wacht und eine der Kammerfrauen, die es aus ſeiner Wiege genommen, trat mit ihm in Mela⸗ niens Gemach, als dieſe ſo eben den Bruder hinfuͤhren und mit ſeiner Befoͤrderung uͤberraſchen wollte. Einem Engel gleich, dem nichts, als die Fittige mangeln, ſaß der kleine Jwan, roſig vom Schlummer angehaucht und mit vorwaͤrts geſtreckten Aermchen, auf den Armen ſeiner Waͤr⸗ terin; er hielt Pauls Patent in ſeinen Haͤnden und ſtrebte mit aller Lebendigkeit eines Kindes, dem etwas Glaͤnzendes in die Augen faͤllt, nach dem Juͤngling hin, deſſen goldſchimmernde Klei⸗ dung ihn ſchon oͤfters ergoͤtzt hatte. Dieſer gewahrte jetzt das Papier und ſeinen Namen in — 2— Erwartung ergriff er es, ſchlug es aus einander und laß. Laͤchelnd belauſchte waͤhrenddem Mela⸗ nie ſein heiteres Geſicht, das ſich immermehr verklaͤrte, endlich mit einem Ausruf der Freude warf er ihr das Blatt hin und nahm ohne Weiteres das koſtbare kaiſerliche Kind aus den Armen der Kammerfrau in die ſeinigen. Er 4 druͤckte es, kuͤßte ihm die bluhenden Wangen und nannte es mit tauſend ſuͤßen Namen. Der Knabe fuͤrchtete ſich nicht, ſondern ließ es ſich gerne gefallen, er griff mit ſeinen ſchuldloſen Haͤndchen in Pauls Locken, zauſte ſie, und dieſer ward dadurch zu immer ausgelaßnerer Froͤhlich⸗ keit geſtimmt. Er tanzte mit dem kleinen Kai⸗ ſer durch die Zimmer, ließ ihn hoch ſpringen, ſchaukelte ihn, und machte eine Menge von Thorheiten, die dem Knaben gefielen und ihn zu dem lauten Gelaͤchter kindlicher Luſt reizten. 1 Vergebens eilten Melanie und ſaͤmmtliche Kam⸗ 1 merfrauen hinter beiden drein und ſuchten dem wilden Officier das ihnen anvertraute Kleinod zu entwinden, aber er war ſchneller als Alle und hatte ſo eben das vordere Cabinett im Sturm⸗ —— — — 73— ſchritt erreicht, als die Thuͤr deſſelben ſich oͤffnete und ein Major von der Garde, der Commandant des Pallaſtes hereintrat, um ſich ſeinen Degen zu erbitten und ihn des gehabten Zweikampfes wegen in Arreſt zu fuͤhren. Beſcheiden, ohne ein Wort zu erwiedern, loͤßte ihn Paul von der Huͤfte und reichte ihn dem Stabsofficier mit der einen Hand, waͤhrend er mit der andern das kaiſerliche Kind noch einmal an ſich druͤckte, dann legte er es ſanft und zart in die Arme der erſchrocknen Melanie, ſagte ihr ein kurzes Lebe⸗ wohl und folgte Jenem nach. Draußen im Corridor ſtanden zwei Grenadiere, die ihn alsbald in ihre Mitte nahmen. Leichten Muthes und unangefochten von dem ſchnellen Wechſel des Gluͤcks, ging er zwiſchen ihnen ſeiner Beſtim⸗ mung entgegen, aber ſein froͤhliches Herz erbebte jetzt, denn auf dem andern Ende der Gallerie, von der Seite des Conferenzſaales her, erblickte er die Regentin mit ihrem Gefolge, im Begriff ſich nach ihren Gemaͤchern zuruͤckzubegeben. Er mußte ſie an ſich voruͤber gehen laſſen, es war kein Ausweichen moͤglich; ſeine Wache trat be⸗ — 44— reits auf die Seite und gab auch ihm, der ver⸗ ſteinert ſchien, ein Zeichen, aus dem Wege zu gehen; er thut es, ſein ſchoͤnes flammendes Auge fiel zu Boden, Purpurgluth uͤberzog ſeine Wan⸗ gen, der ſtolze Kopf neigte ſich demuͤthig, und jetzt rauſchte das ſeidne Gewand der Fuͤrſtin und die leiſen Fußtritte ihrer Begleitung auf den Teppichen. Befremdet blickte die Regentin nach ihm hin; das Schauſpiel eines, dem Anſchein nach im Pallaſt arretirten Officiers traf ſie ſelt⸗ ſam, ſie zoͤgerte im Weiterſchreiten, ihr Auge haftete unwillkuͤhrlich auf dem Gefangenen, und ſchon war ſie um einen Schritt an ihm voruͤber, als ſie ſich noch einmal wandte. „Was bedeutet dieß, Fuͤrſt Jurgewski?⸗ fragte ſie mit dem milden Ton ihrer Stimme den Major, der mit Pauls Degen in der Hand nicht weit von ihm ſtand. 1 „Graf Woronzow,“ entgegnete dieſer Prerbie⸗ tig,„hat den Pallaſtfrieden gebrochen und ſich ſo eben mit dem Wundarzt LEstocg in einem dieſer Gemaͤcher duellirt; darum hielt ich es ſin meine Piüich ihn zu arretiren.“ — — — 16=— „Wenn das wahr iſt,“ ſagte die Regentin, ſo hat er ſich freilich ſehr vergangen. Was war die Veranlaſſung zum Streite?“ „Dieſe iſt mir bis jetzt unbekannt,“ erwiederte der Major.— 2 Die Regentin ſchwieg einige Augenblicke— „Woronzow!“ fuhr ſie dann fort,„Sie ſind der Bruder meiner Melanie; es thut mir leid, dergleichen hoͤren zu muͤſſen. Ich wuͤnſche den Frieden jederzeit, aber vor Allem moͤchte ich ihn zwiſchen meinen Officieren und Hofleuten und denen meiner vielgeliebten Baſe, der Czarewna, ungeſtoͤrt ſehen, damit nie der Vorwurf eitler Ueberhebung uns treffe. Jedoch wollen wir kein Urtheil fällen, bevor wir die Veranlaſſung des Streites nicht wiſſen;— und da wir einmal in Geſchaͤften begriffen waren, ſo koͤnnten wir auch dieß ſogleich beſeitigen, und vermieden da⸗ durch das unangenehme Aufſehen; die Veranlaſ⸗ ſung alſo?“ Paul ſchwieg in unendlicher Verlegenheit. Die Naͤhe der geliebten Fuͤrſtin beengte ſeine Aeberlegungskraft, waͤhrend zugleich alle Gefuͤhle „y= 76— ſeines Herzens mit ſeliger Allgewalt ſich aus⸗ dehnten und ihm den Buſen zu ſprengen drohten; ſeine Lippen bewegten ſich zum Reden, aber er brachte keinen Laut hervor; nichts ſprach als ſein Auge, das er flehend empor hob, und vor deſſen unnennbarem Ausdruck die Regentin ſanft erroͤthete. „Wohlan,“ ſagte ſie guͤtig,„wir wollen es hier nicht weiter treiben; Sie moͤgen Recht haben zu ſchweigen. Indeſſen braucht es ſolcher An⸗ ſtalten, bei dem Sohne des Staatsrathes Wo⸗ conzow und bei Melaniens Bruder nicht; Jur⸗ jewski! entlaſſen Sie dieſen Officier auf ſein Eh⸗ renwort, und Sie, mein lieber Graf Oſtermann, wandte ſie ſich, im Kreiſe ihres Gefolges umher⸗ ſchauend, an denſelben, werden ſeine Sache unter⸗ ſuchen und mir Bericht davon abſtatten.“— Paul waͤre zu ihren Fuͤßen geſtuͤrzt, wenn ſie nicht, gleichſam als merke ſie ſeinen innern Drang dazu, nach dem letzten Wort ſogleich ihren Weg fortgeſetzt haͤtte. Kaum war ſie etwas entfernt, als er mit Entzuͤcken ſeinen Degen aus den Haͤnden Jurjewski's wieder empfing. durch allerhand, ihm bekannte Seitengaͤnge und „Nicht wahr,“ fluͤſterte er, waͤhrend er ihn anſteckte,„nicht wahn, ſie iſt ein Engel an Guͤte und Huld. O! Rußland, welch' eine milde Sonne beſcheint dich!“— Darauf eilte er zur Parade auf dem Platz vor dem Pallaſte, ſtattete dem Herzog Generaliſſimus ſeinen Dank fuͤr die ungehoffte Befoͤrderung ab, empfing die Gluͤckwuͤnſche ſeiner Cammeraden, und begab ſich dann nach ſeiner Wohnung im Hauſe ſeines Vaters, des Staats⸗ rathes und Kammerherrn der Prinzeſſin Eliſa⸗ beth, Grafen von Woronzow. Es bedurfte des ſchnell fliegenden Gerüchtes nicht, welches Vorfaͤlle von der Art, wie Pauls Duell, in einem gewiſſen Kreiſe raſch umher zu tragen und zu verbreiten pflegt, um die Czarewna davon in Kenntniß zu ſetzen. LEſtocg hatte ſich kaum von ſeinem Schrecken erhohlt, und durch die Verſicherung, daß ſeine Wunde nichts zu bedeuten hahe, er aber bei dem Duell der angegriffne Theil geweſen ſey, die ihn umgebende Menge beruhigt, als er auch ver⸗ ſuchte ihren Haͤnden zu entſchluͤpfen und endlich — 78— Treppen, das Weite gewann. Er hatte nun kein angelegentlicheres Geſchaͤft, als ſeine Gebie⸗ terin ſelbſt von dem Vorfall zu unterrichten und ihr ohne Ruͤckhalt Alles zu geſtehen, was darauf Bezug hatte. Aber dieſes offne Bekennt⸗ niß, war keinesweges freier Antrieb der Aufrich⸗ tigkeit, ſondern das Reſultat der Ueberlegung, welche ihm klar wieß, daß nur auf dieſe Art den bedenklichen Folgen ſeiner Unbeſonnenheit vorge⸗ baut werden duͤrfte. Denn es ließ ſich erwarten, daß der junge verhaßte Brauſekopf, dem er die ſaubere Geſchichte ſammt der Wunde zu danken hatte, die Veranlaſſung des Duells nicht ver⸗ ſchweigen, ſondern vielmehr ſich damit ruͤhmen werde, und obglelch LEſtocg den milden, von aller Rachgier entfernten Charakter der Regentin kannte, ſo zitterte er doch, in der Erinnerung, wie beide vorhergegangene Monarchinen Rußlands Beleidigungen ihrer Perſoͤnlichkeit zu ſtrafen pflegten. Eliſabeth hoͤrte ſeiner Beichte mit einem An⸗ theil zu, der Schrecken, Unwillen und zugleich eine Art von freudigem Erſtaunen verrieth. 1 „Coquine!“ rief ſie lachend, als er geendet hat⸗ te;„ja freilich, LEſtocq, das war zu ſtark, und nim⸗ mer haͤtte ich es deiner Klugheit zugetraut, dich in dieſem Maaß an einem Ort zu vergeſſen, wo, du haſt es erfahren, die Waͤnde Ohren haben.“ „Wo er herkam,“ fuhr der Wundarzt fort, „welcher Gott, welcher Teufel mich ploͤtzlich unver⸗ ſehens in ſeine Arme rennen ließ; ob er aus dem Boden wuchs oder vom Himmel fiel, ich weiß es nicht, Hoheit, es war ein Mirakel, um mich fuͤr meine Suͤnden zu ſtrafen. Keine Maus war zu ſehen, als ich die Worte ſprach.. „Und ploͤtzlich hatte er dich doch!“ unterbrach ihn die Prinzeſſin,„ja es iſt wahrlich nicht uͤbel, von ihm“— Dieſes Feuer ſteht ihm gut; ich moͤchte ihn geſehen haben!„Ob er wohl,“ ſetzte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu—„ob er auch wohl fuͤr mich?—— Das ſcheint mir mehr, als der Eifer eines Unterthanen: LEſtocq, wenn es mehr waͤre!— was glaubſt du?“ Der Gefragte war entweder zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, um dieſe Worte zu verſtehen, oder er wollte ſie uͤberhoͤren. Er nahm eine Priſe uͤber die andere, durchſchritt mehrmals eilig das Gemach, und blieb endlich neben der Czarewna ſtehen, die vor einem großen Wand⸗ ſpiegel ſich damit beluſtigte, einem amerikaniſchen Vogel ſein buntes Abbild zu zeigen, und neben her auch den eignen ſchoͤnen Formen einige fluͤchtige Blicke zu wuͤrdigen. „Was aber nun Hoheit“ fragte der ge⸗ aͤngſtigte Wundarzt,„was nun in aller Welt?— Nichts iſt gewiſſer, als eine Unterſuchung, und dann nichts unausbleiblicher, als mein Sturz, wenn Sie keine Gegenmittel wiſſen. Hoͤchſtdieſelben ſollten, eingedenk der mancherlei Nemedien, welche ich ſchon fuͤr Dero Perſon zu verſchreiben das Gluͤck hatte, jetzt da ich ſelbſt laborire und Patient bin, auf ein Heilmittelchen zu denken geruhen.“ „Nein, mein guter Mann,“ entgegnete Eli⸗ ſabeth, mit ihrem Papagei ſpielend,„ich kann mich damit wirklich nicht befaſſen. Verſchone mich, du haſt ja gute Connexionen bei Hofe; die Mengden zum Beiſpiel“ —— LEſtocqys Augen ſpruͤhten in finſterem, un⸗ gewoͤhnlichem Feuer auf, als die Prinzeſſin dieß gleichguͤltig ſagte.„Zu Befehl, Hoheit,“ erwie⸗ derte er eben ſo kalt und ruhig als ſie.„Die Mengden iſt eine Dame, auf die man ſich im Fall der Noth doch noch verlaſſen kann. Ihre Protection iſt wahrlich beſſer, als manche andere. Sie wird mir ſchon helfen.“ „Und wie?“ fragte die Prinzeſſin lauernd. „Ganz einfach,“ war die Antwort.„Meine Uebereilung wird dem Lieutenant zugeſchoben, ich habe ihn gefordert, und Baronneſſe Auxore iſt Zeugin geweſen. So koſtet es ſeine Zunge, und ich behalte die meine, um ferner noch die Tugenden und das erkenntliche, gnaͤdige Ge⸗ muͤth Eurer kaiſerlichen Hoheit lobpreiſen zu koͤnnen.“— „Nicht doch, nicht doch,“ rief Eliſabeth mit einem tiefen Seufzer;„o nicht doch, LEſtocq! Immer biſt Du gleich oben hinaus, wenn Du Dich beleidigt waͤhnſt; was habe ich Dir denn ge⸗ than? ſey gut, und Du wirſt mich auch gut finden— unſere Wege gehen ja mit einander, I. 5 6 — 82— wie Du weißt. Er aber darf nicht angetaſtet werden,— hoͤrſt Du! Ich ſelber wuͤrde Dich Luͤgen ſtrafen.“ LEſtocg maß ſeine Gebieterin mit einem durchforſchenden Blick, und dieſe ſchlug erroͤthend die Augen nieder; ſie winkte ihm mit der ſchoͤ⸗ nen Hand abwaͤrts, aber als er dennoch ſtehen blieb, wandte ſie ſich ploͤtzlich, ergriff ſeine beiden Haͤnde und druͤckte ſie innig. „Herrmann,“ ſagte ſie mit dem weichſten Ton ihrer Stimme,„alter, treuer Freund, Du warſt ſchon der Diener meines unvergeßlichen Vaters und haſt mich als Kind auf Deinen Ar⸗ men getragen. Unter Deinen Augen erwuchs ich, Deine Sorgfalt huͤteten mir Leib und Seele zugleich, und jede Tugend wie jede Schwaͤche dieſes Herzens fanden in Dir ihren Vertrauten. — Du durfteſt mich meiſtern, wir haben uns oft gezankt aber auch immer wieder verſoͤhnt; meine kindliche Neigung zu Dir blieb in allen Zeiten dieſelbe; nie habe ich meinen Sinn gegen Dich veraͤndert, kannſt Du es anders ſagen?“— „Nein, nein!“ rief der Wundarzt eben ſo ſchnell geruͤhrt als er erbittert werden konnte; „nein, meine Gebieterin! Aber doch tragen Sie ſelbſt die Schuld Ihres Verhaͤngniſſes, gehorchen zu muͤſſen, wo Sie befehlen koͤnnten. O haͤtten Sie meinen Rathſchlaͤgen gefolgt! Schon ſeit zehn Jahren ſaͤßen Sie auf dem Throne, der Ihnen nach Natur und Recht gebuͤhrt, und den jetzt zu unſerer Schmach Fremdlinge einnehmen. Aber damals waren es auch die Wallungen dieſes zaͤrtlichen Herzens, die unſere Thatkraft laͤhmte und Peters Tochter ward ausgeſchloſſen.“— „Du haſt Unrecht,“ entgegnete Eliſabeth ſeufzend,„Du haſt Unrecht, Herrmann, von einem neunzehnjaͤhrigen Maͤdchen den Muth zu verlangen, den das erfahrne Weib bewaͤhren wird. Nein, damals liebte ich nicht, damals wußte ich noch nicht, was Liebe ſey, und nur in dem erſten ſuͤßen Rauſch der Gefuͤhle, in dem erſten heftigen Erwachen der Sinne war es, als ich vergaß, nach meiner Krone zu greifen. Zuͤrne nicht, ich habe es ja in langer Knechtſchaft ge⸗ buͤßt! Welche Rolle gab mir jene Anna zu ſpie⸗ 6* 84— len, und welche ſpiele ich unter dieſer! Aber es iſt genug, Du haſt mich endlich auf der Stelle, wo Du mich haben wollteſt. Befiehl uͤber mich.“ „Nicht ſo, nicht ſo,“ erwiederte LEſtocg mit Thraͤnen im Auge und umarmte die Knie der Prinzeſſin.„Kaiſerliche Hoheit muͤſſen Sich nur Selbſt treu bleiben, muͤſſen den Panzer anziehen, der zu gewaltigen Thaten feſt macht, denn ohne Ruͤſtung geht man nicht in den Kampf. Noch aber bemerke ich dieſe Ruͤſtung nicht; ich ſehe vielmehr, wie damals, Ihr Herz ſich jedem Ein⸗ druck Preis geben und von dem gefaͤhrlichſten Pfeile verwundet, von dem der Liebe! Wohin ſoll uns das fuͤhren?“ „Zum Ziel!“ rief die Prinzeſſin raſch.— „Ja, Herrmann! Du haſt es errathen, ich liebe, und dießmal heißer und feuriger als je!— Sein holdes Bild umſchwebt mich im Wachen und macht meine Traͤume ſchoͤn. Wenn ich ſtark und muthig bin, wenn ich handle, und um meinen Zweck zu erreichen, es ſelbſt nicht ver⸗ ſchmaͤhe, durch die ſchmutzigen Minen der Kabale zu kriechen, geſchieht es um ſeinetwillen. Ihn — 85— zu erheben, ihn groß zu machen, ihn zu beſitzen iſt meine Sehnſucht, mein unausſprechliches Ver⸗ langen! Ich bin eine Heldin fuͤr ihn, und ein ohnmaͤchtiges Weib, wenn mich ſein Bild nicht begeiſtert. Jetzt biſt du im Klaren.“— „Leider, leider!“ ſagte der Wundarzt,„leider bin ich es. Hier hoͤre ich Peter und Catharinen zugleich, und moͤchte meine Hand von dem großen Werke zuruͤckziehen, wenn es nicht zu ſpaͤt waͤre. Nehmen Sie Sich in Acht, Eliſabeth; dieſer Be⸗ guͤnſtigte, der dem Freund vorgezogen wird, ſcheint in andern Ketten zu gehen, als in den unſrigen, und wir koͤnnten uns eine namenloſe Schmach durch ſeine Zuruͤckweiſung bereiten. Was meinten Sie vorhin zu meiner Geſchichte mit ihm?“— „Nichts,“ rief die Prinzeſſin nach einigem Sinnen heftig.— „Michts?— das iſt unmoͤglich!“— „Der Alte iſt unſer mit Leib nnd Seele, der Sohn muß es auch werden. Bin ich nicht ſchon, Herrmann? Laß nur erſt die Kaiſerkrone in dieſen Locken blitzen, in dieſen Haͤnden, die ſich — 86— nach ihm ausſtrecken, das Zepter der halben Welt.“— 3 „Und,“ murmelte der Wundarzt unverſtaͤnd⸗ lich,„und im Herzen die Thorheiten der gan⸗ zen.— Gut, daß mich kaiſerliche Hoheit daran mahnen,“ fuhr er dann lauter fort, ſich habe noch eine wichtige Nachricht in petto, die auch etwas Aehnliches wie Kronen, aber freilich nicht fuͤr Ihre Stirn geflochten, betrifft. Was bekom⸗ meV ich dafuͤr?“ Die Prinzeſſin draͤngte ihn, ſie mitzutheilen, und da ſie ihm mit aufgeregter Wißbegier ver⸗ ſprach, alle Folgen ſeines Streites mit Woron⸗ zow über ſich zu nehmen und ihn mit ihrem ganzen Anſehen zu ſchuͤtzen, ruͤckte er endlich damit hervor. Er eroͤffnete ihr, wie er aus ſiche⸗ ren Quellen wiſſe, daß man damit umgehe, die Regentin auf den Thron zu heben, ihr die un⸗ umſchraͤnkte Macht zu ertheilen, und den kleinen Kaiſer Iwan zu ihrem Nachfolger zu ernennen. Bei dem Feldmarſchall Muͤnnich ſey dieſer Plan zuerſt ausgeſprochen und beredet worden— und mehrere Große des Senats, vor allen Oſtermann, — 87— unterſtuͤtzten ihn mit ihrem ganzen Anſehen. Schon habe man einigen Geſandten fremder Maͤchte, geheime Eroͤffnungen dieſerhalb gemacht, und Oeſterreich, ſo wie Preußen, waͤren gar nicht abgeneigt.— „Ha!“ rief Eliſabeth zornig, dieſes Preußen, dieſes Land des Unheils fuͤr mich, wie haſſe ich es, denn ſo lange ich athme, hat es feindlich auf mich eingewirkt; Oſtermann, dem ich den Ver⸗ luſt meiner Rechte zuſchreiben muß, ſtammt daher, und dieſes Friedrichs Politik iſt wahrlich nicht geeignet mich mit ihm auszuſoͤhnen! Aber ſprich, woher weißt Du das alles?“— LEſtocg zuckte die Achſeln.„Kaiſerliche Hoheit,“ erwiederte er,„kennen ja meine Canaͤle. Marquis Chetardie, die Mengden und nebenbei auch die ſchlaueſten Koͤpfe in Petersburg, jener Schwarz und Gruͤnſtein, die erſt ſeit kurzem die Gnade haben, unter Ihren Pallaſtbedienten angeſtellt zu ſeyn; dieſe ſind wirklich Capitalbur⸗ ſche, die ihr Geld verdienen. Sie hoͤren und ſehen mit allen Sinnen, behalten alles, und haben ₰) .* 8 8— 88— ein ſo albernes Aeußere, daß Niemand ſeine Meinung vor ihnen verbirgt.“ „Pfui,“ ſagte die Prinzeſſin,„die Falſchheit iſt mir zuwider; indeſſen als dienende Sclavin ſey ſie geduldet und jene Beiden muͤſſen gut bezahlt werden. Geſchieht das Herrmann?“— BEſtocg bejahte es. „Du brauchſt,“ fuhr ſie fort,„du brauchſt begreiflicher Weiſe viel Geld und ich habe ſo wenig, alter Freund! wahr iſt es, meine Garde⸗ robe koſtet mich ungeheuer viel.— Wie hilfſt du dir?“— Der Wundarzt bat, hieruͤber noch ſchweigen zu duͤrfen und beurlaubte ſich jetzt, denn er hoͤrte die Schritte ſich naͤhernder Perſonen. Nachdem er ſeiner Gebieterin die ſchoͤne Hand gekuͤßt hatte, entfernte er ſich durch eine Tapetenthuͤr aus ihrem Cabinett, denn er vermied gern mit ihr allein angetroffen zu werden, obgleich ſein Alter und ſein Dienſtverhaͤltniß ihn vor jeder Mißdeu⸗ tung ſicher ſtellen mußten.— LöEſtocg beſaß alle Eigenſchaften, die der Ehrgeiz brauchen kann, um ſeine Zwecke zu erreichen; er war klug, mit — 80— einem durchdringenden Blick begabt, der die Ver⸗ haͤltniſſe leicht und richtig erkennt, voller Muth zu den groͤßten Unternehmungen, und dabei in ſeinem Weſen jene flache Alltaͤglichkeit zeigend, von der man nichts erwartet und nichts fuͤrchtet. Ja, bei ihm ſprach ſich dieſe in noch grelleren Zuͤgen aus. Oft ſtreifte ſein Betragen an den Grenzen der Thorheit hin und diente dem ernſte⸗ ren Nordlaͤnder zu einem Gegenſtand des Achſel⸗ zuckens, waͤhrend LEſtocq's denkender Geiſt unter dieſer Huͤlle ſich nur in deſto freierem Spielraum bewegte. Falſchheit konnte man ſeinem Charak⸗ ter nicht ſchuld geben, ſondern es war wirklich die ſuͤdliche Natur ſeiner Stammeltern, die ſich ungezwungen in ihm aͤußerte und ihn antrieb, ſelbſt das Ernſte ſpielend zu vollbringen. Ein brennender Ehrgeiz belebte ihn, und dieſen zu befriedigen, war ihm jedes Mittel gleichguͤltig und jede Handlung gerecht; zwar haßte er, aus einem weichen Inſtinkt des Herzens und aus einem gewiſſen aſthetiſchen Gefuͤhl, die hinterliſti- gen oder gewaltſamen Thaten, indeſſen verſchmaͤhte ſie ſein Gewiſſen nicht, wo ſich nicht anders zum — 90— Ziele kommen ließ. Seine Heftigkeit, ſein Leicht⸗ ſinn in Allem, was ihm nicht weſentlich duͤnkte, hatte ihn ſchon zu manchem Fehltritt verleitet, und ſogar oft ſeiner Gebieterin, der er aufrichtig zugethan war, feindlich gegenuͤber geſtellt, doch meiſt gelang es ihm, Unbeſonnenheiten wieder auszugleichen, und das Bewußtſeyn gegenſeitiger Unentbehrlichkeit, nebſt dem Zauber vieljaͤhriger Vertrautheit, ließ nie den Bruch zwiſchen ihm und Eliſabeth vollſtaͤndig werden. Bei den jetzt waltenden Umſtaͤnden hatte LEſtocq eine ſchwierige Lage, und ſo ſehr er es liebte, alles leicht zu nehmen und in ſiegendem Uebermuth uͤber Abgruͤnde weg zu ſpringen, ſo konnte er ſich doch nicht verhehlen, daß ſein Streit mit Paul, ein Vorfall, der an ſich ſo gering war, wohl der Funke werden durfte, an welchem eine lange gegrabne Mine ſich entzuͤnden und ihn mit allen ſeinen Entwuͤrfen in die Vernich⸗ tung ſchleudern koͤnnte. Er wußte, daß die Re⸗ gentin ihn nicht eben hold war, obgleich es außer ihrem Charakter lag, Jemand uͤbel zu wollen, ſie hatte ihn bis jetzt wenig beachtet, ein Umſtand, — 914— der ihm in andern Verhaͤltniſſen unertraͤglich geweſen waͤre, der ihm aber jetzt ſehr zu ſtatten kam; jener Vorfall aber mußte ihre Aufmerke ſamkeit auf ihn leiten, vielleicht ihren Argwohn aus dem Schlaf wecken, und erfuhr ſie die Veranlaſſung, unfehlbar die Rache des beleidigten Weibes auf ihn herabziehen. Auf keinen Schutz hatte er dann zu rechnen, denn die Czarwna, ohnmaͤchtiger als je, wenn Anna den Thron beſtieg, vermochte nicht, ihn zu halten.— Meh⸗ rere Große, vorzuͤglich aber Oſtermann, deſſen hoher Geiſt den ſeinigen weit uͤberſtrahlte, fuͤrch⸗ tete er; es blieb ihm daher nichts uͤbrig, als auf die eigne Klugheit zu vertrauen. Er gedachte der Baroneſſe von Mengden und ihres großen Einfluſſes auf die Regentin, aber dieſem hielt die Graͤfin Melanie das Gegengewicht, ja durch ihre Ernennung zu Iwan's Oberhofmeiſterin ſchien ſie noch uͤber Jene den Sieg davon getra⸗ gen zu haben. Der alte Graf Woronzow, Eli⸗ ſabeths treuer Anhaͤnger, war auch keine Stuͤtze, denn LEſtocg wußte, wie ſehr derſelbe ſich durch herriſche Strenge und eine ſeltne Liebloſigkeit 45 92— die Herzen ſeiner Kinder entfremdet hatte; ſtets im Streite mit des Sohnes warmen, leicht auf⸗ geregtem Gefuͤhl und den freundlichen Neigungen jugendlicher Gemuͤther, hatte er die Macht dar⸗ uͤber eingebuͤßt, und ſchwer gelang ſeinen eiſernen Befehlen, vorzuͤglich bei dem Brauſekopf Paul, was ſeiner Liebe ſo leicht gelungen waͤre. LEſtocq war noch im Nachdenken uͤber dieſe verſchieden⸗ artigen Verhaͤltniſſe begriffen, als er Pauls Be⸗ förderung zum Hauptmann, und deſſen Arreſt im Hauſe ſeines Vaters erfuhr, dieſe beiden Nachrichten trugen dazu bei, ihn noch mehr zu verwirren, denn nichts ſchien ihm gewiſſer, als daß jene Befoͤrderung bereits ein Reſultat von der Erkenntlichkeit der Regentin ſey, und war dieſe ſo eifrig, wie eifrig mußte die Rache gegen ihn ausfallen! Der Gedanke zur Flucht keimte in ihm auf und wuchs ſchnell uͤber alle andere Ruͤckſichten hinwegs die Sorge fuͤr ſeine perſoͤn⸗ liche Sicherheit gewann ploͤtzlich die Oberhand in ſeiner Seele; vor ſeiner gereitzten Phantaſie zitterte Sibirien, das er unter Peter dem Erſten ſchon kennen gelernt hatte, und alle die in Ruß⸗ — 93— land uͤblichen empoͤrenden Strafen draͤngten ſich blutig um ihn her, ſein Entſchluß ward gefaßt. Aber wohin ſollte er ſich wenden? Welchen Win⸗ kel gab es in dieſem unermeßlichen Reiche, der vor der Verfolgung der Maͤchtigen geſichert haͤtte? Auch ließ ihn eine ruhigere Beſinnung uͤberlegen, daß ſeine Entfernung von Petersburg die Czarewna ihrem Schickſal Preis geben und das Ende aller ſeiner Plaͤne und Hoffnungen ſeyn werde; er kannte Eliſabeth, und wußte, wie wenig auf die Feſtigkeit dieſes ſchwankenden Herzens, auf die Klugheit eines Betragens zu bauen war, das jede Leitung annahm und wie das gebrechliche Rohr immer den Stuͤtzpunct ſuchte, der es aufrecht erhalten ſollte. Wie, wenn ſie in ſeiner Abweſenheit einem Andern in die Haͤnde fiel, wohl gar dieſem Paul, fuͤr welchen LEſtocg zu ſeinem Entſetzen eine aufkeimende Leidenſchaft bei ihr entdeckt hatte. Eliſabeth war leidenſchaftlich und in dieſem Zuſtande jedes uͤber⸗ eilten Schrittes faͤhig; Paul aber gehoͤrte of⸗ fenbar zu der Parthei der Regentin, und konnte, wenn er auf eine ſchwaͤrmeriſche Unterthanentreue 8 — 94— beharrte, wie ſie der Jugend leicht zuzutrauen war, jeder Lockung der Groͤße widerſtehen, ihn und die Prinzeſſin verrathen, oder dieſe am Ende wohl gar von dem einmal betretenen Weg zuruͤck als demuͤthig Buͤßende zu den Stufen des Thro⸗ nes fuͤhren. Alles dieß waren ſchlimme Moͤglichkeiten, die den geaͤngſteten Wundarzt zu keinem Entſchluß gelangen ließen. Er wollte am Abend noch die Prinzeſſin ſprechen, aber ſie befand ſich auf einem Ball bei Hofe und wurde vor dem Anbruch des Morgens nicht zuruͤckerwartet; LEſtocg brachte daher die Nacht in einem Zuſtande des Zweifelns und Schwankens hin, der fuͤr das geringe Ver⸗ gehn, deſſen er ſich ſchuldig gemacht hatte, mehr als hinlaͤngliche Strafe war. Nach der Zuruͤck⸗ kunft der Prinzeſſin aus dem Winterpallaſt, hatte ſie ſich ſchnell zur Ruhe begeben, und auch jetzt konnte er nicht zu ihr gelaſſen werden; er haͤtte im andern Fall auch beinahe nicht gewußt, was er ihr ſagen wollte; ſich den Rath derjenigen zu erbitten, die nur immer von ihm Rath empfing, war eine mißliche Sache, deren Zweckloſigkeit er — 95— erſt kuͤrzlich erfahren hatte; ihr ſeine erſchuͤtterte Feſtigkeit zu zeigen, konnte noch uͤblere Folgen haben, denn dem Geleiteten das unſichere Beben in der Hand, in welcher das Gaͤngelband ruht, merken zu laſſen, hat niemals wohlgethan. Eine Vorladung zu Graf Oſtermann, die LEſtocg am Morgen erhielt, vollendete ſeine Beſtuͤrzung; jetzt war es ihm klar, daß er von dieſem ſein Urtheil vernehmen ſolle, und um ſich demſelben zu ent⸗ ziehen, blieb ihm nur ein gewaltſamer Ausweg uͤbrig. Er konnte ſich in den Schutz zweier Ge⸗ ſandten begeben, mit denen er ganz ins Geheim in Verbindungen ſtand, des ſchwediſchen und des franzoͤſiſchen; aber durch dieſen oͤffentlichen Schritt lief er Gefahr, ſie zu compromittiren, und es fragte ſich noch, ob ſie in dem ſtatthabenden Fall nicht lieber ihn und ſeine Entwuͤrfe aufopfern wuͤrden, als eine Beleidigung des Kabinettes kund zu thun, welches auf alle Weiſe zu ſchonen war. Endlich gerieth LEſtoeg auf einen Gedanken, der ihm gluͤcklich ſchien, und der, obgleich von der Noth eingegeben, dennoch zeigte, wie richtig er zu rech⸗ nen verſtand, und wie viel Menſchliches in ſeiner — 95— Seele lag, indem er auf das Menſchliche in ſei⸗ nem Feinde ſeine Rettung baute. Muͤrriſch ſaß an demſelben Morgen der alte Woronzow in ſeinem Lehnſtuhl, von einem zotti⸗ gen Baͤrenpelz umfangen, der ſeine ſtarken eckigen Glieder zum Koloſſalen vergroͤßerte; Muͤtze und Stiefel von demſelben Pelz bedeckten ihm Haupt und Fuͤße, ſeine Haͤnde ruhten auf einen Kruͤcken⸗ ſtock und das tiefliegende Auge von dicken weißen Augenbraunen beſchattet, blickte duͤſter zuͤrnend um ſich. Ihm zur Seite ſtand ſein alter Leibkutſcher Roſtow und mitten im Zimmer ein gemeiner Ruſſe in ſeiner kurzen Litevka von Schaafpelz, die Fuße ſtatt der Schuhe mit Fellen bewickelt und um den Leib einen Ledergurt tra⸗ gend, woran eine Art von Reiſetaſche befindlich war. „Sieh Noſtow,”“” ſagte der Graf zum Kutſcher, der ſein Lieblingsdiener und gewiſſer⸗ maßen Faktotum war,„ſieh, dieſer Burſche da iſt ein Bote aus der Stadthalterſchaft Witebsk, er kommt von meinen Guͤtern und bringt erfreu⸗ 97— liche Nachrichten mit; ſag deine Botſchaft noch einmal, Nil!“— 3 „Gospodin,“ begann der Nuſſe zaghaft, denn er bemerkte wohl den kalten Zorn in des Grafen Antlitz,„geſtrenger Gospodin, ich bin ein Bauer von deinem Gute Kneeskoje und un⸗ ſchuldig an dem Aufruhr, den ich dir ſo eben berichtet habe. Dein Verwalter hatte den alten Michael Sendrowitſch in den Stock werfen laſſen, ſeine Soͤhne wollten ihn befreien, verſchafften ſich einen Anhang, legten Feuer in das Schloß, brachen hinein und ſchlugen den geſtrengen Herrn Bereſtol beinah zu tode. So kam das ganze Ungluͤck.“ „Meinen Beamten!“ ſagte der Graf mit zuſammengebißnen Lippen.—„Hoͤrſt Du's, Roſtow?“ „Bin ja nicht taub, Gebieter,“ entgegnete der Kutſcher.„Ei, ei! einen ſo braven Mann, einen ſo pflichtgetreuen Diener; nur etwas zu viel Bluthunds Natur lag in ihm.“ Der Graf warf ihm einen ſtrengen Blick zu, und befahl dann Jenem fortzufahren. I. 7 „Da ging's nun bunt her, Gospodin,“ er⸗ zaͤhlte der Bote weiter.„Die Sturmglocke wurde gezogen, es kam Huͤlfe von benachbarten Edelhoͤfen, ſogar eine Soldatenabtheilung aus der Stadt. Endlich gelang es, nach einer hefti⸗ gen Gegenwehr von Seiten der Aufruͤhrer, das Feuer zu loͤſchen und die Ordnung wieder herzu⸗ ſtellen. Sendrowitſch mit ſeinen Soͤhnen und noch viele Andere wurden gefangen genommen, und ging es ihnen vorher uͤbel, ſo mochte ihnen die Behandlung, die ſie nun erlitten, noch weni⸗ ger gefallen. Herr Bereſtol aber hatte ſich kaum wieder etwas von ſeinen Wunden erholt, als er mich, der ich als Saͤmann auf dem Hofe diene, an ſein Bett kommen ließ, und mir befahl hierher zu reiſen, um Dir, geſtrenger Gospodin, als unſerm gnaͤdigſten Grundherrn, Alles zu er⸗* zaͤhlen. Auch ſollſt Du ihm deinen Willen zu wiſſen thun, ob die Gefangenen nach Witebsk an das Criminalgericht abzuliefern ſind, oder ob Du Dir vorbehalten haſt, ſie ſelbſt zu beſtrafen. Jetzt habe ich meinen Auftrag erfuͤllt, und erwarte nun Oeine Befehle.“— — 99— Der Graf ſchwieg lange, als Jener geendet hatte, endlich gab er ihm ein Zeichen mit der Hand, ſich zu entfernen. Noch wieß er ihn an, es ſich bei der Dienerſchaft wohl ſeyn zu laſſen, ſo lange ſein Aufenthalt hier dauern werde; und nachdem der Bote das Zimmer verlaſſen hatte, wandte er ſich mit lauernder Miene an den alten Roſtow zuruͤck. „Nun?“ fragte er,„wie ſtehts mit Deiner Weisheit, Du kluger Narr? Da haſt Du nun die Hunde, die mit Guͤte behandelt ſeyn wollen und die Folgen Deines thoͤrigten Geſchwaͤtzes uͤber Milde und Menſchlichkeit, und Nachlaß der Strenge gegen jene verraͤtheriſche Brut. Mein ſchoͤnes Kneeskoje! erſt fuͤr zwanzigtauſend Rubel neu erbaut; erſetze mir das, wenn du kannſt?“ „Was kann ich armer Sclave?“ entgegnete der Kutſcher,„Du aber biſt reich, Herr, und haſt ja der Häͤuſer und Schloͤßer mehr?“— 4 „Auch etwa fuͤr den Feuerbrand meiner Bauern?“ zuͤrnte der Graf, erhob ſich aus ſeinem Seſſel und trat dicht vor den Kutſcher hin, ſeine hohe Geſtalt hatte in aufrechter Stellung etwas 7* — 100— Gebietendes, Majeſtaͤtiſches und in den Zuͤgen des alternden Geſichts wuͤrde einige Aehnlichkeit mit denen des Sohnes nicht zu verkennen geweſen ſeyn, wenn nicht die eiſerne Haͤrte eines unbeug⸗ ſamen Gemuͤthes und der Mangel jeder ſanftern Empfindung ſich darauf abgeſpiegelt haͤtten. Ehrſucht und Geiz waren die hervorſtehenden Ei⸗ genſchaften ſeines Charakters, und bis zu dem Zwieſpalt, den dieſe beiden verſchiedenen Tenden⸗ zen in ihm erregten, kannte ſeine Seele kein Schwanken und ſein Herz keine Wallung. „Aber nur ruhig,“ fuhr er fort und ſah den Diener mit unruhigen, funkelnden Blicken an, „Tobolsk braucht noch Bevoͤlkerung und die Berg⸗ werke von Irkuzk haben immer Arbeiter noͤthig. An ein Paar Seelen mehr oder weniger liegt mir nichts; mag das Gericht in Witebsk die Verbre⸗ cher an ſich nehmen.“ Roſtow der wohl einſah, daß ein Wider⸗ ſpruch bei der jetzigen Stimmung ſeines Herrn fuͤr ihn ſelbſt gefaͤhrliche Folgen haben koͤnn⸗ te, und der uͤberhaupt nur dann zum Guten ſprach, wenn er dadurch keinen Nachtheil hatte, — 40⁰1— gab ihm Recht und ſuchte, um von der aͤrgerli⸗ chen Sache loszukommen, die Gedanken ſeines Gebieters auf einen andern Gegenſtand zu lenken. „Ihr Großen und Vornehmen,“ ſagte er⸗ „habt es doch gut in der Welt, gegen uns Klei⸗ nen; wenn Euch einmal ein Unfall betrifft, ſind ihm gewiß zehn gluͤckliche Ereigniſſe vorhergegan⸗ gen, waͤhrend bei uns meiſt das umgekehrte Ver⸗ haͤltniß ſtattfindet. Du zum Beiſpiel, Gospodin, erlebſt des Stolzes und der Freude gar viel an Deinen Kindern; welch' eine herrliche vornehme Dame iſt die kleine Melanie Carlowna geworden, und was fuͤr ein Herr unſer wilder Paul, nun gar ſchon Hauptmann; verzeihe nur, Gebieter, daß ich Dir die Gluͤckwuͤnſche zu ſeiner Befoͤrde⸗ ruug nicht ſchon fruͤher dargebracht habe.“ Es ſchien, als koͤnne der alte Diener heute keinen Ton treffen, der richtig anſchlagen wollte, denn der Graf zog ſeine Stirn in noch tiefere Falten zuſammen. Mißtrauiſch blickte er ihn mit dem bleichen Schein ſeiner Augen an und fragte: „Hat der eine Narr dem andern ein Paar Kope⸗ en zugeworfen, damit er ſeinen Advocaten mache? — 102— O ich weiß, was ich von euch Allen zu halten habe, und meine Kinder ſind nicht beſſer als mei⸗ ne Leibeignen.“ „Ei, wie ſo? Gebieter“ entgegnete Roſtow. „Melanie Carlowna“ fuhr Jener fort,„iſt das Abbild ihrer ſeligen Mutter, hoffaͤrtig und uͤber⸗. klug wie ſie— Paul, der aufgeblaſene Burſch', er⸗ muͤdet meine Geduld durch ſeine raſenden Strei⸗ che; keine Ruͤckſichten kennt er, kein Verhaͤltniß⸗ und was er geſtern einmal wieder gethan hat, giebt ihm den letzten Stoß in meiner Vater⸗ liebe.“ „Ein Duell,“ ſprach der Kutſcher mildernd, „Gospodin, ein Duell kommt ja wohl vor bei einem jungen Officier, und ſollte deinen Zorn nicht ſo heftig reizen.“ „Ein Duell, aber mit wem?“ rief Woron⸗ zow,„was fuͤr Faͤden konnte der Burſche mit ſeiner albernen Streitſucht zerreißen. Schweig', du verſtehſt das nicht. Aber ſo viel ſage ich dir, daß dieſer ſiedende Kopf nur in den Wellen der Betſchora*) abgekuͤhlt wird— dort koͤnnt *) Ein ſibiriſcher Fluß. z — 103— er meinetwegen mit dem Schakal anbinden und die wilden Baͤren des Ural zum Zweikampfe rei⸗ zen, die Czarewna und ihre Diener waͤren doch ſicher vor ihm.“ „Und auch Sie? lieber Vater,“ fragte Paul, der indeſſen unbemerkt eingetreten war, mit der ſanfteſten Stimme,„mein Gott, was habe ich denn gethan, daß Sie mich ſo hart beurtheilen? eine kleine Uebereilung, nun ja, die will ich geſte⸗ hen, aber daß Sie mich deshalb verdammen und ſtrenger beſtrafen wuͤrdem, als der ſtrengſte Rich⸗ ter, das thut mir weh.“— „Willſt Du Deinen Vater auch in ſeinem Ur⸗ theile meiſtern?“ zuͤrnte der alte Graf;„Du thaͤ⸗ teſt beſſer, Dich ruhig zu verhalten, als mich hier durch Dein vorlautes Erſcheinen zu belaͤſtigen. Aber immer mehr erkenne ich Deine Mutter und die Folgen ihrer verkehrten Erziehung in Dir. Geh mir aus den Augen!“ „O meine liebe, ſuͤße Mutter,“ rief Paul, ploͤtztich in Thraͤnen ausbrechend,„dein Bild um⸗ ſchwebt mich, und das Andenken an dein engel⸗ 4 u- — 104— gleiches Dulden macht mich ſtark genug, auch das Unwuͤrdige zu tragen. Du wirſt noch im Grabe geſchmaͤht!“— 8 Der Vater befahl jetzt mit einem Wink dem alten Roſtow, ſich zu entfernen, und als dieſer das Zimmer verlaſſen hatte, fragte er den Sohn mit einem ſeiner kaͤlteſten Blicke: „Nun, wie ſteht's?— Wirſt Du mir heute vertrauen, was die Veranlaſſung eures Streites war. Erzaͤhle, allons!“ „Vertrauen, jetzt eben,“ entgegnete Paul, und druͤckte die Hand auf das wunde Herz—„Sie wiſſen ja alles, Vater; die Vorzuͤge meines Ko⸗ ſaken brachten uns im Wortwechſel, und endlich ſo weit, daß wir die Klingen zogen.“ „Daß Du ein Luͤgner biſt, weiß ich,“ ſagte der Graf,„und wußte es laͤngſt. Jetzt ſtill, ich will nichts mehr davon hoͤren. Um dir aber zu zeigen, daß ich noch immer guͤtiger mit Dir ver⸗ fahre, als Du es verdienſt, will ich Dir ein Ge⸗ heimniß offenbaren, das wichtiger fuͤr uns iſt, als alle Deine Lapalien. Geheimniß zwar möchte ich es kaum nennen, denn ſelbſt, wenn Du es —— 105— verraͤthſt, wuͤrde es nur wenig ſchaden. Jedoch ſprich, kannſt Du etwas fuͤr Dich behalten, wenn es Dir Dein Vater befiehlt?“— Paul ſchwieg beleidigt. Der alte Graf durch⸗ maß das Zimmer mehreremal mit großen Schrit⸗ ten, wobei er den Sohn zuweilen von der Seite ſcharf muſterte; man konnte ihm anſehen, daß er gern der Mittheilung uͤberhoben geweſen waͤre, wenn nicht irgend eine Ruͤckſicht ihm zu reden geboten haͤtte. Endlich blieb er dicht vor demſel⸗ ben ſtehen, und ſagte: „Man geht damit um, die Großfuͤrſtin auf den Thron zu heben, und ſie zu Anna's Nachfol⸗ gerin zu machen. Es iſt kein Zweifel daruͤber, ich weiß es aus ſicheren Quellen. Golofkin, Loͤwen⸗ walde„Tiſcherkasky, kurz die meiſten Mitglieder des Kabinets ſind daruͤber einig. Oſtermann aber iſt der Haupthebel der ganzen Intrigue.“ „Intrigue, Vater?“ rief Paul etwas vorlaut und mit leuchtenden Augen,„Intrigue nennen Sie dieſen Plan, der, wenn er exiſtirt, nur ſe⸗ genbringend ſeyn kann? Wohl den Maͤnnern, die ihn zuerſt erdachten, denn dieſes Kind, welches — 106— wir Kaiſer nennen, hat ihm nicht die Natur ſchon den zweiten Platz nur angewieſen? Warum ſeinen Eltern den erſten vorenthalten? Anna iſt Regentin, ſo laſſe man ſie denn Kaiſerin heißen, wie ihr mehr gebuͤhrt!“ „Du ſtimmſt alſo fuͤr den Plan,“ fragte der Graf mit einem ſchneidenden Tone,„und wenn bei ſeiner Ausfuͤhrung etwa die Mitwir⸗ kung der Garden erforderlich waͤre, welche Parthie wuͤrde Hauptmann Woronzow ergreifen? „Die einzige,“ erwiederte Paul raſch,„die einzige, welche zu ergreifen waͤre, Blut und Le⸗ ben fuͤr Anna und ihren Sohn!“ „Ob viele deiner Cameraden ſo denken?“ fuhr der Alte fort. „Ich hoffe es, mein Vater!“ Jener ſchwieg, und ging mit immer heftigeren Schritten im Gemach auf und nieder.„Noch iſt es nicht ſo weit,“ ſagte er endlich finſter, ſich auf einen Lehnſtuhl ſtuͤtzend.„Giebt es Spal⸗ tungen in der Natur und im Hauſe, zwiſchen Vater und Sohn, ſo kann es auch deren im Kabinet der Regentin geben. Der Undank geht — 107— zuweilen in herrlichen Saaten auf. Muͤnnich fuͤhlt ſich beleidigt und getauſcht. Er war es, der Biron vom Schauplatze ſtieß, und dieſer Anna den Weg frei machte. Sie erhob ihn zum Premierminiſter; ihr Dank, ihr Vertrauen, ihre Neigung zu ihm waren ohne Grenzen, aber ſie werden nicht ohne Wandel ſeyn. Muͤnnich iſt Preußens Freund; durch ſeinen Betrieb errichtete ſie das Buͤndniß mit Friedrich, nicht ahnend, daß gerade dieß ihr verderblich werden koͤnne.“ „Verderblich?“ fragte Paul. „Ja, du kluger Hauptmann,“ entgegnete Jener;„kannſt Du doch noch etwas von Deinen Vater lernen? Doch genug,“ ſetzte er hinzu, als er bemerkte, wie der Sohn mit geſpannter Wiß⸗ begierde an ſeinen Lippen hing.„Geh jetzt auf Dein Zimmer zuruͤck. Du haſt fuͤr heute genug erfahren und vielleicht mehr als du vertragen kannſt, entferne Dich.“ Paul, der dieſe Art und Weiſe an ſeinem Vater ſchon kannte, ſchlug beſchaͤmt die Augen zu Boden und ging nach der Thuͤr. Schon an der Schwelle wandte er ſich noch einmal um. 1 “ — 108— „Vergebung Vater,“ bat er,„noch eine Frage erlauben Sie mir, weiß die Czarewna um meine Uebereilung mit LEſtocq und zuͤrnt ſie mir viel⸗ leicht deshalb?“ „Ha!“ rief der Graf—„ſo kommt er endlich zur Beſinnung der Thor! Natuͤrlich! wie kann ſie anders, als dieſen raſenden Streich fuͤr eine Beleidigung nehmen, die ihr in der Perſon ihres Lieblingsdieners, von Seiten unſers Hauſes zugefuͤgt worden iſt? Du haſt ihre Gnade verſcherzt.“ „Davon abgeſehen,“ entgegnete Paul und ergriff mit Waͤrme die Hand ſeines Vaters. „Sie wiſſen, ich ſchaͤtze die Gnade der Czarewna nicht fuͤr mein hoͤchſtes Gut, aber leid, recht in⸗ nig leid ſollte es mir thun, wenn auch auf Sie, Vater, ein Schimmer ihres Unwillens fiele. Man kennt ſie ja, gerecht war ſie ſelten und weiß die Schuld von der Unſchuld nicht immer zu trennen!“ „Burſche!“ crwiederte der Alte, faſt außer ſich,„laͤſtere Deine Gebieterin nicht!”“— — 109— „Gebieterin?“ laͤchelte Paul.—„Mein Ge⸗ bieter iſt der Generalliſſimus, und ich bin nichts als Soldat, der zu ſeiner Fahne geſchworen hat, kein Hofmann!“— Muͤhſam unterdruͤckte der alte Graf ſeinen Zorn.„Hoffentlich,“ ſagte er mit ruhiger Kaͤlte, „hoffentlich ſind nicht alle Officiere Deines Re⸗ gimentes gleich undankbar als Du. Die Prin⸗ zeſſin iſt mit wahrhaft ruͤhrender Gnade gerade dieſem Regiment ihres hochſeligen Herrn Vaters zugethan; ſie uͤberhaͤuft es mit Wohlthaten, un⸗ terſtuͤtzt, wo es irgend angeht, Officiere und Ge⸗ meine, und alles dieß erweckte ihr keinen Dank? Paul, Paul! Du waͤreſt nicht Hauptmann ohne die Czarewna, die, ich weiß es aus guter Quelle, ſich beym Herzog Generalliſſimus um Deine Be⸗ foͤrderung verwandt hat. Jetzt ſchaͤmt er ſich, ha! ha!“ ſetzte er hinzu, denn er hielt die Roͤthe, die ploͤtzlich des Sohnes Antlitz uͤberzog, fuͤr eine Folge der Ueberfuͤhrung von ſeinem Unrecht, und wirklich war es auch Beſchaͤmung, was Pauls Blut in ſeine Wangen jagte, jedoch von einer andern Urſache erzeugt, als der Graf vermuthete. Dieſe — 4140— Nachricht zerſtoͤrte einen fuͤßen Traum, den er bis dahin genaͤhrt hatte; es hatte ihm gefallen, ſeine Beforderung als ein bloßes Zeichen der Zufriedenheit mit ſeinem Dienſtverhalten von Seiten des Herzogs zu nehmen, oder wollte er der tiefſten Tiefe ſeines Herzens ſchmeicheln, ſo gab er der Stimme Gehoͤr, die ihm Anna's Namen dabei zufluͤſterte.„Nein, nein!“ rief er daher heftig ſeinem Vater entgegen,„nicht Eliſabeth, Sie irren Sich ſicher, die Czarewna hat nichts fuͤr mich gethan, ſie kennt mich kaum und das iſt auch recht gut.“ „Dennoch erwaͤhnte ſie Deiner oft ſchon auf eine gnädige Weiſe,“ fuhr der Graf fort. Doch dem ſey, wie ihm wolle, uͤber den ſchwar⸗ zen Undank eines Einzigen kann ſie ſich troͤſten und wird es, aber ich wette, daß alle Deine Cameraden mit Begeiſterung fuͤr ſie erfuͤllt ſind, eben ſo wie die Gemeinen.“) 2 „Da wir einmal be dem Punkt ſind,“ un⸗ terbrach der Sohn den Vater,„ſo waͤre es wohl an der Zeit, ein Wort uͤber die Gevatter⸗ ſchaften bei Soldatenkindern zu ſagen, wozu die — — 111— Prinzeſſin ſich oͤfter ſchon und noch neulich her⸗ abgelaſſen hat. Wenn Sie, lieber Vater, etwas uͤber Eliſabeth vermoͤgen, ſo rathen Sie ihr ab, dergleichen zu wiederhohlen; man ſpöttelt in der Stadt und bei Hofe daruͤber, und ſagt ganz laut, ſie halte Aſſembléen mit der Preobraſchenk⸗ kiſchen Garde.“ 3 „Das ſagſt Du und Deine naſenweiſe Schweſter,“ ſchalt der Graf.„Bube Du! Jetzt geh' mir aus den Augen! Paul biß die Lippen zuſammen, ſah nach ſeiner Uhr und ſagte dann leiſe,„ich fahre jetzt zu Graf Oſtermann.“ „Meinetwegen nach Sibirien!“ rief ſein Va⸗ ter ihm nach, und der arme Juͤngling, der zwar dieſe Behandlung ſchon kannte, aber ſich grade heute unendlich ſchmerzlich davon getroffen fuͤhlte, verließ mit gluͤhendem Antlitz das Gemach und begab ſich nach dem ſeinigen zuruͤck, wo ihn ein Auftritt anderer Art erwartete. Aus einer Fenſtervertiefung hervor, die mit einer Gardine von Sammet verhangen war, trat ihm ein Mann entgegen, deſſen unſcheinbare Ge⸗ — 112— langer Mantel vergroͤßerte, ein Hut mit herabgelaſſener Krempe verbarg ſein Geſicht mehr als zur Haͤlfte, konnte aber dennoch die ſaͤmmt⸗ lichen Locken einer Peruͤcke nicht bezaͤhmen, die dreiſt uͤber Schultern und Ruͤcken herabfielen. „Hauptmann!“ ſagte der Fremde, in welchem Paul zu ſeinem Erſtaunen L'öEſtocg erkannte, „Hauptmann, retten Sie mich, verbergen Sie mich; Sie haben mich ins Ungluͤck geſtuͤrzt, aber mein gaͤnzliches Verderben werden Sie nicht wollen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete Paul, un⸗ willkuͤhrlich auf die ſeltſame Geſtalt herablaͤchelnd. „Auf Ihren Edelmuth,“ fuhr Jener mit gleicher Schnelligkeit fort,“ auf Ihre Großmuth habe ich gerechnet, indem ich das Wagſtuͤck unter⸗ nahm, hierher zu fluͤchten. Ueberall in ganz Petersburg ſucht man mich, aber hier, im Schutz meines Feindes nicht! Darum, theurer Hauptmann, ſchoͤnſter aller Capitanos, einen Verſteck um Gotteswillen!“ Der Juͤngling lachte jetzt hell auf, denn er begann LEſtocq's Irrthum zu merken und die Quelle ſeims gegenwaͤrtigen Betragens einzuſehen, auch ward er mit jedem Wort, das LEſtocg noch herausſtieß, hieruͤber gewiſſer. Aber wer ſchildert das freudige Erſtaunen des Letzteren, als Paul ſich endlich uͤber ihn erbarmte und ihm mit aller umſtändlichkeit, die noͤthig war, auseinander⸗ ſetzte, daß außer ſeiner Schweſter Niemand, am wenigſten aber die Regentin, nur das Geringſte uͤber die wahre Veranlaſſung ihres Streites wiſſe. „Wie?“ rief LEſtocq nach langem Zweifeln, wobei er jedoch mit jedem Athemzug die Felſen⸗ laſt der Angſt ſich in das angenehme Bewußtſeyn der Sicherheit verwandeln fuͤhlte,„wie, Sie ha⸗ ben geſchwiegen. Sie haben ſich kein Verdienſt aus meiner Beſtrafung gemacht? O Sie Engel in Menſchengeſtalt, laſſen Sie ſich umarmen, laſſen Sie ſich an dieſes dankbare Herz ſchließen! Das werde ich Ihnen nie vergeſſen; nein, das werde ich Ihnen ewig, ewig gedenken!“ „Sie ſind außer ſich, LEſtocq,“ ſagte Paul etwas verwundert uͤber dieſe Heftigkeit,„und bei⸗ nahe beleidigt Ihre uͤbertriebene Freude unſre edle J. 8 — 114— Fuͤrſtin auf's Neue. Welche Begriffe haben Sie von ihr? Halten Sie ſie der niederen Rache we⸗ gen perſoͤnlicher Beleidigung faͤhig, dann irren Sie und aͤngſtigten ſich vergebens. Wenn Jemand beſtraft wird, bin ich es, weil ich das Palaſtge⸗ ſetz brach.“ „Lieber junger Menſch,“ erwiederte LéEſtocq, „wie alt moͤgen Sie ſeyn? Sie kennen die Frauen nicht, geſchweige die Gekroͤnten. Verun⸗ treuen Sie ihnen Millionen, verlieren Sie ihnen Provinzen und Schlachten; ſie vergeben es, aber Ihrer Zunge entſchluͤpfe ein verletzendes Wort gegen ihre Perſon, ſo ſind Sie verloren, Sibi⸗ rien oͤffnet ſeine Rachen und verſchlingt Sie un⸗ rettbar— o ich weiß das!“ „Die Regentin iſt keine Katharina und keine Anna von Curland,“ ſagte Paul. „Aber ein Weib!“ fiel LEſtocg ein,„und in ihren Adern rollt das alte gaͤhrende Despoten⸗ blut der Czaren.“ Paul drohte mit dem Finger.„Kommen Sie,“ unterbrach er ihn laͤchelnd,„wer weiß, was ich ſonſt noch zu thun genoͤthigt ſeyn koͤnnte. — 15— Ich bin vor Graf Oſtermann beſchieden und es iſt Zeit, mich dort hinzubegeben.“ „Auch ich, lieber Graf,“ rief hier L'Eſtocq, das betrifft uns beide; man wird uns befragen, aushoͤren; um Gotteswillen, was werden Sie antworten?“ „Nichts, was Dir ein Haar kruͤmmen kann, Maͤnnchen!“ entgegnete der Juͤngling etwas ver⸗ aͤchtlich. Dann faßte er den Wundarzt, der nochmals an ihm emporſprang und ihn dankbar an ſich druͤckte mit der Rechten, warf mit der Linken die Zobelmuͤtze ins Haar und eilte ſo, Jenen mehr tragend als fuͤhrend, zum Zimmer hinaus. Fort ging es in raſchen Spruͤngen uͤber den Corridor. LEſtocq's Fuͤße beruͤhrten kaum den Boden, und in luſtigem Gelaͤchter kraͤhte er auf, der ſchwarze Mantel und die weiß gepuder⸗ ten Locken flatterten ſeltſam hinter ihm her; der breite Hut druͤckte ſich verwegen auf's rechte Ohr, und dieß eilige Fortbewegen der duͤnnen Glieder ſtach auf ſonderbare Weiſe gegen den feſten, koͤ⸗ niglichen Schritt des Juͤnglings ab, der ihn füͤhrte. Eben war man am Zimmer des alten 8*† — — 116— * Grafen voruͤber, als dieſer die Thuͤr oͤffnete und heraustrat. Er hatte das Lachen einer bekann⸗ ten Stimme vernommen und fragte einen Be⸗ dienten, der den Gang herauf kam, wer es ge⸗ weſen ſey. e „Seine Gnaden, Graf Paul, und der Herr Wundarzt LEſtocg,“ berichtete der Diener. „Du biſt verruͤckt, Narr!“ erwiederte der Alte finſter, trat jedoch in ſein Zimmer zuruͤck, und ſchaute durch das Fenſter, um ſich ſelbſt zu uͤberzeugen, in weſſen Begleitung ſein Sohn aus dem Palaſt kommen wuͤrde. Da braußten deſ⸗ ſen Koſaken aus dem Thorweg, und mit halb herabhaͤngendem Mantel ohne Kopfbedeckung, als ſein maͤchtiges Haargebaͤude, ſaß LEſtocg neben Paul in der Droſchke, welche ſchnell dahin fuhr. Der alte Woronzow wußte nicht, was er davon denken ſollte und ließ ſich ankleiden, um bei ſei⸗ ner Gebieterin eine Erklaͤrung dieſes Raͤthſels zu holen. Als jene Beiden in den Palaſt des Grafen Oſtermann ankamen, wurden ſie in einen Saal gefuͤhrt, wo ſtatt des ernſten Miniſters, den ſie erwarteten, die ſchoͤne, nmuthige Natalie ihnen entgegen trat. „Mein Vater iſt noch beſchaͤftigt„ ſau ſie nach den erſten Begruͤßungen, und blickte etwas verwundert auf Paul und LEſtocg, welche noch Arm in Arm gingen;„die Herren werden es ſich daher gefallen laſſen muͤſſen, ein Viertel⸗ ſtuͤndchen in meiner Geſellſchaft zu verweilen.“ „Welche reizendere Strafe fuͤr unſer Verge⸗ hen koͤnnte es geben,“ fiel ſogleich LEſtocqg ein, „denn wahrſcheinlich, ſchoͤne Graͤfin, iſt Ihnen nicht unbekannt, welche Veranlaſſung uns her⸗ bringt. Huͤten Sie ſich aber zum Wohl des Reichs, die Fuͤhrerin zu dem Tempel der The⸗ mis abzugeben, ſonſt wuͤrde Alles Verbrechen begehen, um nur bis in dieſen Vorhof zu dringen.“ Lange fuhr er fort, aͤhnliche Galanterien zu ſagen, ohne daß das ſchoͤne Maͤdchen, wie es ſonſt wohl der Fall war, dadurch zu launiger Erwie⸗ derung gereizt ward, ernſter als gewoͤhnlich laͤ⸗ chelte ſie heute; ihr holdes Auge warf nur zu⸗ weilen einen ſeiner mildleuchtenden Blicke auf — 118— auf den Sprecher; unruhig glitt es uͤber die Ge⸗ genſtaͤnde hin und ſuchte den Boden, wenn es Pauls Blicken begegnete. Schnellere Athemzuͤge hoben die Bruſt Nataliens, ein hoͤheres Roth flog wie der Abglanz eines gluͤcklichern Daſeyns uͤber ihre Wangen, ſie war unausſprechlich ſchoͤn. „Ich danke Ihnen, mein guter LEſtocq,“ ſagte ſie endlich heiter,„Sie ſind galant wie die Nation, von der Sie abſtammen, und deshalb ſetzt mich auch keine Ihrer ſchoͤnen Phraſen in Erſtaunen. Man erwartet das ſo von Ihnen. Fuͤr Sie mag das Opfer nicht groß ſeyn, ſich urze Zeit auf die Geſellſchaft eines unbedeuten⸗ den Maͤdchens reducirt zu ſehen, wie aber fuͤr unſern Freund Woronzow? Nicht wahr, Graf 8 Paul, ich muß auf einen Erſatz denken?“ „Nehmen Sie ihn denn aus meinen Hän⸗ den,“ fuhr ſie fort, und zog ein Billet aus dem Buſen hervor.„Melanie gab mir dieſes fuͤr Sie geſtern Abend waͤhrend der Aſſemblée beim Herzog; konnte ſie auch leicht einen ſchnelleren und beſſeren Boten zur Befoͤrderung finden, einen treueren wohl nicht.“ — 16— Paul empfing mit einiger Ueberraſchung das Billet, kuͤßte die wunderſchoͤne Hand, die es ihm darreichte, und wollte es dann zu ſich ſtecken. „Nein, nein,“ ſagte Natalie,„leſen Sie ohne Zwang, mein Herr, ſehen Sie, was Ihnen die Schweſter ſchreibt. Dort im Fenſter finden Sie Platz und Muſe.“ Er gehorchte, trat hinter die Gardine, und die Graͤfin wandte ſich, waͤhrend er las, mit ihrer gewoͤhnlichen Grazie zu LEſtocq und knuͤpfte eine leichte Unterhaltung an; deren Faden dieſer mit der Geſchicklichkeit eines Hof⸗ manns ergriff und fortfuͤhrte, ohne daß Natalie noͤthig hatte, die Zerſtreuung, mit der ſie ihm zu⸗ hoͤrte, groß zu verbergen. Nach laͤngerer Zeit, als man zur Leſung eines Billets ſonſt gebraucht, kam endlich der Juͤngling aus der Fenſterniſche hervor, aber die Ruhe, mit der er hineingegangen war, ſchien mit einemmale aus ſeiner Haltung entflohen; ſein Gang war noch feſt, ſein Anſtand noch edel, wie gewoͤhnlich; aber vergebens kaͤmpfte er, eine innere Aufregung zu verbergen, ſeinen verſtoͤrten Blicken die vorige Unbefangenheit wieder zu geben und die Blaͤſſe zu bemeiſtern, die ſein .— 120— ſchoͤnes Geſicht uͤberzog. Einem weniger ſcharfen Blick als der eines Maͤdchens iſt, die zum erſten⸗ male die ſuͤße Unruhe liebender Theilnahme em⸗ pfindet, mußte die ſchnelle Veraͤnderung ſeines Weſens auffallen. „Pardien! mon ami!“ ſagte LEſtocq und maß ihn mit ſeinen klugen Augen—„haben Sie etwa unſer Arret de mort geleſen? Was in aller Welt hat denn die kleine holde Melanie geſchrie⸗ ben?“— „Ich hoͤre Stuͤhle ruͤcken,“ fiel ihm Natalie raſch ins Wort.„Die Conferenz hat ein Ende, jetzt wird mein Vater herauskommen, empfangen Sie ihn, Löſtocg.“ Dieſer ſtand mit zwei Spruͤngen vor einem Spiegel und fuhr mit der Hand in ſeine Friſur, indeſſen nahm Natalie Pauls Arm und ihn, nach einer andern Seite des Saales fuͤhrend, ſagte ſie ſchnell:„ich ver⸗ muthe was es gilt, ich ahne Alles. Mein Vater war geſtern lange bei der Regentin und dieſe hat vor Melanien kein Geheimniß. Sie ſollen fort von hier, iſt es nicht ſo? Man gebraucht den Vorwand Ihres Duells, um Sie zu entfernen. — 121— Sie muͤſſen Feinde haben; ſagen Sie, was seäan ich thun?“— 8 „Nichts gnaͤdige Graͤfin!“ erwiederte Paul ſchmerzlich,„es iſt ihr Wille, o wehe mir! Aber ſendete ſie mich in den Tod, ich gehorchte gern!“ „Welches Urtheil mein Vater auch fällen moͤge,“ fuhr Melanie fort,„glauben Sie, er handelt nicht auf eignen Antrieb, ſondern er achtet und ſchaͤtzt Sie ſehr, mehr, o viel mehr als Je⸗ nen da, auch ich, Paul, wahrlich, auch ich!“ Eben trat der Miniſter in den Saal und begleitete den alten Feldmarſchall Muͤnnich zur Thuͤr, eine hohe edle Geſtalt, wie Oſtermann ſelbſt, und wie er mit einem weißen Scheitel geziert, auf welchen der Ruhm langer thatenreicher Jahre ſeinen ſilbernen Glanz ausgeſtreut hatte. Die Stirnen beider Staatsmaͤnner ſchienen be⸗ woͤlkt, aber als Muͤnnich die ſchoͤne jugendliche Hebe dieſes Hauſes erblickte, ſeinen Liebling von klein auf, erwachte die zarte Ritterlichkeit der Soldateska in ſeinem Herzen, und ſtatt voruͤber zu gehen, trat er mit einer freundlichen Be⸗ — 122— gruͤßung zu Natalien.„Meine Herren,“ ſagte waͤhrenddem Oſtermann zu Paul und LEſtocq, und winkte ſie in ſein Cabinet,„ich habe mit Ihnen in Auftrag unſerer erhabnen Regentin wegen des geſtrigen Vorfalles im Winterpallaſte zu reden.“ 3 Der ſtrenge Ernſt, der auf den Zuͤgen des Miniſters bei dieſem Eingange lag, ließ den Wund⸗ arzt bis zum Innerſten erbeben, doch faßte er ſich, als Jener gleich darauf milder fortfuhr.„Man haͤlt es nicht fuͤr noͤthig, die Veranlaſſung Ihres Zweikampfes ergruͤnden zu wollen, es genuͤgt, daß Sie mir auf Ihr Ehrenwort offen geſtehen, welcher von Ihnen zuerſt den Degen zog.“ Schon hob L'Eſtocg den Finger, um damit auf Paul zu deuten, doch ſchnell beſchaͤmt ließ er ihn wieder ſinken, und blickte verlegen empor zu hen edlen Feind, ob dieſer die Bewegung nicht bemerkt habe; Paul dagegen ſah ernſt und feſt in das Antlitz des Miniſters und bekannte ſich mit wenigen Worten fuͤr den Urheber und Anfaͤnger des Streits.„Ich wußte es,“ ent⸗ gegnete Oſtermann,„und Ihre Offenheit, mein «* 5* junger Freund, gefaͤllt mir, um ſo mehr beklage ich, Ihnen ankuͤndigen zu muͤſſen, daß Sie in dieſem Fall zu einem dreimonatlichen Feſtungs⸗ Arreſt in Schluͤſſelburg verurtheilt worden ſind, auch koͤnnte die Verſetzung zu einem anderen Regimente, fern von der Hauptſtadr, leicht er⸗ folgen, wenn es meiner Fuͤrſprache nicht gelingen ſollte, dieſes Schickſal von Ihnen abzuwenden.“— „Das iſt hart!“ rief Paul, und trat mit ſchmerzlichem Lächeln einen Schritt zuruͤck.„Und dieſes Urtheil konnte Anna uͤber mich ausſpre⸗ chen. Anna, fuͤr die ich..... doch ich gehor⸗ che, und Ew. Excellenz haben zu befehlen, wenn ich nach Schluͤſſelburg abgehen ſoll.“ „Sie moͤgen das nach Ihrem Gefallen ein⸗ richten, mein Sohn,“ entgegnete der Miniſter —„es ſcheint auf beſondere Eile dabei nicht an⸗ zukommen, und ich vertrete Sie bei der Regen⸗ tin, ſelbſt wenn Sie noch Wochen lang zoͤgern ſollten, bis die mildere Jahreszeit erſt eintritt. Was Sie betrifft, LEſtocq,“ wandte er ſich an den Wundarzt,„ſo kommen Sie dießmal ſtraflos durch, huͤten Sie ſich jedoch in Zukunft — 124— vor Allem, was einer Einmiſchung in fremde Angelegenheiten oder einer Intrique aͤhnlich iſt. Nicht immer moͤchten Ihnen die Umſtaͤnde ſo guͤnſtig ſeyn, als dießmal, und ich ſage Ihnen, merken Sie es wohl, daß mein Auge ſcharf ge⸗ nug iſt, Ihren Wandel bis in ſeine feinſten Kruͤmmungen zu verfolgen. Leben Sie wohl!“ LEſtocg verſuchte, ſeinem Blick bei dieſer Er⸗ mahnung, die ihm wie Donner erklang, Unbefan⸗ genheit zu geben, mit Keckheit dem des Greiſes zu begegnen, aber es gelang ihm nicht, vor dem unbeſtechlichen Ernſt dieſes Auges, welches bis in die Falten der Seele zu dringen ſchien, flatterte das Seinige zu Boden und er bat mit faſt ſtam⸗ melnder Stimme nur noch um Erlaubniß, die Erklaͤrung hier abgeben zu duͤrfen, daß er mit dem Hauptmann voͤllig ausgeſoͤhnt ſey und daß deſſen Beſtrafung ihm innigſt zu Herzen gehe. Oſtermann war es zufrieden und LEſtocq um⸗ armte den Juͤngling feierlich, druͤckte ihm einen Kuß auf die Stirn; und Jener duldete dieſe Lieb⸗ koſung ſtill und kalt, blieb aber ſtehen, als LEſtocg endlich Anſtalten machte, das Cabinet — 1— zu verlaſſen. Da dieß erfolgt war, und er ſich mit dem Miniſter allein befand, brach der Schmerz ſeiner Seele mit einem male maͤchtig hervor. Sein Verhaͤltniß zu dem liebloſen Va⸗ ter, der erſt heute wieder mit eiſerner Hand uͤber das Saitenſpiel ſeines weichen Gemuͤthes hinge⸗ ſtreift hatte, die heimliche, erſte Regung der Liebe in ſeinem jungen Herzen fuͤr einen Gegenſtand, von dem er durch alle Schranken der Welt ge⸗ ſchieden war, die Qual einer hoffnungsloſen Sehnſucht, die ſich wie eine unendliche Wuͤſte vor ihm ausbreitete. Das Urtheil der Verban⸗ nung, das er ſo eben mittelbar von ſo theuren Lippen empfing, alles ſtuͤrmte auf ihn ein; bleich, außer ſich ſtuͤrzte er vor dem Miniſter zu Boden, umarmte deſſen Knie und druͤckte das von Thraͤ⸗ nen uͤberſtroͤmte Geſicht in ſeinen Schoos. Der Greis, anfangs in dem Wahn, dieſe heftige, un⸗ erwartete Wallung ſey eine bloße Folge des an⸗ gekuͤndigten Urtheils, war im erſten Augenblick nicht wenig erſtaunt, den ſtarken, maͤnnlichen Paul in dieſer Bewegung zu ſehen, ſuchte ihn aber dann durch freundliches Zureden aufzurichten — 126— und glaubte ihn vorzuͤglich damit zu tröſten, daß er die Hoffnung durchblicken ließ, die Regentin werde ſich durch eifriges Fuͤrbitten noch zur Zu⸗ ruͤcknahme ihrer, freylich etwas ſtrengen Sentenz bewegen laſſen.— „Nein, nein!“ rief der Juͤngling plöͤtzlich, noch zu den Fuͤßen des Miniſters„nein, das nicht, ehrwuͤrdiger, theurer Mann! Ach es iſt ſo ſuͤß, Ihren Befehlen zu gehorchen, ſelbſt wenn dieſe etwas ſehr ſchweres erheiſchten! den Tod etwa,— iſt eine Entfernuug weniger bitter? Ach ſie haßt mich wohl ſehr?“ „Von Haß kann nicht die Rede ſeyn, wo die Fuͤrſtin ſtraft,“ entgegnete Oſtermann mit mildem Ernſt.„Stehen Sie auf, mein lieber Sohn, und was auch Ihre Empfindungen in dieſem Augenblicke ſeyn moͤgen, ſo habe ich das gute Vertrauen zu Ihnen, daß Ihre Vernunft den uͤberwallenden Strom in ſein Bett zuruͤck⸗ draͤngen wird, und der rege Sinn fuͤr Ehre, Sitttlichkeit und Buͤrgerpflicht, den ich an Ihnen kenne und liebe, Sie niemals verlaſſe.“ Wie die Stimme eines Engels ſielen dieſe Worte in * des Juͤnglings Seele, den Sturm ſeines Innern beſchwichtigten ſie; er ſtand auf; heitere Klarheit leuchtete wieder auf ſeiner Stirn, aber ehe er ſich entfernte, ſank er noch einmal in die Arme des Greiſes und ließ ſein Haupt an deſſen Bruſt ruhen..* „Verzeihung,“ fluͤſterte er,„Verzeihung fuͤr dieſe Freiheit. O wie wohl iſt mir an Ihrem menſchlichen Herzen, Vater Oſtermann!“ „Schade,“ ſagte der Miniſter, als Paul laͤngſt weg war und Natalie ſich waͤhrend dem unbe⸗ merkt hinter ſeinen Stuhl geſchlichen hatte, „ſchade, daß er kein Deutſcher iſt, dieſer brave junge Mann!“„Und warum?“ fragte Natalie zoͤgernd und beklommen. „Er nannte mich Vater,“ entgegnete der Greis;„ich wuͤrde meinen Sohn aus ihm machen.“ Die Tochter neigte den ſchoͤnen Kopf, druͤckte beide Haͤnde gegen die wallende, unruhige Bruſt und ging nach ihrem Zimmer zuruͤck, um in ungeſtoͤr⸗ ter Einſamkeit nachdenken und weinen zu koͤnnen. 2— — 128— Der alte Woronzow hatte ſeinen Sohn nur einen halben Blick in die gegenwaͤrtige Politik des Staatsraths werfen laſſen, wovon er zwar Mitglied war, doch ohne daß ſeine Stimme das geringſte Gewicht hatte,— ein Schickſal, welches er noch mit mehreren ſeiner Collegen theilte. Die Macht und der entſcheidende Einfluß befan⸗ den ſich noch immer in den Haͤnden von Peters des Großen Lieblingen, Oſtermann und Muͤn⸗ nich. In dieſen beiden Maͤnnern floß mehr oder weniger das Anſehen ſaͤmmtlicher Großen zuſam⸗ men, welche den Senat bildeten; ihr Verein re⸗ gierte die ruſſiſche Welt, ſetzte Monarchen derſel⸗ ben auf den Thron und ſchloß die Buͤndniſſe mit fremden Maͤchten; ſie leiteten das Steuer⸗ ruder des ungeheuren Schiffes, das erſt kuͤrzlich mit neuen Maſten und Segeln vom Stapel ge⸗ laſſen ward und ſeine erſten kuͤhnen Bewegun⸗ gen auf dem Meere der Weltgeſchichte verſuchte; ſtaunend ſah es Europa kommen, mit den Wimpeln zweier Welttheile geſchmuͤckt und vor ſeinen majeſtaͤtiſchen Ruderſchlaͤgen das Meer er⸗ beben. „ — 129— Immer wird der Ehrſuͤchtige gern die Par⸗ thei ergreifen, die ihm Anſehen und Reichthuͤmer verheißt, und diejenige zu verlaſſen ſtreben, wobei er die Befriedigung ſeiner Wuͤnſche nicht findet. Dieß war der Fall bei Pauls Vater und noch mehreren Großen der Hauptſtadt, die mit heim⸗ lichem Neid den ganzen Organismus der Gewalt in einen Centralpunct zuſammen laufen ſahen, welcher dennoch der Monarch nicht war. Der Plan, Anna zur Kaiſerin zu erheben und ihren Sohn mit der Zuſicherung der Thronfolge in den Rang eines Großfuͤrſten zuruͤckzuſtellen, verſprach den Unzufriedenen keine Aenderung ihrer Verhaͤlt⸗ niſſe und reizte ſie deshalb wenig, ihn zu unter⸗ ſtuͤtzen; dagegen bemerkten ſie nicht ohne Vergnü⸗ gen, die von Woronzow angedeutete Spannung im Cabinet, die Unzufriedenheit des Feldmar⸗ ſchalls und die Muͤhe, welche mehrere auslaͤndi⸗ ſche Geſandten ſich gaben, derſelben immer mehr Nahrung zu verſchaffen. Sie bedienten ſich hierzu des Buͤndniſſes, welches die Regentin auf Muͤnnichs Betrieb mit dem Koͤnige von Preußen geſchloſſen hatte, und um dieſes wieder ruͤckgaͤngig 1. 9— zu machen, wurden alle Kuͤnſte der Diplomatik verſucht.— Wirklich hatten die Einfluͤſterungen des kaiſerlich⸗roͤmiſchen und des ſaͤchſiſchen Ge⸗ ſandten ſo gute Erfolge, daß die Regentin mit ſich ſelbſt und mit ihren treueſten Rathgebern in Zwieſpalt gerieth! Jetzt wieder einmal fuͤhlte ſie die Laſt ihres hohen Berufs und den Druck des Diadems auf ihrem Scheitel; beinahe in Thraͤ⸗ nen ausbrechend warf ſie den Mantel von Her⸗ melin, mit dem ſie im letzten Conſeil bekleidet geweſen war, von den Schultern, neigte das Haupt und druͤckte die wunderſchoͤnen Haͤnde, wie von durchſichtigem Alabaſter geformt, leiſe, aber ſchmerzvoll, gegen die Bruſt. O mein Daſeyn, wo ſind deine Freuden? fluͤſterte Anna und erſchrak faſt im nehmlichen Augenblick vor dieſem unwillkuͤhrlichen Ausruf. War ſie nicht gluͤcklich? mußte ſie es nicht ſeyn im Beſitz aller irdiſchen Guͤter und bei einem Herzen, das ſich noch an einer Blume zu erfreuen vermochte? So laut und gebieteriſch ihr Gewiſſen dieſe Fra⸗ ge bejahte, ſo leiſe, aber unuͤberhoͤrbar, klagte tief in ihrer Seele das Gegentheil und nur wenn ſie den Blick auf die Vergangenheit zuruͤck warf, und ihn uͤber die klaren, reinen Linien ihrer Le⸗ bensbahn gleiten ließ, war es ihr, als finde ſie einige Erklaͤrung jenes Widerſpruchs. So ſehr die Kaiſerin ihre Nichte geliebt hatte, ſo despotiſch beherrſchte ſie ihr Wille, und bei dem wichtigſten Schritt in eines Weibes Leben,— gleichviel ob ſie auf dem Throne oder in einer Huͤtte geboren iſt,— bei der Vermaͤh⸗ lung Anna's hatte man ihre Neigung nicht be⸗ fragt. Erſt jenſeit des Altares, an welchem in Rußland nie aufzuloͤſende Bande geknuͤpft werden, fuͤhlte die junge Prinzeſſin ihr Herz erwachen; aus der heiligen Wiege der Kindheit, wo ſie bis dahin unangetaſtet ſchlummerten, ſtiegen die auf⸗ regenden Genien des Lebens, die Wuͤnſche hervor und das ploͤtziich beſeelte Auge begann um ſich zu ſchauen. Mit Schrecken ward es Anna ge⸗ wahr, daß man ihre Hand ohne ihre Liebe ver⸗ geben hatte, dieſer bleiche, melancholiſche Anton, um deſſen Daſeyn unterirdiſche Maͤchte ſich zu ſtreiten ſchienen, entſprach nicht dem bluͤhenden Ideal ihres Buſens. Was er ihr reichte, war 9* — 132— kein Gluͤck, ſondern das ſeltſame Wehe einer edlen Natur, die von einem unverſchuldeten, aber unerbittlichen Fluch niedergedruͤckt wird, und bald erkannte ſie, daß er auch die Faͤhigkeit verloren hatte, gluͤcklich zu werden. Anna kehrte mit heimlichem, aber unnennbarem Schmerz in ſich ſelber zuruͤck, ſie ſchied nach einem harten Kampfe von jedem Anſpruch auf ein, durch Liebe ver⸗ ſchoͤnertes Leben und ſuchte in den reinen Ge⸗ nuͤßen der Entſagung und an dem Quell einer niebefleckten Tugend Erſatz fuͤr das, was ſie dem Verhaͤngniß opfern mußte. 1. Trotz dem ward ſie bei Lebzeiten der Kaiſerin oft von der Vernachlaͤſſigung gekraͤnkt, mit der dieſe ihren Gemahl zu behandeln pflegte. Die „Hoͤflinge folgten dem gegebenen Beiſpiel, und allein, unverſtanden, wie eine dunkle, gigantiſche Erſcheinung, der ſelbſt Anna ſich nicht zu naͤhern vermochte, wandelte der Herzog durch ſeine naͤch⸗ ſten Umgebungen hin. Die Geburt Iwan’s, der Tod der Kaiſerin und endlich die guͤnſtige Stim⸗ mung des Senats fuͤr das junge Paar, waren einzelne Lichtblicke in dem Schickſal deſſelben. — 133— Anna glaubte endlich von der Gunſt des Him⸗ mels das erhalten zu haben, was ihr fehlte und in der Mutterliebe fuͤr ihren Knaben jede ver⸗ mißte Seligkeit wieder zu finden. Wenn das ſchoͤne Kind an ihrem Buſen laͤchelte oder in ihren Armen ruhte, mit welcher Wonne blickte ſie darauf nieder. Oft aber wenn Iwan aus dem Schlummer erwachte und die Augen zu ſeiner holden Mutter emporſchlug, die, uͤber ſeine Wiege gelehnt, den Schlaf ihres Lieblings be⸗ lauſchte, fuͤhlte ſie ihr Herz von dieſem Blicke mit einem leiſen Schauder beruͤhrt. In den Augen des Kindes, in ſeinem Laͤcheln lag ſchon das melancholiſche Weh ſeines Vaters, und Thraͤnen, von Anna geweint, netzten haͤufig die zarte Stirn, welche ſo fruͤh ſchon mit Kronen geſchmuͤckt war.—. Bei dem Charakter der Regentin und dem ihrer Baſe, Eliſabeth, konnte es wenig befremden, daß beide Frauen ſtets in einer gewiſſen Entfer⸗ nung von einander blieben. Die Tendenz ihrer Naturen war zu verſchieden, um eine gegenſeitige vertrauliche Annaͤherung zu verſtatten. Als letzte — 134— Sproͤßlinge des alten einſt ſo bluͤhenden Czaren⸗ hauſes, ſtanden ſie einander auf einer Hoͤhe ge⸗ genuͤber, die ſie den Beobachtungen des halben Erdkreiſes ausſetzte, und waͤhrend die eine ſchuͤch⸗ tern, beinahe furchtſam, aber mit der angebornen Wuͤrde der Grazie, die ſchmale Bahn der Hoheit wandelte, ſah man die andere mit leichtem flie⸗ genden Schritt aus dem goldnen Hauſe der Ma⸗ jeſtät hervortreten und ihr koͤnigliches Daſeyn un⸗ bekuͤmmert in die Arme der Leidenſchaften werfen. Die naͤchſte Straße zum ſcheinbaren Gluͤck, der Genuß, war fuͤr Eliſabeth die willkommenſte,— jetzt großartig, wahr und edel, niedrig oder falſch, wie die verſchiedenen Wallungen ihr Herz hoben oder herabzogen, ſchritt ſie darauf einher, und da ſie die Schoͤnheit der Tugend, welche Anna's Stirn verklaͤrte, nicht mehr erreichen konnte, hatte ſie angefangen, dieſe, ſo weit ihre natuͤrliche Gut⸗ muͤthigkeit erlaubte, zu haſſen. Eliſabeth wußte, daß im Kreiſe der Regentin, ſowohl ihre Lebens⸗ weiſe, als auch ihre haͤufige Herablaſſung zu den niedrigſten Volksklaſſen, zuweilen den Spoͤtte⸗ reien der Hoͤflinge unterlag und was ihr lange 135= gleichguͤltig gewefen war, begann jetzt mit einem male ein Gegenſtand ihrer Beachtung, ihrer Rache zu werden. Argwohn war der Hebel, der hierbei ſeine mechaniſche Gewalt uͤbte; das ihr ganz fremde Gefuͤhl der Eiferſucht, welches immer mehr in ihrem Buſen erwachte, jemehr ſie des Vorfalls zwiſchen ihrem Wundarzt und dem jungen Paul nachdachte, reizte ploͤtzlich die Em⸗ pfindlichkeit ihrer Ehre mit giftigen Stacheln auf und ſie beſchloß, ſich noch an dem nehmlichen Tage Genugthuung und Licht uͤber das Verhaͤlt⸗ niß des jungen Officiers zu ihrer kaiſerlichen Baſe zu verſchaffen. Die Feſtlichkeit, womit bei Hofe die Ernen⸗ nung des Herzogs zum Generaliſſimus gefeiert wurde, gab ihr hierzu die willkommenſte Gele⸗ genheit; ſie fand ſich dabei ein und waͤhrend der Mittagstafel, wo ihr Rang ihr den Platz neben der Regentin anwies, fuͤhrte ſie geſchickt ihren Plan aus. Die Larve der in einem ihrer Palaſtdiener Beleidigten, welche ſie vornahm, haͤtte Anna weniger eingeſchuͤchtert, ſo ſehr ſie auch das gute Verhaͤltniß zwiſchen ſich und Eli⸗ ſabeth zu ſchonen wuͤnſchte, aber wenige Worte, auf eine neckende, ſchalkhafte Weiſe hingeworfen, die auf die Vermuthung eines zarteren Antheils an dem kecken Friedensſtoͤrer von Seiten Anna's hindeuteten, ließen dieſe ploͤtzlich in ihrer Ver⸗ theidigung deſſelben inne halten, verſtummen; ſie erſchrak und Eliſabeths Augen weilten einige Sekunden lang triumphirend auf den Zuͤgen der Regentin, die ihr Staunen und ihre Verwirrung nicht zu verbergen vermochte. Gleich nach der Tafel berief ſie Oſtermann in ihr Cabinet und befahl ihm hier mit kaum unterdruͤckten Thränen die Verurtheilung Pauls, welche dieſer am an⸗ dern Morgen erfuhr. Obgleich unbekannt mit der Veranlaſſung des verhaͤngnißvollen Duells, wußte ſie wohl, daß die ausgeſprochene Strafe den Maaßſtab einer leichten jugendlichen Verir⸗ rung uͤberſchritte. Das Gefuͤhl von der erſten Ungerechtigkeit ihrer Regierung bebte durch ihren Buſen, aber die beleidigte Ehre rief nach einem Opfer und ſelbſt die hohe Anna zoͤgerte Eiche es zu liefern. 2 — 137— Indeſſen verrechneten ſich beide Frauen auf ganz verſchiedene Weiſe in ihren Combinationen. Eliſabeth, ſobald ſie das Urtheil vernahm, wo⸗ von ſie der begluͤckte LEſtocg gleich nach ſeiner Zuruͤckkunft aus Oſtermanns Hotel benachrich⸗ tigte, ſah nun wohl, daß ſie von einer Neigung der Regentin zu dem Juͤngling ihrer jetzigen Wahl nichts zu befuͤrchten hatte, aber war ſie deshalb des Verdachts uͤberhoben, ob ſein kuͤhnes Herz nicht in verbotnen Flammen fuͤr die Gebie⸗ terin gluͤhe? Und nun, dieſes Urtheil, welches ſie ſelbſt erſt durch die Stacheln ihrer Rede gleich dem Blut aus einer verwundeten Bruſt hervor⸗ gelockt hatte, konnte es im Geringſten ihren Wuͤnſchen entſprechen? Es verbannte Paul auf lange Zeit aus der Hauptſtadt, aus ihrem Ge⸗ ſichtskreis in die Mauern einer unzugaͤnglichen Feſtung, wo weder ihre Liebe, noch ihre Gewalt zu ihm dringen konnte. Dort hatte er Zeit, ihrer Mitwirkung an ſeinem uͤblen Geſchick, die ihm durch ſeine Schweſter Melanie auf jeden — zu fluchen,— abſcheuliche Vorſtellung, welche Fall zu Ohren kam, ja ihrem Andenken ſelbſt, — 138— die Prinzeſſin bis zu nie gefuͤhlten Martern auf⸗ regte. Auf der andern Seite ward Anna's Theil⸗ nahme durch ihr ſtrenges Urtheil erſt fuͤr denje⸗ nigen rege gemacht, welchen es traf; zu dem Vorwurf des Unrechts, Jemand ohne vorherge⸗ gangene Unterſuchung beſtraft zu haben, geſellte ſich noch ein gewiſſes guͤtiges Mitleid, dem ſie die Zugaͤnge ihres Herzens vergebens wehrte, und die, ſonſt ſo klare, unbefangene Fuͤrſtin konnte heute nur mit Erroͤthen Melaniens ſchuͤchterne Blicke ertragen. Noch ſpaͤt am Abend erſchien ſie in den Zimmern dieſer Letzteren. Sie wollte den jungen Kaiſer vor Schlafengehen noch einmal umarmen, aber laͤngſt, nachdem dieß geſchehen war, ſtand ſie noch da, der ſchweigenden Melanie gegenuͤber, als erwarte ſie deren Anrede. Da Jene jedoch in ihrer demuͤthigen Stille verharrte, ſah ſich die Fuͤrſtin genoͤthigt, das Wort zu er⸗ greifen.„Melanie!“ laͤchelte ſie, ihr mit ſanfter Freundlichkeit die Hand reichend,„nicht war, ich habe Deine Liebe verſcherzt? Sieh, ſo geht es mir nun. Zum erſtenmale ergreife ich mit ſchwa⸗ chen Häͤnden den Stab der Gewalt, und treffe — 13³9— gleich damit ein liebes Haupt; vergieb mir, mein Kind, ich konnte nicht anders!“ Das Fraͤulein ſank in Thraͤnen ausbrechend in ihre geoͤffneten Arme und gleichſam, als thaue bei dieſer vertraulichen Annaͤherung die Beklem⸗ mung von beiden Herzen mit einemmale weg, befanden ſie ſich ſchnell auf dem Punkt, wo man ſich gegenſeitig verſtändigen kann. Die Fuͤrſtin wuͤnſchte die Veranlaſſung des Streites zwiſchen Paul und LEſtocq durch Melanien zu erfahren, denn ſie mußte vorausſetzen, daß dieſe, die beſte Freundin des Bruders, davon unterrichtet ſey; auch durfte ſie mit Gewißheit hoffen, hier nur die Wahrheit zu vernehmen, und es befremdete ſie daher nicht wenig, ihre Fragen mit nichts als ausweichenden Antworten erwiedert zu hoͤren. „Meine Fuͤrſtin,“ flehte Melanie endlich,„laſſen Sie es genug ſeyn! Die Theilnahme Ihres himmliſchen Herzens iſt fuͤr Paul uͤberſchweng⸗ licher Erſatz, auch wenn er unverſchuldet litte. — Ob dieß aber wirklich der Fall iſt, entſcheide ich nicht, nur ſo viel glaube ich, daß ihm die * — 440— bittere Arzner, von Euer Hoheit Hand gereicht, auf jeden Fall heilſam ſeyn wird.“ „Du ſprichſt in Raͤthſeln, mein Kind,“ ent⸗ gegnete Anna,„ich verſtehe Dich nicht.“ „Sch kenne ihn“ fuhr Melanie, ſelbſtvergeſſen fort,„er iſt weich, gut und edel, aber feurig und unvorſichtig. Das Hohe und Große war immer ſein Ziel, und daß er ungemein lieben wuͤrde, mußte ich vorher ahnen. Mein armer Paul—!“ „Er liebt alſo?“ fragte die Regentin etwas ſtockend weiter. 4 „O wie, meine Fuͤrſtin!“ entgegnete Melanie raſch,„mit der ganzen Glut ſeiner kraͤftigen Seele, mit der ganzen Innigkeit eines reichen unverdorbnen Gemuͤths. Ja, die muͤßte gluͤck⸗ lich ſeyn, der es vergoͤnnt waͤre, zu ihm herabzu⸗ ſteigen! Doch, unterbrach ſie ſich ploͤtzlich, was habe ich geſagt? habe ich etwas Sinnloſes gere⸗ det, meine kaiſerliche Hoheit? Verzeihung! Mich von dem lieben Bruder auf Monate trennen zu ſollen, faͤllt mir auch ſchwer und verwirrt mich ganz.“ — 4 — 1414— Anna ſchwieg lange, endlich ſagte ſie nach einer großen Pauſe,„dennoch kann ich es dir nicht erſparen. Fuͤge dich mein Kind, es ſoll ihm in Schluͤſſelburg an nichts mangeln.“ „Außer an der Freiheit, dem Element ſeines Lebens,“ rief Melanie, mit kaum unterdruͤckten Thraͤnen,„außer an einer Vertrauten, wie ich, und dem Gluͤck, von derjenigen reden zu koͤnnen, die ſein Herz erfuͤllt, folglich an Allem.“ „Nun,“ fragte die Regentin,„nun Melanie, und dieſe Geliebte; darfſt Du ſie mir nicht nen⸗ nen?“ Jene druͤckte ſtatt der Antwort ihr Ge⸗ ſicht in ein Tuch und fuͤhlte gleich darauf die Stirn von einem leiſen Kuſſe beruͤhrt. Als ſie wieder empor ſah, war Anna ſchon uͤber die Schwelle ihrer Thuͤr in dem angrenzenden Saal, den eine weiße Aſtrallampe beleuchtete. Von ihrem wallenden Nachtkleid getragen, ſchwebte ſie gleich einer hoͤhern Erſcheinung durch die halb⸗ dunklen Raͤume des Saales hin und verſchwand endlich, ohne daß Melanie den Muth hatte, ſie zuruͤckzurufen. — 142— Mit einem Herzen voll widerſtreitender Em⸗ pfindungen blieb das Fraͤulein allein, und dieſe waren es auch, die ihr Betragen. gegen die Fuͤr⸗ ſtin unſicher gemacht und uͤber die Grenzen der Vorſicht hinweggefuͤhrt hatten. Der naͤchſte Schmerz, der ſie bedraͤngte, war Pauls be⸗ vorſtehende Entfernung, gerade in einer Zeit, wo die Naͤhe des treuen, freundlichen Bruders ihr von hoͤherem Werth war, als je. Ihm durfte ſie jede Regung ihrer Gedanken vertrauen, und auch er legte nur an ihrem Buſen ſeine Geheimniſſe nieder. Jetzt grade war ein Zeit⸗ punkt gekommen, wo ſie ſeines Rathes, ſeiner Theilnahme faſt in einem hoͤheren Grade bedurfte, als er die ihrige in Anſpruch zu nehmen gewohnt war; denn konnte ſie es ſich verhehlen, daß trotz der Abgemeſſenheit ihres Betragens, trotz der Kaͤl⸗ te, die ſie in ihr Weſen legte, das Schickſal des edlen ungluͤcklichen Anton, die ehrfurchtsvolle Huldi⸗ gung, die er ihr weihte und die nur ihren Augen. ſichtbar war, ihr Herz in allen ſeinen Tiefen auf⸗ zuregen begann? Dieſe ſtille Wuͤrde eines unbe⸗ greiflichen Leidens, wie ſchoͤn machte ſie ihn, wie — 143— hob ſie ihn uͤber alle gewoͤhnliche Erſcheinungen hinaus! In ſeinem Auge ſpiegelte ſich zwar die Nacht, die ernſte geheimnißvolle Nacht mit ihrem Grauen; aber auch mit ihren Sternen und Wel⸗ ten. Sollte denn dieſe melancholiſchen Zuͤge nie⸗ mals der Strahl des Gluͤcks verklaͤren? Indem ſie Melaniens gefuͤhlvolle Seele nach und nach zu einem immer innigeren Mitleid bewegten, entzuͤndeten ſie zugleich das geheime, aber gluͤhende Verlangen, den Mann gluͤcklich zu ſehen, der alle Anſpruͤche und alle Mittel dazu beſaß, und es dennoch nicht war.— O wenn es ihrer Hand beſtimmt geweſen waͤre, den Wolkenſchleier zu zerreißen, den ein ungluͤckliches Zuſammenwirken der Dinge zwiſchen ihm und ſeinem Himmel aufgethuͤrmt haben mußte, und ihm die Sonne der Zufriedenheit, der Freundſchaft, der Liebe wieder ſcheinen zu laſſen,— wenn die Vorſehung ſie dazu auserſehen haͤtte, dieſe kranke Natur zu heilen! — 144— Das Feſt eines Heiligen verſammelte mehrere Tage ſpaͤter die glaͤubigen Bewohner von St. Petersburg in ihren zahlreichen Kloͤſtern und Kirchen. Oſtern war nicht mehr fern, und ſchon konnte man unter den Maſſen des Volkes die Vorboten des froͤhlichen Enthuſiasmus be⸗ merken, womit der Ruſſe mehr als andere Na⸗ tionen jenes geſegnete Feſt zu feiern pflegt. Denn nicht allein die erhabne Weihe der Reli⸗ gion, fuͤr welche er ſich mit faſt ſuͤdlicher 3 Schwaͤrmerei begeiſtert, macht ihm das Oſterfeſt ſo beſonders lieb— es bringt ihm auch zugleich alle Freuden eines ploͤtzlich eintretenden Fruͤhlings mit. Wie von einem andern Himmel heraufge⸗ zogen, beginnt eine waͤrmere Sonne zu leuchten, das Eis der Stroͤme bricht mit wunderbarer Schnelligkeit, die feſte Schneedecke der Fluren, von ſechsmonatlichem Winter gehaͤrtet, thaut ploͤtzlich hinweg und macht der jungen Pflanzen⸗ welt Platz, die indeß unter ihrer Huͤlle verborgen, an dem Buſen der Erde ſchamhaft aufkeimte. Dieſes erſte Regen einer lang erſtarrten Natur, das mit ſeinem warmen Athem auch durch die Menſchenbruſt weht, ſchien bereits in dem froͤhli⸗ chen Volksgetuͤmmel auf den Plaͤtzen und Mar⸗ morſtufen der Kirchen wirkſam zu ſeyn. Schon trug man die ungeheuren Pelze etwas geluͤftet und ließ koſtbare Anzuͤge ſehen, hier und da be⸗ wegte eine Schaukel ihre gefahrvollen, fliegenden Sitze uͤber den Giebel naheſtehender Palaͤſte hinaus, die froͤhlichen Iwanuſchka's, auf ihre ſchlechten Fahrzeuge gelehnt, oder die ſtolzen baͤrti⸗ gen Iswotſchici*) in ihrer ruhenden Droſchka, warfen ſich zum Zeitvertreib bunte Ballone zu und in der Ferne rauſchten tief unter dem Eiſe die maͤchtigen Wellen der Newa, als wollten ſie die Sehnſucht verkuͤnden, wieder in dem Lichte der Sonne zu ſtroͤmen. Zu dieſem lebensvollen Getriebe paßte wenig das Ausſehen einer bleichen jungen Frau, die auf den Arm eines Soldaten geſtützt, ſichtbar ſchwach und leidend, unter dem Portal des Klo⸗ ſters Sanct Alexander Newski ſtand. Den gan⸗ zen aͤußern Hof deſſelben erfuͤllten Equipagen mit ») Droſchken oder Schlittenanfuͤhrer. 1. 10 446— der Livrée der Czarewna, welche im Kloſter die Meſſe hoͤrte. „Sie kommt noch nicht,“ ſagte die blaſſe Frau zu ihrem Begleiter;„noch liegt ſie auf den Knieen vor dem Archimandriten und em⸗ pfaͤngt den Segen. Fedor, wie fuͤrcht ich mich, Fedor! wie iſt mir ſo bang!“— „Nur Muth, meine liebe Frau Schwaͤgerin,“ troͤſtete der Gardiſt treuherzig,„nur nicht bloͤde und dreiſt geſprochen; Sie haben drinnen gebetet und werden drum um ſo menſchlicher ſeyn.“ „Ach mein Bruder! fluͤſterte Katinka, und druͤckte die feuchten Augen gegen ſeine Schulter; „ſie haben kein Herz, die Vornehmen. Habe ich nicht gefleht und geweint vor dem alten Herrn; Alles vergebens, und eben ſo wird es mir auch hier nichts helfen.“ „Doch, doch,“ entgegnete Fedor,„hat es Dir nicht Graf Paul, unſer braver Herr Hauptmann angerathen? Der weiß gewiß am beſten, wie man ſeinem Vater beikommt und was ein Fuͤrwort von der allergnaͤdigſten Czarewna bei dem gilt⸗ Drum faſſe nur Muth, meine liebe Frau Schwaͤ⸗ gerin, und thue dreiſt den Fußfall.“ Katinka hatte nicht lange mehr Zeit, ſich zu beſinnen, denn in der Vorhalle des Gebaͤudes ward es ploͤtzlich lebendig, und im Gefolge des Archimandriten und ſeiner Moͤnche, die dem ho⸗ hen Beſuch bis an ihre Schwelle das Geleite ga⸗ ben, erſchien jetzt Eliſabeth mit ihrem Hofſtaat. Sie trug ſchwarze Gewaͤnder und einen Spitzen⸗ ſchleier von gleicher Farbe, der zarte Anflug von Ruͤhrung und Demuth, den ihr das Gebet ver⸗ liehen, milderte das Blendende ihrer Schoͤnheit, und verlieh der uͤppig ſtolzen Geſtalt einen eigen⸗ thuͤmlichen Reiz. Ihre Hand ruhte im Arm des alten Woronzow, der im franzoͤſiſchen Staatskleide einherſchritt; hinter ihr ging LE⸗ ſtocg nebſt einigen andern Hofbedienten und als freiwilliger Begleiter Paul, der den ihm bewil⸗ ligten Aufſchub ſeiner Abreiſe noch dazu benutzen wollte, um ſeinen Frieden mit der Prinzeſſin zu machen; heute auch nebenher, um Katinka's Ge⸗ ſuch, wo moͤglich, zu unterſtuͤtzen. 10* — 148— Ueber dieſe haͤtte dennoch vielleicht die ange⸗ borne Furchtſamkeit geſiegt, wenn nicht ein Wink von Paul ihr im rechten Augenblick zu Huͤlfe gekommen waͤre. Sie ließ den Arm ihres Schwagers los, wankte der Prinzeſſin entgegen und ſank mit einem leiſen Wehruf zu ihren Fuͤßen nieder. „Naͤrrin!“ zuͤrnte der alte Woronzow, der ſie erkannte,„biſt Du uͤberall mit Deinem Ge⸗ winſel? Packe Dich, und belaͤſtige uns nicht.“ Er wollte bei dieſen Worten ſeine Gebieterin weiter fuͤhren, aber Eliſabeth blickte auf die Lei⸗ densgeſtalt zu ihren Fuͤßen, auf das bleiche Schmerzensgeſicht, und ihr leicht zu erregendes Mitleid erwachte; uͤberdem ſah ſie ſich von einem großen Menſchenkreis umgeben, der ſich neugie⸗ rig um die Gruppe bildete; man ſtarrte erwar⸗ tungsvoll nach ihr hin und ſie fuͤhlte mit gehei⸗ mer Freude, daß ſie hier dem Volk ein glaͤnzen⸗ des Schauſpiel geben und zugleich der ſanften Wallung ihres Herzens vollkommen genugthun koͤnne. — 149— „Nicht doch,“ ſagte ſie daher beguͤtigend zum Grafen und beugte ſich anmuthsvoll gegen die Knieende,„wir wollen ſie anhoͤren. Sind unſere Mittel auch gering, ſo helfen wir doch gern. Sprich, was willſt Du, gutes Weib; ich ſollte Dich kennen,— wer biſt Du?“ „Sie heißt Katinka Schuboff,“ fiel hier Paul, raſch hervortretend, ein,„die Soldaten⸗ frau in der Staraja Ruſſa, deren Knaben Ew. kaiſerliche Hoheit die Gnade hatten, aus der Taufe zu heben. Dieſe Arme iſt jetzt ſehr be⸗ draͤngt, und verdient Dero Fuͤrſprache und Mit⸗ leiden.“ Eliſabeths Blicke fielen glaͤnzend auf den Juͤngling und in ſeine treuen, bittenden Augen; ein hohes Inkarnat uͤberflog ihre Wan⸗ gen; ſie laͤchelte in unausſprechlicher Schoͤnheit. „Ach,“ ſagte ſie dann,„ich beſinne mich wohl, von Ihrem Regiment, Iwanowitſch? Ja ich muß noch ſchelten mit Ihnen, daß Sie da⸗ mals den Mann mitten aus ſeinem Gluͤck heraus in den Arreſt ſandten; das war grauſam; wie wird er ſich nach Weib und Kind zuruͤckge⸗ — 150— ſehnt haben! Nun, Katinka? iſt Dein Knaͤblein wohl?“ „Es lebt wenigſtens, allergnaͤdigſte Czarewna,“ entgegnete Jene zitternd.„Auch will ich nicht fuͤr ihn um Gnade bitten, aber fuͤr den armen Sendrowitſch, meinen Vater, fuͤr Jankowitſch und Nil, meine Bruͤder, und fuͤr die andern Uebelthaͤter in Kneeskoje.“ „Bringt ſie weg!“ rief der Graf den Be⸗ dienten zu, und waͤhrend Katinka bald ſeine, bald der Prinzeſſin Kniee flehend umſchlang, fluͤſterte Paul zu dem Ohr der Letzteren geneigt: „Die Ungluͤcklichen, die ſie da nennt, ſind Bauern meines Vaters in Weißrußland, die ſei⸗ nen Verwalter groͤblich beleidigt haben. Er will ſie den Gerichten in Witebsk uͤbergeben und dann iſt Verbannung ihr Loos; nur ein Fuͤrwort von Ew. Hoheit kann ſie retten.“ „Unberufner Commentar,“ rief hier der alte Graf, der es dennoch gehoͤrt hatte,„vorlauter Burſch! jetzt durchſchaue ich Deine alberne Co⸗ moͤdie. Entferne Dich und nimm Deine ein⸗ 8⁸ — 151— faͤltige Actriee mit. Kommen Sie, Czarewna! hier iſt kein ſchicklicher Platz.“ „Warum nicht, lieber Alter?“ laͤchelte Eli⸗ ſabeth holdſelig, denn es erfuͤllte ſie mit Wonne, Pauls Haͤnde ſich bittend gegen ſie falten zu ſehen:„etwas Gutes zu thun iſt ja uͤberall der Platz gleich, und wir wollen einmal mild ſeyn, wie die Sonne, die heute ſcheint. Beruhige Dich, Katinka!“ wandte ſie ſich hierauf zu der Knieenden,„ich helfe Dir und den Deinen, ver⸗ laß Dich drauf. Graf Woronzow kann Deinen Bitten ſo wenig als den meinigen widerſtehen/ denn er iſt im Grunde der allergroßmuͤthigſte Mann.“— Sie ſagte dieſe letzteren Worte ſo laut, daß alle Umſtehenden ſie vernehmen konnten, und der Graf, von dieſen Lippen oͤffentlich ge⸗ ſchmeichelt, nichts zu entgegnen vermochte. Dann befahl ſie ihr, ſich morgen um dieſe Zeit in ihrem Palaſt auf dem Mardfelde einzuſtellen, um dort die Beſtaͤtigung ihres Verſprechens zu holen. Paul dagegen richtete die halbohnmaͤchtige Katinka vom Boden auf und uͤbergab ſie dem herbeikommenden Fedor.—„Hurrah, Czarewna!“ — 152— riefen in dieſem Augenblick mehrere hundert Stimmen; Mitzen wurden in die Luft gewor⸗ fen; man draͤngte ſich herbei, um Eliſabeths Kleider zu kuͤſſen und in einem Triumphe, wie er ihr noch nie zu Theil geworden und doppelt unſchaͤtzbar, da ſie ihn vor ſeinen Augen ge⸗ noß, wandelte ſie zum Wagen. An der geoͤffne⸗ ten Thuͤr deſſelben ergriff Paul ihre Hand, die ſie ihm freundlich zum Abſchiede reichte und druͤckte ſie feurig an ſeine Lippen. Auch der alte Graf, welcher mit der Prinzeſſin einſtieg, erfuhr dieſe Huldigung von dem Sohne, und jeder verließ den Ort, auf ſeine Weiſe befriedigt. Eliſabeth aber benutzte den langen Weg der Fahrt, um Gedanken und Plaͤne, die durch den ſtattgehabten Auftritt ploͤtzlich in ihr wach ge⸗ worden waren, mehr zu ordnen und dann auch ihren alten Freund dafuͤr empfaͤnglich zu machen. Paul nahm einen Eindruck mit ſich hinweg, der ihm zum erſtenmal die Prinzeſſin Eliſabeth in einem Licht erſcheinen ließ, wo er ſie nur hochſchaͤtzen und bewundern konnte; ſo mild, ſo koͤniglich und ſchoͤn hatte er ſie nie erblickt. Welche Fehler des Temperaments und des Blu⸗ tes loͤſchten dieſe Momente nicht aus, in welchen ſie von der Glorie reiner Humanitaͤt umſtrahlt, ſich zu dem weinenden Schmerz herabbeugte und es verſtand, mit ſchuldloſer Liſt ein Herz, das ſonſt ſo unbeugſam war, ſanfteren Empfindun⸗ gen zu oͤffnen! Katinka hatte eben nicht noͤthig, das Lob der Fuͤrſtin mit entzuͤckter Dankbarkeit zu preiſen und ſie einmal uͤber das Andere einen Engel des Erbarmens zu nennen, um bei dem Juͤngling eine Art von Begeiſterung fuͤr ſie zu entzuͤnden, die ſeine fruͤhere geringere Meinung durch leiſe Vorwuͤrfe beſchaͤmte. Indeſſen trug dieß wenig zu ſeiner Seelenruhe bei, ja es ſtoͤrte ihm vielmehr Frieden und Laune. Unwillkuͤhrlich ſtellte ſeine Phantaſie ein anderes geliebtes Bild neben das, welches er heut von der Czarewna em⸗ pfangen, und ſeine unruhigen Gedanken ſtreiften vergleichend daruͤber hin. Dieſe hohe Anna, dieſe Herrliche, wie kalt war ihr Blick, wie abgemeſſen die wenigen Zeichen kaiſerlicher Gnade, mit denen ſie ſich noch zu ihm herabgelaſſen und ein fuͤr ſie gluͤhendes Herz dadurch beſeligt hatte. Da⸗ — 454— gegen Eliſabeth, die edle Tochter des Czars, wie viel mehr ſchien ſie der Menſchheit anzugehoͤren; man durfte in ihr Ohr fluͤſtern, Geheimniſſe mit ihr theilen! ihr ſeelenvolles Auge ſchwamm in Mitgefuͤhl und ſprach von einem warmen, hinge⸗ benden Herzen. Wie ſie ihn angeblickt hatte,— ſolchen ſeligen Blick kagnte Paul fruͤher nicht, und immer von neuem malte ſeine Phantaſie ſich ihm vor. Als ſie in den Wagen ſtieg und er ihre Hand kuͤßte, glaubte er nicht einen leiſen Druck zu bemerken? Dennoch, was ſollte ihm das Alles? Diejenige, von der ein halber Wink, ein Laut, ein Athemzug— Allgewalt uͤber ihn uͤbte, hatte ihn ja dus ihrer Naͤhe verbannt mit ℳ einer Haͤrte, die ihr ſonſt nicht eigen war; ſeine Anſpruͤche an die Freuden des Lebens auf Mo⸗ nate lang hinter die Mauern einer traurigen Fe⸗ ſtung verwieſen,— blos weil er eine, ihr zuge⸗ fuͤgte Schmaͤhung nicht ungeraͤcht laſſen wollte. Paul blickte in dieſem Nachſinnen verloren, finſter vor ſich nieder und vielleicht hatte, unbewußt ſei⸗ ner ſelbſt, die Ausſicht auf das oͤde Schläͤſſelburg Theil an dem Unmuth, der ſeine ſchoͤnen Zuͤge — 155— verfinſterte; ſein Entſchluß, in den naͤchſten Ta⸗ gen dahin abzugehen ſtand feſt, denn wozu erſt nach langem Zoͤgern den herben Becher austrin⸗ ken, den Anna's Hand ihm reichte? Es ſchien ihm angemeßner und maͤnnlicher, raſch zu gehor⸗ chen, und darum wandte er ſeine Zeit an, allerlei zu ordnen und zu berichtigen, was man vor einer laͤngeren Abweſenheit gern zu beſeitigen pflegt. Gegen Abend beſchied ihn Roſtow zu dem alten Grafen, der gegen ſeine Gewohnheit erſt ſpaͤt aus dem Palaſt der Czarewna zuruͤckgekehrt war. Ungern folgte Paul, denn er hatte Urſache zu glauben, daß ſeines Vaters Unwillen durch den Auftritt von dieſem Morgen von neuem ge⸗ gen ihn gereizt ſey; er kannte ſeinen Abſcheu vor Allem, was nach Empfindſamkeit ſchmeckte, und da er gewiſſermaßen der Urheber und Lenker jener Scene geweſen war, ſo machte er ſich darauf gefaßt, auf gewoͤhnliche Weiſe ausgeſcholten zu werden. Mit deſto mehr Verwunderung bemerkte er daher beim Eintritt in ſeines Vaters Gemach eine ganz eigne, ungewohnte Freundlichkeit in deſſen Zuͤgen ſpielen. Er wanderte auf und nie⸗ der, betrachtete den Sohn lange ohne ein Wort zu ſagen und blieb endlich vor ihm ſtehen, indem er ihn mit einem ſeltſamen Zucken der Augen⸗ wimpern anſah.„Nun, wie iſts,“ begann er endlich,„noch nicht fertig zum Abmarſch?“— „Befehlen Sie nur Vater,“ entgegnete Paul, „ich bin bereit.“ „Erſt geſtehe doch, daß Du es verdienteſt,“ fuhr der Graf in dem Ton auf, den er dem ar⸗ men Juͤngling in der Regel zu hoͤren gab,„ge⸗ ſtehe, daß Du der vorlauteſte, laͤſtigſte Geck biſt; aber,“ unterbrach er ſich ploͤtzlich mit einem er⸗ zwungenen Laͤcheln,„dieſes glatte Geſicht da— ein huͤbſcher Junge biſt Du doch, Paul; wahr⸗ lich ich ſehe es jetzt, man muß Nachſicht mit Dir haben.“ Paul glaubte bei dieſen Worten ſeinem Ohre nicht trauen zu duͤrfen, aber als ſie der Graf wiederholte, fuͤhlte er ſich auf das tiefſte verwun⸗ det.„Vater,“ ſagte er nach der Thuͤr greifend, „ich war auf Alles gefaßt, aber auf Ihren Spott nicht.“ — 157— „Narr!“ entgegnete Jener, und fuͤhrte ihn bei der Hand gewaltſam vor einen großen Spie⸗ gel, der Beider Geſtalten in vollem Lichte zuruͤck⸗ warf. Paul ſchlug finſter die Augen davor zu Boden, eine hohe Roͤthe, vom Gefuͤhl der Ent⸗ wuͤrdigung auf ſeine Wangen gehaucht, uͤberzog ſein Antlitz, waͤhrend der Graf ſein Bild im Spiegel forſchend betrachtete.„Beim Himmel!“ ſagte er dann,„er traͤgt meine Zuͤge! aber frei⸗ lich dieſes Haar iſt ergraut, und die Roſen mei⸗ ner Jugend bluͤhen nicht mehr. Paul, wenn ich noch anfangen koͤnnte, dich vaͤterlich zu lieben— was meinſt Du?“ Der Juͤngling ſchwieg. „Fuͤr ſtrenge haſt Du mich immer gehalten, ſuͤr uͤberſtrenge,“ fuhr der Alte fort;„ich weiß es wohl; meinen heilſamen Ernſt nannteſt Du Haͤrte; aber ich will Dir jetzt das Gegentheil be⸗ weiſen. Du ſollſt mich als einen zaͤrtlichen Va⸗ ter ehren lernen. Dein heutiges Betragen hat mir und der durchlauchtigſten Czarewna gefallen, darum mag die Fuͤrbitte des Weibes gelten, und um Dir Zutrauen zu zeigen, will ich Dich nach Kneeskoje ſenden, mit aller Vollmacht die dorti⸗ gen Unruhen zu ſchlichten, die Bauern zur Ord⸗ nung zuruͤck zu fuͤhren und ihr Vergehen zu be⸗ ſtrafen.“ 4 Paul ſah den Greis lange zweifelhaft an, denn er konnte ſich noch nicht uͤberzeugen, ob es Ernſt ſey, was er geſprochen, dann aber warf er ſich feurig an ſeine Bruſt.„Vater!“ rief er, „ach, verzeihen Sie meinem freudigen Erſtaunen, aber die Worte Ihrer Guͤte klingen meinem Her⸗ zen ſo fremd! Sie vergeben mir und auch jenen Ungluͤcklichen. O welchem Engel iſt denn dieſe Umwandlung gelungen, wem verdanke ich denn Ihre Liebe?“ „Die Czarewna iſt Deine gnaͤdige Beſchüttzerin, mein Sohn, entgegnete der Graf. „Aber zu ſpaͤt, weh mir, zu ſpaͤt!“ rief Paul. „Ihr Bote iſt ja ſchon fort, und ich muß nach Schluͤſſelburg.“ „Ueber den erſten Punkt beruhige Dich,“ ver⸗ ſetzte Jener.„Schon hat die Prinzeſſin meinem Boten eine Staffette nachgeſandt, welche den Be⸗ fehl uͤberbringt, vor Deiner Ankunft in Kneeskoje — 159— nichts zu aͤndern. Das Letztere aber iſt noch nicht entſchieden, und kommt darauf an, ob die Regentin auf die Fuͤrbitte der Czarewna Dich begnadigen wird oder nicht. Doch habe ich alle Hoffnung dazu.— „Wie? wie ſagten Sie, Vater?“ fragte Paul nach einigem Sinnen, und fuhr mit der Hand aber die Stirn,„auf die Fuͤrbitte Eliſabeths? Sie iſt ſehr gnaͤdig,“ ſetzte er dann kaͤlter hinzu, „doch haͤtte ich das faſt nicht gewuͤnſcht; ich moͤchte Sie bitten, es nicht zu thun.“ „Ein Thor bleibſt Du doch!“ fuhr der Alte wieder etwas rauh auf.„Warum denn nicht? Tauſend Andere wuͤrden in Dankbarkeit hin⸗ ſchmelzen, wenn eine ſo große Prinzeſſin als die Czarewna dieſe Theilnahme fuͤr ſie aͤußerte. Ich ſage Dir, ſie hat ſelbſt, hoͤchſt eigenhaͤndig ein Billet deinetwegen an die Regentin geſchrieben, worin ſie ihr Geſuch vorzuͤglich auf den Umſtand ſtuͤtzt, daß ja auch LEſtocgq ſtraflos davon gekom⸗ men ſey, weswegen es ihr ſehr wuͤnſchenswerth waͤre, die ganze Sache als abgemacht betrachten zu duͤrfen. Beſtehe aber die Regentin auf Deiner — 160— einſtweiligen Entfernung, ſo moͤge ſie Dir gnaͤ⸗ digſt einen dreimonatlichen Urlaub nach Kneeskoje bewilligen. So ſtehen die Sachen, mein Sohn, und ich hoffe, Du wirſt Deiner hohen Goͤnnerin dankbar ſeyn!“ „Gewiß, gewiß,“ verſicherte Paul verwirrt, „gewiß bin ich es; Eliſabeth hat das unſchaͤtzbare Verdienſt um mich gewonnen, mir einen guͤtigen Vater geſchenkt zu haben. O gern will ich ihre Kniee dafuͤr umarmen— jetzt gleich, oder wenn Sie es befehlen!“ „Verſpare es bis zur rechten Zeit,“ entgegnete der Graf.„Morgen iſt große Aſſemblée beim franzoͤſiſchen Geſandten, wo auch der Hof erſchei⸗ nen wird, da kannſt Du Deine Worte anbrin⸗ gen; bis dahin wird Alles entſchieden ſeyn. Jetzt geh, mein Sohn, und benimm Dich, wie ich es von Dir erwarte.“ Paul kuͤßte ſeines Vaters Hand und wollte ſich entfernen, aber ſchon an der Schwelle der Thuͤr ward er noch einmal zuruͤckgerufen.„Mein Sohn,“ ſagte der Alte, ſeine Hand mit unge⸗ wohnter Feierlichkeit nehmend,„Dein guͤtiger Vater hat große Rechte an Dich. Wenn es ge⸗ ſchaͤhe— wenn ein Gluͤck ohne Gleichen Dich unbedeutenden Knaben auf eine Stufe der Groͤße empor huͤbe, die ich nicht auszuſprechen wage, wenn dieſe alten Kniee ſich einſt beugen muͤßten vor Dir, wuͤrdeſt Du der Pflichten gedenken, die Du gegen mich haſt?“ „Vater“ rief der Juͤngling„ich verſtehe Sie nicht.“—. „Katharina,“ fuhr der Alte fort,„Katharina war eine Sclavin und beſtieg den Thron, weil ſie die Liebe hinaufhob. Dieſem tollen Gefuͤhl iſt ja das Unmoͤgliche moͤglich. Der Stamm der Romanow's iſt im Erloͤſchen, laß ſehen, wie ein Woronzow— doch ſtill, kommt nicht Je⸗ mand?“— Wirklich trat ein Bedienter in dieſem Au⸗ genblick ins Zimmer, der Graf brach ab und entließ den Sohn mit der wiederholten Weiſung, die morgende Aſſemblee beim Marquis von Chétardie ja nicht zu verſaͤumen.— Paul ging, aber die leichte Unbefangenheit des Gemuͤths blieb bei ſeinem Vater zuruͤck. J. 11 162— Mehr als wenn dieſer ihn geſcholten hatte, fuͤhlte er ſich durch das, was er erlebt und gehoͤrt hatte, aus ſeinem Frieden geriſſen— ſeine ganze Seele in Aufruhr und ohne daß er ſich Rechen⸗ ſchaft ablegen konnte, was ihn eigentlich ſo ge⸗ waltſam bewege, dauerte es doch lange, ehe er einiges innere Gleichgewicht wiederfand. Die letzten Worte des alten Grafen, wenn er ihren Sinn auch nicht klar einſah, waren wie ein zuckender Blitz in ſeine Seele gefallen—„Ka⸗ tharina— die Romanow's im Erloͤſchen!“ ſprach er faſt unaufhoͤrlich vor ſich hin,— Eli⸗ ſabeth, Anna und der kleine Kaiſer, Melanie und der Herzog, ja er ſelbſt draͤngten ſich in wechſelſeitigem Streit auf die ſiedende Oberflaͤche ſeiner Phantaſie und er verhuͤllte die Augen, um nur nichts mehr zu ſehen. Nicht ohne ihre geheimſte Wuͤnſche ge⸗ ſchmeichelt zu fuͤhlen, empfing die Regentin das Billet der Czarewna in Betreff des jungen Wo⸗ ronzow. Sie hatte ihm nie ernſtlich gezuͤrnt, nur jene leichtfertig hingeworfne Bemerkung Eli⸗ ſabeths waͤhrend der Tafel ſprach ſein Urtheil — 4163— aus, und jetzt freute ſie ſich in Stillem des Vor⸗ wandes, ihn begnadigen zu duͤrfen. Faſt haͤtte ſie es gern geſehen, wenn von ſeiner Entfernung gar nicht mehr die Rede geweſen waͤre, aber die Czarewna bat ja ausdruͤcklich, die Verweiſung des unvorſichtigen Juͤnglings in einen unbeſtimmten Urlaub zu verwandeln, und es blieb denn nichts weiter uͤbrig, als dieß zu bewilligen. Freundlich, aber mit der ruhigen Wuͤrde der Herrſcherin, beantwortete Anna das Billet ihrer kaiſerlichen Baſe nach Wunſch, und Eliſabeth ſah nicht ſo bald die Gewaͤhrung ihrer Bitte in Haͤnden, als ſie LEſtocg, der eben in ihr Cabinet trat, entge⸗ gen rief:„Freue Dich, Alter, jetzt habe ich Muth zu Allem, denn er wird mein!“ Wie es ſonſt öfters zu geſchehen pflegte, daß Paul in der Stunde der Abenddaͤmmerung au einer kleinen Fußbank ſeiner Schweſter Melanie ſaß, waͤhrend eines gemuͤthlichen neckiſchen Plau⸗ derns ſein Haupt in ihrem Schooſe ruhte und ihre Finger die reichen, ſchoͤnen Locken zerzaußten, ſo ſaßen beide Geſchwiſter auch heut nebeneinan⸗ der, aber nicht in der kindlich unſchuldigen Stim⸗ 41 — 164— mung wie fruͤher. Paul war ungeduldig und auffahrend, Melanie aͤngſtlich, mit heftig beweg⸗ tem Herzen, das ſich nicht zu erſchließen wagte, und obwohl ſie ſich gegenſeitig die unangenehme Ueberraſchung, welche die Verzeihung der Regen⸗ tin bewirkt hatte, und die Folgen derſelben mit⸗ theilten, ſo wollte das Geſpraͤch dennoch in keinen rechten Gang kommen.„Du raufſt mich heute zu ſehr,“ ſagte endlich Paul, aufſpringend,„ich bin uͤberhaupt an meinem Haar ſehr empfindlich, laß es gut ſeyn.“ „Gern“ erwiederte die Schweſter;„was iſt Dir, guter Paul, Du kommſt mir heute ſo ſelt⸗ ſam, ſo aufgeregt vor, als wenn Dir etwas Uebles begegnet waͤre. Freueſt Du Dich denn nicht, Schluͤſſelburg entgangen zu ſeyn und den armen Bauern von Kneeskoje als Retter erſchei⸗ nen zu duͤrfen?“ „Ja doch, ja,“ entgegnete Paul etwas bitter laͤchelnd,„ſo ſind wir Maͤnner nun ein Spielball der Weiberlaunen in dieſem Neichen Das iſt doch bei alledem drollig!“ „Wie, Bruder,“ fragte Melanie raſch, alſo auch Anna zaͤhlſt Du den gewoͤhnlichen Frauen bei, und ihre Gnade fuͤr dich nennſt Du eine Laune? Dein Urtheil, daͤchte ich, waͤre ſonſt zar⸗ ter und guͤnſtiger geweſe en!“ „Anna,“ wiederhol te Paul, wie vor ſich ſelbſt erſchreckend,„Anna habe ich nicht gemeint. H das iſt eine Heilige, die man nur anbeten darf; Ihr Herz erfuͤllt der Himmel, aber ſprich ſelbſt, iſt ſie einer irdiſchen Empfindung fähig? Engel mag ſie beherrſchen— aber Menſchen und Ruſ⸗ ſen?“ Die weinende Stimme eines Kindes un⸗ terbrach ihn in dieſem Augenblick und Melanie flog in das anſtoßende Cabinet, von wo ſie bald darauf mit dem kleinen Jwan im Arme, zuruͤck⸗ kehrte. An ihrer weichen Bruſt laͤchelte der Kna⸗ be, der im Schlaf geſtoͤrt war, und ebenfalls laͤ⸗ chelnd reichte ihn Melanie dem Bruder und fluͤſterte:„ſieh dieſen Engel? Es iſt ihr Sohn!“ „Und unſer Kaiſer,“ murmelte Paul finſter, indem er das Kind auf ſeine Arme nahm. „Das alſo, fuhr er fort, das iſt der Czaar von Rußland, dieſes kleine, ſchwache, ohnmaͤchtige 166— Kind! Auf dieſen armen, weichen Schlaͤfen ruht des großen Peter eiſerne Krone! Ha! wo iſt die Ldwenkraft, die noͤthig iſt, ſie zu tragen? Kann dieſes Auge Blitze ſpruͤhen und dieſe Hand den Donner ſchleudern?“ „Grauſame Forderung,“ ſeußzte ploͤtzlich eine bebende Stimme hinter ihm,„Euch begluͤcken ſoll er lernen, aber nicht Euch vernichten.“ Paul ſtarrte um ſich, in ſeinem Auge flammten die Blitze, von denen er ſprach, der Donner ſchien in ſeiner geballten Hand zu ruhen, aber ohnmaͤch⸗ tiger als Iwan taumelte er zuruͤck, denn die Re⸗ gentin ſtand vor ihm. So unausſprechlich mild und wehmuͤthig wie jetzt hatte ſie ihn noch nie⸗ mals angeblickt; ſein Athem ſtand ſtill, alles Blut wich aus ſeinen Wangen und ein namen⸗ loſer Schmerz ergriff ihn. Er fuͤhlte kaum, daß Melanie ihm den Knaben wegnahm, vielleicht haͤtte er ihn fallen laſſen; keiner redete, aber Paul 4 ſtuͤrte zu den Fuͤßen der Fuͤrſtin nieder, um⸗ ſchlang ihre Kniee und rief unter hervorbrechen⸗ den Thraͤnen:„O Anna!“— Heftig, ohne daß ſie es in den erſten Augenblicken wehren konnte, — — — 4167— drückte er ihre Gewaͤnder an ſeine Lippen, ſeine heißen Thraͤnen benetzten ihre Haͤnde, der Zwie⸗ ſpalt, der ſein Inneres zerriß und das unklare Bewußtſeyn, welches ihm zurief, daß an dieſem Moment ſeine Rettung haͤnge; das Fortbeſtehen ſeiner Liebe zu allem Schoͤnen, Edlen und Heili⸗ gen, oder deren Umwandlung in das Streben nach Genuß und Groͤße, legte eine fieberhafte Heftigkeit in ſein Weſen, vor der die Regentin erſchrocken zuruͤckwich. Dieſe bleiche, verſtoͤrte Ge⸗ ſtalt mit der Suͤndermiene und den Spuren einer Leidenſchaft, die an Wildheit grenzte, auf den Zuͤgen, war der Juͤngling nicht, der ihre Achtung und Theilnahme gewann, nicht der le⸗ bensfrohe, edle, klare Paul mit der ruͤhrenden Anhaͤnglichkeit fuͤr ſie und ihr Haus. Wie ein Schuldiger lag er vor ihr und nur das verletzte Gewiſſen konnte in ein maͤnnliches Auge dieſen Thraͤnenſtrom preſſen. „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie daher mit ern⸗ ſter Stimme, deren Ausdruck beinahe an Stren⸗ ge und Kaͤlte hinſtreifte, und mußte dieſen Be⸗ fehl mehrmals wiederholen, ehe er endlich ge⸗ horchte.„Sie vergeſſen die Achtung,“ fuͤgte ſie hinzu,„die Sie einer Dame und vor allem Ihrer Fuͤrſtin ſchuldig ſind, Graf Woronzow. Ich liebe dieſe Zeichen der Ehrerbietung nicht, und wenn Sie denn einmal den Donner in der ſchwachen Hand eines Kindes oder eines Wei⸗ bes vermiſſen, ſo, ja ſo iſt es nicht edel, dieſen Mangel durch erhohte Anmaßung zu beſtrafen.“ Sie ging. Pauls Arme ſanken ſchlaff herab, er lehnte ſich todtenbleich an Melaniens Buſen und athmete kaum. Gern waͤre er ihr nachge⸗ ſtuͤrzt, und haͤtte zu ihren Fuͤßen Reue und Beſ⸗ ſerung gelobt, aber es war ihm, als umringten ſchlimme Daͤmonen ſein Haupt und bildeten eine ewige Scheidewand zwiſchen der Fuͤrſtin und ihm. Melanie war gleich ihm verſtoͤrt und Paul ver⸗ ließ den Palaſt in einem heftigeren Kampf mit ſich ſelbſt, als er ihn jemals empfunden hatte. Die Geſellſchaft in den Saͤlen des franzoͤſi⸗ ſchen Geſandten hatte ſich verſammelt. Eine Anzahl von Kerzen, theils von großen Luͤſtern 1 — 169— herabſtrahlend, theils zwiſchen vergoldeten Saͤu⸗ len und bluͤhenden Orangebaͤumen zerſtreut, goß ein magiſches Licht umher, Diamanten warfen ihre feurigen Blitze und die praͤchtigen Kleider der Damen, nebſt den Uniformen aller Laͤnder gaben zuſammen ein buntes und großartiges Bild. Die Regentin nebſt ihrem Gemahl und Gefolge, die Czarewna, Oſtermann, Muͤnnich, die Grafen Loͤwenwalde, der oöͤſterreichſche Miniſter Botta und der ſaͤchſiſche von Lynar, noch viele andere Geſandten und vornehme Herren und Frauen waren unter den Anweſenden. Mit ſtei⸗ ffer Grazie bewegte der Geiſt der Geſelligkeit ſeine Fittige, das Fluͤſtern der Unterhaltung in ver⸗ ſchiedenen Gruppen, das hin⸗ und hereilen der Pagen auf den glatten Parquetts, das Ordnen der Spieltiſche— Alles dieß ſchienen die gewoͤhn⸗ lichen Ingredienzen vornehmer Verſammlungen, doch ward es dem Beobachter, der nur etwas mit der Politik des Tages vertraut war, nicht ſchwer, die verſchiedenen groͤßeren Spiele zu entdecken, die hier noch vor dem Niederlaſſen zum Lhom⸗ bre gewagt wurden. Wie eifrig war der ſchlaue — 10— Italiener, Marquis von Botta„ um die Regen⸗ tin bemuͤht, welche heut' in einem Schmuck von Perlen ſchoͤner war als je, wie gut bewachte ſie ſein verbuͤndeter Lynar und verhinderte jede An⸗ naͤherung zu ihnen von Seiten Oſtermanns oder Muͤnnichs, die wieder durch Andere, ebenfalls von der öͤſterreichſchen Partei, in ſtetem Geſpraͤch verwickelt blieben. Auch der Herzog Generaliſſi⸗ mus befand ſich, ohne daß er es ahnete, von Schlingen umgeben, und da es in der Diploma⸗ tie oft nur noch eines entſcheidenden Impulſes bedarf, der am beſten durch die Geſchmeidigkeit des Hofmannes und an Orten erzielt wird, wo die Großen oft vergeſſen, ſich vor den Feinheiten der Politik zu verwahren, ſo hatte Botta in Kurzem den ſtillen Triumph, die Regentin fuͤr Marie Thereſie ſich begeiſtern zu ſehen und durch dieſe fuͤr Oeſterreich und durch Oeſterreich fuͤr den Traktat gegen Friedrich. Die argloſe Anna, den Wallungen des geſchmeichelten Her⸗ zens einmal allzuraſch nachgebend, ahnete nicht, daß ſie hiermit den erſten Schritt zu ihrem Un⸗ tergang that. — 171— 8 Wenn es Mehreren gelang, dieſe verhaͤng⸗ nißvolle Intrique zu durchſchauen und nament⸗ lich die drei Haͤupter der preuſiſchen Partei, Muͤnnich, Oſtermann und Loͤwenwalde, von Mi⸗ nute zu Minute unruhiger wurden, ſo hielt es dagegen deſto ſchwerer, das Benehmen der Cza⸗ rewna gegen den Wirth des Hauſes, den Mar⸗ quis von Chétardie, zu entziffern. Im vollen Glanz ihrer Reize, mit Edelſteinen uͤberladen, wandelte ſie neben ihn durch die Saͤle, ſcheinbar unbekummert gegen Alles, was um ſie vorging, und nur auf die Schmeicheleien des entzuͤckten Franzoſen achtend, in deſſen gekruͤmmtem Arm ihre koͤnigliche Hand ruhte. Dennoch vermochte ſie nicht ganz, einen gewiſſen innern Unmuth zu verbergen, der ſich in einzelnen Seitenblicken aus⸗ ſprach, trotz der Unbefangenheit, die ſie ſich in Wort und Haltung zu geben beſtrebte, konnte man doch bemerken, daß ihre Hinneigung zu dem Miniſter berechnet und abſichtlich war, und zu⸗ dem eine Rolle, die ihr nicht leicht wurde, zu ſpielen, Niemand hatte jedoch hiervon weniger eine Ahndung als der Marquis ſelbſt, ein Mann 172— in ſeinen beſten Jahren, der gegen die Schmei⸗ chelworte einer reizvollen Kaiſerstochter kein Ver⸗ wahrungsmittel kannte und mit der eitlen Selbſt⸗ zufriedenheit ſeines Volkes nichts ſicherer glaubte, als endlich geliebt zu werden. Waͤhrend dieſer Umgaͤnge durch die Gemaͤcher, welche die Hofleute mit verſteckter Neugier beobachteten, trat ihnen Paul an ſeines Vaters Hand entgegen. Eliſa⸗ beths Blicke leuchteten wie eine kurze raſche Flam⸗ me empor, als ſie ihn auf ſich zukommen ſah; ſeine reiche Tracht, der leidende Ausdruck ſeines Geſichts, das große Auge voller Wehmuth und Feuer, in nie geſehenem Reiz ſtand er vor ihr — und ſtammelte die, von ſeinem Vater ihm befohlne Dankſagung her. Der Miniſter gab waͤhrenddem durch das Umhertrippeln ſeiner Fuͤße ſeine Ungeduld zu erkennen, und die Prinzeſſin, hierdurch zu rechter Zeit an die Verhaͤltniſſe des gegenwaͤrtigen Moments erinnert, faßte ſich und erwiederte die Anrede des Juͤnglings nur durch ein kaltes, fuͤrſtliches Neigen mit dem Haupt. Mit ſeltſamem etwas verdutztem Weſen bemerkte dieß der alte Woronzow, und ſuchte den Auftritt ſo viel als möglich zu verlaͤngern, in der Hoffnung, daß Eliſabeths Blicke ſich noch aufklaͤren wuͤrden, aber Paul war andern Sinnes; nachdem er ge⸗ ſagt, was unumgaͤnglich nothwendig war, ver⸗ beugte er ſich tief und trat zuruͤck. Ich will fort, ſagte er, in eine Fenſterniſche fluͤchtend, zu ſich ſelbſt,— hier iſt meines Bleibens nicht mehr. Alle verachten mich; hier ſchlaͤgt mir kein Herz; fort nach Kneeskoje, wo ſie mich lieben werden! Man nahm jetzt Platz an den Spieltiſchen und hier war es, wobei ſich ein Vorfall ereignete, der ohne die Klugheit von der einen und die Argloſigkeit von der andern Seite leicht zu großen Folgen haͤtte Veranlaſſung geben koͤnnen. Die beiden kaiſerlichen Damen ſpielten unter einem Thronhimmel mit Chétardie und dem Herzog Anton Ulrich; ihnen gegenuͤber befand ſich der Lhombertiſch, woran der Marquis von Botta ſaß und etwa in der Mitte des Saales hatte ſich die Partie des Grafen Oſtermann arrangirt. „Mein Sohn,“ ſagte Botta, einen Pagen zu ſich winkend,„ſchon lange hat mich dein Herr mit Blicken und Geberden um eine Priſe mei⸗ — 174— nes echten Spaniols angefleht, aber ich hatte noch immer nicht Gelegenheit, mich ihm zu nahen. Bringe ihm deshalb meine Tabatiere, ſchoͤner Ganymed, und ſage ihm zugleich, daß mein Spiel ſich gut machte.“ Er ſette waͤhrenddem ſeine, mit dem Bildniß Marie Thereſiens geſchmuͤckte Doſe auf einem goldnen Teller, und der franzö⸗ ſiſche Edelknabe flog leichten Fuſſes damit fort. Er war aber kaum bis an den Spieltiſch des Grafen Oſtermann gelangt, als dieſer ſich ploͤtzlich erhob und ihm in den Weg trat. „Verweile einen Augenblick,“ gebot er dem Knaben, indem er ihn beim Arm feſthielt. „Marquis von Botta wird es verzeihen, wenn ich mir auch eine Priſe erbitte!“ „Theurer Graf,“ rief der Marquis in ſicht⸗ licher Beſtuͤrzung von ſeinem Tiſch heruͤber,„er iſt erſtaunlich ſtark dieſer Tabak und macht leicht Kopfweh; ich rathe Ihnen ab!“ Oſtermann aber hatte die Doſe ſchon in ſeinen Haͤnden, oͤffnete ſie dreiſt und waͤhrend er ſcheinbar das Portrait der Kaiſerin auf dem Oeckel bewunderte, las er einen Zettel, der in der Doſe lag und nur we⸗ nig mit Tabak zugedeckt war. Zwei Blicke reich⸗ ten dem geuͤbten Auge hin, um die mit Blei⸗ ſtift geſchriebenen Worte: nons avons vainc, tache⸗z A vaincre de meme! zu entziffern; dann pruͤfte er, ob nicht noch mehr in der Doſe ver⸗ borgen ſey und als er nichts weiter fand, ſchloß er ſie geſchickt wieder zu und gab ſie dem Pagen, gleich als wenn er ſie gar nicht geoͤffnet haͤtte, zuruͤck.„So, ſo,“ entgegnete er dem Margquis, „ich danke Ihnen fuͤr die Warnung und werde ſie befolgen, da ich ſo leicht zu Kopfweh geneigt bin.“ Beruhigt nahm Botta ſeine Karten wie⸗ der, die er ſchon mit der hoͤchſten Spannung im Antlitz aus der Hand gelegt hatte, auch Oſter⸗ mann ſezte ſein Spiel fort und der Page richtete nun ſeinen Auftrag aus. Laͤchelnd empfing Chétardie die Doſe, nahm den Zettel unbemerkt heraus, ſchnupfte und hatte die Dreiſtigkeit, ſie dann auch dem Herzog Ge⸗ neraliſſimus zu praͤſentiren. Er ſandte ſie mit der Erwiederung dem Eigenthuͤmer zuruͤck, daß er ſehr fuͤr die Aufmerkſamkeit danke, ſein Beduͤrf⸗ niß errathen zu haben, indem eine gute Priſe Contenange, zwei ſo ſchoͤnen und hohen Damen gegenuͤber wohl jedem Sterblichen Noth thun wuͤrde.„Sind Ihre Hoheit nicht auch der Mei⸗ nung?“ wandte er ſich an den Herzog. Der Herzog laͤchelte und konnte ſich nicht enthalten, ſeinen Blick auf mehrere Staatsdamen zu werfen, die hinter dem Stuhl ſeiner Gemah⸗ lin ihr Dienſt feſſelte und worunter ſich auch Melanie befand. Die alte Graͤfin Beſtuſcheff, Oberhofmeiſterin der Prinzeſſin Eliſabeth, war von Seiten ihrer Gebieterin dieſes beſchwerlichen Dienſtes entbunden und unterhielt ſich in einiger Entfernung mit dem Hofmarſchall Grafen von Loͤwenwalde. Die Handſchuh beider Fuͤrſtinnen ruhten deshalb auf Melaniens ſchoͤnem Arme; dieſe aber von dem unerwarteten Blick des Her⸗ 3ogs, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuckte unwillkuͤhrlich zuſammen und die koſtbaren Huͤllen, die ſie aufbewahren ſollte, fielen zu Bo⸗ den. Noch ehe es Jemand bemerkte„ hatte ſich der gewandte Chétardie ihrer bemaͤchtigt. Die Handſchuhe dufteten nach koͤſtlichen Eſſenzen, er warf die Karten weg und druͤckte ſie galant an — 477— die Lippen. Melanie bat jetzt beſcheiden um die Zuruͤckgabe derſelben; der Marquis verweigerte ſie;„nein, nein, meine ſchoͤne Graͤfin,“ ſagte er,„Sie haben Sich dieſer Ehre verluſtig ge⸗ macht, nur Ihren kaiſerlichen Hoheiten ſelber kann ich die Kleinode wieder ausliefern.“ Die Regentin, die erſt jetzt aufmerkſam ward, geſtat⸗ tete es laͤchend, und da das Spiel ohnedem in der Kuͤrze enden ſollte, ſo blieben die Handſchuh bis dahin in des Marquis Gewalt. Als derſelbe endlich, nachdem die Stuͤhle ge⸗ rüͤckt waren, mit tiefen Verbeugungen erſt der Regentin, dann der Prinzeſſin ihr Eigenthum wieder zuſtellte, fuͤhlte Jene beim Anziehen des Handſchuhs ein zuſammengeſchlagnes Papier darin ſtecken— ſie zog es uͤberraſcht hervor. „Was bedeutet dieß? mein Herr Geſandter?“ fragte ſie ernſt. Chetardie entfaͤrbte ſich und warf einen halben Blick auf die Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth; dieſe, den Zuſammenhang errathend und ſchnell entſchloſſen, ging eiligen Schrittes auf die Regentin zu, und indem ſie ihr das Papier aus der Hand zu nehmen ſtrebte, ſagte ſie:„Erlau⸗ 1.. 12 — — 178— ben Sie, meine Couſine, dieß Blatt gehoͤrt mir, wir haben die Handſchuhe verwechſelt.“ War es nun bloßer Zufall oder ihr ſchlimmer Genius, der Anna ploͤtzlich aus Eliſabeths Augen entgegen leuchtete, und ſie mit einemmal wie ein vernich⸗ tender Strahl beruͤhrte, genug indem ſie aus⸗ weichend einen Schritt zuruͤcktreten wollte, glitt ſie aus und fiel mit einem leiſen Schrei zu den Fuͤßen der Czarewna nieder. Man ſprang herbei, Alles gerieth in Beſtuͤrzung und wollte die halb ohnmaͤchtige Fuͤrſtin vom Boden erhe⸗ ben; vom Papier ſah man nichts mehr, es war verſchwunden. Anna aber, bevor ſie auf⸗ ſtand, lag waͤhrend der Dauer mehrerer Minuten, ein bleiches Marmorbild, zu Eliſabeths Fuͤßen und hob die Arme, wie in flehender Bewegung zu ihr empor. Nachdem man ſie endlich wieder aufgerichtet hatte, fluͤſterte ſie, an Melaniens Buſen:„das, das war mein Schickſal, ſo werde ich mich noch demuͤthigen muͤſſen vor ihr!“*) Inrdeſſen hatte Eliſabeth das Papier zu ſich geſteckt und ſo bald es ihr die Gengeher erlaub⸗ 2) Geſchichtlich. te, warf ſie einen raſchen heimlichen Blick darauf. Es war eine Banknote von zehntauſend Ducaten. Halb erfreuet, halb ergrimmt druͤckte ſie ſie zu⸗ ſammen.„Elendes Gold!“ knirſchte ſie leiſe, „von elenderen Haͤnden dargeliehen, du ſollſt mir mein Lebensgluͤck erkaufen! Beim Abſchiede dankte ſie mit einem leiſen Fingerdruck dem Mi⸗ niſter und berichtete zu Haus alles getreulich ihrem Geheimerath und Diener und Herrn, dem Wundarzt L'Eſtocg, der uͤber den Vorfall mit dem Verwechſeln der Handſchuh und dem Niederfallen der Regentin nicht aufhoͤren konnte zu lachen. So drollig der Weg ſcheinen duͤrfte, den Chotardie gewaͤhlt hatte, um der Czarewna ſein erſtes Darlehn zu uͤbermachen, ſo lag er doch in der Vorſicht, die beide beobachten mußten, ſehr begruͤndet. Lange ſchon hatte LEſtocq in Ge⸗ heim darum unterhandelt, aber der zaͤhe Miniſter, ſowohl mißtrauiſch in die glaͤnzenden Entwuͤrfe, die ihm undeutlich und nebelhaft genug vorge⸗ malt wurden, als auch Eliſabeths Neigung be⸗ zweifelnd, an die er glauben ſollte, ohne je eine 12* — 180— Spur davon geſehen zu haben, weigerte ſich be⸗ ſtändig, bis er endlich heute, ſchon durch die au⸗ genſcheinliche Huld der Prinzeſſin entflammt, dann durch Botta's Doſenzettel in anderer Ruͤck⸗ ſicht ermuthigt, ſich zu der Gewaͤhrung entſchloß. Da Löſtocg, der ſich von Spaͤhern umringt wußte, nie ſein Hotel betrat, und eine anderwei⸗ tige Communication mit der Prinzeſſin Weitlaͤuf⸗ tigkeit und Gefahr haben konnte, ſo ſchien dem Marquis der kuͤrzeſte und galanteſte Weg fuͤr ſeine Banknote die ſchoͤne Huͤlle, die ſo eben vor ihm auf den Boden fiel. Er nahm das Blatt aus ſeinem Portefeuille und ſchob es unbemerkt in einen der Handſchuhe, deren er ſich bemaͤch⸗ tigt— eine Folge ſeiner verliebten Zerſtreuung und der allzugroßen Behutſamkeit, die er anwen⸗ den wollte, aber war es, daß er die Handſchuhe beim Darreichen an die beiden Fuͤrſtinnen den⸗ noch verwechſelte. Klein wie der Schneeball, der ſich von der Bergwand abloͤßt, ſind oft die Veranlaſſungen, welche die Keime großer Schickſale tragen. Jener waͤchſt im Rollen und nimmt niederes Geſtraͤuch — 481— mit ſich fort, bald brechen Baͤume vor ſeiner Ge⸗ walt und tauſendjaͤhrige Waͤlder werden geknickt, bis ſich endlich die Lawine auf bewohnte Thaͤler herabſtuͤrzt. Einen aͤhnlichen Anfang haben die Schickſale der Menſchen. Die groͤßten ſelbſt, laſ⸗ ſen ſich auf kleine Zufaͤlle zuruͤckfuͤhren und ein Fingerdruck war oft der Keim zu dem Stoße, der Throne umſtuͤrzte und maͤchtige Reiche zertruͤm⸗ merte. Auch die Geſellſchaft bei dem Marquis von Chétardie mit ihren kleinen Begebenheiten hatte ihre gewichtigen Folgen, welche ſich nur zu⸗ bald offenbarten, Verſchiedene Hinderniſſe verzoͤgerten dennoch Pauls Abreiſe und Oſtern war bereits voruͤber, das Eis der Newa gebrochen und die weiten ein⸗ foͤrmigen Felder zeigten ihre ſchwarze Erde wieder, als ſeine Kaleſche zum Lieflaͤndiſchen Thor hin⸗ ausfuhr. Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt, er warf die Blicke noch einmal uͤber Petersburg hin, das mit ſeinen weißen Palaͤſten und Kup⸗ peln und goldnen Domen, mit ſeinen Schiffs⸗ 7 — 182— maſten und Wimpeln ſo praͤchtig dalag und worin er Alles zuruͤckließ, was ihm theuer war! Wie viel ſchoͤnes, wie viel ſchmerzliches hatte er noch in der letzten Zeit erlebt! wie war es de⸗ nen gelungen, die auf ſein Schickſal einwirkten, ſein Herz noch vollends zu ſpalten und ihm den Frieden der Einheit, die ſanfte Begeiſterung fuͤr ein geliebtes Weſen zu rauben! Selbſt Melanie konnte ihm dieſe nicht wiedergeben, und Paul fuͤhlte zum erſtenmal, daß eine andere Luft, als die er athmete, ihm nothwendig werde, daß eine Entfernung aus dieſem Verhaͤltniſſe vielleicht ſein einziges Heil ſey. Er drängte zur Abreiſe, aber immer, als ſey eine hoͤhere Hand dabei im Spie⸗ le, ward er zuruͤckgehalten; er mußte die Czarew⸗ na noch oͤfter wiederſehen, und endlich, ſo ſehr er ſich ſtraͤubte, die Ueberzeugung gewinnen, daß er ihr nicht gleichguͤltig war, und daß auch ſie an⸗ fing, ſeine Einbildungskraft auf eine Weiſe zu beſchaͤftigen, vor der ſeine fruͤheren Empfindun⸗ gen erroͤtheten. Die Regentin hatte er nicht wie⸗ der geſehen; ſeit jenem Abend beim Geſandten war ſie krank und ein aͤngſtlich geheimnißvolles — 183— Schweigen, das ſelbſt Melanie theilte, umgab ſie und ihren Hof; am politiſchen Himmel zitterte die Schwuͤle eines Gewitters, das ſeine drohen⸗ den Wolken noch vor den Augen der Oeffentlich⸗ keit verſteckte, doch mochte man an Botta's trium⸗ phirenden Mienen und denen noch mehrerer Her⸗ ren von der öͤſtreichſchen Partei, ſo wie an den immer mehr verfinſternden Blicken Oſtermanns und Muͤnnichs, auf die Lage der Dinge ſchließen. Paul ließ dieß alles noch einmal an ſich voruͤber⸗ gleiten, waͤhrend er auf dem Weg nach Peterhof und Strelna dahin fuhr. Die warme Fruͤhlings⸗ ſonne ſtrahlte auf ihn nieder, der Mittagswind umfaͤchelte ſeine Wangen,— ſein Auge erblickte gruͤnende Baͤume und der Lebensruf der jungen Natur fing an, ſein tauſendſtimmiges Echo in dem Buſen des Juͤnglings zu erwecken. Luſtig warf er die Muͤtze, den Mantel von ſich und holte tief Athem. Was bekuͤmmerſt Du Dich, Thor! ſprach er zu ſich ſelbſt— biſt Du nicht gluͤcklich? Frei, uneingeſchraͤns gehſt Du dahin, wo die menſchlichen R dungen dieſes Herzens üͤber Schickſale entſcheiden ſollen und es Dir ſo — 4184— 4 leicht werden wird, Dank zu erwerben. Du liebſt?— ja! war es Dir nicht vergoͤnnt zu den beiden erſten Frauen in dieſem Reiche die Augen zu erheben, zu den Koͤniginnen deines Vaterlan⸗ des, den Toͤchtern ſeiner Herrſcher? Zu dieſen reizenden Frauen, vor deren Namen man ſich hier niederwirft, hier und bis weit hin uͤber den Kaukaſus in dem bluͤhenden Aſien, wo der Perſer und der Chineſe ihre Grenzen zogen! Wie viele Voͤlker gehorchen ihnen! Der armeni⸗ ſche Kameelhirt und der Zobeljaͤger am Nordpol ſind ihre Unterthanen, und Du durfteſt ſie lieben! Dieſe Hand hat Eliſabeths Hand gedruͤckt, dieſe Arme umfingen Anna's holde Geſtalt und in dieſen wunden Herzen leben ſie beide! Sinnend neigte er den Kopf zur Seite, als ploͤtzlich der Ton eines muſikaliſchen Inſtrumentes von der Straße her ſein Ohr beruͤhrte. Auf einem Stein, der die zweite Werſt bezeichnete, ſaß ein alter Baͤnkelſaͤnger in einer verſchoſſenen Soldatenmontur, wie ſie noch zu den Zeiten Pe⸗ ters des Großen getragen wurde, und beruͤhrte mit den hagern, zitternden Haͤnden die Saiten — — — 485— ſeiner Balalaika. Er hielt den durchloͤcherten Hut, um eine Gabe bittend, nach Pauls Wagen zu und dieſer befahl zu halten. Ein Gedanke kam ihm ploͤtziich, und ohne lange zu gruͤbeln, fuͤhrte er ihn aus.„Muriew!“ rief er dem In⸗ validen zu,„wohin des Weges.“ „Nach Peterhof, geſtrenger Gospodin,“ entgeg⸗ nete der Alte.„Sie fangen an draußen am Schloſſe zu bauen und dabei weiß ich ſchon, hoͤ⸗ ren Sie meinen Singſang gern.“ „Willſt Du mit mir reiſen, alter Knabe?“ fragte jener weiter—„Du ſollſt keine Noth leiden, und in drei Monaten bringe ich Dich wieder.“— 1 „Ach, Gospodin, du ſcherzeſt doch nur!“ Paul warf noch einen raſchen Blick auf das zwar aͤrmliche, aber reinliche, ſoldatenhafte, ehr⸗ wuͤrdige Ausſehen des Alten, dann war er mit einem Sprung aus der Kaleſche, umfaßte ihn mit ſtarken Armen, hob ihn hinein, ſebte ſich neben ihn und im Galopp ging es fort.— Muriew wußte nicht wie ihm geſchah, doch bald fuͤhlte er eine Flaſche in ſeine Haͤnde geſchoben, — 186— er trank— der ungewohnte edle Wein goß neues Lebensfeuer durch ſeine vertrockneten Adern, und endlich, als er in ſeinem Entfuͤhrer einen Officier des Regiments erkannte, worunter auch er einſt diente, hatte ſeine Freude, ſeine Dankbarkeit keine Grenzen. Wohin die Fahrt ging, war dem Al⸗ ten gleichguͤltig; heimathlos und ein einſames uͤberlebtes Daſeyn ſeit langen Jahren kuͤmmerlich friſtend, der freundlichen Theilnahme entwoͤhnt, erſchien ihm der ſchoͤne liebreiche Juͤngling, an deſſen Seite er jetzt ſaß, gleich einem Engel, den vielleicht ſein Schutzheiliger geſendet hatte, um ihn in das Land der Seligen zu fuͤhren. Nichts wurde von ihm verlangt, als dann und wann heitere Lieder zu ſingen und Geſchichten aus ſeiner Jugend zu erzaͤhlen, was ja ohnedem das geſchwäͤtzige Alter ſo gern thut; reichliche Pflege, Eſſen und Trinken vollauf in den Wirthshaͤuſern und die freundliche Anneigung ſeines Wohlthaͤters ward ihm dafuͤr zu Theil. Muriew, der arme verlaßne Muriew, glaubte ſich im Himmel! „Hoͤre Alter,“ ſagte Paul, nachdem ſie faſt ſchon hundert Werſte mit einander zurückgelegt — 187— N hatten, und eines Abends in der einſamen Sta⸗ tion von Opotska neben dem Ofen ſaßen,„Du haſt viel erlebt, und nach Allem, was Du mir bis jetzt erzaͤhlteſt, muß ich glauben, daß Du ein aufmerkſamer Beobachter Deiner Zeit geweſen ſeyeſt. Aus loͤblicher Beſcheidenheit aber oder aus ſonſt einem Grund ſtellſt Du immer Dich ſelbſt in den Hintergrund Deiner Geſchichten zuruͤck; noch ſagteſt Du mir eigentlich nicht, wie Du in und aus dem Dienſt kamſt; beim Regiment, ich weiß es, traͤgt man ſich mit ſelt⸗ ſamen Sagen daruͤber, auch athmen Deine Lieder, wenn ſie gleich zuweilen die Kaſerne verrathen, doch einen eignen melancholiſchen Geiſt, der mich anzieht. Alter, erzaͤhle mir gefaͤlligſt aus Deinem eignen Leben etwas, ich will es nicht mißbrauchen, darauf meine Hand.“ „Lieber Herr!“ entgegnete der Alte etwas verwirrt,„was kann ich Dir ſagen? Nur aus zwei Augenblicken beſteht im Grunde dieſes arme Leben; was ihnen voranging und was ihnen nachfolgte, iſt nicht mehr der Rede werth. Beſ⸗ ſer waͤre es, ein ewiges Vergeſſen bedeckte ſie, — — 188— denn indem ich ſie Dir enthuͤlle, koͤnnte es ſchei⸗ nen, als wollte ich den großen Mann anklagen, deſſen Gedaͤchtniß wir Alle ſo hoch verehren. Das ſey ferne von mir, und darum laß mich lieber ſchweigen.“, „Nein, Alter,“ verſetzte Paul laͤchelnd,„Pe⸗ ters Andenken verkleinerſt Du nicht, was Du auch ſagen magſt; an dieſen ſtrahlenden, ewigen Ruhm ohne Flecken reichſt Du nicht hinauf. Wer iſt nicht ſtolz, ein Ruſſe zu ſeyn, da Er es war; in ſeinem großen Geiſte lag etwas von goͤttlicher Schoͤpferkraft; er war der groͤßte Mann aller Zeiten.“ „Richtig, richtig“ entgegnete Muriew,„ſo hoͤre ich es gern, ſo feurig habe ich auch einſt gefuͤhlt, mein Hauptmann. Ja, ich erzaͤhle Dir, wie ich in und aus dem Dienſt kam, Du biſt der rechte Mann es zu hoͤren.“ „Wenn Du in Moskau warſt,“ fuhr er fort und ſetzte ſich gemuͤthlich zu recht,„ſo biſt Du auch in Preobraſchenskoi geweſen, der Wiege Deines Regimentes und haſt auf dem Wege dahin, nahe bei der Stadt die Zinnen und — 189— Daͤcher eines großen Gebaͤudes geſehen. Dieſes iſt das Kloſter Nowowitſchei und mein Geburts⸗ ort, wenigſtens lag im Sprengel deſſelben die kleine Huͤtte, welche meine Eltern bewohnten. Ich war ein unnützer Burſche, und konnte zu nichts weiter gebraucht werden, als dann und wann im Kloſter kleine Dienſte zu verrichten. Morgens holte ich das Fruͤhbrod aus der Stadt zum Bedarf der heiligen Schweſtern und ſtellte mich jedesmal mit meinem Korbe voll friſcher Waare in den Kreutzgang, wenn ſie zur Hora gingen, da konnte ich ſie denn Alle recht nach Herzensluſt betrachten, vor mir luͤfteten ſie ihre Schleier, ſprachen, ſcherzten mit mir, kniffen mich auch wohl zuweilen, wenn es Niemand ſah, mit ihren zarten Fingern in die Wangen; kurz ich wurde ſo nach und nach das Schooskind der Nonnen, das fuͤr ſie durchs Feuer gegangen waͤre. Aber Eine war unter ihnen, die, wenn ſie Alle bei mir ſtehen blieben oder mich ſtreichel⸗ ten, kalt und vornehm an mir voruͤber ging, mich niemals neckte, niemals eine Gefaͤlligkeit von mir forderte und nur zuweilen mit weh⸗ — 190 muͤthigem Lächeln auf mich herabſah; gerade das reizte mich, Gospodin! ſtelle Dir vor, den ſtoͤr⸗ rigen Buben von funfzehn Jahren, gerade das reizte mich; gleichguͤltig, laͤſtig wurden mir die Liebkoſungen der uͤbrigen Nonnen; oft ſchlug ich nach ihnen, that ihnen alles Leid an, aber wenn Schweſter Suſanne ſich nahte, wurde ich artig und geſchmeidig; vor ihrem Fenſter baute ich Schnee⸗ maͤnner, oder brachte ihr Blumen im Sommer oder fing ihr Voͤgel, ohne daß ſie mich darum gebeten hatte. Tage lang war ich gluͤcklich, wenn ſie mich einmal angelaͤchelt hatte.“ „Biſt Du raſend, Menſch?“ unterbrach hier Paul den Erzaͤhler,„Dieſe Schweſter Suſanne im Kloſter Nowowitſchei— 2“ „Ja, Gospodin, Du haſt recht,“ fiel Jener raſch ein,„war Sophia Alexiewna, die Halb⸗ ſchweſter unſerer Czaren, einſt die Beherrſcherin des Reichs. Ehrgeitzige, ja blutige Plaͤne gegen ihre Bruͤder, Iwan und Peter, die nachher noch gemeinſchaftlich regierten, gab man ihr Schuld; was weiß ich's, genug, Peters Klugheit ſiegte uͤber die ihrige, ſein Zorn traf ſie und vom Thron — 191— herab mußte ſie in das Kloſter wandern, wo ſie ſchon Jahrelang buͤßte. Aber noch immer war ſie ſchoͤn wie kein anderes Welb, und wenn ſie in ihren langen ſchwarzen Gewaͤndern daher ſchritt, glaubte man eine Heilige des Himmels zu ſehen. Ich einfaͤltiger Bube kuͤmmerte mich nicht um ihren Rang und fuhr fort um die Gunſt der Schweſter Suſanne zu buhlen. Einmal, es war im Sommer, ſtand ich im Kreuzgang mit einem Haͤnfling in der einen und einer Roſe in der andern Hand; ſie war in der Kirche, das wußte ich, und darum wollte ich, wenn ſie zuruͤckkam, ihr dieſe kleinen Gaben aufdringen. Sie kam, o mein Hauptmann, noch ſehe ich ſie kommen; ſo ſah die Schmerzensmutter des Erloͤſers aus, um die Engel zu ruͤhren; ihre Geſtalt war ge⸗ beugt, das Antlitz blaß und die Augen in Thraͤ⸗ nen gebadet; unwillkuͤhrlich drangen bei dieſem Anblick auch die meinigen hervor. Schweigend hielt ich ihr meine kleinen Geſchenke hin, als ſie vooruͤber gehen wollte; ſie blieb ſtehen, nahm die Blume und wir ſahen uns beide lange an. End⸗ lich legte ſie ihre Hand auf meine Schulter und — 192— ſagte: Muri, nicht wahr, du biſt ein guter Junge und meinſt es auch gut mit mir?“ „Gewiß, fromme Frau,“ entgegnete ich,„aber warum ſeyd Ihr denn ſo traurig und habt ge⸗ weint? Seht, ich kann mich ſelber der Thraͤnen nicht enthalten.“. „Lieber Sohn, war ihre Antwort, du haſt noch Vater und Mutter, ich habe keine mehr; du haſt noch ein Schweſterchen, das dich lieb hat,— meine Bruͤder haben mich aus ihrem Hauſe geſtoßen und in dieß Kloſter verbannt, du⸗ haſt Spielkameraden und Freunde, meine Freun⸗ de ſind auf dem Blutgeruͤſt ermordet; ich din verlaſſen von aller Welt, kein Herz ſchlaͤgt mehr fuͤr mich. Sie weinte bei dieſen Worten und ehe ich es mich verſah, beugte ſie ſich zu mir nieder und ſank in meine Arme.“ 1„Sagt doch um aller Heiligen willen, hohe Frau, fromme hohe Frau, warum iſt Euch denn . ſo Erſchreckliches geſchehen? rief ich ſchluchzend und ließ den Vogel fliegen, denn meine Hand ver⸗ lor die Kraft, ihn zu halten.,. 1 — 133— „Das wuͤrdeſt du doch nicht begreifen, ent⸗ gegnete Schweſter Suſanne, indem ſie ſich nach einer langen Pauſe wieder empor richtete. Jetzt kommt es darauf an, ob du mir einen Liebes⸗ dienſt erweiſen willſt. Ich war zu Allem erboͤ⸗ tig, und ſie befahl mir nun, am andern Tage zu derſelben Stunde wieder an dem nehmlichen Orte zu erſcheinen. Daß ich mich einfand, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt; auch ſie blieb nicht aus, und hier uͤbergab ſie mir einen Brief mit der Bitte, denſelben nach Moskau zu tragen. Du ſtellſt dich damit, ſagte ſie, an das aͤußerſte Thor des Kremlpalaſtes, welches zu der Kirche der heiligen Mutter Gottes von Kaſan fuͤhrt. Dort warteſt du, bis meine geliebte Schwaͤgerin, die Czarin Eudoxia heraustritt, um in die Meſſe zu gehen. Erkennen wirſt du ſie am Schmuck der Gewaͤn⸗ der und an dem ſechsjaͤhrigen Knaben, den ſie an der Hand leitet,— meines Bruders Sohn.— So, hat man mir geſagt, daß ſie alle Tage das Heiligthum beſuche; zu ihr draͤngſt du dich nun, und uͤberreichſt ihr dieſen Brief, gleichſam wie eine Bittſchrift. Nichts darf dich davon zuruͤck⸗ J. 13 — 194— halten, mein Sohn, keine Wache dich abweiſen. Der Glanz der Strelitzen und die Herrlichkeit der Bojaren duͤrfen dich nicht ſchrecken; ſey mu⸗ thig; reicher Lohn wartet deiner.“ 3 „Ich that wie mir befohlen war. An der aͤußern Pforte des Kremlins, unter einem Heer von Bettlern und Kranken, die gleichfalls den Heraustritt der wohlthaͤtigen Czarin abwarteten, ſaß ich den ganzen Tag, bis ſie endlich erſchien. Es war eine ſchoͤne Dame; ſie trug noch ſchwar⸗ ze Gewaͤnder, da nicht lange vorher, ihr Schwa⸗ ger, Czar Iwan, unſerer jetzigen Regentin Groß⸗ vater, geſtorben war, und ihr Gemahl Czar Peter, ſich in weitentlegenen, fremden Laͤndern befand. Eine kleine goldne Krone ſchmuͤckte ihr Haar und hielt zugleich die Schleier zuſammen, die vom Haupte bis zu den Fuͤßen hinter ihr niederwallten; an ihrer rechten Seite wandelte leicht und luſtig ein holder ſechsjaͤhriger Knabe mit blonden Locken; einen kleinen Korb in den Haͤnden tragend, aus dem er im Namen ſeiner Mutter Almoſen unter die Armen vertheilte. Wer von dieſem ſchoͤnen Kind eine Gabe erhielt, mußte — 195— es lieb gewinnen,— es war der Czarewitſch Alexis, in dem Jeder ſeinen kuͤnftigen Herrſcher vermuthete, ohne vorausſehen zu koͤnnen, welches Loos dieſem Ungluͤcklichſten aller Soͤhne in der Zukunft aufbehalten war!“ „Mit meinen ruͤſtigen Armen machte ich mir Bahn durch das Gedraͤnge der Bettler; mich ſchreckte nicht die rauhe Zuruͤckweiſung der Stre⸗ litzen, nicht der Glanz der Bojaren, welche der Fuͤrſtin folgten. Dicht vor ihr fiel ich nieder auf die Knie und ſtreckte ihr mit beiden Haͤnden den Brief entgegen. Sie nahm ihn, und ich hatte mein verhaͤngnißvolles Geſchaͤft ausgerichtet. Schweſter Suſanne belobte und beſchenkte mich, und den folgenden Tag mußte ich abermals in 3 die Stadt und mich am Thor des Palaſtes auf⸗ ſtellen. Kaum erſchien die Czarin und kaum hatte mich ihr Blick getroffen, als ſie aͤus dem Almoſenkorb, den ſie heute ſelbſt trug, ein Pa⸗ pier nahm und es mir wie eine milde Gabe uͤberreichte. Deiner Gebieterin, fluͤſterte ſie dabei. Ich uͤberbrachte es treulich und auf dieſe Weiſe, lieber Herr, hatte ich wohl ſchon 3 bis 4 mal 132 — 196— Briefe hin und wiedergetragen, als eines Tages ein ganz beſonderes Geraͤuſch im Kloſter Nowo⸗ witſchei entſtand. Glänzende Reiterei erfuͤllte laͤrmend die ſtillen Hoͤfe; die ſchoͤne Strelitzen⸗ Garde, die Bojaren kamen und in ihrer Mitte geleiteten ſie die Czarin nebſt dem kleinen Pe⸗ trowitſch Alexis. Kaum hatte ich ſie vom Kreuz⸗ gang aus geſehen, als ich nach der Zelle der Schweſter Suſanne hinaufſtuͤrzte, und ihr den hohen Beſuch meldete.“ „Schon war das ganze Kloſter in Bewegung, Suſanne aber, ſo heftig ergriffen, ſo erſchrocken ſie war, bat alle Nonnen ruhig in ihren Zellen zu bleiben, nahm meinen Arm, und eilte mit mir in den Hof hinab, den ſo eben die Czarin mit ihrem Gefolge zu Fuß betrat. Hohe Noͤthe mit Todesblaͤſſe wechſelten ſchnell hinter einander in Suſannens Geſicht, als ſie ſie erblickte; ich fuͤhlte ihre Hand erkalten und zittern; ihr Schritt waͤr unſicher, doch ging ſie der Czarin entgegen und ſank zu ihren Fuͤßen nieder. Ach die Schweſter Peters, die Tochter unſerer Herr⸗ ſcher, lag im Staube vor Eudoxia Lapuchin, einer — 197— gebornen Unterthanin. Ein unwilliges Gemur⸗ mel erhob ſich unter den Soldaten, die es mit anſahen, und als jetzt Eudoxia die Knieende auf⸗ richteee und umarmte, weinten die baͤrtigen Männer und allgemein draͤngten ſie ſich herbei, um die Gewaͤnder der Schweſter Suſanne zu kuͤſſen.“ „Sie hatten ihre ehmalige Fuͤrſtin nicht vergeſſen und liebten ſie noch immer, das ſah man wohl; wie ſie aber auch zu ihnen ſprach, ſie belobte, faſt jeden beim Namen nannte und ihn an die ſchoͤnen Zeiten erinnerte, wo ſie noch faͤhig geweſen ſey, ihnen Liebe und Wohlthaten zu erzeigen. Gospodin, wie ihre Stimme bald in Thraͤnen ſchmolz, bald majeſtaͤtiſch ſich erhob; beſchreiben laͤßt ſich das nicht. Auch die Leiden ihrer gegenwaͤrtigen Gefangenſchaft beruͤhrte ſie, ihre Einſamkeit, ihre Verlaſſenheit im Kloſter; ſie bat die Garin, zuweilen den kleinen Alexis, ihren Neffen zu ihr zu ſenden, damit ſie an ſeiner froͤhlichen Jugend einen Troſt finde, und als dieſe nach einigem Zoͤgern ihren Wunſch zu erfuͤllen verſprach, richtete ſie an einen der Bo⸗ jaren noch eine Bitte, die mich betraf. Tſche⸗ — 198— glowskoi, ſagte ſie, du biſt der Bruder des Un⸗ gluͤcklichen der ſterben mußte, weil ich ihm gewo⸗ gen war, aber du haſſeſt mich doch nicht, das ſagt mir dieſe Thraͤne in deinem maͤnnlichen Auge. Wohlan, ſo thue mir den Gefallen, und verſchaffe dem jungen Burſchen dort— ſie deutete auf mich— eine Stelle in einem der hiev lie⸗ genden Regimenter. Es iſt ein treues redliches Gemuͤth und, wie du ſelbſt ſiehſt, verſpricht ſein Ausſehen einen huͤbſchen Soldaten. Wirſt du es thun, Waſili? Der Bojar verſprach es und hielt Wort. Ich war außer mir vor Freu⸗ den, denn ſchon lange ſehnte ich mich heimlich nach dem glaͤnzenden Waffenſchmuck; nur Schweſter Suſanna wußte das, und darum kam ſie bei dieſer Gelegenheit meinen Wuͤnſchen zu⸗ vor. Nach wenigen Tagen ward ich in der Gar⸗ de von Preobraſchenskoi aufgenommen, und duͤnkte mich, als ich zum erſtenmale in den Reihen der Gariſchen Poteſchnien ſtand, faſt mehr als der Gar ſelbſt; doch verſaͤumte ich nicht, ſo oft es mein neuer Beruf erlaubte, mich im Kloſter ein⸗ zuſinden, um meine angebetete Beſchutzerin zu — 199— begruͤßen. Freundlicher noch als damals, wo ich mit meinem Semmelkorbe im Kreuzgange wartete, gingen jetzt die Nonnen an mir voruͤber und laͤ⸗ chelten mir zu, druͤckten mir auch wohl die Hand, aber meine Wangen zu ſtreicheln wagte keine mehr. Schweſter Suſanne fuhr fort, mir ihr Vertrauen zu ſchenken. Oft ſah ich den kleinen Czarewitſch bei ihr, und dieß legte den Grund zu der Anhaͤnglichkeit, die ich ſtets fuͤr den Un⸗ gluͤcklichen behielt und die mir ſo theuer zu ſtehen gekommen iſt; oft mußte ich auch Briefe an verſchiedene Officiere meines Regiments oder an die Strelitzen nach Moskau beſorgen; ich that es arglos, ich wußte nicht, was ich damit verbrach, mir ahnete nicht, welch ein furchtbares Gewitter ſich uͤber meinem Haupte zuſammenzog.“ „Es war zu Anfang des Octobers, als ich eines Abends durch die Straßen von Moskau ging und ein mehr als gewoͤhnliches Getuͤmmel der Menſchen in denſelben bemerkte. Vorzuͤglich Soldaten liefen durcheinander und ſammelten ſich auf den oͤffentlichen Plaͤtzen, Officiere zu Pferde, Strelitzen und Bojaren theilten Geld — 200— und Patronen aus, und wohin ich kam hoͤrte ich es fluͤſtern: Hurrah Sophia Alexiewna! Um eine Ecke biegend ſtieß ich auf den Bojaren Tſche⸗ glowskoi, meinen Goͤnner. Muriew, ſagte er, mich erkennend, eile zu deinen Cameraden in die Caſerne, es iſt eine verhaͤngnißvolle Nacht im Beginnen; Schweſter Suſanne laͤßt dich gruͤßen, es gilt ihre Rettung, ihr Leben; ſie zaͤhlt auf dich, eile, eile, damit du nicht zu ſpaͤt kommſt! Ich flog, Gospodin, ich flog nach Preobraſchens⸗ koi und fand einen Theil meines Regimentes in Aufruhr. Czar Peter war die Loſung der einen und Sophia Alexiewna die der andern Haͤlfte. Zu welcher ich mich ſchlug, ach, ich brauche es Dir nicht zu ſagen, Dein menſchliches Herz, das auch der Irrungen faͤhig iſt, wird es wiſſen und verzeihen, wenn auch nicht entſchuldigen, aber ich that noch mehr, ich verfuͤhrte meine Came⸗ raden. Laut bruͤllend ſtellte ich mich in den Hof der Caſerne und ſchrie in die dunkle Herbſtnacht hinein: Hurrah, hurrah! Schweſter Suſanna, hurrah unſre Czarin Sophia! Bald hatten ſich mehrere Compagnien um mich verſammelt, die — 201— daſſelbe riefen. Obriſt Gordon, der Beſehls⸗ haber des Regiments, ließ auf uns feuern; es ſteigerte nur unſern Muth. Ein blutiger, uner⸗ hoͤrter Kampf zwiſchen den Soldaten eines Re⸗ gimentes entſpann ſich; an keine Schonung war zu denken, und als der Morgen anbrach, bedeck⸗ ten Haufen von Leichen und Verwundeten den Hof der Caſerne, ohne daß der Sieg einer oder der andern Partei entſchieden geweſen waͤre. Ebenſo ging es in der Stadt; die Strelitzen hatten einen harten Stand gegen die uͤbrigen Garderegimenter, und noch war es ungewiß, wer die Oberhand behalten werde, als ploͤtzlich das entſetzliche Geruͤcht ſich verbreitete, der Czar ſey in Moskau.“) „Es log nicht, er war wirklich da; weit in der Fremde, in der fernen Hauptſtadt des roͤmi⸗ ſchen Reiches, von wo er in Begriff war, nach einem Lande zu reiſen, wo es keinen Winter geben ſoll und kein Schnee faͤllt, hatte er von ſeinen Getreuen Winke und Nachrichten uͤber unſere keimende Rebellion erhalten und war raſch umgekehrt und durch Polen zurüͤckgekommen. n WW = Er war da und mit ihm der Schrecken der Vernichtung uͤber uns. Noch in derſelben Nacht ritt er durch Moskau, von ſeinen Getreuen be⸗ gleitet, die mit jedem Schritt ſeines Pferdes ſich zu Tauſenden vermehrten. Alle Garderegimenter rief er auf, und ſeine maͤchtige Stimme be⸗ feuerte ihren Muth. Die Strelitzen wurden ent⸗ waffnet, ob durch die Gewalt ſeines Anblicks oder durch die Uebermacht, ich weiß es nicht, Gospodin; nur ſo viel, daß am andern Tage auch die Aufruͤhrer von Preobraſchenskoi ſich er⸗ gaben, und ich mich bald mit Ketten beladen, im Kreiſe verzweifelnder Cameraden erblickte.“ „Der Czar war damals noch ein junger Herr von fuͤnf und zwanzig Jahren, ſchoͤn und kraͤftig von Geſtalt, Feuer in den Augen, die vom Zorne blitzten, aber dennoch mit einem un⸗ vertilgbaren Zug von Guͤte um den Mund, ſo trat er zu uns in Preobraſchenskoi auf dem Hof der Caſerne. Jetzt ward mir erſt unſer Ver⸗ brechen klar, und den meiſten Schuldigen mochte die Erkenntniß nicht fruͤher kommen. Wir hofften auf Gnade, wir umringten ihn knieend, —— —— — 203— vergebens,— ein Strafgericht ohne Gleichen hatte der furchtbare Herr beſchloſſen, und mit einem Wort von ſeinen Lippen ward uns Allen das Todesurtheil geſprochen.“ „Nach Verdienſt,“ unterbrach hier Paul den Erzaͤhler. „Ja, lieber Herr,“ ſeufzte der Alte,„ach ja, wer duͤrfte es anders meinen? Auch geſchah der Gerechtigkeit Genuͤge. Auf allen oͤffentlichen Plaͤtzen zu Moskau gab es Galgen und Schaf⸗ fotte zu ſehen, der Strelitzen Blut ward in Stroͤmen vergoſſen und der Schuldige mit dem Unſchuldigen unter Henkershaͤnden erwuͤrgt. Das ganze Corps wurde verſprengt und fuͤr ewige Zeiten aufgeloͤßt. Dann kam die Reihe an uns Garden von Preobraſchenskoi. Um ſeine Schwe⸗ ſter, der er das Leben nicht nehmen wollte, zu zuͤchtigen, ließ der Czar rings um ihr Klaſter her, dicht vor deſſen Fenſtern, einen Kreis von Blutgeruͤſten erbauen, acht und zwanzig an der Zahl, und was ſie mit anzuſchauen gezwungen war, mußte wohl, wenn ſie menſchliche Empfin⸗ dungen kannte, ihr Herz zerreißen. Drei Mor⸗ — 204— gen hinter einander verrichteten Beil und Strang ihr furchtbares Geſchaͤft unmittelbar vor ihren Augen; am vierten ſollte auch mich das Loos des Todes treffen, und mit einer großen Anzahl von Ungluͤcksgefährten betrat ich den Kloſterhof. Er glich einem Golgatha, Gospodin; Blut und Leichen fuͤllten ihn an; ſchnell, um nur nicht das Graͤßliche zu ſehen, ſtieg ich die Leiter des Galgens hinauf, an dem ich enden ſollte, da fiel mein Blick in Schweſter Suſanna's Zelle, deren Fenſter weit geoͤffnet waren. Sie lag be⸗ tend vor einem Crueiffir, ihr ſchoͤnes Geſicht war bleich wie der Tod, ihr Auge ſtarr und thraͤnen⸗ los. Suſannal rief ich ihr zu, ſieh, ſieh, der treue Muriew ſtirbt! Sie ſah nach mir hin, und ſobald ſie mich erkannte, breitete ſie die Arme aus und winkte nach oben hin. Schon fuͤhlte ich den Strang mich beruͤhren, als ploͤtzlich zur Seite vom Eingang her eine Kindesſtimme rief:„Vater, das iſt ja Muri, mein Poteſchni; ach was machen ſie denn mit meinem Muri? Gnade fuͤr ihn!“ —— — 205— „War es nun das Gebet der Schweſter Su⸗ ſanne, welches einen Engel herbei rief oder Zu⸗ fall, daß der Czar mit ſeinem Sohne ſo eben voruͤber ritt, genug, das Flehen des zarten Kna⸗ ben rettete mir und meinen Urgluͤcksgefaͤhrten das Leben. Wir wurden ſaͤmtlich begnadigt und Hinrichtungen eingeſtelt. In Erwaͤgung unſerer Jugend, und da wir faſt aus lauter ſchoͤnen jungen Leuten beſtanden, wurden nur Einige nach Sibirien verbannt, wir Uebrigen zu entfernten Grenzregimentern vertheilt. Mein Be⸗ ſtimmungsort war Archangel am weißen Meere, und ich ging dahin ab, nachdem ich zuvor noch erfahren hatte, daß auch die Czarin Eudoxia durch jenen Beſuch bei ihrer Schwaͤgerin den Zorn ihres Gemahls auf ſich gezogen habe, und daß ſie nach dem Kloſter Susdat, fern von Moskau und Allem, was ihr theuer war, ver⸗ wieſen ſey. Die arme Dame hatte dieß Schickſal wohl nicht verdient.“ „Noch iſt meine Geſchichte nicht zu Ende 44 fuhr der Alte nach einigem Schweigen fort, waͤhrend Paul finſter und ernſt vor ſich nieder 1— — 206— ſah.„Dieß war der erſte Abſchnitt meines Le⸗ bens, es giebt noch einen zweiten; willſt Du da⸗ von hoͤren, lieber Herr?“ „Meinetwegen, Du Nachteule,“ rief der Juͤngling im Innern erſchuͤttert.„O ich habe das Alles ſchon gewußt; der Aufſtand in Mos⸗ kau, die Strenge des ſtrafenden Czars, Eudoxias Verbannung— wer wuͤßte dieß nicht, aber ſo— von dieſer Seite, ſo friſch, ſo blutig ſah ichs noch nicht.“ „Nun fahre fort.— „Nuͤnf Jahre,“ nahm Jener wieder das Wort,„blieb ich bei der Garniſon von Archan⸗ gel, als ploͤtzlich das Geruͤcht erſcholl, der Czar werde auf einer der Inſeln, nahe bei der Newa⸗ Muͤndung, eine Feſtung anlegen laſſen. Wirklich erging auch bald der Befehl an die Regimenter, Arbeiter fuͤr dieſen Zweck zu ſtellen; von allen Enden des Reichs kamen ſie zuſammen und auch ich befand mich unter den tauſenden, welche die Grundmauern zu der Feſtung von St. Peters⸗ burg legten, ihre Waͤlle aufwarfen und die neue Stadt des mächtigen Czars in ihrem erſten Be⸗ 4 — ginnen ſahen. Zur Sicherung des Baues be⸗ ſchloß Peter, die Schweden von einer nahen In⸗ ſel zu verjagen, die ſie noch inne hatten.— jetzt die prächtige Waſili⸗Oſtrow, und da ihm die Tdhenabrhenng welche ihn umgab, fuͤr zu ge⸗ ring fuͤr dieſes Unternehmen erſchien, ſo rief er 1 von den Arbeitern diejenigen auf, die ehemals Soldaten waren und die Waffen zu fuͤhren ver⸗ ſtanden. Freudig warf ich Hammer und Kelle weg und griff wieder zum Degen. Ich ſehnte mich, meine alte Schuld unter den Augen mei⸗ nes Gebieters in Feindesblute abzuwaſchen, und es gelang mir; auf dem eroberten Kottlin ertheilte mir der Czar Verzeihung wegen des Vergange⸗ nen und die Erlaubniß, wieder unter ſeiner Garde von Preobraſchenskoi zu dienen.“ „Wer war gluͤcklicher als ich! Ich eilte nach Moskau und von da nach Liefland, wo die Ar⸗ mee gegen den Schwedenkoͤnig geruͤſtet ſtand. Peter ſtellte ſich an ihre Spitze und ich fuͤhlte mich neugeboren, erhoben unter ſeinen Befehlen, denn er fuͤhrte uns von Sieg zu Sieg. Dor⸗ pat, Narva, Reval und noch andere Feſtungen — 208— und Staͤdte wurden den Schweden entriſſen, waͤhrend auf dem Meere ihre Flotte vernichtet ward. Nach der ſchoͤnſten Zeit meines Lebens, nach einem Jahr voll Ehre und Sieg kehrte das Heer nach Moskau zuruͤck, und der Czar ordnete einen feierlichen Einzug in dieſe Stadt an. Waͤhrend deſſelben bemerkte ich dicht vor mir einen blutiungen Soldaten, den ich fruͤher noch nicht geſehen hatte, und der nur unbequem und muͤhſelig die ſchwere Muskete trug; ſeine Geſtalt war fein und edel, die Zuͤge ſeines Geſichts ka⸗ men mir dunkel bekannt vor; dieſes Lockenhaar von ſanftem Winde bewegt, dieſe Stimme, mit der er einige Worte zu ſeinem Nebenmann ſprach, ewig klang ſie ja in meinem Ohre. Mu⸗ ri, Muri! hoͤrte ich ſie noch immer rufen, was geſchieht mit meinem Muri? Ja er war es, der junge Alexis war es, mein Czarewitſch! Gospo⸗ din, das Gewehr bebte in meinen Haͤnden, als ich ihn erkannte. Himmel und Hoͤlle von Erin⸗ nerungen drangen an mein Herz, aber die erſte⸗ ren ſiegten, und kaum ſahe ich mich außer Rei⸗ he und Glied, als ich mir Bahn machte zu dem — 209— Czarewitſch und außer mir ſeine Kniee umſchlang. Ich badete ſeine Fuͤße mit Thraͤnen, ich preßte ſeine Haͤnde an meine gluͤhenden Lippen und auch er erkannte mich endlich. Muri, ſagte er mit einem Laͤcheln, deſſen ſchmerzlicher Ausdruck mich aͤberraſchte, biſt du es? Ja, ich beſinne mich, ich habe dir einmal durch mein Fuͤrwort das Leben gerettet. Dafuͤr biſt du ſo dankbar, armer Menſch? Nun ſieh doch! ein Zeichen, daß du gluͤcklich biſt.—„O mein Herr! o mein Ret⸗ ter! rief ich, der Gluͤcklichſte aller Menſchen liegt zu deinen Fuͤßen, ich bin ewig dein Sclave.“— „Nicht doch, entgegnete Alexis, ſteh auf, mein Camerad, betrachte mich doch, ich bin nicht mehr als du!“ „Jetzt erſt blickte ich mit ſprachloſem Erſtau⸗ nen auf den hohen Juͤngling in gemeiner Sol⸗ datentracht; er laͤchelte; ja, ja, ſagte er, ich bin Soldat geworden. Mein Vater hat in fremden Läͤndern geſehen, daß Fuͤrſtenſoͤhne von unten auf dienen und da ſoll ich denn auch den Torniſter tragen. Was meinſt du wohl, wuͤrde mein Großvater ſagen, wenn er mich ſo erblickte?“ I. 14 8 — —— — 210— „Nein, rief ich, mein Gzarewitſch, nein du ſcherzeſt, du biſt nicht gemeiner Soldat. Wirf dieſes grobe Kleid weg, das die Schoͤnheit deiner jungen Geſtalt verhuͤllt. Mir gieb die Muskete, die deine weiche Hand wund druͤckt.“ „Ich wollte ſie ihm abnehmen, aber der Prinz wehrte mich mit einem halb hoͤhniſchen, halb ſchmerzlichen Laͤcheln von ſich. Laß nur, Muri, ſagte er; hat nicht mein Vater auch mit ſeinen koͤniglichen Haͤnden die Zimmeraxt gefuͤhrt und das Steuerruder gelenkt. Freilich ſind ſie eetwas hart dabei geworden. Aber ſprich, Muri, ſetzte er leiſe hinzu und neigte ſich zu mir, du biſt ja in der Welt geweſen; weißt du nicht, ob meine Mutter noch lebt? Ich erfahre nichts von ihr.“— „Die Stimme, mit der er dieß ſagte, ging mir durch Mark und Bein. Ich konnte ihm keinen Aufſchluß geben, erfuhr ich doch erſt ſpaͤ⸗ terhin auf Umwegen, daß Schweſter Suſanne, eng eingeſchloſſen in ihrem Kloſter, endlich geſtor⸗ ben war. Kloſter Susdat iſt weit von Moskau, und von der Czarin Eudoxia zu ſprechen, wagte 6 — 2414— Niemand. Uebrigens wirſt du aus den Reden des Czarewitſch, den Druck, die geheime Unzu⸗ friedenheit entnommen haben, die ſchon damals das Leben des ungluͤcklichen Prinzen zu verdun⸗ keln anfingen. Er verſtand ſeinen großen Vater nicht, und vielleicht hatte dieſer verabſaͤumt, die Keime kindlicher Liebe in ſeinem Herzen zu wecken; er wollte ihn empfaͤnglich wiſſen fuͤr die Neuerungen und gewaltigen Plaͤne, die ſein Rie⸗ ſengeiſt hegte, aber er ließ ihn in den Haͤnden der Popen und der Freunde jener hingerichteten Strelitzen,— was konnte daraus erfolgen? Ein Erbe des Czarenreiches, aber kein wuͤrdiger Nach⸗ folger Peters erwuchs in Alexis, Bitterkeit und Haß, von ſeinen Umgebungen genaͤhrt, erfuͤllte ſei⸗ ne junge Seele bei Zeiten, und fuͤhrten nach und nach den graͤßlichen Augenblick herbei, den die ganze Welt beweint hat, denn der fleckenloſe Ruf Peters und das edle Leben des Sohnes gingen 4 gleicherweiſe damit zu Grabe.“ „Mehrere Jahre umfaßt dieſer Zeitraum. Ich war abwechſelnd bald in Moskau, bald in Felde mit dem Herrn, bald in der neuen Stadt; G 14* — 242— Prinz Alexis begleitete uns zuweilen und ich fuhr fort, mit Dankbarkeit und Theilnahme, ja mit einem Herzen voll Liebe an ihm zu haͤngen. Doch rieth er mir oͤfters, meine Neigung zu ihm zu verbergen, wenn mir an der Gnade Menzi⸗ koffs und des Czars etwas gelegen ſey; genug es war nicht ſchwer, zu bemerken, wie das Mißver⸗ haͤltniß zwiſchen Vater und Sohn taͤglich zunahm, und wie auch die Umgebungen und Guͤnſtlinge des Monarchen das Ihrige zu dieſer unſeligen Spaltung beitrugen. Zu der Zeit geſchah es, daß unſer Czar ſich zum zweitenmale vermaͤhlte. Er ſetzte Eudoxias Krone auf das Haupt einer leibeignen Baͤuerin, einer Soldatenwittwe, und dieſe Frau ſollte mein hoher Alexis als Mutter verehren! Stolz, wie er war, verhehlte er ſeine Entwuͤrdigung bei dieſem Schritt ſeines Vaters nicht, und durch das entſchloßne Verweigern jeder Huldigung ward Katharina ſeine erbitterteſte Feindin. Damals war der Prinz zwanzig Jahr alt, und noch hatte kein waͤrmeres Gefuͤhl ſein Herz beruͤhrt; jede Art von Liebe war ihm noch fremd. Eines Tages begegnete er auf einem — 213— Spatzierritt in der Gegend von Moskau zuruͤck⸗ gerufenen Verwieſenen, die aus Sibirien kamen; unter ihnen war eines hingerichteten Bojaren Tochter Demidowna. Ihre Schoͤnheit, ihr Un⸗ gluͤck machten einen ſo maͤchtigen Eindruck auf den jungen Czarewitſch, daß die verhaltene Flam⸗ me ploͤtzlich hervorbrach und er das Maͤdchen mit einer Glut zu lieben anfing, die ſein ganzes Weſen erhob und verklaͤrte. Demidowna ver⸗ diente dieſes Feuer, und bald erwiederte ſie auch die Neigung des koͤniglichen Juͤnglings. Damals war er ſchoͤn, wie ich ihn nie geſehen hatte. Der leiſe Hohn in ſeinen Zuͤgen verſchwand und machte der holdeſten Freundlichkeit Platz; der duͤſtere Blick ſeines Auges ward zur ſchwaͤrme⸗ riſchen Glut, und ſein Benehmen gegen ſeinen Vater und Katharinen verwandelte ſich aus ſtar⸗ rem Gehorſam in gefaͤllige Ehrerbietung.— O haͤtte damals eine milde Hand uͤber ihn gewaltet, aber man empoͤrte, man brach ſein Herz. Faſt gewaltſam ward er von ſeiner Liebe geriſſen; er mußte den Czar nach Deutſchland begleiten und dort ſeine Hand einer deutſchen Prinzeſſin reichen. 8— 214— Demidowna entfernte man unterdeſſen von Mos⸗ kau, und als er mit ſeiner Gemahlin zuruͤckkam, fand er ſie nicht mehr dort. Da erwachten Wuth und Ingrimm in ſeiner Seele; die Ver⸗ zweiflung faßte ſein Herz; ſeine kraͤftige Na⸗ tur ruͤttelte mit des Raubthiers Wildheit an den Feſſeln, die ihn bedruͤckten, und wie der toͤdtlich verwundete Baͤr in den Waͤldern furchtbar auf⸗ bruͤllt, ein Schrecken der uͤbrigen Thiere, ſo er⸗ ſchien mir der Gzarewitſch in ſeiner jetzigen Lage. Die deutſche Prinzeſſin hatte es nicht gut bei ihm, denn weil ſein Vater es liebte, haßte er das Fremde; entweder behandelte er ſie mit gleich⸗ guͤltiger Kaͤlte, oder er begegnete ihr uͤbel, oft auf gut ruſſiſch mit handgreiflichen Zurechtweiſungen. Die arme Prinzeſſin fluͤchtete vor ihm zum Gzar, klagte, und der ungluͤckliche Alexis ward Strafen und Demuͤthigungen unterworfen, die ihn immer mehr außer ſich brachten.“ „In dieſem Zuſtande erhielt er die geheime Nachricht, daß Demidowna aus dem Kloſter, wo man ſie gefangen gehalten, entflohen ſey und ſich nach Deutſchland gerettet habe. Die Ueberbrin⸗ — 215— 8 gerin dieſer Nachricht war die Tochter eines Apothekers in Moskau, Demidowna's fruͤhere Waͤrterin und nebenher meine Geliebte, die ich ehelichen wollte, ſo bald es meine Befoͤrderung im Regiment erlaubte. Anna Cramer hieß ſie, auch eigentlich aus deutſchem Stamm, aber doch bei uns geboren. Sie glaubte ihre ehmalige Ge⸗ bieterin nicht mehr am Leben und war deshalb um ſo mehr und ſo freudiger uͤberraſcht, ploͤtzlich einen Brief aus Deutſchland zu erhalten, worin Jene ihre gelungene Flucht aus peinlicher Ge⸗ fangenſchaft und ihre Rettung meldete. Vielleicht haͤtte Anna daruͤber ſchweigen und die Freude, die es ihr verurſachte, in ihrem Buſen verſchließen ſollen, aber ſie that es nicht, ſie ſchlich zum Cza⸗ rewitſch, warf ſich ihm zu Fuͤßen und uͤberreichte ihm mit Thraͤnen Demidowna's Brief. Durch dieſe Uebereilung fachte ſie die uͤberdeckte Glut wieder zur Flamme an; Sehnſucht und Liebe, Schmerz und Entwuͤrdigung kaͤmpften ſiegreich mit ſeinen beſſeren Entſchluͤſſen und ſo kam die Aus⸗ fuͤhrung des Planes zu Stande, der ihn allgemein zum Verbrecher gemacht hat,— er entfloh.“ — 2416— „Ja, Gospodin, er entfloh, trotz dem Befehle des Czars, das Reich nicht zu verlaſſen; trotz der Spione und Aufpaſſer, die ihn zu hunderten, wohlbezahlt, umringten, benutzte er die Abweſen⸗ heit des Vaters und der erlauchte Erbe unſerer Krone, der einſt ſo viele Voͤlker beherrſchen ſollte, ging allein, als Fluͤchtling, wie ein Geaͤchteter aus ſeiner Hauptſtadt und aus ſeinem Reiche.— Koͤnige nahmen ihn mit offenen Armen auf, der roͤmiſche Kaiſer ſelber. Aber furchtbar entbrannte der Ingrimm des Czars, als er ſeines Sohnes Flucht, wovon das Geruͤcht mit Fluͤgelſchnelle durch alle Laͤnder eilte, erfuhr. Sein Anſehen als Vater und als Monarch war in ſeinem in⸗ nerſten Weſen und vor den Augen Europas be⸗ leidigt; er duͤrſtete nach Strafe und Nache. Eilig kehrte er nach Moskau zuruͤck und Himmel und Erde wurden aufgeboten, den entflohenen Sohn wieder in ſeine Gewalt zu bekommen;— wodurch es ihm gelang— ach,— meine alten Lippen zittern, es zu erzaͤhlen, mein Herz erbebt davor;— der Sieger in ſo vielen Schlachten, der Schoͤpfer eines neugeſtalteten Reiches, der — 217— hohe koͤnigliche Loͤwe ward zum ſchmeichelnden Tiger und lockte durch Verſprechungen von Strafloſigkeit und Verzeihung, durch Vorſpiege⸗ lung vaͤterlicher Gefuͤhle den armen Alexis aus weitentlegenen Laͤndern nach Moskau zuruͤck. Arglos kam er an und wollte ſich zu den Fuͤßen des Czars werfen;— ein Kerker empfing ihn, ein Blutgericht ward uͤber ihn niedergeſetzt, und nach vier Tagen verurtheilte man ihn zum Tode. Nach vier Tagen!— O unwuͤrdige Heuchelei, ſchon im erſten Augenblick war er verloren, denn ſein Vater war ja ſein Richter. Mit dumpfem, lautloſem Schrecken vernahm Moskau das ent⸗ ſetzliche Urtheil, aber ein Heer von mehr als hunderttauſend Mann, welches in der Umgegend lagerte, verbot auch das geringſte Gemurmel des Volks. In einer Nacht alſo, mein Gospodin, o in welcher furchtbaren Nacht traf unſer Regiment die Reihe, die Wachen im Kremlin zu beſetzen. Der alte Palaſt Dimitri⸗Romanow am oͤſtlichen Ende diente dem ungluͤcklichen Prinzen zum Ge⸗ fängniß, und das Schickſal wollte, daß ich mit drei Cameraden var der Thuͤr ſeines Zimmers — 218— aufgeſtellt wurde. Wir hoͤrten ihn im Innern auf und nieder gehen und zuweilen ſeufzen; o wie gern haͤtte ich ihm ein Zeichen gegeben, daß ſo nahe bei ihm doch noch ein menſchliches Herz ſchlug, das der Kummer uͤber ſein Ungluͤck bei⸗ nahe brach; aber ich durfte es nicht, die uͤbrigen Soldaten, denen von fruͤher her meine Liebe zu dem Gefangenen bekannt war, beobachteten mich ſcharf, auch war ich weit entfernt zu fuͤrchten, daß das entſetzliche Urtheil vollzogen werden koͤnnte, ſondern hoffte vielmehr, wie wohl Jeder, daß nach dieſer unnatuͤrlichen Drohung der Czar ſeinen Sohn wieder mehr als je in Gnaden aufnehmen werde.“— „Da kamen den Gang herauf, welchen nur wenige Laternen erhellten, fuͤnf Maͤnner in lan⸗ gen Maͤnteln und eine Frau, die ſie, wie es ſchien, gewaltſam in ihrer Mitte fuͤhrten. In unſere Naͤhe gekommen, unterſchied ich ſie Alle; es war der Czar, drei hohe in der Armee ſehr geachtete Officiere, und kaum traute ich meinen Augen, als ich in dem Weibe Anna Eramer er⸗ kannte und in dem fuͤnften Mann ihren Vater, — 219— den alten Apotheker. Dieſer trug in den zittern⸗ den Haͤnden einen bedeckten ſilbernen Kelch, die Officiere waren ſtark bewaffnet, und indem der Mantel des einen durch den Zugwind etwas zu⸗ ruͤckſchlug, ward ein blankes Beil ſichtbar, das er unter dem Arme trug. Da erfaßte mich ſchnell im Augenblick ohne jede weitere Ueberlegung ein ungeheurer Schmerz, ich fing an zu weinen wie ein altes Weib; das Gewehr, mit dem ich die Ehrenbezeigungen machen wollte, wie meine Ca⸗ meraden, entſank meinen Armen und fiel raſſelnd zu Boden, ich ſtuͤrzte ihm nach auf die Kniee dicht vor die Thuͤr und hob die Haͤnde halb ab⸗ wehrend, halb flehend zum Czar empor. Aber mit ſeiner Loͤwenkraft packte mich dieſer bei der Bruſt und ſchleuderte mich zur Seite gegen die Mauer, daß mir fuͤr einige Minuten die Beſin⸗ nung verging, dann oͤffnete er die Thuͤr des Ker⸗ kers, trat mit ſeinem Gefolge hinein und ſchloß hinter ſich zu. Ich ſtarrte ihm ohnmaͤchtig nach, der Athem ſtockte in meiner Bruſt und ſelbſt mmeine beiden Cameraden, die roheſten Burſche des Regiments, ſtanden bleich wie Steinbilder da, — 220— und in ihren ſtarken Haͤnden zitterte das Ge⸗ wehr. Wir vernahmen ein dumpfes Geraͤuſch von Innen— langen unverſtaͤndlichen Wart⸗ wechſel,— endlich ein Krachen wie von einem zerſplitterten Bret,— einen lauten Schrei— und das Entſetzliche begab ſich, der Vater ermor⸗ dete ſeinen Sohn.,) „Als die fuͤrchterlichen Maͤnner,“ fuhr Mu⸗ riew nach einem langen Schweigen fort,„endlich wieder aus dem Gemach hervortraten, waren ſie Alle mit Blut befleckt und wankten wie die Gei⸗ ſter dahin. Der ſtolze kraͤftige Czar mußte ge⸗ fuͤhrt werden, ſein Blick war erloſchen, ſein Ge⸗ ſicht bleich wie das eines Todten, ſeine Kniee drohten unter ihm zuſammenzubrechen. Er hatte mit einem menſchlichen Herzen das Unmenſchliche gethan.— Willſt Du wiſſen, Gospodin, was die arme Anna und ihr Vater bei dem Blutgeſchaͤft ſollten? Der Alte hatte einen Gifttrank bereiten muͤſſen, den aber Alexis durch keine Gewalt zu trinken gezwungen werden konnte. Das Beil machte daher ſeinem Leben ein Ende und der Sand unter einer aufgerißnen Diele nahm ſein — 221— königliches Blut auf. Anna aber, die Ungluͤck⸗ ſelige, ward gezwungen, mit Nadel und Zwirn das abgetrennte Haupt wieder an den Koͤrper zu befeſtigen, ein Geſchaͤft, deſſen Grauſen ihr froͤh⸗ liches Daſeyn vergiftete und ſie endlich antrieb, den Schleier zu nehmen. Sie ging in das Pro⸗ kowskoykloſter von Susdat, wo die ehmalige Gzarin Eudoxia, jetzt Schweſter Helena, gefangen ſaß, und uͤberbrachte dieſer eine Locke von dem Haupt ihres ungluͤcklichen Sohnes. Beide wur⸗ den Freundinnen und ſind in einem Jahre ge⸗ ſtorben. Ich ſah ſie noch kurz vor ihrem Tode, als ich von Tobolsk zuruͤckkam; mein erſter Weg war nach Susdat.“ „Wie,, Du warſt zum zweitenmale in Si⸗ birien?“ fuhr Paul auf. „Ja, Gospodin,“ entgegnete der Alte,„der Morgen, welcher jener Schreckensnacht folgte, fand mich nicht mehr in Moskau. Auf einer Kibitke liegend, wurde ich mit großer Geſchwin⸗ digkeit von Ort zu Ort geſchafft, bis ich endlich meine Beſtimmung errieth; aber ich konnte den Czar nicht darum verdenken. Was ſollte ihm “ — — 222— mein Anblick in den Reihen ſeiner unerſchrocknen Poteſchni, hatte er mich nicht zittern geſehen? Konnte er jemals die Thraͤnen verzeihen, die ich weinte, ohne ſich ſelbſt anzuklagen? Nein, daß er mich weit aus ſeinem Umkreis entfernte, war nicht ungerecht. Auch durfte ich uͤber meine Behandlung keinesweges klagen, ich bekam ein Eigenthum von Feld und Haus in der Staot⸗ halterſchaft Tobolsk und lebte Jahre lang ſtiller und zufriedener als viele Andere in jenem kalten Lande. Es wurde meine zweite Heimath, die ich vielleicht nie wieder verlaſſen haͤtte, wenn nicht eine geheime, nie ganz zur Ruhe gegangene Sehnſucht nach dem erſten Schauplatz meiner Leiden und Freuden ploͤtzlich wieder aufgewacht waͤre, als die Kunde von Peters und Katharina's Tode in jenen entfernten Gegenden erſcholl. Alexis hinterlaßner Sohn, kurz vor ſeines Vaters Tode geboren, Peter der zweite, beſtieg den Thron und gab mir die Erlaubniß zuruͤckzukehren. Ich benutzte die Gelegenheit des Couriers und verließ mit ihm Sibirien, arm und alt, meine Hoffnung war auf den Sohn desjenigen gerichtet, den ich — 223— ſo ſehr geliebt hatte, aber ach! Gospodin, der Weg vom Pol herab iſt weit, und viele Tage gebraucht man dazu ihn zuruͤckzulegen! Noch ehe wir in Moskau ankamen, ſtarb der Kaiſer, ein zarter Juͤngling, und ich war wie zuvor, ver⸗ laſſen. Niemand kannte mich mehr, ein neues Geſchlecht war ſeitdem herangewachſen; es gelang mir nur mit Muͤhe, Anna Cramers Aufenthalt zu erforſchen, und dahin, nach Nowowitſchei und Alexis Grab im Kremlinpalaſt, pilgerte ich, mit der Balalaika im Arm, bis ich eudlich den Ent⸗ ſchluß faßte, meine Tage in der Naͤhe des Re⸗ giments Preobraſchenskoi zu beſchließen, an deſſen Namen mein Herz noch immer mit Liebe hing. Ich mußte deshalb nach Petersburg, und als ich an den Ort kam, wo ich einſt die erſten Waͤlle einer Veſtung mit aufwerfen half, glaubte ich ein Wunder zu ſehen, denn von der weiten kahlen Flaͤche, wie ich ſie kannte, von den unwirthbaren Ufern, durch die ehmals die Newa einſam und traurig dahin floß, leuchteten mir goldne Kuppeln entgegen; eine Stadt ſo herrlich, wie ich nie eine ſah, erhob ſich vor meinen Blicken; Schiffe ohne 1 — 224— Zahl ruhten im Buſen des Stromes und bunt⸗ farbige Wimpel flatterten in den Luͤften. Lange ſchaute ich darauf hin und wieder auf mich zu⸗ ruͤck; ach jene Lebensfuͤlle und Pracht und mein Elend— beide waren des großen Peters Werk!“ „Doch darf ich nicht klagen, Gospodin, ich habe noch keine Noth gelitten, denn der Soldat liebt den Geſang und das Saitenſpiel und iſt meiſt gutherzig und froͤhlich. Wann ich ihnen vorſinge von meiner alten Zeit, theilen die jun⸗ gen Grenadiere ihr Brod mit mir. Freilich eine mildere Pflege, wie ſie das matte muͤhſelige Al⸗ ter oft erfordert, habe ich lange entbehrt und darum fuͤhle ich mich ſowohl bei dir, mein Gos⸗ podin! Jetzt kennſt du mein Leben und an der Thraͤne, die in deinem Auge zittert, ſehe ich, daß du geruͤhrt biſt. Habe Dank fuͤr dieſe Theil⸗ nahme.“ „Beides ſein Werk!“ rief Paul erſchuͤttert, und ergriff des Greiſen Haͤnde.„Muriew, ver⸗ gieb ihm, fluche ſeinem Andenken nicht; du haſt geſehen, wie der große Mann vernichtet war, als er von dem Höllengeſchaͤft zuruͤckkehrte, die — 225— Menſchheit und die Natur waren an ihm gero⸗ chen. Auch trug er alle Vaterliebe, die der Sohn verſcherzte, auf deſſen zarten Sproͤßling uͤber, und Peter Alexiewitſch wuchs, der Naͤchſte an ſeinem Herzen auf.“ „Und ſtarb dahin wie ein Roſenſtock auf ſibi⸗ riſchem Boden“— unterbrach ihn Muriew ſeuf⸗ zend. „Genug,“ rief Paul,„laß uns davon ab⸗ brechen! Sie alle ruhen nun in Frieden; alle dieſe Leidenſchaften ſind ſtille geworden, dieſes ſie⸗ dende Blut iſt verraucht, alle dieſe Herzen ſchla⸗ gen nicht mehr. Haß und Liebe, Zorn und Duldung und das widerſtrebende Verlangen tren⸗ nen die Menſchen nur auf Erden, aber ihre un⸗ ſterblichen Geiſter erkennen ſich wieder als eines Urſprungs und wandeln dort oben verſoͤhnt.“ Der neue Ausbau des Sommerſchloſſes Pe⸗ terhof war vollendet, und man hatte in der Re⸗ ſidenz ſchon den Tag feſtgeſetzt, an welchem der Hof fuͤr die wenigen Monate der ſchoͤnen Jah⸗ J. 15 3 — 226— reszeit es beziehen werde. Die Geſundheitsum⸗ ſtände der Regentin waren dießmal Schuld an der Verzoͤgerung dieſes Umzuges; endlich ſollte er vor ſich gehen, und die Transportwagen ſtan⸗ den bereits in den Hoͤfen des Winterpalaſtes ge⸗ packt, als an einem Nachmittag der Herzog An⸗ ton Ulrich von einem Spatzierritt heimkehrend, ſich vom Pferde ſchwang und raſcher, froͤhlicher als gewoͤhnlich, die breiten Marmortreppen der Vorhalle hinaufſtieg. Der Premierminiſter und Feldmarſchall von Muͤnnich trat ihm hier entge⸗ gen.„Gut, daß ich ſie hier ſehe,“ redete ihn der Herzog freundlich gruͤßend an, ſo eben habe ich das Terrain um Peterhof recognoscirt und glau⸗ be, daß es ſich vortrefflich zu unſeren Mannoͤvres eignen wird. Kleine Huͤgel zu Schanzen, Baͤche fuͤr die Cavallerie, Waldungen, Suͤmpfe, kurz alles, was das neue Werk uͤber die preußiſche Taktik, das ich erſt kuͤrzlich anſchaffen ließ, zu einem kuͤnſtlichen Angriff verlangt, finden Sie dort; ich freue mich daruͤber und uͤberlaſſe es jetzt nur Ihnen, lieber Graf, die Regimenter zu ver⸗ theilen.“ ——— — 227— „Mir?“ laͤchelte der alte Feldmarſchall weh⸗ muͤthig.„Ich habe hier nichts mehr zu verthei⸗ len, mein gnaͤdigſter Herr; vor einer Stunde noch;— aber jetzt habe ich die Ehre, als Pri⸗ vatmann vor Ihnen zu ſtehen.“ „Muͤnnich!“ rief Anton Ulrich ploͤtzlich wie⸗ der ernſt,„Muͤnnich, hoͤre ich recht? wie, Sie haͤtten Ihren ungluͤcklichen Vorſatz ausge⸗ fuͤhrt?“— „Ich habe ſo eben meine Entlaſſung von Ih⸗ rer Hoheit der Regentin erbeten,“ entgegnete je⸗ ner mit kalter Ruhe.„Die Verhaͤltniſſe erfor⸗ derten es, mein Fuͤrſt, ſetzte er freundlicher hinzu, als er ſah, wie der Herzog erbleichte; ich konnte nur nach einmal angenommenen Grundſaͤtzen handeln, die gerade denen entgegengeſetzt ſind, welche das Cabinet ſchon ſeit laͤngerer Zeit adop⸗ tirte. Halten Sie dieſen Starrſinn dem Alter zu gut, das ja bekanntlich leicht in ſeinen Ideen verſteinert; meine zitternde Hand folgte noch im⸗ mer den Spuren, die Peter vorzeichnete; ein neuer, vielleicht gluͤcklicher Riß iſt fuͤr den Gang 15 † ————— ———————— — 228— der Staatsgeſchaͤfte entworfen, darum ziehe ich mich zuruͤck.“ „Und rauben uns die beſte Stuͤtze,“ verſetzte der Herzog raſch.„Ich habe keine Urſache, Ih⸗ nen zu ſchmeicheln, Graf; aber beim Himmel! die Unerſetzlichkeit Ihres Verluſtes leuchtet mir klar ein. Auch hoffe ich, daß meine Gemahlin Ihrem Wunſch kein Gehoͤr geben wird.“— „Eurer Hoheit gnaͤdige Meinung,“ erwiederte der edle Greis,„verleitet Sie zu einer Ungerech⸗ tigkeit gegen die uͤbrigen Miniſter. Graf Oſter⸗ mann, Loͤwenwalde, Golofkin, Trubetzkoi, verdie⸗ nen Ihr Zutrauen eben ſowohl, und wohl noch mehr, als ich. Was uͤbrigens meine Dimiſſion betrifft, ſo muß ich unterthaͤnigſt bemerken, daß dieſelbe bereits genehmigt und unterzeichnet iſt.“— „Unmoͤglich,“ ſagte der Herzog,„noch habe ich Hoffnung, ich werde mit meiner Gemahlin Ihretwegen reden.“ Einen Widerſpruch befuͤrch⸗ tend, eilte er bei dieſen Worten mit einem raſchen Haͤndedruck am Grafen voruͤber, und was ſonſt ſelten geſchah, gradeweges nach dem Pavillon der Regentin, zu welcher er nach einer kurzen Mel⸗ — 229— dung hereintrat. Ein eignes Gefuͤhl bemaͤchtigte ſich ſeiner im Durchſchreiten dieſer Gemaͤcher, auf der Schwelle dieſes Cabinets, das ſeine Hei⸗ math ſeyn ſollte und es dennoch nicht war. Hier, wo die Vorſehung ihn beſtimmt hatte, und wo es der Muͤhe ſo ſehr verlohnte, zu herrſchen uͤber ein ſo ſchoͤnes Weib und ein Reich, und wo er verſaͤumt hatte, ſeine Stimme geltend zu machen! Anna's Staatsſecretair begegnete ihm an der Thuͤr mit einem Papier in der Hand; der Herzog nahm es, warf einen Blick hinein und befahl dann dem Secretair im Vorzimmer zu warten. Es war Muͤnnichs ausgefertigter Ab⸗ ſchied, von der Regentin unterſchrieben, er naͤherte ſich derſelben und bat ſie mit einer Waͤrme, mit einem Eifer, den Anna faſt nie an ihrem Ge⸗ mahl bemerkte, dieſen wichtigen verdienſtvollen Staatsmann, dem ſie gewiſſermaaßen die Krone verdanke, nicht zu entlaſſen.„Habe ich noͤthig,“ fuhr er fort,„Ew. kaiſerliche Hoheit, alle die Verdienſte aufzuzaͤhlen, die ſich der wuͤrdige Ve⸗ teran um Ihr Kaiſerhaus erwarb? Ich muͤßte bei Peter, Ihrem Großoheim, anfangen.“— „Eben, mein theurer Herzog,“ erwiederte An⸗ na, uͤberraſcht von der Waͤrme, mit der ihr Ge⸗ mahl ſprach,„eben darum ſchon gebietet die Dankbarkeit, ſeinen Wuͤnſchen nicht entgegen zu ſtehen, und ihm die Ruhe zu vergoͤnnen, nach der ſich ſein muͤdes Haupt ſehnt.“ „Das iſt es nicht,“ rief Anton Ulrich,„beim Himmel, das iſt es nicht; ich habe es ſchon lan⸗ ge und ſo eben an ſeinem Weſen bemerkt, daß ein anderer Beweggrund ihn treibt. Dieſes Buͤndniß mit Oeſterreich und Sachſen mißfaͤllt ihm, Ihre Gnade gegen die Geſandten von Frank⸗ reich, Schweden und Sachſen.“— „Es thut mir leid, mein Gemahl, unter⸗ brach ihn hier Anna,„daß der wuͤrdige Mann Dingen, uͤber deren Nothwendigkeit zu entſcheiden, nur der ausuͤbenden Gewalt zuſteht, einen Trotz entgegenſetzt, der mich beinahe dahin fuͤhren koͤnnte, ſeinen Verluſt weniger zu bedauern. Ich aber bin zu beklagen,“ ſetzte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu.„Alles, was mich umgiebt, iſt in Mei⸗ nungen getheilt, und in Parteien zerfallen, wer lehrt mich die rechte Bahn finden? Oſtermanns — 231— Heftigkeit verwirrt mich oft, und gerade die Lei⸗ tungsſucht meiner Diener, ich muß es geſtehen, fuͤhrt mich den Fremden zu, deren Politik gefaͤl⸗ liger iſt. Darf ich nicht ohne Scheu dieſe Ma⸗ rie Thereſie bewundern, oder mich dem Syſtem des ſtarken Auguſt von Polen anſchließen? Aber Furcht ergreift mich, wenn ich hinter die Couliſ⸗ ſen unſers Thrones blicke.“ „Arme Anna!“ ſagte der Herzog ſanft.— „Wirklich,“ laͤchelte Anna,„Sie haben Mit⸗ leid mit mir? Ich verdiene es, denn man ſucht das Vertrauen in meinem Herzen zu ver⸗ giften. Meine beſten Diener wiegeln mich gegen meine naͤchſten Verwandten auf; Oſtermann, Loͤ⸗ wenwalde ſelbſt wollen mir meine Baſe Eliſabeth verdaͤchtig machen. In einem unbedeutendern Vorfall bei der Aſſemblée Chétardie's, einem Irrthum von meiner und ihrer Seite, in Cot⸗ terien und dergleichen, laſſen ſich jene großen Maͤnner herab, Complotte aufzuſpuͤren und meine Seele mit erdichteten Schreckbildern zu martern. Eliſabeth liebt und wird geliebt, ihr ganzes ſeli⸗ ges Geſchaͤft iſt die Liebe, ich weiß es und ver⸗ — 232— zeihe ihr das Gluͤck, das mir nie zu Theil ward; aber, mein Gemahl, habe ich ein Recht, ſie lieb⸗ los zu richten, weil man mein Herz lieblos zu⸗ ſammen ſchnuͤrt?“ Der Herzog ergriff ihre Hand und ſah ihr mit einem ſeiner großen, ſeelenvollen Blicke ins Auge. Thraͤnen erfuͤllten daſſelbe, auf ihren Lip⸗ pen zitterten Worte, die nicht ins Leben zu tre⸗ ten wagten und vielleicht das edle Paar naͤher zuſammen gefuͤhrt haͤtten, wenn nicht der boͤſe Genius ihres Schickſals auch jetzt wirkſam ge⸗ weſen waͤre. Mehrere Perſonen unterbrachen das Geſpraͤch, und der Herzog verließ das Cabinet, ohne etwas fuͤr ſeinen Wunſch ausgewirkt zu ha⸗ ben und nur noch mehr in dem Wahne beſtaͤrkt, daß er unter Allen ſeiner Gemahlin der Gleich⸗ güͤltigſte ſey.— Fuͤr Anna blieben jedoch dieſe wenigen Minuten eine Quelle ffreundlicher Erin⸗ nerung; dieſe Theilnahme, dieſe Waͤrme, ihr von Seiten des Herzogs ſo ungewohnt. Dieſer Blick, in deſſen unendliche Tiefe ſie zum erſten⸗ mal hinab ſah, gaben die Urſache zu einer Hin⸗ — 233— neigung, die im Ungluͤck fuͤr Beide erhabene Gat⸗ ten ein Troſt ward. Es konnte nicht fehlen, daß Muͤnnichs Di⸗ miſſion ein großes Aufſehen in der Reſidenz er⸗ regte und die verſchiedenartigſten Urtheile veran⸗ laßte. Niemand wußte mit Gewißheit zu be⸗ ſtimmen, wem dieſes Ereigniß zuzuſchreiben ſey; viele gaben es Oſtermann Schuld, und maßen dem Mann eine geheime eiferſuͤchtige Feindſchaft gegen den Feldmarſchall bei, der ſein beſter Freund war und vergebens alle Ueberredung aufgeboten hatte, ihn von ſeinem Entſchluſſe zuruͤckzubrin⸗ gen.— Andere wollten eine Machination der Czarewna entdecken, und wieder andere tadelten die Regentin, eine ſolche Stuͤtze des Thrones ohne merkbare Abneigung verloren zu haben; uͤberall aber beguͤnſtigte der gegenwaͤrtige Mo⸗ ment die Spaltung der Gemuͤther, die Verſchie⸗ denheit politiſcher Tendenzen ward ſchroffer; und wie die Maſchine ſtockt, wenn ihre erſten Raͤder nicht gehoͤrig in einander greifen, ſo trat auch bald der ungluͤckliche Einfluß der Parteiungen ſichtbar hervor. Eliſabeth, von tauſend Augen — 234— beobachtet, und von einigen, deren Scharfblick ihr laͤſtig war, unausgeſetzt bewacht, hielt es fuͤr angemeſſen, ſich in dieſer Kriſe der Aufmerk⸗ ſamkeit zu entziehen und die Reſidenz auf einige Zeit zu verlaſſen. L'Eſtocg und der alte Woron⸗ zow waren ganz damit einverſtanden. Ende des erſten Theils. 8——