eihbibliccher deutſeher⸗ engliſcher und afranzöſtſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießzen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1 offensein dey Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfa angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 7 Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von im Tag 5 Pf. bezahlt. ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte P erſonen muſſen, bei Ent gegennahme eines Buches, eine dem Setehe deſſelben entſprechende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurükgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 bet 4. Abonnement.„Daſſelbe muß voraus dezahlt werden und beträgt: für nüöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 4 Monat: 1 Mr.— M 1 Mt. 50 Pf. 5. 3 ausmärtige MWonnenten'haben für Hin⸗ und Aktſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Neber Freilingen lag eine kalte, ſtürmiſche Novembernacht; der Wind rumorte durch die Straßen, als ſei er allein hier Herr und Meiſter, und eine löbliche Polizeiinſpektion habe nichts über den Straßenlärmen zu ſagen. Dicke Tropfen ſchlugen an die Jalouſten und mahnten die Freilinger, hinter den warmen Ofen ſich zu ſetzen während des Höllenwetters, das draußen umzog. Nichts deſto weniger war es ſehr lebhaft auf den Straßen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt rollten dem Marktplatz zu, auf welchem das Muſeum, von oben bis unten erleuchtet, ſich ausdehnte. 8 Es war Ball dort, als am Namensfeſt des Königs, das die Freilinger, wie ſie ſagten, aus purer Gewiſſenhaftigkeit, nie ungefeiert vorbeiließen. Morgens waren die Milizen ausgerückt, hatten prächtige Kirchenparade gehalten und kümmerten ſich in ihrem Patriotismus wenig darum, daß die Dragoner, welche in Garniſon hier lagen, ſie laut genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner geweſen, an welchem jedoch nur die Herren An⸗ theil genommen und ſo lange getrunken und getollt hatten, daß ſie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig geworden waren. Auf Schlag ſieben Uhr aber war der Ball beſtellt, dem die Freilinger Schönen und Nichtſchönen ſchon ſeit ſechs Wochen ent⸗ gegengeſeufzt hatten. Schoͤn konnte er diesmal werden, dieſer Ball; hatte ihn doch Hofrath Berner arrangirt, und das mußte man ihm laſſen, ſo viele Eigenheiten er ſonſt auch haben mochte, einen guten Ball zu veranſtalten verſtand er aus dem Fundament. — . u““ 58 Die Wagen hatten nach und nach alle ihre köſtlichen Waaren entladen; die Damen hatten ſich aus den neidiſchen Hüllen der Pelzmäntel und Shawls herausgeſchält und ſaßen jetzt in langen Reihen, alle in unchriſtlichem Wichs, an den Wänden hinauf. Es war der erſte Ball in dieſer Saiſon. Der Landadel hatte ſich in die Stadt gezogen, Kranke und Geſunde waren aus den Bädern zurückgekehrt; es ließ ſich alſo erwarten, daß das Neueſte, was man überall an Haarputz und Kleidern bemerkt und in ſeinem aufmerkſamen Herzen bewahrt hatte, an dieſem Abend zur Schau geſtellt werden würde. Daher füllte die erſte halbe Stunde eine Muſterung der Coiffüren und Guirlanden, und das Bebbern und Wiſpern der raſtlos gehenden Mäulchen ſchnurrte betäubend durch den Saal. Endlich aber hatte man ſich ſatt geärgert und be⸗ wundert und fragte überall, warum der Hofrath Berner das Zeichen zum Anfang noch nicht geben wolle. Das hatte aber ſeine ganz eigenen Gründe; man ſah ihm wohl die Unruhe an, aber Niemand wußte, warum er, ganz gegen ſeine Gewohnheit, unruhig hin und her laufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein ans Fenſter reune; ſonſt war er Punkt fünf Uhr mit ſeinem Arrangement fertig geweſen und hatte dann ruhig und beſonnen den Ball eröffnet, aber heute ſchien ein ſon⸗ derbarer Zappel das freundliche Männchen überfallen zu haben. Nur er wußte, warum Alles warten mußte; keinem Men⸗ ſchen, ſo viel man ihn auch mit Schmeichelwörtchen und ſchönen Redensarten bombardirte, vertraute er ein Sterbenswoͤrtchen da⸗ von; er lächelte nur ſtill und geheimnißvoll vor ſich hin und ließ nur hie und da ein„werdet ſchon ſehen“—„man kann nicht wiſſen, was kommt“ fallen. Wir wiſſen es übrigens und können reinen Wein darüber einſchenken: Praͤſidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Penſion zurückgekommen; er, der alte Hausfreund, war zufällig dort, als ſie ankam, er hatte nicht eher geruht, bis ſie verſprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu ſetzen, das Blondenkleid, in welchem ſie bei Hofe war präſentirt worden, ausbügeln zu 59 laſſen und auf den Ball zu kommen. Wie ſpitzte er ſich auf die langen Geſichter der Damen, auf die freundlichen Blicke der Herren, wenn er die wunderſchöne Dame in den Saal führen würde; denn kennen konnte ſie in dem erſten Augenblicke Niemand. Wo hatte nur das Maͤdchen die Zeit hergenommen, ſo recht eigentlich bildhübſch zu werden? Als ſie vor drei Jahren abreiste, wie beſorglich ſchaute da der gute Hofrath dem Wagen nach; er hatte ſie auf dem Arm gehabt, als ſie kaum geboren war; bis zu ihrem vierzehnten Jahre hatte er ſie alle Tage geſehen, hatte ſie früher auf dem Knie reiten laſſen, hatte ſie nachher, trotz dem Schmollen der Präſidentin, zu allen tollen Streichen an⸗ geführt; er liebte ſie wie ſein eigenes Kind, aber er mußte ſich vor drei Jahren doch geſtehen, daß ihm angſt und bange ſei, was aus dem wilden Ding werden ſolle, das man da in die Reſidenz führe, um ſie menſchlich zu machen. Denn wollte man ein Mädchen ſehen, das zur Hausfrau und fürs Haus voͤllig verdorben ſchien, ſo war es Präſidents Wildfang; einen ſolchen Ausbund traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu ſpitzig; ſie ſprang, ſie klimmte, ſie ſchleuderte trotz dem wildeſten Jungen; hatte ſie doch ſelbſt einmal heimlich ihren Damenſattel auf den wilden Renner ihres Bruders, des Lieute⸗ nants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als ſollte ſie Feuerreiten! Dabei war ſie mager und unſcheinbar, ſcheute ſich vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Troſt der gnädi⸗ gen Mama war, daß ſie franzöſiſch plappere wie ein Stäͤrchen, und daß, trotz ihrem Umherrennen in der Märzſonne, ihr Teint dennoch trefflich erhalten ſei. Aber jetzt—! Nein! Was war mit dieſem Maͤdchen in den kurzen drei Jahren eine Veränderung vorgegangen: wenigſtens um einen Kopf war ſie gewachſen, Alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fülle bekommen, die man ſonſt nicht für moͤglich gehalten hätte; das Haar, das ſonſt, wie oft man es auch kämmte und an den 60 Kopf hinſalbte, der wilden Hummel in unordentlichen Strängen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der herrlichſte Kopfputz, den man ſich denken konnte. Die Augen waren glänzender, und doch fuhren ſie nicht, wie ehemals, wie ein Feuerrädchen um⸗ her, Alles anzuzünden drohend. Die Wangen bedeckte ein feines Roth, das bei jedem Athemzug in alle Schattirungen von zartem Roſa bis ins Purpurroth wechſelte; das liebe Geſichtchen war oval und hatte eine Würde bekommen, über die der ſtaunende Hofrath lächeln mußte, ſo ſehr er ſie bewunderte. Dieſes Goͤtterkind, dieſen Ausbund von Liebenswürdigkeit erwartete der Hofrath; dem guten alten Junggeſellen pochte das Herz beinahe hörbar, wenn er an ſein Goldidchen dachte. Wie mußte ſie erſt im Ballkleide ausſehen, wenn ſie ihn in dem Reiſe⸗ überroͤckchen und in der Haube à la jölie femme beinahe närriſch machte; wie mußte ſie erſt ſtrahlen, wenn ſie, wie ſie ihm ver⸗ ſprochen, die Haare nach dem allernagelfunkelneueſten Geſchmack, die ſchöne Stirne und den ſchlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche die handbreiten Brüßler Kanten um⸗ ziehen ſollten, mit dem Amethyſtſchmucke zierte, den ſie von ihrer Pathin, der Fürſtin Romanow, geſchenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte ſie mit all' jener Herzlichkeit, mit der ſie früher ver⸗ ſprochen, einen Spaziergang mit ihm zu machen oder ihn, den Einſamen, zu beſuchen, wenn er krank war, jetzt als Königin des Feſtes die erſte Polonaiſe zugeſagt.— Immer verdrießlicher wurden die Damen, immer ungeſtümer mahnten die Herren den alten Maitre de plaisir, ſchon ſeit einer halben Stunde ſtimmten die Muſikanten, daß man vor dem Quiken der Klarinette, vor dem Brummen der Bäſſe ſein eigenes Wort nicht höͤrte,— er gab nicht nach. Da raſſelte ein Wagen über den Marktplatz her und hielt vor dem Flügelthor des Muſeums. „‚Das ſind ſie,“ murmelte der Hofrath und ſtürzte zum Saal hinaus; bald darauf öffneten ſich die Flügelthüren, und der kleine freundliche Alte ſchritt am Arm einer jungen Dame in den Saal. Ida. Aller Augen waffneten ſich mit Lorgnetten und Brillen; wer konnte das wunderſchöne Mädchen ſein, ſo hoch und ſchlank mit dem köͤniglichen Anſtand, mit dem ſiegenden Blicke, mit der kräftigen Friſche des jugendlichen Korpers? Sie nickte ſo bekannt nach allen Seiten, als käme ſie alle Tage auf Freilinger Bälle und Aſſembléen; und doch kannte ſie Niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Präſident, wahrhaftig! Es kann Niemand anders ſein, als Präſidents Ida! Aber wie herrlich war dieſes Knöspchen aufgegangen!„Welcher Anſtand!“ bemerkten die Herren.„Welche Figur! Welcher Nacken! Wahrhaftig, man mochte ein Mückchen eder noch etwas weniger ſein, nur um darauf ſpazieren zu gehen.“„Welcher Schmuck, welche Spitzen, welche Stickerei an dem Kleid!“ bemerkten die Damen und wünſchten ſie weit weg, denn wie ſollten ſie ihre Fähnchen, die ſte doch ihr gutes Geld gekoſtet, ihre Blumen, die ſie ſelbſt gemacht und für wundervoll gehalten hatten, neben dieſen italieni⸗ ſchen Roſen und Aſtern, die eben erſt aus den Gärten der Heſperiden gepflückt zu ſein ſchienen, neben dieſen Kanten ſehen laſſen, von welchen die Elle vielleicht mehr werth war, als eines ihrer Ball⸗ kleider, nebſt Schneidersconto und Facon! Nein, Berner, der arge Berner, haͤtte ihnen keinen ſchlimmern Streich ſpielen können, als dieſe Ida gerade heute einzuführen. Aber man mußte ſich Ge⸗ walt anthun; der Präſident machte das erſte Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrſcher der Provinz, eine glänzende Aus⸗ ſicht auf Thees dansants, Soupers, Hausbälle und dergleichen eroͤffnete ſich vor den ſchnell berechnenden Blicken der Damen; wehe der, die dann nicht mit Ida bekannt war oder ſte ſogar kalt empfangen hatte! Man wußte, daß dies der Herr Papa Präſident nie verzeihen würde; man nahm ſich zuſammen, und in Kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt, welche Glück wünſchten, alte Bekanntſchaft erneuerten Alle redeten zumal, keine wurde verſtanden, und die Herren fluchten und ſchimpften ein Donnerwetter über das andere, daß ſich eine ſo dichte Wolke vor dieſe kaum aufgegangene Sonne gedrängt und ſie ihrem Anblick entzogen habe. Jetzt zog Hofrath Berner das weiße Sacktuch, ſchwenkte es in der Luft und gab dem Kapellmeiſter und Stabstrompeter der Dragoner das Zeichen, und eine herrliche Polonaiſe begann. Im Nu ſtoben die Glückwünſchenden auseinander und machten Raum für die Aſſeſſoren, Lieutenants, Sekretäre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die glücklicherweiſe noch nicht verſagt waren und ſich jetzt um einen Walzer, eine Exroſſaiſe oder gar den Cotillon mit Ida die Hälſe brechen wollten. Sie aber lachte, daß die Schnee⸗ perlen der Zähne durch die Purpurlippen herausſahen, behauptete, ſich immer nur auf eine Tour zu verſagen, hüpfte dem Hofrath entgegen und reichte ihm die kleine Hand. Selig, gerührt, begeiſtert ſtellte er ſich mit ſeinem holden Engelskinde an die Spitze der Colonne und marſchirte unter den muthigen, lockenden Toͤnen der Polonaiſe ſtolzen Schrittes gegen das wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den Flanken, überallher aus den Mündungen der Lorgnetten auf ſeine Tänzerin ſprühte. Aber dieſe, war ſie kurzſichtig, hatte ſie ſtatt des Corſettchens einen Küraſſierpanzer vom feinſten Stahl mit der Musketenprobe um das Herzchen, oder war ſie das Feuer ſo gewohnt, wie die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeſchritt durch das Kartäͤtſchenfeuer marſchirte? Ich weiß nicht, aber ſie ſchien gar nicht auf die ſchrecklichen Ausbrüche der gebrochenen Herzen, auf die Knallſeufzer der Verwundeten zu hoͤren, das Plappermäulchen ging ſo ruhig fort, als ginge ſie, drei Jahre jünger, mit dem guten Hofräthchen im Wald ſpazieren. Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld losgelaſſen, alle jene tauſend Suiten des kleinen Uebermuths aufs Tapet. Luſt und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn ſie ſich erinnerte, wie ſie einem Spanferkel Kindszeug ange⸗ und nebenbei dies und jenes von dem hoffähigen Anzug abſahen. —e zogen und es dem Hofrath als Findling vor die Thüre gelegt, wie ſie dem Oberpfarrer die Waden voll Stecknadeln geſetzt, daß ſte ausſahen wie der Rücken eines Stachelſchweins, Alles, ohne daß er es merkte, denn er trug falſche. Der Hofrath wollte ſeinen Ohren nicht trauen. Es war ja daſſelbe luſtige, naive Ding wie früher, und doch ſo wunderherrlich, ſo groß, mit ſo unendlich viel Anſtand und Würde! Er hätte ſie auf der Stelle am Kopf nehmen und ſie recht abküſſen mögen, wie früher, wenn ſie einen ächten Ausbund von Schelmenſtreichen gemacht hatte. Es ging über ſeine Begriffe!„Wie können Sie nur ſo hartherzig ſein, Idchen!“ ſagte er,„und nicht einen Blick auf unſere jungen Herren werfen, die zerſchmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick für alle dieſe Erklamationen und Betheuerungen, welche ſie doch gehoͤrt haben müſſen?“ „Was gehen mich Ihre jungen Herren an?“ plapperte ſie mit der groͤßten Ruhe fort.„Die ſind hier, wie überall, un⸗ verſchämt wie die Fleiſchmücken im Sommer. Das koöͤnnte kein Pferd aushalten, wollte man darauf achten. Sie pfeifen in der Reſidenz eben ſo, das wird man gewohnt; ſo von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber ſieht, wie ſie Dieſer und Jener daſſelbe zuflüſtern, vor der Urſel ebenſo, wie vor der Baͤrbel ſterben moͤchten, ſo weiß man ſchon, was ſolche ſchnacki⸗ ſche Redensarten zu bedeuten haben.“ Die muß eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrath. Siebzehn Jahre alt und ſpricht ſo mir nichts dir nichts von der Farbe, als wäre ſie ſeit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und London umhergefahren. Er ärgerte ſich halb und halb über Mamſell Neunmalklug und Uebergeſcheit, denn es waren juſt keine unebenen jungen Männer, die ihre Seufzer ſo hageldick losgelaſſen hatten, und ihn, der in ſeiner Jugend wohl ſo zwanzig Amouren und Amürchen gehabt hatte, konnte nichts mehr ärgern, als ein fühlloſes Herz. Aber dieſer Aerger konnte bei ſeinem Idchen nicht in ihm aufſteigen. Wenn er in ihr volles glühendes Auge ſah, wenn 64 er den ſüßgewölbten Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue Dieſer und Jener, aber ich nicht, weiß ich doch von früher 3 her, wie du gerne Flauſen machſt und dem guten ehrlichen Berner gerne ein X für ein U unterſchiebſt. Jetzt willſt du dein Schach verſpielen und mir irgend einen klauen Dunſt vorſchwefeln, und 4 das Herzchen iſt am Ende doch in der Reſidenz geblieben, und 4 Fräulein Stahlberg iſt nur darum ſo ſpröde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber baſta! der Hofrath Berner hat auch gelebt und geliebt, und wettet ſeinen Kopf, dieſes Auge weiß, was Liebe iſt, dieſe friſchen Purpurlippen haben ſchon geküßt, aber anders als nur ſolche Hofrathsküſſe!“ Der gute Alte aͤußerte etwas von dieſen Gedanken gegen Ida, ſie aber ſah ihm ganz ruhig ins Geſicht und verſicherte lächelnd: gefallen habe ihr ſchon Mancher geliebt habe ſie aber bis dieſe Stunde noch keinen Mann, als ihren Vater und ihn. — Schöne Augen. „Aber ſagen Sie, Idchen,“ fragte der Hofrath, als er ſie wieder an ihren Platz geführt hatte,„iſt das etwa ein Couſin 1 oder dergleichen, der da mit Ihnen kam?“ „Ich kam mit Papa,“ antwortete die Gefragte,„und ſontftf war Niemand dabei. Wen meinen Sie denn?“ „Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen, es— kennt ihn Niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, v ſonſt müßte er ja, Sie wiſſen, daß das Muſeum geſchloſſene Ge⸗ ſellſchaft iſt, ſonſt müßte er ja eingeführt ſein. Sehen Sie, der dort.“ Er zeigte hin. An eine Säule gelehnt, ſtand unbeweg⸗ lich mit übergeſchlagenen Armen eine ſchlanke Geſtalt. Noch konnte Ida das Geſicht nicht ſehen, nur die glänzenden ſchwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; ſie wollte ſich eben beſinnen, 41 wo ſie ſchon ſolche geſehen habe, da wandte jener ſich um, und 65 unwillkürlich ſchrack Ida zuſammen, geſpenſterhafte Blaͤſſe lag auf dieſem feinen, ſchönen Geſicht, geheimer Gram oder ver⸗ ſchloſſenes Kämpfen mit finſterem Leiden ſchien das muntere, jugendliche Leben aus dieſen tiefen, im ſchönſten Ebenmaß ge⸗ formten Zügen hinweggewiſcht zu haben, und ein gemiſchtes Ge⸗ fühl drängte ſich bei ſeinem Anblick auf, neugieriges Mitleid ſchien ſich mit zweifelhafter Furcht ſtreiten zu wollen. Kaum hatte des Fremden glühendſchwarzes Auge Ida ge⸗ troffen, als ſie ihren Blick abwandte. Ueberraſchung und Ver⸗ legenheit machten ſie ſtumm auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der ſchönen Stirne, über den Lilienſammt der blühen⸗ den Wange, bis herab auf den jugendlichen Alabaſterbuſen flog ein brennendes Roth, das der Hofrath nicht unbemerkt ließ. Er wollte ſie mit dem pfiffigſten Geſichte nach der Urſache ihres Roth⸗ werdens fragen, aber eine Unzahl Herren drängte ſich zu, ſie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Baſen freuten ſich, ſie wieder zu ſehen und gafften das Wunderkind an. Der Hofrath aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben meinte, zu verfolgen, machte ſeine Bewegungen wie ein geübter Feldherr; er fragte ſie ſo laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie ſie gewünſcht, gefällig ſei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im dritten Zimmer ſich zu einem Whiſtchen geſetzt habe, und Pfiffköpfchen verſtand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; ſie beurlaubte ſich alſo mit großer Haſt von dem ungehenern Ko⸗ metenſchweif, in welchem ſie als Kern geſeſſen, und ging mit Berner durch den Saal. Und jetzt nahm ſie Berner ins Gebet; zuerſt ſetzte er die Daumenſchrauben des Spottes an, dann unterſuchte er die ver⸗ meintliche Herzenswunde ſeines Gold⸗Idchens mit der langen Sonde des väterlichen Ernſtes, indem er ihr vorwarf, ſehr un⸗ klug gethan zu haben, ihre Reſidenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem Rathgeber, welcher meinte, ſeine Sache recht gut gemacht und ſie ganz im Netz zu haben, ins Geſicht und wiſchte ihm aus. W. Hauſſ's Werke. ll. 5 66 „Sie geben ſich vergeblich Mühe, Hofräthchen,“ kicherte das loſe Ding,„ganz vergebliche Mühe; ich habe dieſen Menſchen in meinem ganzen Leben, auf Chre, noch nie geſprochen; doch ge⸗ ſehen,“ ſetzte ſie ernſter werdend hinzu,„geſehen habe ich ihn, und deßwegen kam ich auch vorhin etwas in Verlegenheit.“ „Was da! Zwiſchen ſehen und ſehen iſt ein großer Unter⸗ ſchied,“ antwortete Berner mit einem völlig unglaubigen Kopf⸗ ſchütteln.„Da müſſen Sie ihm doch ein wenig gar ſcharf in die Augen geſehen haben?“— „So hören Sie mich doch, Sie böſer Mann!“ unterbrach ihn Ida.„Wer wird denn auch gleich auf den Schein hin ver⸗ dammen? Ich ſage noch einmal, ich weiß nicht, wer er iſt, aber das innigſte Mitleid habe ich mit ihm. Als wir geſtern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren wir einer Equipage vor, die ganz langſam im Schritt hinging. Es war ein prachtvoller Landau mit einem großen Bocke, worauf ein alter Diener in reicher Livrée ſaß; am Wagen zogen vier Poſtpferde; das Dach war zurück⸗ geſchlagen, und es ſaß Niemand darin als ein großer Hund. Sie wiſfen, wie man auf der Reiſe iſt, man intereſſirt ſich um die Mitreiſenden, beſonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit ihnen zu wohnen oder zu ſpeiſen. So dachte ich mir jetzt die Reiſenden, denen der Wagen gehoͤre, ſeien vorausge⸗ gangen und laſſen ihn langſam nachfahren. Ich ſah daher alle Augenblicke nach unſerem Wagen, ob ich noch keine reiſenden 3 Engländerinnen oder Franzöſtnnen gewahr werden koͤnnte, aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine Waldecke bogen, ſah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche ſaß und zu dem Wagen gehöͤren mußte. 1. 3 „ und war es derſelbe, der dort an der Säule ſteht?“ fragte der Hofrath. 3 „Derſelbe; er war auch ganz ſchwarz gekleidet wie jetzt, ſein Hut lag neben ihm im Gras, ſeinen Kopf ſtützte er in die hohle Hand. Das Geräuſch unſeres Wagens, der jetzt, weil er bergauf ging, auch langſam fuhr, ſchien ihn aufzuſchrecken; ohne 3 aufzuſehen, ging er mit geſenktem Haupt bis an unſere Wagen⸗ thure. Da richtete er ſich auf, und Sie können ſich meinen Schrecken denken, Hofrath, als ich das nämliche geiſterbleiche Geſicht ſah, das auch Ihnen aufgefallen iſt. Er mußte heftig geweint haben, denn Thränen hingen in den langen ſchwarzen Wimpern und gaben dem glühendſchwarzen, finnigen Auge einen ganz eige⸗ nen Reiz!“ 3 „So, ſo? Einen ganz eigenen Reiz!“ antwortete lächelnd der Hofrath.„Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Maͤnneraugen Betrachtungen anzuſtellen? Hat ſie das auch bei Madame La Truiniaire in der Reſidenz gelernt?“ Das luſtige Amorettenköpfchen, das ſich da, es wußte nicht wie, verbebbert hatte, ſchlug die Augen nieder und ſagte:„Legen Sie nicht Alles ſo boͤs aus, Bernerchen, Sie verſtanden ja doch ſonſt Ihre Ida nicht immer falſch. „Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun ein⸗ mal meinen eigenen Geſchmack. Schöne blaue oder ſchwarze Augen, mitunter auch recht glänzendbraune, ſehe ich an Jeder⸗ mann gern. Daher ſind mir auch alle junge Herren ſo zuwider, weil ſte ſelten ſchoͤne Augen haben; ſie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und, Gott weiß, durch was ſonſt, den ſchoͤn⸗ ſten Glanz benommen und ſtieren uns an, wie geſtochene Boͤcke; deſto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine ſolche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das Aufſchlagen der Augen, das man unter Tauſenden kaum einmal ſo recht an⸗ muthig, ſinnig und, wie man es gerne haben mochte, trifft. Beides ſah ich nun an dem Fremden, darum hat er mir auch ſo ge— 3— 3 Da hatte ſich das ſchnelle Schnäaͤbelchen ſchon wieder ver⸗ plappert! Der Hofrath horchte noch immer, aber Idchen blieb ſtill, biß die Lippen zuſammen und ſpielte mit dem Amethyſt⸗ kreuz am Collier, das unter dem Tanzen ſich zwiſchen den Schnee⸗ hügeln hinabgeſchoben hatte und ganz glühend heiß geworden war. „Ci, ei!“ warnte der Hofrath,„ich habe da in zwei Mi⸗ 68 nuten Dinge gehört, wovor einem die Haut ſchaudern könnte; nimm Dich um Gotteswillen in Acht, Kind, wenn Du Deine . Augenbeobachtungen anſtellſt; ich weiß es aus meiner Jugend, daß in gewiſſen Augen Häkchen ſitzen, die uns, wenn man all⸗ zutief ſchaut, feſthalten, daß an kein Entrinnen zu denken iſt; haſt Du nie etwas von der Augenſprache gehört?“ „Doch,“ entgegnete der kleine Uebermuth,„ich glaube ſie auch zur Noth zu verſtehen.“— „Iſt gar nicht vonnöthen; man ſpricht ſie zwar vom Rhein bis zum Miſſiſſippi, vom Don bis zum Ohio, lerne aber nie mehr, als etwas kauderwelſch parliren, denn wer ſich ſo gar ge⸗ läuſig ausdrückt und mit zwanzig zumal in dieſer Sprache ſpricht, gilt nicht mit Unrecht für eine Erzgeneralkokette.“ „Nun, für eine ſolche werden Sie mich doch nicht halten?“. 2 fragte Ida etwas empfindlich. „Dazu kenne ich mein ſüßes Mädchen zu gut,“ entgegnete 3 der Hofrath traulich und drückte ihr das weiche Sammethändchen; 1 „was aber den bleichen Patron dort drüben betrifft, ſo kann er 4 über allerlei geweint haben; er kann zum Beiſpiel ſeine Mutter, ſeine Schweſter oder gar ſein Mädchen verloren haben.“ 4 „Mei— nen— Sie?“ antwortete Ida gedehnt und unmuthig. „Doch nein! da würde er ja nicht auf den Ball gehen,“ ſetzte 4 ſie freudig hinzu;„da würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufſuchen.“ „Oder,“ fuhr jener fort,„es gingen ihm vielleicht ſeine Wechſel aus, und er hat im Augenblicke kein Geld, um ſeine Reiſe fortzuſetzen.“ „Nicht doch,“ fiel ſie ein,„wie mögen Sie nur dieſem intereſ⸗ aͤanten Geſicht einen ſo gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus, als alle unſere Aſſeſſoren, Lieutenants und ſo weiter zuſammen, und er ſollte mit vier Poſtpferden in einem herr⸗ lichen Landau fahren und weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!“ 8 „Ei, wie ſich der kleine Advokat vereifert und verdisputirt;. das Maäulchen geht ja, als ſollte es einen Prozeß vor den Aſſiſen 69 führen! Uebrigens wollen wir bald ſehen, wer der Patron iſt; habe ich doch den Ball arrangirt und daher auch das Recht, Fremden, die ſich eindrängen, auf den Zahn zu fühlen.“ „Nun ja, thun Sie das, liebes Hofräthchen, aber ja recht artig und delikat,“ ſetzte das erröthende Mädchen mit den ſüßeſten Schmeichelworten hinzu;„wer ſo tiefen Kummer hat, wie jener zu haben ſcheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart 14 behandelt werden! Der Fremde. Unterdeſſen hatten ſich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu erfahren, wer der Fremde ſei; allen war es aufgefallen, wie er ſchon ſeit einer Stunde ſich nicht vom Platze bewegte und, an eine Säule gelehnt, ſo wenig Intereſſe an dem glänzenden Ball zu nehmen ſchien. Der Hofrath ging zu ihm hin und kehrte bald zurück.„Wer iſt es? Wie heißt er?“ fragten zehn, zwanzig zumal.„Was hat er geſprochen?“ „Nichts hat er geſprochen!“ antwortete Berner,„ſondern mir nur dieſe Karte gegeben.“ Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu ſehen, als ein ſchöngeſtochenes Wappen und der Name Emile Comte de Martiniz.„Ein Graf alſo?“ Die Neugierde war nur halb geſtillt; die Freilinger, denen die Erſcheinung eines fremden Grafen auf ihren Bällen ctwas Seltenes ſein mochte, gingen kopfſchüttelnd umher; ſie hätten gar zu gerne gewußt, wo⸗ her er komme, wohin er gehe, warum er nicht tanze. Man be⸗ trachtete das fremde Wunderthier von allen Seiten; doch der Hof⸗ rath, der ſo viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele fühlte, wie peinlich eine kleinliche Neugierde ſein müſſe, gab das Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen, rauſchte durch den Saal hin und rief zum Tanze. 70 Walzer um Walzer waren getanzt, noch immer ſtand die fremde gebietende Geſtalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als hätte er ſich nur in ſchwarz und weiß getheilt und kenne keine andere Farbe. Sein Haar, ſein Auge war ſo dunkel als das feine glänzende Tuch ſeines Kleides; das ganz bleiche Ge⸗ ſicht, die wunderſchöne Wäſche, welche durch ihre Weiße und ihre zierlichen Fältchen den Freilinger Damen ſchon von Weitem Be⸗ wunderung einflößte, contraſtirten ſonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen Lippen ſchmückte ein geſundes, freundliches Roth. Er ſchien ganz ohne Theilnahme in das bunte Gewühl hineinzuſtarren, aber dennoch begegnete nicht leicht einer dieſem ſcharfen Blicke, ohne das eigene Auge überraſcht von dieſem furchtbaren Ernſt, dieſer ſprühenden Glut niederzuſchlagen. Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen Herren machten ſich über ihn luſtig, und beide Theile hatten ſo viel an der neuen Erſcheinung der wunderlieblichen Ida zu ſchauen, zu bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte. Nur Ida's Blicke ſtreiſten öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick zu ihm ſchien ſie für das Geſchwätz der Freilinger Stutzer, die ihr heute unendlich fade vorkamen, zu entſchädigen. Doch betrachtete ſie ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, ſo trieb es ihr unwiderſtehlich die Glut ins Geſicht, und ſie war froh, daß die Muſik ſo laut war, denn ſie meinte in ſolchen Momenten, man müſſe ihr ſtedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es die Thränen, die ſie geſtern in dieſen dunkeln Wimpern ſah, war es der weh⸗ müthige Ernſt auf ſeinem Geſichte, was ſie ſo rührte, hatte der Hofrath Recht mit den Häͤkchen, die in gewiſſen Augen ſitzen, und hatte ſte zu tiefe Beobachtungen angeſtellt und war geangelt worden? — Nein! lächelte ſie ſchelmiſch vor ſich hin, da hat es keine Noth! es iſt ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm hinſehen heißt! Elf Uhr war vorüber, es ſollte noch eine Ecoſſaiſe vor dem — . 71 Souper gekanzt werden. Stürmiſch drängten ſich die Herren um das Wunderkind; aber Trotzköpfchen Ida blieb feſt dabei, diesmal auszuſetzen, und ließ die Herren ablaufen. Der Hofrath ſetzte ſich zu ihr, und unwillkürlich waren ſie wieder mitten im Geſpräch über den Fremden. „Ach, ſehen Sie nur,“ ſagte Ida mit der himmliſchen Gut⸗ müthigkeit ihres Engelköpfchens,„ſehen Sie nur, ich meine, er wird zuſehends immer bläſſer, wenn er nur nicht krank wird.“ Der Hofrath fand ihre Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieſer feſte, heldenmäßige Körper nicht ſo leicht von einem Krankheitsanfall geſtört werden könne; aber Ida wurde immer unruhiger, ſie ſah, wie Martiniz die Lippen zufammenpreſſe, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der Ernſt in ſeinem Geſichte wurde nach und nach zur Trauer, das Wehmüthige, der thränen⸗ ſchwere Trübſinn in ſeinem Auge wurde immer unverkennbarer. „O Gott, ſehen Sie ihn nur an, guter Berner, iſt mir doch, als ſollte ich zu ihm gehen und fragen: was fehlt dir, daß du nicht froͤhlich biſt mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich Alles thun, dir zu helfen.— Der Menſch denkt's, Gott lenkt's!“ Auch der Hofrath wurde jetzt unruhig, denn mit einem Ruck hatte ſich der bleiche Fremde aufgerafft und ſtand nun in ſeiner ganzen Größe, in gebietender und doch graziöſer Haltung da, aber ſein Auge heftete ſich furchtbar ſtarrend nach der Saalthüre. Berner wollte eben aufſtehen und zu ihm hin— Da öffnete ſich die Thüre, ein alter, reichgekleideter Bedienter, derſelbe, welchen Ida geſtern geſehen, trat ein, ging auf den Fremden zu und neigte ſich ſchweigend vor ihm. Dieſer riß eine Uhr heraus, warf einen Blick auf ſie und einen zweiten voll Weh⸗ muth auf Ida herüber und verließ langſamen Schrittes den Saal. Ehe noch der Hofrath ſeiner Nachbarin ſeine Vermuthungen über dieſen ſonderbaren Abzug mittheilen konnte, war die Ecoſſaiſe zu Ende. Der Präſident kam und führte ſein liebes, holdes, wunder⸗ herziges Tochterchen zur Tafel. Die Kirche. Der alte Küſter am Munſter zu Freilingen ſaß in dieſer Nacht nach ſeiner Gewohnheit noch lange in ſeinem kleinen Stübchen; der Abendſegen war ſchon vor einer Stunde ſeiner Ehehälfte vorgeleſen, er hatte ſich jetzt hinter die alte Chronik geſetzt und las mit brummender Stimme halblaut vor ſich hin, wie man den herrlichen, vierhundert Schuhe hohen Münſterthurm erbaut, und wie ſolches viel Zeit und Geld gekoſtet habe. Eben wollte die Alte den weiß⸗ und blaugeſtreiften Umhang der zwei⸗ ſchläfrigen Himmelsbettlade auseinanderſchlagen, um ihren Ehe⸗ zärter zu ermahnen, ſein gewohntes Lager zu ſuchen, als man ſtark an den Fenſterladen des niedern Parterreſtübchens pochte. „Macht auf, Meiſter Küſter! ſeid ſo gut und macht auf!“ rief eine beſcheidene, aber tiefe Stimme draußen.„Wird wohl ein Bote von einem Kranken ſein,“ naͤſelte der Küſter,„der die Sakramente noch will.“ Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die Stelle nicht verblättere, denn er hatte von dem Kalk geleſen, den man mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmuthig an das Dünnbier gedacht, das ſeine Urſula ihm, einem. Nachkommen dieſer Weinmaurer, tagtäglich vorſetzte. Draußen ſchob er die mächtigen Schlöſſer und Riegel der Hausthüre auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in reichbordirtem Bedientenrocke.„Was ſoll's ſo ſpät?“ fragte der Küſter. „Kamerad,“ antwortete der Bediente, indem er den Küſter aus dem alten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog,„Ka⸗ merad, wollt Ihr mir und noch Jemand einen Liebesdienſterweiſen?“ Zugleich legte er einen blanken harten Thaler auf den Tiſch. Der Küſter wog den Thaler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tiſch fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und ſagte: „Wenn's nichts gegen Amt und Gewiſſen iſt, warum nicht?“ „So nehmt Eure Schlüſſel,“ fuhr der Andere fort,„und ſchließt die Münſterkirche auf.“ 4 —— 73 „Jetzt, in dieſer Stunde?“ rief der Alte mit Entſetzen.„Jetzt in dieſer ſtürmiſchen Nacht? Geht nicht, Kamerad, ſo wahr ich — nein es geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!“ „Bei Leibe,“ rief die Küſterin aus dem Bette und riß den Umhang zurück, daß man das ganze Paradiesgaͤrtlein ihres ge⸗ blümten Betzes überſehen konnte,„führe uns nicht in Verſuchung. Alter, laß Dich nicht bethören, wer weiß, was draußen lauert?“ „Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein ſo ſtattlicher Mann, unter dem Weiberregimente ſtändet,“ ſprach der alte Diener. „Glaubt mir, es iſt auch ein Gottesdienſt, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn.“ Noch einmal wog der Küſter den Thaler auf der Fingerſpitze und ſchien ſich zu beſinnen.„Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da iſt es gar nicht ge⸗ heuer drüben in der Kirche, denn ich weiß, was ich weiß, und habe geſehen, was ich geſehen habe, aber weil Ihr ſagt, es ſei ein Gottesdienſt, ſo kommt.“ Indem hatte er ſchon die Laterne zurecht gemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und er⸗ griff die gewichtigen, wunderlich geformten Schlüſſel. „Ei du meine Güte, läßt er ſich doch verblenden vom Mam⸗ mon,“ ſeufzte die Alte im Bette. Der Küſter aber trat zu ihr mit dem größten ſeiner Schlüſſel:„Du ſchweigſt, Urſel! Der Herr da ſoll ſehen, daß unſereiner nicht unterm Pantoffel ſteht,“ brummte er und verließ mit dem Diener das Haus. Die Nacht war grimmkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schwei⸗ gend ſchritten die Beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, ſo ſtanden ſie am Portal des Münſters. Der Küſter ſchrack zuſammen, als dort aus dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunkeln Mantel gehüllte Geſtalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Ida's Intereſſe in ſo hohem Grade erregt hatte. „Schließ auf, ſchließ auf,“ ſprach Martiniz,„denn es iſt hohe Zeit!“ Indem er ſprach, fing es an zu ſurren und zu klappern, dumpf rollte gerade über ihnen im Thurme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden Klängen ſchallte die zwölfte Stunde in die Lüfte. — 74 „Schließ auf!“ ſchrie Maktiniz.„Schließ auf! Dort kommt er ſchon um die Ecke!!“ Seufzend ging die hohe Thüre auf, in einem Sprung war jener in der Kirche. Der Küſter ſchloß behutſam wieder hinter ſich ab und ging dann voraus mit der Laterne; ſtille folgten im die Fremden. In wunderlichen Schatten und Figuren ſpielte das. 4 ſchwache Licht der Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur 4 auf wenige Schritte verbreitete es Helle und verſchwebte dann in matte Dämmerung, bis es ſich in der tiefen Nacht des Ge⸗ wölbes verlor. Manchmal ſchien es, als ſchritten hohe Geſtalten in weiten ſchleppenden Gewändern hinter den Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten und ging dann ſchneller hinter dem Küſter her. Dumpf ſchallten ihre Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft ſich befand, und ein vielfaches Echo gab dieſe Töne aus allen Ecken zurück. So waren ſie bis an den Altar gekommen. Martiniz ſetzte ſich dort auf die Stufen, das Geſicht, das bei dem Scheine der trübe brennenden Laterne noch viel bleicher erſchien, ſtützte er auf die Hand, daß die glänzendrabenſchwarzen Ringellocken darüber herabſielen. Der Diener winkte dem Küſter, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu ſich nieder und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er ſchweigen und ſich ganz ruhig verhalten mochte. Tiefe Stille herrſchte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen, tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein leiſes Wiſpern, Martiniz ſchien zu beten. Bald aber erhob ſich lauter die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, deſto unruhiger wurde Emil. Er ſeufzte, 3 er blickte einige Male auf und lauſchte nach der Seite hin, wo der Luftzug ſtärker wehte. Naͤher und näher heulte der Wind, die Fenſter bebten, das Licht der Laterne wehte ſeine Schatten her und hin, die alten verblichenen Banner, die an der Mauer hingen, rollten ſich auf und bewegtenihre zerfetzten Bilder an der ſchwachbeleuchteten Wand. Jetzt brauste der Wind auf in gewaltigen Stößen. Krachend —— — — ,‚— .... 75 ſtürzte ein Fenſter des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der Schall durch die Halle tönte und— mit fürchterlichem Lachen des Wahnſinns fuhr der am Altar auf und ſprang die Stufen hinan. Gellend tönten dieſe hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe.„Er kann nicht herein, er kann nicht herein zu mir,“ ſchrie er,„darum hat er die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche ça ça! Holla, Antonio — wie ſchäumt das Purpurblut Deiner Wunde! Raſe, tobe durch die Lüfte, Du kannſt doch nicht herein zu meiner Freiſtatt!“ Der Sturm legte ſich, ferner und ferner rollte der Wind, und ſäuſelnd zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond ſchien freundlich durch die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben ſchien auch der Sturm in Emils Bruſt gewichen zu ſein.„Seht Ihr,“ ſprach er wehmüthig und zeigte an die vom Mond be⸗ ſchienenen Fenſter hinauf,„ſeht Ihr, wie er ſo ernſt und zürnend auf mich herabſieht! Kannſt Du denn nicht vergeben, Antonio?“ Immer leiſer wurde ſeine Klage, bis er weinend am Altare niederſank. Jetzt ſtand der alte Diener, dem während der ſchreck⸗ lichen Scene die Thränen in den grauen Wimpern gehangen, von ſeinem Sitze auf und unterſtützte ſeinen Herrn. Er wiſchte ihm den kalten Schweiß von der Stirne und die Thränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus einer kryſtallenen Phiole mildernde Tropfen ein. Der Ohnmächtige richtete ſich wieder auf, hullte ſich tiefer in ſeinen Mantel und ſchritt durch die Kirche. Der alte Diener aber trat zu dem Küſter.„Ich danke, Alterle,“ fagte er,„Du haſt jetzt geſehen, daß wir nichts Un⸗ rechtes in Deinem Gotteshauſe gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund. Und wenn Du Niemand ein Sterbenswörtchen horen läſſeſt von dem, was Du hier geſehen und gehört haſt, ſo kommen wir vielleicht morgen und manche Nacht wieder, und Du ſollſt pflichtgemäß Deinen Harten haben.“ „Das kann ſich unſereiner ſchon gefallen laſſen,“ antwortete der Küſter im Weitergehen;„ſo viel merke ich, daß Euer Herr 76 entweder nicht recht richtig unter dem Hut iſt, oder daß er mit dem Gott⸗ſei⸗bei⸗uns hier Verſteckens ſpielt. Nun hier, denke ich, ſoll er ihn nicht holen; kommt nur morgen Nacht wieder. Was das Stillſchweigen betrifft, ſo ſeid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Menſch, vor Allem meine Urſel nicht; denn ich denke, was ſie nicht weiß, macht ihr nicht heiß.“ Der alte Diener lobte den Entſchluß des Küſters und nahm am Portal mit einem Händedruck von ihm Abſchied.„Iſt doch Schade um ein ſo junges ſchönes Blut,“ brummte dieſer vor ſich hin, indem er ſeinem Häuschen zuſchritt;„ſo jung und hat ſchon Affairen mit Herrn Urian. Nun, er ſoll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten Thaler kann man zur Noth ſo guten Wein kaufen, als die Freilinger Maurermeiſter hatten, um den Kalk zu meinem Münſter feſtzumachen. Das Souper. Es ſchlug ein Uhr, als der Fremde und ſein Diener von dem Münſter zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenſtern des erleuchteten Muſeums drängten ſich Geſtalten an Geſtalten geſchäftig hin und her, verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den ſtillen Platz, hie und da zeigten laute Aus⸗ brüche der Fröhlichkeit, mit Trompeten vermiſcht, daß ein Toaſt ausgebracht worden ſei. „Robert!“ begann der Graf,„ich will noch einmal hinauf⸗ gehen; die ſüßen Toͤne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas Beruhigendes für mich, und mitten im Ge⸗ wühle der fröhlichen Menge vergeſſe ich vielleicht auf Augen⸗ blicke, daß ich unter den Glücklichen der einzige Unglückliche bin.“ Umſonſt bat der alte Robert ſeinen Herrn, er möchte doch ſeine Geſundheit bedenken und ſich jetzt zur Ruhe legen; er ſchien es gar nicht zu hören, ſchweigend warf er in der Hausthüre den e —z —— —— ˖— 77 aA Mantel ab, gab ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfſchüttelnd folgte ihm der Diener; hatte er doch ſeit einer langen, traurigen Zeit nicht bemerkt, daß ſein armer Herr Freude an rauſchender Luſtbarkeit hatte; es mußte etwas Eigenes ſein, das ihn allein noch dahinauf zog, denn wenn er ſich ſonſt auch in das fröhlichſte Gewühl geſtürzt hatte, ſo war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen. Und heute hatte er ihn ſogar an die Stunde mahnen müſſen; heute ging er zu einer Zeit, wo er ſonſt erſchöpft von Kummer und Unglück dem Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanz⸗ boden.„Gott gebe, daß es zu ſeinem Heil iſt!“ ſchloß der treue Diener ſeine Betrachtungen und wiſchte ſich die Augen. Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Muſtkanten ſtimmten ihre Geigen, probirten ihre Hörner und ließen die Schlegel dumpf auf ihre Pauken fallen, um zu ſon⸗ diren, ob das tiefe C recht ſcharf anſpreche, mitten durch netzten ſte auch ihre Kehlen mit manchem Viertel, denn ein ellenlanger Cotillon ſollte den Ball beſchließen. Löffel⸗ und Meſſergeklirr, das Jauchzen der Anſtoßenden toͤnte aus dem Speiſeſaal; ein ſchwermüthiges Lächeln zog über Emils blaſſes Geſicht, denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner fröhlichen Nacht aus⸗ gewichen war, wo auch er unter frohen, guten Menſchen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib, doch treue Freunde geküßt hatte, und mit fröhlichem Jubel in das allge⸗ meine Millionenhalloh und Welthurrah der Freude eingeſtimmt hatte; unter dieſen Gedanken trat er in den Speiſeſaal. In bunten Reihen ſaßen die fröhlichen Gäſte die lange Tafel herab; man hatte ſo eben die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und ſtellte jetzt das Deſſert auf. Gewiß! man konnte nichts Schöneres ſehen, als die Präciſion, mit welcher die Kellner ihr Deſſert auftrugen, die Bewegungen auf die Flanken und ins Centrum gingen wie am Schnürchen, die ſchweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das kleinere Geſchütz der franzöſiſchen Bonbons und Gelées wurde mit Blitzesſchnelle aufgefahren, in 78 prachtvoller Schlachtordnung vom Glanz des Kryſtallluſters be⸗ ſtrahlt, ſtanden die Guß⸗, Johannisbeeren⸗, Punſch⸗, Roſinen⸗ torten, die Apfelſinen, Ananas, Pomeranzen, die ſilbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrath Berner hatte ſie auch eingeübt, und den ungeſchickteſten Kellnerrekruten ſchwur er hoch und theuer in acht Tagen ſo weit bringen zu wollen, daß er einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch, auf eine ſpiegel⸗ glatte ſilberne Platte geſetzt, die Treppe heraufſpringen könne, ohne einen Tropfen zu verſchütten, was in der Geſchichte des Servirens einzig in ſeiner Art iſt. Wenn die Feſtins, die er zu arrangiren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige Uebungen und Manoeuvres: Er ſetzte ſich in den Salon, wo ge⸗ ſpeist werden ſollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Couverts decken, und wie den Rekruten ein fingirter Feind mit allen mög⸗.. lichen Bewegungen gegeben wird, ſo zeigte er ihnen auch Praͤſi⸗ denten, Juſtizräthe, Kollegiendirektoren, Regierungsräthe und Aſſeſſoren mit Weib und Tochter, Kind und Kegel, und mahnte ſte, bald dieſem ein Stück Braten, jener eine Saucisre zu ſer⸗ viren, bald einem Dritten und Vierten einzuſchenken und dem Fünften eine andere Sorſe vorzuſetzen; da ſprangen und liefen die Kellner beinahe die Beine ab, aber— probatum est— wenn. der Tag des Feſtes herannahte, durfte er auch gewiß ſein, zu ſiegen. Wie jener groöße Sieger, der nur mit feierlichem Ernſt die Worte ſprach:„Heute iſt der Tag von Friedland!“ oder „Sehet die Sonne von Auſterlitz!“ ſo bedurfte es von ſeinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröſtlichen Hindeutungen auf frühere Bravouren und gelungene Affairen, und er konnte darauf rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeiſter über den andern ſtolperte, oder ihm die Aalpaſtete anſtieß, oder daß ſie mit Sauce und Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze Beſcherung ſervirten. Mit dieſer Präciſion war alſo auch heute die Tafel ſervirt worden, der Nachtiſch war aufgetragen, die ſchweren Sorten, als da ſind, Laubenheimer, Nierenſteiner, Markobrunner, Hoch⸗ — . 79 heimer, Volnay, feiner Nuits, Chambertin, beſte Sorten von Bordeaux, Rouſſillon wurden weggenommen, und der zungen⸗ belebende Champagner aufgeſetzt. Hatte ſchon der aromatiſche Rheinwein die Zungen gelöst, und das ſchwärzliche Roth des Burgunders den Lilienſammet der jungfräulichen Wangen und die Naſen der Herren geröthet, ſo war es jetzt, als die Pfröpfe flogen, und die Damen nicht wußten, wohin ſie ihre Köpfe wenden ſollten, um den ſchrecklichen Exploſtonen zu entgehen, als die Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Giſcht gefüllt, kredenzt wurden, wie auf einem Bazar im aſtatiſchen Rußland, wo alle Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und ſchnurren, zwitſchern und näſeln, plärren und jodeln, brum⸗ men und raſaunen, ſo ſchwirrte in betäubendem Gemurmel, Ge⸗ ſurre und Brauſen in den höchſten Fiſteltönen bis herab zum tiefſten, dreimalgeſtrichenen C der menſchlichen Bruſt das Ge⸗ ſpräch um die Tafell.. 3— 8. Das Artheil der Welt. Aher der größte Theil der Converſation am andern Ende des. Tiſches galt Präſidents Ida. Dort gingen die zahnloſen Mäul⸗ chen der Tanten und Mütter wie oberſchlächtige Mühlen, und die Poſaunenſeraphgeſichter der Töchter nickten ihren Conſens aus den kleinen Kalmuckenäugelein. Wie hatte doch das Mädchen vor Gott geſündigt und gefrevelt dadurch, daß es ſo wunderhübſch geworden war! Wäre ſie zurückgekommen wie eine wilde Hummel, dder wie ſo manche, die man als Gagack in die Reſidenz ſchickt, unm ſte Bildung und Blumenmachen lernen zu laſſen, und die als Gagack wiederkehrt, da hätte es geheißen:„An der iſt Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern.“ Jetzt, wo ſie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie be⸗ ſcheiden und doch ſo voll erhabener Würde hereintrat, das ſtrahlende 80 Diadem in den geſchmackvoll geordneten Ringellocken und Löckchen, im feuerſprühenden Auge Geiſt und Liebe, verſchmolzen mit ſchuld⸗ loſer, anſpruchloſer Natürlichkeit, die Wangen von Geſundheit geröthet, in den feinen Grübchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund ſo würzig, ſo kußlich, die aphroditiſche Schwanenbruſt mit dem fürſtlichen Schmuck, mit dem Pariſer Hofkleid umſchloſſen — Nein! das Mädchen durfte nicht ſchön, durfte nicht un⸗ ſchuldig und tugendhaft ſein—„Ha, ha, ha, Frau Oberforſt⸗ meiſterin!“ lachte die Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, daß ſie die acht unſchuldigen Ohren ihrer erwachſenen Töchterlein beleidigen könnte—„Tugendhaft? Wir kennen die Reſidenz⸗ tugend noch aus unſerer Zeit! Da müßten ſich die Steine umge⸗ kehrt haben, die Gardeuhlanenrittmeiſter müßten ihre engſchließende Uniform ausgezogen und die Herren Archidiakonen und Super⸗ intendenten um ihr ehrbares Coſtüm erſucht haben, müßten in ſchwarzen Mäntelein, weißen Beffchen, kurzen Höschen und ſei⸗ denen Wädchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man bei ſiebzehnjährigen Mädchen Tugend finden ſollte in Sodom!“ „Wahrhaftig, Sie haben Recht,“ ſchnatterte jene über die Tafel herüber;„und die gerühmte Schöͤnheit? Iſt Alles Lug 8 und Trug, das kann man Alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, dieſe Locken dort, dieſe Zöpfe ſeien ächt? Be⸗ wahre; man hat ja geſehen, was für Haar Mamſell Sauſewind in die Reſidenz nahm; wo ſind die gelben Zähne hingekommen? Meinen Sie etwa, ein ſo herrlicher Mund voll, wie jene hat, ſchiebe ſich im ſechzehnten, ſiebzehnten Jahre noch nach? Lauter Seehund, nichts als Seehund.“ 3 „Ja, Frau Gevatterin,“ unterbrach eine Dritte,„und die handbreiten Brüßler Kanten, der Amethyſtſchmuck, mit welchem man meinen Thorweg pflaſtern könnte— von der Fürſtin Romanow ſoll er ſein! Ha, ha, ha, man hat auch ſeine Nachrichten; die Fürſtin, Gott halte ſie in Chren, iſt eine ſplendide Frau, auch reich, ſteinreich, gebe Alles zu— aber ſo einem naſeweiſen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken iſt, dieſes Diadem, dieſe 81 Ohrenringe, dieſes Collier, dieſes Kreuz zu ſchenken— nein, dazu iſt die Frau Fürſtin Hoheit doch zu vernünftig. Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand gehört? Soll ein ſplendider artiger Herr ſein der Prinz, und wenn man nur gegen ihn gefällig iſt, iſt er es wohl auch wieder, ha, ha, ha—“ Und der ganze Zirkel lachte und ſtieß an auf den gefälligen ſplendiden Prinzen. Nein wahrhaftig, es war nicht auszuhalten; ein ſchönes, engelreines Geſchöpf, voll Milde, Sanftmuth und Mitleiden, ſo ſchonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenſterver⸗ tiefung, wo er ſich hingeſtellt hatte, um die Tafel zu überſehen, Alles mit angehört; er hätte mögen der Frau Gevatter den ein⸗ zigen Zahn, den ſie noch hatte, mit welchem ſie aber nichts deſto weniger den Ruf einer jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einſchlagen; er rückte, nur um die giftigen Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenſter weiter hinauf. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von Schulderoff ſetzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerlieutenant, weitläufig auseinander, daß er, um den geſunkenen Glanz ihres Hauſes wieder auf den Strumpf zu bringen, nothwendig eine gute, ſehr gute Partie machen müſſe, und dazu ſei die Ida ganz wie gemacht. Dem jungen Schulderoff, der neben dem geſunkenen Glanz ſeines Hauſes bei Juden und Chriſten einige tauſend Thälerchen mehr Schulden hatte, als ſein Gageabzug auf ſiebzig Jahre wahr⸗ ſcheinlicherweiſe aufwiegen konnte, ſchien mit dem Vorſchlag ganz zufrieden, nur das Wie wollte ihm nicht recht einleuchten. Aber die gnädige Mama wußte Rath.„Erſtens: recht oft mit ihr getanzt, namentlich im Cotillon recht oft geholt. Das heißt Attention beweiſen, das Mädchen wird dann mit Dir aufge⸗ zogen, ſie wird aufmerkſam auf Dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am Haus vorbei; dort verlierſt Du, im Staunen über ſie, die Reitpeitſche; Du voltigirſt ja ſo gut, hältſt alſo nicht an, ſondern herab vom Gaul, Peitſche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick dem Fräulein zugeworfen, und davon W. Hauff's Werke. III. 6 82 im geſtreckten Galopp. Wenn nun ihr Herzchen aus Angſt für Dich einmal ſchneller pulſirt, dann haſt Du ſie ſchon im Sack. Drittens: in einer ſchönen Nacht mit der ganzen Regimentsmuſik vor's Haus; einige muthige Stücke, einige zärtliche Arien aufge⸗ ſpielt, und ſie kommt hinter die Jalouſien, darauf wette ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufällig bei Levi iſt. Einige Kamera⸗ den thun Dir ſchon den Gefallen und gehen mit; ſie rufen: „Schulderoff! Schulderoff! Wo ſteckſt Du denn? Ach ſiehe, der arme Junge weint.“„Ach, laßt mich, tapfere Kameraden,““ antworteſt Du,„mir iſt ſo weh und ſo wohl in ihrer Nähe.““ So kommt es in allen Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte, und die dummen Bürgerlichen noch kein Geld hatten.“ „Auf Ehre, Madame, Sie haben Recht,“ antwortete der Lieutenant und wichste ſich den Schnurrbart;„ſehen Sie, dann kann ich auch ſo angr—“ Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange um's Herz, als er den Eroberungsplan des Wildfangs hörte; er rückte um einige Fenſter weiter hinauf und war dort dem Gegenſtand nahe, den die Schmähſucht der Weiber zu zerreißen, den der Exrobe⸗ rungsgeiſt Schulderoffs zu gewinnen ſuchte. Obenan ſaß der Präſident; die feierliche Geſchäftsmiene war zu Hauſe geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Ge⸗ ſellſchaftsmenſchen angezogen und tafelte, zum großen Troſt der jüngern Glieder ſeines Kollegiums, wie ein Junger. Das behagliche runde Geſicht durblitzte oft ſchnell, wie ein Gedanke, ein ſatiriſches Lächeln, wenn er und der Hofrath Ida zum ſüßen, brüſſelnden Schaumwein nöthigten. Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu ſehen, als das Mädchen, eine ewig junge Hebe zwiſchen den alten, fröh⸗ lichen Herren. Es war jetzt ganz das wählige, muthwillige Kind, wie vor drei Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hage⸗ ſtolz Berner auf dem Schooße ſaß; Madeiraſekt und Keres hatten ihr, weil Berner keinen der ſchweren Weine über die Purpur⸗ barriéren ihrer Lippen gelaſſen hatte, alles Blut in die Wangen —— getrieben; es ziſchte und giſchte in ihren Adern ſo warm und ſo wohlthuend, daß das Auge von Luſt und Liebe ſtrahlte, und die roſige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke ſich zeigte. Der Champagner, den ſie auf den Trimadera ſetzte, war auch nicht aus ſeinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlich⸗ glühendes Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewig wech⸗ ſelnder Wonne, Fluth und Ebbe wogenden Buſen zur Ruhe zu bringen. Wußte ſie doch ſelbſt nicht, was ſie ſo fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder alle auf ſie flogen, es war noch etwas Anderes; war es nicht ein bleiches, wunder⸗ ſchönes Geſicht, das ſich immer wieder ihrer Phantaſie aufdrängte, das ſie wehmüthig durch Thränen anlächelte? Warum mußte er aber auch gehen, gerade als man zur Tafel ging, wo ſie ihn hätte ſehen und ſprechen können.— „Ei, Kind!“ ſagte der Präſident und weckte ſie aus ihren Träumen.„Da ſitzeſt Du ſchon eine geſchlagene Glockenviertel⸗ ſtunde, ſtarrſt auf den Teller hin, als leſeſt Du in der Johannis⸗ beermarmelade ſo gut als im Kaffeeſatz Deine Zukunft, und lächelſt dabei, als machten Dir alle ledigen Herren, unſern Hofrath mit eingeſchloſſen, ihr Compliment!“ Die Glutröthe ſtieg ihr ins Geſicht; ſie nahm ſich zuſammen und mußte doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch kein Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der Hofrath ihr von der andern Seite zuflüſterte: „der alte Herr hat fehlgeſchoſſen, wir Alle könnten uns den Rücken lahm complimentiren und die Kniee wund liegen, mein ſtolzes Trotzköpfchen goͤnnte keinem einen halben Blick oder ein Viertel⸗ chen von dem Engelslächeln, das hier in den Teller ging. Aber da darf nur ein ſo intereſſanter Fremder in einem Landauer weinen, ſo ein Signor Bleichwangioſo—“ „Ach, wie garſtig, Berner! an den habe ich gar nicht mehr gedacht!“ rief ſie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geſchoſſen haben ſollte. Jener aber wiſchte ſeine Brille ab. ͤͤͤͤͤſ 84 A2 ſchaute auf Ida's ſilbernen Teller und deutete lachend auf den Rand— „Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da gekritzelt? Fräulein Lügenhauſen? He!“ „Nun, da hatte ſich das Mädchen wieder vergaloppirt, hatte, ohne daß ſie es im geringſten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das Deſſertmeſſer in die Hand bekommen, auf dem Teller herum⸗ gekritzelt, und da ſtand mit hübſchen, deutlichen Buchſtaben: Emil v. Mart.— „Nein, wie einem doch der Zufall bei böſen Leuten Streiche ſpielen kann!“ replicirte ſie mit der unverſchämteſten Unbefangen⸗ heit, kratzte, indem ſie ſich ſelbſt über ihre furchtbare Kunſt, zu verdrehen, wunderte, in aller Geſchwindigkeit ein Schnirkelchen hin, wies dem kurzſichtigen Hofrath den Teller und ſagte:„Sehen⸗ Sie? Da war irgend eine reiſende Prinzeſſin hier, welcher man auf Silber ſervirte, und um den merkwürdigen Tag ihrer An⸗ weſenheit zu verewigen, ſchrieb ſie die paar Worte hieher: Emilie v. Mart., heißt offenbar: Emilie, am fünften März.“ „Gott im Himmel, was hätteſt Du für einen Rechtscon⸗ ſulenten und Rabuliſten gegeben!“ antwortete Berner und ſetzte vor Schrecken den friſcheingeſchenkten Kelch, den er ſchon halb⸗ wegs gehabt, wieder nieder.„Habe ich nicht geſehen, wie Du das Ding kritzelteſt; und jetzt thäte es Noth, ich deprecirte den falſchen Verdacht?“ Doch Engelsköpfchen Ida ſah ihm ſo bittend ins Auge, daß er unwillkürlich wieder gut wurde; in den ſüßeſten Schmeicheltönen bat ſie ihm die Unart ab, verſprach, ſich nie mehr aufs Läugnen zu legen, wenn er gelobe, dem Papa nichts zu ſagen, der ſie wenigſtens acht Tage lang mit ihrer Silber⸗ ſchrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt ſich zum Cotillon zu rüſten.„Nur noch ein Viertelſtündchen!“ bat Ida, weil ſie dem widerwärtigen Kreisſekretär habe zuſagen müſſen. Aber das Sträuben half nichts; die Hörner erklangen im Tanzſaal, und die Tafel rüſtete ſich, aufzubrechen. Da ſtand der Präſident auf;„noch einen Kelch, meine Damen!“ rief er über die Tafel —— 1 85 hin,„noch einen ächten Toaſt aus den guten alten Zeiten: die Gläſer hoch— der Liebe und der Freude 1“ Die Trompeten ſchmetterten ihren Freudenruf unter den Jubel, aber mitten durch das Geſchmetter, durch das donnerähnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem ſchrankenloſen Halloh der bechampagnerten Gäſte war es Ida, als hörte ſie hinter ſich tief ſeufzen, und als ſie, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, ſich ſchnell umſah, be⸗ gegnete ſie Emils Auge, der wehmüthig, thränenſchwer in das Gewühl der Freude ſchaute. Alles Blut jagte die Ueberraſchung dem Mädchen aus den Wangen, es hatte keinen Athem mehr, und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden. Doch ehe ſie noch ihrer Verlegenheit Meiſter werden konnte, gerade als ſie der ſchöne junge Mann anreden zu wollen ſchien, riß ihn das Gedränge der Aufſtehenden aus ihrer Nähe, der Kreisſekretär kam mit ſeinem widrigen, ſauerſüßen Geſicht, ſchätzte ſich glücklich, den Cotillon errungen zu haben, und führte ſeine Tänzerin im Triumph durch die dichten Reihen ſeiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch immer über dieſe Erſcheinung, über die Gewalt dieſer dunkeln Flammenſterne ſinnend.„Wahrhaftig!“ ſagte ſie zu ſich.„Der Hofrath hat doch Recht, es muß Menſchen geben, die Häkchen im Auge haben, von welchen man ſich gar nicht losreißen kann, und dieſer muß einen von den großen Angel⸗ haken haben.“ Der Cotillon. In rauſchenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal, in verſchlungenen Gruppen, bald ſuchend, bald fliehend, hüpften die Paare den fröhlichen Reigen, und Ida's liebliche Geſtalt tauchte auf und nieder in der Menge der Tan⸗ zenden wie eine Nixe, die neckend bald dem Auge ſich zeigt, bald in den Fluthen verſchwindet. Oft wenn der Augenblick es ge⸗ —— 86 ſtattete, wagte ſie einen Viertelsſeitenblick über den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärbares Etwas ſie noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiſer flüſterten, wenn die weichen, gehaltenen Töne der Hörner ſüßes Sehnen erweckten, da glaubte ſte zu fühlen, daß dieſe Töne auch in ſeiner Bruſt wiederklingen müſſen. In glänzender Kette ſchwebten jetzt die Mädchen in der Runde, bis die Reihe ſich löste, und ſte den Saal durchſchwärm⸗ ten, um ſelbſt ſich Tänzer zu ſuchen. Emil ſtand wieder an ſeine Säule gelehnt. Kaum den Boden berührend, ſchwebte eine zarte Geſtalt, auf dem Amorettengeſichtchen ein holdes verſchämtes Lächeln, auf ihn zu— es war Ida. Lächelnd neigte ſie ſich, zum Tanze ihn einzuladen; er ſchien freudig überraſcht, eine flüchtige Röthe ging über ſein bleiches Geſicht, als er das holde Engelskind umſchlang und mit ihr durch den Saal flog. Aber ängſtlich war es Ida in ſeinen Armen; kalt war die Hand, die in der ihrigen ruhte; ſchaurige Kälte fühlte ſie aus des Fremden Arm, der ihre Hüfte umſchlang, in ſie eindringen, ſcheu ſuchte ihr Auge den Boden, denn ſie fürchtete, ſeinem Flam⸗ menblicke zu begegnen, jetzt erſt fiel ihr auch ein, daß es ſich doch nicht ſo recht ſchicke, den ganz fremden Menſchen, der ihr von Niemand noch vorgeſtellt war, zuerſt zum Tanze aufgefordert zu haben. Aber ein freudiges Geflüſter des Beifalls begleitete ſie durch die Reihen; bedeutender ſchien des Fremden edles Geſicht, von der Bewegung des Tanzes leicht gerothet, bedeutender erſchien ſeine edle Geſtalt, ſein hoher, königlicher Anſtand, und dem ſchönen Mann gegenüber erſchien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schönheit. Mit dankendem Blicke ſchied er, als er ſie an den Platz zurückführte; wie viel ſtiller Gram, wie viel Wehmuth lag in dieſem langen Blick; ja, wenn ſie ſich den Ausdruck ſeines Auges noch einmal zurückrief, wie viel Dank lag darin, wie viel Lie— Sie drückte geſchwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen, die ſte unabläſſig verfolgten, ſie tanzte raſcher und — — — 87 eifriger, nur um ſich durch den raſchen Wirbel zu zerſtreuen; aber da wiſperte von der einen Seite der Feres, von der andern kicherte der Champagner ihr ins Ohr: er liebt dich, du biſt es ja, nach welcher er immer ſieht, wegen dir iſt er noch einmal auf den Ball gekommen. Der Cotillon hatte jetzt ſeine glänzendſte Höhe erreicht; eine Tour, die in Freilingen noch nie getanzt worden, ſollte eingeſchoben werden. Die Dame, welche die Reihe traf, ſetzte ſich, von ihrem Tänzer geführt, auf einen in die Mitte des Kreiſes geſtellten Seſſel; mit einem ſeidenen Tuch wurden ihr die Augen verbunden und dann Tänzer jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgeführt. Die Ausgeſchlagenen ſtellten ſich als Gefangene und beſtegt hinter den Stuhl, der Er⸗ wählte flog mit der von der Binde erlösten Tänzerin durch den Saal. Die Tour an ſich war gerade nicht ſo kühn erfunden, um durch ſich ſelbſt ſehr bedeutungsvoll zu werden; ſie ward es aber dadurch, daß der Vortänzer, ein gerade von Reiſen zurückge⸗ kommener Herr aus Freilingen, behauptete, in Wien werde dieſe Tour für ſehr verhängnißvoll gehalten, denn es gelte dort bei dieſer blinden Wahl das Sprüchwort:„Der Zug des Herzens ſei des Schickſals Stimme,“ und mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieſer Tour eintreffen ſehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgeſehen haben, doch moch⸗ ten ſie abergläubiſch genug ſein und wünſchen, des Schickſals Stimme moͤchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen den ſchönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder einen dergleichen vor die blinden Augen führen. Auch an Ida kam jetzt die Reihe, ſich niederzuſetzen, der ſauerſüße Kreisſekretär führte ſie zum Stuhl, fragte mit ſchalk⸗ haft ſein ſollendem Lächeln, das aber ſein Geſicht zur ſcheuß⸗ lichen Fratze verzog, ob er den Herrn Hofrath Berner bringen ſollte? Band ihr das Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken ſtanden ſchon drei arme Unglückliche, von der ſprö⸗ den, blinden Mamſell Amor Juſtitia verſchmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber ſie hatte ſich ſelbſt recht tüchtig aus⸗ geſcholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge ſich ziehen, wie es wolle, das Schickſal möge noch ſo gebietend rufen, ſie laſſe drei ablaufen und den vierten wolle ſie endlich nehmen. „Numero vier! gnädiges Fräulein!“ meckerte der Kreis⸗ ſekretär. Sie ließ die Binde löſen, ſie ſchlug die Augen auf und ſank in Emils Arme, der ſie im ſchmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der Hörner im Saal umherſchwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, ſie hatte keinen deutlichen Ge⸗ danken, als das immer wiederkehrende:„Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme.“ Ach! ſo hätte ſie durch das Leben tanzen mögen; ihr war ſo wohl, ſo leicht; wie auf den Flügeln der Frühlingslüfte ſchwebte ſie in ſeinem Arme hin, ſie zitterte am ganzen Körper; ihr Buſen hob ſich in fieberhaften Pulſen, ſie mußte ihn anſehen; es mochte koſten, was es wollte, ſie hob das ſchmachtende Geſichtchen, ein ſüßer Blick der beiden Liebesſterne traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden ſo werth geworden war; das edle Geſicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund von Mund, ach, wie unendlich hübſch kam er ihr vor, wie fein alle ſeine Züge, wie ſchmelzend ſein Auge, ſein Lächeln, ſie hätte mögen die paar Zöllchen breite Kluft durchſliegen, ihn zu lieben, zu kü— Klatſch, klatſch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem ſte die glacirten Handſchuhe zuſammenſchlugen, daß die zarten Nähte ſprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach ihr Kurzſichtigen, wenn ihr wüßtet, wie viel namenloſe Seligkeit in einer ſolchen kurzen Minute liegt, wie die Pforte des Lebens ſich öͤffnet, wie die Seele hinter die durchſichtige Haut des Auges heraufſteigt, um hinüberzufliegen zu der Schweſterſeele— wahr⸗ lich, ihr würdet dieſen Moment des ſüßeſten Verſtändniſſes nicht durch euer Klatſchen verſcheuchen. Der Ball war zu Ende; der Hofrath nahte, Ida den Shawl anzulegen und das wärmende Mäntelchen umzuwerfen, er nahm 89 dann ihren Arm, um ſie zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen.„Sie haben mit ihm getanzt, Töchterchen?“ —„Ja,“ antwortete ſie,„und wie der tanzt, können Sie ſich gar nicht denken; ſo angenehm, ſo leicht, ſo ſchwebend!“— „Idchen, Idchen!“ warnte der Hofrath lächelnd.„Was werden unſere jungen Herren dazu ſagen, wenn Sie ſte über einem Land⸗ fremden ſo ganz und gar vergeſſen?“—„Nun, die können ſich wenigſtens über das Vergeſſen nicht beklagen, denn ich habe nie an ſte gedacht! Aber ſagen Sie ſelbſt, Hofrath, iſt er nicht ganz, was man intereſſant nennt?“—„Ihnen wenigſtens ſcheint er es zu ſein,“ antwortete der neckiſche Alte.—„Nein, ſpaßen Sie jetzt nicht, iſt nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menſchen? Etwas, das man nicht recht erklären kann?“ Der Hofrath ſchwieg nachdenklich.„Wahrhaftig, Sie können Recht haben, Mädchen,“ ſagte er,„habe ich doch den ganzen Abend darüber nachgeſonnen, warum ich dieſen Menſchen gar nicht aus dem Sinne bringen kann.“ „Aber noch Etwas,“ fiel Ida ein,„wiſſen Sie nicht, wo er ſo plöͤtzlich mit dem alten Diener hinging?“—„Das iſt es eben!“ ſagte jener.„Eine ganz eigene Geſchichte mit dem Grafen da; kommt auf den Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt wieder; und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münſter!!“ „Jetzt eben, in dieſer Nacht?“ fragte Ida erſchrocken und an allen Gliedern zitternd.„Heute Nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten, Gold⸗Jdchen, morgen komme ich dem Ding auf die Spur.“ Der Wagen war vorgefahren; der Präſident kam in einer Weinlaune;„Hofraͤthchen,“ rief er,„wenn Du nicht anderthalb⸗ mal ihr Vater ſein könnteſt, wollte ich Dir Ida kuppeln!“ „Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt,“ jammerte der Hofrath,„aber da gab es allerlei intereſſante Leute u. ſ. w.“ Erröthend ſprang Ida in den Wagen, auf den loſen Hofrath ſcheltend, und umſonſt gab ſich Papa auf dem Heimweg Muͤhe, 90 zu erfahren, was jener gemeint habe. Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten Herrn; es biß die ſcharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch kein Wörtchen heraus konnte. Nicht mehr ſo fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kiſſen. Es war ihr ſo bange, ſo warm; mit einem Ruck war der ſeidene Plumeau am Fußende des Bettes, und auch die dünne Seiden⸗ hülle, die jetzt noch übrig war, mußte immer weiter hinabgeſchoben werden, daß die wogende, entfeſſelte Schwanenbruſt Luft bekam. Aber wie, ein Geräuſch von der Thüre her? Die Thüre geht auf, im matten Schimmer des Nachtlichtes erkennt ſie Mar⸗ tiniz blendendes Geſicht; ſein dunkles, wehmüthiges Auge feſſelt ſie ſo, daß ſie kein Glied zu rühren vermag, ſie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, ſie kann den Marmorbuſen nicht vor ſeinem Feuerblick verhüllen: ſie will zürnen über den ſonderbaren Beſuch, aber die Stimme verſagt ihr. Aufgelost in jungfräu⸗ liche Scham und Sehnſucht, drückt ſie die Augen zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager,„der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme,“ flüſtert er in ihr Ohr, er beugt das gram⸗ volle, wehmüthige Geſicht über ſie hin, heiße Thränen ſtürzen aus ſeinen glühenden Augen herab auf ihre glühenden Wangen, er wölbt den würzigen Mund— er will ſie kü— Sie erwachte, ſie fühlte, daß ihre eigenen heftigſtromenden Thränen ſie aus dem ſchönen Traume erweckt hatten. Die Beichte. Am andern Morgen ſehr frühe ſtand der Hoſrath ſchon vor des Präſidenten Haus und zog die Glocke. Er mußte ja ſein holdes Idchen fragen, wie es zum erſtenmal wieder in Freilingen 91 geſchlafen habe. Nebenbei hatte er ſo viel zu fragen, ſo viel mitzutheilen, daß er noch nicht wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Nur ſo viel war ihm klar, als er den hellpolirten Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von dem intereſſanten Herrn von geſtern zuerſt ſprechen werde; ſie ſoll mir daran, ſagte er, ſie ſoll mir beichten; er that ſich auf ſeinen Witz nicht wenig zu gut und lächelte noch ſtill vor ſich hin, als er die breite Treppe hinanſtieg. Der Präſident ſei ſchon in die Seſſion gefahren, gaben ihm die Bedienten auf ſeine Anfrage zur Antwort, aber das gnädige Fräulein nehme ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig ſei. Man meldete ihn, er wurde ſogleich vorgelaſſen. In ihrem kleinen, aufs Geſchmackvollſte dekorirten Boudoir ſaß Ida auf einer Eſtrade am Fenſter, das Lockenköpfchen in die Hand ge⸗ ſtutzt. War es doch, als ſei das Mädchen in dieſer Nacht noch tauſendmal ſchöner geworden! Der Hofrath bekam ordentlich Ehr⸗ furcht vor ihrer Schönheit; es lag ſo viel Schmachtendes in ihrem Auge, ſo viel ernſte Sanftmuth auf dem lieben Geſichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies Alles das Wunderkind geſtohlen hatte. Er ſagte ihr auch, wie ſchön er ſie ſinde, ſie aber lachte ihm geradezu ins Geſicht; ſie finde, daß ſie weit bleicher aus⸗ ſehe, als ſonſt, der Ball könne eines Theils daran ſchuld ſein, ſagte ſte; dazu komme, daß ſie heute Nacht ſo dumm geträumt habe und alle Augenblicke aufgewacht ſei. Sie wollte bei dieſer Behauptung recht ernſt ausſehen, aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich um den Mund, als wüßte es, was dem hübſchen Engelskind geträumt habe. Der Hofrath ſprach vom geſtrigen Ball, von Herren und Damen, von allen möglichen Schönen, aber er hätte ſich lieber die Zunge abgebiſſen, ehe er von Martiniz zuerſt angefangen hätte, obgleich er wohl ſah, daß Ida darauf warte. Er ſah ſich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt 8 92 waren, und das Geſpräch zu ſtocken drohte, im Zimmer um. „Nein,“ ſagte er,„wie wunderſchön Ihnen Papa das Boudoir da dekoriren ließ, die broncirte Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden ſich Ihre Beſucher erfreuen, wenn man ſich nicht mehr um den Rang auf dem Sopha ſtreiten darf, denn jener von hellbraunem Caſimir, der ſich an drei Wänden hinzieht, den eleganten Theetiſch von Cedernholz in der Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in ſich aufnehmen. Der franzöſiſche Kamin mit dem deckenhohen Spiegel ſcheint aber nicht ſehr warm geben zu wollen, doch Hoffart muß ſchon auch ein wenig Schmerz leiden. Die geſchmackvolle Etagére dort haben Sdiie gewiß ſelbſt erſt aus der Reſidenz geſchickt, denn hier wüßte ich Niemand, der ſolche Arbeit lieferte.“ Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Waſſer, ſchade nur, daß er den tauben Wänden predigte, denn Ida ſchaute ſtillverklärt durch die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund; dieſer ſah ſich um, ſah das Hinſtarren des Madchens, folgte ihrem Auge und— drüben in der erſten Etage des ehrſamen Gaſthofes zum goldenen Mond hatten ſich die roth und weißen Gardinen aufgethan, und im geoͤffneten Fenſter ſtand— nein, er machte es gerade zu, als der Hofrath hinſah, und ließ die Gardine wieder herab; das ſelige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem lauernden Auge des Hofraths. Die Flammenröthe ſchlug ihr in's Geſicht, als ſie ſich ſo verrathen ſah, aber dennoch ſagte Trotzköpfchen kein Wort, ſondern arbeitete eifrig an einer Centifolie; nun, dachte der Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willſt, auf den Zahn muß ich dir einmal fühlen, alſo ſei's. „Sie haben brave Nachbarſchaſt, Ida,“ ſagte er,„da können Sie Ihre aſtronomiſchen Beobachtungen nach den Glutſternen des Herrn von Martiniz recht commod anſtellen; ich habe zu Haus einen guten Dolland, er ſteht zu Dienſten, wenn Sie etwa—“ „Wie Sie nur ſo böoös ſein können, Berner!“ klagte das verſchämte Mädchen.„Wahrhaftig, ich habe bis auf dieſen Augen⸗ blick gar nicht gewußt, daß er nur im Mond logirt; und daß ich geſtern dieſen Mann ſchon wegen ſeines Außern gehaltvoller gefunden habe, als unſere jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe, iſt das denn ein ſo ſchweres Verbrechen, daß man es noch am andern Tage büßen muß? Iſt es denn ſo arg, wenn man Mitleiden hat mit einem Menſchen, der ſo unglücklich ſcheint?“ „Nun, da bringen Sie mich juſt auf den rechten Punkt,“ ſagte der Hofrath,„daß der junge Herr im Mond drüben geſtern Nacht in der Münſterkirche war, habe ich Ihnen geſagt; aber was er dort that? Das wiſſen Sie nicht, und was bekomme ich, wenn ich es ſage?“ „Nun, was wird er viel dort gethan haben?“ antwortete Ida, vergeblich bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen.„Er hat ſich wahrſcheinlich die Kirche zeigen laſſen, wie die Fremden auf der Durchreiſe immer thun.“ „Durchreiſe? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Mar⸗ tiniz die drei Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemiethet hat— ℳ „Auf vier Wochen?“ rief Ida freudig aus, erſchrack aber im nämlichen Augenblicke über die laute Aeußerung ihrer Freude. „Vier Wochen?“ ſetzte ſie gefaßter hinzu.„Wie freut mich das für die gute Mondwirthin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre Table d'hôte nicht ſo gut ſei, wie im Ilötel de Saxe, und kein Menſch bleibe recht lange; da hat ſie nun doch einen Beweis für ſich.“ „Die arme Mondwirthin,“ ſpottete der Hofrath,„die gute Seele! Muß ſie jetzt auch noch zur Entſchuldigung dienen, wenn man ſeine Freude nicht recht verbergen kann! Und, um aufs Vorige zurückzukommen, Sie glauben alſo, der Mann im Monde da drüben habe ſich als durchreiſender Fremder unſer Münſter zeigen laſſen und dazu die glückliche Stunde Nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den Kuſter mit ſeiner Laterne Alles beleuchten laſſen, nur um die Finſterniß deſto deutlicher zu ſehen?“ Der kleine Schalk lachte verſtohlen auf ſeine Arbeit hin und ließ den Hofrath immer fortfahren— „Heute in aller Früh war ich beim Küſter, dem ich vor Zeiten einmal einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß, ohne dieſe Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.„Gevatter!*“ ſagte ich zu ihm,„Er kann mir wohl ſagen, was der Fremde, der Ihn geſtern Nacht noch beſuchte, im Münſter gethan hat.“ Der Mann wollte im An⸗ fang von gar nichts wiſſen; ich rief aber meinen alten Balthaſar, Sie kennen ihn ja, wie geſchickt er iſt, Alles aufzuſpüren, dieſen rief ich her und confrontirte beide; der Balthaſar hatte den Be⸗ dienten des Fremden in des Küſters Haus gehen und beide bald darauf mit dem Fremden im Münſter verſchwinden ſehen. Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil es ein furchtbares Geheimniß ſei, das er nicht verrathen dürfe. So neugierig ich war, ſtellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß er nichts ſagen dürfe, weil es ihm ſonſt eine Bouteille Alten(ſeine ſchwache Seite) eingetragen hätte, da gab er nach und erzählte—“ „Nun, fahren Sie fort,“ ſagte Ida ungeduldig,„Sie wiſſen von früher her, daß ich für mein Leben gerne Geſchichten höre, namentlich geheimnißvolle, die bei Nacht in einer Kirche ſpielen.“ „So, ſo? Man höͤrt gerne Geſchichten von intereſſanten ge⸗ heimnißvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter. Der Küſter, der für ſeine Mühe einen harten Thaler bekam, führte geſtern Nacht einen Herrn, der bleich wie der Tod, aber ſo vornehm wie ein Prinz ausgeſehen haben ſoll, in das Münſter. Dort habe ſich der Fremde auf die Altarſtufen geſetzt und in voller Herzensangſt gebetet. Dann ſei ein Sturm gekommen, wie er faſt noch nie einen gehört; er habe an den Fenſtern gerüttelt und geſchüttelt und die Scheiben in die Kirche hereingeſchlagen, der Herr aber habe wunderliche Neden geführt, als reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen. „Der Küſter glaubt⸗auch daran, wie ans Evangelium, und weint wie ein Kind um den bleichen jungen Mann, der ſchon 97 kenne den Geſchmack meines Hofräthchens gar wohl, darum habe ich dieſes Frühſtück gewählt, und denken Sie, wie geſchickt ich bei Madame la Truniaire geworden bin, ich habe ihn ganz allein ſelbſt gemacht, Geſicht und Arme glühen mir noch davon; ver⸗ ſuchen Sie doch, er iſt ganz delikat ausgefallen.“ Sie lüftete, ohne ſich vor dem alten Freund zu geniren, das leichte Ueberröckchen; eine himmliſche Ausſicht öͤffnete ſich, der weiße Alabaſterbuſen ſchwamm auf und nieder, daß der Hof⸗ rath die alten Augen in ſeine Chocolate heftete, als ſolle er ſle mit den Augen trinken.„Hieher ſollte einer unſerer jungen Herren kommen,“ dachte er,„Kapweinchocolate in den Adern, ein ſolches Himmelskind mit dem offenen leichten Ueberröckchen vor ſich— ob er nicht rein von Sinnen käme.“ Beinahe eben ſo großen Reſpekt als vor ihren entfeſſelten Reizen bekam er aber vor der Kochkunſt des Mädchens. Die Chocolate war ſo fein, ſo würzig; das rechte Maaß des Weines ſo gut beobachtet, daß er bei jedem Schlückchen zögerte, zu ſchlucken. Idchen aber ſchien ihre Chocolate ganz vergeſſen zu haben, denn ein neues Schauſpiel bot ſich ihren Augen dar. Der wohl⸗ bekannte Diener des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des goldenen Mondes. Sie ſelbſt war ſo viel Reiterin, daß ſie wohl beurtheilen konnte, daß beſonders das eine Pferd, ein majeſtätiſcher Stumpfſchwanz, Tigerſchimmel, von unſchätzbarem Werthe ſei. Auch Berner, der in allen Sätteln gerecht war, ſtimmte bei und pries die einzelnen Schönheiten des Schimmels, beſonders auch das elegante, geſchmackvolle Reitzeug. Ida wagte voll Erwartung kaum Athem zu holen; der Mond⸗ wirth, ein ſtattlicher Vierziger, trat gravitätiſch aus dem Thor⸗ weg und becomplimentirte ſich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel des Tigerſchimmels zu halten. Als aber dieſer ſich dieſes Geſchäft nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von dem Oberkellner; er ſtreichelte den ſchlanken Hals ſeines Schimmels und warf über ihn weg W. Hauff’s Werke. III. 98 oft ſeine Blicke zu dem Fenſter gegenüber, wo Ida neben dem Hofrath ſaß. Indem toͤnte der Hufſchlag eines in kurzem Galopp an⸗ ſprengenden Pferdes die Straße herauf, es kam näher, es war der junge Dragoner⸗Freier, Lieutenant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und von einem ſeiner Kameraden eine pracht⸗ volle Tigerdecke entlehnt, und langte jetzt in vollem Wichs vor des Präſidenten Haus an. Nach Vorſchrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf die Holdſelige ſeine Reitpeitſche fallen; im Nu war der geübte Voltigeur herab von ſeinem Rappen; aber gerade, als er wieder aufſpringen wollte, ſcheute ſein Roß an denen, die vor dem goldenen Mond ſtanden, machte einen Seitenſprung und dann im Carrisre davon, gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der Schule kamen, ihre un⸗ ſchuldigen Spiele trieben. Der Mondwirth, der bis jetzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener links, und ventre à terre flog Martiniz mit Windeseile dem Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und kläglich ſchrien, riß ſein eigenes Roß herum, packte mit Rieſenkraft den Ausreißer und brachte ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augen⸗ blicks. Der liebende Dragoner hinkte auf ſeinen Freiersfüßen dem Rappen nach, murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten ſollten, ſaß auf und jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tauſendſtimmigen Beifall, der ihm von der Menge, die ſich verſammelt hatte, zugejubelt wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Praͤſidenten Haus hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf ſeinem Morgenritt weiter. Ida hatte in dem ſchrecklichen Moment das Fenſter aufge⸗ riſſen; ſie hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit ſteigender 3 Angſt den gefährlichen Moment geſehen, wo Martiniz in geſtreckter Carriere ſein Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überſtürzen; ſte hätte moͤgen mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte ſich nicht enthalten, als er vor ihrem Fenſter vorbeikam, ſeinen Gru ſo freundlich als möglich zu erwidern. Dieſer Moment war ent⸗ ſcheidend; in der Angſt, die ſie fühlte, ward ſie ſich bewußt, wie theuer ihr der Mann war, der dort hinſiog. Das gepreßte Herz, die ſtürmiſch wogende Bruſt rang nach einem Ausweg. Der Hof⸗ rath wollte ſeinen alten Sarkasmus wieder ſpielen laſſen, aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen ſo bittend anſah, als ſie ſeine Hand druͤckte, und die hellen, vollen Thränen aus den ſanften Augen herabſielen.„Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, Hofrath? Aber über ſolche Seenen, ich kann nicht anders, muß ich unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich, es würde mir gerade jetzt recht wehe thun.“: „Gott bewahre mich, daß ich lache,“ entgegnete der Hof⸗ rath,„wenn Eines im höchſten Fieberparoxismus iſt, wie Sie, Goldkind, ſo lacht man gewöhnlich nicht.“ Er dankte ihr für ihre Chocolate, nahm Stock und Hut und ließ das Maͤdchen mit ihrem ſiebzehnjährigen, von dem Keim der erſten Liebe ſtür⸗ miſch bewegten Herzchen allein. Der Brief. Als Hofrath Berner nach Tiſch wieder in des Präſidenten Haus kam, um ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu be⸗ ſuchen, traf er Ida wieder ſo vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter! dachte er. Auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen, ſo darf man gewiß ſein, daß uns auch der Abend noch traurig, oder doch ernſt findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander, wie Heu und Stroh. Er ſetzte ſich zum Präſidenten, der gewöhnlich vor dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tiſchelte; gegenüber hatte er das liebe Aprilkind und nöthigte ſie durch ſein beredtes Mienen⸗ 100 ſpiel, wodurch er ſie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke zum Lachen oder Rothwerden. „Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner,“ ſagte der Präſident,„hätte ich doch beinahe das Beſte vergeſſen. Sie koͤnnen mir durch Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die Sie haben, einen ſehr großen Gefallen thun. Ich bekam da heute vom Miniſterialſekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten Elogen der ganz ſonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als Praͤſident auch noch den gehorſamen Diener anderer Leute zu ſpielen. Da haben Sie,“ fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen Dienſtſtegel hervorzog, „leſen Sie einmal vor, aber da, die Clogenſtelle bleibt weg, ich kann das Ding für meinen Tod nicht leiden, wenn man einen ſo ins Geſicht hinein lobt.“ Berner nahm den Brief, der, weil in ſolchen Fällen der Staatsſekretär von Planken ſelbſt ſchrieb, ein wenig ſchwer zu leſen war, und begann:—„Nächſtdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein ſicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exeellenz bereiſen werde, ihm aller mögliche Vorſchub und Hülfe zu Theil werden ſoll. Beſagter Herr von Martiniz wurde unſerem Hofe durch den— ſchen Ministre plénipotentiaire aufs Angelegentlichſte empfohlen. Er hat im Sinne bei uns, aller Wahrſcheinlichkeit nach in Ihrem Kreiſe, ſich bedeutende Güter zu kaufen, iſt ein Menſch, der ſeine drei Millionen Thaler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher wo mög⸗ lich im Lande gehalten werden. Ew. Ercellenz können, wenn ſolches gelingen ſollte, auf größern Dank höhern Orts rechnen, da, wie ich Ihnen als altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er ſich im Lande anſtedelte und ſein Vermögen herein⸗ zoͤge, die Hand der Gräfin Aarſtein Excellenz demſelben nicht vorenthalten werden wird.“ 3 Im Anfang dieſes Briefes war Ida bei dem Namen Mar⸗ tiniz hoch erroͤthet, denn ſie begegnete dem Auge des Hofraths, der über den Brief hinweg zu ihr hinüber ſah; als die Stelle — — 101 von den drei Millionen kam, wurde die Freude ſchwächer; ein dreifacher Millionäͤr war nicht für Ida's beſcheidene Wünſche; als aber die Hand der Gräfin Aarſtein nach ihrem ſanften, liebe⸗ warmen Herzen griff, da wich alles Blut von den Wangen des zitternden Mädchens, ſie ſenkte das Lockenköpfchen tief, und eine Thräne, die Niemand ſah als Gott und ihr alter Freund, ſtahl ſich aus den tiefſten Tiefen des gebrochenen Herzens in das ver⸗ dunkelte Auge und fiel auf den Teller herab. Sie kannte dieſe Gräfin Aarſtein aus der Reſidenz her. Sie war die natürliche Tochter des Fürſten.....; von ihm mit ungetheilter Vorliebe erzogen, und mit einem ungeheuern Ver⸗ mögen ausgeſtattet, lebte ſie in der Reſidenz wie eine Fürſtin. Sie war einmal einige Jahre verheirathet geweſen, aber ihre allzu vielſeitige Menſchenliebe hatte den Grafen Aarſtein ge⸗ nothigt, ſeine Perſon von ihr ſcheiden und ihr nur ſeinen Namen zurückzulaſſen. Seitdem lebte ſie in der Reſidenz; ſie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen wiſſe; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, ſo hörte man von der Gräfin, daß ſie dieſes angenehme Leben auf Koſten ihres Rufes führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozeſſe auf einmal, Schulden ſo viel als Steine in ihrem Schmuck habe und Kokette ſei, die ſich nicht entblöde, mit dem Geringſten zu liebaugeln, wenn ſeine Formen ihr gefielen. So war Graͤfin Aarſtein. Ein unabweislicher Widerwille hatte ſchon in der Reſidenz die reine jungfräuliche Ida von dieſer üppigen Buhlerin zurückgeſchreckt; ſo oft ſie zu ihren glänzen⸗ den Soirées geladen war, wurde ſie krank, um nur dieſe frivolen Augen, dieſe bis zur Nacktheit zur Schau geſtellten Reize nicht zu ſehen, und dieſe Frau, deren Geſchäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Perſifliren war, ſollte der ernſte, un⸗ glückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge von Wehmuth, dem gefühlvollen ſprechenden Auge— Berner hatte ſchweigend den Brief noch einmal überleſen und legte ihn dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. 102 3 Nun, was ſagen Sie zu dem ſonderbaren Auftrag?“ fe. 2 7 5 1 f 9. der Präſident.„Wahr iſt es, der Martiniz iſt nach dieſer Be⸗ ſchreibung ein Goldſiſch, den man nicht hinauslaſſen darf, ja, ja,— man muß negociren, daß er in unſerem Kreiſe bleibt. Da könnte er zum Beiſpiel Woldringen kaufen: um zweimal⸗ hunderttauſend Thälerchen iſt Schloß, Gut, Wieſen, Feld, Fluß, See, Berg und Thal, Alles, was man nur will, ſein; und dieſer Preis iſt ein Pappenſtiel. So, ſo? Die Aarſtein alſo? Nicht übel gekartet von den Herren. Sie ſoll enorme Schulden haben, die am Ende doch der Fürſt übernehmen müßte, die be⸗ kommt der Herr Graf in den Kauf. Du kennſt die Aarſtein, Ida? Sahſt Du ſie oft?“ „Nie!“ antwortete Ida unter den Löckchen hervor und ſah noch immer nicht vom Teller auf. 4 „Nie?“ fragte der Präſident gereizt.„Ich will nicht hoffen, daß die gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln ſehen wollte; hat ſie Dich nie eingeladen, wurdeſt Du ihr nicht vorgeſtellt?“ „0 ja,“ ſagte Ida,„ſie ſchicte wohl zwanzig Mal, ich kam aber nie dazu, hinzugehen.“ „Was der T—! Ich hätte geglaubt, Du wäreſt ein ver⸗ 3 nünftiges, geſittetes Mädchen geworden; wie kannſt Du ſolche Sottiſen begehen und die C Einladungen einer Dame, die mit dem fürſtlichen Hauſe ſo nahe liirt iſt, refüſtren?“ „Man hat mich deßwegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,“ antwortete Ida und hob das von Unmuth ge⸗ röthete Geſichtchen empor; man hat ſich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbeſcholtenen Mädchens wohl anſtehe, ſo fern als möglich von der Frau Gräfin zu bleiben.“ „So ſieht es dort aus?“ fragte der Präſident kopfſchüttelnd, „Nun, nun! Heutzutage ſetzt man ſich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber weg. Ich mag Dir hierüber nichts ſagen, Ihr jungen Mädchen habt Eure eigenen Grundſätze; nur wäre es wegen den jetzigen Verhaͤltniſſen beſſer geweſen, Du hätteſt 103 ſie öfter geſehen; denn wenn ſie ſich hier in der Gegend an⸗ 3 kaufen, kommen ſie doch alle Jahre ein paar Mal nach Freilin⸗ gen. Wir machen das erſte Haus hier, Du ſollſt in Zukunft die Dame des Hauſes vorſtellen, wie kannſt Du nun die Gräfin Martiniz empfangen, wenn Du in der Reſidenz ſie ſo ganz negligirteſt?“. „Nun, Gräfin Martiniz iſt ſte ja noch nicht,“ meinte der Hofrath und lächelte dabei ſo deheimnißsoll⸗ daß es ſogar dem Präſidenten auffiel. „Nun, Er ſpricht ja ſo ſicher icber dieſen Punkt,. ſagte dieſer,„als kenne Er den Grafen Martiniz und ſeine Herzens⸗ angelegenheiten aus dem Fundament.“ „Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht, 4 lachelt Berner,„aber den Graſen hatte ich die Ehre geſtern kennen zu lernen—“ „Wie,“ unterbrach ihn der Präſident,„er iſt ſchon hier? Und wir ſchwatzen ſchon eine Stunde von ihm, und Sie ſagen nichts— „Fraͤulein Tochter iſt nicht minder in der Schuld als ich,“ entgegnete jener,„ſte kennt ihn ſogar genauer als ich.“ „Ich glaube, Ihr ſeid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat Euch erleuchtet. Du, Idchen, D Du kennſt ihn?“ „Nein— ja—“ antwortete Ida, noch höher erröthend. „Ich habe mit ihm getanzt, das iſt Alles.“ „Er war alſo geſtern auf dem Ball? Schon bei Jahren, na⸗ türlich, ein ältlicher Mann? Schon in unſerem Alter, Berner!“ „Nicht ſo ganz,“ ſagte dieſer mit Hohn,„er mag ſo ſeine drei⸗ bis vierundzwanzig Jährchen haben. Uebrigens können Er⸗ cellenz ſeine Bekanntſchaft recht wohl machen, er logirt drüben im Mond.“ Der Praͤſident war zufrieden mit dieſen Nachrichten; er ſann nach, wie der junge Mann am beſten zu halten ſein moͤchte, denn er trieb Alles gerne nach dem Canzleiſtyl. Freund und Tochter, die er zu Rathe zog, riethen, ihn einzuladen und ihm ſo viel Ehre und Vergnügen als möͤglich zu geben. Der Hof⸗ 8 rath nahm es über ſich, die Sache einzuleiten, und der Präſident ging um ein Geſchäft leichter in ſein Collegium. Operationsplan. Als er weg war, ſahen ſich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein Wort zu wechſeln. Der Hofrath, dem das lange Schweigen peinlich wurde, zwang ſich, obgleich ihm die weh⸗ müthige Freundlichkeit in Ida's Geſicht, ihr thränenſchwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe that, zum Lächeln.„Nun, wer hätte es,“ fagte er,„wer hätte es dem leidenden Herrn von geſtern Nacht angeſehen, daß er drei Milliönchen habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weinte in ſeinem Landauer, weil er keine Wechſelchen mehr habe! Wer hätte es dem trüb⸗ ſeligen Schmerzenreich angeſehen, daß er bald eine glänzende, luſtige Partie machen würde.“ Ida ſchwieg noch immer, es war, als ſcheute ſie ſich vor dem erſten Wort, das ſie vor dem Freund, der ihr Herz ſo tief durchſchaut hatte, auszuſprechen habe. „Oder wie?“ fuhr er fort.„Wollen wir eine Allianz ſchließen, mein liebes Aprilwetterchen, daß die Graͤfin Aarſtein ihre Schulden nicht zahlen kann, daß—“ „O Berner, verkennen Sie mich nicht,“ ſagte Ida unter Thränen;„es iſt gewiß nur das reine Mitleid, das mich nöthigt, auszuſprechen, was ſonſt nie geſprochen worden wäͤre. Sehen Sie, dieſes Weib iſt die Schande unſeres Geſchlechtes! Sie iſt ſo ſchlecht, daß ein ehrliches Mädchen erröthen muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie den jungen Mann da drüben, und wenn it iſt, wie er ausſieht, wenn er edel iſt und trotz ſeines Reichthums unglücklich, ſo machen Sie, daß er nicht noch unglücklicher wird; ſuchen Sie ihn ans den Schlingen, die man um ihn legen wird, zu reißen—“ — „Das kann Niemand beſſer als mein Idchen,“ entgegnete jener und ſah ihr recht ſcharf in das Auge;„wenn mich nicht Alles trügt, hängt das Goldfiſchchen an einem ganz anderen Haken als an dem, womit ihn der Miniſter ködern will; nur nicht gleich ſo roth werden, Kind. Ich will Alles thun, will ihm ſein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will ihm die Augen aufthun, daß er ſieht, wohin er mit der Aarſtein kommt, will machen, daß er ſich in unſerer Gegend ankauft und ſeine drei Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mäd⸗ chen da lie—“ „Still, um Gotteswillen,“ unterbrach ihn die Kleine und preßte ihm das kleine weiche Patſchhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter reden konnte.„Wer ſpricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar nicht; es waͤre ganz gegen meine Grund⸗ ſätze, nur die Schlange im Reſidenzparadies ſoll ihn nicht haben; vom Uebrigen kein Wort mehr, unartiger Mann!—“ Verſchamt, wie wenn der Hofrath durch die glänzenden Augen hinabſchauen könnte auf den ſpiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die Gedanken ſich insgeheim drängten und trieben, ſprang ſie auf und an den Flügel hin, übertönte die Schmeichel⸗ worte des Hofraths mit dem ranſchendſten Fortiſſimo, drückte ſich die weichen Kniee roth an dem Saitendämpfer, den ſie hin⸗ auftrieb, um die Toͤne ſo laut und ſchreiend als möglich zu⸗ machen, um durch den Sturm, den ſie auf den Elfenbeintaſten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzen keinen Raum. hatte, zu übertäuben.. Verzweiflungsvoll über den hallohenden Schmetter dieſes Furioſv's enteilte der Hofrath dem Salon. Aber kaum hatte er die Thüre geſchloſſen, ſo ſtieg ſie herab aus ihrem Tonwetter, die gellenden Akkorde lösten ſich auf in ein ſüßes, flüſterndes Dolce, ſie ging über in die ſchöne Melodie:„Freudvoll und leidvoll;“ mit Meiſterhand führte ſie dieſes Thema in Varia⸗ tionen aus, die aus ihrem innerſten Leben heraufſtiegen; durch alle Tone des weichſten Moll klagte ſie ihren einſamen Schmerz, bis ſie fühlte, daß dieſe Toͤne ſte viel zu weich machen, und ihr Spiel ohne ſeine Diſſonanzen aufzuloͤſen, ſchnell wie ihre Hoff⸗ nung endete. Die Mondwirthin. Im goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage vorn heraus hatte ſchon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die Mondwirthin hatte daher Allem aufgeboten, um dieſe Zimmer ſo anſtändig als möglich zu dekoriren. Das mittlere hatte ſie durch einen eleganten Armoir zum Arbeits⸗, 9 7.. durch ein großes Sopha zum Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte ſie Schlafkabinet, das rechte, weil ſie ihren ganzen Vorrath überflüſſiger Taſſen und eine broncirte Maſchine auf einen runden Tiſch geſetzt hatte, das Theezimmer. Auch an der Table d'höte, wo ſonſt nur einige Individuen der Garniſon, einige * Forſt⸗ und Juſtizaſſeſſoren, Kreisſteuereinnehmer und dergleichen, ſelten aber Grafen ſaßen, waren bedeutende Veränderungen vor⸗ gegangen. Zum Deſſert kam ſogar das feinere Porzellan mit ge⸗ malten Gegenden und die damascirten Straßburger Meſſer, die ſonſt nur alle hohe Feſttage aufgelegt wurden. Daß ihr angeſehener Gönner und ſpecieller Freund, der Hof⸗ rath Berner, jetzt im Mond, ſtatt zu Haus eſſen wollte und augen⸗ ſcheinlich dem Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren in den Augen der Frau Mondwirthin. Sie war ganz vernarrt in ihren neuen Gaſt. Schon als er in dem herrlichen Landauer mit den vier Poſtpferden, den aus Leibes⸗ kräften blaſenden Schwager darauf, vorfuhr, als der reichbordirte Bediente dem jungen Mann heraushalf, ſagte ſie gleich zu ihrem Ehezärter:„Gib Acht, das iſt was Vornehmes.“ Als ſie aber dem Brktzwiſl, ſo nannte ſich der gute alte Diener, die Eommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäſche ſeines Herrn aus den Koffern nehmen, ſortiren 107 dunß ordnen half, da ſchlug ſie vor Seligkeit und Staunen die Häͤnde zuſammen. Sie hatte doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, ſanfte Leinwand zum Brauthemdchen bekommen, aber das war grober Zwilch gegen dieſe Hemden, dieſe Tücher— nein, ſo etwas Ertrafeine s, Schneewe ines konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieſes. Es iſt kein übles Zeichen Miſeker Zeit, wo der Edelmann ſeinen D degen abgelegt hat, und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der Bürgerliche erſcheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen kommt, nach dem Herzen ſehen, das heißt nach ſeiner Wäſche. Iſt ſie grob, unordentlich oder gar ſchmutzig, ſo zeigt ſie, daß der Herr aus einem Hauſe ſ ſein müſſe, wo man entweder ſeine Erziehung ſehr vernachläſſigte oder ſelbſt malpropre und unordentlich war. Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die feinen Fältchen der Buſenkrauſe und des Hemdes ins Auge fallen, da findet gewiß d der Gaſt Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil ſie immer dieſes Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält. Auch die Freilinger Mondwirthin hatte dieſen wahren Schoͤn⸗ heitsſinn, dieſe angeborene Vorliebe für ſchönes Linnenzeug in ihrer oft ſchmutzigen Wirthſchaft noch nicht verloren, daher der unge⸗ meine Reſpekt vor dem Gaſt, als ſein Diener ihr die feinen Hemden dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Buſenſtreifen, bald mit, bald ohne Manſchetten aus den geöffneten Koffern hinüber reichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals⸗ und Sacktüchern kam, wovon ſie jedes zum höchſten Staat in die Kirche angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne!„Ach, wie fürſtlich iſt der Herr ausgeſtattet! Das hat gewiß die gnädige Frau Mant ihm m inedezen „Der thut ſchon lange kein Zahn mehr weh,“ gab Brktzwiſl zur Antwort. „Iſt ſie todt, die brave Frau, die ſo ſchöne Linnen machte?“ ſagte die mitleidige Mondwirthin.„Aber die gnädigen Fräulein Schweſtern haben—“ 8 108 „Hat keine mehr. Vor einem Jahre ſtarb die Gräfin Crescenz.“ „Auch keine Schweſtern mehr? Der arme Herr! Aber auf ſolche exquiſite Prachtwäſche verfällt kein junger Herr von ſelbſt. Ich kann mir denken, der gnädige Herr Papa Excellenz—“ „Iſt ſchon lange verſtorben,“ entgegnete das alte Todtenregiſter mit einem Ton, vor welchem der Wirthin die Haut ſchauderte. „Der arme junge Herr!“ rief ſie,„was hat er jetzt von ſeinem ſchönen Linnenzeng, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die ihn lobt, daß er Alles ſo ordentlich ge⸗ halten und keine Fräulein Schweſter, die ihm das Schadhaft⸗ flickt und ordnet. Jetzt kann ich mir denken, warum der gnädige Herr immer ſo ſchwarz angezogen iſt und ſo bleich ausſteht, Vater 3 todt, Mutter todt, Schweſter todt, es iſt recht zum Erbarmen.“ „Ja, wenn's das allein wäre!“ ſeufzte der alte Diener und wiſchte ſich das Waſſer aus dem Auge. Doch, als hätte er ſchon zuviel geſagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, heran und ſchloß auf. Die Wirthin haͤtte für ihr Leben gerne gewußt, was ſonſt noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der Verluſt aller Verwandten klein dagegen ausſehe. Aber ſie wagte nicht, den alten Brktzwiſl, deſſen Name ihr ſchon gehörig imponirte, darüber zu befragen, auch ſchloß der Anblick, der ſich jetzt darbot, ihr den Mund. Die ſchwarze Kleidung hatte ihr an dem ernſten ſtillen Gaſt nicht ſo recht gefallen wollen, ſie hatte ſich immer gedacht, ein buntes Tuch, ein hübſches helles Kleid müßten ihn von ſelbſt freundlicher machen. Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen — nein! Sie hatte geglaubt, doch auch Geſchmack und Urtheil in dieſen Sachen zu haben. Sie hatte in früherer Zeit, als ſie noch bei ihrer Mutter war, die Franzoſen im Quartier gehabt, ſchöne Leute, hübſch und geſchmackvoll gekleidet. Später, als ſie ſchon auf den Mond geheirathet hatte, waren die Ruſſen und Preußen da geweſen, große ſtattliche Männer wie aus Gußeiſen. Freilich hatten ſie nicht die lebhaften Manieren, wie die früheren Gaͤſte, aber die knappſitzenden Spencer und Kutkas waren denn 1 — 109 doch auch nicht zu verachten. Aber vor der himmliſchen Pracht dieſer Uniform verblichen ſie ſammt und ſonders zu abgetragenen Landwehr⸗ und Bürgermilizkamiſölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Seſſel auf, wohin ihn Brktzwiſl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; nein, es war nicht moͤglich, etwas Schöneres, Feineres zu ſehen, als dieſes Tuch, das wie Sammt glänzte; das brennende Roth an den Aufſchläͤgen, die herrliche Poſamentir⸗ arbeit an der Stickerei und den Achſelſchnüren. „Das iſt die polniſche Garde bei uns zu Haus in Warſchau,“ belehrte ſie der alte Diener, dem dieſer Aublick ſelbſt das Herz zu erfreuen ſchien.„Moͤchte man da nicht gleich ſelbſt in die mit Seide gefütterten Aermel fahren und das ſpannende Jäckchen zu⸗ knöpfen? Und, weiß Gott! ſo wie mein Herr gewachſen, war Keiner unter Allen! Der Schneider wollte ſich ſelbſt nicht glauben, daß die Taille ſo fein und ſchmal ſei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern und Zagen, es möchte zu eng ſitzen, ſein Kunſtwerk; aber Gott weiß, wie es zugeht, ſie war zwar über ſeine breite Heldenbruſt gerade recht, aber in den Weichen viel zu weit, und dabei iſt an kein Schnüren zu denken; mein Herr verachtet dieſe Kunſtſtücke. Der Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung, er konnte es rein nicht begreifen, die andern Herren beim Regiment ließen ſich Corſete machen mit Fiſchbein, ſchnürten ſich zuſammen, daß man hätte glauben ſollen, der Herzbändel wolle ihnen zerſpringen, und den⸗ noch riſſen die Knöpfe alle drei Tage, wenn ſie nur ein wenig mehr als zu viel gegeſſen hatten— mein Herr war immer der Fireſte, gedrechſelt wie eine Puppe, und Alles ohne ein Loth Fiſch⸗ bein, ſo wahr ich lebe.“ „Es iſt unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs gibt,“ unterbrach ihn die Wirthin, andächtig ſtaunend. „Und dann, Madame, laſſen Sie ihn erſt noch die Galla⸗ beinkleider da anlegen, den Federhut aufſetzen, ſeine goldenen Sporen mit den ſilbernen Raͤdchen an den feinen Abſätzchen, denn Füßchen hat er trotz einer Dame; laſſen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten auf die Bruſt hängen, den Ehrenſäbel, den ſein Herr Vater vom Kaiſer bekommen, und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den Leib ſchnallen; Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an den Hals und küßte ihm die ſchwarzen Locken aus der ſchönen Stirne. Und dabei war er ſo fröhlich; die Wangen ſo roth, das Auge ſo freundlich blitzend, und Alles hieß ihn nur den ſchönen, luſtigen Martiniz. Das Alles iſt jetzt vorbei,“ ſetzte der treue Brktzwiſl ſeufzend hinzu, indem er die Staatsuniform der Wirthin abnahm und in die Commode legte,„da liegt das ſchöne Kleid, nach dem Zehntauſend die Finger leckten, ſo liegt es ſeit Dreivierteljahren, und wie lange wird es noch ſo liegen!“ 3 „Aber ſagen Sie doch, lieber Herr Wieſel, Sein Vordertheil kann ich nicht ausſprechen, ſagen ſie doch, warum dies Alles, warum ſieht Sein Herr ſo bleich und traurig? Warum kleidet er ſich wie ein junger Kandidat, da er unſere ganze Garniſon in den Boden glänzen könnte? Warum denn?“ Der Alte ſah ſie mit einem grimmigen Blicke an, als wollte er über dieſen Punkt nicht gefragt ſein. Aber die junge, reinliche, appetitliche Wirthin mochte doch dem ranhen Mann zu zart für eine derbe Antwort vorkommen.„Bassa manelka!“ fagte er un⸗ freundlich.„Warum? Weil— ja, ſehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig weil wir als Civil reiſen,“ und nach dieſem war auch kein Sterbenswörtchen mehr aus ihm herauszubringen. Der polniſche Gardiſt. Dies Alles hatte die Wirthin dem Hofrath erzählt, der ſich in dem ſchoͤnen Speiſeſaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gaͤſte zur Abendtafel eingefunden hatte, um ſo allerlei Nachrichten, die ihm dienen konnten, einzuziehen. Er hatte ſie ganz ausſprechen laſſen und nur hie und da ſeinen Graukopf ein wenig geſchüttelt; 82— 111 als ſie zu Ende war, dankte er für die Nachrichten.„Und ihn ſelbſt, Ihren wunderlichen Gaſt, haben Sie noch nicht geſprochen oder beobachtet? Ich kenne Ihren Scharfblick, Sie wiſſen nach der erſten Stunde gleich, was an Dieſem oder Jenem iſt, und auch über Leben und Treiben fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem ſich viel ſchließen läßt.“ Die Geſchmeichelte lächelte und ſprach:„Es iſt wahr, ich betrachte meine Gäſte gern, und wenn man ſo ſeine acht oder zehn Jährchen auf einer Wirthſchaft iſt, kennt man die Leute bald von außen und innen. Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein Anderer klug. Mein Mann, der ſich ſonſt auch nicht übel auf Geſichter verſteht, ſagt:„Wenn es nicht ein Polack wäre, ſo müßte er mir ein Engländer ſein, der den Spleen hat.“ Aber nein, wir hatten auch ſchon Engländer, die den Spleen fauſtdick hatten, tage⸗, wochenlang bei uns, aber die ſehen griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrath, haben daͤrin einen feinern Takt, als mancher Profeſſor. Der Graf ſieht nicht ſpleenigt und griesgrämig aus, nein, da wette ich, der hat wirk⸗ liches Unglück, denn die Wehmuth ſchaut ihm ja aus ſeinen ſchwar⸗ zen Guckfenſtern ganz deutlich heraus. Denke ich den Nachmittag, du gehſt einmal hinauf und ſprichſt mit ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt, als von dem alten Burrewiſl. Im Thee⸗ zimmer ſitzt mein ſtiller Graf am Fenſter, die Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meinte, er ſchläft oder hat Kopfweh. Drüben ſpielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel ſo wunderſchön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen aber mußte es nicht ſo⸗vorkommen, denn die hellen Perlen ſtanben ihm in dem dunkeln Auge, als er ſich nach mir umſah.“ „Wann war denn dies?“ fragte der Hofrath. „So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun ſo vor ihm ſtehe, und er mich mit ſeinem ſinnenden Auge maß, da muß ich feuerroth geworden ſein, denn da fiel mir ein, daß doch nicht ſo leicht mit vornehmen Leuten umzugehen ſei, wie man ſich ſonſt wohl einbildet; er iſt auch nicht ſo ein Herr Obenhinaus und Nirgendan, wie unſere jungen Herren, mit denen man kurzen Prozeß macht, nein, er ſah gar zu vornehm aus.„Ich wollte nur gefälligſt fragen, ob Ew. Excellenz mit Ihrem Logis zu⸗ frieden ſeien?“ hub ich an. „Er ſtand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir, denken Sie ſich, ſo artig, als wäͤre ich eine polniſche Prin⸗ zeſſin, einen Stuhl und lud mich zum Sitzen ein. Es iſt er⸗ ſtaunlich, was der Herr freundlich ſein kann, aber man ſieht ihm doch an, daß es nicht ſo recht von Herzen gehen will. „An dem Logis hatte er gar nichts auszuſetzen; und auch die Straße gefiel ihm. Das Geſpräch kam auf die Nachbarſchaft und auch auf Präſidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunder⸗ ſchönen Fräulein, die erſt aus der Penſion gekommen, und wie ſie ſo gut und liebenswürdig ſei; von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau ſchon lange todt ſei; und ich hatte mich ſo ins Erzählen vertieft, daß ich gar nicht merkte, wo die Zeit hinging, und ſtatt ihn auszufragen, hatte ich die Gelegen⸗ heit ſo dumm verplaudert!“ „Schade! Jammerſchade!“ lachte Berner über die ſprachſelige Wirthin. „Und wie gut der Herr iſt! Denken Sie ſich nur, hinten im Garten, wo es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr ſchön iſt, ſitzt mein Luischen; das Dingelchen iſt jetzt acht Jahre alt, und ſchon recht vernünftig, ſitzt im Garten und weiß nicht, daß ein ſo vornehmer Herr hinter ihm ſteht. Ich war in der Küche und ſah Alles mit an; mein Luischen kann allerhand ſchnackiſche Lieder, auch ein ſchwäbiſches, ich weiß nicht, wer ſte es gelehrt hat; wie nun der Graf hinter ihr ſteht, fängt der Un⸗ band an zu ſingen: „'n biſſel ſchwarz und n biſſel weiß, 'n biſſel polniſch und'n biſſel deutſch, ¹n biſſel weiß und'n biſſel ſchwarz, 'n biſſel falſch iſt mei Schatz!“ Ich glaube, ich müſſe vor Scham in den Wurſtkeſſel ſpringen, daß mein Kind ſo ungebildetes Zeug ſingt, was mußte nur der Graf von meiner Erziehung denken! Ihm aber ſchoß das helle, klare Schmerzenswaſſer in die Augen; er bog ſich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, herzte und küßte es, daß mir brühſtedheiß wurde, und fragte, wo ſie das Liedchen her habe?“ „Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf aber langt in die Taſche, kriegt einen blanken Thaler heraus und verſpricht, wenn es das Verschen noch einmal deut⸗ lich ſage und zweimal ſinge, ſo bekomme es den Thaler. Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen, es hätte nicht geſungen. Der Thaler aber that ſeine Wirkung; ſie ſagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts auf und ſang nachher das „biſſel polniſch und'n biſſel deutſch,“ wie wenn es ſein müßte. Den Thaler bekam es richtig; er liegt in der Sparbüchſe in ein Papier geſchlagen, und darauf ſteht deutlich, daß ſie es in zwölf Jahren noch leſen und einmal ihren Kindern noch zeigen kann: Den 12. November 1825 bekommen vom polniſchen Gardeoffizier, Grafen von Martiniz.“ 4 Der Hofrath auf der Lauer. Die Gäſte waren nach und nach alle zur Abendtafel her⸗ beigekommen. Madame trennte ſich von dem Hofrath mit dem Verſprechen, ihm nächſtens wieder zu erzählen. Der Hofrath ſann nach über das, was er gehört; die Scenen und Winke, die ihm Madame Plappertaſche vorgeſetzt hatte, gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopfe herum, ſinnend kam er an ſeinen Platz und ſetzte ſich nieder.„Vater todt, Mutter todt, Schweſtern todt, und dennoch hatte der alte Diener geſagt, ja wenn es dies allein wäre! Was konnte ihm denn ſonſt noch geſtorben ſein? Etwa eine Gel— nein! Geliebt konnte er nicht haben, denn W. Hauff's Werke. III. 8 114 wie konnte er nach drei Vierteljahren, ſo lange hatte der Diener geſagt, ſei er traurig, wie konnte er nach ſo kurzer Friſt ſchon wieder um eine Gräfin Aarſtein auf die Freite gehen? Unmöglich! — Hätte, wenn jenes doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen ſolchen Eindruck—“ Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrath, Ida hatte beſtimmt auf ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar ſichtbar, denn er ſchaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, und ſein ernſtes Geſicht, wie klärte es ſich auf, als ſie ihn im Cotillon holte? Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen ſie heraufgeworfen, als hätte er eine congrevſche Batterie hinter den Wimpern aufgefahren? War es ihm ſelbſt nicht, als ſollte die Chocolate in ſeiner Hand, von dieſen Brennſpiegeln getroffen, anfangen zu ſieden? Heute Abend, wer hatte denn da hinter den rothen Gardinen auf des Mädchens gefühlvolles Spiel gelauſcht, als er? Wer war ſo gerührt davon, daß ihm die hellen Thränen hervorperlten, als der gute Graf Martiniz? Und Jdchen, nun die war ja rein weg in den Mondgaſt verſchoſſen.„Die Aktien ſtehen gut!“ lachte der Hofrath in ſich hinein und rieb ſich unter dem Tiſch die Hände,„bin neugierig, ob diesmal der alte vergeſſene Hof⸗ rath nicht weiter kommt mit ſeinem guten ehrlichen Hausverſtand, als der Herr Miniſter Staatsſekretär Superklug und Ueberge⸗ ſcheit in der Reſidenz mit ſeinen diplomatiſchen, extrafeinen Kniffen, mir muß das Goldfiſchchen in das Netz, mir muß—“ „Wenn ich nicht irre, mein Herr, ſo hatte ich geſtern ſchon das Vergnügen—“ tönte dem alten Träumer, der über ſeinen ſtaatsklugen Planen die Tafel, Nachbarſchaft und Alles vergeſſen hatte und jetzt erſchrocken auffuhr und ſich umſah, ins Ohr— es war Martiniz, der ſich unbemerkt neben ihn geſetzt hatte, er hätte vor Schrecken in den Boden ſinken mögen, denn ſein erſter Gedanke war, dieſer müſſe ſeine Gedanken errathen haben, be⸗ ſonders da er ſich nicht mehr deutlich erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft paſſirte, laut mit ſich geſprochen habe. — zur Graͤfin Aarſtein nichts Gewiſſes wußte, durfte er immer der 115 Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magiſche Gewalt auf den Hofrath aus, die ſinnende, kluge Miene, das neben ſeinem ſchwärmeriſchen Glanz Verſtand und Nachdenken verrathende Auge imponirte ihm, jedoch auf eine Weiſe, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müſſe er ſich vor dem jungen Manne recht zuſammen nehmen, um nirgends eine Blöße zu geben oder einen ſeiner Plane zu verrathen. Die gewoͤhnlichen Fragen, wie ſich der Gaſt hier gefalle, Complimente über ſeine Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben gerettet, und der⸗ gleichen, waren bald abgemacht, ohne daß er über des Fremden Geſinnungen nähern Aufſchluß bekommen hätte. Es kam an die Gegend des Freilinger Kreiſes, es wurde gelobt, geprieſen, ein⸗ zelne Güter, die durch Lage und Ertrag ſich auszeichneten, näher beſchrieben, aber auch hier ging der Gaſt nicht ein; er verlor kein Wörtchen, als wolle er ſich nur um einen Thaler Land miethen oder kaufen. Der Hofrath haute ſich jetzt einen neuen Weg ins Holz: er lobte die Reſidenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des Hofes, jetzt mußte er Etwas ſagen, es mußte ſich zeigen, ob er die Aarſtein— Der Gaſt ſprach von der Reſi⸗ denz, von den ſchönen Anſtalten dort, von der Militärverfaſſung, ſchien namentlich über die Kavallerie ſich gerne genauere Auf⸗ ſchlüſſe geben zu laſſen, aber kein Woͤrtchen über die Damen. Endlich, der Hofrath hatte gerade einen trefflich bereiteten Ortolan à la Provencçale, ſeine Leibſpeiſe, am Mund und einen tüchtigen Biß hineingethan, da wandte ſich Martiniz zu ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Reſidenz die ſchöne Ar— ſchnell wie der Wind fuhr Berner mit ſeinem Ortolan auf den Teller, wiſchte den Mund und war ganz Ohr, denn jetzt mußte ja die Gräfin aufs Tapet kommen—„ob er nicht die ſchöne Armenanſtalt kenne, die er in ſolcher Vollkommenheit nirgends geſehen habe.“ Dem Hofrath war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz, denn ſo lange er ja über das Verhaͤltniß des Polen 116 Hoffnung Raum geben. Als die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punſch und lud ſeinen Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner ſagte zu und hat es nie bereut, denn, hatte ihm der intereſſantejunge Mann zuvor durch ſeine äußere Perſönlichkeit imponirt, ſo gewann er jetzt ordentlich Reſpekt vor ihm, da jener, wie es ſchien, von dem Punſch, dem die Mondwirthin eine eigene geheimnißvolle Würze zu geben ver⸗ ſtand, aufgethaut, eine ſo glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte, wie ſie dem Hofrath, obgleich er in ſeinem Leben vieles geſehen und gehört hatte, ſelten vorgekommen war. Wie freudig war aber ſein Erſtaunen, als er nach einer Viertelſtunde ſchon bemerkte, daß er und ſein Nachbar die Rollen getauſcht zu haben ſchienen. Der kluge Alte bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf allerlei Umwegen ſich immer nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er konnte dieſes Flankiren dem Uhlanen⸗ offizier gar leicht verzeihen, hatte er doch nicht den Dienſt der ſchweren Kavallerie gelernt, die, wenn Marſch geblaſen wird, im Carrière gradaus ſprengt, das feindliche Viereck durch ihre eigene Wucht und Schwere im Chor zu zerdrücken. Der Uhlane umſchwärmt ſeinen Feind, ſticht nach ihm, wo er eine Blöße entdeckt, und ſucht auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der Feind ſich zu einer Salve ſammelt. So der Gardeuhlane Mar⸗ tiniz. Aber der tapfere Pole mochte ſich tummeln, wie er wollte, ſeine Angriffe ſo verſteckt machen als er wollte, ſein Gegner durch⸗ ſchaute ihn; auf Idchen ging es los, und dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte, auf Idchen ging es los, ſie wollte der Pole recognosciren. Er glaubte den Hofrath drüben am Fenſter geſehen, auch geſtern auf dem Ball ein engeres Verhältniß bemerkt zu haben, er pries des Mädchens königlichen Anſtand, der ſie vor den übri⸗ gen Freilinger Damen ſo hoch erhebe; er lobte die Zurückhal⸗ tung, mit welcher ſie die ungeſtümen Herren zurückgewieſen habe, pries ihr Spiel und ihren Geſang, womit ſie unbewußt ſein einſames Zimmer erheitert habe; eine ſchöne Röthe war durch —ℳ ₰— 117 das warmgewordene Geſpräch auf den Wangen des jungen Mannes aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmuth, der ſich ſonſt um ſeinen ſchönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge ſtrahlte von freudigem Feuer, er ergriff das Glas, als er ausgeſprochen hatte, und zog es bis zum letzten Tropfen ſo andächtig aus, als hätte er in ſeinem Herzen einen Toaſt dazu geſprochen. Der ſelige Graf. Herzensjunge! liebſtes, beſtes Gräſchen! Sohnchen! Geld⸗ poläckchen!“ alle Schmeichelnamen hätte der Hofrath ausſchreien, den trefflichen Redner an ſein Herz reißen und mit väterlichen Küſſen bedecken mögen— aber das ging nicht; ein Diplomat vom Fach, und das war er ja bei ſeinen jetzigen Negociationen durch und durch, durfte ſeine Freude über eine glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köſtlichen Fund nicht laut werden laſſen; er ſchluckte alle jene Ausbrüche des Vergnügens wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht zärtlichen, ſeligen Blick und beſtätigte weitläuſig ſein treffendes Urtheil. Er beſchrieb ihm das Mädchen, wie er es, ſeit es den erſten Schrei in die Welt gethan, kenne, wie es früher ein luſtiger, fröhlicher Zeiſig war, wie es jetzt zur ernſten Jungfrau herangewachſen ſei; ihre An⸗ muth, ihre Geſchicklichkeit in Sprachen und allen Dingen, die ein Mädchen zieren, als da ſind: Stricken, Nähen, Schneidern, Sticken, Kochen, Früchteeinmachen, Backen, Blumenmachen, Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier⸗ und Guitarreſpielen; wie es in der Reſidenz trotz der hohen Stellung, die es in der Geſellſchaft eingenommen, doch immer ſeinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt ſei; wie es ſeinen reinen, keuſchen, kind⸗ lichen Sinn auf dem Boden, wo ſchon ſo manches gute Kind aus⸗ geglitſcht ſei, bewahrt habe. & 118 „Es iſt mir unbegreiflich,“ fügte er, von dem Eifer, der ihn beſeelte, fortgeriſſen, hinzu,„rein unbegreiflich, wie dieſes, für alles Schöne und Gute glühende Herz ſich in der Reſidenz ſo vor aller Liebe bewahrt hat. Unſere jungen Herren ſchreien gewöhnlich bei ſolchen Mädchen über Eiskälte und Phlegma, aber Gott weiß, dieſem Mädchen kann man dieſes nicht nach⸗ ſagen. Aber unſere jungen Herren ſind meiſtens ſelbſt daran ſchuld. Kraft⸗ und marklos ſchlendern ſie einher, auf den Bällen ſtehen ſie ſchaarweiſe zuſammen, gucken durch Gläſer von Nro. 4 und 5, die für Blinde ſcharf genug geſchliffen wären, nach den Reizen der Ballſchönen, laſſen ganze Reihen ſitzen und tanzen nicht, und geben ſie ſich auch einmal zu einem Walzerchen und Cotillönchen her, ſo meint man, ſie wollten den letzten Athem ausſchnaufen, ſo wogt es in den ausgedörrten Herzkammern. Kann ſolche Lumperei einem jungen, ſchönen, in der Fülle der Kraft ſtrotzenden Mädchen, das zwei ſolcher Flederwiſche an die Wand ſchleudern könnte, gefallen? Kann man es einem ſolchen Engelskind, das ſich ſo gut wie jede Andere, Abends im Bettchen urit verſchloſſenen Augen und verſtohlenem Lächeln ſein Ideal vormalt und vorträumt, kann man es ihr verargen, wenn ſie ſolche Vogelſcheuchen gering achtet und kalt abweist? „Ein ſolches Mädchen ſoll dann kalt ſein wie Eis, ſoll kein Feuer im Leibe haben; habe ich doch über mein Goldmädchen geſtern Abend ſolche Urtheile hören müſſen; geſchoſſen hätte ich mich um ſie, wäre ich nur dreißig Jahre jünger geweſen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht geſehen, wie ſie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, das Fenſter aufriß und beinahe hinausſprang, aus purem Mitgefühl? Und dieſes Mäd⸗ chen hätte kein Feuer?“— „Das hat ſie gethan?“ fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirne erröthend.„Sie hat das Fenſter ein wenig ge⸗ öffnet und herausgeſehen?“ „Was öffnen und herausſehen! Dazu braucht man zwei Minuten, aber aufgeriſſen hat ſie das Fenſter, daß ſie mir den 9— —, 2 119 Chocolatebecher beinahe aus der Hand ſchlug, ſie war in zwei Sekunden fertig! Sehen Sie, ſo iſt das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes, wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, ſchwärmeriſch empfindſam, wenn ſie wahre Leiden der Seele ſieht, aber kalt und abgemeſſen, wenn die leere ſchale Alltäg⸗ lichkeit ſich ihr aufdrängen will.“ Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das laut⸗ pochende Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen ſtillen Toaſt, der nirgends wiederklang, als in einem tiefen Herzen, aber dort traf er ſo viele Anklänge, daß dieſes wehmüthige, traurige Herz, das ſo lange nichts kannte, als die Wehmuth und den Kummer heimlicher Thränen, im ſtillen, aber vollen Jubel aufſchwoll und ſich ſtolz wie vor Zeiten unter dem Ordens⸗ band hob, das es von Außen zierte. Er ſagte dem Hofrath, daß er, wenn es möglich wäre, wäh⸗ rend ſeines hieſigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungs⸗ ſchreiben an den würdigen Herrn Präſtdenten Gebrauch machen würde, das er heute durch den Geſandten ſeines Herrn von dem Miniſter Staatsſekretär bekommen habe. Der Hofrath verſprach freudig, ihn dort einzuführen und ſeine Abende im Umgange mit dieſen trefflichen Menſchen erheitern zu helfen. Bei ſich lachte er aber über den Staatsſekretär, der ſeine Sachen ſo geſchickt einzufädeln wiſſe; der Graf ſoll dem Lande bleiben mit ſeinen drei Millionchen, aber die Gräfin ſoll ihn nicht bekommen, dafür ſteht der Hofrath Berner. Auch er trank jetzt im Stillen ein Toaſtchen und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seiten⸗ blick die künftige Frau Gräfin leben. Vivat hoch! ſcholl es in allen Winkeln ſeines alten treuen Herzens, hoch und abermal h— Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münſter⸗ thurme elf Uhr. Mit wehmüthigem Blick ſprang Martiniz auf, ſtammelte gegen den erſchrockenen Hofrath eine Entſchuldigung hervor, daß er noch einen Beſuch machen müſſe, und ging. Berner konnte ſich wohl denken, wohin der unglückliche Junge ging. Mitleidig ſah er ihm nach und lehnte ſich dann in ſeinen Stuhl zurück, um über das, was dieſen Abend geſprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann ſo wohl gefallen wie dieſer; ſo viel Grazte und Feinheit des Umgangs, ſo viele Bildung und Kenntniſſe, ſo viel anſpruchloſe Beſchei⸗ denheit bei drei Millionen Thalern; ſo hohe männliche Schöͤn⸗ heit und doch nicht jenes eitle, gefallſüchtige Sichzeigenwollen, das ſchönen jungen Männern oft eigen iſt— nein, es iſt ein ſeltener Menſch und gewiß beinahe ſo viel werth als mein Idchen, dachte er, wenn die beiden erſt einmal ein Paar— die Mond⸗ wirthin unterbrach ihn; mit zornglühendem Geſichte ſetzte ſie ſich haſtig auf den Seſſel, den Martiniz ſo eben verlaſſen hatte. „Nein, da traue einer den Maͤnnern,“ wüthete ſie,„hätte ich doch mein Leben eingeſetzt für dieſen Herrn Grafen; hätte ge⸗ glaubt, er wäre ein unſchuldiges, reines Blut und kein ſo Bruder Liederlich, die an jede Schürze tappen—“ „Nun, was iſt denn geſchehen?“ unterbrach ſie der aus allen Himmeln gefallene Hofrath.„Was haben Sie denn, das Sie ſo aufbringt, Frauchen?“ „Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle über⸗ laufen, ſo ein ſchöner, reicher Herr, wo es ſich manche Dame zur Ehre rechnen würde, in nähere Bekanntſchaft— geht auf nächtlichen, liederlichen Wegen; glaubt, es ſei hier in Freilingen auch ſo eine großſtädtiſche Nachtpromenade; tief in ſeinen Mantel gehüllt, iſt er zum Thorweg hinausgewitſcht mit dem alten Kuppler Berrzwiſel. Will haben, man ſolle das Haus offen laſſen bis ein Uhr. Aber die Thüre ſchlage ich ihm vor der Naſe zu, ich brauche keinen ſolchen Herrn im Hauſe, der bei Nacht und Nebel nicht weiß, wo er ſteckt.“ „ abe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt,“ ſagte der Hofrath, wieder freier athmend;„da dürfen Sie ruhig ſein, der geht nicht auf ſchlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Beſuch, ich weiß wo, darf es aber nicht ſagen.“ Die Wirthin ſah ihn zweifelhaft an.„Iſt es aber auch A 121 ſo?“ ſprach ſie freundlicher.„Iſt es auch ſo, und machen Sie mir keine Flaufen vor? Doch Ihnen glaube ich Alles auf's Wort, und ich ärgere mich nur, daß ich gleich ſo Schlimmes dachte; aber die Welt liegt jetzt im Argen, unſern jungen Herren iſt nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen Sie ihm aber um Gotteswillen nichts, ich glaube, er könnte mich mit einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter chriſtliche Liebe zu meinem Nebenmenſchen.“ Der Hoſrath lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Ver⸗ ſprechen und zugleich zum Abſchied bot; er jagte ihr alle Röthe auf die hübſchen Wangen, ſie wußte nicht, wo ſie hinſehen, ob ſie lachen oder zürnen ſolle, denn, ſchon im Fortgehen begriffen, wiſperte er ihr ins Ohr:„Es war all' nichts als lauter chriſt⸗ liche, nebenmenſchliche— Eiferſucht!“ Gute Nachricht. Man hätte glauben ſollen, das Haus des Präſidenten ſei ein großer Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Ca⸗ narienvögel, Stärchen und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe auf, Treppe ab, ein ſüßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen wehmuüͤthigen Toͤnen ſingen, bald in froͤhlichen ſcherzenden Rouladen jauchzen und jodeln wie die Canarienhähnchen, bald zwitſchern und plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, ſie alle waren in einer Perſon Idchen, das vor Freude, vor Sehn⸗ ſucht, vor Langeweile und Geſchäftigkeit Treppe auf und ab flog, mit allen Menſchen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte, allen zugleich befahl und ſchalt. Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Em⸗ pfehlungsbrief des Staatsſekretärs geſchickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr gekommen und hatte ſie förmlich um Rath 7 122 gefragt, was nun zu beginnen ſei; nach ſeiner Anſicht, wenig⸗ ſtens war es vor zwanzig Jahren noch ſo, mußte man den Fremden zum Mittageſſen bitten, zwei Tage nachher zum Thee, nach zwei Tagen wieder zum Nachteſſen, und vor ſeiner Abreiſe mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.. Das ſelige Mädchen drückte die Augen zu und biß die Purpur⸗ lippen zuſammen, um ihre Freude nicht zu verrathen; nach ihrer Annſicht, und das war endlich doch die vernünftigſte, ſollte man ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, Nachmittags ſetzte er ſich dann zu ihr ans Klavier, Abends trank er mit ihr Thee, und dann konnte ja ein kleiner Hausball mit einem Souper den ſeligſten Tag ihres Lebens ſchließen; doch nein— ſie nahm ſich zuſammen und erklärte ihm, wie ſie das in der Reſidenz ganz anders ge⸗ lernt habe. „Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinſtädtiſch vor⸗ kommen, wollten wir ihn gleich von vorn herein zum Mittag⸗ eſſen einladen. Wir müſſen einen Bedienten hinüberſchicken und ihm ſagen laſſen, daß wir ihn zur Theeſtunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrath, meinetwegen einen oder den andern Ihrer jungen Räthe dazu. Ich mache die Honneurs beim Thee und um neun Uhr marſchiren die Herrſchaften wieder ab. Dem Grafen ſagen Sie, Sie wünſchen ihn oͤfter bei uns zu ſehen und na⸗ mentlich um die Theeſtunde. Iſt er einige Male da geweſen, ſo bittet man ihn, einmal beim Nachteſſen zu bleiben; nachher koche und backe ich eines Tages recht flott und anſtändig, Sie, lieber Papa, geben ihm Morgens nur ſo en passant einen Beſuch heim und laſſen fallen, ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns eſſen wolle; es wäre unartig, es auszuſchlagen. Die Idee mit dem Hausball iſt recht hübſch, übrigens darf nur er allein merken, daß es ihm zu Chren geſchieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den Leuten ſagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann ja heißen, Papa gebe mir einen Einſtand in ſein Haus.“ 8 123 Papa Präſident war mit Allem zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte, daß man ſich ſtelle, als ſei Alles Natur, was doch nur immer wieder die alte Kunſt iſt, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die Schlüſſel des Hauſes und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben, und das Mädchen rumorte jetzt als thätige Hausfrau in dem großen Gebäude umher, als ſollte ſie zwanzig Wagen voll Gäſte empfangen. Sie ſollte ihn ſehen, ſte ſollte ihn ſprechen, er mußte, wenn er nur halbwegs ſo artig war, als er ausſah, jetzt alle Wochen wenigſtens viermal herüber⸗ kommen— nein, es war nicht zu ſagen, wie himmliſch ſelig das Mädchen war! 3 Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und zu rumoren, und ſchon um zwölf Uhr war das Theezimmer bereitet, wie es heute Abend ſein mußte. Erſchöpft von den Haushaltungsge⸗ ſchäften warf ſie ſich in einen Sopha; ſie machte die Augen zu, um ſich den Abend ſchon recht ſelig zu träumen, ſie beſann ſich, wie man ihm den Abend recht ſchön mache, daß er recht oft wieder komme, ſie ſuchte ihre beſte Muſik zuſammen, um ihn zu erheitern und die Schwermuth von ſeiner Stirne zu bannen, ſo— o es mußte einen herrlichen Abend geben; da fiel ihr auf einmal die Graͤfin Aarſtein ein, und alle Freude, aller Jubel war wieder hinweg geflogen; Thräne auf Thräne ſtahl ſich aus dem Auge, ſie klagte alle Menſchen an und war auf ſich, auf die Welt bitterboͤſe. Aber Berner, der Nachmittags nur im Flug ein wenig bei ihr einſprach, verſcheuchte dieſe Wolken. Er war zwar zu vor⸗ ſichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu ſchildern, den ſie auf den geliebten Fremden gemacht hatte, aber das ſagte er mit trium⸗ phirender Miene, daß ſie vor der Aarſtein nicht bange ſein ſolle; er habe gute, köſtliche Nachrichten, die dies vollkommen beſtätigen; weg war er, ehe ſie ihn noch recht fragen konnte, und ſte hatte doch ſo viel, ſo unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von der Aarſtein geſprochen, und wollte ſich nichts weiter merken laſſen, der gute Hofrath! Aber wo iſt ein Mädchen, das 124 die Flamme der erſten, reinen Liebe im Herzen trägt, wo iſt ein ſolches Engelskind, das nicht in ein paar Stunden die größten Fortſchritte in der Kunſt zu ſchließen und zu berechnen gemacht hätte? Man ſprach ſo vicl von magnetiſirten Schlaͤferinnen und Clairvoyantes, man ſchrieb viele gelehrte Bücher über ſolche ſeltene Erſcheinungen, und wie gewöhnlich ließ man, was am nächſten lag, unbeachtet! Das ſind ja die eigentlichen Clair⸗ voyantes, die Mädchen mit der erſten, kaum erkannten Sehn⸗ ſucht in der Bruſt; wohl haben ſie die Augen niedergeſchlagen, aber dennoch ſehen ſie weiter als unſer einer mit der ſchärfſten Brille, die Liebe hat ſte magnetiſirt, hat ihnen das Auge des Geiſtes geöffnet, daß ſie in den Herzen leſen. So auch Ida; ſie merkte dem Hofrath wohl an, daß er mehr wiſſe, als er ſagen wolle, mit der Gräſin war es nichts, aber eben ſo gut mußte er wiſſen, daß es auch mit keiner Andern etwas ſei, ſonſt hätte er nicht ſo vergnügt, nicht ſo ſchelmiſch gelächelt. Er wußte, das ſah die neue Clairvoyante jetzt hell und klar, er mußte ſogar wiſſen, daß Martiniz ſie— O! wer das Mädchen jetzt geſehen hätte, wie es das Köpf⸗ chen in die Ecke des Sopha's barg, wie alles Blut nach dem vom ſüßen Schauer der erſten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der jungfräuliche Buſen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl, wie eine Mitternachtsſonne in den Nächten des Nordpols, im Tiefſten ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging! Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem ſolchen Geſichtchen voll ſtiller Seligkeit, es iſt der Lichtpunkt des jungfräulichen Lehens, zu dem ſie einen kurzen Weg hinauf, von welchem ſie lange, oſt traurige Stufen hinabſteigt! 4 — 125 Der lange Cag. Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen ſo träge hin, ſie konnte ſich ordentlich über ſich ſelbſt ärgern, daß ſie ſchon heute früh das Theezeug gerüſtet hatte, ſie fing an zu arbeiten, zehnerlei nahm ſie vor und legte es eben ſo ſchnell zurück. Sie hatte ein Bouquet von Phantaſieblumen angefangen, ſte hatte ſonſt mit Luſt und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte ſeine Gedanken recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen zuſammenband— zurückgelegt bis auf Weiteres; ſie nähte ſo wunderhübſche Tapiſſerien; ſie machte ihre Kreuzſtiche ſo fein und gleich, als habe ſie in den beſten Fabriken gelernt, und Alles ging ihr ſo ſchnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen in der Reſidenz hatten ſich immer Stücke von Paris und London kommen laſſen; da waren die ſchönſten Guirlanden von Roſen, Aſtern, alle möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelaſſen, daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was ſie immer wollten; natürlich ſtachen meiſtens die ſchönen Pariſer Guirlanden ſonderbar ab gegen die Deſſins der Reſidenzdamen; Ida hatte immer nur ihr leeres Stickſtramin vorgenommen, hatte ſich ſelbſt mit geübter Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig, die Ida's Arbeit für Zauber, für nicht mög⸗ lich gehalten hätten, wenn ſie nicht unter ihren Augen entſtanden und vollendet worden wäre. Sie hatte noch in der Reſidenz ein prachtvolles Fußkiſſen für Papa angefangen, ſie nahm es jetzt auch wieder vor, aber ſie konnte ſich ſelbſt nicht begreifen, wie ſie früher ſo langweilige Arbeiten machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen konnte— zurückgelegt bis auf Weiteres. Sie zeichnete mit ſchwarzer Kreide ſo fein, ſo gefällig für das Auge, daß ſie der Stolz ihres Zeichnungslehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich geweſen; wenn Andere — 126 ihre Kopien kaum durchgezeichnet und mit den erſten Schatten ver⸗ ſehen ſchon weggeworfen oder dem Zeichnungsmeiſter zur Vollendung auf einen Geburts⸗ oder Namenstag übergeben hatten, ſo hatte Ida fortgemacht, und man ſah allen ihren wunderlichen Bildern an, daß ſie con amore ausgeführt waren; denn hatte ſie ein⸗ mal etwas angefangen, ſo mußte es auch vollendet werden. Sie hatte eine angefangene Madonna della sedia mitgebracht, ſie öffnete jetzt die Mappe, breitete das Bild, das ſchon in ſeinen Umriſſen viel verſprach, vor ſich aus, ſpitzte die Kreide, nahm ſich vor, mit recht viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald wurden die Striche zu dick und mußten verwiſcht werden, ſie wurde von Neuem geſpitzt, aber war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu ungeduldig, oder die Kreide zu grobkörnig, alle Augenblicke brach ſie unter dem Meſſer ab, und Finger bekam man ſo ſchwarz, daß ſie kaum mehr rein gemacht werden konnten; ſie entſetzte ſich wie Lady Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna ſchnell ein und legte ſie ad acta. Sie ſetzte ſich vor ihre Commode, zog alle Schub⸗ fächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und beſah ſie Stück für Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemuſtert; aber hatte ſte dies Alles nicht hundertmal geſehen und wiedergeſehen? Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeſchloſſen, alle dieſe Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht zerſtreuen. Endlich, endlich ſchlug es fünf Uhr, und ſie konnte ſich jetzt doch, ohne ſich von ihrem Zöfchen auslachen zu laſſen, zum Thee anziehen. Sie ſtudirte jetzt recht ernſthaft, was ſie wählen ſollte; einen vollen Anzug oder ein Hausnégligé? In der Reſidenz hätte ſte, ohne ſich zu beſinnen, das Erſtere gewählt. Dort fing ja der Tag eigentlich erſt Abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte ſie dort kein Négligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier ſchien ein Négligé für den Abend ganz am Platz, um ſo mehr, da die paar Fräulein, die ſie geladen hatte, wahrſchein⸗ 127 lich recht geputzt kommen würden. Sie wählte daher ein feines Hausnégligé, ein allerliebſtes weißes Batiſtüberröckchen, das nach einem Muſter, wie man es hier zu Lande noch nie geſehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte ſie gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Ueberröckchen zeigte den in 82 jugendlicher Friſche blühenden Koͤrper, den Teint hob zwar keine Perle, kein Steinchen, aber er war ſo ſchneefriſch, ſo zart, ſo blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar wurde dafür ſo ſorgfältig, ſo glänzend als möglich geordnet. Die ſeidenen Ringellöckchen ſchmiegten ſich eng und zart um Schläfe und Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war ſo entzückend, daß ſie ſich ſelbſt geſtand, als ſie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte, als ſie ihre höher gerötheten Wangen, ihr glänzendes Auge ſah, mit Luſt und heimlichem Lächeln ſich geſtand, heute ganz beſonders gut auszuſehen. Und nun munſterte ſie noch einmal mit Kennerblicken den Theetiſch. Der große Lüſtre verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer. Die Sitze waren in Kreiſe geſtellt; ihr Platz neben dem Sopha, neben ihr mußte der Graf ſitzen; die ſilberne Theemaſchine, den Hahn ihr zugekehrt, dampfte und ſang luſtige Weiſen, die Taſſen ſtanden in voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vaſen mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen ſich gar nicht übel zwiſchen dem Backwerk und den Kryſtallflaſchen mit Arack und kaltem Punſch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geſchlagener Rahm, kalte und warme Milch, Citronen waren in ihren ſilbernen * Hüllen gefällig geordnet, es fehlte nichts mehr, als, weil es einmal in Freilingen Ton war, beim Thee zu arbeiten, eine 4 geſchickte Arbeit für ſte; auch dieſe war bald gefunden, und kaum hatte ſie einige Minuten in Erwartung geſeſſen, ſo fuhr ein Wagen vor. „Wenn dies Marti—“ doch nein, er konnte es nicht ſein, die paar Schritte aus dem goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die Flügelthüre rauſchte auf— Fräulein von Sorben! „Wenn nur die Andern auch bald kämen,“ dachte Ida, indem ſie das Fräulein empfing, denn dieſe war nicht die Angenehmſte ihrer Freilinger Bekannten, ſie war wenigſtens acht Jahre älter als Ida, ſpielte aber doch immer noch das naive, luſtige Mädchen von ſechzehn Jahren, was ihr bei ihrer ſtattlichen Korpulenz, die ſich für eine junge Frau nicht übel geſchickt hätte, ſchlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präſtdents mit Schonung und Achtung behandelt werden, weil ſie einigermaßen mit ihr ver⸗ wandt waren und ihr Oheim in der Reſidenz eine der wichtigſten Stellen bekleidete. Sie flog, als ſie eingetreten war, Ida an den Hals, nannte ſie Herzenscouſinchen und gab ihr alle mög⸗ liche, ſüße, verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem ſie ihr Haar vor dem deckenhohen Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides glattgeſtrichen hatte, fragte ſie, wer heute Abend mit Thee trinken werde? Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den Namen Martiniz ausgeſprochen, ſo machte ſie einige mühſelige Entrechats und küßte Ida die Hand:„Wie danke ich Dir für Deine Aufmerkſamkeit, daß Du mich zu ihm eingeladen haſt! Du bemerkteſt geſtern gewiß auch, wie er mich mit ſeinen ſchwarzen Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich kaum friſiren laſſen, war ſchon mein guter Graf zu Pferd vor meinem Haus; das macht ſich herrlich, ſo ein kleiner Liebeshandel en passant. Lache mich nur nicht aus, Herzenscouſinchen, aber Du weißt, junge Mädchen wie wir plaudern gern, und die andern nehmen es nicht ſo genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat.“ Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten ſehen, aber nicht nach der alten, gelblichen Couſine; ſie ſtand noch neben ihr vor dem Trümeau, ſie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte ſich, daß Emil nicht nach der Couſine geſchaut haben könne. Das„mein guter Graf“ und das„wir jungen Mädchen“ aus dem Munde der alten ſchnurrenden Hummel kam ihr ſo poſſirlich vor, daß ſie, ſtatt in Eiferſucht zu gerathen, des heiterſten, fröhlichſten Humors wurde.„O Du Glückliche,“ 129 ſagte ſie boshaft,„wer auch ſo im Flug Eroberungen machen könnte!“„Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine, nichts als eine gewiſſe Gewandtheit, die man freilich ſo ſchnell nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geiſt muß ſie geben. Du biſt hübſch, Couſinchen, Du biſt gut gewachſen, an Anſtand, an ſchönen geſellſchaftlichen Formen fehlt es Dir auch nicht, ehe drei Jährchen ins Land kommen, angelſt Du Grafen, als hätteſt Du von Jugend auf gefiſcht.“ Ida brach, weil ſie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten Jubel aus;„das wäre ſchön, das wäre herrlich, Grafen fangen!“ rief ſie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im raſenden Schnellwalzer um den Theetiſch. Von Anfang ließ ſich die Sorben dieſe raſche Bewegung gefallen, obgleich ihr, da ſie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Erſticken geſchnürt war, der Walzer nicht ſehr behagte, aber ſie wußte, wenn man nur erſt aufhöre zu tanzen, ſo werde man gleich unter das alte Eiſen gezählt, und gab ſich alſo alle Mühe, leicht zu tanzen. Als aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen hervorſah, immer raſender walzte, immer raſcher im Wirbel tollte, da ſtöhnte fie:„ich kann nicht mehr— oh— hö— re auf!“ Aber Idchen riß ſie noch einmal herum und ließ ſie dann, weil ſie das Geräuſch der Kommenden hörte, athemlos und bis zum Tod gepreßt, vor der Flügelthüre ſtehen, die in dieſem Augenblicke von zwei Lakaien aufgeriſſen wurde. Der CThee. Martiniz und der Hofrath traten ein. War es Emils hoher, kräftiger Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie ſeiner würdigen Haltung, war es das Geiſtvolle ſeines ſprechenden Auges, war es der wehmüthige Ernſt, der auf dieſem ſchönen Geſichte lag, und ihm einen ſo unendlichen Liebreiz gab, waren W. Hauff's Werke. III. 9 die Träume der Ballnacht wieder aufgeſtiegen, um ſüße Erinne⸗ rungen zu flüſtern?— Jda ſtand verſteinert, als ſie den Grafen erblickte. Ach ſie hätte viel darum gegeben, in dieſem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen, ſie hätte ganz von Ferne ihn be⸗ trachten und ſelig ſein mögen. Hofrath Berner ſtellte ihn mit einem vielſagenden Blicke ſeiner Ida vor; aber dieſe hätte ſich in dieſem wichtigen Moment ſelbſt Schläge geben mögen, ſo linkiſch, meinte ſte, ſo albern hatte ſie ſich noch nie benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War ſie doch gerade aus der Reſidenz ge⸗ kommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln vollendet worden war, hatte ſich in allen Zirkeln, in den feinſten Salons ohne Aengſtlichkeit bewegt, und hier ſtand ſie erröthend, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, und ſtammelte recht kleinſtädtiſch„von der Ehre, die Seine Excellenz ihrem Hauſe erzeige.“ Aber bei dem feinfühlenden Manne, der ſchon früher ihren Anſtand, ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegen⸗ werden bewundert hatte, erhöhte gerade dieſe ſüße Verlegenheit den Werth des Mädchens. Mit unendlicher Gewandtheit wußte er ſie aus der peinlichen Verlegenheit dieſer erſten Minuten heraus⸗ zuführen, in wenigen Augenblicken war ſie wieder das frohe, unbefangen ſcheinende Mädchen wie früher und konnte die Albern⸗ heit ihrer Couſine beobachten. Dieſe war, als die Flügelthüre aufging, dageſtanden wie Frau von Loth bei Sodom, als ſie in Steinſalz verwandelt wurde, ſtarr, ſteif, athemlos, nur die beiden ungeheuern Fleiſchmaſſen ihres aufgepreßten Buſens ar⸗ beiteten, von dem raſenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch immer fort. Als ihr Martiniz vorgeſtellt wurde, war ſie noch nicht zu Athem gekommen, ſie ließ alſo nur einen Liebes⸗ blick auf ihn hinüberſpazieren und verneigte ſich hin und wieder. Als ſie aber wieder Athem geſchöpft hatte, fing ſie in ihrer naiven Manier an zu kichern und erzählte, daß ſie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr und dem kleinen Herzenscouſinchen unwider⸗ ſtehlich in die Füße gekommen ſei. Sie plapperte fort und fort, aber leider ſchien ihr nur der Hofrath zuzuhoͤren, denn Mar⸗ 131 tiniz, der neben Ida Platz genommen hatte, war mit dieſer ſchon in ſo tiefem Geſpräch, daß er auf das Geſchnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich ſo vernachläſſigt zu ſehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden, ſie erhob alſo ihre Stimme noch lauter und wurde ſogar witzig; aber der Graf, dachte ſie, nein, einen ſo verſchämten Anbeter hatte ſie noch nicht gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuſchlagen, aber der Graf, denken wir, wie konnte ſie auch nur verlangen, daß er zu ihr aufſehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nöthig, um die unnachahmliche Grazie zu ſehen, mit welcher das Engelskind Ida ihren Thee machte? Wie appetitlich ſah es aus, wenn ſie in die Taſſen warmes Waſſer ſtrömen ließ, um ſie in dem Gümpchen zu reinigen; wie allerliebſt drehte ſie den Hahnen in der Maſchine auf und zu, wie verbindlich wußte ſie die Taſſe zu reichen; ach, er hätte ſich auch die Butterbrödchen, den Zucker, den Arack und alle anderen Bedürfniſſe viel lieber von ihr reichen laſſen, als von den fünf reich galonirten Dienern, die ſolches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an ihren Bewegungen: Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen ſein müſſen, wenn ſie nicht in dieſem ſprechenden Auge das Ge⸗ fühl bemerkt hätte, das für ſie in ſeiner Bruſt lebte. Die Geſellſchaft war nach und nach größer geworden; der Praͤſident hatte einige ſeiner jungen Aſſeſſoren und Räthe mit⸗ gebracht, einige junge Damen von Ida's Bekanntſchaft hatten ſich eingefunden, und die Freilinger mußten ſich alle, mit Aus⸗ nahme der Sorben, die ſich ſchrecklich ennuyirte, geſtehen, daß ſte ſelten einen ſo geſelligen, intereſſanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der Präͤſident, der Hofrath und Idchen Allem aufboten, um ihren neuen Gaſt zu erheitern, da⸗ durch wurde das Geſpräch allgemein und anziehend. Es iſt eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Werth des Ge⸗ liebten ihn in den Augen ſeines Maͤdchens noch unendlich rei⸗ zender macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; ſo ging es auch Ida. Der Umfang des Wiſſens, den Martiniz im Geſpräch mit den Männern an den Tag legte, ſeine inte⸗ reſſanten Mittheilungen von ſeinem Vaterlande, von den vielen Neiſen, die er gemacht hatte, ſeine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Geſpräch zog, die verbindliche Artig⸗ keit, womit er jeder zuhörte und ihr Urtheil weiter auszuführen und unbemerkt ſo zu drehen wußte, daß es wie etwas Bedeutendes klang, ſein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer raſcher fortrollende Geſpräch entriß— dies Alles gewann ihm die Ach⸗ tung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden Fremden hin. Und Ida— ſtie war ganz weg! Seine Reden hatten Allen, ſeine Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte ſtolz und froh; wo die Sorben und die andern Freilingerinnen ſeinen kühnen Ideen nicht mehr folgen konnten, da fing für ſie erſt die rechte Straße an; ſie plauderte, wie ihr das Roſenſchnäbelchen gewachſen war, lachte, ſcherzte in Witz und Schwank, daß dem Präſidenten vor Freuden das Herz aufging, wie gebildet, wie geſellſchaftlich ſein Kind geworden war. Er nahm ſich in ſeinem Entzücken vor, gleich morgen ein Belobungsſchreiben an Madame la Truniaire zu ſchreiben, die ihm eine ſo glänzende Weltdame mit ungetrübter Unſchuld und Natürlichkeit erzogen habe. Die gute Madame la Truniaire aber hatte dieſes Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den erſten Häuſern der Reſidenz für eine ſehr feine und anſtändig erzogene junge Dame; doch war ſie dort ernſt, zurückhaltend, ſo daß, wer ſie nicht näher kannte, über ihren Geiſt wenig oder gar nicht urtheilen konnte; nein, eine andere Lehrmeiſterin, die reine Seligkeit der erſten, erwiderten Liebe hatte ſie ſo freudig, ſo ſelig gemacht, hatte alle Pforten thres tiefen Herzens aufgeſchloſſen und den Reichthum ihres Geiſtes ans Licht gelockt. Der Hofrath war ein feiner Menſchenkenner; von Anfang, als das Geſpraͤch noch nicht recht fort wollte, hatte er Alles ge⸗ than, um es ins rechte Geleis zu oringen. Nachher aber hatte er ſich zurückgezogen und nur beobachtet. Da entging ihm denn — 13³ nicht, daß der Graf, je länger er mit dem ſüßen Zauberkind ſprach, je tiefer er ihm in das geiſtvolle Veilchenauge ſah, je mehr ſich vor ihm dieſe zarte Mädchenhaftigkeit, dieſer reiche Geiſt, dieſe hohe Herzensgüte entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde, wie geſtern, als er ihm von des Mädchens gebildetem Geiſte, ſeinen ſtillen Tugenden erzählte, ſo verſchwand auch jetzt nach und nach die Wehmuth aus ſeinen Zügen; eine roſige Laune, die dieſem Geſichte unendlichen Reiz gab, ging an ihm auf, er konnte, was der Hofrath bei dieſem Unglücklichen⸗ nicht für möglich gehalten hätte, ſogar recht herzlich lachen, er konnte— nein, der alte Mann war verliebt in ihn, er ſah ja vor Seligkeit und Liebe ſelbſt aus wie ein verklärter Cherub. Kam übrigens der Graf dem Hofrath wie ein Cherub vor, ſo ſah in ihm die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte ſte ſich doch alle erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte ſie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgeriſſen, daß ihr das Waſſer darin aufſtieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn ſtrahle, hatte ſte nicht alle naiven Künſte aufgeboten, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen? Aber jetzt ſah ſie klar, die kleine, unzeitige Kokette, ihre Couſine, hatte ihr den herrlichen Mann weggeſchnappt. Sie warf allen Haß auf dieſe; hatte ſie ſich doch vorhin ſo kindiſch geſtellt, als könnte ſte nicht fünfe zählen. Sie ſelbſt, o ſie hätte ſich können auf den Mund ſchlagen für die Dummheit, ja ſie ſelbſt hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich noch ein Backfiſch war, dazu auf⸗ gereizt, den Grafen zu fangen. Wäre ſie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte nie daran gedacht, ihr Auge zu dem ſchönen Fremden zu erheben. Sodachte die Sorben. Ihr pomeranzenfarbiger Teint röthete ſich vor Zorn, ſich ſo hintangeſetzt zu ſehen; hatte ja doch, wenn ſie recht darüber nach⸗ dachte, der Graf ſogar ihrer geſpottet, als ſie glaubte, etwas recht Witziges geſagt zu haben. Es war davon die Rede ge⸗ weſen, daß jetzt Alles Fräͤulein heiße, was man ſonſt wohl auch ſchlechthin Mamſell genannt habe. Man ſprach her und hin darüber, 134 3 3 7 und um Jda einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf ſie die witzige Bemerkung ein:„Die Fräulein kommen ihr gerade vor, wie die Spitzen. Es heiße Alles Spitzen, und doch ſei ein ſo großer Unterſchied zwiſchen den ächten und un⸗ ächten, daß jedes Kind die Feinheit der ächten von den gröberen unterſcheiden könne.“ Sie hatte triumphirend über ihr Bonmot im Kreiſe umhergeſehen, die Antwort des Grafen machte ſie aber ſtutzen.„Sie haben Recht, gnädiges Fräulein,“ hatte er geſagt, „und die ächten unterſcheiden ſich, wenn ich nicht irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unächten, wenigſtens habe ich mir ſagen laſſen, daß die ganz ächten gelblichbraun ausſehen.“ Hatte er auf ihre bräunliche Haut anſpielen wollen? Die Herren und namentlich der Hofrath hatten ſo höhniſch dabei ausgeſehen. Das Betragen des Grafen, der ſie über Ida gänzlich zu ignoriren ſchien, beſtätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer Bruſt und ſchwur ſich mit den fürchterlichſten Eiden, daß der Backfiſch ſeine Eroberung nicht weiter fortſetzen ſolle. Sie war auch die Erſte, welche aufſtand, und weil es ſchon ziemlich ſpät war, folgten die Uebrigen. Nein, es war ihr unerträglich. An der Thüre noch mußte ſie mit anſehen, wie der Graf, welcher ſich auch verabſchiedete, mit ſeinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie mußte hören, wie er verſprach, recht oft herüber⸗ zukommen. Verachtungsvoll wandte ſie ihrer Couſine, die ihre Freundinnen zum Abſchied küßte, den Rücken, ſtürmte die Treppe hinab und ſetzte ſich, mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen. „Herrlicher Menſch, der Martiniz,“ ſagte der Präſident, als die Geſellſchaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrath, die noch bei ihm ſaßen;„charmanter Menſch! Wie ge⸗ wandt, wie fein! Schade nur, daß er ſich nicht aufs diploma⸗ tiſche Fach gelegt hat! Wie er Alles ſo artig zu geben weiß; wie er Allem, auch dem Trivialſten, was unſere Damen ſagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmüthig ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn ſie etwas Dummes plapperten. Er 135⁵ wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er ſich bei uns an⸗ kaufte. Die Gräfin Aarſtein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte übrigens wiſſen, wie weit er mit ihr ſteht.“ Ida, die dem Lobe des Geliebten mit niedergeſchlagenen Augen — und fliegender Bruſt zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht nur einen Stich ins Herz, ſondern auch einen leiſen Druck auf ihr Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem liſtigen Auge des Hofraths, der ihr Troſt zuwinkte und den alten Papa über ſeine Fehlſchüſſe auszulachen ſchien. Ja, es ſtieg reiner ſüßer Troſt in ihr auf. Zwar ſie hatte ſchon von der hohen Verſtellungsgabe der Männer gehört und geleſen; ſie wußte das Sprüchword ſolcher Reiſenden.„Ein ander Städtchen, ein ander . Mädchen“. Sie erinnerte ſich an die üppigen Reize der Aarſtein, an ihre Verführungskunſt, die ſchon ſo manches junge unerfahrene Maͤnnerherz bethörte, an ihre wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene nicht ganz ſtreng ſtiftsfähige Geburt. Aber was wollte ſie denn? Sie wollte ja gar nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit dieſem Manne durchs Leben zu gehen, ſie wollte ja nur geliebt ſein, und daß ſie es war, ſagte ihr ihr ſcharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verſtanden hatte. Aber konnte dieſes Alles nicht dennoch Verſtellung ſein? Wer ſagte ihr, daß dieſer fremde Mann ſie nicht betr— Nein! betrügen konnte dieſes edle, reine Geſicht nicht, die Glut dieſer Augen konnte nicht täuſchen. Froh dieſer Ueber⸗ zeugung, die ſie während des Auskleidens gewann, hüpfte ſie in ihr Schlafzimmer und machte dort vor dem Spiegel einen komiſchen Knix.„Habe die Ehre mich zu empfehlen, Frau Excellenz, Gräfin von Aarſtein,“ ſprach die Muthwillige,„hier ſteht eine junge Dame, die ſich mit Ihnen in den Kampf um den ſchönen Polacken einlaſſen will, welchen Eure Excellenz als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen ſpannen möchten. Ich bin zwar weder ſo dick, noch ſo geſchminkt als Sie, aber dennoch wagt es meine Wenig⸗ keit, gegen Hochſtdieſelben zu ſtreiten.“ Noch einen Knix und dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz i in 3 4 1 das weiche Bettchen. Dort ſtreckte ſie das Engelsköpfchen noch ein⸗ mal aus der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem goldenen Mond hinüber und flüſterte:„Gute Nacht, mein armer Emil; ſchlafe ſanft und träume ſüß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida.“ Sie ſchloß ſelig die Augen und legte ſich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das unbekannte Land der Träume, da ſchüttelte ſte ein jäher Schrecken wieder auf und jagte ſie aus dem Bette.— Das Ständchen. Dem Oberlieutenant von Schulderoff hatte die Demonſtration ſeiner gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er ſich durch den erſten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor Praͤſidents Haus erlebt hätte, abſchrecken ließ. Im Gegentheil, wenn er recht darüber nachſann, ſo ſchien ihm die Sache eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen geleſen, und daß aus Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an ſich ſelbſt erfahren. Einer ſeiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle engliſche Dogge. Dieſer war der Fuß abgefahren worden, und wie es mit den Invaliden zu gehen pflegt, der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, er⸗ hielt ſte als Geſchenk, und jetzt läuft ſie auf allen Vieren ſo gut als zuvor. Ihr Herr aber liebt ſie, wie man nur einen Hund lieben kann, und das Alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald in Liebe verwandelt werden. Daß ſie aber Mitleiden fühle, war gar keine Frage. War ſie nicht, als er die verdammte Mähre nicht mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenſter hinausgefahren, als wollte ſie durch die Tafelſcheiben brechen. Hatte ſie nicht ſeinem Roß mit einem Jammerblick nachgeſehen, der —— 137 ihm deutlich ſagte, daß ſle den innigſten Antheil an ſeiner Fatalität nehme? Der erſte Coup war ſolchergeſtalt unglücklich und dennoch glücklich ausgefallen; der zweite ſollte um ſo brillanter werden. Mama hatte auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nacht⸗ muſik mit den Regimentstrompetern angegeben, ſie hatte ihm noch einmal eingeprägt, wie er ſich dabei zu geberden habe, und endlich ſchritt man an das große Werk. Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von dieſem neuen Don Juan zugetheilt worden waren, in ein Wein⸗ haus geführt, wo ſie ſich gütlich thaten, bis der entſcheidende Moment kam. Je näher es aber an zwölf Uhr ging, deſto be⸗ ſorgter ſahen ſich die Freunde an, denn Schulderoff hatte, ſie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips bekommen, daß er aller⸗ lei tolles Zeug unter einander vorbrachte. Aber die Kälte draußen konnte ihn ſchon zur Beſinnung bringen, man brach alſo Schlag zwolf Uhr auf, rief die Regimentsmuſik aus einem Bierhaus, wo ſie ſich verſammelt hatte, und fort ging es vor des Präſt⸗ denten Haus. Da man vorausſetzen konnte, daß Ida ſchon ſanft entſchlafen ſei, ſo wurde zum erſten Stück kein Adagio gewählt, ſondern das rauſchendſte Fortiſſimo, das unter den Dragonern Tagwache oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert Dragoner alle Morgen mit dieſem Stück aus ihrem ſanften Morgen⸗ ſchlummer trompetet wurden. Zu dieſer Reveille ſetzten die zwanzig Trompeter ihre Hörner, Poſaunen und Trompeten an, der Stabs⸗ trompeter, oder, wie er ſich lieber nennen ließ, Kapellmeiſter, winkte, und in ranſchendem Geſchmetter, als wollten ſie den jüngſten Tag anblaſen, tönte die Reveille durch die ſtille Mitter⸗ nacht zu dem einſamen Bettchen Ida's und weckte ſie aus ſüßen Träumen. Dieſe Art von Attention war ihr ſo ungewohnt, daß ſie von Anfang glaubte, es brenne irgendwo im Städtchen; als ſte aber nachher deutlich einige Walzer unterſchied, ſo war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmuſik ſei, die ihr gelte. Es war kalt, ſie hüllte ſich fröſtelnd wieder in ihre ſeidene 138 Decke und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Mar⸗ tiniz auf ſo unzarte Weiſe ihr eine Aufmerkſamkeit erweiſen wolle. Nein, der Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche ſein; und er, der ſich in Allem ſo zartfühlend, ſo ſinnig bewies, er konnte nicht dieſe Trompeten zu Organen wählen, um ſeine Empfindungen auszudrücken; in Wälzerchen und Polonaischen, in dieſem rauhtönenden Deydeldum und Schnirkeldum konnte Emil ſeine Liebe nicht ausdrücken. 1 Jetzt ſchwieg die Muſik, ſie hörte Stimmen auf der Straße. Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßen⸗ laterne an eine Mauer gelehnt. Verabredeter Weiſe fingen ſie nach dem dritten Walzer an:„Herr Bruder! Schulderoff! wo ſteckſt du denn? Ich glaube, die Liebe hat den armen Kerl ganz toll gemacht!“ „Ach, Kameraden, mir iſt ſo weh, ſo weh!“ ſtammelte der begeiſterte Liebhaber, dem nur noch ein Theil ſeiner Rolle beiſiel und zwar gerade der Theil, welchen er in ſeiner jetzigen Lage mit großer Wahrheit ſpielte.„Blast, blast!“ rief er dann, und focht mit den Armen in der Luft.„Blast! O waͤren das die ſchwediſchen Hörner und ging's von hier gerad ins Feld des Todes.“ „Wie der Herr Lieutenant befehlen,“ antwortete der Stabs⸗ trompeter.„Friſch auf, Nr. 62, die Galoppade!“ Und jetzt ging der Tanz von Neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarſchaft laut wurden und die Nachbarn ſich beklagten, daß man ihre Nacht⸗ ruhe ſtöre. Ida war kein Wörtchen des Geſpräches entgangen, und ſie ſchämte ſich ordentlich, dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der empfehlendſten Seite bekannt war, dieſe Muſik zu verdanken. Es ſchlug ein Uhr, als die Künſtler ab⸗ zogen, und von Ida's Augen war aller Schlaf gewichen. Sie warf ſich hin und her, aber es wollte ihr nicht gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff ſo unzarter Weiſe ver⸗ ſcheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder dieſes Abends und der letzten Tage durch; durfte ſie auch mit Recht hoffen, daß ſte ihm nicht gleichgültig— —— 6 7 ce—— 139 Der Ball? Es iſt wahr, er hatte immer nach ihr geſehen, aber das bewies nur, daß auch ſie immer nach ihm geſehen hatte; konnte ihm nicht ihr wiederholtes Hinſehen aufgefallen ſein, konnte er nicht deßwegen ſo oft nach ihr geſehen haben?— Bei dem Souper, ja, da war er hinter ihr geſtanden, hatte, als ſie an⸗ ſtießen auf Liebe und Freude, tief geſeufzt; aber durfte ſie dies auch auf ſich beziehen? Konnte ihn, der ſo unglücklich ſchien, nicht ſo Manches ſeufzen machen?— Nachher bei dem Cotillon, ja er erröthete, als ſie ihn zum Tanz aufzog, aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil ſie die Einzige war, die es wagte, ihn aufzuziehen?— Heute Abend, als er beim Thee neben ihr ge⸗ ſeſſen, da hatte er oft ſonderbare Winke ihr zugeflüſtert, einmal als man ihn fragte, was ihm an der hieſigen Gegend ſo an⸗ ziehend ſei, hatte er ihre Hand unter dem Tiſche gefaßt, ſie ge⸗ drückt und ihr zugeflüſtert:„Ich weiß wohl, darf es aber nicht ſagen.“ Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße Galanterie gegen ſie, als Dame des Hauſes. Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war, aber ſie belog ſich ſelbſt, um immer wieder aufs Neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte ſich ſelbſt aus über ihren Zweifel.„Nein, der Hofrath muß mir beichten,“ ſagte ſie zu ſich und klopfte auf die ſeidene Decke,„der muß beichten; hat er doch ſo geheimniß⸗ voll gethan, als habe der Graf ſein ganzes Herz gegen ihn aus⸗ geſchüttet, da will ich ſchon erfahren, ob er mich lie—“ Einige raſche, volle Griffe auf einer Gnitarre unterbrachen ihr Selbſtgeſpräch; ſie ſetzte ſich im Bettchen auf, ſie lauſchte; ein ſüßes, melancholiſches Adagio wurde geſpielt; Ida hatte ſelbſt etwas weniges klimpern gelernt, ſie kannte hinlänglich die Schwierigkeit dieſes Inſtruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines andern Inſtruments die Gefühle in wohlge⸗ rundeten vollen Sätzen ausdrücken ſoll; aber ſo hatte ſie dieſes Inſtrument nie ſpielen gehört. Es graute ihr vor dieſen fließen⸗ den Läufen, wenn ſie daran dachte, wie ſchwer ſie ſeien, und dieſe vollen runden Klaͤnge, dieſe melodiſchen Klagen, die den 140 ärmlichen ſechs Saiten entlockt wurden! Wer konnte nur in Frei⸗ lingen ſo hinreißend, ſo ſüß ſpielen? Sie huſchte ſchnell in die Pantöffelchen, zog die ſeidene Mantille um und ſchlich ſich ans Fenſter; ſollte Mart— Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen waren herabgelaſſen, aber deutlich konnte ſie den Schatten eines an den Fenſtern Auf⸗ und Abwandelnden erſpähen. Es war Martiniz; und jetzt gewann ſein Spiel erſt volle Be⸗ deutung, jetzt verſtand ſie ſeine flüſternden Klagen, ſeine ſehnen⸗ den Uebergänge, die ſüße Melancholie ſeiner Mollakkorde. Er ſchwieg, er ſtand, ſie ſah deutlich ſeinen Schatten, er ſtand ihr gegenüber am Fenſter. Ein bedentungsvolles Vorſpiel begann. „O, wenn er auch ſingen könnte, wie köſtlich, wie wunderſchön wäre es!“ dachte Ida, hüllte ſich tiefer in ihr Mäntelchen und ſetzte ſich ans Fenſter; ihr Herzchen pochte voll Erwartung.— Er ſang, eine tiefe, volle, klare Männerſtimme trug eines jener polniſchen Nationallieder vor, wie ſie ſchon mehrere gehört hatte, und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre ſanften Klagen ſo tief anſprechen; er ſang, ſie verſtand kein Silbchen von den polniſchen Wörtern, aber dennoch faßte ſie den Sinn ſo gut als irgend eine polniſche Schöne; ach, es waren ja die Töne, die man auf der ganzen Erde verſteht, die Klagen der Liebe, die ſich nach dem geliebten Gegenſtande ſehnt, die um Erwiderung fleht, die ihren Schmerz in den flüſternden Tönen der Wehmuth ausweint. Thränen ſtürzten dem liebenden Mäd⸗ chen aus den Augen, ſie ſchlich ſich zurück zu ihrem einſamen Lager, Emils Töne begleiteten ſie. Die geheimnißvolle Stille der Nacht, das räthſelhafte Leiden des intereſſanten, unglück⸗ lichen Mannes, ſein Liebe athmender Geſang, der ja ihr allein in der ſchweigenden Mitternacht galt, dies Alles erfüllte ſie mit einer nie gekannten Shuſucht⸗ es war ein unausſprechliches, aber ſüßes Gefühl der Wehmuth und des Glückes; ja ſie war geliebt; dieſe liebewarmen Töne wiſperten es ihr in die Seele, ſie war geliebt, wahr und innig, wie auch ſie liebte; ſie preßte 141 ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die ent⸗ feſſelte Bruſt, wo es ſtedete und brannte, als habe das dunkle Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder angezündet. Verſchämt, als könne er durch die finſtere Nacht, durch ihre dichten Jalouſien zu ihr herüberſehen, verhüllte ſie das pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die Aeuglein zu und flüſterte hinüber in die weichen Töne ſeiner Laute noch ein herzliches:„Schlaf wohl!“ Die Freilinger. Die Leute in Freilingen ſind wie überall; es vergingen keine acht Tage, ſo wußte jedes Kind, daß Präſidents Ida und der reiche Pole ein Paar ſeien. Die Freilinger ärgerten ſich nur darüber, daß man ihnen Sand in die Augen ſtreuen wolle; daß die beiden Leutchen einander vorher ſchon gekannt hatten, war am Tage; denn wie ſollte Martiniz am gleichen Tage mit ihr ankommen, was ſollte er überhaupt in dem obſeuren Freilingen ſo lange thun, als weil er Ida liebte, die, Gott weiß durch was für Kunſtgriſſe, den Goldſiſch in ihr Netzchen gelockt hatte. Papa⸗Präſident— nun, dem ſchwefelte man etwas Blaues vor, daß der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Thee vorging, das wußte freilich Jedermann, weil man da ſo ein Paar Reſpektsperſonen dazu einlud; aber was Vormittags im Zimmer, Nachmittags im Garten, Abends nach dem Thee vorging, das wußte Niemand; beten werden ſie nicht mit einander, ſagten die Leute; da ſpricht man wohl immer von dem Hofrath Berner, der ſei ja hinten und vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geſchehen könne; aber man wußte ja von früher her, wie er dem Mädchen alle loſen Streiche durch die Finger ſah, jetzt wird es nicht viel anders ſein, da ſie groͤßer iſt. So urtheilte die Welt; ſie urtheilte aber noch weiter: das Mädchen, 142 die Ida, thut ſo jüngferlich und ſo zimpferlich, als waͤre ſie in der Reſidenz eine Veſtalin geworden, und vorher war ſie wild, ausgelaſſen, trotzig; das müßte ja ein Gott ſein, der aus einer ſolchen Hummel ein reputirliches Mädchen ziehen wollte. Aber in allen Inſtituten iſt man ſeit neuerer Zeit viel pfiffiger ge⸗ worden; da ſagt man den Mädchen, ihr könnt Alles thun, aber haltet Maaß und treibet es fein; daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendſpiegel aus den Inſtituten kommen. Sonſt kamen ſie ein wenig affektirt, ein wenig frei nach franzöſiſchem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das ganz anders; ſittſam, keuſch, ehrbar, Alles, was ſie ſein ſollten, ſind ſie, da fehlt ſich's nicht, voll⸗ kommen, wenn man es ſo von der Seite ſteht. Kommt aber ſo ein Pole, ſo ein Graf Weißnichtwoher und Baron Nirgendan, ſo bewahrt man den Schein und damit holla! So urtheilten die Freilinger von dem edelſten, beſten Mädchen, das in ihren Mauern war; ſo urtheilten ſie, und wie das Boͤſe überall ſchneller um ſich greift, als das Gute, ſo wußte und glaubte ſchon nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein Paar Muhmen bei einer Taſſe Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmloſen Mar⸗ tiniz erging das nämliche Gericht. Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn Menſchen unter ihnen umher wandeln, von denen ſie nicht Alles von A bis Z wiſſen, woher und wohin, was ſie für Plane haben u. ſ. w. Kauft einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochſen, oder ein Paar Hufen Landes, ſo iſt er ein unerträglicher Ge⸗ heimnißkraͤmer, der allein das Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wiſſen ſollen, was an ihm iſt. Dieſer Pole vollends verſündigte ſich auf die impertinenteſte Art an Freilingen. Er ſchien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida; und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerkſamkeit da und dort bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte Niemand ſagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu thun habe; ſchon ſein ernſtes, bleiches Geſicht war ihnen wie ein verſchloſſenes Buch, das ſie gar zu gern durchblättert hätten; das iſt ein Bruder — ꝗᷣ ⁴ocd·—— 143 Liederlich, ſagten die Einen, man ſteht es ihm an der Farbe an; ein Menſch, ohne ein Fünkchen Lebensart, ſonſt würde er wenig⸗ 3 ſtens ſeine Tiſchnachbarn mit ſeinen näheren Verhältniſſen be⸗ kannt machen, würde auch in andere anſtändige Zirkel kommen, als nur zu Präſidents. So urtheilten ſie von Martiniz, zuckten die Achſeln, wenn ſie von ihm und ſeinem Verhältniß zu Ida ſprachen; darin waren ſie aber Alle einverſtanden, daß der Präſi⸗ dent von ſeinen Verhältniſſen doch etwas wiſſen müſſe, denn er 1 lächelte ſo geheimnißvoll, wenn man ihn wegen des Fremden anbohrte. Alt und Jung kannte bald den fremden Grafen, und überall curſirte er unter dem Namen„der Mann im Mond,“ denn ſein geiſterhaft bleiches Geſicht, ſein Aufenthalt im goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß zu dieſem Spottnamen gegeben, und ſelbſt Ida, als ſie es erfuhr, nannte ihn nie anders, als den „Mann im Mond.“ Feindliche Minen. Wie es übrigens zu gehen pflegt, die ärgſten Feinde Ida's und des Grafen ließen ſich öffentlich am wenigſten über dies Ver⸗ hältniß aus; Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben h fühlten ſich bis zum Tod beleidigt, aber ſie hielten öffentlich an ſich und ſchwiegen. 4 Beide hatten ſich vorher wenig geſehen, denn ſie waren etwas über den Fuß geſpannt; der Lieutenant Schulderoff hatte einmal 4 einen ganzen Winter hindurch dem Fräͤulein die Cour gemacht; das Verhältniß hatte ſich aber aufgelöst, man weiß nicht wie. Jetzt, da ſie in einem Spitale krank waren, jetzt näherten ſie ſich wieder, und obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff Schuld gab, ſie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, ſo vergaß ſie doch einſtweilen dieſe Kränkung, um dieſe — 144 neuere beſſer zu tragen oder zu rächen. Die Frauen ſehen in ſolchen Sachen feiner und viel weiter als jeder Mann an ihrer Statt; ſo hatte die Sorben bald weggehabt, daß das Unglück des Lieutenants vor dem Hauſe des Präſidenten, von dem die ganze Stadt ſprach, wohl nicht ſo zufällig ſei, als man es er⸗ zählte, ſie hatte durch ihre Kundſchafter bald weggehabt, daß die Nachtmuſik, von den zwanzig Regimentstrompetern aufge⸗ führt, nicht den Grafen, ſondern Lieutenant Schulderoff zum Ur⸗ heber habe, der wie die Juden die Mauern von Jericho, ſo die Steinwälle und Gußeiſenthore von Ida's Herzen mit Zinken und Poſaunen habe niederblaſen wollen. Dies Alles fühlte ſie ſo recht gut und kalkulirte, was ſie nicht wußte, ſo richtig zuſammen, daß ſie über den ganzen Roman des Herrn von Schulderoff Rechenſchaft geben konnte. Die Mama des verunglückten Liebhabers, der ſeit der Nacht⸗ muſik nur noch ſpröder behandelt worden war, mochte ſie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt ſei, oder mochte ſie nur einen gewiſſen Verwandtſchaftsneid zwiſchen dem Fränlein und Ida vorausſetzen— ſie beſuchte von freien Stücken die Sorben, theilte ihr mit, was ſie wußte, und ließ ſich mittheilen, was das Fräulein im Stillen erlauſcht und erſpäht hatte. Uebrigens lebte auch ſie in der feſten Ueberzeugung, Martiniz und Ida haben ſich ſchon lange gekannt, und er ſei ihr nach Freilingen nachgefolgt, denn von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte Niemand auch nur ein Silbchen, ſo verſchwiegen war der Küſter des Münſters in dieſer Sache. Unbegreiflich war und blieb es übrigens ſowohl der Frau von Schulderoff als der Sorben, warum der Graf, der doch ſein eigener Herr ſchien, nicht ſchon lange bei dem Präſidenten um Ida's Hand gefreit habe; ſie, die ſich kein anderes Hinderniß dachten, ſie, die nur einen Grund ſehen wollten, waren einig dar⸗ über, daß es dem Grafen entweder nicht recht ernſt jer, ader daß es ſonſt irgendwo ein Haͤkchen haben müſſe. So hatten beide Damen ſchon ſeit vielen Nachmittagen und Abenden, die ſie bei Kaffee 3 * 1 145 oder. Thee mit einander zubrachten, kalkulirt, und immer ſchien es ihnen, ſie haben noch nicht das Rechte getroffen; da traf es ſich, daß ein Kammerherr, den Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen Frau, bei welcher Fräu⸗ lein Sorben gerade zum Kaffee war, während man umſpannte, einen Beſuch machte.. 1 1 Weſſen das Herz voll iſt, deß geht der Mund über. Der Kammerherr hatte kaum ſeine Tagesneuigkeiten vom Hof ausge⸗ packt, als Frau von Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn fragte, ob ſie wohl ſchon in der Reſidenz liirt geweſen ſeien?. Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.„Wie iſt mir denn?“ ſagte er.„Iſt das nicht der pol⸗ niſche Graf mit den drei Milliönchen, der unſere Gräfin Aarſtein — Ja, wahrhaftig! Jetzt fällt es mir erſt ein, in dieſer Gegend ſagte man, werde er ſich ankaufen, und darum iſt er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Reſidenz nicht liirt, denn er war noch nie in der Reſidenz, wird aber dort jeden Tag erwartet; das Verhältniß, das er hier angeknüpft hat, da koͤnnen Sie ſich auf Ehre darauf verlaſſen, iſt nur ſo en passant, weil er vielleicht nichts zu thun hat; nein, der iſt nicht für die Sanden 85 1 Die beiden Damen warfen ſich bedeutende Blicke zu, als ſie dieſe Nachrichten hörten.„Sie ſprachen vorhin von der Gräftn Aarſtein,“ ſagte die Schulderoff,„darf man fragen, wie dieſe—“ „Die Aarſtein will ihn heirathen,“ warf der Kammerherr leicht hin,„ſie hat es jetzt genug, die Wittwe zu ſpielen; der Hof wünſcht ſie wieder vermählt zu ſehen, und zwar ſoll es, weil der Fürſt überdrüſſig iſt, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches ſein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieſer Pole ins Land, um ſich hier anzukaufen; er iſt von ſeinem Ge⸗ ſandten der Regierung aufs Dringendſte empfohlen, denn man macht hauptſaͤchlich wegen ſeines Oheims, der Miniſter in... ſchen Dienſten iſt, ein großes Weſen aus ihm; kaum hört die Aarſtein W. Hauſf's Werke. III. 10 146 von den drei Millionen und dem alten Oheim, der ihm einmal eben ſo viel hinterläßt, ſo erklärt ſie mit ſchwärmeriſcher Liebe (Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz):„dieſen und keinen Andern.“ Man iſt höheren Orts ſchon gewöhnt, ihrem Trotz⸗ köpfchen nachzugeben; und diesmal traf es ja überdies ganz herrlich mit allen Planen zuſammen; kurz, die Sache iſt einge⸗ leitet und, ſo viel ich weiß, ſchon ſo gut als richtig.“ „Est il possible, est il croyable?“ toͤnte es von dem Munde der erfreuten Damen; die Sorben traute aber doch nicht ſo ganz; „ich kann Sie verſichern,“ ſagte ſie zum Kammerherrn,„Fräu⸗ lein von Sanden, die Sie aus der Reſidenz kennen müſſen, iſt ſehr liirt mit dem Grafen, und ich fürchte, ich fürchte, die Gräͤfin kommt nicht zum Ziel!“ „Nicht zum Ziel?“ lachte der Kammerherr.„Nicht zum Ziel? Das wäre doch kurios; man ſpricht ja in allen Cercles von dieſer Verbindung; die Gräfin nimmt zwar noch keine Gra⸗ tulationen an, aber das Lächeln, mit dem ſie es ablehnt, iſt ſo gut als Beſtätigung; und wenn er auch nicht wollte, er muß ſte heirathen, denn er kann doch nicht unſern Hof vor den Kopf ſtoßen; was wird er aber nicht wollen; bedenken Sie, die Graͤfin iſt ſo gut als anerkannt von unſerem Hof, hat unläugbar mehr Gewicht, als alle Uebrigen zuſammen; iſt ſchön, blühend, macht das beſte Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leiſeſten Gedanken hätte, ſie auszuſchlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das ſoll mich doch wundern, wenn die ſich endlich einmal hat erweichen laſſen. Unſere Herren in der Reſidenz knieten ſich die Kniee wund vor dieſem Marmorengel; aber Alles ſoll umſonſt geweſen ſein; zwar erzählte man ſich Allerlei von dem Rittmeiſter von Sporeneck; ſie ſollen aber gebrochen haben, weil ſie ſeine Liaiſon mit der Aarſtein erfuhr. Nun Glück auf! Wenn der Graf die zahm gemacht hat, dann paßt er zu der Gräfin; und ich ſehe nicht ein, was dieſes Verhältniß ſchaden könnte; die Gräfin Aarſtein wird als Gemahlin des Polen ihre Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was ſchwatze ich; Ihr Onkel, 147 Fränlein von Sorben, kann Ihnen über dieſe Sachen die beſte Auskunft geben, denn ich müßte mich ſehr irren, wenn er nicht die Hand dabei im Spiele hat.“ Der Reiſewagen fuhr vor, der Kammerherr empfahl ſich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und Verwunderung zurück. „Arme Ida!“ ſagte die Sorben ſpöttiſch.„So viel Routine haſt du denn doch noch nicht, daß du Geſchmack daran finden konnteſt, die Nebenbei des Grafen Martiniz zu ſpielen. Nein! wie das Dämchen, das alſo in der Reſidenz die Spröde ſo ſchoͤn zu ſpielen wußte, aufſchauen wird, weun der gute Mann im Mond, den ſie ſchon ganz ſicher in Ketten und Banden hat, wenn der amoroſe Bleichwangioſo auf einmal Morgens verſchwun⸗ den iſt, am nächſten Poſttag aber ein Paket einläuft mit Karten, worauf Graf Martinizmit ſeiner Gemahlin, verwitt⸗ weten Gräfin von Aarſtein deutlich zu leſen iſt.“ „Nicht mit Gold iſt ſie zu bezahlen, dieſe Nachricht,“ be⸗ merkte die Schulderoff mit triumphirender Miene,„und um ſo mehr wird ſie ſich ärgern, daß es die Gräfin Aarſtein iſt, denn dieſe hat ihr ja, wie Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgeſpannt—“ 3 „Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?“ fragte die Sorben, und ihr gelbliches Geſicht ſchien tief über etwas nach⸗ zuſinnen. „Wie meinen Sohn,“ verſicherte jene;„wie oft war er auf Beſuch bei uns in Schulderoff, als er in Garniſon in Tranzow lag! Mich nimmt es nicht Wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat, denn wo lebt ein Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für ſich gewann!“ „Herrlich, das muß uns dienen,“ fuhr das Fräulein fort; ſie ſetzte auseinander, daß ihr ſcheine, als habe der Graf doch etwas zu tief angebiſſen bei Präſidents, und als wolle er vor der Hand nicht an die Graͤfin denken; da wolle ſie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrath von Sorben, gehörig präpariren, und ſie ſtehe dafür, daß der Graf die längſte Zeit im Mond logirt ———y— ————— 148 haben werde. Am beſten wäre es, wenn man die Aarſtein ſelbſt nicht wohl möglich, darum ſolle auch Frau von Schuld off Schritte thun. Sporeneck werde ihr ſchon die Gefälligkeit erweiſen, auf einige Tage hieherzukommen; ſeine Sache ſei es, den Grafen in Freilingen haben könnte; doch ſei dies bei disſer Jahreszeit er recht eiferſüchtig zu machen. Habe man dieſen nur erſt dahin, daß er nicht ſo ganz auf die Scheinheiligkeit Ida's baue, ſo ſei auch im Uebrigen bald geholfen. Frrau von Schulderoff umarmte die Rednerin ſtürmiſch und ergänzte den Plan vollends—„und wenn der Graf aus dem Netz iſt, wenn man dann fühlt, daß man ſich doch ein wenig ſehr proſtituirt hat, dann iſt auch mein Lieutenant wieder gut genug; aber dann ſoll er mir ſie auch nicht nehmen, die ſtolze Prinzeſſin, als bis der Herr Papa Präſident mit ſeinen Fried⸗ richsd'ors herausrückt und unſern Schulderoff wieder flott macht; um die zümpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich dann nicht ſo viel, die mag ſehen, wie ſie mit meinem Monſieur Thu⸗ nichtgut auskommt.“ Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht un d beſchworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depeſche von Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Re⸗ ſidenz ab, worin mit bewunderungswürdiger Klarheit dargethan war, wie die Tochter des Präſidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen ſuche, daß man ſchon von einer Heirath zwiſchen 3 zieh 3) beiden ſpreche, und daß ſie nur bedaure, daß dadurch der Reſi⸗ denz ein glänzendes Haus entzogen werde, denn Ida ſcheine darauf zu beſtehen, daß der polniſche Graf ſich in Freilingen niederlaſſe. Der Brief, das wußte ſie, konnte ſeine Wirkung nicht verſehlen. Wenn auch der Oheim Geheimerath nicht daran gedacht hätte, bei der eingeleiteten Heirath zwiſchen Martiniz und der Gräfin Aarſtein ſeine Hand im Spiele zu haben, ſo hütte ihn doch der ketzte Punkt des Briefes dazu vermocht, Allem aufzubieten, um die Niederlaſſung des Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes Haus mehr in die Reſidenz kommen —— 149 könnte, war begeiſternd für ihn. Unter allen Sterblichen ſchätzte er die am höchſten, welche Häuſer machten; darunter verſtand er frreilich nicht Zimmerleute oder Maurer, ſondern die, welche ihm Schildkrötenſuppen, fette Auſtern, feine Ragouts, gute fremde Weine vorſetzten, die, welche regelmäßig einmal in der Woche des Abends Thüren und Thore öffneten, um frohe Gäſte bei ſich zu ſehen, hohe Spiele arrangirten, köſtliche Bälle zu geben wuß⸗ ten. Solche Häuſermacher liebte der alte Sorben, denn er war ein altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delicen, ſie moch⸗ ten todt oder lebendig, vier⸗ oder zweifüßig ſein, mochten dem Gaumen oder der Naſe, dem Ohre, dem Auge oder dem Taſtſinne ſchmeicheln— er war ein Kenner und daher mußte es in ſeinen Wünſchen liegen, ein Dreimillionen⸗Gräfchen in die Reſidenz zu bekommen. So hatte ihn ſeine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen fünf Sinnen zumal, nur durch ein Paar kleine Worte gefaßt, und ſie durfte überzeugt ſein, er fange Feuer. Aus dem freiherrlich Schulderoſſ'ſchen Palais, das für jetzt, in Ermanglung eines beſſern, nur aus einigen Manſardenſtübchen beſtand, lief ein Brief ab, der keinen geringeren Hagelslaͤrm, kein ſchwächeres Halloh in die Reſidenz machen ſollte, als die zwanzig Trompeter letzthin, als ſie die Reveille vor Ida's Fenſter blieſen. Er war an Se. freiherrliche Gnaden, den Herrn Ritt⸗ meiſter von Sporeneck, bei Huſaren Nr. 3 überſchrieben, und lautete wie folgt: —„ſFreilingen, 11. Dee. 1825. „Herr Bruder! „In meiner Garniſon dahier geht es eigentlich noch immer ſo ledern zu, wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitſchen habe ich erhalten und ſende hier den Betrag. Sie ſind recht ſchwank und ſehen flott genug aus. Den Saͤbel erwarte ich noch beſtimmt vor Neujahr; vergiß nicht, daß der Korb, wie bei den badiſchen Dragonern, doppelt ſei. Dahier hat ſich vor Kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder, vielleicht auch intereſſirt; 150⁰ die junge Sanden iſt mit einem Galan hier angekommen, der ihr jetzt täglich und ſtündlich die Cour ſchneidet. Begreife übrigens nicht, wie ſie dazu kommt, da man hier allgemein ſagt, ſie habe Dich ſehr ſchnöde abgewieſen. Auf Ehre, Herr Bruder! Es thut mir leid, aber ein Kerl wie Du, der ſeine vierundzwanzig Lieb⸗ ſchaften des Monats hat, ſollte nicht ſo von ſich ſprechen laſſen. Sollteſt Du wegen dieſer Affaire, was ich fürs Beſte hielte, ſelbſt einige Woͤrtchen entweder mit dem neuen Courtiſan oder mit dem Fräͤulein ſelbſt ſprechen wollen, ſo ſteht Dir mein Logis zu Dienſt. Der junge Herr iſt ein Pole, Graf von Martiniz, ſoll ſchwer Geld haben und ſcheint meines Erachtens der ange⸗ führte Theil, denn ſie hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe wohl und grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3; ich verbleibe in Bruderliebe Dein Franz v. Schulderoff, Lieutenant bei Königin⸗Dragoner.“ Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Nachegeiſt für Ida beſchwor. Noch war des guten, unſchul⸗ digen Kindes Himmel rein und heiter, aber indem es in das reine Blau des Aethers hineinſah und ſich deſſen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr ſtilles Glück zu ſuchen und zu zerſchmettern. Geheime Liebe. Aber ſo gewiß die Freilinger Alles zu wiſſen glaubten, ſo wußten ſie doch nichts. Es iſt eine eigene Sache um die Liebe, beſonders um die erſte; es gehen ſo zwei Menſchen neben einander hin, ſtill vergnügt, ſtill ſelig; ſie ſehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübſches träumt, und einem Andern käme es grau⸗ ſam vor, ſie aufzuwecken. Sie gehen neben einander hin, ſprechen von den gleichgültigſten Dingen und denken an das, was ihr 151 Herz erfüllt, ſte wagen es nicht auszuſprechen, und doch ver⸗ ſtehen ſie ſich ſo gut durch die Augen, denn ſie tragen den Schlüſſel zu dieſer Zeichenſprache nebſt Woͤrterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei Martiniz und Ida. Sie wußten, daß ſie ſich liebten, aber noch hatte der Graf nie deutlich darüber geſprochen, noch hatte ihm Ida keine Gelegenheit dazu gegeben, ſich zu erklären. Der Hofrath Berner ſah dieſem Allem halb freudig, halb unmuthig zu. Er liebte die beiden guten Leutchen, als wären es ſeine eigenen Kinder, darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum konnte er aber dieſes verſchämte Treiben nicht leiden. Er war ſo halb und halb des Grafen Ver⸗ trauter, denn dieſer hatte ihm ja alle Tage von des Mädchens Schönheit, ſeinem Reichthum an ſtillen Tugenden vorgeſchwatzt, hatte ihm geſtanden, daß er glaube, Ida ſei ihm gut, aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den Kuppler zu ſpielen. Auch Ida's Vertrauter war er, er kannte ja ihr Herzchen beinahe ſeit es ſchlug, er wußte jede Schattirung in ihren Liebesſternen zu deuten, er ſah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch ſie nicht recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mäd⸗ chen, weniger übel nehmen, als ihm. „Nein! wer mir je ſo etwas geſagt hätte,“ dachte er,„dem hätte ich mit Fug und Recht unter die Naſe gelacht; ein pol⸗ niſcher Gardeuhlanenrittmeiſter, mit dem Rang eines Oberſt⸗ lieutenants in der Linie, und wagt nicht einmal, ein Mäadchen⸗ herz, das ihm gewogen iſt, anzugreifen.“ Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran dachte, wie man zu ſeiner Zeit gelebt und geliebt habe, und wie die Welt in den letzten Jahr⸗ zehnten ſich ſo ändern konnte. Aber wie, wenn Martiniz aus Gewiſſenh— ja das war nicht unmöglich, es konnte Gewiſſen⸗ haftigkeit ſein, daß er ſich nicht erklärte; befand er ſich, der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demſelben Zu⸗ ſtande, wie er hier angekommen war. 152 3 Der Küſter, der jetzt regeimaßig Nachmittags ſein Daͤpschen hatte, ohne daß ſeine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld dazu herbringe, der Küſter hatte dem Hofrath alle Morgen referirt, wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen ſei; er hörte zwar, daß er ſeit neuerer Zeit weniger ſtark wüthe, daß er aber deſto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit dieſem Zuſtand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieſelbe Stunde davon befallen werde, und doch ſah man ihm den Tag über keine Spur von Wahnſinn an; nur ſeine zarte Bläſſe, das Wehmüthige, das noch immer in ſeinem Weſen vorherrſchte, konnte darauf hin⸗ deuten, daß er körperlich oder geiſtig angegriſſen ſei. Seinen Entſchluß, den alten Brktzwiſl um die Krankheit ſeines Herrn zu fragen, hatte der Hofrath immer noch nicht ausführen können; je näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich vor ſeinem gediegenen Charakter, vor ſeinem ausgebreiteten Wiſſen bekam, deſto unzarter ſchien es ihm, auf dieſem Wege in ſeine Geheimniſſe eindringen zu wollen. Aber unabläſſig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So ſaß er eines Morgens in ſeinem Zimmer, dem man die Junggeſellenwirthſchaft wohl anſah; der Küſter hatte im Vor⸗ beigehen zum Schnapshaus ein wenig bei ihm eingeſprochen und erzählt, geſtern Nacht ſei der fremde Herr ſo zahm geweſen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein Toͤpfer die Hände darunter hätte waſchen können. Er ſann hin und her, wie man dem Geheimniß beikommen könnte: da klopfte es beſcheiden an die Thüre, und der alte Brktzwiſl trat zu ihm ins Zimmer. Der Hofrath konnte den alten Diener wohl leiden; er ſchien ſo feſt an ſeinem jungen Herrn zu hängen, ſchien ſo väterlich für ihn beſorgt zu ſein, daß man ſah, er müſſe ihn ſchon ſeit Kindesbeinen gekannt und gepſtegt haben; recht erwünſcht kam er daher gerade in dieſem Augenblicke, wo Berner ſo ganz mit Gedanken an ſeinen Herrn erfüllt war. Der Alte war Anfangs — 153 ein wenig in Verlegenheit, was er ſagen ſolle, denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatts Berner gleich weggehabt. 3 Nachdem er ſich in allen Ecken ſorgfältig umgeſehen hatte, ob 4 nicht ſonſt wer im Zimmer ſei, trat er näher:. —„Mit Excüſe, Herr Hofrath,“ ſagte er,„nehmen Sie es einem alten Dienſtboten, der es gut mit ſeiner Herrſchaft meint, nicht ungnäͤdig, wenn er ein Wörtchen im Vertrauen ſprechen möchte.“ „Wenn es keine Klagen über Deinen Herrn ſind, ſo rede immer hin friſch von der Leber weg,“ ſagte Berner.* „Klagen! Jeſus Maria, wie käme ich bei unſerem jungen Herrn zu Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er das Vaterunſer noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen Tag, und er hat mir noch kein unſchönes Wort gegeben, ſo wahr Gott lebt, Herr, und das ſind jetzt fünfund⸗ zwanzig Jahre. Nein, aber ſonſt etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrath nicht ungnädig nehmen wollen. Ich weiß, Sie ſind meines Herrn beſter Freund in hieſiger Stadt, ja ich darf ſagen, im ganzen Land hier, und mein Herr hat mir dies nicht nur zehnmal verſichert; ich weiß auch vom Küſter, daß Sie ſchon ſeit dem erſten Tage unſeres Hierſeins etwas wiſſen, das Sie keiner Seele wieder geſagt haben, was Ihnen Gott lohnen wolle—“ 3 „Nun ja,“ unterbrach ihn der Hofrath,„und Du willſt mir erzählen, wie Dein Herr in dieſen unglücklichen Zuſtand kam, . daß er alle Nacht von einer Art von Wahnſinn befallen wird, 9 willſt mich fragen, ob ich nicht etwa helfen könne?“ 3 „Ja, das wollte ich,“ fuhr jener fort,„aber eine Art von Wahnſinn nennen Sie das; ich verſichere Sie, es iſt ein Wahn⸗ ſinn von ſo ächter Art, wie man ihn nur im Tollhaus ſinden kann; aber ich will erzählen, wie er dazu kam.“ — Emils Kummer. „Mein Herr war nicht von jeher ſo, wie Sie ihn jetzt ſehen, jetzt iſt er bleich, ſtill, finſter, ſpricht wenig und lacht nie, geht langſam ſeine Straße, und wenn er allein iſt, ſo weint er. Ach! Sie hätten ihn ſehen ſollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein Schweſter lebten. Keinen friſcheren, kräftigeren jungen Herrn gab es in ganz Polen nicht mehr; das ſprang, ritt, tanzte, focht, liebte und lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend ſein kann. Keinen ſchmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht geſehen, und es traten mir immer Thränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den himmliſchen Heerſchaaren an der Spitze ſeiner Schwadron zur Parade zog, wenn die Trompeter an unſerem Hötel aufblieſen, die Uhlanen ihre Fähnlein ſenkten, und der junge Graf zu ſeiner Fräulein Schweſter herauflächelte wie verklärt, und ſeinen Tigerſchimmel dazu tanzen ließ. „Das ging nun ſo ſeinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter Antonio nach Warſchau führte. Das war ein Schweſter⸗ ſohn von der Frau Gräͤfin Excellenz, ein ſchoner, ſchmucker Italiener mit braunrothen Wangen, blitzenden Augen, und wenn er ſprach, glaubte man, er ſinge. Der war eigentlich nur ſo weit herausge⸗ kommen aus ſeinem ſchönen Land, um die Familie ſeiner Frau Mutter zu beſuchen, aber ehe man ſich's verſah, nahm er Dienſte bei uns und blieb, denn er ſagte, es gefalle ihm nirgends ſo, wie in Polen; muß auch ſo geweſen ſein, denn wie ſich nachher zeigte, war er zum Sterben verliebt in des Grafen Schweſter, die junge Gräfin Crescenz. Im Hauſe hatte ihn Jedermann lieb; abſonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit übermenſchlicher Freundſchaft zugethan und that ihm Alles, was er ihm nur an den Augen abſehen konnte. „Das ging nun lange Zeit gut: kein Menſch merkte, daß Herr Baron Antonio die junge Gräfin liebte; denn dieſe hatte 3— — — 2 2 — —,— 155 viele Liebhaber, welche großes Geräuſch und Aufſehen machten; der Italiener aber trieb ſeine Sache im Stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; denn er hatte, ich ſtand dabei, eines Tages einen ſchönen Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte Graf Emil ſeine Hand und fragte: „Wo haſt Du den Ring her?“ Er aber ſagte lächelnd und ganz gelaſſen:„Von Deiner Schweſter.“ Nun wußte ich, was die Stunde geſchlagen hatte; der Graf ſah ihn mit einem ſonder⸗ baren Blicke an, gab ihm die Hand und ſprach:„Ich habe nichts dagegen, nur ſei ihr treu.“ Es verging wieder ungefähr ein Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hauſe, wie ich ihn noch nie geſehen hatte; ſeine Augen rollten und blitzten ſchreck⸗ lich, zweimal ſchnallte er den Säbel um, und eben ſo oft warf er ihn wieder hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was er ſonſt nie gethan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein Kaffeehaus gekommen, da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der Graf beſah ihn genau und erkannte, daß es derſelbe Ring ſei, den ſeine Schweſter dem Marcheſe geſchenkt. Er äußerte dies aber nicht gegen den Ofſizier, ſondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der Offizier ſagte ihm, daß er dieſen Ring an Perſonen geſehen habe, die den Grafen Martiniz nahe angingen, er ſei daher ge⸗ kommen, um ihm freundſchaftlich zu ſagen, daß er dieſen Ring auf eine Stunde von Madame Trizka entlehnt habe, die ihn von einem Italiener, ſeinem Vetter, zum Präſent bekommen zu haben behaupte. „Madame Trizka aber war die berüchtigſte Courtiſane der Stadt. Der Herr Graf fragte den Offizier auf ſein Ehrenwort, ob Alles ſich ſo verhalte, und nahm ihn auf ſeine Verſicherung ſogleich zum Sekundanten an. Er ſchickte ihn mit dem Ring an ſeinen Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denſelben von ihm bekommen habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten .————— einfachen Ja, das meinen Herrn nur noch wüthender machte. Seiner Fräulein Schweſter mochte er das Herzeleid nicht anthun, ihr etwas von dieſem Bubenſtück zu ſagen, und beſchloß daher, den treuloſen Vetter ſo bald als möglich aus der Welt zu ſchaffen. 3 „In einem Garten der Krakauer Vorſtadt ſchoſſen ſie ſich gleich den Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht geſtreift, er aber, der eine ſichere Hand hatte und einen Rubel auf dreißig Schritte traf, ſchoß den Marcheſe durch die Bruſt, daß ihm keine Ader mehr zuckte. Man brachte Beide in die Stadt und machte mit dem Italiener noch einige Ver⸗ uche, ihn wieder zum Leben zu bringen, aber Alles vergeblich. 3 3 9 g Es war zwar noch Leben in ihm, aber er lag ohne Beſinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung. „Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz ſeiner Schlechtig⸗ keit dennoch beweinte, war ſo um ihn beſorgt, daß er ſogar nicht auf ſeine Rettung bedacht war, ſondern ſich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ. Dieſer lag immer ohne Beſinnung und, wie es ſchien, ohne Rettung. Mein Herr ſaß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwoͤlf Uhr hin in der Nacht war Niemand mehr zugegen, als er, zwei Freunde, der Wund⸗ arzt und ich. Mit dem Schlag zwolf Uhr aber ſchlug der Italiener ſeine gräulichen, dunkeln Angen auf. Er richtete ſich in die Höhe und ſah ſich im Zimmer um. „Uns Alle wandelte ein Grauen an, denn man konnte glauben, er ſei ſchon geſtorben, ſo geſtanden und gläſern war ſein Blick. Endlich ſah er meinen Herrn, wüthend riß er ſeine blutigen Bin⸗ den von der durchſchoſſenen Bruſt, daß das Blut herausſtrömte. „Maledetto diabolo!“ brüllte er und warf dem Grafen die Bin⸗ den an den Kopf, ſank zurück auf die Kiſſen, und als wir hin⸗ eilten, um ihn zu unterſtützen, hatte er ſeinen wilden Geiſt ſchon aufgegeben. 3 3 „Mein Herr aber war bei dem ſchrecklichen Fluch des Todten in Ohnmacht geſunken. Er fſiel in eine Jange Krankheit, aus 1 — — 157 der er ſo unglücklich wieder erſtand, wie Sie ihn jetzt ſehen. Als er aber aus ſeinem Wahnſinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte, da ging erſt der Jammer von Neuem an, denn während der Krankheit war er vollends ganz zur Waiſe geworden. Die junge Gräfin war ein Paar Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich geſtorben. Man ſagt arge Sachen in Warſchau, von Gift und dergleichen, die aber ein alter Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer geſiecht hatte, über⸗ lebte ſie wenige Tage, dann trug man auch ſie zu Grabe. „Der junge Herr vernahm dies Alles mit großer Faſſung, als man ihm aber einen Brief ſeiner Schweſter brachte, da kam er außer ſich, ſo daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verſtand.. „Ich vermuthe, der Italiener war doch nicht ſo ſchuldig, als wir Alle glaubten, denn der Graf ließ ſich auf ſfein Grab führen, weinte dort lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung. Als ich in der nächſten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum erſtenmal ſeit langer Zeit ruhig ſchlief, weckte mich ein ſchreckliches Geſchrei— es kam aus ſeinem Zimmer— ich eilte hinein und ſah ihn in Schrecken und Wahn⸗ ſinn, denn er glaubte, der Italiener ſei in ſeinem blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgeriſſen, ſie ihm an den Kopf geworfen und ſein Maledetto diabolo dazu geſchrieen. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch ſein Wahnſinn auf. Aber ſeit⸗ dem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit ſich außer Landes be⸗ geben. 4 3 „Dieſe Weiſung kam erwünſcht, denn die Aerzte riethen zur Zerſtreuung durch eine Reiſe. Ach! wir fahren jetzt ſeit einem Jahre durch ganz Europa und dennoch kehrt ſein Zuſtand jede Nacht wieder. Ich glaube nicht an Geſpenſter, Herr, aber oft iſt es mir doch auch, als habe mein Herr Recht und der ſelige Herr Antonio folge uns auf den Ferſen. In Rom, wohin wir auf unſerer Irrfahrt kamen, entwiſchte er mir in ſeinem An⸗ r — fall und lief in eine Kirche; wie es nun ſein mag, von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er am Altar ſitze. „Wer war froher als ich über dieſes Auskunftsmittel? Aber auch nicht jede Kirche war ihm recht, bald iſt ſte zu groß, bald zu klein, wie es ſo mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und ſeit acht oder zehn Tagen hat er gar nicht mehr gewüthet, ſon⸗ dern nur geweint.“ Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrath, ſeine Erzählung beendigt. Berner konnte kaum ſeine Rührung zurückhalten. Es wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Menſch, ſo ſchön, mit allen Gaben des Glückes ſo reichlich verſehen, mit einem Schlage in ſo namenloſes Unglück ſtürzen ſollte. Er war voll Eifer zu helfen, aber welchen Weg konnte man einſchlagen, um dem Grafen ſeinen ſchrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel ſchon verſucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm behülflich ſein könnte bei dieſer Sache. 3 Der alte Brktzwiſl lächelte geheimnißvoll vor ſich hin und begann dann:„Wenn ich recht geſehen habe, ſo iſt mein Herr auf dem beſten Wege zur Heilung, und der Herr Hofrath können als Arzt dabei dienen. Vor Allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht geſehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl ſeines Herrn beſorgt iſt, kann man ſchon Etwas zu gut halten. Der Herr Onkel des Grafen, ein ſtein⸗ reicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des Grafen ver⸗ waltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln verſehen, daß ich jeden berühmten Arzt um Rath fragen konnte. Ueberall, wohin wir kamen und uns anch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die Aerzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man ſchon oft probirt hatte, die meiſten aber riethen Reiſen und Zerſtreuung.“. 3 „In einer kleinen deutſchen Stadt, wo ich gar keinen Arzt ,, Hir dieſes Fräulein geſehen; auf dem Ball war ſie auch geizeſen, 159 geſucht hätte, traf ich durch Zufall einen in unſerem Wirths⸗ haus. Es war ein kleiner alter Mann mit einem klugen Geſicht, das mir ſogleich Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, ſondern betrachtete den Kranken in ſeinem Zu⸗ ſtand, aber von ihm ungeſehen. Den andern Tag ſagte er zu mir: „Höre, Alter! Dein Herr iſt unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme Liebe zu einem Mädchen, das ſie erwidert. Hat ihn erſt eine recht gefaßt, ſo iſt es unzweifelhaft, daß ſein Wahnſinn ſich zerſtreut und nach und nach vergeht.“* „Dieſe Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerſchlag, denn ich wußte, wie wenig er ſich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch Liebe geheilt werden ſoll und durch nichts Anderes, ſo iſt er verloren, dachte ich. Denn wo ſoll er ſich verlieben? Er ging an keinen Ort, wo ſchöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieſer Rath brachte mich erſt recht zur Verzweiſlung. Aber dennoch ſchrieb ich es treulich dem alten Herrn Onkel. „Dieſem aber leuchtete das Ding ein. Er ſchrieb mir, er wolle ſeinem Neffen eine rechte gute Partie ſuchen, und wir ſollen einſtweilen hieher ins— ſche gehen. „Hier in Freilingen geſchah nun, was ich für meine Seele nicht für möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr auf dem Ball, daß ich ihn ſogar abrufen mußte; nach der Kirche geht er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie gethan, und kommt ganz ſtill ſelig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das Logis im goldenen Mond auf vier Wochen beſtellen, ich glaubte, mir ſolle Hoͤren und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich ſo verwunderte, und gab vor, daß ihm die Kirche ſo wohl gefallen habe. Aber wie ich aus unſerem mittleren Zimmer einmal hinausſchaue, werde ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der ſo holdſelig herüber⸗ lächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging mir denn ein Licht auf! Schon auf der Herreiſe hatten — 160 und Tage lang ſchaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenſter im Haus gegenüber... „Und das iſt Niemand als die wunderſchöne Fräulein Ida. Meinen Sie, mein Herr ſei früher in Geſellſchaft gegangen? Zu keiner Seele, obgleich ich für jede Stadt eine Hand voll Empfehlungsbriefe hatte; aber ich will die Taſſe Thee mit Löffel und Stiel aufeſſen, die er ſeit einem Jahre in Geſellſchaft ge⸗ trunken hat, und ſeit er ins Haus hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Thee hinüber. „Seit der Zeit läßt aber auch ſein Zuſtand mehr und mehr nach, er raſet gar nicht mehr, er richtet ſich nicht mehr auf; er bleibt ganz ruhig am Altar ſitzen und weint aber nur deſto mehr. Ich hatte eine Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der Stelle mein Hab und Gut geſchenkt hätte, dem Engelsfräulein aber, das dies Wunder bewirkte, mochte ich, ſo oft ich ſie ſehe, vor purer Freude zu Fußen fallen. „Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte, ach, da wäre ihm geholfen, ſo gewiß ich ſelig 1 werden will, und wenn ſte nicht ſchon einen Andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht ſein. Laſſen Sie ihn nur wieder einmal zu rothen Wangen kommen, laſſen Sie ihn nur ein wenig lächeln, wie früher, laſſen Sie ihn erſt einmal wieder in die Uniform ſchlüpfen ſtatt des ſchwarzen Zeuges, das er anhat,— da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn ſie einen Marbel⸗ ſtein in der Bruſt hätte, ſtatt eines Herzens. Ueber das Ver⸗ 5* mögen will ich gar nichts ſagen; ſehen Sie, da iſt das herrlich* eingerichtete Hötel in Warſchau, da ſind die Güter Natitzka, Martinizow, da iſt Flazizhof, da—“ „Laß gut ſein, Alter,“ bat der Hofrath,„mit einem da⸗ von könnten wir ſammt und ſonders zufrieden ſein. Was Deinen Herrn betrifft, ſo glaube ich ſelbſt, daß er das Fräulein gerne ſteht; wie das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht ſo genau, doch kann ſie ihn nicht übel leiden. Das Ding muß ſich übrigens bald geben, glaube mir. Hat Dein Herr das Fräulein recht von * 161 Herzen lieb, ſo ſoll er, merke wohl auf, ſo ſoll er es ihr ſagen; ich meine, ich könnte dafür ſtehen, daß ſie nicht nein ſagt.“ Der alte Brktzwiſl war außer ſich vor Freude, als er dies hörte.„Nun, das muß wahr ſein, wenn ſich vernünftige Men⸗ ſchen mit einander beſprechen, gibt es ein Stück; mein Herr ſoll dran, ſoll Hochzeit haben und wieder fröhlich ſein, und der alte Brktzwifl will kuppeln, und all ſein vierzigjähriges Dienen ſoll umſonſt ſein, wenn er nicht, ehe acht Tage ins Land kom⸗ maen, den Herrn Grafen auf der rechten Fährte hat.“ „Aber meinſt Du auch, Du verdieneſt Dir beim alten Onkel Dank, wenn Du den Herrn Neveu verheiratheſt? Das Fräͤulein iſt eigentlich doch keine rechte Partie für einen polniſchen Grafen—“ „Wird ihm wohl an ein Paar hunderttauſend Thaler mehr liegen, als an der geſunden Vernunft ſeines Brudersſohnes? Nein, der alte Graf iſt ein raiſonabler, nobler Herr, der nicht auf ſolche Sachen viel ſteht.„Mache mir meinen Emil geſund,“ hat er zu mir gefagt, als wir abfuhren, wbringe ihn vernünftig zurück à tout prix.“ Da darf man ja wohl auch eine Heirath dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir uns eigentlich nicht ſehr viel um den alten Herrn; der junge Graf iſt eigentlich ſein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht ſo viel zu geſtatten oder zu verbieten. Doch beſſer bleibt beſſer, und daß der Alte mit Freuden ſeinen Segen gibt, dafür ſtehe ich; ach! wenn er nur das liebe Engelskind ſelbſt ſehen könnte!“ Dem alten * Manne ſchien der Mund zu wäſſern; er bat den Hofrath noch . einmal, recht zu ſorgen und ging. Der ſelige Berner. Als Brktzwiſl fort war, ſchlug der Hofrath ein Schnippchen nach dem andern in die Luft. Er hatte ſich ja ſeine Herzens⸗ frende vor dem klugen Alten nicht merken laſſen dürfen, und⸗ W. Hauſſ's Werke. H. 11 doch hätte er dem alten verwitterten Polacken um den Hals fallen moͤgen, ſo recht ins Schwarze ſeiner Seele hatte er mit ſeinem Plänchen getroffen.„Ein kapitaler Kerl, der Brktzwiſl,“ dachte der Hofrath,„ohne den wären wir doch ſammt unſerer ſtillen Liebe und unſern geheimen Plänchen ganz und gar den Katzen. Beim alten Oheim ſcheint er einen Stein im Brett zu haben, und nicht nur ſo einen Bauern oder lumpigen Laufer, wie man von der alten Treſſenrockſeele glauben ſollte, ſondern einen ge⸗ wichtigen Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Gräfin Aarſtein und dem Staatsſekretär Springer mit ſeinen Winkel⸗ zügen ein verdecktes und entſcheidendes Schach geben ſoll!“ So waren des Hofraths Gedanken; es war ihm dabei ſo federleicht und ſtolz zu Muth, wie einem Kandidaten, der ſein letztes Eramen im Rücken, und vor ſich die Ausſicht auf eine fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen, Schafen und Schweinen mitten unter ſeiner lieben Paſtoralheerde reſidiren kann. Ja es war ihm ſogar ein wenig göttlich zu Muth, als hätte er Stangen, Zaum und Trenſe der Welt unter der Fauſt, und regiere an geheimen Schickſalsfäden das Loos des Grafen und ſeiner Ida. Alle Leute blieben auf der Straße ſtehen, als Berner vor⸗ über kam. Man kannte ihn ſonſt als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne Jedermann grüßte, und hier und dort mit einem ſprach; aber heute— nein, es ſah zu poſſirlich aus, wie der gute alte Herr vor ſich hin ſprach und lächelte, alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern zuwinkte, und ein paar Bettel⸗ buben, die ſich am Markte prügelten, einige Groſchen ſchenkte, daß ſie ſich einen vergnügten Tag machen möchten. Den Präſi⸗ denten traf er auf der Treppe, er bot ihm einen guten Morgen, er ſchüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte ſich, wie ſich wohl der Alte freuen werde, wenn der polniſche Freier an⸗ geſtiegen komme, um ſein eheleibliches Toͤchterchen zu freien. „Alte Excellenz,“ wiſperte er ihm ins Ohr,„aus der Heirath des Polen mit der Gräfin Aarſtein wird— nichts.“—„Nichts?“ 163 fragte der Präſident mit langem Geſicht.„Nichts? Hat Er Nach⸗ richten, Berner? Hat etwa der Hof andere Abſichten mit dieſer Dame?“ „Was der Hof! Was der Staatsminiſter!“ lachte der Hof⸗ rath.„Es gibt noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Reſidenz! Meinſt denn Du, wenn ſo ein ächter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer aus den Kohlenaugen heraus⸗ pfupfert, er werde erſt vor dem Staatsſekretär den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gütigſt, wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenſtand für meine zärtlichen Neigungen recommandiren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders gehalten Anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen Jungen nicht verdenken, wenn er es auch ſo macht.“—„Wie, ſo wäre der Graf in eine Andere verliebt?“ unterbrach ihn der Präͤſident. „Verliebt, wie ich ſage, und für die Gräfin ſo gut wie verloren.“—„Ci, ei,“ ſagte der Präſident mit einem klugen Geſicht, indem er die Finger an die Naſe legte;„ſtehſt Du, das habe ich mir neulich gleich gedacht, daß das Attachement an die hohe Perſon nicht ſo groß ſein müſſe. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem Handſchreiben des Staatsſekretärs zukamen; ich richtete mich mit aller Gewiſſenhaftigkeit nach meiner Vorſchrift und bohrte ihn zuerſt über die hieſige Gegend an; weiß Gott, ich meine, der Menſch wird mir närriſch, lobt und preist die Gegend bis in den Himmel, hat in den vierzehn Tagen, wie er mich verſichert, mit ſeinen ſcharfen Augen Lokalſchön⸗ heiten entdeckt, die ihn unwiderſtehlich anziehen und feſſeln, ja ſogar unſer gutes, ehrliches Freilingen, das nun in meinen Augen gerade nichts Apartes hat, liebt er ſo, daß ihm die hellen Thränen liefen. Nun haben wir ja den Goldſiſch, denke ich, ja, ja, der Freilinger Kreis iſt nicht übel, aber die Grafin Aarſtein iſt wahr⸗ ſcheinlich der Koͤder; ich wende alſo das Geſpräch auf den Hof, und endlich auch auf die Gräftn; da iſt er aber ſo kalt und gleichgültig wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeißen wollte, ob er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte -—yͤͤͤͤͤſͤſſ 164 er ein ganz eigenes Geſicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus endlich aufs Bittere kommt, und ſagte:„Nicht anders kenne ich ſie als par renommée.“ Das iſt nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das Beſte, das man haben kann. Wenn er ſte daher nur, und zuerſt von dieſer Seite kennt, ſo hat der Herr Staatsſekretär ſchlecht manövrirt.“ „Weiß Gott, das hat er,“ lachte der Hofrath,„ich könnte Dir Dinge ſagen— doch gedulde Dich noch ein Paar Wochen, und Du ſleheſt den Herrn Grafen als Bräutigam; eine Dame aus der Reſidenz iſt es nicht, an die er ſein Herz verlieren wird, nichts deſto weniger iſt es ein Landeskind unſeres allergnädigſten Herrn, und zwar ein gutes, liebes, ſchönes—“ „Nun, nun, ſo arg wird der Engel auch nicht ſein,“ meinte der Präſident, indem er ſich verabſchiedete;„aber ordentlich wohl iſt es mir, daß es die Gräfin nicht iſt, denn ich ſammelte mir ſo unter der Hand Nachrichten uüber ſte, und die lauteten denn doch gar zu fatal.“ War es dem Präſidenten ordentlich wohl, ſo war es dem Hofrath außerordentlich ſelig zu Muth, als er vollends die Treppe hinanſtieg, als er näher und näher an Ida's Zimmer kam, als ihn das Mädchen Wunderhold empfing. Er hätte mögen nur gleich mit Allem, was er im Herzen und Gedächtniß hatte, heraus⸗ platzen, aber nein! Hand auf den Mund! ſo ging's nicht; vor ſeinem Schickſalspuppenſpiel, das er jetzt dirigirte, wäre das Mädchen bis an das Herz hinein erroͤthet und davon gelaufen. Daher ließ er ſeine Gedanken eine kleine Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der Neugierde und mit den ſchweren Kavalleriemaſſen der Rührung in die linke Flanke zu fallen, und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzaͤhlte er ihr das Unglück des Martiniz; aus ſeiner eigenen Phantaſte that er die rührendſten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu ſchildern.. Doch das bedurfte es ja nicht, des innigliebenden Mädchens Thränen floſſen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn 4 —xx 165 ſie ſich den fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von Allen, und plötzlich ſo unendlich unglücklich; ja! jetzt hatte ſte den Schlüſſel zu ſeinem ganzen Weſen, zu ſeinem ganzen Betragen. Jetzt wußte ſie, warum er damals, als ſie ihn zuerſt im Walde ſah, ſo bitter geweint habe, jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er niemals wieder recht fröhlich ſein könne. Er hatte ſeinen liebſten Freund getödtet, und wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ, unſchuldig getödtet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, deſto tiefer fühlte ſte den Schmerz in dieſer fremden und ihr dennoch ſo verwandten Bruſt. Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieſes Thränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber geſagt, wie der Graf aus ſeinem Wahnſinn zu retten ſein möchte; ſo ſchonend als möglich berührte er dieſe Saite, indem er nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß ihre Naͤhe wunderbar auf ihn zu wirken ſcheine. Sie ſah ihn lange an, als ob ſie ſich beſänne, ob ſie auch recht verſtanden habe; eine hohe Röthe flog über das liebliche Geſichtchen, ein ſchelmiſches Lächeln mitten durch die Thränen zeigte, daß ſie dies felbſt wohl gedacht habe; ſie ſchien zu zögern, das auszuſprechen, was ſie dachte, aber endlich warf ſie ſich an die Bruſt des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Geſichtchen und flüſterte kaum hörbar:„Wenn er durch warme Theilnahme, durch lautere, innige Freundſchaft zu retten iſt, ſo will ich ihn retten!“ Sie weinte an Berners Bruſt leiſe fort und fort, ihre Schwanenbruſt hob und ſenkte ſich, als wolle ſie alle ſechsunddreißig Schnür⸗ löcher des Corſelchens zumal zerſprengen. Dem Hofrath aber kam dies mitten in ſeinem Schmerz höchſt komiſch vor. Die weint, dachte er, weil ſie einen ſchönen Mann und drei Millionen verdienen ſoll; er konnte ſich nicht enthalten, ſie, vielleicht auch um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern.„Iſt es doch, als ob es Ihnen bluteſſigſauer würde, daß Sie den ſchönen, edlen Grafen aus ſeinem Wahnſinnsfege⸗ feuer herauslangen ſollen! Es iſt ja nicht die Rede von einem ſolchen leeren Schliffel und Musje Unausſtehlich, wie ſie jetzt zu Dutzenden herſchlendern; nein, um ſolche wäre es nicht der Mühe werth, ſich die Hand naß zu machen, und wenn ſie im Sumpf bis unter der Naſe ſtecken und nicht mehr um Hülfe ſchreien, ſondern nur ein wenig näſeln und rüſſeln könnten. Aber nein, da iſt der Ausbund von Männerſchönheit, der Mann mit dem intereſſanten, feurigen Auge, mit der zarten Bläſſe, welche die Gemüther ſo anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein ganz klein wenig ſticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku—“ „Nein, es iſt zu arg!“ maulte Idchen und that ſo ernſt und reputirlich wie eine Karthäuſerin, und doch mußte das loſe Ding die Kniee zuſammenpreſſen, um nicht zu lachen.„Zu arg, nicht einmal ein Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böſe Welt, den Herrn Hofrath an der Spitze, gleich darüber kritifirt, ob es einem ſchönen Herrn gegolten oder nicht.“ „Nun, nun,“ lachte der Hofrath noch ſtärker als zuvor, „es kommt immer beſſer, Sie machen ja, weiß Gott, ein Ge⸗ ſichtchen, als wollten Sie mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im Hintergrunde lauert doch der Schelm, denn mein Jdchen hat es fauſtdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von Sorben und Frau von Schulderoff die große Stadtklatſche, aus jedem Maulwurfshaufen einen Hi⸗ malaya, aber— wer ſchaut denn immer hinter dem Vorhang hinüber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die boͤſen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen Damen machen jetzt gerne aſtronomiſche Verſuche, ſehen nach den ſchönen Sternen, welche das ſchoͤnſte Feuer haben, da muß man ja doch auch in den Mond ſehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener ſcharfſichtige Aſtronom, Städte, Feſtungen, ganze Wälle und Verſchanzungen darin erſchauen, ſondern höch⸗ ſtens die Beſatzung ſelbſt, den Gr—“ Jdchen hielt es nicht mehr aus; ſte wurde röther als ein — — 167 Purpurröschen, ſie preßte dem Hofrath die weiche Flaumenhand auf den Mund, daß ihm Höoören und Sehen verging, und ſchmälte ihn jetzt ſo tüchtig aus, wie er früher ſie ſelbſt geſchmält hatte, als ſie noch ein ganz kleines unreifes Ding war.„Wie oft habe ich hören müſſen,“ eiferte ſie,„man ſolle die ſchönen Püppchen nicht beſchmutzen, und Sie, boöſer Hochverräther, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz ſchwarz; wie oft haben Sie ge⸗ ſagt, man ſolle nicht Alles untereinander werfen, ſondern jedes Ding ordentlich an ſeinem Platze laſſen, wo es ſteht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und nudeln es recht bunt durch⸗ einander wie ein Apotheker und malen die Leute damit an. Iſt das auch recht? Kann das Ihr ſonſt ſo geordnetes Oberbuch⸗ haltergewiſſen vertragen?“ Der arme Hofrath bat nur durch die Augen um Pardon, denn der Mund war ihm ſo verpetſchirt, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au! hervorgurgeln konnte. Endlich gab ſie Pardon, der Hofrath ſchöpfte tief Athem und ſagte endlich:„Das ver⸗ dient Strafe, und die einzige Strafe ſei, daß Sie auf der Stelle über und über roth werden!“ Ida behauptete zwar, das laſſe ſich nicht nur ſo befehlen, aber es half nichts; der Hofrath be⸗ gann:„So wiſſen Sie denn, daß der Graf ſeit einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als einen, höchſtens zwei Tage verweilt, daß er auch hier eigentlich nur einen Raſttag halten wollte, es ſind Wochen daraus geworden; ich gebe Ihnen mein Wort, wegen Ihnen allein iſt er hier geblieben.“ Der Hofrath hatte ſeine Strafe richtig beurtheilt, ſie ſchrack zu⸗ ſammen, als er es ausſprach. „Wegen mir wäre eer hier geblieben? Meinetwill—“ ſie konnte nicht weiter; ein holdes Lächeln geſchmeichelter Selbſtzu⸗ friedenheit ſchwebte um die rothen, friſchen Lippen, das zarte Inkarnat ward überall zur Flamme, und wie von Alters her das weibliche Geſchlecht ein tiefes Räthſel für den Forſcher war,— war es Freude, war es Schmerz? das überraſchte Herzchen machte ſich in heißen Thränen Luft. Das hatte der Hofrath nicht ge⸗ 168 wollt, er wollte wieder von Neuem anfangen, wollte die lindern⸗ den Mittel der Froͤhlichkeit und des Scherzes auf die Wunde legen, die er ſo ganz ohne Abſicht geſchlagen hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerſtreuen, aber war es denn möglich, war das mög⸗ lich, wenn man dieſes Auge in Thraͤnen ſah? So mit ihrem Schmerze beſchäftigt, hatte er ganz überhört, daß man ſchon zweimal an der Thüre geklopft habe; leiſe wurde ſie endlich geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt— Ida war es, als wehe ſie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr ſo wunderwohl und ſüß zu Muth, ſie nahm das Tuch von den weinenden Augen und that einen lauten Schrei, denn vor ihr ſtand in voller Lebensgröße, Graf Martiniz. Auch dem Hofrath erſtarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade in dieſem Augenblicke den Mann zu ſehen, von welchem er und Ida geſprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ ſie nicht lange in dieſem peinlichen Stillſchweigen, er entſchuldigte ſich, ſo unberufen eingetreten zu ſein, er habe aber Niemand zum Anmelden gefunden, und auf ſein wieder⸗ holtes Pochen habe Niemand geantwortet. Er ſetzte ſich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wiſſen dürfe. Ach! er war ja der Grund dieſes Kummers, ihm galten ja dieſe Thränen, die aus den geheimnißvollen Tiefen des liebevollen Maͤdchen⸗ herzens heraufdrangen. Sie wollte antworten, die Stimme verſagte ihr, ſie wollte lächeln, aber ihre unwillkürlich ſtrömenden Thränen ſtraften ſie Lügen; er hatte ſo freundlich, ſo zart gebeten, an ihrem Schmerz Theil nehmen zu dürfen, daß es ſie immer mehr und mehr rührte. Mit einem Feldherrnauge ſchaute der Hofrath in dieſe wirren Verhältniſſe; raſch mußten die Blößen benützt werden, der Zweck heiliget die Mittel, dachte er, wirf ſie Beide in einen wirbeln⸗ den Strom, ſie werden ſich eher finden, ſich vereint an den Strand hinausretten; er ergriff alſo ſein Hütchen, brach auf und flüſterte dem Grafen laut genug, daß es Ida hören konnte, ins Ohr: ————y—4—— ————— 169 „Und wenn Sie noch zehn Jahre ſo da ſitzen und nach ihrem Kummer fragen, ſie ſagt Ihnen doch nicht, warum ſie weint. Um Sie, beſter Graf, weint das Fräulein, weil ſte meint, Sie ſeien unglücklich, und doch nicht helfen kann.“ Mit ſchnellen Schritten witſchte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Muth wie einem, der geſäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird.„Der Würfel liegt,“ ſprach er bei ſich, als er die Treppe hinab eilte, „er liegt, zählet nun ſelbſt die Augen und vergleichet Euer Gerad oder Ungerad!“— Entdeckung. Die beiden jungen Leutchen ſaßen ſich gegenüber wie die Oelgötzen; keines wagte von Anfang ein Wöͤrtchen zu ſagen, ſelbſt den Athem hielten ſie feſt an ſich. Dem Fräulein hatte der Hofrath durch ſeinen gewagten Scherz alles Blut aus den roſigen Wangen gejagt; es war ihr, als ſteche ihr Einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, und ein Anderer ſchütte eine Kufe des kälteſten Waſſers über ſie herab, und im nächſten Augenblicke, war ihr wieder ſo brühſtedheiß zu Muth, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern ſiede und ein Rheinſtrom von rothglühendem flüſſigem Eiſen durch alle ihre Nerven ſich ergoͤſſe. Sie wußte nicht, ſollte ſie aufſpringen und davon laufen, ſollte ſie lachen oder vor Unmuth über dieſe Unzart⸗ heit weinen, ein tiefer Seufzer enttriß ſich dem gepreßten Herzen— Und Martiniz— was hilfl in ſolchen Momenten das vollendetſte Studium deſſen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaiſern und Königen geweſen, er hatte mit einer Fürſtin eine Polonaiſe eröffnet und ihr dabei die Schleppe von der drap d'ar- gent'nen Hofrobe abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch dabei die Faſſung behalten, obgleich die Durch⸗ laucht einen ganzen Kartätſchenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn ſpielen ließ. Er hatte— doch was konnte es ihm in dieſem ſüßen Augenblicke helfen, daß er ſich ſonſt nicht ſo leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn hin; ſie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, ſie, die ihm in ſeinen Träumen allnächtlich erſchien und ihn zum Gott machte, ſie hatte um ihn geweint, weil ſie ihn für unglücklich hielt! Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham auf dem engelreinen Geſichtchen, das holde Lächeln um den Mund, tiefer hinab die Schneepracht des Halſes, dieſes Nackens, dieſer Bruſt anſah— er hatte auf ſeiner großen Tour alle Gallerien der Welt, die Kunſtſchätze der Malerei, die locken⸗ den, majeſtätiſchen, niedlichen Formen der alten und neuen Bild⸗ hauerkunſt geſehen, mit wahrhaftem Kunſtfleiß ſtudirt, und was waren ſie, was war Venus und alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen Geſichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieſes geheimnißvolle Amorettenköpſchen? Es lag ein Liebreiz in dieſem ſüßen Weſen.— Er hörte ſie ſeufzen, eine große, helle Perle hob ſich unter den ſeidenen Wimpern, er ergriff ihre Hand und drückte ſeinen Mund darauf; ſie zog das weiche Wunderpatſchchen nicht weg. „Koͤnnen Sie zürnen, mein Fräulein,“ hub er an,„daß ich zu ſo ungelegener Zeit“— er hielt inne, um ihre Anwort zu erwarten;— keine Antwort. „Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich hätte mir gewiß nicht die Freiheit“— noch keine Antwort. „Sie haben einem Unglücklichen eine Thräne des Mitleids geſchenkt; zarte Herzen wie das Ihrige verſtehen einen tiefen Schmerz viel früher als andere, möge Gott Ihnen dieſe Thränen des Mitgefühls vergelten, die mir ſo unendlich wohlthun“— keine Antwort, nur Perlchen um Perlchen drängt ſich über den feinen Rand der Wimpern. „Sie zürnen mir alſo dennoch,“ fuhr Martiniz trübe lächelnd fort,„das Beſte wird ſein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein andermal zu beſuchen.“ Er wollte ſeine Hand aus der ihrigen ziehen, aber Ida hielt ihn feſt. „ S X 171 „Herr Graf!“ flüſterte ſie leiſe bittend— „Warum nennen Sie mich Herr Graf?“ antwortete Mar⸗ tiniz.„Wie oft haben Sie verſprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu ſagen?“ „Martiniz!“ flüſterte ſie wieder. „O, bin ich denn nicht mehr ſo gut wie geſtern, oder ſind Sie nicht mehr die freundliche, tröſtende Ida wie früher?“ „Emil!“ hauchte ſie kaum hörbar, aber in dieſem einzigen Wöͤrtchen lag ein ſo ſüßer Ton, dem alle Saiten in Emils Bruſt antworteten; voll namenloſer Seligkeit beugte er ſich von Neuem auf ihre zarte Hand, doch er faßte ſich wieder, und, es war ihm zwar ſauer genug, aber dennoch kam er bald wieder in den rechten Takt der vertrauenden Freundſchaft. Er bat ſie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr ſagen, warum er ſo trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde ſie ihn ent⸗ ſchuldigen. Er erzählte ihr die Geſchichte ſeines unglücklichen Hauſes, wie ſie der alte Brktzwiſl dem Hofrath erzählt hatte; aber den ſchreck⸗ lichen Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, beſtaͤtigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtſein und dem Gebrauch ſeiner Verſtandeskräfte gekommen ſei, habe ihm das Leben und die ganze Erde ſo öde geſchienen, daß er ſeiner Mutter und Schweſter die ſelige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; beſonders ſeine Schweſter habe er glücklich geprieſen, denn betrogen von dem Manne, den ſie liebte, wie hätte ſie ferner glücklich leben können. Aufs Neue ſei damals eine große Bitterkeit in ſeiner Seele gegen den Italiener aufgeſtiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen zu ſein ſchien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stun⸗ den glücklich zu machen und dann zu betrügen, einen Freund zu ge⸗ winnen und ihn dann zum unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief gebracht, den ſeine Schweſter kurz vor ihrem Ende geſchrieben habe; er enthielt das Bekenntniß 172 einer tiefen Schuld, einer unwürdigen Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, ohbgleich ihr Verlobter, doch nicht der einzige Begünſtigte ſei. Er habe ſie in einem Augenblicke ge⸗ troffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit der Ge⸗ liebten gelaſſen. Doch zu edel, ſte der Schmach und dem Un⸗ willen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, ſeinen Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er War⸗ ſchau verlaſſen und ſie nie mehr ſehen; ihren Ring, bei welchem ſte ihm mit den heiligſten Eiden Treue geſchworen, wolle er der nächſten beſten Metze ſchenken. „Dies war die einzige Strafe,“ fuhr Martiniz fort,„die ſich der edle, ſo ſchändlich betrogene Mann erlaubte. Wie un⸗ ſelig raſch ich handelte, wiſſen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die Schande meiner Schyweſter nicht an⸗ vertrauen, eine perſönliche Zuſammenkunft mit ihm ſchlug ich in meiner Wuth aus, ſo ſtellte er ſich denn mit ſeinem ganzen Unglück, mit ſeinem noch größeren Edelmuth vor die Mündung meiner Piſtole. Jenen ganzen Tag, da ich die Sthuld meiner Schweſter und ſeine Unſchuld erfuhr, wüthete ich gegen mich ſelbſt.“ „Ich wurde rüͤhiger, als es Abend wurde, aber zu derſelben Stunde, wo er verſchieden war, fühlte ich auf einmal ſeine Nähe, ſein blutbedecktes Bild ſtand vor mir da, meine Scele faßte das Schreckliche nicht, ich verſtel in Wahnſinn. Seit jener ſchreck⸗ lichen Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir ſeine klaffende Wunde; kein Raum iſt ihm zu weit, kein Gebet verſcheucht ihn, er würde mir im froheſten Zirkel meiner Freunde erſcheinen. „Nur in eine Kirche ſcheint er ſich nicht zu wagen, und meine letzte Zuflucht iſt, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben iſt für jede Freude verloren, mir blüht kein Früh⸗ ling mehr; die Natur iſt mir erſtorben; ein raſtloſer Flüchtling, eile ich über die Erde hin, verfolgt vom Geſpenſte deſſen, den mein unuberlegter Rachedurſt erſchlug. Ich bin Kain, der ſeinen edlen Bruder ermordete, ich fliehe und fliehe, bis ſich mir eine 5 4 4 ————— 4 4 173 frühe Grube öffnet, wohin ſein blutiger Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der letzte Sproſſe meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die der Frühling aus meiner Aſche keimen läßt.“— Ohne Ida's Antwort abzuwarten, hatte ſich nach den letzten Worten Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von ſeiner eigenen Erzählung ſo ergriffen, daß er die laute Theil⸗ nahme des geliebten Mädchens in dieſem Augenblicke nicht hätte ertragen können. Ihre zarte ſtille Theilnahme, die tauſend Zeichen der lautloſen Liebesſprache hatten ohnedies ſchon ſo heftig auf ihn gewirkt, daß er die raſende Glut in ſeinem gepreßten Herzen kaum mehr beſchwichtigen, daß er ſich kaum enthalten konnte, die Thränen, die ſeinem Unglück floßen, von den zarten Wangen zu küſſen. Wie eine trauernde Andromache ſaß Ida, das Engels⸗ köpfchen auf ihr ſchneeweißes Händchen geſtützt, und ließ die Thränen herab in den Schooß rollen. Nach und nach ſchien ſie aber ruhiger zu werden, ſie ſah oft auf, und dann lag in dem ſchönen Auge etwas ſo Schwärmeriſchſinnendes, daß man glauben durfte, ſie ſinne über einen großen Entſchluß nach. So traf ſie Berner, der mit einem Armenfündergeſicht zur. Thüre hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erſte Kitzel über ſeinen gewagten Feldherrneinfall vorüber war, doch ein wenig das Gewiſſen geſchlagen, daß er die Leutchen ſo im heilloſen Zappel zurückgelaſſen habe. Er mußte ſich geſtehen, daß die Sache auf dieſe Manier eben ſo leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte.— Doch da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltſten Verhältniſſe wieder zu entwirren.„Haben ſie ſich auch, wie ungeſchickte Hauderer, ein wenig verfahren,“ dachte er,„der alte Berner weiß ſie ſchon wieder ins rechte Geleis zu bringen.“ Als er aber den Grafen nicht mehr traf, als er ſah, daß das Mädchen ſo gar bitterlich weinte und ſchluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen,— da grieſelte es ihm doch den Rücken hinauf, eine Gänſehaut flog über ſeinen Cadaver und ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen.— „Sicher einen dummen Streich gemacht,“ brummte er vor ſich hin. Da ſchaute ſich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen hervor traf ihn doch ein ſo mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl und warm wurde, als hätte er den beſten Ertrait * Abſinthe vor den Magen geſchlagen.—„Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, mein Kindchen?“ fragte er kleinlaut, machte aber ſo verſchmitzte, kluge Aeuglein dazu, daß Ida, ſo ernſt ſie ſein wollte, lächeln mußte. Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie ſie von Anfang durch ſeine doch etwas gar zu indiskrete Aeußerung ſehr außer Contenance gekommen, daß ſte ihm aber jetzt nicht genug danken könne, denn der Graf habe ihr all' ſein Unglück, ſein Leiden erzählt, und ſie ſei wie von ihrem Leben überzeugt, daß er von ſeinem Phantome könne be⸗ freit werden. Jetzt hatte der Hofrath Ida auf dem Punkt, wo er ſie haben wollte. Jetzt war er mit der ganzen Geſchichte auf einmal im Klaren und rieb ſich unter dem Tiſch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände.„Sie können und müſſen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle Wageſtück von vorhin eingegeben. Sie müſſen ihn überzeugen, daß Alles Ausgeburt ſeiner Phantaſie iſt. Sie müſſen machen, daß er wieder den Menſchen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag freundlich und geſellig iſt, und Nachts nicht mehr in die Kirche läuft. Ich will davon gar nicht ſagen, daß es für ſeine Ge⸗ ſundheit hoͤchſt nachtheilig iſt, alle Nacht ſich vor einem blutigen Geſpenſt zu fürchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Un⸗ annehmlichkeiten, die ein ſolcher Umſtand mit ſich führt. Der Graf, iſt er nun ſo recht im Feuer, ſo recht, was man ſagt, im Zug, gibt es dann einen herrlicheren, angenehmeren Geſell⸗ ſchafter als ihn? Da iſt Alles Leben, Alles Feuer, das ſprudelt von dem feinſten Witz, von der zarteſten Geſelligkeit, und um die Zeit, wo gewoͤhnlich der Champagnerpunſch, den Sie ſo treff⸗ lich zu bereiten wiſſen, oder Kardinal, und für Liebhaber des Rothen auch Biſchof aufgeſetzt werden ſoll, wenn man glaubt, jetzt geht es erſt recht an, da wird er nach und nach ernſter und ſtiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus der Taſche, oder läßt ſie in der Taſche repetiren, daß man glaubt, er habe ein Glockenſpiel im Magen, und— haſt ihn geſehen— ſchleicht er ſich sans adieu fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirthin kann ich es, ob ich gleich die heiligſten fürchterlichſten Eide dazu ſchwoͤre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz ſchlimmen Wegen im Dunkeln ſchleiche.„Ich weiß das beſſer,“ ſagt ſie immer;„im Dunkeln iſt gut munkeln— das mache mir ein Anderer weis.“ Und dann, wie unangenehm iſt ein ſolches Verhältniß, wenn der Herr Graf einmal in den heili⸗ gen Stand der Che ſich begeben ſoll. Zur Zeit, wenn da ſein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn ſie im Hemdchen und Nachtcorſetchen ins Bettchen ſchlüpft,— „Was weiß ein alter Hageſtolz, wie Sie?“ unterbrach ihn das Fraͤulein eifrig, indem ſie ihm mit dem weichen Patſchchen, über und über erroͤthend, eines hinter das Ohr verſetzte, ſchel⸗ miſch lächelte und innerlich beinahe platzte.„Was wiſſen Sie von Nachtcorſetchen und Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach, und der Schuſter, heißt ein altes Sprüchwort, der Schuſter bleibe bei ſeinem Leiſte.“ „Leider, Gott erbarm's!“ ſeufzte und knurrte der alte Kater⸗ Murr⸗Berner mit komiſchem Pathos,„leider heißt es bei mir: ne ultra crepitam,“ ich darf nichts ſehen als die hübſchen Füß⸗ chen, und höchſtens, aller— allerhöchſtens Jahrs einmal ein hüb⸗ ſches Wäd—; doch um wieder auf Martiniz zu kommen. Ich habe hin und hergedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie man ihn der Welt wieder geben kann. Wir mogen über die Thorheit des Ge⸗ ſpenſterglaubens an ihn hin predigen, ſo lange wir wollen, er gibt uns Recht, und in der Nacht ſieht er dennoch wieder ſein Phantom. Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege bei⸗ kommen. Sie, Ida, Sie müſſen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei ihm bleiben in den Augenblicken * Nicht über den Leiſt hinaus! der Angſt, und ich ſtehe dafür, er wird ſo viel an Sie denken, daß das Bild ſeiner Phantaſie verſchwindet.“ Ida ſträubte ſich vor dieſem Hülfsmittel mit mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrath zu bedenken, daß das ſich aufdringen heiße. Was die Welt dazu ſagen werde, wenn ſie einem landfremden Menſchen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes— aber der Hof⸗ rath, der das Mädchen von ſeiner Kindheit an kannte, ſah tiefer. Er ſah, wie ſich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das Un⸗ ſchickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne, ſträube, daß aber das Edle und Große, das ſie, nur von Weni⸗ gen gekannt, tief in der ſtolzen, jungfräulichen Bruſt verſchloß, ſchon jetzt dieſen Rettungsgedanken mit Waͤrme ergriffen haben müſſe, denn in ihrem Auge ſah er jenes ſtille Feuer ernſten Nachdenkens, ihre Bruſt hob ſich ſtolzer, wie wenn ſie eines großen Entſchluſſes mächtig geworden wäre. Er tröſtete ſie über den Gedanken, was die Welt ſagen würde; unerkannt wolle er ſte in der dunklen Nacht in die Kirche führen,„und landfremd, fuhr er mit ſchalkhaftem Lächeln fort, landfremd nennen Sie dieſen Menſchen? Mir wenigſtens iſt es in den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den land⸗ fremden Menſchen zum allererſtenmal ſahen, ſagte: ich möchte hingehen und fragen, warum biſt Du nicht froͤhlich mit den Frohlichen, ſage mir Deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann?“ Es iſt etwas im weiblichen Herzen, das ſie in einzelnen Momenten ſo hoch erhebt, daß ſie Entſchlüſſe faſſen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht ſich geſcheut hätte. Auch Ida's Herz war nicht unempfänglich für ſolche große Entſchlüſſe, die der kältere Beobachte mit Unrecht Schwärmerei nennt, ſte lehnte ſich an die Bruſt des alten Freundes und liſpelte mit geſchloſſenen Augen kaum hörbar, aber feſt entſchloſſen:„Ich will es thun, denn ich fühle es: der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme!“ —ð ——— 177 Die Heilung. Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Praͤſidenten Haus ein paar dunkle Geſtalten traten, die eine, größere, war in einen dicken Ueberrock geknopft, den Hut tief ins Geſicht gedrückt, die andere, kleinere, hatte einen Shawl von dunkler Farbe um den Kopf geſchlagen, war tief in einen Carbonaro eingewickelt, der aber zu lang ſchien, denn die Perſon, die ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Geſtalten ſchlichen ſich dicht an den Häuſern hin, gingen meh⸗ rere Straßen entlang und verſchwanden endlich im Portal der Münſterkirche. Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münſterplatz; es war der Freilinger Küſter; er ſchloß ſchweigend die große, knarrende Kirchthüre auf und winkte den beiden Ge⸗ ſtalten einzutreten. Die kleinere ſchien zu zoͤgern, als ſcheue ſie ſich, in den nachtrabenſchwarzen Dom zu treten; als aber der Küſter mit ſeiner Laterne voranleuchtete, ſchien ſie muthiger zu werden und folgte, doch ſah ſie bei jedem Schritte unter dem Shawl hervor, als fürchte ſie, irgend etwas Gräuliches hinter den großen Säulen hervorgucken zu ſehen. Am Altar machten ſite Halt. Der Küſter zeigte auf einen breit vorſpringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Theil der Kirche überſehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die Laterne gab übrigens ſo wenig Licht, daß man, ohne näher zu treten, die an dem Pfeiler Sitzenden von denz übrigen Dunkel nicht unterſcheiden konnte. Indem hörie man den Glockenhammer im Thurme ſummen und zum Schlag ausholen, der erſte Glockenſchlag von Mitter⸗ nacht rollte dumpf über die Kirche hin, und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf dem Altar zu. Es war Martiniz mit ſeinem Diener. W. Hauſſ's Werke. III 12 178 Blaß und verſtört ſetzte ſich jener, wie er alle Nacht zu thun pflegte, auf die Stufen des Altars. Zuerſt ſah er ſtill vor ſich hin, er weinte und ſeufzte, und, wie in jener Nacht, da ihn der Küſter zum erſtenmale geſehen hatte, rief er mit wehmüthiger, bittender Stimme:„Biſt Du noch immer nicht verſöhnt? Kannſt Du noch immer nicht ver⸗ geben, Antonio!“ Seine Stimme tönte voll und laut durch die Gewölbe der Kirche, aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief eine ſilberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel:„Er hat vergeben!“ Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen, ſeine Wangen rötheten ſich; ſein Auge glänzte, er ſtreckte ſeine Rechte zum Himmel hinauf und rief:„Wer biſt Du, der Du mir Vergebung bringſt von den Todten?“ Da rauſchte es an jenem vorſprin⸗ genden Pfeiler, eine dunkle Geſtalt trat hervor, der Graf trat bebend einen Schritt zurück, ſein Haar ſchien ſich emporzuſträuben, ſein Blick hing ſtarr an jeder Bewegung des Nahenden, die Ge⸗ ſtalt kam näher und näher, der milde Schein der Laterne em⸗ pfing ſie, noch einige Schritte und— der dunkle Mantel fiel, ein ſeraphähnliches Weſen,— Ida mit der Taubenfrommheit eines himmliſchen Engels ſchwebte auf den Grafen zu, dieſer war in ein willenloſes Hinſtarren verſunken, noch immer glaubte er einen Bewohner höherer Räume zu ſehen, bis ihn die ſüße, wohlbekannte Stimme aus der Betäubung weckte. „Ich bin es,“ flüſterte, als ſte ganz nahe zu ihm getreten war, das muthige, engelſchöne Mädchen,„ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Todten verkündigt. Ich bringe ſte Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der Liebe und nicht der Qual iſt, der dem Sterblichen vergibt, was er aus Uebereilung und Schwachheit geſündigt, wenn ernſte Reue den Richter zu ver⸗ ſöhnen ſtrebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es iſt auch der Ihrige; ich weiß, Sie werden ihn nicht zu Schanden machen. Du aber,“ ſetzte ſie mit feierlicher Stimme hinzu, indem ſie ſich gegen das Schiff der Kirche wandte,„Du, der Du durch 179 die Hand des Freundes fielſt, wenn Du noch dieſſeits Anſprüche haſt an dieſes reuevolle Herz, ſo erſcheine in dieſer Stunde, zeige Dich unſeren Blicken, oder gib ein Zeichen Deiner Nähe!“ Tiefe Stille in dem Gotteshauſe, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein Lüftchen regte ſich, kein Blättchen bewegte ſich. Mit ſeligem Lächeln, mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem ſtrahlenden Auge wandte ſich Ida wieder zum Grafen.„Er ſchweigt,“ ſagte ſie,„ſein Schatten kehrt nicht wieder,— er iſt verſöhnt!“ „Er iſt verſoͤhnt!“ jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. „Er iſt verſöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn gebannt; Ihre treue Freundſchaft für mich Unglücklichen, die eben ſo hoch, eben ſo rein iſt als Antonio's Treue und Großmuth, ſie hat den blutigen Schatten verſöhnt. Wie kann ich Ihnen danken—“ „Danken Sie Dem, der ſtark war in mir Schwachen,“ ſagte Ida, indem ſie ihm ſanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küſſen bedeckt hatte;„wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen, als das Bewußtſein, dem Freunde genützt zu haben, ſo danken Sie mir dadurch, daß Sie ſich wieder den Men⸗ ſchen ſchenken, daß Sie wieder heiter und froh ſind, wie es Menſchen gebührt, denen Gott die ſchöne Erde zu einem Orte der Freude geſchenkt hat.“ 4 Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an ſein klopfendes Herz, ſein freudiges Lächeln, ſein ſeliger Blick ſagten ihr, daß er erfüllen wolle, was ſie ihn geheißen. Der Hofrath war indeß näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas ſchalkhafter Miene die ſchöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch nichts Schöneres ſehen. Der hohe ſchlanke, junge Mann mit dem zarten, ſprechenden Geſicht, aus dem jetzt alle Wehmuth, alle Trauer gewichen war, das jetzt nur Freude und Glück ausſprach, an ſeiner Seite die feine Seraphgeſtalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den ſinnigen, ſchmel⸗ zenden Augen ſo freudig, ſo ſchmachtend an jenem hinaufſah, 180 — ſie Beide umſtrahlt von dem ungewiſſen milden Schein der Laterne und im Hintergrund der Altar und die wunderlich ge⸗ formten Bogen und Säulen des majeſtätiſchen Tempels.„Nun,“ dachte Berner,„ſei es um ein paar Wochen, dann ſind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar, dort auf den Stufen ſteht dann der Herr Paſtor primarius, und weiter unten müſſen mir die beiden Leutchen dort knieen: der Herr Paſtor ſpricht dan den Segen und ſie ſind kopu—“. Es zupfte ihn etwas am Rockſchoß, er ſah ſich um. Der alte Brktzwiſl ſtand hinter ihm und wiſchte ſich einmal über das andere die alten Augen, die vor ſeliger Rührung übergingen. „Das iſt Ihr Werk, Herr Hofrath,“ ſchluchzte er,„möge es in Zeit und Ewigkeit—“ „Sei ſtill,“ flüſterte Berner,„Dein Werk iſt es, denn hätteſt Du nicht endlich geſchwatzt, ſo ſpukte der Herr Antonio nach wie vor.“ Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an.„Nun, am Ende iſt es doch der Himmelsengel dort,“ ſchluchzte er weiter, „der es vollbracht hat; ohne ſie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch nichts zu Wege gebracht. Morgenden Tages ſchreibe ich Alles dem alten Herrn Onkel, und der kann nicht anders, er muß ſeinen Segen zu der holdſeligen, zukünftigen Frau Gräf—“ Ein Wink ſeines Herrn unterbrach ihn, er eilte zu ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Ida's Gewand und brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Ida's Mantel. Scherzend, als ginge es von einem Ball nach Hauſe, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um und hüllte ihr das Köpfchen in den Shawl, daß nur noch das feine Näschen hervorſah; der Hofrath führte ſie, der ſtill⸗ ſelige Graf ging neben ſeiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eiferſüchtig, daß dieſe das Geſichtchen immer nur dem Grafen und viel ſeltener ihm zuwandte. Brktzwiſl und der Küſter, der ganz traurig ſchien, daß ſeine Thalerquelle doch endlich verſiegt war, ſchloſſen den Zug.„So 1 —, —— 181 Gott will,“ ſagte zu ihm der alte Diener, als er die Thüre ſchloß,„ſind wir zum letztenmal Nachts da drinnen geweſen; Dir ſoll es übrigens nichts ſchaden, alter Kauz. Wenn Deine durſtige Seele nach einem Glas Wein verlangt, ſo komme nur zum alten Brktzwiſl in den Mond, da ſetzen wir uns dann hinter den Tiſch, die Frau Wirthin muß Alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlſein meines Herrn und des ſchönen Fräuleins.“ Neue Entdeckung. Der alte Brktzwiſl kam am andern Morgen mit einem Ge⸗ ſicht, aus welchem man ſich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrath; er wünſchte mit freundlichem Grinzen guten Morgen und ziſchte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwiſchen den Zähnen hätte, ein„wenn nur das heilige Kreuz⸗Donner—“ oder,„wenn nur das Mohren⸗Kraut⸗Stern⸗Elementerchen“ um das andere heraus. Er rapportirte, daß er einen Brief von der alten Excellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dieſer ankündige, daß er ſeine Briefe nach Fuſelbronn, einer Badeanſtalt zwiſchen Freilingen und der Reſidenz ſeitwärts gelegen, zu ſchicken habe. „Der Kukuk!“ raſaunte der alte treue Knecht,„hätte der alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er hier in Freilingen und ſchaute das Glück ſeines Herrn Bruder⸗ ſohnes mit leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeit⸗ vater vorſtellen! Was hilft mich das, daß er wieder ſchreibt: „Brktzwiſl, ſcheue keine Koſten, wir koͤnnen es ja bezahlen, wenn der Himmel unſerem Emil wieder geſunden Menſchenver⸗ ſtand verleihen will.“ Was hilft mich das? In allen Neſtern von Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir herumfuhren, habe ich keine Koſten geſcheut; ich mag gar nicht denken, was nur die Doktores koſteten, wenn ich alle Mal die Antwort bekam:„Reiſe weiter! Zerſtreuung hilft! 182 Glückliche Reiſe.“— Jetzt, wo wir hier Zerſtreuung und Freude umſonſt hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn kurirt hat, jetzt ſoll ich keine Koſten ſcheuen? Was hilft da der ver⸗ fluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein ſechs Louisd'ors geben,) wie einem Doktor oder Profeſſor?“ So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrath; die Worte pullerten ihm nur ſo hervor, es war ihm ganz ernſtlicher Ernſt mit der Sache, und er war auf ſich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht stante pede eine Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrath ſah ihn ganz erſtaunt an und hielt ſich den Bauch vor KLachen, ſo komiſch kam ihm des alten Geſellen Wüthen vor. „ Alter Narr!“ rief er endlich,„muß man Dir denn die Naſe drauf ſtoßen und eine Brille aufſetzen, daß Du findeſt, was Du ſuchſt? Kannſt Du Dich denn nicht hinſetzen und die ganze Ge⸗ 1 ſchichte von den letzten vierzehn Tagen Deinem alten Herrn ſchrei⸗ ben und daber einfließen laſſen, daß Dein Herr zum Sterben in das Mädchen verſchammerirt ſei? Und wenn der Herr Onkel das weiß, nun ja— das Fräulein iſt von gutem Adel, ich ſehe nicht ein, was für ein beſonderes Hinderniß—“ „Weiß Gott, ſo thu' ich,“ rief Brktzwiſl und ſetzte vor Freuden den Reſpekt ſo ganz aus dem Auge, daß er einen Katzenſprung in die Luft machte;„aber Eines fehlt doch immer noch, mein Herr ſollte nur erſt mit dem Fräulein im Reinen ſein, aber geben Sie Acht, geben Sie Acht, der macht uns einen Streich! Er iſt ſo blöde, ſo furchtſam—“ Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwiſl! Sein 8 Herr ſaß, indem ſein Diener von ſeiner Blödigkeit perorirte, bei Ida auf dem Sopha, der Präſident, der nur ſo auf ein Viertelſtündchen in ſeiner Tochter Boudoir eingeſprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunſt um das Augen⸗ parliren iſt; da ſchwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher hielten ſie ſich die ſchönſten Reden durch ver⸗ ſtohlene Blicke, mit einer Beredſamkeit, einem redneriſchen Feuer, — von dem ſelbſt Cicero in ſeiner Rednerkunſt keine Aufſchlüſſe gibt und wovon auch kein Wörtchen weder in der Syntaxr der deutſchen Sprachlehren, noch in den verſchiedenen Rhetoriken und äſthetiſchen Vorleſungen ſteht, die alljährlich von den Kathe⸗ dern abgehaſpelt werden. Der Präſident thaute immer mehr auf, denn Martiniz ſprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hieſiger Gegend im Sinne habe, und der gute Präſident glaubte nicht anders, als ſeine Aufmunterungen haben den Grafen auf dieſen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarſtein— er gratulirte ſich ſchon im Voraus zu einem allergnädigſten Hand⸗ ſchreiben, beſah lächelnd ſeine Bruſt, wo nächſtdem das Groß⸗ kreuz des Civilverdienſtordens paradiren werde, nannte Martiniz ſeinen neuen Landsmann und ſein liebes Gräfchen, und zog kichernd und ſchnalzend über ſeine vortrefflich gelungene Nego⸗ ciation zum Zimmer hinaus. Das téte à téte. So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Muth; zwar prickelte es Beiden ein wenig ängſtlich im Herzen, denn das Wiederſehen nach einem ſo wichtigen Moment wie die geſtrige Mitternacht war, führt immer eine kleine unab⸗ weisbare Verlegenheit mit ſich; man iſt nicht ſicher, den Ton gleich wieder zu finden, in welchem man ſich verlaſſen hat. Denn das iſt keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Geſpräch, ſo auch in dem Flüſtern der Liebe Abends wärmer iſt und in einer Viertelſtunde weiter kommt, als den Morgen nach⸗ her, wo ſchon der Verſtand mehr mit der Phantaſte über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz auf den erſten Augenblick des Alleinſeins mit Ida bange; er war ſo traulich von ihr geſchieden, er hätte ihr geſtern Abend Alles, Alles ſagen können, wovon ſein Herz ſo voll war— und ett, jetzt hatte 184 er wieder allen Muth verloren. Er hatte mit den erſten Damen von vier großen Reichen geſcherzt und gelacht, ohne ſich von den impoſanteſten Schönen verblüffen zu laſſen,— wo war ſein Muth, ſeine Gewandtheit, dieſem Mädchen gegenüber? Es war aber auch unmöglich, bei dem Engelskind die Faſſung zu behalten;— erfreute der herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöoͤſe der Haltung das Auge, war man beinahe geblendet von dem Lilienſchnee der Haut, von der jungfräͤulichen Pracht des Alabaſter⸗ buſens, war man entzückt von dem Roſenſammt der blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man. wunderbar bewegt von dem lieblichen Contraſt, den ihre brand⸗ brand⸗brand⸗raben⸗raben⸗kohlen⸗dinten⸗ſchwarzen Ringellöoͤckchen und orientaliſch geſchweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingeriſſen von dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem ſchöngeformten Mund zeigte, hätte man hinſtiegen moͤgen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht feſt Mund auf Mund zu drücken—ol ſo durfte ſie ja nur das Auge aufſchlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den fündigen Menſchen und ſeine Begierden herab⸗ blitzen laſſen, ſo ſchlich man ſich ſo ducks und geſchmiegt hinter die Grenzbarrièren der Beſcheidenheit zurück, als haben einen zehn Paßviſttatoren und zwanzig Gendarmen dahinter zurück⸗ gedonnerwettert. Das iſt der Zauber reiner Jungfräͤulichkeit. Man ſage, was man will, von Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputir⸗ liches Frauenzimmer mehr allein auch nur eine Meile weit reiſen könne; an den Männern liegt es wahrhaftig nicht, ſondern an jenen ſelbſt, die ohne den Schutz⸗ und Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinaus gehen. Der Graf war kein ſolcher Geck wie viele unſerer heutigen jungen Herren, welche glauben, jedes Herz, das ſie lorgnettiren, müſſe auch unwillkür⸗ lich von ihrer intereſſanten Erſcheinung hingeriſſen ſein. Nein, ſeinem ſcharfen Auge war es nicht entgangen, wie Ida dieſe —— —= 185 ſaubern Herren, als ſte ſich mit ihrer dreiſten, handgreiflichen Unverſchämtheit an ſie drängten, hatte ablaufen laſſen; wenn auch ihm keine ſolche Zurechtweiſung bevorſtand, wenn er ſich auch ſchmeicheln durfte, von dieſem Phönix von Mädchen vor Allen ausgezeichnet worden zu ſein, wenn er ſich auch eines höheren Werthes bewußt war, wer ſtand ihm dafür, daß nicht dieſes Mädchen, das gewiß auf ihre Freundſchaft einen hohen Werth legte, ſich tief beleidigt fühlen werde, wenn er zaͤrtlichere Ge⸗ fühle äußerte? Wer ſtand ihm dafür— zwar der Hofrath hatte es ihm zu dutzendmalen mit den fürchterlichſten Eiden geſchworen, daß es nicht ſo ſei, aber was wußte der Hofrath von den Heim⸗ lichkeiten eines tiefen Mädchenherzens? Wer ſtand ihm dafür, daß ſie nicht ſchon einen Anderen, Würdigeren lie— Nein? er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn gepeinigt; die guten Betten, über welche er jeden Morgen der Frau Mondwirthin viel Schoͤnes geſagt hatte, waren hart und ſchneidend, wie die Latten, auf welche er ſonſt ſeine ungezogenſten Uhlanen geſchickt hatte; die Kopfkiſſen— Jakobs Stein muß ein Eiderdunenpfühl vagegen geweſen ſein, denn er konnte ja darauf ſchlafen und ſogar eine Himmelsleiter träumen, die ihn in den Himmel— es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er endlich den Rieſenentſchluß faßte, ſich Gewißheit zu verſchaffen.. Noch auf der Treppe hatte er Löwenmuth, er ſtieg die Stufen hinan, als wären es die ſchiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch ſo lange der Papa dabei ſaß, füſterte er ſich zu, daß er mehr Muth beſitze, als er gedacht habe; ihr Blick ſchien ihm heute beſonders glänzend, ſchien ihn ſelbſt aufzumuntern, aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundſchaftliche Wohl⸗ wollen; er wünſchte den Papa zum Henker oder in ſeine Kanzlei, und doch hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und feſthalten moͤgen; jetzt Nuth!— Aber es ſchnürte ihm die Kehle zuſammen, er konnte nicht anfangen, Alles ſchien ihm zu gemein, zu trivial für dieſe Stunde.— 186 „Warum ſo ſtill und trübe, Martiniz?“ fragte Ida, als der Graf immer noch keine Worte finden konnte.„Sie ſind doch wohl nicht krank?“ Wie wohl that ihm dieſe Theilnahme!— Das Geſpräch war eingeleitet, und dennoch konnte er nicht weiter Da ſiel ihm auf einmal ein Gedanke ein— er beſchloß ihn aus⸗ zuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die Landſitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war Idchen bekannt; und wie unendlich hübſch ſtand es dem Mädchen, wenn ſie von der Landökonomie ſo kun⸗ terbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachſen war. Es war ihm, als ſäße er ſchon mit ihr Abends vor der Thüre ſeines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf ſeines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm JIda als züchtiges, hübſches, allerliebſtes Frauchen; und wie ſie dann— nein, es war zu hübſch, wenn er es ſich ſo vorſtellte,— wenn ſie dann ſorglich die Kinder hineinſchickte — und ſelbſt aufſtand— und ihn bei der Hand nahm— und die andere Hand ihm auf die Stirne legte— und, ja— und dann ſagte: Männchen, es iſt hier unten ſchon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet— „ Da ſitze ich ſchon ein gutes Halbviertelſtündchen,“ unter⸗ brach Ida mit froͤhlichem Lachen ſein Selbſtgeſpräch,„und ſehe Ihnen zu, wie Sie ſo gar nachdenklich ſind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß ſaͤßen Sie ſchon auf irgend einem Landgut und ſannen nach, wie luſtig Sie ſich dort die Tage vertreiben wollen.“ „Ach,“ antwortete Emil,„ſo luſtig wird es wohl dort nicht werden, wenn man ſo allein, ſo ganz allein auf der Erde iſt.“ „Nun, das kömmt nur auf Sie an, Sie können ſich die Einöde froh machen, können Freunde zu ſich bitten—“ „Freunde?“ fragte Martiniz mit ſonderbarem Ausdruck der Stimme:„Es iſt wohl etwas Gutes um Freunde, aber ſie kommen und gehen; und das Herz verlangt nach etwas Bleibendem.“— —;—;xꝛℳꝛ—D‿—— —nd 82— 187 „Wer bedenkt,“ antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann,„wer bedenkt, wie viel Sie ſchon verloren haken, wird Sie um dieſe Anſicht nicht ſchelten; Sie haben Recht, es iſt nichts Bleibendes auf der Erde.“ So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint.„Nein,“ ſagte er,„es hieße dem Leben ſeinen ſchönſten Reiz ablügen, wollte man dies ſo ſtrenge behaupten; Etwas iſt, was dem Manne in jedem Wechſel bleibt. Ihnen darf ich ſagen, was ich meine, Ihnen, die in dem erſten Augenblicke dem Unglücklichen ihre zarte Theilnahme ſchenkte, die durch die zarten Bande der Gaſtfreund⸗ ſchaft das Herz wieder für die edlen Freuden der Geſelligkeit öffnete, die, wenn alle Menſchen mich verkannten oder über mein Unglück ſpotteten, mir treue Theilnahme und reichen Troſt ge⸗ währte, die mir aus gläubiger, frommer Freundſchaft ſelbſt in jene Schreckensſtunde, die mich von den Menſchen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land raſtlos fortſcheuchte, Dir, Du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf ich ſagen, was mir fehlt, Du haſt mir ja immer geholfen, mir fehlt— ſei Du es mir— ein liebes Weib.“— Mit ſteigendem Erſtaunen war Ida der Rede Emils gefolgt — ihr Auge hing an ſeinen Lippen, ihre Hand zitterte in der ſeinigen, denn ſie meinte nicht anders, als ein neues, noch furcht⸗ bareres Geheimniß zu vernehmen. Mit einem Schrei der Ueber⸗ raſchung, der Freude, der Verlegenheit flog ſie daher vom Stuhle auf, als er endete.„Herr Graf— Marti—“ ſtammelte ſie in ſteigender Verlegenheit, ihr Geſicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham. „Mein Maͤdchen, meine Ida!“ füſterte Martiniz und zog ſie zu ſich herab in ſeine Arme, er nannte ſie mit den ſüßeſten Schmeichelnamen.„O laß mir noch einen Glauben, noch eine Hoffnung, laß mir noch einen Troſt, den Deiner Liebe!“— „Mein Emil!“ hauchte ſie aus den ſüßen Lippen hervor— und der Graf preßte ſie in ſtürmiſchem Entzücken an die Bruſt, wollte eben den erſten, heiligen Kuß reiner Lie— 188 Da ſchmetterten Poſthörner die Straße herab, ein ſchwerer Reiſewagen raſſelte dröhnend über das Pflaſter und hielt vor des Präſidenten Haus; aufgeſchreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenſter auf, aber erbleichend irat ſie zurück.—„Mein Gott im Himmel!“ rief ſie,„es iſt die Gräfin Aarſtein.“— Die Saat des Böͤſen reift ſchnell. Der Mann im Monde, oder der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme. Zweiter Theil. 4 Das Ankraut im Weizen. Die hölliſchen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundſiederei Schulderoff und Comp. thaten ihre Wirkung voll⸗ kommen. Kaum hatte Onkel Sorben, eine jener Hofſeelen, die durch Intriguen geboren, mit Intriguen groß gezogen werden, und ſicher einmal an einer Intrigue ſterben, die ſte gegen den Tod oder den Meiſter Urian anzetteln— Onkel Sorben hatte kaum den Brief ſeiner liebenswürdigen Poſaunenſeraphsnichte zu Geſicht bekommen, als er wie wüthend nach ſeinem Stadtwagen ſchrie. War doch die Geſchichte ſo geſchickt, ſo fein eingefädelt geweſen, und Geſchenke— vom Herrn eine Doſe, vom Staats⸗ ſekretär ein Staatsſouper, von der Gräfin ein Paar Pferde, und ſonſt noch was, was ein alter Kauz wie er nie verſchmäht, und dies Alles ſollte ihm ſo ein naſeweiſes Ding, die kaum hinter den Ohren trocken, wegliebäugeln. Die Röthe des Zornes lag noch auf ſeinem Geſichte, als er bei der Gräfin vorgelaſſen wurde, er traf ſie allein, nur der Rittmeiſter Sporeneck, ihr täglicher Geſellſchafter, war dort. Der Letztere hatte einen Brief in der Hand, aus welchem er ſo eben etwas Unangenehmes vorgeleſen haben mochte, denn die Gräfin ſchien mit Mühe ſehr heiter zu ſein, ihr koloſſaler Buſen wogte ungeſtüm auf und ab. „Excellenz,“ krächzte Sorben aus ſeiner angegriffenen Bruſt hervor,„Excellenz! Da bekomme ich ſo eben ganz ſonderbare Nach⸗ richten von Ihrem Zukünftigen aus Freilingen.“— Die Gräfin und der Rittmeiſter warfen ſich bedeutende Blicke zu, aber der graue Hofmann ließ ſich nicht merken, daß er es gemerkt habe —„ja, aus Freilingen; er ſoll dort en passant ein galantes Verhältniß mit einer jungen Dame, des Präſidenten v. Sanden Tochter, angeknüpft haben; ſolches wäre nun unter andern Um⸗ ſtänden ziemlich gleichgültig, Ercellenz werden ſich aber vielleicht noch aus dem Briefe aus Warſchau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem ſolchen, wiſſen Sie wohl, iſt nicht zu tr—“ „Nicht zu trauen, da haben Sie Recht, lieber Sorben, da haben Sie Recht, und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache iſt übrigens einmal ſo weit eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht;— was ſchreibt ſein Onkel?“ Dieſe Querfrage brachte den Geheimerath beinahe ganz außer Faſſung, denn ſein Gewiſſen ſagte ihm, daß er in dieſer Hinſicht ein gewagtes Spiel ſpiele; als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von ſeinem Reichthum ſprach, der Staatsſekretär ihn für eine gute Priſe erklärte und alle Segel aufſpannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sor⸗ bens Glücksſtern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel. Er hatte in Carlsbad den alten Onkel Martiniz kennen ge⸗ lernt und ſtand jetzt noch in einiger Korreſpondenz mit ihm. Sein Geſchäft war es daher, den alten Polen für die Heirath ſeines Neffen mit der Gräfin Aarſtein zu gewinnen; er hatte ſich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältniſſen der Aarſtein, und— ja es mußte gehen, er ſchrieb dem alten Mar⸗ tiniz und trug ihm gleichſam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile hatte er, um ſich bei der Gräfin, die dem regierenden Hauſe ſo nahe verwandt war, wichtig und unent⸗ behrlich zu machen, viel von ſeinem großen Einfluß perorirt, den er auf ſeinen Intimus, den alten Martiniz, habe, und jedesmal, ſo oft auf die Heirath die Rede kam, ganz zuverſicht⸗ lich geſagt:„Es fehlt ſich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit Holla!“ . ———— ———— o 193 Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte ſeinem Carlsbader Freunde wieder geantwortet, daß dieſe Verbin⸗ . dung mit einer ſo erlauchten Dame ſeinem Neffen wie dem ganzen Hauſe Martiniz nicht anders als zur größten Ehre gereichen könne, und daß er ſich unendlich freue, die ſchöne Gräfin einmal als ſeine Schwiegerniéce zu umarmen; bis hieher war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken;— was übrigens ſein Votum in der Sache betreffe, ſchrieb er weiter, ſo müſſe er ſich mit Wünſchen begnügen, denn er habe den Grundſatz, in ſolche Affeairen ſich auch nicht im geringſten einzumiſchen; ſein Neffe kenne ihn auch von dieſer Seite vollkommen und wiſſe, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu⸗ noch abrathen werde. Er ſolle einmal nach Liebe heirathen, natürlich nicht unter ſeinem Stande; wenn er aber dieſe Grenzen nicht überſchreite, gebe er 1 ſeinen Segen zu jeder Wahl. Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte ſich vorgeſtellt, der Alte werde bei einer Gräfin Aarſtein ſogleich mit beiden Händen zugreifen und ſie dem Herrn Neveu als Frau Ge⸗ mahlin präſentiren ohne weitere Sperranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, ſehr weit in der Cultur zurück ſein, 1 daß man von einer Heirath nach Liebe ſprechen konnte; doch der Karren war ſchon einmal verfahren und konnte auf dieſer Seite nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von . Sorben dachte alſo:„Vogue la galère, der alte Narr muß 1 wollen!“ machte gute Miene zum böſen Spiel und ſagte dem Staatsſekretär und der Gräfin, der alte Martiiniz ſei vollkommen damit einverſtanden. Ein böſes Gewiſſen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldſiſchchen doch nicht anbeißen mochte,— nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja um Ehre und Reputation gekommen, denn auf ſeine Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man ſich 4 nicht mehr genirt und von der Verbindung, als von etwas, das 3 ſich von ſelbſt verſtünde, überall geſprochen. 1 Wie jetzt die Sachen ſtanden, ging ihm das Waſſer bis an W. Hauff“s Werke. III. 13 194 die Kehle, und die fatale Querfrage der Gräfin:„Was ſchreibt ſein Onkel?“ hätte ihn beinahe aus aller Contenance gebracht. Doch er faßte ſich und antwortete mit der heiterſten Miene von der Welt:„Der iſt, wie ich ſchon oft geſagt habe, durchaus damit einverſtanden, und dieſe Verbindung liegt ganz in ſeinen Wünſch—“ „Wie? Ganz in ſeinen Wünſchen? Damit einverſtanden? — Das ſind nicht die Ausdrücke, die Sie mir früher ſagten; erinnern Sie ſich, Sie ſagten mir, er ſchreibe, er ſei von ſelbſt auf den Gedanken gekommen, daß ſein Neffe mich—“ Höllenangſt, Höllenpein nagte in Sorbens Bruſt; nein! wenn er compromittirt würde! Doch da galt kein Beſinnen mehr. „Vollkommen damit einverſtanden, meine Gnädige, ſo vollkommen ſage ich, daß er ſelbſt zuerſt auf den glücklichen Gedanken kam.“ „Nun, was wollen wir weiter?“ fuhr die Gräfin ruhig fort. „Mein Gräfchen wird nicht das ungehorſame Söoͤhnchen ſpielen wollen, denn die drei Milliönchen, die er von dem Onkel erben ſoll und die, wie Sie mir ſagen, wegfallen, wenn er mich nicht—“ Sorben ſchnitt gräuliche Geſtchter; es war ihm, als ſollten ihm die hellen Thränen hervorſtürzen, daß er ſich ſo dumm ver⸗ plaudert hatte, und dennoch ſollte er lächeln und freundlich ſein, er grinzte daher furchtbar, wie einer, der Assa fœtida oder recht bitteres Salzconfekt im Mund hat und doch zuckerhonigſüß dabei ausſehen will. Das Ankraut wächst. Der Rittmeiſter hatte bis jetzt noch kein Wort geſprochen; aber die Miene des alten Fuchſes mochte ihm doch nicht ſo ganz ſpaßhaft vorkommen, als ſie ausſehen ſollte.„Mir ſcheint es, als dürfe man die Sache nicht nur ſo gehen laſſen, wie ſie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorſam ſein will oder nicht, denn hole mich der—, verzeihen Sie, gnädige Gräfin— wenn —xxu—.„ — —— 195 ich ſelbſt drei Millionen hätte, wie der Goldfiſch, der jetzt in Freilingen vor Anker liegt, ſo thäte ich nach meinem Sinn, und nicht wie mein alter Oheim wollte.“ „Das heißt alſo,“ rief die Gräfin pikirt,„Sie würden * Ihrem Kopfe folgen, auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen * und die Gräſin Aarſtein refüſtren?“ 1„Wie Sie nur ſo reden mögen?“ antwortete der Rittmeiſter empfindlich,„Sie wiſſen ja ſelbſt, wie ich mit Ida ſtehe; aber ich wollte damit ſagen, daß der Graf Sie ſehen muß. Und hat er Sie nur erſt einmal geſehen, nun, ſo ſtehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anſtellt, ſondern zu Ihren Füßen liegt.“ Die Geſchmeichelte ſchlug ihn mit dem Eventail auf die Hand —e Kommt die nur erſt einmal hinter den Polen, dachte er, dann ſei ihm Gott gnädig. Denn wenn die einen lieben und von einem geliebt ſein will, dann koſtet es vierundzwanzig Stunden, und er iſt im Netz. Sie hielten jetzt großen Kriegsrath. Die Nachrichten, die der Rittmeiſter von ſeinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der Gräfin mitgetheilt hatte, ſtimmten auf ein Haar mit dem überein, was Fräulein Sorben ihrem Onkel geſchrieben hatte. Ueber den Thatbeſtand war alſo nicht der geringſte Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen? „Iſt ſie denn wirklich ſo hübſch?“ fragte Sorben, um die 1 feindliche Stellung recht genau zu recognosciren. „Hübſch?“ lachte die Gräfin bitter.„Hübſch? Nun, das müſſen Sie ihren primo Amoroſo, den Rittmeiſter, fragen. Wenn durcheinander gefilztes Rabenhaar, ein Maul voll geſunder Zähne, ein Paar rothe Bäckchen, eine gedrechſelte Hopfenſtange * von Koöͤrper, die mir die Nerven angreift, weil man ſie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müſſen, daß man eines der 12 zarten Gliederchen abknicke,“(bei der koloſſalen Rieſenküraſſier⸗ 4 8 und meinte ſelbſt, indem ſie einen Blick in den deckenhohen Spiegel 2.,„— 8 8 warf, daß dieſer Rath vielleicht ſo übel nicht wäre. Auch Sorben ſchien er das einzige Rettungsmittel in ſeiner peinlichen Lage. figur der Gräfin war dies nicht zu befürchten)„wenn dies Alles für hübſch gelten ſoll, ſo iſt ſte wunderſchön. Ha, ha, ha! wunderſchön! Nun, und das— muß man ihr laſſen, viel Welt und Bonton hat ſie auch. Denken Sie ſich, ich laſſe mich herab, ſie mir letzten Winter präſentiren zu laſſen, lade ſie zu meinen Soirées und Hausbällen ein, aber ſiehe da, Mamſell Zümpfer⸗ lich ſetzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottiſe ohne gleichen iſt? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pathe, die einen Affen an ihr gefreſſen haben mußte, als ich mich bei der Fürſtin Romanow beklagte, warum die junge Dame ſich ſo impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß ich zur Antwort erhielt? Denken Sie ſich, das gute Kind ſei zu unverdorben und keuſch, als daß ſie ſich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen kann man von der Fürſtin ſich ſagen laſſen und es ohne Replik einſtecken, aber, ma foi! ſonſt von Niemand. Alſo zu unverdorben und keuſch! Nun, der Herr Ritt⸗ meiſter da wird von ihrer Keuſchheit zu ſprechen wiſſen. Wie iſt es damit? Geſtehen Sie!“ Der Rittmeiſter verſicherte zwar auf das Heiligſte, daß er Ida immer nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe, aber ſein höhniſches Teufelslächeln bei dieſen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ faſt errathen, daß er mehr wiſſe und erfahren habe, als er ſagen wolle. „Nun,“ ſagte Sorben,„wenn die Aktien ſo ſtehen, ſo iſt es nicht ſchwer zu agiren. Sie, Excellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel, der Rittmeiſter aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eiferſüchtig macht. Er darf nur dem ſüßen Schwärmer ſchwören, daß er die Gunſt des Fräuleins Engelrein noch nie ganz genoſſen habe, und dazu ein Geſicht machen, wie wir es eben geſehen haben, ſo muß der gute Mann abgekühlt ſein, als ſei er nie entbrannt geweſen.“ „Aber wie ſoll dies Alles geſchehen? Wir können doch die Mamſell Zümpferlich nicht mit Extrapoſt kommen laſſen, da ſie —— —y a—— erſt vor vierzehn Tagen die Reſidenz verlaſſen hat, und der Graf iſt auch nicht ſo ſchnell zu meinen Füßen citirt, als Sie ſich wohl vorſtellen.“ „Iſt gar nicht nöthig,“ replicirte Sorben, indem er ſeine Karte immer hübſcher miſchte,„nicht nöthig. Wie wäre es, ja das wäre am Ende das Beſte, wenn Sie ſelbſt nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf einmal ein Ende machten?“ Der Gedanke ſchien der Gräfin nicht übel zu gefallen.„Wahr⸗ haftig, es wäre ſo übel nicht,“ antwortete ſie ſinnend;„der alte Präſident, wahrhaftig, ich quartiere mich ſelbſt bei ihm ein. Erſt vor einem Jahre hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreiſe auf meine Güter durch Freilingen komme, bei ihm abzuſteigen. Das wäre ein zu hübſcher Spaß, Fräulein Ida in ihrem eigenen Hauſe den Galan abzuſpannen. Nein, der Einfall iſt göttlich, und ich bin faſt entſchloſſen, ihn aus⸗ zuführen.“ Sorben athmete wieder freier, als er die Gräfin auf ſo gutem Wege ſah. Jetzt konnte, jetzt mußte ja noch Alles gut werden, und ſein Anſehen, ſeine Ehre war gerettet. Er that ſich nicht wenig auf ſeinen Witz zu gut, mit welchem er ſo hübſch die Volte geſchlagen und ſein zweifelhaftes Spiel korrigirt hatte. Noch einmal rieth er dringend zur Reiſe und empfahl ſich. Als er fort war, geſtand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß ſte nach Freilingen reiſen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter einer Bedingung, nämlich er müſſe ſie eskortiren. Einmal würde ihr die Reiſe zu langweilig ohne ihn, und dann habe ſie ihn auch höchſt nöthig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu ſchlagen. Der Rittmeiſter ſagte freudig zu. Eine Reiſe mit einer ſolchen Frau war eine herrliche Ausſicht. Daß er als Reiſeſtallmeiſter den Wein nicht zu ſchonen habe, wußte er wohl. Nach Freilingen war es drei Tagreiſen, wie angen ehm ließ es ſich bei der Gräfin im Wagen ſitzen, wie intereſſant ließen ſich die Verhaͤltniſſe weiter ſpielen, wenn man Abends ins Nacht⸗ quartier einrückte.— Und dann, er kitzelte ſich ſchon mit dem Gedanken, ſich an Ida zu rächen, in die er, er mußte es ſich zu ſeiner Schande geſtehen, bis zum Tollwerden verliebt war, und die ihm nicht einmal ein Küßchen— nein, es war zu unver⸗ ſchämt. Bei Andern hatte er nach den erſten Präliminarien bei⸗ nahe ohne Schwertſtreich geſtegt, und dieſes Landpomeränzchen hatte ihm ſo imponirt, daß er es nicht wagte, nachdem ſie ihn einmal mit Verachtung abgewieſen hatte, noch einmal einen Ver⸗ ſuch zu machen. Und dieſer Bläme war ausgekommen, man wußte es ſogar in dem kleinen Neſt Freilingen, zwanzig Meilen von der Reſidenz, ſein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beſchworen, ſich zu räch—. Es mußte ſein. Rache wollte er nehmen an der ſtolzen Jungfrau, daß ihr die Haut ſchaudern follte. Am andern Morgen fuhr ein Reiſewagen mit dem gräflich Aarſteiniſchen Wappen zum Thore hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeiſter von Sporeneck mit ſeinem Jockey hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockey und ſetzte ſich in den gräflichen Reiſewagen, und fort ging es über Stock und Stein, bis man den Münſterthurm von Freilingen ſah. Dort ſtieg er aus, küßte noch einmal die ſchöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, ſaß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er ſich im Gaſthof zum golde⸗ nen Mond einquartierte. Trübe Augen. Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als ſie die Gräfin aus dem Wagen ſteigen ſah:„Nun Adieu, Liebes⸗ und Lebens⸗ glück!“ ſeufzte ſie, indem ſie einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um den erlauchten Gaſt zu empfangen.„Nun Adieu Liebesglück, wenn dieſes Weib in mein Leben greift!“ 3 Sie zerdrückte eine Thräne des Unmuths über ihr Geſchick und ging weiter. So ungefähr muß es jenen unſchuldigen Thierchen zu Muth ſein, wenn ſie die Schlange erblicken und von ihrem — — graulichen Anblick übertäubt, nicht auf ihre Flucht denken, ſondern in geduldiger Reſignation dem Verderben entgegen gehen. Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Ver⸗ hältniſſen von Kindheit an ſtudirt, wußte die Gräfin ſchnell über das Unangenehme der erſten Augenblicke hinüber zu kommen. Sie war die Freundlichkeit, die Herzlichkeit ſelbſt. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht gebracht, daß ſie denen, die ſie nicht lieben konnte, wie ihren wärmſten Freunden begeg⸗ nete. Auch war ſie die Ueberraſchte und die Gräfin die Ueber⸗ raſchende, daher war Ida etwas befangen und ceremoniös beim Empfang der hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt ſagte ihr, daß ſie jede andere Rückſicht bei Seite ſetzen müſſe, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin, die nun einmal ihr Gaſt war, anſtändig und würdig zu behandeln. Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten, als die der Gräfin! So verſchieden als Natur und Kunſt. Die Aarſtein wußte gegen Jeden, auch wenn ſie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den Leib rennen mögen, freundlich und leutſelig zu ſein. Sie konnte ihm etwas Ver⸗ bindliches ſagen, wenn ſie das bitterſte Wort auf der Zunge hatte. Aber ſo ſind jene Geſellſchaftsmenſchen, die nichts Höheres kennen, als ſich zu produziren. Wenn man in ihre Cereles tritt, glaubt man in die alten Zeiten zu kommen, wo noch Alles ſo brüderlich und freundlich war; da iſt Alles übertüncht, Alles hat den ſchoͤnen Anſtrich von Geſelligkeit, aber man ſoll nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie médisant da Alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß ſein darf, von dem, der ihm gerade noch ſo ſchön gethan, ohne Schonung bitter beſpöttelt zu werden. Aber iſt es nicht überhaupt in der Welt ſo? Sucht nicht immer Einer dem Andern ſo viel als moͤglich Abbruch zu thun? Wohl dem, der es dahin gebracht hat, daß er ruhig in dieſes böſe Treiben hineinſieht und dazu lächelt. Mit Ruhe und dem Bewußtſein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Bruſt, 200 lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämiſchen Bemühungen jener Falſchmünzer, die mit ſchnöder Schadenfreude aus Allem, was man je geſagt und gedacht, nicht geſagt und nicht gedacht hat, Gift ſaugen und in ihrer frechen Leumund⸗ ſtederei ein Gebräu zuſammen kochen, das ſie gerne mir unter⸗ ſchieben moͤchten! Sie ſind zu bedauern, ſolche ſchlechte Menſchen, die von Neid und Scheelſucht geſtachelt, ſo ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge verlieren, glücklich und bruderlich unter einander zu wohnen! So denke ich und viele Tauſende mit mir über jene boͤſen Menſchen in den geſellſchaftlichen Zirkeln und in der Welt überhaupt, ſo denken wir und lachen, denn das Spiel des Lebens ſieht ſich heiter an, weunman ein ſicheres Glück im Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemuſtert, zu meinem ſchönern Ei⸗ genthum zurück. So dachte auch Ida, als ſie an der Hand der Gräfin die Tdrreppe hinanſtieg; ein tröſtender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele, ſie verglich ihren innern Werth mit dem ihres Gaſtes und dachte, wenn Martiniz mich liebt, wie ich ihn liebe, ſo wird er dieſe Frau verachten, und wenn— ach, ſie durfte den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Waſſer in die Augen trat!— nun, wenn er an ſie verloren geht, ſo habe ich wenig verloren. Es gab einen ſonderbaren, aber ſchönen Anblick, wenn man die beiden Damen ſo neben einander hingehen ſah. Gräfin Aar⸗ ſtein, eine koloſſale Figur,— ſie hätte ohne Anſtand in jedem Garderegiment dienen können,— voll, üppig gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Impoſantes, Majeſtätiſches, Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Uebermuth grenzte. Ihre dunkeln Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederſchlagen ſchon lange verlernt und rollten mit einem unſtäten Feuer um⸗ her, als ſuchten ſie lüſtern einen Gegenſtand der Begierde, oder als muſterten ſie Alles umher, ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines ſo hohen Hauſes bewieſen werde. — 201 Ihr Gang war etwas ſchwerfällig, weil die korpulente Figur für die in die feinſten Pariſer Atlasſchuhe eingepreßten Füße etwas zu ſchwer war. Neben ihr die leichte, ſchlanke, ſylphidenähnliche Geſtalt Ida's, nein, dieſer Contraſt! Sie hielt ſich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts geſenkt; das ſanfte Auge, oft niedergeſchlagen in De⸗ muth, zeigte dennoch, wenn ſie es aufſchlug, ſo glänzenden Muth, ſo feurige Luſt und Liebe, ſo gebietenden Ernſt, daß es durch die ſanfte Beredſamkeit überzeugender gebot, als das Rollauge der gebietenden Gräfin. Und um wie viel anziehender war das Schelmengrübchenlächeln des ſüßen Mädchens, als das ſchranken⸗ loſe Lachen und Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe, tiefe Stimme jedes Ohr verletzte. So ſchwebte Ida neben der Gräfin hin, ſo wie Juno und Hebe traten ſie in das Zimmer. Martiniz ſah finſter durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn ſo unbarmherzig aus dem ſüßeſten Moment ſeines Lebens herausgeraſſelt hatte. Er verwünſchte den Gaſt, der ge⸗ rade jetzt kommen mußte, wo er endlich ſeinem Herzen Luft ge⸗ macht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er anbetete, ſeine Gefühle geſtanden hatte, wo er Gegenliebe, ſüße verſchämte Gegen⸗ liebe in ihren ſanften Augen las, wo, wie von Engeln des Him⸗ mels geſungen,„mein Emil“ von ihren Lippen tönte, wo er das Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Bruſt, Himmel und Erde vergaß und auf dieſe würzigen Pur⸗ purlippen, auf die bräntlich erröthenden Wangen den erſten, ſeligen Ku—. Die Gräfin agirt. Die Flügelthüren flogen auf, und Ida, hoch erröthend beim Anblick des Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von ſo vielen gegen einander kämpfenden Empfindungen beſtürmt, die Stimme wollte ihr beinahe verſagen, als ſte den Grafen Martiniz“ der„Gräfin Aarſtein“ vorſtellte. Sie ſah die Erz⸗ generalkokette errothen, ſie ſah, wie ſie den bildſchoͤnen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu verſengen drohte; es zuckte ihr ganz eiſig in das liebende, ängſtliche Herzchen hinein, als die Gräſin ſich in einer nachläſſigen Stellung auf den Sopha warf, ihr zurief, ſie möchte ſich doch gar nicht geniren und ihre Arrangements treffen, die ein ſo plötzlicher Ueberfall wie der ihrige immer nothwendig mache, ſie möchte ſich doch durchaus nicht geniren, der Graf werde ſchon die Gnade haben, ſie zu unterhalten. „Da ſei Gott gnädig,“ flüſterte Ida in ſich hinein, indem es ihr fröſtelnd und doch wieder ſiedheiß durch alle Glieder ging, „wenn die ſo fortmacht, ſo müſſen wir ja Alle ſammt und ſon⸗ ders, den Grafen mit eingeſchloſſen, zu ihren Füßen knieen.“ Sie nahm ihre Schlüſſel und ging; aber noch in der Thüre warf ſie einen Blick auf Martiniz zurück, ſo voll Liebe und Be⸗ ſorgniß, als müſſe ſie ihn bei einem reißenden Thiere allein laſſen. „Ein liebes Kind, die Ida,“ wandte ſich die Gräfin an Martiniz, der ſchweigend und gedankenvoll neben ihr Platz ge⸗ nommen hatte,„ein liebes Kind, ſchade nur, daß man ſie ſo bald aus der Penſion genommen hat, ehe ſie noch die Vollen⸗ dung, das freiere Sichbewegen angenommen hat. Nun, das macht ſich immer noch, wenn auch hier nicht gerade der Ort iſt, wo ſie anſtändige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten findet ſich dies eher.“ Sie hielt inne, als erwartete ſie eine Antwort von dem Grafen, dieſem aber ſchien ſein Kopf mit dem Herzen Ida nach⸗ geſprungen zu ſein, und jetzt erſt, als die Gräfin nicht mehr ſprach, nahm er ſich zuſammen und beantwortete ihre Frage durch ein leiſes Kopfnicken. „Warte, ich will Dich ſchon aufmerken lehren,“ dachte die Aarſtein, der die Zerſtreuung des jungen Mannes nicht ent⸗ gangen war.„In einer Hinſicht iſt es gut, daß das Fräulein 8 d 203 aus der Reſidenz wegkam, Sie können ſich gar nicht denken, unſere Herren waren ganz rabiat, als ſie ſo lieblich aufblühte; die Straße vor dem Haus der Madame La Truniaire wurde nicht leer von den Anbetern, und natürlich ein ſolches Mädchen hat denn doch ein Herzchen und fühlt ſich durch dieſe Aufmerkſamkeit geſchmeichelt. Uebrigens das muß man ihr laſſen, mit dem größ⸗ ten Anſtand wußte ſie den Herren zu imponiren und ſie ſogar zu verſcheuchen; daß ſie nun freilich bei dem Rittmeiſter von Sporeneck es nicht eben ſo machte, kann man ihr nicht verdenken.“ „So—o?“ fragte der Graf, indem ein dunkles Roth ſeine Wangen überzog.„Der Rittm—“—„Nun ja,“ lachte die Gräfin,„da iſt es auch kein Wunder, daß ſie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo iſt denn in der Reſidenz ein Damenherz, das er zu überwinden ſich vorſetzte und das er nicht überwunden hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundſätze, iſt aber ſonſt ein artiger Menſch; au fond iſt es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen ſchnell aus der Penſton nahm, denn ſehen Sie— da kommt ſie ja ſelbſt,“ lachte ſte Ida entgegen, die mit liebens⸗ würdiger, wirthlicher Geſchäftigkeit Thee für ihren Gaſt brachte. Beinahe hätte ſie das ganze zierliche Dejeuné auf den Boden fallen laſſen, denn der Graf— was mußte ihm nur begegnet ſein, er ſaß da bleich wie der Tod, den ſtarren Blick auf ſie geheftet— „Nun, da erzähle ich,“ fuhr die Graͤfin Satanas, die mit teufliſcher Freude das zarte Band, das dieſe liebenden Herzen kaum erſt umſchlungen hatte, zu zerreißen ſtrebte,„da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affaire mit dem Rittmeiſter, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man ſie ſo grauſam herausriß aus der Wonne der erſten Lie—“ „Gnädige Frau!“ rief Ida mit den Toͤnen des Schreckens und ſetzte die Taſſe nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann. „Nun, ſo erſchrecken Sie doch nicht ſo, daß ich aus der Schule ſchwatze; das nimmt man bei uns nicht ſo genau; wahr⸗ haftig, der Papa hätte auch keine ungeſchicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können—“ „Ich muß ſie bitten, gnädige Frau—“ „Ei, ſo laſſen Sie doch die gnädige Frau,“ fiel ihr die Aarſtein ins Wort,„ich kann das Wort Frau nicht ausſtehen. Es iſt mir gar nicht, als ob ich Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht,“ ſetzte ſte naiv und mit einem ſchalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu,„ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind beſchert, und da bin ich ja eigentlich ſo gut als Mädchen.“— Ida ſchlugen die Flammen ins Geſicht; ſolche frivole Aeuße⸗ rungen mußten ihre unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß ſie dieſe wegwerfende Gemeinheit beſtrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem Rittmeiſter, es war ja kein wahres Wort an der Sache; ſie konnte gar nicht begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte ſie ihn denn nicht ſo gut abgetrumpft wie jeden Andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie nahm ſich vor, bei der nächſten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an der Geſchichte mit dem Rittmeiſter kein wahres W— Aber nein, wie ſah der Graf aus! Er hatte die Lippen zuſammengekniffen, daß ſie ganz weiß wurden, ſein Auge rollte unſtät umher, ſchien ſie zu ſuchen, zu faſſen, und doch ſchlug er es nieder, ſo oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange ums Herzchen, als ahne ſie irgend ein Un⸗ glück; ſie klügelte hin und her, was ihm ſein könnte und fand immer nichts. Die Gräfin zog ſich jetzt in ihre Zimmer zurück, um ſich umzukleiden. Ida ſah ihr mit leichterem Herzen nach, denn ſie hoffte— ſie geſtand es ſich nur ſo halb und halb, daß ſie es hoffte, aber ſie hoffte, der Graf werde vielleicht an dem Geſpräche von vorhin fortmachen, aber ſie täuſchte ſich bitter; er ſagte kaum ja oder nein, wenn ſie ihn etwas fragte, finſter ſah er immer vor ſich hin, und nach ein paar Minuten ſprang er auf und ging. Was hatte man ihm doch gethan? Es war und blieb — ihr unbegreiflich. Endlich aber ſiel ihr ein, der Rittm—, ja, das war es, eiferſüchtig war der gute Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte ſich ſo rein und unſchuldig, daß es ihr ein Leichtes ſchien, den Grafen zu überzeugen; aber Strafe ſoll er leiden, der Unartige, nahm ſie ſich vor; wenn er mir die Aarſtein zu viel anſieht, ſo will ich immer von dem Rittmeiſter ſprechen und ihn recht bös machen. Das gute, frohliche Kind; wie wenig dachte ſie daran, was Eiferſucht Böſes anrichten könne, wie wenig ahnte ſie, was ihrer wartete! Eiferſucht. Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgeſpritzt hatte, wirkte viel tödtlicher auf Martiniz, als man hätte denken ſollen. Ein Anderer hätte entweder der Gräfin keinen Glauben beige⸗ meſſen, hätte gedacht:„Nun, das iſt ſo das gewohnliche Sekiron und wieder Sekiren unter den Damen und damit holla;“ aber auf ſein Gemüth, das kaum erſt von ſeinem Trübſinn, von ſeinem Mißmuth, ſeinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es einen viel tieferen Eindruck; dieſes Mädchen, das ſo hoch ſtand in ſeiner Meinung, auch dieſe ſollte ſo leicht wiegen wie alle? Auch ſie ſollte ſo zwanzig, dreißig Liebſchäftchen, und am Ende noch eine recht tüchtige Amour mit einem leichten Ritt⸗ meiſter gehabt haben? Aber wie? Wenn er ſich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein Mädchen in der Reſidenz ſich verliebt oder nicht, ob ſie einem Rittmeiſter viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüſterte ihm ſein tief zerriſſenes Herz zu, das, daß ſie die Maske der hohen, reinen Jungfrau ſo künſtlich vorhielt, daß ſie ihn begünſtigte, ja, er durfte ſagen, an ſich zog, während ſie noch einen Andern, wie es ſchien, Unwürdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch moͤglich, vielleicht 206 war es doch nicht wahr, vielleicht hatte Jener nur ſich eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch die erſte L— „Bitte untesthänigſt um Vergebung, wenn ich ſtöre,“ ſchnat⸗ terte ein Jockey, der während des Grafen Selbſtgeſpräch ins Zim⸗ mer gekommen war,„der Herr Rittmeiſter von Sporeneck— Was Teufel! Hatte nicht die Aarſtein jenen Sporeneck ge⸗ nannt? Sollte er hier ſein? „Laſſen ſich Ercellenz zu Gnaden empfehlen,“ fuhr jener fort,„und ob der Herr Graf dem Herrn Rittmeiſter nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus abtreten wollten?“ Da hatte er es ja; ein Zimmer ſollte er abtreten, weil gerade gegenüber Ida's Boudoir, Beſuch⸗, und Schlafzim— nein, er konnte es nicht thun, dieſe Forderung war zu unverſchämt— gedankenlos ſtarrte er den Bedienten an, der ihm die Unglücks⸗ botſchaft hinterbracht hatte; dieſer glaubte, der Graf wolle noch weitere Aufträge von ſeinem Herrn und ſchnatterte weiter: „Die Zimmer im oberen Stock ſind zwar auch nicht zu ver⸗ achten, aber mein Herr hat geſagt, es ſei ihm nur um die ſchöne Ausſicht, und da hat er gemeint, Excellenz koͤnnten vielleicht eines von den drei—“ „Nein!—“ rief der Graf mit einem ſo ſchrecklichen Ton und rollte ſo finſter die Augen dazu, daß dem armen Jockey ganz wind und wehe dabei wurde, und er ſich das Abſchiedswinken des Grafen nicht zweimal vormachen ließ. Da hat er es ja ſonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen wehe that, da hat er es; der Rittmeiſter, nichts Gewiſſeres, war beſtellt worden und hatte jetzt noch die Unverſchämtheit, ihm ein Zimmter abzufordern, daß er beſſer hinüber zu ſeiner Duleinea — Nein, in dieſem Tone konnte es nicht fortgehen; die Weh⸗ muth war ſtärker als die Bitterkeit und wurde Herr über ſie; er warf ſich in ſeinen Sopha und weinte bitterlich. So war gewiß noch kein Menſch getäuſcht worden, wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn ein Maͤdchen finden, ſo hold, ſo ſchön, ſo ganz Unſchuld und reine Jungfraͤulichkeit; er muß — 207 ſie lieben, und wie glücklich iſt er in dieſer Liebe! Troſt, Freu⸗ digkeit, Ruhe, Dinge, die er ſeit langer Zeit nicht gekannt, ziehen wieder ein in ſein Herz, er fühlt ſich glücklich, wie er ſelbſt damals, als noch ſein Haus in der Fülle des Glückes und der Freude prangte, ſich nie gefühlt hatte, er ſah, ja er durfte es ſich geſtehen, er ſah das Morgenroth der erſten, zarten, jung⸗ fräulichen Liebe auf ihren Wangen aufgehen, und dieſe Liebe galt ihm; mit einem Zauberſchlag ſchuf ſie aus ihm, dem Un⸗ glücklichſten der Sterblichen— den Glücklichſten. Jetzt hatte er ja Alles, was die kühnſten Wünſche nur verlangen mögen; Ge⸗ ſundheit, Jugend, hohe Geburt, Ehre und Anſehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit Thalern hätte belegen laſſen können, ohne daß er es ſonderlich gefühlt hätte, es fehlte ihm nichts mehr als das Eine, ein holdes, tugendſames Weib, und auch dieſer hohe Wurf war ihm gelungen, er hielt im ſeligſten Moment ſeines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für deſſen Tugend er ſein Leben gegeben hätte. Da ſendet in dem Augenblicke, wo er ſein Herz hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein wenig lüftet und ihn das Mädchen näher kennen lehrt, die ihn merken läßt, daß dieſes Auge nicht zum erſtenmal von Liebe leuchte, dieſer keuſche Mund nicht zum erſtenmal geküßt werde, die wenn man es gleich in der großen Welt nicht ſo genau nimant, doch ſelbſt eingeſtand, 4 daß es gut ſei, daß man das Mädchen aus einem unſchicklichen 1 Verhältniß herausgeriſſen— abſcheulich! Ein Teufel in Engels⸗ 3 geſtalt,— an eine Schlange, an eine Kokette hatte er ſein Herz verloren, da, wo er ſchüchtern mit der verſchämten Zartheit erſter Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten Andere geſchwelgt! Er ſchämte ſich wie ein Primaner, der die Ruthe be⸗ kommen hatte, ſo betrogen, ſo ſchnöde angeführt worden zu ſein; er gönnte ihr, obgleich ſein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeiſter, es reute ihn beinahe, daß er ihm ſein Logis ) veerſagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm geben ſollen, er wollte 4 morgen in alle Weite fortziehen.— Und dennoch draäͤngte es ——— ihn, noch da zu bleiben; wenigſtens rächen wollte er ſich an ihr, er wollte hinüber zu ihr, wollte ſehen, wie ſie ſich jetzt gegen ihn betragen würde, wollte ſehen, ob ſie jetzt, da der rechte Lieb⸗ haber gekommen, ob ſie jetzt noch die Frechheit habe, ihn, wie bisher, an der Naſe herum zu ziehen; tauſenderlei nahm er ſich vor, ihr zu ſagen, aber das Eine war ihm zu ſpitzig und ſchnei⸗ dend, er wollte ihr nicht ſo arg wehe thun, das Andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie tief ſie ſein Herz verletzt habe,— das Beſte ſchien ihm, er wollte ganz und gar nichts mit ihr reden, wollte thun, als ob gar keine Ida in der Welt ſei, oder als ſei ſie ihm wenigſtens ſehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß er ſie verachte. Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präſidenten Thee trank, hatte ſchon geſchlagen; er wiſchte ſich daher ſchnell die letzte Thräne, die er der Dirne geweint haben wollte, hinweg, beſorgte eilends ſeine Toilette, warf ſich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen zuſammen und ging dann den ſchweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er einſt ſo unendlich glücklich geweſen war. Der neue Nachbar. Es war, als ſei ein feindlicher Dämon mit der Graͤfin in des Präſidenten Haus eingezogen. In wenigen Stunden war Alles, das ganze ruhige, ſtille Leben des Hauſes verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gaſt zu bedienen; es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der Feind ſei vor den Thoren. Der Aergſte war der Präſident ſelbſt; ganz ſtill verklärt ſchlüpfte er in allen Ecken des Hauſes umher, zankte und handthierte, daß die Confuſion nur noch ärger wurde, und ihn ſein Mädchen, das vor Haushaltungsgeſchäften und Her⸗ zensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der Kopf ſtand, um Gotteswillen bat, ſte doch ganz allein machen zu laſſen. Es war 209 aber auch kein Wunder, daß er ſich ein wenig verrückt geberdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig⸗durchlauchtigſter Be⸗ lobungsſchreiben, voll großer Verdienſtkreuze mit breitem Band über die Bruſt, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in ſeiner aise, jetzt konnte er negociren und zeigen, daß er nicht umſonſt in Regensburg und Wetzlar in ſeiner frühen Jugend Diplomatie ſtudirt hatte. Was er mit ſeinen kühnſten Wüͤnſchen nicht für möglich gehalten hätte, führte ihm ganz be⸗ quem der Zufall in die Hände. Der Staatsſekretär hatte ihm aufgetragen, dafür zu ſorgen, daß Martiniz ſich ankaufe und für die Idee einer Verbindung mit der Aarſtein gewonnen werde; es hatte ihm wahrhaftig ſchon manche Sorge gemacht, ob er dieſen Ausbruch allerhöchſten Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der Gräfin ein, auf ihre Güter zu reiſen. Was doch nicht der Zufall thut! Ohne daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne, denn der gerade Weg führte zwei Meilen ſeitwärts an Freilingen vorbei, hatte er einmal in der Reſidenz in einem Anfalle von galanter Laune der Gräfin das Verſprechen abgenöthigt, einmal auf ihrer Reiſe bei ihm einzuſprechen. Und wie glücklich fügte es ſich jetzt! Sie, die beim Herrn Alles galt, die er behandelte wie ſeine eigene Tochter, und der er Alles zu Gefallen that, ſie, nach deren Wink die erſten Chargen ſich richten mußten, die an ganz ge⸗ heimen Fäden das Land regierte, ſie beſuchte ihn. Aber ſie ſollte auch gehalten werden, als wäre ſie in ihrem eigenen Hauſe, daß ſie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und ſeinem Hauſe ſagen konnte. Kaum hatte ſie geäußert, ſie finde Ida's Zimmer im erſten Stock ſo hübſch, ſo mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite Etage wandern. Es kam dem Mädchen ſauer an, als ſie ſo die Plätze wechſeln mußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen woollte es ihr beinahe bedünken, als ſei dies eine ſchlimme Vorbe⸗ deutung. Und es war ihr auch gar nicht zu verdenken; ſie hatte das Fenſter mit der Eſtrade ſo gerne gehabt, dort ſaß ſie am W. Hauff's Werke. III. 210 liebſten, dort las, dort arbeitete ſie, ſie durfte ja nur das Köpfchen ein wenig heben, den blauſeidenen Vorhang nur ein wenig auf⸗ heben, nur einen kleinen Viertelsſeitenblick hinüberwerfen, ſo ſah ſie ja auch ſchon ihn; und jetzt ſollte ſte der verhaßten Neben⸗ buhlerin, die ja offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Feſſeln zu ſchlagen, jetzt ſollte ſie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künſte der Fenſterkoketterie aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenſter, ihr lauſchiges Schlafſtübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten, un⸗ heimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete ſie ihre kleine Haushaltung oben ein. Die Stickrahmen, die Staffelei, die Toilette, die paar Kiſtchen und Käſtchen waren bald geſtellt; jetzt ſetzte ſte einen Stuhl ans Fenſter, ſte probirte, ob man nicht auch von da in den erſten Stock des Mondes hinabſehen könne; es ging wohl, aber ſie ſah nichts, als die Wolken ſeiner Gardinen, er mußte ſchon herausſchauen, wenn ſie ihn von dieſem Platz aus zu Angeſicht bekommen ſollte, und das merkte ſie ſchon, einen ſteifen Hals konnte ſie ſich füglich gucken, wenn ſte immer das Köpfchen hinab bog.„Doch was ſchadet das,“ lächelte ſie,„das thu' ich ihm ſchon zu Gef—“ Mit einem Schrei des Entſetzens ſprang ſie auf; hatte ſie recht geſehen oder hatte ihr nur die Phantaſie dieſe Geſtalt— als ſte von der Beletage des Mondes zurückkehrte, und ihr Blick zufällig an den Fenſtern des zweiten Stockes vorbeiſtreifte, er⸗ blickte ſie—„Nein, was bin ich für ein Kind,“ dachte ſte. „Wie, wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu thun haben?“ Sie wagte noch einen Blick— richtig; der Rittmeiſter von Sporeneck lag gerade über von ihr im Fenſter und bückte und verbeugte ſich herüber, und that und lächelte ſo vertraut und freundlich, als hätte er ſte Jahre lang gekannt. Voll Unmuth über den Unverſchämten riß ſie an der ſeidenen Schnur, welche den Vorhang am Fenſter emporhielt, und rauſchend rollte derſelbe zwiſchen ſie und den verhaßten Lüſtling. Dieſer Mann war ihr der widerwärtigſte auf der Erde; er war ein ——— — 211 ſchoͤner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem Witz, ange⸗ nehm in der Unterhaltung; er wußte den Beſcheidenen zu ſpielen, aber nicht länger als ein paar Tage, dann— das Mädchen, das er belagerte, mußte ja in dieſer Friſt kirre gemacht ſein— dann kehrte er ſeine wahre Seite heraus, ſein Auge wurde lüſtern, ſeine Reden lockend, ſchlüpfrig, mußten jedes zarte, weibliche Ohr auf's Tiefſte beleidigen, wenn es nicht ſchon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er ſich auch Ida genähert. Das un⸗ ſchuldige Kind hatte Gefallen an ſeinen Geſprächen, die ihr ein wenig mehr Gehalt zu haben ſchienen, als die der übrigen jungen Herren; ſie ging oft in ſeinen Witz, in ſeine heitere Laune ein. Er aber hatte ſich ein rafendes Dementi bei dieſem Mädchen gegeben. Er hatte ſie in eine Klaſſe gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Reſidenz, die, zur Jungfrau herangewachſen, unter dem Schleier der Sittſamkeit eine kaum verhaltene Lüſternheit, ein ſündiges Sinnen und Begehren verbergen. Dieſe hatte er immer bald aufs Eis geführt, und waren ſie nur einmal in einem Wöͤrtchen geglitſcht und geſchlüpfert, huſch—; ſo hatte er auch bei Ida endlich, nachdem er alle edleren Farben hatte ſpielen laſſen, die herausgekehrt, die jede Andere geblendet hätte, aber vor dem ſtrengen Blick der reinen Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man ſagt ſogar mit einer tüchtigen Ohrfeige war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein Gänschen, ſchwor ihr bittere Rache und warf ſich in die Arme der Aarſtein, wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch tauſend Künſte umſonſt geſucht hatte. „Das iſt aber auch zu abſcheulich,“ dachte Ida,„ſo wenig ſich zu geniren!“ Denn daß die Gräſin ihren Liebhaber mitge⸗ nommen, daß er auf keinem anderen Wege nach Freilingen ge⸗ kommen ſei, das hatte ſie gleich weggehabt. Weiter dachte ſich aber das gute unſchuldige Kind nichts dabei. Sie kannte zwar die grundloſe Schlechtigkeit der Aarſtein ſo ziemlich, ſte wußte, daß dieſe gekommen ſei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete ſie nicht, daß man den Rittmeiſter nur dazu mitgenommen — — —jy— 212 haben könnte, um ſie von Martiniz' Herzen loszureißen, um ſie in eben jenem Lichte zu zeigen, in welchem ſie die Gräfin ſah. Nein, an dieſen wahrhaft hölliſchen Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menſchen gerne ihr Gutes gönnte, nicht. Und wie ſollte ſie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Mar⸗ tiniz auch nicht die leiſeſte Ahnung haben; wußte ja ſogar ſie kaum ſeit Stunden, daß ſie ihn recht innig liebe, hatte ſie ja doch all ihre Sehnſucht, all r Liebe recht tief und geheimniß⸗ voll im Herzchen verſchloſſen, und Niemand könne, glaubte ſie, da hinein ſehen, als vielleicht höchſtens Mart— er mußte ja gefühlt haben, daß ſie ihm gut ſei, ſonſt hätte er wohl nicht jenes Geſtändniß gewagt, daß er ſie lie— Aber da ſchellte es ſchon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig die Theeſtunde war da, und noch Manches war zu rüſten; die Gedanken an Rum und Citrone, Zucker und Thee, Milch und Brödchen, Taſſen und Löffelchen verdrängten alle andern; ſie flog die Treppe hinab, um ſchnell Alles zu ordnen. Dort ſtand ſchon Papa und flüſterte ihr zu:„Schicke Dich nur; es ſind allerhand Beſuche da, und Du köͤnnteſt leicht mehr Rum brauchen, als das Bouteillchen da!“ Trau— ſchau— wem? Als Ida in das Theezimmer trat, ſtellte ihr der Präſident, nein, ſie hätte mögen gerade in den Boden ſinken—„Siehe da, Ida,“ ſagte er,„ein Bekannter von Dir aus der Reſidenz, Herr von Sporeneck, hat uns dieſen Abend mit ſeinem Beſuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn ſo einer von Euch Herren in unſer kleines Freilingen hereinkommt, iſt es gleich ein Jubel und ein Feſt für alle Mädchen, die nur einmal in der Reſidenz waren; da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinſten Touren noch einmal durchgetanzt und 213 in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,“ ſetzte der freund⸗ liche Alte hinzu,„war auch einmal jung, und kenne das.“ Er ging weiter und ließ den Rittmeiſter vor Ida ſtehen. Dieſe wurde bald blaß, bald roth und zitterte, als ſollte ſte gerade umfallen. Dieſer Menſch, den ſie ſo ſchnöde abge⸗ wieſen hatte, dieſer konnte es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte ſie ihn nicht öffentlich proſtituiren; ihn einen impertinenten Menſchen heißen und fortſchicken? Doch nein, ſie wußte, wie heilig das Gaſtrecht ihrem Vater war, ſie wollte ihn ſchonen.— So hing ſie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der Rittmeiſter ſchon ſeit einigen Minuten neben ihr ſtand und an ſie hin ſprach. Jetzt kam ſie wieder zu ſich— was mußte nur der Graf denken, wenn ſie ſo lange bei dem Menſchen ſtand, mit welchem ſie die Aarſtein bei ihm ſo verdächtig gemacht hatte? Ihre Augen ſuchten den Geliebten— er ſaß neben der Gräfin, traulich hatte ſie ihre Hand auf die ſeinige gelegt, un⸗ verwandt ſahen Beide nach ihr und dem Rittmeiſter herüber— die Gräfin mit höhniſcher Schadenfreude, mit triumphirendem Blicke, der Graf ſtarr und finſter, als ſehe er etwas, das er gar nicht für möͤglich gehalten hätte. Und ſo war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgeſtiegen, ob denn auch wirklich Alles ſo ſei, wie die Aarſtein geſagt hatte, wie ſein Mißtrauen ihm zuflüſterte; zwar das Hierſein des Rittmeiſters,— doch er konnte ja auch in Ge⸗ ſchäften an das hieſige Regiment geſchickt worden ſein; dann die Zumuthung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten; nun ja, das war allerdings ſtark, und der böſe Geiſt wollte ihm zuſlüſtern, daß dies ſchon ſehr viel beweiſe. Aber ſein beſſerer Sinn ſiegte doch wieder; das Alles bewies ja nur höchſtens, daß der Rittmeiſter in Ida verliebt ſei, von ihrer Seite hatte er ja keinen Beweis geſehen. Aber recht Achtung wollte er geben auf Ida, das war ſein Entſchluß geweſen, als er durch die hell⸗ erleuchtete Enſtlade von Präſidents Zimmern ging. Er war heute einer der Erſten und in den hohen weiten Zim⸗ 214 mern beinahe Niemand, den er näher kannte, oder mit welchem er in ein Geſpräch ſich hätte einlaſſen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die Zimmer. Da tippte es ihm leiſe auf die Schultern; wenn das Ida— dachte er; er ſah ſich freundlich um— es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in ein Geſpräch, aus welchem er ſich nicht ſo bald herauswirren konnte. Das Fatalſte war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen mußte, um nicht zu zer⸗ ſtreut zu erſcheinen, und doch ging ihm immer der Rittmeiſter und ſein Logis im Kopfe herum. 4 „Nein, aber ſagen Sie ſelbſt, Graf,“ fuhr ſie fort, nach⸗ dem ſie in einer Pauſe wieder Athem geſchöpft hatte,„ſagen Sie ſelbſt, kann man artiger und aufmerkſamer für ſeine Gäſte ſein, als Ida? Denken Sie ſich, meine Coffres und Vaches waren ſchon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt ſich dort ganz hübſch, zwar ſind die Zimmer nicht ſo elegant ein⸗ gerichtet wie hier unten, doch Sie wiſſen ſelbſt, auf Reiſen macht man keine ſo großen Anſprüche, beſonders wenn man ſo ſchnell und unangemeldet kommt wie ich. Ich war alſo ſchon ganz zu⸗ frieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie ſich, und ruht nicht eher, bis ich von ihrem ſchönen Boudoir, Schlafzimmerchen und Allem hier unten Beſitz nehme, und ſte zieht in ihrem Edelmuthe hinauf in den obern Stock. Nein, ſagen Sie ſelbſt, kann man die Gaſt⸗ freundſchaft weiter treiben, als die gute Ida?“ „Sehr viel, ſehr viel!“ preßte Emil heraus, es war ihm, als ſchnürte ihm etwas die Kehle zuſammen, als ob eine eis⸗ kalte Hand ihm in die Bruſt führe und das warme, liebeglühende, treue Herz umdrehte und ſchmerzlich hin⸗ und herreiße. Jetzt war es ja ſonnenklar, entſchieden war jetzt die fürchterliche Ver⸗ ſtellungskunſt dieſer—— Dirne, die ſo ſchändlich mit ihm geſpielt hatte; daß zwiſchen dem Logis des Rittmeiſters und ihrer ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zu⸗ ſammenhang ſtattfand, konnte ein Blinder ſehen, 4— Er lachte, es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte aus ihm heraus.„Wahrhaftig, ein großes Opfer,“ ſagte er mit ſchrecklicher Luſtigkeit zu der Gräfin,„eine ungeheure Großmuth, die ganz allein aus der allerausgedehnteſten Nächſtenliebe und Gaſtfreundſchaft hervorgeht!“ Die Gräfin Aar⸗ ſtein⸗Satanas wußte wohl, daß ſie ſein Herz mit glühenden Zan⸗ gen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisver⸗ änderung kam, aber ſo vollſtändig, ſo ſchnell hatte ſie ſich ihren Sieg, ihren hölliſchen Triumph nicht vorgeſtellt. Sie hatte ja nie ſo recht geliebt, ſie wußte daher auch nicht, daß die ſtärkſte, gkühendſte Liebe zugleich die ſchwächſte und empfindlichſte iſt! 4 Jetzt kam auch der Rittmeiſter, der mit Empfehlungen an den Präfidenten reichlich verſehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieſes gierige Auge, dieſes höhniſche Lächeln, dieſe falſche, ſchlaue, lauernde Miene, ſo ganz ohne höhere Bedeu⸗ tung, ohne edlere Züge, dieſen Menſchen konnte Ida lieben? Er hätte jedem unter die Naſe gelacht, der ihm ſo etwas vor zwei Tagen, als er noch an die Engelsunſchuld des lieben Mäd⸗ chens glaubte, hätte weis machen wollen. Er hätte jeden einen Schurken genannt, der dieſes heilige, keuſche Geſchöpf mit dieſem Manne, in deſſen Geſicht ſchon alle Leidenſchaften gewühlt hatten, nur im leiſeſten Verdacht gehabt hätte.— Jetzt mußte er ja ſelbſt daran glauben. Wie ein Kind ließ er ſich von der Aar⸗ ſtein leiten, ſie zog ihn zu ſich nieder, ſte ſpielte die Verwun⸗ derte, den Rittmeiſter hier zu ſehen, ſie ließ manche giftige Be⸗ merkungen ſchlüpfen— er hörte nichts, er ſah nichts, nur ein Gedanke beſchäftigte ihn, er wollte recht haarſcharf Acht geben, wenn ſie käme, wie ſie ſich gegen Sporeneck benehmen würde. Die Thüre ging auf, ſie kam. An der Hand des Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er ſah, wie ſie ihr Entzücken unter⸗ drückte, wie Bläſſe und Röthe auf ihrem Geſichte wechſelten, wie ſie ganz verſunken in Liebe dem Rittmeiſter zuhörte, und wie glühende Dolche fuhr die bitterſte Eiferſucht durch ſein Herz.— 216 „Sehen Sie nur hin, Graf,“ flüſterte ihm die Aarſtein ins Ohr,„ſehen Sie nur, wie glücklich die Leutchen dort ſind! Das iſt ein Erzählen, das iſt eine Wonne, daß man einander nach ein Paar Wochen wieder hat. Daß ſie ſich nicht auf der Stelle abherzen und küſſen, iſt Alles!“ Dem Grafen wurde grün und gelb vor den Augen.— Jetzt nahte Ida, der Geſellſchaft am Theetiſch ihr Compliment zu machen. Die Röthe des Unmuths und der Verlegenheit lag noch auf dem Geſichtchen und gab ihm einen ſo eigenen Reiz, daß der Graf nur um ſo tiefer fühlte, wie ſchrecklich ſich hier die Natur vergriffen, indem ſie um ein ſo falſches, zweideutiges Herz eine ſo herrliche Geſtalt gezogen. Warum hatte ſie gerade ihr, die es ſo gar nicht verdiente, dieſe ſanften Taubenaugen, dieſes holde Grübchen in den Wangen, dieſes bezaubernde, huld⸗ volle Lächeln gegeben? Sie verneigte ſich gegen die Geſellſchaft, die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger, ſie erröthete von Neuem. Sie mußte noch die Zuckerdoſe herbei holen, ſie hätte einen viel näheren Weg gehabt, aber ſie machte einen Umweg an Martiniz vorüber, er wagte nur einen leichten Viertelsſeitenblick — auf ihn war ihr ſtrahlendes Auge gerichtet, ihm lächelte ſte, ihm flüſterte ſie im Vorbeigehen kaum hörbar zu:„Guten Abend, Freund! Warum ſo ernſthaft und düſter?“ Er fühlte den ſüßen Hauch an ſeiner Wange, ein ſolcher Gruß hätte ihn ſonſt bis in den dritten Himmel erhoben, ein ſolches Zauberwort hätte ſonſt alle Wolken von ſeiner Stirne gebannt und die traurigſten Falten geebnet. Heute— er blieb ſtarr und ſtumm. Nein, eine ſolche Erzgeneralarmeekokette mußte es ja auf dem weiten Erdenrunde nicht geben! Iſt fünf Minuten außer ſich, weil ſte den alten Liebhaber wieder ſieht, und um es doch mit dem neuen nicht zu verderben, flüſterte ſte ihm— Nein! jetzt ſprudelte das Maaß ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr verzeihen, daß ſie einem ſo zweideutigen Menſchen, wie dieſer Sporeneck offenbar ſein mußte, ihr Herz ſchenkte, er konnte ihr verzeihen, obgleich es ——— 217 ihm das Herz brechen wollte, daß ſie mit ihm ein ſo grund⸗ falſches Spiel geſpielt hatte, er konnte es der ſchwachen weib⸗ lichen Natur beimeſſen, daß ſie ſich, als der alte Liebhaber nahte, ſo ungeheure Blößen gab, er konnte dies Alles verzeihen. Daß ſie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortſpielen wollte, daß ſie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über ſeine Begriffe. Er mußte, ſeine Natur mochte ſich dagegen ſträuben, wie ſie wollte, es war ihm, als müſſe er ſie verachten. Aber ſie hatte Recht, obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht daſaß, wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch beſiegt, durfte er nicht traurig ausſehen. Er wollte, er mußte luſtig ſein, und ſollte ſein Herz dabei aus allen Wunden bluten. Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Bruſt des Tief⸗ gekränkten aufſtieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Luſtigkeit be⸗ mächtigte ſich ſeiner, die er ſeit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Geſpräch an ſich, er ſtrahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen Manne, dem ſchönen witzi⸗ gen Grafen zuflogen. Allen galt ſein Geſpräch. Sein feuriges Auge ſchien jeder Dame etwas Schönes ſagen zu wollen, aus⸗ ſchließend aber galt es der Gräfin. Er wußte ſelbſt nicht, was ihn antrieb, ihr ſo ſehr als möglich den Hof zu machen, aber es war ein dunkles Gefühl in ihm, als müſſe es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin ſo ſehr auszeichne, wenn er alle Damen für ſich gewinnen wollte und ihr, ihr allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören ſchien, wenn ſie hie und da ein Wörchtchen mit einſchlüpfen laſſen wollte. Und in der That erreichte er ſeinen Zweck vollkommen. Er hatte es getroffen, tief bis ins innerſte Leben getroffen dieſes treue Herz, das nur für ihn, mit dem Feuer der erſten jung⸗ fräulichen Liebe nur für ihn ſchlug! Ihr Blick hing an ſeinen Lippen; ſie freute ſich anfangs, daß er ſo fröhlich ſei, ſie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen, die ſie ihm zugeflüſtert, hätten ihn aus ſeiner finſtern Laune herausgezaubert; ihr kleines —— 218 Herzchen triumphirte. Als ſie aber ſah, wie er ſich an Alle wandte, nur an ſie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie er nur für die Aarſtein zu leben ſchien, als ſie ſeinen ſchnei⸗ denden Hohn, die grelle Luſtigkeit, den ſchillernden Witz, der ihm ſonſt gar nicht eigen war, bemerkte, da ahnte ſie wohl, daß ihm jetzt ein anderes Geſtirn aufgegangen ſein müſſe, das ſeinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies ſein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war?— die Aar⸗ ſtein! Der Glanz der üppigen Roſe hatte ihn geblendet, was konnte es ihm ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, ſie weinte nicht, aber eine furchtbare Bläſſe lag auf dem holden Engelsgeſichtchen, ein wehmüthiges Lächeln ſpielte um ihren Mund, ſte ſah ja alle die leiſe geahnten Hoff⸗ nungen ihres Herzens, die ſie, ach! nur in einem einzigen ſeligen Augenblicke, recht klar ſich geſtanden hatte, ſie ſah ſie alle mit einem Male verſinken und— mit dem Freunde untergehen. Von Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängſtlicher Eiferſucht in Ge⸗ ſtalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer Liebe. Dann aber war Alles ſtille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr, als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß ſte dieſen ewig, ewig in ihrem treuen Buſen tragen werde. Der Gram der Kiebe. Wie es an jenem Abende war, ebenſo war es auch in den nächſten Tagen. Der Hofrath hätte vielleicht Alles bald wieder ins Geleis bringen können, aber das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demſelben Abende verreiſen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin ſchrieb, ſo oft ſie es unbemerkt thun konnte, an den Rittmeiſter in den Mond hin⸗ über und ſpornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu ver⸗ folgen. Nach den letzten Briefen ſchien es zwar wegen ihrer ſelbſt nicht mehr nöthig zu ſein, weil ſie den Grafen ſchon ſo um⸗ 94.— 3 4 garnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen mehr zu denken ſei. Dem war aber nicht alſo. Dem Grafen, der nur durch die Brille der Eiferſucht ſah, wollte es trotz ſeiner Reſtgnation faſt das Herz abdrücken, daß Ida in einem ſolchen Verhältniß mit dem Rittmeiſter ſtehe. Wenn er bei Präſidents war, ach, es war ja nicht wie ehemals; ſonſt war ſte ihm wohl bis an die Treppe entgegen geſprungen, hatte mit lachendem Munde ihn geneckt, oder ihm eine neue Schnacke aufgetiſcht, hatte ihn dann unter Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer, dort war dann das Mäulchen gegangen wie ein oberſchlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte ſie ruhig ſitzen können, ohne daß ſie aufgeſprungen wäre, dort was zu holen, hier was zu zeigen, und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen dahinhüpfen zu ſehen! Ihr Gang war dann Tanz, Alles war Leben, Alles Grazie und Anmuth, es war, wie wenn über die ganze Geſtalt ein zau⸗ beriſches Lächeln gewoben geweſen wäre, und jetzt— und jetzt! Kalt und ernſt ſah ſie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar bedünken, ſie ſetze ſchon an, um ihm wie ſonſt entgegen zu hüpfen, da mußte ſie aber wohl an den Sporeneck denken, denn ſie neigte ſich ſo abgemeſſen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; „oft kam es ihm ſogar vor, als liege etwas ſo Wehmüthiges in dem lieben Geſichtchen, das er ſich nicht anders erklären konnte, als daß es ſie reue, ihn ſo am Narrenſeil geführt zu haben, daß ſie ſich ſchäme, ſo unverhofft demaskirt worden zu ſein. Zu Zeiten wünſchte er ſich auch den Hofrath herbei, um mit ihm über das Mädchen und ſeine grenzenloſe Koketterie zu ſprechen. Daß doch die Männer gewöhnlich ſo grauſam ſind und nicht ſehen, was ſo offen vor den Augen liegt! Sie leſen in Taſchenbüchern und Romanen alle Folgen unglücklicher, ver⸗ ſchmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen Herzens; ſie können es ſich auch in der Phantaſie recht lebhaft vorſtellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe ge⸗ brochenen Herzen ausſehen müſſe, ſie nehmen ſich vor, das nicht zu vergeſſen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn ſie 220 3 ſelbſt aus Uebermuth oder thoͤrichter Eiferſucht ein ſchönes, nur für ſie ſchlagendes Herz gekränkt, geknickt, gebrochen haben, da merken ſie es nicht, ſie können ſogar noch ein recht ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufſchlagen, wenn man ihnen die ſtille Thräne im trüben Auge, den wehmüthig anſprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man ſie aufmerkſam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen.„Da wird man ſeine Gründe haben,“ lachen ſte und gehen ungerührt vorüber und denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen ſterben könne. Die Eiferſucht macht blind; nirgends ſchien dieſer Ausſpruch beſſer in Erfüllung zu gehen, als hier bei Martiniz und Ida. Für ihren thränenſchweren Blick, für ihren wehmüthigen Ernſt wußte er tauſend Gründe anzugeben, wußte ſich mit wieder tauſend Vermuthungen zu quälen und zu härmen, die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung vorgegangen mit dieſem Mädchen in den Paar Tagen. Sonſt das Leben, die Fröh⸗ lichkeit ſelbſt, jetzt ernſt und abgemeſſen. Die bleicheren Wangen, das trübere Auge, das ja ſo deutlich von thränenvollen Nächten, von gramerfüllten Träumen ſprach, wollte Niemand verſtehen, am wenigſten der, um welchen dieſe ſtillen Thränen floſſen. Es war ihr oft zu Muthe, als ſollte ſte nur eben die heißen, aus⸗ geweinten Augen zuſchließen und ſich in das Grab legen laſſen; dort, wenn die Erde ſo kühl um die vier Bretter und zwei Brett⸗ chen, welche die arme Ida umſchließen, ſich legen werde, dort, wo ſie nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr ge⸗ liebter Jüngling näher und näher, enger und enger in die Schlin⸗ gen jener Sirene ſich verwickele,— dort, dachte ſie, müſſe es gut ſchlummern ſein. Denn das war ihr ja das Aergſte nicht, daß ſie zurückgeſetzt war; nicht daß ſie es war, die er verließ, um ſich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuſchließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar es hatte ihr Mühe und Thränen gekoſtet, bis ſie es dahin gebracht hatte, daß ſie nicht mit Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geſtändniß ſeiner Liebe über ſeinen Lippen war, ſchon andern Sinnes ſein — 221 konnte; aber ſie hatte überwunden; ſie war tief in ſich einge⸗ kehrt, aus den geheimnißvollen, unergründlichen Tiefen der hei⸗ ligen jungfräulichen Bruſt hatte ſte Muth heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den ſie liebe, einer Andern an⸗ gehoren könne. Aber dagegen ſträubte ſich mit aller Macht ihr keuſches, bräut⸗ liches Herz, daß er jene, auf welche die Kinder in der Reſidenz mit den Fingern deuteten und ſich ihre Schandthaten erzählten, daß er an jene verloren gehen ſollte. Wäre er ein Mann ge⸗ weſen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen Herzchen geſpielt hätte, ſte hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür büßen ſollte; aber Emil,— ihr feiner, weiblicher Takt, der darin ſo weit und ſcharf ſieht, ſagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe ſei, daß er ſein Herz frei bewahrt, bis ſie ihn kennen ge⸗ lernt habe, daß ſie ſeine erſte Neigung geweſen ſei; und doch er, der ſo namenloſes Unglück ſchon erduldet hatte, auch er ſollte durch dieſes Weib unglücklich werden? Ach, wie oft wünſchte ſte ſich ihren alten Freund, den Hofrath, herbei! Ihm hätte ſie Alles, Alles vertraut, auch jenen Augenblick der ſeligen Liebe, wo er ihr geſtand, daß er ſie liebe, wo er ſie umſchlang und an ſein pochendes Herz drückte, wo er ſie mit den ſüßeſten Schmeichel⸗ namen der Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund ſich ſchon zum erſten heiligen Kuß der Liebe ihm entgegengewölbt hatte; dies Alles war ja längſt vorüber, war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnſucht, die es einſt er⸗ weckt hatte; aber Berner durfte es wiſſen, ihm hätte ſie Alles geſagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeiſt für den Grafen aufgerufen. Aber er war noch nicht zurück, darum verſchloß ſie ihren Schmerz in die Seele; aber mit Angſt und Zittern ſah ſie, wie der Graf um die Aarſtein flatterte, wie die Fliege um das Licht. Alle Beiſpiele von den ſinnlichen Lockungen dieſer Sirene, die man ſich in der Reſidenz in die Ohren geflüſtert, ſielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten Augenblicke, hinge⸗ 222 riſſen von den verführeriſchen Reizen der üppigen buhleriſchen Dame Potiphar— ſie erröthete vor dem Gedanken und preßte die Augen zu, als ſollte ſie was Schreckliches ſehen. Wenn etwas ſolches geſchah— dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verſchrieben. Feine Naſen. So verdeckt hier Jedes ſein Spiel ſpielte, ſo geheim alle dieſe Fäden geſponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe verſchlungen wurden, ſo merkte man doch hin und wieder, was vorging. Fräulein von Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die getreuen Rapporte des Rittmeiſters von Sporeneck über den Stand der Dinge be⸗ lehrt. Ihre ſcheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn ſte wieder Neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Poſten, den Fräulein Ida weder mit Thränen noch Gebet wieder heraushauen könnte. Nichts war ihnen aber größere Labſal, als das Fräulein von der traurigen Geſtalt ſelbſt, wie ſte Ida nannten. Daß ſie ernſter, bläſſer, trüber war als ſonſt, war weder ihrem noch des Rittmeiſters Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuf⸗ liſche Schadenfreude, die ſich in einem vierſtimmigen Gelächter Luft machte, befiel ſte, als Sporeneck erzählte, daß er ſte durch ſeinen Tubus, mit welchem er hinter ſeinen Gardinen nach Ida's Fenſter viſirte, bitterlich habe weinen ſehen. Aber Fräulein von Sorben ſorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung ſich nicht dem Rittmeiſter in die Arme werfen konnte; ſie hatte alle ihre Geiſtes⸗ und Körperreize theils vor ihm entfaltet, theils durchſchimmern laſſen, und ihrem ſcharf⸗ ſinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben, daß er ganz bezaubert davon war. Es iſt nur Schade, daß er auf die Liebe ſo trefflich eingeſchult war, daß er ſechs oder acht der zärtlichſten Liebſchaften zumal haben konnte, und jede die Betrogene war. 4 2 223 So hatte alſo die beleidigte Dame dem naſeweiſen Backſiſch, des ſich erdreiſtet hatte, in ihrer Gegenwart Grafen in ſich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal weggeputzt.„Da kann man ſehen,“ ſagte ſie zu ſich,„was die Routine macht. Das * armſelige Ding iſt kaum ſechzehn Jahre geweſen, ich habe ſie noch in den Windeln geſehen, und ſie will ſich mir gleichſtellen. Aber das Affengeſicht hat jetzt ſeinen Lohn, man hat dem un⸗ 5 reifen Ding den Mund ſauber abgewiſcht, hat ihr die verliebten Aeugelein ausgeputzt, daß ſie ſieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor ſechzehn kommt.“ . Aber auch der alte Brktzwiſl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding ſo ein wenig gemerkt. Als ſie damals miteinander aus der Kirche gekommen waren— ſeitdem hatte der ſchreckliche 1 Wahnſinn ſeinen Herrn kein einziges Mal mehr befallen— da⸗ mals hatte er ſich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen geſagt: „Wie doch das Fräulein ſo⸗ hübſch, ſo tauſenddonnernett aus⸗ ſah am Altar. Bassa manelka, wie müßte ſie erſt ausſehen bei Tag und als Bräutchen—!“ Dem Grafen ſchien der Gedanke nicht übel einzuleuchten, denn er hatte zufrieden gelächelt und geſagt:„Nun, was nicht iſt, kann noch werden.“ Er aber hatte ſich folgenden Tages gleich hingeſetzt und an den alten Herrn Grafen geſchrieben:„So und ſo, und dem gnädigen Fräulein und ſonſt auf Gottes weitem Erdboden Niemand iſt man die — Rettung meines Herrn ſchuldig. Es kann aber auch in ſechs Herrenländern kein ſolches Wunderkind mehr geben. Die ſelige Comteſſe war doch auch nicht, mit Reſpekt zu vermelden, aus Bohnenſtroh, aber Gott weiß, ſie reichte dem ſchönen Fräulein das Waſſer nicht. Und vornehm ſieht ſte aus, als wäre ſte aller⸗ wenigſtens ein Stück von einer Prinzeſſin. Der junge Herr iſt lſlber auch rein in ſie verſchoſſen, und ich meine, daß es nicht menſchenmöoglich geweſen wäre, ihn zu kuriren, außer durch ſo große Inbrunſt und Liebhaberei. Das hat ja auch ſchon der deutſche Doktor prophezeiht, wie ich Euer Excellenz, meinem gnädigſten Herrn Grafen, vermeldet habe.“ 224 So lautete die Freudenepiſtel an den alten Onkel, worin die Errettung vom Wahnſinn gemeldet wurde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die Herzkammerthüre zerſprengen, bis er die Buchſtaben alle aufs Papier gemalt hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erſtatten müſſen. Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genferſee, am Rhein, an der Seine, an der Nordſee immer geheißen:„Der Herr Graf befindet ſich noch im alten Zuſtande.“—„Die Krankheit ſcheint zuzunehmen.“—„Die Aerzte wußten wieder nichts.“—„Die Aerzte geben ihn auf.“ Hier, in dem unſcheinbaren Städtchen, hier endlich ſollte das Heil, der Stern des Segens aufgehen. Er konnte ſich die Freude des alten Herrn denken, der ſo ganz an Emil wie an einem Sohne hing; er ſah ſchon im Geiſte, wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde:„Nun, in Gott's Namen, macht Hochzeit!“ Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirthſchaft ge⸗ legt haben, denn ſein Herr— der ſah gar nicht mehr ſo glück⸗ lich und ſelig aus wie damals, als jene Freudenbotſchaft abging — er war niedergeſchlagen, traurig; fragte der alte Brktzwiſl, dem aus alten Zeiten eine ſolche Frage zuſtand, was ihm denn fehle, ſo erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf ſtöhnte ſo ſchmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und ſagte dabei:„Du kannſt mir doch nicht helfen, alte Seele!“ Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es denn wohl ſein könne, das ſeinen Herrn auf einmal ſo ſtutzig und trutzig mache— da iſt ein Gaſt drüben bei Präſidents, eine große, dicke, ſo halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut geſtr— „Ja, das konnte ſein, das ſchien Brktzwiſl ſogar wahr⸗ ſcheinlich; wenn er aber dieſer nachlief und das ſchöne Fräulein im Stich ließ, nein, er wollte ſeinem Herrn nichts Böſes wün⸗ ſchen, aber da ſoll ihm doch das ſiedende Donnerwetter auf den Leib— er ſchlug zu dieſem Gedanken ſo grimmig auf ſeines — im Knopfloch einige Bedeutung gab, ſtand vor ihm. mit Inbrunſt und ſah zu ſeiner großen He 225 Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in dichten Wolken umherflog.„Ja, da wollte ich,“ rief er in ſeinem Selbſtgeſpräch weiter und klopfte immer ſchrecklicher,„wenn Du die dicke Trutſchel nimmſt und das ſchoͤne Fräulein, die Dich aus den Klauen des ſchwarzen Teufels herausklaubte, wenn Du die fahren läßt, alles ſiedende Schwefelpech des Fegfeuers ſoll Dich dann Kreuzmillionenmal—“ „Wen denn?“ fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er ſah ſich um und glaubte nun gleich in den Boden ſinken zu müſſen. Ein großer ältlicher Mann, mit feinen, klugen Geſichtszügen, in einem ſchlichten Reiſeüberrock, dem nur ein vielfarbiges Band „Alle guten Geiſter!“ ſtammelte endlich Brktzwiſl, indem er den Fremden noch immer mit weit aufgeriſſenen Augen anſtarrte—„wie kom⸗ men Ew. Er—“ „Halt jetzt Dein Maul von dergleichen,“ ſagte der Herr mit dem Ordensband freundlich,„ich reiſe incognito und brauche dieſen Firlefanz nicht; wo iſt Dein Herr?“ Starr und ſtumm bückte ſich der alte Diener mehrere Male, führte dann den fremden Herrn den Corridor entlang zur Thüre ſeines Herrn, erwiſchte dort noch einen Rockzipfel, kußte dieſen rzensfreude, wie ſein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden in die Arme ſank. Der Fremde war aber Niemand anders, als— Doch ge⸗ rade fällt uns ein, daß der Herr, wie er ſich gegen Brktzwiſl äußerte, incognito reiſet, und es waͤre daher auch von uns höchſt indiskret, wenn wir dieſes Incognito früher verriethen, als der fremde Herr ſelbſt für gut findet, es abzulegen. W. Hauff's Werke. III. Der Herr Incognito. Ein ſtiller, aber ſcharfer Beobachter erſchien jetzt auf dem Schauplatze, es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von Ladenſtein bei dem Präſidenten einfuhrte. Die Empfehlung eines Hausfreundes, wie der Graf war, hätte ſchon hingereicht, ihn in dieſem Hauſe willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Geſtalt des alten Herrn voll Würde und Anſtand, ſein ſprechendes Geſicht erwarben ihm Achtung, und als vollends der Präſident, ein Kenner von ſolchen Dingen, das Thereſtenkreuz auf ſeiner Bruſt wahrnahm, ſtieg ſeine Achtung zur Verehrung. Er wußte, daß, wer dieſes Zeichen trug, ein Ritter im vollen Sinne des Wortes war, und daß ein ſolcher ſich gewiß einer That rühmen durfte, die nicht die Laune des Glücks oder hohe Protektion zu einer glänzenden erhoben, ſondern die aufgeſucht unter Gefahr hohen Muth und tiefe Einſicht bewährte. Vorzüglich Ida fühlte ſich von dieſem Manne wunderbar angezogen. Seit der Spannung zwiſchen ihr und Martiniz hatte ſte immer mit geheimem Widerwillen der Theeſtunde, ſonſt ihrer liebſten im ganzen Tag, entgegengeſehen. Der Graf kam ent⸗ weder gar nicht, oder ſehr ſpät, oder unterhielt er ſich mit der Aarſtein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr ſchal und langweilig vor, daß ſie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen ſitzen zu können; der Rittmeiſter, deſſen Ge⸗ ſchäfte beim hieſigen Regimente noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalſten von Allen. Sein Erſtes war immer, daß er ſich mit ſeinem Stuhl neben ſte drängte und dann ſo bekannt und vertraut that, als wären ſte Zeltkameraden, er half ihr Thee einſchenken, Arack und Milch umherreichen, und verrichtete alle jene kleinen Dienſte, die einem begünſtigten Liebhaber von ſeiner Dame erlaubt werden. Dabei nahm er ſich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüſtern, aber 227 die gleichgültigſten Dinge, et va ob ſie noch mehr Milch, oder noch mehr Zucker bedürfe, ſah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichſte Liebeserklärung gewagt hätte. Daher kam ihr der alte Ladenſtein ſehr zu Statten. Sie ſorgte dafür, daß er neben ſie zu ſitzen kam, und nun durfte ſte doch für dieſen Abend ſicher ſein, daß der Rittmeiſter nicht ihr Nachbar würde. Und wie angenehm war ſeine Unterhaltung! Alles, was er ſagte, war ſo tief und klar gedacht, ſo angenehm und intereſſant, und trotz ſeines grauen Haares, trotz ſeiner ſechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft, ein Feuer in ſeinen Reden, das einem Jünglinge keine Schande gemacht hätte. Aber auch dem alten Herrn ſchien das Maͤdchen zu behagen; ſein ernſtes Geſicht heiterte ſich zuſehends auf, ſeine lebhaften Augen wurden glänzender— ſolch' ein Mädchen hatte er ſelten getroffen, und er war doch auch ein Bischen in der Welt geweſen. Dieſen klaren Verſtand, dieſes richtige Urtheil, dieſe Gutmüthigkeit neben ſo viel Humor und Witz, er war ganz entzückt. Und überall war ſchön ausſehe und die ſich zu Guirlanden gar hübſch ausnehmen würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter erwähnt, ſo ſagte ſte ihm auch ſchon, daß die Blume Calla aethiopica heißen müſſe, weiß blühe und auch äthio⸗ piſche Drachenwurz genannt werde. Er bekam ordentlich Reſpekt vor dem holden Kind, das ſo gelehrt ſein konnte; aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntniſſen, das man bei gelehrten Damen ſo oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, ſprach ſie auch kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe ſie nie davon geſprochen. Er kam auf die neueſte Literatur und vochte da an; wahr⸗ haftig, ſie hatte Alles geleſen, und zwar nicht nur, was man ſo aus Leihbibliotheken bekommt oder in einem Almanach findet; nein! ſie hatte intereſſante Geſchichtswerke geleſen und eigentlich ſtudirt. Aber auch daraus machte ſie nichts Großes. Je wich⸗ iiger das Werk war, deſto beſcheidener war ihr Urtheil, und dabei that ſie ſo unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen geleſen hätte. Und als ſie auf ausländiſche Literatur kamen, als ſie von Lord Byron, ſeinen herrlichen Gedichten und ſeinem unglücklichen Ende ſprachen, als der alte Herr mit dem Thereſtenkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil ſein Geiſt ſich höher als alle andern geſchwungen, weil er den Menſchen und die ganze Natur ſo tief erkannt habe; da antwortete ihm— nein, es ging über ſeine Begriffe— antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eige⸗ nen Worten, als hätte ſie ſeinen Manfred eben erſt geleſen: „The tree of knowledge is not that of life.“* Er war ganz ſelig, der alte Herr, ein ſolches Mädchen hatte er in vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das ſchnepperte und bepperte mit ſeinem lieben hübſchen Schnäbelchen ſo unge⸗ duldig in die Welt hinein, das blickte ihn mit ſeinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein wenig der loſe Schalk. ſaß, ſo wundervoll an, er war ganz weg und dankte dem Grafen tauſendmal, als ſie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er ihn mit einem ſo intereſſanten Geſchöpfe bekannt gemacht habe. Emil auf der Folter. Dieſer ſah ihn wehmüthig an und ſeufzte.„Glauben Sie mir,“ ſagte er,„auch ich war einſt erfüllt von dieſem Himmels⸗ kind; auch mir war ſie eine Erſcheinung wie aus Jenſeits, wie des großen Dichters Mädchen aus der Fremde; ich ſah, wie ſie mit ungetrübtem Frohſinn und dennoch mit einer Würde, einer Höhe Jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe ſie der Gaben ſchönſte aufbewahrt— ach! da gewahrte ich, daß ſchon ein Anderer dieſen Kranz zerpflückt—“ „ Erkenntnißbaum iſt nicht des Lebens Baum. — —— „Nein, ich kann's nicht glauben,“ rief der ehrwürdige The⸗ reſtenritter,„dieſes Mädchen kann nicht ſo niedrig denken, kann nicht das tiefe, herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der Sporeneck iſt, deſſen ſeichtes Weſen, deſſen Gemeinheit ihr ja gleich den erſten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!“ 3 8 „Aber mein Gott,“ rief Emil ungeduldig,„habe ich Ihnen nicht geſagt, was mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen ſah? Nehmen Sie doch nur zum Beiſpiel, daß ſte ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn recht vis à vis zu haben.—“ „Beweist viel, recht ſehr viel und doch wieder nichts, gar nichts, denn ein ſo kluges Mädchen, wie die Ida, trägt ihre Liebe nicht ſo ſchamlos zur Schau.“ „Aber die Gräfin ſagt mir ja, die Gräfin—“ „Eben die Gräfin ſagte Dir Alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich nicht, dazu habe ich meine vollkommen ge⸗ gründeten Urſachen. Ich habe ſechzig Jahre in der Welt gelebt, Du erſt Deine zwanzig, darum darf ich auch meinem Blicke trauen, denn ich bin unparteiiſch und ſchaue nicht durch die grüne Con⸗ ſervationsbrille der Eiferſucht. Ich habe dieſen Abend Dinge geſehen, die mir gar nicht geftelen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich Recht hatte.“ So ſprach der alte Thereſter mit dem Grafen; doch auf dieſen ſchien es wenig Eindruck zu machen, denn er murmelte: „Weiß Alles, und iſt Alles gut, wenn nur der verdammte Ritt⸗ meiſter nicht wäre!“ Der Rittmeiſter. Was doch oft an einem kleinen, unſcheinbaren Zufall d 6 Glück der Menſchen hängt! So fragte an dieſem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob ſte unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements ſpeiſen wollen. Der Graf, der ſeit des Hofraths Reiſe Abends ſelten mehr hinabgekommen war, ſtimmte dafür, auf dem Zimmer zu ſpeiſen, indem er ſich ſchlechte Unterhaltung unter den Offizieren, Aſſeſſoren, Ober⸗ und Unter⸗ juſtizleuten verſprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man ſehe und höͤre doch Manches unter den Gäſten, was zum Nach⸗ denken oder zur Augen⸗ und Ohrenweide dienen koͤnne,— ſie gingen. Gerade an dieſem Abend hatte der Rittmeiſter von Sporeneck einige Freunde der Garniſon zu ſich auf ein Abendbrod in den Mond gebeten. Sie hatten ſchon auf ſeinem Zimmer mit Rheinwein ange⸗ fangen und waren bereits ganz kordial. Der Rittmeiſter hatte auch alle Urſache, ein kleines Sieges⸗ und Jubelfeſt zu veranſtalten. Die Graͤfin hatte ihm, wie gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit ſeinem Bedienten in telegraphiſcher Verbindung ſtand, geſchrieben, daß Ida's Niederlage jetzt vollkommen ſei. Der Graf ſei nie ſo warm gegen ſie geweſen, wie dieſen Abend, und ſie ſehe nächſtens einer Erklärung von ſeiner Seite entgegen. Das hatte der Ritt⸗ meiſter ſeinem Vertrauten, dem Lieutenant von Schulderoff und einigen Anderen vorgetragen, man ſtieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den galanten Hausfreund, und ſo kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man nicht den Grafen auch einmal ein wenig ſchrauben ſollte. Sie ſtimmten Alle darin überein, daß dies ſehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den heutigen Abend zu haben, und ſie machten ſich auch gar kein Gewiſſen daraus.„Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas Anderes; einen Kameraden ſchraubt man nicht gerne, aber ſolch ein civiles Gräfchen, das in der Welt umherreist, um den Damen ſchön zu thun und ſein Geld auf die langweiligſte Manier todtzuſchla⸗ ggen— nun, das kann man mit gutem Gewiſſen.“ Mit dieſem löblichen Vorſatz hatten ſich die Marsſöhne nicht weit von der Stelle placirt, wo Martiniz gewöhnlich zu ſitzen pflegte, und harrten, ob er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gaſt, aber diesmal ohne Ordensband, denn er hatte ——õBV — —— nur einen unſcheinbaren Oberrock an. Martiniz und der ältere Herr unterhielten ſich flüſternd mit einander; um ſo lauter waren die Kriegsgötter; die Pfröpfe der Champagnerbouteillen fingen an zu ſpringen, und in Kurzem waren die Herren alleſammt 82 kreuzfidel und erzählten allerlei Schnurren aus ihrem Garniſons⸗ leben. Die übrigen Gäſte hatten ſich nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war ſchon abgehandelt, und der Rittmeiſter hielt es jetzt an der Zeit, die Schraube anzu⸗ ziehen. Er gab alſo Schulderoff einen Wink, und dieſer ergriff ſein Champagnerglas, ſtand auf und rief:„Nun, Bruder Spo⸗ reneck, eine Geſundheit recht aus dem Herzen— Deine Ida!“ Aufflogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen. Lilienkelche aneinander und ſogen den weißen Giſcht mit einer 4 Wolluſt aus, als hätte die Geſundheit ihnen ſelbſt gegolten. Martiniz biß die Lippen zuſammen und ſah den Thereſienritter an. „Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder,“ fuhr Schulderoff fort,„ich wäre ſelbſt im Stande geweſen, ſie zu lieben, hätte ich nicht Deine früheren Rechte gewußt und mich daher beſcheiden zurückgezogen.“ „Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen,“ ant⸗ wortete der großmüthige Liebhaber,„wenn man ſo einen Winter allein zubringen ſoll, iſt es für ein junges, warmes Blut immer 8 fatal, wenn es ſich nicht Luft machen ſoll. Einen braven Ker wie Du biſt, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünſcht, wäre mir lieber geweſen, als hören zu müſſen, daß mir ſo ein fremder Gelbſchnabel ins Neſt habe ſitzen wollen.“ Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In ſolchen Ausdrücken von einem Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte— es war beinahe nicht zu ertragen, doch hielt er an ſich, denn er wußte, wie ſchlimm es iſt, in einem fremden Lande ohne ganz gegründete Urſache Händel anzufangen. „Hatteſt Du bange?“ lachten die Reiter den Rittmeiſter an. „Nicht im geringſten,“ replicirte dieſer;„ich kenne mein Täubchen zu gut, als daß ich hätte eiferſüchtig werden ſollen; 1——— 232 wenn auch zehn ſolcher Wichte ins Neſt geſeſſen wären, ſie hätte ſich doch von keinem Andern ſchnäbeln laſſen, als von ihrem Hähnchen.“ Allgemeines Gelächter applaudirte den ſchlechten Witz. Der Graf— es war ihm kaum mehr moͤglich anzuhalten; er ſah voraus, es werde ſo kommen, daß ihm nur zwei Wege offen ſtehen würden, entweder ſich zu entfernen oder loszubrechen. Unſchuld und Muth. Das Erſtere war jetzt nicht mehr möglich; ſeine Würde als Abkömmling ſo tapferer Maͤnner ließ einen ſolchen Rückzug nicht zu; was würden ſeine Uhlanen geſagt haben, wenn er ſo vom Kampfplatze ſich weggeſtohlen hätte? Die nächſte ſchickliche Ge⸗ legenheit mußte entſcheiden.. „Nun, Brüderchen,“ ſagte ein Anderer zum Rittmeiſter, „wir ſind hier ſo ziemlich unter uns, gib weich, beichte uns ein wenig, wie ſtehſt Du mit der kleinen Präſidentin?“ Der Ritt⸗ meiſter ſpielte von Aufang den Zarten, Zurückhaltenden, endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und— rühmte ſich heimlich von ihr erhaltener Begünſtigungen, die Emils Blut zu Eis erſtarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unſchuldigen, engelreinen Kindes, mit ihrem ſanften Blick, mit ihrem keuſchen, jungfräulichen Er⸗ roͤthen vor das Auge— nein! nein! rief es mit tauſend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr ſein, ſo weit verfehlt ſich der Himmel nicht, daß er die heiligſte Unſchuld auf die Züge einer Metze malte. Er ſtand auf und ſtellte ſich dicht vor den Ritt⸗ meiſter.„Von wem ſprechen Sie da, mein Herr?“ fragte er ihn. Der Rittmeiſter konnte ſich nichts Erwünſchteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem civilen Gräfchen gewichen ſei. Er wollte ihn mit einem Blicke einſchüchtern und ſetzte —— ——— 233 daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu laſſen; da kam er aber an den Falſchen. Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen ſo eigen waren; Hoheit, Muth, Zorn, Alles ſprühte auf einmal wie mit einem Feuerſtrom aus dieſen Augen auf ihn zu, daß er die ſeinigen betroffen niederſchlug.„Was fällt Ihnen ein? Was kümmert Sie unſer Geſpräch? Es iſt hier Niemand, der darnach zu fragen hätte.“ „Sie haben,“ fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, „Sie haben dem ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottiſen erzählt, es hat alſo auch Jeder das Recht zu fragen, von wem Sie ſprachen, und ich frage jetzt!“ „Mein Herr, das kommt mir ſchnackiſch vor,“ lachte der Rittmeiſter;„es kann doch wahrhaftig Jeder von ſeinem Schätzchen reden, ohne daß ein Anderer ſich darein zu legen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer Geſellſchaft beehren wollen — Kellner, noch einen Kelch hieher für den Herrn da!“ „Iſt unnöthig,“ rief der Graf,„es iſt mir durchaus nicht um Ihre werthe Geſellſchaft zu thun, ſondern nur die Frage, die ich an ſie that, möchte ich gerne beantwortet haben.“ „Nun ja,“ ſchnarrte Sporeneck,„wenn Sie ſich durchaus in meine Herzensangelegenheiten miſchen müſſen, was ich übrigens nicht ſehr delikat finde, ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin, geſprochen.“ „Und von dieſer Dame wagen Sie auf ſo freche Weiſe zu ſprechen, wie Sie vorhin thaten?“ 3 „Wer will es mir wehren,“ lachte der Rittmeiſter und maß den Grafen von oben bis unten, wobei er übrigens ſich hütete, ſeinem Auge zu begegnen.„Wer will es mir wehren, ein Jeder kann zu ſeinem Heu Stroh ſagen!“ „Sie beharren alſo auf dem, was Sie von der Dame ausſagten!“ „Dame hin oder her,“ antwortete der Rittmeiſter,„Sie fangen an, anmaßend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn ſolcher— Polacken behaupten, was ich ſagte.“ 234 „Nun ja,“ ſagte der Graf, indem er ſich ſtolz aufrichtete und an die übrigen Offiziere, die bisher mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zugehört hatten, wie der Graf geſchraubt würde, ſich wandte,„nun ja, ſo muß ich nur Sie bedauern, meine Herren, daß Sie ſich auf dieſe Art unterhalten laſſen von dieſem erbärmlichen Lügner.“ „Donner und alle Teufel!“ fuhr der Rittmeiſter auf,„wie kommen Sie mir vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwiſchen den Rippen für blaue Bohnen.“ „Thun Sie, was Ihnen beliebt,“ ſagte der Graf,„ich wohne hier und bin auf Nro. 2 zu finden.“ Er ging, der alte Thereſtenritter mit ihm.„Das iſt ſpaßig,“ lachte der Rittmeiſter, obgleich es ihm nicht recht frei von der Bruſt wegging,„das iſt ſpaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu machen habe!“ Die Dragoner ſaßen noch ganz verdutzt über den ſchnellen Ausgang der Schrauberei.„Hol' mich der Teufel,“ ſagte ein alter Lieutenant,„das Kerlchen nahm ſich doch ſo übel nicht bei der Sache; er hat einen verfluchten Anſtand, und es iſt, als wäre er ſchon mehr dabei geweſen!“ Man berieth ſich jetzt, was zu thun ſei, man vertheilte die Nollen, Schulderoff ſollte des Rittmeiſters Sekundant ſein, den alten Lieutenant beſtimmte man, Martiniz denſelben Dienſt zu leiſten, wenn er nicht ſonſt wo einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeiſter zeigte eine ungemeine, ſpaßige Fröh⸗ lichkeit, meinte, es müſſe ſich ganz herrlich ausnehmen, wenn ſo ein Herrchen vom Civil eine Piſtole losbrenne; den Uebrigen war es übrigens nicht ſo ganz wohl zu Muth; das ſchnelle Ende des Streites hatte aus allen Köpfen den Champagnerdampf weg⸗ geblaſen, man dachte doch ernſtlich an die Affaire, und Manchem wollte es bedünken, daß ſie doch im heilloſen Uebermuth herbei⸗ geführt worden ſei. Man äußerte dies auch unverholen gegen Sporeneck, und auch er ſchien ſo etwas zu denken; doch verſteckte er dieſe Gedanken hinter luſtigem Lachen und beauftragte Schul⸗ deroff, ſogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins Reine 23³⁵ zu bringen. Nach einer Viertelſtunde kam dieſer wieder ſehr ernſt zurück und ſagte:„Sporeneck, morgen früh acht Uhr, auf Piſtolen.“ Dieſe lakoniſche Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die Geſellſchaft; es war Allen, als ſei doch etwas Unge⸗ rechtes vorgefallen, und Keinem war es recht behaglich, an Morgen zu denken. Man beſtürmte Schulderoff mit F Fragen, wie der Graf es aufgenommen und dergleichen; er erzäͤhlte: „Die beiden Fremden ſeien in ziemlich ruhigem Geſpräch mit einander im Zimmer auf⸗ und abgegangen, als er eingetreten ſei. Sie haben ihn ſehr höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe ſeinen Auftrag ausgerichtet und den Grafen zuerſt gefragt, ob er ſeine Beleidigung zurücknehmen wolle. Dieſer habe ganz ruhig mit Nein geantwortet, worauf er ihn gefordert; ſie ſeien auf Piſtolen einig geworden und haben die Wieſe hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekun⸗ danten laſſe er danken, der alte Herr, der bei ihm ſei, werde ihm ſekundiren.“ Der Rittmeiſter ſchien vor Freude außer ſich zu ſein, daß er ſeinem Rivalen mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber nicht zu, baten ihn, auf morgen recht feſt auszuſchlafen, und ver⸗ ſprachen, um ſieben Uhr alleſammt bei Schulderoff zu frühſtücken. Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus. Als Ida am Morgen, der zu dem Duell feſtgeſetzt war, kaum aufgeſtanden, eben ſich mit der Toilette beſchäftigte, hörte ſte Pferdegetrappel gegenüber am Mond; ſie trat ans Fenſter und ſchob den Vorhang ein wenig zurück, es ſtanden drei Pferde vor dem Wirthshaus, wovon ſie das eine beſtimmt für das von Martiniz erkannte.„Wo er nur hinreiten mag an dieſem kalten Tag, ob er—“ der Gedanke an eine plötzliche Abreiſe ohne Abſchied durchblitzte ſte, daß ihr die hellen Perlen in den zarten 236 Wimpern hingen. Doch ſie hatte ja darüber einen Troſt, der ſie zugleich tief betrübte; die Gräfin war ja noch hier, ſie wußte nichts von ſeiner Abreiſe, er konnte alſo doch nicht ſo ſchnell reiſen. Endlich glaubte ſie Emils Stimme aus dem Thorweg herauf zu hören:„Adieu, Madame, adieu!“ Es galt offenbar der Mondwirthin; o wie gerne wäre ſie in dieſem Augenblicke die Chehälfte des Mondwirths geweſen, um ihn zu ſehen und das freundliche Adieu von ſeinen Lippen zu hören! Der alte Brktzwiſl, die gute, treue Seele, ſprang hervor, ergriff den Zügel von Martiniz Pferd und ſtellte ihn zum Auf⸗ ſitzen zurecht, jetzt kam Mart— nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte Herr von Laden⸗ ſtein, der ſie geſtern ſo trefflich unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt, ſchwingt ſich auf ſein Pferd; jetzt auch der Offizier.„Eine ſchone, geſchmackvolle Uniform,“ dachte Ida; wenn ſie nicht irrte, eine polniſche oder ruſſiſche, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Geſtalt kam ihr ſo bekannt vor, wie, ſollte etwa Em— doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen Orden, und dieſem glänzte der Wladimir in Diamanten auf der Bruſt — wenn er, eine kleine Neugierde iſt ja verzeihlich, wenn er doch nur den hohen Uhlanenkalpack ein wenig hinterſetzte, daß ſie ſein Geſicht ſehen könnte. Jetzt war Alles in Richtigkeit, der alte Herr ſchaute am Haus herauf und ſtieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er ſah herauf— es war Emil von Martiniz. Wie ſchön, wie götterſchön war dieſer Mann! Wie herrlich kleidete ihn die Uniform! Wie hingegoſſen ſaß er auf ſeinem ſtolzen Roß; die dunkeln Locken ſtahlen ſich unter dem Sturm⸗ band des Tſchapka's hervor und beſchatteten die blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heute eine Bedeutung, die ſie beinahe noch nie an ihm geſehen; ſtolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt ermeſſen, ſchweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen, ſchlankgebauten Hals des ſchönen Thieres, das er ritt, er ſah ſo kampfluſtig, ſo muthig aus, als halte er an der Seite ſeiner Uhlanen, und es werde in ſchmetternden Tönen Marſch, Marſch! geblaſen; ſie konnte nicht mehr anders, ſie dachte nicht mehr an ihr Nögligé, ſie öffnete das Fenſter und ſah heraus. Man konnte nichts Schöneres ſehen, als das Mädchen, wie es hier im Fenſter ſtand. Die Aeuglein ſahen ſo klar und freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft geröthet, das Mäulchen ſo ſüß und kußlich, um das feine, liebe Geſichtchen ein zartes, rein⸗ liches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein Spenzerchen, ſo weiß wie friſchgefallener Schnee, über Nacken und Bruſt herab. Tauſend Löckchen und Stränge, die vom muthwilligen Morpheus entfeſſelt unter dem Häubchen ſich durchgeſtohlen hatten— das ganze Wunderkind ſah aus, wie ein ſüßer Morgentraum— Noch einmal ſah der Graf nach dieſem Engelsbild herauf, das in der Glorie der jungfräulichen Unſchuld, mit der Wehmuth gekränkter und doch verzeihender Liebe zu ihm herabſah— noch einmal, vielleicht das letzte Mal hienieden, warf er einen ſeiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Thräne blitzte in ſeinem Auge; jetzt aber ſtieß er ſeinem Pferde beide Sporen in den Leib, daß es wutherfüllt kerzengerade aufſtand, unwillkürlich bog ſich ſeine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: „»Adieu mon coeur!“ rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war nichts mehr von ihnen zu ſehen. „Was war das? Wem galt das?“ fragte ſich Ida, als ſie ſich ein wenig von ihrem Staunen erholt hatte. Er ſah ſo zärt⸗ lich herauf— er warf einen Kuß herauf— wem ſlog er zu? Ihr oder der Grä— konnte dieſe nicht auch im Fenſter geſtanden ſein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen?— Sie mußte Gewißheit haben, ſie ſchickte ſchnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin ſchon aufgeſtanden ſei.— Excellenz lagen noch ſchuhe⸗ tief in den Federn und ſchliefen.„Alſo mir, mir,—“ lächelte das ſtillſelige Mädchen vor ſich hin, ſchaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo er gehalten, wo er 238 ihr ſeinen Gruß, ſeinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, konnte er nicht nach der Gräfin Fenſter gewinkt haben? Konnte er nicht ihr ſeinen Kuß geſchickt haben, nur um ſie, die er doch geſehen haben mußte, zu kränken? Doch nein; ihr hatte ja ſein Blick gegolten, ſie hatte tief in ſeine dunkeln Liebesſterne hineingeſchaut, nach ihrem Fenſter hatte er gegrüßt, ſte, ſte war die Glückliche; wie weit er ſich auch verirrt hatte, ſte fühlte, daß ſein beſſerer Sinn ihn dennoch zu ſeiner Ida zog. Jetzt verſank ſie in angenehme Träume; ſie wiederholte ſich, wie engelhübſch er ausgeſehen habe! Sie nahm ſich vor, wenn ſie wieder recht gut mit einander waͤren, ihn recht auszuſchmaͤlen, daß er ſich nie vor ihr in der Kleidung hatte ſehen laſſen, die ihm ſo wunderſchön ſtand. So träumte ſie, das liebliche bräut⸗ liche Mäͤdchen, ſie ahnete nicht, welchen gefährlichen Gang der Geliebte ging, und daß die Parze ſo ſchnell den Faden ihres Glückes zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem ſte ſo gerne ruhte, für immer ausgeſchlagen haben würde, daß die kühnen, liebeſprühenden Augen ſchnell ſich zu jenem eiſernen Schlummer— ſchließen könnten, aus welchem auch die füßeſte Stimme, das zärtlichſte Klagen der Liebe nicht aufweckt. ; Das Duell. Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde ange⸗ halten und ließen ſie jetzt im Schritte dem beſtimmten Orte zu⸗ gehen; ſie ſchwiegen eine Zeitlang, und jeder ſchien ſeinen be⸗ ſondern Gedanken nachzuhängen. Emils Bruſt erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als ſtehe ſie, wie er ſie eben geſehen hatte, in blendend reiner Unſchuld vor ihm und flüſterte ihm mit ſanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der Eiferſucht über ihn, er wieder⸗ holte ſich Alles, was er zwiſchen ihr und Sporeneck hemerkt —— — hatte, und das Billet von geſtern—„nein! ſie iſt ſchuldig,“ rief er laut und unmuthig. Geſtern Abend nämlich, als Schul⸗ deroff ſte verlaſſen hatte, war Brktzwiſl gekommen und hatte einen kleinen Zettel gebracht, der wahrſcheinlich dem Rittmeiſter entfallen ſein müſſe. Er war offen, Emil konnte ſich nicht ent⸗ halten, einen Blick hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er Ladenſtein das Billet, und dieſer las: „Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzt⸗ hin muthwilligerweiſe abgebunden haſt; ich brauche es nothwendig; iſt Dir übrigens an einem Zeichen Deiner Dame gelegen, ſo kannſt Du etwas Anderes haben. Willſt Du eine Buſenſchleife? Willſt Du ein Schnürband von meinem Corſetchen?“ „Das iſt freilich ſtark,“ hatte Ladenſtein geſagt, nachdem er geleſen,„kennſt Du die Handſchrift?“—„Von wem ſoll es ſein, als von ihr, die mich um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wiſch da um eine Stunde früher gehabt, ich hätte den Rittmeiſter wahrhaftig nicht getadelt, daß er von ſeinem zärtlichen Liebchen ſo ausdrucksvoll ſprach!“ „Kennſt Du Ida's Handſchrift?“ fragte der alte Herr noch einmal.„Es kommt hiebei ſehr viel darauf an, daß Du ſie genau kennſt.“ Emil mußte geſtehen, daß er noch nichts von Ida's Hand geſehen; es könne ja aber doch Niemand anders geſchrieben haben, denn die Adreſſe lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geſchüttelt und geſagt, daß dieſes Billet der ganzen Sache eine andere Wendung geben könnte; jetzt ſei er aber ſchon einmal gefordert, und darum könne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon geſprochen werden, nachher werde ſich vielleicht Manches aufklären. Dieſes Billet war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen, und hatte ihm jenen lauten Ausruf:„Sie iſt dennoch ſchuldig,“ entlockt. Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und ſagte freundlich ernſt:„Urtheile nicht zu früͤhe.“ Du gehſt einen gefährlichen 91 240 Weg, nimm nicht die Schuld mit Dir, ungehört verdammt zu haben. Du biſt der letzte Martiniz. Schlägt eine Kugel hier unter den Wladimir, ſo iſt es vorbei mit Dir und dem Helden⸗ ſtamm, deſſen Namen Du trägſt. Du ſchlägſt Dich für die Ehre einer Dame; ſo lange Du für ſie kämpfſt, darfſt Du nicht an ihrer Tugend zweifeln, ſonſt iſt Deine Sache nicht gut. Denke Dir das Mädchen, ſo hold und engelrein, wie Du ſie ſahſt, als wir zu Pferde ſtiegen, wie Du ihr, von ihrem heiligen Anblick übermannt, Dein zärtliches Lebewohl zuriefſt— und Du wirſt freudiger ſtreiten.“ Emil hörte nur mit halbem Ohr; ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit war auf den Platz gerichtet, dem ſie ſich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des Gottesackers. Sein Gegner war ſchon auf dem Platz, er nahm ſein Roß zuſammen und ſprengte majeſtätiſch im kurzen Galopp an. Sporeneck und ſeine Begleiter waren auf einem andern Wege herausgeritten und hatten auf der Wieſe den Grafen erwartet. Sie hatten ihre beſten Uniformen angezogen, Alles gewichst und gebürſtet, als ginge es zur Hochzeit, denn ſie wollten dem Grafen und ſeinem Begleiter durch Glanz und militäriſche Würde im⸗ poniren. Wer beſchreibt ihr Erſtaunen, als ſie den ſtrahlen⸗ blitzenden, in den ſchönſten Farben ſchimmernden Uhlanen an⸗ ſprengen ſahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das civile Gräfchen vom Sattel ſprang, mit welchem Anſtand er die Zügel ſeinem Diener zuwarf, ſich dann zu ihnen wandte und ſeine Honneurs machte. Die Diamanten des Wla⸗ dimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrenſäbel glänzten im Morgenroth, der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebieten⸗ des, Königliches, das ſie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten. „Alle Teufel, wer hätte das gedacht?“ flüſterte Sporeneck. „Hätte ich das gewußt— weiß Gott, die Uniform der polniſchen Garde, wo jeder Rittmeiſter für einen Oberſten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er Soldat iſt, dann wäre es wohl etwas Anderes geweſen.“ * 8 1 8 ——————C— —-—. 241 „Und alle Wetter,“ fuhr ein Anderer fort,„ſieh nur den alten Graukopf, wie der behängt iſt, eins— zwei— drei— ſieben Orden hat das Kerlchen und noch obendrein einen Stern! ſiehe, das Thereſtenkreuz— und weiß Gott, den Commandeur der Chrenlegion, das muß ein ſixer Kerl ſein.“ Der alte bekreuzte und beſternte Herr nahte ſich Schulderoff, zog ganz gelaſſen und kaltblütig eine reich mit Brillanten beſetzte Uhr heraus.„Herr Kamerad,“ ſprach er,„wenn's gefällig iſt.“ Dieſer hatte ſich von ſeinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeußerung des Rittmeiſters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäͤre, er die Sache vielleicht nicht ſo weit getrieben hätte. Er verſuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentiren. Doch die Unterhandlungen zer⸗ ſchlugen ſich an dem harten Sinn des Grafen, man maß die Schritte ab, man ſchüttete friſches Pulver auf die Pfannen,— fertig! Sporeneck hatte den erſten Schuß.„Nun, wenn es denn einmal ſein muß,“ ſagte er, drückte ab und— den Kalpack riß es dem Grafen von dem Kopf, mitten durch war die Kugel ge⸗ gangen, er ſtand unverletzt. Ein ſonderbares Feuer ſprühte aus ſeinem Auge, als er jetzt die Piſtole aufnahm. Es war ihm, als ſtehe Antonio's blutende Geſtalt vor dem Rittmeiſter und wehre ihm ab, zweimal ſetzte er an, zweimal ließ er die Piſtole wieder ſinken. Da rief der Rittmeiſter mit bitterem Lachen: „Wird's bald, Herr Kamerad?“ Und in demſelben Augenblicke krachte es, Sporeneck wankte und fiel. Er hatte genug, gerade unter der Bruſt hatte die Kugel durchgeſchlagen. Der Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Geſicht und gab wenig Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Oſſiziere, der vor der Stadt wohnte. In tiefem Ernſt, ſchweigend ritten der Graf und ſein Begleiter zur Stadt zurück. W. Hauff's Werke. III. 242 Fingerzeig des Schichſals. Die Dragoner waren ſeit der Entdeckung, daß der Graf Offizier ſei, die Artigkeit ſelbſt. Alle Stunden kam einer, um zu rapportiren, wie der Verwundete ſich befinde. Aus ihren Reden, die ſie hie und da über die Geſchichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug, aber ſo viel merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Nittmeiſter, indem er ſich geheimer, von Ida erhaltener Begünſtigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. Von dem Duelle war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. Den Reitknecht des Rittmeiſters hielt man in dem Haus vor dem Thore feſt, daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme, die Uebrigen hatten ſich das Ehrenwort ge⸗ geben, nichts zu verrathen.. 4 Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond geweſen und hatte heimlich nach dem Rittmeiſter gefragt, und allemal den Beſcheid erhalten, er ſei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrſcheinlich auf der Gräfin Anſtiften, ein Diener von⸗ Präſidents, um den Grafen zu bitten, Nachmittags hinüber zu kommen. Er ſchlug es ab, denn er war noch zu aufgeregt von dem blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer ſehr langweilte, hätte converſiren mögen. Endlich, als es ſchon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein umgekehrter Handſchuh war, und brachte beſſere Nachricht. Man hatte die Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es ſei kein edlerer Theil verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenſtein ein, mit ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu be⸗ ſuchen. Sie gingen mit. 3 In einem der letzten Häuſer der Vorſtadt lag der Rittmeiſter. Als die beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, geriethen die übrigen Offiziere augenſcheinlich in einige Verlegen⸗ heit. Sie flüſterten etwas mit Schulderoff, das ungefähr lautete, —% als ſei der Kranke nicht recht bei ſich und phantaſire allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden geeignet ſei. Lieutenant Schulderoff beſann ſich aber nicht lange. Er er⸗ klärte, daß er es auf die Gefahr hin, ſeinen Freund zu belei⸗ digen, über ſich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer Stunde ſelbſt noch gewünſcht habe. Sie traten ein. Der Rittmeiſter war ſehr bleich, ſonſt aber nicht entſtellt, nur daß ſein Auge unſtät umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß zuerſt Ladenſtein ans Bett treten ſolle, um zu probiren, ob ihn der Kranke erkenne. Es geſchah ſo. Sporeneck ſah ihn lange an und faßte dann haſtig ſeine Hand:„Ach, ſind Sie es, Herr Geheimerath von Sorben?“ rief er.„Was ſchreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarſtein heirathen?“ Die Anweſenden waren alle höchſt betreten, als der Ver⸗ wundete ſo aus der Schule ſchwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verſtehen, es möchte doch vielleicht beſſer ſein, wenn eer zu einer andern Zeit wieder käme. Es ſcheine, der Kranke erhitze ſich zu ſehr. Der alte Herr ſchien es aber nicht verſtehen zu wollen. Sein Auge nahm einen ſonderbaren Ausdruck von forſchendem Ernſt an, der den Lieutenant unwillkürlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort:„Laß Dich nicht von dieſem da forttreiben, lieber Sorben, Du kannſt mir jetzt einen großen Dienſt erweiſen. In meinem Zimmer iſt ein Koffer, in dieſem eine Caſſette; laß Dir von Schulderoff die Schlüſſel geben und ſchließ auf. Dort findeſt Du ein Strumpfband mit goldenem Schloß—“ er hielt inne, als ob er nachſänne, der Graf aber trat in der höchſten Spannung näher, um jedes Wört⸗ chen zu verſchlingen, das er ſprechen würde,—„und richtig, Honni soit qui mal y pense iſt drauf geſtickt. Das bringſt Du der Gräſin, ſie hat den Kameraden dazu am linken Bein, und ſagſt, das ſei das Band, um welches ſie mir geſchrieben habe, ich könne heute nicht ſelbſt kommen. Ja— und weiter ſage ihr, mit der Ida ſei es nichts, ich habe es ſatt, dem ſpröden Ding die Cour zu ſchneiden, nur um das Gräfchen eiferſüchtig— ja 244 halt, bei dem Grafen fäͤllt mir ein, ſage ihr, den Grafen ſoll ſie mir in Ruhe laſſen, er ſei kein Ofenhocker, ſondern ein braver Soldat, und wenn ſie ihm ferner noch was anhaben wolle, ſo habe ſie es mit mir zu thun.“ Erſchöpft ſank er auf die Kiſſen zurück, als er ſo geſprochen hatte. Schulderoff ſtand in einer Ecke und ſchalt ſich ſelbſt aus, ſo thöricht gehandelt und die Fremden in dieſem kritiſchen Mo⸗ mente zu dem Rittmeiſter geführt zu haben. Gerne hätte er in ſeinem Unmuth den Beiden etwas Hartes geſagt, aber der Graf hatte ihm durch ſein Betragen und ſeinen Stand, der alte Herr durch ſeine vielen und bedeutenden Ordenszeichen ſo imponirt, daß er nicht wagte, ſich ihnen anders als mit der zuvorkommend⸗ ſten Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren von Beiden ganz entzückt. In des Grafen Uniform verliebten ſie ſich ganz und gar, und wie geehrt und gehoben fühlten ſie ſich, daß ein Commandeur der Ehrenlegion, ein alter Ritter des Thereſien⸗ ordens, ſie mit der groͤßten Freundlichkeit„Herr Kamerad“ titulirte. Es dauerte aber keine fünf Minuten, ſo war auch Schulderoff ganz von dem Alten gewonnen. Dieſer führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Propoſition, ob er nicht für den Rittmeiſter, der jetzt doch ſo entfernt von Haus ſei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle. 3 „Lieber Gott,“ ſagte er,„ich weiß, wie es in der Garniſon iſt; habe auch lange gedient; mit dem beſten Willen bringt man es ſelten ſo weit, daß man immer einen großen Nothpfennig in Bereitſchaft hat. Einer muß immer dem Andern aushelfen, und da ich jetzt gleichſam auch hier in Garniſon liege, Herr Kamerad — ich denke, wir könnten darüber einig ſein.“ Der herzliche Ton, mit welchem dieſes Anerbieten gemacht wurde, rührte den Lieutenant bis zu Thränen; es konnte ihm nichts mehr zu Statten kommen, als ein ſolches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genöthigt geweſen, — 245 ſich an die Gräͤfin zu wenden, und doch war ihm dieſe in der tiefſten Seele zuwider, lieber hätte er ſein Pferd verkauft— da kam ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden ſehr erwünſcht; es war ſo natürlich und ehrenvoll angetragen, daß er ohne Be⸗ denken einſchlug, und von dieſer Stunde an wäre er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle Höllen⸗ geiſter am Collet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer gegangen. ſicht in der Finſterniß. „Nun, was ſagſt Du zu dieſer Geſchichte?“ ſprach der alte Herr zu Martiniz, als ſie wieder in ihrem Zimmer waren.„Was ſagſt Du zu der ſchönen Strumpfbandgeſchichte?“„Nun, was werde ich dazu ſagen,“ antwortete Emil nachdenklich,„daß er mit der Gräfin in einem ſehr unanſtändigen Verhältniß ſteht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarſtein heira⸗ then ſolle?“ „Das will ich Dir ſchwarz auf weiß zeigen,“ ſagte jener, und zog einen Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchſicht gab. Es waren jene Briefe, welche der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geſchrieben hatte, um wo moglich eine Heirath zwiſchen Emil und der Aarſtein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und düſterer wurden ſeine Züge, der alte Herr ging indeſſen auf und ab und betrachtete den Leſenden. Endlich ſprang dieſer auf und rief:„Nein, das iſt zu arg! Das iſt nicht auszuhalten, mit mir ein ſolches Spiel ſpielen zu wollen? Was ſagen Sie zu dieſen Briefen? Wie reimen Sie dies Alles zuſammen?“ Der alte Herr ſetzte ſich zu Emil nieder, legte ſeine Hand zutraulich auf ſeine Schulter und ſprach:„Ich habe Dir letzthin geſagt, daß ich ſechzig Jahre habe und Du zwanzig, daß ich 3 alſo auch Manches kälter betrachte und darum ſchärfer als Du. Schon damals ahnte ich Manches; jetzt durch das Irrereden des Rittmeiſters iſt mir auf einmal Alles klar. Daß Dich in dieſen Briefen die Graͤfin durch den ſchlechten Kerl, den alten Sorben, zu angeln ſucht, ſtehſt Du wohl ein; ſie hört nun durch Kund⸗ ſchafter, oder wie es ſonſt gegangen ſein mag, Du ſeieſt hier, und, wie Du nicht läugnen kannſt, in einem zärtlichen Verhältniß mit Ida; daß der Gräfin daran lag, Dich oder vielmehr Dein Vermögen nicht hinauszulaſſen, kannſt Du Dir denken. Daher kam ſie eilends hieher, um Dich zu erobern; dazu gehörte aber auch, daß ſie Ida von Deinem Herzen losriß, und wie konnte dies beſſer ſein, als durch den Rittmeiſter? Wie dieſer mit der Gräfin ſtand, wiſſen wir aus dem Strumpfbandbillet, das alſo von ihr iſt; wie er aber mit Idchen, dem keuſchen reinen Engel ſtand— und hat er ſein ganzes Leben hindurch gelogen, ſo war er wenigſtens in ſeinem Wundfieber wahr— erinnerſt Du Dich, daß er mir auftrug, der Gräfin zu ſagen, daß mit dem ſpröden Mädchen nichts anzufangen ſei? Da haſt Du jetzt den ganzen Plan, Freundchen, ſo und nicht anders verhalten ſich die Sachen. Was ſagſt Du nun dazu 2“ Ganz verſunken in Schmerz und Wehmuth ſaß der Graf neben ihm. Er hatte ſein Geſicht in das Taſchentuch gedrückt und weinte heftig.„O Ida, wie tief habe ich Dich beleidigt!“ flüſterte er.„Was war ich für ein Thor, wie war ich ſo ſtockblind, um nicht gleich Alles einzuſehen! Wie war ich ſo grauſam und konnte das gute, ſanfte Engelskind, das mir ſo gut war, das mich ſo lieb hatte, ſo tief kränken und beleidigen!“ Dem alten Herrn wurde es angſt und bange, Emil möchte, wenn die Reue ſein Gemüth zu ſehr angreife, wieder in ſeiner Wahnſinn verfallen, aus welchem ihn das Mädchen ſo wunder⸗ voll errettet hatte.„So lange man lebt, kann man Alles wieder gut machen,“ ſagte er zu dem Weinenden,„und namentlich iſt nichts leichter zu ſchlichten, als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. Sei darum getroſt und glaube, es wird ſich Alles einer Sorgfalt ausgefüh 251 rt, die man leider heutzutage ſelten mehr ßten Kunſtwerken alter findet, und die man gerade an den grö Meiſter ſo hoch ſchätzen muß... Des Mädchens thränenſchwere Miene, die ſeit einiger Zeit ſie ſelten verließ, heiterte ſich unwillkürlich auf, als ſie ſich von einem ſo tiefen Kenner, als welcher der alte Herr ſich zeigte, belobt, ſogar bewundert fand; er ſtieß auf Cartons, zu denen ſie ſich als Urheberin bekannte, und ſie waren alle meiſterhaft, er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt über⸗ raſcht inne; ſie wollte ihm die Zeichnung entreißen, ſie bat, ſte flehte— es half nichts, es war ein zu bedeutendes Akten⸗ ſtück, als daß er es hätte unbetrachtet aus den Händen gelaſſen. Es ſtellte ihm eine unbekannte Kirche vor, am Altar ſtand eine hohe erhabene Figur— bei Gott bis zum Sprechen ähnlich— Emil; der tiefe wehmüthige Ernſt, der ſonſt in ſeinen Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn man in dieſe Züge ſah, ein namenloſes Unglück zu er⸗ fahren, das auf den feinen Lippen ſchwebte; zur Seite ſtanden zwei Männer, wovon er nur den einen kannte, es war der alte Brktzwiſl; auch in dieſem nichts weniger als maleriſchen Geſicht war die ehrliche Gutmüthigkeit, die innige, ergebungsvolle Theil⸗ nahme an dem Schickſal ſeines Herrn trefflich ausgedrückt; weiter im Hintergrund ſah man zwei Figuren, die, weil ſte im Schatten ſtanden, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen die Zeichnerin ſelbſt zu erkennen. An dem Bilde war außer der Aehnlichkeit der Geſichter und der gelungenen Anordnung der 4 Gruppen auch die Vertheilung des Lichtes höchſt genial ausge⸗ führt; es war nämlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus, ſo daß nun die wunderherrlichen Licht⸗ und Schattenpartien, das Verſchweben der Helle im Dunkel auf ergreifende Weiſe angegeben war. Die Zeichnung an ſich hätte ſeine innigſte Bewunderung er⸗ regt, aber er kannte auch gar wohl den Moment, der hier dar⸗ geſtellt war; er kannte die Geſtalt, die ſich ſo beſcheiden ins 252 Dunkel geſtellt hatte; es war die Retterin ſeines geliebten Jüng⸗ lings; gerührt ſah er zu ihr herab; auch ſie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnſinns, wie ſie ihn er⸗ lebt und geſehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den ſie rettete, der nachher aufgelöst von Dankbarkeit nur ihr gehört hatte, daß dieſer auf die erſten Lockungen einer Kokette ſie ver⸗ laſſen hatte?— Sie ſtand, das holde Amorettenköpfchen tief geſenkt, voll Wehmuth da; Thräne um Thräne ſtahl ſich aus ihren Augen und rieſelte über die Wangen herab. Er ſah ſie einige Augenblicke an und theilte ſtillſchweigend ihren Kummer. Doch er konnte ja Alles gut machen, er konnte die Thränen in Lächeln verwandeln.„Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da, den Sie ſo gut getroffen haben, der ſoll Ihnen abbitten, ſoll Alles wieder gut machen.“ Sie ſah fragend an ihm hinauf und ſchüttelte dann weh⸗ müthig lächelnd das Köpfchen, als wollte ſie ſagen:„Das iſt jetzt Alles vorbei und hat ein Ende.“ Er aber ließ ſich nicht aus ſeinem Concept bringen.„Wetten wir dieſe Zeichnung,“ ſagte er,„der undankbare Junker Obenhinaus muß heran, und muß wieder brav und mild ſein und ſeine Ida lieb—“* Das Mädchen ward feuerroth,„Herr von Ladenſtein,“ ſagte ſie, zwiſchen Wehmuth und Unmuth kämpfend,„ich hätte nicht geglaubt, daß Sie—“ „Nun, wenn Sie nicht glauben, ſo muß ich Ihnen den Glau⸗ ben in die Hände geben;“ damit ſchritt er zur Thüre und riß ſie auf. Verſöhnte Kiebe. Das Madchen war ſprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geſchah, und traute ſeinen Augen nicht. In glänzender Uniform, ſchön und freundlich wie der Tag, ganz hingegoſſen in reuevoller Zärtlichkeit, lag Emil vor ihr auf den Knieen, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küſſe der — — 253 Liebe darauf. Sie wollte die Hand zurückziehen, ſie zog ihn mit herauf, und ehe ſie ſich es recht verſah— doch das konnte man nicht ſagen, ſie ſah ſich mit einem blitzſchnellen Viertelsſeiten⸗ blickchen nach Ladenſtein um, der aber ſchien gar nicht auf ſie Beide zu achten, denn er ſchaute unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus, alſo ehe ſie ſich kaum recht verſah, lag ſie in des Grafen Armen, fühlte ſie ſeine Lippen auf ihren Lippen und—„Solch ein Kuß, das iſt ein Kuß!“ Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er ſagte ihr, wie ihn die Gräfin ſo eiferſüchtig gemacht hätte, wie er geglaubt habe, der Rittmeiſter mache ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräſfin die Cour gemacht, wie er — nun er hatte ſich ſtark verſündigt, aber ſie ließ ihn nicht weiter reden, mit dem erſten Wort ſeiner Reue war ja ihr Kummer ver⸗ ſchwunden, ſie legte ihm das weiche, zarte Pflaumenhändchen auf den Mund und wiſperte ihm erröthend zu, daß ſie Alles vergeben und vergeſſen wolle; und jetzt ging es von Neuem los. Da wollte er erſtens ein kleines Küßchen zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Verſoöhnungskuß, dann einen langen ditto, daß ſie ihm nicht mehr böſe ſei, dann einen noch längeren, daß ſie ganz gewiß nicht mehr zürne, dann den ganzen ellenlangen, zur Er⸗ laubniß, daß er morgen zum Papa gehe und um ſie anhalte. „Aber Kinder, es wird ſpät,“ ſprach endlich ſchon zum drittenmal der alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten umſchlungen hielt, daß ſie erſchrocken und über und über bepurpurt aufſprang und nicht wußte, wohin ſie ſehen ſollte, denn an dieſen Zeugen hatte ſie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.—„Kinder, es wird ſpät, und die Bilder könnten alle ſchon zehnmal gezeigt ſein; wir müſſen hinunter zur Geſellſchaft.“ „Nur ich nicht,“ bat Martiniz,„mir graut, vom Himmel, in dem ich war, herabzuſteigen in einen nüchternen, irdiſchen Thee.“ Es wurde ihm zugeſtanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht bald kommen ſolle. Ladenſtein verſprach, ihn 254 ſelbſt hinüber zu ſpediren, und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, ſo unbarmherzig konnte er doch nicht ſein, den allerein⸗ zigen Gutenachtkuß mußte er geſtatten. Er wurde in zwölf kleine Portionen vertheilt und nach alter Vorſchrift eingegeben, und jetzt endlich trennte man ſich. Idchen war es ganz ſchwindlich zu Muth; tauſend Gedanken ſtiegen in ihr auf und nieder; ſie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und drängten und trieben ſich daher wirbelnd um und um. Nur eines war ihr recht klar und deutlich, daß ſte recht glücklich, unendlich glückſelig ſei, daß er ſie gek— Sie erröthete vor dem Gedanken, und dennoch ſpitzte ſie das Mäulchen und probirte es noch einmal im Geiſte, wie ſie es gemacht hätten, daß es ſo wunderſüß ſchmeckte. Nein, ſo ging es nicht, ſie mußte ſich zuſammennehmen, ehe ſie zur Geſellſchaft ging; es war ihr, als ſollte ſie allen Menſchen um den Hals fallen und ihnen ihr ſtilles Glück ver⸗ künden. So ging es nicht, da mußte man es gleich merken; ſie ſtellte ſich vor den deckenhohen Spiegel und probirte recht ernſthafte oder gleichgültige Geſichter, aber ſie mochte es machen wie ſie wollte, immer guckte wieder ein luſtiges Köpfchen mit einem ſpitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich ſchalt ſie ſich ſelbſt recht aus, nannte ſich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles Mögliche, und ſiehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigſten Geſicht von der Welt trat ſie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die gleich⸗ gültige Miene, bis man ſich verabſchiedete.— Doch nein, einmal wäre ſie beinahe herausgeplatzt, und ſie hatte zu beißen und zu ſchlucken, daß kein Kichern hervorkam. Die Gräfin beklagte ſich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre Geſellſchaftsdame ſpielte, daß der Graf heute ſich gar nicht habe ſehen laſſen.„Das verzeihe ich ihm in den nächſten zwei Tagen nicht,“ ſetzte ſte preciös hinzu, indem ſie die arme Ida dabei fixirte und dachte:„Die verberſtet vor Neid,“ während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem luſtigen Amoretten⸗ 255 köpfchen um die Lippen zuckte,—„wenn er morgen früh mich zu beſuchen kommt, wird er nicht angenommen, Nachmittags — nicht angenommen, und Abends, nun da will ich ihm ein 4 ſo ſaures Geſicht machen, daß er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligiren.“ „Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!“ lächelte Fräulein von Sorben mit einem ſchadenfrohen Blick auf Ida. Der arme Graf!“ dachte ſie und lachte ſtill in ſich hinein, ſie konnte ſich denken, wie arg dieſer oreitich Borſat ihn an⸗ greifen werde. ——— Die greiwerber. Schon ſeit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem Fenſter gelauſcht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Seſſion ging, hatte Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu ſprechen, es war ein Viertel, er kam noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte ſie wohl, denn der Graf Ihatte ſich anmelden laſſen, aber ſie fürchtete, der Präſident mochte übler Laune werden, wenn er ſo lange warten müſſe. Ihr Herzchen pochte ſo ungeduldig, alle Augenblicke wechſelte das Roth auf ihren Wangen, der bräutliche Buſen flog auf und nieder voll Ganger Erwartung. Es kann aber auch für ein Mädchen keine . erwartungsvollere Stunde geben, als die, wenn der Geliebte zum .. Vater oder zur Mutter gehen will, um ſein Mädchen anzuhalten. 1 Frrude und Angſt, Beſorgniß und frohe Hoffnung wechſeln dann 3 3 auf dem lieblichen Brautgeſichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leiſes Gebet entſteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erſtenmal getheilt iſt zwiſchen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der ſie zu ſeinem Frauchen machen will. Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater dieſe Partie für ſie ſehr anſtändig ſinden würde, aber ſie kannte ihn, wie er Alles nach den Dienſtverhältniſſen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöͤchſten Ungnade nein ſagen, weil man in der Reſidenz den Grafen für eine Andere beſtimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,— ſie hatte vom Hofrathe gehört, daß es einen ſolchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann, von dem der Graf ſehr abhängig ſei; wird er auch ſeine Ein⸗ willigung geben? 3 Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar es lag kein geringer Triumph darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünſte auf⸗ geboten hatte, Emils Herz von ihr abzureißen, überwunden zu haben, aber ſie ſcheute ſich doch beinahe eben ſo ſehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als ſie ſich freute, zu ſehen, was ſie für ein Geſicht machen werde, wenn man es ihr ankündige. Endlich— ja er war es; in ſeiner glänzenden Uniform wie geſtern trat er heraus,— mit ihm Ladenſtein; nein, wie aber dieſer geputzt war! Sie hatte, als ſie ſich bei Hof präſen⸗ tiren ließ, einmal einen.... ſchen Geſandten geſehen, ſo war er gekleidet; der Frack ſtarrte von goldener Stickerei, ein hand⸗ breites Ordensband ging ihm über die Bruſt quer herab, auf der Bruſt— was tauſend! Da hatte er ja ſogar einen Stern! „Nun, das muß doch ein vornehmer Herr ſein, der Herr von Ladenſtein,“ dachte Ida und machte große Augen,„und ſonſt ſteht er doch ganz ſchlicht aus.“ „Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Thüre, gewiß wollte Emil noch einmal— nein, es war nur Ladenſtein, aber auch dieſer war ihr willkommen. Aber ſo freundlich er lächelte, ſo war es ihr doch, als könne ſie heute nicht ſo ungenirt ſein, als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hofgallaknix, als er ſo bebändert, beſternt und übergoldet zu ihr eintrat, und wußte nicht gleich recht, wie ſte ihn empfangen ſollte; er aber lachte ihr gerade ins Geſicht:„Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida nicht empfängt, wie einen alten Freund; die Paar Ellen Band da! Ei, ei, das hätte ich doch nicht ge⸗ dacht, daß ſich eine junge Dame dadurch gleich ſo einſchüchtern ließe!“ Sie ſammelte ſich und lachte ſich jetzt ſelbſt recht aus, daß ſie ihn ſo ſteif und förmlich wie eine ungeheure Reſpekts⸗ perſon empfangen habe; er zog ſie zutraulich zu ſich auf den Divan und erzählte, daß Emil in dieſem Augenblicke mit ſeiner Werbung vor dem Papa ſtehe und ſie hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.— Das Mädchen ward feuerflammroth, ſie hatte ſich noch von keinem Menſchen Braut nennen hören, es war ihr ein ſo unge⸗ wohntes Wörtchen, und doch kam es ihr ſelbſt wieder vor, als ſei es ihr recht bräutlich zu Muth.— Er ſelbſt, fuhr der freundliche Alte fort, ſei als Reſerve⸗ bataillon und Hinterhalt aufgeſtellt; er habe ſich darum mit all' ſeinem Flitterputz angethan, um damit dem Herrn Papa⸗Präſi⸗ denten, wenn er etwa noch einiges Bedenken tragen ſollte, über den Hals zu fallen. Ida war recht nachdenklich, als ſie aus Ladenſteins Mund hörte, daß es denn doch fehlen könne, und ſagte:„Ach, vor meinem Vater iſt mir nicht ſo bange, der gibt am Ende ſchon nach, wenn ich ihn recht ſchön bitte, aber der Onkel—8“— „Nun, was für ein Onkel iſt denn das?“ fragte Ladenſtein auf⸗ merkſam und neugierig. „Emils Onkel, wiſſen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das ſoll ein gar böſer alter Herr ſein,“(Ladenſteins Geſicht zog ſich immer mehr in die Länge bei dieſen Nachrichten)„das hat mir Hofrath Berner, der den jungen Grafen und ſeine Ver⸗ hältniſſe kennt, geſagt; von ihm hängt Emil ab, denn er ſoll ihn ſo lieb haben wie ſeinen Vater, und der alte Herr ſoll auch ſehr viel an dem Neffen thun—“(es zuckte wie tiefe Rüh⸗ rung in Ladenſteins Geſicht)„wenn nun dieſer die Sache erfährt,“ ſetzte ſie traurig hinzu,„wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Beſſere ausgeſucht hätte, wenn er nein ſagt.“ „O, er ſagt nicht nein, er kann keine Beſſere finden,“ unterbrach ſie der alte Herr voll wunderbarer Rührung. „Eine Treuere wenigſtens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn man nur den erweichen koͤnnte; ſehen Sie, W. Hauff's Werke. III. 17 258 Ladenſtein,“ ſagte ſie unter Thränen lächelnd,„ich habe mir eine kleine Liſt ausgedacht, es iſt zwar eine Kriegsliſt, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu auserſehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Scene aus der Kirche, die ich Ihnen geſtern zeigte, die habe ich nun ganz eigentlich für den alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich ſeinem Neffen ſo recht von Herzen gut bin, ſo— das thun Sie mir ſchon zu Gefallen, und Sie kennen den alten Herrn gewiß— ſo zeigen Sie ihm die Gruppe da, ſagen Sie ihm, ich ſei es geweſen, die ſeinen Emil von dem ſchrecklichen Wahn befreite; wollen Sie?“. Der alte Herr nickte ihr ſtumm ſeine Einwilligung zu, die hellen Thränen rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war ſo tief gerührt, daß er nicht ſprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen. Endlich faßte er ſich doch wieder, er wiſchte die Thränen hinweg, er war freundlich wie zuvor, und fand auch die Sprache wieder. „Ich will es ihm geben, dem alten Geſellen,“ ſagte er lächelnd,„ich kenne ihn ſo gut wie mich ſelbſt und darf ſagen, daß ich ſein innigſter— beſter Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte ſchlägt mit Freuden ein, aber das Bild da ſoll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er es hoch anſchlagen, es wird ſein beſtes Kabinetsſtück ſein.“ Fortſetzung der Freier. Sie wurden von Emil unterbrochen, der in ſtürmiſcher Eile Ladenſtein zum Präſidenten hinabrief. Dieſer ging und ließ die Beiden allein. Emil ſagte ſeinem Mädchen, daß der Papa durch⸗ aus nicht abgeneigt ſcheine, nur ſei er bange, was der Hof dazu ſagen werde. Er für ſeinen Theil könne dieſe Bedenklich⸗ 1 keiten nicht begreifen, denn offenbar gehe es den Hof nicht im mindeſten etwas an, wen er heirathen wolle. Ida konnte wohl 259 ahnen, was ihr Vater unter dieſen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verſtand, aber ſie ſcheute ſich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde geweſen, ihn in ſeinem Glücke zu ſtören. Er ſaß ſo ſelig neben dem bräutlichen Mädchen, er war ſo trunken von Wonne und Glück, daß er nichts Anderes mehr zu hören und zu denken ſchien, als ſie. Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres ſehen, als das Mädchen. Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige Frühroth der bräutlichen Scham, um den Mund ſpielte ein reizendes Lächeln, das bald Verlegen⸗ heit über den ihr ſo ungewohnten Stand einer Braut, bald Wonne und Freude verrieth. „Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen,“ rief der glückliche Martiniz, nachdem er ſie lange mit ſeinen trunkenen Blicken angeſchaut hatte.„Mein lieber, guter Emil,“ liſpelte ſte und ſank in ſeine Arme und barg ihr tief erröthendes Köpf⸗ chen an ſeiner Bruſt. Aber obgleich es ihm Freude machte, das Engelskind ſo an ſein treues Herz geſchmiegt zu ſehen, das ſchöne Haar mit ſeinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich gewölbten Nacken, ſo rein und weiß, ſo glänzend wie aus Wachs geformt, niederzublicken, ſo machte ihm doch die Kehrſeite mehr Freude. Er faßte das Engelsköpfchen an dem ſanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu blickten ihn dieſe Augen an, wie würzig wölbten ſich die Purpurlippen ihm entgegen! Er ſchlang den Arm um den ſchlanken Leib, er preßte ſte an ſich und ſog in langen, langen Küſſen das ſüßeſte Leben in ſich ein. Nein, wahrhaftig, ſo ſonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Muth geweſen, wie in dieſen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerſpitzen, bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr ſo wohl, ſo wonnig zu Muth, als ſollte ſte, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn anſehen und hatte doch das Herz nicht dazu, ſie wollte ſich ſchämen und ſchalt ſich wieder aus über die Thorheit, denn es war ja 260 ihr Bräutig—; nein, das ſiel ihr dann ſiedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm ſeine Einwilligung noch nicht zugeſagt— es ſchickte ſich doch nicht ſo recht, ſie wand ſich verſchämt aus ſeinen Armen und wollte eben ſagen, daß er doch ein wenig einhalten— Da ging die Thüre auf und mit freudeſtrahlendem Geſicht, den lächelnden Präſidenten an der Hand, ſchritt Ladenſtein herein. „Ich gratulire,“ rief er,„der Herr Papa willigt ein.“ Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie weinte, ſie lachte in einem Athem, ſie ſtreichelte ſeine Wangen und küßte ihn und war ein ſo munteres, wohliges Kind, als habe er ihr eine hübſche Puppe zu Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geſchenkt. Auch Emil war aufgeſtanden und zum Präſidenten getreten. Er fragte ihn voll Freude, ob es ihm erlaubt ſei, ihn Vater zu nennen? Der Präſident lächelte und zeigte auf Ladenſtein.„Nach dem, was Seine Excellenz Ihr Herr O—“ ein Wink des alten Herrn machte, daß er ſich ſchnell korrigirte—„was Herr von Ladenſtein mir ſagte, iſt durchaus kein Zweifel mehr in mir, der dieſer Verbindung entgegen wäre.“ Die Glücklichen ſanken ſich in die Arme, ſie umarmten ſich, den Vater, den guten Ladenſtein, ja es ſchien faſt, als möchten ſie noch mehr Zeugen ihres Glückes. Und nun ging es an ein Alkkordiren wegen der Hochzeit, der Graf wollte lieber heute als morgen und hätte gerne ſein liebes Bräutchen nur ſo im Haus⸗ kleidchen, wie ſie da ſtand, ins Münſter geführt. Aber dagegen ſträubte ſie ſich ſelbſt. Sie ſah gar zu naiv aus, als ſie ſo ernſt⸗ haft ſagte:„Nein, wenn es einmal ſein muß, ſo muß es auch recht ſein. Im Hausüberröckchen traut man kein reputirliches Fräulein.“ Der Präſident ſtimmte bei, er ſagte:„Sie haben ja noch gar nichts, wo ſie nur ihr Haupt hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!“ Aber dagegen proteſtirte wieder Ladenſtein feierlich:„Ein Vierteljahr iſt viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo ſie 2 — 261 ihr Haupt hinlegen könnten, da habe ich ein ſo anſtändiges Plätz⸗ chen auserſehen, wie man es nur wünſchen kann. Da iſt,—“ er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete ſie—„da iſt ein gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrſchaft Großlanzau, drei Viertel⸗ ſtunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von ſeinem Oheim zur Morgengabe übermacht, kann heute ſchon bezogen werden, wenn es ihm gefällig iſt.“ Die Drei machten große Augen. Emil ſtürzte dem alten Herrn an den Hals.„Mein theurer väterlicher—“ „Still, ſtill, iſt ſchon gut,“ unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm die Hand auf den Mund legte,„bedenke Dein Ver⸗ ſprechen. Ich habe hier nur den Geſchäftsträger gemacht, danke Deinem Onkel, wenn er einmal da iſt?“—„Ach, wo iſt er denn, der gute Onkel,“ rief Ida,„daß ich ihm danken kann für ſeine unendliche Güte?“ „Wird auch kommen zu ſeiner Zeit,“ antwortete Ladenſtein, indem ihm eine Thräne der Rührung im Auge blinkte,„er wird ſchon kommen und eine Freude an ſeinem holden Töchterchen haben, einſtweilen ſoll ich Idchen in ſeinem Namen küſſen.“ Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die ſchöne Stirne. Der Präſident hatte indeſſen die Papiere durchgeſehen. Je länger er las, deſto größer und ſtaunender wurden ſeine Augen. CEhrfurchtsvoll faltete er die Papiere zuſammen und ſagte:„Nein, das iſt zu arg, das iſt zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Großlanzau mit dem ſchönen, neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmeublirt, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott ſeine zweimalhunderttauſend Thaler unter Brüdern werth, nein, bedenkt auch noch—“ „Still, alter Herr,“ unterbrach ihn Ladenſtein.„Macht kein ſolches Weſen von dem Zeug. Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern. Da iſt auch noch etwas in 262 den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein kleines Schlöß⸗ chen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir geſagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen geweſen ſei, und deßwegen hat es der Herr Onkel ſeiner lieben Nichte erb⸗ und eigenthümlich zum Brautgeſchenke übermacht.“ Voll freudigen Schreckens ſchlug das Mädchen die Hände zuſammen.„Doch nicht mein liebes Blauenſtein?“ rief ſie. „Eben daſſelbe,“ antwortete Ladenſtein und überreichte ihr die Schenkungsakte. „ SSie konnte es nicht faſſen, ſie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher wie närriſch und rief immer:„Mein Blauen⸗ ſtein, mein liebes herziges Blauenſtein!“ daß die Drei unwillkür⸗ lich über die poſſirliche Freude des Mädchens lachen mußten. Es iſt aber auch wahr, man kann nichts Schöneres ſehen, als dieſes Blauenſtein. Ein allerliebſtes Schlößchen mit fünf bis ſechs elegant eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem ſchönen Wald umgeben und die vierte Seite, die Facade des Schlößchens, gegen den ſchönen Fluß geöffnet, und eine paradieſiſche Ausſicht hinüber in Thäler und Berge— und dieſes lauſchige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem fröh⸗ lichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil — gewiß ein ſolcher Gedanke hätte manche Andere tanzen gemacht! Und jetzt hatte der Präſident auch nicht das Geringſte mehr einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des erröthen⸗ den Mädchens auf die nächſte Woche feſtgeſetzt. Heute Abend aber wollte Papa Präſident große Geſellſchaft geben, und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam präſentiren. Die Soirée. „Was aber der Präſident Sanden dick thut!“ ſagten die Freilinger, als jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und Zum Souper einluden. Die meiſten dachten, es geſchehe der — — 263 Gräfin Aarſtein zu Ehren, bei welcher er ſich auf alle mögliche Weiſe zu inſinuiren ſuche, um ſpäter einmal Miniſter zu werden. Als man aber Abends in den Salon des Präſidenten trat, wurde man noch mehr von dieſem„Dickthun“ überzeugt. Außer den prachtvollen Lüſtres, die gewöhnlich bei Geſellſchaften ange⸗ zündet wurden, war eine ganze Gallerie der geſchmackvollſten Wand⸗ leuchter von Bronce angebracht, und Wallrathlichter, ſo durch⸗ ſichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erſcheinung für Freilingen, ſtrahlten ein Feuermeer von ſich. Die Wände waren mit Feſtons von Blumen und grünen Zweigen geſchmückt, die ſich in den deckenhohen Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Guirlanden vervielfältigten. Ein ganzer Hausrath der präch⸗ tigſten Kryſtalle, Vaſen, Teller, Becher, Platten, Schüſſeln, Bouteillen, blinkte mit ſeinen geſchliffenen Figuren in tauſend vielfarbigen Lichtern. Das ſchwerſte Silber an Beſtecken und Leuchtern ward heute aufgeſetzt, und jedermänniglich war erſtaunt über dieſe Pracht. Einige aber, die feinere Naſen hatten als die Uebrigen, legten die Finger daran und klügelten hin und her, was dies Alles zu bedeuten habe; denn man wußte ſo ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Noth und wichtige Urſache nicht ſo viele Umſtände mache. Doch aus ſeinem Geſicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe. Er empfing ſeine Gäſte höchſt freundlich, aber ceremoniös, ſprach mit Keinem ſehr viel und lange, ſondern theilte ſich üͤberall und Allen mit. Die Gräfin — nun, die kam endlich, ſah aber nicht darnach aus, als ob ihr das Feſt gehöre, denn ſie war wie gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade feſtlich gekleidet. Die einzigen von allen Gäſten, die mit ihren Erwartungen ſo ziemlich am nächſten ans Ziel trafen, waren wohl Lieutenant Schulderoff und ſeine Kameraden. Sie waren ſeit der Duellge⸗ ſchichte die eifrigſten Freunde des Polen geworden, und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der Goldfiſch wahrſchein⸗ lich der Aarſtein, welche die Garniſonsoffiziere ſehr über die Achſel 264 angeſehen und ganz obenhin behandelt hatte, entſchlüpfen würde. „Wenn die Ida doch Keinem von uns gehören ſoll,“ hatte Schul⸗ deroff geäußert,„ſo göonne ich ſie am liebſten dem Martiniz; er iſt Soldat, und das muß man ihm laſſen, brav wie der Teufel; ſtand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zuſurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; ſo kalt und feſt habe ich in meinem Leben Keinen ſich ſchießen ſehen. Und am Ende hatte er doch Recht, denn Sporeneck raiſonnirte doch über die Ida, daß es mir ſelbſt das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von Niemand her als von der Aarſtein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel modellirt hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von der falſchen Katze, der Sorben, die gegen Jedermann ergrimmt iſt, der nicht von ihren Reizen hingeriſſen wird.“ So urtheilte der Lieutenant und mit ihm ſeine Kameraden; ſo ſehr hatte die Uniform und der Orden auf Martiniz Bruſt die ganze Sache verändert. Endlich war die ganze Geſellſchaft beiſammen. Man con⸗ verſirte in dem feſtonirten Saal, ehe man zu den Spieltiſchen ging, und die Gräſin hatte den größten Hof um ſich, denn man dachte nicht anders, als ſie müſſe doch vielleicht die Königin des Feſtes ſein. Es fehlte Niemand mehr; doch ja, Martiniz und Ladenſtein fehlten noch, die Gräfin ſuchte vergebens mit ihren raſtloſen Blicken nach dem erſteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte einſtudirt, um ihn für ſeine Vernachläſſigung zu ſtrafen; über⸗ haupt hatten ſich ihr heute ſo ſonderbare Gedanken aufgedrängt — der Graf, der ſich doch ſonſt an ſie angeſchloſſen, dem ſie ſo merklich als möglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für ſie ſichtbar; ſie wußte, daß er heute im Haus geweſen, und doch hatte er ſie nicht beſucht; der Rittmeiſter — der war ihr nun ganz unbegreiflich, und ſie war bitter böſe auf ihn. Im Ganzen war er ihr gleichgültig, denn ihre Neigungen waren ſehr flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei 265 weitem intereſſanter, und ſie geſtand es ſich ſelbſt, ſie habe ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe ſei,— aber doch ſollte der Rittmeiſter noch immer der Cavaliere servente ſein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage ſich nicht mit einem Blicke ſehen zu laſſen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die übrigen Offiziere äußerten, ſo hätte er wenigſtens ein Billet an ſie hinterlaſſen können— aber ſie wollte es ihm entgelten. Der Arme! er lag gerade jetzt auf ſeinem Schmerzenslager und fluchte die fürchterlichſten Flüche, daß er ſich jemals in die Dienſte dieſer Sirene begeben habe. Die Braut. Auch Ida fehlte noch in der Geſellſchaft, nun, ſie hatte wahrſcheinlich noch Manches für die Bewirthung zu beſorgen und zu rüſten. Endlich— der Präſident hatte ſich heimlicherweiſe weggeſchlichen— endlich ging die Thüre auf, ein allgemeines Flüſtern der Erwartung rauſchte durch den Saal— herein trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung mit Sternen und Orden beſäet(wir kennen ihn ſchon), an ſeinem Arm ein holder, verſchämter Engel voll Huld und Anmuth, demü⸗ thig und doch voll wunderbarer Majeſtät— Ida. Aber wie das Mädchen heute geputzt war, das Blonden⸗ kleid, man hatte noch nichts ſo Feines, Zartes, Geſchmackvolles geſehen. Um den Schwanenhals ein Perlenſchmuck, der, es waren ſcharfe Kenner in dem Saal, aber ſie ſchwuren hoch und theuer, mit den fürchterlichſten Flüchen, er ſei unſchätzbar und nicht in dieſem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär, die Gräfin hätte heulen mögen, daß ſie den ihrigen hatte in der Reſidenz laſſen müſſen— er war in Koſt und Logis bei Salomon Moſes Söhnen— und doch hätte er gegen dieſes Waſſer, gegen die funkenſprühende Kraft dieſes Steins verbleichen müſſen! Hatten die Gäͤſte ſchon dieſes Paar mit weit aufgeriſſenen 266 Augen angeſtarrt, ſo riskirten ſie jetzt, vor Verwunderung den ſchwarzen Staar zu bekommen, denn jetzt trat der Präſident ein, an der Hand führte er einen Jüngling, hoch und ſchlank, in prachtvoller, pompöſer Uniform, den Diamantorden auf der ſtolz gewölbten Bruſt, an der Seite einen mit flunkernden Steinen überſäeten Säbel, in der Hand ſeinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienſtück, von Kennern auf zweimalhunderttauſend Thaler geſchätzt wurde; der Präſident mit ſeinem ſtrahlenden Jünglinge trat näher, es war Emil. Der Kreis der erſtaunten Gäſte öffnete ſich— der Präſident empfing aus Ladenſteins Hand ſein Idchen, ſo trat er mit dem Pärchen in den Kreis— die Gräfin mochte ahnen, was vorging, denn ſie ſchoß wüthende Blicke auf die Drei, ihr Buſen flog auf und nieder; tief und beſcheiden neigte ſich Ida, das Engelskind, und erröthete über und über; der Graf aber ſchaute fröhlich, ſtolz, mit ſeinem ſiegenden Glutblick im Kreiſe umher, der Präſi⸗ dent verbeugte ſich und begann:„Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glückliches Ereigniß meines Hauſes mit mir zu begehen— meine Ida hat ſich heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz.“ Von Anfang tiefe, tiefe Stille, man hätte eine Mücke können trappen hören— unwillkürlich flogen die Blicke der erſtaunten Gäſte nach der Gräfin, denn ſie, ſie mußte ja nach ihren Calcülen die Braut ſein, dann öffneten ſich die Schleußen der Beredſamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenſeitigen Lobpreiſungen brach über die Dame herein, man hörte ſein eigenes Wort nicht, ſo gingen wie in einer Windmühle, wenn der Nordoſt bläst, die Mäuler und Mäulchen. Endlich fand auch die Gräfin Worte, ſie hatte, das überſah ſie mit einem Blick, das Schlachtfeld verloren, jetzt galt es, ſich geordnet zurückzuziehen und dem Feind, wo ſie eine Blöße erſpähen könnte, noch eine tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte ſchnell gefunden, was ſie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte ſte herzlich und wünſchte ihr Glück zu ihrer Verbindung.„Aber dennoch, Kinderchen,“ ſetzte ſie hinzu und wollte freundlich aus⸗ — -— 267 ſehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen ſprühte und ihr Mund krampfhaft zuckte,„dennoch weiß ich nicht, ob Ihr ganz klug gethan habt. Ida's Mutter war, ſo viel ich weiß, aus keinem alten Haus, und Sie ſelbſt, Graf, müſſen wiſſen, wie Ihr Oheim, der Miniſter, darüber denkt; wenigſtens ſo viel ich mir von ihm habe ſagen laſſen, wird er dieſe Verbindung nun und nimmermehr zugeben.“ Ida war ganz bleich geworden, ſie dachte im Augenblicke nicht daran, daß nur böslicher Wille und Neid die Gräfin ſo ſprechen laſſe, das Waſſer ſchoß ihr in die Augen, ſie warf einen bittenden, Hülfe ſuchenden Blick auf Ladenſtein und Martiniz; jener ſtand auf der Seite und ſah ernſt, beinahe höhniſch, der Gräfin zu, Emil aber ſagte ganz kalt und gelaſſen:„Wiſſen Sie das ſo gewiß, gnädige Frau?“ Dieſer Gleichmuth reizte ſie noch mehr; eine hohe Röthe flog über ihr Geſicht, die Augen ſtrahlten noch tückiſcher.„Ja, ja, das weiß ich gewiß,“ rief ſie, „ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimerath von Sorben, hat mir über dieſe Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich weiß, daß er dieſe Mésalliance nie genehmigen wird, Sie werden es ſehen!“ „Und dennoch hat er ſte genehmigt,“ antwortete eine tiefe, feſte Stimme hinter ihr. Erſchrocken ſah ſie ſich um, es war der alte Ladenſtein, der ſie mit einem höhniſchen, ſprechenden Blicke anſah: ſie konnte ſeinen Blick nicht aushalten und maß ihn daher mit ſtolzem Lächeln, hinter das ſie ihre Wuth ver⸗ barg, von oben bis unten.„Das müßte doch ſehr ſchnell ge⸗ gangen ſein,“ ſagte ſie und ſchlug eine gellende Lache auf,„noch vor fünf Tagen lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders, der Herr von Sorben ſagte mir—“ „Er hat Sie belogen,“ entgegnete der alte Herr ganz ruhig. „Nein, das wird mir zu ſtark,“ rief die hohe Dame ge⸗ reizt,„von einem Manne, wie Herr von Sorben, bitte ich in andern Ausdrücken zu ſprechen; wie können Sie wiſſen, was der alte Herr von Martiniz—“ 268 „Er ſteht vor Ihnen, gnädige Gräfin,“ ſagte der alte Herr und beugte ſich tief,„ich heiße mit Ihrer Erlaubniß Dagobert, Graf von Ladenſtein⸗Martiniz.“ Ehe er noch ausgeſprochen hatte, lag Ida an der beſternten Bruſt des Oheims, vergoß Thränen der Freude und der Wonne und ſuchte vergeblich nach Worten, ihr Entzücken auszuſprechen. Die Gräfin ſtand da, wie zu einer Säule verſteinert, doch hatte ſte, ſobald ſie wieder Athem hatte, auch Faſſung genug, zu ſprechen; ſo freundlich und herablaſſend als möglich, wandte ſie ſich an das junge Paar:„Nun, da wünſche ich doppelt Glück, daß ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Excellenz früher gefallen, ihre Maske abzunehmen, ſo würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick geſtört haben.“ Sie ging, von Außen ein Engel, im Herzen eine Furie; ſte wünſchte in ihrem wuthkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unſchuldigen Ida. Wüthend kam ſie zu der Sor⸗ ben, die mit Frau von Schulderoff in einer Fenſtervertiefung bei einem Glas Punſch ſich von dem Schrecken erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war.„An allem Unheil iſt Ihr ſauberer Herr Onkel Schuld, Fräulein Sorben,“ rief die Wüthende,„warum hat er uns mit falſchen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht geſagt, daß der alte Narr hier herumſpukt unter falſchem Namen? O, ich möchte—“ Der orangefarbene Teint von Fräu⸗ lein Sorben war ins Erdfahle übergegangen, ſie hatte die ſtille Wuth und machte ſich hie und da nur durch ein unartikulirtes Kichern Luft, indem ihr das helle Thränenwaſſer in den Augen ſtand. „Und keine Hufe Landes ſollen ſie mir kaufen, das Polen⸗ pack! ſo lange mein Oheim noch Herr im Lande iſt; nach ihrem Polen mögen ſie ziehen, und das Affengeſicht, den naſeweiſen Backfiſch, mögen ſie mitnehmen und dort meinetwegen für Geld ſehen laſſen!“ „Ach, das iſt ja gerade das Unglück,“ ſeufzte Frau von Schulderoff,„daß wir ſie in der Nachbarſchaft behalten; denken ſich Excellenz, wie der alte Narr ſein Geld zum Fenſter hinaus⸗ 269 wirft; zum Hochzeitgeſchenk, erfahre ich ſo eben, hat er ihnen Großlanzau und das freundliche nette Blauenſtein gekauft!“ „Gekauft?“ preßte die Gräfin zwiſchen den Zähnen, die ſie ganz verbiſſen hatte, heraus,„gek—“ „Denken Sie ſich, gekauft um dreimalhunderttauſend Thaler und ihnen geſchenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!“ „Das fehlte noch!“ knirſchte die Gräfin und rauſchte weiter. Präliminarien. Indeſſen war Ida glücklich, ſelig zwiſchen dem Geliebten und dem Oheim. Dieſer Oheim, ſie hatte ſich ihn als einen grämlichen, alten Herrn vorgeſtellt; dieſer war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch geſtört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben würde, wenn jener ſein Verhältniß zu Ida ungünſtig aufnähme. Und jetzt, nein, ſie wußte ſich nicht zu faſſen vor lauter Seligkeit! Der freund⸗ liche gütige Ladenſtein hatte ſich wie durch einen Zauberſchlag in die geſtrenge Excellenz den Miniſter Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er ſo freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; ſie wußte nicht, wem von Beiden ſie das nette, luſtige Amorettenköpfchen zuwenden ſollte. Sie lachte und tollte, gab verkehrte Antworten und ſchnepperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachſen war. Es war das glückſeligſte Kind, die holdeſte, vollendetſte Jungfrau und das lieblichſte, anmuthigſte Bräutchen unter der Sonne in einer Perſon. Einer der Glücklichſten im Saal war aber Hofrath Berner. Heute Abend erſt war er zurückgekommen, hatte ſich nur ſchnell in die Toilette geworfen und ſchnurſtracks zu Präſidents, und das Erſte war, als er in den Salon trat, daß er hörte, wie der Präſident ſeine Kinder präſentirte; er hätte mögen aus der Haut fahren vor theilnehmendem Jubel ſeines alten treuen Herzens. „Das iſt mein Werk,“ lächelte er vor ſich hin,„ganz allein mein 270 Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal einge⸗ fädelt war.“ Aber wie riß er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarſtein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier ſeien, hörte!„Nun, da muß es etwas Tüchtiges geſetzt haben,“ dachte er,„das Beſte wird ſein, ich frage Jdchen ſelbſt.“ Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz ſtellte ihn ſogleich dem alten Grafen vor, denn er hatte ihm viel von dieſem alten Freund und Rathgeber ihrer Liebe erzählt. Ida ge⸗ ſtand ihm, daß ſie ihn oft ſchmerzlich vermißt habe; auch Mar⸗ tiniz äußerte dies und verſprach, ihm Alles ſo bald als möglich zu erzählen. „Laſſen wir die Brautleutchen, alter Freund,“ unterbrach Graf Martiniz ſeinen Neffen, indem er den Hofrath am Arm nahm und mit ſich fortzog;„laſſen wir ſie; uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu ſorgen. Man hat mir ge⸗ ſagt, daß Sie, lieber Hofrath, ſich ſo trefflich darauf verſtünden, ein Feſtchen zu arrangiren. Ich war in früheren Jahren ein⸗ mal Oberhofmeiſter, das fügt ſich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zuſammen⸗ ſchuſtern, wie man es hier zu Lande noch nicht ſah.“ Der Hofrath war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt ſeine Vorſchläge. Morgens ſollten ſie getraut werden;„Nicht zu Haus, das kann ich für meinen Tod nicht leiden, die Haus⸗ kopulationen reißen jetzt ſo ein, daß ſie faſt zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieſelbe, wie eine geringe; als wäre der Altar Gottes nicht für Alle und Jeden; aber der Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man ſich in den ge⸗ wöhnlichen Zimmern, wo man ſonſt tollte und lachte, wo man, ſobald der Altar weggeräumt iſt, tafelt und tanzt; hat man ſich da trauen laſſen, ſo kommt Einem auch das neue Verhältniß ſo ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat.“— Alſo in der Kirche; nachher ſollten die Gäſte hinaus⸗ fahren nach Blauenſtein. Der Hofrath machte große Augen, und als er hörte, daß — 271 dies die neue Beſitzung des lieben Pärchens ſei, und daß Groß⸗ lanzau auch noch dazu gehöre, er hätte, wenn es ſich nur halb⸗ wegs geſchickt hätte, ein Paar Capriolen in die Luft gemacht— nach Blauenſtein, dort mußte das Schloß feſtlich geſchmückt ſein und zum Eſſen, was man nur Feines und Gutes haben kann! Nachher— die beiden Alten ſahen ſich an und beiden zuckte der kleine, ſarkaſtiſche Schelm um den Mund, denn es ſiel ihnen ein, daß ſie noch Junggeſellen ſeien—„nun, nachher,“ fuhr der Graf fort,„muß das Brautpaar eine kleine Reiſe machen, und wir Beide gehen als Garde de Dame auch mit, beſtellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem Landauer nicht incommodirt werden, wir Beide aber ſpiegeln und erfreuen uns an dem Glück, das wir, Sie und ich, lieber Hofrath, zu⸗ ſammen gemacht haben.“ Dem Hofrath, obgleich er lächeln wollte, ſtand doch eine Thräne der Rührung im Auge; er drückte dem edelmüthigen Polen die Hand und erklärte ſich bereit, mit ihm ſelbſt um die Erde zu reiſen.„Und wann ſoll die Hoch—“ „Ueber acht Tage ſoll die Hochzeit ſein,“ rief der alte Herr; und der Präſident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud ſämmtliche verſammelte Gäſte dazu ein. Burüſtungen. Es war ein ſonderbarer Anblick, den des Präſidenten Haus in dieſen Tagen gewährte. Das Rennen und Laufen der Schueider und Schneiderinnen, Nähterinnen, Schuſter, Schreiner, Schloſſer, Küſter, Bäcker, Fleiſcher, Köche, Kaufleute u. ſ. w. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer ſah man, auf jeder Treppe ſtieß man auf einen Handwerker, und alle thaten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge. Machten aber dieſe ſchon wichtige Geſichter— hu! da grouste * —yÿ———— 272 einem ordentlich, es lief wie eine dicke Gänſehaut über den Körper, wenn man den Hofrath ſah. Er war in dieſen Tagen der Vor⸗ bereitung viel magerer und bleicher geworden, ſeine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß er viel bei Nacht wachte; und es war auch ſo; bei Tag lief er ſich beinahe die Füße ab, wie die Hündin des Herrn von Münchhauſen aufſchneideriſchen Angedenkens, da war zu beſtellen und zu beſorgen, er lief hin und her, in alle Ecken und Enden der Stadt, ja man will ihn an mehreren Orten zugleich geſehen haben. 4 Bei Nacht— nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht ſchon längſt todt war, nachdem er ſich müde gelaufen, müde geſorgt, müde geſehen, müde geſchwatzt, müde geſcholten, müde erzählt hatte, kam erſt kein Schlaf über ihn. Er ſtreckte ſich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf den Nachttiſch ſetzen, in einem großen Korbe ſtanden vor ihm Bücher, ein ganzer Schatz von Feſten. Da war das ſeltene Werk:„Wahrhafte und accurate Beſchreibung des ſolenneſtenFeſtins am Hofe Ludwigs XIV.“ Ferner:„Der allzeitfertige Maitre de plaisir, für Hofleute, vornehme Feſtlichkeiten und anderen Kurz⸗ weil.“„Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuße, Hoch⸗ zeiten, Kindtaufen u. ſ. w. am ſchönſten zu arrangiren.“ Sogar das Feſtbüchlein von Krummacher hatte er ſich aus dem Buch⸗ laden kommen laſſen, denn er dachte nicht anders, als es müſſen darin allerhand neue und nie geſehene Feſtivitäten erzählt ſein. Er ſoll ſich übrigens ſehr geärgert haben, als dem nicht alſo war. Aus dieſer Feſtbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten Geduld und Aufmerkſamkeit durchlas, machte er ſich Randgloſſen und Auszüge, er kam aber dadurch am Ende ſelbſt mit ſich in Streit, denn das ſah er ein, wenn man alle die ſchönen Sachen, die er ſich aufnotirt hatte, ausführen wollte, ſo mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit ſich einig werden, was er weglaſſen ſollte. So lebte er in einem ewigen Zappel, ja es war ordentlich rührend anzuſehen, wenn er hie und da bei Ida bis zum Tode ermüdet in einen 273 Sopha ſank, den brechenden Blick auf ſie heftete, als wollte er ſagen:„Sieh, für Dich opfere ich mein Leben auf.“ Und Ida? Habt Ihr, meine ſchönen Leſerinnen, je ein ge⸗ liebtes Bräutchen geſehen, oder waret Ihr es einmal, oder— nun wenn Ihr es ſelbſt noch ſeid, gratulire ich von Herzen, nun, wenn Ihr ein ſolches ſüßes Engelskind kennt mit dem bräutlichen Erröthen auf den Wangen, mit dem verſtohlenen Lächeln des kuß⸗ lichen Mundes, der ſich umſonſt bemüht, ſich in ehrbare Matronen⸗ falten zuſammenzuziehen, mit der ſüßen, namenloſen Sehnſucht in dem feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn Ihr ſie geſehen habt in jenen Augenblicken, wo ſie dem geliebten Mann, dem ſie nun bald ganz, ganz angehören ſoll, verſtohlen die Hand drückt, ihm die Wange ſtreichelt; wenn ſie den weichen Arm vertrauungsvoll um ſeine Hüfte ſchlingt, wie um eine Säule, an der ſie ſich an⸗ ſchmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des Lebens Schutz ſuchen will, wenn ſie mit unausſprechlichem Liebreiz die ſeidenen Wimpern aufſchlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, voell Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden Buſens ſich höher und höher heben, das kleine, liebe⸗ warme Herzchen ſich ungeduldig dem Herzen des Geliebten ent⸗ gegendrängt— kennet Ihr ein ſolches Mädchen, ſo wißt Ihr, wie Ida ausſah. Kennet aber Ihr ein ſolches Engelskind, Ihr Lauſende, die Ihr einſam unter dem Namen Junggeſellen über die Erde hinſchleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne eine Genoſſin Eures Glückes, wenn Ihr Maͤnner ſeid, ohne Stütze im Alter— wißt Ihr eine ſolche Hebeblüthe und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch ſo warme Küßchen, auch ſo liebevolle Blicke ſpenden könnte wie Ida, o ſo bekehret Euch, ſo lange es Tag iſt; wenn ſie ſich Euch vertrauensvoll im Arme ſchmiegt, wenn ſie das Lockenköpfchen an Eure Bruſt legt, aus milden Taubenaugen zu Euch aufblickt, mit dem weichen Sammt⸗ patſchchen die Falten von der Stirne ſtreichelt,— Ihr werdet mir für den Rath danken. Und Emil? Nun, ich überlaſſe es meinen Leſerinnen, ſich W. Hauſf's Werke. III. 18 274 einen recht bildſchoͤnen Mann aus ihrer Bekanntſchaft zu denken, zu denken, wie er den Arm um ſie ſchlingt, ihnen recht ſinnig ins Auge blickt und kü—. Nun, erſchrecken Sie nur nicht! Es thut nicht weh; Sie haben ſich einen gedacht?— Ja?— Nun gerade ſo ſah Emil von Martiniz als Bräutigam aus. So ſah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe berſten, daß der herrliche Mann nicht ihr gehören ſollte. Eines Morgens, ehe man ſich's verſah, ſagte ſie Adieu, ließ packen und— weg war ſie. 3 Hochzeit. Und endlich war der ſchöne Tag gekommen. Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und der polniſche Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in Aller Mund. Vor der Kirchthüre ſchlugen und drängten ſich die Leute, als wie vor einem Bäckerladen in der Hungersnoth. Alle Stühle in der Kirche waren beſetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang. Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf, bis an den Altar durfte kein Menſch; das hatte ſich ein Mann ausgewirkt, der heute ſtille aber tief an dem Glück des Brautpaares Theil nahm; dieſer Mann war der Küſter. Er hätte viel darum gegeben, wenn er der verſammelten Menge hätte ſagen dürfen:„Sehet, der Herr Bräutigam, es war juſt nicht ganz richtig mit ihm; er hatte allerhand Affairen mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die Münſterkirche trieb. Da herein konnte er aber nicht, und ich, der Küſter von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu ſeiner Freiſtatt verholfen, war auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt ſeine Braut iſt, ihn erlöſet hat von dem Uebel, das mir, nebenbei geſagt, alle Tage einen harten Thaler einbrachte habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken geſag 275 daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen Altar kommen würden?“ So hätte er gerne zu den Freilingern geſprochen; es juckte ihn und wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er ſich nicht alſo in ſeiner Glorie zeigen durfte, aber— er that ſich doch auch wieder nicht wenig darauf zu gut, daß er, was nicht Jeder kann, ſo gut das Maul halten könne. Aber ſeine Attention hatte er dem Pärchen bewieſen, daß es eine Freude war. Vom Portal bis zum Altar waren Blumen geſtreut, er hatte es ſich etwas koſten laſſen, und keine kleine Hatz deßwegen mit ſeiner Liebſten gehabt, aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und ſeinen eigenen Willen gehabt. Jetzt kam Geraſſel die Straße herauf; dem alten Küſter ſchlug das Herz, jetzt, ja ſie mußten es ſein, der große Glas⸗ wagen des Präſidenten fuhr vor; darin ſaßen der Präſident und Emil.„Ach, der ſchöne Offizier!“ ſchrien die Freilinger und machten lange Hälſe.„Wie prächtig, wie wunderhübſch!“ flüſter⸗ ten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder laut pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres ſehen. Er hatte die Staatsuniform angelegt, ſie ſchloß ſich um den herrlichen, ſchlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre; das ſonſt ſo bleiche, ernſte Geſicht war heute leicht geröthet und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; ſein ſtolzes, glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küſter, der Bückling über Bückling machte, gerührt und freundlich reichte er ihm die Hand und ſtellte ſich neben ihn unter das Portal. Jetzt raſſelte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender, geſchmackvoller als der erſte; er gehörte zu der neuen Remiſe des Grafen und war heute von Blauenſtein herein⸗ gefahren worden. Der alte Brktzwiſl, der in höchſter Galla mit noch einem Kameraden hinten drauf ſtand, ſprang ab, riß die Glasthüre auf, ſchlug klirrend den Tritt herab— jetzt regt ſich kein Athem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge er⸗ 276 wartungsvoll auf die geöffnete Thüre geheftet. Der alte Graf, angethan mit all' ſeinen Orden, der Hofrath mit den himm⸗ liſchen Ehrenzeichen der Freundſchaft auf dem Geſichte, ſtiegen aus und poſtirten ſich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacirte Handſchuhe ſichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht mög⸗ lich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu ſehen, als die winzigen, weißſeidenen Schuhe— jetzt— ein Lockenköpfchen, ein Paar ſelig glänzende Augen, ein Paar purpurrothe Wangen, ein lächelnder Mund— hübſch ſtand das Bräutchen zwiſchen den alten Herren. Ein Kleid von ſchwerem, weißem Seidenzeug ſchlang ſich um den jugendlich⸗friſchen Körper; wie darüber hingehaucht war ein Ober⸗ kleid vom feinſten Spitzengrund, ein Geſchenk des Oheims, und mit der reichen Blondengarnirung, in welche es endigte, mit der Diamantenſchnalle und dem aus Venetianer Ketten geſlochte⸗ nen Gürtel, welcher den wunderniedlichen Blouſenleib zuſammen⸗ hielt, wenigſtens ſeine achttauſend Thaler werth, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das ſich der Myr⸗ thenkranz ſchlang! Nein, wer ſich auch nur ein wenig auf Steine verſtand, dem mußte hier der Mund wäſſern; aber war nicht Alles dies im Grund unbedeutende Facon, um den herrlichſten Edelſtein, das Wunderkind ſelbſt, einzufaſſen? S iee treten in die Kirche; das in Seligkeit ſchwimmende Bräutchen vergaß nicht, im Vorübergehen dem Küſter einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken, daß ihn die Menge ehrfurchts⸗ voll angaffte und nicht begreifen konnte, wie der alte Schnaps⸗ bruder zu ſo hoher Bekanntſchaft gelangt ſei. Ernſter und ernſter wurden die Züge Ida's, als ſie ſich dem wohlbekannten Altare näherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofraths, die mit Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das muthige Mäd⸗ chen mit hingebender Liebe gegen den böſen Feind der Schwer⸗ muth und des Trübſinnes gekämpft und geſiegt hatte. Mühſam rang ſie nach Faſſung; die Freude, daß ſich Alles ſo ſchoͤn gefügt hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch — 277 einmal durchflog ſie die Erinnerung an den erſten Blick des Grafen bis hieher zu dieſer Stätte, und ihr Auge wurde feucht von Ent⸗ zücken. Als aber die Trauung begann, als der würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimniß anvertraut hatte, in einer 4 kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes ſprach, der oft aus Tauſenden ſein Werkzeug zur Be⸗ glückung Vieler wähle, da ſtrömten ihr Thränen über.„Ja,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt,„es iſt erfüllt, was damals ahnungs⸗ voll meine Seele füllte, der Zug des Herzens iſt Gottes, ſſt des Schickſals Stimme.“ Und viele Thränen floſſen, denn auch die Augen Derer, die einſt den Jammer des edlen Jünglings geſehen hatten, gingen über. Wie ein Engel Gottes kam ſie dem alten Oheim vor, als ſie am Altar ihre Hand in die ſeines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blicke, mit treuer Hand den Menſchen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem ſchönen lichten Ziele führte. Der Schmauß. Schnurſtracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauen⸗ ſtein. Eine ganze Karavane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landauer, in welchem die neugebackenen Eheleute ſaßen, nach. Der Hofrath war vorangeeilt, um Alles zu leiten. Sechs Böller riefen ihnen die Freudengrüße entgegen, als ſie in die 4 Grenze ihres Eigenthumes einfuhren. Ein donnerſchlagähnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing ſie am Portal des ſchönen Schloſſes, und als alle Wagen aufgefahren waren, als Emil ſein Weibchen auf den Balkon herausführte, um die herr⸗ ¹ liche Gegend zu überſehen, da gab der Hofrath das Zeichen, und ein ſchrankenloſes Vivat, Hurrah und Halloh erfüllte die Luft. Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um Alles in Augenſchein zu nehmen. Es wandelte die Gäſte beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeiſter, dem alten Martiniz. Das Schloß— es war zwar niedlich, geſchmackvoll, bequem gebaut, lag wunderſchön und hatte Gärten und Felder, wie man ſie ſelten ſah; aber vor vierzehn Tagen war dies Alles noch leer geſtanden, Tapeten waren abgeriſſen herabgehangen, im Saal war Haber aufgeſchüttet geweſen, kurz, man hatte geſehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Käufer hätte nicht ge⸗ glaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Reſtauration fertig werden zu können. Und jetzt— die behaglichſte Eleganz, die man ſich denken konnte; dieſe Trumeaux, ein Gardiſt mit ſieben Fuß hätte ſich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbuſch auf dem Hut gehabt, perfect am ganzen Leib von der Zehenſpitze bis zum äußerſten Federchen darin ſehen können. Dieſe breitarmi⸗ gen Lüſtres, dieſe Kryſtalllampen, dieſe geſchmackvollen Sopha's, Theetiſche, Toiletten, Etagéren, dieſe Pracht von Porzellan, Beinglas, Kryſtall, Silber an Servicen, Leuchtern, Vaſen, an Allem, was nur die feinſte Modedame ſich wünſchen kann; gar nichts war vergeſſen! Die Freilinger wandelten wie in einem Feen⸗ palaſt umher, und die Mädchen und die Frauen— Ida wandelte zwar wie eine Königin in dieſer Herrlichkeit, als hätte ſte von Jugend auf darin gelebt, aber man hörte doch ſo manches Sprüch⸗ lein vom blinden Glück und Zufall, die Einen im Schlafe heimſuchen. Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrath Berner ſeine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerſchaft des jungen gräflichen Paares hatte er ſchon ſo inſtruirt, daß Alles wie am Schnürchen ging, und zwar Alles auf dem höchſten Fuß; denn wenn einer der Gäſte nur vom ſilbernen Teller ein wenig aufſah, oder mit einem Nachbar converſirte, huſch! war der Teller gewechſelt und eine neue Speiſe dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Küche hatte er gewaltet, und es hätte wenig gefehlt, ſo hätte er aus lauterem Eifer, Alles recht delikat zu machen, ſich ſelbſt zu einem Ragout oder Hachée verarbeiten, oder zu einer Gallerte einſieden, wenn nicht gar mit einer Zuthat von Zucker zu einer Marmelade einkochen laſſen. Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig reichbeſetzte 279 Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn ſolche Speifen zu dieſer Jahreszeit, und Alles ſo fein und delikat gekocht! Da war: Schildkrötenſuppe. Coulisſuppe von Faſanen mit Reis. * Hors d'oeuvres. Paſtetchen von Brießlein mit Salpicon Kabeljau mit Kartoffeln und Sauce hollandaise. * Du boeuf au naturel. Engliſcher Braten mit Sauce espagnole. Gemüſe. Spargeln mit Sauce au beurre. Grüne Erbſen mit geröſteten Brießlein. * Entrées. Junge Hühner mit Sauce aux fines herbes- Financiôre mit Klößen. Schinken à la broche au vin de Malaga. Feldhühnerſalmy. Kalbskopf à la tortue. Fricandeau à la Provençale. * Braten. Kalbsſchlegel. Rehbraten. Feldhühnerbraten. Kapaunenbraten. Dindon à la Perigord. 0 Salat vielerlei. * 280 1 Süße Speiſen. Sulz von Malaga. Crôme von Erdbeeren. Compote mélée. Créême panachée melée. Punſchtorte mit Früchten. Tartelettes d'abricots. Tourte de chocolat montée. Gußtorte. 0 Deſert. Punſch à la glace. Crème de Vanille. Schluß. Als das Deſert aufgetragen wurde, entſchlüpfte unbemerkt von den bechampagnerten Gäſten die junge Frau. Sie warf den ſchweren Hochzeitſtaat ab und erwäͤhlte unter der reichen Garderobe ein allerliebſtes Reiſekleidchen, denn nach der Tafel ſollte gleich eingeſeſſen und in die Welt hinausgefahren werden, ſo wollte es der alte Graf. Sie erſchrack ſelbſt, als ſie in den Spiegel ſah, nein, ſo wundergrazienhübſch hatte ſie noch nie ausgeſehen; das Ueber⸗ röckchen ſchloß ſo eng und paſſend, das Reiſehäubchen, die her⸗ vorquellenden Löckchen gaben dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren ſo roſig, die Aeuglein glänzten ſo hell und klar im Wiederſchein ihres bräutlichen Glückes, kleine, kleine Schelmchen ſaßen in den Grübchen der Wangen und ſchienen allerlei wunderbare Geheimniſſe zu flüſtern von Sehnſucht und Erwartung; das Mäulchen ſo ſpitzig wie zum Küſſen zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur verborgen waren. Die ſechs Kammerjungfern, Liſette, Babette, Trinette, Philette, Minette und wie ſie alle hießen, ſchlugen vor Ver⸗ 281 wunderung über ihre wunderniedliche gnädige Frau die Hände zuſammen.„Dieſe herrliche, jugendliche Friſche! Dieſer Ala⸗ 4 baſterbuſen, der alle Neſtel des Corſetchens zu zerſprengen droht!“ ſagte Minette.„Dieſe weißen Arme!“ flüſterte Philette,„Dieſe „ Füßchen,“ dachte Trinette weiter,„dieſe Wäd—“ „Der Herr Graf wird ganz ſelig ſein,“ wiſperte Liſette der Babette zu, doch nicht ſo leiſe, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte thun, als hätte ſie nichts gemerkt, aber ward flammenroth von der Stirne bis herab in das Hals⸗ tuch, und als vollends Babette, die das ſchneeweiße Nachtzeug 3 in die Vache packte, mit einer höchſt naiven Frage in die Quere * kam, da hielt ſie es nicht mehr aus, ganz dunkel überpurpurt entſchlüpfte ſie den ſechs dienſtbaren Geiſtern und lief wie ein geſcheuchtes Reh in den Speiſeſaal. Allgemeiner Jubel empfing die holde Reiſende, Alles war darin einverſtanden, daß ihr dieſe Tracht noch beſſer ſtehe als der Brautſtaat; kein Wunder, es war ja das Pilgerkleid, in welchem ſie ins gelobte Land der Ehe reiste. „Warum biſt Du nur ſo über und über roth?“ fragte Emil ſein holdes Weibchen, indem er ſie näher an ſeine Seite zog. „Hat Dir Jemand was gethan?“ Sie wollte lange nicht heraus.„Die Babette,“ flüſterte ſie end⸗ lich und erröthete von Neuem,„die Babette hatte ſo dumm gefragt.“ „Nun, was denn?“ fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da ſtockte es wieder; zehnmal ſetzte ſie an; ſie wollte gerne 4 eine Lüge erfinden, aber das ſchickte ſich denn doch nicht am Hoch⸗ zeittag, und doch— es ging nicht; er mußte bitten, flehen, drohen, betteln ſogar; endlich, nachdem er hatte verſprechen müſſen, die Augen recht feſt zuzumachen, flüſterte ſie ihm ins Ohr:„Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat ſie ge⸗ fragt, ob ſie das Deinige auch dazu packen ſoll.“ Selig ſchloß der Graf ſein Engelsweibchen in die Arme, er wollte antworten, aber ſeine Antwort verhallte im Geräuſch der aufbrechenden Gäſte. Die Wagen waren vorgefahren, man verabſchiedete ſich. —= — 282 Der Graf nahm ſein Idchen um den Leib und trug ſie ſchuell hinab in den Wagen; denn dort beſchloß er, ihr zu antworten. Auf dem Balkon drängten ſich die Gäſte, die Champagner⸗ gläſer in den Händen; ſie riefen, vermiſcht mit den nenen Unter⸗ thanen des Grafen, ein tauſendſtimmiges Vivat in dan Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die Bruſt des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an und dahin fuhr Emil und ſeine glückliche Ida. Nachſchrift. Es iſt ein ſchöner Brauch unter guten Menſchen, die ſich lieben und getrennt ſind, daß ſie gewiſſe Tage des Jahres feſt⸗ ſetzen, in welchen ſie ſich von nahen und entfernten Orten her ſammeln, ſich wieder ſehen und die Strahlen ihrer Liebe von Neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte ich es ſeit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schickſal nach Oſt und nach Weſt verſchlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den wir zu unſerem Rendezvous beſtimmt hatten. Als ich an dem ſtattlichen weißen Hirſch in B. vorfuhr, lagen ſchon manche Fenſter voll, und wie wohl thut da das freundliche, jubelnde:„Er iſt's, er iſt's,“ das von ſchönen Lippen herab dem Freunde entgegen tönt! Ich traf ſie alle, alle meine Lieben, da war eine holde, ſinnige Doralice und ihr Stern, da war die loſe, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrath, da war Graf Law und ſeine Cle⸗ mentine, da war meine ſüße Mimili, da war Herr von Eſtavayer mit ſeiner Elſt, da war mein ruſſiſches Lisli; ſelbſt Sponſeri, mein lieber Sponſeri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel, hatte ſich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mit⸗ gebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevoll⸗ mächtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr Juſtiz⸗ rath, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Roſe, —— — — — 4 283 Roſamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon⸗Röschen, Klo⸗ tilde und ihr Sekretär.— Meine Freude war unausſprechlich, ich flog wie ein Ball von einem Arm in den andern, und das Küſſen wollte gar keine Ende nehmen. Endlich faßte man ſich, daß es doch zu einem vernünftigen Geſpräch kam. Freilich trübte der Tod unſerer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns im Leben ſo nahe ſtanden und auch nach ihrem Tode ſo innig verſchwiſtert mit uns fortleben, die erſten Augenblicke des Wieder⸗ ſehens; aber nachdem wir ihnen das Todtenopfer inniger Thränen geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein. Wir tollten, lachten und ſchäckerten, der weiße Hirſch faßte kaum ſo viele Gäſte, und manches Pärchen mußte ſich mit einem Bettchen behelfen. So lebten wir ſchon ſeit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem weißen Hirſchwirth beinahe das Haus ab, da — wir ſaßen gerade beim Kaffee, da fuhren Wagen vor; wir drängten uns Alle an die Fenſter und ſchlugen den fremden Men⸗ ſchenkindern ein Schnippchen, denn— gut Eſſen und Trinken konnten ſie wohl bekommen, aber Betten,— Logis,— ohne unſere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter uns haben. In einem prächtigen Landauer, mit vier Poſtpferden beſpannt, ſaß ein Herr und eine junge Dame; ſie hoben die Köpfe in die Höhe— 2 „Mein Gott, das iſt ja Graf Martiniz,“ rief ich, und zugleich rief Vally:„Ei der Tauſend, das iſt ja Ida Sanden!“ Ich ſprang gleich hinab, um ſie heraufzuführen; ſie folgten wirk⸗ lich nebſt noch drei andern ältlichen Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in die Armez ſie hatten ſich in der Reſidenz, wo Vally lebt, kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen, um welche die Uebrigen ſchon einen dichten Kreis geſchloſſen hatten.„Sehen Sie,“ ſagte er zu mir,„das iſt ſeit geſtern mein liebes Frauchen.“ 3 Da fanden ſich alſo alle Bekannte zuſammen. Ich hatte den —öN— 284 Grafen in Hamburg kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zu⸗ neigung zu ihm, ſie wurde zur Freundſchaft, und er geſtand mir ſeine ſchrecklichen Leiden. So wenig ich an ſolche Viſtonen glaubte, ſo war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu einem guten, reinen Mädchen zerſtreuen, retten könnte; und wie herrlich hatte ſich dieſes gemacht! Er war froͤhlich, ſelig, war durch die Liebe dieſes Engels der Menſchheit wieder geſchenkt. Auch in den drei andern Gäſten, der Leſer wird unſchwer den alten Martiniz, den Präſidenten und den Hofrath in ihnen erkannt haben, lernte ich wackere, liebenswürdige Männer kennen. Gleich den erſten Abend war es uns Allen, als hätten wir das holde Pärchen ſchon Jahre lang gekannt, ſo trefflich paßten ſie zu unſerem Sinn, zu unſerem ganzen Weſen. Der junge Graf erzählte uns ſeine Geſchichte, und wenn wir bedachten, wie zu⸗ fällig er nach Freilingen, wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie eben ſo zufällig der alte Oheim auf einer Geſchäftsreiſe dieſe Gegenden berührt, dem Neffen eine Ueberraſchung bereiten wollte, und als Deus ex machina mit⸗ wirkte und die Ränke der böſen Aarſtein vereiteln half, wahr⸗ lich, wir mußten dieſe Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch beſtätigt: „Der Zug des Herzensiſt des Schickſals Stimme.“ Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir uns Alle wieder nach Oſt und nach Weſt zerſtreuten, weiter. Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, ſeine Ge⸗ ſchichte der Welt zu erzählen. Es ſoll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, ſie ſind es werth; Alle, die ſie kennen, lieben ſie, und ich darf ſagen, ſte ſind ein Herz, eine Seele mit mir, ſie ſind auch wieder durch den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden. H. Clauren. 1 ——; —— Controverspredigt über H. Clauren und den Mann im Mond gehalten vor dem deutſchen Puhlikum in der Herbſtmeſſe 1827 von Wilhelm Hauff. 7 Text: Ev. Matth. 8. 31. 32. ——— Ehrwürdige Verſammlung, andächtige Zuhörer! Die Apoſtel, beſonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte, verſchmähten es nicht, auch häusliche, bürgerliche An⸗ gelegenheiten der Gemeinde zu Gegenſtänden ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt ſich zwar mit vieler Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß ſie belletriſtiſche Gegenſtände nicht berührt haben, daß ſie literariſche Streitigkeiten nicht, wie man zu ſagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn ſie hatten Wichtigeres zu thun; nichts⸗ deſtoweniger aber geſchah dies einige Jahrhunderte ſpäter, und man trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß ſte über allerhand literariſche Subtilitäten, ſogar über die Tendenz und den Styl ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerſtuhle ge⸗ ſprochen haben. Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel, zum Beiſpiel über das Theater gepredigt, oder über das Tanzen am Sonntag, oder das Singen unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das Kartenſpielen, und einen habe ich gehört, der in einer Veſperpredigt das Schachſpiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden. Und wenn es die Pflicht des Redners iſt, meine Freunde, der Gemeinde darzuthun, welchen Irrthümern ſie ſich hingebe, welche böſen Gewohnheiten unter ihr herrſchen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer ſolchen Aufdeckung von Irrthümern und böoͤslichen Gewohnheiten bis ins Einzelne und Kleinſte zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge fallend, der Teufel nachgewieſen werden kann, der darin ſein Spiel treibt, ſo kann es Niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit einander eine Betrachtung anſtellen über: W. Hauff's Werke. III. 19 290 Den Mann im Monde von H. Clauren: und zwar betrachten wir: I. Wer und was iſt dieſer Mann im Mond? Oder— was iſt ſein Zweck auf dieſer Welt? II. Wie hat er dieſen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieſer Welt? I. Andächtige Zuhörer! Controverspredigern, nament⸗ lich ſolchen, die vor einer ſo großen Verſammlung reden, kommt es zu, den Gegenſtand ihrer Betrachtung ſo klar und deutlich als möglich vor das Auge zu ſtellen, damit Jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit beſonderer Einſicht geſegnet hat, die Sache, wie ſie iſt, ſogleich begreife und einſehe. Es hat in unſerer Literatur 4 nie an ſogenannten Volksmännern gefehlt, das heißt an ſolchen, die für ein großes Publikum ſchrieben, das, je allgemeiner es war, deſto weniger auf wahre Bildung Anſpruch machen konnte— und wollte. Solche Volksmänner waren jene, die ſich in den Grad der Bildung ihres Publikums ſchmiegten, die eingingen in d Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leſer und ſich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals ſich höher zu⸗ verſteigen, weil ſie ſonſt ihr Publikum verloren hätten. Dieſe Leute handelten bei den größten Geiſtern der Nation, welche dem Volko zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten ſie nach ihrem Geſchmack zurecht und gaben ſie wiederum ihren Leuten preis, die ſolche mit Jubel und Herzensluſt verſchlangen. Dieſe Volksmänner ſind die Zwiſchenhändler geworden und ſind anzu⸗ ſehen wie die Unternehmer von Gaſſenwirthshäuſern und Winkel⸗ ſchenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er ihnen ächt und lauter gegeben wird; ſie miſchen ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Waſſer und Zucker, färben ihn mit rothen Beeren, daß er lieb⸗ lich anzuſchauen iſt, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen. —* 8 — 291 Dieſe Gaſſenwirthe oder Volksmänner treiben aber eine ſchaͤnd⸗ liche und ſchädliche Wirthſchaft. Sie fühlen ſelbſt, daß ihr Ge⸗ bräu ſich nicht halten werde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könne, wenn er nicht auch berauſche. Da⸗ her nehmen ſie Tollkirſchen und allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne ſchwindeln macht; oder, um die Sache anders auszu⸗ drücken, ſie bauen ihre Dichtungen auf eine gewiſſe Sinnlichkeit, die ſie, wie es unter einem gewiſſen Theil von Frauensperſonen Sitte iſt, künſtlich verhüllen, um durch den Schleier, den ſie darüber gezogen haben, das lüſterne Auge deſto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr Gewerbe in einen angenehmen Styl, der die Einbildungs⸗ kraft leicht anregt, ohne den Kopf mit überflüſſigen Gedanken zu beſchweren; ſie geben ſich das Anſehen von heiterem, ſorgloſem Weſen, von einer gewiſſen gutmüthigen Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; ſte ſind argloſe Leute, die ja nichts wollen, als ihrem Nebenmenſchen ſeine„oft trüben Stunden erheitern“ und ihn auf eine natürliche, unſchuldige Weiſe ergötzen. Aber gerade dies ſind die Wölfe in Schafskleidern, das iſt der Teufel in der Kutte, und die Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht. Wem unter Euch, meine Andächtigen, ſollte bei dieſer Schil⸗ derung nicht vor Allem Jener beifallen, der alljährlich im Ge⸗ wande eines unſchuldigen Blumenmädchens auf die Meſſe zieht und„Vergißmeinnicht“ feilbietet. Ich weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den Kirchſtühlen manche Seele ſitzt, die ihm zugethan iſt, ich weiß wohl, daß er bei Euch der Morgen⸗ und Abendſegen geworden iſt, Ihr Nähermädchen, Ihr Putzjungfern, ſelbſt auch Ihr ſonſt ſo züchtigen Bürgers⸗ toͤchterlein, ich weiß, daß Ihr ihn heimlich im Herzen traget, Ihr, die Ihr auf etwas Höheres von Bildung und Geſchmack Anſpruch machen wollet, Ihr Fräulein mit und ohne Von, Ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames. Ich weiß, daß er das A und das O Eurer Literatur geworden iſt, Ihr Schreiber und Ladendiener, daß Ihr ihn beſtändig bei Euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig bei Seite geht, ihn ſchnell aus der Taſche holt, um Eure magere Phantaſte durch einige Ballgeſchichten, Champagnertreffen und Auſternſchmäuße anzufeuchten; ich weiß, daß er bei Euch Allen der Mann des Tages geworden iſt, aber nichtsdeſtoweniger, ja, gerade darum und eben deßwegen will ich ſeinen Namen ausſprechen, er nennt ſich Clauren. Anathema sit! Vor zwölf Jahren laſet Ihr, was Eurem Geſchmack gerade 8 keine Ehre machte, Spieß und Cramer, mitunter die köſtlichen Schriften über Erziehung von Lafontaine; wenn Ihr von Meißner etwas Anderes geleſen als einige Kriminalgeſchichten ꝛc., ſo habt Ihr Euch wohl gehütet, es in guter Geſellſchaft wieder zu ſagen; Einige aber von Euch waren auf gutem Wege; denn Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für ſein Jahrhundert, wenn er, wie Ihr zu ſagen pflegt, in die Mode gekommen wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu ſtark. Ihr wolltet Euch die Mühe nicht geben, ſeinen erhabenen Ge⸗ danken ganz zu folgen. Er wollte Euch losreißen aus Eurer Spieß⸗ bürgerlichkeit, er wollte Euch aufrütteln aus Eurem Hinbrüten, mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen ſeiner Saiten miſchte, er ſprach von Freiheit, von Menſchenwürde, von jeder erhabenen Empfindung, die in der menſchlichen Bruſt ge⸗ weckt werden kann,— gemeine Seelen! Euch langweilten ſeine herrlichſten Tragödien, er war Ench nicht allgemein genug. Was ſoll ich von Goethe reden? Kaum, daß Ihr es über Euch ver⸗ mögen konntet, ſeine Wahlverwandtſchaften zu leſen, weil man Euch ſagte, es finden ſich dort einige ſogenannte pikante Stellen, — Ihr konntet ihm keinen Geſchmack abgewinnen, er war Euch zu vornehm.—. Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt:„Mimili, eine Schweizergeſchichte.“ Man las, man ſtaunte. Siehe da, eine gute Manier zu erzählen, ſo angenehm, ſo natürlich, ſo rührend und ſo reizend! Und in dieſen vier Worten habt Ihr in der That die Vorzüge und den Gehalt jenes Buches aus⸗ geſprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den erſten Anblick dieſe Manier angenehm finden. Es iſt ein ländliches 293 Gemälde, dem die Anmuth nicht fehlt, es iſt eine wohltönende leichte Sprache, die Sprache der Geſellſchaft, die ſich zum Geſetz macht, keine Saite zu ſtark anzuſchlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen, als bis an den Plafond des Theezimmers. Es iſt wirklich angenehm zu leſen, wie eine Muſik angenehm zu hören iſt, die dem Ohre durch ſanfte Töne ſchmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde geſammelt worden ſind. Sie darf keinen Charakter haben, dieſe Muſik, ſie darf keinen eigentlichen Gedanken, keine tiefere Empfindung aus⸗ drücken, ſonſt würde die arme Seele unverſtändlich werden, oder die Gedanken zu ſehr affiziren. Eine angenehme Muſtk, ſo zwi⸗ ſchen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in ſüße Träume hinüber lullt. Siehe, ſo die Sprache, ſo die Form jener neuen Manier, die Euch entzückte. Das Zweite, was Euch gefiel, hängt mit dieſem Erſteren ſehr genau zuſammen, dieſe Manier war ſo natürlich. Es iſt etwas Schönes, Erhabenes um die Natur, beſonders um die Natur in den Alpen. Schiller iſt auch einmal dort eingekehrt, ich meine mit Wilhelm Tell. Sein Drama iſt ſo erhaben, als die Natur der Schweizerlande, es bietet Ausſichten, ſo köſtlich und groß, wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, Ihr lieben Seelen, der iſt Euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Thaten einer großen Vorzeit? Zu was Weiber ſchildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel beſſer, viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für welche er freilich in ſeinem Kaſten keine Farben finden mag, malt er Euch einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Wald⸗ wieſen mit allerlei Vieh; das iſt pro primo die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit ſchlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich(er hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das eiſerne Kreuz im Knopfloch ac. Das iſt der Held des Stückes. Eine intereſſante Figur! Nämlich Figur als wirklicher Körper ge⸗ 294 nommen, mit Armen, Taille, Beinen ꝛc. und intereſſant, nicht wegen des Charakters, ſondern weil er etwas bleich iſt, ein eiſernes Kreuz trägt und ſo ein Ding von einem preußiſchen Hu⸗ ſaren war. Neben dieſen Helden kommt ein friſches, rundes „Dingelchen“ zu ſtehen, mit kurzem Röckchen, ſchönen Zwickel⸗ ſtrümpfen ꝛc. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges könnt Ihr ſelbſt nachleſen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, die Mimili, iſt nun ſo natürlich als möglich; d. h. ſie genirt ſich nicht, in Gegenwart des Kriegers das Buſen⸗ tuch zu lüften und ihn den Schnee und dergleichen ſehen zu laſſen, daß ihm„angſt und bange“ wird. Einiger Schwetzerdialekt iſt auch eingemiſcht, der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatürlich klingt. Kurz, es iſt nichts vergeſſen, die Natur iſt nicht nur nachgeahmt, ſondern förmlich kopirt und getreulich ab⸗ geſchrieben. Aber leider iſt es nur die Natur, ſo wie man ſie mittelſt einer Camera obscura abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geiſt, der in der Natur lebt, iſt weggeblieben, weil V man nur das Koſtüm der Natur kopirte. Zeichnet die nächſte beſte Schweizer Milchmagd ab, ſo habt Ihr eine Mimili, und freilich Alles ſo natürlich als möglich. Das Dritte, was Euch ſo gut mundete an dieſer Geſchichte war— das Rührende. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es iſt ein Motiv, das jedem Noman als Würze beigegeben wird, wie bittere Mandeln einem ſüßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkoſt des Bitteren deſto angenehmer 3 und erfreulicher zu machen. Ihr ſelbſt, meine jungen Zuhöre⸗ 4 rinnen, und ich habe dies zu öfteren Malen an Euch gerügt, verſetzt Euch gar zu gerne in ein ſolches Liebesverhältniß, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiſte nach. Wenn Ihr ſo daſitzet, und nähet oder ſtricket, und über Eure Nachbarn gehörig ge⸗ klatſcht habt, kommt gar leicht in Eurer Phantaſte das Kapitel der Liebe an die Reihe, und Ihr träumet und träumet und ver⸗ geſſet die Welt und die Maſchen an Eurem Strickſtrumpf. Wenn man Nachts durch den Wald geht, ſo denkt man gerne an arge ———..—— 295 Schauergeſchichten von Mord und Todtſchlag. Gerade ſo machet Ihr es. Je gräulicher der Schmerz eines Liebespaares iſt, von welchem Ihr leſet, deſto angenehmer fühlet Ihr Euch angeregt. Da wollet Ihr keine Natürlichkeit, da ſoll es recht arg und türkiſch zugehen, und wie den ſpaniſchen Inquiſitoren, ſo iſt Euch ein ſolches Auto-da-fe ein Freudenfeſt. Je länger die Liebenden am langſamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit der Zange des Schickſals die Glieder verrenkt, deſto rührender kömmt es Euch vor, und doch habt Ihr dabei immer noch den Troſt in petto, daß der Autor, der dieſen Jammer arrangirt, zugleich Chirurg iſt und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den Heirathscontract ſchnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten Leutchen zuſammenzugeben. Ihr habt Recht, Ihr guten Seelen! Ihr wollet nicht gerührt ſein durch tiefere Empfindungen, man darf bei Euch nicht jene Mollakkorde anſchlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit einer Aeolsharfe auf einer Kirchweihe aufſpielen! Da iſt der ſchnarrende Contrebaß Meiſter, und je gräßlicher es zugeht, deſto rührender iſt es. Ich komme aber auf den vierten Punkt der Mimilis⸗ Manier, nämlich auf—— das Reizende. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid, das iſt aber die Kralle, an der Ihr den Wolf erkennet, der im Kleide ſteckt, jenes war die Kutte, unter welcher er unſchuldig wie der heilige Franziskus ſich bei Euch einführt; aber ſiehe da, das iſt der Pferdefuß, und an ſeinen Spuren wirſt Du ihn erkennen. Und was iſt dieſes Reizende? Das iſt die Sinnlichkeit, die er aufregt, das ſind jene reizenden, verführeriſchen, lockenden Bilder, die Eurem Auge angenehm er⸗ ſcheinen. Es freut mich, zu ſehen, daß Ihr da unten, die Augen nicht aufſchlagen könnet. Es freut mich, zu ſehen, daß hin und wieder auf mancher Wange die Röthe der Beſchämung aufſteigt. Es freut mich, daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren, wenn ich dieſen Punkt berühre. Ich ſehe, Ihr Alle verſtehet nur allzuwohl, was ich meine. Ein Leſſing, ein Klopſtock, ein Schiller und Jean Paul, 296 ein Novalis, ein Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt Ihr je geſehen, daß ſie in dieſe ſchmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabſteigen mußten, um ſich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr ſein, daß jene edleren Geiſter nur für wenige Menſchen ihre hehren Worte aus⸗ ſprachen, daß die große Menge nur immer dem Marktſchreier folgt, weil er köſtliche Zoten ſpricht, und ſein Bajazzo poſſirliche Sprünge macht? Armſeliges Männervolk, daß Du keinen höheren geiſtigen Genuß kennſt, als die körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu leſen, zu leſen von einem Marmorbuſen, von hüpfenden Schnee⸗ hügeln, von ſchönen Hüften, von weißen Knieen, von wohlge⸗ formten Waden, und von dergleichen Schönheiten einer Venus Vulgivaga. Armſeliges Geſchlecht der Weiber, die Ihr aus Clau⸗ ren Bildung ſchöpfen wollet, erröthet Ihr nicht vor Unmuth, wenn Ihr leſet, daß man nur Eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die Ihr in der raſchen Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit Euren Gewändern ſpielt, das lüſterne Auge Eures Geliebten mehr entzückt, als die heilige Flamme reiner Liebe, die in Eurem Auge glüht, als die Götterfunken des Witzes, der Laune, welche die Liebe Eurem Geiſte entlockt? Verlorene Weſen, wenn es Euch nicht kränkt, Euer Geſchlecht ſo tief, ſo unendlich tief erniedrigt zu ſehen, geputzte Puppen, die Ihr Euren jungfräulichen Sinn ſchon mit den Kinder⸗ ſchuhen zertreten habt, leſet immer von andern geputzten Puppen, bepflanzet immer Eure Phantaſie mit jenen Vergißmeinnichtblüm⸗ chen, die am Sumpfe wachſen, Ihr verdienet keine andere als ſinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin iſt. Siehe da die Anmuth, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der Mimilis⸗Manier. Laſſet uns weiter die Fort⸗ ſchritte betrachten, die ihr Erfinder machte. Wie das Unkraut üppig ſich ausbreitet, ſo ging es auch mit dieſer Giftpflanze in der deutſchen Literatur. Die Mimili⸗Manier wurde zur Mimili⸗ Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine Fabrik dieſes köſtlichen Zeuges anlegte, und zwar nach den 297 vier Grundgeſetzen, nach jenen vier Cardinaltugenden, die wir in ſeiner Mimili fanden? Bei jener Klaſſe von Menſchen, für welche er ſchreibt, liegt gewöhnlich an der Feinheit des Stoffes wenig. Wenn nur die Farben recht grell und ſchreiend ſind. Mochte er nun ſelbſt dieſe Bemerkung gemacht haben, oder konnte er vielleicht ſelbſt keine feineren Fäden ſpinnen, keine zarteren Nüancen der Farben geben, ſein Stoff iſt gewohnlich ſo unkünſtleriſch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades Heirathsgeſchichtchen, ſo breit und lang als möglich ausgedehnt, von tieferer Charakter⸗ zeichnung iſt natürlich keine Rede; Commerzienräthe, Huſaren⸗ majore, alte Tanten, Ladenjünglinge comme il faut, ꝛc. Die Dame des Stückes iſt und bleibt immer daſſelbe Holz⸗ und Glieder⸗ püppchen, die nach Verhältniſſen coſtümirt wird, heiße ſie nun Mimili oder Vally, Magdalis oder Doralice, ſpreche ſie Schweize⸗ riſch oder Hochdeutſch, habe ſie Geld oder keines, es bleibt die⸗ ſelbe. Iſt nun die Hiſtorie nach dieſem geringen Maßſtabe ange⸗ legt, ſo kommen die Ingredienzien. Bei den Ingredienzien wird, wie billig, zuerſt Rückſicht genommen auf das Frauenvolk, das die Geſchichte leſen wird. Erſtens einige artige Kupfer mit ſchönen„Engelsköpfchen,“ angethan nach der„allern agelfu nkelneueſten“ Mode. Dieſe werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt und geſtochen, und nachher der reſp. Namen unten hingeſchrieben. Sündiger Weiſe benützt der gute Mann auch die Porträts ſchöner fürſtlicher Damen, die er als Quaſtaushängeſchild vor den Titel pappt. So hat es uns in der Seele wehe gethan, daß die Groß⸗ fürſtin Helena von Rußland, eine durch hohe Geiſtesgaben, na⸗ türliche Anmuth und Körperſchönheit ausgezeichnete Dame, bei dem Torniſterlischen(im Vergißmeinnicht 1826) gleichſam zu Gevatter ſtehen mußte. Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz iſt die Toilette, die er trotz den erſten Modehändlerinnen zu machen verſteht. Wer wollte es Virgil übel nehmen, wenn er den Schild ſeines Helden beſchreibt, wer lauſcht nicht gerne auf die kriege⸗ 298 riſchen Worte eines Taſſo, wenn er die glänzenden Waffen ſeines Rinaldo oder Tancred beſingt? Es ſind Männer, die von Männern, es ſind edle Sänger, die von Helden ſingen. Ueberwiegt aber nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußiſchen geheimen Hofrath hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenſpitzen beſchreibt? Es kommt freilich ſehr viel darauf an, ob auf dem hohlen Schädel ſeiner Mimilis ein ita⸗ lieniſcher Strohhut oder eine Toque von Seide ſitzt, ob die Federn, die ſolche ſchmücken, Marabout⸗ oder Straußfedern, oder gar Paradiesvögel ſind; und dann die niedlichen„Sächelchen“ von Ohrgeſchmeide, Halsbändern, Bracelets et caetera, daß„einem das Herz puppert,“ und dann die Brüßler Kanten um die wo⸗ gende Schwanenbruſt, und das geſtickte Ballkleid, und die durch⸗ brochenen Strümpfe, und die ſeidenen Pariſer Ballſchuhe oder ein Négligé, wie aus dem leichteſten Schnee gewoben, und dieſes Ueberröckchen, und jenes Mäntelchen, und dieſes Spitzenhäubchen, aus dem ſich die goldenen Ringellöckchen hervorſtehlen. O sancta simplicitas! Und Ihr kneipt, um mich ſeiner Sprache zu be⸗ dienen, Ihr kneipt die Kniee nicht zuſammen, meine Damen, und wollet Euch nicht halb zu Tode lachen über den köſtlichen Spaß, daß ein preußiſcher geheimer Hofrath Eurer Zofe ins Handwerk greift und Euch vorrechnet, was man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider Ihr lachet nicht! Ihr leſet den aller⸗ liebſten Modebericht mit großer Andacht, Ihr ſprechet, das iſt doch einmal eine Lektüre von Geſchmack; nichts Ueberirdiſches, Romantiſches, tout comme choz nous, bis aufs Hemde hat er uns beſchrieben, der deliciöſe Mann, der Clauren! Ein drittes Ingredienz für Mädchen ſind die magnifiken Bälle, die er alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herz⸗ chen„im vierundſechzigſtel Takt pulſtrt!“ Wie ſchön! Vornehme Damen, die bei Präſidents A., bei Geheimeraths B., bei dem Banquier C., oder gar bei Hofe Zutritt haben, finden Alles „haarklein“ beſchrieben, von der Polonaiſe bis zum Cotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächſte Städtchen auf den — ——˖ᷓ 299 Caſtnoball dommen können, leſen ihren Clauren nach, ihre Phan⸗ taſte trägt ſte auf den herrlichen Ball bei Hof und„der Himmel hängt ihnen voll Geigen.“ Putzjungfern, welche Ballkleider ver⸗ fertigen, ohne ſich ſelbſt darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Balle„aufgedonnert“ haben, nehmen beim Schheine der Lampe ihren Clauren zur Hand, treten unter dem Tiſche mit den tanzluſtigen Füßen den Takt eines Schnellwalzers und träumen ſich in die glänzenden Reihen eines Faſtnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzluſtige Seelen, köſtliche Stallfütte⸗ rung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können! Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle, weibliche Seelen iſt das vollendete Bild eines Mannes, wie er ſein ſoll, zu rechnen, das Clauren zu geben verſteht. In der Regel zeichnen ſich dieſe Leute nicht ſehr durch hohe Verſtandes⸗ gaben aus, doch wir wollen dieſen Fehler an Clauren nicht rügen; wo nichts iſt, ſagt ein altes Sprüchwort, da hat der Kaiſer das Recht verloren. Statt des Verſtandes haben die Vergißmeinnicht⸗ männer herrliche Rabenlocken, einen etwas ſchwindſüchtigen Teint, der ſie aber ſchmachtend und intereſſant macht, unter fünf Fuß fechs Zoll darf keiner meſſen; kräftige, männliche Formen, ſpre⸗ chende Augen, die Hände und Füße aber wie andere Menſchen. Sie ſind gerade ſo eingerichtet, daß man ſich ohne Weiteres in ſte verlieben muß. Dabei ſind ſie meiſtens arm, aber edel, ſtolz, großmüthig, und heirathen gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle, weibliche Seele ſollte ein ſolcher Held neuerer Zeit nicht den wohlthuendſten Eindruck machen, wenn ſie von ihm liest? Sie ſchnitzelt das Bild des Obergeſellen oder Jagdſchreibers, oder Apothekergehülfen, das ſie im Herzen trägt, ſo lange zurecht, bis er ungefähr gerade ſo ausſieht, wie der Allerſchönſte im aller⸗ neueſten Jahrgange des allerliebſten Vergißmeinnicht. Fünftens: von ſchimmernden Lüſtres, von deckenhohen Tru⸗ meaux, von herrlichen Sophas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte. 300 Gehen wir, andächtige Verſammlung, über zu den Ingre⸗ dienzen und Zuthaten für Männer, ſo können wir hier leicht zwei Klaſſen machen: 1) Zuthaten, die das Auge reizen, 2) Zu⸗ 1 thaten, die den Gaumen kfitzeln. Unter Nro. 1 iſt vor Allem zu rechnen die Art, wie Clauren„ ſeine Mädchen beſchreibt. Um zuerſt von ihrem geiſtigen Werthe zu ſprechen, ſo gilt hier daſſelbe, was von den Männern geſagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche Seele weiß kein Clauren 3 zu ſchildern, und wenn er es wüßte, ſo hat er ganz Recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde, oder ein Weſen, das etwa ein Titan oder Horion lieben könnte, unter ſeiner Affenfamilie mit⸗ tanzen läßt. Was das Aeußere betrifft, ſo macht er es wie jener griechiſche Künſtler, der aus ſieben ſchönen Mädchen ſich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künſtler liegt. Sechs zogen vorüber und zeigten dem entzückten Auge ſtolz die entfeſſelten Reize ihrer Jugend. Die Siebente, als die Gewänder fallen ſollten, erröthete und verhüllte ſich, und der Künſtler ließ jene ſechs vorübergehen und bildete nach dieſem Vorbild jungfräulicher Hoheit ſeine Göttin. Nicht alſo Clauren; die Sechs hat er wohl aufgenommen, der Siebenten, als ſie verſchämt, verhüllt, erröthend nahte, hat er die Thüre verſchloſſen. Und jetzt, meine Herren, ſetzet Euch her, macht es Euch bequem, der große Meiſter gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfeſſelten Locken, die auf den Alabaſter der Schultern niederfallen, ſiehe— doch wie? Soll ich alle jene er⸗ habenen, ausgeſuchten Epitheta wieder geben, die ſich mit Schnee, mit Elfenbein, mit Roſen gatten? Ich bin ein Mann und er⸗ röthe, erröthe darüber, daß ein Mann aus der ſogenannten guten Geſellſchaft die ſittenloſe Frechheit hat, alljährlich ein ausführ⸗ liches Verzeichniß von den Reizen drucken zu laſſen, die er bei ſeinem Weibe fand! Als Taſſo jene Strophen dichtete, worin die Geſandten Gott⸗ fried's am Palaſte der neuen Circe die Nymphen im See ſich — —— —— 301 baden ſehen, glaubet Ihr, ſeine reiche, glühende Phantaſte hätte ihm nicht noch lockendere Bilder, reizendere Wendungen einhauchen können, als einem Clauren? Doch, er dachte an ſich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er ſeine Geſänge dichtete, er dachte an ſeinen unbefleckten Ruhm bei Mit⸗ und Nachwelt, und ſiehe, die reichen Locken fallen herab und ſtrömen um die Nymphen und rollen in das Waſſer, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, si parva licet componere magnis, was ſoll man zu jener ſkandalöſen Geſchichte ſagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimüthigen, eines Blattes, das in ſo manchem häuslichen Zirkel einheimiſch iſt, erzählt? Rechne man es nicht uns zur Schuld, wenn wir Schänd⸗ lichkeiten aufdecken, die Jahre lang gedruckt zu leſen ſind. Eine junge Dame kommt eines Tages auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß ſie zwar ſeit vierzehn Tagen verheirathet, und glücklich verheirathet, aber durch einen kleinen Ehebruch von einer Krankheit angeſteckt worden ſei, die ihr Mann nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelſchönen Dame geſagt, ſie ſei nicht zu heilen, wenn ſte ihm nicht den Grad der Krankheit et caetera zeige. Die Dame entſchließt ſich zu der Procedur. Ich dächte, das Bis⸗ herige iſt ſo ziemlich der höchſte Grad der Schändlichkeit, zum mindeſten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem belle⸗ triſtiſchen Blatte zur Sprache zu bringen. Eine Dame, glück⸗ lich verheirathet, ſeit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin! Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Procedur ſelbſt ein; er rückt den Seſſel ans Fenſter, er ſetzt die Dame in Poſitur, er beſchreibt uns von der Zehenſpitze aufwärts ſeine Beobachtungen!!! Ich wiederhole es, man kann von einem ſolchen Frevel nur zu ſprechen wagen, wenn er offenkundig geworden iſt, wenn man die Abſicht hat, ihn zu rügen. Warum in einem öffentlichen Blatte etwas erzählen, was man in guter Geſellſchaft nicht erwähnen darf? Aber das iſt H. Clauren, der geliebte, ver⸗ — 302 ehrte, geachtete Schriftſteller, der Mann des Volkes. Schande genug für ein Publikum, das ſich Schändlichkeiten dieſer Art un⸗ geſtraft erzählen läßt! In die eben erwähnte Kategorie von berechnetem Augen⸗ reize für Männer gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald wird uns ausführlich beſchrieben, wie Magdalis ausſah, als ſie zu Bette gebracht wurde, bald weidet man ſich mit Herrn Stern an Doralicens Angſt, zu Zwei ſchlafen zu müſſen, bald hört man Vally im Bade plätſchern und moͤchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald ſteht man ein Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet, der glühenden, durch alle Nerven zitternden Küſſe, der Blicke beim Tanze abwärts auf die Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köſtlich kandirte Zoten für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüſtlinge und alte Gecken, die mit ihrer moraliſchen und phyſiſchen Kraft zu Rande ſtnd, um dem Reſichen Leben durch dieſe Reizmittel aufzuhelfen! Ein zweites Reizmittel für Männer ſind jene Zuthaten, die den Gaumen kitzeln.„Heda, Kellner, hieher ſechs Flaſchen des brüſſelnden Schaumweins; ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeſchenkt, laßt ihn nicht verrauchen; jetzt für Jeden zwei, drei Dutzend Auſtern draufgeſetzt.“ Iſt dieſe Sprache nicht herrlich. Wird man nicht an Homer erinnert, der immer ſo redlich angibt, was ſeine Helden verſpeisten; freilich gab er ihnen nur gewöhnliches Schweinefleiſch, und die Weinſorten rühmt er auch nicht beſonders; aber ein Clauren iſt denn doch auch etwas Anderes, als Homer; wer wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Auſtern ſchmaust, fünfhundert Stück zum erſten Anfang? Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menſchen, die man in glänzendem Gewande, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherſchlendern ſteht. Ihr haltet ſie für das glück⸗ lichſte Geſchlecht der Menſchen, dieſe Pflaſtertreter; ſie haben — +——— 6 8 303 nichts zu thun und vollauf zu leben. Ihr täuſchet Euch; oft hat ein ſolcher Herr nicht ſo viel kleine Münze, um eine einfache Mittagskoſt zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei ſich trägt, kann man nicht wohl wechſeln. Einen ſolchen nun fragte ich eines Tages:„Freund, wo ſpeiſet Ihr zu Mittag? Ich ſehe Euch immer nach der Tafelzeit mit zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge ſchnalzend oder in den Zähnen ſtochernd, bei welchem berühmten Reſtauranten ſpeiſet Ihr?“ „Bei Clauren,“ gab er mir zur Antwort. „Bei Clauren?“ rief ich verwundert.„Erinnere ich mich doch nicht, einen Straßenwirth oder Garkoch dieſes Namens in hieſiger Stadt geſehen zu haben.“ „Da habt Ihr Recht,“ entgegnete er,„es iſt aber auch kein hieſiger, ſondern der Berliner, H. Clauren—“ „Wie, und dieſer ſchickt Euch kalte Küche bis hieher?“ „Kalte und warme Küche nebſt etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das Räthſel löſen,“ fuhr er fort,„ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich gerade das Schneiderconto und die Rechnung für Zuckerwaſſer im Kaffeehauſe weg; nun bin ich aber gewoöhnt, gute Tafel zu halten, was fange ich in dieſen Zeiten an, wo Niemand borgt und vorſtreckt? Ich kaufe mir alle Jahre von erſparten Groſchen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und ich verſichere Euch, das iſt mir Speiſe⸗ kammer, Keller, Fiſchmarkt, Konditorei, Weinhandlung, Alles in Allem. Ihr müßt wiſſen, daß in ſolchem Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich ſie nenne, Tafelſeiten kommen. Ich ſetze mich Mittags mit einem Stück Brod, zu welchem an Feſt⸗ tagen Butter kommt, nebſt einem Glaſe Waſſer oder dünnem Biere an den Tiſch, ſpeiſe vornehm und langſam, und wäͤhrend ich kaue, leſe ich im Vergißmeinnicht, oder in Scherz und Ernſt. Seine Tafelſeiten werden mir nun zu delikaten Suppentafeln, denn mein Teller iſt nicht mehr mit ſchlechtem Brod beſetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieſes magere Gebäck, nein, ich eſſe mit Clauren, und der Mann verſteht, was gute Küche 304 iſt. Was da an Faſanen, Gänſeleberpaſteten, Trüffeln, an ſelte⸗ nen Fiſchen, an—. „Genug,“ ſiel ich ihm ein,„und Eure Phantaſie läßt Euch ſatt werden? Aber koͤnntet Ihr hiezu nicht das nächſte beſte Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum mindeſten mehr Abwechslung.“ „Ei, da iſt noch ein großer Unterſchied! Sehet, das ver⸗ koch und Vorſchneider, ſondern er kaut auch jede Schüſſel vor iſt es, wenn er en herr⸗ „ und wenn ich das ſchiebt er mir immer im Geiſte Trimadera, Bordeaur oder Champagner unter.“ So ſprach der junge Mann und ging weiter, um auf ſein großes Clauren'ſches Traktament, der Verdauung wegen zu pro⸗ meniren. Was iſt Rumford gegen einen ſolchen Monn? ſprach ich zu mir. Jener bereitet aus alten Knochen kräftige und Kranke, iſt aber hier nicht mehr als Num Speist und tränkt er nicht durch eine einzige gißmeinnichts fünftauſend Mann? Wenn nur gemeinen Mannes etwas höher ginge Spitäler, ja ſogar Armeen verproviantiten? Der Spitalvater vorleſen. Doch von ſolchen Thorheiten ſollte man nicht im Scherz ſprechen, ſie verdienen es nicht, denn wahrer, bitterer Ernſt iſt es, daß ſolche Niedertraͤchtigkeit, ſolche Wirthshauspoeſie, ſolch 305 Dichtungen à la carte, wenn ſie ungerügt jede Meſſe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten Pöbel in ſeinem Wahne läßt, als wäre dies das Manna, ſo in der Wüſte vom Himmel fällt, die Würde unſerer Literatur vor uns ſelbſt und dem Auslande, vor Mit⸗ und Nachwelt ſchänden! Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den man weniger Ingredienz oder Zuthat, ſondern Sauce piquante nennen könnte; das iſt die Sprache. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und Schweizern vor, daß ſie nicht ſprechen, wie ſie ſchreiben, aber wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er ſo gemein ſchreibt, wie er gemein und unedel zu ſprechen und zu denken ſcheint. Man hat in neuerer Zeit manches verſchrobene und verſchränkte Deutſch leſen müſſen, waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahr⸗ undert, waren es Sätze aus einer ſpaniſchen Novelle, es wollte ſich in unſerer reichen, herrlichen Sprache nicht recht ſchicken. Ohr⸗ zerreißend waren auch die Compoſitionen, die Voß nach Analogie Homers vornahm; aber man kann Männer dieſer Art höchſtens wegen ihres ſchlechten Geſchmacks bedauern, anklagen niemals; denn es lag dennoch ein ſchöner Zweck ihrem wunderlichen Hand⸗ haben der Sprache zu Grunde. Was ſoll man aber von der ge⸗ fliſſentlichen Gemeinheit ſagen, womit der Erfinder der Mimilis⸗ manier ſeine Produkte einkleidet? Köͤnig Salomo, wenn er noch lebte, würde dieſen Menſchen mit einem Freudenmädchen ver⸗ gleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angethan mit köſtlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du redeſt ſie an mit Ehrfurcht, denn Du verehrſt in ihr eine wohlerzogene Frau aus gutem Hauſe, aber ſie antwortet Dir mit wieherndem Gelächter, ſie geſteht, ſie müſſe lachen, daß„ſie der Bock ſtößt;“ ſie ſpricht in Worten, wie man ſie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören konnte, ſie ent⸗ hüllt ſich, ohne zu erröthen, vor Deinen Augen, und ſpricht Zoten A und Zötchen dazu. Wehe Deinem Geſchmack, wehe Dir ſelbſt und Deinem ſittlichen Werth, wenn Dir nicht klar wird, daß die, W. Hauff's Werke. III. 20 306 welche Du für eine anſtändige Frau gehalten, eine feile Dirne iſt, beſtimmt zum niedrigſten Vergnügen einer verworfenen Klaſſe! Wozu ein langes Verzeichniß dieſer Sprachſünden hieher ſetzen, da ja das Buch, über welches wir ſprechen, der Mann im Monde, ein lebendiges Verzeichniß, ein vollſtändiger Katalog ſeiner Worte, Wendungen, Farben und Bilder iſt? Es iſt die Sauce, womit er ſeine widerlichen Fricaſſéen anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen ächten Wildpretgeſchmack zu geben weiß, der ſchon auf einer Art von Fäulniß und Moder beruht, deſto mehr ſagt ſie dem verwöhnten Gaumen ſeines Publikums zu. Noch iſt endlich ein Zuthätchen und Ingredienzchen anzu⸗ führen, das er aber ſelten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er ſich dabei ausnimmt; ich meine jene rührenden, er⸗ baulichen Redensarten, die als auf ein frommes Gemüth, auf chriſtlichen Troſt und Hoffnung gebaut, erſcheinen ſollen. Als uns der Faſtnachtsball und das erbauliche Ende der Dame Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprüchworts:„Junge H...., alte Betſchweſtern,“ wir glaubten, der gute Mann habe ſich in der braunen Stube ſelbſt bekehrt, ſehe ſeine Sünden mit Zerknirſchung ein und werde mit Pater Willibald ſelig ent⸗ ſchlafen. Das Torniſterlieschen, Vielliebchen und dergleichen über⸗ zeugten uns freilich eines andern, und wir ſahen, daß er nur per Anachronismum den Aſchermittwoch vor der Faſtnacht ge⸗ feiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen ſelbſt das Gebet zur Sünde wird, ſo geht es auch hier; er ſchändet die Religion nicht weniger, als er ſonſt die Sittlichkeit ſchändet, und dieſe heiligen rührenden Scenen ſind nichts Anderes, als ein wohlüber⸗ legter Kunſtgriff, durch Rührung zu wirken; wa wie jene Bettel⸗ weiber in den Straßen von London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder ſtehlen, und mit den unglücklichen Zwillingen ſeit zehn Jahren weinend an der Ecke ſitzen. Zum Schluſſe dieſes Abſchnittes will ich Euch noch eine kleine Geſchichte erzählen. Es kam einſt ein fremder Menſch in eine Stadt, der ſich Zutritt in die gute Geſellſchaft zu verſchaffen — — 307 wußte. Dieſer Menſch betrug ſich von Anfang etwas linkiſch, doch ſo, daß man manche ſeiner Manieren überſehen und zurecht legen konnte. Er hielt ſich gewöhnlich zu den Frauen und Mädchen, weil ihm das Geſpräch der Männer zu ernſt war, und jene lauſchten gerne auf ſeine Rede, weil er ihnen Angenehmes ſagte. Nach und nach aber fand es ſich, daß dieſer Menſch ſeiner gemeineren Natur in dieſer Geſellſchaft wohl nur Zwang angethan hatte; er ſprach freier, er ſchwatzte den Ohren unſchuldiger Mädchen Dinge vor, worüber ſelbſt die Eltern hätten erröthen müſſen. Wie es aber zu gehen pflegt; das Lüſterne reizt bei weitem mehr, als das Ernſte, Sittliche; zwar mit niedergeſchlagenen Augen, aber offenem Ohre lauſchten ſie auf ſeine Rede, und ſelbſt manche Zote, die für eine Bierſchenke derb genug geweſen wäre, bewahrten ſie in feinem Herzen. Der fremde Mann wurde der Liebling dieſes Zirkels. Es ſiel aber den Männern nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältniſſe freier dachten als zuvor, daß ſelbſt ihre Mädchen über Dinge ſprachen, die ſonſt einem unbe⸗ ſcholtenen Kinde von fünfzehn bis ſechzehn Jahren fremd ſein müſſen. Sie ſtaunten, ſie forſchten nach dem Urſprung dieſer ſchlechten Sitten, und ſiehe, die Frauen geſtanden ihnen unum⸗ wunden:„Es iſt der liebenswürdige, angenehme Herr, der uns dieſes geſagt hat.“ Viele der Männer verſuchten es mit Ernſt und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umſonſt, er ſchüttelte die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was ſie thun ſollten, denn es iſt ja gegen die Sitten der guten Geſellſchaft, ſelbſt einen verworfenen Menſchen die Treppe hinab zu werfen. Da verſuchte Einer einen andern Weg. Er ſetzte ſich unter die Frauen und lauſchte mit ihnen auf die Rede des Mannes, und merkte ſich alle ſeine Worte, Wendungen, ſelbſt ſeine Stimme. Und eines Abends kam er, angethan wie jener Verderber, ſetzte ſich an ſeine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, ſondern erzählte den Frauen nach derſelben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu thun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigſtens, wie lächerlich und un⸗ 2 8ν 1 2— 308 ſittlich dies Alles ſei. Sie ſchämten ſich, und als jener Menſch dennoch in ſeinem alten Ton fortfahren wollte, wandten ſie ſich von ihm ab, er aber ſtand beinahe allein und zog beſchämt von dannen. „Wo Ernſt nicht hilft, da nimm den Spott zur Hulfe,“ dachte jener, und wohl ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen! Meine Freunde! daſſelbe, was in dieſer Geſchichte erzählt iſt, daſſelbe wollte auch der Mann im Monde, und das war ja unſere erſte Frage, er wollte den Erfinder der Mimilimanier zu Nutz und Frommen der Literatur und des Publikums, zu Ehre der Vernunft und Sitte, lächerlich machen. Wie er dieſen Zweck verfolgte? Ob es ihm gelingen konnte? iſt der Gegenſtand der folgenden Fragen. II. Haben wir bisher nachgewieſen und darüber geſprochen, welchen Zweck der Mann im Monde zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenſtand, gegen welchen er gerichtet war, nach allen Theilen auseinander ſetzten, ſo kommt es uns zu, andächtig mit einander zu betrachten, wie er dieſen Zweck verfolgte. Es gibt verſchiedene Wege, wie ſchon in der Parabel vom angenehmen Mann angedeutet iſt, verſchiedene Wege, um ein Laſter, eine böſe Gewohnheit oder unſittliche Anſichten aus der ſittlichen Geſellſchaft zu verbannen. Das Erſte und Natürlichſte bleibt immer, einen ſolchen Gegenſtand mit Ernſt, mit Gründen anzugreifen, ſeine Anhänger von ihrem Irrthum zu überfuhren, ſeine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Dieſen Weg hat man auch mit dem Clauren'ſchen Unfug zu wiederholten Malen eingeſchlagen. Ihr Alle, meine Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei der heiligen Vehme, verhüllt und ohne Namen zu Gericht ſitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht ſprechen; ich meine die Journale, die ſich mit der Literatur beſchäftigen. Wie es in aller Welt beſtechliche Richter gibt, ſo auch hier. Es gab freilich einige an Obſcurantismus laborirende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare blieſen, zu Gunſten und Ehren Claurens und ſeines 309 Neugeborenen. Dem Vater wie dem Kindlein wurde gebührendes Lob geſpendet, und das Publikum eingeladen, einige Thaler als Pathengeſchenk zu ſpendiren. Doch zur Ehre der deutſchen Litera⸗ tur ſei es geſagt, es waren und ſind dies nur einige Winkel⸗ blätter, die nur mit Modeartikeln zu thun haben. Beſſere Blätter, beſſere Männer als jene, die um Geld lobten, ſcheuten ſich nicht, ſo oft Claurens Muſe in die Wochen kam, das Produkt nach allen Seiten zu unterſuchen und der Welt zu ſagen, was davon zu halten ſei. Sie ſteigerten ihre Stimme, ſie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Luſt an jenen Produkten unter Euch überhand nahm, ſie bewieſen mit triftigen Gründen, wie ſchändlich eine ſolche Lektüre, wie entwürdigend ein ſolcher Geſchmack ſei, wie eninervend er ſchon zu wirken anfange. Manch' herrliches Wort wurde da über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poeſte und über Euch geſprochen, die Ihr nicht erröthet, ihm zu huldigen, die Ihr ſo verſtockt ſeid, das Häß⸗ liche ſchön, das Unſaubere rein, das Kleinliche erhaben, das Lächerliche rührend zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie in den Wind geſprochen ſcheinen, daß, ſo oft ſich auch Männer von wahrem Werthe dagegen erklärten, die Menge immer mehr Partei dafür nahm? Man müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verſtockt, wenn ſich nicht noch ein anderer Grund fände. Jene Inſtitute für Literatur, die kein Volk der Erde ſo allge⸗ mein, ſo gründlich aufzuweiſen hat, wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinſte zur Sprache kommt und nach Geſetzen be⸗ urtheilt wird, die ſich auf Vernunft und wahren Werth der Kunſt und Wiſſenſchaft gründen,— ſie ſind leider für Wenige ge⸗ ſchrieben? Wer liest ſte? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer Bildung, hin und wieder eine Frau, die ſich über das Gebiet der Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für die ſe ſchreibt? Ob ſeine Manier dieſen ſchäplich wird? Ob ſie ihn nur leſen? Und wenn ſie ihn leſen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher ſie ſtehen, nicht von ſelbſt den Takt verleihen, um das 310 Verwerfliche einzuſehen? Und wenn unter hundert Menſchen, welche leſen, ſogar zehn wären, die ſich aus jenen Inſtituten unterrichten, verhallt nicht eine ſolche Stimme bei neunzig andern? So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt, geſcholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde, er— ſchüttelte den Staub ab, antwortete nicht, ging ſingend und wohlgemuth ſeine Straße. Wußte er doch, daß ihm ein großes, anſehnliches Publikum geblieben, zu deſſen Ohren jene Stimmen nie drangen, wußte er doch, daß, wenn ihn der ernſte Vater mit Verachtung vor die Thüre geworfen, wie einen räudigen Hund, der ſeine Schwelle nicht verunreinigen ſoll, das Töchter⸗ lein oder die Hausfrau eine Hinterthüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen Mannes zu lauſchen, der Ernſt und Scherz ſo lieblich zu verbinden weiß, und ihm von den erſparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht abzukaufen. Man könnte ſich dies gefallen laſſen, wenn es ſich um eine gewöhnliche Erſcheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt wird, weil ſte von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif iſt, oder nach Form und Inhalt den äſthe⸗ tiſchen Geſetzen nicht entſpricht. Hier kann höchſtens die Zeit, die man der Lektüre einer Geſpenſtergeſchichte oder eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet ſcheinen, oder der Ge⸗ ſchmack kann darunter leiden. So lange für die jugendliche Phan⸗ taſte, für Sittlichkeit keine Gefahr ſich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur den Verfaſſer zurechtweiſen, wie er es ver⸗ dient, das allgemeine Publikum wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewieſen werden kann, daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn ſie dieſe gewinnt durch Unſittlichkeit, durch Lüſteruheit, die das Auge reizt und dem Ohre ſchmeichelt durch Gemeinheit und unreines Weſen, ſo iſt ſie ein Gift, das um ſo gefährlicher wirkt, als es nicht ſchnell und offen zu wirken pflegt, ſondern allmählig die Phan⸗ taſie erhitzt, die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das 311 wahrhaft Schöne und Edle, Reine und Erhabene ſchwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger iſt, als eine körperliche Seuche, welche die Blüthe der Länder wegrafft. Ich habe Euch vorhin ein Bild entworfen von dem Weſen und der Tendenz dieſes Clauren, nach allen Theilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter Euch kann läugnen, daß er ein ſolches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf und beſchuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die Ihr den wahren Werth einer ſchönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die Ihr die Phantaſie Eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern ſchmücken wollt, Männer, die Ihr den keuſchen Sinn einer Jung⸗ frau für ein hohes Gut erachtet, Ihr, ich weiß es, fühlet mit mir. Aber Ihr müßt auch gefühlt, geſehen haben, daß jene öffent⸗ lichen Stimmen, die den Marktſchreier rügten, der den Verblen⸗ deten Gift verkauft, nicht ſelten in Eure Häuſer gedrungen ſind. Ich habe gefühlt wie Ihr, und der Ausſpruch jenes alten Arztes fiel mir bei:„Gegen Gift hilft nur wieder Gift.“ Ich dachte nach über Urſache und Wirkung jener Mimilimanier, ich betrachtete genau die Symptome, die ſie hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung ſetzte. Aus denſelben Stoffen, ſprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn würzen mit derſelben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an dieſem Backwerk ſollen ſie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widerſteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn ſie an dieſer„Trüffelpaſtete,“ an dieſem „Auſternſchmaus“ keinen Ekel faſſen, ſo ſind ſie nicht mehr zu kuriren, oder— es war nichts an ihnen verloren. Zu dieſem Zwecke ſcheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von Scherz und Ernſt, die üppig wuchernde Sumpf⸗ pflanze Vergißmeinnicht nach allen ihren Theilen zu ſtudiren. Je weiter ich las, deſto mehr wuchs mein Grimm über dieſe nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine ſchreckliche Arbeit; alle ſeine Kunſtworte, alle ſeine Wendungen, alle ſeine Schnörkel und Arabesken, jene Coſtüme, worein er ſeine Püppchen hüllt, alle 312 Nüancen der Sinnlichkeit und Lüſternheit, jenen feinen, durch⸗ ſichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr zeigt als verhüllt, alle Schattirungen ſeines Styls, jenes kokettirende Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenſtände, die man verſchweigen will, dies Alles und ſo vieles Andere mußte ich ſuchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren auf ſeinen Bällen, bei ſeinen Schmäuſen, ich mußte einkehren in ſeiner Garküche und die rauchenden Paſteten, den dampfenden Braten, den ſchmorenden Fiſch beriechen, alle Sorten ſeiner Weine mußte ich koſten, mußte den Kork zur Decke ſpringen laſſen, mußte die„brüſſelnden Bläschen im Lilienkelchglas auf⸗ und niedertanzen“ ſehen— und dann erſt konnte ich ſagen, ich habe den Clauren ſtudirt. Dann erfand ich eine Art von Novelle, in der Manier, wie Clauren ſie gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht ſehr gehaltvoll und dennoch zu zwei Theilen lang genug. Nothwendiges Requiſit war, nach den oben angedeuteten Geſetzen 1) ein junger, ſchmäch⸗ tiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann, unglücklich, aber ſteinreich; 2) die Heldin des Stücks, ein tanzendes, plauderndes, naives, ſchönes, lüſternes, mitleidiges„Dingelchen,“ dem das Herzchen alsbald vor Liebe„puppert,“ dem die Liebe alles Blut⸗ aus dem Herzen in die Wangen„pumpt.“(Welch' ein gemeines Bild, von einem Weinfaß entlehnt, eines Küfers würdig!) 3) ein Spiritus familiaris, wie wir ihn beinahe in allen Clauren'ſchen Geſchichten treffen, ein altes, freundliches„Kerlchen,“ das den Liebenden mit Rath und That beiſteht; 4) ein neutraler Vater, der zum wenigſten Präſident ſein muß; 5) ein Paar Furien von Weibern, die das böſe, eingreifende Schickſal vorſtellen; 6) einige Huſarenlieutenants und Dragoneroffiziere nach ſeinen Modellen abconterfeit; 7) ein alter Onkel, der mit Geld Alles ausgleicht; 8) Bediente, Wirthe et caetera. So waren die Perſonen arran⸗ girt, das Stück zu Faden geſchlagen und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptſächlich Rückſicht darauf genommen werden, daß man ſein Deſſein immer im Auge behielt, daß man immer daran dachte, wie würde er, der große Meiſter, dies weben? 313 Das Gewebe mußte locker und leicht ſein, keiner der Charaktere zu ſehr herausgehoben und ſchattirt. Es wäre z. B. ein Leichtes geweſen, aus Ida eine ganz honnete, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrath Berner hätte mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganzes machen können! Aber dann— war der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verſchiedenen Charaktere auf der Leinwand ſtehen, ſteif in ihren Bewegungen, übertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenſchaften, ſinnlich, ſinnlich in der Liebe. Jene Novelle an ſich hat keinen Werth, und dennoch hat es mich oft in der Seele geſchmerzt, wenn ich eines oder das andere der geſammelten„Zuthätchen“ einſtreuen, wenn ich von keuſchen Mar⸗ morbuſen, ſtolzer Schwanenbruſt, jungfräulichen Schneehügeln, Alabaſterformen et caetera ſprechen mußte, wenn ich nach ſeinem Vorgange von ſchönen„Wäd—,“ von ſüßen„Kü—“(was nicht Küche bedeutet), von wollüſtigen Träumen ſchreiben ſollte; wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem„jungfräulichen Kind“ wie glühendes Eiſen durch alle Adern rinnt, daß ſie alle andern Tücher wegwirft und die leichte Bettdecke herabſchieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung ſeines Gradus ad Par- nassum als Beiwort zu den Haaren„kohlrabenſchwarz“ oder „Flachsperrücke“ ſetzen mußte, wenn man ſtatt der Augen„Feuer⸗ räder“ oder„Liebesſterne“ hat, Korallenlippen,„Perlenſchnüre“ ſtatt der Zähne, Schwanenhälſe ſammt ditto Bruſt, Kniee, die man zuſammen„kneipt,“ weil man vor Lachen„berſten“ möchte; Wäd— und Füßchen zum kü— und dergleichen lächerliche ge⸗ meine Worte. Nachdem gehörig getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt war, nachdem, wie natürlich, das Laſter beſiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Brüſſeler Kanten, Blumen im Haare auf die Bühne geführt war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Thaler, einige Schlöſſer, Parks, Gründe et caetera aufnotirt und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein„erſchreckliches Halloh, daß man nicht wußte, 314 wo einem der Kopf ſtand,“ es wurde trefflich geſpeist und ge⸗ 9 trunken, und das ſelige Liebespaar beinahe bis in die Braut⸗ kammer befördert. Das iſt der Ur⸗ und Grundſtoff, wie zu jedem Clauren'ſchen Roman, ſo auch zum Mann im Mond, auf dieſe Art ſuchte er ſeinen Zweck zu erreichen, durch Ueberſättigung Ekel an dieſer Manier hervorzubringen, die Satire ſollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor ſeinen andächtigen Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt, daß der Mann im Mond dieſen Zweck erreichte. Jeder vernünftige, unparteiiſche Leſer erkannte ſeine Abſicht und, Gott ſei es gedankt, es gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die dieſe öffent⸗ liche Rüge der Mimili⸗Manier gerecht und in der Ordnung fanden. Oeffentliche Blätter, deren ernſter würdiger Charakter ſeit einer Reihe von Jahren ſich gleich blieb, haben ſich darüber aus⸗ geſprochen, haben gefunden, daß es an der Zeit ſei, dieſes ge⸗ ſchmackloſe, unſittlich verderbliche Weſen an den Pranger zu ſtellen. Tadle mich Keiner, ehrwürdige Verſammlung, daß ich, ein junger Mann ohne Verdienſte, ohne Anſprüche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht doch jedem Leſer das Recht zu, ſeine Meinung über das Geleſene, auf welche Art es ſei, öffentlich zu machen, ſteht doch jedem Manne in der bürgerlichen Geſellſchaft das Recht zu⸗ über Erſcheinungen, die auf die Bildung ſeiner Zeitgenoſſen von einigem Einfluß ſind, zu ſprechen. Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdiſchen Könige und Harfeniſten David vergleichen zu wollen, aber hat nicht der Sohn Iſai's, obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Rieſen Goliath ein ſteinernes Vergißmeinnicht an die freche Stirne geworfen, ihm in Scherz und Ernſt den Kopf abgehauen, und ſolchen als Luſtſpiel vor ſich hertragen laſſen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht geſungen:„Er hat zehn⸗ tauſend geſchlagen“(worunter man die Zahl ſeiner Anhänger verſtehen könnte), denn die Jungfrauen ſind heutzutage auf der Seite des Philiſters; natürlich hat er ja, wie Asmus ſagt . f . 315 „— Federn auf dem Hut, und einen Klunker d'ran.“ Selbſt die jüdiſchen Recenſenten haben ſich undankbarer⸗ weiſe gegen mich erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Iſrael. Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmanne auf der Erde erging, weiter, ſo ſtoßen wir auf einen ganz ſonderbaren Vorfall. Als dieſes Buch, dem neben der Weiſe und Sprache des Erfinders der Mimili⸗Manier auch ſein ange⸗ nommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmels⸗ gegenden des Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde„geharniſcht bis an die Zähne“ auf dem Kampfplatz der Kritik erſcheinen, uns mit Schwert und Lanze anfallen, ſeine Knappen und dienenden Reiſigen zur Seite. Wir freuten uns auf dieſen Kampf, wir hatten ja für eine gute Sache den Handſchuh ausgeworfen. Vergebens warteten wir. Zwar erklärte er, was ſchon auf den erſten Anblick Jeder wußte, dieſer Mann im Mond ſei nicht ſein Kind, aber ſtatt, wie es einem berühmten Literator, einem namhaften Belletriſten geziemt hätte, wie es ſogar ſeine Ehre gegenüber von ſeinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterſtuhl litera⸗ riſcher Kritik, nach äſthetiſchen Geſetzen ſich zu vertheidigen, begnügte er ſich, als Gegengewicht das„Torniſterlieschen“ auf die Wagſchale zu legen, und ging hin, vor den bürgerlichen Gerichten zu klagen, man habe ſeinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die Paar Buchſtaben Clauren angegriffen, war es nicht vielmehr ſeine heilloſe Manier, ſeine ſittenloſen Geſchichten, ſein ganzes unreines Weſen, was man anfocht? Konnten Schöppen und Beiſitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn rein machen von den literariſchen Sünden, die er begangen, konnten ſie mit der Flut von Dinte, die bei dieſem Vorfall verſchwendet wurde, ihn rein⸗ waſchen von jedem Flecken, der an ihm klebte, konnten ſie ihm, indem ſie ihm ihr bürgerliches Recht zuſprechen, eine Achtung vor der Nation verſchaffen, die er längſt in den Augen der Gut⸗ —— geſinnten verloren? Konnten ſie, indem ſie genugſam Sand auf das Geſchriebene ſtreuten, das, was er geſchrieben, weniger ſchlüpfrig machen? Wenn aber, andächtige Verſammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich vorhanden angenommen hat, ſo hat er damit nur erklärt, daß man Claurens Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßiger Weiſe geſchehen ſei, wenn man die acht Buchſtaben, die das non ens bezeichneten, H. C. I. a. u. r. e. n in derſelben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk geſetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es alſo durchaus nicht Unrecht geweſen, und wie viele Anagramme ſind nicht aus jenen my⸗ ſtiſchen acht Buchſtaben zu bilden! Der geheime Hofrath Cark Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über dieſen Spruch und glaubt, ſomit ſei die ganze Sache abgethan, und er habe Recht. Wie täuſcht ſich dieſer gute Nann! War denn jene Satire: der Mann im Mond, gegen ſeinen angenommenen Namen ge⸗ richtet?— Namen, Herr, thun nichts zur Sache, der Geiſt iſt's, auf den es abgeſehen war. Und die Richter vom Eßlinger Gerichtshofe konnten und wollten dieſe entſcheiden, ob die Ten⸗ denz, die Sprache, das ganze Weſen von Seiner Wohlgeboren Schriften ſittlich oder unſittlich ſei, ob ſie Probe halten vor dem Auge, das nach kritiſchen Geſetzen urtheilt und nach den Vor⸗ ſchriften der Aeſthetik, in welches Gebiet doch die Schriften von Clauren gehören? Der Name, nicht die Sache, konnte doch nach bürgerlichen Geſetzen Unrecht ſein; aber verſuche er ein⸗ mal, nachdem er mit Glück ſeinen Namen verfochten, auch ſeine Sache, den Geiſt und die Sprache ſeiner Schriften zu vertheidigen!-—-——————— eBedenke! Auch das Schöne muß ſterben, das Menſchen und Götter entzückte, doch das Gemeine ſteigt lautlos zum Orkus hinab. Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz ſo manchem Vergißmeinnicht vergeſſen ſein wird, denn nach wenigen Jahr⸗ zehnten verſchwindet der Scherz, und mit Ernſt richtet die 4 317 Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem Einfluß war dieſer Name auf ſeine Mitwelt, was hat er für die Würde ſeiner Nation, für den Geiſt ſeines Volkes gethan? Und— man wird nach Werken, nicht nach Worten richten. Bei den alten Egyptiern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde wiedergab, Gericht zu halten über ihre Thaten. Man hat in unſeren Tagen dieſe ſchöne Sitte erneuert, ſo oft einer unter den Dichtern, den Königen der Phantaſte, hinübergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das ſchöne merkwürdige Wort:„Gute Bächer ſind gute Thaten!“ Wird man von Clauren daſſelbe ſagen? Doch genug davon, noch hat weder Clauren, noch ein Ge⸗ richtshof der Erde den Mann im Mond nach ſeinem innern Weſen widerlegt; wir ſind begierig, ob und wie es geſchehen werde. Und nun zum Schluſſe noch ein Wort an Euch, verehrte Zuhörer. Habt Ihr bis hieher mir aufmerkſam zugehort, ſo danke ich Euch herzlich, denn Ihr wiſſet jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn Ihr mich den⸗ noch nicht verſtändet, nicht recht verſtändet. Es möchte vielleicht Mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der Thor predigt in der Wüſte, ſollen wir denn jeglichem hei⸗ teren Geiſtesgenuß entſagen, ſollen wir ſo ganz ascctiſch leben, daß unſere Taſchenlektüre Klopſtock's Meſſias werden ſoll? Mit nichten, und es wäre Thorheit, das zu verlangen; als der Schöpfer dem Sterblichen Witz und Laune, Humor und Em⸗ pfänglichkeit für Freude in die Seele goß, da wollte er nicht, daß ſeine Menſchen trauernd und ſtumm über ſeine ſchöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geiſter gegeben, die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur verlieh, die Welt um ſich her aufzuheitern. Nein, gerade weil ſie den tiefen Ernſt des Lebeus und ſeine hohe Bedeutung kannten, gerade deßwegen ſuchten ſie von dieſem Ernſte— trüben Sinn und jene Traurigkeit zu verbannen, die Alles, auch das Unſchuldigſte, mit Bitterkeit muſtert. Wirkliche Tiefe mit Humor, 1 318 Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem heiteren Gewande der Laune zu verbinden, möchte auf den erſten Anblick ſchwer erſcheinen. Aber England und Deutſchland haben uns ſeit Jahrhunderten ſo gläͤnzende Reſultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn nur der Geſchmack der Menge beſſer wäre, der Geiſter, die ſie würdig und angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter ſich geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines ſonder⸗ baren, verſchrobenen Charakters, wer erfreut ſich nicht an heiteren Scenen, wo nicht der Verfaſſer lacht, ſondern die Figuren, die er uns gezeichnet. Wem, wenn er auch Jahre lang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls Prügelſcenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter ſeines Humors ſteigt er herab bis in das unterſte gemeinſte Leben, aber ſehet Ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite iſt? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen ſelbſt die Wurzel des Vergißmeinnicht geriſſen hat, Walter Seott treibt ſich in den gemeinſten Schenken des Landes, in den ſchmutzigſten Höhlen von Alſatia umher, aber ſehet Ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene niederländiſchen Künſtler, ſogar das Unſauberſte zu malen, ohne dennoch ſelbſt unreinlich und ſchlüpfrig zu ſein? Köͤnnet Ihr nicht ſeine Schilderungen, ſelbſt an das Gefährliche ſtreifende Situationen, jedem Mädchen von Zucht und Sitte vorleſen, ohne ſie dadurch erröthen zu machen? Solche Männer kommen mir vor wie anſtändige Leute, die durch eine ſchmutzige Straße in gute Geſellſchaft gehen ſollen. Sie treten leiſe auf, ſie wiſſen mit ſicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden, und treten reinlich in die Hausflur, während Menſchen wie Clauren, wilden Jungen oder Schweinen gleich, durch Dick und Dünne laufen, und, nicht zufrieden, ſich ſelbſt beſchmutzt zu haben, die Vorübergehenden beſudeln und mit Koth beſpritzen. 3 Noch gibt es, Gott ſei es gedankt, ſolcher reinlichen Leute „ 4* 319 genug in unſerer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde jene Anmuth, jene Laune verbinden, die Euch in trüben Stunden freundlich zu Hulfe kommt. Oder ſolltet Ihr vergeſſen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die ſich mit jeder Dich⸗ tung des Auslandes meſſen können? Hat Euch der Vergißmein⸗ nichtmann ſo gänzlich gefeſſelt, daß Ihr die ſchoͤnen Blüten zahl⸗ reicher anderer Erzähler nicht einmal vom Hörenſagen kennt? Freilich, dieſe Männer verſchmähten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen, oder ihre Farbe mit dem Waſſer einer Pfütze zu miſchen, ſie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und intereſſant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Geſetzen zu ordnen ſei, daß ſelbſt das Neue, Ueberraſchende, an⸗ genehm für das Auge ſein müſſe. Zeichnung der Landſchaft, nicht der Spiegel und Sopha's, Schilderung der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geiſt einer Jungfrau, nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptſache. Und darum können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit er⸗ neuertem Vergnügen leſen, während uns der Berühmte ſchon nach der erſten Viertelſtunde anekelt. Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England ange⸗ fangen, unſere Literatur hochzuſchätzen. Die Engläͤnder fanden einen Ernſt, eine Tiefe, die ihnen bewunderungswürdig ſchien. Die Franzoſen fanden eine Anmuth, eine Natürlichkeit in gewiſſen Schilderungen und Gemälden, die ſie ſelbſt bei ihren erſten Geiſtern ſelten fanden. Fauſt, Götz und ſo manche herrliche Dichtung Goethe's ſind ins Engliſche übertragen worden, ſeine Memoiren entzücken die Pariſer, Tiecks und Hoffmanns Novellen fanden hohe Achtung über dem Kanal, und Talma rüſtet ſich, Schillers tragiſche Helden vor das Auge ſeiner Nation zu führen. Wir Deutſche handelten bisher von jenen Ländern ein, ohne unſere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz dürfen wir ſagen, daß die Zeit dieſes einſeitigen Handels vorüber iſt. Aber müſſen wir nicht erröthen, wenn es endlich einem ihrer neberſetzer, aufmerkſam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein Vergißmeinnichtchen oder ein Bändchen von Scherz und Ernſt zu übertragen? Mit Recht könnte er in einer pom⸗ 1 pöſen Anzeige ſagen:„Das iſt jetzt der Mann des Tages in Deutſchland, er macht Furor, den müßt Ihr leſen!“ Meinet Ihr etwa, man ſei dort auch ſo nachſichtig gegen Lächerlichkeit und Gemeinheit, um dieſe Geſchichtchen nur erträglich zu ſinden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unſerem ſoliden Geſchmacke bekommen, wenn ſie den ganzen Apparat einer Tafel, oder ein Mädchen mit eigenthümlichen Kunſtausdrücken anatomiſch beſchrieben finden? Oder, wenn der Ueberfetzer in unſerem Namen erröthet, wenn er alle jene obſcönen Beiworte, alle kleinlichen Schnörkel ſtreicht und nur die intereſſante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiſelle N. N. heirathet, was wird dann übrig ſein? Schneidet einmal dieſer Puppe ihre kohlrabenſchwarzen Rin⸗ ſchämet Euch, Ihr Jünglinge, wenn Ihr wahre Liebe in dieſem gellöckchen ab, preßt ihr die funkelnden Liebesſterne aus dem Kopfe, reißt ihr die Perlenzähne aus, ſchnallet den Schwanenhals nebſt Marmorbuſen ab, leget Shawls, Hüte, Federn, Unter⸗ und Ober⸗ röckchen, Corſetchen et caetera in den Kaſten, ſo habt Ihr dem lieben, herrlichen Kinde die Seele genommen, und es bleibt Euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von Freund Heun! Und wenn Ihr Euch nicht vor fremden Nationen ſchämet, wenn Ihr über das deutſche Publikum nicht erröthen könnet, ſo erröthet vor Euch ſelbſt. Schämet Euch, Ihr Männer, wenn Ihr Eure Langeweile nicht anders tödten könnet, als mit Hülfe dieſes Clauren, ſchämet Euch, Ihr Frauen, wenn Ihr Gefallen finden könnet an dieſer niedrigſten Darſtellung Eures Geſchlechtes, Handbuche der Sinnlichkeit wieder finden wollet. Erröthet, wenn Ihr es in ſeiner Schule nicht verlernt habt, erröthet vor Euch. ſelbſt, Ihr Jungfrauen, Eure Phantaſie mit dieſen lüſternen Bildern zu ſchmücken. Es gibt eine moraliſche Keuſchheit, eine holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf 321 rechnen, daß ein Mäͤdchen ſie verloren hat, wenn ſie Claurens Erzählungen geleſen. Ueberlaſſet ſeine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren iſt. Man wird es ihnen ſo wenig übel nehmen, wenn ſie ihn leſen, als den Handwerksburſchen, wenn ſie auf der Straße unzüchtige Lieder ſingen. Meine Zuhoͤrer! Ich habe alſo vor Euch geſprochen, weil ich nicht anders konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge iſt vielleicht ſo tief geſunken, daß ſie nicht mehr an ſolche Worte glaubt, meine Stimme verhallt vielleicht in dem tauſendſtimmigen Hurrah, womit man in dieſem Augen⸗ blicke einen friſchen Strauß Vergißmeinnicht empfaͤngt. Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röthe der Scham aufjagten, die wie die Morgenroͤthe der Bote eines ſchoͤneren Lichtes iſt, wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüſtet ſich von ihm abwenden, ſo habe ich für mein Bewußt⸗ ſein genug gethan! Weiß ich doch, daß es in dieſen Landen noch Männer gibt, die mir im Geiſte danken, die mir die Hand drücken und ſagen:„Du haſt gedacht wie wir!“ Amen. W. Hanſf's Werke. Fl. 3 21 — — 1 “ 5 8— 3 3 1— 1 Luuurlaauaaaauazuamun Rfffſinfffnffſfnffffſffiſffffinnriſſſinſiſſſſſiſſe 1 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19