— 6 85 8 8 7. heutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih und LCeſebedingungen.— 1. Oifensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ¹2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 46 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betr⸗ 3 für wöchentlich auf 4 Monat: 1„„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für H der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Von der Parteien Gunſt und Haß verwirrt Schwankt ſein Charakterbild in der Geſchichte; Doch euren Augen ſoll ihn jetzt die Kunſt, Auch euren Herzen menſchlich näher bringen;— Sie ſieht den Menſchen in des Lebens Drang Und wälzt die größre Hälfte ſeiner Schuld Den unglückſeligen Geſtirnen zu⸗ Schiller. Die Sage, womit ſich die folgenden Blätter be⸗ ſchäftigen, gehört jenem Theil des ſüdlichen Deutſch⸗ lands an, welcher ſich zwiſchen den Gebirgen der Alp und des Schwarzwaldes ausbreitet. Das erſtere dieſer Gebirge ſchließt, von Nordweſt nach Süden in verſchie⸗ dener Breite ſich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieſes Land ein, der Schwarzwald aber ziehet ſich von den Quellen der Donau bis hinüber an den Rhein und bildet mit ſeinen ſchwärzlichen Tannenwäldern einen dunkeln Hintergrund für die ſchöne, fruchtbare, wein⸗ reiche Landſchaſt, die, vom Neckar durchſtrömt, an ſei⸗ nem Fuße ſich ausbreitet und Würtemberg heißt. 8 4 6 Dieſes Land ſchritt aus geringem, dunkelm Anfang unier mancherlei Kämpfen ſiegend zu ſeiner jetzigen Stellung unter den Nachbarſtaaten hervor. Es erregt dies um ſo größere Bewunderung, wenn man die Zeit bedenkt, in welcher ſein Name zuerſt aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mächtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern, um ſeine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren und äußeren Stürme bedenkt, die es durch⸗ zogen und oft ſelbſt ſeinen Namen aus den Annalen der Geſchichte zu vertilgen drohten. Gab es ja doch ſogar eine Zeit, wo der Stamm ſeiner Beherrſcher auf ewig aus den Hallen ihrer Vä⸗ ter verdrängt ſchien, wo ſein unglücklicher Herzog aus ſeinen Grenzen fliehen und in drückender Verbannung leben mußte, wo fremde Herren in ſeinen Burgen hausten, fremde Söldner das Land bewachten, und wenig fehlte, daß Wüxtemberg aufhörte zu ſein, jene blühenden Fluren zerriſſen und eine Beute für Viele, der eine Provinz des Hauſes ſterreich wurde. Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geſchichte ihrer Väter im Munde der Schwaben leben, iſt wohl keine von ſo hohem romantiſchen In⸗ tereſſe, als die, welche ſich an die Kämpfe der eben er⸗ wähnten Zeit, an das wunderbare Schickſal jenes un⸗ glücklichen Fürſten knüpft. Wir haben verſucht, ſie wiederzugeben, wie man ſie auf den Höhen von Lich⸗ tenſtein und an den Ufern des Neckars erzählen hört, wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, ver⸗ kannt zu werden. Man wird uns nämlich entgegen⸗ ——y— — deſſen Andenken nicht nur in Würtemberg, ſondern in ganz 7 halten, daß ſich der Charakter Ulerichs von Würtem⸗ berg' nicht dazu eigne, in einem hiſtoriſchen Romane mit milden Farben wiedergegeben zu werden. Man hat ihn vielfach angefeindet, manches Auge hat ſich ſogar daran gewöhnt, wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Würtembergs muſtert, mit ſcheuem Blick vom ältern Gberhard auf Chriſtoph* überzuſprin⸗ gen, als ſei das Unglück eines Landes nur allein in ſei⸗ nem Herrſcher zu ſuchen, oder als ſei es verdienſtlich, das Auge mit Abſcheu zu wenden von den Tagen der Noth. Und doch möchte es die Frage ſein, ob man nicht in Beurtheilung dieſes Fürſten nur ſeinem erbittert⸗ ſten Feinde, Ulerich von Hutten, nachbetet, der, um wenig zu ſagen, hier allzuſehr Partei iſt, um als lei⸗ denſchaftsloſer Zeuge gelten zu können. Die Stimmen aber, die der Herzog und ſeine Freunde erhoben, hat der rauſchende Strom der Zeit übertäubt, ſie haben die zugleich anklagende und richtende Beredſamkeit ſeines Feindes, jene donnernde Philippica in ducem Ulericum, nicht überdauert. „ Ulerich von Würtemberg, geb. 1487, wurde 1498 in ſeinem elften Jahre als Herzog belehnt mit einer Mit⸗ regentſchaft, welche in ſeinem ſechzehnten Jahre aufgehoben wurde, worauf Ulerich von 1503 an allein regierte. Er ſtarb im Jahr 1550. 48 Es iſt hier Eberhard im Bart gemeint, der, geb. 4445, geſt. 1496, ſehr weiſe regierte. Er war der erſte Herzog von Würtembeig. Chriſtoph, geb. 1515, geſt. 1568, ein Fürſt, Deutſchland geſegnet wird. Er iſt der Stifter der würtember⸗ giſchen Conſtitutton. 1 * 8 Wir haben faſt alle gleichzeitige Schriftſteller, die Stimmen eines längſtvergangenen vielbewegten Jahr⸗ hunderts gewiſſenhaft verglichen, und fanden keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen Einfluß Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuüben pflegen, wenn man bedenkt, daß Ulerich von Würtemberg unter der Vormundſchaft ſchlechter Räthe aufwuchs, die ihn zum Böſen anleite⸗ ten, um ihn nachher zu mißbrauchen, wenn man ſich erinnert, daß er in einem Alter die Zügel der Regie⸗ rung in die Hände bekam, wo der Knabe kaum zum Jüngling reif iſt, ſo muß man wenigſtens die erhabe⸗ nen Seiten ſeines Charakters, hohe Seelenſtärke und einen Muth, der nie zu unterdrücken iſt, bewundern, ſollte man es auch nicht über ſich vermögen, die Här⸗ ten damit zu mildern, die in ſeiner Geſchichte das Auge beleidigen. Das Jahr 1519, in welches unſere Sage fällt, hat über ihn entſchieden, denn es iſt der Anfang ſeines langen Unglückes. Doch darf die Nachwelt ſagen, es war der Anfang ſeines Glückes. War ja doch jene lange Verbannung ein läuterndes Feuer, woraus er weiſe und kräftiger als je hervorging. Es war der Anfang ſeines Glückes, denn ſeine ſpäteren Regenten⸗ jahre wird jeder Würtemberger ſegnen, der die religiöſe Umwälzung, die dieſer Fürſt in ſeinem Vaterlande be⸗ werkſtelligte, für ein Glück anſieht. In jenem Jahr war Alles auf die Spitze geſtellt. Der Aufruhr des armen Konrad war ſechs Jahre frü⸗ her mit Mühe geſtillt worden. Doch war das Landvolk — *— ——— ———— 4 —— — 9 hie und da noch ſchwierig, weil der Herzog daſſelbe nicht für ſich zu gewinnen wußte, ſeine Amtleute auf ihre eigene Fauſt arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den ſchwäbiſchen Bund, eine mäch⸗ tige Vereinigung von Fürſten, Grafen, Rittern und freien Städten des Schwaben⸗ und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt, hauptſächlich auch da⸗ durch, daß er ſich weigerte, ihm beizutreten. So ſahen alſo alle ſeine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf ſein Thun, als wollten ſie nur Gelegenheit abwar⸗ ten, ihn fühlen zu laſſen, welch mächtiges Bündniß er verweigert habe. Der Kaiſer Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, beſonders ſeit er im Verdacht war, den Ritter Götz von Ber⸗ lichingen unterſtützt zu haben, um ſich an dem Kurfür⸗ ſten von Mainz zu rächen.. Der Herzog von Baiern, ein mächtiger Nachbar, dazu ſein Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulerich mit der Herzogin Sabina nicht zum beſten lebte. Zu allem dieſem kam, um ſein Verderben zu beſchleuni⸗ gen, die Ermordung eines fränkiſchen Ritters, der an ſeinem Hofe lebte. Glaubwürdige Chroniſten ſagen, das Verhältniß des Johann von Hutten zu Sabina ſei nicht ſo geweſen, wie es der Herzog gern ſah. Da⸗ her griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm ſeine Untreue vor, forderte ihn auf, ſich ſeines Lebens zu erwehren und ſtach ihn nieder. Die Huttenſchen, hauptſächlich Ulerich von Hutten, erhoben ihre Stim⸗ men wider ihn, und in ganz Deutſchland erſcholl ihr Klage⸗ und Rachegeſchrei⸗ 10 Auch die Herzogin, die durch ſtolzes, zänkiſches Weſen Ulerich ſchon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hülfe Dietrichs von Spät, und ſie und ihre Brüder traten als Kläger und bittere Feinde bei dem Kaiſer auf.“* Es wurden Verträge geſchloſſen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorſchläge an⸗ geboten und wieder verworfen, die Noth um den Her⸗ zog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte ſich ſein Sinn nicht, denn er meinte, recht gethan zu haben. Der Kaiſer ſtarb in dieſer Zeit. Er war ein Herr, der Ulerich trotz den vielen Klagen dennoch Milde bewieſen hatte. An ihm ſtarb dem Herzog ein unparteiiſcher Richter, den er in dieſen Bedrängniſſen ſo gut hätte brauchen können, denn das Unglück kam jetzt ſchnell.. Man feierte das Leichenfeſt des Kaiſers zu Stutt⸗ gart in der Burg, als dem Herzog Kunde kam, daß Reutlingen, eine Reichsſtadt, die in ſeinem Gebiete. lag, ſeinen Waldvogt auf Achalm erſchlagen habe. Dieſe Städtler hatten ihn ſchon oft empfindlich belei⸗ digt, ſie waren ihm verhaßt und ſollten jetzt ſeine Rache fühlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war, warf er ſich aufs Pferd, ließ die Lärmtrommeln tönen durch das Land, belagerte die Stadt und nahm ſie ein. Der * Christ. Tubingii Chron. Blabur. ad annum 1516: Maximilianus Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici aliorumque non multum Udal- rico deinceps favere cepit. — — 11 „Herzog ließ ſich von ihnen huldigen und die Reichsſtadt war würtembergiſch.* Aber jetzt erhob ſich der ſchwäbiſche Bund mit Macht, denn dieſe Stadt war ein Glied deſſelben ge⸗ weſen. So ſchwer es auch ſonſt hielt, dieſe Fürſten, Grafen und Städte alle aufzubieten, ſo weilten ſie doch hier nicht, ſondern hielten zuſammen, denn der Haß iſt ein feſter Kitt. Umſonſt waren Ulerichs ſchrift⸗ liche Vertheidigungen.** Das Bundesheer ſammelte ſich bei Ulm und drohte mit einem Einfall. So war alſo in dem Jahr 1519 Alles auf die Spitze geſtellt. Konnte der Herzog das Feld behaup⸗ ten, ſo behielt er Recht, und es war nicht zu zweifeln, daß er dann großen Anhang bekommen würde. Gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem Felde zu ſchlagen, 5 dann wehe ihm. Wo ſo Vieles zu rächen war, durfte er keine Schonung erwarten. Die Blicke Deutſchlands hingen bange an dem Er⸗ folg dieſes Kampfes, ſie ſuchten begierig durch den Vorhang des Schickſals zu dringen und zu erſpähen, ² Das Nähere über dieſe Einnahme iſt in der trefflichen Geſchichte Würtembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geſchichte der Herzoge von Würtemberg II. 5, hauptſächlich aber bei Pedius Thethinger in Comment. de reb. würtemb. sub Ulrico Lib. I. in fine, und Schradius seript. rerum germ. Tom. II. p. 885 zu leſen. ar Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Heſſen ein Bündniß errichtet auf zweihundert Reiter und ſechshundert zu Fuß, eben ſo mit Markgraf Ernſt von Baden, aber ſie ent⸗ ſchuldigten ſich Veide, daß ſie ſelbſt mit einem Einfall bedroht ſeien. 12 was die künftigen Tage bringen werden, ob Würtem⸗ berg geſiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe. Wir rollen dieſen Vorhang auf, wir laſſen Bild an Bild vorüberziehen, möge das Auge nicht zu frühe ermüdet ſich davon abwenden. Oder ſollte es ein zu kühnes Unternehmen ſein, eine hiſtoriſche Sage der Vorzeit in unſern Tagen wieder zu erzählen? Sollte es unbillig ſein, zu wünſchen, daß ſich die Aufmerkſamkeit des Leſers einige kurze Stun⸗ den nach den Höhen der ſchwäbiſchen Alb und nach den lieblichen Thälern des Neckars wende? Die Quellen des Susquehannah und die maleriſchen Höhen von Boſton, die grünen Ufer des Tweed und die Gebirge des ſchottiſchen Hochlandes, Altenglands luſtige Sitten und die romantiſche Armuth der Galen leben, Dank ſei es dem glücklichen Pinſel jener berühmten Novelliſten, auch bei uns in Aller Munde. Begierig liest man in getreuen übertragungen, die wie Pilze aus der Erde zu wachſen ſcheinen, was vor ſechzig oder ſechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den Wäldern von Wallis ſich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geſchichte der drei Reiche ſo genau inne haben, als hätten wir ſie nach den gelehrteſten Forſchungen ergründet. Und doch iſt es meiſt nur der große Unbekannte, der uns die Bücher ſeiner Chro⸗ niken erſchloß und Bild an Bild in unendlicher Reihe vor dem ſtaunenden Auge vorüberführte. Er iſt es, der dieſen Zauber bewirkte, daß wir in Schottlands Geſchichte beinahe beſſer bewandert ſind, als in der unſrigen, und daß wir die religiöſen und weltlichen — 13 Händel unſerer Vorzeit bei weitem nicht ſo deutlich kennen, als die Presbyterianer und Epiſcopalen Albions. Und in was beſteht der Zauber, womit jener unbe⸗ kannte Magier unſere Blicke und unſere Herzen nach den„bergigten Heiden“ ſeines Vaterlandes zog? Viel⸗ leicht in der ungeheuern Maſſe deſſen, was er erzählt, in der grauenvollen Anzahl von hundert Bänden, die er uns über den Kanal ſchickte? Aber auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Meſſen Hülfe Männer von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder haben vielleicht die Berge von Schottland ein glänzen⸗ deres Grün, als der deutſche Harz, der Taunus und die Höhen des Schwarzwaldes. Ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die Donau, ſind ſeine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins? Sind vielleicht jene Schotten ein intereſſan⸗ terer Menſchenſchlag, als der, den unſer Vaterland trägt, hatten ihre Väter rötheres Blut als die Schwa⸗ ben und Sachſen der alten Zeit, ſind ihre Weiber lie⸗ benswürdiger, ihre Mädchen ſchöner als die Töchter Deutſchlands? Wir haben Urſache, daran zu zweifeln, und hierin kann alſo jener Zauber des Unbekannten nicht liegen. Aber darin liegt er wohl, daß jener große Novelliſt auf hiſtoriſchem Grund und Boden geht, nicht als ob der unſerige weniger geſchichtlich wäre, aber wir haben ja ſchon ſeit Jahrhunderten uns angewöhnt, unter fremdem Himmel zu ſuchen, was bei uns ſelbſt blühte, und wie wir die rohen Stoffe ausführen, um ſie in an⸗ derer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als theure . 14 Kleinode wieder in unſere Grenzen aufzunehmen, ſo bewundern wir jedes Fremde und Ausländiſche, nicht, weil es groß oder erhaben, ſondern weil es nicht in unſern Thälern gewachſen iſt. Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die reich an bürgerlichen Kämpfen, uns nicht weniger intereſſant dünkt, als die Vorzeit des Schotten. Darum haben auch wir gewagt, ein hiſtoriſches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene kühnen Umriſſe der Ge⸗ ſtalten, jenen zauberiſchen Schmelz der Landſchaft dinfe weist, und wenn das an ſolche Herrlichkeiten gewöh Auge umſonſt die ſüße, bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geſchürzten Schickſalsknoten darin ſucht, ja wenn ſogar unſere Farben matt, unſer Crayon ſtumpf erſcheint, doch Eines zur Entſchuldigung für ſich haben möchte, ich meine die hiſtoriſche Wahrheit. I. Was ſoll doch dies Trommeten ſein? Was deutet dies Geſchrei? Will treten an das Fenſterlein, 4 Ich ahne, was es ſei. uhland. Nach den erſten trüben Tagen des März 1519 war endlich am zwölften ein recht freundlicher Morgen über der Reichsſtadt Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um dieſe Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt liegen, waren ſchon lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und weiter wurde die Aus⸗ ſicht in die Ebene über den Fluß hinüber. Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen dunkeln Giebelhäuſern hatte der ſchöne Morgen heller als ſonſt beleuchtet, und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen feſtlichen Anſehen der Stadt gar trefflich paßte. Die große Herd⸗ bruckergaſſe— ſie führt von dem Donauthor an das Rathhaus— ſtand an dieſem Morgen gedrängt voll Menſchen, die ſich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Häuſer hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte der Gaſſe übrig laſſend. Ein 88 Gemurmel geſpannter Erwartung lief durch 16 die Reihen, und brach nur in ein kurzes Gelächter aus, wenn eiwa die alten, ſtrengen Stadtwächter eine hüb⸗ ſche Dirne, die ſich zu vorlaut in den freigelaſſenen Raum gedrängt hatte, etwas unſanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten, oder wenn ein Schalk ſich den Spaß machte,„ſie kommen! ſie kom⸗ men!“ rief, alles lange Hälſe machte und ſchaute, bis es ſich zeigte, daß man ſich wieder getäuſcht habe. Noch dichter aber war das Gedränge da, wo die Herdbruckergaſſe auf den Platz vor dem Rathhaus ein⸗ biegt. Dort hatten ſich die Zünfte aufgeſtellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeiſtern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Bräuer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, ſie alle waren im Sonntagswamms und wohlbewaffnet zahlreich dort verſammelt. Bot aber ſchon die Menge hier unten einen fröh⸗ lichen, feſtlichen Anblick dar, ſo war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häuſern der Straße ſelbſt. Bis an die Giebeldächer waren alle Fenſter voll geputzter Frauen und Mädchen, um welche ſich die grünen Tannen⸗ und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tücher, mit welchen die Seiten geſchmückt waren, wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen. Das anmuthigſte Bild gewährte wohl ein Erker⸗ fenſter am Hauſe des Herrn Hans von Beſſerer. Dort ſtanden zwei Mädchen, ſo verſchieden an Geſicht, Ge⸗ ſtalt und Kleidung, und doch Beide von ſo ausgezeich⸗ neter Schönheit, daß, wer ſie von der Straße betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vor⸗ zug geben möchte. 19 Standpunkt trefflich gewählt, um das Schauſpiel, deſſen ſie harrten, ganz zu genießen. Die Gaſſe zwiſchen den beiden Reihen des Volkes war indeß mit Mühe weiter gemacht worden, die Stadtwächter ſtellten ſich mit weit ausgeſtreckten Helle⸗ barden auf, tiefe Stille herrſchte unter der ungeheuern Menge, nur das Geläute der Glocken tönte noch fort. Jetzt hörte man den dumpfen Schall der Pauken, vermiſcht mit den hohen Klängen der Zinken und Trompeten, und durch das Thor herein bewegte ſich ein langer glänzender Zug von Reitern. Die Stadt⸗ pauker und Trompeter, die berittene Schaar der Ulmer Patrizierſöhne war eine zu alltägliche Erſcheinung, als daß das Auge lange darauf verweilt hätte. Als aber das ſchwarz und weiße Banner der Stadt, mit dem Reichs⸗ adler, als Fahnen und Standarten aller Größen und Farben, zum Thor herein ſchwankten, da dachten die Zuſchauer, daß jetzt der rechte Augenblick gekommen ſei. Auch unſere Schönen im Erkerfenſter ſchärften jetzt ihre Blicke, als man die Menge am untern Theil der Straße ehrerbietig die Mützen abnehmen ſah. Auf einem großen, ſtarkknochigen Roſſe nahte ein Mann, deſſen kräftige Haltung, deſſen heiteres, fri⸗ ſches Anſehen in ſonderbarem Contraſt ſtand mit der tiefgefurchten Stirne und dem ſchon ins Graue ſpie⸗ lenden Haar und Bart. Er trug einen zugeſpitzten Hut mit vielen Federn, einen Bruſtharniſch über ein eng anſchließendes rothes Wamms, Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeſchlitzt, die wohl von Neuem recht hübſch geweſen fein mochten, aber durch Regen und 20 Strapazen eine einfuͤrmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite, ſchwere Reiterſtiefel ſchloſſen ſich unter den Knieen an. Seine einzige Waffe, ein ungewöhnlich großes Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollen⸗ dete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren früh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieſes Mannes war eine lange goldene Kette von dicken Ringen, fünf⸗ mal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von gleichem Metall auf die Bruſt herabhing. „Sagt geſchwind, Oheim, wer iſt der ſtattliche Mann, der ſo jung und alt ausſieht?“ rief die Blonde, indem ſie das Köpfchen ein wenig nach dem ſchwarzen Herrn, der hinter ihr ſtand, zurückbeugte. „Das kann ich Dir ſagen, Bertha,“ antwortete dieſer.„Es iſt Georg von Frondsberg,“ oberſter Feld⸗ hauptmann des bündiſchen Fußvolkes, ein wackerer Mann, wenn er einer beſſeren Sache diente!“ „Behaltet Eure Bemerkungen für Euch, Herr Würtemberger,“ entgegnete ihm die Kleine, indem ſie lächelnd mit dem Finger drohte,„Ihr wißt, daß die Ulmer Mädchen gut bündiſch ſind!“ Der Oheim aber, ohne ſich irre machen zu laſſen, fuhr fort:„Jener dort auf dem Schimmel iſt Truchſes Waldburg, der Feldlieutenant,“* dem auch etwas von * Georg von Frondsberg, geb. 1475, geſt. 1528, einer der berühmteſten Feldherren ſeiner Zeit, der in Deutſchland, Frankreich, Italien, den Niederlanden ſich mit Ruhm bedeckte. Er iſt derſelbe, der 4521 zu Luther, der auf den Reichstag zu Worms geladen war, jene denkwürdigen Worte ſagt:„Münch⸗ lein, Münchlein, Du gehſt jetzt einen gefährlichen Gang“ ac. 2s So nennt ihn Sattler, Geſchichte der Herzoge II. 8. Letzteren. 21 unſerem Würtemberg wohl anſtünde. Dort hinter ihm kommen die Bundesoberſten. Weiß Gott, ſie ſehen aus wie Wölfe, die nach Beute gehen.“ „Pfui! verwitterte Geſtalten!“ bemerkte Bertha, „ob es wohl auch der Mühe werth war, Bäschen Marie, daß wir uns ſo putzten? Aber ſiehe da, wer i*ſt der junge ſchwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das bleiche Geſicht und die feurigen ſchwarzen Augen! Auf ſeinem Schilde ſteht: Ich hab's ge⸗ wagt.“ „Das iſt der Ritter Ulerich von Hutten,“ erwiderte ter Alte, dem Gott ſeine Schmähworte gegen unſern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das iſt ein gelehrter, frommer Herr. Er iſt zwar des Herzogs bitterſter Feind, aber ich ſage ſo. Denn was wahr iſt, muß wahr bleiben!*. „Und ſiehe, da ſind Sickingens** Farben, wahr⸗ haftig, da iſt er ſelbſt. Schaut hin, Mädchen, das iſt Franz von Sickingen. Sie ſagen, er führe tauſend Reiter in das Feld. Der iſts mit dem blanken Harniſch und der rothen Feder.“ * Ulerich von Hutten, geb. 1488, ſtarb 4523 in Ufnau am Zürcherſee. Er iſt berühmt durch eine große Anzahl Schriſten und als kühner Beförderer der Reformation. Er griff Ulerich von Würtemberg in Gedichten, Brieſen und Reden an, die der gelehrte Nicolaus Barbatus zu Marburg in ſehr geläufigem Latein mit triftigen Gründen widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt iſt ſein Wahtſpruch:„Jacta alea esto.“ ** Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenoſſe des Er wird in dieſem Kriege von Sattler als öſterrei⸗ chiſcher Rath auſgeführt. „Aber ſagt mir, Oheim,“ fragte Bertha wieder, „welches iſt denn Götz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft ſo viel erzählt. Er iſt ein gewaltiger Mann und hat eine Fauſt von Eiſen. Reitet er nicht mit den Städten?“ 2 „Götz und die Städtler nenne nie in einem Athem,“ ſprach der Alte mit Ernſt.„Er hält zu Würtemberg.“* Ein großer Theil des Zuges war während dieſem Geſpräch am Fenſter vorüber gezogen, und mit Ver⸗ wunderung hatte Bertha bemerkt, wie gleichgültig und theilnahmlos ihre Baſe Marie hinabſchaue. Es war zwar ſonſt des Mädchens Art, ſinnend, zuweilen wohl auch träumend auszuſehen, aber heute, bei einem ſo glänzenden Aufzug, ſo ganz ohne Theilnahme zu ſein, däuchte ihr ein großes Unrecht. Sie wollte ſie eben zur Rede ſtellen, als ein Geräuſch von der Straße her ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ein mächtiges Roß bäumte ſich in der Mitte der Straße unter ihrem Fen⸗ ſter, wahrſcheinlich ſcheue gemacht durch die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener Kopf e Götz von Berlichingen erzählt in ſeinem Leben(Ausgabe von Franck von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläuſig, wie es ſich zugetragen, daß er zum Herzog Ulerich gehalten habe. S. 442 fährt er fort:„Da zog der Herzog vor Reutlingen und gewann es auch, darum ſich auch Ihre fürſtliche Gnaden und mein Unglück anheben that, daß Ihre fürſtliche Gnaden verjagt worden, und ich darob zu Scheitern ging.“ Denn der ſchwäbiſche Bund nahm nicht Rückſicht darauf, daß Götz kurz vorher dem Herzog ſeine Dienſte aufgeſagt hatte, ſondern bela- gerte ihn in Möckmühl und nahm ihn gefangen⸗ — 23 verdeckte den Reiter, ſo daß nur die wehenden Federn des Barets ſichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunter riß und zum Stehen brachte, ließ einen jungen muthigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anſtrengung über das Geſicht herabgefallen. Als er es zurückſchlug, traf ſein Blick das Erkerfenſter. „Nun, dies iſt doch einmal ein hübſcher Herr,“ flüſterte die Blonde ihrer Nachbarin zu, ſo heimlich, ſo leiſe, als fürchte ſie, von dem ſchönen Reiter ge⸗ hört zu werden;„und wie er artig und höflich iſt! Sieh nur, er hat uns gegrüßt, ohne uns zu kennen!“ Aber das ſtille Bäschen Marie ſchien der Kleinen nicht viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ein glühendes Roth zog über die zarten Wangen. Jal wer die ernſte Jungfrau geſehen hätte, wie ſte ſo kalt auf den Zug hinabſah, hätte wohl nie geahnet, daß ſo viel holde Freundlichkeit um dieſen Mund, ſo viel Liebe in dieſem ſinnenden Auge wohnen könnte, als in jenem Au⸗ genblick ſichtbar wurde„ wo ſie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruß des jungen Ritters erwiderte. Der kleinen Schwätzerin war unſere flüchtige, aber wahre Bemerkung über dem Anblick des ſchönen Man⸗ nes völlig entgangen.„Nur ſchnell, Oheim!“ rief ſie und zog den alten Herrn am Mantel,„wer iſt dieſer in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?“ „Liebes Kind!“ antwortete der Oheim,„den habe ich in meinem Leben nicht geſehen. Seinen Farben nach ſteht er in keinem beſondern Dienſt, ſondern * 24 reitet wohl auf ſeine eigene Fauſt gegen mainen Herzog und Herrn, wie ſo viele Hungerleider, die ſich an unſern Töpfen laben wollen.“ „Mit Euch iſt doch nichts anzufangen,“ ſagte die Kleine und wandte ſich unmuthig ab.„Die alten und. gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem hübſchen, höflichen Junker fragt, wißt Ihr nichts. Du biſt auch ſo, Marie, machteſt Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozeſſion am Frohnleichnam wäre; ich wette, Du haſt das Schönſte von Allem nicht geſehen, und hatteſt noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere Leute vorbeiritten!“ Der Zug hatte ſich während dieſer Strafrede Ber⸗ tha's vor dem Rathhauſe aufgeſtellt; die bündiſche Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig Intereſſe mehr für die beiden Mädchen. Als daher die Herren abgeſeſſen und zum Imbiß ins Rathhaus gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das Volk ſich allmählig zu verlaufen begann, zogen auch ſie ſich vom Fenſter zurück. Bertha ſchien nicht ganz zufrieden zu ſein. Ihre Neugier war nur halb befriedigt. Sie hütete ſich übrigens wohl, vor dem alten, ernſten Oheim etwas merken zu laſſen. Als aber dieſer das Gemach verließ, wandte ſie ſich an ihre Baſe, die noch immer träumend am Fenſter ſtand. „Nein, wie Einen doch ſo etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben, wenn ich wüßte, wie er heißt. Daß Du aber auch gar keine Augen haſt, Ma⸗ ——— 2⁵ rie! Ich ſtieß Dich doch an, als er grüßte. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche vunkle Augen, das ganze Geſicht ein wenig bräunlich, aber hübſch, ſehr hübſch. Ein Bärtchen über dem Mund, nein! ich ſage Dir— wie Du jetzt nur wieder gleich roth werden kannſt!“ fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort,„als ob zwei Mädchen, wenn ſie allein ſind, nicht von dem ſchönen Mund eines jungen Herrn ſprechen dürften. Dies geſchieht oft bei uns. Aber freilich bei Deiner ſeligen Frau Muhme in Tübingen und bei Deinem ernſten Vater in Lichtenſtein kamen ſolche Sachen nicht zur Sprache, und ich ſehe ſchon, Bäschen Marie träumt wieder und ich muß mir ein Ulmer Stadtkind ſuchen, wenn ich auch nur ein klein wenig ſchwatzen will.“ Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas ſchelmiſch gefunden hätten. Bertha aber nahm den großen Schlüſſelbund vom Haken an der Thüre, ſang ſich ein Liedchen und ging, um noch Einiges zum Mittageſſen zu rüſten. Denn wenn man ihr auch etwas zu große Neugierde vorwerfen konnte, ſo war ſie doch eine zu gute Haushälterin, als daß ſie über der flüchtigen Erſcheinung des höflichen Reiters das Zugemüſe und den Nachtiſch vergeſſen hätte. Sie hüpfte hinaus und ließ ihre Baſe allein bei ihren Gedanken. Und auch wir ſtören ſie nicht, wenn ſie jetzt die ſchönen Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erſcheinung mit einemmal aus den tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn ſie jener Zeit gedenkt, wo ein flüchliger Blick von ihm, ein Druck ſeiner Hand ihre Tage erhellte, wenn ſie jener Nächte gedenkt, wo ſie im ſtillen Kämmerlein, unbelauſcht von der ſeligen Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige Farben ſie heute aus ihren Träumen weckten. Wir lauſchen nicht, wenn ſie erröthend und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen ſich fragt, ob Bäschen Bertha den ſüßen Mund des Geliebten richtig beſchrieben habe? II. Steigt Deine Hoffnung wieder? Iſt nicht Dein Herz entbrannt? Du fühlſt Dich, Jüngling, wieder Im alten Schwabenland. G. Schwab. Der feſtliche Aufzug, den wir auf den letzten Blät⸗ tern beſchrieben haben, galt den Häuptern und Ober⸗ ſten des ſchwäbiſchen Bundes, der an dieſem Tage, auf ſeinem Marſch von Augsburg, wo er ſich verſammelt hatte, in Ulm einzog. Der Leſer kennt aus der Einlei⸗ tung die Lage der Dinge. Herzog Ulerich von Wür⸗ temberg hatte durch die Unbeugſamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzuheftigen Ausbrüche ſeines Zornes und ſeiner Rache, durch die Kühnheit, mit welcher er, der Einzelne, ſo vielen verbündeten Fürſten und Her⸗ ren die Stirne bot, zuletzt noch durch die plötzliche Ein⸗ nahme der Reichsſtadt Reutlingen den bitterſten Haß des Bundes auf ſich gezogen. Der Krieg war unver⸗ meidlich; denn es ſtand nicht zu erwarten, daß man, ſo weit gegangen, friedliche Vorſchläge thun werde. Hiezu kamen noch die beſondern Rückſichten, die Jeden leiteten. Der Herzog von Baiern, um ſeiner 28 Schweſter Sabina Genugthuung zu verſchaffen, die Schaar der Huttenſchen, um Ihren Stammesvetter zu rächen, Dietrich von Spät“ und ſeine Geſellen, um ihre Schmach in Würtembergs Unglück abzuwaſchen, die Städte und Städtchen, um Reutlingen wieder gut bündiſch zu machen, ſie alle hatten ihre Banner ent⸗ rollt und ſich mit blutigen Gedanken und lüſtern nach gewiſſer Beute eingeſtellt. Bei weitem friedlicher und fröhlicher waren bei die⸗ ſem Einzug die Geſinnungen Georgs von Sturm⸗ feder, jenes„artigen Reiters,“ der Bertha's Neu⸗ gierde in ſo hohem Grade erweckt, deſſen unerwartete Erſcheinung Mariens Wangen mit ſo tiefem Roth ge⸗ färbt hatte. Wußte er doch kaum ſelbſt, wie er zu die⸗ ſem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunächſt für das Waffenwerk beſtimmt war. Aus einem armen, aber angeſehenen Stamme Frankens entſproſſen, war er, frühe verwaist, von einem Brnder ſeines Vaters erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck des Adels zu ſchätzen. Daher wählte ſein Oheim für ihn dieſe Laufbahn. Die Sage erzählt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tübingen, die damals in ihrem erſten Erblühen war, in Wiſſenſchaf⸗ ten viel gethan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, daß er einem Fräulein von Lichtenſtein, die bei einer Muhme in jener Muſenſtadt lebte, wärmere Theilnahme „ Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem Lande behülflich geweſen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren Gütern genvmmen. 8 —ÿ 29 ſchenkte, als den Lehrſtühlen der berühmteſten Doktoren. Man erzählt ſich auch, daß das Fräulein mit ernſtem, beinahe männlichem Geiſte alle Künſte, womit Andere ihr Herz beſtürmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man ſchon damals alle jene Kriegsliſten, ein hartes Herz zu erobern; und die Jünger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht beſſer ſtudirt, als die heu⸗ tigen. Es ſollen aber weder nächtliche Liebesklagen, noch fürchterliche Schlachten und Kämpfe um ihren Be⸗ ſitz die Jungfrau erweicht haben. Nur Einem gelang es, dieſes Herz für ſich zu gewinnen, und dieſer Eine war Georg. Sie haben zwar, wie es ſtille Liebe zu thun pflegt, Niemand geſagt, wann und wo ihnen der erſte Strahl des Verſtändniſſes aufging, und wir ſind weit entfernt, uns in dieſes ſüße Geheimniß der erſten Liebe eindrängen zu wollen, oder gar Dinge zu erzäh⸗ len, die wir geſchichtlich nicht belegen können. Doch können wir mit Grund annehmen, daß ſie ſchon bis zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrängt von äußeren Verhältniſſen, gleichſam als Troſt für das Scheiden, ewige Treue ſchwört. Denn als die Muhme in Tübingen das Zeitliche geſegnet, und Herr von Lich⸗ tenſtein ſein Töchterlein zu ſich holen ließ, um ſie nach Ulm, wo ihm eine Schweſter verheirathet war, zu wei⸗ terer Ausbildung zu ſchicken, da merkte Roſe, Mariens alte Zofe, daß ſo heiße Thränen und die Sehnſucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der Sänfte zurückſah, nicht den bergigten Straßen, denen ſie Valet ſagen mußte, allein gelte. Bald darauf langte auch ein Sendſchreiben an Georg 30 an, worin ihm ſein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht gelehrt genug ſei? Dieſer Ruf kam ihm erwünſcht. Seit Mariens Abreiſe waren ihm die Lehrſtühle der gelehrten Doktoren, die finſtere Hügelſtadt, ja ſelbſt das liebliche Thal der Ne⸗ ckars war ihm verhaßt geworden. Mit neuer Kraft er⸗ friſchte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen ent⸗ gegenſtrömte, als er an einem ſchönen Morgen des Februar aus den Thoren Tübingens ſeiner Heimath entgegen ritt. Wie die Sehnen ſeiner Arme in dem friſchen Morgen ſich ſtraffer anzogen⸗ wie die Muskeln ſeiner Fauſt kräftiger in den Zügel faßten, ſo erhob ſich auch ſeine Seele zu jenem friſchen heiteren Muthe, der dieſem Alter ſo eigen iſt, wenn die Gewißheit eines ſü⸗ ßen Glückes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung noch nicht geſchärft, Unglück noch nicht ge⸗ trübt hat, die Zukunft heiter und freundlich ſich aus⸗ breitet. Wie der klare See, der das heitere Bild, das auf ihn herabſchaut, nicht minder freundlich zurückwirft, und mit dieſen reizenden Farben ſeine Tiefe verhüllt, ſo hat gerade das Ungewiſſe dieſer Zukunft ſeinen eigen⸗ thümlichen Reiz. Man glaubt im Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Glück ſeine Gunſt abzurin⸗ gen, und dies Vertrauen auf ſich ſelbſt gibt bei weitem muthigere Zuverſicht, als die mächtigſte Hülfe von außen. So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schönbuchwald ſeiner Heimath zuzog⸗ Zwar brachte ihn dieſer Weg dem Liebchen nicht näher, zwar konnte er nichts ſein nennen als das Roß, das er 31 eben ritt, und die Burg ſeiner Väter, von welcher der Volkwitz ſang: En Haus auf drei Stützen, Wer vorn hereinkommt, Kann hinten nicht ſitzen. Aber er wußte, daß dem feſten Willen hundert Wege offen ſtehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Römers: Fortes fortuna juvat, hatte ihm noch nie gelogen. 4 Wirklich ſchienen auch ſeine Wünſche nach einer thätigen Laufbahn bald in Erfüllung zu gehen. Der Herzog von Würtemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus einer Reichsſtadt zur Land⸗ ſtadt gemacht, und es war kein Zweifel an einem Krieg. Der Erfolg ſchien aber damals ſehr ungewiß. Der ſchwäbiſche Bund, wenn er auch erfahrnere Feldherren und geuͤbtere Soldaten zählte, hatte doch in allen Krie⸗ gen durch Uneinigkeit ſich ſelbſt geſchadet. Ulerich, auf ſeiner Seite, hatte vierzehntauſend Schweizer, tapfere, kampfgeübte Männer, geworben, aus ſeinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder geübte, doch zahl⸗ reiche und tüchtige Truppen ziehen, und ſo ſtand die Wage im Februar 151¹9 noch ziemlich gleich. Wo Alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht müßig bleiben zu dürfen. Ein Krieg war ihm er⸗ wünſcht. Es war eine Laufbahn, die ihn ſeinem Ziele, un Marie würdig freien zu können, bald nahe bringen onnte. Zwar zog ihn ſein Herz weder zu der einen, noch — —= 32 zu der andern Partei. Vom Herzog ſprach man im Lande ſchlecht, des Bundes Abſichten ſchienen nicht die reinſten. Als aber durch Geld und Klagen der Hutten⸗ ſchen, und durch die Ausſicht auf reiche Beute beſtochen, achtzehn Grafen und Herren, deren Beſitzungen an ſein Gütchen grenzten, auf einmal“ dem Herzog ihre Dienſte aufſagten, da ſchien es ihn zum Bunde zu ziehen. Den Ausſchlag gab die Nachricht, daß der alte Lichtenſtein mit ſeiner Tochter in Ulm ſich befinde. Auf jener Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und 82 bot er dem Bunde ſeine Dienſte an. Die fränkiſche Ritterſchaft, unter Anführung Lud⸗ wigs von Hutten, zog ſich am Anfang des März gegen Augsburg hin, um ſich dort mit Ludwig von Baiern und den übrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte ſich das Heer geſammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je näher ſie dem Gebiete ihres Feindes kamen. Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der äußerſten Stadt ſeines Landes gegen Ulm und Baiern hin, gela⸗ gert. In Ulm ſollte jetzt noch einmal zuvor im großen Kriegsrath der Feldzug beſprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die Würtemberger zur ent⸗ ſcheidenden Schlacht zu nöthigen. An friedliche Unter⸗ handlungen wurde, da man ſo weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Loſung und Sieg der Gedanke des Heeres, als ein friſcher Morgenwind ihnen die Grüße des ſchweren Geſchützes von den Wällen der Stadt entgegen trug, als das Geläute aller Glocken * Siehe E. Pfaffs Geſchichte 1. 288. 4 33 zum Willkomm vom andern Ufer der Donau herüber⸗ tönte. Wohl ſchlug auch Georgs Herz höher bei dem Ge⸗ danken an ſeine erſte Waffenprobe. Aber wer je in ähnlicher Lage ſich befand, wird ihn nicht tadeln, daß auch friedlichere Gedanken in ſeiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergeſſen ließen. Als zuerſt, noch in weiter Ferne, das koloſſale Münſter aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhüllende Dunſtſchleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln Backſtein⸗ mauern, mit ihren hohen Thorthürmen ſich vor ſeinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er früher tief in die Bruſt zurückgedrängt hatte, ſchwerer als je über ihn.„Schließen jene Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, ſeinem Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Schaaren ſich geſtellt, und darf der, deſſen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu ge⸗ winnen, darf er ſich jenem gegenüberſtellen, ohne ſein ganzes Glück zu vernichten? Und ſſt der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie möglicherweiſe noch in jenen Mauern ſein. Und wenn Alles gut wäre, wenn unter der feſtlichen Menge, die ſich zum Anblick des ein⸗ ziehenden Heeres drängt, auch Marie auf ihn herabſchaut, hat ſie auch die Treue noch bewahrt, die ſie geſchworen?“ Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudi⸗ geren Gewißheit Raum; denn wenn ſich auch alles Unglück gegen ihn verſchwor, Mariens Treue, er wußte und Trompeten ihre muthigen Weiſen anſtimmten, da kehrte ſeine alte Freudigkeit wieder, ſtolzer hob er ſich im Sattel, kühner rückte er das Baret in die Stirne, und als der Zug in die feſtlich geſchmückten Straßen einbog, muſterte ſein ſcharfes Auge alle Fenſter der hohen Häuſer, um ſie zu erſpähen. Da gewahrte er ſie, wie ſie ernſt und ſinnend auf das fröhliche Gewühl hinab ſah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den ſuchten, der ihr ſo nahe war, ſchnell drückte er ſeinem Pferde die Sporen in die Seiten, daß es ſich hoch aufbäumte und das Pflaſter von ſeinem Hufſchlag erdröhnte. Aber als ſie ſich zu ihm herabwandte, ale Auge dem Auge be⸗ gegnete, als ihr freudiges Erröthen dem Glücklichen ſagte, daß er erkannt und noch immer geliebt ſei, da war es um die Beſinnung des guten Georg geſchehen; willenlos folgte er dem Zuge vor das Rathhaus, und es hätte nicht viel gefehlt, ſo hätte ihn ſeine Sehnſucht alle Rückſichten vergeſſen laſſen, und ihn unwiderſtehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen. Schon hatte er die erſten Schritte nach jener Seite gethan, als er ſich von kräftiger Hand am Arm ange⸗ faßt fühlte. „Was treibt Ihr, Junker?“ rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme ins Ohr.„Dort hinauf geht, es die Rathhaustreppe. Wie? ich glaube, Ihr ſchwin⸗ delt; wäre auch kein Wunder, denn das Frühſtück war gar zu mager. Seid getroſt, Freundchen, und kommt. Die Ulmer führen gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remsthaler anſtreichen.“ 35 Wenn auch der Fall aus ſeinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten geſchwebt hatte, auf den Rathhausplatz in Ulm etwas unſanft war, ſo wußte er doch dem alten Herrn von Breitenſtein, ſeinem nächſten Grenznachbar in Franken, Dank, daß er ihn aus ſeinen Träumen aufgeſchüttelt und von einem übereilten Schritte zurückgehalten hatte. Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den übrigen Rittern und Herren, die ſich von dem ſcharfen Morgenritte an der guten Mittagskoſt, die ihnen die freie Reichsſtadt aufgeſetzt hatte, wieder erholen wollten. III. Ich höre rauſchende Muſik, das Schloß iſt Von Lichtern hell. Wer ſind die Fröhlichen? Schiller. Der Saal des Rathhauſes, wohin die Angekomme⸗ nen geführt wurden, bildete ein großes, längliches Viereck. Die Wälde und die zu der Größe des Saales unverhältnißmäßig niedere Decke waren mit einem Ge⸗ täfer von braunem Holz ausgelegt, unzählige Fenſter mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geſchlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen ſich an der einen Seite hin, die gegen⸗ überſtehende Wand füllten Gemälde berühmter Bürger⸗ meiſter und Rathsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Hüfte, die Rechte auf einen reich behängten Tiſch geſtützt, ernſt und feierlich auf die Gäſte ihrer Enkel herabſahen. Dieſe drängten ſich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in Form eines Hufeiſens aufgeſtellt, beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rath und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen ſollten, ſtachen in ihren zierlichen Feſtkleidern mit den ſteifen ſchneeweißen Halskrauſen — 37 wunderlich ab gegen ihre beſtaubten Gäſte, die in Leder⸗ werk und Eiſenblech gehüllt, oft gar unſanft an die ſeidenen Mäntelein und ſammtenen Gewänder ſtreiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Baiern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glänzenden Mittagsmahl zugeſagt hatte; als aber ſein Kämmerling ſeine Entſchuldigung brachte, gaben die Trompeter das erſehnte Zeichen, und Alles drängte ſich ſo ungeſtüm zur Tafel, daß nicht einmal die gaſt⸗ freundliche Ordnung des Rathes, der je zwiſchen zwei Gäſte einen Ulmer ſetzen wollte, gehörig beobachtet wurde. Breitenſtein hatte Georg auf einen Sitz niederge⸗ zogen, den er ihm als einen ganz vorzüglichen anpries. „Ich hätte Euch,“ ſagte der alte Herr,„zu den Ge⸗ waltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg ſetzen können, aber in ſolcher Geſell⸗ ſchaft kann man den Hunger nicht mit gehöriger Ruhe ſtillen. Ich hätte Euch ferner zu den Nürnbergern und Augsburgern führen können, dort unten, wo der ge⸗ bratene Pfau ſteht,— weiß Gott, ſie haben keinen übeln Platz,— aber ich weiß, daß Euch die Städtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch hieher ge⸗ ſetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein treff⸗ licher Platz iſt? Die Geſichter umher kennen wir nicht, alſo braucht man nicht viel zu ſchwatzen. Rechts haben wir den geräucherten Schweinskopf mit der Citrone im Manl, links eine prachtvolle Forelle, die ſich vor Ver⸗ gnügen in den Schwanz beißt, und vor uns dieſen Reh⸗ ziemer, ſo fett und zart, wie auf der ganzen Tafel kei⸗ ner mehr zu finden iſt.. 38 Georg dankte ihm, daß er mit ſo viel Umſicht für ihn geſorgt habe, und betrachtete zugleich flüchtig ſeine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger, zier⸗ licher Herr von etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jah⸗ ren. Das friſchgekämmte Haar, duftend von wohl⸗ riechenden Salben, der kleine Bart, der erſt vor einer Stunde mit warmen Zänglein gekräuſelt ſein mochte, ließen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon über⸗ zeugte, in ihm einen Ulmer Herrn errathen. Der junge Herr, als er ſah, daß er von ſeinem Nachbar bemerkt wurde, bewies ſich ſehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer großen ſilbernen Kanne füllte, auf glückliche Ankunft und gute Nachbarſchaft mit ihm anſtieß, und auch die beſten Biſſen von den unzähligen Rehen, Haſen, Schweinen, Faſanen und wilden En⸗ ten, die auf ſilbernen Platten umherſtanden, dem Fremdling auf den Teller legte. Doch dieſen konnte weder ſeines Nachbars zuvor⸗ kommende Gefälligkeit, noch Breitenſteins ungemeiner Appetit zum Eſſen reizen. Er war noch zu ſehr beſchäf⸗ tigt mit dem geliebten Bilde, das ſich ihm beim Ein⸗ zug gezeigt hatte, als daß er die Ermunterungen ſeiner Nachbarn befolgt hätte. Gedankenvoll ſah er in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Bläschen des alten Weins zerſpran⸗ gen und in Kreiſen verſchwebten, das Bild der Ge⸗ liebten aus dem goldenen Boden des Bechers auftau⸗ chen zu ſehen. Es war kein Wunder, daß der geſellige Herr zu ſeiner Rechten, als er ſah, wie ſein Gaſt, den Becher in der Hand, jede Speiſe verſchmähe, ihn für 39 einen unverbeſſerlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher ſah, der lächelnde Mund des in ſeinen Träumen verſunkenen Jünglings ſchienen ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeübter Zunge den Gehalt des edlen Tran⸗ kes lange zu prüfen pflegen. Um der Ermahnung des wohledlen Rathes, den Gäſten das Mahl ſo angenehm als möglich zu machen, gehörig nachzukommen, ſuchte er auf der entdeckten ſchwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des jungen Ulmers, viel Wein zu trinken, aber dem jungen Mann zu lieb, der etwas ſo Hohes und Gebietendes an ſich hatte, mußte er ſchon ein Übriges thun. Er ſchenkte ſich ſei⸗ nen Becher wieder voll und begann:„Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geſchmack? Freilich iſt es kein Würzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt ſein werdet, aber es iſt echter Ellfinger aus dem Rathskeller und immer ſeine achtzig Jahre alt.“ Verwundert über dieſe Anrede, ſetzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen:„Ja, ja!—“ Der Nachbar ließ aber den einmal aufge⸗ nommenen Faden nicht ſo bald wieder fallen.„Es ſcheint,“ fuhr er fort,„als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiß ich Rath. Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher!— Verſuchet einmal dieſen, der wächst zunächſt an des Würtembergers Schloß; in die⸗ ſem müßt Ihr mir Beſcheid thun: Kurzen Krieg, gro⸗ ßen Sieg!“ 3 40 Georg, dem dieſes Geſpräch nicht recht zuſagte, ſuchte ſeinen Nachbar auf einen andern Weg zu brin⸗ gen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten führen konnte.„Ihr habt,“ ſprach er,„ſchöne Mädchen hier in Ulm, wenigſtens bei unſerm Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken.“ „Weiß Gott,“ entgegnete der Ulmer,„man könnte damit pflaſtern.“ „Das wäre vielleicht ſo übel nicht,“ fuhr Georg fort,„denn das Pflaſter Eurer Straßen iſt herzlich ſchlecht. Aber ſagt mir, wer wohnt dort in dem Eck⸗ haus mit dem Erker; wenn ich nicht irre, ſchauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten.“ „Habt Ihr dieſe auch ſchon bemerkt?“ lachte Je⸗ ner.„Wahrhaftig, Ihr habt ein ſcharfes Auge und ſeid ein Kenner. Das ſind meine lieben Baſen mütter⸗ licher Seits, die kleine blonde iſt eine Beſſerer, die Andere ein Fräulein von Lichtenſtein, eine Würtem⸗ hergerin, die auf Beſuch dort iſt.“ Georg dankte im Stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem ſo nahen Verwandten Mariens zu⸗ ſammen führte. Er beſchloß, den Zufall zu benützen, und wandte ſich, ſo freundlich er nur konnte, zu ſeinem Nachbar:„Ihr habt ein Paar hübſche Mühmchen, Herr von Beſſerer...“ „Dietrich von Kraft nenne ich mich,“ fiel Jener ein,„Schreiber des großen Rathes.“ 4 „Ein Paar ſchöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr beſuchet ſie wohl recht oft?“ „Ja wohl,“ antwortete der Schreiber des großen 41 Rathes,„beſonders ſeit die Lichtenſtein im Hauſe iſt. Zwar will mein Bäschen Bertha etwas eiferſüchtig werden, denn im Vertrauen geſagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich thue, als merke ich es nicht, und ſtehe mit Marien um ſo beſſer.“ Dieſe Nachricht mochte nicht ſo gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn er preßte die Lippen zu⸗ ſammen und ſeine Wangen färbten ſich dunkler. „Ja, lachet nur,“ fuhr der Rathsſchreiber fort, dem der ungewohnte Geiſt des Weines zu Kopfe ſtieg; „wenn Ihr wüßtet, wie ſie ſich Beide um mich reißen. — Zwar— die Lichtenſtein hat eine verdammte Art, freundlich zu ſein; ſie thut ſo vornehm und ernſt, daß man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt ſie ein wenig mit ſich ſchä⸗ kern wie Bertha; aber gerade das kommt mir ſo wun⸗ derhübſch vor, daß ich elfmal wieder komme, wenn ſie mich auch zehnmal fortgeſchickt hat. Das macht aber,“ murmelte er nachdenklicher vor ſich hin,„weil der ge⸗ ſtrenge Herr Vater da iſt, vor dem ſcheut ſie ſich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung ſein, ſo ſoll ſie ſchon kirre werden.“ Georg wollte ſich nach dem Vater noch weiter er⸗ kundigen, als ſonderbare Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das Geräuſch der Speiſenden dieſe Stimme zu hören geglaubt, wie ſie in ſchleppendem, einformigem Ton ein paar kurze Sätze herſagten, ohne zu verſtehen, was es war. Jetzt hörte er dieſelben Stimmen ganz in der Nähe, und bald be⸗ merkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze 3 „ 42 waren. Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, beſonders in Reichsſtädten, zum Ton, daß der Haus⸗ vater und ſeine Frau, wenn ſie Gäſte geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufſtanden, und bei jedem Einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum Eſſen und Trinken zu nöthigen. Dieſe Sitte war in Ulm ſo ſtehend geworden, daß der hohe Rath beſchloß, auch an dieſem Mahl keine Ausnahme zu machen, ſondern ex officio einen Haus⸗ vater ſammt Hausfrau aufzuſtellen, um dieſe Pflicht zu üben. Die Wahl fiel auf den Bürgermeiſter und den älteſten Rathsherrn. Sie hatten ſchon zwei Seiten der Tafel„nöthigend“ umgangen, kein Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anſtrengung endlich rauh und heißer gewor⸗ den waren, und ihre freundſchaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr:„Warum eſſet Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?“ Erſchrocken wandte ſich der Gefragte um, und ſah einen ſtarken, großen Mann mit rothem Geſicht; ehe er noch auf die ſchrecklichen Töne antworten konnte, begann an ſeiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme: „So eſſet doch und trinket ſatt, Was der Magiſtrat Euch vorgeſetzt hat.“ „Hab ich's doch ſchon lange gedacht, daß es ſo kommen würde,“ fiel der alte Breitenſtein ein, indem er ein wenig von der Anſtrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte. 43 „Da ſitzt er und ſchwatzt, ſtatt die köſtlichen Braten zu genießen, die uns die Herren in ſo reichlicher Fülle vorgeſetzt haben.“ „Mit Verlaub,“ unterbrach ihn Dieterich von Kraft,„der junge Herr ißt nichts, er iſt ein Zechbruder und trefflicher Weinſchmecker; hab' ich's nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn Keiner, wenn er ſich lieber an den Uhlbacher hält.“ Georg wußte gar nicht, wie er zu dieſer ſonderba⸗ ren Schutzrede kam; er war im Begriff, ſich zu ent⸗ ſchuldigen, als ihn ein neuer Anblick überraſchte. Breitenſtein hatte ſich jetzt über den Schweinskopf mit der Citrone im Maul erbarmt, hatte die Citrone ge⸗ ſchickt aus dem Rachen des Thieres operirt, und begann mit großem Behagen und geübter Hand die weitere Section vorzunehmen, da trat der Bürgermeiſter auch zu ihm, und eben als er an einem guten Biſſen kaute,. hub er an:„Warum eſſet Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?“ Dieſer ſah den Nöthigenden mit ſtarren Blicken an, zum Reden hatten ſeine Sprach⸗ organe keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reſte des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fiſtelſtimme ließ ſich aber nicht irre machen⸗ ſondern ſprach freundſchaftlichſt: „So eſſet doch und trinket ſatt, Was der Magiſtrat Euch vorgeſetzt hat.“ So war es nun in den„guten alten Zeiten!“ Man 1 konnte ſich wenigſtens nicht beklagen, nur zu einem ö —— 44 Schaueſſen geladen worden zu ſein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Geſtalt. Die großen Schüſſeln und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen, größere Kannen, gefüllt mit edlem Weine, aufgeſetzt. Die Umtränke und das in Schwaben ſchon damals ſehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, ſo äußerte auch der Wein ſeine Wirkungen. Dieterich Spät und ſeine Geſellen ſangen Spottlieder auf Her⸗ zog Ulerich und bekräftigten jeden Fluch oder ſchlechten Witz, den Einer ausbrachte, mit Gelächter oder einem guten Trunke. Die fränkiſchen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und tranken einander das Tübinger Schloß im Weine ab. Ulerich von Hutten und einige ſeiner Freunde hielten in lateiniſcher Sprache eine laute Controvers mit einigen Italienern wegen des Angriffes auf den römiſchen Stuhl, den kurz zuvor ein unbe⸗ rühmter Mönch in Wittenberg unternommen hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die ſich zuſammen gethan hatten, waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit gerathen, und ſo füllte Gelächter, Geſang, Zanken und der dumpfe Klang der ſilbernen und zinnernen Becher den Saal. Nur am oberen Ende der Tafel herrſchte anſtän⸗ digere, ruhigere Fröhlichkeit. Dort ſaß Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truch⸗ ſes, Franz von Sickingen und noch andere ältliche, geſetzte Herren. 8 Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenſtein, nachdem er ſich genugſam ge⸗ ſättiget hatte, ſeine Blicke und ſprach zu Georg:„Das 45 Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vor⸗ ſtellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewünſcht habt? ⸗ Georg, deſſen Wunſch ſchon lange war, dem Kriegsoberſten bekannt zu werden, ſtand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, daß ſein Herz bei dieſem Gange ängſtlicher pochte, ſeine Wangen ſich höher färbten, ſeine Schritte, je näher er kam, ungewiſſer und zögernder wurden. Wen haben nicht in ſeiner Jugend, wenn er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle beſtürmt? Wem ſank da nicht ſein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zuſammen, wäͤhrend der Ge⸗ feierte zum Rieſen wuchs? Georg von Frondsberg galt ſchon damals für einen der berühmteſten Feldherrn ſei⸗ ner Zeit. Italien, Frankreich und Deutſchland erzählten von ſeinen Siegen, und die Kriegskunſt wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fußvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Vild dieſes Helden bis auf unſere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homeriſchen Helden, wenn er von dieſem Manne liest:„Er war ſo ſtark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausſtreckte, daß er damit den ſtärkſten Mann, ſo ſich ſteif ſtellte, vom Platz ſtoßen, ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und ſtellen, die großen Büchſen und Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?" Zu ihm führte Breitenſtein den Jüngling. „Wen bringt Ihr uns da, Hans? rief Georg von 46 Frondsberg, indem er den hochgewachſenen, ſchönen, jungen Mann mit Theilnahme betrachtete. „Seht ihn Euch einmal recht an, werther Herr,“ antwortete Breitenſtein,„ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag 2 Aufmerkſamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchſes von Waldburg wandte prüfend ſein Auge herüber. Georg war ſchüchtern und blöde vor dieſe Männer getreten; aber ſei es, daß die freund⸗ liche, zutrauliche Weiſe Frondsberg ihm Muth machte, ſei es, daß er fühlte, wie wichtig der Augenblick für ihn ſei, er bekämpfte die Scham, den Blicken ſo vieler berühmter Männer ausgeſetzt zu ſein, und ſah ihnen entſchloſſen und muthig ins Geſicht. „Jetzt, an dieſem Blick erkenne ich Dich,“ ſagte Frondsberg und bot ihm die Hand,„Du biſt ein Sturmfeder?“ „Georg Sturmfeder,“ antwortete der junge Mann, „mein Vater war Burkhardt Sturmfeder, er fiel, wie man mir ſagte, in Italien an Eurer Seite.“ „Er war ein tapferer Mann,“ ſprach der Feld⸗ hauptmann, deſſen Auge immer noch ſinnend auf Georgs Zügen ruhte,„an manchem warmen Schlacht⸗ tag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, ſie haben ihn allzufrühe eingeſcharrt! Und Du,“ ſetzte er freund⸗ licher hinzu,„Du haſt Dich eingeſtellt, um ſeiner Spur zu folgen? Was treibt Dich ſchon ſo frühe aus dem Neſte und biſt kaum flick?“ 4 „Ich weiß ſchon,“ unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme;„das Vögelein will 47 ſich ein paar Flöckchen Wolle ſuchen, um das alte Neſt zu flicken!“ Dieſe rohe Anſpielung auf die verfallene Burg ſeiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Jünglings. Er hatte ſich nie ſeiner Dürftigkeit geſchämt, aber dieſes Wort klang ſo höhnend, daß er ſich zum erſtenmale dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel ſein Blick über Truchſes Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbe⸗ kannte Erkerfenſter; er glaubte Mariens Geſtalt zu erblicken, und ſein alter Muth kehrte wieder.„Ein jeder Kampf hat ſeinen Preis, Herr Ritter,“ ſagte er, wich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgültig ſein.“ „Nun, nun!“ erwiderte Jener, wie es mit dem Arm ausſieht, werden wir ſehen, im Kopfe muß es aber nicht ſo ganz hell ſein, da Ihr aus Spaß gleich Ernſt macht.“ Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand:„Ganz wie Dein Vater, lieber Junge; nun, Du willſt zeitlich zu einer Neſſel werden.“* Und wir werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke ſitzt. Daß Du dann nicht der Letzte biſt, darfſt Du gewiß ſein.“ Dieſe wenige Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und Kriegskunſt unter ſeinen Zeitgenoſſen * Es ſind dies Frondsberg eigene Worte, die er zu Götz von Berlichingen ſprach, und die dieſer in ſeiner Geſchichte, Seite 83 anführt. 48 hochberühmten Mannes übten ſo beſänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der Zunge ſchwebte, zurückdrängte und ſich ſchweigend von der Tafel in ein Fenſter zurückzog, theils um die Ober⸗ ſten nicht weiter zu ſtoren, theils um ſich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erſcheinung, die er vorhin geſehen, wirklich Marie geweſen ſei. Als Georg die Tafel verlaſſen hatte, wandte ſich Frondsberg zu Waldburg:„Das iſt nicht die Art, Herr Truchſes, wie man tüchtige Geſellen für unſere Sache 4 gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb ſo viel Eifer 6 für die Sache von uns, als er zu uns brachte.“ „Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?“ fuhr Jener auf.„Was braucht es da? Er ſoll einen Spaß von ſeinem Obern ertragen lernen.“¹ „Mit Verlaub,“ fiel ihm Breitenſtein ins Wort, „das iſt kein Spaß, ſich über unverſchuldete Armuth luſtig zu machen; ich weiß aber wohl, Ihr ſeid ſeinem Vater auch nie grün geweſen.“ „Und,“ fuhr Frondsberg fort,„ſein Oberer ſeid Ihr ganz und gar noch nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleiſtet, alſo kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, ſo möchte ich Euch doch nicht rathen, ihn zu hänſeln, er ſieht mir nicht darnach aus, als ob er ſich viel gefallen ließe!“ Sprachlos vor Zorn über den Widerſpruch, den er in ſeinem Leben nie ertragen konnte, blickte Truchſes den Einen und den Andern an, mit ſo wuthvollen Blicken, daß ſich Ludwig von Hutten ſchnell ins Mittel ——— — 49 ſchlug, um noch ärgeren Streit zu verhüten:„Laßt och die alten Geſchichten!“ rief er.„Überhaupt wäre es gut, die Tafel würde aufgehoben. Es dunkelt draußen ſchon ſtark und der Wein wird zu mächtig. Dieterich Spät hat ſchon zweimal des Würtembergers Tod aus⸗ gebracht und die Franken dort unten ſind nur noch nicht einig, ob man ſeine Schlöſſer niederbrennen oder ertheilen ſoll.“ „Laßt ſie immer,“ lachte Waldburg bitter,„die Herren dürfen ja heute machen, was ſie wollen, Frondoberg wird ihnen doch das Wort reden.“ „Nein,“ antwortete Ludwig Hutten,„wenn einer von ſo etwas reden darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklärt iſt, müſſen ſolche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulerich ſpricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch von Wittenberg, und er verſchwatzt ſich zu ſehr, wenn er in Zorn geräth. Laßt uns aufbrechen.“ Frondsberg und Sickingen ſtimmten ihm bei, ſie ſtanden auf, und als die nächſten um ſie her ihrem Beiſpiel folgten, war der Aufbruch allgemein. W. Hauffs Werke. NöV. IV. Wollt ihr wiſſen, was die Augen ſein, Womit ich ſie ſehe durch alle Land'? Es ſind die Gedanken des Herzens mein, Damit ſchau ich durch Mauer und Wand. Walther vonder Vogelweide. Georg hatte in dem Fenſter, wohin er ſich zurück⸗ gezogen, nicht ſo entfernt geſtanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört hätte. Er freute ſich der warmen Theilnahme, mit welcher Frondsberg ſich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er es ſich nicht verbergen, daß ſein erſter Schritt in die kriegeriſche Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchſes war zu bekannt im Heere wegen ſeines un⸗ beugſamen Stolzes, als daß Georg hätte glauben dür⸗ fen, Huttens vermittelnde und beſänftigende Worte haben jede Erinnerung an dieſen Streit verlöſcht, und daß Männer von Gewicht, wie Waldburg, in ſolchen Fällen der vielleicht unſchuldigen Urſache ihres Zornes die Schuld nicht erlaſſen, was ihm aus manchen Fällen wohl bekannt. Ein leichter Schlag auf ſeine Schulter unterbrach ſeine Gedanken und er ſah, als er ſich um⸗ 51 wandte, ſeinen freundlichen Nebenſitzer, den Schreiber des großen Rathes, vor ſich. „Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quar⸗ tier umgeſehen,“ ſprach Dieterich von Kraft,„und es möchte Euch auch jetzt etwas ſchwer werden, denn es iſt bereits dunkel und die Stadt iſt überfüllt.“ Georg geſtand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen. „Darauf möchte ich doch nicht ſo ſicher bauen,“ entgegnete Jener,„und geſetzt, Ihr fändet auch in einer ſolchen Schenke einen Winkel, ſo dürft Ihr doch ſicherlich darauf rechnen, daß Ihr ſchlecht genug be⸗ dient ſeid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering ſcheint, ſo ſteht ſie Euch mit Freuden offen.“ Der gute Rathsſchreiber ſprach mit ſo viel Herz⸗ lichkeit, daß Georg nicht Anſtand nahm, ſein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe fürchtete, die gaſt⸗ freundliche Einladung möchte ſeinen Wirth gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit den Dünſten des Weines verflogen ſein werde. Jener aber ſchien über die Bereitwilligkeit ſeines Gaſtes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handſchlag ſeinen Arm und führte ihn aus dem Saal. Der Platz vor dem Rathhaus bot indeß einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage waren noch kurz und die Abenddämmerung war während der Tafel unbe⸗ merkt hereingebrochen; man hatte daher Fackeln und Windlichter angezündet; ihr dunkelrother Schein er⸗ hellte den großen Raum nur ſparſam und ſpielte in 52 zitternden Reflexen an den Fenſtern der gegenüberſtehen⸗ den Häuſer und auf den blanken Helmen und Bruſt⸗ harniſchen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten ſcholl aus der Halle des Rathhauſes, das Klirren der nachſchleppenden Schwerter, das Hin⸗ und Herrennen der vielen Menſchen miſchte ſich in das Ge⸗ bell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Roſſe, eine Scene, die mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen Poſten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich. überraſcht blieb Georg unter der Halle ſtehen. Der Anblick ſo vieler fröhlicher Geſichter, der kräftigen Ge⸗ ſtalten, die in jugendlichem Muthe anſprengten, kühne Reiterkünſte übten und dann ſingend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verſchwan⸗ den; dieſer nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte ihn, wie ungewiß, wie ſchnell auch dieſe Tage vorübergehen werden, wie alle dieſe fröhlichen Geſellen dem tiefen Ernſte des Krieges entgegen ziehen, wie Mancher, noch ehe der Frühling völlig herauf ginge, mit ſeinem Körper den grünenden Raſen decken werde, wie ſie gefallen ſein werden, ohne mit ihrem Blute etwas eingelöst zu ha⸗ ben, als die Thräne eines Kameraden und den kurzen Ruhm, als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu ſein. 4. 3 Unwillkürlich ſtreifte ſein Auge nach jener Seite hin, wo er ſeinen Kampfpreis wußte. Er ſah dort viele Leute an den Fenſtern ſtehen, aber der ſchwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den Platz hinzog, ver⸗ 4 hüllte die Gegenſtände wie mit einem Schleier und lies 5³ ſie nur wie ungewiſſe Schatten ſehen; unbefriedigt wandte er ſein Auge ab.„So iſt auch meine Zukunft,⸗ ſagte er zu ſich;„das Jetzt iſt helle, aber wie dunkel, wie ungewiß das Ziel!“ Sein freundlicher Wirth riß ihn aus dieſem düſtern Sinnen mit der Frage:„Wo ſeine Knechte mit ſeinen Pferden ſeten?“ Wenn der Platz, worauf ſie ſtanden, heller erleuchtet geweſen wäre, ſo hätte vielleicht der gute Kraft eine flüchtige, aber brennende Röthe, die bei ieſer Frage über Georgs Wangen zog, bemerken kön⸗ nen.„Ein junger Kriegsmann,“ antwortete er ſchnell gefaßt,„muß ſich ſo viel möglich ſelbſt zu helfen wiſſen, daher habe ich keine Diener bei mir. Mein Pferd aber habe ich Breitenſteins Knechten übergeben.“ Der Rathsſchreiber lobte im Weiterſchreiten die Strenge des jungen Mannes gegen ſich ſelbſt, geſtand aber, daß er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den Dienſt nicht ſo ſtrenge lernen werde. Ein Blick auf ſein zier⸗ lich geordnetes Haar und den fein gekräuſelten Bart überzeugten Georg, daß ſein Begleiter aus voller Seele ſpreche, und die zierliche bequeme Wohnung, in welcher fie bald darauf anlangten, widerſprach dieſem Glau⸗ ben nicht. Das Hausweſen des Herrn von Kraft war eine ſoge⸗ nannte Junggeſellenwirthſchaft, denn Herrn Dieterichs Eltern waren längſt abgeſchieden, als er in das Mannes⸗ alter und zugleich in ſeinen Poſten beim großen Rathe eintrat. Er würde ſich vielleicht längſt um eine Genofſin ſeiner Herrlichkeit umgeſehen haben, wenn nicht die An⸗ muth des Junggeſellenlebens, der nicht zu verachtende 54 Vortheil, von allen jungen Damen ver Stadt als eine gute Partie(nach heutigen Begriffen) angeſehen und honorirt zu werden, vor Allem aber, wie man ſich ins Ohr flüſterte, die entſchiedene Abneigung, die ſeine alte Amme und Haushälterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von dieſem Schritte abgehalten hätte. Herr Dieterich hatte ein großes Haus, nicht weit vom Münſter, einen ſchönen Garten am Michelsberg, ſein Hausgeräthe war im beſten Stande, die großen eichenen Kaſten voll des köſtlichſten Linnenzeuges, das die Kraf⸗ tinnen und ihre Zofen ſeit vielen Generationen in den langen Winterabenden zuſammengeſponnen hatten; die eiſerne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden; Herr Dieterich ſelbſt war ein huͤbſcher, ſolider Herr, ging immer geſchniegelt und gebügelt, mit geſetztem, anſtändigem Gang in den Rath, hatte einen guten Haus⸗ und Rathsverſtand, war aus einer alten Familie: war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt ſein Leben pries und jedes hübſche Ulmer Stadtkind ſich glücklich geſchätzt hätte, in dieſen bequem ausſtaffirten Ehehimmel zu kommen? Georg kamen übrigens dieſe Verhältniſſe bei nähe⸗ rer Beſichtigung nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenoſſen des Rathſchreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei große Katzen und die un⸗ förmlich dicke Amme. Dieſe vier Geſchöpfe ſtarrten den Gaſt mit großen, bedenklichen Augen an, die ihm bewieſen, wie ungewohnt ihnen ein ſolcher Zuwachs der Haushaltung ſei. Die Katzen umgingen ihn ſchnur⸗ rend, mit gekrümmtem Rücken, die Amme ſchob unmu⸗ 5⁵ thig an der ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob ſie für zwei Perſonen das Abendeſſen zurichten ſolle? Als ſie aber nicht nur ihre Frage be⸗ ſtätigen hörte, ſondern auch den Auftrag(man war un⸗ gewiß, war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzim⸗ mer im zweiten Stock für den Gaſt zuzurüſten, da ſchien ihre Geduld erſchöpft; ſie ließ einen wüthenden Blick auf ihren jungen Gebieter ſchießen, und verließ mit ih⸗ rem Schlüſſelbund raſſelnd das Gemach. Georg hörte noch lange die hohltönenden Treppen unter ihren ſchwe⸗ ren Tritten erbeben, und die öde Stille des Hauſes gab in vielfältigem Echo das Gepolter der Thüren zurück, welche ſie im Grimme hinter ſich zuwarf. Der graue Diener hatte indeſſen einen Tiſch und zwei große Armſtühle an den ungeheuern Ofen gerückt; den Tiſch beſetzte er mit einem ſchwarzen Kaſten, ſtellte zu beiden Seiten deſſelben ein Licht und einen ſilbernen Becher mit Wein und entfernte ſich dann, nachdem er einige leiſe Worte mit ſeinem Herrn gewechſelt hatte. Herr Dieterich lud ſeinen Gaſt ein, an ſeiner gewöhn⸗ lichen Abendunterhaltung Theil zu nehmen. Er öffnete den ſchwarzen Kaſten, es war ein Brettſpiel. Georg graute vor dieſer Unterhaltung ſeines Gaſt⸗ freundes, als er ihm erzählte, daß er ſeit ſeinem zehn⸗ ten Jahre alle Abende mit der Amme an dieſem Spie ſich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Beweguns erinnert, jetzt aber lag Grabesſtille über den weiten Gängen und Gemä⸗ chern, nur zuweilen vom Kniſtern der Lichter, vom Ti⸗ 56 cken des Holzwurms im ſchwärzlichen Getäfer und dem eintönigen Rollen der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes für ihn gehabt, ſeine Ge⸗ danken waren auch ferne davon, und die tiefe Melan⸗ cholie der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige Straßen von ihr antfernt, doch den langerſehnten An⸗ blick der Geliebten entbehren zu müſſen, breitete düſtere Schatten über ſeine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dieterichs, beinahe alle Spiele zu ge⸗ winnen, die ſeinem gutmüthigen Geſicht etwas Ange⸗ nehmes verlieh, entſchädigte ihn für den Verluſt der langſam hinſchleichenden Stunden. Mit dem Schlag der achten Stunde führte Diete⸗ rich ſeinen Gaſt zum Abendbrod, das die Amme, trotz ihres Unmuthes, trefflich bereitet hatte, denn ſie wollte der Ehre des Kraftiſchen Hauſes nichts vergeben. Hier öffnete auch der Rathsſchreiber wieder die Schleußen ſeiner Beredſamkeit, indem er ſeinem Gaſte das Mahl durch Geſpräch zu würzen ſuchte. Aber umſonſt ſpähete dieſer, ob er nicht von ſeinem ſchönen Mühmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er: Kraft zählte un⸗ ter den würtembergiſchen Rittern, die in Ulm anweſend ſeien, auch den Ritter von Lichtenſtein auf. Doch ſchon dieſes Wort erweckte dankbare Gefühle gegen die Wen⸗ dung ſeines Schickſals in ihm. Jetzt erſt freute er ſich, einer Partei beigetreten zu ſein, die ihm ſonſt, außer den berühmten Namen, die ſie an der Spitze trug, ziem⸗ lich gleichgültig war. So aber hatte auch ihr Vater ſich an dem Sammelplatze des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück ver⸗ — 57 goͤnnen werde, an der Seite des theuren Mannes zu fechten, ſo trug er doch die Gewißheit in der Bruſt, ihm beweiſen zu können, daß Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere ſei. Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in ſein Schlafgemach und ſchied von ihm mit einem herzlichen Glückwunſch für ſeine Ruhe. Georg ſah ſich das Gemach, das man ihm angewieſen hatte, näher an und fand, daß es ganz zu dem öden Hauſe paſſe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben der Fenſter, das dunkle Täferwerk an Wand und Decke, der große, weitvorſpringende Ofen, ſelbſt das ungeheure Bette mit breitem Himmel und ſteifen, ſchweren Gardinen, ſie gewährten ein düſteres, beinahe trauriges Anſehen. Aber dennoch war Alles zu ſeiner Bequemlichkeit einge⸗ richtet. Friſche, ſchneeweiße Linnen blinkten ihm ein⸗ ladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhänge zurückſchlug; der Ofen verbreitete eine angenehme Wärme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehängt, ſelbſt der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten, war⸗ men Weines, war nicht vergeſſen. Er zog die Gardinen vor und ließ die Bilder des vergangenen Tages an ſei⸗ ner Seele vorüberziehen. Geordnet und freundlich ka⸗ men ſie anfangs vorüber, dann aber verwirrten ſie ſich, in buntem Gedränge führten ſie ſeine Seele in das Reich der Träume, und nur ein theures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten. V. — Iſt's kein Wahn? Will der Holde, Vielgetreue, Dem ich Herz und Leben weihe, Heute noch zu Gruß und Kuſſe nahn? F. Haug. Georg wurde am andern Morgen durch ein beſchei⸗ denes Pochen an ſeiner Thüre erweckt. Er ſchlug die Vorhänge ſeines Bettes zurück und ſah, daß die Sonne ſchon ziemlich hoch ſtehe. Es wurde wieder und ſtärker gepocht, und ſein freundlicher Wirth, ſchon völlig im Putz, trat ein. Nach den erſten Erkundigungen, wie ſein Gaſt geſchlafen habe, kam Herr Dieterich gleich auf die Urſache ſeines frühen Beſuches. Der große Rath hatte geſtern Abend noch beſchloſſen, die Ankunft der Bundesgenoſſen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathhauſe abgehalten werden ſollte. Ihm, als dem Rathsſchreiber, kam es zu, Alles anzuordnen, was zu dieſer Feſtlichkeit ge⸗ hörte, er mußte die Stadtpfeifer beſtellen, die erſten Familien feierlich und im Namen des Rathes dazu einladen, er mußte vor Allem zu ſeinen lieben Mühm⸗ ——— 59 chen eilen, um ihnen dieſes ſeltene Glück zu ver⸗ kündigen. Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene ſeinem Gaſte und verſicherte ihm, daß er vor dem Drang der Geſchäfte nicht wiſſe, wo ihm der Kopf ſtehe. Doch Georg hatte nur für Eines Sinn: er durfte hoffen, Marien zu ſehen und zu ſprechen, und darum hätte er gerne Herrn Dieterich für ſeine gute Botſchaft an das freudig pochende Herz gedrückt. „Ich ſehe es Euch an,“ ſagte dieſer,„die Nachricht macht Euch Freude und die Tanzluſt leuchtet Euch ſchon aus den Augen. Doch Ihr ſollt ein paar Tänzerinnen haben, wie Ihr ſie nur wünſchen könnt. Mit meinen Bäschen ſollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Führer bei ſolchen Gelegenheiten und werde es ſchon zu ma⸗ chen wiſſen, daß Ihr und kein Anderer zuerſt ſie auf⸗ ziehen ſollet; und wie werden ſie ſich freuen, wenn ich ihnen einen ſo flinken Tänzer verſpreche!“ Damit wünſchte er ſeinem Gaſt einen guten Morgen und er⸗ mahnte ihn, wenn er ausgehe, ſein Haus zu merken und das Mittageſſen nicht zu verſäumen. Herr Dieterich hatte, als ſehr naher Verwandter, ſchon ſo frühe am Tag Zutritt im Hauſe des Herrn von Beſſerer, beſonders heute, da ihn ſeine vielen Geſchäfte bei dieſem Morgenbeſuche entſchuldigten. Er fand die Mädchen noch beim Frühſtück. Wohl hätte dort manche unſerer heutigen Damen ein ele⸗ gantes Dejeuné von gemaltem Porzellan und den nach den ſchönſten antiken Vaſen geformten Chocoladebecher vermißt. Aber wenn es wahr iſt, daß natürliche An⸗ 60 muth und Würde auch im geringſten Kleide ſich dem Auge nicht verhüllen, ſo dürfen wir ſchon mit mehr Muth geſtehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an jenem Morgen ein Bierſüppchen verſpeisten. Ob aber dieſes Geſtändniß der äſthetiſchen Haltung dieſer Damen nicht Eintrag thut? Es mag ſein; wer übri⸗ gens Marien und Bertha in dem weißen Morge häubchen, in dem reinlichen Hauskleide geſehen hätte, würde gewiß auch, wie Vetter Kraft, Verlangen ge⸗ tragen haben, dieſes Frühſtück mit den holden Mädchen zu theilen. 3 „Ich ſehe Dir es an, Vetter,“ begann Bertha, „Du möchteſt gar zu gerne von unſerer Suppe koſten, weil Dir Deine Amme heute einen Kinderbrei vorgeſetzt hat; aber ſchlage Dir dieſe Gedanken nur gleich aus dem Sinne; Du haſt Strafe verdient und mußt faſten— 4 „Ach, wie wir ſo ſehnlich auf Euch gewartet ha⸗ ben,“ unterbrach ſie Marie. „Ja wohl,“ ſiel ihr Bertha in die Rede;„aber bilde Dir nur nicht ein, daß wir eigentlich Dich er⸗ warteten, nein ganz allein Deine Neuigkeiten.“ Der Rathsſchreiber war ſchon gewohut, von Bertha ſo empfangen zu werden; er wollte daher, um ſie zu verſöhnen, daß er nicht geſtern Abend noch ihre Neu⸗ gierde befriedigt habe, ſeine Nachrichten in deſto län⸗ gerem Strome geben; aber Bertha unterbrach ihn. „Wir kennen,“ ſagte ſie,„Deine breiten Erzählungen, und haben auch das Meiſte vom Erker aus ſelbſt mit angeſehen; von Eurem Trinkgelage, wo es arg genug 61 hergegangen ſein ſoll, will ich auch nichts wiſſen, darum antworte mir auf meine Frage.“ Sie ſtellte ſich mit komiſchem Ernſt vor ihn hin und fuhr fort: Dieterich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Ra⸗ thes, habt Ihr unter den Bündiſchen keinen jungen, ſberaus höflichen Herrn geſehen, mit langem hell⸗ braunem Haar, einem Geſicht, nicht ſo milchweiß wie das Eure, aber doch nicht minder hübſch, kleinem Bart, nicht ſo zierlich wie der Eure, aber dennoch ſchöner, hellblauer Schärpe mit Silber...“ „Ach das iſt kein Anderer als mein Gaſt!“ rief Herr Dieterich.„Er ritt einen großen Braunen, trug ein blaues Wamms, an den Schultern geſchlitzt und mit Hellblau ausgelegt?“ „Ja, ja, nur weiter!“ rief Bertha.„Wir haben unſere eigenen Urſachen, uns nach ihm zu erkundigen.“ Marie ſtand auf und ſuchte ihr Nähzeug in dem Kaſten, indem ſie den Beiden den Rücken zukehrte; aber die Röthe, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechſelte, ließ ahnen, daß ſie kein Wort von Herrn Dieterichs Erzählung verlor. „Nun, das iſt Georg von Sturmfeder,“ fuhr der Rathsſchreiber fort;„ein ſchöner lieber Junge. Son⸗ derbar, auch Ihr ſeid ihm gleich beim Einzug aufge⸗ fallen“— und nun erzählte er, was am Gaſtmahl „ooorgegangen ſei, wie ihm der hohe Wuchs, das Ge⸗ bietende und Anziehende in des Jünglings Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu ſei⸗ nem Nachbar gemacht, wie er ihn immer lieber ge⸗ wonnen und endlich in ſein Hans geführt habe. 6² „Nun, das iſt ſchön von Dir, Vetter,“ ſagte Bertha, als er geendet hatte, und reichte ihm freund⸗ lich die Hand;„ich glaube, es iſt das erſtemal, daß Du es wagſt, Gäſte zu haben. Aber das Geſicht der alten Sabine hätte ich ſehen mögen, als Junker Dieter ſo ſpät noch einen Gaſt brachte.“ „O, ſie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz verblümt zu verſtehen gab, es könne wohl geſchehen, daß ich bald eine meiner ſchönen Baſen heimführen werde...“ „Ach, geh doch!“ entgegnete Bertha, indem ſie ihm hocherröthend ihre Hand entziehen wollte; aber Herr Dieterich, dem ſein Mühmchen noch nie ſo hübſch als in dieſem Augenblicke geſchienen hatte, drückte die weiche Hand feſter, und Mariens ernſteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die Wag⸗ ſchale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder Ver⸗ ſchämtheit vor ihm ſaß, ſtieg hoch in den Augen des glücklichen Rathsſchreibers. Marie hatte indeß ſchweigend das Gemach ver⸗ . laſſen, und Bertha ergriff mit Freuden dieſe Gelegen⸗ heit, ein anderes Geſpräch einzuleiten. „Da geht ſie nun wieder,“ ſagte ſie und ſah Marien nach,„und ich wollte darauf wetten, ſie geht in ihre Kammer und weint. Ach, ſie hat geſtern wie⸗ der ſo heftig geweint, daß ich auch ganz traurig ge⸗ worden bin.“ „Was hat ſie nur?“ fragte Dieterich theilnehmend⸗ „Ich habe ſo wenig wie früher die Urſache ihrer Thränen erfahren,“ fuhr Bertha fort.„Ich habe 63 gefragt und immer wieder gefragt, aber ſie ſchüttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre.„„Der unſelige Krieg!““ war Alles, was ſie mir zur Antwort gab.“ „So iſt der Alte noch immer entſchloſſen, mit ihr nach Lichtenſtein zurückzugehen?“ „Ja wohl,“ war Bertha's Antwort.„Du hätteſt nur hören ſollen, wie der alte Mann geſtern beim Einzug auf die Bündiſchen ſchimpfte. Nun— er iſt einmal ſeinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen. Aber ſobald der Krieg erklärt iſt, will er mit ihr abreiſen.“ Herr Dieterich ſchien ſehr nachdenklich zu werden. Er ſtützte den Kopf auf die Hand und hörte ſeiner Muhme ſchweigend zu. „Und denke,“ fuhr dieſe fort,„da hat ſie nun geſtern nach dem Einritte der Bündiſchen ſo heftig geweint. Du weißt, ſie war zwar vorher ſchon immer ernſt und düſter, und ich habe ſie an manchem Mor⸗ gen in Thränen gefunden. Aber als habe ſchon dieſer Einzug über das ganze Schickſal des Krieges entſchie⸗ den, ſo untröſtlich geberdete ſie ſich. Ich glaube, Ulm liegt ihr nicht ſo am Herzen, aber ich vermuthe,“ ſetzte ſie geheimnißvoll hinzu,„ſte hat eine heimliche Liebe im Herzen.“ „Ach freilich, ich habe es ja ſchon lange gemerkt,“ ſeufzte Herr Dieterich,„aber was kann ich denn da⸗ vor? „Du? Was Du davor kannſt?“ lachte Bertha, auf deren Geſicht bei dieſen Worten alle Trauer ver⸗ o, ——ÿÿõ, 64 ſchwunden war.„Nein! Du biſt nicht Schuld an ihrem Schmerz. Sie war ſchon ſo, ehe Du ſie nur mit einem Auge geſehen haſt!“ Der ehrliche Rathsſchreiber war ſehr beſchämt durch dieſe Verſicherung. Er glaubte in ſeinem Herzen nicht anders, als der Abſchied von ihm gehe der armen Marie ſo nahe, und faſt ſchien ihr wehmüthiges Bild in ſeinem wankelmüthigen Herzen wieder das über⸗ gewicht zu bekommen. Bertha aber ließ nicht ab, ihn mit ſeiner thörichten Vermuthung zu höhnen, bis ihm auf einmal der Zweck ſeines Beſuches wieder einfiel, den er während des Geſpräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie ſprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem Abendtanz mittheilte. „Marie, Marie!“ rief ſie in hellen Tönen, daß die Gerufene, beſtürzt und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte.„Marie, ein Abendtanz auf dem Rath⸗ haus!“ rief ihr die beglückte Bertha ſchon unter der Thür entgegen. Auch dieſe ſchien freudig überraſcht von dieſer. Nachricht.„Wann? Kommen auch die Fremden dazu?“ waren ihre ſchnellen Fragen, indem ein hohes Roth ihre Wangen färbte, und aus dem ernſten Auge, das die kaum geweinten Thränen nicht verberger konnte, ein Strahl der Freude drang. Bertha und der Vetter waren erſtaunt über den ſchnellen Wechſel von Schmerz und Freude, und der Letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Marie eine leidenſchaftliche Tänzerin ſein müſſe. Doch 65 wir glauben, er habe ſich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er Georg für einen Weinkenner hielt. Als der Rathsſchreiber ſah, daß er jetzt, wo die Mädchen ſich in eine wichtige Berathung über ihren Anzug verwickelten, eine überflüſſige Rolle ſpiele, em⸗ pfahl er ſich, um ſeinen wichtigeren Geſchäften nach⸗ zugehen. Er beeilte ſich, ſeine Anordnungen zu treffen, und die hohen Gäſte und die angeſehenſten Häuſer zu laden. Überall erſchien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzählt, iſt die Freude am Tanzen nicht erſt heute über die Mädchen gekommen. Auch ſeine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum Grundſatz geworden, daß man nur in einer langen Reihe von Zimmern, bei flim⸗ merndern Lüſtres, umgeben von jenen unzähligen, un⸗ weſentlichen Dingen, welche die Mode als nothwendig preist, fröhlich ſein könne. Der Rathhausſaal gab hin⸗ länglichen Raum, und die kunſtloſen Lampen, die an den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, die ſchönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu ſehen. Doch nicht ſeine Anordnungen allein waren dem Rathsſchreiber gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erſpäht, die bis jetzt nur der engere Ausſchuß des Rathes mit den Bundesoberſten theilte. Zufrieden mit dem Erfolg ſeiner vielen Geſchäfte, kam er gegen Mittag nach Hauſe und ſein erſter Gang war, nach ſeinem Gaſte zu ſehen. Er traf ihn in ſon⸗ derbarer Arbeit. Georg hatte lange in einem ſchön⸗ geſchriebenen Chronikbuch, das er in ſeinem Zimmer W. Hauffs Werke. XIVa 5 66 gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten Bil⸗ der, womit die Anfangsbuchſtaben der Kapitel unter⸗ legt waren, die Triumphzüge und Schlachtenſtücke, welche mit kühnen Zügen entworfen, mit beſonderem Fleiße ausgemalt, hin und wieder den Text unter⸗ brachen, unterhielten ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegeriſchen Bildern, die er ange⸗ ſchaut hatte, ſeinen Helm und Harniſch, und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zu großem Ärgerniß der Frau Sabine, bald uſtige, bald ernſtere Weiſen dazu ſang. So traf ihn ſein Gaſtfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen. Er konnte ſich nicht enthalten, noch einige Zeit an der Thüre zu lauſchen, ehe er den Geſang un⸗ terbrach. Es war eine jener ernſten, beinahe wehmüthig tönenden Weiſen, wie ſie durch ihren innern Werth erhalten und fortgetragen, bis auf unſere Tage herab⸗ kamen. Noch heute leben ſie in dem Munde der Schwa⸗ ben, und oft und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den gehaltenen Klängen ihrer vollen Accorde, an den lieblichen Ufern des Neckars ſie belauſcht. Der Sänger begann von Neuem: Kaum gedacht, War der Luſt ein End' gemacht, Geſtern noch auf ſto'zen Roſſen, Heute in die Bruſt geſchoſſen, Morgen in das kühle Grab. 67 Doch was iſt Aller Erden Freud' und Lüſt' Prohlſt du gleich mit deinen Wangen, Die wee Milch und Purpur prangen, Sieh, die Roſen welken all“. Darum ſtill Geb' ich mich, wie Gott es will. Und wird die Trompete blaſen Und muß ich meiy Leben laſſen, Stirbt ein braver Reitersmann. „Wahrlich, Ihr habt eine ſchöne Stimme,“ ſagte Herr von Kraft, als er in das Gemach eintrat.„Aber warum ſinget Ihr ſo traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch meſſen, aber was ich ſinge, muß fröhlich ſein, wie es einem jungen Manne von acht⸗ undzwanzig geziemt.“ Georg legte ſein Schwert auf die Seite und bot ſeinem Gaſtfreund die Hand.„Ihr mögt Recht ha⸗ ben,“ ſagte er,„was Euch betrifft. Aber wenn man zu Feld reitet, wie wir, da hat ein ſolches Lied große Gewalt und Troſt, denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite.“ 4. „Nun, das iſt ja gerade, was ich meine,“ entgeg⸗ nete der Schreiber des großen Raths.„Wozu ſoll man das auch noch in ſchönen Verglein beſingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt? Man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen, ſonſt kommt er, ſagt ein Sprüchwort. Üübrigens hat es damit keine Noth, wie jetzt die Sachen ſtehen.“ „Wie? Iſt der Krieg nicht entſchieden?“ fragte Georg neugierig.„Hat der Würtemberger Bedingun⸗ gen angenommen?“ „Dem macht man gar keine mehr,“ antwortete Dietrich mit wegwerfender Miene.„Er iſt die längſte Zeit Herzog geweſen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas ſagen,“ ſetzte er wichtig und geheimnißvoll hinzu,„aber bis jetzt bleibt es noch unter uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14,000 Schweizer? Sie ſind wie wegge⸗ blaſen. Der Bote, den wir nach Zürich und Bern ge⸗ ſchickt haben, iſt zurück. Was von Schweizern bei Blau⸗ beuren und auf der Alp liegt— muß nach Haus.“ „Nach Haus zurück?“ rief Georg erſtaunt.„Haben die Schweizer ſelbſt Krieg?“ 3 „Nein,“ war die Antwort,„ſie haben tiefen Frie⸗ den, aber kein Geld. Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, ſind ſchon Boten da, die das ganze Heer nach Hauſe zurückrufen.“ „Und werden ſie gehen?“ unterbra⸗) ihn der Jung⸗ ling,„ſie ſind auf ihre eigene Fauf. m Herzog zu Hülfe gezogen, wer kann ihnen gebi, en, ſeine Fah⸗ nen zu verlaſſen?“ „Das weiß man ſchon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schw zer der Ruf kommt, bei Ver⸗ luſt ihrer Güter und ei Leib⸗ und Lebensſtrafe nach Haus zu eilen,“ ſie werden bleiben? Ulerich hat zu wenig Geld, um ſie zu halten, denn auf Verſprechun⸗ gen dienen ſie nicht.“ * Die Eidgenoſſen verboten zuerſt nur die Werbungen des Herzogs in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Theil der Herzoge erhellt. Nachher riefen ſie ihre Leute ganz zurück, und zwar auf die Vorſtellungen des ſchwä⸗ biſchen Bundes. 69 „Aber iſt dies auch ehrlich gehandelt?“ bemerkte Georg,„heißt das nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen ſtehlen und ihn dann überfallen?“ „In der Politica, wie wir es nennen,“ gab der Rathsſchreiber zur Antwort, und ſchien ſich dem uner⸗ fahrenen Kriegsmann gegenüber kein geringes Anſehen geben zu wollen;„in der Politica wird die Ehrlichkeit höchſtens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z. B. dem Herzog erklären, daß ſie ſich ein Gewiſſen daraus machen, ihre Leute gegen die freien Städte dienen zu laſſen. Aber die Wahrheit iſt, daß wir dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten, als der Herzog.“ „Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,“ ſagte Georg,„ſo hat doch Würtemberg noch Leute ge⸗ nug, um keinen Hund über die Alb zu laſſen.“ „Auch dafür wird geſorgt,“ fuhr der Schreiber in ſeiner Erläuterung fort,„wir ſchicken einen Brief an die Stände von Würtemberg und ermahnen ſie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, dem⸗ ſelben keinen Beiſtand zu thun, ſondern dem Bunde zuzuziehen.“* „Wie?“ rief Georg mit Entſetzen,„das hieße ja den Herzog um ſein Land betrügen. Wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entſagen und ſein ſchönes Würtemberg mit dem Rücken anzuſehen?7 e Ein gedrucktes Schreiben„des Bundes zu Schwaben an gemeine Landſchaft zu Würtemberg“ dieſes Inhaltes vom 24. Mart, 1519 findet ſich in der Beilage Nr. 42 bei Sattler. V 7⁰ „Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter, als etwa Reutlingen wieder zur Reichsſtadt machen? Wovon ſoll denn Hutten ſeine zweiundvierzig Geſellen und ihre Diener beſolden? Wovon denn Sickingen ſeine tauſend Reiter und zwölftauſend zu Fuß, wenn er nicht ein hübſches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog von Baiern wolle nicht auch ſein Theil? Und wir? Unſere Mar⸗ kung grenzt zunächſt an Würtemberg—⸗ „Aber die Fürſten Deutſchlands,“ unterbrach ihn Georg ungeduldig;„meint Ihr, ſie werden es ruhig mit anſehen, daß Ihr ein ſchönes Land in kleine Fetzen reißet? Der Kaiſer, wird er es dulden, daß Ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?“ Auch dafür wußte Herr Dietrich Rath.„Es iſt kein Zweifel, daß Karl ſeinem Vater als Kaiſer folgt. Ihm ſelbſt bieten wir das Land zur Obervormundſchaft an, und wenn Öſterreich ſeinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen ſein? Doch, ſehet nicht ſo düſter aus. Wenn Euch nach Krieg gelüſtet, dazu kann Rath werden. Der Adel hält noch zum Herzog, und an ſei⸗ nen Schlöſſern wird ſich noch mancher die Zähne ein⸗ brechen. Wir verſchwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß wir erfahren, was Frau Sa⸗ bina uns gekocht hat.“ Damit verließ der Schreiber des großen Rathes von Ulm, ſo ſtolzen Schrittes, als wäre er ſelbſt ſchon Obervormund von Würtemberg, das Zimmer ſeines Gaſtes.. Georg ſandte ihm nicht die freundlichſten Blicke nach. Zürnend ſchob er ſeinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit ſo freudigem Muthe zu ſeinem erſten Kampf geſchmückt hatte, in die Ecke. Mit Wehmuth betrachtete er ſein altes Schwert, dieſen treuen Stahl, den ſein Vater in manchem guten Streite geführt, den er ſterbend ſeinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld geſendet hatte.„Ficht ehrlich!“ war das Symbolum, das der Waffenſchmied in die ſchöne Klinge gegraben hatte, und er ſollte ſie für eine Sache führen, die ihre Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunſt erfahrener Män⸗ ner, der Tapferkeit des Einzelnen die Entſcheidung zutraute, da ſollten geheime Ränke, die Politica, wie Herr Dietrich ſich ausdrückte, entſcheiden? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen, die Ausſicht auf Ruhm gelockt hatte, da ſollte er nur den habgierigen Planen dieſer Menſchen dienen? Ein altes Fürſtenhaus, dem ſeine Ahnen gerne gedient hatten, ſollte er von dieſen Spießbürgern vertreiben ſehen? Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke ſcheinen, von dieſem Kraft ſich belehren laſſen zu müſſen. Doch dem Unmuth über ſeinen gutmüthigen Wirth konnte er nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, daß ja jene Plane nicht in ſeinem Kopf gewachſen ſeien, und daß Menſchen, wie dieſer politiſche Raths⸗ ſchreiber, wenn ſie einmal ein Geheimniß, einen gro⸗ ßen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; daß ſie ſich mit dem adoptirten Kinde brüſten, als wäre es Minerva, aus ihrem eigenen harten Kopfe entſprungen. 72 Mit milderen Gedanken kam er zu ſeinem Gaſt⸗ freund, als man ihn zu Tiſch rief. Ja, die ganze Anſicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem erträglicher, als er ſich er⸗ innerte, daß ja auch Mariens Vater dieſer Partei folge. Es war ihm, als möchte die Sache doch nicht ſo ſchwarz ſein, welcher Männer wie Frondsberg ihre Dienſte geliehen. Schnell fertig iſt die Jugend mit dem Wort, Das ſchnell ſich bandhabt wie des Meſſers Schneide— — Gleich heißt Ihr alles ſchändlich oder würdig, Bös oder gut. Dieſes wahre Wort des Dichters möge die Geſin⸗ nung Georgs bezeichnen, die Geſinnung Georgs, der vielleicht allzuſchnell ſeine Anſicht über jene Dinge än⸗ derte. Und wie die düſtern Falten des Unmuths auf einer jugendlichen Stirne ſich ſchneller glätten, wie ſelbſt ſchmerzliche Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht verdrängt werden, ſo erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den Abend. Man hat uns erzählt, daß unter die ſchönſten Stunden im Leben der Liebe die gehören, wo die Er⸗ wartung ſich an ſchöne Erinnerungen knüpft. Der Geiſt ſei da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fühlen. Er träumte von den ſchö⸗ nen Augenblicken, wo es ihm vergönnt ſein werde, die Geliebte zu ſehen, ſte zu ſprechen, ihre Hand zu faſſen und in ihrem Auge zu leſen. VI. Und als er ſie ſchwingt nun im luftigen Reigen, Da flüſtert ſie leiſe, ſie kann's nicht verſchweigen. Uhrland. Wenn es möglich geweſen wäre, auf einem Troͤdel⸗ markt oder in der Auktion eines Antiquars ein„Taſchen⸗ buch zum geſelligen Vergnügen, mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519“ aufzufinden, wir hätten nicht leicht ſo angenehm überraſcht werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art, den uns der Zufall in die Hände ſpielte. Wir waren nämlich in vorliegender Hiſtorie bis an dieſes Kapitel gekommen, das, um der Sage zu fol⸗ gen, von einem Abendtanz handeln ſoll; da fiel uns mit einemmale der Gedanke ſchwer aufs Herz, daß wir a nicht einmal wiſſen, wie und was man in jenen Zei⸗ ten getanzt habe. Wir hätten zwar ſchlechthin ſagen können,„ſie tanzten;“ aber wie leicht wäre geſchehen geweſen, daß eine unſerer freundlichen Leſerinnen einen Anachronis⸗ mus gemacht, und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Cotillon hätte vortanzen laſſen. In dieſer Verlegenheit ſtießen wir auf das ſehr ſelten ge⸗ wordene Buch:„Vom Anfang, Urſprung und Her⸗ kommen der Turniere im heiligen römiſchen Reich.— Frankfurth 1564.“ Wir fanden in dieſem Folianten 1 — — y⸗†—— „ 7⁴ unter andern trefflichen Holzſchnitten einige, die einen ſolchen Abendtanz vorſtellen, wie er zu Zeiten Kaiſer Marximilians, etwa ein Jahr vor dieſer Hiſtorie, ge⸗ halten wurde. Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der Abendtanz im Ulmer Rathhausſaal ſich in nichts von jenem angeführten unterſchied, und man wird ſich den deutlichſten Begriff von einem ſolchen Vergnügen machen, wenn wir eines dieſer Bilder beſchreiben. Den Vordergrund nehmen Zuſchauer und die Pfeif⸗ ¹ fer, Trommler und Trompeter ein, die, nach dem Aus⸗ drucke des Turnierbuches,„eins aufblaſen.“ Zu beiden Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, ſteht die tanzluſtige Jugend, in reiche, ſchwere Stoffe gekleidet. In unſeren Tagen ſieht man bei ſolchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben, ſchwarz und weiß, worein ſich die Herren und Damen, wie in Nacht und Tag getheilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein überraſchender Glanz der Farben ſtrahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichſte Roth, vom brennendſten Scharlach bis zum dunkelſten Purpur, jenes brennende Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter Meiſter überraſcht, ſind die freudigen Farben ihrer maleriſch drapirten Ge⸗ wänder. Die Mitte der Seene nimmt der eigenliche Tanz ein. Er hat am meiſten Ahnlichkeit mit der Polo⸗ naiſe, denn er iſt ein Umzug im Saale. Den Zug er⸗ öffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Inſtrumenten; dieſen folgt der Vortänzer und ſeine Dame; dieſe Stelle begleitet bei jedem Tanze wieder ein Anderer, und es entſchied hiebei nicht die Geſchick⸗ — — 7⁵ lichkeit, ſondern der Rang des Tänzers. Auf dieſe fol⸗ gen zwei Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die Damen ſchreiten ehr⸗ bar und züchtig einher, die Männer aber ſetzen ihre Füße wunderlich, wie zu kühnen Sprüngen, einige ſcheinen auch mit den Abſätzen den Takt zu ſtampfen wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzu⸗ tage ſehen können. So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies ſchon längſt zum erſten auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathhausſaal eintrat. Seine Blicke ſchweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen ſie Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fränkiſchen Ritter ſeiner Bekanntſchaft, ſchien aber der eifrigen Rede, die er an ſie richtete, nicht Gehör zu geben. Ihr Auge ſuchte den Boden, ihre Miene konnte Ernſt, bei⸗ nahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein, die in der wahren Tanzſeligkeit ſchwimmend, ein Ohr der Muſik, das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu leſen, bald ihren Tänzern zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerkſamkeit auch ganz gewiß auf ſie gerichtet ſei. In gehaltenen Töoͤnen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten; Herr Dieterich Kraft hatte ſeinen Gaſtfreund bemerkt und kam, ihn, wie er verſprochen, zu ſeinen Muhmen zu führen. Er flüſterte ihm zu, daß er ſelbſt ſchon für den nächſten Tanz mit Bäschen Bertha verſagt ſei, doch habe er ſo eben um Mariens Hand für ſeinen Gaſt geworben. 76 Beide Mädchen waren auf die Erſcheinung des ihnen ſo intereſſanten Fremden vorbereitet geweſen, und dennoch bedeckte die Erinnerung deſſen, was ſie über ihn geſprochen, Bertha's angenehme Züge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche ſie ſein Anblick verſetzte, ließ ſie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge entgegenſtrahlte, wie ſie bebte, wie ſie mühſam nach Athem ſuchte, wie ihr ſelbſt die Sprache ihre Dienſte zu verſagen ſchien. „Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gaſt,“ begann der Rathsſchreiber,„der um die Gunſt bittet, mit Euch zu tanzen.“ „Wenn ich nicht ſchon dieſen Tanz an meinen Vetter zugeſagt hätte,“ antwortete Bertha, ſchneller gefaßt als ihre Baſe,„ſo ſolltet Ihr ihn haben, aber Marie iſt noch frei, die wird mit Euch tanzen.“ „So ſeid Ihr noch nicht verſagt, Fräulein von Lichtenſtein?“ fragte Georg, indem er ſich zu der Ge⸗ liebten wandte. „Ich bin an Euch verſagt,“ antwortete Marie. So hörte er denn zum erſtenmale wieder dieſe Stimme, die ihn ſo oft mit den ſüßeſten Namen genannt hatte; er ſah in dieſe treuen Augen, die ihn noch immer ſo hold anblickten, wie vormals. Die Trompeten ſchmetterten in den Saal; der Oberfeldlieutenant Waldburg Truchſes, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, ſchritt mit ſeiner Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten ſich, und auch Georg ergriff Mariens Hand und ſchloß ſich an. Jetzt ſuchten ihre Blicke nicht mehr den Boden, ſie 77 hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm ſcheinen, als mache ſie dieſes Wiederſehen nicht ſo glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düſtere Wolke von Schwermuth oder Trauer um ihre Stirne. Sie ſah ſich um, ob Dietrich und Bertha, das nächſte Paar nach ihnen, nicht allzunahe ſeien.— Sie waren ferne. „Ach Georg,“ begann ſie,„welch unglücklicher Stern hat Dich in dieſes Heer geführt?“ „Du warſt dieſer Stern, Marie,“ ſagte er;„Dich habe ich auf dieſer Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich Dich fand! Kaunſt Du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher bei Seite legte und Kriegsdienſte nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit dieſem Gute will ich wuchern, daß der Deinige ſehen ſoll, daß ſeine Tochter keinen Un⸗ würdigen liebt.“ „Ach Gott! Du haſt doch dem Bunde noch nicht zugeſagt?“ unterbrach ſie ihn. Angſtige Dich doch nicht ſo, mein Liebchen, ich habe noch nicht völlig zugeſagt; aber es muß nächſter Tage geſchehen. Willſt Du denn Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magſt Du um mich ſo bange haben? Dein Vater i*ſt alt und zieht ja doch auch mit aus. „Ach, mein Vater, mein Vater!“ klagte Marie, „Er iſt ja— doch brich ab, Georg, brich ab— Bertha belauſcht uns; aber ich muß Dich morgen ſprechen, ich muß, und ſollte es meine Seligkeit koſten. Ach! wenn ich nur wüßte wie?“ „Was ängſtigt Dich denn nur ſo?“ fragte Georg, 78 dem es unbegreiflich war, wie Marie, ſtatt ſich der Freude des Wiederſehens hinzugeben, nur an die Ge⸗ fahren dachte, denen er entgegen gehe?„Du ſtellſt Dir die Gefahren größer vor als ſie ſind,“ flüſterte er ihr tröſtend zu.„Denke an Nichts, als daß wir uns jetzt wieder haben, daß ich Deine Hand drücken darf, daß Auge in Auge ſieht wie ſonſt. Genieße jetzt die Augen⸗ blicke! ſei heiter!4 „Heiter? O dieſe Zeiten ſind vorbei, Georg! Höre und ſei ſtandhaft— mein Vater iſt nicht bündiſch!“ „Jeſus Maria! was ſagſt Du?“ rief der Jüngling und beugte ſich, als habe er das Wort des Unglücks 1 nicht gehört, herab zu Marien;„o ſage, iſt denn Dein Vater nicht hier in Ulm?“. Sie hatte ſich ſtärker geglaubt; ſie konnte nicht mehr ſprechen; bei dem erſten Laut wären ihre Thränen nnaufhaltſam gefloſſen; ſie antwortete nur durch einen Druck der Hand, und ging mit geſenktem Haupt nach Kraft ſuchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her. Endlich ſiegte der ſtarke Geiſt dieſes Mäd⸗ chens über die Schwäche ihrer Natur, die einem ſo großen, tiefen Kummer beinahe erlegen wäre.„Mein Vater,“ flüſterte ſie,„iſt Herzog Ulrichs wärmſter Freund, und ſobald der Krieg entſchieden iſt, führt er mich heim auf den Lichtenſtein!“ Betäubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen ſchmetterten die Trompeten, ſie begrüßten den Truchſes, der eben an dem Muſikchor vorüberzog; er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberſtücke zu, und von neuem erhob ſich ihr betäubender Jubel. Das leiſe Geſpräch der Liebenden verſtummte vor der rauhen Gewalt dieſer Töne, aber ihr Auge hatte ſich in dieſem Schiffbruch ihrer Liebe um ſo mehr zu ſagen, und ſie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflü⸗ ſter über ſie im Saal erging, das ſie als das ſchönſte Paar pries. Aber nur zu wohl hatte Bertha dieſe Bemerkungen der Menge gehört. Sie war zu gutmüthig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen wäre, aber ſie ſetzte ſich doch im Geiſte an Mariens Platz, und fand, daß man vielleicht das Paar nicht minder ſchön gefunden hätte. Auch das Geſpräch, das zwiſchen den Beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernſte Baſe, die ſelten oder nie mit einem Mann lange ſprach, ſchien mehr und ange⸗ legentlicher zu reden, als ihr Tänzer. Die Muſik hin⸗ derte ſie zu verſtehen, was geſprochen wurde; die Neugierde, die man vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausſchließlich zuſchreibt, wurde in ihr rege, ſie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um — ein wenig zu lauſchen; aber war es Zufall oder Abſicht, das Geſpräch verſtummte, als ſie näher kam, oder wurde ſo leiſe gefuͤhrt, daß ſie nichts davon ver⸗ ſtand.. Ihr Intereſſe an dem ſchoͤnen jungen Mann wuchs mit dieſen Hinderniſſen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft ſo läſtig geworden, als in dieſen Augen⸗ blicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umſpinnen gedachte, verhinderten ſie, Jene ge⸗ nauer zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz ſich endigte. Denn ſie durfte hoffen, daß der ———— 8⁰ nächſte an des jungen Ritters Seite deſto angenehmer für ſie ſein werde. 1 Sie täuſchte ſich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, ſie um den nächſten Tanz zu bitten, der auch ſo⸗ gleich begann und ſie hüpfte fröhlich an ſeiner Seite in 46 die Reihen. Aber es war nicht mehr derſelbe, der vor⸗ hin mit Marien ſo freundlich geſprochen hatte. Ver⸗ ſtört, einſilbig, in tiefe Gedanken verſunken, war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu ſicht⸗ bar, daß er ſich immer erſt wieder ſammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten ſollte. War dies jener,„höfliche Ritter,“ welcher ſie, ohne daß ſie ſich je geſehen hatten, ſo freundlich grüßte? War es derſelbe, welcher ſo heiter, ſo fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte? Derſelbe, der mit Marien ſo eifrig ſich unterredet hatte? Oder ſollte dieſe—? Ja, es war klar. Marie hatte ihm beſſer ge⸗ fallen, ach! vielleicht weil ſie die erſte war, die mit ihm getanzt. Je weniger Bertha gewohnt war, ſich der ernſten Marie nachgeſetzt zu ſehen, um ſo mehr befremdete ſie dieſer Sieg ihrer Baſe, um ſo mehr glaubte ſie ſich beeifern zu müſſen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie ſetzte daher mit ihrer heiteren Geſchwätzigkeit das Geſpräch über den bevor⸗ ſtehenden Krieg, das ſie mit Mühe angeſponnen hatte, fort, als ſie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Rathsſchreiber traten.„Nun? und der wie⸗ vielte Feldzug iſt es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?“ „Es iſt mein erſter,“ antwortete dieſer kurz abge⸗ 81 brochen, denn er war unmuthig darüber, daß Jene ihn noch immer im Geſpräch halte, da er mit Marie ſo gern geſprochen hätte. „Euer erſter?“ entgegnete Bertha verwundert; „Ihr wollt mir etwas weiß machen, da habt Ihr ja ſchon eine mächtige Narbe auf der Stirne.“ „Die bekam ich auf der hohen Schule,“ antwortete Georg. „Wie? Ihr ſeid ein Gelehrter?« fragte Jene eifrig weiter.„Nun, und da ſeid Ihr gewiß recht weit weg geweſen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg.“ „Nicht ſo weit, als Ihr meint,“ entgegnete er, in⸗ dem er ſich zu Marien wandte;„ich war in Tübingen.“ „In Tübingen?“ rief Bertha voll Verwunderung. Wie ein Bltz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeſchlagenen Augen, mit der Röthe der Scham auf den Wangen, vor ihm ſtand, überzeugte ſie, daß die lange Reihe von Schlüſſen, die ſich an jenes Wort anſchloſſen, ihren nur zu ſicheren Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum ſie der artige Ritter begrüßt, warum Marie geweint, die ihn gewiß gerne auf der feindlichen Seite geſehen hätte, warum er ſo viel mit Jener geſprochen, warum er bei ihr ſelbſt ſo einſilbig war. Es war keine Frage, ſie kannten ſich, ſie mußten ſich längſt gekannt haben. Beſchämung war das erſte Gefühl, das bei dieſer Entdeckung Bertha's Herz beſtürmte; ſie erröthete vor ſich ſelbſt, wenn ſie ſich geſtand, nach der Aufmerkſam⸗ W. Hauffs Werke. XIV. 6 ———— b b 8² keit eines Mannes geſtrebt zu haben, deſſen Seele ein ganz anderer Gegenſtand beſchäftigte. Unmuth über Mariens Heimlichkeit verfinſterte ihre Züge. Sie ſuchte Entſchuldigung für ihr eigenes Betragen, und fand ſie nur in der Falſchheit ihrer Baſe. Hätte dieſe ihr ge⸗ ſtanden, in welchem Verhältniß ſie zu dem jungen Manne ſtehe, ſie hätte ihr nie ihre Theilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr dann, meinte ſie, höchſt gleich⸗ gültig geblieben, ſie hätte nie dieſe Beſchämung er⸗ fahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge Damen große Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anſtand zu ertragen wiſſen; daß ſie aber oft, wenn es ſich um geringe Dinge han⸗ delt, nicht Gleichmuth genug beſitzen, um das Wahre vom Falſchen zu unterſcheiden, nicht Großmuth genug, um zu vergeſſen. 2 Bertha hat an dieſem Abend den unglücklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über den größeren Schmerz, der ſeine Seele beſchäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch, daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungeſtört zu ſprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens Schickſal und über die Geſinnungen ihres Vaters gewiſſer wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüſtern, er möchte morgen in der Stadt blei⸗ ben, weil ſie vielleicht irgend eine Gelegenheit finden würde, ihn zu ſprechen.. Verſtimmt kamen die beiden Schönen nach Hauſe. Bertha hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort — 8 83³ gegeben, und auch dieſe, ſei es, daß ſie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, ſei es, weil ſie ſelbſt ein großer Schmerz beſchäftigte, war nach und nach immer düſterer, einſilbiger geworden. Aber auf Beiden laſtete die Störung ihres bishe⸗ rigen freundſchaftlichen Verhältniſſes erſt recht ſchwer, als ſie ernſt und ſchweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten ſich bisher alle jene kleinen Dienſte geleiſtet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer Freund⸗ ſchaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Ber⸗ tha hatte die ſilberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in langen Ringellocken über den ſchönen Nacken herabſtrömte. Sie verſuchte, es unter das Nachthäubchen zu ſtecken; ungewohnt, dieſe Arbeit ohne Mariens Hülfe zu verrichten, kam ſie nicht damit zu Stande, aber zu ſtolz, ihrer Feindin, wie ſie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre Verlegenheit merken zu laſſen, warf ſie das Häubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden. Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat hinzu, das Haar ihrer Baſe nach gewohnter Weiſe zu ordnen und aufzubinden. „Hinweg, Du Falſche!“ rief die erzürnte Bertha, indem ſie die hülfreiche Hand zurückſtieß. „Bertha, hab' ich dies um Dich verdient?“ ſprach Marie mit Ruhe und Sanftmuth.„O wenn Du wüß⸗ teſt, wie unglücklich ich bin, Du würdeſt ſanfter gegen mich ſein!“ „Unglücklich?“ lachte Jene laut auf,„unglücklich! 84 Vielleicht weil der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?“ „Du biſt recht hart, Bertha;“ antwortete Marie. „Du biſt böſe auf mich, und ſagſt mir nicht einmal warum?“ „So? Du willſt alſo nicht wiſſen, daß Du mich betrogen haſt? Nicht wiſſen, wie mich Deine Heimlich⸗ keiten dem Spott und der Beſchämung ausſetzten? Ich hätte nie geglaubt, daß Du ſo ſchlecht, ſo falſch an mir handeln würdeſt!“ Von Neuem erwachte in Bertha das kränkende Ge⸗ fühl, ſich hintangeſetzt zu ſehen. Ihre Thränen ſtröm⸗ ten, ſie legte die heiße Stirne in die Hand, und die reichen Locken floſſen über ihr zuſammen und verhüllten die Weinende. Thränen ſind die Zeichen milderen Schmerzens. Marie kannte dieſe Thränen und fuhr mit mehr Ver⸗ trauen fort:„Bertha! Du ſchiltſt meine Heimlichkeit. Ich ſehe, Du haſt errathen, was ich nie von ſelbſt ſagen konnte. Setze Dich ſelbſt in meine Lage. Ach, Du ſelbſt, ſo heiter und offen Du biſt, Du ſelbſt hät⸗ teſt mir Dein Geheimniß nicht vertrauen können. Aber jetzt iſt es ja aus. Du weißt, was meine Lippen aus⸗ zuſprechen ſich ſcheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde ge⸗ liebt, und nicht erſt von geſtern her. Willſt Du mich hören? Darf ich Dir alles ſagen?“ Bertha's Thränen floſſen noch immer. Sie ant⸗ wortete nicht auf jene Fragen, aber Marie hob an zu erzählen, wie ſie Georg im Hauſe der ſeligen Muhme kennen gelernt habe. Wie ſie ihm gut geweſen, lange 8⁵ ehe er ihr ſeine Liebe geſtanden. Alle jene ſchönen Er⸗ innerungen lebten in ihr auf, mit glühenden Wangen, mit ſtrahlendem Auge führte ſie die Vergangenheit her⸗ auf. Sie erzählte von ſo mancher ſchönen Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abſchied.„Und jetzt,“ fuhr ſie mit wehmüthigem Lächeln fort,„jetzt hat ihn dieſer unglückliche Krieg auf dieſe Seite geführt. Er hört, wir ſeien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein Vater ſei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch ſein Schwert zu verdienen, denn er iſt arm, recht arm! O Bertha, Du kennſt meinen Vater. Er iſt ſo gut, aber auch ſo ſtrenge, wenn etwas ſeiner Meinung widerſpricht. Wird er einem Manne ſeine Tochter geben, der ſein Schwert gegen Würtemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine Thränen! Ach, ich wollte Dir ſo oft ſagen, warum ſie fließen, aber eine unbeſiegbare Scham ſchloß meine Lippen. Kannſt Du mir noch zürnen? Muß ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?“ Auch Mariens Thränen floſſen, und Bertha fühlte den eigenen Schmerz von dem größeren Kummer der Freundin beſiegt. Sie umarmte Marien ſchweigend und weinte mit ihr. „In den nächſten Tagen,“ fuhr dieſe fort,„will mein Vater Ulm verlaſſen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg ſprechen, nur ein Viertelſtündchen. Bertha, Du kannſt gewiß Gelegen⸗ heit geben. Nur ein ganz kleines Viertelſtündchen!“ „Du willſt ihn doch nicht der guten Sache abwen⸗ dig machen?“ fragte Bertha. 86 „Was nennſt Du die gute Sache?“ antwortete Marie.„Des Herzogs Sache iſt vielleicht nicht minder gut als die Eure. Du ſprichſt ſo, weil Ihr bündiſch ſeid. Ich bin eine Würtembergerin, und mein Vater iſt ſeinem Herzoge treu. Doch ſollen wir Mädchen über den Krieg entſcheiden? Laß uns lieber auf Mittel ſin⸗ nen, ihn noch einmal zu ſehen.“ Bertha hatte über die Theilnahme, mit welcher ſie der Geſchichte ihrer Baſe zugehört hatte, ganz ver⸗ geſſen, daß ſie ihr jemals gram geweſen war. Sie war überdies für alles Geheimnißvolle eingenommen, daher kamen ihr dieſe Mittheilungen erwünſcht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll der Poſten einer Vertrauten ſei und gab ſich daher alle mögliche Mühe, dem lieben⸗ den Paar mit ihrem Scharfſinn zu dienen. „Ich hab's gefunden,“ rief ſie endlich aus,„wir laden ihn geradezu in den Garten.“ „In den Garten?“ fragte Marie ſchüchtern und ungläubig,„und durch wen?“ „Sein Wirth, der gute Vetter Dietrich, muß ihn ſelbſt bringen,“ antwortete fie;„das iſt herrlich, und dieſer darf auch kein Wörtchen davon merken, lafſ nur mich dafür ſorgen.“ Marie, entſchloſſen und ſtark bei großen Dingen, zitterte doch bei dieſem gewagten Schritte. Aber ihre muthige, fröhliche Baſe wußte ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung und befreit von der Laſt des Geheimniſſes, umarmten ſich die Mädchen, ehe ſie ſich zur Ruhe legten. —— VII. Und wie ein Geiſt ſchlingt um den Hals Das Liebchen ſich herum: „Wällſt mich verlaſſen, liebes H, Auf ewig?“ und der bittere Schaerz Macht's arme Liebchen ſtumm. Schubart. Sinnend und traurig ſaß Georg am Mittag nach dem feſtlichen Abend in ſeinem Gemach. Er hatte Brei⸗ tenſtein beſucht und wenig Tröſtliches für ſeine Hoffnun⸗ gen erfahren. Der Kriegsrath hatte ſich an dieſem Morgen verſammelt und unwiderruflich war der Krieg beſchloſſen worden. Zwölf Edelknaben waren, die Ab⸗ ſagebriefe des Herzogs von Baiern, der Ritterſchaft und geſammter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum Göck⸗ linger Thor hinausgejagt, um die Feindesbotſchaft dem Würtemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen rief man einander fröhlich dieſe Nachricht zu, und die Freude, daß es jetzt endlich ins Feld gehen werde, ſtand deutlich auf allen Geſichtern geſchrieben. Nur Einen traf dieſe Kunde wie das ſchreckliche Macht⸗ wort ſeines Schickſals. Der Gram trieb ihn aug dem Kreiſe der froͤhlichen Geſellen, die jetzt den Weinſtuben 88 zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfeſt des Krie⸗ ges zu begehen und das Loos künftiger Siege im Wür⸗ felſpiele zu belauſchen. Ach! ihm waren ja ſchon die Würfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld dehnte ſich zwiſchen ihm und ſeiner Liebe aus, ſie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren. Eilige Tritte, welche die Treppe heraufſtürmten, weckten ihn aus ſeinem Brüten. Der Rathsſchreiber ſteckte den Kopf in die Thüre.„Glück auf, Junker!“ rief er,„jetzt hebt der Tanz erſt recht an. Aber Ihr wißt es vielleicht noch gar nicht? Der Krieg iſt ange⸗ kündigt, ſchon vor einer Stunde ſind unſere Abſagebo⸗ ten ausgeritten.“ „Ich weiß es,“ antwortete ſein finſterer Gaſt. „Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehört— nein, das könnt Ihr nicht wiſſen,“ fuhr Dietrich fort, indem er zutraulich näher zu ihm trat,„daß die Schweizer bereits abziehen?“ „Wie, ſie ziehen?“ unterbrach ihn Georg.„ Alſo hat der Krieg ſchon ein Ende?“ „Das möͤchte ich nicht gerade behaupten,“ fuhr der Rathsſchreiber bedenklich fort,„der Herzog von Wür⸗ temberg iſt noch ein junger, muthiger Herr und hat noch Ritter und Dienſtleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldſchlacht mehr wagen, aber er hat feſte Städte und Burgen. Da iſt einmal der Höllenſtein und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eiſen. Da iſt Göppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht auf den erſten Stückſchuß ergeben wird. Da iſt Schorn⸗ dorf, RNothenberg und Asperg, da iſt vor Allem Tübin⸗ 89 gen, das er tüchtig befeſtigt hat. Es wird noch Mancher ins Gras beißen, bis Ihr Eure Roſſe im Neckar tränket.“ „Nun, nun!“ fuhr er fort, als er ſah, daß ſeine Nachrichten die finſtere Stirne ſeines ſchweigenden Ga⸗ ſtes nicht aufheitern konnten.„Wenn Ihr dieſe kriege⸗ riſchen Botſchaften nicht freundlich aufnehmet, ſo ſchenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Baſe?“ „Baſe? Ja, warum fraget Ihr?“ „Nun ſehet, jetzt erſt verſtehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathhaus kam, winkte ſie mir hinauf und befahl mir, meinen Gaſt heute Nachmittag in ihren Garten an der Donau zu führen. Marie habe Euch etwas ſehr Wich⸗ tiges an Eure Baſe, die ſie ſehr gut kenne, aufzutragen. Ihr müßt mir ſchon den Gefallen thun, mitzugehen. Solche Geheimniſſe und Aufträge ſind zwar gewöhnlich nicht weit her und ich wollte wetten, ſie geben Euch ein Müſterlein für den Webſtuhl oder eine Probe feiner Wolle, oder ein tiefes Geheimniß der Kochkunſt, oder gar ein paar Körnlein von einer ſeltenen Blume mit, denn Marie iſt eine große Gärtnerin,— doch, wenn Ihr geſtern an dem Mädchen Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl gerne mit.“ Mitten in dem ſchmerzlichen Gedanken an die Scheideſtunde mußte Georg über die Liſt der Mädchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die Hand und ſchickte ſich an, ihn in den Garten zu begleiten. 90 Dieſer lag an der Donau, ungefähr zweitauſend Schritte unter der Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiß. Die ſchönen Obſtbäume waren zwar noch nicht belaubt und die in wunderlichen Formen ausgeſtochenen Beete hatten noch keine Blu⸗ men, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Fluſſes hinzog und ſich in eine geräumige Laube endete, gab durch ſein helles Grün einen lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die, einem weißen Hals und ſchönen Armen ſo gefährlichen Strahlen der Märzſonne. Dort, auf dem breiten, bequemen Steinſitze, wo die Lücken der Laube eine freie Ausſicht die Donau hinab und hinauf gewährten, hatten die Mädchen unter man⸗ cherlei Geſprächen der jungen Männer geharrt. Marie ſaß traurig in ſich gekehrt. Sie hatte den ſchönen Arm auf eine Lücke der Laube aufgeſtützt und das von Gram und Thränen müde Köpfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glänzendes Haar hob die Weiße ihres Teint um ſo mehr heraus, als ſtiller Kum⸗ mer ihre Wangen gebleicht, und ſchlafloſe Nächte dem lieblichen blauen Auge ſeinen ſonſt ſo überraſchenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um ſo anziehenderen Schimmer von Melancholie gege⸗ ben hatten. Das vollendete Bild fröhlichen Lebens, ſaß die friſche, runde, roſige Bertha neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen Haaren, ihr rundes, friſches Geſichtchen mit den ovalen, ſchärferen Formen ihrer Baſe, wie ihre freundlichen, beweglichen, hellbraunen Augen in auffallendem Contraſt ſtanden mit dem ſinnenden, geiſtvollen Blick Mariens: ſo wurde 91 auch jede ihrer raſchen lebhaften Bewegungen zum Ge⸗ genſatz gegen jene ſtille Trauer. Bertha ſchien ihre roſigſte Lanne hervorgeholt zu haben, um ihre Baſe zu tröſten, oder doch ihren großen Schmerz zu zerſtreuen. Sie erzählte und ſchwatzte, ſie lachte und ahmte die Geberden und Sprache vieler Leute nach, ſie verſuchte alle jene tauſend kleinen Künſte, wo⸗ mit die Natur ihre fröhliche Tochter ausſtattete. Aber wir glauben, daß ſie wenig ausrichtete, denn nur hie und da gleitete ein wehmüthiges, ſchnell verſchwebendes Lächeln über Mariens feine Züge hin. Endlich griff ſie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die in der Ecke ſtand. Marie beſaß auf die⸗ ſem Inſtrument große Fertigkeit, und Bertha hätte ſich ſonſt nicht ſo leicht bewegen laſſen, vor der Meiſterin zu ſpielen. Doch heute hoffte ſie durch ihr Geklimper we⸗ nigſtens ein Lächeln ihrer Baſe zu entlocken. Sie ſetzte ſich mit großem Ernſte nieder und begann: Fragt mich Jemand, was iſt Minne? Wüßt' ich gern auch darum meh(r). Wer nun recht darüber ſinne, Sag' mir, thut ſie weh? Minne iſt Liebe, thut ſie wohl; Thut ſie weh, heißt ſie nicht Minne. O, dann weiß ich wie ſie heißen ſoll. „Wo haſt Du dies alte ſchwäbiſche Liedchen her?“ fragte Marie, die der einfachen Muſik und dem lieb⸗ lichen Text gern ihr Ohr lieh. „Nicht wahr, es iſt hübſch? Aber es kommt noch viel hübſcher, wenn Du. hören willſt,“ antwortete Bertha.„Das hat mich in Nürnberg ein Meiſterſänger, 92 Huns Sachs, gelehrt; es iſt übrigens nicht von ihm, ſondern von Walther von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat⸗ Höre nur weiter: Ob ich recht errathen könne, Was die Minne ſei? So ſprecht ja. Minne iſt zweier Herzen Wonne; Theilen ſie gleich, ſo iſt ſie da, Doch— ſoll ungetheilt ſein, So kann ein Herz allein ſie nicht enthalten. Willſt Du mir helfen; traute Jungfrau mein? „Nun, haſt Du getheilt mit dem armen Junker?“ fragte die ſchelmiſche Bertha ihre erröthende Baſe. „Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir theilen, einſt⸗ weilen kann er aber ſeinen ganzen Part allein tragen. Doch Du wirſt wieder ernſt, ich muß ſchon noch ein Liedchen des alten Herrn Walthers ſingen: Ich weiß nicht, wie es damit geſchah, Meinem Auge iſt's noch nie geſchehen, Seit ich ſie in meinem Herzen ſah, Kann ich ſie auch ohne Augen ſehen. Da iſt doch ein Wunder mit geſchehen, Denn wer gab es, daß es, ohne Augen, Sie zu aller Zeit mag ſehen? Wollt Ihr wiſſen, was die Augen ſein, Womit ich ſie ſehe, durch alle Land? Es ſind die Gedanken des Herzens mein, Damit ſchau ich durch Waſſer und Wand, Und hüten dieſe ſie noch ſo gut, Es ſchauen ſte mit vollen Augen Das Herz, der Wille und mein Muth. Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der 93 Vogelweide als einen guten Troſt beim Scheiden. Bertha beſtätigte es.„Ich weiß noch einen Reim,“ ſagte ſie lächelnd und ſang: Und zog ſie auch weit in das Schwabenland, Seine Aunen ſchauen durch Mauer und Wand, Seine Blicke bohren durch Fels und Stein, 2 Er ſchaut durch die Alb nach dem Lichtenſtein! Als Bertha noch im Nachſpiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang herauf und die Mädchen ſtanden auf, die Erwarteten zu empfangen. „Herr von Sturmfeder,“ begann Bertha nach den erſten Begrüßungen,„verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen. Aber meine Baſe Marie wünſcht Euch Aufträge an eine Freundin zu geben.— Nun, und daß wir Andern nicht zu kurz kommen,“ ſetzte ſie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, „ſo wollen wir eins plandern und den Abendtanz von geſtern muſtern.“ Damit ergriff ſie ihres Vetters Hand und zog ihn mit ſich den Gang hinab. Georg hatte ſich zu Marie auf die Bank geſetzt. Sie lehnte ſich an ſeine Bruſt und weinte heftig. Die ſüßeſten Worte, die er ihr zuflüſterte, vermochten nicht, ihre Thränen zu ſtillen.„Marie,“ ſagte er,„Du warſt ja ſonſt ſo ſtark, wie kannſt Du nun gerade jetzt allen Glauben an ein beſſeres Geſchick, alle Hoffnung aufgeben 24 „Hoffnung?“ fragte ſie wehmüthig,„mit unſerer Hoffnung, mit unſerem Glück iſt es für ewig aus.“ „Sieh,“ antwortete Georg,„eben dies kann ich 94 nicht glauben, ich trage die Gewißheit unſerer Liebe in mir ſo innig, ſo tief, und ich ſollte jemals glauben, daß ſie untergehen könne?“ „Du hoffſt noch? So höre mich ganz an. Ich muß Dir ein tiefes Geheimniß ſagen, an dem das Leben amneines Vaters hängt. Mein Vater iſt ſo ſehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs iſt. Er iſt nicht nur deßwegen hier, um ſein Kind heimzuholen. Nein, er ſucht die Plane des Bun⸗ des zu erforſchen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubſt Du, ein ſo bitterer Gegner des Bundes werde ſeine einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unſer Verderben ſich emporzuſchwingen ſucht? Einem, der ſich an Menſchen anſchließt, die kein Recht, ſondern nur Raub ſuchen?“ „Dein Eifer führt Dich zu weit, Marie,“ unter⸗ brach ſie der Jüngling.„Du mußt wiſſen, daß man⸗ cher Ehrenmann in dieſem Heere dient!“ „Und wenn dies wäre,“ fuhr Jene eifrig fort, „ſo ſind ſie betrogen und verführt, wie auch Du be⸗ trogen biſt.“ „Wer ſagt Dir dies ſo gewiß?“ entgegnete Georg⸗ welcher erröthete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen ſo erniedrigt zu ſehen, obgleich er ahnete, daß ſie ſo Unrecht nicht habe.„Wer ſagt Dir dies ſo gewiß? Kann nicht Dein Vater auch verblendet und betrogen ſein? Wie mag er nur mit ſo vielem Eifer die Sache dieſes ſtolzen, herrſchſüchtigen Mannes führen, der ſeine Edlen ermordet, der ſeine Bürger in den Staub tritt, der an ſeiner Tafel das Mark — 9⁵ des Landes verpraßt und ſeine Bauern verſchmachten läßt?" „Ja, ſo ſchildern ihn ſeine Feinde,“ antwortete Marie,„ſo ſpricht man von ihm in dieſem Heere; aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob ſie ihren angeſtammten Fürſten nicht lieben, wenn gleich ſeine Hand zuweilen ſchwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen ſind, ob ſie nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe ſie dieſem ſtolzen Herzog von Baiern, die⸗ ſen räuberiſchen Edlen, dieſen Städtlern ihr Land abtreten.“* Georg ſchwieg eine Zeitlang nachdenklich.„Aber wie entſchuldigen denn dieſe warmen Vertheidiger den Mord des Hutten?“ fragte er. „Ihr ſprecht immer von Eurer Ehre,“ antwortete Marie,„und wollt nicht leiden, daß ein Herzog ſeine Ehre vertheidige? Hutten iſt nicht meuchelmoͤrderiſch gefallen, wie ſeine Anhänger in alle Welt ausgeſchrieen haben, ſondern im ehrlichen Kampfe, worin der Her⸗ zog ſelbſt ſein Leben einſetzte. Ich will nicht Alles vertheidigen, was er that. Aber man ſoll nur auch bedenken, daß ein junger Herr, wie der Herzog, von ſchlechten Räthen umgeben, nicht immer weiſe handeln kann. Aber er i*ſt gewiß gut, und wenn Du wüßteſt, wie mild, wie leutſelig er ſein kann!“ „Es fehlt nur noch, daß Du ihn auch den ſchönen Herzog nennſt,“ ſagte Georg bitter lächelnd.„Du * Vergk. Anmerk. S. 22. 96 wirſt reichen Erſatz finden für den armen Georg, wenn er es der Mühe werth hält, mein Bild aus Deinem Herzen zu verdrängen.“ „Wahrlich, dieſer kleinlichen Eiferſucht habe ich Dich nicht fähig gehalten,“ antwortete Marie, indem ſie ſich mit Thränen des Unmuths, im Gefühl gekränk⸗ ter Würde abwandte.„Glaubſt Du denn, das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für die Gache ihres Vaterlandes ſchlagen?“ „Sei mir nicht böſe,“ bat Georg, der mit Reue und Beſchämung einſah, wie ungerecht er ſei,„gewiß, es war nur Scherz!“ „Und kannſt Du ſcherzen, wo es unſer ganzes Lebensglück gilt?“ entgegnete Marie.„Morgen will der Vater Ulm verlaſſen, weil der Krieg entſchieden iſt! Wir ſehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und Du magſt ſcherzen? Ach, wenn Du geſehen hätteſt, wie ich ſo manche Nacht mit heißen Thränen zu Gott flehte, er möge Dein Herz hinüber auf unſere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig getrennt zu ſein, gewiß, Du könnteſt nicht ſo grauſam ſcherzen!“ „Er hat es nicht zum Heil gelenkt,“ antwortete Georg, düſter vor ſich hinblickend. „Und ſollte es nicht noch möglich ſein?“ ſprach Marie, indem ſie ſeine Hand faßte und mit dem Aus⸗ druck bittender Zärtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmuth eines Engels ihm ins Auge ſah.„Sollte es nicht noch möglich ſein? Komm mit uns, Georg wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter ſeinem 97 Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in ſolchen Zeiten, ſagte er oft, er wird es Dir hoch anſchlagen, wenn Du ihm folgſt, an ſeiner Seite wirſt Du käm⸗ pfen, mein Herz wird dann nicht zerriſſen, nicht getheilt ſein zwiſchen jenſeits und dieſſeits. Mein Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwiſchen beiden Heeren irren!“ „Halt ein!“ rief der Jüngling und bedeckte ſeine Augen, denn der Sieg der überzeugung ſtrahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte ſich auf ihren ſüßen Lippen gelagert.„Willſt Du mich bereden, ein überläufer zu werden? Geſtern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklärt und morgen ſoll ich zu dem Herzog hinüberreiten? Kann Dir meine Ehre ſo gleichgültig ſein?“ „Die Ehre? fragte Marie und Thränen entſtürz⸗ ten ihrem Auge.„Sie iſt Dir alſo theurer als Deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue ſchwur! Wohlan. Sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber möge Dir, wenn Dich der Herzog von Baiern auf dem Schlachtfelde zum Ritter ſchlägt, weil Du in unſern Fluren am ſchrecklichſten gewüthet, wenn er Dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil Du Würtem⸗ bergs Burgen am tapferſten gebrochen, möge Dir der Gedanke Deine Freude nicht trüben, daß Du ein Herz brachſt, das Dich ſo treu, ſo zärtlich liebte!“ „Geliebte!“ antwortete Georg, deſſen Bruſt wider⸗ ſtreitende Gefühle zerriſſen,„Dein Schmerz läßt Dich nicht ſehen, wie ungerecht Du biſt. Doch es ſei, daß Du ſieheſt, daß ich den Nuhm, der mir ſo freundlich W. Hauffs Werke, XIVv. 7 98 winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiß, ſo höre mich: Hinüber zu Euch darf ich nicht. Aber ablaſſen will ich von dem Bunde, möge kämpfen und ſiegen wer da will— mein Kampf und Sieg war ein Traum, er iſt zu Ende!“ Marie ſandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit ſüßem Lohne.„O glaube mir,“ ſagte ſie,„ich fühle, wie viel Dich dieſes Opfer koſten muß. Aber ſieh mir nicht ſo traurig an Dein Schwert hinunter. Wer frühe ent⸗ ſagt, der erntet ſchön, ſagt mein Vater; es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes ſcheinen. Jetzt kann ich getroſt von Dir ſcheiden; denn wie auch der Krieg ſich enden mag, Du kannſt ja frei vor meinen Vater treten, und wie wird er ſich freuen, wenn ich ihm ſage, welch ſchweres Opfer Du gebracht haſt!“ Bertha's helle Stimme, die der Freundin ein Zei⸗ chen gab, daß der Rathsſchreiber nicht mehr zurückzu⸗ halten ſei, ſchreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Thränen und trat mit Georg auz der Laube. 4 „Vetter Kraft will aufbrechen,“ ſagte Bertha,„er fragt, ob der Junker ihn begleiten wolle 2* „Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hauſe nicht verfehlen ſoll,“ antwortete Georg; ſo theuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie geweſen wären, ſo kannte er doch die ſtrenge Sitte ſeiner Zeit zu gut, als daß er ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mädchen geblieben wäre. Schweigend gingen ſie den Garten hinab, nur Herr 99 Dietrich führte das Wort, indem er in wohlgeſetzten Worten ſeinen Jammer beſchrieb, daß ſeine Baſe mor⸗ gen ſchon Ulm verlaſſen werde. Aber Bertha mochte in Georgs Augen geleſen haben, daß ihm noch etwas zu wünſchen übrig bleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge überflüſſig war. Sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn ſo eifrig uͤber eine Pflanze, die gerade zu ſeinen Füßen mit ihren erſten Blättern aus der Erde ſproßte, daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter ſeinem Rücken vorgehe. Schnell benützte Georg dieſen Augenblick, Marien noch einmal an ſein Herz zu ziehen, aber das Rauſchen von Mariens ſchwerem ſeidenen Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Rathsſchreiber aus ſei⸗ nen botaniſchen Betrachtungen. Er ſah ſich um, und o Wunderl er erblickte die ernſte, züchtige Baſe in den Armen ſeines Gaſtes. „Das war wohl ein Gruß an die liebe Baſe in Franken?“ fragte er, nachdem er ſich von ſeinem Er⸗ ſtaunen erholt hatte. „Nein, Herr Rathsſchreiber,“ antwortete Georg, „es war ein Gruß an mich ſelbſt, und zwar von der, die ich einſt heimzuführen gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?“ „Gott bewahre! Ich gratulire von Herzen,“ ant⸗ wortete Herr Dietrich, der von dem ernſten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Thränen etwas eingeſchüchtert wurde. Aber der tauſend, das heiß' ich veni, vidi, vici. Ich ſcherwenzte ſchon ein Vierteljahr um die Schöne, und habe mich kaum eines Blickes er⸗ 100 2 freuen koͤnnen. Und heute muß ich nun gar den Mar⸗ der ſelbſt herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund wegſtiehlt.“ „Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit Dir machten,“ fiel ihm Bertha ins Wort,„ſei vernünftig und laß Dir die Sache erklären.“ Sie ſagte ihm, was er zu wiſſen brauchte, um gegen Mariens Vater zu ſchweigen. Durch die freundlichen Blicke Bertha's be⸗ ſänftigt, verſprach er zu ſchweigen, unter der Bedin⸗ gung, ſetzte er ſchalkhaft hinzu, daß ſie etwa auch einen ſolchen Gruß an ihn beſtelle. Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu ſtrenge, ſeine unartige Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartenthüre noch einmal um die Naturgeſchichte des erſten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmüthig genug, eine lange und gelehrte Er⸗ klärung darüber zu geben, ohne weder durch Mariens leiſes Weinen, noch durch Georgs klirrendes Schwert ſich unterbrechen zu laſſen. Ein dankender Blick Ma⸗ riens, ein freundlicher Handſchlag von Bertha belohnte ihn dafür beim Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der ſchönen Bäschen, über den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach. VIII. Im ſtillen Kloſtergarten Eine bleiche Jungfrau ging; Der Mond beſchien ſie trübe, An ihrer Wimper hing Die Thräne zarter Liebe. Uhland. Ulm glich in den nächſten Tagen einem großen La⸗ ger. Statt der friedlichen Landleute, der geſchäftigen Bürger, die ſonſt ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen, ſah man überall nur wunderliche Geſtalten mit Sturmhauben und Eiſenhüten, mit Lanzen, Armbrüſten und ſchweren Büchſen. Statt der Rathsherren, in ihrer einfachen ſchwarzen Tracht, zogen ſtolze Ritter, mit wehenden Helmbüchſen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen Schaar bewaffneter Dienſtleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter war dies kriegeriſche Bild vor den Thoren der Stadt; auf einem Anger an der Donau übte Sickingen ſeine Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen Söflingen hin pflegte Fronds⸗ berg ſein Fußvolk zum tummeln. An einem ſchönen Morgen, elwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von Lichtenſtein mit ihrem Vater Ulm verlaſſen hatte, ſah man eine ungeheure Menge Men⸗ 10² ſchen aus allen Ständen auf jener Wieſe verſammelt, um dieſen Übungen Frondsbergs zuzuſehen. Sie be⸗ trachteten dieſen Mann, dem ein ſo großer Ruf voran⸗ gegangen war, vielleicht nicht mit geringerem In⸗ tereſſe als wir, wenn wir die kaiſerlichen oder könig⸗ lichen Söhne des Mars die Dienſte eines Feldherrn verrichten ſahen. Knüpft ſich doch ja gerade an die Perſon eines ausgezeichneten Führers das Intereſſe, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentlichen Blätter erzählen, um ſo deutlicher zu verſtehen, wenn wir uns die Geſtalt des Heerführers vor das Auge zu⸗ rückrufen können. So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zu Muth ſein, wenn ſie ihre engen Straßen verließen um den Mann des Tages in ſeinem Handwerk zu ſehen. Die Geſchicklichkeit, mit der er ſein Fußvolk, das ſonſt in zerſtrenten Haufen gefochten hatte, zu ge⸗ ſchloſſenen Maſſen vereinigte; die Schnelligkeit, womit ſte ſich nach ſeinem Winke nach allen Seiten ſchwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchſen ſtarrende Kreiſe zuſammen zogen; ſeine mächtige Stimme, die ſelbſt die Trommeln übertönte, ſeine er⸗ habene, kriegeriſche Geſtalt, dies Alles gewährte ein ſo neues, anziehendes Bild, daß auch die bequemſten Bürger es nicht ſcheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu ſtehen und dieſes Schauſpiel zu genießen. Der Feldhauptmann ſchien an dieſem Morgen noch freundlicher und fröhlicher zu ſein als ſonſt. Mochte ihn der warme Antheil, den die guten Ulmer an ihm 3 5 4 4⁰³ nahmen und der auf allen Geſichtern geſchrieben ſtand, erfreuen; mochte ihm hier außen an dem ſchönen Mor⸗ gen, unter ſeinen Waffenübungen wohler ſein, als in den engen, kalten Straßen der Stadt— er blickte ſo freundlich auf die Menge hin, daß Jeder glaubte, von ihm beſonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf:„Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!“ jedem ſeiner Schritte folgte. Beſonders freundlich ſchien er immer an einer Stelle zu ſein; wenn er vorüberſprengte, ſo durfte man gewiß ſein, daß er dort mit dem Schwert oder der Hand her⸗ über grüßte und traulich nickte. Die Hinterſten ſtellten ſich auf die Zehen, um den Gegenſtand ſeiner freundlichen Winke zu ſehen; die Näherſtehenden ſahen ſich fragend an und wunderten ſich, denn keiner der verſammelten Bürger ſchien dieſer Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorüber⸗ ſprengte und die Zeichen ſeiner Gnade wiederholte, ga⸗ ben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand ſich, daß die Grüße einem großen, ſchlanken jungen Mann gelten mußten, der in der vorderſten Reihe der Zuſchauer ſtand. Das Wamms von feinem Tuch mit Seidenſchlitzen, die hohen Baretfedern, mit welchen der Morgenwind ſpielte, ſein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den erſten Blick vor ſeinen Nachbarn aus, die minder geſchmückt als er, auch durch unterſetztere Figuren und breite Ge⸗ ſichter ſich nicht zu ihrem Vortheil von ihm unterſchieden. Der Jüngling ſchien aber zum Argerniß der guten Spießbürger nicht ſehr erfreut über die hohe Gnade, die 104 ihm vor ihren Augen zu Theil ward. Schon ſeine Stel⸗ lung, das Haupt geſenkt, die Arme über die Bruſt ge⸗ kreuzt, ſchien nicht anſtändig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden ge⸗ grüßt wurde. Überdies erröthete er bei jedem Gruß des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen, und ſah ihm mit ſo düſteren Blicken nach, als gälte es ein langes Scheiden, und dieſer Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes geweſen. „Ein ſonderbarer Kauz der Junker dort,“ ſagte der Obermeiſter aller Ulmer Weber zu ſeinem Nach⸗ bar, einem wackern Waffenſchmied;„ich gäbe mein Sonntagswamms um einen ſolchen Gruß von dem Frondsberger, und dieſer da muckt nicht darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was hat der Meiſter Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich mit einander wie zwei Brüder. O, die kennen einander ſchon lange, hieß es dann, ſind gute Freunde von Al⸗ ters her. Ich kann mich ordentlich ärgern, daß ein ſo geſcheiter und gewaltiger Herr ſolch einen Laffen all Paternoſterlang grüßt.) Der Waffenſchmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm ſeinen Beifall zugenickt.„Gott ſtraf mich, Ihr habt Recht, Meiſter Kohler! Stehen nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen könnte? Iſt nicht der Herr Bürgermeiſter auf dem Platz, und ſteht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Beſſerer, am Eck? Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir, der da beugt ſeinen Nacken nicht, und wenn der Kaiſer ſelbſt käme. Er muß auch —.,——,— 40⁵ Rechtes ſein; denn der Rathsſchreiber, mein Nachbar, der ſonſt allen Gäſten feind iſt, hat ihn in ſeiner Be⸗ hauſung.“ „Der Kraft?“ fragte der Weber verwundert.„Ei, ei! Aber halt, dahinter ſteckt ein Geheimniß. Das iſt gewiß ſo ein junger Potentat, oder gar des Bürgermei⸗ ſters von Köln ſein Sohn, der auch unter dem Heer mit⸗ reiten ſoll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?“ „Weiß Gott, er iſt's,“ fiel der Waffenſchmied ein, den die Vermuthungen des Webers neugierig gemacht hatten;„er iſt's, und ich will ihn beichten laſſen, trotz dem Probſt von Elchingen.“ Aber ſo klein auch der Raum zwiſchen den beiden Bürgern und dem alten Die⸗ ner des Kraftiſchen Hauſes war, ſo konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen, ſo dicht ſtanden die Zuſchauer. Endlich drang die gewichtige Miene des Obermeiſters aller Weber durch, denn er war reich und angeſehen in der Stadt; er erwiſchte den alten Johann und zog ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Jo⸗ hann konnte wenig Beſcheid geben, er wußte nichts, als daß ſein Gaſt ein Herr von Sturmfeder ſei.„Übri⸗ gens muß er nicht„„weit her““ ſein,“ ſetzte er hinzu, „denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienſtleute bei ſich; meinem Herrn aber wird der Gaſt übel bekom⸗ men, denn unſere alte Sabine, die Amme, iſt wie ein Drache, daß er die Hausordnung ſtört, und ungefragt nur ſo mir nichts dir nichts ein fremdes Menſchenkind mit Stiefeln und Sporen ins Haus ſchleppt.“ „Nichts für ungut,“ fiel ihm der Obermeiſter in die Rede,„Euer Herr, Johann, iſt ein Narr! Die alte 10⁶ Hexe— Gott veizeih mirs— hätte ich ſchon lange auf die Straße geworfen, wo ſie hingehört. Hat der Herr doch ſein gutes Alter, und ſoll ſich behandeln laſ⸗ ſen, als läge er noch in den Windeln.“ „Ihr habt gut reden, Meiſter Kohler,“ anthortete der alte Diener,„aber das verſteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gaſſe werfen? Wer ſoll denn nachher haus⸗ halten? ¹ „Wer?“ ſchrie der erhitzte Weber.„Wer? Ein Weib ſoll er nehmen, eine Hausfrau wie ein anderer Chriſt und Ulmer Bürger auch; was hat er nöthig, als Junggeſelle zu leben und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen? Hab' ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine ſchön gethan hat? Schiff und Geſchirr hätte ich ihm mögen an den Kopf werfen, dem geſtrengen Herrn, ſo aber— ſeine Mutter ſelig hat manch ſchönes Tafelſtück bei mir weben laſſen, die brave Frau— ſo mußte ich meine Mütze abziehen und ſagen: „„ Gehorſamen guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen?““ Daß dich der— 4 „Ei ſchau' Einer!“ ſagte Johann mit unmuthigem Geſicht;„ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Rathsſchreiber, mein Herr, könne in allen Ehren ein Wort mit Eurem Töchterlein wechſeln, ohne daß die böſe Welt—⸗ „So? Ein Wort wechſeln, und Abends nach der Veſperglock' im März? Er heirathet ſie doch nicht, und meint Ihr meines Kindes guter Ruf müſſe nicht ſo rein ſein wie Eures Herrn weiße Halskrauſe? Das könnt, ich brauchen!“ 107 Der Obermeiſter hatte während ſeiner eifrigen Re⸗ den den alten Johann an der Bruſt gepackt und ſeine Stimme ſo erhoben, daß die Umſtehenden aufmerkſam wurden; der Meiſter Schmied hielt es daher für das Beſte, den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete ſo zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, daß es ſchon Mittags in der ganzen. Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in ſeinen alten Tagen eine Liebſchaft mit des Obermeiſters Töchterlein, und ſei von dem erzürnten Vater auf der Wieſe darüber zur Rede geſtellt worden. Die Übungen des Fußvolkes waren indeß zu Ende gegangen, das Volk verlief ſich, und auch den jungen Mann, der die unſchuldige Urſache zu jenem Streit ge⸗ weſen war, ſah man ſeine Schritte der Stadt zuwen⸗ den; ſein Gang war langſam und ungleich, ſein Geſicht ſchien bleicher als ſonſt, ſeine Blicke ſuchten noch immer den Boden oder ſchweiften mit dem Ausdruck von Sehn⸗ ſucht oder ſtillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Würtemberg. Noch nie hatte ſich Georg von Sturmfeder ſo un⸗ glücklich gefühlt als in dieſen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; ſie hatte ihn noch einmal be⸗ ſchwören laſſen, ſeinem Verſprechen treu zu ſein, und wie unglücklich machte ihn dieſes Verſprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekoſtet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abſchiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden. Doch jetzt, wo er mit feſterem Blicke ſeinen Umge⸗ bungen, ſeiner Zukunft ins Auge ſah, wie traurig, wie 108 ſchwierig erſchien ihm ſeine Lage! Nichts davon zu ſa⸗ gen, daß alle ſeine goldenen Träume, alle jenen kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmale ver⸗ ſchwanden; nichts davon zu ſagen, daß auch ſein Ziel, das ſo nahe lag, Marien durch Kriegsdienſte zu verdie⸗ nen, ungewiß in die Weite hinausgerückt war,— er ſollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm theuer war, verkannt zu werden, dieſe Fahnen ver⸗ laſſen, gerade in einem Augenblick, wo man der Ent⸗ ſcheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, ſo lange es ihm nur möglich war, verſchob er dieſe Erklärung; wo ſollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten tapfern Degen Breitenſtein, ſeinem väterlichen Freunde ſeinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne ſollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Grüße, womit er den Sohn ſeines tapfern Waffengenoſſen zu freudigem Kampfe aufzumuntern ſchien, hatten ihn mit tauſend Qualen gefoltert. An ſeiner Seite war ſein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der Sterbende den Ruhm ſeines Namens und ein leuchten⸗ des Beiſpiel als einziges Erbe dem unmündigen Kna⸗ ben zuſandte; dieſer Mann war es, der ihm jetzt ſo lie⸗ bevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in ſo zweideutigem Lichte erſcheinen. Er hatte ſich unter dieſen trüben Gedanken langſam dem Thore der Stadt genähert, als er ſich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er ſah ſich um, ein Mann, dem Anſchein nach ein Bauer, ſtand vor ihm. „Was willſt Du?“ fragte Georg etwas unwillig, in ſeinen Gedanken unterbrochen zu werden. 109 „Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte ſeid,“ antwortete der Mann.„Sagt einmal, was ge⸗ hört zu Licht und Sturm?“ Georg wunderte ſich ob der ſonderbaren Frage und betrachtete Jenen genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; ſeine Bruſt war breit, ſeine Geſtalt gedrungen. Das Geſicht, von der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend geweſen, wenn nicht ein eigener Zug von Liſt und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Muth und Verwegenheit geleuchtet hät⸗ ten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt, er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Art, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man ſie noch heute bei dem ſchwäbiſchen Landvolk ſieht. Während Georg dieſe flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch ſeine Züge lauernd beobachtet. V„Ihr habt mich vielleicht nicht recht verſtanden, Herr Ritter,“ fuhr Jener nach kurzem Stillſchweigen fort;„was paßt zu Licht und Sturm, daß es zwei gute Namen gibt?“ „Feder und Stein!“ antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar wurde, was unter jener Frage verſtanden ſei;„was willſt Du damit?“ „So ſeid Ihr Georg von Sturmfeder,“ ſagte Je⸗ ner,„und ich komme von Marien von—“ „Um Gottes Willen ſei ſtill, Freund, und nenne keinen Namen,“ ſiel Georg ein,„ſage ſchnell, was Du mir bringſt.“ „Ein Brieflein, Junker!“ ſprach der Bauer, in⸗ 11⁰ dem er die breiten, ſchwarzen Kniegürtel, womit er ſeine ledernen Beinkleider umwunden hatte, aufloͤste und einen Streifen Pergament hervorzog. Mit haſtiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glänzendſchwarzer Dinte geſchrieben; den Zügen der Schrift ſah man aber an, daß ſie einige Mühe gekoſtet haben mochten, denn die Mädchen von 1519 waren nicht ſo flink mit der Feder, — um ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken, als die in unſeren Tagen, wo jede Dorfſchöne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epiſtel, ſo lang als die dritte St. Johannis, ſchreiben kann. Die Chronik, woraus wir dieſe Hiſtorie genommen, hat uns jene Worte aufbe⸗ wahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den verwor⸗ renen Zügen des Pergaments entzifferten: Bedenk' Deinen Eid,— Flieh' bei Zeit. Gott Dein Geleit.— Marie Dein in Ewigkeit. Es liegt ein frommer, zarter Sinn in dieſen Wor⸗ ten; und wer ſich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit dieſen Zeilen in die Ferne fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem Schleier ſtiller Thränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch einmal küßt, verſchämte Wangen, die bei dieſem geheimnißvollen Gruße erröthen, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, daß er einige Augen⸗ blicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender Blick nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröſtenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nöthiger geweſen, 111 als gerade jetzt, um den geſunkenen Muth des jungen Mannes zu erheben. Wußte er doch, daß ein Weſen, das Theuerſte, was für ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluß jener Zeilen erhob ſein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu dieſen Zeilen gekommen ſei. „Dacht' ich's doch,“ antwortete dieſer,„daß das Blättchen keinen böſen Zauberſpruch enthalten müſſe. Denn das Fräulein lächelte ſo gar freundlich, als ſie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war vergange⸗ nen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unſer Kriegsvolk ſtand. Es iſt dort in der Kloſterkirche ein prächtiger Hochaltar, worauf die Geſchichte meines Patrons, des Täufers Johannes vorgeſtellt iſt. Vor ſieben Jahren, als ich in großer Noth und einem ſchmählichen Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um dieſe Zeit eine Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre ſeit der Zeit, da mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich Znun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar ſchöne Gänſe oder ein Lamm zu bringen, oder was er ſonſt gerade gerne hat. — Aber ich mache Euch Langeweile mit meinen Ge⸗ ſchwätz, Junker?“ „Nein, nein, erzähle nur weiter,“ antwortete Georg,„komm, ſetze Dich zu mir auf jene Bank.“ „Das würde ſich ſchön ſchicken!“ entgegnete der Bote,„wenn ein Bauer an des Junkers Seite ſitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor Aller Augen 112 ſo oft gegrüßt hat; erlaubt mir, daß ich mich vor Euch hinſtelle.¹ Georg ließ ſich auf einen Steinſitz am Wege nieder, der Bauer aber fuhr, auf ſeine Art geſtützt, in ſeiner Erzählung fort:„Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Luſt zur Wallfahrt, aber„„gebrochener Eid, thut Gott leid,““ heißt es, und ſo mußte ich mein Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufſtand, um dem Abt zu bringen, was recht iſt, ſagte mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu ſeiner Ehrwürden 1 könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Beſuch ſeien. Ich beſtand aber doch darauf, denn der Abt iſt ein leutſeliger Herr, und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgeſucht hätte. Wenn Ihr je ins Kloſter hinaus kommt, ſo vergeſſet nicht nach der Treppe zu ſchauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloſter ſchließt, und iſt lang und ſchmal. Dort war es, wo mir das Fräulein begegnet iſt. Es kommt mir nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Bre⸗ vier und Roſenkranz die Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand, um ſie vorbei zu laſſen, fie aber bleibt ſtehen und ſpricht:„Ei Hans, woher des Wegs?“ „Woher kennt Euch denn das Fräulein?“ unter⸗ brach ihn Georg. „Meine Schweſter iſt ihre Amme und— Wie, die alte Roſe iſt Eure Wrnerf eief der junge Mann. „Habt Ihr ſie auch gekannt?“ fragte der Bote. — 113 „Ei ſeh' doch einer! Aber daß ich weiter ſage: ich hatte eine große Freude, ſie wieder zu ſehen, denn ich be⸗ ſuchte meine Schweſter häufig in Lichtenſtein, und habe das Fräulein gekannt, als man ſie noch in ihres Va⸗ ters Schwertkuppel gehen lehrte. Aber ich hätte ſie kaum wieder erkannt, ſo groß war ſie geworden, und die rothen Wangen ſind auch weg, wie der Schnee am erſten Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich mußte fra⸗ gen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen könne? Sie beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „„Ja, wenn Du verſchwiegen wäreſt, Hans, könnteſt Du mir wohl einen großen Dienſt leiſten!““ Ich ſagte zu, und ſie beſtellte mich nach der Veſper.“ „Aber wie kommt ſie nur in das Kloſter?“ fragte Georg.„Sonſt darf ja doch kein Weiberſchuh über die Schwelle.“ „Der Abt iſt mit ihrem Vater befreundet, und da ſo viel Volk in Blaubeuren liegt, ſo iſt ſie dort beſſer aufgehoben als im Städtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Veſper, als Alles ſtill war, kam ſie ganz leiſe in den Kreuzgang. Ich ſprach ihr Muth zu, wie es eben unſer eins verſteht, da gab ſie mir dies Bläͤtt⸗ chen, und bat mich, Euch aufzuſuchen.“ „Ich danke Dir herzlich, guter Hans,“ ſagte der Jüngling.„Aber hat ſie Dir ſonſt nichts an mich auf⸗ getragen?“ „Ja,“ antwortete der Bote,„mündlich hat ſie mir noch etwas aufgetragen; Ihr ſollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.“ W. Hauffs Werkk. XIV. 3 114 „Mit mir?“ rief Georg;„das haſt Du nicht recht gehört, wer und was ſoll man mit mir vorhaben?“ „Da fragt Ihr mich zuviel,“ entgegnete Jener; „aber wenn ich es ſagen darf, ſo glaube ich die Bün⸗ diſchen. Das Fräulein ſetzte noch hinzu, ihr Vater habe davon geſprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaiſers Sohn, daß ſich Jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn ſolch ein Herr ſo freundlich iſt.“ 1 Georg war überraſcht von der richtigen Bemerkung des ſchlichten Bauers; er entſann ſich auch, daß Ma⸗ riens Vater tief in die Geheimniſſe der Bundesoberſten eingedrungen ſei und vielleicht etwas erfahren habe, was ſich zunächſt auf ihn beziehe. Aber er mochte ſin⸗ nen wie er wollte, ſo konnte er doch nichts finden, was zu dieſer geheimnißvollen Warnung Mariens gepaßt hätte. Mit Mühe riß er ſich aus dieſem Gewebe von Vermuthungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn ſo ſchnell gefunden habe? „Dies wäre ohne Frondsberg ſo hald nicht geſche⸗ hen,“ antwortete er;„ich ſollte Euch bei Herrn Die⸗ terich von Kraft aufſuchen. Wie ich aber die Straße 6 hereinging, da ſah man viel Volk auf den Wieſen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und ſtellte mich auch hin, um das Fußvolk zu betrachten. Wahr⸗ lich, der Frondsberg hat es weit gebracht.— Nun da war mir's, als hoͤrte ich nahe bei mir Euren Namen nennen; ich ſah mich um, es waren drei alte Männer, ddie ſprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, — 115 ich aber merkte mir Eure Geſtalt und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiß war, ſo gab ich Euch das Räthſel von Sturm und Licht auf.“ „Das haſt Du klug gemacht,“ ſagte Georg lächelnd; „aber komm in mein Haus, daß man Dir etwas zu eſſen reiche; wann kehrſt Du wieder heim?“ Hans bedachte ſich eine Weile; endlich aber ſagte er, indem ein ſchlaues Lächeln um ſeinen Mund zog: „Nichts für ungut, Junker; aber ich habe dem Fräu⸗ lein verſprechen müſſen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bündiſchen Heer Valet geſagt habt.“ „Und dann?“ fragte Georg. „Und dann gehe ich ſtracks nach Lichtenſtein und bringe ihr die gute Nachricht von Euch; wie wird ſie ſich ſehnen! alle Tage ſteht ſie wohl im Gärtchen auf dem Felſen und ſieht ins Thal hinab, ob der alte Hans 1 noch nicht kommt!“ „Die Freude ſoll ihr bald werden,“ antwortete Georg,„vielleicht reite ich ſchon morgen, und dann ſchreibe ich vorher noch ein Brieflein.“ „Aber greifet es doch klug an,“ ſagte der Bote, „das Pergament darf nicht breiter ſein als jenes, das ich brachte. Denn ich muß es wieder im Kniegürtel verſtecken. Man weiß nicht, was einem in ſo unruhiger Zeit begegnen kann, und dort ſucht es Niemand.“ „Es ſei ſo,“ antwortete Georg, indem er aufſtand. „Für jetzt lebe wohl; um Mittag komme zu Herru von Kraft, nicht weit vom Münſter. Gib Dich für meinen 116 Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer ſind den Würtembergern nicht grün.“ „Sorgt nicht, Ihr ſollt zufrieden ſein,“ rief⸗ Hans dem Scheidenden zu. Er ſah dem ſchlanken Jüngling nach und geſtand ſich, daß das holde Pflegkind ſeiner Schweſter keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch die roſigen Wangen des Kindes bei der erſten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden Farben verloren hatten. ſfffffff daalanuaxuwnwunErnRxNERNVY 11 12 13 14 15 16 17 18 19