Wilhelm Hauff⸗ ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtan Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Sechzehntes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Lichtenſtein, romantiſche Fage. Dritter Theil. J. Weh' mir, ich habe die Natur verändert. Wie kommt der Argwohn in die freie Seele? Vertrauen, Glaude, Hoffnung iſt dahin, Denn Alles log mir, was ich hochgeachtet. Schiller. Als dieſer Mann das Zimmer verlaſſen hatte, ſahen die Gäſte erſtaunt einander an; es war ihnen zu Muth, als hätten ſie ein ſchweres Gewitter aufſteigen ſehen, es hätte gekracht als ob die Erde berſten wolle, ja, als wäre ein erſchrecklicher, tödtender Blitz auf ſie herabge⸗ fahren, und ſiehe da, es war nur ein„kalter Schlag.“ Dem Mann mit dem Lederrücken dankten ſie, daß er den ungezogenen, übermüthigen Gaſt ſo ſchnell entfernt habe und fragten, was er wohl von dem hageren Frem⸗ den wiſſe?* „Den kenne ich wohl,“ antwortete dieſer;„das iſt unſeres Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Peſt, den Hunden den Wurm ſchneidet und die Ohren ſtutzt, die Mädchen von dicken Hälſen befreit und den Weibern Augenwaſſer gibt, daß ſie blind werden. Er heißt eigentlich Kahl⸗ mäuſer: aber weil er ein Gelehrter ſein will, heißt er 6 ſich Doktor Calmus. Er niſtet ſich bei allen großen Herren ein und wenn ihn Einer einmal einen Eſel ge⸗ heißen hat, ſo meint er ſchon, er ſei ſein beſter Freund.“ „Mit dem Herzog muß er aber nicht gut ſtehen,“ bemerkte der ſchlaue Herr;„denn er hat doch läſterlich über ihn geſchimpft.“ „Ja, mit Herrn Ulerich ſteht er freilich nicht gut; das ging aber ſo: der Herzog hatte einen ſchönen däni⸗ ſchen Jagdhund, der hatte ſich im Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund; er forſchte nach einem geſchickten Mann, der das Thier heilen könnte, und zufällig war der Kahlmäu⸗ ſer da und bot ſich mit wichtigem Geſicht dazu an. Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu eſſen und eine Maß Wein; das ſchmeckte ihm nun ſo gut, daß er über ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines Tages der Herzog ſammt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er ſoll viel gelehrtes Zeug geſchwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf geachtet, ſondern die Pfote ſelbſt un⸗ terſucht, und da fand es ſich, daß ſie ſchon ganz ſchwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahl⸗ mäuſer, ſo lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, daß er halb todt unten ankam. Und ſeit ver Zeit iſt ver Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu ſprechen. Andere ſagen auch, er ſei der Kundſchafter geweſen, zwiſchen dem Hutten und Frau Sabina, und habe nur deßwegen den Hund übernom⸗ men, weil er dadurch ins Schloß kam.“ 7 „So? Mit dem Hutten hat er es gehalten? ſagte einer der Bürger.„Das hätten wir wiſſen ſol⸗ len, ſo hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten iſt doch an all' dem unſe⸗ ligen Kriege Schuld mit ſeiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuſer hat ihm dazu geholfen!“ „De mortuis nil nisi bene; man muß die Todten ſchonen, ſagen die Lateiner,“ entgegnete der fette Herr; „der arme Teufel hat es mit dem Leben theuer genug bezahlt.“ „Aber es iſt ihm recht geſchehen,“ rief jener Bür⸗ ger mit großer Hitze:„an des Herzogs Stelle hätte ichs gerade auch ſo gemacht, ein jeder Mann muß ſein Haus⸗ recht wahren.“ „Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?“ fragte der fette Herr mit überaus ſchlauem Lächeln. „Da habt Ihr die beſte Gelegenheit; ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird ſich auch finden, wohin Ihr ſeinen Leichnam hängen könnet.“ Ein ſchallendes Gelächter der Bürger von Pfullin⸗ gen belehrte den Gaſt im Erker, daß jener eifrige Ver⸗ theidiger des Hausrechts in ſeinem eigenen Hauſe nicht ſo ganz ſtrenge Juſtiz üben müſſe. Er erröthete und murmelte einige unverſtändliche Worte in ſeinen Becher hinein. Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitla⸗ en wollte, nahm ſich ſeiner an:„Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den Hutten auf der Stelle hängen können, ohne daß er erſt mit ihm focht; er iſt ja Freiſchöff vom weſtphäliſchen Stuhl, vom 8 heimlichen Gericht, und darf einen ſolchen Ehrenſchän⸗ der ohne weiteres abthun. Und er hatte die beſten Be⸗ weiſe gleich bei der Hand; kennt ihr das ſchöne Liedlein? Ich will einmal ein paar Verſe daraus ſingen: Und im Wald er ſich zum Hutten wandt': „Was flimmert dort an Deiner Hand?“ „„Herr Herzog,'s iſt ein Ringelein, Das hab' ich von meiner Liebſten fein.“ „Ei, Hans, Du biſt ein ſtattlich Mann, Haſt auch ein gülden Kettlein an!“ „„Das hat mir auch mein Schatz geſchenkt, Zum Zeichen, daß ſie mein gedenkt.““ Dann heißt es weiter: „O Hutten, gib Deim Gaul die Sporn, Des Herzogs Auge rollt voll Zorn, O Hutten, fleuch, noch iſt es Zeit, Er reißt das Schwert ſchon aus der Scheid'.„— „Laßt es lieber gut ſein,“ unterbrach ihn der fette Herr mit ernſter Miene;„es iſt nicht gut, daß man in ſolchen Zeiten dies Lied in der Herberge ſingt: dem Her⸗ zog kann es nicht mehr nützen, und die Bündiſchen find rings um uns; es könnte leicht Einer etwas davon hö⸗ ren,“ ſetzte er mit einem ſtechenden Blick auf Seorg hin⸗ zu,„ und dann hieße es gleich: Pfullingen zahlt hun⸗ dert Gulden Brandſteuer mehr.“ „Weiß Gott, Ihr habt Recht,“ ſagte der Zerlumpte; „es iſt nicht mehr wie früher, wo man ein freies Wort ſprechen und ſingen durfte beim Wein in der Trinkſtube; da muß man immer umſchauen, ob nicht dort ein Her⸗ zoglicher und auf der andern Seite ein Bündler ſitzt; 9 aber den letzten Vers will ich noch ſingen, trotz Balern und dem Schwabenbund: 3 Es ſteht eine Eich' im Schönbuchwald, Gar breit in den Aeſten und hoch geſtalt't; Die wird zum Zeichen Jahrhunderte ſtahn; Dort hing der Herzog den Hutten d'ran. Er hatte ausgeſungen; das Geſpräch der Bürger ſank jetzt zum Geflüſter herab, und Georg glaubte zu bemer⸗ ken, daß ſie über ihn ihre Gloſſen machten. Auch die freundliche Wirthin ſchien neugierig, zu wiſſen, wen ſie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie ſetzte die Speiſen, die ſte ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem ſie ein ſchönes Tafeltuch über den runden Tiſch ausgebrei⸗ tet hatte. Dann nahm ſie ſelbſt an der entgegengeſetz⸗ ten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl ſehr beſchei⸗ den, über das Woher? und Wohin? Der junge Mann war nicht geſonnen, ihr über den eigentlichen Zweck ſeiner Reiſe genaue Auskunft zu ge⸗ ben. Das Geſpräch der Gäſte an der langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich ſei, zu gar keiner Partei zu gehören, als ſich für irgend eine beſtimmt zu erklären, er ſagte daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reiſen, und ſchnitt ſomit jede wei⸗ tere Frage ab; denn die Wirthin war zu beſcheiden, als daß ſie ſich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen laſſen. Es ſchien ihm aber eine gute Gele⸗ genheit, ſich nach Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirthin zum goldenen Hirſch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres W. Hauffs Werke. XVI. 2 10 Kleides beſchreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarſchaft wohnen. Die Wirthin ſchwatzte gerne. Sie gab ihm in we⸗ niger als einer Viertelſtunde die Chronik von fünf bis ſechs Schlöſſern aus der Gegend und bald kam auch Lichtenſtein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Athem bei dieſem Namen und ſchob die Schüſſel weit hinweg, um ſeine Aufmerkſamkeit ganz der Erzählerin zu widmen. „Nun, die Lichtenſteiner ſind gar nicht arm, im Ge⸗ gentheil, ſie haben ſchöne Felder und Wälder und keine Ruthe Landes verpfändet. Da ließe ſich der Alte lieber ſeinen langen Bart abſcheeren, obgleich er gar viel dar⸗ auf hält und ihn immer ſtreichelt, wenn er mit den Leuten ſpricht. Er iſt ein ſtrenger, ernſter Mann. Was er einmal haben will, das muß geſchehen, und ſollte es biegen oder brechen. Er iſt auch einer von denen, die es ſo lange mit dem Herzog hielten. Die Bündi⸗ ſchen werden es ihn übel entgelten laſſen. 24 „Wie iſt denn ſeine..., ich meine, Ihr ſagtet, er habe eine Tochter, der Lichtenſtein? „Nein,“ antwortete die Wirthin, indem ſich ihr ſonſt ſo heiteres Geſicht in grämliche Falten zog,„von der habe ich gewiß nicht geſprochen, daß ich es wüßte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wäre ihm beſſer, er führe kinderlos in die Grube, als daß er aus Jammer über ſein einziges Kind ab⸗ fährt.“¹ Georg traute ſeinen Ohren nicht. Was konnte die 11 Wirthin gerade von Marien ſo Arges denken, daß ſie den Vater glücklich pries, wenn er dieſes Kind nicht hätte?„Was iſt es denn mit dieſem Fräulein?“ fragte er, indem er ſich vergebens abmühte, recht ſcherzhaft auszuſehen:„Ihr macht mich neugierig, Frau Wir⸗ thin. Oder iſt es ein Geheimniß, das Ihr nicht ſagen dürft?“ Die Frau zum goldenen Hirſch ſchaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten, ob Niemand lauſche. Aber die Bürger waren ruhig in ihrem Geſpräch be⸗ griffen und achteten nicht auf ſie, und ſonſt war Nic⸗ mand in der Nähe, der ſie hören konnte.„Ihr ſeid ein Fremder,“ hub ſie nach dieſen Forſchungen an,„ Ihr reiſet weiter und habt nichts mit dieſer Gegend zu ſchaf⸗ fen, darum kann ich Euch wohl ſagen, was ich nicht Jedem vertrauen möchte. Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenſtein iſt ein— ein— ja bei uns Bürgers⸗ leuten würde man ſagen, ſie iſt ein ſchlechtes Ding, eine loſe Dirne— „Frau Wirthin!“ rief Georg. „So ſchreiet doch nicht ſo, verehrter Herr Gaſt, die Leute ſchauen ſich ja um. Meinet Ihr denn, ich ſage, was ich nicht ganz gewiß weiß? Denkt Euch, alle Nacht, Schlag elf Uhr, läßt ſie ihren Liebſten in die Burg. Iſt das nicht ſchrecklich genug für ein ſittſames Fräulein?“ „Bedenket, was Ihr ſprechet! Ihren Liebſten?⸗ „Ja leider, Nachts um elf Uhr ihren Liebſten. Es iſt eine Schande und ein Spott! Es iſt ein ziemlich gro⸗ ßer Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehüllt ans Thor. Sie hat es zu machen gewußt, daß zu dieſer 12 Zeit alle Knechte vom Thore entfernt ſind und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen loſen Streichen half, um den Weg iſt. Da kommt ſie nun allemal, wenn es drüben in Holzelfingen elf Uhr ſchlägt, ſelbſt herunter in den Hof, die Nacht mag ſo kalt ſein als ſie will, und bringt den Schlüſſel zur Zugbrücke, den ſie zuvor ihrem alten Vater vom Bette ſtiehlt. Dann ſchließt der alte Sünder, der Burgwart, auf, die Brücke fällt nieder und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins.“ „Und dann?“ fragte Georg, der beinahe keinen Athem mehr in der Bruſt, kein Blut mehr in den Wan⸗ gen hatte,„und dann?“ „Ja, dann wird Braten, Brod und Wein geholt. So viel iſt gewiß, daß der nächtliche Liebſte einen un⸗ geheuern Hunger haben muß, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei, drei Nöſel Wein dazu getrunken. Was weiter geſchieht, weiß ich nicht. Ich will nichts vermuthen, nichts ſagen, aber das weiß ich,“ ſetzte ſie mit einem chriſtlichen Blick gen Himmel hinzu,„beten werden ſie nicht.“ Georg ſchalt ſich nach kurzem Nachdenken ſelbſt aus, daß er nur einen Augenblick gezweifelt habe, daß dieſe Erzählung eine Lüge, von irgend einem müßigen Kopf erſonnen ſei. Oder wenn auch etwas Wahres daran wäre, ſo konnte es doch nichts ſein, das Marien zur Unehre gereicht hätte. Wenn es wahr iſt, daß die Liebe eines Jünglings in den guten alten Zeiten zwar nicht weniger leiden⸗ ſchaftlich war als in unſeren Tagen, aber mehr den 13 Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug, daß nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, ſondern um eine höher ſtand, wenn wir den romantiſchen Erzählungen alter Chro⸗ niken und Minnebücher trauen dürfen, die ſo viele Beiſpiele aufführen, daß ſich edle Männer, wenn ſie in Liebe ſind, für die Treue und Reinheit ihrer Dame auf der Stelle todt ſchlagen laffen, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß Georg von Sturmfeder, wenigſtens auf dieſe Indicien hin, von Marten nichts Schlechtes denken konnte. So räthſelhaft ihm ſelbſt jene nächt⸗ lichen Beſuche vorkommen mochten, ſo ſah er doch klar, es ſei weder bewieſen, daß der Vater nichts darum wiſſe, noch daß der geheimnißvolle Mann gerade ein Liebhaber ſein müſſe. Er trug dieſe Zweifel auch ſeiner Wirthin vor. „So? Meint Ihr, der Vater wiſſe um die Ge⸗ ſchichte?“ ſprach ſie.„Dem iſt nicht ſo. Sehet, ich weiß das gewiß, denn die alte Roſel, die Amme des Fräuleins— „Die alte Roſel hat es geſagt?⸗ rief Georg un⸗ willkürlich. Ihm war ja dieſe Amme, die Schweſter des Pfeifers von Hardt, ſo wohl bekannt. Freilich wenn dieſe es geſagt hatte, war die Sache nicht mehr ſo zweifelhaft; denn er wußte, daß ſie eine fromme Frau und dem Fräulein ſehr zugethan war. „Ihr kennt die alte Roſel?“ fragte die Wirthin, erſtaunt über den Eifer, womit ihr eemder Gaſt nach dieſer Frau fragte. „Ich? Sie kennen? Nein, erinnert Euch nur, daß 14 ich heute zum erſtenmal in dieſe Gegend komme. Nur der Name Roſel fiel mir auf.“ „Sagt man bei Euch nicht ſo? Roſel heißt Rofina bei uns, und ſo nennt man die alte Amme in Lichten⸗ ſtein. Nun ſeht, dieſe hält viel auf mich und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein ſüßes Weinmüs⸗ chen, was ſie für ihr Leben gerne ißt, und zum Dank vertraut ſie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch, was ich Euch ſagte. Der Vater weiß gar nichts von dieſen nächtlichen Beſuchen, denn er geht ſchon um acht Uhr zu Bette. Die Amme ſchickte das Fräulein jedesmal um acht Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Roſel auf. Sie ſtellte ſich, als gehe ſie zu Bette, und ſiehe da, was geſchieht? Kaum iſt Alles ruhig im Schloß, ſo macht das Fräulein, das ſonſt keinen Span anrührt, eigenhändig ein Feuer auf den Heerd, kocht und bratet, was ſie kann und weiß, holt Wein aus dem Keller, holt Brod aus dem Schrank und deckt in der Herrenſtube den Tiſch. Dann ſchaut ſie zum Fenſter hinaus in die kalte ſchwarze Nacht, und richtig, wenn es drüben elf Uhr ſchlägt, raſſelt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geſelle wird eingelaſſen unnd geht mit dem Fräulein in die Herrenſtube. Sie hat auch ſchon gehorcht, die Roſel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Thüren ſind gar dick. Dann lugte ſie auch einmal durchs Schlüſſelloch, ſah aber nichts als den Kopf des Fremden.“ 1 Nun, und iſt er ſchon alt? Wie ſieht er aus?“ „Alt? Wo denket Ihr hin! Die ſieht mir auch dar⸗ nach aus, daß ſie es mit einem Alten hätte! Jung iſt 15 3 in Bart um Mund und Kinn, ſchönes gerolltes reich aus.“ „Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke!“ murmelte Georg und ſtrich mit der Hand über das Kinn, das noch ziemlich glatt war.„Frau! beſinnt Euch, habt Ihr denn dies Alles ſo recht gehört von der Frau Roſel? Hat ſie dies Alles ſo geſagt? Machet Ihr nicht noch mehr dazu?“ „Gott bewahre mich, daß ich über Jemand läſtere! Da kennt Ihr mich ſchlecht, Herr Ritter! Das Alles hat mir Frau Roſel geſagt, und noch mehr hat ſie ver⸗ muthet und mir ins Ohr geflüſtert, was eine ehrliche Frau einem ſchönen jungen Herrn nicht wieder ſagen kann. Und denket Euch, wie recht ſchlecht das Fräu⸗ lein iſt, ſie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und dem iſt ſie alſo untreu geworden!“ „Noch einen?“ fragte Georg aufmerkſam, denn die Erzählung ſchien ihm mehr und mehr an Wahr⸗ ſcheinlichkeit zuzunehmen. „Ja, noch einen. Es ſoll ein gar ſchöner, lieber 3 ſchoͤn, wie mir die Roſel ſagt. Er hat einen 1 auf dem Kopf, und ſah recht freundlich und lieb⸗ Herr ſein, ſagte mir die Roſel. Sie war mit dem Fräu⸗ lein einige Zeit in Tübingen, und da war ein Herr von — von— ich glaube, Sturmfittich heißt er— der war auf der hohen Schule. Und da lernten ſich die beiden Leutchen kennen, und die Amme ſchwört, es ſei nie ein ſchmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwa⸗ benland. Sie hat ihn auch ganz ſchrecklich lieb gehabt, das iſt wahr, und ſei ſehr traurig geweſen um ihn, als 16 ſie von Tübingen ging. Nun iſt fle dem armen? untreu geworden, das falſche Herz, und die heult, wenn ſie nur an den ſchönen, treuen 4 denkt. Er ſoll noch viel, viel ſchöner geweſen ſein, als der, den ſie jetzt hat.“ „Frau Wirthin, wie oft laſſet Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen Becher bekomme,“ rief der fette Herr aus der Trinkſtube herauf; denn die Frau Wir⸗ thin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergeſſen. „Gleich, gleich!“ antwortete ſie und flog an den Schenktiſch hin, den durſtigen Herrn mit ſeiner beſſeren Sorte zu verſehen. Und von da ging es zum Keller, und Boden und Küche nahmen ſie in Anſpruch, ſo daß der Gaſt im Erker gute Weile hatte, einſam über das⸗ was er gehört hatte, nachzuſinnen. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſaß er da und ſchaute unverrückt in die Tiefe ſeines ſilbernen Bechers. So ſaß er am Nachmittag, ſo ſaß er am Abend. Die Nacht war ſchon lange eingebrochen, und er ſaß noch immer ſo hinter dem runden Tiſch im Erker, todt für die Welt umher; nur hin und wieder verrieth ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung in ihm ſei. Die Wirthin wußte nicht, was ſie aus ihm machen ſollte. Sie hatte ſich wenigſtens zehnmal neben ihn ge⸗ ſetzt, hatte verſucht, mit ihm zu ſprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit ſtarren Augen ins Geſicht geſchaut und nichts geantwortet. Es war ihr ganz Angſt dabei geworden, denn gerade ſo hatte ſie ihr ſeliger Mann angeſtarrt, als er das Zeitliche ſegnete und ihr den gpl⸗ denen Hirſch hinterließ. 17 Sie berieth ſich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrücken gab ſeine Meinung preis. Die Wirthin behauptete, entweder ſei er ver⸗ liebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm ange⸗ than. Sie belegte ihre Behauptung mit einer ſchreck⸗ lichen Geſchichte von einem jungen Ritter, den ſie geſehen, und der aus lauter Liebe am ganzen Leibe er⸗ ſtarrt ſei, bis er am Ende geſtorben. Der Zerlumpte war nicht dieſer Meinung⸗ Er glaubte, dem jungen Mann ſei vielleicht ein Unglück geſchehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme, und er ſei deßwegen in ſo tiefe Trauer verſenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem ſtummen Gaſt im Erker hinauf und fragte dann mit ſehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der Rit⸗ ter trinke? „Nun, ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es iſt das Beſte, was der goldene Hirſch hat.“ „Da haben wir es!“ rief der kluge Mann.„Ich kenn den Heppacher Achtziger, den kann ſolch ein Jun⸗ kerlein nicht führen, und der iſt ihm zu Kopf geſtiegen. Laßt ihn ſitzen, laßt ihn immer ſitzen, ſeinen ſchweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr ſchlägt, hat er ausgeſchlafen, und iſt wieder ſo friſch wie der Fiſch im Waſſer.“ Der Zerlumpte ſchüttelte den Kopf und ſagte nichts dazu, die Wirthin aber belobte den gewohnten Scharf⸗ ſinn des fetten Herrn und fand ſeine Vermuthung am wahrſcheinlichſten. Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zech⸗ 18 gäſte hatten ſchon alle die Trinkſtube verlaſſen, und auch die Wirthin wollte ſich zum Abendſegen rüſten, als der fremde Herr aus ſeinem Zuſtande erwachte. Er ſprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer und blieb endlich vor der Hausfrau ſtehen. Er ſah düſter und verſtört aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt hatten ſeinen ſonſt ſo freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grames eingedrückt. Die Wirthin dauerte ſein Anblick. Sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten Herrn, noch ein heilſames Süpplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiche Bett anweiſen, doch er ſchien für dieſe Nacht rauheres Lager ſich erwählt zu haben. „Wann ſagt Ihr,“ hub er mit leiſer, unſicherer Stimme an,„wann geht der nächtliche Gaſt nach Lich⸗ tenſtein, und wann kommt er zurück?“ „Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den erſten Hahnenſchrei kommt er wieder über die Zugbrücke.“ „Laſſet mein Pferd ſatteln und beſorgt mir einen Knecht, der mich nach Lichtenſtein geleite.“ „Jetzt in der Nacht?“ rief die Wirthin und ſchlug vor Verwunderung die Hände zuſammen.„Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch. Ihr treibt Spaß mit mir.“ „Nein, gute Frau, es iſt mein wahrer Ernſt. Aber ſputet Euch ein wenig, ich habe Eile.“ „Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt,“ ent⸗ gegnete jene.„Und jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die friſche Luft kann nichts ſchaden bei ſolchen Kranken. Aber 19 weiß Gott, Euer Pferd laſſe ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir herunter fallen oder allerlei Unglück an⸗ richten, und dann hieße es, wo hat denn die Hirſch⸗ wirthin wieder den Kopf gehabt, daß ſie die Leute ſo laufen läßt.“ Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in ſein düſteres Sinnen zurückge⸗ 2 Als ſie aufhörte zu ſprechen, ſchrack er auf und ee ſich, daß ſie ſeinen Befehl noch nicht be⸗ fo ze. ng, als ſie noch immer zauderte, um ſein Pferd ſel beſorgen. Da gedachte ſie, daß ſie doch keine Gesalt habe, ihn zurückzuhalten, und daß es gerathener cchte, ihn ziehen zu laſſen.„Laſſet dem Herrn ſeinen Braunen herausführen,“ rief ſie,„und der Andres ſoll ſich rüſten, heute Nacht noch ein Stück Wegs zu gehen!— Er hat recht, daß er Jemand mit⸗ nehmen will,“ ſprach ſie für ſich weiter,„der kann ihn doch im Nothfall halten. Zwar ſagt man, ſie haben ein paar Sinne mehr, wenn ſie etwas im Kopf haben, und es falle Keiner ſo leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her ſchwankt, wie der Schwingel in der großen Glocke, aber beſſer iſt beſſer.— Was Ihr ſchuldig ſeid, Herr Ritter? Nun, Ihr habt gehabt eine Maß Alten, macht zwölf Kreuzer, und das Eſſen— nun, es iſt nicht der Rede werth, was Ihr gegeſſen habt. Ihr habt ja mein Huhn kaum angeſehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Eſſen noch zwei Kreuzer zulegen wollt, ſo wird Euch eine arme Wittfrau ſchön danken.“ Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß 20 der guten, alten Zeiten berichtigt war, entließ die Wirthin zum goldenen Hirſch ihren Gaſt. Sie war ihm zwar nicht mehr ſo gewogen wie heute Mittag, als er herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkſtube getreten war, aber dennoch konnte ſie ſich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln ſich aufs Pferd ſchwang, daß ſie nicht leicht einen ſchöneren Mann geſer und ſie ſchärfte daher ihrem Knecht, der ihn be um ſo ſorgfältiger ein, recht genau auf ihn haben, weil es bei dieſem Herrn„doch nicht ga im Kopfe ſei.“ Vor dem Thor von Pfullingen fragte der den nächtlichen Reiter, wohin er reiten woll auf ſeine Antwort:„nach Lichtenſtein,“ ſchlug ſinen Weg rechts ein, der zum Gebirge führte. Der junge Mann ritt ſchweigend durch die Nacht hin. Er ſah nicht rechts, er ſah nicht links, er ſah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, ſeine geſenk⸗ ten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie da⸗ mals, als ihn die Mörder am Wege niedergeſchlagen hatten. Seine Gedanken ſtanden ſtille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und zu wünſchen aufgehört. Und doch war ihm damals wohler geweſen, als ihm auf dem kühlen Teppich des Wieſenthales die Beſinnung ſchwand. Er war ja entſchlummert mit dem erhebenden Gedanken an ſie, und die erſtarrenden Lippen hatten noch einmal einen ſüßen Namen aus⸗ geſprochen. Aber jetzt war die Leuchte verlöſcht, die ſeinen Pfad öice Leben erhellt hatte. Es war ihm, als 21 habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hin⸗ zugehen, um dann in lichteren Höhen als auf dem Lichtenſtein ſeine Ruhe zu finden. Und unwillkürlich zuckte ſeine Rechte hie und da aus Schwert, als wolle er ſich verſichern, daß ihm dieſer Gefährte wenigſtens treu geblieben ſei, als ſei dies der gewichtige Schlüſſel, der die Pforte ſprengen ſollte, die aus dem Dunkel zum Lichte führt. Der Wald hatte längſt die Wanderer aufgenommen. Steiler wurden die Pfade, und das Roß ſtrebte müh⸗ an unter der Laſt des Reiters und ſeiner Rüſtung bergan; doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nacht⸗ luft wehte kühler und ſpielte mit den langen Haaren des Jünglings, er fühlte es nicht. Der Mond kam herauf und beleuchtete ſeinen Pfad, beleuchtete kühne Felſenmaſſen und die hohen, gewaltigen Eichen, unter welchen er hinzog, er ſah es nicht. Unbemerkt von ihm rauſchte der Strom der Zeit an ihnen vorüber, Stunde um Stunde verging, ohne daß ihm der Weg lang bedünkte. Es war Mitternacht, als ſie auf der höchſten Höhe ankamen. Sie traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der uͤbrigen Erde lag auf einem einzelnen, ſenkrecht aus der nächtlichen Tiefe aufſteigenden Felſen der Lichtenſtein. Seine weißen Mauern, ſeine zackigten Felſen ſchim⸗ merten im Mondlicht. Es war, als ſchlummere das Schlößchen, abgeſchieden von der Welt, im tiefen Frie⸗ den der Einſamkeit.. Der Ritter warf einen düſtern Blick dorthin und 22 ſprang ab. Er band das Pferd an einen Baum und ſetzte ſich auf einen bemoosten Stein, gegenüber von der Burg. Der Knecht ſtand erwartend, was ſich weiter begeben werde, und fragte mehremal vergeblich, ob er ſeines Dienſtes jetzt entlaſſen ſei? „Wie weit iſt's noch bis zum erſten Hahnenſchrei?“ fragte endlich der ſtumme Mann auf dem Steine. „Zwei Stunden, Herr!“ war die Antwort des Knechtes. 3 Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für ſeia Geleite und winkte ihm zu gehen. Er zögerte, cls ſcheue er ſich, den jungen Mann in dieſem unglücklichen Zuſtand zu verlaſſen. Als aber Jener ungeduldig ſei⸗ nen Wink wiederholte, entfernte er ſich ſtille. Nur einmal noch ſah er ſich um, ehe er in den Wald ein⸗ trat. Der ſchweigende Gaſt ſaß noch immer, die Stirne in die Hand geſtützt, im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten Stein.— II. Durch dieſe hohle Gaſſe muß er kommen; Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht.— Hier Vollend ich's— die Gelegenheit iſt günſtig. Schiller. Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über die Thorheit der Eiferſucht geſchrieben, und den⸗ noch find die Menſchen ſeit Urias Zeiten darin nicht weiſer geworden. Leute von überaus kühler Conſti⸗ tution werden zwar ſagen, wenn jener berühmte jüdi⸗ ſche Hauptmann nicht die Thorheit begangen hätte, ſeine ſchöne Frau nur für ſich allein haben zu wollen, oder gar auf den König David eiferſüchtig zu werden, ſo wäre der berüchtigte Uriasbrief nie geſchrieben wor⸗ den, und beſagter Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienſte bringen können. Andere aber, denen die Natur heißes Blut und einen Stolz, ein Gefühl der Ehre gegeben hat, das durch Hintanſetzung oder Treubruch leicht aufgeregt und beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem unglücklichen Üübel unter⸗ liegen, wenn ſie auch mit allen Beweisgründen der kälteren Vernunft ſich ſelbſt die Thorheit ihres Begin⸗ nens vorpredigen. Georg von Sturmfeder war nicht von ſo kühlem 24 Blute, daß ihn die Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte; er war überdies in einem Alter, wo zwar die offene Geele ſich noch nicht daran gewöhnt hat, den Menſchen a priori zu mißtrauen, wo aber ein ſolcher Fall um ſo überraſchender iſt, um ſo ge⸗ fährlicher wirkt, eben weil das argloſe Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue, da braust der Stolz auf, der ſich beleidigt dünkt; den prüfenden Verſtand, der das Falſche vom Rechten zu ſondern pflegt, umziehen trübe, düſtere Wolken und verhüllen ihm das Wahre; ein Wörtchen Wahrſcheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge über⸗ zeugt ihn; die Sonne der Liebe ſinkt hinab, und es wird Nacht in der Seele. Dann ſchleichen ſich jene nächtlichen Geſellen: Verachtung; Wuth, Rache, in das von allen guten Engeln verlaſſene Herz, und die unendliche Stufenleiter der Empfindungen, welche von Liebe zu Haß führt, hat die Eiferſucht in wenigen Au⸗ genblicken zurückgelegt. Georg war auf jener Stufe der düſteren, ſtillen Wuth und der Rache angekommen; über dieſe Empfin⸗ dung brütend ſaß er, unempfindlich gegen die Kälte der Nacht, auf dem bemoysten Stein, und ſein einziger, immer wiederkehrender Gedanke war, den nächtlichen Freund„zu ſtellen und ein Wort mit ihm zu ſprechen.“ 3 Es ſchlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde, als er ſah, daß ſich Lichter an den Fenſtern des Schloſ⸗ ſes hin bewegten; erwartungsvoll pochte ſein Herz⸗ * * 25 krampfhaft hatte ſeine Hand den langen Griff des Schwertes umfaßt. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Thores ſichtbar, Hunde ſchlugen an; Georg ſprang auf und warf den Mantel zurück. Er hörte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches„gute Nacht“ ſprach. Die Zugbrücke rauſchte nieder und legte ſich über den Abgrund, der das Land von Lich⸗ tenſtein ſcheidet; das Thor ging auf und ein Mann, den Hut tief ins Geſicht gedrückt, den dunkeln Mantel feſt umgezogen, ſchritt über die Brücke und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache hielt. Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieſer mit einem dröhnenden:„Zieh, Verräther, und wehr Dich Deines Lebens!“ auf ihn einſtürzte; der Mann im Mantel trat zurück und zog; im Augenblick begeg⸗ neten ſich die blitzenden Klingen und raſſelten klirrend an einander. 8 „Lebendig ſollſt Du mich nicht haben,“ rief der Andere;„wenigſtens will ich mein Leben theuer genug bezahlen!“ Zugleich ſah ihn Georg tapfer anf ſich eindringen, und an den ſchnellen und gewichtigen Hie⸗ ben merkte er, daß er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungeübter Fechter, und er hatte manch ernſtlichen Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er ſeinen Mann gefunden. Er fühlte, daß er ſich bald auf die eigene Vertheidigung beſchränken müſſe, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen, als plötzlich ſein Arm mit ungeheurer Gewalt feſtgehalten wurde; ſein Schwert wurde ihm in demſelben Augenblick aus W. Hauffs Werke. XVI. 3 26 der Hand gewunden, zwei mächtige Arme ſchlangen ſich um ſeinen Leib und feſſelten ihn regungslos, und eine furchtbare Stimme ſchrie:„Stoßt zu, Herr! Ein ſolcher Meuchelmörder verdient nicht, daß er noch einen Augenblick zum letzten Paternoſter habe!“ „Das kannſt Du verrichten, Hans,“ ſprach der im Mantel;„ich ſtoße keinen Wehrloſen nieder; dort iſt ſein Schwert, ſchlag ihn todt, aber mach es kurz“ „Warum wollt Ihr mich nicht lieber ſelbſt um⸗ bringen, Herr!“ ſagte Georg mit feſter Stimme; „Ihr habt mir meine Liebe geſtohlen, was liegt an meinem Leben?“ 8 „Was habe ich?“ fragte Jener und trat näher. „Was Teufel iſt das für eine Stimme?“ ſprach der Mann, der ihn noch immer umſchlungen hielt; „die ſollte ich kennen!“ Er drehte den jungen Mann in ſeinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen zog er die Hände von ihm ab!„Jeſus, Maria und Joſeph! da hätten wir bald etwas Schönes gemacht! Aber welcher Unſtern führt Euch auch gerade hieher⸗ Junker? Was denken auch meine Leute, daß ſie Euch fortlaſſen, ohne daß ich dabei bin!“ Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg alſo anredete und ihm die Hand zum Gruß bot; dieſer aber ſchien nicht geneigt, dieſes freundliche Zeichen einem WManne zu erwidern, der noch ſo eben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er hald den Mann im Mantel, bald den Pfeifer an. „Meinſt Du,“ ſagte er zu dieſem,„ich hätte mich von Deinen Weibern in Gefangenſchaft halten laſſen 4 — 27 ſollen, daß ich Deine Verrätherei hier nicht ſehe? Er⸗ bärmlicher Betrüger! und Ihr,“ wandte er ſich zu dem Andern,„wenn Ihr ein Mann von Ehre ſeid, ſo ſtehet mir, und fallet nicht zu Zwei über Einen her; wenn Ihr wißt, daß ich Georg von Sturmfeder bin, ſo mögen Euch meine früheren Anſprüche auf das Fräulein nicht unbekannt ſein, und mit Euch mich zu meſſen, bin ich hieher gekommen. Darum befehlet dieſem Schurken, daß er mir mein Schwert wiedergebe und laßt uns ehr⸗ lich fechten, wie es Männern geziemt.“ „Ihr ſeid Georg von Sturmfeder? ſprach Jener mit freundlicher Stimme und trat näher zu ihm.„Es ſcheint mir, Ihr ſeid etwas im Irrthum hier. Glaubet mir, ich bin Euch ſehr gewogen und hätte Euch längſt gerne geſehen. Nehmet das Ehrenwort eines Mannes, daß mich nicht die Abſichten in jenes Schloß führen, die Ihr mir unterleget, und ſeid mein Freund!“ Er bot dem überraſchten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor, doch dieſer zauderte; die gewichtigen Hiebe dieſes Mannes hatten ihm zwar geſagt, daß er ein Ehrenwerther und⸗Tapferer ſei, darum konnte und mußte er ſeinen Worten trauen; aber ſein Gemüth war noch ſo verwirrt von Allem, was er gehört und geſe⸗ hen, daß er ungewiß war, ob er den Handſchlag deſſen, den er noch vor einem Augenblick als ſeinen bitterſten Feind angeſehen hatte, empfangen ſollte oder nicht. „Wer iſt es, der mir die Hand beut?“ fragte er.„Ich habe Euch meinen Namen genannt und könnte wohl billigerweiſe daſſelbe von Euch verlangen.“ Der Unbekannte ſchlug den Mantel auseinander 28 und ſchob das Baret zurück; der Mond beleuchtete ein Geſicht voll Würde, und Georg begegnete einem glän⸗ zenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit trug.„Fraget nicht nach Namen,“ ſprach er, indem ein Zug von Wehmuth um ſeinen Mund blitzte,„ich bin ein Mann und dies mag Euch genug ſein; wohl führte auch ich einſt einen Namen in der Welt, der ſich mit dem ehrenwertheſten meſſen konnte, wohl trug auch ich die goldenen Sporen und den wallenden Helm⸗ buſch, und auf den Ruf meines Hüfthorns lauſchten viele hundert Knechte; er iſt verklungen. Aber eines iſt mir geblieben,“ ſetzte er mit unbeſchreiblicher Ho⸗ heit hinzu, indem er die Hand des jungen Mannes feſter drückte,„ich bin ein Mann und trage ein Schwert: Si fractus ilabatur orbis Impavitum ferient ruinae.“ Er drückte das Baret wieder in die Stirne, zog ſeinen Mantel hoch herauf und ging vorüber in den Wald.. Georg ſtand in ſtummem Erſtaunen auf ſein Schwert geſtützt. Der Anblick dieſes Mannes— es war ihm unbegreiflich— hatte alle Gedanken der Rache in ſei⸗ nem Herzen ausgelöſcht. Dieſer gebietende Blick, dieſer gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Weſen dieſes Mannes erfüllten ſeine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beſchämung. Er hatte geſchworen, mit Marien in keiner Berührung zu ſtehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapfern Reecchten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie 4 — „* 29 im Spiel geführt hatte; er hatte es beſtätigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte; eine Bergeslaſt wälzte ſich von ſeiner Bruſt, denn er glaubte, er mußte glauben. Wenn man bedenkt, wie ſehr zu jener Zeit körper⸗ liche Eigenſchaften gewogen und angeſchlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde hochſchätzte und achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes ſo feſt ſtand, wie der Schwur auf die Hoſtie, wenn man ferner bedenkt, wie groß die Wirkung eines anmuthigen, oder aber eines imponirenden Außern auf ein jugendliches Gemüth iſt, ſo wird man ſich über die Veränderung nicht zu ſehr wundern, welche in dieſen kurzen Augenblicken mit der Geſinnung des Jünglings vorging. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben ihm ſtand. „Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat und auch ich weiß ihn nicht zu nennen.“ „Du wüßteſt nicht, wer er iſt?“ entgegnete Georg, „und doch haſt Du ihm beigeſtanden, als er mit mir focht? Geh! Du willſt mich belügen!“ „Gewiß nicht, Junker,“ antwortete der Pfeifer; wes iſt, Gott weiß es, wahr, daß jener Mann der Zeit keinen Namen hat; wenn Ihr übrigens durchaus erfahren wollet, was er iſt, ſo wiſſet, er iſt ein Ge⸗ ächteter, den der Bund aus ſeinem Schloß vertrieb; einſt aber war er ein mächtiger Ritter im Schwaben⸗ land.“* „Der Arme! darum alſo ging er ſo verhüllt? und 30 mich hielt er wohl für einen Meuchelmörder! ja ich erinnere mich, daß er ſagte, er wolle ſein Leben theuer genug verkaufen.“ „Nehmt mir nicht übel, werther Herr,“ ſagte der Bauer,„auch ich hielt Euch für einen, der dem Geäch⸗ teten auf das Leben lauern wollte, darum kam ich ihm zu Hülfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch ge⸗ hört, wer weiß, ob Ihr noch lange geathmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hieher, und welches Unheil führt Euch gerade dem geächteten Mann in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück ſagen, daß er Euch nicht in zwei Stücke gehauen, es leben Wenige, die vor ſeinem Schwert Stand gehalten hät⸗ teen. Ich vermuthe, die Liebe hat Euch da einen argen Streich geſpielt!“ Seoorg erzählte ſeinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im Hirſch in Pfullingen mitgetheilt worden ſeien. Namentlich berief er ſich auf die Ausſage der Amme, des Pfeifers Schweſter, die ihm ſo höchſt wahrſcheinlich gelautet habe. „Dacht' ich's doch, daß es ſo was ſein müſſe,“ ant⸗ wortete der Pfeifer.„Die Liebe hat Manchem noch är⸗ ger mitgeſpielt, und ich weiß nicht, was ich in jungen Jahren in ähnlichem Fall gethan hätte. Daran iſt aber wieder Niemand ſchuld als meine alte Roſel, die alte Schwätzerin; was hat ſie nöthig, der Wirthin im Hirſch, die auch nichts bei ſich behalten kann, zu beichten? „Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache ſein,“ entgegnete Georg, in welchem das alte Miß⸗ 31 trauen hin und wieder aufblitzte.„So ganz ohne Grund konnte doch Frau Roſel nichts erſinnen!“ „Wahr? Etwas Wahres müſſe daran ſein? Aller⸗ dings iſt Alles wahr nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geſchickt und die alte Aufpaſſerin auch, um elf Uhr kommt der Mann vor das Schloß, die Zugbrücke fällt herab, die Thore thun ſich ihm auf, das Fräulein empfängt ihn und führt ihn in die Herrenſtube—“ „Nun? Siehſt Du?“ rief Georg ungeduldig. „Wenn dieſes Alles wahr iſt, wie kann dann jener Mann ſchwören, daß er mit dem Fräulein—“ „Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?“ antwortete der Pfeifer.„Allerdings kann er das ſchwören; denn es iſt nur ein Unterſchied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Roſel, freilich nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter von Lichtenſtein in der Herrenſtube ſitzt, das Fräulein aber ſich entfernt, wenn ſie ihre heimlich bereiteten Speiſen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem geächteten Mann bis um den erſten Hahnenſchrei, und wenn er gegeſſen und ge⸗ trunken und die erſtarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat, verläßt er das Schloß, wie er es be⸗ treten.“ 3 „O ich Thor! daß ich dies Alles nicht früher ahnete. Wie nahe lag die Wahrheit und wie weit ließ ich mich irre leiten! Aber verflucht ſei die Neugierde und Läſter⸗ ſucht dieſer Weiber, die in Allem noch etwas ganz Be⸗ ſonderes zu ſehen glauben, und denen das Unwahr⸗ ſcheinlichſte und Grellſte gerade das Liebſte iſt!— Aber ſprich,“ fuhr Georg nach einigem Nachſtune; 32 „auffallend iſt es mir doch, daß dieſer geächtete Mann alle Nacht ins Schloß kömmt; in welch unwirthlicher Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Koſt, keinen Becher Weins und keinen warmen Ofen findet?— Höre, wenn Du mich dennoch belögeſt!“ Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe ſpöt⸗ tiſchen Ausdruck auf dem jungen Mann.„Ein Junker wie Ihr,“ antwortete er,„weiß freilich wenig, wie weh Verbannung thut; Ihr wißt es nicht, was es heißt, ſich vor den Augen ſeiner Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie ſchaurig ſichs in fenchten Höhlen, in un⸗ wirthlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohlthat nicht, die ein warmer Biſſen und ein feuriger Trunk dem gewährt, der bei den Eulen ſpeist und bei dem Schuhn in der Miethe iſt; aber kommt, wenn es Euch gelüſtet; der Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenſtein; ich will Euch dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speiſe geht!“ Die Erſcheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu ſehr aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorſchlag des Pfeifers von Hardt angenommen hätte, beſonders auch, da er darin den beſten Be⸗ weis für die Wahrheit oder Falſchheit ſeiner Ausſagen finden konnte. Sein Führer ergriff die Zügel des Roſſes und führte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenſtern henſtein zurückgeworfen hatte. Sie zogen ſchwei⸗ he er weitrr, n und dem jungen Mann ſchien dieſes 33 Schweigen nicht unangenehm zu ſein, denn er machte keinen Verſuch, es zu unterbrechen. Er hing ſeinen Gedanken nach über den Mann, zu deſſen geheimniß⸗ voller Wohnung er geführt wurde. Unabläſſig beſchäf⸗ tigte ihn die Frage, wer dieſer Geächtete ſein könnte. Er erinnerte ſich faſt wie aus einem Traum, daß mehre Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Be⸗ ſitzungen gejagt worden ſeien, ja es däuchte ihm ſogar, es ſei in der Herberge zu Pfullingen, während ſeines theilnahmloſen Hinbrütens, von einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede geweſen, nach welchem die Bündiſchen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieſes Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt, und wenn ſich Georg die zwar nicht überaus große, aber kräftige Geſtalt, die gebietende Miene, das heldenmüthige, ritterliche Weſen des Mannes ins Gedächtniß zurückrief, war es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der Geächtete kein Anderer, als der treueſte Anhänger Ulerichs von Wür⸗ temberg, Marx Stumpf von Schweinsberg ſei. Beſonders ſchmeichelhaft für die Phantaſie des jungen Mannes war auch der Gedanke, einen gefähr⸗ Jlichen Gang mit dieſem Tapfern gemacht und in einem Gefechte ſeine Klinge mit der ſeinigen gemeſſen zu haben, deſſen Ausgang zum wenigſten ſehr unentſchieden war. So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längſt wieder in ſeine Rechte ein⸗ geſetzt war und ſeinem Hüfthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter ſeine ſchönſten Waffenthaten, dem 6 34 tapfern, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu ſein. Die Wanderer waren während dieſem Selbſtge⸗ ſpräch des jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwieſe angekommen; der Pfeifer band das Pferd ſeitwärts an, und winkte Georg, zu folgen. Die Wald⸗ wieſe brach in eine ſchroffe, mit dichtem Geſträuch be⸗ wachſene Abdachung ab; dort ſchlug der Pfeifer einige verſchlungene Zweige zurück, hinter welchen ein ſchmaler Fußpfad ſichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht ohne Mühe und Gefahr folgte Georg ſeinem Führer, der ihm an einigen Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem ſie etwa achtzig Fuß hinabgeſtiegen waren, befanden ſie ſich wieder auf ebenem Grund, aber um⸗ ſonſt ſuchte der junge Mann nach der Stätte des geäch⸗ teten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl ſein mußte, denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus her⸗ vor; er ſchlug Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die Fackeln an. Als dieſe hell aufloderten, bemerkte Georg, daß ſie vor einem großen Portal ſtehen, das die Natur in die Felſenwand gebrochen hatte; und dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung ſein, wo der Geächtete, wie ſich der Pfeifer ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miethe war. Der Mann von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen, denn ihr Weg ſei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er dieſe Warnung geflüſtert, ſchritt er voran in das dunkle Thor. 3⁵ Georg hatte eine niedere Erdſchlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der Thiere gleich, wie er ſie in den Forſten ſeiner Heimath hin und wieder geſehen, aber wie erſtaunte er, als die erhabenen Hallen eines unter⸗ irdiſchen Palaſtes vor ſeinen Augen ſich aufthaten. Er hatte in ſeiner Kindheit aus dem Munde eines Knap⸗ pen, deſſen Urgroßvater in Paläſtina in Gefangenſchaft gerathen war, ein Märchen gehört, das von Geſchlecht zu Geſchlecht überliefert worden war; dort war ein Knabe von einem böſen Zauberer unter die Erde ge⸗ ſchickt worden, in einen Palaſt, deſſen erhabene Schön⸗ heit Alles übertraf, was der Knabe je über der Erde geſehen hatte; was die kühne Phantaſie des Morgen⸗ landes Prachtvolles und Herrliches erſinnen konnte, goldene Säulen mit kryſtallenen Kapitälern, gewölbte Kuppeln von Smaragden und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen das Auge blendeten; alles war jener unterirdiſchen Wohnung der Genien beigelegt. Dieſe Sage, die ſich der kindiſchen Einbildungskraft tief eingedrückt, lebte auf und ver⸗ wirklichte ſich vor den Blicken des ſtaunenden Jünglings. Alle Augenblicke ſtand er ſtill von Neuem überraſcht, hielt die Fackel hoch und ſtaunte und bewunderte, denn in hohen majeſtätiſch gewölbten Bogen zog ſich der Höhlengang hin, und flimmerte und blitzre, wie von tauſend Kryſtallen und Diamanten. Aber noch größere Uberraſchung ſtand ihm bevor, als ſich ſein Führer links wandte und ihn in eine weite Grotte führte, die wie der feſtlich geſchmückte Saal des unterirdiſchen Pa⸗ laſtes anzuſehen war. 36 Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck be⸗ merken, den dieſes Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, ſtieg auf einen vorſpringenden Felſen und beleuchtete ſo einen großen Theil dieſer Grotte. Glänzend weiße Felſen faßten die Wande ein, kühne Schwibbogen, Wölbungen, über deren Kühnheit das ir⸗ diſche Auge ſtaunte, bildeten die glänzende Kuppel; der Tropfſtein, aus dem dieſe Höhle gebildet war, hing voll von vielen Millionen kleiner Tröpfchen, die in allen Far⸗ ben des Regenbogens den Schein zurückwarfen und als ſilberreine Quellen in kryſtallenen Schaalen ſich ſammel⸗ ten. In grotesken Geſtalten ſtanden Felſen umher, und die aufgeregte Phantaſie, das trunkene Auge glaubte bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Dra⸗ perie, und gothiſch verzierte Kanzeln zu ſehen. Selbſt die Orgel fehlte dem unterirdiſchen Dome nicht, und die wechſelnden Schatten des Fackellichtes, die an den Wänden hin und herzogen, ſchienen geheimnißvoll er⸗ habene Bilder von Märtyrern und Heiligen in ihren Niſchen bald auf⸗, bald zuzudecken. So ſchmückte die chriſtliche Phantaſie des jungen Mannes, voll Ehrfurcht vor dem geheimnißvollen Wir⸗ ken der Gottheit, das unterirdiſche Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin mit der Wunderlampe die Säle des Paradieſes und die ewig glänzenden Lauben des Houris geſchaut hätte. Der Führer ſtieg, nachdem er das Auge des Jüng⸗ 37 ſprach er;„man kennt ſie wenig im Land, und nur den Jägern und Hirten iſt ſie bekannt; doch wagen es nicht Viele, herein zu gehen, weil man allerlei böſe Geſchich⸗ ten von dieſen Kammern der Geſpenſter weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte ich nicht rathen, ſich herab zu wagen; ſie hat tiefe Schlünde und unter⸗ irdiſche Waſſer, aus denen Keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt ſind, die jetzt leben.“ „Und der geächtete Ritter?“ fragte Georg. „Nehmt die Fackel und folget mir,“ antwortete Jener und ſchritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte ſeinen Führer darauf aufmerkſam. „Das iſt Geſang,“ entgegnete er,„der tönt in dieſen Gewölben gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer ſingen, ſo lautet es, als ſänge ein ganzer Chor Mönche die Hora.“ Immer vernehmlicher tönte der Geſang; je näher ſie kamen, deſto deutlicher wurden die Biegungen einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felſenecke, und von oben herab ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach ſich an den zackigten Felſenwänden in vielfachem Echo, bis ſie ſich verſchwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln eines unterirdiſchen Waſſerfalles miſchte, der ſi ich in eine dunkle, geheim⸗ nißvolle Tiefe ergoß. „Hier iſt der Ort,“ ſprach der Fihrer,„dort oben in der Felswand iſt die Wohnung d des unglücklichen 38 Mannes; hört Ihr ſein Lied? Wir wollen warten und lauſchen, bis er zu Ende iſt, denn er war nicht ge⸗ wohnt unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war.“ Die Männer lauſchten und verſtanden durch das Echo und das Gemurmel der Waſſer etwa folgende Worte, die der Geächtete ſang: „Vom Thurme, wo ich oft geſehen Hernieder auf ein ſchönes Land, Vom Thurme fremde Fahnen wehen, Wo meiner Ahnen Banner ſtand. Der Väter Hallen ſind gebrochen, Gefallen iſt des Enkels Loos, Er birgt, beſiegt und ungerochen, Sich in der Erde tiefem Schooß. Und wo einſt in des Glückes Tagen Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild Da meine Feinde graßlich iagen, Sie hetzen gar ein ledes Wild, Ich bin das Wild auf das ſie birſchen, Die Bluthund wetzen ſchon den Zahn, Sie dürſten nach dem Schweiß des Hirſchen, Und ſein Geweih ſteht ihnen an. Die Mörder han in Berg und Haide Auf mich die Armbruſt aufgeſpannt, Drum in des Bettlers rauhem Kleide Durchſchleich' ich Nachts mein eigen Land; „ Wabhrſcheinlich Anſpielung auf das Wappen von Wür⸗ temberg. Vergl. Anm. 10. 4 — 39 Wo ich als Herr ſonſt eingeritten, Und meinen hohen Gruß entbot, Da klopf ich ſchüchtern an die Hütten Und bettle um ein Stückchen Brod. Ihr warft mich aus den eignen Thoren, Doch einmal klopf ich wieder an,* Drum Muth! noch iſt nicht all' verloren, Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann. Ich wanke nicht; ich will es tragen; Und ob mein Herz darüber bricht, So ſollen meine Feinde ſagen: Er war ein Mann und wankte nicht.“ Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tönen ſeines Liedes nachſandte, ließ ah⸗ nen, daß er im Geſang nicht viel Troſt gefunden habe. Dem rauhen Manne von Hardt war während dem Liede eine große Thräne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er ſich an⸗ ſtrengte, die alte feſte Faſſung wieder zu erhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten ſchlüpfrigen Felſen hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Geſang erklungen war. Georg dachte ſich, daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald ſah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felſen wieder herab und ließ ſich die Fackeln geben, die er geſchickt in eine Felſenritze an der Seite ſteckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm ſo die Felſenwand erklimm as ihm 40 oben, und wenige Schritte noch, ſo ſtand er vor dem Felſengemach des Geächteten.“* „ Dieſe merkwürdige Höhle haben wir nach der Natur zu zeichnen verfucht. Es bleibt noch übrig, hier einige Notizen über ihre inneren Verhältniſſe zu geben. Die Vorhöhle hält etwas über 150 Fuß im Uamfange; von hier aus laufen zwei Gänge nach verſchiedenen Richtungen, die aber nach einer Länge von beinahe 200 Fuß wieder zuſammen treffen. Auf dieſen Wegen trifft man zwei Felſenſääle, den einen von 100, den andern von 80 Fuß Länge. Wo dieſe Gänge ſich vereinigen, bilden ſie wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der Höhe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es iſt die, in welche wir den Leſer zu dem vertriebenen Mann geführt haben. Die weiteſte Entfernung vom Eingang der Höhle bis zu ihrem Ende beträgt 577 Fuß. Man vergleiche hierüber die ſo intereſſante als getreue Beſchreibung der ſchwäbiſchen Alb von G. Schwab. III. — In wunderbaren Geſtalten Ragt aus der dunkeln Nacht das angeſtrahlte Geſtein, Mit wildem Gebüſch verſetzt, das aus den ſchwarzen Spalten Herabnickt und im Wiederſchein Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen Bleibt unſer Ritter ſteh'n, den Zauber anzuſchauen. W ieland. —— Der Theil jener großen Höhle, welchen ſie jetzt be⸗ traten, unterſchied ſich merklich von den übrigen Grot⸗ ten und Kammern durch ſeine Trockenheit. Der Boden war mit Binſen und Stroh beſtreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den größten Theil der Länge dieſer Grotte. Gegenüber ſaß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle, neben ihm ſtand ſein Schwert und ein Hüfthorn; ein alter Hut und der graue Mantel, mit welchem er ſich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wamms von dunkelbraunem Leder und Bein⸗ kleider von grobem blauem Tuche; ein unſcheinbarer Anzug, der aber ſeinen kräftigen Körperbau und ſeine feinen, ddlen Züge nur noch mehr heraus hob. Er mochte ungefähr vierunddreißig Jahre alt ſein, und ſein Geſicht war noch immer hübſch und angenehm zu nen⸗ W. Sauſſs Werke. XVI. 4 42 nen, obgleich die erſte Blüte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgeſtreift ſchien, und der verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; dieſe flüchtigen Bemerkungen drängten ſich Georg auf, als er am Eingang der Grotte ſtill ſtand. „Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!“ rief der Bewohner der Höhle, indem er ſich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem Jüngling die Hand bot und ihm winkte, auf einem eben ſo kunſtloſen Sitz von Rehfellen ſich niederzulaſſen.„Seid herzlich willkommen. Es war kein übler Einfall unſeres Spiel⸗ manns, Euch in dieſe Unterwelt herabzuführen und mir einen ſo angenehmen Geſellſchafter zu bringen. Hans! Du treue Seele, Du warſt bisher unſer Major Domus, Truchſes und Kanzler, wir ernennen Dich jetzt zu unſerem Kellermeiſter und Obermundſchenk. Sieh, dort hinter jener Säule muß ein Krug ſtehen, worin ſich noch ein Reſt alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeſchirr, das wir jetzt führen, gieß' ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unſerem ehrenwerthen Gaſte.“ Georg ſah erſtaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem Schickſal, das ihn betroffen, nach ſeinen unwirthlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klag⸗ geſang, den er gehört hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbeſiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernſt, vielleicht ſogar finſter in ſeinem Umgang ſein werde. Und er fand ihn heiter, unbeſorgt, ſcherzend über ſeine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen und genöthigt, eine kleine Weile in dieſer 43 Höhle Schutz gegen das Wetter zu ſuchen. Und doch war es ein ſchrecklicherer Sturm, als der furchtbarſte Orkan der Natur, der ihn aus der Burg ſeiner Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das ge⸗ gen die Geſchoſſe der mordluſtigen Jäger hier eine Zu⸗ flucht fand! „Ihr ſchaut mich verwundert an, werther Gaſt,“ ſagte der Ritter, als Georg bald ihn, bald ſeine Um⸗ gebungen mit verwunderten Blicken maß.„Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas Weniges vor⸗ jammern werde? Aber über was ſoll ich klagen? Mein Ungluck kann in dieſem Augenblick Keiner wenden, dar⸗ um ziemt es ſich, daß man heitere Miene zum böſen Spiele macht. Und ſagt ſelbſt, wohne ich hier nicht, wie Fürſten ſelten wohnen? Habt Ihr meine Hallen geſehen und die weiten Säle meines Pallaſtes? Glän⸗ zen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben die Decken ſich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zuſammen⸗ geſetzt? Werden ſie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen und allen Edelſteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein Ober⸗ mundſchenk, mit dem Weine. Sprich, mein Getreuer! Iſt das all' unſer Getränke, was in dieſem Becher iſt? 4 „Waſſer, ſo klar als Kryſtall hat Eure Wohnung,“ ſprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune ſeines Gefährten ſchon vertraut war,„aber auch ein Reſtchen Wein, das wenigſtens noch drei Becher füllt, iſt im Krug und— nun, wir haben ja heute einen Gaſt, und können ſchon etwas drauf gehen laſſen— ich will 44 es nur geſtehen, ich habe heute Nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er ſteht bei dem andern.“ „Das haſt Du wohl gemacht,“ rief der geächtete Ritter, und ein Strahl der Freude drang aus ſeinem glänzenden Auge.„Glaubet nicht, Herr Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein iſt ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Geſellſchaft den vollen Becher rund gehen zu laſſen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werther Kellermeiſter, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glückes. Ich bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauſes Sturmfeder!“ Georg dankte und trank.„Ich ſollte die Ehre er⸗ widern,“ ſagte er,„und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! Möget Ihr bald wieder ſiegreich in die Burg Eurer Väter ein⸗ ziehen, möge Euer Geſchlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen— es lebe!“ Georg hatte die letzten Worte mit ſtarker Stimme gerufen und wollte eben den Becher anſetzen, als das Geräuſch vieler Stimmen, vom Ein⸗ gang der Grotte her, aus der Tiefe emporſtieg, die ver⸗ nehmlich,„es lebe! lebe!“ riefen. Verwundert ſetzte er den Becher nieder.„Was iſt das?“ ſagte er.„Sind wir nicht allein?“ „Es ſind meine Vaſallen, die Geiſter,“ antwortete der Ritter lächelnd,„oder wenn Ihr ſo lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe beiſtimmte. Ich habe oft,“ ſetzte er ernſter hinzu,„in den Zeiten des Glanzes das Wohl meines Hauſes von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich nie ſo er⸗ freut und gerührt als hier, wo mein einziger Gaſt es 45 ausbrachte und die Felſen dieſer Unterwelt es beant⸗ worteten. Fülle den Becher, Hans, und trinke auch Du, und weißt Du einen guten Spruch, ſo gib ihn preis.“ Der Pfeifer von Hardt füllte ſich den Becher und blickte Georg mit freundlichen Blicken an:„Ich bring es Euch, Junker, und etwas recht Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenſtein!“ „Halloh, ſa!l ſa! trinkt Junker, trinkt!“ rief der Geächtete und lachte, daß die Höhle dröhnte.„Aus bis auf den Boden, aus! Sie ſoll blühen und leben für Euch! Das haſt Du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unſerem Gaſt das Blut in die Wangen ſteigt, wie ſeine Augen blitzen, als küſſe er ſchon ihren Mund. — Dürft Euch nicht ſchämen! Auch ich habe geliebt und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zu Muth iſt!“ „Armer Mann!“ ſagte Georg.„Ihr habt geliebt und gefreit, und mußtet vielleicht ein geltebtes Weib und gute Kinder zurücklaſſen?“ Er fühlte ſich, wäh⸗ rend er dies ſprach, heftig am Mantel gezogen, er ſah ſich um, und der Spielmann winkte ihm ſchnell mit den Augen, als ſei dies ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht ſprechen müſſe. Und den Jüngling gereu⸗ ten auch ſeine Worte, denn die Züge des unglücklichen Mannes verfinſterten ſich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er ſagte:„Der Froſt im Sep⸗ tember hat ſchon oft verderbt, was im Mai gar herr⸗ lich blühte, und man fragt nicht, wie es geſchehen ſei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, ber 46 guter Ammen gelaſſen; ſie werden ſie, ſo Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt.“ Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme geſprochen, doch als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächt⸗ niß abwiſchen, fuhr er mit der Hand über die Stirne⸗ und wirklich glätteten ſich die Falten, die ſich dort zu⸗ ſammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um ſich her und ſprach: „Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich ſchon oft gewünſcht habe, Euch zu ſehen, Herr von Sturm⸗ feder. Er hat mir von Eurer ſonderbaren Verwundung erzählt, wo man Euch wahrſcheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indeſſen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.“ „Das ſoll mir lieb ſein,“ antwortete Georg.„Ich möchte faſt glauben, man hat mich für den Herzog ſelbſt gehalten, denn dieſem paßten ſie damals auf, und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde.“ „Ei, das iſt doch viel. Wiſſet Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch geführt wurde, eben ſo gut tödt⸗ lich werden konnte?“ „Wer zu Feld zieht,“ entgegnete Georg,„der muß ſeine Rechnung mit der Welt ſo ziemlich abge⸗ ſchloſſen haben. Es iſt zwar ſchöner, in einer Feld⸗ ſchlacht vor dem Feinde zu bleiben, wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherſtehen, um einem den letz⸗ ten Liebesdienſt zu erweiſen. Aber doch wäre ich damals auch geſtorben, wenn es hätte ſein müſſen, um die Streiche dieſer Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.“ 47 Der Geächtete ſah den Jüngling mit Rührung an und drückte ſeine Hand.„Ihr ſcheint großen Antheil an dem Herzog zu nehmen,“ ſagte er, indem er ſeine durchdringenden Augen auf ihn heftete,„das hätte ich kaum gedacht, man ſagte mir, Ihr ſeiet Bündiſch.“ „Ich weiß, Ihr ſeid ein Anhänger des Herzogs,“ antwortete Georg,„aber Ihr werdet mir ſchon ein freies Wort geſtatten. Seht, der Herzog hat manches gethan, was nicht recht iſt. Zum Beiſpiel die huttiſche Geſchichte, ſie mag nun ſein wie ſie will, hätte er unter⸗ laſſen können. Sodann mag er mit ſeiner Frau hart umgegangen ſein, und Ihr müßt ſelbſt geſtehen, er ließ ſicch doch zu ſehr vom Zorn bemeiſtern, als er Reutlin⸗ gen ſich unterwarf—“ Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Rit⸗ ters, doch dieſer ſchlug die Augen nieder und winkte ſchweigend dem jungen Mann, tzufahren.„Nun, ſo dachte ich von dem Herzog, als ich Bündiſch wurde, ſo, und nur etwas ſtärker ſprach man von ihm im Heere. Aber eine große Fürſprecherin hatte er an Marien, und es iſt Euch vielleicht bekannt, daß ich mich auf ihr Zu⸗ reden losſagte. Nun bekamen die Sachen bald eine an⸗ dere Geſtalt in meinen Augen, ſei es, weil ich von Na⸗ tur mitleidig bin und Niemand ungerecht mißhandelt ſehen kann, oder auch, weil ich die Abſichten der Bün⸗ diſchen beſſer durchſchaute— ich ſah, daß dem Herzog zu viel geſchehe; denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen ſeinen Beſitzungen und ſo⸗ gar von ſeinem Fürſtenſtuhl zu vertreiben, und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in 3 43 meinen Augen. Er hätte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut ſeiner Würtemberger auf ein ſo gewagtes Spiel ſetzen. Er hätte können den Leuten Geld abpreſſen und die Schwei⸗ zer damit halten, aber er war größer als ſein Unglück. Seht— das hat mich zu ſeinem Freunde gemacht.“ Der Ritter ſchlug die Augen auf, ſeine Bruſt ſchien höher zu ſchlagen, ſeine edle Geſtalt richtete ſich ſtolz empor, er ſah Georg lange an und drückte ſeine Hand an ſein pochendes Herz.„Wahrlich,“ ſagte er,„es lebt eine heilige, reine Stimme in Dir, junger Freund! Ich kenne den Herzog wie mich ſelbſt, aber ich darf ſagen, wie Du ſagteſt, er iſt größer als ſein Unglück, und— beſſer, als der Ruf von ihm ſagt. Aber er hat Wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß er nur hundert gehabt hätte, wie Du biſt, und es hätte kein Fetzen der bündiſchen Paniere auf einer wür⸗ tembergiſchen Zinne geweht. Daß Du ſein Freund wer⸗ den könnteſt! Doch es ſei ferne von mir, Dich einzu⸗ laden, ſein Unglück mit ihm zu theilen, es iſt genug, daß Deine Klinge und ein Arm wie der Deinige nicht mehr ſeinen Feinden gehört. Mögen Deine Tage hei⸗ terer ſein als die ſeinigen, möge der Himmel Dir Deine guten Geſinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!“ Es wehte ein Geiſt in den Worten des geächteten Ritters, der manch verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anſchlug. War es die Anerkennung ſeines perſönlichen Werthes, der ihm aus dem Munde eines Tapferen ſo ermunternd klang, war es die Ähn⸗ 49*⁴ lichkeit des Schickſales dieſes Unglücklichen mit ſeiner eigenen Armuth und mit dem Unglück ſeines Hauſes, war es die romantiſche Idee, nicht für das ſiegende Unrecht, ſondern für die gerechte Sache, gerade weil ſie im tiefſten Unglück war, ſich zu erklären— Georg fühlte ſich unwiderſtehlich zu dieſem geächteten Mann, er Sache, für die er litt, hingezogen; begeiſtert e er ſeine Hand und rief:„Es ſpreche mir Keiner Vorſicht, nenne es Keiner Thorheit, ſich an das lück anzuſchließen! Mögen Andere dieſes ſchöne d dort oben theilen, und in den Gütern dieſes un⸗ ſcklichen Fürſten ſchwelgen— ich fühle Muth in c, mit ihm zu tragen, was er trägt, und wenn er Schwert zieht, ſeine Lande wieder zu erobern, ſo ich der Erſte ſein, der ſich an ſeine Seite ſtellt. hmt meinen Handſchlag, Herr Ritter, ich bin, wie auch komme, Ulerichs Freund für immer!“ Eine Thräne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handſchlag zurück gab.„Du wagſt viel, aber Du biſt viel, wenn Du Ulerichs Freund biſt. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier unten iſt noch gut Würtemberg. Hier vor mir ſitzt der Ritter und der Bürger, vergeſſet einen Augen⸗ blick, daß ich ein armer Ritter und ein unglücklicher geächteter Mann bin und denket, ich ſei Fürſt des Landes, wie ich der Herr der Höhle bin. Hal noch gibt es ein Würtemberg, wo dieſe Drei zuſammen halten und ſei es auch tief im Schooß der Erde. Fülle den Becher, Hans, und lege Deine rauhe Hand in die unſrigen, wir wollen den Bund beſiegeln!“ 3 5⁰0 Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. „Trinkt, edle Herren, trinkt,“ ſagte er,„Ihr könnet Euch in keinem edleren Wein Beſcheid thun, als in: dieſem Uhlbacher.“ Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder füllen und reichte ihn Gaorg. „Wie iſt mir doch?“ ſagte dieſer.„Blühte nicht eſer man nennt alſo den Wein, der auf jenen wächst?“ 3 „Es iſt ſo,“ antwortete der Geächtete.„Not berg heißt der Berg, an deſſen Fuß dieſer Wein wäͤt und auf ſeinem Gipfel ſteht das Schloß, das Wür bergs Ahnen gebaut haben.— O, ihr ſchönen T des Neckars, ihr herrlichen Verge voll Frucht Wein! Von euch, von euch auf imhier!“ Er rief es einer Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen Schmerz und Kummer heraufſtieg, denn die Wehmu hatte die Decke geſprengt, womit der feſte, unbeug ſame Sinn dieſes Mannes ſeine kummervolle Seele verhüllt hatte. Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff ſeine Hand und weckte ihn aus dem düſteren Hinbrüten, dem er ſich einige Augenblicke hingegeben hatte.„Seid ſtark, 8 guter Herr! Ihr werdet ſie wiederſehen, fröhlicher, als Ihr ſie verlaſſen habt.“ 1 f t l „Ihr werdet ſie wieder ſehen, die Thäler Eurer Heimath,“ rief Georg,„wenn der Herzog einrückt in ſein Land, wenn er einziehet in die Burg ſeiner Ahnen, wenn die Thäler des Neckars und ſeine weinreichen 51 heßoͤhen wiederhallen vom Jubel des Volkes, dann wer⸗ net auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. erſcheuchet die trüben Gedanken:„Nuno vino pel- ule curas“ trinket, vergeſſet nicht, was wir vorhin hgeſprochen haben, ich thue Euch Beſcheid in dieſem rWüt eerger Weine—„der Herzog und ſeine genehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick orten auf den düſtern Zügen des Ritters rief er,„Treue iſt das Wort, das Gene⸗ gebrochenen Herzen, wie ein kühler lamen Wanderer in der Wüſte. Ver⸗ wäche, Junker. Verzeihet ſie einem ſt ſeinem Kummer nicht Raum gibt. je vom Gipfel des rothen Berges auf das Herz von Würtemberg, ſch grüne Ufer zieht, wie mannes⸗ i Feldern wogen, wie ſanfte Hügel aufziehen, bepflanzt mit köſtlichem kle, ſchattige Forſten die Gipfel der „ wie Dorf an Dorf mit den freund⸗ Dächern aus den Wäldern von Obſtbäu⸗ men ervorſchaut, wie gute fleißige Menſchen, kräftige Männer, ſchöne Weiber auf dieſen Höhen, in dieſen Thälern walten und ſie zu einem Garten anbauen— hättet Ihr dieſes geſehen, Junker, geſehen mit mei⸗ men Augen, und ſäßet jetzt hier unten, hinausgewor⸗ fen, verflucht, vertrieben, umgeben von ſtarren Felſen; tief im Schoos der Erde! O, der Gedanke iſt ſchreck⸗ lich und oft zu mächtig für ein Männerherz!“ 52 Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und ſeine ſchöneren Erinnerungen wieder in ſeine Wehmuth zurückgeführt werden, daher ſuchte er ſchnell dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben: „Ihr waret alſo oft um den Herzog, Herr Ritter? O ſagt mir, ich bin ja jetzt ſein Freund, iſt er im Umgang? Wie ſieht er aus? N. iſt ſehr veränderlich und hat viele Launen „Nichts davon,“ antwortete der G werdet ihn ſehen und lernet ihn am ſchreibung kennen. Aber ſchon zu lan fremden Angelegenheiten geſprochen. nen ſaget Ihr gar nichts? Nichts von jetzigen Reiſe, nichts von dem ſchö⸗ Lichtenſtein?— Ihr ſchweiget und h nieder? Glaubet nicht, daß es& ich frage. Nein, ich glaube Eu lich ſein zu können.“ „Nach dem, was dieſe Nacht hen iſt,“ antwortete Georg,„iſt u keine Zurückhaltung, kein Geheimniß ſcheint auch, Ihr wußtet längſt, daß ich vielleicht auch, daß ſie mir hold iſt?“ „O ja,“ entgegnete der Ritter lächelnd,„wenn ich anders die Zeichen der Liebe verſtehe und richtig deuten kann. Denn ſie ſchlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder und erröthete bis an die Stirne; auch nannte ſie Euren Namen mit eigenem, ſo eigenem Ton, als geben alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu dieſem Grundton an.“ ——ͤ 1 1b 53 „Ich glaube, Euer ſcharfes Auge hat richtig be⸗ 8 merkt, und deßwegen will ich nach Lichtenſtein. Ich war von Anfang Willens, als ich mich vom Bunde los⸗ ſagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb iſt ſchon halbwegs von Franken hieher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal zuvor ſehen. Der Mann hier führte mich über die Alb. Ihr wiſſet, was meine Reiſe um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf iſt, will ich oben im Schloß einſprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkomme⸗ ner, da ich das neutrale Gebiet verlaſſen und zu ſeiner Farbe mich geſchlagen habe.“ „Wohl werdet Ihr ihm willkommen ſein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt, denn er iſt ihm reu und ſehr ergeben. Doch könnte es ſein, daß er Guch nicht traute, kenn er ſoll ein wenig mißtrauiſch grämlich gegen fremde Menſchen ſein. Ihr wiſſet, eich mit ihm ſtehe, denn er iſt der barmherzige Sa⸗ eer, der mich, wenn ich Nachts aus meiner Höhle „mit warmer Speiſe und mit noch wärmerem füür die Zukunft labt. Ein Paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm beſſer empfehlen als ein Freibrief des Kaiſers, und zum Zeichen für ihn und manchen Andern nehmet dieſen Ring und traget ihn zum An⸗ denken an dieſe Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Würtembergs verkünden.“ Er zog bei dieſen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein rother Stein war in die Mitte gefaßt, und in den drei Hirſchgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem * Drei Hirſchgeweihe, wovon die zwei oberſten vier, das 54 Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Würtembergs. Um den Ring ſtanden erhabene eingeprägte Buchſtaben, deren Sinn er nicht verſtand. Sie hießen AH3 WUC. „Uhzwut? Was bedeutet dieſer Name?“ fragte er. „Iſt es etwa ein Feldgeſchrei für die Anhänger des Herzogs?“ „Nein, mein junger Freund,“ antwortete der ge⸗ ächtete Ritter.„Dieſen Ring trug der Herzog lange an ſeiner Hand, und er war mir immer ſehr werth; ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm, und konnte dieſes an keinen Beſſeren abtreten. Die Zeichen heißen Ulerich Herzog zu Würtemberg und Teck!“ „Er wird mir ewig theuer ſein,“ erwiderte Georg, „als ein Andenken an den unglücklichen Herrn, deſſen Namen er trägt, und als ſchöne Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle.“ 4 „Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenſteig kommet,“ fuhr der Ritter fort,„ſo gebet dem nächſten beſten Knecht den Zettel, den ich Euch ſchreiben werde, und dieſen Ring, ſolches dem Herrn des Schloſſes zu bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf ſie erſtreckt ſich mein Zauber nicht. Etwa ein herz⸗ licher Händedruck, die geheimnißvolle Sprache der Au⸗ gen, oder ein ſüßer Kuß auf ihren rothen Mund. Doch, um gehörig vor ihr zu erſcheinen, habt Ihr untere aber drei Enden hat, ſind das alte Wappen von Würtemberg. 5⁵ Ruhe nöthig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten Nacht etwas trübe ſein. Daher folgt meinem Beiſpiel, ſtrecket Euch auf die Rehfelle nieder und leget Euren Mantel als Kopfkiſſen unter. Und Du, würdiger Major Domus, oberſter Kämmerer und Mundſchenk, Hans, getreuer Gefährte im Unglück, reiche dieſem Paladin noch einen Becher zum Schlaf⸗ trunk, daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl, dieſe Felſengrotte zum Schlafeloſet werde, und ihn der Gott der Träume mit ſeinen lieblichſten Bildern beſuche!“ Die Männer tranken und legten ſich zur Ruhe und Hans ſetzte ſich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felſenkammer. Bald kam Morpheus mit leiſen Tritten zu dem Lager des Jünglings und ſtreute ſeine Schlummerköͤrner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traume, wie der geächtete Mann ſein Nachtgebet ſprach, und mit frommer Zuverſicht zu dem Lenker der Schickſale flehte, über ihn und jenes unglückliche Land, iin deſſen tiefem Schoos er jetzt ruhte, ſeinen Schutz und ſeine Hülfe herabzuſenden. 1 IV. Aus einem tiefen grünen Thal Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl, Drauf ſchaut das Schlößlein Lichtenſtein Vergnüglich in die Welt hinein. Schwab. — Georg konnte ſich anfangs nicht recht auf ſeine Lage und die Gegenſtände umher beſinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeſchüttelt wurde; allmählig aber kehrten die Bilder der vergan⸗ genen Nacht in ſeine Seele zurück, und er erwiderte freudig den Handſchlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte.„So gerne ich Euch noch Tage lang in meinem Palaſt beherbergen würde,“ ſprach dieſer, „ſo moͤchte ich Euch doch rathen, nach Lichtenſtein aufe⸗ zubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Frühſtück haben wollet. In meiner Höhle kann ich Euch leider keines bereiten laſſen, denn wir machen niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verrathen könnte. Georg ſtimmte ſeinen Gründen bei und dankte ihm für ſeine Beherbergung.„Wahrlich,“ ſagte er,„ich habe ſelten eine fröhlichere Nacht beim Becher verlebt, als in dieſer Höhle. Es hat etwas Reizendes, ſo tief unter den Füßen der Menſchen zu athmen und mit 57 Freunden ſich zu beſprechen. Ich gebe nicht den herr⸗. lichſten Saal des ſchönſten Schloſſes um dieſe Felſen⸗ wände!“ 4 „Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,“ entgegnete der Bewohner der Höhle;„aber unfreiwillig hier zu ſitzen, Tage lang einſam in dieſen Kellern über ſein Unglück zu brüten, wenn das Herz ſich hinaus ſehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das Auge, müde dieſer unter⸗ irdiſchen Pracht, hineintauchen möchte in die reizende Landſchaft, hinüberſchweifen möchte über lachende Thä⸗ ler zu den fernen Bergen der Heimath; wenn das * Ohr, betäubt von dem eintönigen Gemurmel dieſer Waſſer, die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieſeln, und geſamigelt in bodenloſe Tiefen hinab⸗ ſtürzen, ſich hinausſehnt, den Geſang der Lerche zu höͤren, zu lauſchen, wie das Wild in den Büſchen rauſcht!“ „Armer Mannl] es iſt wahr, eine ſolche Einſamkeit muß ſchrecklich ſein!“ 3 3„Und dennoch,“ fuhr Jener fort und richtete ſich 3 höher auf, indem ein ſtolzer Trotz aus ſeinen Augen blitzte,„und dennoch preiſe ich mich glücklich, mit Hülfe guter Leute dieſe Zuflucht gefunden zu haben. Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tiefer hinabe; ſteigen, wo die Bruſt keine Luft mehr zu athmen findet, als in die Hände meiner Feinde fallen und ihr 3 Geſpötte werden, und wenn ſie dahin mir nachkämen, die blutgierigen Hunde des Bundes, ſo wollte ich mich mit meinen Nägeln weiter hineinſcharren in die härte⸗ 4 W. Hauffs Werke. XVI. 5 „ 58 ſten Felſen; ich wollte hinabſteigen tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde iſt. Und kämen ſie auch dorthin, ſo wollte ich die Heiligen läſtern, die mich verlaſſen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er die Pforten der Finſterniß aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieſes übermüthigen Ge⸗ ſindels.“ Der Mann war in dieſem Augenblick ſo furchtbar, daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine Geſtalt ſchien größer, alle ſeine Muskeln wa⸗ ren angeſpannt, ſeine Wangen glühten, ſeine Augen ſchoſſen Blitze, als ſuchten ſie einen Feind, den ſie vernichten ſollten, ſeine Stimme dröhnte hohl und ſtark, und das Echo der Felſen ſprach ihm in ſchreck⸗ lichen Tönen ſeine Verwünſchungen nach. Obgleich dieſe Gradation dem Jüngling zu ſtark vorkommen mochte, ſo konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er ſeinem Herrn treu geblieben war, aus ſeinen Beſitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeſchoſſenes Wild ſuchte, um ihn zu tödten.„Es liegt ein Troſt in dieſer Ge⸗ ſinnung,“ ſagte er zu dem Geächteten,„und Ihr wer⸗ det Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Ge⸗ genſatz recht ſcharf ins Auge faſſet. Ich bewundere Euch um Eurer Geelenſtärke, Herr Ritter; aber eben dieſes Gefühl der Bewunderung nöthigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbeſcheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich ſie nicht wagen dürfte; nicht wahr, Ihr ſeid Marx Stumpf von Schweinsberg!“ Es mußte etwas Lächerliches in dieſer Frage liegen, 59 das Georg nicht finden konnte nn der Ernſt, der noch immer auf den Zügen des Kitters gelegen, war wie weggeblaſen; er lachte zuerſt leiſe vor ſich hin, dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in wel⸗ ches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der Spiel⸗ mann einſtimmte. 4 Georg ſah bald den Einen, bald den Andern fra⸗ gend an, aber ſeine verlegenen Blicke ſchienen nur die Lachluſt der beiden Männer noch mehr zu reizen. End⸗ lich faßte ſich der Geächtete:„Verzeihet, werther Gaſt, daß ich das Gaſtrecht ſo gröblich verletzte und mir nicht lieber die Zunge abgebiſſen habe, ehe ich Etwas von Euch lächerlich fand; aber wie kommet Ihr nun auf den Marx dtdafr Kennt Ihr ihn denn?“ „Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter iſt, daß er wegen des Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündiſchen auf ihn lauern, und paßt dieſes nicht Alles ganz gut auf Euch?“ „Danke Euch, daß Ihr mich für ſo tapfer haltet, aber das möchte ich Euch doch rathen, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommet wie mir, denn dieſer hätte Euch ohne Weiteres zu Kochſtücken zuſammengehauen. Der Schweinsberg iſt ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderſtehlich das Lachen. übrigens iſt er ein ehrenwerther Mann und einer von den Wenigen, die ihren Herrn im Unglück nicht verließen.“ „So ſeid Ihr nicht dieſer Schweinsberg?“ entgeg⸗ nete Georg traurig,„und ich muß gehen, ohne zu wiſſen, wer mein Freund iſt?⸗ 60 „Junger Mann!“ ſagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freund⸗ lichkeit gemildert wurde.„Ihr habt einen Freund gefunden durch Euer tapferes, ehrenvolles Weſen, durch Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Theilnahme an dem unglücklichen Herzog. Es ſei Euch genug, dieſen Freund gewonnen zu haben, fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieſes trauliche Ver⸗ hältniß zerſtören, das mir ſo angenehm iſt. Lebet wohl, denket an den geächteten Mann ohne Namen und ſeid verſichert, ehe zwei Tage vorbeigehen, ſollt Ihr von mir und meinem Namen hören.“ Es wollte Georg dünken, als ſtehe dieſer Mann, trotz ſeines unſcheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Fürſt, der ſeinen Diener huldreich entläßt, ſo groß war jene un⸗ beſchreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, ſo erhaben der Glanz, der aus ſeinem Auge drang. Der Pfeifer hatte unter dieſen Worten die Fackeln angezündet und ſtand erwartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wußte nicht, wie ihm geſchah, noch nie war ihm ein Menſch ſo freundlich nahe und doch zugleich ſo unendlich hoch über ihm geſtanden, noch nie hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet von jeſdem irdiſchen Glanze, der das Leben ſchmückt, ſelbſt in ärmlicher Huͤlle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von ſich ſtrahlen könne, die das Auge blendet und das Gefühl des eigenen Ichs ſo plötzlich überraſcht und hinabdrückt. Mit dieſem 61 Gedanken beſchäftigt ging er durch die Höhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt ſein Auge überraſcht und gefeſſelt hatte, ging für ihn verloren; er ſtaunte nicht mehr, daß ſie im Schooße eines unſcheinbaren Berges ſich ſo herrlich und groß⸗ artig ausgeſprochen habe. War ja doch ſein inneres Auge mit einem Gegenſtand beſchäftigt, in welchem ſie ſich noch impoſanter und großartiger ausſprach, als in der nächtlichen Pracht dieſer Felſen; denn er be⸗ wunderte die Erhabenheit des menſchlichen Geiſtes über jedes irdiſche Verhältniß, und dachte nach über die Majeſtät einer großen Seele, die auch im Gewande eines Bettlers ihren angeborenen Adel nicht verläug⸗ nen kann. Ein heller, freundlicher Tag empfing ſie, als ſie aus der Nacht der Höhle zum Licht herausſtiegen. Georg athmete freier und leichter in der kühlen Mor⸗ genluft, denn der feuchte Dunſt, der in den Gängen und Grotten der Höhle umzieht, und wovon ſie viel⸗ leicht den Namen Nebelhöoͤhle trägt, lagert ſich beengend auf die Bruſt. Sie fanden das Pferd des jungen Rit⸗ ters noch an derſelben Stelle angebunden, munter und friſch wie ſonſt, und ſelbſt die Waffenſtücke, die am Sattel befeſtigt waren, hatten durch den Nachtthau nicht Schaden gelitten, wie Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mmoochte, über den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte ſeine Kleidung und das Zeug des Roſ⸗ ſes zurecht, während der Bauer dieſem einige Händevoll * — 62 Heu zum Morgenbrod reichte, und dann ging es wei⸗ ter den Berg hinan. Sie waren erſt wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus dem Thal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens un⸗ terbrach; eine andere antwortete, drei bis vier ſtimm⸗ ten ein, bis die melodiſchen Töne von wenigſtens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den Thälern aufſtiegen. überraſcht hielt der junge Mann ſein Pferd an:„Was iſt das?“ rief er.„Brennt es ir⸗ gendwo, oder wie, ſollten wir heute ein Feſt im Ka⸗ lender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krank⸗ heit ſo aus aller Zeit heraus gekommen, daß ich den Sonntag nur daran erkenne, daß die Mädchen neue Röcke und friſche Schürzen anhaben.“ „Es iſt wohl ſchon manchem Kriegsmann ſo gegan⸗ gen,“ antwortete Hans, der Spielmann;„ich ſelbſt habe mich oft erſt auf die Zeit beſinnen müſſen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Meſſ und Pre⸗ digt; aber heute iſt es ein anderes Ding,“ ſetzte er ern⸗ ſter hinzu und ſchlug ein Kreuz,„heut iſt Charfreitag. Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ „In Ewigkeit!“ erwiderte der Jüngling.„Es iſt das erſtemal in meinem Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich ſoll, und dieſer Tag erinnert mich an manche ſchöne Stunde meiner Kindheit. Da⸗ mals lebte noch mein Vater; ich hatte eine ſanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schweſterlein. Wir Beide freuten uns immer, wenn der Charfreitag kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, daß es nur noch zwei Tage bis Oſtern — 63 ſei, wo uns die Mutter ſchöne Sachen beſcheerte. Re⸗ quiescant in pace!“ ſetzte er hinzu, indem er ſeitwärts blickte, um eine Thräne zu verbergen;„ſie ſind drüben alle Drei, und feiern dort ihren heiligen Freitag!“ „Man ſollte nicht von ſo unheiligen Dingen ſpre⸗ chen,“ ſagte der Pfeifer nach einigem Stillſchweigen, „aber mein Beichtiger mag es mir ſchon vergeben. Ich denke, Ihr ſolltet nicht traurig ſein, Junker! De⸗ nen, die ſchlafen, iſt es wohl, und die, die wachen, ſol⸗ len vorwärts, und nicht rückwärts ſehen. So würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einſt auch Eu⸗ ren Kindlein das Oſtern beſcheeren koͤnnet, und wie ſie ſich freuen werden am Charfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und wird ein gewiſſes Fräulein nicht auch eine gute, ſanfte Mutter werden?“ Georg ſuchte umſonſt ein Lächeln zu unterdrücken, das dieſer ſonderbare Troſtſpruch hervorgelockt hatte. „Höre, guter Freund,“ entgegnete er,„Dir iſt zur Noth ein ſolches Wort erlaubt; doch möchte ich keinem Andern rathen, meine Ohren durch ſolche ſündige Ge⸗ danken zu entweihen.“ „Nichts für ungut, Herr! ich wollte weder Euch, noch das Fräulein damit beleidigen; ſoll auch nicht mehr geſchehen. Aber ſehet Ihr nicht dort ſchon den Thurm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelſtunde und wir ſind oben.“ „So viel ich geſtern in der Nacht bemerken konnte, iſt das Schloß auf einen einzelnen, jähen Felſen hinaus⸗ geſtellt? Bei Gott, ein kühner Gedanke, da konnte wohl Niemand hinüberkommen, wer nicht mit den Gei⸗ 64 ſtern im Bunde war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt könnte man mit Stückſchüſſen ſehr zuſetzen.“ „Meint Ihr? Nun es ſtehen auch vier gute Dop⸗ pelhaken in der Halle, die auch ein Wörtchen antwor⸗ ten würden. Wenn Ihr recht geſehen habt, ſo müßt Ihr bemerkt haben, daß der Felſen ringsum durch ein breites Thal von den Bergen umher geſondert iſt, dort⸗ her könnte man nicht viel Schaden thun; die einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, iſt die, wo die Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geſchütz auf und ſehet zu, ob es der Lichtenſteiner nicht in den Grund ſchießt, ehe ur ein Fenſter aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geſchütz herauf⸗ führen in dieſen Schluchten und Bergen, ohne daß Euch wenige entſchloſſene Männer mehr Schaden thun, als das ganze Neſt werth iſt? „Da habt Ihr Recht,“ antwortete Georg;„ich möchte wiſſen, wer den Gedanken gehabt hat, auf den Felſen ein Schloß zu bauen.“ „Das will ich Euch ſagen,“ erwiderte der Spiel⸗ mann, der mit allen Sagen ſeines Landes vertraut war; „es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden, und wußte ſich nicht mehr zu rathen. Da kam ſie an dieſen Felſen und ſah, wie ein großer Geier mit ſeiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle Nachſtellung ſicher war. Da beſchloß ſie, den Geier zu verdrängen. Sie ließ das Schloß dorthin bauen, und als Alles fertig war, ließ ſie die Brücke aufziehen, ſtieg auf die Zinne ihres Thur⸗ mes und ſprach:„„Nun hin ich Gottes Freund und 65 aller Welt Feind.““ Und es konnte ihr Keiner mehr etwas anhaben. Aber ſehet, da ſind wir ſchon. Lebet wohl, vielleicht daß ich Euch ſchon heute Nacht wieder ſehe. Ich ſteige jetzt ins Land hinab und bringe dann dem Herrn in der Höhle Kundſchaft, wie es dort unten ausſieht. Vergeſſet nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn des Schloſſes zu ſenden, und hütet Euch, das Siegel ſelbſt zu brechen.“ „Sei ohne Sorgen! Ich danke Dir für Dein Ge⸗ leite, und grüße meinen werthen Gaſtfreund in der Höhle.“ Georg ſprach es, trieb ſein Pferd an, und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Ver⸗ ſchanzung von Lichtenſtein angelangt. Ein Knecht, der das Thor bewachte, fragte nach ſeinem Begehr und rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu übergeben. Georg hatte indeß Zeit genug, das Schloß und ſeine Umge⸗ bungen zu betrachten. War ihm ſchon in der Nacht, beim ungewiſſen Schein des Mondes und in einer Ge⸗ müthsſtimmung, die ihn nicht zum aufmerkſamſten Beobachter machte, die kühne Bauart dieſer Burg auf⸗ gefallen, ſo ſtaunte er jetzt noch mehr, als er ſie, vom hellen Tag beleuchtet, anſchaute. Wie ein koloſſaler Münſterthurm ſteigt aus einem tiefen Albthal ein ſchö⸗ ner Felſen, frei und kühn, empor. Weit ab liegt alles feſte Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weg⸗ geſpalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt, oder eine Waſſerflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von ſeinen feſten Steinmaſſen abgeſpült. Selbſt an der Seite von Südweſt, wo er dem übrigen 66 Gebirge ſich nähert, klafft eine tiefe Spalte, hinläng⸗ lich weit, um auch den kühnſten Sprung einer Gemſe unmöglich zu machen, doch nicht ſo breit, daß nicht die erfinderiſche Kunſt des Menſchen durch eine Brücke die getrennten Theile vereinigen konnte. Wie das Neſt eines Vogels, auf die höchſten Wi⸗ pfel einer Eiche oder auf die kühnſten Zinnen eines Thurms gebaut, hing das Schlößchen auf dem Felſen. Es konnte oben keinen ſehr großen Raum haben, denn außer einem Thurm ſah man nur eine befeſtigte Woh⸗ nung; aber die vielen Schießſcharten im untern CTheil des Gebäudes, und mehre weite Hffnungen, aus de die Mündungen von ſchwerem Geſchütz hervorrag. zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz ſeines kleinen Raumes eine nicht zu verachtende Veſte ſei, und wenn ihm die vielen hellen Fenſter des oberen Stockes ein freies, luftiges Anſehen verliehen, ſo zeigten doch die ungeheuern Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felſen verwachſen ſchienen, und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieſelbe braungelbe Farbe, wie die Steinmaſſe, worauf ſie ruhten, angenommen hatten, daß es auf feſtem Grund wurzle, und weder vor der Gewalt der Elemente, noch dem Sturm der Menſchen erzittern werde. Eine ſchöne Ausſicht bot ſich ſchon hier dem überraſchten Auge dar, und eine noch herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartthurms und die lange Fenſterreihe des Hauſes ahnen. Dieſe Bemerkungen drängten ſich Georg auf, als er erwartend an der äußeren Pforte ſtand, die wohl⸗ verſchanzt herwärts über der Kluft, auf dem Lande 67 den Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über die Brücke, das Thor that ſich auf, und der Herr dees Schloſſes erſchien ſelbſt, ſeinen Gaſt zu empfangen. Es war jener ernſte, ältliche Mann, den Georg in Ulm mehremal geſehen, deſſen Bild er nicht vergeſſen hatte, denn die düſteren, feurigen Augen, die bleichen aber edlen Züge, ſeine große Ahnlichkeit mit der Ge⸗ liebten, hatten ſich tief in die Seele des Jünglings ge⸗ prägt. „ Ihr ſeid willkommen in Lichtenſtein!“ ſagte der alte Herr, indem er ſeinem Gaſt die Hand bot, und eine gütige Freundlichkeit den gewöhnlichen, ſtrengen Ernſt ſeiner Züge milderte.„Was ſteht Ihr müßig da, Ihr Schlingel!“ wandte er ſich nach dieſer erſten Be⸗ grüßung zu ſeinen Dienern.„Soll etwa der Junker ſein Roß mit hinaufführen in die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rüſtzeug traget auf die Kammer am Saal!— Verzeihet, werther Herr, daß man Euch ſo lange unbedient ſtehen ließ, aber in dieſe Burſche iſt kein Verſtand zu bringen. Wollet Ihr mir folgen?“ 4 Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei dieſem Gang, voll Erwartung, voll Sehnſucht, ſeine Wangen rötheten ſich vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle zurückdachte, die ihn zuerſt vor dieſe Burg geführt hatten. Sein Auge ſuchte an den Fenſtern um⸗ her, ob es nicht die Geliebte erſpähe, ſein Ohr ſchärfte ſich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber 68 umſonſt ſuchten ſeine Blicke dieſe Mauern zu durchboh⸗ ren, umſonſt fing ſein ſcharfes Ohr jeden Laut begierig auf, noch ſchien ſie ſich nicht zeigen zu wollen. Sie gelangten jetzt an das innere Thor. Es war nach alter Art tief, ſtark gebaut und mit Fallgattern, Offnungen für ſiedendes Ol und Waſſer, und allen je⸗ nen ſinnreichen Vertheidigungsmitteln verſehen, womit man in den guten alten Zeiten den ſtürmenden Feind, wenn er ſich der Brücke bemeiſtert haben ſollte, abhielt. Doch die ungeheuern Mauern und Befeſtigungen, die ſich von dem Thor an rings um das Haus zogen, ver⸗ dankte Lichtenſtein nicht der Kunſt allein, ſondern auch der Natur; denn ganze Felſen waren in die Mauerlinie gezogen, und ſelbſt der ſchöne, geräumige Pferdeſtall und die kühlen Kammern, die ſtatt des Kellers dienten, waren in den Felſen eingehauen. Ein bequemer, ge⸗ wundener Schneckengang führte in die oberen Theile des Hauſes, und auch dort waren kriegeriſche Verthei⸗ digungen nicht vergeſſen, denn auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern führte, wo in andern Wohnungen häus⸗ liche Geräthſchaften aufgeſtellt ſind, waren hier furcht⸗ bare Doppelhaken und Kiſten mit Stückkugeln aufge⸗ pflanzt. Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem gewiſſen Ausdruck von Stolz auf dieſem ſonderbaren Hausrath, und in der That konnten dieſe Geſchütze da⸗ mals für ein Zeichen von Wohlhabenheit und ſelbſt Reichthum gelten, denn nicht jeder Privatmann war im Stande, ſeine Burg mit vier oder ſechs ſolchen Stü⸗ cken zu verſehen. Von hier ging es noch einmal aufwärts in den 69 zweiten Stock, wo ein überaus ſchoner Saal, ringsum mit hellen Fenſtern, den Ritter von Lichtenſtein und ſeinen Gaſt aufnahm.* Der Hausherr gab einem Die⸗ ner, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale ent⸗ fernten. „ Cruſius beſchreibt in ſeiner Chronik das Schlößchen Lich⸗ tenſtein, wie wir es hier nacherzählen. Er ſah es zu Ende des ſechzehnten Jahrhunderts, alſo etwa ſiebzig Jahre nach dem Jahr 1519. Dort findet ſich auch die hieher gehörige Stelle: „Im oberen Stockwerk iſt ein überaus ſchöner Saal, rings⸗ um mit Fenſtern, aus welchen man bis an den Aſperg ſehen kann; darin hat der vertriebene Fürſt, Ulerich von Würtemberg öfter gewohnt, der des Nachts vor das Schloß kam und nur ſagte:„Der Mann iſt da!“ ſo wurde er eingelaſſen.“ Wo aber wohnte er den Tag über? Wo hieit ſich der Vertriebene auf? Die Frage lag ſehr nahe. Jetzt iſt in die Rumen des alten Schloſſes ein Jägerhaus erbaut, das noch immer den Namen des„Lichtenſteiner Schlöß⸗ leins“ trägt, und am fröhlichen Pfingſtfeſt einer lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient. Der gegenwärtige Beſitzer, Graf Wilhelm von Würtem⸗ berg, läßt eben jetzt(1840) das Soloß von Heideloff im go⸗ thiſchen Style neu aufbauen. Der kleine Stahlſtich, den die Verlagshandlung vom Schlößchen anfertigen ließ, zeigt es in ſeiner bisherigen Geſtalt. Obn e V. V. — und der Graf gerührt von ſolches Hohen Opfers hohem Geiſte Bei der Freude ſüßer Regung, Kann der Freundſchaft mildem Thaue, Der durchs Herz ihm, der durchs Auge Schon ihm ſchleicht, nicht widerſtehen. P. Conz. Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenſtein allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und ſchaute ihn an, als meſſe er prüfend ſeine Züge. Ein Strahl von Begeiſterung und Freude drang aus ſeinen Augen, und die Melancholie ſeiner Stirne war verſchwunden, er war heiter, fröhlich ſogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der von langen Reiſen zurückkehrt. Endlich ſtahl ſich eine Thräne aus ſeinem glänzenden Auge, aber es war eine Thräne der Freude, denn er zog den ülhorraſchten Jüngling an ſein Herz. „Ich pflege nicht weich zu ſein,“ ſprach er nach dieſer feierlichen Umarmung zu Georg;„aber ſolche G Augenblicke überwinden die Natur, denn ſie ſind ſelten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? Trügen die Züge dieſes Briefes nicht? Iſt dieſes Siegel echt und darf ich ihm glauben?Doch— was zweifle 1 71 ich! Hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die ſie auf den offenen Brief Eures Geſichtes geſchrieben? Nein, Ihr könnet nicht täuſchen— die Sache meines unglück⸗ lichen Herrn hat einen Freund gefunden?“ „Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, ſo habt Ihr recht geſehen, ſie hat einen war⸗ men Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir längſt den Herrn von Lichtenſtein als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wäre vielleicht auch ohne den Rath jenes unglücklichen Mannes, der mich zu Euch ſchickte, gekommen, Euch zu beſuchen.“ „Setzet Euch zu mir, junger Freund,“ ſagte der Alte, deſſen Augen immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen ſchienen;„ſetzet Euch hier und hö⸗ ret, was ich ſage. Ich liebe es ſonſt nicht, wenn die Leute ihre Farbe ändern; ich habe in meinem langen Leben gelernt, daß man die überzeugung eines Jeden ehren müſſe, und daß ein Mann, wenn er nur ſonſt reine Abſichten hat, nicht gerade deßwegen zu verdam⸗ men ſei, weil er anderer Meinung iſt als wir. Aber wenn man ſeine Farbe mit ſo uneigennützigen Ab: ſichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wen man dem Glück den Rücken kehrt, um ſich an das Un⸗ glück anzuſchließen, da hat die Anderung großen Werth, denn ſie trägt das Gepräge einer edlen That an der Stirne.“ Georg errothete über ſich ſelbſt, als er hörte, wie der Lichtenſteiner ſeine uneigennützigen Abſichten pries. War es denn nicht auch die ſchöne Tochter, was ihn zu 72 deer Fahne des Vaters führte? Und mußte er nicht in der Achtung dieſes Mannes ſinken, wenn über kurz oder lange dieſes Motiv ſeines übertrittes ans Licht kam?„Ihr ſeid zu gütig,“ antwortete er;„die Ab⸗ ſichten eines Menſchen liegen oft tiefer verborgen, als man auf den erſten Anblick glaubt; ſeid verſichert, daß mein Übertritt zu Eurer Sache zwar zum Theil von dem empörten Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdiſcheren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, daß Ihr mich für zu gut hieltet, es würde mir um ſo weher thun, wenn Ihr nachher ungünſtiger von mir urtheiltet.“ „Ich liebe Euch um dieſer Offenheit willen nur noch mehr,“ entgegnete der Herr des Schloſſes und drückte ſeinem Gaſt die Hand.„Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner Kenntniß der Geſichter, und von Euch will ich kühn behaupten, daß, wenn Euch auch noch eine andere Abſicht leitet, als das Gefühl des Rechtes, dieſe Abſicht doch keine ſchlechte ſein kann⸗ Wer Schlechtes im Schilde führt, iſt feig, und wer feig iſt, wagt es nicht, den Truchſes, den Herzog von Baiern und den ſchwäbiſchen Bund vor den Kopf zu ſtoßen und ſo aufzutreten, wie Ihr aufgetreten ſeid.“ „Was wiſſet Ihr von mir?“ rief Georg mit freu⸗ digem Erſtaunen;„habt Ihr denn je von mir gehört vor dieſem Augenblick?“ Der Diener, welcher bei dieſen Worten die Thüre öffnete, unterbrach die Antwort des alten Herrn; er ſetzte Wildpret und volle Becher vor Georg hin, und ſchickte ſich an, den Gaſt zu bedienen. Doch ein Wink 1 73 ſeines Herrn entfernte ihn aufs Neue.„Verſchmähet dieſen Morgenimbis nicht,“ ſagte er zu dem jungen Mann;„den erſten Becher ſollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heiſcht; aber die meinige iſt ſchon lange todt, und meine einzige Tochter, Marie, die an ihrer Stelle das Hausweſen verfieht, iſt ins Dorf hinabgegangen, um am hohen Feſte eine Predigt zu hören und die Meſſe. Nun, Ihr fraget mich, ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr ſeid ja jetzt unſer, daher darf ich Euch wohl ſagen, was man ſonſt verſchweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter ab⸗ zuholen, die ſich dort aufhielt, hauptſächlich aber, um Manches zu erfahren, was für den Herzog zu wiſſen wichtig war; Gold öffnet alle Pforten,“ ſetzte er lä⸗ chelnd hinzu,„auch die des hohen Rathes, und ſo hörte ich täglich, was die Bundesoberſten beſchloſſen. Als der Krieg erklärt wurde, war ich genöthigt, abzureiſen; ich hielt aber treue Männer in jener Stadt, die mir auch das Geheimſte berichteten, was vorging.“ „War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,“ fragte Georg,„den ich bei dem Geächteten traf? „Und der Euch über die Alb führte? Ja wohl! Dieſe brachten immer Kundſchaft. So erfuhr ich denn auch, daß man beſchtoß, einen Späher hinter den Rucken des Herzogs zu ſchicken, etwa in die Gegend von Tü⸗ bingen, um dem Bunde ſogleich Nachricht von unſeren Schritten zu ertheilen. Ich erfuhr auch, daß die Wahl auf Euch gefallen ſei. Nun muß ich Euch redlich ge⸗ ſtehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleich⸗ W. Hauffs Werke. XVI. 6 74 gültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hoͤrte, daß Ihr noch ſolch ein junges Blut ſeid, denn ſobald Ihr über die Alb kamet als Kundſchafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit todt geſchlagen oder unter die Erde geſetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond hin⸗ ſcheint. Um ſo überraſchender war mir und vielen Männern die Nachricht, wie Ihr es ausgeſchlagen und wie tapfer Ihr vor jenen Herren geſprochen. Auch daß Ihr abſagtet und auf vierzehn Tage Uhrfehde ſchwören mußtet, erfuhr ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar unſer Freund geworden ſeid!“ Die Wangen des jungen Mannes glühten, ſein Auge ſtrahlte vor Freude; brach ja doch dieſer Augen⸗ blick alle Schranken, welche die Verhältniſſe zwiſchen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunſch, deſſen Erfüllung oft ſo weit in die Ferne hinaus gerückt ſchien, war in Erfüllung gegangen; er hatte unbewußt Mariens Vater für ſich gewonnen.„Ja, ich habe ihnen abgeſagt,“ antwortete Georg,„weil ich ihr Weſen nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund ge⸗ worden; doch wäre es möglich, ich hätte mich nicht ſo bald zu Eurer Sache bekannt; aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann ſaß, als ich bedachte, wie man mit den Edeln und ſelbſt mit dem Herrn des Landes umgehe, wie ſeine gewaltigen Reden ſo mächtig an meiner Bruſt anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar, hieher müſſe ich ſtehen, hier müſſe ich ſtreiten. Und glaubt Ihr, es werde bald et⸗ was zu thun geben? Denn ich bin nicht zu Euch her⸗ übergeritten, um die Hände in den Schooß zu legen!“ 75 „Das konnte ich mir denken,“ ſagte der Ritter lächelnd;„vor vierzig Jahren hatte ich auch ſo raſches Blut, und es ließ mich nicht lange auf einem Fleck. Wie die Sachen ſtehen, wißt Ihr; man kann ſagen, eher ſchlimm als gut. Sie haben das Unterland, ſie haben den ganzen Strich von Urach herauf. Auf eines kommt Alles an: hält Tübingen feſt, ſo ſtegen wir.“ „Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,“ rief Georg mit Unmuth;„das Schloß iſt ſtark, ich habe kein ſtärkeres geſehen, Beſatzung iſt hinlänglich da, und vierzig Männer von Adel werden ſich ſo leicht nicht ergeben. Es kann nicht ſein, es darf nicht ſein. Haben ſie nicht des Herzogs Kinder bei ſich und den Schatz des Hauſes? Sie müſſen ſich halten.“ 1 „Wohl, wenn ſie Alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen an. Wenn der Herzog Entſatz bringen kann, ſo hat er an Tübingen einen feſten Punkt, von wo aus er ſein Land wieder erobern kann; es ſind große Kriegsvorräthe, es iſt ein großer Theil des Adels dort; ſo lange ſie zu ſeiner Partie halten, iſt Würtemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geiſte nach iſt es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!“ „Wie? Unmöglich können ſich die Vierzig ergeben!* „Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,“ er⸗ widerte der Alte;„Ihr wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann ſtraucheln machen können. Und es iſt Mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn 76 er ſchickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an ſie mit einem beweglichen Schreiben,* das Schloß nicht zu übergeben, ſondern ihm Gelegenheit zu machen, in daſſelbe zu kommen, weil er dort zu ſterben bereit ſei, wenn es Gott über ihn verhänge.“ „Der arme Herr!“ rief Georg bewegt.„Aber ich kann nicht glauben, daß der Landesadel ſo ſchändlich freveln könnte; ſie werden ihn einlaſſen in die Burg, er wird ihren Muth aufs Neue beſeelen, er wird Aus⸗ fälle machen, er wird ſie ſchlagen, die Belagerer, trotz Baiern und Frondsberg; wir werden uns an ihn an⸗ ſchließen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und dieſe Bündler verjagen.“ „Marx Stumpf iſt noch nicht zurück,“ ſagte der Ritter von Lichtenſtein mit beſorgter Miene;„auch haben ſie ſeit geſtern das Schießen eingeſtellt. Sonſt hörte man jeden Stückſchuß hier auf dem Lichtenſtein, aber ſeit geſtern iſt es ſtill wie im Grabe.“ „Vielleicht ſchweigt das Geſchütz wegen des Feſtes; gebt Acht, ſie werden morgen oder am Oſtermontag wieder donnern laſſen, daß es durch Eure Felſen hallt.“ „Was da!“ entgegnete Jener.„Wegen des Feſtes? Seinem Herzog treu zu dienen, iſt auch ein frommer * Er ſchickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, an ſie mit einem beweglichen Schreiben, das Schloß nicht zu übergeben, ſondern, wo ſie ſolches auch thun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu machen, in daſſelbe zu kommen; weil er in ſelbigem zu ſterben bereit ſei, wenn es Gott über ihn verhänge. Sattler, Geſch. der Herz. v. Wür⸗ temb. II. 15. . 77 Dienſt, und es wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber, ſie hörten den Donner der Feldſchlangen von Tübingens Wällen, als daß ſie die Ritter müßig ſehen. Müßiggang iſt aller Laſter Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der wird ſie auf⸗ rütteln aus ihrem Schlummer.“ „Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geſchickt, ſagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Beſatzung ſeit einigen Tagen zu wanken ſcheint? Da kann alſo Ulerich nicht bis Möm⸗ pelgard entflohen ſein, wie die Leute ſagen; da iſt er vielleicht in der Nähe? O daß ich ihn ſehen könnte; daß ich mich mit ihm nach Tübingen ſchleichen könnte!“ Ein ſonderbares Lächeln zog flüchtig über die ern⸗ ſten Züge des Alten.„Ihr werdet ihn ſehen, wenn es Zeit iſt,“ ſagte er.„Ihr werdet ihm angenehm ſein, denn er liebt Euch ſchon jetzt. Und iſt das Glück gut, ſo ſollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf.— Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geſchäft, das aber bald abgethan ſein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Geſellſchafter, ſchauet Euch um in meinem Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein ſolches Vergnügen zum Charfreitag paßte.“ Der alte Herr drückte ſeinem Gaſt noch einmal die Hand und verließ das Zimmer. Bald nachher ſah ihn Georg aus dem Schloſſe dem Wald zu reiten. Als ſich der junge Mann allein gelaſſen ſah, fing er an, ſeinen Anzug ein wenig zu beſorgen, der durch 55 78 den Ritt in der Nacht, durch ſeinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter ſolchen Umſtänden in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übel nehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von polirtem Metall, den er in dieſem Gemach vorfand, und der wohl zu Mariens Geräthſchaften gehören mochte, Bart und Haare ord⸗ 6 nete, das Wamms ein wenig reinigte, und jede Spur von unordnung aus ſeinem Anzug zu verbannen ſuchte. Er erging ſich dann in dem großen Zimmer, und ſuchte unter den vielen Fenſtern eines auf, von welchem er auf den Felſenweg hinabſchauen konnte, den Marie on der Kirche im Thal heraufkommen mußte. Es waren fröhliche Gedanken, die ſich in bunter Menge an ſeiner Seele vorüberdrängten, ſchnell und flüchtig, wie ein Zug heller Wölkchen, die am blauen Gewölb des Himmels dahin gleiten. Dies war die Burg, die er ſeit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar geſehen hatte. Dies die Berge, die Felſen, von denen ſie ihm ſo oft erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas An⸗ ziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Ge⸗ liebte groß geworden iſt. Man träumt ſich um Jahre zurück, man ſieht ſie als kleines Mädchen in dieſen Kammern, in dieſen Gängen ſich umtreiben. Man geht um einige Jahre vorwärts, man ſieht ſie noch klein, aber verſtändig, der Mutter jene kleinen Künſte der Haushaltung abſpähen, die ſie viele Jahre nachher als Hausfrau nöthig hat. Doch in dem kleinen Köpf⸗ chen geſtaltet ſich ſchon jetzt ein eigenes Hausweſen. 79 Es iſt vielleicht jene Ecke, dachte Georg lächelnd, wo ſie in kindiſcher Geſchäftigkeit, was ſie von den Bro⸗ ſamen der Küche erbeuteté, zu Speiſen von eigener Erfindung bereitete, wo ſie das hölzerne Weſen, das ein Knecht kunſtreich ſchnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein wackeres 6 Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt. Und dann jene anmuthsvolle Stufe zwiſchen Kind 8 und Jungfrau! Wo iſt wohl das ſtille Plätzchen, wo ſich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn ſie in Garten und Feld nach Kinderweiſe getobt hatte, ſich ernſt und feierlich hinſetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldene Fäden zog, während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen ſeiner Jugend erzählte, oder durch weiſe Lehren und gewichtige Sprüche den Geiſt der Jungfrau zu erheben ſuchte? Wo iſt das Lieblingsfenſter, wohin ſie ſich, immer höher und ſchöner heranwachſend, gerne ſetzte und mit unbewußter, dunkler Sehnſucht in die Ferne ſah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachſann und ſich in freundliche Träume verſenkte? Es war ihm ſo heimiſch, ſo wohl in dieſem Hauſe, es war ihr Geiſt, der hier waltete, der ihn um⸗ ſchwebte, den er, ob ſie auch fern war, freundlich begrüßte. Dieſes Gärtchen, auf einem ſchmalen Raum am Felſen, hatte ſie beſorgt und gepflegt, dieſe Blumen, die in einem Topf auf dem Tiſche ſtanden, hatte ſie vielleicht heute ſchon gepflückt. Er ging hin, dieſe Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen. 8⁰ Er beugte ſich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen zum Mund. In dieſem Augen⸗ blick glaubte er ein Geräuſch vor der Thüre zu ver⸗ nehmen. Er ſah ſich um— ſie war es, es war Marie, die ſtaunend und regungslos, als traue ſie ihren Augen nicht, an der Thüre ſtand. Er flog zu ihr hin, er zog ſie in ſeine Arme, und ſeine Lippen erſt ſchienen ſie zu überzeugen, daß es nicht der Geiſt des Geliebten ſei, der ihr hier erſcheine. Wie viel hatten ſie ſich zu fragen, bei weitem mehr, als ſie nur ant⸗ worten konnten! Es gab Augenblicke, wo ſie, wie aus einem Traum erwacht, ſich anſahen, ſich überzeugen mußten, ob ſie denn wirklich ſich wieder haben? „Wie viel habe ich um Dich gelitten,“ ſagte 3 Marie, und ihre Wangen ſtraften ſie nicht Lügen; „wie ſchwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm ſcheiden mußte. Zwar hatteſt Du mir gelobt, vom Bunde abzulaſſen, aber hatte ich denn Hoffnung, Dich ſo bald wieder zu ſehen?— Und dann, wie mir Hans die Nachricht brachte, daß Du mit ihm nach Lichtenſtein kommen wollteſt, aber überfallen, ver⸗ wundet worden ſeieſt. Das Herz wollte mir bald bre⸗ chen, und doch konnte ich nicht zu Dir, konnte Dich nicht pflegen!“ Wie beſchämt war Georg, wenn er an ſeine thö⸗ richte Eiferſucht zurückdachte, wie fühlte er ſich ſo klein und ſchwach Mariens zarter Liebe gegenüber. Er ſuchte ſein Erröthen zu verbergen, er erzählte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie ſich Alles ſo ge⸗ fügt habe, wie er dem Bunde abgeſagt, wie er über⸗ * 81 fallen worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau ſich entzogen habe, um nach Lichtenſtein zu reiſen. Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fra⸗ gen nicht hin und wieder in Verlegenheit geſetzt hätten. Beſonders als ſie mit Verwunderung fragte, warum er denn ſo tief in der Nacht erſt nach Lichtenſtein auf⸗ gebrochen ſei, wußte er ſich nicht zu rathen. Die ſchö⸗ nen, klaren Augen der Geliebten ruhten ſo fragend, ſo durchdringend auf ihm, daß er um keinen Preis eine Unwahrheit zu ſagen vermocht hätte. „Ich will es nur geſtehen,“ ſagte er mit nieder⸗ geſchlagenen Augen,„die Wirthin in Pfullingen hat mich bethört. Sie ſagte mir Etwas von Dir, was ich nicht mit Gleichmuth hören konnte.“ 8 „Die Wirthin? Von mir?“ rief Marie lächelnd. „Nun, was war denn dies, daß es Dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?“ „Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Thor war. Der geächtete Ritter hat mich ja ſchon längſt überzeugt, daß ich völlig Unrecht hatte.“ „Nein, nein,“ entgegnete ſie bittend,„ſo entgehſt Du mir nicht. Was wußte die Schwätzerin wieder von mir? Geſtehe nur gleich—“ „Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, Du habeſt einen Liebſten und laſſeſt ihn, wenn der Vater ſchlafe, alle Nacht in die Burg.“ Marie erröthete. Unwille und die Luſt, über dieſe Thorheit zu lachen, kämpften in ihren ſchönen Zügen. „Nun, ich hoffe,“ ſagte ſie,„Du haſt ihr darauf ge⸗ antwortet, wie es ſich gehoͤrt, und aus Unmuth über „ 8²2 eine ſolche Verleumdung ihr Haus verlaſſen? Dachteſt vielleicht, Du könnteſt unſer Schloß noch erreichen und hier übernachten?“ „Ehrlich geſtanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs ge⸗ wiß nicht; aber Deine Amme, die alte Frau Roſel, wurde aufgeführt, ſie hatte es der Wirthin geſagt, ſie hatte mich ſelbſt mit ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine Liebe betrogen ſei, da— o ſieh nicht weg, Marie, werde mir nicht bös! Ich ſchwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um ein Wort mit dem zu ſprechen, der es wage, Marien zu lieben.“ „Das konnteſt Du glauben?“ rief Marie, und Thränen ſtürzten aus ihren Augen.„Daß Frau Roſel ſolche Sachen ausſagt, iſt Unrecht, aber ſie iſt ein altes Weib, klatſcht gerne. Daß die Frau Wirthin ſolche Sachen nachſagt, nehme ich ihr nicht übel, den ſie weiß nichts Beſſeres zu thun. Aber Du, Du, Georg, konn⸗ teſt nur einen Augenblick ſo arge Lügen glauben, Du wollteſt Dich überzeugen, daß—“¹ von neuem ſtrömten ihre Thränen, und das Gefühl bitterer Kränkung er⸗ ſtickte ihre Stimme. Georg zürnte ſich ſelbſt, daß er ſo thöricht hatte ſein können, aber er fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete.„Verzeihe mir nur dies⸗ mal,“ bat er.„Sieh, wenn ich Dich nicht ſo lieb ge⸗ habt hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt. Aber wenn Du wüßteſt, was Eiferſucht iſt!“ „Wer recht liebt, kann gar nicht eiferſüchtig ſein,“ 8³ ſagte Marie unmuthig.„Aber ſchon in Ulm haſt Du etwas der Art geſagt, und ſchon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber Du kennſt mich gar nicht, wenn Du mich recht gekannt hätteſt, wenn Du mich geliebt hätteſt, wie ich Dich, wäreſt Du nicht auf ſolche Gedanken gekommen.“ „Nein! Ungerecht mußt Du doch nicht werden,“ rief Georg und faßte ihre Hand.„Wie kannſt Du mir vorwerfen, daß ich Dich nicht liebe wie Du mich? Hätte es denn nicht möglich ſein können, daß ein Wür⸗ digerer als ich erſchienen, daß der arme Georg durch irgend einen böſen Zauberer aus Deinem Herzen ver⸗ drängt worden wäre? Es iſt ja doch Alles möglich auf der Erde!“ „Möglich?“ unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenſtein betrachtet hatte, ſchien ſie allein zu beſeelen.„Möglich? Wenn Ihr nur einen Augen⸗ blick ſo Arges von mir für möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! ſo habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß ſich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen laſſen, er muß feſt ſtehen auf ſeiner Meinung, und wenn er liebt, ſo muß er auch glauben.“ „Dieſen Vorwurf habe ich von Dir am wenigſten verdient,“ ſagte der junge Mann, indem er unmuthig aufſprang.„Wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und her hewegt wird, und Mancher vird mich da⸗ rum verachten.— „Es könnte ſein!“ flüſterte ſie, doch nicht ſo leiſe, 84 daß es ſein Ohr nicht erreichte und ſeinen Unmuth zum Zorn anblies. „Auch Du willſt mich alſo darum verachten, und doch biſt Du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe Dich auf Bündiſcher Seite geſucht, ich war ſelig, als ich Dich dort fand. Du bateſt mich, davon abzu⸗ laſſen, ich ging. Ich that noch mehr. Ich kam zu Euch herüber, es koſtete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht abſchrecken. Ich ergriff Würtem⸗ bergs Partei, ich kam zu Deinem Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute ſich, daß ich ſein Freund geworden— aber ſeine Tochter ſchilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich— zum letztenmal— von Dir be⸗ wegen laſſen. Ich will fort, weil Du meine Liebe ſo vergiltſt, noch in dieſer Stunde will ich fort!“ „Er gürtete unter den letzten Worten ſein Schwert um, ergriff ſein Baret und wandte ſich zur Thüre. „Georg!“ rief Marie mit den ſüßeſten Tönen der Liebe, indem ſie aufſprang und ſetne Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuths war ver⸗ ſchwunden, ſelbſt die Thränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge.„Um Got⸗ teswillen, Georg! Ich meinte es nicht ſo böſe. Bleibe bei mir, ich will Alles vergeſſen, ich ſchäme mich, daß ich ſo unwillig werden konnte.“ Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht ſo ſchnell zu beſänftigen, er ſah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln gewonnen zu wer⸗ den, denn ſein Entſchluß ſtand feſt, das Schloß zu 4 85⁵ verlaſſen.„Nein!“ rief er.„Du ſollſt das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber Deinem Vater kannſt Du ſagen, wie Du ſeinen Gaſt aus ſeinem Hauſe vertrie⸗ ben haſt.“ Die runden Fenſterſcheiben zitterten vor ſei⸗ ner Stimme, ſein Auge blickte wild umher, er entriß ſeine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr ſchritt er fort, er riß die Thüre auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erſcheinung feſſelte, die wir im nächſten Kapitel näher beſchreiben werden. VI. Herrengunſt, Aprillenwetter, Frauenlieb und Roſenblätter, Würfel, Karten, Federſpiel, Verkehren ſich oft, wer's glauben will. . Altes Sprüchwort. Als Georg die Thüre öffnete, richtete ſich aus einer ſehr gebückten Stellung die hagere, knöcherne Geſtalt der Frau Roſel auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn ſie von früher Jugend an in einer Familie bleiben, ſich einbürgern, in die Familie verwachſen und gleichſam ein nothwendiger Zweig da⸗ von werden. Sie hatte ihr Nützlichkeit beſonders nach dem Tode der Frau von Lichtenſtein erprobt, wo ſie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war ſo von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kinds⸗ frau zur Haushälterin, von dieſem Poſten zu Mariens Oberhofmeiſterin und Vertrauten avancirt. Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr ſich den Rücken geſichert, ſie hatte jene Poſten, aus denen ſie in die höheren Stellen vorgerückt war, nicht wieder beſetzen laſſen, ſondern verwaltete ſie alle zuſammen, wie ſie behauptete, mit großer Gewiſſenhaftigkeit, und weil es doch ſonſt Niemand verſtehe. Sie hatte durch dieſen Kunſtgriff 87 und durch ihre lange Dienſtzeit die Zügel der häuslichen Regierung an ſich gebracht, das Geſinde ging und kam nach ihrem Blick, und ſie gab zu verſtehen, daß ſie beim Herrn Alles gelte, obgleich ſeine ganze Gnade nur darin beſtand, daß er ſie nicht in Gegenwart der Übrigen auszankte. Mit dem Fräulein lebte ſie in neuern Zeiten nicht mehr im beſten Verhältniß. Sie hatte in den Ta⸗ gen der Kindheit und erſten Jugend ihr ganzes Ver⸗ trauen beſeſſen. Noch in Tübingen war ſie wenigſtens halb ins Geheimniß ihrer Liebe gezogen, und Frau Roſel nahm wirklich ſo thätigen Antheil an Allem, was ihr Fräulein betraf, daß ſie geſagt hätte:„Wir lieben den Herr von Sturmfeder aufs Zärtlichſte, oder — uns will das Herz beinahe brechen, weil wir ſchei⸗ den müſſen.“ Dieſem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein bemerkte, daß Frau Roſel zu gerne ſchwatze, ſie war ihr auf der Spur, daß ſie ſogar von ihrem Verhältniß zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Roſel merkte im Augenblick, warum dies geſchehe. Als aber bald darauf die Reiſe nach Ulm angetreten wurde, als Frau Roſel, obgleich ſie ſich einen neuen Rock von Fries und eine köſtliche Haube von Brocat hierzu ver⸗ fertigt hatte, auf höheren Befehl in Lichtenſtein blei⸗ ben mußte, da wurde die Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim Vater dahin gebracht, daß ſie nicht nach Ulm mitreiſen dürfe. Das Vertrauen wurde nicht hergeſtellt, als Marie 88 von Ulm zurückkehrte. Frau Roſel zwar, die lieber mit der Herrſchaft, als dem Geſinde lebte, ſuchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen und ſo das alte Verhältniß wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdächtig, als daß ſie etwas geſagt hätte. Als daher der geächtete Ritter nächtlicher Weile ins Schloß kam, als das Fräulein ſo geheimnißvoll Speiſen für ihn bereitete und, wie Frau Roſel glaubte, mit ihm allein war, als ſie auch hier nicht mehr ins Geheimniß gezogen wurde, da ſchüttete ſie ihr Herz gegen die Frau Wirthin in Pful⸗ lingen aus, und es war Georg nicht ſo ganz zu ver⸗ denken, daß er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Roſel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wußte er ja doch nicht, wie dieſes Verhältniß indeſſen ſo an⸗ ders ſich geſtaltet habe. Frau Roſel war im Sonntagsſtaat mit ihrer Dame dieſen Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde ziemlich weit oben an ſtand, dem Prieſter gebeichtet, auch Abſolution da⸗ für erhalten, und war mit ſo viel leichterem Herz und Gewiſſen auf den Lichtenſtein zurückgekehrt, als ſie vorher ſchwer und unter der Laſt der Sünden ſeufzend, hinabgeſtiegen war. Die ſalbungsvollen Worte des Pa⸗ ters mochten aber doch nicht ſo tief gedrungen ſein, um ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als ſie in ihr Kämmerlein hinaufſtieg, um Roſenkranz und Sonntagsſchmuck abzulegen, hörte ſie ihr Fräu⸗ lein und eine tiefe Männerſtimme heftig miteinander ſprechen; es wollte ihr ſogar bedünken, ihr Fräulein weine. 89 „Sollte er wohl bei Tag hier ſein, weil der Alte ausgeritten?“ dachte ſie. Die natürliche Menſchenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge und, Ohr ans Schlüſſelloch, und ſie vernahm in abgebrochenen Wor⸗ ten den Streit, deſſen Zeugen auch wir geweſen find. Der junge Mann hatte die Thüre ſo raſch geöffnet, daß ſie nicht mehr Zeit gehabt hatte, ſich zu entfernen, ſondern kaum noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüſſelloch auftauchen konnte. Doch ſie wußte ſich zu helfen in ſolchen mißlichen Fällen, ſie ließ Georg nicht an ſich vorüber, ließ Beide nicht zum Wort kommen, ſie ergriff die Hände des jungen Mannes und über⸗ ſtrömte ihn mit einem Schwall von Worten: „Ei, du meine Güte! Hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch ſchauen würden! Und ich mein', Ihr ſind noch ſchöner worden und größer, ſeit ich Euch nimmer ſah! Hätt' ich das gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Thür', denke, ei! Wer ſpricht jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr iſt's nicht. Von den Knechten iſt's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! Jetzt iſt's der Junker Georg, der da drin ſpricht!“ Georg hatte ſich während dieſer Rede der Frau Roſel vergeblich von ihr loszumachen geſucht. Erfühlte, daß es ſich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen Fauſt der Alten, aber indem er ſie frei fühlte, hatte ſie auch ſchon Marie ergriffen, hatte ſie, ohne auf Frau Roſels höhniſches Licheln zu ach⸗ W. Hauffs Werke, XVI. 7 90 ten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieſer Bewe⸗ gung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen ſchienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte ſeinen Un⸗ muth ſchwinden, er fühlte, daß es Marie nicht ſo bös mit ihm gemeint habe.— Wie ſollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren? Wie ſollte er ſo ganz ungekränkt ſcheinen? Wäre er mit Marien allein geweſen, ſo war es vielleicht noch eher möglich, aber vor dieſem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Roſel umzukehren, ſich durch einen Händedruck, durch einen Blick erweichen laſſen und gefangen geben? Er ſchämte ſich vor dieſem Weib, weil er ſich vor ſich ſelbſt ſchämte, und wir ha⸗ ben gehört, daß dieſes Gefühl der Scham, die Unge⸗ wißheit, wie man, ohne zu erröthen, zurückkehren könne, ſchon oft aus einer kurzen Trennung in Un⸗ muth eine dauernde gemacht und die ſchönſten Ver⸗ hältniſſe gebrochen habe. Frau Roſel hatte ſich einige Augenblicke an der Angſt, an dem Gram ihres Fräuleins geweidet, dann aber ſiegte die ihr angeborene Gutmüthigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgeſtiegen war. Sie faßte die Hand des Junkers feſter:„Ihr werdet uns doch nicht ſchon wieder verlaſſen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenſtein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegeſſen, läßt Euch die alte Roſel gar nicht weiter, das iſt gegen alle Sitte des Schloſſes. Und den Herrn habt Ihr wahrſcheinlich auch noch nicht begrüßt? Es war ſchon ein gtoße Gewinn für Mariens 9¹ Sache, daß Georg ſprach:„Ich habe ihn ſchon ge⸗ ſprochen, dort ſtehen noch die Becher, die wir zuſammen leerten.“ „Nun?“ fuhr die Alte fort.„Da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abſchied genommen haben? ⸗ „Nein, ich ſollte ihn im Schloß erwarten.“ „Ei, wer wird denn gehen wollen?“ ſagte ſie und drängte ihn ſanft in das Zimmer zurück.„Das wär' mir eine ſchöne Sitte. Der Herr könnte ja Wunder meinen, was für einen ſonderbaren Gaſt er beherbergte. Wer bei Tag kommt,“ ſetzte ſie mit einem ſtechenden Blick auf das Fräulein hinzu,„wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewiſſen und darf ſich nicht weg⸗ ſchleichen wie der Dieb in der Nacht.⸗ Marie erröthete und drückte die Hand des Jüng⸗ lings, und unwillkürlich mußte dieſer lächeln, wenn er an den Irrthum der Alten dachte und die ſtrafenden Blicke ſah, die ſie auf Marien warf. „Ja, ja, wie ich ſagte,“ fuhr Frau Roſel fort, „braucht Euch nicht wegzuſtehlen, wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht beſſer geweſen, Ihr wäret ſchon früher gekommen. Im Sprüchwort heißt es: Sieh für Dich, Irren iſt mißlich; und wer will haben Ruh', bleib' bei ſeiner Kuh! Aber ich will Nichts ge⸗ ſagt haben.“ 4 „Nun ja,“ ſagte Marie,„Du ſiehſt, er bleibt da. Was willſt Du nur mit Deinen Reden und Sprüch⸗ lein? Du weißt ſelbſt, ſie paſſen nicht immer.“ „So? Aber bisweilen treffen ſie doch Einen, dem es nicht lieb iſt. Aber Reu’ und guter Rath iſt unnütz 92 nach geſchehener That. Ich weiß ſchon, Undank iſt der Welt Lohn, ich kann ja ſchweigen. Wer will haben gute Ruh, der ſeh' und hör' und ſchweig' dazu.“ „Nun ſo ſchweige immerhin,“ entgegnete das Fräu⸗ lein, etwas gereizt.„Übrigens wirſt Du wohl thun, wenn Du den Vater nicht geradezu merken läßt, daß Du Herrn von Sturmfeder ſchon kennſt. Es wäre möglich, er könnte glauben, er ſei wegen uns nach Lichtenſtein gekommen.“ Frau Roſel kämpfte zwiſchen guter und böſer Laune. Es that ihr wohl, daß man ſie brauche, daß man Still⸗ ſchweigen von ihr erbitten müſſe. Auf der andern Seite war ſie noch unwillig darüber, daß das Fräulein ſeit neuerer Zeit ſo wenig Vertrauen in ſie geſetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverſtändliche Worte vor ſich hin, indem ſie die Stühle wieder an die Wände ſtellte, die Becher von dem Tiſch nahm und die Flecken abwiſchte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tiſch eingelegt war, zurückgelaſſen hatte. Marie gab Georg, der ſich an ein Fenſter geſtellt hatte und noch nicht völlig mit ſich und der Geliebten ausgeſöhnt ſchien, einen Wink, den er nicht unbeachtet ließ. Ihm ſelbſt war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe wußte, er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv ſeines Übertritts zu Würtemberg anſehen, er möchte ihn darum weniger günſtig beur⸗ theilen, als er bisher gethan. Dies erwägend, näherte ſich Georg der alten Frau Roſel. Er klopfte ihr trau⸗ lich auf die Schultern, und ihre Züge hellten ſich zu⸗ ſehends auf.„Man muß geſtehen,“ ſagte er freundlich, . — 93 „Frau Roſalie hat eine ſchöne Haube; aber dies Band paßt doch wahrlich nicht dazu, es iſt alt und ver⸗ ſchoſſen.“ „Ei was!“ ſagte die Alte etwas ärgerlich, denn ſie hatte ſich wohl auf eine freundlichere Rede gefaßt gemacht.„Was kümmert Euch meine Haube, ein Je⸗ der fege vor ſeiner Thür. Sieh auf Dich und auf die Deinen, darnach ſchilt mich und die Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, und wären alle ſämmtlich reich, und wären all zu Tiſch ge⸗ ſeſſen, wer wollt auftragen Trinken und Eſſen?“ „Nun, ſo habe ich's nicht gemeint,“ ſagte Georg beſänftigend, indem er eine Silbermünze aus ſeinem Beutelein zog.„Aber mir zu Gefallen ändert Frau Roſalie ſchon ihr Band. Und daß meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird ſie dieſen Dickthaler nicht verſchmähen! Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen ſehen? So ging es auch am Horizont der Frau Noſel freundlich auf. Die artige Weiſe des Junkers, ihr Lieblingsname Roſalie, der ihr viel wohl⸗ tönender dünkte, als das verdorbene Roſel, und endlich der Dickthaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck— wie konnte ſie ſo vielen Reizen widerſtehen?„Ihr ſeid doch der alte freundliche Jun⸗ ker!“ ſagte ſie, indem ſie, ſich tief verneigend, den Thaler in die ungeheure lederne Taſche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum 4 94 Munde führte.„Gerade ſo wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgſteig hinab auf den Markt, richtig rief es hinter mir:„Guten Morgen, Frau Roſalie, und wie geht es dem Fräulein?“ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beſchenkt; wenigſtens zwei Drittheile von dem Rock, den ich hier trag', verdank ich Eurer Gnade!“ „Laßt das, gute Frau,“ unterbrach ſie Georg. „Und was den Herrn betrifft, ſo wirſt du—* „Was meint Ihr!“ erwiderte ſie, indem ſie die Augen halb zudrückte.„Habe Euch in meinem Leben nicht geſehen. Nein, da könnt Ihr Euch darauf ver⸗ laſſen Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht brennt, das blaſe ich nicht!“ Sie verließ bei dieſen Worten das Zimmer und ſtieg in den erſten Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten. Dankbar und freudig zog ſie den Thaler aus der Ledertaſche und beſah ihn hin und her; ſie pries bei ſich die Freigebigkeit des wackern Junkers, und be⸗ dauerte ihn im Stillen, daß ſeine Liebe ſo ſchlecht ver⸗ golten werde, denn daß es ihr Fraulein mit einem Andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche ſtand ſie gedankenvoll ſtill. Sie war im Zweifel mit ſich, ob ſie der Sache ihren Lauf laſſen ſolle, oder ob es nicht beſſer wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen Beſucher zu geben?„Doch, kommt Zeit, kommt Rath, vielleicht ſieht er es ſelbſt und braucht mich nicht dazu. Überdies— ein Rather in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verſchütten; man kann 5 warten und zuſehen, deun Hitz im Rath, Eil in der That, gebären nichts als Schad. Wer will haben gute Ruh, der ſeh und hör' und— ſchweig' dazu!“ Solchen Rath pflog mit ſich ſelbſt Frau Roſel vor der Küche; die Liebenden aber, denen dieſe Berathung galt, hatten ſich nach ihrem Abzug bald wieder gefun⸗ den. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Ma⸗ riens zu widerſtehen, und als ſie mit den ſüßeſten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut ſei, da ver⸗ mochte er nicht nein zu ſagen, und der Friede war, was ſelten der Fall iſt, in kürzerer Zeit wieder geſchloſſen, als die Fehde begonnen hatte. Mit hohem Intereſſe hörte Marie auf Georgs fer⸗ nere Erzählung, und es gehörte der feſte Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und ſein Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von Neuem außer Faſſung zu kommen. Denn als er beſchrieb, wie er auf den Ritter getroffen und ſich mit ihm geſchlagen habe, da erröthete ſie, ſie richtete ſich ſtolzer auf und drückte die Hand des Geliebten, ſie geſtand ihm, daß er einen wichtigen Kampf beſtanden habe, denn jener Mann ſei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie ſie hinabſtiegen in die Nebelhöhle, wie ſie den Geächteten beſuchten, wie er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch ſo groß und erhaben geſchie⸗ nen, da ſtürzten Thränen aus ihren Augen, ſie blickte hinauf zum Himmel, als bete ſie im Stillen, er moͤchte das traurige Geſchick dieſes Mannes wenden, und als er fortfuhr und ſagte, was ſie geſprochen, und wie der Mann der Höhle ſich ſeinen Freund genannt, wie er .—— 96 ſich zu Würtembergs Sache, zu der Sache der Unter⸗ drückten und Vertriebenen, mit Wort und Handſchlag verpflichtet habe, da ſtrahlte Mariens Auge von wun⸗ derbarem Glanze; ſie ſah Georg lange an, er glaubte eine Begeiſterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu leſen, die nicht die Freude, daß er ihres Vaters Partie ergriffen habe, allein vorbrachte. „Georg!“ ſagte ſie,„es werden Viele ſein, die Dich einſt um dieſe Nacht beneiden werden. Du darfſt es Dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht Jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt.“ „Du kennſt ihn,“ erwiderte Georg;„Du weißt um ſein Geheimniß? O ſag' mir doch, wer iſt er? Ich habe ſelten einen Mann geſehen, deſſen Auge, deſſen Miene, deſſen ganzes Weſen mich ſo beherrſcht hätte, wie dieſer. Wo lagen ſeine Beſitzungen, wo iſt das Schloß, aus dem er vertrieben iſt? Er ſagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als„der Mann,“ aber ſein Arm, deſſen Stärke ich gefühlt, ſein heller Blick verbürgte mir, daß er einſt einen berühmten Na⸗ men in der Welt gehabt haben müſſe.“ „Er hatte einen Namen,“ antwortete Marie, weinen, der ſich mit den Beſten meſſen konnte. Aber wenn er Dir ihn nicht ſelbſt geſagt hat, ſo darf ich ihn auch nicht nennen; das wäre gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg muß ſich alſo ſchon noch gedulden,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„ſo hart es ihn auch ankommt, denn er iſt ein neugieriger Herr.“ „Mir kannſt Du es ja doch ſagen,“ unterbrach ſie Georg; ſind wir nicht eins? Darf das eine ein 97 Geheimniß haben, ohne daß es der andere Theil wiſſen muß? Schnell! antworte, wer iſt der Mann in der Höhle?“ „Werde nicht böſe; ſieh', wenn es nur mein Ge⸗ heimniß wäre, ſo müßteſt Du es auch wiſſen und könnteſt es mit Recht verlangen, aber ſo— ich weiß zwar, daß es bei Dir ſo ſicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.“ Sie ſprach noch, als die Thüre aufſprang und eine Dogge von ungeheurer Größe hereinſtürzte.* Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund von ſolcher Größe und Stärke hatte er nie geſehen. Der Hund ſtellte ſich ihm gegenüber, ſchaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tönte aus ſeiner breiten Bruſt herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe ſcharfer Zähne, die er vorwies, zeigten ihn als einen Kämpfer, deſſen Zorn man nicht reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und beſänftigt zu ihren Füßen zu legen. Sie ſtreichelte ſeinen ſchönen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker ſpähten.„Er hat Menſchenverſtand!“ ſagte ſie lächelnd.„Er kommt, um mich zu warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verrathen ſoll.“ „Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen geſehen! Wie er den Kopf ſo ſtolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem Kaiſer oder König!“ „Er gehört ihm, dem Vertriebenen,“ erwiderte Marie,„und weil ich auf dem Sprung war, den 3* Dieſen merkwürdigen Hund beſchreibt Tathäuger als Ainen Liebling Ulerichs asefch kich A. a. O. S. 1. 50 —. — 98 Namen ſeines Herrn zu neunen, kam er, mich zu warnen.“ „Warum aber führt der Ritter ſeinen Hetzer nicht mit ſich? Wahrlich, ein Arm wie der ſeine, unterſtützt von einem ſolchen Thier, darf ſechs Mörder nicht fürchten.“ „Das Thier iſt wachſam,“ antwortete ſie,„aber wild. Wenn er es in der Höhle unten hätte, ſo hätte er zwar einen ſicheren Schutz. Wie aber, wenn durch Zufall ein Menſch in jene Höhle käme? Sie iſt ſo groß, daß man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verrathen. Sie würde knurren und anſchlagen, ſobald ſie Tritte hörte, und ſein Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er weg ging, hier zu bleiben, er verſteht dies Ge⸗ bot und ich ſorge für ihn. Er hat ordentlich das Heim⸗ weh nach ſeinem Herrn, und die Freude ſollteſt Du ſehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann ſein Herr bald ins Schloß kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes auf dem Hofe tönen, da iſt er nicht mehr zu halten; er würde ſechs⸗ fache Ketten zerreißen, um bei ihm zu ſein.“ „Ein ſchönes Bild der Treue! doch ein ſchöneres noch iſt der Mann, dem dieſer Hund gehört. Hing er doch eben ſo treu an ſeinem Herrn, und ließ ſich ver⸗ bannen und ins Elend jagen; es iſt thöricht von mir,“ ſetzte Georg hinzu,„ich weiß, Neugierde ſteht einem Mann nicht an, aber wiſſen möchte ich, wer er iſt.“ „So gedulde Dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will ich ihn fragen, ob Du es wiſſen darfſt; ich zweifle nicht, er wird es erlauben.“ 99 „Es iſt noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich an ihn denken; wenn Du mir es nicht ſagſt, ſo muß ich mich an den Hund wenden, vielleicht iſt er gütiger als Du.“ 1 Werſuche es immer,“ rief Marie lächelnd,„wenn er ſprechen kann, ſo ſoll er es nur geſtehen.“ „Hör’ einmal, du ungeheurer Geſelle,“ wandte ſich Georg zu dem Hund, der ihn aufmerkſam anſah;„ſage mir, wie heißt dein Herr?“ Der Hund richtete ſich ſtolz auf, riß den weiten Rachen auf und brüllte in ſchrecklichen Tönen„U— u— u!“* 4 Marie erröthete.„Laß doch die Poſſen,“ ſagte ſie und rief den Hund zu ſich;„wer wird mit Hunden ſprechen, wenn man in menſchlicher Geſellſchaft iſt!“ Georg ſchien nicht darauf zu hören.„Ul hat er ge⸗ ſagt, der gute Hund? Der iſt darauf geſchult, ich wollte Alles wetten! es iſt nicht das erſtemal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?“ Kaum hatte Georg die letzten Worte geſprochen, ſo fing der Hund mit noch gräulicheren Tönen als vor⸗ her ſein U— u— ul zu heulen an. Aufs Neue erröthete Marie, ſie hieß beinahe unwillig den Hund ſchweigen; er legte ſich ruhig zu ihren Füßen. „Da haben wir's,“ rief Georg lachend,„der Herr heißt U! und fing das ſonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit Uan? Unge⸗ heuer! heißt dein Herr vielleicht Uffenheim? oder Uxküll? oder Ulm? neer vielleicht gar— „Unſinn! Der Hund hat gar keinen anderen Laut 3 10⁰⁰ als U; wie magſt Du Dir nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater den Berg herauf; willſt Du, daß es ihm verborgen bleibe, ſo nimm Dich zuſammen und verrathe Dich nicht. Ich gehe jetzt; denn es iſt nicht gut, wenn er uns beiſam⸗ men antrifft.“ Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte, und verſah ſich von ihrem ſußen Mund auf viele Stunden, um wenigſtens an der Erinnerung ſich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärt⸗ lichere Annäherung unmöglich machte. Der Hund des Herrn U— ſah verwundert auf die liebliche Gruppe; doch ſei es, daß er wirklich Menſchenverſtand hatte, oder daß er bei ſeinem Herrn ſchon Ähnliches erlebt hatte und einſah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, er machte keine Miene, ſeiner Dame zu Hülfe zu kommen, und erſt der Hufſchlag, der von der Brücke heraufſcholl, ſchreckte die Erröthende aus den Armen des glücklichen Juͤnglings. VII. Der Herzog ſchaut hinunter lang, Und ſpricht mit einem Seufzer bang: Wie fern, ach! von mir abgewandt, Wie tief, wie tief liegſt du, mein Land. G. Schwab. 1 Charfreitag und Oſterfeſt waren vorübergegangen, und Georg von Sturmfeder befand ſich noch immer in Lichtenſtein. Der Herr dieſes Schloſſes hatte ihn ein⸗ geladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der Sache des Herzogs wichtige Dienſte zu lei⸗ ſten. Man kann ſich denken, wie gerne der junge Mann dieſe Einladung annahm. Unter einem Dach mit der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein, von ihrem Vater geliebt— er hatte in ſeinen kühnſten Träumen kein ähnliches Glück ahnen können. Nur elne Wolke trübte den Himmel der Liebenden, die düſtere Wolke, die zuwei⸗ len auf der Stirne des Vaters lag. Es ſchien, als habe er nicht die beſten Nachrichten von ſeinem Herzog und dem Kriegsſchauplatz. Es kamen zu verſchiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber ſie kamen und gingen, ohne daß der Ritter ſeinem Gaſt eröffnete, was 10²2 ſie gebracht hatten. Einigemal glaubte Georg in der Abenddämmerung ſogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke ſchleichen zu ſehen; er hoffte von dieſem vielleicht etwas erfahren zu koͤnnen, er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die Brücke kam, war jede Spur von ihm verſchwunden. Der junge Mann fühlte ſich etwas beleidigt über dieſen Mangel an Zutrauen, wie er es bei ſich und in ſeinen Aeußerungen gegen Marie nannte.„Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat; der Mann in der Höhle und der Ritter von Lich⸗ tenſtein bewieſen mir Freundſchaft und Vertrauen, aber warum nur bis auf dieſen Punkt? Warum darf ich nicht erfahren, wie es mit Tübingen ſteht? Warum nicht, wie der Herzog operirt, um ſein Land wieder zu erobern? Bin ich nur zum Dreinſchlagen gut? Ver⸗ ſchmäht man mich im Rath?“ Marie ſuchte ihn zu tröſten. Es gelang oft ihren ſchöͤnen Augen, ihren freundlichen Reden, ihn dieſe Gedanken vergeſſen zu laſſen, aber dennoch kehrten ſie in manchem Augenblicke wieder, und die ſorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war. Am Abend des Oſterfeſtes konnte er endlich dieſes Stillſchweigen nicht länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für unbeſcheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und ſeinen Planen ſtehe, ob man nicht auch ſeiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenſtein drückte ihm freundlich die Hand und ſagte:„Ich ſehe ſchon lange, wackerer Junge, wie es Dir das Herz beinahe abdrücken will, daß Du nicht Theil nehmen kannſt an unſeren Mühen und Sorgen; aber gedulde Dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, ſo wird ſich Manches entſcheiden. Was ſoll ich Dich mit ungewiſſen Nachrichten, mit traurigen Botſchaften plagen? Dein heiterer Jugend⸗ finn iſt nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu ſchauen und die künſtlich geſchlungenen Fäden wieder los zu machen. Wenn die Entſcheidung naht, dann, glaube mir, wirſt Du ein willkommener Gernoſſe ſein, bei Rath und That. Nur ſo viel brauchſt Du zu wiſſen: es ſteht mit unſerer Sache weder ſchlimm noch gut; doch bald muß es ſich ent⸗ ſcheiden.“ Der junge Mann ſah ein, daß der Alte Recht haben köͤnne, und doch war er nichts weniger als zu⸗ frieden mit dieſer Antwort. Auch erfuhr er den Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächſten Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, „ob ſie ihrem Gaſt ſeinen Namen nennen dürfe, er Fatte nichts darauf geſagt, als:„Noch iſts nicht an der Zeit!“ Noch ein dritter Umſtand war es, der Georg bei⸗ nahe beleidigend vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenſtein geſagt, wie ſehr ihn der Mann in der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in deſſen Nähe zu ſein, und den⸗ noch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnißvollen Gaſte zuzubringen. — 104 Er war zu ſtolz, ſich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu ſpreche es geſchah nicht. Er be⸗ ſchloß, wenigſtens einmal uneingeladen zuzuſehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete ſich deßwegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag gegen das Thal hinaus, gerade entgegengeſetzt der Seite, wo die Brücke über den Abgrund führte. Von hier war es alſo nicht möglich, ihn kommen zu ſehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von ſeiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeſchloſſen, von dort aus konnte er alſo auch nicht hinabſehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenſter gegen die Brücke hinaus, ſie waren aber vergittert und hoch, ſo daß man zwar ins Freie hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke ſehen konnte. Es blieb ihm daher nichts übrig, als ſich irgendwo zu verbergen, wenn er den nächtlichen Beſuch ſehen wollte. Im erſten Stock war dies nicht möglich, weil dort ſo viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Thorweg und die Ställe muſterte, die unter dem Schloß in den Felſen gehauen waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Niſche, die von den Thorflügein bedeckt wurde, welche man nur, wenn der Feind vor den Thoren war, verſchloß. Dies war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren ſchien, um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Niſche ſchloß ſich 40⁵ die Zugbrücke an das Thor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor ihm der Thorweg, den Jeder gehen mmußte, der ins Schloß kau Dorthin beſchloß er, in der kommenden Nacht ſich zu ſchleichen. Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schloſſes und ſeine Tochter ſagten ihm freundlich gute Nacht. Er ſtieg hinan in ſeine Kammer, er ent⸗ ließ den Knecht, der ihn ſonſt entkleidete, und warf ſich angekleidet auf das Bette. Er lauſchte auf jeden Glockenſchlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herübertrug. Oft ſchloſſen ſich ſeine Augen, oft ſchwebte er ſchon auf jener unſicheren Grenze zwi⸗ ſchen Wachen und Schlafen, wo ſich die Peele nur mit ermatteten Kräften gegen die Bande des Schlummers ſträubt, aber immer wieder rang er ſich los, wenn ſeine Gedanken klar genug waren, um ihm ſeinen Zweck ins Gedächtniß zurückzuführen. Zehn Uhr war längſt vorüber. Die Burg war ſtill und todt; Georg raffte ſich auf, zog die ſchweren Sporen und Stieſel ab, hüllte ſich in ſeinen Mantel und öffnete behutſam die Thüre ſeiner Kammer. Er hielt den Athem an, um ſich nicht durch Schnauben zu verrathen; die Angeln ſeiner Thüre knarrten, er hielt an, er lauſchte, ob Niemand dieſe verrätheriſchen Töne gehört habe. Es blieb Alles ſtill. Der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries ſich glücklich, daß ihn dieſes trügeriſche Licht nicht zum zweitenmal verrathen werde. Er ſchlich weiter an die W. Hauſſs Werke. XVI. 8 1 Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu lau⸗ ſchen, ob Alles ſtill ſei. Er hörte nichts als das Sau⸗ ſen des Windes und das Rauſchen der Eichen über der Brücke. Er ſtieg behutſam hinab. In der Stille der Nacht tönt Alles lauter, und Dinge erwecken die Auf⸗ merkſamkeit, die man am Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen trat, ſo rauſchte es auf der gewölbten Wendeltreppe, daß er erſchrack und glaubte, man müſſe es im ganzen Hauſe gehört haben. Er kam an dem erſten Stock vorüber. Er lauſchte, er hörte Niemand, aber auf dem Heerd in der Küche flatterte ein luſtiges Feuer. Jetzt war er unten. Zu dem Weg von ſeiner Kammer bis zum Thor, den er ſonſt in einem Augenblicke zurücklegte, hatte er eine Viertelſtunde verwandt. Er ſtellte ſich in die Niſche und zog den Thorflügel noch näher zu ſich her, ſo daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Thüre war groß genug, daß er durch ſie Alles beobachten konnte. Noch war Alles ſtill im Schloß. Nur flüchtige Tritte glaubte er über ſich zu vernehmen, es war wohl Marie, die geſchäftig hin und herging. Nach einer tödtlichen langen Viertelſtunde ſchlug es im Dorfe elf Uhr. Dies war die Zeit des nächtlichen Beſuches. Georg ſchärfte ſein Ohr, um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anſchlagen zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme:„Lichtenſtein!“ „Wer da?“ fragte man aus der Burg. „Der Mann iſt da!“ antwortete jene Stimme, die 107„ Georg von ſeinem Beſuche in der Höhle ſo wohl be⸗ kannt war. Einn alter Mann, der Burgwart, kam aus einer ſematte, die in den Grundfelſen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten Schlüſſel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beſchäftigt war, ſtürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab. Er winſelte, er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart binauf, als wolle er ihm be⸗ hülflich ſein, die Brücke für ſeinen Herrn herabzulaſ⸗ ſen. Und jetzt kam auch Marie, ſie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem Alten, der mit ſeinem Auf⸗ cyließen nicht zurecht zu kommen ſchien. „ Spute Dich, Balthaſar!“ flüſterte ſie. Er war⸗ tet ſchon eine gute Weile, und draußen iſt's kalt, und es weht ein garſtiger Wind.“ „Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräu⸗ lein,“ antwortete er,„dann ſollt Ihr gleich ſehen, wie ſchön meine Brücke fällt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Ol geſchmiert, daß ſie nicht mehr knarren und die Frau Roſel aus ihrem ſanften Schlaf aufwecken.“ Die Ketten rauſchten in die Höhe, die Brücke ſenkte ſich langſam nach außen und legte ſich über den Ab⸗ grund. Der Mann aus der Höhle, in ſeinen groben Mantel eingehüllt, ſchritt herüber. Georg hatte ſich das Bild dieſes Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraſchten ihn aufs Neue ſeine auffallend küh⸗ nen Züge, ſein gebietendes Auge, ſeine freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in ſeinen Bewegungen: 3 108 Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an dieſe Gruppe. Die ſchlanke Geſtalt der Geliebten, das dunkle Haar, deſſen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen Hals herabſtrömten, die blendende Stirne, das ſinnige, blaue Auge, dem die langen, dunkeln Wimpern und die ſchöngeſchwungenen Bogen der Brauen einen eigenthümlichen Reiz gaben, der kleine rothe Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies Alles, überſtrahlt von dem Lichte, das ſie in der Hand hielt, bewirkte, daß Georg glaubte, die Geliebte nie ſo reizend geſehen zu haben, als in dieſem Augen⸗ blick, wo der Contraſt gegen die ſcharfen, kräftigen Formen des Mannes, der neben ihr ſtand, ihr zartes, liebliches Weſen noch mehr hervorhob. Der nächtliche Gaſt half mit beinahe übermenſch⸗ licher Kraft dem alten Pförtner die Brücke wieder auf⸗ ziehen. Dann zog ſich der Alte zurück und Georg ver⸗ nahm folgendes Geſpräch: „ Iſt Nachricht da von Tübingen? Iſt Marx Stumpf zurück? Ich leſe Unglück in Euren Mienen!“ „Nein, Herr, er iſt noch nicht zurück,“ ſagte Marie,„der Vater erwontet ihn aber noch dieſe Nacht. u „Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß war⸗ ten, bis er kommt, und ſollte es Tag darüber werden. — Hul eine kalte Nacht, Fräulein,“ ſagte der Ge⸗ ächtete,„meine Schuhn und Käuzlein in der Nebel⸗ höhle muß es auch gewaltig frieren, denn ſie ſchrien und jammerten in kläglichen Tonen, als ich heraufſtieg. ¹ „Ja, es iſt kalt,“ antwortete ſie,„um keinen Preis — — 409 3 möchte ich mit Euch hinabſteigen. Und wie ſchauerlich muß es ſein, wenn die Käuzlein ſchreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke.“. „Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit,“ erwiderte Jener lächelnd, indem er das er⸗ röthende Geſicht des Mädchens am Kinn ein wenig in die Höhe hob.„Nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die Hölle? Was das für eine Liebe ſein muß! Weiß Gott, Euer Mund iſt ganz wund. Gar zu arg müßt ihr es doch nicht machen mit Küſſen.“ „Ach Herr!“ flüſterte Marie, indem ſich aufs Neue eine dunkle Röthe über die zarten Wangen goß.„Wie mögt Ihr nur ſo ſprechen. Wißt Ihr, daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr ſo von mir und dem Junker denkt?“ „Nun, einen Scherz müßt Ihr mir ſchon gelten laſſen.“ ſagte der Ritter und kniff ſie in die erröthen⸗ den Wangen;„ich habe ja in meiner Behauſung da unten ſo wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte thut, was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegerſohn empfehle, nimmt er ihn unbeſehen.“ 4— Marie ſchlug die ſchönen Augen auf und ſah ihn mit freundlichen Blicken an.„Gnädigſter Herr!“ ant⸗ wortete ſie,„ich will es Euch nicht wehren, wenn Ihr für Georg ein gutes Wort ſprechet. übrigens iſt ihm der Vater ſchon ſehr gewogen.“ „Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? 110 Alles hat ſeinen Preis. Nun, was wird mir dafür?“ — Marie ſchlug die Augen nieder.„Ein ſchöner Dank,“ ſagte ſie:„aber kommt, Herr, der Vater wird ſchon längſt auf uns warten.“ Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt ſie auf. Georgs Herz pochte bei⸗ nahe hörbar, es wurde ihm bald heiß, bald kalt, er faßte den Thorflügel, und wäre nahe daran geweſen, die Fürſprache um einen fixen Preis zu verbitten. „Warum ſo eilig?“ hörte er den Mann der Höhle ſagen.„Nun, ſei es um ein Küßchen, ſo will ich lo⸗ ben und preiſen, daß Dein Vater ſogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an Euch zu vollziehen.“ Er ſenkte ſein Haupt gegen Marien herab, Georg ſchwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus ſeinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das Fräulein aber ſah jenen Mann mit einem ſtrafenden Blick an.„Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernſt ſein,“ ſagte ſie,„ſonſt hättet Ihr mich zum leskennmal 4 geſehen.“ „Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und ſchön Euch dieſer Trotz ſteht,“ ſagte der Ritter mit unerſchütterlicher Freundlichkeit,„Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wuth umher. Übrigens habt Ihr Recht, wenn man ſchon einen Andern ſo tief im Herzen hat, darf man keine ſolche Gunſt mehr ausſpenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt ſammeln, ich will dennoch den Fürſprecher machen. Und an Eurem Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebſten um einen Kuß anhalten, dann wollen wir ſehen, wer Recht behält.“ 111 „Das könnet Ihr!“ ſagte Marie, indem ſie ihm lächelnd ihre Hand entzog und mit dem Licht voranging. „Aber machet Euch immer auf eine abſchlägige Ant⸗ wort gefaßt, denn über dieſen Punkt ſpaßter nicht gerne.“ „Ja, er iſt verdammt eiferſüchtig,“ entgegnete der Ritter im Weiterſchreiten.„Ich könnte Euch davon eine Geſchichte erzählen, die mir ſelbſt mit ihm begeg⸗ net iſt. Aber ich habe verſprochen, zu ſchweigen.“— Ihre Stimmen entfernten ſich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg ſchöpfte wieder freier Athem. Er lauſchte und harrte noch in ſeiner Niſche, bis er Niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann verließ er ſeinen Platz und ſchlich nach ſeiner Kammer zurück. Die letzten Worte Mariens und des Geächteten lagen noch in ſeinen Ohren. Er ſchämte ſich ſeiner Eiferſucht, die ihn auch in dieſer Nacht wie⸗ der unwillkührlich hingeriſſen hatte, wenn er bedachte, ich welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt, und wie rein ſie in dieſem Augenblick vor ihm geſtanden ſei. Er verbarg ſein erröthendes Geſicht tief in den Kiſ⸗ ſen, und erſt ſpät entführte ihn der Schlummer dieſen quälenden Gedanken.. Als er am andern Morgen in die Herrenſtube hin⸗ abging, wo ſich um ſieben Uhr gewöhnlich die Familie zum Frübſtück verſammelte, kam ihm Marie mit ver⸗ weinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüſterte ihm zu:„Tritt leiſe ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle iſt im Zimmer. Er iſt vor einer Stunde ein wenig eingeſchlummert. Wir wollen ihm dieſe Ruhe gönnen!“ 1 412 „Der Geächtete?“ fragte Georg ſtaunend,„wie kann er es wagen, noch bei Tag hier zu ſein? Iſt er krank geworden?“ „ Nein!“ antwortete Marie, indem von Neuem Thränen in ihren Wimpern hingen.„Nein! Es muß in dieſer Stunde noch ein Bote von Tübingen anlangen, und dieſen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beſchworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehört. Hier will er ihn erwarten.“ „Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?“ warf Georg ein.„Er ſetzt ſich ja um⸗ ſonſt dieſer Gefahr aus.“ „Ach Du kennſt ihn nicht, das iſt ſein Trotz; wenn er ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat, ſo geht er nicht mehr davon ab. Und nur zu leicht wird er miß⸗ trauiſch; deßwegen konnten wir ihm nicht ſehr zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir thun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben iſt, daß er ſich gleich mit dem Vater berathen will, ſobald er Nach⸗ richt bekommt.“ Sie waren während dieſer Rede an die Thüre der Herrenſtube gekommen, Marie ſchloß ſo leiſe als mög⸗ lich auf und trat mit Georg ein. Die Herrenſtube unterſchied ſich von dem großen Gemache im obern Stock nur dadurch, daß ſie kleiner war. Auch ſie hatte die Ausſicht nach drei Seiten, durch Fenſter mit kleinen runden Scheiben, durch welche ſich die Morgenſonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfer von ſchwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunſtreich ausgelegt. Einige 113 Ahnenbilder der Lichtenſteiner ſchmückten die Wand, welche kein Fenſter hatte, und Tiſch und Geräthſchaf⸗ ten zeigten, daß der Ritter von Lichtenſtein ein Freund alter Sitten und Zeiten ſei, und ſeinen Hausrath, wie er ihn vom Großvater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem großen Tiſch in der Mitte des Zimmers ſaß der Herr des Schloſſes. Er hatte ſein Kinn und den langen Bart auf die Hand ge⸗ ſtützt, und ſchaute finſter und regungslos in einen Be⸗ cher, der vor ihm ſtand. Die Weinkannen und Deckel⸗ krüge auf dem Tiſch, der Becher vor dem alten Herrn machte, daß man ungewiß war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht habe, oder ob er ſo frühe am Tage ſich durch einen guten Trunk Kräfte ſammeln wolle.. Er grüßte ſeinen jungen Gaſt, als dieſer an den Tiſch zu ihnen getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches Lächeln um ſeinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu ſeiner Seite. Marie verſtand den Wink, ſchenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Ge⸗ liebten mit jeuer holden Anmuth, die Allem, was ſie that, einen eigenthümlichen Stempel aufdrückte. Georg ſetzte ſich an die Seite des Alten und trank. Dieſer rückte ihm näher und flüſterte ihm mit hei⸗ ßerer Stimme zu:„Ich fürchte, es ſteht ſchlimm! 4 „Habt Ihr Nachricht?⸗ fragte Georg eben ſo heimlich. „Ein Bauer ſagte mir heute frühe, geſtern Abend haben die Tübinger mit dem Bunde gehandelt.“ 3 „Gott im Himmel!“ rief Georg unwillkürlich aus. 114 3 „Seid ſtill und weckt ibn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,“ entgegnete ihm Jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete. Georg ſah dorthin. An einem Fenſter der Seite, die gegen den jähen Abgrund liegt, ſaß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Simms geſtützt, die ſorgenvolle Stirne, das von Wachen müde Auge lag in der tapferen Hand— er ſchlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unſcheinbares Lederkoller ſehen, in das die kräftige Geſtalt gehüllt war. Sein grauſes Haar fiel nachläſſig um die Schläfe, und einige Büſche des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor. Zu ſeinen Füßen lag ſein großer Hund. Er hatte ſeinen Kopf auf den Fuß ſeines Herrn gelegt, ſeine treuen Augen hingen theilnehmend an dem Haupt des Geächteten. 3 „Er ſchläft,“ ſagte der Alte und zerdrückte eine Thräne in den Augen.„Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit einem wohl⸗ thätigen Schleier. Er athmet leicht. O daß es beruhi⸗ gende Träume wären, die ihm vorſchweben! Die Wirk⸗ lichkeit iſt ſo traurig, wer ſollte ihm nicht wünſchen, daß er ſie im Traume vergißt!“ „Es iſt ein hartes Schickſal!“ erwiderte Georg, indem er wehmüthig auf den Schlafenden blickte.„Ver⸗ trieben von Haus und Hof, geächtet, in die Wüſte hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne ſeinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherſchleichen —* ——44 115 zu müſſen! Wahrlich es iſt hart! Und dies Alles, weil er ſeinem Herrn treu war und jene Bündler nach ſeinen Gütern gelüſteten.“ „Der Mann dort hat Manches verfehlt in ſeinem Leben,“ ſprach der Ritter von Lichtenſtein mit tiefem Ernſt.„Ich habe ihn beobachtet ſeit den Tagen ſeiner Kindheit bis zu dieſer Stunde; ich kann ihm das Zeug⸗ niß geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zu⸗ weilen waren die Mittel falſch, die er anwandte, zu⸗ weilen verſtand man ihn nicht, zuweilen ließ er ſich von der Hitze der Leidenſchaft hinreißen— aber wo lebt der Menſch, von dem man dies nicht ſagen könnte? Und wahrlich, er hat es grauſam gebüßt!“ Er hielt inne, als hätte er ſchon mehr geſagt, als er ſagen wollte, und umſonſt ſuchte Georg über den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte verſank in Stillſchweigen und tiefes Sinnen. Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat ans Fenſter, die herrliche Ausſicht zu genießen. Unter dem Felſen von Lichten⸗ ſtein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet ſich ein liebliches Thal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchſchnitten von einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe. Dem Auge, das in dieſes Thal hinabſieht, iſt es, als ſchaue es aus dem Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Thale aufwärts an den waldigen Höhen, ſo begegnet es maleriſch gruppirten Felſen und den Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken ſteigt die Burg Achalm hervor und begrenzt die Ausſicht in der Nähe. Aher dringt, aber dieſe lieblichen Gefilde zeigen ſie nicht. 116 vorbei an den Mauern von Achalm, dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenſtein liegt den Wolken ſo nahe, daß er Würtemberg überragt. Bis hinab ins tiefſte Unterland können frei und unge⸗ hindert die Blicke ſtreifen. Entzückend iſt der Anblick, wenn die Morgenſonne ihre ſchrägen Strahlen über Würtemberg ſendet. Da breiten ſich dieſe herrlichen Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In dunklem Grün, in kräftigem Braun der Berge beginnt es. Alle Farben und Schattirungen find in dieſem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau ſich endlich mit der Morgenröthe verſchmilzt. Welche Ferne von Lichtenſtein bis Aſperg, und welches Land dazwiſchen! Es iſt kein Flachland, keine Ebene. Viele Wellungen von Hügeln und Bergen ziehen ſich hinauf und herun⸗ ter, und von Hügeln zu Hügeln, welche breite Thäler und Ströme in ihrem Schoße bergen, hüpft das Auge zu dem fernen Horizont. Georg betrachtete bewundernd. Er ſtrengte ſein Auge mehr und mehr an, er ſuchte in die Weite zu dringen, und jedes Schloß, jedes Dorf in der weiten Ausſicht zu unterſcheiden. Marie ſtand neben ihm. Sie theilte ſeine Bewunderung, obgleich ſie ſeit ihrer frü⸗ heſten Kindheit dieſes Schauſpiel genoſſen. Sie zeigte ihm flüſternd jeden Fleck, ſie wußte ihm jede Thurm⸗ ſpitze zu nennen.„Wo iſt eine Stelle in deutſchen Lan⸗ den,“ ſprach Georg in dieſen Anblick verſunken,„die ſich mit dieſer meſſen könnte! Ich habe Ebenen geſehen und Höhen erſtiegen, von wo das Auge noch weiter ——————— 117 So reiche Saaten, Wälder von Obſt, und dort unten, wo die Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fürſten beneidet, aber hier ſtehen zu können, hinaus zu blicken von dieſer Höhe und ſagen zu können, dieſe Gefilde ſind mein!“ Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe ſchreckte Marien und Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie ſahen ſich um, wenige Schritte von ihnen ſtand im Fenſter der Geächtete, und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das Andenken an ſein Unglück die Bruſt dieſes Mannes bewegt hatten. Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er ſich zu dem Herrn des Schloſſes und fragte, ob noch immer keine Botſchaft da ſei?„Der von Schweinsberg iſt noch nicht zurück,“ antwortete dieſer. Der Geächtete trat ſchweigend an das Fenſter zu⸗ rück und ſchaute in die Ferne. Marie füllte ihm einen Becher.„Seid getroſten Muthes, Herr,“ ſagte ſie, „ſchauet nicht mit ſo finſtern Blicken auf das Land. Trinket von dieſem Wein, er iſt gut würtembergiſch und wächst dort unten an jenen blauen Bergen.“ „Wie kann man traurig bleiben,“ antwortete er, indem er ſich wehmüthig lächelnd zu Georg wandte, „wenn über Würtemberg die Sonne ſo ſchön aufgeht, und aus den Augen einer Würtembergerin ein ſo mil⸗ der blauer Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was ſind dieſe Berge und Thäler, wenn uns ſolche Augen, ſolche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher unnd ———— — — laßt uns darauf trinken! So lange wir Land beſitzen in den Herzen, iſt nichts verloren: Hie gut Wür⸗ temberg allezeit.““* „Hie gut Würtemberg allezeit,“ erwiderte Georg und ſtieß an. Der Geächtete wollte noch ctwas hinzu⸗ ſetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene herein trat.„Es ſind zwei Krämer vor der Burg,“ meldete er,„und begehren Einlaß.“ „Sie ſind's, ſie ſind's,“ riefen in einem Augenblick der Geächtete und Lichtenſtein.„Führ' ſie herauf.“ Der alte Diener entfernte ſich. Eine bange Minute folgte dieſer Meldung. Alle ſchwiegen, der Ritter von Lichtenſtein ſchien mit ſeinen feurigen Augen die Thüre durchbohren, der Geächtete ſeine Unruhe verbergen zu wollen, aber die ſchnelle Röthe und Bläſſe, die auf ſeinen ausdrucksvollen Zügen wechſelte, zeigten, wie die Erwartung deſſen, was er hören werde, ſein ganzes Weſen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, ſie näherten ſich dem Gemach. Der gewaltige Mann zitterte, daß er ſich am Tiſch halten mußte, ſeine Bruſt war vorgebeugt, ſein Auge hing ſtarr an der Thüre, als wolle er in den Mienen des Kommenden ſogleich Glück oder Unglück leſen— jetzt ging die Thüre auf. 3 *„Hie gut Würtemberg alle weg,“ findet ſich oft als Wahlſpruch dieſer Partei. Vergl. Pfaff's Geſchichte Würtem⸗ bergs. Bd. I. S. 306. 3 0 Preiswürbiges Feftgeſchenk. Im Verlage von Scheib le, Rieger& Sattler in Stutt⸗ gart iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen; Der Teutſ⸗ che Kaiſerſe aal. Vaterländiſches Gemälde von Wilhelm Zimmermann. Mit dreißig Original⸗Stahlſtichen von Meiſterbänden gezeichnet und geſtochen. Lexikonformat, feinſtes Papier, klarer Druck. In fünfzehn Lieferungen. 10 fl. oder 6 Rthlr. 6 ggr. Elegant gebunden 11 fl. Eine Geſchichte der teutſchen Kaiſer vom Beginne des teutſchen Reiches bis auf die neueſte Zeit, ver⸗ herrlicht durch gelungene bildliche Darſtellungen der bedeutungsvollſten Ereigniſſe(von der Krönung Karls des Großen in Rom bis zur Krönung Ferdinands I. in Mailand) iſt hier in einem Prachtwerke vereinigt, das ſich den Namen: wahrhaft teutſches Nationalunternehmen nicht anmaßt, ſondern ihn verdient. Einzig in ſeiner Art, ſoll es dazu beitragen, den Leſer in der Erkenntniß der vaterländiſchen Geſchichte zu ſtärken, und ihm große Begebenheiten aus der Vergangenheit und der Neuzeit vorzuführen. — ungen bezogen werden: — In demſelben Verlage erſchien und kann durch alle Buchhand⸗ Swift's humoriſtiſche Werke. Aus dem Engliſchen überſetzt und mit der Geſchichte ſeines Lebens und Wirkens 5 bereichert von Dr. Franz Kottenkamp. 5 1 Converſativns⸗Lexikon — der 8 Perg-, Hütten- und Salzwerkskunde und ihrer Hülfswiſſenſchaften; 72 . enthaltend; 4 4 die Beſchreibung undErklärung aller in der Mineralogie, Geologie, Verſteinerungskunde, unorganiſchen Chemie, allgemeinen Naturlehre, Berg⸗, Hütten⸗ und Salz⸗ werkskunde, dem Bergrechte, der Verarbeitung der Metalle und dem Bergmaſchinenweſen vorkommenden Gegenſtände und Begriffe.— Von 3 Carl Hartmann. Vier Bände. Mehr als dreitauſend Seiten ſtark. is 5 fl. 24 kr. oder 3 Rthlr. 6 ggr. ſfffffff daalanuaxuwnwunErnRxNERNVY 11 12 13 14 15 16 17 18 19