Wilhelm Hauff s ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Fünfzehntes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. — Lichtenſtein, romantiſche Sage, Zweiter Theil. J. Was unter dieſer Sonne kann es geben, Das ich nicht hinzuopfern eilen will, 82 Wenn Sie es wünſchen?— Fliehen Sie!* Schiller. Georg war es anfangs bange, wie ſich ſein neuer Bekannter in dem Kraftiſchen Hauſe benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener möchte ſich durch ſeine Mundart, durch unbedachte Äußerungen verra⸗ then, was ihm höchſt unangenehm geweſen wäre; denn je feſter er bei ſich beſchloſſen hatte, das Bundesheer in den nächſten Tagen zu verlaſſen, um ſo weniger wollte er in Verdacht gerathen, in Verbindung mit Würtem⸗ berg zu ſtehen. Konnte und durfte er ja doch im ſchlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt wurde, wenn er bekannte, an ihn geſchickt worden zu ſein, die Ge⸗ liebte nicht verrathen. Er wollte umkehren und den Mann aufſuchen, ihn bitten, ſich ſobald als möglich zu entfernen; aber als er bedachte, daß dieſer ſchon längſt von dem Platz ihrer Unterredung ſich entfernt haben müſſe, daß er indeß zu Kraft kommen könne, W. Hauffs Werke. KXV. 1 kaum, als ihm um Mittag ein Landsmann aus Fran⸗ ſchien es ihm gerathener, dahin vorauszueilen, um Jenem dort die nöthigen Winke zu geben und ihn vor Unvorſichtigkeit zu warnen. Und doch, wenn er ſich das kühne Auge, die kluge, verſchlagene Miene des Mannes ins Gedächtniß rief, glaubte er hoffen zu dürfen, daß Marie, obgleich ihr keine große Wahl übrig blieb, keinem unſicheren Mann dieſe Botſchaft anvertraut habe. Und wirklich traute er ſeinem Auge, ſeinem Ohr ken gemeldet und ſein Liebesbote hereingeführt ward. Welche Gewalt mußte dieſer Menſch über ſich haben! Es war derſelbe, und doch ſchien er ein ganz Anderer. Er ging gebückt, die Arme hingen ſchlaff an dem Kör⸗ per herab, ſelten ſchlug er die Augen auf, ſein Geſicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein unwillkürliches Lächeln abnöthigte. Und als er dann zu ſprechen anfing, als er ihn in fränkiſcher Mundart begrüßte, und mit der geläufigen Zunge eines gebornen Franken dem Herrn von Kraft auf ſeine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Verſuchung, an übernatürliche Dinge zu glauben; die Mährchen ſeiner Kindheit ſtiegen in ſeinem Gedächtniſſe auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in aller⸗ lei Geſtalten dem Dienſt zweier Liebenden ſich widmet und ſie glücklich mitten durch das feindſelige Schickſal hindurchführt. Der Zauber war zwar bald gelöst, als er mit dem Boten auf ſeinem Zimmer allein war, und ihn der gute Schwabhe von ſeiner Perſönlichkeit verſicherte; 3 aber doch konnte er ihm ſeine Bewunderung nicht ver⸗ ſagen über die Rolle, die er ſo gut geſpielt. „Glaubt deßhalb nicht minder an meine Ehrlich⸗ keit,“ antwortete der Bauer;„man wird oft genö⸗ thigt, von Jugend auf durch ſolche Künſte ſich fort⸗ zuhelfen, ſie ſchaden Keinem und thun doch dem gut, der ſie kann.“ Georg verſicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat dringend, er möͤchte doch jetzt auch auf ſeine Abreiſe denken, er möͤchte bedenken, wie ſehr ſich das Fräulein nach dieſer Nachricht ſehne, daß er nicht früher heimkehren dürfe, als bis er dieſe Gewißheit bringen könne. Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Ab⸗ marſch des Bundesheeres abwarten wolle, um in ſeine Heimath zurückzukehren. „O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten, 2 antwortete der Bote;„wenn ſie morgen nicht aufbre⸗ chen, ſo iſt es übermorgen, denn das Land iſt offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum ſag' ich Euch dies.“ „Iſt es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen ſind,“ fragte Georg,„und daß der Herzog keine Feld⸗ ſchlacht mehr liefern kann?“ Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, öffnete behutſam die Thüre, und als er ſah, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei, begann er: „Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergeſſe, und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb große Schaaren der heimziehenden Schweizer begegnet: ihre Räthe und Landammänner hatten ſie heimgerufen; bei Blaubeu⸗ ren ſtanden aber noch über achttauſend Mann, je⸗ doch lauter gute Würtemberger und nichts Anderes drunter.“ 3 „Und der Herzog,“ unterbrach ihn Georg,„wo war denn dieſer?“ „Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern unterhandelt, aber ſie zogen ab, weil er ſie nicht bezahlen konnte.“ Da kam er gen Blaubeuren, wo ſich ſein Landvolk gelagert hatte. Geſtern Morgen wurde durch Trommelſchlag bekannt gemacht, daß ſich bis neun Uhr alles Volk auf den Kloſterwieſen einſtellen ſolle. Es waren viele Männer, die dort verſammelt waren, aber jeder dachte ein und daſſelbe. Seht, Junker! der Herzog Ulerich iſt ein geſtrenger Herr und weiß den Bauer nicht für ſich zu gewinnen. Die Steuern ſind hart, der Jagdfrevel iſt ſcharf und grauſam, am Hof aber wird verpraßt, was man uns genommen hat. Aber wenn ein ſolcher Herr im Unglück iſt, da iſt es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns Allen nur ein, daß er ein tapferer Mann und unſer unglücklicher Herzog ſei, dem man das Land mit Gewalt entreißen wollte. Es ging ein Gemurmel * Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste ſogleich nach Kirchheim, um ſie auſzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre, unter Bedrohung des Verluſtes ihrer Güter und der Leib⸗ und Lebensſtrafe nach Haus zu eilen. Sattler II.§. 6. Thetinger S. 66. lnterim eum Helvetiorum primoribus agunt foederuti, missis in urbes eerum legatis, ne Ducis Huldrichi nogotio belloque ae nuno immi„ suos absced jubeant. 5 unter uns, der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und Jeder drückte das Schwert feſter in der Hand, grimmig ſchüttelten ſie die Speere und riefen den Bündlern Verwünſchungen zu. Da kam der Herzog—“ „Du ſahſt den Herzog, Du kennſt ihn?“ rief Georg neugierig.„O ſprich, wie ſieht er aus?“ „Ob ich ihn kenne?“ ſagte der Bote mit ſonder⸗ barem Lächeln.„Wahrhaftig, ich ſah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu ſehen. Der Herr iſt noch ein junger Mann, wenn es viel iſt, iſt er zweiunddreißig Jahr. Er iſt ſtattlich und kräftig, und man ſieht ihm an, daß er die Waffen zu führen weiß. Augen hat er wie Feuer, und es lebt Keiner, der ihm lange hinein⸗ ſchaute.— Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geſchloſſen hatte, und es war Todten⸗ ſtille unter den vielen Menſchen. Mit vernehmlicher Stimme ſprach er, daß er ſich, alſo verlaſſen, nimmer zu helfen wüßte.“ Diejenigen, worauf er gehofft, ſeien ihm benommen, ſeinen Feinden ſei er ein Spott; denn ohne die Schweizer könne er keine Schlacht wa⸗ gen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der ſprach:„„Herr Herzog! Habt Ihr unſern Arm ſchon verſucht, daß Ihr die Hoffnung aufgebt? Schaut, dieſe Alle wollen für Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder einen Spieß und ein Meſſer, und ſo ſind hier viele Tauſend; ſeid Ihr des Landes ſo müde, daß Ihr uns verſchmäht?““ Da brach dem Ulerich das Herz; er wiſchte ſich Sattler§. 6. Ausführlich führt dieſe Rede an: Thetinger comment, do reb, würtemb. P. 66. Thränen aus dem Auge und bot dem Alten ſeine Hand. „„Ich zweifle nicht an Eurem Muth,““ ſprach er mit lauter Stimme;„„aber wir ſind unſerer zu wenig, ſo daß wir nur ſterben können, aber nicht ſiegen. Geht nach Haus, Ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß mein Land verlaſſen und im bittern Elend ſein. Aber mit Gottes Hülfe hoffe ich auch wieder herein zu kommen.““ So ſprach der Herzog, unſere Leute aber weinten und knirſchten mit den Zähnen und zogen ab in Trauer und Unmuth.“* „Und der Herzog?“ fragte Georg. „Von Blaubeuren iſt er weggeritten, wohin weiß man nicht. In den Schlöſſern aber liegt die Ritter⸗ ſchaft, ſie zu vertheidigen, bis der Herzog vielleicht andere Hülfe bekommt.“— Der alte Johann unterbrach hier den Boten und „ Dieſe Ergebenbe't und Treue der Würtemberger beſchreibt am angeführten Ort Thetinger. Als einen ſehr wichtigen Grund gegen die Angriffe Huttens führt ſie auch Nicolaus Barbatus in ſeiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl. Schradius II. 386. Wir machen auf dieſen Umſtand beſonders aufa erkſam, weil man gewöhnlich annimmt, es ſet den Würtembergern recht geweſen, daß man Ulerich verj gte; Thetingens Worte find: „Als dies die Würtemberger hörten, beklagten ſie ihr Schickſal heftig, das ihnen nicht vergönne, zu fechten.“—„Magno fre- mitu fortunam suam questi.“— Noch merkwürdiger ſind die Worte Nicolat Barbati; er ſucht die Beſchuldigungen Ulerichs von Hutten zu widerlegen:„Welcher Tyrann war den Seini⸗ gen werth? Ulerich lieben die Setnigen. Welcher Tyrann wird, wenn er verjagt iſt, von ſeinen Untergebenen zurückgewünſcht? Mit Bitten und Gebet wünſchen ſich ſeine Untergebenen den Herzog zurück und bitten die Götter, ſie möchten ihnen den Herrn zurückgeben“ u. ſ. w. 7 meldete, daß der Junker auf zwei Uhr in den Kriegs⸗ rath beſchieden ſei, der in Frondsbergs Quartier ge⸗ halten werde; Georg war nicht wenig erſtaunt über dieſe Nachricht; was konnte man von ihm im Kriegs⸗ rath wollen? Sollte Frondsberg ſchon ein Mittel ge⸗ funden haben, ihn zu empfehlen? „Nehmt Euch in Acht, Junker,“ ſprach der Bote, als der alte Johann das Gemach verlaſſen hatte,„und bedenkt das Verſprechen, das Ihr dem Fräulein gege⸗ ben; vor Allem erinnert Euch, was ſie Euch ſagen ließ: Ihr ſollt Euch hüten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer Diener in dieſem Haus zu bleiben; ich kann Euer Lferd beſorgen und bin zu jedem Dienſt erbötig.“ Georg nahm das Anerbieten des trenen Mannes mit Dank an, und Hans trat auch ſogleich in ſeinen Dienſt, denn er band ſeinem jungen Herrn das Schwert um und ſetzte ihm das Baret zurecht. Er bat ihn noch unter der Thüre, ſeines Schwures und jener Warnung eingedenk zu ſein. Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrath und der ſonderbar zutreffenden Warnung Mariens nach⸗ ſinnend, ging Georg dem bezeichneten Hauſe zu; man wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in dem erſten Zimmer rechts die Kriegsoberſten ver⸗ ſammelt finden ſollte. Aber der Eingang in dieſes Heiligthum ward ihm nicht ſo bald verſtattet; ein alter bärtiger Kriegsmann fragte, als er die Thüre öffnen wollte, nach ſeinem Begehr, und gab ihm den ſchlech⸗ ten Troſt, es könne höͤchſtens noch eine halbe Stunde bauern, bis er vorgelaſſen werde; zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und führte ihn in einen ſchmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Genach wo er ſich einſtweilen gedulden ſollte. Wer je in beſorgter Erwartung einſam und allein— auf der Marterbank eines Vorzimmers ſaß, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde auszuſtehen hatte. Das ungeduldige Herz pocht der Entſcheidung ent⸗ gegen, alle Nerven ſind geſpannt, das Auge möchte die Tuhüre durchbohren, das Ohr ſchärft ſich, wenn in der Ferne eine Thuͤre knarrt, Schritte über den Hausgang rauſchen oder undeutliche Stimmen im anſtoßenden Zimmer lauter werden. Aber die Thüren haben um⸗ ſonſt getönt, die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber, der ungleiche Ton der Stimmen ſinkt zum Geflüſter herab. Die Bretter des Fußbodens und die Fenſter des Nachbarhauſes ſind bald gezählt, und ſchon wieder zeigt der helle Ton der Glocke eine umſonſt verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren der Stadt, be⸗ merkt ihre hohen und tiefen Töne— auch ſie haben ausgeſchlagen. Man ſteht auf, man macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine Thüre, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Thüre bewegt ſich nach ſo langer Zeit wieder. „Georg von Frondsberg läßt Euch ſeinen Gruß vermelden,“ ſprach der alte Kriegsmann, der nach ſo langer Zeit wieder zu Georg kam,„es könne vielleicht noch eine Weile dauern; doch ſei dies ungewiß, darum 3 9 ſollet Ihr hier bleiben. Er ſchickt Euch hier einen Krug Wein zum Veſpern.“ Der Diener ſetzte den Wein auf den breiten Fen⸗ ſterſims des Zimmers, denn ein Tiſch war nicht vor⸗ handen, und verließ das Gemach. Georg ſah ihm ſtaunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten; über eine Stunde war ſchon ver⸗ ſchwunden, und noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war nicht übel, aber wie konnte ihm in ſeiner trauri⸗ gen Einſamkeit das Glas munden? Es iſt ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, daß ſie ſich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich mit ſich bringt. Der gereiftere Mann wird eine Beeinträͤchtigung ſeiner Würde eher verſchmerzen oder wenigſtens ſein Miß⸗ fallen zurückhalten, während der Jüngling, empfind⸗ licher über den Punkt der Ehre, leichter und ſchneller aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei tödtlich langen Stunden in den Kriegsrath abgeholt wurde, nicht in der beſten Laune war. Er folgte ſchweigend dem ergrauten Führer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin. An der Thüre wandte ſich Jener um und ſagte freundlich:„Verſchmäht den Rath eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finſtere Miene ab; es thut nicht gut bei den geſtrengen Herren da drinnen.“ Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über ſich, als daß er den wohlgemeinten Rath hätte be⸗ folgen können, er dankte ihm durch einen Händedruck, ergriff dann raſch die gewaltige eiſerne Thürklinke, und W. Hauffs Werke, XV. 2 10 die ſchwere eicherne Zimmerthüre drehte ſich ächzend auf. Um einen großen, ſchwerfälligen Tiſch ſaßen acht ältliche Männer, die den Kriegsrath des Bundes bil⸗ deten. Einige davon kannte Georg. Jörg Truchſes, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberſter⸗Feldlieute⸗ nant den oberſten Platz an dem Tiſche ein, zu beiden Seiten von ihm ſaßen Frondsberg und Franz von Sickingen, von den Übrigen kannte er keinen, als den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen treulich aufbewahrt; es ſaßen dort noch Chriſtoph Graf zu Ortenberg, Alban von Cloſen, Chriſtoph von Frauenberg und Diepolt von Stein, be⸗ jahrte, im Heere angeſehene Männer. Georg war an der Thüre ſtehen geblieben, Fronds⸗ herg aber winkte ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat bis an den Tiſch, und überſchaute nun mit dem freien kühnen Blick, der ihm ſo eigen war, die Ver⸗ ſammlung. Aber auch er wurde von den Verſammelten beobachtet, und es ſchien, als fänden ſie Gefallen an dem ſchönen, hochgewachſenen Jüngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, Einige nickten ihm ſogar freundlich zu. Der Truchſes von Waldburg hob endlich an: „Georg von Sturmfeder, wir haben uns ſagen laſſen, Ihr ſeiet auf der Hochſchule in Tübingen geweſen, iſt dem alſo?“ „Ja, Herr Ritter,“ antwortete Georg. „Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?“ fuhr Jener fort. 11 Georg erröthete bei dieſer Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenſtein war; doch er faßte ſich bald und ſagte:„Ich kam zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich ſonſt die Gegend wenig durchſtreift, doch iſt ſie mir im Allgemeinen bekannt.“ „Wir haben beſchloſſen,“ fuhr Truchſes fort,„einen ſicheren Mann in jene Gegend zu ſchicken, auszukund⸗ ſchaften, was der Herzog von Würtemberg bei unſerem Anzug thun wird. Es ſoll auch über die Befeſtigung des Schloſſes Tübingen, über die Stimmung des Land⸗ volkes in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein ſolcher Mann kann dem Würtemberger durch Klugheit und Liſt mehr Abbruch thun, als hun⸗ dert Reiter, und wir haben— Euch dazu auserſehen.“ „Mich?“ rief Georg voll Schrecken. 3 „Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört übung und Erfahrung zu einem ſolchen Geſchäft, aber was Euch daran abgeht, möge Euer Kopf erſetzen.“ Man ſah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf mit ſich kämpfte. Sein Geſicht war bleich, ſein Auge ſtarr, ſeine Lippen feſt zuſammen geklemmt. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; aber wie feſt er auch bei ſich beſchloß, den Antrag auszu⸗ ſchlagen, wie erwünſcht beinahe dieſe Gelegenheit er⸗ ſchien, um dem Bunde zu entſagen, ſo kam ihm die Entſcheidung doch zu überraſchend, er ſcheute ſich, vor den berühmten Männern ſeinen Entſchluß auszu⸗ ſprechen. Der Truchſes rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhl 1 Antwort zögerte:„Nun? Wird's bald? Warum be⸗ finnet Ihr Euch ſo lange?“ rief er ihm zu. „Verſchonet mich mit dieſem Auftrag,“ ſagte Georg nicht ohne Zagen;„ich kann, ich darf nicht.“ Die alten Männer ſahen ſich erſtaunt an, als trauten ſie ihren Ohren nicht.„Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?“ wiederholte der Truchſes langſam, und eine dunkle Röthe, der Vorbote ſeines aufſteigenden Zornes, lagerte ſich auf ſeine Stirne und um ſeine Augen. Georg ſah, daß er ſich in ſeinen Ausdrücken über⸗ eilt habe; er ſammelte ſich und ſprach mit freierem Muthe:„Ich habe Euch meine Dienſte angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber um mich in des Feindes Land zu ſchleichen und hinterrücks nach ſeinen Gedanken zu ſpähen. Es iſt wahr, ich bin jung und unerfahren, aber ſo viel weiß ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenſchaft geben zu können, und wer von Euch, der Vater eines Sohnes iſt, möchte ihm zu ſeiner erſten Waffenthat rathen, den Kundſchafter zu machen?“ Der Truchſes zog die dunkeln, buſchigen Augen⸗ braunen zuſammen und ſchoß einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der ſo kühn war, anderer Meinung zu ſein als er.„Was fällt Euch ein, Jun⸗ ker!“ rief er.„Eure Reden helfen Euch jetzt nichts, es handelt ſich nicht darum, ob es ſich mit Eurem kin⸗ diſchen Gewiſſen verträgt, was wir Euch auftragen; es handelt ſich um Gehorſam, wir wollen es, und Ihr müßt!“ „Und ich will nicht!“ entgegnete ihm Georg mit hin und her, als der junge Maun ſo lange mit ſeiner 13 feſter Stimme. Er fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton ſein Muth von Minute zu Minute wachſe, er wünſchte ſogar, der Truchſes moͤchte noch weiter in ſeinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er ſich jeder Entſcheidung gewachſen. „Ja freilich, freilich!“ lachte Waldburg in bitterem Grimm,„das Ding hat Gefahr, ſo allein in Feindes⸗ land herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit großen Worten und erhabenen Geſichtern ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, ſo fehlt es an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm— und wo nichts iſt, da hat der Kaiſer das Recht verloren.“ „Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater ſein ſoll,“ antwortete Georg erbittert,„ſo ſitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können, daß er in ihrem Gedächtniſſe als ein Tapferer lebt. Ihr müßt viel ge⸗ than haben in der Welt, daß Ihr Euch herausnehmt, auf Andere ſo tief herabzuſehen!“ „Soll ein ſolcher Milchbart mir vorſchreiben, was ich reden ſoll?“ unterbrach ihn Waldburg.„Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich will wiſſen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd ſatteln, und Euch nach unſeren Befehlen richten wollt oder nicht!“ „Herr Truchſes,“ antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er ſich ſelbſt zugetraut hätte,„Ihr habt durch Eure ſcharfen Reden nichts gezeigt, als daß Ihr wenig wiſſet, wie man mit einem Edelmann, der dem 14 Bunde ſeine Dienſte anbot, wie man mit dem Sohn eines tapfern Vaters ſprechen müſſe. Ihr habt aber als Oberſter dieſes Rathes im Namen des Bundes zu mir geſprochen und mich ſo tief beleidigt, als ob ich Euer ärgſter Feind wäre, darum kann ich nichts thun, als, wie Ihr ſelbſt befehlt, mein Roß ſatteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienſt. Es iſt mir nicht länger Ehre, dieſen Fahnen zu folgen, nein, ich ſage mich los und ledig von Euch für immer; gehabt Euch wohl!“ Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Feſtig⸗ keit geſprochen, und wandte ſich zu gehen. „Georg,“ rief Frondsberg, indem er aufſprang, „Sohn meines Freundes!“— „Nicht ſo raſch, Junker!“ riefen die Übrigen, und warfen mißbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne ſich umzuſehen, aus dem Gemach geſchrit⸗ ten, die eiſerne Klinke ſchlug knirrend ins Schloß und die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten ſich zwiſchen ihn und den wohlmeinenden Nachruf der beſſer geſinnten Männer, ſie ſchieden Georg von Sturmfeder auf ewig von dem ſchwäbiſchen Bunde. II. O wenn die Nacht des Grames dich umſchlinget, Mit ſchwerem Leid dein wundes Herz oft ringet, Wenn nur der Stern, der nach der Sonne ſtehet, Der Liebe Stern in Dir nicht untergehet. P. Conz. Georg fühlte ſich leichter, als er auf ſeinem Zim⸗ mer über das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entſchieden, was zu entſcheidener ſo lange gezögert hatte, entſchieden auf eine Weiſe, wie er ſie beſſer nicht hätte wünſchen können. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer ſogleich zu verlaſſen, und der Oberſt⸗ Feldlieutenant mußte die Schuld ſich ſelbſt beimeſſen. Wie ſchnell hatte ſich doch Alles in den vier Tagen gewendet; wie verſchieden waren die Geſinnungen, mit denen er in dieſe Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Don⸗ ner der Geſchütze, aller feierliche Klang der Glocken, die lockenden Töne der Trompeten ihn begrüßten, wie ſchlug da ſein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu ver⸗ dienen! Und als er das erſtemal vor jenen Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieſes Mannes zu ſtreiten, aus ſeinem Munde gegnete Georg, der für gerathener hielt, ſeine Fröhlich⸗ ſich Ruhm zu erwerben!— Und wie erkaltete bald dar⸗ auf ſein Eifer, als der Bund in ſeinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn ſeine jugendliche Phan⸗ taſte umgeben hatte; wie ſchämte er ſich, ſein Schwert für die zu ziehen, die, nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das ſchöne Land ſich zur Beute auserſehen hatten! Wie ſchrecklich war ihm der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wiſſen, treuergeben dem unglücklichen Fürſten, den auch er aus ſeinen Grenzen zu jagen helfen ſollte? Um eine ſolche Sache ſollte er jenes theure Herz brechen, das unter jedem Wechſel treu für ihn ſchlug?„Nein! Du haſt es wohl mit mir gemeint,“ ſprach er, indem ſein Auge dem Strahl der Abendſonne, der durch die runden Schei⸗ ben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; „Du haſt es wohl mit mir gemeint; was jedem Andern, der heute an meiner Stelle ſtand, zum Verderben gewe⸗ ſen wäre, haſt Du für mich zum Heil gelenkt!“ Jene Heiterkeit, die, ſeit er wußte, wie furchtbar ſich das Geſchick zwiſchen ihn und ſeine Geliebte ſtellte, einem trüben Ernſt gewichen war, kehrte wieder auf ſeine Stirne, um ſeinen Mund zurück; er ſang ſich ein frohes Lied, wie in ſeinen froheſten Augenblicken.— Erſtaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft.„Nun, das iſt doch ſonderbar,“ ſagte er;„ich eile nach Haus, um meinen Gaſt in ſeinem gerechten Schmerz zu tröſten, und finde ihn ſo fröhlich wie nie; wie reime ich das zuſammen?“ 1 „Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,“ ent⸗ 17 keit zu verbergen,„habt Ihr nie gehört, daß man auch aus Zorn lachen und im Schmerz ſingen kann? ⸗ „Gehört hab' ich es ſchon, aber geſehen nie bis zu dieſem Augenblick,“ antwortete Kraft. „Nun, und Ihr habt alſo auch ſchon von der ver⸗ drießlichen Geſchichte gehört?“ fragte Georg.„Man erzählt es ſich gewiß ſchon auf allen Straßen? „O nein,“ antwortete der Rathsſchreiber,„man weiß nirgends etwas davon, man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Würtemberg damit auspoſau⸗ nen müſſen. Nein! Ich habe, Gott ſei Dank, ſo meine eigenen Quellen, und erfahre Manches noch in der Stunde, wo es gethan oder geſprochen wurde. Aber nehmt mirs nicht übel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht.“ „So,“ antwortete Georg lächelnd,„ und warum denn?“ „Bot ſich Euch nicht die ſchönſte Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem wären die Bundesoberſten mehr Dank ſchuldig, als— „Sagt es nur heraus,“ unterbrach ihn Georg,— wals dem Kundſchafter in des Feindes Rücken. Es iſt nur Schade, daß mein Vater und die Ehre meines Na⸗ mens mich vor, und nicht hinter den Feind beſtimmt haben, es ſei denn, daß er vor mir fliehe.“ „Dies ſind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch geſucht hätte. Wahrlich, wenn ich ſo bekannt in jener Gegend wäre, wie Ihr, man hätte es mir nicht zwei⸗ mal ſagen dürfen.“ „Ihr habt hier zu Land vielleicht andere Gru über dieſen Punkt,“ ſagte Georg nicht ohne ſätze 48 „als wir in unſerem Franken, das hätte Truchſes von Waldburg bedenken und einen Ulmer ſchicken ſollen.“ „Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas An⸗ deres. Der Oberfeldlieutenant! Wie habt Ihr ihn Euch ſo zum Feinde machen mögen, denn daß dieſer Euch das Geſchehene in ſeinem Leben nicht verzeiht, dürft Ihr gewiß ſein.. „Das iſt mein geringſter Kummer,“ antwortete Georg, vaber eines thut mir weh, daß ich den Über⸗ müthigen, der ſchon meinem Vater Böſes gethan, wo er konnte, nicht vor meine Klinge ſtellen und ihm zeigen kann, daß der Arm nicht ſo ganz zu verachten iſt, den 2 1 1 G 1 er heute von ſich geſtoßen hat.“ 3 „Um Gottes Willen,“ fiel Kraft ein,„ſprecht nicht a ſo laut, er könnte es hören. Überhaupt müßt Ihr Euch ſehr zuſammennehmen, wenn Ihr ferner im Heere un⸗ ter ihm dienen wollt.“ „Ich will den Herrn Truchſes von meinem verhaß⸗ ten Anblick bald befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm untergehen ſehen!“ „So wäre es wahr,“ fragte Herr von Kraft mitſ Staunen,„was man noch dazu ſetzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will wegen dieſer Kleinigkeit unſere gute Sache verlaſſen? ¹ „Verletzung der Ehre iſt nirgends eine Kleinigkeit,“ antwortete Georg ernſt,„am wenigſten bei einem: Stand wie der unſrige. Was aber Eure gute Sacheſ betriff o habe ich nachgerade eingeſehen, daß ich we⸗ der ne gute Sache, noch für eine gute Meinung 19 ſondern für ein paar große Herren und für ein paar Mauern voll Spießbürger mich ſchlagen ſollte.“ Der unangenehme Eindruck, den beſonders die letz⸗ ten Worte auf den Rathsſchreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er ſeine Hand ergriff und drückte, ruhiger fort:„Nehmt mir meine ſcharfen Worte nicht übel, mein freundlicher Wirth, weiß Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen. Aber aus ² Euxem eigenen Munde habe ich die Geſinnungen und 4 or der verſchiedenen Parteien in dieſem Heere er⸗ *fu. Schreibt es Euch ſelbſt zu, wenn ich meinen — eig n Weg einſchlage, da Ihr mir die Binde von ugen genommen habt.“ Ihr habt ſo Unrecht gerade nicht, guter Junker. ird bunt hergehen, wenn die Herren erſt das ſchöne da drüben unter ſich theilen. Aber da habe ich ge⸗ dacht, es geht ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen. Man ſagt, Ihr dürft es mir aber nicht übel nehmen, Euer Haus ſei etwas herabgekommen, da meinte ich—⸗ „Nichts davon!“ fiel Georg raſch ein, gerührt von der Gutmüthigkeit ſeines Gaſtfreundes.„Das Haus ht meiner Väter zerfällt, unſere Thore hängen auf gebro⸗ chenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf dem hohen Wartthurm hauſen Eulen. In fünfzig Jah⸗ een ſteht vielleicht noch ein Thurm oder ein Mäuerchen mnund erinnert den Wanderer, daß hier einſt ein ritterliches he Geſchlecht hauste. Aber wenn auch die morſchen Mau⸗ hern über mir zuſammenſtürzen und den Letzten meines 8 Stammes unter ihren Trümmern begraben, Niemand 20 ſoll von mir ſagen: Ich habe für ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.“ „Jeder nach ſeiner Weiſe,“ antwortete Dietrich, „es klingt dies Alles recht ſchön; aber ich für meinen Theil würde mir ſchon etwas gefallen laſſen, um mein Haus anſtändig und wohnjich wieder herzuſtellen.— Möget Ihr übrigens Euren Entſchluß ändern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen laſſen.“— „Ich erkenne Eure Güte,“ antwortete G „aber Ihr ſeht, daß ich unter den gegenwärtigen ſtänden nichts mehr in dieſer Stadt zu thun habe gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten.“ „Nun, und kann man Euch Grüße mitgeb fragte der Rathsſchreiber mit überaus ſchlauem La „Ihr reitet doch den nächſten Weg nach Lichtenſte b Der junge Mann erröthete bis in die Stirne hin⸗ auf. Es war zwiſchen ihm und ſeinem Gaſtfreund ſeit Mariens Abreiſe dieſer Gegenſtand noch nicht zur Sprache gekommen, um ſo mehr überraſchte ihn jetzt die ſchlaue Frage ſeines Gaſtfreundes.„Ich ſehe,“ ſagte er,„daß Ihr mich noch immer falſch verſtehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deßwegen den Rücken zugewandt, um mich an die Feinde anzuſchlie⸗ ßen? Wie möget Ihr nur ſo ſchlimm von mir denken!“ „Ach, geht mir doch!“ entgegnete der kluge Rathé⸗ ſchreiber.„Niemand anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr hättet wohl zu Allem, was der Bund gethan, ein Auge zugedrückt, wenn der alte Lichtenſtein auch mitgemacht hätte. Nunf 21 eer auf der andern Seite ſteht, glaubt Ihr auch ſchnell umſatteln zu müſſen!“ Georg mochte ſich vertheidigen wie er wollte, der Rathsſchreiber war zu feſt von ſeiner eigenen Klugheit überzeugt, als daß er ſich dieſe Meinung hätte ausre⸗ den laſſen. Er fand dieſen Schritt auch ganz natürlich, und ſah nichts Böſes oder Unehrliches darin. Mit einem yerzlichen Gruß an die Baſe in Lichtenſtein verließ er das Zimmer ſeines Gaſtes. Doch auf der Schwelle ¹ wandte er ſich noch einmal um.„Faſt hätte ich das Wichtigſte vergeſſen,“ ſagte er,„ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute Abend noch zu ihm in ſein Haus zu kommen.“ Geeorg hatte ſich zwar ſelbſt vorgeſtellt, daß ihn G Frondsberg nicht ohne Abſchied werde ziehen laſſen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieſes Mannes, der es ſo gut mit ihm gemeint, und deſſen freundliche 1 Plane er ſo ſchnell durchkreuzt hatte. Er ſchnallte unter den Gedanken an dieſen ſchweren Gang ſein Schwert 1 um und wollte eben ſeinen Mantel zurecht legen, als ein ſonderbares Geräuſch von der Treppe her ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Schwere Tritte vieler Men⸗ ſchen näherten ſich ſeiner Thüre, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Eſtrich ſeines Vorſaales klirren iu hören. Er machte ſchnell einige Schritte gegen die „dhüre, um ſich von dem Grund ſeiner Vermuthung zu m berzeugen. 1. Aber noch ehe er die Thüre erreicht hatte, ging dieſe auf. Das matte Licht einiger Kerzen ließ ihn mehre hewaffnete Kriegskuechte ſehen, die ſeine Thüre 22 umſtellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrath empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor. „Georg von Sturmfeder!“ ſprach er zu dem Jüng⸗ ling, der mit Staunen zurücktrat,„ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrathes gefangen.“ „Mich? Gefangen?“ rief Georg mit Schrecken. „Warum? Weſſen beſchuldigt man mich denn?“ „Das iſt nicht meine Sache,“ antwortete der Alte mürriſch,„doch wird man Euch vermuthlich nicht lange in Ungewißheit laſſen. Jetzt aber ſeid ſo gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathhaus.“ „Wie? Euch ſoll ich mein Schwert geben?“ ent⸗ 1 gegnete der junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes.„Wer ſeid Ihr, daß Ihr mir meine Waffen abfordern könnet? Da muß der Rath ganz andere Leute ſchicken als Euch, ſo viel verſtehe ich auch von Eurem Handwerk!“. „Um Gottes Willen, gebt doch nach,“ rief de Rathsſchreiber, der ſich bleich und verſtört an ſeine Seite gedrängt hatte.„Gebt nach! Widerſtand kann Euch wenig nützen. Ihr habt es mit dem Truchſes zu thun,“ flüſterte er heimlicher.„Das iſt ein böſer Feind, bringt ihn nicht noch ärger gegen Euch auf.“¹ Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüſterungen 4 des Rathsſchreibers.„Es iſt wahrſcheinlich das erſte⸗ mal, Junker,“ ſagte er,„daß Ihr in Haft genommen werdet, deßwegen verzeihe ich Euch gern die unziemli⸗ chen Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater ſchlief. Euer Schwert möget Ihr 23 auch immerhin behalten. Ich kenne dieſen Griff und dieſe Scheide, und habe den Stahl, den ſie verſchließt, manchen rühmlichen Kampf ausfechten ſehen. Es iſt löblich, daß Ihr viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen laſſen möget. Aber aufs⸗ Rathhaus müßt Ihr mit, denn es wäre thöricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet.“ Der Jüngling, dem Alles wie ein Traum erſchien, ergab ſich ſchweigend in ſein Schickſal, er trug dem NRathsſchreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und dieſen von ſeiner Gefangenſchaft zu unterrichten. Er wickelte ſich tiefer in ſeinen Mantel, um auf der Straße bei dieſem unangenehmen Gang nicht erkannt u werden, und folgte dem ergrauten Führer und ſeinen Landsknechten. III. Die Eiſenthür geht auf, des Kerkers ſchwarze Wand Erhellt ein blaſſer Schein, er höret Jemand gehen Und ſtemmt ſich auf, und ſieht— Wieland. Der Trupp, den Gefangenen in der Mitte, bewegte ſich ſchweigend dem Rathhaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, daß ſie nur ſparſame Helle verbreitete. Denn er glaubte, alle Menſchen, die ihm begegneten, müßten es ihm anſehen, daß er ins Gefängniß geführt werde. Nächſt dieſem beſchäftigte ihn unterwegs vorzüglich ein Gedanke: Es war das erſtemal in ſemem Leben, daß er in ein Gefängniß geführt wurde, er dachte daher nicht ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverließ in ſeinem alten Schloſſe, das er als Knabe einmal beſucht hatte, kam ihm immer vor das Auge. Er war einigemal im Begriff, ſeinen Führer darüber zu befragen, doch drängte der Gedanke, man moͤchte es für kindiſche Furcht anſehen, ſeine Frage immer wieder zurück. Nicht wenig war er darüber überraſcht, als man ihn in ein geräumiges, ſchönes Zimmer führte, das zwar nicht ſehr wohnlich gusſah, denn es enthielt nur 25 eine leere Bettſtelle und einen ungeheuern Kamin, aber in Vergleichung mit den Bildern ſeiner Phantaſie eher einem Prunkgemach, als einem Gefängniß glich. Der alte Kriegsmann wünſchte dem Gefangenen gute Nacht und zog ſich mit ſeinen Knechten zurück. Ein kleiner, hagerer ältlicher Mann teat ein: Der große Schlüſſel⸗ bund, welcher an ſeiner Seite hing und jeden ſeiner Schritte wie mit Kettengeraſſel bezeichnete, gab ihn als den Rathsdiener oder Schließer kund. Er legte ſchweigend einige große Scheiter Holz ins Kamin, und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht ſehr zu Statten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettſtelle breitete der Schließer eine große, wollene Decke, und das erſte Wort, das Georg aus ſeinem Munde hörte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, ſichs bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit einer dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht ſehr einla⸗ dend ausſehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und ſein Gefängniß. „Das iſt halt die Ritterhaft,“ belehrte ihn der Schließer.„Die für den gemeinen Mann iſt unter der Erde und nicht ſo ſchön, doch iſt ſie dafür deſto be⸗ ſuchter.“ „Hier war wohl ſeit langer Zeit Niemand?“ fragte Georg, indem er das öde Gemach muſterte. „Der letzte war vor ſieben Jahren ein Herr von Berger, er iſt in jenem Bett verſchieden. Gott ſei ſeiner armen Seele gnädig! Es ſchien ihm aber hier zu gefallen, denn er iſt ſchon in mancher Mitternacht W. Hauffs Werke. XV. 3 1 26 aus ſeiner Bahre heraufgeſtiegen, um ſein altes Zimmer zu beſuchen.“ „Wie?“ ſagte Georg lächelnd,„hierher ſoll er ſich nach ſeinem Tode noch bemüht haben?“ Der Schließer warf einen ſcheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, ſich bald vor⸗, bald zurück⸗ 8 zudrängen ſchienen. Er legte das Holz zurecht und brummte:„Man ſpricht ſo mancherlei.“ „Und auf jener Decke iſt er verſchieden?“ ief Georg, den bei allem jugendlichen Muth doch ein un⸗ willkürlicher Schauder überlief. „Ja, Herr!“ fläſterte der Schließer eeiſe, vdort auf jener Decke iſt er abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer, als ins Fegefeuer ging. Wir nennen deß⸗ wegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heißt des Ritters Todtenkammer!“ Mit leiſen Schrit⸗ ten, als fürchte er, durch jeden Laut den Todten z erwecken, ſchlich er aus dem Gemach, deſto vernehm⸗ licher rauſchten außen ſeine Schlüſſel in dem Thür⸗ ſchloß, als feierten ſie ſeinen Triumph, einem gräu⸗ lichen Spuk entflohen zu ſein. „Alſo auf dem Leichentuch in des Ritters Todten⸗ kammer?“ dachte Georg, und fühlte, wie ſein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals das menſchliche Gemüth noch nicht wie in unſern Tagen durch eigene Geſpenſter⸗ und Schauerbücher für das Grauenhafte em⸗ pfänglich gemacht; doch hatten Ammen und alte Knechte hinlänglich dafür geſorgt, den Geiſt des Junkers Georg mit dieſem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen. * * * 27 Er war daher unſchlüſſig, ob er ſich auf das Leichen⸗ tuch legen ſollte vder nicht? Aber er ſah keinen Stuhl, keine Bank in der ⸗ganzen Todtenkammer, der Boden, mit Backſteinen zierlich ausgelegt, war noch kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. Er begann, ſich dieſer Unterſuchungen, dieſes Zögerns zu ſchämen, und bald nahm ihn das gaſtliche Lager des Verſtorbenen auf. Auch das härteſte Lager iſt weich für den, der mit gutem Gewiſſen zur Ruhe geht. Georg hatte ſein Nacht⸗ gebet geſprochen und war bald entſchlummert. Aber aus dem Leichentuch ſtiegen wunderliche Träume auf 1 and lagerten ſich bange über den jungen Mann. Er ſah dentlich, wie der alte Schließer zu dem großen Schlüſſelloch hereinguckte und ſich ſegnete, daß er auf der andern Seite der Thüre ſtehe, denn in der Todten⸗ kammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich umher zu rauſchen, auf den Backſteinen ſchlurften alte Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte ſich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuſchung. Schwere Tritte tönten im Gemach. Jetzt wurde das Feuer heller angeſchürt. Der ungewiſſe Schein der Flamme ſpielte um eine große, dunkle Geſtalt. Sie bewegte ſich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt und geſchüttelt. Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber als die Decke gerade neben ſeinem Haupte gefaßt wurde, als eine kalte, ſchwere Hand ſich auf ſeine Stirne legte, da riß er ſich los aus ſeiner Angſt, er ſprang auf und maß mit un⸗ 28 gewiſſen Blicken jene dunkle Geſialt, die jetzt dicht vor ihm ſtand. Hell flackerten die Flammen im Kamine, ſie beleuchteten die wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg. „Ihr ſeid es, Herr Feldhauptmann?“ rief Georg, indem er freier athmete und ſeinen Mantel zurecht legte, um den Ritter nach Würde zu empfangen. „Bleibt, bleibt,“ ſagte Jener und drückte ihn fanft auf ſein Lager nieder. Ich ſetze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein halb Stündchen, denn es iſt auf allen Glocken erſt neun Uhr, und in Ulm ſchläft noch Niemand, als dieſer Sprudelkopf, dem man zur Abkühlung heute Nacht recht hart gebet⸗ tet hat.“ Er faßte Georgs Hand und ſetzte ſich zu ſeinen Füßen auf das Bett. „O, wie kann ich dieſe milde Nachſicht verdienen!“ ſprach Georg,„ſtehe ich nicht in Euern Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurückſtößt, und was Ihr gütig für ihn angeſonnen, mit rauher Hand zerreißt?“ „Nein, mein junger Freund!“ antwortete der freundliche Mann.„Du ſtehſt vor meinen Augen als der echte Sohn Deines Vaters. Gerade ſo ſchnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entſchluß und Rede war er. Daß er ein Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich ihn ſein ſchnelles Aufbrauſen, ſein Trotz, den er für Feſtigkeit ausgab, machten.“ 4 „Aber ſagt ſelbſt, edler Herr!“ entgegnete Georg⸗ . 29 „konnte ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchſes aufs Außerſte gebracht?“ „Du konnteſt anders handeln, wenn Du die Weiſe und Art dieſes Mannes beachteteſt, welche ſich Dir letzthin ſchon kund gab. Auch hätteſt Du denken können, daß Leute genug da waren, die Dir kein Unrecht ge⸗ ſchehen ließen. Du aber ſchütteteſt das Kind mit dem Bade aus und liefſt weg.“¹ „Das Alter ſoll kälter machen,“ erwiderte der junge Mann,„aber in der Jugend hat man heißes Blut. Ich kann Alles ertragen, Härte und Strenge, wenn ſie gerecht ſind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das Unglück meines Hauſes kann mich zum wüthenden Wolf machen. Wie kann ein ſo hoher Mann nur Freude daran haben, einen ſo zu quälen?“ „Auf dieſe Art äußert ſich immer ſein Zorn,“ be⸗ lehrte ihn Frondsberg.„Je kälter und ſchärfer er aber von außen iſt, deſto heißer kocht in ihm die Wuth. Er war es, der auf den Gedanken kam, Dich nach Tübingen zu ſenden, theils weil er ſonſt Keinen wußte, theils auch, um das Unrecht, das er Dir angethan, wieder gut zu machen. Denn in ſeinem Sinne war dieſe Sen⸗ dung höchſt ehrenvoll. Du aber haſt ihn durch Deine Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrath be⸗ ſchämt.“ „Wie?“ rief Georg.„Der Truchſes hat mich vor⸗ geſchlagen? So kam alſo jene Sendung nicht von Euch 2 „Nein,“ gab ihm der Feldhauptmann mit geheim⸗ 30 4 nißvollem Lächeln zur Antwort;„nein! Ich habe ihm ſogar mit aller Mühe abgerathen, Dich zu ſenden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch nicht ſagen. Ich wußte, ehe Du eintratſt, daß Du Dich weigern würdeſt, dies Amt anzunehmen. — Nun, reiße doch die Augen nicht ſo auf, als wollteſt Du mir durch das lederne Koller ins Herz hinein ſchauen. Ich weiß allerlei Geſchichten von meinem jungen Trotz opf da!“ Georg ſchlug verwirrt die Augen nieder.„So kamen Euch die Gründe nicht genügend vor, die ich angab?“ fragte er.„Was wollet Ihr denn ſo Geheim⸗ nißvolles von mir wiſſen?“ „Geheimnißvoll? nun ſo gar geheimnißvoll iſt es gerade nicht, denn merke für die Zukunft: wenn man nicht verrathen ſein will, ſo muß man weder bei Abend⸗ tänzen ſich geberden, wie einer, der vom St. Veitstanz befallen iſt, noch Nachmittags um drei Uhr zu ſchönen Mädchen gehen. Ja, mein Sohn, ich weiß allerlei,“ ſetzte er hinzu, indem er lächelnd mit dem Finger drohte,„ich weiß auch, daß dieſes ungeſtüme Herz gut würtembergiſch iſt.“ Georg erröthete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht auszuhalten.„Würtembergiſch?“ entgegnete er, nachdem er ſich mit Mühe gefaßt hatte. „Da thut Ihr mir Unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heißt noch nicht, ſich an den Feind anſchließen; gewiß, ich ſchwöre Euch—“ „Schwöre nicht!“ fiel ihm Frondsberg raſch ins Wort,„ein Eid iſt ein leichtes Wort, aber es iſt doch 31 eine drückend ſchwere Kette, die man bricht, oder von der man zerbrochen wird. Was Du thun wirſt, das wird ſo ſein, daß es ſich mit Deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt Du dem Bunde an Eidesſtatt geloben, und dann erſt wirſt Du Deiner Haft entlaſſen: in den nächſten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.“ „So legt Ihr mir alſo dennoch falſche Geſinnungen unter?“ ſprach Georg bewegt.„Das hätte ich nicht gedacht! Und wie unnöthig iſt dieſer Schwur! Für wen, und mit wem ſollte ich denn auf jener Seite kämpfen? Die Schweizer ſind abgezogen, das Land⸗ volk hat ſich zerſtreut, die Ritterſchaft liegt in den Fe⸗ ſtungen, und wird ſich hüten, den nächſten, beſten, der vom Bundesheer herüber läuft, in ihren Mauern auf⸗ zunehmen, der Herzog ſelbſt iſt entflohen—“ „Entflohen?“ rief Frondsberg aus.„Entflohen? Das weiß man noch nicht ſo gewiß: warum hätte der Truchſes denn die Reiter ausgeſchickt? ſetzte er hinzu. Und überhaupt wo haſt Du dieſe Nachrichten alle her? Haſt Du den Kriegsrath belauſcht? Oder ſollte es wahr ſein, was Einige behaupten wollen, daß Du ver⸗ dächtige Verbindungen mit Würtemberg unterhältſt?“ „Wer wagt dies zu behaupten?“ rief Georg er⸗ blaſſend. Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des jungen Mannes.„Höre, Du biſt mir zu jung und ehrlich zu einem Bubenſtücke,“ ſagte er,„und wenn Du etwas der Art im Schilde führteſt, hätteſt Du Dich wohl nicht vom Bunde losgeſagt, ſon⸗ dern auch ferner Würtembergs Spion gemacht.“ 32 „Wie? ſpricht man ſo von mir?“ unterbrach ihn Georg.„Wenn Ihr nur ein Fünkchen Liebe zu mir habt, ſo nennt mir den ſchlechten Kerl, der ſo von mir ſpricht!“ „Nur nicht gleich wieder ſo aufbrauſend!“ ent⸗ gegnete Frondsberg und drückte die Hand des jungen Mannes.„Du kannſt denken, daß, wenn ein ſolches Wort öffentlich geſprochen würde, oder ich an dieſe Einflüſterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu Dir käme. Aber etwas muß denn doch an der Sache ſein. Zu dem alten Lichtenſtein kam öfters ein ſchlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer Zeit, wo ſo vielerlei Menſchen hier ſind. Aber man gab uns geheime Winke, daß dieſer Bauer ein ver⸗ ſchlagener Mann und ein geheimer Botſchafter aus Würtemberg ſei. Der Lichtenſteiner zog ab, und der Bauer und ſein geheimnißvolles Treiben war vergeſſen. Dieſen Morgen hat er ſich wieder gezeigt. Er ſoll vor der Stadt lange Zeit mit Dir geſprochen haben, auch wurde er in Deinem Haus geſehen. Wie verhält ſich nun dieſe Sache?“ Georg hatte ihm mit wachſendem Staunen zuge⸗ hört.„So wahr ein Gott über mir iſt,“ ſagte er, als Frondsberg geendet hatte,„ich bin unſchuldig. Heute früh kam ein Bauer zu mir und—“ „Nun, warum verſtummſt Du auf einmal,“ fragte Frondsberg, Du glühſt ja über und über, was iſt es denn mit dieſem Boten?“ ſ. „Ach! ich ſchäme mich, es auszuſprechen, und den⸗ noch habt Ihr ja ſchon Alles errathen; er brachte mir Ner, indem er es Frondsberg bot. 1 33 ein Paar Worte von— meinem Liebchen!“ Der junge Mann öffnete bei dieſen Worten ſein Wamms und zog einen Streifen Pergament hervor, den er dort verbor⸗ gen hatte.„Seht, dies iſt Alles, was er brachte,“ ſagte „Das iſt alſo Alles?“ lachte dieſer, nachdem er ge⸗ leſen hatte;„armer Junge! und Du kennſt alſo dieſen Mann nicht näher? Du weißt nicht, wer er iſt.⸗ „Nein, er iſt auch weiter nichts, als unſer Liebes⸗ bote, dafür wollte ich ſtehen!“ „Ein ſchöner Liebesbote, der nebenher unſere Sachen auskundſchaften ſoll; weißt Du denn nicht, daß es der gefährlichſte Mann iſt, es iſt der Pfeifer von Hardt.“. „Der Pfeifer von Hardt?“ fragte Georg.„Zum erſtenmal höre ich dieſen Namen; und was iſt es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt iſt?“ „Das weiß Niemand recht; er war beim Aufſtand des armen Konrad einer der ſchrecklichſten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; ſeit der Zeit führt er ein unſtätes Leben, und iſt jetzt ein Kundſchafter des Her⸗ zogs von Würtemberg.“ „Und hat man ihn aufgefangen?“ forſchte Georg weiter, denn unwillkürlich nahm er wärmeren Antheil an ſeinem neuen Diener. „Nein, das gerade iſt das Unbegreifliche; man machte uns ſo ſtill als möglich die Anzeige, daß er ſich wwieder in Ulm ſehen laſſe; in Eurem Stall ſoll er zu⸗ letzt geweſen ſein, und als wir ihn ganz in Geheim aufheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich 8 34 glaube Deinem Wort und Deinen ehrlichen Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten zu Dir kam. — Du kannſt Dich übrigens darauf verlaſſen, daß er, wenn es derſelbe iſt, den ich meine, nicht allein Deinet⸗ wegen ſich nach Ulm wagte. Und ſollteſt Du je wieder mit ihm zuſammentreffen, ſo nimm Dich in Acht, ſol⸗ chem Geſindel iſt nicht zu trauen. Doch der Wächter ruft zehn Uhr. Lege Dich noch einmal aufs Ohr und verträume Deine Gefangenſchaft. Vorher aber gib mir Dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das ſage ich Dir, wenn Du Ulm verläßt, ohne dem alten Fronds⸗ berg Lebewohl zu ſagen—“ „Ich komme, ich komme,“ rief Georg, gerührt von der Wehmuth des verehrten Mannes, die Jener umſonſt unter einer lächelnden Miene zu verbergen ſuchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrath verlangte; der Ritter aber verließ mit Unng ſanten Schritten die Todtenkammer. 5 IV. Nur einmal noch laſſ' leuchten Mir Deiner Augen Strahl; Laſſ' hören Deine Stimme Nur noch ein einzig mal! C. Grüneiſen. Die Mittagsſonne des folgenden Tages ſendete drückende Strahlen auf einen Reiter, welcher über den Theil der ſchwäbiſchen Alb, der gegen Franken aus⸗ läuft, hinzog. Er war jung, mehr ſchlank als feſt gebaut, und ritt ein hochgewachſenes Pferd von dunkel⸗ brauner Farbe; er war wohl bewaffnet mit Bruſthar⸗ niſch, Dolch und Schwert; einige andere Stücke ſeiner Armatur, als der Helm und die aus Eiſenblech getrie⸗ benen Arm⸗ und Beinſchienen, waren am Sattel be⸗ feſtigt. Die hellblau und weiß⸗geſtreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter ſich über die Bruſt zog, ließ errathen, daß der junge Mann von Adel war, denn dieſe Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände. Er war auf einem Berggipfel angekommen, wel⸗ cher eine weite Ausſicht ins Thal hinab gewährte. Er hielt ſein ſchnaubendes Roß an, wandte es zur Seite und genoß nun den ſchönen Anblick, der ſich vor ſei⸗ nem Auge ausbreitete. Vor ihm eine weite Ebene, von 36 waldigen Höhen begrenzt, durchſtrömt von den grünen Wellen der Donau; zu ſeiner Rechten die Hügelkette der würtembergiſchen Alb, zu ſeiner Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppe der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau ſpannte der Himmel ſeinen Bogen über dieſe Scene, und ſeine ſanften lichten Farben contraſtirten ſonderbar mit den ſchwärzlichen Mauern ulms, das am Fuße des Berges lag, mit ſeinem dunkelgrauen, ungeheuren Münſterthurm. Die dum⸗ pfen Glocken dieſer alten Kirche begannen in dieſem Augenblick den Mittag einzuläuten; ihre Töne zogen in langen, beruhigenden Accorden über die Stadt, über die weite Ebene, bis ſie ſich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte verſchweb⸗ ten, als wollten ſie auf ihrer melodiſchen Leiter die Wünſche der Menſchen zum Himmel tragen. „So begleitet ihr alſo den Scheidenden, wie ihr ſeinen Eintritt begrüßt habt,“ rief der junge Reiter, „mit denſelben Tönen, mit denſelben feierlichen Accor⸗ den ſprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie anders, wie ſo ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erſtenmal lauſchte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne, es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich ſcheide, ohne Ausſicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieſelben Töne entgegen? Die Geburt meiner ſeligen Hoffnung habt ihr eingeläutet, von euch tönt jetzt das Grab⸗ geläute meiner Hoffnung? Das Bild des Lebens!“ ſetzte er wehmüthig hinzu, indem er nach einem langen Abſchiedsblick auf dieſes Thal, auf dieſe Mauern ſein — Pferd wandte.„Das Bild des Lebens! Um Wiege und Sarg ſchweben ſie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug, mir eben ſo ge⸗ könt, wie ſie mir tönen werden, wenn man den letten Sturmfeder zu Grabe tr ägt!“ Das Gebirge wurde jetzt ſteiler, und Georg, denn als dieſen haben unſere Leſer den jungen Reiter ſchon 4 längſt erkannt, Georg ließ ſein Pferd langſam hin⸗ ſchreiten, indem er ſeinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach ſeiner Heimath, und die Vergleichungen, die er zwiſchen dieſer Heimkehr und dem fröhlichen Auszug anſtellte, mochten nicht dazu beitragen, ſeine düſteren Gefühle aufzuhellen. Der geſtrige Tag, der ſchnelle Wechſel heftiger Empfindungen, ſeine Ver⸗ haftung, zuletzt noch heute der Abſchied von Männern⸗ die ihm wohlwollten, hatten ihn heftig angegriffen. Wie treuherzig und gutmüthig hatte Dieterich von Kraft, ſein zierlicher Gaſtfreund, ſeine Abreiſe be⸗ dauert. Wie gleich war ſich dieſer gute Menſch in ſeinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom erſten Becher an, den er mit ihm im Rathhausſaale geleert, bis zum Abſchiedstrunk, den er ſeinem Gaſt noch auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er ihm gelohnt? Beſchäftigt mit ſich ſelbſt, hatte er ihn wenig geachtet, überſehen. Wie hatte er dem biedern Breitenſtein, wie dem Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie ſeinen Liebling ausge⸗ zeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es iſt für ein edles Gemüth kein Gedanke drückender, 38 als der, für undankbar zu gelten bei Männern, in deren Augen wir geachtet ſein möchten. Er hatte unter dieſen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzſonne wurden immer drückender, die Pfade rauher, und er beſchloß, unter dem Schatten einer Eiche ſich und ſeinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er ſtieg ab, ſchnallte den Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Thier die ſparſam hervorkeimen⸗ den Gräſer aufſuchen. Er ſelbſt ſtreckte ſich unter der Eiche nieder, und ſo gerne er ſich dem Schlafe über⸗ laſſen hatte, wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten einlud, ſo hielt ihn doch die Beſorgniß⸗ in ſo unruhigen Zeiten in einem Lande, das ſo nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um ſein Roß und vielleicht gar um ſeine Waffen zu kommen, einige Zeit wach, bis er in jenen Zuſtand verſank, wo die Seele zwiſchen Wachen und Schlafen umſonſt mit dem Kör⸗ per kämpft, der ungeſtüm ſeine Rechte fordert. Er mochte wohl ein Stündchen geſchlummert ha⸗ ben, als ihn das Wiehern ſeines Pferdes aufſchreckte. Er ſah ſich um und gewahrte einen Mann, der, ihm den Rücken kehrend, ſich mit dem Thier beſchäftigte. Sein erſter Gedanke war, daß man ſeine Unachtſam⸗ keit benützen und das Pferd entführen wolle. Er ſprang auf, zog ſein Schwert und war in drei Sprüngen dort. „Halt! Was haſt Du da mit dem Pferd zu ſchaffen!”“ rief er, indem er ſeine Hand etwas unſanft auf die Schulter des Mannes legte. „Habt Ihr mich denn ſchon wieder aus Eurem 39 Dienſt entlaſſen, Junker?“ antwortete dieſer und wandte ſich zu ihm. An den liſtigen, kühnen Augen, an dem lächelnden Mund erkannte Georg ſogleich den Boten, den ihm Marie geſandt hatte. Er war noch nſchlüſſig, wie er ſich gegen ihn benehmen ſollte, denn kondsbergs Warnung ſchreckte ihn ab, Mariens Zu⸗ ſicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem ſihm eine gute Hand voll Heu vorzeigte:„Ich konnte wohl denken, daß Ihr keinen Futterſack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben ſieht es noch ſchlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen Arm voll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich behagt.“ So ſprach der Bauer und fuhr ganz gelaſſen fort, dem Pferd das Futter hinzureichen. „Und woher kommſt Du denn?“ fragte Georg, nachdem er ſich ein wenig von ſeinem Erſtaunen er⸗ holt hatte. „Nun, Ihr ſeid ja ſo ſchnell von Ulm weggerit⸗ ten, daß ich Euch nicht gleich folgen konnte,“ antwor⸗ tete Jener. 3 „Lüge nicht!“ unterbrach ihn der junge Mann, „ſonſt kann ich Dir fürder nicht vertranen. Du kommſt jetzt nicht aus jener Stadt her.“ „Nun, Ihr werdet mich doch nicht ſchelten, daß ich mich etwas früher anf den Weg machte als Ihr?“ ſagte der Bauer und wandte ſich ab. Doch entging Georg nicht, daß jenes liſtige Lächeln wieder über ſein Geſicht zog. „Laß mein Pferd jetzt ſtehen,“ rief Georg ungedul⸗ dig,„und komm mit mir unter die Eiche dort. Da ſetze * 40 Dich hin, und ſprich, aber ohne auszuweichen, warum haſt Du geſtern Abend ſo plötzlich die Stadt verlaſſen?“ „An den Ulmern lag es nicht,“ entgegnete jener. „Sie wollten mich ſogar einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Koſt und Wohnung geben. u „Ja, ins tiefſte Verließ wollten ſie Dich ſtecken, ff weder Sonne noch Mond hinſcheint, und wohin Kundſchafter und Späher gehören.“ „Mit Verlaub, Junker,“ erwiderte der Bote, wäre ich, wiewohl ein paar Stockwerke tiefer, in dies ſelbe Behauſung gekommen wie Ihr.“ „Hund von einem Aufpaſſer!“ rief der Junker un⸗ geduldig, indem Zorn ſeine Wangen röthete.„Willſt Du meines Vaters Sohn in eine Reihe ſtellen mit dem Pfeifer von Hardt?“ „Was ſprecht Ihr da?“ fuhr der Mann an ſeiner Seite mit wilder Miene auf.„Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?“ Er hatte, vielleicht unwillkürlich, bei dieſen Worten die Art, die neben ihm lag, in ſeine nervigte Rechte ge⸗ faßt. Seine gedrungene feſte Geſtalt, ſeine breite Bruſt, gaben ihm, trotz ſeiner nicht anſehnlichen Größe, doch das Anſehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers. Sein wildrollendes Auge, ſein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen Mann außer Faſſung ge⸗ bracht haben. Der Jüngling aber ſprang muthig auf, er warf ſein langes Haar zurück, und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finſteren Auge jenes Mannes. Er legte ſeine Hand an den Griff ſeines Schwertes und ſagt” 41 ruhig und feſt:„Was fällt Dir ein, Dich ſo vor miich hinzuſtellen und mit dieſer Stirne mich zu fragen? Du biſt, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, Du biſt dieſer Meuter und Anführer von aufrühreriſchen Hun⸗ den. Pack Dich fort, auf der Stelle, oder ich will Dir zeigen, wie man mit ſolchem Geſindel ſpricht.“ Der Bauer ſchien mit ſeinem Zorn zu ringen. Er hieb die Art mit einem kräftigen Schwung in den Baum, und ſtand nun ohne Waffe vor dem zürnenden jungen Mann.„Erlaubet,“ ſagte er,„daß ich Euch für ein andermal warne, Euren Gegner, und ſei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, nicht zwiſchen Euch und Euerm Brannen ſtehen zu laſſen; denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs Schnellſte be⸗ folgen wollen, wäre er mir trefflich zu Statten kommen.“ Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr geſprochen habe. Erröthend über die Unvorſich⸗ tigkeit, die beweiſen konnte, wie wenig er noch Erfahrung im Kriege beſitze, ließ er ſeine Hand von dem Griff ſeines Schwertes ſinken, und ſetzte ſich, ohne Etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, ſeinem Beiſpiel und ſprach:„Ihr habt ganz Recht, daß Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie 4 weh mir jener Name thut, würdet Ihr vielleicht meine ſchnelle Hitze mir verzeihen! Ja, ich bin der, den man ſo nennt; aber es iſt mir ein Gräuel, mich alſo rufen zu hören. Meine Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefällt jener Name, weil ich ihn haſſe.“ „Was hat Dir dieſer unſchuldige Name gethan?“ W. Hauſſs Werke. XV. 4 42 fragte Georg.„Warum nennt man Dich ſo? Warum willſt Du Dich nicht ſo nennen laſſen?“ „Warum man mich ſo nennt?“ antwortete jener. „Ich bin aus einem Dorf, das heißt Hardt, und liegt im Unterland, nicht weit von Nürtingen. Meinem Ge⸗ werbe nach bin ich ein Spielmann, und muſicire auf Märkten und Kirchweihen, wenn die ledigen Burſche und die jungen Mägdlein tanzen wollen. Deßwegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieſer Name hat ſich mit Unthat und Blut befleckt in einer böſen Zeit, darum habe ich ihn abgethan, und kann ihn nimmer leiden.“ Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er ſagte:„Ich weiß wohl, in welcher böſen Zeit: Als Ihr Bauern wider Euern⸗ Herzog rebellirt habt, da warſt Du einer von den Argſten. Iſts nicht alſo? ⸗ „Ihr ſeid wohl bekannt mit dem Schickſal eines unglücklichen Mannes,“ ſagte der Bauer, finſter zu Boden blickend.„Ihr müßt aber nicht glauben, daß ich noch derſelbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und meinen Sinn geändert, und ich darf ſagen, daß ich jetzt ein ehrlicher Mann bin.“ „O, erzähle mir,“ unterbrach ihn der Jüngling, „wie ging es zu in jenem Aufruhr? Wie wurdeſt Du gerettet? Wie kommts, daß Du jetzt dem Herzog dienſt?“ „Das Alles will ich auf ein andermal verſparen,“ entgegnete jener.„Denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite zu ſein. Erlaubt mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage: Wo ſoll Euch denn dieſer Weg hinführen? Da geht nicht die Straße nach Lichtenſtein lü 43 „Ich gehe auch nicht nach Lichtenſtein!“ antwortete Georg niedergeſchlagen.„Mein Weg führt nach Franken zu dem alten Oheim. Das kannſt Du dem Fräulein vermelden, wenn Du nach Lichtenſtein kommſt.“¹ „Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt Ihr anderswo eben ſo gut. Langeweile haben? Die kauft Ihr aller Orten wohlfeil. Kurz und gut, Junker,“ ſetzte er gutmüthig lächelnd hinzu,„ich rathe Euch, wendet Euer Roß und reitet ſo ein paar Tage mit mir in Würtemberg umher. Der Krieg iſt ja ſo gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reiſen.“ „Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vier⸗ zehn Tagen nicht gegen ihn zu fechten. Wie kann ich alſo nach Würtemberg gehen?“ „Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Straße ziehet? So alſo, vierzehn Tage lang? In vierzehn Tagen glauben ſie den Krieg vollendet? Wird noch Mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verſtoßen an den Mauern von Tübingen. Kommt mit, es iſt ja nicht gegen Euren Eid!“ „Und was ſoll ich in Würtemberg?“ rief Georg ſchmerzlich.„Soll ich recht in der Nähe ſehen, wie meine Kriegsgeſellen bei Eroberung der Veſten ſich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf ewig Lebewohl geſagt und den Rücken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimath,“ ſagte er düſter, indem er die umwölkte Stirn in die Hand ſtützte;„in meine alte Mauern will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich ſein können!“ E. 44 „Das iſt ein ſchöner Entſchluß für einen jungen Mann von Eurem Schrot und Korn! Habt Ihr denn in Würtemberg gar nichts zu thun, als des armen Herzogs Burgen zu ſtürmen? Nun, reitet immerhin,“ fuhr er fort, indem er den Jüngling mit liſtigem Lächeln anblickte,„verſucht einmal, ob der Lichtenſtein nicht mit Sturm genommen werden könne?“ Der junge Mann erröthete bis in die Stirne hin⸗ auf.„Wie magſt Du nur jetzt Deinen Scherz treiben,“ ſagte er, halb in Unmuth, halb lächelnd,„wie magſt Du mit meinem Unglück ſpaßen?“ „Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker zu treiben,“ antwortete ſein Gefährte.„Es iſt mein voller Ernſt, daß ich Euch bereden möchte, dorthin zu ziehen.“ „Und was dort thun?“ „Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen, und die Thränen des bleichen Fräuleins ſtillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!“ „Und wie ſoll ich auf den Lichtenſtein kommen? Der Vater kennt mich nicht, wie ſoll ich mit ihm be⸗ kannt werden? „Seid Ihr der erſte Rittersmann, der nach Sitte der Väter eine freie Zehrung in einem Schloß fordert? Laſſet nur mich dafür ſorgen, ſo ſollt Ihr bald auf den Lichtenſtein kommen!“ Der Jüngling ſann lange Zeit nach, er wog alle Gründe für und wider, er bedachte, ob es nicht gegen ſeine Ehre ſei, ſtatt vom Schauplatz des Krieges ſich zu entfernen, in eine Gegend zu reiſen, wohin ſich der 45⁵ Krieg nothwendig ziehen mußte. Doch als er bedachte, wie mild die Bundesoberſten ſelbſt ſeinen Abfall ange⸗ ſehen hatten, wie ſie ſogar im Fall ſeines völligen Über⸗ trittes zum Feinde nur vierzehn Tage Friſt angeſetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre ſtille Sehnſucht auf ihrem einſamen Lichtenſtein vorſchwebte, da neigte ſich die Schale nach Würtemberg. „Noch einmal will ich ſie ſehen, nur noch einmal ſie ſprechen,“ dachte er.—„Nun wohlan!“ rief er end⸗ lich,„wenn Du mir verſprichſt, daß nie davon die Rede ſein ſoll, mich an die Würtemberger anzuſchlie⸗ ßen, daß ich nicht als Anhänger Eures Herzogs, ſon⸗ dern als Gaſt in Lichtenſtein behandelt werde, wenn Du dies verſprichſt, ſo will ich folgen.“ „Für mich kann ich dies wohl verſprechen,“ ant⸗ wortete der Bauer;„aber wie kann ich etwas geloben für den Ritter von Lichtenſtein?“ „Ich weiß, wie Du mit ihm ſteheſt, und daß Du oft zu ihm nach Ulm kamſt, und er ſein Vertrauen in Dich ſetzt. So gut Du ihm geheime Botſchaft aller Art bringen konnteſt, ſo gut kannſt Du ihm auch dies beibringen.“ Der Pfeifer von Hardt ſah den jungen Mann lange ſtaunend an.„Woher wißt Ihr dies?“ rief er.„Doch — die, welche mich verfolgten, können auch dies ge⸗ ſagt haben. Nun gut, ich verſpreche Euch, daß Ihr überall ſo angeſehen ſein ſollt, wie Ihr wollt. Beſteiget Euer Roß, ich will Euch führen, und Ihr ſollt willkommen ſein auf ichteuſtem; 14 V. Da ſpricht der arme Hirte:„Deß mag noch werden Rath; Ich weiß geheime Wege, die noch kein Menſch betrat. Kein Menſch mag ſie erſteigen, nur Geißen klettern dort; Wollt Ihr ſogleich mir ſolgen, ich bring' Euch ſicher fort.“ Uhland. Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entſchluß gefaßt hatte, ſeinem geheimnißvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von Reutlingen, wo Mariens Bergſchloß, der Lichtenſtein, lag. Der eine war die offene Heerſtraße, welche von Ulm nach Tü⸗ bingen führt. Sie führte durch das ſchöne Blauthal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß der Alb kommt, von da quer über dieſes Gebirge, vorbei an der Veſte Hohen⸗Urach, gegen St Johann und Pfullingen hin. Dieſer Weg war ſonſt für Reiſende, die Pferde, Sänften oder Wagen mit ſich führten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt über das Gebirge zog, war es nicht rathſam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen hatten ſchon Blau⸗ beuren beſetzt, ihre Poſten dehnten ſich über die ganze Straße bis gegen Urach hin, und verfuhren gegen Je⸗ den, der nicht zum Heere gehörte, oder zu ihnen ſich bekannte, mit großer Strenge und Erbitterung. Georg — 47 hatte ſeine Gründe, dieſe Straße nicht zu wählen, und ſein Führer war zu ſehr auf ſeine eigene Sicherheit be⸗ dacht, als daß er dem jungen Mann von dieſem Ent⸗ ſchluß abgerathen hätte. Der andere Weg, eigentlich ein FJußpfad, und nur den Bewohnern des Landes genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf Stunden nur einige einzeln ſtehende Höfe, zog ſich durch dichte Wälder und Gebirgsſchluchten, und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landſtraßen zu vermeiden, einen Bogen machte, und für Pferde ermüdend und oft beinahe unzugänglich war, doch den großen Vortheil der Sicherheit. Dieſen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündiſchen zu ſtoßen. Sie zogen raſch fürbaß, der Bauer war immer an Georgs Seite. Wenn die Stellen ſchwierig wurden, führte er ſorgſam ſein Pferd, und bewies überhaupt ſo viel Aufmerkſamkeit und Sorgfalt für Reiter und Roß, daß in Georgs Seele . jene Warnungen Frondsbergs vor dieſem Manne im⸗ mer mehr an Gewicht verloren, und er nur einen treuen Diener in ihm ſah.— Georg unterhielt ſich gerne mit ihm. Er urtheilte über manche Dinge, die ſonſt außer dem Kreiſe des Landmanns liegen, klug und ſcharfſinnig, und mit einem ſo ſchlagenden Witz, daß er dem ſonſt ernſten, jungen Mann, den ſeine zweifechafte Lage oft trübe ſtimmte, unwillkürlich ein Lächeln abnöthigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den Wäldern auftauchte, wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit und 77 Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem Hochzeitsſchmaus, bei manchem Kirchweih⸗ tanz neben ſeinem Amt als Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müſſe. Nur ſo oft Georg auf ſein eigenes Leben, beſonders auf jene Periode kom⸗ men wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr des armen Konrad geſpielt hatte, brach er düſter ab, oder wußte mit mehr Geläufigkeit, als man dem ſchlichten Manne zugetraut hätte, das Geſpräch auf andere Gegenſtände zu bringen. So waren ſie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte immer voraus, wann wieder ein Gehöfte kam, wo ſie Erfriſchung für ſich, und gutes Futter für das Pferd finden würden, überall war er bekannt, überggll wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg ſchien, meiſtens mit Staunen aufgenommen; er flüſterte dann gewöhnlich ein Viertelſtündchen mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem jungen Ritter emſig und freundlich mit Brod, Butter und unvermiſchtem Apfel⸗ wein aufwartete, und die„Büebla“ und„Mädla“ den hohen, ſchlanken Gaſt, ſeine ſchönen Kleider, ſeine glänzende Schärpe, die wallenden Federn ſeines Ba⸗ retes bewunderten. War dann das kleine Mahl ver⸗ zehrt, hatte Georgs Pferd wieder Kräfte geſammelt, ſo begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Thüre, und der junge Reiter konnte zu ſeiner Beſchä⸗ mung niemals die Gaſtfreundſchaft der guten Leute belohnen. Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten ſie ſich ſtandhaft, ſeine kleinen Gaben anzunehmen; auch dieſes Räthſel löste ihm * 49 ſein Begleiter nicht; denn ſeine Antwort:„Wenn die Leute nach Hardt kommen, kehren ſie auch wieder bei mir ein,“ ſchien nur eine ausweichende Antwort zu ſein.. 3 Die Nacht brachten ſie ebenfalls in einem dieſer zerſtreuten Höfe zu, wo die Hausfrau ihrem vorneh⸗ men Gaſt mit nicht geringerer Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht machte, als ſie ihm zu Eh⸗ ren ein paar Tauben geopfert und einen dick ge⸗ ſchmelzten Haferbrei aufgetragen hatte. Den folgenden Tag ſetzten ſie ihre Reiſe auf dieſelbe Art fort, nur kam es Georg vor, als ob ſein Führer mit noch mehr Vorſicht als geſtern zu Werke gehe. Denn er ließ, wenn ſie ſich einem Hof nahten, den Reiter wohl fünfhundert Schritte davon Halt machen, nahte ſich behutſam den Gebäuden, und erſt, nachdem er Alles ſorgfältig ausgeſpähet hatte, winkte er dem Junker, zu folgen. Georg befragte ihn umſonſt, ob es in dieſer Gegend gefährlicher ſei, ob die Bundes⸗ truppen ſchon in der Nähe ſeien? Er ſagte nichts Be⸗ ſtimmtes darüber. Gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg mehr ſich gegen das ebene Land herabzuziehen ſchien, ſchien die Reiſe gefährlicher zu werden. Denn der Spielmann von Hardt ſchien ſich von jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nähern zu wollen, ſon⸗ dern hatte ſich in einem Hof mit einem Sack verſehen, der Futter für das Pferd und hinlängliche Lebensmittel für ſie Beide enthielt. Es ſchien, als ob er meiſt noch einſamere Pfade als bisher aufſuche. Auch glaubte 50 Georg zu bemerken, daß ſie nicht mehr dieſelbe Rich⸗ tung verfolgten, wie früher, ſondern ſehr ſtark zur Rechten ablenkten. Am Rand eines ſchattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und friſcher Raſen zur Ruhe einlud, machten ſie Halt. Georg ſtteg ab und ſein Führer zog aus ſeinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd verſehen hatte, ſetzte er ſich zu den Füßen des jungen Ritters und begann mit großem Appetit zuzugreifen. Georg hatte ſeinen Hunger geſtillt und betrachtete jetzt mit aufmerkſamem Auge die Gegend. Es war ein ſchönes, breites Thal, in welches ſie hinab ſahen. Ein kleines Fluͤßchen eilte ſchnell durchhin; die Felder, wo⸗ von es begrenzt war, ſchienen gut und fleißig ange⸗ pflanzt, eine freundliche Burg erhob ſich auf einem Hügel am andern Ende des Thales, die ganze Gegend war freundlicher als der Gebirgsrücken, über welchen ſie gezogen waren. „Es ſcheint, wir haben die Alb verlaſſen,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich zu ſeinem Gefährten wandte.„Dieſes Thal, jene Hügel ſehen bei weitem freundlicher aus, als der Felſenboden und die öden Weideplätze, die wir durchzogen. Selbſt die Luft weht hier milder und wärmer als oben, wo uns die Winde oft ſo hart anfaßten.“ 1 „Ihr habt recht gerathen, Junker,“ ſagte Hans, indem er die Reſte ihrer Mahlzeit ſorgfältig in den Sack legte.„Dieſe Thäler gehören zum Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr ſehet, ſtrömt in den Neckar.“ 51 „Wie kommt es aber, daß wir ſo weit vom Weg ablenken?“ fragte Georg.„Es kam mir ſchon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung ver⸗ laſſen, aber Du wollteſt nie darauf hören. Dieſer Weg muß, ſo viel ich die Lage von Lichtenſtein kenne, viel zu weit rechts führen.“ „Nun, ich will es Euch jetzt ſagen,“ antwortete der Bauer,„ich wollte Euch auf der Alb nicht unnöthig bange machen, jetzt aber ſind wir, ſo Gott will, in Sicherheit. Denn im ſchlimmſten Fall ſind wir keine vier Stunden mehr von Hardt, wo ſie uns nichts mehr anhaben ſollen.“ „In Sicherheit?“ unterbrach ihn Georg verwun⸗ dert.„Wer ſoll uns etwas anhaben?“ „Ei, die Bündiſchen,“ erwiderte der Spielmann. „Sie ſtreifen auf der Alb, und oft waren ihre Reiter keine tauſend Schritte mehr von uns. Mir für meinen Cheil wäre es nicht lieb geweſen, in ihre Hände zu fallen, denn ſie ſind mir, wie Ihr wohl wiſſet, gar nicht grün. Und auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn Truchſes geführt zu werden.“ „Gott ſoll mich bewahren!“ rief der Junker.„Vor den Truchſes? Lieber laſſe ich mich auf der Stelle todt ſchlagen. Was wollen ſie denn aber hier? Es iſt ja hier in der Nähe keine Veſte von Würtemberg, und Du ſagteſt mir ja doch, ſie können ungehindert durchs Land ziehen; wornach ſtreifen ſie denn?“ „Seht Junker, es gibt überall ſchlechte Leute. Was ein rechter Würtemberger iſt, der läßt ſich eher 5² die Haut abziehen, als daß er den Herzog verräth, nach welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen halten.“ Aber der Truchſes ſoll unter der Hand einen ganzen Haufen Gold dem verſprochen haben, der ihn fängt. Er hat ſeine Reiter ausgeſchickt, dieſe ſtreifen jetzt überall, und die Leute ſagen, es gebe einige unter den Bauern, die ſich vom Gold blenden laſſen, und den Spürhunden alle Schluchten und Schlupfwinkel zeigen.“** „Nach dem Herzog ſollen ſie ſtreifen? Der iſt ja aus dem Lande geflohen, oder, wie Andere ſagen, in Tübingen auf ſeinem feſten Schloſſe, wo ihn vierzig Ritter beſchützen.“ „Ja, die vierzig Edlen ſind dort,“ antwortete der Bauer mit ſchlauer Miene.„Auch des Herzogs Söhn⸗ lein, der Chriſtoph, iſt dort, das hat ſeine Richtigkeit. Ob aber der Herzog ſelbſt dort iſt, weiß Niemand recht. Im Vertrauen geſagt, wie ich ihn kenne, ſchließt er ſich nur zur höchſten Noth in eine Veſte ein; er iſt ein kühner, unruhiger Herr, und es iſt ihm wohler in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.“ * Vgl. Anmerk. S. 6. *r Ulerich beklagte ſich mehremal über die Nachſtellungen ſeiner Feinde. Im Jahr 1531 ſoll ein für ihn von Dietrich Späth gedungener Meuchelmörder gefangen worden ſein. Sattler Geſch. d. Herzoge. 3. Seite 47. Im Jahr 1536 wurde im Amt Dornſteiten ein Zigeuner verhaſtet, welcher ausſagte, von Herzog Wilhelm in Baiern für Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaff Geſchichte I. 288. Ein Beweis, daß ſolche Verſuche vorkamen. 5³ „Den Herzog alſo ſuchen ſie? Alſo müßte er hier in der Nähe ſein?“ „Wo er iſc weiß ich nicht,“ erwiderte der Pfeifer von Hardt,„und ich wollte wetten, dies weiß Nie⸗ mand, als Gott; aber wo er ſein wird, weiß ich,“ ſetzte er hinzu, und es ſchien Georg, als ob ein Strahl von Begeiſterung aus dem Auge dieſes Mannes breche; „wo er ſein wird, wenn die Noth am höchſten iſt, wo ſeine Getreuen ſich zu ihm finden werden, wo manche treue Bruſt zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Noth gegen dieſe Bündler zu ſchützen. Denn iſt er auch ein ſtrenger Herr, ſo iſt er doch ein Würtem⸗ berger, und eine ſchwere Hand iſt uns lieber, als die gleißenden Worte des Baiern und des Öſterreichers.“ „Und wenn ſie den unglücklichen Fürſten erkennen, wenn ſie auf ihn ſtoßen? Hat er nicht ſeine Geſtalt verhüllt und unkenntlich gemacht? Du haſt mir einmal ſeen Geſicht beſchrieben, und ich glaube ihn beinahe vor mir zu ſehen, beſonders ſein gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie iſt ſeine Geſtalt?“ „Er mag kaum acht Jahre älter ſein als Ihr,“ entgegnete Jener,„er iſt nicht ſo groß als Ihr, aber in Vielem Euch ähnlich an Geſtalt; beſonders wenn Ihr zu Pferd ſaßet, und ich hinter Euch ging, da ge⸗ mahnte es mich oft und ich dachte: ſo, gerade ſo ſah der Herzog aus in den Tagen ſeiner Herrlichkeit.“ Georg war aufgeſtanden, um nach ſeinem Pferd zu ſehen; die Worte des Bauern hatten ihn um ſeine Sicherheit beſorgt gemacht, und er ſah jetzt erſt ein, wiee thöricht er gehandelt, in dieſem Kriegsſtrudel ſich durch ein vecupirtes Land ſtehlen zu wollen. Es waͤre ihm höchſt unangenehm geweſen, in dieſem Augenblicke gefangen zu werden; zwar konnte er nach ſeinem Eide reiſen, wohin er wollte, wenn er nur in den nächſten vierzehn Tagen keinen thätlichen Antheil an dem Kampfe gegen den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachtheiliges Licht es dennoch auf ihn werfen müßte, in dieſer Gegend, ſo weit von dem Weg nach ſeiner Heimath, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Geſellſchaft eines Mannes, der den Bundesoberſten ſehr verdächtig, ſogar gefährlich geſchienen hatte. Um⸗ zukehren war keine Möglichkeit, denn es ließ ſich bei⸗ nahe mit Gewißheit annehmen, daß die Bundestruppen bereits die ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das ſicherſte ſchien, ſich zu beeilen über die äußerſten Poſten des Heeres hinaus zu kommen; man hatte dann die Gefahr im Rücken, vor und neben ſich aber freit Bahn. Das ſonſt ſo muntere Thier, das ſeinen Herrn über dieſe Gefahren hinaus tragen ſollte, hing die Ohren; die große Eile und die ermüdenden, ſteinigten Fußpfade hatten ſeine Kraft geſchwächt; zu ſeinem großen Verdruß bemerkte Georg ſogar, daß es auf dem linken Vorderfuß nicht gerne auftrete, was nach einem achtſtündigen Weg über ſcharfe, eckige Felſen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegen⸗ heit des Junkers; er unterſuchte das Thier und rieth, es noch einige Stunden ſtehen zu laſſen, gab aber zu⸗ gleich den Troſt, er ſei der Gegend ſo kundig, daß ſie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen könnten. VI. Es zieben vom Schwabenbunde Die Jäger ins Gefild, Sie ſpüren in die Runde Nach einem Fürſtenwild. G. Schwab. Der junge Mann ergab ſich in ſein Schickſal, und ſuchte Zerſtreuung in der lieblichen Ausſicht, die ſich noch bei weitem herrlicher ſeinen Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt hatte. Sie ſtanden auf einer Felſenecke, die einen ſchönen Ausläufer der ſchwäbiſchen Alb begrenzte. Ein unge⸗ heures Panorama breitete ſich vor den erſtaunten Bli⸗ cken Georgs aus, ſo überraſchend, von ſo lieblichem Schmelz der Farben, von ſo erhabener Schönheit, daß ſeine Blicke eine geraume Zeit wie entzückt daran hin⸗ gen. Und wirklich, wer je mit reinem Sinn für Schön⸗ heiten der Natur, ohne himmelhohe Alpen, ohne Thä⸗ ler, wie das Rheingau zu ſuchen, die ſchwäbiſche Alb beſtiegen hat, der wird die Erinnerung eines ſolchen Anblickes zu den lieblichſten zählen. Man denke ſich eine Kette von Gebirgen, die von der weiteſten Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen Beleuchtung, von 56 ſanftem Grau, durch alle Nüancen von Blau, am Ho⸗ rizont ſich hinzieht, bis das dunkle Grün der näher lie⸗ genden Berge mit ſeinem ſanften Schmelz die Kette ſchließt. Auf dieſen Gipfeln eines langen Gebirgsrücken erkennt das Auge Schlöſſer und Burgen ohne Zahl, die wie Wächter auf dieſe Höhen ſich lagern und über das Land hinſchauen. Jetzt ſind ihre Thürme zerfallen, ihre ſtattlichen Thore ſind gebrochen, den tiefen Burggraben füllen Trümmer und Moos, und die Hallen, in wel⸗ chen ſonſt laute Freude erſcholl, ſind verſtummt; aber damals, als Georg auf dem Felſen von Beuren ſtand, ragten ihrer viele noch feſt und herrlich; ſie breiteten ſich wie eine undurchbrochene Schaar gewaltiger Män⸗ ner zwiſchen den Heldengeſtalten von Staufen und Hohenzollern aus. „Ein herrliches Land, dieſes Würtemberg!“ rief Georg, indem ſein Auge von Hügel zu Hügel ſchweifte. „Wie kühn, wie erhaben dieſe Gipfel und Bergwände, dieſe Felſen und ihre Burgen! und wenn ich mich dort⸗ hin wende gegen die Thäler des Neckars, wie lieblich jene ſanften Hügel, jene Berge mit Obſt und Wein be⸗ ſetzt, jene fruchtbaren Thäler mit ſchönen Bächen und Flüſſen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräf⸗ tiger Schlag von Menſchen!“ „Ja,“ fiel der Bauer ein,„es iſt ein ſchönes Land; doch hier oben will es noch nicht viel ſagen, aber was ſo unter Stuttgart iſt, das wahre Unterland, Herr! da iſt es eine Freude, im Sommer oder Herbſt am Neckar hinab zu wandeln; wie da die Felder ſo ſchön und reich ſtehen, wie der Weinſtock ſo dicht und grün die Berge überzieht, und wie Nachen und Flöße den Neckar hinauf und hinab fahren, wie die Leute ſo fröhlich an der Ar⸗ beit ſind, und die ſchönen Mädchen ſingen wie die jun⸗ gen Lerchen!“ „Wohl ſind jene Thäler an der Rems und dem Neckar ſchöner,“ entgegnete Georg;„aber auch dieſee Thal zu unſern Füßen, auch dieſe Höhen um uns her haben eigenen, ſtillen Reiz. Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln? Sprich, wie heißen jene fernen Berge?“ Der Bauer überblickte ſinnend die Gegend und zeigte auf die hinterſte Bergwand, die dem Auge kaum noch ſichtbar aus den Nebeln ragte.„Dort hinten, zwiſchen Morgen und Mittag, iſt der Roßberg; in glei⸗ cher Richtung herwärts, jene vielen Felſenzacken, ſind die Höhen von Urach. Dort, mehr gegen Abend, iſt Achalm; nicht weit davon, doch könnt Ihr ihn hier nicht ſehen, liegt der Felſen von Lichtenſtein.“ „Dort alſo,“ ſagte Georg ſtille vor ſich hin, und ſein Auge tauchte tief in die Nebel des Abends,„dort, wo jenes Wölkchen in der Abendröthe ſchwebt, dort ſchlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch ſteht ſie viel⸗ leicht auf der Zinne ihres Felſens und ſieht herüber in dieſe Welt von Bergen, vielleicht nach dieſem Felſen hin. O, daß die Abendlüfte Dir meine Grüße bräch⸗ ten und jene roſigen Wolken Dir meine Nähe verkün⸗ deten!“ „Weiter hin, Ihr ſehet doch jene ſcharfe Ecke, das iſt die Teck; unſere Herzoge nennen ſich Herzoge von Teck; es iſt eine gute, feſte Burg; wendet Eure Blicke W. Hauffs Werke. XV. 5 58 hier zur Rechten, jener hohe, ſteile Berg war einſt die Wohnung berühmter Kaiſer, es iſt Hohenſtaufen.“ „Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächſt aus der Tiefe emporſteigt?“ fragte der junge Mann;„ſieh nur wie ſich die Sonne an ihren hellen, weißen Wän⸗ den ſpiegelt, wie ihre Zinnen in goldenem Duft zu tauchen ſcheinen, wie ihre Thürme in röthlichem Lichte erglänzen.“ „Das iſt Neuffen, Herr! Auch eine ſtarke Veſte, die dem Bunde zu ſchaffen machen wird.“ Die Sonne des kurzen, ſchönen Märztages begann während dieſes Zwiegeſprächs der Wanderer hinab zu ſin⸗ ken. Die Schatten des Abends rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten dem Auge die ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam bleich herauf und überſchaute ſein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Thürme von Neuffen röthete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als ſei dieſer Felſen ihr Liebling, von welchem ſte ungern ſcheide. Sie ſank, auch dieſe Mauern hüllten ſich in Dunkel, und durch die Wälder zog die Nachtluft, geheimnißvolle Grüße flüſternd, dem heller ſtrahlenden Mond entgegen. „Jetzt iſt die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige Reiſende wie wir,“ ſagte der Bauer, indem er des Junkers Pferd aufzäumte;„ſei es noch um eine Stunde, ſo iſt die Nacht kohlſchwarz, und dann ſoll uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein bündiſcher Reiter ausſpüren!“ 3 „Glaubſt Du, es habe Gefahr?“ ſagte Georg, in⸗ dem er ſeſe Hand nach dem Helm ausſtreckte, und das — 59 dünne Baret abnahm.„Meinſt Du nicht, wir ſollen uns beſſer wappnen?“. „Laßt hängen, Junker,“ rief der Bauer lachend, „ſolch eine Sturmhaube iſt an ſich ſchon kalt und gibt in einer friſchen Nacht nicht ſehr warm; laßt immer Euer Baret ſitzen; in dieſer Gegend ſuchen ſie den Herzog nicht, und ſollten ſie kommen, wir Zwei fürch⸗ ten ihrer Viere nicht.“ Der junge Mann ließ zoͤgernd ſeinen ſchoͤnen Helm am Sattelknopf hängen; er ſchämte ſich, weniger Muth zu zeigen als ſein Begleiter, der unberitten, nur durch eine dünne, lederne Mütze geſchützt, und mit einer ein⸗ fachen Art ſchlecht bewaffnet war. Er ſchwang ſich auf. Sein Führer ergriff die Zügel des Roſſes und ſchritt voran den Berg hinab. „Du meinſt alſo,“ fragte Georg nach einer Weile, „bis hierher werden ſich die bündiſchen Reiter nicht wagen?“ „Es iſt nicht wohl mögſich,“ antwortete der Pfei⸗ fer,„Neuffen iſt ein ſtarkes Schloß und hat gute Be⸗ ſatzung: ſie werden es zwar in kurzer Zeit mit Heeres⸗ macht belagern, aber Geſindel, wie die Handvoll Reiter des Truchſes, wagt ſich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.“ „Schau! wie hell und ſchön der Mond ſcheint,“ rief der Jüngling, der, noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen Schatten der Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felſen betrach⸗ tete;„ſieh, wie die Fenſter von Neuffen im Mondlicht ſchimmern!“ 5 60 „Es wäre mir lieber, er ſchiene heute Nacht nicht,“ entgegnete ſein Führer, indem er ſich zuweilen beſorgt umſah; dunkle Nacht wäre beſſer für uns; der Mond hat ſchon manchen braven Mann verrathen. Doch jetzt ſteht er gerade über dem Reiſſenſtein, wo der Rieſe ge⸗ wohnt hat; es kann nicht mehr lange dauern, ſo iſt er hinunter.“ 4 „Was ſchwatzſt Du da von einem Rieſen, der auf dem Reiſſenſtein gewohnt hat?“ „Ja, dort hat vor langer Zeit ein Rieſe gewohnt,“* das hat ſeine Richtigkeit: dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond ſteht, liegt ein Schloß, das heißt der Reiſſenſtein; es gehört jetzt den Helfenſteinern; es liegt auf jähen Felſen, weit oben in der Luft, und hat keine Nachbarſchaft als die Wolken, und bei Nacht den Mond. Geradeüber von der Burg, auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenſtein ſteht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor Alters ein Rieſe. Er hatte unge⸗ heuer viel Gold, und hätte herrlich und in Freuden leben können, wenn es noch mehr Rieſen und Rieſinnen außer ihm gegeben hätte. Da fiel es ihm ein, er wolle ſich ein Schloß bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb. Der Felſen gegenüber ſchien ihm gerade recht dazu.“ „Er ſelbſt aber war ein ſchlechter Baumeiſter; er grub mit den Nägeln haushohe Felſen aus der Alb und ſtellte ſie auf einander, aber ſie fielen immer wieder * Dieſe Sage erzählt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiſer über die ſchwäbiſche Alb. Er hat ſie in einer Ro⸗ manze;„der Bau des Reiſſenſteins,“ der Nachwelt aufbehalten⸗ . 61 ein und wollten kein geſchicktes Schloß geben. Da legte er ſich auf den Beurener Felſen und ſchrie ins Thal hinab nach Handwerkern; Zimmerleute, Maurer, Steinmetzen, Schloſſer, Alles ſolle kommen und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.“ „Man höoͤrte ſein Geſchrei im ganzen Schwaben⸗ land, vom Kocher hinauf bis zum Bodenſee, vom Neckar bißs an die Donau, und überall her kamen die Meiſter und Geſellen, um dem Rieſen das Schloß zu bauen. — Reitet aus dem Mondſchein, Junker, hieher in den Schatten, Euer Harniſch glänzt wie Silber, und könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!“ „Nun, um wieder auf den Rieſen zu kommen, ſo war es luſtig anzuſehen, wie er vor ſeiner Höhle im Sonnenſchein ſaß und über dem Thal drüben auf dem hohen Felſen ſein Schloß bauen ſah; die Meiſter und Geſellen waren flink an der Arbeit und bauten, wie er ihnen über das Thal hinüber zuſchrie; ſie hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, weil er von der Bauerei nichts verſtand. Endlich war der Bau fertig, und der Rieſe zog ein und ſchaute aus dem höchſten Fenſter aufs Thal hinab, wo die Meiſter und Geſellen verſammelt waren, und fragte ſie, ob ihm das Schloß gut anſtehe, wenn er ſo zum Fenſter herausſchaue. Als er ſich aber umſah, er⸗ grimmte er, denn die Meiſter hatten geſchworen, es ſei Alles fertig, aber an dem oberſten Fenſter, wo er her⸗ ausſah, fehlte noch ein Nagel.“ „Die Schloſſermeiſter entſchuldigten ſich und ſag⸗ ten: es habe ſich Keiner getraut, vors Fenſter hinaus 62 in die Luft zu ſitzen und den Nagel einzuſchlagen. Der Rieſe aber wollte nichts davon hören, ſondern zahlte den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeſchlagen ſei.“ „Da zogen ſie Alle wieder in die Burg; die wilde⸗ ſten Burſche vermaßen ſich hoch und theuer, es ſei ihnen ein Geringes, den Nagel einzuſchlagen; wenn ſie aber an das oberſte Fenſter kamen und hinaus ſchauten in die Luft, und hinab in das Thal, das ſo tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felſen, da ſchüttelten ſie den Kopf und zogen beſchämt ab. Da boten die Meiſter zehnfachen Lohn, wer den Nagel einſchlage, und es fand ſich lange Keiner.“ „Nun war ein flinker Schloſſergeſelle dabei, der hatte die Tochter ſeines Meiſters lieb, und ſie ihn auch, aber der Vater war ein harter Mann und wollte ſie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der faßte ſich ein Herz und dachte, er könne hier ſeinen Schatz verdienen oder ſterben, denn das Leben war ihm entleidet ohne ſie; er trat vor den Meiſter, ihren Va⸗ ter, und ſprach:„Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn ich den Nagel einſchlage?““ Der aber gedachte ſeiner auf dieſe Art los zu werden, wenn er auf die Felſen hinabſtürze und zen Hals breche, und ſagte ja.“ „Der flinke Schloſſergeſelle nahm den Nagel und ſeinen Hammer, ſprach ein frommes Gebet und ſchickte ſich an, zum Fenſter hinaus zu ſteigen, und den Nagel einzuſchlagen für ſein Mädchen. Da erhob ſich ein Freudengeſchrei unter den Bauleuten, daß der Rieſe vom Schlaf aufwachte, und fragte, was es gebe. Und 63 als er hörte, daß ſich Einer gefunden habe, der den Nagel einſchlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen Schloſſer lange und ſagte:„Du biſt ein braver Kerl und haſt mehr Herz als das Lumpengeſindel da; komm, ich will Dir helfen.““ Da nahm er ihn beim Genick, daß es Allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenſter hinaus in die Luft und ſagte:„„Jetzt hau d'rauf zul ich laſſe Dich nicht fallen.“““ „Und der Knecht ſchlug den Nagel in den Stein, daß er feſt ſaß; der Rieſe aber küßte und ſtreichelte ihn, daß er beinahe ums Leben kam, führte ihn zum Schloſſermeiſter und ſprach:„Dieſem gibſt Du Dein Töchterlein.““ Dann ging er hinüber in ſeine Höhle, langte einen Geldſack heraus und zahlte Jeden aus bei Heller und Pfennig. Endlich kam er auch an den flinken Schloſſergeſellen; zu dieſem ſagte er:„Jetzt gehe heim, Du herzhafter Burſche, hole Deines Meiſters Töchter⸗ lein und ziehe ein in dieſe Burg, denn ſie iſt Dein.““ „Deß freuten ſich Alle; der Schloſſer ging beim, und—“ 3 „Horch! hörteſt Du nicht das Wiehern von Roſſen?“ rief Georg, dem es in der Schlucht, die ſie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond ſchien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten ſich, es rauſchte im Ge⸗ büſch, und oft wollte es ihm bedünken, als ſehe er dunkle Geſtalten im Wald neben ſich hergehen. 1 Der Pfeifer von Hardt blieb ſtehen, ungeduldig, daß ihn der Junker nicht bis zum Ende erzählen laſſe: „Es kam mir vorhin auch ſo vor, aber es war der Wind, der in den Eichen ächzt, und der Schuhn rief im Gebüſch⸗ 64 Wären wir nur das Wieſenthal noch hinüber, da iſt es ſo offen und hell, wie bei Tag; jenſeits fängt wieder der Wald an, da iſt es dann dunkel, und hat keine Noth mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen, und reitet Trab über das Thal hin, ich laufe neben Euch her. „Warum denn jetzt auf einmal Trab?“ fragte der junge Mann.„Meinſt Du, es habe Gefahr? Geſtehe nur, nicht wahr, Du haſt ſie auch geſehen die Geſtalten im Wald, die neben uns her ſchlichen? Glaubſt Du, es ſind Bündiſche?“ „Nun ja,“ flüſterte der Bauer, indem er ſich um⸗ ſah,„mir war es auch, als ob uns Jemand nach⸗ ſchleiche; drum ſputet Euch, daß wir aus dem ver⸗ dammten Hohlweg heraus kommen, und dann im Trab über das Thal hinüber, weiterhin hat es keine Gefahr.“ Georg machte ſein Schwert locker in der Scheide und nahm die Zügel ſeines Roſſes kräftiger in die Fauſt. Schweigend zogen ſie die Schlucht hinab, beleuchtet von ſo hellem Mondſchein, daß der junge Mann jeden Zug ſeines Gefährten erkennen konnte und deutlich ſah, daß er ſeine Art auf die Schulter nahm, und ein Meſſer, das er im Wamms verborgen hatte, heraus zog und in den Gürtel ſteckte. Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Thal einbiegen, da rief eine Stimme im Gebüſch: „Das iſt der Pfeifer von Hardt, drauf Geſellen, der dort auf dem Roß muß der Rechte ſein!“ „Fliehet, Junker, fliehet!“ rief ſein treuer Führer und ſtellte ſich mit ſeiner Art zum Kampf bereit; doch 65 Georg zog ſein Schwert, und in demſelben Augenblick ſah er ſich von fünf Männern angefallen, während ſein Gefährte ſchon mit drei Andern im Handgemenge war. Der enge Hohlweg hinderte ihn, ſich ſeiner Vor⸗ theile zu bedienen und zur Seite auszuweichen. Einer packte die Zügel ſeines Roſſes, doch in demſelben Au⸗ genblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, daß er ohne Laut niederſank; doch die Andern, wüthend gemacht durch den Fall ihres Genoſſen, drangen noch ſtärker auf ihn ein und riefen ihm zu, ſich zu ergeben; aber Georg, obgleich er ſchon am Arm und Fuß aus mehren Wunden blutete, antwortete nur durch Schwert⸗ hiebe. „Lebendig oder todt,“ rief einer der Kämpfenden, „wenn der Herr Herzog nicht anders will, ſo mag er's haben.“ Er rief's, und in demſelben Augenblick ſank Georg von Sturmfeder, von einem ſchweren Hieb über den Kopf getroffen, nieder. In tödtlicher Ermattung ſchloß er die Augen; er fühlte ſich aufgehoben und weg⸗ getragen, und hörte nur das grimmige Lachen ſeiner Möoͤrder, die über ihren Fang zu triumphiren ſchienen. Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter ſprengte heran, ſaß ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. Georg raffte ſeine letzte Kraft zuſammen, um die Augen noch ein⸗ mal zu öffnen. Er ſah ein unbekanntes Geſicht, das ſich über ihn beugte.„Was habt Ihr gemacht?“ hörte er rufen.„Dieſer iſt es nicht, Ihr habt den Falſchen getroffen.„Macht, daß Ihr fortkommt, die von Neuffen . 66 ſind uns auf den Ferſen.“ Matt zum Tode ſchloß Georg ſein Auge, nur ſein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräuſch von Streitenden, doch auch dieſes zog ſich ferne; feuchte Kälte drang aus dem Boden des Wieſenthales und machte ſeine Glieder erſtarren, aber ein ſüßer Schlummer ſenkte ſich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entſchwanden ſeine Sinne. VI. Von vieler Burgen Walle Des Bundes Fahnen wehn, Die Städte huldgen alle, Kein Schloß mag widerſtehn, Nur Tübingen, die Veſte, Verſpricht noch Wehr und Trutz⸗ 4 Schwab.⸗ Der ſchwäbiſche Bund war mit Macht in Würtem⸗ berg eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden ſeine Heere furcht⸗ barer. Zuerſt war nach langer, muthiger Gegenwehr der Höllenſtein, das feſte Schloß von Heidenheim, ge⸗ fallen. Ein tapferer Mann, Stephan von Lichow, hatte dort befehligt, aber mit ſeinen paar Feldſchlangen, mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tauſenden des Bundes und der Kiiegskunſt eines Frondsberg nicht widerſtehen. Bald nachher fiel Göppingen. Nicht min⸗ der tapfer, als der von Lichow, hatte ſich Philipp von Rechberg gewehrt, hatte ſogar für ſich und ſeine Knechte freien Abzug erfochten; aber das Schickſal des Landes vermochte er nicht abzuwenden. Teck, damals noch eine ſtarke, feſte Burg, ſiel durch Unvorſichtigkeit der Be⸗ ſatzung; am muthigſten hielt ſich Möckmühl; es ſchloß einen Mann in ſeinen Mauern ein, der ſich allein mit zwanzig der Belagerer geſchlagen hätte; ſein eiſerner 68 Wille war oft nicht minder ſchwer als ſeine eiſerne Hand auf ihnen gelegen. Auch dieſe Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerſtehen; es war die feſteſte Stadt geweſen; mit ihr fiel das Unterland.* So war nun ganz Würtemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bündiſchen Gewalt, und der Baiern⸗ Herzog brach mit ſeinem Lager auf, um mit Ernſt an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Geſandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen, vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entſchuldigen, aber ſie gaben zu bedenken, daß ja er, die Urſache des Krieges, nicht mehr unter ihnen ſei, daß man nur gegen ſeinen unſchuldigen Kna⸗ ben, den Prinzen Chriſtoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne Wilhelms von Baiern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden dieſe Bitten keine Gnade. Ulerich habe dieſe Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn unterſtützt, alſo mit gefangen, mit gehangen— auch Stuttgart mußte ſeine Thore öffnen. 3 Aber noch war der Sieg nichts weniger als voll⸗ ſtändig; der größte Theil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es ſchien nicht, als ob er ſich auf den * Ausführlicher beſchreibt dieſe Operationen des Bundes Satt⸗ ler in ſeiner Geſch. d. Herz. v. W. II.§. 6 u. ſ. w. Man ver⸗ gleiche hierüber auch die Geſchichte des Herrn von Frondsberg. 3tes Buch, und Friedrich Strumphart von Cannſtadt Chronil der gewaltſamen Verjagung des Herzogs Ulerich. 1534,, und Spener Hiſtor. Germ. univerſ. L. III. C. 4. 23. 69 erſten Aufruf ergeben wollte. Dieſes höher gelegene Gebirgsland wurde von zwei feſten Plätzen, Urach und Tübingen, beherrſcht, ſo lange dieſe ſich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerſchaft mit dem Bunde, die Beſatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere Kommandant erſtochen wurde; die Stadt ergab ſich den Bündiſchen. Und ſo war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch dieſes hatte der Herzog ſtark befeſtigt; dort waren ſeine Kinder und die Schätze ſeines Hauſes; dem Kern des Adels, vierzig wackern, kampfgeübten Rittern, und zweihundert der tapferſten Landeskinder war das Schloß anvertraut. Dieſe Veſte war ſtark, mit Kriegsvorräthen wohl verſehen; an ihr hingen jetzt die Blicke der Würtemberger, denn aus dieſen Mauern war ihnen ſchon manches Schöͤne und Herr⸗ liche hervorgegangen; von dieſen Mauern aus konnte das Land wieder dem angeſtammten Fürſten erobert werden, wenn es ſich ſo lange hielt, bis er Entſatz herbei brachte. Und dorthin wandten ſich jetzt die Bün⸗ diſchen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte toͤnten durch den Schönbuch, die Thäler des Neckars zitterten unter dem Hufſchlag ihrer Roſſe; auf den Fildern zeigten tiefe Spuren, wohin die ſchweren Feld⸗ ſchlangen, Falkonen und Bombarden, die Kugel⸗ und Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung, gezogen war. Dieſe Fortſchritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht geſehen. Ein tiefer, aber ſüßer 7⁰ Schlummer hielt wie ein mächtiger Zauber ſeine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in dieſem Zu⸗ ſtand wohl zu Muth wie einem Kinde, das an dem Buſen ſeiner Mutter ſchläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um ſie dann wieder auf lange zu verſchließen. Schöne beruhigende Träume aus beſſeren Tagen gaukelten um ſein Lager, ein mil⸗ des, ſeliges Lächeln zog oft über ſein bleiches Geſicht und troſtete die, welche mit banger Erwartung ſeiner pflegten. Wir wagen es, den Leſer in die niedere Hütte zu führen, die ihn gaſtfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem er ver⸗ wundet worden war. Die Morgenſonne dieſes Tages brach ſich in farbi⸗ gen Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fenſters, und erhellte das größere Gemach eines dürfti⸗ gen Bauernhauſes. Das Geräthe, womit es ausge⸗ ſtattet war, zeugte zwar von Armuth, aber von Rein⸗ lichkeit und Sinn für Ordnung. Ein großer, eichener Tiſch ſtand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geſchnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonn⸗ tagsſtaat der Bewohner, oder ſchöne, ſelbſtgeſponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getäfer trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geſchirr mit ſinnreichen Reimen be⸗ malt, und allerlei muſikaliſche Inſtrumente eines längſt verfloſſenen Jahrhunderts: als Zimbeln, Schalmeien * 71 und eine Zither, aufgeſtellt waren. Um den großen Kachelofen, der weit vorſprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehängt, und ſie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettſtelle, mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die im hinterſten Theil der Stube aufgeſtellt war. An dieſem Bette ſaß ein ſchönes, liebliches Kind von etwa ſechszehn bis ſiebzehn Jahren. Sie war in jene maleriſche Bauerntracht gekleidet, die ſich theil⸗ f unſere Tage in Schwaben erhalten hat. ar war unbedeckt und fiel in zwei langen, 4 ändern durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, run⸗ des Geſichtchen etwas gebräunt, doch nicht ſo ſehr, daß es das ſchöne, jugendliche Roth auf der Wange ver⸗ dunkelt hätte; ein munteres, blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor. Weiße, faltenreiche Ar⸗ mel bedeckten bis an die Hand den ſchönen Arm, ein rothes Mieder, mit ſilbernen Ketten geſchnürt, mit blendend weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, ſchloß eng um den Leib; ein kurzes ſchwarzes Röckchen fiel kaum bis über das Knie herunter; dieſe ſchmucken Sachen, und dazu noch eine blanke Schürze und ſchnee⸗ weiße Zwickelſtrümpfe mit ſchönen Kniebändern, woll⸗ ten beinahe zu ſtattlich ausſehen zu dem dürftigen Gemach, beſonders da es Werktag war. Die Kleine ſpann emſig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen lüftete ſie die Gardinen des Bettes, und warf einen verſtohlenen Blick hinein. Doch ſchnell, als wäre ſie auf boͤſen Wegen erfunden 8 7²2 worden, ſchlug ſie die Vorhänge wieder zu und ſtrich die Falten glatt, als ſollte Niemand merken, daß ſie gelauſcht habe. Die Thüre ging auf und eine runde, ältliche Frau, in derſelben Tracht wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schüſſel Suppe zum Frühſtück auf und ſtellte Teller auf dem Tiſche zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das ſchöne Kind am Bette, ſie ſtaunte ſie an, und wenig hätte gefehlt, ſo ließ ſie den Krug mit gutem Apfelwei len, den ſie eben in der Hand hielt. „Was fällt Der aber um Gottes Bär⸗ bele?“ ſagte ſie, indem ſie den Krug niederſetzte und zu dem Mädchen trat.„Was fällt Der ei', daß De am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehſt? und au ⁶' nui Mieder hot ſie an, und ei daß Di!— au a ſilberne Kette. Und en friſcha Schurz, und Strümpf no ſo mir nix Dir nix aus em Kaſta reißa! Wer wird denn en ſolche Hauchmuth treiba, Du dumms Ding, Du? Woißt Du net, daß mer arme Leut ſind? und daß Du's Kind voma onglückliche Mann biſt?—“ Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau aus⸗ reden laſſen; ſie ſchlug zwar die Aagen nieder, aber ein ſchelmiſches Lächeln, das über ihr Geſicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt nicht ſehr tief gehe.„Ei, ſo laſſet Uich doch b'richta,“ antwortete ſie,„was ſchadets denn dem Rock, wenn i ihn au amol amt chriſtliche Wertag ahau? An der ſilberne Kette wird au nex verderbt, und da Schurz kann i jo wiedet wäſcha!« 7³ „So? als wemma et immer gnuag z'wäſcha und yputze hätt? So ſag mer no, was iſt denn in De g'fahra, daß De ſo ſtrählſt und ſchön machſt?“ „Ah was!“ flüſterte das erröthende Schwabenkind, „wiſſet Er denn net, daß heut der acht Tag iſt? Hot et der Aetti g'ſait, der Junker werd am heutige Morga verwacha, wenn ſei Tränkle guete Wirking häb? Und do hanne eba denkt—“ 3 „ſt's um dui Zeit?“ entgegnete die Hausfrau freundlicher.„Da hoſt wärle reacht; wenn er ver⸗ wacht und ſieht älles ſo ſchluttig und ſchlampich, ſo iſts et guet, und könnt Verdruß gä beim Aette. Ih ſieh au aus wie na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei ſchwarz Wammes, mei rauths Mieder und en friſche Schurz.“ „Aber Muater,“ gab die Kleine zu bedenken,„Er wendt Ich doch et do athau wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwache thät? Ganget lieber uffe und theant Ich droba an, i bleib derweil bei em.“ „Da hoſt au reacht, Mädle,“ murmelte die Alte, ließ ſelbſt das Frühſtück ſtehen und ging, um ſich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber öffnete das Fenſter der friſchen erquickenden Morgenluft; ſie ſtreute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran, und verzehrten mit Gurren und Zwitſchern ihr Frühſtück; die Lerchen in den Bäu⸗ men vor den Fenſtern antworteten in einem vierſtim⸗ migen Chorus, und das ſchöne Mädchen ſah, von der Morgenſonne umſtrahlt, lächelnd ihren kleinen Koſt⸗ gängern zu. W⸗ Hauffs Werke. XV⸗ 6 In dieſem Augenblick öffneten ſich die Gardinen des Bettes, der Kopf eines ſchönen jungen Mannes ſah heraus; wir kennen ihn, es iſt Georg. Ein leichtes Roth, der erſte Bote wiederkehrender Geſundheit, lag auf ſeinen Wangen; ſein Blick war wieder glänzend, wie ſonſt; ſein Arm ſtemmte ſich kräftig auf das Lager. Erſtaunt blickte er auf ſeine Umgebungen; dieſes Zimmer, dieſes Geräthe waren ihm fremd, er ſelbſt, ſeine ganze Lage kam ihm unge⸗ wohnt vor. Wer hatte ihm dieſe Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieſes Bett gelegt? Es war ihm, wie Einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt! die Beſinnung endlich verloren hat, und auf einem fremden Lager aufwacht. Lange ſah er dem Mädchen am Fenſter zu; dieſes Bild, das erſte, das ihm bei ſeinem Erwachen aus langem Schlafe entgegen trat, war ſo freundlich, daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich ſiegte die Neugierde, über das, was mit ihm vorge⸗ gangen war, gewiſſer zu werden; er machte ein Ge⸗ räuſch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zurückſchlug. Das Mädchen am Fenſter ſcien zuſammen zu ſchrecken; ſie wandte ſich um, über ein ſchönes Geſicht flog ein brennendes Roth, freundliche, blane Augen ſtaunten ihn an; ein rother, lächelnder Mund ſchien vergebens nach Worten zu ſuchen, den Kranken bei ſeiner Rückkehr ins Leben zu begrüßen. Sie faßte ſich und eilte mit kurzen Schrittchen an das Bette, doch machte ſie unterwegs mehremale Halt, als beſinne ſie — 7⁵ ſich, ob er denn wirklich wieder aufgewacht ſei, ob es ſich auch ſchicke, daß ſie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe, wie ein anderer Menſch. Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des ſchönen jungen Kindes lächelnd zugeſehen hatte, brach zuerſt das Stillſchweigen. „Sag mir, wo bin ich? Wie kam ich hieher?* fragte Georg.„Wem gehöͤrt dieſes Haus, worin ich, wie mir ſcheint, aus einem langen Schlaf er⸗ wacht bin?“ „Sind Er wieder ganz bei Ich?“ rief das Mäd⸗ chen, indem ſie vor Freude die Hände zuſammenſchlug. „Ach, Herr Jeſes, wer hätt des denkt? Er gucket vin doch au wieder g'ſcheit an, und et ſo duſelig, daß oims ällemol angſt und bang wora iſt.“ „Ich war alſo krank?“ forſchte Georg, der das Idiom des Mädchens nur zum Theil verſtand.„Ich lag einige Stunden ohne Bewußtſein?“ „Ei, wie ſchwätzet Er doch,“ kicherte das hübſche Schwabenkind, und nahm das Ende des langen Zopf⸗ bandes in den Mund, um das laute Lachen zu ver⸗ beißen;„a paar Stund ſaget Er? Heit Nacht wird’s 'rad nei Tag, daß ſe Ich brocht hent.“ Der Jüngling ſtaunte ſie mit ernſten Blicken an. Neun Tage, ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? Mitt dieſem himmliſchen Bilde kehrte wie mit einem Schlag ſeine Erinnerung wieder; er erinnerte ſich, daß er vom Bunde ſich losgeſagt habe; daß er ſich ent⸗ ſſcchloſſen habe, nach Lichtenſtein zu reiſen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen ſei, daß— er und ſein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurde. „Gefangen?“ rief er ſchmerzlich.„Sage Mädchen, bin ich gefangen?“ Dieſe hatte mit wachſender Angſt geſehen, wie ſich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinſtert hatten, wie ſeine freundlichen Züge ernſt, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen ſchrecklichen Zuſtand zu⸗ rück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang geraß't hatte, und der ſchwermüthige Ton ſeiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unſchlüſſig, ob ſie bleiben oder um Hülfe rufen ſollte, trat ſie einen Schritt zurück. Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angſt die Beſtätigung ſeiner Frage zu leſen.„Ge⸗ 1 fangen, vielleicht auf lange, lange Zeit,“ dachte er, „vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Troſt, etwas von ihr zu wiſſen!“ Sein Körper war noch zu erſchöpft, als daß er der trauernden Seele widerſtanden hätte; eine Thräne ſtahl ſich aus dem ge⸗ ſenkten Auge. Das Mädchen ſah dieſe Thräne, ihre Angſt löste ſich augenblicklich in Mitleiden auf, ſie trat näher, ſie ſetzte ſich an ſein Bett, ſie wagte es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen.„Er müeſſet et grei⸗ na,“ ſagte ſie;„Euer Gnada ſind jo jetzt wieder g'ſund, und— Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita,“ ſetzte ſie wehmüthig lächelnd hinzu. „Fortreiten?“ fragte Georg.„Alſo bin ich nicht gefangen?“ „O'fanga? Noi g'fanga ſend Er net; es hätt zwar 4 77 a paarmol ſey kenne, wia dia vom ſchwäbiſcha Bund vorbeizoga ſend; aber mer hent Ich allemol guet ver⸗ ſteckt; der Vater hot g'ſait, mer ſolla da Junker koin Menſcha ſeha lau.“ „Der Vater?“ rief der Jüngling.„Wer iſt der gütige Mann? Wo bin ich denn?“ „Ha, wo werdet Er ſey 2“ antwortete Bärbele. „Bei aus ſend Er in Hardt.“ „In Hardt?“ Ein Blick auf die muſtkaliſch aus⸗ ſtaffirten Wände gab ihm Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Manne zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeiſt von Marien zugeſandt war.„Alſo in Hardt? Und Dein Vater iſt der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?“ „Er hot's et gern, wemmer em ſo ruaft,“ ant⸗ wortete das Mädchen;„er iſt freile ſei's Zoiches a Spielma, er hairts am gernſta, wemmer Hans zua nem ſait.“ „Und wie kam ich denn hieher?“ fragte Jener wieder. „Ja wiſſet Er denn au gar koi Wörtle meh?“ lächelte das hübſche Kind und bediente ſich des Zopf⸗ bandes. Sie erzählte, ihr Vater ſei ſchon ſeit einigen Woochen nicht zu Hauſe geweſen, da ſei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe ſtark gepocht, bis ſie erwacht ſei. Sie habe ſeine Stimme erkannt und ſei hinab geeilt, um ihm zu öffnen. Er ſei aber nicht allein geweſen, ſondern noch vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelaſſen haben. Der Vater habe den Mantel zurückgeſchlagen und ihr befohlen zu leuchten, ſie ſei aber heftig er⸗ ſchrocken, denn ein blutender, beinahe todter Mann ſei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befoh⸗ len, das Zimmer ſchnell zu wärmen, indeſſen habe man den Verwundeten, den ſie ſeinen Kleidern nach für einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht. Der Vater habe ihm ſeine Wunden mit Kräu⸗ tern verbunden, habe ihm dann auch ſelbſt einen Trank bereitet, denn er verſtehe ſich trefflich auf die Arzneien für Thiere und Menſchen. Zwei Tage lang ſeien ſie Alle beſorgt geweſen, denn der Junker habe gerast und getobt. Nach dem zweiten Tränklein aber ſei er ſtille geworden, der Vater habe geſagt, am achten Morgen werde er geſund und friſch erwachen, und wirklich ſei es auch ſo eingetroffen. Der junge Mann hatte mit wachſendem Erſtaunen der Rede des Mädchens zugehört. Er hatte ſie oft un⸗ terbrechen müſſen, wenn er ihre zierlichen Ausdrücke nicht recht verſtand, oder wenn ſie in ihrer Rede ab⸗ ſchweifte, um die Kräuter zu beſchreiben, woraus der Pfeifer von Hardt ſeine Arzneien bereitet hatte. „Und Dein Vater,“ fragte er ſie,„wo iſt er?“ „Was wiſſet mir, wo er iſt!“ antwortete ſie aus⸗ weichend, doch als beſinne ſie ſich eines Beſſeren, ſetzte ſie hinzu:„Uich kammes jo ſaga, denn Ihr müeſſet gut Freund ſei mit em Vater. Er iſt nach Lichtaſtoi.“ „Nach Lichtenſtein?“ rief Georg, indem ſich ſeine Wangen höͤher färbten.„Und wann kommt er zurück?“ „Ja er ſott ſchau ſeit zwoi Tag do ſei, wie ner gſait hot. Wennem no nix g'ſcheha iſt. D'Leut ſaget, die bündiſche Reiter baſſenem uff.“ Nach Lichtenſtein— dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte ſich kräftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Verſäumniß der neun Tage einzuholen. Seine nächſte und wichtigſte Frage war daher nach ſeinem Roß. Und als er hörte, daß es ſich ganz wohl befinde und im Kuhſtall ſeine Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte ſeiner holden Pflegerin für ſeine Wartung, und bat ſie um ſein Wamms und ſeinen Mantel. Sie hatte längſt alle Spuren von Blut und Schwerthieben aus den ſchönen Gewändern vertilgt; mit freundlicher Geſchäftigkeit nahm ſie die Habe des Junkers aus dem geſchnitzten und gemalten Schrein, wo ſie neben ihrem Sonntags⸗ ſchmuck geruht hatte. Lächelnd breitete ſie Stück vor Stück vor ihm aus, und ſchien ſein Lob, daß ſie Alles ſo ſchön gemacht habe, gern zu hören. Dann enteilte ſie dem Gemach, um die frohe Botſchaft, daß der Junker ganz geneſen ſei, der Mutter zu verkündigen. Ob ſie der Mutter auch⸗geſtanden, daß ſie ſchon ſeit einer halben Stunde mit dem ſchönen freundlichen Herrn geplaudert habe, wiſſen wir nicht. Wir haben aber Urſache, daran zu zweifeln, denn jene ältliche, runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend, und glaubte ihrem Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können:„Sie ſolle ſich wohl hüten, mit einem jungen Burſchen länger als eine Ave Marie lang zu ſprechen.“ 8„ — VIII. — Was kümmert's Dich? Du fragſt Nach Dingen, Mädchen, die Dir nicht geziemen. Schiller. Als die runde Frau und Bärbele von der Boden⸗ kammer herabſtiegen, war ihr erſter Gang, nicht in das Gemach, wo ihr Gaſt war, ſondern nach der Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal, weil jetzt dem Gaſt ein kräftiges Habermus gekocht werden mußte, und dann— von der Küche ging ein kleines Fenſter in die Stube, dorthin ſtellte ſich die Mutter, um die Mienen des Junkers zu recognoſeiren. Bärbele ſtellte ſich auf die Zehen und ſchaute ihrn Mutter über die Schulter durchs Fenſterlein. Sie ſtaunte und ihr Herz pochte ſeit ſiebzehn Jahren zum erſtenmal recht ungeſtüm, denn ſo hübſch hatte ſie ſich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von ſeinem Anblick bis zu Thränen gerührt geweſen, wenn er mit ſtarren Augen, ohne Bewußtſein, beinahe ohne Leben da lag. Seine bleichen, noch im Kampf mit dem Tode ſo ſchönen Züge hatten ſie oft angezogen wie ein rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anziehet. Aber jetzt, ſie fühlte es, jetzt war es was ganz Anderes. Die Augen waren wieder gefüllt 81 von ſchönem, muthigem Feuer; es wollte dem Bärbele auf den Zehen bedünken, als habe ſie, ſo alt ſie gewor⸗ den, noch gar keine ſolche geſehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um die ſchöne Stirne. Es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab. Seine Wangen hatten ſich wieder geröthet, ſeine Lippen waren ſo friſch wie die Kirſchen an Petri und Paul. Und wie ihn das ſeidengeſtickte Wamms gut kleidete, und der breite, weiße Halskragen, den er über 4 das Kleid heraus gelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen, warum er wohl immer auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene Schärpe niederſah: ſo feſt, ſo eifrig, als wären geheimniß⸗ volle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemüht ſei. Ja, es kam ihr ſogar vor, als drücke er die Feld⸗ binde an das Herz, als führe er ſie an die Lippen voll Andacht und Inbrunſt, wie man Reliquien zu ver⸗ ehren pflegt. Die runde Frau hatte indeſſen ihre Forſchungen durch das Fenſterlein vollendet.„S iſt a Herr wie na Prinz,“ ſagte ſie, indem ſie das Habermus umrührte. „Was er a Wammes a hot! Diea Herra„'Stuagert kennets et ſchöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er gukt a jo ſchier usenan⸗ der! Es iſt, ka ſei, a bisle Bluat na komma, daß ens verzirnt.“ „Noi ſell iſch et,“ entgegnete Bärbele, die jetzt be⸗ quemer das Zimmer überſehen konnte.„Aber wiſſet Er, Muater, wia mers fürkommt? Er macht ſo gar fuiriga Auga druf na. Sell iſt gwiß ebbes von ſeim Schatz.“ 82² Die runde Frau konnte ſich nicht enthalten, über die richtige Vermuthung ihres Kindes etwas Weniges zu lächeln, doch ſchnell nahm ſie ihre mütterliche Würde wieder zuſammen, indem ſie entgegnete:„A, was woiſt Du von Schätz! So na Kind wie Du muaß gar a nix ſo denka. Gang jetzt weg vom Fenſterle dort, lang mir ſell Häfele her. Der Herr wird a fürnehmes Freſſa g'wohnt ſei, i muaß am a bigle viel Schmalz in de Brei duah.“ Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenſter. Sie wußte, daß ſie ihrer Mutter nicht widerſprechen dürfe, aber dieſesmal hatte dieſe offenbar Unrecht. Ging nicht das Mädchen ſchon ſeit einem Jahr i in den Lichtkarz, wo 4 von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel geſprochen und geſungen wurde? Hatten nicht einige ihrer Geſpielinnen, die wenige Wochen älter waren als ſie, ſchon jede einen erklärten Schatz, und ſie allein ſollte nicht davon ſprechen, nicht einmal etwas davon wiſſen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem Töchterlein, das, wenn ſie ſich auf die Zehen ſtellte, der Mutter über die Schultern ſehen konnte, ſolche Wiſſenſchaft geradehin zu verbieten. Aber wie es zu geſchehen pflegt, das Verbot reizt gewöhnlich zur übertretung, und Bärbele nahm ſich vor, nicht eher zu ruhen, als bis ſie wiſſe, warum der junge Ritter mit ſo gar„feirigen Augen“ auf ſeine Feldbinde hinſchaue. Das Frühſtück des Junkers war indeſſen fertig ge⸗ worden, es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieſer war bald herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber 8³ nicht ſo arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten ein Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das Brod, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsſtaat, die Schüſſel mit Habermus in bei⸗ den Fäuſten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube. Es koſtete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knixen der Pfeifersfrau Einhalt zu thun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schloß zu Neuffen gedient und wußte was Lebensart war. Daher blieb ſie mit der rauchenden Schuſſel an ihrer eigenen Schwelle ſtehen, bis ihr der geſtrenge Junker ernſtlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber ſtand erröthend hinter der runden Frau, und ihr verſchämtes Geſicht war nur auf Augenblicke ſichtbar, wenn die Mutter ſich recht tief verneigte. Auch ſie machte die gehörige An⸗ zahl Knixe, doch mochten ſie nicht ſo ungemein ehrer⸗ bietig ſein, denn ſie hatte ja ſchon ein halb Stündchen mit ihm geplaudert. Das Maͤdchen deckte jetzt den Tiſch mit friſchen Linnen, ſetzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank, unter dem Crueifix. Dann ſteckte ſie einen zierlich geſchnitzten höl⸗ zernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin ſtehen, und es war dies ein gutes Zeichen, daß das Frühſtück delikat bereitet ſei. Als der Junker ſich nie⸗ dergelaſſen hatte, ſetzten ſich auch Mutter und Tochter an den Tiſch zu ihrem Suppennapf, doch in beſchei⸗ dener Entfernung, und nicht ohne das Salzfaß zwiſchen ſich und ihren vornehmen Gaſt zu ſtellen. Denn ſo wollte es die Sitte in den guten alten Zeiten. 84 Georg hatte, während ſie das Frühmahl verzehrten, Muße genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er ge⸗ ſtand ſich, daß die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine ſtattliche Frau ſei, die vielleicht manchen weniger kühnen Mann als ſeinen Führer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe(Pantoffeln hatte ſie wohl nicht) gebracht hätte. Auch das Kind des Spiel⸗ manns dünkte ihm eine liebliche Dirne, und ein ſo ſchö⸗ ner Kopf, ſolche freundliche Augen hätten dielleicht in ſeinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum ge⸗ wonnen, wäre es nicht von einem Bild ſchon ganz er⸗ füllt geweſen, wäre nicht die Kluft ſo unendlich groß geweſen, welche Geburt und Verhältniſſe zwiſchen den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Toch⸗ ter des Pfeifers von Hardt befeſtigt hatte. Nichts deſto weniger ruhten ſeine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unſchuldigen Zügen, und wäre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beſchäftigt geweſen, ſo wäre ihr wohl die Röthe nicht entgangen, die auf den Wan⸗ gen ihres Kindes aufſtieg, wenn zufällig einer ihrer verſtohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes begegnete. „Der Napf iſt leer, jetzt iſt es Zeit zu ſchwatzen.“ Dieſer richtige Spruch galt auch hier, ſobald das Tiſch⸗ tuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: er mußte gewiß ſein, wann der Pfeifer von Lichtenſtein zurückkommen würde, weil er nur ſeine Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann ſogleich zu ihr zu eilen. Und zweitens war es ihm ſehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bun⸗ V b 1 8⁵ des in dieſem Augenblicke ſtehe. Über das Erſtere konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher ſchon geſagt hatte. Der Vater ſei etwa ſeit ſechs Tagen abweſend, habe aber verſprochen, am fünften Abend wieder hier zu ſein, und ſie erwarten ihn daher ſtündlich. Die runde Frau vergoß Thränen, in⸗ dem ſie dem Junker klagte, daß ihr Mann, ſeitdem die⸗ ſer Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus geweſen ſei. Er ſei von früheren Zeiten her ſchon als ein unruhiger Mann berüchtigt. Jetzt murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn, und gewiß bringe er ſeine Frau und ſein Kind durch ſein gefährliches Le⸗ ben noch in Unglück und Jammer. Georg ſuchte alle Troſtgründe hervor, um ihre Thränen zu ſtillen. Es gelang ihm wenigſtens in ſo weit, daß ſie ihm ſeine Fragen nach dem Bundesheer beantwortete. „Ach Herr,“ ſagte ſie,„des iſt a Graus und a Jomer.'S iſt grad, wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und mit ſeine g'ſchpenſtige Hund übers Land wegzieht.'S ganz Unterland hent ſe ſchau, und jetzt goht's mit em hella Haufa ge Tibenga.“ „So ſind die Feſtungen alle ſchon in ihrer Hand?“ fragte Georg verwundert.„Höllenſtein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind ſie alle ſchon einge⸗ nommen?“ „Alles hent ſe. A Mann vo Schorndorf hots g'ſait. daß ſe de Hölleſtoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich kann e nich ganz genau be⸗ richhta, mer ſend jo koine drei, vier Stund dayo. u Sie 86⁶ erzählte nun: am dritten April ſei das Heer vor Teck gezogen. Sie haben einen Theil des Fußvolkes vor das eine Thor geſetzt und ſich mit der Beſatzung über die Übergabe beſprochen. Da ſeien alle Knechte zu dieſem Thore geeilt und haben zugehört, und indeſſen ſei das andere Thor von den Feinden beſtiegen wordetk.⸗ Im Schloß Urach aber ſeien vierhundert herzogliche Fuß⸗ knechte geweſen. Dieſe haben die Bürgerſchaft nicht in die Stadt laſſen wollen, als der Feind anrückte. Es ſei zum Gefecht zwiſchen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen ſeien, dort aber ſei der Vogt von einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden niedergeſtoßen worden. Die Stadt habe ſich dem Bunde ergeben.„Es iſt koi Wunder,“ ſchloß die runde Frau ihre Erzählung,„älle Burga und Schlöſſer nehme ſe ei. Denn ſe hent lange Feldſchlanga und Bombardirſtuck, wo ſe Kugla draus ſchießet, graißer als mei Kopf, daß älle Maura zema breche und älla Tirn einfalla müaſſet.“ Georg konnte nach dieſem Bericht ahnen, daß eine Reiſe von Hardt nach Lichtenſtein nicht minder gefähr⸗ lich ſein werde, als jener Ritt über die Alb, denn er mußte gerade die Linie zwiſchen Urach und Tübingen durchſchneiden. Doch war Urach ſchon ſeit mehren Ta⸗ gen von dem Heere verlaſſen. Die Belagerung von Tü⸗ bingen mußte nothwendig viele Mannſchaft erfordern, und ſo konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigent⸗ * Dieſer Verrath von Teck fand wirklich alſo ſtatt. Vergl⸗ 3 B. Satgler II.§. 7. 87 lichen Poſten mehr den Strich Landes, den er zu durch⸗ reiſen hatte, beſetzt halten werden. Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft ſeines Führers. Seine Kopfwunde war geheilt. Sie war nicht tief geweſen, denn die Federn ſeines Baretes und ſein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm geführt worden war, ſeine Schärfe benommen. Doch war der Schlag noch immer kräftig genug geweſen, um ihn auf ſo viele Tage des Bewußtſeins zu berauben. Auch ſeine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverluſt, dem langen Liegen und dem Wundfieber zuſchrieb. Doch auch dieſe ſchwand von Stunde zu Stunde, denn ein friſcher Muth und ſehnſüchtige Gedanken in die Ferne verjagen gar bald ſolche ſchlimme Gäſte. Es gehörte übrigens dieſer friſche Muth und ein wenig jugendliche Neugierde dazu, ihm die langſam hin⸗ ſchleichenden Stunden erträglich zu machen. Es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um ihn ver⸗ geſſen zu laſſen, wie unerträglich lange ihr Vater auf ſich warten laſſe. Er ſah hier, was er ſich ſchon oft zu ſehen gewünſcht hatte, eine echte ſchwäbiſche Bauern⸗ wirthſchaft. Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre Sprache vor. Sein Franken, ſo nahe es an dieſes Würtemberg grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten. Es däuchte ihm, ſeine Bauern ſeien pfiffiger, verſchlagener, in manchen Dingen weni⸗ ger roh als dieſe; aber die gutmüthige Ehrlichkeit dieſer Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus 88 ihrem ganzen Weſen hervorblitzte; ihre muntere, unver⸗ droſſene Arbeitſamkeit, ihre Reinlichkeit, die ihrer Ar⸗ muth ein ſchmuckes, ſogar ehrbares Anſehen gab, dies Alles machte, daß er zu fühlen glaubte, es haben dieſe Leute als Menſchen mehr inneren Gehalt als die, welche er in ſeinen Gauen kennen gelernt hatte, wenn ſie auch in manchen Dingen nicht ſo viel Verſchlagenheit zeigten. Bewundern mußte er auch die trauliche, gutmü⸗ thige Geſchwätzigkeit des Mädchens. Die runde Frau mochte ſchmählen wie ſie wollte, mochte ſie noch ſo oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, ſte ließ es ſich nicht nehmen, ihren Gaſt zu unterhalten, beſonders da ſie ihren geheimen Plan, zu erforſchen, ob ſie in Hinſicht auf die Feldbinde beſſer gerathen habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz beſondern Gedanken. Als näm⸗ lich der Junker ſo gar krank gelegen, war ſie in der Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, der am Bette des Verwundeten wachte. Doch bald ſchlief ſie über ihrer Arbeit ein. Es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht ſein, da ſie von einem Geräuſch im Zimmer aufgeſchreckt wurde. Sie ſah einen Mann mit dem Vater angelegentlich ſprechen; ſeine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er ſich in eine große Kappe gehüllt hatte; ſie glaubte einen Diener des Rit⸗ ters von Lichtenſtein, der ſchon oft auf geheimnißvolle Weiſe zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei deſſen Anweſenheit ſie immer das Zimmer hatte ver⸗ laſſen müſſen, in ihm zu erkennen. 89 Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieſer Mann bei dem Vater zu thun habe, ſchloß ſie ihre Anugen wieder feſt zu, denn es war ihr wahrſcheinlich, daß ihr Vater ſie nur im Zimmer ließ, weil er ſie für feſt eingeſchlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die über eine gewiſſe Nachricht untröſtlich ſei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, ſie habe ge⸗ ſchworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater Alles zu ſagen und zur Pflege des Kranken ſelbſt zu kommen. Solches hatte der Lichtenſteiner heimlich geſprochen; der Vater hatte darauf das Fräulein be⸗ klagt, hatte dem Boten den ganzen Zuſtand des Kran⸗ ken geſchildert und verſprochen, daß er, ſobald ſich der Kranke gebeſſert habe, ſelbſt kommen werde, um dem Fräulein dieſen Troſt zu bringen. Der fremde Mann hatte ſodann dem Kranken ein Löckchen von ſeinen lan⸗ gen Haaren abgeſchnitten, es in ein Tuch geſchlagen und unter dem Wamms wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus der Stube gegangen und kurz nachher hörte ſie ihn bei Nacht und Nebel wieder weg⸗ reiten. Dieſe Begebenheit hatten die vielerlei Geſchäfte der folgenden Tage bald wieder aus dem leichten, jugend⸗ lichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt ver⸗ drängt, ſie erwachte aber jetzt aufs Neue, aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenſter geſehen hatte. Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenſtein eine Tochter habe, denn die Schweſter des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieſes Fräulein mußte es wohl W. Hauffs Werke. XV. 7 90 ſein, die den Lichtenſteiner Knecht geſandt habe, um ſich ſo angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die ſogar ſelbſt kommen wollte, um ihn zu pflegen. Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in Gefangenſchaft gelegen und von holden Fräulein errettet wurden, Alles, was über die⸗ ſes Kapitel jemals in der traulichen Spinnſtube erzählt worden war— und es gab viele„grauſige“ Geſchich⸗ ten hierüber— kam ihr in das Gedäcttniß. Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne ſo vornehmer Leute beſchaffen ſei, aber ſie dachte, es werde dem hohen Fräulein wohl ungefähr eben ſo ums Herz ſein, wie den Mädchen von Hardt, wenn ſie an einen ſchmucken Burſchen von Oberenſingen oder Köngen ihr Herz ver⸗ ſchenkt haben. Und in dieſer Hinſicht kam ihr das Ver⸗ hältniß, dem ſie in Gedanken nachſpürte, gar reizend vor, beſonders dachte ſie ſich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht grauſam und rüh⸗ rend, wie ſie nicht wiſſe, ob ihr Schatz lebendig oder todt ſei, wie ſie nicht zu ihm könne, um ihn zu ſehen und zu pflegen. 4 Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz ſang; es hatte eine ſchöne Weiſe und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hieß: Wenn i im Bett lieg' und bi krank, Wer führt mir mein Schätzle zum Tanz; Und wenn i im Grab lieg' und faule, Wer kußt no ihr Honigmaule? Thränen traten ihr in die ſonſt ſo fröhlichen Augen, als ſie bedachte, wie leicht der Junker ſeinem Liebchen — 91 hätte wegſterben können, und wie ſie dann ſo einſam und ohne Liebe geweſen wäre, und doch war ſie gewiß recht ſchön und eines vornehmen, reichen Ritters Kind. Doch iſt nicht der Junker noch viel ſchlimmer daran? dachte das gutherzige Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wußte ja ſeit vielen Tagen kein Wörtchen von ihr; denn früher wußte er nichts von ſich ſelbſt, und ſeit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wiſſen; da⸗ rum hatte er wohl die Binde, die er gewiß von ihr hatte, ſo beweglich angeſchaut und ans Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm ſich vor, ihm zu erzählen, was in jener Nacht vorgegangen ſei; vielleicht iſt es ihm doch ein Troſt, dachte ſie. Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des ſpinnenden Bärbeles nach und nach ernſter geworden war, wie ſie über etwas nachzuſinnen ſchien, ja er glaubte ſogar eine Thräne in ihrem Auge bemerkt zu haben.„Was haſt Du, Mädchen,“ ſagte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlaſſen hatte;„warum wirſt Du auf einmal ſo ſtill und ernſt und netzeſt ja ſogar Deine Fäden mit Thränen?“ „Send denn Ihr ſo luſtig, Junker?“ fragte Bär⸗ bele und ſah ihm recht feſt ins Auge;„i han gmoint, es ſei vorig ebbes aus Eure Auge grollt, was ſelle Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gwiß vo Eurem Schätzle, und jetzt thuet Ichs loid, daß Er et bei er ſend.“ 3 Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann erröthete tief üher ihre Frage.„Du 3 92 3 haſt vielleicht recht,“ ſagte er lächelnd,„doch bin ich deßwegen nicht gar zu traurig, ich werde ſie bald wie⸗ der ſehen.“ „Ach, was des für a Freud ſein wird in Lichta⸗ ſtoi!“ entgegnete Bärbele mit einem ſchelmiſchen Seitenblick. Georg erſtaunte; ſollte ihr der Vater von dem Geheimniß ſeiner Liebe etwas geſagt haben?„In Lichtenſtein?“ fragte er ſie,„was weißt Du von mir und Lichtenſtein?“ „Ach, i mags dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß ſe wieder a mol a Freud hot; mer hot mer gſait, ſe häb rechtſchaffa g'jommert, wie Er ſo krank gwe ſend.“ t„Gejammert, ſagſt Du?“ rief Georg. indem er aufſprang und zu ihr trat.„So wußte ſie um meine Krankheit? O ſprich, was weißt Du von Marie? Kennſt Du ſie? Was ſagte der Vater von ihr?“ „Der Vater hot koi ſterbes Wörtle zu mer gſait, und i wißt au net, daß es a Fräule von Lichtaſtoi geit, wwenn et mei Bas ihr Amm wär. Aber er müeßet mers et übel nemma, Junker, daſſe a biſſele ghorcht hau; gucket, des Ding iſt ſo ganga.“ Sie erzählte dem Junker, wie ſie hinter das Geheimniß gekommen ſei, und daß der Vater, wahrſcheinlich um guten Troſt zu bringen, nach Lichtenſtein gegangen ſei. 1 Georg wurde ſchmerzlich bewegt durch dieſe Nach⸗ richt, er hatte bis jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht ſeines Unfalls zugleich mit der tröſtlichen Kunde ſeiner Geneſung erhalten, und jetzt mußte er erfahren, daß ſie mehre bange Tage in Ungewißheit geeſchwebt ſei, in der ſchrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob ſie ihn je wieder ſehen würde; er kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er ſich ihren Kummer denken! Wahrlich, ſein eigenes Unglück ſchien ihm gering und nicht zu beachten, wenn er ſich den Jammer des theuren Mädchens vorſtellte. Wie viel hatte ſie in Ulm gelitten, wie ſchmerzlich war ihr der Abſchied von ihm geworden, und kaum hatte ihr Herz wieder freier geathmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fah⸗ nen verlaſſen werde, kaum hatte ſie ein wenig heiterer in die Zukunft geſehen, ſo kam ihr die Schreckensbot⸗ ſchaft von der tödtlichen Wunde. Und dieſes Alles vor den Blicken des Vaters verſchließen zu müſſen, dieſen großen Schmerz allein tragen zu müſſen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei welcher ſie weinen, bei welcher ſie Troſt ſuchen konnte. Jetzt fühlte er erſt, wie nothwendig es ſei, ſchnell nach Lichtenſtein zu eilen, und ſeine Ungeduld wurde zum Unmuth, daß jener ſonſt ſo kluge Mann gerade in dieſen koſtbaren Augen⸗ blicken ſo lange ausbleibe Das Mädchen mochte ſeine Gedanken errathen: „J ſieh wohl, Er möchtet gern von hie fort; wenn no der Vater do wär, denn alloi fendet Er da Weg nach Lichtaſtoi net; Er ſend koin Witaberger, des merke an der Sproch, und do kennet Er leicht verirra. Wiſſet Er was? lauf em Vater entgege und mach, daß er bald kommt.“ „Du wollteſt ihm entgegen gehen?“ ſagte Georg, 94 gerührt von der Gutmüthigkeit bes Mädchens.„Weißt Du denn, ob er ſchon in der Nähe iſt? Vielleicht iſt er noch Stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird es Nacht!“ „Und wär's ſo Nacht, daß mer da Weg mit de Händ greifa müeßt, und müeßt i laufa bis Lichtaſtoi, i wetts gern dauh, Er kommet jo no bälder zu— Erröthend ſchlug ſie die Augen nieder, denn trieb ſie auch ihr gutes Herz, ſich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, ſo ſchämte ſie ſich doch, jenes zarte Ver⸗ haͤltniß, das ihr heute ſo klar, wie noch nie zuvor ein⸗ leuchtete, zu berühren. „ und willſt Du mir zu lieb gehen bis Lichtenſtein, ſo wäre es ja thöricht von mir, zurück zu bleiben und erſt Deinen Vater zu erwarten. Ich ſattle geſchwind mein Roß und reite neben Dir her, und Du zeigſt mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann.“ Das Mädchen von Hardt ſchlug die Augen nieder und ſpielte mit dem langen Zopfband.„Aber es wird jo ſcho en era Stund Nacht,“ flüſterte ſie kaum hörbar. „Ei, was ſchadet das? Dann bin ich um den Hahnenſchrei in Lichtenſtein,“ antwortete Georg;„Du wollteſt Dich ja vorhin ſelbſt bei Nacht und Nebel auf den Weg machen.“ „Ja i wohl,“ entgegnete Bärbele, ohne aufzuſehen, „aber Euch iſt's gwiß et gſund, wo ner erſt krank gwä ſend, ſo in der kühla Nacht en Weg von ſechs Gtund zmacha.“ „Das kann ich nicht beachten,“ rief Georg,„und die Wunde iſt ja geheilt, ich bin geſund wie zuvor; 95 nein! rüſte Dich immer, gutes Kind, wir brechen ſo⸗ gleich auf, ich gehe, mein Pferd zu ſatteln.“ Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war, und ſchritt zur Thüre. „Herr! Euer Gnaden!“ rief ihm das Mädchen ängſtlich nach;„laſſets lieber geh. Gucket,'s thuet ſe et, daß mer ſo ſelbander in der Nacht fortganget. D'Leut in Hardt ſend ſo gar wunderlich, und mer thät mer gewiß ebbes ahänga, wenne— Wartet lie⸗ ber bis morga früh, ſo wille Uich meinetwega führa bis Pfullinga.“ 4 Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing ſchweigend den Zaum wieder an die Wand. Es mochte ihm freilich lieber geweſen ſein, wenn die Leute von Hardt weniger geneigt waren, Böſes zu denken; doch es war hier nichts zu thun, als ſich ſchweigend in ſein Schickſal zu ergeben. Er beſchloß daher, dieſen Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten; käme er nicht, ſo wollte er mit dem früheſten Morgen zu Pferd ſein, und unter Leitung ſeiner ſchönen Tochter nach Lichtenſtein auf⸗ brechen. IX. Die linden Lüfte ſind erwacht, Sie ſäuſeln und wehen Tag und Nacht, Sie ſchaffen an allen Enden. O friſcher Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, ſei nicht bang! Nun muß ſich Alles, Alles wenden. Uhland. Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieſer Nacht nicht nach Haus zurück, und Georg, der ſeine Sehnſucht nach der Geliebten nicht mehr länger zügeln konnte, ſattelte, als der Morgen graute, ſein Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen ihrem Töchterlein erlaubt, daß ſie den Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein ſo unerhörtes Ereigniß viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnſtuben von Hardt dienen werde, und ſah es deßwegen nicht ganz gerne. Wenn ſie aber bedachte, wie viel ihrem Ehe⸗ herrn an dem jungen Ritter gelegen ſein müſſe, weil er ihn in ſein Haus aufgenommen und wie einen Sohn gepflegt hatte, ſo glaubte ſie doch, dieſen letzten Dienſt ihrem Gaſt nicht abſchlagen zu dürfen; doch machte ſie die Bedingung, daß Bärbele vorausgehen und ihn eine Viertelſtunde hinwärts an einem Markſtein erwarten müſſe. 97 Georg nahm gerührt Abſchied von der ſtattlichen, runden Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsſtaat prangte; er hatte in den ge⸗ ſchnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geſchenk für die damalige, Zeit, und eine bedeutende Summe für die Reiſekaſſe Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt ſoll übrigens nie etwas von dieſem Depoſitum erfahren haben; ſei es nun, daß die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß ſie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angſt, er möchte den Junker durch die Rückgabe des Geſchenkes beleidigen. Nur ſo viel iſt gewiß, daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach dieſem Vor⸗ fall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erſchien, zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele ein ſchönes Mieder von fei⸗ nem Tuch mit Goldborden auf der nächſten Kirchweih trug, das man früher nie an ihr geſehen. Auch ſoll ſie jedesmal erröthet ſein, wenn die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten. Welch großen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden machen! Georg fand ſeine Führerin auf dem bezeichneten Markſtein ſitzend. Sie ſprang auf, als er herankam, und ging mit raſchen Schritten neben ihm her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübſcher vor als geſtern. Ihre Wangen hatte der friſche Aprilmorgen mit hohem Roth bedeckt, und ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete ſich ganz gut zu einem weiten Marſch, denn das kurze Roͤckchen hinderte den 98 Fuß nicht, flink auszuſchreiten. Sie hatte ein Körb⸗ chen an den Arm gehängt, als wolle ſie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemüſe noch Früchte darin, was ſie wohl ſonſt in die Stadt zu bringen pflegte, ſondern ein Regentuch, mit dem ſie ſich gegen die wechſelnden Launen eines Apriltages verſehen hatte. Der Junker dachte bei ſich, als ſie ſo ſchmuck und rüſtig neben ihm hinging, daß das Mäd⸗ chen wohl einmal eine gute tüchtige Hausfrau zu wer⸗ den verſpreche, und pries den jungen Burſchen glück⸗ lich, der einſt das Kleinod des Spielmannes von Hardt für ſich gewinnen werde. Sie hatte unſtreitig viel von dem lebhaften Geiſte ihres Vaters geerbt. Denn, wie jener bei der Reiſe über die Alb ſeinem vornehmen Gefährten durch Er⸗ zählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu verkürzen bemüht geweſen war, ſo wußte auch ſie, ſo oft das Geſpräch zu ſtocken begann, entweder auf einen ſchönen Punkt in den Thälern und Bergen um⸗ her aufmerkſam zu machen, oder ſie theilte ihm unauf⸗ gefordert eine und die andere Sage mit, die ſich an ein Schloß, an ein Thal oder einen Bach knüpften. Sie wählte meiſtens Nebenwege und führte den Reiter höchſtens zwei bis dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten ſie Halt. Endlich nach vier ſolchen Stationen ſah man in der Entfernung von einer kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen; der Weg ſchied ſich hier und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An dieſem Scheidepunkt blieb das Mädchen ſtehen und ſagte:„Was Er dort ſehet, iſt 99 Pfullinga, von vort kann Ich jedes Kind da Weg nach Lichtaſtoi zeiga.“ „Wie? Du willtt mich ſchon verlaſſen?“ fragte Georg, der ſich an die munteren, ſinnigen Reden ſeiner Begleiterin ſo gewöhnt hatte, daß ihn der Abſchied überraſchte.„Warum gehſt Du nicht wenigſtens mit mir bis Pfullingen? Dort kannſt Du in der Herberge etwas eſſen und trinken; Du willſt doch nicht geradezu nach Haus laufen?“ Das Mädchen ſuchte freundlich auszuſehen und zu ſcherzen, doch konnte ſie einen ſchmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres ſchönen Gaſtes theurer geworden ſein, als ſie vielleicht ſelbſt wußte. „Do mueß i von Ich geh, gnädiger Herr,“ ſagte ſie, „ſo gerne au no weiters mitging; aber d'Mueter wills ſo; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder noch Hardt. Jetzt b'hüet Ich Gott der Herr und diheilig Jungfrau, und älle ſeine Heilige nemmet Ich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und au,“ ſetzte ſie lä⸗ chelnd hinzu, indem ſie ſchnell eine Thräne abſchüttelte, „grüeßet mer ſell Frähla, die Er ſo gern hent.“ „Dank Dir, Bärbele,“ entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum Abſchied vom Pferd hinab. „Ich kann Dir Deine treue Pflege nicht vergelten. Aber wenn Du nach Haus kommſt, ſo ſchau in den geſchnitz⸗ ten Schrank, dort wirſt Du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht. Nun, und wenn Du es dann zum . 1⁰⁰ Erſtenmal anhaſt und Dein Schatz Dich darin küßt, ſo gedenke an Georg von Sturmfeder!“ Der junge Mann gab ſeinem Pferde die Sporen und trabte über die grüne Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt, ſchaute er ſich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie ſtand noch dort, wo er ſie verlaſſen hatte, im rothen Mieder, im kurzen Röckchen, mit langen Zöpfen und weißen Strümpfen; ſie war es und keine Andere; aber ſie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und Georg war ungewiß, ob ſie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wollte, indem ſie ihm nachblickte, oder ob ſie vielleicht jene Thräne verwiſche, die er in ihren Wimpern blinken ſah, als ſie Abſchied nahm. Bald war er am Thor der kleinen Stadt ange⸗ langt. Er fühlte ſich ermüdet und durſtig, und fragte daher auf der Straße nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem kleinen düſteren Haus, wo ein Spieß über der Thüre und ein Schild, mit einem ſpringenden Hirſch geziert, zur Einkehr einluden. Ein kleiner baarfußiger Junge führte ſein Pferd in den Stall, ihn ſelbſt aber empfing in der Thüre eine junge, freundliche Frau und führte ihn zur Trinkſtube. Es war dies ein weites, finſteres Zimmer, an deſſen Wänden ſich ſchwere eichene Tiſche und Bänke hinzogen. Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern, die blank geſcheuert von den Geſtellen am Getäfer herab⸗ blinkte, bewies, daß die Herberge zum Hirſch ſehr be⸗ ſucht ſein muſſe. In der That ſaßen auch, obgleich es erſt Mittag war, ſchon viele Gäſte beim Wein. Sie 101 ſchauten den ſtattlichen jungen Ritter prüfend an, als er an ihren Tiſchen vorüber zum Ehrenplatz, in ein ſechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenſtern er⸗ bautes Eckerlein geführt wurde; doch ließen ſie ſich in ihrem Geſpräch durch den vornehmen Gaſt nicht lange ſtören, ſondern ſchwatzten weiter über Krieg und Frieden, über Schlachten und Belagerungen, wie ehr⸗ ſame Spießbürger in ſo unruhigen Zeiten, wie Anno 1519, zu thun pflegten. Die Wirthin ſchien an ihrem Gaſt Gefallen zu finden. Sie ſchaute mit lächelnder Miene nach ihm her⸗ über, wenn ſie am Erkerlein vorbeiging, und als ſie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen ſilbernen Becher vorſetzte, zog ſich ihr etwas großer Mund zu holdſeliger Freundlichkeit. Sie verſprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten und einen Tiſch zu decken, wenn er ſich nur ein wenig gedulden wolle; einſtweilen ſolle er ſich den Wein gut bekommen laſſen. Das la⸗ ternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige Trinkſtube; Georg konnte daher mit Muße die Tiſche überſehen und trinkend die Gäſte muſtern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und Weinſtuben ſich herum zu treiben pflegte, ſo hatte er doch, vielleicht dadurch, daß er weniger ſprach als beobachtete, einen eigenen Takt in Beurtheilung ſolcher Umgebungen ge⸗ wonnen, der ihn auch bei ſeinen jetzigen Beobachtungen unterſtützte. Die Geſellſchaft, die um einen der großen eichenen Tiſche ſaß, beſtand aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterſchieden ſich auf den erſten Anblick nicht ſehr 10² von einander; große Bärte, kurze Haare, runde Mützen, dunkle Wämmſer gehörten dem Einen ſo gut, wie dem Andern an. Doch ſonderte ein ſchärferer Blick bald vorzüglich Drei von den Übrigen. Der Eine— er ſaß Georg am nächſten, war ein kleiner, fetter, freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als das der Anderen, er hatte es ſorgfältiger gekämmt, auch ſchien ſein dunkler Bart beſſer gepflegt zu ſein. Ein Mantel von feinem ſchwarzem Tuch und ein Filzhut mit ſpitzigem Kopf und breiter Krämpe, die hinter ihm an einem Nagel hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar einen Rathsherrn. Er mochte auch eine beſſere Sorte trinken als die Übrigen, denn er ſchlürfte bedächtig, und wenn er mit dem Deckel an ſeinem Krug das Zeichen gab, daß er leer ſei, that er dies mit einem gewiſſen Anſtand und vernehmlicher als die Übrigen. Er ſah bei Allem, was geſprochen wurde, überaus fein und liſtig aus, als wiſſe er noch Manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das Keller⸗ mädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden Arm zu„tätſcheln,“ wenn ſie ihm die gefüllte Kanne brachte. Ein anderer Mann, der am entgegengeſetzten Ende des Tiſches ſaß, ſtach nicht minder gegen ſeine Umge⸗ bungen ab, als der Fette; Alles war an ihm länglich und hager. Sein Geſicht, von der Stirne bis zu dem langen, zugeſpitzten Kinn, maß wohl eine gute Man⸗ nesſpanne; ſeine Finger, mit welchen er auf dem Tiſche den Takt eines Liedes ſpielte, das er leiſe vor ſich hin 10³ pfiff, hatten etwas ſpinnenartiges, und als ſich Georg einmal zufällig bückte, gewahrte er zu ſeinem großen Erſtaunen, daß der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem ganzen Tiſch hin ausgeſtreckt hatte. Er hatte um ſeine Naſe etwas Hochfahrendes, das ſich auch in der Art, wie er Allem, was die Bürger vor⸗ brachten, widerſprach, ausdrückte; er ſah aus wie Einer, der viel mit vornehmen Herren umgegangen iſt, ihre Art und Weiſe angenommen hat, aber doch nicht recht bequem damit zu recht kommt. Er konnte nicht aus dem Städtchen ſein, denn er hatte die Wirthin nach ſeinem Pferd gefragt. Nach Georgs Muthmaßun⸗ gen war er ein reiſender Arzt, wie ſie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menſchen künſtlich um⸗ zubringen. Der dritte Mann, der dem Gaſt im Erker auffiel, ſah etwas zerriſſen und zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Liſtiges in ſeinem Weſen, das ihn von der gutmüthigen, behaglichen Ruhe der Spieß⸗ bürger merklich unterſchied. Er hatte über dem einen Auge ein großes Pflaſter, das andere aber blickte kühn und offen um ſich. Ein großer Reiſeſtock mit eiſerner Spitze, der neben ihm lag, und ſein lederbeſetzter Rücken, worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiſte tragen mochte, ließen ſchließen, daß er entweder ein Bote ſei, oder wahrſcheinlicher noch einer jener herumziehenden Krämer, die auf Märkte und Kirch⸗ weihen, nebſt wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, für die Weiber wirkſame Mittel gegen behextes 104 Vieh, und für die Mädchen ſchöne bunte Bänder und Tücher bringen. Dieſe Drei waren es auch, die das Geſpräch führten, das nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln von den übrigen ehrſamen Bürgern unter⸗ brochen wurde. Dieſe Männer handelten uüͤbrigens eine Materie ab, die Georgs Intereſſe ſehr in Anſpruch nahm. Sie ſprachen über die Unternehmungen des Bundes im würtembergiſchen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, worin ſich Götz von Berlichingen eingeſchloſſen, von den Bün⸗ diſchen erſtürmt, und jener tapfere Mann gefangen worden ſei.* Der Rathsherr hatte zu dieſer Nachricht liſtig ge⸗ lächelt und einen guten Zug von ſeiner beſſern Sorte ſ getrunken; der Hagere ließ aber den Lederrücken nicht ausſprechen, er ſchlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher und ſagte mit hohler Stimme: „Das iſt erſtunken und erlogen, Freund! ſeht, das iſt gar nit möglich, denn der Berlichingen verſteht die ſchwarze Kunſt und iſt feſt, das muß ich wiſſen, und überdies hat er allein mit ſeiner eiſernen Hand in mancher Schlacht zweihundert Mann maustodt ge⸗ ſchlagen, was wird er ſich denn fangen laſſen.“ „Mit Verlaub,“ unterbrach ihn der fette Herr dem iſt nicht alſo, ſondern Götz iſt in der That gefangen oe Lebensbeſchreibung Götzens von Berlichingen, von ihm ſelbſt geſchrieben, edit. Piſtorius. Nürnberg 1731. 3 10⁵ und ſitzt in Heilbronn. Aber nicht, weil er erlegen iſt, denn ſein Schloß in Möckmühl iſt nicht erſtürmt wor⸗ den, ſondern die Bündiſchen haben ihm und den Sei⸗ nigen freien Abzug verſprochen; wie er aber aus dem Thor kam, wurde er überfallen, ſeine Knechte getödtet und er gefangen. Seht das iſt nicht recht, und da hat der Bund ſchändlich gehandelt.“ „Da muß ich doch bitten, Herr,“ ſprach der Lange, „daß man nicht alſo von den Bundesoberſten ſpricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie z. B. Herr Truchſes von Waldburg mein geneigter Herr und Freund iſt.“ Der fette Herr ſchien etwas erwidern zu wollen, ſpülte aber das, was ihm auf der Zunge lag, mit ei⸗ nigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger brachen bei Erwähnung ſo vornehmer Bekanntſchaften in ein Ge⸗ murmel des Staunens aus und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen. „Nun, wenn Ihr bei dem Bunde ſo gut bekannt ſeid,“ ſagte der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene, „ſo werdet Ihr uns die beſte Nachricht geben können, wie es um Tübingen ausſieht.“ „Es pfeift aus dem letzten Loche,“ antwortete der agte;„ich war vor kurzer Zeit dort und ſah die lichen und ſchrecklichen Anſtalten zur Belage⸗ „— So,— Wie,“" flüſterten die Bürger und rückten näher zuſammen, als erwarteten ſie wichtige Kunde. Der hagere Mann bog ſich an die Lehne ſeines W. Hauffs Werke, XV. 8 1⁰⁶ Stuhles zurück, ſteckte die langen Finger in die De⸗ genkuppel, ſtreckte die Beine um einige Zoll länger aus und ſprach:„Ja, ja, ihr Leute, dort ſieht es arg aus; alle Ortſchaften in der Nachbarſchaft ſind in großem Schaden, denn die Obſtbäume ſind alle abge⸗ hauen, man ſchießt mit aller Macht auf Stadt und Schloß, und die Stadt hat ſich ſchon ergeben; im Schloß liegen vierzig Ritter, aber ſte können die paar Mänuerlein nicht mehr lange halten!“ Was? Ein paar Mänerlein?“ rief der fette Herr und ſetzte ſeine Kanne klirrend auf den Tiſch.„Wer je das Schloß von Tübingen geſehen hat, kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg ſtößt, zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner Leiter hinauf können, und Mauern zwoͤlf Schuh dick, und Thürme, aus welchen ſie ihre Feldſchlangen nicht übel ſpielen laſſen.“ „Umgeſchoſſen, umgeſchoſſen!“ rief der lange Mann mit ſo gräulich hohler Stimme, daß die erſchrockenen Bürger die Thürme von Tübingen krachen zu hören glaubten;„den neuen Thurm, den der Ulerich neulich aufbaute, hat der Frondsberg umgeſchoſſen, wie wenn er nie dageſtanden wäre.“* „Aber damit iſt noch nicht Alles bin,⸗ antw der Zerlumpte.„Die Ritter machen Ausfälle au Schloß und haben ſchon Manchen auf dem Wörth am „ Sattker II.§. 9. Hierüber iſt vorzüalich zu vergkeichen Friedr⸗ Stumphardt Chron.§. 3. Die Geſchichte der Herren von Frondsberg. Frankſurt a. M. 2. Buch und Thetinger Com⸗ mentarius de Würt, reb. gest. Lib. II. 107 Neckar ſchlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben ſie den Hut vom Kopf geſchoſſen, daß er heute noch Oh⸗ renſummen hat.“* „Da ſeid Ihr falſch berichtet,“ ſprach der Hagere nachläſſig;„Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es find Griechen, ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros, man heißt ſie Stra⸗ tioten; die haben einen Oberſten, den Georg Samares, der läßt keinen Hund aus dem Loch ausfallen.“** „Der hat halt auch ins Gras beißen müſſen,“ ent⸗ gegnete der zerlumpte Mann mit einem höhniſchen Seitenblicke;„die Hunde, wie Ihr ſie nennt, ſind dennoch ausgeſallen, obgleich der Grieche vor dem Loch ſtand, und haben ihn gebiſſen und gefangen, und—* „Gefangen? Den Samares?“¹ rief der Lange, aus ſeiner vornehmen Ruhe aufgeſchreckt.„Freund, das habt Ihr falſch gehört!“ 3 V „Nein,“ antwortete Jener ſehr ruhig,„ich habe die Glocken läuten hoͤren, als man ihn in Sanct Jörgen⸗ Kirche begraben hat.“ Die Bürger ſchauten aufmerkſam nach dem langen Bei dieſer Belagerung wurde Georg von Frondsberg 1 Barret vom Kopf geſchoſſen. So erzählen Sattler, Stump⸗ hark t, The inger u. A. e Dieſe Griechen find eine ſonderbare Erſcheinung bei der Belagerung von Tuͤbingen: man hieß ſie Stratiotenz ihr Haupl⸗ mann war Georg Samaras aus Cocona in Albanien Er iſt in der Stiftstiſche in Tübingen begraben. Ausführlich beichreibt ſie Thetinger Comment. de Würtemb. gest. 931. Cruſius nennt ſie vorzüglich berühmt im Lanzenſchwingen.. ——————— 408 Fremden, um zu erforſchen, was für einen Eindruck dieſe Nachricht auf ihn mache. Er ließ ſeine buſchigen Augenbraunen herab, daß von ſeinen Augen nichts mehr zu ſehen war, zwirbelte ſeinen langen dünnen Knebelbart, ſchlug mit der knöchernen Hand auf den Tiſch und ſagte:„Und wenn ſie ihn auch in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das Schloß muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute Nacht Würtemberg! Der Ulerich iſt zum Land hinaus, und meine gnädigen Her⸗ ren und Gönner ſind Meiſter,“ „Wer ſteht Euch davor, daß er nicht wieder kommt? und dann?——“ ſagte der kluge, fette Herr, und klappte den Deckel zu. „Was? Wieder kommen?“ ſchrie Jener.„Der Bettelmann! Wer ſagt das, daß er wieder kommt? Wer wagt es? He?⸗ „Was geht es uns an?“ murmelten die Gäſte unmuthig.„Wir ſind friedliche Bürger, uns iſts einerlei, wer Herr im Land iſt, wenn nur die Steuern anders werden.— Wenn man in der Herberg iſt, wird doch auch noch ein Wort erlaubt ſein.“ So ſprachen ſie, und der Hagere ſchien zufrieden, daß ihm Keiner etwas Ernſtliches entgegnete. Er ſah Einen 8 Andern mit ſtechendem Blicke an, zog dann ſein Ge in freundlichere Falten und ſagte:„Es war nur zur Erinnerung, daß wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein’ Seel, mir iſt er wie Gift und Oper⸗ ment, darum gefällt mir auch das Paternoſter ſo 10⁰9 gut, das Einer auf ihn gemacht hat;“ ich will es ein⸗ mal ſingen.“ Die Bürger ſahen finſter vor ſich hin und ſchienen nicht ſehr begierig auf den Spottgeſang, der ihrem unglücklichen Herzog galt. Jener aber be⸗ feuchtete ſeine Kehle mit einem guten Trunk und ſang mit heißerer, unangenehmer Stimme: Vater Unſer Reutlingen iſt unſer; Der du biſt in dem Himmel, Eßlingen wölln wir bald gewinnen; Geheiligt werde dein Nam', Heilvronn und Weil wölln wir auch han; Zu uns komme dein Reich, Der Ulmer Bund ſieht uns keinem gleich; Dein Will geſchehe, Die Münz' hat gexreit ein ander Gepräge; Gieb uns unſer täglich Brod, Wir haben Geſchütz für alle Noth; Vergitb uns unſere Schuld, Wir haben des Königs von Frankreich Huld; Ais wir vergeben unſern Schuldigern, Wir wölln dem Bund das Maul zuſperr'n! Laß uns nicht geführt werden, Wir wölln bald Katſer werden, In keine Verſuchung, ſondern erlös uns von allem Uebel. Amen. So behalten wir des Kaiſers Namen. Er ſchloß ſeinen Geſang mit einem fatalen, zittern⸗ den Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander heimlich anſtießen und 0 Man vergleiche über dieſen Volkswitz des Freiherrn von Aretin Beiträge zur Geſchichte u. Literatur 1805. 5. Stück, S. 438. Das Lied wurde zu Anfang des Jahres 1520, nach⸗ dem Reutlingen von Herzog Ulerich genommen war, von des Pptern Feinden verhreuet und ihm in den Mund gelegt⸗ — —— 1¹⁰ über die jämmerlichen Töne des Sängers die Achſel zuckten. Er aber ſchaute ſtolz in dem Kreiſe umher, als wolle er in den Mienen ſeiner Zuhörer den gerech⸗ ten Beifall leſen. „Ihr habt da ein gar frommes Lied geſungen,“ ſagte der Zerlumpte;„ſo fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und will es mit Eu⸗ rem Verlaub ſingen.“ Der Hagere ſah ihn ſcheel und ſpöttiſch an, die Bürger aber nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuſchloß, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hin⸗ überſchielte, als beobachte er, welchen Eindruck ſein Geſang mache:* O weh, wo bleibet Deine Kraft, Würtemberg, Du arme Landſchaft; Ich klag D ch billig hart und ſehr, 3 Denn der Bader von Ulm, der iſt Dein Herr. Der zu Nürnberg die Wetſchger macht, Der Weber von Augsburg treibt auch ſein Pracht, Der Salzſieder von Schwäbiſch Hall, Von Na vurg die Krämer all'. Von Rorhweil I die neuen Schweizerknaben Wollten der Gans auch ein Feder haben, Und der Schneider von Memming iſt in der Sach 3 Und auch der Kürſchner von Siberach. 8 * In der Chronik des Georg Stumphardt über die ge⸗ waltſame Verj gung des Herzogs Ulerich findet ſich als eigener Artikel ein„gereimter Spruch alſo lautend,“ wo in einer großen Menge Knittelverſen das Unglück drs Herzogs und des Landes beſchrieben iſt. Aus dieſem Gedicht ſind jene Berſ im Tent entlehnt. 111 Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; ſie langten über den Tiſch berüber, ſchüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten ſein Lied. Der Hagere ſprach kein Wort, ſondern warf finſtere Blicke auf die Geſellſchaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Begen⸗ ſtand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber ſah ungemein klug aus, brummte die Weiſe des Liedes mit und nickte bei jeder Kraftſtelle mit dem Haupt. Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort: Den Saymer von Kempten ich Euch meld' Und Holzhauer von dem Herdtfeld, Und Andere, die ich nit nennen will, Der Haufen iſt gooß und wird gar zu viel. Und cruch der iſt in dem Strauß, 8* Der richt' Alles mit Ungelo aus, Ich men' Junker Ermlich und ſein Geſind, Des reichen Barchetwebers Kind. „Daß Euch der Kukuk in den Hals fahr, Ihr Lumpenhund!“ fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte.„Ich weiß wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint, meinen gnädigen Gönner, den Herrn von Fugger. Den ſoll mir ein ſolcher Landläufer verunglimpfen?“ Er begleitete dieſe Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenſpiel und mit ſchreck⸗ licher Geberde.— Doch der mit dem ledernen Rücken ließ ſich nicht einſchüchtern; er ſtellte ſeine ungemein muſeulöſe Fauſt vor ſich hin und ſagte:„Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl, wer 112 Ihr ſeid, und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, ſo will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib ſchlagen.“ Der Hagere ſtand auf und bedauerte ſich ſelbſt, daß er in ſo gemeine Geſellſchaft gerathen ſei; er zahlte ſeinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus der Trinkſtube. ſfffffff daalanuaxuwnwunErnRxNERNVY 11 12 13 14 15 16 17 18 19