Wilhelm Hauff's ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben — von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. 1— Elftes Bäudchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. 3 2 3 8 8 Söhne und Töchter gebildeter Stände. Der Scheik von Aleſſandria und ſeine Sklaven. Der Scheik von Aleſſandria, Ali Banu, war ein ſonderbarer Mann. Wenn er Morgens durch die Stra⸗ ßen der Stadt ging, angethan mit einem Turban aus den köſtlichſten Kachemirs gewunden, mit dem Feſtkleide und dem reichen Gürtel, der fünſzig Kameele werth war, wenn er einherging, langſamen gravitätiſchen Schrittes, ſeine Stirne in finſtere Falten gelegt, ſeine Augenbraunen zuſammengezogen, die Augen niederge⸗ ſchlagen und alle fünf Schritte gedankenvoll ſeinen lan⸗ gen, ſchwarzen Bart ſtreichelnd. Wenn er ſo hinging nach der Moſchee, um, wie es ſeine Würde forderte, den Gläubigen Vorleſungen über den Koran zu halten, da blieben die Leute auf der Straße ſtehen, ſchauten ihm nach und ſprachen zu einander: Es iſt doch ein ſchöner, ſtattlicher Mann,— und reich, ein reicher Herr, ſetzte wohl ein Anderer hinzu; ſehr reich: hat er nicht ein Schloß am Hafen von Stambul? Hat er nicht Gü⸗ ter und Felder und viele tauſend Stück Vieh und viele Sklaven? Ja, ſprach ein Dritter, und der Tatar, der letzthin von Stambul her, vom Großherrn ſelbſt, den der Prophet ſegnen möge, an ihn geſchickt kam, der W. Hauffs Werke. Xl. 1 4 2 ſagte mir, daß unſer Scheik ſehr in Anſehen ſtehe beim Reis⸗Effendi, beim Kapidſchi⸗Baſchi, bei Allen, ja beim Sultan ſelbſt Ja, rief ein Vierter, ſeine Schritte ſind geſegnet. Er iſt ein reicher, vornehmer Herr, aber— aber— Ihr wißt, was ich meine!— Ja, ja! mur⸗ melten dann die Andern dazwiſchen, es iſt wahr, er hat auch ſein Theil zu tragen, möchten nicht mit ihm tau⸗ ſchen; iſt ein reicher, vornehmer Herr; aber, aber!— Ali Banu hatte ein herrliches Haus auf dem ſchoͤn⸗ ſten Platz von Aleſſandria. Vor dem Hauſe war eine weite Terraſſe mit Marmor ummauert, beſchattet von Palmbäumen. Dort ſaß er oft Abends und rauchte ſeine Waſſerpfeife. In ehrerbietiger Entfernung harr⸗ ten dann zwölf reichgekleidete Sklaven ſeines Winkes⸗ der Eine trug ſeinen Betel, der Andere hielt ſeinen Sonnenſchirm, ein Dritter hatte Gefäße von gediege⸗ nem Golde mit köſtlichem Sorbet angefüllt, ein Vier⸗ ter trug einen Wedel von Pfauenfedern, um die Flie⸗ gen aus der Nähe des Herrn zu verſcheuchen, Andere waren Sänger und trugen Lauten und Blasinſtrumente, um ihn zu ergötzen mit Muſik, wenn er es verlangte, und der Gelehrteſte von Allen trug mehre Rollen, um ihm vorzuleſen. 4 Aber ſie harreten vergeblich auf ſeinen Wink; er verlangte nicht Muſik noch Geſang, er wollte keine Sprüche oder Gedichte weiſer Dichter der Vorzeit hören, er wollte keinen Sorbet zu ſich nehmen, noch Betel kauen, ja ſelbſt der mit dem Fächer aus Pfauenfedern hatte vergebliche Arbeit; denn der Herr bemerkte es nicht, wenn ihn eine Fliege ſummend umſchwärmte. 3 Da blieben oft die Vorübergehenden ſtehen, ſtaun⸗ ten über die Pracht des Hauſes, über die reich gekleide⸗ ten Sklaven und über die Bequemlichkeiten, womit Alles verſehen war; aber wenn ſie dann den Scheik anſahen, wie er ſo ernſt und düſter unter den Palmen ſaß, ſein Auge nirgends hinwandte, als auf die bläulichen Wölk⸗ chen ſeiner Waſſerpfeife, da ſchüttelten ſie die Köpfe und ſprachen:„Wahrlich; der reiche Mann iſt ein armer Mann. Er, der viel hat, iſt ärmer, als der nichts hat. Denn der Prophet hat ihm den Verſtand nicht gegeben, es zu genießen.“ So ſprachen die Leute, lach⸗ ten über ihn und gingen weiter. Eines Abends, als der Scheik wiederum vor der Thüre ſeines Hauſes unter den Palmen ſaß, umgeben von allem Glanz der Erde, und traurig und einſam ſeine Waſſerpfeife rauchte, ſtanden nicht ferne davon einige junge Leute, betrachteten ihn und lachten. „Wahrlich, ſprach der Eine,„das iſt ein thörich⸗ ter Mann, der Scheik Ali Banu. Hätte ich ſeine Schätze, ich wollte ſie anders anwenden. Alle Tage wollte ich leben herrlich und in Freuden. Meine Freunde müßten bei mir ſpeiſen in den großen Gemächern des Hauſes, und Jubel und Lachen müßten dieſe traurigen Hallen füllen.“ „Ja,“ erwiderte ein Anderer.„Das wäre nicht ſo übel, aber viele Freunde zehren ein Gut auf, und wäre es ſo groß als das des Sultans, den der Prophet ſegne. Aber ſäße ich Abends ſo unter den Palmen auf dem ſchönen Platze hier, da müßten mir die Sklaven dort ſingen und muſiciren, meine Tänzer müßten kom⸗ 4 men und tanzen und ſpringen und allerlei wunderliche Stücke aufführen. Dazu rauchte ich recht vornehm die Waſſerpfeife, ließe mir den köſtlichen Sorbet reichen und ergötzte mich an all dieſem wie ein König von Bagdad.“ „Der Scheik,“ ſprach ein Driiter dieſer jungen Leute, der ein Schreiber war,„der Scheik ſoll ein gelehrter und weiſer Mann ſein, und wirklich, ſeine Vorleſungen über den Koran zeugen von Beleſenheit in allen Dichtern und Schriften der Weisheit. Aber iſt auch ſein Leben ſo eingerichtet, wie es einem vernünfti⸗ gen Mann geziemt? Dort ſteht ein Sklave mit einem ganzen Arm voll Rollen, ich gäbe mein Feſtkleid dafür, nur eine davon leſen zu dürfen, denn es ſind gewiß ſel⸗ tene Sachen. Aber er! Er ſitzt und raucht, und läßt Bücher— Bücher ſein. Wäre ich der Scheik Ali Banu, der Kerl müßte mir vorleſen, bis er keinen Athem mehr hätte, oder bis die Nacht herauf käme. Und auch dann noch müßte er mir leſen, bis ich entſchlummert wäre.“ „Ha! Ihr wißt mir recht, wie man ſich ein köſtli⸗ ches Leben einrichtet,“ lachte der Vierte.„Eſſen und trinken, ſingen und tanzen, Sprüche leſen und Gedichte hören von armſeligen Dichtern! Nein, ich würde es ganz anders machen. Er hat die herrlichſten Pferde und Kameele und Geld die Menge. Da würde ich an ſeiner Stelle reiſen, reiſen bis an der Welt Ende, und ſelbſt zu den Moskowitern, ſelbſt zu den Franken. Kein Weg wäre mir zu weit, um die Herrlichkeiten der Welt zu ſehen. So würde ich thun, wäre ich jener Mann dort.“ „Die Jugend iſt eine ſchöne Zeit und das Alter, wo man fröhlich iſt,“ ſprach ein alter Mann von un⸗ — 5 ſcheinbarem Ausſehen, der neben ihnen ſtand und ihre Reden gehört hatte.„ Aber erlaubet mir, daß ich es ſage, die Jugend iſt auch thöricht und ſchwatzt hie und da in den Tag hinein, ohne zu wiſſen, was ſie thut.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Alter?“ fragten verwundert die jungen Leute.„Meinet Ihr uns da⸗ mit? Was geht es Euch an, daß wir die Lebensart des Scheik tadeln?“ „Wenn Einer etwas beſſer weiß, als der Andere, ſo berichte er ſeinen Irrthum, ſo will es der Prophet,“ erwiderte der alte Mann.„Der Scheik, es iſt wahr, iſt geſegnet mit Schätzen und hat Alles, wornach das Herz verlangt, aber er hat Urſache, ernſt und traurig zu ſein. Meinet Ihr, er ſei immer ſo geweſen? Nein, ich habe ihn noch vor fünfzehn Jahren geſehen, da war er munter und rüſtig, wie die Gazelle, und lebte fröh⸗ lich und genoß ſein Leben. Damals hatte er einen Sohn, die Freude ſeiner Tage, ſchön und gebildet, und wer ihn ſah und ſprechen hörte, mußte den Scheik benei⸗ den um dieſen Schatz, denn er war erſt zehn Jahre alt, und doch war er ſchon ſo gelehrt, wie ein Anderer kaum im achtzehnten.“ „Und er iſt ihm geſtorben? Der arme Scheik!“ rief der junge Schreiber. „Es wäre tröſtlich für ihn, zu wiſſen, daß er heim⸗ gegangen in die Wohnungen des Propheten, wo er beſ⸗ ſer lebte als hier in Aleſſandria. Aber das, was er erfahren mußte, iſt viel ſchlimmer. Es war damals die Zeit, wo die Franken wie hungrige Wöͤlfe herüber kamen in unſer Land und Krieg mit uns führten. Sie 6 hatten Aleſſandria überwältigt und zogen von da aus weiter und immer weiter und bekriegten die Mame⸗ lucken. Der Scheik war ein kluger Mann und wußte ſich gut mit ihnen zu vertragen. Aber, ſei es, weil ſie lüſtern waren nach ſeinen Schätzen, ſei es, weil er ſich ſeiner gläubigen Brüder annahm, ich weiß es nicht genau; kurz, ſie kamen eines Tages in ſein Haus und beſchuldigten ihn, die Mamelucken heimlich mit Waffen, Pferden und Lebensmitteln unterſtützt zu haben. Er mochte ſeine Unſchuld beweiſen, wie er wollte, es half nichts, denn die Franken ſind ein rohes, hartherziges Volk, wenn es darauf ankommt, Geld zu erpreſſen. Sie nahmen alſo ſeinen jungen Sohn, Kairam gehei⸗ ßen, als Geiſel in ihr Lager. Er bot ihnen viel Geld für ihn, aber ſie gaben ihn nicht los und wollten ihn zu noch höherem Gebot ſteigern. Da kam ihnen auf ein⸗ mal von ihrem Baſſa, oder was er war, der Befehl, ſich einzuſchiffen. Niemand in Aleſſandria wußte ein Wort davon, und— plötzlich waren ſie auf der hohen See, und den kleinen Kairam, Ali Banu's Sohn, ſchleppten ſie wohl mit ſich, denn man hat nie wieder etwas von ihm gehört.“ „O der arme Mann, wie hat ihn doch Allah ge⸗ ſchlagen!“ riefen einmüthig die jungen Leute und ſchauten mitleidig hin nach dem Scheik, der, umgeben von Herrlichkeit, trauernd und einſam unter den Pal⸗ men ſaß. „Sein Weib, das er ſehr geliebt hat, ſtarb ihm aus Kummer um ihren Sohn. Er ſelbſt aber kaufte ſich ein Schiff, rüſtete es aus und bewog den fränki⸗ b — 7 ſchen Arzt, der dort unten am Brunnen wohnt, mit ihm nach Frankiſtan zu reiſen, um den verlorenen Sohn aufzuſuchen. Sie ſchifften ſich ein und waren lange Zeit auf dem Meere und kamen endlich in das Land jener Giaurs, jener Ungläubigen, die in Aleſ⸗ ſandtia geweſen waren. Aber dort ſoll es gerade ſchrecklich zugegangen ſein. Sie hatten ihren Sultan umgebracht und die Paſcha, und die Reichen und Ar⸗ men ſchlugen einander die Köpfe ab, und es war keine Ordnung im Lande. Vergeblich ſuchten ſie in jeder Stadt nach dem kleinen Kairam, Niemand wollte von ihm wiſſen, und der fränkiſche Doktor rieth endlich dem Scheik, ſich einzuſchiffen, weil ſie ſonſt wohl ſelbſt um ihre Köpfe kommen könnten. „So kamen ſie wieder zurück, und ſeit ſeiner An⸗ kunft hat der Scheik gelebt wie an dieſem Tage, denn er trauert um ſeinen Sohn, und er hat Recht. Muß er nicht, wenn er ißt und trinkt, denken: jetzt muß vielleicht mein armer Kairam hungern und dürſten? Und wenn er ſich bekleidet mit reichen Shawls und Feſtkleidern, wie es ſein Amt und ſeine Würde will, muß er nicht denken: jetzt hat er wohl nicht, womit er ſeine Blöße deckt? Und wenn er umgeben iſt von Sängern und Tänzern und Vorleſern, ſeinen Sklaven, denkt er da nicht: jetzt muß wohl mein armer Sohn ſeinem fränkiſchen Gebieter Sprünge vormachen und muſiciren, wie er es haben will? Und was ihm den größten Kummer macht, er glaubt, der kleine Kai⸗ ram werde, ſo weit vom Lande ſeiner Väter und mit⸗ ten unter Ungläubigen, die ſeiner ſpotten, abtrünnig 8 werden vom Glauben ſeiner Väter, und er werde ihn einſt nicht umarmen können in den Gärten des Pa⸗ radieſes! „Darum iſt er auch ſo mild gegen ſeine Sklaven und gibt große Summen an die Armen; denn er denkt, Allah werde es vergelten und das Herz ſeiner frän⸗ kiſchen Herren rühren, daß ſie ſeinen Sohn mild be⸗ handeln. Auch gibt er jedesmal, wenn der Tag kömmt, an welchem ihm ſein Sohn entriſſen wurde, zwölf Sklaven frei.“ „Davon habe ich auch ſchon gehört,“ entgegnete der Schreiber.„Aber man trägt ſich mit wunderlichen Reden. Von ſeinem Sohn wurde dabei nichts erwähnt, wohl aber ſagt man, er ſei ein ſonderbarer Mann und ganz beſonders erpicht auf Erzählungen. Da ſoll er jedes Jahr unter ſeinen Sklaven einen Wett⸗ ſtreit anſtellen, und wer am beſten erzählt, den gibt er frei.“ 3 „Verlaſſet Euch nicht auf das Gerede der Leute,“ ſagte der alte Mann;„es iſt ſo, wie ich es ſage, und ich weiß es genau; möglich iſt, daß er ſich an dieſem ſchweren Tage aufheitern will und ſich Geſchichten erzählen läßt; doch gibt er ſie frei um ſeines Sohnes willen. Doch der Abend wird kühl, und ich muß wei⸗ ter gehen. Schalem aleikum, Friede ſei mit Euch, Ihr. jungen Herren, und denket in Zukunft beſſer von dem guten Scheik.“ Die jungen Leute dankten dem Alten für ſeine Nachrichten, ſchauten noch einmal nach dem trauern⸗ den Vater und gingen die Straße hinab, indem ſie zu — 9 einander ſprachen:„Ich möchte doch nicht der Scheik Ali Banu ſein.“ Nicht lange Zeit, nachdem dieſe jungen Leute mit dem alten Mann über den Scheik Ali Banu geſprochen hatten, traf es ſich, daß ſie um die Zeit des Morgen⸗ gebets wieder dieſe Straße gingen. Da fiel ihnen der alte Mann und ſeine Erzählung ein, und ſie beklagten zuſammen den Scheik und blickten nach ſeinem Hauſe. Aber wie erſtaunten ſie, als ſie dort alles aufs Herr⸗ lichſte ausgeſchmückt fanden! Von dem Dache, wo geputzte Sklavinnen ſpazieren gingen, wehten Wim⸗ peln und Fahnen, die Halle des Hauſes war mit köſt⸗ lichen Teppichen belegt, Seidenſtoff ſchloß ſich an dieſe an, der über die beiden Stufen der Treppe gelegt war, und ſelbſt auf der Straße war noch ſchönes feines Tuch ausgebreitet, wovon ſich Mancher wünſchen mochte zu einem Feſikleid oder zu einer Decke für die Füße. „Ei, wie hat ſich doch der Scheik geändert in den wenigen Tagen!“ ſprach der junge Schreiber;„will er ein Feſt geben? Will er ſeine Sänger und Tänzer anſtrengen? Seht mir dieſe Teppiche! hat ſie Einer ſo ſchön in ganz Aleſſandria! Und dieſes Tuch auf dem gemeinen Boden, wahrlich, es iſt Schade dafür!“ „Weißt Du, was ich denke 2“ ſprach ein Anderer. „Er empfängt ſicherlich einen hohen Gaſt; denn das ſind Zubereitungen, wie man ſie macht, wenn ein Herr⸗ ſcher von großen Ländern oder ein Effendi des Groß⸗ herrn ein Haus mit ſeinem Beſuche ſegnet. Wer mag wohl heute hierher kommen 24 10 „Siehe da, geht dort unten nicht unſer Alter von letzthin? Ei, der weiß ja Alles und muß auch darüber Aufſchluß geben können. Heda! Alter Herr! Wollet Ihr nicht ein wenig zu uns treten?“ So riefen ſie, der alte Mann aber bemerkte ihre Winke und kam zu ihnen; denn er erkannte ſie als die jungen Leute, mit welchen er vor einigen Tagen geſprochen. Sie mach⸗ ten ihn aufmerkſam auf die Zurüſtungen im Hauſe des Scheik, und fragten ihn, ob er nicht wiſſe, welch hoher Gaſt wohl erwartet werde? „Ihr glaubt wohl,“ erwiderte er,„Ali Banu feire ein großes Freudenfeſt, oder der Beſuch eines großen Mannes beehre ſein Haus? Dem iſt nicht alſo; aber heute iſt der zwölfte Tag des Monats Ramadan, wie Ihr wiſſet, und an dieſem Tag wurde ſein Sohn ins Lager geführt.“ „Aber beim Bart des Propheten!“ rief einer der jungen Leute.„Das ſieht ja Alles aus wie Hochzeit und Feſtlichkeiten, und doch iſt es ſein berühmter Trauertag, wie reimt Ihr das zuſammen? Geſteht, der Scheik iſt denn doch eiwas zerrüttet im Verſtand.“ „Urtheilet Ihr noch immer ſo ſchnell, mein junger Freund?“ fragte der Alte lächelnd.„Auch diesmal war Euer Pfeil wohl ſpitzig und ſcharf, die Sehne Eures Bogens ſtraff angezogen, und doch habt Ihr weit ab vom Ziele geſchoſſen. Wiſſet, daß heute der Scheik ſeinen Sohn erwartet.“ „So iſt er gefunden?“ riefen die Jünglinge und freuten ſich. „Nein, und er wird ſich wohl lange nicht finden; H 11 aber wiſſet: Vor acht oder zehn Jahren, als der Scheik auch einmal mit Trauern und Klagen dieſen Tag be⸗ ging, auch Sklaven freigab und viele Arme ſpeiſete und tränkte, da traf es ſich, daß er auch einem Der⸗ wiſch, der müde und matt im Schatten jenes Hauſes lag, Speiſe und Trank reichen ließ. Der Derwiſch aber war ein heiliger Mann und erfahren in Prophe⸗ „zeihungen und im Sterndeuten. Der trat, als er ge⸗ ſtärkt war durch die milde Hand des Scheiks, zu ihm und ſprach:„Ich kenne die Urſache Deines Kummers; iſt nicht heute der zwölfte Ramadan, und haſt Du nicht an dieſem Tage Deinen Sohn verloren? Aber ſei getroſt, dieſer Tag der Trauer wird Dir zum Feſt⸗ tag werden, denn wiſſe, an dieſem Tage wird einſt Dein Sohn zurückkehren.“ So ſprach der Derwiſch. Es wäre Sünde für jeden Muſelman, an der Rede eines ſolchen Mannes zu zweifeln; der Gram Ali's wurde zwar darum nicht gemildert, aber doch harrt er an dieſem Tage über auf die Rückkehr ſeines Sohnes und ſchmückt ſein Haus und ſeine Halle und die Treppen, als könne jener zu jeder Stunde anlangen.“ „Wunderbar!“ erwiderte der Schreiber.„Aber zuſehen möchte ich doch, wie Alles ſo herrlich bereitet iſt, wie er ſelbſt in dieſer Herrlichkeit trauert, und hauptſächlich möchte ich zuhören, wie er ſich von ſeinen Sklaven erzählen läßt.“ „Nichts leichter als dies,“ antwortete der Alte. „Der Aufſeher der Sklaven jenes Hauſes iſt mein Freund ſeit langen Jahren, und gönnt mir an dieſem Tage immer ein Plätzchen in dem Saal, wo man unter 1² der Menge der Diener und Freunde des Scheiks den Einzelnen nicht bemerkt. Ich will mit ihm reden, daß er Euch einläßt; Ihr ſeid ja nur zu Vier, und da kann es ſchon gehen; kommet um die neunte Stunde auf dieſen Platz, und ich will Euch Antwort geben.“ So ſprach der Alte; die jungen Leute aber dankten ihm und entfernten ſich, voll Begierde, zu ſehen, wie ſich dies Alles begeben würde. Sie kamen zur beſtimmten Stunde auf den Platz vor dem Hauſe des Scheik und trafen da den Alten, der ihnen ſagte, daß der Aufſeher der Sklaven erlaubt habe, ſie einzuführen. Er ging voran, doch nicht durch die reichgeſchmückten Treppen und Thore, ſondern durch ein Seitenpförtchen, das er ſorgfältig wieder verſchloß Dann führte er ſie durch mehre Gänge, bis ſie in den großen Saal kamen. Hier war ein großes Gedränge von allen Seiten; da waren reichgekleidete Männer, angeſehene Herren der Stadt und Freunde des Scheik, die gekommen waren, ihn in ſeinem Schmerz zu tröſten. Da waren ESklaven aller Art und aller Nationen. Aber alle ſahen kummervoll aus, denn ſie liebten ihren Herrn und trauerten mit ihm. Am Ende des Saales, auf einem reichen Divan, ſaßen die vornehmſten Freunde Ali's und wurden von den Sklaven bedient. Neben ihnen auf dem Boden ſaß der Scheik; denn die Trauer um ſeinen Sohn erlaubte ihm nicht, auf den Teppich der Freude zu ſitzen. Er hatte ſein Haupt in die Hand geſtützt und ſchien wenig auf die Tröſtungen zu hören, die ihm ſeine Freunde zuflüſterten. Ihm gegenüber ſaßen einige alte und 13 junge Männer in Sklaventracht. Der Alte belehrte ſeine jungen Freunde, daß dies die Sklaven ſeien, die Ali Banu an dieſem Tage frei gebe. Es waren unter ihnen auch einige Franken, und der Alte machte beſon⸗ ders auf einen von ihnen aufmerkſam, der von ausge⸗ zeichneter Schönheit und noch ſehr jung war. Der Scheik hatte ihn erſt einige Tage zuvor einem Sklaven⸗ händler von Tunis um eine große Summe abgekauft und gab ihn dennoch jetzt ſchon frei, weil er glaubte, je mehr Franken er in ihr Vaterland zurückſchicke, deſto früher werde der Prophet ſeinen Sohn erlöſen. Nachdem man überall Erfriſchungen umhergereicht hatte, gab der Scheik dem Aufſeher der Sklaven ein Zeichen. Dieſer ſtand auf, und es ward tiefe Stille im Saal. Er trat vor die Sklaven, welche freigelaſſen werden ſollten und ſprach mit vernehmlicher Stimme: „Ihr Männer, die Ihr heute frei ſein werdet durch die Gnade meines Herrn Ali Banu, des Scheik von Aleſſandria, thuet nun, wie es Sitte iſt an dieſem Tag in ſeinem Hauſe und hebet an zu erzählen.“ Sie flüſterten unter einander. Dann aber nahm ein alter Sklave das Wort und fing an zu erzählen: Der Zwerg Naſe. Herr! Diejenigen thun ſehr unrecht, welche glau⸗ ben, es habe nur zu Zeiten Haruns Al⸗Raſchid, des Beherrſchers von Bagdad, Feen und Zauberer gege⸗ ben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem Treiben der Genien und ihrer Fürſten, welche man von den Erzählern auf den Märkten der Stadt hört, 14 ſeien unwahr. Noch heute gibt es Feen, und es iſt nicht ſo lange her, daß ich ſelbſt Zeuge einer Begebenheit war, wo offenbar die Genien im Spiel waren, wie ich Euch berichten werde. In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vater⸗ landes, Deutſchland, lebte vor vielen Jahren ein Schuſter mit ſeiner Frau ſchlicht und recht. Er ſaß bei Tag an der Ecke der Straße und flickte Schuhe und Pantoffeln und machte wohl auch neue, wenn ihm Einer welche anvertrauen mochte; doch mußte er dann das Leder erſt einkaufen, denn er war arm und hatte keine Vorräthe. Seine Frau verkaufte Gemüſe und Früchte, die ſie in einem kleinen Gärtchen vor dem Thore pflanzte, und viele Leute kauften gerne bei ihr, weil ſie reinlich und ſauber gekleidet war und ihr Ge⸗ müſe auf gefällige Art auszubreiten und zu legen wußte. Die beiden Leutchen hatten einen ſchönen Knaben, angenehm von Geſicht, wohlgeſtaltet, und für das Alter von acht Jahren ſchon ziemlich groß. Er pflegte gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüſemarkt zu ſitzen und den Weibern oder Köchen, die viel bei der Schuſtersfrau eingekauft hatten, trug er wohl auch einen Theil der Früchte nach Haufe, und ſelten kam er von einem ſolchen Gang zurück ohne eine ſchöne Blume, oder.ein Stückchen Geld, oder Kuchen; denn die Herrſchaften dieſer Köche ſahen es gerne, wenn man den ſchönen Knaben mit nach Hauſe brachte, und beſchenkten ihn immer reichlich. Eines Tages ſaß die Frau des Schuſters wieder wie gewöhnlich auf dem Markte; ſie hatte vor ſich 15 einige Koͤrbe mit Kohl und anderm Gemüſe, allerlei Kräuter und Sämereien, auch in einem kleineren Körbchen frühe Birnen, AÄpfel und Aprikoſen. Der kleine Jakob, ſo hieß der Knabe, ſaß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waaren aus:„Hierher, ihr Herren, ſeht, welch ſchöner Kohl, wie wohlriechend dieſe Kräuter; frühe Birnen, ihr Frauen, frühe Apfel und Aprikoſen, wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil. So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib über den Markt her; ſie ſah etwas zerriſſen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, ſpitziges Geſicht, vom Alter ganz eingefurcht, rothe Augen und eine ſpitzige, gebogene Naſe, die gegen das Kinn hinabſtrebte; ſie ging an einem langen Stock, und doch konnte man nicht ſagen, wie ſie ging; denn ſie hinkte und rutſchte und wankte, es war, als habe ſie Räder in den Beinen und könne alle Augenblicke umſtülpen und mit der ſpitzigen Naſe aufs Polſter fallen. Die Frau des Schuſterz betrachtete dieſes Weib aufmerkſam. Es waren jetzt doch ſchon ſechzehn Jahre, daß ſie täglich auf dem Markte ſaß, und nie hatte ſie dieſe ſonderbare Geſtalt bemerkt. Aber ſie erſchrak un⸗ willkürlich, als die Alte auf ſie zuhinkte und an ihren Körben ſtille ſtand. „Seid Ihr Hanne, die Gemüſehändlerin 2u fragte das alte Weib mit unangenehmer, krächzender Stimme, indem ſie den Kopf beſtändig hin⸗ und herſchüttelte. „Ja, die bin ich,“ antwortete die Schuſtersfrau; iſt Euch etwas gefällig?“. „Wollen ſehen, wollen ſehen! Kräutlein ſchauen, 8 16 Kräutlein ſchauen, ob Du haſt, was ich brauche?“ antwortete die Alte, beugte ſich nieder vor den Körben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, häßlichen Hän⸗ den in den Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die ſo ſchön und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte ſie dann eines um das andere hinauf an die lange Naſe und beroch ſie hin und her. Der Frau des Schuſters wollte es faſt das Herz abdrücken, wie ſie das alte Weib alſo mit ihren ſeltenen Kräutern hantiren ſah; aber ſie wagte nichts zu ſagen; denn es war das Recht des Käufers, die Waare zu prüfen, und überdies empfand ſie ein ſon⸗ derbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemuſtert hatte, murmelte ſie:„Schlechtes Zeug, ſchlechtes Kraut, nichts von Allem, was ich will⸗ war viel beſſer vor fünfzig Jahren; ſchlechtes Zeug, ſchlechtes Zeug 14 Solche Reden verdroſſen nun den kleinen Jakob. „Höre, Du biſt ein unverſchämtes, altes Weib,“ rief er muthig; verſt fährſt Du mit Deinen garſtigen brau⸗ nen Fingern in die ſchönen Kräuter hinein und drückſt ſie zuſammen, dann hältſt Du ſie an Deine lange Naſe, daß ſie Niemand mehr kaufen mag, wer zuge⸗ ſehen, und jetzt ſchimpfſt Du noch unſere Waare ſchlechtes Zeug, und doch kauft ſelbſt der Koch des Herzogs Alles bei uns!“ Das alte Weib ſchielte den muthigen Knaben an, lachte widerlich und ſprach mit heiſerer Stimme: „Söhnchen, Söhnchen! Alſo gefällt Dir meine Naſe, meine ſchöne lange Naſe? Sollſt auch eine haben 17 4 mitten im Geſicht bis übers Kinn herab.“ Während ſie ſo ſprach, rutſchte ſie an den andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlich⸗ ſten weißen Kohlhäupter in die Hand, drückte ſie zu⸗ ſammen, daß ſie ächzten, warf ſie dann wieder un⸗ ordentlich in den Korb und ſprach auch hier:„Schlechte Waare, ſchlechter Kohl!“ „Wackle nur nicht ſo garſtig mit dem Kopf hin und her,“ rief der Kleine ängſtlich,„Dein Hals iſt ja ſo dünne wie ein Kohlſtengel, der könnte leicht ab⸗ brechen, und dann fiele Dein Kopf hinein in den Korb; wer wollte dann noch kaufen?“ „Gefallen ſie Dir nicht, die dünnen Hälſe?“ murmelte die Alte lachend.„Sollſt gar keinen haben, Kopf muß in den Schultern ſtecken, daß er nicht her⸗ abfällt vom kleinen Körperlein!“ „Schwatzt doch nicht ſo unnützes Zeug mit dem Kleinen da,“ ſagte endlich die Frau des Schuſters im Unmuth über das lange Prüfen, Muſtern und Be⸗ riechen,„wenn Ihr etwas kaufen wollt, ſo ſputet Euch, Ihr verſcheucht mir ja die andern Kunden.“ „Gut, es ſei, wie Du ſagſt,“ rief die Alte mit grimmigem Blick,„ich will Dir dieſe ſechs Kohlhäupter abkaufen; aber ſiehe, ich muß mich auf den Stab ſtützen und kann nichts tragen; erlaube Deinem Söhn⸗ lein, daß es mir die Waare nach Hauſe bringt; ich will es dafür belohnen.“ Der Kleine wollte nicht mitgehen und weinte, denn ihm graute vor der häßlichen Frau, aber die Mutter befahl es ihm ernſtlich, weil ſie es doch für eine Sünde W. Hauffs Werke. Xl. 2 18 hielt, der alten ſchwächlichen Frau dieſe Laſt allein aufzubürden; halb weinend that er, wie ſie befohlen, raffte die Kohlhäupter in ein Tuch zuſammen und folgte dem alten Weib über den Markt hin. Es ging nicht ſehr ſchnell bei ihr, und ſie brauchte beinahe drei Viertelſtunden, bis ſie in einen ganz ent⸗ legenen Theil der Stadt kam und endlich vor einem kleinen baufälligen Hauſe ſtillhielt. Dort zog ſie einen alten, roſtigen Haken aus der Taſche, fuhr damit ge⸗ ſchickt in ein kleines Loch in der Thüre, und plötzlich ſprang dieſe krachend auf. Aber wie war der kleine Jakob überraſcht, als er eintrat! Das Innere des Hauſes war prachtvoll ausgeſchmückt, von Marmor war die Decke und die Wände, die Geräthſchaften vom ſchönſten Ebenholz, mit Gold und geſchliffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas und ſo glatt, daß der Kleine einigemal ausgleitete und umfiel. Die Alte aber zog ein ſilbernes Pfeiſchen aus der Taſche und pfiff eine Weiſe darauf, die gellend durch das Haus tönte. Da kamen ſogleich einige Meerſchweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz ſonderbar dünken, daß ſie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nußſchalen ſtatt Schuhen an den Pfoten trugen, menſchliche Kleider angelegt und ſogar Hüte nach der neueſten Mode auf die Köpfe geſetzt hatten. „Wo habt Ihr meine Pantoffeln, ſchlechtes Geſindel?“ rief die Alte und ſchlug mit dem Stock nach ihnen, daß ſie jammernd in die Höhe ſprangen;„wie lange ſoll ich noch ſo daſtehen?“ Sie ſprangen ſchnell die Treppe hinauf und kamen 19 wieder mit ein Paar Schalen von Cocusnuß mit Leder ge⸗ füttert, welche ſie der Alten geſchickt an die Füße ſteckten. Jetzt war alles Hinken und Rutſchen vorbei. Sie warf den Stab von ſich und gleitete mit großer Schnel⸗ ligkeit über den Glasboden hin, indem ſie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt ſie in einem Zimmer ſiille, das mit allerlei Geräthſchaften aus⸗ geputzt, beinahe einer Küche glich, obgleich die Tiſche von Mahagoniholz und die Sophas mit reichen Tep⸗ pichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach paßten. „Setze Dich,“ ſagte die Alte recht freundlich, indem ſie ihn in die Ecke eines Sophas drückte und einen Tiſch alſo vor ihn hinſtellte, daß er nicht mehr hervorkommen konnte.„Setze Dich, Du haſt gar ſchwer zu tragen ge⸗ habt, die Menſchenköpfe ſind nicht ſo leicht, nicht ſo leicht.“ „Aber Frau, was ſprechet Ihr ſo wunderlich?“ rief der Kleine,„müde bin ich zwar, aber es waren ja Kohlköpfe, die ich getragen, Ihr habt ſie meiner Mutter abgekauft.“ „Ei, das weißt Du falſch,“ lachte das Weib, deckte den Deckel des Korbes auf und brachte einen Menſchen⸗ kopf hervor, den ſie am Schopf gefaßt hatte. Der Kleine war vor Schrecken außer ſich; er konnte nicht faſſen, wie dies alles zuging, aber er dachte an ſeine Mutter; wenn Jemand von dieſen Menſchenköpfen et⸗ was erfahren würde, dachte er bei ſich, da würde man gewiß meine Mutter dafür anklagen. „Muß Dir nun auch etwas geben zum Lohn, daß Du ſo artig biſt,“ murmelte die Alte,„gedulde Dich nur ein Weilchen, will Dir ein Süppchen einbrocken, an das Du Dein Leben lang denken wirſt.“ So ſprach ſte und pfiff wieder. Da kamen zuerſt viele Meer⸗ ſchweinchen in menſchlichen Kleidern; ſie hatten Küchen⸗ ſchürzen umgebunden und im Gürtel Rührlöffel und Tranchirmeſſer; nach dieſen kam eine Menge Eichhörn⸗ chen hereingehüpft; ſie hatten weite türkiſche Bein⸗ kleider an, gingen aufrecht und auf dem Kopf trugen ſie grüne Mützchen von Sammt. Dieſe ſchienen die Küchenjungen zu ſein; denn ſie kletterten mit großer Geſchwindigkeit an den Wänden hinauf und brachten Pfannen und Schüſſeln, Eier und Butter, Kräuter und Mehl herab und trugen es auf den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von Co⸗ cosſchalen beſtändig hin und her, und der Kleine ſah, daß ſie es ſich recht angelegen ſein laſſe, ihm etwas Gutes zu kochen. Jetzt kniſterte das Feuer höher em⸗ por, jetzt rauchte und ſott es in der Pfanne, ein ange⸗ nehmer Geruch verbreitete ſich im Zimmer, die Alte aber rannte auf und ab, die Eichhörnchen und Meer⸗ ſchweine ihr nach, und ſo oft ſie am Herde vorbei kam, guckte ſie mit ihrer langen Naſe in den Topf Endlich fing es an zu ſprudeln und zu ziſchen, Dampf ſtieg aus dem Topf hervor, und der Schaum floß herab ins Feuer. Da nahm ſie ihn weg, goß davon in eine ſil⸗ berne Schale und ſetzte ſie dem kleinen Jakob vor. „So, Söhnchen, ſo,“ ſprach ſie,„iß nur dieſes Süppchen, dann haſt Du alles, was Dir an mir ſo gefallen. Sollſt auch ein geſchickter Koch werden, daß Du doch etwas biſt, aber Kräutlein, nein, das Kräut⸗ 21 lein ſollſt Du nimmer finden, warum hat es Deine Mutter nicht in ihrem Korb gehabt.“ Der Kleine ver⸗ ſtand nicht recht, was ſie ſprach, deſto aufmerkſamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich ſchmeckte. Seine Mutter hatte ihm manche ſchmackhafte Speiſe bereitet, aber ſo gut war ihm noch nichts geworden. Der Duft pon feinen Kräutern und Gewürzen ſtieg aus der Suppe auf, dabei war ſie ſüß und ſäuerlich zugleich und ſehr ſtark. Während er noch die letzten Tropfen der köſtlichen Speiſe austrank, zündeten die Meerſchwein⸗ chen arabiſchen Weihrauch an, der in bläulichen Wol⸗ ken durch das Zimmer ſchwebte, dichter und immer dichter wurden dieſe Wolken und ſanken herab, der Geruch des Weihrauches wirkte betäubend auf den Kleinen, er mochte ſich zurufen, ſo oft er wollte, daß er zu ſeiner Mutter zurückkehren müſſe; wenn er ſich ermannte, ſank er immer wieder von neuem in den Schlummer zurück und ſchlief endlich wirklich auf dem Sopha des alten Weibes ein. Sonderbare Träume kamen über ihn. Es war ihm, als ziehe ihm die Alte ſeine Kleider aus und umhülle ihn dafür mit einem Eichhörnchenbalg. Jetzt konnte er Sprünge machen und klettern wie ein Eichhörnchen; er ging mit den übrigen Eichhörnchen und Meerſchwein⸗ chen, die ſehr artige, geſittete Leute waren, um, und hatte mit ihnen den Dienſt bei der alten Frau. Zuerſt wurde er nur zu den Dienſten eines Schuhputzers ge⸗ braucht, d. h. er mußte die Cocosnüſſe, welche die Frau ſtatt der Pantoffeln trug, mit Hl ſalben und durch Reiben glänzend machen. Da er nun in ſeines Vaters Hauſe zu ähnlichen Geſchäften oft angehalten worden war, ſo ging es ihm flink von der Hand; etwa nach einem Jahre, träumte er weiter, wurde er zu feineren Geſchäften gebraucht; er mußte nämlich mit noch eini⸗ gen Eichhörnchen Sonnenſtäubchen fangen und, wenn ſie genug hatten, ſolche durch das feinſte Haarſieb ſieben. Die Frau hielt nämlich die Sonnenſtäubchen für das Allerfeinſte, und weil ſie nicht gut beißen konnte, denn ſie hatte keinen Zahn mehr, ſo ließ ſie ihr Brod aus Sonnenſtäubchen zubereiten. Wiederum nach einem Jahre wurde er zu den Die⸗ nern verſetzt, die das Trinkwaſſer für die Alte ſam⸗ melten. Man denke nicht, daß ſie ſich hiezu etwa eine Ziſterne hatte graben laſſen oder ein Faß in den Hof ſtellte, um das Regenwaſſer darin aufzufangen; da ging es fiel feiner zu; die Eichhörnchen, und Jakob mit ihnen, mußten mit Haſelnußſchalen den Thau aus den Roſen ſchöpfen, und das war das Trinkwaſſer der Alten. Da ſie nun bedeutend viel trank, ſo hatten die Waſſerträger ſchwere Arbeit. Nach einem Jahr wurde er zum innern Dienſt des Hauſes beſtellt; er hatte nämlich das Amt, die Böden rein zu machen; da nun dieſe von Glas waren, worin man jeden Hauch ſah, war es keine geringe Arbeit. Sie mußten ſie bürſten und altes Tuch an die Füße ſchnallen, und auf dieſem künſtlich im Zimmer umher fahren. Im vierten Jahr ward er endlich zur Küche verſetzt. Es war dies ein Ehrenamt, zu welchem man nur nach langer Prüfung gelangen konnte. Jakob diente dort vom Küchenjungen aufwärts bis zum erſten Paſtetenmacher und erreichte 23 eine ſo ungemeine Geſchicklichkeit und Erfahrung in allem, was die Küche betrifft, daß er ſich oft über ſich ſelbſt wundern mußte; die ſchwierigſten Sachen, Pa⸗ ſteten von zweihunderterlei Eſſenzen, Kräuterſuppen von allen Kräutlein der Erde zuſammengeſetzt, alles lernte er, alles verſtand er ſchnell und kräftig zu machen. So waren etwa ſieben Jahre im Dienſte des alten Weibes vergangen, da befahl ſie ihm eines Tages, in⸗ dem ſie die Cocosſchuhe auszog, Korb und Krücken⸗ ſtock zur Hand nahm, um auszugehen, er ſolle ein Hühnlein rupfen, mit Kräutern füllen und ſolches ſchön bräunlich und gelb röſten, bis ſie wiederkäme. Er that dies nach den Regeln der Kunſt. Er drehte dem Hühnlein den Kragen um, brühte es in heißem Waſſer, zog ihm geſchickt die Federn aus, ſchabte ihm nachher die Haut, daß ſie glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er an, die Kräuter zu ſammeln, womit er das Hühnlein füllen ſollte. In der Kräuterkammer gewahrte er aber dies⸗ mal ein Wandſchränkchen, deſſen Thüre halb geöffnet war, und das er ſonſt nie bemerkt hatte. Er ging neu⸗ gierig näher, um zu ſehen, was es enthalte, und ſiehe da, es ſtanden viele Körbchen darinnen, von welchen ein ſtarker, angenehmer Geruch ausging. Er öffnete eines dieſer Körbchen und fand darin Kräutlein von ganz beſonderer Geſtalt und Farbe. Die Stengeln und Blätter waren blaugrün und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Roth mit Gelb verbrämt; er betrachtete ſinnend dieſe Blume, beroch ſie, und ſie ſtrömte denſelben ſtarken Geruch aus, von dem einſt jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber ſo ſtark war der Geruch, daß er zu nieſen anfing, immer heftiger nieſen mußte und— am Ende nieſend erwachte. Da lag er auf dem Sopha des alten Weibes und blickte verwundert umher.„Nein, wie man aber ſo lebhaft träumen kann?“ ſprach er zu ſich.„Hätte ich jetzt doch ſchwören wollen, daß ich ein ſchnödes Eich⸗ hörnchen, ein Kamerade von Meerſchweinen und an⸗ derem Ungeziefer, dabei aber ein großer Koch gewor⸗ den ſei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr Alles erzähle! Aber wird ſie nicht auch ſchmälen, daß ich in einem fremden Hauſe einſchlafe, ſtatt ihr zu hel⸗ fen auf dem Markte?“ Mit dieſem Gedanken raffte er ſich auf, um hinweg zu gehen; noch waren ſeine Glie⸗ der vom Schlafe ganz ſteif, beſonders ſein Nacken, denn er konnte den Kopf nicht recht hin und her be⸗ wegen; er mußte auch ſelbſt über ſich lächeln, daß er ſo ſchlaftrunken war, denn alle Augenblicke, ehe er es ſich verſah, ſtieß er mit der Naſe an einen Schrank oder an die Wand und ſchlug ſie, wenn er ſich ſchnell um⸗ wandte, an einen Thürpfoſten. Die Eichhörnchen und Meerſchweinchen liefen winſelnd um ihn her, als woll⸗ ten ſie ihn begleiten, er lud ſie auch wirklich ein, als er auf der Schwelle war, denn es waren niedliche Thierchen, aber ſie fuhren auf ihren Nußſchalen ſchnell ins Haus zurück, und er hörte ſie nur noch in der Ferue heulen. Es war ein ziemlich entlegener Theil der Stadt, 25 wohin ihn die Alte geführt hatte, und er konnte ſich kaum aus den engen Gaſſen heraus finden, auch war dort ein großes Gedränge; denn es mußte ſich, wie ihm dünkte, gerade in der Nähe ein Zwerg ſehen laſſen; überall hörte er rufen:„Ei, ſehet den häßlichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her? Ei, was hat er doch für eine lange Naſe, und wie ihm der Kopf in den Schul⸗ tern ſteckt, und die braunen, häßlichen Hände!“ Zu einer andern Zeit wäre er wohl auch nachgelaufen, denn er ſah für ſein Leben gern Rieſen oder Zwerge oder ſeltſame, fremde Trachten, aber ſo mußte er ſich ſputen, um zu der Mutter zu kommen. Es war ihm ganz ängſtlich zu Muth, als er auf den Markt kam. Die Mutter ſaß noch da und hatte noch ziemlich viele Früchte im Korb, lange konnte er alſo nicht geſchlafen haben, aber doch kam es ihm von weitem ſchon vor, als ſei ſie ſehr traurig; denn ſie rief die Vorübergehenden nicht an, einzukaufen, ſon⸗ dern hatte den Kopf in die Hand geſtützt, und als er näher kam, glaubte er auch, ſie ſei bleicher als ſonſt. Er zauderte, was er thun ſollte; endlich faßte er ſich ein Herz, ſchlich ſich hinter ſie hin, legte traulich ſeine Hand auf ihren Arm und ſprach:„Mütterchen, was fehlt Dir?“ Biſt Du böſe auf mich?“ Die Frau wandte ſich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des Entſetzens zurück: „Was willſt Du von mir, häßlicher Zwerg!“ rief ſie.„Fort, fort! Ich kann dergleichen Poſſenſpiele nicht leiden.“ „Aber Mutter, was haſt Du denn?“ fragte Jakob 26 ganz erſchrocken;„Dir iſt gewiß nicht wohl; warum willſt Du denn Deinen Sohn von Dir jagen?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, gehe Deines Weges!“ entgegnete Frau Hanne zürnend.„Bei mir verdienſt Du kein Geld durch Deine Gaukeleien, häßliche Miß⸗ geburt.“ Wahrhaftig, Gott hat ihr das Licht des Verſtan⸗ des geraubt!“ ſprach der Kleine bekümmert zu ſich; „was fange ich nur an, um ſie nach Haus zu bringen? Lieb' Mütterchen, ſo ſei doch nur vernünftig; ſieh mich doch nur recht an; ich bin ja Dein Sohn, Dein Jakob.“ 1 „Nein, jetzt wird mir der Spaß zu unverſchämt,“ rief Hanne ihrer Nachbarin zu;„ſeht nur den häßlichen Zwerg da, da ſteht er und vertreibt mir gewiß alle Käufer, und mit meinem Unglück wagt er zu ſpotten. Spricht zu mir: ich bin ja Dein Sohn, Dein Jakob, der Unverſchämte!“ Da erhoben ſich die Nachbarinnen und fingen an zu ſchimpfen, ſo arg ſie konnten, und Marktweiber, wiſſet Ihr wohl, verſtehen es, und ſchalten ihn, daß er des Unglückes der armen Hanne ſpotte, der vor ſie⸗ ben Jahren ihr bildſchöner Knabe geſtohlen worden ſei, und drohten insgeſammt über ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn er nicht alſobald ginge. Der arme Jakob wußte nicht, was er von dieſem Allem denken ſollte. War er doch, wie er glaubte, heute frühe, wie gewöhnlich, mit der Mutter auf den Markt gegangen, hatte ihr die Früchte aufſtellen hel⸗ fen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus ge⸗ 27 kommen, hatte ein Süppchen verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht und war jetzt wieder da; und doch ſprachen die Mutter und die Nachbarinnen von ſieben Jahren! Und ſie nannten ihn einen garſtigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm vorgegangen?— Als er ſah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm hören wollte, traten ihm die Thränen in die Augen, und er ging trauernd die Straße hinab nach der Bude, wo ſein Vater den Tag über Schuhe flickte.„Ich will doch ſehen,“ dachte er bei ſich,„ob er mich auch nicht ken⸗ nen will; unter die Thüre will ich mich ſtellen und mit ihm ſprechen.“ Als er an der Bude des Schuſters an⸗ gekommen war, ſtellte er ſich unter die Thüre und ſchaute hinein. Der Meiſter war ſo emſig mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, daß er ihn gar nicht ſah; als er aber einmal zufällig einen Blick nach der Thüre warf, ließ er Schuhe, Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entſetzen:„Um Gottes willen, was iſt das, was iſt das!“ „Guten Abend, Meiſter!“ ſprach der Kleine, in⸗ dem er vollends in den Laden trat.„Wie geht es Euch?“ „Schlecht, ſchlecht, kleiner Herr!“ antwortete der Vater, zu Jakobs großer Verwunderung; denn er ſchien ihn auch nicht zu kennen.„Das Geſchäft will mir nicht recht von der Hand. Bin ſo allein und werde jetzt alt, und doch iſt mir ein Geſelle zu theuer.“ „Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach an die Hand gehen könnte bei der Ar⸗ beit?“ forſchte der Kleine weiter. 28 „Ich hatte einen, er hieß Jakob, und müßte jetzt ein ſchlanker, gewandter Burſche von zwanzig Jahren ſein, der mir tüchtig unter die Arme greifen könnte. Hal da müßte ein Leben ſein; ſchon als er zwölf Jahre alt war, zeigte er ſich ſo anſtellig und geſchickt und verſtand ſchon Manches vom Handwerk, und hübſch und angenehm war er auch; der hätte mir eine Kund⸗ ſchaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, ſon⸗ dern nichts als Neues geliefert hätte! Aber ſo gehts in der Welt!“ Wo iſt denn aber Euer Sohn?“ fragte Jakob mit zitternder Stimme ſeinen Vater. „Das weiß Gott,“ antwortete er;„vor ſieben Jahren, ja, ſo lange iſts jetzt her, wurde er uns vom Markt weggeſtohlen.“ „Vor ſieben Jahren!“ rief Jakob mit Ent⸗ ſetzen. „Ja, kleiner Herr, vor ſieben Jahren; ich weiß noch, wie heute, wie mein Weib nach Hauſe kam, heu⸗ lend und ſchreiend, das Kind ſei den ganzen Tag nicht zurückgekommen, ſie habe überall geforſcht und geſucht und es nicht gefunden. Ich habe es immer gedacht und geſagt, daß es ſo kommen würde; der Jakob war ein ſchönes Kind, das muß man ſagen, da war nun meine Frau ſtolz auf ihn und ſah es gerne, wenn ihn die Leute lobten, und ſchickte ihn oft mit Gemüſe und der⸗ gleichen in vornehme Häuſer. Das war ſchon recht; er wurde allemal reichlich beſchenkt; aber, ſagte ich, gib Acht! die Stadt iſt groß; viele ſchechte Leute woh⸗ nen da, gib mir auf den Jakob Acht! Und ſo war es, 29 wie ich ſagte. Kommt einmal ein altes, häßliches Weib auf den Markt, feilſcht um Früchte und Gemüſe und kauft am Ende ſo viel, daß ſie es nicht ſelbſt tragen kann. Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit— und hat ihn von Stund an nicht mehr geſehen.“ „Und das iſt jetzt ſieben Jahre, ſagt Ihr?“ „Sieben Jahre wird es im Frühling. Wir ließen ihn ausrufen, wir gingen von Haus zu Haus und fragten; Manche hatten den hübſchen Jungen gekannt und liebgewonnen und ſuchten jetzt mit uns, Alles vergeblich. Auch die Frau, welche das Gemüſe gekauft hatte, wollte Niemand kennen; aber ein ſteinaltes Weib, die ſchon neunzig Jahre gelebt hatte, ſagte, es könne wohl die böſe Fee Kräuterweis geweſen ſein, die alle fünfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um ſich allerlei einzukaufen.“ So ſprach Jakobs Vater und klopfte dabei ſeine Schuhe weidlich und zog den Draht mit beiden Fäuſten weit hinaus. Dem Kleinen aber wurde es nach und nach klar, was mit ihm vorgegangen, daß er nämlich nicht geträumt, ſondern daß er ſieben Jahre bei der böſen Fee als Eichhörnchen gedient habe. Zorn und Gram erfüllte ſein Herz ſo ſehr, daß es beinahe zer⸗ ſpringen wollte. Sieben Jahre ſeiner Jugend hatte ihm die Alte geſtohlen, und was hatte er für Erſatz dafür? Daß er Pantoffel von Cocosnüſſen blank putzen, daß er ein Zimmer mit gläſernem Fußboden rein machen konnte? Daß er von den Meerſchweinchen alle Geheimniſſe der Küche gelernt hatte? Er ſtand eine gute Weile ſo da und ſann über ſein Schickſal nach, da fragte ihn endlich ſein Vater:„Iſt Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefällig, junger Herr? Etwa ein paar neue Pantoffeln oder,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„vielleicht ein Futteral für Eure Naſe?“ „Was wollt Ihr nur mit meiner Naſe?“ fragte Jakob,„warum ſollte ich denn ein Futteral dazu brau⸗ chen?“ „Nun,“ entgegnete der Schuſter,„Jeder nach ſei⸗ nem Geſchmack; aber das muß ich Euch ſagen, hätte ich dieſe ſchreckliche Naſe, ein Futteral ließ ich mir darüber machen von roſenfarbigem Glanzleder. Schaut, da habe ich ein ſchönes Stückchen zur Hand; freilich würde man eine Elle wenigſtens dazu brauchen. Aber wie gut wäret Ihr verwahrt, kleiner Herr; ſo, weiß ich gewiß, ſtoßt Ihr Euch an jeden Thürpfoſten, an jeden Wagen, dem Ihr ausweichen wollet.“ Der Kleine ſtand ſtumm vor Schrecken; er betaſtete ſeine Naſe, ſie war dick und wohl zwei Hände lang! So hatte alſo die Alte auch ſeine Geſtalt verwandelt; darum kannte ihn alſo die Mutter nicht, darum ſchalt man ihn einen häßlichen Zwerg!„Meiſter!“ ſprach er halb weinend zu dem Schuſter,„habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin ich mich beſchauen könnte?“ „Junger Herr,“ erwiderte der Vater mit Ernſt, „Ihr habt nicht gerade eine Geſtalt empfangen, die Euch eitel machen könnte, und Ihr habt nicht Urſache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gewöhnt es 31 Euch ab, es iſt beſonders bei Euch eine lächerliche Ge⸗ wohnheit. „Ach, ſo laßt mich doch in den Spiegel ſchauen,“ rief der Kleine,„gewiß es iſt nicht aus Citelkeit!“ „Laſſet mich in Ruhe, ich hab' keinen im Vermö⸗ gen; meine Frau hat ein Spiegelchen, ich weiß aber nicht, wo ſie es verborgen. Müßt Ihr aber durchaus in den Spiegel gucken, nun, über der Straße hin wohnt Urban, der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal ſo groß als Euer Kopf; gucket dort hinein, und indeſſen guten Morgen!“ Mit dieſen Worten ſchob ihn der Vater ganz ge⸗ linde zur Bude hinaus, ſchloß die Thüre hinter ihm zu und ſetzte ſich wieder zur Arbeit. Der Kleine aber ging ſehr niedergeſchlagen über die Straße zu Urban, dem Barbier, den er noch aus früheren Zeiten wohl kannte. „Guten Morgen, Urban,“ ſprach er zu ihm,„ich komme, Euch um eine Gefälligkeit zu bitten, ſeid ſo gut und laſſet mich ein wenig in Euren Spiegel ſchauen.“ „Mit Vergnügen, dort ſteht er,“ rief der Bar⸗ bier lachend, und ſeine Kunden, denen er den Bart ſcheeren ſollte, lachten weidlich mit.„Ihr ſeid ein hübſches Bürſchchen, ſchlank und fein, ein Hälschen wie ein Schwan, Händchen wie eine Königin, und ein Stumpfnäschen, man kann es nicht ſchöner ſehen. Ein wenig eitel ſeid Ihr darauf, das iſt wahr; aber be⸗ ſchauet Euch immer, man ſoll nicht von mir ſagen, ich habe Euch aus Neid nicht in meinen Spiegel ſchauen laſſen.“ So ſprach der Barbier, und wieherndes Gelächter füllte die Baderſtube. Der Kleine aber war indeß vor den Spiegel getreten und hatte ſich beſchaut. Thränen traten ihm in die Augen.„Ja, ſo konnteſt Du freilich Deinen Jakob nicht wieder erkennen, liebe Mutter,“ ſprach er zu ſich,„ſo war er nicht anzuſchauen in den Tagen der Freude, wo Du gerne mit ihm prangteſt vor den Leuten!“ Seine Augen waren klein geworden, wie die der Schweine, ſeine Naſe war ungeheuer und hing über Mund und Kinn herunter, der Hals ſchien gänz⸗ lich weggenommen worden zu ſein, denn ſein Kopf ſtak tief in den Schultern, und nur mit den größten Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen; ſein Körper war noch ſo groß, als vor ſieben Jahren, da er zwölf Jahre alt war, aber wenn Andere vom zwölften bis ins zwanzigſte in die Höhe wachſen, ſo wuchs er in die Breite, der Rücken und die Bruſt waren weit ausgebogen und waren anzuſehen wie ein kleiner, aber ſehr dick gefüllter Sack; dieſer dicke Oberleib ſaß auf kleinen, ſchwachen Beinchen, die dieſer Laſt nicht gewachſen ſchienen, aber um ſo größer waren die Arme, die ihm am Leib herab hingen, ſie hatten die Größe, wie die eines wohlgewachſenen Mannes, ſeine Hände waren grob und braungelb, ſeine Finger lang und ſpinnenartig, und wenn er ſie recht ausſtreckte, konnte er damit auf den Boden reichen, ohne daß er ſich bückte. So ſah er aus, der kleine Jakob, zum mißge⸗ ſtalteten Zwerg war er geworden. Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an die Köͤrbe ſeiner Mutter getreten 33 war. Alles, was er damals an ihr getadelt hatte, die lange Naſe, die häßlichen Finger, alles hatte ſie ihm angethan und nur den langen, zitternden Hals hatte ſie gänzlich weggelaſſen. „Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beſchaut, mein Prinz?“ ſagte der Barbier, indem er zu ihm trat und ihn lachend betrachtete.„Wahrlich, wenn man ſich der⸗ gleichen träumen laſſen wollte, ſo komiſch könnte es einem im Traume nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen Vorſchlag machen, kleiner Mann. Mein Bar⸗ bierzimmer iſt zwar ſehr beſucht, aber doch ſeit neuerer Zeit nicht ſo, wie ich wünſche. Das kommt daher, weil mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen Rieſen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein Rieſe zu werden iſt gerade keine Kunſt, aber ſo ein Männchen wie Ihr, ja, das iſt ſchon ein ander Ding. Tretet bei mir in Dienſte, kleiner Mann, Ihr ſollt Wohnung, Eſſen, Trinken, Kleider, Alles ſollt Ihr haben; dafür ſtellt Ihr Euch Morgens unter meine Thüre und ladet die Leute ein, hereinzukommen; Ihr ſchlaget den Seifenſchaum, reichet den Kunden das Handtuch und ſeid verſichert, wir ſtehen uns Beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden, als jener mit dem Rieſen, und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld.“ Der Kleine war in ſeinem Innern empört über den Vorſchlag, als Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber mußte er ſich nicht dieſen Schimpf geduldig ge⸗ fallen laſſen? Er ſagte dem Barbier daher ganz ruhig, W. Hauffs Werke. X. 3 1 daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Dienſten, und ging weiter. Hatte das böſe alte Weib ſeine Geſtalt unterdrückt, ſo hatte ſie doch ſeinem Geiſt nichts anhaben können, das fühlte er wohl; denn er dachte und fühlte nicht mehr, wie er vor ſieben Jahren gethan, nein, er glaubte in dieſem Zeitraum weiſer, verſtändiger ge⸗ worden zu ſein; er trauerte nicht um ſeine verlorne Schönheit, nicht über dieſe häßliche Geſtalt, ſondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der Thüre ſeines Vaters gejagt werde. Darum beſchloß er, noch einen Verſuch bei ſeiner Mutter zu machen. Er trat zu ihr auf den Markt und bat ſie, ihm ruhig zuzuhoͤren. Er erinnerte ſie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weib gegangen, er erinnerte ſie an alle einzelne Vorfälle ſeiner Kindheit, erzählte ihr dann, wie er ſieben Jahre als Eichhörnchen gedient habe bei der Fee, und wie ſie ihn verwandelte, weil er ſie damals getadelt. Die Frau des Schuſters wußte nicht, was ſie denken ſollte. Alles traf zu, was er ihr von ſeiner Kindheit erzählte, aber wenn er davon ſprach, daß er ſieben Jahre lang ein Eichhörnchen ge⸗ weſen ſei, da ſprach ſie:„Es iſt unmöglich, und es gibt keine Feen,“ und wenn ſie ihn anſah, ſo verab⸗ ſcheute ſie den häßlichen Zwerg und glaubte nicht, daß dies ihr Sohn ſein könne. Endlich hielt ſie es fürs Beſte, mit ihrem Manne darüber zu ſprechen. Sie raffte alſo ihre Körbe zuſammen und hieß ihn mit⸗ gehen. So kamen ſie zu der Bude des Schuſters. „Sieh einmal,“ ſprach ſie zu dieſem,„der Menſch 35 da will unſer verlorner Jakob ſein. Er hat mir alles erzählt, wie er uns vor ſieben Jahren geſtohlen wurde, und wie er von einer Fee bezaubert worden ſei.“ „So?“ unterbrach ſie der Schuſter mit Zorn.„Hat er Dir dies erzählt? Warte, Du Range! Ich habe ihm Alles erzählt noch vor einer Stunde, und jetzt geht er hin, Dich ſo zu foppen! Bezaubert biſt Du worden, mein Söhnchen? Warte doch, ich will Dich wieder ent⸗ zaubern.“ Dabei nahm er einen Bündel Riemen, die er eben zugeſchnitten hatte, ſprang auf den Kleinen zu und ſchlug ihn auf den hohen Rücken und auf die langen Arme, daß der Kleine vor Schmerz aufſchrie und weinend davon lief. In jener Stadt gibt es, wie überall, wenige mit⸗ leidige Seelen, die einen Unglücklichen, der zugleich etwas Lächerliches an ſich trägt, unterſtützen. Daher kam es, daß der unglückliche Zwerg den ganzen Tag ohne Speiſe und Trank blieb und Abends die Treppen einer Kirche, ſo hart und kalt ſie waren, zum Nachtla⸗ ger wählen mußte. Als ihn aber am nächſten Morgen die erſten Strahlen der Sonne erweckten, da dachte er ernſtlich darüber nach, wie er ſein Leben friſten könne, da ihn Vater und Mutter verſtoßen. Er fühlte ſich zu ſtolz, um als Aushängeſchild eines Barbiers zu dienen, er wollte nicht zu einem Poſſenreißer ſich verdingen und ſich um Geld ſehen laſſen; was ſollte er anfangen? Da fiel ihm bei, daß er als Eichhörnchen große Fort⸗ ſchritte in der Kochkunſt gemacht habe; er glaubte nicht mit Unrecht, hoffen zu dürfen, daß er es mit 36 manchem Koch aufnehmen köͤnne; er beſchloß, ſeine Kunſt zu benützen. Sobald es daher lebhafter wurde auf den Straßen und der Morgen ganz heraufgekommen war, trat er zuerſt in die Kirche und verrichtete ſein Gebet. Dann trat er ſeinen Weg an. Der Herzog, der Herr des Landes, war ein bekannter Schlemmer und Lecker, der eine gute Tafel liebte und ſeine Köche in allen Welt⸗ theilen aufſuchte. Zu ſeinem Palaſt begab ſich der Kleine. Als er an die äußerſte Pforte kam, fragten die Thürhüter nach ſeinem Begehr und hatten ihren Spott mit ihm; er aber verlangte nach dem Ober⸗ küchenmeiſter. Sie lachten und führten ihn durch die Vorhöfe, und wo er hinkam, blieben die Diener ſtehen, ſchauten nach ihm, lachten weidlich und ſchloſſen ſich an, ſo daß nach und nach ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art ſich die Treppe des Palaſtes hinauf bewegte; die Stallknechte warfen ihre Striegel weg, die Läufer liefen, was ſie konnten, die Teppichbreiter vergaßen die Teppiche auszuklopfen, Alles drängte und trieb ſich, es war ein Gewühl, als ſei der Feind vor den Thoren, und das Geſchrei:„Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt Ihr den Zwerg geſehen?“ füllte die Lüfte. Da erſchien der Aufſeher des Hauſes mit grimmi⸗ gem Geſicht, eine ungeheure Peitſche in der Hand, in der Thüre.„Um des Himmels willen, ihr Hunde, was macht ihr ſolchen Lärm! Wiſſet ihr nicht, daß der Herr noch ſchläft?“ und dabei ſchwang er die Geißel und ließ ſie unſanft auf den Rücken einiger Stallknechte und Thürhüter niederfallen.„Ach Herr!“ 3 37 riefen ſie,„ſeht Ihr denn nicht? Da bringen wir einen Zwerg, einen Zwerg, wie Ihr noch keinen geſehen.“ Der Aufſeher des Palaſtes zwang ſich mit Mühe, nicht laut aufzulachen, als er des Kleinen anſichtig wurde; denn er fürchtete, durch Lachen ſeiner Würde zu ſchaden. Er trieb daher mit der Peitſche die übrigen hinweg, führte den Kleinen ins Haus und fragte nach ſeinem Begehr. Als er hörte, jener wolle zum Küchenmeiſter, erwiderte er:„Du irrſt Dich, mein Söhnchen, zu mir, dem Auf⸗ ſeher des Hauſes, willſt Du; Du willſt Leibzwerg wer⸗ den beim Herzog; iſt es nicht alſo?“ „Nein, Herr!“ antwortete der Zwerg.„Ich bin ein geſchickter Koch und erfahren in allerlei ſeltenen Speiſen; wollet mich zum Oberküchenmeiſter bringen; vielleicht kann er meine Kunſt brauchen.“ „Jeder nach ſeinem Willen, kleiner Mann; übri⸗ gens biſt Du noch ein unbeſonnener Junge. In die Küche! Als Leibzwerg hätteſt Du keine Arbeit gehabt und Eſſen und Trinken nach Herzensluſt und ſchöne Kleider. Doch, wir wollen ſehen, Deine Kochkunſt wird ſchwerlich ſo weit reichen, als ein Mundkoch des Herrn nöthig hat, und zum Küchenjungen biſt Du zu gut.“ Bei dieſen Worten nahm ihn der Aufſeher des Palaſtes bei der Hand und führte ihn in die Gemächer des Oberküchenmeiſters. „Gnädiger Herr!“ ſprach dort der Zwerg und verbeugte ſich ſo tief, daß er mit der Naſe den Fußtep⸗ pich berührte.„Brauchet Ihr keinen geſchickten Koch.“ Der Oberküchenmeiſter betrachtete ihn von Kopf bis zu den Füßen, brach dann in lautes Lachen aus und 38 ſprach:„Wie?“ rief er.„Du ein Koch? Meinſt Du, unſere Herde ſeien ſo niedrig, daß Du nur auf einen hinaufſchauen kannſt, wenn Du Dich auf die Zehen ſtellt und den Kopf recht aus den Schultern her⸗ ausarbeiteſt? O, lieber Kleiner! Wer Dich zu mir geſchickt hat, um Dich als Koch zu verdingen, der hat Dich zum Narren gehabt.“ So ſprach der Oberküchen⸗ meiſter und lachte weidlich, und mit ihm lachte der Aufſeher des Palaſtes und alle Diener, die im Zimmer waren. Der Zwerg aber ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen.„Was liegt an einem Ei oder zweien, an ein wenig Syrup und Wein, an Mehl und Gewürze, in einem Hauſe, wo man deſſen genug hat?“ ſprach er.„Gebet mir irgend eine leckerhafte Speiſe zu be⸗ reiten auf, ſchaffet mir, was ich dazu brauche, und ſie ſoll vor Euren Augen ſchnell bereitet ſein, und Ihr ſollet ſagen müſſen: er iſt ein Koch nach Regel und Recht.“ Solche und ähnliche Reden führte der Kleine, und es war wunderlich anzuſchauen, wie es dabei aus ſeinen kleinen Aeuglein hervorblitzte, wie ſeine lange Naſe ſich hin und her ſchlängelte und ſeine dünnen Spinnenfinger ſeine Rede begleiteten.„Wohlan!“ rief der Küchenmeiſter und nahm den Aufſeher des Palaſtes unter dem Arme.„Wohlan, es ſei um des Spaßes willen; laſſet uns zur Küche gehen“ Sie gingen durch mehre Säle und Gänge und kamen end⸗ lich in die Küche. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebände, herrlich eingerichtet; auf zwanzig Herden brannten beſtändig Feuer, ein klares Waſſer, das zu⸗ V 39 gleich zum Fiſchbehälter diente, floß mitten durch ſie, in Schränken von Marmor und köſtlichem Holz waren die Vorräthe aufgeſtellt, die man immer zur Hand haben mußte, und zur Rechten und Linken waren zehn Säle, in welchen Alles aufgeſpeichert war, was man in allen Ländern von Frankiſtan und ſelbſt im Mor⸗ genlande Köſtliches und Leckeres für den Gaumen er⸗ funden. Küchenbedienten aller Art liefen umher und raſſelten und hantirten mit Keſſeln und Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln; als aber der Oberküchen⸗ meiſter in die Küche eintrat, blieben ſie alle regungs⸗ los ſtehen, und nur das Feuer hörte man noch kniſtern und das Bächlein rieſeln. „Was hat der Herr heute zum Frühſtück befohlen?“ fragte der Meiſter den erſten Frühſtückmacher, einen alten Koch. „Herr! Die däniſche Suppe hat er geruht zu be⸗ fehlen und rothe Hamburger Klöschen.“ „Gut,“ ſprach der Küchenmeiſter weiter;„haſt Du gehört, was der Herr ſpeiſen will? Getrauſt Du Dich, dieſe ſchwierigen Speiſen zu bereiten? Die Klöschen bringſt Du auf keinen Fall heraus, das iſt ein Geheimniß.“ „Nichts leichter als dies,“ erwiderte zu allgemei⸗ nem Erſtaunen der Zwerg; denn er hatte dieſe Speiſen als Eichhörnchen oft gemacht,„nichts leichter, man gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter, dies und jenes Gewürz, Fett von einem wilden Schwein, Wur⸗ zeln und Eier; zu den Klöschen aber,“ ſprach er leiſer, daß es nur der Küchenmeiſter und der Frühſtückmacher 40 hören konnten,„zu den Klöschen brauche ich viererlei Fleiſch, etwas Wein, Entenſchmalz, Ingwer und ein gewiſſes Kraut, das man Magentroſt heißt.“ „Ha! Bei St. Benedtkt! Bei welchem Zauberer haſt Du gelernt?“ rief der Koch mit Staunen.„Alles bis auf ein Haar hat er geſagt, und das Kräutlein Magentroſt haben wir ſelbſt nicht gewußt; ja, das muß es noch angenehmer machen. O Du Wunder von einem Koch!“ „Das hätte ich nicht gedacht,“ ſagte der Ober⸗ küchenmeiſter, doch laſſen wir ihn die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt, Geſchirr und alles, und laſſet ihn das Frühſtück bereiten.“ Man that wie er befohlen, und rüſtete Alles auf dem Herde zu; aber da fand es ſich, daß der Zwerg kaum mit der Naſe bis an den Herd reichen konnte. Man ſetzte daher ein paar Stühle zuſammen, legte eine Marmorplatte darüber und lud den kleinen Wun⸗ dermann ein, ſein Kunſtſtück zu beginnen. In einem großen Kreiſe ſtanden die Köche, Küchenjungen, Die⸗ ner und allerlei Volk umher und ſahen zu und ſtaunten, wie ihm Alles ſo flink und fertig von der Hand ging, wie er Alles ſo reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig war, befahl er, beide Schüſſeln ans Feuer zu ſetzen und genau ſo lange kochen zu laſſen, bis er rufen werde; dann fing er an zu zählen eins, zwei, drei und ſo fort, und gerade, als er fünfhundert gezählt hatte, rief er:„Halt!“ die Töpfe wurden weggeſetzt und der Kleine lud den Kü⸗ chenmeiſter ein, zu koſten. 41 Der Muntdkoch ließ ſich vor einem Küchenjungen einen goldenen Löffel reichen, ſpülte ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchenmeiſter; dieſer trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speiſen, koſtete, drückte die Augen zu, ſchnalzte vor Vergnügen mit der Zunge und ſprach dann:„Köſtlich, bei des Herzogs Leben, köſtlich! Wollet Ihr nicht auch ein Löffelein zu Euch nehmen, Aufſeher des Palaſtes!“ Dieſer verbeugte ſich, nahm den Löffel, koſtete und war vor Vergnügen und Luſt außer ſich.„Eure Kunſt in Eh⸗ ren, lieber Frühſtückmacher, Ihr ſeid ein erfahrener Koch, aber ſo herrlich habt Ihr weder die Suppe noch die Hamburger Klöſe machen können!“ Auch der Koch koſtete jetzt, ſchüttelte dann dem Zwerge ehrfurchtsvoll die Hand und ſagte:„Kleiner! Du biſt Meiſter in der Kunſt; ja das Kräutlein Magentroſt, das gibt Allem einen ganz eigenen Reiz.“ In dieſem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die Küche und berichtete, daß der Herr das Frühſtück verlange. Die Speiſen wurden nun auf ſilberne Platten gelegt und dem Herzog zugeſchickt; der Oberküchenmeiſter aber nahm den Kleinen in ſein Zimmer und unterhielt ſich mit ihm. Kaum waren ſie aber halb ſo lange da, als man ein Paternoſter ſpricht(es iſt dies das Gebet der Franken, o Herr, und dauert nicht halb ſo lange, als das Gebet der Gläubigen), ſo kam ſchon ein Bote und rief den Ober⸗ küchenmeiſter zum Herrn. Er kleidete ſich ſchnell in ſein Feſtkleid und folgte dem Boten. Der Herzog ſah ſehr vergnügt aus. Er hatte al⸗ 42 les aufgezehrt, was auf den ſilbernen Schüſſeln geweſen war, und wiſchte ſich eben den Bart ab, als der Ober⸗ küchenmeiſter zu ihm eintrat.„Höre, Küchenmeiſter,“ ſprach er,„ich bin mit Deinen Köchen bisher immer ſehr zufrieden geweſen; aber ſage mir, wer hat heute mein Frühſtück bereitet? So köſtlich war es nie, ſeit ich auf dem Thron meiner Väter ſitze; ſage an, wie er heißt, der Koch, daß wir ihm einige Dukaten zum Geſchenk ſchicken.“ „Herr! Das iſt eine wunderbare Geſchichte,“ ant⸗ wortete der Oberküchenmeiſter und erzählte, wie man ihm heyte frühe einen Zwerg gebracht, der durchaus Koch werden wollte, und wie ſich dies Alles begeben. Der Herzog verwunderte ſich höchlich, ließ den Zwerg vor ſich rufen und fragte ihn aus, wer er ſei und wo⸗ her er komme. Da konnte nun der arme Jakob frei⸗ lich nicht ſagen, daß er verzaubert worden ſei und früher als Cichhörnchen gedient habe. Doch blieb er bei der Wahrheit, indem er erzählte, er ſei jetzt ohne Vater und Mutter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter, ſon⸗ dern ergötzte ſich an der ſonderbaren Geſtalt ſeines neuen Koches. „Willſt Du bei mir bleiben,“ ſprach er,„ſo will ich Dir jährlich fünfzig Dukaten, ein Feſtkleid und noch überdies ein paar Beinkleider reichen laſſen. Dafür mußt Du aber täglich mein Frühſtück ſelbſt be⸗ reiten, mußt angeben, wie das Mittageſſen gemacht werden ſoll, und überhaupt Dich meiner Küche an⸗ nehmen. Da Jeder in meinem Palaſt ſeinen eigenen 4³ Namen von mir empfängt, ſo ſollſt Du Naſe heißen und die Würde eines Unterküchenmeiſters bekleiden.“ Der Zwerg Naſe fiel nieder vor dem mächtigen Herzog in Frankenland, küßte ihm die Füße und ver⸗ ſprach ihm treu zu dienen. So war nun der Kleine fürs Erſte verſorgt, und er machte ſeinem Amt Ehre. Denn man kann ſagen, daß der Herzog ein ganz anderer Mann war, während der Zwerg Naſe ſich in ſeinem Hauſe aufhielt. Sonſt hatte es ihm oft beliebt, die Schüſſeln oder Platten, die man ihm auftrug, den Köchen an den Kopf zu werfen; ja dem Oberküchenmeiſter ſelbſt warf er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfuß, der nicht weich genug geworden war, ſo heftig an die Stirne, daß er umfiel und drei Tage zu Bette liegen mußte. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn gethan, durch einige Hände voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speiſen zu ihm gekommen. Seit der Zwerg im Hauſe war, ſchien Alles wie durch Zauber umgewan⸗ delt. Der Herr aß jetzt ſtatt dreimal des Tages fünf⸗ mal, um ſich an der Kunſt ſeines kleinſten Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er nie eine Miene zum Unmuth. Nein, er fand Alles neu, trefflich, war leutſelig und angenehm und wurde von Tag zu Tag fetter. Oft ließ er mitten unter der Tafel den Küchen⸗ meiſter und den Zwerg Naſe rufen, ſetzte den Einen rechts, den Andern links zu ſich und ſchob ihnen mit ſeinen eigenen Fingern einige Biſſen der köſtlichſten 4⁴ Speiſen in den Mund, eine Gnade, welche ſie Beide wohl zu ſchätzen wußten. Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat ſich flehentlich Erlaubniß vom Oberküchenmeiſter, den Zwerg kochen zu ſehen, und einige der vornehmſten Mähnner hatten es ſo weit gebracht beim Herzog, daß ihre Diener in der Küche beim Zwerg Unterrichts⸗ ſtunden genießen durften, was nicht wenig Geld ein⸗ trug; denn Jeder zahlte täglich einen halben Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu erhalten und ſie nicht neidiſch auf ihn zu machen, überließ ihnen Naſe dieſes Geld, das die Herren für den Unterricht ihrer Köche zahlen mußten. So lebte Naſe beinahe zwei Jahre in äußerlichem Wohlleben und Ehre, und nur der Gedanke an ſeine Eltern betrübte ihn. So lebte er, ohne etwas Merk⸗ würdiges zu erfahren, bis ſich folgender Vorfall er⸗ eignete. Der Zwerg Naſe war beſonders geſchickt und glücklich in ſeinen Einkäufen. Daher ging er, ſo oft es ihm die Zeit erlaubte, immer ſelbſt auf den Markt, um Geflügel und Früchte einzuhandeln. Eines Mor⸗ gens ging er auch auf den Gänſemarkt und forſchte nach ſchweren fetten Gänſen, wie ſie der Herr liebte. Er war muſternd ſchon einigemal auf⸗ und abgegangen. Seine Geſtalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht. Denn man erkannte ihn als den berühmten Mundkoch des Herzogs, und jede Gänſefrau fühlte ſich glücklich, wenn er ihr die Naſe zuwandte. Da ſah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke —.,— —.— 45 eine Frau ſitzen, die auch Gänſe feil hatte, aber nicht wie die Übrigen ihre Waare anpries und nach Käufern ſchrie. Zu dieſer trat er und maß und wog ihre Gänſe. Sie waren, wie er ſie wünſchte, und er kaufte drei ſammt dem Käſicht, lud ſie auf ſeine breiten Schultern und trat den Rückweg an. Da kam es ihm ſonderbar vor, daß nur zwei von dieſen Gänſen ſchnatterten und ſchrien, wie rechte Gänſe zu thun pflegen, die Dritte aber ganz ſtill und in ſich gekehrt da ſaß und Seufzer ausſtieß und ächzte wie ein Menſch.„Die iſt halb krank,“ ſprach er vor ſich hin,„ich muß eilen, daß ich ſie umbringe und zurichte.“ Aber die Gans antwortete ganz deutlich und laut: „Stichſt Du mich⸗ So beiß ich Dich. Drückſt Du mir die Kehle ab, Bring ich Dich ins frühe Grab.“ Ganz erſchrocken ſetzte der Zwerg Naſe ſeinen Kä⸗ ſicht nieder, und die Gans ſah ihn mit ſchönen, klugen Augen an und ſeufzte.„ Ei der Tauſend!“ rief Naſe. Sie kann ſprechen, Jungfer Gans? Das hätte ich nicht gedacht. Na, ſei Sie nur nicht ängſtlich! Man weiß zu leben und wird einem ſo ſeltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte wetten, ſie iſt nicht von jeher in dieſen Federn geweſen.. War ich ja ſelbſt ein⸗ mal ein ſchnödes Eichhörnchen.“ „Du haſt Recht,“ erwiderte die Gans,„wenn Du ſagſt, ich ſei nicht in dieſer ſchmachvollen Hülle geboren worden. Ach, in meiner Wiege wurde es mir nicht geſungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter, in der Küche eines Herzogs getödtet werden ſoll!“ „Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi,“ trö⸗ ſtete der Zwerg.„So wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeiſter ſeiner Durchlaucht bin, es ſoll Ihr Keiinner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen Gemächern einen Stall anweiſen, Futter ſoll ſie genug haben, und meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhal⸗ tung widmen, den übrigen Küchenmenſchen werde ich ſagen, daß ich eine Gans mit allerlei beſondern Kräu⸗ tern für den Herzog mäſte, und ſobald ſich Gelegenheit findet, ſetze ich Sie in Freiheit. Die Gans dankte ihm mit Thränen, der Zwerg aber that, wie er verſprochen, ſchlachtete die zwei andern Gänſe, für Mimi aber baute er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, ſie für den Herzog ganz beſonders zu⸗ zurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Gänſe⸗ futter, ſondern verſah ſie mit Backwerk und ſüßen Speiſen. So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, ſich mit ihr zu unterhalten und ſie zu tröſten. Sie erzähl⸗ ten ſich auch gegenſeitig ihre Geſchichten, und Naſe erfuhr auf dieſem Wege, daß die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock ſei, der auf der Inſel Goth⸗ land lebe. Er ſei in Streit gerathen mit einer alten Fee, die ihn durch Ränke und Liſt überwunden und ſie zur Rache in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hieher gebracht habe. Als der Zwerg Naſe ihr ſeine Geſchichte ebenfalls erzählt hatte, ſprach ſie:„Ich bin nicht unerfahren in dieſen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen Schweſtern einige Anleitung gegeben, 47 ſo viel er nämlich davon mittheilen durfte. Die Ge⸗ ſchichte mit dem Streit am Kräuterkorb, Deine plötz⸗ liche Verwandlung, als Du an jenem Kräutlein rochſt, auch wenige Worte der Alten, die Du mir ſagteſt, bewei⸗ ſen mir, daß Du auf Kräuter bezaubert biſt, das heißt: wenn Du das Kraut auffindeſt, das ſich die Fee bei Deiner Verzauberung gedacht hat, ſo kannſt Du erlöst werden.“ Es war dies ein geringer Troſt für den Klei⸗ nen; denn wo ſollte er das Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und ſchöpfte einige Hoffnung. Um dieſe Zeit bekam der Herzog einen Beſuch von einem benachbarten Fürſten, ſeinem Freunde. Er ließ daher ſeinen Zwerg Naſe vor ſich kommen und ſprach zu ihm:„Jetzt iſt die Zeit gekommen, wo Du zeigen mußt, ob Du mir treu dienſt und Meiſter Deiner Kunſt biſt. Dieſer Fürſt, der bei mir zu Beſuch iſt, ſpeist bekanntlich, außer mir, am beſten und iſt ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiſer Mann. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich alſo beſorgt werde, daß er immer mehr in Erſtaunen geräth. Dabei darfſt Du, bei meiner Ungnade, ſo lange er da iſt, keine Speiſe zweimal bringen. Dafür kannſt Du Dir von meinem Schatzmeiſter Alles reichen laſſen, was Du nur brauchſt. Und wenn Du Gold und Diamanten in Schmalz backen mußt, ſo thu' es. Ich will lieber ein armer Mann werden, als erröthen vor ihm.“ So ſprach der Herzog. Der Zwerg aber ſagte, in⸗ dem er ſich anſtändig verbeugte:„Es ſei, wie Du ſagſt, o Herr! ſo es Gott gefällt, werde ich Alles ſo machen, daß es dieſem Fürſten der Gutſchmecker wohlgefällt. 48 Der kleine Koch ſuchte nun ſeine ganze Kunſt her⸗ vor. Er ſchonte die Schätze ſeines Herrn nicht, noch weniger aber ſich ſelbſt. Denn man ſah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt, und ſeine Stimme hallte beſtändig durch das Gewölbe der Küche. Denn er befahl als Herrſcher den Küchen⸗ jungen und niederen Köchen. Herr! Ich könnte es machen wie die Kameeltreiber von Aleppo, wenn ſie in ihren Geſchichten, die ſie den Reiſenden erzählen, die Menſchen herrlich ſpeiſen laſſen. Sie führen eine ganze Stunde lang all die Gerichte an, die aufgetragen wor⸗ den ſind, und erwecken dadurch große Sehnſucht und noch größeren Hunger in ihren Zuhörern, ſo daß dieſe unwillkürlich die Vorräthe öffnen und eine Mahlzeit halten und den Kameeltreibern reichlich mittheilen; doch ich nicht alſo. Der fremde Fürſt war ſchon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich und in Freuden. Sie ſpeisten des Tages nicht weniger als fünfmal, und der Herzog war zufrieden mit der Kunſt des Zwerges. Denn er ſah Zufriedenheit auf der Stirne ſeines Gaſtes. Am fünfzehnten Tage aber begab es ſich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen ließ, ihn ſeinem Gaſt, dem Fürſten, vorſtellte und dieſen fragte, wie er mit dem Zwerg zufrieden ſei? „Du biſt ein wunderbarer Koch,“ antwortete der fremde Fürſt,„und weißt, was anſtändig eſſen heißt. Du haſt in der ganzen Zeit, daß ich hier bin, nicht eine einzige Speiſe wiederholt und Alles trefflich bereitet. Aber ſage mir doch, warum bringſt Du 49 ſo lange nicht die Königin der Speiſen, die Paſtete Souzeraine?“ Der Zwerg war ſehr erſchrocken. Denn er hatte von dieſer Paſtetenkönigin nie gehört, doch faßte er ſich und antwortete:„O Herr! noch lange, hoffte ich, ſollte Dein Angeſicht leuchten an dieſem Hoflager, darum wartete ich mit dieſer Speiſe. Denn womit ſollte Dich denn der Koch begrüßen am Tage des Scheidens, als mit der Königin der Paſteten!“ „So?“ entgegnete der Herzog lachend.„Und bei mir wollteſt Du wohl warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begrüßen? Denn auch mir haſt Du die Paſtete noch nie vorgeſetzt. Doch denke auf einen andern Scheidegruß, denn morgen mußt Du die Paſtete auf die Tafel ſetzen.“ „Es ſei, wie Du ſagſt, Herr!“ antwortete der Zwerg und ging. Aber er ging nicht vergnügt. Denn der Tag ſeiner Schande und ſeines Unglücks war gekom⸗ men. Er wußte nicht, wie er die Paſtete machen ſollte. Er ging daher in ſeine Kammer und weinte über ſein Schickſal. Da trat die Gans Mimi, die in ſeinem Ge⸗ mach umhergehen durfte, zu ihm und fragte ihn nach der Urſache ſeines Jammers.„Stille Deine Thränen,“ antwortete ſie, als ſie von der Paſtete Souzeraine gehört, „dieſes Gericht kam oft auf meines Vaters Tiſch, und ich weiß ungefähr, was man dazu braucht: Du nimmſt dies und jenes, ſo und ſo viel, und wenn es auch nicht durchaus Alles iſt, was eigentlich dazu nöthig, die Her⸗ ren werden keinen ſo feinen Geſchmack haben.“ So ſprach Mimi. Der Zwerg aber ſprang auf vor Atenhe W. Hauffs Werke. XI. ſegnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte, und ſchickte ſich an, die Königin der Paſteten zuzurich⸗ ten. Er machte zuerſt einen kleinen Verſuch, und ſiehe, es ſchmeckte trefflich, und der Oberküchenmeiſter, dem er davon zu koſten gab, pries aufs Neue ſeine ausge⸗ breitete Kunſt. Den andern Tag ſetzte er die Paſtete in größerer Form auf und ſchickte ſie, warm, wie ſie aus dem Ofen kam, nachdem er ſie mit Blumenkränzen geſchmückt hatte, auf die Tafel. Er ſelbſt aber zog ſein beſtes Feſt⸗ kleid an und ging in den Speiſeſaal. Als er eintrat, war der Obervorſchneider gerade damit beſchäftigt, die Paſtete zu zerſchneiden und auf einem ſilbernen Schäu⸗ felein dem Herzog und ſeinem Gaſte hinzureichen. Der Herzog that einen tüchtigen Biß hinein, ſchlug die Au⸗ gen auf zur Decke und ſprach, nachdem er geſchluckt hatte:„Ah! ah! ah! mit Recht nennt man dies die Kö⸗ nigin der Paſteten; aber mein Zwerg iſt auch der Kö⸗ nig aller Köche, nicht alſo, lieber Freund?“ Der Gaſt nahm einige kleine Biſſen zu ſich, koſtete und prüfte aufmerkſam und lächelte dabei höhniſch und geheimnißvoll.„Das Ding iſt recht artig gemacht,“ antwortete er, indem er den Teller hinwegrückte,„aber die Souzeraine iſt es denn doch nicht ganz; das habe ich mir wohl gedacht.“ Da runzelte der Herzog vor Unmuth die Stirne und erröthete vor Beſchämung:„Hund von einem Zwerg!“ rief er.„Wie wagſt Du es, Deinem Herrn dies anzuthun? Soll ich Dir Deinen großen Kopf ab⸗ hacken laſſen, zur Strafe für Deine ſchlechte Kocherei?“ 51 „Ach Herr! Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet nach den Regeln der Kunſt, es kann gewiß nichts fehlen!“ ſo ſprach der Zwerg und zitterte. „Es iſt eine Lüge, Du Bube!“ erwiderte der Her⸗ zog und ſtieß ihn mit dem Fuße von ſich.„Mein Gaſt würde ſonſt nicht ſagen, es fehlt etwas. Dich ſelbſt will ich zerhacken und backen laſſen in eine Paſtete!“ „Habt Mitleiden!“ rief der Kleine und rutſchte auf den Knien zu dem Gaſt, deſſen Füße er umfaßte⸗ „Saget, was fehlt an dieſer Speiſe, daß ſie Eurem Gaumen nicht zuſagt? Laſſet mich nicht ſterben wegen einer Handvoll Fleiſch und Mehl.“ „Das wird Dir wenig helfen, mein lieber Naſe,“ antwortete der Fremde mit Lachen;„das habe ich mir ſchon geſtern gedacht, daß Du dieſe Speiſe nicht machen kannſt wie mein Koch. Wiſſe, es fehlt ein Kräutlein, das man hier zu Lande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitluſt, ohne dieſes bleibt die Paſtete ohne Würze, und Dein Herr wird ſie nie eſſen wie ich.“ 4 Da gerieth der Herrſcher in Frankiſtan in Wuth. „Und doch werde ich ſie eſſen,“ rief er mit funkelnden Augen;„denn ich ſchwöre auf meine fürſtliche Ehre, entweder zeige ich Euch morgen die Paſtete, wie Ihr ſie verlanget— oder den Kopf dieſes Burſchen aufge⸗ ſpießt auf dem Thor meines Palaſtes. Gehe Du Hund, noch einmal gebe ich Dir vierundzwanzig Stunden Zeit.“ So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder in ſein Kämmerlein und klagte der Gans ſein Schick⸗ ſal, und daß er ſterhen müſſe; denn von dem Kraut 52 habe er nie gehört.„Iſt es nur dies,“ ſprach ſie,„da kann ich Dir ſchon helfen; denn mein Vater lehrte mich alle Kräuter kennen. Wohl wäreſt Du vielleicht zu einer andern Zeit des Todes geweſen, aber glücklicherweiſe iſt es gerade Neumond, und um dieſe Zeit blüht das Kräutlein Doch ſage an, ſind alte Kaſtanienbäume in der Nähe des Palaſtes?“ „O ja!“ erwiderte Naſe mit leichterem Herzen; „am See, zweihundert Schritte vom Haus, ſteht eine ganze Gruppe; doch warum dieſe?“ „Nur am Fuße alter Kaſtanien blüht das Kräut⸗ lein,“ ſagte Mimi.„Darum laß uns keine Zeit ver⸗ ſäumen und ſuchen, was Du brauchſt; nimm mich auf Deinen Arm und ſetze mich im Freien nieder; ich will Dir ſuchen.“ Er that, wie ſie geſagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palaſtes. Dort aber ſtreckte der Thürhüter ſein Gewehr vor und ſprach:„Mein guter Naſe, mit Dir iſts vorbei, aus dem Hauſe darfſt Du nicht, ich habe den ſtrengſten Befehl darüber.“ „Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen? 2 4 erwiderte der Zwerg.„Sei ſo gut und ſchicke einen Deiner Geſellen zum Aufſeher des Palaſtes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter ſuchen dürfe?“ Der Thürhüter that alſo, und es wurde er⸗ laubt; denn der Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken. Als aber Naſe mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, ſetzte er ſie behutſam nieder, und ſie ging ſchnell vor ihm her dem See zu, wo die Kaſtanien ſtanden. Er 53 folgte ihr nur mit beklommenem Herzen; denn es war ja ſeine letzte, einzige Hoffnung; fand ſie das Kräut⸗ lein nicht, ſo ſtand ſein Entſchluß feſt, er ſtürzte ſich dann lieber in den See, als daß er ſich köpfen ließ. Die Gans ſuchte aber vergebens, ſie wandelte unter allen Kaſtanien, ſie wandte mit dem Schnabel jedes Gräschen um, es wollte ſich nichts zeigen, und ſie fing aus Mitteid und Angſt an zu weinen; denn ſchon wurde der Abend dunkler, und die Gegenſtände umher ſchwerer zu erkennen. Da fielen die Blicke des Zwergs über den See hin und plötzlich rief er:„Siehe, ſiehe, dort über dem See ſteht noch ein großer, alter Baum; laß uns dort hin⸗ gehen und ſuchen, vielleicht blüht dort mein Glück.“ Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief nach, ſo ſchnell ſeine kleinen Beine konnten; der Kaſtanienbaum warf einen großen Schatten, und es war dunkel um⸗ her, faſt war nichts mehr zu erkennen; aber da blieb plötzlich die Gans ſtill ſtehen, ſchlug vor Freuden mit den Flügeln, fuhr dann ſchnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte Etwas ab, das ſie dem erſtaunten Naſe zierlich mit dem Schnabel überreichte, und ſprach: „Das iſt das Kräutlein, und hier wächst eine Menge davon, ſo daß es Dir nie daran fehlen kann.“ Der Zwerg betrachtete das Kraut ſinnend; ein ſüßer Duft ſtrömte ihm daraus entgegen, der ihn un⸗ willkürlich an die Scene ſeiner Verwandlung erinnerte; die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün, ſie trugen eine brennend rothe Blume mit gelbem Rande. „Gelobt ſei Gott!“ rief er endlich aus; welches 54 Wunder! Wiſſe, ich glaube, es iſt dies daſſelbe Kraut, das mich aus einem Eichhörnchen in dieſe ſchändliche Geſtalt umwandelte; ſoll ich den Verſuch machen?“ „Noch nicht,“ bat die Gans.„Nimm von dieſem Kraut eine Handvoll mit Dir, laß uns auf Dein Zim⸗ mer gehen, und Dein Geld, und was Du ſonſt haſt, zuſammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes verſuchen.“ Sie thaten alſo und gingen auf ſeine Kammer zu⸗ rück, und das Herz des Zwerges pochte hörbar vor Er⸗ wartung. Nachdem er fünfzig oder ſechzig Dukaten, die er erſpart, einige Kleider und Schuhe zuſammen in einen Bündel geknüpft hatte, ſprach er:„So es Gott gefällig iſt, werde ich dieſer Bürde los werden,“ ſtreckte ſeine Naſe tief in die Kräuter und zog ihren Duft ein. Da zog und knackte es in allen ſeinen Gliedern, er fühlte, wie ſich ſein Kopf aus den Schultern hob, er ſchielte herab auf ſeine Naſe und ſah ſie kleiner und kleiner werden, ſein Rücken und ſeine Bruſt fingen an, ſich zu ebnen, und ſeine Beine wurden länger. Die Gans ſah mit Erſtaunen dieſem allem zu. „Ha! was Du groß, was Du ſchön biſt!“ rief ſie. „Gott ſei gedankt, es iſt nichts mehr an Dir von allem, was Du vorher warſt!“ Da freute ſich Jakob ſehr, und er faltete die Hände und betete. Aber ſeine Freude ließ ihn nicht vergeſſen, welchen Dank er der Gans Mimi ſchuldig ſei; zwar drängte ihn ſein Herz zu ſeinen Eltern zu gehen, doch beſiegte er aus Dank⸗ barkeit dieſen Wunſch und ſprach:„Wem anders, als Dir, habe ich es zu danken, daß ich mir ſelbſt wieder — ⸗ 5⁵ geſchenkt bin? Ohne Dich hätte ich dieſes Kraut nim⸗ mer gefunden, hätte alſo ewig in jener Geſtalt bleiben oder vielleicht gar unter dem Beile des Henkers ſterben müſſen. Wohlan, ich will es Dir vergelten. Ich will Dich zu Deinem Vater bringen; er, der ſo erfahren iſt in jedem Zauber, wird Dich leicht entzaubern können.“ Die Gans vergoß Freudenthränen und nahm ſein An⸗ erbieten an. Jakob kam glücklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palaſt und machte ſich auf den Weg nach dem Meeresſtrand, Mimi's Heimath zu. Was ſoll ich noch weiter erzählen, daß ſie ihre Reiſe glücklich vollendeten, daß Wetterbock ſeine Tochter entzauberte und den Jakob mit Geſchenken beladen entließ; daß er in ſeine Vaterſtadt zurückkam, und daß ſeine Eltern in dem ſchönen jungen Mann mit Ver⸗ gnügen ihren verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geſchenken, die er von Wetterbock mitbrachte, ſich einen Laden kaufte und reich und glücklich wurde. Nur ſo viel will ich noch ſagen, daß nach ſeiner Entfernung aus dem Palaſt des Herzogs große Unruhe entſtand; denn als am andern Tag der Herzog ſeinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter nicht gefunden hätte, den Kopf abſchlagen laſſen wollte, war er nirgends zu finden; der Fürſt aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich entkommen laſſen, um ſich nicht ſeines beſten Kochs zu berauben, und klagte ihn an, daß er wortbrüchig ſei. Dadurch entſtand denn ein großer Krieg zwiſchen beiden Fürſten, der in der Geſchichte unter dem Namen„Kräuterkrieg“ wohl be⸗ kannt iſt; es wurde manche Schlacht geſchlagen, aber 56 am Ende doch Friede gemacht, und dieſen Frieden nennt man bei uns den„Paſtetenfrieden,“ weil beim Verſöhnungsfeſt durch den Koch des Fürſten die Sou⸗ zeraine, die Königin der Paſteten, zubereitet wurde, welche ſich der Herr Herzog trefflich ſchmecken ließ. So führen oft die kleinſten Urſachen zu großen Folgen; und dies, o Herr iſt die Geſchichte des Zwerges Naſe. So erzählte der Sklave aus Frankiſtan; nachdem eer geendet hatte, ließ der Scheik Ali Banu ihm und den andern Sklaven Früchte reichen, ſich zu erfriſchen, und unterhielt ſich, während ſie aßen, mit ſeinen Freunden. Die jungen Männer aber, die der Alte ein⸗ geführt hatte, waren voll Lobes über den Scheik, ſein Haus und alle ſeine Einrichtungen.„Wahrlich,“ ſprach der junge Schreiber,„es gibt keinen angenehmeren Zeitvertreib, als Geſchichten anzuhören. Ich koͤnnte Tage lang ſo hinſitzen, die Beine untergeſchlagen, einen Arm aufs Kiſſen geſtützt, die Stirne in die Hand ge⸗ legt, und, wenn es ginge, des Scheiks große Waſſer⸗ pfeife in der Hand und Geſchichten anhören,— ſo ungefähr ſtelle ich mir das Leben vor in den Gärten Mahomeds.“ „So lange Ihr jung ſeid und arbeiten könnt,“ ſprach der Alte,„kann ein ſolcher träger Wunſch nicht Euer Ernſt ſein. Aber das gebe ich Euch zu, daß ein eigener Reiz darin liegt, etwas erzählen zu hören. So alt ich bin, und ich gehe nun ins ſiebenundſiebenzigſte 57 Jahr, ſo viel ich in meinem Leben ſchon gehört habe, ſo verſchmähe ich es doch nicht, wenn an der Ecke ein Geſchichtserzähler ſitzt und um ihn in großem Kreis die Zuhörer, mich ebenfalls hinzuſetzen und zuzuhören. Man träumt ſich ja in die Begebenheiten hinein, die erzählt werden, man lebt mit dieſen Menſchen, mit dieſen wundervollen Geiſtern, mit Feen und dergleichen Leuten, die uns nicht alle Tage begegnen, und hat nachher, wenn man einſam iſt, Stoff, ſich alles zu wiederholen, wie der Wanderer, der ſich gut verſehen hat, wenn er durch die Wüſte reist.“ „Ich habe nie ſo darüber nachgedacht,“ erwiderte ein Anderer der jungen Leute,„worin der Reiz ſolcher Geſchichten eigentlich liegt. Aber mir geht es wie Euch⸗ Schon als Kind konnte man mich, wenn ich ungedul⸗ dig war, durch eine Geſchichte zum Schweigen bringen. Es war mir anfangs gleichgültig, von was es handelte, wenn es nur erzählt war, wenn nur etwas geſchah; vie oft habe ich, ohne zu ermüden, jene Fabeln ange⸗ hört, die weiſe Männer erfunden, und in welche ſie einen Kern ihrer Weisheit gelegt haben, vom Fuchs und vom thörichten Raben, vom Fuchs und vom Wolf, riele Dutzend Geſchichten von Löwen und den übrigen TZhieren. Als ich älter wurde und mehr unter die Men⸗ ſceen kam, genügten mir jene kurzen Geſchichten nicht nehr; ſie mußten ſchon länger ſein, mußten von Men⸗ ſcen und ihren wunderbaren Schickſalen handeln.“ „Ja, ich entſinne mich noch wohl dieſer Zeit,“ unterbrach ihn einer ſeiner Freunde.„Du warſt es, der uns dieſen Drang nach Erzählungen aller Art bei⸗ 58 brachte. Einer Eurer Sklaven wußte ſo viel zu erzäh⸗ len, als ein Kameeltreiber von Mecca nach Medina ſpricht; wenn er fertig war mit ſeiner Arbeit, mußte er ſich zu uns ſetzen auf den Grasboden vor dem Hauſe, und da baten wir ſo lange, bis er zu erzählen anfing, und das ging fort und fort, bis die Nacht herauf kam.“ „Und erſchloß ſich ung,“ entgegnete der E erſchloß ſich uns da nicht ein 839 Hsim. Reich, das Land der Genien und aut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mi. reichen Paläſten von Smaragden und Rubinen, mit rieſenhaften Sklaven bevölkert, die erſchienen, wenn man einen Ring hin und wieder dreht, oder die Wunderlampe reibt, oder das Wort Salomo's ausſpricht, und in goldenen Schalen herrliche Speiſen bringen. Wir fühlten uns unwillkürlich in jenes Land verſetzt, wir machten mit Sindbad ſeine wunderbaren Fahrten, wir gingen mit Harun Al Raſchid, dem weiſen Beherrſcher der Gläu⸗ bigen, Abends ſpazieren, wir kannten Giaffar, ſeinen Weſſir, ſo gut als uns ſelbſt, kurz, wir lebten in jenen Geſchichten, wie man Nachts in Träumen lebt, und es gab keine ſchönere Tageszeit für uns, als den Abend, wo wir uns einfanden auf dem Raſenplatz, und der alte Sklave uns erzählte. Aber ſage uns, Alter, worit liegt es denn eigentlich, daß wir damals ſo gerne er⸗ zählen hörten, daß es noch jetzt für uns keine ange⸗ nehmere Unterhaltung gibt?“ Die Bewegung, die im Zimmer entſtand, und de Aufforderung zur Aufmerkſamkeit, die der Sklavei⸗ aufſeher gab, verhinderte den Alten zu antworten. d 59 jungen Leute wußten nicht, ob ſie ſich freuen ſollten, daß ſie eine neue Geſchichte anhören durften, oder un⸗ gehalten ſein darüber, daß ihr anziehendes Geſpräch mit dem Alten unterbrochen worden war; aber ein zweiter Sklave erhob ſich bereits und begann: Abner der Jude, der nichts geſehen hat. Herr, ich bin aus Mogador, am Strande des großen Meers, und all aroßmächtigſte Kaiſer Muley Is⸗ mael über Feh und Marokko herrſchte, hat ſich die Ge⸗ ſchichte zugetragen, die Du vielleicht nicht ungerne hö⸗ ren wirſt. Es iſt die Geſchichte von Abner dem Iuden, der nichts geſehen hat. Juden, wie Du weißt, gibt es überall, und ſie ſind überall Juden: pfiffig, mit Falkenaugen für den kleinſten Vortheil begabt, verſchlagen, deſto verſchlage⸗ ner, je mehr ſie mißhandelt werden, ihrer Verſchlagen⸗ heit ſich bewußt, und ſich etwas darauf einbildend. Daß doch zuweilen ein Jude durch ſeine Pfiffe zu Schaden kommt, bewies Abner, als er eines Abends zum Thore von Marokko hinaus ſpazieren ging.. Er ſchreitet einher, mit der ſpitzigen Mütze auf dem Kopf, in den beſcheidenen, nicht übermäßig rein⸗ lichen Mantel gehüllt, nimmt von Zeit zu Zeit eine verſtohlene Priſe aus der goldenen Doſe, die er nicht gerne ſehen läßt, ſtreichelt ſich den Knebelbart, und, trotz der umherrollenden Augen, welche ewige Furcht und Beſorgniß und die Begierde, etwas zu erſpähen, womit Etwas zu machen wäre, keinen Augenblick ruhen läßt, leuchtet Zufriedenheit aus ſeiner beweglichen 60 Miene; er muß dieſen Tag gute Geſchäfle gemacht haben; und ſo iſt es auch. Er iſt Arzt, iſt Kaufmann, iſt Alles, was Geld einträgt; er hat heute einen Skla⸗ ven mit einem heimlichen Fehler verkauft, wohlfeil eine Kameelladung Gummi gekauft und einem reichen, kranken Mann den letzten Trank, nicht vor ſeiner Ge⸗ neſung, ſondern vor ſeinem Hintritt bereitet. Eben war er auf ſeinem Spaziergang aus einem kleinen Gehölz von Palmen und Datteln getreten, da hörte er lautes Geſchrei herbeilaufender Menſchen hinter ſich; es war ein Haufe kaiſerlicher Stallknechte, den Oberſtallmeiſter an der Spitze, die nach allen Seiten unruhige Blicke umherwarfen, wie Menſchen, die etwas Verlorenes eifrig ſuchen. „Philiſter,“ rief ihm keuchend der Oberſtallmeiſter zu,„haſt Du nicht ein kaiſerlich Pferd mit Sattel und Zeug vorüberrennen ſehen?“ Abner antwortete:„Der beſte Galoppläufer, den es gibt; zierlich klein iſt ſein Huf, ſeine Hufeiſen ſind von vierzehnlöthigem Silber, ſein Haar leuchtet golden, gleich dem großen Sabbatleuchter in der Schule, fuͤnf⸗ zehn Fäuſte iſt er hoch, ſein Schweif iſt drei und einen halben Fuß lang, und die Stangen ſeines Gebiſſes ſind von dreiundzwanzigkarätigem Golde.“ „Er iſt’s!“ rief der Oberſtallmeiſter.„Er iſt’s! rief der Chor der Stallknechte!„Es iſt der Emir,“ rief ein alter Bereiter,„ich habe es dem Prinzen Ab⸗ dallah zehnmal geſagt, er ſolle den Emir in der Trenſe reiten, ich kenne den Emir, ich habe es vorausgeſagt, daß er ihn abwerfen würde, und ſollte ich ſeine Rüͤcken⸗ ——— 61 ſchmerzen mit dem Kopfe bezahlen müſſen, ich habe es vor⸗ ausgeſagt.— Aber ſchnell, wohinzu iſt er gelaufen?“ „Habe ich doch gar kein Pferd geſehen,“ erwiderte Abner lächelnd,„wie kann ich es ſagen, wohin es ge⸗ laufen iſt, des Kaiſers Pferd 2 4 Erſtaunt über dieſen Widerſpruch, wolten die Herren vom Stalle eben weiter in Abner dringen, da kam ein anderes Ereigniß dazwiſchen. Durch einen ſonderbaren Zufall, wie es deren ſo viele gibt, war gerade zu dieſer Zeit auch der Leib⸗ ſchooßhund der Kaiſerin entlaufen. Ein Haufe ſchwarzer Sklaven kam herbeigerannt, und ſie ſchrien ſchon von weitem:„Habt Ihr den Schooßhund der Kaiſerin nicht geſehen?“ „Es iſt kein Hund, den Ihr ſuchet, meine Herren,“ ſagte Abner,„es iſt eine Hündin.“ „Allerdings,“ rief der erſte Eunuch hocherfreut, „Aline, wo hiſt du 2 ⁴ „Ein kleiner Wachtelhund,“ fuhr Abner fort,„der vor kurzem Junge geworfen, langes Behänge, Feder⸗ ſchwanz, hinkt auf dem vordern rechten Bein.“ „Sie iſt's, wie ſie leibt und lebt!“ rief der Chor der Schwarzen.„Es iſt Aline; die Kaiſerin iſt in Krämpfe verfallen, ſobald ſie vermißt wurde; Aline, wo biſt du? Was ſoll aus uns werden, wenn wir ohne dich ins Harem zurückkehren? Sprich geſchwind, wohin haſt Du ſie laufen ſehen 2 4 „Ich habe gar keinen Hund geſehen, weiß ich doch nicht einmal, daß meine Kaiſerin, welche Gott erhalte, einen Wachtelhund beſitzt.“ 62 Da ergrimmten die Leute vom Stalle und vom Harem über Abners Unverſchämtheit, wie ſie es nann⸗ ten, über kaiſerliches Eigenthum ſeinen Scherz zu trei⸗ ben, und zweifelten keinen Augenblick, ſo unwahrſchein⸗ lich dies auch war, daß er Hund und Pferd geſtohlen habe. Während die Andern ihre Nachforſchungen fort⸗ ſetzten, packten der Stallmeiſter und der erſte Eunuch den Juden und führten den halb pfiffig, halb ängſtlich Lächelnden vor das Angeſicht des Kaiſers. Aufgebracht berief Muley Ismael, als er den Her⸗ gang vernommen, den gewöhnlichen Rath des Palaſtes und führte, in Betracht der Wichtigkeit des Gegenſtan⸗ des, ſelbſt den Vorſitz. Zur Eröffnung der Sache wurde dem Angeſchuldigten ein halbes Hundert Streiche auf die Fußſohlen zuerkannt. Abner mochte ſchreien oder winſeln, ſeine Unſchuld betheuern oder verſprechen, Alles zu erzählen, wie es ſich zugetragen, Sprüche aus der Schrift oder dem Tamud anführen; mochte rufen: „Die Ungnade des Königs iſt wie das Brüllen eines jungen Löwen, aber ſeine Gnade iſt Thau auf dem Graſe;“ oder:„Laß nicht zuſchlagen Deine Hand, wenn Dir Augen und Ohren verſchloſſen ſind.“— Muley Ismael winkte und ſchwur bei des Propheten Bart und ſeinem eigenen, der Philiſter ſolle die Schmerzen des Prinzen Abdallah und die Krämpfe der Kaiſerin mit dem Kopfe bezahlen, wenn die Flüchtigen nicht wieder beigebracht würden. Noch erſchallte der Palaſt des Kaiſers von Marokko von dem Schmerzgeſchrei des Patienten, als die Nach⸗ richt einlief, Hund und Pferd ſeien wieder gefunden. * . 63 Alinen überraſchte man in der Geſellſchaft einiger Möpſe, ſehr anſtändiger Leute, die ſich aber für ſie, als Hofdame, durchaus nicht ſchickten, und Emir hatte, nachdem er ſich müde gelaufen, das duftende Gras auf den grünen Wieſen am Bache Tara wohlſchmeckender gefunden, als den kaiſerlichen Hafer; gleich dem er⸗ müdeten fürſtlichen Jäger, der auf der Parforcejagd verirrt, über dem ſchwarzen Brod und der Butter in der Hütte des Landmanns alle Leckereien ſeiner Tafel vergißt. Muley Ismael verlangte nun von Ahner eine Er⸗ klärung ſeines Betragens, und dieſer ſah ſich nun, wie⸗ wohl etwas ſpät, im Stande, ſich zu verantworten, was er, nachdem er vor Sr. Hohert Thron dreimal die Erde mit der Stirne berührte, in folgenden Worten that: „Großmächtigſter Kaiſer, König der Könige, Herr des Weſten, Stern der Gerechtigkeit, Spiegel der Wahrheit, Abgrund der Weisheit, der Du ſo glänzend biſt wie Gold, ſo ſtrahlend wie der Diamant, ſo hart wie das Eiſen, höre mich, weil es Deinem Sklaven vergönnt iſt, vor Deinem ſtrahlenden Angeſichte ſeine Stimme zu erheben. Ich ſchwöre bei dem Gott meiner Väter, bei Moſes und den Propheten, daß ich Dein heiliges Pferd und meiner gnädigen Kaiſerin liebens⸗ würdigen Hund mit meines Leibes Augen nicht geſehen habe. Höre aber, wie ſich die Sache begeben.“ „Ich ſpazierte, um mich von des Tages Laſt und Arbeit zu erholen, nichts denkend, in dem kleinen Ge⸗ hölze, wo ich die Ehre gehabt habe, ſeiner Herrlich⸗ keit, dem Oberſtallmeiſter, und ſeiner Wachſamkeit, dem ſchwarzen Aufſeher Deines geſegneten Harems, zu begegnen; da gewahrte ich im feinen Sande zwiſchen den Palmen die Spuren eines Thieres; ich, dem die Spuren der Thiere überaus gut bekannt ſind, erkenne ſie alsbald für die Fußſtapfen eines kleinen Hundes; feine, langgezogene Furchen liefen über die kleinen Unebenheiten des Sandbodens zwiſchen dieſen Spuren hin; es iſt eine Hündin, ſprach ich zu mir ſelbſt, und ſie hat hängende Zitzen und hat Junge geworfen vor ſo und ſo langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertatzen, wo des Sand leicht weggefegt zu ſein ſchien, ſagten mir, daß das Thier mit ſchönen, weit herabhängenden Ohren begabt ſei; und da ich bemerkte, wie in längeren Zwiſchenräumen der Sand bedeuten⸗ der aufgewühlt war, dachte ich: einen ſchönen lang⸗ behaarten Schwanz hat die Kleine, und er muß anzu⸗ ſehen ſein als ein Federbuſch, und es hat ihr beliebt, zuweilen den Sand damit zu peitſchen; auch entging mir nicht, daß eine Pfote ſich beſtändig weniger tief in den Sand eindrückte; leider konnte mir da nicht verborgen bleiben, daß die Hündin meiner gnädig⸗ ſten Frau, wenn es erlaubt iſt, es auszuſprechen, etwas hinke. „Was das Roß Deiner Hoheit betrifft, ſo wiſſe, daß ich, als ich in einem Gange des Gebüſches hin⸗ wandelte, auf die Spuren eines Pferdes aufmerkſam wurde. Kaum hatte ich den edeln, kleinen Huf, den feinen und doch ſtarken Strahl bemerkt, ſo ſagte ich in meinem Herzen: Da iſt geweſen ein Roß von der 65 Race Tſchenner, die da iſt die vornehmſte von allen. Iſt es ja noch nicht vier Monate, hat mein gnädigſter Kaiſer einem Fürſten in Frankenland eine ganze Koppel von dieſer Race verkauft, und mein Bruder Ruben iſt, dabei geweſen, wie ſie ſind Handels einig geworden, und mein gnädigſter Kaiſer hat dabei gewonnen ſo und ſo viel. Als ich ſah, wie die Spuren ſo weit und ſo gleichmäßig von einander entfernt waren, mußte ich denken: Das galoppirt ſchön, vornehm, und iſt bloß mein Kaiſer werth, ſolch ein Thier zu beſitzen, und ich gedachte des Streitroſſes, von dem geſchrieben ſteht bei Hiob:„„Es ſtrampfet auf den Boden und iſt frreudig mit Kraft und zeucht aus, den Geharniſchten entgegen; es ſpottet der Furcht und erſchricket nicht und fleucht vor dem Schwert nicht, wenn gleich wieder⸗ erklinget der Köcher, und glänzen beide, Spieß und Lanzen.““ Und ich bückte mich, da ich Etwas glänzen ſah auf dem Boden, wie ich immer thue, und ſiehe, es war ein Marmelſtein, darauf hatte das Hufeiſen des eilenden Roſſes einen Strich gezogen, und ich erkannte, daß es Hufeiſen haben mußte von vierzehnlöthigem Silber; muß ich doch den Strich kennen von jeglichem Metall, ſei es echt oder unecht. Der Baumgang, in dem ich ſpazierte, war ſieben Fuß weit, und hie und da ſah ich den Staub von den Palmen geſtreift; der Gaul hat mit dem Schweif gefochten, ſprach ich, und er iſt lang drei und einen halben Fuß; unter Bäumen, deren Krone etwa fünf Fuß vom Boden anfing, ſah ich friſch abgeſtreifte Blätter; Seiner Schnelligkeit W. Hauffs Werke. XI. 66 Rücken mußte ſie abgeſtreift haben; da haben wir ein Pferd von fünfzehn Fäuſten; ſiehe da, unter denſelben Bäumen kleine Büſchel goldglänzender Haare, und ſiehe da, es iſt ein Goldfuchs! Eben trat ich aus dem Gebüſche, da fiel an einer Felswand ein Goldſtrich in mein Auge; dieſen Strich ſollteſt Du kennen, ſprach ich, und was wars? Ein Probirſtein war eingeſprengt in dem Geſtein und ein haarfeiner Goldſtrich darauf, wie ihn das Männchen mit dem Pfeilbündel auf den Füchſen der ſieben vereinigten Provinzen von Holland nicht feiner, nicht reiner ziehen kann. Der Strich mußte von den Gebißſtangen des flüchtigen Roſſes rüh⸗ ren, die es im Vorbeiſpringen gegen dieſes Geſtein gerieben. Kennt man ja doch Deine erhabene Pracht⸗ liebe, König der Könige, weiß man ja doch, daß ſich das geringſte Deiner Roſſe ſchämen würde, auf einen andern als einen goldenen Zaum zu beißen. Alſo hat es ſich begeben, und wenn—“ „Nun, bei Mecca und Medina!“ rief Muley Ismael,„das heiße ich Augen; ſolche Augen könnten Dir nicht ſchaden, Oberjägermeiſter, ſie würden Dir eine Koppel Schweißhunde erſparen; Du, Polizei⸗ miniſter, könnteſt damit weiter ſehen, als alle Deine Schergen und Aufpaſſer. Nun, Philiſter, wir wollen Dich in Betracht Deines ungemeinen Scharfſinns, der uns wohl gefallen hat, gnädig behandeln; die fünfzig Prügel, die Du richtig erhalten hat, ſind fünfzig Ze⸗ chinen werth, ſie erſparen Dir fünfzig; denn Du zahlſt jetzt bloß noch fünfzig baar; zieh Deinen Beutel und enthalte Dich für die Zukunft, unſeres kaiſerlichen 67 Eigenthums zu ſpotten; wir bleiben Dir übrigens in Gnaden gewogen.“ Der ganze Hof bewunderte Abners Scharfſinn, denn Seine Majeſtät hatte geſchworen, er ſei ein ge⸗ ſchickter Burſche; aber dies bezahlte ihm ſeine Schmer⸗ zen nicht, tröſtete ihn nicht für ſeine theuren Zechinen. Während er ſtöhnend und ſeufzend eine nach der an⸗ dern aus dem Beutel führte, jede noch zum Abſchiede auf der Fingerſpitze wog, höhnte ihn noch Schnuri, der kaiſerliche Spaßmacher, fragte ihn, ob ſeine Zechi⸗ nen alle auf dem Steine ſich bewährten, auf dem der Goldfuchs des Prinzen Abdallah ſein Gebiß probirt habe.„Deine Weisheit hat heute Ruhm geerntet,“ ſprach er,„ich wollte aber noch fünfzig Zechinen wet⸗ ten, es wäre Dir lieber, Du hätteſt geſchwiegen. Aber wie ſpricht der Prophet?„„Ein entſchlüpftes Wort holt kein Wagen ein, und wenn er mit vier flüchtigen Roſſen beſpannt wäre.““ Auch kein Wind⸗ ſpiel holt es ein, Herr Abner, auch wenn es nicht hinkt.“ Nicht lange nach dieſem für Abner ſchmerzlichen Ereigniß ging er wieder einmal in einem der grünen Thäler zwiſchen den Vorbergen des Atlas ſpazieren. Da wurde er, gerade wie damals, von einem einher⸗ ſtürmenden Haufen Gewaffneter eingeholt, und der Anführer ſchrie ihn an: „He! guter Freund, haſt Du nicht Goro, den ſchwarzen Leibſchützen des Kaiſers, vorbeilaufen ſehen? Er iſt entflohen, er muß dieſen Weg genommen haben ins Gebirg.“ 68 „Kann nicht dienen, Herr General,“ antwortete Abner. „Ach! biſt Du nicht der pfiffige Jude, der den Fuchſen und den Hund nicht geſehen hat? Mach' nur keine Umſtände; hier muß der Sklave vorbeigekom⸗ men ſein; riechſt Du vielleicht noch den Duft ſeines Schweißes in der Luft? ſiehſt Du noch die Spuren ſeines flüchtigen Fußes im hohen Graſe? Sprich, der Sklave muß herbei; er iſt einzig im Sperlingſchießen mit dem Blaſerohr, und dies iſt Seiner Majeſtät Lieb⸗ lingszeitvertreib. Sprich! oder ich laſſe Dich ſogleich krumm feſſeln.“ „Kann ich doch nicht ſagen, ich habe geſehen, was ich doch nicht hab' geſehen.“ „Jude, zum letzten Male: wohin iſt der Sklave gelaufen? denk an Deine Fußſohlen, denk an Deine Zechinen!“ „O weh geſchrien! Nun, wenn Ihr abſolut haben wollt, daß ich ſoll geſehen haben den Sperlingſchützen, ſo lauft dorthin; iſt er dort nicht, ſo iſt er anderswo.“ „Du haſt ihn alſo geſehen?“ brüllte ihn der Soldat an. „Ja denn, Herr Offizier, weil Ihr es ſo haben wollt.“ Die Soldaten verfolgten eilig die angewieſene Richtung. Abner aber ging, innerlich über ſeine Liſt zufrieden, nach Hauſe. Kaum aber war er vierund⸗ zwanzig Stunden älter geworden, ſo drang ein Haufe von der Wache des Palaſtes in ſein Haus und verun⸗ reinigte es, denn es war Sabbat, und ſchleppte ihn vor das Angeſicht des Kaiſers von Marokko. — — 69 „Hund von einem Juden,“ ſchnaubte ihn der Kaiſer an,„Du wagſt es, kaiſerliche Bediente, die einen flüchtigen Sklaven verfolgen, auf falſche Spur ins Gebirge zu ſchicken, während der Flüchtling der Meeresküſte zueilt und beinahe auf einem ſpaniſchen Schiffe entkommen wäre? Greift ihn, Soldaten! Hundert auf die Sohlen! hundert Zechinen aus dem Beutel! Um wie viel die Sohlen ſchwellen unter den Hieben, um ſo viel ſoll der Beutel einſchnurren!“ Du weißt es, o Herr, im Reiche Fetz und Marokko liebt man ſchnelle Gerechtigkeit, und ſo wurde der arme Abner geprügelt und beſteuert, ohne daß man ihn zuvor um ſeine Einwilligung gefragt hätte. Er aber verfluchte ſein Geſchick, das ihn dazu verdammte, daß ſeine Sohlen und ſein Beutel es hart empfinden ſollten, ſo oft Seine Majeſtät geruhten, etwas zu verlieren. Als er aber brummend und ſeufzend unter dem Gelächter des rohen Hofvolks aus dem Saale hinkte, ſprach zu ihm Schnuri, der Spaßmacher:„Gib Dich zufrieden, Abner, undankbarer Abner; iſt es nicht Ehre genng für Dich, daß jeder Verluſt, den un⸗ ſer gnädiger Kaiſer, den Gott erhalte, erleidet, auch Dir empfindlichen Kummer verurſachen muß? Ver⸗ ſprichſt Du mir aber ein gut Trinkgeld, ſo komme ich jedesmal eine Stunde, bevor der Herr des Weſtens etwas verliert, an Deine Bude in der Judengaſſe und ſpreche:„„Gehe nicht aus Deiner Hütte, Abner, Du weißt ſchon warum; ſchließe Dich ein in Dein Käm⸗ merlein bis zu Sonnenuntergang, beides unter Schloß und Riegel.“* 70 Dies, o Herr, iſt die Geſchichte von Abner, der nichts geſehen hat. Als der Sklave geendet hatte, und es wieder ſtille im Saale geworden war, erinnerte der junge Schreiber den Alten, daß ſie den Faden ihrer Unterhaltung ab⸗ gebrochen hatten, und bat, ihnen zu erklären, worin denn eigentlich der mächtige Reiz des Mährchens liege. „Das will ich Euch jetzt ſagen,“ erwiderte der Alte;„der menſchliche Geiſt iſt noch leichter und be⸗ weglicher als das Waſſer, das doch in alle Formen ſich ſchmiegt und nach und nach auch die dichteſten Gegen⸗ ſtände durchdringt. Er iſt leicht und frei wie die Luft und wird, wie dieſe, je höher er ſich von der Erde hebt, deſto leichter und reiner. Daher iſt ein Drang in jedem Menſchen, ſich hinauf über das Gewöhnliche zu erhe⸗ ben und ſich in höheren Räumen leichter und freier zu bewegen, ſei es auch nur in Träumen. Ihr ſelbſt, mein junger Freund, ſagtet:„„Wir lebten in jenen Geſchichten, wir dächten und fühlten mit jenen Men⸗ ſchen,““ und daher kommt der Reiz, den ſie für Euch hatten. Indem Ihr den Erzählungen des Sklaven zu⸗ hörtet, die nur Dichtungen waren, die einſt ein Ande⸗ rer erfand, habt Ihr ſelbſt auch mitgedichtet. Ihr bliebet nicht ſtehen bei den Gegenſtänden um Euch, bei Euren gewöhnlichen Gedanken, nein, Ihr erlebtet Alles mit, Ihr waret es ſelbſt, dem dies und jenes Wunderbare begegnete, ſo ſehr nahmet Ihr Theil an dem Mann, von dem man Euch erzählte. So erhob 71 ſich Euer Geiſt am Faden einer ſolchen Geſchichte über die Gegenwart, die Euch nicht ſo ſchön, nicht ſo an⸗ ziehend dünkte; ſo bewegte ſich dieſer Geiſt in fremden, höheren Räumen freier und ungebundener, das Mähr⸗ chen wurde Euch zur Wirklichkeit, oder, wenn Ihr lieber wollet, die Wirklichkeit wurde zum Mährchen, weil Euer Dichten und Sein im Mährchen lebte.“ „Ganz verſtehe ich Euch nicht, erwiderte der junge Kaufmann;„aber Ihr habt Recht mit dem, was Ihr ſagtet, wir lebten im Mährchen, oder das Mährchen in uns. Sie iſt mir noch wohl erinnerlich, jene ſchöne Zeit; wenn wir Muße dazu hatten, träumten wir wachend; wir ſtellten uns vor, an wüſte, unwirthbare Inſeln verſchlagen zu ſein, wir beriethen uns, was wir beginnen ſollten, um unſer Leben zu friſten, und oft haben wir im dichten Weidengebüſch uns Hütten gebaut, haben von elenden Früchten ein kärgliches Mahl gehalten, obgleich wir hundert Schritte weit zu Haus das Beſte hätten haben können; ja, es gab Zei⸗ ten, wo wir auf die Erſcheinung einer gütigen Fee oder eines wunderbaren Zwerges warteten, die zu uns treten und ſagen würden:„„Die Erde wird ſich alſo⸗ bald aufthun, wollt dann nur gefälligſt herabſteigen in meinen Palaſt von Bergkryſtall, und Euch belieben laſſen, was meine Diener, die Meerkatzen, Euch auf⸗ tiſchen?““ Die jungen Leute lachten, gaben aber ihrem Freunde zu, daß er wahrgeſprochen habe.„Noch jetzt,“ fuhr ein Anderer fort,„noch jetzt beſchleicht mich hie und da dieſer Zauber; ich würde mich zum Beiſpiel 72 nicht wenig ärgern über die dumme Fabel, wenn mein Bruder zur Thüre hereingeſtürzt käme und ſagte: „Weißt Du ſchon das Unglück von unſerem Nachbar, dem dicken Bäcker? Er hat Händel gehabt mit einem Zauberer, und dieſer hat ihn aus Rache in einen Bä⸗ ren verwandelt, und jetzt liegt er in ſeiner Kammer und heult entſetzlich;“ ich würde mich ärgern und ihn einen Lügner ſchelten. Aber wie anders, wenn mir er⸗ zählt würde, der dicke Nachbar hab' eine weite Reiſe in ein fernes, unbekanntes Land unternommen, ſei dort einem Zauberer in die Hände gefallen, der ihn in einen Bären verwandelte. Ich würde mich nach und nach in die Geſchichte verſetzt fühlen, würde mit dem dicken Nachbar reiſen, Wunderbares erleben, und es würde mich nicht ſehr überraſchen, wenn er in ein Fell geſteckt würde und auf allen Vieren gehen müßte.“ „Und doch,“ ſprach der Alte,„gibt es eine ſehr ergötzliche Art von Erzählung, wo weder Fee, noch Zauberer erſcheint, kein Schloß von Kryſtall, keine Genien, die wunderbare Speiſen bringen. Kein Vogel Rock, kein Zauberpferd, eine andere Art als die, welche man gewöhnlich Mährchen nennt.“ „Wie verſteht Ihr dies? Erklärt uns deutlicher, was Ihr meint. Eine andere Art, als das Mährchen?“ ſprachen die Jünglinge. „Ich denke, man muß einen gewiſſen Unterſchied machen, zwiſchen Mährchen und Erzählungen, die man im gemeinen Leben Geſchichten nennt. Wenn ich Euch ſage, ich will Euch ein M ährchen erzählen, werdet Ihr zum Voraus darauf rechnen, daß es eine 73 Begebenheit iſt, die von dem gewöhnlichen Gang des Lebens abſchweift und ſich in einem Gebiet bewegt, das nicht mehr durchaus irdiſcher Natur iſt. Oder, um deutlicher zu ſein, Ihr werdet bei dem Mährchen auf die Erſcheinung anderer Weſen, als allein ſterblicher Menſchen, rechnen können; es greifen in das Schick⸗ ſal der Perſon, von welcher das Mährchen handelt, fremde Mächte, wie Feen und Zauberer, Genien und Geiſterfürſten ein; die ganze Erzählung nimmt eine außergewöhnliche, wunderbare Geſtalt an und iſt un⸗ gefähr anzuſchauen, wie die Gewebe unſerer Teppiche oder viele Gemälde unſerer beſten Meiſter, welche die Franken Arabesken nennen. Es iſt dem echten Muſel⸗ mann verboten, den Menſchen, das Geſchöpf Allahs, ſündiger Weiſe wieder zu ſchöpfen in Farben und Ge⸗ mälden, daher ſieht man auf jenen Geweben wunder⸗ bar verſchlungene Bäume und Zweige mit Menſchen⸗ köpfen, Menſchen, die in einen Fiſch oder Strauch ausgehen, kurz Figuren, die an das gewöhnliche Leben erinnern und dennoch ungewöhnlich ſind; Ihr verſteht mich doch?“ „Ich glaube Eure Meinung zu errathen,“ ſagte der Schreiber,„doch fahret weiter fort.“ „Von dieſer Art iſt nun das Mährchen; fabelhaft, ungewöhnlich, überraſchend; weil es dem gewöhnlichen Leben fremd iſt, wird es oft in fremde Länder oder in ferne, längſt vergangene Zeiten verſchoben. Jedes Land, jedes Volk hat ſolche Mährchen, die Türken ſo gut als die Perſer, die Chineſen wie die Mongolen; ſelbſt in Frankenland ſoll es viele geben, wenigſtens 74 erzählte mir einſt ein gelehrter Giaur davon; doch ſind ſie nicht ſo ſchön als die unſrigen; denn ſtatt ſchöner Feien, die in prachtvollen Paläſten wohnen, haben ſie zauberhafte Weiber, die ſie Hexen nennen, heimtücki⸗ ſches, häßliches Volk, das in elenden Hütten wohnt, und ſtatt in einem Muſchelwagen von Greifen gezogen, durch die blauen Lüfte zu fahren, reiten ſie auf einem Beſen durch den Nebel. Sie haben auch Gnomen und Erdgeiſter, das ſind kleine, verwachſene Kerlchen, die allerlei Spuk machen. Das ſind nun die Mährchen; ganz anders iſt es aber mit den Erzählungen, die man gemeinhin Geſchichten nennt. Dieſe bleiben ganz or⸗ dentlich auf der Erde, tragen ſich im gewöhnlichen Leben zu, und wunderbar iſt an ihnen meiſtens nur die Verkettung der Schickſale eines Menſchen, der nicht durch Zauber, Verwünſchung oder Feenſpuk, wie im Mährchen, ſondern durch ſich ſelbſt oder die ſonderbare Fügung der Umſtände, reich oder arm, glücklich oder unglücklich wird.“ „Richtig!“ erwiderte einer der jungen Leute. „Solche reine Geſchichten finden ſich auch in den herr⸗ lichen Erzählungen der Scheherazade, die man Tau⸗ ſend und eine Nacht nennt. Die meiſten Begebenheiten des Königs Harun Al Raſchid und ſeines Veziers ſind dieſer Art. Sie gehen verkleidet aus und ſehen dieſen oder jenen höchſt ſonderbaren Vorfall, der ſich nachher ganz natürlich auflöst.“ „Und dennoch werdet Ihr geſtehen müſſen,“ fuhr der Alte fort,„daß jene Geſchichten nicht der ſchlech⸗ teſte Theil der Tauſend und einen Nacht ſind. Und 7⁵ doch, wie verſchieden ſind ſie in ihren Urſachen, in ihrem Gang, in ihrem ganzen Weſen von den Mährchen eines Prinzen Biribinker, oder der drei Derwiſche mit einem Auge, oder des Fiſchers, der den Kaſten, verſchloſſen mit dem Siegel Salomo's, aus dem Meer zieht! Aber am Ende iſt es dennoch eine Grundurſache, die beiden ihren eigenthümlichen Reiz gibt, nämlich das, daß wir etwas Auffallendes, Außergewöhnliches mit erleben. Bei dem Mährchen liegt dieſes Außergewöhnliche in jener Ein⸗ miſchung eines fabelhaften Zaubers in das gewöhnliche Menſchenleben, bei den Geſchichten geſchieht etwas zwar nach natürlichen Geſetzen, aber auf überraſchende ungewöhnliche Weiſe.“ „Sonderbar!“ rief der Schreiber.„Sonderbar, daß uns dann dieſer natürliche Gang der Dinge eben ſo anzieht wie der übernatürliche im Mährchen. Worin mag dies wohl liegen?“ „Das liegt in der Schilderung des einzelnen Men⸗ ſchen,“ antwortete der Alte.„Im Mährchen häuft ſich das Wunderbare ſo ſehr, der Menſch handelt ſo wenig mehr aus eigenem Trieb, daß die einzelnen Fi⸗ guren und ihr Charakter nur flüchtig gezeichnet werden können. Anders bei der gewöhnlichen Erzählung, wo die Art, wie Jeder ſeinem Charakter gemäß ſpricht und handelt, die Hauptſache und das Anziehende iſt.“ „Wahrlich, Ihr habt Recht!“ erwiderte der junge Kaufmann.„Ich habe mir nie Zeit genommen, ſo recht darüber nachzudenken, habe Alles nur ſo geſehen und an mir vorübergehen laſſen, habe mich an dem Einen ergötzt, das Andere langweilig gefunden, ohne 76 gerade zu wiſſen, warum. Aber Ihr gebt uns da einen Schlüſſel, der uns das Geheimniß öffnet, einen Pro⸗ birſtein, worauf wir die Probe machen und richtig ur⸗ theilen können.“ „Thuet das immer,“ antwortete der Alte.„Und Euer Genuß wird ſich vergrößern, wenn Ihr nachden⸗ ken lernet über das, was Ihr gehört. Doch ſiehe, dort erhebt ſich wieder ein neuer, um zu erzählen.“ So war es. Und ein Anderer begann: Der junge Engländer. Herr! ich bin ein Deutſcher von Geburt und habe mich in Euren Landen zu kurz aufgehalten, als daß ich ein perſiſches Mährchen oder eine ergötzliche Ge⸗ ſchichte von Sultanen und Vezieren erzählen könnte. Ihr müßt mir daher ſchon erlauben, daß ich etwas aus meinem Vaterland erzähle, was Euch vielleicht auch einigen Spaß macht. Leider ſind unſere Geſchichten nicht immer ſo vornehm wie die Euern, das heißt, ſie handeln nicht von Sultanen oder unſeren Königen, nicht von Vezieren und Paſchas, was man bei uns Juſtiz⸗ und Finanzminiſter, auch Geheimräthe und dergleichen nennt, ſondern ſie leben, wenn ſie nicht von Soldaten handeln, gewöhnlich ganz beſcheiden und unter den Bürgern. Im ſüdlichen Theil von Deutſchland liegt das Städtchen Grünwieſel, wo ich geboren und erzogen bin. Es iſt ein Städtchen wie ſie alle ſind. In der Mitte ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an 77 der Seite ein kleines, altes Rathhaus, umher auf dem Markt die Häuſer des Friedensrichters und der ange⸗ ſehenſten Kaufleute, und in ein paar engen Straßen wohnen die übrigen Menſchen. Alles kennt ſich, Je⸗ dermann weiß, wie es da und dort zugeht, und wenn der Oberpfarrer und der Bürgermeiſter, oder der Arzt ein Gericht mehr auf der Tafel hat, ſo weiß es ſchon am Mittagseſſen die ganze Stadt. Nachmittags kom⸗ men dann die Frauen zu einander in die Viſite, wie man es nennt, beſprechen ſich bei ſtarkem Kaffee und ſüßem Kuchen über dieſe große Begebenheit, und der Schluß iſt, daß der Oberpfarrer wahrſcheinlich in die Lotterie geſetzt und unchriſtlich viel gewonnen habe, daß der Bürgermeiſter ſich„ſchmieren“ laſſe, oder daß der Doktor vom Apotheker einige Goldſtücke empfan⸗ gen habe, um recht theure Recepte zu verſchreiben. Ihr könnet Euch denken, Herr, wie unangenehm es für eine ſo wohleingerichtete Stadt wie Grünwieſel ſein mußte, als ein Mann dorthin zog, von dem Nie⸗ mand wußte, woher er kam, was er wollte, von was er lebte. Der Bürgermeiſter hatte zwar ſeinen Paß geſehen, ein Papier, das bei uns Jedermann haben muß— „Iſt es denn ſo unſicher auf den Straßen,“ unter⸗ brach den Sklaven der Scheik,„daß Ihr einen Ferman Eures Sultans haben müſſet, um die Räuber in Re⸗ ſpekt zu ſetzen?“ „Nein, Herr,“ entgegnete Jener,„dieſe Papiere halten keinen Dieb von uns ab, ſondern es iſt nur der Ordnung wegen, daß man überall weiß, wen man vor 78 ſich hat. Nun, der Bürgermeiſter hatte den Paß un⸗ terſucht und in einer Kaffeegeſellſchaft bei Doktors ge⸗ äußert, der Paß ſei zwar ganz richtig viſirt von Ber⸗ lin bis Grünwieſel, aber es ſtecke doch was dahinter. Denn der Mann ſehe etwas verdächtig aus. Der Bür⸗ germeiſter hatte das größte Anſehen in der Stadt, kein Wunder, daß von da an der Fremde als eine verdäch⸗ tige Perſon angeſehen wurde. Und ſein Lebenswandel konnte meine Landsleute nicht von dieſer Meinung ab⸗ bringen. Der fremde Mann miethete ſich für einige Goldſtücke ein ganzes Haus, das bisher öde geſtanden, ließ einen ganzen Wagen voll ſonderbarer Geräth⸗ ſchaften, als Ofen, Kunſtherde, große Tiegel und der⸗ gleichen hineinſchaffen und lebte von da an ganz für ſich allein. Ja, er kochte ſich ſogar ſelbſt, und es kam keine menſchliche Seele in ſein Haus, als ein alter Mann aus Grünwieſel, der ihm ſeine Einkäufe in Brod, Fleiſch und Gemüſe beſorgen mußte. Doch, auch dieſer durfte nur in die Flur des Hauſes kommen, und dort nahm der fremde Mann das Gekaufte in Empfang.“ Ich war ein Knabe von zehn Jahren als der Mann in meiner Vaterſtadt einzog, und ich kann mir noch heute, als wäre es geſtern geſchehen, die Unruhe den⸗ ken, die dieſer Mann im Städtchen verurſachte. Er kam Nachmittags nicht, wie andere Männer, auf die Kegelbahn, er kam Abends nicht ins Wirthshaus, um, wie die Üübrigen, bei einer Pfeife Tabak über die Zei⸗ tung zu ſprechen. Umſonſt lud ihn nach der Reihe der Bürgermeiſter, der Friedensrichter, der Doktor und der 79 Oberpfarrer zum Eſſen oder Kaffee ein, er ließ ſich im⸗ mer entſchuldigen. Daher hielten ihn Einige für ver⸗ rückt, Andere für einen Juden, eine dritte Partie be⸗ hauptete ſteif und feſt, er ſei ein Zauberer oder Hexen⸗ meiſter. Ich wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt, und noch immer hieß der Mann in der Stadt der fremde Herr. Es begab ſich aber eines Tages, daß Leute mit fremden Thieren in die Stadt kamen. Es iſt dies her⸗ gelaufenes Geſindel, das ein Kameel hat, welches ſich verbeugen kann, einen Bären, der tanzt, einige Hunde und Affen, die in menſchlichen Kleidern komiſch genug ausſehen und allerlei Kuͤnſte machen. Dieſe Leute durch⸗ ziehen gewöhnlich die Stadt, halten an den Kreuzſtra⸗ ßen und Plätzen, machen mit einer kleinen Trommel und einer Pfeife eine übeltönende Muſik, laſſen ihre Truppe tanzen und ſpringen und ſammeln dann im den Häuſern Geld ein. Die Truppe aber, die ſich diesmal in Grün⸗ wieſel ſehen ließ, zeichnete ſich durch einen ungeheuern Orangutang aus, der beinahe Menſchengröße hatte, auf zwei Beinen ging und allerlei artige Künſte zu machen verſtand. Dieſe Hunds⸗ und Affenkomödie kam auch vor das Haus des fremden Herrn. Er erſchien, als die Trommel und Pfeife ertönte, von Anfang ganz unwil⸗ lig hinter den dunkeln, vom Alter angelaufenen Fen⸗ ſtern. Bald aber wurde er freundlicher, ſchaute zu Je⸗ dermanns Verwundern zum Fenſter heraus und lachte herzlich über die Künſte des Orangutang. Ja, er gab für den Spaß ein ſo großes Silberſtück, daß die ganze Stadt davon ſprach. 8⁰ Am andern Morgen zog die Thierbande weiter. Das Kameel mußte viel Körbe tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem ſaßen, die Thiertreiber aber und der große Affe gingen hinter dem Kameel. Kaum aber waren ſie einige Stunden zum Thore hin⸗ aus, ſo ſchickte der fremde Herr auf die Poſt, verlangte zu großer Verwunderung des Poſtmeiſters einen Wagen und Extrapoſt und fuhr zu demſelben Thor hinaus, den Weg hin, den die Thiere genommen hatten. Das ganze Städtchen ärgerte ſich, daß man nicht erfahren konnte, wohin er gereist ſei. Es war ſchon Nacht, als der fremde Herr wieder im Wagen vor dem Thor ankam. Es ſaß aber noch eine Perſon im Wagen, die den Hut tief ins Geſicht gedrückt und um Mund und Ohren ein ſeidenes Tuch gebunden hatte. Der Thorſchreiber hielt es für ſeine Pflicht, den andern Fremden anzureden und um ſeinen Paß zu bitten; er antwortete aber ſehr grob, indem er in einer ganz unverſtändlichen Sprache brummte. „ Es iſt mein Neffe,“ ſagte der fremde Mann freundlich zum Thorſchreiber, indem er ihm einige Sil⸗ bermünzen in die Hand drückte;„es iſt mein Neffe und verſteht bis dato noch wenig Deutſch. Er hat ſoeben in ſeiner Mundart ein wenig geflucht, daß wir hier aufge⸗ halten werden.“ „ Ei, wenn es Dero Neffe iſt,“ antwortete der Thorſchreiber,„ſo kann er wohl ohne Paß hereinkom⸗ men. Er wird wohl ohne Zweifel bei Ihnen wohnen?“ „Allerdings,“ ſagte der Fremde,„und hält ſich wahrſcheinlich längere Zeit hier auf.“ 81 Der Thorſchreiber hatte keine weitere Einwendung mehr, und der fremde Herr und ſein Neffe fuhren ins Städtchen. Der Bürgermeiſter und die Lanie Punr war übrigens nicht ſehr zufrieden mit dem Thorſchrei⸗ ber. Er hätte doch wenigſtens einige Worte von der Sprache des Neffen ſich merken ſollen. Daraus hätte man dann leicht erfahren was für ein Landeskind er und der Onkel wäre. Der Thorſchreiber verſicherte aber, daß es weder Franzöſiſch noch Italieniſch ſei, wohl aber habe es ſo breit geklungen wie Engliſch, und wenn er nicht irre, ſo habe der junge Herr geſagt:„God dam!“ So half der Thorſchreiber ſich ſelbſt aus der Noth und dem jungen Mann zu einem Namen. Denn man ſprach jetzt nur von dem jungen Engländer im Städtchen. Aber auch der junge Engländer wurde nicht ſicht⸗ bar, weder auf der Kegelbahn noch im Bierkeller; wohl aber gab er den Leuten auf andere Weiſe viel zu ſchaf⸗ fen.— Es begab ſich nämlich oft, daß in dem ſonſt ſo ſtillen Hauſe des Fremden ein ſchreckliches Geſchrei und ein Lärm ausging, daß die Leute haufenweiſe vor dem Hauſe ſtehen blieben und hinaufſahen. Man ſah den jungen Engländer, angethan mit einem rothen Frack und grünen Beinkleidern, mit ſtruppigtem Haar und ſchrecklicher Miene, unglaublich ſchnell an den Feuſtern hin und her, durch alle Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem rothen Schlafrock, eine Hetzpeitſche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müſſe er den Jungen erreicht haben; denn man hörte klägliche Angſttöne und klatſchende Peitſchenhiehe die Menge⸗ W. Haufſs Werke. Xl. 6 82 An dieſer grauſamen Behandlung des fremden jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens ſo lebhaf⸗ ten Antheil, daß ſie endlich den Bürgermeiſter bewogen, einen Schritt in der Sache zu thun. Er ſchrieb dem fremden Herrn ein Billet, worin er ihm die unglimpf⸗ liche Behandlung ſeines Neffen in ziemlich derben Aus⸗ drücken vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner ſolche Scenen vorfielen, den jungen Mann unter ſeinen beſondern Schutz zu nehmen. Wer war aber mehr erſtaunt, als der Bürgermei⸗ ſter, wie er den Fremden ſelbſt, zum erſtenmal ſeit zehn Jahren, bei ſich eintreten ſah! Der alte Herr entſchul⸗ digte ſein Verfahren mit dem beſondern Auftrag der Eltern des Jünglings, die ihm ſolchen zu erziehen gege⸗ ben; er ſei ſonſt ein kluger, anſtelliger Junge, äußerte er, aber die Sprachen erlerne er ſehr ſchwer; er wünſche ſo ſehnlich, ſeinem Neffen das Deutſche recht geläufig beizubringen, um ſich nachher die Freiheit zu nehmen, ihn in die Geſellſchaften von Grünwieſel einzuführen, und dennoch gehe demſelben dieſe Sprache ſo ſchwer ein, daß man oft nichts Veſſeres thun könne, als ihn gehö⸗ rig durchzupeitſchen. Der Bürgermeiſter fand ſich durch dieſe Mittheilung völlig befriedigt, rieth dem Alten zur Mäßigung und erzählte Abends im Bierkeller, daß er ſelten einen ſo unterrichteten, artigen Mann gefun⸗ den, als den Fremden:„Es iſt nur Schade,“ ſetzte er hinzu,„daß er ſo wenig in Geſellſchaft kommt; doch, ich denke, wenn der Neffe nur erſt ein wenig Deutſch ſpricht, beſucht er meine Cereles öfter.”“ 8³ Durch dieſen einzigen Vorfall war die Meinung des Städtchens völlig umgeändert. Man hielt den Fremden für einen artigen Mann, ſehnte ſich nach ſeiner nähern Bekanntſchaft und fand es ganz in der Ordnung, wenn hie und da in dem öden Hauſe ein gräßliches Geſchrei aufging;„er gibt dem Neffen Un⸗ terricht in der deutſchen Sprache,“ ſagten die Grün⸗ wieſeler und blieben nicht mehr ſtehen. Nach einem Vierteljahr ungefähr, ſchien der Unterricht im Deut⸗ ſchen beendigt; denn der Alte ging jetzt um eine Stufe weiter vor. Es lebte ein alter gebrechlicher Franzoſe in der Stadt, der den jungen Leuten Unterricht im Tan⸗ zen gab; dieſen ließ der Fremde zu ſich rufen und ſagte ihm, daß er ſeinen Neffen im Tanzen unterrichten laſſen wolle. Er gab ihm zu verſtehen, daß derſelbe zwar ſehr gelehrig, aber, was das Tanzen betreffe, etwas eigenſinnig ſei; er habe nämlich früher bei einem andern Meiſter tanzen gelernt, und zwar nach ſo ſon⸗ derbaren Touren, daß er ſich nicht füglich in der Ge⸗ ſellſchaft produziren könne; der Neffe halte ſich aber eben deßwegen für einen großen Tänzer, obgleich ſein Tanz nicht die entfernteſte AÄhnlichkeit mit Walzer oder Galopp(Tänze, die man in meinem Vaterlande tanzt, o Herr!), nicht einmal AÄhnlichkeit mit Ecoſſaiſe oder Francaiſe habe. Er verſprach übrigens einen Thaler für die Stunde, und der Tanzmeiſter war mit Ver⸗ gnügen bereit, den Unterricht des eigenſinnigen Zög⸗ lings zu unternehmen. Es gab, wie der Franzoſe unter der Hand ver⸗ ſicherte, auf der Welt nichts ſo Sonderbares, als dieſe 84⁴ Tanzſtunden. Der Neffe, ein ziemlich großer, ſchlanker, junger Mann, der nur etwas ſehr kurze Beine hatte, erſchien in einem rothen Frack, ſchön friſirt, in grünen, weiten Beinkleidern und glacirten Handſchuhen. Er ſprach wenig und mit fremdem Accent, war von An⸗ fang ziemlich artig und anſtellig; dann verfiel er aber oft plötzlich in fratzenhafte Sprünge, tanzte die kühn⸗ ſten Touren, wobei er Entrechats machte, daß dem Tanzmeiſter Hören und Sehen verging; wollte er ihn zurechtweiſen, ſo zog er die zierlichen Tanzſchuhe von den Füßen, warf ſie dem Franzoſen an den Kopf und ſetzte nun auf allen Vieren im Zimmer umher. Bei dieſem Lärm fuhr dann der alte Herr plötzlich in einem weiten, rothen Schlafrock, eine Mütze von Goldpapier auf dem Kopf, aus ſeinem Zimmer heraus und ließ die Hetzpeitſche ziemlich unſanft auf den Rücken des Neffen niederfallen. Der Neffe fing dann an ſchrecklich zu heu⸗ len, ſprang auf Tiſche und hohe Kommoden, ja ſelbſt an den Kreuzſtöcken der Fenſter hinauf und ſprach eine fremde ſeltſame Sprache. Der Alte im rothen Schlaf⸗ rock aber ließ ſich nicht irre machen, faßte ihn am Bein, riß ihn herab, bläute ihn durch und zog ihm mittelſt einer Schnalle die Halsbinde feſter an, worauf er immer wieder artig und manierlich wurde, und die Tanzſtunde ohne Störung weiter ging.. Als aber der Tanzmeiſter ſeinen Zögling ſo weit gebracht hatte, daß man Muſik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie umgewandelt. Ein Stadt⸗ muſikant wurde gemiethet, der im Saal des öden Hauſes auf einen Tiſch ſich ſetzen mußte. Der Tanz⸗ 85 meiſter ſtellte dann die Dame vor, indem ihm der alte Herr einen Frauenrock von Seide und einen oſtindiſchen Shawl anziehen ließ; der Neffe forderte ihn auf und fing nun an mit ihm zu tanzen und zu walzen; er aber war ein unermüdlicher, raſender Tänzer, er ließ den Meiſter nicht aus ſeinen langen Armen, ob er ächzte und ſchrie, er mußte tanzen, bis er ermattet umſank, oder bis dem Stadtmuſikus der Arm lahm wurde an der Geige. Den Tanzmeiſter brachten dieſe Unterrichts⸗ ſtunden beinahe unter den Boden, aber der Thaler, den er jedesmal richtig ausgezahlt bekam, der gute Wein, den der Alte aufwartete, machten, daß er immer wieder kam, wenn er auch den Tag zuvor ſich feſt vorgenom⸗ men hatte, nicht mehr in das öde Haus zu gehen. Die Leute in Grünwieſel ſahen aber die Sache ganz anders an, als der Franzoſe. Sie fanden, daß der junge Mann viel Anlage zum Geſellſchaftlichen habe, und die Frauenzimmer im Städtchen freuten ſich, bei dem großen Mangel an Herren, einen ſo flinken Tän⸗ zer für den nächſten Winter zu bekommen. Eines Morgens berichteten die Mägde, die vom Markte heimkehrten, ihren Herrſchaften ein wunder⸗ bares Ereiguiß. Vor dem öden Hauſe ſei ein prächtiger Glaswagen geſtanden, mit ſchönen Pferden beſpannt, und ein Bedienter in reicher Livrée habe den Schlag gehalten. Da ſei die Thüre des öden Hauſes aufge⸗ gangen und zwei ſchöͤn gekleidete Herren herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere wahr⸗ ſcheinlich der junge Herr geweſen, der ſo ſchwer Deutſch gelernt und ſo raſend tanze. Die Beiden ſeien in den 86 Wagen geſtiegen, der Bediente hinten aufs Brett ge⸗ ſprungen, und der Wagen, man ſtelle ſich vor! ſei ge⸗ radezu auf Bürgermeiſters Haus gefahren. Als die Frauen ſolches von ihren Mägden erzählen hörten, riſſen ſie eilends die Küchenſchürzen und die etwas unſauberen Hauben ab und verſetzten ſich in Staat.„Es iſt nichts gewiſſer,“ ſagten ſie zu ihrer Familie, indem alles umherrannte, um das Beſuch⸗ zimmer, das zugleich zu ſonſtigem Gebrauch diente, auf⸗ zuräumen;„es iſt nichts gewiſſer, als daß der Fremde jetzt ſeinen Neffen in die Welt einführt. Der alte Narr war ſeit zehn Jahren nicht ſo artig, einen Fuß in unſer Haus zu ſetzen, aber es ſei ihm wegen des Neffen ver⸗ ziehen, der ein charmanter Menſch ſein ſoll.“ So ſpra⸗ chen ſie und ermahnten ihre Söhne und Töchter, recht manierlich auszuſehen, wenn die Fremden kämen, ſich gerade zu halten und ſich auch einer beſſern Ausſprache zu bedienen als gewöhnlich. Und die klugen Frauen im Städtchen hatten nicht unrecht gerathen; denn nach der Reihe fuhr der alte Herr mit ſeinem Neffen umher, ſich und ihn in die Gewogenheit der Familien zu em⸗ pfehlen. Man war überall ganz erfüllt von den beiden Fremden und bedauerte, nicht ſchon früher dieſe ange⸗ nehme Bekanntſchaft gemacht zu haben. Der alte Herr zeigte ſich als einen würdigen, ſehr vernünftigen Mann, der zwar bei allem, was er ſagte, ein wenig lächelte, ſo daß man nicht gewiß war, ob es im Ernſt ſei oder nicht, aber er ſprach über das Wetter, über die Ge⸗ gend, über das Sommervergnügen auf dem Keller am 87 Berge ſo klug und durchdacht, daß Jedermann davon bezaubert war. Aber der Neffe! Er bezauberte alles, er gewann alle Herzen für ſich. Man konnte zwar, was ſein Außeres betraf, ſein Geſicht nicht ſchoͤn nennen; der untere Theil, beſonders die Kinnlade, ſtand allzu⸗ ſehr hervor, und der Teint war ſehr bräunlich, auch machte er zuweilen allerlei ſonderbare Grimaſſen, drückte die Augen zu und fletſchte mit den Zähnen, aber dennoch fand man den Schnitt ſeiner Züge ungemein intereſſant. Es konnte nichts Beweglicheres, Gewand⸗ teres geben als ſeine Geſtalt. Die Kleider hingen ihm zwar etwas ſonderbar am Leib, aber es ſtand ihm alles trefflich; er ſuhr mit großer Lebendigkeit im Zimmer umher, warf ſich hier in einen Sopha, dort in einen Lehnſtuhl und ſtreckte die Beine von ſich; aber was man bei einem andern jungen Mann höchſt gemein und unſchicklich gefinden hätte, galt bei dem Neffen für Genialität.„Er iſt ein Engländer,“ ſagte man,„ſo ſind ſie alle; en Engländer kann ſich aufs Kanapee legen und einſchlifen, während zehn Damen keinen Platz haben und umheiſtehen müſſen; einem Engländer kann man ſo etwas nicht übel nehmen.“ Gegen den alten Herrn, ſeinen Oleim, war er ſehr fügſam; denn wenn er anfing, im Immer umherzuhüpfen oder, wie er gerne that, die Fiße auf den Seſſel hinauf zu ziehen, ſo reichte ein ernſhafter Blick hin, ihn zur Ordnung zu bringen. Und vie konnte man ihm ſo etwas übel nehmen, als vollents der Onkel in jedem Haus zu der Dame ſagte:„Men Neffe iſt noch ein wenig roh und ungebildet, aber ich verſpreche mir viel von der Geſell⸗ ſchaft, die wird ihn gehörig formen und bilden, und ich empfehle ihn namentlich Ihnen aufs Angelegenſte.“ So war der Neffe alſo in die Welt eingeführt, und ganz Grünwieſel ſprach an dieſem und den folgenden Tagen von nichts Anderem, als von dieſem Ereigniß. Der alte Herr blieb aber hiebei nicht ſtehen; er ſchien ſeine Denk⸗ und Lebensart gänzlich geändert zu haben. Nachmittags ging er mit dem Neffen hinaus in den Felſenkeller am Berg, wo die vornehmeren Herren von Grünwieſel Bier tranken und ſich am Kegelſchieben ergötzten. Der Neffe zeigte ſich dort als einen flinken Meiſter im Spiel, denn er warf nie unter fünf oder ſechs; hie und da ſchien zwar ein ſonderbarer Geiſt über ihn zu kommen; es konnte ihm einfallen, daß er pfeilſchnell mit der Kugel hinaus und uiter die Kegel hineinfuhr und dort allerhand tollen Runor anrichtete, oder wenn er den Kranz oder den Kinig geworfen, ſtand er plötzlich auf ſeinem ſchön friſirten Haar und ſtreckte die Beine in die Höhe, oder wenn ein Wagen vorbeifuhr, ſaß er, ehe man ſich deſſin verſah, oben auf dem Kutſchenhimmel und machte Grimaſſen herab, fuhr ein Stückchen weit mit und kamdann wieder zur Geſellſchaft geſprungen. Der alte Herr pflegte dann bei ſoichen Scenen den Bürgermeiſter und die anderen Mänier ſehr um Ent⸗ ſchuldigung zu bitten wegen der Urzezogenheit ſeines Neffen; ſie aber lachten, ſchrieben es ſeiner Jugend zu, behaupteten, in dieſem Alter flbſt ſo leichtfüßig geweſen zu ſein, und liebten den jungen Springinsfeld, wie ſie ihn nannten, ungemein. 4 — 89 Es gab aber auch Zeiten, wo ſie ſich nicht wenig über ihn ärgerten und dennoch nichts zu ſagen wagten, weil der junge Engländer allgemein als ein Muſter von Bildung und Verſtand galt. Der alte Herr pflegte nämlich mit ſeinem Neffen auch Abends in den gol⸗ denen Hirſch, das Wirthshaus des Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe noch ein ganz junger Menſch war, that er doch ſchon ganz wie ein Alter, ſetzte ſich hinter ſein Glas, that eine ungeheure Brille auf, zog eine gewaltige Pfeife heraus, zündete ſie an und dampfte unter Allen am ärgſten. Wurde nun über die Zeitungen, über Krieg und Frieden geſprochen, gab der Doktor die Meinung, der Bürgermeiſter jene, waren die anderen Herren ganz erſtaunt über ſo tiefe politiſche Keuntniſſe, ſo konnte es dem Neffen plötzlich einfallen, ganz anderer Meinung zu ſein; er ſchlug dann mit der Hand, von welcher er nie die Handſchuhe ablegte, auf den Tiſch, und gab dem Bürgermeiſter und dem Dok⸗ tor nicht undeutlich zu verſtehen, daß ſie von dieſem nichts genau wüßten, daß er dieſe Sachen ganz anders gehört habe und itiefere Einſicht beſitze. Er gab dann in einem ſonderbar gebrochenen Deutſch ſeine Mei⸗ nung preis, die Alle, zum großen Ärgerniß des Bür⸗ germeiſters, ganz trefflich fanden; denn er mußte als Engländer natürlich Alles beſſer wiſſen. Setzten ſich dann der Bürgermeiſter und der Dok⸗ tor in ihrem Zorn, den ſie nicht laut werden laſſen durften, zu einer Partie Schach, ſo rückte der Neffe hinzu, ſchaute dem Bürgermeiſter mit ſeiner großen Brille über die Schulter herein und tadelte dieſen oder 90 jenen Zug, ſagte dem Doktor, ſo und ſo müſſe er ziehen, ſo daß beide Männer heimlich ganz grimmig wurden. Bot ihm dann der Bürgermeiſter ärgerlich eine Partie an, um ihn gehörig matt zu machen, denn er hielt ſich für einen zweiten Philidor, ſo ſchnallte der alte Herr dem Neffen die Halsbinde feſter zu, worauf dieſer ganz artig und manierlich wurde, und den Bür⸗ germeiſter matt machte. Man hatte bisher in Grünwieſel beinahe jeden Abend Karte geſpielt, die Partie um einen halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbärmlich, ſetzte Kronenthaler und Dukaten, behauptete, kein Einziger ſpiele ſo fein wie er, ſöhnte aber die beleidigten Her⸗ ren gewöhnlich dadurch wieder aus, daß er ungeheure Summen an ſie verlor. Sie machten ſich auch gar kein Gewiſſen daraus, ihm recht viel Geld abzuneh⸗ men; denn„eer iſt ja ein Engländer, alſo von Hauſe aus reich,“ ſagten ſie und ſchoben die Dukaten in die Taſche. So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und Umgegend in ungemeines Anſehen. Man konnte ſich ſeit Menſchengedenken nicht erinnern, einen jungen Mann dieſer Art in Grünwieſel geſehen zu haben, und es war die ſonderbarſte Erſcheinung, die man je bemerkt. Man konnte nicht ſagen, daß der Neffe irgend etwas gelernt hätte, als etwa Tanzen. Latein und Griechiſch waren ihm, wie man zu ſagen pflegt, böhmiſche Dörfer. Bei einem Geſellſchaftsſpiel in Bürgermeiſters Hauſe ſollte er etwas ſchreiben, und es fand ſich, daß er nicht einmal ſeinen Namen ſchrei⸗ 91 ben konnte; in der Geographie machte er die auffal⸗ lendſten Schnitzer; denn es kam ihm nicht darauf an, eine deutſche Stadt nach Frankreich oder eine däniſche nach Polen zu verſetzen, er hatte nichts geleſen, nichts ſtudirt, und der Oberpfarrer ſchüttelte oft bedenklich den Kopf über die rohe Unwiſſenheit des jungen Man⸗ nes; aber dennoch fand man Alles trefflich, was er that oder ſagte; denn er war ſo unverſchämt, immer Recht haben zu wollen, und das Ende jeder ſeiner Re⸗ den war:„Ich verſtehe das beſſer!“ So kam der Winter heran, und jetzt erſt trat der Neffe mit noch größerer Glorie auf. Man fand jede Geſellſchaft langweilig, wo nicht er zugegen war, man gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas ſagte; wenn aber der Neffe ſelbſt das thörichtſte Zeug in ſchlechtem Deutſch vorbrachte, war alles Ohr. Es fand ſich jetzt, daß der treffliche junge Mann auch ein Dich⸗ ter war; denn nicht leicht verging ein Abend, an wel⸗ chem er nicht einiges Papier aus der Taſche zog und der Geſellſchaft einige Sonnette vorlas. Es gab zwar einige Leute, die von dem einen Theil dieſer Dichtun⸗ gen behaupteten, ſie ſeien ſchlecht und ohne Sinn, einen andern Theil wollten ſie ſchon irgendwo gedruckt geleſen haben; aber der Neffe ließ ſich nicht irre ma⸗ chen, er las und las, machte dann auf die Schönheiten ſeiner Verſe aufmerkſam, und jedesmal erfolgte rau⸗ ſchender Beifall. Sein Triumph waren aber die Grünwieſeler Bälle. Es konnte Niemand anhaltender, ſchneller tanzen, als er, Keiner machte ſo kühne und ungemein zierliche — ꝗ—— — — — — 9²2 Sprünge, wie er. Dabei kleidete ihn ſein Onkel im⸗ mer aufs Prächtigſte nach dem neueſten Geſchmack, und obgleich ihm die Kleider nicht recht am Leib ſitzen wollten, fand man dennoch, daß ihn Alles allerliebſt kleide. Die Männer fanden ſich zwar bei dieſen Tän⸗ zen etwas beleidigt durch die neue Art, womit er auf⸗ trat. Sonſt hatte immer der Bürgermeiſter in eigener Perſon den Ball eröffnet, die vornehmnen jungen Leute hatten das Recht, die übrigen Tänze anzuordnen, aber ſeit der fremde junge Herr erſchien, war dies Alles anders. Ohne viel zu fragen, nahm er die nächſte beſte Dame bei der Hand, ſtellte ſich mit ihr oben an, machte Alles wie es ihm gefiel, und war Herr und Meiſter und Ballkönig. Weil aber die Frauen dieſe Manieren ganz trefflich und angenehm fanden, ſo durften die Männer nichts dagegen ein⸗ wenden, und der Neffe blieb bei ſeiner ſelbſtgewählten Würde. Das größte Vergnügen ſchien ein ſolcher Ball dem alten Herrn zu gewähren; er verwandte kein Auge von ſeinem Neffen, lächelte immer in ſich hinein, und wenn alle Welt herbeiſtrömte, um ihm über den an⸗ ſtändigen wohlgezogenen Jüngling Lobſprüche zu er⸗ theilen, ſo konnte er ſich vor Freude gar nicht faſſen, er brach dann in ein luſtiges Gelächter aus und bezeigte ſich wie närriſch; die Grünwieſeler ſchrieben dieſe ſon⸗ derbaren Ausbrüche der Freude ſeiner großen Liebe zu dem Neffen zu und fanden es ganz in der Ordnung. ch hie und da mußte er auch ſein väterliches Anſehen gegen den Neffen anwenden; denn mitten in den zier⸗ 9³ lichſten Tänzen konnte es dem jungen Manne einfallen, mit einem kühnen Sprung auf die Tribüne, wo die Stadtmuſikanten ſaßen, zu ſetzen, dem Organiſten den Contrabaß aus der Hand zu reißen und ſchrecklich darauf umherzukratzen; oder er wechſelte auf einmal und tanzte auf den Händen, indem er die Beine in die Höhe ſtreckte. Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu nehmen, machte ihm dort ernſtliche Vorwürfe und zog ihm die Halsbinde feſter an, daß er wieder ganz geſittet wurde. So betrug ſich nun der Neffe in Geſellſchaft und auf Bällen. Wie es aber mit den Sitten zu geſchehen pflegt, die ſchlechten verbreiten ſich immer leichter, als die guten und eine neue, auffallende Mode, wenn ſie auch höchſt lächerlich ſein ſollte, hat etwas Anſteckendes an ſich für junge Leute, die noch nicht über ſich ſelbſt und die Welt nachgedacht haben. So war es auch in Grünwieſel mit dem Neffen und ſeinen ſonderbaren Sitten. Als nämlich die junge Welt ſah, wie derſelbe mit ſeinem linkiſchen Weſen, mit ſeinem rohen Lachen und Schwatzen, mit ſeinen groben Antworten gegen Altere eher geſchätzt als getadelt werde, daß man dies Alles ſogar ſehr geiſtreich finde, ſo dachten ſie bei ſich: „Es iſt mir ein Leichtes, auch ſolch ein geiſtreicher Schlingel zu werden.“ Sie waren ſonſt fleißige, ge⸗ ſchickte junge Leute geweſen; jetzt dachten ſie:„Zu was hilft Gelehrſamkeit, wenn man mit Unwiſſenheit beſſer fortkömmt?“ Sie ließen die Bücher liegen und trieben ſich überall umher auf Straßen und Plätzen. Sonſt waren ſie artig geweſen und höflich gegen 94 Jedermann, hatten gewartet, bis man ſie fragte, und anſtändig und beſcheiden geantwortet; jetzt ſtanden ſie in den Reihen der Männer, ſchwatzten mit, gaben ihre Meinung preis, und lachten ſelbſt dem Bürgermeiſter unter die Naſe, wenn er etwas ſagte, und behaupteten Alles viel beſſer zu wiſſen. Sonſt hatten die jungen Grünwieſeler Abſcheu ge⸗ hegt gegen rohes und gemeines Weſen. Jetzt ſangen ſte allerlei ſchlechte Lieder, rauchten aus ungeheuern Pfeifen Tabak und trieben ſich in gemeinen Kneipen umher; auch kauften ſie ſich, obgleich ſie ganz gut ſa⸗ hen, große Brillen, ſetzten ſolche auf die Naſe und glaubten nun gemachte Leute zu ſein; denn ſie ſahen ja aus wie der berühmte Neffe. Zu Hauſe, oder wenn ſie auf Beſuch waren, lagen ſie mit Stiefel und Sporn auf dem Kanapee, ſchaukelten ſich auf dem Stuhl in guter Geſellſchaft, oder ſtützten die Wangen in beide Fäuſte, die Ellbogen aber auf den Tiſch, was nun überaus reizend anzuſehen war. Umſonſt ſagten ihnen ihre Mütter und Freunde, wie thöricht, wie unſchick⸗ lich dies Alles ſei, ſie beriefen ſich auf das glänzende Beiſpiel des Neffen. Umſonſt ſtellte man ihnen vor, daß man dem Neffen, als einem jungen Engländer, eine gewiſſe Nationalrohheit verzeihen müſſe, die jun⸗ gen Grünwieſeler behaupteten, eben ſo gut als der beſte Engländer das Recht zu haben, auf geiſtreiche Weiſe ungezogen zu ſein; kurz, es war ein Jammer, wie durch das böſe Beiſpiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten in Grünwieſel völlig unter⸗ gingen. 95 Aber die Freude der jungen Leute an ihrem rohen, ungebundenen Leben dauerte nicht lange; denn folgen⸗ der Vorfall veränderte auf einmal die ganze Scene. Die Wintervergnügungen ſollte ein großes Concert beſchließen, das theils von den Stadtmuſtikanten, theils von geſchickten Muſikfreunden in Grünwieſel aufge⸗ führt werden ſollte. Der Bürgermeiſter ſpielte das Violoncell, der Doktor das Fagott ganz vortrefflich, der Apotheker, obgleich er keinen rechten Anſatz hatte, blies die Flöte, einige Jungfrauen aus Grünwieſel hatten Arien einſtudirt, und Alles war trefflich vor⸗ bereitet. Da äußerte der alte Fremde, daß zwar das Concert auf dieſe Art trefflich werden würde, es fehle aber offenbar an einem Duett, und ein Duett muͤſſe in jedem ordentlichen Concert nothwendiger Weiſe vor⸗ kommen. Man war etwas betreten über dieſe Aeuße⸗ rung; die Tochter des Bürgermeiſters ſang zwar wie eine Nachtigall, aber wo einen Herrn herbekommen, der mit ihr ein Duett ſingen könnte? Man wollte endlich auf den alten Organiſten verfallen, der einſt einen trefflichen Baß geſungen hatte; der Fremde aber behauptete, dies Alles ſei nicht nöthig, indem ſein Neffe ganz ausgezeichnet ſinge. Man war nicht wenig erſtaunt über dieſe neue treffliche Eigenſchaft des jun⸗ gen Mannes, er mußte zun Probe etwas ſingen, und einige ſonderbare Manieren abgerechnet, die man für engliſch hielt, ſang er wie ein Engel. Man ſtudirte alſo in der Eile das Duett ein, und der Abend erſchien endlich, an welchem die Ohren der Grünwieſeler durch das Concert erquickt werden ſollten. 96 Der alte Fremde konnte leider dem Triumph ſei⸗ nes Neffen nicht beiwohnen, weil er krank war; er gab aber dem Bürgermeiſter, der ihn eine Stunde zuvor noch beſuchte, einige Maßregeln über ſeinen Neffen auf. „Es iſt eine gute Seele, mein Neffe,“ ſagte er,„aber hie und da verfällt er in allerlei ſonderbare Gedanken und fängt dann tolles Zeug an; es iſt mir eben deß⸗ wegen leid, daß ich dem Concert nicht beiwohnen kann; denn vor mir nimmt er ſich gewaltig in Acht, er weiß wohl warum! Ich muß übrigens zu ſeiner Ehre ſagen, daß dies nicht geiſtiger Muthwille iſt, ſondern es iſt körperlich, es liegt in ſeiner ganzen Natur; wollten Sie nun, Herr Bürgermeiſter, wenn er etwa in ſolche Gedanken verfiele, daß er ſich auf ein Notenpult ſetzte, oder daß er durchaus den Contrabaß ſtreichen wollte oder dergleichen, wollten Sie ihm dann nur ſeine hohe Halsbinde etwas lockerer machen, oder, wenn es auch dann nicht beſſer wird, ihm ſolche ganz ausziehen, ſie werden ſehen, wie artig und manierlich er dann wird.“ 4 Der Bürgermeiſter dankte dem Kranken für ſein Zutrauen und verſprach, im Fall der Noth alſo zu thun, wie er ihm gerathen. Der Concertſaal war gedrängt voll; denn ganz Grünwieſel und die Umgegend hatte ſich eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute, Landwirthe und der⸗ gleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit zahlreicher Familie herbeigeſtrömt, um den ſeltenen Genuß mit den Grünwieſelern zu theilen. Die Stadt⸗ muſikanten hielten ſich vortrefflich, nach ihnen trat der 97 Bürgermeiſter auf, der das Violoncell ſpielte, beglei⸗ tet vom Apotheker, der die Flöte blies; nach dieſen ſang der Organiſt eine Baßarie mit allgemeinem Bei⸗ fall, und auch der Doktor wurde nicht wenig be⸗ klatſcht, als er auf dem Fagott ſich hören ließ. Die erſte Abtheilung des Concertes war vorbei, und Jedermann war nun auf die zweite geſpannt, in welcher der junge Fremde mit des Bürgermeiſters Tochter ein Duett vortragen ſollte. Der Neffe war in einem glänzenden Anzug erſchienen und hatte ſchon längſt die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf ſich gezogen. Er hatte ſich nämlich, ohne viel zu fragen, in den prächtigen Lehnſtuhl gelegt, der für eine Gräfin aus der Nachbarſchaft hergeſetzt worden war; er ſtreckte die Beine weit von ſich, ſchaute Jedermann durch ein ungeheures Perſpectiv an, das er noch außer ſeiner großen Brille gebrauchte, und ſpielte mit einem gro⸗ ßen Fleiſcherhund, den er, trotz des Verbotes, Hunde mitzunehmen, in die Geſellſchaft eingeführt hatte. Die Gräfin, für welche der Lehnſtuhl bereitet war, erſchien, aber wer keine Miene machte aufzuſtehen und ihr den Platz einzuräumen, war der Neffe; er ſetzte ſich im Gegentheil noch bequemer hinein, und Niemand wagte es, dem jungen Mann etwas darüber zu ſagen; die vornehme Dame aber mußte auf den ganz gemeinen Strohſeſſel mitten unter den übrigen Frauen des Städtchens ſitzen und ſoll ſich nicht wenig geärgert haben. Wiaährend des herrlichen Spieles des Bürgermei⸗ ſters, während des Organiſten trefflicher Baßarie, ja W. Hauffs Werke, XI. 7 98 ſogar während der Doktor auf dem Fagott phanta⸗ firte, und Alles den Athem anhielt und lauſchte, ließ der Neffe den Hund das Schnupftuch apportiren oder ſchwatzte ganz laut mit ſeinen Nachbarn, ſo daß Jeder⸗ mann, der ihn nicht kannte, über die abſonderlichen Sitten des jungen Herrn ſich wunderte. Kein Wunder daher, daß Alles ſehr begierig war, wie er ſein Duett vortragen würde. Die zweite Ab⸗ theilung begann; die Stadtmuſikanten hatten etwas Weniges aufgeſpielt und nun trat der Bürgermeiſter mit ſeiner Tochter zu dem jungen Mann, überreichte ihm ein Notenblatt und ſprach:„Mosjöh! wäre es Ihnen jetzt gefällig, das Duetto zu ſingen?“ Der junge Mann lachte, fletſchte mit den Zähnen, ſprang auf, und die beiden Andern folgten ihm an das Noten⸗ pult, und die ganze Geſellſchaft war voll Erwartung. Der Organiſt ſchlug den Takt und winkte dem Neffen, anzufangen. Dieſer ſchaute durch ſeine großen Bril⸗ lengläſer in die Noten und ſtieß gräuliche, jämmerliche Töne aus. Der Organiſt aber ſchrie ihm zu:„zwei Töne tiefer, Wertheſter, C müſſen Sie ſingen, C!“ Statt aber C zu ſingen, zog der Neffe einen ſeiner Schuhe ab und warf ihn dem Organiſten an den Kopf, daß der Puder weit umherflog. Als dies der Bürger⸗ meiſter ſah, dachte er:„Hal jetzt hat er wieder ſeine körperlichen Zufälle,“ ſprang hinzu, packte ihn am Hals und band ihm das Tuch etwas leichter; aber dadurch wurde es nur noch ſchlimmer mit dem jungen Mann. Er ſprach nicht mehr deutſch, ſondern eine ganz ſonderbare Sprache, die Niemand verſtand, und 99 machte große Sprünge. Der Bürgermeiſter war in Verzweiflung über dieſe unangenehme Störung, er faßte daher den Entſchluß, dem jungen Mann, dem etwas ganz beſonderes zugeſtoßen ſein mußte, das Halstuch vollends abzulöſen. Aber kaum hatte er dies gethan, ſo blieb er vor Schrecken wie erſtarrt ſtehen. Denn ſtatt menſchlicher Haut und Farbe umgab den Hals des jungen Menſchen ein dunkelbraunes Fell, und alſobald ſetzte derſelbe auch ſeine Sprünge noch höher und ſonderbarer ſort, fuhr ſich mit den glacirten Handſchuhen in die Haare, zog dieſe ab, und, oWun⸗ der! dieſe ſchönen Haare waren eine Perüke, die er dem Bürgermeiſter ins Geſicht warf, und ſein Kopf erſchien jetzt mit demſelben braunen Fell bewachſen. Er ſetzte über Tiſche und Bänke, warf die Noten⸗ pulte um, zertrat Geigen und Klarinette, und erſchien wie ein Raſender.„Fangt ihn, fangt ihn,“ rief der Bürgermeiſter ganz außer ſich,„er iſt von Sinnen, fangt ihn!“ Das war aber eine ſchwierige Sache. Denn er hatte die Handſchuhe abgezogen und zeigte Nägel an den Händen, mit welchen er den Leuten ins Geſicht fuhr und ſie jämmerlich kratzte. Endlich gelang es einem muthigen Jäger, ſeiner habhaft zu werden. Er preßte ihm die langen Arme zuſammen, daß er nur noch mit den Füßen zappelte und mit heiſerer Stimme lachte und ſchrie. Die Leute ſammelten ſich umher und betrachteten den ſonderbaren jungen Herrn, der jetzt gar nicht mehr ausſah wie ein Menſch. Aber ein ge⸗ lehrter Herr aus der Nachbarſchaft, der ein großes Naturalienkabinet und allerlei ausgeſtopfte Thiere be⸗ 100 ſaß, trat näher, betrachtete ihn genau, und rief dann voll Verwunderung:„Mein Gott, verehrte Herren und Damen, wie bringen Sie nur dies Thier in hon⸗ nette Geſellſchaft? Das iſt ja ein Affe, der Homo Troglodytes Linnæi, ich gebe ſogleich ſechs Thaler für ihn, wenn Sie mir ihn ablaſſen, und bälge ihn aus für mein Kabinet.“ Wer beſchreibt das Erſtaunen der Grünwieſeler, als ſie dies hörten!„Was, ein Affe, ein Orangutang in unſerer Geſellſchaft? Der junge Fremde ein ganz gewöhnlicher Affe!“ riefen ſie, und ſahen einander ganz dumm vor Verwunderung an. Man wollte nicht glau⸗ ben, man traute ſeinen Ohren nicht, die Männer un⸗ terſuchten das Thier genauer, aber es war und blieb ein ganz natürlicher Affe. „Aber wie iſt dies möglich!“ rief die Frau Bür⸗ germeiſterin,„hat er mir nicht oft ſeine Gedichte vor⸗ geleſen? Hat er nicht, wie ein anderer Menſch, bei mir zu Mittag geſpeist?⸗ „Was?“ eiferte die Frau Doktorin.„Wie? Hat er nicht oft und viel den Kaffee bei mir getrunken, und mit meinem Manne gelehrt geſprochen und geraucht?“ „Wie! iſt es möglich! riefen die Männer.„Hat er nicht mit uns am Felſenkeller Kugeln geſchoben und über Politik geſtritten wir Unſereiner?“ „Und wie?“ klagten ſie Alle.„Hat er nicht ſogar vorgetanzt auf unſeren Bällen? Ein Affe! ein Affe? Es iſt ein Wunder, es iſt Zauberei!“ „Ja, es iſt Zauberei und teufliſcher Spuk,“ ſagte der Bürgermeiſter, indem er das Halstuch des Neffen 101 oder Affen herbeibrachte.„Seht! In dieſem Tuch ſteckte der ganze Zauber, der ihn in unſern Augen lie⸗ benswürdig machte. Da iſt ein breiter Streifen elaſti⸗ ſchen Pergaments, mit allerlei wunderlichen Zeichen beſchrieben. Ich glaube gar, es iſt Lateiniſch; kann es Niemand leſen?“ Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und ſprach:„Mit nichten! Es ſind nur lateiniſche Buchſtaben, es heißt: Der Affe sehr possierlich ist Zumal wenn er vom Apfel frisst. Ja, ja es iſt hölliſcher Betrug, eine Art von Zau⸗ berei,“ fuhr er fort,„und es muß exemplariſch beſtraft werden.“ Der Bürgermeiſter war derſelben Meinung und machte ſich ſogleich auf den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer ſein mußte, und ſechs Stadtſoldaten tru⸗ gen den Affen, denn der Fremde ſollte ſogleich ins Ver⸗ hör genommen werden.. Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren An⸗ zahl Menſchen, an das öde Haus. Denn Jedermann wollte ſehen, wie ſich die Sache weiter begeben würde. Nan pochte an das Haus, man zog die Glocke, aber vergeblich, es zeigte ſich Niemand. Da ließ der Bür⸗ germeiſter in ſeiner Wuth die Thüre einſchlagen, und begab ſich hierauf in das Zimmer des Fremden. Aber dort war nichts zu ſehen, als allerlei alter Hausrath. Der fremde Mann war nicht zu finden. Auf ſeinem Arbeitstiſch aber lag ein großer verſiegelter Brief, an 10² den Bürgermeiſter überſchrieben, den dieſer auch ſogleich öffnete. Er las: „Meine lieben Grünwieſeler! Wenn Ihr dies leſet, bin ich nicht mehr in Eurem Städtchen, und Ihr werdet dann längſt erfahren ha⸗ ben, weß Standes und Vaterlandes mein lieber Neffe iſt. Nehmet den Scherz, den ich mir mit Euch er⸗ laubte, als eine gute Lehre auf, einen Fremden, der für ſich leben will, nicht in Eure Geſellſchaft zu nöthi⸗ gen. Ich ſelbſt fühlte mich zu gut, um Euer ewiges Klatſchen, um Eure ſchlechten Sitten und Euer lächer⸗ liches Weſen zu theilen. Darum erzog ich einen jungen Oranautang, den Ihr, als meine tellvertreter, ſo lieb gewonnen habt. Lebet woyl und benützet dieſe Lehre nach Kräften.“— Die Grünwieſeler ſchämten ſich nicht wenig vor dem ganzen Land. Ihr Troſt war, daß dies Alles mit unnatürlichen Dingen zugegangen ſei. Am meiſten ſchäm⸗ ten ſich aber die jungen Leute in Grünwieſel, weil ſie die ſchlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachge⸗ ahmt hatten. Sie ſtemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, ſie ſchaukelten nicht mit dem Seſſel, ſie ſchwiegen, bis ſie gefragt wurden, ſie legten die Brillen ab und waren artig und geſittet wie zuvor, und wenn je einer wieder in ſolche ſchlechte, lächerliche Sitten verfiel, ſo ſagten die Grünwieſeler:„Es iſt ein Affe.“* Der Affe aber, welcher ſo lange die Rolle eines jungen Herrn geſpielt hatte, wurde dem gelehrten Mann, der ein Naturalienkabinet beſaß, überantwortet. Dieſer läßt ihn in ſeinem Hof umhergehen, füttert ihn, und 10³ zeigt hn elt Saltenbei jedem Fremden, wo er noch bis auf den heutigen Tag zu ſehen iſt. Es entſtand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und auch die jungen Männer lachten mit.„Es muß doch ſonderbare Leute geben unter dieſen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik und Mufti in Aleſſandria, als in Geſellſchaft des Ober⸗ pfarrers, des Bürgermeiſters und ihren thörichten Frauen in Grünwieſel!“ „Da haſt Du gewiß recht geſprochen,“ erwiderte der junge Kaufmann.„In Frankiſtan möchte ich nicht todt ſein. Die Franken ſind ein rohes, wildes, bar⸗ bariſches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perſer müßte es ſchrecklich ſein, dort zu leben.“ „Das werdet Ihr bald hören, verſprach der Alte. „Soviel mir der Sklavenaufſeher ſagte, wird der ſchöne junge Mann dort Vieles von Frankiſtan erzählen. Denn er war lange dort, und iſt doch ſeiner Geburt nach ein Muſelmann.“ „Wie, jener, der zuletzt ſitzt in der Reihe? Wahr⸗ lich, es iſt eine Sünde, daß der Herr Scheik dieſen los gibt! Es iſt der ſchönſte Sklave im ganzen Land. Schaut nur dieſes muthige Geſicht, dieſes kühne Auge, dieſe ſchöne Geſtalt. Er kann ihm ja leichte Geſchäfte geben. Er kann ihn zum Fliegenwedeler machen, oder zum Pfeifenträger. Es iſt ein Spaß, ein ſolches Amt zu verſehen, und wahrlich, ein ſolcher Sklave iſt die Zierde von einem ganzen Haus. Und erſt drei Tage 10⁴ hat er ihn, und gibt ihn weg? Es iſt Thorheit, es iſt Sünde!“ 2 „Tadelt ihn doch nicht, ihn, der weiſer iſt als ganz Egypten!“ ſprach der Alte mit Nachdruck.„Sagte ich Euch nicht ſchon, daß er ihn los läßt, weil er glaubt, den Segen Allahs dapurch zu verdienen. Ihr ſagt, er iſt ſchön und wohlgebildet, und Ihr ſprecht die Wahr⸗ heit! Aber der Sohn des Scheik, den der Prophet in ſein Vaterhaus zurückbringen möge, der Sohn des Scheik war ein ſchöner Knabe, und muß jetzt auch groß ſein und wohlgebildet. Soll er alſo das Gold ſparen, und einen wohlfeilen, verwachſenen Sklaven hingeben in der Hoffnung, ſeinen Sohn dafür zu bekommen? Wer Etwas thun will in der Welt, der thue es lieber gar nicht, oder— recht!“ „Und ſehet, des Scheiks Augen ſind immer auf dieſen Sklaven geheftet. Ich bemerkte es ſchon den ganzen Abend. Während der Erzählungen ſtreifte oft ſein Blick dorthin, und verweilte auf den edlen Zügen des Freigelaſſenen. Es muß ihn doch ein wenig ſchmerzen, ihn frei zu geben.“ „Denke nicht alſo von dem Mann! Meinſt Du, tauſend Tomans ſchmerzen ihn, der jeden Tag das dreifache einnimmt?“ ſagte der alte Mann.„Aber wenn ſein Blick mit Kummer auf dem Jüngling weilt, ſo denkt er wohl an ſeinen Sohn, der in der Fremde ſchmachtet, er denkt wohl, ob dort vielleicht ein barm⸗ herziger Mann wohne, der ihn loskaufe und zurückſchicke zum Vater.“ „Ihr mögt Recht haben,“ erwiderte der junge 10⁵ Kaufmann.„Und ich ſchäme mich, daß ich von den Leuten nur immer das Gemeinere und Unedle denke, während Ihr lieber eine ſchöne Geſinnung unterlegt. Und doch ſind die Menſchen in der Regel ſchlecht, habt Ihr dies nicht auch gefunden, Alter?“ „Gerade weil ich dies nicht gefunden habe, denke ich gerne gut von den Menſchen,“ antwortete dieſer. „Es ging mir gerade wie Euch. Ich lebte ſo in den Tag hinein, hörte viel Schlimmes von den Menſchen, mußte ſelbſt an mir viel Schlechtes erfahren und fing an, die Menſchen alle für ſchlechte Geſchöpfe zu hal⸗ ten. Doch, da fiel mir bei, daß Allah, der ſo gerecht iſt als weiſe, nicht dulden könnte, daß ein ſo verworfe⸗ nes Geſchlecht auf dieſer ſchönen Erde hauſe. Ich dachte nach über das, was ich geſehen, was ich erlebt hatte, und ſiehe— ich hatte nur das Böſe gezählt, und das Gute vergeſſen. Ich hatte nicht Acht gegeben, wenn Einer eine Handlung der Barmherzigkeit übte, ich hatte es natürlich gefunden, wenn ganze Familien tugend⸗ haft lebten und gerecht waren. So oft ich aber Böſes, Schlechtes hörte, hatte ich es wohl angemerkt in mei⸗ nem Gedächtniß. Da fing ich an, mit ganz andern Au⸗ gen um mich zu ſchauen. Es freute mich, wenn ich das Gute nicht ſo ſparſam keimen ſah, wie ich anfangs dachte, ich bemerkte das Böſe weniger, oder es fiel mir nicht ſo ſehr auf, und ſo lernte ich die Menſchen lieben, lernte Gutes von ihnen denken, und habhe mich in langen Jahren ſeltener geirrt, wenn ich von einem Gutes ſprach, als wenn ich ihn für eiſ oder ge⸗ mein, oder gottlos hielt.“ 106 Der Alte wurde bei dieſen Worten von dem Auf⸗ ſeher der Sklaven unterbrochen, der zu ihm trat und ſprach:„Mein Herr, der Scheik von Aleſſandria, Ali Banu, hat Euch mit Wohlgefallen in ſeinem Saale bemerkt und ladet Euch ein, zu ihm zu treten und Euch neben ihn zu ſetzen.“ Die jungen Leute waren nicht wenig erſtaunt über die Ehre, die dem Alten widerfahren ſollte, den ſie für einen Bettler gehalten, und als dieſer hingegangen war, ſich zu dem Scheik zu ſetzen, hielten ſie den Skla⸗ venaufſeher zurück, und der Schreiber fragte ihn: „Beim Bart des Propheten beſchwöre ich Dich, ſage uns, wer iſt dieſer alte Mann, mit dem wir ſprachen, und den der Scheik alſo ehrt?“ „Wie!“ rief der Aufſeher der Sklaven, und ſchlug vor Verwunderung die Hände zuſammen.„Dieſen Mann kennet Ihr nicht?“ „Nein, wir wiſſen nicht, wer er iſt.“ „Aber ich ſah Euch doch ſchon einigemal mit ihm auf der Straße ſprechen, und mein Herr, der Scheik, hat dies auch bemerkt und erſt letzthin geſagt:„Das müſſen wackere junge Leute ſein, die dieſer Mann eines Geſpräches würdigt.“ „Aber ſo ſage doch, wer er iſt!“ rief der junge Kaufmann in höͤchſter Ungeduld. „Gehet, Ihr wollet mich nur zum Narren haben,“ antwortete der Sklavenaufſeher.„In dieſen Saal kommt ſonſt Niemand, wer nicht ausdrücklich eingela⸗ den iſt, und heute ließ der Alte dem Scheik ſagen, er werde einige junge Männer in ſeinen Saal mitbringen⸗ 107 wenn es ihm nicht ungelegen ſei, und Ali Banu ließ ihm ſagen, er habe über ſein Haus zu gebieten!“ „Laſſe uns nicht länger in Ungewißheit. So wahr ich lebe, ich weiß nicht, wer dieſer Mann iſt, wir lern⸗ ten ihn zufällig kennen und ſprachen mit ihm.“ „Nun, dann dürfet Ihr Euch glücklich preiſen; denn Ihr habt mit einem gelehrten, berühmten Mann geſprochen, und alle Anweſenden ehren und bewundern Euch deßhalb. Es iſt Niemand anders, als Muſtapha, der gelehrte Derwiſch.“ „Muſtaphal der weiſe Muſtapha, der den Sohn des Scheik erzogen hat, der viele gelehrte Bücher ſchrieb, der große Reiſen machte in alle Welttheile? Mit Mu⸗ ſtapha haben wir geſprochen? Und geſprochen, als wär' er Unſereiner, ſo ganz ohne alle Ehrerbietung?“ Noch waren die jungen Männer im Geſpräch über dieſe Mährchen, und über den Alten, den Derwiſch Muſtapha. Sie fühlten ſich nicht wenig geehrt, daß ein ſo alter und berühmter Mann ſie ſeiner Aufmerkſam⸗ keit gewürdigt und ſogar öfters mit ihnen geſprochen und geſtritten hatte. Da kam plötzlich der Aufſeher der Sklaven zu ihnen und lud ſie ein, ihm zum Scheik zu folgen, der ſie ſprechen wolle. Den Jünglingen pochte das Herz. Noch nie hatten ſie mit einem ſo vornehmen Mann geſprochen, nicht einmal allein, viel weniger in ſo großer Geſellſchaft. Doch, ſie faßten ſich, um nicht als Thoren zu erſcheinen, und folgten dem Auf⸗ ſeher der Sklaven zum Scheik. Ali Banu ſaß auf einem 109 „Schon gut, ſchon gut,“ unterbrach ihn der Scheik lachend, und winkte den Zweiten herbei.„Wer biſt denn Du?“ fragte er ihn. „ Herr, ich bin meines Amtes der Gehülfe eines Arztes, und habe ſelbſt ſchon einige Kranken geheilt?“ „Richtig,“ erwiderte der Scheik,„und Ihr ſeid es auch, der das Wohlleben liebet; Ihr möchtet gern mit guten Freunden hie und da tafeln und guter Dinge ſein? Nicht wahr, ich habe es errathen?“ Der junge Mann war beſchämt; er fühlte, daß er verrathen war, und daß der Alte auch von ihm gebeich⸗ tet haben mußte. Er faßte ſich aber ein Herz und ant⸗ wortete:„O ja, Herr, ich rechne es unter des Lebens Glückſeligkeiten, hie und da mit guten Freunden fröh⸗ lich ſein zu können. Mein Beutel reicht nun zwar nicht weiter hin, als meine Freunde mit Waſſermelonen oder dergleichen wohlfeilen Sachen zu bewirthen; doch ſind wir auch dabei fröhlich, und es läßt ſich denken, daß wir es noch um ein gutes Theil mehr wären, wenn ich mehr Geld hätte.“ Dem Scheik gefiel dieſe beherzte Antwort, und er konnte ſich nicht enthalten, darüber zu lachen.„Welcher iſt dann der junge Kaufmann?“ fragte er weiter Der junge Kaufmann verbeugte ſich mit freiem An⸗ ſtand vor dem Scheik; denn er war ein Menſch von gu⸗ ter Erziehung; der Scheik aber ſprach:„Und Ihr? Ihr habt Freude an Muſik und Tanz? Ihr höret es † gerne, wenn gute Künſtler etwas ſpielen und ſingen, und ſehet gerne Tänzer künſtliche Tänze ausführen?“ Der junge Kaufmann antwortete:„Ich ſehe wohl, 108 reichen Polſter und nahm Sorbet zu ſich. Zu ſeiner Rechten ſaß der Alte, ſein dürftiges Kleid ruhte auf herrlichen Polſtern, ſeine ärmlichen Sandalen hatte er auf einen reichen Teppich von perſiſcher Arbeit geſtellt, aber ſein ſchöner Kopf, ſein Auge voll Würde und Weisheit zeigte an, daß er würdig ſei, neben einem Mann, wie der Scheik, zu ſitzen. Der Scheik war ſehr ernſt, und der Alte ſchien ihm Troſt und Muth zuzuſprechen. Die Jünglinge glaub⸗ ten auch in ihrem Ruf vor das Angeſicht des Scheik eine Liſt des Alten zu entdecken, der wahrſcheinlich den trau⸗ ernden Vater durch ein Geſpräch mit ihnen zerſtreuen wollte. „Willkommen, ihr jungen Männer,“ ſprach der Scheik,„willkommen in dem Hauſe Ali Banu's. Mein alter Freund hier hat ſich meinen Dank verdient, daß er euch hier einführte; doch zürne ich ihm ein wenig, daß er mich nicht früher mit euch bekannt machte. Wer von euch iſt denn der junge Schreiber? „Ich, o Herr! und zu Euren Dienſten!“ ſprach der junge Schreiber, indem er die Arme über der Bruſt kreuzte, und ſich tief verbeugte. „Ihr hört alſo ſehr gerne Geſchichten, und leſet gerne Bücher mit ſchönen Verſen und Denkſprüchen?“ Der junge Menſch erröthete und antwortete:„O Herr! allerdings kenne ich für meinen Theil keine ange⸗ nehmere Beſchäftigung, als mit dergleichen den Tag Aber Jeder nach ſeiner Weiſe, ich tadle darum gewiß zuzubringen. Es bildet den Geiſt und vertreibt die Zeit. 3 Keinen, der nicht—⸗ 1¹⁰ o Herr, daß jener alte Mann, um Euch zu beluſtigen, unſere Thorheiten insgeſammt verrathen hat. Wenn es ihm gelang, Euch dadurch aufzuheitern, ſo habe ich gerne zu Euerm Scherz gedient. Was aber Muſik und Tanz betrifft, ſo geſtehe ich, es gibt nicht leicht etwas, was mein Herz alſo vergnügt. Doch glaubet nicht, daß ich deßwegen Euch tadle, o Herr, wenn Ihr nicht ebenfalls— 4 „Genng, nicht weiter,“ rief der Scheik, lächelnd mit der Hand abwehrend.„Jeder nach ſeiner Weiſe, wollet Ihr ſagen; aber dort ſteht ja noch Einer; das iſt wohl der, welcher ſo gerne reiſen möchte? Wer ſeid Ihr, junger Herr? „Ich bin ein Maler, o Herr,“ antwortete der junge Mann;„ich male Landſchaften, theils an die Wände der Säle, theils auf Leinwand. Fremde Länder zu ſehen iſt allerdings mein Wunſch, denn man ſieht dort aller⸗ lei ſchöne Gegenden, die man wieder anbringen kann; und was man ſieht und abzeichnet, iſt doch in der Regel immer ſchöner, als was man nur ſo ſelbſt erfindet.“ Der Scheik betrachtete jetzt die ſchönen, jungen Leute, und ſein Blick wurde ernſt und düſter.„Ich hatte einſt auch einen lieben Sohn,“ ſagte er,„und er müßte nun auch ſo herangewachſen ſein wie Ihr. Da ſolltet Ihr ſeine Genoſſen und Begleiter ſein, und jeder Eurer Wünſche würde von ſelbſt befriedigt werden. Mit jenem würde er leſen, mit dieſem würde er Muſik hören, mit dem Andern würde er gute Freunde einla⸗ den, und fröhlich und guter Dinge ſein, und mit dem Maler ließe ich ihn ausziehen in ſchöne Gegenden und 111 wäre dann gewiß, daß er immer wieder zu mir zurück⸗ kehrte. So hat es aber Allah nicht gewollt, und ich füge mich in ſeinen Willen ohne Murren. Doch, es ſteht in meiner Macht, Eure Wünſche dennoch zu er⸗ füllen, und Ihr ſollet freudigen Herzens von Ali Banu gehen. Ihr, mein gelehrter Freund,“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich zu dem Schreiber wandte,„wohnt von jetzt an in meinem Hauſe und ſeid über meine Bücher geſetzt. Ihr könnet noch dazu anſchaffen, was Ihr wollet und für gut haltet, und Euer einziges Geſchäft ſei, mir, wenn Ihr etwas recht Schönes geleſen habt, zu erzählen. Ihr, der Ihr eine gute Tafel unter Freunden liebt, Ihr ſollet der Aufſeher meiner Vergnügungen ſein. Ich ſelbſt zwar lebe einſam und ohne Freude, aber es iſt meine Pflicht, und mein Amt bringt es mit ſich, hie und da viele Gäſte einzuladen. Dort ſollet Ihr an meiner Stelle Alles beſorgen, und könnet von Euren Freunden dazu einladen, wen Ihr nur wollet; verſteht ſich, auf etwas Beſſeres, als Waſſermelonen. Den jungen Kauf⸗ mann da darf ich freilich ſeinem Geſchäft nicht entziehen, das ihm Geld und Ehre bringt; aber alle Abende ſtehen Euch, mein junger Freund, Tänzer, Sänger und Mu⸗ ſikanten zu Dienſte, ſo viel Ihr wollet. Laſſet Euch aufſpielen und tanzen nach Herzensluſt. Und Ihr,“ ſprach er zu dem Maler,„Ihr ſollet fremde Länder ſehen und das Auge durch Erfahrung ſchärfen. Mein Schatzmeiſter wird Euch zu der erſten Reiſe, die Ihr gleich morgen antreten könnet, tauſend Goldſtücke rei⸗ chen, nebſt zwei Pferden und einem Sklaven. Reiſet, 112 wohin Ench das Herz treibt, und wenn Ihr etwas Schönes ſehet, ſo malet es für mich.“ Die jungen Leute waren außer ſich vor Erſtaunen, ſprachlos vor Freunde und Dank. Sie wollten den Bo⸗ den vor den Füßen des gütigen Mannes küſſen, aber er ließ es nicht zu.„Wenn Ihr einem zu danken habt,“ ſprach er,„ſo iſt es dieſem weiſen Mann hier, der mir von Euch erzählte. Auch mir hat er dadurch Vergnügen gemacht, vier ſo muntere junge Leute Eurer Art ken⸗ nen zu lernen.“ Der Derwiſch Muſtapha aber wehrte den Dank der Jünglinge ab.„Sehet,“ ſprach er,„wie man nie voreilig urtheilen muß; habe ich Euch zuviel von die⸗ ſem edlen Mann geſagt?“ „Laſſet uns nun noch einen der Sklaven, die heute frei ſind, erzählen hören;“ unterbrach ihn Ali Banu, und die Jünglinge begaben ſich an ihre Plätze. Jener junge Sklave, der die Aufmerkſamkeit aller durch ſeinen Wuchs, durch ſeine Schönheit und ſeinen muthigen Blick in ſo hohem Grade auf ſich gezogen hatte, ſtand jetzt auf, verbeugte ſich vor dem Scheik, und fing mit wohltönender Stimme alſo zu ſprechen an: Die Geſchichte Almanſors. O Herr! die Männer, die vor mir geſprochen ha⸗ ben, erzählten mancherlei wunderbare Geſchichten, die ſie gehört hatten in fremden Ländern; ich muß mit Beſchämung geſtehen, daß ich keine einzige Erzählung weiß, die Eurer Aufmerkſamkeit würdig wäre. Doch, 11³ wenn es Euch nicht langweilt, will ich Euch die wun⸗ derbaren Schickſale eines meiner Freunde vortragen. Auf jenem algieriſchen Kaperſchiff, von welchem mich Eure milde Hand befreit hat, war ein junger Mann in meinem Alter, der mir nicht für das Sklaven⸗ kleid geboren ſchien, das er trug. Die übrigen Unglück⸗ lichen auf dem Schiffe waren entweder rohe Menſchen, mit denen ich nicht leben mochte, oder Leute, deren Sprache ich nicht verſtand: darum fand ich mich zu der Zeit, wo wir ein Stündchen frei hatten, gerne zu dem jungen Mann. Er nannte ſich Almanſor, und war ſeiner Ausſprache nach ein Egyptier. Wir unterhielten uns recht angenehm mit einander, und kamen eines Tages auch darauf, uns unſere Geſchichte zu erzählen, da dann die meines Freundes allerdings bei weitem merkwürdiger war, als die meinige. Almanſors Vater war ein vornehmer Mann in einer egyptiſchen Stadt, deren Namen er mir nicht nannte. Er lebte die Tage ſeiner Kindheit vergnugt, froh und umgeben von allem Glanz und aller Bequem⸗ lichkeit der Erde. Aber er wurde dabei doch nicht weich⸗ lich erzogen, und ſein Geiſt wurde frühzeitig ausge⸗ bildet; denn ſein Vater war ein weiſer Mann, der ihm Lehren der Tugend gab, und überdies hatte er zum Lehrer einen berühmten Gelehrten, der ihn in allem unterrichtete, was ein junger Menſch wiſſen muß. Almanſor war etwa zehn Jahre alt, als die Franken über das Meer her in das Land kamen und Krieg mit ſeinem Volke führten. Der Vater des Knahen mußte aber den Franken W. Hauffs Werke. Xi. 114 nicht ſehr günſtig geweſen ſein; denn eines Tages, als er eben zum Morgengebet gehen wollte, kamen ſie und verlangten zuerſt ſeine Frau als Geiſel ſeiner treuen Geſinnungen gegen das Frankenvolk, und als er ſie nicht geben wollte, ſchleppten ſie ſeinen Sohn mit Ge⸗ walt ins Lager. Als der junge Sklave alſo erzählte, verhüllte der Scheik ſein Angeſicht, und es entſtand ein Murren des Unwillens im Saal.„Wie,“ riefen die Freunde des Scheik,„wie kann der junge Mann dort ſo thöricht handeln und durch ſolche Geſchichten die Wunden Ali Banu's aufreißen, ſtatt ſie zu miidern, wie kann er ihm ſeinen Schmerz erneuern, ſtatt ihn zu zerſtreuen?“ Der Sklavenaufſeher ſelbſt war voll Zorn über den unverſchämten Jüngling und gebot ihm zu ſchweigen. Der junge Sklave aber war ſehr erſtaunt über dies alles und fragte den Scheik, ob denn in ſeiner Erzäh⸗ lung etwas liege, das ſein Mißfallen erregt habe. Der Scheik richtete ſich bei dieſen Worten auf und ſprach: „Seid doch ruhig, Ihr Freunde; wie kann denn dieſer Jüngling etwas von meinem betrübten Schickſal wiſſen, da er nur kaum drei Tage unter dieſem Dache iſt! Kann es denn bei den Gräueln, die dieſe Franken verübten, nicht ein ähnliches Geſchick wie das meine geben, kann nicht vielleicht ſelbſt jener Almanſor— doch, erzähle immer weiter, mein junger Freund!“ Der junge Sklave verbeugte ſich und fuhr fort: Der junge Almanſor wurde alſo in das fränkiſche Lager geführt. Es erging ihm dort im Ganzen gut; denn einer der Feldherren ließ ihn in ſein Zelt kommen, —— 115 und hatte ſeine Freude an den Antworten des Knaben, die ihm ein Dragoman überſetzen mußte, er ſorgte für ihn, daß ihm an Speiſe und Kleidung nichts abginge; aber die Sehnſucht nach Vater und Mutter machte dennoch den Knaben höchſt unglücklich. Er weinte viele Tage lang, aber ſeine Thränen rührten dieſe Männer nicht. Das Lager wurde abgebrochen, und Almanſor glaubte jetzt wieder zurückehren zu dürfen; aber es war nicht ſo; das Heer zog hin und her, führte Krieg mit den Mamelucken, und den jungen Almanſor ſchleppten ſie immer mit ſich. Wenn er dann die Haupt⸗ leute und Feldherren anflehte, ihn doch wieder heim⸗ kehren zu laſſen, ſo verweigerten ſie es und ſagten, er müſſe ein Unterpfand von ſeines Vaters Treue ſein. So war er viele Tage lang auf dem Marſch. Auf einmal aber entſtand eine Bewegung im Heer, die dem Knaben nicht entging; man ſprach von Ein⸗ packen, von Zurückziehen, vom Einſchiffen, und Al⸗ manſor war außer ſich vor Freude; denn jetzt, wenn die Franken in ihr Land zurückkehrten, jetzt mußte er ja frei werden. Man zog mit Roß und Wagen rück⸗ wärts gegen die Küſte, und endlich war man ſo weit, daß man die Schiffe vor Anker liegen ſah. Die Sol⸗ daten ſchifften ſich ein, aber es wurde Nacht, bis nur ein kleiner Theil eingeſchifft war. So gerne Almanſor gewacht hätte, weil er jede Stunde glaubte, freigelaſſen zu werden, ſo verfiel er doch endlich in einen tiefen Schlaf, und er glaubte, die Franken hätten ihm etwas unter das Waſſer gemiſcht, um ihn einzuſchläfern. Denn als er aufwachte, ſchien der helle Tag in eine 116 kleine Kammer, worin er nicht geweſen war, als er einſchlief. Er ſprang auf von ſeinem Lager, aber als er auf den Boden kam, fiel er um; denn der Boden ſchwankte hin und wieder, und es ſchien alles ſich zu bewegen und im Kreis um ihn her zu tanzen. Er raffte ſich wieder auf, hielt ſich an den Wänden feſt, um aus dem Gemach zu kommen, worin er ſich befand. Ein ſonderbares Brauſen und Ziſchen war um ihn her; er wußte nicht, ob er träume oder wache; denn er hatte nie Ähnliches geſehen oder gehört. Endlich er⸗ reichte er eine kleine Treppe; mit Mühe ſtieg er hin⸗ auf, und welcher Schrecken befiel ihn! Rings umher war nichts als Himmel und Meer, er befand ſich auf einem Schiffe. Da fing er kläglich an zu weinen. Er wollte zurückgebracht werden, er wollte ins Meer ſich ſtürzen und hinüberſchwimmen nach ſeiner Heimath; aber die Franken hielten ihn feſt, und einer der Be⸗ fehlshaber ließ ihn zu ſich kommen, verſprach ihm, wenn er gehorſam ſei, ſolle er bald wieder in ſeine Heimath zurück, und ſtellte ihm vor, daß es nicht mehr möglich geweſen wäre, ihn vom Land aus nach Hauſe zu brin⸗ gen, dort aber hätte er, wenn man ihn zurückgelaſſen, elendiglich umkommen müſſen. Wer aber nicht Wort hielt, waren die Franken; denn das Schiff ſegelte viele Tage lang weiter, und als es endlich landete, war man nicht an Egyptens Küſte, ſondern in Frankiſtan! Almanſor hatte während der langen Fahrt und ſchon im Lager Einiges von der Sprache der Franken verſtehen und ſprechen gelernt, was ihm in dieſem Lande, wo Niemand ſeine Sprache ————— 117* kannte, ſehr gut zu Statten kam. Er wurde viele Tage lang durch das Land in das Innere geführt, und überall ſtrömte das Volk zuſammen, um ihn zu ſehen; denn ſeine Begleiter ſagten aus, er wäre der Sohn des Königs von Egypten, der ihn zu ſeiner Ausbildung nach Frankiſtan ſchicke. So ſagten aber dieſe Soldaten nur, um das Volk glauben zu machen, ſie haben Egypten beſiegt, und ſtehen in tiefem Frieden mit dieſem Land. Nachdem die Reiſe zu Land mehre Tage gedauert hatte, kamen ſie in eine große Stadt, dem Ziel ihrer Reiſe. Dort wurde er einem Arzt übergeben, der ihn in ſein Haus nahm, und in allen Sitten und Gebräuchen unterwies. Er mußte vor allem fränkiſche Kleider anlegen, die ſehr enge und knapp waren, und bei weitem nicht ſo ſchön wie ſeine egyptiſchen. Dann durfte er nicht mehr ſeine Verbeugung mit gekreuzten Armen machen, ſon⸗ dern wollte er Jemand ſeine Ehrerbietung bezeugen, ſo mußte er mit der einen Hand die ungeheure Mütze von ſchwarzem Filz, die alle Männer trugen, und die man auch ihm aufgeſetzt hatte, vom Kopf reißen, mit der andern Hand mußte er auf die Seite fahren und mit dem rechten Fuß auskratzen. Er durfte auch nicht mehr mit übergeſchlagenen Beinen ſitzen, wie es ange⸗ nehme Sitte iſt im Morgenland, ſondern auf hoch⸗ beinige Stühle mußte er ſich ſetzen, und die Füße her⸗ abhängen laſſen auf den Boden. Das Eſſen machte ihm auch nicht geringe Schwierigkeit; denn alles, was er zum Mund bringen wollte, mußte er zuvor auf eine Gabel von Eiſen ſtecken. 118 Der Doktor aber war ein ſtrenger, böſer Mann, der den Knaben plagte; denn, wenn er ſich jemals ver⸗ gaß und zu einem Beſuch ſagte:„Salem aleikum!“ ſo ſchlug er ihn mit dem Stock; denn er ſollte ſagen: „Votre Serviteur“ Er durfte auch nicht mehr in ſeiner Sprache denken oder ſprechen, oder ſchreiben, höchſtens durfte er darin träumen, und er hätte viel⸗ leicht ſeine Sprache gänzlich verlernt, wenn nicht ein Mann in jener Stadt gelebt hätte, der ihm von großem Nutzen war. 8 Es war dies ein alter, aber ſehr gelehrter Mann, der viele morgenländiſche Sprachen verſtand, Arabiſch, Perſiſch, Koptiſch, ſogar Chineſiſch, von jedem etwas, er galt in jenem Land für ein Wunder von Gelehrſam⸗ keit, und man gab ihm viel Geld, daß er dieſe Sprachen andere Leute lehrte. Dieſer Mann ließ nun den jungen Almanſor alle Wochen einigemal zu ſich kommen, be⸗ wirthete ihn mit ſeltenen Früchten und dergleichen, und dem Jüngling war es dann, als wäre er zu Haus. Denn der alte Herr war gar ein ſonderbarer Mann. Er hatte Almanſor Kleider machen laſſen, wie ſie vor⸗ nehme Leute in Egypten tragen. Dieſe Kleider be⸗ wahrte er in ſeinem Hauſe in einem beſondern Zimmer auf. Kam nun Almanſor, ſo ſchickte er ihn mit einem Bedienten in jenes Zimmer, und ließ ihn ganz nach ſeiner Landesſitte ankleiden. Von da an ging es dann nach„Kleinarabien;“ ſo nannte man einen Saal im Hauſe des Gelehrten. Dieſer Saal war mit allerlei künſtlich aufgezogenen Bäumen, als Palmen, Bambus, jungen Cedern und 119 vergleichen, und mit Blumen ausgeſchmückt, die nur im Morgenland wachſen. Perſiſche Teppiche lagen auf* dem Fußboden, und an den Wänden waren Polſter, nirgends aber ein fränkiſcher Stuhl oder Tiſch. Auf einem dieſer Polſter ſaß der alte Profeſſor; er ſah aber ganz anders aus, als gewöhnlich; um den Kopf hatte er einen feinen türkiſchen Shawl als Turban gewun⸗ den, er hatte einen grauen Bart umgeknüpft, der ihm bis zum Gürtel reichte und ausſah wie ein natürlicher, ehrwürdiger Bart eines gewichtigen Mannes. Dazu trug er einen Talar, den er aus einem brokatnen Schlafrock hatte machen laſſen, weite türkiſche Bein⸗ kleider, gelbe Pantoffeln, und, ſo friedlich er ſonſt war, an dieſen Tagen hatte er einen türkiſchen Säbel umgeſchnallt, und im Gürtel ſteckte ein Dolch mit falſchen Steinen beſetzt. Dazu rauchte er aus einer zwei Ellen langen Pfeife und ließ ſich von ſeinen Leu⸗ ten bedienen, die ebenfalls perſiſch gekleidet waren, und wovon die Hälfte Geſicht und Hände ſchwarz gefärbt hatte. Von Anfang wollte dies alles dem jungen Alman⸗ ſor gar wunderlich bedünken, aber bald ſah er ein, daß ſolche Stunden, wenn er in die Gedanken des Al⸗ ten ſich fügte, ſehr nützlich für ihn ſeien. Durfte er beim Doktor kein egyptiſches Wort ſprechen, ſo war hier die fränkiſche Sprache ſehr verboten, Almanſor mußte beim Eintreten den Friedensgruß ſprechen, den der alte Perſer ſehr feierlich erwiderte; dann winkte er dem Jüngling, ſich neben ihn zu ſetzen, und begann Perſiſch, Arabiſch, Koptiſch und alle Sprachen unter 120 einander zu ſprechen, und nannte dies eine gelehrte morgenländiſche Unterhaltung. Neben ihm ſtand ein Bedienter, oder, was ſie an dieſem Tage vorſtellten, ein Sklave, der ein großes Buch hielt; das Buch war aber ein Wörterbuch, und wenn dem Alten die Worte ausgingen, winkte er dem Sklaven, ſchlug flugs auf, was er ſagen wollte, und fuhr dann zu ſprechen fort. Die Sklaven aber brachten in türkiſchem Geſchirr Sorbet und dergleichen, und wollte Almanſor dem Alten ein großes Vergnügen machen, ſo mußte er ſagen, es ſei Alles bei ihm angeordnet, wie im Mor⸗ genland. Almanſor las ſehr ſchön Perſiſch, und das war der Hauptvortheil für den Alten. Er hatte viele perſiſche Manuſcripte, aus dieſen ließ er ſich von dem Jüngling vorleſen, las aufmerkſam nach und merkte ſich auf dieſe Art die richtige Ausſprache. Das waren die Freudentage des armen Almanſor; denn nie entließ ihn der alte Profeſſor unbeſchenkt, und oft trug er ſogar koſtbare Gaben an Geld oder Leinenzeug oder andern nothwendigen Dingen davon, die ihm der Doktor nicht geben wollte. So lebte Al⸗ manſor einige Jahre in der Hauptſtadt des Franken⸗ landes, und nie wurde ſeine Sehnſucht nach der Hei⸗ math geringer. Als er aber etwa fünfzehn Jahre alt war, begab ſich ein Vorfall, der auf ſein Schickſal großen Einfluß hatte. Die Franken nämlich wählten ihren erſten Feld⸗ herrn, denſelben, mit welchem Almanſor ſo oft in Egypten geſprochen hatte, zu ihrem König und Be⸗ herrſcher. Almanſor wußte zwar und erkannte es an 121 den großen Feſtlichkeiten, daß etwas dergleichen in dieſer großen Stadt geſchehe; doch konnte er ſich nicht denken, daß der König Derſelbe ſei, den er in Egyp⸗ ꝛen geſehen; denn jener Feldherr war noch ein ſehr janger Mann. Eines Tages aber ging Almanſor über eine jener Brücken, die über den breiten Fluß führen, der die Stadt durchſtrömt; da gewahrte er in dem einfachen Kleid eines Soldaten einen Mann, der am Brückengeländer lehnte und in die Wellen ſah. Die Züge des Mannes fielen ihm auf und er erinnerte ſich, ihn ſchon geſehen zu haben. Er ging alſo ſchnell die Kammern ſeiner Erinnerung durch, und als er an die Pforte der Kammer von Egypten kam, da eröffnete ſich ihm plötzlich das Verſtändniß, daß dieſer Mann jener Feldherr der Franken ſei, mit welchem er oft im Lager geſprochen, und der immer gütig für ihn geſorgt hatte; er wußte ſeinen rechten Namen nicht genau, er faßte ſich daher ein Herz, trat zu ihm, nannte ihn, wie ihn die Soldaten unter ſich nannten, und ſprach, in⸗ dem er nach ſeiner Landesſitte die Arme uͤber der Bruſt kreuzte:„Salem aleikum, Petit⸗Caporal!“ Der Mann ſah ſich erſtaunt um, blickte den jun⸗ gen Menſchen mit ſcharfen Augen an, dachte über ihn nach und ſagte dann:„Himmel, iſt es möglich! Du hier, Almanſor? Was macht Dein Vater? Wie geht es in Egypten? Was führt Dich zu uns hieher?“ Da konnte ſich Almanſor nicht länger halten, er fing an bitterlich zu weinen und ſagte zu dem Mann: „So weißt Du alſo nicht, was die Hunde, Deine Landsleute, mit mir gemacht haben, Petit⸗Caporal? 2 122 Du weißt nicht, daß ich das Land meiner Väter nicht mehr geſehen habe ſeit vielen Jahren?“ „Ich will nicht hoffen,“ ſagte der Mann, und ſeine Stirne wurde finſter;„ich will nicht hoffen, daß man Dich mit hinwegſchleppte!“ „Ach, freilich,“ antwortete Almanſor;„an jenem Tag, wo Eure Soldaten ſich einſchifften, ſah ich mein Vaterland zum letztenmal; ſie nahmen mich mit ſich hinweg, und ein Hauptmann, den mein Elend rührte, zahlt ein Koſtgeld für mich bei einem verwünſchten Doktor, der mich ſchlägt und halb Hungers ſter⸗ ben läßt. Aber höre, Petit⸗Caporal,“ fuhr er ganz treuherzig fort,„es iſt gut, daß ich Dich hier traf, Du mußt mir helfen.“ Der Mann, zu welchem er dies ſprach, lächelte und fragte, auf welche Weiſe er denn helfen ſollte. „Siehe,“ ſagte Almanſor,„es wäre unbillig, wollte ich von Dir etwas verlangen; Du warſt von jeher ſo gütig gegen mich, aber ich weiß, Du biſt auch ein armer Menſch, und wenn Du auch Feldherr warſt, gingſt Du nie ſo ſchön gekleidet wie die Andern; auch jetzt mußt Du, nach Deinem Rock und Hut zu urthei⸗ len, nicht in den beſten Umſtänden ſein. Aber da haben ja die Franken letzthin einen Sultan gewählt, und ohne Zweifel kennſt Du Leute, die ſich ihm nahen dür⸗ fen, etwa ſeinen Janitſcharenaga, oder den Reiseffendi, oder ſeinen Kapudanpaſcha; nicht?“ „Nun ja,“ antwortete der Mann,„aber wie weiter.“ „Bei dieſen könnteſt Du ein gutes Wort für mich 123 einlegen, Petit⸗Caporal, daß ſie den Sultan der Franken bitten, er möchte mich frei laſſen: dann brauche ich auch etwas Geld zur Reiſe übers Meer, vor Allem aber mußt Du mir verſprechen, weder dem Doktor, noch dem arabiſchen Profeſſor etwas davon zu ſagen.“ „Wer iſt denn der arabiſche Profeſſor?“ fragte Jener. „Ach, das iſt ein ſonderbarer Mann; doch von dieſem erzähle ich Dir ein andermal. Wenn es die Beiden hörten, dürfte ich nicht mehr aus Frankiſtan weg. Aber willſt Du für mich ſprechen bei den Aga's? Sage es mir aufrichtig!“ „Komm mit mir,“ ſagte der Mann,„vielleicht kann ich Dir jetzt gleich nützlich ſein.“ „Jetzt?“ rief der Jüngling mit Schrecken.„Jetzt um keinen Preis, da würde mich der Doktor prügeln; ich muß eilen, daß ich nach Hauſe komme.“ „Was trägſt Du denn in dieſem Korb?“ fragte Jener, indem er ihn zurückhielt. Almanſor erröthete und wollte es anfangs nicht zeigen, endlich aber ſagte er:„Siehe, Petit⸗Caporal, ich muß hier Dienſte thun, wie der geringſte Sklave meines Vaters. Der Doktor iſt ein geiziger Mann und ſchickt mich alle Tage von unſerem Hauſe eine Stunde weit auf den Gemüſe⸗ und Fiſchmarkt; da muß ich dann unter den ſchmutzi⸗ gen Marktweibern einkaufen, weil es dort um einige Kupfermünzen wohlfeiler iſt, als in unſerem Stadt⸗ theil. Siehe, wegen dieſes ſchlechten Härings, wegen dieſer Handvoll Salat, wegen dieſes Stückchens Butter 124 muß ich alle Tage zwei Stunden weit gehen. Ach, wenn es mein Vater wüßte!“ Der Mann, zu welchem Almanſor dies ſprach, war gerührt über die Noth des Knaben und antwortete: „Komm nur mit mir und ſei getroſt; der Doktor ſoll Dir nichts anhaben dürfen, wenn er auch heute weder Häring noch Salat verſpeist. Sei getroſten Muthes und komm.“ Er nahm bei dieſen Worten Almanſor bei der Hand und führte ihn mit ſich, und obgleich dieſem das Herz pochte, wenn er an den Doktor dachte, ſo lag doch ſo viele Zuverſicht in den Worten und Mienen des Mannes, daß er ſich entſchloß, ihm zu folgen. Er ging alſo, ſein Körbchen am Arm, neben dem Soldaten viele Straßen durch, und wunderbar wollte es ihm bedünken, daß alle Leute die Hüte vor ihnen abnahmen und ſtehen blieben und ihnen nach⸗ ſchauten. Er äußerte dies auch gegen ſeinen Begleiter; dieſer aber lachte und ſagte nichts darüber. Sie gelangten endlich an ein prachtvolles Schloß, auf welches der Mann zuging.„Wohnſt Du hier? Petit⸗Caporal,“ fragte Almanſor. „Hier iſt meine Wohnung,“ entgegnete Jener, „und ich will Dich zu meiner Frau führen.“ „Ei, da wohnſt Du ſchön,“ fuhr Almanſor fort. „Gewiß hat Dir der Sultan hier freie Wohnung ge⸗ geben?“ „Dieſe Wohnung habe ich vom Kaiſer, Du haſt Recht,“ antwortete ſein Begleiter und führte ihn in das Schloß. Dort ſtiegen ſie eine breite Treppe hinan, und in einem ſchönen Saal hieß er ihn ſeinen Korb — 125 abſetzen, und trat dann mit ihm in ein prachtvolles Gemach, wo eine Frau auf einem Divan ſaß. Der Mann ſprach mit ihr in einer fremden Eprache, wor⸗ auf ſie Beide nicht wenig lachten, und die Frau fragte dann Almanſor in fränkiſcher Sprache Vieles über Egypten. Endlich ſagte Petit⸗Caporal zu dem Jüng⸗ ling:„Weißt Du, was das Beſte iſt? Ich will Dich gleich ſelbſt zum Kaiſer führen und bei ihm für Dich ſprechen.“ Almanſor erſchrak ſehr, aber er gedachte an ſein Elend und ſeine Heimath:„Dem Unglücklichen,“ ſprach er zu den Beiden,„dem Unglücklichen verleiht Allah einen hohen Muth in der Stunde der Noth, er wird auch mich armen Knaben nicht verlaſſen. Ich will es thun, ich will zu ihm gehen. Aber ſage, Caporal, muß ich vor ihm niederfallen, muß ich die Stirne mit dem Boden berühren, was muß ich thun?“ Die Beiden lachten von Neuem und verſicherten, dies Alles ſei nicht nöthig. 3 „Sieht er ſchrecklich und majeſtätiſch aus?“ fragte er weiter,„hat er einen langen Bart? Macht er feu⸗ rige Augen? Sage, wie ſieht er aus?“ Sein Begleiter lachte von Neuem und ſprach dann: „Ich will Dir ihn lieber gar nicht beſchreiben, Alman⸗ ſor, Du ſelbſt ſollſt errathen, welcher es iſt. Nur das will ich Dir als Kennzeichen angeben: Alle im Saal des Kaiſers werden, wenn er da iſt, die Hüte ehrerbie⸗ tig abnehmen, der, welcher den Hut auf dem Kopf behält, der iſt der Kaiſer. Bei dieſen Worten nahm er ihn bei der Hand und ging mit ihm nach dem Saal des 126 Kaiſers. Je näher er kam, deſto lauter pochte ihm das Herz, und die Kniee fingen ihm an zu zittern, als ſie ſich der Thüre näherten. Ein Bedienter öffnete die Thüre, und da ſtanden in einem Halbkreis wenigſtens dreißig Männer, alle prächtig gekleidet, und mit Gold und Sternen überdeckt, wie es Sitte iſt im Lande der Franken bei den vornehmſten Aga's und Baſſa's der Könige; und Almanſor dachte, ſein Begleiter, der ſo unſcheinbar gekleidet war, müſſe der Geringſten einer ſein unter dieſen. Sie hatten alle das Haupt entblößt, und Almanſor fing nun an, nach dem zu ſuchen, der den Hut auf dem Kopf hätte; denn dieſer mußte der Kaiſer ſein. Aber vergebens war ſein Suchen. Alle hatten den Hut in der Hand, und der Kaiſer mußte alſo nicht unter ihnen ſein; da fiel ſein Blick zufällig auf ſeinen Begleiter und ſiehe— dieſer hatte den Hut auf dem Kopfe ſitzen! Der Jüngling war erſtaunt, betroffen. Er ſah ſeinen Begleiter lange an und ſagte dann, indem er ſelbſt ſeinen Hut abnahm:„Salem aleikum, Petit⸗ Caporal! So viel ich weiß, bin ich ſelbſt nicht der Sultan der Franken, alſo kommt es mir nicht zu, mein Haupt zu bedecken; doch, Du biſt der, der den Hut trägt,— Petit⸗Caporal, biſt denn Du der Kaiſer?“ „Du haſt's errathen,“ antwortete Jener,„und überdies bin ich Dein Freund. Schreibe Dein Unglück nicht mir, ſondern einer unglücklichen Verwirrung der Umſtände zu und ſei verſichert, daß Du mit dem erſten Schiff in Dein Vaterland zurückſegelſt. Gehe jetzt wie⸗ der hinein zu meiner Frau, erzähle ihr vom arabiſchen — 127 Profeſſor und was Du weißt. Die Häringe und den Salat will ich dem Doktor ſchicken, Du aber bleibſt für Deinen Aufenthalt in meinem Palaſt.“ So ſprach der Mann, der Kaiſer war; Almanſor aber fiel vor ihm nieder, küßte ſeine Hand und bat ihn um Verzeihung, das er ihn nicht erkannt habe, er habe es ihm gewiß nicht angeſehen, daß er Kaiſer ſei. „Du haſt Recht,“ erwiderte Jener lachend,„wenn man nur wenig Tage Kaiſer iſt, kann man es nicht an der Stirne geſchrieben haben.“ So ſprach er und winkte ihm, ſich zu entfernen. Seit dieſem Tage lebte Almanſor glücklich und in Freuden. Den arabiſchen Profeſſor, von welchem er dem Kaiſer erzählte, durfte er noch einigemal beſuchen, den Doktor aber ſah er nicht mehr. Nach einigen Wochen ließ ihn der Kaiſer zu ſich rufen und kündigte ihm an, daß ein Schiff vor Anker liege, mit dem er ihn nach Egypten ſenden wolle. Almanſor war außer ſich vor Freude; wenig Tage reichten hin, um ihn auszurüſten, und mit einem Herzen voll Dankes und mit Schätzen und Geſchenken reich beladen, reiste er vom Kaiſer ab ans Meer und ſchiffte ſich ein. Aber Allah wollte ihn noch länger prüfen, wollte ſeinen Muth im Unglück noch länger ſtählen, und ließ ihn die Küſte ſeiner Heimath noch nicht ſehen. Ein anderes fränkiſches Volk, die Engländer, führten da⸗ mals Krieg mit dem Kaiſer auf der See. Sie nahmen ihm alle Schiffe weg, die ſie beſiegen konnten, und ſo kam es, daß am ſechsten Tage der Reiſe das Schiff, auf welchem ſich Almanſor befand, von engliſchen Schiffen 128 umgeben und beſchoſſen wurde; es mußte ſich ergeben, und die ganze Mannſchaft wurde auf ein kleineres Schiff gebracht, das mit den andern weiter ſegelte. Doch auf der See iſt es nicht weniger unſicher als in der Wüſte, wo unverſehens die Räuber auf die Kara⸗ vanen fallen und todtſchlagen und plündern. Ein Ka⸗ per von Tunis überfiel das kleine Schiff, das der Sturm von den größeren Schiffen getrennt hatte, und es wurde genommen und alle Mannſchaft nach Algier geführt und verkauft. Almanſor kam zwar nicht in ſo harte Sklaverei als die Chriſten, weil er ein rechtgläunbiger Muſelmann war, aber dennoch war jetzt wieder alle Hoffnung ver⸗ ſchwunden, die Heimath und den Vater wieder zu ſehen. Dort lebte er bei einem reichen Mann fünf Jahre, und mußte die Blumen begießen und den Garten bauen. Da ſtarb der reiche Mann ohne nahe Erben, ſeine Be⸗ ſitzungen wurden zerriſſen, ſeine Sklaven getheilt, und Almanſor fiel in die Hände eines Sklavenmäklers. Dieſer rüſtete um dieſe Zeit ein Schiff aus, um ſeine Sklaven anderwärts theurer zu verkaufen. Der Zufall wollte, daß ich ſelbſt ein Sklave dieſes Händlers war, und auf daſſelbe Schiff kam, wo auch Almanſor ſich befand. Dort lernten wir uns kennen, und dort er⸗ zählte er mir ſeine wunderbaren Schickſale. Doch— als wir landeten, war ich Zeuge der wunderbarſten Fügung Allahs; es war die Küſte ſeines Vaterlandes, an welche wir aus dem Boot ſtiegen, es war der Markt ſeiner Vaterſtadt, wo wir öffentlich ausgeboten wur⸗ 129 den, und, o Herr! daß ich es kurz ſage, es war ſein eigener, ſein theurer Vater, der ihn kaufte! Der Scheik Ali Banu war in tiefes Nachdenken verſunken über dieſe Erzählung; ſie hatte ihn unwill⸗ kürlich mit ſich fortgeriſſen, ſeine Bruſt hob ſich, ſein Auge glühte, und er war oft nahe daran, ſeinen jun⸗ gen Sklaven zu unterbrechen; aber das Ende der Er⸗ zählung ſchien ihn nicht zu befriedigen. „Er könnte jetzt einundzwanzig Jahre haben, ſagſt Du?“ ſo fing er an zu fragen. „Herr, er iſt in meinem Alter, ein⸗ bis zweiund⸗ zwanzig Jahre.“ „Und welche Stadt nannte er ſeine Geburtsſtadt? das haſt Du uns noch nicht geſagt.“ „Wenn ich nicht irre,“ antwortete Jener,„ſo war es Aleſſandria!“ „Aleſſandria!“ rief der Scheik;„es iſt mein Sohn; wo iſt er geblieben? Sagteſt Du nicht, daß er Kai⸗ vam hieß? Hat er dunkle Augen und braunes Haar?““ „Er hat es, und in traulichen Stunden nannte er ſich Kairam und nicht Almanſor.“ „Aber, Allah! Allah! ſage mir doch, ſein Vater hätte ihn vor Deinen Augen gekauft, ſagſt Du; ver⸗ ſicherte er, es ſei ſein Vater? Alſo iſt er doch nicht mein Sohn!“ Der Sklave antwortete:„Er ſprach zu mir: Allah ſei geprieſen nach ſo langem Unglück; das iſt der W. Hauffs Werke. Xl. 4 13⁰ Marktplatz meiner Vaterſtadt. Nach einer Weile aber kam ein vornehmer Mann um die Ecke, da rief er: „O was für ein theures Geſchenk des Himmels ſind die Augen! Ich ſehe noch einmal meinen ehrwürdigen Vater! Der Mann aber trat zu uns, betrachtete die⸗ ſen und jenen, und kaufte endlich den, dem dies Alles begegnet iſt, da rief er Allah an, ſprach ein heißes Dankgebet und flüſterte mir zu: Jetzt gehe ich wieder ein in die Hallen meines Glückes; es iſt mein zigener Vater, der mich gekauft hat.“ „Es iſt alſo doch nicht mein Sohn, mein Kairam!“ ſagte der Scheik, von Schmerz bewegt. 8 Da konnte ſich der Jüngling nicht mehrzurückhalten, Thränen der Freude entſtürzten ſeinen Augen, er warf ſich nieder vor dem Scheik und rief:„Und dennoch iſt es Euer Sohn, Kairam Almanſor; denn Ihr ſeid es, der ihn gekauft hat.“ „Allah, Allah! Ein Wunder, ein großes Wunder!“ riefen die Anweſenden und drängten ſich herbei; der Scheik aber ſtand ſprachlos und ſtaunte den Jüngling an, der ſein ſchönes Antlitz zu ihm aufhob.„Mein Freund Muſtapha!“ ſprach er zu dem alten Derwiſch, „vor meinen Augen hängt ein Schleier von Thränen, daß ich nicht ſehen kann, ob die Züge ſeiner Mutter, die mein Kairam trug, auf ſeinem Geſicht eingegraben ſind, trete Du her und ſchaue ihn an.“ Der Alte trat herzu; ſah ihn lange an, legte ſeine Hand auf die Stirne des jungen Mannes und ſprach: „Kairam! wie hieß der Spruch, den ich Dir am Tage des Unglücks mitgab ins Lager der Franken?“ „ 13³¹1 „Mein theurer Lehrer!“ antwortete der Jüngling, indem er die Hand des Alten an ſeine Lippen zog;„er hieß: So Einer Allah liebt und ein gutes Gewiſſen hat, iſt er auch in der Wüſte des Elendes nicht allein; denn er hat zwei Ge⸗ fährten, die ihm tröſtend zur Seite gehen.“ Da hob der Alte dankend ſeine Augen auf zum Himmel, zog den Jüngling hinauf an ſeine Bruſt und gab ihn dem Scheik und ſprach:„Nimm ihn hin; ſo gewiß Du zehn Jahre um ihn trauerteſt, ſo gewiß iſt es Dein Sohn Kairam.“ Der Scheik war außer ſich vor Freude und Ent⸗ zücken; er betrachtete immer von Neuem wieder die Züge des Wiedergefundenen, und unläugbar fand er das Bild ſeines Sohnes wieder, wie er ihn verloren hatte. Und alle Anweſende theilten ſeine Freude; denn ſie liebten den Scheik, und Jedem unter ihnen war es, als wäre ihm heute ein Sohn geſchenkt worden. Jetzt füllte wieder Geſang und Jubel dieſe Halle, wie in den Tagen des Glückes und der Freude. Noch einmal mußte der Jüngling, und noch ausführlicher, ſeine Geſchichte erzählen, und Alle prieſen den arabi⸗ ſchen Profeſſor und den Kaiſer und Jeden, der ſich Kairams angenommen hatte. Man war beiſammen bis in die Nacht, und als man aufbrach, beſchenkte der Scheik jeden ſeiner Freunde reichlich, auf daß er immer dieſes Freudentages gedenke. Die vier jungen Männer aber ſtellte er ſeinem Sohne vor und lud ſie ein, ihn immer zu beſuchen⸗ und es war ausgemachte Sache, daß er mit dem Schrei⸗ 132 ber leſen, mit dem Maler kleine Reiſen machen ſollte, daß der Kaufmann Geſang und Tanz mit ihm theile, und der Andere alle Vergnügungen für ſie bereiten ſolle. Auch ſie wurden reich beſchenkt und traten freu⸗ dig aus dem Hauſe des Scheiks. „Wem haben wir dies Alles zu verdanken,“ ſpra⸗ chen ſie untereinander,„wem anders als dem Alten? Wer hätte dies damals gedacht, als wir vor dieſem Hauſe ſtanden und über den Scheik loszogen?“ „Und wie leicht hätte es uns einfallen können, die Lehren des alten Mannes zu überhören,“ ſagte ein An⸗ derer,„oder ihn ganz zu verſpotten? Denn er ſah doch recht zerriſſen und ärmlich aus, und wer konnte denken, daß dies der weiſe Muſtapha ſei?“ „Und wunderbar! war es nicht hier, wo wir un⸗ ſere Wünſche laut werden ließen?“ ſprach der Schrei⸗ ber.„Da wollte der Eine reiſen, der Andere ſingen und tanzen, der Dritte gute Geſellſchaft haben und ich — Geſchichten leſen und hören, und ſind nicht alle unſere Wünſche in Erfüllung gegangen? Darf ich nicht alle Bücher des Scheik leſen und kaufen, was ich will?“ „Und darf ich nicht ſeine Tafel zurichten und ſeine ſchönſten Vergnügungen anordnen, und ſelbſt dabei ſein?“ ſagte der Andere. „Und ich? ſo oft mich mein Herz gelüſtet, Geſang und Saitenſpiel zu hören, oder einen Tanz zu ſehen, darf ich nicht hingehen, und mir ſeine Sklaven aus⸗ bitten?“ „Und ich!“ rief der Maler,„vor dieſem Tage war 133 ich arm und konnte keinen Fuß aus dieſer Stadt ſetzen, und jetzt kann ich reiſen, wohin ich will!“ „Ja,“ ſprachen ſie Alle,„es war doch gut, daß wir dem Alten folgten; wer weiß, was aus uns ge⸗ worden wäre?“ —— nach Hauſe. So ſprachen ſie und gingen freudig und glücklich Inhalt. Der Scheik von Aleſſandria und ſeine Sklaven Der Zwerg Naſe.... Abner, der Jude, der nichts geſehen hat Der junge Engländerr.. Die Geſchichte Almanſors..