1—— 5— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Aeſehedingungen. 1, Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:, 8 fü wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 4 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf „ 3„ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkäs, ſo ift der Leſer zum Erſatz des Wanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt in wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Waiterle he der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelhen von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben, Oaa Wilhelm Hauff’s ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Zehntes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. ⸗ — — 3 e Mährchen für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Mährchen als Almanach. Einleitung. In einem ſchönen fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die Sonne in ſeinen ewig grünen Gär⸗ ten niemals untergehe, herrſchte von Anfang an bis heute die Königin Phantaſie. Mit vollen Händen ſpen⸗ dete dieſe, ſeit vielen Jahrhunderten, die Fülle des Segens über die Ihrigen, und war geliebt, verehrt von Allen, die ſie kannten. Das Herz der Königin war aber zu groß, als daß ſie mit ihren haten bei ihrem Lande ſtehen geblieben wäre; ſie 5 kößim könig⸗ lichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und Schönheit, ſtieg herab auf die Erde; denn ſie hatte gehört, daß dort Menſchen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernſt, unter Mühe und Arbeit hinbringen. Dieſen hatte ſie die ſchönſten Gaben aus ihrem Reiche mitge⸗ bracht, und ſeit die ſchöne Königin duich die Fluren der Erde gegangen war, waren, pie Menſchen fröhlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernſt. Auch ihre Kinder, nicht minder ſchön und lieblich als die königliche Mutter, ſandte ſie aus, um die Men⸗ W. Hauffs Werlt.. 4 ſchen zu beglücken. Einſt kam Mährchen, die älteſte Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die Mutter bemerkte, daß Mährchen traurig ſei, ja hie und da wollte es ihr bedünken, als ob ſie verweinte Augen hätte. „Was haſt Du, liebes Mährchen,“ ſprach die Köni⸗ gin zu ihr;„Du biſt ſeit Deiner Reiſe ſo traurig und niedergeſchlagen, willſt Du Deiner Mutter nicht anver⸗ trauen, was Dir fehlt?“ „Ach! liebe Mutter,“ antwortete Mährchen, nich hätte geſchwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der Deinige iſt.¹ „Sprich immer, meine Tochter,“ bat die ſchöne Königin,„der Gram iſt ein Stein, der den Einzel⸗ nen niederdruͤckt, aber Zwei tragen ihn leicht aus dem Wege.“ „Du willſt es,“ antwortete Mährchen;„ſo höre: Du weißt, wie gerne ich mit den Menſchen umgehe, wie ich freudig auch zu dem Armſten vor ſeine Hütte ſitze, um nach der Arbeit ein Stündchen zu verplau⸗ dern; ſie boten mir auch ſonſt gleich freundlich die Hand zum Gruß, wenn ich kam, und ſahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich weiter ging; aber in dieſen Tagen iſt es gar nicht mehr ſo!“ „Armes Mährchen!“ ſprach die Königin und ſtreichelte ihr die Wange, die von einer Thräne feucht war.„Aber Du bildeſt Dir vielleicht dies Alles nur ein?“ 3 „Glaube mir, ich fühle es nur zu gut,“ entgegnete Maährchen, ſie lieben mich nicht mehr. Überall, wo ich inkomme, begegnen mir kalte Blicke; nirgends bin ich 1 4 39 mehr gern geſehen: ſelbſt die Kinder, die mich doch immer ſo lieb hatten, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken zu.“ Die Königin ſtützte die Stirne in die Hand und ſchwieg ſinnend. „Und woher ſoll es denn,“ fragte die Königin, „kommen, Mährchen, daß ſich die Leute da unten ſo geändert haben?“ „Sieh, die Menſchen haben kluge Wächter auf⸗ geſtellt, die Alles, was aus Deinem Reich kommt, o Königin Phantaſie! mit ſcharfem Blicke muſtern und prüfen. Wenn nun Einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne iſt, ſo erheben ſie ein großes Geſchrei, ſchlagen ihn todt, oder verleumden ihn doch ſo ſehr bei den Menſchen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man gar keine Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach! Wie gut haben es meine Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen ſie auf die Erde hinab, fra⸗ gen nichts nach jenen klugen Männern, beſuchen die ſchlummernden Menſchen, und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt und das Auge erfreut!“ „Deine Brüder ſind Leichtfüße,“ ſagte die Königin, „und Du, mein Liebling, haſt keine Urſache, ſie zu be⸗ neiden. Jene Grenzwächter kenne ich übrigens wohl; die Menſchen haben ſo unrecht nicht, ſie aufzuſtellen; es kam ſo mancher windige Geſelle und that, als ob er geraden Wegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchſtens von einem Berge zu uns herüber ge⸗ ſchaut.“ „Aber warum laſſen ſie dies mich, Deine eigene 4 Tochter, entgelten?“ weinte Mährchen.„Ach! wenn Du wüßteſt, wie ſie es mir gemacht haben; ſie ſchalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das nächſte⸗ mal gar nicht mehr hereinzulaſſen.“— „Wie, meine Tochter nicht mehr einzulaſſen?“ rief die Königin, und Zorn erhöhte die Röthe ihrer Wan⸗ gen.„Aber ich ſehe ſchon, woher dies kommt; die böſe Muhme hat uns verleumdet!“ „Die Mode? Nicht möglich!“ rief Mährchen.„Sie that ja ſonſt immer ſo freundlich.“ „O! Ich kenne ſie, die Falſche,“ antwortete die Königin,„aber verſuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter; wer Gutes thun will, darf nicht raſten.“ „Ach Mutter! wenn ſie mich dann ganz zurück⸗ weiſen, oder wenn ſie mich verleumden, daß mich die Menſchen nicht anſehen oder einſam und verachtet in der Ecke ſtehen laſſen?“ 8 „Wenn die Alten, von der Mode bethört, Dich ge⸗ ring ſchätzen, ſo wende Dich an die Kleinen; wahrlich, ſie ſind meine Lieblinge, ihnen ſende ich meine lieb⸗ lichſten Bilder durch Deine Brüder, die Träume, ja, ich bin ſchon oft ſelbſt zu ihnen hinabgeſchwebt, habe ſie geherzt und geküßt und ſchöne Spiele mit ihnen ge⸗ ſpielt; ſie kennen mich auch wohl, ſie wiſſen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe ſchon oft bemerkt, wie ſie Nachts zu meinen Sternen hinauflächeln, und Morgens wenn meine glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freude die Hände zuſammenſchlagen. Auch wenn ſie größer werden, lieben ſie mich noch, ich helfe 5 dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die wilden Knaben werden ſtiller, wenn ich auf hoher Felſenſpitze mich zu ihnen ſetze, aus der Nebel⸗ welt der fernen blauen Berge hohe Burgen und glän⸗ zende Paläſte auftauchen laſſe, und aus den röthlichen Wolken des Abends kühne Reiterſchaaren und wunder⸗ liche Wallfahrtszüge bilde.“ „O die guten Kinder!“ rief Mährchen bewegt aus. „Ja, es ſei! Mit ihnen will ich es noch einmal ver⸗ ſuchen.“ „Ja, Du gute Tochter,“ ſprach die Konigin. „Gehe zu ihnen; aber ich will Dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß Du den Kleinen gefällſt und die Großen Dich nicht zurückſtoßen; ſiehe, das Ge⸗ wand eines Almanach will ich Dir geben.“ „Eines Almanach, Mutter? Ach!— ich ſchäme mich, ſo vor den Leüten zu prangen.“ Die Köoͤnigin winkte und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines Almanach. Es war von glänzenden Farben und ſchöne Figuren eingewoben. Die Zofen flochten dem ſchönen Mädchen das lange Haar; ſie banden ihr goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um. Das beſcheidene Mährchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete ſie mit Wohlgefallen und ſchloß ſie in ihre Arme:„Gehe hin,“ ſprach ſie zu der Kleinen;„mein Segen ſei mit Dir. Und wenn ſie Dich verachten und höhnen, ſo kehre zurück zu mir, wielleicht daß ſpätere Geſchlechter, getreuer der Natur, ihr Herz Dir wieder zuwenden.“ 6 Alſo ſprach die Königin Phantaſie. Mährchen aber ſtieg herab auf die Erde. Mit pochendem Herzen nahte ſie dem Ort, wo die klugen Wächter hauſeten; ſie ſenkte das Köpfchen zur Erde, ſie zog das ſchöne Gewand enger um ſich her, und mit zagendem Schritt nahte ſie dem Thor. „Halt!“ rief eine tiefe rauhe Stimme.„Wache heraus! Da kommt ein neuer Almanach!“ Mährchen zitterte, als ſie dies hörte; viele ältliche Mähnner von finſterem Ausſehen ſtürzten hervor; ſie hatten ſpitzige Federn in der Fauſt, und hielten ſie dem Mährchen entgegen. Einer aus der Schaar ſchritt auf ſie zu und packte ſie mit rauher Hand am Kinn:„Nur anch den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach,“ ſchrie er,„daß man Ihm in den Augen anſieht, ob Er was Rechtes iſt oder nicht.“— 3 Erröthend richtete Mährchen das Köpfchen in die Höhe und ſchlug das dunkle Auge auf. „Das Mährchen!“ riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals.„Das Mährchen! Haben Wunder gemeint, was da käme! Wie kommſt Du nur in dieſen Rock?“ „Die Mutter hat ihn mir angezogen,“ antwortete Mährchen. „So? Sie will Dich bei uns einſchwärzen? Nichts da! Hebe Dich weg, mach', daß Du fortkommſt!“ riefen die Wächter untereinander und erhoben die ſcharfen Federn. „Aber ich will ja nur zu den Kindern,“ bat Mähr⸗ chen;„dies könnt Ihr mir ja doch erlauben?“ „ 71 „Lauft nicht ſchon genug ſolches Geſindel im Land umher?“ rief einer der Wächter.„Sie ſchwatzen nur unſeren Kindern dummes Zeug vor.“ „Laßt uns ſehen, was ſie diesmal weiß, ſprach ein Anderer „Nun ja,“ riefen ſie,„ſag an, was Du weißt; aber beeile Dich, denn wir haben nicht viele Zeit für Dich.“ Mährchen ſtreckte die Hand aus und beſchrieb mit dem Zeigefinger viele Zeichen in die Luft. Da ſah man bunte Geſtalten vorüberziehen; Karavanen, ſchöne Roſſe, geſchmückte Reiter, viele Zelte im Sand der Wüſte; Vögel und Schiffe auf ſtürmiſchen Meeren; ſtille Wälder und volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden: ſie alle ſchwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber. Mährchen hatte in dem Eifer, mit welchem ſie die Bilder aufſteigen ließ, nicht bemerkt, wie die Wächter des Thores nach und nach eingeſchlafen waren. Eben wollte ſie neue Zeichen beſchreiben, als ein freundlicher Mann auf ſie zutrat und ihre Hand ergriff.„Siehe her, gutes Mährchen,“ ſagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte,„für dieſe ſind Deine bunten Sachen nichts; ſchlüpfe ſchnell durch das Thor, ſie ahnen dann nicht, daß Du im Lande biſt, und Du kannſt friedlich und unbemerkt Deine Straße ziehen, Ich will Dich zu meinen Kindern führen; in meinem Hauſe geb' ich Dir ein ſtilles, freundliches Plätzchen; dort kannſt Du wohnen und für Dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut gelernt haben, 8 dürfen ſie mit ihren Geſpielen zu Dir kommen und Dir zuhören. Willſt Du ſo?“ „O, wie gerne folge ich Dir zu Deinen lieben Kleinen; wie will ich mich befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!“ Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr über die Füße der ſchlafenden Wächter hinüberſtei⸗ gen. Lächelnd ſah ſich Mährchen um, als ſie hinüber war, und ſchlüpfte dann ſchnell in das Thor. Die Karavane. Es zog einmal eine große Karavane durch die Wüſte. Auf der ungeheuren Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel ſieht, hörte man ſchon in wei⸗ 3 ter Ferne die Glocken der Kameele und die ſilbernen Röllchen der Pferde; eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre Nähe, und wenn ein Luft⸗ ſ zug die Wolke theilte, blendeten funkelnde Waffen und hellleuchtende Gewänder das Auge. So ſtellte ſich die Karavane einem Manne dar, welcher von der Seite her auf ſie zuritt. Er ritt ein ſchönes arabiſches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem hochrothen Rie⸗ menwerk hingen ſilberne Glöckchen, und auf dem Kopf des Pferdes wehte ein ſchöner Reiherbuſch. Der Reiter . ſah ſtattlich aus, und ſein Anzug entſprach der Pracht ε ſeines Roſſes; ein weißer Turban, reich mit Gold ge⸗ ſtickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten 9 Beinkleider von brennendem Roth, ein gekrümmtes Schwert mit reichem Griff an ſeiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Geſicht gedrückt; dies und die 6 ſchwarzen Augen, die unter buſchigen Brauen hervor⸗ blitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Naſe 10 herab hing, gaben ihm ein wildes, kühnes Ausſehen. Als der Reiter ungefähr auf fünfzig Schritt dem Vor⸗ trab der Karavane nahe war, ſprengte er ſein Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges angelangt. Es war ein ſo ungewöhnliches Ereigniß, einen einzelnen Reiter durch die Wüſte zie⸗ hen zu ſehen, daß die Wächter des Zuges, einen Über⸗ fall befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenſtreckten. „Was wollt Ihr?“ rief der Reiter, als er ſich ſo krie⸗ geriſch empfangen ſah.„Glaubt Ihr, ein einzelner Mann werde Eure Karavane angreifen?“ Beſchämt ſchwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt an den Fremden heran und fragte nach ſeinem Begehr.„Wer iſt der Herr der Kara⸗ vane?“ fragte der Reiter.„Sie gehört nicht einem Herrn,“ antwortete der Gefragte,„ſondern es ſind mehre Kaufleute, die von Mecca in ihre Heimath zie⸗ hen und die wir durch die Wüſte geleiten, weil oft allerlei Geſindel die Reiſenden beunruhigt.“„So führt mich zu den Kaufleuten,“ begehrte der Fremde.„Das kann jetzt nicht geſchehen,“ antwortete der Führer, „weil wir ohne Aufenthalt weiter ziehen müſſen, und die Kaufleute wenigſtens eine Viertelſtunde weiter hinten ſind; wollt Ihr aber mit mir weiter reiten, bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, ſo werde ich Eurem Wunſche willfahren.“ Der Fremde ſagte hier⸗ auf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sat⸗ tel feſtgebunden hatte, hervor, und fing an, in großen Zügen zu rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiter ritt. Dieſer wußte nicht, was er aus. , 411 8 dem Fremden machen ſollte, er wagte es nicht, ihn geradezu nach ſeinem Namen zu fragen, und ſo künſt⸗ lich er auch ein Geſpräch anzuknüpfen ſuchte, der Fremde hatte auf das:„Ihr raucht da einen guten Tabak,“ oder:„Euer Rapp hat einen braven Schritt,“ immer nur mit einem kurzen„Ja, ja!“ geantwortet. Endlich waren ſie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte. Der Anführer hatte ſeine Leute als Wachen ausgeſtellt, er ſelbſt hielt mit dem Fremden, um die Karavane herankommen zu laſſen. Dreißig Kameele, ſchwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach dieſen kamen auf ſchönen Pferden die fünf Kaufleute, denen die Kara⸗ vane gehörte. Es waren meiſtens Männer von vorge⸗ rücktem Alter, ernſt und geſetzt ausſehend, nur Einer ſchien viel jünger als die Übrigen, wie auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kameele und Packpferde ſchloß den Zug. Man hatte Zelte aufgeſchlagen, und die Kameele und Pferde ringsumher geſtellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug. Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als ſie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, ſahen ſie die fünf Kaufleute auf goldgewirkten Polſtern ſitzen; ſchwarze Sklaven reichten ihnen Speiſen und Ge⸗ tränke.„Wen bringt Ihr uns da?“ rief der junge Kaufmann dem Führer zu. Ehe noch der Führer ant⸗ worten konnte, ſprach der Fremde:„Ich heiße Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reiſe nach Mecca von einer Räuberhorde gefangen, — 1 12² und habe mich vor drei Tagen heimlich aus der Gefan⸗ genſchaft befreit. Der große Prophet ließ mich die Glocken Eurer Karavane in weiter Ferne hören, und ſo kam ich bei Euch an. Erlaubet mir, daß ich in Eu⸗ rer Geſellſchaft reiſe, Ihr werdet Euren Schutz keinem Unwürdigen ſchenken, und ſo Ihr nach Bagdad kom⸗ met, werde ich Eure Güte reichlich belohnen, denn ich bin der Neffe des Großveziers.“ Der älteſte der Kauf⸗ leute nahm das Wort:„Selim Baruch,“ ſprach er, „ſei willkommen in unſerem Schatten. Es macht uns Freude, Dir beizuſtehen; vor Allem aber ſetze Dich und iß und trinke mit uns.“ Selim Baruch ſetzte ſich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem Eſſen räumten die Sklaven die Geſchirre hinweg und brachten lange Pfei⸗ fen und türkiſchen Sorbet. Die Kaufleute ſaßen lange ſchweigend, indem ſie bläuliche Rauchwolken vor ſich hinblieſen und zuſahen, wie ſie ſich ringelten und ver⸗ zogen und endlich in die Luft verſchwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillſchweigen.„So ſitzen wir ſeit drei Tagen,“ ſprach er,„zu Pferd und bei Tiſch, ohne uns durch Etwas die Zeit zu vertrei⸗ ben. Ich verſpüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tiſch Tänzer zu ſehen oder Geſang und Muſik zu hören. Wißt Ihr gar nichts, meine Freunde, das uns die Zeit vertreibe?“ Die vier älteren Kauf⸗ leute rauchten fort und ſchienen ernſthaft nachzuſinnen, der Fremde aber ſprach:„Wenn es mir erlaubt iſt, will ich Euch einen Vorſchlag machen. Ich meine, auf jedem Lagerplatz könnte Einer von uns den Andern 43 etwas erzählen. Dies könnte uns ſchon die Zeit ver⸗ treiben.“„Selim Baruch, Du haſt wahrgeſprochen,“ ſagte Achmet, der älteſte der Kaufleute;„laßt uns den Vorſchlag annehmen.“„Es freut mich, wenn Euch der Vorſchlag behagt,“ ſprach Selim,„damit Ihr aber ſehet, daß ich nichts uUnbilliges verlange, ſo will ich den Anfang machen.“ Vergnügt rückten die Kaufleute näher zuſammen und ließen den Fremden in ihre Mitte ſitzen. Die Sklaven ſchenkten die Becher wieder voll, ſtopften die Pfeifen ihrer Herren friſch und brachten glühende Koh⸗ len zum Anzünden. Selim aber erfriſchte ſeine Stimme mit einem tüchtigen Zuge Sorbet, ſtrich den langen Bart über dem Mund weg und ſprach:„So hört denn die Geſchichte von Kalif Storch.“ Die Geſchichte von Kalif Storch. I. Der Kalif Chaſid zu Bagdad ſaß einmal an einem ſchönen Nachmittag behaglich auf ſeinem Sopha; er hatte ein wenig geſchlafen, denn es war ein heißer Tag, und ſah nun nach ſeinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Roſen⸗ holz, trank hie und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einſchenkte, und ſtrich ſich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geſchmeckt hatte. Kurz, man ſah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um dieſe Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutſelig war, deßwegen be⸗ 2½ 14 ſuchte ihn auch ſein Großvezier Manſor alle Tage um dieſe Zeit. An dieſem Nachmittag nun kam er auch, ſah aber ſehr nachdenklich aus, ganz gegen ſeine Ge⸗ wohnheit. Der Kalif that die Pfeife ein wenig aus dem Mund und ſprach:„Warum machſt Du ein ſo nachdenkliches Geſicht, Großvezier?“ Der Großvezier ſchlug ſeine Arme kreuzweis über die Bruſt, verneigte ſich vor ſeinem Herrn und ant⸗ wortete:„Herr! ob ich ein nachdenkliches Geſicht mache, weiß ich nicht, aber da unten am Schloß ſteht ein Krämer, der hat ſo ſchöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüſſiges Geld zu haben.“ Der Kalif, der ſeinem Großvezier ſchon lange gern eine Freude gemacht hätte, ſchickte ſeinen ſchwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer herauf zu holen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieſer war ein kleiner dicker Mann, ſchwarzbraun im Geſicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kaſten, in welchem er allerhand Waaren hatte. Perlen und Ringe, reichbeſchlagene Piſtolen, Becher und Kämme. Der Kalif und ſein Vezier muſterten Alles durch, und der Kalif kaufte endlich für ſich und Manſor ſchöne Piſto⸗ Feen, für die Frau des Veziers aber einen Kamm. Als der Krämer ſeinen Kaſten ſchon wieder zuſammen ma⸗ chen wollte, ſah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waaren ſeien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Doſe mit ſchwärzlichem Pulver und ein Papier mit ſonder⸗ barer Schrift, die weder der Kalif noch Manſor leſen konnten.„Ich bekam einmal dieſe zwei Stücke von . 17 flück zu probiren. Der Vezier ſchlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er ſchon oft viele Thiete, namentlich Störche, geſehen habe, die durch ihr gravitätiſches Weſen und ihr Geklapper immer ſeine Aufmerkſamkeit erregt haben. Der Kalif billigte den Vorſchlag ſeines Veziers, und ging mit ihm den Teich zu. Als ſie dort angekom⸗ men waren, ſahen ſie einen Storchen ernſthaft auf⸗ und abgehen, Fröſche ſuchend und hie und da etwas vor ſich hinklappernd. Zugleich ſahen ſie auch weiter oben in der Luft einen andern Storchen dieſer Gegend zu ſchweben. „Ich wette meinen Bart, gnädigſter Herr,“ ſagte der Großvezier,„dieſe zwei Langfüßler führen jetzt ein ſchönes Geſpräch mit einander. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?“ „Wohl geſprochen!“ antwortete der Kalif.„Aber vorher wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Menſch wird.— Richtig! Dreimal gen Oſten geneigt und Mutabor geſagt, ſo bin ich wieder Kalif d Du Vezier. Aber nur ums Himmelswillen nicht gelacht, ſonſt ſind wir verloren!“ Während der Kalif alſo ſprach, ſah er den andern Storchen über ihrem Haupte ſchweben und langſam ſich zur Erde laſſen. Schnell zog er die Doſe aus dem Gürtel, nahm eine gute Priſe, bot ſie dem Großvezier dar, der gleichfalls ſchnupfte, und Beide riefen: Mu⸗ tabor! Da ſchrumpften ihre Beine ein, und wurden dünn und roth, die ſchönen gelben Pantoffeln des Ha fet W. Hauffs Werke. X. 18 und ſeines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achſeln und ward eine Elle lang, der Bart war ver⸗ ſchwunden und den Körper bedeckten weiche Federn. 6 „Ihr habt einen hübſchen Schnabel, Herr Groß⸗ vezier,“ ſprach nach langem Erſtaunen der Kalif. „Beim Bart des Propheten, ſo etwas habe ich in meinem Leben nicht geſehen.“ „Danke unterthänigſt,“ erwiderte der Großvezier, indem er ſich bückte;„aber wenn ich es wagen darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit ſehen als Storch beinahe noch hübſcher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig iſt, daß wir unſere Kameraden dort belauſchen und erfahren, ob wir wirklich Storchiſch+ können.“ Indem war der andre Storch auf der Erde ange⸗ kommen. Er putzte ſich mit dem Schnabel ſeine Füße, legte ſeine Federn zurecht und ging auf den erſten Storchen zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten ſich, in ihre Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erſtaunen folgendes Geſpräch: „Guten Morgen, Frau Langbein, ſo früh ſchon auf der Wieſe?“ „Schönen Dank, liebe Klapperſchnabel! Ich habe mir ein kleines Frühſtück geholt. Iſt Euch vielleicht ein Viertelchen Eider gefällig, oder ein Froſchſchenke⸗ lein?“ „Danke gehorſamſt; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wieſe. Ich ſoll heute vor den Gäſten meines Vaters 83 19 tanzen, und da will ich mich im Stillen ein wenig üben.“ Zugleich ſchritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld. Der Kalif und Manſor ſahen ihr verwundert nach. Als ſie aber in maleriſcher Stellung auf einem Fuß ſtand und mit den Flügeln anmuthig dazu wedelte, da konnten ſich die Beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltſames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem ſie ſich erſt nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte ſich zuerſt wieder: „Das war einmal ein Spaß,“ rief er,„der nicht mit Gold zu bezahlen iſt. Schade! daß die dummen Thiere durch unſer Gelächter ſich haben verſcheuchen laſſen, ſonſt hätten ſie gewiß auch noch geſungen!“ Aber jetzt fiel es dem Großpezier ein, daß das Lachen während der Verwandlung verboten war. Er theilte ſeine Angſt deßwegen dem Kalifen mit.„Potz Mecca und Medina! Das wäre ein ſchlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! Beſinne Dich doch auf das dumme Wort, ich bring es nicht heraus.“ „Dreimal gen Oſten müſſen wir uns bücken, und dazu ſprechen: Mu— Mu— Mu—* Sie ſtellten ſich gegen Oſten und bückten ſich in einem fort, daß ihre Schnäbel beinahe die Erde be⸗ rührten. Aber, o Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen und ſo oft ſich auch der Kalife bückte, ſo ſehnlich auch ſein Vezier Mu— Mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verſchwunden, und der arme Chaſid und ſein Vezier waren und blieben Störche. 20 III. 1 Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, ſie wußten gar nicht, was ſie in ihrem Elend anfangen ſollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten ſie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten ſie auch nicht, um ſich zu erkennen zu geben, denn wer hätte einem Storchen geglaubt, daß er der Kalif ſei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storchen zum Kalifen gewollt haben? So ſchlichen ſie mehre Tage umher, und ernährten ſich kümmerlich von Feldfrüchten, die ſie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verſpeiſen konnten. Zu— Eidexen und Fröſchen hatten ſie übrigens keinen Ap⸗ petit. Denn ſie befürchteten, mit ſolchen Leckerbiſſen ſich den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieſer traurigen Lage war, daß ſie fliegen konnten, und ſo flogen ſie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu ſehen, was darin vorging. In den erſten Tagen bemerkten ſie große Unruhe und Trauer in den Straßen. Aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung ſaßen ſie auf dem Palaſt des Kalifen. Da ſahen ſie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug. Trommeln und Pfeifen ertönten, 3 ein Mann in einem goldgeſtickten Scharlachmantel ſaß auf einem geſchmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern. Halb Bagdad ſprang ihm nach, und alle ſchrien:„Heil Mizra! Dem Herrſcher von Bagdad!“ Da ſahen die beiden Störche auf dem Dache des Palaſtes 4 — 21 einander an, und der Kalif Chaſid ſprach:„Ahnſt Du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großvezier? Dieſer Mizra iſt der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers Kaſchnur, der mir in einer böſen Stunde Rache ſchwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Komm mit mir, Du treuer Gefährte meines Elends, wir wollen zum Grab des Propheten wan⸗ dern, vielleicht daß an heiliger Stätte der Zauber ge⸗ löst wird.“ Sie erhoben ſich vom Dach des Palaſtes und flogen der Gegend von Medina zu. 3 Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen, denn die beiden Störche hatten noch wenig übung.„O Herr,“ ächzte nach ein paar Stunden der Großvezier,„ich halte es mit Eurer Erlaubniß nicht mehr lange aus, Ihr fliegt gar zu ſchnell! Auch iſt es ſchon Abend und wir thäten wohl, ein Unterkommen für die Nacht zu ſuchen.“ Chaſid gab der Bitte ſeines Dieners Gehör; und da er unten im Thale eine RNuine erblickte, die ein Obdach zu gewähren ſchien, ſo flogen ſie dahin. Der Ort, wo ſie ſich für dieſe Nacht niedergelaſſen hatten, ſchien ehemals ein Schloß geweſen zu ſein. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor, mehre Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauſes. Chaſid und ſein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um ſich ein trockenes Plätzchen zu ſuchen; plötzlich blieb der Storch Manſor ſtehen.„Herr und Gebieter,“ flüſterte er leiſe,„wenn es nur nicht thöricht für einen Groß⸗ 22 vezier, noch mehr aber für einen Storchen wäre, ſich vor Geſpenſtern zu fürchten! Mir iſt ganz unheimlich zu Muth, denn hier neben hat es ganz vernehmlich geſeufzt und geſtöhnt.“ Der Kalif blieb nun auch ſtehen, und hörte ganz deutlich ein leiſes Weinen, das eher einem Menſchen als einem Thiere anzugehören ſchien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Vezier aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel, und bat ihn flehent⸗ lich, ſich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu ſtürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz ſchlug, riß ſich mit Verluſt einiger Federn los und eilte in einen fin⸗ ſtern Gang. Bald war er an einer Thüre angelangt, die nur angelehnt ſchien, und woraus er deutliche Seufzer, mit ein wenig Geheul, vernahm. Er ſtieß mit dem Schnabel die Thüre auf, blieb aber überraſcht auf der Schwelle ſtehen. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenſter ſpärlich er⸗ leuchtet war, ſah er eine große Nachteule am Boden ſitzen. Dicke Thränen rollten ihr aus den großen run⸗ den Augen, und mit heiſerer Stimme ſtieß ſie ihre Klagen aus dem krummen Schnabel heraus. Als ſie aber den Kalifen und ſeinen Vezier, der indeß auch herbeigeſchlichen war, erblickte, erhob ſie ein lautes Freudengeſchrei. Zierlich wiſchte ſie mit dem braun⸗ gefleckten Flügel die Thränen aus dem Auge, und zu dem großen Erſtaunen der Beiden rief ſie in gutem menſchlichen Arabiſch:„Willkommen ihr Störche, ihr ſeid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung, denn & 23 durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, iſt mir einſt prophezeiht worden!“ 1 Als ſich der Kalif von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, bückte er ſich mit ſeinem langen Hals, brachte ſeine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und ſprach:„Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in Dir zu ſehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns Deine Rettung kommen werde, iſt vergeblich. Du wirſt unſere Hülf⸗ loſigkeit ſelbſt erkennen, wenn Du unſere Geſchichte hörſt.“ Die Nachteule bat ihn, zu erzählen; der Kalif aber hub an und erzählte, was wir bereits wiſſen. IV. Als der Kalif der Eule ſeine Geſchichte vorgetra⸗ gen hatte, dankte ſie ihm und ſagte:„Vernimm auch meine Geſchichte und höre, wie ich nicht weniger un⸗ glücklich bin als Du. Mein Vater iſt der König von Indien, ich, ſeine einzige unglückliche Tochter, heiße Luſa. Jener Zauberer Kaſchnur, der Euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück geſtürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für ſeinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann iſt, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte ſich unter einer andern Geſtalt wie⸗ der in meine Nähe zu ſchleichen, und als ich einſt in meinem Garten Erfriſchungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in dieſe abſcheuliche Geſtalt verwandelte. Vor 24 Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hieher und rief mir mit ſchrecklicher Stimme in die Ohren: 3 „„Da ſollſt Du bleiben, häßlich, ſelbſt von den Thieren verachtet, bis an Dein Ende, oder bis Einer aus freiem Willen Dich, ſelbſt in dieſer ſchrecklichen Geſtalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an Dir und Deinem ſtolzen Vater.““ „Seitdem ſind viele Monate verfloſſen. Einſam und traurig lebe ich als Einſiedlerin in dieſem Ge⸗ mäuer, verabſcheut von der Welt, ſelbſt den Thieren ein Gräuel; die ſchöne Natur iſt vor mir verſchloſſen, denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond ſein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.“ Die Eule hatte geendet, und wiſchte ſich mit dem Flügel wieder die Augen aus, denn die Erzählung ih⸗ rer Leiden hatte ihr Thränen entlockt. Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzeſſin in tiefes Nachdenken verſunken.„Wenn mich nicht Alles täuſcht,“ ſprach er,„ſo findet zwiſchen unſerem Unglück ein geheimer Zuſammenhang ſtatt; aber wo finde ich den Schlüſſel zu dieſem Räthſel?“ Die Eule antwortete ihm:„O Herr! auch mir ahnet dies; denn es iſt mir einſt in meiner früheſten Jugend von einer weiſen Frau prophezeiht worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte viel⸗ leicht, wie wir uns retten könnten.“ Der Kalif war ſehr erſtaunt und fragte, auf welchem Wege ſie meine. „Der Zauberer, der uns Beide unglücklich gemacht hat,“ ſagte ſie,„kommt alle Monate einmal in dieſe 2⁵ Ruinen. Nicht weit von dieſem Gemach iſt ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genoſſen zu ſchmauſen. Schon oft habe ich ſie dort belauſcht. Sie erzählten dann einander ihre ſchändlichen Werke, vielleicht daß er dann das Zauberwort, das Ihr vergeſſen habt, ausſpricht.“ „O theuerſte Prinzeſſin,“ rief der Kalif,„ſag an, wann kommt er, und wo iſt der Saal?“ Die Eule ſchwieg einen Augenblick und ſprach dann:„Nehmet es nicht ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunſch erfüllen.“ „Sprich aus! Sprich aus!“ ſchrie Chaſid.„Befiehl, es iſt mir jede recht.“ „Nämlich ich möchte auch gerne zugleich frei ſein, dies kann aber nur geſchehen, wenn einer von Euch mir ſeine Hand reicht.“ Die Störche ſchienen über den Antrag etwas be⸗ troffen zu ſein, und der Kalif winkte ſeinem Diener, ein wenig mit ihm hinaus zu gehen. „Großvezier,“ ſprach vor der Thüre der Kalif, „das iſt ein dummer Handel, aber Ihr könntet ſie ſchon nehmen.“ „So?“ antwortete dieſer,„daß mir meine Frau, wenn ich nach Hauſe komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr ſeid noch jung und unverheirathet und könntet eher einer jungen ſchönen Prinzeſſin die Hand geben.“ „Das iſt es eben,“ ſeufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel hängen ließ,„wer ſagt Dir denn, daß ſie jung und ſchön iſt? Das heißt eine Katze im Sack kaufen!“ 26 Sie redeten einander gegenſeitig noch lange zu, endlich aber, als der Kalif ſah, daß ſein Vezier lieber Storch bleiben, als die Eule heirathen wollte, entſchloß er ſich, die Bedingung lieber ſelbſt zu erfüllen. Die Eule war hocherfreut. Sie geſtand ihnen, daß ſie zu keiner beſſern Zeit hätten kommen können, weil wahr⸗ ſcheinlich in dieſer Nacht die Zauberer ſich verſammeln werden. Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um ſie in jenen Saal zu führen; ſie gingen lange in einem finſtern Gang hin; endlich ſtrahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als ſie dort angelangt waren, rieth ihnen die Eule, ſich ganz ruhig zu verhalten, ſie konnten von der Lücke, an welcher ſie ſtanden, einen großen Saal überſehen. Er war ringsum mit Säulen geſchmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen erſetzten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales ſtand ein runder Tiſch, mit vielen und ausgeſuchten Speiſen beſetzt. Rings um den Tiſch zog ſich ein Sopha, auf welchem acht Männer ſaßen. In einem dieſer Männer erkann⸗ ten die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebenſitzer for⸗ derte ihn auf, ihnen ſeine neueſten Thaten zu erzählen. Er erzählte unter andern auch die Geſchichte des Ka⸗ lifen und ſeines Veziers. „Was für ein Wort haſt Du ihnen denn aufgege⸗ ben?“ fragte ihn ein anderer Zauberer.„Ein recht ſchweres lateiniſches, es heißt Mutabor.“ 27 V. Als die Störche an ihrer Mauerlücke dieſes hörten, kamen ſie vor Freude beinahe außer ſich. Sie liefen auf ihren langen Füßen ſo ſchnell dem Thor der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort ſprach der Kalif gerührt zu der Eule:„Retterin meines Le⸗ bens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was Du an uns gethan, mich zum Gemahl an.“ Dann aber wandte er ſich nach Oſten. Dreimal bückten die Störche ihre Hälſe der Sonne entgegen, die ſo eben hinter dem Gebirge her⸗ aufſtieg; Mutabor riefen ſie und im Nu waren ſie verwandelt, und in der hohen Freude des neu geſchenk⸗ ten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen. Wer beſchreibt aber ihr Er⸗ ſtaunen, als ſie ſich umſahen? Eine ſchöne Dame, herrlich geſchmückt, ſtand vor ihnen. Lächelnd gab ſie dem Kalifen die Hand.„Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?“ ſagte ſie. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmuth ſo entzückt, daß er ausrief: Es ſei ſein größtes Glück, daß er Storch ge⸗ worden ſei. Die Drei zogen nun mit einander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in ſeinen Kleidern nicht nur die Doſe mit Zauberpulver, ſondern auch ſeinen Geldbeutel. Er kaufte daher im nächſten Dorfe, was zu ihrer Reiſe nöthig war, und ſo kamen ſie bald an die Thore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes Erſtaunen. Man hatte ihn für todt ausgege⸗ 28 ben, und das Volk war daher hoch erfreut, ſeinen ge⸗ liebten Herrſcher wieder zu haben. Um ſo mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den Palaſt und nah⸗ men den alten Zauberer und ſeinen Sohn gefangen. Den Alten ſchickte der Kalif in daſſelbe Gemach der Ruine, das die Prinzeſſin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Künſten des Vaters verſtand, ließ der Kalif die Wahl, ob er ſterben oder ſchnupfen wolle. Als er das Letztere wählte, bot ihm der Großvezier die Doſe. Eine tüchtige Priſe, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storchen. Der Kalif ließ ihn in ein eiſernes Käfig ſperren und in ſeinem Garten aufſtellen. Lange und vergnügt lebte Kalif Chaſid mit ſeiner Frau, der Prinzeſſin; ſeine vergnügteſten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großvezier Nachmit⸗ tags beſuchte; da ſprachen ſie dann oft von ihrem Stor⸗ chenabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er ſich herab, den Großvezier nachzuahmen, wie er als Storch ausſah. Er ſtieg dann ernſthaft, mit ſteifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte, wedelte mit den Armen, wie mit Flügeln, und zeigte, wie Jener ſich vergeblich nach Oſten geneigt und Mu— Mu- dazu gerufen habe. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war dieſe Vorſtellung allemal eine große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und Mu— Mu- ſchrie, dann drohte ihm der Vezier:„Er wollte das, was vor der Thüre der Prinzeſſin Nacht⸗ — . 29 eule verhandelt worden ſei, der Frau Kalifin mit⸗ theilen.“ 4 Als Selim Baruch ſeine Geſchichte geendet hatte, bezeugten ſich die Kaufleute ſehr zufrieden damit. „Wahrhaftig, der Nachmittag iſt uns vergangen, ohne daß wir es merkten wie!“ ſagte einer derſelben, indem er die Decke des Zeltes zurückſchlug.„Der Abendwind wehet kühl, wir könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.“ Seine Gefährten waren damit einver⸗ ſtanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Kara⸗ vane machte ſich in der nämlichen Ordnung, in welcher ſie herangezogen war, auf den Weg. Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch; denn es war ſchwül am Tage, die Nacht aber war erquicklich und ſternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen Lagerplatz an, ſchlugen die Zelte auf und legten ſich zur Ruhe. Für den Fremden aber ſorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertheſter Gaſtfreund wäre. Der Eine gab ihm Polſter, der Andere Decken, ein Dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde ſo gut bedient, als ob er zu Hauſe wäre. Die heißeren Stunden des Tages wa⸗ ren ſchon heraufgekommen, als ſie ſich wieder erhoben, und ſie beſchloſſen einmüthig, hier den Abend abzuwar⸗ ten. Nachdem ſie miteinander geſpeist hatten, rückten ſie wieder näher zuſammen, und der junge Kaufmann wandte ſich an den Alteſten und ſprach:„Selim Baruch hat uns geſtern einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähl⸗ tet, ſei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele „ 3 4 —— Abenteuer aufzuweiſen hat, oder ſei es auch ein hüb⸗ ſches Mährchen.“ Achmet ſchwieg auf dieſe Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei ſich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes ſagen ſollte, oder nicht; endlich fing er an zu ſprechen: „Liebe Freunde! Ihr habt Euch auf dieſer unſerer Reiſe als treue Geſellen erprobt, und auch Selim ver⸗ dient mein Vertrauen; daher will ich Euch etwas aus meinem Leben mittheilen, daß ich ſonſt ungern und nicht jedem erzähle: die Geſchichte von dem Geſpen⸗ ſterſchiff.“ Die Geſchichte van dem Geſpenſterſchiff. Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balſora. Er war weder arm noch reich und einer von jenen Leu⸗ ten, die nicht gerne Etwas wagen, aus Furcht das Wenige zu verlieren, das ſie haben. Er erzog mich ſchlicht und recht, und brachte es bald ſo weit, daß ich ihm an die Hand gehen konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war, und er eben die erſte größere Spekulation machte, ſtarb er, wahrſcheinlich aus Gram, tauſend Goldſtücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher wegen ſeines Todes glücklich preiſen, denn wenige Wochen hernach lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater ſeine Güter mitgegeben hatte, verſunken ſei. Meinen jugendlichen Muth konnte aber dieſer Unfall nicht beugen. Ich machte Alles vol⸗ lends zu Geld, was mein Vater hinterlaſſen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu probiren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet, 31 der ſich aus alter Anhänglichkeit nicht von mir und mei⸗ nem Schickſal trennen wollte. Im Hafen von Balſora ſchifften wir uns mit gün⸗ ſtigem Winde ein. Das Schiff, auf dem ich mich ein⸗ gemiethet hatte, war nach Indien beſtimmt. Wir waren ſchon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefah⸗ ren, als uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches Geſicht, denn es ſchien, er kenne in dieſer Gegend das Fahrwaſſer nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langſam hin. Die Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte ſchon, ſich in den Anzeichen des Sturmes getäuſcht zu haben. Auf einmal ſchwebte ein Schiff, das wir vorher nicht geſehen hatten, dicht an dem unſrigen vorbei. Wildes Jauchzen und Geſchrei erſcholl von dem Verdeck herauf, worüber ich mich, zu dieſer angſtvollen Stunde vor einem Sturm, nicht we⸗ nig wunderte. Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod.„Mein Schiff iſt verloren,“ rief er, „dort ſegelt der Tod!“ Ehe ich ihn noch über dieſen ſonderbaren Ausruf befragen konnte, ſtürzten ſchon heu⸗ lend und ſchreiend die Matroſen herein:„Habt Ihr ihn geſehen?“ ſchrien ſie,„Jetzt iſt's mit uns vorbei!“ Der Kapitän aber ließ Troſtſprüche aus dem Koran vorleſen, und ſetzte ſich ſelbſt ans Steuerruder. Aber vergebens! Zuſehends brauste der Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb ſitzen. Die Boote wurden ausgeſetzt, und kaum hatten ſich die letzten Matroſen gerettet, ſo verſank das Schiff vor un⸗ 1 32 ſern Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch kein Ende. Fürch⸗ terlicher tobte der Sturm, das Boot war nicht mehr zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener feſt um⸗ ſchlungen, und wir verſprachen uns, nie von einander zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit dem erſten Anblick der Morgenröthe faßte der Wind das Boot, in welchem wir ſaßen, und ſtürzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr geſehen. Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners, der ſich auf das umgeſchlagene Boot gerettet, und mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte ſich gelegt. Von unſerem Schiff war nichts mehr zu ſehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hin⸗ zukamen, erkannte ich das Schiff als daſſelbe, das in der Nacht an uns vorbeigefahren, und welches den Kapitän ſo ſehr in Schrecken geſetzt hatte. Ich em⸗ 1 pfand ein ſonderbares Grauen vor dieſem Schiffe. Die Außerung des Kapitäns, die ſich ſo furchtbar be⸗ ſtätigt hatte, das öde Ausſehen des Schiffes, auf dem ſich, ſo nahe wir auch herankamen, ſo laut wir ſchrieen, Niemand zeigte, erſchreckten mich. Doch es war dies unſer einziges Rettungsmittel, darum prieſen wir den Propheten, der uns ſo wundervoſf erhalten hatte. Am Vordertheil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu aſu ſen. Endlich glückte es. Laut erhob 33 ich meine Stimme, aber immer blieb es ſtill auf dem Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der Jüngſte voran. Aber Entſetzen! Welches Schau⸗ ſpiel ſtellte ſich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut geröthet, zwanzig bis dreißig Leichname in türkiſchen Kleidern lagen auf dem Boden, am mittleren Maſtbaum ſtand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in der Hand, aber das Ge⸗ ſicht war blaß und verzerrt, durch die Stirne ging ein großer Nagel, der ihn an den Maſtbaum heftete, auch er war todt. Schrecken feſſelte meine Schritte, ich wagte kaum zu athmen. Endlich war auch mein Be⸗ gleiter heraufgekommen. Auch ihn überraſchte der An⸗ blick des Verdeckes, das gar nichts Lebendiges, ſondern nur ſo viele ſchreckliche Leichname zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in der Seelenangſt zum Pro⸗ pheten gefleht hatten, weiter vorzuſchreiten. Bei jedem Schritte ſahen wir uns um, oh nicht etwas Neues, noch Schrecklicheres ſich darbiete. Aber Alles blieb, wie es war. Weit und breit nichts Lebendiges, als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu ſprechen wagten wir, aus Furcht, der todte, am Maſt angeſpießte Ka⸗ pitano möchte ſeine ſtarren Augen nach uns hindrehen, oder einer der Getödteten möchte ſeinen Kopf umwen⸗ den. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort Halt und ſahen einander an, denn Keiner wagte es recht, ſeine Gedanken zu äußern. „O Herr,“ ſprach mein treuer Diener,„hier iſt W. Hauffs Werke, X. 3 34 etwas Schreckliches geſchehen. Doch, wenn auch das Schiff da unten voll Mörder ſteckt, ſo will ich mich ih⸗ nen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als längere Zeit unter dieſen Todten zubringen.“ Ich dachte wie er, wir faßten ein Herz und ſtiegen voll Er⸗ wartung hinunter. Todtenſtille war aber auch hier, und nur unſere Schritte hallten auf der Treppe. Wir ſtanden an der Thüre der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Thüre und lauſchte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und anderes Geräth lag untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannſchaft, oder wenigſtens der Kapitano, mußte vor Kurzem ge⸗ zecht haben, denn es lag Alles noch umher. Wir gin⸗ gen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Ge⸗ mach, überall fanden wir herrliche Vorräthe in Seide, Perlen, Zucker u. ſ. w. Ich war vor Freude über die⸗ ſen Anblick außer mir, denn da Niemand auf dem Schiff war, glaubte ich Alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber machte mich aufmerkſam darauf, daß wir wahrſcheinlich noch ſehr weit vom Lande ſeien, wo⸗ hin wir allein und ohne menſchliche Hülfe nicht kommen könnten. 4 Wir labten uns an den Speiſen und Getränken, die wir in reichlichem Maß vorfanden, und ſtiegen end⸗ lich wieder aufs Verdeck. Aber hier ſchauderte uns im⸗ mer die Haut ob dem ſchrecklichen Anblick der Leichen. Wir beſchloſſen, uns davon zu befreien und ſie über Bord zu werfen. Aber wie ſchauerlich ward uns zu Muth, als wir fanden, daß ſich Keiner aus ſeiner Lage 35⁵ bewegen ließ. Wie feſt gebannt lagen ſie am Boden, und man hätte die Bretter des Verdecks ausheben müſſen, um ſie zu entfernen, und dazu gebrach es uns an Werkzeugen. Auch der Kapitano ließ ſich nicht von ſeinem Maſt losmachen, nicht einmal ſeinen Säbel konnten wir der ſtarren Hand entwinden. Wir brach⸗ ten den Tag in trauriger Betrachtung unſerer Lage zu, und als es Nacht zu werden anfing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, ſich ſchlafen zu legen, ich ſelbſt aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Rettung aus⸗ zuſpähen. Als aber der Mond heraufkam und ich nach den Geſtirnen berechnete, daß es wohl um die elfte Stunde ſei, überfiel mich ein ſo unwiderſtehlicher Schlaf, daß ich unwillkürlich hinter ein Faß, das auf dem Verdeck ſtand, zurückfiel. Doch war es mehr Be⸗ täubung als Schlaf, denn ich hörte deutlich die See an der Seite des Schiffes anſchlagen und die Segel im Winde knarren und pfeifen. Auf einmal glaubte ich Stimmen und Männertritte auf dem Verdeck zu hören. Ich wollte mich aufrichten, um darnach zu ſchauen. Aber eine unſichtbare Gewalt hielt meine Glieder ge⸗ feſſelt, nicht einmal die Augen konnte ich aufſchlagen. Aber immer deutlicher wurden die Stimmen, es war mir, als wenn ein fröhliches Schiffsvolk auf dem Ver⸗ deck ſich umhertriebe. Mitunter glaubte ich, die kräf⸗ tige Stimme eines Befehlenden zu hören, auch hörte ich Taue und Segel deutlich auf⸗ und abziehen. Nach und nach aber ſchwanden mir die Sinne, ich verfiel in einen tieferen Schlaf, in dem ich nur noch ein Ge⸗ räuſch von Waffen zu hören glaubte, und erwachte 36 Z erſt, als die Sonne ſchon hoch ſtand und mir aufs Ge⸗ ſicht brannte. Verwundert ſchaute ich mich um, Sturm, Schiff, die Todten und was ich in der Nacht gehört hatte, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich auf⸗ lickte, fand ich Alles wie geſtern. Unbeweglich lagen die Todten, unbeweglich war der Kapitano an den Maſtbaum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und ſtand auf, um meinen Alten zu ſuchen. Dieſer ſaß ganz nachdenklich in der Kajüte.„O Herr!“ rief er aus, als ich zu ihm hereintrat,„ich wollte lieber im tiefſten Grund des Meeres liegen als in dieſem verhexten Schiff noch eine Nacht zubringen.“ Ich fragte ihn nach der Urſache ſeines Kummers, und er antwortete mir:„Als ich einige Stunden geſchlafen hatte, wachte ich auf und vernahm, wie man über meinem Haupt hin⸗ und herlief. Ich dachte zuerſt, Ihr wäret es, aber es waren wenigſtens zwanzig, die oben umherliefen, auch horte ich rufen und ſchreien. Endlich kamen ſchwere Schritte die Treppe herab. Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augenblicke meine Beſinnung zurück, und da ſah ich dann denſelben Mann, der oben am Maſt ange⸗ nagelt iſt, an jenem Tiſch dort ſitzen, ſingend und trin⸗ kend, aber der, der in einem rothen Scharlachkleid nicht weit von ihm am Boden liegt, ſaß neben ihm und half ihm trinken.“ Alſo erzählte mir mein alter Diener. Ihr könnt es mir glauben, meine Freunde, daß mir gar nicht wohl zu Muth war; denn es war keine Täuſchung, ich hatte ja auch die Todten gar wohl ge⸗ 37 hört. In ſolcher Geſellſchaft zu ſchiffen, war mir gräu⸗ lich. Mein Ibrahim aber verſank wieder in tiefes Nachdenken.„Jetzt hab' ich's!“ rief er endlich aus; es fiel ihm nämlich ein Sprüchlein ein, das ihn ſein Großvater, ein erfahrener, weitgereister Mann, ge⸗ lehrt hatte, und das gegen jeden Geiſter⸗ und Zauber⸗ ſpuk helfen konnte; auch behauptete er, jenen unna⸗ türlichen Schlaf, der uns befiel, in der nächſten Nacht verhindern zu können, wenn wir nänlich recht eifrig Sprüche aus dem Koran beteten. Der Vorſchlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In banger Erwartung ſahen wir die Nacht herankommen. Neben der Kajüte war ein kleines Kämmerchen, dorthin beſchloſſen wir uns zurückzuziehen. Wir bohrten mehre Löcher in die Thüre, hinlänglich groß, um durch ſie die ganze Ka⸗ jüte zu überſchauen; dann verſchloſſen wir die Thüre, ſo gut es ging, von Innen, und Ibrahim ſchrieb den Namen des Propheten in alle vier Ecken. So erwar⸗ teten wir die Schrecken der Nacht. Es mochte wieder ungefähr elf Uhr ſein, als es mich gewaltig zu ſchlä⸗ fern anfing. Mein Gefährte rieth mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einemmale ſchien es oben lebhaft zu werden, die Taue knarrten, Schritte gingen über das Verdeck und mehre Stimmen waren deutlich zu unterſcheiben. Mehre Mi⸗ nuten hatten wir ſo in geſpannter Erwartung geſeſſen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte herab⸗ kommen. Als dies der Alte hörte, fing er an den Spruch, den ihn ſein Großvater gegen Spuk und Zau⸗ berei gelehrt hatte, herzuſagen: 38 Kommt Ihr herab aus der Luft, Steigt Ihr aus tiefem Meer, Schlieft Ihr in dunkler Gruft, Stammt Ihr vom Feuer her: Allah iſt Euer Herr und Meiſter, Ihm ſind gehorſam alle Geiſter. Ich muß geſtehen, ich glaubte gar nicht recht an dieſen Spruch, und mir ſtieg das Haar zu Berg, als die Thüre aufflog. Herein trat jener große, ſtattliche Mann, den ich am Maſtbaum angenagelt geſehen hatte. Der Nagel ging ihm auch jetzt mitten durchs Hirn, das Schwert aber hatte er in die Scheide geſteckt, hinter ihm trat noch ein Anderer herein, weniger koſtbar ge⸗ kleidet; auch ihn hatte ich oben liegen ſehen. Der Ka⸗ pitano, denn dies war er unverkennbar, hatte ein blei⸗ ches Geſicht, einen großen ſchwarzen Bart, wildrollende Augen, mit denen er ſich im ganzen Gemach umſah. Ich konnte ihn ganz deutlich ſehen, als er an unſerer Thür vorüberging; er aber ſchien gar nicht auf die Thüre zu achten, die uns verbarg. Beide ſetzten ſich an den Tiſch, der in der Mitte der Kajüte ſtand, und ſprachen laut und faſt ſchreiend mit einander in einer unbekannten Sprache. Sie wurden immer lauter und eifriger, bis endlich der Kapitano mit geballter Fauſt auf den Tiſch hineinſchlug, daß das Zimmer dröhnte. Mit wildem Gelächter ſprang der Andere auf und winkte dem Kapitano, ihm zu folgen. Dieſer ſtand auf, riß ſeinen Säbel aus der Scheide und Beide verließen das Gemach. Wir athmeten freier, als ſie weg waren; aber unſere Angſt hatte noch lange kein Ende. Immer lauter und lanter ward es auf dem Verdeck. Man höͤrte eilends 39 hin⸗ und herlaufen und ſchreien, lachen und heulen. Endlich ging ein wahrhaft hölliſcher Lärm los, ſo daß wir glaubten, das Verdeck mit allen Segeln komme zu uns herab, Waffengeklirr und Geſchrei— auf einmal aber tiefe Stille Als wir es nach vielen Stunden wag⸗ ten, hinaufzugehen, trafen wir Alles wie ſonſt; nicht Einer lag anders als früher, Alle waren ſteif wie Holz. So waren wir mehre Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Oſten, wohin zu, nach meiner Be⸗ rechnung, Land liegen mußte, aber wenn es auch bei Tag viele Meilen zurückgelegt hatte, bei Nacht ſchien es immer wieder zurückzukehren, denn wir befanden uns immer wieder am nämlichen Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir konnten uns dies nicht anders erklären, als daß die Todten jede Nacht mit vollem Winde zurück⸗ ſegelten. Um nun dies zu verhüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein und wandten daſſelbe Mittel an, wie bei der Thüre in der Kajüte; wir ſchrie⸗ ben den Namen des Propheten auf Pergament und auch das Sprüchlein des Großvaters dazu, und banden es um die eingezogenen Segel. Ängſtlich warteten wir in unſerem Kämmerchen den Erfolg ab. Der Spuk ſchien diesmal noch ärger zu toben, aber ſiehe, am andern Morgen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir ſie verlaſſen hatten. Wir ſpannten den Tag über nur ſo viele Segel auf, als nöthig waren, das Schiff ſanft fortzutreiben, und ſo legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke zurück. Endlich am Morgen des ſechsten Tages entdeckten wir in geringer Ferne Land, und wir dankten Allah 40 und ſeinem Propheten für unſere wunderbare Rettung. Dieſen Tag und die folgende Nacht trieben wir an einer Küſte hin, und am ſiebenten Morgen glaubten wir in geringer Entfernung eine Stadt zu entdecken; wir ließen mit vieler Mühe einen Anker in die See, der alſobald Grund faßte, legten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck ſtand, aus und ruderten mit aller Macht der Stadt zu. Nach einer halben Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der ſich in die See ergoß, und ſtiegen ans Ufer. Im Stadtthor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße, und erfuhren, daß es eine indiſche Stadt ſei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerſt zu ſchiffen Willens war. Wir begaben uns in eine Kara⸗ vanſerei und erfriſchten uns von unſerer abenteuerlichen Reiſe. Ich forſchte daſelbſt auch nach einem weiſen und verſtändigen Manne, indem ich dem Wirth zu verſtehen gab, daß ich einen ſolchen haben möchte, der ſich ein wenig auf Zauberei verſtehe. Er führte mich in eine abgelegene Straße, an ein unſcheinbares Haus, pochte an, und man ließ mich eintreten, mit der Weiſung, ich ſolle nur nach Muley fragen. In dem Hauſe kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Naſe entgegen und fragte nach meinem Begehr. Ich ſagte ihm, ich ſuche den weiſen Muley, und er antwortete mir, er ſei es ſelbſt. Ich fragte ihn nun um Rath, was ich mit den Todten machen ſolle, und wie ich es angreifen müſſe, um ſie aus dem Schiff zu bringen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes ſeien wahrſcheinlich wegen irgend eines Frevels auf das Meer verzaubert; er glaube, der 41 Zauber werde ſich löſen, wenn man ſie ans Land bringe; dies könne aber nicht geſchehen, als wenn man die Bretter, auf denen ſie liegen, losmache. Mir gehöre, von Gott und Rechts wegen, das Schiff ſammt allen Gütern, weil ich es gleichſam gefunden habe; doch ſolle ich Alles ſehr geheim halten und ihm ein kleines Ge⸗ ſchenk von meinem Überfluß machen, er wolle dafür mit ſeinen Sklaven mir behülflich ſein, die Todten wegzu⸗ ſchaffen. Ich verſprach ihn reichlich zu belohnen, und wir machten uns mit fünf Sklaven, die mit Sägen und Beilen verſehen waren, auf den Weg. Unterwegs konnte der Zauberer Muley unſern glücklichen Einfall, die Segel mit den Sprüchen des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er ſagte, es ſei dies das einzige Mittel geweſen, uns zu retten. Es war noch ziemlich früh am Tage, als wir beim Schiff ankamen. Wir machten uns Alle ſogleich ans Werk, und in einer Stunde lagen ſchon vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten ſie ans Land rudern, um ſie dort zu verſcharren. Sie erzählten als ſie zurück⸗ kamen, die Todten haben ihnen die Mühe des Begra⸗ bens erſpart, indem ſie, ſowie man ſie auf die Erde gelegt habe, in Staub zerfallen ſeien. Wir fuhren fort, die Todten abzuſägen, und vor Abend waren alle ans Land gebracht. Es war endlich keiner mehr an Bord, als der, welcher am Maſt angenagelt war. Umſonſt ſuchten wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine Gewalt vermochte ihn auch nur ein Haarbreit zu ver⸗ rücken. Ich wußte nicht, was anzufangen war, man konnte doch nicht den Maſtbaum abhauen, um ihn ans 42 Land zu führen. Doch aus dieſer Verlegenheit half Muley. Er ließ ſchnell einen Sklaven ans Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieſer herbei⸗ geholt war, ſprach der Zauberer geheimnißvolle Worte darüber aus und ſchüttete die Erde auf das Haupt des Todten. Sogleich ſchlug dieſer die Augen auf, holte tief Athem und die Wunde des Nagels in ſeiner Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel jetzt leicht heraus, und der Verwundete ſiel einem der Sklaven in die Arme. „Wer hat mich hieher geführt?“ ſprach er, nach⸗ dem er ſich ein wenig erholt zu haben ſchien. Muley zeigte auf mich und ich trat zu ihm.„Dank Dir, unbe⸗ kannter Fremdling, Du haſt mich von langen Qualen errettet. Seit fünfzig Jahren ſchifft mein Leib durch dieſe Wogen, und mein Geiſt war verdammt, jede Nacht in ihn zurückzukehren. Aber jetzt hat mein Haupt die Erde berührt und ich kann verſöhnt zu meinen Vätern gehen.“ Ich bat ihn, uns doch zu ſagen, wie er zu dieſem ſchrecklichen Zuſtand gekommen ſei, und er ſprach: „Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger, angeſehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein Schiff auszurüſten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieſes Geſchäft ſchon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal auf Zante einen Der⸗ wiſch an Bord, der umſonſt reiſen wollte. Ich und meine Geſellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des Mannes, vielmehr trieb ich mein Ge⸗ ſpött mit ihm. Als er aber einſt in heiligem Eifer mir meinen ſündigen Lebenswandel verwieſen hatte, über⸗ — 43 mannte mich Nachts in meiner Kajüte, als ich mit meinem Steuermann viel getrunken hatte, der Zorn. Wüthend über das, was mir ein Derwiſch geſagt hatte, und was ich mir von keinem Sultan hätte ſagen laſſen, ſtürzte ich aufs Verdeck und ſtieß ihm meinen Dolch in die Bruſt. Sterbend verwünſchte er mich und meine Mannſchaft, nicht ſterben und nicht leben zu können, bis wir unſer Haupt auf die Erde legen. Der Derwiſch ſtarb, und wir warfen ihn in die See und verlachten ſeine Drohungen; aber noch in derſelben Nacht erfüll⸗ ten ſich ſeine Worte. Ein Theil meiner Mannſchaft empörte ſich gegen mich. Mit fürchterlicher Wuth wurde geſtritten, bis meine Anhänger unterlagen und ich an den Maſt genagelt wurde. Aber auch die Empörer unter⸗ lagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Athem hielt an und ich meinte zu ſterben. Aber es war nur eine Erſtarrung, die mich gefeſſelt hielt; in der nächſten Nacht, zur nämlichen Stunde, da wir den Derwiſch in die See geworfen, erwachte ich und alle meine Genoſſen; das Leben war zurückgekehrt, aber wir konnten nichts thun und ſprechen, als was wir in jener Nacht geſprochen und gethan hatten. So ſegeln wir ſeit fünfzig Jahren, können nicht leben, nicht ſter⸗ ben; denn wie konnten wir das Land erreichen? Mit toller Freude ſegelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerſchellen, und das müde Haupt auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu legen. Es iſt uns nicht gelun⸗ gen. Jetzt aber werde ich ſterben. Noch einmal meinen Dank, unbekannter Retter, wenn Schätze Dich lohnen können, ſo nimm mein Schiff, als Zeichen meiner Dank⸗ barkeit.“ Der Kapitano ließ ſein Haupt ſinken, als er ſo geſprochen hatte, und verſchied. Sogleich zerfiel er auch, wie ſeine Gefährten, in Staub. Wir ſammelten dieſen in ein Käſtchen und begruben ihn am Lande; aus der Stadt nahm ich aber Arbeiter, die mir mein Schiff in guten Zuſtand ſetzten. Nachdem ich die Waaren, die ich an Bord hatte, gegen andere mit großem Gewinn eingetauſcht hatte, miethete ich Matroſen, beſchenkte meinen Freund Muley reichlich und ſchiffte mich nach meinem Vaterland ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vielen Inſeln und Ländern landete und meine Waaren zu Markt brachte. Der Prophet ſegnete mein Unternehmen. Nach dreiviertel Jahren lief ich noch einmal ſo reich, als mich der ſterbende Kapitän gemacht hatte, in Balſora ein. Meine Mitbürger waren erſtaunt über meine Reichthümer und mein Glück, und glaubten nicht anders, als ich habe das Diamantenthal des berühmten Reiſenden Sindbad gefunden. Ich ließ ſie auf ihrem Glauben, von nun an aber mußten die jungen Leute von Balſora, wenn ſie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hinaus, um gleich mir ihr Glück zu machen. Ich aber lebte ruhig und im Frieden, und alle fünf Jahre machte ich eine Reiſe nach Mecca, um dem Herrn an heiliger Stätte für ſeinen Segen zu danken, und für den Kapitanv und ſeine Leute zu bitten, daß er ſie in ſein Paradies aufnehme. „— 8* 45 Die Reiſe der Karavane war den andern Tag ohne Hinderniß fürder gegangen, und als man ſich erholt hatte, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem Jüngſten der Kaufleute, alſo zu ſprechen: „Ihr ſeid zwar der Jüngſte von uns, doch ſeid Ihr immer fröhlich und wißt für uns gewiß irgend einen guten Schwank. Tiſchet ihn auf, daß er uns erquicke nach der Hitze des Tages.“ „Wohl möchte ich Euch etwas erzählen, antwortete Muley, das Euch Spaß machen könnte, doch der Jugend ziemt Beſcheidenheit in allen Dingen; darum müſſen meine älteren Reiſegefährten den Vorrang haben. Za⸗ leukos iſt immer ſo ernſt und verſchloſſen, ſollte er uns nicht erzählen, was ſein Leben ſo ernſt machte? Viel⸗ leicht, daß wir ſeinen Kummer, wenn er ſolchen hat, lindern können, denn gerne dienen wir dem Bruder, wenn er auch andern Glaubens iſt.“ Der Aufgerufene war ein griechiſcher Kaufmann, ein Mann in mittleren Jahren, ſchön und kräftig, aber ſehr ernſt. Ob er gleich ein Ungläubiger(nicht Muſelman) war, ſo liebten ihn doch ſeine Reiſegefähr⸗ ten, denn er hatte ihnen durch ſein ganzes Weſen Ach⸗ tung und Zutrauen eingeflößt. Er hatte übrigens nur eine Hand, und einige ſeiner Gefährten vermutheten, daß vielleicht dieſer Verluſt ihn ſo ernſt ſtimme. Zaleukos antwortete auf die gutmüthige Frage Muleys:„Ich bin ſehr geehrt durch Euer Zutrauen; Kummer habe ich keinen, wenigſtens keinen, von wel⸗ chem Ihr, auch mit dem beſten Willen, mir helfen könntet. Doch weil Muley mir meinen Ernſt vorzu⸗ werfen ſcheint, ſo will ich Euch Einiges erzählen, was mich rechtfertigen ſoll, wenn ich ernſter bin als andere Leute. Ihr ſehet, daß ich meine linke Hand verloren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, ſondern ich habe ſie in den ſchrecklichſten Tagen meines Lebens ein⸗ gebüßt. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich Unrecht habe, ſeit jenen Tagen ernſter, als es meine Lage mit ſich bringt, zu ſein, möget Ihr beurtheilen, wenn Ihr vernommen habt die Geſchichte von der abge⸗ hauenen Hand.¹ Die Geſchichte von der abgehauenen Hand. Ich bin in Conſtantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman bei der Pforte, und trieb nebenbei einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Eſſenzen und ſeidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich theils ſelbſt unterrichtete, theils von einem unſerer Prieſter mir Unterricht geben ließ. Er beſtimmte mich anfangs, ſeinen Laden einmal zu übernehmen, da ich aber größere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet hatte, beſtimmte er mich, auf das An⸗ rathen ſeiner Freunde, zum Arzt, weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat, als die gewöhnlichen Marktſchreier, in Conſtantinopel ſein Glück machen kann. Es kamen viele Franken in unſer Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in ſein Vaterland, nach der Stadt Paris, reiſen zu laſſen, wo man ſolche Sachen unentgeltlich und am beſten lernen könne. Er ſelbſt aber wolle mich, wenn er zurückreiſe, 47 umſonſt mitnehmen. Mein Vater, der in ſeiner Jugend auch gereist war, ſchlug ein, und der Franke ſagte mir, ich könne mich in drei Monaten bereit halten. Ich war außer mir vor Freude, fremde Länder zu ſehen, und konnte den Augenblick nicht erwarten, wo wir uns ein⸗ ſchiffen würden. Der Franke hatte endlich ſeine Ge⸗ ſchäfte abgemacht und ſich zur Reiſe bereitet; am Vor⸗ abend der Reiſe führte mich mein Vater in ſein Schlafkämmerlein. Dort ſah ich ſchöne Kleider und Waffen auf dem Tiſche liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie ſo viel bei einander geſehen. Mein Vater umarmte mich und ſagte:„Siehe, mein Sohn, ich habe Dir Kleider zu der Reiſe beſorgt. Jene Waffen ſind Dein, es ſind die nämlichen, die mir Dein Groß⸗ vater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiß, Du kannſt ſie führen; gebrauche ſie aber nie, als wenn Du angegriffen wirſt; dann aber ſchlage auch tüchtig drauf. Mein Vermögen iſt nicht groß; ſiehe, ich habe es in drei Theile getheilt, einer iſt Dein, einer davon ſei mein Unterhalt und Nothpfennig, der dritte aber ſei mir ein heiliges unantaſtbares Gut, er diene Dir in der Stunde der Noth.“ So ſprach mein alter Vater, und Thränen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ah⸗ nung, denn ich habe ihn nie wieder geſehen. Die Reiſe ging gut von Statten; wir waren bald im Lande der Franken angelangt, und ſechs Tagreiſen hernach kamen wir in die große Stadt Paris. Hier miethete mir mein fränkiſcher Freund ein Zimmer, und rieth mir, mein Geld, das in Allem zweitauſend Tha⸗ 48 ler betrug, vorſichtig anzuwenden. Ich lebte drei Jahre in dieſer Stadt, und lernte, was ein tüchtiger Arzt wiſſen muß; ich müßte aber lügen, wenn ich ſagte, daß ich gerne dort geweſen ſei, denn die Sitten dieſes Vol⸗ kes gefielen mir nicht; auch hatte ich nur wenige gute Freunde dort, dieſe aber waren edle junge Männer. Die Sehnſucht nach der Heimath wurde endlich mächtig in mir; in der ganzen Zeit hatte ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff daher eine gün⸗ ſtige Gelegenheit, nach Hauſe zu kommen. Es ging nämlich eine Geſandtſchaft aus Franken⸗ land nach der hohen Pforte. Ich verdang mich als Wundarzt in das Gefolge des Geſandten, und kam glücklich wieder nach Stambul. Das Haus meines Vaters aber fand ich verſchloſſen, und die Nachbarn erſtaunten, als ſie mich ſahen, und ſagten mir, mein Vater ſei vor zwei Monaten geſtorben. Jener Prieſter, der mich in meiner Jugend unterrichtet hatte, brachte mir den Schlüſſel; allein und verlaſſen zog ich in das verödete Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater verlaſſen hatte, nur das Gold, das er mir zu hinterlaſſen verſprach, fehlte. Ich fragte den Prieſter darüber, und dieſer verneigte ſich und ſprach:„Euer Vater iſt als ein heiliger Mann geſtorben; denn er hat ſein Gold der Kirche vermacht.“ Dies war und blieb mir unbegreiflich; doch was wollte ich machen? Ich hatte keine Zeugen gegen den Prieſter und mußte froh ſein, daß er nicht auch das Haus und die Waaren meines Vaters als Vermächtniß angeſehen hatte. Dies war das erſte Unglück, das mich traf. Von jetzt an aber 49 kam es Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte ſich gar nicht ausbreiten, weil ich mich ſchämte, den Marktſchreier zu machen; und überall fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reichſten und Vornehmſten eingeführt hätte, die jetzt nicht mehr an den armen Zaleukos dachten. Auch die Waaren meines Vaters fanden keinen Abgang, denn die Kunden hatten ſich nach ſeinem Tode verlaufen, und neue be⸗ kommt man nur langſam. Als ich einſt troſtlos über meine Lage nachdachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Männer meines Volkes geſehen hatte, die das Land durchzogen und ihre Waaren auf den Märkten der Städte auslegten; ich erinnerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte, weil ſie aus der Fremde kamen, und daß man bei ſolchem Handel das Hundertfache erwerben könne. Sogleich war auch mein Entſchluß gefaßt. Ich verkaufte mein väterliches Haus, gab einen Theil des gelösten Geldes einem bewährten Freunde zum Aufbewahren, von dem übrigen aber kaufte ich, was man in Franken ſelten hat, als Shawls, ſeidene Zeuge, Salben und Hle, miethete einen Platz auf einem Schiff und trat ſo meine zweite Reiſe nach Frankenland an. Es ſchien, als ob das Glück, ſobald ich die Schlöſſer der Dardanellen im Rücken hatte, mir wieder günſtig geworden wäre. Unſere Fahrt war kurz und glücklich. Ich durchzog die großen und kleinen Städte der Franken, und fand überall willige Käufer meiner Waaren. Mein Freund in Stambul ſandte mir immer wieder friſche Vorräthe, und ich wurde von Tag zu Tag wohlhabender. Als ich endlich ſo viel er⸗ W. Hauffs Werke, X. 4 50 ſpart hatte, daß ich glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu können, zog ich mit meinen Waaren nach Italien. Etwas muß ich aber noch geſtehen, was mir auch nicht wenig Geld einbrachte, ich nahm auch meine Arzneikunſt zu Hülfe. Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkünden, daß ein griechiſcher Arzt da ſei, der ſchon Viele geheilt habe; und wahrlich, mein Balſam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht. So war ich endlich nach der Stadt Florenz in Italien gekommen. Ich nahm mir vor, längere Zeit in dieſer Stadt zu bleiben, theils weil ſie mir ſo wohl gefiel, theils auch, weil ich mich von den Strapazen meines Umherziehens erholen wollte. Ich miethete mir ein Gewölbe in dem Stadtviertel S. Croce und nicht weit davon ein paar ſchöne Zimmer, die auf einen Altan führten, in einem Wirthshaus. Sogleich ließ ich auch meine Zettel umhertragen, die mich als Arzt und Kaufmann ankündigten. Ich hatte kaum mein Gewölbe eröffnet, ſo ſtrömten auch die Käufer herzu, und ob ich gleich ein wenig hohe Preiſe hatte, ſo verkaufte ich doch mehr als Andere, weil ich gefällig und freundlich gegen meine Kunden war. Ich hatte ſchon vier Tage vergnügt in Florenz verlebt, als ich eines Abends, da ich ſchon mein Gewölbe ſchließen und nur die Vorräthe in mei⸗ nen Salbenbüchſen, nach meiner Gewohnheit, noch einmal muſtern wollte, in einer kleinen Büchſe einen Zettel fand, den ich mich nicht erinnerte, hineingethan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand darin eine Einladung, dieſe Nacht, punkt zwoͤlf Uhr, auf der Brücke, die man Ponte vecchio heißt, mich einzufinden. —z 2 1 51 Ich ſann lange darüber nach, wer es wohl ſein könnte, der mich dorthin einlud, da ich aber keine Seele in Florenz kannte, dachte ich, man werde mich vielleicht heimlich zu irgend einem Kranken führen wollen, was von öfter geſchehen war. Ich beſchloß alſo, hinzu⸗ gehen, doch hing ich zur Vorſicht den Säbel um, den mir einſt mein Vater geſchenkt hatte. Als es ſtark gegen Mitternacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald an den Ponte vecchio. Ich fand die Brücke verlaſſen und öde, und beſchloß zu warten, bis er erſcheinen würde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht, der Mond ſchien hell und ich ſchaute hinab in die Wellen des Arno, die weithin im Mondlicht ſchimmerten. Auf den Kirchen der Stadt ſchlug es jetzt zwölf Uhr, ich richtete mich auf, und vor mir ſtand ein großer Mann, ganz in einen rothen Mantel gehüllt, deſſen einen Zipfel er vor das Ge⸗ ſicht hielt. Ich war anfangs etwas erſchrocken, weil er ſo plätzlich hinter mir ſtand, faßte mich aber ſogleich wie⸗ der und ſprach:„Wenn Ihr mich habt hieher beſtellt, ſo ſagt an, was ſteht zu Eurem Befehl?“ Der Roth⸗ mantel wandte ſich um und ſagte langſam:„Folge!“ Da ward mirs doch etwas unheimlich zu Muth, mit dieſem Unbekannten allein zu gehen; ich blieb ſtehen und ſprach:„Nicht alſo, lieber Herr, wollet mir vor⸗ erſt ſagen, wohin; auch könnet Ihr mir Euer Geſicht ein wenig zeigen, daß ich ſehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt. Der Rothe aber ſchien ſich nicht darum zu kümmern.„Wenn Du nicht willſt, Zaleukos, ſo bleibe!“ antwortete er und ging weiter. Da entbrannte mein Zorn.„Meinet Ihr,“ rief ich aus,„ein Mann wie ich laſſe ſich von jedem Narren foppen, und ich werde in dieſer kalten Nacht umſonſt gewartet haben?“ In drei Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn an ſeinem Mantel und ſchrie noch lauter, indem ich die andere Hand an den Säbel legte; aber der Mantel blieb mir in der Hand, und der Unbekannte war um die nächſte Ecke verſchwunden. Mein Zorn legte ſich nach und nach, ich hatte doch den Mantel, und dieſer ſollte mir ſchon den Schlüſſel zu dieſem wunderlichen Abenteuer geben. Ich hing ihn um und ging weiter nach Hauſe. Als ich kaum noch hundert Schritte davon entfernt war, ſtreifte Jemand dicht an mir vorüber und flüſterte in fränkiſcher Sprache:„Nehmet Euch in Acht, Graf, heute Nacht iſt nichts zu machen.“ Ehe ich mich aber umſehen konnte, war dieſer Jemand ſchon vorbei, und ich ſah nur noch einen Schatten an den Häuſern hinſchweben. Daß dieſer Zuruf den Mantel und nicht mich anging, ſah ich ein, doch gab er mir kein Licht über die Sache. Am andern Morgen über⸗ legte ich, was zu thun ſei. Ich war von Anfang ge⸗ ſonnen, den Mantel ausrufen zu laſſen, als hätte ich ihn gefunden, doch da konnte der Unbekannte ihn durch einen Dritten holen laſſen, und ich hätte dann keinen Aufſchluß über die Sache gehabt. Ich beſah, indem ich ſo nachdachte, den Mantel näher. Er war von ſchwerem genueſiſchem Sammt, purpurroth, mit aſtra⸗ chaniſchem Pelz verbrämt und reich mit Gold geſtickt. Der prachtvolle Anblick des Mantels brachte mich auf 9 5 5³ einen Gedanken, den ich auszuführen beſchloß.— Ich trug ihn in mein Gewölb und legte ihn zum Verkauf aus, ſetzte aber auf ihn einen ſo hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu finden. Mein Zweck dabei war, Jeden, der nach dem Pelz fragen würde, ſcharf ins Auge zu faſſen; denn die Geſtalt des Unbe⸗ kannten, die ſich mir, nach Verluſt des Mantels, wenn auch nur flüchtig, doch beſtimmt gezeigt, wollte ich aus Tauſenden erkennen. Es fanden ſich viele Kauf⸗ luſtige zu dem Mantel, deſſen außerordentliche Schön⸗ heit alle Augen auf ſich zog, aber keiner glich entfernt dem Unbekannten, keiner wollte den hohen Preis von zweihundert Zechinen dafür bezahlen. Auffallend war mir dabei, daß, wenn ich Einen oder den Andern fragte, ob denn ſonſt kein ſolcher Mantel in Florenz ſei, alle mit Nein antworteten und verſicherten, eine ſo koſtbare und geſchmackvolle Arbeit nie geſehen zu haben. Es wollte ſchon Abend werden, da kam endlich ein junger Mann, der ſchon oft bei mir geweſen war und auch heute viel auf den Mantel geboten hatte, warf einen Beutel Zechinen auf den Tiſch und rief:„Bei Gott! Zaleukos, ich muß Deinen Mantel haben, und ſollte ich zum Bettler darüber werden.“ Zugleich be⸗ gann er, ſeine Goldſtücke aufzuzählen. Ich kam in große Noth; ich hatte den Mantel nur ausgehängt, um vielleicht die Blicke meines Unbekannten darauf zu ziehen, und jetzt kam ein junger Thor, um den unge⸗ heuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir übrig? Ich gab nach, denn es that mir auf der andern Seite der Gedanke wohl, für mein nächtliches Abenteuer ſo ſchön entſchädigt zu werden. Der Jüngling hing ſich den Mantel um und ging; er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein Papier, das am Mantel befeſtigt war, losmachte, mir zuwarf und ſagte:„Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl nicht zu dem Mantel gehört. Gleichgültig nahm ich den Zettel, aber ſiehe da, dort ſtand geſchrieben:„Bringe heute Nacht, um die bewußte Stunde, den Mantel auf den Ponte vecchio, vierhundert Zechinen warten Deiner.“ Ich ſtand wie niedergedonnert. So hatte ich alſo mein Glück ſelbſt verſcherzt und meinen Zweck gänzlich verfehlt! Doch ich beſann mich nicht lange, raffte die zweihundert Zechinen zuſammen, ſprang dem, der den Mantel gekauft hatte, nach und ſprach: „Nehmt Eunre Zechinen wieder, guter Freund, und laßt mir den Mantel, ich kann ihn unmöglich her⸗ geben.“ Dieſer hielt die Sache von Anfang für Spaß, als er aber merkte, daß es Ernſt war, gerieth er in Zorn über meine Forderung, ſchalt mich einen Narren, und ſo kam es endlich zu Schlägen. Doch ich war ſo glücklich, im Handgemeng ihm den Mantel zu ent⸗ reißen, und wollte ſchon mit davon eilen, als der junge Mann die Polizei zu Hülfe rief und mich mit ſich vor Gericht zog. Der Richter war ſehr erſtaunt über die Anklage und ſprach meinem Gegner den Man⸗ tel zu. Ich aber bot dem Jüngling zwanzig, fünfzig, achtzig, ja hundert Zechinen über ſeine zweihundert, wenn er mir den Mantel ließe. Was meine Bitten nicht vermochten, bewirkte mein Gold. Er nahm meine guten Zechinen, ich aber zog mit dem Mantel 55* triumphirend ab und mußte mir gefallen laſſen, daß man mich in ganz Floxenz für einen Wahnſinnigen hielt. Doch die Meinudg der Leute war mir gleich⸗ gültig, ich wußte es ja beſſer als ſie, daß ich an dem Handel noch gewann. Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um die⸗ ſelbe Zeit, wie geſtern, ging ich, den Mantel unter dem Arm, auf den Ponte vecchio. Mit dem letzten Glockenſchlag kam die Geſtalt aus der Nacht heraus auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann von geſtern.„Haſt Du den Mantel?“ wurde ich gefragt. „Ja, Herr,“ antwortete ich,„aber er koſtete mich baar hundert Zechinen.“„Ich weiß es,“ entgegnete Jener.„Schau auf, hier ſind vierhundert.“ Er trat mit mir an das breite Geländer der Brücke und zählte die Goldſtücke hin. Vierhundert waren es; prächtig blitzten ſie im Mondſchein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! es ahnete nicht, daß es ſeine letzte Freude ſein werde. Ich ſteckte mein Geld in die Taſche, und wollte mir nun auch den gütigen Unbekannten recht betrachten; aber er hatte eine Larve vor dem Geſicht, aus der mich dunkle Augen furchtbar anblitzten.„Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte,“ ſprach ich zu ihm,„was verlangt Ihr jetzt von mir? Das ſage ich Euch aber vorher, daß es nichts Unrechtes ſein darf.“ „Unnöthige Sorge,“ antwortete er, indem er den Mantel um die Schultern legte;„ich bedarf Eurer Hülfe als Arzt, doch nicht für einen Lebenden, ſondern für einen Todten.“ „Wie kann das ſein?“ rief ich voll Verwunderung. „Ich kam mit meiner Schweſter aus fernen Lau⸗ den,“ erzählte er und winkte mir zugleich, ihm zu folgen;„ich wohnte hier mit ihr bei einem Freund meines Hauſes. Meine Schweſter ſtarb geſtern ſchnell an einer Krankheit, und die Verwandten wollen ſie morgen begraben. Nach einer alten Sitte unſerer Familie aber ſollen Alle in der Gruft der Väter ruhen; Viele, die in fremdem Lande ſtarben, ruhen dennoch dort einbalſamirt. Meinen Verwandten gönne ich nun ihren Körper, meinem Vater aber muß ich wenig⸗ ſtens den Kopf ſeiner Tochter bringen, damit er ſie noch einmal ſehe.“ Dieſe Sitte, die Köpfe geliebter Anverwandten abzuſchneiden, kam mir zwar etwas ſchrecklich vor, doch wagte ich nichts dagegen einzu⸗ wenden, aus Furcht, den Unbekannten zu beleidigen. Ich ſagte ihm daher, daß ich mit dem Einbalſamiren der Todten wohl umgehen könne, und bat ihn, mich zu der Verſtorbenen zu führen. Doch konnte ich mich nicht enthalten, zu fragen: warum denn dies Alles ſo geheimnißvoll und in der Nacht geſchehen müſſe? Er antwortete mir, daß ſeine Verwandten, die ſeine Ab⸗ ſicht für grauſam halten, bei Tage ihn abhalten wür⸗ den; ſei aber nur erſt einmal der Kopf abgenommen, ſo können ſie wenig mehr darüber ſagen; er hätte mir zwar den Kopf bringen können, aber ein natürliches Gefühl halte ihn ab, ihn ſelbſt abzunehmen. Wir waren indeß an ein großes, prachtvolles Haus gekommen. Mein Begleiter zeigte es mir, als das Ziel unſeres nächtlichen Spaziergangs. Wir gingen an dem Haupithor des Hauſes vorbei, traten in eine kleine 57 Pforte, die der Unbekannte ſorgfältig hinter ſich zu⸗ machte und ſtiegen nun im Finſtern eine enge Wendel⸗ treppe hinan. Sie führte in einen ſpärlich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zimmer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befeſtigt war, er⸗ leuchtete. In dieſem Gemach ſtand ein Bett, in welchem der Leichnam lag. Der Unbekannte wandte ſein Geſicht ab und ſchien Thränen verbergen zu wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geſchäft gut und ſchnell zu verrichten, und ging wieder zur Thüre hinaus. Ich packte meine Meſſer, die ich als Arzt immer bei mir führte aus, und näherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche ſichtbar, aber dieſer war ſo ſchön, daß mich unwillkürlich das innigſte Mitlei⸗ den ergriff. In langen Flechten hing das dunkle Haar herab, das Geſicht war bleich, die Augen geſchloſſen. Ich machte zuerſt einen Einſchnitt in die Haut, nach der Weiſe der Ärzte, wenn ſie ein Glied abſchneiden. Sodann nahm ich mein ſchärfſtes Meſſer und ſchnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welcher Schrecken! Die Todte ſchlug die Augen auf, ſchloß ſie aber gleich wieder, und in einem tiefen Seufzer ſchien ſie jetzt erſt ihr Leben auszuhauchen. Zugleich ſchoß mir ein Strahl heißen Blutes aus der Wunde entgegen. Ich überzeugte mich, daß ich erſt die Arme getödtet hatte. Denn daß ſie todt ſei, war kein Zwei⸗ fel, da es von dieſer Wunde keine Rettung gab. Ich ſtand einige Minuten in banger Beklommenheit über das, was geſchehen war. Hatte der Rothmantel mich 58 betrogen, oder war die Schweſter vielleicht nur ſchein⸗ todt geweſen? Das letztere ſchien mir wahrſcheinlicher, Aber ich durfte dem Bruder der Verſtorbenen nicht ſa⸗ gen, daß vielleicht ein wenig raſcher Schnitt ſie erweckt hätte, ohne ſie zu tödten, darum wollte ich den Kopf vollends ablöſen, aber noch einmal ſtöhnte die Ster⸗ bende, ſtreckte ſich in ſchmerzlicher Bewegung aus und ſtarb. Da übermannte mich der Schrecken und ich ſtürzte ſchaudernd aus dem Gemach. Aber draußen im Gang war es finſter; denn die Lampe war verlöſcht, keine Spur von meinem Begleiter war zu entdecken, und ich mußte aufs Ungefähr mich im Finſtern an der Wand fortbewegen, um an die Wendeltreppe zu ge⸗ langen. Ich fand ſie endlich und kam halb fallend, halb gleitend hinab. Auch unten war kein Menſch. Die Thüre fand ich nur angelehnt, und ich athmete freier, als ich auf der Straße war. Denn in dem Hauſe war mir ganz unheimlich geworden. Von Schrecken geſpornt, rannte ich in meine Wohnung und begrub mich in die Polſter meines Lagers, um das Schreckliche zu vergeſſen, das ich gethan hatte. Aber der Schlaf floh mich, und erſt der Morgen ermahnte mich wieder, mich zu faſſen. Es war mir wahrſchein⸗ lich, daß der Mann, der mich zu dieſer verruchten That, wie ſie mir jetzt erſchien, verführt hatte, mich nicht angeben würde. Ich entſchloß mich gleich, in mein Gewölbe än mein Geſchäft zu gehen, und wo möglich eine ſorgloſe Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer Umſtand, den ich jetzt erſt bemerkte, ver⸗ mehrte noch meinen Kummer. Meine Mütze und mein — — 59 Gürtel, wie auch meine Meſſer fehlten mir, und ich war ungewiß, ob ich ſie im Zimmer der Getödteten gelaſſen oder erſt auf meiner Flucht verloren hatte. Leider ſchien das erſte wahrſcheinlicher, und man konnte mich alſo als Mörder entdecken. Ich öffnete zur gewoͤhnlichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nachbar trat zu mir her; wie er alle Morgen zu thun pflegte, denn er war ein geſprächiger Mann. „Ei, was ſagt Ihr zu der ſchrecklichen Geſchichte,“ hub er an,„die heute Nacht vorgefallen iſt?“ Ich that, als ob ich nichts wüßte.„Wie, ſolltet Ihr nicht wiſſen, von was die ganze Stadt erfüllt iſt? Nicht wiſſen, daß die ſchönſte Blume von Florenz, Bianca, die Tochter des Gouverneurs, in dieſer Nacht ermordet wurde? Ach! ich ſah ſie geſtern noch ſo heiter durch die Straßen fahren mit ihrem Bräutigam, denn heute hätten ſie Hochzeit gehabt.“ Jedes Wort des Nachbars war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine Marter wieder, denn jeder meiner Kunden erzählte mir die Geſchichte, immer einer ſchrecklicher als der andere, und doch konnte keiner ſo Schreckliches ſagen als ich ſelbſt geſehen h ete in Mittag ungefähr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die Leute zu entfernen.„Signore Zaleukos,“ ſprach er, indem er die Sachen, die ich vermißt, hervorzog, „gehören dieſe Sachen Euch zu?“ Ich beſann mich, ob ich ſie nicht gänzlich abläugnen ſollte, aber als ich durch die halbgeöffnete Thüre meinen Wirth und mehre Be⸗ kannte, die wohl gegen mich zeugen konnten, erblickte, beſchloß ich, die Sache nicht noch durch eine Lüge zu verſchlimmern, und bekannte mich zu den vorgezeigten Dingen. Der Gerichtsmann bat mich, ihm zu folgen, und führte mich in ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefängniß erkannte. Dort wies er mir, bis auf weiteres, ein Gemach an. Meine Lage war ſchrecklich, als ich ſo in der Ein⸗ ſamkeit darüber nachdachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wie⸗ der. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, daß der Glanz des Goldes meine Sinne befangen gehalten hatte, ſonſt hätte ich nicht ſo blindlings in die Falle gehen können. Zwei Stunden nach meiner Verhaftung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehre Treppen ging es hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um einen langen, ſchwarzbehängten Tiſch ſaßen dort zwölf Männer, meiſtens Greiſe. An den Seiten des Saales zogen ſich Bänke herab, angefüllt mit den Vornehm⸗ ſten von Florenz. Auf den Galerien, die in der Höhe angebracht waren, ſtanden, dicht gedrängt, die Zu⸗ ſchauer. Als ich vor den ſchwarzen Tiſch getreten war, erhob ſich ein Mann mit finſterer, trauriger Miene, er war der Gouverneur. Er ſprach zu den Verſammel⸗ ten, daß er als Vater in dieſer Sache nicht richten könne, und daß er ſeine Stelle für diesmal an den Äl⸗ teſten der Senatoren abtrete. Der Älteſte der Sena⸗ toren war ein Greis von wenigſtens neunzig Jahren. Er ſtand gebückt, und ſeine Schläfe waren mit dünnem weißem Haar umhängt; aber feurig brannten noch ſeine Augen, und ſeine Stimme war ſtark und ſicher. Er hub an, mich zu fragen, ob ich den Mord geſtehe. * 61 Ich bat ihn um Gehör und erzählte unerſchrocken und mit vernehmlicher Stimme, was ich gethan hatte, und was ich wußte. Ich bemerkte, daß der Gouverneur, während meiner Erzählung, bald blaß, bald roth wurde, und als ich geſchloſſen, fuhr er wüthend auf: „Wie, Elender!“ rief er mir zu,„ſo willſt Du ein Verbrechen, das Du aus Habgier begangen, noch einem Andern aufbürden?“ Der Senator verwies ihm ſeine Unterbrechung, da er ſich freiwillig ſeines Rechtes be⸗ geben habe, auch ſei es gar nicht ſo erwieſen, daß ich aus Habgier gefrevelt, denn nach ſeiner eigenen Aus⸗ ſage ſei ja der Getodteten nichts geſtohlen worden. Ja, er ging noch weiter. Er erklärte dem Gouverneur, daß er über das frühere Leben ſeiner Tochter Rechen⸗ ſchaft geben müſſe. Denn nur ſo könne man ſchließen, ob ich die Wahrheit geſagt habe oder nicht. Zugleich hob er für heute das Gericht auf, um ſich, wie er ſagte, aus den Papieren der Verſtorbenen, die ihm der Gouverneur übergeben werde, Rath zu holen. Ich wurde wieder in mein Gefängniß zurückgeführt, wo ich einen traurigen Tag verlebte, immer mit dem heißen Wunſch beſchäftigt, daß man doch irgend eine Verbindung zwiſchen der Todten und dem Rothmantel entdecken möchte. Voll Hoffnung trat ich den andern Tag in den Gerichtsſaal. Es lagen mehre Briefe auf dem Tiſch. Der alte Senator fragte mich, ob ſie meine Handſchrift ſeien. Ich ſah ſie an und fand, daß ſie von derſelben Hand ſein müßten, wie jene beiden Zettel, die ich erhalten. Ich äußerte dies den Senatoren, aber man ſchien nicht darauf zu achten, und antwortete, daß ich Beides geſchrieben habe konne und müſſe, denn der Namenszug unter den Briefen ſei unverkennbar ein Z., der Anfangsbuchſtabe meines Namens. Die Briefe aber enthielten Drohungen an die Verſtorbene hen im Begriff war. Der Gouverneur ſchien ſondergare Arfſchüſſe in Hinſicht auf meine Perſon gegeben zu haben. Denn man behandelte mich an dieſem Tage mißtrauiſcher und ſtrenger. Ich berief mich, zu meiner Rechtfertigung, auf meine Papiere, die ſich in meinem Zimmer finden müſſen, aber man ſagte mir, man habe nachgeſucht und nichts gefunden. So ſchwand mir, am Schluſſe dieſes Gerichts, alle Hoffnung, und als ich am dritten Tag wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urtheil vor, daß ich eines vorſätzlichen Mordes überwieſen, zum Tode verurtheilt ſei. Dahin alſo war es mit mir gekommen. Verlaſſen von Allem, was mir auf Erden noch theuer war, fern von meiner Heimath ſollte ich unſchuldig in der Blüte meiner Jahre vom Beile ſterben! Ich ſaß am Abend dieſes ſchrecklichen Tages, der über mein Schickſal entſchieden hatte, in meinem ein⸗ ſamen Kerker, meine Hoffnungen waren dahin, meine Gedanken ernſthaft auf den Tod gerichtet, da that ſich die Thüre meines Gefängniſſes auf, und ein Mann trat herein, der mich lange ſchweigend betrachtete. „So finde ich Dich wieder, Zaleukos?“ ſagte er. Ich hatte ihn bei dem matten Schein meiner Lampe nicht erkannt, aber der Klang ſeiner Stimme erweckte alte — und Warnungen vor der Hochzeit, die ſie zu vollgje⸗* —ᷓ 7. 6s Erinnerungem⸗ in mir. Es war Valetty, einer jeuer wenigen Freunde, die⸗ ich in der Stadt Paris während meiner Studien kannte. Er ſagte, daß er zufällig nach Florenz gekoutmen ſei, wo ſein Vater als angeſehener Mann wohne, er habe von meiner Geſchichte gehört, und ſei gekommen, um mich noch einmal zu ſehen und von mir ſelbſt zu erfahren, wie ich mich ſo ſchwer habe perſchulden können. Ich erzählte ihm die ganze Ge⸗ ſchichte. Er ſchien darüber ſehr verwundert und be⸗ ſchwor mich, ihm, meinem einzigen Freunde, Alles zu ſagen, um nicht mit einer Lüge von hinnen zu gehen. Ich ſchwor ihm mit dem theuerſten Eid, daß ich wahr geſprochen, und daß keine andere Schuld mich drücke, als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrſcheinliche der Erzählung des Unbekannten nicht erkannt habe.„So haſt Du Bianca nicht ge⸗ kannt?“ fragte Jener. Ich betheuerte ihm, ſie nie ge⸗ ſehen zu haben. Valetty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheimniß auf der That liege, daß der Gouver⸗ neur meine Verurtheilung ſehr haſtig betrieben habe, und es ſei nun ein Gerücht unter die Leute gekommen, daß ich Bianca ſchon längſt gekannt und, aus Rache über ihre Heirath mit einem Andern, ſie ermordet habe. Ich bemerkte ihm, daß dies Alles ganz auf den Rothmantel paſſe, daß ich aber ſeine Theilnahme an der That mit Nichts beweiſen koͤnne. Valetty umarmte mich weinend und verſprach mir, Alles zu thun, um wenigſtens mein Leben zu retten. Ich hatte wenig Hoffnung, doch wußte ich, daß Valetty ein weiſer und der Geſetze kundiger Mann ſei, und daß er Alles 64 thun werde, mich zu retten. Zwei lange Tage war ich in Ungewißheit, endlich erſchien Valetiy.„ Ich bringe Troſt, wenn auch einen ſchmerzlichen. Du wirſt leben und frei ſein, aber mit Verluſt einer Hand.“ Gerührt dankte ich meinem Freund für mein Leben. Er ſagte mir, daß der Gouverneur unerbittlich geweſen ſei, die Sache noch einmal unterſuchen zu laſſen. Daß er aber endlich, um nicht ungerecht zu erſcheinen, eingewilligt habe, wenn man in den Büchern der florentiniſchen Geſchichte einen ähnlichen Fall finde, ſo ſoll meine Strafe ſich nach der Strafe, die dort ausgeſprochen ſei, richten. Er und ſein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büchern geleſen, und endlich einen ganz dem meinigen ähnlichen Fall gefunden. Dort laute die Strafe: Es ſoll ihm die linke Hand abgehauen, ſeine Güter eingezogen, er ſelbſt auf ewig verbannt werden. So laute jetzt auch meine Strafe, und ich ſolle mich jetzt bereiten, zu der ſchmerzhaften Stunde, die meiner warte. Ich will Euch nicht dieſe ſchreckliche Stunde vors Auge führen, wo ich auf offenem Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weiten Bogen mich überſtrömte 195 Valetty nahm mich in ſein Haus auf, bis ich ge⸗ neſen war, dann verſah er mich edelmüthig mit Reiſe⸗ geld; denn Alles, was ich mir ſo mühſam erworben, war eine Beute des Gerichts geworden. Ich reiste von Florenz nach Sieilien und von mit dem erſten Schiff, das ich fand, nach Conſtantinopel. Meine Hoffnung war auf die Summe gerichtet, die ich meinem Freund übergeben hatte, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu 65 dürfen; aber wie erſtaunte ich, als dieſer mich fragte, warum ich denn nicht mein Haus beziehe. Er ſagte mir, daß ein fremder Mann unter meinem Namen ein Haus in dem Quartier der Griechen gekauft habe, derſelbe habe auch den Nachbarn geſagt, daß ich bald ſelbſt kommen werde. Ich ging ſogleich mit meinem Freunde dahin und wurde von allen meinen alten Be⸗ kannten freudig empfangen. Ein alter Kaufmann gab mir einen Brief, den der Mann, der für mich gekauft hatte, hier gelaſſen habe. Ich las:„Zaleukos! Zwei Hände ſteßen bereit, raſtlos zu ſchaffen, daß Du nicht fühleſt den Verluſt der Einen. Das Haus, das Du ſieheſt, und Alles, was darin iſt, iſt Dein, und alle Jahre wird man Dir ſo viel reichen, daß Du zu den Reichen Deines Volks ge⸗ hören wirſt. Mögeſt Du dem vergeben, der unglück⸗ licher iſt als Du!“ Ich konnte ahnen, wer es geſchrie⸗ ben, und der Kaufmann ſagte mir auf meine Frage, es ſei ein Mann geweſen, den er für einen Franken gehalten, er habe einen rothen Mantel angehabt. Ich wußte genug, um. mir zu geſtehen, daß der Unbekannte doch nicht ganz vonfaller edlen Geſinnung entblößt ſein müſſe. In meinem neuen Haus fand ich Alles aufs Beſte eingerichtet, auch ein Gewölbe mit Waaren, ſchöner als ich ſie je gehabt. Zehn Jahre ſind ſeitdem verſtrichen; mehr aus alter Gewohnheit, als weil ich es nöthig habe, ſetze meine Handelsreiſen fort, doch habe ich jenes Land, wo ich ſo unglücklich wurde, nie mehr geſehen. Jedes Jahr erhielt ich feitdem tauſend Goldſtücke; aber wenn es mir auch Frende macht, W. Hauffs Werle. X. 5 jenen Unglücklichen edel zu wiſſen, ſo kann er mir doch den Kummer meiner Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauenvolle Bild der ermordeten Bianca. — Zaleukos, der griechiſche Kaufmann, hatte ſeine Geſchichte geendigt. Mit großer Theilnahme hatten ihm die Uebrigen zugehört, beſonders der Fremde ſchien ſehr davon ergriffen zu ſein; er hatte einigemal tief geſeufzt, und Muley ſchien es ſogar, als habe er einmal Thränen in den Augen gehabt. Sie beſprachen ſich noch lange Zeit über die Geſchichte. „Und haßt Ihr den Unbekannten nicht, der Euch ſo ſchnöd um ein ſo edles Glied Eures Körpers, der ſelbſt Euer Leben in Gefahr brachte?“ fragte der Fremde. „Wohl gab es in früherer Zeit Stunden,“ ant⸗ wortete der Grieche,„in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er dieſen Kummer über mich ge⸗ bracht und mein Leben vergiftet habe, aber ich fand Troſt in dem Glauben meiner Väter, und dieſer be⸗ fiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch iſt er wohl noch unglücklicher als ich."¹ „Ihr ſeid ein edler Mann!“ rief der Fremde und drückte gerührt dem Griechen die Hand. Der Anführer der Wache unterbrach ſie aber in ihrem Geſpräch. Er trat mit beſorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man ſich nicht der Ruhe über⸗ laſſen dürfe, denn hier ſei die Stelle, wo gewöhnlich 67 die Karavanen angegriffen werden, auch glauben ſeine Wachen, in der Entfernung mehre Reiter zu ſehen. Die Kaufleute waren ſehr beſtürzt über dieſe Nach⸗ richt; Selim, der Fremde, aber wunderte ſich über ihre Beſtürzung und meinte, daß ſie ſo gut geſchützt wären, daß ſie einen Trupp räͤuberiſcher Araber nicht zu fürch⸗ ten brauchen. „Ja, Herr!“ entgegnete ihm der Anführer der Wache.„Wenn es nur ſolches Geſindel wäre, könnte man ſich ohne Sorge zur Ruhe legen, aber ſeit einiger Zeit zeigt ſich der furchtbare Orbaſan wieder, und da gilt es, auf ſeiner Hut zu ſein.“ Der Fremde fragte, wer denn dieſer Orbaſan ſei, und Achmet, der alte Kaufmann, antwortete ihm: „Es gehen allerlei Sagen unter dem Volk über dieſen wunderbaren Mann. Die Einen halten ihn für ein übermenſchliches Weſen, weil er oft mit fuͤnf bis ſechs Männern zumal einen Kampf beſteht, Andere halten ihn für einen tapfern Franken, den das Unglück in dieſe Gegend verſchlagen habe; von Allem aber iſt nur ſo viel gewiß, daß er ein verruchter Räuber und Dieb iſt.“ „Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten,“ ent⸗ gegnete ihm Lezah, einer der Kaufleute.„Wenn er auch ein Räuber iſt, ſo iſt er doch ein edler Mann, und als ſolcher hat er ſich an meinem Bruder bewieſen, wie ich Euch erzählen könnte. Er hat ſeinen ganzen Stamm zu geordneten Menſchen gemacht, und ſo lange er die Wüſte durchſtreift, darf kein anderer Stamm es wagen, ſich ſehen zu laſſen. Auch raubt er nicht wie —.— —— Andere, ſondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karavanen, und wer ihm dieſes willig bezahlt, der ziehet ungefährdet weiter, denn Orbaſan iſt der Herr der Wüſte.“ Alſo ſprachen unter ſich die Reiſenden im Zelte; die Wachen aber, die um den Lagerplatz ausgeſtellt waren, begannen unruhig zu werden. Ein ziemlich be⸗ deutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte ſich in der Entfernung einer halben Stunde; ſie ſchienen gerade auf das Lager zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um zu verkünden, daß ſie wahrſcheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute beriethen ſich unter einander, was zu thun ſei, ob man ihnen entgegen gehen oder den Angriff abwarten ſolle. Achmet und die zwei ältern Kaufleute wollten das Letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten das Erſtere und riefen den Fremden zu ihrem Beiſtand auf. Dieſer zog ruhig ein kleines blaues Tuch mit rothen Sternen aus ſeinem Gürtel hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu ſtecken; er ſetze ſein Leben zum Pfand, ſagte er, die Reiter werden, wenn ſie dieſes Zeichen ſehen, ruhig vorüber ziehen. Muley glaubte nicht an den Er⸗ folg, der Sklave aber ſteckte die Lanze auf das Zelt. Inzwiſchen hatten Alle, die im Lager waren, zu den Waffen gegriffen und ſahen in geſpannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch dieſe ſchienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, ſie beugten plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen Bogen auf der Seite hin. 69 Verwundert ſtanden einige Augenblicke die Reiſen⸗ den und ſahen bald auf die Reiter, bald auf den Frem⸗ den. Dieſer ſtand ganz gleichgültig, wie wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillſchweigen: „Wer biſt Du, mächtiger Fremdling,“ rief er aus,„der Du die wilden Horden der Wüſte durch einen Wink bezähmeſt?“„Ihr ſchlagt meine Kunſt höher an, als ſie iſt“ antwortete Selim Baruch. Ich habe mich mit dieſem Zeichen verſehen, als ich der Gefangenſchaft ent⸗ floh; was es zu bedeuten hat, weiß ich ſelbſt nicht, nur ſo viel weiß ich, daß, wer mit dieſem Zeichen reiſet, unter mächtigem Schutze ſteht.“ Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter. Wirklich war auch die Anzahl der Reiter ſo groß geweſen, daß wohl die Karavane nicht lange hätte Widerſtand leiſten können. Mit leichterem Herzen begab man ſich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne zu ſinken begann, und der Abendwind über die Sandebene hinſtrich, brachen ſie auf und zogen weiter. Am nächſten Tage lagerten ſie ungefähr nur noch eine Tagreiſe von dem Ausgang der Wüſte entfernt. Als ſich die Reiſenden wieder in dem großen Zelt verſammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort: „Ich habe Euch geſtern geſagt, daß der gefürchtete Orbaſan ein edler Mann ſei; erlaubt mir, daß ich es Euch heute durch die Erzählung der Schickſale meines Bruders beweiſe.— Mein Vater war Kadi in Acara. Er hatte drei Kinder. Ich war der Alteſte, ein Bruder und eine Schweſter waren bei weitem jünger als ich⸗ Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Bruder meines Vaters zu ſich. Er ſetzte mich zum Erben ſeiner Giütter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu ſeinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter⸗ ſo daß ich erſt vor zwei Jahren in meine Heimath zu⸗ rückkehrte und nichts davon wußte, welch ſchreckliches Schickſal indeß mein Haus betroffen, und wie gütig Allah es gewendet hatte.“ Die Errettung Fatme’s. Mein Bruder Muſtapha und meine Schweſter Fatme waren beinahe in gleichem Alter. Jener hatte höchſtens zwei Jahre voraus. Sie liebten einander innig und trugen vereint Alles bei, was unſerem kränklichen Vater die Laſt ſeines Alters erleichtern konnte. An Fatme's ſechzehntem Geburtstage veranſtaltete der Bruder ein Feſt. Er ließ alle ihre Geſpielinnen ein⸗ laden, ſetzte ihnen in dem Garten des Vaters ausge⸗ ſuchte Speiſen vor, und als es Abend wurde, lud er ſie ein, auf einer Barke, die er gemiethet und feſtlich geſchmückt hatte, ein wenig hinaus in die See zu fah⸗ ren. Fatme und ihre Geſpielinnen willigten mit Freu⸗ den ein; denn der Abend war ſchön, und die Stadt gewährte beſonders Abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den Mädchen aber gefiel es ſo gut auf der Barke, daß ſie meinen Bruder bewogen, immer weiter in die See hinaus zu fahren. Muſtapha gab aber ungern nach, weil ſich vor einigen Tagen ein Korſar hatte ſehen laſſen. Nicht 8 71 weit von der Stadt zieht ſich ein Vorgebirge in das Meer. Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das Meer ſinken zu ſehen. Als ſie um das Vorgebirg herum ruderten, ſahen ſie in geringer Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten beſetzt war. Nichts Gutes ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern ſein Schiff zu drehen und dem Lande zuzu⸗ rudern. Wirklich ſchien ſich auch ſeine Beſorgniß zu beſtätigen, denn jene Barke kam jener meines Bruders ſchnell nach, uberholte ſie, da ſie mehr Ruder hatte, und hielt ſich immer zwiſchen dem Land und unſerer Barke. Die Mädchen aber, als ſie die Gefahr erkann⸗ ten, in der ſie ſchwebten, ſprangen auf und ſchrien und klagten; umſonſt ſuchte ſie Muſtapha zu beſchwichtigen, umſonſt ſtellte er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil ſie durch ihr Hin⸗ und Herrennen die Barke in Gefahr brächten, umzuſchlagen. Es half nichts, und da ſie ſich endlich bei Annäherung des andern Bootes Alle auf die hintere Seite der Barke ſtürzten, ſchlug dieſe um. In⸗ deſſen aber hatte man vom Land aus die Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da man ſchon ſeit einiger Zeit Beſorgniſſe wegen Korſaren hegte, hatte dieſes Boot Verdacht erregt, und mehrere Barken ſtie⸗ ßen vom Lande, um den Unſrigen beizuſtehen. Aber ſie kamen nur noch zu rechter Zeit, um die Unterſinken⸗ den aufzunehmen. In der Verwirrung war das feind⸗ liche Boot entwiſcht, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob Alle gerettet ſeien. Man näherte ſich gegen⸗ ſeitig, und ach! es fand ſich, daß meine Schweſter und 72 eine ihrer Geſpielinnen fehle; zugleich entdeckte man aber einen Fremden in einer der Barken, den Niemand kannte. Auf die Drohungen Muſtapha's geſtand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen oſt⸗ wärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn ſeine Ge⸗ fährten auf ihrer eiligen Flucht im Stich gelaſſen haben, indem er im Begriff geweſen ſei, die Mädchen auffiſchen zu helfen: auch ſagte er aus, daß er geſehen habe, wie man zwei derſelben in das Schiff gezogen. Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Muſtapha war bis zum Tod betrübt; denn nicht nur daß ſeine geliebte Schweſter verloren war, und daß er ſich anklagte, an ihrem Unglück ſchuld zu ſein,— jene Freundin Fatme's, die ihr Unglück theilte, . war von ihren Eltern ihm zur Gattin zugeſagt geweſen, und nur unſerem Vater hatte er es noch nicht zu geſte⸗ hen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer i Abkunft waren. Mein Vater aber war ein ſtrenger Mann. Als ſein Schmerz ſich ein wenig gelegt hatte, ließ er Muſtapha vor ſich kommen, und ſprach zu ihm: „Deine Thorheit hat mir den Troſt meines Alters und die Freude meiner Augen geraubt, Geh hin, ich ver⸗ banne Dich auf ewig von meinem Angeſicht, ich fluche Dir und Deinen Nachkommen, und nur wenn Du mir 2 Fatme wieder bringſt, ſoll Dein Haupt rein ſein von f dem Fluche des Vaters. Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; ſchon vorher hatte er ſich entſchloſſen gehabt, ſeine Schweſter und ihre Freundin aufzuſuchen, und wollte 1 ſich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und — 1 — 73 jetzt ſchickte er ihn mit dem Fluch beladen in die Welt. Aber hatte ihn jener Jammer vorher gebeugt, ſo ſtählte jetzt die Fülle des Unglücks, das er nicht verdient hatte, ſeinen Muth. Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt ſeines Schiffes ginge, und erfuhr, daß ſie Sklavenhandel treiben und gewöhnlich in Bal⸗ ſora großen Markt hielten. Als er wieder nach Hauſe kam, um ſich zur Reiſe anzuſchicken, ſchien ſich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er ſandte ihm einen Beutel mit Gold zur Unterſtützung auf der Reiſe. Muſtapha aber nahm weinend von den Eltern Zoraidens, ſo hieß ſeine geraubte Braut, Abſchied, und machte ſich auf den Weg nach Balſora. Muſtapha machte die Reiſe zu Land, weil von unſe⸗ rer kleinen Stadt aus nicht gerade ein Schiff nach Bal⸗ ſora ging. Er mußte daher ſehr ſtarke Tagreiſen ma⸗ chen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Bal⸗ ſora zu kommen. Doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er hoffen, dieſe Stadt am Ende des ſechsten Tages zu erreichen. Aber am Abend des vierten Tages, als er ganz allein ſeines Weges ritt, fie⸗ len ihn plotzlich drei Männer an. Da er merkte, daß ſie gut bewaffnet und ſtark ſeien, und daß es mehr auf ſein Geld und ſein Roß, als auf ſein Leben abgeſehen war, ſo rief er ihnen zu, daß er ſich ihnen ergeben wolle. Sie ſtiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter dem Bauch ſeines Thieres zuſammen, ihn ſelbſt aber nahmen ſie in die Mitte und trabten, indem 74 Einer den Zügel ſeines Pferdes ergriff, ſchnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu ſprechen. Muſtapha gab ſich einer dumpfen Verzweiflung hin! der Fluch ſeines Vaters ſchien ſchon jetzt an dem Un⸗ glücklichen in Erfüllung zu gehen, und wie konnte er hoffen, ſeine Schweſter und Zoraiden zu retten, wenn er, aller Mittel beraubt, nur ſein ärmliches Leben zu ihrer Befreiung aufwenden konnte. Muſtapha und ſeine ſtummen Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten ſein, als ſie in ein kleines Seitenthal einbogen. Das Thälchen war von hohen Bäumen eingefaßt, ein wei⸗ cher dunkelgrüner Raſen, ein Bach, der ſchnell durch ſeine Mitte hinrollte, luden zur Ruhe ein. Wirklich ſah er auch fünfzehn bis zwanzig Zelte dort aufgeſchla⸗ gen; an den Pflöcken der Zelte waren Kameele und ſchöne Pferde angebunden, aus einem der Zelte hervor tönte die luſtige Weiſe einer Zither und zweier ſchöner Männerſtimmen. Meinem Bruder ſchien es, als ob Leute, die ein ſo fröhliches Lagerplätzchen ſich erwählt hätten, nichts Böſes gegen ihn im Sinne haben könn⸗ ten, und er folgte alſo ohne Bangigkeit dem Ruf ſeiner Führer, die, als ſie ſeine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzuſteigen. Man führte ihn in ein Zelt, das größer als die übrigen und im Innern hübſch, faſt zier⸗ lich aufgeputzt war. Prächtige goldgeſtickte Polſter, gewirkte Fußteppiche, übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichthum und Wohlleben verrathen, hier ſchienen ſie nur kühner Raub. Auf einem der Polſter ſaß ein alter, kleiner Mann; ſein Geſicht war häßlich, ſeine Haut ſchwarzbraun und glänzend und ein widriger 75⁵ Zug von tückiſcher Schlanheit um Augen und Mund machten ſeinen Anblick verhaßt. Obgleich ſich dieſer Mann einiges Anſehen zu geben ſuchte, ſo merkte doch Muſtapha bald, daß nicht für ihn das Zelt ſo reich geſchmückt ſei, und die Unterredung ſeiner Führer ſchien ſeine Bemerkung zu beſtätigen.„Wo iſt der Starke?“ fragten ſie den Kleinen.„Er iſt auf der kleinen Jagd,“ antwortete Jener;„aber er hat mir aufgetragen, ſeine Stelle zu verſehen.“„Das hat er nicht geſcheit ge⸗ macht,“ entgegnete einer der Räuber,„denn es muß ſich bald entſcheiden, ob dieſer Hund ſterben oder zahlen ſoll, und das weiß der Starke beſſer als Du.“ Der kleine Mann erhob ſich im Gefühl ſeiner Würde, ſtreckte ſich lange aus, um mit der Spitze ſeiner Hand das Ohr ſeines Gegners zu erreichen, denn er ſchien Luſt zu haben, ſich durch einen Schlag zu rächen, als er aber ſah, daß ſeine Bemühung fruchtlos ſei, fing er an zu ſchimpfen(und wahrlich! die Andern blieben ihm nichts ſchuldig), daß das Zelt von ihrem Streit erdröhnte. Da that ſich auf einmal die Thüre des Zeltes auf, und herein trat ein hoher ſtattlicher Mann, jung und ſchön wie ein Perſerprinz; ſeine Kleidung und ſeine Waffen waren, außer einem reich⸗ beſetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach, aber ſein ernſtes Auge, ſein ganzer An⸗ ſtand gebot Achtung, ohne Furcht einzuflößen. „Wer iſts, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?“ rief er den Erſchrockenen zu. Eine Zeit lang herrſchte tiefe Stille, endlich erzählte einer von denen, die Muſtapha hergebracht hatten, wie es ge⸗ 76 gangen ſei. Da ſchien ſich das Geſicht„des Starken,“ wie ſie ihn nannten, vor Zorn zu röthen.„Wann hatte ich Dich je an meine Stelle geſetzt, Haſſan?“ Schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu. Dieſer zog ſich vor Furcht in ſich ſelbſt zuſammen, daß er noch viel kleiner ausſah als zuvor, und ſchlich ſich der Zelt⸗ thüre zu. Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen, ſonderbaren Sprung zur Zelt⸗ thüre hinaus flog. Als der Kleine verſchwunden war, führten die drei Männer Muſtapha vor den Herrn des Zeltes, der ſich indeß auf die Polſter gelegt hatte.„Hier bringen wir den, welchen Du uns zu fangen befohlen haſt.“ Jener blickte den Gefangenen lange an und ſprach ſodann: „Baſſa von Sulieika! Dein eigenes Gewiſſen wird Dir ſagen, warum Du vor Orbaſan ſtehſt.“ Als mein Bruder dies hörte, warf er ſich nieder vor Jenem und antwortete: O Herr! Du ſcheinſt im Irrthum zu ſein, ich bin ein armer Unglücklicher, aber nicht der Baſſa, den Du ſuchſt!“ Alle im Zelt waren über dieſe Rede erſtaunt. Der Herr des Zeltes aber ſprach:„Es kann Dir wenig helfen, Dich zu verſtellen, denn ich will Dir Leute vorführen, die Dich wohl kennen.“ Er befahl Zuleima vorzuführen. Man brachte ein altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob ſie in meinem Bruder nicht den Baſſa von Sulieika erkenne, antwortete:„Ja wohl! Und ich ſchwöre es beim Grab des Propheten, es iſt der Baſſa und kein Anderer.“„Siehſt Du, Er⸗ bärmlicher! wie Deine Liſt zu Waſſer geworden iſt?“ begann zürnend der Starke.„Du biſt mir zu elend, 77 als daß ich meinen guten Dolch mit Deinem Blut be⸗ ſudeln ſollte, aber an den Schweif meines Roſſes will ich Dich binden, morgen wenn die Sonne aufgeht, und durch die Wälder mit Dir jagen, bis ſie ſcheidet hinter die Hügel von Sulieika!“ Da ſank meinem armen Bruder der Muth.„Das iſt der Fluch meines harten Vaters, der mich zum ſchmachvollen Tode treibt,“ rief er weinend,„und auch Du biſt verloren, ſüße Schwe⸗ ſter, auch Du Zoraide!“„Deine Verſtellung hilft Dir nichts,“ ſprach einer der Räuber, indem er ihm die Hände auf den Rücken band,„mach', daß Du aus dem Zelte kommſt, denn der Starke beißt ſich in die Lippen und blickt nach ſeinem Dolch. Wenn Du noch eine Nacht leben willſt, ſo komm.“ Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelte führen wollten, begegneten ſie drei Andern, die einen Gefangenen vor ſich hintrieben. Sie traten mit ihm ein.„Hier bringen wir den Baſſa, wie Du uns befohlen haſt,“ ſprachen ſie und führten den Gefange⸗ nen vor das Polſter des Starken. Als der Gefangene dort hin geführt wurde, hatte mein Bruder Gelegen⸗ heit, ihn zu betrachten, und ihm ſelbſt fiel die AÄhn⸗ lichkeit auf, die dieſer Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Geſicht und hatte einen ſchwärzern Bart. Der Starke ſchien ſehr erſtaunt über die Erſcheinung des zweiten Gefangenen:„Wer von Euch iſt denn der Rechte?“ Sprach er, indem er bald meinen Bruder, bald den anderen Mann anſah.„Wenn Du den Baſſa von Sulieika meinſt,“ antwortete in ſtolzem Ton der Gefangene,„der bin ich!“ Der Starke ſah ihn lange mit ſeinem ernſten, furchtbaren Blick an, dann winkte er ſchweigend, den Baſſa wegzuführen. Als dies ge⸗ ſchehen war, ging er auf meinen Bruder zu, zerſchnitt ſeine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, ſich zu ihm aufs Polſter zu ſetzen.„Es thut mir leid, Fremd⸗ ling, ſagte er, daß ich Dich für jenes Ungeheuer hielt; ſchreibe es aber einer ſonderbaren Fügung des Him⸗ mels zu, die Dich gerade in der Stunde, welche dem Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder führte.“ Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunſt, ihn gleich wieder weiter reiſen zu laſſen, weil jeder Aufſchub ihm verderblich werden könne. Der Starke erkundigte ſich nach ſeinen eiligen Geſchäften, und als ihm Muſtapha alles erzählt hatte, überredete ihn Jener, dieſe Nacht in ſeinem Zelte zu bleiben, er und ſein Roß werden der Ruhe bedürfen; den folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zei⸗ gen, der ihn in anderthalb Tagen nach Balſora bringe. Mein Bruder ſchlug ein, wurde trefflich bewirthet, und ſchlief ſanft bis zum Morgen in dem Zelt des Räubers. Als er aufgewacht war, ſah er ſich ganz allein im Zelt, vor dem Vorhang des Zeltes aber hörte er mehre Stimmen zuſammen ſprechen, die dem Herrn des Zel⸗ tes und dem kleinen, ſchwarzbraunen Mann anzuge⸗ hören ſchienen. Er lauſchte ein wenig und hörte zu ſeinem Schrecken, daß der Kleine dringend den Andern aufforderte, den Fremden zu tödten, weil er, wenn er frei gelaſſen würde, ſie Alle verrathen könnte. Muſtapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram ſei, weil er Urſache war, daß er geſtern ſo übel behan⸗ 79 delt worden; der Starke ſchien ſich einige Augenblicke zu beſinnen.„Nein,“ ſprach er,„er iſt mein Gaſtfreund, und das Gaſtrecht iſt mir heilig, auch ſieht er mir nicht aus, als ob er uns verrathen wollte.“ Als er ſo geſprochen, ſchlug er den Vorhang zurück und trat ein.„Friede ſei mit Dir, Muſtapha,“ ſprach er,„laß uns den Morgentrunk koſten, und rüſte Dich dann zum Aufbruch.“ Er reichte meinem Bruder einen Becher Sorbet, und als ſie getrunken hatten, zäumten ſie die Pferde auf, und wahrlich mit leichterem Her⸗ zen, als er gekommen war, ſchwang ſich Muſtapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte in Rücken und ſchlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte. Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Baſſa, den ſie auf der Jagd gefangen hätten, ihnen verſprochen habe, ſie ungefährdet in ſeinem Ge⸗ biete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer tapferſten Männer aufgefangen und nach den ſchrecklichſten Martern aufhängen laſſen. Er habe ihm nun lange auflauern laſſen, und heute noch müſſe er ſterben. Muſtapha wagte es nicht, etwas dagegen ein⸗ zuwenden, denn er war froh, ſelbſt mit heiler Haut davon gekommen zu ſein. Am Ausgang des Waldes hielt der Starke ſein Pferd an, beſchrieb meinem Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abſchied und ſprach:„Muſtapha, Du biſt auf ſonderbare Weiſe der Gaſtfreund des Räubers Orba⸗ ſan geworden, ich will Dich nicht auffordern, nicht zu verrathen, was Du geſehen und gehört haſt. Du haſt ungerechter Weiſe Todesangſt ausgeſtanden, und ich bin Dir Vergütung ſchuldig. Nimm dieſen Dolch als Andenken, und ſo Du Hülfe brauchſt, ſo ſende ihn mir zu, und ich will eilen, Dir beizuſtehen. Dieſen Beutel aber kannſt Du vielleicht zu Deiner Reiſe brauchen.“ Mein Bruder dankte ihm für ſeinen Edelmuth; er nahm den Dolch, den Beutel aber ſchlug er aus. Doch Orbaſan drückte ihm noch einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und ſprengte mit Sturmes⸗ eile in den Wald. Als Muſtapha ſah, daß er ihn doch nicht mehr werde einholen können, ſtieg er ab, um den Beutel aufzuheben, und erſchrak über die Größe von ſeines Gaſtfreundes Großmuth, denn der Beutel enthielt eine Menge Goldes. Er dankte Allah für ſeine Rettung, empfahl ihm den edlen Räuber in ſeine Gnade und zog dann heiteren Muthes weiter auf ſeinem Wege nach Balſora. Lezah ſchwieg und ſah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an.„Nein, wenn es ſo iſt, ſprach dieſer, ſo verbeſſere ich gern mein Urtheil von Orbaſan, denn wahrlich, an Deinem Bruder hat er ſchoͤn gehandelt.“ „Er hat gethan wie ein braver Muſelman,“ rief Muley;„aber ich hoffe, Du haſt Deine Geſchichte damit nicht geſchloſſen, denn wie mich bedünkt, ſind wir Alle begierig, weiter zu hören, wie es Deinem Bruder erging, und ob er Fatme, Deine Schweſter, und die ſchöne Zoraide befreit hat.“ „Wenn ich Euch nicht damit langweile, erzähle ich gerne weiter,“ entgegnete Lezah,„denn die Geſchichte meines Bruders iſt allerdings abenteuerlich und wun⸗ dervoll.“¹ 81 Am Mittag des ſtebenten Tages nach ſeiner Abreiſe zog Muſtapha in die Thore von Balſora ein. Sobald er in einer Karavanſerei abgeſtiegen war, fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde, anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu ſpät komme. Man bedauerte ſeine Verſpätung und erzählte ihm, daß er viel verloren habe, denn noch an dem letzten Tage des Marktes ſeien zwei Sklavinnen angekommen, von ſo hoher Schönheit, daß ſie die Augen aller Käufer auf ſich gezogen hätten. Man habe ſich ordentlich um ſie geriſſen und geſchlagen, und ſie ſeien freilich auch zu einem ſo hohen Preis ver⸗ kauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe ſcheuen können. Er erkundigte ſich näher nach dieſen Beiden, und es blieb ihm kein Zweifel, daß es die Un⸗ glücklichen ſeien, die er ſuche. Auch erfuhr er, daß der Mann, der ſie Beide gekauft habe, vierzig Stunden von Balſora wohne und Thiuli⸗Kos heiße, ein vornehmer, reicher, aber ſchon ältlicher Mann, der früher Kapudan⸗ Baſſa des Großherrn geweſen, jetzt aber ſich mit ſeinen geſammelten Reichthümern zur Ruhe geſetzt habe. Muſtapha wollte von Anfang ſich gleich wieder zu Pferd ſetzen, um dem Thiuli⸗Kos, der kaum einen Tag Vorſprung haben konnte, nachzueilen. Als er aber be⸗ dachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Rei⸗ ſenden doch nichts anhaben, noch weniger ſeine Beute ihm abjagen konnte, ſann er auf einen andern Plan, und hatte ihn auch bald gefunden. Die Verwechslung mit dem Baſſa von Sulieika, die ihm beinahe ſo ge⸗ fährlich geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, W. Hauffs Werke. X. 6 84 8² unter dieſem Namen in das Haus des Thiuli⸗Kos zu gehen und ſo einen Verſuch zur Rettung der beiden un⸗ glücklichen Mädchen zu wagen. Er miethete daher einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbaſans Geld trefflich zu Statten kam, ſchaffte ſich und ſeinen Dienern präch⸗ tige Kleider an und machte ſich auf den Weg nach dem Schloſſe Thiuli's. Nach fünf Tagen war er in die Nähe dieſes Schloſſes gekommen. Es lag in einer ſchönen Ebene und war rings von hohen Mauern umſchloſſen, die nur ganz wenig von den Gebäuden überragt wurden. Als Muſtapha dort angekommen war, färbte er Haar und Bart ſchwarz, ſein Geſicht aber beſtrich er mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz wie ſie jener Baſſa gehabt hatte. Er ſchickte hierauf einen ſeiner Diener in das Schloß und ließ, im Namen des Baſſa von Sulieika, um ein Nachtlager bitten. Der Diener kam bald wieder und mit ihm vier ſchöngekleidete Sklaven, die Muſtapha's Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort halfen ſie ihm ſelbſt vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine breite Marmortreppe hinauf zum Thiuli. Dieſer, ein alter luſtiger Geſelle, empfing meinen Bruder ehrerbietig und ließ ihm das Beſte, was ſein Koch zubereiten konnte, aufſetzen. Nach Tiſch brachte Muſtapha das Geſpräch nach und nach auf die neuen Sklavinnen, und Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, daß ſie immer ſo traurig ſeien, doch er glaubte, dieſes würde ſich bald geben. Mein Bruder war ſehr vergnügt über dieſen Empfang und legte ſich mit den ſchönſten Hoffnungen zur Ruhe nieder. 4* 83 Er mochte ungefähr eine Stunde geſchlafen haben, da weckte ihn der Schein einer Lampe, der blendend auf ſein Auge fiel. Als er ſich aufrichtete, glaubte er noch zu träumen, denn vor ihm ſtand jener kleine, ſchwarz⸗ braune Kerl aus Orbaſans Zelt, eine Lampe in der Hand, ſein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Muſtapha zwickte ſich in den Arm, zupfte ſich an der Naſe, um ſich zu überzeugen, ob er denn wache, aber die Erſcheinung blieb wie zuvor.„Was willſt Du an meinem Bette?“ rief Muſtapha, als er ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte. „Bemühet Euch doch nicht ſo, Herr!“ ſprach der Kleine; nich habe wohl errathen, weßwegen Ihr hier⸗ her kommt. Auch war mir Euer werthes Geſicht noch wohl erinnerlich; doch wahrlich, wenn ich nicht den Baſſa mit eigner Hand hätte erhängen helfen, ſo hättet Ihr mich vielleicht getäuſcht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen.“ „Vor Allem ſage, wie Du hieher kommſt,“ entgeg⸗ nete ihm Muſtapha voll Wuth, daß er verrathen war. „Das will ich Euch ſagen,“ antwortete Jener;„ich konnte mich mit dem Starken nicht länger vertragen, deßwegen floh ich; aber Du, Muſtapha, warſt eigent⸗ lich die Urſache unſeres Streites, und dafür mußt Du mir Deine Schweſter zur Frau geben, und ich will Euch zur Flucht behülflich ſein; gibſt Du ſie nicht, ſo gehe ich zu meinem neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem neuen Baſſa.“ Muſtapha war vor Schrecken und Wuth außer ſich; jetzt, wo er ſich am ſicheren Ziel ſeiner Wünſche glaubte, ſollte dieſer Elende kommen und ſie vereiteln; es war nur ein Mittel, das ſeinen Plan retten konnte, er mußte das kleine Ungethüm tödten; mit einem Sprung fuhr er daher aus dem Bett, auf den Kleinen zu; doch dieſer, der etwas Solches geahnt haben mochte, ließ die Lampe fallen, daß ſie verlöſchte, und entſprang im Dunkeln, indem er mörderiſch um Hülfe ſchrie. Jetzt war guter Nath theuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das Fenſter, um zu ſehen, ob er nicht entſpringen könnte. Es war eine ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der andern Seite ſtand eine hohe Mauer, die zu überſteigen war. Sinnend ſtand er an dem Fenſter, da hörte er viele Stimmen ſich ſeinem Zimmer nähern; ſchon waren ſie an der Thüre, da faßte er verzweiflungsvoll ſeinen Dolch und ſeine Kleider und ſchwang ſich zum Fenſter hinaus. Der Fall war hart, aber er fühlte, daß er kein Glied gebrochen hatte; drum ſprang er auf und lief der Mauer zu, die den Hof umſchloß, ſtieg, zum Erſtaunen ſeiner Verfolger, hinauf und befand ſich bald im Freien. Er floh, bis er an einen kleinen Wald kam, wo er ſich erſchöpft niederwarf. Hier überlegte er, was zu thun ſei. Seine Pferde und ſeine Diener hatte er müſſen im Stiche laſſen, aber ſein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er gerettet. Sein erfinderiſcher Kopf zeigte ihm bald einen an⸗ dern Weg zur Rettung. Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Kurzem in eine Stadt trug. — 3 2* 85⁵ Dort forſchte er nach einem Arzt, und man rieth ihm einen alten, erfahrenen Mann. Dieſen bewog er durch einige Goldſtücke, daß er ihm eine Arznei mittheilte, die einen todähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er im Beſitz dieſes Mittels war, kaufte er ſich einen langen, falſchen Bart, einen ſchwarzen Talar und allerlei Büchſen und Kolben, ſo daß er füglich einen reiſenden Arzt vorſtellen konnte, lud ſeine Sachen auf einen Eſel und reiste in das Schloß des Thiuli⸗ Kos zurück. Er durfte dewiß ſein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entſtellte ihn ſo, daß er ſich ſelbſt kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen, ließ er ſich als den Arzt Chakamankabudibaba anmelden, und wie er es gedacht hatte geſchah es; der prachtvolle Name empfahl ihn bei dem alten Narren ungemein, ſo daß er ihn gleich zur Tafel einlud. Chakamankabu⸗ dibaba erſchien vor Thiuli, und als ſie ſich kaum eine Stunde beſprochen hatten, beſchloß der Alte, alle ſeine Sklavinnen der Kur des weiſen Arztes zu unterwerfen. Dieſer konnte ſeine Freude kaum verbergen, daß er jetzt ſeine geliebte Schweſter wieder ſehen ſolle, und folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Se⸗ rail führte. Sie waren in ein Zimmer gekommen, das ſchön ausgeſchmückt war, worin ſich aber Niemand be⸗ fand.„Chambaba oder wie Du heißt, lieber Arzt,“ ſprach Thiuli⸗Kos,„betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausſtrecken, und Du kannſt dann unterſuchen, ob der Puls krank oder geſund iſt.“ Muſtapha mochte einwenden was er wollte, zu ſehen bekam er ſie nicht; doch willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal ſagen wolle, wie ſie ſich ſonſt gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel, und begann mit lauter Stimme ſeine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls unterſuchte. Sechs waren ſchon abgeleſen und ſämmtlich für geſund erklärt, da las Thiuli als die ſiebente„Fatme“ ab, und eine kleine weiße Hand ſchlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude ergreift Muſtapha dieſe Hand und erklärte ſie mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Thiuli ward ſehr beſorgt, und befahl ſeinem weiſen Chakamankabudibaba, ſchnell eine Arznei für ſie zu bereiten. Der Arzt ging hinaus, ſchrieb auf einen kleinen Zettel:„Fatme! Ich will Dich retten, wenn Du Dich entſchließen kannſt, eine Arznei zu nehmen, die Dich auf zwei Tage todt macht; doch ich beſitze das Mit⸗ tel, Dich wieder zum Leben zu bringen. Willſt Du, ſo ſage nur, dieſer Trank habe nicht geholfen, und es wird mir ein Zeichen ſein, daß Du einwilligſt.“ Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli ſeiner harrte. Er brachte ein unſchädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls, und ſchob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband, das Tränklein aber reichte er ihr durch die Offnung in der Mauer. Thiuli ſchien in großen Sorgen wegen Fatme zu ſein, und ſchob die Unterſuchung der Übri⸗ — —— — 87 gen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Muſtapha das Zimmer verlaſſen hatte, ſprach er in traurigem Ton:„Chadibaba, ſage aufrichtig, was hältſt Du von Fatme's Krankheit?“ Chakamankabudi⸗ baba antwortete mit einem tiefen Seufzer:„Ach Herr! möge der Prophet Dir Troſt verleihen, ſie hat ein ſchleichendes Fieber, das ihr wohl den Garaus machen kann.“ Da entbrannte der Zorn Thiuli's:„Was ſagſt Du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitauſend Goldſtücke gab, ſoll mir ſterben wie eine Kuh? Wiſſe, wenn Du ſie nicht retteſt, ſo hau’ ich Dir den Kopf ab!“ Da merkte mein Bruder, daß er einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als ſie noch ſo ſprachen, kam ein ſchwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt zu ſagen, daß das Tränkleinnicht geholfen habe. „Biete Deine ganze Kunſt auf, Chakamdababelda, oder wie Du Dich ſchreibſt, ich zahl' Dir, was Du willſt,“ ſchrie Thiuli⸗Kos, faſt heulend vor Angſt, ſo vieles Gold zu verlieren.„Ich will ihr ein Säftlein geben, das ſie von aller Noth befreit,“ antwortete der Arzt.„Ja! ja! gib ihr ein Säftlein,“ ſchluchzte der alte Thiuli. Frohen Muthes ging Muſtapha, ſeinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn dem ſchwarzen Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wie viel man auf einmal nehmen müſſe, ging er zu Thiuli und ſagte, er müſſe noch einige heilſame Kräuter am See holen, und eilte zum Thor hinaus. An dem See, der nicht weit vom Schloß entfernt war, zog er ſeine falſchen Kleider aus und warf ſie ins Waſſer, daß ſie luſtig umher 58 ſchwammen, er ſelbſt aber verbarg ſich im Geſträuch, wartete die Nacht ab und ſchlich ſich dann in den Be⸗ gräbnißplatz an dem Schloſſe Thiuli's. Als Muſtapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abweſend ſein mochte, brachte man Thiuli die Nachricht, daß ſeine Sklavin Fatme im Sterben liege. Er ſchickte hinaus an den See, um ſchnell den Arzt zu holen; aber bald kehrten ſeine Boten allein zurück und erzählten ihm, daß der arme Arzt ins Waſſer ge⸗ fallen und ertrunken ſei, ſeinen ſchwarzen Talar ſehe man im See ſchwimmen, und hie und da gucke auch ſein ſtattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Thiuli keine Rettung mehr ſah, verwünſchte er ſich und die ganze Welt, raufte ſich den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies konnte nichts helfen, denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen Weiber den Geiſt auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte, befahl er, ſchnell einen Sarg zu machen, denn er konnte keinen Todten im Hauſe leiden, und ließ den Leichnam in das Begräbnißhaus tragen. Die Träger brachten den Sarg dorthin, ſetzten ihn ſchnell nieder und entflohen, denn ſie hatten unter den übrigen Särgen ſtöhnen und ſeufzen gehört.. Muſtapha, der ſich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete ſich eine Lampe an, die er zu dieſem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei ent⸗ hielt, und hob dann den Deckel von Fatme's Sarg. 1 89 Aber welches Entſetzen befiel ihn, als ſich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder meine Schweſter, noch Zoraide, ſondern eine ganz Andere lag in dem Sarg. Er brauchte lange, um ſich von dem neuen Schlag des Schickſals zu faſſen; endlich überwog doch Mitleid ſeinen Zorn. Er öffnete ſein Glas und flößte ihr die Arznei ein. Sie athmete, ſie ſchlug die Augen auf und ſchien ſich lange zu beſinnen, wo ſie ſei. Endlich erinnerte ſie ſich des Vorgefallenen, ſie ſtand auf aus dem Sarg und ſtürzte zu Muſtapha's Füßen.„Wie kann ich Dir danken, gütiges Weſen, rief ſie aus,„daß Du mich aus meiner ſchrecklichen Gefangenſchaft befreiteſt!“ Muſtapha unterbrach ihre Dankſagungen mit der Frage:„Wie es denn geſchehen ſei, daß ſie und nicht Fatme, ſeine Schweſter, gerettet worden ſei?“ Jene ſah ihn ſtaunend an.„Jetzt wird mir meine Rettung erſt klar, die mir vorher unbe⸗ greiflich war,“ antwortete ſie;„wiſſe, man hieß mich in jenem Schloſſe Fatme, und mir haſt Du Deinen Zettel und den Rettungstrank gegeben.“ Mein Bru⸗ der forderte die Gerettete auf, ihm von ſeiner Schwe⸗ ſter und Zoraiden Nachricht zu geben, und erfuhr, daß ſie ſich Beide im Schloß befinden, aber nach der Ge⸗ wohnheit Thiuli's andere Namen bekommen hätten; ſie heißen jetzt Mirza und Nurmahal. Als Fatme, die gerettete Sklavin, ſah, daß mein Bruder durch dieſen Fehlgriff ſo niedergeſchlagen ſei, ſprach ſie ihm Muth ein und verſprach ihm ein Mittel zu ſagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch retten könne. Aufgeweckt durch dieſen Gedanken, ſchöpfte 90 Muſtapha von Neuem Hoffnung; er bat ſie, dieſes Mittel ihm zu nennen, und ſie ſprach: „Ich bin zwar erſt ſeit fünf Monaten die Sklavin Thiuli's, doch habe ich gleich von Anfang auf Rettung geſonnen, aber für mich allein war ſie zu ſchwer. In dem innern Hof des Schloſſes wirſt Du einen Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Röhren Waſſer ſpeit; dieſer Brunnen fiel mir auf. Ich erinnerte mich, in dem Hauſe meines Vaters einen ähnlichen geſehen zu haben, deſſen Waſſer durch eine geräumige Waſſerleitung herbeiſtrömt; um nun zu erfahren, ob dieſer Brunnen auch ſo gebaut ſei, rühmte ich eines Tages vor Thiuli ſeine Pracht, und fragte nach ſeinem Baumeiſter.„„Ich ſelbſt habe ihn gebaut,““ ant⸗ wortete er,„„und das, was Du hier ſiehſt, iſt noch das Geringſte; aber das Waſſer dazu kommt wenig⸗ ſtens tauſend Schritte weit von einem Bach her und geht durch eine gewölbte Waſſerleitung, die wenigſtens mannshoch iſt; und alles dies habe ich ſelbſt ange⸗ geben.“ Als ich dies gehört hatte, wünſchte ich mir oft, nur auf einen Augenblick die Stärke eines Man⸗ nes zu haben, um einen Stein an der Seite des Brunnens ausheben zu können, dann könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Die Waſſerleitung nun will ich Dir zeigen; durch ſie kannſt Du Nachts in das Schloß gelangen und Jene befreien. Aber Du mußt wenig⸗ ſtens noch zwei Männer bei Dir haben, um die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu über⸗ wältigen.“ So ſprach ſie; mein Bruder Muſtapha aber, ob⸗ 91 gleich ſchon zweimal in ſeinen Hoffnungen getäuſcht, faßte noch einmal Muth, und hoffte mit Allahs Hülfe den Plan der Sklavin auszuführen. Er verſprach ihr, für ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimath zu ſor⸗ gen, wenn ſie ihm behülflich ſein wollte, ins Schloß zu gelangen. Aber ein Gedanke machte ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei treue Gehülfen bekommen könnte. Da fiel ihm Orbaſans Dolch ein, und das Verſprechen, das ihm Jener gegeben hatte, ihm, wo er ſeiner bedürfe, zu Hülfe zu eilen, und er machte ſich daher mit Fatme aus dem Begräbniß auf, um den Räuber aufzuſuchen. In der nämlichen Stadt, wo er ſich zum Arzt um⸗ gewandelt hatte, kaufte er um ſein letztes Geld ein Roß und miethete Fatme bei einer armen Frau in der Vorſtadt ein. Er ſelbſt aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbaſan zum erſtenmal getroffen hatte, und ge⸗ langte in drei Tagen dahin. Er fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbaſan, der ihn freund⸗ lich bewillkommte. Er erzählte ihm ſeine mißlungenen Verſuche, wobei ſich der ernſthafte Orbaſan nicht ent⸗ halten konnte, hie und da ein wenig zu lachen, beſon⸗ ders wenn er ſich den Arzt Chakamankabudibaba dachte. über die Verrätherei des Kleinen aber war er wüthend; er ſchwur, ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. Meinem Bruder aber verſprach er, ſogleich zur Hülfe bereit zu ſein, wenn er ſich vorher von der Reiſe geſtärkt haben würde. Muſtapha blieb daher dieſe Nacht wieder in Orbaſans Zelt, mit dem erſten Frühroth aber brachen ſie auf, und Orbaſan nahm 92 drei ſeiner tapferſten Männer, wohl beritten und be⸗ waffnet, mit ſich. Sie ritten ſtark zu und kamen nach zwei Tagen in die kleine Stadt, wo Muſtapha die ge⸗ rettete Fattme zurückgelaſſen hatte. Von da aus reis⸗ ten ſie mit dieſer weiter bis zu dem kleinen Wald, von wo aus man das Schloß Thiuli's in geringer Entfer⸗ nung ſehen konnte; dort lagerten ſie ſich, um die Nacht abzuwarten. Sobald es dunkel wurde, ſchlichen ſie ſich, von Fatme geführt, an den Bach, wo die Waſſerleitung anfing, und fanden dieſe bald. Dort ließen ſie Fatme und einen Diener mit den Roſſen zurück und ſchickten ſich an, hinabzuſteigen; ehe ſie aber hinabſtiegen, wie⸗ derholte ihnen Fatme noch einmal Alles genau, näm⸗ lich: daß ſie durch den Brunnen in den innern Schloß⸗ hof kämen, dort ſeien rechts und links in der Ecke zwei Thürme, in der ſechsten Thüre, vom Thurme rechts gerechnet, befinden ſich Fatme und Zoraide, bewacht von zwei ſchwarzen Sklaven. Mit Waffen und Brech⸗ eiſen wohl verſehen, ſtiegen Muſtapha, Orbaſan und zwei andere Männer hinab in die Waſſerleitung; ſie ſanken zwar bis an den Gürtel ins Waſſer aber nichts⸗ deſtoweniger gingen ſie rüſtig vorwärts. Nach einer halben Stunde kamen ſie an den Brunnen ſelbſt und ſetzten ſogleich ihre Brecheiſen an. Die Mauer war dick und feſt, aber den vereinten Kräften der vier Män⸗ ner konnte ſie nicht lange widerſtehen, bald hatten ſie eine Oeffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchſchlüpfen zu können. Orbaſan ſchlüpfte zuerſt durch und half den Andern nach. Als ſte Alle im Hof waren, betrachteten ſie die Seite des Schloſſes, die — ‚— 93 vor ihnen lag, um die beſchriebene Thüre zu erforſchen. Aber ſie waren nicht einig, welche es ſei, denn als ſie von dem rechten Thurm zum linken zählten, fanden ſie eine Thüre, die zugemauert war, und wußten nun nicht, ob Fatme dieſe überſprungen oder mitgezählt habe. Aber Orbaſan beſann ſich nicht lange:„Mein gutes Schwert wird mir jede Thüre öffnen,“ rief er aus, ging auf die ſechste Thüre zu, und die Andern folgten ihm. Sie öffneten die Thüre und fanden ſechs ſchwarze Sklaven auf dem Boden liegend und ſchlafend; ſie wollten ſchon wieder leiſe ſich zurück⸗ ziehen, weil ſie ſahen, daß ſie die rechte Thüre ver⸗ fehlt hatten, als eine Geſtalt in der Ecke ſich auf⸗ richtete und mit wohlbekannter Stimme um Hülfe rief. Es war der Kleine aus Orbaſans Lager. Aber ehe noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen geſchah, ſtürzte Orbaſan auf den Kleinen zu, riß ſeinen Gürtel entzwei, verſtopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er ſich an die Sklaven, wovon ſchon einige von Muſtapha und den zwei Andern halb gebunden waren, und half ſie vol⸗ lends überwältigen. Man ſetzte den Sklaven den Dolch auf die Bruſt, und fragte ſie, wo Nurmahal und Mirza wären, und ſie geſtanden, daß ſie im Gemach nebenan ſeien. Muſtapha ſtürzte in das Gemach und fand Fatme und Zoraiden, die der Lärm erweckt hatte. Schnell rafften dieſe ihren Schmuck und ihre Kleider zuſammen und folgten Muſtapha; die beiden Räuber ſchlugen indeß Orbaſan vor, zu plündern, was man fände, doch dieſer verbot es ihnen und ſprach:„Man —— 94 ſolle nicht von Orbaſan fagen können, daß er Nachts in die Häuſer ſteige, um Gold zu ſtehlen.“ Muſtapha und die Geretteten ſchlüpften ſchnell in die Waſſerleitung, wohin ihnen Orbaſan ſogleich zu folgen verſprach. Als jene in die Waſſerleitung hinabgeſtiegen waren, nahm Orbaſan und einer der Räuber den Kleinen und führ⸗ ten ihn hinaus in den Hof; dort banden ſie ihm eine ſeidene Schnur, die ſie deßhalb mitgenommen hatten, um den Hals und hingen ihn an der höchſten Spitze des Brunnens auf. Nachdem ſie ſo den Verrath des Elen⸗ den beſtraft hatten, ſtiegen ſie ſelbſt auch hinah in die Waſſerleitung und folgten Muſtapha. Mit Thränen dankten die Beiden ihrem edelmüthigen Retter Orbaſan; doch dieſer trieb ſie eilends zur Flucht an, denn es war ſehr wahrſcheinlich, daß ſie Thiuli⸗Kos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung trennten ſich am andern Tag Muſtapha und ſeine Geretteten von Or⸗ baſan; wahrlich, ſie werden ihn nie vergeſſen. Fatme aber, die befreite Sklavin, ging verkleidet nach Bal⸗ ſora, um ſich dort in ihre Heimath einzuſchiffen. Nach einer kurzen und vergnügten Reiſe kamen die Meinigen in die Heimath. Meinen alten Vater tödtete beinahe die Freude des Wiederſehens; den andern Tag nach ihrer Ankunft veranſtaltete er ein großes Feſt, an welchem die ganze Stadt Theil nahm. Vor einer großen Verſammlung von Verwandten und Freunden mußte mein Bruder ſeine Geſchichte erzählen, und einſtimmig prieſen ſie ihn und den edlen Räuber. Als aber mein Bruder geſchloſſen hatte, ſtand mein Vater auf und führte Zoraiden ihm zu.„So löſe ich 1 — . 95⁵ denn,“ ſprach er mit feierlicher Stimme,„den Fluch von Deinem Haupte; nimm dieſe hin, als die Be⸗ lohnung, die Du Dir durch Deinen raſtloſen Eifer er⸗ kämpft haſt; nimm meinen väterlichen Segen, und möge es nie unſerer Stadt an Männern fehlen, die an brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer Dir gleichen.“ Die Karavane hatte das Ende der Wüſte erreicht, und fröhlich begrüßten die Reiſenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren lieblichen Anblick ſie viele Tage entbehrt hatten. In einem ſchönen Thale lag eine Karavanſerei, die ſie ſich zum Nacht⸗ lager wählten, und obgleich ſie wenig Bequemlichkeit und Erfriſchung darbot, ſo war doch die ganze Ge⸗ ſellſchaft heiterer und zutraulicher als je; denn der Gedanke, den Gefahren und Beſchwerlichkeiten, die eine Reiſe durch die Wüſte mit ſich bringt, entronnen zu ſein, hatte alle Herzen geöffnet, und die Gemüther zu Scherz und Kurzweil geſtimmt. Muley, der junge, luſtige Kaufmann tanzte einen komiſchen Tanz, und ſang Lieder dazu, die ſelbſt dem ernſten Griechen Zaleu⸗ kos ein Lächeln entlockten. Aber nicht genug, daß er ſeine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er gab ihnen auch noch die Geſchichte zum Beſten, die er ihnen verſprochen hatte, und hub, als er von ſeinen Luftſprüngen ſich erholt hatte, alſo zu erzäh⸗ len an: Die Geſchichte von dem kleinen Muck. In Nicea, meiner lieben Vaterſtadt, wohnte ein 96 Mann, den man den kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch ſehr jung war, noch recht wohl denken, beſonders weil ich einmal von meinem Vater wegen ſeiner halb todt geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich war ſchon ein alter Geſelle, als ich ihn kannte, doch war er nur drei bis vier Schuh hoch; dabei hatte er eine ſonderbare Geſtalt, denn ſein Leib, ſo klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel größer und dicker als der Kopf an⸗ derer Leute; er wohnte ganz allein in einem großen Haus und kochte ſich ſogar ſelbſt, auch hätte man in der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder geſtorben ſei⸗ denn er ging alle vier Wochen nur einmal aus, wenn nicht um die Mittagsſtunde ein mächtiger Dampf aus dem Hauſe aufgeſtiegen wäre; doch ſah man ihn oft Abends auf ſeinem Dache auf und abgehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur ſein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich und meine Kameraden waren böſe Buben, die Jedermann gerne neckten und belachten, daher war es uns allemal ein Feſttag, wenn der kleiue Muck ausging; wir ver⸗ ſammelten uns an dem beſtimmten Tage vor ſeinem Haus und warteten, bis er heraus kam; wenn dann die Thüre aufging, und zuerſt der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn dann das übrige Körperlein nachfolgte, angethan mit einem ab⸗ geſchabten Mäntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem ein langer Dolch hing, ſo lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck ſtak, wenn er ſo heraustrat, — -3— 97 da ertönte die Luft von unſerem Freudengeſchrei, wir warfen nnſere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns mit ernſthaftem Kopfnicken und ging mit langſamen Schritten die Straße hinab, dabei ſchlurfte er mit den Füßen, denn er hatte große, weite Pantoffeln an, wie ich ſie ſonſt nie geſehen. Wir Knaben liefen hinter ihm her und ſchrien immer:„Kleiner Muck, kleiner Muck!“ Auch hatten wir ein luſtiges Verslein, das wir, ihm zu Ehren, hie und da ſangen; es hieß: „Kleiner Muck, kleiner Muck, Wohnſt in einem großen Haus, Gehſt nur all' vier Wochen aus, Biſt ein braver, kleiner Zwerg, Haſt ein Köpflein wie ein Berg, Schau Dich einmal um und guck, Lauf und fang uns, kleiner Muck.“ So hatten wir ſchon oft unſere Kurzweil getrieben, und zu meiner Schande muß ich es geſtehen, ich trieb's am ärgſten, denn ich zupfte ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die großen Pantoffeln, daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchſt lächerlich vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zugehen ſah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich verſteckte mich an der Hausthüre und ſah den Muck wieder herauskommen, von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an der Hand hielt, und an der Thüre unter vielen Bücklingen ſich von ihm verabſchie⸗ dete. Mir war gar nicht wohl zu Muth, ich blieb daher lange in meinem Verſteck; endlich aber trieb mich der W. Hauffs Werke. X. 7 98 Hunger, den ich ärger fürchtete als Schläge, heraus, und demüthig und mit geſenktem Kopf trat ich vor meinen Vater.„Du haſt, wie ich höre, den guten Muck geſchimpft?“ ſprach er in ſehr ernſtem Tone. „Ich will Dir die Geſchichte dieſes Muck erzählen, und Du wirſt ihn gewiß nicht mehr auslachen; vor⸗ und nechher aber bekommſt Du das Gewöhnliche.“ Das Gewöhnliche aber war fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher ein langes Pfeiſturohr. ſchraubte die Bernſteinmund⸗ ſpitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor. Als die fünfundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir von dem kleinen Muck: Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Mukrah heißt, war ein angeſehener, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beinahe ſo einſiedleriſch als jetzt ſein Sohn. Dieſen konnte er nicht wohl leiden, weil er ſich ſeiner Zwerggeſtalt ſchämte, und ließ ihn daher auch in Unwiſſenheit aufwachſen. Der kleine Muck war noch in ſeinem ſechzehnten Jahr ein luſtiges Kind, und der Vater, ein ernſter Mann, tadelte ihn immer, daß er, der ſchon längſt die Kinderſchuhe zertreten haben ſollte, noch ſo dumm und läppiſch ſei. Der Alte that aber einmal einen böſen Fall, an welchem er auch ſtarb und den kleinen Muck arm und unwiſſend zurückließ. Die harten Verwandten, denen der Verſtorbene mehr ſchuldig war, als er bezahlen konnte, jagten den armen Kleinen aus dem Hauſe und riethen ihm, in die Welt hinaus zu gehen und ſein Glück zu ſuchen. Der kleine Muck antwortete, er ſei 99 ſchon reiſefertig, bat ſich aber nur noch den Anzug ſeines Vaters aus, und dieſer wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer ſtarker Mann geweſen, da⸗ her paßten die Kleider nicht. Muck aber wußte bald Nath; er ſchnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider an. Er ſchien aber vergeſſen zu haben, daß er auch in der Weite davon ſchneiden müſſe, daher ſein ſonderbarer Anzug, wie er noch heute zu ſehen iſt; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hoſen, das blaue Mäntelein, alles dies ſind Erbſtücke ſeines Vaters, die er ſeitdem getragen; den langen Damas⸗ cenerdolch ſeines Vaters aber ſteckte er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Thor hinaus. Fröhlich wanderte er den ganzen Tag, denn er war ja ausgezogen, um ſein Glück zu ſuchen; wenn er einen Scherben auf der Erde im Sonnenſchein glänzen ſah, ſo ſteckte er ihn gewiß zu ſich, im Glauben, daß er ſich in den ſchönſten Diamant verwandeln werde; ſah er in der Ferne die Kuppel einer Moſchee wie Feuer ſtrahlen, ſah er einen See wie einen Spiegel blinken, ſo eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in einem Zauber⸗ land angekommen zu ſein. Aber ach! Jene Trugbilder verſchwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerte ihn ſeine Müdigkeit und ſein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande der Sterblichen ſich befinde. So war er zwei Tage gereist, unter Hunger und Kummer, und verzweifelte, ſein Glück zu finden; die Früchte des Feldes waren ſeine einzige Nahrung, die harte Erde ſein Nachtlager. Am Morgen des drit⸗ ten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große 5 Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen ſchimmerten auf den Dächern und ſchie⸗ nen den kleinen Muck zu ſich herzuwinken. überraſcht ſtand er ſtille und betrachtete die Stadt und Gegend. „ Ja, dort wird Klein⸗Muck ſein Glück finden,“ ſprach 1 er zu ſich, und machte trotz ſeiner Müdigkeit einen Luftſprung,„dort oder nirgends.“ Er raffte alle ſeine Kräfte zuſammen und ſchritt auf die Stadt zu. Aber obgleich ſie ganz nahe ſchien, konnte er ſie doch erſt gegen Mittag erreichen, denn ſeine kleinen Glieder verſagten ihm beinahe gänzlich ihren Dienſt, und er mußte ſich in den Schatten einer Palme ſetzen, um aus⸗ zuruhen. Endlich war er an dem Thor angelangt. Er 1 legte ſein Mäntelchen zurecht, band den Turban ſchoͤner um, zog den Gürtel noch breiter an und ſteckte den lan⸗ gen Dolch ſchiefer; dann wiſchte er den Staub von den Schuhen, ergriff ſein Stöcklein und ging muthig zum Thor hinein. Er war ſchon einige Straßen durchwandert, aber nirgends öffnete ſich ihm eine Thür, nirgends rief man, wie er ſich vorgeſtellt hatte:„Kleiner Muck, komm herein, iß und trink und laß Deine Füßlein ausruhen.“ Er ſchaute gerade auch wieder recht ſehnſüchtig an einem großen ſchönen Haus hinauf, da öffnete ſich ein„ Fenſter, eine alte Frau ſchaute heraus und rief mit ſingender Stimme: 4 „Herbei, herbei, Gekocht iſt der Brei, Den Tiſch ließ ich decken; Drum laßt es euch ſchmecen; A 101 Ihr Nachbarn herbel, Gekocht iſt der Brei.“ Die Thüre des Hauſes öffnete ſich, und Muck ſah viele Hunde und Katzen hineingehen. Er ſtand einige Augenblicke im Zweifel, ob er der Einladung folgen ſolle, endlich aber faßte er ſich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätz⸗ lein, und er beſchloß, ihnen zu folgen, weil ſie vielleicht die Küche beſſer wüßten als er. Als Muck die Treppe hinaufgeſtiegen war, begeg⸗ nete er jener alten Frau, die zum Fenſter herausge⸗ ſchaut hatte. Sie ſah ihn mürriſch an und fragte nach ſeinem Begehr.„Du haſt ja Jedermann zu Deinem Brei eingeladen,“ antwortete der kleine Muck,„und weil ich gar ſo hungrig bin, bin ich auch gekommen.“ Die Alte lachte und ſprach:„Woher kommſt Dnu denn, wunderlicher Geſell? Die ganze Stadt weiß, daß ich für Niemand koche, als für meine lieben Katzen, und hie und da lade ich ihnen Geſellſchaft aus der Nachbar⸗ ſchaft ein wie Du ſieheſt.“ Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach ſeines Vaters Tod ſo hart ergangen ſei, und bat ſie, ihn heute mit ihren Katzen ſpeiſen zu laſſen. Die Frau, welcher die treu⸗ herzige Erzählung des Kleinen wohlgefiel, erlaubte ihm, ihr Gaſt zu ſein, und gab ihm reichlich zu eſſen und zu trinken. Als er geſättigt und geſtärkt war, betrachtete ihn die Frau lange, und ſagte dann:„Kleiner Muck, bleibe bei mir in meinem Dienſte, Du haſt geringe Mühe und ſollſt gut gehalten ſein.“ Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geſchmeckt hatte, willigte ein und 102 wurde alſo der Bediente der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, aber ſonderbaren Dienſt. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier Katzen, dieſen mußte der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und mit köſtlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, mußte er auf die Katzen Achtung geben, wenn ſie aßen, mußte er ihnen die Schüſſeln vorlegen, und Nachts mußte er ſie auf ſeidene Polſter legen und ſie mit ſamm⸗ tenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus, die er bedienen mußte, doch wurde mit dieſen nicht ſo viele Umſtände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kin⸗ der hielt. übrigens führte Muck ein ſo einſames Leben wie in ſeines Vaters Haus, denn außer der Frau ſah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine Zeit⸗ lang ging es dem kleinen Muck ganz gut, er hatte im⸗ mer zu eſſen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau ſchien recht zufrieden mit ihm zu ſein; aber nach und nach wurden die Katzen unartig; wenn die Alte ausge⸗ gangen war, ſprangen ſie wie beſeſſen in den Zimmern umher, warfen Alles durcheinander und zerbrachen man⸗ ches ſchöne Geſchirr, das ihnen im Wege ſtand. Wenn ſie aber die Frau die Treppe herauf kommen hörten, verkrochen ſie ſich auf ihre Polſter und wedelten ihr mit den Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geſchehen wäre. Die Frau Ahavzi gerieth dann in Zorn, wenn ſie ihre Zimmer ſo verwüſtet ſah, und ſchob Alles auf Muck, er mochte ſeine Unſchuld betheuern wie er wollte, ſie glaubte ihren Katzen, die ſo unſchuldig ausſahen, mehr als ihrem Diener. 2 — 10³ Der kleine Muck war ſehr traurig, daß er alſo auch hier ſein Glück nicht gefunden habe, und beſchloß bei ſich, den Dienſt der Frau Ahavzi zu verlaſſen. Da er aber auf ſeiner erſten Reiſe erfahren hatte, wie ſchlecht man ohne Geld lebt, ſo beſchloß er, den Lohn, den ihm ſeine Gebieterin immer verſprochen, aber nie gegeben hatte, ſich auf irgend eine Art zu verſchaffen. Es befand ſich in dem Hauſe der Frau Ahavzi ein Zimmer, das immer verſchloſſen war, und deſſen Inneres er nie geſe⸗ hen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er hätte oft für ſein Leben gern gewußt, was ſie dort verſteckt habe. Als er nun an ſein Reiſe⸗ geld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schaͤtze der Frau verſteckt ſein könnten. Aber immer war die Thüre feſt verſchloſſen, und er konnte daher den Schätzen nie bei⸗ kommen. Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines der Hündlein, welches von der Frau immer ſehr ſtiefmütterlich behandelt wurde, deſſen Gunſt er ſich aber durch allerlei Liebesdienſte in hohem Grade erworben hatte, an ſeinen weiten Beinkleidern und geberdete ſich dabei, wie wenn Muck ihm folgen ſollte. Muck welcher gerne mit dem Hündchen ſpielte, folgte ihm, und ſiehe da, das Hükdchen führte ihn in die Schlafkammer der Frau Ahavzi und vor eine kleine Thüre, die er nie zuvor dort bemerkt hatte. Die Thüre war bald offen. Das Hündlein ging hinein, und Muck folgte ihm, und freudig war er überraſcht, als er ſah, daß er ſich in dem Gemache befinde, das ſchon lange das Ziel ſeiner Wünſche war. Er ſpähte überall umher, ob 104 er kein Geld finden könnte, fand aber nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geſchirre ſtanden umher. Eines dieſer Geſchirre zog ſeine beſondere Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. Es war von Kryſtall, und ſchöne Figuren waren darauf ausgeſchnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber, o Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es einen Deckel hatte, der nur leicht darauf hingeſetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in tauſend Stücken. Lange ſtand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war ſein Schickſal entſchieden, jetzt mußte er ent⸗ fliehen, ſonſt ſchlug ihn die Alte todt. Sogleich war auch ſeine Reiſe beſchloſſen, und nur noch einmal wollte er ſich umſchauen, ob er nichts von den Habſeligkeiten der Frau Ahavzi zu ſeinem Marſch brauchen könnte. Da fielen ihm ein Paar mächtige große Pantoffeln ins Auge, ſie waren zwar nicht ſchön, aber ſeine eigenen konnten keine Reiſe mehr mitmachen, auch zogen ihn jene wegen ihrer Größe an, denn hatte er dieſe am Fuß, ſo mußten ihm hoffentlich alle Leute anſehen, daß er die Kinderſchuhe vertreten habe. Er zog alſo ſchnell ſeine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein Ein Spazierſtöcklein mit einem ſchön geſchnittenen Löwen⸗ kopf ſchien ihm auch hier allzumüßig in der Ecke zu ſtehen, er nahm es alſo mit und eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf ſeine Kammer, zog ſein Mäntelein an, ſetzte den väterlichen Turban auf, ſteckte den Dolch in den Gürtel und lief, ſo ſchnell als ihn ſeine Füße trugen, zum Haus und zur Stadt hin⸗ aus. Vor der Stadt lief er, aus Angſt vor der Alten, —— „ vergraben iſt, da wird es dreimal auf die Erde ſchlagen, 10⁵ immer welter ſort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So ſchnell war er in ſeinem Leben nicht gegangen, ja es ſchien ihm, als könne er gar nicht auf⸗ hören, zu rennen, denn eine unſichtbare Gewalt ſchien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den Pantoffeln eine eigene Bewandtniß haben müſſe, denn dieſe ſchoſſen immer fort und führten ihn mit ſich. Er verſuchte auf allerlei Weiſe ſtill zu ſtehen, aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchſten Noth, wie man den Pferden zuruft, ſich ſelbſt zu:„Oh— oh, halt, oh!“ Da hielten die Pantoffeln; und Muck warf ſich erſchöpft auf die Erde nieder. Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er ſich denn doch durch ſeine Dienſte etwas erworben, das ihm in der Welt, auf ſeinem Weg, das Glück zu ſuchen, forthelfen konnte. Er ſchlief trotz ſeiner Freude, vor Erſchöpfung ein, denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen ſo ſchweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum erſchien ihm das Hündlein, welches ihm im Hauſe der Frau Ahavzi zu den Pantoffeln verholfen hatte, und ſprach zu ihm: „Lieber Muck, Du verſtehſt den Gebrauch der Pan⸗ toffeln noch nicht recht: wiſſe, daß wenn Du Dich in ihnen dreimal auf dem Abſatz herum drehſt, ſo kannſt Du hinfliegen, wohin Du nur willſt, und mit dem Stöcklein kannſt Du Schätze finden, denn wo Gold bei Silber zweimal.“ So träumte der kleine Muck. Als er aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beſchloß, alsbald einen Verſuch zu 10⁶ machen. Er zog die Pantoffeln an, hob einen Fuß auf und begann ſich auf dem Abſatz umzudrehen. Wer es aber jemals verſucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieſes Kunſtſtück dreimal hinter einander zu machen, der wird ſich nicht wundern, wenn es dem kleinen Muck nicht gleich glückte, beſonders wenn man bedenkt, daß ihn ſein ſchwerer Kopf bald auf dieſe, bald auf jene Seite hinüberzog. Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Naſe, doch ließ er ſich nicht abſchrecken, den Verſuch zu wiederholen, und endlich glückte es. Wie ein Rad fuhr er auf ſeinem Abſatz herum, wünſchte ſich in die nächſte große Stadt, und— die Pantoffeln ruderten hinauf in die Lüfte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe ſich der kleine Muck noch beſinnen konnte, wie ihm geſchah, befand er ſich ſchon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeſchlagen waren, und unzählige Menſchen geſchäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber für rathſamer, ſich in eine einſamere Straße zu begeben, denn auf dem Markt trat ihm da bald Einer auf die Pantoffel, daß er beinahe umfiel, bald ſtieß er mit ſeinem weithinausſtehenden Dolch Einen oder den An⸗ dern an, daß er mit Mühe den Schlägen entging. Der kleine Muck bedachte nun ernſtlich, was er wohl anfangen könnte, um ſich ein Stück Geld zu ver⸗ dienen. Er hatte zwar ein Stäblein, das ihm verbor⸗ gene Schätze anzeigte, aber wo ſollte er gleich einen Platz finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er ſich zur Noth für Geld ſehen laſſen —— 107 können, aber dazu war er doch zu ſtolz. Endlich fiel ihm die Schnelligkeit ſeiner Füße ein. Vielleicht dachte er, können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren, und er beſchloß, ſich als Schnellläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, daß der König dieſer Stadt ſolche Dienſte am beſten bezahle, ſo erfragte er den Palaſt. Unter dem Thor des Palaſtes ſtand eine Wache, die ihn fragte, was er hier zu ſuchen habe? Auf ſeine Antwort, daß er einen Dienſt ſuche wies man ihn zum Aufſeher der Sklaven. Dieſem trug er ſein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienſt unter den könig⸗ lichen Boten zu beſorgen. Der Aufſeher maß ihn mit ſeinen Augen vom Kopf bis zu den Füßen, und ſprach: „Wie, mit Deinen Füßlein, die kaum ſo lang als eine Spanne ſind, willſt Du königlicher Schnellläufer wer⸗ den? Hebe Dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem „Narren Kurzweil zu machen.“ Der kleine Muck ver⸗ ſicherte ihn aber, daß es ihm vollkommen Ernſt ſei mit ſeinem Antrag, und daß er es mit dem Schnellſten auf eine Wette ankommen laſſen wollte. Dem Aufſeher kam die Sache gar lächerlich vor. Er befahl ihm, ſich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereit zu halten, führte ihn in die Küche und ſorgte dafür, daß ihm gehörig Speiſe und Trank gereicht wurde. Er ſelbſt aber begab ſich zum König und erzählte ihm vom kleinen Menſchen und ſeinem Anerbieten. Der König war ein luſtiger Herr, daher gefiel es ihm wohl, daß der Aufſeher der Sklaven den kleinen Muck zu einem Spaß behalten habe. Er befahl ihm, auf einer großen Wieſe hinter dem Schloß Anſtalten zu treffen, daß das 10⁰8 Wettlaufen mit Bequemlichkeit von ſeinem ganzen Hofſtaat könnte geſehen werden, und befahl ihm noch⸗ mals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte ſeinen Prinzen und Prinzeſſinnen, was ſie dieſen Abend für ein Schauſpiel haben würden. Dieſe erzählten es wieder ihren Dienern, und als der Abend herankam, war man in geſpannter Erwartung, und alles was Füße hatte, ſtrömte hinaus auf die Wieſe, wo Gerüſte aufgeſchlagen waren, um den großſpreche⸗ riſchen Zwerg laufen zu ſehen. Als der König und ſeine Söhne und Töchter auf dem Gerüſt Platz genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wieſe und machte vor den hohen Herrſchaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein allgemeines Freudengeſchrei ertönte, als man den Klei⸗ nen anſichtig wurde; eine ſolche Figur hatte man dort noch nie geſehen. Das Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen Füßlein in den weiten Pantoffeln— nein! es war zu drollig anzuſehen, als daß man nicht hätte laut lachen ſollen. Der kleine Muck ließ ſich aber durch das Gelächter nicht irre machen. Er ſtellte ſich ſtolz, auf ſein Stöcklein ge⸗ ſtützt, hin und erwartete ſeinen Gegner. Der Aufſeher der Sklaven hatte nach Mucks eigenem Wunſche den beſten Läufer ausgeſucht. Dieſer trat nun heraus, ſtellte ſich neben den Kleinen und Beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzeſſin Amarza, wie es ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei —— —— 3 109 Pfeile, auf daſſelbe Ziel abgeſchoſſen, flogen die beiden Wettläufer über die Wieſe hin. Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorſprung, aber dieſer jagte ihm auf ſeinem Pantoffel⸗ fuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing ihn und ſtand längſt am Ziele, als jener noch, nach Luft ſchnappend, daher lief. Verwunderung und Staunen feſſelte einige Augenblicke die Zuſchauer; als aber der König zuerſt in die Hände klatſchte, da jauchzte die Menge und Alle riefen:„Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!“ Man hatte indeß den kleinen Muck herbeigebracht; er warf ſich vor dem König nieder und ſprach:„Groß⸗ mächtigſter König, ich habe Dir hier nur eine kleine Probe meiner Kunſt gegeben, wolle nun geſtatten, daß man mir eine Stelle unter Deinen Läufern gebe.“ Der König aber antwortete ihm:„Nein, Du ſollſt mein Leibläufer und immer um meine Perſon ſein, lieber Muck, jährlich ſollſt Du hundert Goldſtücke erhalten als Lohn, und an der Tafel meiner erſten Diener ſollſt Du ſpeiſen.“ So glaubte denn Muck endlich das Glück gefunden zu haben, das er ſo lange ſuchte, und war fröhlich und wohlgemuth in ſeinem Herzen. Auch erfreute er ſich der beſonderen Gnade des Königs, denn dieſer gebrauchte ihn zu ſeinen ſchnellſten und geheimſten Sendungen, die er dann mit der größten Genauigkeit und mit unbe⸗ greiflicher Schnelle beſorgte. Aber die übrigen Diener des Königes waren ihm gar nicht zugethan, weil ſie ſich ungern durch einen 110 Zwerg, der nichts verſtand als ſchnell zu laufen, in der Gunſt ihres Herrn zurückgeſetzt ſahen. Sie veranſtal⸗ teten daher manche Verſchwörung gegen ihn, um ihn zu ſtürzen, aber alle ſchlugen fehl an dem großen Zu⸗ trauen, das der König in ſeinen geheimen Oberleib⸗ läufer(denn zu dieſer Würde hatte er es in ſo kurzer Zeit gebracht) ſetzte. Muck, dem dieſe Bewegungen gegen ihn nicht ent⸗ gingen, ſann nicht auf Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte er, ſich bei ſeinen Feinden nothwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm ſein Stäblein, das er in ſeinem Glück außer Acht gelaſſen hatte, ein; wenn er Schätze finde, dachte er, werden ihm die Herren ſchon geneigter werden. Er hatte ſchon oft gehört, daß der Vater des jetzigen Königs viele ſeiner Schätze vergraben habe, als der Feind ſein Land überfallen; man ſagte auch, er ſei darüber ge⸗ ſtorben, ohne daß er ſein Geheimniß habe ſeinem Sohn mittheilen können. Von nun an nahm Muck immer ſein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal an einem Ort vorüber zu gehen, wo das Geld des alten Königs vergraben ſei. Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Theil des Schloßgartens, den er wenig beſuchte, und plötzich fühlt er das Stöcklein in ſeiner Hand zucken, und dreimal ſchlug es gegen den Boden. Nun wußte er ſchon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher ſeinen Dolch heraus, machte Zeichen in die umſtehenden Bäume und ſchlich ſich wieder in das Schloß; vort verſchaffte er ſich einen Spaten und wartete die Nacht zu ſeinem Unternehmen ab. 111 Das Schatzgraben ſelbſt machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu ſchaffen als er geglaubt hatte. Seine Arme waren gar zu ſchwach, ſein Spaten aber groß und ſchwer, und er mochte wohl ſchon zwei Stunden gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß tief gegraben hatte. Endlich ſtieß er auf etwas Hartes, das wie Eiſen klang. Er grub jetzt emſiger, und bald hatte er einen großen eiſernen Deckel zu Tage gefördert; er ſtieg ſelbſt in die Grube hinab, um nachzuſpähen, was wohl der Deckel könnte bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf mit Goldſtücken angefüllt. Aber ſeine ſchwa⸗ chen Kräfte reichten nicht hin, den Topf zu heben, da⸗ her ſteckte er in ſeine Beinkleider und ſeinen Gürtel ſo viel er zu tragen vermochte, und auch ſein Mäntelein füllte er damit, bedeckte das Übrige wieder ſorgfältig und lud es auf den Rücken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffel nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, ſo zog ihn die Laſt des Goldes nieder. Doch unbemerkt kam er auf ſein Zimmer und ver⸗ wahrte dort ſein Gold unter den Polſtern ſeines Sophas. Als der kleine Muck ſich im Beſitz ſo vielen Goldes ſah, glaubte er, das Blatt werde ſich jetzt wenden, und er werde ſich unter ſeinen Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber ſchon daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar zu ſorgfältige Erziehung genoſſen haben mußte, ſonſt hätte er ſich wohl nicht einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach! daß er damals ſeine Pan⸗ toffeln geſchmiert und ſich mit ſeinem Mäntelein voll Gold aus dem Staub gemacht hätte! 112 Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austheilte, erweckte den Neid der übri⸗ gen Hofbedienten. Der Küchenmeiſter Ahuli ſagte:„Er iſt ein Falſchmünzer.“ Der Sklavenaufſeher Achmet ſagte:„Er hat'’s dem König abgeſchwatzt.“ Archaz, der Schatzmeiſter aber, ſein ärgſter Feind, der ſelbſt hie und da einen Griff in des Königs Kaſſe thun mochte, ſagte geradezu:„Er hat's geſtohlen.“ Um nun ihrer Sache gewiß zu ſein, verabredeten ſie ſich, und der Ober⸗ mundſchenk Korchuz ſtellte ſich eines Tages recht traurig und niedergeſchlagen vor den Augen des Königs. Er machte ſeine traurigen Geberden ſo auffallend, daß ihn der König fragte, was ihm fehle.„Ach!“ antwortete er,„ich bin traurig, daß ich die Gnade meines Herrn verloren habe.“ „Was fabelſt Du, Freund Korchuz?“ entgegnete ihm der König.„Seit wann hätte ich die Sonne meiner Gnade nicht über Dich leuchten laſſen?“ Der Ober⸗ mundſchenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen Oberleibläufer mit Gold belade, ſeinen armen treuen Dienern aber nichts gebe. Der König war ſehr erſtaunt über dieſe Nachricht, ließ ſich die Goldaustheilungen des kleinen Muck er⸗ zählen, und die Verſchworenen brachten ihm leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgend eine Art das Geld aus der Schatzkammer geſtohlen habe. Sehr lieb war dieſe Wendung der Sache dem Schatzmeiſter, der ohne⸗ hin nicht gerne Rechnung ablegte. Der König gab daher B den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen Muck Acht zu geben, um ihn wo möglich auf der That zu er⸗ — ,— ——— 113 tappen. Als nun in der Nacht, die auf dieſen Unglücks⸗ tag folgte, der kleine Muck, da er durch ſeine Frei⸗ gebigkeit ſeine Kaſſe ſehr erſchöpft ſah, den Spaten nahm und in den Schloßgarten ſchlich, um dort von ſeinem geheimen Schatze neuen Vorrath zu holen, folg⸗ ten ihm von weitem die Wachen, von dem Küchenmeiſter Ahuli und Archaz, dem Schatzmeiſter, angeführt, und in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in ſein Mäntelein legen wollte, fielen ſie über ihn her, banden ihn und führten ihn ſogleich vor den König. Dieſer, den ohnehin die Unterbrechung ſeines Schlafes mürriſch gemacht hatte, empfing ſeinen armen geheimen Obekleibläufer ſehr ungnädig und ſtellte ſogleich das Verhör über ihn an. Man hatte den Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs geſetzt. Der Schatzmeiſter ſagte aus, daß er mit ſeinen Wachen den Muck überraſcht habe, wie er dieſen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe. Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr ſei, und woher er das Gold, das er vergraben, bekommen habe? Der kleine Muck, im Gefühle ſeiner Unſchuld, ſagte aus, daß er dieſen Topf im Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein⸗, ſondern ausgraben wollen. digung, der König aber, aufs Höchſte erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen, rief aus: „Wie, Elender! Du willſt Deinen König ſo dumm W. Hauffs Werke, X.— 3 Ang beſenden lachten laut über dieſe Entſchul⸗ 114 und ſchändlich belügen, nachdem Du ihn beſtohlen haſt? Schatzmeiſter Archaz! Ich fordere Dich auf, zu ſagen, ob Du dieſe Summe Goldes für die nämliche erkennſt, die in meinem Schatze fehlt?“ Der Schatzmeiſter aber antwortete, er ſei ſeiner Sache ganz gewiß, ſo viel und noch mehr fehle ſeit einiger Zeit in dem königlichen Schatz, und er könnte einen Eid darauf ablegen, daß dies das Geſtohlene ſei. Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ketten zu legen und in den Thurm zu führen, dem Schatzmeiſter aber übergab er das Gold, um es wieder in den Schatz zu tragen. Vergnügt über den glücklichen Ausgang der Sache zog dieſer ab und zählte zu Hauſe die blinkenden Goldſtücke; aber das hat dieſer ſchlechte Mann niemals angezeigt, daß unten in dem Topf ein Zettel lag, der ſagte:„Der Feind hat mein Land überſchwemmt, daher verberge ich hier einen Theil mei⸗ ner Schätze; wer es auch finden mag, den treffe der Fluch ſeines Königs, wenn er es nicht ſogleich meinem Sohne ausliefert.— König Sadi.“ Der kleine Muck ſtellte in ſeinem Kerker traurige Betrachtungen an; er wußte, daß auf Diebſtahl an königlichen Sachen der Tod geſetzt war: und doch mochte er das Geheimniß mit dem Stäbchen dem Kö⸗ nige nicht verrathen, weil er mit Recht fürchtete, dieſes und ſeiner Pantoffeln beraubt zu werden. Seine Pan⸗ toffeln konnten ihm leider auch keine Hülfe bringen, denn da er in engen Ketten an die Mauer geſchloſſen war, konnte er, ſo ſehr er ſich quälte, ſich nicht auf 6 6 115 dem Abſatz umdrehen. Als ihm aber am andern Tage ſein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es ſei beſſer, ohne das Zauberſtäbchen zu leben, als mit ihm zu ſterben, ließ den König um geheimes Gehör bitten und entdeckte ihm das Geheimniß. Der König maß von Anfang ſeinem Geſtändniß keinen Glauben bei; aber der kleine Muck verſprach eine Probe, wenn ihm der König zugeßände, daß er nicht getödtet wer⸗ den ſolle. Der König gab ihm ſein Wort darauf und ließ, von Muck ungeſehen, einiges Gold in die Erde Gaben, und befahl dieſem, mit ſeinem Stäbchen zu ſuchen. In wenigen Augenblicken hatte er es gefun⸗ den, denn das Stäbchen ſchlug deutlich dreimal auf die Erde. Da merkte der König, daß ihn ſein Schatz⸗ meiſter betrogen hatte, und ſandte ihm(wie es im Morgenland gebräuchlich iſt) eine ſeidene Schnur, damit er ſich ſelbſt erdroßle. Zum kleinen Muck aber ſprach er:„Ich habe Dir zwar Dein Leben verſpro⸗ chen, aber es ſcheint mir, als ob Du nicht nur allein dieſes Geheimniß mit dem Stäbchen beſitzeſt; darum bleibſt Du in ewiger Gefangenſchaft, wenn Du nicht geſtehſt, was für eine Bewandtniß es mit Deinem Schnelllaufen hat. Der kleine Muck, dem die einzige Nacht im Thurm alle Luſt zu längerer Gefangenſchaft benommen hatte, bekannte, daß ſeine ganze Kunſt in den Pantoffeln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheimniß von dem dreimaligen Umdrehen auf dem Abſatz. Der König ſchlüpfte ſelbſt in die Pantoffeln, um die Probe zu machen, und jagte wie unſinnig im Garten umher; oft wollte er anhalten, aber er wußte * 116 nicht, wie man die Pantoffeln zum Stehen brachte, und der kleine Muck, der dieſe kleine Rache ſich nicht verſagen konnte, ließ ihn laufen, bis er ohnmächtig niederfiel. Als der König wieder zur Beſinnung zurückgekehrt war, war er ſchrecklich aufgebracht über den kleinen Muck, der ihn ſo ganz außer Athem hatte laufen laſ⸗ ſen.„Ich habe Dir mein Wort gegeben, Dir Freiheit und Leben zu ſchenken, aber innerhalb zwölf Stunden mußt Du mein Land verlaſſen, ſonſt laſſe ich Dich aufknüpfen.“ Die Pantoffeln und das Stäbchen aber ließ er in ſeine Schatzkammer legen. So arm als je wanderte der kleine Muck zum Land hinaus, ſeine Thorheit verwünſchend, die ihm vorge⸗ ſpiegelt hatte, er könne eine bedeutende Rolle am Hofe ſpielen. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß, daher war er ſchon nach acht Stunden auf der Grenze, obgleich ihm das Gehen, da er an ſeine lieben Pantoffeln gewöhnt war, ſehr ſaner ankam. 4 Als er über der Grenze war, verließ er die ge⸗ wöhnliche Straße, um die dichteſte Einöde der Wälder aufzuſuchen und dort nur ſich zu leben; denn er war allen Menſchen gram. In einem dichten Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem Entſchluß, den er gefaßt hatte, ganz tauglich ſchien. Ein klarer Bach, von großen ſchattigen Feigenbäumen umgeben, ein weicher Raſen luden ihn ein, hier warf er ſich nieder, mit dem Entſchluß, keine Speiſe mehr zu ſich zu neh⸗ men, ſondern hier den Tod zu erwarten. Ueber 117 traurigen Todesbetrachtungen ſchlief er ein; als er aber wieder aufwachte, und der Hunger ihn zu quä⸗ len anfing, bedachte er doch, daß der Hungerstod eine gefährliche Sache ſei, und ſah ſich um, ob er nirgends etwas zu eſſen bekommen könnte. Köſtliche reife Früchte hingen an dem Baume, un⸗ ter welchem er geſchlafen hatte; er ſtieg hinauf, um ſich einige zu pflücken, ließ es ſich trefflich ſchmecken und ging dann hinunter an den Bach, um ſeinen Durſt zu löſchen. Aber wie groß war ſein Schrecken, als ihm das Waſſer ſeinen Kopf mit zwei gewaltigen Oh⸗ ren und einer dicken langen Naſe geſchmückt zeigte! Beſtürzt griff er mit den beiden Händen nach den Oh⸗ ren, und wirklich, ſie waren über eine halbe Elle lang. „Ich verdiene Eſelsohren!“ rief er aus.„Denn ich habe mein Glück wie ein Eſel mit Füßen getreten.“ — Er wanderte unter den Bäumen umher, und als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch einmal zu den Feigen ſeine Zuflucht nehmen, denn ſonſt fand er nichts Eßbares an den Bäumen. Als ihm über der zweiten Portion Feigen einfiel, ob wohl ſeine Ohren noch unter ſeinem großen Turban Platz hätten, damit er doch nicht gar zu lächerlich ausſehe, fühlte er, daß ſeine Ohren verſchwunden ſeien. Er lief gleich an den Bach zurück, um ſich davon zu überzeugen, und wirk⸗ lich, es war ſo, ſeine Ohren hatten ihre vorige Ge⸗ ſtalt, ſeine lange unförmliche Naſe hatte er nicht mehr. Jetzt merkte er aber, wie dies gekommen war; von dem erſten Feigenbaum hatte er die lange Naſe und Ohren bekommen, der zweite hatte ihn geheilt; freua 118* dig erkannte er, daß ſein gütiges Geſchick ihm noch einmal die Mittel in die Hand gebe, glücklich zu ſein. Er pflückte daher von jedem Baum ſo viel er tragen konnte, und ging in das Land zurück, das er vor Kur⸗ zem verlaſſen hatte. Dort machte er ſich in dem erſten Städtchen durch andere Kleider ganz unkenntlich und ging dann weiter auf die Stadt zu, die jener König bewohnte, und kam auch bald dort an. Es war gerade zu einer Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziemlich ſelten waren; der kleine Muck ſetzte ſich daher unter das Thor des Palaſtes, denn ihm war von früherer Zeit her wohl bekannt, daß hier ſolche Seltenheiten von dem Küchenmeiſter für die königliche Tafel eingekauft wurden. Muck hatte noch nicht lange geſeſſen, als er den Küchenmeiſter über den Hof herüberſchreiten ſah. Er muſterte die Waaren der Verkäufer, die ſich am Thor des Palaſtes eingefunden hatten, endlich fiel ſein Blick auch auf Mucks Körb⸗ chen.„Ah! ein ſeltener Biſſen,“ ſagte er,„der Ihro Majeſtät gewiß behagen wird: was willſt Du für den ganzen Korb?“ Der kleine Muck beſtimmte einen mäßigen Preis, und ſie waren bald des Handels einig. Der Küchenmeiſter übergab den Korb einem Sklaven und ging weiter; der kleine Muck machte ſich einſt⸗ weilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn ſich das Unglück an den Köpfen des Hofes zeige, möchte man ihn als Verkäufer aufſuchen und beſtrafen. Deerr König war über Tiſch ſehr heiter geſtimmt und ſagte ſeinem Küchenmeiſter einmal über das an⸗ dere Lobſprüche wegen ſeiner guten Küche und der 1¹9 Sorgfalt, mit der er immer das Seltenſte für ihn ausſuche; der Küchenmeiſter aber, welcher wohl wußte, welchen Leckerbiſſen er noch im Hintergrund habe, ſchmunzelte gar freundlich und ließ nur einzelne Worte fallen:„Es iſt erſt noch nicht aller Tage Abend,“ oder: „Ende gut, Alles gut,“ ſo daß die Prinzeſſinnen ſehr neugierig wurden, was er wohl noch bringen werde. Als er aber die ſchönen einladenden Feigen aufſetzen ließ, da entfloh ein allgemeines Ah! dem Munde der Anweſenden.„Wie reif, wie appetitlich!“ rief der Kö⸗ nig.„Küchenmeiſter, Du biſt ein ganzer Kerl, und verdienſt unſere ganz beſondere Gnade!“ Alſo ſpre⸗ chend theilte der König, der mit ſolchen Leckerbiſſen ſehr ſparſam zu ſein pflegte, mit eigner Hand die Feigen an ſeiner Tafel aus. Jeder Prinz und jede Prinzeſſin bekam zwei, die Hofdamen und die Veziere und Aga's eine, die übrigen ſtellte er vor ſich hin und begann mit großem Behagen ſie zu verſchlingen. „Aber lieber Gott, wie ſiehſt Du ſo wunderlich aus, Vater,“ rief auf einmal die Prinzeſſin Amarza. Alle ſehen den König erſtaunt an, ungeheure Ohren hingen ihm am Kopf, eine lange Naſe zog ſich über ſein Kinn herunter; auch ſich ſelbſt betrachteten ſie unter einander mit Staunen und Schrecken, Alle wa⸗ ren mehr oder minder mit dem ſonderbaren Kopfputz geſchmückt. Man denke ſich den Schrecken des Hofes! Man ſchickte ſogleich nach allen Ärzten der Stadt, ſie kamen Haufenweiſe, verordneten Pillen und Mirturen, aber 5 1²⁰. die Ohren und die Naſen blieben. Man operirte einen der Prinzen, aber die Ohren wuchſen nach. Muck hatte die ganze Geſchichte in ſeinem Ver⸗ ſteck, wohin er ſich zurückgezogen hatte, gehört und erkannte, daß es jetzt Zeit ſei, zu handeln. Er hatte ſich ſchon vorher von dem aus den Feigen gelösten Geld einen Anzug verſchafft, der ihn als Gelehrten darſtellen konnte; ein langer Bart von Ziegenhaaren vollendete die Täuſchung. Mit einem Säckchen voll Feigen wanderte er in den Palaſt des Königs und bot als fremder Arzt ſeine Hülfe an. Man war von An⸗ fang ſehr ungläubig, als aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu eſſen gab und Ohren und Naſe dadurch in den alten Zuſtand zurückbrachte, da wollte Alles von dem fremden Arzte geheilt ſein. Aber der König nahm ihn ſchweigend bei der Hand und führte ihn in ſein Gemach; dort ſchloß er eine Thüre auf, die in die Schatzkammer führte, und winkte Muck ihm zu folgen.„Hier ſind meine Schätze,“ ſprach der König,„wähle Dir, was es auch ſei, es ſoll Dir ge⸗ währt werden, wenn Du mich von dieſem ſchmach⸗ vollen Übel befreiſt.“ Das war ſüße Muſik in des klei⸗ nen Mucks Ohren; er hatte gleich beim Eintritt ſeine Pantoffeln auf dem Boden ſtehen ſehen, gleich daneben lag auch ſein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs bewundern wollte; kaum aber war er an ſeine Pantoffeln gekom⸗ men, ſo ſchlüpfte er eilends hinein, ergriff ſein Stäb⸗ chen, riß ſeinen falſchen Bart herab, und zeigte dem. erſtaunten König das wohlbekannte Geſicht ſeines ver⸗ 1 8 — 4 . 4 121 ſtoßenen Mucks.„Treuloſer König,“ ſprach er,„der Du treue Dienſte mit Undank lohnſt, nimm als wohl⸗ verdiente Strafe die Mißgeſtalt, die Du trägſt. Die Ohren laß ich Dir zurück, damit ſie Dich täglich er⸗ innern an den kleinen Muck.“ Als er ſo geſprochen hatte, drehte er ſich ſchnell auf dem Abſatz herum, wünſchte ſich weit hinweg, und ehe noch der König um Hülfe rufen konnte, war der kleine Muck entflohen. Seitdem lebt der kleine Muck hier in großem Wohl⸗ ſtand, aber einſam, denn er verachtet die Menſchen. Er iſt durch Erfahrung ein weiſer Mann geworden, welcher, wenn auch ſein Außeres etwas Auffallendes haben mag, Deine Bewunderung mehr als Deinen Spott verdient.— So erzählte mir mein Vater. Ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes Betragen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater ſchenkte mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hatte. Ich er⸗ zählte meinen Kameraden die wunderbaren Schickſale des Kleinen, und wir gewannen ihn ſo lieb, daß ihn keiner mehr ſchimpfte. Im Gegentheil, wir ehrten ihn, ſo lange er lebte, und haben uns vor ihm immer ſo tief als pör Kadi und Miufti Bebüist. Die Reiſenden beſchloſſen, einen Raſttag in dieſer Karayanſerei zu machen, um ſich und die Thiere zur 5 weiteren Reiſe zu ſtärken. Die geſtrige Fröhlichkeit ging auch auf dieſen Tag über, und ſie ergötzten ſich mit allerlei Spielen. Nach dem Eſſen aber riefen ſie dem fünften Kaufmann, Ali Sizah, zu, auch ſeine 122 Schuldigkeit gleich den übrigen zu thun, und eine Ge⸗ ſchichte zu erzählen. Er antwortete, ſein Leben ſei zu arm an auffallenden Begebenheiten, als daß er ihnen etwas davon mittheilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, nämlich: Das Mährchen vom falſchen Prinzen. Das Mührchen vom falſchen Prinzen. Es war einmal ein ehrſamer Schneidergeſelle, Namens Labakan, der bei einem geſchickten Meiſter in Aleſſandria ſein Handwerk lernte. Man konnte nicht ſagen, daß Labakan ungeſchickt mit der Nadel war, im Gegentheil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch that man ihm Unrecht, wenn man ihn geradezu faul ſchalt. Aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Geſellen, denn er konnte oft ſtundenlang in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück, wie keinem Andern. Ein andermal aber, und dies geſchah leider öfters, ſaß er in tiefen Gedanken, ſah mit ſtarren Augen vor ſich hin und hatte dabei in Geſicht und Weſen etwas ſo Eigenes, daß ſein Meiſter und die übrigen Geſellen von dieſem Zuſtande nie an⸗ ders ſprachen als:„Labakan hat wieder ſein vorneh⸗ mes Geſicht!“ Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre Arbeit gingen; trat Labakan in einem ſchönen Kleid, das er ſich mit vieler Mühe zuſammengeſpart hatte, aus der Moſchee, ging langſam und ſtolzen Schrittes durch die Plätze und Straßen der 1 123 Stadt, und wenn ihm einer ſeiner Kameraden ein „Friede ſei mit Dir,“ oder„Wie geht es, Freund La⸗ bakan?“ bot, ſo winkte er gnädig mit der Hand oder nickte, wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann ſein Meiſter im Spaß zu ihm ſagte:„An Dir iſt ein Prinz verloren gegangen, Labakan,“ ſo freute er ſich darüber und antwortete:„Habt Ihr das auch bemerkt?“ oder:„Ich habe es ſchon lang ge⸗ dacht!“ So trieb es der ehrſame Schneidergeſelle Labakan ſchon eine geraume Zeit, ſein Meiſter aber duldete ſeine Narrheit, weil er ſonſt ein guter Menſch und geſchickter Arbeiter war. Aber eines Tages ſchickte Selim, der Bruder des Sultans, der gerade durch Aleſſandria reiste, ein Feſtkleid zu dem Meiſter, um Einiges daran verändern zu laſſen, und der Meiſter gab es Labakan, weil dieſer die feinſte Arbeit machte. Als Abends der Meiſter und die Geſellen ſich hinwegbegeben hatten, um nach des Tages Laſt ſich zu erholen, trieb eine un⸗ widerſtehliche Sehnſucht Labakan wieder in die Werk⸗ ſtätte zurück, wo das Kleid des kaiſerlichen Bruders hing. Er ſtand lange ſinnend davor, bald den Glauz der Stickerei, bald die ſchillernden Farben des Sammets und der Seide an dem Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er mußte es anziehen, und ſiehe da, es paßte ihm ſo trefflich, wie wenn es für ihn wäre ge⸗ macht worden.„Bin ich nicht ſo gut ein Prinz als einer?“ fragte er ſich indem er im Zimmer auf⸗ und abſchritt.„Hat nicht der Meiſter ſelbſt ſchon geſagt, daß ich zum Prinzen geboren ſei?“ Mit den Kleidern 124 ſchien der Geſelle eine ganz königliche Geſinnung an⸗ gezogen zu haben; er konnte ſich nicht anders denken, als er ſei ein unbekannter Königsſohn, und als ſolcher beſchloß er, in die Welt zu reiſen und einen Ort zu Kleid ſchien ihm von einer gütigen Fee geſchickt; er hütete ſich daher wohl, ein ſo theures Geſchenk zu ver⸗ ſchmähen, ſteckte ſeine geringe Baarſchaft zu ſich und wanderte, begünſtigt von dem Dunkel der Nacht, aus Der neue Prinz erregte überall auf ſeiner Wan⸗ krſchaft Verwunderung, denn das prachtvolle Kleid und ſein ernſtes, majeſtätiſches Weſen wollte gar nicht paſſen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber befragte, pflegte er mit geheimnißvoller Miene zu antworten, daß das ſeine eigenen Urſachen habe. Als er aber merkte, daß er ſich durch ſeine Fußwanderungen geſetzten Ruhe und Sanftmuth nie in Verlegenheit brachte, ſich als geſchickten Reiter zeigen zu müſſen, was gar nicht ſeine Sache war. zog, ſchloß ſich ein Reiter an ihn an und bat ihn, in ſeiner Geſellſchaft reiten zu dürfen, weil ihm der Weg viel kürzer werde im Geſpräch mit einem Andern. Der Reiter war ein fröhlicher, junger Mann, ſchön und — 12⁵ angenehm im Umgang. Er hatte mit Labakan bald ein Geſpräch angeknüpft über woher und wohin, und es traf ſich, daß auch er, wie der Schneidergeſelle, ohne Plan in die Welt hinauszog. Er ſagte, er heiße Omar, ſei der Neffe Elfi Beys, des unglücklichen Baſſa's von Kairo, und reiſe nun umher, um einen Auftrag, den ihm ſein Oheim auf dem Sterbebette ertheilt habe, auszurichten. Labakan ließ ſich nicht ſo offenherzig über ſeine Verhältniſſe aus, er gab ihm zu verſtehen, daß er von hoher Abkunft ſei und zu ſeinem Vergnü⸗ gen reiſe. Die beiden jungen Herren fanden Gefallen an einander und zogen fürder. Am zweiten Tage ihrer ge⸗ meinſchaftlichen Reiſe fragte Labakan ſeinen Gefährteßt Omar nach den Aufträgen, die er zu beſorgen habe, und erfuhr zu ſeinem Erſtaunen Folgendes:„Elfi Bey, der Baſſa von Kairo, hatte den Omar ſeitz ſeiner früheſten Kindheit erzogen, und dieſer hatte ſeine El⸗ tern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von ſeinen Feinden überfallen worden war und nach drei unglücklichen Schlachten, tödtlich verwundet, fliehen mußte, ent⸗ deckte er ſeinem Zögling, daß er nicht ſein Neffe ſei, ſondern der Sohn eines mächtigen Herrſchers, welcher aus Furcht vor den Prophezeihungen ſeiner Stern⸗ deuter, den jungen Prinzen von ſeinem Hofe entfernt hahe, mit dem Schwur, ihn erſt an ſeinem zweiund⸗ zwanzigſten Geburtstage wieder ſehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm den Namen ſeines Vaters nicht genannt, ſondern ihm aufs Beſtimmteſte aufgetragen, am vierten Tage des kommenden Monats Ramadan, an 8 1 26 welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, ſich an der berühmten Säule El⸗Serujah, vier Tag⸗ reiſen öſtlich von Aleſſandria, einzufinden; dort ſolle er den Männern, die an der Säule ſtehen werden, einen Dolch, den er ihm gab, überreichen mit den Worten:„„Hier bin ich, den Ihr ſuchet;“n wenn ſie antworten:„„Gelobt ſei der Prophet, der Dich erhielt,““ ſo ſolle er ihnen folgen, ſie werden ihn zu ſeinem Vater führen.“ Der Schneidergeſelle Labakan war ſehr erſtaunt über dieſe Mittheilung, er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidiſchen Augen, erzürnt darüber, daß das Schickſal Jenem, obgleich er ſchon für den Neffen eines mächtigen Baſſa galt, noch die Würde eines Fürſten ſohns verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen noththut, ausgerüſtet, gleich⸗ ſam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen gewöhn⸗ lichen Lebensweg verliehen habe. Er ſtellte Verglei⸗ chungen zwiſchen ſich und dem Prinzen an. Er mußte ſich geſtehen, es ſei Jener ein Mann von einnehmender Geſichtsbildung; ſchöne lebhafte Augen, eine kühnge⸗ bogene Naſe, ein ſanftes, zuvorkommendes Benehmen, kurz alle Vorzüge des Außeren, die Jemand empfehlen können, waren Jenem eigen. Aber ſo viele Vorzüge er auch an ſeinem Begleiter fand, ſo geſtand er ſich doch, daß ein Labakan dem fürſtlichen Vater wohl noch will⸗ kommener ſein dürfte, als der wirkliche Prinz. Dieſe Betrachtungen verfolgten Labakan den gan⸗ zen Tag, mit ihnen ſchlief er im nächſten Nachtlager ein; aber als er Morgens aufwachte und ſein Blick auf * 127 den neben ihm ſchlafenden Omar fiel, der ſo ruhig ſchlafen und von ſeinem gewiſſen Glücke träumen konnte, da erwachte in ihm der Gedanke, ſich durch Liſt oder Gewalt zu erſtreben, was ihm das ungünſtige Schickſal verſagt hatte; der Dolch, das Erkennungs⸗ zeichen des heimkehrenden Prinzen, ſtak in dem Gürtel des Schlafenden, leiſe zog er ihn hervor, um ihn in die Bruſt des Eigenthümers zu ſtoßen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entſetzte ſich die friedfertige Seele des Geſellen; er begnügte ſich, den Dolch zu ſich zu ſtecken, das ſchnellere Pferd des Prinzen für ſich aufzäumen zu laſſen, und ehe Omar auſwachte und ſich aller ſeiner Hoffnungen beraubt ſah, hatte ſein treuloſer Gefährte ſchon einen Vorſprung von mehren Meilen. Es war gerade der erſte Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte alſo noch vier Tage, um zu der Säule El⸗Serujah, welche ihm wohl bekannt war, zu gelangen. Obgleich die Gegend, worin ſich dieſe Säule befand, höchſtens noch zwei Tagreiſen entfernt ſein konnte, ſo beeilte er ſich doch, hinzu⸗ kommen, weil er immer fürchtete, von dem wahren Prinzen eingeholt zu werden. Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die Säule El⸗Serujah. Sie ſtand auf einer kleinen Anhöhe in einer weiten Ebene und konnte auf zwei bis drei Stunden geſehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei dieſem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch Zeit genug gehabt, über die Rolle, die er zu ſpielen hatte, nachzudenken, ſo machte ihn doch das böſe Gewiſſen etwas ängſtlich, aber der Gedanke, daß er zum Prinzen geboren ſei, ſtärkte ihn wieder, ſo daß er getröſteter ſeinem Ziele entgegen ging. Die Gegend um die Säule El⸗Serujah war unbe⸗ 3 wohnt und öde, und der neue Prinz wäre wegen ſeines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn er ſich nicht auf mehre Tage verſehen hätte. Er lagerte ſich alſo neben ſeinem Pferd unter einigen Palmen und erwartete dort ſein ferneres Schickſal. Gegen die Mitte des anderen Tages ſah er einen großen Zug von Pferden und Kameelen über die Ebene her auf die Säule El⸗Serujah zukommen. Der Zug hielt am Fuße des Hügels, auf welchem die Säule ſtand, man ſchlug prachtvolle Zelte auf, und das ganze ſah aus wie der Reiſezug eines reichen Baſſa oder Scheik. Labakan ahnete, daß die vielen Leute, welche er ſah, ſich ſeinetwegen hieher bemüht hatten, und hätte ihnen gerne ſchon heute ihren künftigen Gebieter gezeigt, aber er mäßigte ſeine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der nächſte Morgen ſeine kühnſten Wünſche vollkommen befriedigen mußte. Die Morgenſonne weckte den überglücklichen Schnei⸗ der zu dem wichtigſten Augenblick ſeines Lebens, welcher ihn aus einem niedrigen Looſe an die Seite eines fürſtlichen Vaters erheben follte; zwar fiel ihm, als er ſein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzureiten, wohl auch das Unrechtmäßige ſeines Schrittes ein, zwar führten ihm ſeine Gedanken den Schmerz des in ſeinen ſchönen Hoffnungen betrogenen Fürſtenſohnes 129 vor; aber der Würfel war geworfen, er konnte nicht mehr ungeſchehen machen, was geſchehen war, und ſeine Eigenliebe flüſterte ihm zu, daß er ſtattlich genug ausſehe, um dem mächtigſten König ſich als Sohn vor⸗ zuſtellen; ermuthigt durch dieſen Gedanken, ſchwang er ſich auf ſein Roß, nahm alle ſeine Tapferkeit zu⸗ ſammen, um es in einen ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer Viertelſtunde war er am Fuße des Hügels angelangt. Er ſtieg ab von ſeinem Pferd und band es an eine Staude, deren mehre an dem Hügel wuchſen; hierauf zog er den Dolch des Prinzen Omar hervor und ſtieg den Hügel hinan. Am Fuß der Säule ſtanden ſechs Männer um einen Greiſen von hohem, königlichem Anſehen; ein prachtvoller Kaftan von Goldſtoff, mit einem weißen Cachemirſhawl umgürtet, der weiße, mit blitzenden Edelſteinen ge⸗ ſchmückte Turban bezeichneten ihn als einen Mann von Reichthum und Würde. Auf ihn ging Labakan zu, neigte ſich tief vor ihm und ſprach, indem er ihm den Dolch darreichte:„Hier bin ich, den Ihr ſuchet.“ „Gelobt ſei der Prophet, der Dich erhielt,“ ant⸗ wortete der Greis mit Freudenthränen;„umarme Deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!“ Der gute Schneider war ſehr gerührt durch dieſe feier⸗ lichen Worte und ſank mit einem Gemiſch von Freude und Scham in die Arme des alten Fürſten. Aber nur einen Augenblick ſollte er ungetrübt die Wonne ſeines neuen Standes genießen; als er ſich aus den Armen des fürſtlichen Greiſes aufrichtete, ſah er W. Hauffs Werke. X. 9 13⁰ einen Reiter über die Ebene her auf den Hügel zu⸗ eilen. Der Reiter und ſein Roß gewährten einen ſon⸗ derbaren Anblick; das Roß ſchien aus Eigenſinn oder Müdigkeit nicht vorwärts zu wollen: in einem ſtol⸗ pernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es daher; der Reiter aber trieb es mit Händen und Füßen zu ſchnellerem Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan ſein Roß Murva und den echten Prinzen Omar; aber der böſe Geiſt der Lüge war einmal in ihn gefahren, und er beſchloß, wie es auch kommen möge, mit eiſerner Stirne ſeine angemaßten Rechte zu be⸗ haupten. Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken geſehen, jetzt war er trotz dem ſchlechten Trab des Roſſes Murva am Fuße des Hügels angekommen, warf ſich vom Pferd und ſtürzte den Hügel hinan.„Haltet ein,“ rief er,„wer Ihr auch ſein möget, haltet ein, und laſſet Euch nicht von dem ſchändlichſten Betrüger täuſchen; ich heiße Omar, und kein Sterblicher wage es, meinen Namen zu mißbrauchen!“ Auf den Geſichtern der Umſtehenden malte ſich tiefes Erſtaunen über dieſe Wendung der Dinge; beſonders ſchien der Greis ſehr betroffen, indem er bald den Einen, bald den Andern fragend anſah. Labakan aber ſprach mit mühſam errungener Ruhe:„Gnädigſter Herr und Va⸗ ter, laßt Euch nicht irre machen durch dieſen Menſchen da. Es iſt, ſo viel ich weiß, ein wahnſinniger Schnei⸗ dergeſelle aus Aleſſandria, Labakan geheißen, der mehr unſer Mitleid, als unſern Zorn verdient.“ Bis zur Raſerei aber brachten dieſe Worte den 131 Prinzen. Schäumend vor Wuth, wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umſtehenden warfen ſich dazwi⸗ ſchen und hielten ihn feſt, und der Fürſt ſprach:„Wahr⸗ haftig, mein lieber Sohn, der arme Menſch iſt verrückt; man binde ihn und ſetze ihn auf einen unſerer Drome⸗ dare; vielleicht, daß wir dem Unglücklichen Hülfe ſchaf⸗ fen können.“ Die Wuth des Prinzen hatte ſich gelegt, weinend rief er dem Fürſten zu:„Mein Herz ſagt mir, daß Ihr mein Vater ſeid, bei dem Andenken meiner Mutter beſchwöre ich Euch, hört mich an!“ „Ei, Gott bewahre uns,“ antwortete dieſer.„Er fängt ſchon wieder an, irre zu reden; wie doch der Menſch auf ſo tolle Gedanken kommen kann!“ Damit ergriff er Labakans Arm und ließ ſich von ihm den Hü⸗ gel hinunter geleiten. Sie ſetzten ſich Beide auf ſchöne, mit reichen Decken behängte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin. Dem unglückli⸗ chen Prinzen aber feſſelte man die Hände und band ihn auf einen Dromedar feſt, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein wachſames Auge auf jede ſei⸗ ner Bewegungen hatten. Der fürſtliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte lange ohne Kinder gelebt, end⸗ lich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem er ſich ſo lange geſehnt hatte. Aber die Sterndeuter, welche er um das Schickſal des Knaben befragte, thaten den Ausſpruch:„Daß er bis ins zweiundzwanzigſte Jahr in Gefahr ſtehe, von einem Feinde verdrängt zu wer⸗ den.“ Deßwegen um recht ſicher zu gehen, hatte der 132 Sultan den Prinzen ſeinem alten erprobten Freunde Elfi Bey zum Erziehen gegeben und zweiundzwanzig ſchmerzliche Jahre auf ſeinen Anblick geharrt.— Dieſes hatte der Eultan ſeinem vermeintlichen Sohne erzählt, und ſich ihm außerordentlich zufrieden mit ſeiner Geſtalt und ſeinem würdevollen Benehmen gezeigt. Als ſie in das Land des Sultans kamen, wurden ſie überall von den Einwohnern mit Freudengeſchrei empfangen; denn das Gerücht von der Ankunft des Prinzen hatte ſich wie ein Lauffeuer durch alle Städte und Dörfer verbreitet. Auf den Straßen, durch welche ſie zogen, waren Bogen von Blumen und Zweigen errichtet, glänzende Teppiche von allen Farben ſchmück⸗ ten die Häuſer, und das Volk pries laut Gott und ſei⸗ nen Propheten, der ihnen einen ſo ſchönen Prinzen geſandt habe. Alles dies erfüllte das ſtolze Herz des Schneiders mit Wonne; deſto unglücklicher mußte ſich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefeſſelt, in ſtiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand küm⸗ merte ſich um ihn bei dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt. Den Namen Omar riefen tauſend und wie⸗ der tauſend Stimmen, aber ihn, der dieſen Namen mit Recht trug, ihn beachtete Keiner: höchſtens fragte Einer oder der Andere, wen man denn ſo feſt gebunden mit fortführe, und ſchrecklich tönte in das Ohr des Prinzen die Antwort ſeiner Begleiter: es ſei ein wahnſinniger Schneider. 8 Der Zug war endlich in die Hauptſtadt des Sul⸗ tans gekommen, wo Alles noch glänzender zu ihrem 13³ Empfang bereitet war, als in den übrigen Städten. Die Sultanin, eine ältliche, ehrwürdige Frau, erwar⸗ tete ſie mit ihrem ganzen Hofſtaat in dem prachtvollſten Saale des Schloſſes. Der Boden dieſes Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die Wände wa⸗ ren mit hellblauem Tuch geſchmückt, das in goldenen Quaſten und Schnüren in ſilbernen Haken hing. Es war ſchon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saal viele kugelrunde, farbige Lampen an⸗ gezündet, welche die Nacht zum Tag erhellten. Am klarſten und vielfarbigſten ſtrahlten ſie aber im Hinter⸗ grund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne ſaß. Der Thron ſtand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit großen Amethyſten ausgelegt. Die vier vornehmſten Emire hielten einen Baldachin von rother Seide über dem Haupte der Sultanin, und der Scheik von Medina fächelte ihr mit einer Wind⸗ fuchtel von Pfaufedern Kühlung zu. So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn; auch ſie hatte ihn ſeit ſeiner Geburt nicht mehr geſehen, aber bedeutſame Träume hatten ihr den Erſehn⸗ ten gezeigt, daß ſie ihn aus Tauſenden erkennen wollte. Jetzt hörte man das Geräuſch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln miſchten ſich in das Zujauch⸗ zen der Menge, der Hufſchlag der Roſſe tonte im Hof des Palaſtes, näher und näher rauſchten die Tritte der Kommenden, die Thüren des Saales flogen auf, und durch die Reihen der niederfallenden Diener eilte der Eultan, an der Hand ſeines Sohnes, vor den Thron der Mutter. 134 „Hier,“ ſprach er,„bringe ich Dir den, nach wel⸗ chem Du Dich ſo lange geſehnt.“ Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede.„Das iſt mein Sohn nicht!“ rief ſie aus.„Das ſind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume gezeigt hat!“ Gerade als ihr der Sultan ihren Aberglauben ver⸗ weiſen wollte, ſprang die Thüre des Saales auf, Prinz Omar ſtürzte herein, verfolgt von ſeinen Wächtern, denen er ſich mit Anſtrengung aller ſeiner Kraft ent⸗ riſſen hatte; er warf ſich athemlos vor dem Throne nie⸗ der:„Hier will ich ſterben, laß mich tödten, grauſamer Vater; denn dieſe Schmach dulde ich nicht länger!“ Alles war beſtürzt über dieſe Reden, man drängte ſich um den Unglücklichen her, und ſchon wollten ihn die herbeieilenden Wachen ergreifen und ihm wieder ſeine Bande anlegen, als die Sultanin, die in ſprachloſem Erſtaunen dieſes Alles mit angeſehen hatte, von dem Throne aufſprang.„Haltet ein!“ rief ſie.„Dieſer und kein Anderer iſt der Rechte, dieſer iſts, den meine Augen nie geſehen und den mein Herz doch gekannt hat!“* Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abge⸗ laſſen; aber der Sultan, entflammt von wüthendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnſinnigen zu binden.„Ich habe hier zu entſcheiden,“ ſprach er mit gebietender Stimme,„und hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, ſondern nach gewiſſen, untrüglichen Zei⸗ chen; dieſer hier(indem er auf Labakan zeigte) iſt mein Sohn, denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freun⸗ des Elfi, den Dolch, gebracht.“ 135 „Geſtohlen hat er ihn,“ ſchrie Omar,„mein arg⸗ loſes Vertrauen hat er zum Verrath mißbraucht! 4 Der Sultan aber höͤrte nicht auf die Stimme ſeines Sohnes, denn er 8 in allen Dingen gewohnt, eigen⸗ ſinnig nur ſeinem Urtheil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit Gewalt aus dem Saal ſchlep⸗ pen: Er ſelbſt aber begab ſich mit Labakan in ſein Gemach, voll Wuth über die Sultanin, ſeine Ge⸗ mahlin, mit der er doch ſeit fünfundzwanzig Jahren im Frieden gelebt hatte. Die Sultanin aber war voll Kummer über dieſe Begebenheiten; ſie war vollkommen überzeugt, daß ein Betrüger ſich des Herzens des Sultans bemächtigt hatte, denn jenen Unglücklichen hatten ihr ſo viele bedeutſame Träume als ihren Sohn gezeigt. Als ſich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, ſann ſie auf Mittel, um ihren Gemahl von ſeinem Unrecht zu überzeugen. Es war dies allerdings ſchwierig, denn Jener, der ſich für ihren Sohn ausgab, hatte das Erkennungszeichen, den Dolch, überreicht und hatte auch, wie ſie erfuhr, ſo viel von Omars frühe⸗ rem Leben von dieſem ſich erzählen laſſen, daß er ſeine Rolle, ohne ſich zu verrathen, ſpielte. Sie berief die Männer zu ſich, die den Sultan zu der Säule El⸗Serujah begleitet hatten, um ſich Alles genau erzählen zu laſſen, und hielt dann mit ihren vertrauteſten Sklavinnen Rath. Sie wählten und verwarfen dies und jenes Mittel; endlich ſprach Me⸗ lechſalah, eine alte kluge Tſcherkeſſin:„Wenn ich recht gehört habe, verehrte Gebieterin, ſo nannte der über⸗ 136 bringer des Dolches den, welchen Du für Deinen Sohn hältſt, Labakan, einen verwirrten Schneider?“ „Ja, ſo iſt es,“ antwortete die Sultanin;„aber was willſt Du damit?“ „Was meint Ihr,“ fuhr Jene fort,„wenn dieſer Betrüger Enrem Sohn ſeinen eigenen Namen aufge⸗ heftet hätte?— und wenn dies iſt, ſo gibt es ein herrliches Mittel, den Betrüger zu fangen, das ich Euch ganz im Geheim ſagen will.“ Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und dieſe flüſterte ihr einen Rath zu, der ihr zu behagen ſchien, denn ſie ſchickte ſich an, ſogleich zum Sultan zu gehen. Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die ſchwachen Seiten des Snltans kannte und ſie zu benützen verſtand. Sie ſchien daher ihm nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat ſich nur eine Bedingung aus; der Sultan, dem ſein Aufbrauſen gegen ſeine Frau leid that, geſtand die Bedingung zu, und ſie ſprach:„Ich möchte gerne den Beiden eine Probe ihrer Geſchicklichkeit auferlegen; eine Andere würde ſie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen laſſen, aber das ſind Sachen, die ein Jeder kann; nein, ich will ihnen Etwas geben, wozu Scharfſinn gehört. Es ſoll nämlich Jeder von ihnen einen Kaftan und ein paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal ſehen, wer die ſchönſten macht.“ Der Sultan lachte und ſprach:„Ei, da haſt Du ja etwas recht Kluges ausgeſonnen. Mein Sohn ſollte mit Deinem wahnſinnigen Schneider wetteifern, wer den beſten Kaftan macht? Nein, das iſt nichts.“ 2 —,— — 137 Die Sultanin aber berief ſich darauf, daß er ihr die Bedingung zum Voraus zugeſagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, gab end⸗ lich nach, obgleich er ſchwur, wenn der wahnſinnige Schneider ſeinen Kaftan auch noch ſo ſchön mache, könne er ihn doch nicht für ſeinen Sohn erkennen. Der Sultan ging ſelbſt zu ſeinem Sohn und bat ihn, ſich in die Grillen ſeiner Mutter zu ſchicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von ſeiner Hand zu ſehen wünſche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei ſich, da ſoll die Frau Sultanin bald Freude an mir erleben. 3 Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines für den Prinzen, das andere für den Schneider, dort ſoll⸗ ten ſie ihre Kunſt erproben, und man hatte Jedem nur ein hinlängliches Stück Seidenzeug, Scheere, Radel und Faden gegeben. Der Sultan war ſehr begierig, was für ein win von Kaftan wohl ſein Sohn zu Tage fördern werde: aber auch der Sultanin pochte unruhig das Herz, ob ihre Liſt wohl gelingen werde, oder nicht. Man hatte den Beiden zwei Tage zu ihrem Geſchäft ausgeſetzt; am Aritten Tag ließ der Sultan ſeine Gemahlin rufen, und als ſie erſchienen war, ſchickte er in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen zu laſſen. Triumphirend trat Labakan ein und breitete ſeinen Kaftan vor den erſtaunten Blicken des Sultans aus.„Sieh her, Vater,“ ſprach er;„ſieh her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein Meiſterſtück 138 von einem Kaftan iſt? Da laß ich es mit dem geſchick⸗ teſten Hofſchneider auf eine Wette ankommen, ob er einen ſolchen herausbringt.“ Die Sultanin lächelte und wandte ſich zu Omar: „Und was haſt Du herausgebracht, mein Sohn?“ Unwillig warf dieſer den Seidenſtoff und die Scheere auf den Boden.„Man hat mich gelehrt, ein Roß zu bändigen und einen Säbel zu ſchwingen, und meine Lanze trifft auf ſechzig Gänge ihr Ziel— aber die Künſte der Nadel ſind mir fremd, ſie wären auch un⸗ würdig für einen Zögling Elfi Beys, des Beherrſchers von Kairo.“ „O Du echter Sohn meines Herrn,“ rief die Sul⸗ tanin.„Ach! daß ich Dich umarmen, Dich Sohn nennen dürfte! Verzeihet, mein Gemahl und Gebie⸗ ter,“ ſprach ſie dann, indem ſie ſich zum Sultan wandte,„daß ich dieſe Liſt gegen Euch gebraucht habe. Sehet Ihr jetzt noch nicht ein, wer Prinz und wer Schneider iſt? Fürwahr, der Kaftan iſt köſtlich, den Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gern fragen, bei welchem Meiſter er gelernt habe?“ Der Sultan ſaß in tiefen Gedanken, mißtrauiſch, bald ſeine Frau, bald Labakan anſchauend, der um⸗ ſonſt ſein Erröthen und ſeine Beſtürzung, daß er ſich ſo dumm verrathen habe, zu bekämpfen ſuchte.„Auch dieſer Beweis genügt nicht,“ ſprach er.„Aber ich weiß, Allah ſei es gedankt, ein Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.“ Er befahl, ſein ſchnellſtes Pferd vorzuführen, ſchwang ſich auf und eilte in einen Wald, der nicht weit von 139 der Stadt begann. Dort wohnte, nach einer alten Sage, eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft ſchon den Königen ſeines Stammes in der Stunde der Noth mit ihrem Rath beigeſtanden war; dorthin eilte der Sultan. In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Cedern umgeben. Dort wohnte nach der Sage die Fee, und ſelten betrat ein Sterblicher dieſen Platz; denn eine gewiſſe Scheue davor hatte ſich aus alten Zeiten vom Vater auf den Sohn vererbt. Als der Sultan dort angekommen war, ſtieg er ab, band ſein Pferd an einen Baum, ſtellte ſich in die Mitte des Platzes und ſprach mit lauter Stimme: „Wenn es wahr iſt, daß Du meinen Vätern gütigen Rath ertheilteſt in der Stunde der Noth, ſo verſchmähe nicht die Bitte ihres Enkels und rathe mir, wo menſch⸗ licher Verſtand zu kurzſichtig iſt.“ Er hatte kaum die letzten Worte geſprochen, als ſich eine der Cedern öffnete, und eine verſchleierte Frau in langen weißen Gewändern hervortrat.„Ich weiß, warum Du zu mir kommſt, Sultan Saaud, Dein Wille iſt redlich, darum ſoll Dir auch meine Hülfe werden. Nimm dieſe zwei Kiſtchen. Laß jene Beiden, welche Deine Söhne ſein wollen, wählen. Ich weiß, daß der, welcher der Echte iſt, das rechte nicht verfehlen wird.“ So ſprach die Verſchleierte und reichte ihm zwei kleine Kiſtchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf dem Deckel, wel⸗ chen der Sultan vergebens zu öffnen verſuchte, ſtanden Inſchriften von eingeſetzten Diamanten. 140 Der Sultan beſann ſich, als er nach Hauſe ritt, hin und her, was wohl in den Kiſtchen ſein könnte, welche er mit aller Mühe nicht zu eröffnen vermochte. Auch die Aufſchrift gab ihm kein Licht in der Sache, denn auf dem einen ſtand: Ehre und Ruhm, auf dem andern: Glück und Reichthum. Der Sultan dachte bei ſich, da würde auch ihm die Wahl ſchwer werden unter dieſen beiden Dingen, die gleich an⸗ ziehend, gleich lockend ſeien. Als er in ſeinen Palaſt zurückgekommen war, ließ er die Sultanin rufen und ſagte ihr den Ausſpruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung erfüllte ſie, daß Jener, zu dem ihr Herz ſie hinzog, das Kiſtchen wählen würde, welches ſeine königliche Abkunft be⸗ weiſen ſollte. Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tiſche Als ſie ſich alle niedergelaſſen hatten, winkte der König zum zweitenmal, und Labakan wurde herbeige⸗ führt. Mit ſtolzem Schritte ging er durch den Saal, warf ſich vor dem Throne nieder, und ſprach:„Was befiehlt mein Herr und Vater? Der Sultan erhob ſich auf ſeinem Thron und 141 ſprach:„Mein Sohn! es ſind Zweifel an der Echtheit Deiner Anſprüche auf dieſen Namen erhoben worden; eines jener Kiſtchen enthält die Beſtätigung Deiner echten Geburt; wähle! ich zweifle nicht, Du wirſt das rechte wählen!“ Labakan erhob ſich und trat vor die Kiſtchen; er erwog lange, was er wählen ſollte, endlich ſprach er: „Verehrter Vater! was kann es Höheres geben, als das Glück, Dein Sohn zu ſein, was Edleres, als den Reichthum Deiner Gnade? Ich wähle das Kiſtchen, das die Aufſchrift: Glück und Reichthum zeigt.“ Wir werden nachher erfahren, ob Du recht ge⸗ wählt, einſtweilen ſetze Dich dort auf das Polſter zum Baſſa von Medina,“ ſagte der Sultan und winkte ſeinen Sklaven. Omar wurde herbeigeführt; ſein Blick war düſter, ſeine Miene traurig, und ſein Anblick erregte allge⸗ meine Theilnahme unter den Anweſenden. Er warf ſich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans. Der Sultan deutete ihm an, daß er eines der Kiſtchen zu wählen habe; er ſtand auf und trat vor den Tiſch.. Er las aufmerkſam beide Inſchriften und ſprach: „Die letzten Tage haben mich gelehrt, wie unſicher das Glück, wie vergänglich der Reichthum iſt; ſie haben mich aber auch gelehrt, daß ein unzerſtörbares Gut in der Bruſt des Tapfern wohnt, die Ehre, und daß der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem Glück zu⸗ gleich vergeht. Und ſollte ich einer Krone entſagen, 142 der Würfel liegt, Ehre und Ruhm, ich wähle euch!“— Er ſetzte ſeine Hand auf das Kiſtchen, das er er⸗ wählt hatte; aber der Sultan befahl ihm innezuhalten, er winkte Labakan, gleichfalls vor ſeinen Tiſch zu tre⸗ ten, und auch dieſer legte ſeine Hand auf ſein Kiſtchen. Der Sultan aber ließ ſich ein Becken mit Waſſer von dem heiligen Brunnen Zemzem in Mecea bringen, wuſch ſeine Hände zum Gebet, wandte ſein Geſicht nach Oſten, warf ſich nieder und betete:„Gott meiner Väter! Der Du ſeit Jahrhunderten unſern Stamm rein und unverfälſcht bewahrteſt, gib nicht zu, daß ein Unwürdiger den Namen der Abaſſiden ſchände, ſei mit Deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieſer Stunde der Prüfung.“ Der Sultan erhob ſich und beſtieg ſeinen Thron wieder; allgemeine Erwartung feſſelte die Anweſenden, man wagte kaum zu athmen, man hätte ein Mäuschen über den Saal gehen hören, ſo ſtill und geſpannt waren Alle; die Hinterſten machten lange Hälſe, um über die Vordern nach den Kiſtchen ſehen zu können. Jetzt ſprach der Sultan:„Offnet die Kiſtchen,“ und dieſe, die vorher keine Gewalt zu öffnen vermochte, ſprangen von ſelbſt auf. In dem Kiſtchen, das Omar gewählt hatte, lag auf einem ſammtnen Kiſſen eine kleine goldene Krone und ein Scepter; in Labakans Kiſtchen— eine große Na⸗ del und ein wenig Zwirn. Der Sultan befahl den Beiden, ihre Kiſtchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Kroͤnchen von dem Kiſſen in ſeine Hand, und 14³ wunderbar war es anzuſehen, wie er es nahm, wurde es größer und groͤßer, bis es die Größe einer rechten Krone erreicht hatte. Er ſetzte die Krone ſeinem Sohn Omar, der vor ihm kniete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirn und hieß ihn zu ſeiner Rechten ſich nie⸗ derſetzen. Zu Labakan aber wandte er ſich und ſprach: „Es iſt ein altes Sprüchwort: Der Schuſter bleibe bei ſeinem Leiſten! Es ſcheint, als ſollteſt Du bei der Na⸗ del bleiben. Zwar haſt Du meine Gnade nicht ver⸗ dient, aber es hat Jemand für Dich gebeten, dem ich heute nichts abſchlagen kann; drum ſchenke ich Dir Dein armſeliges Leben, aber wenn ich Dir guten Rathes bin, ſo beeile Dich, daß Du aus meinem Land kommſt.“ Beſchämt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeſelle nichts zu erwidern; er warf ſich vor dem Prinzen nieder, und Thränen drangen ihm aus den Augen.„Könnt Ihr mir vergeben, Prinz?“ ſagte er. 4 „Treue gegen den Freund, Großmuth gegen den Feind, iſt des Abaſſiden Stolz,“ antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob;„gehe hin in Frieden.“„O Du mein echter Sohn!“ rief gerührt der alte Sultan, und ſank an die Bruſt des Sohnes; die Emire und Baſſen und alle Großen des Reiches ſtanden auf von ihren Sitzen und riefen Heil dem neuen Königsſohn, und unter dem allgemeinen Jubel ſchlich ſich Labakan, ſein Kiſtchen unter dem Arm, aus dem Saal. Er ging hinunter in die Ställe des Sultans, zäumte ſein Roß Murva auf und ritt zum Thore 144— hinaus, Aleſſandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kiſtchen, reich mit Perlen und Diamanten geſchmückt, erinnerte ihn, daß er doch nicht geträumt habe. Als er endlich wieder nach Aleſſandria kam, ritt er vor das Haus ſeines alten Meiſters, ſtieg ab, band ſein Rößlein an die Thüre und trat in die Werkſtatt. Der Meiſter, der ihn nicht gleich kannte, machte ein großes Weſen und fragte, was ihm zu Dienſten ſtehe; als er aber den Gaſt näher anſah und ſeinen alten Labakan erkannte, rief er ſeine Geſellen und Lehrlinge herbei, und Alle ſtürzten ſich wie wüthend auf den armen Labakan, der keines ſolchen Empfangs gewär⸗ tig war, ſtießen und ſchlugen ihn mit Bügeleiſen und Ellenmaß, ſtachen ihn mit Nadeln und zwickten ihn mit ſcharfen Scheeren, bis er erſchöpft auf einen Hau⸗ fen alter Kleider niederſank. Als er nun ſo da lag, hielt ihm der Meiſter eine Strafrede über das geſtohlene Kleid; vergebens ver⸗ ſicherte Labakan, daß er nur deßwegen wiedergekommen ſei, um ihm Alles zu erſetzen, vergebens bot er ihm den dreifachen Schadenerſatz; der Meiſter und ſeine Geſellen fielen wieder über ihn her, ſchlugen ihn weid⸗ lich und warfen ihn zur Thüre hinaus; zerſchlagen und zerfetzt ſtieg er auf das Roß Murva und ritt in eine Karavanſerei. Dort legte er ſein müdes, zerſchla⸗ genes Haupt nieder und ſtellte Betrachtungen an über die Leiden der Erde, über das ſo oft verkannte Ver⸗ dienſt und über die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller Güter. Er ſchlief mit dem Entſchluß ein, aller 145 Größe zu entſagen und ein ehrſamer Bürger zu werden. Und den andern Tag gereute ihn ſein Entſchluß nicht; denn die ſchweren Hände des Meiſters und ſei⸗ ner Geſellen ſchienen alle Hoheit aus ihm herausge⸗ prügelt zu haben. Er verkaufte um einen hohen Preis ſein Kiſtchen an einen Juwelenhändler, kaufte ſich ein Haus und richtete ſich eine Werkſtatt zu ſeinem Gewerbe ein. Als er Alles gut eingerichtet und auch einen Schild mit der Aufſchrift:„Labakan, Kleidermacher“ vor ſein Fenſter gehängt hatte, ſetzte er ſich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die er in dem Kiſtchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm ſein Mei⸗ ſter ſo grauſam zerfetzt hatte. Er wurde von ſeinem Geſchäft abgerufen, und als er ſich wieder an die Ar⸗ beit ſetzen wollte, welch ſonderbarer Anblick bot ſich ihm dar! Die Nadel nähte emſig fort, ohne von Je⸗ mand geführt zu werden, ſie machte feine, zierliche Stiche, wie ſie ſelbſt Labakan in ſeinen kunſtreichſten Augenblicken nicht gemacht hatte! Wahrlich, auch das geringſte Geſchenk einer güti⸗ gen Fee iſt nützlich und von großem Werth! Noch einen andern Werth hatte aber dieſes Geſchenk, näm⸗ lich, das Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte ſo fleißig ſein, als ſie wollte. Labakan bekam viele Kunden und war bald der berühmteſte Schneider weit und breit; er ſchnitt die Gewänder und machte den erſten Stich mit der Nadel W. Hauffs Werke. X. 10 146 daran, und flugs arbeitete dieſe weiter, ohne Unterlaß, bis das Gewand fertig war. Meiſter Labakan hatte bald die ganze Stadt zu Kunden, denn er arbeitete ſchön und außerordentlich billig, und nur über Eines ſchüttelten die Leute von Aleſſandria den Kopf, näm⸗ lich: daß er ganz ohne Geſellen und bei verſchloſſenen Thüren arbeite. So war der Spruch des Kiſtchens, Glück und Reichthum verheißend, in Erfüllung gegangen; Glück und Reichthum begleiteten, wenn auch in be⸗ ſcheidenem Maße, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn er hörte, daß dieſer Tapfere der Stolz und die Liebe ſei⸗ nes Volkes und der Schrecken ſeiner Feinde ſei, da dachte der ehemalige Prinz bei ſich:„Es iſt doch beſſer, daß ich ein Schneider geblieben bin, denn um die Ehre und Ruhm iſt es eine gar gefährliche Sache.“ So lebte Labakan, zufrieden mit ſich, geachtet von ſeinen Mit⸗ bürgern, und wenn die Nadel indeß nicht ihre Kraft verloren, ſo näht ſie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der gütigen Fee Adolzaide. — Mit Sonnenuntergang brach die Karavane auf und gelangte bald nach Birket el Had, oder den Pil⸗ grimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden Weges nach Kairo war. Man hatte um dieſe Zeit die Kara⸗ vane erwartet, und bald hatten die Kaufleute die 147 Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen entgegenkom⸗ men zu ſehen. Sie zogen in die Stadt durch das Thor Bebel Falch, denn es wird für eine glückliche Vor⸗ bedeutung gehalten, wenn man von Mecca kommt, durch dieſes Thor einzuziehen, weil der Prophet hin⸗ durch gegangen iſt. Auf dem Markt verabſchiedeten ſich die vier türki⸗ ſchen Kaufleute von dem Fremden und dem griechiſchen Kaufmann Zaleukos, und gingen mit ihren Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute Karavanſerei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der Fremde ſagte zu und verſprach, wenn er nur vorher ſich umgekleidet habe, zu erſcheinen. Der Grieche hatte alle Anſtalten getroffen, den Fremden, welchen er auf der Reiſe liebgewonnen hatte, gut zu bewirthen, und als die Speiſen und Getränke in gehöriger Ordnung aufgeſtellt waren, ſetzte er ſich, ſeinen Gaſt zu erwarten. Langſam und ſchweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu ſeinem Gemach führte, heraufkommen. Er erhob ſich, um ihm freundlich entgegenzugehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber voll Ent⸗ ſetzen fuhr er zurück, als er die Thüre öffnete, denn jener ſchreckliche Rothmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf ihn, es war keine Täu⸗ ſchung; dieſelbe hohe, gebietende Geſtalt, die Larve, aus welcher ihn die dunkeln Augen anblitzten, der rothe Mantel mit der goldenen Stickerei war ihm nur allzu 148 wohl bekannt aus den ſchrecklichſten Stunden ſeines Lebens. Widerſtreitende Gefühle wogten in Zaleukos Bruſt; er hatte ſich mit dieſem Bild ſeiner Erinnerung längſt ausgeſöhnt und ihm vergeben, und doch riß ſein Anblick alle ſeine Wunden wieder auf; alle jene qualvollen Stunden der Todesangſt; jener Gram, der die Blüte ſeines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augen⸗ blicks an ſeiner Seele vorüber. „Was willſt Du, Schrecklicher?“ rief der Grieche aus, als die Erſcheinung noch immer regungslos auf der Schwelle ſtand.„Weiche ſchnell von hinnen, daß ich Dir nicht fluche!“ „Zaleukos!“ ſprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor.„Zaleukos! So empfängſt Du Dei⸗ nen Gaſtfreund?“ Der Sprechende nahm die Larve ab, ſchlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde. Aber Zaleukos ſchien noch nicht beruhigt; ihm graute vor dem Fremden; denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von Ponte veechio erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gaſtfreundſchaft ſiegte; er winkte ſchweigend dem Fremden, ſich zu ihm ans Mahl zu ſetzen. .„Ich errathe Deine Gedanken,“ nahm dieſer das Wort, als ſie ſich geſetzt hatten;„Deine Augen ſehen fragend auf mich;— ich hätte ſchweigen und mich Deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin Dir Rechenſchaft ſchuldig, und darum wagte ich es, auch auf die Gefahr hin, daß Du mir fluchteſt, vor 14⁴9 Dir in meiner alten Geſtalt zu erſcheinen. Du ſagteſt einſt zu mir: Der Glaube meiner Väter be⸗ fiehlt mir, ihn zu lieben, auch iſt er wohl unglücklicher als ich; glaube dieſes mein Freund, und höre meine Rechtfertigung. „Ich muß weit ausholen um mich Dir ganz ver⸗ ſtändlich zu machen. Ich bin in Alexandrien von chriſt⸗ lichen Eltern geboren. Mein Vater, der jüngere Sohn eines alten berühmten franzöſiſchen Hauſes, war Con⸗ ſul ſeines Landes in Alexandrien. Ich wurde von mei⸗ nem zehnten Jahr an in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erſt einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit meinem Oheim, der in dem Lande ſeiner Ah⸗ nen nicht mehr ſicher war, über dem Meere bei meinen Eltern eine Zuflucht zu ſuchen. Voll Hoffnung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzoſen entriſſen, im elterlichen Hauſe wieder zu finden, landeten wir. Aber, ach! ich fand nicht Alles in meines Vaters Hauſe, wie es ſein ſollte; die äuße⸗ ren Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hieher gelangt, deſto unerwarteter hatte das Un⸗ glück mein Haus im innerſten Herzen heimgeſucht. Mein Bruder, ein junger hoffnungsvoller Mann, erſter Sekretär meines Vaters, hatte ſich erſt ſeit Kur⸗ zem mit einem jungen Mädchen, der Tochter eines flo⸗ rentiniſchen Edelmanns, der in unſerer Nachbarſchaft wohnt, verheirathet; zwei Tage vor unſerer Ankunft war dieſe auf einmal verſchwunden, ohne daß weder unſere Familie, noch ihr Vater die geringſte Spur von 150 ihr auffinden konnten. Man glaubte endlich, ſie habe ſich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und ſei in Räuberhände gefallen. Beinahe tröſtlicher wäre dieſer Gedanke für meinen armen Bruder geweſen, als die Wahrheit, die uns nur zu bald kund wurde. Die Treu⸗ loſe hatte ſich mit einem jungen Neapolitaner, den ſie im Hauſe ihres Vaters kennen gelernt hatte, einge⸗ ſchiff 4 „Mein Bruder, aufs Außerſte empört über die⸗ ſen Schritt, bot Alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; ſeine Verſuche, die in Neapel und Florenz Aufſehen erregt hatten, dienten uur dazu, ſein und unſer Aller Unglück zu vollenden. Der florentiniſche Edelmann reiste in ſein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht zu verſchaffen, der That nach aber, um uns zu verderben. Er ſchlug in Florenz alle jene Unterſuchun⸗ gen, welche mein Bruder angeknuͤpft hatte, nieder und wußte ſeinen Einfluß, den er auf alle Art ſich ver⸗ ſchafft hatte, ſo gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer Regierung verdächtig gemacht, durch dick ſchändlichſten Mittel gefangen, nach Frankreich ge⸗ führt und dort vom Beile des kers getödtet wur⸗ den. Meine arme Mutter ver el in Wahnſinn, und erſt nach zehn langen Monaten erlöste ſie die der Tod von ihrem ſchrecklichen Zuſtand, der aber in den letzten Tagen zu vollem klaren Bewußtſein geworden war. So ſtand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke beſchäftigte meine Seele, nur ein Ge⸗ danke ließ mich meine Trauer vergeſſen, es war jene 151 mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer letzten Stunde angefacht hatte. „In den letzten Stunden war, wie ich Dir ſagte, ihr Bewußtſein zurückgekehrt; ſie ließ mich rufen und ſprach mit Ruhe von unſerem Schickſal und ihrem Ende. Dann aber ließ ſie Alle aus dem Zimmer gehen, richtete ſich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und ſagte, ich könne mir ihren Segen er⸗ werben, wenn ich ihr ſchwöre, etwas auszuführen, das ſie mir auftragen würde. Ergriffen von den Worten der ſterbenden Mutter gelobte ich mit einem Eide, zu thun, was ſie mir ſagen werde. Sie brach nun in Ver⸗ wünſchungen gegen den Florentiner und ſeine Tochter aus, und legte mir mit den fürchterlichſten Drohungen ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie ſtarb in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte ſchon lange in meiner Seele geſchlum⸗ mert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich ſammelte den Reſt meines väterlichen Vermögens und ſchwur mir, alles an meine Rache zu ſetzen, oder ſelbſt mit unter zu gehen. Bald war ich in Florenz, wo ich mich ſo gebeim als möglich aufhielt; mein Plan war um viel erſchwert worden durch die Lage, in welcher ſich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur ge⸗ worden und hatte ſo alle Mittel in der Hand, ſobald er das Geringſte ahnete, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hülfe. Eines Abends ſah ich einen Men⸗ ſchen in bekannter Livrée durch die Straßen gehen; ſein unſicherer Gang, ſein finſterer Blick und das halblaut . 15² herausgeſtoßene Santo sacramento und Maledetto diavolo ließ mich den alten Pietro, einen Diener des Florentiners, den ich ſchon in Alexandria gekannt hatte, erkennen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über ſeinen Herrn in Zorn gerathen ſei, und beſchloß ſeine Seimmung zu benützen. Er ſchien ſehr überraſcht, mich hier zu ſehen, klagte mir ſein Leiden, daß er ſeinem Herrn, ſeit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen könne, und mein Gold, unterſtützt von 3 ſeinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das Schwierigſte war jetzt beſeitigt; ich hatte einen Mann in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Thüre meines Feindes öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer ſchneller heran. Das Leben des alten Floren⸗ tiners ſchien mir ein zu geringes Gewicht, dem Unter⸗ gang meines Hauſes gegenüber zu haben. Sein Liebſtes mußte er gemordet ſehen, und dies war Bianca, ſeine Tochter. Hatte ja ſie ſo ſchändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja ſie doch die Haupturſache unſeres Unglücks. Gar erwünſcht kam ſogar meinem rachedür⸗ ſtenden Herzen die Nachricht, daß gerade in dieſer Zeit Bianca zum zweitenmal ſich vermählen wollte; es war beſchloſſen, ſie mußte ſterben. Aber mir ſelbſt graute vor der That, und auch Pietro traute ich zu wenig Kraft zu; darum ſpähten wir umher nach einem Mann, der das Geſchäft vollbringen könnte. Unter den Flo⸗ rentinern wagte ich Keinen zu dingen, denn gegen den Gouverneur würde Keiner etwas ſolches unternommen haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe, zugleich ſchlug er Dich als Fremden 1⁵³ und Atzt als den Tauglichſten vor. Den Verlauf der Sache veißt Du. Nur an Deiner übergroßen Vorſicht und Chrlichkeit ſchien mein Unternehmen zu ſcheitern. Daher ter Zufall mit dem Mantel. „Pittro öffnete uns das Pförtchen an dem Palaſt des Gorverneurs, er hätte uns auch ebenſo heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht durch den ſchreck⸗ lichen Arblick, der ſich uns durch die Thürſpalte dar⸗ bot, erſthreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war ich über zweihundert Schritte fort⸗ gerannt, bis ich auf den Stufen einer Kirche nieder⸗ ſank. Dort erſt ſammelte ich mich wieder, und mein erſter Gedanke warſt Du und Dein ſchreckliches Schick⸗ ſal, wenn man Dich in dem Hauſe fände. „Ich ſchlich an den Palaſt, aber weder von Pietro noch von Dir konnte ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, ſo konnte ich wenigſtens hoffen, daß Du die Gelegenheit zur Flucht benützt haben köͤnnteſt. „Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angſt vor der Entdeckung und ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz. Ich eilte nach Rom. Aber denke Dir meine Beſtürzung, als man dort nach einigen Tagen überall dieſe Ge⸗ ſchichte erzählte, mit dem Beiſatz, man habe den Mör⸗ der, einen griechiſchen Arzt, gefangen. Ich kehrte in banger Beſorgniß nach Florenz zurück; denn ſchien mir meine Rache ſchon vorher zu ſtark, ſo verfluchte ich ſie jetzt, denn ſie war mir durch Dein Leben allzu theuer erkauft. Ich kam an demſelben Tage an, der Dich der 154 Hand beraubte. Ich ſchweige von dem, was ich fühlte, als ich Dich das Schaffot beſteigen und ſo heldenmüthig leiden ſah. Aber damals, als Dein Blut in Strömen aufſpritzte, war der Entſchluß feſt in mir, Dir Deine übrigen Lebenstage zu verſüßen. Was weiter zeſchehen iſt, weißt Du, nur das bleibt mir noch zu ſagm übrig, warum ich dieſe Reiſe mit Dir machte. „Als eine ſchwere Laſt drückte mich der Gedanke, daß Du mir noch immer nicht vergeben habeſt; darum entſchloß ich mich, viele Tage mit Dir zu leben, und Dir endlich Rechenſchaft abzulegen von dem, was ich mit Dir gethan.“ Schweigend hatte der Grieche ſeinen Gaſt ange⸗ hört; mit ſanftem Blick bot er ihm, als er geeudet hatte, ſeine Rechte.„Ich wußte wohl, daß Du unglück⸗ licher ſein müßteſt als ich, denn jene grauſame That wird, wie eine dunkle Wolke, ewig Deine Tage ver⸗ finſtern; ich vergebe Dir von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: wie kommſt Du unter dieſer Geſtalt in die Wüſte? Was fingſt Du an, nachdem Du in Conſtantinopel mir das Haus gekauft hatteſt?“ „Ich ging nach Alexandria zurück,“ antwortete der Gefragte; Haß gegen alle Menſchen tobte in meiner Bruſt; brennender Haß beſonders gegen jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alexandria, als jene Landung meiner Landsleute erfolgte. „Ich ſah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum ſammelte ich einige gleich⸗ 15⁵ geſinnte junge Leute meiner Bekanntſchaft, und ſchloß mich jenen tapfern Mamelucken an, die ſo oft der Schrecken des franzöſiſchen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich mich nicht entſchließen, zu den Künſten des Friedens zurückzukehren. Ich lebte mit meiner kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein unſtetes, flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweih⸗ tes Leben; ich lebe zufrieden unter dieſen Leuten, die mich wie ihren Fürſten ehren, denn wenn meine Aſiaten auch nicht ſo gebildet ſind, wie Eure Europäer, ſo ſind ſie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbſtſucht und Ehrgeiz.“ Zaleukos dankte dem Fremden für ſeine Mitthei⸗ lung, aber er barg ihm nicht, daß er es für ſeinen Stand, für ſeine Bildung angemeſſener fände, wenn er in chriſtlichen, in europäiſchen Ländern leben und wirken würde. Er faßte ſeine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu ſterben. Gerührt ſah ihn der Gaſtfreund an.„Daraus er⸗ kenne ich,“ ſagte er,„daß Du mir ganz vergeben haſt, daß Du mich liebſt. Nimm meinen innigſten Dank da⸗ für.“ Er ſprang auf und ſtand in ſeiner ganzen Größe vor dem Griechen, dem vor dem kriegeriſchen Anſtand, den dunkeln blitzenden Augen, der tiefen geheimniß⸗ vollen Stimme ſeines Gaſtes beinahe graute.„Dein Vorſchlag iſt ſchön,“ ſprach Jener weiter,„er möchte für jeden Andern lockend ſein, ich— kann ihn nicht benützen. Schon ſteht mein Roß geſattelt, ſchon er⸗ warten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!“ Die Freunde, die das Schickſal ſo wunderbar zu⸗ 15⁶ ſammengeführt, umarmten ſich zum Abſchied.„Und wie nenne ich Dich? Wie heißt mein Gaſtfreund, der auf ewig in meinem Gedächtniß leben wird?“ fragte der Grieche. 1 Der Fremde ſah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und ſprach:„Man nennt mich den Herrn der Wüſte; ich bin der Räuber Orbaſan.“ Inhalt. Seite Mährchen als Almanach. 9.. 1 Die Karavane...... 9 Die Geſchichte von Kalif Storh„ 13 Die Geſchichte von dem Geſpenſterſchiff 30 Die Geſchichte von der abgehauenen dand. 46 Die Errettung Fatme's..... 70 Die Geſchichte von dem kleinen Muck.. 95 Das Mährchen vom falſchen Prinken). 122 In demſelben Verlage erſchien: Demokritos oder hinterlaſſene Papiere eines lachenden Philoſophen. Vom Verfaſſer der Briefe eines in Deutſchland reiſenden Deutſchen. Vollſtändig in zwölf Bänden. Preis 12 fl. oder 7½ Rthlr. Dieſe neue, durchaus verbeſſerte, ſehr elegante und billige Auflage iſt mit deutſchen Erlänterungen jener Stellen verſehen, welche in kremden Sprachen gege⸗ en ſind. Da dieſe Sammlung der witzigſten Bemerkungen über jeden, einen gebildeten Menſchen intereſſirenden Gegenſtand ſchon durch die erſte Auflage vieltach verbreitet iſt, ſo wollen wir das Werk nur mit ein paar Worten Denen anzudeuten uns erlauben, die dies anziehende Geiſtesprodukt noch nicht kennen. Der verſtorbene Hofrath K. J. Weber, einer der gebildetſten und geiſtreichſten Männer unſerer Zeit, ſchrieb an dieſem ſeinem Hauptwerk während ſeines Lebens, denn es ſollte die Quinteſſenz ſeiner durch Studium, Leſen, Reiſen und Erfahrungen mancher⸗ lei Art geſchöpften und durch ſeinen ſcharfen Geiſt geläuterten Beobachtungen über Alles abgeben, was nur immer den Leſer, der auf Bildung Anſpruch macht, intereſſiren muß.— Jede Seite, jede Stelle ſeines Demokritos gibt Zeugniß ſeiner meiſterhaften, keinesweas trockenen, ſondern immerfort zum Lachen anregenden Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsgave; kein Gebildeter, der ſich aufangenehme Art(und faſt unerſchöpflich) auf heitere Weiſe unterhalten will, wird es bereuen, ſich dieſes werthvolle, im Gebiete unſerer witzigen und humoriſtiſchen Lite⸗ ratur klaſſiſche Wert angeſchafft zu haben. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: W. Shakſpeare’s dramatiſche Werke. Ueberſetzt von Ernſt Ortlepp. Neue, durchaus verbeſſerte Auflage in 16 Theilen mit 16 Stahlſtichen. Schillerformat. Subſcriptionspreis 5 fl. 24 kr. oder 3 Rthlr. Wenige Jahre ſind verfloſſen, ſeit wir es unternahmen, die unſterblichen Werke„des Jrößten dramatiſchen Dich⸗ ters nicht nur Englands, ſondern aller Völker germaniſchen Stammes“ dem deutſchen Publikum in einer neuen, blühenden Ueberſetzung zu bieten, und ſchon ſahen wir uns in dem Falle, eine wirklich zweite, verbeſſerte Auflage ausgeben zu können, nachdem die erſte, ſo bedeutende, gänzlich vergriffen iſt; ein Beweis wie eben dieſes Publikum die Mei⸗ ſterwerte Shalſpeares verehrt, wie auch die kleinſte Bibliothek dieſen Schatz nicht entbehren will. 4 Aber eben weil Shatſpeare zum Bedürfniß gewor⸗ den, gleichwie unſer Schiller, hielten wir es für Pflicht und für einen Akt der Dankbarkeit, dieſe neue, durchgeſehene und vielfach verbeſſerte Auflage zu einem ſolch billigen Preiſe zu publiciren, daß in der That nur ein Hoffen auf abermalige allgemeine Theilnahme denſelben entſtehen ließ. Wir haben näm⸗ lich, trotz dem, daß wir dieſe Auflage mit ſechszehn Stahlſtichen ſchmücken, ohne dafür irgendetwas anzurechnen, den Subſcriptionspreis auf nur; 5 fl. 24 kr. oder 3 Nthlr. für alle 16 Theile feſtgeſetzt. Wir brauchen wohl kaum darauf aufmerkſam zu machen, welch ein würdiges Feſt geſchent hieſe vollſtändige, ſchöne Ausgabe des Shaklſpeare iſt. 3