Wilhelm Hauff's ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Siebentes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. 4 Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Mittheilungen aus den Memoiren des Satan. Zweiter Theil. Vorſpiel, worin von Przeſſen, Juſtizräthen die Rede, nebſt einer ſtillſchweigenden Abhandlung:„Was von Träumen zu halten ſei?“ Dieſer zweite Theil der Mittheilungen aus den Memoiren des Satan erſcheint um ein völliges Halb⸗ jahr zu ſpät. Angenehm iſt es dem Herausgeber, wenn die Leſer des erſten ſich darüber gewundert, am ange⸗ nehmſten, wenn ſie ſich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine gewiſſe Vorliebe für die ſchriftſtelleri⸗ ſchen Verſuche des Satan, die nicht nur ihm, ſondern auch ſeinem Überſetzer und Herausgeber erwünſcht ſein muß. 8 Die Schuld dieſer Verſpätung liegt aber weder in der zu heißen Temperatur des letzten Spätſommers, noch in der ſtrengen Kälte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politiſchen Hinder⸗ niſſen; die einzige Urſache iſt ein ſonderbarer Prozeß, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor deſſen Beendigung er dieſen zweiten Theil nicht folgen laſſen wollte. Kaum war nämlich der erſte Theil dieſer Memoiren in die Welt verſandt und mit einigen Poſaunenſtößen W,. Hauffs Werke. VII. 14 3 2 in den verſchiedenen Zeitungen begleitet worden, als ploͤtzlich in allen dieſen Blättern zu leſen war eine Warnung vor Betrug. „Die bei Gebr. Franckh* in Stuttgart herausge⸗ kommenen Memoiren des Satan ſind nicht von dem im alten und neuen Teſtament bekannten und durch ſeine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntniſſe des Teufels, als Schriftſteller berühmten Teufel, ſondern gänzlich falſch und unecht; was hiermit dem Publikum zur Kenntniß gebracht wird.“ Ich geſtehe, ich ärgerte mich nicht wenig über dieſe Zeilen, die von Niemand unterſchrieben waren. Ich war meiner Sache ſo gewiß, hatte das Manuſcript von niemand anders als dem Satan ſelbſt erhalten, und nun, nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernaliſchen Chiffern beinahe blind ge⸗ leſen, ſoll ein ſolcher anonymer Todtſchläger über mich herfallen, meine literariſche Ehre aus der Ferne todt⸗ ſchlagen und beſagte Memoiren für unecht erklären? Während ich noch mit mir zu Rathe ging, was wohl auf eine ſolche Beſchuldigung des Betruges zu antworten ſei, werde ich vor die Gerichte citirt und in Kenntniß geſetzt, daß ich einer Namensfälſchung, eines literariſchen Diebſtahls angeklagt ſei, und zwar— vom Teufel ſelbſt, der gegenwärtig als geheimer Hofrath in perſiſchen Dienſten lebe. Er behaupte nämlich, ich habe ſeinen Namen Satan mißbraucht, um ihm eine miſe⸗ rable Scharteke, die er nie geſchrieben, unterzuſchieben; ich habe ſeinen literariſchen Ruhm benützt, um dieſem * Damalige Firma des jetzigen Verlegers. 3 ſchlechten Büchlein einen ſchnellen und einträglichen Abgang zu verſchaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, ſondern auch, daß ich ange⸗ halten werde, ihm Schadenerſatz zu geben,„dieweil ihm ein Vortheil durch dieſen Kniff entzogen worden.“ Ich verſtehe ſo wenig von juridiſchen Streitigkeiten, daß mir früher ſchon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verurſachte; man kann ſich alſo wohl den⸗ ken, wie mir bei dieſen ſchrecklichen Worten zu Muthe ward. Ich ging niedergedonnert heim und ſchloß mich in mein Kämmerlein, um über dieſen Vorfall nachzu⸗ denken. Es war mir kein Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne: entweder hatte mir der Teufel ſelbſt das Manuſeript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängſtigen und auf meine Koſten zu lachen; oder ir⸗ gend ein böſer Menſch hatte mir die Komödie in Mainz vorgeſpielt, um das Manuſcript in meine Hände zu bringen, und der Teufel ſelbſt trat jetzt als erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuſcript kam wirk⸗ lich vom Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan ſpielen und mich in ſeinem Namen verklagen. Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es ſei allerdings ein fataler Handel, beſonders weil ich keine Beweiſe bei⸗ bringen könne, daß das Manuſcript von dem echten Teufel abſtamme, doch er wolle das Seinige thun und aus der bedeutenden Anzahl Bücher, die ſeit Juſtinians Corpus juris bis auf das neue birmaniſche Strafgeſetz⸗ buch über ſolche Fälle geſchrieben worden ſeien, Einiges nachleſen.. ————— — 4 Das juridiſche Stiergefecht nahm jetzt förmlich ſeinen Anfang. Es wurde, wie es bei ſolchen Fällen herkömm⸗ lich iſt, ſo viel darüber geſchrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde ſogar auf Unrechtskoſten eine eigene Aktenkam⸗ mer für dieſen Prozeß eingeräumt; über der Thüre ſtand mit großen Buchſtaben:„Aeta in Sachen des perſiſchen G. H. R. Teufel gegen Dr. H-f, betreffend die Memoiren des Satan.“ Ein ſehr guͤnſtiger Umſtand für mich war der, daß ich auf dem Titel nicht„Memoiren des Teufels,“ ſon⸗ dern„des Satan“ geſagt hatte. Die Juriſten waren mit ſich ganz einig, daß der Name Teufel in Deutſch⸗ land ſein Familienname ſei, ich habe alſo wenigſtens dieſen nicht zur Fälſchung gebraucht; Satan hingegen ſei nur ein angenommener, willkürlicher, denn Niemand im Staate ſei berechtigt, zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus dieſem Umſtand günſtigere Hoffnungen zu ſchöpfen, aber nur zu bald ſollte ich die bittere Erfah⸗ rung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzu⸗ fallen. Das Referat in Sachen des et cœlera war nämlich dem berühmten Juſtizrath Wackerbart in die Hände gefallen, einem Mann, der ſchon bei Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente be⸗ wieſen hatte, und neuerdings ſogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnaſium zu ſchlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein ſolcher berühmter Juriſt meine Sache nur als eine Cause oblehre anſehen und ſie alſo handhaben werde, daß ſie, 5 gleichviel wem von Beiden Recht, ihm am meiſten Ruhm einbrächte? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte ſeit einiger Zeit angefangen, ſich an höhere Cirkel anzuſchließen; mußte ihm da ein ſo wichtiger Mann, wie ein perſiſcher geheimer Hof⸗ rath, nicht mehr gelten, als ich Armer? Es ging, wie ich vorausgeſehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenerſatz, aller mögliche Unſinn wurde auf mich gewälzt, ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins Gefängniß ſperrte oder gar hängte. Man hatte haupt⸗ ſächlich Folgendes gegen mich in Anwendung gebracht: Entſcheidungs⸗Gründe zu dem vor dem Criminialgericht Klein⸗Juſtheim unter dem 4. Dezember 1825 gefällten Erkenntniß in der Unterſuchungsſache gegen den Dr.. f wegen Betrugs. 1. Es iſt durch das Zugeſtändniß des Angeklagten erhoben, daß er keine Beweiſe beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, ſo gegen⸗ wärtig als geheimer Hofrath in perſiſchen Dienſten lebt, herrühre. Ferner hat der Angeſchuldigte... f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene An⸗ kündigung mit ſeinem Wiſſen gegeben ſei. 2. Die letztgedachte Ankündigung iſt alſo abgefaßt, daß hieraus die Abſicht des Verfaſſers, die Leſewelt glauben zu machen, daß„die Memoiren des Satan“ 8 ——— 6 von dem wahren, im alten und neuen Teſtament be⸗ kannten und neuerdings als Schriftſteller beliebten Teufel geſchrieben ſei, nur allzudeutlich hervorleuchten thut. 3. Durch dieſe Verfahrungsart hat ſich der Ange⸗ klagte....f eines Betruges, alldieweilen ſolcher im Allgemeinen in jedweder auf inpermiſſen Commodum für ſich oder Schaden Anderer gerichteten unrechtlichen Täuſchung Anderer, entweder indem man falſche That⸗ ſachen mittheilt oder wahre ditto nicht angibt— be⸗ ſteht; oder um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache von einer Waare und gedrucktem Buch iſt— einer Fälſchung ſchuldig gemacht; denn, durch den Titel:„Memoiren des Satan“ und die Anpreiſung des Buches wurde der Leſewelt falſch vorgeſpiegelt, daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem Namen Sa⸗ tan bekannten, k. perſiſchen geheimen Hofrath Teufel verfaßt ſei; was beim Verkauf des Werkes verurſachte, daß es ſchneller und in größerer Quantität abging, als wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn... ſo dem Publiko noch gar nicht bekannt iſt, erſchienen wäre, und wodurch die, ſo es kauften, in ihrer ſchönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Händen zu haben, ſchnöde betrogen wurden. 4. Wenn der Herr Dr.... f, um ſich zu entſchul⸗ digen, dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutſchland nur ein angenommener ſei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anſpruch zu machen habe, ſo bemerken wir Criminalleute von Klein⸗Juſtheim ſehr richtig, daß ſich..f auf den 7 Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekannter⸗ maßen den Teufel ſehr wohl bezeichnenden Namen nicht beſchränkt, ſondern in dem Werke ſelbſt überall durch⸗ blicken läßt, namentlich in der Einleitung, daß der Verfaſſer derjenige Teufel oder Satan ſei, welcher dem Publiko, beſonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels et cœtera rühmlichſt bekannt iſt, wodurch wohl ebenfalls Niemand anders gemeint iſt, als der geheime Hofrath Teufel. 5. Man muß lachen über die Behauptung des In⸗ culpaten, daß das in Frage ſtehende Opuſeulum, wie auch nichts deſtoweniger ſeine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit ſei! Denn dieſe Entſchuldigung wird durch den Inhalt der Schrift ſelbſt widerlegt; ja, jeder Leſer von Ver⸗ nunft muß das auch wohl eher für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien, als für— eine Satire auf dieſelbe erkennen. Wäre aber auch, was wir Juriſten nicht einzuſehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, ſo iſt durchaus kein günſtiger Umſtand für...f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der etwas Echtes, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erſt nach dem Kauf entdecken konnte, daß er betrogen ſei. 6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuſchung der Leſewelt, Leihblibliotheken et cætera iſt in der vor⸗ liegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen, deſſen Name oder Firma mißbraucht wor⸗ den; nämlich, und ſpecialiter gegen den geheimen Hof⸗ rath Teufel, welcher ſowohl als Gelehrter und Schrift⸗ 8 ſteller, als von wegen des Honorars ſeiner übrigen Schriften, ſehr dabei intereſſirt iſt, daß nicht das Ge⸗ ſchreibſel Anderer als von ihm niedergeſchrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde. 7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein⸗Juſt⸗ heimer Recht hierüber zu kennen, daß ihn auch bei der Fälſchung durchaus keine gewinnſüchtigen Abſichten ge⸗ leitet hätten, ſo iſt uns dies gleichgültig, und haben nicht darauf Rückſicht zu nehmen, denn Fälſchung iſt Fälſchung, ſei es, ob man engliſche Teppiche nachahmt und als echt verkauft, oder Bücher ſchreibt unter fal⸗ ſchem Namen; iſt alles nur verkäufliche Waare und kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die Täuſchung und Anſchmierung der Käu⸗ fer reſtirt und zwar ebenfalls nichts deſtominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Werth mit den übrigen Büchern des Pauſif hätten(was wir Klein⸗Juſtheimer übrigens 5e hezweifeln, da Jener ge⸗ heimer Hofrath iſt), weil d bengedachten ſchon durch das Unterſchieben eines fremden Machwerkes unter ſeinem Namen ein Schaden in juridiſchem Sinne ſein thut. Es iſt daher, wie man gethan hat, erkannt worden u. ſ. w. u. ſ. w. Gez. Präſident und Räthe des Criminalgerichtes zu Klein⸗Juſtheim. Haſt Du, geneigter Leſer, nie die berühmten Nürn⸗ berger Gliedermänner geſehen, ſo, kunſtreich aus Holz geſchnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? 9 Haſt Du wohl ſelbſt in deiner Jugend mit ſolchen Männern geſpielt und allerlei Kurzweil mit ihnen ge⸗ trieben und probirt, ob es nicht ſchoͤner wäre, wenn er z. B. das Geſicht im Nacken trüge und den Rücken hinunter ſchaue, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor⸗ und rückwärts ſpaziere, wie man es haben wolle? Das haſt Du wohl verſucht in den Tagen Deiner Kindheit, und es war ein unſchuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüber kamen oder nicht, ob er den Rücken herabſchaute oder vorwärts, er lächelte ſo dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Ge⸗ fühl, und es that ihm nicht weh im Herzen, denn auch dieſes war ja aus Holz geſchnitzelt, und wahrſcheinlich aus Lindenholz. Aber ſelbſt ein ſolcher Gliedermann ſein zu müſſen in den täppiſchen Händen der Klein⸗Juſtheimer Cri⸗ minalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, ſetzten mir den Kopf ſo oder ſo, wie es ihnen gefällig, oder auch nach Vorſchrift des Juſtinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Cadaver vor ihnen lag auf dem grünen Seſſionstiſch, wie ſie es haben woll⸗ ten, mit verrenkten Gliedern, und ſie nun anatomiſch aufnotiren konnten, was für Fehler und Curioſa an ihm zu bemerken, nämlich, daß er das Geſicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme verſchränkt et cætera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht. Waare, Waare! nannten ſie deine Memoiren, o Satan, Waare! Als würde dergleichen nach der Elle 40 aus dem Gehirn hervorgehaſpelt, wie es jener Schwarz⸗ künſtler und Escamoteur gethan, der Bänder ver⸗ ſchluckte und ſie herauszog Elle um Elle aus dem Ra⸗ chen. Waarenfälſchung, Einſchwärzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definiren, was man will! Und rechtswidrige Täuſchung des Publikums! Wer hat denn darüber geklagt? Wer iſt aufgeſtanden unter den Tauſenden und hat Zeter geſchrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen ſelbſt herrühre, daß er den Miſſethäter beſtraft wiſſen wolle für dieſe rechtswidrige Täuſchung? O Klein⸗ Juſtheim, wie weit biſt du noch zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einſehen kannſt, Werke des Geiſtes ſeien kein nachgemachter Rum oder Arrak, und gehöͤren durchaus nicht vor deine Schranken. Traurig muſterte ich das Manuſcript des zweiten Theiles, der nun für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das Hohngelächter der Welt, wenn der erſte nur ein Torſo, ein ſchlechtes abgeriſſenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken ſitze, trübſelig auf die hohe Verſammlung der Romane und Novellen aller Art herabſchaue, und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die den großen Furor, welchen ſie in der Welt machen, beurkunden, wie er ſeine andere Hälfte, ſeinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünſche, um verbunden mit ihm ſchöne Damen und Herren zu beſuchen, was ihm jetzt als einem In⸗ validen beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief überbracht, deſſen Aufſchrift mir bekannte Züge verrieth. Ich riß ihn auf und las: 11 „Wohlgeborner, ſehr verehrter Herr! „Durch den Oberjuſtizrath Hammel, der vor eini⸗ gen Tagen das Zeitliche geſegnet und an mein Hof⸗ lager kam, erfuhr ich zu meinem großen Aerger die miſerabeln Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, daß ſie von mir her⸗ rühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an unſer Zuſammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen Geſchäften im Norden komme ich ſelten dazu, eine deutſche Literaturzeitung zu leſen; aber einige Recenſenten, welche ich ſprach, verſichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren heraus⸗ gegeben habt, und daß das Publikum meine Bemü⸗ hungen zu ſchätzen wiſſe. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um ſo unerwarteter. Glaubet mir, es iſt nichts als ein ſchlechter Kunſtgriff, um mich nicht als Schriftſteller aufkommen zu laſſen, weil ich ein wenig über ihre Univerſitäten ſchimpfte und die äſthetiſchen Thee's, und Euch wollen ſie neben⸗ bei auch drücken. Laſſet Euch dies nicht kümmern, Wer⸗ theſter; gebet immer den zweiten Theil heraus, im Nothfall könnet Ihr gegenwärtiges Schreiben Jeder⸗ mann leſen laſſen, namentlich den Wackerbart; ſaget ihm, wenn er meine Handſchrift nicht kenne, ſo kenne ich um ſo beſſer die ſeinige. „Ich kenne dieſe Leutchen, ſie ſind Raubritter und Korſaren, die jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für gute Priſe erklären, und wenn ſie ihn feſt haben in den Krallen, ſo lange deuteln und 12 drehen, bis ſie ihn dahin entſcheiden können, wo er ihnen am meiſten Ruhm nebſt etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armſeliger Doktor der Philoſophie und Magiſter der brodloſen Künſte, was ſeid Ihr gegen einen perſiſchen geheimen Hofrath? Denket alſo, die Sache ſei ganz natürlich zugegangen, und grämet Euch nicht darüber. Was den perſiſchen geheimen Hofrath betrifft, der meine Rolle übernommen hat, ſo will ich bei Gelegen⸗ heit ein Wort mit ihm ſprechen. „Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuſeript⸗ chen bei, ich habe es in den letzten Pfingſtfeiertagen in Frankfurt aufgeſchrieben, es iſt im Ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch ſchaltet Ihr es im zweiten Theile ein, es gibt vielleicht doch Leute, die ſich dabei freundſchaftlich meiner erinnern. „Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung Eure per⸗ ſönliche Bekanntſchaft bald zu erneuern, bin ich Euer wohlaffektionirter Freund der Satan.“ Man kann ſich leicht denken, wie ſehr mich dieſer Brief freute. Ich lief ſogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte, ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appelliren zu wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen. Er zuckte die Achſeln und ſprach:„Lieber, ſie wohnen zuſammen in einer Hausmiethe, die Crimi⸗ nalen; ob Ihr um eine Treppe höher ſteigen wollet, aus dem Entreſol in die Beletage zu den Vornehmeren, das iſt einerlei, Ihr fallet nur um ſo tiefer, wenn ſie — 13 Euch durchfallen laſſen. Doch an mir ſoll es nicht fehlen.“ So ſprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch— was half es? Sie ſtimmten ab, er⸗ klärten den perſiſchen für den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu ſchreiben, und — der Prozeß ging auch in der Beletage verloren. Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beſchloß, und wenn es mich den Kopf koſten ſollte, doch den zweiten Theil herauszugeben, ich nahm das Manu⸗ ſcript unter den Arm, raffte mich auf und—— er⸗ wachte. Freundlich ſtrahlte die Frühlingsſonne in mein en⸗ ges Stübchen, die Lerchen ſangen vor dem Fenſter und die Blütenzweige winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen. Verſchwunden war der böſe Traum von Prozeſſen, Juſtizräthen, Klein⸗Juſtheim und alles, was mir Gram und Aerger bereitete, verſchwunden, ſpurlos ver⸗ ſchwunden. Ich ſprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei einigen Gläſern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit Freunden ge⸗ ſprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles ſo erſchienen, als hätte ich ſelbſt den Prozeß gehabt, als wäre ich ſelbſt verurtheilt worden von Criminal⸗ richtern und Klein⸗Juſtheimer Schöppen. Ich lächelte über mich ſelbſt! Wie pries ich mich glücklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridiſche Exceſſe gar nicht vorkämen, wo die Juſtiz 14 ſich nicht in Dinge miſcht, die ihr fremd ſind, wo es keine Wackerbärte gibt, die einen ſolchen Fund für gute Priſe erklären, das Recht zum Gliedermann machen und darauf loshantiren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugniſſe des Geiſtes nicht als Waare handhabt, und Satire verſteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den Titel eines perſiſchen geheimen Hofraths, noch auf irgend derglei⸗ chen Rückſicht nimmt. So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komiſchen Prozeßtraum. Doch wie ſtaunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstiſch! Nein, es war keine Täuſchung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum geleſen, da lag das Manuſcript, das er mir im Briefe verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zuſammen⸗ hang unbegreiflicher. Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte ſeinen Wink befolgen, und ſeinen„Beſuch in Frankfurt“ dem zweiten Theile einverleiben. Ich geſtehe, ich that es ungern. Ich hatte ſchon zu dieſem Theile alles geordnet, es fand ſich darin eine Skizze, die nicht ohne Intereſſe zu leſen war, ich meine jene Scene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroſlawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an ſo vieles auf geheimnißvolle Weiſe ſich geſtaltet im Leben jenes Mannes, dem ſelbſt der Teufel Achtung zollen mußte, vielleicht— weil er ihm nicht beikommen konnte, doch— vielleicht iſt es 15 möglich, dieſes merkwürdige Aktenſtück dem Publikum an einem aͤnderen Orte mitzutheilen. Noch war ich mit Durchſicht und Ordnen der Pa⸗ piere beſchäftigt, da wurde die Thüre aufgeriſſen und mein Freund Moriz ſtürzte ins Zimmer. „Weißt Du ſchon?“ rief er.„Er hat ihn verloren.“ „Wer? Was hat man verloren?“ „Nun, von was wir geſtern ſprachen, den Prozeß gegen Clauren meine ich, wegen des Mannes im Monde!“ „Wie? Iſt es möglich!“ entgegnete ich, an meinen Traum denkend.„Unſer Freund, der Candidatus Bem⸗ perlein? Den Prozeß?“ „Du kannſt Dich d'rauf verlaſſen, ſo eben komme ich vom Muſeum, der Verleger ſagte es mir, ſo eben wurde ihm das Urtheil publicirt.“ „Aber wie konnte dies doch geſchehen, Moriz! War er etwa auch in Klein⸗Juſtheim anhängig?“ „Klein⸗Juſtheim? Du fabelſt, Freund!“ erwiderte der Freund, indem er beſorgt meine Hand ergriff. „Was willſt Du nur mit Klein⸗Juſtheim, wo gibt es denn einen ſolchen Ort?“ „Ach,“ ſagte ich beſchämt,„Du haſt Recht; ich dachte an— meinen Traum.“ Mein Beſuch in Frankfurt. 1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen ſah. Kommt man um die Zeit des Pfingſtfeſtes nach Frankfurt, ſo ſollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Chriſtenheit; denn ſie feiern daſelbſt nicht wie z. B. in Baiern 1 ½, oder, wie im Kalender vor⸗ geſchrieben, 2 Feſttage, ſondern ſie rechnen vier Feier⸗ tage; die Juden haben deren ſogar fünf, denn ſie fan⸗ gen in Bornheim ihre heiligen übungen ſchon am Samstag an, und der Bundestag hat ſogar acht bis zehn. Dieſe Feſttage gelten aber in dieſer Stadt weniger den wunderbaren Sprachkünſten der Apoſtel, als mir. Was die berühmteſten Myſtiker am Pfingſtfeſte Mor⸗ gens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immenſeſten Rationaliſten mit moraliſcher Salbung verkündet hatten, das war ſo gut als in den Wind ge⸗ ſprochen. Die Fragen:„Ob man am Montag oder am Dienſtag, am zweiten oder dritten Feiertag ins Wäld⸗ 17 chen gehen, ob es nicht anſtändiger wäre, ins Wil⸗ helmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen ſolle, oder beides?“ dieſe Fragen ſchienen bei weitem wichtiger, als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag:„Ob die Apoſtel damals auch Engliſch und Plattdeutſch ver⸗ ſtanden haben?“ Muß ein ſo aufgeweckter Sinn den Teufel nicht er⸗ freuen, der an ſolchen Tagen mehr Seelen für ſich ge⸗ winnt, als das ganze Judenquartier in einer guten Börſenſtunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingſten nach Frankfurt. Leute, die von einem be⸗ rühmten Belletriſten verwöhnt, Alles bis aufs kleinſte Detail wiſſen wollen, diene zur Nachricht, daß ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der großen Table d'hote in angenehmer Geſellſchaft treff⸗ lich ſpeiste, den Küchenzettel mögen ſie ſich übrigens von dem Oberkellner ausbitten. Schon in der erſten Stunde bemerkte ich ein Seuf⸗ zen und Stöhnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen ſchien. Ich trat näher, ich hörte deutlich, wie man auf gut deutſch fluchte und tobte, dann Rechnun⸗ gen und Bilanzen, die ſich in viele Tauſende beliefen, nachzählte, und dann wieder wimmerte und weinte, wie ein Kind, das ſeiner Aufgabe für die Schule nicht mächtig iſt. Theilnehmend, wie ich bin, ſchellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer der Herr ſei, der nebenan ſo überaus kläglich ſich geberde? „Nun,“ antwortete er,„das iſt der ſtille Herr.“ W. Hauffs Werke. VII. 2 18 „Der ſtille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufſchluß, wer iſt er denn?“ „Wir nennen ihn hier im Schwanen den ſtillen Herrn, oder auch den Seufzer; er iſt ein Kaufmann aus Deſſau, nennt ſich ſonſt Zwerner und wohnt ſchon ſeit vierzehn Tagen hier.“ „Was thut er denn hier? Iſt ihm ein Unglück zu⸗ geſtoßen, daß er gar ſo kläglich winſelt?“ „Ja! das weiß ich nicht,“ erwiderte er,„aber ſeit dem zweiten Tag, daß er hier iſt, iſt ſein einziges Ge⸗ ſchäft, daß er zwiſchen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenſtraße auf⸗ und abgeht, und dann kommt er zu Tiſch, ſpricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er ganz ſtille und trinkt Kapwein.“ „Nun, das iſt keine ſchlimme Eigenſchaft,“ ſagte ich,„ſetzen Sie mich doch heute Mittag in ſeine Nähe.“ Der Kellner verſprach es, und ich lauſchte wieder auf meinen Nachbar. „Den zwölften Mai,“ hoͤrte ich ihn ſtoͤhnen,„Me⸗ talliques 84 ¾¼, öſterreichiſche Staatsobligationen 87 ⅜, rothſchildiſche Lotterielooſe(der Teufel hat ſie erfunden und gemacht) 132, preußiſche Staatsſchuldſcheine 81 O Rebecca! Rebecca! Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Iſt denn gar keine Barmherzigkeit im Him⸗ mel?“ ein Glas Kapwein zu ſich nehmen, und ganz behaglich mit der Zunge dazu ſchnalzen; bald jammerte er wie⸗ der in den kläglichſten Tönen und miſchte die Conſols, die rothſchildiſchen Unverzinslichen und ſeine Rebeceg auf b So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn 19 herzbrechende Weiſe untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn ſein Zimmer verlaſſen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenſtraße promenirte. Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speiſeſaal trat, auf einen Stuhl:„Setzen ſich der Herr Doktor nur dorthin,“ flüſterte er,„zu Ihrer Rechten ſitzt der Seufzer.“ Ich ſetzte mich, ich betrach⸗ tete ihn von der Seite; wie man ſich täuſchen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholiſchem, ge⸗ ſpenſtigem Ausſehen erwartet, wie man ſie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, etwa bleich⸗ ſchmachtend und fein wie Eduard, von der Verfaſſerin der Ourika, oder von ſchwächlichem, beinahe lüderlichem Anblick, wie einige Schoppenhauer'ſche oder Pichler'ſche Helden. Aber gerade das Gegentheil, ich fand einen unterſetzten, runden, jungen Mann mit friſchen, wohl⸗ genährten Wangen und rothen Lippen, der aber die trüben Augen beinahe immer niederſchlug, und um den hübſchen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu dieſem friſchen Geſicht nicht recht paßte. Ich verſuchte, während ich ihm allerlei treffliche Epeiſen anbot, einigemal mit ihm ins Geſpräch zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunter⸗ drückten Seufzer. In ſolchen Augenblicken ſchlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen ſcheuen, finſtern Blick ge⸗ rade aus und ſah dann wieder ſeufzend auf ſeinen Teller. 20 Ich folgte einem dieſer Blicke und glaubte zu be⸗ merken, daß ſie einem Herrn gelten mußten, der uns gegenüber ſaß und ſchon zuvor meine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Er war gerade das Gegentheil von meinem Nachbar rechts. Seine ſchon etwas kahle, gefurchte Stirne, ſein bräunliches, eingeſchnurrtes Geſicht, ſeine ſchmalen Wangen, ſeine ſpitze, weithervortretende Naſe deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, die er haben mochte, etwas ſchnell verlebt habe. Den auf⸗ fallendſten Contraſt mit dieſen verwitterten, von Lei⸗ denſchaften durchwühlten Zügen bildete ein ruhiges, ſüßliches Lächeln, das immer um ſeinen Mund ſchwebte, die zierliche Bewegung ſeiner Arme und ſeines Körper⸗ chens, wie auch ſeine ſehr jugendliche und modiſche Kleidung. Es ſaßen etwa fünf oder ſechs junge Damen an der Tafel, und nach den zärtlichen Blicken, die er jeder zu⸗ ſandte, dem ſüßen Lächeln, womit er ſeine Blicke be⸗ gleitete, zu urtheilen, mußte er mit allen in genauen Verhältniſſen ſtehen. Dieſer Herr hatte, wenn er mit der abgeſtorbenen, knöchernen Hand eine Spargel zum Munde führte und ſüßlich dazu lächelte, die größte Aehnlichkeit mit einem raſirten Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholiſcher Froſch an⸗ zuſehen war. Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit ſo finſtern Augen maß, konnte ich nicht errathen. End⸗ lich, als die Blicke meines Nachbars düſterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen 21 an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken auf künſtliche Art auszudehnen und das ſpitzige Köpfchen nach uns herüber zu drehen; mit ſützem Lächeln fragte er:„Noch immer ſo düſter, mein lieber Monſieur Zwerner? Etwa gar eiferſüchtig auf meine Wenigkeit?“ An dem zarten Liſpeln, an der künſtlichen Art das r wie gr auszuſprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenſchen zu erkennen, die von einer feinen, leiſen Sprache Profeſſion machen. Und ſo war es, denn mein Nachbar antwortete:„Eiferſüchtig, Herr Graf? Auf Sie in keinem Fall.“ Graf Rebs— ſo hörte ich ihn ſpäter nennen— faltete ſein Mäulchen zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznaſe auf komiſche Weiſe ſeitwärts, ſtrich mit der Hand über ſein langes knöcher⸗ nes Kinn und kicherte. „Das iſt ſchön von Ihnen, lieber Monſieur Zwer⸗ ner; alſo gar nicht eiferſüchtig? Und doch habe ich die ſchöne Rebecca erſt geſtern Abend noch in ihrer Loge geſprochen. Ha, ha! Sie ſtanden im Parterre und ſchauten mit melancholiſchen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?“ „Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater, und nicht rückwärts geſehen, am wenigſten mit melancholiſchen Blicken.“ „Herr Oberkellner,“ liſpelte der Graf,„Sie haben die Trüffeln geſpart. Aber nein! Monſieur Zwerner, wie man ſich täuſchen kann! Ich hätte auf Ehre ge⸗ glaubt, Sie ſchauen herauf in die Loge mit melancho⸗ 22 liſchen Blicken. Auch Rebecea mochte es bemerken und Fräulein v. Rothſchild, denn als ich auf Sie hinab⸗ wies— Kellner, ich trinke heute lieber rothen Ingel⸗ heimer, ein Fläſchchen— ja, was wollte ich ſagen— das iſt mir nun währeud des Ingelheimers gänzlich ent⸗ fallen; ſo geht es, wenn man ſo viel zu denken hat.“ Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich ſchlechte Gedächtniß des Grafen nicht behagen; obgleich er vor⸗ hin das Kaninchen ziemlich barſch abgewieſen hatte, ſo ſchien ihm doch dieſer Punkt zu intereſſant, als daß er nicht weiter geforſcht hätte.„Nun, auch Fräulein v. Rothſchild hat bemerkt, daß ich melancholiſch hinauf⸗ ſah?“ fragte er, indem er ſeine bitteren Züge durch eine Zuthat von Lächeln zu verſüßen ſuchte;„freilich, dieſe hat ein ſcharfes Geſicht durch die Lorgnette— „Richtig, das war es,“ erwiderte Rebs,„das war es; ja, als ich auf Sie hinab wies und Rebecechen Ihre Leiden anſchaulich machte, ſchlug ſie mich mit ihrem Jokofächer auf die Hand und nannte mich einen Schalk.“ Mein Nachbar wurde wieder finſter, ſeine rothen Wangen rötheten ſich noch mehr, und die anſehnliche Breite ſeines Geſichtes erweiterte ſich noch durch wilden Trotz, der in ihm wüthete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er hatte nie ſo große Ähnlichkeit mit einem angenehmen Froſchjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel ſitzt, als in dieſem Augenblicke. Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herab⸗ laſſung, wobei er das r noch mehr ſchnurren ließ als 23 zuvor, ſprach er:„Werther Monſieur Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jokofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es iſt nur eine Façon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig ſein. Zwar ſo lange man jung iſt,“ fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und ſchalkhaft daraus hervorſah, wie das Kaninchen aus dem Buſch,„zwar ſo lange man jung iſt, macht man ſich hie und da ein Späßchen. Aber ein ganz anderer Gegenſtand feſſelt mich jetzt, Liebſter! Haben Sie ſchon die Nichte des engliſchen Botſchafters geſehen, die ſeit drei Tagen hier in Frankfurt iſt?“ „Nein,“ antwortete mein Nachbar, leichter athmend. „O, ein deliciöſes Kind! Augenbrauen wie, wie — wie mein Rock hier, einen Mund zum Küſſen und in dem ſchönen Geſicht ſo etwas Pikantes, ich möchte ſagen ſo viel engliſche Race. Nun, wir ſind hier unter uns, ich kann Sie verſichern, es iſt auffallend, aber wahr, ich ſollte es nicht ſagen, es beſchämt mich, aber auf Ehre, Sie können ſich drauf verlaſſen, obgleich es ein ganz komiſcher Fall iſt; übrigens hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlaſſen zu können; nein, es iſt wirklich auffallend, in drei Tagen...“ „Nun, ſo bitte ich Sie doch um Gotteswillen, Herr Graf, was wollen Sie denn ſagen?“ Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in die⸗ ſem Augenblick anzuſehen. Ein Gedanke ſchien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Auglein zu, ſein Kinn verlän⸗ gerte ſich, ſeine Naſe bog ſich abwärts nach den Lippen, und ſein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; 24 dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein ſeiner Finger fuhr er auf dem Tiſch umher. Noch einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, ſein Geheimniß preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte:„Sie iſt in mich verliebt! Sie ſtaunen; ich kann es Ihnen nicht übel nehmen, auch mir wollte es anfangs ſonderbar bedünken, in ſo kurzer Zeit; aber ich habe meine ſicheren Kennzeichen, und auch Andere haben es bemerkt.“ „Sie Glücklicher!“ rief der Seufzer nicht ohne Ironie,„wo Sie nur hintippen, ſchlagen Ihnen Her⸗ zen entgegen; übrigens rathe ich, dieſe Engländerin ernſtlicher 11 verfolgen; bedenken Sie, eine ſo ſolide Partie— ahere ſchon, merke ſchon,“ entgegnete Rebs mit ſchlauem Lächeln,„es iſt Ihnen um Rebecca, Sie wollen, ich ſolle dort gänzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich ſchon heirathen will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebecechen dürfen Sie ruhig ſein; ich ziehe mich gänz⸗ lich zurück. Und ſollte vielleicht eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen— Sie verſtehen mich ſchon — das wird ſich bald geben, ich glaube nicht, daß ſie mich ernſtlich geliebt hat.“ „Ich glaube auch nicht,“ entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchem ſich bittere Ironie mit Grimm miſchte. Die Geſellſchaft ſtand auf, wir folg⸗ ten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, wel⸗ 25 chen er während der Tafel ſo zärtliche Blicke zugewor⸗ fen; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer. 2. Troſt für Liebende. „Was war doch dies für ein ſonderbarer Herr?“ fragte ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anſchloß.„Findet er wirklich bei den Damen ſo ſehr Beifall, oder iſt er ein wenig verrückt?“ „Ein Geck iſt er, ein Narr!“ rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umher warf.„Ein alter Junggeſelle von fünfundvierzig und ſpielt noch den erſten Liebhaber. Eitel, thöricht, glaubt, jede Dame, die er aus ſeinen kleinen Äuglein anblinzelt, ſei in ihn verliebt, drängt ſich überall an und ein—“ „Nun, da ſpielt dieſer Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der Geſellſchaft, da wird er wohl überall ver⸗ höhnt und abgewieſen?“ 1 „Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, werthge⸗ ſchätzter Herr! aber ſo lächerlich dieſer Gnome iſt, ſo thöricht er ſich überall geberdet, ſo— o Rebecea! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.“ „Ei, ei!“ ſagte ich, indem ich ſchnell Nro. 45 auf⸗ ſchloß und den Verzweifelnden hineinſchob,„ei! lieber Herr Zwerner, wer wird ſo arge Beſchuldigungen aus⸗ ſtoßen? Und auf Fräulein Rebecca— ſetzen Sie ſich doch gefälligſt aufs Sopha— auf das Fräulein ſollte er auch Eindruck gemacht haben, dieſer Gliedermann?“ 26 „Ach, nicht er, nicht er. Sie ſieht, daß er lächer⸗ lich iſt und geckenhaft, und doch kokettirt ſie mit ihm. Nicht mit ihm, ſondern mit ſeinem Titel. Es ſchmei⸗ chelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu ſehen, oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden, viel⸗ leicht wenn ſie eine Chriſtin wäre, hätte ſie einen ſoli⸗ dern Geſchmack.“ „Wie, das Fräulein iſt eine Jüdin?“ „Ja, es iſt ein Judenfräulein. Ihr Vater iſt der reiche Simon in der neuen Judenſtraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothſchild, und eine Million hat er, das iſt ausgemacht.“ „Sie haben einen ſoliden Geſchmack. Und wie ich aus dem Geſpräch des Grafen bemerkt habe, können Sie ſich einige Hoffnung machen?“ „Ja,“ erwiderte er ärgerlich,„wenn nicht der Sa⸗ tan das Papierweſen erfunden hätte. So ſtehe ich immer zwiſchen Thüre und Angel. Glaube ich heute einen feſten Preis, ein ſicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn Simon treten und ſagen zu können: Herr! wir wollen ein kleines Geſchäft machen mit einander, ich bin das Haus Zwerner und Comp. aus Deſſau, ſtehe ſo und ſo, wollen Sie mir Ihre Tochter geben? Glaube ich nun ſo ſprechen zu können, ſo läßt auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei, drei Procent ſteigen, ich ver⸗ liere, und meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, ſteigt der Kamm um ſo viel Procente höher, und an eine Verbindung iſt dann nicht mehr zu denken.“ „Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen 74 27 „Ja, und dann bin ich ſo ſchlecht berathen wie zuvor. Herr Simon iſt von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieſer oder jener Papiere, ſo verliert er eben ſo viel, und dann iſt nichts mit ihm anzufangen, denn er iſt ein ausgemachter Narr und reif für das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebecechen, ſo gut ſie ſonſt iſt, guckt auf allen Seiten der jüdiſche Geldteufel heraus.“ „Wie, ſollte es möglich ſein, eine junge Dame ſollte ſo ſehr nach Geld ſehen?“ „Da kennen Sie die Mädchen, wie ſie heutzutage ſind, ſchlecht,“ erwiderte er ſeufzend.„Titel oder Geld, Geld oder Titel, das iſt es, was ſie wollen. Können ſie ſich durch einen Lieutenant zur gnädigen Frau machen laſſen, ſo iſt er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, ſo wiegt dies den Adel zur Noth auf, weil der⸗ ſelbe gewöhnlich keines hat.“ „Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Comp. in Deſſau hat Geld, woher alſo Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?“ „Ja, ja!“ ſagte er etwas freundlicher,„wir haben Geld, und ſo viel, um immer mit Anſtand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien, aber Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht, werther Herr! Iſt von einem angenehmen, liebenswürdigen jungen Mann die Rede, ſo fragen ſie: wie ſteht er? Steht er nun nicht nach allen Börſenregeln ſolid, ſo iſt er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß.“ „Und Rebeecca denkt auch ſo!“ „Wie ſoll ſie andere Empfindungen kennen lernen —= 28 in der neuen Judenſtraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechſelt nach dem Kurs der Börſenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele Metalliques und preußiſche Staatsſchuldſcheine zu kaufen. Mein Intereſſe geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, ſo gewinne ich und werde ein reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und ſein Reiseffendi, ſo bin ich um zwanzigtauſend Kaiſergulden ärmer und nicht mehr würdig, um ſie zu freien. Das weiß nun das liebens⸗ würdige Geſchöpf gar wohl, und ihr Herz iſt getheilt zwiſchen mir und dem Vater. Bald möchte ſie gerne, das die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern. Bald denkt ſie wieder, wie viel ihr Vater durch dieſe Spekulation des Herrn von Metter⸗ nich verlieren könnte, und wünſcht dem Effendi ſo viel Verſtand als möglich. Ich Unglücklicher!“ „Aber, lieben Sie denn wirklich dieſes edle Ge⸗ ſchöpf?“ fragte ich. Thränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer ſtahl ſich aus ſeiner Bruſt.„Wie ſollte ich ſie nicht lie⸗ ben?“ antwortete er.„Bedenken Sie, fünfzigtauſend Thaler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Iſraelchen zu ſich nimmt eine ganze. Und dabei iſt ſie vernünftig und liebens⸗ würdig, hat ſo was Feines, Zartes, Orientaliſches⸗ ein ſchwarzes Auge voll Glut, eine kühn geſchwungene Naſe, friſche Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch röthlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie ſollte man ein ſolches Geſchöpf nicht lieben?“ „Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?“- „O, einige Indenjünglinge, bedeutende Häuſer, buhlen um ſie, aber ihr Sinn ſteht nach einem ſoliden Chriſten. Sie weiß, daß bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und ſchämt ſich, in guter Geſellſchaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat ſie ſich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und ſpricht preußiſch. Sie ſollten hören, wie ſchön es klingt, wenn ſie ſagt,„Ißßt es möglich?“ oder:„Es jinge wohl, aber es jeht nich.“ Der Seufzer geſiel mir. Es iſt ein eigenes, ſonder⸗ bares Volk, dieſe jungen Herren vom Handelsſtand. Sie bilden ſich hinter ihrem Ladentiſch eine eigene Welt von Ideen, die ſie aus den trefflichſten Romanen der Leihbibliptheken ſammeln. Sie ſehen die Menſchen, die Geſellſchaft nie, es ſei denn, wenn ſie Abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Her⸗ ren comme il faut, auf Kirchweihen oder ſonſtigen Bällen ſich amüſiren. Reiſen ſie hernach, ſo dreht ſich ihr Ideengang um ihre Muſterkarte und die ſchoͤne Wirthin der nächſten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen iſt, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie ſie glauben, aoch lange um den ſchönen, wohlgewachſenen, jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo geleſen oder gehört, daß der Handelsſtand gegenwärtig viel zu be⸗ deuten habe; drum ſprechen ſie mit Ehrfurcht von ſich und ihrem Weſen, und nie habe ich gefunden, daß einer von ſich ſagte:„Kaufmann oder Bänderkrämer,“ ſon⸗ 30 dern:„Ich reiſe in Geſchäften des Hauſes Bäuerlein oder Zwierlein,“ und fragt man in welchen Artikeln, ſo kann man unter zehn auf neun rechnen, ſie ganz be⸗ ſcheiden antworten zu hören:„Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf⸗ und Rauch⸗, und dergleichen bedeutende Artikel.“ Haben ſie nun gar im Städtchen ihrer Heimath ein Schätzchen zurückgelaſſen, ſo darf man darauf rechnen, ſie werden, wenn von Liebe die Rede iſt, ihre ſehr intereſſante Geſchichte erzählen, wie ſie Fräulein Jettchen beim Mondſchein kennen gelernt haben, ſie werden die Brieftaſche öffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gaſt⸗ höfen ꝛc., ein Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröb⸗ chen Haar von der Stirne der Geliebten enthält. Glückliche Nomaden! Ihr allein ſeid noch heutzu⸗ tage die fahrenden Ritter der Chriſtenheit. Und wenn es euch auch nicht zukommt, mit eingelegter Lanze à la Don Quixote eurer Jungfrauen Schönheit zu ver⸗ theidigen, ſo richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwüſtung an, wie jener mannhafte Ritter, und ſeid überdies meiſt euer eigener Sancho Panſa an der Tafel. 3 Eine ſolche liebenswürdige Erziehung aus Comptoir⸗ ſpekulationen, Romanen, Mondſcheinliebe und Han⸗ delsreiſen zuſammengeſetzt, ſchien nun auch mein Nach⸗ bar Seufzer genoſſen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttauſend geweſen, Kuriere nicht von Höchſt oder von Langen, ſondern von Wien, ſogar mit authentiſchen Nachrichten kommen zu 31 laſſen, um ſeinem Glücke aufzuhelfen. Iſt denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothſchild mit Geld etwas machen kann, warum ſollte es ein Anderer nicht auch können, wenn ſein Geld eben ſo gut iſt, als das des großen Makkabäers? Zwar ein ſolcher Sperling macht keinen Sommer. Eine ſolche Handelsſeele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen, Doch die Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenſpiel, bis ein ſolcher Hecht ins Netz geht, und darum beſchloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen. „Ich bin,“ ſagte ich zu ihm,„ich bin ſelbſt einiger⸗ maßen Papierſpekulant, daher werden Sie mir ver⸗ geben, wenn ich Ihre bisherige Verfahrungsart etwas ſonderbar finde.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte er verwundert. „Als ich in Deſſau war, ließ ich mir nicht jeden Poſt⸗ tag den Kurszettel ſchicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Börſenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenſtraße, um das Neueſte zu erfragen?“ „Das iſt es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner(er verbeugte ſich lächelnd), das heißt, ein Mann mit dieſen Mitteln, der etwas wagen will, muß ſelbſt eingreifen in den Lauf der Zeiten.“ „Aber mein Gott,“ rief er verwunderungsvoll, „das kann ja jetzt Niemand als der Rothſchild, der Reis⸗Effendi und der Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?“ „Über Ihr Glück, Sie geben es ſelbſt zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entſcheiden. Zum Beiſpiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die 32 Nachricht ſchnell hieher kömmt, kann eine Kriſis ſich bilden, die Sie ſtürzt. Eben ſo im Gegentheil, können Sie durch eine ſolche Nachricht ſehr gewinnen, weil dann ihre Papiere ſteigen?“ „Gewiß, gewiß,“ ſeufzte er.„Aber ich ſehe nur noch nicht recht ein—“ „Nur Geduld. Wer gibt nun dieſe Nachricht, wer bekommt ſie? Das Miniſterium in Wien, oder ein guter Freund, der ſehr nahe hin gehorcht und dem großen Portier ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufſitzen. Der reitet und fährt und fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depeſche, wem?“ „Ach, dem Glücklichſten, dem Vornehmſten!“ „Nein, dem, der am beſten zahlt. Einen ſolchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verſchaffen, ich habe Connexionen in Wien. Man kann dort mancher⸗ lei erfahren, ohne gerade der öſterreichiſche Beobachter zu ſein. Kurz, wir laſſen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Kriſis, eines bedeutenden Vorfalls, kommen—* „Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiſer von Rußland ſei plöͤtzlich—“ „Nichts davon, das iſt zu wahrſcheinlich, als daß es die Leute glauben! Unwahrſcheinliches, Ueberra⸗ ſchendes muß auf der Börſe wirken!“— „Alſo etwa der Fürſt von M. ſei ein Türke ge⸗ worden— habe dem Islam geſchworen?“ „Ich ſage Ihnen ja, nichts Wahrſcheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. 3³ Bekommen Sie nun dieſe Nachricht mit allem möglichen geheimnißvollen Weſen, laſſen Sie den Kurier ſogleich ein Paar Stationen weiter reiſen, laſſen Sie den Brief einige Geheimnißkrämer leſen, gehen kurze Zeit darauf in die Börſenhalle, ſo kann es nicht fehlen, Sie ſind ein wichtiger Mann und ſetzen Ihre Papiere mit Ge⸗ winn ab.“ „Aber, lieber Herr,“ erwiderte der Kaufmann von Deſſau kläglich,„das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu ſagen pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit ſtehen, will er Kredit haben.“ „Ehrlichkeit, Poſſen! Geld, Geld, das iſt es, wor⸗ nach er riechen muß, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weib ihr Loth Schnupftabak zu leicht wie⸗ gen, oder ob Sie daſſelbe Experiment im Großen vor⸗ nehmen, das iſt am Ende daſſelbe.“ „Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Priſe, die das Weib zu wenig bekömmt, ſtirbt ſie nicht, wie man zu ſagen pflegt; aber wenn ich einen ſolchen Kurier kommen laſſe, ſo kann er durch ſeine falſche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Boͤrſe wer⸗ den; viele Häuſer können falliren, andere wanken und den Kredit verlieren, und das wäre dann meine Schuld!“ „So, mein Herr?“ ſagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der ſchwachen Seele.„So, Sie ſchämen ſich nicht, die Moral, das Herrlichſte, was man auf Erden hat, W. Hauffs Werke, VII. 3 34 ſo zu verhunzen? Alſo wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an ſich, als einem un⸗ moraliſchen, beben Sie zurück? Wer den Anfang einer That nicht ſcheut, darf auch ihr Ende nicht ſcheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebecca könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt und ſeufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?“ „Aber, mein Herr,“ rief der Seufzer etwas pikirt, „ich weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Theilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen ſoll?“ „Mein Herr, das haben Sie ſich ſelbſt zuzuſchrei⸗ ben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleich⸗ ſam um Rath gefragt, daher meine Antwort. übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den erſten Anblick ſolches gefunden zu haben.— 4 1 „Bitte recht ſehr, eine ſo ganz gewöhnliche Phyſiog⸗ nomie wie die meine—“ „Das können Sie nicht ſo beurtheilen wie ein An⸗ derer, auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Muthi⸗ ges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geiſt—“ „Finden Sie das wirklich,“ rief er, indem er lächenld meine Hand faßte und verſtohlen nach dem Spiegel blickte;„es iſt wahr, man hat mir ſchon dergleichen geſagt, und in Stuttgart hat man mich ſogar ver⸗ ſichert, ich ſei dem berühmten Dannecker auf der Straße . 3⁵ 1 aufgefallen, und er ſei eigens deßwegen einigemal in den König von England gekommen, um von mir etwas für ſeinen Johannes abzuſehen.“ „Nun ſehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraſchen, ſo wenig Muth, ſo wenig Entſchluß hinter dieſer freien Stirne, dieſem muthigen Auge zu finden!“ „Ach, Sie nehmen es auch zu ſtrenge; ich habe ja Ihren Vorſchlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel ſtiegen in mir auf, und— nun Sie haben wahrlich nicht Unrecht, ich fühle einen gewiſſen Muth, eine gewiſſe Freiheit in mir, es iſt ein gewiſſes Etwas, ja— ſo gut es ein Anderer thun kann, will ich es auch verſuchen. Es ſei, wie Sie ſagten, ich will es daran rücken und einen Kurier kommen laſſen; wir wollen die Metalliques ſteigern!“ 3. Ein Schabbes in Bornheim. Der einzige Zweifel, der den ſeufzenden Deſſauer noch quälte, war die Furcht, den Vater ſeiner Geliebten in bedeutenden Verluſt zu ſtürzen, wenn er ſeine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür wußte ich ein gutes, ſehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon in der neuen Judenſtraße auf ſeine Seite bringen, mußte ihm bedeutende Winke von der nahenden Kriſis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewußt Theil und gewann zugleich mit dem Deſſauer, oder er war wenigſtens gewarnt und mußte einige Achtung vor 36 einem Mann bekommen, der ſo genau die politiſchen Wendungen zu berechnen wußte, der ſeine Combina⸗ tionen ſo geſchickt zu machen verſtand. Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von ſelbſt auf den Gedanken, noch an dieſem Tage mit dem alten Simon zu ſprechen, und lud mich ein, mit ihm nach Bornheim zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenſtraße, überhaupt alle Stämme Iſraels ver⸗ ſammelt habe. Wir fuhren hinaus; der Seufzer ſchien ein ganz anderer Menſch geworden zu ſein. Sein trübſeliges Ge⸗ ſicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, ſein Auge hob ſich freier, um ſeine Stirne, ſeinen Mund war jede Melancholie verſchwunden, ſein großer runder Kopf ſteckt nicht mehr zwiſchen den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er ſagen:„Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Comp. aus Deſſau, nächſtens eine be⸗ deutende Perſon an der Börſe, und wenn es gut geht, Bräutigam der ſchönen Rebecca Simon in der neuen Judenſtraße!“ Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternde Klänge von Harfen und Gui⸗ tarren und das Geigen verſtimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ ſich vormuſiciren im Freien, wie einſt ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da ſaßen ſie, die Söhne und Töchter Abrahams, Iſaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kühn gebogenen Naſen, fein geſchnittenen Geſichtern, 37 wie aus einer Form geprägt, da ſaßen ſie vergnügt und fröhlich plaudernd und tranken Champagner, aus ſaurem Wein, Zucker und Mineralwaſſer zubereitet, da ſaßen ſie in maleriſchen Gruppen unter den Bäu⸗ men, und der Garten war anzuſchauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge geſehen und ſeinem Volk verheißen hatte. Wie ſich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld! Es waren dies dieſelben Menſchen, die noch vor dreißig Jahren keinen Fuß auf den breiten Weg der Promenade ſetzen durften, ſondern beſcheiden den Ne⸗ benweg gingen; dieſelben, die den Hut abziehen muß⸗ ten, wenn man ihnen zurief:„Jude, ſei artig, mach dein Compliment!“ dieſelben, die von dem Bürger⸗ meiſter und dem hohen Rath der freien Stadt Frank⸗ furt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr ſchmutziges Quartier. Und wie ſo ganz anders waren ſie jetzt an⸗ zuſchauen. Ueberladen mit Putz und köſtlichen Steinen ſaßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten ſie auch nicht die ſpitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Kniee ihres Volkes verläugnen, ſuchten ſie auch umſonſt den ruhigen, ſoliden Anſtand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopiren, die Männer hatten ſich ſonntäglich und ſchön ange⸗ than, ließen ſchwere goldene Ketten über die Bruſt und den Magen herab hängen, ſtreckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs beſteckt, von ſich, als wollten ſie zu verſtehen geben:„Iſt das nicht was ganz Golides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? 38 Wem iſt Gott und Welt, Kaiſer und König ſchuldig, wem anders als uns?“ 4 „Dort ſitzt ſie, die Taube von Juda, dort ſitzt ſie, die Gazelle des Morgens,“ rief der Seufzer in poeti⸗ ſcher Ekſtaſe, und zerrte mich am Arm;„ſchauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Naſe und den grauen Löckchen am Ohr iſt der Vater, Herr Simon aus der neuen Indenſtraße, die dicke Frau rechts mit den. ſchwarzſeidenen Locken und dem rothbraunen Geſicht iſt die Tante; eine fatale Verwandtſchaft, aber man weiß ſich in Zukunft zu ſepariren nach und nach.“ „Aber wo iſt denn die Gazelle, die Taube, ich ſehe. ſie noch nicht—* 3 „Geduld! Noch bedeckt die neidiſche Wolke, die Tante, das Geſtirn des Aufgangs; faſſen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir bei, ich muß Sie vorſtellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Rathgeber?“ „Ich bin der k. k. Legationsrath Schmälzlein aus Wien“ gab ich ihm zur Antwort, nreiſe in Geſchäften meines Hofes nach Mainz.“ „Ah,“ rief er, nachdem er ſchon bei dem kaiſerlich königlich an den Hut gegriffen hatte,„Le— Legations⸗ rath, wirklicher, und nicht bloß Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werthe Bekanntſchaft zu machen. Hätte es mir gleich vorſtellen können, Sie haben einen gartiefen Blickin die Staatsaffairen. Wahr⸗ haftig, hätte es Ihnen gleich anſehen können; haben ſo et⸗ was Diplomatiſches, Kabinetsmäßiges in Dero Viſage.“ — 39 „Bitte, bitte, keine Complimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe Ihnen nützlich ſein zu können.“ Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter erröthete tiefer, je näher er trat; ſeine Wangen liefen vom Hellrothen ins Dunkelrothe, von da ins bläulich Schattirte an, und als wir vor dem Herrn Simon ſtanden, war er anzuſehen wie eine ſchöne dunkelrothe Herzkirſche. Die Tante,„das nei⸗ diſche Gewölk,“ erhob ſich, und nun ward auch das Geſtirn des Morgens ſichtbar. Das Schickſelchen, die Kalle, ich meine Rebecca, des Juden Tochter, war nicht übel.— Sie hatte, um mich wie Graf Rebs aus⸗ zudrücken, viel Race, und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorſicht und aus Eleganz drei Weſten angethan hatte. Nachdem mich mein Freund, der als ſolides Haus aus Deſſau bei der Familie wohl gelitten ſchien, vor⸗ geſtellt hatte, machte er ſich an die Taube von Juda, und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel ſchien ihm einigen Reſpekt eingeflößt zu haben.„Haben da ein ſchönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein,“ bemerkte er wohlgefällig lächelnd; „habe immer eine Inklination für die Diplomatik ge⸗ habt, aber die Verhältniſſe wollten es nicht, daß ich ein Geſandter oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der erſten Hand! Man kann viel com⸗ plieiren und dergleichen; was ließen ſich da für Ge⸗ ſchäfte machen?“ „Sie haben Recht, mein Herr! Man lernt da die 4⁰ verwickeltſten Verhältniſſe kennen. Allein aber ſchauen’s, das Ding hat auch ſeinen Haken. Man weiß oft eigent⸗ lich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher.“ Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplo⸗ maten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. „Zeviel?“ ſagte er.„Ich für meinen Theil kann nie zeviel wiſſen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein Halber⸗, ein Viertelsgedanke oft mehr thun, als eine lange Rede im Frankfurter Muſeum. Nu, Sie ſtehen ſolide in Wien. Ihr Staat iſt ein ge⸗ machtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem Flageolett verpfeift, das ſingen die Staren nach.“ „Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!“ „Gut, trèôs bien bon! Gut gegeben, hi! hi! hi! à propos, wiſſen Sie Neues aus daher?“ Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher. „Herr Simon,“ ſagte ich mit Artigkeit aus⸗ weichend,„Sie wiſſen, es gibt Fälle— „Wie!“ rief er erſchrocken,„Gott’s Wunder! Neue Falliſſements, waas! Iſt nicht die Kriſis vom letzten Winter ſchon ein Strafgericht des Herrn geweſen? Waas?“ „Um Jottes Willen, Papa!“ ſchrie Rebecca, in⸗ dem ſie den Arm des zärtlichen Seufzers zurückſtieß und aufſprang.„Doch kein Unglück? Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?“ „Beruhigen Sie ſich doch, gnädiges Fräulein, ich ſprach mit Ihrem Herrn Papa über Politik und rech⸗ nete einige Fälle auf, und er hat mich holter nicht recht verſtanden.“. f 41 Sie preßte mit einem zärtlichen, hinſterbenden Blick auf den erſchrockenen Deſſauer ihre Hand auf das Herz und athmete tief. „Nee! Was ich erſchrocken bin jeworden, da machen Sie ſich keenen Bejriff von!“ liſpelte ſie.„Mein Herz pocht ſchrecklich! Na, erzählen Sie man weiter; was ſachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jeſtanden und wären melancholiſch jeweſen?“ Das Geflüſter der Liebenden wurde leiſer und leiſer; 3 die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als „das Gewölke“ ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und geſtand ihr, wenn ich anders recht gehört hatte, daß nächſtens die Metalliques und die...... um drei Procente ſteigen werden. „Herr von Schmälzlein!“ ſagte der Alte, nachdem er einigen koſcheren Wein zu ſich genommen hatte.„Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergeſſe. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Geſellſchaft ausſprechen! Nun, Sie woll⸗ ten ſagen?“ „Es gibt Affairen,“ fuhr ich fort,„wo der Diplo⸗ mat ſchweigen muß. Über das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie ſelbſt mich nicht befragen wollen; nur ſo viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engſten Vertrauen—“ „Der Gott meiner Väter thue mir dies und das!“ rief er feierlich.„So ich nur meinem Nachbar oder ſeinem Weib, oder ſeinem Sohn, oder ſeiner Tochter das Geringſte—* 42 „Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, ſo viel kann ich Ihnen ſagen, daß nächſtens eine be⸗ deutende Kriſis eintreten wird; ganz zu allernächſt. Für oder gegen wen darf ich nicht ſagen; doch Herr von Zwerner— „Von Zwerner?“ „Nun, ich nenne ihn ſo, man weiß ja nicht, was geſchieht; an ihn war ich beſonders empfohlen vom Fürſten, und ich glaube, wenn ich anders richtig ſchließe, er muß in den nächſten Tagen Kuriere aus Wien be⸗ kommen.“ „Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich ſagte immer, hinter dem ſteckt etwas; geht ſo tiefſinnig, kalkulirend umher, hat wahrſcheinlich nicht umſonſt ſo unſinnig viele Metalliques gekauft; ei, ſehe doch einer! Hält ſich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt ſich wohl um das Ultima⸗ tum mit der Pforte?“ „Ja.“ „Ei, darf man fragen? Wie iſt es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Effendi? Hat er?“ „Mein Herr Simon, ich bitte—“ „O ich verſtehe, ich verſtehe, Sie wollen es nicht ſagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?“ 3„Trauen Sie auf nichts, ich warne Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentiſche. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei, und hat nicht das drückende Stillſchweigen eines Diplomaten zu be⸗ obachten.“ „Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Ku⸗ 43³ riere von Wien, und der Zwerner aus Deſſau; zwar er iſt ein ſolides Haus, das iſt keine Frage, aber denn doch nicht ſo außerordentlich. Ob ſich wohl was mit ihm machen ließe? ſetzte er tiefer nachſinnend hinzu, indem er ſeine Naſe herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß ſich dieſe beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte ſchon am Köder. Ich gab dem Seufzer aus Deſſau einen Wink, ſich dem Papa zu nähern, und nahm ſeinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein. 4. Das gebildete Judenfräulein. Wie war ſie graziös, das heißt geziert, wie war ſie artig, nämlich kokett, wie war ſie naiv, Andere hätten es lüſtern genannt. „Ich liebe die Tiplomatiker,“ ſagte ſie unter ande⸗ rem mit feinem Lächeln und vielſagendem Blick.„Es is ſo etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man ſieht ihnen den Mann von jutem Jeſchmack ſchon von die Ferne an, und wie angenehm riechen ſie nach Eau de Portugal!“ „O gewiß, auch nach Fleur»'Orange und derglei⸗ chen. Wie nehmen ſich denn die hieſigen Diplomaten? Kommen ſie viel unter die Leute?“ „Nun, ſehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben ſechs bis ſieben Monate Ferien und reiſen 44 umher. Die jüngeren aber, die indeſſen hier bleiben und die Geſchäfte treiben, ſie müſſen Päſſe viſiren, ſie müſſen Zeitungen leſen, ob nichts Verfängliches drein is, ſie müſſen das Papier ordentlich zuſammen legen für die Sitzungen. Nun, was nun ſolche junge Herren Ti⸗ blomen ſind, das ſein janz ſcharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, eſſen an die Tables d'hote, jehen auf die Promenade ſchön ausſtaffirt comme il faut, haben zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber deſto mehr Anſehen.“ „Da haben Sie einen herrlichen Shawl umgelegt, mein Fräulein, iſt er wohl echt?“ „Ah, jehen Sie doch! meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt iſt? Der Shawl hat mir jekoſtet achthundert Gulden, die ich in die Roth⸗ ſchildiſchen Loos gewunnen. Und ſehen Sie, dieſes Col⸗ lier hier koſtet ſechzehnhundert Gulden, und dieſer Ring zweitauſend. Ja, man jeht ſehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton wie unſer eine.“ „Ach, was haben Sie doch für eine ſchöne, gebildete Sprache, mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?“« „Finden Sie das och?“ erwiderte ſie anmuthig lä⸗ chelnd;„ja, man hat mir ſchon oft das Compliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich leſe viel und bilde auf die Art meinen Jeiſt und mein Orkan aus.“ „Was leſen Sie? wenn man ſragen darf.“ „Nu, Bellettres, Bücher von die ſchöne Jeiſter. Ich bin abbonirt bei Herrn Döͤring in der Sandjaſſe, nächſt 4⁵5 der weißen Schlange, und der verproviantirt mich mit Almanachs und Romancher.“ „Leſen Sie Goethe, Schiller, Tieck und derglei⸗ chen?“ „Nee, das thu ich nich. Dieſe Herren machen ſchlechte Jeſchäfte in Frankfort. Es will ſie keen Menſch, ſie ſind zu ſtudirt, nich natürlich genug. Nee, den Jöthe leſe ich nie wieder! das is was Langweiliges. Und ſeine Wahlverwandtſchaften! Ich werde roth, wenn ich nur daran denke. Wiſſen Sie, die Scene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin,— ach man kann's jar nicht ſagen, und jedes ſtellt ſich vor—“ „Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in dieſem Gedanken eine erſtaunliche Tiefe— ein Chaos von Möglichkeiten— „Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Lieb⸗ ling iſt, das is der Clauren. Nee, dieſes Leben, dieſe Farben, dieſes Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüths, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei ſo natürlich! Wenn mir die andern alle vor⸗ kommen, wie ſchwere vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartieen, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Menſch nich verſtehen und ſpielen kann, ſo wie der Mozart, der Haydn, ſo kommt mir der Clauren akkerat ſo vor, wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es is etwas Herrliches!“ „Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe dieſen Schriftſteller über Alles. Dieſe Andern, beſonders ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menſchheit gethan. Man ſollte meinen, er wolle moraliſche Vorleſungen halten. Er iſt, um mich eines andern Gleichniſſes zu bedienen, ſchwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholiſch als heiter macht. Aber dieſer Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. Der echte verdunſtet gleich, aber die⸗ ſer unechte, ſetzt er auch im Grunde viele Hefen an, ſo „brüſſelt“ er doch mit allerliebſten tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauſcht, er macht die Sinne rege, er iſt der wahre Lebenswein.“ „O ſehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unſeren Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, ſo etwa die Hälfte, jießt Mi⸗ neralwaſſer dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janze, und unſer Clauren iſt fertig. Sehen Sie, wie es ſiedet, wie es ſprudelt und brüſſelt, wie anjenehm ſchmeckt es nich, und iſt ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß ſagen, er iſt mein Liebling. Und das Angenehmſte is das, man kann ihn ſo leſen, ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins Buch ſchaut, als der Jeiſt. Und wie angenehm läßt es ſich dabei ein⸗ ſchlafen!“ „Ich glaube gar, ihr ſeid in einem gelehrten Ge⸗ ſpräch begriffen,“ rief lachend der alte Jude, indem er, den Deſſauer an der Hand, zu uns trat.„Nicht wahr, Herr Legationsrath, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie ſpricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.“ 47 „Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimniſſe abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden ſie in der nächſten Woche ſtehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab ich es errathen?“ „Stille, Kind, ſtille! kein Wort davon! Muß Alles geheim gehalten werden! Muß einen großen Schlag geben. Iſt ein Goldmännchen der Herr von Zwerner. Setzen Sie ſich zu ihr hin und klären ihr Alles auf. Sie iſt auf dieſem Punkt ein verſtändiges Kind und weiß zu rechnen, die Rebecechen.“ Was ſchlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen Beinchen heran? Was lächelte ſchon von weitem ſo freundlich nach der Kalle des Herrn Si⸗ mon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt iſt, und alle bezaubert? Er war es, er kam hereinge⸗ ſchwänzelt. Er ſchnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zuſtand höchſter Erſchöpfung, in welchem er zu ſein ſchien, ſein liebliches, ſüßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf ſich ermattet neben Rebecca in einen Seſſel, ſtreckte die dünnen Beinchen, ſo mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beſchlagen, heftete den matten, ſterbenden Blick auf die ſchöne Jü⸗ din und ſprach:„Habe die Ehre, vergnügten Abend zu wünſchen. Ich ſterbe, mit mir gehts aus!“ „Mein Jott! Herr Iſraels! Graf Rebs, was ha⸗ ben Sie doch? Ihre Wangen ſind janz einjeſchnurrt, Ihre Augen bleiben ſtehen. Er antwortet nich! Herr 48 Tiplomat, Eau de Cologne! Haben Sie keines bei ſich in die Taſche?“ So rief das ſchöne Judenkind und beſchäftigte ſich um den Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein Eau de Cologne bei mir trug, ſo begann ſie etwas weniges verzweifeln zu wollen, und verlangte von dem Deſſauer, er ſolle ihm Tabaksrauch in die Naſe blaſen. Doch der Vater wußte beſſern Rath:„Da geht einer,“ rief er freudig,„da geht ein charmanter junger Herr, iſt in Condition nicht weit von uns, der trägt beſtän⸗ dig etzliches Köllnerwaſſer in ſeiner Rocktaſche!“ Wie ein Pfeil ſchoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit ſchrecklichen Geberden das Eau de Colognefläſchchen abforderte, anzuſehen wie Sir John Falſtaff, als er die Krämer beraubt. Maria Fa⸗ rina’s Lebenstropfen brachten das arme⸗ Kaninchen wieder zu ſich. Er ſchlug die Augen auf, ſeufzete tief und lächelte.„Mich gehorſamſt zu bedanken,“ lispelte er mit zitternder Stimme,„für die gütigſt geleiſtete Hülfe. War mir aber recht elend zu Muth. Faſt als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich.“ „Sind Sie oft ſolchen Zufällen unterworfen?“ fragte Rebecea, ihn etwas mißfäallig betrachtend. „Mit nichten und im Gegentheil,“ erwiderte er, indem er den Rücken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Bruſt herausfuhr, und mann⸗ haft mit den Spörnchen klirrte.„Mit nichten, habe ſonſten eine überaus ſtarke Conſtitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer...“ Die Juden ſchwiegen, und Rebecea ſchlug die Augen 49 nieder, wie immer, wenn von chriſtlichen Pfarrern oder Ceremonien, oder auch von Schweinfleiſch in ihrer Nähe geſprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erſchei⸗ nung des Grafen etwas läſtig ſchien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im goldenen Brunnen geweſen, ſich allda etwas betrunken, und nachher mit dem ehr⸗ ſamen Paſtor Münſter Streit und kirchlichen Skandal angefangen, nach ſeiner Gewohnheit? „Nach meiner Gewohnheit!“ rief das Kaninchen er⸗ ſchrocken,„ich ein Unruhſtifter oder Säufer, ich in dem goldnen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelſten Hotels, den Pariſer und den Engliſchen Hof, den Wei⸗ denbuſch, in welchem ich logire, und den weißen Schwa⸗ nen mit meinem Beſuch beehre? Neinl! er iſt mir be⸗ gegnet der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, ſah er mich mit ſchrecklichen Augen an und ſagte:„„Das iſt auch ſo ein Stein des Anſtoßes, auch ſo ein Myſtiker.““„Herr Pfarrer,“ ſagte ich,„guten Abend, aber ein Myſtiker bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigſten öffentlich, auf der Chauſſee nach Bornheim.“„„Sie wollen keiner ſein?““ antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, ſo daß ſein Bauch und das Cachet ſeiner Uhr mir gerade auf die Bruſt zu ſitzen kamen und mich heftig drückten.„„Wollen keiner ſein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Mu⸗ ſeum? Warum haben Sie an öͤffentlichen Wirthstafeln, im Pariſer⸗, Weiden⸗ und anderen Höfen geſchimpft über mich, daß ich ein gewiſſes Gedicht von Langbein in be⸗ ſagter Geſellſchaft vorgeleſen?““ Es iſt wahr, ich hatte mich ziemlich ſtark darüber ausgeſprochen, aber nicht W. Hauffs Werke. VII. 4 50 aus Myſticismus, ſondern weil ich glaubte, es könnte zarte Damenohren und weiche Gemüther unangenehm berühren, jenes Gedicht Aber er nahm keine Entſchula digung an. Ich ſchlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte ſchnell weiter gehen, aber er ſetzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beſchul⸗ digte mich, ſeinem Gegenpart, dem myſtiſchen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben, er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen, ſtatt des Frühſtücks, magnetiſiren laſſe, und dergleichen. Und erſt hier an der Gartenthüre ließ er mit einer mürriſchen Reverenz von mir ab.“ „Aber was hat denn dies Alles zu bedeuten?“ fragte ich.„Halten denn die Pfarrer hier auf der Land⸗ ſtraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apoſtel?“ „In Frankfurt,“ belehrte mich der Kaufmann aus Deſſau,„in Frankfurt iſt gegenwärtig ein großer Krieg zwiſchen den Pfarrern, und ihre Parteien befehden ſich ebenfalls. Myſtiker und Rationaliſten ſchelten ſie ſich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, ſein Gegner rede tiefen Unſinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kan⸗ zeln, ſondern auch in den Weinhäuſern und Trinkſtuben, auf Chauſſeen und Caſinos wird gekämpft, und ſo konnte es leicht geſchehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Hände fiel.— Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, ſo fährt dort der Lord und ſeine Nichte. Nicht ſo? Und ſie halten vor dem Garten, ſie ſteigen aus?“ „Ah, ſie hat mich bemerkt,“ rief das Kaninchen ſehr 51 freundlich,„ſie ſchaut ſchon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taſchentuch mir zu. Verzeihen Sie allerſeits, daß ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wiſſen ſelbſt, bei ſolchen Affairen—“ Er ſchlüpfte unter dieſen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang ſeines Herzens die junge Dame auf den glacirten Handſchuh küßte. Es mochte ihr übrigens dieſes Zeichen ſeiner Verehrung überaus komiſch vor⸗ kommen, denn ihr Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete ſie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen ſchüttelte. Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte ſich, daß es ſchon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher ſeinen ſchönen Wagen vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebecechen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz verklärtem Geſicht zurück. Sie hatte ihm unter der Thüre noch die Hand gedrückt und geſtanden, daß ſie ſich dieſen Nachmittag janz für⸗ trefflich amüſirt habe, und der Alte hatte ihn einge⸗ laden, morgen und alle Tag den Abend in ſeinem Hauſe zuzubringen. 4 5. Der Kurier aus Wien kommt an. Ich könnte dir, geneigter Leſer meiner Memoiren, vieles Ergötzliche und Intereſſante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von frü⸗ 5² heren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen der Kurfürſten ſtand und den Kaiſer wählen half, wo ich ſo oft unter guten Freunden im Römer und beim Römer ſaß, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, deutſches Reich genannt, mit der Krone ge⸗ ſchmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir viel erzählen, von dem tiefen, geheim⸗ nißvollen Weſen der Diplomatie, von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den deutſchen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und Blühen des Myſticismus, und wie ich das Feuer anſchürte zwiſchen ſeinen Anhängern und den Rationaliſten, und wie es im Wirthshaus zum goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwiſchen beiden Parteien, das heißt— nur mit ſchneidenden Zungen und ſtechenden Blicken. Ich koͤnnte dir erzählen, wie ich in einem Inſtitut, woſelbſt man junge Fräulein für die Welt zuſtutzt, nützlichen Unter⸗ richt gab im Guitarreſpielen und andern Kleinigkeiten, ſo eine junge Dame kennen muß, wenn ſie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener Straße, Million genannt, wo meine ſpeciellſten Freunde wohnen, deren der geringſte über Millionen gebietet. Doch ich ſchweige von dieſem Allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, ſeufzenden Sohn Mer⸗ kurs aus Deſſau zu einem Teufelskind machte. Der erſte Schritt vom ehrlichen Mann zum ſchlechten oder Betrüger iſt an ſich klein, und dennoch bedeutend, weil man leicht, ſo zu ſagen, in Schuß kömmt und unauf⸗ 5³ haltſam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nach⸗ her im Galopp. Mein guter Seufzer hatte ſein bedeu⸗ tendes Vermögen mit einem ehrlichen Gemüth geerbt. Er ging in ſeinen Geſchäften den geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war, ſondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Um⸗ wege zu machen. Es iſt dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend iſt. Nicht der Geldgewinn, er iſt ziemlich zufrieden mit ſeinem Loos, ſondern die Liebe zu der ſchönen Kalle des alten Simon macht ihn ſtraucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die ſüße Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt iſt, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger ge⸗ worden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das Nächſtemal Ähnliches verſuchen. Das Ge⸗ wiſſen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbſtzufrieden⸗ heit iſt ja doch ſchon zum Teufel, warum ſoll er ſich alſo geniren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die erſten Verſuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geſchäfte macht, kann, ſo lange es thunlich iſt, darauf rechnen, ſie mit Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage geht, daß ſie ſich erhängt oder er⸗ ſäuft haben, hatten durch Reue und Selbſtanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut und nicht ich war es, der ſie verließ, ſie hatten ſich ſelbſt verlaſſen. 54 Doch wo gerathe ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anſtecken laſſen, zu moraliſiren? Iſt es denn mein Zweck, mit pſychologiſchen Abhandlungen meinen Leſer zu ermüden, oder ſogar abzuſchrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verführen, die behaupteten, es liege zu wenig pſychologiſche Teufelei oder teufliſche Pſychologie in meinen Memoiren, ich ſei für einen deutſchen Schrift⸗ ſteller, als welchen ich mich im Leipziger Meßkatalogus einregiſtriren laſſen, nicht gründlich genug? Der Teufel ſoll es holen! möchte ich mir ſelbſt zu⸗ rufen. Sobald man vom Wege abgeht, geräth man immer mehr auf Abwege, ſo auch im Niederſchreiben von Memoiren. Ich werde kurz ſein. Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der Reiseffendi in einer Privatunter⸗ redung mit Herrn von Minciaky über das ruſſiſche Ulti⸗ matum geäußert. Ja, um redlich zu ſein, ich hatte ſelbſt großen Antheil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das ſogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze gerückt zu werden ſchien, und mehr Leben in das ſchlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und andern luſtigen Artikeln nur tr äumt und im Schlafe ſpricht. Ich hatte dieſe Nachricht früher vernommen, als ſie ſelbſt nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag es, die Pa⸗ piere ſteigen oder fallen zu machen. Der Vater der ſchönen Rebecca hatte in den letzten Tagen auf meinen Rath und ſeine eigene Einſicht hin ſeine Papiere ſo umgeſetzt, daß er beim geringſten Steigen der—— 5⁵ auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung herrſchte in dem Hauſe des Herrn Simon in der neuen Iudenſtraße. Der Alte verſicherte, ſeine Gebeine er⸗ zittern, ſo oft er anſetze, einen wichtigen Brief zu ſchreiben. Die Tante,„das neidiſche Gewölk,“ mochte ahnen, was vorging, und ſchlich trübe und ächzend im Hauſe umher. Die Kalle war die muthigſte von allen, zwar war auch ſie in einiger Bewegung, denn ſie las nicht mehr, weder in Clauren noch in verſchiedenen Almanachs, ſogar das Modejournal wollte ſie nicht anſehen, ſie ſpielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug ſie das Köpfchen noch ſo hoch wie zuvor, und ermuthigte durch manche Rede die zagenden Bundes⸗ truppen. Der Seufzer war gänzlich vom Verſtand gekommen. Bald war er tiefſinnig und zweifelte an ſeinem Glück, beſonders in der Nähe der ſchönen Jüdin, wenn er ſich die Höhe ſeiner Seligkeit, den Beſitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelaſſen fröhlich und ſprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo er ſich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen überſchwängliche Gedanken mehr waren, der Kalle aber flüſterte er ins Ohr, daß er ſich wolle adeln laſſen und ſie zur gnädigen Frau Baroneſſe von Zwerner zu Zwernersheim machen, wel⸗ cher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln wäre. Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingſtfeier⸗ tag, und die Mädchen und Frauen ſpazierten ſchon ſchaarenweiſe hinaus an den Main, um ſich überſetzen zu laſſen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen 56 ihnen nach, nur einſtweilen alles zuzurüſten daſelbſt, weil ſie nur noch auf die Börſe gingen und bald nach⸗ kämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die ſchnöde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterſchwein, ſondern in einem eleganten Wagen. Sie hatte ihre ſchönen Stief⸗ töchter bei ſich und nickte mir freundlich zu, als wollte ſie ſagen:„Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich Du jetzt in ſchwarzem Frack und ſeidenen Strümpfen ein⸗ herzuwandeln beliebſt und meiner Eliſe, dem allerlieb⸗ ſten Kind, praktiſche Guitarreſtunden gibſt, Dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da ſprechen wir wohl wieder ein Wort zuſammen.“ Da fuhr ſie hin, die gute Alte, eine der erſten Palaſtdamen meiner Großmutter, und ſehr angeſehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht, da fuhr ſie hin und viele tauſend und wieder tauſend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen:„Du ſollſt den Feiertag heiligen, und an Pfingſten auch den dritten und vierten.“ Jetzt war es Zeit, zu operiren. Den Tag zuvor hatte man ſich allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Beſonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Thor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er ſprengte, gräulich auf dem Poſt⸗ horn blaſend, durch die Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute riſſen die Fenſter auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu ſchauen nach dem ſchrecklichen Trompeten⸗ und 57 Straßenlärm.„Wo kümmt er här? Wo will er hün?“ riefen ſie.„In weißen Schwanen,“ ſchrie er,„ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in den weißen Schwa⸗ nen?“„Der Herr is wohl ä Korrier?“„Freilich, nur ſchnell,“ rief er, und zog einen Brief mit großem Sigill aus der Taſche,„das kommt von Wien, und iſt an den Herrn Zwerner aus Deſſau im weißen Schwanen.“ „Da an der Ecke geht's rechts, dann die Straße links, dann kömmt er auf die Zeile, da reitet er bis an die Hauptwache, und von dort iſt's nimmer weit.“ So riefen ſie, ſchauten ihm nach, wie er mit der Peitſche knallend davon jagte und beſprachen ſich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depeſche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand an⸗ ders als einer meiner dienſtbaren Geiſter in die Uni⸗ form eines heſſiſchen Poſtillons gekleidet. 6. Der Relseffendi und der Teufel in der Börſenhalle. Im Briefe ſtand mit dürren Worten, daß der Reis⸗ effendi dem Herrn v. Minciaky die vertrauliche, jedoch halb officielle Mittheilung gemacht habe, daß die Pforte das Ultimatum, ſo weit es Rußland betreffe, annehmen werde. Der Seufzer bekam nun die nöthige Inſtruktion, was er zu thun hatte. Er fuhr mit dem Brief ſogleich zu Papa Simon und mit dieſem zu Herrn von R........, dem Papſt der Börſe, dem ſichtbaren 58 Oberhaupt der unſichtbaren papierenen Kirche. Dieſer prüfte die Depeſche genau. Er ſelbſt hatte ſchon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariſer Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aſchaffenburg kommen laſſen, als daß er ſo leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerſt Geruch und Flüſſigkeit des Siegellack’'s.„Gott's Wunder!“ ſprach er bedächtlich riechend,„Gott's Wunder! das iſt echtes Kaiſerſiegellack, wie es nur in Wien ſelbſt zu⸗ bereitet wird, und was Eingeweihte zu ſolchen Depe⸗ ſchen zu verwenden pflegen.“ Dann betrachtete er ge⸗ nau das Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poſtſtation von Wien bis Frankfurt und keines fehlte. Er verglich ſodann dieſe Zeichen mit der Liſte der Poſtzeichen, die er zur Hand hatte, und— ſie waren richtig. Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Deſſau, als ein kleines Paarmalhunderttauſend⸗ guldenmännchen ſo obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen, ſo wuchs jetzt ſeine Achtung mit un⸗ glaublicher Schnelle. Er hätte zwar am liebſten ſelbſt den Kurier bekommen, ſammt der inhaltſchweren De⸗ peſche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er gute Miene zum böſen Spiel, dankte, daß man ihn ſogleich von der wichtigen Nachricht avertirt habe und berechnete dabei, welche Summe dem Deſſauer dieſe Nachricht gekoſtet haben könnte, indem er annahm, dieſer Kaufmann müſſe die Preiſe, die er in Wien für ſolche Winke bezahlte, überboten haben. Es war Bör⸗ ſenzeit, er ſelbſt fuhr mit auf die Boͤrſenhalle. 59 4 Börſenhalle! unter dieſem Namen ſtellt ſich wohl der Fremde, der dieſe Einrichtung noch nie ge⸗ ſehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seiten⸗ gängen, ſchönen Portalen und dergleichen. Wie wun⸗ dert er ſich aber und lächelt, wenn er in dieſe Börſen⸗ halle tritt! Man ſtelle ſich einen ziemlich kleinen, gepflaſterten Hof, von unanſehnlichen Gebäuden einge⸗ ſchloſſen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde ſtriecheln, Wagen reinigen, waſchen, Hühner und Gänſe füttern, und dergleichen ſolide häusliche Hand⸗ tirungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns, ſtatt der geſchwätzigen Hühner und Gänſe, ſtatt des Stallknechts mit dem Beſen in der Fauſt, ſtatt der Küchendame, die hier ihren Salat wäſcht— ſieht man hier zwiſchen zwölf und ein Uhr Mittags ein bun⸗ tes Gedränge, Männer mit dunkelgefärbten, markirten Geſichtern, mit ſchwarzen Bärten und lauernden Au⸗ gen, mit kühn gebogenen Naſen und breiten Mäulern, mit ſchmutzigen Hemden und unſauberer Kleidung, ſchleichen mit gebogenen, ſchlotternden Knien und ſpitzi⸗ gen Ellenbogen, den Hut tief in den Nacken zurückge⸗ drückt, umher und fragen einander:„Nu, wie ſtehen ſe heute?“ Du wandelſt ſtaunend durch dieſes Gewühl und fühlſt einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unſauberen Geſtalten im Vorübergehen anſtreift. Du begreifſt zwar, daß du dich unter den Kindern Iſraels befindeſt, aber zu welchem Zweck trei⸗ ben ſie ſich hier unter freiem Himmel in einem Hühner⸗ hof umher? Endlich wirſt du eine Tafel, etwa wie ein 60 Wirthshausſchild anzuſehen, gewahr. Darauf ſteht mit goldenen Buchſtaben deutlich zu leſen:—„Börſen⸗ halle.“ Alſo in der Börſenhalle der freien Stadt Frank⸗ furt befindeſt du dich. Du hörſt heute ein ſonder⸗ bares Gemunkel und Geflüſter. Die Leute gehen ſtau⸗ nend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: „Ae Korrier aus Wien?“„Gott'’s Wunder!“„Wer hat'n gekriecht?“„Ae Fremder, der Zwerner von Deſ⸗ ſau.“„Wie? kaner von unſere Lait? Nicht der Roth⸗ ſchild, der grauße Baron? nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?“ „Was hatzr gebracht, der Korrier! Abraham, wie ſtehen ſe?“ „Wie werden ſe ſtehen! Wer kann's wiſſen, ſo lange der Zwerner aus Deſſau nicht iſt auf der Börſen⸗ halle!“ „Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis⸗ effendi? Hat er oder hat er nicht? Wie werden ſe ſtehen?“. „Ich hab's genug,'s is a Vertel auf Eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrekke vor die Kor⸗ rier. Wär' nur der Zwerner aus Deſſau da! Auch der Rothſchild bleibt ſo lang aus und der Simon von die neue Straße. Wirſt ſehen,'s wird geben ä grauße Operation! Der Herr wird verſtockt haben des Herz des Effendi, aß er hat nicht angenomme das Oltema⸗ tum von dem Moſkewiter?“ „Bethmänniſche Obligationen will man nicht kau⸗ fen, ſind gefallen um Viertelpurzent!“ „Wie ſteht'’s mit die Metalliques? Wie verkauft 61 ſe der Metzler? Wie ſtehen ſe, Abraham? Thu mer de Gefalle und ſag, die Metalliques, wie ſtehen ſe?“ „Aß ich der ſag, ich weiß nicht, wo mer ſteht der Kopf, weiß heut keiner, wer iß Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie ſie ſtehen, die Metalliques!“ Plötzlich entſteht ein Geräuſch, ein Gedränge nach der Thüre zu. Ein Wagen iſt vorgefahren, die Leute ſtehen auf die Zehen, machen lange Hälſe, um die Mie⸗ nen der Kommenden zu ſehen. Drei Männer arbeiten ſich durch die Menge und ſtellen ſich ernſt und gravitä⸗ tiſch an ihren Platz zur Seite, wie es wohlloblicher Weiſe auf anderen Börſen der Brauch iſt, wo nur die Mäkler umherlaufen und ſich drängen. Es war der große Baron, der an der Seite ſtand, zu ſeiner Rech⸗ ten das Geſtirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Deſſau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen, denn ſein Herz ſchien zu jubiliren und allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und geſetzt beiſammen behalten mußte, um ſich nicht zu verrechnen. Zur Linken ſtand der Jude Simon, angethan mit ſeinem Sabbather Rock und einer ſchneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, ſo daß ſein Volk gleich ſah, es müſſe was ganz Außerordentliches ſich zugetragen haben. Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und frag⸗ ten nach den Preiſen. Sie wurden bleich, ſie ſanken in die Knie und ſchlichen zitternd umher. Sie lamentirten ſchrecklich mit den Armen, ſie ſteckten die Finger in den Mund, ſie fluchten Ebräiſch und Syriſch auf den Chriſten, der ſich einen Kurier kommen laſſen, auf 62 den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf ſeinen Kopf, auf ſeine vier Füße, kurz auf alles, ſelbſt auf Sonne, Mond und Sterne, und auf Frankfurt und die Börſenhalle. Jetzt merkte man, warum der ſchlaue Simon ſeine Papiere in den letzten Tagen um⸗ geſetzt habe; jetzt konnte man ſich den Tiefſinn des Kaufmanns aus Deſſau erklären!—„Das Ultima⸗ tum iſt angenommen,“ ſcholl es durch den Hof,„der Reiseffendi hat zugeſagt,“ hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief anſpielten, nur einige nähere Umſtände angaben, nichts Beſtimmtes ausſprachen, ſo ſtiegen doch die öſterreichiſchen, die Nothſchildſchen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht ſehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent. Mehre Häuſer, die ſich nicht vorgeſehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag ſchon halb und halb, und es hatte nur ſeiner nahen Seitenverwandtſchaft mit dem regierenden(Börſen⸗) Hauſe zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen un⸗ tergeſchoben wurden. Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter Börſenhalle: Metalliques 87%. Bethmänniſche 75 ½. Rothſchild'ſche Looſe 132. Preußiſche Staatsſchuldſcheine 84 In den übrigen war nichts geändert wor 63 7. Die Verlobung. Dieſes kleine Börſengemetzel entſchied über das Schickſal des Seufzers aus Deſſau. In den zwei näch⸗ ſten Tagen wirkte er durch die große Menge Metal⸗ liques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang der Geſchäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothſchild Privatmittheilungen aus Wien erhielt, wo⸗ durch ſeine Nachrichten vollkommen beſtätigt wurden, da drängte ſich alles um den hoffnungsvollen, ſpekula⸗ tiven Jüngling, um den genialen Kopf, der auf un⸗ glaubliche Weiſe die Umſtände habe berechnen können. Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik, ſeine Schüchternheit, ſein gecken⸗ haftes Stöhnen und Seufzen für Tiefſinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit dieſem ſublimen Kopf ſich näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt der Zeit noch nicht förmlich ſanktionirt iſt, und das Herz des Deſſauers an Rebecca hing, ſo ſchlug er mit großer Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verſchanzungen in der Zeile, aus den Tranchéen der Million, ſelbſt aus den Salons der neuen Mainzerſtraße mit glühenden Liebes⸗ blicken und Stückſeufzern auf ihn gemacht werden.. Der alte Herr Simon, konnte ſich auch der Deſ⸗ ſauer in Hinſicht auf Geld und Glücksgüter ihm nicht gleichſtellen, rechnete es ſich dennoch zur beſondern Ehre, einen ſo erleuchteten Schwiegerſohn zu bekom⸗ men. Ja, er ſah es als eine glückliche Spekulation an, 64 ihn durch Rebecca gefangen zu haben. Er ſah ihn als eine prophetiſche Spekulationsmaſchine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichſten Mann Europa's machen mußte; denn, wenn er immer mit ſeinem Schwieger⸗ ſohn zugleich kaufte oder verkaufte, glaubte er nie feh⸗ len zu können. Fräulein Rebecca ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die ihr der Zärtliche auferlegte, da er eine gewiſſe Abneigung verſpürte, ein Jude zu werden, ſo hielt er es für nothwendig, daß ſie ſich tau⸗ fen laſſe. Sie nahm ſchon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Paſtor Stein, und gab da⸗ für auf einige Zeit ihre Klavierſtunden auf, wobei, wie ſie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitirt würde, da ſie dem Klaviermeiſter einen Thaler für die Stunde hatte bezahlen müſſen. Sie ſelbſt legte dafür dem Deſſauer die Bedingung auf, daß er ſich für einige hundert Gulden in den Adelsſtand erheben laſſen und in dem jöttlichen Frankfort leben müſſe. Er ging es freudig ein und überließ mir dieſes di⸗ plomatiſche Geſchäft. Um nun auch von mir zu reden, ſo traf pünktlich ein, was ich vorausgeſehen hatte. Der Seufzer beſchwichtigte fürs erſte ſein Gewiſſen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze Geſchäft unehrlich und nicht ohne Hülfe des Teufels habe zu Stande kommen können. Sobald er mit dieſer Beſchwichtigung fertig war, war auch ſeine Dankbar⸗ keit verſchwunden. Weil ihn alles als den ſublimſten Kopf, den ſcharfſinnigſten Denker pries, glaubte er ohne Zandern ſelbſt daran, wurde aufgeblaſen, ſah 65 mich über die Achſel an und erinnerte ſich meiner ſehr gütig als eines Menſchen, mit welchem er im weißen Schwanen einigemal zu Mittag geſpeist habe. Was mich übrigens am meiſten freute, war, daß er die Strafe ſeines Undankes in ſich und ſeinen Ver⸗ hältniſſen trug. Es war vorauszuſehen, daß ſeine pro⸗ phetiſche Kraft, ſein ſpekulativer Geiſt ſich nicht langehal⸗ ten konnten. Mißglückten nur erſteinige Spekulationen, die er, auf ſein blindes Glück und ſeinen noch blinderen Verſtand trauend, unternahm, verlor er erſt einmal fünfzig oder hunderttauſend, und zog ſeinen Schwieger⸗ papa in gleiche Verluſte, ſo fing die Hölle für ihn ſchon auf Erden an. Rebeccchen, das liebe Kind, ſah auch nicht aus, als wollte ſie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menſchen anziehen. War ſie erſt gnädige Frau von Zwerner, ſo war zu erwarten, daß die Liebesintriguen ſich häufen werden; junge wohlriechende Diploma⸗ ten, alte Sünder wie Graf Reps, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hauſe, und der Deſſauer hatte das Vergnügen, zuzuſchauen. Und wie wird dieſer ſanfte Engel, Rebecca, ſich geſtalten zur Furie, wenn die ſpekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt und da⸗ mit zugleich ſein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der Zeile, die Loge im erſten Rang, die Equi⸗ page und die hungernden Liebhaber ſammt der köſt⸗ lichen Tafel aufgeben, wenn man nach Deſſau ziehen muß in den alten Laden des Hauſes Zwerner und Comp., wenn die gnädige Frau herabſinkt aus ihrem W. Hauffs Werke. Vll. 5 66 . 4 geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl ſtatt mit Papieren, wie es nobel iſt und groß, mit Ellenwaaren und Bändern, ganz klein und unnobel handeln ſieht! Welche Per⸗ ſpektive! Doch am vierten Pfingſtfeiertag 1826 dachte man noch nicht an dergleichen im Hauſe des Herrn Simon in der neuen Indenſtraße. Da war ein Hin⸗ und Her⸗ rennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gänſeſchmalz verbraucht, um koſcheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde geſchech⸗ tet, um köſtliche Ragouts zu bereiten. Der geneigte Leſer erräth wohl, was vorging in dem geſegneten Hauſe? Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänſefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die ſchönſten jüdiſchen und chriſtlichen Fräulein zuſam⸗ men gebeten, um die Geſellſchaft zu unterhalten durch geiſtreiche Spiele und herrlichen Geſang? Auch Graf Reps, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermaßen in Ver⸗ legenheit, daß nicht weniger als zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er ſchon in zärt⸗ lichen Verhältniſſen geſtanden hatte. Er half ſich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umher warf, wie auch durch die eigene Behendigkeit ſeiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüſterte, ſie allein ſei es eigentlich, die ſein 67 zartes Herz gefeſſelt. Die übergroße Anſtrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es ſonſt nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber dergeſtalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zuſammenſank und in einem Wagen nach Hauſe gebracht werden mußte. Die Geſellſchaft unterhielt ſich ganz angenehm und bewies ſich nach Herrn Simons Begriffen ſehr geſittet und anſtändig, denn als er am Abend, nachdem Alle ſich entfernt hatten, mit ſeiner Tochter Rebecca, das Silber ordnete und zählte, riefen ſie einmüthig und vergnügt:„Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Geſellſchaft, für geſittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelöffelchen, kein Deſſertmeſſer⸗ chen oder Zuckerklämmchen iſt uns abhanden gekommen! Gott's Wunder!“ Der Feſttag im Fegefeuer. Am Horizont in dieſem Jahr Iſt es geblieben, wie es war. M. Claudius. (Fortſetzung.) 1. Der junge Garnmacher fährt fort, ſeine Geſchichte zu erzählen. Das Manuſcript, aus welchem wir dieſe inferna⸗ liſchen Memoiren dechiffriren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im erſten Theile nothgedrungen abbrachen, fort, die Geſchichte des jungen deutſchen Schneider⸗Barons zu geben. Er iſt aus ſeiner Vater⸗ ſtadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erſte aber nach Berlin gehen, und erzählt, was ihm unterwegs begegnete. „Meine Herren,“ fuhr der edle junge Mann fort, „als ich mich umſah, ſtand ein Mann hinter mir, ge⸗ kleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reiſe gehe, und behauptete, ſein Weg ſei beinahe ganz der meinige, ich ſolle mit ihm 69 reiſen. Ich verſtand ſo viel von der Welt, daß ich ein⸗ ſah, es ſei weniger auffallend, wenn man einen halb⸗ erwachſenen Jungen mit einem ältern Mann gehen ſieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ur⸗ ſache meiner Reiſe, meine Schickſale, meine Hoffnungen. Er ſchien ſich ſehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenſtraße in Berlin, erzählte.„„Euer Onkel iſt ja ſchon ſeit zwei Monaten todt!“a erwiderte er.„„O Du armer Junge, ſeit zwei Monaten todt; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!“² „Sie können ſich leicht meinen Schrecken über dieſe Trauerpoſt denken, ich weinte lang und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu tröſten:„„Erinnerſt Du Dich gar nicht, mich geſehen zu haben?“a fragte er; ich ſah ihn an, beſann mich, verneinte.„„Ei, man hat mich doch in Dresden ſo viel geſehen,““ fuhr er fort; „„alle Alten und beſonders die Jugend ſtrömte zu mir und meinem jungen Griechen. un „Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn ſchon geſehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gaſthof und ließ den jungen Athener für Geld ſehen, das Geld war zur Er⸗ haltung des Griechen und der Überſchuß für einen Griechenverein beſtimmt. Alles ſtrömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groſchen, um den unglück⸗ lichen Knaben ſehen zu koͤnnen. Ich bezeigte dem 70⁰ Manne meine Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reiſe. „„Er iſt mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner Kaſſe und meinen beſten Rock ge⸗ ſtohlen; er wußte wohl, daß ich ihm nicht nachſetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn Du mein Grieche würdeſt?““ Ich ſtaunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er geſtand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner geweſen ſei, den er abgerichtet und koſtümirt habe, weil nun einmal die Leute die griechi⸗ ſche Sucht hätten.“ „Wie?“ unterbrach ihn der Engländer, vſelbſt in Deutſchland nahm man Antheil an den Schickſalen dieſes Volkes? Und doch iſt es eigentlich ein deutſcher Miniſter, der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen läßt.“ „Wie es nun ſo geht in meinem lieben Vaterland,“ antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn,„was einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechiſche Nation ihr Joch abſchüttelte, da fanden wir dies er⸗ ſtaunlich hübſch, ſchrieben auf der Stelle viele dicke Bücher darüber und ſtifteten Hülfsvereine mit ſparſamen Kaſſen. Sogar Philhellenen gab es bei uns, und man ſah dieſe Leute mit großen Bärten, einen Säbel an der Seite, Piſtolen im Gürtel, rauchend durch Deutſch⸗ land ziehen. Wenn man ſie fragte: Wohin? ſo ant⸗ worteten ſie:„„In den heiligen Krieg, nach Hellas gegen 71 die Osmanen!““ Bat ſich nun etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht ſehr erfahren, eine nähere Erklärung aus, ſo erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten ſich die Leute, wünſchten dem Philhellenen einen guten Mor⸗ gen und flüſterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einſchlug:„„Der muß wenig taugen, daß er im Reich keine Anſtellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.““ „Iſt's möglich?“ rief der Marquis.„So theil⸗ nahmlos ſprachen die Deutſchen von dieſen Männern?“ „Gewiß; es ging Mancher hin mit dem ſchönen Ge⸗ fühl, einer unterdrückten Sache beizuſtehen; Mancher, um ſich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun einmal auf den Billards in den Garniſonen nicht zu erlangen iſt; aber Alle barbirte man über einen Löffel, wie mein Va⸗ ter zu ſagen pflegte, und ſchalt ſie Landläufer.“ „Mylord,“ ſagte der Franzoſe;„es ſind doch dumme Leute, dieſe Deutſchen!“ „O ja,“ entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er ſein Rumglas gegen das Licht hielt;„zuweilen; aber dennoch ſind die Franzoſen unerträglicher, weil ſie allen Witz allein haben wollen.“ Der Marquis lachte und ſchwieg. Der Baron aber fuhr fort:„Auf dieſe Sitte der Deutſchen hatte jener Mann ſeinen Plan gebaut, und noch oft muß ich mich wundern, wie richtig ſein Calcul war. Die Deutſchen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit ausſehenden Plan, für ein fernes Land und dergleichen zu thun; entweder ſagen ſie:„„Es war ja vorher auch 72² ſo, laſſet der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen?““ oder ſie ſagen:„„Gut, wir wollen erſt einmal ſehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt ſich hernach etwas thun.““ Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können ſie ſelbſt etwas Seltenes mit eigenen Augen ſehen, ſo laſſen Sie es ſich„„etwas koſten.““ „Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt ſehr dankbar, daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine Selten⸗ heit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier traktiren konnten. „Was für Ausſichten blieben mir übrig? Mein Onkel war todt, ich hatte nichts gelernt; ſo ſchlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald ſo vertraut mit einander wurden, daß mir mein Führer ſogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenſtände auf Neugriechiſch nennen, bläute mir einige Floskeln in dieſer Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich inſtruirt war, ſchwärzte er mir Haar und Augenbraunen mit einer Salbe, färbte mein Geſicht gelblich, und— ich war ein Grieche. Mein Koſtüm, beſonders das für vornehme Präſentationen, war ſehr glänzend, manches ſogar von Seide. So zo⸗ gen wir im Land umher und gewannen viel Geld.“ „Aber mein Gott,“ unterbrach ihn der Franzoſe, „ſagen Sie doch, in Deutſchland ſoll es ſo viele gelehrte Männer geben, die ſogar Griechiſch ſchreiben. Dieſe müſſen doch auch ſprechen können; wie haben Sie ſich vor dieſen durchbringen koͤnnen?“ 73 „Nichts leichter als dies, und gerade bei dieſen hatte ich meinen größten Spaß; dieſe Leute ſchreiben und leſen das Griechiſche ſo gut, daß ſie vor zweitau⸗ ſend Jahren mit Thucydides hätten korreſpondiren kön⸗ nen, aber mit dem Eprechen will es nicht recht gehen; ſie mußten zu Haus immer die Phraſen im Lexikon auf⸗ ſchlagen, wenn ſie ſprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit:———„„Mein Herr! das iſt nicht Griechiſch.““ Mein Führer unterließ nicht, ſogleich, was ich geſagt, dem Publikum ins Deutſche zu über⸗ ſetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich über das Lächeln der Menſchen dergeſtalt außer Faſſung, daß ſie es nie wieder wagten, Griechiſch zu ſprechen. „So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saiſon und hatten viele Beſuche. Unter andern fiel mir beſonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ahn⸗ lichkeit mit meinem Vater zu haben ſchien. Er beſuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie ſich mein Er⸗ ſtaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher titulirt. Ich ſtürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärt⸗ lichen Worten, ob er mein verehrter Herr Onkel ſei, und entdeckte ihm auf der Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klaſſiſchem Boden in Athen, ſondern als königlich ſächſiſches Landeskind in Dresden geboren ſei. Es war eine rührende Erkennungsſeene. Das Staunen des Pu⸗ blikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutſch ſprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vor⸗ 74 nehmer Geſellſchaft zugegen war, und nicht gerne an meinen Vater, den marchand tailleur, erinnert ſein wollte, die Wuth meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchſt komiſch vor. „Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm ſich meiner an, ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich eine neue Ka⸗ taſtrophe.“ 2. Der Baron wird ein Ricenſent. „Mein Onkel war ein nicht ſehr berühmter Schrift⸗ ſteller, aber ein berüchtigter anonymer Kritiker. Er ar⸗ beitete an zehn Journalen, und ich wurde anfänglich dazu verwendet, ſeine Hahnenfüße ins Reine zu ſchrei⸗ ben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geiſt denken, faßte die gewöhnlichen Wendun⸗ gen und Ausdrücke auf und bildete mich ſo zum Recen⸗ ſenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verſchiedenen Klaſſen und Formen der Kritik bei, über welche ich übrigens hinweggehen kann, da ſie einen Fremden nicht intereſſiren.“ 5 „Nein, nein!“ rief der Lord.„Ich habe ſchon öf⸗ ters von dieſer kritiſchen Wuth Ihrer Landsleute ge⸗ hört. Zwar haben auch wir, z. B. in Edinburgh und London, einige Anſtalten dieſer Art, aber ſie werden, höre ich, in einem ganz anderen Geiſte beſorgt als die Ihrigen.“ „Allerdings ſind dieſe Blätter in meinem Vater⸗ 7⁵ lande eine ſonderbare, aber eigenthümliche Erſcheinung. Wie in unſerer ganzen Literatur immer noch etwas Engbrüſtiges, Eingezwängtes zu verſpüren iſt, wie nicht das, was leicht und geſellig, ſondern was mit einem recht ſchwerfälligen gelehrten Anſtrich geſchrieben iſt, für einzig gut und ſchön gilt, ſo haben wir auch eigene Anſichten über Beurtheilung der Literatur. Es traut ſich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Geſellſchaft ein Urtheil über ein neues Buch zu, das ſich nicht an ein öffentlich ausgeſprochenes anleh⸗ nen könnte; man glaubt darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritiſches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus einfällt.“ „Aber wie mögen Sie über dieſe Inſtitute ſpotten, mein Herr Baron?“ unterbrach ihn der Lord.„Ich finde das recht hübſch. Man braucht ſelbſt kein Buch als dieſe öffentlichen Blätter zu leſen, und kann dann dennoch in der Geſellſchaft mitſtimmen.“ „Sie hätten Recht, wenn der Geiſt dieſer Inſtitute anders wäre. So aber ergreift der, welcher ſich nach dieſen Blättern richtet, unbewußt irgend eine Partei, und kann, ohne daß er ſich deſſen verſieht, in der Geſell⸗ ſchaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Voſſiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner gelten. Denn das eine Blatt ge⸗ hört dieſer Partei an, und haut und ſticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört dieſem oder jenem großen Buchhändler. Da müſſen nun fürs erſte alle ſeine Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die ſeiner 76 Feinde grimmig angefallen werden; oft muß man auch ganz diploömatiſch zu Werke gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achſeln(Dichter⸗) Waſſer tragen, und indem man einem freundlich ein Compliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterſchlagen.“ „Aber ſchämen ſich denn Ihre Gelehrten nicht, auf dieſe Art die Kritik und Literatur zu handhaben?“ fragte der Marquis.„Ich muß geſtehen, in Frankreich würde man ein ſolches Weſen verachten.“ „Ihre politiſchen Blätter, mein Herr, machen es nicht beſſer. Uebrigens ſind es nicht gerade die Gelehr⸗ ten, die dieſes Handwerk treiben. Die eigentlichen Ge⸗ lehrten werden nur zu Kernſchüſſen und langſamen, gründlichen Operationen verwandt, und mit vier Gro⸗ ſchen bezahlt. Leichter, behender ſind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit Nachdruck anzugreifen; ſie richten Schaden in ſeiner Linie an, ſie umſchwärmen ihn, ſie ſuchen ihn aus ſeiner Poſition zu locken. Auch dürfen ſie ſich gerade nicht ſchämen, denn ſie recenſtren anonym, und nur einer unterſchreibt ſeine kritiſchen Bluturtheile mit ſo kaltem Blute, als wollte er ſeinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.“ „Das muß ja ein eigentlicher Matador ſein!“ rief der Lord lächelnd. „Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf ſpaniſch— ein Todtſchläger, denn er hat ſchon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er iſt der höchſte Trumpf dieſer Matador, und zählt für zehn, wenn er 77 pacat ultimo macht. Und bei den literariſchen Stier⸗ gefechten iſt er Matador! Denn er, der Hauptkämpfer iſt es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesſtoß gibt.“ „Geſtehen Sie, Sie übertreiben:— Sie haben ge⸗ wiß einmal den unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu ſchreiben, das recht tüchtig vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?“ Der junge Deutſche erröthete:„Es iſt wahr, ich habe etwas geſchrieben, doch war es nur eine Novelle, und leider nicht ſo bedeutend, daß es waͤre recenſirt wor⸗ den; aber nein; ich ſelbſt habe einige Zeit unter mei⸗ nes Onkels Protektion den kritiſchen kleinen Krieg mit⸗ gemacht und kenne dieſe Affairen genau. Nun, mein Onkel brachte mir alſo die verſchiedenen Formen und Klaſſen bei. Die erſte war die ſanftlobende Re⸗ cenſion. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen, und ermahnte auf der betretenen Bahn fortzuſchreiten. In dieſe Klaſſe fielen junge Schriftſteller, die dem Intereſſe des Blattes ent⸗ fernter ſtanden, die man aber für ſich gewinnen wollte. Hauptſächlich aber war dieſe Klaſſe für junge, ſchrift⸗ ſtelleriſche Damen.“ „Wie?“ erwiderte der Lord.„Haben Sie deren ſo viele, daß man eine eigene Klaſſe für ſie macht?“ „Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, ſechsundvierzig jüngere und ältere! Sie ſehen, daß man für ſie ſchon eine eigene Klaſſe machen kann, und zwar eine gelinde, weil dieſe Damen mehr Anbeter und Freunde haben, als ein junger Schriftſteller. Die 78 weite Klaſſe iſt dielobpoſaunende. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man iſt gerührt, man iſt glücklich, daß die Nation einen ſolchen Mann aufweiſen kann. Die dritte Klaſſe iſt dann die neutrale. Hier wer⸗ den die Feinde, mit denen man nicht in Streit gerathen mag, etwas kühl und diplomatiſch behandelt. Man ſpricht mehr über das Genus ihrer Schrift und über ihre Tendenz, als über ſie ſelbſt, und gibt ſich Mühe, in recht vielen Worten nichts zu ſagen, ungefähr wie in den Salons, wenn man über politiſche Verhältniſſe ſpricht, und ſich doch mit keinem Wort verrathen will. „Die vierte Klaſſe iſt die lobhudelnde. Man ſucht entweder einen, indem man ihn ſcheinbar und mit einem Anſtrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anſtand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich machen. Die fünfte Klaſſe iſt die grobe, ernſte; man nimmt eine vor⸗ nehme Miene an, ſetzt ſich hoch zu Roß und ſchaut her⸗ nieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fort⸗ ſchritte des Gegners. Man warnt ſogar vor ihm und ſucht etwas Verſtecktes in ſeinen Schriften zu finden, was zu gefährlich iſt, als daß man öffentlich davon ſprechen möchte. Dieſe Klaſſe macht ſtillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es iſt etwas Myſtiſches in dieſer Art der Kritik, was die Menſchen mit Scheu und Beben erfüllt. Die ſechste Klaſſe iſt die Todtſchlä⸗ gerklaſſe. Sie iſt eine Art von Schlachtbank, denn 79 hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niederge⸗ metzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, ſie iſt eine Säge⸗ und Stampfmühle, denn der Müller ſchüttelt die Unglücklichen, die ihm uͤberantwortet werden, hinein und zerfetzt, zerſägt, zermalmt ſie.“ „Aber wer trägt denn die Schuld von dieſem un⸗ ſinnigen Vertilgungsſyſtem?“ fragte Laſulot. „Nun, das Publikum ſelbſt! Wie man früher an Turnieren und Thierhetzen Freude hatte, ſo amüſirt man ſich jetzt am kritiſchen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftſteller mit eingelegten Lanzen auf einander anrennen ſieht, und— wenn die Rippen kra⸗ chen, wenn einer ſinkt, klatſcht man dem Sieger Bei⸗ fall zu. Ländlich, ſittlich!„„Ein Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!““ In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutſchland metaphoriſch, und wenn ein paar tüchtige Fleiſcherhunde einen alten Stier anfallen und ſich zu Helden an ihm beißen, wenn der Matador von der Galerie herab in den Cireus ſpringt, Und zieht den Degen Und fällt verwegen Zur Seite den wüthenden Ochſen an— da freut ſich das liebe Publikum, und von„„Bravo!“4 ſchallt die Gegend wieder!“ „Das iſt köſtlich!“ rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob ſein Beifall der deutſchen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu ſich nahm.„Und ein ſolcher Klaſſenkritikus wurden Sie, Maſter Garnmacher?“ „Mein Onkel war, wie ich Ihnen ſagte, für mehre Jvurnale verpachtet; wunderbar war es übrigens, wel⸗ 80⁰ ches heterogene Intereſſe er dabei befolgen mußte. Er hatte es ſo weit gebracht, daß er an einem Vormit⸗ tag ein Buch las, und ſechs Recenſionen darüber ſchrieb, und oft traf es ſich, daß er alle ſechs Klaſſen über einen Gegenſtand erſchöpfte. Er zündete dann zuerſt dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus Zimmt⸗ holz an; dann warf er kritiſchen Weihrauch dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dämpfte er dieſe niedlichen Opferflammen zu einer düſteren Glut, blies ſie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klaſſe friſcher an, warf in der fünften einen ſo großen Holz⸗ ſtoß zu, als die Sancta ſimplicitas in Conſtanz dem Huß, und fing dann zum ſechsten an, den Unglücklichen an dieſer mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu röſten, bis er ganz ſchwarz war.“ „Wie konnte er aber nur mit gutem Gewiſſen ſech⸗ ſerlei ſo verſchiedene Meinungen über einen Gegen⸗ ſtand haben? Das iſt ja ſchändlich!“ „Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die miniſteriellen Blätter Ihres Lan⸗ des; wenn heute einer Ihrer Publiciſten eine Ode an die Freiheit auf der Poſaune geblaſen hat, und ihm morgen der Herr von..... einige Sous mehr bietet, ſo hält er eine Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem miniſteriellen Vorzimmer gelebt.“ „Aber dann geht er förmlich über,“ bemerkte der Marquis;„aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit ſechs Zungen und zwölf Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund.“ 81 „Die Deutſchen haben es von jeher in allen mecha⸗ niſchen Künſten und Handarbeiten weit gebracht,“ er⸗ widerte mit großer Ruhe der junge Mann,„ſo auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel ſo weit ge⸗ bracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden durchleſen, ſondern auch den Inhalt einer unaufgeſchnittenen Schrift auf ein Haar errathen konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei ſie war, ſo gebrauchte er mich zur Kritik.„„Ich will Dir,““ ſagte er,„die erſte, zweite, fünfte und ſechste Klaſſe geben. Die Jugend, wie ſie nun einmal heutzutage iſt, kann nichts mit Maß thun. Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder ſie ſchimpft und tadelt unverſchämt. Solche Leute, beſonders wenn ſie ein recht ſcharfes Gebiß haben, ſind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt ſie an die Kette, bis man ſie braucht, und hetzt ſie dann mit unglaublichem Erfolg, denn ſie ſind auf den Mann dreſſirt, trotz der beſten Dogge. Zu den Mittelklaſſen, zu dem Neutralitäts⸗ ſyſtem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber ſicheren Hinterhalt gehört ſchon mehr kaltes Blut.“* „So ſprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von frühe acht bis ein Uhr recenſiren. Der Onkel ſchickte mir ein neues Buch, ich mußte es ſchnell durchleſen und die Hauptſtellen bezeichnen. Dann wur⸗ den Kritiken von Nro. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeſchickt. Nun ſchrieb er ſelbſt 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequiren, ſo ließ er mir ſagen:„Mein lieber Neffe! nur immer Nro. 5 W. Hauffs Werke. VII, 6 8²2 und 6 draufgeſetzt; es kann nicht ſchaden, nimm ihn ins Teufels Namen tüchtig durch,““ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum Himmel erhoben, denſelben verdammte ich jetzt bis in die Hölle. Vor Tiſch wurden dann die kritiſchen Arbeiten ver⸗ glichen, der Onkel that, wie er zu ſagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich Alles ein und verſchickte die heil⸗ und unheilſchweren Blätter an die verſchiedenen Journale.“ „God dam! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?“ rief der Lord mit wahrem Grauen.„Aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch reeenſirten, das macht ja im Jahr 365. Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich ſelbſt nur ein Drittheil dieſer Summe?“ „Ha! da kennen Sie unſere geſegnete Literatur ſchlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in einer Meſſe, und wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig ſchlechte Luſt⸗ und Trauerſpiele, hundert ſchöne und miſerable Erzählungen, Novellen, Hiſtorien, Phanta⸗ ſien ꝛc., dreißig Almanache, fünfzig Bände lyriſcher Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Überſetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, und die Schul⸗, Lehr⸗, Kathe⸗ der⸗, Profeſſion⸗, Confeſſionsbücher, die Anweiſungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obſt, zu Verlängerung der Geſundheit, die Be⸗ trachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt ſterben könne ꝛc. ſind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig 8³ Menſchen immer einer Bücher ſchreibt; iſt einer ein⸗ mal im Meßkatalog geſtanden, ſo gibt er das Hand⸗ werk vor dem ſechzigſten Jahr nicht auf. Sie können alſo leicht berechnen, meine Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichthum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!“ Der junge Deutſche hatte dieſe letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht geſprochen, die ſogar mir höͤchſt komiſch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr ſie anſah, deſto mehr ſchien ihr Lachreiz geſteigert zu werden. „Monſieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ,“ ſagte der Marquis;„aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritiſche Manu⸗ faktur kam mir unwillkürlich ſo komiſch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr ſeid ſub⸗ lime Leute! Das muß man Euch laſſen.“ „Und der Herr hier hat Recht,“ bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. Alles ſchreibt in dieſem göttlichen Lande, und was das ſchönſte iſt, nicht Jeder über ſein Fach, ſondern lieber über ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutſchen Länd⸗ chen. Der Weg war ſchlecht, die Pferde wo möglich noch ſchlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reiſebe⸗ gleiter, der deutſch reden konnte, den Poſtillon fragen, was denn ſein Herr, der Poſtmeiſter, denke, daß er uns ſo miſerable Pferde vorſpanne? Der Poſtillon antwortete:„„Was das Poſt⸗ und das Stallweſen an⸗ 84 belangt, ſo denkt mein Herr nichts.““ Wir waren ver⸗ wundert über dieſe Antwort, und mein Begleiter, dem das Geſpräch Spaß machte, fragte, was ſein Herr denn anderes zu denken habe?„„Er ſchreibt!““ war die V kurze Antwort des Kerls.— Wie? Briefverzeichniſſe, Poſtkarten?„„Ei behüte,““ ſagt er,„„Bücher, gelehrte Bücher.““ über das Poſtweſen? fragten wir weiter. „„Nein,““ meinte er;„„Verſe macht mein Herr, Verſe, oft ſo breit als meine fünf Finger und ſo lang als mein Arm!““ und klatſch! klatſch! hieb er auf die magern Bruͤder des Pegaſus und trabte mit uns auf dem ſtoßenden Steinweg, daß es uns in der Seele wehe that.„„God dam!““ ſagte mein Begleiter;„„wenn der Herr Poſtmeiſter ſo ſchlecht auf dem Hippogryphen ſitzt wie ſein Schwager auf dieſen Kleppern, ſo wird er holperige Verſe zu Tage fördern!““ Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächſten Station erkundigt, dieſer Poſtmeiſter iſt ein Dichter, und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker.“ „Ich weiß, wen Sie meinen; erwiderte der Deutſche mit etwas unmuthiger Miene, und Ihre Erzählung ſoll wohl ein Stich auf mich ſein, weil ich eigentlich auch nicht für dieſes Gebiet der Literatur erzogen wor⸗ den. übrigens muß ich Ihnen ſagen, Mylord, in Ihrem kalten ſyſtematiſchen, nach Geſetzen ängſtlich zugeſchnittenen Land, möchte etwas dergleichen auf⸗ fallen, aber bei uns zu Lande iſt das was anderes. Da kann Jeder in die Literatur hinein pfuſchen, wann und wie er will, und es gibt kein Geſetz, das einem verböte, etwas Miſerables drucken zu laſſen, wenn er 8⁵ nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes iſt nicht nur in Hinſicht auf die Phantaſie die ſchöne romantiſche Zeit des Mit⸗ telalters, nein, wir ſind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, ſammt und ſonders edle Raubritter, die einander die Blumen der Poeſie abjagen und in unſere Verließe ſchleppen; wir üben das Fauſtrecht auf hel⸗ denmüthige Weiſe, und halten literariſche Wegelage⸗ rungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poeſie iſt bei uns eine Gemeindewieſe, auf welcher jedes Vieh umherſpazieren, und Blumen und Gras freſſen kann nach Belieben.“ „Herr von Garnmacker,“ unterbrach ihn der Mar⸗ quis de Laſulot,„ich würde Ihre Geſchichte erſtaunlich hübſch und anziehend finden, wenn ſie nur nicht ſo langweilig wäre. Wenn Sie ſo fortmachen, ſo erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich ſchlage daher vor, wir verſchieben den Reſt und unſere eigenen Lebensläufe auf ein andermal, gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die ſchöne Welt zu ſehen!“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Lord, indem er auf⸗ ſtand und mir ein Sirpenceſtück zuwarf,„der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende Weiſe ein⸗ zuſchläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viel Bekannte aus der Stadt hier ſind?“ „Wie?“ rief der junge Deutſche nicht ohne über⸗ raſchung.„Sie wollen alſo nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionirte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzeſſin hatte, und 8⁶ auf welche elendigliche Weiſe ich endlich verſtorben bin? O, meine Herren, meine Geſchichte fängt jetzt erſt an intereſſant zu werden.“ „Sie können Recht haben,“ erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln,„aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht ſehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen können.“ „Nein, wirklich! Ich bin geſpannt auf Ihre Ge⸗ ſchichte,“ ſagte der Marquis lachend,„aber nur jetzt nicht. Es iſt jetzt die Zeit, wo die Welt promenirt, und um keinen Preis, ſelbſt nicht um Ihre intereſſante Er⸗ zählung möchte ich dieſe Stunde verſäumen. Gehen wir.“ „Gut,“ erwiderte der deutſche Stutzer, reſignirt und ohne beleidigt zu ſcheinen.„Ich begleite Sie; auch ſo iſt mir Ihre werthe Geſellſchaft ſehr angenehm, denn es iſt für einen Deutſchen immer eine große Ehre, ſich an einen Franzoſen oder gar an einen Engländer anſchließen zu können.“ Lachend gingen die Beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte ſchnell mein Koſtüm, um dieſe merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Beſſeres zu thun. Die Menſchen bleiben ſich unter jeder Zone gleich— es iſt möglich, daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in Manchem hervor⸗ bringe; aber laſſet nur eine Stunde lang Landsleute zuſammen ſprechen, der Nationalcharakter wird ſich nicht verläugnen, wird mehr und mehr ſich wieder her⸗ vorheben und deutlicher werden. So kommt es, daß 87 dieſer Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu tauſend Reflexionen gibt, denn ſelbſt im Fegefeuer, wenn dieſen Leutchen nur ein Tag vergönnt iſt, findet ſich Gleiches zu Gleichem, und es ſpricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chauſſee d'Antin oder im Palais royal, wie unter den Linden, oder wie in.... Welchen Anblick gewährte dieſe hölliſche Prome⸗ nade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Courtiſanen und Merveilleuſes aller Zeiten, Theologen aller Con⸗ feſſionen, Juriſten aller Staaten, Financiers von Paris bis Conſtantinopel, von Wien bis London; und ſie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, und ſie alle mit dem ewigen Refrain:„Zu unſerer Zeit, ja! zu unſerer Zeit war es doch anders!“ Aber ach, meine Stutzer kamen zu ſpät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen, und einer Berliner Sängerin ſein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntſchaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch ſeine Erzählung die Promenadezeit verkümmert, und die große Welt ſtrömte zum Theater. 3. Das Theater im Fegefeuer. Man wundert ſich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich iſt es weder Opera buffa oder seria, weder Trauer⸗ noch Luſtſpiel; ich habe zwar Schauſpieldichter, Sänger, Acteurs und Actricen, Tänzer und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man 88 ein ſo gemiſchtes Publikum mit einem dieſer Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner eine ſchauerlich⸗tragi⸗komiſch⸗hiſtoriſch⸗romantiſch⸗ heroiſche Komödie aufführen,— wie würden ſich Franzoſen und Italiener langweilen, um von den Ruſſen, die mehr das Trauerſpiel und die Mordſcenen lieben, gar nicht zu ſprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Luſtſpiel ſchreiben laſſen, etwa die Kleinſtädter in der Hölle, wie würde man über verdorbenen Geſchmack ſchimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung ge⸗ troffen. Mein Theater ſpielt große pantomimiſche Stücke, welche wunderbarer Weiſe nicht die Vergangenheit, ſondern die Zukunft zum Gegenſtand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt ab⸗ geſchloſſen hinter dieſen armen Seelen. Selten be⸗ kömmt eine einen Erlaubnißſchein, als Revenant die Erde um Mitternacht beſuchen zu dürfen. Denn was nützt es mir? Was frommt es dem irren Geiſt einer eiferſüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurück⸗ zukehren? Was nützt es dem Mann, der ſich um eine zweite umgethan, wenn durch die Gardine dringt— Eine kalte weiße Hand. Wen erblickt er? Seine Wilhelmine, Die im Sterbekleide vor ihm ſtand? Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kaſſe helfen, wenn der Finanzminiſter, der ſich aus Verzweiflung mit dem Federmeſſer die Kehle abſchnitt, allnächtlich ins Departement ſchleicht, ange⸗ than mit demſelben Schlafrock, in welchem er zu ar⸗ 89 beiten pflegte, ſchlurfend auf den alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn er ſeuf⸗ zend vor die Akten ſitzt und mit glühendem Auge ſeinen Reſt immer noch einmal berechnet? Was kann es dem fürſtlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer böſen Stunde abgeholt, durch einen Keller⸗ hals herniederfährt und mit krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fäſſern anpocht, die er beſtohlen? Zu welchem Zweck ſoll ich den General entlaſſen, wenn oben der Zapfenſtreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blaſen? Wozu den Stutzer, um zu ſehen, ob ſein be⸗ zahltes Liebchen auf friſche Rechnung liebt? Zwar ſie alle, ich geſtehe es, ſie alle würden ſich unglücklicher fühlen, könnten ſie ſehen, wie ſchnell man ſie vergeſſen hat; es wäre eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urtheil zu lebenslänglicher Zuchthausſtrafe vorgelegt wurde,„noch ſechs Jahre länger“ unterſchrieb, weil er den Mann haßte. Aber ſie würden mir auf der andern Seite ſo viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen ſuchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten ſo viel getrunken, daß er in der Hölle Waſſer trinken wollte,— ich habe darin zu viele Er⸗ fahrungen gemacht und kann es in neueren Zeiten, wo ohnedies die Miſſionarien und andere Myſtiker genug thun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in dieſen Tagen wenig mehr in den Häuſern, deſto mehr aber in den Köpfen ſpukt. Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nach⸗ richten über die Zukunft zu geben, laſſe ich an Feſt⸗ 90 tagen einige erhebliche Stücke von meiner hölliſchen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war an⸗ gezeigt: Mit allerhöchſter Bewilligung. Heute als am Geburtsfeſte der Großmutter, diaboliſchen Hoheit: Einige Scenen aus dem Jahr 1826. Pantomimiſche Vorſtellung mit Zegleitung des Orcheſters. Die Muſik iſt aus Mozarts, Haydns, Glucks und andern Meiſterwerken zuſammengeſucht von Roſſini. (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig ſehr viele allerhöchſte Perſonen und hoher Adel hier ſind, ſo wird gebeten, die erſten Ranglogen den Ho⸗ heiten, Durchlauchten und Miniſtern bis zum Grafen abwärts incluſive, die zweite Galerie der Ritterſchaft ſammt Frauen bis zum Lieutenant abwärts zu über⸗ laſſen. Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters. Das Publikum drängte ſich mit Ungeſtüm nach dem Haus. Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an, und führte ſie glücklich durch das Ge⸗ dränge ins Parket. Obgleich der Lord ohne Anſtand auf die erſte, der Marquis und der deutſche Baron auf die zweite Loge hätten eintreten dürfen, fanden es dieſe drei Subjekte aber amüſanter, von ihrem niederen 91 Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnetiren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens ent⸗ ſchlüpfte ihnen, wenn ſie wieder auf ein bekanntes Ge⸗ ſicht trafen. Beſonders Garnmacher ſchien vor Erſtau⸗ nen nicht zu ſich ſelbſt kommen zu können.„Nein, iſt es möglich?“ rief er wiederholt aus.„Iſt es möglich? Sehen Sie, Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den rothen Augen, er ſpricht mit einer bleichen jungen Dame. Dieſer ſtarb in Berlin im Geruch der Heiligkeit, und ſoll auch hier ſein an dieſem unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er ſpricht, wie oft habe ich ſie geſehen und ge⸗ ſprochen! Sie war eine liebenswürdige fromme Schwär⸗ merin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball— ſie ſtarb, und wir alle glaubten, ſie werde ſogleich in den dritten Himmel ſchweben, und jetzt ſitzt ſie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, ſie ſei in Töplitz an einem heimlichen Wochenbett ver⸗ ſchieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf geſehen, wer konnte das glauben?“ „Ha! die Naſe von Frankreich!“ rief auf einmal der Marquis mit Ekſtaſe.„Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern verlorenen Kindern? Ha! und Ihr, Ihr verdammten Kutten, die Ihr mein ſchönes Vaterland in die Kapuze ſtecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden Menſchen? Sehen Sie dort— das ſind berühmte Miſſionäre, die uns glauben machen wollten, ſie ſeien frömmer als wir. Dem Teufel ſei es gedankt, daß er dieſe Schweine auch zu ſich verſammelt hat.* 3 X 92² „O, mein Herr,“ ſagte ich,„da hätten Sie nicht nöthig gehabt, bis ins Theater ſich zu bemühen, um dieſe Leutchen zu ſehen. Sie zeigen ſich zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil ſelbſt in der Hölle nichts Erbärmlicheres zu ſein pflegt, als ein entlarvter Heuch⸗ ler. Aber im Café de Congrégation wimmelt es von dieſen Herren, vom Cardinal bis zum ſchlichten Pater. Sie können manche heilige Bekanntſchaft dort machen.“ 1 „Mein Herr, Sie ſcheinen bekannt hier,“ erwi⸗ derte Mylord.„Sagen Sie doch, wer ſind dieſe ernſten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten ſich lebhaft, und doch ſehe ich ſie nicht lächeln. Sind es Engländer?“ „Verzeihen Sie,“ antwortete ich,„es ſind Sol⸗ daten und Offiziere von der alten Garde, die ſich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug beſprechen.“ Alle drei ſchienen erſtaunt über dieſes Zuſammen⸗ treffen und wollten mehr fragen, aber der Kapellmei⸗ ſter hob den Stab, und die Trompeten und Pauken der roſſiniſchen Ouvertüre ſchmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche Ouvertüre aus il Maestro Jadro, die Roſſini auf ſich ſelbſt gedichtet hat, und das Publikum war entzückt über die ſchönen Anklänge aus der Muſik aller Länder und Zeiten, und jedes fand ſeinen Lieblingsmeiſter, ſeine Lieblingsarie in dem herrlich componirten Stück. Ich halte auch außer der Gazza ladra den Maestro ladro für ſein Beſtes, weil er darin ſeine Tendenz und ſeine künſtleriſche Ge⸗ wandtheit im Componiren ganz ausgeſprochen hat. 93 Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß von Mozarts Don Juan, dem man, zur Vermehrung der Rührung, einen Nachſatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte, und— der Vorhang flog auf. Man ſah einen Saal der Börſenhalle von London. Aengſtlich drängten ſich die Juden und Chriſten durch⸗ einander. In maleriſchen Gruppen ſtanden Geldmäk⸗ ler, große und kleine Kaufleute, und ſteigerten die Papiere. Nachdem dieſe Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in ſonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung. Die Depeſchen werden in einem Pas de deux entſiegelt, die Nachrichten mitgetheilt. In dieſem Augenblick erſcheint mein erſter Solotänzer, das Haus Goldſmith vorſtellend, in der Scene. Seine Mienen, ſeine Haltung drücken Verzweiflung aus. Man ſieht, ſeine Fonds ſind erſchöpft, ſeine Beutel leer, er muß ſeine Zahlungen einſtellen. Ein Chor von Juden und Chriſten dringen auf ihn ein, um ſich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, ſeine Geberdenſprache iſt bezaubernd— es hilft nichts. Da raftft er ſich ver⸗ zweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo von Ernſt und Majeſtät. Wie ein gefallener König iſt er noch im Unglück groß, ſeine Sprünge reichen zu einer immenſen Höhe und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldſmith in London. Komiſch war es nun an⸗ zuſehen, wie das Chor der engliſchen, deutſchen und franzöſiſchen Häuſer, vorgeſtellt von den Herren vom Corps de Ballet, dieſen Fall weiter fortſetzten. Sie 94 wankten künſtlich und fielen noch künſtlicher, beſonders excellirten hiebei einige Berliner Börſekünſtler, die durch ihre ungemeine Kunſt einen wahrhaft tragiſchen Effekt hervorbrachten und allgemeine Senſation im Parterre erregten. Plötzlich ging die lamentable Börſenmuſik in einen Triumphmarſch über. Die herrliche Paſſage aus der Italienerin in Algier: Heil dem großen Kai⸗ makan ertönte. Ein glänzender Zug von Chriſten⸗ ſklaven, Goldbarren und Schüſſeln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnoth ein Wagen mit Brod in eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß der ſpekulative Kopf, der das Brod herbeiſchaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer iſt, der den Hunger benützt und ſein Brod zu ungeheuren Preiſen los⸗ ſchlägt. Man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den ſchützenden Schild in der Noth. So auch hier. Die gefallenen Häuſer richteten ſich mit Grazie empor, ſie ſchienen Hoffnung zu ſchöpfen, ſie ſchienen den Meſſias der Börſe zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminiſter berühmter Könige und Kaiſer trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwa⸗ gen, der die transparente Inſchrift: Seid um⸗ ſchlungen, Millionen! trug. Ein Herr mit einer pikanten, morgenländiſchen Phyſiognomie, wohlbeleibt, und von etwas ſchwammigem Anſehen, ſaß in dem Wagen und ſtellte den Triumphator vor. Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der Miniſter herab auf den 95⁵ Boden ſtieg. Das iſt Rothſchild! Es lebe Rothſchild! ſchrie man in den erſten Ranglogen und klatſchte und rief bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erſter Grotesktänzer, der dieſe ſchwierige Rolle meiſterhaft durchführte; beſonders als er mit dem engliſchen, öſterreichiſchen, preußiſchen und franzöſiſchen Mini⸗ ſterium einen Coſaque tanzte, übertraf er ſich ſelbſt. Rothſchild gab in einer komiſchen Solopartie ſeinem Reich, der Börſe, den Frieden, und der erſte Akt der großen Pantomime endigte ſich mit einem brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem allerhöchſten Chercouſin gemacht wurde. Als der Vorhang gefallen war, ließ ſich Mylord ziemlich ungnädig über dieſe Scene aus.„Es war zu erwarten,“ ſagte er,„daß dieſe Menſchen bedeutenden Einfluß auf die Kurſe bekommen werden, aber daß auf der Börſe von London ein ſolcher Skandal vor⸗ fallen werde, im Jahr 1826, das iſt unglaublich.“ „Mein Herr!“ erwiderte der Marquis lachend“ „unglaublich finde ich es nicht. Bei den Menſchen iſt alles möglich, und warum ſollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Combination ſo weit kommen, daß er Kaiſer und Könige in ſeinen Sack ſtecken kann?“ „Aber England, Alt⸗England! Ich bitte Sie,“ rief der Lord ſchmerzlich.„Ihr Frankreich, Ihr Deutſchland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen müſſen! Aber, God dam! das engliſche Miniſterium mit dieſem Hephep einen Coſaque tanzen zu ſehen! O! es iſt ſchmerzlich!“ 96 „Ja! ja!“ ſprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Tohn, ſehr ruhig.„Es wird und muß ſo kommen. Freilich, ein bedeutender Unterſchied zwiſchen 1826 und der Zeit des König David!“ „Das finde ich nicht,“ antwortete der Marquis, „im Gegentheil, Sie ſehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!“ „Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unter⸗ ſchied,“ erwiderte der Deutſche.„Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur einen Köͤnig, jetzt aber haben alle Könige nur einen Juden.“ „Wenn Sie ſo wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine Scene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett.“ „Ich denke, Deutſchland,“ erwiderte Garnmacher. „Ich wenigſtens möchte wohl wiſſen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutſchland ſein wird. Als ich die Erde verließ, war die Conſtellation ſonderbar. Es roch in meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor ſie in die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch ſie aller Orten. Die feinſten diplomatiſchen Naſen machten ſich weit und lang, um dieſen geheim⸗ nißvollen Duft einzuziehen und zu errathen, woher der Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es müſſe hedeutende Veränderungen geben?“ „Es wird heißen: Auch in dieſem Jahr iſt es ge⸗ blieben wie es war,“ antwortete ich dem guten Deut⸗ ſchen.„Um eine Lunte auszulöſchen, bedarf es keiner großen Künſte. Man wird bleiben, wie man war, man 97 wird höchſtens um einige Procente weiſer vom Rath⸗ haus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Scene geſetzt ſehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort ausſieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein Landsmann Sie ſind.“ „Wie verſtehen Sie das?“ fragte der Baron un⸗ muthig. „Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationelles vorſpielen, da Sie keine Nation ſind? Sind Sie ein Baier, ſo müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Recepten braut. Sind Sie Würtemberger, ſo könnten Sie erfahren, wie man die Landſtände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der Schuh, ſo laſſen Sie den eigenen Fuß operiren, denn an dem Normalſchuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Heſſe, ſo trinken Sie ganz ruhig ihren Doppel⸗ kümmel zum Butterbrod, aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche ſchön war und in der nächſten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, ſo machen Sie, daß Ihnen die Haare zu Berg ſtehen, und hungern Sie, bis Sie eine ſchöne Taille be⸗ kommen—— 4 „Herr, Sie ſind des Teufels!“ fuhr der Baron auf.„Wollen Sie uns alles Nationalgefühl ab⸗ ſprechen? Wollen Sie—“ „Stille! Sie ſehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!“ rief der Marquis.„Wie, was ſehe ich? Das iſt ja das Portal von Notre Dame! das finde ich ſonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in die W. Hauffs Werke. VII. 7 98 Scene ſetzen will, warum gibt man uns keine Vaude⸗ villes, warum nicht den Kampf der Kammer 22 Die Glocken von Notre Dame ertönten in feier⸗ lichen Klängen. Chorgeſang und das Murmeln kirch⸗ licher Gebete näherte ſich, und eine lange Prozeſſion, angeführt von den Miſſionären, betrat die Bühne. Da ſah man königliche Hoheiten und Fürſten mit den Mienen zerknirſchter Sünder, den Roſenkranz in der Hand, einherſchleichen. Da ſah man Damen des erſten Ranges, die ſchönen Augen gen Himmel gerichtet, die à la Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Aſche beſtreut, die niedlichen Füßchen bloß und baar in dem Staube wandelnd. Das Publikum ſtaunte. Man ſchien ſeinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D— s, die Comteſſe de Mu, die Fürſtin T-n, im Koſtüm einer Büßenden zur Kirche wandeln ſah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, ſondern mit heiligen Fahnen in der Hand, herein wankten, als ſogar ein Mann in der reichen Uniform der Marſchälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die Scene ging, da wandte ſich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an unſerer Seite ballten die Fäuſte und riefen Verwünſchungen aus, und wer weiß, was meinen Acteurs geſchehen wäre, hätte man faule Apfel, oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte endlich die Pro⸗ zeſſion aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Scene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand, und unter dem Arm eine Vulgata trug. Man 99 hatte ihm einen ungeheuren Roſenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Miſſionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen Prozeſ⸗ ſſioonsſchritt in wunderliche Seitenſprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt, und ſchrie dann, um ſeine Zuchtmeiſter zu verſöhnen: Vive le bon Dieu! vive la croix! So brachten ſie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche. Orgel und Chor⸗ geſang erſcholl, und der Vorhang fiel. „Haben Sie nun Genugthuung?“ ſagte der Mar⸗ quis zu dem Lord.„Was iſt Ihr Skandal auf der Börſe gegen dieſen kirchlichen Unfug? O mein Frank⸗ reich, mein armes Frankreich!“ „Es iſt wahr,“ antwortete Mylord ſehr ernſt, in⸗ dem er dem Franzoſen die Hand drückte.„Sie ſind zu beklagen, aber ich glaube nicht an dieſe tollen Poſſen. Frankreich kann nicht ſo tief ſinken, um ſich ſo unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geſchmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebens⸗ art, Frankreich ſollte ſchon im Jahr 1826 vergeſſen haben, daß es einſt der geſunden Vernunft Tempel er⸗ baute, und den Jeſuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es iſt ein Blendwerk der Hölle!“ „Das möchte doch nicht ſo ſicher ſein,“ ſagte ich. „Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel ſich von jeher in Contraſten. Wenn einmal der Jeſuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts ſtehen.“ „Aber was wollten ſie nur mit dem Affen, in Notre Dame?“ fragte der Baron.„Was hat denn dieſes Thier zu bedeuten?“ 10⁰ „Das iſt, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko, der ſonſt dieſe Leute im Theater belu⸗ ſtigte. Jetzt iſt er wohl auch von den Miſſionären be⸗ kehrt worden, und wenn er, wie man aus ſeinen Seiten⸗ ſprüngen ſchließen könnte, ein Proteſtant iſt, ſo werden ſie ihn wohl in der Kirche taufen.“ „God dam! was Sie ſagen. Doch Sie ſcheinen mit der Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts Intereſſantes iſt, ſo denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde dieſe Pantomimen etwas langweilig.“ „Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Intereſſe hat,“ antwortete ich.„Es wird nämlich ein diplomatiſches Diner aufgeführt, das der Reiseffendi den Geſandten hoher Mächte gibt, das Siegesfeſt der Feſtung Miſſolunghi vorſtellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Paſtetchen von Philhelle⸗ nennaſen aufgetiſcht. Das Hauptſtück der Tafel macht ein Roſtbeef von dem griechiſchen Patriarchen, den ſie lebendig geröſtet haben, und zum Beſchluß wird ein kleiner Ball gegeben, den ein beſternter Staatsmann, ſo alt er ſein mag, mit der ſchönſten Griechenſklavin aus dem Harem ſeiner muhamedaniſchen Majeſtät er⸗ öffnet.“ „Ei!“ rief der Marquis.„Was, wollen wir dieſe Schande der Menſchheit ſehen. Ihre Londner Börſe war lächerlich, die Prozeſſion gemein und dumm, aber dieſe ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann ſie nicht an⸗ ſehen! Kommt, meine Freunde. Wir wollen lieber noch die Geſchichte des Herrn von Garnmacher hören, ſo 101 langweilig ſie iſt, als dieſes diplomatiſche Diner be⸗ trachten!“ Der Lord und der deutſche Baron willigten ein. Sie ſtanden auf und verließen mein Theater, und der Lord ſah, als er heraus trat, mit einem derben Fluche zurück und rief:„Wahrlich es ſteht ſchlimm mit der Zukunft von 1826ℳ Der Fluch. Novelle. (Fortſetzung.) Man kann ſich denken, daß ich in Rom immer viele Geſchäfte habe. Die heilige Stadt hatte immer einen Überfluß von Leuten, die in der erſten, zweiten oder dritten Abſtufung mein waren. Man wird ſich wundern, daß ich eine Klaſſifikation der guten Leute(von Anderen Sünder genannt) mache: aber, wer je mit der Erde zu thun hatte, hat den Menſchen bald abgelernt, daß nur das Syſte⸗ matiſche mit Nutzen bei ihnen betrieben werden koͤnne. Es iſt dies beſonders in Städten, wie Rom, unum⸗ gänglich nothwendig; wo ſo vielerlei Nüancen guter Leute vom rothen Hut bis auf die Kapuze, vom Für⸗ ſten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem ſolche um dreißig Thaler angeboten werden, vorfinden, da muß man Klaſſen haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philoſophen als das negirende Prinzip vorgeſtellt, daher theilte ich meine guten Leute ein, in: erſte Klaſſe, mit dem Prä⸗ dikat recht gut, ſolche, die geradehin verneinen, als 103 da ſind: Freigeiſter, Gottesläugner ꝛc. Zweite Klaſſe, gut; ſie ſagen mit einigem Umſchweif nein, gelten unter ſich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der Menge für fromme Menſchen. In dieſer Klaſſe befinden ſich viele Türken und Pfaffen. Die dritte Klaſſe, mit dem Prädikat mittelmäßig, ſind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfſchütteln andeuten. Es ſind jene, die ſich ſelbſt für eine Art von Gott hal⸗ ten, moͤgen ſie nun Ablaß verkaufen, oder als evange⸗ liſch⸗myſtiſch⸗pietiſtiſche Seelen einen Separatfrieden mit dem Himmel abſchließen; der Letzteren gibt es übri⸗ gens in Rom wenige. Es läßt ſich annehmen, daß das Innere dieſes Sy⸗ ſtems, die verſchiedenen übergänge der Klaſſen beinahe mit jedem Jahr ſich ändern. Geld, Sitten, der Zeit⸗ geiſt üben hier einen großen Einfluß aus, und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reiſe an Ort und Stelle nothwendig. Als ich vor einiger Zeit auf einer ſolchen Viſitations⸗ reiſe in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Scenen, die ich aufzuzeichnen nicht unterlaſſen will, weil ſie viel⸗ leicht für manchen Leſer meiner Memoiren von Inter⸗ eſſe ſein möchten. Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche ſpazieren, dachte nach über mein Sy⸗ ſtem und die Veränderungen, die ihm durch die Miſſio⸗ näre in Frankreich und das Überhandnehmen der Je⸗ ſuiten drohte, da ſtieß mir ein Geſicht auf, das ſchon. in irgend einer intereſſanten Beziehung zu mir geſtan⸗ den ſein mußte. Ich ſtand ſtille, ich betrachtete ihn von 104 der Seite. Es war ein ſchlanker, ſchöner, junger Mann; ſeine Züge trugen die Spuren von ſtillem Gram; dem Auge, der Form des Geſichtes nach war er kein Italie⸗ ner,— ein Deutſcher, und jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin im Salon jener Dame geſehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen äſthetiſchen Thee zu trinken gege⸗ ben hatte. Es war jener junge Mann, deſſen anziehende Unterhaltung, deſſen angenehme Perſönlichkeit mir da⸗ mals ein ſo großes Intereſſe eingeflößt hatten. Er war es, der uns damals ein Abenteuer aus ſeinem Leben erzählt hatte, das ich für würdig fand, bei der Beſchrei⸗ bung jenes Abends mit aufzuzeichnen. Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düſtere Himmel ſeines Landes und die ſüße Langeweile der äſthetiſchen Thees im Hauſe ſeiner Tante ſo drückend wurde, daß er ſich unter eine ſüdlichere Zone flüchtete? Ich beſchloß ſeine Bekanntſchaft zu erneuern, um über jenes intereſſante Begegniß, deſſen Erzählung der Jude unterbrochen, um über ihn ſelbſt, über ſeine Schickſale etwas Näheres zu vernehmen. Er ſtand an einer Säule des Portals, den Blick feſt auf die Thüre gerichtet; fromme Seelen, ſchöne Frauen, junge Mäd⸗ chen ſtrömten aus und ein. Ich ſah, er blieb gleichgül⸗ tig; wenigſtens ſchien ihn keine dieſer Geſtalten zu intereſſiren. Endlich erſcheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Thüre; war es die Form dieſes Hutes, waren es die weißen, wallenden Federn, war es die ein⸗ fache Roſe, aus welcher dieſer Buſch herwallte, was dem 10⁵ jungen Mann ſo reizend, ſo bekannt dünkte? Noch konnte man weder Geſtalt noch Geſicht der Dame ſehen, aber ſeine Augen glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um ſeinen Mund, ſeine Wangen röthe⸗ ten ſich, er richtete ſich höher auf und ſchaute unver⸗ wandt den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihrer Kapuze die Nahende, jetzt bogen ſie rechts ein, und ich ſah ein holdes, ſüßes Weſen heranſchweben. Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenſchaft, die den Sterblichen auf der Erde quält, die Dinge betrach⸗ tet, wie ſie ſind, nicht wie ſie euch Liebe oder Haß, oder eure tauſend Vorurtheile ſchildern, dem iſt eine ſolche ſeltene Erſcheinung ein Feſt, denn es iſt etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beſchrieb, den der Anblick jener Dame zum erſtenmal auf ihn machte, mit welchem Entzücken er uns ihr Auge beſchrieb;— ich war keinen Augenblick im Zweifel, daß dieſe liebliche Erſcheinung, die auf uns zukam, und jene räthſelhafte Dame eine und dieſelbe ſei. Ein glühendes Roth hatte die Züge des Jünglings übergoſſen. Er hatte den Hut gezogen; es war, als ſchwebte ihm ein Morgengruß oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und überraſcht von der ſtillen Größe des Mädchens ſei er verſtummt. Auch ſie erröthete, ſie ſchlug die Augen auf, als er ſich verbeugte, ſie warf einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen kurzen Mo⸗ ment ihre Schritte an, als erwarte ſie, von ihm ange⸗ redet zu werden; er ſchwieg, ſie eilte bewegt weiter. Der junge Mann ſah ihr mit trüben Blicken nach, 106 dann folgte er langſamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, ſtehen. Ich ging ihm einige Straßen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo ſich die deutſchen Künſtler zu verſammeln pflegen. Hatte ſchon früher dieſer Menſch und ſeine Erzählung meine Theilnahme erregt, ſo war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen aber ſo bedeutungsvollen Zuſammentreffens geweſen war, um ſo neugieriger, zu erfahren, in wel⸗ chem Verhältniß der Berliner zu dieſer Dame ſtehe; daß es kein glückliches Verhältniß, kein gewöhnliches Liebesverſtändniß war, glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem ſonderbaren Benehmen geleſen zu haben. Man wird ſich erinnern, daß ich als hoffnungsvol⸗ ler Zögling des ewigen Juden, als Herr von Stobel⸗ berg die Bekanntſchaft dieſes Mannes machte. Daher trat ich in dieſer Rolle in das Kaffeehaus. Der junge Herr ſaß in einem Fenſter und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgeleſen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluß die⸗ ſes rieſengroßen Briefes zu blicken,— es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es ſchien, ge⸗ dankenlos anſtarrte. „Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu ſehen?“ fragte ich in deutſcher Sprache, indem ich vor ihn trat.— „Der bin ich,“ antwortete er, indem er den dü⸗ ſteren Blick von dem Brief auf mich ſchlug, und mein Compliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes er⸗ widerte. 107 „Sie ſcheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich ſo glücklich einmal einen Abend im Hauſe Ihrer Tante in Berlin zu genießen, den vorzüglich Ihre Un⸗ terhaltung, Ihre intereſſanten Mittheilungen mir un⸗ vergeßlich machen.“ „Im Hauſe meiner Tante?“ fragte er, aufmerk⸗ ſamer werdend.„Wie, war es nicht ein hoͤchſt ennuyan⸗ ter Thee? Waren nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich mußte etwas erzählen. Doch Ihr Name, mein Lie⸗ ber, iſt mir leider entfallen.“ „Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit—“ „Ah— mit einem ganz ſonderbaren Kauz von Hofmeiſter; jetzt erinnere ich mich ganz; er war ſo un⸗ glücklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottiſen zu ſagen und überſchnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?“ „So iſt's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch ſo fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie ſind wohl ſchon lange hier bekannt?“ Ein melancholiſches Lächeln zog um ſeinen Mund. „O ja, bin ſchon lange hier bekannt,“ antwortete er düſter.„Ich war früher in Geſchäften hier, jetzt zu— meiner Erholung.“ „Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, mein Hofmeiſter brachte mich damals um einen köſtlichen Genuß. Sie erzählten uns ein kleines Abentener, das ſie mit einer Deutſchen in Rom gehabt. Ihre Erzählung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns über Vieles, nament⸗ lich über Ihre ſonderbare Verwechslung mit einem 10⁰8 Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerſtörte mein Mentor durch ſeinen Fall meine ſchöne Hoffnung; ich war ge⸗ nöthigt, mit ihm den Salon zu verlaſſen, und plage mich ſeitdem mit allerlei Möglichkeiten, Wahrſchein⸗ lichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen ſein, ob Sie ſich mit Ihrem Ebenbilde geſchlagen haben, ob Sie auch ferner der ſchönen Luiſe ſich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältniß zwiſchen Ihnen ent⸗ ſtanden. Kurz, ich kann Sie verſichern, es peinigte mich Tage lang, die tollſten Conjecturen erfand ich, aber nie wollten ſie paſſen.“ Der junge Mann war während meiner Rede nach⸗ denklich geworden; es ſchien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnete er meine unbezwingliche Neugierde nach ſeinem Aben⸗ teuer, er blickte mich ſcharf an, aber er wich in ſeiner Antwort aus. 3 „Ich erinnere mich,“ ſagte er,„daß wir damals alle bedauerten, Ihre Geſellſchaft entbehren zu müſſen. Sie waren uns allen werth geworden, und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen könne, Sie haben einen höchſt pikanten Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit dieſe Damen entſchädigt haben; wann waren Sie das letztemal bei meiner Tante?“ Ich ſah ihn ſtaunend an.„Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante geſehen zu werden, als an jenem Abend.“ Er entgegnete hierauf nichts, ſprach vom Papſt und dergleichen, kam aber immer wieder darauf zurück, 10⁰9 mich durch eine Zwiſchenfrage nach Berlin ins Haus ſeiner Tante zu verlocken.„Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?“ fragte ich endlich.„Ich war ſeit jenem Abend nicht mehr dort und reiste in dieſer Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in mei⸗ nen Paß, welch ungeheure Tour ich in dieſer Zeit ge⸗ macht habe!“ Er warf einen flüchtigen Blick hinein und erröthete. „Verzeihen Sie, Baron!“ rief er, indem er meine Hand ungeſtüm drückte.„Vergeben Sie, ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante.“— „Ihrer Tante? Für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachſchickt?“ „Ach, die Menſchen ſind zu keiner Thorheit zu gut. Ich halte mich etwa ſeit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Poſten im Büreau des Miniſters plötzlich und ohne Urlaub ver⸗ laſſen habe; ſie beſtürmen mich mit Briefen, ich kam nicht; ſie wandten ſich an die preußiſche Geſandtſchaft hier; ſie fand aber nichts Verdächtiges an mir und ließ mich ungeſtört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen ſchrieb mir ein Freund, ich ſolle auf meiner Hut ſein, man werde einen Spion in meine Nähe ſenden, um alle meine Schritte zu bewachen.“ „Iſts möglich? Und warum denn dies alles?“ „Ach, es iſt eine dumme Geſchichte, eine Anordnung meines verſtorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die — ein andermal davon— die ich nicht erfüllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den Spion. Vergeben Sie mir doch?“ 41⁰ „Unter zwei Bedingungen,“ erwiderte ich ihm, „einmal, daß Sie mir erlauben, Sie recht oft zu beglei⸗ ten, um der Spion Ihres Spions zu ſein. Halten Sie mich nicht indiskret, es iſt wahre Theilnahme für Sie und der Wunſch, Ihnen nützlich zu werden. Sodann theilen Sie mir, wenn es Ihnen anders möglich iſt, den Schluß Ihres Abenteuers mit.“ „Den Schluß?“ rief er und lachte bitter.„Den Schluß? Ich wünſchte, es ſchlöſſe ſich, könnte es auch nur mit meinem Leben ſchließen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künſtler kommen um dieſe Zeit hieher, wir könnten nicht unge⸗ ſtört reden; wer weiß, ob man nicht einen von ihnen zu meinem Wächter erſehen hat.“ Ich folgte Otto von S.— ſo hieß der junge Mann — unter die Arkaden. Er legte ſeinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile ſchweigend auf und ab; er ſchien mehr nachdenklich als zerſtreut. „Es iſt etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen ein⸗ flößt;“ hub er lächelnd an:„Ich habe über den Aus⸗ ſpruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, ſo komiſch er mir damals vorkam, dennoch beſtätigt. Es iſt mir, in den paar Viertelſtunden, die wir beiſam⸗ men ſind, als ſeien Sie ein Weſen, das ich längſt kannte, als ſeien Sie ſchon Jahre lang mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmüthige, Ehrliche, was an den Deutſchen ſogleich auffällt, was bewirkt, daß man ihnen gerne vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel 111 Beobachtungsgeiſt in Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewiſſen Augenblicken einen Zug, der nicht immer beſtätigt, was Sie ſagen wollten. Und dennoch fühle ich, daß mir der Zufall viel geſchenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich fühle auch, daß man Ihnen trauen kann, mein Lieber.“ „Ich halte nichts auf Geſichter und habe durch Erfahrung gelernt, daß ſie nicht immer der Spiegel der Seele ſind. Es freut mich übrigens, wenn etwas an mir iſt, das Ihnen Vertrauen einflößt. Es iſt viel⸗ leicht der rege Wunſch, Ihnen dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen gibt.“ „Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufſchlüſſe über mich und mein Abenteuer hier in Rom ſchuldig. Ich erzählte Ihnen, wie ich mit Luiſe von Palden be⸗ kannt wurde—“ „Erlauben Sie, nein! Dieſen Namen hoͤre ich zum erſtenmal. Sie erzählten uns, daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der ſirtiniſchen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerkſamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit einem Andern verwechſelt, Sie gefielen ſich in dieſem Quiproquo und verſetzten ſich unwillkürlich ſo in die Stelle des Liebhabers, daß Sie das Mädchen ſogar liebten—“ „Und wie liebe ich ſie!“ rief er bewegt. „Sie ſuchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte endlich das ſchöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es iſt ſchon dunkel, ſie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber Freund, benützen die Gelegenheit noch einmal, dieſen 11² Scherz, der Ihnen ſo angenehm iſt, fortzuführen. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um das Pferderennen anzuſehen. Da erſcheint auf einmal der rechte Liebhaber und Sie— erblicken ſich. Bis hieher hörte ich damals. Sie können ſich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen erging.“ „Ich geſtehe,“ fuhr Herr v. S. fort,„mir ſelbſt fiel die Ähnlichkeit dieſes Mannes mit meinen Zügen, meiner Geſtalt, ſelbſt meiner Kleidung überraſchend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verſchuldet, die damals alle junge Welt zwang, ſich ſchwarz zu kleiden. Doch auch für die große Ähnlichkeit unſerer Züge, ſo auffallend ſie iſt, hat man Beiſpiele. Sie erinnern ſich vielleicht des Falles, der in Frankreich vorkam. Zwei Franzoſen trafen in Amerika zuſammen. Ihre AÄhn⸗ lichkeit war ſo groß, daß man ſie gewöhnlich mit ein⸗ ander verwechſelte; der eine ſtarb, der andere, ein armer Teufel, wußte ſich ſeine Papiere zu verſchaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des Verſtorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.“* * Die Möglichkeit einer ſolchen Verwechslung beweist ein Fall, der ſich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wür⸗ tembergiſchen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder ſahen ſich täuſchend ähnlich. Der Eine tödtete einen Mann und floh. Er wußte, daß ſein Bruder, der in Bregenz in einem öſterreichiſchen Re⸗ giment diente, deſertirt war. Der Mörder wandte ſich dorthin, zeigte ſich in der Gegend, ließ ſich als Deſerteur gefangen neh⸗ men und viermal Spießruthen jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle ſeines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde⸗ D. Herausg. 113 „Der Herr und die Dame ſchienen nicht weniger überraſcht als ich; die Letztere erröthete, ſie gedachte vielleicht jenes Kuſſes, und es wurde ihr wohl mit einemmal klar, daß es ſchon an jenem Abend nicht ihr Otto geweſen ſei, gegen den ſie ſich ſo zärtlich bewie⸗ ſen. Der Herr mit meinen Geſichtszügen fragte mich in etwas barſchem Ton in ſchlechtem Franzöſiſch, wie ich dazu amme, dieſe Komödie zu ſpielen. Ich nahm, nicht aus Furcht vor ſeinem rollenden Auge, ſondern im Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unſchicklichkeit wieder gut machen zu müſſen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zuſammen, und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem ſie mich ſelbſt verleitet habe.„„Sie ſelbſt?““ rief bei dieſen Worten jener Mann, und ſeine Züge verzogen ſich immer mehr zum Zorn,„„Sie ſelbſt? Es iſt ein abgekartetes Spiel, ich ſehe ſchon, ich bin der betrogene Theil. Doch ich will nicht ſtören.““— Er ſagte dies vor Wuth zit⸗ ternd, indem er ſich von ſeinem Platz entfernen wollte. Luiſe, o ich habe ſie nie ſo ſüß, ſo wundervoll geſehen, wie in jenem Augenblicke, ſie ſchien mit aller Hinge⸗ bung der Zärtlichkeit an dieſem Manne zu hängen; ſie ergriff bebend ſeine Hand, ſie rief ihn mit den liebe⸗ vollſten Tönen, ſie betheuerte, ſich unſchuldig zu wiſſen, ſie rief mich zürnend zum Zeugen auf. Ich war hin⸗ geriſſen von dieſem Zauber der Liebe, der ſich mir hier zum erſtenmal in ſeiner ganzen Schönheit dar⸗ ſtellte. Es iſt etwas Schönes um ein Mädchen, das in ſanfter, ſtiller Liebe iſt, es iſt etwas Heiliges, möchte ich ſagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern W. Hauffs Werke. VII. 8 114 zärtlicher Angſt, und dieſe Thränen in den blauen Au⸗ gen, dieſes Flüſtern der ſüßeſten Namen von den fei⸗ nen Lippen, und dieſe Röthe der Angſt und der Be⸗ ſchämung auf den zarten Wangen, es iſt ein Bild, irdiſcher zwar als jenes, aber von einer hinreißenden Gewalt.“ „Ich kenne das,“ unterbrach ich dieſe redneriſchen Schilderungen des verliebten Berliners, dem die Dame ſeines Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher ſchien;„ich kenne das, ſo was Heiliges, ſo was Wei⸗ nendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süßes, Bitterſchmerzliches, kurz ſo was Klagendes, Anziehen⸗ des, ich kenne das; aber wie war es denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren ſo ähnlich?“ „Er glaubte ihren Verſicherungen nicht; war es Eiferſucht, war es ſein leidenſchaftlicher Zorn, den er nicht bemeiſtern konnte, er ſtieß ſie zurück, er drohte, ſie nie mehr zu ſehen. Das Mädchen ſetzte ſich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Römer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen ſtand in ſchneidendem Contraſt mit dem ſtillen Schmerz dieſes Engels. Ich fühlte inniges Mitleiden mit ihr, ich fühlte mich tief verletzt, daß ein Mann eine Dame, ein Liebender die Geliebte ſo ſchnöde beleidigen könne. Mein Herr, ſagte ich, das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen, daß die Schuld dieſer Scene allein auf mir ruht.„„Eines Mannes von Ehre?““ rief er höhniſch lachend;„„ſo kann ſich jeder Tropf nennen.““ Jetzt glaubte ich die Formen der geſellſchaftlichen Höflichkeit nicht weiter beobachten 115⁵ zu müſſen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, flüſterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauſes und die Straße zu, in welcher ich wohnte, und verließ ihn. „Es waren widerſtreitende Gefühle, die in meiner Bruſt erwachten, als ich zu Haus über dieſen Vorfall nachdachte. Ich mußte mir geſtehen, daß ich unbe⸗ ſonnen, thöricht gehandelt hatte, die Rolle eines An⸗ dern bei dieſem Mädchen zu übernehmen. Es iſt wahr, der Zufall war ſo überraſchend, die Gelegenheit lockend, ihre Erſcheinung ſo reizend, ſo anziehend, daß wohl Keiner der Verſuchung widerſtanden hätte. Aber mußte mich nicht ſchon der Gedanke zurückſchrecken, daß es ihr bei dem Geliebten ſchaden könnte, traf er uns Beide zuſammen? In welch ungünſtigem Lichte mußte ich, mußte auch ſie ihm erſcheinen! „Und doch— wo iſt der Menſch, der nicht in einem ſolchen Falle ſich vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen wüßte? Ich fühlte, daß ich dieſes unbekannte, reizende Weſen liebe, und wie leicht entſchuldigt Liebe! Und weil ich ſie liebte, haßte ich den begünſtigten Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die Ge⸗ liebte ſo grauſam behandeln? Wie durfte er, wenn er ſie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend zweifeln, und wer, der jemals in dieſes treue, ſeelenvolle Auge geſehen, wer konnte an der Reinheit dieſes Engels zweifeln? „Am Morgen nach dieſer Begebenheit bekam ich einen italieniſchen, ſchlechtgeſchriebenen Brief, er ent⸗ hielt die Bitte einer Signora Maria Campoco, dem Üüberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo ſie 116 mir etwas Wichtiges zu ſagen habe. Ich kannte keine Dame dieſes Namens, ich fragte den Diener nach der Straße, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung ſagte mir übrigens, dieſer Brief könnte mit meinem Abenteuer von geſtern zuſammen⸗ hängen; ich entſchloß mich zu folgen. Der Diener führte mich durch viele Straßen in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er beugte endlich in eine kleine Seitenſtraße, ein Brunnen, eine Madonna fiel mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luiſen aus den Lamentationen begleitet hatte. „Es war ein kleines, unſcheinbares Haus, deſſen Thüre der Diener aufſchloß; über einen finſtern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte er mich in ein Zim⸗ mer, deſſen Eleganz nicht mit dem übrigen Anſehen des Hauſes übereinſtimmte. Nachdem ich eine Weile gewar⸗ tet hatte, erſcholl das Klaffen vieler Hunde, die Thüre öffnete ſich— aber nicht meine Schöne, ſondern eine kleine, wohlbeleibte, ältliche Frau trat, umgeben von einer Schaar kleiner Hunde, ins Zimmer. „Es dauerte ziemlich lange, bis Taſſo, Arioſto, Dante, Alfieri und wie die Kläffer alle hießen, über den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren, und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie ſagte mir ſehr höflich, ſie habe mich rufen laſſen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, Luiſe von Palden, mit mir zu ſprechen. Das Verlangen, das ſchöne Kind wiederzuſehen, mich bei ihr ſelbſt zu ent⸗ ſchuldigen, gab mir eine Nothlüge ein: ich fragte ſie 117 in ſo miſerablem Italieniſch als mir nur möglich war, ob ſie Franzöſiſch oder Deutſch verſtehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achſeln und gab ihr mehr durch Zei⸗ chen als Worte zu verſtehen, daß ich der italieniſchen Sprache durchaus nicht mächtig ſei. Sie beſann ſich eine Weile, ſagte dann, ich könnte in ihrer Gegenwart mit ihrer Nichte ſprechen, und entfernte ſich. „Wie ſchlug mein Herz von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beſchämt fühlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu ſcheinen, der ihren Irrthum auf ſo indiskrete Art benützte! Die hündiſche Leibwache der Signora verkündete, daß ſie nahe. Ich fühlte ſeit langer Zeit zum erſtenmal eine Verlegenheit, ein Be⸗ ben; ich fühlte, wie ich erröthete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte, wollte mich in dieſem Augenblicke verlaſſen. „Sie kam, ſie dünkte mir in dem einfachen, reizen⸗ den Negligée lieblicher als je, und ihre Verwirrung, als ſie mich ſah, der Unmuth, den ich in ihrem Auge zu leſen glaubte, vermochte ihre Anmuth nicht zu ſchwä⸗ chen.„„Mein Herr! es iſt eine ſonderbare Begebenheit, die Sie in dieſes Haus führt;““ ſprach ſie mit jenen klangvollen Tönen, die ich ſo gerne hörte;„„Sie müſſen ſelbſt geſtehen,““ ſetzte ſie hinzu, aber ſei es, daß die Erinnerung an jenen Abend ſie zu unangenehm berührte, ſei es, daß ſie einem meiner Blicke begegnete, die viel⸗ leicht mehr als Ehrfurcht ausdrückten, ſie ſchlug die Augen nieder, erröthete aufs Neue und ſchwieg. „Ich faßte mich, ich ſuchte mich zu entſchuldigen ſo zut es ging; ich erzählte ihr, wie ich ſie hülflos und in 118 Ohnmacht in der Kirche gefunden, wie ich ihren Irr⸗ thum nicht habe berichtigen können, aus Furcht, ſie möchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem damaligen Zuſtande ſo nothwendig war. Meine zweite Unbeſonnenheit ſchob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich ſuchte einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, es ſei an dieſem Abend erlaubt, jede Maske vorzunehmen, und ſo habe ich die ihres Freun⸗ des vorgenommen. Ich glaubte, ſagte ich, in dieſen Scherz um ſo eher eingehen zu dürfen, da wir Lands⸗ leute ſind, und die Deutſchen in Rom, als Kinder einer Heimath, nur eine große Familie ſein ſollten.“ „Eine gefährliche Verwandtſchaft!“ unterbrach ich den jungen Berliner, indem ich mich im Stillen über ſeine jeſuitiſche Logik freute.„Wie? brachte die Dame nicht das Corpus juris und den———— gegen Sie in Anwendung? In Schwaben möͤchte zur Noth ein ſolches Verwandtſchaftsſyſtem gelten, oder bei den Juden, welche Herren und Knechte, Norden und Sü⸗ den„unſere Leute“ nennen; aber Deutſchland? beden⸗ ken Sie, daß es in zweiunddreißig Staaten getheilt iſt, wo iſt da ein Verwandtſchaftsband möglich? Wenn Sie ſich im Himmel, oder in der Hölle treffen, ſo heißen ſie nur Oeſterreicher, Preußen, Hechinger und fürſtlich reußiſche Landeskinder!“ „Luiſe mochte auch ſo denken,“ fuhr er fort.„Doch nöthigte ihr meine Deduktion ein Lächeln ab; es ſchien ihr angenehm, über dieſe Punkte ſo leicht weggehen zu können. Sie klagte ſich ſelbſt an, dieſen Irrthum ver⸗ anlaßt zu haben, ſie vergab, ſie erlaubte mir, ihre 119 ſchöne Hand zu küſſen. Doch ihre Blicke wurden wieder düſter. Sie ſagte, wie ſie nur zu deutlich bemerkt habe, daß ich tief beleidigt weggegangen ſei, daß dieſer Streit noch eine gefährlichere Folge haben könne. Ihr Auge füllte ſich mit Thränen, als ſie dies ſagte. Sie beſchwor mich, ihrem Freund zu vergeben, ſie ſuchte ihn zu ent⸗ ſchuldigen, ihn, der ſie ſelbſt ſo tief beleidigt hatte; ſie ſprach mit ſo zärtlicher Wärme für den Mann, der ſo ganz vergeſſen hatte, daß die wahre Liebe glauben und vertrauen müſſe, der ſo niedrig war, dieſer reinen Seele gegenüber gemeine Eiferſucht zu zeigen. Ich wäre glücklich, ſelig geweſen, hätte dieſes Mädchen ſo von mir geſprochen! „Ich fragte ſie, ob ſie in ſeinem Auftrag mir die⸗ ſes ſage? Sie war betreten, ſie antwortete, daß ſie ge⸗ wiß wiſſe, daß es ihm leid ſei, mir jene Worte geſagt zu haben; ich verſprach, wenn er mir dies ſelbſt ſagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war ſie jetzt, ſie ſcherzte über ihren Irrthum, ſie ver⸗ glich meine Züge mit denen ihres Freundes, ſie glaubte große Ahnlichkeit zu finden, und doch ſchien es ihr un⸗ begreiflich, wie ſie nicht an meinen Augen, meiner Stimme, an meinem ganzen Weſen ihren Mißgriff er⸗ kannt habe. Sie rief ihrer Tante zu, daß ſie ihren Zweck vollkommen erreicht habe. „Signora Campoco, die während der ganzen Seene am Fenſter geſeſſen und bald die Leute auf der Straße bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet hatte, kam freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus beſucht zu haben, und bemerkte, ſie hätte nie 12⁰ geglaubt, daß unſere barbariſche Sprache ſo wohltönend geſprochen werden könne. Sie ſehen, ich hatte jetzt nichts mehr in dieſem Hauſe zu thun; ſo gerne ich noch ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte, ſo neugierig ich war, ihre Verhältniſſe in Deutſch⸗ land und ihre Lage in Rom zu erfahren— der Anſtand forderte, daß ich Abſchied nahm, mit dem unglücklichen Gefühle Abſchied nahm, dieſe Schwelle nie mehr betre⸗ ten zu können. Signora, ſie hätte ſich vielleicht gekreuzt, hätte ſie gewußt, daß ein Ketzer vor ihr ſtehe, Signora empfahl mich der Gnade der heiligen Jungfrau, und Luiſe reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte ſie noch, wie der Herr heiße, mit welchem ich das Glück gehabt habe, verwechſelt zu werden. Sie erröthete und ſagte:„„Er will zwar hier nicht gekannt ſein und ſo zurückgezogen als möglich leben; doch warum ſollte ich Ihnen ſeinen Namen verhehlen? Ich möchte ſo gerne, daß Sie Freunde würden. Er heißt———— und wohnt————“ So„etwas breit nach Art der lieben Jugend“ hatte mir der junge Mann den weiteren Verlauf ſeines Aben⸗ teuers erzählt; ich hörte ihm gerne zu, obgleich nichts peinlicher für mich iſt, als eine lamentable Liebesge⸗ ſchichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören; aber intereſſant war mir dabei die Art, wie er mir er⸗ zählte. Sein ausdruckvolles Auge ſchien die Glut ſeiner Gefühle wiederzuſtrahlen, ſeine Züge nahmen den Cha⸗ rakter düſterer Wehmuth an, wenn er ſich unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte ſie, wenn er mir die Reize der jungen Dame zu beſchreiben ſuchte. 121 Plötzlich, als er mir eben erzählte, wie er das Haus der Signora verlaſſen habe, drückte er meinen Arm feſter und brach in einen kleinen Fluch aus.„So muß der Teufel dieſen Pfaffen doch überall haben!“ rief er und wandte ſich unmuthig um. Ich war erſtaunt, welchen Pfaffen ſollte ich denn überall haben? Ich fragte ihn, was ihn ſo aufbringen könne. „Sehen Sie nicht hin, ſonſt müſſen wir grüßen,“ gab er mir zur Antwort,„ich kann ihn nicht anſehen, den Jeſuiten.“ Ich ſtellte mich, als befolge ich treulich ſeinen Be⸗ fehl, doch konnte ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Straße zu werfen und ſah wirklich ein höchſt ergötz⸗ liches Schauſpiel. Die Straße herauf kam ein hoher Prälat der Kirche, der Cardinal Rocco, ein Mann, der ſchon längſt als einer der zweiten Klaſſe mit dem Prädikat gut auf meinen Tafeln verzeichnet iſt. Eine große majeſtätiſche Geſtalt voll ſtolzer Würde; ſein weißes Haar, von einem einfachen, rothen Käppchen bedeckt, ſtach ſonderbar ab gegen ein Geſicht, das man eigentlich reich nennen konnte. Gewölbte Brauen, große Augen, eine Adlernaſe, die Unterlippe etwas über⸗ müthig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kräftig. Über das wallende Untergewand trug er einen Talar, deſſen eines Ende er in maleriſchen Falten über den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herſchleichend, ſein Diener, eben⸗ falls ein Mönch, ein dürres, bleiches Geſchöpf, deſſen tückiſche Augen nach allen Seiten ſpähten, ob Seine — 122 Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es ſich gebührt, begrüßt werden. Der Gang des Cardinals war der Gang eines Sie⸗ gers, und eine ſolche Erſcheinung in dieſen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der„ewigen Stadt.“ „Sehen Sie, wie er hingeht, dieſer Phariſäer,“ flüſterte der junge Mann, mit den Zähnen knirſchend. „Sehen Sie, wie der Pöbel ſich zum Handkuß drängt, mit welcher Würde, mit welcher Grazie er ſeinen Segen ertheilt. Theaterpoſſen! wenn dieſe Leute wüßten, was ich von ihm weiß, ſie würden dieſem Phariſäer, dieſem Verfälſcher des Geſetzes die Inſignien ſeiner Würde vom Leibe reißen, oder ſie wären werth von einem Türken beherrſcht zu werden.“ „Was bringt Sie ſo auf, verehrter Freund? Wer iſt dieſer Ehrenmann? Was hat er Ihnen zu leid ge⸗ than? Hängt er mit Ihren Abenteuern zuſammen?“ Ich mußte lange fragen, bis er mich hörte, denn er ſchaute mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwünſchungen wie ein Zauberer. „Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zu leide ge⸗ than? O! dieſer Menſch hat ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das— doch Sie werden mehr von ihm hören; es iſt der Cardinal Rocco, der Satan iſt nicht ſchwärzer als er; mit ſeinem rothen Hut deckt er alle Sünden zu, aber trotz dem, daß er geweiht iſt, wird ihn dennoch der Teufel holen!“ Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte dieſer Berliner gegen Rocco 12³ haben? Unmöglich konnte ich glauben, daß ſein Pro⸗ teſtantismus ſo tief gehe, daß er Jeden, der violette Strümpfe trug, in die Hölle wünſchen mußte. Er hatte ſich wieder geſammelt. „Vergeben Sie dieſe Hitze, Sie werden mir einſt Recht geben, ſo zu urtheilen, wenn ich Sie erſt mit dem Treiben dieſes Menſchen bekannt mache. Doch jetzt noch Einiges zum Verſtändniß meines Abenteuers. Die Ge⸗ ſchichte mit**s war bald abgethan. Er ſchickte einen Franzoſen zu mir, der mir erklärte, daß Jener ſich in mir geirrt habe und um Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, daß Luiſens Geliebter früher Offizier, und zwar in... ſchen Dienſten geweſen ſei. „Um dieſe Zeit kam die Schweſter des ſächſiſchen Geſandten nach Rom, ſich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich war am erſten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen, und— ſtellen Sie ſich einmal mein Erſtaunen vor, als ich hörte, wie ſie eine andere Dame fragte, ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkürlich ab, um nicht dem ganzen Kreiſe mein Erröthen, mein Ent⸗ zücken zu zeigen; es war mir etwas ſo Neues, ſo Schönes, Luiſens Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der anweſenden Damen wollte von ihr wiſſen, und ich fühlte mich nicht berufen, un⸗ aufgefordert mein Geheimniß mitzutheilen. „Deutſche, beſonders Frauen, pflegen immer großen Antheil an Landsleuten zu nehmen; es konnte daher nicht anders ſein, als daß man ſeine Verwunderung laut darüber ausſprach, daß ein deutſches Fräulein in 124 Rom lebe, die auch nicht Einem von Allen bekannt ſein ſollte. Wer iſt ſie? Iſt ſie ſchön? Wie kommt ſie nach Rom? fragtermanf einſtimmig, und wie lauſchte ich, wie pochte mein Herz, endlich über das intereſſante Weſen etwas zu hören! „Sie erzählte, wie ſie in.... th Luiſen kennen gelernt, die damals durch ihr ſchönes Außere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verſtand die ganze Stadt beſchäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Um ſo auffallender ſei auf einmal ein Liebeshandel ge⸗ weſen, der ſich zwiſchen einem Offizier, einem bürger⸗ lichen Subjekt, und der Tochter des Geheimeraths v. Palden entſpann. Dieſer Menſch habe außer ſeiner ſchönen Figur und einem blühenden Geſicht keine Vor⸗ züge, nicht einmal gute Sitten gehabt. Dem Vater ſei dieſe Geſchichte zu ernſtlich geworden, er habe den Offi⸗ zier zu einem Regiment zu verſetzen gewußt, das mit einem Theil der franzöſiſchen Armee nach Spanien be⸗ ſtimmt war. Man habe ſich in.... th allgemein ge⸗ freut über die Art, wie ſich Fräulein Palden in dieſe Wendung fügte; doch bald erfuhr man, daß die Ver⸗ bindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen ſei, ſondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechſelt werden. Es vergingen ſo beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück, doch nicht mit ihr jener Offi⸗ zier. Man ſagte in Geſellſchaften und in Luiſens Nähe, er ſei wegen einer Ehrenſache aus dem Dienſt getreten. Seine Kameraden ſchwiegen hartnäckig hierüber, doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von einer vortheilhaften Heirath, andere die von einer Entfüh⸗ 125⁵ rung oder von beiden ſprachen, kurz, man bemerkte, daß Herr*—*s, ſo hieß der Offizier, ſeiner Dame unge⸗ treu geworden ſei. Um dieſe Zeit ſtarb der alte Herr von Palden. Seine erſte Frau war eine Römerin, das Fräulein entſchloß ſich auf einmal, zu großer Verwun⸗ derung der Stadt.... th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen. „So viel wußte die Schweſter des Geſandten von Luiſen. Es war mir genug, um ihr Verhältniß zu ers ganz in der Ordnung zu finden; nur war es mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen; oder kam er erſt nach ihr hierher? Und warum heirathen ſie ſich nicht, da doch ihre Hand jetzt frei und von Niemand abhängig iſt? „Ich quälte mich mit dieſen Gedanken. Ich hätte ſo gerne mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunſch, ſie wieder zu ſehen, zu ſprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur ſehen, nur lieben wollte ich ſie. Da fiel mir bei, wie ich dies ſo leicht möglich machen könnte. Ich durfte ja nur der Schweſter des Geſandten ſagen, wo ſich Luiſe aufhalte, und dann konnte ich gewiß ſein, ſie ſchon in den nächſten Tagen im Hotel des Geſandten zu ſehen. Ich that dies, und mein Wunſch wurde er⸗ füllt.“ Ein Bekannter des Herrn von S. geſellte ſich hier zu uns und unterbrach zu meinem großen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit ihnen unter den Arkaden; als ich aber ſah, daß der Bekannte ſich nicht entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach 126 ſeiner Wohnung und ging mit dem Vorſatz, ihn am nächſten Morgen zu beſuchen. Ich muß geſtehen, ich fing an, die Geſchichte des jungen Mannes weniger anziehend zu finden, weil ſie mir in eine gewöhnliche Liebesgeſchichte auszuarten ſchien. Doch zwei Umſtände waren es, die mir von neuem wieder Intereſſe ein⸗ flößten und mich beſtimmten, ſeine Abenteuer zu hören. Ich erinnerte mich nämlich, wie überraſchend ſein An⸗ blick, ſein ganzes Weſen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der Liebe, wie er ſich bei jedem Amoroſo vom Mühlendamm ausſpricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um ſo anziehender dünkte, als es nur ganz unmerk⸗ lich und leiſe durch jene Hülle ſchimmerte, womit die geſellſchaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er ſchien ein Unglück zu kennen, zu theilen, das ihn unausgeſetzt beſchäftigte, zu welchem ihn die Erinne⸗ rung ſogar mitten in einem äſthetiſchen Thee zurück⸗ führte. Das Zweite, das mich zu dem jungen Mann und ſeinem Abenteuer zog, war die Seene, die ich Morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich hatte dort bemerkt, daß er ſie mit Sehnſucht erwarte; ſie war ge⸗ kommen, aber es ſchien kein fröhliches Zuſammentreffen. Sie ſchien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nicht beantworten, ſie ſchien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen konnte; wie ſchwer mußte es ihm wer⸗ den, in der Ferne zu ſtehen und dem holden Mädchen durch keine Silbe zu antworten! Er ließ ſie gehen, wie ſie gekommen, aber dann ſandte er ihr Blicke voll 127 zärtlicher Liebe nach. Warum ſagte er ihr nicht auf der Stelle, wie er ſie liebe? Welche Gewalt mußte ſie über ihn ausüben, um ihn in dieſe engen Schranken einer beinahe blöden Beſcheidenheit zurückzuweiſen? Wie viel es ſie koſte, ſah ich an ihrem Auge, in welchem eine Thräne perlte, als ſie weiterging. Dieſe Fragen drängten ſich mir auf, als ich über den jungen Mann und die räthſelhafte Dame nach⸗ dachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet, und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt Keiner aus, ſei er Gott oder Teufel. Wohl ſagt der Menſch, der kleinlich nur auf die Reſultate ſeiner Ge⸗ ſchichte ſieht:„Es wiederholt ſich alles im Leben;“ aber wie es ſich wiederhole, wie der endliche Geiſt in ſeiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und ſtrebt, und gegen die alte Nothwendigkeit ankämpft, das iſt ein Schauſpiel, das ſich täglich mit ewig neuem Reize wie⸗ derholt; und das Auge, das von Weltintriguen geſät⸗ tigt, vom Anſchauen der Kämpfe großer Maſſen ermüdet iſt, ſenkt ſich gerne abwärts zum kleineren Treiben des Einzelnen. Drum möge es keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren niederſchriebe, klein⸗ lich dünken, daß ich in Rom, wo ſo unendlich viel Stoff zur Intrigue, ein ſo großer Raum zu einem diaboli⸗ ſchen Feſttagsſpiel iſt, mit einer Liebeshiſtorie mich be⸗ faſſe.— Am Abend dieſes Tages fuhr ich mit einigen grie⸗ chiſchen Kaufleuten auf der Tiber. Wir hatten eine der größeren Barken beſtiegen, und die freien Sitze des Vordertheils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, 128 wie uns die Schiffer ſagten, ſchon beſetzt war. Der Abend war ſchwül und wirkte ſelbſt mitten im Fluß ſo drückend und ermattend auf dieſe Menſchen, daß unſer Geſpräch nach und nach verſtummte. Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, ich ſetzte mich ganz nahe hin und lauſchte. Es waren zwei Männer und eine Frau, ſo viel ich aus ihren Stimmen ſchließen konnte. Sie ſprachen aber et⸗ was verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes Italieniſch, er ſprach langſam und mit vieler Salbung. Die Dame miſchte unter ſechs italieni⸗ ſche Worte immer zwei ſpaniſche und ein franzöſiſches; der andere Mann, der wenig, aber ſchnell und mit Leidenſchaft ſprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Ausſprache, an welcher man in Italien ſogleich den Deutſchen oder Engländer erkennt. Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine Geſellſchaft überſchauen; und, o Wunder! jene ſalbungsvolle Rede entſtrömte dem Cardinal Rocco! Ihm gegenüber ſaß eine Dame, ſchon über die erſte Blüte hinaus, aber noch immer ſchön zu nennen. Ihre beweglichen, ſchwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas nachläſſiges Koſtüm, deſſen Schuld der ſchwüle Abend tragen mußte, zeigten, daß ſie mit den erſten Dreißig die Luſt zum Leben noch nicht verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den erſten, flüchtigen Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte waren düſterer, ſein Auge blickte nicht ſo offen und frei, wie das des Berliners,— ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mußte ſein 129 Doppelgänger ſein. Aber wie, die Dame war nicht Luiſe von Palden; durfte dieſer Mann ſo traulich ne⸗ ben einer Andern ſitzen, ohne dieſelbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbürden wollte? „Gilt Dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?“ hörte ich die Dame ſagen.„Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden„ nichts meine Schande, der ich mich um Deinetwillen ausſetzte? Ein Wort, ein einziges Wort kann uns glücklich machen. Du ſagſt immer: morgen, morgen! Es iſt jetzt Abend, warum willſt Du morgen doch wieder nicht? „Mein Sohn!“ ſprach der Cardinal;„ich will nichts davon ſagen, daß Euer langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung für unſere heilige Kirche Be⸗ leidigung iſt. Ich weiß zwar wohl, nicht Ihr ſeid es, der dieſe Zögerungen verſchuldet; der Teufel, der leib⸗ haftige Satan ſpricht aus Euch; es iſt das letzte Zucken Eurer ketzeriſchen Irrthümer, was Euch die Wahrheit nicht ſehen läßt; aber beim heiligen Kreuz, den Nä⸗ geln und der heiligen Erde beſchwöre ich Euch, folget mir; laſſet Euch aufnehmen in den heiligen Schooß der Kirche, zur Verherrlichung Gottes.“ Ha! dachte ich, den haben ſie gerade recht in den Krallen. Ein ſchönes Weib, ein Cardinal Roeco und ein paar Gewiſſensbiſſe, wie der Herr im Zelte zu haben ſchien.— Da kann es nicht fehlen!— Er ſeufzte, er blickte bald die Dame, bald den Prieſter mit un⸗ muthigen Blicken an.„Ich will ja Alles thun, ins Teufels Namen, alles thun,“ ſagte er,„mein Leben iſt ohnedies ſchon verſchuldet und vergiftet, aber wozu W. Hauffs Werke. VII. 9. 13³⁰ dieſe ſonderbare Procedur? Warum ſoll ich vor der Welt zum Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzuſtellen?“ „Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narreu werden, ſagt Ihr? O! Ihr verſtockter Ketzer, Ihr alle ſeid von Eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter ſteht, Renegaten, Abtrünnige! Es iſt alſo nur eine Rückkehr, kein Übertritt, keine Abläugnung eines früheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei ſo nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligthum geſtohlen, zuſammen ſtückelte?“ „Laſſet mich, Eminenz! Es iſt einmal gegen meine Überzeugung. Ich müßte mich ja vor ganz Deutſchland ſchämen.“ „O verſtockter Ketzer! Schämen, ſagt Ihr? Hat ſich der liebe Mann, der Herr von Haller, auch ge⸗ ſchämt? Schämen! Wie ein Heiliger würdet Ihr da ſtehen, braucht ſich ein Heiliger zu ſchämen? Hat ſich der treffliche Hohenlohe geſchämt, umgeben von Ketzern, ſeine Wunder zu verrichten? Es ſei gegen Eure Über⸗ zeugung, ſaget Ihr? Da ſieht man wieder den Deut⸗ ſchen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deut⸗ ſchen! Zu was denn immer Üüberzeugung? Das iſt ja gerade das Wunderbare am Glauben, daß er von ſelbſt wirkt ohne überzeugung. Geſetzt, Ihr wäret krank, mein lieber Freund; man ſchickt Euch den erſten Arzt der Chriſtenheit. Ihr ſeid nicht überzeugt, daß er der alleinige, wahre Arzt iſt, aber Ihr laßt Euch gefallen, ſeine Arzneien einzunehmen, und ſiehe, ſie 131 wirken auf Euren Körper ohne überzeugung, gerade wie unſer Glaube auf die Seele.“ „Otto!“ ſprach Dame Ines mit ſchmelzenden Tönen,„theurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht abfolvirt und beruhigt hätte, ich müßte ja ſchon längſt verzweifelt ſein, einen Ketzer ſo innig zu lieben! Wie leicht wird es Dir gemacht, einer der Unſrigen zu ſein, und dann ein Weib auf ewig glücklich zu machen, das Dir Alles opferte! Und be⸗ denke die ſchöne Villa an der Tiber, und das köſtliche Haus neben dem Palaſt ſeiner Eminenz. Dies Alles will uns der heilige Vater zur Ausſtattung ſchenken. Biſt Du nicht gerührt von ſo vieler Liebe?“ „Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn,“ fuhr der beredte Mann mit dem rothen Hute fort, „nicht verhehlen kann ich es Euch, daß man im Lateran noch heute von Euch ſprach, daß es ſogar Seiner Hei⸗ ligkeit ſelbſt auffällt, daß Ihr ſo lange zögert. Bis über acht Tage naht ein großes Feſt heran, welch herr⸗ liche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu thun, bietet ſich Euch dar!“ „Wozu doch dieſe Offentlichkeit?“ fragte Otto, „ich haſſe dieſes Rühmen und Ausſchreien in alle Welt. Laſſet mich ſtill in einer Kapelle die Ceremonie verrich⸗ ten. Was nützt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe! O Luiſe, Luiſe! Es tödtet ſie, wenn ſle es hört!“ „Elender!“ rief die Dame, indem ſie in Thränen ausbrach.„Sind das Deine Schwüre? Du falſches Herz. Ich habe Dir Alles, Alles geopfert, und ſo 13² kannſt du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege Dich nieder in ihre Feſſeln, aber wiſſe, daß ich mich in die Tiber ſtürze, über meine armen Würmer, meine unglücklichen Kinder mag ſich Gott erbarmen!“ „Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn. Wozu dieſer Skandal, dieſe Scene auf dem Schiffe? Stillet Eure Thränen, ſchöne Frau, es wird noch Alles gut werden; kommet, ich will einen väterlichen Kuß auf Eure Augen drücken, ſo. Und Ihr, wiſſet Ihr nicht, daß Ihr Euch verſün⸗ diget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einſt Eure Sinnen zu be⸗ ſtricken wußte? Haben wir Euch nicht Beweiſe genug gegeben, daß ſie in einem ſtrafwürdigen Verhältniß zu dem Teufel iſt, der Eure Geſtalt und Sprache ange⸗ nommen hat?“ „Welch einfältiges Mährchen!“ rief der junge Mann.„Was wollt Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner iſt er, ein Tropf, dem ich das Mädchen nicht gönnen mag, wenn ſie mich auch zehnmal betrog.“ „Mein Sohn, die heilige Jungfrau ſchütze uns, aber der Satan ſelbſt iſt es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piecolo geträumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt ſpazieren? Als ſeine Träume ſind noch eingetroffen. Der deutſche Baron iſt der hölliſche Geiſt ſelbſt. Wer es aber auch ſei; ſie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch ſelbſt dieſes Geſtändniß über ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treuloſe Ketzerin 133 Rückſicht nehmen!— Und ſchaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,“ fuhr Seine Eminenz fort, indem ſie ein großes Papier entfaltete.„Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch verſprochen, die Liſte aller derer mitzubringen, welche in eurem Deutſchland öffentliche Ketzer, insgeheim aber gute Chriſten der wahren Kirche ſind. Da, leſet!“ Der junge Mann las und ſtaunte. Er ſah den Cardinal fragend an, ob er denn wirklich dieſer Schrift trauen dürfe. Donna Ines, welche bemerkte, welch günſtigen Eindruck dieſe Liſte mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund und bedeckte ſie mit feurigen Küſſen der Andacht. „Nicht wahr,“ fuhr Rocco fort,„da ſtehen wohl⸗ klingende Namen? Profeſſoren, Grafen, Fürſten ſo⸗ gar. Freilich dieſe Leute können nicht ſo öffentlich ſich erklären, Freundchen. Die Politik, die Rückſicht auf ihre ketzeriſchen Unterthanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im Herzen ſind ſie unſer. Da, dieſer Nr. 8, ich kann Eure barbariſchen Namen nicht aus⸗ ſprechen, der wird ſich ſogar öffentlich erklären und ſeine Irrthümer abſchwören. Der da oben wird auch einen wichtigen Schritt vorwärts thun. O! und be⸗ denket, was erſt in Frankreich, ſelbſt in England für uns gethan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald werdet Ihr alle ſammt und ſonders zu uns zurück⸗ gekehrt ſein. Wie herrlich muß dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht der Menge, ſondern lange zuvor auf unſern heiligen Tafeln verzeichnet wurde!“ 134 „Aber, o Himmel, Cardinal! Ich bin ja ſchlech⸗ ter als die ganze Liſte dieſer Heimlichen. Ihr ſelbſt wiſſet, daß, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geſchieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Dieſe Heimlichen haben keinen Vortheil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von außen für echte Lu⸗ theraner, und was haben ſie davon, daß ſie von innen römiſch ſind?“ „O Einfalt! es iſt gut, daß Ihr nicht die ketzeriſche Theologie ſtudirt habt. Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was iſt denn das Schöne an unſerer Kirche? He? Nicht nur, daß ſie die alleinſeligmachende, daß ſie gleichſam eine Brandverſicherungsanſtalt gegen die Hölle, eine Seelenaſſekuranz gegen den Tod iſt! denn ſchon aus phyſiſchen Gründen kann man annehmen, daß keine Seele von den Unſrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn ſie auch ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, daß im Durchſchnitt hundertundzwanzig Millionen Men⸗ ſchen in der Hölle und eben ſo viele im Fegfeuer ſind. Nun kann man annehmen, daß ſeit Eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Mil⸗ lionen Türken und zehn Millionen Juden hinab ge⸗ fahren ſind. Das macht zuſammen hundert und zwan⸗ zig.“ „O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!“ ſagte Ines mit zauberiſchem Lächeln.„Ach Otto! Dich ſoll ich an jenem Ort wiſſen, in der Geſellſchaft des Teufels und ſeiner Großmutter? O GottV! es iſt nicht möglich!“ 135 „Sodann weiter,“ fuhr der Salbungsvolle fort, „Euer Erzketzer in Berlin, der Schleiermacher, nimmt ſelbſt an, daß alle Menſchen prädeſtinirt ſind, und zwar ſo beiläufig die Hälfte zum Böſen. Dieſe müſſen nun eine Art von Seelenwanderung in verſchiedenen Stationen des Elends machen, bis ſie ſelig werden, und fangen mit der Hölle an. Der Mann hat ver⸗ nünftige Gedanken, und wäre werth, einſt nur ins Fegfeuer zu kommen. Aber das weiß er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal prädeſtinirt, zur Hölle plom⸗ birt, zum Teufel recommandirt iſt, wir können ihn doch abſolviren und recta in den Himmel ſchicken. Nun, und wenn man annimmt, daß das Fegfeuer hundert und zwanzig Millionen faßt, und darunter hundert Millionen Türken, und zwanzig Millionen Ketzer, ſo iſt, weiß Gott, auch dort wenig Raum für eine etwas lüderliche Seele.“ „Ihr wiſſet, Eminenz, was ich von ſolchen Be⸗ rechnungen halte, machet mir doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenaſſekuranz kann mich nicht locken. Doch iſt ſie gut fürs Volk, und ich be⸗ greife nicht, warum Ihr nicht ſchon lange ganze Regi⸗ menter, Diviſionen, ja Armeen, Kavallerie, Infan⸗ terie, Artillerie ſammt dem Generalſtab öffentlich ver⸗ aſſekurirt habt. Das wäre eine Anſtalt à la Mahomed, die Kerls würden ſich ſchlagen wie der Teufel, denn ſie wüßten, wenn ſie heute erſchoſſen würden, wachen ſie morgen im Paradieſe auf. Laſſet mich lieber noch einen Blick in die Liſte werfen, ſie iſt mir tröſtlicher, denn es ſtehen ganz vernünftige Männer dort.“ 136 „O daß Ihr nur ein Jahr auf einer deutſchen Uni⸗ verſität zugebracht hättet! Unſere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzeriſche Jugend ſoll gegenwär⸗ tig ganz abſonderlich fromm, heilig und myſtiſch ſein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter verſetzt ſie in dieſen liebenswürdigen Schwindel. Sie neigen ſich ſchon ganz zu uns, und laſſet nur erſt die Jeſuiten recht in Deutſchland überhand nehmen, dann ſollt Ihr erſt Wunder ſehen! Auch einige brave Männer, Pro⸗ feſſoren nehmen ſich unſerer Sache an, ſeht dieſer da, Nr. 172; Signor Cruſado, der umhüllt ſie mit einem ſo tiefen ſymboliſchen Dunkel, daß ſie bald unſer ſind. Wahrlich, der Hofmechanikus ſeiner Heiligkeit, der be⸗ rühmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen Recht. Er hat berechnet, wenn Deutſchland einige Grade ſüd⸗ licher läge, wenn Ihr eine ſchönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantaſie hättet— die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder Ihr wäret wenig⸗ ſtens ſchon lange wieder zurückgekehrt.“ Die Barke ſtieß bei dieſen Worten ans Land. Wie gerne hätte ich dieſem trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er dieſe deutſche Seele bearbeitete; es war ein ſchweres Stück Arbeit, ich geſtehe es. Ein Menſch ohne Phantaſie, der in den Ceremonien nur Ceremonien ſieht, der die Tendenz dieſer Römer durch⸗ ſchaut, der durch keinen weltlichen Vortheil zu blenden iſt, wahrlich, ein ſolcher iſt ſchwer zu gewinnen. Doch für dieſen war mir nicht bange. Ein Cardinal Roeco und ein ſchönes Weib haben ſchon Andere geangelt als dieſen. 137 Der heilige Mann ſtieg aus. Mit Ehrfurcht em⸗ pfingen die Schiffer ſeinen Segen, den er mit einer Würde, einem Anſtand, würdig eines Fürſten der Kirche, ertheilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, wäh⸗ rend ſie über das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren Bewegungen, und die Glut, die aus ihren Augen ſtrahlte und den Abend ſchwül zu machen ſchien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre ſchöne Hand mit ſo beſorgter Zärtlichkeit, mit einem ſo bedeutungsvollen Lächeln, daß ich im Zweifel war, ob ich mehr ſeine transmontaniſche Kälte belächeln oder den Muth bewundern ſollte, mit wel⸗ chem er den geiſtlichen Lockungen dieſer in Liebe aufge⸗ lösten Circe widerſtand.— Am Ufer hielt ein ſchöner Wagen. Der dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom ſpazieren gehend, erſchienen war, ſtand am Schlag und erwartete ſeine Eminenz. Es koſtete einige Zeit, bis dieſer ſein Gewand zu gehöriger Wir⸗ kung drapirt hatte, dann erſt folgte der Frater Pic⸗ colo. Der Ketzer und ſeine Dame ſchlugen einen Fuß⸗ pfad ein und gingen der Stadt zu. „Wer ſind dieſe,“ fragte ich den Schiffer. „Kennt Ihr den heiligen Mann, den Cardinal Rocco nicht? O es iſt einer der beſten Füße des heiligen Stuhles! Alle Abende fährt er in meiner Barke auf dem Fluß.“ „Und die Dame?“ „Hal das iſt eine gute Chriſtin,“ antwortete er mit Feuer.„Sie fährt beinahe immer mit dem Cardi⸗ nal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit dem Mann, 138 den Ihr geſehen. Dem traue ich nicht ganz, es iſt ent⸗ weder ein Deutſcher oder ein Engländer, und die ſind doch Kinder des Teufels.“ „So? Da ſagt Ihr mir etwas Neues, und dieſer Mann, iſt er ihr Gemahl?“ „Bewahre uns die heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! Wo denkt Ihr hin? Da würde er nicht ſo zärtlich mit ihr ſpazieren fahren. Ich denke, es iſt ihr Geliebter.“ „So iſt es,“ ſagte einer der griechiſchen Kaufleute, „die Dame wohnt nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie ſieht Niemand bei ſich, als einige fromme Geiſtliche und dieſen jungen Mann! Es iſt ihr Geliebter. Aber ſie führen ein Hundeleben zu⸗ ſammen. Man hört ſie oft Beide weinen und zanken und ſchreien. Der junge Mann flucht und donnert und jam⸗ mert mit ſchrecklicher Stimme, und die Donna weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeſchrei, daß die Nachbarn zuſammenlaufen. Dann ſtürzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem Haus und will flie⸗ hen, aber die Donna ſetzt ihm mit fliegenden Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinten drein. Sie faßt ihn unter der Thüre am Gewand, ſie achtet nicht auf die Menſchen, die umher ſtehen. Sie zieht ihn zu⸗ rück ins Haus und beſänftigt ihn, und dann iſt es oft auf viele Tage ſtille, bis das Wetter von neuem los⸗ bricht.“ „Heilige Jungfrau,“ rief der Schiffer,„und hat er ſie noch nie todt geſtochen im Zorn?“ „Wie Ihr ſeht, nein!“ erwiderte der Grieche.„Aber krank iſt ſie ſchon oft geworden, wenn er ſo gräulich 139 raste. Dann lief er ſchnell zu drei, vier Doktoren, um ſie wieder ins Leben zurückzurufen. Es ſind doch gute Seelen, dieſe Deutſchen!“ So ſprachen dieſe Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken über das, was ich gehört und ge⸗ ſehen hatte. Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir wieder bei, der den Cardinal Rocev beſchuldigte, ein ſchönes gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte dies ſein, als Luiſens? Ich glaubte deut⸗ lich zu ſehen, daß der Prieſter den Kapitän der Gelieb⸗ ten entzogen, indem er ſie verleumdet, daß er ihn in die Feſſeln dieſer Donna Ines geſchmiedet habe, um ihn für die Kinder zu gewinnen. Aber wie war Alles dies geſchehen? Wie hatte er dieſen Mann aus den Armen ſeines Mädchens ziehen, von einem Herzen hin⸗ wegreißen können, das ihn mit ſo heißer Glut empfing? Sollten jene Beſchuldigungen von Untreue wahr ſein, die der Cardinal dem Kapitän einflüſterte, hatte ſie wirklich den jungen Mann, der ihm ſo ähnlich ſah, vorgezogen? Doch ich wußte ja, wo ich mir Gewißheit verſchaffen konnte. Ich beſchloß, bei guter Zeit am näch⸗ ſten Morgen den Berliner wieder aufzuſuchen. Herr von S.. ſchien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing mich mit Herzlichkeit und einem Wohl⸗ wollen, das ſelbſt den Teufel erfreut, wenn er auch ſchon an dergleichen gewöhnt iſt. Ich hatte mir vorgenom⸗ men, von meiner geſtrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehört hatte, noch nichts zu erwähnen um den Verlauf ſeiner Geſchichte zuvor deſto ungeſßorker 41 ver⸗ nehmen. 4 140 „Von allem Unglück, das die Erde trägt,“ fuhr er zu erzählen fort,„ſcheint mir keines größer, ſchmerz⸗ licher und rührender als jener ſtille, tiefe Gram eines Mädchens, das unglücklich liebt, oder deſſen zartes, glühendes Herz von einem Elenden zur Liebe hinge⸗ riſſen und dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, ſeinen Gram zu unterdrücken, den Verrath ſeiner Liebe zu rächen, die gepreßte Bruſt dem Freunde zu öffnen; das Leben bietet ihm tauſend Wege, in Mühe und Ar⸗ beit, in weiter Ferne Vergeſſenheit zu erringen. Aber das Weib?— Der häusliche Kreis iſt ſo enge, ſo leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene ſtille Be⸗ ſchäftigung mit tauſend kleinen Dingen, der ſie ſich in der Zeit glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewußt hingab, wie drückend wird ſie, wenn ſich an jeden Ge⸗ genſtand die Erinnerung an ein verlorenes Glück heftet! Wie träge ſchleicht der Kreislauf der Stunden, wenn nicht mehr die ſüßen Träume der Zukunft, nicht der Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz den Schlag der Glocke übertönt! „Doch wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald erfahren werden? Hören Sie weiter: Mein Wunſch, Luiſe von Palden im Hauſe des Ge⸗ ſandten zu ſehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde ſie durch ſeine Schweſter dort eingeführt. Sie erröthete, als ſie mich zum erſtenmal dort ſah, doch ſie ſchien mich wie einen alten Bekannten zu nehmen; es ſchien ſie zu erfreuen, unter ſo vielen fremden Män⸗ 141 nern einen zu wiſſen, der ihr näher ſtand. Denn ſo war es; ſei es, daß die Erinnerung an unſer ſonder⸗ bares Abenteuer mich aus einem Fremden zum Bekann⸗ ten machte, ſei es, daß ſie gerne zu mir ſprach, weil ich die Züge ihres Freundes trug, ſie unterſchied mich auffallend von allen übrigen Männern, die dieſer ſelte⸗ nen Erſcheinung huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errathe ihre Gedanken—“ „Ich finde, Sie ſind zu beſcheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene Perſönlichkeit geweſen ſein, was das Fräulein anzog?“ „Nein, denken Sie nicht ſo von dieſem himmliſchen Geſchöpf; ich geſtehe, ich war ein Thor, ich machte mir Hoffnung, ſie für mich gewinnen zu können; ja Freund, ich ſagte ihr ſogar, was ich fürchte—“ „Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr Kapitän lag vielleicht gerade in den Armen einer Andern!“ Der Berliner ſtutzte.„Wie? Was wiſſen Sie?“ fragte er betroffen.„Wer hat Ihnen geſagt, daß Weſt noch eine Andere liebe?“ „Nun, Sie ſelbſt haben mich genug darauf vorbe⸗ reitet,“ erwiderte ich;„ſagten Sie nicht, daß Jener das Mädchen betrog?“ „Sie haben Recht;— nun, ich wurde lächelnd ab⸗ gewieſen, abgewieſen auf eine Art, die mich dennoch glücklich, unausſprechlich glücklich machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, ſie geſtand mir, daß ich ihr als Freund willkommen ſei, daß ihr Herz keinem Andern mehr gehören könne. Sie ſagte mir auch Manches 14² von ihren Verhältniſſen, was ganz mit dem überein⸗ ſtimmte, was uns die Schweſter des Geſandten erzählte; ſie geſtand, daß ſie nur darum nach Rom gezogen ſei, weil den Kapitän ſeine Verhältniſſe hierher riefen; ſie geſtand, daß er einen Rechtsſtreit wegen einer Erbſchaft hier habe, daß er, ſobald die Sache entſchieden ſei, vielleicht ſchon in wenigen Wochen, ſie zum Altar füh⸗ ren werde. „Etwa eine Woche nach dieſem aufrichtigen Ge⸗ ſtändniß rief mich eines Abends der Geſandte aus dem Salon, in welchem die Geſellſchaft verſammelt war, zu ſich. Es war nichts Seltenes, daß er ſich mir in Ge⸗ ſchäftsſachen mittheilte, weil ich ſein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art beſaß; doch die Zeit war mir auf⸗ fallend, und es mußte etwas von Wichtigkeit ſein, weß⸗ wegen er mich aus dem Kreis der Damen aufſtörte. „„Kennen Sie einen gewiſſen Kapitän Weſt?“ fragte er, indem er mich mit forſchenden Blicken anſah. „Ich habe einen Kapitän Weſt flüchtig kennen ge⸗ lernt,“ gab ich ihm zur Antwort. „Nun, ſo flüchtig müſſe es doch nicht ſein, entgeg⸗ nete er mir, da ich ein Duell mit ihm gehabt. „Ich ſagte ihm, daß ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich gleichgültigen Sache, es ſei aber Alles gütlich beigelegt worden. Dennoch war es mir auffallend, woher der Geſandte dieſen Streit erfahren hatte, den ich ſo geheim als möglich hielt, und von wel⸗ chem Luiſe in ſeinem Hauſe gewiß nichts erwähnt hatte. „„Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,““ ſagte er;„ndoch möchte ich Ihnen rathen, ſolche Händel 143 wegen einer ſo zweideutigen Perſon zu vermeiden. Sie wiſſen ſelbſt, wenn man einmal einen öffentlichen, be⸗ ſonders einen diplomatiſchen Charakter hat, iſt der⸗ gleichen in einem fremden Lande wegen der Folgen für beide Theile fatal.““ „Der Ton, worin dies geſagt wurde, fiel mir auf. Er war ſehr ernſt, ſehr warnend; noch ſchmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame ſagte, zwei⸗ deutige Perſon! Und doch ſaß gerade dieſe Perſon als Krone der Geſellſchaft in ſeinem Salon, er ſelbſt, ich hatte es deutlich geſehen, er ſelbſt hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art geſprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewun⸗ derer ihrer Reize und ihres glänzenden Verſtandes ſehen ließ. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unter⸗ drücken, ich bat ihn höflich, aber ſo feſt als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr ſo von einer Dame zu ſprechen, die ich achte und die einen ſo entſchie⸗ denen Rang in der Geſellſchaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, daß er ſelbſt ſein Haus be⸗ ſchimpfe, wenn er in ſolchen Ausdrücken von ſeinen Gäſten ſpreche. „Er ſah mich verwundert an; er ſagte mir, er könne meine Reden nicht begreifen, denn weder be⸗ haupte die Dame einen Rang in der Geſellſchaft, die er ſehe, noch habe ſie je einen Fuß über ſeine Schwelle geſetzt. Die Reihe zu erſtaunen war jetzt an mir; ich ſah, daß hier ein Irrthum vorwalte, und belehrte ihn, daß Fräulein von Palden die Dame ſei, um die wir uns ſchlagen wollten. 144 „„Verzeihen Sie,““ rief er,„„man ſagt mir, Sie haben ſich wegen der Geliebten dieſes Kapitän Weſt geſchlagen, daher glaubte ich Ihnen dies ſagen zu müſſen.““ „Und wenn dies nun dennoch wäre?“ fragte ich. „Kennen Sie denn die Geliebte des Kapitän?“ „„Gott ſoll mich bewahren,““ entgegnete er. „„Nein, ich glaube, er hat ſchon ſelbſt genug an ſeiner Spanierin.““ „Ich ſtaunte von Neuem. Von einer Spanierin ſprechen Sie? Wie kommen Sie nur darauf? Ich weiß beſtimmt, daß der Kapitän eine deutſche Dame liebt!“ „„Um ſo ſchlimmer für das arme Kind in Deutſch⸗ land,““ war ſeine Antwort;„„wie die Sachen ſtehen, ſcheint man im Lateran ernſtlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln der ſchönen Donna Gehör zu geben und ihre frühere Ehe, weil ſie nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine gute Partie, aber— jeder Mann von Ehre wird dieſen Schritt mißbilligen.““ „Ich ſtand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine Verwechslung der Na⸗ men und Perſonen zu Grunde, oder es war ein ſchreck⸗ liches Geheimniß, und der Kapitän ein Betrüger, der Luiſens Glück vielleicht auf ewig zerſtört hatte. „Ich ſagte dem Geſandten geradezu, daß er mit mir über Dinge ſpreche, die mir völlig unbekannt ſeien. Er ſtaunte, doch glaubte er, da er ſchon ſo viel geſagt hatte, mir die weitere Erklärung dieſer Räthſel ſchuldig zu ſein. 145 „¼ „„Dieſer Kapitän Weſt iſt ein Sachſe,““ erzählte er;„„er diente früher im Generalſtab und wurde dann zu einer diplomatiſchen Sendung nach Spanien ver⸗ wandt; er ſoll ein Mann von vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter ſein. Warum die Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ältere Leute, und aus guten Häuſern, im Departement waren, iſt mir unbekannt; nur ſo viel erfuhr ich zufällig, daß man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt ſich, er habe in Madrid in einem Verhältniß zu einer ſchönen jungen Frau gelebt; ſie war eine Spanierin, aber an einen alten Engländer verheirathet, der ſie vielleicht nicht ſo ſtrenge unter Schloß und Riegel hielt, wie man ſonſt in Spanien zu thun pflegt.. „„ Als aber endlich dieſes Verhältniß zu den Ohren des Engländers kam, bewirkte dieſer, daß der Kapitän von ſeinem Poſten abgerufen und ſogar aus dem Dienſt entlaſſen wurde. Doch ſagen Andere, er ſelbſt habe aus Ärger über ſeine ſchnelle Abberufung quittirt. Doch das Beſte kommt noch; einige Wochen nach ſeiner Ab⸗ reiſe war die Frau des Engländers mit ihren beiden Kindern plötzlich verſchwunden, man kann ſagen ſpur⸗ los verſchwunden, denn ſo viele Mühe ſich ihr Gatte gab, ihrer habhaft zu werden, Alles war vergeblich. Vielleicht ſcheiterten auch ſeine Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die Communikation mit Frankreich ſehr erſchwerten. „„Der Verdacht dieſes Engländers fiel, wie natür⸗ lich, vor Allem auf den Kapitän Weſt. Er wußte es zu W. Hauffs Werke. VII. 10 146 machen, daß dieſer in Paris angehalten und verhoͤrt wurde. Man ſagt, er ſolle ſehr betreten geweſen ſein, als er die Nachricht von der Flucht dieſer Dame hörte; er wies ſich aber aus, daß er die Reiſe bis nach Paris allein gemacht habe, und bekräftigte mit einem Eid, daß er von dieſem Schritt der Donna nichts wiſſe. „„Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt ſeitdem hier ſehr ſtill und eingezogen, beſucht keine Geſellſchaft, hat keinen Freund, keinen Bekann⸗ ten; vorzüglich vermeidet er es, mit Deutſchen zu⸗ ſammenzutreffen.““ „Um dieſe Zeit,“ fuhr der Geſandte fort,„ſei von ſeinem Hofe die Anfrage an ihn ergangen, ob dieſer Weſt ſich in Rom befinde, wie er lebe, und ob er nicht in Verhältniſſen mit einer Spanierin ſei, die ſich eben⸗ falls hier aufhalten müſſe. Man habe ihm dabei die Geſchichte dieſes Kapitän Weſt mitgetheilt und bemerkt, daß der Engländer von Neuem Spuren von ſeiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewißheit annehmen laſſen, daß ſie in Rom ſich aufhalte. Man habe deß⸗ wegen von Spanien aus ſich an die päpſtliche Kurie gewandt, es ſcheine aber, man wolle ſich hier der Dame annehmen, denn die Antwort ſei ſehr zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Geſandte machte die nöthigen Schritte und erfuhr wenigſtens ſo viel, daß jener Verdacht beſtätigt ſchien. Er wandte ſich nun auch an Conſalvi, um zu erfahren, ob der römiſche Hof in der That die Dame in ſeinen Schutz nehme, und er⸗ hielt die in eine ſehr beſtimmte Bitte gefaßte Antwort, man moͤchte dieſe Sachen beruhen laſſen, da die Ehe 8 147 der Donna Ines mit dem Engländer wahrſcheinlich für ungültig erklärt werde. „Dies erzählte mir der Geſandte; er fügte noch hinzu, daß er aus beſonderem Intereſſe an dieſem Fall dem Kapitän immer nachgeſpürt habe, und ſo ſei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Kar⸗ neval mit Jenem wegen einer Dame gehabt habe. „Sie können ſich denken, Freund, welche Qualen ich ſchon während ſeiner Erzählung empfand, und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, ſtand ich wie ver⸗ nichtet. Der Geſandte verließ mich, um zu der Geſell⸗ ſchaft zurückzukehren; ich hatte kaum noch ſo viel Faſ⸗ ſung, ihn zu bitten, er möchte Niemand etwas von dieſen Verhältniſſen wiſſen laſſen; das Warum ver⸗ ſprach ich ihm ein andermal. „Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Geſandte mich gerufen, den Salon überſehen, ich konnte Luiſen ſehen, und wie ſchmerzlich war mir ihr Anblick. Sie ſchien ſo ruhig, ſo glücklich. Der Friede ihrer ſchoͤnen Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr ſanftes blaues Auge glänzte, vielleicht von der Erwartung einer ſchönen Abendſtunde, und das Lächeln, das ihren Mund umſchwebte, ſchien der Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es war mir nicht moͤglich, dieſen Anblick länger zu ertragen, ich eilte ins Freie, um dieſes Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie war es möglich? Der Gedanke an ſie kehrte ſchmerzlicher als je zurück, denn der Friede der Natur, der zauberiſche Schmelz der Landſchaft, die ſüße Ruhe, die dieſe Fluren 148 athmeten: erinnerten ſie mich nicht immer wieder an jenes holde Weſen? Und die Wolken, die ſich am fer⸗ nen Horizont ſchwärzlich aufthürmten und ein nächtli⸗ ches Gewitter verkündeten, hingen ſie nichtüber der fried⸗ lichen Landſchaft, wie das Unglück, das Luiſen drohte? „Ich ging nach Hauſe; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich ſei, ob ich ſie nicht losmachen könne von dieſer ſchrecklichen Verbindung. Doch war nicht zu befürchten, daß ſie mir mißtrauen werde? Sie wußte, ich liebe ſie, kannte ſie mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit meiner Abſichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht über mich gewinnen, ihr ſelbſt ihr Unglück zu verkünden. Nur einen Ausweg glaubte ich offen zu ſe⸗ hen; ich wollte ihn ſelbſt zur Rede ſtellen, den Elenden, ich wollte ihn bewegen, einen entſcheidenden Schritt auf die eine oder die andere Seite zu thun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg gefunden zu haben; er ſelbſt mußte ihr ſagen, daß er nicht mehr verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird ſie zwar unglücklich ſein, aber ich will verſuchen, ſie glücklich zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr Unglück zu mildern ſuchen.“ „Aber wie konnten Sie glauben,“ rief ich, über dieſe romantiſchen Ideen unwillkürlich lächelnd,„wie konnten Sie glauben, Freund, daß ein Kapitän Weſt zu dieſem ſonderbaren Geſtändniſſe ſich hergeben werde? In Romanen mag dies der Fall ſein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?“ „Ach, ich dachte zu gut von den Menſchen,“ ant⸗ 149 wortete er.„Ich dachte: wie ich muß Jeder fühlen.— Ich ging in die Wohnung des Kapitän Weſt. Er wohnte ſchlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn, wie er einen ſchönen Knaben von acht Jahren auf den Knieen hatte, welchen er leſen lehrte. Erröthend ſetzte er den Knaben nieder und ſtand auf, mich zu begrüßen.„„Ei Papa!““ rief der Kleine,„„wie ſieht Dir dieſer Herr ſo ähnlich.“u „Der Kapitän gerieth in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem Zimmer.„Wie,“ ſagte ich zu ihm, „Sie haben ſchon einen Knaben von dieſem Alter? Waren Sie früher verheirathet?“ „Er ſuchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er behauptete, der Knabe gehöre in die Nach⸗ barſchaft, beſuche ihn zuweilen, und nenne ihn Papa, weil er ſich ſeiner annehme.“ „Er gehört wohl der Donna Ines?“ fragte ich, indem ich ihn ſcharf anſah. Noch nie zuvor hatte ich geſehen, wie ſchrecklich das böſe Gewiſſen ſich kund⸗ thut; er erblaßte; ſeine Augen glänzten wie die einer Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er ſich hinlänglich geſammelt hatte, um mir zu ant⸗ worten, ſagte ich ihm gerade ins Geſicht, was ich von ihm wiſſe und was ich von ihm verlange, um das Fräu⸗ lein nicht völlig unglücklich zu machen. „Er lief in Wuth im Zimmer umher, er ſchimpfte auf Zwiſchenträger und Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geſchichte aufgedeckt, um Luiſen von ihm zu entfernen. Ich ließ ihn ausreden; dann ſagte ich ihm mit kurzen Worten, wie ich ſein Verhältniß zu 15⁰ der Spanierin erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichen Tönen unſerer Sprache, das Fräu⸗ lein ſo ſchonend als möglich von ſich zu entfernen. „Es gelang mir, ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere unangenehme Scene durchzukämpfen; er klagte ſich an, er weinte, er verfluchte ſich, das holde Geſchöpf ſo ſchändlich betrogen zu haben. Er ſchwor, ſich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn zu retten, er geſtand mir, daß er ſich von einem Netz umſtrickt ſehe, das er nicht gewaltſam durchbrechen könne, weil einige hohe Geiſtliche der Kirche compro⸗ mittirt würden. Er ging ſo weit, mich zu zwingen, ſeine Geſchichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urtheilen zu knnen. Es war die Geſchichte eines — Leichtſinnigen. Dieſes Wort möge entſchuldigen, was vielleicht ſchlecht genannt werden könnte. Es lag in dem Weſen dieſes Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen ſehr glücklich machen mußte. Es war der äußere Anſchein von Kraft und Entſchloſſenheit, die ihm übrigens ſein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben ſchienen. Er mußte eine für ſeinen Stand aus⸗ gezeichnete Bildung gehabt haben, denn er ſprach ſehr gut, ſeine Ausdrücke waren gewählt, ſeine Bilder oft wahrhaft poetiſch, er konnte hinreißen, ſo daß ich oft glaubte, er ſpreche mit Eifer von einem Dritten; wäh⸗ rend er mir ſeinen eigenen beklagenswerthen Zuſtand ſchilderte. Ich habe dies oft an Menſchen bemerkt, die ſonſt ihrem Triebe folgen, in den Tag hinein leben, ohne ſich ſelbſt zu prüfen, und erſt in dem Moment der Erzählung über ſich ſelbſt flüchtig nachdenken. Sie wer⸗ 151 den dann durch die Sprache ſelbſt zu einem eigenthüm⸗ lichen Feuer geſteigert, ſie ſprechen mit Umſicht von ſich ſelbſt, doch eben, weil dieſe ihnen ſonſt abging, iſt man verſucht zu glauben, ſie ſprechen von einem Dritten. „Es war Luiſe, die ihn zuerſt liebte; er erkannte ihre Neigung; Eitelkeit, die herrlich aufblühende Schön⸗ heit, die Tochter eines der erſten Häuſer der Stadt für ſich gewonnen zu haben, riß ihn zu einem Gefühl hin, das er für Liebe hielt. Der Vater ſah dies Verhältniß ungerne. Ich konnte mir denken, daß es vielleicht we⸗ niger Stolz auf ſeine Ahnen, als die Furcht vor dem ſchwankenden Charakter des Kapitäns war, was ihn zu einer Härte ſtimmte, welche die Liebe eines Mädchens wie Luiſe immer mehr anfachen mußte. Er ſoll ihr, was ich jetzt erſt erfuhr, auf ſeinem Sterbebette den Fluch ge⸗ geben haben, wenn ſie je mit dem Kapitän ſich verbinde. „Weſt ſuchte die Geſchichte mit der Frau des Eng⸗ länders auf Verführung zu ſchieben. Ich habe eine ſolche bei einem Mann, der das Bild der Geliebten feſt im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er geſtand mir, daß er froh geweſen ſei, als er, vielleicht durch Vermittlung des Engländers, von ſeinem Poſten zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei ſonderbare Vorſchläge zur Flucht ge⸗ macht, in die er nicht habe eingehen können; er ſei, ohne Abſchied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich beſtimmte, nach Rom zu gehen, ſah ich nicht recht ein, und er ſuchte auch über dieſen Punkt ſo ſchnell als möglich hinweg zu kommen. Er erzählte ferner, wie er durch Luiſens Ankunft erfreut worden ſei, wie er 1 152 ſich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch ſei plötzlich Donna Ines in Rom erſchienen, ſie habe ſich mit zwei Kindern geflüchtet, ſei ihm nachgereist, und habe jetzt verlangt, er ſolle ſie heirathen. „Es entging mir nicht, daß der Kapitän mich hier belog. Ichhatte von dem Geſandten beſtimmt erfahren, daß Jener ſchon in Paris angehalten und über die Flucht der Donna zur Rede geſtellt worden ſei; er konnte ſich alſo denken, daß ſie ihm nachreiſen werde, und dennoch knüpfte er die Liebe zu Luiſen von neuem an. Ferner, wie hätte es Ines wagen können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht verſprochen hätte, ſie zu heirathen, wenn er ſie nicht durch tauſend Vorſpiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin ge⸗ macht hätte? „Er ſchilderte mir nun ein Gewebe von unglückli⸗ chen Verhältniſſen, in welche ihn dieſe Frau, die mit allen Cardinälen, namentlich mit Pater Rocco, ſchnell bekannt geworden, geführt habe. Es wurde ernſtlich an der Auflöſung ihrer früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, daß er die Ge⸗ ſchiedene heirathen werde. „ Sie ſagten mir hier nichts Neues, antwortete ich ihm; dies alles beinahe wußte ich vorher. Aber ich hoffe, daß Sie als Mann von Ehre einſehen werden, daß das Verhältniß zu Fräulein von Palden nicht fort⸗ dauern kann, oder Sie müſſen ſich von der Spanierin⸗ losſagen. „Das letztere könne er nicht, ſagte er, er habe von ihr und dem Cardinal Roccv Vorſchüſſe empfangen, . 153 die ſein Vermögen überſteigen; er könne alſo wenigſtens im Augenblick keinen entſcheidenden Schritt thun. „Im Augenblick heißt hier nie, erwiderte ich ihm. Sie werden ſich aus dieſen Banden, wenn ſie ſo beſchaf⸗ fen ſind, nie mit Anſtand losmachen können. Ich halte es alſo für ihre heiligſte Pflicht, Luiſe nicht noch un⸗ glücklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer Beſtrebungen ſein? 1 „Er erröthete und meinte, ich halte ihn für ſchlech⸗ ter, als er ſei. Doch er fühle ſelbſt, daß man einen Schritt thun müſſe. Er glaube aber, es ſei dies meine Sache. Er trete mir Luiſen ab, ich ſolle mir auf jede Art ihre Gunſt zu erwerben ſuchen und ſie glücklich machen. Er hatte Thränen in den Augen, als er dies ſagte, und ich ſah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie weit ein Menſch durch Leichtſinn kommen könne. „Ich ging, um nichts weiſer geworden, ohne daß ein wirklicher Entſchluß gefaßt worden war, von dem Ka⸗ pitän; mein Gefühl war eine Miſchung von Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der ſchöne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.“ „Ha! Und jetzt ſpannten Sie wohl alle Segel aus, Freundchen,“ fragte ich;„jetzt machten Sie wohl Jagd auf die ſchöne Galeere, Luiſe?“ „Ja und nein,“ antwortete er trübe;„ſie ſchien meine Liebe zu überſehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, daß ſie ängſtlicher wurde in meiner Nähe; es ſchmerzte ſie, daß mir ihre Freundſchaft nicht genü⸗ gen wolle. Und jener Elende, ſei es aus Bosheit oder 154 Leichtſinn, zog ſich nicht von ihr zurück, ich vermuthe es ſogar, er hat ſie vor mir gewarnt. So ſtanden die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen ſollte, bald zu Ende ging. Im Kabinet des Geſandten arbei⸗ tete man ſchon an Memoiren, die man mir nach Ber⸗ lin mitgeben wollte, man wunderte ſich, daß ich noch keine Abſchiedsbeſuche mache,— und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrüten; ich ſah nicht ein, wie ich dieſer Reiſe entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht für möglich, Luiſen zu verlaſſen, jetzt, da ihr vielleicht bald der ſchrecklichſte Schlag bevorſtand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir möglich, ihre himmliſche Ruhe zu zerſtören, das Herz zu brechen, das ich ſo gerne glücklich gewußt hätte? „Da ſtürzte eines Morgens der Kapitän Weſt in mein Zimmer; er war bleich, verſtört; es dauerte eine lange Zeit, bis er ſich faſſen und ſprechen konnte. „„Jetzt iſt alles aus,““ rief er;„„ſie ſtirbt; ſie muß ſterben, dieſer Kummer wird ſie zerſchmettern!““ Er geſtand, daß Donna Ines oder der Cardinal Rocco ſeine Liebe zu Luiſen entdeckt hätten; ihr ſchrieben ſie ſein Zögern, ſein Schwanken zu, und der Cardinal hatte geſchworen, er wolle an dieſem Tage zu dem deut⸗ ſchen Fräulein gehen und ſie zur Rede ſtellen, wie ſie es wagen könne, einen Mann, der ſchon ſo gut als verehlicht ſei, von ſeinen Pflichten zurückzuhalten. „Ich kannte dieſen Prieſter und ſeine tückiſche Arg⸗ liſt; ich erkannte, daß die Geliebte verloren ſei. Ich weiß Ihnen von dieſer Stunde, von dieſem Tag wenig 15⁵⁵ mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich den Kapitän in kalter Wuth zur Thüre hinaus ſchob, mich ſchnell in die Kleider warf und wie ein gejagtes Wild durch die Straßen dem Hauſe der Signora Campoco zulief. Als ich unten an dieſer Straße anlangte, ſah ich einen Cardinal ſich demſelben Hauſe nähern. Er ſchritt ſtolz einher, Frater Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich ſetzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnſinniger auf ihn zu, doch— ich kam eben an, als mir Piecolo mit teufliſchem Lächeln die Thüre vor der Naſe zuwarf. „Eine Art von Inſtinkt trieb mich, all dieſem Jammer zu entfliehen. Ich ging, wie ich war, zu dem Geſandten und ſagte ihm, daß ich noch in dieſer Stunde abreiſen werde. Er war es zufrieden, gab mir ſeine Aufträge, und bald hatte ich die heilige,— unglück⸗ ſelige Stadt im Rücken. Erſt als ich nach langer Fahrt zu mir ſelbſt kam, als meine Vorſtellungen ſich wieder ordneten und deutlicher wurden, erſt dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieſer übereilten Flucht verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweiſe, ich klagte mich an, die Unglückliche auf dieſen Schlag nicht vorbereitet zu haben;— doch es war zu ſpät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage zurück⸗ rief, ach, da ſchien es ſo verzeihlich, die Geliebte ver⸗ ſchont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieſer Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Theil dieſer Geſchichte war es, den ich damals im Hauſe meiner Tante erzählt habe.“ Der junge Mann hatte geendet; ſeine Züge hatten 156 nach und nach jene Trauer, jene Wehmuth angenom⸗ men, die ich in ſeinem Weſen, als ich ihn in Berlin ſah, zu bemerken glaubte; er war ganz derſelbe, der er an jenem Abend war, und die Worte ſeiner Tante: er ſehe ſeit ſeiner Zurückkunft ſo geheimnißvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und ließen mich den richtigen Blick dieſer Dame bewundern. An ſeiner ganzen Hiſtorie ſchienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend. Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines, intriguante Prieſter wie Cardinal Rocco hatte ich auf der Welt ſchon viele geſehen. Aber die beiden Männer waren mir, als Menſchenkenner, etwas räthſelhaft. Der Kapitän hatte allerdings ſchon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie ſich dieſer Mann ſo lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moraliſchen wie nach phyſiſchen Geſetzen ein Körper, welcher abwärts gleitet, immer ſchneller fällt. Er war falſch, denn er ſpielte zwei Rol⸗ len; er war leichtſinnig, denn er vergaß ſich alle Augen⸗ blicke; er war eiferſüchtig, obgleich er es ſelbſt mit zwei Frauen hielt, er war ſchnell zum Zorn reizbar, als deutſcher Kapitän liebte er wahrſcheinlich auch das Est, est, est— Eigenſchaften, die nicht lange auf einer Stufe laſſen. Ein Anderer an ſeiner Stelle wäre viel⸗ leicht aus Eiferſucht und Zorn ſchon längſt ein Todt⸗ ſchläger geworden, ein Zweiter wäre, leichtſinnig wie er, all dieſem Jammer entflohen, hätte die Donna Ines hier und Fräulein Luiſe dort ſitzen laſſen und vielleicht an einem andern Ort eine Dritte gefreit; ein 157 Dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die ſchöne Sächſin zu beſitzen oder aus Verzweiflung die Letztere erdolcht. Aber wie langweilig dünkte es mir, daß das Fräu⸗ lein noch in demſelben Zuſtande war, daß die beiden Anbeter noch nicht in Streit gerathen waren, daß das Ende von dieſen Geſchichten ein übertritt zur römiſchen Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luiſe mit dem Berliner, werden ſollte? Denn eben dieſer ehrliche Berliner! er ſtand zwar in etwas entfernten Verhältniſſen zu mir, doch wußte ich, wenn ich ihm das Ziel ſeines heimlichen Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend vorſtellte, wenn ich ihren Beſitz ihm von Ferne möglich zeige, ſo machte er Rieſenſchritte abwärts, denn ſeine Anlagen waren gut. Ich beſchloß daher, mir ein kleines Vergnügen zu machen und die Leutchen zu hetzen. Während dieſe Gedanken flüchtig in mir aufſtiegen, wurde dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er ſah die Aufſchrift an und erröthete, er riß das Siegel auf, er las, und ſein Auge wurde immer glänzender, ſeine Stimme heiterer.„Der Engel!“ rief er aus,„ſie will mich dennoch ſehen! Wie glücklich macht ſie mich! Leſen Sie, Freund,“ ſagte er, indem er mir den Brief reichte;„müſſen ſolche Zeilen nicht beglücken?“ Ich las: „Mein treuer Freund! „Mein Herz verlangt darnach, Sie zu ſprechen. Ich wollte Sie nicht mehr ſehen, nicht mehr ſprechen, bis Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie ſelbſt 158 ſind es eigentlich, der dieſen Bann ausſprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wiſſen, wie tröſtlich es mir iſt, mit Ihnen ſprechen zu können. Der Fromme iſt wieder hier; er verſpricht ſich das Beſte von Weſt. Ach! daß er ihn zurückbrächte von ſeinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen dürfen ihn nicht mehr ſehen, nur zuruͤck von dieſer Schmach, die ich nicht ertragen kann. L. v. P. „N. S. Wiſſen Sie in Rom keinen Deutſchen, der in Mecklenburg bekannt wäre? Weſt hat dort Ver⸗ wandte, die vielleicht in der Sache etwas thun könnten.“ „Ich kann mir denken, daß dieſes ſchöne Vertrauen Sie erfreuen muß,“ ſagte ich;„doch Einiges iſt mir nicht recht klar in dieſem Brief, das Sie mir übrigens aufklären werden. Wegen der Verwandten in Meck⸗ lenburg kann ſich indeſſen das Fräulein an Niemand beſſer wenden, als an mich; denn ich war mehre Jahre dort, und bin beinahe in allen Familien genau bekannt.“ Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein ſo ſchnell dienen zu können.„Das iſt trefflich!“ rief er, „und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzähle Ihnen unterwegs noch Einiges, was Ihnen die Verhältniſſe klarer machen wird.“ Ich ſagte mit Freuden zu, wir gingen.. „In Berlin,“ erzählte er,„hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte Niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geſchöpf hätte Nachricht ge⸗ ben können, und ſo lebte ich in einem Zuſtand, der 159 beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal ſchrieb mir der ſächſiſche Geſandte: Der Papſt habe ſich jetzt öffentlich für den Kapitän Weſt erklärt, man ſpreche davon, daß der Preis dieſer Gnade der übertritt des Kapitäns zur römiſchen Kirche ſein ſolle. In demſel⸗ ben Brief erwähnte er mit Bedauern, daß die junge Dame, die uns Alle ſo ſehr angezogen habe, die mich immer beſonders auszuzeichnen geſchienen, ſehr ge⸗ fährlich krank ſei, die Arzte zweifeln an ihrer Ret⸗ tung. „Wer konnte dies anders ſein, als die arme Luiſe. Dieſe letzte Nachricht entſchied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, daß das, was ihr der Cardinal mittheilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber jetzt erſt, als ich dieſe Nachricht ge⸗ wiß wußte, jetzt erſt kam ſie mir ſchrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine Bekannten hier haben ſich nicht weniger darüber gewundert, mich ſo unverhofft zu ſehen, als meine Verwandten in Berlin, mich ſo plötzlich wieder entlaſſen zu müſſen. Beſonders die Tante konnte es mir nicht verzeihen, denn ſie hatte ſchon den Plan gemacht, mich mit einem der Fräulein, die Sie beim Thee verſammelt fanden, zu verheirathen. „Erlaſſen Sie es mir, zu beſchreiben, wie ich das Fräulein wieder fand! Nur eins ſchien dieſe ſchöne Seele zu betrüben, der Gedanke, daß Weſt zu ſeiner großen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle. Ich lebe ſeitdem ein Leben voll Kummer. Ich ſehe ihre Kräfte, ihre Jugend dahin ſchwinden, ich ſehe, 160 wie ſie ein Herz voll Jammer unter einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich zu noch thätigerem Eifer, ihr zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, ſie nicht mehr zu ſprechen, bis ich von dem Kapitän erlangt hätte, daß er nicht zum Apoſtaten werde,— oder bis ſie mich ſelbſt rufen laſſe. Das letztere iſt heute geſchehen. Es ſcheint, ſie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er iſt zu allem fähig, und Rocco hat ihn ſo im Netze, daß an kein Entrinnen zu denken iſt.“ „Aber der Fromme,“ ſagte ich;„ſoll wohl der ſeine Bekehrung übernehmen?“ „Auf dieſen Menſchen ſcheint ſie ihre Hoffnung zu gründen. Es iſt ein deutſcher Kaufmann, ein ſoge⸗ nannter Pietiſt, er zieht umher, um zu bekehren; doch leider muß er jedem Vernünftigen zu lächerlich erſchei⸗ nen, als daß ich glauben könnte, er ſei zur Bekehrung des Kapitäns berufen. Eher ſetze ich einige Hoffnung auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwand⸗ ten etwas bewirken könnten; doch auch dies kommt zu ſpät! Wie ſie ſich nur um dieſen Elenden noch küm⸗ mern mag!“ Viel verſprach ich mir von dieſem Beſuch bei dem Fräulein von Palden. Was ich von ihr geſehen, von ihr gehört, hatte mir ein Intereſſe eingeflößt, das dieſe Stunde befriedigen mußte. Ich hatte mir ſchon lange zuvor, ehe ich ſie ſah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es, als ſie mir damals im Portikus erſchien, bei⸗ nahe verwirklicht; nur eines ſchien noch zu fehlen, und auch das hatte ſich jetzt beſtätigt; ich dachte mir ſie nämlich etwas fromm, etwas ſchwärmeriſch, und ſie 161 mußte dies ſein, wie konnte ſie ſonſt einem deutſchen Pietiſten die Heilung des Kapitän Weſt zutrauen? Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen; den Berliner führte ſie zu ihrer Nichte, mich bat ſie in ein Zimmer zu tre⸗ ten, wo ich einen Landsmann finden würde. Ich trat ein. Am Fenſter ſtand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finſterem Ausſehen. Er heftete ſeine Augen immer zu Boden, und wenn er ſie einmal aufſchlug, ſo glühten ſie von einem trüben, unſicheren Feuer. Ich machte ihm mein Compliment, er erwiderte es mit einem leichten Neigen des Hauptes und antwor⸗ tete:„Gegrüßet ſeiſt Du mit dem Gruße des Frie⸗ dens!“ Ha, dachte ich, das iſt Niemand anders als der Pietiſt! Solche Leute ſind eine wahre Augenweide für den Teufel; er weiß, wie es in ihrem Innern aus⸗ ſieht, und dieſe herrliche Charaktermaske, lächerlicher als Policinello, komiſcher als Paſiaglio, pathetiſcher als Truffaldin, und wahrer als ſie alle, trifft man be⸗ ſonders in Deutſchland, und ſeit neuerer Zeit in Ame⸗ rika, wohin ſie die Deutſchen verpflanzt haben. Dieſe Proteſtanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn ſie gegen Alles proteſtiren. Der Glaube der katholiſchen Kirche iſt ihnen ein Gräuel; der Papſt iſt der Antichriſt, gegen ihn und die Türken beten ſie alle Tage ein abſonderliches Gebet. Nicht zufrieden mit dieſem, proteſtiren ſie gegen ihren eigenen Staat, gegen, ihre eigene Kirche. Alles iſt ihnen nicht ortho⸗ dor, nicht fromm genug. Man glaubt eeict⸗ ſie W. Hauffs Werke, VlI. 162 ſelbſt ſind um ſo frömmer? O ja, wie man will. Sie gehen geſenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu er⸗ heben, wagen kein Weltkind anzuſchauen. Ihre Rede 3 iſt„ja, ja, nein, nein.“ Auf weitere Schwüre und dergleichen laſſen ſie ſich nicht ein. Sie ſind die Stillen im Lande, denn ſie leben einfach und ohne Lärm für ſich; doch dieſe ſelige Ruhe in dem Herrn verhindert ſie nicht, ihre Mitmenſchen zu verleumden, zu beſtehlen, zu betrügen. Daher kommt es, daß ſie einander ſelbſt nicht trauen. Sie vermeiden es, ſich öffentlich zu ver⸗ gnügen, und wer am Sonntag tanzt, iſt in ihren Au⸗ gen ein Ruchloſer. Unter ſich ſelbſt aber feiern ſie Orgien, von denen jeder Andere ſein Auge beſchämt wegwenden würde. Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Myſtiker dieſer Art ſehe. Sie gehen ſtill durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, ſie ſeien von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erſchaffen und plombirt wor⸗ den, und der heilige Petrus, mein lieber Couſin, werde ihnen einen näheren Weg, ein Seitenpförtchen in den Himmel aufſchließen. Aber Alle kommen zu mir; Separatiſten, Pietiſten, Myſtiker, wie ſie ſich heißen mögen, ſeien ſie Kathedermänner oder Schuhmacher, alle ſind in Nr. 1. und 2, ſie verneinen, wenn auch nicht im Äußern, denn ſie ſind Heuchler in ihrem Her⸗ zen von Anbeginn. Ein ſolcher war nun der fromme Mann am Fen⸗ ſter.„Ihr ſeid ein Landsmann von mir,“ fragte ich nach ſeinem Gruß,„Ihr ſeid ein Deutſcher?“ „Alle Menſchen ſind Brüder und gleich vor Gott,“ 163 antwortete er;„aber die Frommen ſi ſind ihm ein ange⸗ nehmer Geruch.“ „Da habt Ihr Recht,“ erwiderte ich,„beſonders wenn Sie in einer engen Stube Betſtunde halten. Seid Ihr ſchon lange hier in dieſer gottesläſterlichen Stadt?“ Er warf einen ſcheuen Blick auf mich und ſeufzte: „O welche Freude hat mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir ſandte! Du biſt der Erſte, der mir hier ſaget, daß dies die Stadt der babyloni⸗ ſchen H—, der Sitz des Antichriſts iſt. Da ſprechen ſie in ihrem weltlichen Sinne von dem Alterthume der Heiden, laufen umher in dieſen großen Götzentempeln, und nennen Alles„heiliges Land,“ ſelbſt wenn ſie Proteſtanten ſind; aber dieſe ſind oft die Ärgſten.“ „Wie freut es mich, Bruder, Dich gefunden zu haben. Sind noch mehre Brüder und Schweſtern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apoſtel Paulus ſelbſt geſtiftet hat, müſſen fromme Seelen ſein.“ „Bruder, geh' mir weg mit dem Apoſtel Paulus, dem traue ich nur halb; man weiß allerlei von ſeinem früheren Leben, und nachher, da hat er ſo etwas Ge⸗ lehrtes wie unſere Profeſſoren und Pfarrer; ich glaube durch ihn iſt dieſes übel in die Welt gekommen. Zu was denn dieſe Gelehrtheit, dieſe Unterſuchungen? ſie führen zum Unglauben. Die Erleuchtung macht’s, und wenn Einer nicht zum Durchbruch gekommen iſt, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn ſie er⸗ leuchtet iſt, kann ſo gut predigen und lehren in Iſrael als der gelahrteſte Doktor.“ 164 „Du haſt Recht, Bruder,“ erwiderte ich ihm;„und ich war in meinem Leben in der Seele nicht vergnügter, nie ſo heiter geſtimmt, als wenn ich einen Bruder Schuſter oder eine Schweſter Spitälerin das Wort verkündigen hörte. War es auch lauterer Unſinn, was ſie ſprach, ſo hatte ihr es doch der Geiſt eingegeben, und wir alle waren zerknirſcht. Doch ſage mir, wie kommſt Du ins Hans dieſer Gottloſen.“ „Bruder, in der Stadt Dresden im Sachſenland, wo es mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war ſie ein Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntag Abend in mein Haus wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in dieſes Sodom und Gomorra, da gab mir der Geiſt ein, meine Nachbarin aufzuſuchen. Ich fand ſie von einem Unglück niederge⸗ drückt. Es iſt ihr ganz recht geſchehen, denn ſo ſtraft der Herr den Wandel der Sünder. Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß ſie ſo ſicherlich abfahren ſoll, dorthin wo Heulen und Zähnklappern. Ich ſprach ihr zu, ſie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzählte ſie mir von einem Mann, den der Satan und der Antichriſt in ihren Schlingen gefangen haben, und bat mich, ob ich nicht löſen könne dieſe Bande kraft des Geiſtes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier.“ Während der fromme Mann die letzten Worte ſprach, kam der Berliner mit dem Fräulein. Jener ſtellte mich vor, und ſie fragte erröthend, ob ich mit der ——;—x — 165 Familie des Käpitäns Weſt in Mecklenburg bekannt ſei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehren dieſer Leute zu thun gehabt und gab ihr einige Details an, die ſie zu befriedigen ſchienen. „Der Kapitän iſt auf dem Sprung, einen ſehr thörichten Schritt zu thun, der ihn gewiß nicht glück⸗ lich machen kann; S. hat Ihnen wohl ſchon davon ge⸗ ſagt, und es kömmt jetzt darauf an, ihm das Mißliche eines ſolchen Schrittes auch von Seiten ſeiner Familie darzuthun.“ „Mit Vergnügen; dieſer fromme Mann wird uns begleiten; er iſt in geiſtlichen Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird ſehr nützlich ſein können.“ „Es iſt mein Beruf,“ antwortete der Pietiſt, die Augen gräulich verdrehend,„es iſt mein Beruf, zu kämpfen, ſo lange es Tag iſt. Ich will ſetzen meinen Fuß auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf zertreten, wie einer Kröte; ſo eben iſt der Geiſt in mich gefahren. Ich fühle mich wacker wie ein gewappne⸗ ter Streiter. Liebe Brüder, laſſet uns nicht lange zaudern, denn die Stunde iſt gekommen; Sela!“ „Gehen wir!“ ſagte der Berliner;„ſein Sie ver⸗ ſichert, Luiſe, daß Freund Stobelberg und ich Alles thun werden, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Faſſen Sie ſich, ſehen Sie muthig, heiter in die Zu⸗ kunft, die Zeit bringt Roſen.“ Das ſchöne bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das ſie einem wunden Herzen mühſam abge⸗ zwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der Thüre umwandte, ſah ich ſie heftig weinen. 166 Wir drei gingen ziemlich einſilbig durch die Straße; der Pietiſt, vom Geiſte befallen, murmelte unverſtänd⸗ liche Worte vor ſich hin und verzog ſein Geſicht, rollte ſeine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner ſchien an dem guten Erfolg unſeres Beginnens zu zweifeln und ging ſinnend neben mir her, ich ſelbſt war von dem Anblick der ſtillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte ſagen, beinahe gerührt; ich dachte nach, wie man es möglich machen könnte; ſie der Schwärmerei zu entrei⸗ ßen, ſie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn ſo gerne ich ihr den Himmel und alles Gute wünſchte, ſo ſchien ſie mir doch zu jung und ſchön, als daß ſie jetzt ſchon auf eine etwas langweilige Seligkeit ſpekuliren ſollte. Durch den Berliner ſchien ich dies am beſten er⸗ reichen zu können, beſſer vielleicht noch durch Kapitän Weſt, der mir ohnedies verfallen war: doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen können. Auf der Hausflur des Kapitäns ließ uns der Pie⸗ tiſt vorangehen, weil er hier beten und unſern Ein⸗ und Ausgang ſegnen wolle. Doch, o Wunder! als wir uns umſahen, nahm er nach jedem Stoßſeufzer einen Schluck aus einem Fläſchchen, das ſeiner Farbe nach einen gu⸗ ten italieniſchen Liqueur enthalten mußte. Ha! jetzt muß der Geiſt erſt recht über ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muß mit großer Begeiſte⸗ rung ſprechen. Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finſtern Stirne. Der Berliner ſtellte uns ihm vor, und ſogleich begann der Pietiſt, vom Geiſt getrieben, ſeinen Sermon. 167 Er ſtellte ſich vor den Kapitän hin, ſchlug die Augen zum Himmel und ſprach:„Bruder! was ha⸗ ben meine Ohren von Dir vernommen? So ganz hat Dich der Teufel in ſeinen Klauen, daß Du Dich dem Antichriſt ergeben willſt, daß Du abſagen willſt der heiligen, chriſtlichen Kirche, der Gemeinſchaft der Hei⸗ ligen? Sela. Aber da ſieht man es deutlich. Wie heißt es Sirach am 9. im dritten Vers? He?„„Fliehe die Buhlerin, daß Du nicht in ihre Stricke falleſt.““— „Zu was ſoll dieſe Komödie dienen, Herr von S.,“ ſprach der Kapitän gereizt.„Ich hoffe, Sie ſind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottiſen zu ſagen.“ „Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, beſuchen. Da ließ ſich dieſer fromme Mann, der gehört hat, daß Sie übertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten.“ „Große Ehre für mich, geben Sie ſich aber weiter keine Mühe, denn—“ „Höret, höret, wie er den Herrn läſtert, in deſſen Namen ich komme,“ ſchrie der Pietiſt.„Der Antichriſt krümmet ſich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel ſitzt ihm auf der Zunge. O warum habt Ihr Euch blenden laſſen von Weltehre? Was ſagt derſelbe Sirach 2 „„Laß Dich nicht bewegen von dem Gottloſen in ſeinen großen Ehren; denn Du weißt nicht, wie es ein Ende nehmen wird.— Wiſſe, daß Du unter den Stricken wandelſt, und geheſt auf eitel hohen Spitzen!““ „Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg 2 Sind Sie vielleicht ſelbſt ein Landsmann aus Mecklen⸗ burg?“ 163 „Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie, und bin mit einigen Gliedern derſelben ſehr nahe liirt. So zum Beiſpiel mit ihrem Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.“ „Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?“ rief der fromme Proteſtant, als ſein abtrünniger Bru⸗ der ihn völlig ignorirte.„Auf, Ihr Brüder, Ihr Strei⸗ ter des Herrn, laſſet uns ein geiſtliches Lied ſingen, vielleicht hilft es. Er drückte die Augen zu und fing an, mit näſelnder, zitternder Stimme zu ſingen: Herr, ſchütz' uns vor dem Antichriſt, Und laß uns doch nicht fallen; Es ſtreckt der Papſt mit Hinterliſt Nach uns die langen Krallen; Und laß Dich erbitten, Vor den Jeſuiten Und den argen Miſſionaren Wolleſt gnädigſt uns bewahren. Sie ſind des Teufels Knechte all', Nur wir ſind fromme Seelen; Wir kommen in des Himmels Stall, Uns kann es gar nicht fehlen; Denn nach kurzem Schlafe Ziehn wir frommen Schafe In dem Pferch für uns bereitet, Wo der Hirt die Schäflein weidet⸗ . Dort ſcheidet er die Böcke aus—“ — Man kann eben nicht ſagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall ſang, aber komiſch genug war es an⸗ zuſehen, wie er vom Geiſt getrieben, dazu agirte. Auf den Wangen des Kapitäns wechſelte Scham und Zorn, 169 und man war ungewiß, ob er mehr über die Unver⸗ ſchämtheit dieſes Proſelytenmachers ſtaunte, oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne erbost ſei. Als der Pietiſt nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers anhub, ging die Thüre auf, und die hohe majeſtätiſche Geſtalt des Cardinals Rocco trat ein. Er war angethan mit einem weißen, faltenreichen Gewand, und der Pur⸗ pur, der über ſeine Schultern herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürſtliches. Er überſah uns mit gebieten⸗ dem Blick, und die Rechte, die er ausſtreckte, mochte vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen er⸗ warten. Der Kapitän war in ſichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der Cardinal uns den Proteſtantismus an⸗ riechen, daß es ihn erzürnen werde, ſeinen Katechume⸗ nen in ſo ſchlechter Geſellſchaft zu ſehen. Er nannte der Eminenz unſere Namen, doch als er Herrn von S. erblickte, trat er erſchrocken einen Schritt zurück und fluͤſterte dem Frater Piccolo in der violetten Kutte zu:„Das iſt wohl der Teufel, den Du im Traume geſehen?“ Piceolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängſt⸗ lich auf ſeinen Leib zeichnete, und der Cardinal fing an, leiſe einige Stellen aus dem Exorcismus zu beten. Während dieſer Scene hatte ſich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe ſtehen geblieben war, wie⸗ der erholt. Er betrachtete die imponirende Geſtalt die⸗ ſes Kirchenfürſten, doch ſchien ſie ihm nicht mehr zu imponiren, nachdem er bei ſich zu dem Reſultate gelangt war, daz nur ein frommer proteſtantiſch⸗myſtiſcher 170 Chriſt zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im heu⸗ lenden Predigerton auf Italieniſch an:„Siehe da, ein Sohn der Babyloniſchen, ein Nepote des Antichriſts. Er hat ſich angethan mit Seide und Purpur, um Eure armen Seelen zu verlocken. Hebe Dich weg, Sa⸗ tanas!“ „Iſt der Menſch ein Narr?“ fragte der Cardinal, indem er näher trat und den Prediger ruhig und groß aanſchaute.„Piccolo, merke Dir dieſen Menſchen, wir wollen ihn im Spital verſorgen.“ Der Pietiſt gerieth in Wuth;„Baalspfaffe, Gö⸗ tzendiener, Antichriſt!“ ſchrie er.„Du willſt mich ins Spital thun? Ha, jetzt kommt der Geiſt erſt recht über mich. Ich will barmherzig ſein mit Dir, Sodomiter! Ich will Dich lehren die Hauptſtücke der Religion, daß Du Deine ketzeriſchen Irrthümer einſeheſt. Aber zuvor ziehe ſogleich den Purpur ab, zu was ſoll dieſer Flitter dienen? Meinſt Du, Du gefallſt dem Herrn beſſer, wenn Du violette Strümpfe an haſt? O Du Thor! das ſind die eiteln Lehren des Antichriſt, des Drachen, der auf dem Stuhle ſitzt, in Sack und Aſche mußt Du Buße thun.“ Jetzt glühte Rocco’s Auge vor Wuth, ſeine Stirne zog ſich zuſammen, ſeine Wangen glühten:„Jetzt ſehe ich, Kapitän!“ rief er,„was Euch ſo lange zö⸗ gern macht. Ihr haltet Zuſammenkünfte mit dieſen wahnſinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben beſtärken. Ha! bei der heiligen Erde, Ihr labt uns tief gekränkt.“ „Herr Cardinal!“ fiel ihm Herr von G. in die 171 Rede.„Ich bitte, uns nicht Alle in eine Klaſſe zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in ſich fühlt, alle Welt zu bekehren, ſo können wir ihn nicht daran verhindern. Doch meine ich, man habe ſich nicht dar⸗ über zu beklagen, denn Euer Eminenz wiſſen, daß es gleichſam nur Repreſſalien für die Miſſionen und die Jeſuiterei ſind, mit welcher man gegenwärtig alle Welt überſchwemmt.“ Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es, ſie zu verwickeln, um ſie nachher deſto länger trauern zu laſſen.„Herr von S.,“ ſagte ich,„der Herr Kapitän will, denke ich, durch ſein Schweigen beweiſen, daß er ſeiner Eminenz Recht gebe. Zwar ſchließt mich mein Bewußtſein von den wahn⸗ ſinnigen Ketzern aus, ich mache keine Proſelyten, ich unterrichte Niemand in der Religion; aber Ihrer wer⸗ then Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rück⸗ kehr ſagen können—“ „Stille!“ rief der Pietiſt mit feierlicher Stimme: „Bruder, Mann Gottes, willſt Du Dich ſo ver⸗ ſündigen, mit dem Baalspfaffen zu rechten? Er geht einher wie ein Phariſäer, aber es wäre ihm beſſer, ein Mühlſtein hänge an ſeinem Hals, und er würde er⸗ tränket, wo es am tiefſten iſt."¹ „Hüte Dich, einen Pfaffen zu beleidigen,“ iſt ein altes Sprüchwort, und der Kapitän mochte auch ſo denken. Ich ſah, daß Beſchämung vor uns, von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in ſeinem Geſichte kämpfte.“ „Ich muß Ihren Irrthum berichtigen, Eminenz⸗“ 17² entgegnete er.„Dieſen Mann hier kenne ich nicht, und er kann ſich auch entfernen, wann er will; denn ſeine ſchwärmeriſchen Reden ſind mir zum Ekel, aber über dieſe Herren hier haben Sie eine ganz falſche Anſicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten von mei⸗ ner Familie, Herr von S. beſucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Abſicht Sie darein legen wollen.“ Weit entfernt, den Cardinal durch dieſe Worte zu beſänftigen, brachte er ihn nur noch mehr auf, doch be⸗ zähmte er laute Ausbrüche deſſelben, und ſeine ſtille Wuth wurde nur in kaltem Spott ſichtbar.„Ja, ich habe mich freilich höchlich geirrt,“ ſagte er lächelnd, „und ich bitte um Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Beſuch betreffe religiöſe Gegenſtände, doch nun merke ich, daß es friedlichere Abſichten ſind, was Sie herführt. Herr von S. wird wahrſcheinlich den Herrn Kapitän wieder in die ſüßen Feſſeln des deutſchen Fräu⸗ leins legen wollen? Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber ſterben wird, es iſt ihm gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmüthigkeit, Capi⸗ tano, daß Sie ſich von demſelben Mann zurückführen laſſen, der Sie ſo geſchickt aus dem Sattel hob!“ Zu welch ſonderbaren Sprüngen ſteigert doch den Sterblichen die Beſchämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle Leidenſchaften ſeiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht ſo außer ſich ge⸗ bracht, als das Gefühl der Scham, vor deutſchen Män⸗ nern von einem römiſchen Prieſter ſo verhöhnt zu wer⸗ den.„Die Achtung, Signor Rocco,“ ſagte er,„die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, ſchützt mich, 473 Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über mich geſagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Anſichten über mich hinlänglich, und wundere mich, wie Sie ſich um meine arme Seele ſo viele Mühe geben wollten. Dieſem Herrn, der, wie Sie ſagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen. Doch wiſſen Sie, daß, was er gethan hat, mit meiner Zuſtimmung geſchah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Abſicht lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß we⸗ der Ihr Spott, noch Ihre Drohungen auf mich Ein⸗ druck machen; und wenn Sie ein andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, ſo rrathe ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zu⸗ 5 rückzuhalten, bis er im Schoße der Kirche iſt.“ Das reiche, roſige Antlitz Rocco's war ſo weiß ge⸗ woorden, als ſein ſeidenes Gewand.„Geben Sie ſich keine Mühe,“ entgegnete er,„mir zu beweiſen, wie wenig man an einem ſeichten Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän Weſt zu bekehren—“ „Wir kennen dieſe ſchönen Zwecke,“ rief der Ber⸗ liner mit ſehr überflüffigem Proteſtantismus;„Ihre Plane ſind freilich nicht auf einen Einzelnen gerichtet, ſie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie möchten gar zu gerne unſer ganzes Vaterland und England und V Alles, was noch zum Evangelium hält, unter den hei⸗ ligen Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert Jahre zu ſpät, oder zu früh; noch gibt es, Gott ſei Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels ſein wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.“ 174 „Bringe mir meinen Hut, Piecolo!“ ſagte der Prieſter ſehr gelaſſen;„Ihnen, mein Herr von S., danke ich für dieſe Belehrung; doch lag uns an dem dummen Deutſchen wenig. Es liegt ein ſicheres Mittel in der Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nach⸗ ahmungsſucht. Ich kann Sie verſichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über kurz oder lang zur alleinſeligmachenden Kirche zurückkehrt, dann werden auch die ehrlichen Deutſchen nicht mehr lange proteſtiren. Drum leben Sie wohl, mein Herr⸗ auf Wiederſehen.“ Die Züge des Cardinals hatten et⸗ was Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie ſo ſicht⸗ bar wurde, als in dieſem Moment. Ich mußte geſtehen, er hatte ſich gut aus der Sache gezogen und verließ als Sieger die Wahlſtatt. Frater Piceolo ſetzte ihm den rothen Hut auf, ergriff die Schleppe ſeines Talars, und mit Anſtand und Würde grüßend ſchritt der Cardinal aus dem Zimmer. Der Berliner fühlte ſich beſchämt und ſprach kein Wort; der Pietiſt murmelte Stoßgebetlein und war augenſcheinlich düpirt, denn der Streit ging über ſeinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem Antichriſt, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baals⸗ pfaffen, der babyloniſchen Dame, dem ewigen Höllen⸗ pfuhl und dem Paradiesgärtlein, in lieblichem Unſinn verſchlungen, ſchwebten. Dem Kapitän ſchien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu ſein. Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und dieſem Prieſter bedeutende Vorſchüſſe empfangen habe, die er nicht zahlen konnte; 175 es war zu erwarten, daß ſie ihn von dieſer Seite bald quälen würden, und ich freute mich ſchon vorher, zu ſehen, was er dann in der Verzweiflung beginnen werde. 6 Auch zu dieſem Auftritt hatte ihn ſein Leichtſinn ver⸗ leitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn daraus entſtehen können,— er hätte ſich von falſcher Scham nicht ſo blindlings hinreißen laſſen. Der Ber⸗ liner fuhr übrigens bei dieſer Partie eben ſo ſchlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luiſens Be⸗ ſitz noch nicht auſgegeben hatte, daß er ſie mächtiger als t je nährte, da ſie ihn heute hatte rufen laſſen; ich wußte auch, daß ſie den Kapitän nicht gerade zu ſich zurück⸗ wünſchte, ſondern ihn nur nicht katholiſch wiſſen wollte, 4 ich wußte, daß ſie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wäre, weil ſie ſah, mit welchem Eifer er ſich um ſie bemühe; und jetzt hatte der Kapitän vor uns Allen ausgeſprochen, daß er das Fräulein wieder ſehen wolle; und ſo war es. „Es iſt mein voller Ernſt, Herr von S.,“ ſagte er,„ich ſehe ein, daß ich mich dieſen unwürdigen Ver⸗ bindungen entreißen muß. Können Sie mir Gelegen⸗ heit geben, das Fräulein wieder zu ſehen und ihre Ver⸗ zeihung zu erbitten?“ „Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,“ antwortete der junge Mann etwas verſtimmt und finſter;„ich glaube nicht, daß nach dieſen Vor⸗ gängen—“ „O! ich habe die beſte Hoffnung,“ rief Jener, vich kenne Luiſens gutes Herz und kann nicht glauben, daß ſie aufgehoͤrt habe, mich zu lieben. Hören Sie 176 einen Vorſchlag. Signora Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute Abend dorthin zu kommen. Ich will ſie ja nicht allein ſehen, ſie Alle können zugegen ſein; ich will ja nichts als Vergebung leſen in ihren Augen, ein Wort von ihr ſoll mir genug ſein, um mich mit mir ſelbſt und mit dem Himmel zu verſöhnen. Ach, wie ſchmerz⸗ lich fühle ich meine Verirrungen!“ „Gut, ich will es ſagen,“ erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe nach Faſſung rang.„Soll ich Ihnen Antwort bringen?“ „Iſt nicht nöthig; wenn Sie keine Antwort brin⸗ gen, bin ich um ſechs Uhr als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.“ Ich geſtehe, der Berliner hatte ein ſonderbares Geſchick. Das Verhängniß zog ihn in dieſe Verhält⸗ niſſe, ſeine Geſtalt, ſein Geſicht, zufällig dem Kapitän Weſt ſehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück; es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schick⸗ ſal kennen, er ſieht ſie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, daß ſie den Kapitän vielleicht nicht mehr ſo ſehnlich zurück⸗ wünſcht; ſie will nur, daß er jenen Schritt nicht thue, den ſie für einen thörichten hält; ſich ſelbſt unbewußt, gibt ſie dem armen S. Hoffnungen; er glaubt ſie er⸗ rungen zu haben durch die vielen Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen! 177 3 Ich war begierig auf dieſen Abend; der Berliner hatte mir geſagt, daß ſie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu ſehen. Sie hatte ihn eingeladen, zugegen zu ſein, und er bat mich, ihn zu begleiten, weil er dieſe Scene allein nicht mit anſehen könne. Als ich ſeiner Wohnung zuging, trat mir auf ein⸗ mal Frater Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte? Ich forſchte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitän ſuche, und er ſagte mir ohne Umſchweife, daß er ihm von dem Cardinal einen Schuldſchein auf fünftauſend Seudi zu — überreichen habe, die Jener zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müſſe.„Wertheſter Frater Piecolo,“ erwiderte . ich ihm,„das Sicherſte iſt, Ihr bemühet Euch nach ſechs Uhr in den Garten der Signora Campoco, wel⸗ cher an der Tiber gelegen; dort werdet Ihr ihn finden, dafür ſtehe ich Euch.“ Er dankte und ging weiter. Daß er dieſe Nachricht dem Cardinal, vielleicht auch Donna Ines mittheilen werde, glaubte ich vorausſetzen zu dür⸗ fen.„Fünftauſend Seudi, zwölf Stunden nach Sicht!“ ſagte ich zu mir.„Ich will doch ſehen, wie er ſich her⸗ V aushilft!“ Den armen Berliner traf ich ſehr niedergeſchlagen. Er ſchien zu fühlen, daß ſeine Hoffnungen auf ewig ½ zerſtört ſeien; doch nicht nur dies Gefühl war es, was ihn unglücklich machte, er fürchtete, Luiſe werde nicht auf Dauer glücklich werden.„Dieſer Weſt!“ rief er, „iſt es nicht immer wieder Leichtſinn, was ihn zu uns, zu ihr zurückführt! Wie leicht iſt es möglich, wenn ein⸗ W. Hauffs Werke. VII. 12 — 1 178 mal die Reue über ihn kommt, die Spanierin ſo un⸗ glücklich gemacht zu haben, wie leicht iſt es möglich, daß er auch Luiſen wieder verläßt!“ I Ja, dachte ich, und wenn erſt das Wechſelchen an⸗ 3 langt und er nicht zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen ſucht und bei der Fremden findet, und wenn erſt der Cardinal ſeine Künſte anwendet. Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt aufthauen und ihre Hülfe zu kleinen Teu⸗ feleien und Höllenkünſten nehmen, und der gute Ber⸗ liner ſoll wohl auch bekannter mit mir werden müſſen!“ Wir gingen hinaus an die Tiber, zum verhängniß⸗ vollen Garten der Signora Campoco. Unterwegs ſagte 3 mir der junge Mann, das Fräulein ſei ihm unbegreif⸗ lich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie ſich im Hauſe des Kapitäns auf einmal Alles ſo ſonderbar, wie durch eine höhere Leitung, gefügt habe, wie Weſt nicht nur zur proteſtantiſchen Kirche zurücktreten, ſondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren wolle, da ſei, ſo ſehr ſie ihn zuvor angeklagt, ein ſeliges Lächeln auf ihren ſchönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, ſie habe mit tauſend Thränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten zu empfangen. Und dennoch ſei ſie jetzt nicht mehr recht heiter; eine ſonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwar⸗ tung habe ſie befallen, ſie habe ihm geſtanden, daß ſie der Gedanke an den Fluch ihres Vaters, wenn ſie je die Gattin des Kapitäns werde, immer verfolge. Es ſei, als liege eine ſchwarze Ahnung vor ihrer ſonſt ſo kind⸗ - - 179 lich frohen Seele, als fürchte ſie, trotz der Rückkehr des Geliebten, dennoch nicht glücklich zu werden. Unter den Klagen des Berliners, unter ſeinen Be⸗ ſchuldigungen gegen das weibliche Geſchlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er lag, von Bäumen umgeben, wie ein Verſteck der Liebe. Signora Campoeo empfing uns mit ihren Hündlein aufs Freund⸗ lichſte; ſie erzählte, daß ſie das deutſche Geplauder der Verſöhnlichkeiten nicht mehr länger hören könne, und zeigte uns eine Laube, wo wir ſie finden würden. Er⸗ röthend, mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem ſchönen Geſicht, trat uns daß Fräulein ent⸗ gegen. Der Kapitän aber ſchien mir ernſter, ja, es war mir, als müßte ich in ſeinen ſcheuen Blicken eine neue Schuld leſen, die er zu den alten gefügt. Dem Berliner war wohl das Schmerzlichſte der feu⸗ rige Dank, den ihm das ſchöne Mädchen für ſeine eif⸗ rigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing ihn, ſie nannte ihn ihren treueſten Freund, ſie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie ſo tief als in jenem Augen⸗ blick gefühlt, wie die höchſte Luſt mit Schmerz ſich paaren könne. Mir, ich geſtehe es, war dieſe Seene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beſchrei⸗ bung davon nicht in dieſe Memoiren eintragen, ſon⸗ dern als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls Flegel⸗ jahren einſchieben, die den Leſer weniger langweilen dürfte:„Selige Stunden, welche auf die Verſöhnung der Menſchen folgen! Die Liebe iſt wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert ſeinen Mai, und die Auferſtandenen vom Schlacht⸗ 180 felde begreifen den vorigen, vergeſſenen Krieg nicht.“ So ſagt dieſer große Menſch, und er kann Recht haben, aus Erfahrung; ich habe, ſeit ſich der Himmel hinter mir geſchloſſen, nicht mehr geliebt, und mit der Ver⸗ ſöhnung will es nicht recht gehen. Bei jener ganzen Scene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Bäume herbeikäme, um ſeinen Wechſel honoriren zu laſſen,— welche Angſt, welcher Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, welcher Mißmuth bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Möglich⸗ keiten, während die Andern in ſüßem Geplauder mit vielen Worten nichts ſagten— da hörte ich auf ein⸗ mal das Plätſchern von Rudern in der Tiber. Es war nach ſechs Uhr, es war die Stunde, um welche ich Frater Piccolo hieher beſtellt hatte; wenn er es wäre! — Die Ruderſchläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden noch der Berliner ſchienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das Rauſchen des Fluſſes, die Barke mußte ſich in der Nähe ans Land gelegt haben. Die Hunde der Signora ſchlugen an, man hörte Stimmen in der Ferne, es rauſchte in den Bäumen, Schritte kniſterten auf dem Sandweg des Gartens, ich ſah mich um— Donna Ines und der Cardinal Rocco ſtanden vor uns. Luiſe ſtarrte einen Augenblick dieſen Menſchen an, als ſehe ſie ein Gebild der Phantaſie. Aber ſie mochte ſich des Cardinals aus einem ſchrecklichen Augenblick erinnern, ſie ſchien den Zuſammenhang zu begreifen, 181 1 f ſchien zu ahnen, wer Ines ſei und ſank lautlos zurück, indem ſie die ſchönen Augen und das erbleichende Ge⸗ ſicht in den Händen verbarg. Der Kapitän hatte den — Kommenden den Rücken zugekehrt und ſah alſo nicht ſogleich die Urſache von Luiſens Schrecken. Er drehte ſich um, er begegnete zornſprühenden Blicken der Donna, die dieſe Gruppe muſterte, er ſuchte vergeblich nach Worten; das Gefühl ſeiner Schande, die Angſt, die Verwirrung ſchnürten ihm die Kehle zu. „Schändlich!“ hub Ines an.„So muß ich Dich treffen? Bei Deiner deutſchen Buhlerin verweileſt Du, und vergißt, was Du Deinem Weibe ſchuldig biſt? Ehrvergeſſener; ſtatt meine Ehre, die Du mir geſtoh⸗ len, durch Treue zu erſetzen, ſtatt mich zu entſchädigen für ſo großen Jammer, dem ich mich um Deinetwillen ausgeſetzt habe, ſchwelgſt Du in den Armen einer Andern?“ „Folget uns, Kapitän Weſt!“ ſagte der Cardinal ſehr ſtrenge.„Es iſt Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlaſſet dieſe ketzeriſche Geſellſchaft.“ „Du bleibſt!“ rief euiſe, indem ſie ihre ſchönen Finger um ſeinen Arm ſchlang und ſich gefaßt und ſtolz 8 aufrichtete.„Schicke dieſe Leute fort. Du haſt ja noch ſo eben dieſe Abenteurerin verſchworen. Du zauderſt? Monſignor, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in dieſen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, ſich mit dieſer Dame zu entfernen.“ ·„Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?“ ent⸗ 182 gegnete Rocco.„Dieſe ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird ſie nicht beläſtigen, wenn wir hier verweilen.“ „Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,“ ſagte, ſich tief verneigend Signora Campoco;„wie möget Ihr doch ſo ſprechen? Meinem geringen Garten iſt heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!“ „Nicht gezaudert, Kapitän!“ rief der Cardinal. „Werfet den Satan zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft. — Hal Ihr zaudert noch immer, Verräther? Soll ich,“ fuhr er mit höhniſchem Lächeln fort,„ſoll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr dieſe Unterſchrift? Wie ſteht es mit den fünftauſend Seudi, verehrter Herr? Soll ich Cuch durch die Wache abholen laſſen?“— „Fünftauſend Seudi?“ unterbrach ihn der Ber⸗ liner.„Ich leiſte Bürgſchaft, Herr Cardinal, ſichere Bürgſchaft—“ „Mit nichten!“ antwortete er mit großer Ruhe. „Ihr ſeid ein Ketzer; Haeretico non servanda ſides; Ihr könnet leicht eben ſo denken und mit der Bürg⸗ ſchaft in die Weite gehen. Nein,— Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man ſolle die Wache holen.“ „um Gotteswillen, Otto! Was iſt das?“ rief Luiſe, indem ihr Thränen entſtürzten.„Du wirſt Dich doch nicht dieſen Menſchen ſo ganz übergeben haben? O Herr! Nur eine Stunde geſtattet Aufſchub, mein 18³ . ganzes Vermoͤgen ſoll Euer ſein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, als Ihr fordert—“ „Meinſt Du, ſchlechtes Geſchöpf!“ fiel ihr die Spanierin in die Rede.„Meinſt Du, es handle ſich um Gold? Mir, mir hat er ſeine Seele verpfändet; er hat mich gelockt aus den Thälern meiner Heimath, er hat mir ein langes, ſeliges Leben in ſeinen Armen vorge⸗ ſpiegelt, er hat mich betrogen um dieſe Seligkeit; Du — Du haſt mich betrogen, deutſche Dirne, aber ſehe zu, wie Du es einſt vor den Heiligen verantworten kannſt, daß Du dem Weib den Gatten raubſt, den 1 Kindern, den armen Würmern, den Vater!“ „Ja, das iſt dein Fluch, alter Vater!“ ſagte Luiſe, 3 von tiefer Wehmuth bewegt.„Das iſt dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte ſchnell! Ich hätte Dir ihn entriſſen, unglückliches Weib? Nein, ſo tief möchte ich nicht einmal Dich verachten. Er kannte mich längſt, ehe er Dich nur ſah, und die Treue, die er Dir ſchwur, hat er mir gebrochen!“ „Von dieſer Sünde werden wir ihn abſolviren,“ ſprach der Cardinal;„ſie iſt um ſo weniger drückend für ihn, als Ihr ſelbſt, Signora, mit einem Anderen, der hier neben ſitzt, in Verhältniſſen waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen aller Heiligen, 2 wenn Du jetzt nicht folgſt, wirſt Du ſehen, was es heiße, den heiligen Vater zu verhöhnen!“ Der Kapitän war ein miſerabler Sünder. So wenig Kraft, ſo wenig Entſchluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch es mußte zu einem Re⸗ 3 ſultate kommen, drum ſchob ich ſchnell ein paar Worte . 4 184 ein:„Wie? was iſt dies für ein Geſchrei von Kindern?“ rief ich erſtaunt.„Es wird doch kein Unglück geben?“ „Hal! meine Kinder!“ weinte die Spanierin.„O weinet nur, ihr armen Kleinen, der, der Euch Vater ſein ſollte, hat Erz in ſeiner Bruſt. Ich gehe, ich werfe ſie in die Tiber, und mich mit ihnen; ſo ende ich ein Leben, das Du, Verfluchter, vergifteteſt.“ Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das Fräulein faßte ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeſchloſſenen Augen führte ſie Donna Ines zu dem Kapitän und ſtürzte dann aus der Laube. Ich ſelbſt war einige Augenblicke im Zweifel, ob ſie nicht denſelben Entſchluß ausführen wollte, den die Donna für ſich gefaßt; doch der Weg, den ſie einſchlug, führte tiefer in den Garten, und ſie wollte wohl nur dieſem Jam⸗ mer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängſtlich nach, und als ſich auch der Kapitän loariß, ihr zu folgen, ſtürzte die ganze Geſellſchaft, der Cardinal, ich und Signora Campoco in den Garten. Wir kamen zu ihnen, als eben Luiſe erſchöpft und ohnmächtig zuſammenſank. S. fing ſie in ſeine Arme auf und trug die theure Laſt nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen, er wollte vielleicht ſeinen Entſchluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte heiligere Rechte an ſie zu haben und entfernte den Arm des jungen Mannes, um den ſeinigen unter⸗ zuſchieben. Doch dieſer, ergriffen von Liebe und Schmerz, auf⸗ geregt von der Scene, die wir geſehen, ſtieß den Ka⸗ pitän zurück.„Fort mit Dir!“ rief er,„gehe zu den — — 18⁵ Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken Deines Gelich⸗ ters. Du haſt Deine Rolle künſtlich geſpielt; um dieſe Blume zu pflücken, mußteſt Du Dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal entreißen. Hinweg mit Dir, Du Ehrloſer!“ „Was ſprechen Sie da?“ ſchrie der Kapitän ſchäu⸗ mend, es mochte in der Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um ſo beißender war. „Welche Abſichten legen Sie mir unter? Was hätte ich gethan? Erklären Sie ſich deutlich!“ „Jetzt haſt Du Worte, Schurke, aber als dieſer Engel zu Dir flehte, da hatte Deinen Mund die Schande verſchloſſen. Rühre ſie nicht an, oder ich ſchlage Dich nieder.“ „Das kann Dir geſchehen,“ entgegnete Jener, und einem Blitze gleich fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Taſche nach der Bruſt des jungen Mannes.— In Spanien lernt man gut ſtoßen. Der Berliner hatte einen Meſſerſtich in der Bruſt und ſank, ohne das Haupt der Geliebten zu laſſen, in die Knie. „Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katho⸗ liſch!“ war mein Gedanke, als das Herzblut des jun⸗ gen Mannes hervorſtrömte;„jetzt wird er ſich bergen im Schooße der Kirche!“ Und es ſchien ſo zu kom⸗ men. Denn willenlos ließ ſich der Kapitän von Ines und dem Cardinal wegführen, und die Barke ſtieß vom Lande. 186 Wenige Tage nach dieſem Vorfall erſchien jener glorreiche Tag, an welchem der Papſt vor dem ver⸗ ſammelten Volk mir, dem Teufel, alle Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch dieſe Anweiſung noch nie eine erhalten, und weiß nicht, ob ſeine Heiligkeit fallirt haben und nun auf der Himmelsbörſe keine Geſchäfte mehr machen, alſo wenig Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob vielleicht dieſe Ver⸗ wünſchung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um den Wirthen und Gewerbsleuten in Rom auf ver⸗ ſteckte Weiſe zu verſtehen zu geben, daß ſie ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus machen ſollen, den Beutel der Englän⸗ der, Schweden und Deutſchen zu ſchröpfen, da ihre Seelen doch einmal verloren ſeien. An einem ſolchen Tage pflegt ganz Rom zuſam⸗ menzuſtrömen, beſonders die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiſte abfahren zu ſehen. Man drängt und ſchlägt ſich auf dem großen Platz, man haſcht nach dem Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannſtrahl herabſchleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle ſchlagen an die Bruſt und ſprechen:„Wohl mir, daß ich nicht bin wie dieſer Einer.“ An dieſem Tage aber hatte das Feſt noch eine ganz beſondere Bedeutung; man ſprach nämlich in allen Zirkeln, in allen Kaffeehäuſern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer, ketzeriſcher Offizier an dieſem Tage ſich taufen laſſen wolle. Dieſer Offizier machte ſeine Grade erſtaunlich ſchnell durch. Am Montag hieß es, er ſei Kapitän, am Dienſtag er ſei Major, am Mittwoch war er Oberſt, und 187 wenn man am Donnerstag frühe ein ſchönes Kind auf der Straße anhielt, um zu fragen, wohin es ſo ſchnell laufe, konnte man auf die Antwort rechnen:„Ei⸗ wiſſet Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes ein General der Keetze ſich taufen läßt und ein guter Chriſt wird, wie ich und Ihr?“ Wer der berühmte Täufling war, werden die Leſer meiner Memoiren leicht errathen. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach der Scene in Signora's Garten ſo lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten, Drohungen, Verſprechungen und Thränen be⸗ ſtürmt, daß er einwilligte, beſonders da er durch den Ubertritt nicht nur Abſolution für ſeine Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, ſondern auch Schutz für die Juſtiz bekam, die ihm ſchon nachzuſpüren an⸗ fing, da der Berliner einige Tage zwiſchen Leben und Tod ſchwebte, und ſein Geſandter auf ſtrenge Ahndung des Mordes angetragen hatte. Ich ſtellte mich auf dem Platze ſo, daß der Zug mit dem Täufling an mir vorüber kommen mußte. Und ſie nahten! Ein langer Zug von Mönchen, Prieſtern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran. Ihre halblaut geſprochenen Gebete rollten wie Orgel⸗ ton durch die Lüfte. Sie zogen im Kreis um den un⸗ geheuren Platz, und jetzt wurden die Römer um mich her aufmerkſamer.„Ecco, ecco lo!“ flüſterte es von allen Seiten; ich ſah hin— in einem grauen Gewand, das Haupt mit Aſche beſtreut, ein Crueifix in den ge⸗ falteten Händen, nahte mit unſicheren Schritten der Kapitän. Zwei Biſchöfe in ihren violetten Talaren 188 gingen vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten ſeinen Schritten. „Ein ſchöner Ketzer, bei St. Peter! ein ſchmucker Mann!“ hörte ich die Weiber um mich her ſagen. „Welch ein frommer Soldat!“ „Wie freut man ſich, wenn man ſieht, wie dem Teufel eine Seele entriſſen wird!“— „Werden ſie ihn vorher taufen oder nachher?“— „Vorher,“ antwortete ein ſchönes, ſchwarzlockiges Mädchen,„vorher, denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn ja ewig ver⸗ dammen und nachher ſegnen und taufen.“— „Ach das verſtehſt Du nicht,“ ſagte ihr Vater,„der Papſt kann Alles, was er will, ſo oder ſo.“. „Nein, er kann nicht Alles,“ erwiderte ſie ſchelmiſch lächelnd;„nicht Alles!“ „Was kann er denn nicht?“ fragten die Umſtehen⸗ den,„er kann Alles; was ſollte er denn nicht können?“ „Er kann nicht heirathen!“ lachte ſie; doch nicht ſo ſchnell folgt der Donner dem Blitz, als die ſchwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel. „Was? Du verſündigſt Dich, Mädchen?“ ſchrie er.„Welche unheilige Gedanken gibt Dir der Teufel ein? Was geht es Dich an, ob der Papſt heirathet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall.“ Das Volk begann indeß in die Peterskirche zu ſtroͤ⸗ men, und auch ich folgte dorthin. Es iſt eine lächer⸗ liche, materielle Idee, wenn die Menſchen ſich vor⸗ ſtellen, ich könne in keine chriſtliche Kirche kommen. So ſchreiben viele Leute C. M. B.(Caſpar, Melchior, 4 — 189 Balthaſar) über ihre Thüren und glauben, die drei Könige aus Morgenland werden ſich bemühen, ihre ſchlechte Hütte gegen die Hexen zu ſchützen. Ich drängte mich ſo weit als möglich vor, um die Ceremonien dieſer Taufe recht zu ſehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt ſein graues Gewand mit einem glän⸗ zend weißen vertauſcht und kniete unweit des Hoch⸗ altars. Cardinäle, Erzbiſchöfe, Biſchöfe ſtanden um⸗ her, der ungewiſſe Schein des Tages, vermiſcht mit dem Flackern der Lichter, der Kerzen, welche die Chor⸗ knaben hielten, umgaben ſie mit einem ehrwürdigen Heiligenſchein, der jedoch bei Manchem wie Schein⸗ heiligkeit ausſah. Auf der andern Seite kniete unter vielen ſchönen Frauen Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und wer Luiſen und ihr ſanftes blaues Auge nicht geſehen hatte, konnte dem Täufling verzeihen, daß er ſich durch dieſes ſchöne Weib und einen liſtigen Prieſter unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ. Neben mir ſtand eine ſchwarzverſchleierte Dame. Sie ſtützte ſich mit einer Hand an eine Säule, und ich glaube, ſie wäre ohne dieſe Hülfe auf den Marmor⸗ boden geſunken, denn ſie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge er⸗ kennen konnte. Doch ſagte mir eine Ahnung, wer es ſein könnte. Jetzt erhoben die Prieſter den Geſang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabiſchen Weih⸗ rauchs hinauf durch die Gewölbe und berauſchte die Sinne der Sterblichen, übertäubte ihre Seelen und riß ſie hin zu einer Andacht, die ſie zwar über das Irdi⸗ 190 ſche, aber auch über die ewigen Geſetze ihrer Vernunft hinwegführt. Die Prieſter ſangen. Jetzt fing er an, ſein Glau⸗ bensbekenntniß zu ſprechen. „Er hat mich nie geliebt,“ ſeufzte die Dame an meiner Seite,„er hat auch Dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm dieſe Sünde!“ Er ſprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher gelebt. „Gib Frieden ſeiner Seele,“ flüſterte ſie;„wir Alle irren, ſo lange wir ſterblich ſind; vielleicht hat er den wahren Troſt gefunden! Laß ihn Friede finden, o Herr!“ Da fingen die Prieſter wieder an zu ſingen. Ihre tiefen Töne drangen ſchneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm vollzogen, der Car⸗ dinal Rocco, im vollen Ornat ſeiner Würde, ſegnete ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften froh⸗ lockende Grüße zu. „Vater, laß ihm mein Bild nie erſcheinen,“ betete die Dame an meiner Seite, daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich werden!“ Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes ſchloß die Taufe, und der Kapitän ſtand auf, zwar als ein ſo großer Sünder wie zuvor, doch als ein rechtgläubiger katholiſcher Chriſt. Das Volk drängte ſich herzu und drückte ſeine Hände, und Donna Ines fuͤhrte ihm mit holdem Lächeln ihre Kinder zu. Aber noch war die Scene nicht zu Ende. Cardinal Luighi führte den Getauften — 9 191 an die Stufen des Altars, ſtieg die heiligen Stufen hinan und las die Meſſe. Die Dame im ſchwarzen Schleier zitterte heftiger, als ſie dies Alles ſah; ihre Knie fingen an zu wanken. „Wer Ihr auch ſeid, mein Herr!“ flüſterte ſie mir plötzlich zu,„ſeid ſo barmherzig und führt mich aus der Kirche, ich fühle mich ſehr unwohl.“ Ich gab ihr mei⸗ nen Arm, und die frommſte Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom Teufel. Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete ſie ſchweigend auf eine Equipage, die unfern hielt. Ich führte ſie dorthin, ich öffnete ihr den Schlag und bot ihr die Hand zum Einſteigen. Sie ſchlug den dunkeln Schleier zurück, es war, wie ich mir geſagt hatte, es waren die bleichen, ſchönen Züge Luiſens. „Ich danke Euch, Herr!“ ſagte ſie,„Ihr habt mir einen großen Dienſt erwieſen.“ Noch zitterte ihre Hand in der meinigen, ihre ſchönen Augen wandten ſich noch einmal nach St. Peter und füllten ſich dann mit einer Thräne. Aber ſchnell ſchlug ſie den Schleier nieder und ſchlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich habe ſie— nie wieder geſehen. Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte, welcher ich immer beſondere Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt habe, rief mich an dieſem Tage nach...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine Conferenz halten mußte. Man kennt die Zunei⸗ gung dieſes erlauchten Veziers eines chriſtlichen Poten⸗ taten zum Halbmond, und ich hatte nicht erſt nöthig, ihn zu überzeugen, daß die Türken ſeine natürlichen Alliirten ſeien. Von.... eilte ich zurück nach Rom. Ich geſtehe, ich war begierig, wie ſich die Verhältniſſe löſen würden, in welche ich verflochten war, und die mir durch einige Situationen ſo intereſſant geworden waren. Der Erſte, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutſche Kaufmann. Er ſaß in einem ſchönen Wagen, und hatte, wie es ſchien, Streit mit einigen päpſtlichen Polizeiſoldaten. Ich trat als Stobel⸗ berg zu ihm.„Lieber,Bruder,“ ſagte ich,„es ſcheint, Du willſt Sodom verlaſſen, gleich dem frommen Lot?“ „Ja, fliehen will ich aus dieſer Stätte des Satan,“ war ſeine Antwort,„und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal anhalten, aus Zorn, weil ich einen ſeiner Baalspfaffen im Chriſten⸗ thume unterweiſen wollte.“ Ich ſah hin und merkte jetzt erſt die Urſache des Streites. Die Polizei hatte, ich weiß nicht aus wel⸗ chem Grund, den Wagen noch einmal unterſucht. Da war man auf ein Kiſtchen geſtoßen und hatte den Pie⸗ tiſten gefragt, was es enthalte.„Geiſtliche Bücher,“ antwortete er. Man glaubte nicht, ſchloß auf, und ſiehe da, es war ein gutes Flaſchenfutter, und die Poli⸗ zeimänner wollten wegen ſeines Betruges einige Seudi von ihm nehmen. „Aber Bruder,“ ſagte ich zu ihm, veine fromme Seele ſollte nach nichts dürſten als nach dem Thau des Himmels, nach nichts hungern als nach dem Manna 193 des Wortes, und doch führſt Du ein Dutzend Flaſchen mit Dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürſte? Pfui, Bruder, heißt es nicht: Was werden wir eſſen, was werden wir trinken, nach dem Allem fragen die Heiden?“ „Bruder,“ erwiderte Jener und drehte die Augen gen Himmel;„Bruder, bei Dir muß es noch nicht vpöllig zum Durchbruch gekommen ſein, daß Du einem Mann von ſo felſenfeſtem Glauben, daß Du mir ſolche Fragen vorlegſt. Gerade, daß ich nicht zu ſeufzen brauche: Was werden wir eſſen, was werden wir trinken, wo⸗ mit uns kleiden? gerade deßwegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaſchenkeller gefüllt und dieſe aus Eſelsfleiſch bereiteten Würſte ge⸗ kauft; es geſchah alſo aus reinem Glaubensdrang, und der Geiſt hat es mir eingegeben. Da, Ihr lumpigten Söhne von Aſtaroth, Ihr Brut des Baſilisken, ſo auf dem Stuhl des Lammes ſitzt und an ſeinen Klauen Pan⸗ toffeln führt, da nehmet dieſen holländiſchen Dukaten und laſſet mir meine geiſtlichen Bücher in Ruhe!— So, nun lebe wohl, Bruder! der Geiſt komme über Dich und ſtärke Deinen Glauben!“ Da fuhr er hin; und wieder wurde ich in dem Glauben beſtärkt, daß dieſe chriſtlichen Phariſäer ſchlim⸗ mer ſind als die Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Corſo hinab. Am unteren Ende der Straßen begegnete mir der Cardinal Rocco und Piccolo, ſein Diener. Der Cardinal ſchien ſehr krank zu ſein, denn ganz gegen die Etiquette trug ihm Piccolo nicht die Schlenhe nach, W. Hauffs Werke. VII. ſondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Geſicht war roth und glühend, ſeine Augen halb geſchloſſen, und der rothe Hut ſaß ihm etwas ſchief auf dem Ohr. „Siehe da, ein bekanntes Geſicht!“ rief er, als er mich ſah, und blieb ſtehen.„Komm hieher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht ſchon irgendwo geſehen?“ „O ja, und ich hoffe noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu ſehen.“ „Ja, jal ich erinnere mich, Ihr ſeid ein junger Ketzer; wiſſet Ihr, woher ich komme? Geraden Wegs von dem Hochzeitſchmauſe des lieben Paares!“ Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die ſpaniſchen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu ſtark geweſen, und Piecolo mußte ihn jetzt führen.„Ihr waret wohl recht vergnügt?“ fragte ich ihn;„es iſt doch Euer Werk, daß die Donna den Ka⸗ pitän endlich doch noch überwunden hat?“ „Das iſt es, lieber Ketzer,“ ſagte er, ſtolz lächelnd. „Mein Werk iſt es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zuſammen!— was wollte ich ſagen? Ja— mein Werk iſt es, denn ohne mich hätte die Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich ſchrieb ihr, daß er ſich in Rom befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was zur Glorie unſerer Kirche nicht nothwendig war; ohne mich wäre er nicht von ſeiner Ketzerin losgekom⸗ 195 men— kurz ohne mich— ja ohne mich ſtünde Alles noch wie zuvor.“ „Es iſt erſtaunlich!“ „Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört ein⸗ mal, werdet auch rechtglaubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben ſo viel Ihr wollt, gegen ein Reverschen zahlbar gleich nach Sicht. O! damit kann man Einen köſtlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine ſchöne, friſche, reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr ſollt Sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Würden? Ich will Euch pro primo den goldenen Sporenorden ver⸗ ſchaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Seudi kaufen— aber Ihr ſollt ihn umſonſt haben. Wollet Ihr in Eurer barbariſchen Heimath große Ehrenſtellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben dort großen Einfluß⸗ geheim und öffentlich. Na! was ſagt Ihr dazu 24 „Der Vorſchlag iſt nicht übel,“ erwiderte ich.„Ihr ſeid nobel in Euren Verſprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel ſelbſt katholiſch machen?“ „Anafhema sit! anathema sit! Es wäre uns übrigens nicht ſchwer,“ antwortete der Cardinal.„Wir können ihn von ſeinen zweitauſendjährigen Sünden ab⸗ ſolviren und dann taufen. überdies iſt er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat ſich von der Kirche noch immer überliſten laſſen!“ „Wiſſet Ihr das ſo gewiß?“ „Das will ich meinen. Zum Beiſpiel, kennt Ihr die Geſchichte, die er mit einem Franziskaner gehabt?“ „Nein, ich bitte Euch, erzählet!“ „Ein Franziskaner zankte ſich einmal mit ihm we⸗ 196 gen einer armen Seele. Der Teufel wollte ſie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß ihrer Sün⸗ den das Recht dazu. Der Mönch aber wollte ſie in majorem dei gloriam für den Himmel zuſtutzen. Da ſchlug endlich der Satan vor, ſie wollen würfeln, wer die meiſten Augen mit drei Würfeln werfe, ſolle die Seele haben. Der Teufel warf zuerſt, und, wie er ein falſcher Spieler iſt, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch dieſer ließ ſich nicht irre ma⸗ chen. Er nahm die Würfel und warf— neunzehn. Und die Seele war ſein.“ „Herr! das iſt erlogen,“ rief ich,„wie kann er mit drei Würfeln neunzehn werfen?“ „Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hats gethan, es war ein Wunder. Nun, kommet mor⸗ gen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann den Unterricht beginnen.“ Er gab mir den Segen und wankte weiter.„Nein, Freund Rocco!“ dachte ich.„Eher bekomme ich Dich, als Du mich. Von Dir läßt ſich der Satan nicht über⸗ liſten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hauſe des Ber⸗ liners zu gehen, den ich ſchwer verwundet verlaſſen hatte. Zu meiner großen Verwunderung ſagte man mir, er ſei ausgegangen und werde wohl vor Nacht nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen ſei, wie das Fräulein ſich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für ſie verloren ſei, ſie für ſich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch zu ſehen, denn den Abend über wußte ich — . 197 ihn nicht zu finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zuſammenkunft mit jenen kleineren Geiſtern verabredet, die als meine Diener die Welt durch⸗ ſtreifen. Ich trat zu dieſem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Coliſeum, denn dies war der Ort, wohin ich ſie beſchieden hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Ge⸗ ſchlecht der Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben ſind die majeſtätiſchen Trümmer in einer ſchönen Mond⸗ nacht! Ich ſtieg hinab in den mittleren Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachſenen Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle Geſtalten ſchienen durch die verfallenen Gänge zu ſchweben, wenn ein leiſer Wind die Geſträuche bewegte, und ihren Schatten hin und wieder zog. Wo ſie ſchwebten, dieſe Schatten, da ſah man einſt ein fröhliches Volk, ſchöne Frauen, tapfere Männer und die ernſte, feier⸗ liche Pracht der kriegeriſchen Kaiſer. Geſchlecht um Ge⸗ ſchlecht iſt hinunter, dieſe Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen dieſe Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes Volkes war, das einſt ein Jahrtauſend vor ihnen, um dieſe Stätte lebte. Die ernſte Würde der Conſuln und des Senates, der kriegeriſche Prunk der Cäſaren und— dieſer römiſche Hof und dieſe Römer! 198 Der Mond war, während ich zu mir ſprach, her⸗ aufgekommen und ſtand jetzt gerade über dem Cireus. Ich ſah mich um, da gewahrte ich, daß ich nicht allein in den Ruinen ſei. Eine dunkle Geſtalt ſaß ſeitwärts auf dem gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher zu,— es war Otto von S=*. Ich war freudig erſtaunt, ihn zu ſehen. Ich warf mich ſchnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu ſprechen. Ich redete ihn an und wünſchte ihm Glück, ihn 5 geſund zu ſehen., Er richtete ſich auf, der Mond beſchien ein ſehr bleiches Geſicht, weinende Augen blickten mich wehmüthig an, ſchweigend ſank er an meine Bruſt. „Sie ſcheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!“ ſagte ich.„Sie ſind noch ſehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen ſchaden!“ Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu ſprechen. Was war doch dem armen Jungen geſchehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?„Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen,“ fuhr ich fort.„Jetzt ſteht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird ſie hoffentlich ſo ſpröde nicht mehr ſein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müſſen Muthfaſſen, Luiſe wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus dieſer unglücklichen Stadt, führen ſie nach Berlin zu der Tante. Wie werden ſich die äſthetiſchen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf dieſe Art ſchließen, und die holde Erſcheinung aus den Lamen⸗ tationen perſönlich einführen!“ Er ſchwieg, er weinte ſtille. „Oder wie! haben Sie etwa den Verſuch ſchon 199 gemacht? Sollten Sie abgewieſen worden ſein? Will ſie die Rolle der Spröden fortſpielen?“ „Sie iſt todt!“ antwortete der junge Mann. „Iſt's möglich! höre ich recht? So plötzlich iſt ſie geſtorben?* „Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man ſie begraben. 4 Er ſagte es, drückte mir die Hand, und einſam weinend ging er durch die Ruinen des Coliſeums. ——