Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ei⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rüc gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1Se lener: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nr. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 2„— 1 50— 1 11— ur 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetze werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverl der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D ejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch darür zu ſtehen haben. WMilhelm Hauffs ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von . Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Sechstes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. ——— Stuttgart: Scheible, Rieger A Sattler. 1846. 8 — Mittheilungen aus den Memoiren des Satan. Erſter Theil. Einleitung. Marto, e' rassembra te, qualor dal quinto Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto. Taſſo's Jeruſalem. V. 44. Erſtes Kapitel. Der Herausgeber macht eine intereſſante Bekanntſchaft. Wer, wie der Herausgeber und überſetzer vorlie⸗ gender merkwürdigen Aktenſtücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und in dem ſchö⸗ nen Gaſthof zu den drei Reichskronen logirte, wird ge⸗ wiß dieſe Tage nicht unter die verlorenen ſeines Lebens rechnen. Es vereinigte ſich damals alles, um das Gaſthof⸗ leben, ſonſt nicht gerade das angenehmſte, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine Weine, gute Tafel, ſchöne Zimmer hätte man auch ſonſt wohl dort gefunden, ſeltener, gewiß ſehr ſelten ſo ausgeſuchte Geſellſchaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher, einen meiner damaligen Tiſch⸗ und Hausgenoſſen geſehen zu haben, und den⸗ noch ſchlang ſich in jenen glücklichen Tagen ein ſo zartes, enges Band der Geſelligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner den andern kannte oder ſeine näheren Verhältniſſe zu wiſſen wünſchte, nie für mög⸗ lich gehalten hätte. Der ſchöne Herbſt von 1822, mit ſeiner erfreulichen Ausſicht, dieſer Herbſt am Rhein genoſſen, mag allerdings zu dieſer ruhigen Heiterkeit des Gemüths, zu dieſem Hingeben jedes einzelnen für die Geſellſchaft beigetra⸗ gen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich dieſe Er⸗ ſcheinung einem ſonderbaren, mir nachher höchſt merk⸗ würdigen Mann zuſchreiben zu müſſen. Ich war ſchon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich ſeit langen Jahren nicht geſehen hatte, auf den fünfundzwanzigſten oder dreißigſten beſtellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben, denn die ſchrecklich⸗ ſte Langeweile peinigte mich. Die Geſellſchaft im Hauſe war anſtändig, freundlich ſogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite liegen, wenig bekümmert um das Wohl vder das Weh des Nachbars. Wie man ein⸗ ander die ſchönen geſchmorten Fiſche, den feinen Bra⸗ ten oder die Salatiere darzubieten habe, wußte Jeder, „aber das Genie, ich meine, der Geiſt,“ wies ſich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher aus. Ich ſah eines Nachmittags aus meinem Fenſter auf den freien Platz vor dem Hotel herab und dachte nach über meine Forderungen an die Menſchen überhaupt und an die Gaſthofmenſchen(worunter ich nicht Wirth und Kellner allein verſtand) insbeſondere. Da raſſelte ein Reiſewagen über das Steinpflaſter der engen Seiten⸗ ſtraße und hielt gerade unter meinem Fenſter. — — 7 Der geſchmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herſchaft ſchließen. Sonderbar war es übri⸗ gens, daß weder auf dem Bock noch hinten im Capriolet ein Diener ſaß, was doch eigentlich zu den vier Poſt⸗ pferden, mit welchen der Wagen beſpannt war, noth⸗ wendig gepaßt hätte. 3 „Vielleicht ein kranker Herr, den ſie aus dem Wagen tragen müſſen,“ dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen ſtattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete. „Zimmer vakant?“ rief eine tiefe, wohltoͤnende Männerſtimme. „So viele Euer Gnaden befehlen,“ war die Antwort des Giganten. Eine große, ſchlanke Geſtalt ſchlüpfte ſchnell aus dem Wagen und trat in die Halle. „Nr. 12 und 13,“ rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean und George flogen im Wett⸗ lauf die Treppe hinan. Die Wagenthüre war offen geblieben immer wollte kein Zweiter herausſteigen. Der Oberkellner ſtand verwundert am Wagen, zwei⸗ mal hatte er hineingeſehen und immer dabei mit dem Kopf geſchüttelt. „Bſt, Herr Oberkellner, auf ein Wort,“ rief ich hinab,„wer war denn—“ „Werde gleich die Ehre haben,“ antwortete der Gefällige und trat bald darauf in mein Zimmer. „Eine ſonderbare Erſcheinung,“ ſagte ich zu ihm; „ein ſchwerer Wagen mit vier Pferden und nur ein ein⸗ zelner Herr ohne alle Bedienung.“ ,aber noch „Gegen alle Regel und Erfahrung,“ verſicherte Jener,„ganz ſonderbar, ganz ſonderbar. Jedoch der Poſtillon verſicherte, es ſei ein Guter, denn er gab im⸗ mer zwei Thaler ſchon ſeit acht Stationen. Vielleicht ein Engländer von Profeſſion, die haben alle etwas Apartes.“ „Wiſſen Sie den Namen nicht?“ fragte ich neugie⸗ riger, als es ſich ſchickte. „Wird erſt beim Souper auf die Schiefertafel ge⸗ ſchrieben,“ antwortete Jener;„haben der Herr Doktor ſonſt noch etwas?“ Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ mich mit meinen Conjekturen über den Einſamen im achtſitzigen Wagen allein. Als ich Abends zur⸗Tafel hinabging, ſchlüpfte der Kellner an mir vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir ſolche präſentirend. „v. Natas, Partikulier,“ ſtand aufgeſchrieben. „Hat er noch keine Bedienung?“ fragte ich. „Nein,“ war die Antwort,„er hat zwei Lohnla⸗ guaien angenommen, die ihn aber weder aus⸗ noch an⸗ kleiden dürfen. Als ich in den Speiſeſaal trat, hatte ſich die Geſell⸗ ſchaft ſchon niedergelaſſen, ich eilteſtill an meinen Stuhl, gegenüber ſaß Herr v. Natas. Hatte dieſer Mann ſchon vorher meine Neugierde erregt, ſo wurde er mir jetzt um ſo intereſſanter, da ich ihn in der Nähe ſah. — — 9 Das Geſicht war ſchon, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingeſpaltenen Lippen oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäſche. War er alt? war er jung? Man konnte es nicht be⸗ ſtimmen; denn bald ſchien ſein Geſicht mit ſeinem pikan⸗ ten Lächeln, das ganz leiſe in dem Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Naſe zu dem muthwilligen Auge hinauf zieht, früh gereifte und unter dem Sturm der Leidenſchaften verblühte Jugend zu ver⸗ rathen; bald glaubte man einen Mann von vorgerückten Jahren vor ſich zu haben, der durch eifriges Studium einer reichen Toilette ſich zu conſerviren weiß. Es gibt Köpfe, Geſichter, die nur zu einer Kör⸗ perform paſſen und ſonſt zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es Sinnentäuſchung ſei, daß das Auge ſich ſchon zu ſehr an dieſe Form, wie ſie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es ſich eine andere Miſchung denken könnte. Dieſer Kopf konnte nie auf einem unterſetzten, wohlbeleibten Körper ſitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, ſchlanken, zartgebauten Geſtalt ſein. So war es auch, und die gedankenſchnelle Bewegung der Geſichtsmuskeln, wie ſie in leichtem Spott um den Mund, im tiefen Ernſt um die hohe Stirne ſpielen, drückte ſich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, durch die ſchnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anſtande des Mannes aus. So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel ſaß. Ich hatte während der erſten Gänge 10 Muße genug, dieſe Bemerkungen zu machen, ohne dem intereſſanten Vis⸗a⸗vis durch neugieriges Anſtarren beſchwerlich zu fallen. Der neue Gaſt ſchien übrigens noch mehre Beobachtungen zu veranlaſſen, denn von dem obern Ende der Tafel waren dieſen Abend die Bril⸗ len mehrer Damen in immerwährender Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten ſie über dem Mittag⸗ eſſen höchſtens mit bloßem Auge gemuſtert. Das Deſſert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmuſik ging umher, ſeinen wohlver⸗ dienten Lohn einzuſammeln. Er kam an den Fremden. Dieſer warf einen Thaler unter die kleine Münzenſamm⸗ lung und flüſterte dem überraſchten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bücklingen ſchien dieſer zu bejahen und zu verſprechen und ſchritt eilig zu ſeiner Kapelle zurück. Die Inſtrumente wurden aufs Neue geſtimmt. Ich war geſpannt, was Jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den erſten Takten erkannte ich die herrliche Polonaiſe von Oſinsky. Der Fremde lehnte ſich nachläſſig in ſeinen Stuhl zurück, er ſchien nur der Muſik zu gehören; aber bald bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den lan⸗ gen, ſchwarzen Wimpern raſtlos umherlief,— es war offenbar, er muſterte die Geſichter der Anweſenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaiſe auf ſie machte. Wahrlich! dieſer Zug ſchien mir einen geübten Menſchenkenner zu verrathen. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man ſich aus der wärmern oder kältern Theilnahme an dem Reich der Töone auf die größere 4* 4* * 11 oder geringere Empfänglichkeit des Gemüths für das Schöne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch ſelbſt der Hund bei den ſanften Tönen der Flöte, das Pferd dagegen ſpitzt die Ohren bei dem muthigen Schmettern der Trompeten, ſtolzer hebt es den Nacken und ſein Tritt iſt feſter und ſtraffer. Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes ſehen, als die Geſichter der verſchiedenen Perſonen bei den ſchönſten Stellen des Stückes; ich machte dem Frem⸗ den mein Compliment über die glückliche Wahl dieſer Muſtik, und ſchnell hatte ſich zwiſchen uns ein Geſpräch über die Wirkung der Muſik auf dieſe oder jene Cha⸗ raktere entſponnen. Die übrigen Gäſte hatten ſich indeſſen verlaufen, nur einige, die in der Ferne auf unſer Geſpräch gelauſcht hatten, rückten nach und nach näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte, wie; denn der Fremde hatte uns ſo tief in alle Verhältniſſe der Men⸗ ſchen, in alle ihre Neigungen und Triebe hineinblicken laſſen, daß wir uns ſtille geſtehen mußten, nirgends ſo tiefgedachte, ſo überraſchende Schlüſſe gehört oder ge⸗ leſen zu haben. Von dieſem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen auf. Es war, als habe die Freude ſelbſt ihren Einzug bei uns gehalten und feiere jetzt ihre heiligſten Feſttage; Gäſte, die ſich nie hätten einfallen laſſen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, ſchloſſen ſich an den immer größer werdenden Zirkel an und ver⸗ gaßen, daß ſie unter Menſchen ſich befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden zuſammengeſchneit hatte, 12 Und Natas, dieſes ſeltſame Weſen, war die Seele des Ganzen. Er war es, der ſich, ſobald er ſich nur erſt mit ſeinen nächſten Tiſchnachbarn bekannt gemacht hatte, zum Maitre de plaiſir hergab. Er veranſtaltete Feſte, Ausflüge in die herrliche Gegend und erwarb ſich den innigen Dank eines Jeden. Hatte er aber ſchon durch die ſinnreiche Auswahl des Vergnügens ſich alle Herzen gewonnen, ſo war dies noch mehr der Fall, wenn er die Conyerſation führte. Jenes ergoͤtzliche Mährchen von dem Hörnchen des Oberon ſchien ins Leben getreten zu ſein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, ſo fühlte Jeder zuerſt die lieblichſten Saiten ſeines Herzens angeſchlagen, auf leichten Schwingen ſchwirrte dann das Geſpräch um die Tafel, muthwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer, ſchalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauſchte die Rede in ſo feſſelloſen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als daß man ſich göttlich amüſirt habe. Und dennoch war der Zauberer, der dieſe Luſt her⸗ aufbeſchwor, weit entfernt, je ins Rohe, Gemeine hin⸗ über zuſpielen. Er griff irgend einen Gegenſtand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, ſpielte das Geſpräch geſchickt weiter, wußte Jedem ſeine tiefſte Ei⸗ genthümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch ſeinen lebhaften Witz, durch ſeine warme Darſtellung, die durch alle Schattirungen von dem tiefſten Gefühl der Wehmuth bis hinauf an jene Ausbrüche der Launeſtreifte, welche in dem ſinnlichſten, reizendſten Koſtüm auf der feinen Grenze des Anſtandes gaukeln. — — * 13 Manchmal ſchien es zwar, es moͤchte weniger ge⸗ fährlich geweſen ſein, wenn er dem Heiligen, das er antaſtete, geradezu Hohn geſprochen, das Zarte, das er benagte, geradezu zerriſſen hätte; jener zarte geheim⸗ nißvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes ver⸗ hüllte, reizte nur zu dem lüſternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das übrige Spiel der Phantaſte gewann in manchem Koͤpfchen unſrer ſchönen Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht widerſprechen; ſeine glänzenden Eigenſchaften riſſen unwiderſtehlich hin, ſie umhüllten die Vernunft mit ſüßem Zauber, und ſeine kühnen Hypotheſen ſchlichen ſich als Wahrheit in das unbewachte Herz. Zweites Kapitel. Der ſchauerliche Abend. So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der Freude geriſſen. Beinahe alle waren ohne Zweck in dieſem Haus, und doch wagte keiner den Gedanken an die Abreiſe ſich auch nur entfernt vorzuſtellen. Im Ge⸗ gentheil, wenn wir Morgens lange ausgeſchlafen, Mittags lange getafelt, Abends lange geſpielt und Nachts lange getrunken, geſchwatzt und gelacht hatten, ſchien der Zauber, der uns an dieſes Haus band, nur eine neue Kette um den Fuß geſchlungen zu haben. Doch es ſollte anders werden, vielleicht zu unſerm Heil. An dem ſechsten Tage unſeres Freudenreiches, einem Sonntag, war unſer Herr v. Natas im ganzen Gaſthof nicht zu finden. Die Kellner entſchuldigten ihn mit einer kleinen Reiſe; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Thee, zur Nachttafel unfehl⸗ bar da ſein. Wir waren ſchon ſo an den Unentbehrlichen ge⸗ wöhnt, daß uns dieſe Nachricht ganz betreten machte, es war uns, als würden uns die Flügel zuſammenge⸗ bunden, und man befehle uns zu fliegen. Das Geſpräch kam, wie natürlich, auf den Abwe⸗ ſenden und auf ſeine auffallende, glänzende Erſcheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern Geſtalt, ſchon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; ſo abgeſchmackt auch der Gedanke war, ſo unwiderſtehlich drängte er ſich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich nämlich eines Mannes, der in ſeinem Weſen, in ſeinem Blick hauptſächlich, große Ahnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt, beſuchte nur hie und da meine Vaterſtadt und lebte dort immer von Anfang ſehr ſtill, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um ſich ver⸗ ſammelt. Die Erinnerung an jenen Menſchen war mir übrigens fatal, denn man behauptete, daß, ſo oft er uns beſucht habe, immer ein bedeutendes Unglück erfolgt ſei; aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja es ſei eine und dieſelbe Perſon. Ich erzählte meinen Tiſchnachbarn den unabläſſig mich verfolgenden Gedanken und die unangenehme Ver⸗ —y— ₰ℳ 1⁵ gleichung eines mir ſo grauſenhaften Weſens, wie der Fremde in meiner Vaterſtadt war, mit unſerm Freunde, der ſo ganz meine Achtung und Liebe ſich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich verſichere, daß meine Nachbarn ganz den nämlichen Ge⸗ danken hatten; auch ſie glaubten unter einer ganz an⸗ dern Geſtalt unſern geiſtreichen Geſellſchafter geſehen zu haben. 1 „Sie könnten einem ganz bange machen,“ ſagte die Baronin von Thingen, die nicht weit von mir ſaß, „Sie wollen unſern guten Natas am Ende zum ewigen Juden, oder Gott weiß zu was ſonſt noch machen!“ Ein kleiner, ältlicher Herr, Profeſſor in T., der ſeit einigen Tagen ſich auch an unſere Geſellſchaft an⸗ geſchloſſen, und immer ſtill vergnügt, hie und da etwas weinſelig, mitlebte, hatte während unſerer„vergleichen⸗ den Anatomie,“ wie er es nannte, ſtill vor ſich hinge⸗ lächelt und mit kunſtfertiger Schnelligkeit ſeine ovale Doſe zwiſchen den Fingern umgedreht, daß ſie wie ein Rad anzuſehen war. „Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr län⸗ ger hinter dem Berge halten,“ brach er endlich los;„wenn Sie erlauben, Gnädigſte, ſo halte ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz abſon⸗ derlichen Menſchen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen:„„Den haſt du ſchon geſehen, wo war es doch?“ aber wie durch Zauber krochen dieſe Erinnerungen zurück, wenn er mich mit dem ſchwarzen umherſpringenden Auge erfaßte. ¹ 16 „So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch,“ riefen wir Alle verwundert. „Hm! he, hm!“ lachte der Profeſſor.„Jetzt fällt es mir aber von den Augen wie Schuppen, daß es Nie⸗ mand iſt als der, den ich ſchon vor zwölf Jahren in Stuttgart geſehen habe.“ 4 „Wie, Sie haben ihn geſehen und in welchen Ver⸗ hältniſſen?“ fragte Frau von Thingen eifrig, und er⸗ röthete bald über den allzugroßen Eifer, den ſie verra⸗ then hatte. Der Profeſſor nahm eine Priſe, klopfte den Jabot aus und begann:„Es mögen nun ungefähr zwölf Jahre ſein, als ich wegen eines Prozeſſes einige Monate in Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der erſten Gaſthöfe und ſpeiste auch dort gewöhnlich in großer Geſellſchaft an der Wirthstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte hüten müſſen, zum erſtenmal wieder zu Tiſch. Man ſprach ſehr eifrig über einen gewiſſen Herrn Barighi, der ſeit einiger Zeit die Mittagsgäſte durch ſeinen lebhaften Witz, durch ſeine Gewandtheit in allen Sprachen entzücke; in ſeinem Lob waren Alle einſtimmig, nur über ſeinen Charakter war man nicht recht einig, denn die Einen machten ihn zum Diplomaten, die Andern zu einem Sprachmeiſter, die Dritten zu einem hohen Verbannten, wieder Andere zu einem Spion. Die Thüre ging auf, man war ſtill, beinahe verlegen, den Streit ſo laut ge⸗ führt zu haben; ich merkte, daß der Beſprochene ſich eingefunden habe und ſah— 4 „Nun, ich bitte Sie denſelben, der uns— denſel⸗ —-— 17 ben, der uns ſeit einigen Tagen ſo trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts Uebernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage ſchon hatte uns Herr Barighi, ſo nannte ſich der Fremde, durch ſeine geiſt⸗ reiche Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirth des Gaſthofs unterbrach:„„Meine Herren,““ ſagte der Höfliche,„„bereiten Sie ſich auf eine köſtliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zu Theil werden wird, vor; der Herr Oberjuſtizrath Haſentreffer zog heute aus und zieht morgen ein.“* „Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der ſchon ſeit vielen Jahren den oberſten Platz in dieſem Gaſthofe behauptete, theilte uns den Schwank mit: Gerade dem Speiſeſaal ge⸗ genüber wohnt ein alter Junggeſelle, einſam in einem großen öden Haus; er iſt Oberjuſtizrath außer Dienſt, lebt von einer anſtändigen Penſion und ſoll überdies ein enormes Vermögen beſitzen. „Derſelbe iſt aber ein completter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie z. B. daß er ſich ſelbſt oft große Geſellſchaft gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Couverts aus dem Wirthshaus kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere unſerer Marqueurs hat die Ehre zu ſerviren. Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durſtige Menſchen bei ſich? Mit nichten! alte, gelbe Stamm⸗ buchblätter, auf jedem ein großes Kreuz, liegen auf den Stühlen, dem alten Kauz iſt aber ſo wohl, als wenn er unter den luſtigſten Kameraden wäre; er ſpricht und lacht mit ihnen, und das Ding ſoll ſo gräulich anzuſehen W. Hauffs Werke. VI. 2 18 ſein, daß man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer einmal bei einem ſolchen Souper war, geht nicht mehr in das öde Haus. „Vorgeſtern war wieder ein Souper, und unſer neuer Franz dort ſchwört Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag nach dem und kehrt erſt den andern Morgen zurück, nicht aber „Da thut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr täglich ſieht, ſpeist zu Mittag und ſtellt ſich nachher an ein Fenſter und betrachtet ſein Haus „Aber, Herr Profeſſor, wie hängt denn Ihr toller Haſentreffer mit unſerem Natas zuſammen?“ „Belieben Sie ſich doch zu gedulden, Herr Doktor,“ antwortete Jener,„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Haſentreffer beſchaut alſo das Haus und erfährt, daß es dem Haſentreffer gehöre.„„Ach! derſelbe, der in Tübingen zu meiner Zeit ſtudirte 2 fragt er dann, reißt das Fenſter auf, ſtreckt den ge⸗ puderten Kopf hinaus und ſchreit Ha—a-aſentreffer, Ha—a- aſentreffer 1 — 1— 19 „Natürlich antwortet Niemand, er aber ſagt dann:„„Der Alte würde es mir nie vergeſſen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,““ nimmt Hut und Stock, ſchließt ſein eigenes Haus auf, und ſo geht es nach wie vor. 3 „Wir alle,“ fuhr der Profeſſor in ſeiner Erzäh⸗ lung fort,„waren ſehr erſtaunt über dieſe ſonderbare Erſcheinung und freuten uns königlich auf den mor⸗ genden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Ver⸗ ſprechen ab, ihn nicht verrathen zu wollen, indem er einen köſtlichen Scherz mit dem Oberjuſtizrath vor⸗ habe.“ „Früher als gewöhnlich verſammelten wir uns an der Wirthstafel und belagerten die Fenſter. Eine alte baufällige Chaiſe wurde von zwei alten Kleppern die Straße herangeſchleppt, ſie hielt vor dem Wirthshaus; „„Das iſt der Haſentreffer, der Haſentreffer,““ tönte es von Aller Mund, und eine ganz beſondere Fröhlich⸗ keit bemächtigte ſich unſer, als wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem ſtahlgrauen Röcklein an⸗ gethan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, ausſtei⸗ gen ſahen. Ein Schwanz von wenigſtens zehn Kellnern ſchloß ſich ihm an; ſo gelangte er ins Speiſezimmer. „Man ſchritt ſogleich zur Tafel; ich habe ſelten ſo viel gelacht, als damals, denn mit der größten Kalt⸗ blütigkeit behauptete der Alte, geraden Weges aus Caſſel zu kommen und vor ſechs Tagen in Frankfurt im Schwanen recht gut logirt zu haben. Schon vor dem Deſſert mußte Barighi verſchwunden ſein, denn als der Oberjuſtizrath aufſtand, und ſich auch die übri⸗ gen Gäſte erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu ſehen.“ „Der Oberjuſtizrath ſtellte ſich ans Fenſter, wir Alle folgten ſeinem Beiſpiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber ſchien öde und unbewohnt; auf der Thürſchwelle ſproßte Gras, die Jalouſien waren geſchloſſen, zwiſchen einigen ſchienen ſich Vögel einge⸗ baut zu haben.“ „„Ein hübſches Haus da drüben,““ begann der Alte zu dem Wirth, der immer in der dritten Stellung hinter ihm ſtand.„„Wem gehört es?“„„Dem Ober⸗ juſtizrath Haſentreffer, Euer Excellenz aufzuwarten.““ „„Ei, das iſt wohl der nämliche, der mit mir ſtu⸗ dirt hat?““ rief er aus.„„Der würde mir es nie ver⸗ zeihen, wenn ich ihm nicht meine Anweſenheit kund thäte.““ Er riß das Fenſter auf:„„Haſentreffer— Haſentreffer!““ ſchrie er mit heiſerer Stimme hinaus. — Aber wer beſchreibt unſern Schrecken, als gegen⸗ über in dem öden Haus, das wir wohl verſchloſſen und verriegelt wußten, ein Fenſterladen langſam ſich öffnete; ein Fenſter that ſich auf und heraus ſchaute der Ober⸗ juſtizrath Haſentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen Mitze, unter welcher wenige graue Löckchen her⸗ vorquollen; ſo, gerade ſo pflegte er ſich zu Hauſe zu tragen. Bis auf das kleinſte Fältchen des bleichen Ge⸗ ſichts war der Gegenüber der nämliche wie der, der bei uns ſtand. Aber Entſetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit derſelben heiſeren Stimme über die Straße herüber rief:„„Was will man, wem ruft man? he!“« 21 „„Sind Sie der Herr Oberjuſtizrath Haſentref⸗ fer?““ rief der auf unſerer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er ſich bebend am Fen⸗ ſter hielt.“ „„Der bin ich,““ kreiſchte Jener und nickte freund⸗ lich grinſend mit dem Kopfe;„„ſteht etwas zu Be⸗ fehl 2 11 „„Ich bin er ja auch,““ rief der auf unſerer Seite wehmüthig,„ wie iſt denn dies möglich?““ „„Sie irren ſich, Wertheſter!““ ſchrie Jener her⸗ über,„„Sie ſind der Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behauſung, daß ich Ihnen den Hals umdrehe; es thut nicht weh.““ „„Kellner, Stock und Hut!““ rief der Oberjuſtiz⸗ rath, matt bis zum Tod, und die Stimme ſchlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Bruſt herauf. „„In meinem Haus iſt der Satan und will meine Seele;— vergnügten Abend, meine Herren!““ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit einem freundlichen Bück⸗ ling zu uns wandte und dann den Saal verließ. „Was war das? fragten wir uns. Sind wir alle wahnſinnig?— „Der im Schlafrock ſchaute noch immer ganz ruhig zum Fenſter hinaus, während unſer gutes altes Närr⸗ chen in ſteifen Schritten über die Straße ſtieg. An der Hausthüre zog er einen großen Schlüſſelbund aus der Taſche, riegelte— der im Schlafrock ſah ihm ganz gleichgültig zu— riegelte die ſchwere, knarrende Haus⸗ thüre auf und trat ein. „Jetzt zog ſich auch der Andere vom Fenſter zurück, 22 man ſah, wie er dem Unſrigen an die Zimmerthüre entgegen ging. „Unſer Wirth, die zehn Kellner waren alle bleich von Entſetzen und zitterten.„„Meine Herren,““ ſagte Jener,„„Gott ſei dem armen Haſentreffer gnädig, denn einer von Beiden war der Leibhaftige.““— Wir lachten den Wirth aus und wollten uns ſelbſt bereden, daß es ein Scherz von Barighi ſei, aber der Wirth verſicherte, es habe Niemand in das Haus gehen kön⸗ nen, außer mit den überaus künſtlichen Schlüſſeln des Raths; Barighi ſei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geſchehen, noch an der Tafel geſeſſen, wie hätte er denn in ſo kurzer Zeit die täuſchende Maske anziehen können, auch vorausgeſetzt, er hätte ſich das fremde Haus zu öffnen gewußt. Die Beiden ſeien aber einan⸗ der ſo gräulich ähnlich geweſen, daß er, ein zwanzig⸗ jähriger Nachbar, den echten nicht hätte unterſcheiden können.„„Aber um Gotteswillen, meine Herren, hören Sie nicht das gräßliche Geſchrei da drüben?““ „Wir ſprangen ans Fenſter, ſchreckliche trauervolle Stimmen tönten aus dem öden Hauſe herüber, einige⸗ mal war es uns, als ſähen wir unſern alten Oberju⸗ ſtizrath, verfolgt von ſeinem Ebenbild im Schlafrock, am Fenſter vorbeijagen. Plötzlich aber war alles ſtill. „Wir ſahen einander an; der Beherzteſte machte den Vorſchlag, hinüber zu gehen; Alle ſtimmten über⸗ ein. Man zog über die Straße, die große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte ſich Niemand hören laſſen, da fing uns an zu grauen; wir ſchickten nach der Polizei und dem Schloſſer, man 23 brach die Thüre auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, ſtille Treppe hinauf, alle Thüren wa⸗ ren verſchloſſen; eine ging endlich auf; in einem pracht⸗ vollen Zimmer lag der Oberjuſtizrath im zerriſſenen ſtahlfarbigen Röcklein, die zierliche Friſur ſchrecklich verzaust, todt, erwürgt auf dem Sopha. „Von Barighi hat man ſeitdem weder in Stutt⸗ gart, noch ſonſt irgendwo jemals eine Spur geſehen.“ Drittes Kapitel. Der ſchauerliche Abend. (Fortſetzung.) Der Profeſſor hatte ſeine Erzählung beendet, wir ſaßen eine gute Weile ſtill und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das Geſpräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein Ober⸗ forſtmeiſter aus dem Naſſauiſchen, zuvorkam. „Es iſt wohl jedem von uns ſchon begegnet, daß er unzähligemale für einen Andern gehalten wurde, oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und ſonderbar iſt es, ich habe dieſe Bemerkung oft in mei⸗ nem Leben beſtätigt gefunden, daß die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltäglichen, nichtsſagenden Geſichtern, als bei auffallenden, eigentlich intedeſſan⸗ ten vorkommt.“ Wir wollten ihm ſeine Behauptung als ganz un⸗= wahrſcheinlich verwerfen, aber er berief ſich auf die wirklich intereſſante Erſcheinung unſers Natas.„Jeder von uns geſteht,“ ſagte er,„daß er dem Gedanken Raum gegeben, unſern Freund, nur unter anderer Ge⸗ ſtalt, hier oder dort geſehen zu haben, und doch ſind ſeine ſcharfen Formen, ſein gebietender Blick, ſein ge⸗ winnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig ſich ins Gedächtniß zu prägen.“ „Sie mögen ſo Unrecht nicht haben,“ entgegnete Flaßhof, ein preußiſcher Hauptmann, der auf die Strafe des Arreſtes hin ſchon zwei Tage bei uns ge⸗ zaudert hatte, nach Coblenz in ſeine Garniſon zurück⸗ zukehren.„Sie mögen Recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italieni⸗ ſchen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung ſpricht. Jedermann, ſagt er, hat den Michele d'Agata gekannt, und weiß, daß er einen Fuß kleiner und we⸗ nigſtens um zwei dicker war, als ich, und auch ſonſt nicht die geringſte Ähnlichkeit in Kleidung und Phy⸗ ſiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich beinahe täglich den Verdruß, von Sängern, Tän⸗ zern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'A⸗ gata angeredet zu werden und lange Klagen über ſchlechte Bezahlung, Forderungen u. ſ. w. anhören zu müſſen. Selten gingen ſie überzeugt von mir, daß ich nicht Michele d'Agata ſei. Einſt beſuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an:„Herr Agata.“ Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt und unterhalten; ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte.„Guten Abend, 25⁵ Herr Agata,“ war ſein Gruß, indem er vorüberging. — Ich glaubte am Ende beinahe ſelbſt, ich ſei der Michele d'Agata.“. Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängſtigenden Phantaſieen, welche die Er⸗ zählung des Profeſſors in uns aufgeregt hatte, erloͤste. Das Geſpräch floß ruhiger fort, man ſtritt ſich um das Vorrecht ganzer Nationen, einen intereſſanten Geſichterſchnitt zu haben, über den Einfluß des Geiſtes auf die Geſichtszüge überhaupt und auf das Auge ins⸗ beſondere, man kam endlich auf Lavater und Conſor⸗ ten; Materien, die ich hundertmal beſprochen, mochte ich nicht mehr wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenſter zurück. Bald folgte mir der Profeſſor dahin nach, um gleich mir die Geſichter der Streitenden zu betrachten. „Welch ein leichtſinniges Volk,“ ſeufzte er,„ich habe ſie jetzt ſo eben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja ſie wagten in keine Ecke mehr zu ſehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus her⸗ vorgucken, und jetzt lachen ſie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Verſucher nicht immer umher⸗ ſchliche.“ Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die ſich der Profeſſor gab.„Noch nie habe ich das ſchöne Talent eines Veſperpredigers an Ihnen bemerkt,“ ſagte ich; „aber Sie ſetzen mich in Erſtaunen durch Ihre küh⸗ nen Angriffe auf die böſe Welt und auf den Argen ſelbſt. Bilden Sie ſich denn wirklich ein, dieſer harm⸗ loſe Natas...“ „Harmlos nennen Sie ihn?“ unterbrach mich der 26 1 Profeſſor, heftig meine Bruſt anfaſſend,„harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt,“ flüſterte er leiſer, „daß alles bei dieſem feinen.... Herrn berechneter Plan iſt? O, ich kenne meine Leute!“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, wie meinen Sie denn?“ „Haben Sie nicht bemerkt,„ fuhr er eifrig fort, „daß der gebildete Herr Oberforſtmeiſter dort mit Leib und Seele ſein iſt, weil er ihm fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten geſtern Nacht fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelſten Sentiments und ſchwört auf Ehre, er müſſe über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, ſonſt habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Okonomierath gekörnt hat?“ „Ich habe wohl geſehen,“ antwortete ich,„daß der Hkonomierath, ſonſt ſo moros und miſanthrop⸗ jetzt ein wenig aufgewacht iſt, aber ich habe es dem all⸗ gemeinen Einfluß der Geſellſchaft zugeſchrieben.“ „Behüte. Er läuft ſchon ſeit zwanzig Jahren in den Geſellſchaften umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg iſt er, ein Bruder Lüderlich zu werden. Der Eſel reist krank im Lande umher, behauptet, ei⸗ nen großen Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben ſauer mit ſeinen exorbitanten Be⸗ hauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieſer Wunder⸗ mann erwiſcht, gibt ihm ein Pülverlein und räth ihm, nicht wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, ſondern er ſoll ſeine Jugend, wie er die 27 fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, genießen, viel Wein trinken ꝛc., und das et caetera, und den Wein benützt er ſeit vier Tagen ärger als der verlorne Sohn.“ „Und darüber können Sie ſich ärgern, Herr Pro⸗ feſſor? Der Mann i*ſt ſich und dem Leben wieder ge⸗ ſchenkt—“¹ „Nicht davon ſpreche ich,“ entgegnete der Eifrige, „der alte Sünder könnte meinetwegen heute noch ab⸗ fahren, ſondern daß er ſich dem nächſten beſten Char⸗ latan anvertraut und ſich alſo ruiniren muß. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt und er beſſerte ſich ſchon zuſehends.“ Der Eifer des guten Profeſſors war mir nun ei⸗ nigermaßen erklärlich, der liebe Brodneid ſchaute nicht undeutlich heraus.— „Und unſere Damen,“ fuhr er fort,„die ſind nun rein toll. Mich dauert der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen ſoll er hier ankom⸗ men, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den erſten Jahren einer glücklichen Ehe ſich in ein ſolches Verhält⸗ niß mit einem ganz fremden Menſchen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!“— „Wie? die ſchöne, bleiche Frau dort!“ rief ich aus.— „Die nämliche bleiche;“ antwortete er,„vor vier Tagen war ſie noch ſchön roth, wie eine Centifolie, da begegnet ihr der Intereſſante auf der Straße, fragt, wohin ſie gehe, hört kaum, daß ſie Rouge fin kaufen wolle(denn ſolche Toilettengeheimniſſe auszuplaudern, 1 heißt Bonton), ſo bittet und fleht er, ſie ſolle doch kein Roth auflegen, ſie habe ein ſo intereſſantes je ne sais quoi, das zu einem blaſſen Teint viel beſſer ſtehe. Was thut ſie? wahrhaftig, ſie geht in den nächſten Galanterieladen und ſucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein Pfeifenrohr zu erſtehen, da höre ich ſie mit ihrer ſüßen Stimme den rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht noch etwas ätheriſcher habe? Hol mich der T..... hat man je ſo etwas gehört?“ Ich bedauerte den Profeſſor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, ſo ſuchte er von Anfang die Aufmerk⸗ ſamkeit der ſchönen Frau auf den ſchon etwas verſchoſ⸗ ſenen Einband ſeiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, ſah ich ſelbſt. Von der Schminkgeſchichte, die Je⸗ nen ſo ſehr erboste, wußte ich zwar nichts; aber wer ſich auf die Exegeſe der Augen verſtand, hatte keinen weiteren Commentar nöthig, um die gegenſeitige An⸗ näherung daraus zu erläutern. Der Profeſſor hatte, in tiefe Gedanken verſunken, eine Zeitlang geſchwiegen; er erhob jetzt ſein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo aller⸗ lei Engelein in Gyps aufgetragen waren.„Himmel,“ ſeufzte er,„und die Tingen hat er auch. Sie glaubten nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern Auge, in dieſen Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in dieſen friſchen, zum Kuß geöffneten Lippen, in dieſen weichen Armen, in dieſen runden, vollen Formen der ſchwellenden—“ 29 „Herr Profeſſor!“ rief ich, erſchrocken über ſeine Ekſtaſe, und ſchüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. „Sie, gerathen außer ſich, Wertheſter. Belieben Sie nicht eine Priſe Spaniol?“ „Er hat ſie auch,“ fuhr er zähneknirſchend fort. „Haben Sie nicht bemerkt, mit welcher Haſt ſie vorhin nach ſeinen Verhältniſſen fragte? Wie ſie roth ward? Jung, ſchön, wohlhabend, Wittwe,— ſie hat alles, um eine angenehme Partie zu machen. Geiſtreiche Män⸗ ner von Ruf in der literariſchen Welt buhlen um ihre Gunſt, ſie wirft ſich an einen— Landſtreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, beſter Doktor, was mir der Ober⸗ kellner ſagte, aber mit der groͤßften Diskretion, daß man ihn vorgeſtern Nachts aus ihrem Zimmer....“ „Ich bitte, verſchonen Sie mich,“ fiel ich ein,„ge⸗ ſtehen Sie mir lieber, ob der Wundermenſch Sie ſelbſt noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.“ „Das iſt es eben,“ antwortete der Gefragte verle⸗ gen lächelnd,„das iſt es, was mir Kummer macht. Sie wiſſen, ich leſe über Chemie; er brachte einmal das Geſpräch darauf und entwickelte ſo tiefe Kenntniſſe, deckte ſo neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf ſchwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um ſeine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderſtehlicher Geiſterkraft in ſeine Nähe und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.“ Wie komiſch war die Wuth dieſes Mannes, er ballte die Fauſt und fuhr damit hin und her, ſeine grünen Brillengläſer funkelten wie Katzenaugen, ſein kurzes ſchwarzes Haar ſchien ſich in die Höhe zu richten. Ich ſuchte ihn zu beſänftigen. Ich ſtellte ihm vor, daß er ja nicht ärger losziehen koͤnnte, wenn der Fremde der Teufel ſelbſt wäre; aber er ließ mich nicht zum Worte kommen. 3 „Er iſt es, der Satan ſelbſt logirt hier in den drei Reichskronen,“ rief er,„um unſre Seelen zu angeln. Ja, du biſt ein guter Fiſcher und haſt eine feine Naſe; aber ein**nner Profeſſor, wie ich, der ſogar in dema⸗ gogiſchen Unterſuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens deßwegen hieher nach Mainz gereist iſt, ein ſol⸗ cher hat noch eine feinere als du.“ Ein heiſeres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entſtehen ſchien, zog meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Ich wandte mich um und glaubte Natas höh⸗ niſch durch die Scheiben hereingrinſen zu ſehen. Ich ergriff den Profeſſor am Arm, um ihm die ſonderbare Erſcheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieſer aber hatte weder das Lachen gehört, noch konnte er meine Erſcheinung ſehen; denn als er ſich umwandte, ſah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenſter dort, wo ich vorhin das gräulich ver⸗ zerrte Geſicht des geheimnißvollen Fremdlings zu ſehen geglaubt hatte. Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich geſehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer auf⸗ geregten Phantaſie oder Wirklichkeit war, ward die Thüre aufgeriſſen und Herr von Natas trat ſtolzen Schrittes in das Zimmer. Mit ſonderbarem Lächeln maß er die Geſellſchaft, als wiſſe er ganz gut, was von ihm geſprochen worden ſei, und ich glaubte zu bemerken, 31 4 daß keiner der Anweſenden ſeinen forſchenden Blick aus⸗ zuhalten vermochte. Mit der ihm ſo eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der Converſation an ſich geriſſen. Das böſe Gewiſſen ließ den Profeſſor nicht an den Tiſch ſitzen, mich ſelbſt feſſelte das Verlangen, dieſen Menſchen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz im Fenſter. Da bemerkten wir denn das Augenſpiel zwiſchen Frau von Trübenau und dem gewandteſten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des Okonomieraths ſo viel Verbindlichkeiten zu ſagen wußte, daß ſie einmal über das andere bis unter die breiten Brüſſeler Spitzen ihrer Buſenkrauſe erröthete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf ſeinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ. „Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch — meiner Seel aller Ehre werth,“ brummte der zorn⸗ glühende Profeſſor, dem jetzt auch ſeine letzte Reſſource, die ökonomiſche Schöne, ſo was man ſagt, vor dem Mund weggeſchnappt werden ſollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tiſch, nahm ſich einen Stuhl und ſetzte ſich, breit wie eine Mauer, neben ſeine Schöne. Doch dieſe ſchien nur Ohren für Natas zu haben, denn ſie antwortete auf ſeine Frage, ob ſie ſich wohl befinde, „übermorgen,“ und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, ſie ſcheine ſehr zerſtreut, meinte ſie:„ fl. 30 kr. die Elle.“ Ich ſah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Profeſſor, der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonnet oder Triolet alles wieder gut machen, ja durch ein paar Ottave rime ſich ſogar bei der Trübenau wie⸗ der inſinniren könnte, widerſprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu ſeinem Vortheil; denn dieſer, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem überlegen, führte ihn ſo aufs Eis, daß die leichte Decke ſeiner Logik zu reißen und er in ein Chaos von Widerſprüchen hinabzuſtürzen drohte. Eine lieblich duftende Bowle Punſch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafür An⸗ laß zu deſto feindſeligeren Blicken zwiſchen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Dieſe hatte, ihrer ſchönen runden Arme ſich bewußt, den gewaltigen ſil⸗ bernen Löffel ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber kre⸗ denzte die gefüllten Becher mit ſolcher Anmuth, mit ſo liebevollen Blicken, daß das Beſtreben, ſich gegenſei⸗ tig ſo viel als möglich Abbruch zu thun, unverkenn⸗ bar war. Als aber der ſehr ſtarke Punſch die leiſen Schauer des Herbſtabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unſerer Damen höher zu färben, und aus den Augen der Männer zu leuchten, da ſchien es mir mit einemmal, als ſei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anſtands herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken ſtiegen in mir auf und nieder, das Geſpräch ſchnurrte und ſummte wie ein Mühlrad, man lachte und jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte ſich, und der Oberforſtmeiſter brachte ſogar ein Pfänderſpiel mit Küſſen in Vorſchlag. Plötzlich hörte ich jenes heiſere Lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenſter zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der dem Profeſſor zuhörte, und trotz dem Eifer und Ernſt, mit welchem dieſer alles vorbrachte, alle Augenblicke in ſein heiſeres Gelächter ausbrach. „Nicht wahr, meine Herrn und Damen,“ ſchrie der Punſch aus dem Profeſſor heraus,„Sie haben vorhin ſelbſt bemerkt, daß unſer verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Geſtalt ſchon begegnet iſt? Sie ſchweigen? Iſt das auch Raiſon, einen ſo im Sand ſitzen zu laſſen? Herr Oberforſtmeiſter! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen Sie ſelbſt, nament⸗ lich Sie, Herr Doktor!“ Wir befanden uns durch die Indiskretion des Pro⸗ feſſors in großer Verlegenheit.„Ich erinnere mich,“ gab ich zur Antwort, als alles ſchwieg,„von intereſſan⸗ ten Geſichtern und ihren Verwechslungen geſprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgeführt.“ Der Benannte verbeugte ſich und meinte, es ſei gar zu viel Ehre, ihn unter die Intereſſanten zu zählen; aber der Profeſſor verdarb wieder alles. „Was dal! ich nehme kein Blatt vor den Mund!“ ſagte er;„ich behauptete, daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe ſei, und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Haſentreffer erwürgt haben, wiſſen Sie noch, gnädiger Herr?“ Dieſer aber ſtand auf, lief mit ſchrillendem Geläch⸗ ter im Zimmer umher, und plötzlich glaubte ich den W. Hauffs Werke. Vl. 3 jetzt.“ Er ſprang auf und wollte auf den immer ruhig unglückbringenden Doktor meiner Vaterſtadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein älterer, unheimlicher Menſch. „Da hat man's ja deutlich,“ rief der Profeſſor, „dort läuft er als Barighi umher.“ „Barighi?“ entgegnete Frau von Trübenau.„Blei⸗ ben Sie doch mit Ihrem Barighi zu Hauſe, es iſt ja unſer lieber Privatſekretär Gruber, der da hereinge⸗ kommen iſt.“ „Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,“ unterbrach ſie der Oberforſtmeiſter,„es iſt der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer aſſocirt war.“. „Hal hal wie man ſich doch täuſchen kann,“ ſprach Frau von Thingen, den Auf⸗ und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beſchauend,„es iſt ja Niemand anders, als der Kapellmeiſter Schmalz, der mir die Guitarre beibringt. „Warum nicht gar!“ brummte der alte Okonomie⸗ rath,„es iſt der luſtige Commiſſaͤr, der mir die gute Brodlieferung an das Spital in D— verſchafft.“ „Ach! Papa,“ kicherte ſein Töchterlein,„jener war ja ſchwarz und dieſer iſt blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirth nicht mehr, der ſich bei uns ins Prak⸗ tiſche einſchießen wollte?“ „Hol mich der Kukuk und alle Wetter,“ ſchrie der preußiſche Hauptmann,„das iſt der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen wegfiſchte! Auf Piſtolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich 35 Auf⸗ und Abgehenden losſtürzen. Der Profeſſor aber packte ihn am Arm:„Bleiben Sie weg, Wertheſter!“ ſchrie er,„ich hab's gefunden, ich hab's gefunden, kehrt ſeinen Namen um, es iſt der Satan!“ Viertes Kapitel. Das Manuſcript. So viel als ich hier niedergeſchrieben habe, lebt von dieſem Abend noch in meiner Erinnerung; doch koſtete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder beſinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen Schlaf geweſen ſein, denn als ich erwachte, ſtand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine für die Mor⸗ genſonne öffnete, ob jetzt der Kaffee gefällig ſei? Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwiſchen geſtern und heute hingegangen? Meine erſte Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen ſei? Der Kellner ſtaunte mich an und meinte mit ſon⸗ derbarem Lächeln, das müſſe ich beſſer wiſſen als er. „Ahl ich erinnere mich,“ ſagte ich leicht hin, um meine Unwiſſenheit zu verbergen,„nach der Abend⸗ tafel..... 4 „Verzeihen der Herr Doktor,“ unterbrach mich der Geſchwätzige.„Sie haben nicht ſoupirt. Sie waren ja alle zu Thee und Punſch auf Nr. 15.“ „Richtig, auf Nr. 15, wollte ich ſagen. Iſt der Herr Profeſſor ſchon auf? 36 „Wiſſen Sie denn nicht, daß ſie ſchon abgereist ſind?“ fragte der Kellner. „Kein Wort!“ verſicherte ich ſtaunend. „Er läßt ſich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T. bei ihm einſprechen; auch läßt er Sie bitten, ſeiner und des geſtrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich geſagt.“ „Aha, ich weiß ſchon,“ ſagte ich, denn mit einem⸗ mal fiel mir ein Theil des geſtern Erlebten ein.„Wann iſt er denn abgereist?“ „Gleich in der Frühe,“ antwortete Jener,„noch vor dem Hkonomierath und dem Herrn Oberforſtmeiſter.“ „Wie? ſo ſind auch dieſe weggereist?“ „Ei ja!“ rief der ſtaunende Kellner,„ſo wiſſen Sie 8 auch das nicht? Auch nicht, daß Frau von Thingen G und die gnädige Frau von Trübenau— 4 „Sie ſind auch nicht mehr hier?“ „Kaum vor einer halben Stunde ſind die gnädige Frau weggefahren,“ verſicherte Jener. Ich rieb mir die Augen, um zu ſehen ob ich nicht träume, aber es war und blieb ſo. Jean ſtand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand. „Und Herr von Natas?“ fragte ich kleinlaut. „Iſt noch hier. Ach das iſt ein goldner Herr. Wenn der nicht geweſen wäre, wir wären heute Nacht in die größte Verlegenheit gekommen.“ „Wie ſo?“ „Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübe⸗ nau. Wer hätte aber auch dem gnädigen Herrn zuge⸗ traut, daß er ſo gut zur Ader zu laſſen verſtände 24 37 „Zur Ader laſſen? Herr von Natas?“ „Ich ſehe, der Herr Doktor ſind ſehr frühzeitig zu Bette gegangen, und haben eine ruhigere Nacht gehabt, als wir.“ Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton:„Es mochte kaum elf Uhr geweſen ſein, die Geſchichte mit der Polizei war ſchon vorbei—“ „Was für eine Geſchichte mit der Polizei?“ „Nun, Nr. 15 iſt vorn heraus, und weil, mit Per⸗ miß zu ſagen, dort ein ganz hölliſcher Lärm war, ſo kam die Runde ins Haus und wollte abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeilieutenants ſein muß, beruhigte ſie, daß ſie wie⸗ der weiter gingen. Alſo gleich nachher kam das Kam⸗ mermädchen der Fran von Trübenau herabgeſtürzt, ihre gnädige Frau wolle ſterben. Sie können ſich denken, wie unangenehm ſo etwas in einem Gaſthof Nachts zwiſchen elf und zwölf Uhr iſt. Wir wie der Wind hin⸗ auf; auf der Treppe begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum, wo es fehlt, ſo läuft er in ſein Zimmer, holt ſein Etui und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lancette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufſprang. Sie ſchlug die Augen wieder auf und es war ihr bald wohl, doch verſprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen.“ „Eil was Sie ſagen, Jeanl“ rief ich voll Verwun⸗ derung. „Ja, warten Sie nur! Kaum iſt eine Stunde vor⸗ bei, ſo ging der Tanz von Neuem los. Auf Nr. 18 38 läutete es, daß wir meinten, es brenne drüben in Caſſel. Des Herrn Oekonomieraths Roſalie hatte ihre hyſte⸗ riſchen Anfälle bekommen. Der Alte mochte ein Glas über Durſt haben, denn er ſprach vom Teufel, der ihn und ſein Kind holen wolle. Wir wußten nichts anderes, als wieder unſere Zuflucht zu Herrrn von Natas zu nehmen. Er hatte verſprochen, bei Frau von Trübenau mit dem Kammermädchen zu wachen; aber lieber Gott geſchlafen muß er haben wie ein Dachs, denn wir poch⸗ ten drei⸗, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken.“ „Nun, und ließ er der ſchönen Roſalie zur Ader?“ „Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen ſagte, Senfteig zwei Hand breit aufs Herz gelegt, darauf ſoll es ſich bald gegeben haben.“ „Armer Profeſſor!“ dachte ich,„dein hübſches Rös⸗ chen mit ihren ſechzehn Jährchen und dieſer Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaſter auf das po⸗ chende Herz pappend!“ „Der Herr Papa Okonomierath war wohl ſehr angegriffen durch die Geſchichte?“ fragte ich, um über die Sache ins Klare zu kommen. „Es ſchien nicht, denn er ſchlief ſchon, ehe noch Lieschen mit dem Hirſchhorngeiſt aus der Apotheke zu⸗ rückkam. Aber es läutet im zweiten Stock und das gilt mir.“ Er ſprachs und flog pfeilſchnell davon. So war auf einmal die luſtige Geſellſchaft zerſtoben; und doch wußte ich nicht, wie dies Alles ſo plötzlich kommen konnte. Ich entſann mich zwar, daß geſtern bei dem Punſch etwas Sonderbares vorgefallen war; 39 was es aber geweſen ſein mochte, konnte ich mich nicht erinnern. Sollte Natas mir Aufſchluß geben können? Doch, wenn ich recht nachſann, mit Natas war etwas vorge⸗ fallen. Der Profeſſor ſchwankte in meiner Erinnerung umher; am beſten däuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Urſache des ſchnellen Aufbruchs zu befragen. Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billet: „Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbin⸗ den, wenn Sie vor meiner Abreiſe von hier, die auf den Mittag feſtgeſetzt iſt, mich noch einmal beſuchen wollten. v. Natas.“ Neugierig folgte ich dieſem Ruf und traf den Freund reiſefertig zwiſchen Koffern und Käſtchen ſtehen. Er kam mir mit ſeiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genirte mich ein unverkennbarer Zug von Jronie, der heute um ſeinen Mund ſpielte und den ich ſonſt nie an ihm bemerkt hatte. Er lachte mich aus, daß ich mich vor den Damen als ſchwachen Trinker ausgewieſen und einen Haar⸗ beutel mir umgeſchnallt habe, erzählte mir, daß ich ſelig entſchlafen ſei und fragte mich mit einem lauernden Blick, was ich noch von geſtern Nacht wiſſe? Ich theilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte ſie herzlich und nannte ſie Ausgeburten einer kranken Phantaſie. Die Abreiſe der ganzen Geſellſchaft gah er einer 40 großen Herbſtfeierlichkeit Schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie ſeien alle, ſogar der moroſe Okono⸗ mierath, dorthin gereist; ihn ſelbſt aber rufen ſeine Geſchäfte den Rhein hinab. 4 Die Zufälle der Trübenau und der ſchönen Roſalie maß er dem ſtarken Punſch bei und freute ſich, durch Liebhaberei gerade ſo viele medieiniſche Kenntniſſe zu beſitzen, um bei ſolchen kleinen Zufällen helfen zu können. Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner mel⸗ dete dies und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flaſche des älteſten Rheinweins. Natas hatte ſie ver⸗ dient, denn wahrlich, nur er hatte uns ſo lange hier gefeſſelt. „Sie ſind Schriftſteller, lieber Doktor?“ fragte er mich, während wir den narkotiſch duftenden Abſchieds⸗ trunk ausſchlürften. „Wer pfuſcht nicht heutzutage etwas in die Litera⸗ tur?“ antwortete ich ihm.„Ich habe mich früher als Dichter verſucht, aber ich ſah bald genug ein, daß ich nicht für die Unſterblichkeit ſinge. Ich griff daher einige Töne tiefer und überſetzte unſterbliche Werke fremder Nationen fürs liebe deutſche Publikum.“ Er lobte meine beſcheidene Reſignation, wie er es nannte, und fragte mich, ob ich mich entſchließen könnte, die Memoiren eines berühmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuſeript vorhanden ſeien, zu überſetzen? „Vorausgeſetzt, daß Sie dechiffriren können, iſt es eine leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den Schlüſſel dazu geben würde, und das Manuſeript im Hochdeutſchen abgefaßt iſt.“ 3 41 Ich zeigte mich, wie natürlich, ſehr bereitwillig dazu. Dechiffiren verſtand ich früher und hoffte es mit wenig übung vollkommen zu lernen. Er ſchloß ein ſchoͤnes Käſtchen von rothem Saffian auf und überreichte mir ein vielfach zuſammengebundenes Manuſcript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge umher, wie Ameiſen in ihren aufgeſtörten Hügelchen, aber er gab mir den Schlüſſel ſeiner Geheimſchrift, und die Arbeit ſchien mir noch einmal ſo leicht. Wir umarmten uns und ſagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank für ſeine Güte, die er noch zuletzt für mich gehabt, für die ſchönen Tage, die er uns be⸗ reitet habe, begleitete ihn an den Wagen. Die Wagen⸗ thüre ſchloß ſich, der Poſtillon hieb auf ſeine vier Roſſe, ſie zogen an, und die intereſſante Erſcheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte ich jenes heiſere Lachen zu vernehmen, das ich von geſtern her unter den Bruchſtücken meiner Erinnerung bewahrte. Als ich die Treppe hinanſtieg, händigte mir der Oberkellner einen Brief ein. Der Profeſſor habe ihm ſolchen zu meinen eigenen Händen zu übergeben befoh⸗ len, ich riß ihn auf— „Verehrter, Werthgeſchätzter! „Ich bin im Begriff, mein Roß zu beſteigen und aus dieſer Höhle des brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich ſage Ihnen ſchriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todtähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken ſind. Daß unſer fröhliches Zuſammenleben ſo ſchauerlich enden mußte! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es klar, daß dieſer Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war! „Er ſchaut mir vielleicht in dieſem Augenblick über die Schulter und liest, was ich ſage, aber dennoch ſchweige ich nicht. Den armen Okonomierath und ſein Töchterlein, die blaſſe Trübenau, meine ſchöne Thingen, den Hauptmann und den Oberforſtmeiſter hat er in ſeinem Netz. Gott gebe, daß er Sie nicht auch geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzutief eingebiſſen in ſeine mit chemiſchen Ideen beſpickte Angel. Ich reiße mich los und mache daß ich fortkomme.“ „Adieu, Beſter! Montag den 7. Oltober, Früh 6 Uhr.“ Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Schaaren zu⸗ rück. Ja, es war der Teufel, der ſein Spiel mit uns getrieben hatte; es war der Teufel, dem es geſtern Spaß gemacht hatte, uns zu ängſtigen; es mußten des Teufels Memoiren ſein, die ich in der Hand hielt. Wer ſtand mir aber dafür, daß dieſe Schriftzüge mir nicht durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnſinnig machten? und konnte ich mich nicht gerade dadurch, daß ich den Dechiffreur und Dekopiſten des Satans machte, unbewußt in ſeine Leibeigenſchaft hineinſchreiben? Ich packte die Handſchrift in meinen Koffer und reiste dem Profeſſor nach, um ihn um Rath zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgend Einem der luſtigen Geſellſchaft in den drei Reichskronen. Ent⸗ weder hat ſie der Satan eingeholt und in ſeinem acht⸗ ſitigen Wagen in ſein ewiges Reich gehaudert, oder 43 hat er mich in den April geſchickt. Das Letztere ſchien mir wahrſcheinlicher. In Worms aber traf ich einen frommen Geiſtlichen, der an der Domkirche angeſtellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Beſcheid, ich ſolle ſo viele Meſſen darüber leſen laſſen, als das Manuſeript Bogen enthalte. Der Rath ſchien mir nicht übel. Ich reiste in meine Heimath und ſchickte am nächſten Sonn⸗ tag den erſten Satansbogen in die Kirche. Probatum est; am Montag fing ich an, zu dechiffriren, und habe noch nicht das geringſte Spukhafte weder an dem Pa⸗ pier, noch an mir bemerkt.„ Von meinen Genoſſen in Mainz habe ich indeſſen wenig mehr gehört. Der Profeſſor fährt fort, durch ſeine Entdeckungen in der Chemie zu glänzen, und ich fürchte, er iſt auf dem Wege, dem Satan Gehör zu geben, der ihn zu einem Berzelius machen will. Der Hauptmann ſoll ſich erſchoſſen haben, Frau von Thin⸗ gen aber, die ſchöne Wittwe, hat, nach einer Anzeige im Hamburger Korreſpondenten, vor nicht gar langer Zeit wieder geheirathet. Die Studien des Satan auf der berühmten Univerſität..... en. „Betrogene Brüder! Eure Ringe ſind alle drei nicht echt; der echte Ring vermuthlich ging verloren.“ Leſſing's Nathan, III. 7. Fünſtes Kapitel. Einleitende Bemerkungen. Alle Welt ſchreibt oder liest in dieſer Zeit Memoi⸗ ren; in den Salons der großen und kleinen Reſidenzen, in den Reſſourcen und Caſſino's der Mittelſtädte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen ſpricht man von den Memoiren, urtheilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren, ja es könnte ſcheinen, es ſei ſeit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf der Erde als ihre Memoiren. Männer und Frauen ergreifen die Fe⸗ der, um den Menſchen ſchriftlich darzuthun, daß auch ſie in einer merkwürdigen Zeit gelebt, daß auch ſie ſich einſt in einer Sonnennähe bewegt haben, die ihrer ſonſt vielleicht gehaltloſen Perſon einen Nimbus von Be⸗ deutſamkeit verliehen. Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, ſich aus ihrer 45 frühern Grandezza, wo ſie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erho⸗ ben zu haben, nicht zufrieden damit, daß ſie auf Ku⸗ rierreiſen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um ſich gegenſeitig ihrer Freundſchaft zu verſichern, ſchreiben Memoiren für ihre Völker, erzäh⸗ len ihnen ihre Schickſale, ihre Reiſen. Die Mitwelt iſt zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Maßſtab, wornach ſie die Handlungen richte, in die Hände gegeben; es ſind die Mewoiren. Große Generale, berühmte Marſchälle, weit ent⸗ fernt, das Beiſpiel jenes Römers nachzuahmen, der in der Muße des Friedens die Thaten der Legionen unter ſeiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern glaubte, wenn er von ſich nur immer in der dritten Perſon ſpräche, haben den beſcheideneren Weg einge⸗ ſchlagen, ſprechen von ſich, wie es Männern von ſol⸗ chem Gewichte ziemt, als Ich, bauen aus ihren Memoi⸗ ren ein Odeon in verjüngtem Maßſtabe und treten herzhaft vorne auf der Bühne auf. Mit Schlachtſtü⸗ cken im großen Styl dekoriren ſie die Couliſſen, Staatsmänner und berühmte Damen, die große Armee und ihre lorbeerbekränzten Adler, die ganze Mitwelt ſtellen ſie im Hintergrund als Figuranten auf, ſie ſelbſt aber ſpielen ihre Sulla oder Brutus, würdig des un⸗ ſterblichen Talma. Mundus vult decipi, d. i. die Leute leſen Me⸗ moiren; was hält mich ab, denſelben auch ein ſolches Gericht Gerngeſehen vorzuſetzen? Man wendet vielleicht ein:„Der Schuſter bleibe 1 46 bei ſeinem Leiſten, der Satan hat ſich nicht mit Me⸗ moirenſchreiben abzugeben.“ Ei! wirklich? Und wenn nun dieſer Satan doch einen Beruf hätte, Memoiren in die Welt zu ſtreuen, wenn er doch ſo viel oder noch mehr geſehen hätte, als jene kriegeriſchen Diplomaten oder diplomatiſchen Krie⸗ ger, welche die Welt mit ihrem literariſchen Ruhme anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwäh⸗ nen aufgehört haben; wenn nun dieſer arme Teufel einen Drang in ſich fühlte, auch für einen Homo lite- ratus zu gelten? Ja, ich geſtehe es mit Erröthen, je länger ich mich in meinem lieben Deutſchland umhertreibe, deſto un⸗ widerſtehlicher reißt es mich hin, zu ſchriftſtellern; und wenn es den Damen erlaubt iſt, die Finger mit Dinte zu beſchmutzen, ſo wird es doch dem Teufel auch no erlaubt ſein? 3 Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man ſagt vielleicht gegen meine ſchriftſtelleriſchen Verſuche, ich ſei kein Literatus, kein Mann vom Gewerbe ac. Aber für's Erſte habe ich ſo eben die Damen, welche, wenn ſie noch ſo gelehrt, doch keine Gelehrten von Pro⸗ feſſion ſind, anzuführen die Ehre gehabt; ſodann be⸗ rufe ich mich auf jene Söhne des Lagers, die, unter Gefahren groß geworden, unter Strapazen ergraut, keine Zeit hatten, Humaniora zu ſtudiren, und den⸗ noch ſo glänzende Memoiren ſchreiben; ich behaupte drittens, daß das Vorurtheil, ich ſei ein unſtudirter Teufel, ganz falſch iſt, denn ich bin in optima forma Doktor der Philoſophie geworden, wie aus meinen 47 Memoiren zu erſehen, und kann das Diplom ſchwarz auf weiß aufweiſen. Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor den ſogenannten Re⸗ cenſenten. Er gab mir zu verſtehen, daß ich übel weg⸗ kommen könnte, indem ſolche Niemand ſchonen, ja ſo⸗ gar neuerdings ſelbſt Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. Ich er⸗ widerte ihm nicht ohne Gelehrſamkeit, daß das Sprüch⸗ wort, clericus clericum non decimat, füglich auch auf mein Verhältniß zu den Recenſenten angewandt werden könne; werde ich ja doch ſchon im alten Te⸗ ſtament Satan, Adverſarius, das iſt Widerſacher, genannt, was auch ganz auf Jene paſſe; den ſchla⸗ gendſten Beweis nehme ich aber aus dem neuen Teſta⸗ ment; dort werde ich Diabolos oder Verleumder ge⸗ nannt; da nun Diaballein ſo viel ſei als acerbe re- censere, ſo müſſe er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluß von ſelbſt ziehen können. Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Re⸗ ſpekt vor meiner Gelehrſamkeit in Sprachen und meinte ſelbſt, daß es mir auf dieſe Art nicht fehlen könne. Man wird bei Durchleſung dieſer Mittheilungen aus meinen Memoiren vielleicht nicht jenes ſyſtematiſche, ruhige Fortſchreiten der Rede finden, das den Werken tiefdenkender Geiſter ſo eigen zu ſein pflegt. Man wird kürzere und längere Bruchſtücke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden und den in⸗ nern Zuſammenhang vermiſſen. 1 T Man tadle mich nicht deßwegen; es war ja meine Abſicht nicht, ein Gemälde dieſer Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen ſoliden Buchhandlun⸗ gen Deutſchlands. Der Memoirenſchreiber hat ſeinen Zweck erreicht, wenn er ſich und ſeine Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darſtellt und darüber reflektirt; wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehung haben, wenn er berühmte Zeitgenoſſen und ſeine Verhältniſſe zu ihnen dem Ange vorführt. Und dieſe Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt zu haben, ſie ſind es wenigſtens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, die meine Kühnheit vor mir rechtfertigten, vor einem gelehrten Publikum als Schriftſteller aufzutreten.* Über Perſönlichkeit, über berühmte Abſtammung, oder glänzende Verhältniſſe hat der Teufel nichts zu ſagen. Was etwa darüber zu ſagen ſein könnte, habe ich in dem Abſchnitt„Beſuch bei Goethe“ ausgeſpro⸗ chen und verweiſe daher den Leſer dahin. Fleißige Leſer, d. i. ſolche, die Bogen für Bogen in einer Viertelſtunde durchfliegen, mögen daher doch dieſen Abſchnitt nicht überſchlagen, da er ſehr zu beſ⸗ ſerem Verſtändniß der übrigen eingerichtet iſt; ſittſa⸗ men und ordentlichen Leſern habe ich hierüber nichts zu ſagen, als, ſie ſollen das Buch weglegen, wenn ſie ſich langweilen. * Was der Satan hier ernſthaft und gelehrt ſpricht, er geberdet ſich beinahe wie ein junger Canditat der Theologie, der ſeine erſte Predigt drucken läßt. Anm. d. Herausg. 49 Ehe ſein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Meſſe zurückkommt, hat der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es ſcheint ihm näm⸗ lich, der Satan beſitze eine ziemliche Doſis Eitelkeit: man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abſchnitt ſpricht, worin er über ſich einige AÄußerungen macht; es wäre genug geweſen, wenn er nur angedeutet hätte, daß dies oder jenes darin zu finden ſei, aber dem Le⸗ ſer zu empfehlen, er möͤchte doch den Abſchnitt, in welchem jene enthalten ſind, nicht überſchlagen, iſt ſehr anmaßend. Sodann die Unordnung, in welcher er alles vor⸗ bringt! Ein anderer, wie z. B. der Herausgeber, hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufſchein, was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich iſt, doch wenig⸗ ſtens mit der Begebenheit angefangen, die der Chro⸗ nologie nach die erſte iſt. Ich habe das Manuſkript flüchtig durchblättert(zu leſen, ehe jeder Bogen hin⸗ länglich geweiht, nehme ich mich wohl in Acht) und fand, daß er mit Ereigniſſen anfängt, die der ganz neuen Zeit angehören, und nachher im bunten Gemiſche Menſchen und ihre Thaten von zehn, zwanzig Jahren auftreten läßt; man ſieht wohl, daß er keine gute Schule gehabt haben muß. Zu größerer Deutlichkeit, und daß der geneigte Leſer trotz dem Teufel wählen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangeſetzt. Der Herausgeber. 1 1 W. Hauffs Werkee VI. 50 Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Univerſität bezieht und welche Bekannt⸗ ſchaften er dort macht. Deutſchland hat mir von jeher beſonders wohl ge⸗ fallen, und ich geſtehe es, es liegt dieſem Geſtändniß ein kleiner Egoismus zu Grunde; man glaubt näm⸗ lich dort an mich wie an das Evangelium; jenen küh⸗ nen philoſophiſchen Wagehälſen, die auf die Gefahr hin, daß ich ſie zu mir nehme, meine Eriſtenz geläug⸗ net und mich zu einem lächerlichen Phantom gemacht haben, iſt es noch nicht gelungen, den glücklichen Kin⸗ derſinn dieſes Volkes zu zerſtören, in deſſen ungetrüb⸗ ter Phantaſie ich noch immer ſchwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüßen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben. Wenn andere Nationen durch die ſogenannte Auf⸗ klärung ſo weit hinaufgeſchraubt ſind, daß ſie, ich ſchweige von einem Gott, ſogar an keinen Teufel mehr glauben, ſo ſorgen hier unter dieſem Volke ſo⸗ gar meine Erbfeinde, die Theologen, dafür, daß ich im Anſehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an die Gottheit ſchreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das mir ſo ſüße Wort aus ihrem Munde gehört.„Anathema sit, er glaubt ankei⸗ nen Teufel.“ Ich kann mich daher recht ärgern, daß ich nicht ſchon früher auf den vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Univerſität zu verleben, d. 51 um dort zu ſehen, wie man mich von Semeſter zu Se⸗ meſter ſyſtematiſch traktirt. Ich konnte nebenbei noch Manches profitiren. Alle Welt iſt jetzt cioiliſirt, fein, geſittet, beleſen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es ſich, daß mir ein guter Schulſack, et⸗ was Philoſophie, alte Literatur, ja ſogar etwas Me⸗ diein fehle; zwar, als das Magnetiſiren aufkam, habe ich auch einen Curſus bei Meßmer genommen und nach⸗ her manche glückliche Cur gemacht. Aber damit iſt es heutzutage nicht gethan; daher die elenden Redensar⸗ ten, die in Deutſchland curſiren: ein dummer Teu⸗ fel, ein armer Teufel, ein unwiſſender Teufel, was offenbar auf meine vernachläſſigte wiſ⸗ ſenſchaftliche Bildung hindeuten ſoll. Es iſt noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel gefallen, aber nicht als ge⸗ lehrt; darum entſchloß ich mich, zu ſtudiren, und wo möglich es in der Philoſophie ſo weit zu bringen, daß ich ein ganz neues Syſtem erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg verſprach. Ich wählte...... en und zog im Herbſt des Jahrs 1819 daſelbſt auf. Ich hatte, wie man ſich denken kann, nicht ver⸗ ſäumt, mich meinem neuen Stande gemäß zu conſtümi⸗ ren. Mein Name war von Barbe, meine Verhält⸗ niſſe glänzend, das heißt ich brachte einen großen Wechſel mit, hatte viel baar Geld, gute Garderobe und hütete mich wohl, als Neuling oder, wie man ſagt, als Fuchs aufzutreten, ſondern ich hatte ſchon allenthalben ſtudirt, mich in der Welt umgeſehen. 52 Kein Wunder, daß ich ſchon den erſten Abend hoͤf⸗ liche Geſellſchafter, den nächſten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich über⸗ treibe; wäre ich Cavalier, ſo würde ich auf Ehre ver⸗ ſichern und„Hol mich der Teufel“ als Verſtärkungs⸗ partikel dazu ſetzen,(denn„Auf Ehre“ und„Hol mich der Teufel“ verhalten ſich zu einander, wie der Spiri⸗ tus lenis zum Spiritus aſper), in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als Satan geben. Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es be⸗ gab ſich dies aber folgendermaßen: Man kann ſich denken, daß ich nicht unvorbereitet kam; wer die deut⸗ ſchen Univerſitäten nur entfernt kennt, weiß, daß ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz verſchiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unſterblichen Herrn von Schmalz Werke über die Univerſitäten, Sands Altenſtücke, Haupt über Burſchenſchaften und Landsmannſchaften ꝛc., ward aber noch nicht recht klug daraus und merkte, daß mir noch Manches abging. Der Zufall half mir aus der Noth. Ich nahm in F. eine Retourchaiſe; mein Ge⸗ ſellſchafter war ein alter Student, der ſeit acht Jahren ſich auf die Medicin legte. Er hatte das Savoir vivre eines alten Burſchen, und ich befliß mich, in den ſechs Stunden, die ich mit ihm der Muſenſtadt zufuhr, an ihm meine Rolle zu ſtudiren. Es war ein großer wohlgewachſener Mann von vier bis fünfundzwanzig Jahren, ſein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Methode zugeſchnitten ſein, . 53 hing aber, weil der Studioſus die Koſten ſcheute, es ſcheeren zu laſſen, unordentlich um den Kopf; doch bemühte er ſich, ſolches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu friſiren. Sein Geſicht war ſchön, beſonders Naſe und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte viel Ausdruck; aber welch ſonderbaren Eindruck machte es, das Geſicht war von der Sonne rothbraun angelaufen, ein großer Bart wucherte von den Schla⸗ fen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier gerötheter Henri IV. Sein Mienenſpiel war ſchrecklich und lächerlich zu⸗ gleich, die Augenbraunen waren zuſammengezogen und bildeten düſtere Falten: das Auge blickte ſtreng und ſtolz um ſich her und maß jeden Gedanken mit einer Hoheit, einer Würde, die eines Königsſohnes würdig geweſen wäre. Ueber die untern Partieen des Geſichtes, nament⸗ lich über das Kinn konnte ich nicht recht klug werden, denn ſie ſtaken in der Cravatte. Dieſem Kleidungs⸗ ſtück ſchien der junge Mann bei weitem mehr Sorg⸗ falt gewidmet zu haben, als dem übrigen Anzug; dieſe beiläufig einen halben Schuh Höhe meſſende Binde von ſchwarzer Seide zog ſich, ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn inclusive bis auf das Bruſt⸗ bein exclusive und bildete auf dieſe Art ein feines Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; ſeine Klei⸗ dung beſtand in einem weißgelben Rock, den er Flaus, in zärtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte, und welchem er von Speiſen und Getränken mittheilte; dieſer Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne 54 über dem Knie und ſchloß ſich eng um den ganzen Leib; auf der Bruſt war er offen und zeigte, ſo viel die Cra⸗ vatte ſehen ließ, daß der Herr Studioſus mit Wäſche nicht gut verſehen ſein müſſe. Weite, wellenſchlagende Beinkleider von ſchwarzem Sammt ſchloſſen ſich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuern Sporen von polirtem Eiſen zur Folie. Auf dem Kopfe hatte der Studioſus ein Stückchen rothes Tuch in Form eines umgekehrten Blumenſcher⸗ ben gehängt, das er mit vieler Kunſt gegen den Wind zu balanciren wußte; es ſah komiſch aus, faſt, wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken wollte. Ich hatte Zacharä's unſterblichen Renomiſten zu gut ſtudirt, um nicht zu wiſſen, daß, ſobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder gebe, ſein Reſpekt vor mir auf ewig verloren ſei; ich merkte ihm daher ſeine Augenbraunenfalten, ſein ernſtes, abmeſſendes Auge, ſo viel es ging, ab und hatte die Freude, daß er mich gleich nach der erſten Stunde auffallend vor dem„Phi⸗ liſter und dem Florbeſen,“ auf deutſch, einem alten Profeſſor und ſeiner Tochter, welche unſere übrige Reiſe⸗ geſellſchaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte ich ihm ſchon geſtanden, daß ich in Kiel ſtudirt und mich ſchon einigemal mit Glück geſchlagen habe, und ehe wir nach...... en einfuhren, hatte er mir verſprochen, eine„fixe Kneipe,“ das heißt, eine anſtändige Wohnung auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu bringen. 55 Der Herr Studioſus Würger, ſo hieß mein Geſell⸗ ſchafter, ließ an einem Wirthshaus vor der Stadt an⸗ halten und lud mich ein, ſeinem Beiſpiele zu folgen und hier auf die Beſchwerden der Reiſe ein Glas zu trinken. Die ganze Fenſterreihe des Wirthshauſes war mit rothen und ſchwarzen Mützen bedeckt; es war näm⸗ lich eine gute Anzahl der Herren Studioſi hier verſam⸗ melt, um die neuen Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des Semeſters einzutreffen pflegen, nach gewohn⸗ ter Weiſe zu empfangen. Würger, der alte,„längſt bemooste“ Burſche, hatte ſich unterwegs mit dem Ge⸗ danken gekitzelt, daß ſeine Kameraden uns für„Füchſe“ halten werden, und wirklich traf ſeine Vermuthung ein. Ein Chorus von wenigſtens dreißig Bäſſen ſcholl von den Fenſtern herab; ſie ſangen ein berühmtes Lied, das anfängt: Was kommt dort von der Höh'?. Während des Geſanges entſtieg mein Gefährte majeſtä⸗ tiſch der Chaiſe, und kaum hatte er den Boden berührt, ſo erhob er ſein furchtbares Haupt und ſchrie zu den Fenſtern empor: „Was ſchlagt Ihr für einen Randal auf, Kameele! Seht Ihr nicht, daß zwei alte Häuſer aus dieſem Phi⸗ liſterkarren geſtiegen kommen?“(auf deutſch: Lärmt doch nicht ſo ſehr, meine Herren, Sie ſehen ja, daß zwei alte Studenten aus dem Wagen ſteigen.) Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Red⸗ ner;„Würger! Du altes fideles Haus lu ſchrieen die Muſenſöhne und ſtürzten die Treppen herab in ſeine Arme; die Raucher vergaßen, ihre langen Pfeifen weg⸗ 8 56 zulegen, die Billardſpieler hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von ſonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen. Doch der Edelmüthige vergaß in ſeiner Glorie auch meiner nicht, der ich beſcheiden auf der Seite ſtand, er ſtellte mich den älteſten und angeſehenſten Männern der Geſellſchaft vor, und ich wurde mit herzlichem Hand⸗ ſchlag von ihnen begrüßt. Man führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man ſetzte mich zwiſchen zwei bemooste Häuſer an den Ehrenplatz, gab mir ein großes Paßglas voll Bier, und ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling ſeine Pfeife abtreten. So war ich denn in...... en als Student einge⸗ führt, und ich geſtehe, es gefiel mir ſo übel nicht unter dieſem Völkchen. Es herrſchte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte ſich nicht in den Feſſeln der Con⸗ venienz, die gewiß dem Teufel am läſtigſten ſind, um⸗ herzuſchleppen, man ſprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, daß ich gerade im Herbſt 1819 dorthin kam, ſo wird man ſich nicht wun⸗ dern, daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Converſation zu finden wußte. Denn einmal machten mir jene Kunſtwörter(Termini technici), von welchen ich oben ſchon eine kleine Probe gegeben habe, viel zu ſchaffen! ich verwechſelte oft„Sau,“ das Glück, mit „Pech,“ was Unglück bedeutet, wie auch„holzen,“ mit einem Stock ſchlagen, mit„pauken,“ mit andern Waffen ſich ſchlagen. Aber auch etwas Anderes fiel mir ſchwer; wenn nämlich nicht von Hunden, Pankereien, Beſen vder der⸗ „— 57 gleichen geſprochen wurde, ſo fiel man hinter dem Bier⸗ glas in ungemein transcendentale Unterſuchungen, von welchen ich anfangs wenig oder gar nichts verſtand, ich merkte mir aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Converſation gezogen wurde, ſo antwortete ich mit ernſter Miene:„Freiheit, Vaterland, Deutſchthum, Volksthümlichkeit.“ Da ich nun überdies ein großer Turner war und eigentlich teufelmäßige Sprünge machen konnte, da ich mir ſogar nach und nach ein langes Haar wachſen ließ, ſolches fein ſcheitelte und kämmte, einen zierlich ausgeſchnittenen Kragen über den deutſchen Rock her⸗ auslegte, mich auch auf die Klinge nicht übel verſtand, ſo war es kein Wunder. daß ich bald ein großes Anſehen unter dieſem Volke kam. Ich benutzte dieſen Einfluß ſo viel als möglich, um die Leute nach meinen Anſichten zu leiten und zu erziehen, und ſie für die Welt zu ge⸗ winnen. Es hatte ſich nämlich unter einem großen Theil meiner Commilitonen ein gewiſſer frömmelnder Ton eingeſchlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung ſich auch nicht für junge Leute ſchickte. Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt ꝛc. dachte, an die vergnüg⸗ ten Stunden, die ich in ihrem Kreiſe zubrachte; wenn ich dieſe Leute dagegenhielt, die ihren ſchönen, hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren geſunden Verſtand, ihre nicht geringen Kenntniſſe nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzſaal, aur zu überſchwänglichen Ideen und „Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem Spott, 1 ——y—— 58 der das Leben würzt und aufregt, anwenden ſah, wenn ich ſie, ſtatt ſchönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche ſchleichen ſah, um einen ihrer orthodoxen Profeſſoren anzuhören, ſo konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken. Sobald ich daher feſten Fuß gefaßt hatte, zog ich einige luſtige Brüder an mich, lehrte ſie neue Kartenſpiele, ſang ihnen ergötzliche Lieder vor, wußte ſie durch Witz und dergleichen ſo zu unterhalten, daß ſich bald mehre anſchloſſen. Jetzt machte ich kühnere Angriffe. Ich ſtellte mich Sonntags mit meinen Geſellen vor die Kirchthüre, muſterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog dann, wenn die Schäflein innen waren, und der Küſter den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein Wirthshaus der Kirche gegenüber und bot allem auf, die Gäſte beſſer zu unterhalten, als der Doktor N. oder der Profeſſor N. in der Kirche ſeine Zuhörer. Che drei Wochen vergingen, hatte ich die größere Partie auf meiner Seite. Die Frömmeren ſchrieen von Anfang über den rohen Geiſt, der einreiße, und gaben zu bemerken, daß wir chriſtliche Burſche ſeien; aber es half nichts, meine Perſiflagen hatten ſo gute Wirkung gethan, daß ſie ſich am Ende ſelbſt ſchämten, in der Kirche geſehen zu werden, und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchthür zu ſein; aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirthshäuſer waren gefüllter als je, es wurde viel getrunken, ja es riß die Sitte ein, Wettkämpfe im Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab ſogar eigentliche Kunſt⸗ trinker! 59 Es predigte zwar Mancher gegen das einreißende Verderben, aber die Altdeutſchen tröſteten ſich damit, daß ihre„Altvordern“ auch durch Trinken excellirt haben; die Frömmſten ließen ſich große Humpen ver⸗ fertigen und zwangen und mühten ſich ſo lange, bis ſie wie Götz von Berlichingen, oder gar wie Hermann der Cherusker ſchlucken konnten. Den Feineren, Gebildete⸗ ren, war es natürlich vom Anfang auch ein Gräuel, ich verwies ſie aber auf eine Stelle bei Jean Paul; er ſagt nämlich in ſeinem unübertrefflichen Quintus Firlein: „Jeruſalem bemerkt ſchön, daß die Barbarei, die oft hart hinter dem ſchönſten bunteſten Flor der Wiſſen⸗ ſchaften aufſteigt, eine Art von ſtärkendem Schlammbad ſei, um die Überfeinerung abzuwenden; mit der jener Flor bedrohe; ich glaube, daß Einer, der erwägt, wie weit die Wiſſenſchaften bei einem Studirenden ſteigen, dem Muſenſohne ein gewiſſes barbariſches Mittelalter, das ſogenannte Burſchenleben,— gönnen werde, das ihn wieder ſo ſtählt, daß die Verfeinerung nicht über die Grenze geht.“ Wenn ein Meiſter, wie Jean Paul, dem ich hiemit für dieſe Stelle meinen herzlichen Dank öffentlich ſage, alſo ſich ausſpricht, was konnten die Kleinmeiſter und Jünger dagegen? Sie ſetzten ſich auch in die ſchwarz⸗ gerauchte Kneipe,„verſchlammten“ ſich recht tüchtig in dem„barbariſchen Mittelalter“ und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge bald überholt. 60 Siebentes Kapitel. Satan beſucht die Collegien; was er darin lernte.. Indeſſen ich auf die beſchriebene Weiſe praktiſch lebte und leben machte, vergaß ich auch das Die cur hic nicht und legte mich mit Ernſt aufs Theoretiſche. Ich hörte die Philoſophen und Theologen, und hoſpi⸗ tirte nicht unfleißig bei den Juriſten und Medieinern. Ich hatte, um zuerſt über die Philoſophen zu reden, von einem der hellſten Lichter jener Univerſität, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft ſagen hören, der Kerl hat den Teufel im Leib. Eine ſolche geheimnißvolle Tiefe, wollte man behaupten, ſolche überſchwängliche Gedanken, ſolche Gedrungenheit des Styls, eine ſo hinreißende Beredſamkeit ſei noch nicht gefunden worden in Iſrael. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem Urtheil, als ob ich in ihm geſeſſen wäre. Ich habe ſchon viel ausgeſtanden in der Welt, ich bin ſogar Ev. Matth. 8, 31 und 32 in die Säue gefahren, aber in einen ſolchen Philoſo⸗ phen?— Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben! Was der gute Mann in ſeinem ſchläfrigen, unan⸗ genehmen Ton vorbrachte, war für ſeine Zuhörer ſo gut als Franzöſich für einen Eskimo. Man mußte alles gehörig ins Deutſche überſetzen ehe man darüber ins Klare kam, daß er ebenſowenig fliegen könne, wie ein anderer Menſch auch. Er aber machte ſich groß, weil 61 er aus ſeinen Schlüſſen ſich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und ſolche mit myſtiſchem Firniß angepinſelt hatte. Auf dieſer kletterte er nun zum blauen Ather hinan, verſprach aus ſeiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geſchaut habe, er ſtieg und ſtieg, bis er den Kopf durch die Wolken ſtieß, blickte hinein in das reine Blau des Himmels, das ſich auf dem grünen Grasbo⸗ den noch viel hübſcher ausnimmt als oben, und ſah, wie Sancho Panſa, als er auf dem hölzernen Pferd zur Sonne ritt, unter ſich die Erde ſo groß wie ein Senf⸗ korn und die Menſchen wie Mücken, über ſich— nichts. Sie kommen mir vor, die guten Leute dieſer Art, wie die Männer von Babel, die einen großen Leucht⸗ thurm bauen wollten für alles Volk, damit ſich keiner verlaufe in der Wüſte, und ſiehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, daß weder Meiſter noch Geſellen einan⸗ der mehr verſtanden. Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philo⸗ ſophen; er las über die Logik und dedueirte Jahr ein Jahr aus, daß zweimal zwei vier ſei, und die Herren Studioſi ſchrieben ganze Stöße von Heften, daß zwei⸗ mal zwei vier ſei. Dieſer Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte ſeinem Ziele mit größerer Gelaſſenheit zu, als ſeine illuſtern Collegen, die, wenn ein Anderer ihr Gewäſche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt ausſandten. Ich geſtehe redlich, der Teufel amüſirt ſich ſchlecht bei ſo bewandten Dingen. Ich ſchlug den Weg zu einem andern Hörſaal ein, wo man über die Seele des Men⸗ 62 ſchen docirte. Gerechter Himmel! Wenn ich ſo viel Umſtände machen müßte, um eine lüderliche Seele in mein Fegfeuer zu deduciren! Der Menſch auf dem Ka⸗ theder malte die Seele auf eine große ſchwarze Tafel, und ſagte:„So iſt ſie, meine Herren!“ Damit war er aber nicht zufrieden, er behauptete, ſie ſitze oben in der Zürbeldrüſe. Ich quittirte die Philoſophen und beſuchte die Theo⸗ logen. Um meine Leute näher kennen zu lernen, beſchloß ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Viſite abzuſtatten. Ich kleidete mich ganz ſchwarz, daß ich ein ziemlich theologiſches Air hatte, und trat meinen Marſch an. Man hatte mir vorhergeſagt, ich ſollte keinen zu voreiligen Schluß auf den reinen und frommen Charakter dieſer Männer machen, ſie ſeien etwas nach dem altteſtamentariſchen Coſtüm, vernach⸗ läſſigen äußere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkiſche. Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des erſten Theologen. Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob ſich ein dicker ältlicher Mann in einem großgeblümten Schlafrock, eine ganz ſchwarze Meer⸗ ſchaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf und ſah mich dann ungeduldig und fra⸗ gend an. Ich ſetzte ihm auseinander, wie mich die Phi⸗ loſophie gar nicht befriedige, und daß ich geſonnen ſei, einige theologiſchen Collegien zu beſuchen. Er murmelte einige unverſtändliche, aber wie es ſchien, gelehrte Be⸗ merkungen, verzog beifällig lächelnd den Mund und ſchritt im Zimmer auf und ab. 63 Ich ſetzte die Einladung, ihn auf ſeinem Spazier⸗ gang zu begleiten, voraus und ſchritt in eben ſo gravi⸗ tätiſchen Schritten neben ihm her, indem ich aufmerkſam lauſchte, was ſein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hie und da noch etwas Weniges, ſprach aber kein Wort weiter, wenigſtens ver⸗ ſtand ich nichts als die Worte:„Pfeife rauchen 2“ ich merkte, daß er mir höflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu ſchlechte Nummer. Ich habe mir ſchon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit zu gerathen, ſonſt hätte dieſes abſurde Schweigen des Profeſſors mich gänzlich außer Faſſung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zählte die Schritte, die ſein Zimmer in der Länge maß. Nachdem ich das alte Ameublement, die verſchiedenen Kleider und Wäſcherudera, die auf den Stühlen umherlagen, das wunderliche Chaos ſeines Arbeitstiſches gemuſtert hatte, wagte ich meine prüfenden Blicke an den Profeſ⸗ ſor ſelbſt. Sein Ausſehen war höchſt ſonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze, die geſtrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an dem Ellenbogen zerriſſen und hatte verſchiedene Löcher, die durch Unvorſichtigkeit hineinge⸗ brannt ſchienen. Das eine Bein war mit einem ſchwarz⸗ ſeidenen Strumpf, und der Fuß mit einem Schnallenſchuh bekleidet, das andere ſtak in einem weiten, abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halb entblößte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich noch während des unbe⸗ 64 greiflichen Stillſchweigens des Theologen meine Bemer⸗ kungen weiter fortſetzen konnte, wurde die Thüre auf⸗ geriſſen, eine große, dürre Frau, mit der Röthe des Zorns auf den ſchmalen Wangen, ſtürzte herein. „Nein, das iſt doch zu arg, Blaſius!“ ſchrie ſie, „der Küſter iſt da und ſucht Dich zum Abendmahl. Der Dekan ſteht ſchon vor dem Altar, und Du ſieckſt noch im Schlafrock!“ „Weiß Gott, meine Liebe,“ antwortete der Doktor gelaſſen,„das habe ich häßlich vergeſſen! Doch ſieh, einen Fuß hatte ich ſchon zum Dienſte des Herrn gerü⸗ ſtet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus weidlich ſchlagen muß.“ Ohne darauf zu achten, daß er ſich beinahe der letzten Hülle beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock her⸗ unterreißen, um auch ſein übriges Kadaver zum Dienſt des Herrn zu ſchmücken. Sein Eheweib aber ſtellte ſich mit einer ſchnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander, daß vom Profeſſor nichts mehr ſichtbar war. „Sie verzeihen, Herr Kandidat,“ ſprach ſie, ihre Wuth kaum unterdrückend.„Er iſt ſo im Amtseifer, daß Sie ihn entſchuldigen werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnügen. Er mußjetzt in die Kirche.“ Ich ging ſchweigend nach meinem Hut und ließ den Ehemann unter den Händen ſeiner liebenswürdigen Pantippe.„Ein ſchöner Anfang in der Theologie!“ dachte ich, und die Luſt, die übrigen geiſtlichen Männer zu beſuchen, war mir gänzlich vergangen. Doch beſchloß ich, einige Vorleſungen mit anzuhören, was ich auch den Tag nachher ausführte. 65 Man denke ſich einen weiten, niedrigen Saal, voll⸗ gepropft mit jungen Leuten in den abenteuerlichſten Geſtalten. Mützen von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze emporſteigende Haare, Bärte, an welchen ſich ein Sapeur der alten Garde nicht hätte ſchämen dürfen, und kleine zierliche Stutzbärtchen, ga⸗ lante Fräcke und hohe Cravatten, neben deutſchen Rö⸗ cken und ellenbreiten Hemdkrägen. So ſaßen die jungen geiſtlichen Herren im Collegium. Vor ſich hatte jeder eine Mappe, einen Stoß Papier, Dinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich ad notam zu nehmen. „O Platon und Sokrates!“ dacht ich,„hätten Eure Studioſen und Akademiker nachgeſchrieben, wie man⸗ ches Wort tiefer, heiliger Weisheit wäre nicht umſonſt verrauſcht; wie majeſtätiſch müßten ſich die Folianten von Socratis opera in mancher Bibliothek ausneh⸗ men!“— Jetzt wurden alle Häupter entblößt. Eine kurze, dicke Geſtalt drängte ſich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der Doktor Schnat⸗ terer, den ich geſtern beſucht hatte. Mit Wonnegefühl ſchien er die Verſammlung zu überſchauen, huſtete dann etwas Weniges und begann: 3 „Hochachtbare, Hochanſehnliche!“(damit meinte er die, welche ſechs Thaler Honorar zahlten.) „Werthgeſchätzte!“(die, welche das gewöhnliche Honorar zahlten.) „Meine Herren!“(das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armuth gar nichts entrichteten.) Und nun hob er ſeinen Sermon an, die Federn raſſelten, „S. Hauffs Werke, VI. 5 66 das Papier knirſchte, er aber ſchaute herab wie der Mond aus Regenwolken. Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit dieſe Vorle⸗ ſungen beſuchen können, denn der Doktor behandelte gerade den Abſchnitt De angelis malis, worin ich vor⸗ züglich traktirt zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er ließ mich nicht lange warten:„Der Teufel,“ ſagte er, vüberredete die erſten Menſchen zur Sünde und iſt noch immer gegen das ganze Menſchengeſchlecht feind⸗ lich geſinnt.“ Nach dieſem Satz hoffte ich nun eine philoſophiſche Würdigung dieſes Teufelglaubens zu hören; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem erſten Wort Teufel ſtehen, und daß mich die Juden Beelzebub ge⸗ heißen hätten. Mit einem Aufwand von Gelehrſamkeit, wie ich ſie hinter dem armen Schlafrock nicht geſucht hätte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertel⸗ ſtunden lang hin und her. Er behauptete, die Einen erklären, es bedeute einen Fliegenmeiſter, der die Mücken aus dem Lande treiben ſolle, Andere nehmen das Sep⸗ hub nicht von den Mücken, ſondern als Anklage, wie die Chaldäer und Syrier. Andere erklären Sephul als Grab, Sepulerum. Die Federn ſchwirrten und flogen: ſo tiefe Gelehrſamkeit hört man nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle drei Vier⸗ telſtunden verwendet, denn dieCitaten aus heiligen und profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spaß gemacht, die Dogmatik auf ſolche Weiſe getrieben und namentlich den Satan ſo gründlich anatomirt zu ſehen. Aber endlich machte es mir doch Langeweile, und ich wollte ſchon meinen Platz — 67 verlaſſen, um dem unendlichen Gewäſch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus, die Schnupf⸗ tücher wurden gebraucht, die Füße wurden in eine an⸗ dere Lage gebracht, die Federn ausgeſpritzt und neu beſchnitten— alles deutete darauf hin, daß jetzt ein Hauptſchlag geſchehen werde.. Und es war ſo. Der große Theologe, nachdem er die Meinungen Anderer aufgeführt und gehörig gewür⸗ digt hatte, begann jetzt mit Salbung und Würde ſeine eigene Meinung zu entwickeln. Er ſagte, daß alle dieſe Erklärungen nichts taugen, indem ſie keinen paſſenden Sinn geben. Er wiſſe eine ganz andere und glaube ſich in dieſem Stück noch über Michaelis und Döoͤderlein ſtellen zu dürfen. Er leſe nämlich Saephael, und das bedeute Koth, Miſt und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wäre alſo hier der Herr im Dreck, der Unreinliche, to pneuma akatharton, der Stinker genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erſcheinungen des Satans ein gewiſſer unanſtändiger Geruch verbunden ſei. Ich traute meinen Ohren kaum. Eine ſolche Sottiſe war mir noch nie vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem nämlichen Mittel zu bedienen, das einſt Doktor Luther, welcher gar keinen Spaß verſtand, an mir probirte, ihm nämlich das nächſte beſte Dintenfaß an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch beſſer an ihm rächen könnte, ich bezähmte meinen Zorn und ſchob meine Rache auf. Der Doktor aber ſchlug im Bewußtſein ſeiner Würde das Heft zu, ſtand auf, bückte ſich nach allen Seiten 68 und ſchritt nach der Thüre. Die tiefe Stille, welche im Saal geherrſcht hatte, löste ſich in ein dumpfes Gemur⸗ mel des Beifalls auf. „Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der tiefſten Gelehrſamkeit!“ murmelten die Schüler des großen Exegeten. Emſig verglichen ſie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wörtchen von ſeinen ſchlagenden Beweiſen von ſeinen kühnen Behauptungen entgangen ſei. Und wie glücklich waren ſie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn ſie hoffen durften, ein dickes, reinliches, vollſtändiges Heft zu kommen. Sobald ſie aber die theuren Blätter in den Mappen hatten, waren ſie die Alten wieder. Man ſtopfte ſich die ellenlangen Pfeifen, man ſetzte die Miütze kühn auf das Ohr, zog ſingend oder den großen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den Jünglingen, die im Sturmſchritt dem nächſten Bierhaus zuzogen, angeſehen, daß ſie die Stamm⸗ halter der Orthoxie ſeien und recta viva von der jüng⸗ ſten Conjectur des großen Dogmatikers herkommen? So ſchloß ſich mein erſter theologiſcher Unterricht, ich war, wenn nicht an Weisheit und Einſicht, doch um einen Begriff meiner ſelbſt, an den ich nie gedacht hätte, reicher geworden. Ich ſchwor mir ſelbſt mit den heiligſten Schwüren, keinen Theologen dieſer finſtern Schule mehr zu hoͤren. Denn, wenn der Oberſte unter ihnen ſolche graſſe Be⸗ griffe zu Markt brachte, was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der orthodoren Saephael⸗ oder Dr— ck⸗ Seele hatte ich Rache geſchworen, und ich war Manns genug dazu, ſie auszuführen... 8 69 Achtes Kapitel. Der Satan bekömmt Händel und ſchlägt ſich, Folgen davon. Indeſſen ereignete ſich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen darf, weil es als ein Commentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte ſchon ſeit einiger Zeit fleißig die Anatomie beſucht, um auch die Ärzte kennen zu lernen. Da geſchah es eines Tages: daß ich mit mehren Freunden um ein Kadaver beſchäftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des Hirns, des Herzens ꝛc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unſterblichkeit darzuthun ſuchte. Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme:„Pfui Teufel! wie riecht's hier!“ Ich wandte mich raſch um und erblickte einen jun⸗ gen Theologen, der mich ſchon in jener dogmatiſchen Vorleſung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unſinnige Conjectur des Profeſſors nie⸗ derſchrieb, gegen ſich aufgebracht hate. Als ich nun dieſe Außerung„Pfui Teufel, wie riecht's hier!“ die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den„Herrn im Koth“ bezog, hörte, ſagte ich ihm ziemlich ſtark, daß ich mir ſolche Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte. Nach dem uralten heiligen Geſetzbuche der Burſchen, das man Comment heißt, war dies eine Beſchimpfung, die nur mit Blut abgewaſchen werden konnte. Der Theologe, ein tüchtiger Raufer, ließ mich daher am 70 andern Tage ſogleich fordern. Ein ſolcher Spaß war mir erwünſcht, denn wer ſein Anſehen unter ſeinen Commilitonen behaupten wollte, mußte ſich damals geſchlagen haben, obgleich das Duell an ſich von mei⸗ nen Freunden als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches angeſehen wurde. Ich hatte meinen Gegner beſtimmen laſſen, die Sache in einem Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien er⸗ ſchienen zur beſtimmten Zeit an Ort und Stelle. Feierlich wurde jeder Einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm ausgezogen, und der„Paukwichs,“ das heißt, die Rüſtung in welcher das Duell vor ſich gehen ſollte, angelegt. Dieſe Rüſtung oder der Pauk⸗ Wichs beſtand in einem Hut mit breiter Krämpe, die dem Geſicht hinlänglichen Schutz verlieh, einer unge⸗ heuren, fußbreiten Binde, die über den Bauch geſchnallt wurde. Sie war von Leder, gepolſtert mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte, ausgeſchmückt. Eine ungehenre Cravatte, wogegen Herrn Studioſus Würgers ein Groſchenſtück war, ſtand ſteif um die Ge⸗ gend des Halſes und ſchützte Kinn, Kehle, einen Theil der Schultern und den obern Theil der Bruſt. Den Arm, vom Ellenbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten ſeidenen Strümpfen verfertigtes Rüſtzeug, Hand⸗ ſchuh genannt. Ich geſtehe, die Figur, in dieſe ſonder⸗ bare Rüſtung gepreßt, nahm ſich komiſch genug aus. Doch gewährte ſie große Sicherheit, denn nur ein Theil des Geſichtes, der Oberarm und ein Theil der Bruſt war für die Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im 7¹ Spiegelmeinen ſonderbaren Habit betrachtete.„Der Sa⸗ tan in einem ſolchen Aufzuge und im Begriff, ſich wegen des ſchlechten Geruchs auf der Anatomie zu ſchlagen!“ Meine Genoſſen aber nahmen dieſes Lachen für einen Ausbruch der Kühnheit und des Muths, gedachten, es ſei gerade jetzt der rechte Augenblick gekommen, und führten mich in einen großen Saal, wo man mit Kreide die gegenſeitige feindliche Stellung auf dem Boden markirt hatte. Ein Fuchs rechnete es ſich zur hohen Ehre, mir den Schläger voran tragen zu dürfen, wie 88 den alten Kaiſern Schwert und Scepter vorantrug. ener war eine aus polirtem Stahl ſchön gearbeitete Waffe mit großem ſchützendem Korb, und ſcharf ge⸗ ſchliffen wie ein Scheermeſſer. „Wir ſtanden endlich einander gegenüber. Der Theo⸗ loge machte ein grimmiges Geſicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem Vorſatz beſtärkte, ihn tüchtig zu zeichnen. Wir legten uns nach alter Fechterweiſe aus, die Klingen waren gebunden, die Sekundanten ſchrien: „Los!“ und unſere Schläger ſchwirrten in der Luft und fielen raſſelnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meiſtens parirend gegen die wirklich ſchönen und mit großer Kunſt ausgeführten Angriffe des Gegners. Denn mein Ruhm war größer, wenn ich mich von Anfang nur ver⸗ theidigte, und erſt im vierten, fünften Gang ihm eine Schlappe gab. Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie ſo kühu und ſchnell angreifen, noch nie mit ſo vieler Ruhe und Kaliblütigkeit ſich vertheidigen 72 ſehen. Meine Fechtkunſt wurde von den älteſten„Häu⸗ ſern“ bis in den Himmel erhoben und man war nun geſpannt und begierig, bis ich ſelbſt angreifen würde. Doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern. Vier Gänge waren vorüber, ohne daß irgendwo ein Hieb blutig geweſen wäre. Ehe ich zum fünften aufmarſchirte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen wolle. Dieſer mochte es mir anſehen, daß ich jetzt ſelbſt angreifen werde, er legte ſich ſo gedeckt als möglich aus und hütete ſich, ſelbſt einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, ſchlug dann einige regel⸗ mäßige Hiebe, und klapp! ſaß ihm mein Schläger in der Wange.. Der gute Theologe wußte nicht, wie ihm geſchah, mein Sekundant und Zeuge ſprangen mit einem Zoll⸗ ſtab hinzu, maßen die Wunde und ſagten mit feierlicher Stimme:„Es iſt mehr als ein Zoll, klafft und blutet, alſo Anſch— ß.“ Das hieß ſo viel als: Weil ich dem guten Jungen ein Zoll langes Loch ins Fleiſch gemacht hatte, war ſeiner Ehre genug geſchehen.. Jetzt ſtürzten meine Freunde herzu, die Alteſten faßten meine Hände, die Jüngeren betrachteten ehr⸗ furchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der Geſchichte einzige und unerhörte That geſchehen war. Denn wer, ſeit des großen Renomiſten Zeiten, durfte ſich rühmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit ſo vieler Genauigkeit getroffen zu haben? 7³ Ernſten Blickes trat der Sekundant meines Geg⸗ ners herein und bot mir in deſſen Namen Verſöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden ſeine Wunde zunähte, und ver⸗ ſöhnte mich mit ihm. „Ich bin Ihnen Dank ſchuldig,“ ſagte er zu mir, „daß Sie mich ſo gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen, Theologie zu ſtudi⸗ ren. Mein Vater iſt Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chor⸗ rock ſehen mochte. Sie haben mit einemmal ent⸗ ſchieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund, darf ich keine Kanzel mehr beſteigen.“ Die Burſchen ſahen theilnehmend auf den wackern Theolgen, der wohl mit geheimer Wehmuth an den Schmerz des alten Paſtors, an den Jammer der from⸗ men Mama denken mochte, wenn die Nachricht von dieſem Unfall anlangte. Ich aber hielt es für das größte Glück des Jünglings, durch eine ſo kurze Ope⸗ ration der Welt wieder geſchenkt zu ſein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er geſtand offen, daß der Stand eines Cavalleriſten oder eines Schau⸗ ſpielers ihn von jeher am meiſten angezogen hätte. Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für die⸗ ſen vernünftigen Gedanken, denn gerade unter dieſen beiden Ständen zähle ich die meiſten Freunde und An⸗ hänger. Ich rieth ihm daher aufs Ernſtlichſte, dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die beſten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzüglichſten Bühnen verſprach. 74 Dem ganzen Perſonale aber, das dem merkwürdi⸗ gen Duell angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmauß, wobei auch mein Gegner und ſeine Geſellen nicht vergeſſen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille ſeine Schulden und ver⸗ ſah ihn, als er geneſen war, mit Geld und Briefen, die ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn eröffneten. Meine geheime Wohlthätigkeit war ſo wenig, als der glänzende Ausgang meiner Affaire ein Geheimniß geblieben. Man ſah mich von jetzt wie ein höheres Weſen an, und ich kannte eine junge Dame, die ſogar über meine großmüthigen Sentiments Thränen vergoß. Die Medieiner aber ließen mir durch eine Depu⸗ tation einen prachtvollen Schläger überreichen, weil ich mich, wie ſie ſich ausdrückten:„Für den guten Geruch ihrer Anatomie geſchlagen habe.“ Die Welt bleibt unter allen Geſtalten die nämliche, die ſie von Anfang war. Dem Böſen, ſelbſt dem Un⸗ vernünftigen huldigt ſie gerne, wenn es ſich nur in ei⸗ nem glänzendem Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen Manieren und ihrem unge⸗ ſchliffenen, rohen Ausſehen wird höchſtens Achtung, niemals Beifall erlangen. Neuntes Kapitel. Satans Rache am Doktor Schnatterer. Als ich ſah, wie weit die Philoſophie und Theo⸗ logie in...... en hinter meinen Vorſtellungen, die ich 7⁵ mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Aeſthetik, Rhetorik, namentlich aber auf die ſchöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf dieſe Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich beſuchte ja jene berühmte Schule nicht, um ein Brod⸗ ſtudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib und Kind ernähren könnte. ſondern das Dic cur hic, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, ſagte mir immer, ich ſolle ſuchen, von jeder Wiſſenſchaft einen kleinen Hieb zu bekommen; mich aber ſo ſehr als möglich in jenen Künſten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Mann von Bildung unentbehrlich ſind. Bei Gelegenheit, eine Stelle aus einem Dichter zu eitiren, über die Schönheit eines Gemäldes kunſtgerecht mitzuſprechen, eine Statue nach allen Regeln für er⸗ bärmlich zu erklären, für die Männer einige theolo⸗ giſche Literatur, einige juridiſche Phraſen, einige neue mediciniſche Entdeckungen, einige exorbitante philo⸗ ſophiſche Behauptungen in petto zu haben, hielt ich für unumgänglich nothwendig, um mich mit Anſtand in der modernen Welt bewegen zu können, und ohne mir ſelbſt ein Compliment machen zu wollen, darf ich ſagen, ich habe in den paar Monaten in...... en hin⸗ länglich gelernt. Ich habe mir nach dem Beiſpiel meiner großen Vor⸗ bilder im Memoirenſchreiben vorgenommen, auch die geringfügigſten Ereigniſſe aufzuführen, wenn ſie lehr⸗ reich oder merkwürdig ſind, wenn ſie Stoff zum Nach⸗ denken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher 76 nicht verſäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzählen. Beſagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag Nachmittags mit mehren andern Profeſſoren in ein Wirthshaus ein halbes Stündchen vor der Stadt zu ſpazieren. Dort pflegte man, um die ſteifgeſeſſenen Glieder wieder auszurenken, Kegel zu ſchieben und al⸗ lerlei ſonſtigen Kurzweil zu treiben, wie es ſich für ehrbare Männer geziemt; man ſpielte wohl auch bei verſchloſſenen Thüren ein Whiſtchen oder Piquet und trank manchmal ein Gläschen über Durſt, was wenig⸗ ſtens die böſe Welt daraus erſehen wollte, daß ſich die Herren Abends in der Chaiſe des Wirthes zur Stadt bringen ließen. Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lang vor Sonnenuntergang heimzukehren, man ſagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Friſt erlaubt hatte: er ging dann bedächtlichen Schrittes ſeinen Weg, vermied aber die breite Chauſſee und ſchlug den Wie⸗ ſenpfad ein, der dreißig Schritte ſeitwärts neben je⸗ ner hinlief; der Grund war, weil der breite Weg am ſchönen Sonntag Abend mit Fußgängern beſäet war, der Doktor aber die höhere Röthe ſeines Geſichts und den etwas unſichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte. So erklärten ſich die Böſen den einſamen Gang Schnatterers; die Frommen aber blieben ſtehen, ſchau⸗ ten ihm nach und ſprachen:„Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottloſen, der fromme Herr 77 Doktor, ſondern den ſchmalen Pfad, welcher zum Leben führt.“ Auf dieſe Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich paßte ihm an einem ſchönen Sonntag Abend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirthshaus. Mit demüthigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf ſeinem Heimweg be⸗ gleiten dürfe, der Abend ſcheine mir in ſeiner gelehrten Nähe noch einmal ſo ſchön. Der Herr Doktor ſchien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich meinen Arm in den ſeinigen und begann mit mir über die Tiefen der Wiſſenſchaften zu peroriren. Aber ich ſchlug ſein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studioſus neben ihm zu gehen ſchien, verwandelte ich meine Geſtalt und er⸗ ſchien den verwunderten Blicken der Spaziergänger als die ſchöne Luiſel, die berüchtigſte Dirne der Stadt. — Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den ſpa⸗ zierengehenden Chriſten auf dem breiten Wege gewan⸗ delt wäre; Welch herrliche Originale für frommen Un⸗ willen, ſtarres Erſtaunen, hämiſche Schadenfreude hätte er in ſein Skizzenbuch niederlegen können! Die Vorderſten blieben ſtehen, als ſie das ſeltſame Paar auf dem Wieſenpfad wandeln ſahen, ſie kehrten um, uns zu folgen, und riſſen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte ſich uns die erſtaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das un⸗ glaubliche Gerücht:„Der Doktor Schnatterer mit der ſchönen Luiſel!“ von Mund zu Mund der Stadt zu. „Wehe dem, durch den Ärgerniß kommt!“ riefen die Frommen.„Hat man das je erlebt von einem chriſtlichen Prediger?“ 3„Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrſamen ge⸗ ſucht?“ ſprachen mit Achſelzucken die Halbfrommen. „Wenn der Skandal nur nicht auf öffentlicher Pro⸗ menade—!“ „Der Herr Doktor machen ſich's bequem!“ lachten die Weltkinder,„er predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde ſpazieren.“ So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und „Doktor Schnatterer“ und„ſchön Luiſel“ war das Feldgeſchrei und die Parole für dieſen Abend und manchen folgenden Tag. An einer Krümmung des Wegs machte ich mich unbemerkt aus dem Staube und ſchloß mich als Stu⸗ dioſus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftiſchten. Der gute Doktor aber zog ruhig ſeines Weges, bemerkte, in ſeine tiefen Medi⸗ tationen verſenkt, nicht das Drängen der Menge, die ſich um ſeinen Anblick ſchlug, nicht das wiehernde Ge⸗ lächter, das ſeinen Schritten folgte. Es war zu er⸗ warten, daß einige fromme Weiber ſeiner zärtlichen Ehehälfte die Geſchichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatſchen, welches man hie und da vernahm, war 79 viel zu volltönend, als daß man hätte denken koͤnnen, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem Munde berührt. Wie ich mir aber dachte, ſo geſchah es. Nach einer halben Stunde ſchickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch aufge⸗ laufenen Wangen, niedergeſchlagen in einem Lehnſtuhl ſitzend. Die Frau ſchritt auf mich zu und ſchrie, indem ſie die Augen auf den Doktor hinüberblitzen ließ:„Die⸗ ſer Menſch dort behauptet, heute Abend mit Ihnen vom Wirthshaus hereingegangen zu ſein; ſagen Sie, ob es wahr iſt, ſagen Sie!“ Ich bückte mich geziemend und verſicherte, daß ich mir habe nie träumen laſſen, die Ehre zu genießen; ich ſei den ganzen Abend zu Haus geweſen. Wie vom Donner gerührt, ſprang der Doktor auf, der Schrecken ſchien ſeine Zunge gelähmt zu haben: „Zu Haus geweſen? lallte er.„Nicht mit mir gegan⸗ gen? O mit wen ſoll ich denn gegangen ſein, als mit Ihnen, Wertheſter?“ „Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen ſind?“ gab ich lächelnd zur Antwort.„Mit mir auf keinen Fall!“ „Ach, Sie ſind nur zu nobel, Herr Studioſus,“ heulte die wüthende Frau,„was ſollten Sie nicht wiſſen, was die ganze Stadt weiß; der alte Sünder der Schan⸗ denmenſch! Man weiß ſeine Schliche wohl: mit der ſchönen Luiſel hat er charmuzirt!“ Das hat mir der böſe Feind angethan,“ raste der 8⁰ Doktor und rannte im Zimmer umher:„der Böſe, der Beelzebub, nach meiner Conjectur der Stinker.“ „Der Rauſch hat Dir's angethan, Du Lump,“ ſchrie die Zärtliche, riß ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber ſchlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:„Dem Doktor iſt ganz recht geſchehen: man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen, ſonſt kömmt er.“ Der Doktor Schnatterer wurde von da an in ſeinen Collegien ausgepocht und konnte ſelbſt mit den kühnſten Conjecturen den Eifer nicht mehr erwecken, der vor ſei⸗ ner Fatalität unter der ſtudirenden Jugend geherrſcht hat. Die Collegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Profeſſorin als allgemeinen Maßſtab angenommen hatte, und der Profeſſor lebte daher in ewigem Hader mit der Unverſöhnlichen. Die⸗ ſem hatte, ſo zu ſagen, der Teufel ein Ei in die Wirthſchaft gelegt. Behntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er ver⸗ läßt die Univerſität. Um dieſe Zeit hörte man in Deutſchland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Unterſu⸗ chungen. Man lachte darüber, weil es ſchien, man be⸗ trachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angſt und böſes Gewiſſen vorhielten. Uebrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer geweſen 81 ſein; ſelbſt in dem ſonſt ſo ruhigen...... en ſpukte es in manchen Köpfen ſeltſam. Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den Bur⸗ ſchen umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, ſo drängte ſich von ſelbſt die Bemerkung auf, daß viele unter ihnen von etwas Anderem angeregt ſeien, als gerade von dem nächſten Zweck ihres Brodſtudiums; wie Einige großes Intereſſe daran fanden, ſich Mor⸗ gens mit ihren Gläubigern und deren Noten(Philiſter mit Pumpregiſtern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn ſchöne Künſte zu lehren, ſodann Fen⸗ ſterparade vor ihren Schönen zu machen u. ſ. w., ſo hatten ſich Andere, und zwar kein geringer Theil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich ſie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür geſorgt, daß die Herren ſich nicht gar zu ſehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnißvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte. Beſonders aber äußerte ſich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da ſprach man viel von Volksbil⸗ dung, von frommer deutſcher Art, manche ſprudelten auch über und ſchrien von der Noth des Vaterlandes, von— doch das iſt jetzt gleichgültig, von was geſprochen wurde, es genügt zu ſagen, daß es ſchien, als hätte eine große Idee viel Herzen ergriffen, ſie zu einem Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an ſich nicht übel; ſollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, ſo war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher W. Hauffs Werke, VI. 6 N 8² mein Element; nur ſollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anſtrich haben. Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Ge⸗ wandtheit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die ſich eine Eleganz des Styls, eine Leich⸗ tigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie ſie in den diplomatiſchen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit ſo viel Anſtand ausgeführt wird; aber die meiſten waren in ein phantaſtiſches Dunkel gerathen, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen ſei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chavs der jetzigen Zeit ſo in einander geknetet, daß kein Theſeus ſich aus dieſen Labyrinthen herausgefunden hätte. Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Kori⸗ phäen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas an⸗ vertraut hätte; ich zeigte Verſtand, Weltbildung, Geld und große Connexionen— Eigenſchaften, die nicht zu verachten ſind, und die man immer ins Mittel zu ziehen ſucht. Aber immer, wenn ſie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimniſſes vor meinen Augen auf⸗ zuſchließen, ſchien ſie, ich weiß nicht was, zurückzu⸗ halten; ſie behaupteten, ich habe kein Gemüth, denn dieſes edle Seelenvermögen ſchienen ſie als Probirſtein zu gebrauchen. Mochte ich aber ausſehen wie ein verkappter Jako⸗ biner, mochte ich durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magniſicenz gefangen. Der Univer⸗ 8³ ſitätsſekretär folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu verſiegeln, und gab mir zu verſtehen, daß ich als Demagoge verhaftet ſei. Man gab mir ein anſtändiges Zimmer im Univerſi⸗ tätsgebäude, ſorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rath beiſammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über meine politiſchen Ver⸗ brechen vernommen zu werden. Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Mag⸗ nificus, ein Mediziner, und der Univerſitätsſekretär ſaßen um einen grünbehängten Tiſch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrſchte, die ſteife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nöthigten mir unwillkürlich ein Lächeln ab. Magniſicus zeigte auf einen Stuhl, ihm gegenüber, am Ende der Tafel, Delinquent ſetzte ſich, Magnificus winkte wieder und der Pedell trat ab. Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll zurecht und ſchneidet Federn; ein alter Profeſſor läßt ſeine ungeheure Doſe herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Priſe, bedächtlich und mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächſter Nachbar, ſchnupft und präſentirt mir die Doſe, läßt aber das theure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifiei erſchreckt, mit polterndem Geräuſch zu Boden fallen. „Alle Hagel, Herr Doktor,“ ſchrie der alte Pro⸗ feſſor, alle Achtung bei Seite ſetzend. „O Jerum,“ ächzte der Sekretär und warf das Federmeſſer weg, denn er hatte ſich aus Schrecken in den Finger geſchnitten. „Bitte unterthänigſt!“ ſtammelte der erſchrockene Doktor Saper. Dieſe Alle ſprachen auf einmal durcheinander, und der Letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierſcheere, die er in der Eile ergriffen hatte, den verſchütteten Tabak aufſchaufeln. Magnifieus aber ergriff die große Glocke und ſchellte dreimal; der Pedell trat eilig und beſtürzt herein und fragte, was zu Befehl ſei, und Magnificus mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber ſprach: „Laſſen Sie es gut ſein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieſer Sitzung einiges Tabaks benothigt ſein werden, glaube ich dafür ſtimmen zu müſſen, daß friſcher ad locum gebracht werde.“ Doktor Saper zog ſchnell ſein Veutelein, reichte dem Pedell einige Groſchen und befahl ihm, eilends drei Loth Schnupftabak zu bringen. Dieſer enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Univerſität verſammelt, denn meine Verhaf⸗ tung war ſchnell bekannt geworden, und Alles drängte ſich zu, um das Nähere zu erfahren. Man kann ſich daher die Spannung der Gemüther denken, als man den Pedell aus der Thüre ſtürzen ſah. Die Vorderſten hielten ihn feſt und fragten und drängten ihn, wohin er ſo eilig verſendet werde, und kaum konnte man ſich in ſeine Betheurung finden, daß er eilends drei Loth Schnupftabak holen müſſe. Aber im Saal war nach der Entfernung des Götter⸗ 8⁵ boten die vorige, anſtändige Stille eingetreten. Mag⸗ nificus faßte mich mit einem Blick voll Hoheit und be⸗ gann: „Es iſt uns von einer höchſtpreislichen Central⸗ Unterſuchungscommiſſion der Auftrag zugekommen, auf gewiſſe geheime Umtriebe und Verbindungen, ſo ſich auf unſerer Univerſität ſeit einiger Zeit entſponnen haben ſollen, unſer Augenmerk zu richten. Wir ſind nun nach reiflicher Prüfung der Umſtände, vollkommen darüber einverſtanden, daß Sie, Herr von Barbe, ſich höchſt verdächtig gemacht haben, ſolche Verhältniſſe unter unſerer akademiſchen Jugend dahier herbeigeführt und angeſponnen zu haben. Hm! Was ſagen Sie dazu, Herr von Barbe?“ „Was ich dazu ſage? Bis jetzt noch nichts, ich er⸗ warte geziemend die Beweiſe, die mein Leben und Be⸗ tragen einer ſolchen Beſchuldigung verdächtig machen.“ „Die Beweiſe?“ antwortete erſtaunt der Rektor, „Sie verlangen Beweiſe? Iſt das der Reſpekt vor einem akademiſchen Senate? Man führe ſelbſt den Be⸗ weis, daß man nicht im ſträflichen Verdacht der Dema⸗ gogie iſt.“ „Mit gütiger Erlaubniß, Euer Magnificenz,“ ent⸗ gegnete der Dekan der Juriſten,„Inquiſit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt iſt, in alle Wege ver⸗ langen, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.“ Dem mediziniſchen Rektor ſtand der Angſtſchweiß auf der Stirne; man ſah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in ſeinem Haupte hin⸗ und herwälze. 86 Wie ein Bote vom Himmel erſchien ihm daher der Pedell mit der Doſe und berichtete zugleich mit ängſt⸗ licher Stimme, daß die Studirenden in großer Anzahl ſich vor dem Univerſitätsgebäude zuſammengerottet haben, und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen ſcheine. Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo ſtürzte eine Magd herein und richtete von der Frau Magnificuſſin an den Herrn Magnificus ein Compliment aus,„und er möchte doch ſich nach Haus ſalviren, weil die Studenten aller⸗ hand verdächtige Bewegungen machen.“ „Iſt das nicht der klarſte Beweis gegen Ihre gehei⸗ men Umtriebe, lieber Herr von Barbe?“ ſprach die Magnificenz in kläglichem Tone.„Aber der Aufruhr ſteigt, videant Consules, ne quid detrimenti— man nehme ſeine Maßregeln— daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel bringen muß! Domine Collega, Herr Doktor Pfeffer, was ſtimmen Sie?“ „Es iſt eigentlich noch kein Votum zur Abſtimmung vorgebracht und zur Reife gediehen, ich rathe aber, Herrn von Barbe bis auf Weiteres zu entlaſſen und ihm—* 2 „Richtig, gut,“ rief der Rektor,„Sie können ab⸗ treten, werthgeſchätzter junger Frennd, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie ſehen ſelbſt, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren ſind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein ſolches Aufſehen mehr erregt 87 — weiß Gott, der Aufruhr ſteigt, ich höre Pereat— ſo kommen Sie morgen Abend Alle zum Thee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da dann die Sachen weiter beſprochen werden können.“ Ich konnte mich kaum enthalten, den ängſtlichen Herren ins Geſicht zu lachen. Sie ſaßen da wie von Gott verlaſſen und wünſchten ſich in Abrahams Schooß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnſtuhls. „Was ſteht nicht von einer erhitzten Jugend zu er⸗ warten?“ klagten ſie.„Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern geſtiegen ſind und ſich unter dieſe himmel⸗ ſtürmenden Cyklopen gemiſcht haben, iſt keine Ehr⸗ furcht, kein Reſpekt mehr da. Man muß befürchten, wie ſchlechte Schauſpieler ausgepfiffen oder am hellen Tage inſultirt zu werden.“ „Vom Erſtechen will ich gar nicht reden,“ ſagte ein Anderer,„es ſollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut Gewiſſen hat, einen Bruſthar⸗ niſch unter dem Kamiſol tragen.“ Indeſſen die Philiſter alſo klagten, dankte ich mei⸗ nen Commilitonen für ihre Aufmerkſamkeit für mich, ſagte ihnen, daß ſie Nachts viel beſſere Gelegenheit zum Fenſtereinwerfen haben, und bewog ſie durch Bitten und Vorſtellungen, daß ſie abzogen. Sie marſchirten in geſchloſſenen Reihen durch das erſchreckte Städtchen und ſangen ihr Ca ira, ça ira, nämlich:„Die Bur⸗ ſchenfreiheit lebe,“ und das erhabene„Rautſch, rautſch rautſchitſchi, Revolution.“ Ich ging wieder in den Saal zurück und ſagte den noch verſammelten Herren, daß ſie gar nichts zu be⸗ 88 fürchten haben, weil ich die Herren Studioſen vermocht habe, nach Hauſe zu gehen. Beſchämung und Zorn röthete jetzt die bleichen Geſichter, und mein bischen Pſychologie müßte mich ganz getäuſcht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angſt entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnificus ging ans Fenſter, um ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß die Aufrührer abgezogen ſeien; dann wen⸗ dete er ſich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelſtunde„mein werthgeſchätzter Freund“ zu mir ſagte, herrſchte mir jetzt zu:„Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag ſich ſetzen!“ So ſind die Menſchen; nichts vergißt der Höhere ſo leicht, als daß der Niedere ihm in der Stunde der Noth zu Hulfe eilte. Nichts ſucht er ſogar eifriger zu vergeſſen, als jene Noth, wenn er ſich dabei eine Blöße gegeben, deren er ſich zu ſchämen hat. Nach der Miene des Magnifieus richteten ſich auch die ſeiner Collegen. Sie behandelten mich grob und mürriſch. Der Rektor entwickelte mit großer Gelehr⸗ ſamkeit den erſten Anklagepunkt. „Demagog kömmt her von dämos und agein. Das eine heißt Volk, das andere führen oder verführen. Wer iſt nach dieſem Begriff mehr Demagog, als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenſpiele hieher verpflanzten? Auch von andern Orten werden dieſe Sachen als die ſicherſten 89 Symptome der Demagogie angeführt; folglich ſind Sie ein Demagog.“— Mit triumphirendem Lächeln wandte er ſich zu ſeinen Collegen:„Habe ich nicht Recht, Doktor Pfeffer? Nicht Recht, Herr Profeſſor Saper?“„Vollkommen, Euer Magnificenz,“ verſicherten jene und ſchnupften. „Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,“ fuhr der Mediziner fort;„das Turnen iſt eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es iſt, um mich ſo auszu⸗ drücken, eine vaterlandsverrätheriſche Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Thierparks und Salzlecken des demagogiſchen Wil⸗ des, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminenteſten Turner ſind, ſo haben Sie ſich durch Ihre Saltus mortales und Ihre übrigen Künſte als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.— Habe ich nicht Recht, Herr Doktor Brutt⸗ ler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?“ „Vollkommen, Euer Magnificenz?“ verſicherten dieſe und ſchnupften. „Demagogen,“ fuhr er fort,„Demagogen ſchleichen ſich ohne beſtimmten äußern Zweck ins Land und ſuchen da Feuer einzulegen; ſie ſind unſtäte Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich anſieht; der Herr Studioſus von Barbe iſt ohne beſtimmten Zweck hier, denn er läuft in allen Collegien und Wiſſenſchaften umher, ohne ſie für immer zu frequentiren oder gar nachzuſchrei⸗ ben; was folgt? Er hat ſich der Demagogie ſehr ver⸗ dächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von ge⸗ 90 heimen Bünden ausgerüſtet, viel Geld zeigen und die Leute an ſich locken; wer hat ſich in dieſem Punkt der Anklage würdiger gemacht, als Delinquent? Habe ich nicht Recht, meine Herren?“ „Sehr ſcharfſinnig, vollkommen!“ antworteten die Aufgerufenen unisono und ließen die Doſe herumgehen. Mit Majeſtät richtet ſich Magnifieus auf:„Wir glauben hinlänglich bewieſen zu haben, daß Sie, Herr Studioſus Friederich von Barbe, in dem Verdacht ge⸗ heimer Umtriebe ſtecken; wir ſind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein Urtheil zu fällen, darum vertheidigen Sie ſich.— Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es ſchon zu Mittag; ich denke, der Herr kann ſeine Vertheidigung im Carcer ſchriftlich abfaſſen; ſomit wäre die Sitzung aufgehoben; wünſche geſegnete Mahlzeit, meine Herren.“ So ſchloß ſich mein merkwürdiges Verhör. Im Car⸗ cer entwarf ich eine Vertheidigung, die den Herren ein⸗ leuchten mochte. Wahrſcheinlicher aber iſt mir, daß ſie ſich ſcheuten, einen jungen Mann, der ſo viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie ga⸗ ben mir daher den Beſcheid, daß man mich aus beſon⸗ derer Rückſicht diesmal noch mit dem Conſilium ver⸗ ſchonen wolle, und ſetzten mich wieder auf freien Fuß. Als Demagog eingekerkert zu ſein, als Märtyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Carcer nach Haus begleitet; aber die Freude ſollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt ſo ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, 91 erreicht, und gedachte weiter zu gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines Dok⸗ tors der Philoſophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich ſchrieb daher eine gelehrte Diſſertation, und zwar über ein Thema, das mir am nächſten lag, De rebus diabolicis, ließ ſie drucken und vertheidigte ſie öffent⸗ lich; wie ich meine Gegner und Opponenten tüchtig zu⸗ ſammengehauen, erzähle ich nicht, aus Beſcheidenheit; einen Auszug aus meiner Diſſertation habe ich übrigens dem geneigten Leſer beigelegt.* Post exantlata oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen ungeheuern Schmauß, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. So lange noch die guten Jungen meinen Champagner und Bur⸗ gunder mit ſchwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen, und ſagte der lieben Muſenſtadt Valet. Die Rechnung des Doktorſchmaußes aber über⸗ brachte der Wirth am Morgen den erſtaunten Gäſten, und manches Pochen des ungeſtümen Gläubigers, das ſie aus den ſüßen Morgenträumen weckte, mancher be⸗ deutende Abzug am Wechſel erinnerte ſie auch in ſpätern Zeiten an den berühmten Doktorſchmauß und an ihren guten Freund, den Satan. „ Dieſen Auszug habe ich nicht ſinden können, es müßte denn die Einleitung zum Beſuch bei Göthe ſein. Der Herausgeber. Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin. „Die heutigen dummen Geſichter ſind nur das Boeuf à la mode der früheren dummen Geſichter.“ f Welt und Zeit. Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Thiergarten traf. Ich ſaß, es mögen bald drei Jahre ſein, an einem ſchönen Sommerabend im Thiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberiſchen Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes Wohlgefallen an ihr; war es doch ſchon wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn und fünfzehn, wo alles ſo ehrbar, und, wie ſie es nannten, altdeutſch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyirte. Beſonders über die ſchönen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht ärgern; ſonſt ging es Sonntags Nachmittags mit Saus und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem Thiergarten heraus; allein damals—? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Luſt und Leben wie früher zog durch die grüänen Bäume, — 93 und der Teufel galt wieder was, wie vor Zeiten, und war ein geſchätzter, angeſehener Mann. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemiſchte Geſellſchaft zu machen. Die glänzen⸗ zenden Militärs von allen Chargen, mit ihren eben ſo verſchieden chargirten Schönen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töch⸗ ter zu Markt brachten, die wohlgenährten Räthe mit einem guten Griff der Kaſſengelder in der Taſche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und Handwerks⸗ burſche, anſtändige und unanſtändige Geſellſchaft— ſie alle um mich her, ſie alle auf dem vernünftigſten Wege, mein zu werden! In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.— Da ſah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein Paar Männer an einem kleinen Tiſch⸗ chen ſitzen, welche gar nicht recht zu meiner fröhlichen Geſellſchaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rücken ſehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, ſchien viel an ſeinen Nachbar hin zu ſprechen, geſtikulirte oft mit den Armen und nahm nach jedem größeren Satz, den er geſprochen, ein erkleckliches Schlückchen dunkelrothen Franzweins zu ſich. Der andere mochte ſchon weit vorgerückt in Jahren ſein, er war ärmlich aber ſauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die andere mit einem langen Wanderſtab wunderliche Figuren in den Sand ſchrieb, er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und ſchien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten. 94 Beide Figuren hatten etwas mir ſo Bekanntes, und doch konnte ich mich im Augenblicke nicht entſinnen, wer ſie wären. Der kleine Lebhafte ſprang endlich auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen ſchnellen Schritten, heiſer vor ſich hin lachend, hinweg, und verlor ſich bald ins Gedränge. Der Alte ſchaute ihm wehmüthig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand. Ich beſann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieſer Figur; eine Ahnung durchflog mich, ſollte es— doch was braucht der Teufel viel Compli⸗ mente zu machen? Ich trat näher, ſetzte mich auf den Stuhl, welchen der Andere verlaſſen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend. Langſam erhub er ſein Haupt und ſchlug das Auge auf, ja er war es, es war der ewige Jude. „Bon soir, Brüderchen!“ ſagte ich zu ihm,„es iſt doch ſchnackiſch, daß wir einander zu Berlin im Thiergarten wiederfinden, es wird wohl ſo achtzig Jährchen ſein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?“ Er ſah mich ſragend an.„So, Du biſt's?“ preßte er endlich heraus.„Hebe Dich weg, mit Dir habe ich nichts zu ſchaffen!“ „Nur nicht gleich ſo grob, Ewiger,“ gab ich ihm zur Antwort;„wir haben manche Mitternacht mit einander vertollt, als Du noch munter warſt auf der Erde, und ſo recht ſyſtematiſch lüderlich lebteſt, um Dich ſelbſt bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt biſt Du, glaube ich, ein Pietiſt geworden.“ 95 Der Iude antwortete nicht, aber ein hämiſches Lächeln, das über ſeine verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß er mit der Kirche noch immer nicht recht einig ſei. „Wer ging da ſo eben von Dir hinweg?“ fragte ich, als er noch immer auf ſeinem Schweigen beharrte. „Das war der Kammergerichtsrath Hoffmann,“ erwiderte er. „So der? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher ſeiner nächtlichen Phantaſien behülflich, daß es ihm ſelbſt oft Angſt und bange wurde, und habe ich ihm nicht als ſein eigener Doppelgänger über die Schultern geſchaut, als er an ſeinem Kreisler ſchrieb? Als er ſich umwandte und den Spuk anſchaute, rief er ſeiner Frau, daß ſie ſich zu ihm ſetze, denn es war Mitternacht und ſeine Lampe brannte trüb.— So, ſo, der war’s? Und was wollte er von Dir, Ewiger?“ „Daß Du verkrümmeſt mit Deinem Spott; biſt Du nicht gleich ewig wie ich, und drückt Dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich haſſe! Was aber den Kammergerichtsrath Hoffmann betrifft,“ fuhr er ruhiger fort,„ſo geht er umher, um ſich die Leute zu betrachten; und wenn er Einen findet, der etwas Apartes an ſich hat, etwa ei⸗ nen Hieb aus dem Narrenhaus, oder einen Stich aus dem Geiſterreich, ſo freut er ſich baß und zeichnet ihn mit Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Abſonderliches verſpürt haben mag, ſo ſetzte er 96 ſich zu mir, beſprach ſich mit mir und lud mich ein, ihn in ſeinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu be⸗ ſuchen.“ „So, ſo! Und wo kommſt Du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?“ „Recta aus China!“ antwortete Ahasverus.„Ein langweiliges Neſt, es ſieht gerade aus wie vor fünf⸗ zehnhundert Jahren, als ich zum erſtenmal dort war.“ „In China warſt Du?“ fragte ich lachend,„wie kommſt Du denn zu dem langweiligen Volk, das ſelbſt für den Teufel zu wenig amüſant iſt?“ „Laß das,“ entgegnete Jener,„Du weißt ja, wie mich die Unruhe durch die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgenſonne des neuen Jahrhunderts hinter den mongoliſchen Bergen aufging, den Kopf an die lange Mauer von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmliſchen Reiches geſtoßen, wie ein alter Aries, als daß der dort oben mir ein Härchen hätte krümmen laſſen.“ Thränen rollten dem alten Menſchen aus den Au⸗ gen. Die müden Augenlider wollten ſich ſchließen, aber der Schwur des Ewigen hält ſie offen, bis er ſchlafen darf, wenn die Andern auferſtehen. Er hatte lange geſchwiegen, und wahrlich, ich konnte den Ar⸗ men nicht ohne eine Regung von Mitleid anſehen. Er richtete ſich wieder auf.—„Satan,“ fragte er mit zitternder Stimme,„wie viel Uhr iſt's in der Ewigkeit?“ „Es will Abend werden,“ gab ich ihm zur Antwort. 97 „O Mitternacht!“ ſtöhnte er,„wann endlich kommen deine kühlen Schatten und ſenken ſich auf mein brennendes Auge? Wann naheſt du, Stunde, wo die Gräber ſich öffnen, und Raum wird für den einen, der dann ruhen darf? „Pfui Kukuk, alter Heuler!“ brach ich los, er⸗ bost über die weinerlichen Manieren des ewigen Wan⸗ derers.„Wie magſt Du nur ſolch ein poetiſches La⸗ mento aufſchlagen? Glaube mir, Du darfſt Dir gratuliren, daß Du noch etwas Apartes haſt. Manche luſtige Seele hat es an einem gewiſſen Ort viel ſchlim⸗ mer, als Du hier auf der Erde. Man hat doch hier immer noch ſeinen Spaß, denn die Menſchen ſorgen dafür, daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich ſo viele freie Zeit hätte, wie Du, ich wollte das Leben anders genießen. Ma foi, Brüderchen, warum gehſt Du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten Abenteuer einer Königin öffentlich certirt? Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nächſtens los⸗ bricht? Warum nicht nach Frankreich, um Dein Gau⸗ dium daran zu haben, wie man die Wände des Kaiſer⸗ thums überpinſelt, und mit alten Gobelins von Ludwig des Vierzehnten Zeiten, die ſie aus dem Exil mitge⸗ bracht haben, behängt. Ich kann Dich verſichern, es ſieht gar närriſch aus, denn die Tapete iſt überall zu kurz und durch die Riſſe guckt immer noch ernſt und drohend das Kaiſerthum, wie das Blut des Ermorde⸗ ten, das man mit keinem Gyps auslöſchen kann, und das, ſo oft man es weiß anſtreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe durchſchlägt!“ W. Hauffs Werke. VI. 7 98 Der alte Menſch hatte mir aufmerkſam zugehört, ſein Geſicht war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen.„Du biſt, wie ich ſehe, immer noch der Alte,“ ſagte er und ſchüttelte mir die Hand, „weißt Jedem etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schooß käme!“ „Warum,“ fuhr ich fort,„warum hältſt Du Dich nicht länger und öfter hier in dem guten ehrlichen Deutſchland auf? Kann man etwas Poſſierlicheres ſehen als dieſe Duodezländer? Da iſt Alles ſo— doch ſtille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte leicht etwas aufſchnappen, und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau ſchicken. Aber um auf etwas Anderes zu kommen, war⸗ um biſt Du denn hier in Berlin?“ „Das hat ſeine eigene Bewandtniß,“ antwortete der Jude.„Ich bin hier, um einen Dichter zu be⸗ ſuchen.“ „Du einen Dichter?“ rief ich verwundert.„Wie kommſt Du auf dieſen Einfall?“ „Ich habe vor einiger Zeit ein Ding geleſen, man heißt es Novelle, worin ich die Hauptrolle ſpiele. Es führte zwar den dummen Titel: Der ewige Jude, im Übrigen iſt es aber eine ſchöne Dichtung, die mir wunderbaren Troſt brachte! Nun möchte ich den Mann ſehen und ſprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat.“ „Und der ſoll hier wohnen, in Berlin?“ fragte ich neugierig,„und wie heißt er denn?“ „Er ſoll hier wohnen und heißt F. H. Man hat 99 mir auch die Straße genannt, aber mein Gedächtniß iſt wie ein Sieb, durch das man Mondſchein gießt!“ Ich war nicht wenig begierig, wie ſich der ewige Jude bei einem Dichter produciren würde, und beſchloß, ihn zu begleiten.„Höre Alter,“ ſagte ich zu ihm,„wir ſind von jeher auf gutem Fuß mit einander geſtanden, und ich hoffe nicht, daß Du Deine Geſinnungen gegen . mich ändern wirſt. Sonſt— 4 „Zu drohen iſt gerade nicht nöthig, Herr Satan,“ antwortete er,„denn Du weißt, ich mache mir wenig aus Dir und kenne Deine Schliche hinlänglich, aber deßwegen biſt Du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht. Warum fragſt Du denn?“ „Nun, Du könnteſt mir die Gefälligkeit erweiſen, mich zu dem Dichter, der Dich in einer Novelle abcon⸗ terfeite, mitzunehmen. Willſt Du nicht?“ „Ich ſehe zwar nicht ein, was für Intereſſe Du dabei haben kannſt,“ antwortete der Alte und ſah mich mißtrauiſch an.„Du könnteſt irgend einen Spuk im Sinne haben und Dir vielleicht gar mit böſen Abſichten auf des braven Mannes Seele ſchmeicheln. Dies ſchlage Dir übrigens nur aus dem Sinn, denn der ſchreibt ſo fromme Novellen, daß der Teufel ſelbſt ihm nichts an⸗ haben kann.— Doch meinetwegen kannſt Du mit⸗ gehen.“ „Das denke ich auch. Was dieſe Seele betrifft, ſo kümmere ich mich wenig um Dichter und dergleichen, das iſt leichte Waare, welcher der Teufel wenig nach⸗ fragt. Es iſt bei mir nur Intereſſe an dem Manne ſelbſt, was mich zu ihm zieht. Üübrigens in dieſem Co⸗ 10⁰⁰ ſtüm kannſt Du hier in Berlin keine Viſiten machen, Alter!“ Der ewige Jude beſchaute mit Wohlgefallen ſein abgeſchabtes braunes Röcklein mit großen Perlmutter⸗ knöpfen, ſeine lange Weſte mit breiten Schößen, ſeine kurzen, zeiſſiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins Bräunliche ſpielten. Er ſetzte das ſchwarzrothe drei⸗ eckige Hütchen aufs Ohr, nahm den langen Wander⸗ ſtab kräftiger in die Hand, ſtellte ſich vor mich hin und fragte: „Bin ich nicht angekleidet ſtattlich wie König Sa⸗ lomo und zierlich wie der Sohn Iſais? Was haſt Du nur an mir auszuſetzen? Freilich trage ich keinen fal⸗ ſchen Bart wie Du, keine Brille ſitzt mir auf der Naſe, meine Haare ſtehen nicht in die Höhe à la Wahnſinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattirten Rock gepreßt, und um meine Beine ſchlottern keine ellenweiten Bein⸗ kleider, wozu freilich Herr Bocksfuß Urſache haben mag.—“ „Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hieher,“ ant⸗ wortete ich dem alten Juden.„Wiſſe, man muß heut⸗ zutage nach der Mode gekleidet ſein, wenn man ſein Glück machen will, und ſelbſt der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorſchlag. Ich ver⸗ ſehe Dich mit einem anſtändigen Anzug und Du ſtellſt dafür meinen Hofmeiſter vor. Auf dieſe Art können wir leicht Zutritt in Häuſern bekommen, und wie wollte ich Dirs vergelten, wenn uns Dein Dichter in einen äſthetiſchen Thee einführte.“ „Aſthetiſcher Thee, was iſt denn das? In hins 101 habe ich manches Maß Thee geſchluckt, Blumenthee,* Kaiſerthee, Mandarinenthee, ſogar Chamillenthee, aber äſthetiſcher Thee war nie dabei.“ „O sancta simplicitas! Jude, wie weit biſt Du zurück in der Cultur. Weißt Du denn nicht, daß dies Geſellſchaften ſind, wo man über Theeblätter und einige ſchöne Ideen genugſam warmes Waſſer gießt und den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum thut Jeder nach Belieben dazu, und man amüſirt ſich dort trefflich.“ „Habe ich je ſo etwas gehört, ſo will ich Hans heißen,“ verſicherte der Jude,„und was koſtet es, wenn man's ſehen darf?“ „Koſten? Nichts koſtet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt, und wenn ihre Töchter ſingen oder mimiſche Vorſtellungen geben, hie und da ein wundervoll oder göttlich ſchlüpfen läßt.“ „Das iſt ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von dieſen Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verſpüre in dieſer Sandwüſte gewaltig Langeweile.“ Der Beſuch war alſo auf den nächſten Tag feſtge⸗ ſetzt. Wir beſprachen uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeiſter zu ſpielen hätte, und ſchieden. Ich verſprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der ewige Jude hatte ſo alte, unbe⸗ hülfliche Maniereu, wußte ſich ſo gar nicht in die heu⸗ tige Welt zu ſchicken, daß man ihn im Gewand eines Hofmeiſters zum wenigſten für einen ausgemachten Pe⸗ 10⁰² danten halten mußte. Ich nahm mir vor, mir ſelbſt ſo viel Eleganz, als dem Teufel nur immer möglich iſt, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerſtreuung war ihm überdies höchſt noͤthig, denn er hatte in der letzten Zeit auf ſeinen einſamen Wanderungen einen ſolchen Anſatz zur Frömmelei be⸗ kommen, daß er ein Pietiſt zu werden drohte. Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann von mittleren Jahren, nahm uns ſehr artig auf. Der Jude hieß ſich Doktor Mucker und ſtellte in mir ſeinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerkſamkeit bald auf die ſchönen Kupferſtiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die umherſtanden, um deſto unge⸗ theilter mein Ohr, und wenn es unbemerkt möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung Theil neh⸗ men zu laſſen. Der alte Menſch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er ſeinen Gaſt hätte auf dieſem Lob ſtehen laſſen, wandte das Geſpräch auf die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und daß ſie ihm auf jene Weiſe aufgegangen ſei. Der Ewige ſchnitt, zur Verwunderung des Dichters, grimmige Geſichter, als dieſer unter Anderem behauptete, es liege in der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenſte unter den Menſchen ſei offenbar immer der, welcher ſeinen Schmerz über getäuſchte Hoffnung gerade an dem auslaſſe, der dieſe Hoffnungen erregt habe. Beſonders verworfen erſcheine er, wenn zugleich 103 der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglücklicher erſcheine, als der, welcher ſich täuſchte. Es fehlte wenig, ſo hätte der Herr Doktor Mucker ſein Incognito abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch ver⸗ wirrter aber wurde mein alter Hofmeiſter, als Jener das Geſpräch auf die neue Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme völlig aus, und er ſah die nächſte beſte Gelegenheit ab, ſich zu empfehlen. Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu be⸗ ſuchen, und kaum hatte er gehoͤrt, wir ſeien völlig fremd in Berlin und wiſſen noch nicht, wie wir den Abend zubringen ſollen, ſo bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montag ausgeſuchte Ge⸗ ſellſchaft von Freunden der ſchönen Literatur bei Thee verſammelt ſei. Wir ſagten dankbar zu und ſchieden. Zwölftes Kapitel. Satan beſucht mit dem ewigen Juden einen äſthetiſchen Thee⸗ Ahasvems war den ganzen Tag über verſtimmt. Gerade das, daß er in ſeinem Innern dem Dichter Recht geben nußte, genirte ihn ſo ſehr. Er brummte einmal über das andere über die„naſeweiſe Jugend“ (obgleich der Dichter jener Novelle ſchon bei Jahren war) und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Reſpekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeiſter hätte haben ſolle, ſagte ich ihm tüchtig die Meinung und brachte den atten Bären dadurch wenigſtens ſo weit, 104 daß er höflich gegen den Mann ſein wollte, der ſo artig war, uns in den äſthetiſchen Thee zu führen. Die ſiebente Stunde ſchlug. In einem modiſchen Frack, wohl parfümirt, in die feinſte, zierlichſt gefäl⸗ telte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenſtrümpfe von Lyon, die Schuhe von Straßburg, die Lorgnette ſo fein und gefällig ge⸗ arbeitet, wie ſie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, ſo ſtellte ich mich den erſtaunten Blicken des Iuden dar; dieſer war mit ſeiner modiſchen Toilette noch nicht halb fertig, und hatte Alles höchſt ſonderbar angezogen, wie er z. B. die ele⸗ gante, hohe Cravatte, ein Berliner Meiſterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte, und feſt darauf be⸗ ſtand, dies ſei die neueſte Tracht auf Morea. Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für dieſen Abend gemiethet hatte, wieder⸗ holte ich alle Lehren über den geſellſchaftlichen Anſtand. „Du darfſt,“ ſagte ich ihm,„in einem äſthetiſchen Thee eher zerſtreut und tiefdenkend, als vorlaut er⸗ ſcheinen. Du darfſt nichts ganz unbedingt loben, ſon⸗ dern ſieh immer ſo aus, als habeſt Du ſonſ noch etwas in petto, das viel zu weiſe für ein ſterblichts Ohr wäre. Das Beifalllächeln hochweiſer Befriedigung iſt ſchwer und kann erſt nach langer übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber Sirrogate dafür, mit welchen man etwas ſehr loben oder bitter tadeln kann, ohne es entfernt geleſen zu haben. Du hörſt 3. B. von einem Roman reden, der jttzt ſehr viel Auf⸗ 10⁵ ſehen machen ſoll. Man ſetzt als ganz natürlich vor⸗ aus, daß Du ihn ſchon geleſen haben müſſeſt, und fragt Dich um Dein Urtheil. Willſt Du Dich nun lächerlich machen und antworten, ich habe ihn nicht geleſen? Nein! Du antworteſt friſch drauf zu: er gefällt mir im Ganzen nicht übel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entſpricht. Er hat manches Tiefe und Originelle, die Entwicklung iſt artig erfunden, doch ſcheint mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu ſein.“ „Sprichſt Du ſo, und haſt Du Mund und Stirne in kritiſche Falten gelegt, ſo wird Dir Niemand tiefes und gewandtes Urtheil abſprechen.“ „Dein Gewäſch behalte der Teufel,“ entgegnete der Alte mürriſch.„Meinſt Du, ich werde wegen dieſer Menſchlein, oder gar um Dir Spaß zu machen, äſthe⸗ tiſche Geſichter ſchneiden? Da betrügſt Du Dich ſehr, Satan. Thee will ich meinetwegen ſaufen, ſo viel Du willſt, aber—“ „Da ſieht man es wieder,“ wandte ich ein,„wer wird denn in einer honetten Geſellſchaft ſaufen? Wie viel fehlt Dir noch, um heutzutage als gebildet zu erſcheinen! Nippen, ſchlürfen, höchſtens trinken— aber da hält ſchon der Wagen bei dem Dichter, nimm Dich zuſammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahas⸗ vere!“ Der Dichter ſetzte ſich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich ſah es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unſerer Fahrt kamen, deſto bänger zu Muth war. Obgleich er ſchon ſeit hat— 5 N * 106 Jahrhunderten über die Erde wandelte, ſo konnte er ſich doch ſo wenig in die Menſchen und ihre Verhält⸗ niſſe finden, daß er alle Augenblicke anſtieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Verſammlung, in welche wir fahren, aus lauter Chriſten beſtehe, zu welcher Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wiſſen mochte, wie ſie hierher komme. Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen ſollte. Die milde und ſinnige Frömmigkeit, die in dem zarten Cha⸗ rakter der gnädigen Frau vorwalten ſollte. Der feier⸗ liche Ernſt, die ſtille Größe des ältern Fräuleins, die, wenn gleich Proteſtantin, doch ganz das Air jener weh⸗ müthig heiligen Kloſterfrauen habe, die, nachdem ſie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade geſagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, intereſ⸗ ſanten Schmerz zehren.“ Das jüngere Fräulein, friſch, rund, blühend, heiter, naiv, ſei verliebt in einen Garde⸗ lieutenant, der aber, weil er den Eltern nicht ſinnig genug ſei, nicht zu dem äſthetiſchen Thee komme. Sie habe die ſchönſten Stellen in Göthe, Schiller, Tieck ꝛc., welche ihr die Mutter zuvor angeſtrichen, auswendig * Ganz in der Eile nimmt ſich der Herausgeber die Frei⸗ heit, den Aufriß des Boudoirs dieſer proteſtantiſchen Nonne, wie er ſich ihn denkt, hier beizufügen. Im Fenſter ſtehen Blu⸗ men, in der Ecke ein Betpult mit einem gußeiſernen Crueifix. Eine Guitarre iſt nothwendiges Requiſit, wenn auch die Eigen⸗ thümerin höchſtens„o Sanctiſſima“ darauf ſpielen kann. Ein Heiligenbild über dem Sopha, ein mit Flor verhängtes Bild des Verſtorbenen oder Ungetreuen, von etzlichem ſinni⸗ gem Epheu umrankt. Sie ſelbſt in weißem oder aſchgrauen Coſtüm, an der Wand ein Spiegel. 107 gelernt und gäbe ſie hie und da mit allerliebſter Prä⸗ ciſion preis. Sie ſingt, was nicht anders zu erwarten iſt, auf Verlangen italieniſche Arietten mit künſtlichen Rouladen. Ihre Hauptforce beſteht aber im Walzer⸗ ſpielen. Die übrige Geſellſchaft, einige ſchöne Geiſter, einige Kritiker, ſentimentale und naive, junge und äl⸗ tere Damen, freie und andere Fräulein werden wir ſelbſt näher kennen lernen. Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen. Geräuſch vieler Stimmen und das Geraſſel der Thee⸗ löffel tönte aus der halbgeöffneten Thüre des Salons; auch dieſe flog auf, und umſtrahlt von dem Sonnen⸗ glanz der ſchwebenden Lüſtres, ſaß im Kreiſe die Geſell⸗ ſchaft. Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und ſtellte den Doktor Mucker und ſeinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte ſich die Matrone, und reichte uns die ſchöne zarte Hand, indem ſie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauſcht hatte, faßte ich dieſe zarte « Satan ſcheint hier zwiſchen Freifräulein und anderen Fräulein zu unterſcheiden. Unter jenen verſteht er die von gu⸗ tem Adel, unter letzteren die, welche man ſonſt Jungfer oder Mamſell heißt. Ich finde übrigens, den Unterſchied auf dieſe Art zu bezeichnen, ſehr unpaſſend. Denn man wird mir zugeben, daß die bürgerlichen Fräulein oſt eben ſo frei in ihren Sitten und Betragen ſind, als die echten. * 108 Hand, und hauchte ein leiſes Küßchen der Ehrfurcht darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings ſchien ihr zu gefallen, und gern gewährte ſie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die nämliche Gunſt. Aber o Schrecken! Indem er ſich niederbückte, gewahrte ich, daß ſein grauer, ſtechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegraſirt ſei, ſondern wie eine Kratzbürſte her⸗ vorſtehe. Die gnädige Frau verzog das Geſicht grimmig bei dem Stechkuß aber der Anſtand ließ ſie nicht mehr als ein leiſes Gejammer hervorſtöhnen. Wehmüthig betrachtete ſie die ſchöne weiße Hand, die roth aufzu⸗ laufen begann, und ſie ſah ſich genöthigt, im Neben⸗ zimmer Hülfe zu ſuchen. Ich ſah, wie dort ihre Zofe aus der ſilbernen Toilette kölniſches Waſſer nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden ſchöne glacirte Handſchuhe geholt, die Käppchen davon abge⸗ ſchnitten, ſo daß doch die zarten Fingerſpitzen hervor⸗ ſehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet. Indeſſen hatten ſich die jungen Damen unſere Na⸗ men zugeflüſtert, die Herren traten uns näher und be⸗ fragten uns über Gleichgültiges, worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauſes wieder hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand ſo gut zu verbergen, daß ſie nur einem häuslichen Geſchäft nachgegangen zu ſein ſchien, und ſogar der alte Sünder ſelbſt Nichts von dem Un⸗ heil ahnete, das er bewirkt habe. Die einzige Strafe war, daß ſie ihm einen ſtechen⸗ den Blick für ſeinen ſtechenden Handkuß zuwarf, und 1⁰9 mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete. Die Leſer werden geſehen haben, daß es ein ganz eleganter Thee war, zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die maſſioe ſilberne Theemaſchine, an welcher die jüngere Tochter Thee bereitete, die prachtvollen Lüſtres und Spiegel, die brennenden Farben der Tep⸗ piche und Tapeten, die künſtlichſten Blumen in den zier⸗ lichſten Vaſen, endlich die Geſellſchaft ſelbſt, die in vollem Koſtüm, ſchwarz und weiß gemiſcht war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau ſchließen. Der Thee wies ſich aber auch als äſthetiſch aus. Gnädige Frau bedauerte, daß wir nicht früher gekom⸗ men ſeien. Der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgeleſen, ſo innig, ſo ſchwebend, mit ſo viel Muſik in den Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreu⸗ licheres gehört habe, es ſtehe zu erwarten, daß es all⸗ gemein Furore in Deutſchland machen werde. Wir beklagten den Verluſt unendlich; der beſchei⸗ dene, lorbeerbegränzte junge Mann verſicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unſerm Hotel beſuchen, und wir ſollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, ſondern einige vollſtändige Geſänge zu hören bekommen. Das Geſpräch bekam jetzt aber eine andere Wen⸗ dung. Eine ältliche Dame ließ ſich ihre Arbeitstaſche reichen, deren geſchmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf ſich zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und ſagte mit freundlichem Lispeln: 110 „Voyez-là das neueſte Produkt meiner genialen Freundin Johanna. Sie hat es mir friſch von der Preſſe weg zugeſchickt, und ich bin ſo glücklich, die erſte zu ſein, die es hier beſitzt. Ich habe es nur ein wenig durchblättert, aber dieſe herrlichen Situationen, dieſe Scenen, ſo ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahr⸗ heit der Charaktere, dieſer glänzende Styl—“ „Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,“ unterbrach ſie die Dame des Hauſes,„darf ich bitten—? Ah, Gabriele von Johanna von Schoppenhauer. Mit dieſer ſind Sie liirt, meine Liebe? Da wünſche ich Glück.“ „Wir lernten uns in Karlsbad kennen,“ antwortete Frau von Wollau,„unſere Gemüther erkannten ſich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menſchheit, ſie zogen ſich an, wir liebten uns. Und da hat ſie mir jetzt ihre Gabriele geſchickt.“ „Das iſt ja eine ganz intereſſante Bekanntſchaft,“ ſagte Fräulein Natalie, die ältere Tochter des Hauſes.„Ach! wer doch auch ſo glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber ſagen Sie, wo haben Sie das wunderſchöne Stickmuſter her, ich kann Ihre Taſche nicht genug bewundern.“ „Schön,— wunderſchön— und die Farben! Und die Guirlanden!— Und die elegante Form!“ hallte es von den Lippen der ſchönen Theetrinkerinnen, und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunſtwerk ganz vergeſſen worden, wenn nicht unſer Dichter ſich das * Frau von Wollau will wahrſchelnlich ſogen,„nach dem Ziele der Veredlung.“ Der Herausgeber. 111 Buch zur Einſicht erbeten hätte.„Ich habe die interſ⸗ ſanteſten Scenen bezeichnet,“ rief die Wollau,„wer von den Herren iſt ſo gefällig, uns, wenn es anders der Geſellſchaft angenehm iſt, daraus vorzuleſen?“ „Herrlich— ſchön— ein vortrefflicher Cinfall— ertönte es wieder, und unſer Führer, der in dieſem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch Acclamation zum Vorleſer erwählt. Man goß die Taſſen wieder voll und reichte die zierlichen Brödchen umher, um doch auch dem Körper Nahrung zu geben, während der Geiſt mit einem neuen Roman geſpeist wurde, und als alle verſehen waren, gab die Haus⸗ frau das Zeichen, und die Vorleſung begann. Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht irre, die Beſchreibung von Tableaux enthielt, die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorleſung, denn ich belauſchte die Herzensergießungen zweier Fräulein, die, ſcheinbar aufmerkſam auf den Vorleſer, einander allerlei Wichtiges in die Ohren flüſterten. Zum Glück ſaß ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauſchens zu gerathen, und doch war die Entfernung gerade ſo groß, daß ein Paar gute Oh⸗ ren alles hören konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauſes, die, wie ich hörte, an einen Gardelieutenant ihr Herz verloren hatte. „Und denke Dir,“ flüſterte ſie ihrer Nachbarin zu, „heute in aller Frühe iſt er mit ſeiner Schwadron vor⸗ 112 beigeritten, und unter meinem Fenſter haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen müſſen.“ 3 „Du Glückliche!“ antwortete das andere Fräu⸗ lein,„und hat Mama nichts gemerkt?“ „So wenig als letzthin, wo er mich im Cottillon fünfmal aufzog. Was ich damals in Verlegenheit kam, kannſt Du gar nicht glauben. Ich war mit dem.. ſchen Attaché engagirt und Du weißt, wie unerträglich mich dieſer dürre Menſch verfolgt. Er hatte ſchon wieder von den italieniſchen Gegenden Süddeutſchlands ange⸗ fangen und mir nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, daß ſie noch ſchöner wären, wenn ich mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Flattory aus dieſer Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der Unerträgliche ſein altes Lied von neuem an⸗ ſtimmte, aber Eduard holte mich noch viermal aus ſeinen glänzendſten Phraſen heraus, ſo daß Jener vor Wuth ganz ſtumm war, als ich das letztemal zurück⸗ kam. Er äußerte gegen Mama ſeine Unzufriedenheit; ſie ſchien ihn aber nicht zu verſtehen.“ „Ach, wie glücklich Du biſt,“ entgegnete weh⸗ müthig die Nachbarin,„aber ich! Weißt Du ſchon, daß mein Dagobert nach Halle verſetzt iſt? Wie wird es mir ergehen!“ „Ich weiß es und bedaure Dich von Herzen, aber ſage mich doch, wie dies ſo ſchnell kam?“ „Ach!“ antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Thräne im Auge.„Ach, Du haſt keine Vorſtellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. 113 Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenſtreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fen⸗ ſterſcheibe vorgeſpielt, er iſt allerliebſt. Seinem Ober⸗ ſten gefiel er auch recht wohl, aber dieſer wollte haben, er ſolle ihm die Ehre der Erfindung laſſen. Natürlich konnte Dagobert dies nicht thun und, darüber aufge⸗ bracht, ruhte der Oberſt nicht eher, bis der Arme nach Halle verſetzt worden iſt. Ach, Du kannſt Dir gar nicht denken, wie wehmüthig mir ums Herz iſt, wenn der Zapfenſtreich an meinem Fenſter vorbeikommt, ſie ſpielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!“ „Ich bedgure Dich recht. Aber weißt Du auch ſchon etwas ganz Neues? Daß ſie bei der Garde andere Uniform bekommen?“ „Iſt's möglich? O ſage, wie denn? Woher weißt Du es?“ „Höre, aber im engſten Vertrauen, denn es iſt noch tiefes, tiefes Geheimniß. Eduard hat es von ſei⸗ nem Oberſten und geſtand es mir neulich, aber unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit: Sieh, die Knöpfe werden auf der Bruſt weiter auseinander ge⸗ ſetzt und laufen weiter unten enger zu, auf dieſe Art wird die Taille noch viel ſchlanker, dann ſollen ſie auch goldene Achſelſchnüre bekommen, das weiß aber der Oberſt, und ich glaube ſelbſt der General noch nicht ganz gewiß.— Eduard muß ausſehen wie ein Engel— ſiehe bisher.. 4 W. Hauffs Werke. vI. 3 Dreizehntes Kapitel. Angſtſtunden des ewigen Juden. Der Vorleſer war bis an einen Abſchnitt gekommen und legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus er⸗ folgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen, die ſchon dem Stickmuſter gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zu Theil. Ich konnte die Geiſtesgegenwart und die ſchnelle Faſſungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern, obgleich ſie nur den kleinſten Theil des Geleſenen gehört haben konnten, ſo waren ſie doch ſchon ſo gut geſchult, daß ſie voll Bewunderung ſchie⸗ nen. Die eine lief ſogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte ſie an das Herz, indem ſie ihr innig dankte für den Genuß, den ſie Allen be⸗ reitet habe.... Dieſe Dame aber ſaß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn ſie die Gabriele ſelbſt zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten hin für das Lob, das ihrer Freundin zu Theil geworden, und gab nicht un⸗ deutlich zu verſtehen, daß ſie ſelbſt vielleicht einigen Einfluß auf das neue Buch gehabt habe. Denn ſie fände hin und wieder leiſe Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Geſellſchaft, die ſie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeſchloſſen. Man war natürlich ſo artig, ihr deßwegen einige Complimente zu machen, obgleich man allgemein über⸗ zeugt war, daß die geniale Freundin nichts aus dem innern Wollau'ſchen Leben geſpickt haben werde. 115 Der ewige Jude hatte indeß bei dieſen Vorgängen eine ganz ſonderbare Figur geſpielt. Verwunderungs⸗ voll ſchaute er in dieſe Welt hinein, als traue er ſeinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach meiner Vorſchrift äſthetiſch und kritiſch auszuſehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die übung darin abging, ſo ſchnitt er ſo gräuliche Grimaſſen, daß er einigemal während des Vorleſens die Aufmerkſamkeit des ganzen Zirkels auf ſich zog, und die Dame des Hauſes mich theilnehmend fragte, ob mein Hofmeiſter nicht wohl ſei? Ich entſchuldigte ihn mit Zahnſchmerzen, die ihn zuweilen befallen, und glaubte alles wieder gut ge⸗ macht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm gegenüber ſaß, ihren Einfluß auf die Dichterin mit⸗ theilte, mußte das preciöſe, geſchraubte Weſen der⸗ ſelben dem alten Menſchen ſo komiſch vorkommen, daß er laut auflachte. Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Thee in höchſt feiner Geſellſchaft beizuwohnen, der kann ſich leicht denken, wie betreten Alle waren, als dieſer rohe Ausbruch des Hohns erſcholl. Eine unangenehme, todtenſtille Pauſe erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame anſah. Die Frau des Hauſes, eingedenk des ſtechenden Kuſſes, wollte ſchon den unartigen Fremden, der den Anſtand ihres Hauſes ſo gröblich verletzte, ohne Rückhalt zu⸗ rechtweiſen als dieſer mit mehr Gewandtheit und Liſt, als ich ihm zugetraut hätte, ſich aus der Affaire zu ziehen wußte. —— 116 „Ich hoffe, gnädige Fraun, ſagte er,„Sie werden mein allerdings unzeitiges Lachen nicht mißverſtehen und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es iſt Ihnen Allen gewiß auch ſchon begegnet, daß eine Ideenaſſociation Sie völlig außer Contenance brachte. Iſt doch ſchon Manchem, mitten unter den heiligſten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgeſtoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn zu verhalten und zurückzudrängen, deſto unaufhaltſamer brach er auf einmal hervor: ſo geſchah es mir in dieſem Augen⸗ blick. Sie würden mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entſchul⸗ digen.“ Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anſtand doch nicht verletzt ſei, gewährte ihm freundlich ſeine Bitte und der ewige Jude begann:„Frau von Wollau hat uns ihr intereſſantes Verhältniß zu einer be⸗ rühmten Dichterin mitgetheilt; ſie hat uns erzählt, wie ſie in manchen Stunden über ihre ſchriftſtelleriſchen Arbeiten ſich mit ihr beſprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben. Auf einer Reiſe durch Süddeutſchland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendſpaziergänge richteten ſich meiſtens nach dem königlichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offen ſtand. Die ſchöne Welt ließ ſich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend ſehen. Ich wählte die einſameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüſchen gegen die Sonne und 117 ſtörende Beſuche verſchloſſen, auf weichen Mosbänken mir und meinen Gedanken lebte. Eines Abends, als ich ſchon längere Zeit auf mei⸗ nem Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gut gekleidete, ältliche Frauen und ſetzten ſich auf eine Bank, die nur durch eine ſchmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nöthig, ihnen meine Nähe, die ſie nicht zu ahnen ſchienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener Stadt, alſo konnten mir ihre Reden höchſt gleichgültig ſein. Aber ſtellen Sie ſich mein Er⸗ ſtaunen vor, Verehrteſte, als ich folgendes Geſpräch vernahm. „Nun? Und darf man Ihnen Glück wünſchen, Liebe? Haben Sie endlich die hartnäckige Eliſe aus der Welt geſchafft?“ „Ja,“ antwortete die andere Dame,„heute früh nach dem Kaffee habe ich ſie umgebracht.“ Schrecken durchrieſelte meine Glieder, als ich ſo deutlich und gleichgültig von einem Mord ſprechen hörte, ſo leiſe als möglich näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von Jenen trennte, ſchärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen ſollte, und hörte weiter: „Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich durch Gift? Oder haben Sie die Un⸗ glückliche, wie Othello ſeine Desdemona, mit dem Deckbette erſtickt?“ „Keines von beiden,“ entgegnete Jene, aber recht 118 hart ward mir dieſer Mord; denken Sie ſich, drei Tage lang hatte ich ſie ſchon zwiſchen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen ſollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein; ich ließ ſie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Ge⸗ länder in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen ſchlugen über ihr zuſammen. Man hat von Eliſen nichts mehr geſehen.“ „Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war dieſe, die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen?“ „Nun, das wird bald abgezählt ſein, Pauline Du⸗ puis, Marie u. ſ. w., aber die Erſtere trug mir am meiſten Ruhm ein. Es waren dies noch die guten Zei⸗ ten von 1802, wo noch Wenige mit mir concurrirten.“ Die Haare ſtanden mir zu Berg. Alſo fünf unſchul⸗ dige Geſchöpfe hatte dieſe Frau ſchon aus der Welt ge⸗ ſchafft. War es nicht ein gutes Werk an der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, wenn ich einen ſolchen Gräuel auf⸗ deckte und die Mörderin zur Rechenſchaft zog? Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Ge⸗ ſprächen aufgeſtanden und hatten ſich der Stadt zuge⸗ wendet. Leiſe ſtand ich auf und ſchlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Ferſen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte; ſie kehrten um und gingen durchs Thor, ich folgte; ſie ſchienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine ſah ſich einigemal nach mir um, ihr böſes Gewiſſen ſchien mir erwacht, ſie mochte ahnen, daß ich den Mord wiſſe, ſie will mich durch die verſchiedene Richtung der Straßen, 119 die ſie einſchlägt, täuſchen, aber ich— folge. Endlich ſtehen ſie an einem Hauſe ſtill. Sie ziehen die Glocke, man ſchließt auf, ſie treten ein. Kaum ſind ſie in der Thüre, ſo gehe ich ſchnell heran, merke mir die Nummer des Hauſes und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines ſo ſchauerlichen Geheimniſſes in Jedem aufregen muß, auf die Direktion der Polizei. Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze Sache, Alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewiſſe Pauline Dupuis, die im Jahre 1801 unter der mörderiſchen Hand jener Frau ſtarb. Doch dies war dem unter ſolchen Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, ſchickt ſogleich Patrouille in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends herangebrochen ſein werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei ſolchen Auftritten den Zudrang der Menſchen und das Aufſehen wo möglich vermeide. Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeiſol⸗ daten, die das Haus umſtellt hatten, verſicherten, daß noch kein Menſch daſſelbe verlaſſen habe. Der Vogel war alſo gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und fingen im erſten Stock unſere Unterſuchung an. Gleich vor der Thüre des erſten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umſtände öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als die Verbrecherin an. Verwundert ſtand dieſe auf und fragte nach unſerm Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Weſen hatte dieſe Dame etwas, das mir imponirte. Ich verlor auf einen Augenblick die Faſſung und dentete nur auf den Direktor, um ſie wegen ihrer Frage an ihn zu weiſen. Doch dieſer ließ ſich nicht ſo leicht verblüffen. Mit jener ernſten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er ſie über ihren heutigen Spaziergang aus. Sie geſtand ihm denſelben zu, wie auch die Bank, wo ſie geſeſſen. Ihre Ausſagen ſtimmten ganz zu den meinigen, der Mann ſah ſie ſchon als überwieſen an. Die Frau fing an ängſtlich zu werden, ſie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten beſetze, warum man ſie mit ſolchen Fragen beſtürme? Der Mann der Polizei ſah in dieſem angſtlichen Fragen nur den Ausbruch eines ſchuldbeladenen Ge⸗ wiſſens. Er ſchien es für das Beſte zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken:„Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Läugnen Sie nicht länger, wir wiſſen Alles, ſie ſtarb durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Eliſe!“ „Ja, mein Herr! Ich habe die Eine wie die Andere ſterben laſſen,“ antwortete dieſe Frau mit einer Seelen⸗ ruhe, die ſogar in ein boshaftes Lächeln überzugehen ſchien. „Und dieſen Mord geſtehen Sie mit ſo viel Gleich⸗ muth, als hätten Sie zwei Tauben abgethan 2“ fragte der erſtaunte Polizeidirektor, dem in praxi eine ſolche Mörderin noch nicht vorgekommen ſein mochte.„Wiſſen Sie denn, daß Sie verloren ſind, daß es Ihnen den Kopf koſten kann?“ 121 „Nicht doch!“ entgegnete die Dame.„Die Geſchichte iſt ja weltbekannt.“ „Weltbekannt?“ rief Jener.„Bin ich nicht ſchon ſeit zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne mir entgehen?“ „Und dennoch werde ich Recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die Belege herbeibringe?“ „Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann auf jeder Seite von Madame. Bei dem erſten Verſuch zur Flucht— zugeſtoßen!“ Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren be⸗ gleiteten die Unglückliche, die mir den Verſtand ver⸗ loren zu haben ſchien. Bald jedoch erſchien ſie wieder, ein kleines Buch in der Hand. „Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,“ ſagte ſie, indem ſie uns lächelnd das Buch überreichte. „Taſchenbuch für 1802,“ murmelte der Direktor, indem er das Buch aufſchlug und durchblätterte,„was Teufel, gedruckt und zu leſen ſteht hier: Pauline Dupuis von— Mein Gott, Sie ſind die Wittwe des Herrn von— und wenn ich nicht irre, ſelbſt Schrift⸗ ſtellerin?“ „So iſt es,“ antwortete die Dame und brach in ein luſtiges Lachen aus, in welches auch der Direktor einſtimmte, indem er, vor Lachen ſprachlos, auf mich deutete. „Und Eliſe, wie iſt es mit dieſem armen Kind?“ fragte ich, den Zuſammenhang der Sache und die Fröh⸗ 12² lichkeit der Mörderin und des Polizeimannes noch immer nicht verſtehend. 1 „Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtiſch,“ ſagte die Lachende,„und ſoll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.“— Was brauche ich noch dazu zu ſetzen? meine Herren und Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichſt bekannte, intereſſante Th. v. H. Die Erzälung,„Pauline Dupuis,“ iſt noch heute zu leſen; ob die geniale Frau ihre Eliſe, die ſie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausge⸗ geben, weiß ich nicht. Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Geſpötte der Stadt zu werden. Vorher aber ſchickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diäten⸗ rechnung über Zeitverſäumniß, weil ich durch jene luſtige Mordgeſchichte den Durſtigen von ſeinem gewöhnlichen Abendbeſuch in einem Club abgehalten hatte.“ Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wen⸗ dung an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Bei⸗ fall ward ihm zu Theil, und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau ſagte ihm, wie glücklich er ſich gerechtfertigt hatte. Und wie die finſtern Blicke dieſer Dame vorher die Männer aus ſeiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, eben ſo ſchnell nahten ſie ſich ihm wieder, als ihn die Gnadenſonne wieder beſchien. Man zog ihn öfter ins Geſpräch, man befragte ihn über ſeine Reiſen, namentlich über jene in Süddeutſchland. Denn wie Schottland und ſeine Bewohner für London und Alt⸗ England überhaupt, ſo iſt Schwaben für die Berliner, welche nie an den Rebhügeln des Neckars und an den 123 froͤhlich grünenden Geſtaden der obern Donau eines jener ſinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines „luſchtiga Büebles,“ oder eines rüſtigen, hochaufge⸗ ſchürzten„Mädles“ belauſchten, ein Gegenſtand hoher Neugierde. Welch ſonderbare Meinungen über jenes Land, ſelbſt in gebildeten Zirkeln, wie dieſer elegante Thee, im Umlauf ſeien, hörte ich dieſen Abend zu meinem großen Erſtaunen. In einem Zaubergarten von ſanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden Obſtwäldern, von prangenden Weingärten durch⸗ ſchnitten, wohne, meinten ſie, ein Völkchen, das noch ſo ziemlich auf der erſten Stufe der Cultur ſtehe. Im⸗ menſe Gelehrte, die ſich nicht auszudrücken verſtünden, phantaſiereiche Schriftſteller, die kein Wort gutes Deutſch ſprechen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anſtand. Ihre Männer werden vor dem vierzigſten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande werden alle Tage viele Tauſende jener Thorheiten be⸗ gangen, die allgemein unter dem Namen„Schwaben⸗ ſtreiche“ bekannt ſeien. Mir kam dieſes Urtheil lächerlich vor; ich war man⸗ ches Jahr in Schwaben geweſen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; hätte ich nicht befürchten müſſen, aus der Rolle eines Zöglings zu fallen, ich hätte ſogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; ſo aber erſparte mir mein Mentor die Mühe, welcher, unglücklich genug, die gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu ſchnell wieder verlieren ſollte! 124 „Ob die Berliner,“ ſagte er,„mehr innere Bil⸗ dung, mehr Eleganz der äußern Formen beſitzen, als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgiſchen mit mehr Feinheit ausgerüſtet auf die Erde, oder vielmehr auf Sand kommt, als in Schwaben, wage ich nicht zu unterſuchen, aber ſo viel habe ich mit eigenen Augen geſehen, daß man dort im Durchſchnitt unter den Mäd⸗ chen eine weit größere Menge hübſcher, ſogar ſchöner Geſichter findet, als ſelbſt in Sachſen, welches doch wegen dieſes Artikels berühmt iſt.“ „Quelle Sottise!“ hörte ich Frau von Wollau ſchnauben,„welche abgeſchmackte Behauptungen, dieſer gemeine Menſch—“ Umſonſt winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umſonſt gab ihm der Dichter einen freundſchaftlichen Rippenſtoß, ihn zu erinnern, daß er ſich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anſpruch machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Compliment geſagt hätte, fuhr er fort:„Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieſer verſchriene Dialekt von ſchönen Lippen tönt, wie Alles ſo naiv, ſo lieblich klingt; wie unendlich hübſch ſind dieſe blühenden Ge⸗ ſichtchen, wenn man ihnen ſagt, daß man ſie liebe; wie ſchelmiſch ſchlagen ſie die Augen nieder, wie un⸗ ſchuldig erröthen ſie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn ſie ſich verſchämt wegwenden und flüſtern:„„Ach ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaub's?“ Hier in Norddeutſchland gibt es meiſt nur Theegeſichter, die einen Troſt darin finden, äſthetiſch oder ätheriſch auszuſehen; ſie müſſen den Athem erſt lange anhalten, wenn ſie es je der Mühe werth halten, über dergleichen zu erröthen.“ O Jude, welchen Bock hatteſt Du geſchoſſen. Kaum haſt Du das zornblickende Auge einer Dame verſöhnt, ſo begehſt Du den großen Fehler, vor zwölf Damen die ſchönen Geſichtchen zweier Länder zu loben, und nicht nur ſie nicht mit aufzuzählen, ſondern ſogar ihren ätheriſchen Teint, ihre intereſſante Mondſcheinbläſſe für Theegeſichter zu verſchreien! Die jungen Damen ſahen erſtaunt, als trauten ſie ihren Ohren nicht, die ältern an; dieſe warfen ſchreck⸗ liche Blicke auf den Frevler und auf die übrigen Herren, die, eben ſo erſtaunt, noch keine Worte zu einer Re⸗ plik finden konnten. Die Theetaſſen, die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wuth zitternden Händen der Mütter, die ſeit zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und edel ausſehen möchten— wozu heutzutage, außer dem Gefühl der Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört— welche die immer wieder anſchwel⸗ lende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röthe der Wangen doch endlich zu beſiegen gewußt hatten. Und jetzt ſollte dieſer fremde, abenteuerliche, ge⸗ meine Menſch ſie und ihre Freude, ihre Kunſt zu Schanden machen; er ſollte es wagen, die Damen dieſes deutſchen Paris mit jenen ſchwerfälligen Bewohnerinnen des uncultivirten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen, und ihnen den erſten Rang zu verſagen? Und dies ſollten ſie dulden? 126 Jamais! Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, der über das eiskalte Geſicht des ſtillen Zornes wie ein Nordſchein über Schneegefilde herab⸗ glänzte:„Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, daß Sie das ſchöne Schwaben und ſeine naiven Bauerndirnen ſo treulos verlaſſen haben, und ich bitte Sie, Lieber,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu dem Dichter, der uns eingeführt hatte, wandte,„ich bitte Sie, muthen Sie dieſem Herrn da nicht mehr zu, meine Zirkel zu beſuchen. Jotte doch, er könnte bei unſern Damen ſeine robuſten Naturen und jene Nai⸗ vität vermiſſen, die er ſich ſo ganz zu eigen gemacht hat.“ Triumphirend richteten ſich die Gebeugten auf, die Mütter ſpendeten Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten ſich luſtig über meinen armen Hofmeiſter. Doch der feine Takt der gnädigen Frau ließ dieſem Ausbruch der Nationalrache nur ſo lange Raum, bis ſie den Doktor hinlänglich beſtraft glaubte. Beleidigt durfte dieſer Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch ſeine rückſichtsloſe Außerung ihren Unwillen verdient hatte; ſie beugte alſo ſchnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen ſo eigenthümlich iſt, allen weitern Bemerkungen vor, indem ſie ihren Neffen auf⸗ forderte, ſein Verſprechen zu halten, und der Geſell⸗ ſchaft die längſt verſprochene Novelle preiszugeben. Dieſer junge Mann hatte ſchon während des ganzen Abends meine Aufmerkſamkeit beſchäftigt. Er unter⸗ ſchied ſich von den übrigen jungen Herren, die leer in 127 den Tag hinein plauderten, ſehr vortheilhaft durch Ernſt und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes, richtiges Urtheil. Er war groß und ſchlank gebaut, männlich ſchön, nur vielleicht für Manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte jenen Ausdruck ſtillen Beobachtens, der einen Menſchenkenner oder wenigſtens einen Mann verrieth, der das Leben und Treiben der großen und kleinen Welt in vielerlei Formen geſehen und darüber gedacht hatte. Er hatte, was mich ſehr günſtig für ihn ſtimmte, an dem Geſpräch des ewigen Juden und an ſeiner Perſi⸗ flage mit keinem Wort, ich möchte ſagen, mit keiner Miene Theil genommen. Zum erſtenmal an dieſem ganzen Abend entlockte ihm die Frage ſeiner Tanie ein Lächeln, das ſein Geſicht, beſonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in dieſen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anweſenden Fräulein geweſen wäre, unbedingt verlieben müſſen; aber frei⸗ lich, junge Damen haben hierüber ganz andere Anſichten als der Teufel, und das einfache ſchwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende Garde⸗ uniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigen⸗ den Schnitt nicht aufwiegen. 128 Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Novelle. „Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,“ ſprach der junge Mann mit voller, wohl⸗ tönender Stimme,„eine artige Novelle oder eine leichte, fröhliche Erzählung für dieſen Abend zu erfinden. Doch, um nicht wortbrüchig zu erſcheinen, muß ich ſchon den Fehler einigermaßen gut zu machen ſuchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen Leben er⸗ zählen, das, wenn es nicht ganz den romantiſchen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Werth der Wahrheit für ſich hat.“ Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größern Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja ſie geſtand ihm, daß ſie etwas ſehr Intereſſantes erwarte, denn er ſehe ſeit der Zurückkunft von ſeinen Reiſen ſo geheimnißvoll aus, daß man auf ſeine Begebniſſe recht geſpannt ſein dürfe. Die ältern Damen lorgnettirten ihn aufmerkſam und gaben dieſer Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen: „Als ich vor fünf Jahren in dieſem Saal von einer großen Geſellſchaft, welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden verſammelt hatte, Abſchied nahm, warnten mich einige Damen— wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau mit davon— vor den ſchönen Römerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen 129 entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dank⸗ bar an, noch kräftigeren Schutz aber verſprach ich mir von jenen holden, blauen Augen, von jenen freund⸗ lichen vaterländiſchen Geſichtchen, von all den lieb⸗ lichen Bildern, die ich in feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und ſie ſchützten mich, dieſe Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie ſie aber vor ſanften blauen Augen, welche ich dort ſah, ſich unverantwortlich zurückgezogen, wie ſie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen. Der ſ.... ſche Geſandte am päpſtlichen Hofe hatte mir in der Charwoche eine Karte zu den Lamen⸗ tationen in der ſixtiniſchen Kapelle geſchickt; mehr, um den alten Herrn, der mir ſchon manche Gefälligkeit er⸗ wieſen hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entſchloß ich mich, hinzugehen. Ich war nicht in der beſten Laune, als es Abend wurde; ſtatt einer luſtigen Partie, wozu mich deutſche Maler geladen, ſollte ich einen Klaggeſang mit anhören, der mir ſchon an und für ſich höchſt lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit ſolcher Ritualien überzeugen können, ſelbſt in dem ehrwürdigen Cölner Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebro⸗ chenen Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen Andern ernſter ſtimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuſchung ſtaunen. „Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der ſixtiniſchen Kapelle kam. Die päpſt⸗ liche Wache, alte, ausgediente, ſchneiderhafte Geſaiten W. Hauffs Werke, VI. 130 hielten hier Wache mit ſo meiſterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelsthüre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und ſtach wunderbar ab gegen den dunkeln Chor, in das die Finſterniß zurückgeworfen ſchien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet. Ich hatte Muße genug, die Geſichter der Geſell⸗ ſchaft um mich her zu muſtern. Ich bemerkte nur ſehr wenige Römer, dagegen faſt alles, was Rom an Frem⸗ den beherbergte. Einige franzöſiſche Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge Engländer von meiner Bekanntſchaft, ſtanden ganz in meiner Nähe. Sie zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen laſſen, dem Spektakel, wie ſie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es ſei dies wohl der Schönen zu Gefallen ge⸗ ſchehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir ſtand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße, und ſchien ſehr un⸗ gläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können be⸗ hauptete.— Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine ſchlanke hohe Geſtalt, dem Anſchein nach keine Römerin; ein ſchwarzer Schleier bedeckte das Geſicht und beinahe die ganze Geſtalt, und ließ nur einen Theil des Nackens ſehen, ſo rein und weiß, wie ich ihn ſelten in Italien geſehen hatte. Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten, hoffend, eine intereſſante Be⸗ kanntſchaft zu machen, wollte eben— da begann der 131 Klaggeſang und meine Schöne ſchien ſo eifrig darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, ſie anzureden. Un⸗ muthig lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papſt und ſeine Lamentationen ver⸗ wünſchend. Unerträglich war mir der monotone Geſang. Den⸗ ken Sie ſich, ſechzig der tiefſten Stimmen, die unisono im tiefſten Grundton der menſchlichen Bruſt Bußpſal⸗ men murmeln. Der erſte Pſalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar verlöſchte. Getröſtet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Geſang anhub. Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöſchen müſſen, bis ich ans Ende denken könne. Die Kirche war ge⸗ ſchloſſen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen geſunden Schlaf zu thun. Aber wie war es mög⸗ lich? Wie Strahlen einer Mittagsſonne ſtrömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verf löſchten, meine Unruhe ward immer größer. Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen ſie mir bis ins innerſte Mark. Das Erz mei⸗ ner Bruſt ſchmolz vor den dichten Strahlen, Wehmuth ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend ſtiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkür⸗ liche Rührung bemächtigte ſich meiner, und Thranen entſtürzten ſeit Jahren zum erſtenmal meinem Auge. Beſchämt ſchaute ich mich um, ob doch keiner meine Thränen geſehen. Aber die Spieler, wunder⸗ 13³² barer Anblick, lagen zerkniſcht auf ihren Knieen, der Lord und ſeine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Ker⸗ zen waren verlöſcht. Noch einmal erhoben ſich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiſer verſchwebend. Da verlöſchte die letzte Kerze und zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Fin⸗ ſterniß drang aus dem Chor und lagerte ſich über die Gemeine. Mir war, als wäre ich aus der Gemein⸗ ſchaft der Seligen hinausgeſtoßen in einer fürchterlichen Nacht. Da tönten aus des Chores hinterſten Räumen ſüße klagende Stimmen. Was jenes tiefe, ſchauerliche Uni⸗ ſono unerweicht gelaſſen, zerſchmolz vor dieſem hohen Dolce der Wehmuth. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von ge⸗ richteten Engeln geſungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unſterblichkeit ſei Wahn geweſen. Der Geſang war verklungen, Fackeln erhellten die Scene, die Menge ergoß ſich durch die Pforten, und auch ich gedachte, mich zum Aufbruch zu rüſten; da ge⸗ wahrte ich erſt, daß meine ſchöne Nachbarin noch immer auf den Knieen niedergeſunken lag. Ich faßte mir ein Herz. Signora, ſprach ich, die Thore werden geſchloſſen, wir ſind die letzten in der Kapelle. Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, ſie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht. 13³³ Ich befand mich in ſonderbarer Lage. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mußte alle Augenblicke be⸗ fürchten, vergeſſen zu werden. Ich beſann mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit ſeiner Hülfe die Dame aufzurichten. Wie ward mir, als ich den Schleier aufſchlug. Der düſtere Schein der halbverlöſchten Fackel fiel auf ein Geſicht, wie ich es auch auf den herrlichſten Cartons von Raphael nie geſehen! Glänzendbraune Locken hat⸗ ten ſich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüll⸗ ten Buſen und umzogen das lieblichſte Oval ihres An⸗ geſichtes, auf dem ſich eine durchſichtige Bläſſe gelagert hatte. Die ſchönen Bogen der Brauen verſprachen ein ernſtes, vielleicht etwas ſchelmiſches Auge, und den halb geöffneten Mund, umkleidet mit den weiße⸗ ſten Perlen, konnte Gram, konnte Schmerz ſo gezogen haben. Als wir ſie aufrichten wollten, ſchlug ſie das herr⸗ liche, blaue Auge auf, deſſen eigener, ſchwärmeriſcher Glanz mich ſo überraſchte, daß ich einige Zeit mich zu ſammeln nöthig hatte. Sie richtete ſich plötzlich auf, ſtand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte Formen bei ſo vielem Anſtand, bei ſo un⸗ gewöhnlicher Höhe des Wuchſes. Sie ſchaute verwun⸗ dert in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten. „Und Sie hier, Otto?“ ſprach ſie, nicht italieniſch, nein, in reinem, wohlklingendem Deutſch. Wie war mir doch ſo wunderbar! Sie ſprach ſo 134 bekannt zu mir, ja ſogar meinen Namen hatte ſie ge⸗ nannt; woher konnte ſie ihn wiſſen?— ſie ſchien ver⸗ wundert über mein Schweigen. „Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich ſo freundlich unterſtützt? Doch! laſſen Sie uns gehen, es wird ſpät.“ Sie hatte Recht. Die Fackel drohte zu verlöſchen. Ich gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand. Was ſollte ich denken, was ſollte ich machen? Be⸗ trug von ihr war nicht möglich,— das Mädchen konnte keine Dirne ſein. Verwechslung war offenbar. Aber ſie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, ſie war ſo ohne Arg.— Ich wagte es— ich über⸗ nahm die Rolle eines verſtimmten Verehrers und ſchritt ſchweigend mit ihr durch die Hallen. Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße ſollt ich wählen, um nicht ſogleich meine Unbekanntſchaft zu verrathen? Ich nahm allen meinen Muth zuſammen und ſchritt auf die mittlere Straße zu. „Mein Gott,“ rief ſie aus, und zog meinen Arm ſanft ſeitwärts,„Otto, wo ſind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.“ O! wie hörte ich ſo gerne dieſe Stimme! Wie lieblich klingt unſere Sprache in einem ſchönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehört; es mußte offenbar ein deutſches Mäd⸗ chen ſein, ich ſah es aus Allem, und doch ſo reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer 13⁵ ſchwieg, brach ſie in ein leiſes Weinen aus. Ihr thrä⸗ nendes Auge ſah mich wehmüthig an, ihre Lippen wölbten ſich, wie wenn ſie einen Kuß erwarteten. „Biſt Du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach könnteſt Du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch Du haſt Recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Troſt zu fin⸗ den und fand keinen Troſt, keine Hoffnung. Alle meine Lieben ſchienen dem Grab entſtiegen, ſchienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu ſich rufen. Wie bin ich doch ſo allein auf der Erde!“ weinte ſie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte.„Wie bin ich ſo allein!— Und wenn ich Dich nicht hätte, mein Otto!“ Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das ſchönſte, lieblichſte Kind im Arme, und doch nicht ſagen können, wie ich ſie liebte! Als ihre Thränen noch nicht auf⸗ hören wollten, flüſterte ich endlich leiſe:„Wie könnte ich Dir zürnen?“ Sie ſchaute freudig dankbar auf—„Du biſt wie⸗ der gut? Und ol wie ſiehſt Du heute doch gar nicht ſo finſter aus, auch Deine Stimme klingt heute ſo weich! Sei auch morgen ſo und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf Dich warten.“ Sie näherte ſich einem Hauſe und blieb davor ſte⸗ hen, indem ſie die Glocke zog.„Und nun gute Nacht, mein Herz,“ ſagte ſie,„wie gerne ſäß ich noch zu Dir auf die Bank, aber die Signorg wartet wohl ſchon zu lange.“ Ich wußte nicht, wie mir geſchah, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war ſie. 136 Ich merkte mir die Nummer des Hauſes, aber die Straße konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brun⸗ nen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unſäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerſt ließ mich der Mond nicht ſchlafen, der mich durchs Fenſter herein angrinste, und als ich die Gardine vorzog, ſchien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken. Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich verwünſchte endlich ein Abenteuer, das mich eine ſchlafloſe Nacht koſtete. Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer ſeiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet ſein, als ich meine räthſelhafte Schöne zu Haus brachte, und ſchalten mich neckend, daß ich ſie geſtern gänzlich verläugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern Theil nach, erzählte, wurden ſie noch ungeſtümer und behaupteten, mich deutlich ſchon mehremal mit derſelben Dame geſehen zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon ſich in meine Geſtalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich ſo genau zu kennen ſchien, und ich war nicht min⸗ der begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte Conterfei meiner Geſtalt zu Geſicht zu bekommen. Die beiden Engländer mußten mir Stillſchweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürch⸗ tete, zugleich verſprachen ſie auch, mir ſuchen zu helfen. 137 Nach langem Umherirren, wobei wir tauſend Lügen erſinnen mußten, um die erwachende Neugierde unſerer Freunde zu täuſchen, fanden wir endlich in dem entlegenſten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich ſah das Haus der Holden, ich ſah die Bank an der Thüre, auf welcher ich hätte ſelig werden ſollen, aber hier ging auch unſer Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, ſo weit entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menſchenklaſſe, die beſonders den Engländern ſo gram iſt, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehremal durch die Straße, immer war die Thüre verſchloſſen, immer die Fenſter neidiſch verhängt. Wir vertheilten uns, bewachten Tagelang die Prome⸗ naden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen ſich ſehen. Geſchäfte riefen mich in dieſer Zeit nach Neapel. So angenehm mir ſonſt dieſe Reiſe geweſen wäre, ſo war ſie mir in meiner gegenwärtigen Spannung höchſt fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des Mäd⸗ chens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüſtern. Hatten mich die Geſänge in der Kapelle ſo weich geſtimmt, hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geiſt und die Schön⸗ heit ſo mancher Andern nicht über mich vermochte?“ Unruhig reiste ich ab. Die Reiſe, ſo viele ab⸗ wechſelnde Gegenſtände, die ernſten Geſchäfte, der Reiz der Geſellſchaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder. Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom 138. zurückkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenſtand meiner Sehnſucht herauszufinden? Meine engliſchen Freunde waren abgereist, ich hatte Niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehre Tage verſtreichen laſſen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu miſchen. Wie erſtaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Geſandte fragte, wie ich mich geſtern amüſirt habe. Ich ſagte ihm, ich ſei nicht im Corſo geweſen. Er erſtaunte, behauptete, mich von ſeinem Wagen aus mit einer Dame am Arm geſehen und begrüßt zu haben. Er ſchwieg etwas be⸗ leidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die Geſuchten wären?— Man war in allen Zirkeln ſehr geſpannt auf dieſen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelſten römiſchen Häuſern eine Rolle über⸗ nommen hatten, ſollte das Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Corſo. Erwarten Sie von mir keine Beſchreibung dieſes Schauſpiels. Zu jeder andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerkſamkeit geſchenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbeluſtigung ſehr intereſſant geweſen wäre, ſondern weil ſich der Charakter der Römer gerade hier am meiſten aufdeckt. Aber wenn ich ſage, daß von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Corſo nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben, und nur ein heller Stern aus dieſer Nacht auftaucht, 139 ſo werden Sie vergeben, wenn ich über das intereſſante Schauſpiel Ihre Neugierde nicht zur Genüge befriedige. Die lange, enge Straße war ſchon gefüllt, als wir durch die Porta del popolo hereintraten. Unabſeh⸗ bar wogten die Wellen der Menge durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil es unter der Miſchung der grellſten Farben keinen Punkt fand, der es feſthielt. Die Erwartung war ge⸗ ſpannt. überall hörte man von dem Maskenzug reden, der ſich nun bald nahen müſſe. Ein rauſchendes Bei⸗ fallrufen drang jetzt von den Obelisken auf der Piazza herüber und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten ſich dorthin. Von den Balkonen und Gerüſten herab wehten ihnen Tücher und winkten ſchöne Hände entgegen, indem die Equipagen ſich in die Seiten drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß ein herrlicher Anblick. Die Götter der alten Roma ſchienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu ſein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majeſtätiſche Gruppen! Welch herr⸗ liche Umriſſe in den Geſtalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht für Unbeſcheidenheit halten, ſondern mußte ge⸗ rade hierin den ſchönſten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungeſtüm den Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Geſichtes un⸗ verhüllt, als Pſyche ſich nahte. Wahrlich, dieſer lieb⸗ liche Ernſt, dieſe ſanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeiſtern koͤnnen. 140 Der Abend nahte heran, man ſchickte ſich an, die Gerüſte zu beſteigen, weil das Pferderennen beginnen ſollte. Ich ſtand ziemlich verlaſſen auf der Straße, muſternd mit ſehnſüchtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen ſei. Plötzlich fühlte ich einen leiſen Schlag auf die Schulter. „So einſam?“ tönte in der lieben Mutterſprache eine ſüße Stimme in mein Ohr. Ich ſah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, ſtand hinter mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blaue Augen, die mich damals ſo ſehr überraſchten. Sie iſt's— es iſt kein Zweifel. Ich bot ihr ſchweigend die Hand, ſie drückte ſie leiſe.„Du böſer Otto,“ flüſterte ſie,„den ganzen Abend habe ich Dich ver⸗ gebens geſucht. Wie mußte ich ſchwatzen, um die Signora los zu werden!“ Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu ſuchen. Ich deutete hinauf, ſie gab mir ihren Arm, ſie folgte. Ein heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot ſich dar, ſie wählte es von ſelbſt. Karneval, Pferderennen„alle Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein ſtiller Himmel ſich öffnete, als ſie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unend⸗ lich ſchöner war ſie als an jenem Abend. Die zarte Bläſſe, die ſie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchſichtigen Röthe gewichen; das Auge ſtrahlte noch von höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmüthige Ernſt der Züge, wie ſie ſich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert, das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte. 141 Sie heftete wieder einige Minuten ſchweigend ihr Auge auf mein Geſicht, ſtrich mir ſpielend die Haare aus der Stirne, und rief dann plötzlich:„Jetzt biſt Du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den Du mir ſo hartnäckig läugneſt! Geſtehſt Du ihn Deiner Louiſe noch nicht?“ Welche Pein! Was ſollte ich ſagen? Da fiel plötz⸗ lich das Signal, die Pferde rannten durch den Corſo. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächſte Säule, um nicht im Augenblick vor dem argloſen Mädchen als ein Thor, oder noch etwas Schlimmeres zu erſcheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich ſelbſt recht ernſtlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine ſo weit getriebene Neugierde Frevel? Während ich noch ſo mit mir ſelbſt kämpfte, ob es nicht ehrlicher ſei, ein Abenteuer aufzugeben, deſſen Ende nur ein thörichtes ſein könnte, bemerkte ich, daß meine Stelle ſchon wieder beſetzt ſei. Ich ſchlich näher herzu, um wenigſtens zu hören, wer der Glückliche ſei, da ich ihn, ohne meine unbeſcheidene Nähe zu verra⸗ then, nicht ſehen konnte. „Wie magſt Du nur ſo zerſtreut fragen?“ ſagte Louiſe,„Du ſelbſt haſt mich ja herauf geführt.“ „Ich hätte Dich geführt, der ich dieſen Augenblick erſt zu Dir trete? Geſtehe, Du betrügſt mich; wer hat Dich hergeleitet?“ Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, be⸗ harrte ſie auf dem, was ſie vorhin ſagte.„Du biſt 142 auch wie unſer Wetter über den Alpen, ſo eben noch ſo freundlich, und jetzt ſo kalt, ſo finſter.“ Jener ſtand ſchnell auf:„Ich bin nicht geſtimmt, meine Gnädige, das Ziel Ihrer Scherze zu ſein,“ ſagte er,„und wenn Sie ſich in Räthſel vertiefen wird meine Geſellſchaft Ihnen läſtig werden.“ Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlängern, trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflöſung des Räthſels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Geſtalt, mein eigenes Geſicht glaubte ich mir gegenüber zu ſehen. Die über⸗ raſchende Aehnlichkeit—“ Fünfßzehntes Kapitel. Das Intermezzo.— Die Trinker. Ein ſchrecklicher Angſtſchrei, ein Geraſſel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgeſtreckt auf dem Boden des Saales, überſchüttet mit Thee, Trümmer ſeines Stuhles und der feinen Meißner Taſſe, die er im Sturz zerſchmettert, um ihn her. Der Ärger über eine ſolche Unterbrechung war auf allen Geſichtern zu leſen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von dieſem Schauſpiel; von den Herren machte keiner Miene, ihm beizuſtehen. Er ſelbſt aber blieb Sekunden lang liegen, ohne ſich zu rühren, und ſchaute verwundert herauf. Ich ſprang auf, ihm beizuſtehen, ich hob ihn auf 143 und ſah mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn ſetzen könnte. Aber ein Verwandter des Hauſes raunte mir in die Ohren; ich möchte machen, daß wir fortkommen, mein Hofmeiſter ſcheine ſich nicht in dieſer Geſellſchaft zu gefallen. Wir folgten dem Wink und nahmen unſere Hüte. Als ich mich von der gnädigen Frau beurlaubte, ſagte ſie mir viel Schönes und lud mich ein, ſie recht oft zu ſehen; meinen armen Hofmeiſter würdigte ſie keines Blickes. Sie neigte ſich ſo kalt als möglich, und ließ ihn abziehen. Gelächter ſchallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte mit meiner Inkarnation ſo viel menſchliche Eitelkeit angezogen, daß mich dieſes Lachen ungemein ärgerte. Wie gern hätte ich die Erzählung jenes intereſſanten jungen Mannes zu Ende gehört; wie viel Wichtiges und Pſychologiſches hätte ich von dem gardeuniform⸗ liebenden Fräulein erlauſchen können; und war ich ſelbſt nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf ſagen, hüb⸗ ſcher Mann auf Reiſen findet, wo er hinkommt, freund⸗ liche Augen, durch welche er ſo leicht in die Herzen ein⸗ zieht— und dies alles hatte mir das ungeſchliffene Weſen des alten Men ſchen verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im Wagen ſaßen. „War es nicht genug,“ ſagte ich,„daß Du mit Deinem ſcharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädi⸗ gen empfindlich bürſteteſt? Mußteſt Du auch noch die Frau von Wollau durch Dein unzeitiges Gelächter be⸗ leidigen? Und kaum haſt Du es wieder gut gemacht, ſo * 444 bringſt Du aufs Neue alles gegen Dich auf? Was gingen Dich denn die Schwabenmädel an, daß Du ihre Schönheit an den Theetiſchen Berlins predigeſt? Darfſt Du denn ſogar in China einer Schönen ſagen, ſie habe ein Theegeſicht? Und jetzt, nachdem Du die ſpitzigen Worte der ungnädigen Frau eingeſteckt hatteſt, jetzt als alles auf das erſte vernünftige Thema, das dieſen Abend abgehandelt wurde, lauſchte, jetzt fällſt Du, wie der ſelige Hoheprieſter Eli im zweiten Ka⸗ pitel Samuelis, rücklings in den Saal und zerſchmet⸗ terſt— nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige jüdiſche Papſt— nein! einen zierlich geſchnitzten Fauteuil und eine Taſſe von Meißner Porzellan; ſage, ſprich, ſchlechter Kamerad, wie fingſt Du es nur an?“ „In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht ſo arrogant gegen Unſereinen,“ antwortete er verdrießlich, „Ihr wißt, daß Euch keine Gewalt über meine Seele zuſteht, denn ſeit anderthalb Tauſend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Elis⸗ Geſchichte betrifft, ſo will ich Euch reinen Wein ein⸗ ſchenken, vorausgeſetzt, Ihr begleitet mich in eine Au⸗ berge, denn der läpperichte Thee hier, mit dem man in China kaum die Taſſen ausſpülen würde, mit dem noch ſchlechtern Arak, haben mir ganz miſerabel ge⸗ macht.“ Ich ließ vor einem Reſtaurateur halten und führte den verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war ſchon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirthszimmer. Wir ſetzten uns an einen Tiſch zu vier oder fünf ſolcher nächtlichen Ge⸗ 145⁵ ſellen; ich ließ für den alten Menſchen Burgunder auf⸗ tragen, und in geläufigem Malabariſch, wovon die Trinker gewiß nichts verſtanden, forderte ich ihn auf, zu erzählen. Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke ſich erholt hatte, begann er: „Ich glaube, es iſt ein Theil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich, ſobald ich mich in höhere Sphären der Geſellſchaft wage, lächerlich werde; ein paar Bei⸗ ſpiele mögen Dir genügen. „Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel ſuche— nun verziehe Dein Geſicht nur nicht ſo ſpöt⸗ tiſch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräf⸗ tigen Fünfz'ger und ein ſolcher darf ſich ſchon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen ſächſiſchen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte ſchon ſeit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette ſchien mir gar nicht ab⸗ geneigt. Ich kleidete mich ſorgfältiger, um ihr zu ge⸗ fallen, ich ſcherwenzelte um ſie her, wenn ſie ſpazieren ging, kurz, ich war ein ſo ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaſter von Leipzig ging. In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, Morgens um neun Uhr an dem Haus ſeiner Schönen vorbeizugehen; ſchaute ſie heraus, ſo wurde mit Grace der Hut ge⸗ zogen und etwas Weniges geſeufzt. Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die Glocke neun Uhr ſummte, an jenem Haus vorüber; und ich hatte die Freude, zu ſehen, W. Hauffs Werfe, VI, 1¹0 7 146 wie mein Engel jedesmal zum Fenſter herausſchaute und huldreich lächelte. Eines Morgens war es ſehr kothig auf der Straße; ich ging alſo, um die weißſei⸗ denen Strümpfe zu ſchonen, auf den Zehenſpitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hauſe meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen zuſammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinſpektor und mußte den Einwohnern ein gutes Beiſpiel geben; wie freute ſich mein Herz über dieſe Reinlichkeit! Ich konnte dort feſter auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Compli⸗ ment machte, zierlich ausſchweifen, ohne mich zu be⸗ ſchmutzen. Mein Engel ſchaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem ſchöͤnfriſirten Toupè, ſchwenke ihn in einem kühnen Bogen und— o Un⸗ glück— er entwiſcht meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeſchichteten Unrath, daß nur noch die Spitze hervorſieht. „Wie ſchön ſagt Schiller: Einen Blick Nach dem Grabe Semer Habe Sendet noch der Menſch zurück. „So ſtand ich wie niedergedonnert an dem Unrath. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerſpitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu befürchten, daß er ganz ruinirt ſei; ſollte ich völlig chapeau bas weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entſprungen? „Wie ein ſilbernes Feuerglöckchen ſchlägt jetzt as 147 luſtige Lachen meiner Duleinea an mein Ohr; brummend wie die ſchweren Todtenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bäſſe aus dem gegenüber⸗ ſtehenden Kaffeehaus: Huſarenlieutenants, Schreiber⸗ Kaufleute, brüllen aus den aufgeriſſenen Fenſtern, und „Huſſa, Sultan, ſuch verloren!“ tönt die Stimme meines furchtbarſten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine engliſche Dogge von Menſchenlänge ſtürzt hervor, packt den verlornen Hut mit geübter Schnauze, reunt auf mich zu, ſtellt ſich auf die Hinterbeine, tappt mit ſeinen Pfoten auf meine Schultern und präſentirt mir das triefende Corpus delicii. „Was ich Dir hier mit vielen Worten erzählte, mein Beſter, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dageſtanden, und erſt die Zudring⸗ lichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Faſſung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter ſcholl aus dem Kaffeehauſe, und auch bei ihr waren alle Fenſter mit Lachern angefüllt, und als ich einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, ſah ich, wie ſie das batti⸗ ſtene Schnupftuch in den Mund ſchob, um nicht vor Lachen zu berſten. Da verlor ich von neuem die Faſ⸗ ſung; wüthend ergriff ich den Hut und ſchlug ihn der Dogge ins Geſicht; aber die Beſtie verſtand keinen Spaß, ſie packte mich an der zierlichen Buſenſchleife; ich ließ ihr dieſe Spolien und machte mich eilends da⸗ von, durch Dick und Dünn galoppirend; aber die Beſtie folgte, und andere Hunde und Gaſſenjungen ſtürzten nach, und die ſchreckliche Jagd nahm erſt ein Ende, als ich athemlos in das Portal meines Gaſthofes ſtürzte. 148 „Daß es mit meiner Liebe aus war, kannſt Du denken, beſonders da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um dieſe Stunde in das Kaffee⸗ haus beſtellt, um meine tägliche Fenſterparade zu be⸗ wundern!“ 1 Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach ſeinem Glas, trank und fuhr dann fort: „Kann Dich verſichern, ſo hundsföttiſch ging es mir von jeher, beſonders aber in der neuen aufge⸗ klärten Zeit, wo man ſo ungemein viel auf das Schick⸗ liche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreff⸗ liche Reifrock der Etikette ein wenig unſanft berührt wird. Darum iſt es mir bei einem Gaſtmahl immer höllenangſt. Wird fette Sauce umhergegeben, ſo ſehe ich ſchon im Geiſte, daß ich damit zittern und ſie ver⸗ ſchütten werde. Kömmt dann der Bettel an mich, ſo bricht mir der Angſtſchweiß aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand fürchterlich, ſie ſchwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und— richtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Beſcheerung auf dem neuen Drap d'or oder genueſiſchen Sammt⸗ kleid, daß Alles im ſchönſten Fett ſchwimmt. Habe ich aber endlich eine ſolche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verſchütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu laſſen, ohne dem Schoos⸗ hund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauſes die größten Sottiſen zu ſagen, wenn ich höf⸗ lich und pikant ſein will, ſo faßt mich irgend ein Un⸗ heil noch zum Schluß, daß ich mit Schande abziehe, wie heute.“ 149 „Nun,“ fragte ich,„und was warf Dich denn heute mitten ins Zimmer?“ 1 „Als der langweilige Menſch ſeine Erzählung an⸗ hub, wie er ein paar Pfaffen habe ſingen hören, und wie er einem hübſchen Mädchen nachgelaufen ſei— was man überall thun kann, ohne gerade in Rom zu ſein— da übermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptubel iſt, und ſo ſetzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rückwärts in Bewegung und ſchaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich deſſen verſah, ſchlug der Stuhl mit mir rück⸗ wärts über und ich lag— „Das habe ich leider geſehen, wie Du lagſt,“ ſagte ich;„aber wie kann man nur in honnetter Geſellſchaft ſo ganz alle gute Sitte vergeſſen und mit dem Stuhl ſchaukeln.“ „Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geſchichte, ich habe heute Abend kein Glück gemacht, das iſt Alles. Bibamus, Diabole!“ ſagte der alte Menſch, indem er ſelbſt mit tüchtigem Beiſpiel voranging und dann ſchmunzelnd auf das dunkelrothe Glas wies:„Der iſt koſcher, Herr Bruder, guter Bur⸗ gunder, echter Chambertin und wenigſtens zwanzig Jahre alt. Du magſt mich jetzt auslachen oder nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Südſtamme iſt noch immer meine Leidenſchaft, und ich behaupte, die Welt ſieht jetzt nur darum ſo ſchlecht aus, weil ſo viel Thee, Branntwein und Bier, aber deſto weniger Wein ge⸗ trunken wird.“ „Du könnteſt Recht haben, Inde!“ 15⁰ „Wie ſtattlich,“ fuhr er im Eifer fort,„wie ſtatt⸗ lich nahmen ſich ſonſt die Wirthshäuſer aus. Breite, gedrungene, kräftige Geſtalten, den dreiſpitzigen Hut ein wenig auf die Seite geſetzt, rothe Geſichter, feurige Augen, ins Bläuliche ſpielende Naſen, honnette Bäuche — ſo traten ſie, das hohe mit Gold beſchlagene Meer⸗ rohr in der Fauſt, feierlich grüßend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke geſtellt war, ſchritt der Gaſt dem wohlbekannten Plätzchen zu, das er ſeit Jahren ſich zu eigen gemacht hatte, und das oft nach ihm getauft war. Der Wirth ſtellte mit einem „Wohl bekomms“ die Weinkanne vor den ehrſamen Trinker, die gewöhnlichen Bechernachbarn fanden ſich zur beſtimmten Stunde ein, man trank viel, man ſchwatzte wenig und zog zur beſtimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten, wie die Menſchen ſagen, die nach Jahren rechnen, ſo war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen ſie Alles an den Putz, machen Staat wie die Für⸗ ſten und ſitzen den Wirthen um zwei Groſchen die Bänke ab. Luftiges, unſtätes Geſindel fährt in den Wirths⸗ häuſern umher, man weiß nie mehr, neben wen man zu ſitzen kömmt, und das nennen die Leute Kosmo⸗ politismus. Höchſtens trifft man ein paar alte wein⸗ grüne Geſichter von der echten Sorte; aber dies Ge⸗ ſchlecht iſt beinahe ausgeſtorben!“ „Schau nur dorthin,“ fiel ich ihm ein,„Du Pre⸗ diger in der Wüſte, dort ſitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Männlein dort in dem braunen Röck⸗ chen, wie es ſo feurig die rothen Augen über die Flaſche 15¹1 hinrollen läßt. Er ſcheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierenſteiner Kirchhofwein, den er vor ſich hat, in ganz kleinen Zügen und zerdrückt ihn ordent⸗ lich auf der Zunge, ehe er ſchluckt. Und dort der große dicke Mann mit der rothen Naſe, iſt er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Fauſt, ſtatt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszuſtrecken? Iſt er nicht ſchon an der vierten Flaſche, ſeit wir hier ſind, und haſt Du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Taſche ſteckt, um nachher zu zählen, wie viele Flaſchen er ge⸗ trunken?“ „Wahrhaftig, dieſe ſind echt!“ rief der begeiſterte Jude,„ich bin jung geweſen und alt geworden, aber ſolcher gibt es nicht viele, laß uns zu ihnen uns ſetzen, mi Fratercule!“ Wir hatten nicht fehl gerathen. Jene Trinker waren von der echten Sorte, denn ſchon ſeit zwanzig Jahren kommen ſie alle Abende in das nämliche Wirthshaus. Man kann ſich denken, wie gerne wir uns an ſie an⸗ ſchloſſen. Ich, weil ich ſolche Käuze liebe und aufſuche, der ewige Jude aber, weil der Contraſt zwiſchen dem eleganten Thee und dieſen Trinkern in ſeinen Augen ſehr zu Gunſten der Letzteren ausfiel. Er wurde ſo cor⸗ dial, daß er zu vergeſſen ſchien, daß er mit ihren Ur⸗ vätern ſchon getrunken habe, daß er vielleicht mit ihren ſpäten Enkeln wieder trinken werde. Die alten Geſellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn ſie wurden freundlich und fingen an, zuerſt leiſe vor ſich hin zu brummen, dann geſtaltete ſich dieſes 15² Brummen zu einer Melodie, und endlich ſangen ſie mit heiſerer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menſchen faßte dieſe Luſt. Er dudelte die Melo⸗ dien mit, und als ſie geendet hatten, fing auch er ſein Lied an. Er ſang: Wer ſeines Leibes Alter zählet Nach Nächten, die er froh durchwacht, Wer, ob ihm auch der Thaler fehlet, Sich um den Groſchen luſtig macht, Der ſindet in uns ſeine Leute, Der ſei uns brüderlich gegrüßt, Weil ihn wie uns der Gott der Freude In ſeine ſanften Arme ſchließt. Wenn von dem Tanze ſanft gewieget, Von Flötentönen füß berauſcht, Fein Liebchen ſich im Arme ſchmieget Und Blick um Liebesblick ſich tauſcht; Da haben wir im Flug genoſſen, Und ſchnell den Augenblick erhaſcht, Und Herz am Herzen feſtgeſchloſſen Der Lippen füßen Gruß genaſcht. Den Wein kannſt du mit Gold bezahlen, Doch iſt ſein Feuer bald verraucht, Wenn nicht der Gott in ſeine Strahlen, In ſeine Geiſterglut dich taucht; Uns, die wir ſeine Hymnen ſingen, Uns leuchtet ſeine Flamme vor, Und auf der Töne freien Schwingen Steigt unſer Geiſt zum Geiſt empor. Drum, die ihr frohe Freundesworte Zum würdigen Geſang erhebt, Euch grüß ich, wogende Akkorde, Daß ihr zu uns herniederſchwebt! 15³3 Sie tauchen auf— ſie ſchweben nieder, Im Vollton rauſchet der Geſang, Und lieblich hallt in unſre Lieder Der vollen Gläſer Feierklang. So haben's immer wir gehalten Und bleiben fürder auch dabei, Und mag die Welt um uns veralten, Wir bleiben ewig jung und neu: Denn wird einmal der Geiſt uns trübe, Wir baden ihn im alten Wein, Und ziehen mit Geſang und Liebe In unſern Freudenhimmel ein. Ob dies des ewigen Juden eigene Poeſie war, kann ich nicht beſtimmt ſagen; doch ließ er mich zu Zeiten merken, daß er auch etwas Poet ſei, die zwei alten Weingeiſter aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; ſie drückten dem alten Menſchen die Hand und ge⸗ berdeten ſich, als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt. Es ſchlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der ewige Jude ſah mich an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abſchied zwiſchen uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre heiſeren Stimmen in wunderlichen Tönen ſingen: Und wird einmal der Geiſt uns trübe, Wir baden ihn im alten Wein, Und ziehen mit Geſang und Liebe In unſern Freudenhimmel ein. Satans Beſuch bei Herrn von Goethe, nebſt einigen einleitenden Bemerkungen über das Diaba⸗ liſche in der deutſchen Literatur. Von Zeit zu Zeit ſeh ich den Alten gern Und hüte mich, mit ihm zu brechen; Es iſt gar hübſch von einem großen Herrn So meuſchlich mit dem Teufel ſelbſt zu ſprechen. Goethe. Sechszehntes Kapitel. Bemerlungen über das Diaboliſche in der deutſchen Literatur. Die Idee eines Teufels iſt ſo alt als die Welt, und nicht erſt durch die Bibel unter die Menſchen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen und böſen Geiſter,— natürlich weil die Menſchen ſelbſt von Anfang an ge⸗ ſündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthro⸗ pomorphismus das Böſe, das ſie ſahen, einem Geiſte zuſchrieben, deſſen Geſchäft es ſei, überall Unheil an⸗ zurichten. So würde ich ungefähr ſprechen, wenn ich es bis zum Profeſſor der Philoſophie gebracht hätte 8 15⁵ und nun über die Idee eines Teufels mich breit machen müßte. In meiner Stellung aber lache ich über ſolche De⸗ monſtrationen, die gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinwegzudiſputiren ſucht; ich lache darüber und behaupte, die Menſchen, ſo dumm ſie hie und da ſein mögen, merken doch bald, wenn es nicht ganz geheuer um ſie her iſt, und mögen ſie mich nun Ariman oder das böſe Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, ſie kennen mich in allen Völkern und Sprachen. Es iſt doch eine ſchöne Sache um das dicier hic est, darum behagt mir auch die deutſche Literatur ſo ſehr. Haben ſich nicht die größten Geiſter dieſer Nation bemüht, mich zu ver⸗ herrlichen, und, wenn ich's nicht ſchon wäre, mich ewig zu machen? In meiner Dissertatio de rebus diabolicis ſage ich unter anderm hierüber Folgendes:„§. 8. Die Idee, das moraliſche Verderben in einer Perſon darzuſtellen, mußte ſich daher den Dichtern bald aufdrängen; dieſe waren, wie es in Deutſchland meiſtens der Fall war, philoſophiſch gebildet, doch war ihre Philoſophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtig⸗ keit über Gegenſtände hinzugleiten weiß, daher kam es, daß auch die Gebilde ihrer Phantaſie jenes philoſophi⸗ ſche Blei an den Füßen trugen, das ſie nicht mit Ge⸗ wandtheit auftreten ließ; ſie ſtolperten auf die Bühne und von der Bühne, machten ſich breit in Phtloſo⸗ phemen, die der Zehnte nicht ſogleich verſtand, und 156 drehten und wandten ſich, als ſollten ſie auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen.. „Daher kam es, daß auch die Teufel dieſer Poeten gänzlich verzeichnet waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombaſt hat dieſer arme Teufel zuerſt in der Hölle und dann auf der Erde her⸗ zuleiern! „Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geſchwind aus dem Puppenſpiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Scene geſetzt? Man begreift nicht, wie ein Menſch ſich von einem ſolchen Ungethüm ſollte verführen laſſen.“ Es gibt noch mehre ſolcher literariſchen Ungethüme, die hier aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des italieniſchen Luſt⸗ ſpiels; ich war bei dieſen Leuten eine ſtehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die Hörner herausſtreckte, und unter welche man zu beſſerer Kenntniß ein Eccehomo, ſehet das iſt der Teufel, ſchrieb. Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, ſagt ein Sprüchwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht ſein„Ein jeder gibt, wie er's kann,“ fuhr ich in der Diſſertation fort,„und wie ſich in jenen Poeten das moraliſche Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abſpie⸗ gelte, ſo gaben ſie auch ihre Teufel. Daher kommt es, 457 daß Herr Urian bei Klopſtock wieder bei weitem anders ausſieht. „Jener Abadonna iſt ein gefallener Engel, dem das hölliſche Feuer die Flügel verſengte, der ſich aber auch jetzt noch nobel und würdig ausnehmen ſoll. Aber leider iſt dieſer Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigſtens kömmt der Klopſtockiſche Gottſeibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den Salons verwieſen, ſich in den Tabagien und ſpießbür⸗ gerlichen Clubs nicht recht zu finden weiß und darum unanſtändig jammert.“ So ungefähr ſprach ich mich in jener gelehrten Diſſertation aus, und ich gebe noch heute zu, daß die Auffaſſung wie jeder Idee, ſo auch der des Teufels, ſich nach den individuellen Anſichten des Dichters über das Böſe richten muß; dies alles aber entſchuldigt keines⸗ wegs jenen berühmten Mann, der, kraft ſeines um⸗ faſſenden Genies, nicht den engen Grenzen ſeines Va⸗ terlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, ſondern der Erde und künftigen Jahrhunderten ange⸗ hören könnte, es entſchuldigt ihn nicht darin, daß er einen ſo ſchlechten Teufel zur Welt gebracht hat. Der Goethiſche Mephiſtopheles iſt eigentlich nichts anders, als jener gehörnte und geſchwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hoſen geſteckt, für die Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Baret verborgen— ſiehe da den Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade iſt ja die große Kunſt des Mannes, daß er tauſend Fäden zu ſpinnen 15⁸ weiß, durch die er ſeine kühnen Gedanken, ſeine hohen überſchwänglichen Ideen an das Volksleben, an die Volks⸗ poeſie knüpft.— Halt Freund! Iſt es eines Mannes, der, wie ſie ſagen, ſo hoch über ſeinem Gegenſtand ſteht, und ſich nie von ihm beherrſchen läßt, iſt es eines ſolchen Dichters würdig, daß er ſich in dieſe Feſſeln der Popularität ſchmiegt? Sollte nicht der königliche Adler dieſes Volk bei ſeinem populären Schopf faſſen und mit ſich in ſeine Sonnenhöhe tragen? Verzeihe, Wertheſter, erhalte ich zur Antwort, Du vergiſſeſt, daß unter dieſem Volke Mancher eine Perüke trägt; würde ein ſolcher nicht in Gefahr ſein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder zur Erde ſtürzte? Siehe! der Meiſter hat dies beſſer be⸗ dacht; er hat aus jenen tauſend Fäden, von welchen ich dir ſagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher ſeine Jünger ſäuberlich und ohne Gefahr zu ihm hin⸗ aufklimmen. Der Meiſter aber ſetzet ſie zu ſich in ſeine Arche, gleich Noa ſchwebt er mit ihnen über der Sünd⸗ flut jetziger Zeit, und ſchaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten ſtrömt. Ein wäſſeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottiſe; befand ſich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menſchen? Und will der Meiſter warten, bis die Flut ſich verlaufe und dann ſeine Stierlein und Eſelein, ſeine Pfauen und Kameele, Paar und Paar auf die Erde ſpazieren laſſen? Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfin⸗ dung des Weines ſich zuſchreiben, ſich ein Patent darüber ausſtellen laſſen und über ſeine Schenke ſchrei⸗ ben:„Hier allein iſt echter zu haben,“ wie Maria Farina auf ſein kölniſches Waſſer, ſo für alle Schäden gut iſt? Aber, um wieder auf den Mephiſtopheles zu kom⸗ men; gerade dadurch, daß er einen ſo überaus popu⸗ lären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts für die Würde ſeines ſchönſten Gedichtes gewon⸗ nen. Er wird zwar viele Leſer herbeiziehen, dieſer Mephiſto, viele Tauſende werden ausrufen:„Wie herrlich! das iſt der Teufel, wie er leibt und lebt.“ Um die ubrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern ſie ſich wenig, ſie ſind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphäre an⸗ gemeſſen iſt. Aber erkennſt du denn nicht, wird man mir ſagen, erkennſt du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in dieſem Mephiſtopheles liegt? Ironie? Und welche? Ich ſehe nichts in dieſem meinem Conterfei, als den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnſtube beſchrieben wird. Man erlaube mir, dieſes Bild noch näher zu beleuch⸗ ten. Ich werde nämlich vorgeſtellt als ein Geiſt, der beſchworen werden kann, der ſich nach magiſchen Ge⸗ ſetzen richten muß: „Geſteh' ich's nur, daß ich hinausſpaziere, Verbietet mir ein kleines Hinderniß, Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;“ und dieſer Schwelle Zauber zu zerſpalten „Bedarf ich eines Rattenzahns;“ 160 daher befiehlt: „Der Herr der Ratten und der Mäuſe, Der Fliegen, Fröſche, Wanzen, Läuſe“ in einer Zauberformel ſeinem dienſtbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studirzimmer treten, ohne daß der Doktor Fauſt dreimal„Herein!“ ruft. In andere Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gret⸗ chens Stübchen, trete ich ohne dieſe Erlaubniß. Doch den Schlüſſel zu dieſen ſonderbaren Zumuthungen fin⸗ den wir vielleicht in dem Vers: „Gewöhnlich glaubt der Menſch, wenn er nur Worte hört, Es müſſe ſich dabei auch etwas denken laſſen!“ Doch weiter. Ich ſtehe auf einem ganz beſondern Fuß mit den Hexen. Die in der Hexenküche hätte mich gewiß liebe⸗ voller empfangen, aber ſie ſah keinen Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimiren, mache ich eine unanſtändige Geberde. „Mein Freund, das lerne wohl verſtehen, Das iſt die Art, mit Hexen umzugehen.“ Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel beſſer bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich ſage daher zum Doktor: „Verlangſt Du nicht nach einem Beſenſtiele? Ich wünſchte mir den allerderbſten Bock.“ Auch hier „Zeichnet mich kein Knieband aus, Doch iſt der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.“ — 161 Um unter dieſem gemeinen Gelichter mich recht zu zei⸗ gen, tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch Gedanken⸗ ſtriche „die hatt' ein————— So— es war, gefiel mir's doch“ anzudeuten wagt. Ich bin ſelbſt in Fauſts Augen ein widerwärtiger, hämiſcher Geſelle, der ——„falt und frech Ihn vor ſich ſelbſt erniedrigt.“— Ich bin ohne Zweifel von häßlicher, unangenehmer Ge⸗ ſtalt und Geſicht, was man, mit mildem Ausdruck, markirt, intrikant, und im gemeinen Leben einen ab⸗ gefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt. Daher ſagt Gretchen von mir: „Der Menſch, den Du da bei Dir haſt, Iſt mir in tieſer, inn'rer Seel' verhaßt. Es hat mir in meinem Leben So nichts einen Stich in's Herz gegeben Als des Menſchen widrig Geſicht.— Seine Gegenwart bewegt mir das Blut, Ich hab' vor dem Menſchen ein heimlich Grauen.— — Kommt er einmal zur Thüre herein Sieht er immer ſo ſpöttiſch drein Und halb ergrimmt.— Es ſteht ihm an der Stirn geſchrieben, Daß er nicht mag eine Seele lieben ꝛc.“ Daher ſage ich auch nachher: „Und die Phyſiognomie verſteht ſie meiſterlich, In meiner Gegenwart wird ihr, ſie weiß nicht wie; Memi Mäskchen da weiſſagt verborgnen Sinn, W. Hauffs Werke. VI. 11 16² Sie fühlt, daß ich ganz ſicher ein Genie, Vielleicht wohl gar der Teuſel bin.“ Soll dies bei Gretchen Ahnung ſein? Iſt ſie befangen in der Nähe eines Weſens, das, wie man ſagt, ihren Gott verläugnet? Iſt es etwa ein unangenehmer Ge⸗ ruch, eine ſchwüle Luft, die ihr meine Nähe ängſtlich macht? Iſt es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet, als der ſchon gefallene Menſch; wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk ſcheuen, wenn ſie ihn auch nicht ſehen? Nein— es iſt nur allein mein Ge⸗ ſicht, mein Mäskchen, mein lauernder Blick, mein höhniſches Lächeln, das ſie ängſtlich macht, ſo ängſt⸗ lich, daß ſie ſagt: „— Wo er nur mag zu uns treten, Mein' ich ſogar, ich liebte Dich nicht mehr— Wozu nun dies? Warum ſoll der Teufel ein Geſicht ſchneiden, das Jedermann Mißtrauen einflößt, das zu⸗ rückſchreckt, ſtatt daß die Sünde, nach den gewöhnlich⸗ ſten Begriffen, ſich lockend, reizend ſehen läßt? Wer hat nicht die herrlichen Umriſſe über Göthe's Fauſt von dem genialen Retſch geſehen! Gewiß, ſelbſt der Teufel muß an einem ſolchen Kunſtwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das liebliche, ſinnige Geſicht des kindlichen, keuſchen Gretchens, Fauſt in der vollendeten Blüte des Man⸗ nes ſteht neben ihr, welche Würde noch in dem gefalle⸗ nen Götterſohn! Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und ſiehe, ein Scheuſal in Menſchengeſtalt ſteht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen des 163 dürren Körpers, das ausgedörrte Geſicht, die häßliche Naſe, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mund⸗ winkel— hinweg von dieſem Bild, das mich ſchon ſo oft geärgert hat.* Und warum dieſe häßliche Geſtalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte ich, weil Goethe, der ſo hoch über ſeinem Werk ſchwebende Dichter, ſeinen Sa⸗ tan anthropomorphiſirt; um den gefallenen Engel würdig genug darzuſtellen, kleidet er ihn in die Geſtalt eines tief gefallenen Menſchen. Die Sünde hat ſei⸗ nen Körper häßlich, mager, unangenehm gemacht. In ſeinem Geſicht haben alle Leidenſchaften gewühlt und es zur Fratze entſtellt, aus dem hohlen Auge ſprüht die grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund iſt widrig, hämiſch wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde ſchon gekoſtet hat und jetzt aus Üüber⸗ ſättigung den Mund darüber rümpft; der Unſchuld iſt es nicht wohl in ſeiner befleckenden Nähe, weil ihr vor dieſen Zügen ſchaudert. Soſ hat der Dichter, weil er einen ſchlechten Men⸗ ſchen vor Augen hatte, einen ſchlechten Teufel gemalt. * Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, ſo ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm faſt zutrauen ſollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich darſtellt; dieſe Be⸗ merkung wird um ſo wahrſcheinlicher, wenn man ſich erinnert, daß er oben in dem zweiten Abſchnitt ſelbſt geſteht, daß durch ſeine Inkarnation einige Eltelkeit in ihn gefahren ſei; Meiſter Urian gibt ſich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem er ſeine Mißgeſtalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte beigehen ſollen. 3 D. Herausg. 164 Oder ſteht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel könne nun einmal nicht anders ausſehen, er könne ſein Geſicht, ſeine Geſtalt nicht verwandeln? Nein, man leſe: „Auch die Cultur, die alle Welt beleckt, Hat auf den Teufel ſich erſtreckt; Das nordiſche Pbantom iſt nun nicht mehr zu ſchauen, Wo ſiehſt Du Hörner, Schweif und Klauen? Du nennſt mich Herr Baron, ſo iſt die Sache gut. Ich bin ein Cavalier, wie andre Cavaliere.“ Und an einem andern Ort läßt er mich mein Geſicht ein„Mäskchen“ nennen; folglich kann er ſich eine Maske geben, kann ſich verwandeln; aber wie geſagt, der Dichter hat ſich begnügt, das nordiſche Phan⸗ tom dennoch beizubehalten, nur daß er mich von „Hörnern, Schweif und Klauen“ diſpenſirt. Dies iſt das Bild des Mephiſtopheles, dies iſt Goethe's Teufel, jenes nordiſche Phantom ſoll mich vorſtellen. Darf nun ein vom Dichter ſo hochgeſtellter Menſch durch eine ſo niedrige Kreatur, die ſich ſchon durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben ge⸗ führt werden? Darf jener große Geiſt, der noch in ſeinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen gewöhnlichen„Bruder Lüderlich,“ als welchen ſich Mephiſto ausweist, herabgezogen werden? Und — muß nicht dieſe Maske der Würde jener Tragödie Eintrag thun? 1 Doch ich ſchweige. An geſchehenen Dingen iſt nichts zu ändern, und meine verehrte Großmutter 16⁵ würde über dieſen Gegenſtand zu mir ſagen:„Söhn⸗ chen! Diabole! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes Publikum haben, und um ein großes Publikum zu bekommen, ſo populär als möglich ſein muß.“ Siebenzehntes Kapitel. Der Beſuch. Bei dieſem allem bleibt Fauſt ein erhabenes Ge⸗ dicht, und Goethe einer der erſten Geiſter ſeiner Zeit, und man darf ſich daher nicht wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, dieſen Mann einmal zu ſehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Beſuch machen können, ja wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, ſtand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Coſtüm des Mephiſtopheles nächtlicher Weile zu erſcheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine gewiſſe Gutmüthigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wie⸗ der ab, dem alten Mann eine ſchlafloſe Nacht zu machen. Ich entſchloß mich daher, als Doctor legens, ein ehrſamer Titel auf Reiſen, ihn zu beſuchen, und als ſolcher kam ich in Weimar an. Es iſt mit herühmten Leuten wie mit einem fremden Thiere. Kömmt ein ehrlicher Pächter mit ſeiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, ſo iſt ſein erſtes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt:„Wann kann man den Löwen ſehen, Burſche?“„Mein Herr,“ antwortet der Ge⸗ 166 4 fragte,„die Affen und der Seehund ſind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber iſt am beſten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rathe ich um jene Zeit hinzugehen.“ Gerade ſo erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in ſein Vaterland war des Dichters Ruhm ſchon längſt gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu Ehren ſchon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gaſthof, wo wir abgeſtiegen waren, fragten wir ſogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen koͤnnten? Wir waren in Reiſekleidern, die beſonders bei meinem Gefährten etwas unſcheinbar geworden waren. Der Wirth muſterte uns daher mit mißtrauiſchen Blicken und fragte, ehe er noch unſere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten? Wir waren glücklicherweiſe Beide damit verſehen, und unſer Wirth verſprach, uns ſogleich anmelden zu laſſen.„Sie werden wahrſcheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um dieſe Zeit ſind Seine Excellenz am beſten zu ſprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deßwegen aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen un⸗ geſehen wieder fortzuſchicken.“ Dieſer Patriotismus ging doch wahrhaftig ſehr weit. Doch wir ließen den guten Mann auf dem Glau⸗ ben, der junge Philadelphier komme reeta nach Wei⸗ mar, und gehe von da wieder heim. Üübrigens hatte er 167 richtig prophezeiht: Doctor legens Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr beſtellt. Endlich ſchlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt ſehr ſchön. Eine ſanfte, geſchmackvolle, mit Statüen dekorirte Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnißvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das Beſuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Würde, zeich⸗ neten dieſes Zimmer aus. Mein junger Gefährte be⸗ trachtete ſtaunend dieſe Wände, dieſe Bilder, dieſe Möbel. So hatte er ſich wohl das Stübchen des Dichters nicht vorgeſtellt. Mit der Bewunderung dieſer Umgebungen ſchien auch die Angſt vor der Größe des Erwarteten zu ſteigen. Alle Nüancen von Roth wechſelten auf ſeinem angenehmen Geſicht. Sein Herz pochte hörbar, ſein Auge war ſtarr an die Thüre ge⸗ heftet, durch welche der Gefeierte eintreten mußte. Ich hatte indeß Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wie viel weiter, ſagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geiſtes, als der zufällige Glanz der Geburt. Der Sohn eines unſcheinbaren Bürgers von Frank⸗ furt hat hier die höchſte Stufe erreicht, die dem Men⸗ ſchen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge offen ſteht. Es hat ſchon Mancher dieſe Stufe erſtiegen. Ge⸗ ſchäftsmänner vom Fach haben vom beſcheidenen Plätz⸗ chen an der Thüre alle Sitze ihrer Collegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächſt am Throne ſteht, 468 ſte in ſeine Arme aufnahm. Mancher hat ſich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft.— Goethe hat ſich ſeine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch keiner gefolgt iſt. Er hat bewie⸗ ſen, daß der Menſch kann, was er will. Denn man ſage mir nichts von einem das All umfaſſende Genie, von einem Geiſt, der ſein Zeitalter gebildet, es ſtufen⸗ weiſe zu dem Höheren geführt habe— das Zeitalter hat ihn gebildet. Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloſes Leben Werther in das liebe Deutſchland machte. Die Lotten ſchienen wie durch einen Zauberſchlag aus dem Boden zu wachſen. Die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethe's Verdienſt? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund ſetzte, und bei dem erſten Ton, den er angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in wunderlichen Capriolen ihren Sankt⸗Veitstanz begin⸗ nen? Wie heißt dieſes große ſchöpferiſche Geheimniß? Alles zur rechten Zeit. Der Siegwart hatte die harten Herzen aufgethaut und ſie für allen möglichen Jammer, für Mondſchein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe. Die Thüre ging auf,— er kam. Dreimal bückten wir uns tief— und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln. Ein ſchöner, ſtatt⸗ licher Greis! Augen ſo klar und helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmuth. Er war angethan mit einem feinen, ſchwarzen Kleid, und auf ſeiner Bruſt glänzte 169 ein ſchöner Stern.— Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu ſolchen Betrachtungen. Mit der feinen Wen⸗ dung eines Weltmannes, der täglich ſo viele Bewun⸗ derer bei ſich ſieht, lud er uns zum Sitzen ein. Was war ich doch für ein Eſel geweſen, in dieſer ſo gewöhnlichen Maske zu ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er ſchon viele Hunderte geſehen haben. Amerikaner, die, wie unſer Wirth meinte, ihm zu lieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er ſich meiſt mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokeſen oder einen ſchönen Geiſt vom Miſſiſſippi ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie ſein Ruhm bis jenſeits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von Louiſiana über ihn und ſeinen Wil⸗ helm Meiſter ſich unterhalte?— So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zu Theil, und mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten. Wie falſch ſind aber oft die Begriffe, die man ſich von der Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Iſt er als witziger Kopf bekannt, ſo wähnt man, wenn man ihn zum erſtenmal beſucht, einer Art von Elek⸗ triſirmaſchine zu nahen. Man ſchmeichelt ihm, man glaubt, er müſſe dann Witzfunken von ſich ſtrahlen, wie die ſchwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rücken ſtreichelt. Iſt er ein Romandichter, ſo ſpitzt man ſich auf eine intereſſante Novelle, die der Be⸗ rühmte zur Unterhaltung nur geſchwind aus dem Armel ſchütteln werde. Iſt er aber ein Dramatiker, ſo theilt er uns vielleicht freundſchaftlich den Plan zu einem 170 neuen Trauerſpiel mit, den wir dann ganz warm un⸗ ſern Bekannten wieder vorſetzen können. Iſt er nun gar ein umfaſſender Kopf wie Goethe, einer der ſo zu ſagen in allen Sätteln gerecht iſt— wie intereſſant, wie belehrend muß die Unterhaltung werden! Wie ſehr muß man ſich aber auch zuſammennehmen, um ihm zu genügen. Der Amerikaner dachte auch ſo, ehe er neben Goethe ſaß. Sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam,“ ängſtlich oben in allen vier Gehirn⸗ kammern, und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein ſchmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und vorlegen könnte zum Imbis. Er blickte angſtvoll auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wörtchen ent⸗ falle, wie der Candidat auf den ſtrengen Examinator, er knickte ſeinen Hut zuſammen und zerpflückte einen glacirten Handſchuh in kleine Stücke. Aber welcher Centnerſtein mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus ſeinen Höhen zu ihm herabſtieg und mit ihm ſprach, wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er ſprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über das Verhältniß der Winde zu der Luft, der Dünſte des waſſerreichen Amerika zu denen in unſerem alten Europa ſich verbreitete, zeigte er uns, daß das All der Wiſſenſchaft in ihm aufgegangen ſei, denn er war nicht nur lyriſcher und epiſcher Dichter, Romaniſt und Novelliſt, Luſtſpiel⸗ und Trauerſpiel⸗ * Jean Paul's Flegeljahre. 171 dichter, Biograph(ſein eigener) und Überſetzer— nein, er war auch ſogar Meteorolog! Wer darf ſich rühmen, ſo tief in das geheimnißvolle Reich des Wiſſens eingedrungen zu ſein? Wer kann von ſich ſagen, daß er mit jedem ſeine Sprache, d. h. nicht ſeinen vaterländiſchen Dialekt, ſondern das, was ihm gerade geläufig und werth ſein möchte, ſprechen könne. Ich glaube, wenn ich mich als reiſender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte ſich mit mir in gelehrte Dis⸗ kuſſionen über die geheimnißvolle Compoſition einer Gänſeleberpaſtete eingelaſſen, oder nach einer Sekun⸗ denuhr berechnet, wie lange man ein Beefſteak auf jeder Seite ſchmoren müſſe. Alſo über das ſchöne Wetter in Amerika ſprachen wir, und ſiehe— das Armeſündergeſicht des Amerika⸗ ners hellte ſich auf, die Schleußen ſeiner Beredſamkeit öffneten ſich— er beſchrieb den feinen, weichen Regen von Canada, er ließ die Frühlingsſtürme von Newyork brauſen und pries die Regenſchirmfabriken in der Frank⸗ linſtraße zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, ſondern in einem Wirths⸗ haus unter guten alten Geſellen, und es würde bei einer Flaſche Bier über das Wetter geſprochen, ſo menſchlich, ſo cordial war unſer Diskurs; aber das iſt ja gerade das große Geheimniß der Converſation, daß man ſich angewöhnt— nicht gut zu ſprechen, ſon⸗ dern gut zu hören. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu ſprechen, wenn man dabei ein Geſicht macht, als lauſche man aufmerkſam auf ſeine Honigworte, ſo wird er nachher mit Enthuſiasmus 172² verkünden, daß man ſich bei dem und dem köſtlich unterhalte. Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und ſtatt uns von ſeinem Reichthum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen an⸗ zuſtellen. Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyirt haben moch⸗ ten, gab er das Zeichen zum Aufſtehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen, und wir ſchickten uns an, unſere Abſchiedscomplimente zu machen. Der gute Mann ahnete nicht, daß er den Teufel eitire, als er großmüthig wünſchte, mich auch ferner bei ſich zu ſehen; ich ſagte ihm zu und werde es zu ſeiner Zeit ſchon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe ſeinen Mephiſtopheles noch nicht hinuntergeſchluckt. Noch einen— zwei Bücklinge, wir gingen.— Stumm und noch ganz ſtupid vor Bewunderung, folgte mir der Amerikaner nach dem Gaſthof; die Röthe des lebhaften Diskurſes lag noch auf ſeiner Wange, zuwellen ſchlich ein beifälliges Lächeln um ſei⸗ nen Mund, er ſchien höchſt zufrieden mit dem Beſuch. Auf unſerem Zimmer angekommen, warf er ſich heroiſch auf einen Stuhl und ließ zwei Flaſchen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenſchuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläſer, bot mir das eine und ſtieß an auf das Wohl⸗ ſein jenes großen Dichters. „Iſt es nicht etwas Erfreuliches,“ ſagte er,„zu finden, ſo hocherhabene Männer ſeien wie Unſereiner? War mir doch angſt und bange vor einem Genie, das 173 dreißig Bände geſchrieben; ich darf geſtehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht ſo bange, und wie herablaſſend war er, wie ver⸗ nünftig hat er mit uns diskurirt, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!“ Er ſchenkte ſich dabei fleißig ein und trank auf ſeine und des Dichters Geſundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, ſank er endlich mit dem Entſchluß, Amerika's Goethe zu werden, dem Schlaf in die Arme. Ich aber ſetzte mich zu den Reſt der Bouteillen. Dieſer Wein iſt von allen Getränken der Erde der, welcher mir am meiſten behagt, ſein leichter flüchtiger Geiſt, der ſo wenig irdiſche Schwere mit ſich führt, macht ihn würdig, von Geiſtern, wenn ſie in menſch⸗ lichen Körpern die Erde beſuchen, gekoſtet zu werden. Ich mußte lächeln, wenn ich auf den ſeligen Schlä⸗ fer blickte; wie leicht iſt es doch für einen großen Men⸗ ſchen, die andern Menſchen glücklich zu machen; er darf ſich nur ſtellen, als wären ſie ihm ſo ziemlich gleich, und ſie kommen beinahe vom Verſtand. Dies war mein Beſuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm geweſen zu ſein, denn „Von Zeit zu Zeit ſeh' ich den Alten gern, Und hüte mich, mit ihm zu brechen, Es iſt gar hübſch von einem großen Herrn, So menſchlich mit dem Teufel ſelbſt zu ſprechen.“ Der Feſttag im Fegefeuer. Eine Skizze. 3 Das größte Glück der Geſchichtſchreiber iſt, daß die Todten nicht gegen ihre Anſichten pro⸗ teſtiren können. — Welt und Zeit. I. Achtzehntes Kapitel. Beſchreibung des Feſtes. Satan lernt drei merkwürdige Sub⸗ jekte kennen. Ich theile hier einen Abſchnitt aus meinen Memoi⸗ ren mit, welcher zwar nicht mich ſelbſt betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir ſehr intereſſant war und vielleicht auch Anderen nicht ohne einiges Intereſſe ſein möchte. Er führt die Aufſchrift„der Feſttag im Fegefeuer,“ und kam durch folgende Veranlaſſung zu dieſem Titel. Es iſt auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein aus fürſtlichem Blute ſtammender Leib dem Staube wieder gegeben wird, haben die Küſter im Land ſchwere Arbeit, denn man läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzeſſin oder gar ein Stammhalter ge⸗ 3 175 boren, ſo verkündet ſchrecklicher Kanonendonner dieſe Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Ge⸗ burtstäge werden mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilitzen rücken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, Abends iſt Ball, oder doch wenigſtens in den Landſtädtchen Bier dansante. Kurz, Alles lebt in dulci jubilo an ſolchen Tagen. im nun meiner guten Großmutter eine Ehre zu erweiſen, hielt ich es auch ſchon ſeit mehren Jahrhun⸗ derten ſo. Im Fegefeuer, wo ſie ſich gewöhnlich auf⸗ hält, iſt immer an dieſem Tage allgemeine Seelenfrei⸗ heit. Die Seelen bekommen dieſen Tag über den Körper, den ſie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Ge⸗ wohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da iſt, muß Deputationen zum Handkuß der Alten ſchicken(in pleno können ſie nicht vorgelaſſen werden, weil ſonſt die Pro⸗ zeſſion einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmar⸗ ſchälle, Kammerherrn u. ſ. w. haben den großen Dienſt und ſchätzen es ſich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Feſtlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bällen, welche Abends gegeben werden, zu arangiren u. ſ. w. Ich erfülle durch dieſe Feſtlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal fühlt ſich chere Grande-Mama un⸗ gemein geſchmeichelt durch dieſe Aufmerkſamkeit, zwei⸗ tens gelte ich unter den Seelen für einen honnetten Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieſer einzige Tag, in Freude und alten Gewohn⸗ heiten zugebracht, daß die Seelen ſich nachher um ſo unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck einer ſol⸗ chen Anſtalt, wie das Fegefeuer iſt, paßt. 176 An einem ſolchen Feſttag gehe ich dann verkleidet durch die Menge. Manchmal erkennt man mich zwar, ein tauſendſtimmiges:„Vivat, der Herr Teufel!“ „Vive le Diable!“ erfreut dann mein landesväter⸗ liches Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen iſt als ein Hurrah auf der Oberwelt, denn ſie glauben, ich drücke ſie noch mehr, wenn ſie nicht ſchreien. In meinem Incognito beſuche ich dann die ver⸗ ſchiedenen Gruppen. Tout comme chez vous, meine Herren, nur etwas grotesker, Kaffeegeſellſchaften, Thee von allen Sorten, diplomatiſche, militäriſche, theolo⸗ giſche, ſtaatswirthſchaftliche, mediziniſche Clubs finden ſich wie durch natürlichen Inſtinkt zuſammen, machen ſich einen guten Tag und führen ergoͤtzliche Geſpräche, die, wenn ich ſie mittheilen wollte, auf manches Er⸗ eigniß neuerer und älterer Zeit ein hübſches Licht wer⸗ fen würden. Einſt trat ich in einen Saal des Café de Londres (denn, nebenbei geſagt, es iſt an dieſem Tag Alles auf großem Fuß und höͤchſt elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber durch ihr Auße⸗ res gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn ſie ins Geſpräch mit einander kommen ſollten, nicht wenig Unterhaltung zu verſprechen ſchienen. Ich ver⸗ wandelte daher meinen Anzug in das Koſtüm eines flinken Kellners und ſtellte mich in den Saal, um die Herrſchaften zu bedienen. Zwei dieſer jungen Leute beſchäftigten ſich mit einer Partie Billard. Ich markirte ihnen und betrachtete mir — ————-—ÿʒ 177 indeß den dritten. Er war nachläſſig in einen geräu⸗ migen Fauteuil zurückgelehnt, ſeine⸗Beine ruhten auf einem vor ihm ſtehenden kleineren Stuhl, ſeine linke Hand ſpielte nachläſſig mit einer Reitgerte, ſein rechter Arm unterſtützte das Kinn. Ein ſchöner Kopf! Das Geſicht länglich und ſehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfriſirten Haaren umgeben, die Naſe gebogen und ſpitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles Intereſſe langſam über die Gegenſtände hinglei⸗ tend. Dies Alles und ein feiner Hut, enger oben als unten, nachläſſig auf ein Ohr gedrückt, ließen mich einen Engländer vermuthen. Sein ſehr feines, blen⸗ dend weißes Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den höchſten Ständen gehören. Ich ſah in meiner Liſte nach und fand, es ſei Lord Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn ſo betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrſcheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und ſtellte auf ſeinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannah⸗Cigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin. Die beiden andern Herren hatten indeß ihr Spiel geendigt und nahten ſich dem Tiſche, an welchem der Engländer ſaß; ich warf ſchnell einen Blick in meine Liſte und erfuhr, der Eine ſei ein junger Franzoſe, Mar⸗ quis de Laſulot, der Andere ein Baron von Garn⸗ macher, ein Deutſcher. Der Franzoſe war ein kleines, unterſetztes, ge⸗ W. Hauffs Werke, VI. 12 178 wandtes Männchen. Sein ſchwarzes Haar und der dick⸗ gelockte ſchwarze Backenbart ſtanden ſehr hübſch zu einem etwas verbrannten Teint, hochrothen Wangen und beweglichen, freundlichen, ſchwarzen Augen; um die vollen Lippen und das wohlgenährte Kinn zog ſich jenes ſchöne, unnachahmliche Blau, welches den Damen ſo wohl gefallen ſoll, und in England und Deutſch⸗ land bei weitem ſeltener, als in ſüdlichen Ländern ge⸗ funden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu ſein pflegt als dort. Offenbar ein Ineroyable von der Chauſſee d'Antin! Das elegante Negligée, wie es bis auf die geringſte Kleinigkeit hinaus der eigenſinnige Geſchmack der Pari⸗ ſer vor vier Monaten(ſo lange mochte der junge Herr bereits verſtorben ſein) haben wollte. Von dem, mit zierlicher Nachläſſigkeit umgebundenenoſtindiſchen Hals⸗ tuch, dem kleinen, blaßrothen Shawl, mit einer Nadel à la Due de Berry zuſammengehalten, bis herab auf die Kamaſchen, die man damals ſeit drei Tagen nach Innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modiſch zu gelten, an den Spitzen nach dem großen Zehen ſich hinneigen und ganz ohne Abſatz ſein muß⸗ ten, ich ſage bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Un⸗ geweihten geringfügig und miſerabel, Einem, der in die Myſterien hinlänglich eingeführt iſt, wichtig und unumgänglich nothwendig erſcheinen, war er gewiſſen⸗ haft nach dem neueſten Geſchmack für den Morgen an⸗ gezogen. Er ſchien ſo eben erſt ſeinem Jean die Zügel ſeines Capriolets in die Hand gedrückt, die Peitſche von ge⸗ glättetem Fiſchbein kaum in die Ecke des Wagens ge⸗ lehnt zu haben und jetzt in meinen Cafẽ hereingeflogen zu ſein, mehr um geſehen zu werden, als zu ſehen, mehr um zu ſchwatzen, als zu hören. Er lorgnettirte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, ſchien ſich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauch⸗ apparat, den Jener vor ſich hatte, ein wenig zu ent⸗ ſetzen, ſchmiegte ſich aber nichts deſto weniger an die Seite Seiner Lordſchaft und fing an zu ſprechen: „Werden Sie heute Abend den Ball beſuchen, mein Herr, den uns Monseigneur le Diable gibt? Werden viel Damen dort ſein, mein Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntſchaft hier habe.“ „Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns Beide hinzuführen? Es iſt ein ganz honnettes Ding, dieſer Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu verſichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekoſtet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben ſollte, Sie zu begleiten, mein Jean iſt ein Wunderkerl von einem Be⸗ dienten.“ So ging es im Galopp über die Zunge des In⸗ eroyable. Seine Lordſchaft ſchien ſich übrigens nicht ſehr daran zu erbauen. Er ſah bei den erſten Worten den Franzoſen ſtarr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um ſeine rechte Hand frei zu machen, er⸗ griff mit dieſer— die erſte Bewegung ſeit einer halben Stunde— das Kelchglas, nippte einige Züge Rum, rauchte behaglich ſeine Cigarre an, legte den Kopf 180 wieder auf die rechte Hand, und ſchien dem Franzoſen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr zuzuhören und auch auf dieſe Art antworten zu wollen, denn er erwi⸗ derte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des red⸗ ſeligen Franzoſen und ſchien, wie ſein Landsmann Shakeſpeare ſagt,„der Zähne doppelt Gatter“ vor ſeine Sprachorgane gelegt zu haben. Der Deutſche hatte ſich während dieſes Geſpräches dem Tiſche genähert, eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutſchland einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe ſtrebende Haare, an die etwas niedere Stirne ſchloß ſich ein allerliebſtes Stumpfnäschen, über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, deſſen Enden hinaufge⸗ wirbelt waren, ſeine Miene war gutmüthig, das Auge hatte einen Ausdruck von Klugheit, der wie gut ange⸗ brachtes Licht auf einem grobſchattirten Holzſchnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte. Seine Kleidung, wie ſeine Sitten ſchien er von ver⸗ ſchiedenen Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren warpolniſchen Urſprungs; er war auf ruſſiſche Weiſe auf der Bruſt vier Zoll hoch wattirt, ſchloß ſich ſpannend über den Hüften an und formirte die Taille ſo ſchlank, als die einer hübſchen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithoſen an, weil er aber nicht ſelbſt ritt, ſo waren ſolche nur aus dün⸗ nem Nankin verfertigt, aus eben dieſem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohl⸗ 181 tönenden, Aufmerkſamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen. Ein feiner italieniſcher Strohhut vollendete das gewählte Koſtüm. Ich ſehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und ſich niederſetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinſte Bewegung von den Geſetzen des Anſtandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer ſetzte ſich paſſabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit, wie der Franzoſe, und der Engländer zeigte ſelbſt in ſeiner nachläſſigen, halb ſitzenden, halb liegenden Stellung mehr Würde als jener, der ſich ſo gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeiſter lehren kann. Dieſe Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet habe, als es dem Leſer dieſer Memoiren nöthig ſcheinen möchte, machte ich in einem Augenblick, denn man denke ſich nicht, daß der junge Deutſche mir ſo lange geſeſſen ſei, bis ich ihn gehörig abconterfeit hätte. Der Marquis wandte ſich ſogleich an ſeinen neuen Nachbar.„Mein Gott, Herr von Garnmacker,“ ſagte er,„ich möchte verzweifeln; der engliſche Herr da ſcheint mich nicht zu verſtehen, und ich bin ſeiner Sprache zu wenig mächtig, um die Converſation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei ſchöne junge Leute bei einander ſitzen, und keiner den andern verſteht?“ „Auf Ehre, Sie haben Recht,“ antwortete der Stutzer in beſſerem Franzöſiſch, als ich ihm zugetraut 182 hätte;„man kann ſich zur Noth denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billiard ſpielt, aber ich ſehe nicht ab, wie wir unter dieſen Umſtänden mit dem Herrn plaudern können.“ „J'ai bien compris, Messieurs,“ ſagte der Lord ganz ruhig neben ſeiner Cigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu ſich. „Iſt's möglich, Mylord?“ rief der Franzoſe ver⸗ gnügt;„das iſt ſehr gut, daß wir uns verſtehen kön⸗ nen! Marqueur, bringen Sie mir Zuckerwaſſer! O das iſt vortrefflich, daß wir uns verſtehen, welch ſchöne Sache iſt es doch, um die Mittheilung, ſelbſt an einem Ort, wie dieſer hier.“ „Wahrhaftig, Sie haben Recht, Beſter,“ gab der Deutſche zu;„aber wollen wir nicht zuſammen ein wenig umherſchlendern, um die ſchöne Welt zu muſtern? Ich nenne Ihnen ſchöne Damen von Berlin, Wien, von allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben große Bekanntſchaften und Connexionen, und darf hoffen, an dieſem verfl... Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, theuerſter Marquis, können uns hier Paris im Kleinen zeigen. „Gott ſoll mich behüten!“ entgegnete eifrig der Franzoſe, indem er nach der Uhr ſah,„jetzt, um dieſe frühe Stunde wollen Sie die ſchöne Welt muſtern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in dieſem dé- testable purgatoire ſo ſehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die Promenade gehen ſollte?“ 183 „Nun, nun,“ antwortete der Stutzer,„ich meine nur, im Fall wir nichts Beſſeres zu thun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied ſingen wie jene? Doch wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuſchlagen, ſo bleibe ich gerne hier.“ „Mein Gott,“ entgegnete der Incroyable,„iſt dies nicht ein ſo anſtändiger Café, als Sie in ganz Deutſch⸗ land keinen haben? Und fehlt es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, ſo viel wir wollen? Sagen Sie ſelbſt, Mylord, iſt es nicht ein gutes Haus, kann man dieſen Salon beſſer wünſchen? Nein! Monsieur le Diable hat Geſchmack in ſolchen Dingen, das muß man ihm laſſen.“ „Une comfortable maison!“ murmelte Mylord, und winkte dem Franzoſen Beifall zu.„Et ce salon comfortable.“ „Gute Tafel, mein Herr?“ fragte der Marquis. „Nun, die wird auch da ſein, ich denke mir, man ſpeist wohl nach der Karte? Aber meine Herren, was ſagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenſeitig etwas aus unſerem Leben erzählen wollten? Ich höre ſo gerne intereſſante Abenteuer, und Baron Garn⸗ macker hat deren wohl ſo viele erlebt, als Mylord?“ „God dam! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr,“ ſagte der Engländer, indem er mit der Reit⸗ gerte auf den Tiſch ſchlug, die Füße von dem Stuhl herabzog, und ſich mit vieler Würde in dem Fauteuil zurecht ſetzte:„noch ein Glas Rum, Marqueur!“ 184 „Ich ſtimme bei,“ rief der Deutſche,„und mache Ihnen über Ihren glücklichen Gedanken mein Compli⸗ ment, Herr von Laſulot.— Eine Flaſche Rheinwein, Kellner!— Wer ſoll beginnen zu erzählen?“ „Ich denke, wir laſſen dies das Loos entſcheiden,“ antwortete Lord Fotherhill,„und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen.“ „Angenommen, mein Herr,“ ſagte mit angeneh⸗ mem Lächeln der Franzoſe;„machen Sie die Looſe, Herr Baron, und laſſen Sie uns ziehen, Nummer Zwei ſoll beginnen.“ Baron Garnmacher ſtand auf und machte die Looſe zurecht, ließ ziehen und die zweite Nummer fiel auf ihn ſelbſt. Ich ſah den Franzoſen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das linke Aug zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutſchen hinüberdeutete; ich überſetzte mir dieſen Wink ſo:„Geben Sie einmal Acht, Mylord, was wohl unſer ehrlicher Deutſcher vorbrin⸗ gen mag. Denn wir Beide ſind ſchon durch den Rang unſerer Nationen weit über ihn erhaben.“ Baron von Garnmacher ſchien aber den Wink nicht zu beachten; mit großer Selbſtgefälligkeit trank er ein Glas ſeines Rheinweins, wiſchte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann. 185 Neunzehntes Kapitel. Geſchichte des deutſchen Stutzers. „Als mein Großvater, der kaiſerlich⸗königlich— „Ich bitte Sie, mein Herr,“ unterbrach ihn der Incroyable,„verſchonen Sie uns mit dem Großpapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an: was war er?“ „Nun ja, wenn es Ihnen ſo lieber iſt, aber ich hätte mich gerne bei dem Glanz unſerer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem ziem⸗ lich großen Fuß—“ „Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig erſcheine, aber zu einer Ge⸗ ſchichte gehört Genauigkeit.“ „Mein Vater,“ fuhr der Stutzer etwas mißmuthig fort,„war Kleiderfabrikant en gros—“ „Wie,“ fragte der Lord,„was iſt Kleiderfabri⸗ kant? Kann man in Deutſchland Kleider in Fabriken machen?“ „Hol mich der Teufel, wie er ſchon gethan!“ rief der Stutzer unwillig, und ſtieß das Glas auf den Tiſch; „das iſt nicht die Art, wie man ſeine Biographie er⸗ zählen kann, wenn man alle Augenblicke von kritiſchen Unterſuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt⸗Markt, darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider für die Leute machten!“ „Mon dieu! alſo war er, was wir Tailleur nen⸗ nen, ein Schneider?“ 186 „Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die Welt geſehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die erſten Bürger in ſeinen Soirees ſah, ſo war doch ein gewiſſer guter Ton, ein gewiſſer Anſtand, ein gewiſſes, ich weiß nicht was, kurz es war ein ganz anſtändiger Mann, mein Papa.“ Mich ſelbſt erfaßte der Lachkitzel, als ich den Gar- gon tailleur ſo peroriren hörte, doch faßte ich mich, um den Marqueur nicht aus der Rolle fallen zu laſſen. Der Marquis aber hatte ſich zurückgelehnt und wollte ſich ausſchütten vor Lachen, der Engländer ſah den Stutzer forſchend an, unterdrückte ein Lächeln, das ſei⸗ ner Würde ſchaden konnte, und trank Rum; der deutſche Baron aber fuhr fort. „Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenſchrauben preſſen können, und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier iſt es ein ganz anderes Ding; wer kümmert ſich an dieſem ſchlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garn⸗ macher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringſten, im Gegentheil, es macht mir Vergnü⸗ gen, Sie zu unterhalten!“ „Ahl ce noble trait!“ rief der Incroyable und wiſchte ſich die Thränen aus dem Auge„Reichen Sie mir die Hand, und laſſen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater Duc oder Tailleur war. Erzählen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hübſch.“. „Ich genoß eine gute Erziehung, denn meine —— 187 Mutter wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieſer Stand in meinem Vaterland der eigent⸗ liche prioilegirte Gelehrtenſtand iſt, ſo wurde mir in meinem ſiebenten Jahre Mensa, in meinem achten Amo, in meinem zehnten Typto, in meinem zwölften Pakat eingebläut. Sie können ſich denken, daß ich bei dieſer ungemeinen Gelehrſamkeit keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das heißt, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel ſingen, oder ſah die Fiſche den Fluß hinabgleiten, ſprang lieber mit meinen Kameraden, als daß ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Muſenſitz des künftigen Paſtors eingerichtet hatte, mit meinem Brö⸗ der, Buttmann, Schröder, und wie die Schrecklichen alle heißen, die den Knaben mit harten Köpfen wie böſe Geiſter erſcheinen, abmarterte. „Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; es war die von früher Jugend an mit mir aufwachſende Neigung zu ſchönen Mädchen. Sommers war es in meiner Dachkammer ſo glühend heiß, wie unter den Bleidächern des Palaſtes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schieb⸗ fenſter öffnete, um den Kopf ein wenig in die friſche Luft zu ſtecken, ſo fielen unwillkürlich meine Augen auf den ſchönen Garten unſeres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den ſchönen Akazien auf der weichen Moosbank ſaß Amalie, ſein Töchterlein, und ihre Geſpielinnen und Vertraute. Unwiderſtehliche Sehnſucht riß mich hin; ich fuhr ſchnell in meinen Sonntagsrock, friſirte das Haar mit den Fingern zu⸗ 188 recht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin meines Herzens. Denn dieſe Charge bekleidete ſie in meinem Herzen im vollſten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem elften Jahre den größten Theil der Ritter⸗ nnd Räuberromane meines Vaterlandes geleſen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in an⸗ dern Ländern keinen Begriff hat, denn die erhabenen Namen Cramer und Spieß ſind nie über den Rhein oder gar über den Kanal gedrungen. Und doch, wie viel höher ſtehen dieſe Bücher alle, als jene Ritter⸗ und Räuberhiſtorien des Verfaſſers von Waverley, der kein anderes Verdienſt hat, als auf Koſten ſeiner Leſer recht breit zu ſein. Hat der große Unbekannte ſolche vor⸗ treffliche Stellen wie die, welche mir noch aus den Ta⸗ gen meiner Kindheit im Ohr liegen: Mitternacht, dumpfes Grauſen der Natur, Rüdengebell, Ritter Urian tritt auf!? „Wem pocht nicht das Herz, wem ſträubt ſich nicht das Haar empor, wenn er Nachts auf einer öden, ver⸗ laſſenen Dachkammer dieſes liest; wie fühlte ich da das Grauſen der Natur! und wenn der Hof⸗ hund ſein Rüdengebell heulte, ſo war die Täuſchung ſo vollkommen, daß ſich meine Blicke ängſtlich an die ſchlechtverriegelte Thüre hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als Ritter Urian trete auf. „Was war natürlicher, als daß bei ſo lebhafter Einbildungskraft auch mein Herz Feuer fing? Jede Bertha, die ihrem Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die ſich auf den Söller begab, um dem, den Schloßberg hinabdonnernden Liebſten noch einmal mit 189 dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda u. ſ. w. verwandelte ſich unwillkürlich in Amalien. „Doch auch ſie war dieſem Tribut der Sterblich⸗ keit unterworfen. Aus ihrer Sparbüchſe nämlich wur⸗ den die Romane angeſchafft. Wenn einer geleſen war, ſo empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek, und ſuchte dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen Rücken mehr hatten, oder vom Leſen ſo fett geworden waren, daß ſie mich ordentlich anglänzten. Das ſind ſo die echten nach unſerem Geſchmack, dachte ich, und ſicher war es ein Rinaldo Rinaldini, ein omſchütz, ein alter überall und Nirgends, oder ſonſt einer unſerer Lieblinge. „Zu Hauſe band ich ihn dann in alte lateiniſche Schriften ein, denn Amalie war ſehr reinlich erzogen und hätte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer ſehr rein war, doch nie mit bloßen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betaſtet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber und überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne daß mir Amalie die ſchönſten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte. So laſen und liebten wir; unſere Liebe richtete ſich nach dem Vorbild, das wir ge⸗ rade laſen; bald war ſie zärtlich und verſchämt, bald feurig und ſtürmiſch, ja wenn Eiferſuchten vorkamen, ſo gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen Gegenſtand, eine Urſache für unſer namenloſes Unglück zu erſinnen. „Mein gewöhnliches Verhältniß zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens das eines Edelknaben 190 von dunkler Geburt, der an dem Hof eines großen Grafen oder Fürſten lebt, eine unglückliche Leidenſchaft zu der ſchönen Tochter des Hauſes bekommt und end⸗ lich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfängt. Und wie lebhaft wußte Amalie ihre Rolle zu geben; wie gütig, wie herablaſſend war ſie gegen mich! Wie liebte ſie den ſchönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hinderniß zu ſchwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben(die Entenpfütze in unſerm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles(den Gar⸗ tenzaun) erſtiegen, um in ihr Gartengemach(die Moos⸗ bank unter den Akazien) ſich zu ſchleichen. Tauſend Dolche(die Nägel auf dem Zaun, die meinen Bein⸗ kleidern ſehr gefährlich waren), tauſend Dolche lauern auf ihn, aber die Liebe führt ihn unbeſchädigt zu den Füßen ſeiner Herrin. „Das einzige Unglück meiner Liebe war, daß wir eigentlich gar kein Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzſtreitigkeiten zwiſchen dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Fürſten(dem Kauf⸗ mann), wenn nämlich eines unſerer Hühner in ſeinen Garten hinübergeflogen war und auf ſeinen Miſtbeeten ſpazieren ging; oder es kam ſogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürſt einen Herold(ſeinen Ladendiener) zu uns herüberſchickte und um den Tribut mahnen ließ (weil mein Vater eine ſehr große Rechnung in dem Contobuch des Fürſten hatte). Aber dies alles war leider kein nöthigendes Unglück für unſere Liebe und diente nicht dazu, unſere Situationen noch romanti⸗ ſcher zu machen. 191 „Die einzige Folge, die aus meinem Leſen und meiner Liebe entſtand, war mein hartes Unglück, immer unter den Letzten meiner Klaſſe zu ſein, und von dem alten Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber belehrte und tröſtete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich daß des Herzogs(des Rektors) älteſter Prinz um ihre Liebe gebuhlt und ſie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewieſen habe; er aber habe gewiß unſere Liebe und den Grund ſeiner Abweiſung entdeckt und ſie dem alten Vater, dem Rektor, beige⸗ bracht, der ſich dafür auf eine ſo unwürdige Art an mir räche. Ich ließ die Gute auf ihrem Glauben, wußte aber wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wußte, daß ich die unregelmäßigen griechiſchen Verba nicht lernte, und dafür bekam ich Schläge. „So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden; ungetrübt war bis jetzt der Himmel unſerer Liebe geweſen, da ereigneten ſich mit einemmal zwei Unglücksfälle, wovon ſchon einer für ſich hinreichend geweſen wäre, mich aus meinen Höhen herabzuſchmettern. „Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqué'ſchen Romane anfingen, in meinem Vater⸗ lande Mode zu werden... „Was iſt das, Fouqué'ſche Romane?“ fragte der Lord. „Das ſind lichtbraune, fromme Geſchichten; doch durch dieſe Definition werden Sie nicht mehr wiſſen als vorher. Herr von Fouque iſt ein frommer Ritters⸗ mann, der, weil es nicht mehr an der Zeit iſt, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die 192 Schranken reitet und kämpft, wie der gewaltigen Währinger einer. Er hat das ein wenig rohe und ge⸗ meine Mittelalter moderniſirt, oder vielmehr unſere heutige modiſche Welt in einigen frommen Miſtizismus einbalſamirt und um fünfhundert Jahre zurückgeſcho⸗ ben. Da ſchmeckt nun alles ganz ſüßlich und ſieht recht anmuthig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man vorher nichts anderes wußte, als ſie ſeien derbe Land⸗ junker geweſen, die ſich aus Religion und feiner Sitte ſo wenig machten, als der Großtürke aus dem ſechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoiſie auf, ſprechen in feinen Redensarten, ſind hauptſäch⸗ lich fromm und kreuzgläubig. „Die Damen ſind moderne Schwärmerinnen, nur keuſcher, reiner, mit ſteifen Krägen angethan und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbſt die edlen Roſſe ſind glänzender als heutzutage und haben ordent⸗ lich Verſtand, wie auch die Wolfshunde und andere ſolche Gethiere.“ „Mon dieu! ſolchen Unfinn liest man in Deutſch⸗ land?“ rief der Franzoſe und ſchlug vor Verwunderung die Hände zuſammen. „O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei uns, wo wir davon zurückge⸗ kommen waren, Alles an fremden Nationen zu be⸗ wundern; da wir nun, auf unſere eigenen Herrlichkei⸗ ten beſchränkt, nichts an uns fanden, das wir bewun⸗ dern konnten, als die Tempi passati— ſo warfen wir uns mit unſerem gewöhnlichen Nachahmungseifer auf dieſe und wurden alleſammt altdeutſch. 193 „Mancher hatte aber nicht Phantaſie genug, um ſich ganz in jene herrliche vergangene Zeiten hineinzu⸗ denken, man fühlte allgemein das Bedürfniß von Handbüchern, die wie Mode⸗Jouruale neuerer Zeit über Sitten und Gebräuche bei unſeren Vorfahren uns belehrt hätten, da trat jener fromme Ritter auf; ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten und es geſtand ein neu Geſchlecht; die Mädchen, die bei den franzöſi⸗ ſchen Garniſonen etwas frivol geworden waren, wur⸗ den ſittige, keuſche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modiſche Fräcke aus, ließen Haar und Bart wachſen, an die Hemder eine halbe Elle Leinwand ſetzen, und„Kleider machen Leute“ ſagt ein Sprüch⸗ wort, probatum est, auch ſie waren tugendlich, tapfer und fromm.“ 4 „God dam! Sie haben Recht, ich habe ſolche Fi⸗ guren geſehen;“ unterbrach ihn der Engländer,„vor acht Jahren machte ich die große Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldſtädter See ließ ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken ge⸗ ſtiftet haben. Ich traf auf der Wieſe eine Geſellſchaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte ſich gekleidet zu haben ſchien. Fünf bis ſechs junge Männer ſaßen und ſtanden auf der Wieſe und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten wunderbare Mützen auf dem Kopf, die faſt anzuſehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in maleriſcher Un⸗ ordnung auf den Rücken und die Schultern; den Hals trugen ſie frei und hatten breite, zierlich geſtickt W. Hauffs Werke, VI, 13 194 Krägen, wie heutzutage die Damen tragen, heraus⸗ gelegt. „Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Mei⸗ ſter, aber nach antiker Form gemacht war, kleidete ſie nicht übel; er ſchloß ſich eng um den Leib und zeigte überall den ſchönen Wuchs der jungen Männer. In ſonderbarem Contraſt damit ſtanden weite Pluderhoſen von grober Leinwand. Aus ihren Röcken ſahen dro⸗ hende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen ſie Beilſtöcke, ungefähr wie die römiſchen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu dieſem Koſtüm paſſen, daß ſie Brillen auf der Naſe hatten und gewaltig Tabak rauchten. „Ich fragte meinen Führer, was das für eine ſon⸗ derbare Armatur und Uniform wäre, und ob ſie viel⸗ leicht eine Beſatzung der Grütliwieſe vorſtellen ſollten? Er aber belehrte mich, daß es fahrende Schüler aus Deutſchland wären. Unwillkürlich drängte ſich mir der— Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quixote auf, ich ſtieg lachend in meinen Kahn und pries mein Glück, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerun⸗ gen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumeriſchen Ver⸗ gleichungen führt, eine ſo groteske Erſcheinung aus dem Leben gehabt zu haben. Die jungen Deutſchen ſöhnten mich aber wieder mit ſich aus, denn als mein Kahn über den See hingleitete, erhoben ſie einen vier⸗ ſtimmigen Geſang in ſo erhabener Melodie, mit ſo würdigen, ergreifenden Wendungen, daß ich ihnen in Gedanken das Vorurtheil abbat, welches ihr Koſtüm m mir erweckt hatte.“— —- 4ę—— 195 „Nun ja, da haben wir's,“ fuhr der Baron von Garnmacher fort,„ſo ſah es damals unter Alt und Jung in Deutſchland aus; auch ich hatte Fouque'ſche Romane geleſen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine Kameraden, altdeutſch und war meiner Herrin, der wonnigen Maid, mit einer keuſchen, in⸗ niglichen Minne zugethan. Auf Amalien machten übri⸗ gens der Zauberring, die Fahrten Thiodolfsec. nicht den gewünſchten Eindruck; ſie verlachte die ſitti⸗ gen, lichtbraunen, blauäugigen Damen, beſonders die Bertha von Lichtenrieth, und preis mir Lafon⸗ taine und Langbein, ſchlüpfrige Geſchichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugeſteckt hatte. „Ich war zu ſehr erfüllt von dem deutſchen Weſen, das in mir aufging, als daß ich ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüſterne Brennſtoff jener Romane brannte fort in dem Mädchen, das ſich, weil ſie für ihr Alter ſchon ziemlich groß war, für eine angehende Jungfrau hielt, und kurz— es gab eine Joſephsſeene zwiſchen uns; ich hüllte mich in meinen altdeutſchen Rock und meine Fouque'ſche Tugend ein und floh vor den Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe. „Die Folge davon war, daß ſie mich 1 einen Un⸗ würdigen verachtete und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe ſchenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein ſtudirte, weiß ich nicht zu ſagen, nur ſo viel iſt mir bekannt, daß ihn der Fürſt, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitſcht hat. 196 „Ich ſaß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräiſche Bibel und die griechiſchen Unregel⸗ mäßigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heiße Thränen ge⸗ weint, und durch die Jalouſieen in den Garten hinab⸗ geſchaut; denn die zuchtloſe Jungfrau ſollte meinen Jammer nicht erſchauen, ſie ſollte den Kampf zwiſchen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz leſen. Ich war feſt überzeugt, daß ſo unglücklich wie ich kein Menſch mehr ſein könne, und höchſtens der unglückliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich mit ſei⸗ nem vernünftigen, lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte, konnte vielleicht ſo kummervoll geweſen ſein wie ich. „Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie aus entwölkter Höhe mich ein zweiter Donner traff. „Der alte Rektor hatte ſeinen Schülern ein Thema zu einem Aufſatz gegeben, worin wir die Frage beant⸗ worten ſollten, wen wir für den größten Mann Deutſchlands halten? Es ſollte ſein Werth ge⸗ ſchichtlich nachgewieſen, Gründe für und wider angege⸗ ben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht wer⸗ den. Ich hatte, wie ich Ihnen ſchon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Auf⸗ ſätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider gewe⸗ ſen, ich hatte alſo auch immer mittelmäßige oder ſchlechte Arbeit geliefert. Aber für dieſe Arbeit war ich ganz begeiſtert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die großen Männer meines Vater⸗ 197 landes zu ſagen und meine Ideale(und wer hat in die⸗ ſen Jahren nicht ſolche?) in gehöriges Licht ſetzen zu können. „Geſchichtlich ſollte das Ding abgefaßt werden. Was war leichter für mich als dies? Jetzt erſt fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Leſens. Wo war einer, der ſo viele Geſchichten geleſen hatte als ich? Und wer, der irgend einmal dieſe Bücher der Geſchichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel ſein, wer die größten Männer meines Vaterlandes ſeien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir ſelbſt im Reinen, wem ich die Krone zuerkennen ſollte. Haſper a Spada? Es iſt wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken ſeiner Feinde, die Liebe ſeiner Freunde. Aber, wie die Ge⸗ ſchichte ſagt, war er ſehr ſtark dem Trinken ergeben, und dies war doch ſchon eine Schlacke in ſeinem fürtreff⸗ lichen Charakter. Adolph der Kühne, Rauhgraf von Daſſel? Er hat ſchon etwas mehr von einem gioßen Mann. Wie ſchrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Hiſtorie nach Rom wandeln un Buße thun müßte, aber dies ſchwächt doch ſein maßſtätiſches Bild. Es iſt wahr, Ottovon Traut⸗ wangen glänzt als ein Stern erſter Größe in der deutſchen Geſchichte, dachte ich weiter; aber auch er ſcheint doch nicht der größte geweſen zu ſein, wiewohl ſeine Froͤmmigkeit, die ſehr in Anſchlag zu bringen iſt, jeden Zauber überwand. „Sland gehörte wohl auch zum deutſchen Reich; wahrheftig unter allen deutſchen Helden iſt doch keiner, der den Thiodolf das Waſſer reicht. Stark wie 198 Simſon, ohne Falſch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berſerker, es kann nicht feh⸗ len, er iſt der größte Deutſche. „Ich ſetzte mich hin und ſchrieb voll Begeiſterung dieſe Rangordnung nieder. Wohl zehnmal ſprang ich auf, meine Bruſt war zu voll, ich konnte nicht alles ſagen, die Feder, die Worte verſagten mir, wohl zehn⸗ mal las ich mir mit lauter Stimme die gelungenſten Stellen vor. Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers ſprach, wie er einen Wolf zähmte, wie er in Conſtantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, daß es auf der Stelle todt war; wie großmüthig verſchmäht er alle Beloh⸗ nung, ja er ſchlägt einen Kaiſerthron aus, um ſeiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm iſt er, ob⸗ gleich er die chriſtliche Religion nicht recht kannte: wie ſchön beſchrieb ich das alles, ja es mußte das Herz des alten Rektors rühren! „Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit nit ſteigendem Beifall leſen, wie er Morgens in die Kliſſe kommen würde, um unſere Aufſätze zu cenſiren. Dinn ſendet er gewiß einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er ſonſt nur wie ein brüllmder Löwe ſchaute; dann liest er meine Arbeit laut vof und ſpricht:„„Kann man etwas Gelungeres leſen als dies, und rathet, wer es gemacht hat? Die Letzten ſolen die Erſten werden. Der Stein, den die Bauleute vrwor⸗ fen haben, ſoll zum Eckſtein werden. Tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere! Ich habe immer geſagt, Du ſeieſt ein Bete, konnte ich ahnen, daß Di mit ſo — 499 vielem Eifer Geſchichten ſtudirſt? Nimm hin den Preis, der Dir gebührt.“u „So mußte er ſagen, er konnte nicht anders, ohne das ſchreiendſte Unrecht zu thun. Eifrig ſchrieb ich jetzt meinen Aufſatz ins Reine. Um zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geſchichten nicht unbewandert ſei, ſagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den deutſchen Alcibiades und nächſt ihm Her⸗ mann von Nordenſchild für die größten Mäntler halte. Man könne ihnen den Ritter Euros, welcher nachher als Domſchütz mit ſeinen Geſellen ſo großes Aufſehen gemacht habe, was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite ſtellen, doch ſtehen jene Beiden auf einem viel höheren Standpunkt. „Ich brachte dem Rektor triumphirend den Aufſatz und mußte ihm beinahe ins Geſicht lachen, als er mürriſch ſagte:„„Er wird ein ſchönes Geſchmier haben, Garnmacher!“¹ „Leſen Sie, und dann— richten Sie,“ gab ich ihm ſtolz zur Antwort und verließ ihn. „Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preis⸗ frage geſtellt würde über den würdigſten engliſchen Theologen, und es würden in einer gelehrten, mit Phraſen wohldurchſpickten Antwort die Vorzüge des Viear of Wakefield dargethan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werther Marquis, nach der wür⸗ digſten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt wür⸗ den und Sie prieſen die neue Heloiſe, würde man Sie nicht für einen Raſenden halten? Hören Sie, welche Chorheit ich begangen hatte! 200 „Der Samſtag, an welchem man unſere Arbeiten gewöhnlich cenſirte, erſchien endlich. So oft dieſer Tag ſonſt erſchienen war, war er mir ein Tag des Unglücks geweſen. Gewöhnlich ſchlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß ſein, wegen ſchlechter Arbeit getadelt, öffentlich geſchmäht zu werden. Aber wie viel ſtolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen beſten Rock angezogen, den ſchönſten, feingeſtickten Hemd⸗ kragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich ge⸗ ſcheitelt und gelockt, ich ſah ſtattlich aus und geſtand mir, ich ſei auch im Außern des Preiſes nicht unwürdig, welcher mir heute zu Theil werden ſollte. „Der Rektor fing an, die Aufſätze zu eenſiren. Wie ärmliche, obſeure Helden hatten ſich meine Mitſchüler gewählt: Hermann, Karl den Großen, Kaiſer Hein⸗ rich, Luther und dergleichen— er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgeſpart als die beſten! „Endlich ruhte er einige Augenblicke, räuſperte ſich und nahm ein Heft mit roſenfarber überdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie ſich mein Mund zu einem trium⸗ phirenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe, beſcheiden bei dem Lob auszuſehen. Der Rektor begann:„„Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen daraus vorleſen!““ Er deklamirte mit unge⸗ meinem Pathos gerade jene Kraftſtellen, welche ich mit ſo großer Begeiſterung niedergeſchrieben hatte. Ein 201 ſchallendes Gelächter aus mehr als vierzig Kehlen unter⸗ brach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß ge⸗ langte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furcht⸗ baren Domſchützen noch einige Blümchen geſtreut hatte, erſcholl Bravo! Ancora! und die Tiſche krachten unter den beifalltrommelnden Fäuſten meiner Mit⸗ ſchüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort:„„Es wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Conſorten, wenn nicht der Verfaſſer ſelbſt eine Satire auf die Menſchheit wäre. Es iſt unſer lieber Garnmacher. Tritt hervor, Du Dedecus naturae, hieher zu mir!* „Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erſte war, als ich vor ihm ſtand, daß er mir das roſen⸗ farbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren ſchlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt über mich herab, von der ich nur ſo viel verſtand, daß ich ein Bete wäre und nicht wüßte, was Geſchichte ſei. „Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer ſchönen, blumigen Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man ſchwindelt, indem man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unſanfte Erſchütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und ſieht ſich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der man herabſtürzte, iſt mit all ihren Blütengärten verſchwunden, ach, ſie war ja nur ein Traum! „So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufſchüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte. Ich 202 war arm wie jener Kröſus, als er vor ſeinem Sieger Cyrus ſtand; auch ich hatte ja alle meine Reiche ver⸗ loren!! „Ich ſollte bekennen, woher ich die Romane be⸗ kommen, wer mir das Geld dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich ſie, die ich einſt liebte, verrathen? Ich läug⸗ nete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf, ich ſtand wie Mucius Scävola. „Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, daß ich von meinem Vater ein Atteſtat darüber bringen müſſe, daß ich das Geld zu ſolchen Allotriis von ihm habe, und überdies habe ich am nächſten Montag vier Tage Carcer anzutreten. Verhöhnt von meinen Mit⸗ ſchülern, die mir Thiodolf, deutſcher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hauſe. Es war kein Zweifel, daß mich mein Vater, wenn er dieſe Geſchichte erfuhr, entweder ſo⸗ gleich todtſchlagen, oder wenigſtens zum Schneiderjungen machen würde. Vor beiden war mir gleich bange. Ich beſann mich alſo nicht lange, band etwas Weißzeug und einige ſeltene Dukaten und andere Münzen, welche mir meine Pathen geſchenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuß und den letzten Blick nach des Nach⸗ bars Garten, ſagte meinem Dachſtübchen Lebewohl, und eine Viertelſtunde nachher wanderte ich⸗ſchon auf der Straße nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich vors erſte zu wenden gedachte. „In meinem Herzen war es öde und leer, als ich ſo meine Straße zog. Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten alſo nicht gelebt, dieſe tapferen, frommen, 20³ liebevollen, biederen Männer, ſie hatten nicht geathmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fer⸗ nen Jahrhunderten zu mir herüber tönten, die muthigen Töne der Trompete, Rüdengebell, Waffengeklirr, Spo⸗ renklang, ſüße Akkorde der Laute— Alles, Alles dahin, Alles nichts als eine löſchpapierene Geſchichte, im Hirn eines Poeten gehegt, in einer ſchmutzigen Druckpreſſe zur Welt gebracht! „Ich ſah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlaſſen hatte. Die Sonne war geſunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe Dresden, nur die Spitzen der Thürme ragten vergoldet vom Abendroth über dem Dunſtmeer. „So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Ver⸗ gangenheit und Zukunft in Nebel gehüllt, nur einzelne hohe Geſtalten ſtanden hell beleuchtet wie jene Thürme vor meiner Seele. Wohlan! ſprach ich bei mir ſelbſt: —— 0 fortes, pejoraque passi Mecum saepe viri, nuno cantu pillito curas Cras ingens iterabimus aequor. „Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vater⸗ ſtadt aus, da fühlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um——⸗ * Der Herausgeber iſt in der größten Verlegenheit. Er hat bis auf den Tag, an welchem er dies ſchreibt, dem Verleger das Manuſcript zum erſten Theil ver⸗ ſprochen, und doch fehlt noch ein großer Theil des letz⸗ 204 ten Abſchnittes. Er iſt noch nicht geweiht, die Meſſe iſt ſchon vorüber, und eine eigene über die paar Bogen leſen zu laſſen, findet ſich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das Werkchen dieſe bedeutende Ausgabe werth ſein. Wir verſparen daher die Fortſetzung des Feſttages in der Hölle auf den zweiten Theil.