* 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von —ℳ⸗—⸗—— Leihbibliothek ½ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Leih- und Ceſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird.. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 2 Bs k.. 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4. auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 M. 55 f. 2 N. f „ 1„„ 2 3„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. , Der Brand-⸗Mlüller. Eine Erzählung für meine jungen Freunde. Von Franz Bofkmann. Motto: Die Sünde iſt der Leute Verderben. (Salomo Sprw.) KMit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt&§ Spring. 18858. Erſtes Kapitel. Der Wildbach-Müller. Wenn man von der Ebene ſeitwärts den Weg nach dem Gebirge einſchlägt, immer an dem plätſchernden, waſſerreichen Wildbache aufwärts, ſo gelangt man nach kurzer Wanderung in ein ungewöhnlich anmuthiges und liebliches Thal. Es heißt das Wildbach⸗Thal, nach dem Gewäſſer, das es ſeiner ganzen Länge nach durchſtrömt. Zur Rechten und Linken erheben ſich prachtvoll mit Laub⸗ holz bewaldete Bergzuͤge, und ſchneiden in ſchön ge⸗ ſchwungenen Linien vom blauen Himmel ab. Hier und da eröffnet ſich eine Schlucht oder ein ſchmales Seiten⸗ thal, rieſige Felsmaſſen, gigantiſch aufgethürmt, ſteigen ſenkrecht, vielfach zerklüftet und zerſpalten, an der Thal⸗ ſohle auf; hie und da ſtürzt ein Waldbächlein an den Steinwänden hernieder, und bildet den reizendſten Waſſer⸗ fall, der wie ein ſilbernes Band in die Tiefe hernieder flattert. Das Thal erweitert ſich bald, bald verengert es ſich. Hier ſchöne, grune Wieſenflächen, mit einem bunten Teppich von rothen, blauen und gelben Bluͤthen Der Brand⸗Muͤller. 1 bedeckt; dort ein ſchmaler Paß, durch welchen der Weg ſich mühſam hindurch windet. So geht es in reicher Abwechslung eine Stunde lang fort, bis die Berge plötzlich auf allen Seiten zu⸗ rücktreten und einen weiten Keſſel bilden, in deſſen Mitte eine ſtattliche Mühle ſich erhebt. Das Auge ruht mit Wohlgefallen auf den reinlichen Gebäuden. An die Mühle ſtoͤßt das Wohnhaus, zweiſtöckig, ſauber geweißt, mit blanken, blitzenden Fenſtern und rothem Ziegeldach. Dem Wohnhauſe gegenüber liegen die Ställe mit wohlgenährten, glatten Rindern und muthig wiehernden Pferden. Scheunen und Kornböden ſtoßen daran; auf dem Hofe kräht luſtig der Hahn und Hüh⸗ ner ſcharren die Erde; Gänſe ſchnattern und Enten watſcheln umher; ein großer, ſchöner Hund liegt vor dem Eingange zum Wohnhauſe, und freut ſich des lieben Sonnenſcheins, der ihm behaglich das langzottige Fell wärmt; die Mühle klappert in friſchem Takte, das Waſſer ſchießt rauſchend über die großen Räder und wird in Millionen Diamanten von ihnen zerſtäubt; auf dem Dache ſitzen eine Menge Tauben und girren oder putzen das zarte Gefieder mit den rothen Schnä⸗ beln. Weiterhin liegt der Garten, an welchem das Wehr ſich erſtreckt mit ſeinem Waſſerſturze von ſchäu⸗ mendem Giſcht. Rings umher ſaftgrüne Wieſen mit einzelnen ſchönen Baumgruppen, große Felder mit Klee und anderen Futterkräutern, und bis an die Berge und den Waldſaum hinüͤber herrliche Breiten mit Roggen, Waizen, Kartoffeln und ſonſtigen Feldfrüchten manch⸗ facher Art. Was das Auge il dem weiten Thalkeſſel überſchaut, gehört Alles zur Mühle. Sie heißt die Wildbach⸗ 3 Mühle, und iſt ein ſchönes Beſitzthum; der Beſitzer heißt Leonhard, die Leute in der ganzen Umgegend nennen ihn aber gewöhnlich nur den Wildbach⸗Müller, und der Name hat einen guten Klang weit umher. Der Windbach⸗Müller gilt für einen wohlhabenden, ja reichen Mann, und wer ihm begegnet, nimmt die Mütze vor ihm ab. Wenigſtens war dies ſo bis vor einem Jahre, als der alte Müller noch lebte, ein rechtſchaffener, braver, wohlthätiger Mann, der keinen Armen unbeſchenkt von ſeiner Schwelle gehen ließ. Seit einem Jahre aber hatte ſich Manches geändert, und, wie man munkelte, nicht zum Beſten. Der alte Muͤller war geſtorben, und ſein einziger Sohn, noch ein junger Mann, hatte die Mühle als Erb⸗Eigenthum übernommen, nachdem er kaum erſt mündig geworden war. Schuldenfrei hatte er das ſchöne Beſitzthum bekommen, und jetzt nach einem kurzen Jahre ſchon hieß es, der Wildbach⸗Müller habe die Mühle mit ſchweren Schulden belaſtet, die er in der nur zwei Stunden entfernten Stadt gemacht, zu der die Bauern aus dem weiter oben am Wildbache gelegenen Dorfe die Erzeugniſſe ihrer Felder zu fahren pflegten. In der Schenke, wo ſie ſich Abends nach gethaner Arbeit gewöhnlich einfanden, ſprachen ſie oft vom Wildbach⸗Müller, und nur ſelten Gutes. So auch eines Sonntags am Nachmittage im ſchönen Sommer, wo vier oder fünf Bauern im Freien unter der breitwipfligen Linde vor der Schenke ſaßen, Alle in bloßen Hemdsärmeln, denn es war heiß, und Jeder 4 einen Krug voll ſchäumenden Braunbiers auf dem höl⸗ zernen Tiſche vor ſich. 4 — »Müßiggang iſt aller Laſter Anfang,“ ſagte der Dorf⸗Schulze nachdrücklich;„ich habe es dem Leonhard vorgeſtellt, und ihm dreiſt meine Meinung vorgehalten, denn wir ſind Vettern von Großvaters Seite her, nd darum brauch' ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich hab' ihm geſagt, wenn Ihr es ſo forttreibt, Leonhard, wie Ihr's das Jahr her getrieben, ſo nimmt es mit Euch ein ſchlechtes Ende. Ein rechter Mann muß ſich um ſein Hausweſen kümmern, denn des Herrn Auge dünget den Acker. Ihr aber überlaßt Alles dem Vincenz, der nicht beſſer iſt, als er ſein ſollte, und in der Mühle den Herrn ſpielt, während Ihr in der Stadt ein luſtiges Leben führt. Daraus kann nichts Gutes entſtehen.“ „»Und was ſprach er darauf?« fragte Einer von den Bauern. „»Nun, viel juſt nicht,“ erwiederte der Schulze.„Er wurde beinahe och grob, und meinte, er ſei mündig und da habe er über ſein Thun keinem Menſchen Rechenſchaft zu geben. Jeder ſolle in ſeinen eigenen Topf gucken, ihn aber ungeſchoren laſſen, und was ſo der ungewaſchenen Redensarten mehr waren. Nun, mich ſoll's weiter nicht kümmern, ich habe ihm meine Meinung geſagt, und er mag thun und treiben, wozu er Luſt hat. Aber dabei bleib' ich, Müßiggang iſt aller Laſter Anfang, und an dem Leonhard werden wir noch etwas erleben!“«. »Ja freilich, wie ſein braver ſeliger Vater iſt er nicht,“ ſagte der Bauer Steffen kopfſchüttelnd.„Was ich geſtern in der Stadt geſehen und gehoͤrt habe, hat mir nicht ſonderlich gefallen.«. —— 1 1 1 ———— — 5 »Was war's denn, was war es denn?“ fragten die Anderen. »Nun, ein Geheimniß iſt es nicht,“ erwiederte een, ganz bereitwillig, die Neugierde der aufmerk. ſam Horchenden zu befriedigen.„Ich brachte alſo geſtern ein paar Wispel Waizen in die Stadt zu Markte, und fand da auch den Wildbach⸗Müller mit einer vierſpännigen Ladung. Große Freunde ſind wir juſt nicht, wir Beiden, doch begrüßte ich ihn, und bot ihm an, wir wollten ſpäter mitſammen nach Hauſe fahren. „Iſt recht, ſagte er, ‚Ihr trefft mich im goldenen Löwen, da könnt Ihr mich abholen, wenn Ihr Luſt habt.“ 3 „Gut alſo! Nachmittags ſo gegen vier Uhr komme ich in den goldenen Löwen und frage nach dem Wild⸗ bach⸗Müller.„Der ſitzt droben im Saal,“ hieß es. Ich ging hinauf und fand ihn auch richtig. Aber wo? Am Spieltiſche, einen großen Haufen Geld vor ſich, und er ſetzte auf die bunten Kartenblätter, wie raſend und gewann und verlor in einer kurzen halben Stunde, während ich zuſah, mehr Geld als ſeine ganze vier⸗ ſpännige Führe Mehl werth war.„Kommt, Nachbar,“ ſagte ich zu ihm.„Mein Gefährt ſteht unten ange⸗ ſpannt!“ Ja, daß er auch nur hingehört hätte nach mir. Zwei⸗, dreimal mußte ich's ihm wiederholen, und zu⸗ letzt fuhr er mich gar noch ganz kurz an und ſagte barſch:„Jetzt nicht! Ihr ſeht doch wohl, daß ich im Glücke ſitze. In einer Stunde!’ Ich war doch be⸗: gierig, zu ſehen, was das Ding für einen Verlauf nehmen würde, und ſo blieb ich ſtehen, und ſah⸗ ter zu. Ja, er gewann viel Geld, der Wildb ül vieles Geld, und der Haufen vor ihm w 6 größer, ſo daß ich's ihm faſt neidete, ſein Glück, aber es dauerte gar nicht lange, ſo ſchlug's um, und in einer Viertelſtunde hieß es: wie gewonnen, ſo zerron⸗ nen. Das ganze Geld war wieder fort, aber die dicken Schweißtropfen ſtanden dem Leonhard auf der Stirne. Was that er? Er ſah ſich nach mir um, kam auf mich zu und forderte hundert Thaler von mir, nur bis auf heute, wo er mir ſie heimzahlen wollte.»Nein,“ ſagte ich,„Nachbar, nicht hundert Pfennige zu ſolchem ſünd⸗ lichen Spiel, was Ihr da treibt. Wenn das Euer ſeliger Vater ſehe, wie Ihr ſein ſchönes Geld verſchleu⸗ dert, im Grabe thät' er ſich umdrehen!« Da murmelte er mir eine Verwünſchung zu zwiſchen den Zähnen, ich that aber gar nicht, als ob ich's hörte, denn Streit wollte ich nicht mit ihm anfangen. Er aber ſuchte den Löwenwirth und borgte von dem. Was nachher dar⸗ aus geworden iſt, weiß ich nicht, denn ich hatte keine Luſt, noch länger auf ihn zu warten, ſondern ging meiner Wege. Der Hausknecht unten aber ſagte mir, der Wildbach⸗Müller habe ſchon manchen ſchönen Tha⸗ ler Geld da oben ſitzen laſſen, und es verging keine Woche, wo er nicht zweimal die Nächte am Spieltiſche zubrächte.“ Der Schulze und die übrigen Bauern ſchüttelten die Köpfe. „Nun iſt mir's freilich klar genug, wohin die baaren blanken Silberſtuͤcke geflogen ſind, die der alte Wild⸗ bach⸗Müller ſeinem ungerathenen Sohne in Truhen und Kaſten hinterlaſſen hat, wie ich recht wohl weiß,« ſagte der Schulze.„Ich glaub' auch gar, daß er in dem einen kurzen Jahre ſchon tüchtige Schulden ge⸗ macht hat, denn wenn eine Wirthſchaft erſt einmal 7 bergunter geht, ſo geht es bald holter di polter. Nun, was kümmert's mich? Meine Meinung hab' ich ihm geſagt, will er nicht hören, ſo mag er fühlen, und da⸗ mit Punktum! Aber, Nachbar Steffen, was munkelt man denn ſonſt noch in der Stadt über ihn?« „Weiter wüßt' ich nun nichts,“ erwiederte dieſer, „als daß er ſich eben nur allzu oft mit lockeren Geſellen in den Wirthshäuſern umher treibt, und viel von ſei⸗ nem Geld unter die Leute bringt, weil er meiſtens die Zeche allein bezahlt. Dafuür tragen ihn freilich ſeine guten Freunde auf Händen, hängen ſich immer feſter an ihn, und reißen ihn immer tiefer in den Wirbel des Leichtſinns hinein.“ »Und daheim geht die Wirthſchaft wie ſie will, drunter und drüber, es iſt eine Schande!“ rief der Schulze ärgerlich, und ſchlug im Eifer mit der ge⸗ ballten Fauſt auf den Tiſch, daß die Krüge klirrten. „Der ſchlechte Kerl, der Vincenz— Gott mag wiſſen, wie ſich der in ſein Vertrauen eingeſchlichen hat,— betrügt ihn hinten und vorne, davon bin ich feſt über⸗ zeugt, und Leonhard wird ihm nie etwas beweiſen kön⸗ nen, da er die Dinge, wie ein rechter Taugenichts gehen läßt, wie ſie wollen. Mich wundert's nur, daß die alte Mar⸗Lene der heilloſen Wirthſchaft ſo ruhig zuſieht.“ „Ja, die alte Mar⸗Lene!“ ſagte Steffen.„Seit des Leonhard Vater begraben iſt, kommt ſie faſt nicht mehr aus ihrem Dachſtübchen herunter. Ein einziges Mal iſt ſie mit dem jungen Herrn tüchtig an einander g. rathen, wie mir erſt vor ein paar Tagen ein M knappe erzählt hat, den der Vincenz Knall und F aus dem Dienſte gejagt, weil er einmal ein Wort zur rechten Zeit geſprochen hat. Aber juſt das eine Mal ſoll es hart hergegangen ſein zwiſchen der Alten und dem Leonhard.“ „Wie iſt's denn gekommen?« fragte der Schulze. »Auch wegen dem Vincenz,“ antwortete Steffen. »Ihr wißt ja Alle, die alte Mar⸗Lene iſt eine kluge Frau, die ſich nichts weiß machen läßt. Trotz ihrer rothen Ränder um den Augen ſieht ſie noch ſo ſcharf, wie die jüngſte Bauernmagd, und Viele wollen gar behaupten, ſie ſei eine Here und könne in's Verbor⸗ gene ſchauen. Aber das iſt natürlich nur dummes Zeug, und ich glaube nicht daran. Daß ſie aber mehr weiß, als viele Menſchen, und einen klugen Kopf hat, daran zweifle ich ſo wenig, wie alle Anderen, die ſie kennen. Nun denn, ſie mag dem Vincenz bald auf die Sprünge gekommen ſein, und eines Tages iſt ſie dann mit ihrem Krückſtock hinunter gegangen in die Stube zum Leonhard, und hat ihm da über ſeinen Buſen⸗ freund reinen Wein eingeſchenkt. Der Vincenz hat natürlich Alles abgeläugnet, und Leonhard hat ihm mehr geglaubt, als der alten, treuen, redlichen Frau. „Ich kenn' ihn beſſer, hat er geſagt,— ‚ich habe mit ihm in der Reſidenz zwei Jahre gearbeitet, und da lernt man ſich ausproben.“ Die alte Mar⸗Lene aber hat er eine häßliche Hexe geſchimpft und ſie auf den Blocks⸗ berg verwünſcht. Da iſt denn dieſe böſe geworden und ſoll geſagt haben: ‚Leonhard, ich habe deinen Vater auf den Armen getragen und deine Kindheit wie eine Mutter behütet. Jetzt willſt du allein gehen und ver⸗ ſchmäheſt guten Rath und gute Warnung. Ich aber ſage dir, dein Weg führt in's Verderben und an den Bettelſtab! Ich ſage dir, daß dieſer Menſch, den du * 9 in dein Haus und an dein Herz genommen haſt, dich unter ſeine Füße treten wird! Ich ſage dir, er wird eines Tages hier Herr ſein und du der Knecht! Und nun waſche ich meine Hände in Unſchuld!“ „Nach dieſen Worten hat ſie den Vincenz mit einem ſchrecklichen Blicke angeſehen, und die geballte dürre Fauſt gegen ihn geſchüttelt. „,Und dir, ſage ich, hat ſte mit dumpfer Stimme hinzu gefügt,— ‚daß aller Raub dir keinen Segen bringen wird, ſondern er wird unter deinen Händen verrinnen, wie Waſſer, denn die Sünde iſt der Leute Verderben, und ſchlimmer noch als der Sünder iſt der Verſucher! »Darnach iſt ſie fortgehumpelt an ihrem Krückſtocke, und ſoll ſich ſeitdem nicht wieder haben ſehen laſſen in der Unterſtube. Oben in ihrem Dachſtübchen hockt ſie, wie eine Eule in ihrem Felſenloche, und ſieht: keinen Menſchen, als die Magd, die auch ſchon manches Jahr in der Mühle dient und ihr nur das tägliche Eſſen bringt.“«— »Sie mag eine gute, brave Frau ſein,“ ſprach der Bauer Jörgel,„und eine Here iſt ſie gewiß nicht,— ſolchen dummen Aberglauben haben wir ſchon lange nicht mehr,— aber bei alledem, fürchten könnt' ich mich vor ihr, und möchte um keinen Preis mit ihr unter demſelben Dache wohnen! Sie hat doch etwas Unheimliches an ſich, und wenn ſie Einen ſo ſcharf an⸗ ſteht, mit ihren durchdringenden, blitzenden Augen, die wie ſpitzige Meſſer ſtechen, ſo rieſelt's Einem ganz kalt über den Leib. Nein, das könnt' ich dem Wildbach⸗ Müller nicht verdenken, wenn er ſie auf eine gute Art aus dem Hauſe ſchaffte!« 10 „Ihr ſchwatzt, wie Ihr's verſteht, Gevatter,“ nahm der Schulze das Wort.„Ich kenne die Mar⸗Lene ſeit vielen Jahren, und weiß, daß ſie ihr Gewicht in pu⸗ rem Golde werth iſt. Wie hat ſie des Müllers Haus⸗ weſen im Stande erhalten, als ihm die Frau ſtarb, da der Leonhard noch kein Jahr alt war! Wie hat ſie den Leonhard, dieſen undankharen Buben, bewacht und be⸗ hütet und in Krankheit/gepflegt, als eine wahre, ächte Mutter! Ohne die Mar⸗Lene wäre die Wildbach⸗Mühle nicht halb ſo viel werth, als ſie jetzt iſt, denn ſo wie ſie gewirthſchaftet und ſich gemühet hat zum Nutzen fremder Leute, ſo mühet ſich kaum eine Bauersfrau hier im Dorfe für ihren eigenen Herd und Hof. Der Leonhard ſollte ſie daher auf Händen tragen und ihren Rathſchlägen blindlings folgen, da ſie in ihren kleinen Finger immer noch mehr Verſtand hat, als er in ſeinen ganzen leichtfertigen Kopfe,— aber Undank iſt der Welt Lohn! Die guten Dienſte ſind vergeſſen, und die Alte wird bei Seite in die Rumpelkammer ge⸗ ſchoben. Das iſt ſo der Welt Lauf. Aber das glaube ich ſelbſt, daß die Mar⸗Lene in Bezug auf den Vincenz ganz recht hat. Der Wildbach⸗Müller nährt eine Schlange an ſeinem Buſen, und er mag ſich vorſehen, daß er von ihr nicht gebiſſen wird. Der Vincenz hat etwas Falſches, Verſtecktes, Lauerndes in ſeinen Blicken, das mir ſagt, man müſſe vor ihm auf der Hut ſein. Aber was ſeh' ich, da kommen ſie ja alle Beide an,— Arm in Arm, wie die beſten Freunde, und nicht wie Diener und Herr. Wenn man vom Fuchſe ſpricht, pflegt er nicht weit zu ſein, ſagt das Sprüchwort,— doch das hätte ich mir nicht träumen laſſen, den reichen Wildbach⸗Müller auch einmal in der Dorfſchenke zu — —— 11 ſehen. Nun, vielleicht, daß er ſeiner guten Freunde in der Stadt müde iſt und ſich zu unſeren einfachen Sitten bequemt! Ich wollt es ihm wünſchen, und es würde auch ſein Schade nicht ſein. Wenn er nur den widerwärtigen Geſellen, den Vincenz, nicht mitbrächte! Der Leonhard iſt am Ende kein böſer Menſch, nur eben ſehr leichtſinnig und ſchwach, und ließe ſich vielleicht noch erziehen.“ Niemand antwortete, ſondern Alle, die um den Tiſch herum ſaßen, wendeten ihre Blicke den Ankom⸗ menden entgegen, und ſchauten ſie neugierig und ver⸗ wundert an. Arm in Arm kamen ſie langſam daher geſchlendert. Der junge Wildbach-Müller war ein ſchlanker, hüb⸗ ſcher Mann mit blonden Locken und blauen Augen, eine ſchmächtige, faſt zarte Geſtalt mit etwas vorge⸗ bückter, nachläſſiger Haltung. Seine Züge, obwohl nicht unangenehm, zeigten etwas Schlaffes in ihrem Ausdrucke, ſeine Augen blickten matt,— auf den er⸗ ſten Blick konnte man ihm anſehen, daß der junge Menſch nichts weniger als einen feſten Charakter ha⸗ ben könne. Anders ſein Begleiter, welchen wir ſchon unter dem Namen Vincenz aus dem Geſpräche der Bauern kennen gelernt haben. Eine ſtämmige, gedrungene Ge⸗ ſtalt, die feſt und trotzig auf den Füßen ſtand; ein inſteres, verſchloſſenes Geſicht mit ſehr ſtarken, dichten, chwarzen Augenbrauen, die über der Naſenwurzel in einen Strich zuſammenliefen, was den tiefliegenden, ſehr dunkeln Augen etwas Unheimliches gab. Wie Dolchſtiche blitzten ſie aus dem Hintergrunde hervor. Kur geſchorenes, ſchwarzes, . ſeinen Kopf, wie eine Bürſte, und zog ſich wie eine Schneppe tief in die Stirn herab. Seine G ſichtsfarbe war auffallend dunkel, ſein Mund mit ſchmelen Lippen feſt zuſammengepreßt. Wenn man die Aeiden, den Müller und ſeinen Knappen, mit einander verglich, ſo konnte es Einen nicht wundern, daß der Letztere eine gewiſſe Herrſchaft über den Erſteren ausübte; denn hier zeigte Alles Kraft, Entſchloſſenheit, Muth und Feſtigkeit, während dort Charakterloſigkeit aus jeder Kleinigkeit ſprach. Der Schulze hatte recht: ein böſer Menſch war der Bernhard ſicherlich nicht, aber leicht⸗ ſinnig und ſchwach, und ſehr hätte er eines feſten treuen Freundes bedurft, deſſen Rath und Beiſpiel vortheilhaft auf ihn einwirken konnte. Ob Vincenz ein ſolcher Freund war? Man mochte es bezweifeln, wenn man ihn anſah. An Feſtigkeit fehlte es ihm wohl nicht, aber die Treue?— der Schulze hatte wiederum recht, unwillkührlich fiel Einem in ſeiner Nähe das Sprichwort ein:„Trau, ſchau, wem!“« Der junge Müller und ſein Begleiter kamen mitt⸗ lerweile näher an den Tiſch unter der Linde, und höf⸗ lich, obgleich etwas nachläſſig grüßte Leonhard die am Tiſche ſitzenden Bauern, während Vincenz trotzig, ohne ihnen einen Blick zu gönnen oder an ſeine Mütze zu greifen, vorüber ging. Beide nahmen in der Nähe ein Tiſchchen ein, und Leonhard begehrte Wein, bei wel⸗ chem Verlangen der Schulze und die Bauern verſtoh⸗ len die Köpfe ſchüttelten. Wein zu trinken in der Dorfſchenke war etwas un⸗ erhoͤrtes; öchſtens ein Fremder, ein Durchreiſender — 13 ließ ſich einmal eine Flaſche geben, ein Einheimiſcher gewiß nie. Leonhard und Vincenz kümmerten ſich aber blutwe⸗ nig um die verwunderten Geſichter, die mißbilligend ihnen zugekehrt waren; Leonhard bemerkte ſie wohl gar nicht, denn er blickte nachdenklich in's Blaue hinein, und Vincenz beantwortete ſie nur mit einem höhniſchen, verächtlichen Zucken der Mundwinkel. Päötzlich wen⸗ dete ſich Leonhard dem Tiſche zu, wo die Bauern ſaßen und redete den Schulzen an. „Herr Schulze,“ ſagte er,„ich hätte ein Wort mit Euch zu ſprechen.“ Der Schulze horchte auf.„Was wäre das?« fragte er.„Wir haben ja ſonſt wenig Gemeinſchaft mit einander.“ „Handel und Wandel fragt weder nach Freund⸗ ſchaft noch nach Gemeinſchaft,“ warf Vincenz kurz hin. „Ja, ja, ſo iſt es,« fiel der Wildbach⸗Müller ein.„Ich möchte einen Handel mit Euch abſchließen, Herr Schulze! Und auch mit den anderen Herren da, wenn's ihnen recht wäre. Deswegen ſind wir herge⸗. kommen.“ „Hm! Wenn der Handel darnach iſt— warum nicht?“ antwortete der Schulze.„Ihr wollt doch nicht etwa die Wildbach⸗Mühle verkaufen, Leonhard, auf der Eure Väter ſchon ſo lange Jahre ſo recht im Gönnen und Vollen geſeſſen haben?« »Sollte mir einfallen!“« rief Leonhard mit einer ſtolzen, wegwerfenden Bewegung der Hand.„Ich will nichts verkaufen, ich will einkaufen.« Die Bauern horchten hoch auf.„»Und wase fragte der Schulze geſpannt. 14 „Eure ganze Rüb⸗Saat⸗Erndte, die noch außen auf den Feldern ſteht,“ ſagte der Wildbach⸗Müller leichthin. Der Schulze und die Bauern ſtutzten und ſahen einander mit zweifelhaften Blicken an, als ob ſie ihren Ohren nicht recht trauen könnten. „Aber ich meine,« nahm der Schulze nach einer kleinen Pauſe wieder das Wort,—„ich ſollte meinen, Wildbach⸗Müller, Ihr müßtet für Euren Bedarf ſelber genug Saat haben.“ »Es handelt ſich hier nicht um meinen kleinen Be⸗ darf,“ erwiederte der Müller.„Es ſind jetzt die alten Zeiten nicht mehr, wo der Müller noch eben nur der Müller war, für andere Leute mahlte und Oel ſchlug, und den kargen Lohn dafür einſtrich. Das Geſchäft muß in jetziger Zeit mehr im Großen und kaufmänniſch betrieben werden. So nur läßt ſich ein Schlag machen. Ihr verſteht das freilich nicht, aber Unſereins kommt in die Stadt und unter die Leute, man hört, man ſieht, man rechnet,— und kurz und gut,— was wollt Ihr für Eure Rübſen⸗Erndte haben, Herr. Schulze?“ „Ich verkaufe nicht auf dem Stengel! Gott ſei Dank, ich hab' es nicht nöthig,« entgegnete der Schulze. „Fragt nächſten Winter wieder nach, dann ſollt Ihr meinen Preis hören.« „Und Ihr, Görge, und Ihr, Steffen,“« wendete ſich Leonhard an die Bauern.»Weiſet Ihr auch ein gutes Geſchäft kurzweg von der Hand? Ich brauche tauſend Wispel Saat bis nächſten letzten October. Wieviel könnt Ihr mir liefern? Ich zahle einen guten Preis, baar nach Ablieferung der Waare.“« K Als die Bauern von baarem Gelde hörten, hellten ſich ihre Geſichter etwas auf. 8 „Tauſend Wispel? Ihr ſpaßt wohl nur, Wildbach⸗ Müller,“ ſagte Steffen, der vorhin am ärgſten über Leonhard losgezogen hatte, jetzt ganz zuthulich und freundlich. „In Geſchäften mache ich keinen Spaß,“ antwor⸗ tete Leonhard kalt.„Es iſt mein Ernſt. Tauſend Wispel bis ultimo October, und Ihr könnt es einem Jeden ſagen, der etwa Luſt an mich zu verkaufe hat.“— „Aber in Eurer Oel⸗Mühle habt Ihr ja wohl nie mehr, als alle Jahre etwa ein fünfzig Wispel geſchla⸗ gen!“ ſagte Görge.„Ich weiß das noch von Eurem Vater ſelig.“ „Wer ſpricht davon, daß ich ſelber die tauſend Wispel ſchlagen will?« erwiederte Leonhard.„Und übrigens, was geht es Euch an, was ich mit der Waare mache? Kurz und gut,— wollt Ihr an mich verkaufen oder nicht?« »Nun, es kommt auf den Preis an,“ ſagte Stef⸗ fen bedachlig.„Was gebt Ihr für den Wispel, Mül⸗ er 2* „Einen Thaler mehr, als den heutigen Marktpreis, nun beſinnt Euch aber auch nicht mehr lange,« ant⸗ wortete Leonhard. Die Bauern ſpitzten die Ohren und horchten hoch auf. „Iſt das Euer Ernſt?« fragten Zweie zugleich. »„Ich will es Euch ſchriftlich geben, wenn Ihr mir nicht glauben wollt,« erwiederte Leonhard. 3 »Nun Topp, meine Erndte ſollt Ihr bekommen!« 16 ſagte Steffen haſtig.„Dreißig Wispel will ich Euch liefern, Leonhard!« „Und ich zwanzig!« rief Goöͤrge.„Ich ſechzig!« ein Dritter. 4 nue der Schulze ſchwieg, und ſchüttelte leiſe den opf. „Gut denn, angenommen,“ ſagte Leonhard, und zog einige Papiere aus der Taſche.„Hier ſind die Schlußzeitel! Ihr braucht nur die Zahlen hinein zu ſetzen und Eure Namen zu unterſchreiben, ſo iſt das Geſchäft abgemacht. Den gleichen Zettel bekommt Ihr von mir ſchriftlich, und dann ſind wir gegenſeitig ge⸗ ſichert. Es iſt nur der Ordnung wegen, damit Jeder weiß, was er zu liefern und zu leiſten hat.“ Die Bauern laſen die Zettel durch, und erklärten ihre Bereitwilligkeit, zu unterſchreiben. Feder und Tinte wurde herbei geholt, mit ſchwerfälliger Hand die Namensunterſchrift gemalt, und ſchließlich der Zettel ausgetauſcht. Mittlerweile hatten Leonhard und Vincenz, ſein Begleiter, ihre Flaſche Wein ausgeleert, und ſtanden auf, um weiter zu gehen. Noch beim Abſchiedsgruß ſagte der Müller:„Merkt es Euch, Leute, ich kaufe gern auch von Euren Bekannten zum gleichen Preiſe, wie von Euch, und wer den Handel machen will, braucht nur zu mir in die Mühle zu kommen. Adieu!« Mit dieſen Worten faßte er ſeinen Begleiter unter dem Arm, und ſchlenderte mit ihm wieder davon. Stumm und ſtill ſchauten die Bauern ihnen nach. »Aber ein anſchlägiger Kopf iſt's doch, ſoll mich Der und Jener!“ nahm Bauer Steffen zuerſt wieder das Wort, als Leonhard und Vincenz ſich außer Ge⸗ 5 17 hörweite entfernt hatten.„Kauft gleich tauſend Wis⸗ pel Saat auf einmal, und bezahlt baar! Es muß doch nicht ſo ſchlecht um ihn ſtehen, wie die Leute mun⸗ keln!«— »„Abwarten, wollen's abwarten, ob er baar bezahlt,“ ſagte der Schulze kühl.„Mir kommt die ganze Ge⸗ ſchichte wie ein Schwindel vor, und es ſollte mich ſehr wundern, ob nicht der Vincenz da wieder die Hand im Spiele hat! Seht Euch vor, Leute!“— »Ei was, da iſt nichts vorzuſehen,“ ſagte Goͤrge. „Hier die Waare, da das Geld! Es iſt ein reiner Handel, und ein guter Handel für uns, wie mich dünkt. Ja, ja, es iſt ein geſcheiter Kopf, der Leon⸗ hord! Er wird ſchon wiſſen, wo er mit der Saat hin will. Ich möchte wetten, er hat ſchon wieder verkauft, und mit Nutzen, ſo daß er uns Alle auslachen kann. Ja ja, umſonſt iſt er nicht ſo viel in der Stadt, und geht mit Geſchäftsleuten um, die Welt und Menſchen kennen. Wenn er dann auch einmal ein paar hundert Thaler verliert und wegwirft, auf anderer Seite bringt er's wieder ein.“ »„Schwindel iſt's, nichts mehr als Schwindel!« ſagte der Schulze in ſeiner hartnäckigen zähen Weiſe. „Er will mit Gewalt und auf leichte bequeme Weiſe ſchnell reich werden, vielleicht auch erlittene Ver⸗ luſte erſetzen, und das führt zu keinem guten Ende, ſage ich. Trachten nach Reichthum verzehrt den Leib. Ich kenne den Schwindel auch ein bischen. Da gehen ſie in der Stadt auf die Kornbörſe, und kaufen ein oder verkaufen, was ſie haben und nicht haben. Das wird meiſt Alles nur ſo auf dem Papiere gemacht. Der Eine rechnet darauf, das Getreide ſoll im Preiſe Der Brand⸗Müller. 2 18 fallen, der Andere denkt, es wird ſteigen in den näch⸗ ſten drei, vier Monaten, und da verkauft Der und Jener Tauſende von Wispeln, während er auch nicht ein einziges Korn Waizen oder Saat oder Roggen auf dem Boden hat. Kommt dann der Tag der Abliefe⸗ rung heran, ſo werden nur die Preiſe verglichen, und der Eine, entweder der Käufer oder der Verkäufer zahlt die Differenz heraus. Zum Exempel, Steffen. Ich verkaufe heute an Euch hundert Wispel Noggen, zu liefern in drei Monaten, für ſechzig Thaler den Wispel. Nach drei Monaten koſtet aber der Roggen ſiebzig Thaler. Nun ſagt Ihr ganz einfach, entweder liefert mir den Roggen, Schulze, oder zahlt mir zehn Thaler für jeden Wispel aus, weil er jetzt ſo viel mehr koſtet, als vor drei Monaten. Ich bezahle Euch tau⸗ ſend Thaler, und ſiehe da, von Ablieferung auch nur eines einzigen Sackes Korn iſt weiter keine Rede. So machen ſie es meiſtens auf der Getreide⸗Börſe, und darum behaupt' ich und bleibe dabei, daß es nur der pure Schwindel iſt, nur eine Wette, ob in drei Mo⸗ naten das liebe Korn ſo viel oder ſo viel koſtet. Bleibt mir mit ſolchen Geſchichten vom Halſe! Der Wildbach⸗ Müller würde auch beſſer thun, wenn er fleißig und rechtſchaffen in ſeiner Mühle handthierte, als ſolche Schwindel⸗Geſchäfte zu machen.“. „Wenn er aber Geld dabei verdient, Schulze? Viel Geld? Wie dann?“ fragte Steffen.. „»Wo viel Geld verdient werden kann auf leichtfer⸗ tige Weiſe, da kann auf gleiche Weiſe noch mehr ver⸗ loren werden,“ antwortete der Schulze nachdrücklich. „Jedenfalls paſſen wir einfache Landleute nicht zu ſol⸗— chen Geſchäften! Ueberlaſſen wir die den ſchlauen Füch 19 ſen in der Stadt. Wer ſich mit denen einläßt, wird zuletzt immer zu kurz kommen, und endlich durch Scha⸗ den klug werden.“ „Nun, uns ſoll das Alles weiter nichts kuͤmmern,« ſagte Sieffen.„Ich habe meine Saat gut verkauft, und damit Baſta. Der Wildbach⸗Müller mag ſehen, wie er bei dem Handel zurecht kommt, das iſt ſeine Sache. Meinem Vetter, dem Schöll⸗Bauern drüben in Neudorf will ich aber doch ſagen, wo er ein gutes Geſchäft machen kann gegen baares Geld. Baar Geld lacht, Schulze! Ich moͤchte wetten, daß der Wildbach⸗ Müller ſeine tauſend Scheffel dort zuſammen hat, ehe noch acht Tage in's Land gekommen ſind.“ „Ja, wahrhaftig, das glaub' ich ſelber,“ meinte ein anderer Bauer.„Ich will doch auch meiner Ver⸗ wandtſchaft einen Wink geben. Zu verlieren iſt da nichts, baar Geld lacht, und der Wildbach⸗Müller,— mögt Ihr von ihm reden, was Ihr wollt,— ein ſchlauer Burſch iſt er doch, und ſein Vincenz da iſt auch nicht auf den Kopf gefallen.« Der Schulze wollte noch warnen und abreden, aber die Bauern hörten nicht weiter auf ihn. Daß der Wildbach⸗Müller große Einkäufe machte und noch dazu baar bezahlen wollte, hatte ihn auf einmal wieder in ihrer Meinung gehoben, und ſie blickten mit Reſpekt auf den jungen Mann, der, wie ſie glaubten, Wald und Menſchen kennen gelernt hatte, und jeden Vor⸗ theil zu benutzen verſtand. Kein Wort des Tadels wurde mehr laut gegen ihn, vielmehr lobten und rühm⸗ ten ihn Alle, und fanden es auf einmal ganz natür⸗ lich, daß er ſich mehr in der Stadt als in ſeiner Muͤhle 2** 20 befand. Der Schulze allein blieb bei ſeiner zuerſt aus⸗ geſprochenen Meinung. »„Sprecht, was Ihr wollt,« ſagte er,»Müſſiggang iſt und bleibt aller Laſter Anfang, und da das Saat⸗ Einkaufen des Leonhard iſt nicht viel beſſer, als Müſ⸗ ſiggang. Nun, was geht's mich an, ich waſche meine Häande in Unſchuld, und will mit dem ganzen Krame nichts zu thun haben.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, nickte den Bauern zu, und ging ſeiner Wege. „Laßt ihn laufen,“ ſagte Steffen.„Er ärgert ſich nur, daß er nicht auch ſeine Saat ſo gut verkauft hat, wie wir, und iſt neidiſch auf den Leonhard. Mag Alles ſein, wie es will, ein tüchtiger Burſch iſt er doch, der Wildbach⸗Müller, und mir that's nur leid, daß ich heuer nicht alle meine Felder mit Rübſaat be⸗ ſtellt habe!« »Mir auch, mir auch,« ſprachen die Andern, und lobten den Wildbach⸗Müller, und erklärten alles Schlimme, was uüͤber ihn gemunkelt wurde, für Ver⸗ läumdung. Damit trennten ſie ſich, und der Wildbach⸗ Müller ſtand in ihrer Meinung höher als jemals. 21 Zweites Kapitel. Die Verſicherung. Wie ein Lauffeuer ging es durch die ganze Um⸗ gegend, daß der Wildbach⸗Muͤller auf einmal ein großer Geſchäftsmann und Spekulant geworden war, und die Wildbach⸗Mühle wurde in den nächſten Tagen nicht leer von Leuten, die Alle gern ihre Saat⸗Erndte zu gutem Preiſe an Leonhard verkauft hätten. Leonhard kaufte auch tüchtig ein, und nicht acht Tage, ſondern kaum drei Tage dauerte es, ſo hatte er ſeine Schluß⸗ zettel über tauſend Wispel Saat im Pulte liegen. »„Jetzt, mein' ich aber,« ſagte er am Abende des dritten Tages zu Vincenz, mit welchem er zuſammen in der Laube des Gartens bei Tiſche faß,—„jetzt könnten wir's genug ſein laſſen. Es iſt doch immer ein gefährliches Spiel, Vincenz, und mich wundert weiter nichts, als die Leichtgläubigkeit der Leute, die mir ihre Erndten geradezu aufdrängen, als ob ich in Golde bis über die Achſeln ſäße.“ »Da iſt nichts zu wundern,“ erwiederte Vincenz mit einem Anfluge von Hohn.„Sie gewinnen ja einen blanken Thaler an jedem Wispel.“ „»Ja, vorausgeſetzt, daß Alles ſo eintrifft, wie du es, ſüß genug, mir vorgeſchwatzt haſt, Vincenz,“« er⸗ wiederte Leonhard nachdenklich.„Das Spiel iſt ge⸗ fährlich, behaupte ich.« „Nur kühn iſt es, weiter nichts,« entgegnete Vin⸗ 22 cenz.„Was haſt du noch groß zu verlieren? Deine Muͤhle iſt verſchuldet bis auf den letzten Ziegel auf dem Dache, und früher oder ſpäter müßte das doch einmal bekannt werden. Nur ein keckes Wagen kann dich retten.“ »Oder auch gänzlich in unrettbares Verderben ſtoßen,« ſagte Leonhard düſter.„Ich weiß nicht, ich kann nicht froh werden bei dem ganzen Leben und Treiben, wie wir's verführen, ſeit ich die Mühle über⸗ nommen. Gewiß hätte ich beſſer gethan, der alten Mar⸗Lene zu folgen. Sie ſprach immer zu mir: »Blick' auf dein Geſchäft, thu' in der Mühle deine Schuldigkeit, und laß draußen die Welt gehen, wie ſie will. Sie darf dich nicht kümmern. Deine Welt iſt deine Mühle!“ „Wie der Käſe die Welt der Milbe iſt!« ſprach höhniſch Vincenz.„Sei doch nicht ſo thöricht, Leon⸗ hard. Du biſt für ein ſolches Leben ſo wenig geſchaf⸗ fen, als ich. Jetzt wird dir nur angſt, weil du einen kecken Wurf gewagt haſt. Es iſt wahr, wagen ge⸗ winnt, wagen verliert. Aber am Ende, wenn die Würfel ſchlecht fallen, ſo gibt es Mittel genug, dem Glücke ein wenig nachzuhelfen und ſo zu ſagen unter die Arme zu greifen. Ich in deiner Stelle würde noch immer zu einkaufen. K „Wenn aber die Preiſe herunter gehen, anſtatt zu ſteigen?“ ſagte Leonhard ängſtlich.„Bedenke doch nur, Hein Thaler weniger macht bei tauſend Wispeln taliſend Thaler Verluſt, und ich habe, wie du ganz richtig be⸗ merkteſt, kaum noch tauſend Pfennige wirkliches Eigen⸗ thum.“« eKeomut ei⸗ kommt Rath,“« erwiederte Vincenz 23 gleichgülſtig.„Mache nur tapfer fort. Die Preiſe müſſen in die Höhe gehen, und wo nicht, ſo verlaß dich nur ganz dreiſt auf mich. Ich werde den Glücks⸗ wagen ſchon ſo lenken, daß wir nicht im Schmutze ſtecken bleiben. Jetzt nur eingekauft, und friſchweg das Eiſen geſchmiedet, ſo lang es warm iſt; das Verkau⸗ fen findet ſich.« Leonhard wußte in ſeiner Rathloſigkeit nichts beſ⸗ ſeres zu thun, als den Einflüſterungen ſeines guten Freundes zu folgen, und kaufte blindlings, ohne viel zu zählen, was ihm angeboten wurde. Nach acht Tagen hatte er ſich verpflichtet, gegen dreitauſend Wis⸗ pel Saat zu übernehmen. Da auf einmal hörten die Angebote auf. Aber Leonhard trug trotzdem den Kopf nur um ſo höher, und die Bauern zogen tief den Hut vor ihm, wenn ſie ihm begegneten, oder an ſeiner Mühle vorübergingen. Das Alles hatte ſeinen guten Grund. Die Saat⸗ preiſe waren ganz plötzlich und unerwartet geſtiegen und ſtanden ſchon höher, als Leonhard eingekauft hatte. Die Bauern, obwohl ſie heimlich das Gluͤck des Wild⸗ bach⸗Müllers beneideten, und ſich ärgerten, daß ſie ihre Saat ſo wohlfeil weggegeben hatten, bewunderten doch auch zugleich ſeinen Scharfblick, der, wie ſie meinten, die Preisſteigerung vorausgeſehen hatte, und ihr Re⸗ ſpekt gegen Leonhard ſtieg mit ſeinem guten Erfolge. »Wer hat nun recht gehabt?“ ſagte der Bauer Steffen zum Schulzen, als er ihm bei einem Gange auf dem Felde begegnete.„Der Wildbach⸗Müller iſt doch ein Geſcheiter!« »Glück iſt nicht Klugheit, Nachbar,“ entgegnete 24 der Schulze bedächtig.„Wir wollen das Ende ab⸗ warten.“ 4. Leonhard fuhr indeß fleißig nach der Stadt, und zog Erkundigungen über die Saatpreiſe ein. Mit im⸗ mer fröhlicherem Geſicht kehrte er von dieſen Ausflügen wieder nach Hauſe zurück. »Wenn ich jetzt verkaufe, gewinne ich reine zwan⸗ zigtauſend Thaler am Geſchäft,“ ſagte er, als er etwa vierzehn Tage ſpäter vor ſeiner Mühle vom Wagen ſprang und von Vincenz bewillkommt wurde.„»Mor⸗ gen gebe ich einem Mäkler Auftrag, meine ganzen Ein⸗ käufe loszuſchlagen.“ »Daß du ein Narr wäreſt!« antwortete Vincenz. „Aber davon ſpäter. Komm' nur erſt herein und mach' dir's bequem.“ »„Ja, ein Narr, ein vollkommener Narr wärſt du, jetzt die Waare zu verkaufen, während ſie täglich im Preiſe ſteigt,« wiederholte Vincenz, als er mit Leon⸗ hard allein war. Heute gewinnſt du zwanzigtauſend, morgen dreitauſend mehr, in acht Tagen vielleicht das Doppelte.« »„Aber ein ſicherer Gewinn in der Hand, wenn auch klein, iſt mir lieber, als ein großer, der noch in unſicherer Ferne liegt,“ wandte Leonhard ein. „Da ſieht man,“ ſagte Vincenz hitzig,„daß du nur ein elender Krämer, und nicht ein Geſchäftsmann biſt. Man muß ſein Glück benutzen, wenn es Einem ſo ge⸗ boten wird, wie dir. Oft kommt dergleichen nicht wieder.“. Leonhard ließ ſich uͤberreden, wie gewöhnlich, wenn Vincenz in ihn drang. Er verkaufte nicht, und der Erfolg ſchien anfänglich Vincenz recht zu geben. Die 25 Saat⸗Preiſe ſtiegen fort und fort, bis auf einen ge⸗ wiſſen Punkt; dann trat eine Stockung ein, und faſt gleichzeitig mit dem Termine, wo Leonhard die ange⸗ kauften dreitauſend Wispel übernehmen mußte, fingen die Preiſe zu ſinken an. Jetzt mußte raſch und ent⸗ ſchloſſen gehandelt werden. Leonhard ſollte große Sum⸗ men bezahlen, und hatte kein Geld im Hauſe. Er fuhr nach der Stadt. Zu ſeinem Schrecken hörte er hier, daß der Rückgang im Preiſe mit reißender Schnel⸗ ligkeit zugenommen hatte, und daß er froh ſein konnte, wenn er jetzt nur mit einem kleinen Gewinne ſich aus dem Handel zog. Er gab Auftrag zu verkaufen. Vincenz rannte von einem Mäkler zum andern, Leon⸗ hard ſelbſt gab ſich unſägliche Mühe, Käufer zu fin⸗ den, aber es wollte den vereinten Anſtrengungen nur gelingen, etwa die Hälfte der ſämmtlichen Vorräthe zu einem Preiſe unterzubringen, wobei Leonhard we⸗ nigſtens nicht viel gewann. Die andere Hälfte hätte er nur mit Verluſt verkaufen können, und davon rieth Vincenz ihm ab. „Warten wir bis morgen,“ ſagte er.„Den mor⸗ gigen Tag haben wir noch für uns, denn übermorgen kommen erſt die Bauern mit ihren Lieferungen, und ein Tag kann Vieles ändern. Im ſchlimmſten Fall bezahlen wir die Hälfte des Einkaufes, und vertröſten die Leute mit dem Reſte auf die nächſten Wochen.“ Leonhard konnte nicht anders, er mußte wohl die⸗ ſem Vorſchlage beiſtimmen. Doch war er düſter und übler Laune, und verſchonte Vincenz nicht mit Vor⸗ würfen. »Da ſiehſt du's nun,“ ſagte er.„Hätteſt du mich nicht verhindert, zu rechter Zeit loszuſchlagen, ſo ſäßen 26 wir jetzt in der Wolle. Nun ſitzen wir in der Tinte, und du biſt an Allem ſchuld!« „Irren iſt menſchlich,« entgegnete Vincenz kalt. „Du würdeſt anders ſprechen, wenn die Preiſe hoch ſtünden. Ich kann ſie nicht machen. Doch wareſt du ja dein eigener Herr und konnteſt thun, was du woll⸗ teſt. Warum folgteſt du nicht deiner Weisheit?« Leonhard gab eine heftige Antwort auf dieſe Hohn⸗ rede, aber Vincenz wußte ihn, einen anderen Ton an⸗ ſchlagend, leicht wieder zu beſänftigen. „Sei ruhig, Leonhard, ſei du ganz ruhig,“ ſagte er.„»Ich ſtehe für Alles, und verpfände hier meine rechte Hand dafür, daß noch Alles gut gehen ſoll, wenn du nur klug biſt und auf meinen Rath hörſt. Komm jetzt, und laß uns ein Glas Wein trinken. Ddie Kehle iſt mir ganz trocken geworden von allem Feilſchen und Handeln heute. Wir bleiben die Nacht hier, und werden morgen ja ſehen.« Leonhard's aufbrauſende Hitze war ſchnell wieder verraucht, und er folgte Vincenz zu einem Weinhauſe, wo ſie ſich an einen Tiſch zu audern Gäſten ſetzten, von denen ſie Einige kannten. »Munter, Leonhard,“ flüſterte Vincenz dieſem in's Ohr.„Kein Menſch darf hier merken, daß wir in Verlegenheit ſind. Lieber ein wenig geprahlt, als duck⸗ mäuſeriſch dageſeſſen. Munter, munter, und vertreibe dir die Grillen mit Trinken.“ Leonhard ſtürzte raſch ein paar Gläſer Wein hin⸗ unter, und miſchte ſich dann in's Geſpräch, indem er eine heitere, ſorgloſe Miene annahm. Man plauderte am Tiſche grade von einer großen Feuersbrunſt, die Tags vorher ein anſehnliches Gehöft in einem benach⸗ 4 27 barten Dorfe in Aſche gelegt hatte, und ein Agent der ſtädtiſchen Feuer⸗Verſicherungs⸗Geſellſchaft wußte man⸗ cherlei Einzelnheiten davon mitzutheilen. „Man ſieht da wieder einmal,“ ſagte er unter An⸗ derem,„wie gedankenlos die Menſchen ſind, wenn ſie nicht ihr Hab' und Gut gegen Brandſchaden ſicher ſtellen. Der Mann da iſt jetzt ein ruinirter Mann, denn Stallungen und Scheuern ſind mitſammt dem Wohnhauſe, mit allem Vieh und allem Geräth ver⸗ brannt, und es erſetzt ihm kein Menſch nur einen Hel⸗ ler. Wenn der Mann dagegen zu uns gekommen wäre und ordnungsmäßig verſichert hätte, ſo könnte er ſich tröſten, denn man würde ihm ſeinen Schaden bei Hel⸗ ler und Pfennig vergütet haben. Aber da ſcheuen nun ſolche Menſchen eine jährliche kleine Ausgabe, und ver⸗ derben lieber, als daß ſie von ihrem Schlendrian ab⸗ laſſen.“ Leonhard horchte aufmerkſam zu. Auch er hatte ſeine Muͤhle und ſein ganzes Anweſen nicht verſichert, und es kam ihm vor, wie eine Mahnung, daß ihn der Zufall hier in dieſe Gaſtſtube hineingeführt hatte. „Wie hoch beläuft ſich denn die jährliche Ausgabe, Herr Agent?“ fragte er.„Wenn's nicht zu theuer iſt, ſo hätte ich wahrlich nicht übel Luſt, mein eigenes Ge⸗ höft verſichern zu laſſen.“ „Daran werden Sie ſehr klug und recht thun, lie⸗ ber Herr Wilobach⸗Müller,« antwortete der Agent eif⸗ rig.„Vom Tauſend hätten Sie vielleicht zwei, dritt⸗ halb Thaler höchſtens abzugeben, und dann können Sie jede Nacht ruhig ſchlafen. Paſſirt ein Unglück, ſo ſind wir zur Hand. Ja, ja, überlegen Sie's nicht lange, Herr Leonhard. Wir haben da geſtern ein Beiſpiel 28 erlebt, wie Sie hörten. Der Mann war wohlhabend, und wenige Stunden haben ihn zum Bettler gemacht. Warum hat er ſich nicht vorgeſehen?« »„Gut denn, Herr Agent, beſuchen Sie mich ein⸗ mal, wenn Sie in die Nähe meiner Mühle kommen,“ ſagte Leonhard.„Eile hat es grade nicht, denn hat das alte liebe Haus ſo manches Jahrzehnt ſchon ge⸗ ſtanden, wird es nun nicht gleich abbrennen. Aber wie geſagt, wenn Sie Ihr Weg einmal gelegentlich vorbeiführt, ſo..« „Ich komme, Herr Leonhard, morgen ſchon!« er— wiederte der Agent.„Aufſchieben thut nicht gut bei dergleichen. Alſo morgen ſchon,— aber nein, da fällt mir eben ein, morgen und übermorgen geht es nicht, weil ich bereits verſagt bin,— aber was mei⸗ nen Sie zum dritten Tage von heute an, alſo zum Sonnabend? Wie? Iſt's Ihnen da recht?« „Mir iſt jeder Tag recht,« gab Leonhard zur Ant⸗ wort.„Richten Sie es ganz nach Gefallen ein, ich habe keine Eile.« »ein, nein, es bleibt dabei,— zum Sonnabend,« ſagte der Agent haſtig, als ob er bange wäre, daß ihm die Verſicherung vom Gehöfte des in der Stadt allgemein für reich gehaltenen Wildbach⸗Müllers ent⸗ gehen könne.„Sonnabend komme ich mit dem Tara⸗ tor und Allem, und dann machen wir gleich die ganze Sache richtig. Sie thun ſehr wohl, Herr Leonhard, bei Zeiten ſich vorzuſehen, ehe es zu ſpät wird. Alſo zum Sonnabend! Sie koͤnnen ſo beſtimmt auf mich rechnen, wie daß die Sonne kommt! Für heute aber guten Abend! Mein Glas iſt leer, und bei mir daheim warten ſie auf mich mit dem Abendeſſen. Gute Nacht, 29 Herr Leonhard! Gute Nacht allerſeits! Sonnabend früͤh alſo! Gute Nacht!“« Der kleine, lebhafte Mann ſchoß behende zur Thür hinaus, und das Geſpräch lenkte ſich auf andere Ge⸗ genſtände, ſo daß Leonhard die Brandverſicherung ganz wieder vergaß, und erſt, als er mit Vincenz zu Bette ging, von dieſem wieder daran erinnert wurde. „Das haſt du geſcheit gemacht, Leonhard,“ ſagte er.„Dieſe Brandverſicherung kann uns noch vortreff⸗ liche Dienſte leiſten, und es iſt gut, daß der Agent am Sonnabend kommen will, wo noch ein anſehnlicher Theil der Saat⸗Vorräthe auf den Speichern liegt.« „Warum denn das?« fragte Leonhard verwundert. „Am Montage wird ja ſchon die Hälfte davon abge⸗ holt, und ich hoffe, auch noch die andere Hälfte mor⸗ gen hier los zu werden.“ »Thut nichts, und, wenn du ſie los wirſt, deſto beſſer,« entgegnete Vincenz.„Du mußt ſie trotzdem verſichern, und ſo hoch wie möglich!« »Da müßte ich ja ein Narr ſein,« rief Leonhard aus.„Das Verſicherungs⸗Geld wäre ja geradezu zum Fenſter hinaus geworfen. In den zwei, drei Nächten, wo die Speicher noch gefüllt ſind, wird's nicht zu bren⸗ nen anfangen!“ »Man kann Alles nicht wiſſen,« erwiederte Vin⸗ cenz.„Ich bitte dich, folge nur diesmal meinem Rathe, oder laß mir freie Hand, nach meinem Ermeſſen zu verfahren. Verreiſe zum Sonnabend, kümmere dich um das ganze Geſchäft nicht, und laß mir nur Vollmacht zuruͤck, mit dem Agenten abzuſchließen. Die Saat⸗ Vorräthe verkaufen wir morgen um jeden Preis, und wenn du zehn Thaler am Wispel einbüßen ſollteſt. 8* 30 Ich habe meine Gründe dazu, darum bitte ich dich, widerſprich mir nicht!“ „Du biſt rein von Sinnen,« antwortete Leonhard. „»Zehn Thaler unter dem Preiſe verkaufen! Ich müßte ja verrückt ſein! Freilich will ich und muß ich verkau⸗ fen, wenn ich nur einigermaßen gedeckt werde, und auf Gewinn will ich gern verzichten. Aber die Saat ver⸗ ſchleudern, mich muthwillig ruiniren und in's Verder⸗ ben ſtürzen, das thu' ich nicht.“ »Nun, wir werden ſehen, werden ja ſehen,“ ſagte Vincenz beſchwichtigend.„Vielleicht kömmt noch Aules beſſer, als wir fuͤrchten. Die Preiſe können morgen wieder ſteigen, am Ende verlieren wir nichts, gewin⸗ nen wohl gar noch eine Kleinigkeit, und dann,— nun, wir werden ja ſehen! Aber jedenfalls, Leonhard, uͤberlaß es mir, mit dem Agenten abzuſchließen!« „»Nun, meinetwegen! Aber natürlich ohne die Saat,“ erwiederte Leonhard.„Genug für heute davon, ich bin ſehr müde und ſchläfrig!“ Vincenz ſchien zufrieden, nur ſo viel erlangt zu haben, und ging zu Bett, wo er ſich noch froh die Hände rieb, während Leonhard ſchon im ſanften Schlum⸗ mer lag. „Alles iſt gut! Nun hab' ich ihn!« murmelte er in ſich hinein.„Er ſoll der Affe ſein, der mir die gebra⸗ tenen Kaſtanien aus dem Feuer holt. Es konnte ſich nicht beſſer treffen, als es ſich getroffen hat, und ein wahres Glück iſt es, daß ich die Weinſtube kannte, wo der Agent ſein Gläschen Abends zu trinken pflegte. Nun ſitzen Beide in der Falle, er ſowohl wie der Leon⸗ hard, und das Alles ganz ohne mein Zuthun. Beſſer hätt' es nicht kommen können, und der günſtige Augen⸗ 31 blick ſoll nicht verſäumt werden. Er wird ſich einſtel⸗ len, ehe du's denkſt, mein lieber Leonhard, und dann werden wir ja ſehen, wer Herr in der Wildbach⸗ Mühle iſt!“ Am andern Tage zeigte das Glück Leonhard eine beſſere Miene, als er gefürchtet hatte. Er fand Ab⸗ nehmer zu ſeinen Saat-Ankäufen, und zwar zu einem leidlichen Preiſe. Hurtig ſchlug er los, empfing für ſeine Waare Zahlungs⸗Anweiſungen und Wechſel, und konnte mit dem beruhigenden Bewußtſein nach Hauſe zurückkehren, morgen ſeine ſämmtlichen Gläubiger bei Heller und Pfennig befriedigen zu können. Noch mehr, er hatte bei dem Geſchäft immer noch ein paar hundert Thaler gewonnenz freilich nur ein geringer Erſatz für den bedeutend großen Gewinn, den er hätte machen können, wenn er zur rechten Zeit ſeinem klügeren An⸗ triebe gefolgt wäre und ſich nicht hätte blenden laſſen durch Habſucht und die gleisneriſchen Vorſtellungen ſeines guten Freundes Vincenz. Dieſer war auf der Heimfahrt ſehr vergnügt und zeigte eine laute Luſtig⸗ keit; Leonhard war ſtill und in ſich gekehrt. Zwar dankte er Gott, daß er aus ſeinem Handel mit einem blauen Auge davon gekommen war, gleichviel hatte ſich aber dadurch in ſeinen Umſtänden noch nicht viel ge⸗ beſſert. Der kleine Gewinn von ein paar hundert Tha⸗ lern konnte nicht lange vorhalten, und wenn dann ſeine Gläubiger drängten, denen er mit Haus und Hof ver⸗ ſchuldet war,— was dann? was dann?« Loeonhard fand keine Antwort auf dieſe Frage, die ihm bang und ſchwer auf dem Herzen laſtete. Seine Mühle verkaufen, als armer Mühlburſche in die weite Welt wandern, den Spott und die verdiente Verach⸗ 3²2 tung ſeiner Nebenmenſchen ertragen zu müſſen,— dies ſchien ihm das Schrecklichſte, was ihm begegnen konnte. Und doch ſah er nirgends eine Möglichkeit, dieſem Aeußerſten auszuweichen oder es von ſich abzuwenden. Indeß ſchlug er ſich vorläufig dieſe ſchweren Gedanken abſichtlich aus dem Sinne, und bemühete ſich, in die Luſtigkeit ſeines Gefährten einzuſtimmen. „Werden ſie Augen machen, die dummen Bauern,“ ſagte Vincenz zu ihm, wenn du ihnen ihre Lieferungen prompt und richtig bezahlſt. Denn du mußt nur wiſ⸗ ſen, Leonhard, es wurde ſchon da und dort davon ge⸗ munkelt, daß du wohl ſchlechte Geſchäfte gemacht haben könnteſt, und der Schulze, der dir ohnehin nicht grün iſt, hat ſchon manches verdächtigende Wort über dich fallen laſſen. Aber nun werden wir ihnen Allen die Mäuler ſtopfen, und du wirſt ſo groß daſtehen, wie der erſte Getreidehändler im ganzen Lande.“ „Die Größe wird nur nicht lange vorhalten,“ er⸗ wiederte Leonhard mit bedrückter Miene. „Pah! Kommt Zeit, kommt Rath! Immer luſtig, Leonhard!“ lachte Vincenz.„Nimm nur morgen eine recht ſtolze, hochmuͤthige Miene an. Das ſetzt in Re⸗ ſpekt, und weit und breit in der Gegend wird man dei⸗ nen Reichthum, deine Pünktlichkeit im Bezahlen und deine Klugheit rühmen und auspoſaunen. Ich kenne das, je wegwerfender man die Menſchen behandelt, deſto demüthiger bücken ſie ſich. Im Grunde genom⸗ men, iſt ja doch Alles nur Geſindel und nichts Beſſe⸗ res als Fußtritte werth. Der Klügſte iſt, wer ſie am meiſten hinter's Licht zu führen verſteht.“ Leonhard gab keine Antwort, und verſank wieder in Nachdenken.„Wenn Vincenz auf ſo ſchnöde Weiſe ₰ 33 die ganze Menſchheit beurtheilt, wie beurtheilt er dann dich ſelber?« fragte er ſich.„Sollte er gerade bei dir eine Ausnahme machen wollen?“ Zum erſten Male ſchlich ſich etwas wie Mißtrauen gegen Vincenz in ſein Herz ein, und er nahm ſich ins⸗ geheim vor, in Zukunft behutſam gegen ihn zu ſein. Vincenz bemerkte nichts von der veränderten Stimmung ſeines Gefährten und langte ganz vergnügt zu Hauſe an. Leonhard dagegen begab ſich ſehr bald, und in keineswegs heiterer Laune zur Ruhe. Vincenz ſchrieb die gedrückte Stimmung des jungen Müllers ſeiner allerdings nichts weniger als glänzenden Lage zu, und lachte verſchmitzt hinter ihm drein. »Nur ein wenig Geduld,“« murmelte er leiſe vor ſich hin;„dann iſt dir geholfen und— mir! Es müßte wunderlich kommen, wenn mir nicht das beſte Loos von uns Beiden zu Theil würde.“ Am folgenden Tage, bei grauendem Morgen ſchon, kamen Wagen auf Wagen gefahren, Alle ſchwer mit Rübſaat beladen, lenkten in das Gehöft des Wildbach⸗ Müllers ein und füllten dort die Speicher mit ihrer Ladung. Vincenz hatte alle Hände voll zu thun, das Aufſchütten zu überwachen, und Leonhard, die Gelder an die Lieferanten auszuzahlen, welche es mit vergnüg⸗ ten Geſichtern in Empfang nahmen, und die Pünkt⸗ lichkeit des Müllers prieſen, wie Vincenz ſchon geſtern es vorausgeſagt hatte. Am Abend waren die Speicher gefüllt und eine große Menge beladener Wagen weiter geſchickt nach der Stadt, wo ſie an die Kaufleute ab⸗ liefern ſollten, welche ihrerſeits wieder von Leonhard angekauft hatten. Bezahlt war Alles, aber von den Der Brand⸗Muͤller. 3 34 bedeutenden Summen war auch nur ein kleiner Reſt von etlichen hundert Thalern übrig geblieben, den Leon⸗ hard nachdenklich betrachtete. „Das alſo der ganze Gewinn der Spekulation, auf deren Gelingen wir ſo große Hoffnungen gebaut hatten!“ ſagte er ſeufzend.„Wahrlich, es war kaum der Muͤhe werth, ſich um ſolche Kleinigkeit ſo viele Sorgen und ſchlafloſe Nächte zu machen. „Beſſer iſt immer, wenig gewinnen, als viel ver⸗ lieren,“ entgegnete Vincenz.„Auch iſt noch nicht aller Tage Abend, und wer weiß, was noch Alles bei dem Handel gewonnen wird. Jaedenfalls haſt du wieder das allgemeine Vertrauen errungen, und nur Wenige werden ſein, die deine Lage für ſo ſchlecht halten, als ſte in Wirklichkeit iſt. Im Gegentheil! Ich bin feſt überzeugt, daß heute Abend an vielen Orten von nichts geſprochen wird, als von deinen Reichthümern und daß der Wildbach⸗Müller im Golde wühlen könne.“ „Aber wie lange wird dieſe gute Meinung vorhal⸗ ten?« erwiederte Leonhard.„Nur wenige Wochen, und ſie muß dahin ſchwinden, wie ein Wölkchen am blauen immel.“. „Gleichviel,“ ſagte Vincenz,„für jetzt iſt ſie da, und man muß ſie benutzen. Uebrigens, wohin willſt du morgen gehen?“ „Ich? Nirgends hin! Warum denn?« „Weil der Agent der Feuer⸗Verſicherungs⸗Geſell⸗ ſchaft morgen kommt, und du mit der ganzen Geſchichte nichts zu ſchaffen haben ſollſt. Du wollteſt doch mir die Ordnung der Angelegenheit überlaſſen.“« „Ach ja, ich erinnere mich, in dem Geräuſch des Tages hnii ich gar nicht wieder an den Agenten ge⸗ 35⁵ dacht. Aber, im Grunde genommen, die Verſicherung iſt überflüſſig und kann eben ſo gut unterbleiben, denn über kurz oder lang muß ich doch Hof und Mühle mit dem Rücken anſehen.“ „Nein, das ſollſt du nicht, Leonhard,« ſagte Vin⸗ cenz mit gut erkünſtelter Wärme.„Ehe das geſchieht, will ich mich lieber für dich aufopfern, und— eben dazu iſt die Verſicherung unumgänglich nöthig. Nur Muth, Leonhard! Alles muß und ſoll noch gut gehen.“ »Was haſt du vor?« fragte Leonhard.„Du ſprichſt in Räthſeln! Ich verſtehe dich nicht.“ „Die Zeit wird kommen, wo du mich verſtehſt und meine Vorausſicht lobſt,« entgegnete Vincenz.„Jetzt folge mir nur einmal ganz blindlings. Unterſchreibe dieſe Vollmacht, die ich aufgeſetzt habe und die mich ermächtigt, in deinem Namen mit dem Agenten zu unterhandeln, und dann überlaß mir das Geld da. Es ſoll wucheriſche Zinſen tragen, ſage ich dir. Frage mich nicht mehr, ſondern thue, was ich dir heiße.« Leonhard war müde, abgeſpannt und ſchlaff. Er unterſchrieb die Vollmacht, ließ Vincenz das Geld an ſich nehmen, und verſprach, morgen einen Ausflug zu machen, der ihn den ganzen Tag vom Gehoͤfte fern halten würde. Vincenz war zufrieden, und ſteckte lächelnd die Vollmacht und das Geld ein. „Tags darauf, als der Agent anlangte, fand er Vincenz allein, welcher ſich ihm indeß als den Bevoll⸗ mächtigten Leonhards vorſtellte. »So bleibt es alſo dabei, die Verſicherung ſoll vor ſich gehen?« ſagte der Agent. »Es kommt darauf an, je nachdem die Bedingun⸗ 36 gen ſind,“ gab Vincenz kühl zur Antwort, als ob ihm an der Verſicherung wenig oder nichts gelegen ſei. „Unſer Gehöft liegt ſo einſam und entfernt von allen anderen Höfen im Dorfe, daß wir von außen her keine Feuers⸗Gefahr zu befürchten haben, und bei uns ſelbſt, wie ſollte da wohl Feuer auskommen, da ja Tag und Nacht die Muͤhle nicht ſtille ſteht, und immer Leute zur Hand ſind? Ich habe deshalb auch meinem Freunde Leonhard abgeredet, und wenn er mir folgte, würde er gar nicht daran denken, zu verſichern.“ Der Agent ſchien zu fürchten, daß ihm ein kleiner Verdienſt entgehen, und daß er den Weg aus der Stadt umſonſt gemacht haben könne, denn er beſtritt eifrig Vincenz's Anſicht und pries die Vortheile, welche die Verſicherung gewährte. Vincenz hörte ihn kalt an und zuckte nur manchmal die Achſeln. „Schon recht,“ ſagte er,„ſparen Sie doch Ihre Worte, Herr Agent. Es ſoll ja bei der Verſicherung bleiben, weil der Meiſter Wildbach⸗Müller nun einmal das Verſprechen gegeben und Sie heraus bemühet hat. Aber ſo niedrig, wie möglich, Herr! Nehmen wir höchſtens die Hälfte allen Werthes an, denn wir ha⸗ ben keine beſondere Luſt, ganz unnöthiger Weiſe große Beiträge an die Verſicherungs⸗Geſellſchaft zu bezahlen. Machen Sie ſelber die Taxe, und dann werden wir weiter ſprechen.“ Vincenz erreichte durch ſein zurückhaltendes Weſen genau das, was er wollte. Indem er ſich anſtellte, als ob ihm an der Verſicherung gar nichts gelegen ſei, machte er den Agenten nur um ſo erpichter darauf, und lachte ſich heimlich in's Fäuſtchen, als er den Ei⸗ fer deſſelben bemerkte. 37 „Nur zu,“« dachte er,„du zappelſt mir ſchon im Netze!« Er ging mit dem Agenten Haus, Hof, Ställe und Mühle durch, und führte ihn zuletzt auf die Speicher, wo die geſtern in Empfang genommenen, bedeutenden Saat⸗Vorräthe lagen. Der Agent ſtaunte. „Sind die Boͤden immer ſo gefüllt?« fragte er. „Dieſe Maſſen ſind ja viele tauſend Thaler werth.“ „Ja, der Müller treibt einen bedeutenden Handel damit,“ entgegnete Vincenz.„Das fließt ab, das fließt zu. Eben jetzt iſt der Vorrath nicht außerordentlich groß, weil wir erſt geſtern über zweitauſend Wispel nach der Stadt gefahren haben. Aber weniger wird es auch ſelten, und leer ſind die Speicher nie. Aber das kann Sie ja nicht intereſſiren; gehen wir weiter, Herr Agent.“ „Nicht intereſſtren? Sie ſpaßen, Beſter! Grade ſehr intereſſirt mich das, denn Herr Leonhard wird doch ſolche Vorräthe nicht unverſichert laſſen?“ ſagte der Agent eifrig.„Denken Sie doch nur, wenn der Blitz hier einſchluͤge, da könnte kein Menſch helfen und ret⸗ ten, und der Verluſt fuͤr den Müller wäre ja unge⸗ heuer. Nein, das muß verſichert werden, wenigſtens mit einer Durchſchnitts⸗Summe! Ich mache Sie bei Ihrem Herrn verantwortlich dafür, mein Lieber!“ »Nun, meinetwegen auch!« ſprach Vincenz, anſchei⸗ nend ſehr verdrießlich.„Aber ein Unſinn iſt's und bleibt's nach meiner Anſicht. Ich thät' es nicht, wenn ich der Meiſter wäre. Der Blitz einſchlagen,— lächer⸗ lich! Die Mühle ſteht ſchon ſo viele Jahre, und es iſt noch keinem Blitze eingefallen, auf ſie niederzufah⸗ ren. Unſinn! Uebrigens brauchte man ja auch nur 38 einen oder zwei Blitzableiter anzubringen, dann wäre man vor dieſer Gefahr geſchützt, und es würde nicht den zehnten Theil koſten, was die Verſicherung »„Ja, ja, vor dieſer Gefahr wären Sie ſicher mit geringeren Koſten, aber auch vor anderen Gefah⸗ ren?“ ſagte der Agent.„Nehmen wir nur einmal an, — jeder Menſch hat ſeine Feinde, der Wildbach⸗Mül⸗ ler wird ſie auch haben,— wenn nun eine ruchloſe Hand aus Haß oder Rache bei nächtlicher Weile den Feuerbrand in dieſe Speicher werfen würde,— wie dann? Nicht wahr, daran haben Sie noch nicht ge⸗ dacht, Beſter! Nein, nein, keinen Widerſpruch! Hier muß verſichert werden mit einer Durchſchnitts⸗Summe, — nicht allzu hoch, und die Beiträge wollen wir ſo niedrig wie möglich ſtellen. Was meinen Sie, ſo ein zwanzig, dreißigtauſend Thälerchen ſind doch wohl dieſe Vorräthe werth, wie?« »Sagen Sie vierzig⸗, fünfzigtauſend,« entgegnete Vincenz ſpöttiſch, und Sie werden noch nicht die volle Summe getroffen haben. Die Saat ſteht immer noch hoch im Preiſe, und hier liegen jahraus, jahrein über tauſend Wispel angehäuft.“ »Nun denn, ſo laſſen Sie mich gewähren,— neh⸗ men wir dreißigtauſend Thaler,“ drängte der Agent. „Eine geringere Summe könnte ich nicht vor mir ſelber verantworten, und wir wollen die Beiträge ſchon bil⸗ lig machen, ganz billig, da ja hier nicht viel für die Geſellſchaft zu riskiren iſt. Ja, ja, dreißigtauſend, ſo mag's gehen.« „Ich überlaſſ' es Ihnen, Herr,« entgegnete Vin⸗ cenz.„Was geht's mich an, wenn der Müller damit 39 zufrieden iſt? Schreiben Sie alſo in Gottes Namen; das Geld, was dafür bezahlt wird, kommt nicht aus meiner Taſche. Aber wenn es wäre, ich würde mich wohl huten! Der Müller iſt ein Narr, mit Reſpekt zu ſagen, daß er Ihnen das ſchöne Geld ſo hinwirft!“ „Das verſtehen Sie nicht, Beſter, das verſtehen Sie nicht! Wenn Sie ſelber Haus und Hof und ſolche gefüllten Speicher hätten, würden Sie gewiß an⸗ ders reden! Nein, nicht ein Narr, ſondern ein kluger vorſichtiger Mann iſt Ihr Meiſter, und ich kann es nur loben, daß er ſich vor möglichem, künftigem Schaden zu hüten ſucht. Nun aber ſind wir ja wohl durch, wie? Oder iſt ſonſt noch etwas zu verſichern da?“ „Nichts mehr,« entgegnete Vincenz barſch.„Ich ſollte meinen, Sie hätten nun ſchon genug und über⸗ genug angekreidet.“« „Schon gut, ſchon gut, mein Lieber!« ſprach der Agent.„Es iſt gar nicht zu viel, gar nicht, und Ihr Meiſter wird jedenfalls zufrieden ſein. Jetzt wollen wir Alles nur ordentlich aufſetzen, Sie unterſchreiben die nöthigen Papiere, bezahlen die Beiträge, und die Sache iſt in Ordnung ohne große Weitläufigkeiten. Die Förmlichkeiten mit den Behörden werde ich ſchon abmachen.“ Vincenz, anſcheinend immer mürriſch, verdrießlich und widerwillig, führte den Agenten in Leonhard's Stube und wies ihm das nöthige Schreibgeräthe an. Nach kurzer Zeit waren die Papiere geordnet, Vincenz unterſchrieb im Namen und Auftrage Leonhard's, zahlte die allerdings ſehr niedrig angeſetzte Prämie— den Verſicherungs⸗Beitrag für ein Jahr— aus, und ver⸗ 40 ſchloß dann die ihm eingehändigte Police, oder den Verſicherungsſchein, in einen Schubkaſten. „Da lieg'!“ ſagte er ärgerlich.„Biſt ganz über⸗ flüſſig und koſteſt einen ſo ſchönen Haufen blankes Geld. Gewiß, Herr Agent, ich wollte, der Meiſter hätte Sie nie geſehen, dann wäre dieſe Thorheit un⸗ geſchehen geblieben!“ 98 »Wiſſen Sie mein Lieber,“ gab der Agent zur Ant⸗ wort,—„Sie mogen es recht gut mit Ihrem Herrn meinen, aber Sie meinen es nicht gut auf die richtige Art und Weiſe. Ein vorſichtiger Hausvater ſorgt und hütet das Seine! Sie werden das auch einmal thun, wenn Sie Ihren eigenen Herd haben, und dann wer⸗ den Sie mir und dem Herrn Leonhard recht geben. Nun aber nichts für ungut,— ich muß zurück in die Stadt. Leben Sie wohl und grüßen Sie mir Ihren Herrn, wenn er heimkommt!“ Vincenz gab dem Agenten das Geleit bis vor die Thuͤr, wo ſein Wagen ſtand, half ihm einſteigen und wünſchte ihm Glück auf den Weg. »Narr und Dummkopf du!« brummte er hinter ihm her, als der Wagen auf der Landſtraße dahin rollte. „Du meinſt uns auf der Leimruthe mit glatten Wor⸗ ten gefangen haben, und doch biſt du ſelber, wie ein blinder Eſel, in das geſtellte Netz gegangen. Alles ſteht gut, und dieſer Tag wird ſeine Früchte tragen!« „»Die Frucht der Sünde, und Verderben wird ſie über dein Haupt bringen!“ ſprach eine Stimme dicht hinter Vincenz, und erſchrocken drehte er ſich um. AUnwillkührlich fuhr er zurück. Eine alte Frau in ſchlichten dunkeln Gewändern ſtand, auf einen Kruck⸗ ſtock gelehnt, in der Hausthür. Schneeweißes Haar 6. 41 hing glatt an ihren Schläfen nieder, das Geſicht, die eingefallenen Wangen waren dicht mit Runzeln bedeckt, die Lippen ſahen welk aus und eingekniffen, das ſpitze Kinn und die noch ſpitzere Naſe ſtanden weit vor, und das todte Grau der Verwitterung hatte ſich über ihr ganzes Antlitz verbreitet. Nur die Augen, und wun⸗ derbare Augen waren es, funkelten noch klar und hell, wie in der Jugend, und ihr ſeltſam ſtechender Blick haftete forſchend und durchbohrend auf den erblaſſenden Zügen des überraſchten Vincenz, welcher betroffen und verwirrt ſeine Augen zu Boden ſenkte. „Hörſt du es wohl,“ ſagte die Alte wieder mit hoh⸗ lem, bebendem Tone,—„die Sünde iſt der Leute Verderben, und ihre giftige Frucht tödtet Leib und Seele zugleich. Hüte dich, Vincenz! Ich leſe in deiner Seele, du brüteſt Böſes! Hüte dich, daß das Böſe nicht an den Tag komme, denn hölliſches Feuer würde dich ver⸗ brennen! Hüte dich, hüte dich!“ „Vincenz hatte ſich mittlerweile zu faſſen gewußt und erhob wieder mit frechem Blicke ſein Haupt. „Alte Unke,“ ſagte er verächtlich,„heule deine Jam⸗ merlieder anderen Leuten vor, die daran glauben! Was ſuchſt du hier? Packe dich auf deine Kammer, und denke da über das hölliſche Feuer nach, das deine alten Knochen dereinſt verzehren wird. Packe dich,— mir aus den Augen!“ „Die alte Mar⸗Lene hat wohl eher ein Recht, hier zu ſtehen, als du,“ erwiederte die Frau drohend. „Hüte dich, daß du nicht eines Tages mit Sünde und Schande beladen von dieſer Schwelle geſtoßen wirſt, hinter der Friede, Gluͤck und Ruhe heimiſch waren, bis du, Verruchter, ſie zur boͤſen Stunde überſchritteſt. 42 Aber dir wäre beſſer, du hätteſt nie einen Fuß hierher geſetzt, als daß du nach Böſem trachteſt. Hüte dich, ſage ich! Die alte Mar⸗Lene hält ihre Augen offen, und ſie ſind noch friſch, ihre Augen. Hüte dich!“ Noch einen ſcharfen, feſten, drohenden Blick warf ſie ihm zu, und wendete ihm dann den Rücken, um die Stiege nach dem oberen Stockwerk hinauf zu humpeln. Vincenz ſandte ihr eine halblaute, wilde Verwuͤnſchung nach. »Die verdammte alte Hexe!« murmelte er.»Hat ſie mich doch erſchreckt, daß ich mich beinahe verrathen hätte. Wie eine rechte Hexe ſchleicht ſie umher, und iſt plötzlich da, ehe man ſich's verſieht. Aber ſie muß fort, fort aus dem Hauſe, und ich will nicht ruhen, bis es Leonhard mir zugeſagt hat. Das alte Weib könnte am Ende noch den ganzen Brei verderben! Sie muß fort! Fort in den nächſten Tagen! Mag ſie mei⸗ netwegen zur Hölle gehen! Nur hier darf ſie nicht bleiben.“ Zornig ſchüttelte er die Fauſt nach der Stiege hin, und ging dann haſtig davon, um nach den Leuten in der Mühle zu ſehen, oder vielleicht auch, um den ſchar⸗ fen, glänzenden Augen auszuweichen, die von oben, von den Fenſtern der kleinen Dachkammer her, ihn be⸗ obachten konnten. Er verließ die Mühle nicht mehr, bis am Abend, wo Leonhard von ſeinem Ausfluge heimkehrte. „Alles iſt abgemacht,« ſagte er auf einen ſtumm fragenden Blick deſſelben, zu ihm.„Der Agent war hier, und dort im Kaſten liegen die Papiere. Vor Feuersgefahr können wir nun ruhig ſchlafen, Leonhard.“ — 43 „Es iſt gut,“ antwortete dieſer.„Könnte man es nur vor anderen Sorgen auch!« „Wieder neue Sorgen?“ fragte Vincenz.„Was giebt es denn wieder?“ „Nichts weiter als grade das Schlimmſte, was mir begegnen konnte!“ rief Leonhard unmuthig aus, und warf ſich in einen Lehnſtuhl, wo er ſorgenvoll den Kopf in die Hand ſtützte.„Mein Unglück hat mir heute grade meinen ſchlimmſten Gläubiger in den Weg ge⸗ führt, und er hat mir rundweg das Kapital gekündigt, das er auf der Muͤhle ſtehen hat. Es ſind zehntauſend Thaler! Wo in aller Welt ſoll ich ſie auftreiben? Jetzt bin ich verloren, Vincenz! Die Mühle wird im Auf⸗ ſtreich verkauft, meine zerrütteten Verhältniſſe kommen an den Tag und in aller Leute Mund, und ich, ich kann mit dem Bettelſtabe in der Hand durch die weite, weite Welt gehen in's Elend! So ſteht es mit mir! O, hätte ich der alten Mar⸗Lene gefolgt, es ſtünde anders und beſſer! Jetzt giebt es nun keine Rettung mehr, keine!“ »Hum! Wer weiß,“ ſagte Vincenz.„Wer war denn dieſer Gläubiger?“ „»Der Hof⸗Agent Schultheim, dieſer Mann ohne Herz! Du kennſt ihn! Unerhörte Zinſen mußte ich ihm für ſein Geld bezahlen, und nun will er mir nicht ein⸗ mal eine Friſt zur Rückzahlung des Kapitals vergön⸗ nen. Binnen vier Wochen müßte er's haben, ſagte er, oder er brächte die Mühle unter den Hammer. Kein Bitten, kein Flehen half! Jedes Wort prallte von ſeinem eiſernen Herzen ab.“ »Du hätteſt dir jedes vergebliche Wort erſparen können,“ ſagte Vincenz trocken.„Dem hartgeſottenen 44 Schurken iſt kein Erbarmen abzuzwingen. Wahrſchein⸗ lich weiß er, daß du in Geldnoth biſt, daß du ihn nicht bezahlen kannſt, und daß es dir ſchwerlich gelin⸗ gen wird, irgendwo anders Geld aufzutreiben. Darum drängt er dich nun! Er rechnet ſo: ‚Die Mühle muß im Aufſtreich verkauft werden, Käufer werden ſich nicht viel einfinden, alſo geht ſie um einen Spottpreis weg, und dieſen Spottpreis wirſt du bezahlen. Dann iſt die ſchöne Wildbach⸗Mühle dein, und du haſt ein gutes Geſchäft gemacht!“ So rechnet er, und fragt nicht da⸗ nach, ob er dich zu Grunde richtet und auf die Straße wirft. Aber, ich meine, der Mann könnte ſich verrech⸗ net haben. Dir kann geholfen werden, Leonhard.“ »Unmöglich!« rief dieſer ſchmerzlich aus.„Es iſt Alles vorbei. Das Beſte wäre, Gott ſchickte mir einen raſchen Tod!« »Nur ein Narr verzweifelt, wenn er ſich noch hel⸗ fen kann,“ ſagte Vincenz.„Höre mich an,“« fuhr er in leiſerem Tone fort, und rückte dicht an Leonhards Seite.„Ich habe in deinem Namen die Mühle und die Saat⸗Vorräthe auf den Speichern hoch verſichert. Der Agent ſelber drängte mich dazu, und kurz und gut, das Geſchäft iſt glatt abgemacht. Nächſter Tage wird die Saat in die Stadt abgeliefert, und du wirſt dich wohl hüten, die leeren Speicher wieder anzufüllen, Wenn dann der Zufall wollte, daß der Blitz hinein⸗ ſchlüge und zündete, oder wenn irgend Jemand eine kleine ⸗Unvorſichtigkeit mit Feuer und Licht beginge, kurzum, wenn die Scheuern auf irgend eine Weiſe in Flammen aufgingen, ſo hätteſt du ein gutes Geſchäft gemacht. Die Feuer⸗Verſicherung müßte dir dreißigtau⸗ ſend Thaler auszahlen fuͤr nichts, und nicht nur deiner 45 Schulden wäreſt du ledig mit Einem Schlage, ſondern ein ſchönes Kapital bliebe dir noch übrig. Was meinſt du dazu, he?« Mit weit aufgeriſſenen Augen, todtenbleich, mit zuckender Lippe hatte Leonhard die Worte des Ver⸗ ſuchers angehört. Jetzt ſprang er auf und maß mit großen Schritten das Zimmer. „Nein! Nein! Nein!“ rief er entſetzt aus, und ſtreckte die Hände abwehrend weit von ſich.„Das wäre ein ſchändlicher Betrug, und wenn er entdeckt würde, ich wäre gebrandmarkt auf ewig! Nein, Vin⸗ cenz! Ich will lieber ein Bettler werden, als ein Ver⸗ brecher! Um Gottes willen, was für ein Gift haſt du in meine Seele geworfen!“ „Wie einfältig und thöricht du biſt!“ entgegnete Vincenz.„Wer ſoll, wer kann denn entdecken, was im Dunkel geſchieht und im Verborgenen? Wer will dir beweiſen, daß du es geweſen biſt, oder ich, der das Feuer angelegt hat? Meinſt du, wir würden uns Zeugen dazu herbeſtellen? Sei kein Thor! Ein kühner Entſchluß, und du biſt deiner Sorgen entledigt für immer!“ „Ich kann es nie thun! Niemals! Ich werde nie die Kraft dazu haben,“ entgegnete Leonhard haſtig und aufgeregt.„Wenn ich es thäte, die Leute würden es mir auf der Stirne leſen, und Jeder wuürde mit dem Finger auf mich deuten. Nein, nein, laß mich nichts mehr von einem ſolchen Verbrechen hören, Vincenz.“ »Nun, wie du willſt,— mir kann's ja einerlei ſein, ob du als Bettler dein Brod vor den Thüren ſuchſt und vielleicht mit Spott und Hohn abgewieſen und mit Hunden fortgehetzt wirſt, oder ob du als Herr 46 behäbig auf deiner Mühle bleibſt und den Kopf hoch trägſt vor allen Leuten! Mir kann's einerlei ſein! Ich ſetze meinen Wanderſtab weiter, und finde wohl in einer anderen Mühle mein Unterkommen. Alſo mir iſt's egal! Aber du dauerſt mich und jammerſt mich, daß du nicht Herz genug haſt, einen männlichen Ent⸗ ſchluß zu faſſen!“ „Ein Verbrechen begehen iſt nicht männlich, ſondern ſündhaft!« „Sich nicht vom Verderben retten durch ein kühnes Wagniß, das im Grunde Niemanden ſchadet, iſt elende Schwäche und Feigheit! Wem ſchadeſt du denn, wenn die alten Scheuern verbrennen? Der Feuer⸗Aſſecuranz! Zu der müſſen viele tauſend Leute beiſteuern, und der Schaden, der jeden Einzelnen trifft, beträgt nur ein paar Groſchen, nicht der Rede werth. Aber du retteſt dich durch dieſe paar Groſchen vieler Einzelner vom Verderben. Das bedenke!“ »Nein, nein, ich will da nichts bedenken!« entgeg⸗ nete Leonhard.„Nie wird es dir gelingen, mir das Verbrechen als etwas Unſchuldiges vorzuſpiegeln. Die That iſt Sünde, und der Fluch der Sünde würde mein Haupt treffen, wenn ich ſie begienge. Laß mich, Vin⸗ cenz! Ich mag nichts mehr davon hoͤren!« „Gut denn, gut! Ganz nach deinem Gefallen,“« antwortete Vincenz kalt.„Wem nicht zu rathen iſt, dem iſt auch nicht zu helfen. Schade drum, daß ich nun das ſchöne Geld ganz umſonſt an den Agenten ausbezahlt habe. Er wird dir nichts erſetzen, wenn du auch dumm⸗ehrlich genug wäreſt, anzugeben, daß die Speicher leer, ganz leer ſind. Höchſtens wird er über deine Beſchränktheit und Gewiſſenhaftigkeit in's Fäuſt⸗ 47 chen lachen und dich für einen rechten Eſel halten, der ſeine Trümpfe nicht ausſpielt, wenn er die Karten in der Hand hat. Wie geſagt, ganz wie du willſt! Ich mag nun auch mit der Geſchichte nichts weiter zu ſchaffen haben, und waſche meine Hände in Unſchuld.« „Auch dein Hohn wird mich nicht reizen, ein Ver⸗ brechen zu begehen,“ ſagte Leonhard.„Gleichwohl,— ich mag ihn nicht länger anhoͤren. Gute Nacht, Vincenz!“ Er begab ſich raſch in ſeine Kammer, und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Spöttiſch lächelnd ſah Vin⸗ cenz ihm nach. „Geh' nur, geh'!« murmelte er.„Der Pfeil hat doch getroffen, und die Wunde wird brennen und dir keine Ruhe laſſen, bis du zu beſſerer Erkenntniß ge⸗ kommen biſt. Schwächling! Wie ſehr du dich auch ſträubſt, zuletzt wirſt du doch, wie die Motte, in das Licht flattern. Nur Geduld, du kommſt mir ſchon ganz von ſelber wieder!“ Einen Hohnblick warf er noch nach der Kammer⸗ thüͤr hin, und verließ dann ebenfalls das Zimmer, um zur Ruhe zu gehen. Er konnte ſchlafen; Leonhard aber wälzte ſich noch lange in ſeinem Bette herum, und wilde, angſtvolle Gedanken ließen ihn erſt ſpät die Au⸗ gen zu unruhigem Schlummer ſchließen. Ja, der Pfeil hatte getroffen, und die Wunde brannte. Schwere Träume zogen dieſe Nacht in düſteren Bildern an ſeiner Seele vorüber. 48 Drittes Kapitel. Hiesünde. Wie im Traume ſchlich Leonhard ſeit jenem Abend umher, wo Vincenz zum erſten Male als Verſucher zu ihm getreten war, um ihn zur Sünde zu verlocken. Einen ſchweren Kampf kämpfte er mit ſich ſelber und ſeinem Gewiſſen, und wo er ging und ſtand, dachte er an die Vorſtellungen, welche Vincenz in ihm erweckt hatte. Die Scheuren ſtanden leer, denn die Saat war zur beſtimmten Zeit nach der Stadt verladen worden. Oft ruhte Leonhard's Auge auf ihnen, und oft ertappte er ſich uͤber dem frevelhaften Wunſche:„Oh, wenn doch Gott einen Blitz hernieder ſenden und zündend auf das Dach ſchleudern möchte!« Im nächſten Augenblicke ſchauderte er dann wieder vor dem Gedanken und ſich ſelber zurück, ſuchte die Einſamkeit und trieb ſich ganze Tage in den Wäldern und den Schluchten des Gebirges umher, wo Niemand ihn ſah, als zuweilen ein Holzhacker oder Kohlenbr ner, die verwundert den unſteten Menſchen begrüßten. Auch bei ihnen verweilte er nicht, ſondern flüchtete weiter und, weiter mit raſtloſer Haſt, als ob er irgend einem Schreckniſſe entfliehen wolle. Aber alle Einſam⸗ keit nützte ihm nichts, und verſchaffte ihm keine Ruhe, denn ſeine ſchlimmen Gedanken und die laute, mah⸗ nende Stimme ſeines Gewiſſens folgte ihm ja doch überall hin, ſelbſt in die ödeſten, wildeſten Gebirgs⸗ 49 gegenden. Und keine andere Stimme hörte er, als die flüſternde, ziſchelnde, heimliche ſeiner Gedanken, und die ſtrenge, zürnende, mächtige ſeines Gewiſſens. Für ihn erklang nicht das Flöten der Droſſel vom hohen Baumwipfel, nicht der Schrei des Raubvogels aus blauer Luft, nicht das leiſe Zwitſchern des Rothkehl⸗ chens aus den Hecken und Büſchen. „Thu's! Rette dich! Wirf den Feuerbrand unter dein friedliches Dach! Niemand erfährt es, Niemand ſieht es, und du biſt geborgen für immer!“« ſo ziſchelte die Begierde. »Thu's nicht!« antwortete das Gewiſſen.„Wan⸗ dere lieber in die weite, weite Welt, arm, als Bettler, aber ſchuldlos und mit unbeflecktem Herzen! Wenn auch kein menſchliches Auge dein Verbrechen ſieht, Ein Auge ſieht es, das allſehende Gottes, und du ſelber kennſt es, und die Sünde iſt in deinem Herzen, und die Sünde iſt der Leute Verderben, und du biſt verloren für Zeit und Ewigkeit.“ Bald dieſer, bald jener Stimme gab er Gehör, wenn er tief im Dickicht lag, oder am einſamen Ber⸗ geshang, und in unaufhörlichem Streite rangen Gut und Boͤſe um ihn in ſeinem Herzen. Jetzt ſiegte das Eine, dann das Andere, und dann wieder das Erſte. Keine Ruhe kam in ſeine Seele. Er hagerte ab, ſeine Wangen erblaßten, ſeine Augen blickten ſcheu,— nicht grade und offen mehr, wie vor dieſer Zeit der inner⸗ lichen, aufreibenden und zerrüttenden Kämpfe. Ungern kehrte er Abends nach Hauſe zuruͤck, denn Vincenz, ohne deſſen Geſellſchaft er ehedem nicht hatte ſein kön⸗ nen, war ihm jetzt zuwider, und er vermied, ſo viel er konnte, jede Begegnung, jedes Alleinſein mit ihm. Der Brand⸗Müͤller. 3 4 50 Vincenz,— Leonhard bemerkte es wohl,— beobachtete ihn ſtets mit halb lauerndem, halb verächtlichem und ſpöttiſchem Auge, als ob er in der Seele des von Angſt und Verzweiflung gefolterten Leonhard leſen wollte, und grade ihm ſuchte Leonhard ſeine Zweifel und Kämpfe am ſorgfältigſten zu verheimlichen. Vincenz ſollte nicht wiſſen, ſollte nicht, welche brennende Wunde er ihm geſchlagen hatte, ahnen ſollte er nicht, daß ſte noch lange, lange nicht geheilt ſei, ſondern wie ein freſſen⸗ des Gift immer weiter um ſich wucherte, ihm immer heftigere Schmerzen verurſachte. Aber der Verſucher war klug, und erkannte nur zu deutlich die Wirkung ſeiner vergifteten Worte, die er dem Argloſen in's Ohr geträufelt. »Er ſträubt ſich noch,« lachte er in ſich hinein. „Aber der Kampf in ſeiner Seele iſt da, und er iſt viel zu ſchwach, um als Sieger mit gutem Gewiſſen daraus hervorzugehen. Indeß, ich habe Mitleid mit ihm, ich will ihm ein wenig zu Hülfe kommen. Auch iſt es Zeit, alle überflüſſigen Zeugen zu beſeitigen.“ Eines Abends, als Leonhard von einem ſeiner Aus⸗ flüge zurückkehrte, und haſtig an Vincenz vorüber in ſeine Stube eilen wollte, folgte ihm Vincenz auf dem Fuße nach, und drang faſt gewaltſam mit ihm zugleich in das Zimmer ein. 24 »Was willſt du denn?« fuhr ihn Leonhard unwil⸗ lig an.„Ich will allein ſein,— ich bin müde,— und nicht aufgelegt zum Sprechen. Ich bitte dich, laß mich in Ruhe, Vincenz.“ 3 »Nur ein paar Worte, Leonhard,“ antwortete dieſer. »Du mußt nämlich wiſſen, daß unſere Mühlknappen 51 heute ſammt und ſonders aus dem Dienſt gegangen ſind.« Leonhard ſtutzte.„Und warum das?« fragte er. „Was fällt den Leuten ein?« »„Ich habe Streit mit ihnen bekommen und kurze Umſtände mit ihnen gemacht,“ entgegnete Vincenz.„Das Beſte war, ſie auf der Stelle fortzuſchicken, und das that ich.« »„Streit bekommen? Und warum denn 2« »Weil ich ihn ſuchte! Wir können die Leute nicht mehr gebrauchen. Was zu thun iſt, können wir Beide allein beſorgen. Es giebt jetzt ohnehin nicht viel Ar⸗ beit, und es könnte eine Zeit kommen, wo Augenzeugen überflüſſig und gefährlich ſind. Blicke mich nicht ſo wild und ſonderbar an, Leonhard! Dummes Zeug! Du weißt wohl, es iſt keine andere Rettung, als— nun, du verſtehſt mich!« »Ich verſtehe dich nicht! Schweig!« antwortete Leonhard erbittert und heftig, ſich von dem Liſtigen errathen zu ſehen.„Ich will von deinen ſchändlichen Plänen und Abſichten nichts wiſſen! Du haſt ſehr vor⸗ eilig gehandelt, als du hinter meinem Rücken die Leute fortſchickteſt. Wir bedürfen ihrer Arme, und ich ſcheue ihre Augen nicht.“ „»Hum— wenn du ſo denkſt, wenn,— nun, dann ſind ja bald Andere zu bekommen,“ gab Vincenz kalt zur Antwort.„Ich habe dir nur noch mitzutheilen, daß der Hof⸗Agent Schultheim Nachmittags hier war, und ſehr verdrießlich ſchien, weil er dich nicht antraf.“« Leonhard war bei Erwähnung dieſes Mannes blaß geworden.„Was ſagte er? Was wollte er?« ſtieß er mit gepreßter Stimme heraus. 4 5² „Nichts weiter eigentlich, als daß er zur beſtimmten Zeit ſein Geld haben wolle, widrigenfalls die Mühle unfehlbar verkauft werden würde.“ „Und was ſagteſt du zu ihm?« „Nun, wie es in den Wald ſchallt, ſo ſchallt es wie⸗ der heraus! Ich trumpfte ihn ab und gab's ihm tüchtig!“ „Was ſagſt du? Was?“ drängte Leonhard. »„Ganz einfach, wenn er noch einmal wiederkäme, ſagte ich, und ſich herausnähme, Drohungen auszu⸗ ſtoßen, ſagte ich, ſo gäbe es hier in der Wildbach⸗ Mühle noch handfeſte Fäuſte, die ihm die Wege zeigen würden, ſagte ich. Sein Bettelgeld würde ſchon zur rechten Stunde parat liegen, ſagte ich, denn in der Scheune da läge Waare genug aufgeſpeichert, um ihn dreimal zu bezahlen, und nun ſolle er ſich packen, und ſein unverſchämtes Geſicht nicht vor der Zeit wieder bei uns blicken laſſen. d ſagte ich ihm, und als er nun ganz betreten da ritt, lachte ich ihm noch recht laut und höhniſch nach. Er drohte nach mir zu⸗ rück mit der Reitpeitſche, da ſtreckte ich meine Zunge nach ihm aus, und nun gab er ſeinem Thiere die Sporen und ſprengte davon wie raſend. Es war zum Todlachen!“ „Oh mein Gott, nun iſt Alles verloren, Alles!« rief Leonhard ſchmerzlich aus.„Ich hoffte noch darauf, durch Bitten und Vorſtellungen ſein Herz zu rühren, aber nun iſt auch dieſe Hoffnung für immer zu Boden geſunken. Oh, Vincenz, du biſt mein böſer Engel!“ „Sage vielmehr, dein Rettungs⸗Engel, der En⸗ gel, der dich endlich zur rettenden That antreibt. Sei kein Thor, Leonhard! Es gibt hier nur Einen Aus⸗ weg, und du mußt ihn gehen! Lüächerlich, dich als 5 53 Bettler herum treiben zu wollen, wenn es nur einige Spähne und eines Schwefelfadens bedarf, um im Wohl⸗ ſtande zu bleiben und ohne Sorgen leben zu können. Schlimmſten Falls, Leonhard,— und daraus magſt du meine Freundſchaft erkennen,— ſchlimmſten Falls, wenn du gar kein Herz haſt, thu' ich dir den Gefallen und brenne den Plunder an. Was iſt denn da mehr? Gefährlich iſt's nicht, und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dich heimathlos und in Lumpen zu ſehen! Unſinn! Verlaß dich auf mich, und ſei gutes Muthes. Ich bin dein rettender Engel.“ „Ein Teufel biſt du, ein rechter verführeriſcher, abſcheulicher Teufel!« rief Leonhard.„Ohne deine An⸗ reizung, nie wäre ein ſolcher böſer Gedanke in meine Seele gekommen. Verloren! Zeitlich und ewiglich ver⸗ loren! Oh, ich bin gränzenlos unglücklich. Geh', Vin⸗ cenz, und ſprich mir nie wieder von dieſen Dingen. Ich will und will nichts mehr davon hören.“ »Auch recht,« antwortete Vincenz und wandte ſich kurz um.„Gute Nacht.« 8 Er ging, und ſchmetterte heftig die Thür hinter ſich in's Schloß. Leonhard fuhr ſchreckhaft zuſammen. Ein paar Schritte eilte er der Thüre zu, wie in der Ab⸗ ſicht, Vincenz zurückzurufen, aber dann ſchien er ſich plötzlich anders zu beſinnen, und hielt wieder inne. „Nein, laß ihn!“ murmelte er.„Mag er böſe ſein, mag er gehen, meinetwegen für immer! Es iſt kein Segen mit ihm unter dieſes Dach eingekehrt. Oh, Vater, Vater, wenn du noch lebteſt!« Ein paar große Thränen rollten über ſeine Wan⸗ gen, und in bitterem Schmerze rang er die Hände. Wohl eine Stunde noch verweilte er faſt unbeweglich 54 in düſterem Bruͤten bis er endlich mit einem ſchweren Seufzer ſein Lager ſuchte. »Es iſt der letzte Verſuch, ich will ihn machen, wie ſchwer es mir auch ankommt,« ſagte er.„Zwar hat er mich nie leiden mögen, aber doch iſt er der ein⸗ zige Verwandte, und vielleicht rührt ihn meine Noth. Und wenn es wäre, wenn Gott ſein Herz lenkte, wahr⸗ lich dann ſoll es anders werden hier und mit mir! Fluch dem Leichtſinn, Fluch dem Muͤßiggange, der zu allen Laſtern führt, und zuletzt in's Verderben! Nie ſoll meine Hand wieder eine Karte zum Spiel anrühren, in der Mühle will ich bleiben, und arbeiten, wie mein Vater gethan hat, ſo ſparſam will ich ſein, wie vor⸗ dem verſchwenderiſch, und dann, mit Gottes Hülfe, wird ja Alles noch gut werden!« Am nächſten Morgen ſattelte er ſelber ſein Pferd und führte es aus dem Stalle. Das Stampfen der Hufe lockte Vincenz herbei. »Wohinaus?« fragte er ganz freundlich, als ob nicht das Mindeſte zwiſchen ihnen vorgefallen wäre. „Nach Münzdorf zum Vetter Gebhard!« antwortete Leonhard mechaniſch, und gab dem Pferde die Sporen, ſo daß es in wilden Sätzen davon ſprang. „Reite nur, du wirſt dir dort auch kein Glück er⸗ reiten,« ſprach Vincenz hinter ihm drein.„Das iſt dein letzter Anker, und wenn auch dieſer bricht, ſo biſt du mein. Und brechen wird er! Ich kenne den Geb⸗ hard und ſeinen zähen Geiz. Ehe er Geld giebt, ſchnei⸗ det er ſich lieber die rechte Hand ab. Alſo reite nur zu,— du kommſt mir wieder!« Es war ſchon ſpät Abends, als Leonhard zurück⸗ kehrte. Vincenz leuchtete ihm mit der Laterne in's 5⁵ Geſicht, als er vom Pferde ſtieg, und frohlockte inner⸗ lich. Leonhard ſah bleich aus, wie ein Todter; blutlos ſeine Wangen, ſeine Augen ſtarr, ſeine Lippen in Grimm und Schmerz feſt zuſammengepreßt. Vincenz glaubte Spuren von Thränen auf ſeinen Wangen zu bemerken, doch konnte er's nicht genau ſehen, denn Leonhard wendete ſich raſch ab, warf ihm die Zügel des Pferdes zu, und gieng ſtumm, geſenkten Hauptes in das Haus.. „Es iſt ſchon ſo, wie ich dachte, Vetter Gebhard iſt unerbittlich geweſen,“ ſprach Vincenz für ſich mit heim⸗ lichem Lachen.„Ja, lerne mir nur Einer die Leute kennen. Ich kenne ſie Alle, mit denen ich umging, und dich, Leonhard, am genaueſten. Dein Widerſtand wird nicht lange mehr dauern, bald iſt's gethan, und dann— iſt das weiche, warme Neſt fertig, in das ich mich behaglich hinein ſetzen will. Glück zu, Vincenz! Den armen Jungen kommt es freilich ein wenig hart an, aber was thut es? Hinterher wird er doch froh ſein, daß er ſich uͤber dem Waſſer gehalten hat. Ich kenne das!« Am folgenden Morgen verließ Leonhard ſeine Stube nicht. Er ſchützte Krankheit vor, und ſchickte Vincenz fort, der ſich ihm aufdringen wollte. Mit großen Schrit⸗ ten, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, grübelnd und brütend, maß er das Zimmer, raſtlos hin und her gehend, wie der Pendel einer Uhr. »Es muß ſein, es muß!« murmelte er zwiſchen den Zähnen.„Ich, ein heimathloſer Bettler,— der Ge⸗ danke iſt nicht zu ertragen! Soll ich mich von der ganzen Welt ſo behandeln laſſen, wie von meinem Vetter? Der unbarmherzige Schuft! Er konnte mir 56 1 ſeine Hülfe verweigern, aber mußte er mich auch noch verhöhnen, mich beſchimpfen, mich ſchnöde aus ſeinem Hauſe weiſen? Das iſt zu viel! Wenn denn das Ver⸗ derben uͤber mich hereinbrechen ſoll, nun, ſo will ich mich wenigſtens dagegen wehren, ſo lange ich kann, und meine Kräfte reichen. Vincenz hat recht, was ſoll ich mich um die Menſchen bekümmern? Sie ſind alle Blutigel und Beſtien, ſchlimmer noch als Wolf und Hyäne! Mögen die alten Scheuern brennen! Unter den rauchenden Trümmern finde ich den goldenen Schatz, der die Augen der Menſchen blendet. Geſchehe denn, was geſchehen muß!« Sein Entſchluß ſtand feſt. Der boͤſe Geiſt der Sünde hatte den Sieg errungen und die Stimme des Gewiſſens, wie laut ſie auch ſprach, betäubt. Ein ſinſterer Trotz lag auf Leonhards Stirn, als er gegen Mittag die Stube verließ und in die Mühle ging, wo Vincenz fleißig beſchäftigt war. Ihre Blicke trafen ſich, und ein Blitz des Triumphes ſtrahlte aus Vincenz' Augen. Sofort erkannte er, wozu Leonhard entſchloſſen war. Seine düſtere, unheimliche, trotzige Miene ſagte es ihm, und raſch trat er an ihn heran.“ »„Ich ſehe, du biſt ein Mann geworden,“ flüſterte er ihm in's Ohr.„Wann ſoll es geſchehen? Ich nehme nicht zurück, was ich dir verſprach,— ich bin dein Freund, und dieſe Hand ſoll thun, wovor die deine zurückbebt.« „Frage mich nicht, handle!“ erwiederte Leonhard leiſe, mit gepreßter Stimme, aber in feſtem Tone. „Es wird geſchehen,« antwortete Vincenz.„Nur Eines noch, Leonhard: Schaffe die alte Mar⸗Lene aus dem Hauſe,— ihr traue ich nicht.“ e 57 „Sie ſoll fort,— heute noch oder ſpäteſtens mor⸗ gen. Du haſt recht, ſie iſt ſchwer zu täuſchen, und könnte uns im Wege ſein. Ich will ſogleich zu ihr gehen.“ Er ſtieg die Treppe hinauf, und trat in das Dach⸗ ſtübchen, wo das alte Mütterchen, in einen Lehnſtuhl gekauert, am Ofen ſaß. Sie machte große Augen, als ſie Leonhard erblickte, denn ſchon lange war es her, daß er ihr Stübchen nicht mehr betreten hatte. „Was bringſt du mir?« fragte ſte. Dann auf ein⸗ mal ſchreckte ſie zurück, bog ſich wieder weit vor, und heftete ihr Auge ſo durchbohrend auf Leonhard, daß dieſer das Seine von ihr abwenden mußte. »Oh, Leonhard,“ fuhr ſte fort,—„böſe Gedanken brüten hinter deiner Stirne, und nichts Gutes iſt es, was dich zu mir führt. Leonhard, Leonhard, hüte dich, daß du in keine Sünde willigeſt, noch thueſt wider Gottes Gebot.“ „Ich weiß nicht, was du willſt, alte Mutter,“« entgegnete Leonhard trotzig.„Immer ſiehſt du Ge⸗ ſpenſter!« „Ich aber ſage dir, daß ich deine Gedanken errathe,“ fiel die alte Mar⸗Lene lebhaft ein.„Meinſt du, ich wiſſe nicht, was in der Mühle geſchieht? Ich wiſſe nicht, daß der Vincenz dein faſcher Freund, alle Leute fortgejagt hat, ohne dich nur einmal zu fragen? Und biſt du nicht eben jetzt gekommen, um auch mich fort⸗ zujagen, mich, die ich alt und grau geworden bin unter dieſem Dache, mich, die dich erzogen hat und gepflegt, wie eine Mutter; mich, die es allein treu und redlich mit dir meint, mit dir, Unſeligem? Gieb Antwort, Leonhard! Iſt es ſo, oder iſt es nicht ſo? Ich ſoll fort, 58 die alte Unke ſoll den Platz räumen, wo ſie dereinſt ihr Sterbeſtündlein erwarten wollte! Läugne es nicht, es iſt ſo!« »Nun wohl, da du es einmal errathen haſt, Mutter Mar⸗Lene, ja, ich komme deswegen,“ erwiederte Leon⸗ hard zögernd, und mit einem Anfluge von Verlegenheit. »„Ich brauche dieſe Kammer, Mar⸗Lene! Aber du brauchſt deshalb nicht zu fürchten, daß ich dich auf die Straße werfen will. Gott behüte, Mutter! Ein anderes Zim⸗ mer ſollſt du bekommen, hübſcher als dies, geräumiger und bequemer, und auch beſſere Möbel darin, als hier dies alte Geruͤmpel,— aber im Dorfe, Mutter, und ſpäteſtens morgen mußt du ausziehen.“ „»So? Späteſtens morgen? Und wenn ich nun nicht will?« entgegnete die alte Mar⸗Lene ſcharf, und ihre Augen blitzten, wie Karfunkel.„Wenn ich nun kein. bequemeres, beſſeres Zimmer, und feine beſſeren Möbel, als gerade dies alte Gerümpel haben will? Wenn ich nun nicht in das Dorf ziehen, ſondern hier, grade hier in der Mühle bleiben und hier meinen Tod abwarten will? Wie dann, Leonhard? Nun?« „Nun, ſo wird es wohl Mittel und Wege geben, dich zu zwingen, Mar⸗Lene,“ ſagte Leonhard, gereizt durch den Widerſtand, den die Alte ihm entgegenſetzen zu wollen ſchien. »Ach ſo, Mittel und Wege! Nun ja, das iſt der Dank, auf den man rechnen darf!« ſprach die Alte bitter, mehr für ſich, als zu Leonhard, und wiegte trau⸗ rig das ergraute Haupt.„Das iſt der Lohn für die mühevollen Tage der Vergangenheit! Alſo Mittel und Wege, Leonhard! Du willſt wohl gar die Gerichts⸗ diener aus dem Dorfe holen, und mich mit Gewalt b 59 hinauswerfen laſſen aus deinem Hauſe? Nicht wahr, das willſt du thun, wenn die alte Mar⸗Lene nicht gut⸗ willig weichen will?« »„Ei, du mußt auch vernünftig ſein, Mutter,“ ſagte Leonhard beſchwichtigend.„Ich meine es gut mit dir, du ſollſt es beſſer bekommen, als du es hier haſt, aber hier bleiben kannſt und darfſt du nun einmal nicht.« „Kann nicht? Darf nicht? Wohl nicht, weil es dein Buſenfreund, der ſchlechte Bube, der Vincenz, ſo haben will?« entgegnete Mar⸗Lene mit noch größerer Bitterkeit als vorhin.„Nun denn, ich aber ſage dir, dir, Leonhard, daß ich nicht von hier weiche, nicht aus der Mühle, nicht aus dieſer Stube, nicht von dieſer Stelle gehe, ſondern daß ich ſterben will hier, ſo ge⸗ wiß, wie ich hier gelebt habe. Jetzt weißt du meinen Beſcheid, und nicht du, noch ein Anderer wird etwas daran ändern!“ Leonhard fühlte, wie ſich der Zorn in ihm regte, und das war ihm faſt lieb, denn um ſo rückhaltloſer und entſchiedener konnte er mit der alten, ſtoͤrriſchen Frau ſprechen. „Und doch mußt und ſollſt du fort, und das heute noch!“ rief er heftig.„Gehſt du nicht gutwillig, ſo laß ich dich mit Gewalt fortbringen. Ich bin Herr hier im Hauſe, und werde es dir beweiſen!« »Du, Herr hier?« entgegnete Mar⸗Lene halb höh⸗ niſch, halb traurig.„Wenn du Herr wäreſt hier, würdeſt du nie auf den Gedanken gekommen ſein, deine alte Pflegerin von dieſer Schwelle zu vertreiben. Vin⸗ cenz iſt Herr hier, Vincenz, und du biſt nichts, als ſein Narr, mit dem er nach Gutdünken ſein Spiel treibt. Er hat dir in den Kopf geſetzt, mich zu ver⸗ 60 jagen, und du biſt ſchwach genug, dem Elenden zu ge⸗ horchen. Aber Gott ſei Dank, daß ihr alle Beide nicht ſtark genug ſeid, der alten Mar⸗Lene zu nahe zu treten! Haſt du denn ganz vergeſſen, was in dem Teſtamente deines ſeligen Vaters ſtand? Da ſtand, die alte Mar⸗ Lene dürfe nie aus dem Hauſe gewieſen werden, und dieſes Stübchen ſoll ihr bleiben, wie auch das Gnaden⸗ brod bis an ihr ſeliges Ende! Aha, nun beſinnſt du dich! Nun geh' hin, und rufe die Gerichtsdiener, und ſieh' zu, ob ſie Hand an mich legen und Gewalt brau⸗ chen werden? Geh' und verſuche dein Aeußerſtes! Ich bleibe! Ja, ich bleibe, und wär' es auch nur, um über dich zu wachen und dich vor den Schlingen des Böͤſen zu ſchützen! Oh, Leonhard, armer, verirrter Menſch, nichts Gutes iſt es, was du im Sinne führſt! Oh, gedenke deines rechtſchaffenen Vaters, und bete zu Gott daß er deine Seele rein erhalte von boͤſem Trachten und ſchädlichem Thun! Wenn dich die böſen Buben locken, ſo folge ihnen nicht! Leonhard, jage dieſen ab⸗ ſcheulichen Vincenz aus dem Hauſe, wie du mich hin⸗ aus jagen wollteſt, und Alles wird wieder gut werden, wie zuvor. Folge mir, Leonhard! Du weißt wohl, ich meine es gut mit dir, wie eine Mutter!« 2 „Aber du weißt nicht, was... o Gott, o Gott!« rief Leonhard aus, und ſtürzte fort. 4 „Leonhard! Leonhard!« ſchrie Mar⸗Lene hinter ihm her. 4 Vergebens! Er hörte nicht, oder wollte nicht hören. Unten in der Mühle traf er wieder auf den lauernden Vincenz, und ſchüttelte mit verſtörtem Geſicht die Hand gegen ihn. „Es iſt nichts!“ ſagte er.„Sie will nicht, und * 61 mit Gewalt läßt ſich nichts ausrichten, denn das Teſta⸗ ment meines Vaters ſpricht für ſie. Aber gleichviel, Vincenz! Sie wird mich niemals verrathen!“ Nach dieſen haſtig geſprochenen Worten ließ er Vincenz ſtehen, und ging, ohne eine Erwiederung ab⸗ zuwarten, aus der Mühle in's Freie. Es litt ihn nicht unter dem Dache. Vincenz ſchaute ihm ärger⸗ lich nach. „Der Dummkopf, nichts kann er recht machen!« brummte er.„Aber, was thut's? Verräth ſie ihn nicht, ſo kann ſie auch mich nicht verrathen, ohne ihn mit in's Verderben zu ſtürzen. Alſo nur friſch an's Werk. Je eher es gethan iſt, deſto beſſer, denn der Schwach⸗ kopf könnte wieder ſchwankend werden, und wohl gar ſein Wort zurücknehmen! Das aber darf er nicht! Die Schuld muß ihn treffen, wie mich, ſonſt entſchlüpft er mir unter den Händen. Ja, es muß bald geſchehen! Heute noch! Heute iſt ſo gut, als morgen und über⸗ morgen, und er— braucht es nicht eher zu erfahren, als bis es geſchehen iſt.“ Leonhard, von ſchweren Aengſten und troſtloſen Ge⸗ danken gefoltert, ſchlug indeſſen den Weg nach dem Walde ein, ohne eben auf die Richtung zu achten, die er verfolgte. Durch Dick und Dünn ging er hindurch, faſt im Halbkreiſe um ſein Gehöft herum, bis ihn der krächzende Schrei eines Raben dicht über ſeinem Kopfe aufſchreckte. Er blickte auf und ſah ſich auf dem Gipfel eines Hügels, von deſſen Höhe ſich eine ſchöne Aus⸗ ſicht auf das unter ihm ausgebreitete Thal eröffnete. Eben war die Sonne im Begriffe unterzugehen, und ihre letzten Strahlen fielen verklärend grade auf ſein heimathliches Dach. Die Fenſter blitzten, als ob ſie 6² in Feuer ſtünden; die Mühlräder ſtäubten Millionen Waſſertropfen um ſich, gleich eben ſo vielen Millionen funkelnder Diamanten. Das Wehr rauſchte; wie eine Silberſchlange röthlich überhaucht vom Purpur⸗Schim⸗ mer der goldenen Abendwolken, wand ſich der Wildbach rund um das Gehöft,— es war ein lieblicher, fried⸗ voller Anblick. „Und das Alles, Allees ſoll vernichtet werden und zu Grunde gehen?« dachte. Leonhard ſtill in ſeinem Sinne.„Ja, die Stätte deiner Kindheit, unter das Dach, das dich beſchützte, willſt du ſelber mit eigener, frevelnder Hand den Feuerbrand ſchleudern, das Haus zerſtören, das deine Väter bauten, das ihnen traut und lieb und werth war, wie ein alter, treuer, ſchützender Freund? Eine tiefe Wehmuth überkam ihn, Thränen ſtiegen heiß und brennend aus ſeinem Herzen in ſeine Augen herauf, er warf ſich nieder auf den mooſigen Boden, verbarg ſein bleiches, leidendes Geſicht in beiden Hän⸗ den, und weinte und ſchluchzte laut. Es war ihm, als ob er ſterben müſſe, und faſt wünſchte er, zu ſterben, ehe noch das Entſetzliche geſchehen wäre. Dann war er ja aller Sorgen und Aengſte quitt, und was auf Erden zurückblieb, kümmerte ihn nicht mehr, während er unbelaſtet von ſchwerer Sünde vor ſeinen Richter treten konnte. Erſt nach geraumer Zeit raffte er ſich aus der Ver⸗ ſunkenheit ſeines tiefen Schmerzes wieder in die Höhe. Es war mittlerweile dunkel geworden, und es froͤſtelte ihn von dem Liegen auf dem kalten Boden, daß er zu⸗ ſammenſchauderte. Das Thal lag in tiefen Schatten unter ihm, und er konnte kaum noch die einzelnen 63 Gebäude ſeines Gehöftes, das Wohnhaus, die Mühle, die Ställe, die Scheunen von einander unterſcheiden. Dennoch ſtarrte er darauf hin, wie bewußtlos, minu⸗ tenlang, und nur immer der eine Gedanke ſummte in ſeinem Gehirn:„Du ſollteſt es doch lieber nicht thun! Lieber nicht!« „Und ich will es auch nicht thun!“ rief er plötz⸗ lich laut aus.„Mag mit mir geſchehen und aus mir werden, was will, ich thu' es nicht! Auf der Stelle will ich Vincenz Beſcheid ſagen.“ Er hob ſchon den Fuß, um den Berg hinunter zu ſteigen,— plötzlich aber blieb er wieder, wie angewur⸗ zelt, ſtehen, und blickte entſetzt in die Tiefe. Es ſchien ihm, als ob ein dichter weißer Qualm aus den Dä⸗ chern der Scheune hervorquölle und ſich wie eine Wolke über das Gehöfte lagerte. „Sollte Vincenz?« ſtammelte er.„Aber unmög⸗ lich! Es kann nicht ſein,— er wird es nicht ohne mich, nicht in meiner Abweſenheit thun! Es ſind die Abend⸗Nebel, die aus dem Waſſer aufſteigen, und ſich ſchon wieder in den Thalgrund niederſenken.“ Gleichwohl ſchien er doch nicht völlig an dieſe Er⸗ klärung des Dampfes zu glauben, denn er zitterte, und ſchaute mit vorgebogenem Leibe immer ängſtlicher in das Thal hinab. „Der Nebel verdichtet ſich, er wird zu Wolken!“ murmelte er.„Und nicht von oben herab kommt er, ſondern er ſteigt ſtärker und immer ſtärker von unten herauf. Großer Gott, ſollte ich zum Verbrecher wer⸗ den müſſen, nur, weil ich einmal den Gedanken dazu faßte? Vincenz, Unſeliger, wenn du mir das gethan hätteſt!« 64 Plötzlich zuckte er zuſammen, ſtieß einen Schrei aus und tummelte ein paar Schritte weit zurück. Ein leich⸗ ter Schimmer erhellte mit unheimlichem Scheine die dichten Rauchmaſſen, und jetzt ſtieg ein gelbrother Feuer⸗ ſtrahl mitten aus dem Qualme empor, dann ein zwei⸗ ter, ein dritter folgte, bis auf einmal ein ganzes Feuer⸗ meer über den Dächern des Gehöftes wogte. »Der Unſelige! Er hat das Frevelwerk gethan! Oh, wo verberg' ich mich und meine Schande vor den Blicken der Leute!« So rief Bernhard, und lehnte ſich mit dem Rücken gegen einen Baumſtamm, da er ſeine Füße unter ſich wanken fühlte. Seine Glieder waren wie gelähmt, alle Kraft ſchien von ihm gewichen, und der kalte Schweiß rieſelte in ſchweren Tropfen von ſeiner Stirn. Jetzt fuhr er zuſammen; ein greller Ton traf in bebenden Schwingungen ſein Ohr; es war die Sturm⸗ glocke, die im nahen Dorfe geläutet wurde. Er hörte Geſchrei von Menſchen, den Hufſchlag durch das Thal galoppirender Pferde, das Dröhnen und Raſſeln der Feuerſpritze, die der Brandſtätte zugeführt wurde. Im grellen Scheine des Feuers, welches nun bereits, mit wüthender Schnelligkeit um ſich greifend, nicht allein die Scheuer, ſondern auch ſchon die benachbarten Ställe ergriffen hatte, ſah er um das Gehöft herum eine Menge Menſchen ſich drängen und hörte ſie wild durch⸗ einander ſchreien. Nur Wenige fanden ſich, die zur Rettung Hand anlegten. Einige drangen in die ſchon brennenden Ställe und ketteten das Vieh los, um es dann mit Gewalt aus den Thüren zu jagen. Pferde, Kühe, Schaafe und Schweine rannten dem Walde zu und verloren ſich hier in der Finſterniß. Mittlerweile 65 ergriff das Feuer auch die Mühle, die, da ſie größten⸗ theils aus Holz gebaut war, in wenigen Minuten lich⸗ terloh brannte, und nun auch das nahe gelegene Wohn⸗ gebäude gefährdete. „Heiliger Gott, die alte Mar⸗Lene!“« ſchrie Leon⸗ hard in Todesangſt heraus.„Wenn das Haus Feuer fängt, ſo iſt ſie verloren! Oh, mein Gott, nur das nicht! Erbarmen, Erbarmen mit meiner armen Seele!“ Als ob Gott dieſes Gebet erhört hätte, fing eben die Spritze zu arbeiten an, und Leonhard ſah mächtige Silberſtrahlen ſprühenden Waſſers das Wohnhaus raſch von oben bis unten in einen naſſen ſchützenden Mantel einhüllen. Es war gerettet,— das einzige Gebäude, das überhaupt gerettet werden konnte, da es nicht nur an thätigen Armen, ſondern auch an einer zweiten Spritze fehlte, welche hätte verwendet werden können. Scheune, Ställe und Mühle brannten nieder bis auf den Grund, und kaum zwei Stunden waren ſeit dem Ausbruche des Feuers vergangen, als Alles ſchon in einen wüſten, rauchenden Schutthaufen voll glühender Balken und Kohlen verwandelt worden war. Leonhard hatte das traurige Schauſpiel von dem Gipfel des Hügels mit angeſehen, und auch jetzt noch, als ſchon ziemlich Alles vorbei war, fehlten ihm Kraft und Muth, nach ſeinem Gehöfte hinunter zu ſteigen. Was mochte dort über ihn geſprochen, was mochte von ihm und der Entſtehung des Feuers vermuthet werden? Todtenblaß ſtarrte er auf die Flammengluth nieder, und rang in verzweifelter Ohnmacht die Hände, als ob er den Baſt von den Fingern reiben wollte. „Aber endlich mußte er ſich doch einmal entſchließen, hinab zu gehen. Er raffte ſeine ganze Kraft zuſam⸗ Der Brand⸗Müller. 5 66 men, und machte den Verſuch. Anfangs taumelte er, wie ein Betrunkener, aber bald ging es beſſer, und plötzlich ſtand er mitten unter dem Haufen der zuſam⸗ mengelaufenen, neugierigen Leute, welche den ganzen Brand mehr als ein Schauſpiel, denn als ein Unglück zu betrachten ſchienen. 5 „Da iſt der Müller!“« ziſchelte plötzlich eine Stimme. „Herr Jeſus, wie er ausſieht! Ja, der Schrecken mag ihn nicht wenig gepackt haben!“ „Da iſt er! da iſt er! Verwildert! Wie eine Leiche! Er iſt doch wohl nicht ſchuld daran! War gar nicht zu Haus!“ ſo raunten verſchiedene Stimmen ſich einander in's Ohr, aber doch nicht leiſe genug, daß Leonhard nicht ein oder das andere Wort verſtanden hätte. Er athmete auf. Man hielt ihn nicht für un⸗ bedingt ſchuldig! Kein Brandmal, ſichtbar jedem menſch⸗ lichen Auge, war ſeiner Stirn aufgedrückt! Man wußte, daß er nicht zu Hauſe geweſen war, und ihm perſön⸗ lich konnte alſo keine Schuld aufgebürdet werden. „Um Gottes willen, gute Leute und liebe Nach⸗ barn,“ redete er die Männer in der nächſten Umge⸗ bung um ihn herum an,— kann mir Niemand ſa⸗ gen, wie das Feuer ausgekommen und das Unglück über mich hereingebrochen iſt?« „Wenn Ihr's nicht wißt, wie ſollen wir es wiſ⸗ ſen?« entgegnete eine Stimme aus dem dichten Hau⸗ fen barſch.„Fragt den Vincenz, der wird Euch wohl können Beſcheid geben!“ „Wer ſpricht hier von mir?« ſchrie Vincenz, der zufällig in der Nähe geſtanden hatte, dem Haufen zu. „Wer mir etwas zu ſagen hat, der kann vortreten und ſoll ſeinen Beſcheid bekommen. Aber Jeder mag ſeine 67 Zunge hüten, damit ihm nicht von Gerichts wegen auf's Maul geſchlagen wird! Verſtanden? Will noch Jemand Etwas?« Keine Antwort erfolgte, denn Viele fürchteten den Vincenz als einen entſchloſſenen, rückſichtsloſen Men⸗ ſchen, und vermieden deshalb, Händel mit ihm anzufan⸗ gen; und Andern wieder war die Sache gleichgültig. Es hatte eben gebrannt,— was die Urſache davon ge⸗ weſen, nun, das mochte ſich ſpäter ausweiſen. Mittlerweile hatte Vincenz bei'm Scheine des ver⸗ löſchenden Feuers Leonhard im Gedränge entdeckt, und rief ihn. „Gut, daß du endlich da biſt!“ ſagte er.„Wo um des Himmels willen biſt du geweſen? Haſt dich er⸗ ſchrocken über das Ungluͤck, gelt? Ja, der Henker mag's wiſſen, wie es auf einmal ausbrach, und mit ſolcher Macht, daß es gar nicht zu dämpfen war. An allen Ecken zugleich brannte es. Irgend ein Spitzbube muß das Feuer angelegt haben, denn von der Mühle aus iſt keine Menſchen⸗Seele in die Scheune gekom⸗ men, wenn nicht vielleicht die alte Mar⸗Lene heimlich hinüber gegangen iſt. Aber brauchſt dich nicht ſehr zu⸗ grämen, Leonhard! Das Wohnhaus und das liebe Vieh haben wir gerettet, und was verloren iſt, muß dir die Feuer⸗Aſſecuranz erſetzen. Alſo Kopf in die Höhe und nicht ſo elend ausgeſchaut! Die Geſchichte iſt nicht ſo ſchlimm, als ſie ausſieht. Komm herein in's Haus! Was brauchſt du hier unter den Leuten zu ſtehen?“ Mechaniſch folgte ihm Leonhard, und ſtaunte ins⸗ geheim die ruhige Faſſung an, welche Vincenz ſtolz zur Schau trug. Hätte er ſich nur ein wenig davon an⸗ 5 3* 82 68 eignen können! Aber er ſelbſt fühlte ſich wie vernich⸗ tet, und vermochte kaum die Augen vor Jemand auf⸗ zuſchlagen. Blaß, ſtumm und entſetzt ging er daher, und wendete ſcheu die Blicke von dem glühenden Schutt⸗ haufen der immer noch qualmenden Brandſtätte ab. „»So nimm dich doch ein wenig zuſammen, zum Henker!« ziſchelte Vincenz ihm zu.„Wenn die Men⸗ ſchen dich ſo erbärmlich ſehen, was ſollen ſie denn von dir denken?« „Ich kann nicht! Wie zerſchmettert bin ich, und moͤchte laut aufſchreien vor Schmerz und Betruͤbniß,« antwortete Leonhard.„Oh, Vincenz, hätteſt du doch das nicht gethan!« „»Unſinn! Schweig'!« herrſchte ihm Vincenz zu. „Du wirſt noch Alles verderben mit deinem Armen⸗ Sünder⸗Geſicht!« Aber hierin täuſchte ſich Vincenz. Gerade das ge⸗ beugte, gedrückte, erſchrockene Ausſehen Leonhard's, die Thränenſpuren auf ſeinen Wangen, ſeine gänzliche Haltloſigkeit machten einen Eindruck auf die Beobach⸗ ter, welcher eher zu ſeinen Gunſten, als zu ſeinem Nachtheile ſprach. So viel ſah ein Jeder, daß Leon⸗ hard wenigſtens nicht perſönlich die Hand im Spiele gehabt hatte, und da ſich, auch in den nächſten Tagen nicht, kein begründeter und wahrſcheinlicher Verdacht der abſichtlichen Brandſtiftung gegen irgend Jemanden erheben ließ, ſo wurde die Unterſuchung geſchloſſen, und nicht nur Leonhard, ſondern auch Vincenz gingen frei aus. Vincenz bemühete ſich in auffälliger Weiſe, die Urheberſchaft des Brandes auf die alte Mar⸗Lene zu wälzen, und zu ſeinem eigenen Erſtaunen that die „alte Hexe“, wie er ſie immer nannte, nichts dagegen, 69 ſondern ließ Alles ruhig über ſich ergehen, ohne zu widerſprechen. Sie gab zu, daß ſie Nachmittags und gegen Abend, nicht gar lange vor dem Ausbruche des Feuers in der Nähe der Scheune geweſen ſei, und ſtellte nur in Abrede, wiſſentlich irgend eine Veran⸗ laſſung zum Ausbruche des Brandes gegeben zu haben. Gleichwohl nahm man an, daß ſie doch wohl irgend eine Unvorſichtigkeit begangen haben möge, und gegen Leonhard oder Vincenz erhob ſich kein Verdacht, we⸗ nigſtens wagte Niemand, denſelben zu äußern und laut auszuſprechen. Leonhard kam am beſten bei der Unterſuchung weg. Er konnte leicht nachweiſen, daß er ſeit dem Mittage die Mühle nicht betreten hatte, was von verſchiedenen Zeugen beſtätigt wurde. Vincenz ſeiner Seits lenkte jeden Verdacht ſehr geſcheit von ſich ab, indem er an⸗ gab und bis zur größten Wahrſcheinlichkeit nachwies, daß er fortwährend in der Mühle beſchäftigt geweſen ſei und keine Zeit gehabt habe, ſich um die Scheune zu bekümmern. Kurzum, es kam nichts bei der Unter⸗ ſuchung heraus, und Vincenz lachte ſchadenfroh in's Fäuſtchen. Die Feuer⸗Aſſekuranz, obgleich ſie ſich ſträubte und allerlei Einwendungen machte, mußte die ganze Verſicherungs⸗Summe an Leonhard auszahlen, und Leonhard nahm ſie in Empfang. Seiner Geldſorgen war er nun ledig,— nicht aber des Wurmes, der in ſeinem Herzen ſich eingeniſtet hatte, nicht ſeines Schuld⸗Bewußtſeins, nicht der ſtra⸗ fenden, zuͤrnenden Stimme des Gewiſſens, nicht der Sünde, der er ſich in unglücklicher Verblendung ſchul⸗ dig gemacht. Welch' einen traurigen Anblick bot das Gehöft, als 70 nach einigen Tagen die Gluth bis auf den letzten Fun⸗ ken erloſchen war. Halb verbrannte Balken und Bret⸗ ter, Haufen geſchwärzter Steine mit Brandſpuren überall lagen wild durcheinander, wo früher ſaubere freundliche Gebäude ſich ſtattlich ausgebreitet hatten. Von der Muͤhle ſtanden nur noch einzelne Bruchſtücke von Mauern und die halb verbrannten und verkohlten großen Waſſerräder, welche melancholiſch von dem mur⸗ melnden Wildbache beſpült wurden. Leonhard's Va⸗ ter erſt hatte die Mühle innen ganz neu einrichten laſ⸗ ſen, ſie hatte ihn reichlich ernährt, ſie hätte auch ſei⸗ nem Sohne und Nachfolger noch lange reichliches Brod verſchaffen können,— und jetzt lag ſie da in wuſter Zerſtörung, vernichtet und vom Erdboden vertilgt in einer einzigen Nacht. Oft betrachtete Leonhard mit ſchwerem Herzen die traurigen Ueberbleibſel, und es war ihm zu Muth, als ob er nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch dem ver⸗ ſtorbenen Vater ein ſchweres Leid angethan hätte. Hatte der ſie gebaut, damit der Sohn ſie zerſtören ſolle? Oh, welche ganz andere Abſichten und Gedan⸗ ken und Pläne mochten in den Bau damals mit hin⸗ ein gebaut ſein. Und wie waren ſie nun in Erfül⸗ lung gegangen? Tief ſeufzte Leonhard, wenn er zurückdachte an ſeine unſchuldige Kindheit, wo die Mühle, die liebe, alte Mühle der Haupt⸗Tummelplatz ſeiner Spiele und ſei⸗ ner erſten Freuden geweſen war. An jener Stelle, wo ein gebrochener Mühlſtein halb im Schutt vergraben lag, hatte oft ſein Vater geſeſſen, und ihm ſchöne Ge⸗ ſchichten erzählt von Nixen und Elfen und Hausgei⸗ ſtern, guten und böſen, und oh, wie gern hatte er im⸗ 71 mer dieſen Erzählungen gelauſcht, und wie lieb war ihm das Plätzchen neben dem Mühlſteine immer geblie⸗ ben, bis in die allerletzte Zeit hinein ſogar. Nun war es verbrannt mit dem Uebrigen; und die reine, ſanfte, liebe Erinnerung war getrübt durch Verbrechen und Sünde. Scheu mußte Leonhard den Blick davon ab⸗ wenden. Für ihn gab es keine ſüßen Erinnerungen mehr, ſie waren vergiftet! Ihm blieb nur die Qual ewiger Reue, und die Angſt vor der Zukunft, die heim⸗ lich verborgene, feſt im tiefſten Innern eingeſchloſſene, aber doch ſtets wache und nagende Angſt, daß eines Tages trotz aller Vorſicht doch einmal die Wahrheit an's Tageslicht kommen könnte. Wie dieſe Angſt ihn folterte! Bei Tag und bei Nacht, nicht wachend und nicht ſchlafend wich ſie von ihm, denn ſelbſt in ſeine Träume hinein verfolgte ſie ihn, und ſchreckte ihn oft von ſeiner Lagerſtätte auf. Auch die alte Mar⸗Lene flößte ihm Furcht ein. Manchmal, wenn er unwillkührlich einmal einen Blick zu dem Fenſter ihres Dachſtübchens empor warf, be⸗ gegnete er ihrem ſtrengen, forſchenden, argwöhniſchen Auge, das bis in das Innerſte ſeines Herzens dringen zu können ſchien, und, unwillkührlich vor Schreck zu⸗ ſammenfahrend, mußte er ſich dann ſtets raſch von ihr abwenden. Auch Anderer Blicke vermied er, und ge⸗ wöhnte ſich an, die Augen immer niedergeſchlagen zu halten, als ob er Etwas am Boden zu ſuchen hätte. Nie ſah man ihn wieder recht heiter nach dem Brande, nie hörte man ihn lachen, oder vernahm ein frohes Wort aus ſeinem Munde. Selbſt als die bedeutenden Gelder, welche er aus der Brandkaſſe empfing, an ihn bezahlt wurden, bezeigte er weder Freude noch Zufrie⸗ 7²2 denheit, ſondern wies Vincenz finſter an, die Summe in Empfang zu nehmen. Er ſelber ging davon, und ließ ſich vor Abends nicht mehr in der Mühle blicken. Um die Wirthſchaft, um die Einrichtungen, die ge⸗ troffen werden mußten, um den Wieder⸗Aufbau der Muͤhle zu befördern, um Alles, was Haus, Hof und Geſchaͤft anging, bekümmerte er ſich nicht im gering⸗ ſten, ſondern überließ Alles und Alles Vincenz, wel⸗ cher wie alleiniger Herr auf dem Gehoͤfte ſchaltete, und ſeine Anordnungen traf, wie es ihm gefiel, ohne nur einmal Leonhard zu fragen, obgleich er denſelben doch immer als ſeinen Herrn betrachten mußte. Er ließ den Brandſchutt aufräumen, er beſprach ſich mit Bau⸗ meiſter, Zimmermann und Mechanikus uͤber die zukünf⸗ tige Einrichtung der Mühle, er entwarf Pläne, oder ließ ſie entwerfen und genehmigte ſie oder änderte ſie, er that, mit Einem Worte, Alles, und Leonhard ſah entweder müßig zu, ohne nur den Mund zu einer Be⸗ merkung zu öffnen, oder er ging den fremden Bauleu⸗ ten ganz und gar aus dem Wege. Mancher wunderte ſich wohl darüber, aber Vincenz ſchnitt jede weitere Bemerkung mit der leicht hingeworfenen Aeußerung ab, „»Leonhard ſei eben ein Träumer, und man müſſe ihn ungeſtört ſeinen Gang gehen laſſen.“ 8 Und die Leute ließen ihn gehen. Niemand achtete Seiner, ſelbſt ſeine eigenen Dienſtleute nicht, die im Frühjahr zur Beſtattung der Aecker und zu anderen häuslichen Verrichtungen angenommen werden mußten, und Jedermann ſchien allein Vincenz als den wahren und wirklichen Herrn zu betrachten. Jedermann,— nur allein die alte Mar⸗Lene nicht, die ihm ſtets Ge⸗ ringſchätzung und unverholene Verachtung bezeigte, wäh⸗ — 73 rend ſie zugleich ſein ganzes Thun und Treiben, zwar nur verſtohlen, aber immer mit ſcharfem, aufmerkſa⸗ mem Auge beobachtete. Sie war ihm nie günſtig ge⸗ ſinnt geweſen, und ſeit dem Brande nun vollends ver⸗ barg ſie auch nicht im mindeſten mehr ihre Abneigung und ihren Haß gegen ihn. Aber was achtete Vincenz viel darauf? Er lachte nur der alten Hexe, und be⸗ handelte ſie auf die rückſichtsloſeſte Weiſe, wenn ſie ihm je einmal in den Wurf kam. Was hatte er nach ihr zu fragen? Leonhard war Herr auf der Mühle, und Vincenz wußte nur zu gut, daß er ſelbſt wiederum Leonhards Herr war. Auch die alte Mar⸗Lene wußte es, und öfter als einmal, oft, oft murmelte ſie in ſich hinein:„Die Sünde iſt der Leute Verderben. Und doch,— ſeine Seele wenigſtens will ich noch retten!« Viertes Kapitel. Kein Frieden. Bei den thatkräftigen Anſtrengungen, an welchen es Vincenz nicht fehlen ließ, erhoben ſich, noch ehe der Herbſt wieder heran kam, neue ſtattliche Gebäude auf der Brandſtätte, und luſtig tönte wieder das Klappern der Mühle durch das Thal. Speicher und Ställe wa⸗ ren ſchöner als vorher wieder aufgebaut, und zwar 74 ganz maſſiv aus Steinquadern, ſo daß man eine aber⸗ malige Feuersbrunſt kaum mehr zu fürchten brauchte. Und jetzt waren die Speicher wirklich angefüllt mit Korn; in der Truhe des Müllers fehlte es nicht an Geld im Ueberfluß; die alten drückenden Schulden wa⸗ ren bezahlt, Alles und Alles beſaß Leonhard, was zu einem mehr als beſcheidenen Wohlſtande gehörte, und nur Eines, nur Eines fehlte ihm: der Frieden der Seele! Der war mit der alten Mühle in Rauch und Feuer aufgegangen. Die Furien verfolgten ihn, das ewig wache Ge⸗ wiſſen hielt ihm drohend ſeine Sünde vor, und unauf⸗ hörlich nagte und bohrte der Zahn der Reue in ſeinem Herzen. Nicht einmal das machte ihm Freude, als die Mühle zum erſten Male wieder ging, als die mächti⸗ gen Waſſerräder brauſend ſich umſchwangen, als hell und laut das Geklapper wieder erſchallte, und die Mühlſteine in ſauſendem Schwunge die aufgeſchütteten Körner zermalmten und in das feinſte weiße Mehl ver⸗ wandelten. Ueberhaupt Nichts machte ihm Freude mehr; nicht mehr ſeine glatten Rinder, ſeine muthigen Pferde, ſein ſchönes Federvieh; keine Freude hatte er mehr an dem Rauſchen des Wildbaches noch an den dämmern⸗ den Schatten des Waldes, der ihm in früheren Zeiten ſo oft das Herz mit ſtiller Wonne erfüllt! Keine Freude an ſeinem Hab' und Gut überhaupt, denn im⸗ mer mußte er ſich ſagen:„Es iſt unrechtes Gut, es iſt Gut, durch Betrug erlangt, und nimmer, nimmer kann ſolches dir Segen bringen!“ Dazu nun auch noch die alte Mar⸗Lene mit ihren vorwurfsvollen, und zugleich ſo unendlich traurigen 75⁵ Blicken! Dazu die Frechheit des Vincenz, welche mehr und mehr ſtieg, und bald jegliche Rückſicht gegen den Herrn des Hauſes vergaß, ſo daß es endlich ſelbſt ihm, dem Leonhard, auffiel und ihm im innerſten Herzen wurmte. Dazu endlich noch das wunderliche Betragen der Nachbarn im Dorfe, das Leonhard zu Anfang zwar wenig beachtete, weil er überhaupt immer, in Schwermuth verſunken, auf gar nichts achtete, das ihm aber doch auf die Dauer nicht verborgen bleiben konnte. Zuerſt fiel ihm auf,— oder machte ihn die alte Mar⸗Lene darauf aufmerkſam, er wußte es ſelbſt ſpä⸗ ter nicht mehr,— daß kein Bauer aus dem Dorfe ſein Korn in die neue Mühle brachte, um es dort mahlen zu laſſen, ſondern es lieber eine Stunde weiter in eine andere Mühle fuhr. „Was bedeutet das?“ fragte er Vincenz. „Weiß nicht,“« antwortete dieſer kurz.„Es küm⸗ mert mich auch nicht. Der Mehlhandel nach der Stadt geht flott genug, und wir brauchen daher die dummen Bauern nicht.“ Weiteren Beſcheid wollte Vincenz nicht geben, ſon⸗ dern drehee ſich um, und ließ ſeinen Herrn ſtehen, wie einen einfältigen Jungen. „Vincenz!“ rief Leonhard zornig hinter ihm drein. Vincenz hielt es nicht einmal der Mühe werth, den Kopf nach ihm umzuwenden, viel weniger, dem Rufe zu folgen. Er verſchwand in der Mühle. »Da haſt du's, Leonhard!“ ſagte die Stimme der alten Mar⸗Lene hinter ihm.„Die Sünde trägt ſchon ihre Frucht, und das iſt nur erſt der Anfang. Der Vincenz wird dich noch ganz anders knechten. Betrü⸗ 76 gen thut er dich ſchon ſo genug. Nicht zwei Jahre wird's dauern, ſo mußt du doch als Bettler, und noch dazu mit Schande beladen, aus der Mühle gehen!« »Du biſt verrückt, Mar⸗Lene!« fuhr Leonhard ſie an, faſt froh darüber, daß er ſeinen Aerger an einer dritten Perſon auslaſſen konnte, da ihm Vincenz ent⸗ ſchlüpft war.„Was ſchwatzeſt du da von Sünde, und knechten, und betteln gehen?«- „Siehſt du denn gar nichts, merkſt du denn gar nichts, Leonhard?« entgegnete die alte Frau mit weh⸗ müthigem Kopfſchütteln.„Weißt du denn nicht, daß die Leute dich nicht mehr den Wildbach⸗-Müller, ſon⸗ dern nur den Brand⸗Müller nennen? Weißt du nicht, daß ſie nicht mehr Wildbach⸗-Müller, ſondern Brand⸗Müller ſagen? Daß ſie nicht mehr ihr Korn bei dir mahlen laſſen, weil ſie glauben in ihrem dummen Aberwitz, ein Brandgeſpenſt gehe in der Mühle um und verderbe das Mehl? Weißt du das Alles nicht? Nun denn, es iſt ſo! Du biſt verrufen, und die Mühle dazu, und alles Waſſer des Wildbachs wird dich von dem Verdachte nicht rein waſchen, daß deine Hand es war, oder daß du die Hand düngteſt, die den Feuerbrand in die Scheuern getragen hat!« »Wer kann das ſagen? Wer kann das behaupten, wer kann das beweiſen?« rief Leonhard todtenblaß aus, und zitterte wie Espenlaub.„Es iſt Alles nicht wahr! Alles iſt Lüge! Ich wollte es nicht! Nein, ich nicht! Gott im Himmel, der mein Herz kennt, Er weiß es!« Ein Blitz der Freude brach aus den Augen der al⸗ ten Mar⸗Lene, und haſtig ergriff ſie Leonhards Hand, die ſie haſtig an ihre Bruſt drückte. 77 „Sage mir das noch einmal, Leonhard!“« ſtieß ſie mit gepreßter Stimme hervor.„Sage mir's noch ein⸗ mal! Aber nein, es iſt nicht nöthig! Ich kenne dich! Ich weiß ſchon, daß du minder ſchuldig biſt, als ich zuerſt glaubte! Komm herein in das Haus, mein Sohn! Komm herauf in mein Stübchen! Oeffne der alten Mar⸗Lene dein gepreßtes Herz! Höre auf ihre Worte, folge ihr, und Alles, Alles kann noch gut werden! Ja, der Vincenz, der Vincenz! Dieſer Elende iſt dein böſer Engel, und ſeine ſchwarzen Fluͤgel wer⸗ fen unheimliche Schatten auf dein ganzes Leben! Folge mir, Leonhard! Folge mir!« Mit ſanfter, dringender Gewalt wollte ſie ihn ſich nachziehen in ihr Haus, und Leonhard widerſtrebte nur ſchwach, ja er wäre ihr wohl wirklich gefolgt, und hätte ſein gefoltertes Herz in dieſen treuen, mütterlichen Buſen ausgeſchüttet,— da erſchien plötzlich Vincenz aus der Mühle, ſtürzte mit drohender Miene auf die alte Mar⸗Lene zu, ſtieß ſie mit einer grimmigen Ver⸗ wünſchung zuruck, daß ſie taumelte und Leonhards Hand fahren ließ, und zog dieſen ſelbſt mit überwie⸗ gender Kraft hinter ſich her. „Leonhard! Leonhard!“ kreiſchte die Alte,—„zu mir, zu mir, um Gottes willen und deiner Seele Heil!« Leonhard hörte ſie ſchon nicht mehr. Das Geklap⸗ per der Mühle, in deren Inneres Vincenz ihn mit Gewalt hinein drängte, übertönte ihren Ruf, und jetzt zog ihn Vincenz noch in ſeine Stube, deren Thür er hinter ſich verſchloß. „Unſinniger!“ ſchrie er zornig Leonhard an.„Was wollteſt du thun? Der alten, verrückten Hexe Alles 78 geſtehen, verrathen, und ſo dich und mich in's Verder⸗ ben ſtoßen“ Ein Glück, daß ich Euch ſah, als es noch Zeit war! Wehe dir, wenn du eine einzige Sylbe von der vergangenen Geſchichte ausgeplaudert hätteſt. Meine Rache würde furchtbar geweſen ſein!«. Wenn Vincenz geglaubt hatte, Leonhard durch ſeine gewaltthätige Heftigkeit einſchüchtern zu können, ſo ſollte er ſich getäuſcht ſehen. Im Gegentheil— das rauhe und rückſichtsloſe Gebahren ſeines Untergebenen und Dieners,— denn das war Vincenz,— riß Leonhard plötzlich die Rinde von den Augen, und er fühlte ſich empört über die Frechheit deſſelben. »Halt! Kein Wort mehr!“« unterbrach er Vincenz, und richtete ſich, ſeine gewohnte träumeriſche Schlaff⸗ heit von ſich ſchüttelnd, wie ein gereizter Lowe vor ihm auf.„Weg da mit deiner Hand von meinem Arme! Wie kannſt du dich unterſtehen, mich anzugreifen, mir etwas wehren, mich zu etwas zwingen zu wollen? Bin ich nicht Herr hier im Hauſe und in der Mühle? Ich werde dir in Zukunft den Platz zeigen, auf dem du ſtehen ſollſt! Keine Frechheit dieſer Ärt mehr, bitt' ich mir aus!“ Vincenz blickte höchlich erſtaunt Leonhard an, ein Zucken flog über ſeine Zuge, als ob auch er zornig losbrechen wolle, aber ſtatt deſſen ließ er nur ein lau⸗ tes höhniſches Lachen hören. „Unſinn, Leonhard! Unſinn!« ſagte er.„Wir Beide werden uns doch nicht etwa um einer Kleinig⸗ keit willen entzweien ſollen? Du verkennſt mich gänz⸗ lich! Wenn ich ein wenig heftig zufuhr, ſo geſchah es nur, um dich vor einer Unvorſichtigkeit zu bewah⸗ ren. Bedenke nur um des Himmels willen, wenn du 79 uns an die alte Herxe verrathen hätteſt! Schande, Schmach, Armuth und Zuchthaus konnte die Folge davon ſein! Oder haſt du vielleicht Luſt, im Zucht⸗ haus den Verbrecher⸗Kittel zu tragen, und mit dem Spitzbuben⸗Geſindel Wolle zu zupfen oder Steine zu klopfen? Der nächſte Weg dazu wäre freilich, wenn du die alten Geſchichten ausplauderteſt!«“ Leonhard ſchauderte! Das Zuchthaus! Er hatte alſo das Zuchthaus verdient und konnte unter die Ver⸗ brecher geſteckt werden, nicht beſſer, als jeder Andere von ihnen. So weit war es mit ihm gekommen! Daran hatte er noch nicht gedacht; dergleichen hatte er ſich nicht träumen laſſen, als Vincenz ihn zuerſt ver⸗ lockte, die Frucht der Sünde zu brechen. Er ſtöhnte und ſeine ſtraff aufgerichtete Geſtalt ſank wieder zu⸗ ſammen. „Aber ich habe das Feuer nicht angelegt! Ich nicht! Ich wollte es nicht!« ſtammelte er. „Du haſt es nicht angelegt, nein! Das weiß jedes Kind im Orte!« entgegnete Vincenz vollz Hohn.„Wer weiß, wer es gethan hat? Du nicht, ich nicht, und noch mancher Andere nicht! Aber wer hat denn die eigentliche Sünde begangen? Wer hat denn die Feuer⸗ Aſſecuranz um große Geldſummen beſchwindelt und be⸗ trogen? Du biſt verloren, wenn ich angebe und be⸗ weiſe, daß nicht ein Scheffel, viel weniger denn ein Wispel Saat auf deinen Speichern gelagert hat, als das Feuer ausbrach. Und doch, wer hat ſich das Geld dafür bezahlen laſſen? Der arme Vincenz etwa? Ei nicht doch! Der Herr Wildbach⸗Müller hat es gethan, der nun auf einmal gegen ſeine beſten Freunde den geſtrengen Herrn ſpielen will! Dummheiten, Leonhard! 80 Laß künftig ſolche Späße unterwegs, oder es moͤchte nicht gut werden. Wenn die Sache ruchbar wird, ſo ſchlüpfe ich mit einer leichtern Strafe durch, als der Hehler; du aber, der große Betrüger und Sünder, du wanderſt in's Zuchthaus und wirſt mit Ketten geſchloſ⸗ ſen! Gelt, das haſt du nicht bedacht, als du der al⸗ ten Mar⸗Lene beichten wollteſt, und gegen mich den Herrn ſpielen! Einmal für allemal, ich verbitte mir dergleichen für die Zukunft.« Leonhard ſtand wie vernichtet da, verbarg ſein Ge⸗ ſicht in den Händen, und ſtöhnte laut:„Oh mein Gott, mein Gott!« »Nun, nun, allzuſehr brauchſt du dir die Geſchichte nicht zu Herzen gehen zu laſſen,« fuhr Vincenz minder barſch und gehaͤſſig fort.„Laß mir nur ganz ruhig freie Hand in der Mühle, und du wirſt Alles bekom⸗ men und haben, was du brauchſt: Geld genug, um dir luſtige Tage zu machen, und Freiheit genug, um die Zeit zu benutzen! Nur Eines bitt' ich mir aus, rede mir nicht in die Geſchäfte und hüte deine Zunge! Sobald du einer einzigen Menſchenſeele nur die kleinſte Andeutung gibſt, wie die Scheuern in Brand gerathen ſind, ſo geh' ich auf's Gericht und zeige dich an. Die Folgen kennſt du. Und nun iſt's genug! Du weißt Beſcheid, und wirſt dich künftig auf angemeſſene Weiſe gegen mich benehmen.“ „Aber, Vincenz, die Leute ſagen ja ſchon, ſprechen ja ſchon...« rief Leonhard von Angſt, Wuth und Angſt gemartert aus. »Was ſagen ſie, was ſprechen ſie?« fragte Vincenz wieder barſch, wie vorhin.„Heraus damit! Ich muß das dumme Geſchwätz kennen lernen.“ . 81 „Sie nennen mich den Brand⸗Müller, und die Muͤhle die Brand⸗Mühle!« „Unſinn! Es wird's Keiner wagen, in meiner oder deiner Gegenwart ſo zu ſprechen!“ erwiederte Vincenz. „Laß doch die Menſchen reden, wenn ſie's nur hinter deinem Rücken thun, und die Fauſt nur im Sacke ma⸗ chen. Im Grunde beneiden ſie dich doch Alle, und es möchte ein Jeder mit dir tauſchen!“ »„Beneiden? Mich? Tauſchen? Mit mir? Oh!« ſtöhnte Leonhard aus gepreßter Bruſt ſchmerzlich auf. „Ich möchte tauſchen mit dem ärmſten Bettler, der ſein Brod vor den Thüren ſucht, wenn ich mir ein reines Gewiſſen dadurch erkaufen könnte!« „Lächerlich! Wenn du ſo weichherzig biſt, haͤtteſt du dir Alles vorher überlegen ſollen,— das Betteln konnteſt du ſchon früher haben,« ſpöttelte Vincenz. »Uebrigens, wer weiß, ob nur auch Alles wahr iſt, was du da ſagſt. Ich habe noch nichts davon gehört, daß man dich den Brand⸗Müller hieße.“ »Weil wir nicht unter die Leute gehen,« antwortete Leonhard.„Aber wahr genug wird es darum doch ſein, denn weshalb blieben ſonſt die Bauern aus, und ließen ihr Korn oben in der Bruch⸗Mühle mahlen?« »Weil ſie neidiſch ſind! Neidiſch und giftig über dein gutes Glück!« entgegnete Vincenz.„Laß die ſchäbigen Kerls laufen. Wir können ſie entbehren!“«. »„Glücklich! Ich!“« ſtöhnte Leonhard wieder auf. »Wer in mein Herz ſehen könnte! Es blutet aus tau⸗ ſend Wunden und keine Reue, kein Gebet trocknet das Blut auf. Nein, laß mich, Vincenz! Du haſt böſe an mir gehandelt, jetzt ſehe ich's klar. Du gabeſt vor, du wolleſt mir dienen, und dienteſt nur dir allein, indem Der Brand⸗Muͤller. 6 ———— —*— du mich dann unter die Füße trateſt. Vergebe dir der Himmel! Du haſt mich gränzenlos elend ge⸗ macht!« Verwildert und bis in's Innerſte krank von bitte⸗ ren Schmerzen eilte Leonhard aus der Stube und rannte hinaus in den Wald, um ſich hier einſam und un⸗ beobachtet ſeinen Empfindungen und Gedanken hinzuge⸗ ben. Welche bitteren Thränen vergoß er hier in ent⸗ legener Schlucht! Wie rang ſeine Seele im Gebet, und flehte zu Gott um Gnade und Erbarmung! Aber was nützte ihm jetzt alle ſpäte Reue? Und wenn er ſo viele Thränen vergaß, wie das Weltmeer Tropfen hat, alles Waſſer der Welt konnte doch ſeine Seele nicht reinigen mehr von ihrem Schuldbewußtſein. Spät erſt, als ſich die Sonne zum Untergange neigte, ſtand er auf, um den Heimweg zu ſuchen. Vorhin, in ſeiner tiefen Verzweiflung hatte er nicht auf Weg und Steg geachtet, ſondern war nur immer blind vorwärts gelaufen. Jetzt blickte er umher und ſuchte die Richtung, die er einſchlagen mußte, um nach der Mühle zu gelangen,— aber er fand ſie nicht. Seine Umgebungen ſahen ihn fremd an; er konnte ſich nicht entſinnen, jemals ſchon hier geweſen zu ſein. „Was thut's?« fragte er.„Ich gehe auf Gerath⸗ wohl vorwärts und komme entweder auf eine bekannte Straße, oder es begegnet mir Jemand, der mir die Richtung andeutet. Wenn aber nicht, ſo ſchadet es auch nichts. Ich kann im freien Walde ſchlafen! Je⸗ des Lager gilt mir gleich, denn wo ich auch liegen möge, auf weichem Flaum oder auf hartem Stein, im⸗ mer lieg' ich auf Dornen!«. So ging er denn, immer quer durch den Wald, — 83³ der untergehenden Sonne zu. Er ſah und hörte Nie⸗ mand. Endlich kam er an eine Holzhüter⸗Hütte. Sie war für den Augenblick nicht bewohnt, wohl aber deu⸗ teten verſchiedene Anzeichen an, daß der Holzhüter nicht ſehr fern ſein konnte. Mütze, Art, Säge und einige eiſerne Bolzen lagen auf einem flachen Baumſtumpfen neben dem Eingang der Hütte. „Halloh!« rief Leonhard laut.„Iſt Niemand hier, der einen Verirrten zurechtweiſen kann? Halloh! Halloh!« Weit ſchallte ſein Ruf durch den Forſt und weckte den Widerhall ringsum. Auch mußte er vernommen worden ſein, denn eine andere Stimme antwortete, und gleich darauf rauſchte es im nahen Buſche. Ein Knabe von zwölf oder dreizehn Jahren kam herzu ge⸗ laufen, und ſein glühendes Geſicht gab Zeugniß, daß er ſich nicht wenig beeilt hatte, dem vernommenen Rufe zu folgen. »Hier bin ich, Herr!“ ſagte er, noch halb athem⸗ los.„Suchen Sie den Vater? Er iſt weiter drüben im Walde und fällt noch Holz!« „Ich brauche ihn nicht, lieber Junge,“ an wortete Leonhard,—„wenn du mir nur ſagen kannſt, wo⸗ hinaus die Wildhach⸗Mühle liegt, und wie weit ſie entfernt iſt?« „»Ach, die Brand⸗Mühle meinen Sie, Herr?« antwortete der Burſch.„Ja, das kann ich Ihnen ſa⸗ gen. Bin doch ſelber dageweſen, als ſie abbrannte. Dort hinüber geht es, dann durch die Bärenſchlucht, am Hirſchfelſen vorüber, und dann gleich hinunter in's Thal. Da können Sie die Brand⸗Mühle gar nicht verfehlen, Herr. Sie ſieht ſchmuck genug zans von ſein, nicht um all' ſein vieles Geld. Nein, gewiß nicht!« Leonhard fuͤhlte, wie ihm alle Farbe aus den Wan⸗ gen wich, als der Junge in dieſer Weiſe von ihm und ſeiner Mühle ſprach, und der kalte Schweiß brach in großen Tropfen aus ſeiner Stirn. Er mußte ſich auf den Baumſtumpf niederſetzen, denn ſeine Füße zitterten unter ihm, und er rang vergeblich nach Faſſung. Ver⸗ wundert blickte der Junge ihn an, und fuhr plötzlich erſchrocken einen Schritt von ihm zurück. „Herr Gott,“« rief er aus.„Jetzt kenn' ich Euch erſt! Ihr ſeid ja ſelber der Brand⸗Müller! Ihr könnt es nicht läugnen! Ich ſah Euch wohl bei dem Brande. — Vater! Vater!“ ſchrie er dann laut in den Wald hinaus.„Vater! Um Gottes willen, komm geſchwind, der Brand⸗Müller iſt hier!« „Thörichter Junge, warum fürchteſt du dich vor mir?“ fragte Leonhard heftig, da ſeine anfängliche Be⸗ ſtürzung einer Aufwallung des Zornes wich.„Ich werde dir nichts zu Leide thun! Hier nimm,— es iſt ein Thaler! Du ſollſt ihn behalten!« Der Junge verſteckte die Hände hinter ſeinem Rücken, und ſchüttelte den Kopf.„Nein, nein, ich mag ihn nicht, es iſt Sundengeld,“ ſagte er halb ſcheu, halb trotzig, und immer auf dem Sprunge ſtehend, um davon zu laufen.„Behaltet Euer Geld, ich will nichts davon! Geht nur, geht! Ihr ſeht mich ſo ſtarr an! Vater, Vater, Vater, der Brand⸗Müller will mir was Leides thun!“ „Unſinniger Junge, du biſt nicht bei Troſte!« rief Außen, aber— der Brand⸗Müller möͤcht' ich doch nicht 85 Leonhard ſchmerzlich.„Ich gehe ſchon! Aber, da nimm das Geld.“ „Nein, ich nehm' es nicht! Ich will nichts von Euch, gar nichts,« erwiederte der Junge, und lief waldeinwärts davon, ſo ſchnell ihn ſeine flinken Beine tragen wollten. „Oh, mein Gott, mein Gott,“ ſtöhnte Leonhard, und helle Thränen floſſen uber ſeine Wangen,—„da⸗ hin iſt es alſo mit mir gekommen! Oh, Fluch uͤber den böſen Gedanken, der ſich zuerſt in meine Seele einſchlich! Das Brandmal, das ich fürchtete, iſt mei⸗ ner Stirn aufgeprägt! Mein Anblick flößt ſelbſt der ſchuldloſen Jugend Entſetzen ein! Wo verberg, ich mich, um meiner Schande zu entrinnen!“ Sein Schmerz war tief und heftig. Er konnte nicht länger zweifeln, die alte Mar⸗Lene hatte wahr zu ihm geſprochen; nicht im nächſten Dorfe blos, ſon⸗ dern in der ganzen Umgegend ſogar war er verrufen und wurde der Brand⸗Müller genannt,— ein Name, der ihn mit Schauder und Abſcheu vor ſich ſelber er⸗ füllte. Wie tief war er geſunken, daß nicht einmal ein armſeliger Holzfäller⸗-Junge ſein Loos gegen das Seinige vertauſchen wollte! Daß der Arme ſogar ver⸗ ſchmähete, ein Geſchenk von ihm, dem Reichen, anzu⸗ nehmen! Leonhard glaubte vor Schmerz und Verzweif⸗ lung vergehen zu müſſen! Aber was half jetzt all ſein Jammer? Er mußte ihn eben tragen, ſo gut es gehen wollte, und durfte nicht einmal eine Klage laut werden laſſen, denn er hatte ihn ſelber verſchuldet. Er preßte die Hand auf ſein Herz, um das ungeheure Pochen deſſelben zu be⸗ ſchwichtigen, und ging dann in der Richtung, welche der Junge ihm angedeutet hatte. Wie lange er gegangen war, als er in der Nähe erleuchtete Fenſter erblickte, wußte er nicht; aber ſehr ſpät konnte es noch nicht ſein, denn noch ſaßen in der Schenke des Dorfes mehrere Bauern plaudernd beiſam⸗ men, und durch die Fenſter lugend, erkannte Leonhard den Dorf⸗Schulzen und einige Bauern, denen er im vergangenen Jahre ihre Saat⸗Erndte abgekauft hatte. Hunger und Durft folterten ihn; das ſchäumende Bier in den Glaskrügen der Bauern reizte ſeinen Appetit, und er wäre gern in die Schenke getreten, wenn ihn nicht Scheu vor den Leuten zurückgehalten hätte. Er zögerte. Aber gleich darauf überkam ihn ein trotziger Ingrimm. „Ich will doch ſehen,« murmelte er,„ob man mir einen Trunk verweigern wird!“ Entſchloſſen trat er in das Haus und in die Gaſt⸗ ſtube. Bei ſeinem Erſcheinen ſtutzten alle Anweſenden, und:„der Brand⸗Müller! der Brand⸗Müller!“ flüſter⸗ ten unwillkührlich einige Lippen. Leonhard hörte es, denn tiefe Stille herrſchte, ſobald man ihn erkannt hatte, aber er that, als ob er nichts gehoͤrt hätte, und ging an den Tiſch. »„Guten Abend,“ ſagte er.„Herr Wirth, mir einen Krug Bier!« Keiner erwiederte ſeinen Gruß; zögernd brachte der Wirth das Verlangte, und ſchien ſich zu beſinnen, ob er den Krug auf den Tiſch ſetzen ſollte, wo die Gäſte ſaßen. Leonhard aber machte ein Ende, nahm ihm den Krug aus der Hand, trank daraus, ſiellte ihn auf 87 einen freien Platz auf dem Tiſche nieder und rückte ſich einen Stuhl heran. Man ließ ihn gewähren, aber ſeltſame Blicke tauſch⸗ ten die Bauern unter ſich aus. Keiner ſprach ein Wort, Alles war ſo ſtill und ſtumm, daß man die Fliegen an der Stubendecke ſummen hörte. In Leon⸗ hards Bruſt kochte Wuth und Verzweiflung, denn er ſah wohl, man wollte hier nichts von ihm wiſſen. Gleichwohl bezwang er ſich. „Euer Wohl, Herr Schulze!“« ſagte er, und erhob ſein Glas, um mit ihm anzuſtoßen. Der Schulze blickte ihn groß an, und ſchob dann mit einer raſchen Bewegung ſeinen Krug von ſich. „Ich danke,“ erwiederte er dann barſch und abſto⸗ ßend.„Ich habe genug getrunken, und nun— keinen Tropfen mehr. Wer geht mit mir nach Hauſe?« „Ich! Ich! Ich!« riefen alle Gäſte, und Alle ſtan⸗ den auf vom Tiſche, ließen ihre zum Theil noch ge⸗ füllten Krüge ſtehen, und verließen die Schenke, ohne Leonhard auch nur einmal gute Nacht zu wünſchen. Leonhard war wie zerſchmettert und vernichtet. Welchen ſchweren Verdacht mußten dieſe Leute, einſt Freunde ſeines Vaters und einſt ſeine eigenen, gegen ihn hegen, da ſie ihn mit ſo unverhohlener Verachtung behandelten! Es wollte alſo Niemand mehr bei ihm ſitzen, Niemand mit ihm anſtoßen und mit ihm trinken, die Leute gingen lieber und ließen ihren Labetrunk im Stich, als daß ſie mit ihm dieſelbe Luft in demſelben Zimmer geathmet hätten! Und doch war er freigeſpro⸗ chen vom Gericht! Niemand durfte ungeſtraft ihn be⸗ ſchuldigen, daß er ein Verbrechen begangen habe! Woher nun dieſe abſichtliche Verachtung? 88 Der Verdacht ruhete nun einmal auf ihm und drückte ihn durch ſein Gewicht zu Boden. Leonhard ſah nur zu wohl: er ſtand allein! Kein achtbarer Mann wollte mit einem Menſchen Umgang und Ge⸗ meinſchaft pflegen, der, ſei er nun ſchuldig, oder nicht⸗ ſchuldig, ſeinen guten Ruf und ehrlichen Namen ver⸗ loren hatte. Dieſe Gewißheit drang wie tauſend Schwerter durch ſein Herz und brachte ſein Unglück auf den äußerſten Grad. Eben das, was er durch das Verbrechen hatte abwenden wollen, traf ihn jetzt mit verdoppelter Wucht. Hätte er damals offen den Nachbarn und Freunden ſeine üble Lage anvertraut, um Hülfe gebeten und Beſ⸗ ſerung ſeines leichtſinnigen Lebenswandels verſprochen, gewiß, Keiner von Allen würde ihn abgewieſen und von ſich geſtoßen haben! Durch Fleiß und Sparſam⸗ keit hätte er ſich retten, ſeine Umſtände verbeſſern, und zuletzt mit gutem Gewiſſen wieder eben ſo wohl⸗ habend werden können, als er es nach dem Tode ſei⸗ nes Vaters geweſen war. Dabei wäre er geachtet, ge⸗ ſchätzt und beliebt geblieben, und hätte uͤberall gute Freunde gehabt. Was hatte er nun durch die Sünde gewonnen? Nur ungerechtes Gut, das ihm noch dazu von ſeinem Spießgeſellen ſtreitig gemacht wurde; und verloren hatte er ſeinen guten Namen, ſeine Ehre, ſeine Freunde, ſein gutes Gewiſſen, ſeinen ruhigen Schlaf und den Frieden ſeines Herzens! „Oh, ein ſchlechter, ein ſchlechter, ein trauervoller, beweinenswerther Tauſch!« ſeufzte er, und zerſchlage⸗ nen Gemüthes, tief gebeugt und gedemüthigt verließ er die Schenke, um in die Mühle zurückzukehren. »Mar⸗Lene hat recht,“ murmelte er unterwegs ein⸗ ₰ 3 89 tönig und unaufhörlich vor ſich hin;—„die Sünde iſt der Leute Verderben! Die Sünde, die Sünde!“ Er fand keinen Augenblick Schlaf und keine Ruhe in dieſer Nacht. Fünſtes Kapitel. Buße und Strafe. Auch am anderen Morgen fand er keine Ruhe, der unglückliche Leonhard. Um, und um trieb es ihn, in die Mühle, in die Scheuern, in die Ställe, in den Garten, hinaus auf die Wieſen und in den Wald, wieder heim, wieder hinaus. Wie der ſcharfe Sporn das Pferd, ſo ſpornte ihn der Stachel ſeines Gewiſ⸗ ſens, und goͤnnte ihm an keinem Orte nur eine kurze Pauſe der Erholung. Die alte Mar⸗Lene fiel ihm wieder ein. Sie hatte ihn ſo dringend gebeten, mit ihr zu gehen auf ihr Stübchen, ihr ſein Herz zu eröffnen, ihr Alles zu ſa⸗ gen, was ihn bedrängte. Er ſelber ſchmachtete mit ſei⸗ ner ganzen Seele danach, einem treuen Herzen einmal die ganze Qual ſeines Inneren aufzudecken, und den Balſam eines tröſtreichen Zuſpruches zu empfangen. Seine alte Wärterin war ihm immer wie eine Mutter geweſen, ſie hatte ein zärtliches Herz für ihn, ſie war klug,— es drängte ihn zu ihr, er wollte ihr Alles, Alles ſagen, und dann wollte er thun, was ſie ihm 90 befahl, wollte blindlings ihrem Rathe folgen, was auch daraus entſtehen mochte. »Hätte ich's nur immer gethan,“ murmelte er,— ves ſtünde wohl anders und beſſer mit mir!« Aber Vincenz? Er durfte es nicht merken, daß er zu Mar⸗Lene ging. Darum ſchlich er heimlich durch das Hinter⸗ Gebäude in das Haus, und auf den Fußſpitzen die Treppe hinauf, pochte leiſe an die Thür der alten Mar⸗ Lene, und trat zu ihr ein. Sie entſetzte ſich, die alte Frau, als ſie ihn erblickte. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Haare hingen ihm wirr und wild um den Kopf, ſein Geſicht war aſchbleich, ſeine Wangen eingefallen, und die Klei⸗ der ſchlotterten ihm unordentlich am Leibe. Er war alt geworden, der unglückliche Leonhard, in einer ein⸗ zigen ſchlafloſen Nacht; um zehn Jahre hatte ſie ihn älter gemacht.— »„Hier bin ich, Mar-Lene,“ ſagte er.„Ich trag' es nicht länger allein. Du ſollſt Alles erfahren, und dann entſcheide du über das, was ich thun ſoll.“ „Sei ruhig, mein Sohn! Sei ruhig!“ antwortete die Alte, und ſtreichelte freundlich ſeine Wangen, wie vor alten Zeiten, als Leonhard noch ein Kind war. Und wie ein Kind führte ſie ihn an einen Stuhl, hieß ihn niederſitzen, ſetzte ſich neben ihn, nahm ſeine heißen brennenden Finger zwiſchen ihre alten, abgemagerten Hände, und ſagte:. „Nun erzähle, Leonhard.„Niemand hört dich, als der liebe Gott und ich, und wir Beide meinen es gut mit dir. Alſo ſchütte nur dein ganzes Herz aus, und nachher wollen wir ſchon ſehen, was zu machen iſt. 91 Sprich, mein Kind, und denke, du ſprächeſt zu deiner Mutter, denn, weiß Gott, wie eine Mutter lieb' ich dich, und habe geweint um dich, und getrauert. Jetzt ſprich! Ich höoͤre zu.« Nun erzählte Leonhard, und verhehlte nichts, ſon⸗ dern öffnete der alten Mar⸗Lene ſein ganzes Herz und ſagte ihr ſeine geheimſten Gedanken. Er erzählte, wie er von Vincenz in leichtſinnige Geſellſchaft verlockt wor⸗ den ſei, wie er da in Trunk und Spiel große Sum⸗ men vergeudet habe, wie er gezwungen geweſen wäre, Schulden zu machen, und wie er dann tiefer und im⸗ mer tiefer in den Abgrund des Verderbens hinein ge⸗ taumelt ſei, bis er gar keinen Ausweg zur Rettung mehr geſehen hätte und keine Zukunft weiter gehabt, als einzig und allein den Bettelſtab. Denn ihn, den verrufenen Wildbach⸗Müller, hätte gewiß kein anderer rechtſchaffener Müller in die Arbeit genommen, ſo daß ihm alſo nichts Anderes übrig geblieben ſei. An⸗ fangs wär' es auch gut geglückt, aber Vincenz hätte ihm immer abgeredet, den günſtigen Augenblick zu be⸗ nutzen, weil nothwendig noch günſtigere kommen müß⸗ ten, und ſo habe er's denn verpaßt und das Glück habe ihm wieder den Rücken zugekehrt. Ferner erzählte er nun, was wir Alles ſchon wiſ⸗ ſen, wie er in der Stadt mit einem Agenten der Feuer⸗ Aſſekuranz zuſammengetroffen ſei, wie Vincenz hoch ver⸗ ſichert habe, was am nächſten Tage ſchon gar nicht mehr vorhanden geweſen, wie er von dem abſcheulichen Plane, die Mühle in Aſche zu legen, zuerſt durchaus nicht habe hören wollen, wie ihn dann ein harter Gläu⸗ biger gedraͤngt, und er endlich keinen andern Ausweg aus dem endloſen Irrſal geſehen, als Vincenz gewäh⸗ ren zu laſſen. Das freilich habe er nicht vermuthet, daß Vincenz ſo haſtig zu Werke gehen und ihm nicht einmal Zeit, auch nicht einen einzigen Tag, zum Be⸗ ſinnen laſſen würde. Er habe ſich elend umher getrie⸗ ben, bis ſein guter Geiſt wieder die Oberhand über die Verſuchung gewonnen hätte. Aber ſchon ſei es zu ſpät geweſen. Grade, wo er hätte hinunter zur Muͤhle eilen und Vincenz ſeinen beſſeren Entſchluß mittheilen wollen, ſei Rauch und Feuer ſchon aus dem Dache emporgeſtiegen, und das Verbrechen, die Sünde wäre begangen geweſen. Er ſchilderte der alten Frau ſeinen ſchrecklichen Ge⸗ müthszuſtand, ſeine Reue, ſeine Gewiſſensbiſſe, die ihn faſt von Sinnen gebracht hätten, und ſeine Stumpf⸗ heit gegen Alles, was nun in Folge des Brandes ge⸗ ſchehen wäre. Alles habe er Vincenz überlaſſen, und dieſer habe auch die Gelder in Empfang genommen und verwaltet, welche von der Feuer⸗Aſſekuranz aus⸗ gezahlt worden ſeien. Wie er ſie verwendet, wiſſe er nicht genau, denn er habe ſich nicht darum beküm⸗ mert, weil er des Sünden⸗Geldes noch keine Sekunde habe froh werden können. Auch die Begegnung mit dem Holzfäller⸗Jungen erzählte er, und das Zuſammen⸗ treffen mit den Bauern in der Dorfſchenke, und wie es ihn durch Herz und Seele geſchnitten habe mit tau⸗ ſend Meſſern, daß er ſo ſchnoͤde von Allen behandelt worden ſei. „Und nun trag' ich's nicht länger, Mar⸗Lene!“ ſchloß er ſeine Erzählung.„Ich trage nicht länger die Laſt auf meinem Herzen; der Stachel in meinem Ge wiſſen bringt mich zur Verzweiflung, und die Verach⸗ tung aller guten Menſchen drückt mich zu Boden. Die 9³ Frucht der Sünde, obgleich ſie verlockend erſcheint, wenn die Sünde noch nicht begangen, hat einen zu bitteren Geſchmack,— ich mag ſie nicht. Ich will Buße thun, Mar⸗Lene! Ich will das Härteſte erdulden und demü⸗ thig tragen, wenn nur mein Gewiſſen gereinigt wird von ſeinem Ausſatz! Rathe mir, gute Mar⸗Lene! Rathe mir, was ſoll ich thun!“ Die alte Frau ſaß lange ſtill; ihre gefalteten Hände lagen auf ihrem Schooße, und Thräne auf Thräne perlten aus ihren alten Augen auf ſie nieder. „Du haſt ſchwer geſuͤndigt vor Gott und den Men⸗ ſchen, Leonhard,“ ſagte ſie endlich,—„aber doch iſt deine Schuld nicht ſo groß, daß ſie nicht könnte verge⸗ ben werden, wenn es dir ernſtlich und wahrhaftig um Reue und Buße zu thun iſt. Vor Allem mußt du den ungerechten Mammon von dir thun. Sage mir, Leon⸗ hard, willſt du das? Willſt du das unrechte Gut zu⸗ rückerſtatten?« „Ja, Mutter, ich will es, und nicht ein Pfennig davon ſoll in meiner Hand zurückbleiben,“ erwiederte Leonhard.„Habe ich doch nie Freude daran gehabt, ſondern nur immer Kummer und Schmerzen. Ja, ich will Alles zurück erſtatten, Mutter, und mit dem Stecken in der Hand von hinnen gehen. Oh, ich habe es wohl eingeſehen, daß es beſſer iſt, ein Bettler zu ſein mit gutem Gewiſſen, als in Reichthum zu ſchwelgen mit vergiftetem Herzen. Ja, Mutter, weit von hier will ich gehen, in ein fremdes Land, und mich als Knecht verdingen, oder Weg⸗Steine klopfen, oder Holz fällen, oder ſonſt jede Arbeit thun, nur um des täglichen Bro⸗ des willen. Dieſer Entſchluß ſteht feſt, gute Mar⸗Lene, 8 und mit Freuden gebe ich Alles hin, wenn ich mir nur * den Frieden der Seele dafür wieder erkaufen kann.“ „Du wirſt ihn wiederfinden, denn Gott iſt mit dem Reuigen, und den Sünder, der Buße thut, von gan⸗ zem Herzen, nimmt Er gnädig auf in Seine Vater⸗ Arme!“ ſprach Mar⸗Lene feierlich.„Säume denn nicht, mein Sohn, und fürchte nicht den irdiſchen Richter und die irdiſche Strafe. Leicht wird ſie dir zu tragen ſein mit dem Bewußtſein, daß dir droben Vergebung zu Theil wird.“ „Aber Vincenz?« fagte Leonhard erſchreckend und zitternd.„Wenn ich mich angebe, ſo verrathe ich auch ihn, und das möchte ich nicht thun, wie unredlich er auch an mir gehandelt hat.“ „Du brauchſt nichts zu verrathen,“ erwiederte die alte Frau ruhig.„Auch iſt er klug genug zu Werke gegangen, ſo daß Niemand ihm etwas Unrechtes beweiſen kann. Du weißt ja, Leonhard, daß auf mir der Ver⸗ dacht ruhet, als ob ich durch Unvorſichtigkeit das Feuer veranlaßt hätte. Wenigſtens das Gericht hat dies an⸗ genommen, was auch die Leute darüber denken mögen. Ueberlaß Vincenz der Gerechtigkeit des Himmels. Du aber, zögere nicht, zurück zu erſtatten, was nicht dein iſt. Unrechtes Gut bringt keinen Segen.“ »Ich will es thun, noch in dieſer Stunde,“ ſagte Leonhard.„Nichts wird mich davon zurückhalten.“ „So geh', mein Sohn, und Gott ſei mit dir!« ſprach Mar⸗Lene feierlich.»Was erfolgen möge, trag' es in Geduld, denn du haſt geſuͤndigt und Sünde will gebüßt werden.« Sie legte ſegnend die zitternden Hände auf ſein Haupt. Leonhard kniete vor ihr und betete ſtill um 5 8 95⁵ Kraft zu Ausführung ſeines Vorhabens. Dann erhob er ſich entſchloſſen, nahm Abſchied von Mar⸗Lene, und ging hinunter, um ſich ein Pferd zu ſatteln und in die Stadt zu reiten. Auf dem Hofe trat ihm Vincenz in den Weg. »Wohin, Leonhard?« fragte er. „»Zur Sühne und Buße!« antwortete Leonhard, gab dem Pferde die Sporen und ſprengte davon. Verdutzt ſchaute Vincenz hinter ihm drein. „Der Unſinnige! Er wird doch nicht....!« mur⸗ melte er.„Aber nein, es iſt nur eine von den Toll⸗ heiten, die ſein ſchwaches Gehirn ausbrütet. Die Erin⸗ nerung an das Zuchthaus wird ihn bald wieder zurück⸗ führen. Bei alledem,— man weiß nicht, was er doch einmal für dumme Streiche machen könnte! Ich will eilen, mein Schäfchen in's Trockene zu bringen, und dann mag mit ihm geſchehen, was will. Der Dumm⸗ kopf ſoll mich weiter nicht kümmern, wenn ich nur erſt ein gutes Theil der Gelder in Sicherheit habe. Es muß bald geſchehen, bald! Dem Schwächling iſt nicht zu trauen. Wenn die alte Hexe, die Mar⸗Lene wieder Einfluß auf ihn gewinnt, ſo bin ich nicht ſicher. Die Alte iſt klug,— ich muß vorbeugen!« 1 Leonhard verfolgte indeſſen mit feſter Entſchloſſen⸗ heit ſeinen Weg. Obwohl er wußte, daß er einer ſchweren Strafe wohl kaum entgehen würde, obgleich er, in die Zukunft ſchauend, nichts vor ſich ſah, als ein Leben der Entbehrung und Armuth, hatte er ſich doch ſeit langer Zeit nicht ſo leicht um's Herz herum gefühlt, als grade jetzt. Sein Gewiſſen ſagte ihm, daß er wieder auf dem rechten Pfade ſei, und dies beſeelte ihn wieder mit Hoffnung und Freudigkeit. Im Galopp legte er die Strecke nach der Stadt zurück, hielt vor dem Gebäude an, wo die Feuer⸗Aſſe⸗ curanz ihre Geſchäftsräume hatte, ſprang von dem dampfenden Roſſe, band den Zügel am Eingange feſt, und trat in das Haus. Zufällig begegnete ihm auf dem Flur der Agent, welcher damals die Verſicherung der Mühle angenommen hatte, und raſch trat er auf ihn zu. „Ich muß den Direktor ſprechen,“ ſagte er,— „ſogleich.« 3 „Den Direktor? Was haben Sie mit ihm noch zu ſchaffen?« entgegnete der Agent kalt.„Sie ſind befrie⸗ digt worden, ſo viel ich weiß.“ „Gleichviel, ich muß ihn ſprechen, ohne Verzug,“ wiederholte Leonhard dringend.„Ich habe Eröffnun⸗ gen von großer Wichtigkeit zu machen.“ Der Agent ſah ihn mit einem prüfenden Blicke an, und das aufgeregte Weſen Leonhards konnte von ihm nicht unbemerkt bleiben. „So kommen Sie denn,“ ſagte er.„Der Direktor iſt grade allein, und wird Ihren Beſuch wohl an⸗ nehmen.“ Zwei Minuten ſpäter ſtand Leonhard vor einem würdigen, mild und ruhig ausſehenden Mann, welcher ihm von dem Agenten als der Direktor der Verſiche⸗ rungs⸗Geſellſchaft vorgeſtellt war. „Sie ſcheinen bewegt,«— ſagte derſelbe gütig zu ihm.„Faſſen Sie ſich! Wenn Sie irgend Anſprüche an uns haben, ſo ſollen ſie geprüft und der Gerechtig⸗ keit gemäß befriedigt werden.“— 3 Leonhard konnte nicht ſprechen. Thränen entſtürzten ſeinen Augen, und er ſchluchzte krampfhaft. Der Di⸗ * 97 rektor redete ihm freundlich zu, ſich zu beruhigen. Sein mildes Weſen machte den tiefſten Eindruck auf Leon⸗ hard. Endlich gewann er ſeine Selbſtbeherrſchung wie⸗ der und mit ihm die Sprache. „Reden Sie nicht ſo gütig zu mir, Herr Direktor,“ ſagte er.„Ein ſchweres Verbrechen laſtet auf meiner Seele! Wenn Sie Alles wiſſen, wird es Sie gereuen, freundlich gegen mich geweſen zu ſein. Ich habe Sie betrogen!« 6 Der Direktor trat einen Schritt zurück, und maß Leonhard mit ſcharfem Prüfblicke. Vielleicht mochte er fürchten, mit einem Wahnſinnigen zu thun zu haben. Aber wie verſtört Leonhard auch ausſehen mochte, ſein Auge hatte nicht den unheimlichen Blick eines Irren, ſondern nur Kummer und tiefes Seelenleiden ſprach aus ihm. »Reden Sie,“ ſagte deshalb der Direktor ſanft und trat wieder einen Schritt näher.„Was auch geſchehen ſein möge, es ſoll Sie nicht gereuen, ſich mir anver⸗ traut zu haben. Wir ſind allein, Sie können offen ſprechen.« Und Leonhard ſprach. Wie geſtern der alten Mar⸗ Lene, ſo erzählte er dem Direktor die ganze Geſchichte ſeiner unſeligen Verirrung, und nur das Eine verſchwieg er, daß Vincenz das Feuer angelegt hatte. Er ſelbſt aber bekannte ſich dazu, in die Brandſtiftung eingewil⸗ ligt zu haben, wenngleich er es an demſelben Tage auch ſchon wieder bereut hätte, freilich erſt, als es ſchon zu ſpät und das Unglück bereits geſchehen war. Zuletzt erbot er ſich dann, ſein ganzes Hab' und Gut an die Aſſecuranz abzutreten und nichts, gar nichts für ſich zurück zu behalten, um auf dieſe Weiſe, ſo weit Der Brand⸗Müller. 7 es in ſeiner Macht ſtand, ſein Vergehen zu ſühnen. Jede Strafe aber, die ihn ferner noch treffen würde, wolle er in Demuth hinnehmen und geduldig ertragen. Nicht ohne Rührung hatte der Direktor ihm zuge⸗ hört, und ihn ohne Unterbrechung ausreden laſſen. Jetzt ſtand er auf und ſagte gütig:„Dies iſt alſo ihr feſter und unabänderlicher Entſchluß, junger Mann?“ „Mein feſter, unabänderlicher Entſchluß!« „Bedenken Sie wohl,“ fuhr der Direktor fort,„Nie⸗ mand als ich hat Ihre Enthüllungen gehört, Sie kön⸗ nen jedes Wort, was Sie hier geſprochen haben, zu⸗ rücknehmen, und es würde mir nichts nützen, wollte ich Sie anſchuldigen und vor Gericht ziehen! Darum beſinnen Sie ſich. Wollen Sie wirklich Alles aufgeben und zurückerſtatten?« „Alles,“ erwiederte Leonhard feſt.„Ich muß das Bewußtſein der Sünde aus meiner Seele werfen, und meinem Gewiſſen Ruhe verſchaffen. Erſt wenn dies geſchehen iſt, werde ich wieder zu Gott beten können, wie ich es in meiner Kindheit gethan.“ „Aber haben Sie auch daran gedacht, welcher Zu⸗ kunft Sie entgegen gehen,“ ſprach der Direktor wieder. „Welche Ausſichten haben Sie?“ „Keine,“ erwiederte Leonhard gefaßt,„keine, als die, durch meiner Hände Arbeit das Nothdürftigſte zu erwerben. Aber ich will lieber Steine an der Heer⸗ ſtraße klopfen, als von der Laſt meiner Sünde zu Bo⸗ den gedrückt werden. Ich bin entſchloſſen, Herr Direk⸗ tor! Meine Schuld iſt Ihnen bekannt, verfahren Sie nun mit mir, wie es recht iſt. Die Sünde muß ge⸗ ſühnt werden!“ 99 Der Direktor betrachtete ihn theilnehmend und mit⸗ leidsvoll. „Sie haben ſchwer gefehlt,“ ſagte er nach einer Weile,„aber Ihr Entſchluß, vollſtändigen Erſatz zu leiſten und auf dieſe Weiſe aufrichtige Buße zu üben, muß Ihnen angerechnet werden. Verweilen Sie hier. Ich muß mit den übrigen Vorſtehern der Anſtalt Rück⸗ ſprache in Betreff Ihrer nehmen, und vielleicht kann ich Ihnen bald den gefaßten Beſchluß mittheilen.“ Er verließ das Zimmer, und eine gute Stunde blieb Leonhard allein. Nach Ablauf derſelben kehrte der Direktor mit zwei andern Herren zurück. „Bleiben Sie bei Ihren Ausſagen junger Mann, und wollen Sie dieſelben in Gegenwart dieſer Herren wiederholen?« fragte er. Leonhard bejahete und bekannte ſich zu Allem, was er ſchon vorher ausgeſagt hatte. Ein Protokoll wurde 6 aufgenommen und er unterſchrieb es mit feſter and. „Jetzt iſt geſchehen, was vorläufig geſchehen konnte,« ſagte der Direktor freundlich.„Kehren Sie nun nach Ihrer Heimath zurück, und beobachten Sie die ſtrengſte Verſchwiegenheit. Niemand darf erfahren, was hier vorgegangen iſt.“« Leonhard glaubte zu träumen.„Wie denn?“ ſagte er.„Ich ſoll nach Hauſe zurückkehren? Werde ich denn nicht in das Gefängniß abgefuͤhrt? Iſt nicht das Zuchthaus meine Strafe? Ich habe gefehlt,— muß ich nicht dafür büßen?« „Sie haben bereits ſchwere Buße gethan, und eine noch ſchwerere wollen wir wenigſtens Ihnen nicht auf⸗ bürden,“ antwortete der Direktor gütig.„Dieſe beiden 7 Herren und ich haben Ihren Fall in Erwägung ge⸗ zogen und beſchloſſen, Ihr Anerbieten allerdings an⸗ zunehmen aber dann auch nicht weiter gegen Sie zu verfahren. Noch mehr, wir hoffen auch Ihre Ehre vor der Welt zu retten. Darum empfehlen wir Ihnen ſtrenges Schweigen über alles Geſchehene. Morgen werden Sie weiter von uns hören. Bis dahin Ruhe und Schweigen. Leben Sie wohl, morgen mehr.“ Leonhard ſtand da, als ob er der Erde entrückt wäre und eine Stimme aus dem Himmel vernommen hätte. Nicht das hatte ihm Ueberwindung gekoſtet, das ungerechte Gut zurückzugeben, ſondern das ſchwerſte war ihm geweſen, die Furcht vor der öffentlichen Schande und vor der Strafe des Zuchthauſes zu überwinden. Durch und durch erſchüttert ſtand er da, zog die Hand des Direktors an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen, indem er Worte des innigſten Dankes, der tiefſten Rührung ſtammelte. „ Faſſen Sie ſich! Beruhigen Sie ſich!“« ſprach der Direktor freundlich.„Wir Alle meinen es gut mit Ihnen, und mit Gottes Hülfe wird auch noch Alles gut werden. Gehen Sie jetzt nach Haus, und— noch einmal ſchärf' ich es Ihnen ein— ſchweigen Sie!« Leonhard verabſchiedete ſich, beſtieg ſein Pferd und ritt hinweg. Wie er nach Hauſe gekommen war, wußte er kaum. Ein unbeſchreibliches Gefühl des Glückes erfüllte ihn ſo ganz und gar, daß er für nichts Anderes mehr Aufmerkſamkeit hatte. Auf ſeinem Hofe trat ihm Vincenz entgegen, aber es war bereits dunkel und er konnte daher nicht in Leonhards Zügen leſen. Leon⸗ hard machte ſich auch raſch von ihm los, und begab ſich, Mudigkeit vorſchützend, in ſein Zimmer, wo er „oö 1 101 ſich einſchloß. In der Nacht aber, als Alles ſchlief, ſtieg er zur alten Mar⸗Lene hinauf, und ihr erzählte er, wie es ihm in der Stadt ergangen. Die alte Frau theilte ſeine Freude und ſegnete ihn. „Schlafe nun,“ ſagte ſie.„Du bedarfſt der Ruhe nach ſo vielen kummervollen Nächten, und morgen mußt du ſtark ſein, denn es ahnt mir, als ob noch Wichtiges geſchehen werde.“ Leonhard folgte ihrem Rathe, und ſeit langer, lan⸗ ger Zeit hatte er nicht ſo ſüßen, erquickenden Schlum⸗ mer genoſſen, als in dieſer Nacht, obgleich er doch eigentlich keine andere Ausſicht in die Zukunft hatte, als ein armes dunkles Leben voller Arbeit und Ent⸗ behrungen. Aber davor graute ihm nicht mehr. War es doch ein Leben, frei von Schuld, Sünde und Ge⸗ wiſſensbiſſen. Früh am andern Morgen, die Sonne war kaum über den Horizont empor geſtiegen, fuhr ein Wagen bei der Mühle vor, aus welchem der Direktor der Feuer⸗Aſſekuranz und noch einige andere Herren ſtiegen. Zwei berittene Gendarmen folgten dem Wagen, ſpran⸗ gen auf dem Hofe aus den Sätteln, und blieben ernſt und ſtill neben ihren Pferden ſtehen, wie es ſchien auf beſondere Befehle wartend. Leonhard eilte aus dem Hauſe den Herren entgegen, und auch Vincenz ließ ſich blicken, indem er vor die Mühle trat, und mit Ver⸗ wunderung, vielleicht auch mit heimlicher Angſt, den unerwarteten Beſuch anſtaunte. »Guten Morgen, mein Lieber,“« redete der Direktor Leonhard an.„Iſt dieſes da der Vincenz, von dem Sie mir geſtern Manches mittheilten?« „Ja, Herr! Er iſt es.« „So verhaftet ihn, im Namen des Geſetzes!“ be⸗ fahl der Direktor den Gendarmen.„Hier iſt die Voll⸗ macht dazu!“ Ehe ſich Vincenz beſinnen konnte, war er ergriffen und wurde von den Gendarmen ſicher verwahrt. „Was bedeutet das?“ ſchrie er wüthend.„Was hat der Schuft, der Leonhard, von mir geſagt? Er iſt ein Betrüger! Er hat die Aſſekuranz beſtohlen! Ich kann Alles beweiſen! Ihn verhaftet, aber mich laßt in Freiheit,— ich habe nichts verbrochen!“ »Das wird ſich finden,“ entgegnete der Direktor ſehr ruhig.„Bringt ihn in ſichern Gewahrſam. Wir wollen einſtweilen ſeine Papiere und Rechnungen ein wenig durchſehen.“ Vincenz wurde blaß bei dieſen Worten und machte einen Verſuch, ſich zu befreien. Aber derſelbe mißlang, denn die Gendarmen waren auf ihrer Hut. „Nun denn,“ ſagte er mit einer Verwünſchung,— „ſo iſt das Spiel aus, und ich habe verloren! Aber, mein lieber Leonhard, wir werden gute Kameraden im Zuchthauſe ſein! Unter meinen Papieren liegen die Beweiſe, daß du die Aſſekuranz betrogen haſt. Alſo auf Wiederſehen im Zuchthauſe!« „Du könnteſt dich täuſchen, Burſche,“ ſagte der Direktor kühl, während Leonhard über die Bosheit und Schlechtigkeit dieſes Menſchen erzitterte, den er bisher für ſeinen Freund gehalten und auch bei dem, dem Direktor geſtern gemachten Geſtändniſſe möglichſt ge⸗ ſchont hatte, und der ihn jetzt bei der erſten Verſuchung verrieth. „Fort mit ihm Bringt ihn fort!« wendete ſich der 103 Direktor an die Gendarmen.„Bewacht ihn gut! Er ſcheint mir ein ſchlauer und verſtockter Böſewicht zu ſein.“ „Aber was hat er begangen?“ fragte Leonhard ganz beſtürzt, da er ſich die Verhaftung Vincenz's gar nicht erklären konnte. „Wir werden ſehen, kommen Sie nur,“ erwiederte der Direktor.„In ſeinen Papieren wird ſich Auf⸗ klärung genug finden, vermuthe ich. Wo iſt ſein Zimmer?« Leonhard führte die Herren dahin, dieſelben unter⸗ ſuchten alle vorhandenen Bücher und Papiere, und fanden da allerdings Vieles, wovon ſich Leonhard nichts hatte träumen laſſen. Zuerſt einmal einen faſt voll⸗ ſtändigen Bericht an die Feuer⸗Aſſekuranz, worin Leon⸗ hard des Betruges beſchuldigt wurde. „Gut für Sie, daß Sie ſelbſt Ihren Fehler einge⸗ ſtanden,“ ſagte der Direktor.„Die Reue trägt ihre gute Frucht! Dieſer Bericht hätte Sie verderben müſſen, wäre er vor Ihren Geſtändniſſen in unſere Hände ge⸗ kommen. Aber weiter!“« Des weiteren fanden ſich die Nachweiſe über be⸗ deutende Geldſummen, welche Vincenz betrügeriſcher Weiſe auf die Seite gebracht hatte, und zugleich die Angabe, wo ſie aufbewahrt wurden. „Sehen Sie, ſehen Sie, Ihr guter Freund hätte Sie erſt hübſch übervortheilt und dann in's Verderben geſtürzt, um Sie für immer los zu werden,“ ſagte der Direktor.„Aber hier ſind Beweiſe genug gegen ihn und er iſt vollkommen reif für das Zuchthaus. Ja, ja, es ahnte mir geſtern ſchon, daß dieſer Vincenz Sie nur benutzt und zu allen Vergehen verleitet hat, um nachher im Trüben fiſchen und ſich den Nutzen Ihres 104 Verbrechens aneignen zu können. Meine Vermuthung hat mich nicht getäuſcht. Der Böſewicht hat es ſchlau genug angefangen, aber zuletzt bricht doch das Gebäude der Lüge zuſammen. Ja, ja, ja, die Sünde iſt der Leute Verderben! Danken Sie Gott auf den Knieen, junger Mann, daß er noch bei Zeiten Ihr Herz der aufrichtigen Reue zugänglich gemacht hat.“ Nach geſchehener Unterſuchung wurde Vincenz her⸗ bei befohlen. Trotzig kam er, und machte auch nicht einmal den Verſuch, zu läugnen, wovon die Beweiſe klar genug vorlagen. 3 „Geſchehe mit mir, was will,“ ſagte er.„Der Streich iſt mißlungen. Es freut mich nur, daß der Schwach⸗ kopf, der Leonhard, mein Schickſal theilen muß.“« „Das muß er nicht, er iſt frei,“ ſagte der Direktor. „Aber er iſt doch der eigentliche Betrüger,“ rief Vincenz. „Ja, von dir dazu getrieben, aber durch ſeine beſ⸗ ſeren Regungen iſt er noch zu rechter Zeit gerettet worden,“ entgegnete der Direktor.„Geſtern ſchon hat er Alles bekannt, und heute hat er freiwillig das un⸗ rechte Gut zurückerſtattet. Wir haben keinen Anlaß mehr zur Klage gegen ihn. Du aber biſt der Dieb, der ihn beſtohlen hat, und dich wird die Strafe treffen, die du ihm zudachteſt. Und das mit Recht, denn er war immer nur dein Werkzeug und du wareſt der eigentliche Thäter und Urheber der Schlechtigkeiten die begangen worden ſind. Büße nur dafür! Dich trifft der Lohn, der der Sünde gebührt.“ „Und ihn? Ihn?« fragte Vincenz heftig. „Sein Loos kümmert dich nicht weiter,“ erwiederte der Direktor.„Führt ihn hinweg!“ 105 „Nein!“ ſchrie Vincenz wüthend.„So ſoll er nicht durchſchlüpfen, während ich in der Schlinge ge⸗ fangen bin. Ich habe die Scheuern angezündet aber auf ſein Geheiß. Ich war nur das Werkzeug, er der eigentliche Thäter.“ „So biſt du nur um ſo ſtrafbarer,“ entgegnete der Direktor.„Siehe, Leonhard hat dich nicht verrathen, jetzt verräthſt du dich ſelbſt, indem du ihn verderben willſt. Oh, ich ahnte auch dies! Aber dein Gift trifft ihn nicht. Wir wiſſen bereits Alles. Nicht ſein, dein war die That nach Vorbedacht, Plan und Ausführung! Trage nun die Folgen. Führt ihn fort!“ Von Grimm und Wuth erfüllt, mußte Vincenz gehen. Die Gendarmen brachten ihn nach der Stadt in's Gefängniß,— nach der Unterſuchung und dem Urtheilsſpruch des Richters in das Zuchthaus, wo er Jahre lang Zeit hatte, ſeine Sünde zu bereuen. Ihn hatte ſie in's Verderben gefuhrt. Und Leonhard? Auch er entging der Strafe nicht, obgleich der Direk⸗ tor ihn gern davor geſchützt hätte. Aber dem Geſetze mußte Genüge geleiſtet werden. Vincenz ſchonte Leon⸗ hard nicht, und ſeine Enthüͤllungen hatten die Verhaf⸗ tung auch Leonhards zur Folge. Aber ſeine Strafe war nur gering, und ſchon nach wenigen Monaten wurde er wieder in Freiheit geſetzt. Gleichwohl, in der Heimath war ſein guter Name und Ruf unwiederbringlich dahin, und keiner von ſeinen früheren Bekannten wollte mit dem ‚Brand⸗Müller⸗ ferner Umgang pflegen. Der Direktor der Aſſekuranz bot ihm eine Stelle in ſeinem Bureau an, von deren Einkommen er allenfalls leben konnte, aber Leonhard 106 ſchlug ſie aus. Sein Plan war ein anderer. Eine treue, mütterliche Freundin hatte er noch, die alte Mar⸗Lene. 3 „Komm,“ ſagte ſie zu ihm, als er, aus dem Ge⸗ fängniſſe entlaſſen, zu ihr zurückkehrte,—„komm und laß uns dieſe Gegend meiden und in ein anderes Land ziehen, wo Niemand uns kennt. Der Sünde biſt du ledig vor Gott, aber die Menſchen werden ſie dir im⸗ mer nachtragen. Darum fort von hier. Sieh dieſe tauſend Thaler; ſie ſind mein kleines Erbtheil von meinen Eltern her und Erſparniſſe aus guter, alter Zeit. Es ruhet kein Unrecht, auch nur auf einem Heller davon. Das nimm, und in fremdem Lande laß uns damit ein neues Leben beginnen, ein Leben der Arbeit und redlicher Anſtrengung. Iſt auch der An⸗ fang klein, Gott wird weiter helfen, wenn du nur redlich deine Pflicht erfüllſt, wir Beide trennen uns nicht mehr, ich gehe mit dir, wohin du willſt.“ Gerührt und voll herzlicher Dankbarkeit ging Leon⸗ hard auf die Vorſchläge der alten Frau ein. In aller Stille verſchwanden Beide aus der Heimath und wen⸗ deten ſich tief nach Ungarn, wo Niemand ſie kannte. Hier kaufte Leonhard unter fremdem Namen eine kleine Muͤhle, und begann ſein altes Gewerbe wieder. Fleiß und Ehrlichkeit halfen ihm vorwärts. Er gewann durch ſein ſanftes, beſcheidenes Weſen die Zuneigung der Nachbarn, und das Mehl, das ſeine Mühle lieferte, galt für das Beſte weit und breit. So erwarb er ſich allmählig wieder Wohlſtand und allgemeine Achtung, und manches Jahr noch freute ſich die brave, alte Mar⸗Lene ſeiner Thätigkeit und ſeines Beharrens auf 107 dem guten Wege, den er noch zu rechter Zeit einge⸗ ſchlagen. Von Vincenz hörte und ſah Leonhard nichts wieder, obgleich er ſich unter der Hand in der Heimath nach ihm erkundigte. Er war aus dem Zuchthauſe nach Jahren entlaſſen, verkommen und verſchollen. „Ja, ja,“ ſagte die alte Mar⸗Lene, als dieſe Nach⸗ richt ihr von Leonhard mitgetheilt wurde,—„Salomo ſpricht: Die Sünde iſt der Leute Verderben!“ Aber es ſteht auch geſchrieben:„Die göttliche Traurig⸗ keit wirket zur Seligkeit eine Reue, die Nie⸗ mand gereuet!“ Dich hat ſie niemals gereuet, mein Sohn Leonhard.“ „Niemals!“ erwiederte er gerührt, und drückte die welke Hand der alten Frau, die ſie dann ſtill ſegnend auf ſein Haupt legte und ſprach: „Gott erhalte dich in Tugend und Frömmigkeit, und allezeit wird der Herr bei dir ſein und mit dir in Ewigkeit. Amen!“ 8 5 5 5 5 8 5 = — — 8◻ 4 5 5 — A — dauaxauarudunuulliu aun ffffffſſſſſſſſſſſ 12 13 14 15 16 17 18 19 20